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Full text of "Psychoanalyse der Neurosen. Elf Vorlesungen gehalten am Lehrinstitut der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung."

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INTERNATIONAL 

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DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



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HELENE DEUTSCH 

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Elf Vorlesungen 

gehalten am Lehrinstitut der Wiener 

Psychoanalytischen Vereinigung 

Von 

Dir. HELENE DEUTSCH 






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Internationaler 

©analytischer Verlag 
Wien 



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Alle Rechte, insbesondere das 
der Übersetzung, vorbehalten 

Copyright 1930 

by „Internationaler Psychoanalytischer 

Verlag, Ges. m. b. H.", Wien 



Druck der Vernay A.-G., Wien IX. 



INHALTSVERZEICHNIS 

Einleitung 

Sc 

7 



Erste Vorlesung: Sdte 

Die Rolle des aktuellen Konfliktes in der Neurosenbildung .... 



Erster Teil» HYSTEKIE 

Zweite Vorlesung: 

Hysterische Schicksalsneurose 20 

Dritte Vorlesung: 

Hysterische Konversionssymptome „- 

Nachtangst, Bettnässen, Potenzstörungen 

Vierte Vorlesung: 

Hysterische Konversionssymptome 

Lähmung, Sprachstörungen, Freßlust 
Fünfte Vorlesung: 

Hysterische Konversionssymptome g Q 

Anfalle, Dämmerzustände 

Zweiter Teil : PHOBIE 

Sechste Vorlesung: 

Angstzustände o 

Diffuse Angst — Ein Fall von Katzenphobie 

Siebente Vorlesung: 

Ein Fall von Hühnerphobie 

Achte Vorlesung: 

Platzangst 

115 

Dritter Teil: ZWANG SNEUROSE 

Neunte Vorlesung: 

Zwangszeremoniell und Zwangshandlungen ,o§ 

Zehnte Vorlesung: 

Zwangsvorstellungen 

15/ 

Anhang: MELANCHOLIE 

Elfte Vorlesung: 

Melancholische und depressive Zustände 17Q 

Sach- und Namenregister ,0, 



1 



EINLEITUNG 

ERSTE VORLESUNG 

Die Molle des aktuellem Konfliktes in der 



Meine Damen und Herren ! Der Unterricht in der Psychoana- 
lyse als klinische Disziplin muß sich methodisch wesentlich von 
jedem anderen klinischen Unterricht unterscheiden. Das, was der 
zukünftige Arzt und Therapeut praktisch erlernen soll, wird ihm in 
der medizinischen Klinik am Krankenmaterial gezeigt; das Krank- 
heitsbild mit allen seinen Erscheinungen kann hier der direkten 
Beobachtung am Kranken selbst unterzogen werden. Der zukünf- 
tige Psychoanalytiker hingegen muß in der eigenen Analyse sein 
psychisches Leben der Selbstbeobachtung unterziehen und so zuerst 
an sich dasjenige empirisch erleben, was er später am Anderen ver- 
stehen will. Die Krankendemonstration, ein wichtiges Hilfsmittel des 
medizinischen Unterrichtes, muß im Unterricht der Analyse unter- 
bleiben. 

Diese Vorlesungen werden versuchen, Ihnen einen schwachen 
Ersatz für klinische Vorführungen zu bieten. Einzelne typische 
Krankheitsbilder sollen vor Ihnen entwickelt werden, an die sich 
theoretische Erwägungen nur so weit anschließen werden, als sie 
sich aus der Krankengeschichte lückenlos entwickeln lassen. 

Alle Fälle, die hier zur Besprechung kommen werden, sind 
durch mich analysiert worden. Auf die Technik der Behandlung 
und auf den Genesungsvorgang werde ich nur gelegentlich 



Die Rolle des aktuellen Konfliktes 



eingehen. Die Kenntnis grundlegender Begriffe setze ich bei Ihnen 
voraus, wie etwa der Kliniker bei der Besprechung eines Falles die 
Kenntnisse der pathologischen Anatomie voraussetzen kann. 

Sie wissen, daß die Psychoanalyse bei der Entstehung neuroti- 
scher Erkrankungen drei ätiologische Momente hervorhebt: 1) die 
Fixierung der Libido, 2) die Regression, und 3) den soge- 
nannten aktuellen Anlaß, der durch eine erlittene Versagung 
zu einem maßgebenden krankheitserregenden Faktor wird. 

Wenn wir uns das eben Gesagte dynamisch vorstellen wollen, 
so entspricht die Versagung gleichsam einer Mauer, an der eine, 
sich nach vorwärts bewegende seelische Kraft zurückprallt, so daß 
sie gezwungen ist, nach rückwärts zu streben. Diesen Prozeß des 
Zurückstrebens nennen wir „Regression". Die Regression erfolgt 
bis zu jenen verlassenen Stationen früherer Entwicklungen, von de- 
nen eine besondere Anziehungskraft ausgeht. Diese persistierende 
Anziehungskraft entspricht der „Fixierung". Für die Art der neuro- 
tischen Erkrankung kann nicht der aktuelle Anlaß, bezw. die Ver- 
sagung verantwordich gemacht werden, sondern die Fixierung, die 
somit den Charakter eines dispositionellen Faktors bekommt. 

Lassen Sie mich das eben Besprochene vorderhand kursorisch 
an drei Krankheitsfällen näher erläutern. Alle drei weisen im aktuel- 
len Krankheitsanlaß, in der Art der Versagung eine vollkommene 
Identität auf. Im klinischen Bilde dagegen, im Aufbau der Neurose, 
sind sie gänzlich verschieden. 

Drei Ehefrauen sind durch die Entwicklung ihrer Lebensschick- 
sale in eine typische konfliktuöse Situation geraten. In Ge- 
fahr, ihre Ehe durch eine neue Liebesbeziehung zu zerstören, finden 
sie keinen anderen Ausweg als den einer neurotischen Erkrankung. 
Alle drei waren nicht imstande, den aktuellen Lebenskonflikt in 
einer gesunden, psychisch normalen Weise zu lösen. Jeder Entschluß 
zu einer Lösung mußte begreiflicherweise irgendeinen Verzicht mit 
sich bringen. Wohl erwies sich für alle drei der Verzicht auf die Er- 
füllung ihrer Liebeswünsche als einziger Ausweg aus dem Konflikt, 
aber als ein nicht befriedigender. Denn die Versagung wurde nicht 



ertragen, die Krankheit kommt zum Ausbruch, d. h. aus dem aktu- 
ellen Konflikt wird eine Neurose. Daß diese drei Frauen keinen 
anderen Ausweg aus dem Lebenskonflikte finden, beruht auf ihrer 
neurotischen Disposition, auf der Krankheitsbereitschaft, 
die im Momente der Versagung zum Ausbruch kommt. Worin 
diese neurotische Disposition besteht, warum jede von ihnen eine 
gänzlich andere Form der Neurose zum Ausdruck des Kon- 
fliktes findet, werden wir im Weiteren erfahren. 

Eine dieser drei Frauen erkrankt an typischen hysterischen 
Anfällen mit arc-de-cercle, heftigen Jaktationen des ganzen Kör- 
pers und typischen Abwehrbewegungen der Extremitäten. Wir er- 
fahren aus ihrer Analyse, daß der Anfall der Darstellung grob- 
sexueller, auf das versagte Objekt sich beziehender Phantasien dient, 
die, vom Bewußtsein abgesperrt, diesen Befriedigungsweg gefunden 
haben und daß die heftigen, motorischen Entladungen gleichzeitig 
die Erfüllung des sexuellen Wunsches als auch seine Abwehr be- 
deuten. 

Die zweite Patientin drückt ihren Konflikt in einer ganz ande- 
ren neurotischen Form aus. Sie erkrankt an Platzangst, von der 
sie jedesmal befallen wird, wenn sie das Haus, ein Symbol ihrer 
ehelichen Treue, zu verlassen versucht. Das Leidenssymptom ver- 
sperrt ihr wörtlich den Weg ins Freie und die Patientin zieht die 
traurige, aber angstfreie Einsamkeit zu Hause den Tendenzen vor, 
die sie vom Hause, von ihrem Familienleben wegbringen könnten! 
Die Angst, ein Symptom ihrer Erkrankung, wurde hier zum Wäch- 
ter ihrer ehelichen Treue und zwingt sie zur Lösung des Konfliktes 
auf diese krankhafte Weise. 

Die dritte dieser drei Frauen hat folgende Krankheitssymptome : 
Sie hat die Gewohnheit, ihren Kleiderkasten unzählige 
Male auf- und zuzumachen unter der Selbstdrohung, wenn 
sie es nicht tue, müsse ihr Mann sterben. In der Analyse wird es 
klar, daß das Aufmachen des Kastens dem Wunsch entspricht, ihre 
Kleider zu nehmen und den Geliebten aufzusuchen, das Zumachen 
dem Verbote, diesen Wunsch auszuführen. Gleichzeitig dient der 



10 Die Rolle des aktuellen Konfliktes 

Kasten der symbolischen Darstellung ihres Genitales, das sich durch 
das öffnen des Kastens zur Aufnahme des geliebten Objektes bereit 
erklärt, durch das Zumachen diese Absicht abwehrt. Neben anderen 
Symptomen hat diese Frau noch folgendes, für sie und ihren Mann 
qualvolles, Abschiedszeremoniell: Jedesmal, bevor er vom Hause 
weggeht, untersucht sie seine Taschen, um festzustellen, ob er alles 
Notwendige mitgenommen hat. Alle Gegenstände müssen in einer 
bestimmten Reihenfolge aus den Taschen herausgeholt werden, dann 
wiederum in der gleichen Reihenfolge zurückgesteckt werden: 
Schlüssel, Börse, Zigarettendose, Taschentuch usw. werden so und 
so oft der Prozedur des Herausnehmens und Hineinsteckens unter- 
zogen. Kaum hat der Mann beim Weggehen die Schwelle über- 
schritten, ruft sie ihn zurück, um das Zeremoniell von neuem zu 
beginnen. 

In der Psychoanalyse stellte es sich heraus, daß sich im An- 
schluß an die Liebesversuchung in dieser Frau heftige Vernichtungs- 
wünsche gegen ihren Gatten erhoben hatten. Der unbewußte 
Wunsch seines Todes wurde besonders intensiv an einem Abend, 
als der Mann beim Ausziehen sein Taschenmesser aus der Tasche 
herausholte. Der latente Wunsch wurde in diesem Moment durch 
eine assoziative Verkettung mit dem Messer mobilisiert. Wie sich 
dann die Verschiebung auf andere Gegenstände vollzog und welchem 
psychischen Mechanismus die ermüdende Tätigkeit der Patientin ent- 
sprach, werden wir im weiteren Verlauf unserer Besprechungen er- 
fahren. 

Überlegen wir, worin bei den drei Beispielen, die durch ihren 
aktuellen Anlaß identisch, in der Reaktionsweise so verschieden sind, 
die Ursache dieser Verschiedenheit liegt. Bei allen drei Frauen be- 
steht ein innerer Konflikt und jede von ihnen hat ihre besondere 
Art, in einer, für sie spezifischen Neurosenform, den Konflikt zu 
lösen. Sind ja die neurotischen Symptome nichts anderes als miß- 
glückte Versuche zur Erledigung des inneren Konfliktes. Warum 
wählt jede von diesen Frauen zur Darstellung des Konfliktes eine 
so divergierende Ausdrucksweise im Symptom? Dazu müssen wir 



L 



in der Neurosenbildung 1 1 

die tieferen Ursachen ihrer Erkrankung, analytisch vorgehend, erfor- 
schen, denn erst dann wird sich ergeben, warum die drei Patien- 
tinnen auf den analogen Anlaß so verschieden reagierten. Ihnen 
gemeinsam, und nur zufällig gleichartig war der „aktuelle Anlaß" zu 
ihren spezifischen, neurotischen Reaktionen. 

Mit diesem „aktuellen Konflikt", durch den die Neurose zum 
Ausbruch kommen kann, wollen wir uns näher beschäftigen. 

Wir haben in den obigen Beispielen gesehen, wie der aktuelle 
Lebenskonflikt zu einer Neurose geführt hat, und haben behauptet, 
daß diese einen Versuch darstellt, den Konflikt, wenn auch in einer 
krankhaften Form, zu lösen. Die Erfahrung hat uns nun gelehrt, 
daß die inneren, neurotischen Konflikte dann entstehen, wenn der 
Libido die Möglichkeit einer ichgerechten Befriedigung in der Außen- 
welt entzogen wurde, oder auch, wenn infolge unerträglicher, nar- 
zißtischer Kränkungen Sublimierungen mißlungen sind. Es ist dann 
eine Situation eingetreten, in der wir von einer Erkrankung an der 
„äußeren Versagung" sprachen. 

Die Reaktion des Individuums auf die äußere Versagung kann 
eine normale oder eine neurotische sein. In beiden Fällen befindet 
es sich im Augenblick der Versagung in einer feindseligen Einstellung 
gegen die versagende Realität. 

Wir sagen dann, das Individuum stehe in einem aktuellen Kon- 
flikt; dieser ist aber solange nicht als neurotisch zu bezeichnen, als 
dem Geschädigten Mittel zur Verfügung stehen, diesen äußeren Kon- 
flikt in realitätsangepaßter Weise zu lösen. Er könnte ja die Außen- 
welt sich gefügig machen oder, wo dies nicht möglich ist, die Ver- 
sagung ertragen, d. h. verzichten. Es steht ihm dann frei, nach neuen 
Befriedigungsmöglichkeiten zu suchen. Erst wenn diese Lösungen 
sich nicht ermöglichen lassen, d. h. wenn der aktuelle Konflikt mit 
der Außenwelt dem Betroffenen unlösbar erscheint, wird die „äußere 
Versagung" zu einer inneren, was einem circulus vitiosus entspricht. 
Denn die Unfähigkeit, einen realen Konflikt zu lösen, war ja von 
vornherein durch innere Motive bedingt. Die äußere Versagung an 
sich muß keine pathogene Wirkung haben; erst wenn der äußere 



L 



Konflikt seinen Schauplatz von der Außenwelt in die Innenwelt 
verlegt, entsteht der innere Konflikt, — die Neurose. Das an der 
Außenwelt enttäuschte Ich sieht sich genötigt, nach Ersatzbefriedi- 
gungen zu suchen, wobei es den uns bekannten Weg der Regression 
antritt. Was also den real bedingten aktuellen Konflikt zu einem 
neurotischen macht, ist seine subjektive Unlösbarkeit. Diese Unlös- 
barkeit ist aber bereits der Ausdruck einer neurotischen Einstellung 
zur Außenwelt und fuhrt zur Umwandlung der realen Versagung in 
einen neurotischen Konflikt, der aber noch nicht unbedingt zur 
Symptombildung führen muß. Ich brauche hier nicht näher auf die 
Ausdrucksformen dieser Konflikte einzugehen. Sie haben entweder 
den Trauercharakter des nicht überwundenen äußeren Verlustes. Oder 
sie tragen das Gepräge einer inneren Unentschlossenheit, als das 
Resultat eines unentschiedenen Kampfes zwischen zwei psychischen 
Tendenzen, z. B. zwischen den beiden Gefühlsströmungen des Ambi- 
valenzkonfliktes oder zwischen einer Triebregung und einem inneren 
Verbot usw. 

Ein typisches Beispiel eines neurotischen Konflikts ist etwa auch 
die Unmöglichkeit der Loslösung von einem nicht 
mehr geliebten Objekte, entweder aus neurotischer Unfähig- 
keit auf ein neues zu übertragen, oder aus bewußtem Verzicht auf 
ein neues infolge von Schuldgefühlen dem alten gegenüber usw. Die 
Analyse entdeckt immer in derartigen konfliktuösen Situationen die 
Wiederholung eines infantilen Vorbildes, nur in einer aktualisierten 
Auflage. 

In manchen Fällen drücken sich die neurotischen Tendenzen in 
einem konfliktuösen Agieren aus, das der realen Welt zugewendet 
ist. In anderen Fällen sieht man, daß der äußere Anlaß die Rolle eines 
agent provocateur übernommen hat, um eine schon chronisch kon- 
fliktuöse Beziehung zur Außenwelt in eine neurotische Erkrankung 
hinüberzuleiten. Das neurotische Symptom verdankt nämlich seine 
Entstehung denselben tieferen Quellen, aus denen früher die Schwierig- 
keiten in der Realitätsanpassung entsprungen sind. 

Bei der Unlösbarkeit eines realen Konflikts in normaler Weise 



in der Neurosenbildung 



13 



— und zwar infolge der inneren Unfähigkeit zur Anpassung — 
macht häufig das Ich krampfhafte Versuche, ein Kompromiß zu finden, 
bevor es die Libido auf tiefere Regressionswege verweist, eine Lösung, 
die dann einen ganz individuellen Charakter trägt. Erst wenn diese 
nicht zustande kommt, entstehen die neurotischen Kämpfe. Das eben 
Gesagte mag etwas dunkel erscheinen und soll deshalb durch ein 
Beispiel klargemacht werden. 

Eine Patientin kommt in die analytische Behandlung mit der 
Angabe, sie sei vollkommen gesund und erscheine zur Behandlung 
nur auf das Drängen des Mannes, der sie für „nervös" erkläre. 

Vom Manne schon vorher eingeweiht, wußte ich aber, daß ein 
aktueller Konflikt neurotische Schwierigkeiten bei der Patientin her- 
vorgerufen hatte. Dies ergab sich auch aus der Analyse. Nach einer 
15-jährigen Ehe hatte sich der Gatte der Patientin leidenschaftlich in 
eine, eben in die Familie eingeheiratete Nichte verliebt. Scheinbar 
zur Entlastung seines Schuldgefühls und mit Rücksicht auf den plato- 
nischen Charakter dieser Liebe, hatte er seine Frau zur Mitwisserin 
seiner Liebe gemacht. Die Patientin hatte sich daraufhin in die Rolle 
der „besten Freundin" ihres Mannes begeben, unterdrückte jede, 
irgendwie feindselig gefärbte Reaktion und versuchte mit allen Mitteln 
in eine freundschaftliche Beziehung zu der neuen Verwandten zu 
treten. Die junge Frau erschien ihr als das wundervollste Wesen 
der Welt, erfüllte von nun an ihre Sehnsuchtsphantasien und erst 
als die Bemühungen um die Freundschaft an dem geringen Entgegen- 
kommen der jungen Frau scheiterten, verfiel unsere Patientin in 
neurotische Schwierigkeiten. Es zeigte sich im weiteren Verlaufe der 
Analyse, daß die Patientin ihr ganzes Leben mit gewissen männlich 
gerichteten Tendenzen zu kämpfen hatte, die sie einst zu Gunsten 
ihres Mannes zurückgedrängt hatte. Als Mädchen musikalisch sehr 
begabt und künstlerisch ehrgeizig, gab sie dennoch das Studium auf 
und wurde eine brave Hausfrau, ein Opfer, das sie, wie sie immer 
stark betonte, nur für ihren Mann gebracht hatte. Nach der nun er- 
folgten Liebesenttäuschung schickte sie sich an, dieses Opfer rück- 
gängig zu machen, begann neuerlich Musik zu studieren, wogegen 



~ " Die Rolle des aktuellen Konfliktes 
14 . ■ 

sich, gegen ihre Erwartung, keinerlei Protest von Seiten des Gatten 
erhob. Daraufhin machte sie sich selbst das Studium unmöglich, 
indem sie gleichzeitig geradezu in einen „Hausfrauenfuror" geriet 
und eine häusliche Situation schuf, in der sie sich zu den niedrigsten 
Hausarbeiten hergab und so das früher dem Manne gebrachte Opfer 
jetzt neurotisch verzerrte. Gleichzeitig lebte sie im ewigen Kampfe 
mit dem Dienstmädchen, das ihr nichts recht machen konnte, so daß 
sie in ewiger Unzufriedenheit selbst sämtliche Hausarbeiten ver- 
richtete. Trotzdem sie das Dienstmädchen für unbrauchbar erklärte, 
brachte sie es trotz des intensivsten Hasses nicht fertig, das Mädchen 
aus dem Hause wegzuschicken. Als das Mädchen dann selbst das 
Haus verließ, fing bei dem neuen dieselbe Kampfsituation wieder- 
um an. 

In der Analyse stellte sich bald heraus, daß der tiefere Grund, 
warum die Patientin die Behandlung gerade bei mir aufsuchte, in 
einer unbewußten Beziehung zu mir lag, in der sie schon vor der 
Analyse, ohne mein Wissen, gestanden war. Durch gewisse Um- 
stände hatte sie ihre affektive Einstellung zur Rivalin auf mich über- 
tragen und kam in die Analyse, um meine Liebe zu gewinnen. Hier 
hatte sie dann Gelegenheit, den ganzen, sadistischen Haß gegen die 
Rivalin zu erleben, ihren Konflikt mit dem Dienstmädchen als Ver- 
schiebung zu erkennen und nachträglich die neurotischen Grundlagen 
des Konflikts zu agnoszieren. Bis dahin — diese Erkenntnis kostete 
ein Jahr analytischer Arbeit - hielt sie ihren realen Konflikt für 
vollkommen erledigt und belanglos und meinte, dem Manne längst 
die Untreue verziehen zu haben. Wir können hier trotz der Kürze 
der Krankheitsgeschichte sehen, wie der aktuelle Konflikt aus einem 
„äußeren" zu einem „inneren" geworden ist. 

Lassen Sie uns diesen Fall noch einer kurzen ergänzenden Über- 
legung unterziehen. Die Patientin befand sich in einem realen aktu- 
ellen Konflikt ; die normale Reaktionsweise wäre gewesen : entweder 
auf das Objekt verzichten und nach einer Trauerarbeit ein neues 
finden, oder sich in einen Konkurrenzkampf mit der Rivalin begeben. 
Diesen „Anpassungsmodus" fand Patientin aber nicht. Warum? Die 



in der Neurosenbildung ~ ~ ~ — — — — 

Analyse zeigte als Antwort, daß infolge gewisser, infantiler Ein- 
stellungen, die sie zeitlebens behalten hatte, die Liebesbindung der 
Patientin an das Objekt immer umso stärker wurde, je mehr es 
sich ihr versagte. Aber auch die andere Möglichkeit, einen Kampf 
gegen die Rivalin zu unternehmen, blieb ihr verschlossen, weil ihre 
aggressiven Rachetendenzen immer so intensiv waren, daß sie einer 
Zurückweisung, einer Verdrängung unterliegen mußten. 

Die Patientin hätte aber eine Lösungsmöglichkeit gehabt, bei 
der sie trotzdem gesund, d. h. ohne Neurose geblieben wäre. Die 
Analyse ergab nämlich, daß die Patientin schon mehrere Male im 
Leben in ähnlichen aktuellen Konflikten gewesen war, die sie in 
einer für sie spezifischen Weise gelöst hatte, und zwar im Sinne 
eines Kompromisses von Seiten des Ichs, — wie ich es eingangs 
erwähnt habe. Dieses Kompromiß war : auf das heterosexuelle Liebes- 
objekt verzichten, aber sich als Dritte zwischen den Mann und die 
Frau drängen und das Bündnis durch homosexuelle Besitznahme der 
Frau trennen. So hatte sie schon in der Kindheit die Eltern aus- 
einanderzubringen versucht, eine Aktion, die sich in einer über- 
schwänglichen Liebe zur Mutter verhüllte. Aus dieser Kindheits- 
situation stammten ihre männlichen Tendenzen, die sie dann später 
dem Manne zum Opfer brachte. 

Da ihr diese einzig gangbare Lösung in ihrem neuen Konflikt 
durch den Widerstand der Rivalin unmöglich gemacht wurde, mußte 
der Konflikt zur Neurose führen. Die Haßtendenzen gegen die Rivalin 
verschiebt sie auf das Dienstmädchen, die Aggressionen gegen den 
Mann verwandelt sie ins Masochistische (niedrige Hausarbeiten), wobei 
sie sadistisch sein Schuldgefühl durch die Opfer belastet, die sie ihm 
immer wieder demonstriert. 

Hier sehen Sie, wie der aktuelle Konflikt in den neurotischen 
übergeleitet wurde, ohne daß der Patientin selbst die Unerträglichkeit 
des realen Konfliktes bewußt gewesen wäre. Sie sehen auch an 
diesem Beispiel, wie das Ich Lösungsversuche unternimmt, um sich 
vor der Erkrankung zu schützen, und erst wenn diese mißlingen, in 
die „Unlösbarkeit", d. h. in die Neurose verfällt. 



16 Die Rolle des aktuellen Konfliktes 

Die analytischen Erkenntnisse des menschlichen Seelenlebens 
haben uns gezeigt, daß jeder Kulturmensch sich eigentlich immer in 
einem latenten Konflikt mit der realen Welt einerseits, mit 
seinen eigenen inneren Instanzen andererseits befindet, da er immer 
Versagungen zu erleiden und Hemmungen zu überwinden hat. Wie 
er diese inneren und äußeren Konflikte harmonisch erledigt, ist die 
Angelegenheit seiner Persönlichkeit. Jedenfalls hat jeder seine 
charakteristische, man kann sagen seine charakterologische Art, die 
normalen Versagungen zu ertragen und zu bewältigen. Der latente 
Konflikt wird erst aktuell, wenn die Toleranzgrenze, die für das 
betreffende Individuum spezifisch ist, überschritten wird. Letzteres 
kann erfolgen, entweder infolge der Größe der Versagung oder 
durch eine Schwäche des Ichs oder auf dem Wege einer besonderen 
Affinität der Versagung zu Tendenzen, die bis dahin in guter Ver- 
drängung gehalten worden sind. Auch hier spielt der „aktuelle An- 
laß" die Rolle des aktivierenden agent provocateur. Der entstan- 
dene Konflikt ist aber nicht nur nach einem Vorbild aufgebaut, son- 
dern die Psychoanalyse pflegt zu zeigen, daß mancher Konflikt, ähn- 
lich dem aktuellen, in nicht pathologischen, rudimentär gebliebenen 
Formen seit jeher wie ein roter Faden das Leben dieses Indivi- 
duums durchzogen hat. In vielen Fällen hat man den Eindruck, daß 
der aktuelle Anlaß selbst durch eine unbewußte Provokation ent- 
standen ist und daß die Art der provozierten, realen Versagung für 
das betreffende Individuum ebenso spezifisch ist wie die Art der 
Konfliktbildung (z. B. bei Liebeskonflikten). Wir sehen, daß nicht 
nur der Neurotiker, sondern auch der Gesunde die Tendenz hat, 
die einmal aktuell gewesenen Konflikte seiner Kindheit immer wieder 
zu aktualisieren. Ein gesunder Mensch tut zwar dasselbe, aber in 
einer ichgerechten, realitätsangepaßten Weise ; er gründet eine neue 
Familie, schafft Vereine, „gemeinsame Ideale" usw., mit einem Wort, 
er schafft sich ständig selbst Konflikte, um sie zu lösen. Ist er neu- 
rotisch, so versagt die Lösung des realen Konfliktes und sein Ich ge- 
rät in einen Zustand, den wir den „aktuellen Konflikt" des Neu- 
rotikers genannt haben. Seine Verwandtschaft mit dem neurotischen 



I 



in der Neurosenbildung ,. 

Symptom, seine Abhängigkeit von den gleichen dynamischen Mo- 
menten äußert sich auch darin, daß er deutlich seine Zugehörigkeit 
zu einem der typischen Krankheitsbilder erkennen läßt, indem er 
sich in einer hysterischen oder zwangsneurotischen Form abspielt, 
ohne dabei aber schon zu wirklichen Symptomen zu fuhren. 

Es kann hier nicht unerwähnt bleiben, daß die Frage des ak- 
tuellen Konflikts mehrmals zu lebhaften Diskussionen Anlaß gegeben 
hat. In jüngster Zeit erst hat Rank der Psychoanalyse zum Vorwurf 
gemacht, sie vernachlässige den aktuellen Konflikt zu Gunsten der 
historischen Vergangenheit. 

Im Großen und Ganzen dürfte die Frage des aktuellen Kon- 
fliktes ihre beste Lösung in folgendem, von Freud ausgesproche- 
nen Satz gefunden haben : „Der aktuelle Konflikt des Neurotikers 
wird erst verständlich und lösbar, wenn man ihn auf die Vorge- 
schichte des Kranken zurückführt und den Weg geht, den seine 
Libido bei der Erkrankung gegangen ist." 

Diese prägnante Formulierung des aktuellen Konfliktes wurde 
Ihnen, wie ich hoffe, an dem Beispiel, das ich Ihnen gegeben habe, 
genügend erläutert. 

Solange der Konflikt eines Menschen einen vollkommen realen 
Charakter hat, steht er außerhalb des analytischen Interesses. Dieses 
beginnt, wenn der Konflikt neurotische Reaktionen hervorgerufen 
hat, also in innigste Verbindung mit der ganzen neurotischen Per- 
sönlichkeit geraten ist, d. h. die Wandlung von einem realen zu 
einem neurotischen Konflikt erfahren hat. Die Beantwortung der 
Frage, wie sich der Psychoanalytiker zu den aktuellen Konflikten 
seiner Patienten zu verhalten habe, ergibt sich dann von selbst. Sie 
lautet: Wie zu allen übrigen psychischen Äußerungen des Kranken. 
9 er Analytiker deckt die Widerstände auf, wo sie sich dokumen- 
tieren und lehnt, wie immer, den Versuch des Patienten ab, das 
Interesse des Analytikers von den unbewußten Vorgängen auf die 
Aktualität abzulenken. 

Ist der real bedingte Konflikt manifest und beherrscht er sehr 
das bewußte Seelenleben des Patienten, so muß dieser allmählich 



Die Rolle des aktuellen Konfliktes 



dazu erzogen werden, seine Aufmerksamkeit der analytischen Auf- 
deckung der unbewußten Quellen des Konfliktes zuzuwenden. Ist 
der aktuelle Konflikt verdrängt und durch Symptome oder Ver- 
schiebung auf ein anderes Gebiet ersetzt (wie es bei der oben be- 
sprochenen Patientin der Fall war), so ist es selbstverständlich not- 
wendig, die unbewußten Widerstände zu beseitigen und den ak- 
tuellen Konflikt zu entlarven. 

Besonders in zwei Fällen muß der verdrängte aktuelle Konflikt 
der konsequenten Bearbeitung unterzogen werden: 1) Wenn der 
Patient mit Eifer auf das infantile Material eingeht und das Interesse 
des Analytikers von den aktuellen Konflikten abzuwenden versucht. 
2) Wenn der aktuelle Konflikt und die Übertragungsneurose, d. i. 
die neurotische Beziehung des Patienten zum Analytiker, in eine 
innige Symbiose miteinander geraten sind und durch diese Ver- 
quickung die Ubertragungswiderstände mit den unbewußten Wider- 
ständen aus dem aktuellen Konflikt unter einer Flagge sich gegen 
die Analyse wenden. Ich erinnere Sie an das Verhalten der be- 
sprochenen Patientin, die ein großes Stück ihres aktuellen Konfliktes 
(die Liebesversagung von Seiten der Geliebten des Mannes) auf mich 
übertrug und beides, d, h. den aktuellen Konflikt und die Liebes- 
werbung um meine Person zu verdrängen suchte. Die unrichtige 
Einschätzung der Bedeutung des aktuellen Konfliktes in einem solchen 
Falle zu Gunsten des infantilen Materials wäre natürlich ein grober 
Kunstfehler von Seiten des Analytikers. 

Meist gestaltet sich jedoch der Verlauf so, daß mit der Bildung 
der Übertragungsneurose der ganze Konflikt mit der Außen- 
welt an Interesse verliert und dieses der Analyse, bezw. dem Ver- 
hältnis zum Analytiker zugetragen wird. Mit der Lösung der Über- 
tragungsneurose pflegt sich zuweilen der aktuelle Konflikt automatisch 
zu lösen, sogar — wie es häufig vorkommt = — ohne daß man sich 
mit ihm unmittelbar beschäftigt hätte. Solche Fälle liefern den zwin- 
genden Beweis für die absolute Zugehörigkeit des aktuellen Kon- 
fliktes zu tieferen Quellen. 

Es kommt auch vor, daß die Widerstände in der Analyse so 



zum Ausdrucke kommen, daß die Patienten außerhalb der Analyse 
für Gefühle, die die Analyse in ihnen mobil gemacht hat und die 
der Analytiker nicht befriedigen kann, in der Außenwelt eine Abfuhr 
suchen. Sie agieren dann manifest und real ihre neurotischen Über- 
tragungswünsche und schaffen so für die aktuelle Situation der Ana- 
lyse eine Parallele in der Außenwelt. Die Störungen, die sich daraus 
ergeben, liegen darin, daß das Agieren aktuell gewordener Konflikte 
in der Außenwelt, im Gegensatz zu den Versagungen von Seiten 
des Analytikers, für die Patienten den Vorzug des Gewährens hat 
und dadurch ihr Interesse von der Kur abwendet. So kommt es 
z. B. während der Analyse vor, daß Patienten neurotische Liebes- 
beziehungen anknüpfen, um so einen realen Ersatz für die infantilen 
Wunschphantasien, die die Übertragung in ihnen erregt hat, zu be- 
kommen. Für den Gang der Analyse pflegen solche Situationen eine 
sehr ernste Gefahr zu bedeuten. Für den Patienten bringen sie in 
der Regel sehr bald aktuelle Konflikte, die selbstverständlich der 
analytischen Bearbeitung unterliegen müssen. 

Erleidet der Patient während der Analyse eine realeKränkung 
vonder Außenwelt, die mit starken Affektreaktionen einher- 
geht, so muß die Stellung des Analytikers der Situation angepaßt 
werden. Er wird, wenn auch mit Zeitverlust in Bezug auf den Gang 
der Analyse, dem Patienten sein menschliches Interesse und seine 
Hilfsbereitschaft bekunden, auch wenn er durch dieses Handeln für 
eine Zeitlang die analytische Situation verschiebt. Erst wenn die 
Verlustreaktionen des Patienten einen neurotischen Charakter an- 
nehmen, wird er seine Aufmerksamkeit mehr diesen Reaktionen, 
weniger ihrem Anlaß zuwenden. Es gibt kaum ein Ereignis während 
der Analyse, das nicht allmählich in die Übertragung und in die 
Ganzheit der analytischen Situation einflösse. Die Möglichkeiten lassen 
sich hier kaum übersehen und aufzählen und in den meisten Fällen 
muß dem Analytiker das Wissen und der Takt den Weg weisen, 
von wo aus er den Zutritt zu dem konfliktuösen Innenleben be- 
kommt. Regeln lassen sich nicht für alles aufstellen. 



ERSTER TEIL 

HYSTE1IE 

ZWEITE VORLESUNG 

Hysterische SdiicksaLsiieurose 

In der vorigen Vorlesung haben wir unsere Aufmerksamkeit 
dem aktuellen Anlaß zur Entstehung eines neurotischen Zustandes 
zugewendet und es wurde uns klar, daß der aktuelle Konflikt nur 
die Rolle des agent provocateur zu spielen pflegt. In manchen Fällen 
ist er sogar selbst erst die Folge und das Produkt einer neurotischen 
Provokation. Wir haben auch von Individuen gesprochen, deren 
Schicksal in ewigen, aktuellen Konflikten verläuft, wobei ihre eigene 
Einstellung zum Leben diese konfliktuösen Situationen ständig her- 
aufbeschwört. Bei solchen chronischen Zuständen bekommen die 
aktuellen Konflikte einen spezifischen Charakter, weil sie ja ein 
Spiegelbild eines ständig sich auswirkenden, inneren Konfliktes dar- 
stellen. Aber auch umgekehrt: ein von der Außenwelt kommender 
Konfliktanlaß wird verschiedene Reaktionen hervorrufen, entsprechend 
der inneren Bereitschaft des betreffenden Individuums. Sie erinnern 
sich der drei Patientinnen, von denen ich gesprochen habe. Ein und 
derselbe Anlaß hatte bei ihnen drei gänzlich verschiedene Reaktions- 
weisen in drei verschiedenen Neurosenformen provoziert. Die Ur- 
sachen dieser Verschiedenheit lagen deutlich nicht im aktuellen trau- 
matischen Erlebnis, das alle drei Patientinnen in gleicher Weise be- 
troffen hat. Sie lagen in anderen Momenten, die man als „dispositio- 
nelle" bezeichnen kann. Ohne näher auf die Bedeutung dieses 



J 



Hysterische Schicksalsneurose 21 

Begriffes einzugehen, möchte ich mich jetzt nur auf die Bemerkung 
beschränken, daß das, was wir Disposition nennen, im Psychischen 
wesentlich auf zwei Faktoren zurückzuführen ist : auf einen im frü- 
hesten Erleben erworbenen Anteil und auf eine kons ti- 
tutionell bedingte, also angeborene Bereitschaft. Diese 
ist analytisch nur in ihren Folgezuständen angreifbar. Der erste 
Faktor dagegen, das infantile Erlebnis, spielt in der Analyse 
eine wichtige Rolle. Es ist nicht meine Absicht, hier die geschicht- 
liche Entwicklung der analytischen Erkenntnisse über das infantile 
Trauma zu erörtern. In diesem Zusammenhang soll nur betont 
werden, daß das analytische Wissen vom Wesen der Neurose mit 
der Aufdeckung der fundamentalen Bedeutung des infantilen 
Traumas für die Entstehung der Neurose beginnt. (Freud und 
Breuer.) 

Diese ersten Einsichten haben dann im Laufe der Jahre sowohl 
eine weitere Vertiefung wie auch weitgehende Korrekturen er- 
fahren. Das ist so zu verstehen: Es gibt wohl eine Anzahl von 
Fällen, bei denen ein schweres Kindheitserlebnis, ein sogenanntes 
psychisches Trauma, die Neurose nicht nur provozierte, sondern sie 
auch wirklich verursachte. Bei diesen Fällen kann man mit einer 
gewissen Sicherheit sagen, daß nur die Ungunst des Erlebnisses das 
Kind krank gemacht hat. Bei der überwiegenden Mehrzahl der ana- 
lytisch untersuchten Kranken konnte man aber die Beobachtung 
machen, daß die sogenannten traumatischen Erlebnisse der Kindheit 
keine andere Bedeutung haben, wie die späteren aktuellen Konflikte 
des Erwachsenen. Sie wirkten traumatisch, weil sie nicht überwun- 
den werden konnten, und zwar meist infolge einer bereits bestehen- 
den inneren Bereitschaft des Kindes, die sogar diese Erlebnisse in 
manchen Fällen selbst provozieren konnte. Ja, wir sind sogar häufig 
imstande festzustellen, daß zwischen den späteren, aktuellen, neuro- 
tischen Konflikten und jenen ersten, traumatischen Erlebnissen des Kindes 
eine Analogiebeziehung besteht. Diese Beziehung kommt entweder so 
zustande, daß ein psychisches, in der Kindheit nicht bewältigtes Er- 
lebnis die Tendenz hat, im späteren Leben von neuem belebt und 



22 Hysterische 

wiederholt zu werden, oder so, daß eine bestimmte dispositionelle 
Bereitschaft des Kindes auf ein akzidentelles Erlebnis neurotisch rea- 
giert hat. Diese, im späteren Leben unverändert gebliebene disposi- 
tionelle Bereitschaft kann verursachen, daß das Individuum auf ähn- 
liche akzidentelle Ereignisse immer in derselben neurotischen Weise 
reagieren wird. 

Zur Annahme des „dispositionellen Momentes" wurden wir 
durch die analytischen Erfahrungen gedrängt. Diese zeigten uns un- 
zweideutig, daß die vollkommen normalen Erlebnisse nicht von allen 
Kindern in normaler Weise bewältigt werden. Eine der wichtigsten 
analytischen Erkenntnisse liegt in der Erfahrung, daß schon die nor- 
malen Bedingungen des kindlichen Lebens an das unreife Individuum 
Anforderungen stellen, deren psychische Verarbeitung nicht immer 
gelingt. Die Unfähigkeit zur Bewältigung dieser Schwierigkeiten 
kann verschiedene pathologische Reaktionsweisen hervorrufen. Der 
Einblick in das kindliche Seelenleben belehrte uns, daß das Kind 
eigentlich immer in „aktuellen Konflikten" lebt, daß es in gewissen 
Phasen seiner Entwicklung sogar in der Regel mit vorübergehen- 
den Angstzuständen, der typischen Form einer infantilen Aktual- 
neurose, auf diese Konflikte reagiert. Es kann dann trotzdem ge- 
sund bleiben, bis eine Versagung im späteren Leben, die nicht 
ertragen wird, schließlich doch eine neurotische Erkrankung hervor- 
ruft. Zwischen der neuen Neurose und der infantilen läßt sich dann 
in der Analyse der Zusammenhang herstellen. Häufig kann man 
dann erkennen, daß das Individuum auch in der Zwischenzeit nur 
relativ gesund war. 

In anderen Fällen nimmt die Kindheitsneurose gleich im Be- 
ginne den Charakter eines lebenslänglichen psychischen Gebrechens 
an und die Spezifität der Neurose ist damit schon von Kindheit an 
gegeben. Zum Unterschied von den oben erwähnten infantilen Angst- 
zuständen, die noch keiner speziellen Neurosenform zugehören. Die 
Art der Neurose beruht in einem konstitutionellen Momente, das 
sich von der ersten Kindheit an zu verraten pflegt. 

Ohne vorher theoretisch auf das Wesen dieser dispositionellen 



Schicksalsneurose 2 2 

Momente einzugehen, möchte ich mit Ihnen auf Grund von Ana- 
lysen, die ich Ihnen darstellen werde, vorerst verschiedene Formen 
hysterischer Erkrankungen besprechen. Aus der Gemeinsamkeit, die 
sich dann als Resultat der Betrachtung mannigfaltiger Formen dieser 
Neurose ergeben wird, werden wir dann theoretische Schlüsse mit 
größerem Verständnis ziehen können. 

Ich beginne mit dem Zustandsbild einer Patientin, dem ich den 
Namen „hysterische Schicksalsneurose" geben will. Wir 
werden uns überzeugen können, daß die Patientin, die symptomfrei 
ist und das Pathologische an ihrem Schicksal ebensowenig ahnt wie 
ihre Umgebung, in ihrem Seelenleben denselben Schwierigkeiten und 
pathologischen Bindungen unterlegen war, wie andere, die an schweren 
hysterischen Symptomen zu leiden haben. 

Eine 25 jährige junge Dame macht die lange Reise aus ihrer 
überseeischen Heimat nach Wien, um fluchtartig das Milieu ihres 
aktuellen Konfliktes zu verlassen, und hier für die Erregung, in der 
sie sich befindet, Hilfe in einer psychoanalytischen Behandlung zu 
suchen. Auf der langen Reise legt sich die Erregung und in der 
Sprechstunde erscheint bereits ein ruhiges, zuversichtliches Mädchen, 
ohne die geringste Krankheitseinsicht und derzeit, wie sie meint, 
nicht mehr behandlungsbedürftig. Sie ist schön, gebildet und lebt 
daheim in glänzenden Verhältnissen. Knapp vor ihrer Abreise hatte 
sie einen mißlungenen Selbstmordversuch begangen; von dem 
Revolverschuß blieb ihr nur eine kaum sichtbare Narbe an der 
Schläfe zurück. Sie verübte die Tat in einem kleinen Hotel ihrer 
Vaterstadt unter Umständen, die in ihr selbst jetzt den Verdacht auf- 
kommen lassen, daß es sich um ein Arrangement von zwanghaftem 
Gepräge gehandelt haben könnte. Das Motiv des Selbstmordes war 
ihr selbst nie ganz klar geworden. Allmählich beginnt sie, in diesem 
ersten Gespräch, einzusehen, daß sich in ihrem Leben etwas Dunkles, 
scheinbar Krankhaftes abspiele, eine Einsicht, die sie überzeugt, daß 
sie doch eine analytische Behandlung notwendig habe. 

Die Darstellung einer halbwegs lückenlosen, analytischen Kranken- 
geschichte müßte sehr umfangreich sein. Ich will Ihnen nur einen 



24 Hysterische 

kleinen Ausschnitt aus der Krankengeschichte zeigen, nur soviel, als 
unbedingt notwendig ist, um das Typische aus einer „Schicksals- 
neurose" herauszuheben : 

Die Patientin hatte eine äußerlich geordnete Kindheit, die nur 
durch den Umstand getrübt war, daß das junge ehrgeizige Mädchen 
infolge von Hemmungen und inneren Schwierigkeiten ihren lebhaften 
und intensiven intellektuellen Interessen und dem Wunsche, zu stu- 
dieren und einen Beruf zu ergreifen, nicht nachkommen konnte. 
Noch ganz jung verlobte sie sich mit einem Vetter, mit dem sie 
eine zärtliche Liebe mehrere Jahre verband. Sie selbst fühlte sich 
jedoch in dieser Liebesbeziehung nicht „erfüllt", wie sie sagte. Der 
Verlobte jener Zeit liebte ihrer Ansicht nach zu sehr „das Weibliche" 
an ihr und ließ jene geistigen Tendenzen, auf die sie selbst so großen 
Wert gelegt hatte, vollkommen unbefriedigt. Vom Geliebten erzählte 
sie gelegentlich, daß er, trotz seiner großen Liebe für sie, auch poly- 
game Neigungen gehabt habe, ohne daß diese das geringste Gefühl 
der Eifersucht in ihr hervorgerufen hätten. 

Auf einer ihrer Reisen lernte sie einen älteren Mann kennen, 
der in einer hohen diplomatischen Stellung, mit besonderen geistigen 
Gaben ausgestattet, ihr Interesse erweckte. Es entwickelte sich ein 
freundschaftlich geistiger Kontakt, anfangs ohne erotische Anziehung. 
Der Betreffende lebte in einer zweiten und wie die Patientin anfangs 
dachte, scheinbar glücklichen Ehe. Als die freundschaftliche Intimität 
größer wurde, bekannte ihr jedoch der Mann, daß seine Ehe nicht 
glücklich sei und ihm über die Trauer um seine erste heißgeliebte 
verstorbene Frau nicht hinweghelfe. Dieses Bekenntnis des Mannes 
zu seiner großen, nie erloschenen Leidenschaft für die Verstorbene 
wirkte wie ein „coup de foudre" auf das Herz unserer Patientin. So 
geliebt zu werden, wie die Verstorbene geliebt wurde ! Dieses plötz- 
liche Empfinden wurde zum Beginn eines Liebesverhältnisses. Patientin 
löst ihre erste Verlobung, der neue Geliebte trennt sich von seiner 
Frau und für unsere Patientin beginnt eine scheinbar glückliche 
Lebenszeit. 

Eine sonderbare Episode bringt Wolken in diese Beziehungen. 



Schicksalsneurose 25 

Der Geliebte wird an das Krankenlager seiner Frau berufen. Patien- 
tin betrachtet seine Wegreise als einen selbstverständlichen Akt der 
Menschlichkeit und protestiert gar nicht gegen das Unvermeidliche. 
Sie benützt die Zeit seiner Abwesenheit zu einer kleinen Reise; 
unterwegs begegnet sie einem Manne, den sie wohl von früher her 
kennt, ohne ihm je das geringste Interesse entgegengebracht zu 
haben, und gibt sich dem völlig Gleichgültigen willenlos hin. Sie 
wird gravid und man beschließt eine sofortige Ehe. Allmählich ändert 
sie doch diesen Entschluß, läßt die Schwangerschaft unterbrechen 
und kehrt zu dem Geliebten zurück, dem sie ein reuevolles Ge- 
ständnis ablegt. Ihre Beziehungen zu ihm werden wieder zärtlich 
wie vorher, der Mann erreicht die Scheidung von seiner Frau und 
der Termin der Hochzeit wird festgesetzt. Mitten in den Vorberei- 
tungen begeht die Patientin den erwähnten Selbstmordversuch, der 
für beide auch das Ende der Liebesbeziehungen bedeutet. 

Zeitweise während der Analyse kehrt eine schmerzhafte Sehn- 
sucht nach dem Geliebten wohl zurück, Patientin ist aber von der 
Überzeugung durchdrungen, daß sie ihm nie mehr begegnen soll. In 
der Schilderung ihrer Beziehungen zu ihm stellt sie diese in einen 
Gegensatz zu ihrer ersten Liebe (zu ihrem Vetter). Die zweite Be- 
ziehung war geistig erfüllend und darum so beglückend, weil der 
selbst so hochstehende Mann ihre eigene Geistigkeit so hoch be- 
wertet hatte. Im Gegensatz zum ersten Bräutigam stellte er an sie 
geistige und ideale Forderungen. Von diesen Forderungen, die 
sie sich selbst so erwünschte, gingen aber merkwürdigerweise die 
Trübungen ihres Liebesglückes aus. Oft verbrachte sie qualvolle 
Nächte vom Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit und Minderwer- 
tigkeit geplagt. Sie hatte den Eindruck, daß sich ein großer düsterer 
Schatten auf ihr Leben senke. Je näher die Erfüllung nahte, knapp 
vor der Hochzeit, legte sich der Schatten immer mehr auf ihr Gemüt 
und es drängte sie zu jenem für sie und für die anderen scheinbar 
unmotivierten Selbstmordversuch. 

Schon im ersten Gespräch hatte sie mir gesagt, daß der Selbst- 
mordversuch nichts mit unglücklicher Liebe zu tun habe. Wohl 



r 



26 Hysterische 

hätte sie damals eine Entfremdung im Wesen des Geliebten und 
eine Abkühlung seiner Gefühle bemerkt und den Eindruck gehabt, 
daß sie im Begriffe sei, eine voreilige Ehe zu schließen und daß 
dies verhindert werden sollte. Was sie aber zur Verzweiflung ge- 
bracht hätte, waren gar nicht die Liebeskonflikte, sondern der Ge- 
danke, sie würde im Falle des Scheiterns ihrer Ehe in einem Ab- 
hängigkeitsverhältnis zu ihrem tyrannischen Vater verbleiben müssen. 
Und dies sei ihr so unerträglich erschienen. 

Das tragische Schicksal ihres Lebens beruhte nicht in Liebes- 
enttäuschungen, sondern — wie sie es ganz bewußt empfindet — 
in der Tatsache, daß sie nicht imstande ist, sich aus der Abhängig- 
keit vom Vater zu befreien. Seit Jahren versuchte sie sich durch 
Studium und allerlei Fachkenntnisse eine materielle Selbständigkeit 
zu verschaffen. Immer aber scheiterten die Versuche, trotz ihrer 
mannigfaltigen Talente, im letzten Moment an einer inneren Unzu- 
länglichkeit. Verzweifelt bekennt sie: „was alle anderen Frauen in 
meinem Lande so leicht und selbstverständlich zustande bringen — 
warum gelingt es gerade mir nicht?" 

Schauen wir uns ein wenig in der Familiengeschichte dieses 
jungen Mädchens um. Sie ist die zweitjüngste in einer kinderreichen 
Familie. Der Vater ist ein außerordentlich lebenstüchtiger Mann, 
streng, rechthaberisch und von seiner Umgebung gefürchtet. Die 
Mutter, von der Patientin verachtet, lebt in sklavischer Abhängigkeit 
vom Vater. Diese Beziehung zwischen den Eltern erregt in der 
Patientin Widerwillen und Protest. Sie selbst, immer ein schönes, 
begabtes Kind, war früher der ausgesprochene Liebling des Vaters. 
Als Konkurrent kam damals nur ein um vier Jahre jüngerer, her- 
vorragend begabter Bruder in Betracht. Dieser Bruder, dessen Be- 
gabung für Physik zu großen Hoffnungen berechtigte, starb im 
20. Lebensjahre. Die Patientin selbst war auf demselben Gebiete 
wie der Bruder begabt, konnte aber, wie schon erwähnt wurde, 
infolge ihrer Hemmungen das gewünschte Ziel, ebenfalls zu studie- 
ren, nicht erreichen. 

Ihre Kindheitsgeschichte bewegte sich im typischen Rahmen der 



Schicksalsneurose 27 

Entwicklung eines kleinen Mädchens. Sie liebte ihren Vater und 
schon der oberflächliche Einblick in ihre Beziehungen zur Mutter 
ließ deutlich erkennen, daß da stark negative, gehässige Tendenzen 
vorlagen, die das Mädchen selbst damit begründete, daß die Mutter 
dumm, ungebildet und vor allem so erniedrigend sklavisch dem 
Vater ergeben war. 

Eine Zeit lang war in ihrer Kindheit ihre Phantasietätigkeit 
weiblich, durch Puppenspiele befriedigt, und die Analyse konnte die 
damalige, normale ödipuseinstellung rekonstruieren, wobei der 
Wunsch, ein Kind zu bekommen, durch die Geburt des kleinen 
Bruders intensiviert wurde. An dem Kleinen fand sie auch tatsächlich 
vorübergehend ein Stück Befriedigung dieses Wunsches. 

Wenn die analytische Einsichtnahme in die Kindheit eines 
kleinen Mädchens eine solche Einstellung, wie wir sie bei unserer 
Patientin gesehen haben, vorfindet, so ist diese als durchaus normal 
zu betrachten. Starke Liebesbeziehung zum Vater, negative Ein- 
stellung zur Mutter, der unbewußte Wunsch, vom Vater, an Stelle 
der Mutter, ein Kind zu bekommen, — das ist die regelrechte 
ödipuseinstellung des kleinen Mädchens, die weder pathologisch noch 
ungünstig ist. Erst die späteren Schicksale derselben sind das Maß- 
gebende für das Gesunde oder Kranke im Seelenleben . . . 

Die erste psychische Komplikation entsteht bei unserer Patientin 
nach der Geburt des kleinen Bruders. Diesen aktuellen Kindheits- 
konflikt muß sie als eine, vom Leben an sie gestellte Aufgabe be- 
wältigen. Eine ganze Reihe kleiner Versagungen und Enttäuschungen 
von Seiten des Vaters, die sie alle treu in ihrer Erinnerung bewahrt 
hatte, diente als Vertretung dieser einen großen Enttäuschung: die 
Mutter und nicht sie hatte das Kind bekommen. 

Ein zweites Enttäuschungsmoment wurde zu einer schweren 
Belastung ihres Seelenlebens : In den Vergleichen, die sie zwischen 
sich und dem Bruder anstellte, mußte sie entdecken, daß der kleine 
Junge in somatischer Beziehung für ihre damaligen Begriffe besser 
ausgestattet war als sie selbst. Die Minderwertigkeitsgefühle und 
Hemmungen, die sie in der Erreichung eines geistigen Zieles so 



28 Hysterische 

gestört haben, stammten aus dieser im Unbewußten nie korrigierten 
Einstellung. Der Neid und die Aggression gegen den kleinen Jungen 
hatten in ihr Schuldgefühlsreaktionen hervorgerufen, die ihrerseits 
dazu beigetragen haben, im späteren Leben keine Konkurrenz mit 
dem Bruder aufzunehmen. Diese Konkurrenzeinstellung gegen den 
Bruder war dann noch dadurch gesteigert, daß er ihr als Liebesobjekt 
beim Vater den ersten Platz streitig gemacht hatte. 

Die Analyse ergab, daß die Versagungen und Enttäuschungen 
ihrer Kindheit zu starken aggressiven Reaktionen und verdrängten 
Rachetendenzen gegen den untreuen Vater, gegen die entwertete 
Mutter und den kleinen Konkurrenten geführt hatten. 

Nach der erfolgten Verdrängung dieser ödipuswünsche blieb als 
Resultat ihrer infantilen Beziehung zum Vater eine Ablehnung der 
eigenen Weiblichkeit bestehen, deren Sinn etwa war: „ich will nicht 
die Rolle spielen, die meine Mutter hatte — ich will nicht passiv, 
sklavisch dem Vater ergeben sein." Neben dieser bewußten Auf- 
lehnung bestand aber auch die unbewußte Ergebenheit dem Vater 
gegenüber, aus der sie nie herauszukommen vermochte ; auf die ver- 
zweifelte Frage aber „warum kann ich nicht wie andere Mädchen 
frei und selbständig werden" konnte keine Antwort kommen, weil 
diese im Unbewußten verborgen war. Dies aber war nicht die einzige 
Form, durch die sich die innere Abhängigkeit kundgab. Der Mangel 
an Befriedigung ihrer Liebessehnsucht durch den ersten Geliebten 
war durch die Tatsache bewirkt, daß der Betreffende selbst, etwas 
passiv und gar nicht „tyrannisch", dem Mädchen keine Möglichkeit 
geboten hatte, sie in jene wohl abgelehnte, aber doch unbewußt 
erwünschte Beziehung zum Manne zu bringen, um die sie einst als 
kleines Mädchen die Mutter unbewußt beneidet hatte. Für ihre un- 
bewußten, libidinösen Wünsche blieb doch eben diese Beziehung 
der Frau zum Manne die einzige Möglichkeit, als Weib „erfüllt" zu 
werden. Der laute Protest gegen die masochistische Einstellung der 
Mutter erwies sich als Protest gegen die eigene masochistische 
Bindung. In der Wahl ihres ersten Geliebten hatte sie ja dieser un- 
bewußten Strebung zu entweichen versucht. Dies mißlang ihr und 



Schicksalsneurose 29 

bei einem vaterähnlicheren Liebesangebot mußte sie ihm beinahe 
zwanghaft untreu werden. Man denke nur an die Situation, in der 
die Liebe für den zweiten Geliebten in ihr entflammt ist : so geliebt 
zu werden wie die erste, verstorbene Frau. 

Um für die Bedeutung dieser Situation einen Beweis zu bringen, 
teile ich noch folgendes Erlebnis aus der Analyse mit. Als 12-jähriges 
Mädchen war die Patientin mit ihrer Mutter in einem Badeort. Ein 
junger, hausierender, farbiger Exote erzählte ihr sonderbarerweise 
seine Lebensgeschichte. Er sei bereits, obzwar erst achtzehn Jahre 
alt, zum zweiten Male verheiratet. Seine zweite Frau liebe er aber 
nicht, die erste, tote, dagegen noch immer glühend und könnte sie 
nie vergessen. Höchstens um ihretwillen, der er heute glücklicher- 
weise begegnet sei. Ob sie — das kleine Mädchen — ihn nicht 
heiraten wolle? Von der ersten Frau sei ihm ein herziges kleines 
Kind geblieben ; ob das kleine Mädchen sich das Kind nicht an- 
schauen möchte? Er gab ihr seine Adresse und sie versprach, ihn 
aufzusuchen. Dann irrte sie stundenlang in den Straßen umher, um 
die angegebene Wohnung zu finden, aber die Adresse erwies sich 
als fingiert und sie erkannte, daß sie genarrt worden war. Dieses 
Erlebnis war eine arge Kränkung für sie. Die sonderbare Identität 
desselben mit ihrer letzten Liebesgeschichte aber erweckt den Ver- 
dacht, daß die Phantasie des jungen Exoten erst von ihrer eigenen 
angeregt, diesen Eheroman erfinden konnte. 

Aus derselben Quelle stammt unzweideutig eine andere kleine 
Episode, die sie zu Beginn der Analyse, noch stark unter dem Ein- 
druck der letzten Enttäuschungen und darum für eine oberflächliche 
Beurteilung unverständlich, erlebte. Der Zufall brachte sie nämlich 
mit einem erst kürzlich verwitweten Manne zusammen, der nach 
dem Tode seiner Frau in eine melancholische Depression verfallen 
war. Ungeachtet ihrer eigenen Konflikte, meinte die Patientin, es sei 
ihre Aufgabe, durch ihre Liebe den Mann zu retten und die Stelle 
der Verstorbenen auszufüllen. 

Die stete Wiederholung so gleichartiger Episoden in ihrem 
Leben ist doch etwas sehr Auffälliges. 



f . Hysterische 

Betrachten wir aber analytisch die Situation bei ihrer zweiten 
Verlobung. Dieser Mann ist nicht wie der erste nach dem Gegen- 
satz zum Vater, sondern auf Grund einer im Unbewußten herge- 
stellten Ähnlichkeit gewählt worden. Der innere Drang zu einer 
befriedigenden Zielerreichung läßt sie hier nicht nach dem Flucht- 
prinzip, sondern nach dem Prinzip der Ähnlichkeit wählen. Diese 
Wahl scheint günstig zu sein, denn sie ist bereits korrigiert im 
Sinne ihrer bewußten Forderungen. Dieser Mann ist nämlich aktiv und 
imponierend wie der Vater, macht sie zur Siegerin über die erste 
Frau (was der Vater nicht tat), aber — und das ist vielleicht ihr 
größter Triumph — er bringt sie nicht in die erniedrigende Rolle, 
die ihre Mutter spielte, sondern stellt sie auf ein Piedestal, sieht in 
ihr einen Kameraden und kommt ihr mit Forderungen entgegen, die 
sie immer an sich selbst (um im Gegensatz zur Mutter zu stehen) 
gestellt hatte. Diesen Forderungen muß sie nachstreben, intellektuell, 
vielwissend sein. Gerade von diesen Forderungen geht aber die erste 
bereits neurotische Unruhe aus, die ihr die Erfüllung jener Forde- 
rungen selbst immer unmöglich macht. Die Motive zu dieser Hem- 
mung wurden in der analytischen Beleuchtung klar. Sie wollte ja 
im Konkurrenzverhältnis zum Bruder dasselbe erreichen wie er, 
mußte aber aus dem Minderwertigkeitsgefühl: „ich bin nur ein 
Mädchen", diese Ziele für sich als stets unerreichbar ansehen. 
Das alte Schuldgefühl dem Bruder gegenüber, das sich durch seinen 
realen Tod noch erhöht hatte, trug zu dieser Hemmung auch das 
Seine bei. 

Das Hauptmotiv der Hemmung lag aber in dem Umstand, daß, 
trotz des bewußten Protestes gegen die Art der Beziehung der 
Mutter zum Vater, in ihr selbst der unbewußte, in der zwanghaften 
Wiederholung sich verratende Kindheitswunsch lebendig war, einem 
geliebten Manne gegenüber eben in diese und nur in diese Rolle 
zu geraten. Die Unruhe, die sie in ihrer zweiten Liebesbeziehung 
empfand, kam aus dem Zwiespalt: „du liebst mich, die Stolze und 
Strebende und ich kann dir gegenüber nur niedrig sein und er- 
geben, wie die Mutter dem Vater gegenüber". 



Schicksalsneurose 



Zwischen dieser Scylla des bewußten Protestes und der Charyb 
dis der unbewußt masochistischen Einstellung neurotisch schwan- 
kend, provozierte sie durch ihr Benehmen die Entfremdung des Ge 
hebten, und vor den drohenden Schwierigkeiten der zukünftigen Ehe 
wollte sie sich durch den Tod retten. Die Angabe, die sie gleich im 
ersten Gespräch mit mir machte: „ich will vom Vater nicht länger 
abhangig sein," entsprach einer tieferen Wahrheit, als die Patientin 
selbst ahnen konnte. 

Es sei hier noch Einiges aus der Analyse erzählt, um noch 
glaubhafter zu machen, daß das Schicksal der Patientin nur einem 
provokatorischen, zwanghaften Agieren ihrer infantilen Fixierung an 
den Vater entsprach. 

Einige Wochen nach dem Beginn der analytischen Behandlung 
lehnte der Vater ihre Fortsetzung ab und stellte seine Zahlungen 
ein. Ich selbst - an der Patientin interessiert _ schlug ihr in ent- 
gegenkommender Weise vor, die Analyse unentgeltlich, auch gegen 
den Willen des Vaters fortzusetzen. Die Patientin selbst bat mich 
üehenthch, rmch dem Ansinnen des Vaters zu widersetzen und ihm 
zu zeigen, daß die Entscheidung über die Notwendigkeit der 
Analyse bei mir liege. Es war klar, daß sie mich in Opposition 
gegen den Vater sehen wollte. (Im Gegensatz zur Mutter!) Ein 
lraum, den sie in der nachfolgenden Nacht brachte, bewies jedoch 

Er lautete ° n niCht ^ ihier tieferen EinStdIun S ents P™h. 

Sie ist nicht mehr bei mir in der Analyse, sondern bei einer Frau X 
die ein ekelhaftes, taktloses Weib ist. Diese Frau schimpft gegen midi 
und gibt ihr den Rat, von mir weg zu gehen, denn ich behandle sie doch 
nur des Geldes wegen. 

Die Analyse des Traumes zeigte deutlich, daß ich selbst das 
ekelhafte, taktlose Weib bin, das sich zwischen sie und den Vater 
drangt, um diese Beziehung zu stören. Sie aber, mit dem Vater 
einig und identisch, denkt genau so wie er und wendet sich mit 
ihm zusammen gegen die feindliche, störende Mutterrepräsentantin 

Noch eine Episode aus der Analyse. Als die Patientin drei 



32 Hysterische 

Jahre alt war, fiel ein Glasgegenstand auf sie und verwundete sie 
am Kopf. Der herbeigerufene Vater stürzte ins Zimmer und gebär- 
dete sich ganz verzweifelt. Damals erlebte die Patientin, wie sie an- 
gab, den schönsten Moment ihres Lebens. Den Vater im Schmerze, 
nicht als strengen Herrscher, sondern als zerknirschten, hilfesuchen- 
den Schwächling zu sehen, blieb als fast bewußter Wunsch ihres 
Herzens bestehen. In diesem Wunsche war sie selbst, seine Liebe 
zu ihr, die Ursache seines Schmerzes. Die unbewußte Phantasie, die 
sie zum Selbstmordversuch trieb, erstrebte die Wiederholung dieser 
infantilen Szene. (Wunde am Kopfe!) Das Objekt, auf das der 
Wunsch sich richtete, war jetzt der Vater und der Geliebte in einer 
Person. 

Die Patientin selbst hielt sich wie schon erwähnt nie für krank. 
Alle Mißerfolge ihres Lebens schrieb sie ihrem „Pech" zu. Aller- 
dings hatte sie manchmal das Gefühl, daß ein „Teufel" ihr Leben 
zerstöre. Immer wenn sie fröhlich war und sich wohl fühlte, meinte 
sie seine Stimme zu hören : „es wird schlecht ausgehen", „es wird 
anders als du glaubst", und so fühlte sie in dieser inneren Wahr- 
nehmung, daß ein Etwas in ihr ist, durch das ihr Lebensglück im- 
mer gestört werden muß. Wie ein roter Faden zog diese Tragik 
durch ihr Leben : sie war fähig Liebe zu erwecken und Liebe zu 
empfinden, aber keine Liebe endigte anders als mit einer bösen 
Enttäuschung, in der sie manchmal eine aktive, manchmal eine mehr 
passive, erleidende Rolle spielte. 

Vielleicht ist die Enttäuschung das normale Schicksal jeder 
Liebesbeziehung. Wir müssen aber trotzdem auch hier in den 
Quantitätsunterschieden den Maßstab für das „Normale" oder „Pa- 
thologische" suchen. Die Patientin selbst empfand das Krankhafte 
ihres Daseins nur ausnahmsweise, sonst schrieb sie ihre traurigen 
Erlebnisse mehr den Mächten der Außenwelt als eigenen, inneren 
Gewalten zu. 

Zu den typischen Erlebnissen der Patientin gehörte z. B., wie 
wir erfahren haben, daß sie sich von Männern angezogen fühlte, 
die eine geliebte Frau verloren hatten, von trauernden Witwern, 



Schicksalsneurose 

: . 33 

deren Trauer auf die Patientin wie ein Liebestrank wirkte. Die 
Schilderungen, die diese Männer von ihrer Liebe zu der Verstorbe- 
nen gaben, waren für die Patientin wie die glühendsten Werbun- 
gen um ihre eigene Person. Diese Art der Liebeswahl war durch 
die Phantasie determiniert : „so geliebt zu werden wie jene ver- 
storbene Frau". Es war für sie ein besonderer Reiz, einen Mann zu 
bekommen, dessen Liebe bis dahin einer anderen Frau gehörte. Der 
bereits erfolgte Tod dieser Frau hatte für sie den Vorteil, daß sie 
in diesem Wunsche keine Mörderin (im Sinne der unbewußten 
Todeswünsche) zu werden brauchte. Sie kam da sozusagen zum 
Fertigen. Bemerkenswerterweise ignorierte ihr unbewußtes Schuld- 
gefühl die reale Tatsache des bereits früher erfolgten Todes der 
Vorgängerin. Das unbewußte Schuldgefühl war in diesem inneren 
Geschäftsabschluß kein guter Kompagnon. Es machte sich selbständig 
und benahm sich, wie die Analyse zeigte, dem Ich der Patientin 
gegenüber so, als hätte sie selbst die Bedingung des Witwertums 
am Gewissen. Durch alle ihre Träume zog sich wie ein roter Faden 
ein schweres Schuldgefühl, gegen „die tote Frau". 

Noch ein anderes, unbewußt gebliebenes Motiv spielte in ihrem 
neurotischen Schicksal eine sehr wichtige Rolle. Die Patientin be- 
hauptete, n i e in ihren Liebesbeziehungen Eifersucht empfunden zu 
haben. Dafür charakteristisch war ja die Art der seinerzeitigen Re- 
aktion auf die Abreise des Geliebten mit seiner zweiten (wie sie 
wußte, ungeliebten) Frau in eine Krankenanstalt. Die Patientin ver- 
spürte bewußt nicht den geringsten Vorwurf gegen den Geliebten, 
verlobte sich aber rasch mit einem anderen und wurde sogar ge- 
wollt gravid, um so zwanghaft eine adäquate Rache zu vollziehen. 
Erst in der Analyse konnte man als Motiv dieses neurotischen, 
schicksalhaften Handelns die unterdrückte Eifersucht erkennen. Daß 
sie sich diese normale, menschliche Regung nicht gestattete und 
lieber zwanghaft agierte, war bedingt durch die Verankerung ihres 
Seelenlebens in unerledigten Situationen der infantilen Eifersucht, 
die sie einmal verdrängt hatte und nur in der unbewußten Wieder- 
holung wiederbeleben durfte. 



„, Hysterische 

Die Patientin hatte noch eine Form der Eifersucht entwickelt: 
Der erste Geliebte (der Vetter) hatte eine aufrichtige, treue Liebe zu 
ihr. Trotzdem leistete er zeitweise seinen sogenannten polygamen 
Tendenzen Folge, denen gegenüber die Patientin volle Toleranz 
und Verständnis bekundete. In der Zeit jedoch, als der Geliebte für 
sie bereits alles Interesse verloren hatte und sie mit dem zweiten aut 
dem Höhepunkt des Liebesglückes stand, kam es vor, daß sie bei 
gewissen Begegnungen oder an manchen Orten von einem quälen- 
den Gefühl einer scheinbar unmotivierten Traurigkeit geplagt wurde. 
In der Analyse stellte sich heraus, daß es sich in der Regel um 
Situationen handelte, in denen sie einst eine berechtigte Ursache zur 
Eifersucht gehabt hätte, als sie mit dem ersten verlobt war und mit 
ihm an jenen Orten oder in jener Gesellschaft zusammen war. Es 
kam sogar vor, daß Patientin erst nachträglich eifrige Nachforschun- 
gen machte, um festzustellen, ob und in welcher Form jener ihr da- 
mals untreu gewesen ist. Er selbst war real bereits ohne Bedeutung 
für sie, aber ein Stück ihrer infantilen Persönlichkeit hing noch an 
Situationen, von denen sie sich durch eine unerledigt gebliebene 
Reaktion nicht losmachen konnte. Natürlich sind solche Affektver- 
schiebungen, nachträgliche Reaktionen und zwanghafte Wiederho- 
lungstendenzen auch der gesunden Menschenseele eigen, nur ihre 
Quantität und der Grad der inneren Abhängigkeit, die sie erzeugen, 
bilden jenen Faktor, der sie unter das Zeichen der Neurose stellt. 

Welcher Neurosenform ein neurotisches Agieren zugesprochen 
werden soll, muß hier denselben Erwägungen unterzogen werden, 
wie die Bildung eines krankhaften Symptoms. 

Bei unserer Patientin stand im Zentrum der Analyse ihre Bin- 
dung an den Vater. Wir sprechen da von einer Fixierung an ein 
infantiles Objekt und wissen aus den Erfahrungen der Analyse, daß 
eine Objektfixierung dieser Art für die Entstehung der Hysterie maß- 
gebend ist. Man kann wohl in späteren Jahren Objekte wählen, die 
nach dem Vorbild oder nach dem Gegensatz unserer ersten infantilen 
Liebesbindungen ausgesucht wurden, aber nur dann, wenn das „Tabu" 
aufgehoben, d. h. wenn das Schuldgefühl, das den ursprünglichen 



Schicksalsneurose 

Objekten galt, in der neuen Beziehung bereits entlastet ist, wenn 
das Frühere „du darfst nicht", bezw. „du kannst nicht", nicht weiter- 
hin seine anachronistische Wirkung ausübt, kurz wenn die infantilen 
Bedingungen der Objektwahl von ihren störenden Hemmungen be- 
freit sind. 

Solange unsere Patientin Männer nach dem Muster des Vaters 
wählte, wäre gegen diese Wahl im Sinne der Gesundheit nichts 
einzuwenden. Sogar ihre Vorliebe für Witwer muß nicht als krank- 
haft qualifiziert werden. Wir können da nur von der Deutlichkeit 
sprechen, mit der in d i e s e m Schicksal eine bestimmte Wiederholungs- 
tendenz sich durchsetzt. 

Wo ist also das Neurotische in einer Schicksalsgestaltung zu 
finden ? Es werden sich hier keine Normen aufstellen lassen, genau 
so wie bei der Beurteilung einer Gesamtpersönlichkeit die Grenze 
zwischen „gesund" und „krank" sehr schwer zu ziehen ist. 

Wenn wir unsere Formulierung auf den besprochenen Fall be- 
ziehen wollen, so wird uns die so beliebte Methode der sozialen 
Wertung z. B. nicht weit führen können. Patientin ist im Großen 
und Ganzen sozial angepaßt, d. h. sie schadet den Interessen der 
Gesamtheit nicht, sie äußert keinerlei unsoziale Tendenzen. 

Es geht ihr nur die Fähigkeit ab, ein für sie selbst befriedigen- 
des Ziel zu erreichen, und wenn wir ihre Lebensgestaltung ana- 
lytisch betrachten, können wir feststellen, daß ihr erwachsenes Ich 
sich genau so verhält wie zur Zeit der Entstehung der infantilen 
Vorbilder ihrer späteren Schicksale. Wenn wir ihr die Wahl der 
Witwer als unneurotisch konzedieren, so ist die von ihr selbst 
provozierte, als schweres „Schicksal" erlebte Liebesenttäuschung eine 
neurotische Komponente dieser Wahl. Aus dem infantilen Vorbild 
wurde eben auch das mitgenommen, was das erwachsene Ich hätte 
korrigieren sollen, aber nicht imstande war zu tun. Deshalb muß 
die einst am Vater erlebte Enttäuschung anachronistisch am neuen 
Objekte wiederholt werden. 

Hier — in diesem Falle — ist der Maßstab des Krankhaften 
im Grade des individuellen Unglücks gegeben. Was natürlich nicht 



36 Hysterische 

heißen soll : wer unglücklich ist, ist neurotisch. Wir haben in diesem 
Fall gesehen, wie der späteren, auf Grund infantiler Bindungen er- 
folgten Objektwahl, Schuldgefühle zugesellt sind, deren Genese in in- 
fantilen, noch nicht erledigten Konflikten zu suchen war. Dieses 
Schuldgefühl zwang die Patientin andauernd zu Zielverzichten, Buße- 
reaktionen und schließlich zu Selbstmordabsichten. 

Diese übermäßigen Reaktionen des Schuldgefühls, die an die 
Art der Objektwahl eng geknüpft waren, sind der zweite Maßstab 
des Krankhaften in der „Schicksalsneurose" unserer Patientin. 

Wann werden wir also von einer „Schicksalsneurose" 
sprechen? Und besteht ein Unterschied zwischen einer Schicksals- 
neurose und einem sogenannten neurotischen Charakter? Dieser 
Unterschied scheint mir zu bestehen, wenn auch nur quantitativ. 

Die Schicksalsneurose ist ein Erleiden, das dem Ich 
scheinbar von der Außenwelt mit einer sich wieder- 
holenden Gesetzmäßigkeit zugefügt wird. Das wirkliche 
Motiv des Schicksals liegt, wie wir gesehen haben, in einem stän- 
digen, inneren, unauflösbaren Konflikt. 

Hysterisch werden wir diese Schicksalsneurose nennen, wenn 
sie auf Verdrängungen zurückzuführen ist, die in einer Kind- 
heitsepoche entstanden sind, in der die infantile 
Sexualität jeneStufe erreicht hat, die dem genitalen 
Sexualleben des Erwachsenen am nächsten steht. 
Es vollzieht sich hier keine Regression der Libido zu früheren Ent- 
wicklungsstufen, die mißlungenen Verdrängungen beziehen sich auf 
die Objektwahl und auf die Konflikte, die auch aus der infantilen 
Bindung an das Objekt resultieren. Die Fixierung unserer Patientin 
gilt dem Vater als infantilem Liebesobjekt und alle ihre schicksals- 
neurotischen Erlebnisse sind das Resultat dieser Bindung. Wenn wir 
das Gesagte in eine Formel bringen wollen, so sagen wir: es ist 
eine Fixierung in der in fantil-genitalen Phase der 
Libidoentwicklung. 

Der Unterschied zwischen der „Schicksalsneurose" und dem so- 
genannten „neurotischen Charakter" ist fließend und wird sich nicht 



Schicksalsneurose ?*■ 

immer feststellen lassen. Der neurotische Charakter weist zum Unter- 
schied von der Schicksalsneurose mehr diffuse Disharmonien in seinem 
Verhältnis zur Außenwelt auf. Diese Disharmonien kommen dadurch 
zustande, daß der reifen Persönlichkeit infantile Züge anhaften ; diese 
fallen aber so weitgehend mit der Gesamtheit der Ichorganisation 
zusammen, daß man ihnen nirgends so eindeutig die mißlungene 
Verdrängung nachweisen kann wie in der Schicksalsneurose. Sie sind 
nicht wie ein Symptom oder wie eine typische Schicksalsgestaltung, 
gegen das Gesamt-Ich organisierte Fremdkörper. Sie sind bereits durch 
das Ich assimilierte Angehörige einer geschichtlichen Vergangenheit, 
die nur der Gesamtpersönlichkeit ein bestimmtes Gepräge geben. 
Infolge dieser bereits erfolgten Symbiose mit dem Ich wird 
auch der neurotische Charakter für die analytische Therapie nicht sehr 
zugänglich sein. Hier gibt es keine fremden Mächte, die gegenein- 
ander stehen und die Beeinflussung dessen, was wir „Charakter" 
nennen, wird nur dort möglich sein, wo aus den assimilierten An- 
teilen Auswüchse des neurotischen Symptoms herausragen. Mit dem 
Symptom wird auch sicher die Charaktermasse, aus der es sich 
heraushebt, beeinflußt. 

Die Schicksalsneurose erscheint geeigneter für die Behandlung, 
weil die Schläge, die ihr das Leben bereitet, durch dieselben inneren 
Motive bedingt sind, wie neurotische Symptome. Wenn hier das 
Leiden vom Individuum selbst als krankhaft anerkannt wird, dann 
ist es auch der analytischen Therapie zugänglich. 



DRITTE VORLESUNG 

Hysterische Konversiomssyamptoame 

Naditamgst, Bettnässern, Potenzstorumgen 

Wir haben das letzte Mal einen Fall von Hysterie besprochen, 
der ohne klinische Symptome verlaufen ist. Also eine „gesunde 
Kranke", gesund im Sinne von symptomfrei, aber pathologisch in 
der ganzen Gestaltung ihrer Persönlichkeit und im ewigen Konflikte 



38 Hysterische Konversionssymptome 

in der Beziehung zur Außenwelt. Das Zustandsbild nannte ich 
„Schicksalsneurose" und was ich vor Ihnen als Schicksal aufgerollt 
habe, war durch dieselben Kindheitserlebnisse und Entwicklungs- 
schwierigkeiten bedingt, die uns sonst bei der Entstehung einer 
Krankheit als ätiologische Momente zu interessieren pflegen. 

In den Krankheitsgeschichten hysteri scher Symptom- 
kranker werden Sie nun genau dieselben Kräfte im Spiele finden, 
wie wir sie bei unserer „schicksalsneurotischen" Patientin gesehen 
haben. 

Die neurotische Erkrankung, über die ich Ihnen berichten werde, 
betrifft einen 28-jährigen jungen Mann, der die Analyse wegen 
Potenzstörungen aufsucht. Bald stellt es sich heraus, daß er an 
einer ganzen Anzahl psychisch determinierter körperlicher Symptome 
leidet, diese aber immer für durchaus organisch gehalten hat. Seine 
Potenzstörung ist sehr labil und wechselt den Charakter. Zeitweise 
ist er im Besitze der erektiven Potenz jedoch mit ejaculatio praecox, 
zeitweise tritt eine vorzeitige Erschlaffung des Gliedes, meist knapp 
vor der Immission ein. Nach einigen Monaten Analyse erreicht er 
eine volle Potenz, allerdings unter neuer Symptombildung. Ein gut 
gelungener Coitus in der ersten Zeit seiner Genesung hatte nämlich 
einen sehr peinlichen Epilog. Er litt seither an Bettnässen, das 
ihn begreiflicherweise in eine höchst peinliche Situation brachte. Da 
Patient die Analyse in diesem Zeitpunkt aus äußeren Gründen unter- 
brach, mußte das Symptom einer eventuellen Spontanheilung über- 
lassen werden. Diese erfolgte auch nach einigen Wochen ; der Patient 
selbst wußte aber ebenso wie ich, daß seine Analyse nicht be- 
endet war. 

Nach etwa einjähriger Unterbrechung kehrt er in die Behandlung 
zurück, obwohl seine Potenz die ganze Zeit gar nichts zu wünschen 
übrig gelassen hatte. 

Schon beim Abbruch der ersten analytischen Phase war es ihm 
klar gewesen, daß seine Beziehung zu mir, in der viele seiner neu- 
rotischen Wünsche und Phantasien enthalten waren, eine große Rolle 
in seinem Seelenleben spiele. Während der Analyse hatte er all- 



Nachtangst, Bettnässen, Potenzstörungen 39 

mählich alles in diese Phantasiegruppe, deren Zentrum meine Person 
war, untergebracht und bildete so eine intensive „Übertragungs- 
neurose", d. h. er übertrug alle seine infantilen, symptombildenden 
Einstellungen auf meine Person. Die Erreichung seiner Potenz war 
ein banaler Übertragungserfolg, der in seinem Falle darin be- 
stand, daß sämtliche Ängste und Verbote, die der Beziehung zum 
weiblichen Geschlechte im Wege standen, in der Beziehung zu mir 
deponiert wurden, wodurch der somatische Akt vollkommen triebhaft 
bei gleichgültigen, fremden Objekten ohne Zärtlichkeit und ohne 
tiefere seelische Befriedigung durchgeführt werden konnte. Das einzig 
wirklich Befriedigende dabei war nur das narzißtische Gefühl : „ich 
kann es." Mit der Wiederaufnahme der Analyse stellte sich wiederum 
eine völlige Impotenz ein. Jetzt war es ihm sichtlich unmöglich, diese 
Spaltung seines Gefühlslebens wieder durchzuführen und der Akt 
war wieder durch Ängste und seelische Hemmungen erschwert. 
Gleichzeitig fing der Patient exzessiv zu onanieren an, was er seit 
seiner Pubertät nicht mehr getan hatte. In dieser Zeit erzählte er 
mir, zum ersten Male im Verlaufe seiner Analyse, von einer Ge- 
wohnheit, die er seit seiner ersten Kindheit habe. Er könne nie 
anders als mit den Händen unter dem Polster einschlafen. Ereigne 
es sich während des Schlafes durch Verrücken des Polsters oder der- 
gleichen, daß die Hände frei werden, so pflege er sofort zu erwachen. 
Diese Schlafgewohnheit hatte sichtlich etwas zwanghaftes an sich 
und um ihrem Sinn näher zu kommen, griff ich aktiv ein. Ich riet 
ihm, den Versuch zu machen, entgegen seiner Gewohnheit mit den 
Händen auf der Bettdecke zu schlafen. Der Patient nahm meinen 
Rat als ein Gebot und bemühte sich, es zu befolgen. Die ersten 
Abende schlief er jedoch immer, ohne sein Wissen, mit den Händen 
unter dem Pcüster ein. Erst als er Gegenmaßnahmen traf, indem er 
sich auf einem ledernen, am Bett eng anliegenden Polster schlafen 
legte, gelang es ihm seine Absicht zu erreichen. Dies hatte aber 
sonderbare Folgen. In derselben Nacht nämlich erlitt er einen typi- 
schen Anfall mit Angstschreien, einen „Pavor nocturnus". Ich wußte 
bereits aus seiner Analyse, daß er als Kind von fünf Jahren längere 



4° Hysterische Konversionssymptome 

Zeit an solchen nächtlichen Zuständen gelitten hatte, auch, daß dieses 
Symptom zwischen seinem 7. und 8. Lebensjahr durch nächtliches 
Bettnässen, „Enuresis nocturna", abgelöst worden war. Auch wußte 
ich, daß sein kindlicher Pavor nocturnus zu einer Zeit entstanden 
war, in der er sich in der Blüte seiner normalen ödipuseinstellung 
befand und durch sein Schreien bei Nacht bewirken wollte, daß ihn 
die Mutter in ihr Bett nehme, um ihn vor seiner Angst zu schützen. 
Ebenso war mir bekannt, daß seine infantile Enuresis in dem Augen- 
blick eingesetzt hatte, als er gerade mit Erfolg die onanistische Be- 
friedigung aufgegeben hatte. Wir erkennen hier soviel, daß wahr- 
scheinlich auch die Enuresis die verhüllte Absicht verfolgte, nach der 
Flucht aus dem kalten, durchnäßten Bette von der allzugewährenden 
Mutter in ihr Bett genommen zu werden. Damit wird in uns 
der Verdacht erweckt, daß das Freimachen der Hände zur Zeit der 
Behandlung etwas in unserem Patienten mobilisiert hatte, was einmal 
in seiner frühen Kindheit aktuell war. 

Ein solches Gebot, wie das, die Hände unter dem Polster zu 
halten, kommt häufig in Schlafzeremoniells von Zwangskranken vor 
und steht meist in Verbindung mit unbewußten Onanieverboten. 
Es war daher sehr naheliegend, daß auch beim Patienten der Selbst- 
schutz vor der Onanie bei seiner Zwangshandlung eine Rolle spielen 
mußte. Es war ja kein Zufall, daß er mir von seiner Schlafgewohn- 
heit eben zu einer Zeit erzählte, in der er wieder stark zu mastur- 
bieren begann. Es mußte daher sein jetziger wie auch sein infan- 
tiler Pavor nocturnus mit der Onanie zusammenhängen. 

Pavor nocturnus und Enuresis nocturna sind die 
zwei häufigsten neurotischen Symptome der Kinderjahre. Pavor noc- 
turnus ist par excellence der intensivste Ausdruck jener infantilen 
Angst, die uns auch in der normalen Entwicklung die Schwierig- 
keiten des kindlichen Seelenlebens verrät. Ob dieser Form der 
Angst, wie sie für den Pavor nocturnus typisch ist, auch ein spezifi- 
scher Inhalt zugrunde liegt, ist nicht klar. Ein angstvolles Erwachen 
nach einem Angsttraum ist eine bei Kindern und Erwachsenen sehr 
häufige Sensation. Aber das krampfhafte Ausstoßen eines Schreies 



Nachtangst, Bettnässen, Potenzstörungen 41 

und eine typische, motorische Hemmung, die sich auch auf das 
Sprachliche beziehen kann und manchmal sogar den Angstschrei in 
qualvoller Weise behindert, scheint doch einem besonderen Vor- 
gang zu entsprechen. Dieses verzweifelte Sich-nicht-retten-können als 
Folge der Behinderung der Bewegungsfreiheit, das eben scheint mir 
ein spezifisches Moment in der Angstreaktion zu sein. 

Bei unserem Patienten konnte ich die Wiederbelebung seines 
infantilen Symptoms sozusagen in flagranti ertappen. Der Traum, 
der seinem letzten Anfall von Pavor nocturnus vorausging, war fol- 
gender: Er liegt mit einer Frau, deren Züge ihm wohl bekannt vor- 
kommen, in der er jedoch niemanden bestimmten agnoszieren kann, im 
Bett. Er versucht mit der Frau sexuell zu verkehren, hat aber das un- 
heimliche Gefühl, daß sich jemand im Nebenzimmer befindet, der lauschen 
könnte. Gleichzeitig hat er ein beklemmendes Gefühl, daß die Wand vor 
ihm zu wackeln beginnt ; er sieht, wie die Mauer weicher wird, sich lang- 
sam abbröckelt und er in Gefahr kommt, daß die Mauer auf ihn stürzt. 
Er versucht davonzulaufen, kann aber, wie gelähmt, seine Beine nicht 



Er erwacht mit furchtbarer Angst, versucht zu schreien, aber 
die Stimme versagt; schließlich kommt er zum vollen Bewußtsein 
und bemerkt, daß seine beiden Hände am erigierten Glied liegen. 
Zum Traum bringt er zwei Assoziationsreihen. Die eine führt in 
die Kindheitssituation, in der er im Nebenzimmer nächtliche Be- 
suche belauschte, die ein älterer Bruder seiner Gouvernante zu 
machen pflegte. Diese Koitusbelauschungen hatten eine erregende 
Wirkung auf die Phantasien unseres Patienten und drängten ihn 
zur Onanie. Jetzt im Traum kehrt er die Situation um, indem er, 
in der Traumsituation, selbst von anderen belauscht, das erlebt, was 
er selbst onanierend belauschte. Die Situation selbst wird ja sicht- 
lich mit denselben Reaktionen erlebt wie in der Kindheit. 

Die zweite Assoziationsreihe führte zum aktuellen Anlaß des 
Traumes. Am Abend vorher ging Patient, dessen Wohnung in 
meiner Nachbarschaft gelegen ist, an meinen Fenstern vorüber. Er 
blieb vor den Fenstern stehen und es drängte sich ihm ein Ge- 



4 2 Hysterische Konversionssymptome 



danke auf im Sinne der Übertragungssituation : „wer weiß, was ich 
jetzt mache! Sicher lebe ich selbst nicht so asketisch wie er." 
Dieser Gedanke regte ihn sexuell sehr auf und er nahm sich vor, 
gleich eine Prostituierte aufzusuchen. Er irrte noch eine Zeitlang 
suchend in den Straßen umher und kehrte dann verzichtend nach 
Hause zurück. 

Es ist klar, daß der Anlaß zu dem Traum ein sexueller, auf 
mich gerichteter Wunsch war. Die Unerlaubtheit der Realisierung 
setzte sich im Traum als Versuch einer Wunscherfüllung durch. Die 
„unbekannte" Frau war ja die verbotene, unerreichte Frau. 
Das Erlebnis vor meinem Fenster am Abend vor dem Einschlafen 
aktivierte die infantile Belauschungsszene, die dann als Traum- 
material diente. Bereits im manifesten Trauminhalt tritt die Hem- 
mung im Ablaufe der sexuellen Funktion auf. Bei der intendierten 
Lustgewinnung wird er durch den Lauscher an der Wand gestört. 
Schon diese Hemmung trägt in sich das Zeichen des Verbotes. Die 
Hemmung steigert sich im Traume zur Angst. Der Schauplatz dieser 
Angst wird aus dem Innenleben in die Außenwelt verlegt, die Ge- 
fahr liegt jetzt im Wackeln der Mauer, die ihn zerstören wird ; 
hinter der Mauer befindet sich die strafende Instanz, die elterliche 
Autorität. Die Angst nimmt nun die Form einer schweren, motori- 
schen Hemmung an, er kann vor der drohenden Gefahr nicht 
fliehen. Dieser Teil des Traumes ist eine häufige und typische 
Sensation des sogenannten Hemmungstraumes. Das Charakteristische 
des Hemmungstraumes ist, daß in ihm eine vom Schlafenden inten- 
dierte Aktion gedrosselt wird. Wir kennen die Quellen eines solchen 
Traumes. Die Drosselung ist hier die Folge eines inneren Ver- 
botes. Der Vorgang geht so vor sich, daß eine im manifesten 
Trauminhalt vollkommen harmlose Aktionstendenz nicht zur Ab- 
fuhr gelangen kann, weil sich hinter ihr, wie die Traumanalyse zu 
zeigen pflegt, eine verpönte, verbotene Regung des Träumers ver- 
steckt, die einmal verdrängt worden ist und jetzt wieder von den 
verdrängenden Instanzen zurückgewiesen wird. 

Welche Regungen es sind, die bei unserem Patienten im Spiele 



Nachtangst, Bettnässen, Potenzstörungen 43 

sind, verrät schon der erste Teil des Traumes : der sexuelle Akt 
wird hier durch die, hinter der Mauer lauernden, sich durch das 
Wackeln der Wand verratenden Mächte unterbrochen. In der Art 
der Drohung ist typischer Weise auch die Art der Bestrafung ent- 
halten. Das „Abbröckeln der Wand" ist eine für den Traum typi- 
sche Art der Projektion von der eigenen Körperlichkeit auf einen 
Gegenstand in der Außenwelt, also eine Kastrationsdrohung als Folge 
der verbotenen und angstgehemmten Handlung. 

Unterziehen wir den Vorgang, der sich hier abspielt, der wei- 
teren analytischen Beobachtung. Der Patient erzählte, daß er in der 
Kindheit an nächtlichen Angstzuständen gelitten hat. In diesen An- 
fällen sprang er jedesmal aus dem Bett, um sich vor den dunklen 
Gefahren zur Mutter zu flüchten. Es ist anzunehmen, daß er sich auch 
in der jetzt drohenden Gefahr zur Erreichung desselben Zieles rüstet. 

Am Anfang des Traumes erfolgt zuerst die motorische Drosse- 
lung des Koitusablaufes. Die nachfolgende, motorische Innervation 
des Fluchtversuches erliegt derselben Drosselung, denn scheinbar lag 
im beabsichtigten Davonlaufen die fortgesetzte, früher unterbrochene 
Tendenz zur Lustbefriedigung (wie einst in der Flucht zur Mutter). 
Das Laufen an sich, als motorischer Akt im Dienste des bedrohten 
Ich, hat nämlich die sexuell motorischen Elemente des unterbroche- 
nen Sexualaktes an sich gezogen. Deshalb muß auch diese motorische 
Tendenz, so wie der Ablauf des Sexualaktes, unterdrückt, gehemmt 
werden. Die Hemmung der Sexualfunktion setzt sich in der Hem- 
mung der Lokomotion überhaupt fort. Wir können sagen, daß hier 
die gesamte Motilität dadurch sexualisiert wird, daß sie die Elemente 
der eben unterbrochenen sexuellen Handlung an sich zieht. Die 
Hemmung läßt also das Sexualziel unbefriedigt, bedeutet aber doch 
im seelischen Haushalt einen Erfolg. Sie tritt ein, um dem Patienten 
die Folgen der beabsichtigten Handlung zu ersparen ; denn die Aus- 
führung der Aktion wird, wie wir gesehen haben, mit Kastration 
bedroht. Die Verzichtleistung auf die motorische Aktion soll ihn ja 
vor Strafe schützen. Im Traum ist aber diese Leistung mißlungen, 
denn es kommt zu intensiver Angstentwicklung als Folge der Drohung. 



44 Hysterische Konversionssymptome 



Der Patient wacht auf, aber im Wachen setzt sich der im 
Traume mobilisierte Vorgang fort. Es tritt die dritte Phase der ge- 
fesselten Aktion auf: er möchte schreien und kann nicht — eine 
typische Sensation des Alpdruckes und eine ständige Begleiterschei- 
nung des Pavor nocturnus; im Vorgang bei unserem Patienten eine 
sichtliche Fortsetzung der gedrosselten, motorischen Entladungsten- 
denz. Zum Schluß wird die Hemmung überwunden und der be- 
freiende Schrei wird ausgestoßen. 

In der Analyse des Patienten wurde es klar, unter welchen 
Bedingungen diese Hemmung überwunden werden kann. Dadurch, 
daß der motorischen Leistung ein neues Ziel gesetzt wird : er schreit 
nicht mehr um seine gehemmten, sexuellen Wünsche zu befriedigen, 
sondern, um ihre Erfüllung zu verhüten. Im Momente des Schreies 
erreicht der Patient sein Bewußtsein und findet ja seine Hände am 
Genitale. Der ausgestoßene Schrei wird jene Mächte herbeilocken, 
die die Onanie und ihre Gefahren verhüten und abwenden werden. 
Der Patient erinnert sich, daß der Pavor nocturnus seiner Kindheit 
| genau in derselben Form verlief. Wenn die eine Art der Angst- 
: zustände ohne motorische Hemmungen einherging und er sich ins 
Bett der Mutter flüchten konnte, endigte die andere, nämlich der 
Pavor nocturnus, mit jenem Schrei, in dem er nicht die gewährende 
Mutter, sondern den verbietenden Vater herbeirief. Die eine Form 
der Angst entsprach der libidinösen Sehnsucht nach der Mutter, 
deren Erfüllung sich der Patient noch gestattete. Die andere, der 
Pavor nocturnus, kam letzten Endes aus derselben Quelle, aus der 
der Muttersehnsucht. Ihr entgegen tritt aber eine schwere Bestrafungs- 
angst, die bereits den Charakter der Kastrationsangst trägt und die 
Erfüllung des libidinösen Wunsches hemmt. Das Ende ist asketischer 
Verzicht. Die motorische Hemmung löst sich im Schrei, nicht mehr 
nach der Erfüllung, sondern nach dem Schutz vor den Folgen der 
verbotenen Wünsche. 

In der Nacht nach dem Angsttraum träumt er wieder : Im Ber- 
liner Zoologischen Garten ist ein Affe aus dem Käfig entsprungen und 
hat an einer alten Frau einen Lustmord begangen. An der Verfolgung 



Nachtangst, Bettnässen, Potenzstörungen ac 

des Affen nimmt auch der Träumer teil. Er ist von der rennenden 
Menge bei der Verfolgung, mitgerissen, — etwa nach der Art einer 
amerikanischen Filmszene, — hat aber dabei ein angstvolles Gefühl, als 
wäre er der Verfolgte und nicht der Verfolger. Endlich erwischt er den 
Verfolgten, — es fällt ihm im Traume gar nicht auf, daß es nunmehr 
kein Affe, sondern ein Mensch ist, — und packt den Missetäter bei der 
Hand mit dem Gefühl einer sehr beglückenden, sieghaften Leistung. 

Er erwacht und findet sich selbst, krampfhaft mit der einen 
Hand die andere haltend. Diese Situation beim Erwachen verrät ihn 
selbst als Verbrecher des Traumes. Zum Affen assoziiert er seine 
Beobachtungen an onanierenden Affen in seiner Studienzeit in Ber- 
lin. Die infantile Auffassung des elterlichen Koitus, als sadistischen 
Akt, läßt ihn selbst als den Lustmörder erkennen. Hatte doch die 
Analyse aufgedeckt, daß in einer bestimmten Phase seines kindlichen 
Lebens — und es war die Zeit in der er an Pavor nocturnus litt 
— seine onanistischen Phantasien ebenfalls einen sadistischen Cha- 
rakter trugen. Daß die alte Frau im Traume mit mir, als aktueller 
Trägerin seiner Mutterbeziehung, identisch war, wurde in der Ana- 
lyse des Traumes sehr deutlich. Der Patient macht in den Assozia- 
tionen einen Spaß : wenn es sich um meine Person handle, so wäre 
das kein richtiger Lustmord. Er hätte einige Tage vorher bei der 
Begleichung seines Monatshonorars eine Phantasie gehabt, die er 
etwa „Raskolnikowphantasie" nennen würde: in dem abgelegenen 
Behandlungszimmer könnte man mich leicht ermorden, das Geld 
an sich nehmen und sich unbemerkt hinausschleichen. Dabei fällt 
ihm ein, daß die Geldverwaltung im Hause seiner Eltern der Mutter 
oblag. In der Pubertät, als seine sexuelle Bindung an die Mutter 
intensiviert wurde, hatte er — in einer für Jünglinge typischen 
Weise — diese Bindung mit Haß und Rücksichtslosigkeit gegen die 
Mutter abgewehrt. Es gab immer gehässige Kämpfe mit der Mutter 
ums Geld. Der Traum verrät deutlich, wie stark diese Kämpfe 
seinen abgewehrten libidinösen Tendenzen zu Diensten standen. 

Diese beiden Träume hängen organisch mit seinem infantilen 
Pavor nocturnus zusammen. In dem ersten Traum verrät die Lage 



46 Hysterische Konversionssymptome 



der Hände am erigierten Genitale, daß der Vorgang dem Kampf zur 
Unterdrückung der Onanie entsprach. Der zweite Traum endigt im 
Erwachen, mit dem „Sich-an-der-Hand-Erwischen", um eine ver- 
brecherische Tat mit der Hand abzuwehren. Vergessen wir nicht, 
daß beide Träume in den Tagen geträumt wurden, in denen ich 
ihm durch meine aktive Einmischung das Verbergen der Hände 
unter dem Polster unterbunden habe. Wir erkennen deutlich, daß 
seine Schlafgewohnheit ein Resultat seines eigenen Onanieverbotes 
war. Es war eine Schutzvorrichtung aus einer Zeit seiner infantilen 
Kämpfe gegen die Onanie. Durch den Entzug meines Schutzes brachte 
ich den Patienten in die ursprüngliche Angstsituation und als Resultat 
dieser Wiederholung wurde auch das infantile Symptom jener Zeit, 
der Pavor nocturnus, mobilisiert. 

Ich habe den Eindruck, daß die Analyse seines aufgefrischten 
Pavor nocturnus etwas Typisches aufgedeckt hat. Es ist den analyti- 
schen Beobachtern längst bekannt, daß der Pavor nocturnus bei 
Kindern zur Zeit der masturbatorischen Kämpfe aufzutreten 
pflegt. Diese Tatsache ist so eindeutig, daß sie auch den nichtanalyti- 
schen Forschern aufgefallen ist (z. B. Strohmayer u. a.). 

Ich wiederhole noch einmal kurz den oben besprochenen Vor- 
gang. Im Traum werden die wunscherfüllenden Tendenzen mobili- 
siert. Die mit diesen verdrängten Wünschen zusammenhängenden 
masturbatorischen Tendenzen gehen mit körperlichen Innervationen 
einher, die zu einer motorischen Entladung drängen. Diese wird 
jedoch im Traume unter Strafdrohung gestellt, die eine Hemmung 
der unerlaubten Aktion (der Onanie) hervorruft. Diese Hemmung 
breitet sich auf das ganze motorische System aus und die, selbst 
noch im Erwachen als Alpdruck und Bewegungsunfähigkeit emp- 
fundene Sensation entspricht der Unterdrückung des masturbatorischen 
Wunsches. In manchen Fällen wirkt die Strafdrohung noch im Halb- 
schlaf fort. Man sieht dann die verängstigten Kinder wie in einem 
halluzinatorischen Zustand lebhaft agieren, wobei man dem ganzen 
Gesichtsausdruck, dem Schreien „ich mach' es nicht mehr", die Straf- 
situation unzweideutig entnehmen kann. Der Hilfeschrei, der im Pavor 



Nachtangst, Bettnässen, Potenzstörungen 47 

nocturnus mit dem Abschluß der motorischen Hemmung sich durch- 
zusetzen pflegt, soll — wie wir im Obigen besprochen haben — 
nicht mehr der Befriedigung, sondern der Verhütung der Onanie 
dienen. Bei unserem Patienten war es klar, daß das Aufgeben der 
Verhütungsmaßregel (Hände unter dem Polster) den neurotischen, 
nächtlichen Vorgang provoziert hat. Sobald die Maßregel, die zur 
Verhütung der Angstentbindung gedient hatte, aufgegeben wurde, 
kam die Angstentfesselung zustande. 

Ich habe Ihnen diesen Mechanismus des Pavor nocturnus nicht 
nur deshalb so ausführlich auseinandergesetzt, weil es sich dabei um 
eine der häufigsten Formen der infantilen Neurose handelt, sondern 
auch, weil der Patient, über den ich berichte, an einer ganzen Reihe 
von hysterischen Konversionssymptomen litt ; diese hatten ihre Genese 
in denselben motorischen Hemmungen, die bei seinem Pavor noc- 
turnus in Frage kamen. Damit soll nicht gesagt werden, daß alle 
Symptome bei unserem Patienten oder auch bei anderen ähnlichen 
Erkrankten auf einem solchen Verschiebungsvorgang beruhen. Es ist 
nur eine Form, ein Typus der Konversionssymptome. Im übrigen 
wird die Aktion eines bestimmten Organs immer behindert sein, 
wenn sie durch eine anderweitige Rolle, die das Organ neben der 
gewohnten zu spielen hat, in ihrer normalen Ausführung beeinflußt 
wird. Die Motive, warum ein Organ eine neue Rollenbesetzung 
bekommt, können verschieden sein. Bei unserem Patienten ist im 
Pavor nocturnus die motorische Hemmung am Wege der Verschie- 
bung vom Sexualorgan auf das ganze motorische System vor sich 
gegangen. Wir werden noch reichlich Gelegenheit haben, auch bei 
unserem Patienten von Verschiebungen und Beeinträchtigungen von 
Organfunktionen zu sprechen, die dadurch entstehen, daß die Funk- 
tionen auch eine andere als die ihnen sonst eigene Bedeutung be- 
kommen. 

Sie werden sich erinnern, daß wir bei dem Patienten noch ein 
Symptom in der Analyse neu auftreten gesehen haben, dessen Ent- 
stehung eine Auffrischung, eine Wiederbelebung eines infantilen 
Symptoms war. Darauf möchte ich etwas ausführlicher eingehen und 



zwar aus zwei Gründen. Erstens handelt es sich dabei um ei* 
häufiges infantil-neurotisches Symptom, zweitens war es der Tummel- 
platz seiner wichtigsten neurotischen Konflikte, die zu seiner Er- 
krankung und zur Bildung auch anderer Symptome geführt haben. 
Aus der Analyse ging, wie Sie schon gehört haben, hervor, daß 
die Blütezeit seiner masturbatorischen Betätigung in der Phase des 
Pavor nocturnus lag. Die onanistischen Phantasien hatten damals 
einen außerordentlich sadistischen Charakter. Der Kampf gegen diese 
Tendenzen, deren Ausdruck der Pavor nocturnus war, endigte mit 
einem scheinbaren Sieg. Patient hörte damals zu onanieren auf, der 
Pavor nocturnus verschwand und in der Gestaltung seiner Persön- 
lichkeit trat eine Veränderung ein, die dem ganzen späteren Wesen 
das ausschlaggebende Gepräge gab. Aus dem aggressiven Jungen 
wurde ein braver, liebenswürdiger, etwas gedrückter Mensch, die 
„gute Stunde" selbst, wie ihn seine Umgebung nannte. Daß es sich 
aber dabei nicht um eine Überwindung im Sinne der gesunden 
Entwicklung gehandelt hat, war daraus zu ersehen, daß eben in 
dieser Zeit die Enuresis nocturna aufgetreten ist. Allerdings spielte 
sich um diese Zeit etwas ab, was wir wiederum als aktuellen Anlaß, 
als „aktuellen Konflikt" betrachten können. Es ist schwer zu sagen, 
ob der Wegfall eines solchen traumatischen Erlebnisses die Neurose 
verhütet hätte. Ich habe eher den Eindruck und gerade bei diesem 
Patienten ist der Eindruck sehr eindringlich, daß das Erlebnis, auf 
das wir gleich zu sprechen kommen werden, sich in einer bestimmten 
Weise ausgewirkt hat, weil es auf eine bereits vorhandene Bereit- 
schaft gestoßen ist. Wir werden jetzt die Entstehung des neuen 
Symptoms von zwei Gesichtspunkten aus betrachten können. Der 
eine wird sich mit der Einstellung des kleinen Jungen nach dem 
Aufgeben der Onanie beschäftigen, der zweite mit seiner Reaktion 
auf das traumatische Erlebnis. 

Die analytische Erfahrung zeigt uns, daß so heftige Kämpfe 
gegen die Onanie und so schwere Schuldgefühlsreaktionen, wie wir 
sie bei unserem Patienten, gesehen haben, nicht immer mit einem 
einfachen Aufgeben der Onanie einhergehen. Ein solches Übermaß 



Nachtangst, Bettnässen, Potenzstörungen 40 

an Schuldgefühlen pflegt eine Selbstbestrafung nach sich zu 
ziehen, besonders, wenn die libidinösen Strebungen einen so sa- 
distischen Charakter haben. Das Resultat kann verschieden sein. 
Die Angst kann einfach durch Schuldgefühlsreaktionen abgelöst wer- 
den, so daß abgesehen von der Verzichtleistung auf die angster- 
zeugenden Lustfunktionen eine Persönlichkeit entsteht, zu inneren 
Verboten und Askese immer bereit, aber angstfrei und praktisch ge- 
sund. Oder es kommt, statt der Verzichtleistungen, eine Selbst- 
bestrafung zustande und diese selbst äußert sich in der Bildung 
neuer Symptome. Dieser Vorgang hatte bei unserem Patienten statt- 
gefunden. Mit dem Verzicht auf die sadistischen Funktionen seines 
Sexualorgans hatte er die in den Angstzuständen des Pavor noctur- 
nus angedrohte Kastration selbst vorgenommen, die als Enuresis 
nocturna zum Ausdruck kam. Die Analyse derselben hatte ergeben, 
daß er sich zu jener Zeit in diesem Symptom so benahm, als 
hätte er keinen Penis mehr. Aber das Unbewußte des kleinen Jun- 
gen hatte auch in dieser Selbstbestrafung auf die Urkraft der mensch- 
lichen Seele, auf die Lustgewinnung, nicht verzichtet. Gleichzeitig 
mit dem Selbstbestrafungsprozeß, mit dem Verzicht und der Ver- 
drängung seiner sadistischen Tendenzen, hatte sich auch die Um- 
stellung in seinen libidinösen Ansprüchen vollzogen. Er wollte jetzt 
nicht mehr als kleiner, aggressiver Mann den „Lustmord" an der 
Mutter begehen, er wollte selbst wie die Mutter vom Vater geliebt 
werden und mit ihm verkehren. Ein solches Schicksal der Libido, 
wie wir es bei unserem kleinen Jungen finden, kommt meist durch 
die Summation mehrerer Ursachen zustande. So erinnerte er in der 
Analyse, daß sich seine onanistischen Spiele nicht nur am Geschlechts- 
organ abgespielt hatten, sondern daß die ganze Gegend des Peri- 
neums und des Anus in die Lustsensationen mit einbezogen wurden. 
Dazu kamen noch: eine habituelle Verstopfung, Würmer, an denen 
er jahrelang gelitten hatte, häufige Irrigationen usw., die bei ihm 
die Erregbarkeit jener Körperregion so steigerten, daß sich 
schließlich ihre Besetzung mit Phantasien, die ihr den Charakter 
eines weiblichen, passiven Organs des Mannes verliehen, ergeben 

4 



5° Hysterische Konversionssymptome 



mußte, wie wir dies häufig im Seelenleben vieler männlicher Pa- 
tienten und in den Betätigungen Perverser zu finden gewohnt sind. 
Mit dem Aufgeben seines männlichen Organs, mit der „Selbstkastra- 
tion" als Selbstbestrafung gibt unser Patient die Tendenz zur Lust- 
gewinnung nicht auf. Nur an Stelle der männlich-aggressiven Stre- 
bungen treten weiblich-passive mit starker Besetzung der analen 
Zone als eines neuen Lustorgans. In dieser Zeit verwandelt er sich 
auch charakterologisch und wird, wie wir gehört haben, aus einem 
wilden Jungen „die gute Stunde selbst". Damals ereignete sich das 
nun zu erwähnende traumatische Erlebnis. 

Als er 8 Jahre alt war, kam ein kleines Schwesterchen zur 
Welt und er brachte den beim Säugling angewendeten Reinigungs- 
und Badeprozeduren ein besonders starkes Interesse entgegen. Die 
Analyse konnte da den Patienten bei einer sonderbaren Erinnerungs- 
fälschung ertappen. Er behauptete nämlich lange Zeit hartnäckig, daß 
die Enuresis bei ihm gar nicht in der späteren Kinderzeit aufge- 
treten sei. Vielmehr meinte er mit vollster Sicherheit angeben zu 
können, daß er überhaupt nie, von seiner Geburt bis zur Pubertät, 
das „Unter-sich-lassen" aufgegeben hätte. Bei Tag wäre es ihm wohl 
gelungen, sich aus Scham zurückzuhalten, bei Nacht hätte er aber 
nie etwas dagegen tun können. Abgesehen von der objektiven Be- 
stätigung der Mutter, ging aus der Analyse klar hervor, daß 
die Enuresis zur Zeit der Geburt des kleinen Schwesterchens ent- 
standen war und eine Nachahmung der Kleinen, eine Identifizierung 
mit ihr, bedeutete. Noch eine sonderbare Fehlleistung seines Den- 
kens hatte da bestätigendes Material gebracht. Bis in die Pubertäts- 
zeit hatte Patient nämlich die Vorstellung gehabt, daß die Blasen- 
vorgänge beim weiblichen Geschlecht nicht der willkürlichen Innerva- 
tion unterliegen. Er glaubte, wenn die Blase voll ist, fließe sie aus 
und deshalb müßten die Frauen viel häufiger als die Männer aufs 
Klosett gehen, um das Überfließen der Blase zu verhindern. Aller- 
dings ist diese Ansicht später korrigiert worden, aber es stellte sich 
heraus, daß diese Korrektur sehr oberflächlich war. Eine Frau sein — 
wie die Mutter und die kleine Schwester — bedeutete in seinem 



Nachtangst, Bettnässen, Potenzstörungen c! 

Unbewußten zur Zeit seiner infantilen Enuresis, ein Loch haben, 
aus dem der Urin spontan „wie ein Wasserfall" herausfließt. Sonder- 
barerweise setzte sich sein Interesse für Wasserfälle auch in seinen 
Sublimierungen durch: als Ingenieur interessierte er sich in der 
Studienzeit besonders für die Verwertung der Wasserkräfte. 

Ob sich die Geburt des kleinen Schwesterchens und die Identi- 
fizierung mit ihr im Sinne der Entstehung solcher weiblicher, 
urethraler Phantasien ausgewirkt hätte, wenn nicht schon vor- 
her die Umkehrung in eine passive Einstellung, vor sich gegangen 
wäre, die sich durch die „Selbstkastration" und das Vorhandensein 
urethral-analer Triebtendenzen ausgedrückt hatte, ist sehr schwer zu 
beurteilen. Ich möchte hinzufügen, daß noch eine Determinante im 
Symptom der Enuresis enthalten war : eine weibliche Geburtsphan- 
tasie, in deren Zentrum die Identifizierung mit der Mutter stand, 
und das dunkle Ahnen vom Fruchtwasser, das wir auch sonst in 
den allmenschlichen Geburtsphantasien vorzufinden pflegen. 1 Auch 
hier ist es schwer zu unterscheiden, ob die aktuelle Schwangerschaft 
und Entbindung der Mutter, eine Auslösung seiner weiblichen 
Phantasien in dieser Richtung mobilisiert hat. Jedenfalls bleibt die 
feminine Einstellung zum Vater von nun an ein wichtiger Bestand- 
teil des Seelenlebens unseres Patienten und Sie werden im weiteren 
hören, daß eine ganze Reihe seiner hysterischen Symptome aus 
dieser Quelle stammt. 

Im Allgemeinen möchte ich bemerken, daß diese Genese der 
Enuresis nocturna, wie sie b'ei unserem Patienten aufgedeckt wurde, 
auch sonst für dieses Symptom ausschlaggebend zu sein scheint. Ich 
selbst habe sie bei mehreren Fällen bestätigt gefunden und aus dem 
von anderen Analytikern mitgeteilten Material diese Ansicht be- 
festigen können. 

l) Bei der Enuresis weiblicher Patienten handelt es sich genau um dieselben 
unbewußten Vorstellungsinhalte wie bei den männlichen. Auch hier wird dem Penis 
die Funktion eines Abschlußhahnes zugeschrieben. Das Bettnässen gehört dann beim 
Mädchen zu den neurotischen Reaktionen auf die Feststellung des anatomischen 
Unterschiedes. 



Natürlich spielen auch hier die Geburtsphantasien eine große Rolle. 



4* 



Kehren wir zu unserem Patienten zurück. Sie werden sich noch 
erinnern, daß er neben anderen Potenzstörungen auch an Ejacu- 
latio praecox gelitten hat. Abraham hatte darauf aufmerksam 
gemacht, daß bei den an Ejaculatio praecox leidenden Patienten 
eine engere Beziehung zwischen der Ejakulation und der Miktion 
zu bestehen pflegt. Abraham hat auch bei seinen Patienten ge- 
funden, daß sie in den Kinderjahren starke Lustempfindungen bei 
der Harnentleerung hatten, daß sie sich schwer an Reinlichkeit ge- 
wöhnten und daß sie an Bettnässen litten. Er weist auf die Lust 
des passiven Fließenlassens hin und auf die Tatsache, daß der gan- 
zen Libido dieser Patienten die männliche Aktivität mangelt. Es 
war ihm auch aufgefallen, daß bei den Patienten „häufig eine be- 
sondere Erogenität des Dammes und der rückwärtigen Partien des 
Skrotums besteht. Diese Gegend entspricht entwicklungsgeschichtlich 
dem Introitus vaginae und seiner Umgebung". 

Somit wäre auch nach Abraham die Beziehung zwischen der 
Ejaculatio praecox und der Miktion einerseits, zwischen der Ejacu- 
latio praecox und der feminin-passiven Einstellung andererseits ge- 
geben. Die Ableitung der Enuresis nocturna von der passiv-femini- 
nen Komponente des Trieblebens scheint jedoch Abraham nicht 
klar geworden zu sein. Weitere Bestätigungen meiner diesbezügli- 
chen Anschauung, die an dem Patienten gewonnen wurde, werden 
sich noch ergeben. 

Erinnern Sie sich, daß unser Patient nach der Überwindung 
seiner Potenzstörung auf den ersten gelungenen Koitus so reagierte, 
daß er nach vielen Jahren zu seinem infantilen Symptom des Bett- 
nässens zurückkehrte. Die Analyse ergab dann, daß etwas in seinem 
Phantasieleben bei dem scheinbar gelungenen Koitus unbefriedigt 
geblieben war, und zwar die feminine Komponente, die er zu jener 
Zeit aus seinem Sexualleben noch nicht ausschalten konnte. Nach- 
träglich holte er sich ihre Befriedigung im Symptom. 

Ich habe nicht die Absicht, noch ausführlicher über Ejaculatio 
praecox zu sprechen. Sie ist viel komplizierter als Sie aus meinen 
bisherigen Auseinandersetzungen entnehmen können. Sie kann jede 



Nachtangst, Bettnässen, Potenzstörungen ra 

Neurose begleiten und ob sie mehr einen zwangsneurotischen oder 
einen hysterischen Charakter trägt, kann man bei jedem Fall erst 
durch die analytische Einsichtnahme feststellen. 

Der Patient, den wir besprechen, hatte in der Entwicklung 
seiner Libido die genitale Stufe erreicht und sie dann nachträglich, 
regressiv, zum Teil aufgegeben. Seine neurotischen Konversions- 
symptome haben durchwegs einen hysterischen Charakter und wir 
werden sie einzeln der analytischen Besprechung unterziehen. 



VIERTE VORLESUNG 

Hysterische Komverslomssymptomie 

Lähmung, Sprachstörung, Freutest 

Sie erinnern sich, daß Ihre Aufmerksamkeit in der vorigen 
Vorlesung auf zwei Symptome hingelenkt worden ist, die während 
der Behandlung des Patienten entstanden sind, bezw. durch diese 
provoziert wurden und eine Brücke zu den Äußerungen seiner in- 
fantilen Neurose bildeten. 

Ich versuchte Ihnen auseinandersetzen, aus welchen Angstquellen 
sein kindlicher Pavor nocturnus entstanden ist; vielleicht konnte ich 
auch an diesem Falle überzeugend zeigen, wie in der sogenannten 
„Angst-lähmung", d. h. in der Unmöglichkeit vor der scheinbar 
äußeren Gefahr zu fliehen, schon jene Mechanismen in Funktion 
waren, die die motorischen Hemmungen der hysterischen Konversion 
bedingen. Damit ist die Umwandlung eines rein psychischen Vor- 
ganges in eine körperliche Ausdrucksform gemeint. 

Hier war die Überführung der verpönten, sexuellen Phantasie 
in einen masturbatorischen Akt dasjenige, was dem inneren Verbote 
unterlag. Die Unterdrückung der sexuellen Handlung führte durch 
Verschiebung zur Hemmung des übrigen motorischen Apparates. 
Solche Schicksale der verdrängten Onanie sieht man in der Analyse 



54 Hysterische Konversionssymptome 



häufig, manchmal als Störungen im motorischen, manchmal im vaso- 
motorischen Gebiete. Ich habe schon des öfteren Fälle beobachtet, bei 
denen Schwellung und Rötung der Hand während der Analyse jedes- 
mal aufzutreten pflegte, wenn die Assoziationen des Patienten in die 
Nähe der in der Erinnerung auftauchenden, verdrängten Masturba- 
tion kamen. Dieses Symptom stellte dann eine Art Schamreaktion 
dar, wie etwa das Erröten, und enthielt auch einen Selbstverrat, 
eine Selbstanklage vor dem Analytiker. 

Ich erinnere mich, einen Fall beobachtet zu haben, bei dem 
eine hysterische Lähmung des rechten Armes unter 
Bedingungen aufgetreten ist, bei denen das Nichtabreagieren eines 
Affektes als unmittelbarste Ursache offensichtlich war. Es handelte 
sich um einen Handelsschüler, der in der Schule bei einer Kontro- 
verse mit dem Mathematiklehrer plötzlich die Kreide aus der Hand 
fallen ließ und nicht mehr schreiben konnte. Die Lähmung des 
Armes hielt viele Monate an und auch die Bewußtmachung der 
wirklich bestehenden Tatsache, daß der Wutaffekt gegen den ebenso 
gehaßten, wie gefürchteten Lehrer die Ursache der Konversion war, 
führte zu keinem therapeutischen Erfolg. Im hypnotischen Zustande 
reagierte der Patient mit stärksten Affektausbrüchen die in der 
Schulszene wirklich erlebte und damals unterdrückte Wut ab. In 
der kurzen Analyse, die der hypnotischen Behandlung angeschlossen 
wurde, kamen sogar die infantilen Erlebnisse, die diese Reaktions- 
bereitschaft erzeugt hatten, zur Erinnerung. Auch die besondere Rolle 
des Professors als Ubertragungsobjekt für die väterliche Autorität 
wurde dem Patienten klar, ohne daß der Erfolg über eine 
zeitweilige Besserung hinausgegangen wäre. Erst als die Hartnäckig- 
keit des Symptoms und seine Unzugänglichkeit für alle therapeuti- 
schen Maßnahmen eine richtige psychoanalytische Behandlung erfor- 
derlich machte, konnte in ihr der Beweis erbracht werden, daß die 
Szene mit dem Professor auf verschlungenen Wegen mit Onanie- 
verboten von Seiten des Vaters verknüpft war, gegen den sich 
darum heftige Aggressionen gewendet hatten, die wieder von schwe- 
ren Schuldgefühlen begleitet wurden. Allmählich konnte dann in der 



Lähmung, Sprachstörung, Freßlust 55 

Analyse die im Gefolge der Auflehnung gegen den Professor ent- 
standene Lähmung des Armes als Ausdruck einer Art „Selbstkastra- 
tion" am rebellischen Organ entlarvt werden. 

Eine gewisse Verwandtschaft in der Entstehungsgeschichte dieses 
Symptoms mit der Enuresis beim Patienten, der im Mittelpunkt unseres 
Interesses steht, führt uns nun zu diesem zurück. Sie erinnern sich, 
daß er dieses Symptom akquirierte, nachdem er die aktiv onanistischen 
Befriedigungswünsche aufgegeben hatte. Das neue Symptom, aus 
Angst entstanden, sollte ihn vor dem direkten Angsterlebnis schützen. 
Als Darstellung des Verzichtes auf eine Form der Lustbefriedigung 
stand es jedoch erst recht im Dienste anderweitiger Lustten- 
denzen. Diese Umwandlung ging so vor sich, daß aktive genitale 
Tendenzen unter dem Drucke des Schuldgefühls aufgegeben und — 
als Resultat der im Phantasieleben akzeptierten Kastration — weiblich 
gerichtete, urethrale und anale Strömungen verstärkt wurden, die 
sich im Symptom der Enuresis geltend machten. 

Das nächtliche Bettnässen behielt der Patient bis zur Pubertät, 
d. h. bis zu der Zeit, in der er nach langem Intervall wiederum zu 
onanieren anfing und dann ohne irgendwelche Hemmungserschei- 
nungen, relativ frühzeitig den sexuellen Verkehr aufnahm. Er blieb 
bis zu seinem 18. Lebensjahr vollkommen potent, neigte aber zu 
Depressionen und zu Bildung von Konversionssymptomen. 

So litt er etwa im achten Lebensjahr durch mehrere Jahre hin- 
durch an einer Sprachschwierigkeit vom Charakter der Aphonie ; 
später zeitweise an einer Art intermittierendem Hinken, dann an 
hartnäckiger Obstipation, an Sodbrennen, Trockenheit im Munde und 
Erbrechen. Er war eigentlich ein chronisch Kranker, lief von einem 
Spezialarzt zum anderen, besuchte Bäder und klimatische Orte, und 
wurde entweder für kurze Zeit gebessert oder vertauschte ein 
Symptom gegen das andere. 

Ich möchte betonen, daß man bei keiner ärztlichen Unter- 
suchung irgendeine krankhafte Organveränderung beim Patienten 
finden konnte. Alle Symptome konnten kurzweg „psychogen" ge- 
nannt werden. 



5^ Hysterische Konversionssymptome 



Ein solcher negativer Befund an den symptombesetzten Or- 
ganen kann schließlich keinen Zweifel übrig lassen, daß es sich um 
Konyersionssymptome handelt, d. L, daß ein psychischer Vorgang 
in körperliche Sensationen überfuhrt wurde. Selbstverständlich kann 
die Überführung, bezw. Konvertierung, sich ebenso an einem ge- 
sunden wie an einem organisch erkrankten Körperteil abspielen. Von 
einem „Entgegenkommen des Organs" als Ursache oder erstem 
Anlaß zur Etablierung des psychischen Vorganges im Körperlichen 
kann dann gesprochen werden, wenn gewisse Veränderungen am 
Organ, die an und für sich noch keine Krankheit darstellen, einem 
vagierenden, psychischen Prozeß in einer Art Gastfreundschaft eine 
Niederlassung gewähren. 

Der Fall unseres Patienten gab keine Veranlassung dazu, in 
seinen Symptombildungen dieses „Entgegenkommen" anzunehmen. 
Mit der Behebung der psychischen Schwierigkeiten schwanden die 
körperlichen Symptome, ohne daß in den Organfunktionen irgend 
etwas zurückgeblieben wäre, das auf dieses eventuelle „Entgegen- 
kommen" hingewiesen hätte. Manche dieser Symptome schwanden 
sogar, ohne daß es ganz klar werden konnte, warum sie sich gerade 
des betreffenden Organs bedient hatten. 

Man bekommt in Krankengeschichten häufig zu lesen, daß ein 
1 Konversionssymptom verschwand, nachdem seine psychischen Deter- 
minanten in einer oder in mehreren analytischen Stunden aufgedeckt 
wurden. Meine Erfahrung läßt mich annehmen, daß ein solches Ver- 
schwinden von Symptomen unmittelbar nach Aufdeckung seiner 
Determinanten die Folge einer autosuggestiven Einwirkung ist, etwa 
im Sinne der Erwartungsvorstellung des Patienten, der auf den Gedanken 
hin : „jetzt weiß ich, was das Symptom bedeutet, also jetzt muß es 
verschwinden", das Symptom aufgibt. Das Konversionssymptom 
hat wohl seine speziellen Determinanten, sie sind jedoch mit der 
Gesamtheit der neurotischen Konflikte so eng und sozusagen netz- 
artig verwoben, daß das Symptom erst mit der Erschütterung der 
ganzen konfliktuösen seelischen Apparatur und mit der Gesamtaus- 
wirkung der analytischen Behandlung wirklich erledigt werden kann. 



Lähmung, Sprachstörung, Freßlust 57 



Bei der Behandlung von Konversionssymptomen können wir voll- 
inhaltlich den Satz aufstellen: vom Symptom Befreien ist leicht — 
von der Neurose schwen 

Bei unserem Patienten ließen sich sämtliche Konversionssymptome, 
die verschiedenartigsten Organbesetzungen auf gemeinsame Ursprungs- 
quellen zurückführen. Ja, man kann sogar sagen, daß in seinem 
Pavor nocturnus und in der Enuresis nocturna, also in den 
ersten Kindheitssymptomen, bereits die ersten Glieder der kontinuier- 
lichen Kette seiner Konversionssymptome enthalten waren. Daß 
gerade bestimmte Organe zur Darstellung bestimmter un- 
bewußter Inhalte dienten, war bei meinem Patienten, wie Sie sehen 
werden, vielfach, aber immer rein psychisch determiniert. 

Versuchen wir den Weg, den die Entwicklung seiner Neurose 
gegangen ist, noch einmal mit einer gewissen Einhaltung der chrono- 
logischen Reihenfolge einer Prüfung zu unterziehen. 

Seine erste infantile Angst kommt aus einer bestimmten 
Quelle und hat nur e i n Ziel, dessen Erreichung Angstfreiheit gewährt. 
Sie ist nämlich der Ausdruck einer Sehnsucht nach der M u 1 1 e r ; 
dem Streben nach der Erfüllung dieses Zieles setzt sich zuerst noch 
kein Hindernis entgegen. Hemmungslos sucht der kleine Junge das 
Bett der Mutter auf, um an ihrer Seite vollkommen angstfrei, ruhig 
einzuschlafen. Er scheint in dieser Phase noch in keinerlei verhängnis- 
vollem Rivalitätsverhältnis zum Vater zu stehen. Das häufige Ziel 
der infantilen Angst, durch die Anwesenheit im Schlafzimmer der 
Eltern die geheimnisvollen Beziehungen der Eltern zueinander zu 
stören, scheint zu jener Zeit noch im Hintergrunde zu sein. 

Erst als die Sehnsucht nach der Mutter bereits in den Kämpfen 
des Ödipuskomplexes steht und die dunklen Triebansprüche 
nicht mehr durch die bloße Nähe der Mutter befriedigt werden 
können, wird der psychische Vorgang komplizierter, die Verarbeitung 
dieser unbewußten Ansprüche schwieriger. 

Der Wunsch nach der Mutter hat in der Zeit, in der der 
Pavor nocturnus aufgetreten ist, bereits einen deutlich geni- 
talen Charakter. Der Drang zur ma sturbatorischen Ent- 



5« 



Hysterische Konversionssymptome 



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worden und hatten wie der Traum, den ich Ihnen berichtet habe 
djjAA zeigte, auch in der Übertrag eine Wiederhat 

Der ursprüngliche Vorgang der Angstentwicklung ist damit 
kodierter geworden. Denn die alte Sehnsuchtsangst und die v" 
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Sehen wir uns den Vorgang näher an : An die Stelle der früher 
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anspruchen deren Intensivierung sichtlich auch die zurückweisenden 

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auf die Mutter ist aber nur eine scheinbare, denn das was früher 

gestattet war und befriedigt werden konnte, nun b. veZ^isT 
wird jetzt introvertiert, d. h. es spielt sich im Innenleben b 
m der unbewußten Phantasietätigkei, Den CharakterTseT ha b e n 
wir bereits kennen e-elerm- rl?««,- v>u . • n 

scher, T m ^ Phantast waren von sadisti- 

sch e n Tendenzen getragen, und der uns bekannte Übertragung 
räum führte uns in die infantile Ausgangssituation seine ZZ' 
In dxeser Situation sahen wir den kleinen Jungen im Kampfe Zn 
seme masturbatorische Tätigkeit. Die üLLdZ^S^S^ 

d^en Wm ^^ VCrb0teS ' ^ " V ° n der Außenweh odt "m 
ebenen Willen kommen, ist ein Bewußtseinsakt und kann mödicW 

:r™^L*z? t^ -t ütagskam; ^ 

Serben ^e^^^ ££ 

abgehalten werden, zu inneren Spannungen führen. Diese drängen 



Lähmung, Sprachstörung, Freßlust 59 

mit elementarer Gewalt zur Abfuhr und verschaffen sich sie in neu- 
rotischen Symptomen. In jenem oben erwähnten Traum und in den 
Kämpfen, die unser Patient in seinen nächtlichen Anfallen als Kind 
auszufechten hatte, konnten wir die von der Unterdrückung der 
masturbatorischen Phantasien resultierenden Spannungen und den 
Vorgang der Neurosenbildung deutlich beobachten. 

Die primäre, sehr intensive Bindung an die Mutter bekommt 
nun in einer bestimmten Entwicklungsphase einen aggressiven, 
genital-sexuellen Charakter. Er hatte Gelegenheit, den Verkehr zwi- 
schen dem älteren Bruder und der Gouvernante zu belauschen. Da- 
durch werden seine eigenen Triebansprüche noch mehr erregt. Er 
verlegte die belauschte Situation in seiner Phantasie vom Zimmer 
der Gouvernante auf den Schauplatz seiner eigenen Sehnsucht, in das 
Schlafzimmer der Mutter. Die Sehnsucht nach der Mutter, wie auch 
die masturbatorische Betätigung stehen aber unter einem Verbote. 
Von wem das Verbot ausgeht und welchen Inhalt die Strafdrohung 
hat, läßt sich im Traume in beinahe klassischer Form sehen. Jenes 
autoritative Objekt, an dessen Stelle sich der kleine Junge in seinen 
aggressiven Phantasien versetzt, jene strenge Macht „hinter der 
Mauer" erweist sich in der Analyse als Vertreter (via älterer Bruder usw.) 
der ursprünglichen, väterlichen Autorität, von der die Strafdrohung 
für die verbotenen Wünsche ausgeht. Der Vater selbst ist jene 
Mauer, die zwischen ihm und der Mutter steht, die sich strafend auf 
ihn stürzt, um ihn zu erdrücken und zu vernichten. In der sym- 
bolischen Darstellung der „abbröckelnden Wand" haben wir deutlich 
die Kastrationsdrohung gesehen, die sich seinen Triebtendenzen 
widersetzt und ihn zur Verdrängung seines masturbatorischen 
Wunsches zwingt. 

Die Hemmung der Masturbation könnte man als gelungene 
Verdrängung ansehen, wenn sie auch die Phantasien und die Trieb- 
ansprüche beträfe, insbesondere zu einer Zeit, in der das Ich des 
Kindes noch nicht fähig ist, sie anders als durch Verdrängung zu be- 
wältigen. Bei unserem Patienten können wir aber das Mißlingen der 
Verdrängung beobachten, und zwar gibt sich dieses Mißlingen in 



60 Hysterische Konversionssymptome 



seinen nächtlichen Anfällen kund. Mit der motorischen Innervation, 
die im Dienste des zurückgewiesenen Triebes steht, unterliegen in 
diesen Anfällen auch anderweitige, triebferne Innervationen dem 
Hemmungsvorgang, sie werden in diesen mit einbezogen und der 
Erfolg einer gelungenen Verdrängung, d. h. die Angstfreiheit, wird 
nicht erreicht. Diese mißlungene Verdrängung werden wir in seinen 
späteren neurotischen Symptomen noch weiter verfolgen können und 
es wird uns klar werden, daß der Patient jener autoritativen Macht 
des Vaters, die sich in seinen kindlichen Ängsten drohend seinen 
unbewußten Wünschen entgegenstellte, eine Vertretung, eine Re- 
präsentanz in seinem Seelenleben aufgerichtet hat; diese verhängt 
auch noch zu einer Zeit, da seine erwachsene Persönlichkeit sich von 
der äußeren Abhängigkeit vom Vater emanzipiert hatte, in ihm selbst, 
mit größter Tyrannei anachronistisch und andauernd dieselbe Dro- 
hung über ihn, wie damals, als die Unreife seines Ichs und damit 
die Unfähigkeit seine Triebe zu bewältigen, die Verbote berechtigt 
erscheinen ließen. 

Sie werden immer wieder bei diesem Patienten sehen können, 
wie alle seine Symptome eine Aufgabe zum Ziele haben: ihn 
angst fr ei zu machen. Diese intendierte Angstfreiheit ist aber 
an Bedingungen geknüpft, die der Patient nur in seinen Hemmungen 
und Symptomen zu erfüllen vermag. 

Sie werden sich sicher die Frage stellen : vor welcher Angst 
sucht sich der Patient durch seine Symptombildungen zu schützen ? 
Vor jener, die von einer Triebgefahr ausgeht oder vor jener, die 
den verbietenden und drohenden Mächten gilt? Sie werden bald 
mit Beruhigung feststellen können, daß uns die Beantwortung dieser 
Frage in keinerlei Verlegenheit bringen wird. Einmal wird das Ich 
vor der unbewußten Triebkraft in Angst geraten und sich nach 
Maßnahmen umschauen, die es vor dieser Gefahr schützen sollen. 
Das andere Mal wird es unter dem Drucke seines Schuldgefühls Angst 
vor Bestraftingen entwickeln, und sich Hemmungen und Verzichten 
unterziehen, um der Bestrafung zu entgehen. Zum Schluß wird es 
auch Symptome bilden, die bereits selbst Bestrafungen entsprechen. 



V 



Lähmung, Sprachstörung, Freßlust 61 



Die Grenzen zwischen diesen Entstehungsstätten der Angst lassen 
sich nicht scharf ziehen. 

Wenn das Ich die Triebgefahr innerlich wahrnimmt, so reagiert 
es auf diese Wahrnehmung mit Angst. Diese Angst ist ein Signal 
zur Bildung von Gegenströmungen, die die Aufgabe haben, die un- 
bewußten Triebtendenzen zu hemmen und dadurch das Ich von der 
Angst zu befreien. Die hemmenden Einflüsse gehen vom Über-Ich 
(Gewissen) aus und bleiben ebenso unbewußt, wie die Trieb ten- 
denzen. Wir werden ihnen bei unseren Besprechungen in verschie- 
denen Formen begegnen : als Gewissensangst (Über-Ich- Angst), 
also triebhemmend, aber nicht angstbefreiend, als neurotische 
Reaktionen des Schuldgefühls, und vor allem als Sym- 
ptome, die den Charakter von sogenannten Gegenbesetzungen 
haben, d. h. sie sind Maßnahmen, die das Ich vor den unbewußten 
Triebgefahren schützen sollen. 

Nun kehren wir wieder zum Pavor nocturnus unseres Patienten 
zurück. Die Triebregungen, von denen wir bereits gesprochen ha- 
ben, werden da also von den verbietenden Mächten zurückgewiesen. 
In seinen kindlichen Anfällen befinden sich diese Mächte noch zum 
Teil in der Außenwelt, d. h. das Onanieverbot und die damit ver- 
bundene Kastrationsdrohung sind noch an die erzieherischen Maßnah- 
men der Umgebung gebunden. Sie sind aber auch schon zum Teil 
verinnerlicht, d. h. die Bestrafungsgefahr liegt auch bereits in der 
Funktion des eigenen Schuldgefühls. Es scheint überhaupt, daß wir 
die Bedeutung der realen Drohung, die von der Außenwelt er- 
folgt, bei der Entstehung der Kastrationsangst zu sehr überschätzen. 
In manchen Fällen kann man sich des Eindruckes nicht erwehren, 
daß die unter dem Drucke des Schuldgefühls im Inneren entstehende, 
also bereits verinnerlichte Kastrationsangst erst in jene Mächte der 
Außenwelt hinausprojiziert wird, die an der Bildung der moralischen 
Instanzen einst beteiligt waren. Unserem Patienten z. B. ist nie die 
geringste Geste vom Vater zugekommen, die als Kastrationsdrohung 
empfunden werden konnte. Im Gegenteil, seine eigenen, schwer 
sadistischen, aggressiven Regungen gegen den milden, gütigen Vater, 



62 Hysterische Konversionssymptome 



haben sein inneres Konto zu Gunsten des Vaters sehr belastet ; als 
Folge dieser Belastung des Schuldgefühls tritt ihm auch sein eigenes 
strenges Über-Ich drohend in seinen Ängsten entgegen und über- 
trägt nachträglich in seinen Träumen und masochistischen Phantasien 
die Straffunktion dem Vater. 

Erinnern Sie sich an unsere Auffassung der motorischen Hem- 
mung im Pavor nocturnus. Was zuerst der Zurückweisung erliegen 
soll, sind seine masturbatorischen Phantasien, bezw. ihr motorischer 
Ablauf. Die Hemmung ergreift dann den ganzen motorischen Appa- 
rat, wobei der Vorgang im Sinne der Angstbefreiung als mißlungen 
zu betrachten ist, denn mit der erfolgten Hemmung geht auch eine 
intensive Angstentwicklung einher. Es macht den Eindruck, als 
ginge die Drohung und die Warnung so vor sich, daß im ersten 
Akt, d. i. in der Hemmung, eine vermeidende Rettungsaktion unter- 
nommen wird, die jedoch ihr Ziel nicht erreicht und daß die Angst 
vor der Strafe sich in dem Hemmungsakt selbst fortsetzt. Der 
Schauplatz der Gefahr ist dabei von innen in die Außenwelt ver- 
legt. Die motorische Hemmung erzeugt ihrerseits die angstvolle Sen- 
sation der Unfähigkeit vor einer realen Gefahr zu fliehen. (Ein- 
stürzende Mauer.) Zum Schluß des ganzen Vorganges wird sichtlich 
der Triebwunsch aufgegeben und damit auch die Hemmung über- 
wunden. Der befreiende Angstschrei stellt den Kontakt mit der 
verhindernden, aber nicht mehr strafenden Außenwelt wieder her. 

Bei den direkten Beobachtungen des Pavor nocturnus macht es 
immer wieder den Eindruck, als sollte durch das nächtliche Auf- 
schreien der Kinder mit Hilfe der Außenwelt etwas verhindert wer- 
den, was wohl schon einer Hemmung unterlag, nämlich der Drang 
zur Masturbation, aber erst auf dem Wege einer Unterstützung 
durch die Mächte der Außenwelt endgültig beseitigt werden kann. 

Die Behinderung des Sprachvermögens als Teilerscheinung der 
gesamten motorischen Hemmung war aber hier auch auf andere 
Motive zurückzuführen. Der Schrei nach der gewährenden Mutter 
sollte in dieser Lebensperiode nicht mehr erhört werden und die 
Sprachbehinderung hatte somit einen asketischen Charakter. Noch in 



I 



Lähmung, Sprachstörung, Freßlust 63 

seinen Kinderjahren — aber auch später — erlangte die Sprach- 
schwierigkeit des Patienten die Bedeutung eines selbständigen 
Symptoms. 

Wir haben bereits erwähnt, daß er in seinem achten Lebens- 
jahr an aphonischen Zuständen gelitten hat und, daß diese Zustände 
zeitweise auch im späteren Leben aufzutreten pflegten. Die Analyse 
erwies deutlich, daß sein Sprach vermögen immer in jenen Situatio- 
nen gestört war, in denen bestimmte, verdrängte Regungen sich zur 
Ermöglichung ihres Durchbruches eben der Sprachorgane bedienen 
wollten. 

Zur Zeit der Geburt seines kleinen Schwesterchens sind seine 
aggressiv-sexuellen Triebtendenzen bereits sehr weitgehend verdrängt 
gewesen; der Pavor nocturnus inaugurierte bei ihm diesen Ver- 
drängungsschub. Zur Zeit der Enuresis nocturna sehen wir ihn be- 
reits in einer vollzogenen Umgestaltung seiner früheren sadistischen 
Persönlichkeit. Die Verdrängungskämpfe endigten mit der Umkeh- 
rung seiner aggressiven Tendenzen in masochistisch-passive und wir 
haben ja erfahren, daß er im Symptom der Enuresis selbst auf sein 
männliches Organ verzichtete und sich mit der früher begehrten 
Mutter, wie auch mit der aggressiv beneideten Schwester identifi- 
zierte. Diese Identifizierung mit den weiblichen Objekten hatte sehr 
verhängnisvolle Folgen für seine ganze psychische Gestaltung. Sie 
blieb nicht partiell und beschränkte sich nicht auf einzelne Symptom- 
bildungen, wie es häufig bei der Entstehung hysterischer Konversions- 
symptome zu sein pflegt. Sie werden wohl sehen, wie eine ganze 
Anzahl seiner Symptome solchen partiellen Identifizierungen ent- 
sprach ; diese erfolgten jedoch auf der Basis einer Gesamteinstellung, 
die ihrerseits die Abwendung seiner Libido von der männlichen 
Rolle mit sich brachte. 

Zur Zeit der Geburt des kleinen Schwesterchens hatte er trotz 
des oben besprochenen Umkehrungsprozesses seine libidinöse Ein- 
stellung zur Mutter nicht vollkommen verlassen. Wenn auch seine 
aktiv gerichteten Wünsche der Verdrängung unterlagen, so hatte er 
doch versucht, in einer anderen Rolle die Mutter für sich zu ge- 



I 






64 Hysterische Konversionssymptome 

winnen. Unser kleiner Junge trachtete sichtlich immer den jeweili- 
gen Gegner mit dessen eigener Waffe zu schlagen. So versuchte er 
es früher einmal gegen den Vater, dessen Stelle er als aggressiver 
kleiner Mann einnehmen wollte, bis dieser Versuch durch seine 
neurotischen Ängste einen jähen Abbruch erlitten hat. Wir haben 
erfahren, wie er sich der Folgen dieser schuldbeladenen Epoche 
erwehrt hat: indem er auf seine männliche Rolle verzichtete und 
seine sadistischen Tendenzen in masochistische verwandelte. Ich 
habe Sie bereits darauf aufmerksam gemacht, daß diese Umkehrung 
nicht nur unter dem Drucke des Schuldgefühles zustande kam, 
sondern daß auch gewisse, bereits vorgebildete Bereitschaften aus 
früheren Entwicklungsphasen (vor allem der urethralen und der ana- 
len) als Ersatzlustprämie sich anboten. Es war so, als würden in 
ihm in seinen Kastrationsängsten und inneren Strafdrohungen Er- 
innerungen an frühere Lustsensationen auftauchen, die ihm einen 
Ersatz versprachen und ihn zum Verzicht auf die Lust, die ihm vom 
bedrohten Organ kam, ermunterten. 

Jetzt, beim Auftreten eines neuen Konkurrenten in der Liebe 
zur Mutter, versuchte er wieder sich selbst dem neuen Rivalen, der 
kleinen Schwester, wie einst dem Vater anzugleichen. Schon das 
Bettnässen hatte in einer Determinierung dieser Angleichung ent- 
sprochen. Sie haben aber bereits gesehen, daß es viel tieferer Motive 
bedurfte, um diese Identifizierung durch ein Symptom herzustellen. 
Sicher hätte der Achtjährige mit Entrüstung jeden Versuch dieser ihn 
entmannenden Identifizierung abgelehnt, wenn nicht schon früher 
aus anderen Gründen ein Vorstoß gegen seine Männlichkeit in 
seinem Inneren unternommen worden wäre. Die Identifizierung 
mit der kleinen Schwester im Bettnässen war nur eine der Trost- 
prämien für die bereits aus Schuldgefühl masochistisch aufgegebene 
Männlichkeit. 

Einem ähnlichem Schicksale unterlag seine „männliche" Stimme. 
Die erste Hemmung der Sprache galt, wie wir deutlich sehen konn- 
ten, seinem aktiven Lockrufe nach der Mutter. Die Neugeborene 
schien ihm einen anderen Weg zur Eroberung der Mutter zu weisen. 



Er merkte, daß ihr unartikuliertes Schreien jedesmal die zärtliche 
Fürsorge der Mutter hervorlockte; er mußte nicht nur neiderfüllten 
Herzens Zeuge dieser mütterlichen Zärtlichkeit sein, sondern auch 
sich selbst in seiner nächtlichen Ruhe und in seinen Gewohnheiten 
des bis dahin einzigen Kindes gewaltig gestört fühlen. Er versuchte, 
sich derselben Mittel wie sie zu bedienen und wurde in einer 
Übergangsphase zwischen dem aggressiven, wilden Jungen und dem 
stillen, braven Knaben, zu dem er sich dann umwandelte, ein ewig 
verraunzter Quälgeist, der die Umgebung fortwährend in Anspruch 
zu nehmen versuchte. Erst als diese Mittel das Ziel nicht erreichten, 
„verstummte" er eines Tages, sozusagen im wörtlichsten Sinne, in- 
dem er eines Morgens aufstand und keinen Laut herausbringen konnte. 
Dieses Verstummen war das Resultat der Erfolglosigkeit seiner 
schreierischen Konkurrenz mit der Schwester. So wie er in der Kon- 
kurrenz mit dem Vater zum Schluß sein männliches Organ aufge- 
geben hatte und das Aufgeben in einem Symptom (Enuresis) doku- 
mentierte, so gab er auch jetzt das Konkurrenzschreien auf und er- 
setzte es durch ein Symptom, das eine Art „Negativ" zum früheren 
Verhalten darstellte (wie die Enuresis zur aktiven Masturbation). 

Die Analogie in der Bildung der Symptome ließ sich noch 
weiter analytisch verfolgen. Das auslösende Motiv zur psychischen 
Selbstkastration war das schwere Schuldgefühl, das sich umso stär- 
ker auswirkte, je aggressiver seine ursprünglichen Tendenzen waren. 
Dieselben Kräfte waren auch jetzt im Spiele. An die Konkurrenz 
mit der Schwester schließt eine aggressive Wut gegen die Neuge- 
borene an, der er sich durch Identifizierung zu erwehren versucht. 
Als ihn hier der erwartete Erfolg im Stiche läßt, steigert sich seine 
Wut und seine Aggression gegen den kleinen Schreihals nimmt die 
Form des Wunsches an, die Kleine möge für immer verstummen. 
So ein „Stummwerden" dient häufig in der Sprache des Traumes 
zur Darstellung des „Totsein". Die masochistische Wendung gegen 
sich selbst bringt den eigenen Verlust der Sprache mit sich, genau 
wie vorher den Verlust des männlichen Organs im Symptom des 
Bettnässens. 



66 Hysterische Konversionssym ptome 

Wir haben gesehen, daß das Aufgeben der männlichen Funk- 
tion des Genitalorgans neue Befriedigungsmöglichkeiten eröffnet hat, 
und zwar durch die Wiederbelebung von früheren erogenen Lust- 
zonen. Auch das Verstummen brachte dem Patienten neue Ent- 
schädigungen. Nicht nur in dem, was wir „sekundären Krankheits- 
gewinn" zu nennen pflegen, d. h. daß man dem nun erkrankten 
Kinde mehr Aufmerksamkeit schenkte, sondern auch weil die Sprach- 
organe, insbesondere der Mund, ebenfalls eine erogene Bedeutung 
bekommen hatten und weil auch die Beschäftigung der Ärzte und 
der besorgten Eltern mit diesem Organ unbewußten Triebbefriedi- 
gungen des kleinen Patienten diente. Auch hier hatte die Identifi- 
zierung mit der kleinen Schwester zur Wiederbelebung seiner Mund- 
erotik beigetragen. In der Nahrungsaufnahme hatte die Kleine jene 
enge Verbindung mit der Mutter erreicht, die ihm jetzt versagt 
bleiben mußte. Aber auch diese Identifizierung in der Besetzung 
der Mundzone konnte nur deshalb so erfolgreich und intensiv Zu- 
standekommen, weil der Patient bereits früher die männlich-geni- 
talen Tendenzen verdrängt und in dem nachfolgenden Umstellungs- 
prozeß seiner Libido alle jene Zonen neu besetzt hatte, die seinen 
passiv-femininen Wünschen mehr entsprochen hatten. 

Wenn man also von einem „Entgegenkommen der Organe" 
sprechen kann, so wirkt sich dieses Entgegenkommen vor allem in 
dem Sinne aus, daß bei solchen Symptombildungen Organe besetzt 
werden, die durch die historische Vergangenheit der durchgemach- 
ten Entwicklungen dazu prädisponiert sind. 

Das Aufgeben einer höheren Entwicklungsstufe der Libido geht 
immer mit regressiven Besetzungen früherer Lustorgane einher, und 
zwar entweder jener, die schon früher eine besondere Intensität der 
Lustfunktion aufwiesen oder solcher, die für die neu entstehenden, 
aber anachronistischen Ziele besonders geeignet erscheinen. Für die 
passiv-femininen Tendenzen unseres Patienten erwiesen sich die 
analen, urethralen und oralen Organe als besonders geeignet. Die 
Identifizierung mit der kleinen Schwester hatte natürlich auch dazu 
ihren Beitrag geliefert. Die Hemmung des Sprachvermögens war also 



Lähmung, Sprachstö rung, Freßlust 67 

mehrfach determiniert: Sie entsprach einem reaktiven Ausdruck der 
Identifizierung mit der Schwester, in dem die Stelle des Schreiens 
durch das Verstummen eingenommen wurde, vor allem aber einer 
masochistischen Abwendung der Aggression von der Schwester gegen 
das eigene Ich. So kam es zu einem asketischen Verzicht auf die 
Funktion des Sprechens, da das Sprechorgan unbewußten Tenden- 
zen dienen sollte, die von Ichinstanzen zurückgewiesen wurden. Die 
harmlose ichgerechte Funktion des Organs wurde in den Prozeß 
mitgerissen, etwa so, wie bei der Bewegungshemmung im Pavor 
nocturnus die gesamte Motilität — gewissermaßen schuldlos — bei 
der Zurückweisung einer einzelnen, bestimmten, motorischen Inner- 
vation mitgehemmt wurde, oder so, wie die sublimierte und vom 
Ich vollauf akzeptierte Funktion des Schreibens bei ienem Handels- 
schüler, über den ich hier berichtet habe, aufgegeben werden mußte, 
weil andere Intentionen von Seiten des Armes vom Ich zurück- 
gewiesen wurden. 

Nicht alle neurotischen Störungen unseres Patienten hatten den 
asketischen Charakter der Hemmung, d. h. der Verzichtleistung auf 
die Funktion. Um bei den oralen Symptomen zu bleiben, erin- 
nere ich Sie an die bereits erwähnte Freßlust, die im späteren 
Leben unseres Patienten mit Appetitlosigkeit, Dyspepsie, Sodbrennen 
und Erbrechen abzuwechseln pflegte. Diese Freßsucht wiederholte 
sich auch in einer Phase der Behandlung, aus der hervorging, daß 
im Chaos seiner Phantasien nicht nur die passiven Strebungen sich 
der Mundorgane bemächtigt hatten, sondern daß auch sehr tief ver- 
drängte, sehr infantile Regungen von aktiv-aggressivem Charakter 
hier ihren Platz gefunden hatten. Der Patient pflegte eine Zeit lang 
unmittelbar nach der analytischen Stunde zwanghaft von einem 
qualvollen Hungergefühl getrieben, ein in meiner Nähe gelegenes 
Gasthaus aufzusuchen, um mehrere Portionen von besonders schar- 
fen, gewürzten Speisen gierig zu verschlingen. 

Diese Freßsucht meldete sich zu einer Zeit, in der er gegen 
seine passive Rolle in der Analyse zu protestieren begann. Die 
Analyse mache ihn „schlaff und weibisch", meinte er, und eine 






solche Situation der Frau gegenüber sei für ihn als Mann höchst er- 
niedrigend. Nach dem Genuß von gewürzten Speisen habe er immer 
das Gefühl, als flössen neue, männliche Kräfte seinem Körper zu. 

Die unbewußten Regungen, die im Freßsymptom zum Durch- 
bruch kamen, hatten einen sehr aktiven und aggressiven Charakter. 
Aber zufolge der Verdrängung seiner genitalen Libido konnten auch 
jetzt seine aggressiven Wünsche mir gegenüber keinen männlich- 
genitalen Charakter haben. Sein aktiver Protest fand keine andere 
Form als die eines sehr infantilen Wunsches : das begehrte Objekt 
aufzufressen. Da die Realität, ebenso wie die Urteilsfunktion des 
Patienten einerseits, die Unbewußtheit dieses Wunsches andererseits, 
eine direkte Befriedigung am Objekte nicht zugelassen hatten, be- 
gnügte sich der Patient mit gewürzten Speisen zur Befriedigung 
seiner kannibalischen Wünsche. 

Im Gegensatz zu den oben beschriebenen Hemmungen, in 
denen eine Ichfunktion (z. B. das Sprechen) durch ihre Verbindung 
mit unbewußten Strebungen aufgegeben werden mußte, ist beim 
Symptom der Freßlust der Vorgang der umgekehrte. Auch hier 
stellt sich eine Ichfunktion (Nahrungsaufnahme) in den Dienst unbe- 
wußter libidinöser Tendenzen. Sie unterliegt aber keiner Hemmung, 
sondern bekommt den Charakter einer Überfunktion. Nur die 
Zwecklosigkeit des Vielessens, das Frustrane dieser Mehrleistung 
beweisen es, daß diese Leistung anderweitigen, unbewußten Zwek- 
ken dienen muß. So kann z. B. der neurotische Heißhunger, wie 
er häufig bei hysterischen Frauen vorzukommen pflegt, durch keine 
Nahrungsaufnahme genügend befriedigt werden, weil der Hunger 
hier ein Ausdruck anderer, unbewußter und weiterhin unbefriedigt 
bleibender Wünsche ist. Ein klassisches Beispiel für Eßgelüste aus 
unbewußten Tendenzen finden wir bei schwangeren Frauen. 
Der tiefere Sinn dieser Gelüste ist auch dichterisch erfaßt worden. 
In seinem Roman „Zwei Frauen" beschreibt Balzac, im tiefen 
intuitiven Erfassen dieses Zustandes, Gelüste einer schwangeren Frau 
nach faulen Orangen, in denen er kannibalische, gegen das Kind 
im Leibe gerichtete Freßphantasien erkennt. 



Anfälle, Dämmerzustände 69 



FÜNFTE VORLESUNG 

Hysterische Komversioinssymptoane 

Anfäll© — Dämmerzustände 

Wir wollen jetzt unsere Aufmerksamkeit einem anderen Sym- 
ptom zuwenden, das bei dem Patienten, mit dem wir uns bis jetzt 
beschäftigt haben, zeitweise in den langen Jahren seines psychischen 
Leidens aufzutreten pflegte. Ich habe dieses Symptom bereits er- 
wähnt und nannte es „intermittierendes Hinken", da es 
sich um eine Gehstörung gehandelt hat, die anfallsweise und vor- 
übergehend aufzutreten pflegte. Im Laufe der Jahre nahm dieses 
Leiden einen mehr chronischen Charakter an und bekam von den 
Ärzten die Verlegenheitsdiagnose „Rheumatismus". Begreiflicher- 
weise trotzte das Symptom sämtlichen antirheumatischen Prozeduren 
und doch war es eines der ersten, das Patient in der Analyse voll- 
kommen aufgab, wobei ich gestehen muß, daß die Genese dieses 
Symptoms in der Analyse nicht ganz aufgeklärt wurde. 

Gerade bei Konversionssymptomen kann man meistens die so- 
genannten „traumatischen" Situationen, unter denen das betreffende 
Symptom zum erstenmal aufgetreten ist, wiederherstellen. Man kann 
dann zweierlei Vorgänge verfolgen. Entweder wird ein Symptom 
dauernd festgehalten, d. h. die seelische Erregung, die in das Sym- 
ptom auslief, ist nicht erledigt und schickt permanente Innervationen 
aus, die das Symptom aufrecht erhalten (dies gilt hauptsächlich für 
Symptome auf dem Gebiete der Motilität, für Lähmungen und 
Kontrakturen). Oder die Symptome (und dies gilt meistens für 
Symptome sensorischer Natur) treten intermittierend auf, und zwar 
unter bestimmten Bedingungen, die dann in der Analyse ihre asso- 
ziative Verbindung mit pathogenen Situationen nachweisen lassen. 
Ein typisches, häufiges, intermittierendes Symptom ist z. B. das 



70 Hysterische Konversionssymptome 

hysterische Erbrechen, das immer nur bei bestimmten Anlässen auf- 
zutreten pflegt, als Ausdruck des Ekels und der Abwehr, oder eine 
ganze Menge von Symptomen, die die Rolle von Schutzvorrichtun- 
gen übernommen haben und nur bei Gefahrssituationen auftauchen. 

So z. B. pflegte eine meiner Patientinnen beim Tanzen sehr 
übelriechende Schweißausbrüche zu bekommen, die ihr dieses für 
andere so harmlose Vergnügen unmöglich machten. Für das asketisch 
lebende, die Sexualität verdrängende Mädchen war diese Gelegenheit 
der körperlichen Annäherung des Mannes sichtlich gar nicht so 
harmlos und so produzierte sie zum Schutz gegen ihre eigenen 
Phantasien dieses unangenehme Symptom. In anderen Situationen, 
in denen sie sich irgendwie gefährdet fühlte, entwickelte sie auch 
anderweitige Körpersymptome, die alle dazu dienten, in der Um- 
gebung die Ablehnung ihrer Person hervorzurufen. 

Auch unser Patient hatte im Hinken, dessen Genese, wie gesagt, 
nicht restlos eruierbar war, eine Schutzvorrichtung gegen gewisse 
Regungen seines Seelenlebens gefunden. Zur Zeit des Auftretens 
des Symptoms, und zwar in der Pubertät, war Patient außer- 
ordentlich ehrgeizig. Dieser Ehrgeiz geriet jedoch in Konflikt mit 
anderen Strömungen. Sie erinnern sich, daß Patient in seiner Kind- 
heit stark passiv-feminine Züge aufgewiesen hat. In der Pubertät 
nun war seine Libido bereits vollständig homosexuell gerichtet, und 
zwar war es in dieser Zeit immer einer seiner Schulkameraden, dem 
seine Liebe galt; gewöhnlich derjenige, der in seinen ehrgeizigen 
Zielen sein unmittelbarster Konkurrent war. In allen jenen Situa- 
tionen der Schulzeit, in denen, wie bei Prüfungen usw., eine Kon- 
kurrenz mit diesem Kameraden auszutragen war, fing er zu hinken 
an, gleichzeitig pflegte sich auch eine Sprachhemmung einzustellen, 
die Patient selbst „ein Hinken mit der Zunge" nannte. Aus der 
Analyse ergab sich, daß beide Symptome aus seiner passiv-masochi- 
stischen Einstellung zum Geliebten resultierten. Während sein Be- 
wußtsein den Sieg gegen den Konkurrenten anstrebte, erwies sich 
der unbewußte Drang zum Zurückweichen, der sich der Symptome 
bediente, als stärker. Die Genese dieser passiv-masochistischen Ein- 



Anfälle, Dämmerzustände 71 

Stellung wurde uns schon bei der Besprechung seiner Enuresis 
nocturna klar. 

Mit der Verdrängung der akti v-genitalen Stre- 
bungen wird seine ganze libidinöse Beziehung zur Welt femi- 
nin-masochistisch, und so steht ein großer Teil seiner Sym- 
ptome unter dem Zeichen der Befriedigung oder der Abwehr dieser 
Tendenzen. Die Gestaltung seiner Persönlichkeit sowie die Bildung 
der Symptome geht einerseits unter dem Drucke der strafenden und 
verbietenden Instanz vor sich (masochistische Reaktionen, asketische 
Verzichtleistungen in den Symptomen usw.), andererseits aber dienen 
sie den Befriedigungen seiner libidinösen Regungen. Wir verstehen, 
daß die Grenze zwischen diesen Triebbefriedigungen und den 
masochistischen Reaktionen des Schuldgefühls schwer zu ziehen ist, 
weil beide in den Wunscherfüllungen gleichsinnig gerichtet sind. 

Wir haben auch gesehen, daß ein Teil seiner Symptome in 
der Identifizierung mit der Schwester, bezw. mit .der Mutter wur- 
zelte. Nach dem Tode der Mutter, die an einem Magenkrebs starb, 
als unser Patient 22 Jahre alt war, verstärkte sich diese Identifi- 
zierungstendenz mit der Mutter außerordentlich in der Art seiner 
Symptombildung. 

Die zahlreichen Magensymptome, die er produzierte, hatten 
ursprünglich mit der späteren Erkrankung der Mutter nichts zu tun, 
obzwar sie auch einer Identifizierung mit ihr entsprachen. Seine 
Schwangerschaftsphantasien z. B. hatten genau dieselben Inhalte und 
Intensitäten, wie wir sie bei hysterischen Frauen und Mädchen zu 
sehen pflegen : angefangen von Obstipation bis zu Erbrechen, Span- 
nungen in der Magengrube usw., war das ganze Inventar der typi- 
schen Schwangerschaftsreaktionen bei ihm vorzufinden. Es stellte 
sich in der Analyse sogar heraus, daß sein Begehren, immer von 
neuem röntgenologisch untersucht zu werden, auf die Erfüllung 
zweier infantiler Phantasien hinzielte; die Sondeneinführung ent- 
sprach der Phantasie von der oralen Befruchtung, das Röntgenbild 
sollte seine kindliche Neugierde: „wie schaut es im Bauche aus?," 
befriedigen. 



72 Hysterische Konversionssymptome 

Nach dem Tode der Mutter nimmt die Identifizierung mit der 
Verstorbenen einen unheimlichen Charakter an. Ursprünglich hatten 
die aus dieser Identifizierung hervorgegangenen Symptome nur die 
Bedeutung einer weiblichen Einstellung zum Vater. So war es mit 
der Enuresis, mit den Schwangerschaftssymptomen usw. Sie ver- 
dolmetschten seine unbewußten libidinösen Wünsche und dienten 
zum großen Teil ihrer Befriedigung. 

Der Tod der Mutter steigerte noch seine unbewußten Schuld- 
gefühle gegenüber der Verstorbenen. Bei einer Konstellation des 
Ödipuskomplexes im Sinne der Umkehrung, wie bei diesem Patien- 
ten, pflegt auch das Schuldgefühl gegen die Eltern eine andere Rich- 
tung und anderen Charakter anzunehmen. Die Umkehrung drückte 
sich vorerst in einer masochistischen Einstellung zum Vater aus und 
sollte die Befriedigung und Beruhigung des Schuldgefühls des kleinen 
Jungen im Verhältnis zum Vater bewirken. Aber der Wunsch, in 
der Beziehung der Eltern zueinander die Rolle der Mutter einzu- 
nehmen, mußte Beseitigungswünsche gegen die einst geliebte Mut- 
ter zur Folge haben. Außerdem hing an diesem Verlassen der 
Mutter — wenn es auch unter dem Drucke des Liebesverbotes 
zustande kam — ein großes Stück von Selbstbeschuldigung über die 
eigene Untreue, und der reale Tod der Mutter mußte dann schwere 
Gewissensbisse mobilisieren. Unseren Patienten führten sie zu einer 
Identifizierung mit der Mutter in ihren Leidenssymptomen : er müsse 
so sterben wie sie. Aus dieser Vorstellung entwickelten sich die- 
selben Magenzustände, an denen die Mutter gelitten hatte. Das von 
den Schuldgefühlen bedrohte Verdauungsorgan zog seine ständige 
Aufmerksamkeit auf sich und wurde mit narzißtischer Fürsorge um- 
geben, die den Charakter einer hypochondrischen Angst annahm. 

Diese gesteigerte Aufmerksamkeit war eine Reaktion auf ein 
Angstsignal, das diesmal durch die Drohung des schuldbeladenen 
Gewissens entstanden war. Der Patient blieb aber nicht bei dieser 
hypochondrischen Angst ; seine Phantasie verwirklichte in der Selbst- 
bestrafung jene Symptome, an denen die Mutter gelitten hatte, an- 
gefangen von Schmerzen bis zu hochgradiger Abmagerung. 



Anfälle, Dämmerzustände -» 



Während die früheren Identifizierungssymptome unbewußte 
Lustbefriedigungen zum Anlaß hatten, waren die letzteren deutlich 
Folgen der vom Über-Ich ausgehenden Bestrafungen. 

Ich möchte bei dieser Gelegenheit Ihre Aufmerksamkeit auf die 
hypochondrischen Ängste hysterischer Patienten lenken. 

Ich habe schon häufig beobachten können, wie der Bildung eines 
Konversionssymptomes eine hypochondrische Angst um das später 
neurotisch erkrankte Organ vorausgeht. Es scheint, daß die libidinöse 
Inanspruchnahme eines Organs, seine „Erotisierung", wie wir zu 
sagen pflegen, auch seine narzißtische, ichlibidinöse Besetzung 
steigert und so die hypochondrische Angst hervorruft. Bei der Ver- 
schiebung der Lustbesetzung vom verdrängten Genitale auf einen 
anderen Körperteil, wie sie für die Hysterie charakteristisch ist, 
scheint auch die Kastrationsangst vom Genitale auf das neue Organ 
mit verschoben zu werden, die dann in der hypochondrischen Angst 
zum Ausdruck kommt. Diese Bemerkung bezieht sich nur auf be- 
stimmte Formen von hypochondrischer Angst, die einen passageren 
Charakter zu haben pflegen und meist durch die Bildung von Kon- 
versionssymptomen abgelöst werden. Sind die Symptome einmal 
manifest, so wird die hypochondrische Angst charakteristischerweise 
aufgegeben und das Symptom bringt dann eine gelungene Be- 
freiung von der Angstspannung mit sich. 

Die letztgenannten Symptome unseres Patienten hatten bereits 
ganz den Charakter von Selbstbestrafungen. Hervorzuheben 
wäre, daß er in der Zeit, die zwischen seiner infantilen Neurose, 
d. h. zwischen den schweren Angstanfällen des Pavor nocturnus und 
dem Beginn der durch seine hypochondrischen Befürchtungen hervor- 
gerufenen Angstspannung lag, eigentlich immer angstfrei geblieben 
ist. Nur ein leichtes Beklemmungsgefühl ging immer wie ein 
Schatten neben ihm; er hatte auch stets das Empfinden, als lebe er 
in einer Wolke, die ihm die Möglichkeit, das Dasein wirklich zu 
genießen, irgendwie versperre. Diese Beklemmung, diese „Wolke", 
wie er sagte, war eigentlich eine vage, diffuse Angst, die durch die 
Analyse noch intensiviert werden mußte, bevor ihre Motive bewußt 



74 



Hysterische Konversionssymptome 



y 



gemacht werden konnten. Alle Symptome, die er produzierte, dienten 
wohl dazu, ihn von der Angst zu befreien und vermochten dies auch 
bis auf den kleinen Rest eines diffusen Gefühls der Unheimlichkeit. 
Die Aufgabe der Analyse bestand darin, diese Leistung der Symptome 
durch die Bewußtmachung der verdrängten Regungen, durch die 
Reaktivierung infantiler Einstellungen in der Übertragung vorüber- 
gehend rückgängig zu machen. In diesem Sinne, als Vorstoß gegen 
seine Angstfreiheit, sollte auch der von ihm befolgte Vorschlag, die 
Hände nicht unter den Polster zu verstecken, wirken. Sie erinnern 
sich an meine Schilderung des schweren Durchbruches der bis dahin 
gut bewältigten Angst, deren Quelle bei diesem Anlaß sichtbar 
wurde und die dann in der Analyse verarbeitet werden konnte. 
Ein großer Teil seiner Symptome verfolgte denselben Zweck 
das Gebot die Hände zu verstecken: nämlich die Erreichung 



wie 



der Angstfreiheit. Während aber das Verstecken der Hände einer 
einfachen Verzichtleistung entsprach, sollte in den Symptomen gleich- 
zeitig eine Befriedigung und eine Befreiung vom Schuldgefühl, d. h. 
von der Bestrafungsangst erzielt werden. Dies kann aber nur durch 
umständlichen Prozeß der Verdrängung, der Verschiebung, 



einen 



der Neubesetzung usw. zustande kommen. Die libidinöse Besetzung 
des Genitales verschiebt sich bei diesem Vorgang vom strafbedrohten 
Organ auf andere Körperteile, u. zw., wie wir gesehen haben, auf 
diejenigen, auf deren Seite ein Entgegenkommen (im psychischem 
Sinne) vorhanden ist. Diese Neubesetzung der Organe geht mit einer 
Hemmung der normalen Funktion derselben einher. Sie haben da 
den relativ einfachen Vorgang, in welchem an Stelle der Angst eine 
Hemmung auftritt. Bei diesem Verschiebungsprozeß kann sich das 
ursprüngliche Besetzungsorgan, das Genitale selbst, verschieden ver- 
halten. So gibt es Fälle, bei denen die ganze Kastrationsangst, ebenso 
wie die aus derselben resultierenden Hemmungen, wie auch alle Maß- 
nahmen zur Angstbewältigung vollkommen anderen Organen über- 
lassen werden und das Sexualorgan seine Funktionsfähigkeit durch 
eine ungestörte Potenz beweist. 

In anderen Fällen wiederum betrifft die Hemmung das Sexual- 



Anfälle, Dämmerzustände -, 



organ selbst und die neurotischen Konflikte, die aus der Verdrän- 
gung genitaler Wünsche resultieren, nehmen diese einfachste Form 
an: es wird auf die Funktion des Sexualorgans verzichtet. Beschränkt 
sich der neurotische Prozeß auf diesen Funktionsverzicht, dann treten 
häufig als Begleiterscheinungen diffuse Störungen des Allgemeinbe- 
findens (Depressionen, Minderwertigkeitsgefühle, leicht flottierende 
Angst, Arbeitsunlust usw.) auf. 

Bei der Bildung von Konversionssymptomen sprechen wir von 
einer „Genitalisierung der Organe", in der sicheren Er- 
kenntnis, daß die Libido bei der Hysterie in ihrer Entwicklung die 
genitale Stufe erreicht hat und erst nachträglich verdrängt worden 
ist. Als Folge dieser Verdrängung können bei der Bildung von 
Konversionssymptomen regressive Tendenzen in verschiedener 
Weise zum Ausdruck kommen. Es können z. B. Körperorgane, die 
in der infantilen Periode normalerweise vorübergehend sogenannten 
prägenitalen, libidinösen Befriedigungen gedient haben, durch diese 
Regression wieder in der ursprünglichen Form besetzt werden; ge- 
wöhnlich haben sie dann schon vor der genitalen Entwicklung kon- 
stitutionell oder konditioneil eine übermäßige Besetzung besessen 
(z. B. etwa die Verstärkung der oralen Besetzung durch zu langes 
oder zu kurzes Stillen, der analen durch häufige Klysmen usw.). 

Auch psychische, traumatisch sich auswirkende Erlebnisse der 
Kindheit pflegen bei der Wahl der Organe eine große Rolle zu 
spielen. Bei unserem Patienten hatte z. B. die Geburt einer Schwester, 
die Eifersucht auf die Neugeborene, sowie die Identifizierung mit 
ihr eine wichtige Bedeutung. 

Bei einem 15-jährigen Mädchen, auf deren analytische Kranken- 
geschichte ich im Folgenden noch einmal zurückkommen werde, 
können wir diese Bedeutung des traumatischen, provozierenden Er- 
lebnisses gut erkennen. 

Die Neurose war bei ihr in der Pubertät, mit großen Anfällen 
und Dämmerzuständen ausgebrochen. Diesen Symptomen ging eine 
Phase voraus, in der sie Schwierigkeiten in der Nahrungsaufnahme 
hatte, so daß sie körperlich bedrohlich verfiel. 



Das ganze Leiden fing mit einer schweren Angina an, die 
die Patientin — aus Gründen der Pflege und Überwachung 
— nötigte, nicht nur in das Zimmer der Mutter zu übersiedeln, 
sondern auch im selben Bett mit ihr zu schlafen. Diese Situation, 
wahrscheinlich auch die Abgeschlossenheit der Kranken vom realen 
Leben und die daraus resultierende Neigung zu Introversion und 
Steigerung der Phantasietätigkeit, hatten die bis dahin latente Neu- 
rose mobilisiert. 

Die Wiederbelebung der infantilen Reaktionen kam hier, wie 
wir gleich sehen werden, durch die Analogie der aktuellen Situation 
mit einer ähnlichen, sichtlich nicht restlos bewältigten Situation der 
Vergangenheit zustande. Diese Wiederbelebung ist uns bei dem 
jungen Mädchen umso verständlicher, als sich die Patientin zur Zeit 
der organischen Erkrankung in der Frühpubertät befand und wir 
aus Erfahrung wissen, daß diese Lebensperiode auch normalerweise 
mit solchen Auffrischungen infantiler Züge vor sich geht. Das infan- 
tile, traumatisch nachwirkende Erlebnis bestand bei ihr (ähnlich wie 
bei unserem ersten Patienten) in der Geburt eines Schwesterchens 
und zwar in ihrem sechsten Lebensjahr. Bis dahin hatte unsere 
Kleine mit der Mutter in einem Bette geschlafen. Jetzt mußte sie 
dem kleinen Eindringling den Platz räumen. Eine heftige Eifersucht 
auf die intime, orale Beziehung zwischen dem Säugling und der ihn 
stillenden Mutter, ein „oraler Neid" hatte sie damals gepackt. Das 
ging aus vielen Kindheitserinnerungen hervor, die sie aus jener Zeit 
brachte, und die alle irgendwie mit Nahrung und Ernährung zu- 
sammenhingen. So hatte sie z. B. zur Zeit der größten Kriegsnot — 
die Familie lebte im Kriegsgebiete — ihrer Mutter Nahrungsmittel 
aus der Verwahrung gestohlen und diese an vollkommen fremde 
Menschen verschenkt. 

Ihre erste neurotische Störung (in Verbindung mit der Angina) 
eine erschwerte Nahrungsaufnahme, war noch als einfache Hemmung 
zu bezeichnen. Sichtlich handelte es sich dabei um die Verdrängung 
eines wiederbelebten oralen Wunsches. Die Patientin verweigerte 
die Nahrungsaufnahme mit der bloßen Begründung „ich kann nicht 



Anfalle, Dämmerzustände 77 



essen". Es blieb aber nicht bei der einfachen Hemmung. Neben dem 
„sekundären Krankheitsgewinn", der ihr durch die gesteigerte, zärt- 
liche Fürsorge der Umgebung zufiel, erreichte sie doch auf Um- 
wegen die Befriedigung, auf die sie scheinbar bei der Nahrungsver- 
weigerung verzichtete, da man sich in ihrer Krankheit liebevoll um 
ihre Nahrungsaufnahme kümmerte, die Mutter ihr besondere Speisen 
zubereitete usw. Mit besonderem Ekel verweigerte sie charakteristi- 
scherweise jede Milchaufnahme. Die vom Arzte verordneten Arzneien 
wollte sie dagegen nur in Milch einnehmen. Milch war aber nach dem 
Essen durch ein religiöses Ritual, welches durch die Familie der 
Patientin peinlich eingehalten wurde, strengstens verboten. Nur dem 
Kranken war es — nach der Bibel — erlaubt. Sie durfte also trium- 
phierend als einzige in der Familie, die „durch die Väter verbotene 
Milch" genießen. 

Wohl war die Eßstörung aus der Wiederbelebung des infan- 
tilen Neides auf die kleine Schwester entstanden, sie zog aber auch 
andere seelische Konflikte des Mädchens an sich. Vor allem 
spielte, wie wir später sehen werden, dabei die Rache gegen den 
Vater eine wesentliche Rolle, der ihr ebenso, wie die kleine 
Schwester, den Platz neben der Mutter streitig gemacht hatte. 

Bei dieser Patientin können wir bisher erkennen, wie eine ge- 
hemmte, unterlassene Aktion in anderer Weise zur Befriedigung ge- 
langt. Es ist so, als führten die unbewußten Tendenzen die ver- 
bietenden Mächte durch die Verzichtleistung, also durch das Unter- 
lassen der direkten Befriedigung, irre, indem sie sich diese erst auf 
Umwegen verschaffen. Typisch jedoch für die hysterischen Konver- 
sionssymptome ist, daß sie gleichzeitig den verbietenden 
und den nach Befriedigung strebenden Tendenzen zu dienen 
pflegen. Bei unserem früheren Patienten z. B. haben wir gesehen, 
wie seine Aphonie aus einem Verbote, aus einer Unterdrückung 
der Aggression hervorging, gleichzeitig aber auch libidinöse Forde- 
rungen erfüllte. In seiner Freßlust setzte sich die orale Aggression 
direkt durch, aber unter dem Vorwande, daß es sich nur um eine 
gesteigerte Befriedigung der Ichfunktion, nämlich des Hungers handle. 



78 Hysterische Konversionssymptome 

Der Vergleich mit anderen Neurosenformen wird uns noch 
zeigen, daß die Konversionshysterie die noch am besten gelungene 
neurotische Konfliktlösung darstellt, besonders wenn es sich um Sym- 
ptome handelt, die chronisch geworden sind und dadurch die Mög- 
lichkeit geschaffen haben, daß sich die realen Lebensumstände, ebenso 
wie das Ich des Patienten, an diesen veränderten körperlichen Zu- 
stand adaptieren konnten. Der „sekundäre Krankheitsgewinn" und 
die „Flucht in die Krankheit" werden bei der Konversionshysterie 
am besten und am zweckmäßigsten ausgenützt. Besonders dem erste- 
ren kommt der Respekt, den die Umgebung des Kranken seinen 
körperlichen Leiden entgegenbringt, im Gegensatz zum Mißtrauen und 
der Verständnislosigkeit, mit der sie seinen psychischen Symptomen 
gegenübersteht, zugute. Sogar der Kranke selbst hat oft eine bessere 
Krankheitseinsicht gegenüber seinen körperlichen Veränderungen. 
Wie häufig sehen wir, daß ein Zwangsneurotiker sich selbst nur 
als „merkwürdigen Menschen" betrachtet und ein Angstleidender 
seine Angst immer zu rationalisieren versucht. Bei einem so glaub- 
würdigen und sichtbaren Leidenssymptom wie dem der Konversion 
kann sich der Neurotiker allen jenen Lebensaufgaben, die ihm nicht 
passen, entziehen. 

Was dem Konversionssymptom als vollkommen gelungene 
Leistung gebucht werden kann, ist die Tatsache, daß es zu Angst- 
f r e i h e i t führt. Der Affekt des seelischen Konfliktes wird bei 
dieser Symptombildung vollkommen und in gelungener Weise ver- 
drängt, bezw. konvertiert. Der dazugehörige Vorstellungsinhalt er- 
klärt, wie wir gesehen haben, die Wahl der Organe und das ganze 
formelle Arrangement. 

Bei manchen Symptomen können wir leicht erkennen, welcher 
Affekt konvertiert wurde, z. B. Ekel beim Erbrechen, Scham beim 
Erröten, Wut bei einer Hemmung (wie die Aphonie bei unserem 
Patienten) ; ebenso bei Symptomen, die die Rolle des Befreiers von 
der Angst übernommen haben, d. h. eine direkte Konversion des 
Angstaffektes darstellen. 

Da wir aber wissen, daß jeder unterd rückte A ff ek t 



\ 



Anfälle, Dämmerzustände 



das Schicksal der Verwandlung in Angst haben kann, — 
insoferne er den Charakter einer Gefahr für das Ich besitzt,' _ 
bedeutet somit seine Überführung aus dem Psychischen ins Physische 
letzten Endes eine Befreiung von dem drohenden Angsterlebnis. 

Ein Vorgang, den wir sehr häufig in der Analyse beobachten 
können, entspricht der Umkehrung dieses Prozesses: Auftreten 
der Angst beimVersuch de s Ve rzich tes auf die Kon- 
version. 

Vielleicht können wir uns diesen Prozeß an einem banalen 
Vergleich deutlicher machen : Nehmen wir an, in einem Zimmer 
befinde sich eingesperrt hinter einer mit einem Riegel verschlossenen 
Türe ein Einbrecher, dem wir zum Zwecke des Vergleiches die Rolle 
der abgewehrten Triebregung zuteilen. Die von ihm drohende Ge- 
fahr für das im Nebenzimmer wohnende Ich — vergleichen wir es 
mit einem jungen Mädchen — ist ähnlich der, die das Mädchen 
in ihrer Einbrecherangst für sich befürchten würde. Wir wissen aus 
unseren Analysen, wie typisch bei Mädchen die Angst vor Einbrechern 
ist. Sie entspricht der inneren Triebgefahr; der Einbrecher ist nur 
derjenige, der in dieser Verkleidung die unbewußten erotischen 
Wünsche des Mädchens erfüllen soll. Solange die Türe fest ge- 
schlossen ist, bleibt das Ich angstfrei. Wenn wir an Stelle des 
Zimmers, in dem die Gefahr der direkten Wunscherfüllung einge- 
sperrt ist, das Konversionssymptom setzen, so verstehen wir auch, 
daß beim Versagen seiner Aufgabe - d. h. beim Nachlassen 
des schützenden Riegels, der in unserem Vergleich mit der 
Leistung des Symptoms identisch ist — die Gefahr für das Ich 
größer wird und daß das Ich auf die Gefahr mit Angst reagieren muß. 
Diese Gefahr aber — und das ist das Wichtigste in unserem Ver- 
gleich — droht von zwei Seiten: ebenso vom Einbrecher (Ver- 
gewaltiger), wie von den Mächten, die dem Ich eine Erfüllung des 
gefährlichen Wunsches verbieten. Spinnen wir den Vergleich weiter 
und lassen wir ein anderes Nebenzimmer den Wohnraum der Eltern 
sein, die streng über die Moral ihrer Tochter wachen und die Be- 
ziehung zum Einbrecher (Vergewaltiger) streng verurteilen, so wer- 



80 Hysterische Konversionssymptome 

den wir verstehen, warum beim Nachlassen des Riegels, beim Miß- 
lingen eines angstbahnenden Symptoms das Ich in eine Gefahr von 
zwei Seiten gelangt, d. h. ebenso bedroht wird von der Wunsch- 
regung (Einbrecher), wie auch von der Uber-Ich-Autorität (Eltern). 

Dieser Vergleich gibt uns Anlaß zu folgender Überlegung: 
Hätte das Mädchen vor der Erfüllung ihrer Triebwünsche, vor dem 
„Einbrecher", Angst, wenn sie nicht von der Nähe ihrer verbieten- 
den Eltern wüßte? Wir nehmen an, daß es nicht der Fall wäre, 
und ziehen aus dieser Annahme den Schluß, daß die Angst vor der 
libidinösen Gefahr erst dann zustande kommt, wenn sich in der 
Außenwelt oder im Innenleben eine Macht regt, welche gegen die 
libidinösen Wünsche einen Protest erhebt. Diese Angst gilt also 
nicht so sehr der Triebforderung, wie den Konsequenzen, die sich 
aus ihrer direkten Befriedigung ergeben könnten. Das Ich — in un- 
serem Vergleiche das junge Mädchen — bekommt Angst vor einer 
Instanz, die die Rolle der Eltern übernommen hat, verzichtet des- 
halb auf die Triebbefriedigung, verurteilt die libidinösen Wünsche 
als „böse Einbrecher" und schließt sie entweder durch Verdrängung 
im Unbewußten ab, oder geht, wo dies nicht gelingt, zu Kompro- 
missen über, die dann in Symptomen ihren Ausdruck finden. Wenn 
wir uns diese Angst vor den Eltern in das Innenleben verlegt vor- 
stellen, so gilt diese Angst, die zur Verdrängung bezw. zur Sym- 
ptombildung führt, der inneren Repräsentanz der verbietenden 
Mächte, dem Über-Ich. 

Sie haben gesehen, daß die Symptombildungen nicht nur Ersatz- 
befriedigungen darstellen, sondern daß sie auch deutlich den unbe- 
wußten Einfluß dieser Instanz (Ober-Ich) verraten. Es gelingt nie 
durch Verzicht auf die direkte Befriedigung das Über-Ich zu ver- 
söhnen, etwa wie nachsichtige Eltern. Das Über-Ich ertappt die ver- 
kappte Triebäußerung auch, wenn sie sich in der verkleideten Form 
einer Ersatzbefriedigung durchsetzt, und hängt ihr gewissermaßen 
einen Strafzettel an. Deshalb erkennen wir in den meisten Sympto- 
men neben der verhüllten Befriedigung auch eine ebenso verhüllte 
Zurückweisung, bezw. Bestrafung. Besonders klar konnten wir dies 



Anfälle, Dämmerzustände o 
. Ol 



beim Symptom der Enuresis unseres Patienten sehen. Hier hatte 
sicher die strafende Wirkung des Über-Ichs dazu geführt, daß die 
sadistischen Triebtendenzen in masochistische verwandelt wurden, 
wodurch die libidinöse Wunscherfüllung den Forderungen des Über- 
Ichs gerecht werden konnte. Alexander ist sogar der Ansicht, 
daß die Triebbefriedigung im Symptom erst zustande kommen kann, 
wenn das Über-Ich durch das Leiden bestochen worden ist, eine 
Anschauung, die in vielen Fällen stimmen mag, aber doch keine 
Allgemeingültigkeit besitzt. 

In direkter, analytischer Beobachtung kann man jedenfalls ein- 
deutig feststellen : je sadistischer die verdrängte Triebtendenz, umso 
strenger das Über-Ich, umso stärker das Schuldgefühl und umso 
maßgebender die Straftendenzen bei der Bildung der Symptome. 
Diese „Aggression gegen Aggression" werden wir im Laufe 
unserer Besprechungen besonders bei den Neurosenformen beobach- 
ten können, bei denen die Regression der Libido zu jener Stufe 
erfolgte, in der ihre Tendenzen noch sehr sadistisch sind und die 
Beziehungen zum Objekte sehr ambivalent. 

Die Konversionshysterie vermag in ihren Symptomen trieb- 
befriedigende Elemente gegen die strafenden durchzusetzen, weil 
eben die verdrängte Triebstrebung auf der genitalen Entwick- 
lungsstufe liegt, auf der die sadistische Komponente am schwächsten, 
der Ambivalenzkonflikt am geringsten ist. Damit soU nicht gesagt 
werden, daß nicht auch bei der Hysterie das Schuldgefühl zur Aus- 
wirkung kommt und seine Befriedigung sucht und findet. Sie 
konnten aber bei den besprochenen Fällen erkennen, daß die Re- 
aktionen des Schuldgefühls stets genau so verdrängt und unbewußt 
bleiben wie die libidinösen Ansprüche (im Gegensatz zu anderen 
Neurosenformen, wie etwa zur Zwangsneurose). 

Ich möchte Ihnen nun aus der Krankengeschichte des 15jährigen 
Mädchens, das ich vorhin bei der Besprechung oraler Störungen er- 
wähnte, noch berichten, daß ihre Neurose nicht bei einzelnen Kon- 
versionssymptomen stehen blieb. 

Das Phantasieleben des bereits sexuell reifen Mädchens kam zur 



82 Hysterische Konversionssymptome 

Zeit seiner fieberhaften Erkrankung zu einer besonderen Blüte, ohne 
daß der durch die Introversion verstärkten AfFektivität eine genü- 
gende direkte oder indirekte Abfuhrmöglichkeit gegeben war. 

Man müßte hier eigentlich sämtliche normalen Einstellungen der 
Pubertät anführen, um zu zeigen, daß alle Krankheitssymptome 
unserer Patientin nur Verzerrungen dieser Pubertätsvorgänge waren, 
nur Verschiebungen der inneren Kräfteverhältnisse, im Sinne einer 
Steigerung der Triebansprüche, mit gleichzeitiger Zunahme von 
Hemmungen, die auch in der normalen Pubertät vorhanden sind. 
Wir wissen, welche regressiven Kräfte in der Richtung zum Infan- 
tilen in der Pubertät zur Auswirkung kommen; d. h. je mehr der 
Pubertät der Weg zu Sublimierungen und normalen Ersatzbefriedi- 
gungen abgesperrt wird, desto mehr muß sich die Neigung zur 
Wiederbelebung des „Infantilen" steigern. 

Ich will hier nicht auf den Wert von eventuell früheinsetzen- 
den Sexualbefriedigungen der Jugend in der Pubertät eingehen. Er 
erscheint mir sehr problematisch, und ich habe das Ausbrechen 
schwerster, neurotischer Konflikte bei Jugendlichen gesehen, bei 
denen die reale, sexuelle Befriedigung als Verhüterin der „Wieder- 
belebung" von Infantilem vollkommen versagte. Im Gegenteil, 
die sexueUe Freiheit, bezw. ihre Verwendung verstärkte in 
diesen Fällen die Neigung zur Wiederholung der unerledigten, 
infantilen Konflikte und stellte die realen Erlebnisse gänzlich unter 
das Zeichen des Vergangenen. Vielleicht ist nach dem Einsetzen der 
sexuellen Reife eine innere Kampfphase notwendig, um dann die 
psychische Verarbeitung der realen Befriedigung zu ermöglichen. 
Man muß scheinbar für die Zielerreichung genau so gewaffnet sein 
wie gegen die Versagung, im Sinne der Erledigung der infantilen 
Schwierigkeiten. 

Unsere kleine Patientin stammte allerdings aus einem Milieu, 
in dem die reale Befriedigung so viel an bewüßten Schuldgefühlen 
ihrer Umgebung gegenüber hervorgerufen hätte, daß deren Erledi- 
gung an ihr psychisches Gleichgewicht vielleicht ebenso schwere For- 
derungen gestellt hätte, wie die Abwehr der Triebansprüche. 






Anfalle, Dämmerzustände go 

Das früher lebhafte und am Leben aktiv teilnehmende Mädchen 
konnte nach der Fieberkrankheit lange Zeit hindurch keinen neuer- 
lichen Kontakt mit dem realen Leben bekommen. Auf jeden Ver- 
such sich am Früheren wieder zu erfreuen, reagierte sie mit einer 
Depression und mit einer Erregung, die dann allmählich zu typi- 
schen, hysterischen Krampfanfällen führte. Was ihr in der Analyse 
am raschesten klar geworden ist und, wie sie sich sehr bald einge- 
stehen mußte, ihr auch vorher nicht ganz verborgen sein konnte, 
war, daß in ihr eine heftige W u t steckte, die sie unterdrückte, bis 
schließlich die Unfähigkeit ihrer Beherrschung die motorische Ent- 
ladung des Anfalles provozierte. 

Ihre Erkrankung nahm allmählich eine jener Formen von großen 

Hy£t££ien mit Anfäll en an, die man nicht häufig" Inder 

analytischen Praxis zu sehen bekommt und die jetzt auch in den 
Kliniken und Anstalten immer seltener zu werden scheinen. Als 
organische Krankheiten imponierende Symptome und sogenannte 
„Charakterneurosen" erfreuen sich sichtlich einer größeren Beliebt- 
heit in der Neurosenwahl. Große Anfälle, Dämmerzustände, Ab- 
sencen usw. werden jetzt für Weltanschauungen, telepathische Phäno- 
mene und spiritistische Materialisationen verwendet und dies ver- 
mindert scheinbar den Wunsch der Patienten behandelt oder gar 
von ihren Leiden befreit zu werden. 

Für die Vorgänge während der Anfälle bestand bei dem 
Mädchen immer eine volle Amnesie; wir, d. h. die Patientin und 
ich, waren daher auf die Mitteilungen der Umgebung angewiesen. 
Während der Behandlung war die Patientin fern von ihrem häus- 
lichen Milieu in einem Sanatorium untergebracht; dadurch konnte 
ich mir aus den Berichten des Anstaltsarztes ein Bild von den jetzi- 
gen Anfällen machen. Mein erster Eindruck war, daß die Anfälle 
Reaktionen auf die harmlosesten Versagungen waren, besonders, 
wenn die Versagungen von einem bestimmten Arzte der Anstalt 
ausgingen. 

Aus äußeren Gründen mußte die Analyse nach einigen Monaten 
unterbrochen werden, ohne daß es gelungen wäre, in die letzten 

6* 



84 Hysterische Konversionssymptome 



Tiefen der infantilen Erlebnisse einzudringen. Immerhin hatte die 
Bewußtmachung ihrer Pubertätskonflikte das Mädchen praktisch, 
wenigstens für die nächste Zeit, gesund gemacht. 

Nachdem der Patientin der Sinn der Anfälle als Wutausbrüche 
voll bewußt worden war, warf sich die Frage auf: gegen wen und 
warum wütete sie so? Die Patientin war sehr bald bereit zuzu- 
geben, daß sich die Wut gegen den Vater gerichtet habe. Sämt- 
liche Beschuldigungen gegen den Vater und alle Rationalisierungen 
ihrer Wut nahmen zum Motiv die Vernachlässigung der Familie 
durch ihn und seine Brutalität gegen die Mutter. Größere Schwierig- 
keiten machte natürlich die Erkenntnis, daß die „Vernachlässigung" 
identisch war mit „Liebesversagung" und daß mit dem Worte 
„Brutalität" die Ansicht der Patientin über den elterlichen Koitus 
und über die zahlreichen Entbindungen der Mutter zum Ausdruck 
kam. Sie erinnern sich, daß die Halserkrankung mit einer Wieder- 
belebung der oralen Sehnsucht nach der Mutter einherging und daß 
die Analyse zeigen konnte, wie das Mädchen in allen Reaktionen, 
die der Erkrankung folgten, ein ganz kleines, von der Mutter ab- 
hängiges Kind geworden war. Bewußt waren der Patientin: der 
Haß gegen den Vater und die heiße Liebe zur Mutter. Daß Beides 
einer Umkehrung der tatsächlich vorhandenen Gefühlsbeziehungen 
entsprach, entzog sich ihrer Bewußtheit. Diese Umkehrung war 
eigentlich eine Rückkehr zu früher einmal wirklich vorhandenen 
Gefühlen, und zwar einer primären, überstarken Liebe zur Mutter 
und eines wütenden Protestes gegen den störenden Vater. Diese 
Gefühle unterlagen aber Wandlungen und das endgültige Resultat 
bestand bereits in Reaktionen auf die normale ödipuseinstellung. 

Übrigens war ein berechtigter Verdacht vorhanden, daß die 
Kleine in der Kriegszeit wirklich Zeugin von Vergewaltigungen war, 
die einen realen Kern für die Vergewaltigungsphantasie in ihrer 
Pubertät bildeten. Jedenfalls war bei ihr die Vorstellung, der sexuelle 
Akt sei ein Vergewaltigungsakt, in ihren Wünschen und in ihrer 
Abwehr besonders vorherrschend. 

Daß die Krampfanfälle ihr zur motorischen Entladung eines 



Anfälle, Dämmerzustände o. 



Wutanfalles verhalfen, war nicht schwer nachzuweisen ; daß sie einen 
Koitus sowie dessen Abwehr, wie auch eine Dramatisierung des 
Entbindungsaktes darstellten, konnte man analytisch erfahren. Der 
Wutaffekt und diese Wunschphantasien hingen zusammen mit dem 
affektiven Protest: nicht die Mutter, sondern sie selbst soll 
vom Vater vergewaltigt werden und ein Kind gebären. 

Was die Patientin in ihren Anfällen agierte, war nur die Inten- 
sivierung typischer Pubertätsphantasien, war ihre motorische Ab- 
fuhr, die dramatische Darstellung. 

Dieser Fall könnte leicht die Frage beantworten : welche quan- 
titativen oder qualitativen Momente sind es, die solchen typischen 
Phantasien den Weg zu einer motorischen Dramatisierung ebnen? 
Hier war unverkennbar eine schwere, wütende Aggression gegen 
die versagende Umwelt im Spiele, die den Auftakt zur Entladung 
gab. Diese Aggression wurde in ihrem Drängen nach außen durch 
andere Energien gebunden, die sich in ihrem Streben nach Erfüllung 
derselben Mittel bedienen konnten wie der Wutaffekt. Vielleicht ist 
der hysterische Anfall die beste Demonstration einer solchen Bindung 
der destruktiven Tendenzen mit libidinösen Strebungen, einer 
Symbiose, wie sie scheinbar die Hysterie in ihren genitalen Stre- 
bungen zum Sexualakt und zur Entbindung am besten zustande 
bringt. Ist doch der Koitus die beste Unterbringung der Aggression 
von Seiten des Mannes und der masochistischen Einstellung beim 
Weibe, und die Entbindung, ein Kampf zwischen Leben und Tod, 
eine Orgie der Destruktionen zu Gunsten des neuen Lebens. Wer 
die analytische Einsicht in die seelischen Vorgänge des Weibes bei 
ihren Fortpflanzungsfunktionen bekommen hat, weiß von diesen 
Paradoxa des Daseins. 

Bei unserer Patientin sah man deutlich, wie das Zusammen- 
treffen der Wutentladung und der Triebansprüche in einem Akte 
zustande kam. Beide waren verschiedene Ausdrucksformen eines 
libidinösen, auf den Vater gerichteten Wunsches : die Wut als Re- 
aktion auf die Versagung, die sexuelle Entladung als Folge ubw. 
Phantasien, beides im neurotischen Anfall enthalten. 



86 Hysterische Konversionssymptome 

Die Dämmerzustände erwiesen sich als Bestätigungen dieser Re- 
konstruktion des hysterischen Anfalles. Sie waren bereits besser 
organisierte, in Bestandteile zerlegte, in geordnete Handlungen ge- 
formte Darstellungen derselben Gefühle und Wünsche, die in den 
Anfällen zur Entladung und Befriedigung kamen. 

Diese Zustände dauerten tagelang, manchmal wochenlang und 
hinterließen eine volle Amnesie. Die Amnesie konnte zum Teil 
behoben werden, zum Teil schloß sich die analytische Verarbeitung 
dem Material an, das von der die Patientin beobachtenden Umge- 
bung geliefert wurde. 

In drei Formen spielten sich die Dämmerzustände ab: 

In wütenden Szenen mit halluzinierten, bezw. illusionierten 
Personen, mit Schlagen, Schreien, sich am Boden bis zur Erschöpfung 
wälzen usw. 

Oder es waren Aufführungen von Tanzszenen, Deklama- 
tionen, Gesängen, alles vor einem halluzinierten Publikum. 

Im dritten Typus weinte und klagte sie bitter, litt sichtlich 
unter Reue, bat um Verzeihung. 

Interessant ist, daß sie nach Aussage ihres Bruders in diesen 
Zuständen Dinge vorbrachte, die sie im Normalen nicht kannte. 
So z. B. sprach sie eine Sprache, die sie von ihrer Kinderfrau ein- 
mal erlernt, aber längst vergessen hatte. In der Analyse der Dämmer- 
zustände wurde es klar, daß sie Situationen in diesen erlebte, die 
sich in jener vergangenen Zeit abgespielt hatten und daß mit der 
Wiederbelebung jener Situationen auch die bereits verwischten 
Spuren der sprachlichen Kenntnisse mit aufgefrischt wurden. 

Die in der Realität meist fremden und gleichgültigen Personen, 
die in den Absencen halluziniert wurden, waren, wie es sich her- 
ausstellte, in einer assoziativen Verbindung mit bestimmten Perso- 
nen, gegen die sich diese Affekte richteten. Die analytische Deutung 
einzelner Szenen ließ diese als Deckerinnerungen erkennen und ent- 
larvte die theatralischen Aufführungen als Realisierungen der Phan- 
tasien, in denen die Patientin sich als zukünftige Tänzerin, Schau- 
spielerin, Liebeskünstlerin gesehen hatte. Das Auditorium, so zahl- 



> 



Anfälle, Dämmerzustände 87 

reich es auch war, reduzierte sich allmählich auf einen Mann, in 
dem wir schließlich den Vater agnoszieren konnten. Diese Phanta- 
sien bildeten auch eines der Hindernisse in ihrem Schulunterricht. 
Die langen Dämmerzustände hatten nämlich auch die Aufgabe, sie 
vom Studium abzuhalten und die Erfüllung des bewußten und vom 
Vater genehmigten Wunsches, nach der Matura in eine Universitäts- 
stadt zu ziehen, zu verhindern. Dieser Umstand brachte sie zur 
Verzweiflung und die Patientin sah darin das größte Unglück ihres 
Leidens. Hinter dem „Studium" verbarg sich aber die Phantasie von 
der „Freiheit", von narzißtischen Befriedigungen einer Kino-Diva, von 
Anbetern und Liebhabern, kurz von einer Lebensform im vollsten 
Gegensatze zu ihrem Familienmilieu, eine Ausschmückung der „Dir- 
nenphantasie", die doch schließlich auf langen Umwegen einem ein- 
zigen Manne zustrebte, dem Vater. 

Die Dämmerzustände sollten die Erfüllung dieser Wünsche 
durch Abhaltung vom Studium verhindern. Sie brachten ihr aber 
doch verhüllte Befriedigungen, nicht nur dieser Wünsche, sondern 
auch vieler anderer. 

Im letzten Typus der Anfälle erkannte sie Selbstbestra- 
fungen, wie überhaupt auch ein großer Teil ihrer Wachphantasien 
gleichzeitig Aggressionen gegen die anderen und gegen sich selbst 
enthielt. So z. B. reagierte sie während der Analyse auf die schrift- 
liche Erlaubnis der Mutter einen Bergausflug unternehmen zu dürfen, 
mit größter Empörung und mit dem Vorwurf, man gehe mit ihr so 
unvorsichtig um. Statt der Freude an der Natur gab sie sich auf die- 
sem Ausflug der Phantasie hin, sie falle vom Berge herunter und liege 
unten mit zerschmetterten Gliedern. Welch ein Rachegenuß an der 
Mutter und welche Selbstbestrafung in der Zerschmetterung! 

Unter dem Schutze der Bewußtlosigkeit konnte sie ebenso 
ihren Aggressionen, wie auch ihren libidinösen Wünschen eine sonst 
verbotene Erfüllung verschaffen, denn es war doch nicht sie selbst, 
die es erlebte, da sie die Feststellung der Identität verweigerte und 
sich von der „Anderen" durch Amnesie abspaltete. 

Wenn die Konversionshysterie ihre Konflikte am Schauplatz der 



Hysterische Konversionssymptome 



eigenen Körperlichkeit abspielen läßt und so ein Kompromiß zwi- 
schen den erfüllenden und den verbietenden Tendenzen im Sym- 
ptom zu schließen vermag, wenn die Anfallshysterie die libidinösen 
und die destruktiven Strömungen in grandioser Weise in einem 
Akte zur Abfuhr bringt, so dienen die Dämmerzustände ebenso den 
Triebansprüchen wie den Forderungen des Gewissens in der 
Maskerade von Deckaktionen und unter dem Schutze der Bewußt- 
seinstrübung und der nachfolgenden Amnesie. 



ZWEITER TEIL 

PHOBIE 

SECHSTE VORLESUNG 



Diffiase Angst — Ein Fall von KateenphoMe 

Die hysterischen Neurosen, über die wir bis jetzt gesprochen 
haben, zeichneten sich durch ihre Angstfreiheit aus und ich versuchte 
Ihnen zu zeigen, welchen Kräften dieses Gelingen der Angstbindung 
zu verdanken war. Einmal war es der Verzicht auf den unbewußten 
Triebanspruch, der die Angstfreiheit gewährleistete (Hemmungs- 
zustände), das anderemal war es ein günstiges Kompromiß zwischen 
den gewährenden und den verbietenden Tendenzen, das im Kon- 
versionssymptom zum Ausdruck kam. Ein anderesmal wieder er- 
kannten wir in den Symptomen direkte Bestrafungsakte, die durch 
die vollzogene Strafe der Angst eine ihrer inneren Motivierungen 
vorwegnahmen (solche Bestrafungen waren z. B. die Krebssymptome 
unseres Patienten nach dem Tode der Mutter). 

Wir wollen jetzt unsere Aufmerksamkeit einem Fall zuwenden, 
bei dem die Angst ungebunden das Krankheitsbild beherrscht. 
Die Patientin, von der ich jetzt sprechen will, ist für uns aus 
zwei Gründen besonders lehrreich. Einerseits ist sie von Angst- 
gefühlen überwältigt, die wesentlich noch diffus, an keine bestimmten 
Vorstellungsinhalte geknüpft sind und sich nicht durch phobische 



9« Phobie 

Vorsichtsmaßnahmen bändigen lassen. Andererseits aber bekommt auch 
ihre Angst zum Teil einen mehr determinierten Charakter, d. h. sie ver- 
stärkt sich unter bestimmten Bedingungen, die als Gefahr empfunden 
und zum Zwecke der Angstersparnis vermieden werden müssen. 
Dieser Teil der Ängste bedient sich eines Mechanismus, den wir 
den phobischen nennen und der schützende Maßnahmen schafft, 
deren Befolgung die Angstfreiheit bewirkt. Wir werden aus der 
Geschichte der Patientin bald hören, wie die Entstehung dieser 
phobischen Schutzvorrichtung vor sich ging und vor allem, aus 
welchen Motiven die bis zu einem gewissen Momente praktisch 
gesunde Patientin an Angstzuständen erkrankte. 

Ich möchte Sie an das junge Mädchen erinnern, deren symptom- 
freie Hysterie wir „Schicksalsneurose" genannt haben. Sie wissen, daß 
der Lebenslauf jener „gesunden Kranken" dadurch einen bestimmten 
Charakter angenommen hat, daß die zwanghafte Wiederholungs- 
tendenz der unerledigten Kindheitskonflikte immer tragischere Ver- 
wicklungen und Enttäuschungen mit sich brachte. Auch diese 
Patientin, von der wir jetzt sprechen wollen, war eine „Schicksals- 
neurotikerin", denn auch in ihrem Leben kam es immer wieder 
zum zwangsartigen Wiederholen bestimmter Situationen. Auch sie 
hatte in der Art ihrer Lebensschicksale nichts Krankhaftes, Abnormes 
gesehen. Ihre bewußte Einstellung zum Leben war sogar hier — im 
Gegensatz zu der früheren Patientin — ein vollkommenes Einver- 
ständnis mit dieser Schicksalsgestaltung. Die Patientin fühlte sich 
weder benachteiligt, noch von irgendwelchen fatalistischen Mächten 
verfolgt und wünschte gar nichts an ihrem Leben zu ändern. Die 
Analyse suchte sie vielmehr wegen Angstzuständen auf, die in den 
letzten Jahren aufgetreten waren. Sie hatte fast ständig ein ängstliches 
Beklemmungsgefühl; neben dieser diffusen Angst traten allmählich 
mehr umschriebene Ängste auf, z. B. Höhenangst, Schiffsangst, 
Katzenangst. Diese Ängste waren eigentlich nur Verstärkungen eines 
ständigen Angstzustandes, wenn auch die als letztes Symptom auf- 
getretene Katzenangst bereits den Charakter einer Tierphobie 
angenommen hatte. 



Diffuse Angst — Katzenphobie gl 

Die Patientin hatte bis zu ihrer Verheiratung, im zwanzigsten 
Lebensjahr, an keinerlei Symptomen gelitten. Ihre Ehe war nicht 
gerade unglücklich und nur die Kinderlosigkeit dieses Bündnisses 
gab ihr Anlaß zu Depressionen. Nach dreijähriger Ehe starb der 
Mann. Die Patientin teilte von nun an die Wohnung mit einer ver- 
heirateten Freundin und suchte in ihrem Berufe (sie war Chemikerin) 
und in sublimierten Beziehungen zu Frauen Trost in ihrer Einsam- 
keit. In den letzten Jahren lebte sie in einer „menage ä trois", in 
einer Ehe zu dritt, d. h. sie hatte ein Verhältnis mit dem Manne 
dieser Freundin. Die Vorgeschichte dieses Dreiecks war die, daß 
unsere Patientin zuerst in herzlicher, aber in keiner Weise bewußt 
sexueller Bindung zur Freundin stand. Die Intimität der Freund- 
schaft brachte es mit sich, daß die Freundin sich mit der Patientin 
über die für sie und ihren Mann unbefriedigende Ehe aussprach. 
Diese Freundin arrangierte selbst bewußt und aktiv die Situation 
so, daß zwischen der Patientin und dem Manne sexuelle Beziehungen 
entstanden. Zeitweise spielten sich die sexuellen Beziehungen zu 
dritt ab und hatten bei allen drei Teilnehmern einen unverhüllt 
exhibitionistischen Charakter. Von den zwei Frauen hatte ab- 
wechselnd eine die aktive Rolle der Erlebenden und die Andere die 
passive der Zuschauenden. Es kam nie zu homosexuellen Be- 
ziehungen, auch wurde die Harmonie des Dreiecks angeblich nie 
durch Eifersucht getrübt. 

Wenn ich eingangs sagte, das Leben der Patientin sei im Sinne 
der Schicksalsneurose aufzufassen, so geschah es in Hinblick auf den 
Umstand, daß das ganze psychische Leben der Patientin, von der 
ersten Kindheit an bis zu den Liebesbeziehungen der späteren 
Jahre, gesetzmäßig in einer solchen Dreieckkonstellation ver- 
lief. Im letzten Erlebnis wurde erst diese Liebesbedingung „im 
Dreieck", man könnte sagen, real. Bis dahin waren es immer plato- 
nische Freundschaften, in denen ein Freund der Anderen auch zum 
Freunde der Patientin wurde. 

Aus dem analytischen Erinnerungsmaterial der Patientin sei 
erwähnt, daß sie einmal als dreijähriges Kind von der Mutter aus 



92 Phobie 

dem Bett geholt wurde, weil dieselbe von Angst um den ab- 
wesenden Vater gequält war. Sie sieht noch das ängstliche Gesicht der 
Mutter vor sich, und erinnert sich, wie sie beide eng umschlungen 
im Bette liegen und auf den Vater warten. Auf meinen Hinweis in 
der Analyse, es sei doch etwas sonderbar, daß die Mutter ihr kleines 
Kind zum Schutze vor der eigenen Angst aus dem Schlafe geweckt 
haben sollte und auf die Vermutung hin, daß die Situation sich 
eher umgekehrt abgespielt haben dürfte und zwar so, daß sie als 
kleines Mädchen selbst in Sehnsucht auf den Vater gewartet und 
Hilfe in ihren Ängsten bei der Mutter gesucht habe, wurde es 
der Patientin allmählich klar, daß schon damals im Schlafzimmer 
der Eltern die Grundlage zum späteren Liebesdreieck gelegt wurde. 
Sehr frühzeitig schon suchte die Patientin vor der überstarken 
Liebe zum Vater zu fliehen und fand Hilfe vor diesem Gefühle 
bei der Mutter, an der sie von nun an zeitlebens in überkom- 
pensierter Liebe hing. Als sie vier Jahre alt war, gebar die Mutter 
ein kleines Mädchen. Aus diesem Anlaß bekam die Patientin, wie 
sie sich dunkel erinnert, ein Geschenk vom Vater. Was es war, 
kann sie sich aber nicht erinnern, nur, daß sie damit nicht zufrieden 
und darum auf den Vater sehr böse war. Diese Erinnerung war in 
ihrer Unverhülltheit beinahe naiv, denn die symbolische Bedeutung 
Geschenk = Kind ist ein sehr geläufiges, dem . Analytiker gut be- 
kanntes Gleichnis. Sie war unzufrieden, daß die Mutter und nicht 
sie das Kind vom Vater bekommen hatte. 

Aus diesem Trauma entwickelten sich in der Kleinen starke 
aggressive Reaktionen gegen die Mutter und das Neugeborene. 

Im übrigen sind dies typische seelische Situationen, aus denen 
die meisten Mädchen zeitlebens die schwersten Schuldgefühle davon- 
tragen. Genau so gewaltig wie die aktive Kastration und der Todes- 
wunsch gegen den Vater als Rivalen im kleinen Jungen entsteht 
und zum schwerwiegendsten Zentrum seiner Schuldgefühle wird, 
richtet sich der Todeswunsch des kleinen Mädchens vor allem gegen 
die schwangere Mutter und das neugeborene Kind. Ebenso wie der 
kleine Junge unter dem Drucke dieses Schuldgefühls selbst in Kastra- 



Difiuse Angst — Katzenphobie gg 

tionsangst lebt oder diese in irgend einer Form in der Selbstbestrafung 
vollzieht (vgl. die Enuresis unseres ersten Patienten), verurteilt sich 
das Mädchen oft zeitlebens zu einer — psychisch bedingten — Kinder- 
losigkeit oder zu Todesängsten während der Schwangerschaft und zu 
allen möglichen Verzichüeistungen in der eigenen Mutterschaft. 
Manchmal bleibt der ursprüngliche, eigene Kinderwunsch an das 
Kind der „anderen Frau" gebunden, wird dort befriedigt, d. h. es 
wird auf das selbstzugebärende Kind verzichtet und die Sehnsucht 
nach dem Kinde „der Anderen" kommt dann in verschiedenen Formen 
zum Vorschein. So wird manche zur Lehrerin, Kindergärtnerin, zur 
liebevollen Tante, die immer im Zentrum eines Familienkreises steht, in 
dem sie ein Kind aufzieht, um von diesem der eigenen Mutter vorgezogen 
zu werden. Manchmal sind es zärtliche Beziehungen zu einer Freundin, 
die es mit sich bringen, daß ein Kind dieser von der Ersatz-Mutter 
in besondere Obhut genommen wird. Oft wird nachträglich auf 
solche Situationen, in denen das weibliche Wesen aus altem Schuld- 
gefühl auf das eigene Kind verzichtet hatte, um dann doch der 
anderen Frau das Kind wegzunehmen, mit schwersten Schuldgefühlen 
reagiert. Es muß dann auch auf das geliebte Kind der Anderen 
selbstquälerisch, masochistisch verzichtet werden. 

Diese erste Dreieckkonstellation, in der unsere Patientin 
auf den Vater wartete, um dann an die Mutter in überkompensie- 
render Liebe gebunden zu bleiben, wurde schon in der Kindheit der 
Patientin von einer gleichartigen Liebesgruppierung abgelöst. Dieses 
zweite Dreieck entstand einige Jahre später zwischen ihrem älteren 
Bruder, ihr und der kleinen Schwester. Mit größter Eifersucht ver- 
folgte sie jede zärtliche Beziehung des Bruders zur kleineren Schwester 
und suchte iene zu stören. Das hinderte sie nicht, sich mit der 
Schwester — wahlverwandt durch den Penisneid auf das andere 
Geschlecht — gegen den Bruder zu verbünden. Die Analyse konnte 
eine Menge Erinnerungen zutage fördern, die sich auf solche gegen 
den Bruder gerichtete gemeinsame Phantasien der beiden Mädchen, 
im Sinne des Kastrationswunsches, bezogen. 

Eine andere Dreiecksituation war in einer Schlagephantasie der 



Patientin recht durchsichtig, die sie viele Jahre behielt. Der Inhalt 
dieser Phantasie war: Der Bruder wird von einer dritten Person 
geschlagen und sie schaut in höchster Erregung diesem Schlagen zu. 
Der Bruder ist nackt; sein Genitale fehlt in dieser Phantasie, als 
würde er es gar nicht besitzen; dagegen ist der auffälligere Körper- 
teil das Gesäß. Als Deutung dieser Phantasie ergab sich, daß das 
geschlagene Kind die Patientin selbst ist, die auf diese Weise für 
die Kastration des Bruders die Strafe erleidet. Die in dieser Phantasie 
ersichtliche masochistische Lust der Patientin, die sich in der Aggres- 
sion gegen sich selbst befriedigte, kam zeitlebens in einer selbst- 
quälerischen deutlich masochistischen Charakterbildung zum Ausdruck. 
Diese Reaktionen des Schuldgefühls waren die Folge jener Mutter- 
Kind-Mordphantasie und des gegen den Bruder gerichteten Kastra- 
tionswunsches. 

Unter demselben Zeichen steht die nächste Dreieckbildung, — 
sie mit noch zwei Schulkameradinnen, — in der immer eine von 
ihnen von einer anderen für eine böse Tat geschlagen wird, während 
die jeweilig Dritte dabei zuschaut. Dieses Schlagen mußte sehr häufig 
wiederholt werden, denn es ging mit vollkommen bewußten, geni- 
talen Lustsensationen einher, für die sich die Patientin dann wieder 
bestrafen mußte. 

Diese „Dreieckbildung" geht aus jener zwanghaften Wieder- 
holungstendenz hervor, die wir als schicksalsbildend bezeichnet haben. 
Im letzten Erlebnis wird die Patientin von der Freundin in ihr 
eheliches Schlafzimmer gerufen, wie damals von der Mutter. Nicht 
sie also drängt sich als Dritte auf, sondern sie wird gerufen. Dies- 
mal war es nicht eine Erinnerungstäuschung wie beim infantilen 
Erlebnis, aber das Unbewußte der Patientin wußte die Situation so 
zu arrangieren, daß sie vom Vorwurf, sie habe sich eingedrängt, 
frei bleiben konnte, obwohl sie selbst diesen Ruf der Freundin 
provoziert hatte. Im jetzt gebildeten Liebesdreieck wird der Kind- 
heitswunsch erfüllt, eben von jenem Manne geliebt zu werden, der 
einer anderen Frau gehört. Das Über-Ich, das Gewissen, kann dazu 
schweigen und wird dabei hintergangen, das Schuldgefühl wird ge- 

/ 



Diffuse Angst — Katzenphobie 



95 



mildert, weil sie doch diesen Wunsch nur mit einer gleichzeitigen 
Entsagung erkauft: sie läßt ja den Mann bei seiner rechtmäßigen 
Frau und erlebt täglich den schmerzlichen Verzicht zu Gunsten der 
Anderen, deren Mann sie dadurch erst ohne Schuldgefühl mitbe- 
sitzen kann. 

Vor allem aber gelangte in dieser merkwürdigen Beziehung die 
tief vergrabene, unbewußte homosexuelle Triebregung zur Befriedi- 
gung, die durch ihre zärtliche Ausdrucksform die Dreiecksbildung 
einleitete und erst auf dem Wege über die Homosexualität die An- 
näherung an den Mann ermöglichte. 

Diese kombinierte Liebesbeziehung erwies sich als besonders 
entlastend und günstig für die Patientin. Eine ganze Anzahl von 
ich-feindlichen Strebungen konnte hier bewältigt und befriedigt wer- 
den. Sie vermochte so die mörderische Eifersucht, die ihr Seelen- 
leben ausfüllte, zu besänftigen und die Haßgefühle gegen die Ri- 
valin ebenso zu betätigen wie zu überkompensieren. 

In dieser Lebensführung war die Patientin durch mehrere Jahre 
zufrieden und, wie gesagt, praktisch gesund. Allerdings eine gewisse 
Labilität der Affektlage im Sinne der Angstbereitschaft war bei ihr 
immer vorhanden. Die große Angsthysterie fing aber erst im Rahmen 
der Erlebnisse des letzten Dreiecks an. 

Die Ehe der Freundin war nämlich nicht kinderlos geblieben. 
Noch vor dem Einzug der Patientin in das Haus der Freundin 
waren zwei Söhne und eine Tochter geboren. Für die Patientin war 
es eine Selbstverständlichkeit, daß nicht sie, sondern die Freundin 
Kinder bekommen konnte, aus Motiven, die ich im Obigen be- 
sprochen habe. Sie war selbst zur Kinderlosigkeit verurteilt, liebte 
aber herzlich und aufopfernd die Kinder der Anderen. Schon zur 
Zeit ihrer Beziehung zum Manne der Freundin wurde diese schwan- 
ger und gebar ein kleines Töchterchen. Diese Geburt frischte im 
Seelenleben unserer Patientin alle Reaktionen auf, die sie nach der 
Geburt ihres kleinen Schwesterchens erlebt hatte. Nicht sie, sondern 
die Andere hatte „das Geschenk" bekommen. Alles, was bis dahin 
m gelungener Verdrängung einerseits, in Reaktionsbildungen und 



9 6 Phobie 



verkappten Bußehandlungen andererseits, im guten Gleichgewichte 
gehalten worden war, brach jetzt zusammen. Die aggressiven Ten- 
denzen, die verdrängten Schwangerschaftsphantasien und die uber- 
kompensierende, homosexuelle Beziehung zur Freundin, alles bis 
dahin in gemilderter Form der „ Schicksalsneurose« enthalten und 
befriedigt, bekam jetzt durch diese neuerliche Versagung eine Er- 
schütterung, der das Ich der Patientin nicht mehr gewachsen er- 
schien. 

Bald nach der Geburt des Kindes, aber des Zusammenhanges 
vollkommen unbewußt, fängt die Patientin an, Angstgefühle und 
Befürchtungen verschiedenen Inhaltes zu haben. Sie nimmt sich des 
Neugeborenen liebevoll an, hat aber häufig die Angst, daß sie selbst 
oder jemand anderer das Kleine fallen lassen könnte. Die Harmonie 
im Hause ist nicht gestört, aber der Zustand der Patientin ent- 
wickelt sich immer mehr zu einer Angsthysterie. Zuerst wird sie 
nur zeitweise von Angstgefühlen überfallen, allmählich werden die 
Intervalle, in denen sie relativ angstfrei bleibt, immer kleiner. Wie 
ich schon oben erwähnte, steigert sich dieses ständige Angstgefühl 
zu unerträglichen AngstanfäUen, einmal als sie eine Bergpartie 
macht, dann bei Schiffahrten und schließlich vor allem beim An- 
blick von Katzen. . 

Es würde sehr viel Zeit in Anspruch nehmen, wenn wir alle 
Determinannten dieser bestimmten Angstbedingungen anführen 
wollten. Im Zentrum der Höhen- und der Wasserangst stand eine 
Schwangerschaftsphantasie. Sie erinnern sich, welche Schicksale die 
ganze Einstellung unserer Patientin zu den weiblichen Fortpflanzungs- 
ftmktionen erfahren hatte. Sie mußte auf das Kind verzichten, aber 
die verdrängte Schwangerschaftsphantasie blieb doch ein standiges 
Inventar ihres unbewußten Seelenlebens und bestimmte auch ihren 

Lebenslauf. . 

Schon während der Schwangerschaft der Freundin hatte die Patientin 
Beklemmungen, die sie ihrer besonderen Fürsorge und Ängstlichkeit 
um die Freundin zuschrieb. Die Geburt des Kindes mobilisierte 
dann eine ganze Reihe einmal verdrängter Reaktionen. Der sadisti- 



Diffuse Angst — Katzenphobie 



97 



sehe Impuls, der einmal der Mutter und der neugeborenen Schwester 
galt, richtete sich jetzt gegen die Freundin und ihr Neugeborenes. 
Die eigenen Schwangerschaftsphantasien der Patientin, die sich bei 
ihr in Beklemmungen, Atemnot, Herzklopfen, Schwindelgefühlen, 
wie in einer echten Gravidität äußerten, brachten es mit sich, daß 
die Patientin selbst zum Objekt ihrer sadistischen Regungen werden 
mußte. Diese Umkehrung ist eine Erscheinung sehr allgemeiner 
Natur und führt oft zu qualvollen Angstzuständen bei schwangeren 
Frauen. Ich konnte schon häufig beobachten, wie junge Frauen sich 
gegen eine Konzeption wehrten, oder die Schwangerschaft künstlich 
unterbrechen ließen, weil sie von einem qualvollen „ahnenden" 
Gefühl geplagt waren, sie würden sicher bei der Entbindung ster- 
ben. Die Analyse solcher Befürchtungen ergibt dann, daß diese Angst 
aus der Drohung hervorgeht, der infantile Todeswunsch gegen die 
schwangere Mutter könnte jetzt an dem identifizierten Selbst 
masochistisch in Erfüllung gehen. Dabei zeigt die Erfahrung, daß 
diese aggressiven Wünsche des kleinen Mädchens nicht' nur 
einer realen Schwangerschaft der Mutter gelten, sondern daß oft 
schon der phantasierte Verdacht zur Entstehung solcher Re- 
gungen genügt. 

Unsere Patientin hatte aber die Schwangerschaft der Mutter real 
erlebt ; jetzt in ihrem vierzigsten Lebensjahr wird diese traumatische 
Reaktion ihrer Kindheit von neuem intensiv aufgefrischt. 

Die Angstgefühle in ihrer phantasierten Schwangerschaft sind 
Todesängste, sie selbst müßte jenen Tod erleiden, zu dem sie ein- 
mal die Mutter in ihren unbewußten Haßregungen verurteilt hatte. 

Ich werde im Weiteren über Fälle von Platzangst berichten, 
in denen die Angst aus der Wendung einer sadistischen Regung 
gegen das eigene Ich hervorging. Ich möchte aber schon hier 
erwähnen, daß die Patientin, über die ich jetzt berichte, denselben 
seelischen Mechanismus zeigte, wie den, auf den ich dann zu sprechen 
kommen werde. Sie identifizierte sich in ihren Wünschen mit der 
schwangeren Mutter, bezw. Freundin, und daher bedrohte ihr stren- 
ges Über-Ich sie mit jener Form der Strafe, die sie mit ihren eige- 



nen sadistischen Wünschen jenen auferlegt hatte. Dieser Teil ihrer 
Angst galt der Gefahr, die ihr vom Über-Ich drohte und die Inten- 
sität der Angst entsprach der Größe ihrer Schuldgefühle. Der 
Schwangerschaftskonflikt war auch dadurch besonders erhöht, daß 
die Patientin durch ihr vorgerücktes Alter sich der realen Gefahr 
näherte, daß der neurotische Verzicht auf das Kind durch biologische 
Vorgänge zu einem endgültigen würde. War es damals in der Kind- 
heit für sie zu „früh", so drohte es jetzt zu „spät" zu werden. Ihre 
Angstgefühle steigerten sich jetzt besonders zur Zeit der Menstrua- 
tion; jedoch war sie schon vor dem Ausbruch der Angstzustände 
in dieser Zeit besonders reizbar und unverträglich. Patientin war 
sich dabei immer eines unklaren Vorwurfes gegen die Mutter be- 
wußt. Sie meinte nämlich, die Mutter hätte sie nicht genügend über 
den Vorgang der Menstruation aufgeklärt und dies hätte böse Fol- 
gen für sie gehabt. Worin diese bestünden, konnte sie nicht konkret 
angeben. Erst in der Analyse konnte sie sich überzeugen, daß 
Menstruation und Geburtsvorgänge in ihrem Unbewußten so enge 
verknüpft waren, daß dadurch der alte Vorwurf gegen die Mutter 
wegen der Schwangerschaft jedesmal rege wurde. 

Eine andere wichtige Quelle ihrer Angst konnte durch die Art 
der Übertragung aufgedeckt werden. Patientin kämpfte lange in 
ihren Widerständen gegen die sehnsuchtsvollen sexuellen Phantasien, 
die sich auf meine Person bezogen. Bald galt ein großer Teil ihrer 
Ängste dieser Beziehung zu mir und da sie erkannte, wie sehr ich 
nun in ihrem Leben die Rolle der Freundin einzunehmen begann, 
machte sie mir eines Tages den Vorwurf, ob sie denn zu mir ge- 
kommen sei „um eine Krankheit gegen die andere zu ver- 
tauschen". War ja die Liebe zu ihrer Freundin seit der Geburt des 
Kindes wirklich zu einer Art Krankheit geworden. Die zärtliche 
Pflege, die man dem kleinen Mädchen angedeihen ließ, hatte in ihr 
dieselben Eifersuchtsregungen wieder belebt wie nach der seiner- 
zeitigen Geburt der kleinen Schwester, die jetzt wie früher gerade 
zu einer Zeit erfolgte, in der die Liebesforderung an die Mutter, 
bezw. an die Freundin durch Uberkompensierung des aggressiven 



Diffuse Angst — Katzenphobie 



99 



Hasses gegen die Rivalin in die Höhe getrieben worden war. Nun 
standen sich im Unbewußten der Patientin zwei Feinde gegenüber: 
der aggressive Haß und die überkompensierende Liebe, beide ver- 
drängt und beide angsterzeugend. Je größer in diesem Konflikte die 
Liebe zu werden versuchte, desto schwerer wurden die Schuldge- 
fühle wegen des aufsteigenden Hasses. 

Eine besonders lehrreiche Aufklärung bekam in der Analyse 
das Symptom der erwähnten Katzenphobie. 

Als altes Märchensymbol, in dem die Katze stets Begleiterin 
und Doublette der bösen Hexe ist, wurde dieses Tier bei der Pa- 
tientin zur Repräsentantin ihrer eigenen bösen Gefühle gegen das 
Weib. Ist doch die Hexe selbst, eine Gegenpartnerin der guten Fee, 
für uns die „böse Mutter" als Trägerin unserer eigenen bösen Ein- 
stellung gegen diese, im urmenschlichen Ambivalenzkonflikte. Dieser 
Rolle verdankt sie ihre Unsterblichkeit als Märchenfigur. 

Die Phobie unserer Patientin war ganz im Sinne jener Märchen- 
motive; die Angst, die sie empfand, galt der großen Gefahr, die 
ihr selbst von der „bösen Frau" in ihrem Inneren drohte. Diese 
Gefahr vor der eigenen Gefühlseinstellung lag aber nicht nur in der 
schuldbelastenden Aggression gegen die Frau, sie war auch durch 
das Schicksal bedingt, welches diese Aggressionen zum Teil bereits 
früher erfahren hatten. Sie waren verdrängt worden und hatten sich 
in eine überkompensierende Liebe zur Mutter gewandelt, die auch 
auf die Freundin übertragen wurde. Diese Liebe hatte, wie man aus 
dem Phantasieleben der Patientin entnehmen konnte, einen masochisti- 
schen Charakter: von der Freundin mißhandelt zu werden — und 
verriet dadurch ihre Abkunft von der ursprünglichen Aggressions- 
neigung. Befürchtete also die Patientin eine Strafe für ihre, gegen 
die Freundin gerichteten Todeswünsche, so mußte sie begreiflicher- 
weise auch gleichzeitig Angst vor ihrer libidinösen Bindung an die 
Freundin haben, da der masochistische Charakter dieser Bindung 
große Gefahren in sich barg. Sie versuchte ihnen zu entgehen, indem 
sie sie in das symbolisierte Tier hinausverlegte. Die Katze wurde 
zur Vertreterin beider gefahrvollen, ambivalenten Regungen dem 



100 Phobie 

Weibe gegenüber. Durch die Vermeidung eines Zusammentreffens 
mit diesem Tiere versuchte die Patientin den inneren Gefahren zu 
entgehen. Dies ist auch gewöhnlich der Zweck und der Er- 
folg des phobischen Mechanismus im Allgemeinen. 
Bei unserer Patientin konnte dieser Zweck jedoch nicht erreicht wer- 
den, denn durch die phobische Maßregel wurde bei ihr nur ein 
Teil der diffusen Angst bewältigt, den größeren Teil vermochte sie 
nicht in phobischen Gegenbesetzungen einzufangen. Warum dies 
nicht gelang, läßt sich nicht mit Sicherheit feststellen. 

Es scheint, daß die Phobie im Allgemeinen von der echten 
Hysterie durch ihre nähere Beziehung zur Zwangsneurose abweicht 
und daß die Bildung eines gut konsolidierten phobischen Systems 
mehr von jenen Kräften zur Voraussetzung hat, die bei der Ent- 
stehung von Zwangssymptomen im Spiele sind. Wir werden auf 
diese Frage bei der Besprechung der Phobie und der Zwangsneu- 
rose noch näher eingehen. 

Noch weniger kann man die Frage beantworten, warum die 
Angsthysterie ihre Angstfreiheit durch Bildung von Konversions- 
symptomen nicht zu wahren vermag. Vielleicht spielt hier ein grö- 
ßerer sadistischer Anteil der Libido eine Rolle, der auch mehr Strenge 
von Seiten des Über-Ichs provoziert, das den wunscherfüllenden 
Triebtendenzen ihre Darstellung in Konversionssymptomen nicht 
gestattet. 

Diese Zwischenstellung der Phobien zwischen Zwangsneurose 
und Hysterie läßt sich häufig an Fällen beobachten, die eine Kom- 
bination von phobischen Ängsten mit Konversionssymptomen und 
hysterischen Anfällen aufweisen oder an anderen, bei denen Zwangs- 
symptome mit solchen phobischer Natur verbunden sind. Auch gibt 
es phobisch Erkrankte, die in der Bildung der Gesamtpersönlichkeit 
einen ausgesprochen hysterischen und andere, die mehr einen zwangs- 
neurotischen Charakter zur Schau tragen. 

Zu dieser Frage werden wir noch im Späteren zurückkehren. 



Hühnerphobie 101 



SIEBENTE VORLESUNG 

Ein FaE vom Hülimerpliobie 

Ich möchte Ihnen über einen Fall von Phobie berichten, bei dem 
die phobische Angst einem Tiere galt, das unter den Objekten der 
Tierphobien selten vorkommt. Hunde, Pferde, Katzen sind die 
häufigsten Ablagerungsstätten für die Angst der Phobiker. Manchmal 
sind es auch große, gewaltige Tiere, die in Märchengeschichten eine 
Rolle spielen und die Phantasie des Kindes in der Richtung der 
Angst anregen. Manchmal geht von kleinen kriechenden Tieren 
oder Spinnen, Schlangen usw. ein Gefühl der Unheimlichkeit aus, 
das sich unter Umständen zu schweren Angstgefühlen steigern kann. 

Unser Patient litt jahrelang an einer Hühner phobie, die für 
ihn besonders peinlich war; denn, am Lande geboren und erzogen, 
wurde er in seiner Berufswahl als Landwirt durch seine Phobie so 
behindert, daß er seinem Feinde tatsächlich das Feld räumen, d. h. 
in die Stadt flüchten mußte, um hier seine Ängste einem anderen 
Schicksal zuzuführen. 

Als er die analytische Behandlung aufsuchte, war er eigentlich 
praktisch von seiner Phobie bereits genesen. In die Analyse brachte 
den 20jährigen jungen Mann der Wunsch seiner Familie, die davon 
Kenntnis bekommen hatte, daß der Patient manifest homosexuell 
sei, und an ihn deshalb die Forderung stellte, seine Perversion einer 
analytischen Behandlung zu unterziehen. Damit ist der Patient gar- 
nicht einverstanden. Er ist eigentlich mit seiner Homosexualität ganz 
zufrieden, betont den aggressiven männlichen Anteil seiner Beziehung 
zu Männern, obzwar seine ganze Persönlichkeit einen stark femi- 
ninen, weichen Charakter aufweist. Die Objekte seiner Liebe sind 
immer elegante Jünglinge, die, seiner Beschreibung nach, demselben 
Typus wie er selbst angehören. Diese Art der Objektwahl nennen 
wir narzißtisch, d. h. man liebt im Anderen die Ähnlichkeit 
mit sich selbst. 



]21 Ein Fall von 

Diese Objektwahl war eigentlich etwas auffallend, denn schon 
das erste Stadium der Analyse zeigte mit voller Klarheit, daß die 
Wurzel seiner Homosexualität in der Bindung' an einen um 10 Jahre 
älteren Bruder lag. Erst die analytische Entwicklung der verschlungenen 
Fäden seines Seelenlebens erklärte diese widerspruchsvolle Tatsache. 
Der Patient erinnert sich nicht, in den ersten 5—6 Lebensjahren 
krank gewesen zu sein. Erst in der Latenzperiode traten die ersten 
neurotischen Schwierigkeiten auf, und zwar als Reaktion auf ein 
traumatisches Erlebnis. Ich möchte an dieser Stelle noch einmal be- 
tonen, daß solche traumatische Erlebnisse wohl eine provozierende 
Rolle für den Ausbruch einer Neurose spielen können, äußerst selten 
jedoch die letzte und einzige Ursache der Erkrankung darstellen. In 
der analytischen Behandlung sind sie Wegweiser, Marksteine, Stufen- 
leiter zu tieferen unterbewußten Quellen, denen sie ihre Auswirkung, 
manchmal auch ihre Entstehung verdanken. 

Das traumatische Erlebnis unseres Patienten bildete gleichsam 
das Klischee sowohl für seine spätere Pubertätsneurose, wie für seine 
Perversion, und ich werde bei der Besprechung dieses äußerst inter- 
essanten und instruktiven Falles jenes Erlebnis als Zentrum benützen, 
von dem wir ausgehen wollen. Von diesem Erlebnis aus führten 
nämlich die Wege der Analyse nicht nur zu den späteren Entwick- 
lungsstadien des Patienten, sondern auch in die vorgeschichtliche Zeit 
seiner Kindheit, d. h. in die der Amnesie verfallene Zeit. Bei solchen 
pathogen wirkenden Erlebnissen — ohne Rücksicht darauf, ob sie 
schon der Amnesie verfallen sind oder nicht — erweist sich dann 
fast immer in der Analyse, daß ihre pathogene Auswirkung nur 
dadurch Zustandekommen konnte, daß für das Erlebnis ein bereits 
lange vorbereiteter Boden vorhanden war. 

Das Erlebnis meines Patienten war eigentlich nie der Amnesie 
verfallen, es war ihm jedoch die tiefere Bedeutung jener Episode 
für die Gestaltung seines Seelenlebens nicht erkennbar. Der Zusam- 
menhang zwischen dem scheinbar harmlosen Erlebnis und den spä- 
teren neurotischen Schwierigkeiten konnte daher erst in der Analyse 
hergestellt werden. 



Hühner phobie _ 10 3 

An einem heißen Sommertage spielte der kleine 7jährige Junge 
mit seinem erwachsenen Bruder im Hofe des landwirtschaftlichen 
Hauswesens seiner Eltern, in dem er geboren und erzogen wurde. 
Er beschäftigte sich mit einem Spiel am Boden, wobei er eine hockende 
gebückte Stellung einnahm. Da sprang der große Bruder unverhofft 
von rückwärts auf den kleinen, umfaßte ihn fest um die Mitte und 
rief: „Ich bin der Hahn, du bist die Henne." 

Offenkundig hatte es sich da um einen spielerischen sexuellen 
Angriff von Seiten des Bruders gehandelt. Es kam zu einer Rauf- 
szene zwischen den beiden, denn unser kleiner Freund wollte unter 
keinen Umständen eine Henne sein. Er mußte jedoch dem stärkeren 
Bruder, der ihn — in derselben Stellung verharrend — fest um- 
schlungen hielt, unterliegen. Er weinte und schrie in maßloser Wut : 
„Ich will aber doch keine Henne sein!" 

Nun begann der kleine Junge seine Bewegungsfreiheit beträcht- 
lich einzubüßen. Er fühlte sieh genötigt, Hennen im weiten Kreis zu 
meiden, was in einem landwirtschaftlichen Betriebe doch nur mit 
einiger Schwierigkeit möglich war. In dieser Zeit war es noch nicht 
die Angst vor Hennen, die ihn zu dieser Vermeidung trieb, sondern 
die Angst vor den sadistischen Angriffen des großen Bruders, der 
eingedenk jenes Spieles und des Protestes des Kleinen gegen das 
Henne-sein nun jedesmal, wenn eine Henne in Sicht war, neckend 
auszurufen pflegte : „Das bist du !" 

Dieses anfängliche Meiden der brüderlichen Sticheleien ent- 
wickelte sich allmählich zum Meiden von Hennen; so wurde aus 
der Angst vor den Neckereien des Bruders eine Angst vor den 
harmlosen Tieren, mit denen er bis dahin besonders gut befreundet 
war. Bald wuchs sich die Angst des kleinen Jungen zu einer richti- 
gen Hühnerphobie aus. Jedesmal, wenn er aus dem Zimmer hinaus- 
gehen wollte, mußte eine Vertrauensperson aus seiner Umgebung 
die Hühner im Stalle einsperren und Umschau halten, ob keine 
Henne in der Nähe war. Erst nach Einhaltung aller dieser Vorsichts- 
maßregeln wagte es der kleine Junge mit bangen Gefühlen das Haus 
zu verlassen. Er spähte immer mit ängstlichen Blicken aus, ob das 



Schreckgespenst in Gestalt einer Henne doch nicht auf der Bildfläche 
erscheine; jedesmal beim Anblick einer Henne geriet er in einen 
heftigen Angstzustand. Durch etwa zwei Jahre lastete diese Ein- 
schränkung seiner Freiheit auf seinem Leben. Dann verlor sich die 
Phobie vollkommen und in der Analyse stellte sich heraus, daß die 
Befreiung von der Phobie zeitlich mit der Wegreise des Bruders 
zusammenfiel, der zu Studienzwecken das elterliche Haus verließ. 

In der Pubertät wird unser Patient besonders schwer erziehbar und 
nach einem unangenehmen Zwischenfall mit der französischen Gouver- 
nante wird er in die Stadtschule weggeschickt, wohnt hier bei einem 
Gymnasialprofessor, an dem er sehr hängt, und als er nach mehreren 
Monaten zu den Ferien nach Hause kommt, befällt ihn nach einem 
Intervall von etwa 6 Jahren die Hühnerphobie wieder, so daß er 
kaum das Zimmer zu verlassen wagt. 

Allmählich flaut diese Phobie ab, er wird in seiner weiteren 
Entwicklung praktisch gesund, wendet sich aber dann vom weib- 
lichen Geschlechte ab und wird, wie Sie gehört haben, manifest 
homosexuell. 

Schauen wir uns in seiner Kindheitsgeschichte vor dem trauma- 
tischen Erlebnis etwas näher um. Unter drei Geschwistern ein spät- 
geborener Jüngster, ist er ein ausgesprochenes „Herzpinkerl" der 
Mutter. Er ist von der Seite der Mutter nicht wegzubringen, hängt 
immer an ihrem Rock und begleitet sie bei allen ihren Beschäfti- 
gungen. Wie sich herausstellt, spielen Hühner schon lange vor jenem 
Brudererlebnis eine wichtige Rolle in seiner Phantasietätigkeit. Die 
Mutter besorgt mit besonderem Interesse den Hühnerstall. Der kleine 
Junge nimmt an ihren Hühnerstallinteressen einen lebhaften Anteil, 
freut sich mit jedem neugelegten Ei und schaut interessiert zu, wie 
die Mutter die übliche Betastung der Hühner vornimmt, um deren 
Bruttätigkeit zu kontrollieren. Er selbst läßt sich auch gerne von der 
Mutter betasten und beim Baden, Waschen und allerlei anderen 
Pflegeprozeduren fragt er oft scherzend die Mutter, ob er auch ein 
Ei legen werde, sie möge es doch mit ihrem Finger nachkontrollieren. 
Während die Betastungslust sich anfangs auf das Genitale bezieht, 



Hühnerphobie 105 

verlegt er allmählich — vielleicht im Zusammenhang mit den Be- 
tastungen der Hühner — diese Lustsensationen nach rückwärts. Er 
manipuliert mit dem Finger im Anus, hält den Kot zurück, oder 
legt schön geformte Koteier in alle Ecken des Zimmers, freut sich 
sehr über diese Liebesgabe für die Mutter und ist höchst erstaunt, 
daß sie diese nicht mit derselben Zufriedenheit begrüßt, wie bei 
Hühnern. In diesen Spielen hat er selbst eine doppelte Rolle : er ist 
die Mutter, die ihn berührt, betastet, den Finger einführt und die 
Henne, die betastet wird und das Ei legt. Dieses anale Spiel war 
nun zum großen Teil der Amnesie verfallen und taucht erst im 
Verlaufe der Analyse wieder in der Erinnerung auf. 

Dann kommt eine Phase, in der die Erziehung von Seiten der 
Umgebung scheinbar von Erfolg gekrönt ist. Der kleine Junge gibt 
die „Schweinereien" auf, wird sehr sauber und es macht den Ein- 
druck, als würde er auch die Freude am Analen aufgeben. Er fängt 
wohl an, sich mehr mit seinem Genitale onanistisch zu beschäftigen 
und man könnte den Eindruck gewinnen, daß der kleine Junge da- 
mit eine Entwicklung von der analen zur genitalen Phase durchge- 
macht habe. Aber die Analyse ergab, daß auch die Onanie nur 
anale Lustsensationen auf einem anderen Wege anstrebte. In den 
onanistischen Manipulationen wußte er es so einzurichten, daß er 
statt mit dem Finger von rückwärts, mit dem Penis von vorne auf 
das Mittelfleisch drückte und so anale Sensationen erzielte. Seine 
Phantasien blieben dabei bei der Mutter, und zwar so, daß er in 
seiner Vorstellung der Mutter den Besitz eines Penis andichtete : 
sein eigener Penis war bei diesem Spiele ein der Mutter zugehören- 
des Organ, so wie früher sein Finger in der Phantasie eigentlich 
der der Mutter war. In dieser Phase ist er zwar passiv-anal einge- 
stellt, aber die Objektwahl ist eine heterosexuelle. Erst das Erlebnis 
mit dem Bruder bedeutete einen Wendepunkt in der Objektwahl. 
Mit diesem Überfall wird die passiv-anale, zur Homosexualität 
disponierende Einstellung bereits homosexuell gerichtet und an die 
Stelle der Mutter tritt der Bruder. Das Spielerlebnis mit dem Bru- 
der hatte seine passive homosexuelle Bereitschaft voll aktiviert. Die 



106 Ein Fall von 



Analyse ergab, daß noch vor dem Ereignis mit dem Bruder, unser 
Patient bei der Beobachtung des aufspringenden Hahnes sich mit 
der Henne identifiziert hatte und deshalb gegen die Bewältigung 
durch den Bruder im Hahn-Henne-Spiel so affektvoll protestierte, 
weil er vom Bewußtsein aus gegen die unbewußt erwünschte pas- 
sive Rolle sich auflehnte. Die Szene mit dem Bruder hatte für ihn 
die Bedeutung des sexuellen Aktes zwischen dem Hahn und der 
Henne, d. h. zwischen dem Bruder und ihm selbst, und das Schreien 
„ich will keine Henne sein!" hatte zum wirklichen Inhalt, „ich ver- 
leugne meinen passiv-homosexuellen Wunsch". Die Hühnerphobie 
war, wie sich in der Analyse herausstellte, nur die weitere Fort- 
setzung dieser Ableugnungstendenz. 

Ich möchte noch eine andere Episode aus jenem Brudererlebnis 
hier einschalten. Patient erzählte in der Analyse, noch ohne Zusam- 
menhang mit jenem Erlebnis, daß er in Gürtelhöhe um den Körper 
herum eine Zone hätte, in der er so kitzlig sei, daß er sogar beim 
Anprobieren eines Anzuges, wie überhaupt bei jeder Annäherung 
an sie in unbändige Lachkrämpfe verfalle und früher öfters bei 
Spielen mit Kollegen, bei jedem Versuch ihn in dieser Gegend zu 
kitzeln, vor Lachen in Ohnmacht fiel. In der Analyse ließ sich diese 
Überempfindlichkeit auch in Verbindung mit der Bruderszene brin- 
gen. In jener verhängnisvollen Situation hatte ihn der Bruder von 
rückwärts an dieser Körperpartie umschlungen gehalten, die zu die- 
ser Kitzelzone gehörte. Diese Umklammerung hatte, wie wir schon 
wissen, den passiven libidinösen Wünschen des Patienten eine Er- 
füllung gebracht. Gleichzeitig mit der Erfüllungsfreude erwachte 
jedoch eine heftige Abwehr gegen die passiven Tendenzen. Das 
Lachen beim Kitzeln ist der Ausdruck der Befriedigung, bezw. die 
Reminiszenz an das Lustvolle jenes Erlebnisses, aber es ist ein La- 
chen, das durch Abwehr zur Unlust wird, eine bereits abgewehrte, 
gewissermaßen traurige Lustigkeit. 

So weit die Erinnerung unseres Patienten reichte, war das da- 
malige Erlebnis mit dem Bruder nicht vom Kitzelgefühl begleitet 
gewesen, aber am Orte des körperlichen Angriffes, an der Umar- 



Hühnerphobie 107 

mungszone, behielt unser Patient eine körperliche Reminiszenz, die 
beiden späteren Berührungen aufgefrischt, jedesmal zur freudigen 
Entladung, d. h. zum Lachen drängte, aber gleichzeitig auch zur 
Abwehr, wie damals in dem Rufe „ich will keine Henne sein!". 

Im Kampfe mit dem Bruder wurde er besiegt, und in Erinne- 
rung an seine eigene passive Hingabe nach dem inneren Verzicht 
auf die Abwehr, traten die späteren Ohnmachtszustände beim Kitzeln 
auf. Fügen wir noch hinzu, daß der Patient schon in seinen Bezie- 
hungen zur Mutter starke Lusterlebnisse bei Berührungen durch sie 
empfunden hatte. Diese Berührungsfreude bei seiner sichtlich stark 
entwickelten Hauterotik hatte auch den anderen Körperpartien, die 
der fürsorglichen Pflege der Mutter oblagen, gegolten. Solche Stellen, 
die bei der Kinderpflege besonders der Reinigung, also auch der 
Berührung, unterzogen werden, befinden sich unter dem Kinn, in 
den Achselhöhlen und an den Fersen. Bei unserem Patienten wurde 
wahrscheinlich die Berührungsempfindlichkeit von diesen Körper- 
partien auf jene Zone verschoben, die im Brudererlebnis eine Rolle 
spielte, entsprechend den Schicksalen seiner Libido, die sich von der 
Mutter dem Bruder zuwendete. 

Ich habe den Eindruck, daß diese Art der Hauterregbarkeit mit 
den sonderbaren Affektreaktionen, die bei unserem Patienten so 
stark entwickelt waren, überhaupt bei jedem Kitzeln dieselbe Ge- 
nese hat. Es ist doch auffallend, daß die typischen Kitzelregionen 
bei den meisten* Menschen diejenigen sind, die bei den Reinigungs- 
prozeduren des kleinen Kindes besonders bevorzugt werden. Es 
scheinen an diesen Körperregionen lustvolle und später verdrängte 
Erinnerungen der hauterotischen Früherlebnisse besonders zu haften. 
Das Kitzeln ist dann die Wiederbelebung des Lustvollen und Ab- 
gewehrten gleichzeitig. 

Kehren wir zu unserem Patienten zurück. Die Szene mit dem 
Bruder hatte für ihn die Bedeutung einer homosexuellen Verführung, 
eines Erlebnisses, auf das er schon lange vorher in seinen unbe- 
wußten Phantasien mit voller libidinöser Bereitschaft vorbereitet 
war. Sein Kampf galt der Abwehr dieser Wunscherfüllung, der Ab- 



108 Ein Fall von 

wehr seiner eigenen passiven Homosexualität, die in der Hühner- 
phobie sich manifestierte. 

Wir wollen diesen ganzen Vorgang einer Überlegung unter- 
ziehen. Bringen wir uns die zwei vorbildlichen Krankengeschichten 
von Tierphobien in Erinnerung, ich meine die Pferdephobie des 
„kleinen Hans" und die Wolfsphobie aus der „Geschichte einer in- 
fantilen Neurose" (Freud). 

Der kleine Hans hatte den feindseligen Impuls gegen den Vater 
verdrängt, hatte seine aggressiven Tendenzen vom Vater auf ein 
dazu geeignetes Tierobjekt verschoben und erwartet nun vom 
mächtigen Tiere die Rache, d. h. eine Aggression gegen seine eigene 
kleine Person. Die Angst ist bei ihm ein Warnungssignal vor den 
eigenen inneren Gefahren, eine Angst, deren warnender Inhalt lautet : 
„wenn du den Vater als Konkurrenten töten willst, wirst du von 
ihm kastriert", und die Kastrationsgefahr wird durch den Inhalt „du 
wirst vom Pferde gebissen" ausgedrückt. Charakteristisch ist, daß 
diese drohende Gefahr in die Außenwelt verlegt wird. 

Dasselbe tut auch der kleine Wolfsmann, der auch eine innere 
Gefahr in die Außenwelt hinausprojiziert. Bei ihm liegt jedoch die 
Gefahr in der passiv-homosexuellen Beziehung zum Vater (enthalten 
in dem unbewußten Wunsche, vom Vater gefressen zu werden). 
Auch bei ihm ist die innere Gefahr auf ein Angsttier verschoben. 
Wenn auch der Vorgang beim kleinen Wolfsmann ein komplizierterer 
ist, so entspricht, wie Freud sagt, auch seine Angst der Kastrations- 
angst. Was dem kleinen Hans als Rache und Bestrafung droht, näm- 
lich die Kastration, wird beim kleinen Wolfsmann zur Voraussetzung 
der von ihm unbewußt erwünschten Befriedigung. Um vom Vater 
so geliebt zu werden, wie die Mutter, muß man sein männliches 
Genitale opfern. 

Was ist nun mit unserem Hühnerphobiker ? Gemeinsam mit 
den zwei anderen, mit dem kleinen Hans und mit dem Wolfsmann, 
ist auch bei ihm die Verlegung der Innengefahr in die Außenwelt. 
Aber der Projektionsmechanismus funktioniert bei ihm anders. Er 
spaltet diesen Teil seiner Persönlichkeit, der der Träger seiner pas- 



Hühnerphobie 109 

siven homosexuellen Einstellung zum Bruder ist, ab ; die Henne, mit 
der er sich schon früher identifiziert hatte, entspricht eben jenem 
abgespaltenen und hinausprojizierten Teil seines Selbst. Die Henne 
ist für ihn wie ein Spiegelbild seiner femininen Strebung; jedesmal 
wenn er sich in diesem Spiegelbild erblickt, d. h., wenn er eine 
Henne sieht, gerät er in Angst vor seinen eigenen Triebtendenzen, 
die auch bei ihm dieselbe Konsequenz haben müssen, wie beim 
kleinen Hans und beim Wolfsmann: die der Kastration. 

Erinnern wir uns, daß seine primäre Analität eine Disposition 
zur passiven Homosexualität mit sich brachte : der Bruder als An- 
greifer von rückwärts mobilisierte und befestigte nur diese Disposi- 
tion. Charakteristischerweise verschwand die Angst vor den Hühnern, 
als der Bruder das Haus verlassen hatte. Ein Beweis, daß die wirk- 
liche Gefahr für seine passiven libidinösen Wünsche eigentlich in 
seinen Beziehungen zum Bruder lag. 

In der Pubertät ereignet sich folgendes : Der Bruder knüpft ein 
Verhältnis mit der französischen Gouvernante an. Patient bewirbt 
sich auch um ihre Gunst, wird aber als zu jung abgelehnt. Die Ab- 
lehnung nimmt ep nicht glatt an, in heller Wut überfällt er die 
Französin von rückwärts und versucht sie in dieser Stellung zu ver- 
gewaltigen. Nach einer großen Familienszene entschließt man sich, 
den reizbaren Jungen von Hause wegzuschicken. 

Diese Erlebnisse in der Pubertät lassen darauf schließen, daß 
auch früher einmal eine Konkurrenzeinstellung zum Bruder vorhanden 
war. Wahrscheinlich spielte in dieser Konkurrenz die Mutter eine 
Rolle und die Analyse brachte auch Anhaltspunkte dafür, daß die 
Beobachtungen an der Henne und an dem Hahn in seinem Phan- 
tasieleben auf die Mutter und den Vater zurückgingen. Es machte 
auch den Eindruck, daß der kleine Mann die Zurückweisung von 
Seiten der Mutter nicht ertragen konnte und deshalb den Umkeh- 
rungsprozeß ins Weibliche durchführte. Wahrscheinlich ging dieser 
Umkehrungsvorgang so rasch und so leicht vor sich, weil ihn die 
starke anale Disposition vorzeichnete. Diese erste, oben angenommene, 
normale ödipuseinstellung blieb nur eine Vermutung auf Grund 



HO Ein Fall von 

gewisser Anhaltspunkte, ohne daß die Analyse Sicherheiten in dieser 
Richtung erbringen konnte. Die Analyse lernte die Mutterbeziehung 
bereits in dieser wenig männlichen Form kennen : einerseits identifi- 
zierte er sich mit ihr, andererseits wollte er von ihr anal befriedigt 
werden. Von da aus geht er direkt in die Bruderbeziehung über, 
ohne, daß der Vater in der Analyse je eine wichtigere Rolle ge- 
spielt hätte. 

Das Erlebnis mit der Gouvernante wird nun entscheidend für 
seine weiteren Schicksale. Die Versagung bei der Frau verstärkt seine 
homosexuellen Tendenzen. Er kehrt in die Schule zurück, sublimiert 
anscheinend ohne neurotische Schwierigkeiten, aber sein ganzes Ver- 
halten verrät deutlich passive Tendenzen. 

Im 17. Lebensjahr wird er bei einem gelegentlichen Besuch im 
Elternhause wieder von seiner Hühnerphobie befallen. Er verläßt 
fluchtartig das elterliche Haus und kehrt in die Großstadt zurück. 
Am Tage seiner Rückkehr lernt er einen hübschen jungen Mann 
kennen, benimmt sich diesem gegenüber außerordentlich aggressiv, 
erzählt ihm von seinen homosexuellen Erlebnissen (die er nie ge- 
habt hatte) und verführt aktiv den jungen, auch homosexuellen Mann. 
Von diesem Momente an hat er eine ganze Reihe analoger homo- 
sexueller Erlebnisse, in denen er immer die Rolle des aktiven Ver- 
führers spielt. 

Die plötzliche Änderung seines Verhaltens muß so verstanden 
werden, daß er früher auf der Flucht vor der eigenen Passivität 
angstvoll jede homosexuelle Regung verdrängt hatte und phobische 
Maßnahmen dem Durchbruch dieser Regungen vorgezogen hatte. Die 
gebändigte homosexuelle Libido setzte sich aber unter einer Be- 
dingung durch. Diese Bedingung war, daß er in der Homosexualität 
die aktive Rolle übernehmen mußte und nicht die erwähnte passive. 
Dazu war notwendig, daß er sich mit der verführenden Mutter 
identifiziert und nicht mit der verführten. Er erreichte damit zweierlei. 
Erstens konnte er die Aktivität behalten, brauchte seine Männlich- 
keit nicht aufzugeben und auf das männliche Organ nicht zu ver- 
zichten. Zweitens konnte er, nachdem er seine Objektwahl narzißtisch 



Hühnerphobie 1 j x 

gestaltete, d. h. Liebesbeziehungen mit jungen Leuten anknüpfte, die 
ihm ähnlich waren, auf diesem Umwege gleichzeitig passiv, mit an- 
deren identifiziert, das Erlebnis genießen. 

Der letzte Anstoß aber zur Freimachung der Homosexualität 
war folgender: Bei seinem letzten Besuche zu Hause hatte er erfah- 
ren, daß der Bruder manifest homosexuell sei. Diese Erkenntnis 
wurde zum Anlaß seiner neuerlichen Phobie. Gleichzeitig aber, 
gleich nach seiner Rückkehr in die Stadt, unter dem Eindruck dieser 
Mitteilung, gab er die Angst vor der eigenen Homosexualität auf, 
und wurde — sich mit dem Bruder identifizierend — aktiv homo- 
sexuell, indem er sich dabei nur sagen mußte: „Ich brauche mich 
vor dem Angriff des Bruders nicht zu fürchten, denn ich bin selbst 
der Angreifer." 

Die therapeutische Aussicht einer solchen Analyse, bei der der 
Analysand im vollen Gefühle seiner Gesundheit seine Perversion 
akzeptiert hat und\nur auf Wunsch der Angehörigen sich in eine 
Behandlung begibt, ist außerordentlich ungünstig. Überraschender- 
weise endigte diese Analyse mit einer Zuwendung zur Heterosexua- 
lität und wenn die Nachrichten, die ich über den Patienten von 
Zeit zu Zeit bekomme, richtig sind und die Gestaltung seiner äuße- 
ren Lebensverhältnisse als maßgebend angenommen werden kann, 
so ist Patient auch andauernd bei der Heterosexualität geblieben. 

Die Lösung der therapeutischen Aufgabe erwies sich in diesem 
Falle so interessant, daß ich nicht umhin kann, Ihnen darüber in 
Kürze zu berichten. 

Der Patient kam in die Analyse mit einer lebhaften Betonung 
seiner Selbstzufriedenheit. Er war der Typus des narzißtisch femini- 
nen jungen Mannes, für den die Unterbringung seiner geringen 
Liebesfähigkeit bei einem ihm selbst ähnlichen Objekte die einzige 
Möglichkeit der Objektbeziehung war. 

Zur Zeit, als er die Analyse begann, war er angeblich „heiß" 
in einen Bühnenkünstler verliebt. Dieser Bühnenkünstler, eine typisch 
narzißtische Objektwahl, war die Verkörperung aller dieser Qualitäten, 
die der Patient in sich selbst finden wollte. Er selbst wollte Schauspiele 



werden, der Geliebte ist es. Der Geliebte ist zart wie eme Frau 
und großherzig wie ein Mann, zu jedem Opfer bereit und doch 
seine Persönlichkeit wahrend, usw. Gleichzeitig bringt der Patient 
seiner eigenen Person so viel Bewunderung entgegen, zeigt so viel 
Selbstzufriedenheit und Selbstüberhebung, als hätte er tatsächlich 
selbst alle diese Qualitäten, die er in dem Gr'iebten zu finden ver- 
ein der Analyse wird seine narzißtische Selbstherrlichkeit ein 
wenig erschüttert. Daraufhin läuft er von der Analyse weg, schreibt 
aber bald verzweifelte Briefe, in denen er um seine Wiederaufnahme 
bittet, denn er sei ganz „durcheinander«. Die Rückkehr inauguriert 
er mit folgendem Traume: 

Er löscht die Lampe neben seinem Bette gerade aus (bereits im 
Traume), um einzuschlafen. Im selben Momente fühlt er einen Druck 
am Halse, ein Würgen in der Kehle, eine schwere Gestalt umklammert 
seinen Körper, versucht seine Brust zusammenzuquetschen, er wehrt sich, 
beide Gestalten verbeißen sich kämpfend ineinander, fallen vom Bett auf 
den Boden und hier setzt sich das Herumzerren, Schlagen, Kratzen, 
Würgen etc. weiter fort. Es gelingt ihm, den elektrischen Taster zu 
erreichen, er macht Licht, sieht im selben Moment eine dunkel gekleidete, 
weibliche Gestalt vorüberhuschen und weiß, daß dies die Urheberin 
des Kampfes ist. Er fühlt seine Kräfte im Kampfe schwinden und weiß, 
daß er sterben wird. Im Gegner erkennt er einen ihm bekannten jungen 
Mann. Er sagt: „ich habe einen Selbstmord begangen" und denkt 
dabei bin eh' nicht mehr wert". Er weiß dabei, daß der Andere 
ihn ernordet hat, und doch behauptet er, daß es ein Selbstmord ist. 
Zum Schluß denkt er sich: „es ist doch edel von mir, daß ich die 
Schuld auf mich nehme" und erwacht. 

Die ganze Raufszene im Traume erinnert in ihrer analytischen 
Deutung an E. T. A. Hoffmanns „Elixiere des Teufels", wo Me- 
dardus und Viktorin als Spaltungen des Ichs wild miteinander 
kämpfen. Patient sieht die Analogie, und mich als Urheberin seiner 
in der Analyse entstandenen Konflikte erkennend, agnosziert er auch 
die Frauengestalt im Traume. Zum „jungen Mann" assoziiert er 



Hühnerphobie n „ 

eine am Vortag stattgefundene Begegnung mit einem Bekannten, 
von dem er weiß, daß er ein sadistisch-aggressiver Homosexueller 
sei, der seine Objekte quält und ausnützt. Patient bringt ihm volle 
Verachtung entgegen und meidet seine Gesellschaft. Im Gespräche 
hatte ihm jener „junge Mann" erzählt, es gehe ihm nicht gut, er 
leide an Depressionen und Angstzuständen, wobei der Patient zwei 
flüchtige Gedanken hatte. Der eine war: „bist nicht mehr wert", 
der andere: „wie ich". 

Diese Assoziationen verraten deutlich seine eigene Identifizierung 
mit jenem Manne. Während er bis dahin sich mit seinen Liebes- 
partnern, die seinem bewußten Ichideal entsprachen, gleichsetzte und 
dabei sich selbst in seiner narzißtischen Selbstbewunderung ihnen 
ähnlich fühlte, verrät der Traum seine tiefere, verdrängte und jetzt 
unter dem Einfluß der Analyse (Urheberin) durchbrechende Identi- 
tät mit ienem Bösen, Sadistischen, Aggressiven. Seine ganze wütende 
Aggression entlädt er inY Traume gegen den Feind, der ihn über- 
fällt, gegen den sadistischen Partner, der aber gleichzeitig sein Doppel- 
gänger ist, sein verdrängtes und überkompensiertes Ich. 

Das scheinbar klare und durchsichtige Bild seiner passiven Ein- 
stellung verwirrt sich hier. Was wir in seiner Phobie kennen ge- 
lernt haben, erwies sich als Endprodukt eines sehr komplizierten 
Vorganges. Seine „feminine Einstellung" war zwar sehr frühzeitig 
und sehr dispositionell gegeben (anale Beziehung zur Mutter usw.), 
zum endgültigen Resultat kam er jedoch über einen wütenden Haß 
gegen den Gegner, den großen mächtigen Vater, bezw. Bruder (Frau 
als Urheberin des Kampfes im Traume). Er mußte im Kampfe als 
der Schwächere unterliegen (Hahn-Hennekampf) und der ursprüng- 
liche Hasser verwandelte sich dann in einen ohnmächtig Liebenden. 

Der Traum zeigte aber deutlich, daß dieser Kampf, zwischen 
ihm und dem „Anderen", sich weiter in seinem Innenleben abspielt. 
Der „Andere" in ihm, der ihn mißhandelt und zum Schluß ermordet, 
ist der sadistische Teil seiner Persönlichkeit, gleichzeitig aber sein 
eigener Richter, der mit der Feststellung : „er ist nichts Besseres wert" 
eine Justifizierung an ihm ausführt, d. h. einen Selbstmord. 



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114 - 

Wir sehen hier die innere Kritik despotisch walten und nehmen 
mit Recht an, daß sie letzten Endes eine justifizierende Wendung der 
Aggression gegen das eigene Selbst veranlaßte. Die daraus resultierende 
masochistische Einstellung wurde aber für das Ich gefährlich, denn 
sie drohte wieder, wie der ursprüngliche feminin-libidinöse Wunsch, 
mit dem Verlust der Männlichkeit. Die Abwehr dieser Gefahr eben 
haben wir in dieser Phobie bereits erkannt, verstehen jetzt aber, 
daß die phobische Flucht auch der Bestrafung galt, die wiederum die 
Kastrationsgefahr mit sich brachte. Die Bestrafung und die Erfüllung 
des feminin-libidinösen Wunsches haben dieselben verhängnisvollen 
Folgen und müssen deswegen vom Ich abgelehnt werden, was auch 
in der phobischen Maßregel geschieht. 

Bei unserem Patienten löst sich im Laufe der Zeit der innere 
Kampf in einer Reihe scheinbar gelungener Kompromisse auf und 
Patient kompensiert seine psychische Entmannung durch einen selbst- 
herrlichen Narzißmus. Die Analyse entfacht den Kampf von Neuem, 
und zwar bis in die letzte und tiefste Wurzel des Konfliktes. Der 
innere Friede ist gestört, die narzißtische Schutzmauer bricht zu- 
sammen und der Genesungsvorgang kann hier anknüpfen. 

Erinnern Sie sich an die Patientin, die an einer Katzenphobie 
gelitten hat! Wir haben hier gesehen, daß eine zum Todeswunsch 
gesteigerte feindselige Regung gegen die Freundin verdrängt und auf 
ein geeignetes Tier verschoben wurde. Jedes Zusammentreffen mit 
der Katze mobilisierte in der Patientin den alten Haß, aber auch 
die Reaktion, die im Inneren der Patientin auf diesen Haß ent- 
standen ist; eine Drohung von Seiten des Über-Ichs und damit eine 
Gefahr für das Ich, die jetzt von der Katze in der Rolle der strafenden 
Mutter ausgeht. Wir hörten aber hier, daß das Projektionsobjekt, 
die Katze, gleichzeitig zur Trägerin der homosexueUen, positiv libi- 
dinösen Strebung wurde und daß hier sichtlich ein Kompromiß 
zwischen dieser und der strafenden Macht entstanden ist. Dieses 
Kompromiß scheint sich für das Ich als günstig zu erweisen, denn 
es besitzt im phobischen Symptom ein vor Angst schützendes War- 
nungssignal. Es ist so, als würde ein strenger Erzieher einem Kinde 



Hühnerphobie 1 1 e 

mit Strafe drohen, um Angst einzujagen, aber nachsichtig, ihm gleich- 
zeitig versprechen, von der Strafe abzusehen, wenn es etwas Be- 
stimmtes unterläßt. 

Bei unserem letzten Patienten war die Hühnerphobie die direkte 
Projektion einer libidinösen Tendenz, bezw. der Gefahr der Kastra- 
tion, die an die Erfüllung des libidinösen Wunsches geknüpft war. 
Aber auch hier waf schließlich die Phobie das Endprodukt eines 
Kampfes gegen eigene aggressive Regungen. 

Diese beiden Fälle scheinen die Annahme zu bestätigen, daß 
die Phobie zum Unterschied von hysterischen Konversionssymptomen 
stärkere Regressionen im Sinne von sadistisch-aggressiven Tendenzen 
aufweist. Daher benimmt sich das Über-Ich strenger und bringt das 
Ich in jene Gefahrssituationen, die in der Phobie hinausprojiziert 
werden, dadurch den Charakter einer äußeren Gefahr annehmen 
und vermieden werden können. Es zeigt sich aber nicht so uner- 
bittlich wie bei der Zwangsneurose, denn unter Einhaltung bestimmter 
Vermeidungsregeln kann bei der Phobie dem Ich Angst- und 
Symptomfreiheit gewährt werden, während bei der Zwangsneurose 
der andauernde unerbittliche Druck des Schuldgefühls zu stän- 
digen Vorsichtsmaßregeln, Abwehrkämpfen etc. führt. Auf diesen 
Vergleich zwischen der Phobie und der Zwangsneurose kommen 
wir im Weiteren noch zurück. 



ACHTE VORLESUNG 



Die Fälle, über die ich jetzt berichten werde, entsprechen einem 
ganz bestimmten Krankheitstypus, dessen Symptome sich etwa fol- 
gendermaßen charakterisieren. Es handelt sich um Menschen, die, 
auf der Straße sich selbst überlassen, in intensivste Angst- 
zustände geraten. Es stellen sich bei ihnen alle Erscheinungen der 
Angst ein : Herzklopfen, Zittern und vor allem das Gefühl, sie könnten 
jetzt zusammenbrechen und hilflos zugrundegehen. Ihre Angst ist 



n6 Phobie 

eine echte Todesangst und ihre phobische Befürchtung hat den Wort- 
laut : „Ich werde plötzlich sterben." Sie werden dabei von dem ent- 
setzlichen Gedanken gepackt, augenblicklich einem Schwächezustand, 
einer Herzlähmung, einem Schlaganfall oder einem anderen katastro- 
phalen Ereignis zu erliegen; häufig zentriert sich die Angst um die 
Vorstellung des Uberfahrenwerdens, des Eisenbahn- oder Autounfalls 
usw. Charakteristisch für diese Zustände ist, daß sie ganz verschwinden 
oder eine wesentliche Milderung erfahren, wenn sich in der Nähe 
des Kranken eine Begleitperson befindet. Manchmal verleiht ihm 
schon die Sichtweite seines Wohnhauses das Gefühl der Sicherheit. 
Die Begleitperson muß meistens bestimmten Bedingungen entsprechen. 
Es muß eine zärtliche Bindung zwischen ihr und dem Kranken be- 
stehen. Manche Agoraphobe bestehen auf die Begleitung einer b e- 
stimmten Person. Andere scheinen konzilianter zu sein und be- 
gnügen sich mit jedem, mit dem sich die Aussicht auf „rasche Hilfe" 
verknüpfen kann. Reiche Patienten wollen ihren Arzt mit der rettenden 
Injektionsspritze in der Nähe wissen. 

Da die Auswahl der Begleitperson nichts Auffälliges zu bieten 
schien, gab man sich mit der Angabe der Patienten, es handle sich 
nur um die Rettungsmöglichkeit, zufrieden und schenkte dieser 
„Nebenfigur" keine weitere Aufmerksamkeit. In den drei Fällen, die 
ich hier besprechen will, scheint die Bedeutung dieser Begleitperson 
von Wichtigkeit zu sein und gewisse Auskünfte über das Wesen 
dieser Art der Phobie zu geben. 

Einer dieser Fälle wurde mir vor mehreren Jahren von einem 
Kollegen anläßlich seiner Abreise von Wien übergeben. Es handelte 
sich um ein junges Mädchen mit Symptomen der typischen Agora- 
phobie. Jedesmal, wenn sie ohne die Eltern auf die Straße ging, 
wurde sie von heftigster Angst (vom oben beschriebenen Charakter) 
befallen. Als Begleitperson mußte der Vater oder die Mutter fun- 
gieren. Der erste Angstzustand auf der Straße entstand ihren Angaben 
nach, als sie einen Mann unter epileptischen Anfällen auf der Straße 
zusammenfallen sah. Seit dieser Zeit konnte sie sich vom Schock 
dieses Anblickes nicht befreien, um so weniger, als sie fortwährend 



Platzangst ny 



von plötzlichen Todesfällen zu hören bekam und in dieser Beziehung 
ein besonderes Mißgeschick zu haben schien; denn immer begegnete 
sie Rettungswagen oder Begräbnissen und wurde durch diese „Er- 
lebnisse" immer neu an die Möglichkeit des eigenen Todes erinnert. 
Es ist übrigens auffallend, wie häufig die Agoraphoben von solchen 
scheinbar zufalligen, auf sie traumatisch wirkenden Begebenheiten 
überrascht werden. Es ist die Leistung ihrer in einer Richtung ein- 
gestellten Aufmerksamkeit, die diese Kranken zur Aufnahme solcher 
Eindrücke, an denen andere vorübergehen, immer bereit macht, (so 
daß sie selbst den Eindruck gewinnen können, daß gerade sie ein 
besonderes Pech haben). 

Es ist aus der Vorgeschichte der Patientin zu bemerken, daß sie 
ungefähr zur Zeit ihrer Erkrankung, also etwa ein Jahr vor Beginn 
der Behandlung in erotische Beziehungen zu einem jungen Mann 
trat, die von den bürgerlich-moralischen Eltern im Rahmen einer 
„platonischen Liebe" sanktioniert wurden. 

In der Behandlung beim ersten Analytiker hatte sich der Zu- 
stand bedeutend gebessert. Es war offenkundig ein „Übertragungs- 
erfolg", dessen Bedeutung im Verlaufe der Analyse klar wurde. Die 
Verständnis- und liebevolle Behandlung, die ihr zur Zeit des ersten 
Abschnittes ihrer Analyse als Ersatzbefriedigung für ihre unbewußte 
Beziehung zum Vater diente, hatte sich so ausgewirkt, daß sie den 
Weg in die Analyse ohne Begleitperson machen und sich in einem 
weiteren Umkreise um die Wohnung des Analytikers frei bewegen 
konnte. Die lebhafte, im Sinne der Liebeserfüllung beglückende 
Phantasie, die sich jetzt auf den Analytiker bezog, diente als Schutz 
gegen die Angst und ersetzte die Begleitperson. 

Bald nach der Abreise ihres ersten Analytikers Dr. X. 
kam ein neuer Angstschub mit einem unerwarteten Inhalt: Dr. X. 
könnte auf der Reise etwas passieren, es könnte ihn z. B. ein 
Herzschlag treffen. Die Besorgnis um seine Person überdeckte 
eine Zeitlang die um ihre eigene. Aber dies nur vorübergehend, 
denn bald beherrschte wiederum die Angst um die eigene Person 
das Krankheitsbild. 



n8 Phobie 

Welcher Faktor war in der Gestaltung des Krankheitsbildes bei 
unserer Agoraphoben maßgebend? 

Vor allem möchte ich bemerken, daß die Abreise des Analyti- 
kers als Liebesenttäuschung empfunden wurde und eine sadistische, 
aber abgewehrte und in ängstliche Fürsorge umgewandelte Reaktion 
hervorrief. Die ängstliche Besorgnis entsprach einer typischen, hyste- 
rischen Reaktionsbildung. Die Identität der Angstinhalte, früher um 
die eigene Person, dann um das versagende Objekt (den Analytiker), 
läßt vermuten, daß zwischen beiden Angstvorstellungen eine Brücke 
besteht. 

Die Analyse der Patientin gruppierte sich um zwei traumatische 
Erlebnisse. Das erste stand im Mittelpunkt ihrer infantilen Lebens- 
phase, das zweite beherrschte die Pubertätszeit. Das infantileEr- 
1 e b n i s war die reale Belauschung des elterlichen Ver- 
kehrs, bei der sie den Eindruck gewann, daß der Vater die Mutter 
würge und quäle. Das Pubertätserlebnis war ein schwerer 
Anfall des Vaters nach einem Bade, in dem er wie tot zu- 
sammenbrach, so daß er für längere Zeit in ein Sanatorium gebracht 
werden mußte. 

Alle Pubertätsphantasien der Patientin waren eine Auffrischung 
jener infantilen Belauschungssituation, hatten einen feminin-masochisti- 
schen Charakter und neben den normalen Inhalten : Vergewaltigung, 
Erniedrigung zur Dirne usw. noch besonders blutrünstige Züge : ein 
glühender Eisenstab wird in ihr Genitale gesteckt, sie gebiert ein 
Kind und zerplatzt dabei in Stücke usw. 

In allen diesen masochistischen Phantasien, die um dasBelauschungs- 
erlebnis entstanden, hatte sich die Patientin mit der Mutter identi- 
fiziert. Der Ödipuskomplex endigte mit der Fixierung dieser Identi- 
fizierung und des dazugehörigen, gegen die Mutter gerichteten Beseiti- 
gungswunsches, der einen besonders aggressiven Charakter hatte. Das 
spätere Erlebnis, — die plötzliche Erkrankung des Vaters, — das in 
die Zeit der Pubertätskämpfe fiel, hatte die Erinnerung an das früh- 
infantile Erlebnis aufgefrischt und die damaligen, bis dahin ver- 
drängten Reaktionen, dem Vater gegenüber wieder mobilisiert. Diese 



Platzangst lig 

Reaktionen liefen in einen Todeswunsch gegen den Vater aus. Die 
Wunschformel hieß: „Wenn du mich nicht liebst wie damals die 
Mutter, so sollst du sterben." Die Bewußtlosigkeit des Vaters und 
Krämpfe, die er hatte, waren eben das assoziierende Verbindungs- 
glied zu jener ersten infantilen Szene. Der abgewehrte Todes- 
wunsch gegen den Vater entsprach der regressiven Wiederbelebung 
des infantilen Wunsches, den Vater zu „kastrieren". 

Der Ausbruch der Neurose erfolgte nach einem realen, sexuellen 
Angriff von Seiten des Geliebten. Die Eltern sollten sie wohl vor 
der jetzt real begründeten Gefahr „auf der Straße", d. h. außerhalb 
des Hauses behüten. Deren Rolle als Begleitpersonen ist aber damit 
nicht erschöpft. Sobald die Patientin in die Versuchungssituation 
(d. h. außerhalb der Obhut des elterlichen Hauses) gerät, werden 
ihre sonst gut in Verdrängung gehaltenen Triebregungen mobilisiert. 

Diese Regungen haben, wie wir bereits früher gesehen haben, 
einen ausgesprochen masochistischen Charakter. Die durch die Fixierung 
festgehaltene infantile Mutterbeziehung, zu der die Patientin regredierte, 
beruhte ja, wie wir gesehen haben, auf einer masochistischen 
Identifizierung mit der Mutter. Diese Identifizierung hatte 
zur Folge, daß auch die gegen die Mutter gerichtete Aggression sich 
gegen das eigene, durch die Identifizierung veränderte Ich wendet 
und für das Ich zur größten Gefahr wird. 

Die aggressiven Tendenzen gegen den versagenden Vater hatten 
sich besonders klar am Ubertragungsverhältnis zu Dr. X. doku- 
mentiert. Das Entgegenkommen des Analytikers, die Hoffnung 
auf seine Liebe hatten aber die Aggression gemildert und dies 
schien die Patientin angstfrei gemacht zu haben. Die eintretende Ver- 
sagung hatte dann die ganze sadistische Racheeinstellung wieder 
mobilisiert und der Angst einen Inhalt gegeben, der der unbe- 
wußten Ursprungsstätte näher gelegen war. Die Art des Todes, zu 
der der Analytiker verurteilt wurde, hatte nämlich ganz dem 
Eindruck entsprochen, den die Patientin vom Anfall des Vaters davon- 
trug. Diese Todesart entsprach auch derjenigen, die sie in ihrer 
Straßenangst für sich befürchtete. 



120 Phobie 

Der ganze, gut verdrängte Inhalt wird nur unter bestimmten 
Bedingungen mobilisiert. Fern von den Eltern wird die z. T. real, 
z. T. symbolisch als „Versuchungssituation" erlebte Straße zu dieser 
gefahrbringenden Bedingung. Wir können nun verstehen, warum die 
Angst vor den inneren Gefahren vermindert wird, wenn sie die 
Eltern mitnimmt. Der scheinbare Schutz vor den äußeren Gefahren 
der Straße ist doch nur eine plumpe Rationalisierung für die un- 
bewußten Gefahren ihres Innenlebens. Die Anwesenheit der Eltern 
schützt sie nicht nur vor der Erfüllung der verbotenen sexuellen 
Wünsche, aber auch vor der Aggression gegen die verbietenden 
Eltern, die in der Situation der sexuellen Versuchung stärker wird 
und durch die Anwesenheit und zärtliche Fürsorge der Eltern sicht- 
lich kompensiert und gemildert erscheint. Somit ist auch die Todes- 
gefahr, in die das masochistisch mit der Mutter identifizierte Ich 
durch die Verstärkung der Aggression geraten ist, auch geringer und 
die Angst schwächer geworden. 

Die zweite Patientin, über die ich jetzt berichten will, ist eine 
etwa 40-jährige, kleinbürgerliche Frau, Mutter von drei Kindern, bis 
dahin praktisch gesund. Die ältere Tochter, ein siebzehnjähriges 
Mädchen, von der Mutter in streng bürgerlicher Moral gehalten, fängt 
an, sich für Männer, Liebe und für das alles zu interessieren, was 
eben für ein Mädchen in ihrem Alter von größter Wichtigkeit ist. 
Die Mutter fühlt sich durch diese Tatsache beunruhigt, und schein- 
bar gewährend, spioniert sie fortwährend ihrer Tochter nach, um- 
spinnt ihr harmloses Liebesleben mit Neugierde und erfährt aus 
dem Tagebuch der Tochter, das sie „zufällig" findet, daß diese am 
Beginn einer Beziehung zu einem Mann steht, für den sie selbst 
(die Mutter) ein gewisses Interesse hegte. Nun setzt die Neurose bei 
der Mutter ein. Die ganze bewußte und unbewußte Phantasietätigkeit 
der vorklimakterischen Patientin steht unter dem Zeichen der Wieder- 
belebung der Pubertät. Es entstehen in der alternden Frau die für die 
Pubertät charakteristischen Deflorations-, Vergewaltigungs- und Dirnen- 
phantasien, also Phantasien von allen jenen Gefahren, die sie eigent- 
lich als besorgte Mutter für ihre Tochter befürchten müßte. In diesen 



Platzangst 121 

verpönten und abgewehrten Wunschregungen der Patientin selbst ist 
eine Identifizierung zwischen ihr und der Tochter hergestellt. Gleich- 
zeitig wird diese Tochter zur gehaßten Konkurrentin, gegen die sich 
die ganze, einst der eigenen Mutter und jetzt der Tochter geltende 
und unterdrückte Rachereaktion der Patientin richtet. In der fast 
bewußten Vorstellung der Patientin steht die Tochter ihrem Glück 
genau so im Wege wie einst in der eigenen Kindheit die Mutter. Die 
Patientin pflegte zu erzählen, daß sie von ihrer Mutter ganz anders 
erzogen wurde als die „modernen" Mädchen. Sie durfte nie ohne 
Obhut ausgehen; ihr Liebesleben wurde streng bewacht. Dieselbe 
Situation der Bewachung wiederholt sie in ihrer Platzangst. Sie kann, 
von Todesangst gequält, nicht allein gehen. Als Begleitperson kommt 
eigentlich nur diese Tochter in Betracht, aber die Realität erlaubt 
die Durchführung dieser Bedingung nicht, so daß die Patientin auf 
das Ausgehen meistens verzichten muß. 

Hier ist die Rollenverteilung außerordentlich durchsichtig. Die 
Tochter soll aufpassen, daß die Mutter ihren Triebregungen nicht 
unterliege, jenen Regungen eben, in denen die Identifizierung mit 
der Tochter besteht. Zu den Triebgefahren gesellt sich bei unserer 
Patientin der aggressive Beseitigungswunsch gegen die Konkurrentin, 
der durch die stattgefundene Identifizierung gegen das Ich wütet. 
Somit paßt die Mutter auch auf die Tochter auf, u. zw. besteht die 
Gefahrsituation für die Tochter nicht nur in ihrer erwachenden 
Sexualität, die die Mutter beschützen muß, sondern auch in den un- 
bewußten aggressiven Regungen der Mutter. So hat die Tochter als 
aufpassende Instanz auch die Rolle des Über-Ichs übernommen, der 
verbietenden und drohenden Obhut, die einst die Mutter der 
Patientin innehatte. Wir sehen hier einen analogen Vorgang wie in 
dem früher geschilderten Fall. Die Begleitperson wird zum „be- 
schützten Beschützer". Der Umstand, daß dasObjektderldenti- 
fi zierung, gegen das sich die Aggression wendet, zur 
schützenden Begleiterin wird und seine Obhut als lie- 
bende und nicht drohende Instanz ausübt, kann dieTodes- 
angst zum Verschwinden bringen. Der Identifizierungs- 



122 Phobie 

Vorgang einerseits, die Todesdrohung gegen das eigene Ich anderer- 
seits sind passagerer Natur und an die Versuchungssituation des 
Außerhauseseins gebunden. Es ist zu bemerken, daß die Angstgefühle 
der Patientin anfangs nur an einen bestimmten Teil ihres Weges 
vom Hause weg gebunden waren, an einen Pfad längs eines Zaunes, 
hinter dem sie häufig Männer ihre Notdurft verrichten sah. Ich be- 
tone das darum, weil ich den Eindruck gewonnen habe, daß in der 
Determinierung der Straßengefahren exhibitionistische Tendenzen eine 
wichtige Nebenrolle spielen. Bei der Wiedergabe der nächsten 
Krankengeschichte werde ich noch darauf zurückkommen. 

In dieser dritten Krankengeschichte handelt es sich um eine 
27-jährige Frau, die seit drei Jahren verheiratet ist. Sie war das 
mittlere von drei Kindern. Dem um zwei Jahre älteren Bruder ge- 
genüber befand sie sich in der frühesten Jugend in einer besonderen 
Neideinstellung (Penisneid). Gegen die zwei Jahre jüngere Schwester 
war ein stark oral betonter Neid vorhanden. Beides schwer belastende 
Haßrelationen. Als sie 4% Jahre alt war, starb der Bruder an einer 
Blinddarmoperation. Dieser Tod fixierte in ihr die schwersten Schuld- 
gefühle, umsomehr, als sich an ihn weitere entscheidende Ereignisse 
knüpften. Vor allem erlebt sie damals eine große Enttäuschung an 
der Mutter, die sie durch den Tod des Bruders, statt zu gewinnen, 
verliert. Die Mutter zieht sich, ganz der Trauer hingegeben, von 
der Familie zurück, bewohnt allein ein Dachzimmer und bringt durch 
diese Trennung die kleine Tochter in eine von dieser sicher er- 
wünschte, aber gefahrvolle Situation. Die Kleine schläft nun im Bette 
neben dem Vater und kann ein ganzes Stück weit ihre ödipus- 
phantasien realisieren. Als die Mutter dann nach einem Jahr wieder 
das Familienleben aufzunehmen versucht, begegnet sie bereits bei 
der Kleinen neurotischen Reaktionen auf diese Vorfälle. In der Latenz- 
zeit treten dann weitere neurotische Schwierigkeiten auf: Gewitter- 
angst, Erdbebenangst und allerlei kleine Konversionssymptome, die 
in der Analyse als Schwangerschaftsphantasien erkannt wurden. Schon 
in der Vorpubertät hörte sie von Frauen, die in der Nacht auf die 
Straße gehen und etwas „ Schreckliches" machen, und war am Abend 



Platzangst 123 

nicht zu bewegen, vom Hause wegzugehen. Die Vorstellungen von 
diesen Frauen verdichteten sich mit der die Mutter entwertenden 
Phantasie und machten die Mutter zur Dirne. 

Zwei Erinnerungen aus der Latenzzeit spielten in der Analyse 
eine große Rolle. Die eine bezog sich auf einen Angstanfall auf der 
Straße, als sie auf Befehl der Mutter eine Dame, der sie Obst vom 
Garten gestohlen, um Verzeihung bitten sollte. Sie fügte sich diesem 
Befehl mit Wut, konnte ihn aber nicht ausführen, weil sie unter- 
wegs von Herzklopfen und Zittern befallen wurde. Sie erkannte 
selbst, daß es sichs damals um eine unterdrückte Haßeinstellung 
gegen beide Frauen handelte. 

Die andere Erinnerung knüpft an den Inhalt einer Erzählung 
„Die Turmwächterin" an: 

In einem Leuchtturm verrichtet eine Frau die Dienste einer Wächte- 
rin, deren Aufgabe es ist, den Schiffern auf dem Meere Warnungs- 
signale zu geben. Sie wohnt dort einsam mit ihrem kleinen Töchterchen. 
Eines Tages findet das kleine Mädchen die Mutter oben im Turme tot 
auf dem Boden liegen. Die Frau ist an einem Herzschlag plötzlich 
während der Verrichtung ihrer wichtigen Pflichten gestorben. Das mutige 
Kind übernimmt geistesgegenwärtig die Aufgabe der Mutter und ratet 
heldenhaft die gefährdeten Schiffe. 

Seit der Lektüre dieser Geschichte wird sie jedesmal, wenn die 
Mutter vom Hause weggeht, von heftigster Angst befallen und steht 
beim Fenster oder beim Tor, bis die Mutter kommt. 

In außerordentlich charakteristischer Weise sagte die Patientin: 
„Ich weiß nicht, habe ich Angst um mich oder um die Mutter ge- 
habt." Der Inhalt dieser Angst läßt sich aus dem Inhalt der Lektüre 
entnehmen. Dort übernimmt das kleine Mädchen die Stelle der 
Mutter. Der Tod der Mutter ist aber bei der Patientin selbst die 
Bedingung für eine unbewußte Wunscherfüllung. 

Dabei ist die Rolle, die die Patientin in Vertretung der Mutter 
zu spielen sucht, mit derselben Entwertung und Erniedrigung ihrer 
eigenen Person verbunden, die der Mutter gegolten hat. Die Er- 
füllung dieser unbewußten Wünsche wird die Patientin selbst 




'24 ___ Phobie 

zur Dirne machen, wie sie es in ihrer Phantasie mit der Mutter 
getan hat. 

Wir erinnern uns an die infantile Situation, die sicher die trauma- 
tische Basis ihrer Neurose war. Das kleine Mädchen wurde damals 
von der geliebten Mutter, an der sie sehr gehangen hatte, verlassen, 
ein Trauma im Sinne des Objektverlustes. Die Mutter überließ ihr 
dabei den Platz neben dem Vater, d. h. sie setzte das Kind der 
Gefahr der Erfüllung seiner unbewußten Wünsche aus, die in die 
Identifizierung mit der Mutter münden. 

Als die Mutter aus der Emigration zurückkehrt, ist schon alles 
im kleinen Mädchen auf die Rivalität eingestellt; es wäre ihr nur 
unter einer Bedingung möglich, ihren Platz zu behaupten, wenn, wie 
bei der Turmwächterin, die Mutter stirbt. (Die Analogie ist sogar 
noch durch Ortsverhältnisse gegeben : Dachkammer — Turm.) Gerät 
die Patientin im späteren Leben in Situationen, in denen ihre ver- 
drängten libidinösen Tendenzen — auch bei ihr von masochistischem 
Charakter — erfüllt werden könnten, dann ruft sie die Mutter aus 
der Verbannung, nicht nur damit diese die Erfüllung der Wünsche 
verhindere, aber auch, damit jener Todeswunsch, der damals gegen 
die verhütende, bezw. störende Mutter aufgetreten ist, an der 
Patientin selbst nicht in Erfüllung gehe. Das Angstsignal ihrer 
Agoraphobie entpuppt sich eben in der Analyse als der alte Ruf 
nach der Mutter. 

Kehren wir zur Krankengeschichte zurück ! Schon in der Schul- 
zeit steht sie in sentimentaler Liebesbeziehung zu einem Schul- 
kameraden. Später dann als 18jährige lernt sie ihren zukünftigen 
Mann kennen, der einen starken sexuellen Eindruck auf sie macht 
und um sie wirbt. Die häusliche Atmosphäre ihrer Kindheit war 
aber ungeheuer asketisch und bigott. Die Mutter hatte nach dem 
Tode des Sohnes sichtlich eine neurotisch gefärbte Askese auf sich 
genommen; mit dem eigenen Verzicht wurde sie äußerst sitten- 
streng und belegte alles Sexuelle mit strengstem Verbote. In der 
Patientin entsteht nun ein Konflikt, als sie durch ihre Empfindungen 
für ihren späteren Mann in den wunschlosen Beziehungen zum ersten 



Platzangst 1 2 j; 



Freunde gestört wird, zu denen sie schon früher die mütterliche 
Erlaubnis bekommen hatte. Daraus wurde ein Befehl: man 
muß seiner ersten „idealen" Liebe treu bleiben. Patientin kann sich 
nach keiner Seite hin entschließen. Die Beziehung zu ihrem Mann 
steht deutlich unter dem Verbote, auch äußerlich, denn er ist ein 
Atheist im Gegensatz zur frommen Mutter. Der Konflikt nimmt 
neurotischen Charakter an und die Patientin versucht einen Aus- 
weg zu finden. In ihr entsteht bereits die Vorstellung, sie würde 
den Freund, wenn sie die Beziehungen zu ihm löst, töten, d. h. 
sie trachtet bereits den"- Störer ihrer Wünsche „wegzuhaben 
wie einst den Bruder". Sie unterzieht sich (sichtlich zur 
prophylaktischen Entlastung des Schuldgefühls) derselben Operation, 
der der Bruder erlag. Dadurch gelingt es ihr, einen Entschluß zu fassen : 
sie löst sich vom Freunde los und verlobt sich glücklich mit ihrem 
späteren Mann. Jetzt bricht die Platzangst aus. Als sie an einem 
Sonntag eine mütterliche Freundin (die Patientin lebt fern von der 
Heimat) besuchen will, um sie von ihrer Befreiung zu benach- 
richtigen, wird sie unterwegs von dem Gedanken beunruhigt : „Wie 
wird die Freundin mein Vorgehen beurteilen?" Sie kommt, in 
Gedanken vertieft, in eine ruhigere Straße und wird plötzlich von 
angstvollen Gefühlen überrascht : „Jetzt werde ich hilflos zusammen- 
fallen." Sie kann nicht weiter. Sie läßt die Freundin benachrichtigen, 
in deren Begleitung sie den Weg beenden kann. 

Was ist geschehen? Der Bruch mit dem Spielkameraden hatte 
ihre Schuldgefühle schwer belastet und die Reminiszenz an den Tod 
ihres Bruders hervorgerufen. Durch diesen Bruch hat sie sich die 
Möglichkeit verschafft, ihre sexuellen Wünsche zu befriedigen, wie 
damals, als sie nach dem Tode des Bruders neben dem Vater 
schlafen durfte. Alle ihre Wünsche bekommen jetzt einen infantilen 
Charakter und sind mit schweren Verboten belegt. Wie damals, 
wird ihr nun die Mutter ihre Liebe entziehen und sie in der 
sexuellen Gefahr verlassen. Wie damals, wird auch jetzt der Todes- 
wunsch gegen die Mutter wach. Wie sie in der ersten, infantilen 
neurotischen Situation, die ich erwähnt habe, auf die Mutter wartet, 



126 Phobie 

so kann sie jetzt nicht weitergehen ohne den Schutz der Mutter und 
Entlastung des mörderischen Schuldgefühls gegen diese. Deshalb 
muß die Freundin als Mutterimago ihre Wege begleiten. 

Die Neurose stabilisiert sich als typische Agoraphobie. Auf An- 
raten der Ärzte heiratet sie, aber der Zustand wird eher schlimmer. 
Das einzige was sie gewinnt, ist, daß sie in der Person des Gatten 
die Begleitperson findet, die sie durch ihre Symptome quält und 
an sich fesselt. Beim Koitus traten bald schwere Angstzustände und 
Vaginismus auf. 

In der analytischen Behandlung entwickelte sie eine starke 
„Übertragungsneurose", die mir durch die reichhaltige Beziehung zu 
meiner Person einen guten Einblick in die Erkrankung zu gewinnen 
erlaubte. 

Die erste Phase stand unter dem Zeichen der „negativen 
Übertragung": Ablehnung der Genesung bei mir und Mißtrauen 
gegen meine Toleranz. Wie kann ich Analytikerin sein, wenn ich 
meiner eigenen Tochter — wie sie phantasierte — nichts Sexuelles 
erlaube ? Jede Geste von mir empfand sie als Verbot und schwankte 
zwischen absolutem Protest und sklavischem Gehorsam. Meine 
Deutungen nahm sie immer voll an, aber es ereignete sich, daß sie 
oft, bevor sie z. B. einen auffallend bestätigenden Traum erzählte, 
zu lachen anfing und dann eine Viertelstunde nicht aufhören konnte. 
Es war klar, daß sie mich, scheinbar akzeptierend, mißtrauisch ver- 
spottete. 

Wenn ich ihr einen Rat gab, z. B. sich bei einer Frauenärztin 
untersuchen zu lassen, geriet sie in ein zwanghaftes Schwanken, 
mußte gehorchen und konnte doch nicht hingehen. Eines Tages for- 
derte ich sie wirklich auf, nicht, wie gewöhnlich, im Auto, sondern 
zu Fuß zu mir zu kommen. Sie nahm doch unterwegs einen Wagen, 
aber diesmal wurde sie, entgegen der Gewohnheit, auch im Auto 
von intensivster Angst befallen, und zwar von der Angst, daß sie jetzt 
für das Überschreiten meines Gebotes mit dem Tode bestraft würde. 
Auf der Stiege bemächtigte sich ihrer das Gefühl, mir sei etwas ge- 
schehen. Während der Behandlungsstunde bekam sie zum ersten Mal 



einen Angstanfall, der allmählich in einen typischen, tonisch-klonischen 
hysterischen Anfall überging. Sie fiel zu Boden. Am Ende des Anfalls 
kniete sie vor mir nieder und sagte: „Verzeihen Sie mir." Als ich 
sie fragte, was ich ihr denn zu verzeihen hätte, sagte sie: „Diese 
Wut." Es war ihr klar geworden, daß der Anfall eine Wutent- 
ladung war. 

An diesem Tage ging sie nach sieben Jahren zum ersten Mal 
vollkommen angstfrei weg. Es ist zu bemerken, daß sie bis 
dahin nie hysterische Anfälle hatte. 

Die nächsten paar Tage verliefen ebenfalls fast vollkommen 
angstfrei. Das gelang ihr dadurch, daß sie ein Zeremoniell fand, in 
dessen Zentrum meine Person stand. Sie gesellte sich im Gehen auf 
der Straße Frauen zu, in denen sie eine Ähnlichkeit mit mir finden 
konnte. Schien ihr eine „schwächlich", so mied sie ihre Nähe, denn diese 
Frau könnte „zusammenfallen". Oder sie hielt sich stundenlang bei 
meinem Haus auf und blieb dann ohne Angst. Eine Visitenkarte, 
die sie von mir hatte, benützte sie als Talisman, als Stück von 
mir selbst. Die Pensionsinhaberin, die ich ihr empfohlen hatte, riß 
ein Stück Übertragung an sich. Mit dieser Dame ging sie aus, aber 
doch unter Beklemmungsgefühlen, denn sie hatte Angst, die Beglei- 
terin könnte auf der Straße zusammenbrechen. Der Weg zu mir war, 
soweit ihre Angst mitspielte, in zwei Hälften geteilt. Die erste war 
angstvoll, in der Mitte gab es „ein Loch", vor dem sich die Angst 
vervielfachte, von da an kam die gefahrlose Zone. 

Mit der Zunahme der positiven Übertragung steigerte sich 
die Angst, ich könnte sie doch hinauswerfen, wenn ich auf alles 
daraufkommen werde. Dann brachte sie Phantasien, in denen ich 
alle ihr selbst verbotenen Dinge mache. Sie phantasierte z. B., daß 
ich in geheimnisvollen Beziehungen zu Männern stehe, mit meinen 
männlichen Patienten Verhältnisse habe, mich vor ihnen nackt aus- 
ziehe und eines Tages gestand sie mir unter starken Widerständen, 
sie habe die Idee, daß ich während der analytischen Stunde mastur- 
biere. Alle diese Beschuldigungen waren das Spiegelbild ihrer eigenen 
Wunschphantasien und stellten eine Identität von uns beiden durch 



Phobie 



ein gemeinsames Schuldmotiv her. Sie sah mich aber auch in einem 
anderen Lichte, als hypermoralischen und sich kasteienden Menschen, 
ein Bild, das ihrem eigenen asketischen Ichideal zusagte. Diese 
Spaltung'meiner Person deckte sich mit dem Doppelbild, das sie sich 
einst von der Mutter gemacht hatte und mit der sie sich in zwei- 
facher Weise identifiziert hatte, einerseits in allen verbotenen der 
Mutter zugetrauten sexuellen Handlungen, andererseits in deren 
strengen Verboten, die nun in ihrem Über-Ich wirkten. Auch der 
rachedürstende Todeswunsch gegen mich war - wie die Analyse 
ergab - das Zeichen der Auflehnung gegen die Mutter und wandte 
sich daher in der Todesdrohung gegen das eigene Ich. 

Diese Identifizierung zwischen mir und der Mutter trat besonders 
klar in einem charakteristischen Traum auf. 

Sie liegt auf einem harten Gestell, die Füße gegen eine Feuerstelle 
gerichtet, die ein Mittelding zwischen Ofen und Gasherd ist. Das Schlaf- 
gestell besteht aus zwei zusammengeschobenen Sesseln, die auseinander- 
gerückt sind, so daß sie mit einem Teil ihres Rückens gleichsam m 
der Luft hängt. Unterhalb dieser Rückenpartie steht am Boden eine 
brennende Kerze. Sie muß den Rücken immer im Halbbogen heben, 
um nicht verbrannt zu werden. Dabei hat sie Herzklopfen und Angst- 

gefühle. . t . 

Die Assoziationen zu diesem Traum führten sie in jene Gelahr- 
situation, in die sie, nachdem ihr die Mutter das Bett an der Seite 
des Vaters überlassen hatte, geraten war. Sie erinnerte sich, daß der 
sichtlich zwangsneurotische Vater immer vor dem Schlafengehen mit 
der Kerze unter ihr Bett zu leuchten pflegte. Die Bewegungen, die 
sie im Traume ausführte, waren die Wiederholung des typischen 
arc de cercle, den sie in ihrem Anfall in der analytischen Stunde 
produziert hatte. Die Feuerstätte bei den Füßen stellte eine Ver- 
dichtung zwischen einem Ofen im Behandlungsraum und einem 
Küchenherd in ihrer Elternwohnung dar. An diesem Herd pflegte 
sie auf Wunsch der Mutter das Frühstück zu kochen, wobei sie immer 
eine intensive Angst vor Mäusen hatte, die aus den Löchern unter 
dem Herde zuweilen herauskrochen. 



Platzangst Hg 

In diesem Traum sind in den Bewegungen auch onanistische 
Regungen erkennbar, für die sie die Schuld ebenso wie für die auf 
den Vater gerichteten Phantasien der Mutter zuschiebt. Die Mutter 
brachte sie doch in diese Situationen, ebenso wie ich, die ihre Phan- 
tasien neuerlich bewußt macht. 

In einem anderen Traum liegt sie neben der Mutter im Bett. 
Sie sieht wie die Mutter onaniert. Sie sucht die Mutter daran zu 
hindern und erwacht mit Angstgefühlen. Die Identifizierung zwischen 
der Träumerin und ihrer Mutter einerseits, mir und der Mutter an- 
dererseits wird hier klar, wenn wir uns an die, mir von ihr zuge- 
mutete Onaniehandlung erinnern. 

Als das Verhältnis zu mir an Angstspannung verlor, hatte die 
Patientin immer mehr Mut, ihre sexuellen Phantasien zu verraten. 
Sie hatten durchwegs einen genital-femininen, stark masochistischen 
Charakter. Die damit verbundenen Geburtsphantasien im aktiven und 
passiven Sinne waren von weittragender Bedeutung für ihre Platz- 
angst. Hysterische Anfälle, die sie in der analytischen Stunde produ- 
zierte, eröffneten mir den Zugang zu den Inhalten, die in dieser 
Platzangst verborgen waren. 

Sie traten z. B. bei der Reproduktion von Angstträumen auf, 
oder hatten selbst einen traumhaften Charakter, wobei die Patientin 
nach dem Anfall den Inhalt der Phantasien, die den jeweiligen Anfall 
begleiteten, immer angeben konnte. Sie entpuppten sich als Darstellungen 
von Entbindungssituationen. Z. B. träumte sie, sie befinde sich in einem 
finsteren Keller ; eine Frau verfolge sie, sie werde von einer furchtbaren 
Angst gepackt, weil es aus dem Keller kein Entkommen gebe. Plötzlich 
sehe sie aus einem Loch im Kopf Blut fließen ; ein Rettungswagen komme, 
man trage sie hin und — sie ist geratet. 

Ihre Assoziationen ließen den an sich schon recht durchsichtigen 
Traum mit Sicherheit als die Darstellung der eigenen Geburt er- 
kennen. 

In einem anderen Traum, bei dessen Erzählung ebenfalls ein 
Anfeil auftrat, sieht sie sich beim Fenster stehen; sie wundert sich, 
warum sie Angst habe, durch das Fenster durch hinauszuspringen. 



130 Phobie 

Dann wirft sie eine kleine Puppe durchs Fenster auf die Straße, wird 
darauf von einem heftigen Angstgefühl gepackt : jetzt müsse sie sterben. 
— Die lebhaften Jaktationen des ganzen Körpers, die im Anfall auf- 
traten, waren die Abwehrversuche gegen diese Angst. Auch in 
diesem Traume ist die Geburtssymbolik erkennbar. 

Besonders interessant war bei dieser Patientin die allmähliche 
Umwandlung in eine Anfallshysterie. Mit der Besserung der 
Beziehung zu mir und mit der Milderung der destruktiven Funktion 
des nun nachgebenden Über-Ichs verminderte sich wohl die Angst. 
Jedoch bekam die Patientin jedesmal, wenn mit der Mutterbeziehung 
zusammenhängende Regungen in der Analyse ausgelöst wurden, 
einen hysterischen Anfall, aber bezeichnenderweise nur in der Be- 
handlungsstunde. 

Diese Anfälle stellten Situationen von ausgesprochen geni- 
talem Charakter (Onanie, Koitus, Geburt, Entbindung) dar. Die 
Patientin meinte, sie könne sich diese Anfälle bei mir erlauben, denn 
wenn sie auch in ihnen von einem „Sterbensgefühl" gepackt werde, 
so wisse sie, daß sie doch nichts zu fürchten habe, da ich dabei bin. 
Draußen auf der Straße jedoch, scheine ihr, brauche sie die Angst, 
gleichsam als würde diese sie vor einer Gefahr warnen. Ich glaube, 
wir können die Begründung der Patientin akzeptieren. Solange die 
aggressiven Tendenzen ihres Über-Ichs ihr mit dem Tode drohen, 
müssen die Wunschregungen durch strenge Verbote unterdrückt 
werden. Wo aber die Spannung zwischen Ich und Über-Ich (d. h. 
in der analytischen Situation zwischen ihr und mir) geringer wird, 
können die gewährenden Kräfte sich durchsetzen und sie kann sich 
die symbolische Darstellung ihrer verdrängten Triebwünsche im An- 
fall gestatten. Ich glaube, wir können zusammenfassend sagen, daß 
durch die Korrektur ihrer aggressiven Tendenzen in der Analyse 
die Strenge ihres Über-Ichs geringer wurde, die genitalen Tendenzen 
sich durchsetzen konnten und an Stelle der hemmenden Angst die 
motorische Entladung im hysterischen Anfall möglich wurde. 

Wir sehen in diesem Fall die Wandlung einer Neurosenform 
in eine andere, und zwar einer Phobie in eine Anfallshysterie. An- 



Platzangst jai 

schließend daran möchte ich einen anderen Fall berichten, bei dem 
aus einer Angsthysterie eine Zwangsneurose wurde. 

Es handelt sich um ein 20jähriges Mädchen, das einzige Kind 
reicher Eltern, dessen Vater aber, offensichtlich am Familienleben 
nicht sehr interessiert, mehr ein Gast im Hause war. Die sehr 
neurotische Mutter hatte von Anfang an ihre ganze unbefriedigte 
Liebe dem Kinde zugetragen. Die frühinfantile Mutter-Kind-Be- 
ziehung hatte sich so glänzend konserviert, daß das 18jährige Mädchen 
zur Zeit ihrer Behandlung noch immer mit der Mutter schlief und 
beim Einschlafen an der Brust oder am Finger der Mutter lutschte. 
Die Analyse bewegte sich hauptsächlich um dieses Mutterverhältnis 
und versuchte durch eine „Mutterübertragung" die krankhafte Mutter- 
bindung zu lösen. In der ganzen Behandlungszeit hatte der Vater 
nur eine Bedeutung gehabt: die eines höchst unwillkommenen 
Störenfrieds, der sich zeitweise zwischen die Patientin und ihre 
Mutter zu drängen drohte. Jedenfalls war der Ödipuskomplex in 
eine Befestigung der Mutterfixierung ausgelaufen. 

Die Mutter der Patientin gab die Auskunft, daß diese seit der 
frühen Kindheit nicht ohne sie bleiben wollte, und sie darum eigent- 
lich seit der Geburt des Kindes dessen Sklavin war. Die krankhaften 
Erscheinungen hätten aber erst in der Pubertät angefangen. Damals 
habe die Tochter begonnen unter Angstzuständen zu leiden, wenn 
die Mutter sich vom Hause entfernte, und zwar weil der Mutter 
etwas zustoßen könnte, „sie könnte z. B. überfahren werden". Die 
Mutter habe sie dann immer mit angstvoll gespanntem Gesichtsaus- 
druck am Fenster wartend angetroffen. Sie sah dann die Tochter 
wie erlöst aufatmen, weil sie wieder lebend heimgekehrt sei. 

Dem analytisch Geschulten ist es klar, daß diese überzärtliche 
Angst den Charakter einer Uberkompensierung hatte und als hyste- 
rische Reaktionsbildung anzusehen ist. Die Angstsensationen und die 
Vorstellungen vom Tode der Mutter auf der Straße erinnern an die 
oben besprochenen Fälle von Agoraphobie, bei denen das Auftreten 
und Verschwinden der Angst an die Ab- bezw. Anwesenheit be- 
stimmter Personen oder ihrer Vertreter gebunden erschien. Doch ist 



132 Phobie 

hier bei der zuletzt besprochenen Patientin eine andere Rollenbe- 
setzung. Die Angst ist dieselbe, aber die Todesgefahr gilt dem Ob- 
jekte, während sie in der Agoraphobie dem eigenen Ich gilt. Übri- 
gens haben wir auch bei unserer letztbesprochenen agoraphoben 
Patientin eine Angstphase gesehen, die ganz denselben Inhalt hatte, 
wie bei der uns jetzt beschäftigenden Kranken. 

Die erste neurotische Äußerung hat also bei unserer Patientin 
einen hysterischen Charakter. Die Angst bezieht sich wohl auf den 
drohenden Objektverlust, wobei die Ambivalenz dem Objekte gegen- 
über im Inhalte der Angst — der Mutter geschieht etwas Schreck- 
liches — bereits deutlich zum Vorschein kommt. 

Nach der ersten hysterischen Phase ihrer Neurose erfolgt — wie 
man im Weiteren sehen wird — eine Wandlung der Symptome im 
Sinne der Zwangsneurose. In der Analyse konnte man die regres- 
sive Erneuerung der sadistisch-analen Tendenzen nach erfolgter 
genitaler Verdrängung deutlich verfolgen. Vorher tritt noch eine 
andere, hysteriforme Symptombildung auf. Patientin kann nicht ohne 
die Mutter auf die Straße gehen, denn in der Zwischenzeit konnte 
der Mutter (von Seiten des Vaters, wie sich in der Analyse heraus- 
stellte) etwas „Schreckliches" passieren. Die neue Symptombildung 
unterscheidet sich von der ersten nur durch die Umkehrung des 
Ortes. Jetzt ist die Patientin auf der Straße, die Mutter zu Hause. 
Der Inhalt ist derselbe: Angst vor dem Objektverlust und Rache- 
tendenz gegen das Objekt. Diese Angst um die Mutter ist wieder 
nichts anderes als Verlustangst, d. h. sie befürchtet, in ihrer Ab- 
wesenheit schenke die Mutter ihre Liebe dem Vater. Die Haßten- 
denzen gegen die Mutter kommen einerseits aus der Enttäuschungs- 
reaktion, andererseits sicher auch aus dem normalen Ödipuskomplex, 
wenn auch derselbe bei der Patientin durch Regungen der umge- 
kehrten Einstellung stark überlagert ist. 

Auch dieses gewandelte, hysterische Symptom steht der Platz- 
angst nahe. Patientin kann nicht allein auf der Straße gehen aus 
Angst, in der Zwischenzeit könnte der Mutter etwas zustoßen. Die 
nahe Verwandtschaft liegt hier in der Tatsache, daß auch diese 



Patientin Angst bekommt, wenn man ihr die Begleitperson — die 
Mutter — entzieht. Nur der Inhalt ist verschieden: das Schreckliche 
droht nicht ihr, sondern der als Begleitung begehrten Person 
daheim. 

Zeigten die Symptome der Patientin bis dahin eine gewisse 
Ähnlichkeit mit dem Krankheitsbild der Platzangst, so entsteht im 
weiteren Verlauf eine Umgestaltung, die einerseits diese Ähnlichkeit 
verstärkt, andererseits aber noch große Verschiedenheiten hervor- 
treten läßt. Die Patientin kann bereits ohne die Mutter nicht aus- 
gehen, aber zum Unterschied von früher, ist sie auch im Beisammen- 
sein mit ihr von heftigster Angst um sie gepeinigt. Sie hält die 
Mutter krampfhaft eng umschlungen, immer in Sorge, es könnte 
dieser etwas zustoßen. Zum Schluß bricht der bis dahin gedämpfte 
Impuls zwanghaft durch. Sie bekommt Angst, s i e könnte die Mutter 
unter die Straßenbahn oder unter ein Auto werfen. Diese Zwangs- 
befürchtung kombiniert sich mit dem zwanghaften Impuls, die Mutter 
wirklich hineinzustoßen. 

Wir sehen also auch in diesem Fall die Wandlung einer Neu- 
rosenform in eine andere, wobei derselbe Inhalt — der aggressive 
Impuls — in der ersten Form verdrängt bleibt und nur eine Gegen- 
besetzung in der Reaktionsbildung als überängstliche Zärtlichkeit 
zum Vorschein kommt. Die Angst entspringt hier aus zwei Strö- 
mungen, die ineinanderfließen: die eine ist die Fortsetzung 
der frühinfantilen Beziehung und entspricht der Gefahr 
des Objektverlustes, die andere ist ein Warnungssignal vor der 
sadistischen Triebregung und bedingt eine weitere Überkompen- 
sierung durch Zärtlichkeit. Die Anwesenheit des Objektes 
bildet die angstbefreiende Bedingung. Darin besteht bei unserem 
Fall das neurotische Symptom, solange es einen hysterischen Cha- 
rakter hat. 

Wir nehmen an, daß im weiteren Verlauf der Neurose durch 
regressive Vorgänge sadistische, bis dahin verdrängte Impulse zum 
Durchbruch gekommen sind. Die Gegenbesetzung durch überängst- 
liche Liebe ist sichtlich nicht mehr imstande, das Drängen dieseir 



134 Phobie 

Impulse zu verhüten, sie setzen sich zwanghaft als Versuchung zur 
Mordtat durch, und die Patientin schützt sich jetzt vor der inten- 
dierten bösen Tat durch Vorsichtsmaßregeln, die dem Inhalte der- 
selben entsprechen. 

Der neurotische Mechanismus steht in diesem Fall der phobischen 
Angst dadurch nahe, daß hier noch die große Angstbereitschaft vor- 
handen ist, die ständig zu Schutzmaßregeln drängt, und daß der ge- 
ringste Versuch, diese zu unterlassen, zu einer starken Angstentwick- 
lung führt. 

Im Gegensatz dazu erreicht die Zwangsneurose in der Regel — 
wie wir später sehen werden — durch ihre Symptombildungen 
weitgehend Angstfreiheit. Die Zwangsimpulse ebenso wie ihre Gegen- 
besetzungen entfernen sich vom ursprünglichen Inhalte und das ganze 
neurotische Gebäude erscheint viel besser organisiert als bei diesem 
Falle. Doch hat hier das Empfinden des inneren Zwanges und die 
Angst vor der Ausführung des sich zwanghaft aufdrängenden Impulses 
einen ausgesprochen zwangsneurotischen Charakter. Die Regression 
zur sadistisch-analen Phase war, wie wir gesehen haben, in diesem 
Fall das Motiv zur Symptomwandlung. 

Im letzten hier besprochenen Fall von Agoraphobie trat dagegen 
die Symptomwandlung ein, indem durch günstige Übertragungs- 
bedingungen sowohl die Haßtendenzen wie auch die Strenge des 
Über-Ichs gemildert wurden. 

Aus dem oben beschriebenen Beobachtungsmaterial können wir 
uns die Beziehung der Platzangst zur Hysterie einerseits, zur 
Zwangsneurose andererseits folgendermaßen erklären: Wir 
wissen nach Freud, daß die Phobie, angesichts ihrer Zugehörigkeit 
zur genitalen Phase, der Hysterie zuzurechnen ist. Es scheint sich 
dabei — meiner Ansicht nach — regelmäßig um Individuen zu han- 
deln, bei denen der Ambivalenzkonflikt schärfer, die sadistischen 
Regungen stärker sind, als es sonst der genitalen Stufe entspricht. 
Durch das Erreichen und Beibehalten der genitalen Stufe kommt es 
wohl nicht zur Bildung von Zwangssymptomen, aber von der 
sadistisch-analen Phase aus besteht doch eine Attraktion, die einen 



regressiven Schub provozieren kann und eine Umgestaltung der hyste- 
rischen Neurose in eine Zwangskrankheit (wie in dem eben besproche- 
nen Fall), oder ein Fluktuieren der Symptome hervorrufen kann. 

Unter bestimmten Bedingungen werden verdrängte Regungen 
mobilisiert und das Verhältnis zum zärtlich geliebten Objekte wird 
regressiv zur einmal stattgehabten und fixierten Identifizierung er- 
niedrigt. Die unter denselben Bedingungen mobil gemachten, aggres- 
siven Regungen, die gegen dieses identifizierte Objekt gerichtet 
sind, erleiden infolge der Identifizierung eine lebensbedrohliche 
Wendung gegen das Ich. 

Sie werden später bei der Besprechung der Melancholie eine 
Ähnlichkeit in dem Vorgange sehen. Dort ist das Objekt introjiziert 
und das Ich erleidet vom Destruktionstriebe das Schicksal des Ob- 
jektes : die Todesdrohung und ihre Angstreaktion im bedrohten Ich. 
Der Unterschied ist, daß bei der Agoraphobie die Identifizie- 
rung auf einer höheren Stufe derLibidoentwicklung 
zustande kommt und somit eine passagere und korrigierbare 
ist. Sie tritt nur unter bestimmten Bedingungen auf und ist durch 
ein bejahendes Verhalten des anwesenden und liebespendenden Ob- 
jektes rückgängig zu machen. Dasselbe trifft auch für die Aggres- 
sionsneigung zu, die, in Todesgefahr für das eigene Ich auslaufend, 
durch Anwesenheit und Schutz des Objektes eine Korrektur erfährt. 

Ich halte diese Identifi zierung mit demObjekte, dem 
die feindseligen Tendenzen gelten, für das Charakte- 
ristische der Platzangst. Das Schuldgefühl kann durch den 
Umstand befriedigt werden, daß in der „Wendung gegen das Ich" 
das letztere die Todesdrohung an sich erfährt. Die Spannung zwischen 
dem Ich und den drohenden Instanzen im Über-Ich wird aber erst 
entlastet, wenn die Anwesenheit des schützenden Objektes bestätigt, 
daß dieses nicht in Lebensgefahr ist und das angstvolle Ich nicht 
verlassen hat. 

Im letztbeschriebenen Fall konnten wir in der Übertragung die 
Genese dieser Spannung zwischen Ich und Über-Ich genau verfolgen. 
Sie spielte sich zwischen zwei Identifizierungen ab : die eine galt 



ij6 



Phobie 



dem erniedrigten Objekte und die gefahrbringenden Triebregungen 
stellten die Identifizierungsbrücke her: „ich bin so wie du, meine 
Triebwünsche machen mich dir gleich". Die andere Identifizierung 
galt dem strengen, verbietenden Objekte, — der asketischen Mutter, 

(j eren Strenge aber immer erst in der Versuchungssituation auf 

der Straße sich geltend machte. 

Als wichtige Nebenerscheinung habe ich stark exhibitio- 
nistisch e Tendenzen beobachten können. Ich möchte nur noch 
bemerken, daß meine letzte Patientin sich viel angstfreier gebärden 
konnte, wenn sie auf der Straße die Augen schloß. Von wichtiger 
zentraler Bedeutung ergab sich mir die passive und aktive Geburts- 
phantasie, für die das Vom-Hause-weg, das Draußen-in-der-Welt- 
Sein, eine wichtige symbolische Bedeutung hat. 

Die Entbindungsangst als Bestandteil der feminin-maso- 
chistischen Phantasie ist ein direkter Erbe der Kastrationsangst, 
und gerade die Fälle von Agoraphobie ließen mich deuüich das- 
jenige erkennen, was mir überhaupt für die weibliche Libidoent- 
wicklung charakteristisch zu sein scheint. Das Aufgeben des Penis- 
wunsches geht direkt in den dunklen Wunsch eines schmerzhaften 
Eingriffes über, und so bekommt der Kastrationswunsch und sein 
direkter Nachkomme, der Deflorations- bezw. Entbindungswunsch, 
im Unbewußten des Weibes gemeinsame Repräsentanzen. Die nicht 
überwundene Kastrationsangst verwandelt sich bei der Frau in 
neurotische Deflorations- bezw. Entbindungsangst. In der Analyse 
Agoraphober kann man diesen Umwandlungsprozeß deutlich ver- 
folgen. 

Ich habe den Eindruck, daß die feminin-masochistische 
Geburtsphantasie auch bei männlichen Agoraphoben die- 
selbe Rolle spielt. 

Ob diese Fälle eine volle Klärung der Frage ermöglichen, 
warum hier die Angst nur auf der Straße auftritt, weiß ich nicht. 
Natürlich besteht da immer eine Angstbereitschaft, die unter be- 
stimmten, an die Straße gebundenen Bedingungen ausbricht. Diese 
Bedingungen hatte Freud einerseits im Verlust der schützenden 



Platzangst 



137 



Obhut des Hauses gesehen, andererseits in den Versuchungen der 
Straße. Diese Versuchung tritt dort auf, wo das Liebesleben durch 
regressive Momente zum Dirnentum erniedrigt wird; dies ist vor 
allem durch die an meinen Fällen deutlich erwiesenen masochisti- 
schen Tendenzen bedingt. Ebenso bietet die Straße eine besondere 
Gefahr für die exhibitionistischen Triebregungen, die in den von 
mir analysierten Fällen stark vertreten waren. 

Als weitere wichtige Determinierung ergab sich mir die passive und 
aktive Geburtsphantasie. Auch die stark libidinöse Bedeutung des 
Gehens und der Beine, auf die Abraham aufmerksam ge- 
macht hat, spielt als Nebenbefund sicher eine Rolle. 

Wenn wir alle hier besprochenen Fälle von Phobie miteinan- 
der vergleichen, so sehen wir ihre Gemeinsamkeit vor allem darin 
liegen, daß die innere Gefahr nach außen projiziert 
und an eine Situation oder an ein bestimmtes Objekt gebunden 
wird. In der Tierphobie wird ein dazu geeignetes Tier zum Träger 
der Gefahr, in der Platzangst ein Stück des Weltalls. Für das 
Ich ist dadurch der Vorteil gewonnen, einer unbewußten und dadurch 
unvermeidlichen Gefahr den Charakter einer realen, also vermeid- 
baren geben zu können. Durch Erfüllung bestimmter Bedingungen 
kann das Ich sich die Angst fr eihei t verschaffen. Bei der Tier- 
phobie bestanden diese in bloßen Vermeidungen; bei der Platz- 
angst war es die Anwesenheit des Objektes, dem eine abgewehrte 
Aggression gegolten hat, die die Bindung der Aggression an eine; 
libidinöse Strebung erlaubte und dadurch die angsterzeugenden Ge- 
fahren für das Ich verminderte. 



, 



DRITTER TEIL 

ANGSNEUMOSE 



NEUNTE VORLESUNG 



Zwangszeremomiell und Zwaegsliamdlciiigen 

Die Patientin, über die ich heute zu berichten habe, ist eine 
fromme, katholische Lehrerin, die zur Zeit ihrer Analyse als Novize 
in einem Kloster Zuflucht vor der Welt gesucht hatte. Der Ein- 
druck, den man bei ihrem Anblick gewann, konnte zur Diagnose 
eines katatonen Stupors verleiten. Sie lag unbeweglich im Bett, mit 
zusammengepreßten Beinen, die Hände in starrer Haltung vom 
Körper entfernt ; ihr Gesicht bekam bei jedem Annäherungsversuch 
einen ängstlich-gespannten Ausdruck. Ihre starre Haltung löste sich 
nur, wenn es sich darum handelte, eine Berührung ihrer Person 
oder ihres Bettes abzuwehren. Die Speisen durften ihr nicht gereicht, 
sondern nur zugeschoben werden und sogar ihre nächsten Angehö- 
rigen durften nur nach Reinigungsprozeduren in ihre Nähe kommen. 
Nachdem ein Kontakt hergestellt war, erfuhr ich sehr bald, daß die 
starre Haltung, die Einschränkung ihrer Beziehung zur Außenwelt nur 
durch einen einzigen Gedanken bedingt war. Dieser Gedanke lautete : 
ihr Körper darf nicht berührt werden, denn er könnte durch die 
Berührung beschmutzt werden. Mit „Schmutz" sind vor allem 
sexuelle Dinge gemeint, mit denen die ganze Welt besudelt ist. 
Ihre Mutter hatte z. B. in einem Geschäft etwas eingekauft. Der 
Verkäufer hatte die Ware berührt: „wer weiß, ob er selbst nicht 
mit sexuellen Dingen zu tun hatte oder vielleicht jemandem die 



^ 

Zwangszeremoniell und Zwangshandlungen 13g 

Hand gereicht hat, der seinerseits direkt oder indirekt mit Sexuellem 
in Beziehung stand". So und ähnlich lauteten ihre fortwährenden 
Befürchtungen. 

Der Zustand, in dem ich die Patientin fand, hatte sich allmäh- 
lich im Laufe mehrerer Jahre entwickelt und war sozusagen ein 
asketisches Endstadium von Einschränkungen, die ihre Bewegungs- 
freiheit immer mehr einengten. Anfangs waren es nur zwanghafte 
Waschprozeduren und allerlei Zwangszeremonielle vom Charakter 
der Gebote, Verbote usw. Später gebrauchte sie auch im Verkehr 
mit ihrer nächsten Umgebung allerlei Vorsichtsmaßregeln und stellte 
als Bedingung des weiteren Zusammenlebens, daß sich ihre Nächsten 
vor jeder Annäherung an sie umkleiden oder baden sollten usw. 
Schließlich hoffte sie vor dem Schmutz der sexuell besudelten Welt 
hinter die Mauern des Klosters flüchten zu können. Aber auch hier 
brachten die Besuche des Priesters, die Notdurftverrichtungen der 
Nonnen, sowie auch ihre eigenen, dieselben Gefahren, vor denen 
sie sich zum Schluß in den Starrheitszustand, den ich eingangs be- 
schrieben habe, gerettet hatte. 

Aus der drei Jahre dauernden Analyse möchte ich kursorisch 
nur herausheben, was mir zum Verständnis der psychischen 
Mechanismen einer solchen Erkrankung notwendig erscheint. 

Das erste, was ich aus der Kindheit der Patientin erfuhr und 
was mir auch von ihrer Mutter gleich zu Beginn berichtet wurde, 
waren Dinge, die in einem schroffen Gegensatz zu ihrem späteren 
Reinlichkeitszwang standen. Bis zu ihrem zwölften Lebensjahre hatte 
die Patientin allerlei Neigungen geäußert, die uns eine stark anale 
und sadistische Disposition verraten. Sie litt an hartnäckiger Obsti- 
pation, verbrachte stundenlang ihre Zeit im Klosett, beschmierte 
gerne die Wände, war meist ungewaschen und hatte, wie sie selbst 
zugab, bei der Defäkation starke, bewußte Lustempfindungen, für 
ihren Stuhl das größte Interesse usw. Sie war ein böses Kind, 
quälte ihre jüngeren Geschwister, riß mit Vergnügen den Fliegen 
die Flügel aus, war unverträglich mit ihren Spielgenossen und nach 
dem Ausspruch der Mutter, war sie „böser als der böseste Junge". 



140 Zwangsneurose 



Nach dem 12. Lebensjahr kam es zu einer vollkommenen Verän- 
derung ihres Wesens, auf die wir zu sprechen kommen werden. 

Vorerst müssen wir die Bemerkung einschalten, daß wir in den 
Krankengeschichten nicht immer so deutlich und klar den Ursprung 
der späteren Reaktionen zu sehen bekommen. Gewöhnlich werden 
Neigungen, wie die unserer Patientin, viel früher verdrängt und 
durch Reaktionsbildungen allmählich unkenntlich, so daß erst die 
Analyse diese primären und ursprünglichen Einstellungen zu ent- 
decken und aufzuzeigen vermag. 

Der Ausbruch der Neurose unserer Patientin erfolgte im 17. Le- 
bensjahr, jedoch zeigte sich in der Analyse, daß die ersten Spuren 
ihrer späteren Erkrankung bereits in die Kindheit führten. Im 
10. Lebensjahre beginnt sie schon, obwohl selbst schmutzig und 
noch mit ihren Klosettliebhabereien beschäftigt, gleichzeitig außer- 
ordentlich pedantisch beim Aufräumen zu sein. Sie duldet kein 
Stäubchen am Boden, bemüht sich Papierschnitzelchen aufs sorg- 
fältigste aufzulesen und achtet ängstlich darauf, keine fallen zu lassen. 
Dafür will sie von der Mutter für ihre Sorgfalt und Sauberkeit 
belobt werden und fühlt sich unglücklich, wenn es die Mutter nicht 
tut. Diese Genauigkeit überträgt sie auch auf ihren älteren Bruder. 
Zuweilen hat sie Angst, er könnte etwas „fallen gelassen haben", 
oder sie kontrolliert zeitweise seine Sachen gründlich nach, um fest- 
zustellen, ob alles in Ordnung sei. Diese ersten neurotischen Vor- 
zeichen werden weder von der Patientin, noch von ihrer Umgebung 
als etwas Krankhaftes erkannt. Für uns sind sie bereits Beweise der 
stattgefundenen Verdrängung. Die Pedanterie beim Aufräumen ist 
eine deutliche Reaktionsbildung, d. h. eine gegensätzliche Strebung 
gegen die Unreinlichkeiten, die sie im Klosett begangen hatte und 
die Freude am Schmutz soll jetzt durch den Reinlichkeitsdrang unter- 
drückt werden. Die Sorgfalt in ihrem Benehmen und der Wunsch 
von der Mutter belobt zu werden, deuten vielleicht bereits auf recht 
schlechte Beziehungen zur Mutter hin und verraten sich als begin- 
nende Reaktion des Schuldgefühls. 

Ihre Bemühungen um den Bruder lassen sich auf gewisse, 



gemeinsame Erlebnisse zurückführen, von denen sie folgende Er- 
innerung hat: Als kleines Mädchen wachte sie eines Nachts mit 
Angst und Beklemmungsgefühlen auf, und fühlte ihren, einige Jahre 
älteren Bruder in ihrem Bette auf ihr liegend. Mit großer Entrüstung 
schiebt die Patientin der Mutter die Schuld an diesem Erlebnis zu, 
weil sie nicht besser auf die Kinder achtgegeben hätte. Überraschender- 
weise konnte die Patientin in der Analyse überführt werden, daß 
sie das Kindheitserlebnis in ihrer Erinnerung vollkommen verdreht 
und verschoben hatte. Nicht der ältere Bruder hatte sie, sondern im 
Gegenteil, sie hatte den jüngeren, ihrer Obhut anvertrauten kleineren 
Bruder verführt. Auch der Vorwurf gegen die Mutter zielte ganz 
wo anders hin. Die Mutter hatte wohl in viel früherer Zeit etwas 
verboten, das allerdings der Vergessenheit anheim gefallen war. 
Dieses Verbot bezog sich nämlich auf onanistische Spielereien des 
kleinen Mädchens und der Vorwurf gegen die Mutter wurde bei 
dieser neuen, unerlaubten Handlung, der aktiven Verführung des 
Bruders, reaktiviert und verinnerlicht, d. h. der von früher her- 
rührende Selbstvorwurf der Onanie gesellt sich zum Schuldgefühl, 
das aus der Tat am Bruder stammte. Der Vorwurf gegen die Mutter, 
sie habe „zu wenig aufgepaßt", bedeutet eigentlich das Gegenteil, 
nämlich, daß sie damals bei der Onanie, die sie verboten hat, eben 
zu viel aufgepaßt habe. Aber der ungerechte Vorwurf sollte eben 
die Patientin vom Selbstvorwurf befreien. Diesen Mechanismus, sich 
vom eigenen Schuldgefühl zu entlasten, indem die Schuld der Mutter 
zugeschoben wird, konnte die Analyse der Patientin in vielen 
Situationen nachweisen. 

Die ersten Kindheitssymptome (Unreinlichkeiten usw.) ver- 
schwinden, Patientin bleibt anscheinend gesund, zeigt aber eine 
typische Charakterveränderung. Sie wird außerordentlich sauber, 
gewissenhaft, pedantisch genau in allem was sie tut, überzärtlich zu 
ihren Angehörigen, außerordentlich wahrheitsliebend, bereit aus 
Mitleid und Nächstenliebe auf alle irdischen Genüsse zu verzichten, 
korrekt und verläßlich, mit einem Zug von Askese — mit einem 
Wort, aus dem kleinen Teufel war ein purifizierter Engel geworden. 



1 4 2 Zwangsneurose 

Eine solche Charakterveränderung stellt eine typische Phase 
im Leben eines Zwangsneurotikers dar. Es ist eine Charakter- 
bildung, die aus Reaktionen gegen verdrängte anale und sadi- 
stische Regungen entsteht. Manchmal macht hier die Neurose halt, 
es kommt zu keinen Symptombildungen, das Individuum bleibt 
gesund, sozial sogar sehr wertvoll, und nur der Analytiker erkennt 
in ihm den verkappten Zwangsneurotiker. Allerdings ist die Liebes- 
fähigkeit, die freie Beweglichkeit der Libido solcher Menschen, nicht 
sehr üppig und ausgiebig, weil ein großer Teil seelischer Energien 
dazu verwendet wird, die Spannung der Reaktionsbildung auf- 
rechtzuerhalten, um so dem Verdrängten den Durchbruch abzu- 
sperren. 

Bei unserer Patientin jedoch macht der Prozeß nicht in diesem 
Stadium Halt. Als sie sechzehn Jahre alt ist, stirbt der Vater. Die 
Patientin entwickelt jetzt eine besondere Aktivität. Sie übernimmt 
zu Hause die Rolle des Vaters, verpflichtet sich, die jüngeren Ge- 
schwister zu versorgen und verfolgt dieses Ziel mit größter Energie. 
Gleichzeitig trachtet sie, die Kinder der Mutter zu entziehen: sie 
will auch die Rolle der Mutter bei den Kindern einnehmen. Aus 
dem alten, dem Ödipuskomplex enstammenden Kampf um den 
Vater gegen die Mutter soll sie jetzt nach dessen Tode ganz als 
Siegerin hervorgehen und nun auch die Mutter seiner Kinder werden. 
Sie benimmt sich so, als wäre sie überzärtlich um die Mutter be- 
sorgt und entfernt sie, scheinbar aus Sorge um deren Gesundheit, 
allmählich von den Kindern. Tatsächlich übernimmt sie die Er- 
haltung des Hauses und läßt gleichzeitig den Kindern die zärtlichste, 
mütterlichste Fürsorge zukommen. Ganz diesem Ziel zugewendet 
entsteht in ihr der Wunsch, den Kindern einen Vater zu geben. 
Das muß aber ein ganz besonderer Vater sein. Dazu verlobt sie sich 
mit ihrem reichen Vorgesetzten, obwohl sie scheinbar einem jungen, 
armen Amtskollegen sehr zugetan ist. 

Nun bricht die Neurose mit Symptomen aus. Zuerst kommt es 
zu einem leichten Schlafzeremoniell: Sie muß mehrmals nachts auf- 
stehen, um nachzuschauen, ob alle sechs Kinder schlafen, ob sie zu- 



Zwangszeremoniell und Zwangshandlungen 140 

gedeckt sind, ob sie kein Fieber haben. Dieser für uns klare, durch 
Überzärtlichkeit kompensierte Todeswunsch gegen die kleinen Ge- 
schwister sollte durch seine Erfüllung ihren unbewußten Wunsch, 
den armen Geliebten heiraten zu können, ermöglichen. 

Hier sieht man die grandiose Leistung des Ambivalenzkonfliktes : 
sie opfert vollkommen freiwillig ihr Lebensglück ihren Geschwistern, 
ja, man könnte sagen, sie drängt ihnen dieses Opfer direkt auf, um 
gegen dieselben Objekte einen unbewußten Haß zu entwickeln, der 
sich zu Todeswünschen steigert. Um diese abzuwehren, bildet sie 
das Schlafzeremoniell. 

Der Kampf gegen die eigenen sadistischen Regungen geht weiter 
und führt zu neuen Symptombildungen. Alle kleinen Gegenstände 
in der Wohnung muß sie jeden Abend nachzählen und unter ihrer 
Bettdecke verstecken, so daß sie selbst nur in unbequemster Haltung 
zusammengekauert im Bett liegen kann, weil für sie zu wenig Platz 
übrig bleibt. 

Die Analyse macht der Patientin bald bewußt, daß die kleinen 
Gegenstände eigentlich ihre kleinen Geschwister darstellen. In über- 
mäßiger Fürsorge zählt sie die Gegenstände, d. h. die Geschwister 
nach, um festzustellen, daß sie noch da sind. Sie macht hier in der 
Verschiebung auf belanglose Gegenstände dasselbe, was sie früher, 
in zärdicher Besorgnis um den Schlaf der Kinder direkt an diesen 
ausgeführt hat. Eine derartige Verschiebung vomUrsprüng- 
lichen auf Belangloses ist für die Zwangsneurose sehr 
charakteristisch. 

Auch die negative, aggressive, zum Beseitigungswunsch gestei- 
gerte Einstellung zu den Geschwistern kommt in diesem Verschie- 
bungszeremoniell zur Befriedigung. Das Verstecken unter der Matratze 
ist ein symbolisches Begraben und das nachfolgende Zeremoniell an 
den kleinen Gegenständen ist wiederum ein Gutmachen des Ver- 
brechens. In diesem Zeremoniell müssen nämlich die kleinen Gegen- 
stände aus ihrem Versteck wieder herausgeholt, gewaschen und mit 
besonderer Sorgfalt behandelt werden, gleichsam um die vorange- 
gangene, das Schuldgefühl belastende Tat, ungeschehen zu machen. 



- 1 — 



i,y. Zwangsneurose 



Ich möchte Sie auf die Zweideutigkeit der Symptombildung auf- 
merksam machen, die hier besonders klar zu sehen ist. Die eine 
Zwangshandlung dient zur Befriedigung einer unbewußten Tendenz, 
die andere bedeutet den Schutz vor der ersten, ein Widerrufen, eine 
Korrektur, ein Zunichtemachen jener. Die Endlosigkeit solcher Zwangs- 
prozeduren ergibt sich aus der Tatsache, daß der Ambivalenzkonflikt 
des Zwangsneurotikers, d. h. der Kampf zwischen seinen positiven 
und negativen Regungen nie zu Ende kommen kann, und daher 
gegen die immer neuen Ladungen aggressiver Tendenzen auch immer 
neue Reaktionen des Schuldgefühls und neue Schutzmaßnahmen er- 
forderlich werden. 

Das Opfer, das unsere Patientin ihren Geschwistern bringen 
wollte, kommt natürlich nicht zustande. Die Verlobung wird gelöst. 
Die Patientin vermehrt immer wieder ihre Symptome, die dann so 
zahlreich werden, daß sie in die qualvollste Abhängigkeit von ihnen 
gerät. Einige dieser Symptome sind in ihrem Aufbau so klar, daß 
sie mitgeteilt zu werden verdienen. Sie leidet z. B. unter 
anderem an schwerem „delire de toucher", Berührungszwang, 
der letzten Endes auch ihre schwere katatone Stellung im Bett ver- 
ursacht. Zuerst führt sie ein Berührungszeremoniell aus: so und so 
viele Male müssen alle Gegenstände in einer bestimmten Reihenfolge 
berührt werden ; ebenso oft muß sie dann ihre Hände waschen, nun 
geht das Berühren von neuem los, dann kommt das Waschen usw., 
bis sie endlich ins Bett geht, wo sie erst Ruhe findet, wenn die 
Decke luftdicht ihren Körper bedeckt. 

In diesem Berührungszwang setzt sich ihr Wunsch, das eigene 
Genitale zu berühren durch, wiederholt also eine in der Kindheit 
dem mütterlichen Verbote unterworfene Handlung. Ein anderer, 
ebenso verdrängter, sich zwangshaft durchsetzender und verschobener 
„Berührungswunsch" gilt dem Genitale des Bruders, in der Remi- 
niszenz an den Verführungsversuch, den ich früher erwähnt habe. 

In einer anderen Determinante schließlich entspricht der Be- 
rührungszwang dem Wunsche, an die geliebten Personen ihrer Um- 
gebung „Hand anzulegen", also im übertragenen Sinne, diese zu 



Zwangszeremoniell und Zwangshandlungen 145 



vernichten. Die Durchführung dieses Wunsches wird deshalb zum 
Zwange, weil er immer unter der Hemmung der entgegengesetzten 
Tendenz, nämlich des Verbotes, steht. Durch Verschiebung auf gleich- 
giltige Gegenstände der Umgebung setzt sich aber doch dieser 
Wunsch zwanghaft durch. 

Auch der Waschzwang war hier mehrfach determiniert. 
Erstens reinigt sie sich die Hände real nach der vorausgegangenen 
schmutzigen, symbolischen Berührung des Genitales. Zweitens be- 
kommt auch dieser Zwang einen übertragenen Sinn, indem sie ihre 
Hände „in Unschuld wäscht". 

In diesem aufreibenden Kampfe zwischen „Berührenwollen" und 
„Nicht berühren dürfen" siegt schließlich das Verbot. Sie darf nichts 
anrühren, denn alles kann, wie wir eingangs gehört haben, mit Ge- 
schlechtsprodukten, mit Stuhl und Urin, „mit Ekelhaftigkeiten" be- 
schmutzt geworden sein. Zuerst handelt es sich nur um die Gegen- 
stände der nächsten Umgebung, dann greift der Schmutz auf alles 
andere über, bis sie sich, durch solche Einschränkungen gefesselt, 
nicht mehr rühren kann und in jenen Zustand verfällt, in dem wir 
sie kennen gelernt haben. 

Das Verbot erstreckt sich auf alles, was mit exkretorischen Vor- 
gängen zusammenhängt, also auf Kot und Urin. Alles in der Welt 
kann irgendwie indirekt mit diesen Dingen zusammenhängen. Somit 
ergreift das Verbot die ganze Welt. Der Ursprung dieses Verbotes 
aus der Schutzmaßregel gegen jene Wunschtendenzen, die dahin 
zielen, die infantile Lust am Analen wiederzubeleben, ist klar, 
nicht minder deutlich aber können wir beobachten, wie da der Zwang 
auf die Maßregel selbst übergreift. 

Andere Determinanten dieses Berührungszwanges führen zu 
„Missetaten" ihrer Kindheit, die schwer ihr unbewußtes Schuldgefühl 
belasten. Diese „Missetaten" waren gar nicht aus ihrem Bewußtsein 
geschwunden. Die Patientin hatte aber keine Ahnung, daß sie in 
ihr irgendwelche Schuldgefühlsreaktionen zurückgelassen haben, somit 
konnte sie auch nicht ahnen, daß diese in ihren Zwangshandlungen 
zum Durchbruch kamen. Eine solche Lostrennung eines Bewußtseins- 






inhaltes von seinem affektiven Bestandteil ist ebenfalls für die Zwangs- 
neurose sehr charakteristisch. 

Die Angst vor der Berührung bekommt z. B. eine Zeitlang den 
Charakter einer Syphilophobie. Zwischen diesem Inhalt des 
Zwanges und den Kindheitserlebnissen war eine sehr tragische 
Brücke durch spätere reale Komplikationen hergestellt. Der jüngere 
Bruder der Patientin, von dessen Verführung durch das kleine Mäd- 
chen wir bereits gesprochen haben, hatte, als sie bereits vollkommen 
erwachsen war, eine luetische Infektion akquiriert und aus Kränkung 
darüber einen Selbstmord begangen. In der Patientin ist eine Ver- 
bindung zwischen diesem aktuellen Ereignis und ihren Kindheits- 
erlebnissen entstanden: zuerst kam eine zwanghafte Idee, sie habe 
auch Lues und der Bruder habe „irgendwie" die Lues durch ihr 
Verschulden bekommen. Die Beziehung des Schuldgefühls dem Bru- 
der gegenüber zu jenen Kindheitssituationen war der Patientin un- 
bewußt. Die Lues selbst konnte sie durch die Onanie bekommen 
haben (wie sie meinte), denn sie erinnerte sich, daß die Mutter ihr 
einmal gesagt hätte, wenn man das Genitale berühre und dann mit 
der Hand an die Augen komme, erblinde man. Sie hatte aber später 
gehört, daß Menschen, die an Lues erkrankt sind, mit der Zeit blind 
werden. Daß die Bemerkungen der Mutter ein Onanieverbot waren, 
war ihr unbewußt, aber die Beziehung zwischen dem Schuldgefühl 
wegen der Onanie und ihrer Syphilophobie einerseits und zwischen der 
Selbstanklage, an der Krankheit des Bruders Schuld zu tragen, und der 
aktiven Verführung des kleinen Jungen andererseits, war deutlich 
in der Analyse herstellbar. Somit hatte die Berührungsangst auch 
folgenden Inhalt: sie darf nichts berühren, um mit ihren schmutzigen, 
d. h. onaniebeschmutzten Fingern die Welt nicht mit Lues zu infi- 
zieren, wie sie einst den Bruder infiziert hat und so Schuld an sei- 
nem Tode wurde. „Sie darf nichts berühren" heißt aber auch, sich 
aus dem Unbewußten das nachträgliche Verbot zu geben, das Geni- 
tale des Bruders nicht anzugreifen, wie damals in der Kindheit. 

Am Berührungszwang können wir deutlich zwei Dinge beob- 
achten : Erstens, daß die Beschmutzungsidee einen analen Ursprung 



\ 



Zwangszeremoniell und Zwangshandlungen 147 

hatte und daß die verdrängten analen Tendenzen, trotz der starken 
Reaktionsbildungen (Pedanterie, besondere Sauberkeit usw.), von denen 
wir als Charaktereigenschaften ihrer zweiten Kindheitsperiode früher 
gesprochen haben, dann doch zu neurotischen Bildungen geführt 
haben; sie setzen sich dann in der genitalen Phase fort und das 
Genital-Sexuelle bekommt nun auch den Charakter des Schmutzigen 
und Beschmutzenden. 

Zweitens sehen wir, wie die alten analen und onanistischen 
Tendenzen zum Durchbrach kommen und wie aus ihrem Verbot eine 
Maßregel entsteht, die dann selbst zum Zwange wird. (Verbot der 
Berührung und Waschzwang.) 

Ich möchte nun noch einige interessante Episoden aus der 
Krankheit der Patientin berichten: Als sie etwa 18 Jahre alt war, 
erkrankte ihre Mutter an einer tödlichen Lungenentzündung. Die 
Patientin pflegte die Mutter aufopfernd Nächte lang. Nach dem Tode 
der Mutter entwickelt sich ein intensiver Grübelzwang: ob sie 
noch einmal mit der Mutter zusammenkommen werde, ob sie der 
Mutter nicht eine falsche Medizin, die sie vergiften konnte, gereicht 
habe usw. Die Herkunft des Zwanges ist unschwer zu erkennen. 

Im Anschluß an den Tod der Mutter entsteht ein neues 
Zwangszeremoniell, dessen analytische Deutung besonders interessant 
ist. Dieses Zeremoniell ließ bei der Patientin eine wochenlang 
dauernde Schlaflosigkeit entstehen, die erst in einem Sanatorium 
durch Verabreichung schwerer Opiate überwunden werden konnte. 
Der Inhalt dieses Zeremoniells war folgender: Die Patientin legt 
sich nach Absolvierung eines alten, kurzen Schlafzeremoniells, das 
ihr seit Jahren zu einer belangslosen Selbstverständlichkeit geworden 
ist, etwa wie ein Gebet, das man bereits automatisch absolviert, ins 
Bett. Sofort muß sie aber wieder aufstehen und nachschauen, ob 
die Türe wirklich zu ist und dies etliche Male wiederholen, 
bis sie sich endlich zu dem Entschluß, sich niederzulegen, aufraffen 
kann. Sie hat aber den Zwang, diese Prozedur des Nachschauens, ob 
die Türe auch wirklich verschlossen ist, pünktlich nach Ablauf jeder 
Stunde zu wiederholen. 

10* 



148 Zwangsneurose 



Dieses Zeremoniell erwies sich — wie jedes andere — als 
mehrfach determiniert: es war die Wiederholung ihrer Belauschun- 
gen an der Türe des elterlichen Schlafzimmers, aber auch die Fest- 
stellung, daß sie ungestört sei und ihren masturbatorischen Wün- 
schen nachgeben könne. 

Vor allem aber ging die Schlaflosigkeit aus der Fürsorge für 
ihre kranke Mutter hervor, der sie sich seinerzeit mit unheimlich 
großem Eifer hingegeben hatte. So fühlte sie sich damals verpflichtet, 
alle die Mutter betreffenden ärztlichen Anordnungen mit peinlichster 
Exaktheit auszuführen und hätte es als eine gefährliche Unterlassungs- 
sünde betrachtet, wenn sie die verschriebene Medizin nicht „laut 
Vorschrift" pünktlich auf die Minute Tag und Nacht verabfolgt 
hätte. Um diese übermäßige Pünkdichkeit nicht zu vernachlässigen, 
hielt sie sich während der Krankheit der Mutter immer wach. Sie 
stand dabei unter dem eigenen tyrannischen Befehl : „wenn du dies 
nicht tust, wird die Mutter sterben". Welchen Wünschen diese 
Genauigkeit entgegentrat, ist nicht schwer zu erraten. 

Nach dem Tode der Mutter setzt sie das zwanghafte Handeln 
in einer anderen Form fort. Es war leicht nachzuweisen, daß der 
Tod ihre frühere Feindseligkeit gegen die Mutter nicht ausgelöscht 
hatte und, daß sie auch nach dem Ableben der Mutter die Abwehr- 
maßnahmen gegen den alten Haß fortsetzen mußte. Deshalb muß 
sie auch jetzt nach dem Tode dem sich selbst erteilten Befehl treu 
bleiben und darf weiterhin nicht einschlafen. 

Sie darf es sich ia auch nicht gestatten, aus Angst am nächsten 
Tag die Augen nicht wieder aufmachen zu können, d. h. blind zu 
werden. Wir erinnern uns, daß die Idee der Erblindung mit der 
Onanie verbunden war und mit der Drohung der Mutter zusam- 
menhing: „wenn du die Hand dorthin gibst, wirst du erblinden". 
Das Schlafverbot lautet also: „Du darfst nicht einschlafen, weil du 
im Schlafe masturbieren könntest". Hier hat wieder ein Verbot, das 
einmal unmittelbar von der Mutter gekommen ist, dann zum inne- 
ren Verbote wurde, den Charakter eines Zwanges angenommen. 

Alle diese Verbote und Gebote werden von der Kranken 



Zwangszeremoniell und Zwangshandlungen 149 

masochistisch, selbstquälerisch noch verstärkt und mit der Zeit wird 
sie vollkommen zu deren Sklavin und ihr Leben zu einer wahren 
Hölle. 

Sie schränkt ihr Dasein noch auf eine besonders komplizierte 
Weise ein. Im Zimmer darf keine Uhr stehen (bei Zwangsneu- 
rotikern übrigens eine häufige Einschränkung), denn sie verträgt 
das Ticken der Uhr nicht, wird aber von dem Zwang getrieben — 
wie zur Zeit der Erkrankung der Mutter — immer wieder auf die 
Uhr sehen zu müssen, um nichts zu versäumen, „sonst geschieht 
ein Unglück". Sie richtete es deshalb so ein, daß sie von ihrer Woh- 
nung aus die Stunden von einer Turmuhr schlagen hören konnte. 
Der Versuch, sich von einer zweiten Person zeitweise von dem 
Stundenwachedienst ablösen zu lassen, scheiterte daran, daß die 
Patientin dem Zwang verfiel, gespannt auf die Atemzüge ihrer 
Schlafgenossin zu achten, ob sie nicht etwa aussetzen, und 
ihre eigenen Atemzüge auf den Rhythmus der anderen einzustellen. 
Dieses Symptom fand folgende Erklärung: in den letzten Tagen der 
Erkrankung der Mutter zählte der Arzt den Puls, horchte die Kranke 
ab und sagte : „es setzt aus, es wird nicht mehr lange dauern". 
Patientin horchte daraufhin, ob der Atem ihrer Schlafgenossin nicht 
aussetze als Abwehr gegen den Wunsch „es möge aussetzen". Den 
alten, gegen die Mutter gerichteten Todeswunsch wendet sie maso- 
chistisch als Selbstbestrafung gegen sich. „Wenn der böse Wunsch in 
Erfüllung geht, so möge ihr eigener Atem gleichzeitig aussetzen" ; 
daher muß sie ihre Atembewegung angleichen. 

Sie haben gehört, in welchen Zustand und in welche Beziehung 
zur Außenwelt die Patientin durch ihre Neurose geraten ist. Die 
Analyse befreite sie wohl von ihren Leiden, aber es gelang nicht 
die Gesundete zum Leb ens genuß und vor allem zur Befrei- 
ung ihrer verdrängten Sexualität zu bringen. Unter der 
Bedingung der Askese, als Nonne, die sie nun endgültig wurde, 
konnte sie praktisch gesund werden. Die Religion bedeutete für sie 
die geglückte Sublimierung. Sie fand hier sichtlich die Möglichkeit 
von ihren Schuldgefühlen entlastet zu werden. Die religiösen Gebete 



i^o Zwangsneurose 

und Bußeübungen wurden zu einem Ersatz für die früher scheinbar 
„unsinnigen" Zwangszeremonielle. In der neuen Umwelt, die sie 
sich im Kloster erwählt und geschaffen hatte, konnte sie sich „reali- 
tätsangepaßt" fühlen. Sie selbst war mit dem Erfolg ihrer Analyse 
vollkommen zufrieden. Und der Analytiker? Auch er muß sich zu- 
weilen damit begnügen, für den Kranken Lebensbedingungen gefun- 
den zu haben, für die seine Anpassungsfähigkeit ausreicht. 

Wenn wir die Krankengeschichte, den komplizierten Leidens- 
weg der Patientin noch einmal kurz schematisch rekapitulieren, so 
sehen wir folgendes : In der ersten Kindheitsepoche manifeste, sa- 
distisch-anale Tendenzen. In der sogenannten Latenzperiode starke 
Reaktionsbildungen in der Charaktergestaltung (Pedanterie, Über- 
gewissenhaftigkeit usw.), aber bereits in dieser Phase die Andeutung 
von Zwangssymptomen, die zuerst nur wie leichte Verzerrungen 
dieser Charaktereigenschaften aussehen: der Reinlichkeitsdrang als 
Reaktion gegen den „Schmutz" der ersten Kindheitsphase, die über- 
mäßige Fürsorge um den Bruder als Reaktion auf die aktive Ver- 
führung und die übermäßig zärtliche Werbung um die Mutter als 
Folge der Unterdrückung feindseliger Regungen. 

Zwischen dieser reaktiven Phase mit den ersten Anzeichen der 
infantilen Neurose und der späteren Erkrankung haben wir Ver- 
bindungsfäden herstellen und dabei beobachten können, wie die 
Reaktionsbildung in dieser Form der Charaktergestaltung, zur Unter- 
drückung der ursprünglichen, nunmehr verpönten Tendenzen, nicht 
mehr ausreicht und die Kranke sich bereits viel komplizierterer 
Mechanismen bedienen muß, um die schweren inneren Konflikte zu 
bewältigen. Der Ausbruch der Erkrankung, die Bildung der Symptome 
ist eben der Moment, in dem diese komplizierten Mechanismen in 
Funktion treten müssen. 

Die erste infantile Phase, in der wir die Patientin als sadistisch- 
anales Kind kennen gelernt haben, müssen wir als dispositionell 
gegeben betrachten. Was aber war die Ursache der im 10. Lebens- 
ahr einsetzenden Reaktionsbildung? Unter dem Einfluß der Er- 
ziehung einerseits, der vorhandenen Entwicklungstendenzen im Ich 



Zwangszeremoniell und Zwangshandlungen 131 

andererseits, fing dieses Ich an, selbst mit den lästigen aggressiven 
und schmutzigen Triebäußerungen unzufrieden zu werden, versuchte 
sich ihrer durch Verdrängung zu erwehren und baute als Schutzwall 
gegen die andrängenden oder abgelehnten Regungen eine Reaktions- 
bildung auf. Warum diese Verdrängung gerade in dieser bestimmten 
Lebensperiode einsetzte, läßt sich in diesem Fall mit großer Wahr- 
scheinlichkeit nachweisen. Um diese Zeit fand nämlich die verhäng- 
nisvolle Verführung des Bruders statt. Dieses Ereignis, das sonder- 
barer Weise ohne den geringsten bewußten Selbstvorwurf in Er- 
innerung geblieben ist, hatte doch starke, im Unterbewußten ruhende 
Schuldgefühle hervorgerufen. Die Auswirkung des — als Folge dieser 
Handlung entstandenen — unbewußten Schuldgefühls konnten wir 
ebenso in den ersten Reaktionsbildungen der Kindheit, wie auch in 
den späteren Krankheitssymptomen beobachten. Bis zum zehnten 
Lebensjahr der Patientin hatte ihre innere Zensur mit besonderer 
Milde gewaltet, und das kleine Mädchen konnte sich auffallend lange, 
vollkommen ungehemmt ihren sadistisch-analen Trieben hingeben. 
Mit der Verführung des Bruders war sichtlich das Maß überschritten 
und die kritische Instanz gab ihre tolerante Haltung auf. Einmal von 
seiner milden Nachsicht abgebracht, scheint der innere Richter sich 
auch gegen die vergangenen Schandtaten gewendet zu haben, denn 
wir sehen in einem plötzlichen Schub Verdrängungen und Re- 
aktionsbildungen auf allen Linien auftreten; die einst verdrängte 
Onanie, die aggressiven Tendenzen gegen die Mutter und Geschwister 
die schmutzigen Liebhabereien, gegen alles das längst Vergangene 
tauchen jetzt Schuldgefühle auf, die abgebüßt werden. Eine Zeitlang 
gelingt es auch, durch Reaktionsbildungen ein psychisches Gleichge- 
wicht herzustellen. 

In der Pubertät, bzw. nach dem Tode des Vaters bricht die 
Neurose in Symptomen aus. Auf den Tod des Vaters reagiert die 
Patientin mit einer tiefen, aber noch nicht krankhaften Art von Trauer. 
Sie versucht sich mit dem Toten zu identifizieren, d. h. seine Rolle 
in der Familie zu übernehmen. Noch eine andere Verlustreaktion verrät 
die Wiederbelebung der scheinbar jetzt aufgefrischten ödipusein- 



152 Zwangsneurose 

Stellung. Sie übernimmt ihren Geschwistern gegenüber auch die 
mütterliche Rolle und versucht durch eine Ehe mit ihrem Chef den 
Geschwistern einen Vaterersatz zu schaffen. Das alles bekommt den 
Charakter des masochistischen Opfers, sichtlich mit dem unbewußten 
Ziele, dem Ober-Ich ein Strafmotiv zu entziehen. Dieses Opfer in- 
auguriert den circulus vitiosus ihrer neurotischen Konflikte. Auf das 
masochistische Opfer, wahrscheinlich auch auf den Verlust des Liebes- 
objektes (Verzicht auf den Geliebten), brechen die alten sadistischen 
Regungen durch und wenden sich gegen die Objekte, denen das 
Opfer gegolten hat. Diese sadistischen Vorstöße nehmen symbolische 
und zwanghafte Formen an. Das bereits streng gewordene Über-Ich 
entfaltet nun seine Tätigkeit und es entwickelt sich jener Kampf 
zwischen den libidinösen Regungen, die sich in harmlosen, aber end- 
losen Aktionen durchsetzen wollen, und den verbietenden Mächten, 
die ebenso endlose Gegenaktionen unternehmen. Man könnte da 
sagen, daß alle verbotenen und alle verbietenden Geister wach ge- 
worden sind. Einmal haben die einen, das anderemal die andern die 
Oberhand. Alle jemals vollführten oder gedachten Missetaten: die 
Onanie, die mörderischen Impulse usw. drängen zur Befriedigung in 
symbolischen Akten. Aber ebenso lehnt sich alles, was an Strenge 
im Seelenleben aufgebaut wurde, dagegen in symbolischen Wieder- 
rufungsversuchen auf. Erinnern wir uns etwa bloß an die endlose 
Prozedur des Begrabens kleiner Gegenstände und an das nachträgliche 
Reinigen, Zählen usw. 

Was uns noch im Verlaufe der analytischen Beobachtung auf- 
fallen mußte, war die Tatsache, daß alle aggressiven Regungen und 
alle zwanghaften Impulse sich gegen jene Objekte richteten, denen 
unleugbar und unverkennbar die Liebe, das Positive im Gefühls- 
leben galt. Es gab keine zärdiche Strömung, keine positive Regung 
in ihr, die nicht in dauernde und endlose Konflikte mit ihren sa- 
distischen Impulsen geraten wäre. 

Ebenso wie ihren sadistisch-analen Triebregungen, die von uns 
einer Disposition zugeschrieben wurden, liegt diesem, den Objek- 
ten zugetragenen Konflikte zwischen Liebe und Haß, eine konsti- 



Zwangszeremoniell und Zwangshandlungen 153 

tutionelle Gefühlsambivalenz zu Grunde, d. h. Liebe und 
Haß kommen hier unzertrennlich zusammengepaart, gleichzeitig und 
am selben Objekte zur Auswirkung. Die sadistische Aggression hat 
bei dieser Art von Disposition den Charakter einer libidinösen 
Strebung und stellt sich somit nicht nur dem Haß, sondern auch der 
Liebe zur Verfügung. 

Wir konnten aber auch sehen, wie die Patientin auf jede aggres- 
sive Gefühlsregung mit einer verhütenden oder nivellierenden Gegen- 
handlung reagierte und erkannten darin den Ausdruck des Schuld- 
gefühls, ein Walten des Über-Ichs. Es war dabei in den Symptom- 
bildungen zu erkennen, wie das Ich der Kranken gleichsam unter 
zwei Feuern stand : auf der einen Seite die unbewußte Triebregung 
gegen die Objekte der Außenwelt mit ausgesprochen aggressivem, 
sadistischem Charakter, auf der anderen eine besonders starke, auch 
aggressive, direkt gegen das Ich gewendete Reaktion von Seiten des 
Über-Ichs, die das Ich unerbittlich zu Gegenaktionen nötigen mußte. 

Aber bereits vor der Erkrankung, in der Phase der charaktero- 
logischen Reaktionsbildungen trafen wir auf dieses Schuldgefühl und 
konnten seine Schicksale im Verlauf der Erkrankung, seinen Aus- 
druck in den zwanghaften Abwehrmaßregeln verfolgen. Die spätere 
Entwicklung der Neurose brachte es dann mit sich, daß im zwang- 
haften Hin und Her zwischen Triebbefriedigung und Verbot die 
sketischen Tendenzen immer mehr zunahmen, bis schließlich die 
Symptome, ganz in Abhängigkeit vom Ober-Ich, nur mehr den 
Verboten entsprachen, als deren Folge die ganze Lebensführung der 
Patientin einen masochistischen Charakter annahm. 

Versuchte die Patientin spontan oder auf mein Anraten die 
Zwangshandlungen zu unterdrücken, so rief sie damit einen schwe- 
ren Beklemmungszustand hervor, der sich dann allmählich zur Angst 
steigerte. Sie erbrachte damit den Beweis, daß die Bestimmung ihrer 
Zwangshandlungen in der Verhütung einer angsterregen- 
den Gefahr gelegen sein mußte. Die Symptome hatten hier also 
dieselbe Aufgabe wie die phobische Vermeidung, d. h. sie befreiten 
von einer inneren Gefahr; was aber die Phobie mit Benützung des 



C- 



*54 Zwangsneurose 



Projektionsmechanismus leisten kann, wird hier durch die Auferle- 
gung von Verboten, durch Befehle und durch ein aktives Wider- 
rufen, Ungeschehenmachenwollen des symbolisch bereits Vollzogenen 
oder Intendierten bewirkt. 

Bei der Phobie steht der Angstaffekt im Zentrum des Leidens 
und in der neurotischen Verarbeitung gilt er scheinbar einer in der 
Außenwelt befindlichen Gefahr. Diese droht jedoch dem Ich vom 
Vertreter der inneren Autorität, vom Über-Ich. Die Angst selbst ist 
die Folge einer inneren Drohung von Seiten dieser Macht, eine 
mahnende und erfolgreiche Warnung für das Ich, erfolgreich 
im Sinne der sich ergebenden Angstfreiheit, die aber gebunden ist 
an die Einhaltung einer bestimmten Bedingung. Diese ist: Trieb- 
verzicht! Die zur Vermeidung bestimmte phobische Repräsentanz in 
der Außenwelt vereinigt in sich ebenso die Triebtendenz, wie auch 
die verbietende Macht. Die Formel lautet: „wenn du dem Trieb 
ausweichst, entgehst du der strafenden Behörde". Wir können uns 
des Eindruckes nicht erwehren, daß auch hier die Strenge des Ober- 
Ichs vor allem den aggressiven Regungen galt, und glaubten 
in der besonderen Stärke derselben, den Motor zu intensiver Angst- 
entwicklung zu erkennen. 

Bei unserer zwangsneurotischen Patientin brachten nun, wie wir 
gesehen haben, ihre mühevollen, symbolischen Verrichtungen dem 
Ich einen Gewinn: die ständige Angstbefreiung. Da erwies sich 
die Leistung der Zwangssymptome erfolgreicher als die der 
Phobie. Wir hatten aber dabei nicht den Eindruck, daß diese Angst- 
freiheit etwa auf eine weniger strenge Drohung von Seiten des 
Über-Ichs, auf seine größere Milde zurückzuführen gewesen wäre. 
Im Gegenteil, der stärkere Druck von Seiten des Uber-Ichs, die 
ständige und unerbittliche Auswirkung des Schuldgefühls nötigte 
das bedrängte Ich, sich in seinen Abwehrvorgängen fortschreitend 
immer besser diesen Mächten anzupassen bezw. unterzuordnen. 

In manchen Symptomen unserer Patientin verschoben sich die 
zurückgewiesenen Triebtendenzen (meist von aggressivem Charakter) 
auf belanglose Dinge, um dann auf die Forderung des Schuldgefühls 



Zwangszeremoniell und Zwangshandlungen 155 



hin durch Gegenhandlungen wieder rückgängig gemacht zu werden. 
Allmählich bekamen dann die Symptome vorwiegend den Charakter 
von Befriedigungen des Schuldgefühls, von Bußehandlungen, ohne 
daß die Triebregung auch nur in einer entferntesten Ersatzhandlung 
noch zum Vorschein gekommen wäre. Das Ich war da bereits voll- 
kommen wehrlos den Mißhandlungen des Ober-Ichs preisgegeben ; 
es nahm das Schuldgefühl wahr, wurde von ihm beherrscht und 
tyrannisiert. Die genaue Verfolgung der Symptomentwicklung ließ 
uns erkennen, daß die Auswirkung des Schuldgefühls auch nicht 
geringer wurde, als von Seiten des Ichs auf sämtliche Triebbefriedi- 
gungen und Ersatzbildungen verzichtet wurde. 

Es finden sich ebenso Fälle von Zwangsneurose, in denen dieses 
Schuldgefühl sich weniger aufdringlich verhält, wie solche, in denen 
es vollkommen das Bewußtsein des Kranken beherrscht und an- 
dauernd in Anspruch nimmt. So gibt es z. B. Kranke, bei denen 
das Schuldgefühl so zum Ausdruck kommt, daß sie sich geradezu 
mit einer Wache umgeben, um eine mörderische Handlung zu ver- 
hüten, oder sich fortwährend von ihrer Umgebung die Zusicherung 
geben lassen müssen, daß sie diese nicht tatsächlich begangen hätten. 
Wenn sie sich nicht beobachtet wissen, geraten sie in eine ver- 
zweifelte Stimmung, etwas „Schreckliches" angestellt zu haben. Eine 
meiner Patientinnen, die unter der Zwangsvorstellung litt, sie könnte 
ihrem geliebten Kinde Gift in die Nahrung mischen, wollte sich 
einmal unter dem Drucke des Schuldgefühls wirklich der Polizei mit 
der Angabe stellen, sie habe ihr Kind vergiftet. 

In allen diesen Fällen verrät sich die unerbittliche Strenge des 
Über-Ichs. Wohl haben wir auch bei der früheren Besprechung an- 
derer Neurosenformen die Wirkung des Schuldgefühls gesehen, aber 
nirgends stand es so vorlaut, so unverhüllt, so gebieterisch im Mittel- 
punkt des Seelenlebens. 

Wir können auf Grund klinischer Erfahrungen sagen, daß das 
Über-Ich umso strenger wirkt, je aggressiver die unterdrückten 
Wunschregungen waren, was ich schon früher in der Formel „Ag- 
gression gegen Aggression", zusammenfaßte. 



Solche Beobachtungen wie die angeführten haben Freud die 
Annahme nahegelegt, daß es dieselbe Aggression ist, ob sie sich nun 
als Sadismus der libidinösen Strebung zugesellt, oder ob sie bei 
deren Unterdrückung vom Über-Ich einverleibt wird und seine Strenge 
bewirkt. Daß die Triebtendenzen der Zwangsneurose einen sadisti- 
schen Charakter haben, ist eine Tatsache. Daher können wir für die 
Stärke des Schuldgefühls, für die Aggressionen des Über-Ichs im 
Sinne Freuds die Tatsache verantwortlich machen, daß bei der 
Unterdrückung der sadistisch-libidinösen Strebung die dabei frei- 
werdende Aggression dem Über-Ich zugesellt und statt in der Zu- 
wendung zur Außenwelt, nun im Innenleben verbraucht wird. 

Diese Annahme liegt ganz in der Richtung der letzten wissen- 
schaftlichen Arbeiten Freuds, in denen er bereits zwei Arten von 
Trieben annimmt : die S e x u a 1 triebe und die Destruktion s- 
triebe, die in einem Mischungsverhältnis zu einander stehen. Jede 
Trennung der beiden Triebarten aus ihrer Verlötung, jede „Trieb- 
entmischung" bringt ein Freiwerden der destruktiven Tendenzen 
mit sich, die dann entweder als Aggressionen gegen die Außenwelt 
gerichtet werden oder eine Verinnerlichung erfahren, d. h. sie wenden 
sich gegen das Ich, als wäre es ein Objekt der Außenwelt, so daß an 
Stelle des Sadismus (nach außen) der Masochismus (nach innen) entsteht. 

Diese Wendung ist eine Reaktion des Schuldgefühls auf die 
nach außen strebenden Aggressionen, deren Drosselung zu einem 
circulus vitiosus führt, in dem sie — ins Über-Ich übergegangen — 
dieses selbst sadistisch machen, wodurch eine neuerliche Steigerung 
der inneren Spannung des Schuldgefühls zustande kommt. 

Das Mischverhältnis zwischen den zwei angenommenen Trieb- 
arten ist umso solider, je höher die Entwicklungsstufe der Libido 
ist. Wir haben bei der Besprechung der Hysterie — die der genitalen 
Entwicklungsstufe entspricht — gesehen, daß hier der Ambivalenzkon- 
flikt, d. h. der Kampf zwischen positiven und aggressiv-negativen 
Tendenzen bei weitem nicht dieselbe Rolle spielt, wie etwa bei der 
Zwangsneurose, und daß das Schuldgefühl geringer, das Über-Ich 
milder erscheint. 



Zwangszeremoniell und Zwangshandlungen icy 

Unser Verständnis für die Wirkung der Regression erfahrt 
eine Bereicherung, wenn wir erfahren, daß die Steigerung der Ambi- 
valenz, die Zunahme der sadistischen Komponente als 
Folge regressiver Vorgänge, mit der Triebentmischung zu- 
sammenhängt, denn die Trennung der destruktiven Triebe von den 
libidinösen geht mit diesen Regressionen parallel. Von hier aus ver- 
stehen wir auch, warum das Über-Ich umso strenger erscheint, je 
tiefer die Regression erfolgte. 

Zum Verständnis der Phobie möge hier vielleicht noch nach- 
getragen werden, daß bei ihr sichtlich die Triebentmischung weit- 
gehender erfolgt als bei der Konversionshysterie, und infolgedessen 
das Über-Ich strenger wird und die Gefahr für das Ich größer. Im- 
merhin scheinen aber die libidinösen Strebungen mit den Aggressio- 
nen des Ober-Ichs, am projizierten Objekte einen Ausgleich getroffen 
zu haben, so daß das Schuldgefühl nicht so unerbittlich gegen das Ich 
wütet, wie bei der Zwangsneurose. 



ZEHNTE VORLESUNG 

Zwangsvorstellungen 

Die Analyse des Falles von Zwangsneurose, den ich heute mit 
Ihnen besprechen will, ist im Gegensatz zu dem vorangegangenen 
sehr einfach gebaut, läßt sich leicht und lückenlos rekonstruieren und 
endigt, wie ich gleich vorausschicken will, nach relativ kurzer Be- 
handlungszeit mit vollkommener Heilung. 

Die Patientin, ein 28jähriges Mädchen, kommt in die Analyse 
mit einem einzigen Symptom: einer einzigen Zwangsvorstellung. 
Man kann sagen, daß hier die Neurose in statu nascendi von der 
Analyse erfaßt und der innere Konflikt zur Korrektur gebracht 
wurde, bevor sich das Leiden dauernd etablieren konnte. 

Die Patientin berichtet, sie sei bis vor einem Jahr verlobt ge- 
wesen. Die Verlobung ging damals durch die Schuld des Bräutigams 
in Brüche und wurde auf seinen Wunsch gelöst. Sie dauerte viele 






J 5° Zwangsneurose 

Jahre, denn der Bräutigam zögerte stets mit der Heirat. Als sie in 
der letzten Zeit die Forderung danach eindringlicher stellte, sei es 
bereits zu Meinungsverschiedenheiten zwischen ihnen beiden ge- 
kommen, wobei der Bräutigam sichtlich immer mehr dem Einfluß 
seiner Mutter, die sich der Ehe widersetzte, unterlag. 

Vor zwei Jahren — also ein Jahr vor dem Bruche — trat die 
Zwangsvorstellung akut auf. 

Patientin stand eines Tages mit dem Gefühl auf, sie hätte ge- 
träumt, der Bräutigam sei gestorben. 

An sonstigen Inhalt des Traumes könne sie sich nicht erinnern, 
sie wisse auch gar nicht, ob es ein Traum gewesen sei, oder „etwas 
dem Traum Ähnliches". 

Über diesen Traum oder „Nichttraum" machte sie sich nun die 
intensivsten Vorwürfe, als würde sie mit dem Träumen etwas sehr 
Schlechtes begangen haben. Dann kam die Vorstellung, diese Traum- 
erinnerung werde sie immer verfolgen, werde sie nie in Ruhe 
lassen ; sie könne nun nie glücklich werden. Schon aus dem bisheri- 
gen ist zu entnehmen, daß der an den Traum geknüpfte Vorwurf 
sichtlich aus einer inneren Wahrnehmung des Verdrängten 
kommt und daß der Traum intuitiv als Wunscherfüllung erkannt 
wurde und sich daher an diese Erkenntnis ein Selbstvorwurf knüpft. 

Wir brauchen nicht viel zu deuten : dieser Traum oder „Nicht- 
traum" ist der Durchbruch des gegen den Geliebten gerichteten 
Todeswunsches in der naivsten Verhüllungsform: „der Traum wird 
mich verfolgen", was heißen soll: „diesen Wunsch werde ich nicht 
los, weil er in mir so stark ist", „seinetwegen werde ich mir immer 
Vorwürfe machen müssen und mich nie mehr von Schuld frei fühlen 
können". Darauf kommen wir noch zurück. 

Abgesehen von diesen Selbstvorwürfen war in dieser 
Zwangsneurose nicht viel zu entdecken. Wenig Symptome, also auch 
wenig Gelegenheit zu ihrem analytischen Abbau. 

Rückschauend findet man eigentlich auch keine richtigen 
Zwangsvorstellungen in den früheren Jahren. Nur zwischen dem 
6. und 1. JLebensjahr (also in der Zeit, in der gewöhnlich die 



Zwangsvorstellungen jrg 



Zwangsneurose auszubrechen pflegt), trat im Anschluß an eine harm- 
lose Erkrankung des Vaters eine sichtlich bereits neurotische, sehr 
intensive Angst um das Leben des Kranken auf. In dieser Angst 
können wir bereits einen Todeswunsch gegen den Vater, verur- 
sacht durch eine Liebesenttäuschung, die sie an ihm erlitten haben 
dürfte, vermuten. Diese Vermutung hat sich auch später bestätigt. 

Sie sehen schon hier die Analogie zum aktuellen Symptom: 
Todeswunsch d. h. sadistische Reaktion auf die Liebesenttäuschung. 

Es stellte sich nun heraus, daß bereits vor dem Ausbruch der 
Krankheit Vorboten da waren, die die Patientin noch nicht als 
krankhaft empfunden hatte. Und zwar eine heftige, aber unbe- 
gründete Eifersucht auf den Bräutigam, die sich immer gegen 
einen gewissen Typus von Frauen richtete, der dem Geschmack des 
Bräutigams absolut nicht entsprach. Gleichzeitig mit dieser sichtlich 
bereits pathologischen Eifersucht trat eine starke erotische Welle auf, 
die sich bis zu Zwangsvorstellungen steigerte : die Patientin mußte 
immer an sexuelle Dinge denken, entkleidete in der Phan- 
tasie alle Männer, phantasierte den Koitus mit ihnen, wurde wie 
besessen von zwanghaften Vorstellungen des männlichen Genitales, 
das sie fortwährend vor sich sah. Bald darauf trat die Zwangsvor- 
stellung auf, die sie in die Analyse brachte. 

Die ersten Wochen der Analyse verlaufen sehr eintönig. Wenig 
Material, keine Träume, wenig Einfälle. Plötzlich ändert sich dieses 
Verhalten. Patientin, deren Übertragung bisher kaum merklich war, 
gerät mir gegenüber in einen glühenden Verliebtheitszustand. Sie 
produziert die heißesten homosexuellen Liebesphantasien, die bald 
durch einen ebenso intensiven Haß gegen mich abgelöst erscheinen. 
Zum Schluß tritt — und zwar in derselben Form wie im ersten 
Symptom — ein Todeswunsch gegen mich auf: sie „könnte träumen", 
ich sei gestorben. 

Dieser akute Ausbruch der Übertragung war durch einen klei- 
nen Zufall ausgelöst worden. Patientin hatte durch eine zufällig offene 
Tür in mein Schlafzimmer geblickt. Die Lage der Betten führte ihre 
Phantasie in das Schlafzimmer ihrer Eltern. Die rasch hergestellte 



160 Zwangsneurose 



Identifizierung zwischen mir und ihrer Mutter wurde sofort zum 
Übertragungsmotiv. 

Die Welle der Übertragung und des Zwanges flaut aber bald 
ab — es tritt eine neue Zwangsvorstellung auf. Sie bekommt Angst 
mit ihrem (übrigens seit einigen Jahren zum zweiten Male verwit- 
weten) Vater allein in der Wohnung zu bleiben: er könnte sie 
sexuell mißbrauchen. Sie fühlt sich schließlich nur zur Zeit der 
Menstruation sicher. Zum Schluß überträgt sie den Inhalt der ersten 
Zwangsvorstellung gänzlich auf den Vater : sie „könnte träumen, e r 
sei gestorben". 

Das ist die ganze Geschichte ihrer Zwangsneurose. Aus diesen 
paar Symptomen und aus der Übertragung ließ sich eine lückenlose 
Rekonstruktion der infantilen Geschehnisse herstellen. 

Kehren wir nun zum Ausgangspunkt ihrer Neurose zurück. Die 
Patientin erlebt bei einem realen Liebesobjekt eine Versagung. Die 
näheren Umstände der Versagungssituation wiederholen mit photo- 
graphischer Treue die ödipussituation : den Kampf um den Gelieb- 
ten zwischen ihr und der Mutter. Hier ist es seine Mutter, die 
sich störend in die Beziehungen einmischt und die Eheschließung 
verbietet. Die Patientin wird besiegt und die überstarken Haß- 
tendenzen gegen den Mann, der zu Gunsten der Mutter gewählt 
hatte, werden stärker als die Liebesregungen. Aus dem Unbewußten 
drängt sich der Todeswunsch hervor und verwandelt sich nach sei- 
ner Verdrängung in eine reaktive Angst um den Geliebten, die den 
Charakter einer Zwangsvorstellung (Traum) bekommt und als solche 
bewußt wird. Die Unzulänglichkeit dieser Vorstellung für alle ver- 
nünftigen Argumentationen liegt in der Unbewußtheit ihres wahren 
Inhaltes. 

Die Kindheit der Patientin hatte sich besonders schwer gestaltet. In 
ihrem 4. Lebensjahr, also in einem Alter, das wir als „Blütezeit des Ödi- 
puskomplexes" betrachten, bekam sie, (nachdem die Mutter zwei 
Jahre vorher gestorben war), eine junge Stiefmutter. Der Kampf um 
die Liebe des Vaters wurde dadurch unter besonders erschwerte 
Bedingungen gestellt. In jener Kindheitssituation wurde sie, also 



Zwangsvorstellungen jg. 



genau wie jetzt, durch die Mutter besiegt. Der Haß gegen die Stief- 
mutter und die wütende Rivalität waren ihr in der Erinnerung voll- 
kommen bewußt, nur die sexuellen Wünsche, der libidinöse Inhalt 
dieses Konkurrenzkampfes waren ihr unbewußt geblieben. 

Beim Wiedererleben der Kindheitssituation in der Aktualität 
regte sich der alte, durch die sadistische Konstitution des Mädchens 
bedingte, übermäßige Haß gegen den Vater und wurde nun auf den 
jetzigen Geliebten, den sich versagenden Bräutigam, verschoben. 

Die Versagung durch den Geliebten, der „reale aktuelle Kon- 
flikt" verwandelte sich in einen neurotischen. Die enttäuschte Libido 
regredierte zur sadistisch-analen Phase und diese Regression mußte 
— wie wir schon wissen — die starken aggressiven Reaktionen zur 
Folge haben. Den agent provocateur bei dieser Umwandlung des 
Konfliktes in eine Neurose bildete die Tatsache, daß die Enttäu- 
schungssituation eine Wiederholung der sichtlich noch nicht erledig- 
ten infantilen Versagung war. 

Mit der Mobilisierung des Hasses gegen den/Geliebten voll- 
zieht sich eine Wendung vom heterosexuellen zum homosexuel- 
len Objekte. Diese homosexuelle Einstellung findet zuerst ihren 
Ausdruck in der bereits erwähnten, krankhaften Eifersucht, die ziem- 
lich plötzlich bei der Patientin zum Vorschein kommt. Gleichzeitig 
erfolgt eine heftige Abwehr dieser Homosexualität und die Patientin 
sucht Hilfe in einer Flucht in die Heterosexualität, die einen patho- 
logisch-zwanghaften Charakter trägt. Die Zwangsvorstellungen vom 
männlichen Genitale sollten die homösexüeilen Phantasien unter-' 
drücken. Man kann sagen, daß die Intensität des Zwangsgedankens 
an das männliche Genitale eigentlich nur durch die Zurückweisung 
des Gedankens an das weibliche bedingt war. 

In diesem Kampfe gegen die sadistischen und homosexuellen 
Tendenzen befand sich die Patientin, als sie in die Analyse kam. 

Durch den Blick in mein Schlafzimmer konnte sie mich rasch 
mit der Stiefmutter identifizieren und fand hier das Motiv zu einer 
heftigen Ubertragungsneurose mit den zugehörigen Inhalten. Die 
beiden ambivalenten Tendenzen Liebe und Haß, deren ewiger Kon- 



162 Zwangsneurose 



flikt hier konstitutionell besonders tief verankert war, bekamen eine 
unheimliche Verstärkung im Sinne der Ambivalenz durch die realen 
Lebensbedingungen. Die Patientin hatte nämlich zwei Mütter: eine 
lebende, die sie haßte, und eine tote, die sie liebte. Ihre ganze kind- 
liche Liebessehnsucht wendete sich nach der Enttäuschung am Vater 
der toten Mutter zu. Aus dem Haß gegen die Stiefmutter und aus 
der Liebe für die tote Mutter baute sich schließlich ihre Beziehung 
zum Weibe auf. Nach der Versagung beim Manne verstärkte sich 
die homosexuelle Beziehung und fand zuerst ihren Ausdruck in 
einer krankhaften Eifersucht. Diese ambivalente Beziehung zum Weibe 
konnte in der Übertragung wirkungsvoll ausgelebt, dann auch in der 
Übertragung günstig erledigt werden. 

Der letzte Akt der Neurose : die erotischen Zwangsvorstellungen 
in Bezug auf den Vater, die Angst, er werde sie sexuell mißbrauchen 
als Ausdruck ihrer eigenen Wünsche und der — in der Zwangs- 
vorstellung: „er könnte sterben" ausgedrückte — Haß als Todes- 
wunsch, ist auch chronologisch der Ausgangspunkt der Neurose, deren 
einfaches Gebäude sich folgendermaßen darstellt : Überstarke Liebe zum 
Vater mit Umwandlung in Haß, entstanden aus der Versagung ; Haß 
gegen die Stiefmutter, Liebessehnsucht nach der toten Mutter; beide 
ambivalenten Tendenzen in der homosexuellen Beziehung zum Weibe 
vereinigt; Durchbruch der homosexuellen Regungen bei neuerlicher 
Versagung durch ein heterosexuelles Objekt, mit sadistischen Rache- 
impulsen gegen dieses als Wiederholung der beim Vater erlebten 
Enttäuschung ; schließlich Rückwendung zum Vater mit den ursprüng- 
lichen gegen ihn gerichteten Liebes- und Haßtendenzen; in dieser 
Phase findet die Analyse und auch der Heilungsprozeß seinen Ab- 
schluß. 

Sie sehen, — und das ist ein wesentlicher Punkt, weshalb dieser 
Fall vor Ihnen aufgerollt wurde, — wie die Patientin in umgekehrter 
Reihenfolge ihrer Symptome die ganze Geschichte ihres unbewußten 
Seelenlebens wiederholt, bis sie in ihrem letzten Symptom zum Aus- 
gangspunkte ihrer verdrängten Konflikte gelangt. 

Die Patientin ist nach 6 Monaten analytischer Behandlung 







Zwangsvorstellungen 163 



symptomfrei entlassen worden, aber — wie wir hinzufugen müssen 
— ohne charakterologisch wesentlich verändert worden zu sein. Es 
war jedoch schwer, sie nach dem Abbau ihrer Symptome weiter in 
der Analyse zu behalten. Soweit sich etwas voraussagen läßt, können 
wir ihr die Prognose stellen, daß sie wahrscheinlich praktisch gesund 
bleiben, aber infolge ihrer aggressiven Tendenzen und ihrer ambi- 
valenten, so tief konstitutionell bedingten Beziehung zu den Objekten 
sicher häufig noch in schwere Konflikte geraten wird. 

Unterziehen wir den Fall noch einer theoretischen Überlegung 
und gehen dabei von jenem seelischen Erlebnis der Patientin aus, 
das wir „innere Wahrnehmung" genannt haben. 

Die Erkenntnis, daß das neurotische Symptom ein Kompro- 
m i ß zwischen den verbietenden Tendenzen einerseits und den 
luststrebenden andererseits darstellt, gehört bereits zum ältesten 
und elementarsten Inventar der analytischen Wissenschaft. Das Symptom 
dient somit ebenso der Triebbefriedigung wie auch der ablehnenden, 
asketischen Strebung. Bei der zwangsneurotischen Patientin (der Nonne), 
die wir eingangs besprochen haben, konnten wir in jedem einzelnen 
Symptom das Walten dieser gegen einander gerichteten Kräfte auf- 
zeigen. Besonders einleuchtend stellte sich die für die Zwangs- 
neurose typische Zweizeitigkeit der Symptombildung dar. 
Sie beruht darauf, daß die verpönte Triebtendenz und die verbie- 
tende Maßregel nacheinander in Aktion treten (z. B. Gegen- 
stände begraben und sie dann fürsorglich bewachen). Die Unerbitt- 
lichkeit des Kampfes erklärt sich daraus, daß der sadistische Impuls, 
der im Triebwunsch liegt, von einem ebenso grausamen und sadisti- 
schen Über-Ich zurückgewiesen wird. Ein anderer Grund für diese 
Unversöhnlichkeit ist in dem schweren Ambivalenzkonflikt 
zu suchen, der dazu führt, daß jede positive Wunschregung von 
schweren Haßgefühlen begleitet wird und daß diese zwei Kompo- 
nenten der Objektbeziehungen, die positive und die negative, 
wiederum als zwei Gegner eines unentschiedenen Kampfes gegen 
einander stehen. Auch dieser Ambivalenzkonflikt ist sozusagen kon- 
stitutionell gegeben, denn er ist umso heftiger, einer je ferneren 



1 64 Zwangsneurose 



Vergangenheit der Entwicklung der Libido er angehört. Bei der 
Zwangsneurose ist die Schwere des Ambivalenzkonfliktes bedingt 
durch eine Entwicklungsstörung der Libido in der sadistisch-analen 
Phase, zu der der Kranke regrediert ist. 

Nicht alle Zwangsneurosen sind in dieser Richtung gleich. Es 
gibt Fälle, bei denen sich der Kampf mehr im Vorstellungs- 
leben abspielt (z. B. Grübelzwang usw.), und solche, bei denen der 
Zwang sich mehr auf motorischem Gebiete äußert, also ins 
Handeln übergeht. Unsere erste Patientin gehört mehr dem 
zweiten Typus an, bei der zuletzt Besprochenen stehen eher Zwangs- 
vorstellungen im Vordergrund. 

Die Krankheitsbilder der Zwangsneurose können außerordent- 
lich mannigfaltig sein, aber trotz dieser Mannigfaltigkeit sind, wie die 
Psychoanalyse nachweisen konnte, immer dieselben typischen Mecha- 
nismen im Spiele. Die Persönlichkeit des Zwangsneurotikers ist 
in allen diesen verschiedenen Krankheitsbildern so identisch, einzelne 
Charakterzüge und Sonderbarkeiten immer aus derselben Quelle 
kommend, daß man wirklich nur von quantitativen, bzw. formellen 
Unterschieden sprechen kann. So sind z. B. Zwangshandlungen und 
Zwangsvorstellungen nur formell different, denn zur motorischen 
Entladung, die bei der Handlung vor sich geht, ist psychisch 
kein größeres Energiequantum notwendig wie zur Energie-Besetzung 
des Denkprozesses eines zwangsneurotischen Grüblers. Wir 
werden übrigens sehen, daß auch die zwangsneurotischen Cha- 
rakterzüge denselben Energiekräften entstammen. 

Bei der Besprechung der Reaktionsbildungen in der Latenz- 
periode unserer ersten Patientin haben wir wohl gehört, wie pedan- 
tisch in der Sauberkeit, wie peinlich in der Moral und wie liebe- 
voll im Mitleid sie sein konnte. Noch nicht beschäftigt haben wir 
uns aber bei der Patientin mit Charaktereigenschaften, die auch zum 
ständigen Inventar der Zwangsneurose gehören und im Charakterbild 
unserer Kranken nicht fehlten, nämlich Aberglauben, Miß- 
trauen, Zweifelsucht. Es scheint lohnend, sie einer psycho- 
logischen Betrachtung zu unterwerfen. 



Zwangsvorstellungen 165 



Sehr charakteristisch für den Zwangsneurotiker sind z. B. seine 
Berichte über alle jene sonderbaren und unheimlichen Geschehnisse, 
die ihn zu verfolgen scheinen. Denkt er an jemanden, so kommt 
gerade der Betreffende daher, interessiert er sich für jemanden 
wärmer, so muß der Betreffende im Anschluß daran sterben 
spricht er gegen jemanden eine Verwünschung aus, so geht 
diese in der schrecklichsten Form in Erfüllung. Alle diese Gescheh- 
nisse werden von den Armen vorgebracht, um den Beweis zu er- 
bringen, über welche „Allmacht" ihre Wünsche (insbesondere die 
bösen) und ihre Gedanken verfügen. Dieses Verhalten hat seine 
psychologische Motivierung in der Tatsache, daß durch die Zerreißung 
der inneren Zusammenhänge zwischen den verdrängten unbewußten 
Wunschregungen und den Schuldgefühlen, die diesen Tendenzen 
anhaften, eine Spannung im Ich entsteht, für die gierig eine Ratio- 
nalisierung gesucht wird. Wo es also nicht gelingt, sich vom Schuld- 
gefühl durch Charaktereigenschaften, die wir als Reaktionsbildungen 
kennen gelernt haben, zu erwehren, kommt es neben den Sym- 
ptomen oder auch ohne Bildung solcher zu Äußerungen des Schuld- 
gefühls, die der Persönlichkeit des Zwangsneurotikers den Stempel 
aufdrücken. 

So kann ein blinder Aberglaube trotz eines manchmal sehr 
hohen intellektuellen Niveaus des Zwangskranken und bei voller 
Kritikfähigkeit für die Albernheiten dieser Narrheit so sehr seine 
Beziehung zur Außenwelt beeinflussen, daß er andauernd in allen 
seinen Handlungen von ihm beherrscht ist. Die Ursache dafür liegt 
einerseits darin, daß der Kranke gewissermaßen zu einer inneren 
Wahrnehmung seiner unbewußten Regungen gelangt und durch die 
Wucht seiner aggressiven Tendenzen die Neigung zur Überschätzung 
der seelischen Vorgänge gegenüber der Realität bekommt, anderer- 
seits darin, daß ihn die mahnende Kraft seines Schuldgefühls für die 
Folgen seiner Wünsche in der Außenwelt verantwortlich macht. Diese 
abergläubische Behauptung des Zwangsneurotikers, seine Gedanken 
gingen in der Außenwelt in Erfüllung, hat eine gewisse Verwandt- 
schaft mit dem Projektionsmechanismus des Paranoikers, der die 



i66 Zwangsneurose 



innere Wahrnehmung eines seelischen Vorganges in die Außenwelt, 
in seinen Verfolger projiziert. 

Hiemit sind wir wieder zu unserer Patientin zurückgelangt. Er- 
innern wir uns, daß die Traumerinnerung der Patientin und die 
Befürchtung, der Traum könnte in Erfüllung gehen, auch einer 
inneren Wahrnehmung des Verdrängten entsprochen hat. Die ver- 
drängte Regung war der gegen den Geliebten gerichtete sadistische 
Racheimpuls. Die innere Wahrnehmung war die Repräsentanz des 
Schuldgefühls, das drohend und mahnend die Rolle des inneren 
Verfolgers übernommen hatte. Warum die Krankheit der Patientin 
in diesem Stadium halt gemacht hat, warum sich der Impuls als 
Zwangshandlung nicht durchgesetzt hat oder warum das Schuld- 
gefühl nicht zu zwanghaften Verhütungs- und Strafmaßnahmen geführt 
hat, läßt sich nicht sagen. Jedenfalls kam ihre Neurose aus densel- 
ben Quellen wie die zahlreichen Symptombildungen unserer ersten 
Patientin. 

Eine andere typische Charaktereigenschaft der Zwangsneurotiker 
ist das Mißtrauen. Hier werden bereits die unterdrückten Haß- 
regungen in die Außenwelt verlegt. Das Individuum verhält sich so, 
als hätte es nicht die Feindseligkeit in sich selbst, sondern als würde 
ihm diese von außen zuströmen. Auch hier scheint sich das Schuld- 
gefühl so auszuwirken, daß der dadurch Bedrückte nichts Gutes von 
Anderen erwarten zu können vermeint. 

Eine andere zwangsneurotische Patientin zeigt sehr deutlich in 
ihren Symptomen diese oben besprochene Projektion. Sie ist von 
dem Zwangsgedanken besessen, daß sie von ihrer jüngeren Schwester 
beneidet wird. Ihr Leben ist ausgefüllt von Schutzvorrichtungen 
gegen diesen Neid der Schwester. Sie darf niemandem gefallen, keine 
schönen Kleider haben, keinerlei Begabung verraten, um den Neid 
der Schwester nicht zu provozieren. Sie darf auch niemanden lieben, 
sich nicht verloben, keine Kinder bekommen, mit einem Wort, sie 
muß auf alles verzichten, was ihr wünschenswert im Leben erscheint, 
denn ihre Schwester könnte sie beneiden. Dabei muß sie allerle 
Zauberworte aussprechen, Aufgaben lösen, sich mühevollen zwang- 



Zwangsvorstellungen jß- 



haften Tätigkeiten unterziehen, um die Wirkung dieses Neides zu 
paralysieren. 

Wieder ist es aber der eigene gegen diese Schwester gerichtete 
Haß und Neid, der sich so grausam gegen sie selbst wendet. Die 
innere Wahrnehmung dieser Gefühle versucht sie hinauszuprojizieren 
und sie steht ihnen gegenüber, als würden sie in umgekehrter Richtung, 
von der Schwester zu ihr hinüberströmen. Um sich vor dem Schuld- 
gefühl und der Selbstbestrafungstendenz zu retten, führt sie daher 
ein vollkommen auf alles Erwünschte verzichtendes Dasein 
und unterwirft das ganze Leben einem masochistischen Straf- 
zeremoniell. 

Zu den typischesten und für den Analytiker unangenehmsten 
Symptomen des Zwangsneurotikers gehört der Zweifel. Er ist der 
größte Feind des Genesungsvorganges, indem jedes Stück der analy- 
tischen Ergebnisse diesem hartnäckigsten aller Symptome anheimfällt 
und jede Errungenschaft der Behandlung von ihm. angenagt wird. 
„Ist es wirklich so ? Hab ich das richtig erzählt ? Hab ich das über- 
haupt geträumt? Kann mir das helfen?" — und so ohne Ende. 

Dieser Zweifel ist der Ausdruck des Ambivalenzkonfliktes, der 
inneren Unsicherheit: „liebe ich oder hasse ich", der sich von dieser 
Urfrage, die am Grunde jeder Beziehung des Zwangsneurotikers 
liegt, auf jede psychische Aktion durch Verschiebung überträgt und 
sich nicht nur allen Gefühlsäußerungen, sondern auch dem Denk- 
prozeß zugesellt. 

Zwischen dem Zweifel und dem Gefühl des inneren Zwanges, 
der sich in Symptomen kund gibt, besteht ein inniger Zusammen- 
hang. Die Quelle beider ist eben die innere Unentschlossen- 
heit, die ebenso das Gefühl des Zweifels wie auch einen unheim- 
lichen Spannungszustand, der nach Entladung drängt, hervorrufen 
kann. Dieser Entladungstendenz steht aber als Folge des nicht aus- 
gekämpften Zwistes zwischen Liebe und Haß eine ebenso starke 
Hemmung entgegen. Durch Verschiebung auf alles andere wird jeder 
Vorsatz, jede psychische Aktion gehemmt. Gelingt es aber endlich 
einen der gehemmten Vorsätze zum Entschluß zu bringen, so muß 



dieser mit größtem Kraftaufwand zwanghaft ausgeführt werden 
und wird so zur Grundlage der Symptome. 

Noch ein wesentlicher Inhalt der inneren Unsicherheit des 
Zwangsneurotikers steht zur Diskussion. 

In der Analyse unserer letzten Patientin haben wir eine stark 
homosexuelle Komponente ihrer Libido kennen gelernt. Die 
Erfahrung hat uns nun gelehrt, daß bei männlichen Zwangsneu- 
rotikern, ebenso wie bei weiblichen, diese unbewußte Homosexualität 
eine wichtige Rolle zu spielen pflegt. Die innere Unentschlossenheit 
ist daher nicht nur aus dem Ambivalenzproblem „liebe ich oder 
hasse ich" erklärt, sondern erstreckt sich auch auf die Wahl des 
Objektes: „liebe ich den Mann oder die Frau". Freud hat uns im 
„Ich und Es" gezeigt, wie sehr die konstitutionelle Bisexualität des 
Menschen bedingt, daß der Ambivalenzkonflikt den Ödipuskomplex 
viel komplizierter gestaltet als wir früher angenommen haben, daß 
also „der Knabe nicht nur eine ambivalente Einstellung zum Vater 
und eine zärtliche Objektwahl für die Mutter hat, sondern daß er 
sich auch gleichzeitig wie ein Mädchen benimmt; er zeigt die zärt- 
lich feminine Einstellung zum Vater und die ihr entsprechend eifer- 
süchtig feindselige gegen die Mutter" (natürlich auch vice versa beim 
Mädchen). Wenn zu dieser normalen Komplikation eine Steigerung 
der sadistischen Tendenzen und somit eine Verstärkung des Ambi- 
valenzkonfliktes hinzutritt, so kann eine weitgehende Unfähigkeit zur 
Herstellung der heterosexuellen Objektwahl resultieren. 

Zu dieser inneren Unentschlossenheit des Zwangsneurotikers, zu 
der Unfähigkeit, seiner Libido eine bestimmte Richtung zu geben, 
sich gewissermaßen zu entscheiden, ob er den Mann oder die Frau 
lieben soll, kommen noch andere Motive, die die Libido in der 
Richtung der Homosexualität drängen. So schafft einerseits die anale 
Disposition des Zwangsneurotikers eine passive Einstellung zum 
Manne im Sinne der passiven Homosexualität, andererseits der starke 
Bemächtigungstrieb eine aggressive Einstellung zum Manne, die auch 
einen libidinösen Charakter trägt. Bei der weiblichen Zwangsneurose 
bringt es die Fixierung in der sadistischen Phase mit sich, daß die 



Zwangsvorstellungen x gq 



aktiven Strebungen im Weibe intensiver werden und der Männlich- 
keitskomplex des Weibes von dort seine Verstärkung bekommt. 
Nirgends ist dieser in solcher Reinkultur zu beobachten, wie bei 
weiblichen Zwangsneurotikern, bei denen die Neurose bei der 
Charakterbildung halt gemacht hat. 

In der sadistisch-analen Phase haben die Koitusphantasien der 
Kinder auch einen sadistischen Charakter und in diesem als grausam 
phantasierten Akte pflegen sich Kinder beider Geschlechter mit 
beiden Partnern zu identifizieren, mit dem Erleidenden und mit dem 
Zufugenden, und setzen dann diese doppelte Identifizierung im 
späteren Leben fort, besonders, wenn — wie es bei der 
Zwangsneurose der Fall ist — die Libido an die sadistische Phase 
gebunden erscheint; diese doppelte Identifizierung liefert ihren Bei- 
trag zur Verstärkung der homosexuellen Tendenzen. 

Um zum Schluß nochmals auf unsere Patientin zu verweisen, 
sei erinnert, daß ihr Symptom direkt den Charakter~£iner „inneren 
Wahrnehmung" angenommen hatte und aus libidinösen Impulsen 
wie auch aus Schuldgefühlen entstanden war. Die Patientin hatte 
im Gegensatz zu Phobiekranken die Gefahr als innere empfunden, 
ohne den Versuch zu unternehmen, die Angst vor dem Impulse, 
bzw. vor seinen Folgen auf eine äußere Gefahr zu verschieben. 

Wir haben deudich gesehen, wie diese Wahrnehmung des Im- 
pulses aus der Reaktion des Über-Ichs, unter dem Drucke des Schuld- 
gefühles entstanden ist (Freud: „Das Über-Ich hat mehr vom Es 
gewußt als das Ich") und wie das Über-Ich seine ganze Strenge 
walten ließ in der verbalen Drohung: sie werde nimmer glücklich 
werden, „weil sie geträumt hatte". 

Die Vorgeschichte ihrer akuten Erkrankung läßt vermuten, daß 
die Patientin im Laufe der Zeit sicherlich Zwangssymptome gebildet 
hätte, wenn durch die psychoanalytische Behandlung dem Fortschreiten 
des Leidens nicht Einhalt geboten worden wäre. 



ANHANG 



ELFTE VORLESUNG 



Es liegt nicht im Programm unserer Vorträge, über psycho- 
tische Zustände zu sprechen. Ich kann es aber doch nicht unter- 
lassen, aus dem Rahmen der sogenannten „narzißtischen 
Neurosen" das Krankheitsbild der melancholischen De- 
pression herauszugreifen, weil vieles für das Verständnis der 
Neurose Notwendige durch den Einblick in das melancholische 
Zustandsbild mehr Klarheit gewinnen wird. 

Die Patientin, der wir uns deshalb zuwenden wollen, ist eine 
zur Zeit der Behandlung 50-jährige, einst sehr begabte, in ihrem 
Vaterlande bekannte Schriftstellerin. Früher arbeitsfreudig und 
gesellig, hatte sie sich in den letzten Jahren in ihrer ganzen Persön- 
lichkeit gewandelt. Sie schloß sich immer mehr vom Umgang mit 
Menschen ab, betätigte sich zwar noch eine Zeitlang in ihrem Berufe, 
bis ein akuter Schub vor etwa 3 Jahren ihren Zustand so verschlimmerte, 
daß sie in einem Sanatorium untergebracht werden mußte. Dort 
machte die Krankheit rapide Fortschritte. Seit etwa einem Jahr ist 
die Patientin in einer tiefen Depression, die zeitweise durch schwere 
Angstanfälle und fast deliriöse Erregungen unterbrochen wird. Die 
Gesamtheit ihrer Befürchtungen dreht sich um einen Gedanken, an 
dem sie hartnäckig festhält, obzwar sie zeitweise vernunftgemäß ein- 
sieht, daß die „fixe Idee" unsinnig ist. Trotz dieser Fähigkeit zur 



I 



Melancholische und depressive Zustände 171 

teilweisen Korrektur, bleibt sie andauernd, mit wechselndem Affekte 
an dem Gedanken hängen : sie werde unbekleidet, wie sie im Bett 
liege, auf die Straße gestoßen werden und dort einsam und ver- 
lassen eines schrecklichen Todes sterben müssen. Manchmal äußert 
sie diesen Gedanken vollkommen apathisch, zuweilen drängt sie, man 
solle es „lieber früher als später" machen, ein andermal wieder schreit 
sie, in schwerster, deliranter Angst um Hilfe rufend: „sie kommen 
schon, sie kommen schon, lassen Sie mich nicht wegholen, haben 
Sie Mitleid mit mir". Zwischendurch beteuert sie, sie habe es nicht 
anders verdient und man tue gut daran, sie so grausam zu bestrafen. 
Geht man auf diese Selbstanklage näher ein, so weiß sie nichts Gra- 
vierendes anzuführen, als ganz belanglose, alltägliche Verfehlungen. 

Nur sehr langsam und allmählich und ohne eigentliche Analyse 
gelingt es ihrem Seelenleben näher zu kommen und einen aus- 
reichenden Einblick in ihren Zustand zu erlangen. Aus ihren un- 
geordneten Angaben sei das für das Verständnis Wichtige heraus- 
gehoben. 

Sie meinte genau zu wissen, daß ihre Erkrankung mit dem 
Verlust eines kleinen Hundes, der das „Einzige", das Liebste war, 
was sie besessen hatte, begonnen habe. Sie fand ihn nie wieder und 
verfiel im Anschluß daran in eine Depression, die allmählich zu 
einer schweren Melancholie führte. 

Schon früher hatte die Patientin viele Jahre hindurch an 
Zwangssymptomen gelitten, die ihr Geheimnis waren und von denen 
nicht einmal ihre nächste Umgebung Kenntnis hatte. Als Kind scheint 
sie psychisch gesund gewesen zu sein; jedenfalls gelang es nicht, 
irgendwelche Frühsymptome zu entdecken. Allerdings hatte der ganze 
Charakter der Patientin das typische Gepräge von Reaktions- 
bildungen, wie wir sie bei unseren zwangsneurotischen Kranken 
gesehen haben. 

Eine schwere Eifersucht gegen eine um 8 Jahre jüngere, sehr 
schöne und sehr begabte Schwester war ihr aus den Kindheits- 
erinnerungen voll bewußt geblieben. Aber der Haß und die Todes- 
wünsche gegen die Schwester wurden später unter dem reaktiven 



J 7 2 Melancholie 



Gefühl der zärtlichsten, fürsorglichsten Schwesterliebe tief vergraben. 
Diese Wandlung trat ein, als die Patientin nach dem Tode der 
Mutter (im 12. Lebensjahre der Patientin) deren Rolle in der Be- 
ziehung zu der viel Jüngeren übernommen hatte. Es macht sogar 
den Eindruck, als wäre es ihr durch dieses überkompensierende 
Gefühl zur Schwester auch gelungen, sich frei von Schuldgefühlen 
der verstorbenen Mutter gegenüber zu halten. Wie immer dem sei, 
wieder sehen wir das schon so oft angetroffene Verhalten: im Ver- 
hältnis zu ihrem Pflegling blieb die Patientin aufopfernd und voll 
des asketischen Verzichtes „auf Alles" zu Gunsten dieser Schwester, 
die sie früher so sehr gehaßt hatte. 

Im 18. Lebensjahr erkrankte sie nun, wie oben erwähnt, an 
zwangsneurotischen Symptomen mit typischen Zwangszeremoniellen. 
Sie mußte jede begonnene Tätigkeit so und so viele Male wieder- 
holen. „Sonst wird der geliebten Schwester etwas geschehen", drohte 
die innere Stimme. Hier setzt sich in dieser Befürchtung die ur- 
sprüngliche böse Intention gegen die Schwester sehr deutlich durch. 
Sichtlich erlaubt die das Bewußtsein ganz beherrschende und maso- 
chistisch betätigte Liebe dem anderen Gedanken, nur in der Form 
der Befürchtung ins Bewußtsein zu treten. Scheinbar gelingt es 
dieser Überkompensierung nicht, das Schuldgefühl vollkommen zu 
beschwichtigen, denn das allwissende Über-Ich hat Kenntnis vom 
Verdrängten und fordert die zwangsneurotischen Zeremonielle zur 
Abwehr des Bösen. Warum sie gerade im 18. Lebensjahr erkrankte, 
ist. mir nie klar geworden. Genug an dem, der bisherige Einblick 
in die Erkrankung hat uns soviel von den sadistischen Tendenzen 
verraten, daß wir auf Grund unserer Erfahrungen aus dem Vorigen 
sagen können, welchen Dispositionen die Neurose entsprang und 
welchen inneren Mechanismen sie ihr Entstehen verdankte. 

Als die Patientin 21 Jahre alt war, stirbt der Vater und die 
schwierige materielle Lage, in die sie und ihre Schwester geraten, 
zwingt die ältere von beiden einen Beruf zu ergreifen und schwer 
zu arbeiten. Nun muß sie endgültig auf ihre ehrgeizigen Phantasien 
für die Zukunft, nämlich eine große Dichterin zu werden, verzieh- 



Melancholische und depressive Zustände 173 

ten und in der mühevollen Arbeit einer Stenotypistin ein bewuß- 
tes, wenn auch sehr freiwilliges Opfer zu Gunsten ihrer jüngeren 
Schwester auf sich nehmen. Sie umgibt jetzt ihren Schützling mit 
zärtlichster, liebevollster Fürsorge und im harten Lebenskampf wird 
sie praktisch von ihren zwangsneurotischen Symptomen geheilt. 

Wir können uns den spontanen Genesungsvorgang nicht anders 
vorstellen, als daß die Schwierigkeiten des Lebens und der opfer- 
volle Verzicht soviel an masochistischer Befriedigung mit sich ge- 
bracht haben, daß ihre aggressiven Regungen gegen die Schwester 
in der Wendung gegen sich selbst befriedigt worden sind. Was 
jetzt der Schwester an Gefühlsbeziehungen zuströmt, ist bereits, man 
könnte sagen, purifiziert, von den negativen Bestandteilen des Am- 
bivalenzkonfliktes befreit. Die einst durch die Schwester tief ge- 
kränkte Ichliebe gelangt jetzt — wenn auch auf Umwegen — zur 
Befriedigung. Die Patientin gibt den Kampf auf, sucht aber an der 
Schwester alles zu erfüllen und zu vollbringen, was sie für sich er- 
träumt hatte und nicht erreichen konnte. Eine narzißtische Identifi- 
zierung dieser Art kommt sehr häufig im Verhältnis der Eltern zu 
ihren Kindern vor ; bei der Patientin entstand sie auf einem bereits 
sehr krankhaften Boden, als Abwehrvorgang, dessen Erfolg im 
Sinne der psychischen Gesundheit wohl eine Zeitlang anhalten 
konnte, aber im späteren Verlaufe verhängnisvoll enden mußte. 

Die beiden Schwestern lebten durch mehrere Jahre in voller 
Abgeschlossenheit, die ältere ganz dem masochistischen Opfer der 
Arbeit ergeben, die jüngere in ziemlich öden, wertlosen dichterischen 
Spielereien versunken, beide auf den großen Tag wartend, an dem 
die Welt das „Genie" der jüngeren anerkennen wird. Diese Existenz 
der beiden in überstarker Bindung auf einander eingestellten Mäd- 
chen erfährt eine unverhoffte Unterbrechung durch die Ehe der 
Jüngeren. Die undankbare Schwester verläßt ziemlich skrupellos die 
Ältere, um mit ihrem Manne ins Ausland zu übersiedeln. Die Pa- 
tientin erträgt mit Ruhe und Würde die Trennung, scheint sich 
sogar am Glücke der Schwester zu freuen und bleibt einsam zurück. 
Von nun an geht sie ihren Weg etwas verwahrlost und menschen- 



174 



Melancholie 



scheu weiter, im Zusammenleben mit einem Hündchen, das sie 
nach der Wegreise der Schwester zu sich genommen hatte. Eines 
Tages, nach etwa anderthalbjähriger Frist seit der Abreise der 
Schwester, verläuft sich der Hund und die Patientin scheut keine 
Mühe und Kosten, um den Verlorenen zu finden. Aber vergeblich. 
Hier setzt nun eine schwere Depression ein. 

Dieser zeitliche Zusammenhang läßt keinen Zweifel, daß die 
Depression eine Folge des Verlustes des Tieres war. Auch der Pa- 
tientin blieb dies nicht verborgen ; sie mußte aber zugeben, daß ihr 
selbst die Größe ihrer Trauer etwas unvereinbar mit dem 
Anlaß erschien. 

Es gehört nicht zu den Seltenheiten, daß der Ausbruch von 
Depressionszuständen durch einen scheinbar belanglosen Verlust, 
etwa bei einem Wohnungswechsel oder Ähnlichem ausgelöst 
wird. Diese Ereignisse sind dann nur der unmittelbare und will- 
kommene Anlaß zum Durchbruch von tieferen, bedeutungsvolleren, 
bis dahin unterdrückten Reaktionen. Im V e r 1 u s t charakter dieser 
Anlässe liegt die Bedingung zur Mobilisierung jener Reaktionen. 
Der harmlose Hund unserer Patientin war nur ein Ersatzobjekt 
für die verlorene Schwester; mit seinem Verschwinden belebt sich 
die ganze schwere Trauer, die die Patientin nach dem Verlust der 
Schwester in sich verborgen gehalten hatte. 

Im weiteren Verlaufe der Behandlung tauchte bald hinter dem 
so einsichtsvollen Verhalten der Patientin bei der Trennung von 
der Schwester der bittere Vorwurf gegen die Undankbare, die 
Rückkehr der schwersten sadistischen Rache gegen die einst Gehaßte, 
später Geliebte und zum Schluß so Treulose, auf. 

Was hatte ihr diese Schwester angetan? Zu Gunsten eines 
fremden Mannes hatte sie ihre aufopfernde Liebe enttäuscht und sie 
rücksichtslos ihrer Einsamkeit überlassen. Mit welchem Dank wurde 
es ihr gelohnt, daß sie zu einer Zeit, als die kleine Waise hilflos 
dastand, ihr die hilfreiche Hand reichte? 

Je deutlicher in der Analyse allmählich das Bild des eigenen, ver- 
lorenen Schicksals wurde, umso stärker klangen die Anklagen gegen 



Melancholische und depressive Zustände 175 

die Schwester, umso drohender erhoben sich die Vorwürfe, bis sie 
zum Urteil gegen die Gehaßte wurden: zur Strafe Verstoßung auf 
die Straße, wohin sie ohnehin geraten wäre, wenn nicht die Liebe 
der Schwester sich ihrer angenommen hätte. 

Die Verfolgung des ganzen seelischen Werdeganges unserer 
Patientin läßt uns trotz des wechselnden Bildes eine Konsequenz der 
inneren Geschehnisse erkennen. Zuerst Haß und Aggression 
gegen die Schwester, Abwehr dieser Regungen durch zwangs- 
neurotische Mechanismen, später gelungene Ü b e r k o m- 
pensierung des Hasses durch Liebe und Zärtlichkeit, Be- 
friedigung der narzißtischen Kränkungen durch Identifizierung 
mit der Schwester und schließlich Wendung der Aggressionen in 
ein masoch istisch befriedigendes Aufopfern für sie. 
Eine glänzende Inszenierung, eine gute ökonomische Verwaltung im 
seelischen Haushalte. 

Nach der Enttäuschung an der Schwester wird das seelische 
Arrangement nicht aufgegeben; es bekommt nur Zuschüsse, neue 
Quantitäten aggressiver Regungen, bis es zu dem schweren Krank- 
heitsbild kommt. Die Identifizierung wird aufrecht erhalten und ebenso 
die masochistische Wendung gegen das Ich. Die Strafe, die sie der 
Schwester zugedacht hatte, nämlich die Schuldige „auf die Straße 
hinauszuwerfen", damit sie dort in grausamem Elend zugrunde gehe, 
hören wir immer wieder von der Patientin in stereotyper Monotonie 
fordern, aber nicht mehr als Drohung gegen die Schwester, sondern 
gegen sich selbst, einmal um ihre Ausführung bittend, das andere- 
mal in heftigster Angst dieselbe abwehrend. Jetzt verstehen wir, 
wem diese Strafe zukommen sollte und warum die Patientin in 
schwersten Selbstbeschuldigungen behauptete: „ich habe es nicht 
anders verdient". Die eigenen, sich zugeschriebenen Verbrechen wären 
wohl belanglos gewesen, die Tat der Schwester aber hatte es „nicht 
anders verdient", als mit der schwersten Bestrafung belegt zu werden. 

Von der Schwester verlassen ist die Patientin einsam, ohne 
Liebesobjekt geblieben. Es ist ihr nicht möglich, für die Liebe ein 
neues Objekt zu finden, denn die Bedingungen ihrer Bindung an 



> 


176 Melancholie 


die Schwester haben ihr jede Möglichkeit der Übertragung 


auf 


neue 



Objekte genommen. Sie bleibt innerlich mit der Schwester verbunden. 
Die seelischen, zur positiven Verwertung dieser Beziehung nicht mehr 
fähigen Energien, erleiden folgendes Schicksal : die abgezogene Libido 
zieht sich in Positionen zurück, die schon vorher durch die weit- 
gehende Identifizierung mit der Schwester vorbereitet waren. Statt 
in die Außenwelt fließt jetzt der Strom der libidinösen Energie in 
die Innenwelt zurück und besetzt narzißtisch das eigene Ich. Die 
narzißtische Identifizierung mit der Schwester, die früher zu Gunsten 
der Schwester verwendet wurde, verstärkt sich und sämtliche Ag- 
gressionen und mörderischen Haßtendenzen gegen die Schwester 
wenden sich jetzt auch gegen das eigene, sich identifizierende Ich. 

Erinnern Sie sich an den Fall von Agoraphobie, den wir hier 
besprochen haben. Jene Patientin konnte auf der Straße frei von 
Angstzuständen bleiben, wenn sie ihre Mutter oder eine Ersatzperson 
für diese mitgenommen hatte. Wir konnten feststellen, daß durch 
einen Identifizierungsprozeß Aggressionen, die gegen die Mutter ge- 
richtet waren, zur Gefahr für die eigene Person wurden. Dort aber 
hatte es sich um eine hysterische Identifizierung gehandelt, die sich 
auf einzelne psychische Aktionen und Vorstellungen bezogen hatte 
und einer Korrektur unterzogen werden konnte. 

Hier aber, bei dieser schwer kranken Patientin hatte diese Identi- 
fizierung einen ganz anderen Charakter. Sie ging mit einem Auf- 
geben des Objektes in der Außenwelt einher; das Objekt befand 
sich bereits ganz im identifizierten Ich, so daß alles was dem Ob- 
jekte an Gefühlen und Vorstellungen zuströmte, jetzt dem eigenen 
Ich galt. 

In ihren früheren Lebensperioden besaß die Patientin noch die 
innere Möglichkeit, ihre sadistischen Impulse durch Reaktionsbildungen 
(Überzärtlichkeit usw.) im Banne zu halten. Die strafenden, destruk- 
tiven Kräfte des Gewissens konnten damals noch teils durch Schutz- 
maßnahmen (Zwangssymptome), teils durch masochistische Opfer ge- 
hemmt und bestochen werden. 

Nach dem verräterischen Verhalten der Schwester kam es jedoch 



Melancholische und depressive Zustände 177 

bei unserer Patientin zu einem Zusammenbruch des seelischen Ge- 
ffiges, in welchem bis dahin die Liebe noch ihre bindenden und er- 
haltenden Dienste geleistet hatte. Jetzt aber gibt es nur noch Wut, 
Haß und Vernichtung. Der Patientin stehen keine anderen 
Möglichkeiten zur Verfügung, als entweder ihre ganzen Aggressionen 
nach außen, gegen die Schwester abzuführen, oder sie zu meistern 
und die Folgen dieser Unterdrückung an sich selbst zu erleiden. 
Denn wir wissen bereits, daß eine derartig gehemmte Aggres- 
sion sich den Energien des Ü b e r - 1 ch s zur Verfügung stellt und 
sich dadurch gegen das eigeneich, nach i n n e n richten kann. 

In der letzten Phase ihre? psychischen Leidens kommt es bei 
unserer Patientin zu einem seelischen ^organg, der für die Melan- 
cholie typisch ist und der mit einer besonderen Verstärkung der 
destruktiven Regungen vor sich geht. 

Die Identifizierung mit der geliebten Schwester hat noch vor 
dem Ausbruch der melancholischen Depression stattgefunden. Da- 
durch kann sich die Patientin auf diesem Wege eine Entschädigung 
für verschiedene eigene Verzichte holen. Erst nach dem endgültigen 
Verlust der Schwester wird diese Identifizierung für die Patientin 
verhängnisvoll und weckt die schweren Reaktionen in Form eines 
melancholischen Zustandes. Mit dem Verlust des Objektes kommt es 
nämlich nicht nur zum Aufflackern der sadistischen Aggressionen, die 
wir schon aus der Zeit ihrer zwangsneurotischen Symptome kennen, 
sondern es setzt auch ein neuerlicher, regressiver Vorgang ein. Dieser 
führt in eine tiefer vergrabene Phase, in der die Aggressionen noch 
mörderischer, die Ambivalenz noch vernichtender ist. In dieser primi- 
tiven Säuglings phase, deren Wiederbelebung jetzt erfolgte, ist die 
Beziehung des Kindes zur Außenwelt durch die nahrungsspendende 
Mutterbrust hergestellt und das kannibalische Insichaufnehmen, 
Sicheinverleiben des Objektes auf oralem Wege ist für diese Phase 
charakteristisch. 

In diese „oral" genannte Entwicklungsepoche versinkt unsere 
Patientin nach dem entgültigen Liebesverlust. Daher wird die Identi- 
fizierung mit der Schwester jetzt gleichbedeutend mit der „Einver- 



leibung«, d. h. mit dem vollständigen Verschwinden der Grenzen 
zwischen dem eigenen Ich und dem der Anderen. 

Der neuerliche regressive Vorgang bringt es mit sich, daß die 
mit ihm einhergehende „Triebentmischung« noch mehr an 
destruktiven Kräften freimacht, so daß diese jetzt _ gegen das eigene 
Ich gewendet werden können. In dieser „identifizierten Rolle wird 
das Ich erniedrigt, beschimpft, mit strengsten Strafen und sadistischen 

Grausamkeiten verfolgt. 

Wenn also die grausame Verwerfung, die strengen Selbst- 
anklagen der Melancholie ursprünglich dem Objekte galten, so sehen 
wir ietzt, daß wohl die Mittel des Kampfes dieselben geblieben sind 
und nur der Schauplatz geändert wurde. Das Ich erscheint jetzt in 
zwei Teile gespalten. Der eine Teil schließt das intro- 
jizierte Objekt ein, der zweite Teil verwirft dieses 
identifizierte Ich, wütet gegen das Ich, verhangt Strafen 
darüber. Dieser Teil, der jetzt die Aggressionen an sich gerissen hat, 
entspricht jener kritischen Instanz im Innern, die wir schon 
früher als Üb er -Ich kennen gelernt haben. 

Wir haben auch schon vorher unsere Aufmerksamkeit der Tat- 
sache zugewendet, daß je niedriger die Entwicklungsphase der 
Libido ist d. h. je tiefer im Infantilen ihre Regression desto weniger 
fest ist die Bindung zwischen den destruktiven Tendenzen und den 
libidinösen, desto weitgehender die Triebentmischung, desto 
stärker die aggressiven Auswirkungen im Über-Ich. 

Bei der Zwangsneurose ist diese Entmischung d. h. das i-rei- 
werden der destruktiven Tendenzen nicht so weitgehend wie bei 
der Melancholie. Dort ist die Beziehung zum Objekte erhalten und 
die destruktiven Regungen selbst sind noch libidinös gebunden. Die 
Liebe wird zur Aggression, aber in dieser Aggression liegt noch 
eine libidinöse, das Liebesobjekt erhaltende Komponente^ Allerdings 
haben wir gesehen, daß auch bei der Zwangsneurose das R *uka 
der Triebentmischung in der übermäßigen Strenge des Über-Ichs 

zum Ausdruck kommt. 

Bei der Melancholie ist die Triebentmischung für das 



Melancholische und depressive Zustände 179 

Ich viel verhängnisvoller wie bei der Zwangsneurose, bei der das 
Über-Ich zum strengen Einhalten der Schutzmaßregeln herausfordert 
aber durch dieselben gleichzeitig die Vernichtung zu verhüten zwingt 
Der für die Melancholie typische Vorgang der „I n t r o j e k t i o n' 
des Objektes kam bei unserer Patientin deutlich zum Vorschein 
denn hier hatte noch vor dem Ausbruch der Psychose die Identifi- 
zierung mit der Schwester eine große Bedeutung gewonnen. Ja, die 
„Verinnerlichung" des ursprünglichen Verhältnisses zwischen der 
Kranken und ihrer Schwester, d. h. seine Verlegung aus der 
Realität in die seelischen Instanzen, läßt sich hier noch weiter ver- 
folgen. 

In einer bestimmten Lebensphase natte die Patientin den ur- 
sprünglichen Ambivalenzkonflikt mit der Schwester so zur Lösung 
gebracht, daß sie nach dem Tode der Eltern sich selbst der Jüngeren 
als Vertreterin jener angeboten und so eine Eltern-Kindbeziehung 
hergestellt hatte, an der sie damals praktisch selbst genesen konnte. 
Diesen Genesungsvorgang versuchten wir uns früher durch das maso- 
chistische Opfer einerseits, durch die gelungene Überkompensierung 
ihrer Gefühle für die Schwester andererseits, zu erklären. 

Die psychologische Technik des damaligen Heilungsprozesses 
wird uns nachträglich aus der Art seines Abbaus in der späteren 
Erkrankung erst tiefer verständlich. 

In ihrem mütterlichen Verhältnis zur Schwester gelang es der 
Patientin sichtlich die frühere Spannung zwischen den seelischen In- 
stanzen, die in den zwangsneurotischen Symptomen bereits merklich 
war, durch die Liebe zu mildern und zwar so, daß sie in dieser 
Umgestaltung ihrer alten, neiderfüllten Beziehungen zur jener, selbst 
die Rolle einer erzieherischen Macht übernommen hatte u. zw. einer 
milden, gerechten und verzeihenden. Sie hatte sich in dieser Funktion, 
gewissermaßen ihrem eigenen Über-Ich als Beispiel hingestellt und 
konnte nun von ihm erwirken, daß es sich ihr gegenüber so 
gütig benahm, wie sie zu ihrer Schwester. 

Dieser Vorgang war eine gelungene Umkehrung des vorausge- 
gangenen Zustandes, in welchem die Aggression gegen die Schwester 

12* 



180 Melancholie 



eine Rückwendung gegen das eigene Selbst erfahren hatte. Im Ge- 
nesungsvorgang erscheinen die destruktiven Tendenzen wieder in 
Liebe gebunden, so daß das beruhigte Gewissen seine Milde walten 
lassen kann. 

Nach der Enttäuschung bei der Schwester gab die Patientin ihre 
Rolle der gütigen Elternobhut auf und zog gleichzeitig auch diese 
Beziehung in ihre seelische Innenwelt ein. Was aber früher durch 
die Liebe versöhnlich geworden, bewußt und aktiv an ein Objekt 
in der Außenwelt gerichtet erschien, wendete sich jetzt bei diesem 
Rückzug von der Realwelt, beleidigt, böse, unerbittlich und vor 
allem unbewußt gegen das eigene Ich. 

Wir sind hier Zeugen eines historisch-chronologischen Vorganges. 

Zuerst ist das Über-Ich aus der Identifizierung mit den 
eigenen Eltern entstanden, als innere Vertretung der ursprüng- 
lichen Autorität in der Außenwelt. 

In der späteren Schwesterbeziehung ist ein Teil dieser „Ver- 
innerlichung" wieder in die Realwelt hinausprojiziert 
worden und das Walten des hier besonders strengen Uber-Ichs 
konnte dadurch gemildert werden. 

Nach der Enttäuschung an der Schwester unterlag diese Projek- 
tion einer neuerlichen Introversion, d. h. dem Rückzug in 
die seelische Vertretung der ursprünglich elterlichen und später 
eigenen, an der Schwester gütig geübten Autorität. Diese nun innere 
Instanz ist jetzt unnachsichtig geworden und wendet bereits die ganze 
Strenge gegen das Ich der Patientin. 

Die Introjektion erstreckt sich hier somit auf die objektlibi- 
d i n ö s e n Beziehungen, indem diese der Identifizierung, dem oralen 
„In sichaufnehmen" unterlegen sind, wie auch auf den auto- 
ritativen Anteil der Beziehung zur Außenwelt. Im 
letzteren hatte die Patientin selbst die Rolle der Eltern übernommen. 
Diese Reproduktion der elterlichen Beziehung hatte zum Schluß einen 
durchwegs strafenden Charakter angenommen ; durch ihre Introversion 
konnten sich die strafend-destruktiven Kräfte im Über- 
Ich auswirken. 



Das Mutter-Kindverhältnis zwischen ihr und der Schwester spielt 
sich jetzt im Inneren ab, nicht mehr gütig und milde wie früher, 
sondern als Ausdruck der höchsten Spannung zwischen dem 
erleidenden Ich und dem wütenden Über-Ich. 

In den S e 1 b s t a n k 1 a g e n der Patientin hörten wir die Stimme 
des anschuldigenden und mit Strafen drohenden Über-Ichs. Ein an- 
deres Mal wieder schien der passiv erleidende Teil des Ichs zu Worte 
zu kommen und gab seine heftige Angst vor der Strafe kund. 
Zeitweise vernahmen wir die A b w e h r versuche der Strafe durch 
Bitten, Flehen und Versprechen der Besserung, genau so wie ein 
bestraftes oder bedrohtes Kind seine strengen Erzieher anzuflehen 
pflegt. ^ 

Immer aber, in ununterbrochener Monotonie klangen uns zwei 
Stimmen entgegen, die uns Botschaft gaben von einem schweren, 
tief im Unbewußten sich abspielenden Kampfe zwischen der nar- 
zißtischen Ichliebe und der destruktiven Ichvernich- 
tung. 

Bei der Besprechung des Libidoschicksales erkannten wir in der 
Regression zur oralen Phase und in der damit verbundenen In- 
trojektion des Objektes, einen für die Melancholie typischen 
Vorgang. Der hier besprochene Fall war ein klassisches Beispiel 
dafür. 

Ob er für alle Fälle der melancholischen Depression seine Gül- 
tigkeit behält, kann man nicht mit voller Sicherheit behaupten. 
Letzten Endes ist das Wesentliche des melancholischen Krankheits- 
bildes, der Zwiespalt zwischen dem Ich und dem Über- 
ich und ein dadurch entstehender mörderischer Kampf einer seeli- 
schen Instanz gegen die andere. 

Es gibt sicher Fälle von melancholischer Depression, in denen 
eine besondere Strenge des Über-Ichs aUein genügt, um zeitweise, 
vielleicht in periodischer Aufstauung gegen das Ich zu wüten, ihm 
das harmonische Beisammensein zu verweigern und von dem Miß- 
handelten eine Schuldabtragung zu fordern. 

Eine von mir beobachtete Patientin gibt darüber sehr einleuch- 



1 82 Melancholie 



tend Aufschluß. Im bewußten Haß gegen die Mutter hatte sie ihre 
ganze Lebensführung im Sinne des Protestes gegen jene eingerichtet. 
Man kann sagen, daß jede Geste ihres Lebens die Bedeutung des 
Triumphes einer gehässigen Rache gegen die Mutter bekommen hat. 
Ihr Liebesleben, ihre idealen Forderungen, ihre Berufswahl, kurz 
der ganze Lebensinhalt ist auf dieser nie erloschenen Feindseligkeit 
aufgebaut. In periodischen Zeitabschnitten treten schwere Depressio- 
nen auf, die in ihrem Inhalte eine gehorsame Hingabe an die Mutter 
bedeuten, eine Verzichtleistung auf die gegen die Mutter aufgerich- 
teten Werte, eine Buße für die andauernden Überschreitungen der 
mütterlichen Gebote. Die Depressionen gehen jedesmal in eine Periode 
einer besonderen Steigerung der Lebensfreude, der Arbeitstüchtigkeit 
und der Liebesfähigkeit über. Diese anschließende Zeit ist durch das 
Übermaß verdächtig und verrät auch ihre Beziehung zum alten Mutter- 
verhältnis dadurch, daß in ihr die früher erwähnten gegen die 
Mutter gerichteten Lebensformen mit besonderer Intensität aufzu- 
treten pflegen. Hier scheint ein leicht manischer „Triumph" 
der Depression nachzufolgen, in dem das Ich die Herrschaft des 
strafenden Gewissens abwirft bezw. nach dem Erleiden der Strafe, 
eine Zeitlang seine besondere Toleranz erwirken kann. 

Ähnlich scheinen sich die Vorgänge im normalen Seelenleben 
abzuspielen. Die periodischen Schwankungen der Stimmun- 
gen, denen die meisten Menschen unterworfen sind, entsprechen 
wahrscheinlich in gemilderter Form der Periodizität des ma- 
nisch-depressivem Irreseins, mit dem ständigen Schwanken 
zwischen der Abhängigkeit vom Über-Ich und dem Triumphe sei- 
ner Überwindung. Vielleicht gehört es zur tiefsten Notwendigkeit 
jedes Kulturmenschen, so viel an Aggressionen in seinem Inneren 
zu drosseln, daß ihre Aufspeicherung im Über-Ich von Zeit zu Zeit 
einen Druck auf das Ich auszuüben beginnt, worauf dieses zurück- 
gescheucht und bedroht seine lebensbejahenden Beziehungen zum 
Dasein vermindert, d. h. in eine mehr oder minder starke Depres- 
sion verfällt. Allmählich erschöpft sich dann scheinbar die Spannung 
und es kommt entweder zu einem Abwerfen des Druckes 



Melancholische und depressive Zustände 



mit Entwicklung des freudigen Gefühls einer inneren Befreiung 
(hypomanische Zustände noch im Normalen) oder es stellt sich eine 
ruhige Ausgeglichenheit ein, als Zeichen der harmonischen 
Aussöhnung im Innenleben. 

Die hysterischen Depressionen können als Folgen eines 
realen Objektverlustes auftreten und stellen dann patholo- 
gische Reaktionen auf diesen dar. Übrigens kann — wie wir gese- 
hen haben — auch die Melancholie in Anschluß an einen realen 
Verlust entstehen. Die Reaktionsweise entspricht dann dem disposi- 
tionellen Momente. Bei der Hysterie kann der reale Verlust eine 
Rückwendung zu einem in der Kindheit aufgegebenen, aber im Un- 
bewußten erhaltenen Objekte hervorrufen und die pathologische De- 
pression spielt sich bereits außerhalb des realen Konfliktes unter 
dem Zeichen regressiver Vorgänge und infantiler Bindun- 
gen ab. 

Solche hysterische Depressionen haben wir bei der Patientin 
beobachten können, deren Leiden wir „Schicksalsneurose" genannt 
haben. Zeitlebens trauerte sie unbewußt ihrem Vater nach, den sie 
als Liebesobjekt nicht aufgegeben hatte. Jedes neue Liebeserlebnis 
mußte mit Erneuerung alter Verlustreaktionen enden. 

Der „Verlust" kann auch einen mehr narzißtischen Inhalt 
haben. Ein typisches Beispiel dafür sind die menstruellen De- 
pressionen als Ausdruck einer Verlustreaktion im Sinne der 
Kastration oder der, im Unbewußten phantasierten Schwangerschaft. 
Hierher gehören auch die häufig sehr schweren klimakterischen 
Depressionen bei beiden Geschlechtern als Reaktion auf die verloren- 
gehende „Weiblichkeit", bezw. „Männlichkeit". 

Oft ist es schwer die Grenze zwischen einer melancholi- 
schen und einer neurotischen (hysterischen) Depression zu 
ziehen. In seiner Abhandlung über „Das Problem der Melancholie" 
vertritt Rad 6 die Anschauung, daß der neurotischen Depression 
dieselben Mechanismen zugrunde liegen wie der melancholischen. 

Im Rahmen der „Depression" gibt es sicher verschiedene Krank- 
heitstypen und fließende, nicht scharf abgrenzbare Übergänge zwi- 



Melancholie 



sehen den verschiedenen Neurosenformen. Maßgebend ist, die 
Tiefe der Regression, das innere Schicksal der Ob- 
jektbeziehungen und der Grad des Entmischungsvor- 
ganges, d. h. der Freiwerdung der destruktiven Tendenzen. 

Im Laufe unserer Besprechungen haben wir oft beobachten 
können, wie abhängig die Schwere und die Form des neurotischen 
Leidens von diesen letzterwähnten Momenten ist. 



/ 



REGISTER 



„Abbröckelnd« Wand" (Traum- 
symbol) 41, 43, 59 

Aberglauben 164 fl 

Abraham, K. 52, 137 

Absehledszeremoniell 10 

Absenzen 83 

Abwehr; der Aggression 137, 
151; der Homosexualität 
105 fl, 161; des Schuld- 
gefühls durch Charakter- 
eigenschaften 165; der 
Todeswunsche 119, 160, 171 f; 
u. Wunsch, Kompromiß, 
8. „Kompromiß" 

Abwehrmaßregeln, zwanghafte 
153 

Affekt, Umwandlung in Angst 
78 f 

Affektivität, Verstärkung durch 
Introversion 82 

Aflektlage, Labilität der 95 

Affektverschiebungen 34 

Aggression, — en 99; A. gegen 
Aggression 155; in der 
Agoraphobie 121 f ; frei- 
werdende, dem Über-Ieh 
zugesellt 456; werden zur 
Gefahr für die eigene Person 
176; gegen Geschwister 
143, 173, 175; u. libidinöser 
Wunsch im hysterischen 
Anfall 87 f ; männliche, 
Koitus beste Unterbringung 
der 85; bei Melancholie 
177; gegen die Mutter 92; 
u. Schuldgefühl, circulua 
vitiosus 156; u. Ober-Ich 
156, 177, s. auch „Ober- 
Ich"; Überkompensierung 
der, s. „Überkompensie- 
rung", u. "Versagung 28; 
Wendung gegen sich selbst 
94, 114, 128, 177, 179; bei 
Zwangsneurose, Bedeutung 
für Prognose 163 

Aggressiver BeseitigungswunBCh 
gegen Konkurrentin 121 

Agieren; konfliktuöses 12; 
zwanghaftes 33 f; Schick- 
sal als 31 

Agoraphobie 5,_ 9, 115—137; 
Aggression in der 121 f ; 
u. Hysterie u. Zwangsneu- 
rose 134; Sinn der 121 f, 
135; u. Tierphobie 137; 
Todesgefahr 120, 132; Ver- 
schwinden der Todesangst 
121 

Aktiver Eingriff in der psa. 
Behandlung 38 

Aktualisierungstendenz infan- 
tiler Konflikte 16 

Aktualität, Ablenkungsversuch 
des Patienten auf 17 

Aktueller Anlaß, 8. „Konflikt" 

Alexander, F. 81 

Allmacht der Gedanken 165 

Alpdruck 44, 46 

Ambiv.<üenz, Ambivalenzkon- 
flikt 12, 132, 143, 157, 168, 



173; urmonschlicher 99; 
Endlosigkeit bei Zwangs- 
neurose 144; konstitutio- 
nelle 152 f, 162 fl; Zweifel 
als Ausdruck des 167 
Amnesie; für Vorgänge wäh- 
rend hysterischer Anfälle 
83, 86; der vorgeschicht- 
lichen Zeit der Kindheit 
102 
Anachronismus der Neurose 35, 

60, 66 
Anal, • — e, .—es; Beziehung zur 
Mutter 113; Disposition, s. 
„Disposition"; infantile Lust 
am 145; Phase 64; Ent- 
wicklung zur genitalen 
105; s. auch „sadistisch- 
anal" 
Analytiker; Selbstanalyse des 
7; Todeswünsche gegen den 
119, 128; Verhalten zu ak^ 
tuellem Konflikt 17 f; Ver- 
sagung von Seiten des 19, 
119 
Anfälle, hysterische, s. „Hy- 
sterie" 
Anfallshyslerie 130; u. Konver- 
sionshysterie u. Dämmer- 
zustände 87 f 
Angst 

jeder unterdrückte Affekt 
kann in A. verwandelt 
werden 78 f 

diffuse 5, 89—100; Inten- 
sivierung durch Analyse 73 

vor Entbindung; u. Kastra- 
tionsangst 136; u. Todes- 
wunsch gegen die Mutter 
97 

flottierende 75 

gebundene u. ungebundene 89 

Hemmung statt 74, 89 

vor der eigenen Homosexu- 
alität 111 

hypochondrische 72 t 

u. Ich 79 f 

infantile u. Sehnsucht nach 
der Mutter 57 f 

vor Mäusen 128 

vor Objektverlust 132 

u. Phobie 9; phobisches 
Symptom ein vor A. 
schützendes Warnungssignal 
114 

Rationalisierung der 78 

reaktive 160 

vor sadistischen Angriffen 103 

u. Schuldgefühl 60 

vor Triebgefahr u. vor ver- 
bietenden Mächten 60 

vor eigenen Triebtendenzen 
109 

vor dem Überfahrenwerden 
116 

überzärtliche 131 

bei Versuch des Verzichtes 
auf Konversionssymptome 79 

als Warnungssignal 61, 114, 
124, 133, 154; vor der sadi- 
stischen Triebregung 133 



Angstanfall während der Be- 
handlungsstunde 126 f 

Angstbereitsehaft 95, 134 

Angstfreiheit als Punktion der 
Neurose 60, 74, 78, 89, 
115, 134, 137; Versagen bei 
Angsthysterie 100 

Angsthysterie 96 f ; u. Konver- 
sionshysterie 100; Wand- 
lung in Zwangsneurose 131 f ; 
Wandlung der Phobie in 
130 

Angstspannung 129 

Angstträume 1.29 

Angstzustände; als typische 
infantile Aktualneurose 22; 
phobische 89 fl, S'. auch 
„Phobie"; u. Menstrua- 
tion 98 

Anpassungsfähigkeit, individu- 
elle 150 

Anus, Verschiebung auf den 105 

Aphonie 55, 63 fl, 77; als „Ne- 
gativ" des Schreiens 65; 
mehrfach determiniert 66 f 

Appetitlosigkeit 67 

Are de cercle 9 

Askese 70, 149; neurotische 
124, 141, 153 

Asketisches; Endstadium von 
Einschränkungen 139; Ich- 
ideal 128 

Ausgeglichenheit 183 

Balzac 68 

Begraben, symbolisches 143 

Berührungszwang 144 ff 

Betastungslust 104 f 

Bettnässen, s. „Enuresis noc- 
turna" 

Breuer, J. 21 

Bruder; Konkurrenz mit dem 
27 f ; sexueller Angriff des 
älteren 103 

Bußehandlungen 96 ; 150 

Charakter, neurotischer; Be- 
dingungen der psa. Beein- 
flussung 37; u. Schicksals- 
meurose 36 f 

Charakter 
-bildung, -züge, zwangsneu- 
rotische 164, 169 
-neurose 83 
-eigenschaften, Abwehr des 

Schuldgefühls durch 165 
-Veränderung für Zwangsneu- 
rose typisch 142 

Oharakterologisehe; Art, Ver- 
sagungen zu ertragen 16; 
Reaktionsbildungen 153, 165 

Dasein, Paradoxa des 85 

Deckerinnerungen 86 

Deflorationsphantasie 120; 

-wünsch 136 

Deiire de toucher 144 ff 

Denkprozeß, Energiebesetzung 
des 164 

Depressionen 5, 75, 83, 91, 
170—184; klimakterische 183 

Destruktion, Destruktionstrieb, 
s. auch „Aggression" 



i86 



Register 



Bindung durch Liebe im 

Heilungsvorgang 180 
Freiwerden bei Triebentmi- 

sehung 178, 184 
u. Sexualtrieb 156 
Todesdrohung des 135 
im Ober-Ich, s. „Über-Ich" 
Destruktive Ichvernichtung 181 
Dirnenphantasie 87, 120 
Disposition (neurotische) 9, 20, 
183; zwei Faktoren der 21; 
anale 109; sadistisch-anale 
139 
„Dreieckbildung" im Leben 
einer Patientin 91 ff; u. Ho- 
mosexualität 95 
Dyspepsie 67 
Ehefrauen, drei (Beispiel für 

drei Neurosen) 8—11 
Eifersucht 34, 95, 98, 159, 171; 

infantile 33 
Ejaculatio praecox 34, 52f 
Ekel 70, 77 f, 145 
Eltern, Aggression gegen die 

verbietenden 120 
Entbindung 130; psychologisch- 
biologisch© Bedeutung 85; 
Angst vor 136; u. Todes- 
wunsch gegen die Mutter 97 
Enttäuschung, Wiederholung 

der infantilen 35 
Enuresis nocturna 5, 37—53, 55, 
57, 63 ff, 71, 81, 93; Sinn 
der 50 f 
Erbrechen 55, 70, 78 
Erdbebenangst 122 
Erleben u. Konstitution 21 
Erlebnisse, typische, einer 

Patientin 32 f 
Erotisierung eines Organs 73 
Erröten u. Scham 78 
Eßstörung 77 

Exhibitionistisehe Tendenzen 137 
Feminine; Einstellung 113; Ge- 
burtsphantasien 136; femi- 
nin-masochistisch 71; f.-m. 
Phantasien 129 
Fixierung der Libido 8, 168; 
als dispositioneller Faktor 
8; an Objekt u. Hysterie 34 
Flucht ins Kloster 139 
Flucht in die Krankheit 78 
Freßlust 5, 53—68, 77 
Freud, S. 17, 21, 108, 134, 136, 

156, 169 
Geburt 130; Darstellung im 

Traum 129 
Geburtsphantasien; aktive u. 
passive 137; feminine 136 

Gefahr, — en 70; für die eigene 
Person, Aggressionen wer- 
den zur 176; Projektion 
einer, in der Phobie 108, 
115, 153 f ; Rationalisierung 
für innere unbewußte 120 

Gefühlsbeziehungen, (Jmkehrung 

Gegenbesetzungen 61 [84 

Gehstörung 69 

Genesungsvorgang 7 f 

Genitale; Libido, "Verdrängung 
der 68, 71; Phase; u. 
Zwangsneurose 134; Ent- 
wicklung von der analen 



zur 105; Stufe u. Hysterie 
53, 75, 81, 85 
Genitalisierung eines Organs 75 
Genitalität u. Konversionshyste- 
Gesc'heok iu. Kind 92, 95 [de 81 
„Geschichte einer infantilen 

Neurose" (Freud) 108 
Geschwister, Aggression gegen 

143, 173, 175 
Gewissensangst 61 
Gewitterangst 122 
Gleichgewicht, psychisches, 

durch Reaktionsbildungen 
Grübelzwang 147, 164 [151 

Hans, kleiner 108 
Haß; u. Liebe 161 f, 175; Ober- 
kompensierung des 93, 95 f, 
98 f, 133, 143, 171 f, 175 f 
Haus als Symbol ehelicher Treue 
Hausfrauenfuror 14 [9 

Hauterotik 107 

Heilungsvorgang, Bindung der 
Destruktion durch Liebe im 
180 
Hemmung, — en; statt Angst 
74, 89; asketischer Charak- 
ter der 67; hysterische 74 ff, 
82, 89; des Sexualorgans 
74 f; u. Wut 78 
Hemmungstraum 42 
Herzklopfen 115, 123, 128 
Heterosexuelle Objektwahl 105 
Hinken, intermittierendes 69 f 
Hoffmann, E. T. A. 112 
Homosexualität; Abwehr der 
161; der passiven H. 105 ff; 
Angst vor der eigenen 111; 
Bedingung für den Durch- 
brach der 110 f; u. Drei- 
eckbildung 95; manifeste 
101, 104 ff; Heilung einer 
111; unbewußte, u. Zwangs- 
neurose 168 
Homosexuelle Tendenzen; Ver- 
stärkung durch Versagung 
110, 162; durch doppelte 
Identifizierung 169 
Homosexuelle Verführung 103, 

105 ff. HO 
Hunde als Phobieobjekt 101 
Hühnerphobie 5, 101—115 
Hypomanische Zustände 183 
Hysterie, hysterisch 5, 20 — 88 
u. Agoraphobie 134 
Anfälle 5, 9, 69—88; u. Dar- 
stellung grobsexueller Phan- 
tasien 9; genitaler Situa- 
tionen 130; u. Unfähigkeit 
zur Beherrschung der Wut 
83 ff; tonisch-klonische 127; 
Amnesie für 83, 86 
Auditorium der 86 f 
Dämmerzustände 5, 69—88; 

Formen von 86 
entgegengesetzte Tendenzen 
in einem Akt dargestellt 
77, 85 
u. Fixierung an Objekt 34 
u. genitale Stufe 53, 75, 81, 
Hemmungen 74 f , 82, 89 [85 
ohne klinische Symptome 37 
Konversionssymptome, s. 

„Konversion" 
Krampfanfälle 83 ff 



Lähmung 5, 53 — 68 
u. Melancholie 183 
Eeaktionsbildungen 118, 131 
Realisierung von Phantasien 

86 
Sehicksalsneurose 5, 20 — 37, 

90; Wesen der 36 f 
u. Schuldgefühl 81 
Sprachstörung 5, 53 — 68 
u, telepathische Phänomene 
u. spiritistische Materiali- 
sationen 83 
theatralische Aufführungen 86 
u. Zwangsneurose 81, 131 — 134 
Ich; u. Angst 79 f ; an der 
Außenwelt enttäuscht 12; 
sucht Kompromiß 13; unter- 
nimmt Lösungsversuche 15; 
Spaltungen des (E. T. A. 
Hoffmann) 112; u. Ober-Ich; 
Spannung zwischen 130, 135, 
181; den Mißhandlungen 
des Ober-Ich wehrlos preis- 
gegeben 155; u. Es 169: 
Wendung gegen das 135; s. 
auch „Aggression" 
Ichfunktion, gesteigerte Be- 
friedigung der, als Vor- 
wand 77 
Ichideal; asketisches 128; be- 
wußtes 113 
Ichvernichtung, destruktive 181 
Identifizierung 113; doppelte 
169; auf höherer Stufe der 
Libidoentwicklung 135; mit 
der Mutter 49, 63 f, 71 f, 
131, 118, 142; masochislische 
119 f ; mit der schwangeren 
Mutter 97; ödipuseinstellung 
in I. ausgehend 118, 131, 
142; mit der Schwester 50, 
64, 66 f, 71, 75; narzißtische 
176 f; mit der Tochter 121; 
u._ Ober-Ich 180 
Infantil, — er, — e, — es; Angst 
57 f, s. auch „Pavor noc- 
turnus"; Eifersucht 33; Er- 
lebnis 21; Konflikte, Ak- 
tualisierungstendenz 16; 
Lustzonen, Wiederbelebung 
66; Neid 77; Persönlichkeit 
34; Reaktionen, Wiederbe- 
lebung 76 f, 82, 86, 98, 
118 f, 161; Symptom, Wie- 
derbelebung 47 f; Szene, 
Wiederbelebung 32; Trau- 
ma 21 f, 102; Züge, Auffri- 
schung in der frühen Pu- 
bertät 76 
Introjektion des Objekts bei 

Melancholie 179 
Introversion 58, 76; Verstär- 
kung der Affektivität 82 
Inzestwunsch, Überkompensie- 

rung des 45 
Jaktationen 9 
Kannibalisches Insichaufneh- 

men 177 
Kasten als Genitalsymbol 10 
Kastration 43, 92; Kompensa- 
tion der psychischen 114; 
psychische Selbstkastration 
50 f, 55, 65 
Kastrationsangst 44, 64, 92 f, 



Register 



187 



108; Entstehung der 61; 
Verschiebung der 73 

Kastrationsdrohung 61 

Kastrationsgefahr 115 

Kastrationswunsch, aktiver 92 f, 
119; Strafe für 94 

Katzen als Phobieobjekt 101 

Katzenphobie 5, 89—100 

Kind u. Geschenk 92, 95 

Kind ständig in aktuellen Kon- 
flikten 22 

Kinderlosigkeit als neurotisches 
Schicksal 95 

Kitzelempfindlichkeit 106 f 

Klimakterische Depressionen 183 

Klischee, traumatisches Erleb- 
nis als 102 

Koitus 130; Belauschung des 
elterlichen 118; beste Unter- 
bringung der männlichen Ag- 
gression u. des weiblichen 
Masochismus 85; sadistische 
Auffassung des 84 

Kompensation, s. auch „Über- 
kompensierung"; der psy- 
chischen Kastration 114 

Kompromiß, — sse; zwischen 
Wunsch u. Abwehr, Symp- 
tome als 9, 89, 144, 163; 
scheinbar gelungene 114; 
bei Konversionssympt'omen 
beides gleichzeitig darge- 
stellt 77, 85; bei Zwangs- 
neurose zweizeitig 163; Ich 
sucht K. 13 

Konflikt, — e 
aktueller 5, 7—19, 23, 48; als 
agent provocateur 16, 20; 
Kind ständig in 22; u. hi- 
storische Vergangenheit 17; 
Lösung des, u. Verzicht 8; 
normaler u. neurotischer 
11 f; u-. neurotisches Symp- 
tom 16 f ; Neurotischwerden 
16, 125, 161; normale Ee- 
aktionsweise 14 f ; vom Pa- 
tienten irrtümlich für er- 
ledigt gehalten 14; psa. Be- 
handlung des 17 f ; u. Über- 
tragungsneurose 18 
gesunder Mensch schafft K., 

um sie zu lösen 16 
infantile, Aktualisierungsten- 
denz 16 
innerer, — e; u. äußere 14; 
Ausdrucksformen 12; Be- 
dingungen ihres Entstehens 
11 f; u. infantiles Vorbild 
12; unauflösbarer 36 
latenter 16 
realer u. neurotischer 17 

Konfliktlösung, Neurosenform 
als Form der 10 f 

Konservierung f rühinf autiler Be- 
ziehungen 131 

Konstitution; u. Erleben 21; u. 
Neurosenform 22 

Konstitutioneller Ambivalenz- 
konflikt 152 f, 162 ff 

Konversion, Konversionshyste- 
rie, -Symptome 5, 37 — 88; 
u. Anfallshysterie u. Däm- 
merzustände 87 f; Angst bei 
Versuch des Verzichtes auf 



79; u. Angsthysterie 100; 
erstmaliges Auftreten bei 
traumatischen Situationen 
69; u. Genitalität 81; 
Gleichzeitigkeit der Darstel- 
lung von Wunsch u. Ab- 
wehr 77, 85; als am besten 
gelungene neurotische Kon- 
fliktlösung 78; u. Phobie 
115 

Kränkungen; narzißtische 11; 
Verhalten des Analytikers 
zu realen 19 

Krampfanfälle 83 ff 

Krank, s. „pathologisch"; ge- 
sunde Kranke (ohne Symp- 
tome) 37 f, 90 

Krankheitsgewinn, sekundärer 
66, Ti f \ 

Krankneitseinsioht 78; Fehlen 
der 90 

Labilität der Affektlage 95 

Lähmungen 5, 53 — 68 

Latenzperiode 102, 123 

Libidinüser Wunsch u. Aggres- 
sion im hysterischen An- 
fall 87 1 

Libido; mangelnde Beweglich- 
keit der 142; Fixierung der, 
s. „Fixierung"; homosexu- 
elle, Bedingung für den 
Durchbruch der 110 f 

Libidoentwioklung, Identifizie- 
rung auf höherer Stufe der 
135 

Liebe; u. Haß 161 f, 175; Bin- 
dung der Destruktion durch 
L. im Heilungsvorgang 
180; platonische 117; maso- 
chistisehe 99 

Liebesversagung 84 

Magensymptome 71 

Manischer Triumph 182 

Masochismus 28, 31; u. Sadis- 
mus 156; u. Schuldgefühl 
64, 71 f, 81 

Masochistisch, — er, — e, — es; 
Charakter der Lebensfüh- 
rung 153; Einstellung zum 
Vater 72; feminin-masochi- 
stisch 71; Identifizierung 
mit der Mutter 119 f; Koitus 
beste Unterbringung der 
weiblichen m. Einstellung 
85; Liebe 99; Opfer 152, 
173; Phantasien 118, 129; 
Wendung gegen sich selbst 
64 f 

Melancholie 5, 170—184; u. Hy- 
sterie 183; Aggression bei 
177 [98 

Menstruation u. Angstzustände 

Milchaufnahme, Verweigerung 
der 77 

Minderwertigkeitsgefühle 75; u. 
Penisneid 30 

Mißtrauen 164 ff 

Mitteilungen der Umgebung des 
Patienten 83 

Monotonie, stereotype 175 

Motilität, Sexualisierung der, 
im Pavor nocturnus 43 

Motorische Hemmung im Pavor 
nocturnus 44, 62, 67 



Mutter; Aggression gegen die 
92; anale Beziehung zur 
113; Identifizierung mit der 
49, 63 f, 71 f, 118, 131, 142; 
masoehistdsche 119 f; mit 
der schwangeren 97 

Nachtangst, s. „Pavor noctur- 
nus" 

Narzißtische; Besetzung eines 
Organs 73; Kränkungen 11; 
Neurose 170; Objektwahl 
101, 110 f 

Narzißtisch-femininer Typus 111 

Negative Übertragung 126 

Neid; infantiler 77; oraler 76, 

Neurosenform 9 f , 20 [122 

infantile Angstzustände noch 

keiner N. angehörig 22 
als Form der Konfliktlösung 
u. Konstitution 22 [10 f 

Wandlung der 130 f 

Neurosrawafal 83 

Neurotischer, — ras; Charakter 
37; Konflikt, s. „Konflikt"; 
Schicksal 33 

Neurotisch — werden des ak- 
tuellen Konflikts 16, 125, 161 

Normal u. pathologisch 32, 35 

Objekt; Fixierung an, und 
Hysterie 34; Introjiektiom 
dea, bei Melancholie 179; 
Unmöglichkeit der Lois- 
löi&unjg von leinem 12 

Objektverlust; Angst vor 132; 
als Trauma 124 

Objektwahl; heterosexuelle 

105; Unfähigkeit zur 168; 
narzißtische 101, 110 f; u. 
Schuldgefühl 34 ff; Wende- 
punkt in d«r 105 

Ödipuseiastelliung; nominale 27, 
67^ 109 tf; Ausgang in Iden- 
tifizierung 118, 131, MS; 
Wiederbelebung 151 f; ver- 
kehrte 49, 712 

Ödiifpuisphantasien, teilweise Re- 
alisierung 122 

Üdipuisisituatiom, Wiedeffihio'lung 
der 160 

ödäpuiswünsche, Vexidrängumig 
der 28 

Onanie 55, 105, 130; u. Erblin- 
dungsamgst 148; u. Schuld- 
gefühl 48 it, 141; m. Syphili- 
dophobie 145; Unterdrük- 
kungskampf 48 f, 58 ff; beim 
Pavor nocturnus 40 — 47; 
verdrängte, Schicksale der 

Onanistische Biegungen im [53f 
Tramm 129 

Oral, —er, — «, —es; Aggres- 
sion 77; B&frraehtungspihain- 
iaisie 71; Einrorleiäbung 177, 
181; Neid '76, 123; Stufe, 
Einisitelltufflg, Regression aur 
67 f, 177 f 

Organ; Entgegenkommen des 
56, 66; Erotisierumig eines 
73; Gemitalisäenung 75; Nar- 
zißtische Besetzung 73; Rol- 
lembesetznimigen eines 47 

Organische Krankheiten, neu- 
rotische Symptome als 0. K. 
imponierend 83 



Register 



Paradoxa des Daseins 85 
Paranoia 165 f 

Pathologisch, — as; Maßstob des 
35 f; u. normal 32, 35 

Patror nocturnus 6, 37—54, 57, 
73; motorische Hemmung 
44, 62, 67; u. Onaniever- 
dränguragskämpfe 40 — 47; 
Sexualisierung dar Motili- 
tät im 43 
Pedanterie' 147 

Peniisnefid 27 1, 122; u. Minder- 
wertigkeitsgefühl 30; 
ßchuddgielfüM wegen das 28 

Periodizität des manisch-depres- 
siven Irreseins 182 

Petrsöniichikeit, infantile 34 

Pferde als Phobieobjekt 101 
Pferdephobie des kl. Hans 108 

Phantasie, — en; ünasochistiscbe 
118, 129; Realisierung vom, 
in ideT Hysterie 66; von 
grobsexuellein 9; urethrale 
öl 

Phobie 89—137; u. Hysterie 100, 
115, 157; «l. Konversions- 
hysteiiie 116; Projektion 
einer Gefahr an der 108; 
von libidinöser Tendenz u. 
Gefahr in der 115, 153 f; 
Schutz vor Angst durch 
Vemieictanig 9; Wandlung 
in Angsthysteriie 130; und 
Zwangsneurose 100, 154, 157 

Phobieobjekte, Hunde, Pferde 
u. Katzen als 101 

Phobischer Mechanismus, Zweck 
u. Erfolg des 100 

Phobisches Symptom als War- 
nungssignal 114 

Platonische Liebe 117 

Platzangst, s. „Agoraphobie" 

Potenzstörungen 5, 84, 37—53, 
74 f 

Projektion, Projektionsmecha- 
nismus; bei Paranoia 165 f: 
bei Zwangsneurose 166: 
teilweise, des Über-Ich 180: 
einer Gefahr in der Phobie 
.108; von Gefahr u. libi- 
dinöser Tendenz in der 
Phobie 115, 153 f 

Psychoanalyse, Unterricht in 
der, u. anderer klinischer 
Unterricht 7 

Psychoanalytiker, s. „Ana- 
lytiker" 

Psychoanalytische Behandlung, 
aktiver Eingriff in einer 

Psychogen 55 [88 

Pubertät 82; Auffrischung in- 
fantiler Züge in der frühen 
76; früheinsetzende Sexual- 
befriedigungen in der 82 

Pubertätsneurose 102 

Pubertätsphantasien, typische, 
motorische Dramatisierung 
der 85, 120 

Rache; am Geliebten 166; an 
der Mutter 87; am Vater 
77 

Radö, S. 183 

Bank, O. 17 

Raskolnikowphantasie 45 



Reaktionsbildungen 95, 176; 
hysterische 118, 131; 
zwangsneurotisehe 140, 147, 
150 f; charakterologische 
153, 165; psychisches 

Gleichgewicht durch 151 

Beaktive Angst 160 

Eationalisierung; der Angst 78; 
für innere unbewußte Ge- 
fahren 120 

Regression 8, 12 f, 53, 66, 157, 
183; zur oralen Einstel- 
lung, Stufe 67 f, 177 f; 
zu sadistisch-aggressiven 
Tendenzen 115, 133; mit 
ambivalenter Objekteinstel- 
lung 81; zur sadistisch- 
analen Phase 134, 161, 164; 
Tiefe der 184 

Reinigungsprozeduren 138 

Reinlichkeitszwang 139 f 

Religion; als Sublimierung 149; 
Entlastung des Schuld- 
gefühls durch 149 f 

Sadismus; u. Masochismus 156; 
u Über-Ich 113, s. auch 
„Über-Ich": u. Zwangs- 
neurose 156, 168 

Sadistische; Auffassung des 
Koitus 84; Angriffe, Angst 
vor 103; Triebregung, 
Angst als Warnungssignal 
vor der 133; Tendenzen, 
Wünsche 49, 58; mit ambi- 
valenter Objekl^instellung 
81; Regression zu 81, 115, 
133; ihre Verwandlung in 
masochistische 64, 81; ihre 
Rückwendung 97 f; als 
Reaktion autf Lietasient- 
täuschung 159 

Sadistiseh-anale; Disposition 

139; Phase; Regression zur 
134, 161, 164; u. Zwangs- 
neurose 134 

Scham u. Erröten 78 

Schicksal; neurotisches 33; 
Kinderlosigkeit als neuro- 
tisches 95; als provokato- 
risches zwanghaftes Agieren 
31; u. Wiederholung 35 

Schicksalsbildende Wieder- 

holungstendenz 94 

Schicksalsneurose 38, 90 f, 183; 
hysterische 5, 20—37, 90; 
Wesen der 86 f; u. neuro- 
tischer Charakter 36 f; Um- 
wandlung in Symptom- 
neurose 96 

Schlafgewohnheit eines Pa- 
tienten 89; ihre Deutung 
40, 46 

Schlaflosigkeit zufolge Zwangs- 
zeremoniells 147 f 

Schlafzeremoniell 142 f 

Schlagephantasie 93 f 

„Schmutz", Sexuelles als, in 
der Zwangsneurose 138, 150 

Schuldgefühl 60 f, 93 f, 140, 
143 ff, 151, 155, 166 
Abwehr durch Charakter- 
eigenschaften 165 
u. Aggression, circulus vitio- 
sus 156 



Alexanders Theorie 81 

u. Angst 60 

Befriedigung des 135 

Befriedigung des, u. Befrei- 
ung vom, als Funktion der 
Neurose 74 

Entlastung durch Religion 
149 f 

bei Hysterie 81 

u. Masoohismus 64, 71 f, 81 

Mildern des, durch Ent- 
sagung 95 

u. Objektwahl 34 ff 

u. Onanie 48 f, 141 

wegen des Penisneids 28 

prophylaktische Entlastung 

ignoriert reale Tatsachen 33 
durch Sexualbefriedigung, be- 
wußtes 82 
wegen des Todes des Bru- 
ders 122 
Verdrängung des 81 [157 
u. Zwangsneurose 115, 155, 
Schutzmaßregeln 134, 144 
Schwangere Frauen, Gelüste 68 

Schwangerschaftsphantasien 71, 
122; verdrängte 96 f 

Schweißausbrüche 70 

Schwester; Geburt einer 50, 63, 
75, 98; Bindung an die 

175 f; Identifizierung mit 
der 50, 64, 66 f, 71, 75; 
narzißtische Identifizierung 

176 f 

Selbstanalyse des Analytikers 7 

Selbstbeschuldigungen, -vor- 
würfe 158, 175, 181 

Selbstbestrafung 73, 87, 89, 93; 
kein Verzicht auf Lust- 
gewinnung in der 49 

Selbstkastration, psychische 
56 f, 55 65 

Selbstmord (Absicht, Versuch) 
23, 25. 32, 36, 112 f, 146 f 

Selbstüberhebung 112, 114 

Sexualisierung der Motilität 43 

Sexual- u. Destruktionstriebe 156 

Sodbrennen 67 

Spinnen u. Schlangen, Unheirn- 
_ lichkeit von 101 

Spiritistische Materialisationen 
u. Hysterie 83 

Sprachhemmung als Hinken 
mit der Zunge 70 

Sprachstörung, hysterische 5, 
53—68 

Strohmayer 46 

Studium, Identifizierung des S. 
mit sexueller Freiheit 87 

Stummwerden als Symbol 65 

Stupor, katatoner 138 

Sublimierung 51, 67, 110; Reli- 
gion als 149 

Symptome, neurotische; als 
Kompromiß, s. „Kompro- 
miß"; als organische 
Krankheiten imponierend 83 

Symptombildung u. Über-Ich 80 

Symptomneurose u. Schicksals- 
neurose 96 

Symptomwandlung 134 

Syphilidophobie u. Onanie 145 



Register 



Technik der psa. Behandlung 7 

Telepathische Phänomene u. 
Hysterie 83 

Tiefe der Eegression 184 

Tierphobie 5, 90—115; u. 
Agoraphobie 137 

Todesangst 116; Verschwinden 
der, bei Agoraphobie 121 

Todesdrohung des Destruktions- 
triebes 135 

Todesgefahr in der Agorapho- 
bie 120, 132 

Todeswünsche (unbewußte) 33, 
92, 99, 123, 125, 133, 143, 
158 ff; abgewehrte 119, 160, 
171 f; gegen die Mutter u. 
Angst vor Entbindung 97; 
gegen den Analytiker 119, 
128 

Tonisch-klonische Anfälle 127 
Totsein, Stummwerden als Sym- 
bol des 65 
Trauma 75, 92, 117 f; Objekt- 
verlust als 124; infantiles 
21; dessen Bedeutung 21 f, 
102; vorgängige Vorberei- 
tung_ für ein 105 f 
Traumatisches Erlebnis als 

Klischee 103 [85 

Triebanspruch u. Wutentladung 
Triebentmischuiig 178; u. Frei- 
werden destruktiver Ten- 
denzen 184 
Triebgefahr 60 f, 80, 109, 121, 

136; Angst vor 60, 109 
Triebmischung 156 f 
Triebtendenzen, eigene, Angst 

vor 109 
„Turmwächterin" (Erzählung) 

123 f 
Über-Ich 80 

u. Aggression 81, 177; frei- 
werdende Aggression dem 
Ü.-I. zugesellt 156 
allwissendes 172 
Destruktion im 180; Milde- 
rung der destruktiven Funk- 
tion des 130 
Hintergehen des 94 f 
u. Ich; Spannung zwischen 
130, 135, 181; u. Es 169; 
das Ich den Mißhandlungen 
des Über-Ich wehrlos preis- 
gegeben 155 
u. Identifizierung 180 
teilweise Projektion des 180 
u, Sadismus 97 f, 113 
strenges 62, 97 f, 100, 155, 
157, 169 ; 181; u. verdrängte 
Aggression 81 
Symptome in Abhängigkeit 

vom 153, 155 
u. Symptombildung 80 
Über-Ich-Angst 61, 154 
Über-Ich- Gefahr 80, 98, 157 
Überkompemsierung 131; des 
Inzestwunsches 45; von Haß, 
bösen Wünschen 95, 98 f; 
durch Zärtlichkeit 133, 143, 
171 f, 175 f; überkompen- 
sieremde Liebe 93, 95 f, 99 



Übertragung; akuter Ausbruch 
159 f ; Verwertung in der 
Analyse 74, negative 126; 
positive 127; auf die Pen- 
sionsinhaberin 127 

Übertragungserfolg 117 

Übertragungsneurose 161 f ; u. 
aktueller Konflikt 18 

Übertragungsphantasien 41 f, 
126 ff 

Übertragungstraum 31, 58 

Umkehrung von Gefühlsbe- 
ziehungen 84 

Unentschlossenheit, innere 167 

Unheimlichkeit, diffuse 74; von 
Spinnen u. Schlangen 101 

Urethrale; Phantasien 61; 
Phase 64 

Verdrängte Onanie, Schicksale^ 
der 53 f 

Verdrängtes, innere Wahrneh- 
mung des 158, 166 

Verdrängung; der Aggression 
155; der genitalen Libido 
68; der Ödipuswünsche 28; 
und Unterdrückungskampf 
der Onanie 59 f; des 
Schuldgefühls 81 

Verführung 141, 146, 151; ho- 
mosexuelle 103, 105 ff, 110 

Vergewaltigungsphantasie 84 f, 
120 

Vernichtungswünsche in der 
Zwangsneurose 10 

Versagung, — en 8 f, 22, 83, 
96; äußere 11 f ; für ein In- 
dividuum charakteristisch 
16; von Seiten des Ana- 
lytikers 19, 119; u. Ag- 
gression 28; u. Wut 85; 
Verstärkung der hofmo- 
sexuellen Tendenzen durch 
110, 162; charakterologische 
Art, V. zu ertragen 16 

Verschiebung; auf den Anus 
105; auf Belangloses 143, 
145, 154; der Aggression 
108; der Kastrationsangst 
73 

Versuchungssituation 120 

Verzicht; u. Lösung des aktu- 
ellen Konflikts 8; kein V. 
auf Lustgewinnung in der 
.Selbstbestrafung 49 

Warnungssignal; Angst als 61, 
154; phobisches Symptom 
als ein vor Angst schützen- 
des 114 

Waschzwang 145, 147 

Wendung gegen sich selbst, 
gegen das Ich 135; der 
sadistischen Tendenzen 97 f ; 
masochistische 64, 81; s. 
auch „Über-Ich" 

Widerrufungsversuche, sym- 

bolische 152 

Widerstände, unbewußte 18 

Wiederbelebung; infantiler 
Lustzonen 66; infantiler 
Reaktionen, Situationen 
76 f, 82, 86, 98, 118 f, 161; 
der ödipuseinstellung 151 f ; 



eines infantilen Symptoms 
47 f 

Wiederholung; von Belau- 
schungen an der Tür des 
elterlichen Schlafzimmers 
148; von Episoden 29; der 
infantilen Enttäuschung 35; 
einer infantilen Szene 32; 
der infantilen Versagung 
161; der ödipussituation 
160; u. Schicksal 35, 94; un- 
bewußte 33; zwanghafte 34 

Wiederholungstendenz; der un- 
erledigten Konfliktstoffe 90; 
schicksalsbildende 94 

Wolfsphobie 108 

Wut 83, 103, 109; u. Hem- 
mung 78; u. Versagung 85 

Wutentladung u. Triebanspruch 

„Zufälliges" Finden eines Tage- 
buchs 120 
Zwang, an sexuelle Dinge zu 

denken 159 
Zwangshandlungen 5, 138—157 
Zwangsneurose 5, 9 f, 138—169 
Aggression der, Bedeutung 

für Prognose 163 
Ambivalenzkonflikt bei, seine 
Endlosigkeit 144; konsti- 
tutionelle 152 f, 162 ff 
u. Angsthysterie 131 f 
Oharakterveränderungen ty- 
pisch für 142 
u. genitale Phase 134 
u. unbewußte Homosexuali- 
tät 168 
u. Hysterie 81, 100, 131—134, 
Leistung der 154 [157 

Lostrennung eines Bewußt- 
seinsinhalts vom affektiven 
Bestandteil 145 f 
u. Phobie 100, 154, 157 
Projektion bei 166 
u. Sadismus 156, 168 
u. sadistisch-anale Phase 134 
u. Schuldgefühl 115, 155, 157 
Sexuelles als „Schmutz" in 

der 138, 150 
Vernichtungswünsche in der 

10 
Zweizeitigkeit des Kompro- 
misses zwischen Trieb u. 
Abwehr bei 163 
Zwangsneurotiker; betrachtet 
sich als merkwürdigen 
Menschen 78; intellektuel- 
les Niveau 165; weibliche 
169 
Zwangsneurotische; Charakter- 
bildung 169; Charakter- 
züge 164; s. auch „Reak- 
tionsbildungen" 
Zwangsprozeduren, Endlosig- 
keit der 144 
Zwangsvorstellungen 5y 157 — 169 
Zwangszeremoniell 5, 138 — 157, 

172 
Zweideutigkeit der Symptom- 
bildung 144 
Zweifelsucht 164, 167 



FSYCHOA 
ESAMTFE1 



SÖNLICHK.EIT 



FRANZ ALEXANDER 

Geheftet Mk 9'— , Ganzleinen Mk ii*— 



„Didaktisch geschickt und bestechend 
gut geschrieben. Trotz oder wegen 
seiner grandiosen Einseitigkeit regt es 
stark zum Nachdenken an". (J. E. 
Staehelin in der Schweizerischen Med. 
Wochenschrift) 

„Wir können das Studium dieses 
Buches allen bestens empfehlen, die 
sich mit den Leidenszuständen der Men- 
schen beschäftigen wollen". (R. Mutze in 
der Sachs. Schulzeitung) 

„Auch für den nicht auf eine bestimmte 
analytische Richtung eingeschworenen 
Arzt und Psychologen bemerkenswert". 
(A. Storch in der Deutschen Lit. Zeitung) 

„Scharf und gescheit . . . Ein überaus 
erfreuliches und zum Denken anreizendes 
Buch". (Journal of Nerv, and Ment. 
Disease) 

„Ein Beweis für die Feinheit der 
Alexanderschen Analyse liegt in seiner 
tiefen Definition des Schicksalerlebnisses, 
die geradezu den Geltungswert einer 
metaphysischen Erkenntnis besitzt". (Dr. 
Fritz Friedländer in Berl. Börsencourier) 

„Das Buch wird dadurch von beson- 
derer Bedeutung, daß es die rein zer- 
gliedernde Beobachtung überwindet und 
den Weg zur Erforschung der psychischen 
Gesamtpersönlichkeit freilegt". (Prof. Erich 
Stern in Jahrb. f. Erziehungswiss. u. Jugend- 
kunde) 



Inhalt: 1. Entwicklungsrichtung der Psychoanalyse. Die Ent- 
deckung des Ichs. Wiederholungszwang als Äußerung des Trägheits- 
prinzips. Verinnerlichung der Realangst zur Gewissensangst. Die Strafe 
begünstigt die Sünde. Mißbrauch des Leidens als Milderungsgrund. — 
2. Die Rolle des Ichs in der Neurose. Der hysterische und der para- 
noische Mechanismus. Die Schamreaktion. — 3. Rechtfertigung der 
dramatischen Darstellung der Neurosen. Die dynamische Struktur der 
Zwangsneurosen und der Phobien. Eifersucht in der Kinderstube. 
Asketische Züge in der Ehe und in der Mutterschaft. Straßenangst 
als Folge von Dirnenphantasien. — 4. Der zwangsneurotische Zweifel. 
Die Strafe als Befriedigung femininer Bestrebungen. Der Sinn der 
hypochondrischen Befürchtungen. — 5. Die dynamische Neurosen- 
formel. Erotisierung des Strafbedürfnisses. Die Rolle des Leidens in 
Religion und Erziehung. Das unvermeidliche Nacheinander von Lust 
und Unlust. Die biologische Wurzel der Unlusterwartungen. Fest- 
halten an alten Befriedigungsarten. — 6. Das ätiologische Pro- 
blem der Neurosen. Die Sublimierungen. — 7. Triebmischungen. Ein 
Fall von masochistischem Transvestitismus. Die sadistische Komponente 
der Moral. Wirkung der Todesnachricht. Perversion als Schutz vor 
Selbstzerstörung. — 8. Allgemeine Krankheitstheorie auf Grundlage 
der Trieblehre von Freud. Rückwendung des Hasses in der Melan- 
cholie. Masochismus und Homosexualität. — 9. Die Triebgrundlagen 
der Neurosen. Die Persönlichkeitsbildung. 

„Drum willst du dich vor Leid bewahren, — So flehe 2u 
den Unsichtbaren, — Daß sie zum Glück den Schmerz ver- 
leihn" — ist das Motto des Alexanderschen Werkes. Freuds 
Ichtheorie, in den letzten Jahren aufgerichtet, als kühner Ober- 
bau über das Fundament psychoanalytischer Tiefenforschung, 
wird von Alexander auf das ganze Gebiet der Neurosenlehre 
angewendet und darüber hinaus zu einer Seelenlehre von der 
Gesamtpersönlichkeit entwickelt. Dynamik und Ökonomie des 
ganzen Trieblebens wird untersucht und Entscheidendes zur 
Psychologie von Gewissen, Leiden, Strafbedürfnis, Flucht in 
die Krankheit, triebhafter Selbstzerstörung, neurotischem Sich- 
ausleben usw. an den Tag gefördert. Mit der Entdeckung der 
Bedeutung des Ichs fängt eine neue Periode der psychoanaly- 
tischen Forschung an. Während die erste Periode im Zeichen 
der Deutungskunst stand, die die Äußerungen der Triebe zu 
begreifen lehrte, zeugt die Alexandersche Arbeit bereits von 
den Bestrebungen, Bestandteile zerlegter Triebäußerungen in der 
Gesamtstruktur ihres Aufbaues zu betrachten. Die theoretischen 
Ausführungen werden durch Krankengeschichten illustriert. 



1 



GESTÄNDNISZWANG U 
STMAFBEDÜMFNIS 

PROBLEME BEB PSYCHOANALYSE UND DEM KRIMINOLOGIE 

von 

THEODOR IEIK 

Geheftet Mk 8*—, Ganzleinen Mk !©•— 



Bestimmte Erfahrungen der psychoanalytischen Praxis haben 
Reik veranlaßt, die Existenz einer besonderen psychischen 
Tendenz, die er als unbewußten Geständniszwang bezeichnet, 
anzunehmen. Das Symptom der Neurosen repräsentiert nicht nur 
die Kraft der verpönten Wünsche, sondern wesentlich auch die 
Macht der verbietenden (moralischen, ästhetischen) Instanzen. Freud: 
„Der Selbstverrat dringt dem Menschen aus allen Poren." Das 
unbewußte Geständnis bringt ein Stück physischer Entlastung, 
das von der partiellen Befriedigung herrührt, die das Geständ- 
nis als eine Art abgeschwächte Wiederholung der phantasierten 
Tat erscheinen läßt. Das Erfassen der unbewußt gewünschten 
Tat sowie der Vergleich des Ichs mit dem Ichideal des Men- 
schen im Geständnis hat den Effekt, daß der Einzelne, der 
Bekennende mit sich bekannt zu werden beginnt. Denn wir 
sind nicht nur weit böser, sondern auch weit besser als wir 
annehmen. An Hand psychoanalytischer Krankenberichte zeigt 
Reik eingehend den Anteil des Ober-Ichs an der Entstehung 
und Entwicklung der Neurose. Über den Rahmen der Heilkunde 
hinausgreifend meint Reik in dem vom Uber-Ich ausgehenden 
unbewußten Strafbedürfnisse eine der gewaltigsten, schicksals- 
formenden Mächte des Menschenlebens überhaupt zu erkennen. 
Besonders eingehend wird vom Verfasser die Kriminologie 
berücksichtigt. Die Strafrechtstheorie Reiks geht davon aus, daß 
das Schuldgefühl gerade bei jenen Verbrechern, für welche die 
Strafgesetzgebung bestimmt ist, der Tat vorangeht. Die Strafe 
dient der Befriedigung des unbewußten Strafbedürfnisses, das 
zu der verbotenen Tat trieb, und befriedigt gleichzeitig auch 
das unbewußte Strafbedürfnis der Gesellschaft durch deren un- 
bewußte Identifizierung mit dem Verbrecher. Reik zeigt des 
ferneren die mannigfaltigen Äußerungen des unbewußten Ge- 
ständniszwanges auf den Gebieten der Religion (Beichte, Sün- 
denbekenntnis), des Mythus, der Sprache und der Kunst. 
Das Schlußkapitel ist dem sozialen Geständniszwang gewidmet: 
Psychoanalyse ist — geistesgeschichtlich betrachtet — das erste 
bewußte Geständnis der Gesellschaft, das die triebhaften Grund- 
lagen, auf denen die Gemeinschaft ruht, einer psychologischen 
Untersuchung unterwirft. Sie bereitet den Abbau der rohen Trieb- 
gewalt und des unbewußten Triebgefühles vor. Im bedeutsamen 
Stück Menschheitsarbeit, das die Psychoanalyse bietet, ist Reiks 
Werk ein Beitrag, dessenTragweite heute noch nicht abzuschätzen ist. 



„Die hochinteressante Arbeit eines 
Tbiefgründigen Denkers und scharfen 
Beobachters, deren große Bedeutung 
für die Weiterentwicklung der Psycho- 
analyse die Zukunft zeigen wird". 
(Österreichische Richterzeitung) 

„Kein Leser wird sich dem Ernst 
entziehen können, mit dem Reik den 
seltsamen Kontrast zwischen äußerer 
Selbstgerechtigkeit des Menschen (als 
Einzelnen wie als Kollektivum) und 
dem inneren Selbstgericht aufdeckt, 
der den Leitfaden der echten sittlichen 
Entwicklung bildet". (Bücherrundschau) 

„Vermittelt über die letzten Wurzeln 
des Geständnis- und Bestrafungstriebes 
bei Neurotikern viele überraschende 
und originelle, sicher auch einst frucht- 
bar werdende Einsichten". (Zentralblatt 
f. d. ges. Neurologie u. Psychiatrie) 

„Reik versteht es in glänzender 
Weise, seine Hypothesen vorzutragen. 
Ein bewundernswerter Glaube an die 
Bedeutung der Psychoanalyse läßt ihn 
zur höchsten Höhe einer optimistischen 
Zukunftshoffnung aufsteigen". (Prof. 
Friedländer in der Rundschau) 

„Ungemein interressant und ausge- 
zeichnet geschrieben ... Es scheint, 
daß Reiks Theorie bei der Reform 
des Strafrechts eine Rolle zu spielen 
berufen sein wird". (Wiener Klin. 
Wochenschrift) 



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I 






1 HELENE DEUTSCH 

I PSYCHOANALYSE DER 

1 WEIBLICHEN 

1 SEXUALFUNKTIONEN 

| Kartoniert M. 4-— , in Ganzleinen M. 5"— - 

H 

I IN HALTS DB ERSICHT: 

H 1) Einleitung 6) Der Deflorationsakt 

| 2) Infantile Sexualität des Weibes 7) Psychologie des Sexualaktes 

3) Der Männlidikeitskomplex des Weibes 8) Frigidität und Sterilität 

4) Differenzierung von Mann und Weib 9) Schwangerschaft und Geburtsakt 
B in der Forfpflanzungsperiode 10) Psychologie des Wochenbettes 

5) Psychologie der Pubertät — Die erste 11) Laktation 

I Menstruation — Beschwerden und 12) Das Klimakterium 
§ Phantasien 

| AUS DER EINLEITUNG: 

H „ . . . Diese» Beobachtungsmaterial soll eine psychologische Orientierung und Ergänzung zu den Kenntnissen 
■ jener Vorgänge schaffen, die man zusammenfassend .Sexualleben des Weibes' nennt. . . Was bisher zur psycho- 
ll logischen Erkenntnis des Weibes analytisch beigetragen worden ist, wird hier berücksichtigt ... Es liegt im Zweck 
§j dieser Arbeit, das aufzuklären, was der Bewußtseinspsychologie rätselhaft bleiben mußte, weil es ihrer Arbeits- 

II methode unzugänglich war. Aber auch die Tiefenpsychologie ist in der Erkenntnis der Seelenvorgänge beim Weibe 
H einen Schritt gegen die beim Manne zurückgeblieben. Besonders sind es die generativen Vorgänge, denen — obzwar 
I sie den Mittelpunkt im psychischen Leben des geschlechtsreifen Weibes bilden — auch analytisch noch wenig Be- 

I achtung geschenkt worden ist. Das Kant sehe Wort: ,Die Frau verrät ihr Geheimnis nicht', behielt 
U auch hier seine Gültigkeit. Sichtlich waren dem Manne die verborgenen Seeleninhalte des Mannes zugänglicher, weil 
B wesensverwandter . . . Alles was hier an neuen Einsichten über das Seelenleben des Weibes in seinen Beziehungen 
M zur Fortpflanzungsfunktion gebracht wird, wurde mit Hilfe der analytischen Methode gewonnen. Wir beschränken uns 
H hier auf die Mitteilung der Erkenntnis, die mit den n o r m a 1 psychischen Relationen zu den physiologischen Vor- 
H gangen des Sexuallebens im Zusammenhang stehen. Wie wir häufig in unserer Arbeitsmethode erst vom P a t h o- 
H logischen zum Verständnis des Normalen gelangten, werden wir uns dort, wo sich das Pathologische als Zerr- 

II bild gewisser Konstellationen im Gesunden präsentiert, zur Vereinfachung des Verständnisses auf jenes berufen. 
M Auch gibt es in den uns hier interessierenden Vorgängen psychische Begleiterscheinungen, die zwar nicht .normal' 
H im Sinne des Physiologischen zu bezeichnen sind, aber infolge ihres regelmäßigen und typischen Auftretens unter 
Ü unseren Kulturbedingungen bereits nicht mehr dem ,Krankhaften' zugerechnet werden dürfen." 

Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

I Wien, I., In der Börse 






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der _Neurosen 








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genalten am Lenrinstitut der Wiener 






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.Psychoanalytischen Vereinigung 






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ICH / PSY 


Dr. Helene Deutsch 






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Internationaler ± sycno analytischer Verlag 






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