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Full text of "Psychoanalyse und Logik"

INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 



DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



IMAGO-BÜCHER VII 

PSYCHOANALYSE 
UND LOGIK 

VON DR. IMRE HERMANN 



IMAGO-BÜCHER/ VII 



PSYCHOANALYSE 
UND LOGIK 

INDIVIPUELL-LO GIS CHE UNTERSUCHUNGEN 
AUS DER PSYCHOANALYTISCHEN PRAXIS 

VON 

D R IMRE HERMANN 



INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

LEIPZIG / WIEN / ZÜRICH 

1904 



i^^ai 









ALLE RECHTE, 

BESONDERS DIE DER ÜBERSETZUNG, 

VORBEHALTEN 



COPYRIGHT 1924 

BY INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG' 

GES.M. B, H. WIEN 



GEDRUCKT BEI CARL FROMME GES. M. B. H.; WIEN V 



Herrn Dr. Sdndor Ferenczi 
in Dankbarkeit gewidmet 




A. 

EINLEITUNG* 



Daß die Logik — mögen, die Logiker ihre Wissenschaft noch 
so hoch über den Erfahrungswissenschaften, somit auch über der 
Psychologie schwebend, betrachten ■ — etwas mit Psychologie zu 
tun hat, kann niemand leugnen. Als eine Art Vorwissenschaft 
muß sie stets zur Logik zugelassen werden, wenn anders nicht, 
so als Rekurs auf die Evidenz der ersten Axiome der Logik. 
Einzelne Logiker sagen dann zwar, daß die Logik selbst sich mit 
der allgemeinen Geltung der richtigen Sätze auseinandersetzen 
will, die Frage der Geltung und des Allgemeinen aber nicht 
mehr als etwas Erfahrungsgemäßes, als einer Erfahrungswissen- 
schaft Zugehöriges betrachtet werden kann. Doch behaupten wieder 
andere, daß auch das richtige Denken — womit sich die Logik 
eben zu beschäftigen, hat — ein Denken ist, also Gegenstand einer 
speziell gerichteten Denkpsychologie bilden soll. 

Mag die Psychologie, so oder so, als integrierender Bestand- 
teil der Logik oder als ihre Vorwissenschaft einen Platz finden, 
ihre Mitarbeit ist uns verständlich und erregt das Gefühl der Selbst- 
verständlichkeit. Was soll aber Psychoanalyse mit Logik zu tun 
haben? Nicht darüber soll hier gesprochen werden, daß die von 
der Logik bestätigten Gesetze das richtige Denken, also auch die 
wissenschaftliche Arbeit der Psychoanalyse beherrschen müssen j 
auch die Psychoanalyse darf ja keine Fehlschlüsse im Sinne der 
Logik machen, auch sie darf nicht einem Begriffe zwei Bedeu- 
tungen geben. Ebenso darüber sollen hier nicht viel Worte ver- 
loren werden, daß neben dieser jetzt erwähnten formalen Unter- 



Mi^ 



l o Psychoanalyse und Logik 



werfung eine andere Forderung der Logik früher oder später 
auch in der Psychoanalyse erfüllt werden muß, nämlich das 
Inhaltliche betreffend die Zusammenstellung der Voraus- 
setzungen, der unmittelbar evident richtigen und evident wahr- 
scheinlichen Sätze, aus welchen die übrigen — auf Grund des 
Tatsachenmaterials — abgeleitet werden können. 

Schon mit dem Hinweis darauf, daß ein Rekurs auf die 
Evidenz sich in jeder Logik Bürgerrechte erwerben muß, haben 
wir die eine Seite einer andern Art von Verbindung zwischen Logik 
und Psychoanalyse angedeutet, wo nämlich die Psychoanalyse die 
Gebende sein kann. Wann etwas das Merkmal der Evidenz an sich 
trägt, ist in Anbetracht dessen, daß oft gerade die unmittelbar, 
an sich nicht evidenten Sätze als evidente gelten, 1 eine psycho- 
analytisch gerichtete Frage, auf die eine psychoanalytisch orientierte 
Antwort zu geben, in manchen Fällen schon gelungen ist. a 

Aber noch mehrl Betrachtet man die Logik selbst, was sie 
ist, was sie sein will, betrachtet man den „logischen Geist", 
der „wesentlich kritisch und normativ" ist, 3 so findet man 

1) Ich selbst habe darauf in der Abhandlung- über „Intelligenz und 
tiefer Gedanke" (Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, VI. Jahrg., 
1920, S. 193) hingewiesen, mit aus dem moralischen Leben stammenden 
Sätzen, z. B.: „Man darf nicht stehlen," — B. 6 heim hat einmal in einer 
Diskussion bemerkt, daß die bekannte Prämisse der Logiker; Jeder 
Mensch ist sterblich, von den Primitiven zurückgewiesen wurde, als 
ein Reisender sie auf ihre Fähigkeit zur Schlußfolgerung prüfen wollte. 

2) Im Aufsatze: Wie die Evidenz wissenschaftlicher Thesen entsteht. 
(Imago IX, 5.) Die Krankengeschichten der vorliegenden Arbeit wurden 
mit Zentrierung um die Frage der Evidenz in der Ungarländischen Psycho- 
analytischen Vereinigung im Juni 1923 vorgetragen. 

3) Couturat, Die Prinzipien der Logik. (Erschienen 'in der Enzy- 
klopädie der Philosophischen Wissenschaften, 1912, Bd. I, Logik, S. 193.) Von 
mir gesperrt. — „So ist die Logik nach einer Seite eine kritische Diszi- 
plin gegenüber dem schon vollzogenen Denken." (Chr. Sigwart, Logik, I> 
1873, S. 10.) 




Einleitung 1 1 

die ganze Logik bei dem Geschäfte betätigt, welches in jedem 
Individuum dem. Ich durch seine kritische Instanz (Zensur) 
und durch die AufsteHung des Ich-Ideals obliegt. Der Logiker 
setzt sich quasi an die Stelle eines Ichs und wählt sich als Ich- 
Ideal einen Denker, der stets das Richtige herausbringt. Er 
schreitet also bewußt den Weg, den das Ich in seiner zensu- 
rierenden Tätigkeit ständig vorbewußt geht. Die Logik idealisiert, 
so kann man sagen, eine gewisse Funktion des Ichs und so ent- 
steht eine doppelte Idealisierung: ein idealisiertes Ich-Ideal eines 
idealisierten Ichs. Nun sind aber Idealisierung, kritische Instanz, 
Ich-Ideal Funktionen respektive Bildungen, deren Untersuchung 
ins Arbeitsfeld der Psychoanalyse fällt. 

Als wir oben die Bezeichnung „normativ" eingeführt haben, 
haben wir uns ein wenig zu allgemein ausgedrückt. Das Ich-Ideal 
der Logik ist nämlich nicht betreffs des Schönen oder des Guten, 
sondern des richtigen Denkens, also in bezug auf die Wirklich- 
keit, auf die Wahrheit normativ. Nun wissen wir wieder durch 
die Psychoanalyse, daß dasjenige, was Wirklichkeit genannt wird, 
nicht stets dasselbe bedeutet, nicht denselben Ausschnitt der Ge- 
gebenheit betrifft, sondern Stufen je nach den Entwicklungs- 
stufen des Ichs aufweist (Ferenczi). Um zwei Extreme zu 
nennen: es kann die psychische Realität als eine der äußeren eben- 
bürtige Realität normiert werden, oder auch nicht, wenn nämlich 
das Ich die Stufe des halluzinatorischen Wirklichkeitsinnes noch 
nicht überschritten hat oder aber sich davon bereits losriß. Da 
muß also wieder die Psychoanalyse kommen, um den Zustand 
des normierenden Ichs auf diese Wirkung hin zu untersuchen. 

Dies wäre der theoretische Zusammenhang von Logik 
und Psychoanalyse. Wichtiger noch als dieser Zusammenhang 
muß der praktische angesprochen werden. Praktisch insofern, 
als die psychoanalytische Krankenbehandlung uns eigentliche 



la Psychoanalyse und Logik 



logische Fragen aufgibt, deren Lösung zur Lösung der Krank- 
heitssymptome beisteuert. Wieso das? Zwei Fälle kommen hier 
vor. Erstens gibt es Kranke, bei denen wir bald nach Beginn 
der Behandlung einen sie charakterisierenden Denkmechanis- 
mus gewahr werden, welcher sie zu Denkleistungen zwingt, die 
nur infolge dieser Mechanismen entstehen und als richtig be- 
wertet werden. Solche Denkmechanismen sind Symptome, oder 
noch mehr, sie gehören zum Charakter der Person, ihre Deutung 
hängt mit der ganzen analytischen Arbeit eng zusammen. Zweitens 
gibt es Kranke, die gewisse ihnen evident erscheinende Lebens- 
prinzipien bewußt äußern, oder, unbewußt ihrer Existenz, nach 
solchen leben. Wenn die Krankheit selbst mit diesem Lebens- 
prinzip verwoben ist, so bemerken wir, daß die Kranken sich 
hanter die „Evidenz" dieser Prinzipien verschanzen; wie der 
Widerstand vor der Krankheit gegen gewisse Regungen von diesen 
Prinzipien ausging, so fließt der Widerstand in der Kur selbst 
aus dieser Gegend. Die Zerstörung der vermeintlichen Evidenz 
ist gleichbedeutend mit der Entlastung des widerstehenden 
Kranken. 

Man wird mir jetzt entgegenhalten, daß ich nicht berechtigt 
bin, indem ich Einzelfälle untersuche, von Logik zu sprechen, 
denn das hieße ja wiederum nur Psychologie treiben. Die Ant- 
wort auf diese Entgegnung könnte nur am Ende unserer Unter- 
suchungen gegeben werden. Doch jetzt schon so viel: Vom Stand- 
punkte des Kranken haben wir ein evidentes, richtiges Denken 
vor uns. Wir haben von einem gewissen Standpunkte aus nicht 
mehr Berechtigung unser Denken als Maß jeden Denkens hin- 
zustellen als der Kranke. Unter gewissen Bedingungen — etwa 
je nach dem Entwicklungszustand des Ichs, nach der Beschaffen- 
heit des Ich-Ideals ist sein Denken ebenso normativ wie unseres. 
Auch allgemein ist sein Denken, erstens, weil es in seinen 




Einleitung- 15 

Denkleistungen sich eine allgemeinere Verbreitung verschaffte (wir 
wollen diese Allgemeinheit eine intra-individuelle nennen), 
zweitens, weil, wie sich zeigen wird, es keinen isolierten Fall 
darstellt (es ist inter-individuell verbreitet); und noch 
mehr, es kann eventuell nachgewiesen werden, daß die so auf- 
gefundenen Denkmechanismen auf einer gewissen Entwicklungs- 
stufe des Denkens inter-individuell allgemein waren und noch 
dazu Reste dieser inter*individuellen Allgemeinheit aufweisen, 
die Lebensprinzipien sich mit gewissen typischen Ansichten 
decken, die in gewissen Perioden der Menschheitsgeschichte sich 
einer inter-individuellen Allgemeinheit erfreuten. Wir schließen 
also unsere Betrachtungen der Logik an, indem wir gewisse Grade 
und Arten der Allgemeinheit einführen. Wir befreien uns somit 
gewissermaßen von einer Einseitigkeit der üblichen logischen 
Betrachtungen. Um diese Befreiung in einem Ausdrucke äußer- 
lich kund zu geben, entschließen wir uns, nicht von der „Wahr- 
heit als Ziel der normativen Funktion zu sprechen, sondern nur 
von der Dehkbefriedigung gewisser Denkschritte. 1 In 
diesem Sinne soll z, B. die Evidenz der Syllogismusform des Modus 
Barbara nur bedeuten, daß hier ein Denkschritt vorliegt, der (für 
das die Wahrheit suchende Ich) Denkbefriedigung bringt. 

Jetzt wird man einsehen, weshalb wir von individueller 
Logik sprechen. Die individuelle Logik löst den Begriff des 

1) Schon Sigwart stellt das allgemeine Gesetz der willkürlichen 
Denktätigkeit darin auf, daß das „Angenehme gesucht, das Unangenehme 
gemieden wird". (Chr. S ig wart, a. a. O, S. 3.) 

Die genetische Logik, welche von J. M. Baldwin inauguriert 
wurde, stellt sich auf den Standpunkt einer Befriedigungslogik. („Die 
logische Lösung eines Problems entspricht der Anforderung nach logi- 
scher Gültigkeit und befriedigt so das theoretische Interesse, aus dem 
sie gesucht wurde." Baldwin. Das Denken und die Dinge. Übersetzt von 
Geiße, IL Bd., 1910, S. 9.) 



14 Psychoanalyse und Logik 



„Allgemeinen , des Allgemeingültigen auf, eröffnet somit dem 
relativ Allgemeinen den Weg zur Logik. In derselben Denk- 
weise liegt aber auch ein Bestreben unserer individuellen Logik, 
es mit der intra-individuellen Allgemeinheit ernster zu nehmen, als 
es die üblichen logischen Ansichten tun. Wir wollen nämlich 
nicht beim „Zentralen" des Denkens stehen bleiben, die Denk- 
befriedigung der Denkschritte nicht nur in dem Kreise der 
Ideen des Individuums untersuchen, sondern uns auch ins 
„Periphere" wagen, wir wollen die Peripherprozesse bezüglich 
ihrer Prozeßbefriedigungen und ihrer Prozeß schritte in die Unter- 
suchung einbeziehen, wir wollen, kurz gesagt (wenn auch nicht 
das ganze Gebiet der Peripherprozesse umschließend), die Ver- 
haltungsweisen des Individuums mit untersuchen, sie den indi- 
viduell-logischen Prinzipien des Zentraldenkens unterwerfen. 1 
Haben wir durch diesen Schritt einem entwicklungspsycho- 
logischen Standpunkt Genüge getan, so kann auch nicht geleugnet 
werden, daß derselbe Schritt uns aus dem Psychologismus über- 
haupt, in den wir verfallen mußten, wie'der heraushebt und uns 
dazu hilft, wohl nicht in der Philosophie, aber in der Biologie 
zu landen. Wir knüpfen also von dieser Seite der Forderung 
einer biologischen Logik 3 an. 

Wir haben mit obigen Ausführungen den Zweck verfolgt, 
zu zeigen, daß die psychoanalytisch orientierte Logik individuell, 

1) Üher den Begriff der Peripherprozesse, siehe „Randbevorzugung 
als Primärvorgang« (Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, IX, 1925) 
und eine mit Frau Dr. Hermann- Cziner gemeinschaftlich ausgearbeitete 
Abhandlung „Zur Entwicklungspsychologie des Umgehens mit Gegen- 
ständen." (Zeitschrift für angewandte Psychologie, Bd. 22, 1925.) Durch die 
Zulassung der Verhaltungsweisen bekennen wir die teilweiseBerechtigung 
des Standpunktes der Behavioristen. 

2) Siehe z. B. J. Ingenieros, Die Prinzipien der biologischen 
Psychologie, 1922, S. 293 u. ff., mit Literaturangaben. 




Einleitung 1 5 

entwicklungspsychologisch, "biologisch sein und mit der Denk- 
weise des Pragmatismus und Behaviorismus in Berührung stehen 
muß. Nun soll noch eine Selbstverständlichkeit nicht unerwähnt 
bleiben, daß nämlich unsere „individuelle" Logik sich nicht 
auf den Standpunkt des bewußten Ichs stellen darf; ihr 
muß es irrelevant bleiben, ob ein logisches Axiom bewußt, vor- 
bewußt oder unbewußt ist; im Gegenteil, sie wird gerade die 
unbewußten Axiome, Gesetze aufzusuchen trachten, um dem ent- 
wicklungspsychologischen, biologischen Standpunkt Genüge zu 
tun. Dieses Prinzip der individuellen Logik ist wiederum nichts 
total Originelles, es ist schon bei gewissen Logikern aufzufinden; 
da heißt es nämlich, das Bewußtsein sei nicht gleich mit Be- 
wußtseinsinhalt, sondern soll einen funktionellen Charakter 
tragen und soll entstehen, wenn das „Ich" einen Inhalt „hat , 
welcher früher schon anwesend, doch mit dem „Ich funktionell 
nicht verknüpft war, 1 

Die vorliegende Arbeit gibt nur zur individuell-formalen 
Logik einige Beiträge. Die Bearbeitung des Methodologischen, 
des Axiomatischen, unserer oben entwickelten Auffassung nach 
die Peripherprozesse mitenthaltend, der Methodenlehre einer 
„Lebenswissenschaft" a also der evidentenSätze der Lebens- 
auffassungen 3 soll einstweilen noch aufgeschoben werden. 

1) N. Loßkij, Die Umgestaltung des Bewußtseinbegriffs in der 
modernen Erkenntnistheorie und ihre Bedeutung für die Logik. (Enzy- 
klopädie usw., Bd. I.) 

2) Den Ausdruck: Lebenswissenschaft benützt Klag es. (Vom Wesen 
des Bewußtseins, Aus einer lebenswissenschaftlichen "Vorlesung, 1921.) 

5) Solche bei Kranken auffindbare, der Analyse zugängliche Sätze 
sind: Auf alles Gute folgt etwas Schlechtes. — Nur wer schwere Arbeit 
leistet, hat das Anrecht, als Mensch behandelt zu werden. — Hieher ge- 
hört auch der Erlösungsgedanke. (Ich muß leiden, um meine Familie, 
meinen Vater, Mann usw., vom Leide zu befreien.) 



1 6 Psychoanalyse und Logik 



Die systematische Behandlung der individuellen 
Logik wäre neben der psychosexuellen Konstitutions- 
lehre und der Lehre der Ich-Idealentwicklung die dritte 
fundamentale Grundlage der Charakterologie, 

Nur noch eine Bemerkung, Man wird die Tendenz vielleicht 
für verfehlt halten, auch in affektiver Verhaltungsweise Denk- 
schritte zu erblicken, Die Psychoanalyse soll doch das Primat des 
affektiven Lehens behaupten, Nun, die Psychoanalyse steht doch 
auch auf dem Standpunkt, daß die psychischen Abläufe stets 
einen Sinn haben, und die Aufdeckung der Denkschritte bezweckt 
nichts anderes, als das Sinnhafte auch im affektiven Leben heraus- 
zuarbeiten. Ein Gegensatz zwischen den beiden Tendenzen besteht 
jedoch kaum, da die psychischen Abläufe stets eine Einheit 
bilden und die Trennung beider Tendenzen schon auf Grund 
eines „Abwendungsschrittes", einer nur teilweise berechtigten 
Abstraktion entsteht, 



£. 



DER DUALSCHRITT 



Hermann 



_ 




I. DAS MANIFESTE IN EINER KRANKEN- 
GESCHICHTE 

Es soll nicht mit einer Begriffsbestimmung des Dualschrittes 
"begonnen werden, sondern mit dem Beispiele, an welchem ich 
selbst bei einem erwachsenen, „normal "denkenden, wenn auch 
an einer gewissen Neurose leidenden Patienten das Vorhanden- 
sein eines Denkschrittes kennen lernte, welcher Schritt in der 
Entwicklungspsychologie nichts weniger als unbekannt ist. Es 
handelt sich um eine Studentin (Dl. als Abkürzung von Dual), 
die sich der Analyse wegen Depression, Menschenscheu, Ver- 
wirrungszuständen, besonders in Gesellschaft junger Leute, pein- 
lichem, sich fast bis zur Inkontinenz steigerndem Urindrang, unter- 
zog. Ich will hier und auch weiters aus der ganzen Kränken- 
geschichte nur das herausholen, was für unsere Aufgabe einen 
Wert besitzt. Ohne eine solche Abstraktion würde unsere Dar- 
stellung sich ins Endlose ausdehnen — und wir haben uns zur 
Lösung einer gewissen Aufgabe entschlossen, nicht aber zur Dar- 
legung einer Krankengeschichte und unserer analytischen Arbeit. 

Dl. war öfters mehr oder weniger verliebt in Männer* doch 
wuchs stets eine Schranke empor, welche sie zwang, sich vom 
Manne zu entfernen, oder sich dem, der ihr gefiel, nicht zu nähern. 
Sie hatte stets das Gefühl, daß außer ihr im Hintergrunde eine 
Konkurrentin lauere, oder im Vordergründe walte; dieses Gefühl 
entsprach sehr oft der wahren Situation; sie ließ Gefühle dort 



20 Psychoanalyse und Logik 



emporsteigen, wo sie sich von dieser Dualsituation schon im 
vorhinein überzeugen konnte. Natürlich war immer sie und 
nicht die andere die Benachteiligte. Sie glaubte nicht, daß sie 
allein das Interesse von jemandem ungeteilt an sich ziehen könne. 
In der Analyse zeigte sich diese Überzeugung darin, daß sie 
einen ihrer nahen Verwandten, einen jungen Mann, überredete, 
sich ebenfalls von ihrem analytischen Arzte behandeln zu lassen. 
Als es dann tatsächlich dazu kam, spielte sie die Beleidigte, die 
Zurückgesetzte, da der Arzt sich nicht mehr mit ihr, sondern 
mit ihm, einem andern, eingehender beschäftige. Als sie sich, in 
die Analyse kommend, respektive diese verlassend, im Wartezimmer 
mit je einem jungen Manne begegnete, also mit zwei Patienten, 
dachte sie, der Arzt hätte beiden jungen Leuten aus therapeutir 
sehen Gründen befohlen, mit ihr eine Bekanntschaft anzuknüpfen. 
Heiraten kann sie nicht; sie könnte ja ihrem Manne nicht genügen, 
er müßte noch bei einem anderen Weibe Befriedigung suchen. 
Sie kennt — - in der Phantasie <— zweierlei Arten Küsse, 
eine milde und eine wild erregende Art, Sie sehnt sich nach der 
ersten Art, weiß aber, daß, würde sie von jemandem geküßt 
werden, die zweite Art eintreten würde. Zweierlei Arten von 
Männern gefallen ihr; die passiven, milden, bei denen sie die 
Mutterrolle spielen, und die aktiven, agilen, die sie ehren kann. 
Sie erzählt von einem Spiele, das sie eine Zeitlang während 
der Fahrt in der Elektrischen übte: die Paarung von Zahlen mit 
der Beschränkung, daß dieselbe Ziffer nicht doppelt vorkommen 
dürfe, In den Kinderjahren machten ihr solche Fragen Spaß: 
Mit wieviel „k a muß das Wort makk-kiräly geschrieben 
werden? Man sage ein Wort, wo ein Doppelkonsonant doppelt 
zu schreiben ist {jegygyürü — Ehering) » Einmal erzählte sie in 
der Analyse, sie habe auf der Fahrt zweimal gegähnt, beide Male 
habe sie an Onanie gedacht. Sie erzählt ein wichtiges Ereignis aus 




Der Dualschritt 



der Kinderzeit. Da kommt ihr plötzlich der Einfall, dieses Er- 
eignis wäre zweimal eingetreten, Erst in einer späteren Stunde 
rektifiziert sie diese Atissage, indem das erste Ereignis sich darauf 
bezog, daß sie als kleines Mädchen während einer Eisenbahnfahrt 
durch die Hand eines Fremden sexuell mißbraucht worden war, die 
andere Erinnerung bezog sich ebenfalls auf eine Eisenbahnfahrt, 
doch wurde sie diesmal nicht mißhandelt, sondern nur von einem 
jungen Mann im Gespräch gegen ihre Schwester benachteiligt* 
Als Termine stellt sie sich immer zwei Tage, zwei Wochen. 

Sie bringt sehr oft zwei Träume in der Analyse vor. Der 
manifeste Inhalt der Träume ist voll von Dualschritten: „Es er- 
schienen zwei Katzen, sie fürchtete sich aber nicht, wie früher, 
vor ihnen." „Sie deckt sich mit zwei Plaiden zu, es war eine 
Analysenstunde, neben ihr lag ein Arzt, namens R., da trat ihre 
Schwester ins Zimmer, und nun veränderte sich der Arzt in eine 
rothaarige Frau," „Sie betrachtete zwei Bilder in einem Zimmer, 
dann geht sie ins nächste Zimmer, wo sie die Bilder eines an- 
deren Malers bemerkt, Auf einem Bilde sieht sie mehrere (zwei?) 
sitzende Frauengestalten und einen stehenden Mann mit einem 
langen Stab in der Hand. Jetzt bemerkt sie am Bilde die Dedi- 
kation des Malers und desjenigen, der das Bild zum Geschenk 
überreichte. Die Dedikation hieß : Für Herrn X. Y. und Frau 
X. Y., meiner Geliebten (respektive meinem Freunde?) . . . 

Sie nährt sehr üppige sexuelle Phantasien. Die Phantasien 
sind aber ziemlich stereotyp. Es handelt sich entweder darum, 
daß sie einen Mann idealisiert und dann untersucht, ob sie zu 
ihm passen würde, oder aber, und diese Phantasien wechseln mit 
den früheren ab, sie idealisiert sich selbst und möchte den Mann 
zu sich erheben. Sie hat aber nun auch Phantasien, in welchen sie 
das Liebesspiel zweier anderer beobachtet. In manchen Phantasien 
sind wieder zwei Männer anwesend ; mit dem einen hat sie ihre 




22 



Psychoanalyse und Logik 



Kußphantasien schon beendigt, und nun kommt die Reihe an den 
andern. Gewisse andere Phantasien behandeln den Stoff, daß sie 
ein Kind habe, das Kind liegt im Bett, ein Mann umarmt sie, oder 
daß sie ein Kind am Arm trägt und ein Mann umarmt sie beide. 
Den Dualschritt wendet die Patientin aber nicht nur bei 
den sie persönlich betreffenden Erlebnissen an. Ihre Schwester, 
die bereits geheiratet hat, soll einen anderen Mann geliebt haben 
und noch immer Heben. Ich, ihr Arzt, habe eine Frau, sie be- 
gegnet ihr manchmal im Vorzimmer, manchmal wähnt sie in 
ihr eine andere Dame zu erkennen, die vielleicht meine Schwä- 
gerin ist, sicher ist sie die „Zweite" neben meiner Frau. 

Was wir hier vorfinden ist also ein Denkschritt, welcher 
eine ziemlich intraindividuelle Verbreitung genießt und 
die Tendenz hat, bei eigenen und fremden Vorfällen und Ver- 
haltungsweisen benützt zu werden. Sehr oft wird das gewonnene 
Resultat des Dualschrittes evident 1 gehalten, stets scheint er 
aber eine gewisse Befriedigung mit sich zu bringen. 

Wir müßten nun vom Manifesten zum Latenten vordringen 
und die analytischen Grundlagen dieses Schrittes und dessen 
Eigenschaften herausarbeiten. Doch möchten wir vorher eine 
andere Frage erledigt wissen. Man wird fragen müssen, ob denn 
hier tatsächlich ein individueller Fall vorliegt, ob denn dieser 
Dualschritt eine Neuschöpfung unserer Patientin, wenn nicht gar 
eine durch die Analyse suggerierte Denkweise sei. Mit der 
Versicherung, daß Dualschritte, wenn auch in geringerem Um- 
fange, bei vielen Patienten 2 vorliegen, ist diese Frage, welche 
nach der Allgemeinheit fahndet, noch nicht erledigt. 

1) Wie kommt Evidenz zum Dualschritt, wird man fragen. Nun, 
man denke vorläufig daran, daß als Prototyp einer evidenten Wahrheit 
durchgehend der Satz gilt: „Zweimal zwei ist vier." 

2) Man denke an viele Zwangsneurotiker mit Dualschritten (z. B. 
mit symmetrischem Berührungszwang), * 



IL DUALSCHRITTE AUS DER ENTWICKLUNGS- 
PSYCHOLOGIE 

Bei solchen weit bekannten Tatsachen, wie z. B. die Re- 
duplikationsien denz in der Kleinkindersprache (Papa, wauwau), 
wollen wir uns nicht aufhalten. Es seien vorerst nur einige 
Daten über die Entwicklung des Dualschrittes auf Grund der 
Kinderpsychologie angeführt. Wie M. Wertheimer aus- 
einandersetzt, entwickeln sich unsere abstrakten Zahlbegriffe aus 
Anschauungsbildern, aus gestaltqualitätsartigen Gebilden, welche 
infolge ihrer biologischen Bedeutung hervorgehoben werden. So 
werden in der Anschauung „natürliche Gruppen" vorgefunden. 
„Augen sind zwei, Teller und Tisch nicht, Stengel und Blüte 
nicht. Ein solches natürliches Gebilde ist unser ,Paar c . Das 
Gebilde Paar gründet auf Symmetrie (pendants), auf formalem 
und Gebrauchszusammenhang (Augen, Stiefel), auf biologischem 
Zusammenhang (Ehepaar) und faßt nicht bevorzugtermaßen Glei- 
ches, sondern Zusammengehöriges." 1 Nun berichten W. und 
C. Stern von zwei Kindern im Alter von etwas über zweieinhalb 
Jahren, daß sie „zwei Äpfel" richtig verstanden uud anwendeten, 
aber nicht zwei Augen, Ohren. Dann ist wieder von einem Kinde 
festgestellt worden, daß es, mit etwas über zwei Jahren die Zwei- 

i) Wertheimer, Über das Denken der Naturvölker. Zeitschrift für 
Psychologie, Bd. 60, 1912, S. 325. 




g 4 Psychoanalyse und Logik 



heit von Augen, Beinen, Strümpfen, Handschuhen kannte. „Wenn 
das Kind also an den Äpfeln die Zweiheit erlernt hat, so wird 
es diese Struktur auf die völlig andern der paarigen Organe nicht 
gleich übertragen können." Es gibt somit ein (frühes) Alter, in 
welchem die Zweiheit schon erkannt wird, doch nicht auf alle 
möglichen Gebiete übertragbar sein muß. 1 

. (Die numerische Einheit wird jedoch erst viel später 
erfaßt, vielleicht mit Vollendung des dritten Jahres.) 2 

Über Anfänge des Rechnens wird bei Bühler auf Grund 
der Beobachtungen von Decroly und Degand Bericht erstattet: 
In einem Experimente gelingt es dem Kinde,, „vier auf ein 
Papierblatt gezeichnete Beine, Arme, Ohren oder Augen auf den 
ersten Blick als für zwei Kinder ausreichend zu erkennen. Da 
dürfte doch die Auffassung eines Doppelpaares in einem Akt 
vorliegen; das Kind war damals auch schon vier Jahre und neun 
Monate alt. Über ein Jahr vorher schon legte es von seinen vier 
Puppen je eine kleine neben eine. große und rief; Alle zwei 
Mütter mit ihrem kleinen Kind; und auf der Straße kon- 
statierte es um dieselbe Zeit: Zwei kleine Mädchen mit 
ihrer Mama "(vier Personen). In den zwei letzten Fällen liegen 
die Verhältnisse wegen der Größenverschiedenheit der Gruppen- 
elemente nicht ganz eindeutig; man kann nicht ersehen, ob 
die Gesamtgruppe als solche irgendwie eine Rolle spielt". 3 

Wie das Teilen vor sich geht, erfahren wir aus einer Be- 
obachtung Decrolys: „Seine Tochter erlernte die richtige Zer- 
legung eines Schokoladestückes in zweimal zwei Anteile leicht; 
dagegen half es sich bei drei Teilnehmern noch am Ende des 

1) K. Koffka, Die Grundlagen der psychischen Entwicklung, 1021 
S. 238 Bis" 241. . 

2) K. Bühl er, Die geistige Entwicklung des Kindes,' 1918, S. 01 

3) a. a. O. S. 96 bis 97. 




Der Dualschritt sg 



vierten Jahres mit dem umständlichen Verfahren, nach doppelter 
Zerlegung ein Viertel verschwinden zu lassen." 1 . 

Von den Ethnologen werden die sprachlichen Dual- 
formen als sehr allgemeine Gebilde bezeichnet, wenn sie auch 
oft in Gemeinschaft mit Trialformen vorgefunden werden. „Mit 
dem Dual, der allgemein in Gehrauch ist, findet man in der 
Sprache Burehe (Murray river) oft auch den Trial." „Bald stellen 
sich -Dual und Trial als unabhängige Formen dar, die neben 
dem eigentlichen Plural existieren (Neu-Hebriden). K Dann wird 
aber auch von einer gewissen Tendenz berichtet, diese Plural- 
gebilde, zuerst den Trial, dann erst den Dual aufzugeben. 
„Junod weist auf eine Spur des Duals hin, die sich in der Ronga- 
spräche vereinzelt findet. Die Geschichte der griechischen Sprache 
zeigt einen fortwährenden Verfall des Duals, der sehr bezeichnend 
ist. 2 Wenn auch nicht den Dual, so findet man doch andere 
Doppelformen auch in den moderneren Sprachen vor. „Des- 
gleichen wird der Begriff der Person in unseren Sprachen stets 
zweimal ausgedrückt: einmal durch das Pronomen (oder durch 
den Namen), der als Subjekt dient, ein zweites Mal durch die 
Form des Verbums. Und hier gewahrt man den Ursprung dieser 
Pleonasmen: er liegt in der Entwicklung unserer Sprachen. Die 
alte Sprache, wie die lateinische, braucht kein Subjektpronomen 
neben dem Verbum; die Person war in der Verbalform selbst 
angezeigt. Als diese Verbalformen allmählich abschwächten, ver- 
spürte man das Bedürfnis, die Hindeutung auf die Person zu 

i) a. a. O. S. 97. — Daß hier auch die Mittebevorzugung im 
Spiele ist, sei nur erwähnt. — Baß das oben angedeutete egoistische 
Motiv allein keine genügende Erklärung gibt, ergibt sich daraus, daß 
bei vier Teilnehmern eine Fünfteilung' mit Verschwindenlassen eines 
Stückes -möglich wäre ^ — aber nicht geschieht. 

2) Nach Levy-Brühl, Das Denken der Naturvölker (Deutsche Aus- 
gabe, herausgegeben von Jerusalem), 1921, S. 116 bis laj. 




mm 



s " Psychoanalyse und Logik 



präzisieren, indem man ein Pronomen hinzufügte, aber man be- 
hielt gleichzeitig alle persönlichen Verbalformen bei." Und dazu 
die Anmerkung : „Das ist ein Phänomen der Wiederverdoppelung, 
analog demjenigen, welches* das französische aufourd'hui (hui 
— hodie) und im volkstümlichen Französischen.- au jourd' au- 
jourd'hui hervorgebracht hat." „Ebenso ersetzen die Präpositionen 
gewissermaßen die Kasus, dennoch aber fährt man fort, die Kasus 
zusammen mit den Präpositionen zu verwenden. Das heißt den 
Gedanken zweimal auszudrücken. Augenblicklich sind die Kasus 
in den romanischen Sprachen so ziemlich verschwunden und 
durch Präpositionen (vorteilhaft) ersetzt." „Man sieht . . ., daß 
die unbewußte volkstümliche Logik, welche die Evolution unserer 
Sprache lenkt, einen allgemeinen Hang zur allmählichen Eli- 
mination der doppelten Gebrauchsweise und überflüssigen Wieder- 
holung in sich trägt." 1 Man sieht aber auch, das können wir 
vorausgreifend hinzusetzen, die Rolle der Überkompensierung. 

Auch das Zählen soll ursprünglich nicht mit Hilfe der 
„Einheit stattfinden. So sagt Haddon von den Eingebornen 
der westlichen Stämme der Meerenge von Torres: „Ich habe eine 
deutliche Tendenz bemerkt, nach Gruppen zu je zwei oder nach 
Paaren zu zählen." Und Codrington berichtet: „Auf derHerzog- 
York-Insel zählt man nach Paaren und man gibt den Paaren 
je nach der Zahl, um die es sich handelt, verschiedene Namen. 
Die polynesische Methode des Zahlengebrauches ließ immer 
zugleich darunter stillschweigend mitverstehen, daß es sich um 
so und so viele Paare und nicht um so und so viele Gegenstände 
handle. Hokorua (so) bedeutete 40. " a 

Die Rolle der „Zweiheit" faßt Levy-Brühl folgendermaßen 
zusammen: „Die Zweiheit setzt sich der Einheit durch die 

1) Gouturat, a. a. O. S. 195 und 194. 

2) Levy-Brühl, a. a. O. S. 167. 



Der Dualschritt 27 



symmetrisch antithetischen Merkmale oft entgegen. Sie bedeutet, 
bringt mit sich, bewirkt das Gegenteil dessen, was durch die Einheit 
bedeutet, mit sich gebracht, bewirkt wird. Dort, wo die Einheit ein 
Prinzip des Guten, der Ordnung, der Vollkommenheit, des Glücks 
ist, ist die Zweiheit ein Prinzip des Bösen, der Unordnung, der Unvoll- 
kommenheit, ein Zeichen, d. h. eine Ursache des Unglücks. Viele 
Sprachen haben in ihrem Wortschatz die Spuren dieser Entgegen- 
setzung aufbewahrt (,zwei Seelen haben', ,Doppelgänger' etc.)" 1 

Bemerkt sei, daß Emil Lorenz entwicklungspsychologisch 
das Grundschema aller psychischen Erlebnisse, also das primäre 
Totalerlebnis im Mit- und Füreinandersein von Mutter und Kind, 
in diesem psychischen Integral vom Typus des Dualschrittes 
erblickt. 3 

Bei den Griechen erscheinen die Heroen oft zu zweit. Sehr 
oft stehen zwei an der Spitze des Volkes, so sind in Sparta zwei 
Könige. Nach der Iliade haben die Völker je zwei Führer (so 
die Thessalier Polipoites und Leonteus, die Korier, Orchomerder, 
Phokier, Ithonier haben je zwei Heerführer). Auch die Römer 
führen die Gründung der Stadt auf Romulus und Remus, also 
auf zwei Brüder, zurück. Ebenso sind die Sagen aus Südamerika 
durch das Zweibrüdermotiv charakterisiert. Besonders vorherr- 
schend ist die Zweier-Gruppe bei den Australiern. 

In vielen Sagen wird von zwei Heroen erzählt. In den Aranda- 
Sagen kommen vor : zwei Schlangenmenschen, zwei Adlermenschen, 
zwei weiße Schlangen, zwei schwarze Schlangenmenschen, zwei 
Wildkatzenmenschen, zwei große weiße Vogelmenschen, zwei 
Froschmenschen, zwei Puppenmenschen, im einen zwei Frauen, 
im anderen zwei Männer. Bei den Kulinen hat der Obergott zwei 

1) Daselbst, S. 182. 

2) E. Lorenz, Der Mythus der Erde. Imago 1922, Bd. VIII, S. 273 
bis 274. 




s ° Psychoanalyse und Logik 



Frauen, bei dem Juni-Stamme hat der Obergott zwei Mütter, Bei 
den Arandas spielen in den Riten sehr oft zwei Menschen eine 
Rolle, oder zwei ältere und mehrere jüngere Leute. Überhaupt 
hat der primitive Mensch „die Zweier-Zahl auch auf Grund der 
Zahlenreihe lieb gewonnen, er verlangt und er fördert spater, 
daß seine Lieblingszahl auf alle räumliche Dinge und in jedem 
räumlichen Verhältnis Anwendung finde". Auch die gesellschaft- 
lichen Verhältnisse basieren — in Australien — auf einer Zwei- 
teilung. Das Zweier-Zahlensystem wurde nach einer gewissen 
Zeit von dem Vierer*System abgelöst. x 

Die Entwicklung der abendländischen Kultur weist in der 
Schule der Pythagoreer (wenn auch nicht beglaubigt als alt- 
pythagoreisch) eine entschiedene Dual-Denkrichtung auf. Hier 
heißt es, die Gründe der sinnlichen Erscheinungen können nur 
in der Einheit und in der aus dieser entstandenen „unbe- 
stimmten Zweiheit" liegen; alle logischen Kategorien wären auf 
diese zwei Prinzipien zurückzuführen. Eins und die unbestimmte 
Zweiheit soll gleichbedeutend sein mit Gott und Materie 
(Mater!), „das Eins nannten sie das Ungerade, das Männliche, 
das Geordnete usf., das, was der Einheit entgegengesetzt ist, das 
Gerade, das Weibliche, das Ungeordnete usw." Auch wurde 
die Einheit mit dem Guten, der Vernunft, der Gottheit, die 
unbestimmte Zweiheit aber mit dem Bösen, der Materie, den 
Dämonen identifiziert. Zaratas habe das Eins Vater, die Zweiheit 
Mutter (der Zahlen) genannt, die ungeraden Zahlen, insbesondere 
die Einheit, habe Pythagoras selbst als männlich, die geraden, 

1) Die Daten dieses und des vorangehenden Absatzes aus: Dr. Bibö 
Istvan, A szamok jelentese es a gondolkodas alapformainak törtenete. (Die 
Bedeutung der Zahlen und die Geschichte der Grundformen des Denkens.) 
1917. 1. Heft der „Neplelektani dolgozatok" (Völkerpsychologische Ar- 
beiten), redigiert von G. B 6 he im. 



Der Dualschritt 29 



namentlich die Zweiheit, als weltlich bezeichnet. Den Grund 
von allem sollen sie Monas und, Dyas genannt haben. 1 

Die Wichtigkeit der „Zwei" in der Geistesgeschichte er- 
wähnt auch der . Sprachforscher Max Müller, er sagt, zwei sei 
„in jeder Hinsicht der erste Begriff , 2 

Eine psychoanalytische Bearbeitung fand von den völkerpsycho- 
logisch beobachtbaren Dualschritten das Doppelgängermotiv in 
Ranks Studie „Der Doppelgänger"^ Den tiefsten Grund für die 
Entstehung dieses Motivs findet Rank im primitiven Narzißmus. 
„Daß es tatsächlich der primitive Narzißmus ist, der sich gegen die 
Bedrohung sträubt, zeigen mit aller Deutlichkeit die Reaktionen „in 
denen wir den bedrohten Narzißmus mit verstärkter Intensität sich 
behaupten sehen; sei es in der Form der pathologischen Selbstliebe, 
wie in der griechischen Sage oder bei Oskar Wilde, dem Vertreter 
des modernsten Ästhetentums, sei es in der Abwehrform der patho- 
logischen, oft bis zum paranoischen Wahnsinn führenden Angst 
vor dem eigenen Ich, das im verfolgenden Schatten, Spiegelbild 
oder Doppelgänger personifiziert erscheint. "+ Als besondere Kränkung 
des narzißtischen Ichs wird auch der bevorstehende Tod besonders 
hervorgehoben, und diese Kränkung findet im Doppelgänger eine 
Lösung. Wir wollen hier nur bemerken, daß durch diese Ab- 
leitungen zwar das Doppelgängermotiv uns verständlich geworden 
ist, doch der Dualschritt selbst, welcher seinerseits dieses Motiv 
ermöglicht, damit noch keine Lösung gefunden hat. Das Doppel- 
gängermotiv konnte nur auf Grund des üblichen Dualschrittes 
entstehen j zu seiner Entstehung brauchte es natürlich auch inhalt- 
licher Motive, die eben durch Rank klargelegt worden sind. 

1) E. Zell er, Die Philosophie der Griechen, 1876V I, 350 bis 346. 
a) M. Müller, Das Denken im Lichte der Sprache, 1888, S. 60. 

3) Imago, Bd. HI, 1914. 

4) a. a. O. S. 164. 



5° Psychoanalyse und Logik 



ANHANG 
Der DucHßchritt in der Biologie 

Ein großer „Schritt" in der organischen Entwicklung, einer 
der mächtigsten Schritte überhaupt, ist die Kopulation zweier 
artglexcher Individuen, die sich schon bei den Protisten 
zeigt, und in der Entwicklung zum Geschlechtsdimorphis- 
mus führt. Das Gebiet des Dimorphismus in der Biologie greift 
aber weiter als die Zwiegestaltung der Geschlechter, da trifft man 
doch schon einen Kerndualismus (somatische und geschlecht- 
liche Kernteile) an. Die lateralsymmetrische Anordnung 
der höheren Lebewesen mit der doppelten Anlage der Organe 
zeigt wieder einen Dualschritt in der organischen Entwicklung 
Die sogenannten Mißbildungen können großenteils auf biolo- 
gische Dualschritte zurückgeführt werden (Superregeneration 
z. B, Cauda bifida, Gemini, Duplicitates).* 



Aschoffs Palolo ^ ' Ä ^^ CStÖrUI * en dßS *«***.*) in 

Aschoffs Patiiologxsche Anatomie, x 9 o 9 . „Die Doppelbildungen beruhen 
auf emer pnmären, sehr frühen Teilung des Eimaterials.« 



III. ERFAHRUNGEN UND ERKLÄRUNGEN 
IM FALLE DL. 

Haben wir im vorhergehenden Abschnitt die interindivi- 
duelle Verbreitung des Dualschrittes bei primitivem Geiste kennen 
gelernt, so fragt es sich nun, ob die Analyse eines Falles irgend- 
welche Aufklärungen über die Genese des intra- und interindivi- 
duell verbreiteten Schrittes geben kann. Die Beobachtung eines 
— noch dazu ins Biologische verfolgbaren — Charakterzuges der 
primitiven geistigen Organisation im seelischen Gefüge eines 
höherentwickelten Individuums besagt ja nur, daß hier eine 
gewisse Regression stattgefunden hat; dieses Individuum borgt 
sich etwas aus der Vergangenheit aus, es schafft aber nichts 
Neues. Wollen wir die Analyse eines solchen Falles für die 
allgemeine Erklärung der Genese des Schrittes nutzbar machen, 
so müssen wir die Arbeitshypothese aufstellen, daß dasjenige, 
was diese spezielle individuelle Regression in Gang setzte, mit 
demjenigen eng verknüpft sein muß, was bei der ersten 
„Schöpfung" des Schrittes im primitiven Geiste eine wesentliche 
Rolle spielte; und dasjenige, was diese spezielle individuelle 
Regression aufrechterhält und zu verbreiten trachtet, mit dem- 
jenigen verbunden sein muß, was bei der Aufrechterhaltung 
dieses gewissen Schrittes im primitiven Geiste anwesend war. 
Nur muß es hier, im primitiven Geiste, stets etwas Allgemein- 
Menschliches gewesen sein. Wir bemerken noch, daß eine 



32 



Psychoanalyse und Logik 



gewisse Analogie zwischen dem Schritt im primitiven Geiste nnd 
» entwickelteren Individnnm auch in jenem Sinne vorliegt 

h a J\t "I dnem dWnn - «» ^^che NeuschöpfuTg 
Welt, sondern auch das primitive Denken auf regresLm 
Wege steh an vorgebildete, hier biologische Schritte anzuklam- 
mern scheint, 

Kind^ 'T 1US einer ^^Hchep Familie, sie ist das dritte 
Kmd threr Eltern nnd das zweitgeborene Mädchen, ha. also 
emen alteren und einen jüngeren Brnder nnd eine ältere 
« Wer. Dm Mntter tagsüW ^ Geschäfte .^ _ 

hohen Maates tätig, überließ die Pflege der Kinder den Dienst- 
madchen. Es war sprichwörtlich bei ihnen, daß die Kinder von 

dm Ma g d, dm mehrere Jahre hindurch, bis zn ihrem fünften 
Lebensjahre, die Arbeiten verrichtete nnd für die sie wärmere 
Gefühle hegte. Besonders intim wnrde das Verhältnis zwischen 
Dmnstinagd und Kind, als die Mutier - Dl. war damals drei" 
einhalb Jahre alt - ein kleines Brüderchen zur Welt brachte 
Es war cum tiefgehende Kränkung, die sie da erlitt, sie fand sich 
da real von der Mntter übertrumpft: sie wollte ein Kind be- 

£~ " M »« M '>*am ■-• Sie *»«* sich damals von 
der Mutter ab und übertiug ihre abgezogenen Gefühle provi- 
sorisch auf .he Dienstmagd. Unter den Kindern hatte Dl das 
Schtcksal erleben müssen, daß sie zwischen den beiden neben- 
etnandergesteUten Betten der Eltern lag und so zur Nachtzeit 
das Ltebessptel der Eltern gewahr wurde (der Vater war schwer- 
horzg u n d auch deswegen fielen da vermutlich stärkere Laute). 
Darüber taon S ie viel erzählen, auch über die Phantasien, daß 
- dm Rolle der Mutter gerne übernehmen wollte. Einmal, sie 
mochte damals ungefähr ach, Jahre alt gewesen sein, reiste die 
Mutter ab, ile lag also allein mit dem Vater, und da hörte sie 



Der Dualschritt 55 



zu nächtlicher Zeit den Vater sich int Nebenzimmer mit einem 
Dienstboten abgehen. Sie änderte bald ihre Taktik zur Eroberung 
des Vaters, dessen Lieblingskind gerade sie war. Dl, identi- 
fizierte sich mit ihm,, übernahm für eine kurze Zeit auch seine 
schlechten Gewohnheiten, ohne aber die Identifizierung mit 
der Mutter aufzugeben. Diese Identifizierungen wanderten dann 
auf den älteren Bruder und auf die Schwester über. In der 
Analyse mußte ausgesagt werden, daß sie selbst eigentlich 
keinen Raum im eigenen seelischen Leben und Wirken hatte: 
sie lebte als Weib in der Schwester 1 (Mutter), in ihr lebte 
ein Mann, der Bruder (Vater). Sie war ja Studentin, gab auf das 
Äußere, auf Kleidung so viel wie gar nichts, hielt sich nicht 
für heiratsfähig, wollte ihr Brot selbst verdienen. 

: Da ist schon ihre Unzufriedenheit mit ihrem Geschlechte, 
mit ihrem Genitale durchsichtig. Die Geburt ihres Brüderchens 
war auch da (aktuell) ausschlaggebend; wahrscheinlich sah sie 
das Genitale des. Kleinen bald nach der Geburt, auch verstand 
sie etwas vom Vorgange der Geburt (nämlich, daß die Geburt 
eine Körperschädigung der Mutter mit Blutung bedeutet), die 
baldige Zirkumzision des Brüderchens sah sie auf einen Augen- 
blick und verstand sie ■ — auf ihre Weise — später sehr gut, 
sie wurde auf eine reale Kastration aufmerksam gemacht. Sie 
besitzt etwas nicht, dachte sie, was die Knaben besitzen und 
was man abschneiden kann. In der Pubertät, mit dem Eintritt 
der Menstruation, der Kastration bedeutenden Blutung (bedeutet 
auch, daß keine Befriedigung, keine Befruchtung stattfand, auch, 
daß die Gravidität aufgehört hat), kam sie auf einen neuen 
Gedanken, um ihren Kastrationsmakel zu kompensieren, Ihr 
Interesse wendete sich den Brüsten zu, die sich bei ihr nur 



• i) Sie versprach sich in der Analyse öfters, als . sie. den Bräutigam 
der Schwester erwähnte; sie nannte ihn „mein" Bräutigam» 
5 Hermann 



34 Psychoanalyse und Logik 



langsam entwickelten, und sie massierte sie, um schöne, volle Brüste 
zu bekommen. Sie fühlt auch seither oft Jucken der Brüste und 
beobachtet beim Waschen sofortige Erektion der Brustwarzen. 
Zwischen den beiden Brüsten ist die Hautstelle besonders kitzlig, 
und sie muß sich hier oft reiben, ohne dem Drange widerstehen 
zu können (verschobene Onanie). Die Brüste beschwichtigten 
ihre Kastrationsgedanken: sie hat ja nicht nur ein Organ, 
sie hat deren zwei. 1 Und nun, das Erlösungswort war dal 
Diese Zwei sind aber auch Zeichen, Eigenschaften der Mutter- 
schaft. Und je weiter die Analyse fortschritt, um so klarer wurde 
es, daß sie das Zweierverhältnis von Mutter (Vater) und Kind 
herstellen möchtet (Besonders das Agieren in der Analysen- 
stunde sprach dafür.) Sie möchte ein Kind haben und möchte 
ein Kind sein. Auch in ihrem Berufe möchte sie sich mit 
Kindern beschäftigen. Was wegen ihrer „Degeneration" ihrer 
Ansicht nach ihr nicht vergönnt wird, das ist ein eigenes Kind 
(Penis) zu haben; sie muß stets kastriert bleiben — und da ■ 
sagen die Brüste, daß sie zwei große erektile Organe besitzt, und 
daß sie Mutter werden kann. Die Brüste der Mutter haben 
natürlich ihre starke Oralerotik — ständige Kußphantasien noch 
heute — damals, als sie selbst ein Kind, Säugling war, befriedigt. 
Wir müssen noch eine Bichtung ihres Denkens angeben, 
d. i. den Prostitutionsgedanken. Auch hier waren es aktuelle, 
reale Erlebnisse, die den nie schlummernden, aus der Identifizie- 
rung mit der sich dem Vater ergebenden Mutter stammenden 
Komplex zur oft kaum ertragbaren Höhe emporschießen ließen: 
ein naher Verwandter war Bordellbesitzer und Dl. beobachtete 
als kleines Mädchen einiges vom dortigen Schalten und Walten; 

1) Vgl. Rank, Das Trauma der Geburt, 1924, S. 25. 

2) Man. darf nicht vergessen, daß die Analyse selbst eine Dual- 
Situation, ebenso wie sie auch, eine Umkehr -Situation herstellt. 



Der Diialsckritt 



35 



sie sah, daß mehrere Mädchen beisammen sind, die sie für schön 
fand und die sich Männer auswählen. Die Überzeugung, daß 
eigentlich das Mädchen das Recht der Liebeswahl für sich be- 
ansprucht, und daß der sexuellen Betätigung schöner Mädchen 
keine Hindernisse entgegenstehen, ließ sie sich nie ruhigen Ge- 
wissens unter Männern bewegen; daß sie sich im Unbewußten 
nicht für unberührt hielt, hängt damit und mit den Phantasien 
sowie mit dem realen Erlebnis in dem Eisenbahnwaggon zu- 
sammen. Erst nach mehrmonatiger Analyse stellte sich heraus, 
daß sie als Kind noch ein Bordell von der Nähe, wenn auch 
nur von außen, besichtigen konnte; es stand nämlich in der 
nächsten Seitengasse von ihrer Wohnung aus ein Bordell. 

Es wäre noch zu erwähnen, daß sie ähnliches Jucken, wie 
an den Brüsten, manchesmal auch an den Zehen beider Füße 
fühlte, ebenfalls mit dem unüberwindlichen Drang, zu reiben. 
Es liegt auch hier der Versuch vor, die Genitallibido auf ein 
Doppelorgan zu übertragen, und zwar wurden jetzt — mit Rand- 
bevorzugung — die Füße gewählt. 

Gruppieren wir das so skizzierte Material, so erhalten wir 
folgende Kreise: 

1 . Der Kreis des ö dipus-Komplexes , des Familienkomplexes 
mit Verschiebungen der Identifizierungen auf die Geschwister. 
Hieher gehört auch die Übertragung der Liebe für die Mutter 
auf den Mutterersatz, auf das Dienstmädchen. 

a, Identifizierung mit Männern und mit Frauen. Es ent- 
steht eine doppelt angelegte Persönlichkeit. 

5. Kastrationskomplex und dessen Überkompensierung. 

4. Kind sein und Kind haben wollen. 

5. Prostitutionsgedanken. 

6. Verschiebung der Genitallibido auf Doppelorgane, auf die 
Brüste, Füße. 

3* 



36 



Psychoanalyse und Logik 



Alle diese Kreise — vielleicht mit Ausnahme von Punkt 6 — - 
bilden eigentlich, im Grunde allgemein menschliche (weibliche) 
Kreise. Besondere reale Verhältnisse kamen aber der Entwick- 
lung mehrerer dieser Richtungen entgegen, und zwar: 

Ad i. Geschwisterzahl. Dienstmädchen als Mutterersatz. 
Schwerhöriger, unverläßlicher, vor der reiferen Kritik nicht stand- 
haltender Vater. 

Ad 5. Die Geburt und die selbstbeobachtete Zirkumzision 
eines Brüderchens, in einer Zeit, in welcher die Kastrations- 
gedanken sich auch sonst stärker regen, 

Ad 5. Naher Verwandter als Bordellbesitzer. Besuche als 
kleines Mädchen in diesem Hause. Ein zweites Bordell in der 
Nähe der Wohnung. 

Konstitutionell-psychosexuelle Zustände gruppieren sich etwa: 
Ad a. Auffälligere bisexuelle Anlage. Sie traut sich auch mit 
Mädchen keine innigere Freundschaft zu schließen, aus Furcht, 
ihre libidinösen Strebungen könnten sich hier verankern. 

Ad 6. Zeitweilig verdrängte, aus der Verdrängung durch 
Onanieschübe aufgehobene Genitallibido. Starke Orallibido. 

In unserem Fall Dl. haben wir den durch die Üb er kom- 
pensierung des Kastrationskomplexes hervorgelockten spe- 
ziellen Dualschritt, welcher zu den Brüsten führte, als denjenigen 
Schritt erkannt, welcher der Befriedigung auch sonstiger mehr 
oder weniger verdrängter Wünsche diente. Damit wäre das intra- 
individuelle Wiedererscheinen des primitiven Dualschrittes 
auf eine verständliche Grundlage zurückgeleitet. Hat unsere Arbeits- 
hypothese ihre Berechtigung, dann muß auch weitergehend gesagt 
werden, daß das originelle Erscheinen des Dualschrittes im primi- 
tiven Geiste aus der Quelle des allgemein menschlichen Kastra- 
tionskomplexes entsproß und ein Befriedigungsschritt gegenüber 
dem allgemein menschlichen Kastrationsgedanken war. Die Kreise, 



Der Dualschritt 57 



welche im Dualschritt ihre Befriedigung fanden, sind mit Führung 
des Kastrationskomplexes auch noch enger zu fassen. Die allgemein- 
menschliche Grundlage der Kastration ist ja schon von F„ Alex-' 
ander beschrieben worden; 1 wir wollen aber nicht, auf Grund 
einer gewissen Randbevorzugung, nur die Geburt zur Rechen- 
schaft ziehen, sondern ebensosehr die ständige, nur zur Zeit des 
Saugens — dessen Kastrationsgedanken bestimmende Rolle in 
Stärcke 2 den literarischen Bearbeiter fand — aufgehobene ge- 
waltsame Trennung des Kindeskörpers von der Mutter. Eine ge- 
waltsame Trennung ist dies insofern, als nach der Belehrung 
durch die Phylogenese, der natürliche, ständige Ort des Säug- 
lings monatelang am Körper der Mutter wäre; der menschliche 
Säugling ist auch so gebaut, daß er sich am mütterlichen Körper 
recht wohl anklammern konnte. 3 Das Anklammern selbst wäre 
die Funktion von zweimal zwei Organen (Hände, Füße), von 
welchen ein Paar ■ — die Füße — bereits im ersten Lebensjahre 
sein Ersatzobjekt in der Mutter — Erde findet. Bei den primitiven 
Völkern besteht noch heute die Tendenz, das Kind möglichst 
den ganzen Tag lang und möglichst mehrere Jahre hindurch 
mittels Bändern, Kleidungsstücken usw. am mütterlichen Körper 
festzuhalten. Die Grundlage des Dualschrittes wäre also vom Stand- 
punkte der Befriedigungswirkung das gewaltsame Aufheben 

1) F. Alexander, Kastrationskomplex und Charakter. Internationale 
Zeitschrift für Psychoanalyse, VIII, 1922. 

2) A. Stärcke, Über den Kastrationskomplex, Internationale Zeit- 
schrift für Psychoanalyse, VII, 1921. 

5) Vgl, Zur Psychologie der Schimpansen. Internationale Zeitschrift 
für Psychoanalyse, X, 1923, — Dieses Anklammern an die Mutter wäre 
der erste Wiederherstellungsversuch des intrauterinen Lehens, im Sinne 
des „Trauma der Geburt" (Rank); und als erster Versuch muß es ebenso 
berücksichtigt werden, wie die „erste Losung vom ersten Liebesobjekt". 
(Rank, 1. c. S, 8.) 



38 



Psychoanalyse und Logik 



dieser individuellen Doppelexistenz (vor der Geburt besteht kein 
In di vi dual Verhältnis zwischen Mutter und Frucht, die Mutter 
ist dort nur „Außenwelt" der Frucht, oder sie ist ein „Körper- 
teil" der Frucht). 1 Dieses allgemein menschliche Schicksal wäre, 
wenn auch keine Kastration im wahren Sinne, so doch ein 
Kastrationsmodell,- ein Modell der Kastration, das zu seiner 
gedanklichen Verarbeitung den Weg zu Doppelgestalten schon 
vorfindet. Im Falle Dl. war, wie wir sahen, das Sehnen nach so 
einem Doppelverhältnis (Punkt 4) sehr stark vorhanden. 

Durch die Befriedigungswirkung kommt es dann leicht dazu, 
daß der Schritt, der hier zur Befriedigung führte, sich auch 
anderswo Geltung verschafft, doch die Evidenz, die Überzeugung, 
daß dieser Schritt für das nach richtigem Verhalten und Denken 
trachtende Ich auf vielen Gebieten auch richtig zu verwenden 
ist, folgt daraus noch nicht im geringsten. Hier drängt sich 
folgender Gedanke auf: Das Kindhabenwollen entspricht dem 
(biologischen) Menschen 1 Ideal; die zwei gut entwickelten Brüste 
entsprechen dem allgemeinen weiblichen Körperideal (auch 
dem unserer Patientin DL, dann denke man auch an die prä- 
historischen Funde von Frauengestalten!). Hier sehen wir also 
einige der gefundenen Kreise an 'Idealbildungen grenzen; 
sollte nicht gerade hier die Lösung der Frage verborgen sein, 
sollte nicht eine Übertragung der „Richtigkeit" von gewissen 
Idealbildungen aus auf eine nächste Idealbildung, auf das idea- 
lisierte Weltbild, mit Führung der Befriedigungswirkung, 
stattfinden? Besonders müssen wir die Prostitutionsgedanken 
(Bordell-, Haremgedanken) mit dem Dualschritt im ödipus- 
Konflikt konfrontieren. Der Ödipus-Komplex läutete in einem 
seiner Lösungsversuche — im Hordenzustande, nach der Über- 



1) S. Ferenczi, Introjektion und Übertragung, Jahrbuch I, 1 



9°9< 



Der Dualschritt 39 



windung des strengen Ödipuskonfliktes — sicher nicht: „nur 
ich", sondern „ich auch"; so findet der Duals chritt auch im 
Kreise des Ödipus-Komplexes seine Befriedigung. Mit 
dem Gedanken des „Ich auch" war eigentlich der Ödipuskon- 
flikt in seiner strengen, nur die Extreme zulassenden Fassung 
schon der "Verdrängung übergeben. Dl. suchte in ihren Phanta- 
sien die Mutter nicht mehr zu beseitigen, sie wollte sich einen 
Platz neben ihr (d. h. eben in einem Dualverhältnis dem Vater 
gegenüber) sichern. Wir merken uns also, daß durch den Dual- 
schritt im Ödipus-Komplex eine Befriedigung nur nach 
der Überwindung des strengen Ödipuskonfliktes ent- 
stehen kann, somit merken wir, daß der Dualschritt im Rahmen 
des Ödipus-Komplexes das Verhältnis zu den ersten Ich- und 
Liebesidealen bestimmt, aber nur in einem gewissen Überwin- 
dungsstadium des strengen Konfliktes. Hier wollen wir aber vor- 
läufig abbrechen. Nur noch einen kurzen Hinweis darauf, daß 
die vorhandenen realen Gegebenheiten (z. B. Brüderzahl, zwei 
Bordelle), die in Dualschritten zu denken sind, zur Verstärkung 
der sich aus inneren Gründen emporschwingen wollenden Evi- 
denz recht wohl beisteuern konnten. 

Der Dualschritt hat natürlich auch Relationen zum Wieder- 
holungzwang, also zum fraktionierten Wiedererleben er- 
littener Schädigungen, er ist aber seine Randerscheinung, der 
Rand des Wiederholungszwanges und unsere Frage liegt darin, 
welche Motive außer der Randbevorzugung den Dualschritt 
bestärken. In der Überdeterminiertheit sehen wir auch hier die 
Lösung des Problems. 



ka 



IV. DUALSCHRITTE IN DER SCHÖNEN LITERATUR 

IHR ZUSAMMENHANG MIT DER SEELISCHEN KONSTI- 
TUTION UND DEM ERLEBNIS DES SCHRIFTSTELLERS 

Die Dualschritte, die in Ranks oben erwähntem Aufsatze 
unter dem Gesichtspunkte des Doppelgängermotivs aus der Lite- 
ratur zusammengestellt sind, sollen hier mit Hinweis auf diese 
ausführliche Arbeit nur erwähnt werden. 

Weiterhin spricht Rank vomDioskurenmotiv bei Goethe, 
als einem seiner beiden typischen Motive. Dieses Motiv sei „eine 
spezifische Ausgestaltung des Liebeskampfes zweier Männer um 
ein Weib in der besonderen Form, daß der Bruder als Schützer 
und Retter der Schwester ihrem Bewerber, Liebhaber oder Gatten 
gegenüber erscheint"; „das zweite Komplementärmotiv" soll dann 
das Schwanken des Mannes zwischen zwei Frauen sein. 1 Goethes 
Stellung in seiner Familie — eine Schwester, eine Zeitlang ein 
Bruder — ist dem psychoanalytischen Leserkreis bekannt. Ich 
vermute auch, wie anderen Ortes ausführlicher erörtert werden 
soll, daß die Doppelorgane (Hände, Brüste) bei Goethe erogenisiert 
waren und in ihm sexuelle Phantasien erregten. 

Bei G. Keller sind Dualschritte ganz auffällig und auf 
Grund der Bearbeitung Hitschmanns 2 auch der Analyse zu- 

1) O. Rank, Das Inzestmotiv, 1912, S. 507 u. ff. 

2) E. Hitschmann, Gottfried Keller, Psychoanalyse des Dichters, 
seiner Gestalten und Motive, 1919. (Internationale Psychoanalytische Bihlio- 



Der Dualschritt 4.1 



gänglich. Nicht zu übersehen ist hei Keller die Spaltung, der 
Liehe in zwei Teile (sinnliche und geistige Liehe), bedingt durch 
die intensive Fixierung infantiler Neigung an "die Mutter (Hitschf 
mann, S. 50), In seiner Unentschlossenheit hei der Liebes- 
werbung müssen wir aber außer auf die Angst vor der end- 
gültigen Bindung, also außer der Wirkung des Ödipus-Kom- 
plexes auch auf den Kastrationskomplex rekurrieren. Einige 
Traume zeigen nun den Dualschritt ganz klar: (Nach einer 
Traumszene, in welcher eine schlanke Weihsperson mit einem 
toten Kinde erscheint.) „Es war jetzt ganz Nacht geworden. Eine 
weiche, weiche Hand 5 faßte die meine. Ein ganz unbekanntes 
fünfzehnjähriges Mädchen, dessen Augen ich in der Dunkelheit 
funkeln sah, flüsterte mir ins Ohrj Gottfried Keller, komm, wir 
wollen zu mir heim gehen! und zog mich geschickt und sachte 
aus dem Gedränge. Wir gingen durch allerlei dunkle Gäßchen, 
nie ich in Zürich bisher gar nicht gekannt harte und : die auch 
nicht existieren. Das Mädchen schmiegte sich an mich und war 
ein unsäglich buseliges und liebliches Wesen, welches mich unf 
gemein hehaglich machte; ich verwunderte mich auch nicht, als 
auf einmal ihrer zwei daraus wurden, deren jede an einer meiner 
Seiten hing. Sie waren ganz gleich, nur mit dem Unterschiede 
einer etwas jüngeren und älteren Schwester. Als wir in einem 
Sackgäßchen angekommen vor einem hohen, schmalen Hause 

thek, Nr. 7.) — Es soll hier auch auf die von Hits chmann als solche 
erkannte „fakultogene" Rolle der starken Oralerotik (Trinklust, Eßlust, 
K.ußfeinschmeckerei) : bei Keller hingewiesen werden, dann auf den Toten- 
komplex, wie z. B, aus der Rede einer Schlange in einem Traume 
ersichtlich: „So- ist es mit euch Leutchen! Man muß immer tot scheinen, 
wenn man von. euch respektiert werden soll." („Traumbuch", 15. Sep- 
tember 1847.) 

1) Die durch die Verdoppelung hervorgehobene Weichheit der Hand 
läßt uns auch auf die bestehende Erogenität der Hand denken. 



IM 



4 a Psychoanalyse und Logik 



standen [die früher erschienene Weibsperson war „schlank", 
„hoch !], hießen mich die Kinder leise und behutsam gehen. 
So stiegen wir viele enge und steile Treppen hinan, jeden Tritt 
berechnend in der schwarzen Finsternis, sie führten mich an 
beiden Händen, oftmals hielten wir an, und die guten Mädchen 
suchten dann mein Gesicht und küßten mich herzlich, aber vor- 
sichtig auf den Mund; sie konnten, wie mich dünkte, die Küsse 
sehr gut und vollkommen ausprägen, ohne Geräusch zu machen, 
sie fielen von ihren Lippen, wie neue goldene Denkmünzen auf 
ein wollenes Tuch, ohne zu klingen ... die Mädchen sagten, 
daß viele alte, böse Weiber in den benachbarten Dachkammern 
wohnten, welche ihnen immer aufpaßten und jede Freude zu 
verbittern suchten, wenn eine aufwache und uns höre, so seien 
wir des Todes . . . Sie setzte sich nieder ans Tischchen und bot 
mir ihre weißen jungen Schultern zum Liebkosen, da fuhr sie 
plötzlich zusammen und sagte: Herr Jesus, die Weiber kommen! 
. . . Ein Ziegel wurde aufgehoben, eine lange, magere Hand 
langte herein, tappte herum und erwischte meine Haare, welche 
gen Berg standen, das Blut schien in meinen Adern zu gerinnen, 
als ich erwachte und tief aufatmete." („Traumbuch", 5. bis 
6. August 1846.) 

Man kann schon hier den Gedanken nicht abwehren, es sei 
die Dualität mit der Liebe der Busen im Zusammenhange, auch 
die Wirkung des Kastrationskomplexes — am Ende des Traumes 
— soll nicht unerkannt bleiben. 

Fester mit diesem Komplex verknüpft erscheint der Traum 
vom 3. Dezember: Es träumte ihm von einem großen Gabel- 
weih, der sich ihm näherte, doch kaum mehr fliegen konnte. 
„Da lief ich schnell weg in die Küche, um etwas Speise für ihn 
zu holen. Ich fand mit Mühe etwas, und als ich hastig damit 
wieder am Fensler erschien, lag er schon tot am Boden in den 



Der Dualschritt 43 






Händen eines kleinen lausigen Jungen, welcher die prächtigen 
Schwungfedern ausrupfte und umherwarf und endlich ermüdet 
den Vogel auf einen Misthaufen schleuderte. Die Nachharn, 
welche ihn endlich mit einem Steine herabgeworfen hatten, 
waren unterdessen auseinander — und an ihre Geschäfte ge- 
gangen. Dieser Traum machte mich sehr traurig; hingegen ward 
ich wieder sehr vergnügt, als ein junges Mädchen kam und mir 
einen großen Strauß Nelken zum Kaufe anhot. Ich wunderte 
mich sehr, daß es im Dezember noch Nelken gebe, und handelte 
mit dem Kinde; sie verlangte drei Schillinge [die Zahl drei!]. 
Ich hatte aber bloß zwei in der Tasche und war in großer Ver- 
legenheit; ich verlangte, sie sollte mir für zwei Schillinge von 
den Blumen absondern, indem nur soviel in meinem Champagner- 
glas, in welchem ich die Blumen gewöhnlich aufbewahre, Platz 
hätten. Da sagte sie: ,Lassen Sie mal sehen, sie gehen schon 
hinein I' Nun stellte sie eine Nelke nach der andern bedächtig 
in das schlanke glänzende Glas, ich sah ihr zu und empfand 
jenes Behagen und Wohlgefühl, welches immer in einen kommt, 
wenn jemand vor unseren Augen eine leichte Arbeit still, ruhig 
und zierlich vollbringt. Als sie aber die letzte Nelke untergebracht 
hatte, wurde es mir wieder angst. Da sah mich das Mädchen 
freundlich und schlau an und sagte: ,Sehen Sie nun? Es sind 
aber auch nicht soviel, wie ich geglaubt habe, und sie kosten 
nur zwei Schillinge/ Es waren indessen doch keine eigentlichen 
Nelken, aber von einem brennenden Rot und der Geruch war 
außerordentlich angenehm und nelkenhaft. ' — Also zuerst 
Kastration, dann Versöhnung im Namen der „Zwei . 

Zur Illustrierung der Verbreitung der Dualschritte bei 
Keller soll noch ein Traum reproduziert werden (ao. Septem- 
ber 1847): „Zwei stattliche, sonnengebräunte Bauern pflügen mit 
starken Ochsen auf zwei Äckern, zwischen welchen ein dritter 



44 



Psychoanalyse und Logik 



großer brach und verwildert liegt. Während sie die Pflugschar 
wenden, sprechen sie über den mittleren schönen Acker, wie er 
nun schon so manches Jahr brach Hege, weil der verwahrloste Erbe 
desselben sich unstet in der Welt herumtreibt, Frommes und tiefes 
Bedauern der beiden Männer, welche wieder an die Arbeit gehen, 
und jeder von seiner Seite her der ganzen Lange nach einige 
Furchen dem verwaisten Acker abpflügt. Indem die Ochsen die 
Pflüge langsam und still weiterziehen und die beiden Züge hüben 
und drüben sich begegnen, setzen die beiden Bauern eintönig 
ihr Gespräch fort über den bösen Weltlauf, führen dabei mit 
fester Hand den Pflug und tun, jeder, als ob er den Frevel des 
andern nicht bemerkte, Die Sonne steht einsam und heiß am 
Himmel," 

Und noch eine Stelle aus den „Sieben Legenden" (Eugenia) : 
Eugenia besuchte alle Schulen der Philosophie, „wie ein Student- 
wobei sie stets eine Leibwache von zwei niedlichen Knaben ihres 
Alters bei sich hatte. Dies waren die Söhne von zwei Frei- 
gelassenen ihres Vaters, welche zur Gesellschaft mit ihr erzogen 
waren und an all ihren Studien teilnehmen mußten. Mittlerweile 
wurde sie das schönste Mädchen, das zu finden war, und ihre 
Jugendgenossen» welche seltsamerweise beide Hyazinthus hießen, 
wuchsen desgleichen zu zwei zierlichen Jünglingsblumen, und 
wo die liebliche Rose Eugenia zu sehen war, da sah man alle- 
zeit ihr zur Linken und zur Rechten auch die beiden Hyazinthen 
säuseln oder anmutig hinter ihr hergehen, indessen die Herrin 
riickwärts mit ihnen disputierte." 

Hitschmann bespricht das Schwanken zwischen zwei ge- 
liebten Wesen bei Keller unter dem Titel: „Das Zwiehan-Motiv." 
Keller schrieb nämlich eine Novelle „Zwiehan", Und da heißt 
es: „Dieser zwischen Cornelia und Afra Zigönia schwankende 
Liebesstreber— , ein Dualist im gewissen Sinne' — ist natürlich 



... , 



Der Dualschritt 45 



zum Schlüsse der leer Ausgehende. Zwiehan heißt; zwei ha(be)n 
(wollen)". 1 Es wäre nun leicht, dieses Motiv außer der angegebenen 
Erklärung noch mit dem Inhalt des vorangehenden Kapitels (in 
Hitschmanns Studie) in Beziehung zu setzen, welches „Die Mutter 
ernährt den Sohn" betitelt wird. Auch heißt es hier: „Die 
stillende Brust selbst war dem Kinde ein unvergeßlicher Eindruck 
geblieben. Das Betrachten der Frauenbrust ist dem grünen Hein- 
rich ästhetischer und erotischer Genuß, Her von ihm selbst auf 
frühen Kindheitseindruck zurückgeführt wird." a Hitschmann 
bringt dann (S. 89 u. ff.) viele Beispiele als Zeugnis für Kellers 
Vorliebe für schone Brüste, Schultern, Arme. (Die Arme 
möchte ich hier einem anderen Zusammenhange zuliebe betonen, 
Keller war nämlich auch zeichnerisch begabt.) 

Es soll nicht unerwähnt bleiben, daß Keller zwei Väter (den 
früh verstorbenen und einen Stiefvater), dann — auch zeitlich 
später, denn die Mutter lebte mit dem zweiten Mann nur, als 
Keller sieben bis neun Jahre alt war — zwei Frauengestalten sich 
gegenüber hatte: die Mutter und die Schwester Regula. 

Wie schon kurz behandelt, zeigt sich auch im Doppel- 
gänger ein Dualschritt. Nun lese ich in der Selbstbiographie 
von C. L. Schleich: 3 „Ich erinnere mich, daß wir darüber 
schon früh nachdenkliche Reden, im Grase sitzend, führten, daß 
man doch eigentlich gar nicht wissen könne, ob nicht immer 
,Wer' mit einem gehe, eine Vorstellung, die sich dann in meinem 
lieben Freunde und späteren Schwager Paul Oelschlaeger schon 
früh in der drolligen Vorstellung eines ihn ständig begleitenden 
T Luftroberts* verdichtete und die ich in meinem Traumroman 

1) Hitschmann, a. a. O. S. 35. 

2) a. a. O. S. 25. 

3) Cari Ludwig Schleich, Besonnte Vergangenheit. 1923, S. 8, 2., 
S. 67 bis 77. 



4° Psychoanalyse und Logik 



,Es läuten die' Glocken' zu seinem Gedächtnis poetisch auszu- 
werten versucht habe." — Nun hatte Schleich zwei ältere 
Schwestern, drei jüngere Geschwister gehabt, auch kann er sich 
einer „zweiten Mutter" erinnern: „Ich nehme an, daß hier" 
(sc. in seiner Pflege 1 ) „die Mutterliebe allerdings in starker Kon-, 
kurrenz mit der meiner alten Pflegerin aus unserem Heimatsdorf 
mütterlicherseits auf der Insel Wollin, die 13 Jahre meine Be- 
schützerin gewesen is1? (Berta Gehm hieß die Gute), dafür das 
meiste getan hat." Und sollen wir uns wundern, wenn Schleich 
in einem besonderen Kapitel eines Ärztekollegen seines Vaters 
„des Dioskuren seines Vaters" gedenkt, des Familien-Onkel- 
Doktors, der oft bei ihnen Wache hielt in Krankheitsfällen, wenn 
der Vater verreist war, oder mit dem Vater gemeinsam, wenn die 
Kinder schwer litten. In höherem Alter verwechselten sogar Vater 
und Freund (ein Junggeselle) ihr biographisches Mein und Dein. 



1) Ebenfalls eines anderen. Zusammenhanges willen — vgl. „Organ- 
libido und Begabung", Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, Bd. X — 
soll darauf hingewiesen werden, daß Schleich in der Kindheit „eigentlich 
immer krank und darum ein sehr zartes und schwächliches Kind ge- 
wesen" war. 



c. 



DER UMKEHRSCHRITT 



I. DIE UMKEHRSCHRITTE IN EINER KRANKEN- 
GESCHICHTE 

Dieser Schritt ist in einigen seiner Äußerungen sehr wohl 
bekannt, so in der „Darstellung durch das Gegenteil" (wenn 
man nur den Schritt, nicht die Darstellungstendenz in 
Betracht zieht), in der Projektion des vormals eigenen Inneren 
und Introjektion des vormals Äußeren, in der durch die Ambi- 
valenz der Gefühle begründeten Gefühlsumkehrung (z. B; der 
Liebe auf Haß), Überall wo zwei entgegengesetzte Richtungen 
oder zwei polare Gegenteile existieren, bei denen das Auftreten 
der einen Erscheinung die Unterdrückung der anderen voraus- 
setzt, ist das Auftreten eines Umkehrschrittes möglich, im allge- 
meinen, wo zwei psychische Gegenstände (worunter auch das 
„Ich* als ein Gegenstand vorkommen kann) durch eine gewisse 
Relation miteinander verknüpft sind, kann eine Umkehrung 
stattfinden, wenn die zwei Gegenstände gegenseitig ihren Platz 
tauschen, oder die verbundene Relation sich in eine rückläufige 
Relation verwandelt. (Materiale und formale Umkehrschritte.) 

Daß diese Umkehrschritte besonders den primitiven Geist 
kennzeichnen, ist nach obigen Anspielungen auf das Erscheinungs- 
gebiet nicht fraglich und gehört zum psychoanalytischen Wissen 
eines jeden, Ich will nun einen analysierten Fall, den Fall eines 
jungen, an beginnender Schizophrenie leidenden Mannes (Uk. 
= Umkehr) herausgreifen, um die starke intraindividuelle Ver- 

4 Hermann 



5° 



Psychoanalyse und Logik 



breitung des Umkehrschrittes im — noch an der Grenze des 
Sozialen stehenden — Kranken vorzuführen. 

Uk. haßt seinen Vater und glaubt vom Vater gehaßt zu sein. 
Er möchte seine Braut erlösen (ein Strahl seiner Christus-Identi- 
fizierung), sagt aber, seine Braut wird ihn erlösen. Er gibt 
anderen mehr, als er von ihnen bekommt (statt sechzig Kronen 
gab er mir achtzig Kronen zurück — sein Prinzip der „allge- 
meinen Liebe"), doch von anderen bekommt er weniger, als sie 
ihm schuldig sind, andere verlangen mehr von ihm, als sie ihm 
bieten. Er hält sich für etwas Höheres, als es die meisten 
Menschen sind, die Leute aber, mit welchen er verkehrt, halten 
ihn für dümmer als er ist. Er glaubt, er paßt nicht zu seiner 
Braut und sagt, die Braut glaube, sie passen nicht zueinander. 
Er achtet stets, von seinem kritischen Ich aus, darauf, was er 
tut und treibt, hat aber bei der Familie der Braut ständig 
das Gefühl, er werde beobachtet. Er möchte sich erleichtern, 
möchte das Schmerzhafte, das ihn Erdrückende, die ewigen 
Kämpfe los werden, und phantasiert von einem großartigen, aber 
schrecklichen erlösenden Kampf (Wiedergeburtsphantasien). Vor 
Jahren wollte er durch Strenge Wirkung auf die Mitmenschen 
ausüben, dann kam eine Lebensperiode, seine „magnetische 
Periode, in welcher er die Menschen durch Liebe erobern wollte. 
Auch der „Magnetismus" sei eine Umkehrung, wie er mir er- 
klärte, denn dadurch stellt sich der Mensch etwas schon jetzt als 
real vor, was erst Ereignis der Zukunft sein wird, und das so 
Vorgestellte soll auch tatsächlich eintreffen (Umkehrung der Zeit- 
folge). Er stellte sich z. B. vor, daß Leute sich auf der Gasse 
umwenden werden, und tatsächlich gelang ihm auch dieses 
Experiment vier- bis fünfmal; auch die Mutter wurde so von 
ihm umgewendet, nämlich durch eine von ihm ausgehende Ge- 
dankenübertragung, als er sie oberflächlich hypnotisierte. Daß 



Der Umkehrschritt gl 

seine Träume inhaltlich oft als Umkehrungen aufzufassen waren, 
sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt. 

Seine Versprechungen während der Analyse sind oft Umkehr- 
schritte. Er sagt (und zwar oft!) statt Vagina Penis, statt Ejaku- 
lation Erektion. „Was ist ein Ei?" (nicht ovis, sondern ovulum 
[ungarisch: pete]); „ein Teil des Mannes, nicht wahr?" Eine 
ständige Klage seinerseits ist, daß er im Amte die Zahlen ver- 
tauscht (z. B. statt 125 schreibt er 521). 

Ich las einige seiner früheren Notizblätter. Da kommt er 
z. B. auf den Gedanken der ewigen Zeit durch die unendlich 
kleine Zeit, wo die Zeit quasi still steht, und durch die ewige 
Kausalität, die auf unendlich lange Zeit fortzusetzen ist. Bevor 
wir vollständig einfach werden, müssen wir, so schreibt er, einen 
Weg durch die höchsten Kompliziertheiten zurücklegen. Uk, las 
schon vor der Analyse . analytische Schriften, und so konnte er 
folgendes zu Papier bringen: „Die Verdrängung ist nichts anderes, 
als das Gefühl des Zusammenhanges der Dinge (Antagonismen). 
Die Verdrängung besagt, was wir nicht machen sollen, aber still- 
schweigend setzt sie voraus, daß die sich so kreuzenden Kräfte auf 
gesunde Richtungen gelenkt werden. Die gegensätzlichen Eigen- 
schaften sind im Grunde ein und dasselbe. Sie sind deshalb 
gegensätzlich, weil wir gerade in der Mitte dieser Gefühle stehen. 
Kälte und Wärme sind ihrem Wesen nach dasselbe, weil die 
Dinge nur mir kalt, nur mir warm sind." „Es wäre inter- 
essant, wenn wir gewisse Vorgänge, sagen wir im Gebiete der 
Forschung, oder gewisse Experimente im Falle des Nicht-, 
gelingens so lange forcieren würden, bis das im Experiment be- 
teiligte Instrument oder die Person selbst gewisse Veränderungen 
aufwiese (Chemie! Ich analysiere auch den Experimentator). Der 
qualitative Gegensatz der beobachteten Veränderung wäre dann 
das richtige Experiment oder der Forschungsschritt." 



IL BIOLOGISCHE UND ENTWICKLUNGSPSYCHO- 
LOGISCHE PARALLELEN 

a) Aus der Biologie und Psychophysik 

Die Kontrast- und Komplementärerscheinungen der Psycho- 
physik sind schon öfters mit der Gefühlsambivalenz in Parallele 
gestellt worden. Die Polarität der Triebe — Lebens- und Todes- 
triebe — , der Heringschen Assimilation und Dissimilation als 
allgemeine Polaritäten gehören sowohl hieher als auch unter die 
biologischen Randbevorzugungserscheinungen. Hier sollen nun 
einige tiefer ins Biologische greifende Umkehrschritte gestreift 
werden. Erstens muß an das Altern gedacht werden, auf die 
Umkehr des nach aufwärts gerichteten Lebensweges, des Wachs- 
tums, Daß man im höheren Alter wieder Kind wird, bedeutet 
auch eine Umkehrung des Vater* (Mutter-) Kind-Verhält- 
nisses: ein biologischer Umkehrschritt, der mit eiserner Härte 
den einen Ausgang des Familienkomplexes eines jeden vor- 
zeichnet. 

Weiterhin wird von Bernhard Herwig in einer experi- 
mentell-psychologischen Studie, welche von E. R. Jaensch unter 
dem Sammeltitel „Über Grundfragen der Farbenpsychologie" 
herausgegeben Wurde, der „Umschlag" gewisser psychophysischer 
Vorgänge (nämlich das Erscheinen des negativen statt des 
positiven Nachbildes mit fortschreitendem Alter) besprochen 



Der Umkekrschritt 53 



und über folgendes berichtet :* „Änderungen in der Reaktions- 
weise auf Reize, sogenannte ,Stimmungsänderungen', sind eine 
sehr verbreitete Erscheinung und kommen sogar 'schon in der 
Pflanzenwelt vor. In der Biologie wird zwischen dem auf äußere 
Einflüsse hin auftretenden ,aitigenen und dem von selbst sich 
einstellenden ,autonomen' Stimmungswechsel unterschieden. Zu 
letzterem gehört auch der gelegentlich zu beobachtende Um- 
schwung der Stimmung mit dem Alter (v. Guttenberg usw.). 
Der von uns festgestellte Fall von Stimmungswechsel dürfte sich 
darum einem größeren Kreis biologischer Tatsachen einordnen. 
Herr Geheimrat Arthur Meyer hatte die Freundlichkeit, Herrn 
Professor Jaensch einen Fall mitzuteilen, der dem unseren 
einigermaßen entspricht. Das hypokotyle Glied der Keimpflanzen 
des Kürbis ist anfangs positiv geotropisch, wird aber bei Weiter- 
entwicklung negativ geotropisch (C. Copeland usw.). Auch hier 
erfährt die Reaktion ähnlich wie in unserem Falle mit dem 
Altersfortschritt eine Umkehr der Richtung. 

Nicht unerwähnt soll der experimentell-biologische Fund 
von O. Schultze bleiben, wonach durch die künstliche Um- 
kehrung der Froscheier nach der ersten Furchung sehr oft ganze 
oder symmetrisch angelegte unvollkommene Doppelbildungen 
entstanden. 2 Dann kann der Gedanke nicht abgewiesen werden, 
daß es eine tiefe biologische Verknüpfung zwischen dem 
(biologischen) Dualschritt und dem (biologischen) Um- 
kehrschritt geben muß. 

1) Zeitschrift für Psychologie, 1921, Bd. 87, S. 149. 

2) W. Roux, Vorträge und Aufsätze Über Entwicklungsmechanik 
der Organismen. Heft 1. Die Entwicklungsmechanik, ein neuer Zweig der 
biologischen Wissenschaft, 1905, S. 254. — Das vierte Heft dieser Reihe, 
welches über „umkehrbare Entwicklungsprozesse" handelt, konnte 
ich mir nicht verschaffen. 



m 



54 



Psychoanalyse und Logik 



Eine „phylogenetische" ümkehrung liegt darin vor, daß der 
menschliche Säugling auf den Rücken gelegt wird, seine natür- 
liche Lage wäre, obzwar die Rückenlage als Fortsetzung der 
intrauterinen Lage erscheint, die Lage auf den Bauch, denn 
die Anklammerung an den mütterlichen Körper geschieht in 
dieser Lage. 



b) Aus der Entwicklungspsychologie 

Die Kinderpsychologie kennt „Umkehrungen* auf Gebieten, 
wo sie bei Erwachsenen nicht mehr vorkommen dürfen, so be- 
sonders in der Raumauffassung: „Manche Kinder erkennen 
nämlich die Bilder von Dingen nahezu ebenso leicht, wenn man 
sie auf den Kopf stellt oder um neunzig Grad aus ihrer richtigen 
Lage herausdreht. Es gibt Kinder, die auf diese Verschiebungen 
gar nicht achten und z. B. ihre Bilderbücher ebenso gern und 
ebenso häufig verkehrt als richtig aufschlagen und betrachten. 
(Allerdings gibt es auch Kinder, die von Anfang an die Bilder 
nur in ihrer richtigen Lage betrachten wollen und sie um- 
drehen, wenn man sie ihnen verkehrt hinreicht. Siehe Maj or usw.) 
Damit stimmt überein, daß Kinder, welche zu zeichnen anfangen, 
die Lage der Dinge im Raum oft verkehrt wiedergeben, und 
wenn sie bereits erkennbare Formen hervorzubringen imstande 
sind, z. B. Menschen und Tiere oder einen Wagen mit Rädern 
auf den Kopf stellen oder auch, was unten sein sollte, nach 
rechts oder links hin orientieren. Auch bei den frühen spontanen 
Schreibversuchen des Kindes zeigt sich das gelegentlich; häufiger 
noch findet man aber da eine andere Verkehrtheit, nämlich die 
Spiegelschrift, bei welcher die beiden Richtungen nach rechts 
und links vertauscht erscheinen, (vgl. dazu den Aufsatz von 



Der Unikehrschritt 55 



W. Stern usw.)" 1 — „auch können solche Kinder, wie mir 
Lehrer, durch meine Fragen zur Beobachtung angeregt, mit- 
teilen, im Anfang Spiegelschrift ebensogut lesen wie die ge- 
wöhnliche/ 2 

Ein besonders interessantes Feld dieser Raumumkehrungen 
ist die sogenannte Inversion, welche an gewissen geometrisch- 
optischen Mustern leicht zu beobachten ist, welche aber eigent- 
lich jeder Tiefenwahrnehmung angegliedert werden kann, 
doch, um die „wirklichen" Objekte in konstanter Gestalt er- 
halten zu können, nicht mehr zu Bewußtsein kommen darf. 
„Im allgemeinen sind wir an die Persistenz der Sehdinge so 
s"ehr gewöhnt, daß sie uns bei freiem oder haploskopischem 
Sehen nicht auffällt. Erst bei den umkehrbaren Scheinkörpern 
nehmen wir beim Eintritt einer sogenannten Inversion immer 
wieder mit einem gewissen Erstaunen das Schwinden der Per- 
sistenz der Sehdinge wahr. Aber auch die Scheinkörper besitzen 
für einen ungeübten Beobachter zunächst eine so hohe Persistenz, 
daß sie für diesen meistens entweder als absolut eindeutig oder 
höchstens als zweideutig gelten." Sogar Zeichenlehrer sollen nicht 
selten keine Kenntnis „von der Umkehrbarkeit solcher ihnen an 
• sich vertrauten Zeichnungen" haben. „Zwei Eigentümlichkeiten 
dieses Umkehrungsprozesses müssen besonders beachtet werden. 
Erstens setzt dieser Prozeß häufig ganz unerwartet ein, es können 
mehrere Umkehrungen in sehr kurzen Intervallzeiten einander 
folgen; zweitens spielt sich der Umkehrungsprozeß sehr häufig 
wie ein reines, mechanisches Geschehen ab." Es ist aber wirklich 
staunenswert, daß „die Frage der Umkehrung wirklicher Objekte 
in der psychologischen Literatur bisher noch sehr wenig erörtert 
worden ist". Der Grund dafür soll darin liegen, daß man eine 

i) K. Bühl er, a. a. O. S. 67. 
2) K. Koffka, a. a. O. S. 207. 



56 



Psychoanalyse und Logik 



eindeutige Tiefenlokalisation voraussetzte, was aber für das 
primäre Tiefensehen nicht gilt. Die Tatsachen führen zur 
Annahme, daß in der primären Tiefenlokalisation die Quer- 
disparatheit nicht dieselbe Rolle spielt, wie in der entwickelteren, 
und somit fällt im primitiven Wahrnehmungsbild die wichtigste 
Stütze der eindeutigen Lokalisation weg; die Rolle der Quer- 
disparatheit ist es also im entwickelteren Geiste, welche die üm- 
kehrungen der Tiefenverhältnisse bändigt. 1 

ümkehrschritte zeigt in der Geistesgeschichte die alt- 
griechische Philosophie z. B. bei Demokrit. „Das Nichts 
existiert ebensogut wie das Etwas." „Armer Verstand — so Heß 
Demokrit die Sinne zur Vernunft sagen — , von uns hast du 
deine Beweismittel, womit du uns zu Fall bringen willst I 
Indem du uns niederwirfst, kommst du selbst zu Fall." „Menschen, 
die den Tod zu fliehen suchen, laufen ihm in den Rachen." „Den 
Menschen erwächst nur dann aus Gutem Schlimmes, wenn man 
das Gute nicht zu lenken und nicht recht zu tragen weiß. Man 
darf aber solche Fälle nicht zum Schlimmen rechnen, sondern 
zum Guten. Und das Gute kann man, wenn man will, zum 
Schutz gegen das Schlimme benützen . . . Genau von denselben 
Dingen, durch die uns Gutes zuteil wird, können wir uns auch 
Schlimmes zuziehen." 3 Weiterhin bei Heraklit: „Das Kalte 
wird warm, das Warme kalt, das Feuchte trocken, das Dürre 
naß." „Leben und Tod, Wachen und Schlafen, Jugend und 
Alter ist bei uns eins und dasselbe, denn dieses verwandelt sich 
in jenes und jenes in dieses." „Der Weg aufwärts und abwärts 
ist ein und derselbe." 3 



1) Joh. Wittmann, Über das Sehen von Scheinbewegungen und 
ScheinkÖrpern, 1921, S. 125 bis 161. 

2) W. Nestle, Die Vorsokratiker, S. 167 bis 174, 
5) Nestle, a. a. O. S. lao bis 122. 



HI. ANALYTISCHE AUFKLÄRUNG IM FALLE UK. 

Wollte man die Kräfte, mit welchen die einzelnen Trieb- 
komponenten und Komplexe bei Uk, sich in der Analyse ent- 
falteten, gegenseitig vergleichen, dann wüßte man nicht, ob der 
Analerotik oder dem doppelt angelegten Ödipus-Konflikt 
der Vorrang gebührt. Uk, hat mit dem Stuhlgange schon als 
kleines Kind zu laborieren gehabt; er hielt den Stuhl zurück, 
bis dieser so hart wurde, daß das Kind wirkliche Qualen erlitt, 
dann aber geschah es auch öfters, daß es im Gegenteil den Stuhl 
nicht mehr zurückhalten konnte und sich noch als Schulkind 
beschmutzte. Die anale Gegend erhielt bis auf heute ihre zum 
Reiben, zur analen Onanie zwingende Erogenität, ihre „Empfindlich- 
keit" gegen Berührung, Auch als Geburtsphantasie spielte der Darm- 
weg keine geringe Rolle, doch da knüpfte schon die Phantasie an, er 
wäre aus dem Darm seines Vaters entsprungen. Auch eine genitale 
Onanie setzte mit dreieinhalb Jahren sicher ein, sie war die un- 
mittelbare Fortsetzung der Waschungen durch die Hände der Mutter-, 
er hielt bei der Onanie das Glied in der linken und tuschierte es mit 
der rechten Hand, als Nachahmung der Bewegungen des Vaters 
beim Rasieren. Die genitale Onanie wurde von den Erwachsenen 
entdeckt und verboten, sie trat auch eine Zeitlang zurück, um in 
der Vorpubertätszeit wieder mit der größten Intensität zu erscheinen. 
In den letzten Jahren standen genitale und anale Masturbation 
nebeneinander, oder doch so, daß er den Abort aufsuchte, hier 
vorerst den Darm entleerte und daraufhin onanierte. 



5 8 



Psychoanalyse und Logik 



Als Hauptgenitale erschien ihm in der Kindheit der rück- 
wärtige Teil, die erregenden Entblößungen dieses Körperteils 
seiner Bonne blieben ihm im Gedächtnis; auch z. B. die Äuße- 
rungen des Vaters (erfolgt auf Uk.s Frage), Unzucht sei das, 
wenn man den Popo durchs Fenster nackt hinausstreckt. 

Die Liebe zum Vater wuchs,, verstärkt durch dessen große 
Strammheit erfordernde, Ansehen bringende Stellung zur Verehrung, 
zur Ich-Identifizierung; hingegen wurde durch die Weichheit, Un- 
beholfenheit der Mutter (der Wortsinn ihres Familiennamens stand 
im Widerspruche mit diesen Charakterzügen) ihr Ansehen vor dem 
Sohne, wenn auch nicht seine Liebe zu ihr geschmälert. In der Zeit 
der Vorpubertät veränderte sich das Verhältnis zwischen Sohn und 
Eltern. Er, als Christ erzogen, dem die Juden meist nur als das 
schmutzige, unsaubere, lasterhafte Volk geschildert wurden, erfährt 
da zuerst, daß die Mutter, dann, daß auch der Vater getaufte Juden 
sind, er selbst also eigentlich auch rein der jüdischen Rasse angehört, 
Dieses Wissen war für ihn ein Sturz aus allen Himmeln. Nicht nur 
weil seine Ideale sich als falsche Ideale entpuppten. Seine Liebe zur 
Mutter und zum Vater ließen bei ihm, wie zu erwarten, hohe 
Schranken des Inzestwunsches emporwachsen, und nun erfährt er, 
daß beide Eltern aus diesem weit von ihm abstehenden, unsauberen 
Volke stammen, also eigentlich nahe Verwandte, Geschwister 
sind, die sich selbst vor dem Inzeste nicht scheuen. Er verdankt 
somit sein Leben einem Inzeste. Wie könnte dem abgeholfen werden, 
was ist da zu tun? Wenn er das Leben nochmals anfangen könnte, 
wenn er sein ganzes bisheriges Leben rückgängig machen würde, 
um alles von neuem, also besser anzufangen! 

Eine gewisse konstitutionell zu beobachtende Bisexualität mußte 
bei Uk. in der Kindheit vorhanden gewesen sein, denn der Vater 
belachte öfters seine „weiblichen Schenkel . Auch im Zusammen- 
hange mit der bisexuellen Anlage muß sein Verhältnis zu der Bonne 



H 



Der Umkehrschritt 



59 



Erwähnung finden; sie hieß „Hahn", die Kinder — Uk. war 
der älteste unter ihnen — riefen sie häufig mit der ungarischen 
Übersetzung dieses Namens. Er hat sich, der analytischen An- 
jaahme nach, neben ihr als Henne gefühlt, und da erfahren wir, 
daß er sich auch oft, in der Kleinkinderzeit, mit einem Hunde 
identifizierte, als Hund um den Tisch lief, bellte; Hund heißt 
nun auf ungarisch kutya, Henne aber: (a) tyuk, und so liegt 
die Vermutung nahe, daß bereits in dieser Kinderzeit auf sexuellem 
Gebiete der Umkehrmechanismus wirkte. (Er weiß sich auch 
an die negativistische Umkehrreaktion der frühen Kindheit zu 
erinnern, als er nämlich der Großmutter auf „Guten Morgen" 
stets „Schlechten Morgen!" erwiderte.) 

Die Vorstellung des Weibes mit großem Penis kam in 
Träumen oft wieder, dementsprechend übte auch der Kastra- 
tionskomplex einen mächtigen Einfluß auf seine Charakter- 
und Neuropsychosenbildung. Letztere setzte vielleicht dann ein, 
als einer der Verehrer seiner Schwester, aus einer reinen, vor- 
nehmeren Christenfamilie, die Schwester plötzlich verließ — 
Uk.s Mutmaßung nach deshalb, weil ihre Abstammung, dieser 
Makel seiner Familie, ihm zu Ohren gekommen war. Das schlug 
seinem Narzißmus eine tiefe Wunde. Infolge der Regression, 
welche durch die Erkrankung der Sexualkonstitution aufge- 
zwungen wurde, war der Narzißmus auf eine frühkindliche Höhe 
erhoben. Uk. phantasierte, er sei der Erlöser der Welt, Jesus ; er 
muß, durch Tod und Teufel, unbedingt etwas erschütternd 
Großes leisten. Durch den Narzißmus war auch diejenige Schichte 
des Ichs getroffen, welche es auf den eigenen Körper abgesehen 
hat: Er hatte sich in einer Art von Sport ausgezeichnet und 
konnte hier ziemliche Erfolge aufweisen, so lange, bis sein Stolz 
infolge der Aquirierung einer Gonorrhöe auch da einen Schlag 
erlitt, Auch hier traf dieser Schlag schon auf fruchtbaren Boden : 



6o Psychoanalyse und Logik 

in seiner Kindheit wurde Uk. seiner Fettleibigkeit wegen vom 
Vater und von den Kameraden verspottet, 

Stellen wir mm so, wie im Falle DL, auch hier die in 
Betracht zu ziehenden Kreise zusammen: 

1. Doppelt angelegter Ödipus-Komplex in krasserer Form. 

a. Stärkere bisexuelle Anlage. Phantasie von einer Geburt 
durch den Vater. 

3. Starke, nicht sublimierte Analerotik, anale Onanie. 

4. Hochgespannter Narzißmus. 

5. Die als Ich- und Liebesideale aufgestellten Eltern stürzen 
von der Höhe des Ideals in die entgegengesetzte Tiefe hinunter ; 
er selbst möchte (deswegen) sein ganzes Leben rückgängig 
machen, um bei anderen Eltern als tadelloses, reinrassiges Kind 
nochmals auf die Welt kommen zu können, 

Die Hauptquelle der Befriedigungswirkung des Umkehr- 
schrittes glauben wir nun nach der Übersicht dieser Zusammen- 
stellung im Narzißmus aufzufinden. Der mit dem Narzißmus 
mitlaufende Wirklichkeitssinn will als Quelle alles Wirk- 
lichen das Ich selbst anerkennen, und da ergibt es sich gleich, 
daß das eigene Selbst dann regiert, wenn auf Befehl des Ichs 
statt den ihm aufgezwungenen Wahrheiten auch ihr größter 
Feind, auch ihr Gegenteil richtig ist. Natürlich schuf der Nar- 
zißmus den Umkehrschritt nicht von sich aus, er fand ihn schon 
vorgebildet in dem Kampf der Analgenitalzone, in der Ver- 
tauschung der Rolle des Mannes und Weibes. Die interindividuelle 
Verbreitung findet, unserer Arbeitshypothese gemäß, ihre Be- 
friedigungsgrundlage ebenfalls im menschlichen Narzißmus. 1 

1) Der große ungarische Dichter Andreas Ady soll, — als er tot- 
krank seine Wohnung verließ, um in einem Sanatorium Heilung zu 
suchen, — bevor er aus dem Zimmer trat, die Möbel, sein Matratzen- 
grab gemustert und, schon die Hand an der Klinke, sich ihnen zu- 






Der Urrikehrschritt 61 



Unserer beim Dualschritt bereits entwickelten Ansicht nach 
fällt die Befriedigungsgrundlage mit der Grundlage der Evidenz 
nicht zusammen. Zur Evidenz haben wir im Falle Dl. Ideal- 
gebilde ausfindig machen können, unter welchen wir der ersten 
Überwindung des die ersten Idealgebilde enthaltenden ödipus- 
Konfliktes die Führerschaft überließen, welche die Überzeugung 
der Richtigkeit individuell und allgemein erklärbar machen konnte. 
Wäre das auch hier der Fall? Nun, wir ließen ja noch den viel- 
leicht wichtigsten krankheitsbeschleunigenden Faktor außer acht, 
die spezielle Art der narzißtischen Wunde, das Schicksal der 
ersten Ich- und Liebesideale Uk.s, also die Umkehrung, die hier 
real stattfand. Tiefer betrachtet, verankert sich aber dieses Schick- 
sal an einem Schicksal der Idealgebilde des Ödipus-Komplexes, 
welches gewissermaßen real allgemeinmenschlich ist und welches 
in der Phantasie ebenfalls eine Art erste Überwindung des 
Konfliktes in seinem ureigenen Sinne bedeutet. Der Sinn dieser 
Überwindung ist, daß der Sohn in der Phantasie an die Stelle 
des Vaters (bei homosexuellen Regungen auch : der Mutter) treten 
will, ohne aber ihn (sie) aus der Familie ausstoßen zu wollen : 
er (sie) soll nur den früheren Platz des Sohnes einnehmen. 1 Die 
drei Personen des Ödipus-Komplexes söhnen sich demnach auch 
hier wie im Dualfalle — irgendwie in der Phantasie aus. Real 
in dieser Wendung des Ödipus-Komplexes und allgemeinmenschlich 
ist, daß der Sohn tatsächlich das Mannesalter, der Vater aber 
das Greisenalter (das zweite Säuglingsalter) vor sich hat. 

wendend gesagt haben: „Nichts könnt ihx umwenden", was der 
Biograph (Ludwig Ady) durch die kalvmistische Prädestinationslehre 
begründet findet. (S. 241 der Biographie.) 

1) Hier kann ich mich auf eine kleine Beobachtung hinsichtlich des 
Zusammenhanges von Angsttraum und Ödipus-Komplex berufen: der durch 
den Angsttraum aufgeschreckte Sohn legte sich zur Beruhigung in des Vaters 
Bett und schickte den Vater in sein eigenes. (Int. Ztschr. f. PsA. 1921.) ■ 



_ 



IV. EIN FALL MIT DUAL- UND UMKEHR- 
SCHRITTEN 

Es wurde von uns aus theoretischen Gründen bereits darauf 
hingewiesen, daß diese beiden Schritte enger miteinander ver- 
knüpft sein dürften, auch zeigte Patient Dl. ümkehrschritte und 
Patient Uk. Dualschritte. Wir haben nun einen Patienten be- 
obachten können (Duk. = Dual -f- Umkehr), bei dem beide Schritte 
eine ziemliche Verbreitung genossen. Das war der Fall eines 
jungen Mannes, an Impotenz leidend, dessen psychoanalytisch 
bestimmbare Hauptcharakterzüge ein stärkerer Grad von Narziß- 
mus, auffallendere bisexuelle Anlage, Hervortreten der Analerotik, 
Brust- und Fußerotik, tiefer einschneidender Kastrationskomplex 
waren. Ein gewisser Hang zum Zweifeln bestimmte Duk.s Ver- 
halten in seinem Liebesleben sowie im Gebiete seines Studiums. 
Nun ist das Zweifeln eigentlich ein Festhalten an beiden Inhalten 
der Endpunkte eines Umkehrschrittes, somit ein dem Umkehrschritt 
angehängter Dualschritt, mit Fehlen einer Evidenz der Richtigkeit. 

Umkehrschritte waren jedoch auch sonst zu beobachten: 
Er versprach sich oft in dem Sinne, daß er statt Erektion Ejaku- 
lation sagte, statt zu sagen „das Blut wird zu Wasser", „das " 
Wasser wird zu Blut" sagte, statt dem Ausdrucke „guter Wein 
bedarf keines Kranzes", sich so ausdrückte: „Guter Kranz bedarf 
keinen Wein." Er debattierte im Leben sehr gerne und behauptete 
mit Überzeugung oft plötzlich das Gegenteil davon, was ein 



Der Umkehrschritt 65 



anderer vor ihm als seine Meinung angab, ohne eigentlich dar- 
über tiefer nachgedacht, sich die Angelegenheit besser überlegt 
zu haben. Eine Schlußfolgerung lautete einmal: „In einer Arbeit 
von Ferenczi las ich, daß vor dem Manifestwerden der Homo- 
sexualität eine stärkere heterosexuelle Periode einsetzt, da ich 
aber im Gefühl ein starkes heterosexuelles Leben führe, so werde 
ich wohl homosexuell werden." (Unerlaubte Umkehrung des 
Syllogismus.) Dieser Schluß tritt mit einer gewissen Evidenz 
auf, ebenso, wie auch andere, wenn auch der spater sich ein- 
setzende Zweifel diese Evidenz zernagte. Als einen merkwürdigen 
Umkehrschritt erwähnt Duk. selbst, daß er von jeher in umge- 
kehrter Richtung Zigaretten dreht. 

Umkehrschritte zeigten sich nun auch in der Sexualentwick- 
lung. Er mußte von der analen Theorie des Koitus auf die 
urethrale Theorie übertreten; daß der Koitus nicht von hinten, 
sondern von vorne geschehen soll, erfuhr er mit etwa vierzehn 
Jahren, In seinen Kinderjahren liebte er den Vater anhaltender 
und tiefer als die Mutter, hielt den Vater für einen wertvolleren 
Menschen als die Mutter, doch wendete sich dieses Verhältnis in 
den Pubertätsjahren um. Da wurde er von einer — in den Phan- 
tasien auf den Koitus gerichteten — Liebe zur Mutter ergriffen, 
da stürzte der Vater, dessen schlechte Eigenschaften, seine Trunk- 
sucht, sein Unverständnis dem Geschäfte gegenüber, das Miß- 
handeln der Mutter durch ihn er jetzt einsah, von der früheren 
Höhe tief herab und wurde in seinen Augen die Ursache der 
schlechten wirtschaftlichen und sozialen Lage der Familie. Den 
mächtigen Narzißmus inbegriffen, der in verschiedenen Verklei- 
dungen die Widerstände in der Kur speisen konnte, finden wir 
hier also ähnliche Verhältnisse vor, wie im Uk.falle. Demnach 
können Befriedigungswirkung, Verbreitung, Evidenz ähnlich wie 
dort erklärt werden. 






64 Psychoanalyse und Logik 

Dual schritte finden sich auch in mehr als auffälliger 
Weise vor: Er macht fast stets zwei Mädchen in derselben Zeit 
den Hof. Er liest zur gleichen Zeit, abwechselnd, meistens zwei 
Bücher, beschäftigt sich, das Studium betreffend, meistens mit 
zwei Gebieten, Er kaufte sich (seit jeher!) stets zwei gleiche 
Hefte, zwei gleiche Krawatten, Kragen auf einmal, seiner Aus- 
sage nach benötigte er stets zwei Exemplare der Dinge von 
gleichem Typus, Er fühlt sich nicht „vollständig", wenn er nicht 
zwei von solchen Dingen haben kann. In seinen Träumen er- 
scheinen zwei Mädchen dasselbe verrichtend (z. B. „zwei Mädchen 
parfümieren sich , . ."), zwei Wolfshunde mit riesengroßem Penis, 
zwei Männer, auf deren Hut er sein Ejakulatum schleudert, zwei 
Stöcke, ein kleines Fahrrad (Bicycle), auf dem er schlecht sitzt 
und ausgelacht wird. Seine Onanie läuft in zwei Perioden ab 
(1. vor dem Einschlafen Erektion und Friktion zwischen den 
beiden Schenkeln nicht bis zur Ejakulation, 2. im Schlafe Eja- 
kulation ohne Erektion), Diese Zweiteilung behält er in gewissem 
Sinne auch für den Koitus, indem er noch zu Hause phanta- 
tasiert und ausprobiert, ob er denn mit der Erektion in Ordnung 
sei, dann ein "Weib aufsucht, wo nunmehr eine Ejakulation bei 
ungenügender Erektion eintritt, — Diese Dualschritte weisen 
also auf eine Verbreitung hin, sie müssen somit irgendwo be- 
friedigend gewirkt haben, ohne mit der zwingenden Überzeugung 
der Richtigkeit (wie im Falle Dl.) behaftet zu sein. 

Dementsprechend waren folgende psychosexuelle Grundlagen 
vorzufinden: Die Kastrationsangst führte zur Verschiebung der 
Genitallibido auf die beideri Brustwarzen; diese bildeten bei 
Duk. zwei empfindliche erogene Zonen, durch deren Reibung er 
Erektion, ja sogar Ejakulation hervorrief; schon die Berührung 
der Brustwarzen mit dem kühlen Nachthemd beim Niederlegen 
wirkte erregend. So bildete sich die eine Onanieart bei ihm aus. 



Der Umkehrschritt 65 



Auch Phantasien wurden lebendig, nach welchen je ein Mädchen 
je eine Brustwarze in den Mund nimmt, ein drittes sich dabei 
auf ihn legt (er ist dort Mann, hier Weib). 1 Die Füße der Frauen, 
besonders der dickleibigen Frauen (und ursprünglich ganz besonders 
die Füße der dickleibigen Mutter), übten auf Duk. eine starke er- 
regende Wirkung. 2 — Auch hatte Duk. als kleiner Junge Wünsche 
nach Kindern geäußert, er spielte mit der um dreieinhalb Jahre 
jüngeren Schwester so, als wäre sie sein Kind; in den Phantasien 
seines zarten Knabenalters und in Pubertätsträumen besaß die Mutter 
männliche Geschlechtsteile, so waren also die Eltern anfangs zwei 
gleichgeartete Menschen. Die Erziehung Duk.s wurde einer 
Amme überlassen, die lange Zeit im Kreise der Familie verblieb 
(zwei Mütter). Auch hatte Duk. zwei Brüder (einen älteren und 
einen jüngeren). 

Beispiele aus der altgriechischen Philosophie sind nicht schwer zu 
erbringen. So sagt Heraklit: „Das Entgegengesetzte paßt zusammen. 
aus dem Verschiedenen ergibt sich die schönste Harmonie, und alles ent- 
steht auf dem Wege des Streites." 8 — Protagoras: „Von jeder Sache gibt 
es zwei einander widersprechende Auffassungen."* — Ganz besonders aber 
Empedokles, der eine dualistische Weltanschauung verkündete, 
„die einerseits zwischen dem Reich der Materie und des Geistes oder 
vielmehr der Geister eine scharfe Grenzlinie zieht und die anderseits doch 
das Ineinanderwirken beider gewahr wird". „Hatte Heraklit alles Werden 
aus dem Streit erklärt, so fügt Empedokles dazu als Gegenstück die Liebe, 
die zuerst als kosmische Kraft erkannt zu haben er sich rühmt: Liebe und 
Haß, Anziehung und Abstoßung, sind die Kräfte, welche die Verbindung 

1) Das könnte auch als Trial aufgefaßt werden, wie auch andere 
Schritte eventuell ins Trial übertreten konnten. (Er las z. B. abwechselnd 
drei Bücher.) 

2) Duk. tanzte auch gerne und brachte es darin zu einer übermittel- 
mäßigen Fertigkeit. 

5) Nestle, a. a. O. S. 121. 
4) Nestle, a. a. O. S. 187. 

5 Hermann 






66 Psychoanalyse und Logik 



der Elemente zu Einzelwesen und ihre Auflösung in die Grundstoffe be- 
wirken. So entsteht und vergeht in ewigem Kreislauf, in dem bald die 
Liebe, bald der Haß die Vorherrschaft hat, die bunte Mannigfaltigkeit 
der Welt, aus der Einheit des Sphairos heraustretend, um wieder in diesen 
zurückzukehren. " 

Liebe und Haß: wie sie waren bisher, so werden sie immer 

Sein, und ich glaube, sie werden in Ewigkeit niemals vergehen. 

Zweierlei künd' ich: bald wächst aus mehreren Teilen ein Ganzes, 

Bald auseinander tritt wieder das Eine in mehrere Teile. 

Zwiefach ist irdischer Dinge Entsteh'n und zwiefach ihr Schwinden: 

Eines erzeugt und zerstört der Dinge Verbindung; das andre, 

Kaum erstarkt, verfliegt, wenn wieder die Stoffe sich scheiden. 

Unaufhörlich wechselt dies ab, nie kommt es zu Ende: 

Bald in Liebe vereint tritt alles in Eines zusammen, 

Bald vom Hasse entzweit strebt jegliches wieder nach Trennung . . . 

Wenn in die unterste Tiefe des Wirbels der Haß sich gesenkt hat 

Und in die Mitte des Strudels die Kraft der Liebe getreten, 

Dann tritt alles in dieser zur Einheitsbildung zusammen, 

Nicht zugleich; wie jegliches will, so erfolgt die Verbindung. 

Während sich diese vollzog, entwich der Haß an die Grenze, 

Doch blieb vieles noch unvermengt inmitten der Mischung, 

Das dort schwebend der Haß festhielt; denn noch war er restlos nicht 

entwichen . . . 
Klar ist der Kampf von Liebe und Haß in den menschlichen Gliedern: 
Denn bald einen sie sich zum organischen Ganzen im Körper 
Durch der Liebe Gewalt in der Blüte des prangenden Lebens, 
Bald auch trennen sie sich durch des Streites feindliche Kräfte, 
Und dann irren vereinzelt sie hin am Gestade des Lebens . . . 

„Übrigens ist [bei Empedokles] alles Organische, Menschen, Tiere 
und Pflanzen, deren Doppelgeschlechtlichkeit Empedokles entdeckt hat, . 
beseelt ... In den organischen Wesen, als deren irdischer Verkleidung, 
verbindet sich die Geisterwelt zeitweilig mit der Welt der Materie." 1 

1) Nestle, a, a. O. S. 42 u. ff., S. 138 u. ff. 



D. 

DER ABWENDUNGSSCHRITT 



Es gibt einen Schritt, den wir folgendermaßen kennzeichnen 
können: Patient Dl. grüßte in der Analyse nie (bis zur Auffor- 
derung zur richtigen Haltung, als aktive Therapie) sich dem 
Arzte gerade gegenüberstellend, sondern mit dem Körper und 
meistens auch mit dem Kopfe sich seitwärts abwendend. (Eine 
bei vielen Patienten häufiger beobachtbare Verhaltungsweise.) Diese 
in der Analyse agierte „Abwendung" (der Schritt kann mit der 
„Ausweichung" 1 in Verwandtschaft gestellt werden), traf im Leben 
jedesmal ein, sobald Dl. mit einem jungen Manne bekannt wurde. 
Es erscheint ja ohnedies bald „die Zweite", die ihr den Platz streitig 
macht, wenn die vermutete Rivalin auch nicht tatsächlich auf- 
tritt, so war ja sicher, daß eine solche auftreten werde, und um 
Komplikationen vorzubeugen, wendete sie sich schon früher ab. 
Auch viele Gedanken erlitten dasselbe Schicksal, das Peinliche 
wollte sie nie tiefer betrachten, sie verbarg sich auch vor der 
äußeren Realität, indem sie, sich davon abwendend, alles in der 
Phantasie erleben wollte. 

Es stellte sich heraus, daß diese Abwendung schon als kleines 
Mädchen von ihr geübt wurde, und zwar gegenüber dem Ge- 
schlechtsverkehr der Eltern, den sie, zwischen den beiden Betten 
der Eltern liegend, leicht beobachten konnte; ihrer Erinnerung 
nach geschah es ein einziges Mal, als sie sich aus Neugierde doch 
hinwendete, doch erlaubte sie sich dies nur für eine verschwindend 

1) Freud, Über die Psychogenese eines Falles von weiblicher Homo- 
sexualität. Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, VI, 1920, S. 12. 



7° Psychoanalyse und Logik 

kurze Zeit. Natürlich war die Abwendung eine Reaktion auf 
eine Zeit, in welcher im Hinwenden noch keine Unart, sondern 
die Hoffnung nach Erfüllung ihrer Dualwünsche lag. — Eine 
Abwendung war beim Vater selbst vorhanden, indem er nämlich 
den Kopf, wenn er eine Rede nicht hören wollte (er war schwer- 
hörig) seitwärts wendete. Mit viel Lärm und Gepolter .wendete 
er sich besonders bei solchen Gelegenheiten ab, wenn er sich 
mit der Mutter (mit seiner Frau) zerzankte und darauf sofort, 
einen Abschiedsbrief hinterlassend, den Kreis seiner Familie mit 
dem Gefühle der Unerträglichkeit verließ. 

Auch dieser Schritt ist ins Biologische zu verfolgen; man 
denke an die Abwehrreaktionen der niederen Organismen in der 
Form der Abwendung. 1 Ist er aber auch interindividuell verbreitet? 
Das Umhüllen des Reellen mit typischen Phantasien, die Tabu- 
vorschriften sind Äußerungen dieser Verbreitung. Auch kann dieser 
Schritt zur Evidenz seiner Richtigkeit (subjektiver Art) führen, 
z. B. wird bei Dl. aus der Wahrnehmung, daß die Prostituierten 
ein geschlechtliches Leben führen, mit Abwendung vom Kon- 
kreten zum Abstrakten abgeleitet, daß nur die jungen, schönen 
Mädchen ein geschlechtliches Leben führen dürfen- Die „Ab- 
wendung in ihrer Verwendung zur Schöpfung neuer richtiger 
Satze ist eine Denkeigentümlichkeit, die im entwickelteren Geiste 
ihren Höhepunkt erreicht (wenn auch nicht im entwickeltesten; 
man denke an das „Philosophieren" Dementia,~praecox'KxsmkeT — 
Bleuler). 

In unserem Falle Dl. hatten wir den Abwendungsschritt 
auf den Ödipus-Komplex, und zwar auf seine Überwindung 



i) Dieser Schritt könnte auch, leicht mit Geburtsmechanismen (Wen- 
dungen und Drehungen des Kopfes) in Verbindung gehracht werden. Die 
Iioslösung von der Mutter wäre hier durch einen Teilmechanismus dar- 
gestellt 






Der Abwendungsschritt 



7 1 



zurückgeführt. Das Erscheinen der Abstraktion würde somit, 
wenigstens vom Standpunkte des Abwendens, unserer Arbeits- 
hypothese gemäß auf der Überwindung des Ödipus-Komplexes 
beruhen. Das wäre die Ursache der Evidenz dieses Schrittes. 
Die Befriedigung, die wir auch hier suchen wollen, ergäbe 
sich aus der narzißtischen Selbstzufriedenheit, welche das 
Gefühl der Widerstandsfähigkeit, das Konstatieren des Sichgenug- 
seins begründen; dann bringt Befriedigung auch die Identi- 
fizierung mit dem Befehlsgeber (Vater, Mutter), der (die) 
zur Eindämmung eigener Gelüste treibt. Das Aufgeben der Liebe 
zum Vater gibt dann Anlaß zur weiteren Ich-Idealbildung, 
welche, eben eine Abwendung vom früheren Liebesideal dar- 
stellend, gleichzeitig das Aufgeben des Ödipus-Konfliktes in seiner 
krassen Form besagt, somit wieder zur Evidenz führen sollte. Die 
Unzufriedenheit Dl.s mit diesem Ich-Ideal (dem Vater) drückt sich 
dann in der subjektiv empfundenen Lästigkeit, Unerträglichkeit 
dieses Abwendeverhaltens aus. 



_ 



E. 

DER SCHRITT DES SINKENS 



Die bisher behandelten Schritte erforderten keine besondere 
synthetische Arbeit, um sie ermitteln zu können; nicht ganz so 
steht es im Falle des jetzt einzuführenden Schrittes, für den wir 
eigentlich auch keinen passenden Namen eruieren können. In 
den hier unterzuordnenden Denkleistungen muß eine formale 
Analogie erkannt werden, die man als „Zug nach abwärts", als 
„Gerichtetsein nach unten", am richtigsten vielleicht als „Sinken" 
charakterisieren könnte. Das Neue, das wir hier behaupten wollen, 
betrifft wieder nicht die einzelnen Erscheinungsgebiete, sondern 
ihre Zusammengehörigkeit zu einem Schritte. 

Auf diesen Schritt wurde ich eigentlich aufmerksam gemacht 
durch einen Krankheitsfall, in welchem als Widerstand ein evi- 
denter (sc. der Patientin evident erscheinender) Satz sich erkenn- 
bar machte, der etwa so zu formulieren wäre: „Auf alles Gute 
folgt etwas Schlechtes, alles wird ein schlimmes Ende nehmen." 
(Der Sinn dieses Satzes gab Anlaß zum Widerstände, denn das 
Gelingen der Kur brächte ihr die Gesundheit und das lang er- 
sehnte „Gute , das sie aber eben des Satzes wegen nicht glaubte, 
zulassen zu dürfen.) Dieser Satz stand auch unter den Ursachen 
der Frigidität der Patientin. Als eine Pessimistin war die Patientin 
(Si. = Sinken) auch im eigenen Kreise bekannt, man gab ihr 
vorJahren den Spottnamen eines „Uhu", bei Gelegenheit, als 
sie auch ihrer Schwester in betreff deren Heirat Schlechtes pro- 
phezeite. Als Grundlage dieses Satzes konnten wir folgendes er- 
mitteln; Si.s Vater sjarb, als sie kaum aus den Windeln heraus 



76 Psychoanalyse und Logik 

war und so geriet ihre Mutter, als Mutter von drei Kindern, in 
schwere drückende Not. Die Mutter, eine Frau besserer Herkunft, 
mit reichen Verwandten, mußte niedrigere Dienstleistungen des 
Gelderwerbes wegen verrichten. Im groß väterlichen Hause, wo 
die vaterlose Familie Unterkunft fand, wurde jeder Bissen, der 
Si.s Lippen berührte, dem kleinen Kinde vorgeworfen. Später geriet 
ein unverheirateter naher Verwandter in bessere Verhältnisse and 
nahm die Mutter samt Kindern zu sich. Si. liebte den Wohltäter 
aus vollem Herzen, wollte ihn liebkosen, der ließ aber nach einer 
kurzen Periode des Glückes keine Annäherungen seitens Si.s mehr 
zu, wurde dann, als er eine Liebschaft außer dem Hause an- 
knüpfte, direkt abweisend und kalt. Ihr Bräutigam machte ihr 
jahrelang den Hof, bis endlich ein Telegramm kam, daß er wegen 
Gesundheitsrücksichen die Heirat absagen müsse. Si. setzte die 
Heirat trotzdem durch. Nach einer kurzen, glücklichen Periode 
fand sie sich dann wieder verlassen, ohne Stütze, einsam, ohne 
Liebe. Doch diese letztere Schicksals Wendungen fielen schon in 
eine Zeit, in welcher ihr evidenter Satz in* voller Gültigkeit 
wirkte. 

Stützt sich dem Obigen zufolge die pessimistische Welt- 
anschauung der Patientin auf reelle Erfahrungen, so haben diese 
Erlebnisse ihrerseits wieder einen gemeinsamen inneren, seelischen 
Zug, nämlich, daß sie die Schicksale ihrer Ich- und Liebesideale, 
respektive ihr Schicksal diesen gegenüber betreffen. 

Wir konnten jedoch hier noch andere „Grundlagen" ver- 
muten und gerade dadurch oder besser gesagt, um die Vermutung 
zu verstärken, sind wir in der Lage, den Satz zu einem „Schritt" 
zu verallgemeinern. Si. hatte bis etwa zum dritten bis vierten 
Lebensjahre die Gewohnheit des Bettnässens gehabt. Das war eine 
Gewohnheit, die — wie der Gang der Analyse es besser nicht 
hätte beweisen können — den Abschluß einer starken Lust, 






Der Schritt des Sinkens ff 



einer autoerotischen Befriedigung bedeutete. Aber mit welchen 
Folgen: am Morgen wurde sie tagtäglich zusammengeschimpft, 
es wurden ihr die Schandflecken, die draußen für jedermann 
sichtbar aufgehängten feuchten Leintücher vor die Nase gesteckt, 
was sie tief beschämte, so tief, daß sie endlich, durch eine 
neuerliche Drohung eingeschüchtert, alle Kräfte zusammenraffte 
und einige Nachte hindurch sich das Einschlafen nicht erlaubte, 
um sich durch diese Selbstkur vom Laster zu befreien. Das 
gelang ihr auch. — Und dann wieder ein anderes Gebiet: Sie 
sah als kleines Mädchen nicht übel aus, war, was ihre Schön- 
heit anbelangt, ihrer älteren Schwester ähnlich. Mit etwa sechs 
bis sieben Jahren verwandelte sich jedoch ihr Äußeres, sie fühlte 
und bemerkte, daß sie stets häßlicher werde und wurde in bezug 
auf die Schönheit tatsächlich ständig zurückgestellt. 

Haben wir so den Sinn des Schrittes erfaßt, so konnten wir 
weiterhin bemerken, daß derselbe Schritt früher und auch jetzt 
noch sich auf weiteren Gebieten kundgab. So in ihren Phan- 
tasien: sie wünscht sich ein Götzenbild, zu dessen Füßen sie 
sich werfen will, sie wünscht einen Tyrannen über sich zu ver- 
spüren, der sie niederdrückt, Sie fühlt sich wie ein flügellahmer 
Vogel, wie ein armer Sperling, der des Regengusses wegen nicht 
auffliegen kann. Sie will sich mit dem Gedanken auseinander- 
setzen, daß ihr Glück außerehelich zu suchen sei, aber das voraus- 
stehende Sinken ihrer Ehre, ihrer Würde, läßt ihre Pläne nur 
Pläne bleiben. Sie hat von Brücken herunterschauend stets das 
Gefühl, daß etwas sie herunterzieht. Sie möchte hier im Ordi- 
nationszimmer eine Versenkung einbauen lassen, um nach Be- 
endigung der Ordination das Zimmer auf dieser Vorrichtung ver- 
lassen zu können. Ihre Symptome: Kopfschmerzen, die den 
Kopf so schwer machen, daß sie liegen bleiben mußte, Kopf- 
schwindel, der das Erheben des Kopfes — der wegen Onanie- . 



78 Psychoanalyse und Logik 



schuld gesenkt werden mußte — unmöglich machte, „schwere" 
Füße, die das Aufrechtgehen verhindern wollten, enthalten den 
Schritt des Sinkens. - • 

Soweit über die intraindividuelle Verbreitung, deren Be- 
friedigungsgrundlage zu suchen und nicht schwer aufzufinden 
ist. Diese liegt gerade in dem letzterwähnten Umstände, in der 
Straftendenz (weniger allgemein auch in dem Sehnen nach 
einem Kinde, in der Niederkunft — sie war nach langjähriger 
Ehe kinderlos geblieben). 

Die interindividuelle Verbreitung betreffend, soll der Pessi- 
mismus als weitverbreitete Weltanschauung eben genannt werden, 
dann der ganze Habitus bei der Trauer, wo durch das Sinken 
der Körperstatur, des Muskeltonus, der Pulsfrequenz offenbar wird, 
daß dieser Schritt am Affekt wesentlich beteiligt ist. Die Frage 
der biologischen Analogie soll weiter unten gestreift werden, 
doch sei hier außerdem die psychophysische Erscheinung des 
Sinkens bei gewissen Tonfolgen im Bereiche des Gehörs angeführt. 

Vom Standpunkte des bestrafenden (also des dem Vater 
sich anschmiegenwollenden) Ichs ist auch dieser Schritt „richtig", 
„evident". Wir fanden auch im Falle Si. im Bereiche des ödipus- 
Komplexes einen Ausgang, der in guter Übereinstimmung mit 
unserer bisher entwickelten Auffassung hier herangezogen werden 
muß. Si. verlor, wie wir bereits hervorhoben, als ein Kind, das 
kaum noch gehen und sprechen konnte, den Vater, sie verlor 
bald alle (bewußte) Erinnerungen an den Vater, an dessen Stelle 
jedoch (wenigstens vorläufig) nicht ein lebendiger Mensch, son- 
dern der „Geist des Vaters trat. So abgewendet von der Re- 
alität, 1 fühlte sie sich wie die analytische Konstruktion lauten 

i) Auch Si. hatte dieselbe Gewohnheit beim Sichverabschieden, wie 
bei Dl. beschrieben. Öie Frigidität bei ihr war auch teilweise eine Ab- 
wendung. 



Der Schritt des Sinkens 



79 



müßte, durch dessen Geist besessen, der flog ihr in die Brust 
herab und so besaß sie allein den Vater. Das ergab eine 
geduldete Form des Ödipuskonfliktes, wo die Mutter als 
Rivalin nicht mehr stört, 1 der Inhalt dieser Form enthält aber 
gerade den Schritt des Sinkens (der Geist sinkt zu ihr herab 
und versinkt in ihr) und so konnte sich eine Evidenz gerade 
vom Standpunkte der Moral, des Religiösen (vom Standpunkte 
des Vaters aus) ergeben. — Auch das Lebensideal des Weibes, 
das Gebären von Kindern, die Niederkunft trug vermutlich zur 
Evidenz des Schrittes bei. 

Es kann nicht unerwähnt bleiben, daß wie neben dem Pessi- 
mismus ein Optimismus, neben der Trauer eine Freude, neben 
dem Sinken der Tonleiter ein Erheben derselben existiert, ebenso 
neben dem Schritt des Sinkens auch ein Schritt des Erheb ens 
existieren muß. Bei Si. war der letztere nur als Sehnen, als 
Hoffnung anwesend, tiefinnerst hoffte sie doch, daß das Leben 
noch mit viel Gutem nach dem vielen Schlechten sie be- 
schenken wird. 



i) Die Überwindung des krassen Ödipus-Konfliktes muß hier auf 
Grund seiner phylogenetischen Reste geschehen sein. 



w. 



SKIZZE EINER DENKSCHRITTS 
PSYCHOLOGIE 



6 Hermann 



I 



I. ÜBERSICHT DER DENKSCHRITTE 

Die erste Frage, die uns in der Behandlung einer allgemeinen 
Denkschrittspsychologie entgegentritt, ist die Frage, ob wir denn 
genügend wichtige, genügend verbreitete, genügend allgemeine 
Schritte in unserer bisherigen Beschreibung getroffen haben, mit 
der zunächst auftauchenden zweiten Frage aber wollen wir er- 
fahren, wie eine vollständige Liste der wichtigen Denkschritte 
lauten würde. 

Ad i. Die „Relationen , die grundlegenden theoretischen 
Gebilde der Denkpsychologie sind, wenigstens in ihren primitiven 
Gestaltungen zweigliedrig, entstehen also durch einen DUAL- 
SCHRITT. Royce sagt zwar: 1 „Man nimmt oft an, die Relationen 
seien ihrer Natur nach vorzugsweise zweigliedrig, d. h. Merk- 
male, welche einem Glied eines Paares als einem solchen Glied 
oder dem Paar selbst als einem Paar zukommen. Die Relation 
Vater oder gleich oder ein Paar gleicher kann als eine Zwei- 
gliedrige Relation betrachtet werden. Aber tatsächlich gibt es 
zahllose Relationen, die drei-, vier- und vielgliedrig auf alle mög- 
liche Art sind. Als Beispiele solcher Relationen werden dann 
„Geschenk", „Schuld" angeführt, also im Vergleiche zu den 
Vorigen sicher — als Begriff — nur dem entwickeitern Geiste 
eigene Relationen. Viele Begriffe verlieren durch Unterdrückung 



1) Royce, Prinzipien der Logik (Rüge, Enzyklopädie usw.), S. 54. 



84 Psychoanalyse und Logik 

die eine ihrer beiden Variablen (x ist der Vater von y; — x ist 
der Vater von jemand — x ist Vater), 1 

Besonders auffällig ist der Dualschritt in der Lehre vom 
Urteil, also im primitivsten, realen Denkgebilde: Die „er- 
klärenden Urteile", also die „einfachsten und elementarsten" Ur- 
teile sind Benennungen einzelner Gegenstände der Anschauung. 
Der Akt des Urteilens besteht hier darin, daß Subjektvorstellung 
und Objektvorstellung mit Bewußtsein in Eins gesetzt wird. 
(Sigwart, Logik, S. 57 — mit Berufung auf Aristoteles.) Im 
Urteil marschieren quasi zwei Elemente in inniger Verknüpfung 
nebeneinander . 

Noch einleuchtender ist die Rolle des UMKEHRSCHRITTES. 
Liest man logische Ausführungen über das schlußfolgernde Denken, 
so gewinnt man den Eindruck, die logischen Regel wollen nichts 
anderes, als bestimmen, in welchem Falle eine Umkehrung zu 
einem richtigen Schlüsse führen kann, in welchem Falle dies 
aber nicht zu erwarten sei. 

Einen wichtigen Platz nehmen in der Relationstheorie die- 
jenigen Relationen ein, welche man symmetrische zu nennen 
pflegt. „Wenn der Satz (aRb)[a steht in der Relation R zu b] 
wahr ist, dann ist auch stets eine Relation vorhanden, in der 
b zu a steht, die man oft durch R symbolisiert. Diese kann man 
die umgekehrte Relation der Relation R nennen. Also wenn a 
der Vater von b ist, dann ist b das Kind von a, und wenn man 
das mit „Kind eines Vaters" ausdrückt, dann ist die Relation 
„Kind von hier die Umkehrung der Relation „Vater von" 2 — 
„Von dem Grundsatz des Syllogismus kann man die fünf- 
zehn gültigen Modi des klassischen Syllogismus ableiten, indem 

1) Couturat, a. a. O. S. 181 bis 182. 

2) Royce, a. a. O. S. 94. — Man vergleiche das Beispiel mit 
•unserer Ableitung: Umkehrung des Vater-Sohn-Verhältnisses. 



Skizze einer Denkschrittspsychologie 85 

man in den Prämissen und im. Schlüsse gewisse gestattete (d. h. 
den logischen Gesetzen entsprechende) Umwandlungen, wie die 
einfache Umkehrung und Umstellung bewirkt," 1 Enriques zählt 
vier Arten logischer Operationen auf: 1. Gegenstände in eine 
Klasse zu vereinigen und zu ordnen, 2. eine Korrespondenz 
zwischen zwei Klassen zu setzen („Funktion") [wäre ein Dual- 
schritt], 3. zwei oder mehr Klassen zu unterscheiden, 4. eine 
gegebene Korrespondenz zwischen zwei Klassen oder eine gegebene 
Funktion umzukehren (inversio). a 

Nach Lipps erhellt die Bedeutung der umkehrbaren - — 
oder wechselseitigen — Urteile (z. B. Karl der Große war der 
erste römische Kaiser deutscher Nation) daraus, daß wir bedenken, 
daß das Interesse der Erkenntnis überall darauf gerichtet ist, 
Beziehungen der wechselseitigen Zugehörigkeit zu gewinnen. 
Lipps findet sogar in einem negativen Urteile nichts anderes 
als die Kehrseite des positiven. 3 

Der ABWENDUNGSSCHBJTT gibt sich in den Abstrak- 
tionen, in der Tendenz des logischen Denkens kund, vom Gegebenen 
ins Nichtgegebene, ins Allgemeine überzutreten (Verall- 
gemeinern, Begriffsbildung). Das strenge logische Denken 
fängt wahrhaftig mit dem Allgemeinen, mit Operationen an Be- 
griffen an. (Eine primitive Form dieses AbwendungsschTittes haben 
wir als Randbevorzugung 4 beschrieben und dieser eine schon 
entwickeltere, aber noch nicht kritisch-logische Mittebevor- 
zugung zur Seite gestellt. Das sind Fälle des Abwendungs- 
schrittes vom Ganzen zum Teil.) 

1) Couturat, a. a. O. S. 168. 

2) Enriques, Die Probleme der Logik (Rüge, Enzyklopädie usw.), 
S. 225 bis 224. 

5) Tb. Lipps, Grundzüge der Logik, 5. Aufl., 1923, S. 32 und 61. 
4) Die rYandbevorzugung als Primärvorgang, Internationale Zeit- 
schrift für Psychoanalyse, IX, 1923. 



86 Psychoanalyse und Logik 



Der SCHRITT DES SINKENS bildet das Material eines. großen 
Teils der logischen Methodenlehre, er heißt da in seiner speziellen 
Verwendung Deduktion; ebenso wäre dem Schritte des Er- 
heb ens in der logischen Methodenlehre die Induktion beizu- 
geben, also etwa die wichtigsten Materialien der „Wissenschafts- 
lehren" überhaupt. 1 

Ad 2. Bilden aber unsere ausführlicher besprochenen Denk- 
schritte einen noch so großen und noch so wichtigen Teil der 
allgemeinen Denkschrittslehre, so kann es doch nicht verschwiegen 
werden, daß wir mit diesen Schritten allein im Labyrinthe der Denk- 
aufgaben nur taumeln, uns aber nicht orientieren können. Nehmen 
wir zuvörderst als Leitlinie die Enriques sehen vier Arten logischer 
Operation. An erster Stelle wird die Vereinigung und das Ordnen 
genannt. Nun, das sind Funktionsweisen, mit welchen wir uns 
schon andernorts beschäftigt haben. Über die Vereinigung, die Ver- 
einheitlichung haben wir uns im Anschlüsse an die sogenannte 
Gestalttheorie und an Ausführungen von Freud schon ge- 
äußert. Wir haben die GESTALTUNGSTENDENZ im Seelenleben 
als ein Objekt der psychoanalytischen Forschung nachgewiesen. 2 

1) In der Beschreibung des „Neuen Organon" (Baco) ergibt sich 
die Deduktion aus einem Abwendungsschritt -f Schritte des Sinkens, die 
Induktion aus Schritten des Erhebens: „Zwei Wege zur Erforschung und 
Entdeckung der Wahrheit sind möglich. Auf dem einen fliegt man von 
den Sinnen und dem Einzelnen gleich zu den allgemeinsten Sätzen hinauf 
und bildet und ermittelt aus diesen obersten Sätzen, als der unerschütter- 
lichen Wahrheit, die mittleren Sätze. Dieser Weg ist jetzt in Gebrauch. 
Der zweite zieht aus dem Sinnlichen und Einzelnen Sätze, steigt stetig 
und allmählich in die Höhe und gelangt erst zuletzt zu dem Allgemeinsten, 
Dies ist der wahre, aber unbetretene Weg." (Buch I, Art. 19, übersetzt 
von Kirchmann.) 

2) Berliner Kongreßvortrag, 1922. Die Randbevorzugung als Primär- 
vorgang, a. a. O. Organlibido und Begabung. Internationale Zeitschrift 
für Psychoanalyse, IX, 1925. 



Skizze einer Qerikschrittspsychologie 87 

(Auf diesen Punkt werden wir, um die Einheitlichkeit unserer 
Ausführungen hier nicht zu stören, etwas später zurückkommen.) 
Ebenso haben wir eine ORDINANZ 1 als eine allgemeine seelische 
Funktion, jetzt möchten wir sagen, als einen ins Biologische ver- 
folgbaren Denkschritt aus dem Bereiche der Intelligenz heraus- 
gearbeitet. — Aus dieser Enriquesschen Zusammenstellung bliebe 
also nur die Unterscheidung, die „Vergleichung" zurück. 

Nun gelingt es uns mit nicht zu großer Mühe noch einige 
Denkschritte von nicht geringer Bedeutung den früheren an die 
Seite zu stellen. Der eine dieser neu einzuführenden Denkschritte 
wäre der SCHRITT DER NEGATION. In Lipps' Ansicht — hier 
läge uns eine Grundtatsache vor, daß nämlich kein positives Urteil 
fällbar wäre, ohne das entsprechende negative Urteil mit voll- 
zogen zu haben a — glauben wir eine auf falsche Bahnen gelenkte 
Lehre zu erkennen. Das ursprüngliche Urteil wollte ja nichts 
anderes, als die Erfahrung in Worte fassen. Was aber Gegenstand 
einer Erfahrung ist, ist immer etwas Positives, auch wenn 
man den Mangel von etwas fühlt; dieses Gefühl ist ja dann 
ausschlaggebend, und das ist wieder etwas Positives. Wir glauben 
hier viel eher Sigwart folgen zu können, der im negativen 
Urteil eine Reaktion auf das positive erblickt. „Die Ver- 
neinung richtet sich immer gegen den Versuch einer 
Synthesis und setzt also eine irgendwie von außen heran- 
gekommene oder innerlich entstandene Zumutung, Subjekt 
und Prädikat zu verknüpfen, voraus. 3 Wo wir die Quelle 
dieser Reaktion — von subjektivem Standpunkte aus — zu 
suchen haben, das ist aus Sigwarts Erklärung unmittelbar 

1) Randbemerkungen zum Wiederholungszwang. Internationale Zeit- 
schrift für Psychoanalyse, VIII, 192a. 

2) Lipps, a. a. O. S. 32, 

3) Sigwart, a. a, O. S. 119. 



' 



" Psychoanalyse und Logik 



% 
zu entnehmen: „, ... der Verneinung liegt entweder ein Mangel 

(privatio) oder ein Gegensatz (oppositio) zugrunde." 1 

Nun, die privatio, das Ver-nicht-en, liegt in der Kastra- 
tion, die oppositio im Verhältnis vom Befehlshaber (Vater) und 
Diener (Sohn) vorgebildet. Wie Freud gerade in einer seiner 
unlängst erschienenen Arbeiten systematisch ausführt, muß ein 
Stadium der psychosexuellen Entwicklung durch die Frage, be- 
ziehungsweise den Gegensatz männlich-kastriert? gekenn- 
zeichnet werden. 2 Die Beobachtung, daß es „Kastrierte" gibt, 
haucht dem Denkschritt der Mangelverneinung das Leben ein. 
Die Opposition aber hat in der Trotzeinstellung ihre Quelle, ist 
also analerotischen Ursprungs und ist von Anfang an gegen den 
Vater (die Mutter) gerichtet. Die Befriedigung des Schrittes liegt 
im Analerotischen, oft in der Freude, daß andere kastriert 
sind. Durch die Verknüpfung mit dem Ödipus-Komplex und 
dem Ich-Ideal (der eigene Herr zu bleiben) ist auch eine 
Evidenz dieses Schrittes zu erwarten. Und die Auffassung 
von Lipps ist schon am Wege zu dieser Evidenz. Die Evidenz 
kann dieser Schritt aber nur dann erreichen, wenn der 
Mangel — r mit Hilfe eines Denkfehlers — als in den Dingen 
selbst lebend angeschaut wird. „. . . der bekannte Satz Spinozas 
Determinatio est negatio (ist) als Ausdruck einer Ansicht ver- 
wendet worden, welche die Negation in das Wesen der Dinge 
selbst zu verlegen und dadurch das verneinende Urteil als ur- 
sprünglichen Ausdruck ihrer Erkenntnis hinzustellen unternimmt. 
Trendelenburg hat mit Recht auf Thomas Campanella als 
einen der entschiedensten Vertreter der Meinung hingewiesen, 
daß alle Dinge aus Ja und Nein, Sein und Nichtsein bestehen, 

1) Sigwart, a. a. O. S. 129, 

2) S. Freud, Die infantile Genitalorganisation. Internationale Zeit- 
schrift für Psychoanalyse, IX, 1925. 



Skizze einer Derikschrittspsychologie 8g 

jedes dieses Bestimmte nur dadurch sei, daß es ein anderes 
nicht sei," 1 

Ein nächster Denkschrift ist einer, den wir als VERDING- 
LICHUNGSSCHRITT bezeichnen können. Dieser Schritt bewirkt, 
daß das Denken „Dinge" vor sich hat und keine losen Vorgänge 
oder Anschauungen. Wir kennen bei Kindern und Primitiven 
den Zwang, sich in „Ding"en auszudrücken, die Finsternis, die 
Farbe, den Schall alles als Dinge wie die Körper aufzufassen. 
Wenn auch bei Tieren (Volkelt, Über die Vorstellungen der 
Tiere, 1914) keine eigentliche Beziehung zu einem Gegenstande, 
also keine Verdinglichung nachzuweisen ist, so ist doch dieser 
Schritt eine ziemlich frühe Erscheinung in der Kindesentwicklung, 
die sich in der Sprachentwicklung, dann noch nach Jahren in 
der Bilderbeschreibung (nach den Untersuchungen von W. Stern) 
deutlich erkennbar macht. 3 

Ich hatte nur kurze Zeit Gelegenheit gehabt, einen Patienten 
zu beobachten, bei dem es mir aufgefallen ist, daß er außer- 
gewöhnlich viele Namen von Gegenständen (ein Knopf, eine 
Uhr) — ohne damit die ihm sichtbaren Gegenstände zu be- 

1) Sigwart, a. a. O. S. 127. — Auch Aristoteles faßt das Vor- 
handensein der Negation als ein objektives auf; seiner Auffassung nach 
ist das verneinende Urteil ein Abbild einer Trennung. Die erste und 
ursprünglichste Gegensätzlichkeit sei nach ihm „Ansichhaben" und „Ent- 
blößtsein". „Das Entblößtsein ist ein Verhältnis der Bejahung und Ver- 
neinung, indem die Realpotenz in ihrer Verwirklichung als aufgehobene 
oder negierte erscheint . . ." (C. Prantl, Geschichte der Logik im Abend- 
lande, I, 1855, S. 118, 144, 222), Bezüglich Aristoteles sei jetzt übrigens 
auf die aufschlußreiche Arbeit von Egenolf Boeder: Pas Ding an sich 
(Analytische Versuche an Aristoteles' Analytik), Imago IX/ 9 , 1925, ver- 
wiesen. Wie stark bei Aristoteles die Dualschritte, die Umkehr- 
schritte, die Bänder (dann auch die Mitte) bevorzugt waren, kann 
jeder aus dem in dieser Arbeit dem Leser vorgelegten Material ablesen. 

2) Bühler, a. a. 0. S. 101 bis 104. 



schreiben — lose aneinander knüpft. Er hatte, auf dieses „Bröckelige" 
durch mich aufmerksam gemacht, sich über den Stuhlgang be- 
klagt, der ebensolche bröckelige, kleine Stücke produziere. Auch 
beobachtete er seit einiger Zeit viele kleine Bröckeln, sandartige 
Ablagerungen im Urin. Man könnte also daran denken, daß die 
VerdingHchung analen Ursprungs sei. Mit dem Ödipus-Komplex 
wäre die Verdinglichung gerade durch die Liebesanforderung, 
durch den Zwang der Libido, sich ein Objekt, einen Gegenstand 
zu suchen, in Verbindung zu setzen; eine Überwindung des 
strengen Ödipuskonfliktes setzt aber dieser Schritt nicht voraus. 
Der Verdinglichungsschritt läßt also die Frage der Evidenz nicht 
aufkommen, wohl aber soll, was wahr ist, bei einem gewissen 
Denkniveau, auf Dinge bezogen werden — wegen des analen 
und libidinösen Befriedigungsschrittes. Hier gibt es also 
keine Evidenz des Schrittes, sondern eine inter- und intraindi- 
viduell verbreitete Forderung zur Herstellung der Ding- 
kategorie. 

Endlich wollen wir noch der Assoziationsgesetze gedenken, 
also ebenfalls Gesetze des Denkens, aber der „freien" Denkschritte. 
Die zwei Hauptgruppen dieser Gesetze sind: diejenige der Gleich- 
zeitigkeit und die der Gleichörtlichkeit. (Das Gesetz der 
Ähnlichkeit haben wir im Falle „Harne" schon behandelt, 1 
das Gesetz des Kontrastes entspricht einer Umkehrung.) Daß 
wir diese Gesetze hier nicht ohne Grund anführen, wird erst 
aus dem nächsten Abschnitt ersichtlich. Auch hier gibt es keine 
Evidenz, sondern nur eine inter- und intraindividuelle Ver- 
breitung. 



1) In der Abhandlung: "Wie die Evidenz usw. 



Skizze einer Deiikschrittspsychologie g 1 

ANHANG 
Der Festhaltungszug 

In einer Grundlegung der Denkschrittspsychologie darf auch 
nicht vergessen werden, daß jeder Schritt etwas Beharrliches als 
seinen Hintergrund fordert. Es ist ja die vis inertiae des Denkens, 
sein Konservativismus etwas Altherbekanntes. Auch wir möchten 
auf diesen Festhaltungszug des Denkens rekurrieren, auf einen 
Zug, der z. B. in J. Piklers Theorie die Grundlage alles Denkens — 
nach unserer Meinung nur die Ermöglichung der das Denken aus- 
machenden Denkschritte — bildet. 

Der Festhaltungszug bildet eine Voraussetzung jedes 
Denkens insofern als er wenigstens eine gewisse Zeitlang, das 
Denken an einer gegebenen, angenommenen Bedeutung eines 
Begriffes, eines Satzes festzuhalten nötigt. Ohne ein solches Fest- 
halten kann kein richtiges Resultat erzielt werden. (Satz des 
Widerspruchs; entweder ist der Satz „AistB" wahr, oder er ist 
falsch, beides zugleich ist eine Unmöglichkeit. „Es ist aber klar, 
daß damit nur eine Ergänzung zu dem gemeint sein kann, was 
wir (oben) Konstanz der Vorstellungen genannt haben, es 
ist die Eindeutigkeit des Urteilsakts". Und die Stelle, 
auf welche hier verwiesen wird, lautet: „Bedingung [dieser] 
Sicherheit der Vergleichung aber ist die Möglichkeit, Subjekts- 
und Prädikatsvorstellung jede für sich festzuhalten, denn 
zwischen fortwährend Schwankendem und Zerfließendem läßt 
sich keine Einheit vollziehen. Dieses Prinzip der Konstanz 
ist wesentlich von dem der Übereinstimmung verschieden, aber 
ebenso wie dieses eine notwendige Voraussetzung des CJrteilens. 
Es erstreckt sich zugleich auf die Festigkeit der Wortbezeich- 
nungen. ) 

1) S ig wart, a. a. O. S. 147, 82, 



9 S Psychoanalyse und Logik 



Als eine Kombination des Festhaltungszuges und des Ab- 
wendungsschrittes könnte man den syllogistischen Schritt — 
Festhaltung an einem gewissen, Abwendung von einem andexn 
Bestandteile — auffassen. 

Der Festhaltüngszug kann eine übergewöhnliche "Verbrei- 
tung finden, so in gewissen Fällen von Zwangsneurose. In 
einem Falle konnte diese Verbreitung (Stottern, Festhalten an 
dem gerade herausgegriffenen Thema, endlose Sätze; legt sich 
auffallend spät nieder, öfters auch angezogen, steht dann auch 
spät auf — Eigenschaften bereits der Kinderzeit) neben dem 
Analerotischen darauf zurückgeführt werden, daß der Kranke, als 
Siebenmonatskind nichts — eigentlich den mütterlichen Körper 
nicht .— loslassen will. In einem anderen Falle wurde die Zwangs- 
neurose nach onanistischen Akten ins Leben gerufen. Nach jedem 
solchen Akte kam der Urin schwer und fiel die Onanie in die 
Zeit der Menstruation, so war, angeblich, auch die Menge der 
Blutung geringer. Zuletzt änderte sich auch ihr Stuhlgang, die 
Kranke konnte sich nur mehr in dünnen Stückchen entleeren. 
Nun, sie war auch eine Frühgeburt, aber im sozialen Sinne, indem 
ihre Geburt in den ersten Monaten der Heirat ihrer Eltern statt- 
fand. — Der Festhaltungscharakter der Zwangssymptome konnte 
vielleicht auch allgemeiner neben der Änalerotik hier seine Begrün- 
dung finden (also Wünsche, das Leben im Uterus zu verlängern). 






II. DIE DENKSCHRITTE UND DIE TRIEBLEHRE 

Wir haben in unserem, kasuistischen Teil erwiesen, daß 
die — dort "behandelten — Denkschritte ins Biologische zurück- 
führbar sind; jetzt müßten wir dasselbe für unsere neuein- 
geführten Denkschritte nachweisen. Wie aber z. ß. für das 
Gesetz der Gleichzeitigkeit eine biologische Parallele finden? 
Eine Antwort bietet sich, man könnte sogar sagen, drängt sich 
auf. Wie wäre es, wenn wir nicht das ganze Feld des Bio- 
logischen in Betracht zögen, sondern nur ein Sondergebiet ab- 
stecken wollten, das Gebiet der Triebe? Hier aber wieder ins 
Allgemeine zurückkehrend, haben wir die zwei Triebgruppen 
der Lebenstriebe (Libido) und der Todestriebe vor uns. 
Von allen Seiten drängt sich nun die Libido auf, um als 
durchgängiger Faktor in — fast — sämtlichen Denkschritten 
zu wirken. Und das drängt sich uns nicht nur jetzt auf, 
sondern wurde schon im Laufe der Zeit, als wir uns mit 
anderen Fragen befaßten, offenbar. Wir haben als Regeln 
der Sublimierung, also als einen libidinösen Schritt, 
zwei den Assoziationsgesetzen analoge Regeln aufstellen können. 
(Siehe .ausführlicher in einer demnächst erscheinenden Abhand- 
lungsreihe: Kleine Beiträge zur Begabungs- und Sublimierungs- 
theorie.) Von den Gestaltungen haben wir erwiesen, daß sie 
sich aus libidinösen Kräften nähren, die Gegenstände höherer 
Ordnung sahen wir auf Grund narzißtischer Kräfte sich ent* 



94 Psychoanalyse und Logik 



falten. 1 Um dies zu verstehen, geben wir hier eine kleine Über- 
sicht über die Frage der Gestaltbildung: 

Die heute noch von Seite der Psychologen mit Vorliebe geübte 
empirisch-experimentelle Psychologie beschäftigte sich in der letzten Zeit 
viel und eingehend mit dem Problem der Gestalt, also mit Raum- 
gestalten, Zeitgestalten, rhythmischen Gestalten, mit der anschaulichen 
Vorstellung von Bewegung und Ruhe, mit jeder Art anschaulicher 
Veränderung, mit Akkorden, Melodien.* Jede Gestalt hat etwas An- 
schauliches, d.h. sich dem Bewußtsein so unmittelbar, wie die sinnlichen 
Wahrnehmungsdaten, Darbietendes an sich, dann zeigt sie eine Einheit- 
lichkeit, gegenüber den in ihr — theoretisch, analytisch - unterscheid- 
baren Elementen (Raumdaten, Tone usw.); sie bilden —nach der Nomen- 
klatur der „Grazer« Schule — Gegenstände höherer Ordnung gegenüber 
denjenigen niederer Ordnung, sie sind auf diese letzteren fundiert, 
fundiert durch einen Produktionsvorgang (Meinong, Witasek)! 
Die heutigen Anschauungen über die Gestalt sind fast alle auf die 
Ehrenfelsschen Betrachtungen zurückzuführen. Ehrenfels prägte den 
Begriff der Gestaltojualität, womit er die Eigenschaft der Anschau- 
lichkeit hervorzuheben suchte, dann gab er Kriterien der Gestalt- 
qualität, und zwar: Erstens die Elemente müssen in demselben Indivi- 
duum vorhanden sein; zweitens das die Gestalt^ualität ausmachende 
Charakteristische (z. B. die bestimmte Melodie, der gewisse Rhythmus, die 
bestimmte Länge, Größe, die und die geometrische Gestalt, wie Dreieck, 
Viereck usw.) ist gewissermaßen unabhängig von den Elementen, es kann 1 
auch bei andern Elemente n vorgefunden werden, es kann auf andere 

1) Freud äußert sich Über diese Punkte folgendermaßen: „Wenn 
diese Verschiebungsenergie desexualisierte Libido ist, so darf sie auch 
sublimiert heißen, denn sie würde noch immer an der Hauptabsicht 
des Eros, zu vereinigen und zu binden, festhalten, indem sie zur Her- 
stellung jener Einheitlichkeit dient, durch die — oder durch das Streben 
nach welcher — das Ich sich auszeichnet. Schließen wir die Denkvor- 
gänge im weiteren Sinne unter diese Verschiebungen ein, so wird eben 
auch die Denkarbeit durch Sublimierung erotischer Triebkraft bestritten.« 
(Das Ich und das Es. 1923, S. 56* und 57.) 

2) Die Zusammenstellung nach Prob es, Lehrbuch der experimeri- 
teilen Psychologie. 1917, I, S. 451. 



Skizze einer Derikschrittspsychologie qä 



Elemente transponiert werden (man denke an die Transponierung- 
einer Melodie). Von psychoanalytischer Seite muß zum Begriffe der 
Gestaltqualität bemerkt werden: Da das Bewußtsein selbst als ein „Organ 
zur Wahrnehmung psychischer Qualitäten« aufgefaßt werden soll (Freud), 
muß die Gestaltqualität eine ihr entsprechende qualitativ bestimmte, 
reale, psychische, bewußtseinsunabhängige Gestalt zur Seite haben. 

Von psychoanalytischer Seite aus kann man also den Begriff der 
Gestalt der Gestaltajualität gemäß aufrecht erhalten, wobei aber das Be- 
wußtwerden der qualitativen Eigenart nicht notwendig, nur theoretisch 
möglich zu sein braucht. Der anschauliche Charakter soll also etwas 
Außerbewußtes bedeuten: die realpsychischen Grundlagen der möglichen 
Anschauungen sollen einen gemeinschaftlichen Charakter aufweisen. So 
muß statt des Charakters der anschaulichen Unmittelbarkeit der Charakter 
der Unmittelbarkeit in der psychischen Wirkung überhaupt 
(die Anschauung inbegriffen) treten.* 

Denkt man nun die Freudsche Sexualtheorie durch, legt man auf 
die Tatsache der Unabhängigkeit der libidinösen Äußerungen vom Sexual- 
ziel, Sexualobjekt und vom ausübenden Organ das nötige Gewicht, so 
kann man nicht umhin, im Gebiete der Sexualität ein Gebiet eigen- 
artiger Modalität (neben Raum, Zeit, Akustik usw.) mit ganz besonderen 
Gestalten zu erblicken, mit der Möglichkeit der Transponierbarkeit 
derselben. Dabei kann natürlich nicht jede „libidinöse Gestalt" in jede andere 
beliebige transponiert werden: Die Transponierung hat ja auch ihre eigenen 
Gesetze (etwa: sie muß sich in demselben Entwicklungsniveau bewegen, 
die nämliche Fundierungs-, Produktionshöhe muß stets eingehalten, die 
übrigen „Verhältnisse" der einzelnen Elemente zueinander dürfen — 
relativ — nicht angetastet werden). Es gibt Gestalten,* die direkt auf 
„Elemente" fundiert sind und Gestalten, die sich auf fundierte Gestalten 
stützen» (Ton — Akkord, Rhythmus — Melodie); so ist auch die infantile 
Sexualität, wenigstens in ihren Anfängen, im großen und ganzen ohne 
Zentrierung und Organisation — wie mehrere Gestalten niedern Grades - r 

1) Vgl. mit dem Begriffe der lokalisatorischen Komplexwirkung- 
einer symmetrischen Gestalt in: Hermann, Über formale Wahltendenzen, 
Zeitschrift für Psychologie. Bd. 87, 1921. 

2) Vgl. mit K. Koffka, Die Grundlagen der psychischen Entwick- 
lung. Eine Einführung in die Kinderpsychologie. 1921. 



9 6 Psychoanalyse und Logik 

die perverse und normale Sexualität des Erwachsenen sei aber schon, nach 
Freud, in der Regel ausgezeichnet zentriert („es ist hier wie dort eine gut 
organisierte Tyrannei") — eine Gestalt, eine Wirkungs einheit höheren Grades 
von spezifischer Qualität, Gegenseitig transponierbare homologe Gestalten 
wären in erster Stufe die organisch-libidinösen, in zweiter Linie die in- 
fantile Sexualität, in dritter Linie die zentrierte Sexualität der Er- 
wachsenen. 1 

Ausgehend vom psychologischen Problem der Gestalten, sind wir 
auch auf die Erkenntnis gestoßen, daß es eine transponierte Gestalt ist, 
welche bei der künstlerischen Produktion wirkt, und zwar eine Gestalt 
von der Modalität des LibidinÖsen. Denkt man aber an den PI ato fr- 
Fr eudschen Gedanken, wonach Eros es sei, der alles in der Welt 
zusammenhält, 8 so steht man vor der Frage, ob bei den übrigen psychi- 
schen Gestalten keine libidinÖsen (organisch-libidinösen) Kräfte im Spiele 
sind, welchen gerade das Spezifische der Einheit zugesprochen werden 
könnte. Dies der Weg der Antwort: Die Gestaltbildungen sind stets mit 
Gehirnfunktionen verknüpft, die hohe narzißtisch-libidinöse Besetzung des 
Gehirns und seiner Funktionen wird nun aber gerade in der letzten Zeit 
stärker hervorgehoben.' Es steht nichts der Theorie entgegen, daß alle 
psychischen Gestalten auf Grund libidinÖser narzißtischer 
Kräfte entstehen. 

Durch diese Theorie haben wir die Ühlustgrundlage bei den auf 
Wiederholung beruhenden Gestalten wie Rhythmus, Ähnlichkeit, geo- 
metrische Gestalt, auch „tiefe Gedanken" (infolge der übergangs- 
masochis tischen Schmerzgrundlage) 4 einheitlich beleuchten können. Dieser 
Theorie stellte sich die durch die neue Berliner psychologische Schule 
verkündete Lehre zur Seite, daß der Säugling — wir setzen hinzu: mit 

1) S. Freud, Vorlesungen zur Einführung. 1917, S. 550, 370. — Zur 
dritten Stufe gehört auch die unter dem Primat des Phallus stehende 
spätinfantile Genitalorganisation (Freud, Die infantile Genitalorganisation) 
Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, IX, 1923). 

2) S. Freud, Massenpsychologie und Ich-Analyse. 1921, S. 45. 

3) Holl6s-Ferenczi, Zur Psychoanalyse der paralytischen Geistes- 
störung. 1922, S. 39 (Ferenczi) und Hermann, Organlibido und Begabung. 
Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, Bd. X, S. 308 bis 510. 

4) Organlibido und Begabung. 



Skizze einer Denkschrittspsychologie 97 

seinem relativ großen Gehirn und seinem starken, unverdrängten Nar- 
zißmus — stets nur psychische Gestalten denkt und wahrnimmt. 1 Auch 
die von Ferenczi in das Problemgebiet hineingeworfene Möglichkeit 
einer massenpsychologischen Analogie könnte hier Anwendung finden 
(„libidinöse Rücksicht auf einen dritten führenden" Komplex, dem „Ich- 
Kern" bei der Vereinheitlichung zweier psychischer Inhalte). 8 

Nun setzen wir unser Hauptthema fort: Die Ordinanz tritt 
als organisch-biologischer Schritt, besonders in den Perioden 
des Geschlechtslebens, also ebenfalls eine libidinöse Eigen- 
schaft widerspiegelnd, hervor. Das Festhalten kann ganz unge- 
zwungen, als in der „Klebrigkeit der Libido" begründet, sich in 
der anal erotischen Qualität besonders ausgeprägt durchsetzend, 
den libidinösen Äußerungen angegliedert werden. Bei dem Dual- 
schritt, Umkehrschritt müssen wir nach dem, was wir schon 
angegeben haben, hier nichts mehr nachtragen. Die V erdin g- 
lichung als libidinöse Eigenschaft ist uns aus den unmittelbar 
vorangehenden Ausführungen bekannt. Die Randbevorzugung 
kann an libidinösen Entwicklungen (Mund-, Genital-, Anal-, 
Handerotik; mit dem Festhaltungszug zusammen: Klebenbleiben 
an dem ersten Liebesobjekte) abgelesen werden. Auch der Ab- 
wendungsschritt steht der befriedigten Libido als Waffe bei. 

Was ist's aber mit dem Schritt der Verneinung? Die 
Kastration ist ja keine „Eigenschaft" der Libido, sie, ist ja auch 
keine eigentliche — nur eine, fälschlich, gedachte — Kastration. 
Aber was bekundet sich in dem Kastrationsgedanken, besonders 
wenn wir — wie schon einmal so genannt — den Ver- 
nicht-ungsschritt nicht vor Augen halten? Was in der anal- 
erotischen Opposition, die den Gegner schmerzlich verdrießen 

1) Koffka, a. a. O. 5. 44 und 45. 

2) Hollös-Ferenczi, Zur Psychoanalyse der paralytischen Geistes- 
störung, S- 50. 

7 Hermann 



9$ Psychoanalyse und Logik 



kann? Wir glauben hier den Todes tri et am Werke; in der Ver- 
nichtung, in der Kastration, in der Opposition den andern gegen- 
über erscheint der Todestrieb, der sich dann als Sadismus mit 
libidinöser Verfärbung dem Lebenstriebe anschließen kann. 1 Der 
Schritt der Verneinung ist Schritt des Todestriebes, 
ebenso wie der Schritt der Bejahung, also des Lebens, 
des Bauens, Schritt des Lebenstriebes ist. Und hier sehen 
wir sofort: Dem Schritt der Verneinung ist der Schritt des 
Sinkens zugeordnet und auch im letzteren äußert sich der Todes- 
trieb, ebenso wie im (vermuteten) Schritt des Erhebens der 
Lebenstrieb seine Kraft einsetzt. 

Sind wir aber da angelangt, so können wir vielleicht auch 
der Vergleichung, diesem Grundschritte, den wir früher bei- 
seiteschieben mußten, einen Platz im Durcheinander der Triebe 
anweisen. Worauf gründet sich denn die Idealisierung, die 
Ich-Idealbüdung und die Entwicklung in diesem Gebilde, wenn 
nicht auf das Vergleichen des Ichs und eines anderen Objektes? 
Der Vergleichungsschritt, der Schritt der Verneinung und des 
Sinkens scheinen die ichgemäß esten Schritte zu sein, sie dienen 
einer Tendenz der Nivellierung, der das Stillstehen bedeutenden 
Gleichsetzung der Besetzungen. Vielleicht ist es kein Zufall, daß 
die moderne Psychologie, immer nur eine Ich-Psychologie — seit 
Fechner 2 — mit Vergleichungen (das sind ja die psychophysi- 

i) „ . . . Aristoteles sagt auch ausdrücklich, daß das Verhältnis des 
Widerspruchs, nämlich das Verhältnis des Bejahens und Veiueinens, dem 
Sein und Nichtsein sowie der in Sein und Nichtsein vor sich gehenden. 
Veränderungen, nämlich dem Entstehen und Vergehen entspreche" 
(Prantl, a. a. O. 152). 

2) Auch das kann kein Zufall sein, daß unter den neuern Philosophen 
Fechner es war, der den Gang der Weltentwicklung gedanklich um- 
kehrte und die Entwicklung vom einheitlichen organischen Ganzen 
ins anorganische Teilhafte gekehrt sah. 



Skizze einer Denhschrittspsychologie 99 



sehen Experimente, wo stets ein Vergleichungsurteil zu fällen ist, 
durchwegs) ihre Laufbahn begann. Und wäre es nicht so, daß 
das sogenannte psychophysische Grundgesetz mit der 
ständigen Wirkungsverminderung der absoluten Reiz- 
größe eigentlich ein Gesetz des Ichs aussprechen würde, 
inbegriffen des ihm eingeordneten Todestriebes? 

Der Schritt der Vergleichung konstatiert die Ähnlichkeiten, Ver- 
schiedenheiten, Gleichheiten. Diese Gleichheit ist eine Konstatierung 
der Gleichheit, sie ist keine Identifizierung, die ein oraler otisch-libidi- 
nöser Schritt, auf Gegenstände nicht auf Vorstellungen abgesehen, ist. 

Wenden wir unser Augenmerk nunmehr auf die Peripher- 
prozesse, so kann wieder festgestellt werden, daß wir durch diese hier 
entwickelte Auffassung eine gemeinschaftliche Grundlage der Behand- 
lung der „richtigen" Zentral- und Peripherprozesse gewonnen haben. 
Dort gelten die logischen (und prälogischen) Schritte, im Grunde libidi- 
nösen Schritte und Schritte des Todestriebes j hier (z. B. bei der zeichneri- 
schen Betätigung) sind ebenfalls libidinö'se Schritte die tonangebenden — - 
es muß etwas produziert werden und dann in gewissen Arbeits- 
weisen etwas Schönes produziert werden, Schönheit ist aber wieder eine 
richtunggebende Waffe der Libido — und außerdem die den Ichtrieben zu- 
gezählte Vergleichung, Verähnlichung, Gleichsetzung. In der Musik zeigen 
sich besonders auffallend die von uns vorgefundenen Schritte als integrie- 
rende Faktoren (Dual von Melodie und Begleitung, Umkehrungen, Ab- 
wendungen vom Thema, Sinken und Sicherheben der Melodie). 



III. DIE LOGISCHEN DENKGESETZE UND DIE 
THEORIE DER EVIDENZ 

Es kehren in. den systematischen Behandlungen der Logik 
stets einige Sätze wieder, die als Axiome aufzufassen, also un- 
mittelbar evident, aber zu jeder mittelbar evidenten Ableitung 
nötig sind. „Die Logik hatte die längste Zeit mit den . . . zwei 
Grundsätzen des Widerspruches und des ausgeschlossenen Dritten 
auskommen zu können geglaubt. Dann stellte ein Teil der Logiker 
höchstens noch als drittes Axiom den Satz der Identität auf 
(und dann jenen beiden meist voran); wieder ein anderer Teil 
hielt auch schon wieder den Satz des ausgeschlossenen Dritten für 
minder fundamental als den des Widerspruchs." 1 Dazu sollen 
dann noch einige Sätze, diesen nebengeordnet, Platz finden, so der 
Satz, daß die Verneinung der Verneinung eine Bejahung sei; 
dann der Satz, daß mit dem Grund die Folge bejaht, mit der 
Folge der Grund verneint wird. Finden wir schon in diesen 
letzteren Sätzen etwas Erkünsteltes vor, so gilt dies noch viel 
mehr für die Bestrebungen der sogenannten Logistik, die eine 
der geometrischen analoge Axiomatik des Denkens entwickeln 
möchte. Wir wollen uns deshalb hier nur mit den ersteren 
auseinandersetzen. 

Findet man die Axiome der neuen Logistik gekünstelt, so 
wird man sich vielleicht nicht wundern, daß demgegenüber die 
ältesten Axiome allzu evident gehalten sind. Lipps erklärt die 

1) Alois Höfler, Logik. 2. Aufl., 1922, S. 525. 



Skizze einer Detikschrittspsychologie 1 o l 



von ihm herangezogenen Axiome geradezu als Tautologien", 
„Der Satz: Jedes Objekt sei eines, ist eine Tautologie, mag nun 
unter der Einheit die Einheit im engern Sinne — jedes Objekt 
ist für unser Denken eine Einheit, d. h. etwas Einheitliches, — 
oder die Einzelheit — jedes Objekt ist ,nur eines' — verstanden 
werden. Die Zusammenfassung zur Einheit macht erst das 
Objekt." 1 „Ebenso tautologisch, wie der Satz der Einheit ist der 
Satz der Identität: Jedes Objekt ist mit sich selbst identisch . . . 
Nicht minder nichtssagend ist der Satz der Verschiedenheit: 
Jedes Objekt sei von andern (numerisch) verschieden." 2 „Als 
non-P bezeichneten wir schon früher jedes beliebige mit einem 
P unverträgliche Objekt des Bewußtseins. Halten wir den Sinn 
dieser Bezeichnung fest, so ist der Satz der Unverträglichkeit — 
des kontradiktorischen Gegensatzes oder auch des .Widerspruchs', 
ein S könne nicht zugleich als P und als ein non-P gedacht 
werden, oder was dasselbe sagt, es könne nicht zugleich P 
und auch nicht-P sein, wiederum eine bloße Tautologie. Nur 
daß es überhaupt Bewußtseinsobjekte, die sich wie P und non-P 
verhalten, gibt, kann der Satz besagen wollen. Er ist dann nichts 
Geringeres, als der Ausdruck einer Voraussetzung oder Be^ 
dingung allen Urteilens."^ 

Man muß nun nur einen Blick auf die unter gewissen 
Umständen Evidenz ergebenden Dual- und Umkehrschritte werfen,' 
auf die Identifizierung im BeTeiche des Ödipus-Komplexes, und 
man wird sogleich den tiefen Sinn dieser angeblich tauto- 
logischen Sätze finden. 

Wir können demnach schon jetzt aussprechen: die Axiome 
der Identität (A ist A), des' Widerspruchs (von zwei Urteilen, 

i) Lipps, a. a. Ö. S. 100. 
2) Lipps, daselbst, S. 101. 
5) Lipps, a. a. O. S. 105. 



Psychoanalyse und Logik 



deien eines bejaht, was das andere verneint, ist das eine 
falsch.), des ausgeschlossenen Dritten (von zwei Urteilen, deren 
eines bejaht, was das andere verneint, ist das eine wahr) sind 
als Reaktionsbildungen gegenüber in der Logik nicht ge^= 
duldeten, evidenten Sätzen zu bezeichnen. Doch finden wir eine, 
unserer Auffassung über die Entstehung der Evidenz viel unmittel- 
barer entsprechende Sachlage vor. 

Man denke daran, daß wir in den früher behandelten 
Evidenzen (Denkschritten, wie Dualschritt) Überwindungsversuche 
wohl des Ödipus-Komplexes, aber nicht seine den letzten Forde- 
rungen gemäße Überwindung vorgefunden haben, Die strenge 
Logik gehört aber einem seelischen Niveau an, wo der ödipus- 
Komplex bereits verdrängt ist und gewisse typische Konstellationen 
an seine Stelle ins Bewußtsein getreten sind. Erstens wird die 
Identifizierung mit dem Vater verboten. Der Vater bleibe der 
Vater, der Sohn bleibe der Sohn, d. h. aber A bleibe und ist 
auch (als Ideal fall) stets A. Erscheinen im Denkverlaufe zwei 
entgegengesetzte Meinungen, so stammt die eine vom Vater oder 
ist wenigstens in seinem Sinne gedacht, die andere aber nicht. 
Die eine Meinung muß verworfen, die andere angenommen 
werden. 

Unserer Auffassung nach stellt also die strenge Logik einen 
Anpassungszustand des Denkens dar» der durch das Familien- 
Schicksal des Menschen, durch den Ausgang des Ödipus-Konfliktes 
gezeichnet ist. Wir können diese Ansicht auch damit unter- 
stützen, daß es in der Entwicklung der wissenschaftlichen Logik 
ein Anfangs Stadium gab, die Sophistik, welche sich als Ziel 
nicht nur formal „das partikulare Rechthaben vermittels eines ein- 
seitig festgehaltenen Abstraktums'V also ein narzißtisches Ziel, das 



i) C. Prantl, a. a. O. I. Bd., 1855, S. 29. 



Skizze einer Derikschrittspsychologie 1 05 

Loswerden vom Vater, setzte, sondern es läßt sich aus dem Wort- 
laute vieler Sophismen dieser Kampf gegen den Vater und um- 
gekehrt auch direkt ablesen. 

So lautet ein Fangschluß : „Wer jemanden belehrt, will be- 
wirken, daß derselbe weise und nicht mehr unwissend sei, er 
will also, daß jener werde, was er noch nicht ist, und daß er nicht 
mehr sei, was er jetzt ist, also: will er ihn vernichten", 1 d. h. 
der Vater will den Sohn vernichten, Prantl wundert sich, daß 
man solche Fangschlüsse" der Aufbewahrung oder Besprechung je 
wert gehalten hat, z. B. 

„Der Tüchtige bespricht die Dinge, wie sie sich ver- 
halten. 

Das Schlechte aber verhält sich schlecht. 

Also bespricht der Tüchtige das Schlechte schlecht," 
Was heißen will: 

Wozu dem Vater gehorchen? 
Oder: 

„Dieser Hund hat Junge 

Also ist er Vater 

Er ist aber dein 

Also ist er dein Vater 

Du schlägst ihn aber 

Also schlägst du deinen Vater" — 
was keines Kommentars mehr bedarf. 
Oder in der Verschiebung: 2 



1) C. Prantl, a. a. O. S. 22. 

2) Die Verschiebung ist vom Standpunkte der Denkschrittspsycho- 
logie ein zusammengesetzter, kein einfacher Schritt. Sie wirkt auf Nötigung 
der Z ensur und kann als zensurierter Festhaltungszug + Gleichsetzung 
aufgefaßt werden. — Ebenso wäre die Verdichtung ein zensurierter 
Dual- (Trial-) Schritt mit Gestaltungstendenz. 



104 Psychoanalyse und Logik 



„Tier ist, was Seele hat, 

Mein ist, womit ich nach Belieben schalten kann, 
Also mit meinen Tieren kann ich nach Belieben 
schalten, 

Meine Götter sind die väterlich abgestammten Götter, 
Die Götter haben Seelen nnd sind also Tiere, 
Mit meinen Göttern also kann ich nach Belieben 
schalten," 1 
Auch später noch wird von. den Megarikern die Frage 
gestellt : 

„Hast du aufgehört, deinen Vater zu schlagen ?" a 
Den Stoikern wird folgendes Sophisma zugeschrieben: „Ein 
Krokodil hat ein Kind geraubt und verspricht dem Vater des- 
selben die Rückgabe, wofern er errate, welchen Entschluß be- 
treffs der Rückgabe oder Nichtrückgabe das Krokodil gefaßt habe. 
Rät nun der Vater auf Nichtrückgabe, so ist das Krokodil ratlos, 
was es tun solle, denn gibt es dem Vater das Kind zurück, so 
hat jener falsch geraten und darf deswegen das Kind nicht be- 
kommen, enthält es ihm aber dasselbe vor, so hat jener recht 
geraten und soll deswegen das Kind bekommen. Rät aber der 
Vater auf Rückgabe, so setzt er sich der Gefahr aus, daß eben 
deswegen das Krokodil behaupte, den Entschluß der Nichtrück- 
gabe gefaßt zu haben, um wegen falschen Ratens das Kind ihm 
verweigern zu können." 3 Die Ambivalenz des Vaters seinem 
Kinde gegenüber kann nicht besser dargestellt werden. 

Das Bedenken Zenons in Ansehung der Bewegung, dem 
er in dem Beispiele von „Achill und die Schildkröte" Worte 
gibt, die Behauptung also, daß im Wettlauf zwischen einem 



i) Die Beispiele aus Prantl, a. a. O. S. 24 und 25. 

2) Daselbst S. 57. 

5) Prantl, a. a. O. S. 495. 



Skizze einer Denkschrittspsychologie 105 

Schnellfüßigen und einer langsamen „Schildkröte" die letztere 
doch die Oberhand gewinnt, 1 kann ebenfalls als Kampf zwischen 
Vater und Kind („Kröte" als Symbol) gedeutet werden. 

ANHANG 
Exkurs über die Sophismen 

Wir sprachen schon vom narzißtischen Ziel jeder Sophistik; 
betrachtet man aber jedes Sophisma einzeln formal und inhaltlich, 
so wird man bei vielen Sophismen daran erinnert, daß hier 
ein dem Witz irgendwie analoges Gebilde gepflegt wurde, ein 
Gebilde mit teilweise denselben Tendenzen wie der Witz. 

So sehen wir formal die verpönten Schritte der Logik in 
den Sophismen: 

Der Sitzende schreibt 
Sokrates sitzt 
Also Sokrates schreibt, 2 • 
Also eine gewöhnliche Verschiebung. 
Ebenso : 

Kennst du diesen verhüllten Menschen? Nein. Es ist 
aber dein Vater; also kennst du deinen Vater nicht. 
Oder: 

Diese Bildsäule ist ein Kunstwerk; sie ist aber dein, 
also ist sie dein Kunstwerk. 3 
Die einfache Umkehrung: 

Wo wohnt Theon? Da, wo Dion. 
Wo wohnt Dion? Da, wo Theon.* 

1) Gomperz, Griechische Denier, I, 2. Aufl., 1905, S. 159. 

2) Prantl, a. a. O. S. 57. 

5) Prantl, a. a. O. S. 50, 51. 
4) Prantl, a. a. O. S. 492. 



io6 Psychoanalyse und Logik 



Beispiel einer Verdichtung: 

Jemand hat den Plato und den Sokrates geschlagen. 
Plato aber und Sokrates ist ein Mensch. 
Jener also hat Einen Menschen geschlagen. 1 
Sehr oft finden wir aber hinter dem formalen auch das 
latente Inhaltliche, welches erst dem Sophisma den Wert gab, 
sich eine Laufbahn verschaffen zu können. Hieher gehören die. 
.bereits früher erwähnten, den Vater herabsetzenden Sophismen. 
Den Kastrationskomplex — also den Urheber von einem 
der wichtigsten logischen Schritte: der Verneinung — finden 
wir stark vertreten. 

Von weitem hiehergehörig — mit Anspielung an die Onanie: 
Der Dieb will nichts Schlechtes bekommen. 
Etwas Gutes zu bekommen ist etwas Gutes 
Also will der Dieb Gutes. 
Oder: 

Der Dieb will stehlen 
Das Stehlen ist ein Übel 
Also will der Dieb ein Übel 

Also ist es unwahr, daß niemand ein Übel wünsche. 2 
Durchsichtiger zum Kastrationskomplex stehen: 

Mit dem Auge, welches man nicht hat, kann man 
nicht sehen 

Nun aber hat der Mensch nicht Ein Auge 
Also kann er nicht sehend 
Nun wird bewiesen, daß man nicht kastrieren kann: 
Hieher gehört die Frage: Wie viel Haare müssen vom 
Haupte ausgerissen werden, um einen Kahlkopf zu bewirken? 

1) Prantl, a. a. O. S. 46. 



2) Prantl, a. a. O. S. 49. 
5) Prantl, a. a. O. S. 55. 



Skizze einer Denkschrittspsychologie l o 7 



Oder: Wie viele Getreidekörner machen einen Haufen? Die 
Antwort geht nach diesem Schema: 

Brächte der erste Tropfen eine Wirkung hervor, so müßte 
es "bemerkbar sein; bewirkt aber der erste nichts, so auch der 
zweite, dritte usf, bis zum letzten; wie also ist der Stein doch 
hohl geworden? 1 

Ein Witz auf den Kastrationsgedanken ist folgendes Sophisma: 
Was du nicht verloren hast, hast du noch 
Du hast Hörner nicht verloren 
Also hast du Hörner. 2 
. Auch durch seine sexuell-symbolische Beziehung (Mauer — 
Uteruswand; Uterus — lebendes Wesen; Insekt — „Biene") 3 wird 
das Sophisma verständlicher: 

Wenn eine Mauer darum nicht atmet, weil sie kein Tier 
ist, so würde sie atmen, wenn sie ein Tier wäre. Nun aber atmen 
viele Tiere, z« B. die Insekten, nicht. Also ist die Mauer nicht 
darum nichtatmend, weil sie kein Tier ist. Also ist die Mauer 
ein Tier, auch wenn sie nicht atmet. 4 



1) Prantl, a. a. O. S. 54, 55. 

2) Prantl, a. a. O. S. 55. 

5) Vgl. Ein Vortrag von Frau Dr. Radö-R6vdsz f 
4) Prantl, a. a. O. S. 43. 



IV. ZUSAMMENFASSUNG DER THEORIE DER 

EVIDENZ 

Über Evidenz wurde von uns in folgenden Verbindungen 
eine Meinung ausgesprochen. 

1. Evidenz von Thesen (Sätzen), wie z. B. die Humesche 
These über die Ähnlichkeit, der Millsche Satz über die Induktion. 

a. Evidenz von logischen Axiomen, wie der Satz der 
Identität. 

3. Evidenz von Denkschritten, wie der Dualschritt, der Um- 
kehrschritt, der Abwendungsschritt. 

4. Ein Mangel der Evidenz (wenigstens vom Standpunkte 
der Allgemeinverbreitung) anderer Denkschritte. 

Die Evidenz der ersten Klasse wurde von uns mit realen 
Eigenschaften, Beziehungen der Ich- respektive Liebesideale 
erklärt, und wir glauben den Zusammenhang darin erblicken 
zu können, daß die Ich-Zensur das, was sie an einer Art von 
Ideal gefunden hat, an einer anderen Art von Ideal ebenfalls 
durchzuführen trachtet. Die Evidenz der zweiten und dritten 
Klasse wurde dann auf ähnlicher Weise auf Ich- und Liebes- 
ideale zurückgeleitet, doch mit der weiteren Bestimmung, daß 
es sich hier um den Konflikt in Betreff dieser ersten Ideale, 
also um den Ödipus-Konflikt handelt. Die ersten Überwin- 
dungsversuche des Ödipuskonfliktes entsprechen der dritten, 
seine endgültige Verdrängung dann der zweiten Art von 



Skizze einer Denkschrittspsychologie 109 



Evidenz. Natürlich wird das Erscheinen der Evidenz durch gewisse 
Verhältnisse hervorgelockt (die Befriedigungs Wirkung) und 
durch gewisse Verhältnisse verstärkt. (Anwendbarkeit auf mehrere 
Idealgebiete, Bewahrheitung durch die Erfahrung.) 

Sind somit Ich- (Liebes-) Idealbildungen, respektive der 
Ödipus-Komplex in den Mittelpunkt der Lehre über die Evidenz 
gerückt, so müßte, falls diese Theorie Anspruch auf Richtigkeit 
erhebt, aus denselben Bildungen auch der Grund abzuleiten sein, 
weshalb eine vierte Klasse existiert, also eine Klasse, die sich 
nicht zur allgemein anerkannten Evidenz durcharbeiten konnte. 
Die Antwort, daß die Realität hier hindernd im Wege stünde, 
genügt uns nichts dem Umkehrschritt steht sie doch auch genügend 
scharf entgegen und dieser Schritt hat sich trotzdem Evidenz 
verschaffen können. 

Nun überblickt man die Schritte der Klasse vier, so wird 
man etwas bemerken müssen, was wir bereits beim Verding- 
lichungsschritt hervorgehoben haben. Die Verdinglichung wird 
gefordert, um eine Wahrheit aussprechen zu können (die Be- 
nennung, die Namen sind Verdinglichungen), aber auch um die 
Liebe fixieren zu können : jede Liebesbildung, jede Bildung eines 
Ich-Ideals setzt eine Verdinglichung voraus. Ebenso die 
Randbevorzugung: erst sie fuhrt zur Betrachtung des Denk- 
resultates, des Endergebnisses der Denkabläufe, aber auch zur 
Idealbildung, was ja eine Randbevorzugung katexochen ist. 
Die Gesetze der Gleichzeitigkeit und Gleichörtlichkeit 
sind Gesetzmäßigkeiten der Sublimierung, somit ermöglichen 
sie erst diejenige Libidowanderung, welche den Denkprozessen 
zugrunde liegt, doch ebenso die Sublimierung der Schritte auf 
äußere Verhältnisse in den Idealbildungen selbst. Die Schritte der 
Vergleichung machen erst die Frage möglich, ob etwas richtig, 
falsch, wahr oder unwahr sei, sie ermöglichen geradeso das Ent- 



lio Psychoanalyse und Logik 

stehen der Spannung zwischen Ich-Ideal und Ich, Ich und nicht- 
idealen Vorkommnissen. Die Schritte der vierten Klasse, wenigstens 
die hier aufgezählten, also sicher die verbreitetsten und wich- 
tigsten, sind somit die Idealbildungen, auch den Ödipus-Konflikt 
überhaupt ermöglichenden Schritte, sie sind demnach weder 
logische noch prälogische Schritte, letztere im Sinne einer primi- 
tiven Logik, sondern sie sind im Grunde alogische Schritte, 
oder auch prälogische in dem Sinne, daß sie vor jeder, 
noch so primitiven Logik bereits walten müssen. 



INHALT 

Seite 

A. Einleitung , . , , 7 

B. Der Dual schritt .17 

I. Das Manifeste in einer Krankengeschichte ig 

II. Dualschritte aus der Entwicklungspsychologie 2g 

Anhang: Der Dualschritt -in der Biologie 50 

ITI. Erfahrungen und Erklärungen im Falle Dl 31 

IV. Dualschritte in der schönen Literatur. Ihr Zusammenhang mit 
der seelischen Konstitution und dem Erlebnis des Schrift- 
stellers 40 

C. Der Umkehrschritt 47 

I. Die Umkehrschritte in einer Krankengeschichte ..... 49 

II. Biologische und entwicklungspsychologische Parallelen . . 52 

a) Aus der Biologie und Psychophysik 52 

b) Aus der Entwicklungspsycholo'gie ......... 54 

IDT. Analytische Aufklärung im Falle Uk g 7 

IV. Ein Fall mit Dual- und Umkehrschritten 62 

D. Der Abwendungsschritt 67 

E. Der Schritt des Sinkens 73 

F. Skizze einer Denkschrittspsychologie 8x 

I. Übersicht der Denkschritte 85. 

Anhang: Der Festhaltungszug Q1 

II. Die Denkschritte und die Trieblehre ......... qg 

III. Die logischen Denkgesetze und die Theorie der Evidenz . .100 
Anhang: Exkurs über die Sophismen . .105 

IV. Zusammenfassung der Theorie der Evidenz 108 



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