(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Biodiversity Heritage Library | Children's Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Die Psychoanalytische Bewegung II 1930 Heft 4"

glllllllllllllllllilllllllllH 

1 Die psychoanalytische | 



1 II. Jahrgang JuJli*August 193® Heft 4 jj 

LiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiM 

Die Bedentiuog der Psychoanalyse 



Von 

Eduard Hitsdhmaem 

Biographie heißt zwar Lebensbeschreibung, aber wir modernen 
Menschen wollen uns längst nicht mehr mit dem Werden einer Person im 
äußeren Leben begnügen, wir wollen sein inneres Werden verstehen, 
«•c-rade wie die Psychiatrie aus einer beschreibenden eine verstehende 
werden mußte. Dieses zwanzigste Jahrhundert hat große Fortschritte 
gemacht, nicht zuletzt durch die Psychoanalyse, dieses „wunderbare Zeit- 
alter mit seinem neuen Geist, dem Wahrheitsstreben und der Tatsachen- 
liebe, dieser Leidenschaft für das Wirkliche" (Frank Harris). 

Zweifellos hat das psychologische Interesse wesentlich zugenommen und 
die biographische Literatur, die ihm entgegenkommt (wie die Werke 
von Stefan Zweig, von Emil Ludwig u. a.) finden einen großen Leser- 
kreis. „Man darf ruhig sagen (um ein berühmtes Wort zu para- 
phrasieren)", erklärt Stefan Zweig, „daß heute keine psychologische 
Biographie mehr ohne einen Tropfen freudischen Öles geschrieben 
werden kann, ohne die mitleidlose, bis zu den physischen Organen 
niederblickende Psychoanalyse, die hinter jeder ,Seelenschuld' die natür- 
lich logische Ursache als ein Selbstverständliches sieht." 

Man will eben psychologische Biographie, es gibt kein zurück 
mehr, und wir erinnern uns gern eines sympathischen Terminus, der 



PsA. Bewegung "~ — 3U0 . 

INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 



'J 



DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



. ■ i: 



den unsympathischen der „Pathographie" abgelöst hat (Sadger), de 
Namens Psycho graphie, den wir Weygandt verdanken. P syc h 
graphie im weitesten Sinn, das bieten die psychoanalytischen Beitrag, 
zu Biographien, deren nun seit Freuds vorbildlicher Studie „Eine Kind 
heitserinnerung des Leonardo da Vinci" (1910) ' zahlreiche vorliegen 
sie reichen von Amenhotep dem Vierten (Echnaton), dem ägyptischer 
König aus dem 14. Jahrhundert v. Gh. bis zum Dichter Knut Hamsun 
der unter den Lebenden weilt. Um nur Einige zu nennen: Jakot 
Böhme, Albrecht Dürer, Gottfried Keller, Hebbel, Lenau, Schopenhauer 
Segantini, Rousseau, Franz Schubert, Dostojewski, George Sand 
Lassalle, Zinzendorf. a 

Es seien hier einige Charakteristika der psychoanalytischen Beiträge 
zu Biographien großer Persönlichkeiten hervorgehoben. Der psychoanaly- 
tische Biograph war es bisher meist nur im Nebenberuf, er war gewöhnlich 
ein Arzt mit Erfahrungen durch Analysen an Kranken, die er behan- 
delte, und an Gesunden, die bei ihm sich einer Lehranalyse zu ihrer 
Ausbildung unterzogen; wir mußten, sagt Freud offen, die Fachpro- 
bleme der fremden Wissenschaft mit dilettantischer Vorbereitung an- 
greifen. Aber der Psychoanalytiker ist klarer und unabhängiger, 
objektiver und nüchterner, er ist nämlich selbst — analysiert. 

Die Fachbiographen boten uns oft nichts anderes dar, als kalte, 
fremde Idealgestalten, anstatt des Menschen, dem wir uns entfernt ver- 
wandt fühlen könnten. „Die Biographen erwiesen sich", sagt Freud, 
indem er eine Analyse des Biographen inauguriert, „in ganz eigen- 
tümlicher Weise an ihre Helden fixiert. Sie hatten ihn häufig zum 
Objekt ihrer Studien gewählt, weil sie ihm aus Gründen ihres persön- 
lichen Gefühlslebens von vornherein eine besondere Affektion entgegen- 
brachten. Sie geben sich dann einer Idealisierungsarbeit hin, die bestrebt 
ist, den großen Mann in die Reihe ihrer infantilen Vorbilder einzu- 
tragen, etwa die kindliche Vorstellung des Vaters in ihm neu zu be- 
leben. Sie löschten diesem Wunsche zuliebe die individuellen Züge in 
seiner Physiognomie aus, glätteten die Spuren seines Lebenskampfes 
mit innern und äußern Widerständen, duldeten an ihm keinen Rest 
von menschlich er Schwäche oder Unvollkommenheit. " 

1) Freud, Ges. Schriften, Bd. IX. 

2) Man beachte die bibliographische Zusammenstellung auf S. 385 dieses Heftes. 

— 306 — 



I 



An der großen Verehrung für Mann und Werk haben es die Ana- 

tiker nie fehlen lassen, aber der vergöttlichende Kult, der mit dem 
Genie betrieben wurde, liegt ihnen fern, wie alle Metaphysik. Dieser 
K 1t ist nun freilich ein wenig ernüchtert durch die Werke von 
e _ Eichbaum („Genie = Irrsinn undRuhm") undKretschmer 
i Geniale Menschen"). Das „Geniale" war nie Gegenstand der 
Psychoanalyse; sie streckt die Waffen vor der Unzugänglichkeit des 
Rätsels der Begabung, wie auch des Wesens der künstlerischen Leistung, 
der Mittel des Künstlers, seiner Technik. 

Dem Rätsel der Gesamtpersönlichkeit nähert sich der Analytiker in 
eigenartiger und rationaler Weise, indem er von einem einer sicheren 
Deutung zugänglichen Detail ausgehend, sozusagen einen gesicherten 
Einstieg zu dem sonst so schwer zugänglichen Bergesriesen betritt. 
Diese rationalistische Methode führt näher an die dunklen Probleme 
der Persönlichkeit heran, als manche ideale Verklärung. „Der vergötzte 
klassizistische Künstlertypus wird negiert", erörtert Muschg, „und 
er wird ersetzt durch das Schauspiel einer unentrinnbaren Gebunden- 
heit auch des höher gearteten Menschen an die Kräfte der Materie, 
an die Gewalt des Blutes und des naturwissenschaftlich bestimmten 
Fahims" — des inneren und äußeren Fatums! 

Die Psychoanalyse hat auch gezeigt, daß, wenn ein biographischer 
Versuch zum Verständnis des Seelenlebens seines Helden durchdringen 
will, er nicht, wie dies in den meisten Biographien aus Diskretion 
oder Prüderie geschah, die sexuelle Betätigung, die geschlechtliche 
Eigenart des Untersuchten mit Stillschweigen übergehen darf. 

Die Beachtung der frühen Kindheit erwies sich als überaus 
fruchtbar; fixieren sich doch Eindrücke in den frühesten Jahren, und 
bahnen sich doch Reaktionsweisen gegen die Außenwelt an, die durch 
kein späteres Erleben mehr ihrer Bedeutung beraubt werden können. 

Das Verhältnis des Kindes zu Vater und Mutter, die entscheidende 
Art von seinem Nachwirken, gehen in zahlreichen Variationen durch 
die psychoanalytischen Beiträge zu Biographien. Die Bedeutung des 
Vaters und der Mutter für das Schicksal des Einzelnen, für sein Ver- 
hältnis zu den Autoritäten, zu den Idealen der Menschheit tritt immer 
wieder in neuer Beweisführung in diesen Arbeiten zutage. 

Rank brachte im Jahre 1912 in seinem Buch „Das Inzestmotiv in 

— 307 — 




Dichtung und Sage" eine Fülle originell aufgefaßten biographische, 
Materiales. Aber auch die innere Struktur des Kunstwerkes und die Be 
dingungen sowie Vorgänge des dichterischen Schaffens fanden hie 
Betrachtung auf neuer Grundlage. Das ewige Thema von der Mutter 
keine Entdeckung der Psychoanalyse, aber durch sie unendlich vertief 
und erweitert, findet immer wieder Beweise in den psychoanalytische! 
Arbeiten über Leonardo da Vinci, Schopenhauer, Lassalle, Gottfrl 
Keller usw. 

Welch natürliche Beantwortung seltsamer Fragestellungen geht aui 
dieser Betrachtungsweise hervor! Die Mutter war es, wegen der Kellei 
unbeweibt blieb, wegen der Leonardo lächelnde Frauen malte, weger 
der Schopenhauer die Frauen haßte, wegen der Lassalle acht Jahre 
seines Lebens für eine alte Gräfin opferte, und Goethe bei Frau vor 
Stein ausharrte; selbst die sentimentalen Naturschilderungen Hamsuns 
sollen mit Sehnsucht nach der Mutter zusammenhängen!? 

Keine Methode seelischer Untersuchung hat je mit solcher Geduld 
und Gründlichkeit ein Einzelindividuum untersucht, wie die Psycho- 
analyse es tut. Sie wird nun drei Jahrzehnte geübt und hat ein un- 
übersehbares Material vor allem über das unbewußte Seelenleben ge- 
bracht; sie dringt vor bis in die frühe Jugend und endigt sozusagen 
bei Feststellung des Ererbten, der Triebanlagen. Sie hat nie das Kon- 
stitutionelle übersehen, nie das Organische unterwertet. 

Als Wissenschaft vom seelisch Unbewußten bereichert sie die 
Wissenschaft vor allem um die Erscheinungen, die Äußerungen des 
Unbewußten in Phantasien, Träumen, Entwürfen und in den Werken des 
Schaffenden. Nicht nur Traum und Neurose, auch unsere höchsten Kultur- 
leistungen erwiesen sich als tief im Unbewußten verwurzelt. Das Dynamische 
bei der Entstehung des Kunstwerkes ist ein unerledigter Wunsch des 
Künstlers, und wie der Traum und die Phantasie stellt auch das Werk 
diesen Wunsch als erfüllt dar. Aber auch die Wirkung des Kunst- 
werkes auf die Genießenden findet ihre Erklärung aus deren unbe- 
wußtem Wunschleben. 

Eine Fülle von kunstpsychologischen Arbeiten sind auf die von 
Freud gegebenen Erkenntnisse und Anregungen aufgebaut. Freuds Viel- 
seitigkeit der Interessen, seine tiefe Bildung gaben auch hier die ersten 
und wertvollsten Feststellungen. 



308 — 



^ 






Es ist nicht eingetroffen, daß der Genuß am Kunstwerk durch das 
, gewonnene analytische Verständnis geschädigt wurde. 

Freud hat in bescheidenen Worten, was die Psychoanalyse im Bio- 
graphischen leisten konnte, dahin umschrieben : „sie konstruiere aus der 
Aufeinanderbeziehung der Lebensemdrücke, zufälligen Schicksale und 
<j er Werke des Künstlers seine Konstitution und die in ihr wirksamen 
Triebregungen, also das allgemein Menschliche an ihm". 

Aber welche Fülle von Mitteln dazu gibt sie dem in die Hand, der 
vertraut ist mit den von der Analyse aufgestellten Mechanismen der 
Verdrängung, Reaktionsbildung, Regression, Identifizierung u. a. 

Freud hat z. B. aus Erfahrungen an Kranken den Begriff der Re- 
gression, des Zurückkommens auf eine früh dagewesene psychische 
Entwicklungsstufe aufgestellt. Ein besonders intensives Erlebthaben 
gewisser Gefühle in der Kindheit, kann —obwohl diese im Heran- 
wachsen von anderen abgelöst wurden — dazu führen, daß dieser 
Gefühlskomplex eines Tages wieder auftaucht und die anscheinend 
längst fertige Persönlichkeit in ihren Hauptzügen vollkommen umwan- 
delt, so die Positivisten Swedenborg und August Comte — zu Mystikern 
werden läßt. Freud hat übrigens mehrere Schüler und Anhänger gerade 
zufolge solcher Regression auf kindliche religiöse Eindrücke wieder ver- 
loren, nachdem sie seiner unabhängigen und voraussetzungslosen Lehre, 
die auch den Glauben an Gott, das Bedürfnis nach Gott nüchtern 
deutet, eine Zeit lang Folge geleistet hatten. Ein schweizer Arzt entdeckt 
eines Tages eine „teleologische Funktion" der Träume — im Gegensatz 
zu Freud — und dies macht ihm, wie er erzählt, persönlich einen über- 
wältigenden Eindruck, „zum erstenmal wird sein Positivismus und seine 
mechanische Lebensauffassung erschüttert". „Ein Wort Christi", erzählt 
er, „das ich als Kind auswendig gelernt, aber nie erfaßt hatte — ,Ich 
bin der Weg, die Wahrheit und das Leben' — war in mir lebendig 
geworden. Es war ein Gefühl von neuer Kraft und von neuem Ver- 
trauen zu unserer menschlichen Natur und Bestimmung." 

Es handelt sich hier um eine richtige Bekehrung durch Regression, 
eine Rückkehr von der Wissenschaft zum Glauben, zum affektbetonten 
religiösen Jugenderleben. Ohne die Erkenntnisse der Analyse über die 
Unauslöschlichkeit der infantilen Eindrücke wäre solcher Persönlichkeits- 
wandel nicht leicht erklärlich. Immer geben freilich auch die Q u a n t i- 

— 309 — 



täten seelischer Veranlagungen den Ausschlag, die auch die Psycho, 
analyse nicht messen kann, — hier liegt eine ihrer Grenzen, dl 
vielmehr aus den Resultaten ersieht. 

Welch fruchtbare Erkenntnisse ergeben sich ferner aus der Betrach- 
tung der Trieb anlagen und ihrer Schicksale ! Ziehen wir als 
Beispiel den „A ggressionstrieb" heran, eine ursprüngliche selb- 
ständige Triebanlage des Menschen, den Trieb der Feindseligkeit und 

Destruktion, so finden wir ihn im erwachsenen Kulturmenschen 

wenn nicht gerade Weltkrieg ist — beherrscht und unterdrückt. Wir 
kennen ihn auch als „Todestrieb", als Gegensatz zum lebenserhaltenden 
Eros ; wir kennen ihn verlötet mit der Sexualität als Sadismus. Die 
Schicksale dieses Triebes im Individuum seien schematisch hier angefürt 
durch Wendung gegen die eigene Person wird er zum Masochismus ■ 
durch Sublimierung wird er auf höhere Ziele abgelenkt ; durch geglückte 
Verdrängung scheinbar behoben. Eine Person mit angeboren gesteiger- 
tem Aggressionstrieb kann also etwa 

i) aggressiv bleiben, bösartig, verbrecherisch, sadistisch handeln; 
oder 

2) verdrängen und sublimieren und so Neigung zum Erzieher, zum 
Tierzüchter oder Fleischer, Jäger, Chirurgen aufweisen; oder 

3) mit Reaktionsbildung verdrängen und zum Ethiker oder Tier- 
schützler sich geeignet fühlen; oder 

4) bei ungenügender, mißlungener Verdrängung eine schwere 
Zwangsneurose davon tragen, die das Leben zerstört und nur durch 
Psychoanalyse günstig beeinflußt werden kann; der Geheilte hat dann 
gelernt, die Aggression in sozial wertvoller Energie zu betätigen; 

5) kann ein Mittelding von all dem Genannten resultieren, ein 
sogenannter Zwangscharakter: unentschlossen, gehemmt, ambivalent, 
pedantisch, übermitleidig, voll Schuldgefühl ängstlich, usw. 

Eine solche gesteigerte Triebanlage konnte am Kinde direkt beob- 
achtet werden, die Milde oder Härte der Erziehung, die Interferenz 
mit anderen Triebanlagen u. a. geben den Ausschlag über deren 
Schicksal. — 

Zum wertvollen Rüstzeug der Psychoanalyse gehört bekanntlich auch 
die Symbolik. Die Existenz dieser Symbole und die analytische 
Deutung der meisten derselben ist heute ein sogar durch Experimente 

— 310 — 





■diertes Stück psychologischer Erkenntnis. Dieselben Symbole finden 
I f 1 'cht nur im Traume, in Neurosen und Psychosen, sondern auch 
Wlf Mythus in Folklore und Witz. Auf diesen Gebieten kann sich 
•"der die Überzeugung von der Wichtigkeit und Allgemeinheit der 
]t "Duschen Darstellung befestigen. Das Verstehen der Sprache der 
"bolik leistet unentbehrliche Dienste auch in der Psychographie, 
t« ganz besonders bei der Deutung der Kunst- und Dichtwerke. 
F dlich der Traum, dieses Kleinod seelischer Phänomene, wie sehr be- 
eist er immer wieder „Wahrheit und Schönheit" der Psychoanalyse! 
Audi die Traumdeutung wird zum wertvollen Instrument seeli- 
schen Verstehens, oft zum Hilfsinstrument auch des Psychographen. 
S Das Kleine nie zu unterschätzen, das Anekdotische nicht zu über- 
sehen ist Grundsatz der Psychoanalyse. Der Gesichtspunkt der Psycho- 
analyse, daß es im Seelischen nichts Zufälliges gäbe, eifert an, den 
Determinierungen umso eifriger nachzugehen; das genetische Prinzip 
wird nie vernachlässigt. Ein hohes Ziel der psychographischen Arbeiten, 
dieser Art angewandter Psychoanalyse, ist in letzter Linie auch, zu 
Typen der Entwicklung und des Wesens analoger Persönlichkeiten 
zu kommen, etwa wie es auch die Pathologie anstrebt, nur noch von 
größerer Bedeutung für Menschenkenntnis, Charakterologie. Freuds 
Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens" 1 schilderten schon Typen, 
die sich immer wieder finden; auch sein Aufsatz „Einige Charakter- 
typen aus der psychoanalytischen Arbeit" 2 wäre hier zu nennen, sowie 
jene fruchtbare Arbeit über „Charakter und Analerotik" 1 . Abrahams 
„Studien zur Charakterbildung" zeigen die Zusammenhänge von be- 
stimmten Triebanlagen und konsequenten Charakteren. Freuds Hinweis 
auf den Wiederholungszwang, der wie ein Dämon dem Men- 
schen eine unentrinnbare Schicksalsneurose diktiert, erleuchtet manch 
dunkles Schicksal. Reichs Schrift über den „triebhaften Charakter", 
seine Darstellung der genitalen und des neurotischen Charakters, 
Alexanders Aufsatz über „Charakteranalysen", Abrahams 
Lebensgeschichte eines Hochstaplers gehören in dieselbe Gruppe. 

Das Buch von Erwin Kohn „Lassalle der Führer" deutet schon im 
Titel an, daß es einen für viele, einen Typus beschreiben und deuten 
will. Es will an einem i n vieler Beziehung typischen und klaren 

l) Ges. Schriften, Bd. V. 2) Ges. Schriften, Bd. X. 

— 311 — 



- 



■Ä 



Beispiel die psychologische Struktur und die Wirkungsweise dl 
führerischen Persönlichkeit aufweisen; es handelt sich also 
um den Versuch einer Führerpsychologie. 

Mag im Einzelfall Manches noch unentschieden sein, jedesfalls hat 
die Psychoanalyse eine Fülle neuer Probleme aufgeworfen. Mag die 
Zukunft entscheiden, ob Goethes Liebesleben aus einer wiederkehrenden 
siebenjährigen Periode (Möbius, Kretschmer) erklärbar ist oder der 
psychoanalytischen Aufklärung bedarf oder ob beide Auffassungen sich 
ergänzen ; ob Schopenhauers Pessimismus die Folge einer angeborenen 
Verstimmung ist, oder die genetischen Erklärungen der Psychoanalyse 
hier zu Recht bestehen usw. 

Mögen unsere Beiträge zu Biographien großer Männer weder das 
Zeitalter noch die umgebende Landschaft, noch die Volkszugehörigkeit 
und Rasse bedacht haben, mögen sie bei Betrachtung von Kunstwerken 
Form und Stil weniger beachtet haben, als die zünftigen Fachmänner, 
wir haben auf unserem Spezialgebiet gewissenhafte Arbeit geleistet. 
Mögen Andere sie breiter, eingeordnet in ein Ganzes fortsetzen ! 
Biograph wird man nicht durch einen bestimmten Studienweg; w i e 
Politiker oder Journalist wird man es aus Neigung und Begabung. 
Auch für die Journalisten und die Politiker will man bestimmte Aus- 
bildungsstätten begründen; für die Biographen wollen wir hier nur 
auf einen unentbehrlichen Bestandteil ihrer Ausbildung hinweisen, auf 
die Psychoanalyse. Zunächst sind es ja die Literarhistoriker, aus 
denen am ehesten Biographen erwachsen. Und siehe da, hervorragende 
Vertreter dieser Fächer geben in letzter Zeit ganz offen zu, daß für 
die Literaturwissenschaft und Biographik die Stunde gekommen sei, 
wo sie nicht länger verzichten können, sich der Psychoanalyse zu be- 
dienen. Sonst drohe die Gefahr einer „inneren Entfremdung vom 
Leben der eigenen Epoche" (Muse hg). Auch W. A. Berend- 
sohn bekennt sich offen zur Wissenschaft Freuds, die ihn „in seiner 
gesamten Forschung aufs reichste befruchtet" hat. 

„Die größere Lebens fülle" findet sich bei den psychoanalyti- 
schen Arbeitern; „ihre Mythologie vermag Zusammenhänge darzu- 
stellen, die ein erstes Mal gesehen, erschütternd wirken" (Muschg). 
Es kann keine den Anforderungen unserer Zeit entsprechende, also 
auch psychologische Biographie geben, die nicht — wie der moderne 



312 _ 




svdiiatrische Status — sich der psychoanalytischen Untersuchung be- 
dient. Man hat der Psychoanalyse nachgerühmt, sie sei allein „die 
Psychologie vom lebendigen Menchen". Wahrhaftig, sie ist auch die 
beste Psychologie für den — toten. 

\Vir lassen daher den Ruf nach neuen Arbeitskräften aus den aka- 
demischen Disziplinen ertönen ! Literaturwissenschaftler und Biographen 
müssen in der Psychoanalyse eine vollkommene Ausbildung erfahren, 
w ie sie an den Lehrinstituten in Wien, Berlin, London geboten wird. 

Mit rasch angelesener psychoanalytischer Oberflächlichkeit kann nichts 
geleistet werden. 

Ich schließe mit den geistreichen Worten eines modernen Bio- 
graphen, der die Psychoanalyse kaum kennt, aber Talent für sie zu 
haben scheint; Frank Harris weist temperamentvoll auf Bravour- 
leistungen der Psychographik hin: 

„Als Künstler und Forscher zugleich begnügen wir uns nicht mit 
der äußeren Schau des Menschen: wir wollen seine proteischen Eitel- 
keiten, Begierden und Bestrebungen entdecken und mit einem Sezier- 
messer die verborgenen Motive und Sprungfedern seines Handelns 
bloßlegen. Schon jetzt müssen wir fähig sein, aus einigen nackten Tat- 
sachen einen Menschen zu erschaffen, ihn in den Augen des Lesers 
lebend und liebend erstehen zu lassen, in derselben Weise, wie ein 
Naturwissenschaftler aus einigen zerstreuten Knochen irgend einen 
prähistorischen Vogel, einen Fisch oder ein Säugetier zusammenzustellen 
vermag." 



Illillllllll 

p) Moderne Kunst and LMStprinzip" 

Jean Frois-Wittmann (Paris), der Verfasser des Essays „Moderne Kunst und 
Lustprinzip", den wir im vorigen Heft dieser Zeitschrift veröffentlicht haben, macht 
uns darauf aufmerksam, daß die deutsche Übersetzung an einer Stelle seinen Gedanken 
nicht richtig wiedergibt. Es ist der Passus, der auf S. 247, in der 8. Zeile beginnt und 
nach der Richtigstellung des Verfassers, nun wie folgt zu lesen ist : 

„Nun sollte die Kunst weder der einzige Fall sein, dem dies möglich ist, noch eine 
Stätte, die verschiedene Spannungsfaktoren, von unseren Trieben zurückgewiesene soziale 
Dogmen anderswo bestehen läßt. Wäre es nicht eher die Aufgabe der Gesellschaft, 
diese Faktoren zu vermindern und nicht auf die Kunst allein die Befriedigung des 
Individuums zu beschränken ?" 

— 313 — 






Eros als Sdhldksal 

bei Friedrich denn Großem 

med bei Stemdha 

Ein sexualpsydiologisdier Vergleidk 
Von 

Frledridk v. Oppelm^Bronikowski 

Als Übersetzer Friedrichs des Großen * und Beyle-Stendhals, den i c 
in Deutschland eingeführt habe, 2 zwei der repräsentativsten und freiste 
Geister des 18. und 19. Jahrhunderts, deren Werden und Wirke 
vor uns ausgebreitet liegt, besser als das vieler Lebender, hat mic 
stets besonders die Rolle gefesselt, die der E r o s in ihrem Lebe 
als Konflikt und als Schicksal gespielt hat. Wenn ich mit Beyle 
Stendhal beginne, so ist es, weil er geradezu ein Musterbeispiel fij 
die Freudsche Psychoanalyse ist, besonders für ihr Kernprobier 
oder Urphänomen, den Ödipuskomplex, der aus Mutterlieb 
und Vaterhaß besteht. Er findet sich zwar auch bei Friedrich der 
Großen wieder, aber nicht in so lebenslanger Form und ohne di 
manifest-erotische Komponente in der Mutterliebe. 

Durch Freuds Psychoanalyse oder aus eigener Erfahrung weiß jeder 
mann, wie entscheidend dieser Komplex für den seelischen Aufbai 
eines Menschen ist. Nach Goethes Worte sind die Entwicklungsjahr 
die bedeutendste Epoche eines Individuums. Und wenn dieser Kom 
plex in der Jugendentwicklung dominiert, bleibt er für den ganzei 
späteren Menschen entscheidend: die hier erzeugten Spannungen po 

1) Die große deutsche Friedrichausgabe (ro Bände : Werke, 2 Bände : Briefe 
bei R. Hobbing (Berlin 1913— 14) sowie „Friedrich der Große im Spiege 
seiner Zeit" (1927, 3 Bände), zu denen ich entscheidend beigetragen habe 
Ferner von mir verdeutscht die Gespräche Friedrichs des Großen, die Politt 
sehen Testamente, der Briefwechsel mit Wilhelmine von Bayreuth (2 Bände' 
und mit August Wilhelm, „Die Jugend Friedrichs des Großen" von Ernesl 
Lavisse und meine kulturgeschichtliche Studie über Friedrich den Großen | 
„Liebesgeschichten am preußischen Hofe" (Berlin 1928, Grote). 

2) Deutsche Stendhalausgabe (10 Bände) im Propyläenverlag, Berlin, insbes. 
„Über die Liebe" (Band 4) und „Bekenntnisse eines Ich-Menschen" (Band 7). 



— 314 



"T" 



nzieren den revolutionären Zug, der ohnedies der Jugend anhaftet. 
Rei Stendhal tritt noch ein besonderes Element hinzu: die starke 
fegensätzlichkeit der elterlichen Erbmassen, von denen 
die mütterliche stark prävaliert und die Hinneigung zur Mutter, den 
Haß K e S en den Vater steigert. Dieser Vater ist ein typischer Provinz- 
franzose aus gutbürgerlicher Familie, die sich dem niederen Adel eben- 
bürtig fühlt, gewinnsüchtig, knauserig, spekulierend, aber schlecht spe- 
kulierend und schließlich im Vermögensverfall endend; da er nach 
dem frühen Tod der Frau außer Stande ist, ohne Frauen auszukom- 
men, unterhält er ein Liebesverhältnis mit seiner Schwägerin Seraphie, 
ohne sie jedoch zu heiraten ; aber gerade deshalb wird sie zur „bösen 
Stiefmutter" der Kinder. Die Mutter ist zart, feinsinnig und liebevoll; 
ihre Familie (Gagnon) stammt nach alter Überlieferung aus der Pro- 
vence; die neuere Forschung hat ihre Spuren weiter nach Italien und 
bis ins Cinquecento verfolgt. In ihrem Sohne Henri bricht diese 
italienische Abkunft der Mutter als Atavismus durch eine ganze Kette 
von Geschlechtern elementar durch. Kein Franzose hat die Italiener aus 
gleicher Gemütsart heraus so tief erkannt wie er. Ital'en wird für ihn 
nicht nur physisch, sondern auch geistig zum wahren Vaterland. Er 
verbringt dort nicht nur einen großen Teil seines Lebens, sondern er 
sagt auch: „Das wahre Vaterland ist das Land, wo man die meisten 
Menschen findet, die einem gleichen" ; und so setzt er auf seinen 
seltsamen, selbstverfaßten italienischen Grabstein auf dem Mont- 
martrefriedhof in Paris: „Qui giace Arrigo Beyle, Milanese. — Hier 
liegt Heinrich Beyle aus Mailand." Seine Vaterstadt aber war Gre- 
noble! Er verleugnet sie also, wie er seinen Vater als „Bastard" be- 
schimpft. Er geht vom Vaterhaß zum Haß auf die Vaterstadt über 
und übt scharfe Kritik an seinem Vaterland. Auf den eben genannten 
Grabstein setzt er: „Quest anima adorava Shakespeare, Mozart e Ci- 
marosa", — einen Engländer, einen Deutschen und einen Italiener, 
keinen Franzosen. Daher sein Kosmopolitentum, mit dem er im fran- 
zösischen Schrifttum fast einzig dasteht, aber auch — als Gegenwir- 
kung — sein Mangel an Gegenwartserfolg bei seinen national em- 
pfindlichen Landsleuten und sein notgedrungenes Rechnen auf späten 
Nachruhm, — um 1900, wie er richtig prophezeit hat. Daher auch sein 
ewiges Sichfremdfühlen unter Franzosen, die „Wüste des Egoismus", 

— 315 — 



über die er klagt. „Etre different engendre haine", Anderssein erzeuo 
Haß, ist das Leitmotiv seines berühmten Romans „Rot und Schwarz" 
der Einzelne gegen seine ganze Umwelt, gegen den Zeitgeist, di 
öffentliche Meinung, und das Ende im Verbrechen. Soweit geht dii 
geistige Ausstrahlung seines Komplexes. 

Trotzdem liegen auch väterliche Elemente in ihm: das falsche Spe 
kulieren, freilich ins Geistige abgewandelt, ewige Verrechnungen, Ver 
passen guter Gelegenheiten und schließlich ein armseliger Tod, ab« 
auch aristokratische Regungen und vor allem die Unfähigkeit de, 
Erotikers, ohne Frauen auszukommen. Er war — nach dem Wor 
seines Freundes, des Carmendichters Merimee — stets verliebt oder h 
dem Glauben, es zu sein. „Ohne Liebe bin ich nichts", gesteht ei 
selbst. 

Der Gegensatz dieser Erbmassen spitzt sich in dem Knaben zum 
Ödipuskomplex zu; der gehässigen Auflehnung gegen die väterliche 
Autorität entspricht erotische Zuneigung zur Mutter. Er wünscht ihi 
gegenüber, „daß es keine Kleider gäbe", verfolgt sie mit stürmischen 
Liebkosungen und haßt den Vater nicht nur als Tyrann, sondern 
auch als stärkeren Nebenbuhler. Man hat diese unverhüllten Bekennt- 
nisse für bloßen Zynismus des alternden Stendhal erklärt, aber sie 
sind offenbar reine Wahrheit; der Komplex ist zu deutlich und auch 
in seinen weiteren Verästelungen erkennbar. Beyles Schwester Pauline 
hält ganz zu ihm. Sie ist ihm wesensverwandt, starkgeistig, mehr 
männlich als weiblich veranlagt, ein Gegenstück zu Wilhelmine 
von Bayreuth. Sie fühlt sich gleich dem Bruder nicht als eine 
Beyle, sondern als eine Gagnon, hängt im Gegensatz zu der jüngeren 
Schwester Zenaide, die zum Vater hält, innig am Bruder, wie Kron- 
prinz Fritz an Wilhelmine, nur mit dem Unterschied, daß die Freund- 
schaft zwischen Beyle und Pauline im Laufe seines schweifenden Le- 
bens verblaßt, wogegen sie bei Friedrich bis über das Grab währt. 
Bei Beyle tritt dazu noch eine besondere Vorliebe für den mütterli- 
chen Großvater Gagnon und dessen Schwester Elisabeth, die von 
beiden geteilt wird: die Großtante substituiert die früh verstorbene 
Mutter, der Großvater nimmt bei dem Knaben Vaterstelle ein, als 
Freund und geistiger Berater. Denn der Unmündige braucht nun mal 
einen Vormund, ein männliches Vorbild, um selbst Mann zu werden. 



316 — 



erst 



Beim Kronprinzen Friedrich wird dieser Freund und Lehrmeister 
erst später der Franzose Voltaire, der seine ganze geistige Welt be- 
stimmt. Der Vater aber steht auch ihm nur im Wege. „Je unum- 
schränkter der Vater", sagt Freud in seiner „Traumdeutung", „in 
den alten Familien herrschte, desto mehr muß der Sohn als berufener 
Nachfolger in die Lage des Feindes gerückt, desto größer seine Un- 
geduld geworden sein, durch den Tod des Vaters selbst zur Herr- 
schaft zu gelangen." Dieser ewige Thronfolgerkonflikt ist im 
Hohenzollernhause besonders ausgeprägt, aber auch sonst allgemein (Don 
Carlos); bei dem Großfürsten Alexei, dem Sohn Peters des Großen, 
der 1718, nur 14 Jahre vor dem Fluchtversuch und der Einkerkerung 
des Kronprinzen Fritz, seine Auflehnung mit dem Tode im Kerker 
büßen mußte, liegt er sogar zeitlich ganz nahe. 

Trotzdem gibt es auch bei Friedrich starke väterliche Elemente. 
Der Umgebung des Kronprinzen erscheint dieser bereits als Abbild 
des donnernden Jupiter in Berlin, und Friedrich selbst bewundert 
Voltaire gegenüber, also völlig aufrichtig, das große Retablissement 
Ostpreußens durch seinen Vater. In dessen schweren Krankheiten hat 
er auch echte Anwandlungen kindlicher Liebe, doch gleich darauf 
wieder den kaum verhüllten Todeswunsch: „Er hat eine Gesundheit 
wie ein Türke! Er wird mich überleben!" Erst mit der eigenen 
Thronbesteigung erfolgt ein völliger Umschlag: ehrliche Erkenntnis 
der Herrschergröße des Vaters, selbst öffentliche reumütige Abbitte für 
die eigenen Jugendsünden (in den Denkwürdigkeiten Zur Branden- 
burgischen Geschichte). Und das ist nicht bloß schöne Geste: in den 
schwersten Zeiten des Siebenjährigen Krieges sieht Friedrich i m 
Traum seinen Vater und dessen Freund und Berater, den alten Des- 
sauer. „Hab' ich mich gut gehalten?" fragt er sie. Und als sie nicken: 
„Euer Beifall gilt mir mehr als der der ganzen Welt!" (De Catts 
Tagebücher.) Hier ist der Komplex also völlig geheilt, ohne daß 
Friedrich selbst Vater geworden wäre, geheilt durch eigenes männli- 
ches Tun. 

Bei Stendhal währt der Vaterhaß fort, obwohl er die Mutter früh 
verliert. Der Vater will nicht sterben, sich nicht beerben lassen; der 
Sohn muß sich kümmerlich durchschlagen oder sich im Staatsdienst 
einer noch härteren Autorität als der väterlichen beugen, statt seinem 

— 317 — 




Wunsche gemäß „als Philosoph zu leben" und „Lustspiele zu schrei 
ben wie Moliere". Daher verdoppelter Vaterhaß wegen „Verweis^ 
rung der Selbstbestimmung und der dazu nötigen Mittel", um mi 
Freud zu sprechen. Sekundär 1 tritt von Anfang an ein politische! 
Moment hinzu. Der Vater ist in der großen französischen Revolutiot 
„Aristokrat" geblieben, sogar als verdächtig eingekerkert worden. Dei 
Sohn ist natürlich glühender Jakobiner, dann Bonapartist. Der Vatei 
ist durch den frühen Tod seiner Frau und die Ereignisse der Revofo. 
tion religiös geworden und sieht häufig Priester in seinem Hause. Dei 
Sohn wird zum leidenschaftlichen Freidenker und bleibt es zeitlebens 
Erst in der Glanzzeit des Kaiserreichs, als Frauengunst ihn auf einer 
angesehenen Posten hebt, meldet sich auch in ihm der „Aristokrat": 
er will Baron des Kaiserreichs werden, aber nun versagt der Vater 
bereits im Vermögensverfall, das dazu erforderliche Fideikommiß. I n . 
folgedessen erneutes Aufflammen des Vaterhasses, obgleich die politi. 
sehe Basis diesmal nicht gegensätzlich ist. Und nach Napoleons Sturz, dei 
auch Henri ins Nichts zurückwirft, eine letzte Steigerung dieses Hasses, ali 
der Vater verschuldet stirbt und so jede Hoffnung des Sohnes, ein un- 
abhängiges Leben zu führen, endgültig vernichtet. Zugleich mit der 
zunehmenden pekuniären Nöten ein immer stärkerer Rückfall in poli- 
tischen Radikalismus. So tragen die äußeren Verhältnisse bei Beyk 
zur Verewigung des Vaterhasses und der revolutionären Gesinnung 
bei, während sie diesen Haß bei Friedrich ersticken. 

Bei Friedrich ist der Vaterhaß vor allem unter dem schweren Druck 
der väterlichen Autorität entstanden, obwohl die elterlichen Erbmassen 
bei ihm durchaus nicht so stark differenziert sind wie bei Stendhal, 
Die Eltern sind vielmehr Vetter und Kusine, beide gleich eigenwil- 
lige, stolze und herrschsüchtige Naturen, aber gerade deshalb in stetem 
Kampf um Seele und Zukunft des Sohnes. Der Vater, ein großei 
Staatsbaumeister, aber ein schlechter Psychologe, will den Thronfolger 
ganz zu seinem Ebenbild machen; nur so scheint ihm die Zukunft 
seines mühseligen Lebenswerkes gesichert. Selbst unbeugsam, verlangt 
er von dem Sohne knechtischen Gehorsam, aber zugleich Liebe, und 

l) Daß alle Milieueinflüsse nur sekundär sind und das Primat den Erb- 
massen zukommt, betont W. His in seiner Rektoratsrede 1928: „Über die 
natürliche Ungleichheit der Menschen" (Berlin, R. v. Deckers Verlag). 

— 318 — 



zieht i 



ist ergrimmt und enttäuscht, als „Fritz" sich ihm immer mehr ent- 
• e ht und zur Mutter hält. Aus enttäuschter, nicht erwiderter Vater- 

■• jjg . die gewiß etwas Bärenhaftes hat, aber durchaus echt ist — 

w ird er so furchtbar hart gegen ihn und wendet seine Liebe ganz 
seinem zweiten Sohn August Wilhelm zu, der von weicherer, lenk- 
samerer Gemütsart ist als der „böse, eigensinnige" Fritz. Umso stärker 
wird der Einfluß der Mutter. Sophie Dorothea teilt ihm die Neigung 
zu Glanz, Repräsentation, französischer Eleganz und Schöngeisterei 
m it die sie selbst aus dem Weifenhause mitgebracht hat; ihr Gatte 
dagegen ist sparsam, praktisch und nüchtern, Soldat und Jäger, Zecher 
und Raucher. Er ist zwar keineswegs der Banause, zu dem ihn die 
Geschichtslüge gestempelt hat, aber seine künsderischen Neigungen 
(Musik, Baukunst, Malerei) bleiben doch in den engen Schranken 
seines Wesens befangen und dienen großenteils praktischen oder reli- 
giösen Zwecken. Auch seine Religion ist das „praktische Christentum" 
des jungen Pietismus ; und ebenso schätzt er an den Wissenschaften 
nur den praktischen Gebrauchswert (Medizin, Naturwissenschaft). 
Gegen diese Geistesart des Vaters lehnt sich Friedrich revolutionär auf. 
Dessen deutsch-bürgerlicher Schlichtheit und handfester Frömmigkeit 
setzt er Franzosentum und Freigeisterei entgegen, und dabei bleibt er 
zeitlebens und wirkt dadurch revolutionierend. Falsch, spöttisch, zum 
Schein sich fügend, wahrt er starrsinnig seine Eigenart, genau wie 
Beyle. Dies Nachinnenschwelen hat beide Charaktere gewiß nicht 
veredelt, aber es hat sie vertieft und gestählt, und es hat Friedrich 
den Großen zum verschlagenen Diplomaten vorgebildet. Wie er dem 
Vater und seiner ganzen Umwelt getrotzt hatte, wird er später zum Re- 
bellen gegen Kaiser und Reich, behauptet sich mit vier Millionen 
Preußen gegen Europa, revolutioniert die ganze Auflassung vom Herr- 
scherberuf, ist auf vielen Teilgebieten, besonders als Stratege, ein 
revolutionärer Neuerer. 

Trotzdem weicht er von den Staatseinrichtungen des Vaters nicht 
ab, bringt vielmehr dessen Absolutismus auf die höchste, starrste Form, 
macht das, was beim Vater Ausfluß praktischer Erfahrung war, zum 
philosophisch durchdachten System. Und mit den Jahren wird er 
immer konservativer. Er wird kriegsscheu wie der Soldatenkönig, 
zieht nur noch einmal das Schwert zu einem unblutigen Stellungskrieg, 



— 319 



vermeidet durch die Teilung Polens einen abermaligen europäisch 
Krieg, bleibt auch geistig auf dem Standpunkt seiner Jugend steh 
ohne Verständnis für Rousseau, für Sturm und Drang und den fa 
gen Goethe, für die Musik von Gluck und die Entdeckung ( 
Nibelungenliedes, selbst für die spätere französische Aufklärm 
(Heftige Ablehnung von Holbachs radikalem „Systeme de laNature 

Dagegen bleibt Stendhal zeitlebens Revolutionär und dem Neu 
zugewandt, braucht „täglich zehn Kubikfuß neuer Ideen, wie < 
Dampfschiff Kohle braucht", kämpft als erster in Frankreich — ^ 
Victor Hugo — für die Romantik gegen den Klassizismus und en< 
im Anarchismus seines unvollendeten Romans „Lamiel" und im Sa 
nismus der Cenci-Novelle. Während Friedrich sich eine klare, systen 
tisch durchdachte Geisteswelt und Regierungskunst schafft, ble 
Stendhal voll innerer Widersprüche („Ambivalenz"), Übergangsmens 
zwischen Aufklärung und Romantik, Individualist aus Not, „Egotis 
wie er es nennt. Er wird zum tiefbohrenden Psychologen, weil 
sich noch mit 53 Jahren nicht in sich zurechtfindet, zum Problematil 
großen Stils, besonders seines eigenen Haupttriebes, der Liebe. Dal 
seine unschätzbaren psychologischen Selbstbekenntnisse, um Klarh 
über sich zu gewinnen, und sein berühmtes Buch „Über die Lieh 
in dem er vor allem sich selbst, aber auch die Zeitgenossen und ( 
Memoiren und Briefe der vorangehenden Geschlechter, ja selbst < 
Liebe der Troubadours und der Araber, analysiert und seziert, 
wenigen Menschen ist der Ödipuskomplex fruchtbarer geworden 
in Stendhal; ein großer Teil seines Wesens und Schaffens wird dui 
ihn klar. Das verdanken wir erst Freuds Psychoanalyse, die gleichft 
wesentlich auf Selbstanalyse beruht, erst sekundär auf der Analyse v 
Zeitgenossen und Problemen aus Dichtung und Mythos (Traumsph; 
und Unbewußtes), die er autopsychologisch ausdeutet (ödipussage u; 
Hamlet). 

Dieser Ödipuskomplex hat bei Friedrich dem Großen, wie schon ; 
sagt, nicht sein volles Ausmaß erreicht, denn ihm fehlt die Komponente c 
manifesten erotischen Mutterliebe. Seine Erotik liegt, wie wir gleich seh 
werden, auf anderem Gebiet. Die Mutter ist nur liebende Vertraute u: 
Erzieherin des Knaben und bleibt Gegenstand seiner Liebe und Vi 
ehrung bis zum Tode. Sie lehnt sich mit ihm gegen ihren hart 



320 




Gatten auf und verstärkt dadurch Friedrichs Widerspenstigkeit gegen 
j en Vater, durchkreuzt dessen Heiratspläne für Friedrich im Einver- 
ständnis mit diesem in gefährlicher Weise und fügt sich schließlich 
nur in grollender Resignation dem stärkeren Willen ihres Gatten, als 
dieser den Sohn einkerkert und seine Zwangsheirat zur Bedingung 
seiner vollen Befreiung macht. Einen erotischen Unterton schwär- 
merischer Seelenfreundschaft hat höchstens Friedrichs Jugendver- 
hältnis zu seiner gleichgearteten Schwester Wilhelmine, die man 
insofern der Mutter substituieren könnte. Doch dies Verhältnis erklärt 
sich besser aus dem Hauptkomplex Friedrichs, dem der erotischen 
Freundschaft, die hier nur ausnahmsweise ein weibliches Wesen 

trifft. 

Das Thema ist heikel. Es ist schon von Voltaire — aus Rach- 
sucht — und später immer wieder bis auf die jüngste Gegenwart — 
meist aus politischen Gründen — ausgebeutet und verzerrt worden. 
Aber gerade deshalb verdient es in einer vorurteilslosen Zeitschrift 
näheres Eingehen. Die neuesten, sehr gründlichen Untersuchungen von 
G. B. Volz, einem berufenen Kenner, 1 lassen keinen Zweifel darüber, 
daß alles, was von der Übertretung von § 175 durch Friedrich den 
Großen gesagt worden ist, Ausfluß persönlicher Rachsucht Voltaires 
oder politischer Feindschaft ist; ebenso irrig ist die von dem Hanno- 
verschen Leibarzt Zimmermann aufgebrachte Behauptung, er sei in- 
folge einer Jugendsünde physiologisch verstümmelt gewesen. Ein 
gleichgeschlechtlicher Eros im ideellen, platonischen Sinne („sexuelle 
Zwischenstufe") ist bei ihm jedoch nicht von der Hand zu weisen. Er 
erklärt seine Kinderlosigkeit, seine völlige Abwendung von der Gattin 
im Augenblick der Thronbesteigung, seine rein ideelle Jugendver- 
ehrung zu der übrigens wohlbehüteten Frau v. Wreech, 8 sein bloßes 
Scharmuzieren mit der Barberina, der letzten seiner angeblichen Ge- 
liebten. 3 Nur als Jüngling zeigt er zeitweise einen lasziven Hang zum 
weiblichen Geschlecht, der aber bald erlischt. Seine Männerfreund- 

1) G. B. Volz, „Friedrich d. G. und seine sittlichen Ankläger", Forschun- 
gen z. Brandenb. u. Preuß. Geschichte, 51, I. 

2) Ulrich Graf Schwerin, „Friedrich d. Gr. und Frau v. Wreech", Ber- 
lin 1930 (Sdilieffen- Verlag). 

3) G. B. Volz, „Aus der Welt Friedrichs d. Gr." (Dresden 1922). 




PsA. Bewegung 



— 321 -r 



I . ■'■ 



i( 



;H, 



soften dagegen sind lebenslänglich. Der Komplex ist zu wicW 
sem ganzes Wesen, um ihn als Brauch des 18. Jahrhunderts W, 
abzutun. ZM 

Allerdings ist das 18. Jahrhundert nicht nur, wie man es g en 
hat, das Jahrhundert der Frau und der Galanterie, sondern 3 
das gefühlsvoller Männerfreundschaften. Auch die den/ 
Literatur ist reich daran. In Winckelmann haben wir eine j 
vom antiken Eros erfüllte Gestalt vor Augen; dieser Eros wird 
ihm zum Schlüssel für das Verständnis des Altertums und seiner Kur, 
er steht am Anfang der ersten griechischen Kunstgeschichte. 

Auch Prinz Heinrich von Preußen, Friedrichs wesensverwandt 

jüngerer Bruder, steht im Banne dieses Eros. Seine aufgezwun«, 

Ehe bleibt kinderlos; auch er trennt sich dauernd und völlig Vc 

seiner Gattin und pflegt Männerfreundschaften. Die Tagebücher d 

Grafen Lehndorif lassen sogar die Möglichkeit zu, daß dieser Er< 

nicht rem ideell geblieben ist. Ein anderer Bruder Friedrichs daRe™ 

der mutmaßliche Thronfolger August Wilhelm, Stammvater der 9 

teren Hohenzollern, zeigt das entgegengesetzte Bild, noch mehr des! 

Sohn, der spätere König Friedrich Wilhelm IL, nämlich einen unj 

baren Drang zum weiblichen Geschlecht. Und die gleichen Trieb 

leben wieder auf in den Söhnen von Friedrichs drittem Bruder de* 

unbedeutenden, kränklichen Ferdinand, den Prinzen ' Loui 

Ferdinand und August Wilhelm. Friedrich Liebimgsschwester Wilhelmin, 

von Bayreuth dagegegen ist gleich ihm geschlechtlich fast indifferen 

und sucht Ersatz in weiblichen und männlichen Freundschaften Sie 1 

hochbegabt, aber offenbar hysterisch und endet, ewig kränkelnd al, 

pathologische Lügnerin; ihre Memoiren sind im schlimmsten Sinn« 

»Dichtung und Wahrheit«. Wie sind solche Anomalien nach der einer 

oder anderen Seite, solche Gegensätze unter den Kindern des kraft 

vollen, sittenstrengen Soldatenkönigs und seiner gesunden, kinder- 

reichen Gattin zu erklären? Mir scheint, durch Inzucht, durch VerJ 

wandtenehe; denn wie schon gesagt, sind beide Vetter und Kusine- 

Fnednchs Großmutter ist Sophie Charlotte von Hannover, seine 

Mutter deren Nichte Sophie Dorothea von Hannover. Inzucht führt! 

häufig zur genialen Steigerung ererbter Anlagen (in Friedrich ersteht 

seine Großmutter wieder, die philosophische Königin, freigeistig, hoch-i 

— 322 — 



'kalisch, rein französisch gebildet, in Freundschaft und schöngeisti- 

Geselligkeit schwelgend), aber auch zu Anomalien organischer 

r ktionen. Ich glaube, die Spaltung der Kinder des Soldatenkönigs 

heteroerptisch betonte und in freundschaftbetonende findet hier ihre 

Erklärung. 

Doch wir wollen hier nicht nur nach den Anlagen nachspüren, son- 
ä t n auch erfahren, was die damit Geborenen aus ihnen gemacht 
haben. Es gibt Menschen genug, die durch ihre Komplexe nur ge- 
hemmt werden oder gar an ihnen zu Grunde gehen, statt sie zu 
utzen. Insofern bedeutet der Nachweis eines „Komplexes" bei einem 
Menschen weiter nichts als eine medizinische Feststellung; erst als 
Grundlage für eine geniale Leistung erhält er geisteswissenschaftlichen 

Wert. 

Der Freundschaftstrieb führt Friedrich wie Winckelmann zur A n t i k e, 
freilich mit dem Unterschied, daß Friedrich die Antike durch das 
Medium des Rokokogeschmacks und die gedanklichen Formulierungen 
der Rokokozeit hindurch aufnimmt, Winckelmann dagegen als einer 
der Ersten über das Rokoko hinaus zu unmittelbarer Erfassung des 
Griechentums vordringt, allerdings nur von der ästhetisch-künstle- 
rischen Seite her, besonders durch die bildende Kunst, wogegen Fried- 
rich die Antike vor allem von der ethischen und Willensseite erlebt, 
durch die Stoa und das Römertum, obgleich auch die ästhetisch-schön- 
geistige Seite keineswegs fehlt. Es ist sogar eigenartig zu sehen, wie 
seine elterlichen Erbmassen sich auf diesem Gebiet scheinbar spalten 
und dennoch zu unauflöslicher Synthese kommen. 1 Fassen wir die 
mütterlich-großmütterliche Komponente, Musik, Poesie, Philosophie, 
schöngeistige Geselligkeit, kurz die Künste des Friedens und die ästhe- 
tischen Genüsse, um derentwillen der Vater ihn einen „Querpfeifer 
und Poeten" und einen „effeminierten Kerl" gescholten hatte, unter 
dem ihm geläufigen Begriff „Epikur" zusammen, so bleibt als väter- 
liche Komponente seine zweite Wesensseite: Römertum und „Stoa", 

1) Das Streben nach dieser Synthese ist bei ihm durchaus bewußt. 
„O hehre Tugend, heilige mein Lied, 
Daß Epikur der Stoa sich verbinde ; 
Ihm leihe Schwung und mache sie gelinde" 
heißt es in der Ode an d'Argens über die Schwächen des menschlichen Geistes. 

— 323 — 2ä * 



und diese Seite ist, obwohl von der anderen oft verdeckt, die weser 
lichere und stärkere, denn sie hängt zusammen mit seinem Eros 1 
Männerfreund Friedrich, der Sohn des männerschaffenden Soldate, 
komgs, ist zugleich der Held Friedrich, der die Ansprache bei Leuthe 
halt, der Friedrich der Feldlagerhärte, der alte Fritz der Soldatenwit 
und der Anekdote, der so ganz anders scheint als der schöngeistig 
Philosoph von Sanssouci und der doch mit ihm eins ist. Antike He 
den- und Freundschaftsideale sind in seinem Geist unzertrennlich- de 
Freundschaftstempel in Sanssouci _ ZU m Andenken an 'sein 
Schwester Wilhelmine _ läßt er mit Medaillons antiker Freundespaat 
schmucken; vor seiner Bibliothek steht im Garten, stets sichtbar de 
betende Knabe aus Xanthen, den die damalige Altertumswissens'chai 
als Antmous, den Liebling Hadrians, ansah. In alledem steht er au 
der geistigen Ebene der Athener, die dem gleichgeschlechtlichen Ero 
huldigten und die Perser bei Marathon schlugen. Aber noch weit mehr I 
er den Römern tributpflichtig; als er im Siebenjährigen Kriege vor den 
Abgrund steht und mit dem Selbstmord spielt, dichtet er eine Od, 
auf den römischen Kaiser Otho, der seine Niederlage nicht überlebt 
Eros und Thanatos _ weiter kann das antike Vorbild nicht gehen 
Zur Verdeutlichung dieser Ausführungen sei noch ein Blick aul 
Friedrichs Nachfolger geworfen, der die Frauen liebte. Für der 
»vielgeliebten« Friedrich Wilhelm II. ist die Frauenliebe, die für Goethe 
die Krone des Lebens, der tiefste Schöpfungsquell war und ohne die 
Beyle-Stendhal sich als „Nichts" fühlte, zum Verhängnis geworden. 
Obwohl er von Natur stark war, ja eine Bärennatur hatte, wie sein 
Großvater, der Soldatenkönig, hat das Ewig-Weibliche ihn nicht hin- 
angezogen, sondern ihn abgestumpft und entnervt, ihn zu seiner hohen 
Aufgabe unfähig gemacht und ihn vorzeitig ins Grab gebracht. Seine 
Liebschaften waren ein Gemisch von Mätressenwirtschaft, Ausschwei- 
fung und Werthersentimentalität, mochte ihr Gegenstand eine klug 
berechnende Mätresse aus dem Volke sein wie die zur Gräfin Lich- 
tenau erhobene Wilhelmine Enke oder eine hingebende, religiös ver- 
anlagte Geliebte wie die Hofdame Elisabeth Amalie v. Voß (Gräfin 
Ingenheim) oder schließlich die intrigante und herrschsüchtige Gräfin 
Donhoff, ganz zu schweigen von vielen Seitensprüngen mit minder- 
wertigen Wesen, über die die Geschichte schweigt. Beyle-Stendhal und 

— 324 — 



IH 



Friedrich der Große hingegen haben aus ihren „Komplexen" — Eros 
n d Vaterhaß — die tiefsten Kräfte ihres Wesens und Wirkens ge- 
wonnen. 

iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiim 

pas UelbewiuIJt© im dem Dichtungen 



Von 

Edgar Krebs 
I 

In seinem Buch „Psychopathologie des Alltagslebens" stellt Freud 
gelegentlich die Behauptung auf, daß er mit all seinen Darlegungen 
nichts anderes auf wissenschaftliche Weise zeigen könne, als was die 
Dichter schon längst gewußt und in ihren Werken in künstlerischer 
Form gestaltet hätten. Beispiele, die in den Dramen Shakespeares 
und Schillers zu finden sind, zeigen, daß diese Dichter sich über 
den Sinn der Fehlleistungen — in diesen Fällen : des Versprechens — 
klar gewesen sind und derartige Züge zur Charakterisierung ihrer Ge- 
stalten zu verwenden verstanden. Diese intuitive dichterische Kenntnis 
und Erkenntnis beschränkt sich durchaus nicht auf die Fehlleistungen, 
sondern erstreckt sich, wie im folgenden an Conrad Ferdinand 
Meyer gezeigt werden wird, auch auf andere durch die Psychoana- 
lyse gewonnene Einsichten, wenn auch die Fehlleistungen zu dichteri- 
scher Verwertung besonders geeignet sind. Es scheint, daß zur Vor- 
wegnahme solcher Erkenntnisse eine besonders empfindliche, feinfühlige, 
reizbare seelische Veranlagung gehört ; je näher ein Dichter der feinen 
Grenzlinie steht, an der Genie und Wahnsinn sich scheiden, je schwie- 
riger und gefährlicher der Kampf, durch den er sein Werk der drohen- 
den Selbstvernichtung abringt, um so mehr hat er Verständnis für jene 
dunkeln Gewalten der Tiefe, jene schwer faßbaren Mächte der seeli- 
schen Unterwelt, deren klare Erfassung erst die Psychoanalyse ermög- 
licht hat. Auf kaum einen Dichter treffen diese Voraussetzungen so zu 
wie auf C. F. Meyer. 

— 325 — 






Das Leben dieses erblich schwer belasteten Neurotikers ist vo 

Sadger 1 vom psydioanalytisch-medizinischen Standpunkt aus behandei 

worden. Aber Sadgers Arbeit bedürfte der Vertiefung und Ergänzung 

Es geht nicht an, Leben und Werk, die pathologische und künstleri 

sehe Seite von Meyers Wesen unverbunden nebeneinander zu steller 

Vielmehr bliebe noch zu zeigen, in welchem engen Zusammenhat 

gerade diese beiden Seiten seines Wesens stehen, wie eine solche Ver 

anlagung gerade in einem solchen Werk Ausdruck und Gestaltuni 

suchen mußte, wie das dichterische Schaffen zum Ausweg aus einen 

scheinbar hoffnungslosen Leben wurde. — Für eine Erzählung Meyers 

„Die Richterin", weist Otto Rank ni seinem Buch „Das Inzestmoti\ 

in Dichtung und Sage" 8 auf diesen engen Zusammenhang zwischen 

Leben und Werk hin. Diese Novelle, die in kaum verhüllter Forrr 

das Inzestproblem behandelt, ist gewiß nicht zufällig das psychologisch 

am tiefsten schürfende Werk des Dichters. Sie verdient daher eine 

eingehende Betrachtung. Weitere Abschnitte sollen zeigen, was für 

ein feines Gefühl Meyer für den Sinn der Fehlleistungen und der 

Träume hat. 

II 

Die Riditerin 

In der Novelle „Die Richterin" führt uns der Dichter in die 
Zeit Karls des Großen. In Rätien, dem Gebiet des Hinterrheins, herrscht 
Stemma, eine Witwe, und führt das Regiment mit kraftvoller Hand. 
Die Herrschaft einer Frau ist an sich noch nichts Erstaunliches; wohl- 
bekannt ist Hadwig, die Herzogin von Schwaben, die nur wenig 
später klug, energisch und bildungshungrig auf dem Hohentwiel das 
Szepter führte, wie es uns Scheffel in seinem Roman „Ekkehard" nach 
historisch zuverlässigen Quellen schildert. Aber mit der Herrschaft der 
Stemma hat es eine besondere Bewandtnis: mit wahrer Leidenschaft 
übt sie die Tätigkeit der Rechtsprechung aus, dies ist ihr die liebste 
ihrer Obliegenheiten, und allgemein wird sie nur Judicatrix, die Rich- 
terin, genannt. Ihr Stiefsohn spottet einmal : „Hat das Weib den Narren 
gefressen an Spruch und Urteil? Hat es eine krankhafte Lust an 
Schwur und Zeugnis? Kann es sich nicht ersättigen an Recht und 
Gericht?" Und er erhält zur Antwort: „Es ist etwas Wahres daran. 
Frau Stemma liebt das Richtschwert und befaßt sich gern mit seltenen 

1) I. Sadger, C. F. Meyer. Wiesbaden 1908. 

2) 2. Aufl. Wien 1936. S, 499 ff. 

— 326 — 




un d verwickelten Fällen. Sie hat einen großen und stets beschäftigten 
Scharfsinn. Aus wenigen Punkten errät sie den Umriß einer Tat, und 
•hre feinen Finger enthüllen das Verborgene. Nicht daß auf ihrem 
Gebiet kein Verbrechen begangen würde, aber geleugnet wird keines, 
denn der Schuldige glaubt sie allwissend und fühlt sich von ihr durch- 

I schaut." Hinter dieser Leidenschaft und diesem Spürsinn verbirgt sich 
ein Geheimnis, und es ist die große Kunst des Dichters, wie er zwar 
den Leser dieses Geheimnis bald ahnen läßt, wie er es aber nur all- 
mählich enthüllt und erst am Schluß völlig ans Licht bringt. Er tut 
dies nicht durch langatmige psychologische Analyse des Seelenzustandes 
der Richterin, sondern durch die Darstellung bedeutungsvoller, oft sinn- 
bildlicher Einzelzüge, es dem Leser überlassend, ihre Bedeutung zu 
ahnen und ihren Sinn zu deuten. 

Auf der Hochzeit Stemmas mit dem Comes Wulf gab es Streit 
zwischen ihrem Vater, dem Judex, und einem Gast. Der Judex wird 
erschlagen, der Bräutigam hat die Tat zu rächen. Inzwischen bestattet 
die Neuvermählte ihren Vater und reitet nach Hause. Nachdem das 
Rachewerk getan ist, kommt eine Woche später der Gatte heim. Die 
junge Frau empfängt ihn der Sitte gemäß am Tor und kredenzt ihm 
in einem alten Becher den Willkommstrunk — sie kredenzt ihn im 
eigentlichen Sinne des Wortes: kredenzen bedeutet ja etwas beglaubi- 
gen, nämlich hier die Ungefährlichkeit des Trankes, und zwar dadurch, 
daß man selber vorkostet. Frau Stemma also nimmt erst aus dem 
Becher drei herzhafte Schlucke, darauf nimmt der Comes den Becher, 
leert ihn, durstig wie er nach dem langen Wege ist, auf einen Zug 
un d _ bricht tot zusammen. Dies ist vor hundert Zeugen, die den 
Burghof füllten, am hellerlichten Tage geschehen; keiner kann die Frau 
verdächtigen; jeder muß annehmen, daß nach der Anstrengung des 
Rittes, der Erhitzung, der unterwegs schon durch manchen Trunk be- 
gegnet worden war, der Willkommstrunk dem nicht mehr jungen 
Manne einen plötzlichen, aber natürlichen Tod gebracht habe. Alle 
geben sich auch damit zufrieden, alle — nur Stemma nicht. Der Ver- 
storbene hat aus einer früheren Ehe einen Sohn Wulfrin, der schon 
lange vor der neuerlichen Vermählung seines Vaters noch als Knabe 
von Haus ausgerissen und in den Dienst König Karls getreten ist. Als 
er mündig geworden ist, läßt die Richterin ihn durch einen Boten auf- 
fordern, auf ihren Sitz Malmort zu kommen; sie wolle sich vor ihm 
rechtfertigen und von dem Verdacht reinigen, den nach ihrer Meinung 
Wulfrin wegen jenes Vorfalles gegen sie hegen müsse. Aber Wulfrin. 

— 327 — 







,4 



1S t gar nicht mißtrauisch und will nicht kommen, obwohl Koni. J 

selbst es lh m befiehlt. Durch eine Verkettung von Umständen ab 

gelangt er doch nach Malmort und erfüllt unmutig das Begehren 1 

Stiefmutter. Er verliebt sich hier in seine Stiefschwester Palma Novel 

Stemmas Tochter, das nachgeborene Kind seines Vaters. Der furchtbar 

Konflikt lost sich dadurch, daß sich herausstellt, Palma Novella ist 1 

nicht seine Schwester. Vielmehr hat Stemma doch ihren Gemahl vi 

giftet, sie selbst blieb verschont, weil sie vorher ein Ge ff enrift 1 

nommen hatte; und der Grund für ihre Tat war der, daß sie 1 

einer Liebschaft mit einem Kleriker ein Kind, eben Palma Novell! 

unter dem Herzen trug und sich deshalb von ihrem angetrauten Mann 

nicht berühren lassen wollte. 

Frau Stemma hat also einen Mord begangen und möchte dies, 
Tatsache am liebsten aus der Welt schaffen, und wenn nicht die Ta 
sache selbst, so wenigstens das Wissen darum und den Druck We i 
chen der Gedanke daran auf sie ausübt, die Furcht, daß der w ahn 
Sachverhalt doch noch entdeckt werden könnte. Wir finden bei I 
jene bekannte Zerspaltung der Persönlichkeit in einen verdrängenden 
und einen verdrängten Teil. Das unterdrückte Wissen läßt sich diese 
Ausloschung nicht gefallen, es wird zum Gewissen und sucht gegen 
den bewußten Willen Stemmas sich durchzusetzen. Wulfrin soll seiner 
Stiefmutter ausdrücklich ihre Unschuld bezeugen, damit sie auch von 
dieser Seite her nichts mehr zu befürchten habe, _ und es ist ein 
dichterisch feiner Zug, daß gerade seine Anwesenheit, die sie selbst zu 
ihrer volhgen Entlastung gewünscht hat, alles ans Licht bringt Hat 
sie vielleicht selbst im tiefsten Unbewußten sogar gewünscht, daß es 
so kommen möge? Hat sie mit der Gefahr gespielt nur halb, um ihr 
zu entgehn, halb aber auch, um im Gegenteil von ihr gepackt und 
vernichtet zu werden? Freude daran, Händel zu schlichten, hatte 
btemma als Kind eines Richters zwar auch schon vor ihrer Verheira 
Jung, doch ist diese übermäßige Ausbildung einer vorhandenen An- 
lage, diese dauernde Übung ihres Scharfsinnes in Rechtsfällen nur zu 
verstehen als Äußerung ihres Gewissens, eine Überkompensation ihrer 
verdienten, aber nicht vollzogenen Strafe: in jedem Urteil, das sie 
spricht, verurteilt sie sich selbst. 

Nur einmal weigert sie sich, einer Untergebenen das Urteil zu spre- 
chen und der Leser ahnt, warum. Faustine, dies ist der Name der 
Sundenn hat ihren Mann vergiftet, weil sie vor der Hochzeit schon 
einem andern angehört hatte und ein Ungeborenes sich in ihr regte- 



I 



328 — 




• hat also dasselbe Verbrechen begangen, dessen ihre Herrin schul- 
j! ist Die Weigerung der Richterin, hier ihres Amtes zu walten, ist 
i • Widerspruch zu der eben gegebenen Deutung ihrer richterlichen 
Tätigkeit, sondern eine Bestätigung dafür : denn nur so lange ihr die 
7 sammenhänge nicht zum Bewußtsein kommen, sind sie wirksam. 
ry e Vorliebe für die Rechtsprechung wirkt als dunkler Drang, dessen 
_j_ nicht der Frau Stemma, sondern nur uns deutlich wird. Bei 
Fiustine handelt es sich um ein Verbrechen, dessen Ähnlichkeit mit 
., er eigenen Tat der Richterin nicht verborgen bleiben kann ; deut- 
Hrh wäre also hier für ihr eigenes Bewußtsein die Selbstverurteilung. 
Da ihr bewußter Wille aber auf Selbsterhaltung gerichtet ist, sucht sie 
Vorwände, um sich ihrem Amte in diesem Falle zu entziehen, und 
schickt Faustine zum Bischof nach Chur. 

Frau Stemma bildet infolge ihres seelischen Zustandes ihre richterli- 
chen Fähigkeiten aufs höchste aus ; besonders hochwertige Leistung 
als Folge einer Verdrängung — diese Erkenntnis hat der Dichter hier 
der Psychoanalyse vorausgeahnt. Hat man diese Beziehung erkannt 
und das verwickelte Seelenleben Stemmas von diesem Mittelpunkt her 
erfaßt, so erscheint manche Einzelheit in neuem Licht; erst dann wird 
auch die Fehlleistung in ihrer ganzen Bedeutung klar, welche der 
Dichter die Richterin begehen läßt, nachdem sie das überraschende 
Geständnis ihrer Untergebenen vernommen. Als sie Faustine fortge- 
schickt hat, versinkt sie in Erinnerungen an die Vergangenheit und 
holt aus sicherem Verschluß zwei KristaUfiäschchen hervor. „Antidoton", 
Gegengift, steht auf dem einen, ein eingeritztes Schlänglein auf dem 
andern gibt zu erkennen, daß es Gift enthält. Nach alter Gewohnheit 
spielt sie mit beiden Gefäßen, legt dann das eine unter ihren Fuß un d 
zertritt es auf den steinernen Fliesen zu Scherben. Sie glaubt, das 
Giftfiäschchen zuerst zertreten zu haben; als sie aber auch den zweiten 
Kristall unter die Sohle legen will, zeigt es sich, daß sie sich zwischen 
den Gläsern geirrt hatte : das mit dem Gift hält sie noch in der Hand. 
Kopfschüttelnd legt sie auch dies unter ihre Ferse, doch das festere 
Glas widersteht hartnäckig. Sie ergreift es wieder, und schon hebt sie 
den Arm, um es an der Wand zu zerschmettern, da hält sie inne, 
aus Furcht, mit dem klirrenden Wurf den Schlummer ihrer Tochter 
zu stören ; oder mit einem andern Gedanken birgt sie es sorgfältig in 
dem weiten Busen ihres Gewandes. 

Der Dichter überläßt es uns, diesen Gedanken zu erraten. „Ich will 
das Gift doch lieber aufheben, so etwa mag es der Richterin durch 

— 329 — 



r 




den Kopf geschossen sein, denn wer weiß, vielleicht bedarf ich seJ 
noch einmal für mich selber." Dieser Gedanke kommt ihr erst n a | 
ihrem Irrtum; aber wir werden schon diesen Irrtum nicht für zufjl 
oder belanglos halten. In ihm kommt vielmehr bereits zum Ausdruc] 
was sich gleich daraut zum bewußten Gedanken klärt. Im Hinte; 
gründe steht die Ahnung und der unbewußte Wunsch, das Gift mos 
einmal dazu dienen, daß sie damit die Sühne der Untat an sich selb« 
vollziehe, wie es zuletzt auch wirklich geschieht. Eine aufschlußreich 
Verwechslung also, die den aufmerksamen Leser die innere Unsichei 
heit und Zwiespältigkeit der stolzen und scheinbar so selbstgewisse 
Frau erkennen läßt, lange bevor die Entwicklung der Begebenheitei 
sie zwingt, das Verborgene vor aller Welt zu bekennen. 

III 

Die Fehlleistungen 

Schon die Analyse der „Richterin" zeigte, mit welchem Verständni 
und welcher Kunst der Dichter eine Fehlleistung in die Handlung Z \ 
verflechten weiß. Auch in seinen übrigen Werken bietet er eine groß. 
Erfindungskraft auf, um durch die Darstellung mannigfaltiger, immei 
der Situation entsprechender Fehlleistungen seine künsderischen Aus. 
drucksmittel zu bereichern. 

Die Novelle „Das Amulett" spielt in der 2. Hälfte des 1 6. Jahr- 
hunderts, also im Zeitalter der Religionskriege. Ein junger verwaist« 
Schweizer namens Schadau wächst bei seinem Oheim am Bieler See 
auf. Sobald er das 17. Lebensjahr vollendet hat, soll er in Frankreich 
Kriegsdienste nehmen; dort ist der Ausbruch eines neuen Krieges 
gegen Spanien zu erwarten. Die Vorbereitung des jungen Schweizers 
auf seine militärische Laufbahn kann in der ländlichen Abgeschieden- 
heit nicht mit der wünschenswerten Gründlichkeit durchgeführt werden, 
und so kommt es ihm sehr gelegen, als ein Fremder dort vorspricht 
und sich erbietet, ihm Fechtunterricht zu geben und damit eine 
schmerzlich empfundene Lücke in seiner Ausbildung auszufüllen. Bald 
aber bekommt der Oheim durch ein amdiches Schreiben die Mitteilung, 
daß der Fremde vermutlich identisch mit einem Manne sei, der in 
Stuttgart sein Weib aus Eifersucht erstochen habe. Der Oheim wird 
aufgefordert, selbst ein erstes Verhör vorzunehmen und den Fremden 
zu verhaften, falls der Verdacht sich bestätigt. Als der junge Schadau, 

— 330 _ 




A e r mit dem Oheim zusammen im Garten frühstückt, das Schreiben 
elesen hat, ist er ebenfalls entschlossen, den Verdächtigen festzuneh- 
en den er ohne weiteres für den Übeltäter hält; hat doch der 
Fremde von Anfang an einen unsympathischen Eindruck auf ihn ge- 
macht, über den er sich nur des guten Zweckes wegen hinweggesetzt 
hat Als Schadau von der Lektüre des Aktenstückes einmal aufblickt, 
sieht er den Fechtmeister am Fenster seines Zimmers damit beschäftigt, 
eine Klinge zu putzen, und unwillkürlich erhebt er das Schrifstück in 
j er Weise, daß jenem das große rote Amtssiegel sichtbar wird -*- 
seinem Schicksal eine kleine Frist gebend, ihn zu retten." Denn als 
er kurz darauf mit dem Alten zu dem Fremden hinaufsteigt, finden 
beide das Nest leer und sehen in der Ferne einen Reiter davon galop- 
pieren — der Geistesgegenwärtige hatte dem Boten, welcher seinen 
Verhaftungsbefehl überbracht, das Roß entwendet und sich darauf 
gerettet. 

Wir sehen hier in der Seele Schadaus zwei einander entgegenge- 
setzte Absichten wirksam : sich seiner Pflicht bewußt, will er dem amt- 
lichen Auftrag gehorchen, aber er muß dazu erst eine Stimme seines 
Innern unterdrücken, welche ihm zuflüstert: laß den Fremden laufen! 
Von diesem Kampf weiß Schadau nichts, so völlig steht es für ihn 
außer Frage, daß er den Weg des Rechtes zu gehen hat; dennoch 
hat dieser Kampf stattgefunden und nicht mit dem völligen Siege der 
rechten Auffassung geendet. Die im Unbewußten niedergehaltene Be- 
strebung bricht in der Gebärde durch, womit der Schweizer dem 
Fremden das Siegel sichtbar macht und ihn so warnt, — „unwillkür- 
lich" geschieht dies, wie der Dichter ausdrücklich hinzusetzt, d. h. un- 
bewußt, ja gegen den bewußten Willen des Handelnden. Für die im 
Unbewußten zurückgehaltene Absicht, den Mörder laufen zu lassen, 
ist eine Begründung nicht schwer zu finden. Es ist ja nie angenehm, 
mit der Polizei zu tun zu haben, und die Scherereien, die mit dem 
Verhör, der Verhaftung und Auslieferung eines Mörders verbunden 
sind, sind gewiß nicht erquicklich; dazu kommt die Abneigung, die 
der Fremde von Anfang an erweckt. Beides verbindet sich zu der 
Tendenz, diesen unheimlichen Gast so schnell wie möglich und ohne 
sich Unannehmlichkeiten aufzuladen, wieder los zu werden. Wir er- 
fahren von dieser unbewußten Tendenz erst durch die Fehlhandlung. 
Das ist ja gerade die Aufgabe des Dichters, Unsichtbares sichtbar zu 
machen, seelischem Geschehen Gestalt und Gebärde zu schaffen. Und 
die Fehlleistungen sind deshalb so geeignet, ihm hierbei als Ausdrucks- 

— 331 — 



mittel zu dienen, weil sie dasselbe tun : sie enthüllen etwas Verboi 
genes, so daß vor aller Augen liegt, was der Träger des Gescheher 
sogar vor sich selber oft nicht wahr haben will. 

In der Erzählung „D a s Leiden eines Knaben" behande 
der Dichter das Schicksal des jungen Julian Bouffiers, welcher de 
Sohn des Marschalls Bouffiers aus seiner ersten Ehe war. Er war ei 
hübsches, aber gänzlich unbegabtes Kind. Der Vater war sich nidi 
darüber klar, daß die Anlagen seines Sohnes weit unter Durchschnii 
waren, und auch als er ihn zum Unterricht in ein Jesuitenkollegiur, 
gegeben hatte, geschah zunächst nichts, um den tief in Geschäftei 
steckenden Mann darüber aufzuklären. Denn der Knabe war rühreni 
fleißig, und die lehrenden Väter nahmen der Sitte der Zeit entspre 
chend auf seine vornehme Abstammung die gebührende Rücksichi 
Aber unseligerweise zieht sich der Marschall, ohne es zu wissen, dei 
Zorn der Jesuiten zu, und diese lassen den Knaben ihren heimlichei 
Groll entgelten. Sie bedecken nicht mehr wohlwollend seine geistig« 
Blöße, und das Kind, von einem verzweifelten Ehrgeiz gepackt, zer 
martert Geist und Körper, bis seine Gesundheit untergraben ist unc 
eine Züchtigung, welche ihm ungerechterweise von den frommen Vä 
tern verabfolgt wird, ihm vollends den Rest gibt. Fagon, der Leibarzi 
Ludwigs XIV., hatte der Mutter des Jungen auf dem Totenbette ver 
sprachen, sich seiner anzunehmen und über ihm zu wachen ; aber dei 
Marschall war für die Warnungen dieses klugen und treuen Mannes 
unzugänglich geblieben. Durch Fagon wurde Julian mit dem Tiermalei 
Mouton bekannt, und Fagon bemerkt eines Tages zu seiner Über- 
raschung, daß Mouton den Knaben in die Geheimnisse des Zeichnens 
und Malens eingeführt hat. Zwar waren seine Leistungen auch aul 
diesem Gebiet nicht bedeutend, aber schon die geringen Erfolge, die 
selbständige oder scheinbar selbständige Tätigkeit, — denn natürlich 
gelang ihm nichts ohne die Hilfe des Lehrers, — schon dies hob sein 
Selbstgefühl und machte ihn glücklich. 

Eines Tages läßt Fagon sich in der Orangerie von seinem Schütz- 
ling dessen Zeichnungen zeigen und findet dabei auch ein von Mouton 
gezeichnetes Blatt. Es enthält die Parodie einer ovidischen Szene: 
Pentheus, der jugendliche König von Theben, hat vergeblich versucht, 
die zügellosen Feste der Frauen zu Ehren des Bacchus zu verhindern ; 
er wird von den zu rasenden Mänaden Gewordenen verfolgt, und 
um ihn zu verderben, läßt Bacchus, der grausame Gott, ein senkrechtes 
Gebirge vor ihm in die Höhe wachsen. Der fliehende König aber! 



332 — 



f trägt ■ 



aast die Züge Julians ; er wendet den Kopf mit einem Ausdruck töd- 
licher Angst nach den ihm nachjagenden Gespenstern, — eines dieser 
Scheusale trägt einen langen Jesuitenhut auf dem geschorenen Schädel 
un d einen Folianten in der Hand, und die Felswand, wüst und un- 
r jjjjmmbar, scheint wie ein finsteres Schicksal emporzuwachsen. „Ich 
steckte, so berichtet Fagon, das Blatt unwillkürlich, um es zu ver- 
bergen, in die Mitte der Blätterschicht, bevor ich diese in die Mappe 
schob." Später begleitet er seinen Schützling bis an die Gartenpforte 
und kehrt dann zu seiner Lieblingsbank zurück. „Als ich, erzählt er 
nun weiter, als ich die liegen gebliebene Mappe nochmals öffnend, 
Jen Inhalt zurecht schüttelte, da, siehe! lag der Pentheus mit der 
grausigen Felswand obenauf, den ich geschworen hätte, in die Mitte 
der Blätter geschoben zu haben ..." 

Fagon also hat in Wirklichkeit etwas anderes getan, als er tun 
wollte, und beides, Absicht und Tat, hat einen starken Ausdruckswert : 
er wollte das Blatt in die Mitte der Blätterschicht schieben und damit 
zum Ausdruck bringen: ich will die unbarmherzige Zeichnung barm- 
herzig verbergen, die Dummheit, die dem jungen Menschen das Leben 
schwer macht, nicht ans Tageslicht kommen lassen — und er hat un- 
willkürlich die Zeichnung doch obenauf gelegt und durch diese Fehl- 
handlung zum Ausdruck gebracht, was seine vergeblich zurückgedrängte 
Überzeugung ist: Julians Dummheit ist so groß, daß sie sich nicht ver- 
heimlichen und vertuschen läßt. Es lag ein Widerspruch vor zwischen 
dem Anschein, den er erwecken wollte, und der Wahrheit, die er 
wenigstens vor den Augen der Welt schonend zu verhüllen versuchte. 
Aber diese Verleugnung, diese Zurückdrängung seiner innersten Über- 
zeugung gelingt nicht ganz, die wahre Meinung sucht sich ohne Wissen 
ihres Trägers einen Ausweg. Der Dichter aber zeigt uns durch diesen 
Vorgang so deutlich, wie es auf keine andere Weise möglich wäre, 
die ganze erschreckende Armseligkeit des kindlichen Geistes. Wie hoff- 
nungslos muß es damit bestellt sein, wenn selbst dem Mann, der es 
mit dem Knaben am besten meint, nicht einmal eine so harmlose Be- 
mäntelung gelingt! 

In einer andern seiner Erzählungen schildert uns Meyer, wie an 
Pescara, dem Feldherrn Kaiser Karls V., die Versuchung des Ver- 
rates herantritt. Im kaiserlichen Heere dient schon ein Verräter: der 
Konnetable Karl von Bourbon. Dieser mächtigste Vasall Frankreichs 
war 1522 auf die Seite des Kaisers übergetreten, da er sich von seinem 
Könige zurückgesetzt und in seinen Erbansprüchen bedroht fühlte. Ihm 

— 333 — 




wurde nicht nur seiner glänzenden militärischen Fähigkeiten we« 
eine bedeutende Stellung eingeräumt, sondern er wurde auch 
hoher Auszeichnung behandelt, und Pescara begegnete ihm mit d 
feinsten Mischung aus Kollegialität und Ehrerbietung.« Denn vielleic 
hatte er, so sagt der Dichter, „in diesem Zerrütteten, der sich seit 
verfluchend sein Vaterland mit fremden Waffen verwüstete, den 
sprunglichen und unzerstörbaren Adel erkannt". Daß derBourbo 
ein innerlich zerrütteter Mensch ist, wird freilich nach außen hin nie 
sichtbar, denn er beherrscht sich selber vollkommen, selbst die leises 
Anspielung auf seinen Übertritt sich und damit auch allen übrW 
untersagend. „Niemand, sogar der Vornehmste nicht, hätte es gewl 
den stolzen Mann auch nur mit einer Miene an seine Tat zu erinnern 
Aber mit einem einzigen, unscheinbaren Zuge leuchtet der Dichter | 
hinab in die qualvolle Zerrissenheit dieser Seele. 

In einem Gespräch zwischen Pescara und dem Konnetable komn 
ein Zusammenstoß zur Sprache, den dieser kürzlich mit seinem Mi, 
feldherrn Leyva aus einem nichtigen Anlaß auf offenem Markte gehal 
hat. „Das war nicht gut, sagt Pescara, das war beklagenswert, das dai 
sich nicht wiederholen, ich bitte Euch darum." Darauf der Herzog 

„Der Anlaß war nicht der Rede wert, aber .« Und Pescara 

„Das schlimmste Wort, das Leyva gebraucht hat, war, nach Zeugen 
er lasse sich nichts bieten von einem Vornehmen, und Ihr zöget J 
Eure Leute mußten Euch halten." „O, flüsterte der Herzog, von einen 
Vornehmen? Ich habe feine Ohren. Es war ein anderes Wort dai 
ich dem Kaiser und dem Papst in die Kehle zurückstieße!" Ein an- 
deres Wort?" sagte Pescara, um seine Frage sogleich zu bereuen 1 
er den Herzog erbleichen und völlig fahl werden sah. Er erriet, da« 
der alte Leyva gemurrt, er lasse sich nichts bieten von einem' Ver- 
rater, oder daß das wunde Gewissen des Bourbon es so ver- 
standen hatte." 

Wir werden uns im Sinne des Dichters für die zweite Möglichkeit 
entscheiden und erkennen leicht den Zwiespalt in der Brust des Fran- 
zosen, der zu seiner „Fehlleistung" geführt hat: der Teil seines Ichs, 
der den Verrat begangen hat, ihn billigt und dauernd zu rechtfertigen 
sucht, hegt m ständigem Kampf mit dem andern Teil seines Selbst 
der diesen Verrat verurteilt, sich durch ihn entehrt fühlt und sich durch 
nichts von seiner Rechtmäßigkeit überzeugen läßt. Und der Dichter 
nennt diesen unbestechlichen Richter in des Herzogs eigener Brust 
auch beim rechten Namen: das Gewissen. Der Bourbone hat gehört 

— 334 — 



j 



_. nicht, was gesprochen worden ist, sondern wovon er fürchtete, daß 
es gesprochen werden könnte. Der gleiche Anlaut der beiden verhörten 
Wörter — Vornehmer und Verräter — wird das Zustandekommen 
seines Irrtums begünstigt haben. Und er hat nicht feine Ohren, wie er 
sich rühmt, sondern in diesem Verhören zeigt sich sein wundes Ge- 
wissen, das durch keine äußeren Ehren und Erfolge, durch kein rück- 
sichtsvolles Schweigen beschwichtigt werden kann. In dieser Fehlleistung 
offenbart es sich, wie wenig es ihm gelungen ist, auch innerlich seine 
Tat totzuschweigen; sie zeigt uns wie eine plötzlich emporzuckende 
Flamme vielmehr den wahren Zustand seines ruhelosen Innern. 

IV 
Die Träume 

Eine ähnliche Bedeutung wie die Fehlleistungen haben für den 
Dichter die Träume ; auch sie lassen in Tiefen der Seele schauen, in 
die der beobachtende Blick sonst nicht hinabdringen kann. Es ist also 
von vornherein zu vermuten, daß ein Dichter von der Feinfühligkeit 
Meyers auch diesen Gebilden ihren Sinn abgelauscht und auch sie in 
den Dienst seiner künstlerischen Absichten gestellt haben wird. Und 
in der Tat gibt es kaum ein größeres Werk von ihm, worin uns 
nicht die Träume seiner Gestalten geschildert werden. Zwei besonders 
klare Beispiele mögen zeigen, wie nahe seine Auffassung des Traumes 
der Freudschen Auffassung kommt und wie der Dichter auch hier 
tiefe Seelenkenntnis und dichterisches Gestaltungsvermögen in gleichem 
Maße bewährt. 

In der Novelle „Gustav Adolfs Page" wird berichtet, wie die 
junge Gustel Leubelfing, ein Nürnberger Kind, Page des Schweden- 
königs Gustav Adolf wird, der in den großen Krieg in Deutschland 
eingegriffen hat und damals auf der Höhe seiner Macht und seines 
Ruhmes steht. Gustel ist glücklich, unerkannt dem verehrten, ja ge- 
liebten König folgen zu können; aber dieses Glück ist teuer erkauft. 
Denn nicht nur kann irgend ein unvorhersehbarer Zufall jeden Augen- 
blick dem Pagen die Entdeckung seines wahren Geschlechtes bringen 
und damit ein schmachvolles Ende seines Abenteuers, sondern ihn 
drückt auch das Bewußtsein nieder, den König in einer dauernden 
Täuschung erhalten zu müssen, zumal er weiß, wie streng Gustav Adolf 
über alle Verstellung und Heuchelei urteilt. In dieser Lage macht sich 
das tollkühne Mädchen mit dem Gedanken an das Sterben vertraut; 
der Tod scheint ihr der gegebene Ausweg aus dieser Sackgasse. Da- 

— 335 — 



bei geht ihr eine seltsame Ähnlichkeit mit dem König auf; der Kör 
lebt ebenfalls mit dem Tod auf vertrautem Fuß, ja er scheint i] 
geradezu zu suchen. Durch die dünne Wand hört Leubelfing einn 
in der Nacht den König Gott darum bestürmen, ihn im Vollwei 
hinwegzunehmen, wenn seine Stunde da sei, bevor er ein Unnötig 
oder Unmöglicher werde. Die Lauscherin ist beglückt über diese Äh 
lichkeit ihres kleinen mit diesem großen Lose, denn alles, was i 
mit dem König gemeinsam ist, beseligt sie schon deswegen. Und 
diesem Augenblick findet sie noch eine andere, eine äußerliche G 
meinsamkeit: seit sie beim Heere ist, hat sie den Vornamen Auge 
angenommen, und nun beendet die gleiche Silbe ihren Namen ut 
beginnt den des Königs. Über diesem „albernen Kindergedanken", | 
der Dichter ihn bezeichnet, schläft sie ein. Gewiß hat der Dicht 
recht, diesen Gedanken „albern" zu nennen, denn er bezeichnet eii 
rein äußerliche Verknüpfung, und für eine Gemeinsamkeit des Schic 
sals, für eine auch innere Verbundenheit ist damit noch keiner] 
Bürgschaft gegeben. Aber wie fein ist diese Ideen- Assoziation, die 
unbewußte Bewegung des menschlichen Geistes beobachtet! Wer sii 
innerlich einem andern verbunden fühlt, sucht unwillkürlich dafür aui 
in der Welt der äußeren Erscheinung einen Ausdruck, eine Bestäi 
gung zu finden, und wenn er noch so gewaltsam oder „albern" dab 
verfahren müßte. 

Page Leubelfing also schläft ein, aber er träumt schlecht, „dem 
sagt der Dichter, er träumte mit seinem Gewissen. In den richtende 
Bildern, welche vor seinen Traumaugen aufstiegen, geschah es bali 
daß der König den Entdeckten mit flammendem Blick und verurtc 
lender Gebärde von sich wies, bald verjagte ihn die Königin m 
einem Besenstiel und den derbsten Scheltworten, wie die gebildei 
Frau solche am Tage nie über die Lippen ließ, ja welche sie wo! 
garnicht kannte." — „Er träumte mit seinem Gewissen" — dies 
klare und knappe, geradezu klassische Formulierung hat Gültigkeit fi 
alle Träume. Das Wesen des Traumes ist Wunscherfüllung; aber m 
dem Kind, welches noch ganz aus dem Instinkt heraus lebt und bi 
dem die sittliche Erkenntnis und das richtende sittliche Bewußtsei 
noch nicht erwacht ist, nur dem Kind ist eine unbeeinträchtigl 
Wunscherfüllung im Traume möglich. Der Erwachsene „träumt m 
seinem Gewissen" und wird erschüttert und gepeinigt durch de 
Kampf, der sich im Traum zwischen seinen ungezügelten Begierde 
und seinem auch im Schlaf nicht schlafenden Gewissen abspielt. 



— 336 




Der Dichter berichtet uns noch einen andern Traum des Pagen, 
fl'nmal träumte er, „seine Fuchsstute gehe mit ihm durch und rase 
Jirch eine nackte von einer zornigen Spätglut gerötete Gegend einer 
,, ij uc ht zu, der König setze ihm nach, er aber stürze vor den Augen 
• es Retters oder Verfolgers in die zerschmetternde Tiefe, von einem 
höllischen Gelächter umklungen." Der Dichter kennt den sexuellen 
Sinn des Verfolgungstraumes und, was noch bemerkenswerter ist, er 
etzt ein unmittelbares Verständnis dieses Sinnes auch bei seinen Lesern 
voraus. So gibt ihm dieser Traum die Möglichkeit, auf zarte und ver- 
hüllte und doch eindringliche Weise zu zeigen, wie stark Leubelfings 
Zuneigung zum Könige und welches das letzte Ziel seiner Wünsche 
ist. Und noc ' 1 * n ^ er » zorn ig en " Spätglut und dem „höllischen" Ge- 
lächter läßt er die Stimme des unermüdlichen Gewissens aufklingen. 
Von den Gedichten gibt das „Einsiedel" überschriebene die Dar- 
stellung eines Traumerlebnisses: 



Was pocht mir an das Fenster? 
Was klopft an meine Tür so laut?" 

, „Ich bin ein junger Wildfang 

Und naß bis auf die Haut. 

Ich bin der Gerold Wendel, 
Wir ziehen an den Hof zu zwein, 
Der andre ist ein Konrad 
Und nennt sich Lützelstein. 

Der duckt sich etwo anders 
Vor Blitzgezuck und Wetterzorn 
Und bläst mich morgen munter 
Mit seinem Jägerhorn. 

Einsiedel, frommer Bruder, 

Ihr sehet, wie es um mich steht ! 

Gewährt mir Euer Lager 

Und sprecht mein Nachtgebet !" 

Er lallt es, halb entschlummert, 
Und streckt die Glieder aus zur Ruh, 
Einsiedel deckt sein Lämpchen 
Mit beiden Händen zu. 

„Wie lieblich ist die Jugend ! 
Hätt ich ein Füllhorn voller Glück, 
Ich leert es dir zu Häupten, 
Es bliebe nichts zurück." 



Der Schlummrer wird zum Träumer, 
In hast'gen Worten redet er, 
Lacht, weint in einem Atem 
Und wirft sich hin und her. 

„Ich habe Blut vergossen !" 

Einsiedel faßt besorgt ihn an. 
„Du träumst nicht gut. Erwache ! 
Die Augen aufgetan!" 

Er starrt mit wilden Blicken. 

„Mein Kind, wie hast du mich erschreckt !" 

„Einsiedel, frommer Bruder, 

Ich bin mit Blut bedeckt. 

Wir saßen unter Linden, 
Ich und der Konrad Lützelstein, 
Ein Fräulein von dem Hofe 
Bot lachend uns den Wein. 

Sie streift' mich mit dem Ärmel, 
Die binsenschlank gewachsen war, 
Sie hatte schnelle Augen 
Und aschenblondes Haar. 

Sie streift mich mit der Achsel 
Und lispelt mir ins Ohr hinein : 
,Wilt, junger Edelknabe, 
Mein Trautgeselle sein ?' 



PsA. Bewegung 



— 337 



23 



Da schwang man einen Reigen, 
Sie reigte mit dem Lützelstein — 
,Wilt, junger Edelknabe, 
Mein Trautgeselle sein ?' 

Mir schwoll die Brust vor Eifer, 
Ein Hader reißt die Klingen bloß . 
„Herzbruder, mein Herzbruder, 
Gabst mir den Todesstoß !" 



Einsiedel mahnt : „Erwache !« 
Und schiebt zurück sein Fensterlei, 
Da strömt mit Tannendüften 
Ein Erdgeruch herein. 

Und horch, ein Hifthorn schmetten 
Und eine frische Stimme schallt- 
„Wo steckt der Gerold Wendel? 
Den such ich durch den Wald!" 



Im Traum, den Gerold Wendel noch halb im Schlaf demersch 

ten Einsiedler erzählt, hat er seinen Gesellen aus Eifersucht errnn^ 

Erst der Erdgeruch des Morgens, die frische Stimme Konrads r 

ihn völlig aus seinem Traum und befreit ihn von dem Alpdruck 

nes Traumerlebnisses. Denn auch er hat mit seinem Gewissen mrJ' 

Das nächtliche Schreckbild zeigt ihm selbst, daß auf dem Grunde S Z 

Herzens die Eifersucht lauert, die den Tod des Nebenbuhlers wünsd 

auch wenn er der beste Freund ist. Noch ist die Eifersucht sa 

grundlos, denn die beiden ziehen ja gerade erst an den Hof n 

nächtliche Trugbild reißt Abgründe seines Wesens auf, von den« 

Gerold Wendel wohl selbst nichts gewußt hat; vielleicht wird es fi 

ihn zugleich eine Warnung sein: so aufgerüttelt, werden der bewuß 

Wille und das wache Gewissen seine Leidenschaft im Zaume halte, 

Tr 1 , S, ?, Werden ZU verhindern wissen, daß aus dem Schreckbil 

Wirklichkeit wird. Wie aufwühlend aber der Kampf zwischen de 

beiden Seelen in seiner Brust war, wie stark beide Parteien, das stari 

wahrend des Traumes auf seinem Gesichte zu lesen : er lachte un 

weinte in einem Atem. Und der Preis der Jugend und ihrer Liet 

hchkeit aus Einsiedeis Mund bekommt fast einen ironischen Sinn 

vol dumpfer Leidenschaft, voll unheimlicher Abgründe ist gerade dt 

Seelenleben der Jugend, und nicht immer ist ein frommer Einsied< 

zur Stelle, der das Fenster zurückschiebt und den befreienden Erd 

geruch des Morgens einläßt. 

* 

Die Dichter haben der Psychoanalyse manche Einsichten vorweg 
genommen; so kommt von ihrer Seite eine willkommene Bestätiguni 
der neuen Erkenntnisse. Und die Psychoanalyse gibt den Diens 
zurück: sie vermag vielfach zu einem vertieften Verständnis de 
Dichtung beizutragen. 



— 338 — 




Eine obszöne Gebärde 
der heiligen Teresa 

Vortrag in der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft, Berlin am 6. Mai igso 

Von 

Angel Gamma 

Madrid 

Teresa de Jesus (1515 — 1582) ist die bedeutungsvollste Heilige Spaniens 
Uta Ihnen ein Beispiel von der Hochschätzung zu geben, welche die heilige 
Teresa in der ganzen katholischen Welt genießt, brauche ich nur den Bericht 
über ihre Heiligsprechung zu zitieren, wie er von den Auditoren der römischen 
Rota erstattet wurde. Darin werden 85 der angesehensten und gelehrtesten 
Patres angeführt. Sie alle „. . . approbieren nicht nur die in den Büchern der 
heiligen Teresa erhaltene Lehre, welche sie mit wunderbaren Lobsprüchen er- 
heben, als eine heilige und katholische, sondern, was noch mehr ist, einige 
derselben urteilen und glauben, diese Lehre sei der seligen Teresa mittelst des 
Gebetes und ihres so vertrauten Umganges mit der göttlichen Majestät von 
Gott eingegossen und vom Allerhöchsten selbst gegeben worden . . ." Mehrere 
Zeugen fügen hinzu, diese selige Jungfrau werde mit Recht wegen des ihr 
von Gott eingegossenen Wissens mit einer Taube über ihrem Haupte abge- 
bildet, weil ihr in dieser Gestalt, wie sie selbst sagt, der heilige Geist erschien, 
und ihr Geist zu einer Verzückung mit überaus großem Genuß der Glorie 
hingerissen wurde. Dazu komme noch, daß sie oft, während sie diese Bücher 
verfaßte, mit glänzendem Angesicht gesehen wurde, dieselben mit der größten 
Schnelligkeit schreibend. Von den gelehrten Patres wurde dies als ein deut- 
liches Zeichen dafür aufgefaßt, daß der heilige Geist ihr unmittelbar diktierte. 

In der Heiligsprechungbulle der seraphischen Jungfrau sagt der Papst 
Gregor XV. folgendes: „Unter den übrigen Tugenden aber, worin sie wie eine 
von Gott geschmückte Braut sich wunderbar auszeichnete, strahlte die unver- 
sehrteste Keuschheit hervor, die sie so vortrefflich pflegte, daß sie nicht nur 
dem von der Kindheit gefaßten Vorsatze, die Jungfräulichkeit zu bewahren, 
treu blieb bis zum Tode, sondern daß sie auch an Leib und Herz eine von 
jedem Makel freie englische Reinheit bewahrte." 

Es kann nicht meine Absicht sein, hier ein biographisches Bild der Heiligen 
zu geben. Zu Orientierungszwecken sei nur daran erinnert, daß die heilige 
Teresa im Jahre 1515 in Avila, einer kleinen Stadt in der Nähe von Madrid, 
geboren wurde. Sie entstammte einer adeligen, aber armen Familie. Dir 
religiöses Interesse scheint früh erwacht zu sein. In ihrer Autobiographie er- 

— 339 — 23 * 



zählt sie, daß sie im zarten Alter von sieben Jahren mit ihrem Bruder R d • 
das Vaterhaus verließ, um die Bekehrung der Mauren zu unternehmen. D^' 
wurden sie von einem Onkel wieder zum Vater zurückgeschickt. 

Mit sechzehn Jahren ging sie in das Kloster der Karmeliterinnen ihrer Va 
Stadt. Dort erkrankte sie, als sie 19 Jahre alt war. Ihrer Schilderung gj^ 
war sie von Konvulsionen ergriffen, und zwar „derart, daß man eh 
Tobsuchtsanfall hätte befürchten können, ihre Zunge war durch fortwährende 
Beißen fast in Stücke gerissen, oft verlor sie das Bewußtsein". Sie erü 
schmerzhafte Kontrakturen. Ihrer Schilderung nach zogen die Nervensträn ' 
sich zusammen, aber mit so unerträglichen Schmerzen, daß sie weder bei Ta^' 
noch bei Nacht einen Augenblick Ruhe fand, dazu kam dann eine tiefe Traurf 
keit. Darauf verfiel sie in eine schwere Lethargie, die drei bis vier Tage dauerte 
Aus diesem Zustand ging sie mit einer permanenten Kontraktur im g aaz ^ 
Körper, wie sie es bezeichnet, hervor. Diese Kontraktur wurde von eine! 
Paralyse abgelöst. Die Krankheit verschwand erst nach drei Jahren durch di< 
Kraft eines inbrünstigen Gebetes, das sie an den heiligen Joseph richtete. Doci 
erzählt sie selbst, daß sie durch zwanzig Jahre morgens stets, ihre Nahrunj 
wieder von sich geben mußte. Sie hatte auch Fieberanfälle, die. manchmal einer 
Monat lang dauerten. 

Wir haben keinen Anlaß uns hier näher mit der Entstehung und Entwicke 1 
lung dieser psychischen Krankheit zu beschäftigen. Wir erkennen freilich, dafl 
es sich nur um eine Hysterie oder um eine der Hysterie ähnliche Forni 
der E p i 1 e p s i e gehandelt haben konnte, doch sind die Zeugnisse über die 
Anfälle nicht zahlreich und deutlich genug, um uns letzte Sicherheit zu geben; 

Der seelische Vorgang, den sie Bekehrung nennt, begann plötzlich, als sie 
40 Jahre alt war, nachdem sie durch mehrjährige körperliche Krankheit g| 
läutert worden war und viele geistige Nöte siegreich überwunden hatte 
Dieser Vorgang begann mit einer heftigen Liebespein und entschied sich in 
vielen Visionen. Die heilige Teresa wurde von Rubens, Velasquez, Murillc 
und anderen Malern immer wieder in jener Situation dargestellt, die sie selbst 
beschreibt und der eine so große Bedeutung für ihre Bekehrung zukommt. Sie 
sah nämlich einmal einen kleinen Engel zu ihrer linken Seite in leib- 
licher Gestalt 1 ; „er war", sagte sie wörtlich, „nicht groß, sondern klein und 
sehr schön. Sein Angesicht war so entflammt, daß er mir als einer der er- 
habensten Engel vorkam, die ganz in Flammen zu stehen scheinen ... In 
seinen Händen sah ich einen langen goldenen Pfeil, und an der 
Spitze des Eisens schien mir e in wenig Feuer zu sein. Es kam mir vor, als 

1) Das Leben der heiligen Teresa, von ihr selbst geschrieben. Pustet Verlag, 
Regensburg 1903. Band 1, Seite 391. 



340 



I rchbohre er mit dem Pfeile einigemal mein Herz bis aufs Innerste, und wenn 

ihn wieder herauszog, so war es mir, als zöge er diesen innersten Herzteil 

• heraus. Endlich verließ er mich ganz entzündet von feuriger Liebe zu 

fort D er Schmerz dieser Verwundung war so groß, daß er mir die erwähnten 

Klaffeseufzer auspreßte ; aber auch die Wonne, welche dieser ungemeine 

Schmerz verursachte, war so überschwenglich, daß ich unmöglich von ihm frei 

w erden verlangen, noch mit etwas geringerem mich begnügen konnte als 
,;t; Gott. Es ist dies kein körperlicher, sondern ein geistiger Schmerz, wiewohl 
•uich der Leib, und zwar nicht wenig, an demselben teilnimmt. Der Liebes- 
verkehr, welcher nunmehr zwischen der Seele und Gott stattfindet, ist so süß, 
daß ich zur G ute des Herrn flehe, er wolle ihn dem zu kosten geben, der 
etwa meint, ich lüge hierin." Soweit die Beschreibung jenes denkwürdigen 
£rei <T niss es der Durchbohrung des Herzens. 

Die Heilige war damals 44 Jahre alt. Wir werden nach allen Details ihrer 
Schilderung nicht daran zweifeln, daß ihre krankhaften seelischen Zustände zu 
dieser Zeit mit den Veränderungen des Klimakteriums zusammenhingen. 
Ihre Beschreibung weist ja deudich auf den sexuellen Charakter dieser für sie 
entscheidenden Vision hin. An ihrem unverwesten Herzen, das im Kloster der 
unbeschuhten Karmeliterinnen zu Alba de Tormes in einem kostbaren Reliquien- 
schrein aufbewahrt wird, kann man sehen, daß der Engel ihr nicht bloß eine 
geistige, sondern auch eine körperliche Verwundung zugefügt hat. Man sieht 
nämlich an diesem Herzen ganz deutlich außer mehreren kleineren Öffnungen, 
die wohl von wiederholten Verwundungen herrühren mögen, eine große Wunde, 
die wenigstens 5 cm lang und sehr tief ist und deutliche Ränder aufweist. Man 
behauptet, daß das Kristallgefäß, in dem dieses Herz verschlossen wurde, schon 
einige Male zersprungen ist und daß ihm liebliche Wohlgerüche entströmten. Sie 
haben längst den unbewußten Deflorations charakter dieser Vision erkannt. 
Die Durchbohrung des Herzens wird am 27. August jedes Jahres in Spanien 
gefeiert. Die Gläubigen, welche bestimmte Bedingungen erfüllen und eine Kirche 
der unbeschuhten Karmeliter besuchen, erhalten an diesem Jahrestage der 
Deflorationsfeier einen vollkommenen Sündenablaß. Ich selbst erinnere mich, 
als Kind manchmal einen solchen Ablaß am Ehrentage der Heiligen in einem 
Kloster der unbeschuhten Karmeliter erhalten zu haben. 

Die heilige Teresa sah als ihr Lebenswerk die Reform desKarme- 
1 i t e r o r d e n s an, die sie unter den größten Schwierigkeiten und mit außer- 
ordentlicher Zähigkeit durchführte. Sie starb 1582 und wurde 1622 heilig ge- 
sprochen. Ihre Schriften gehören zu den besten Erzeugnissen der christlichen 
Mystik und zu den vorzüglichsten der spanischen Literatur. 

Als die wichtigste psychologische Quelle für das Leben der Heiligen erscheint 

— 341 — 



uns ihr Buch „Su vi da", in dem sie ihre psychischen Konflikte ausführliq 
schildert. Es nimmt dort die Beschreibung der verschiedenen Stufen des G 
betes, der Versuchungen, die sie zu erleiden hatte, und' der Off en 
barungen, die ihr zu Teil wurden, einen großen Raum ein. Immer wiede 
spricht sie von den Verzückungen, die das Gebet ihr gegeben habe, von de 
ekstatischen Vereinigungen mit Gott, von der Lebenspein un ( 
von den Lebens wunden. 

Es kann uns hier nicht darauf ankommen, die psychosexuelle Triebgrundlam 
und die seelischen Mechanismen in den Krankheitszuständen der heiligen Teres- 
darzustellen. Freud, Pfister u. a. analytische Autoren haben uns gezeigt 
auf welchen geheimen Wegen verdrängte Triebkräfte zu so merkwürdiger 
seelischen Situationen führen. Hier sei nur ein einzelner Zug herausgegriffen 
der unser besonderes Interesse verdient. Die eigenartige pathologische Situation 
der heiligen Teresa und der Charakter ihrer Frömmigkeit wurden hier nur des- 
halb skizziert, um auf diesem Hintergrunde die folgende Einzelheit analytisch 
festzustellen. 

Die heilige Teresa erlebte so viele und so mannigfache Visionen, daß häufi? 
der Zweifel auftauchte, ob eine bestimmte Vision von Gott oder vom Teufel stamme 
Tatsächlich war dies nicht leicht zu unterscheiden. Die Heilige bemüht sich oft 
besondere Kennzeichen zu finden, so sagt sie z. B. 1 „Nach meiner Einsicht und 
Erfahrung darf man nur dann glauben, daß eine Offenbarung von Gott komme 
wenn sie mit der heiligen Schrift übereinstimmt ; wiche sie aber auch nur im 
mindesten davon ab, so würde ich unvergleichlich fester glauben, sie komme 
von dem Teufel, als ich jetzt glaube, daß die mir gewordenen Offenbarungen 
von Gott sind, so groß auch meine Gewißheit über letztere ist. Da braucht 
man kein anderes Kennzeichen mehr zu suchen, um zu wissen, von welchem 
Geiste eine solche Offenbarung herrührt ; denn dieses Zeichen weist so klar 
auf einen teuflischen Ursprung derselben hin, daß ich, wenn auch die ganze 
Welt mir versicherte, sie komme von Gott, dies nie und nimmer glauben 
würde." 

Trotz aller Sicherheiten muß sie doch oft gezweifelt haben, wer der Urheber 
ihrer Visionen war, denn sie besprach sich oft darüber mit anderen Personen 
und beklagte sich, daß die übertriebenen Besorgnisse dieser letzteren ihr auch 
geschadet haben. 

So erzählt sie von diesen Personen : 2 „Da geschah es besonders einmal, daß 
ihrer mehrere, auf die ich mit Recht ein großes Vertrauen setzte, zusammen- 
kamen, um sich eingehend darüber zu beraten, wie mir zu helfen wäre; denn 
sie hatten mich sehr lieb und fürchteten, ich möchte getäuscht sein, ich selbst 
l) a. a. 0. Seite 328. 2) a. a. O. Seite 329. 



— 342 -*- 






. tte wenn ich nicht im Gebete war, die größte Furcht, war ich aber im Ge- 
un d erwies mir der Herr in demselben irgend eine der besagten Gnaden, 

fühlte ich mich sicher. Derer, die sich zur Beratung versammelt hatten, waren, 
• e ich meine, fünf oder sechs lauter eifrige Diener Gottes. Da kündigt mir 

in Beichtvater an, sie alle stimmen darin überein, die außerordentlichen 
ninKC die s ' c ' 1 mit ™ r zutru S en > seien ^ as Werk des bösen Feindes, ich sollte 
•cht mehr so oft kommunizieren und mich in einer Weise zu zerstreuen trachten, 
Haß Ü wenigstens nicht mehr die Einsamkeit suche. Ich war, wie gesagt, selbst 
clion äußerst furchtsam, und mein Herzleiden vermehrte noch meine Furcht, 
„ daß ich es oftmals auch bei Tag nicht wagte, allein in einem Zimmer zu 
bleiben. Als ich nun sah, wie so viele Männer einstimmig dasselbe sagten, 
und ich dennoch nicht glauben konnte, verursachte mir dies die größte Ge- 
wissensangst, denn ich hielt es für Mangel an Demut. Waren alle unvergleich- 
lich tugendhafter als ich, und noch dazu gelehrte Männer, warum also, dachte 
ich sollte ich ihnen nicht glauben? Ich zwang mich dazu, so viel ich konnte. 
Ich stellte mir mein sündhaftes Leben vor und dachte, diesem gemäß, müßten 
jene wohl die Wahrheit gesprochen haben." 

Sie schildert, wie sie zwei Jahre hindurch immer wieder Gott bestürmt habe, 
er möge nicht zulassen, daß der Teufel sie betrüge. 

Der Herr beruhigte sie und schickte ihr viele Visionen, in denen er sich 
zeigte. Als sie diese Visionen bekanntmachte, zog sie sich viele Schmähungen 
und Leiden, viele Beängstigungen und Verfolgungen zu. Man glaubte, sie sei 
vom Teufel besessen und man wollte sogar schon die Anstreibung an ihr vor- 
nehmen; besonders schmerzte es sie zu sehen, daß die Beichtväter sich fürch- 
teten, ihr die Beichte abzunehmen, als ob sie einer Ansteckung ausweichen 
wollten. Einer jener Väter, in der Gesellschaft Jesu in ihrem Kloster von Avila, 
Balthazar Alvarez, dekretierte, daß diese Visionen offenbar vom bösen Feind 
seien, und befahl ihr in der Beichte folgendes : Sie solle, so oft ihr eine 
solche Erscheinung komme, sich bekreuzen und die Feige zeigen, 
dann werde der Teufel nie wieder kommen. 

Es handelt sich hier um das bekannte Zeichen der Higa, welches so ge- 
macht wird, daß der Daumen durch die zwei benachbarten Finger durchgesteckt 
wird. Jenes Zeichen, das bei allen romanischen Völkern als Gebärde der 
Abwehr und des Hohnes bekannt ist. Man weiß längst, daß es sich in diesem 
Zeichen um eine Nachahmung des Koitus handelt. Dafür spricht auch die 
etymologische Bedeutung, im Altspanischen heißt es la Fica ; ficcare im italieni- 
schen bedeutet hineinstecken. Wahrscheinlich ist das deutsche Wort ficken, das 
die Bedeutung koitieren hat, von diesem Wort abgeleitet. 

Dieser Befehl ihres Beichtvaters bedeutet für sie, wie sie sagt, eine sehr 

— 343 — 




schmerzliche Prüfung. Wir müssen uns erinnern, daß sie meistens die Visio n < 
als von Gott stammende Gesichte ansah. 

Sie schildert ihre damalige seelische Situation: „Es war mir der groß, 
Schmerz, dem Herrn, wenn er mir erschien, die Feige zeigen zu müssen ; den 
in dem Augenblick, als ich ihn gegenwärtig sah, konnte ich unmöglich glaube 
er sei der Teufel, und wenn man mich auch in Stücke gehauen hätte. Es J 
dies ein hartes Bußwerk für mich. Um aber das Kreuzzeichen nicht gar so ' 
machen zu müssen, hielt ich ein Kreuz in der Hand. Dies tat ich fast bestäi 
dig ; nicht so beständig aber, machte ich die verächtliche Gebärde, weil es ffi 
allzu schmerzlich fiel und mich an die Verspottung erinnerte, welche dei 
Herrn von den Juden angetan wurde. Ich bat ihn, mir die ihm zugefügt 
Schmach nicht als Sünde anzurechnen, sondern sie mir zu verzeihen, weil i| 
in Gehorsam gegen seinen Stellvertreter handle und die Beichtväter die Diene 
seien, welche er in seiner Kirche aufgestellt habe. Da sagte er mir, ich soll 
unbekümmert sein, und ich tue wohl daran, daß ich gehorche ; er werd 
schon machen, daß die Wahrheit noch ans Licht komme." 

Unser psychologisches Interesse an dieser Situation ist ein vielfaches. E 

heftet sich vor allem an den Zweifel der Heiligen am Ursprung ihre 

Visionen. Wir wissen ja, wie oft die Heiligen in den Erscheinungen, die ihnei 

zu teil wurden, von solchen Zweifeln geplagt waren. Ich verweise nur auf di< 

Versuchungen des hl. Antonius von Padua, an die Zweifel des jungen Luther 

der ein Zeitgenosse der heiligen Teresa war. Die analytische Bedeutung solche 

Zweifel ist zu klar, als daß ich darauf eingehen sollte. Solche Zweifel verJ 

stehen wir, wenn wir uns daran erinnern, daß das Über-Ich und das Es so 

innig zusammenhängen, ja daß das Über-Ich aus dem Es emportaucht. Sowohl 

Gott als auch der Teufel sind ja Projektionen unserer stärksten seelischen 

Tendenzen in die Außenwelt. Was uns hier besonders interessant ist, ist die 

eigenartige Situation, in der wir die heilige Teresa vor uns sehen. Wenn sie 

eine dieser Visionen bekommt, trägt sie in der eben Hand das Kreuz, mit der 

anderen macht sie die Feige. Es ist klar, daß das Kreuzzeichen sie beschützen 

soll und die Feige den Teufel abwehren soll. Beachten Sie nun das Bizarre 

dieses Bildes. Die keuscheste Jungfrau, die heilige Visionen hat, macht eine so 

laszive Gebärde. Die Analyse kann diese merkwürdige Situation psychologisch 

gut erfassen. Sie braucht sich nur auf die naheliegende zwangsneurotische 

Symptomatologie zu berufen. Es handelt sich um einen Ambivalenzkon-i 

flikt, der in den zwei kontrastierenden Zeichen von Kreuz und Feige nupi 

seinen handgreiflichen Ausdruck gefunden hat. Die heilige Teresa, die in der 

einen Hand das Kreuz hält und mit der anderen die Feige macht, ist mit einem 

Zwangskranken zu vergleichen, der mit der einen Hand eine symbolische Be-, 

— 344 — 









wegung ausführt, um mit der anderen eine gegenteilige Bewegung zu machen, 
,jje darauf abzielt, die erste zu annullieren. 

So sehen wir häufig bei Patienten, daß sie zuerst eine Zwangshandlung 
unternehmen, die ein Äquivalent einer Sexualbetätigung, z. B. der Onanie, 
darstellt, um gleich darauf die entgegengesetzte Aktion auszuführen, welche 
die erste annullieren soll. Sie wissen, daß Freud diesen symptomatischen Ab- 
lauf unter der Bezeichnung Ungeschehenmachen zusammengefaßt 
hat. Wenn die heilige Teresa zur Abwehr der bösen Tendenzen das Feige- 
zeichen machen soll, so werden wir leicht erkennen, daß die ursprünglich be- 
kämpften Triebregungen sexueller Natur waren. Man könnte sagen, das Feige- 
zeichen habe hier homöopathischen Charakter, in der Abwehr wird die Be- 
ziehung zu Gott noch einmal sexualisiert. So wird aber auch das heftige 
Sträuben dagegen, dieses laszive Zeichen zu machen, psychologisch erklärbar. 

Es ist keineswegs zweifelhaft, daß in der Heiligen, unbewußt, eine Ten- 
denz da ist, Gott zu verhöhnen, so daß auch die sekundäre Bedeutung 
des Feigezeichens zu ihrem Recht kommt. Teresa selbst betont immer wieder, 
daß sie durch dieses Zeichen an die Verspottung des Heilandes durch die 
Juden erinnert wurde, und wie schmerzlich sie den Gehorsam gegen ihren 
Beichtvater empfand. Wenn sie, indem sie das Feigezeichen macht, zugleich 
Gott um Verzeihung bittet und darauf hinweist, daß sie damit nur dem Be- 
fehl des von der Kirche eingesetzten Dieners folge, so erkennen wir klar den 
Anteil von verborgener Verhöhnung in diesem Verhalten. 

Die Ambivalenz gibt sozusagen den Rahmen für die allgemeine Situation. 
Der psychische Mechanismus ist dadurch gekennzeichnet, daß die heilige Teresa 
die Erscheinung als ursprünglich von Gott kommend ansieht, um dann in 
Zweifel über den Ursprung zu geraten und sie dann auf Befehl ihres Beicht- 
vaters abzuwehren. 

Wie wehrt nun die Heilige die Versuchung des Teufels ab ? Wir können 
eine Art von Stufenfolgen erkennen. Sie versucht zuerst inbrünstige Gebete, 
sie macht dann das Zeichen des Kreuzes, später hält sie fast immer das Kreuz 
in der Hand und zuletzt, da alle diese Mittel versagen, macht sie jene obszöne 
Gebärde. Sie sehen hier, wie sie sich immer verzweifelter gegen das Anstürmen 
der verdrängten Regungen zur Wehr setzt, und wie diese schließlich am Höhe- 
punkt des Konfliktes die Übermacht gewinnen. Es ist ein typischer Fall von 
Wiederkehr des Verdrängten gerade aus der Mitte der verdrän- 
genden Mächte. Die Abwehrmittel des Gebets, des Kreuzes, genügen nicht 
mehr, jetzt erscheint die Feige und zwar ebenfalls als Abwehrmittel. Die laszive 
Gebärde ist in den Dienst der Religion getreten, so wie am Ende zwangsneuroti- 
§cher Prozesse gerade das Verdrängte als das Zwangshafte auftritt. 

— 345 ^ 



Ich verweise auf die Beispiele, dieReik unlängst in seiner Arbeit über „die 
Endphasen des religiösen und zwangsneurotischen Glaubens" * angeführt hat 
in denen er die Wirksamkeit dieser Mechanismen darlegt. 

Erlauben Sie mir, Ihnen als Pendant dieser seelischen Situation eine kleine 
Geschichte aus einer alten Chronik wiederzugeben, in welcher dargestellt wird 
wie der sexuelle Trieb in den Dienst patriotischer Regungen gestellt wird.» 
Zur Zeit Philipps V., etwa um 1720, belagerten die Portugiesen Madrid. Die 
Hauptstadt war in großer Bedrängnis. Die spanischen Prostituierten beschlossen 
nun, ihre geliebte Heimat zu retten. Diejenigen von ihnen, die überzeugt waren 
geschlechtskrank zu sein, zogen ihre schönsten Kleider an, und schminkten sich 
aufs beste. Zur Zeit der Dämmerung begaben sie sich in die Nähe des feind- 
lichen Lagers. Die Damen widmeten sich ihren patriotischen Werken mit solchem 
Eifer, daß binnen drei Wochen sechstausend portugiesische Soldaten auf un- 
blutige Art außer Gefecht gesetzt waren und ins Krankenhaus transportiert 
werden mußten. 

Die spanischen Theologen haben sich später ernsthaft und lange mit der 
Tat der spanischen Dirnen beschäftigt und sich die Frage vorgelegt, wie weit 
ihr Vorgehen eine Sünde wäre. Einige von ihnen machten geltend, daß es ja 
im Kriege erlaubt sei, den Feind zu töten, seine Städte zu zerstören, die schreck- 
lichsten Mittel zu benutzen, um sie zu besiegen. Warum sollte man die Syphilis 
als Mittel verschmähen ? Gott gibt zwar den Sieg, aber er bedient 
sich oft merkwürdiger Mittel. 

Ein anderer Zug in der psychischen Dynamik der heiligen Teresa, der unser 
besonderes Interesse erregt, ist der Kompromiß charakter, den das religiöse 
Ritual hier aufweist, und der völlig der Natur der neurotischen Symptome ent- 
spricht. Wir wissen von F r e u d, daß die neurotischen Symptome den Sinn 
und die Bedeutung sexuellerErsatzbe friedigung haben. So werden 
z. B. viele Symptome der Zwangskranken zuerst als Abwehrmaßregel gegen 
sexuelle Triebimpulse erscheinen, um sich schließlich immer deutlicher als histori- 
sche oder symbolische Ersatzhandlungen sexueller Art zu enthüllen. Wir sehen 
ähnliches in diesem Beispiel religiösen Zeremoniells. Die heilige Teresa, die 
gegen ihre sexuellen Phantasien ankämpft, ist schließlich gezwungen, in ihrer 
Abwehr selbst ein eindeutiges sexuelles Symbol zu gebrauchen. 

Man könnte hier den Einwand machen, daß die heilige Teresa dieses Zeichen 
und seine Bedeutung nicht kennt und nur dem Befehl ihres Beichtvaters gehorcht. 
Wir wollen nur vor allem darauf hinweisen, daß eine solche Unkenntnis sehr 
unwahrscheinlich ist, da das Zeichen der Feige im Spanien des 16. Jahrhunderts 

1) Imago, Bd. XVI (1930). " ] 

2) Erwähnt in S. F. Brousson, Itineraire de Paris ä Buenos- Ayres. Seite 138, 

— 346 — 






rrnutlich noch verbreiteter war als heutigen Tages. Sie können aber noch 

ute in Spanien, besonders im Nordwesten (G a 1 i t z i e n) beobachten, daß das 

Volk das Zeichen der Feige zur Abwehr oder als Verhöhnung macht. Davon 

her abgesehen berufen wir uns auf die Kontinuität des psychischen Erlebens 

n d auf die von Freud betonte Tatsache, daß das Unbewußte der einen 

Person das der anderen kennt. Es wird uns auch als bedeutungsvoll erscheinen, 

daß die heilige Teresa selbst von heftiger Unruhe ergriffen wurde. Sie sträubt 

s ich anfangs sehr dagegen, dieses Zeichen der höllischen Vision gegenüber zu 

machen. Viele Jahre später bedauert sie, dem Rate ihres Beichtvaters damals 

folgt zu sein. Sie sagt in ihrem Buche „Die innere Burg" folgendes : „Mein 

Rat ist daher dieser : wenn man euch etwas solches anrät, so bringt mit Demut 

den angegebenen Grund und tut es nicht." 

Es ist auch interessant, das Benehmen des Beichtvaters mit jenem der heiligen 
Teresa zu vergleichen. Wenn die heilige Teresa jenes Zeichen machen soll, 
wird sie von außerordentlicher Unruhe und starken Zweifeln ergriffen. Wir 
können annehmen, daß der Beichtvater, als er ihr befahl, diese Gebärde zu 
machen, keine solche Unsicherheit und keine Angst verspürte. Bei ihm, wie bei 
Zwangskranken in einer bestimmten Krankheitsphase hat das Zeremoniell schon 
die Zweifel überwunden. In diesem Fall hat sich das Zeremoniell vollkommen 
der Religion angepaßt. 



1111*1 

Di© Hinrichtung des Damiens 

Eine psydioanalytisdie Betrachtung 

Von 

A. Emdtz 

Loosduinen 

Aus dem holländischen Manuskript 
übersetzt von Willemina J u 1 1 i n g 

Als an einem kalten, düsteren Wintertag, am 5. Januar 1757, ungefähr 
um viertel sieben Uhr abends König Ludwig XV. seinen Wagen be- 
steigen wollte, um u. a. vom Kronprinzen begleitet, von Versailles nach 
Trianon zu fahren und dort zu speisen und zu übernachten, fühlte er plötz- 
lich einen Stoß in der Seite und als er nach der getroffenen Stelle hin- 
griff, spürte er Blut auf seiner Hand. Sofort begriff er, daß man ein Attentat 
gegen ihn verübt hatte und er konnte den Täter, der inmitten der ent- 
blößten Hauptes dastehenden Höflinge als einziger den Hut aufbehalten 

— 347 — 




hatte, wie wenn er (wie Regis es ausdrückt) sagen wollte : „Ich habe diese 
heroische Tat begangen, schaut mich an !", mit den Worten bezeichnen • 
„Dieser Mann ist es, der mich verwundet hat. Man arretiere ihn, tue ihn, 
aber nichts Böses". Wir werden sehen, wie seine Bitten erfüllt wurden 
Streckfuß erwähnt irrtümlich, daß er den Hut abgenommen hatte wie die 
anderen, aber aus der Beschreibung, die wir von der Begebenheit haben 
geht das Gegenteil hervor. 

Casanova, der gerade um diese Zeit nach Versailles unterwegs war 
wurde Zeuge des großen Wirbels, der nach dem Attentat herrschte, weil 
man anfänglich glaubte, daß eine ausgedehnte Verschwörung dahintersteckte 
wie aus den mehrfach wiederholten Worten des Täters „Man solle auf den 
Dauphin achten, daß er tagsüber das Haus nicht verlasse" hervorzugehen 
schien. Daher wurden rechts und links die Menschen verhaftet, unter ihnen 
auch Casanova, der aber bald wieder in Freiheit gesetzt wurde. Das Ge- 
rücht vom Attentat verbreitete sich schnell und wurde alsbald in wunsch- 
erfüllender Richtung umgewandelt, so daß man erzählte, der König sei tot 
und als sich herausstellte, daß dies nicht der Fall war, hieß es, daß das 
Messer vergiftet gewesen sein dürfte. Dies fürchtete man auch innerhalb 
der Mauern von Versailles und Ludwig bereitete sich sozusagen auf den 
Tod vor; die ganze königliche Familie versammelte sich um sein Bett und 
in größter Eile wurde der Chirurg La Martiniere geholt, der die Wunde 
untersuchte und diese so gering fand, „daß ein Privatmann deswegen nicht 
einmal seine Arbeit unterbrochen haben würde", wie der Autor der nicht 
authentischen Memoiren den Herzog von Richelieu zu Madame de Pompa- 
dour sagen läßt, die in höchster Ungeduld auf Nachrichten wartete, weil 
man sie nicht zum König gerufen hatte. Trotz der unbedeutenden Verwun- 
dung war der König sehr bestürzt, sein Antlitz war totenblaß, der Puls 
beschleunigt, und es wurde sein Beichtvater gerufen, um ihn auf den Tod 
vorzubereiten. 

Wie ganz anders war aber die Stimmung unter dem Volke im Vergleich 
zu der im Monat August des Jahres 1744, als Ludwig während des öster- 
reichischen Erbfolgekrieges in Metz erkrankte. Nachdem er seine Maitresse, 
die Herzogin von Chateauroux, vom Hof hatte wegjagen lassen, war das 
Volk tief erschüttert wegen seiner Krankheit und ängstlich strömte es in 
Massen in die Kirchen, um dort für seine Wiederherstellung zu beten. Zu 
dieser Zeit erhielt er den Beinamen Louis-le-Bien-Aime. Groß war seine 
Ergriffenheit über die Anhänglichkeit und Liebe, die ihm bei dem be- 
geisterten Empfang in Paris nach der überstandenen Krankheit zuteil wurde. 
Seitdem hatten sich die Verhältnisse aber gründlich geändert. Schon bald 



348 



darauf rief er seine Geliebte zurück, die sich an den Urhebern ihrer Ver- 
bannung vom Hofe rächte. Lange aber konnte sie sich, ebensowenig wie 
jhie beiden, ihr in der Gunst des Königs vorangegangenen Schwestern ihrer 
Position als Favoritin nicht erfreuen, weil sie plötzlich starb. Es wird be- 
hauptet, daß sie vergiftet wurde. Nach ihrem Tod kam die Macht an die 
berühmt gewordene Madame d'Etioles, Marquise de Pompadour, von der 
bekannt ist, welche Unsummen sie Frankreich gekostet hat und wie sie 
dieses Land infolge ihrer politischen Intriguen und unverantwortlichen Kriege 
an den Rand des Abgrundes zu bringen verstand, während sie den König 
in seinem von ihr geschaffenen „Hirschpark" sich unterhalten ließ. Die 
Steuern lasteten schwer auf dem Volk und die Regierung stieß bei allen 
Parteien auf Widerstand, sowohl beim Parlament und bei der Geistlichkeit 
wie auch bei den untern Volksklassen, so daß es beim Einheben der 
Steuern wiederholtemale zur öffentlichen Auflehnung kam und im Mai 1750 
sogar zu einem Aufstand, der mit Gewalt unterdrückt wurde. Als Beweis 
für die Stimmung unter dem Volke sei ein Gerücht verzeichnet, das sich 
verbreitete, als einmal mehrere herumirrende, elternlose Kinder festgenom- 
men wurden, um in die Kolonie Mississippi geschickt zu werden: man er- 
zählte, daß der König diese Kinder brauchte, weil er zur Heilung eines 
fürchterlichen Leidens, das er sich infolge seiner Ausschweifungen zuge- 
zogen hatte, Bäder von Menschenblut nahm. Polizeioffiziere wurden auf der 
Gasse getötet und das Volk drohte nach Versailles zu ziehen, um den 
König zu holen und das Schloß anzuzünden. Aus dieser Stimmung entsprang 
die Tat von Damiens und Streckfuß kann daher auch mit Recht von der 
wahnsinnigen Tat sprechen, für die Damiens büßen mußte und die ein 
Zeichen der Zeit, einzig und allein eine Offenbarung des Königshasses war, 
der sich bloß darum nicht heftiger zeigte, weil ihn die rohe Gewalt er- 
stickte. Nach dem Attentat war dann auch beim Volk von Sorge und Kum- 
mer keine Rede ebensowenig wie von Traurigkeit, als man noch glaubte, 
die Wunde sei tödlich; und die Kirchen blieben leer bei den Dankgottes- 
diensten, die wegen des guten Ausganges abgehalten wurden. 

Kehren wir nun zurück zu dem Täter, der verhaftet wurde und den man 
sofort, im Gegensatz zum Wunsch des Königs, nachdem man ihn ausge- 
zogen und perlustriert hatte, mit glühenden Zangen bearbeitete, damit er 
die etwaigen Mitschuldigen verrate. Wäre nicht der Präfekt Leclerc da- 
zwischengetreten, so wäre es ihm vielleicht ergangen wie Jacques Clement, 
dem Mörder von Heinrich III., der sofort nach seinem Mord getötet wurde 
und dabei mit lauter Stimme Gott dankte, daß ihm die Folterqualen, die 
er zu erdulden erwartete, erspart blieben. Unter Begleitung eines ganzen 

— 349 — 




Garderegimentes, da man einen Aufstand befürchtete, wurde Damiens u nt 
ungeheuren Vorkehrungen ins Gefängnis abgeführt. Hier erhielt er ein Zi 
mer oberhalb des Raumes, in dem Ravaillac gewohnt hatte '(nicht Ravail 
lac's Zimmer selbst wie bisweilen behauptet wird). Man traf alle Mail 
nahmen, um ihn im bestmöglichsten physischen Zustand zu erhalten für rii 
Folter, die niemals ohne Zuziehung eines Arztes erfolgte, um aussetzen z 
können, sobald seinem Leben Gefahr drohte. Man fesselte ihn an sein 
Pritsche mit wattierten Riemen, um ihn nicht zu zerschneiden, aber doch i 
fest, daß er nur die Hand zum Munde führen konnte. Alle Vorbeugungei 
gegen einen eventuellen Selbstmord wurden getroffen, die bis ins kleinst 
Detail gingen, z. B. das Ersetzen der Fensterscheiben durch Pergament 
papier. Überdies gab es dann noch ohne Unterbrechung eine strenge Über 
wachung, die den Auftrag hatte, ihn auszuhorchen, der es jedoch verbotei 
war, mit ihm zu reden. Alles in allem kostete seine Haft 600 Livre 
täglich. Bei der Perlustrierung fand man außer etwas Geld und einem B uc hi 
„Instructions et prieres chretiennes" das Taschenmesser, das zwei Klingei 
hatte, eine größere und eine kleinere, ungefähr vier Zoll lang, mit dem e 
in der Höhe der fünften Rippe den Stoß geführt hatte. Es stellte sid 
heraus, daß der Attentäter Robert Francois Damiens war, geboren an 
9. Januar 1715 (einige geben irrtümlich 1714 an) in Tieulloy bei Arras 
Die beste Auskunft über sein Leben und seinen Charakter fand ich bei 
Bouffonidor, in seinem 1782 ohne Namen des Autors erschienenen Buch 
„Les Fastes de Louis XV", das aber einige wörtlich von Voltaire über 
nommene Stellen enthält. Die Lebensbeschreibung, die gemeinsam mit der 
Prozeßstücken 1757 in vier Bänden bei Simon verlegt wurde, war mir nichl 
zugänglich. 

Schon seine Jugend ließ vermuten, was aus ihm werden würde, sagl 
Bouffonidor, und seine Nichtsnutzigkeit und seine Spitzbübereien erwarben 
ihm sehr früh den Beinamen „Robert-le-Diable". Er hatte verschiedene Be- 
rufe ausgeübt, er war Lakai, Schlosser, Soldat, Küchenjunge und schließlich 
Kammerdiener bei einem Parlamentarier und bei den Jesuiten gewesen, 
so daß man stets geglaubt hat, daß Letztere bei dem Attentate die Hand 
im Spiele gehabt hätten. Äußerlich wird er beschrieben als großer Mann 
mit langgezogenem Gesicht, gebogener Nase und einem feurigen, durch- 
dringenden Blick, während er eine Art Tic gehabt haben soll, der aus dei 
Gewohnheit, mit sich selbst zu reden, entstanden sein soll. Weiter wird von 
ihm berichtet: „daß er von Eitelkeit erfüllt war, bestrebt, sich bemerkbar 
zu machen, neugierig, mißvergnügt, verschlossen, mit sich selbst in seinem 
Innern redend, versessen auf alle seine Pläne, kühn in ihrer Ausführung, 



— 350 — 




frech, verlogen, abwechselnd devot und verrucht, vom Verbrechen zum 
Schuldgefühl taumelnd, ununterbrochen von den Wallungen seines allzu 
heißblütigen Temperaments herumgepeitscht." Schon zu wiederholten Malen 
hatte er sich verschiedener Verbrechen schuldig gemacht; so steht es fest, 
daß er jemandem 240 Louis d'or geraubt hatte, welche Summe er dann 
versteckte und die später während seines Prozesses bei einem, bei dem er 
übernachtet hatte, gefunden wurde. Weniger sicher ist die Beschuldigung, 
daß er einen seiner Herren bei der Verabreichung eines ,Einlaufs vergiftet 
haben soll. 

Aus dem Vorhergehenden können wir mit Bestimmtheit den Schluß ziehen, 
daß wir es hier mit einem krankhaften Individuum zu tun haben ; diese Auf- 
fassung wird von allen betont, ohne daß Näheres mitgeteilt wird, worin 
diese Krankhaftigkeit eigentlich bestand. Wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf 
sein eigentümliches Herumirren lenken und auf die Tatsache, daß er die 
Gewohnheit hatte, mit sich selbst zu reden, dann drängt sich sogar die 
Frage auf, ob er nicht an einer hebephrenen Psychose gelitten hat. Aber 
das Motiv seiner Tat interessiert uns wohl mehr als diese Diagnose. Wenn 
wir bei Regis, der eine Monographie über die Mörder von Königen und 
andern hochgestellten Personen geschrieben hat, nachlesen, welche die Motive 
zu den verschiedenen Attentaten gewesen sind, dann finden wir, daß diese 
zumeist sehr unbestimmt sind und die Täter selbst den Tathandlungen ohne 
jedes Verständnis gegenüberstehen. Für den Psychoanalytiker ist es deutlich, 
daß sie als Rationalisierungen aufgefaßt werden müssen. Die Täter werden 
durch mystische Vorstellungen getrieben und das Attentat ist das Ergebnis 
eines schon lange vorhandenen, sich zwangsmäßig aufdrängenden Gedankens, 
gegen den sie längere Zeit angekämpft haben, der sich jedoch ihrer immer 
mehr und mehr bemächtigt und dem sie zum Schlüsse unterliegen, wenn ihr 
Wille, ihn zu unterdrücken, zu schwach geworden ist. Balthazar Gerards 1 
hat seine Missetat sechs Jahre überlegt, Ravaillac reiste dreimal nach Paris, 
um bei Heinrich IV. vorzusprechen, ehe er ihn ermordete, und Damiens ist 
drei Jahre mit dem Plan seines Attentates herumgegangen und schon im 
Dezember 1756 sagte er in größter Aufregung, wie ein ganz Verzweifelter 
redend, daß das Königreich, seine Tochter und seine Frau verloren seien. 
Im August äußerte er bereits, wenn er nach Paris zurückkäme, würde er 
sterben geradeso wie die Größten der Erde und man werde noch mehr von 
ihm hören. Bloß die wirklich irrsinnigen Königsmörder haben impulsiv und 
unerwartet gehandelt als Reaktion auf Wahn oder Halluzinationen, die 

1) Balthazar Gerards ermordete am 10. Juli 1584 in Delft meuchlerisch Wilhelm von 
Oranien, den Schweigsamen. (Anm. d. Übers.) 

— 351 — 



andern wurden auf zwangsmäßige Art zu ihrer Tat getrieben, gegen ihre 
Willen, dabei gehören sie zu den verschlossenen Charakteren, leben zurück! 
gezogen und das eifrige Forschen nach Komplizen führt sehr selten zu einen 
Resultat. Regis setzt auch weiterhin auseinander, wie bei allen erbliche Mn; 
mente nachweisbar sind und deutet auf Ähnlichkeiten in ihrem Charaktei 
hin, die schon in der Jugend zum Durchbruch kamen und allmählich dazu 
führten, daß sie von einer überwertigen Idee vollkommen beherrscht wurden 
die sie ihre Tat als ein ganz besonders gutes Werk betrachten ließ und si« 
dazu anspornte. Dabei sind sie alle auch in höchstem Grade ambivalent. Voi 
der schweren Strafe, die sie erwartet, weichen sie nicht zurück und fassen 
diese als ein der Menschheit gebrachtes Opfer auf, für das man ihnen, ihrei 
Ansicht nach, noch Dank schuldig ist. Die größte Überraschung erleben sie 
dann auch, wenn sich das Volk, so wie es bei Ravaillac der Fall war, gegen 
sie wendet und sie zu lynchen versucht. Auch Damiens war überzeugt, ein 
vor Gott verdiensdiches Werk getan zu haben. Regis beschließt seine Aus- 
führungen mit den Worten: „daß die Königsmörder der Vergangenheit und 
Gegenwart wirklich Brüder sind, aus derselben pathologischen Form gegossen." 
Alles dies wird den psychoanalytisch Geschulten nicht sehr in Erstaunen 
versetzen, weil doch der tiefere Grund für das Attentat auf die Vaterfigur 
in der kindlichen ödipussituation mit ihrer ambivalenten Einstellung gegen- 
über dem Vater gesucht werden muß, so daß man also bei denjenigen, die 
diese Phantasien in einer Tat zur Wirklichkeit werden lassen, eine gleich- 
artige seelische Situation erwarten darf. Daß derartige Morde schon früher 
als Vatermord betrachtet wurden, geht u. a. aus dem Prozeß von Ravaillac 
hervor, in dem das Wort Vatermord gebraucht wurde. Wir dürfen wohl 
auch annehmen, daß Damiens infantile Triebe ihn immer in die Richtung 
seiner Tat getrieben haben, aber wir werden sehen, daß die äußeren Um- 
stände ihm behilflich gewesen sind, diese durchzuführen. Während seines 
Prozesses gesteht er nämlich ein, er habe gehört, daß einzig und allein der 
Tod des Königs Frankreich werde Rettung bringen können und dies be- 
stärkte ihn in seiner Absicht als Retter des Landes aufzutreten. Ludwig XV. 
war bei seinen Zeitgenossen gründlichst verhaßt, so daß der unbewußte 
Wunsch nach seinem Tode ganz bestimmt bei dem größten Teile seiner 
Landsleute vorhanden war. Die Ehrfurcht vor dem Königtum war 
aber damals noch eine derartige, daß die Todeswünsche sich noch nicht aus 
ihrer Verdrängung hervorwagten, wie dies später zur Zeit der Revolution 
der Fall war. Alexander und Staub weisen in ihrem Buch 1 darauf hin, 

l) Alexander u. Staub, Der Verbrecher und seine Richter. Ein psychoanalyti- 
scher Einblick in die Welt der Paragraphen. Wien 1929. 

— 352 — 



ie die Verurteilung eines Unschuldigen für die Masse zum Anlaß werden 
1 n n, die Verdrängung ihrer eigenen kriminellen Impulse aufzuheben, wie 
wenn man damit sagen wollte: Wenn man doch gestraft wird, nützt das 
Anständigsein gar nichts mehr und ich darf also meinen Trieben nachgeben. 
Etwas Ähnliches erleben wir dann zur Zeit der Revolution von 1789, bei 
der die kriminellen Neigungen zum Durchbruch kamen, da das unausgesetzte 
Unterdrücktwerden kumulierend gewirkt hatte und schließlich unerträglich 
w urde. Es kommt also zur Rache an der Autorität, die die Moral durch 
Forderung nach Verdrängung geschaffen hat. Aus diesen Motiven kam es zu 
einem immer wieder erneuten Vatermord in der Enthauptung von 
Massen von Adeligen, ein Vatermorden, das in der Hinrichtung Ludwigs XVI., 
der obendrein eine Vaterfigur par excellence war, ihren Höhepunkt erreichte. 
Im Anschluß daran folgte eine Periode gegenseitigen Streites, wobei die 
früheren Parteigenossen sich gegenseitig als Opfer wählen, was nach Freud 
als der Zustand der Bruderzwistigkeiten nach dem Tode des 
Urhordenvaters anzusehen ist, wobei das Vaterland an Stelle der be- 
gehrten Mutter tritt. 

Gerade die psychische Spannung bei der Masse, die Spannung zwischen 
den unbewußten Wünschen, den König aus dem Wege zu räumen und der 
damit verbundenen kräftigen Abwehr dieser Wünsche durch das Über-Ich 
wurde Damiens verhängnisvoll. Bei seinem Verhör, das mit den grausamsten 
Martern einherging, zeigt sich in übertriebenem Maße der Nachteil, der nach 
Alexander und Staub jedem Verhör anhaftet. Mit Gewalt will man 
eine Antwort erpressen auf die Frage, warum er die Missetat verübt hat, 
eine Frage, auf die wohl kaum ein Verbrecher die Antwort geben kann, 
weil ihm die unbewußten Beweggründe ebenso unbekannt sind wie denen, 
die ihn fragen. So ersehen wir auch aus den Antworten von Damiens, daß 
er tatsächlich nicht weiß, was ihn zu der Tat getrieben hat, was auch aus 
dem Brief hervorgeht, den er aus der Haft an den König geschrieben hat. 
Nur gibt er immer wieder und wieder dem Erzbischof von Paris die Schuld, 
der sich mit dem König überworfen hatte und den armen Leuten die Sakra- 
mente verweigerte. Wenn sich dies nicht zugetragen hätte, behauptet er, 
hätte er dieses Attentat nie verübt. Obwohl dies vielleicht als willkürliche 
Deutung erscheinen mag, kann man hierin die Bindung an die Mutter sehen, 
die ihm ihre Liebe verweigerte. 

Von weit größerem Interesse für uns ist aber eine andere Äußerung von 
ihm, daß, wenn man ihm am Tage vor dem Attentat zur Ader gelassen 
hätte, wie er es verlangte, es nicht zu seinem Anfall gekommen wäre. Dies 
können wir in Zusammenhang bringen mit dem oben geschilderten Charakter- 

PlA. Bewegung _ 353 _ 2 4 



zug, daß er die Veranlagung hatte, nadi der Missetat in Selbstbeschul,]- 
gungen zu verfallen, zumal wir weiter wissen, daß er sich wiederholt 
Male einen Aderlaß geben ließ, um sich von unangenehmen psychische 
Spannungen zu befreien. Insbesondere nach seinem großen Diebstahl schei 
er entsetzlich an Schuldgefühl gelitten zu haben und es fällt uns auch auf 
daß er das gestohlene Geld offenbar nicht für sich selbst benützt hat, sondern 
es bei jemand anderem in der Wohnung versteckt hat, womit er gewisser- 
maßen seine Tat wieder ungeschehen zu machen versuchte. Die hemmende 
Funktion seines Gewissens zeigt sich auch in der Tatsache, daß er, obwohl 
im Besitze eines lebensgefährlichen Messers, bloß ein kleines, winziges Messer 
zur Tat benützte, mit dem er unmöglich jemanden töten konnte. Wenn er 
also dann später behauptete, er habe den König durchaus nicht töten wollen 
sprach er damit ganz bestimmt die Wahrheit. Ein ähnliches Kompromiß finden 
wir bei dem viel psychotischeren Ravaillac, der (ebenso wie Jaques Clement,) 
von Wahnideen beherrscht wurde und unzählige Halluzinationen gehabt haben 
soll und der die Spitze seines Messers abschliff, als er das erste Mal 
auszog, um Heinrich IV. zu treffen. Als er ihn dann später wirklich tötet, 
nimmt er dazu ein lächerlich großes Messer. Alles in allem hat man allen 
Grund anzunehmen, daß Damiens zu dem zuerst von Freud beschriebenen' 
und später von Reik 8 u. a. ausführlicher geschilderten Typus des Ver- 
brechers aus Schuldgefühl gehört, von dem Alexander und 
Staub einen sehr interessanten FaU in ihrem (oben angeführten) Buche 
schildern. Diese Menschen werden durch ein unbestimmtes Schuldgefühl, das 
meistens auf dem Ödipuskomplex fußt, zu kriminellen Handlungen getrieben, 
wobei ihr Strafbedürfnis durch die Verurteilung befriedigt und 
ihr Gewissen durch die Buße beruhigt wird. Damit fänden wir auch 
eine Erklärung für die wiederholten Aderlässe. 

Alexander und Staub teilen die Kriminellen in akute und chronische 
ein, von denen die ersteren zu den im übrigen normalen Menschen ge- 
hören, die momentan unter dem Einfluß der Verhältnisse zu einer einmaligen 
strafbaren Handlung getrieben werden, aber nicht zu einer bestimmten psycho- 
logischen Gruppe zusammengefügt werden können. Ihnen gegenüber stehen 
dann die Chronisch-Kriminellen, die auf Grund ihrer persönlichen Veran- 
lagung zu Verbrechen neigen. Diese letztere Gruppe teilen sie dann wieder 
ein: 

l) neurotische Kriminelle, bei denen sich die asozialen Handlungen aus 

1) Freud, Ges. Schriften, Bd. X, S. 312. 

2) R e i k, Geständniszwang und Strafbedürfnis. Probleme der Psychoanalyse und der 
Kriminologie. Wien 1925. 



354 




m Konflikt zwischen den sozialen und asozialen Teilen der Persönlichkeit 
eben. Dieser Konflikt entsteht aus ähnlichen seelischen Einwirkungen der 
r "hen Kindheit und des späteren Lebensschicksals wie die Psychoneurose 
/psychologische Aetiologie) ; 

o) die in ihrem psychischen Aufbau dem Normalen ähnlichen Kriminellen, 
X sich aber mit kriminellen Vorbildern identifizieren (soziologische Aetio- 
logie) ; 
») die organisch bedingte Gruppe auf der Grundlage von organischen 

Krankheitsprozessen (biologische Aetiologie) ; 

Schließlich reihen Alexander und Staub hier noch die Gruppe von gewöhn- 
Tchen Verbrechern an, die wegen ihrer vollständigen sozialen Unangepaßtheit 
ihre Triebe sofort in Taten umsetzen und bloß durch die Macht von außen 
und die Angst vor Vergeltung gehemmt werden. Das sind sozusagen die 
Menschen ohne Über-Ich. Es erscheint mir nicht richtig, diese Menschen mit 
denen auf der Naturstufe in der Entwicklung des Urmenschen zu ver- 
gleichen, wie die Autoren es tun, wenigstens nicht mit der Entwicklungs- 
stufe der jetzt existierenden Naturvölker. Vielmehr läßt sich hier ein Ver- 
gleich ziehen mit dem ganz jungen Kind vor der Entwicklung jeglichen 
Ober-Ichs. 

Nach dem Vorangegangenen fällt es nun nicht schwer, Damiens in die 
Gruppe der Neurotisch-Kriminellen einzureihen, was dann auch 
die Möglichkeit zuläßt, ihn als einen Verbrecher aus Schuldgefühl 
aufzufassen, welcher Typus als ein extremer Fall des neurotischen Agierens 
gelten kann. Nachdem Damiens das Strafbedürfnis seines Unbewußten 
einigemale durch Aderlässe befriedigt hatte, die man wohl als eine sym- 
bolische Kastration ansehen muß, und nachdem er durch eine tat- 
sächlich verübte Missetat in Form des Diebstahls an seinem Chef, die wir 
in Anlehnung an die von O d i e r in der „Revue Francaise de Psychanalyse" 
veröffentlichten Analyse vielleicht als Kastration des Vaters auffassen dürfen, 
für sein Schuldgefühl eine reelle Grundlage erhalten hatte, beging er die 
Tat, die ihm eine so entsetzliche Strafe einbringen mußte. Nach dem Atten- 
tat auf die Vaterfigur, seinem Land der Mutterimago zuliebe begangen, bleibt 
er mit dem Hut am Kopf stehen, um seine genitale Unversehrtheit 
zu demonstrieren. Unverstanden bleibt dann aber noch seine unbegründete 
Mahnung an die Adresse des Kronprinzen, dem ja in diesem Moment, wie 
sich nachträglich herausstellte, gar keine Gefahr drohte, es wäre denn, daß 
sich Damiens in diesem Moment mit dem Sohn des Königs, des Vaters, 
auf den er soeben sein Attentat verübt hatte, identifizierte. 

Aber lassen wir jetzt den Täter beiseite, um zu unserem eigendichen 

— 355 — *** 




Gegenstand zu gelangen, zu der Erklärung der Strafe, ihrer Art und ^ 

Umfange*. Obwohl die dem König beigebrachte Wunde eine sehr IejI 

und der Missetäter ein halber Irrsinniger war, muß man in der Geschieh 

von Frankreich 147 Jahre zurückgehen, um in der Hinrichtung des Ravaill- 

im Jahre 1610 ein Beispiel einer ähnlichen Bestrafung zu finden, wor ' 

hervorgeht, daß man auf dem Gebiet der Humanität keine großen Fo! 

schritte gemacht hatte. Keinesfalls läßt sich dieser besondere Fall von J US J 

grausamkeit so einfach erklären wie Dühren (Iwan Bloch) es tut, der) 

seinem Werk über den Marquis de Sade alles auf eine besondere s ] 

distische Veranlagung des französischen Volkes zurückfühi 

Während seines Verhörs war Damiens im Ganzen heiterer Stimmung, ( 

machte Witze und legte eine ziemliche Gleichgültigkeit an den Tag, wa 

vielleicht als eine Art manischer Reaktion, also aus einem Zusammenfallen vo 

Ich und Über-Ich, erklärt werden kann. Als das Verhör zu Ende war, wurd 

das Urteil verkündet. Er wurde verurteilt auf dieselbe Art und Weise wi 

Ravaillac hingerichtet zu werden. Dadurch soUte Ludwig XV. mit dem beste! 

König, den Frankreich je besessen hatte, tatsächlich gleichgestellt wer 

den, was wohl auf eine Überkompensierung der Haß- und Verachtungs 

gefühle gegen das Königtum, die nur durch Ehrfurcht unterdrückt waren 

hinweist. 

Der 28. März war der große Tag und schon lange vorher waren dii 
Fenster an der Place de Greve um hohe Summen vermietet. Von nah um 
fern war man nach Paris gekommen, um sich das Schauspiel anzusehen. An 
der Straße war ein ungeheures Gedränge, schon früh morgens sicherte mai 
sich einen guten Platz, keine Mansarde, kein Fenster blieb unbesetzt unc 
die Dächer waren überfüllt. Sowohl die untern Volksschichten wie auch da 
Adel waren auf den Beinen, und wollten damit, wie Madame de Hausset in 
ihren Memoiren schreibt, dem König einen Beweis ihrer Anhänglichkeil 
geben. Größere Anhänglichkeit hätte man aber gezeigt, wenn man seine« 
Wunsch erfüllt hätte, „Monsieur", wie der König immer seinen Attentätei 
nannte (diese Ansprache, mit der man gewöhnlich den Bruder des Königs 
bezeichnete, berührt uns ganz eigentümlich), mit Gefängnisstrafe davon- 
kommen zu lassen, wogegen sich aber die Richter, die eine „Aufsehen er- 
regende Rache" — sicherlich als abschreckendes Beispiel nicht überflüssig —. 
als notwendig erachteten, sehr gewehrt hatten. Gerade durch diese Hin- 
richtung brachte man seinen Fürstenhaß zum Ausdruck. 

Damiens wurde zuerst, wie es üblich war, nach der Notre-Damekirche 
geschleppt, um dort Buße zu tun und darauf zum Schaffot geführt. Hier 
mußte er noch längere Zeit auf den Henker warten, der seine Sachen noch nicht 



356 



hereit hatte, was diesem einige Tage Gefängnis kostete. Nachdem das Urteil 
_. m soundsovielten Mal verlesen worden war, soll Damiens gesagt haben, 

eS wird heute ein heißer Tag werden." Dann wurde er entkleidet und er 
betrachtete voll Staunen und Neugierde seine Gliedmaßen, ebenso wie er 

uch die rechte Hand, in die man ihm das Messer, mit dem er das Attentat 
verübt hatte, gab, verwundert ansah, als man sie mit siedendem öl, Teer 
un d ähnlichem begoß und verbrannte. Sein Gebrüll dabei soll herzzerreißend 
gewesen sein, und es standen ihm die Haare zu Berge. Vorher hatte man 
ihn zwei Stunden hindurch mit glühenden Zangen gepeinigt und zum Schluß 
sollte er von Pferden auseinandergerissen werden, was auch noch l 1 /» Stun- 
den dauerte. Man hatte sich sechs extra kräftige Pferde beschafft, die 
qöOO Livres gekostet hatten, weil man sich daran erinnerte, daß die Kraft 
der Pferde bei Ravaillac nicht ausgereicht hatte, so daß ein edler Ritter 
eines der ermatteten Pferde durch sein eigenes ersetzt hatte als besonderes 
Zeichen seiner Huldigung gegenüber seinem toten Fürsten. Auch jetzt stellte 
es sich heraus, daß die Pferde trotz Reißens und Zerrens, wobei man den 
Körper kürzer und länger werden sah, nicht imstande waren, ihn aus- 
einanderzureißen, so daß die Richter berieten, was zu tun sei und der 
Henker schließlich die Gelenke einschnitt, da es unterdessen zu dunkeln 
begonnen hatte und man schon das Ende ersehnte. Daraufhin lösten sich die 
Beine vom Rumpf, dann ein Arm und noch immer lebte das Opfer, das 
während dieser Zeit grau geworden war; schließlich beim zweiten Arm 
brachte der Tod die Erlösung. Die Reste wurden verbrannt und in die vier 
Windrichtungen zerstreut. Auch die Familienmitglieder vergaß man nicht, sein 
Vater, seine Frau und seine Tochter wurden landesverwiesen und alle seine 
übrigen Verwandten mußten einen andern Namen annehmen, sein Haus 
demolierte man. Dies ist in Kürze der Verlauf dieser abscheulichen Hin- 
richtung. 

Sehen wir einmal an, was die Psychoanalyse von der strafenden Gesell- 
schaft lehrt. Reik geht in seinem „Geständniszwang und Strafbedürfnis" so 
weit, die Strafrechtstheorie aus dem immer vorhandenen Strafbedürfnis des 
Missetäters, wodurch dieser zur Tat getrieben wird, erklären zu wollen. Die 
Strafe befriedigt dann dieses Strafbedürfnis und zugleich wird auch das un- 
bewußte Strafbedürfnis der Gesellschaft dadurch befriedigt, daß diese sich 
mit dem Missetäter identifiziert. Wir könnten dies auch anders ausdrücken, 
wenn wir sagen, das Strafbedürfnis der Masse wird auf den Missetäter 
projiziert und in seiner Hinrichtung befriedigt. Beim Individuum finden wir 

k denselben Mechanismus. 
Ebenso kann man auch das Quälen der Umgebung durch den Neurotiker 
— 357 — 
I 



1 



und vielleicht auch viele Fälle unerwarteter Aggression der Schizophren« 
erklären. Ich erinnere mich an einen Patienten, der infolge von inzestuö 
Phantasien von Gewissensbissen gequält wurde und diese dadurch zu k 
schwierigen versuchte, daß er ein Todesurteil an seiner Katze vollzog. Ei, 
andere Patientin erwürgte ein Vögelchen und brachte dies mit einem sehe 
vor langem unternommenen Selbstmordversuch in Zusammenhang, über 1 
sie sich jahrelang die heftigsten Vorwürfe gemacht hatte. 

Die Strafe hat den Zweck, das Über-Ich bei der Unterdrückung seini 
kriminellen Neigungen zu unterstützen. Daher braucht man die Strafe a 
abschreckendes Beispiel umsomehr, je mehr die verbrecherischen Impuls 
nachzudrängen versuchen. Je lauter der Mensch nach Bestrafung des Miss ( 
täters ruft, destomehr hat er mit eigener Verdrängung asozialer Triebe z 
kämpfen, sagen Alexander und Staub. Das finden wir nun in der B< 
strafung von Damiens verwirklicht. Wir haben versucht darzulegen, wj 
unter der Masse Unzufriedenheit herrschte und wie diese mit der unhi 
wußten Neigung, den König aus dem Wege zu räumen, verbunden wa| 
was wieder mit dem Vaterhaß aus dem Ödipuskomplex zusammenhing 
Daher wurde also das Strafbedürfnis der Masse durch die grausame Strafe 
die Damiens als Buße für die vorhandenen asozialen Triebe erlitt, befriedig 
und diese Strafe war als fürchterliche Drohung zugleich eine Stütze in 
Kampfe gegen die nachdrängenden kriminellen Neigungen, die sich schließlid 
in der Revolution einen Ausweg bahnten. Wir werden vielleicht annehmet 
dürfen, daß ohne das von Damiens verübte Attentat die Revolution schod 
früher ausgebrochen wäre, und Ludwig XV., der dies eher als sein Enkel 
verdient hätte, hingerichtet worden wäre. Daß die Todeswünsche gegen des 
König schon sehr stark geworden waren, geht aus dem Gerücht hervor, daß 
der König tot oder das Messer vergiftet gewesen sei, und dies geht audi 
daraus hervor, daß man Damiens immer „assassin" (Mörder) und „assassin du roi" 
(Königsmörder) nennt, was auch Voltaire tut, von dem man nicht erwarten 
kann, daß sein Abscheu gegen Damiens echt war, da er infolge seiner zahlH 
reichen Verbannungen sehr viel erlitten hatte. „Assassin" heißt nach Larousse 
„qui tue, meurtrier" (der tötet, Mörder) und „assassinat" „meurtre commis 
par un assassin" (Mord, von einem Mörder begangen). Außerdem geht die 
Tatsache, daß man sich mit Damiens identifizierte, noch daraus hervor, daß 
die Stadt d'Amiens ersuchte, ihren Namen in Louisville umzuändern. Schließ- 
lich kann man das Schuldbewußtsein auch aus dem hartnäckigen Fahnden 
nach Komplizen entnehmen. 

Neben der Befriedigung des Strafbedürfnisses geben Alexander und 
Staub auch noch die Rache als affektive Wurzel der Strafe an. Diese ist 



358 




eine Reaktion auf Aggressionen von außen. Wenn der Mensch durch Ein- 
flüsse von außen Unlust empfindet, dreht er die Situation um und geht 
aggressiv gegen diese Einflüsse vor. Freud drückt dies mit den Worten 
aus : „Was man passiv erduldet, ist man bestrebt, aggressiv auszuleben." Als 
Beispiel führen Alexander und Staub einen kleinen Buben an, der vom 
Zahnarzt nachhausekommend, mit der kleinen Schwester Zahnarzt spielt, 
wobei er selbst die Rolle des Zahnarztes einnimmt und sich in dieser Weise 
a n einem unschuldigen Opfer für die erlittenen Schmerzen rächt. Etwas Ähn- 
liches sehen wir bei unserm Fall, wo die Menge sich für ein ihr angetanes 
Leid rächt, während gleichzeitig für den Angriff auf die gute Seite der Vater- 
figur Rache genommen wird. 

Zum Schluß muß noch ein drittes affektives Motiv der Strafe Erwähnung 
finden, daß sie nämlich eine versteckte Befriedigung für verdrängte sadisti- 
sche Tendenzen bietet. Die Identifizierung mit der strafenden Gesellschaft 
ermöglicht dem Rechtschaffenen ein Sichausleben in Aggressionen in erlaubter 
Form, sagen Alexander und Staub, und ich möchte noch hinzufügen „auch 
in unerlaubter Form". Als eine solche müssen wir doch wohl die Erfahrung Casa- 
novas betrachten, die er machte, als er der Hinrichtung beiwohnte. Er war in Gesell- 
schaft einiger Damen und Herren, die sich in zwei Reihen auf den Stufen vor einem 
Fenster placierten. Dabei hatte man die Röcke der Damen beiseite geschoben, 
damit diese nicht schmutzig würden. Einer der Herren machte dies aber in 
so übertriebener Art und Weise, daß als Casanova zur Seite blickte, er sah, 
wie sein Freund Tiretta in einer nicht näher zu erörternden Weise sich mit 
einer alten Dame, die vor ihm stand, beschäftigte. Ermutigt durch das 
Jammern des Opfers unterhielten die beiden sich so zwei Stunden lang. 

Daß die Hinrichtungen früher festliche Veranstaltungen waren, so wie 
heute die Gerichtsverhandlungen und als solche einen erlaubten Abfluß des 
unbefriedigten Sadismus ermöglichten, ist klar. Später erfüllten Sport und 
Wettstreite diese Funktion. Es wäre daher auch, nach Alexander und Staub 
ein gefährliches Experiment, einem Volk seinen Sport, zum Beispiel dem 
spanischen seine Stiergefechte zu nehmen, weil der Krieg eben bloß dann 
und wann eine Abfuhrmöglichkeit bietet. So war auch, wie gesagt, die Hin- 
richtung Damiens ein großes Volksfest, man war schon früh an Ort und 
Stelle und verkürzte sich die Wartezeit mit Kartenspiel, während absichtlich 
alles so angeordnet war, daß man nach Ablauf des Festes noch in die 
Theater gehen konnte. Hauptsächlich die Damen hatten sich in großer Zahl 
eingefunden und verfolgten das Schauspiel mit Spannung bis zu Ende, wenn 
notwendig mit Hilfe des Riechfläschchens. Eine der Damen konnte ihr Mit- 
leid mit dem einen armen abgeschundenen Pferd nicht verbergen, vergaß 

— 359 — 




dabei ganz an die Martern des Menschen. Das spricht für die Auffassun 
Ophuijsens über die Wurzel des Sadismus, der keine Rücksicht auf die 
Empfindungen des Opfers nimmt. 1 Das ganze Fest erinnert an die Toten- 
mahlzeit, wobei das Ober-Ich kannibalistisch verschlungen wird, wodurch das 
von allen Sünden erlöste Ich sich in der Manie auslebt und Ich und Ober- 
Ich zusammenfallen. Diese Begründung läßt einen auch die oral-sadistische 
Befriedigung verstehen, die bei solchen Festen selten fehlt. In der Volks- 
schule hat man schon gelernt, daß Tichelaar beim Mord an de Witt 2 sein 
Auge verschlang und daß das Fleisch den Meistbietenden verkauft wurde- 
die Überreste Ravaillacs wurden im Triumph herumgetragen und eine Frau 
biß hinein; auch die Septembermorde während der Revolution bieten viele« 
ähnliche Beispiele. Im Falle Damiens vermissen wir derartige Mitteilungen 
So wie bei jedem Fall, der nicht einer direkten Analyse zugänglich ist, 
finden wir in den mitgeteilten analytischen Deutungen viel unbewiesenes 
und Anfechtbares, wobei noch vieles ganz ungeklärt bleibt. Doch bin ich 
der Meinung, daß man mit Hilfe der späteren analytischen Funde auf dem 
Gebiete der Soziologie und der Kriminalität eine Erklärung für ein histori- 
sches Ereignis finden kann, das ohne psychoanalytische Kenntnisse in Dunkel 
gehüllt geblieben wäre. 



l) Auf diesem sadistischen Zug im weiblichen Charakter fußt HannsHeinz 
Ewers' Novelle „Die Hinrichtung des Damiens", worin eine verschlossene 
Edelfrau, die nach außen das Leben einer Heiligen führt, sich jedesmal durch die Lek- 
türe der von ihr selbst abgeschriebenen ausführlichen Schilderung der Hinrichtung des 
Damiens vom Herzog de Croy in einen somnambulen Zustand versetzt. Aus dieser 
Novelle geht hervor, daß Ewers Damiens Tat mit dem Ödipuskomplex in Zusammen- 
hang bringt. Der Erzähler schildert sein mysteriöses Liebesverhältnis mit der altern, ver- 
heirateten Frau und wird fortwährend durch Gewissensbisse gequält, die er seinem Gast- 
geber, dem Gatten, gegenüber empfindet. Nachdem er über verschiedene Strafen nach- 
gegrübelt hat, entdeckt der Gatte, als wollte er damit zeigen, was die Folge eines der- 
artigen Verhältnisses sein kann, ihm das Geheimnis seiner Frau. In der Beschreibung 
der weiblichen Hauptperson finden wir die typische Ambivalenz in bezug auf die gute 
und böse Mutter in einer Person vereint. Damit die Erzählung an Deutlichkeit nichts zu 
wünschen übrig lasse, schildert Ewers zu Beginn Paarungen bei Tieren, bei denen nadi 
Ablauf der Paarung das Weibchen das Männchen tötet wie z. B. bei manchen Spinnen. 
Daher kann wohl die geschilderte Liebe nur als eine inzestuöse aufgefaßt werden. 

2) Jan de Witt, einer der größten Staatsmänner Hollands, und sein Bruder, 
Cornelis de Witt, wurden am 20. August 1672 im Haag von der Menge unter Führung 
Tichelaars auf besonders grausame Weise ermordet. (Anm. d. Übers.) 



— 360 



Ein elementares Jahrhundert 

Von 

Otto Flak© 

Vor etwa einem Jahrzehnt schrieb Otto Flake in seinen „Fünf Hef- 
ten" den Satz nieder: „Liest man die Bücher von Sexualforschern und Ner- 
venärzten der alten Schule, danach die von psychoanalytisch ge- 
schulten, ist der Unterschied eminent ; dort die ganze Hilflosigkeit und an- 
maßende Kurpfuscherei von Leuten, die Dinge begutachten, in deren Inneres 
sie sich nicht versetzen können, weil sie durch die Wissenschaft dazu erzogen 
sind, nur das physisch Wahrnehmbare als Objekt gelten zu lassen; hier. die 
noch nicht formulierte, aber de facto befolgte Auffassung, daß die Begriffe 
Körper und Geist völlig belanglos sind, daß ein Lebewesen ein Ort ist, in 
dem Vitalität sich manifestiert, daß also in letzter Instanz jedes Lebewesen 
eine in sich geschlossene, für sich normale Welt ist, deren System Gegen- 
stand der Darstellung wird." Man wird daraus folgern können, welche An- 
forderungen Otto Flake jetzt an sich gestellt hat, als er an eine Lebensbe- 
schreibung des berüchtigten Marquis de Sade ging. Nicht gerade weil ein 
von der Psychoanalyse als so wichtig gekennzeichneter Partialtrieb der 
Sexualität eben nach jener Gestalt des 18. Jahrhunderts benannt ist, sondern 
weil jene problematische Gestalt an sich einen psychologisch bemerkens- 
werten Aspekt bietet, wird jeder Psychoanalytiker interessiert nach der Sade- 
Biographie Flakes greifen. Sie ist soeben im Verlag S. Fischer, Berlin, er- 
schienen. (Unter dem Titel: „Marquis de Sade. Mit einem Anhang über 
Ritif de la Bretonne".) Neben den einzelpsychologischen Gesichtspunkten 
kommen besonders die zeitgeschichtlichen und kulturpsychologischen zur 
Geltung, ohne daß ein Wust historischer Bagatellenhäufung die Klarheit des Por- 
träts (wie das z. B. bei Dühren leider der Fall ist) gefährdete. Mit Genehmigung 
des Verfassers und des Verlags drucken wir hier das erste Kapitel des Buches 
ab. Es geht von der Hinrichtung des Damiens aus und der Leser wird er- 
kennen, daß wir es nicht zufälligerweise an die vorangegangene Skizze des 
holländischen Psychoanalytikers Endtz anschließen lassen. 

Damiens hatte am 5. Januar 1757 ein Attentat auf Ludwig den Fünf- 
zehnten gemacht und ihn nur unerheblich im Gesicht verletzt. Er wurde des 
Königsmordes, des verruchtesten aller Verbrechen, angeklagt und zu der Strafe 
verurteilt, die 1610 am Mörder Heinrichs des Vierten vollzogen wurde. 

Die Hinrichtung fand am 28. März statt. Sie sah einen Auftakt und einen 
Hauptteil vor. Am Morgen riß man das Fleisch des Verbrechers mit glühen- 
den Zangen auf und goß geschmolzenes Blei, brennendes Pech und sieden- 
des öl hinein. Über Mittag erholte sich der Delinquent, und das Volk von 
Paris, die Bauern aus der Umgegend, die Fremden hatten Zeit, sich aufzu- 
stellen. Es war ein Schaustück, zu dem alles zusammenströmte. Die Hin- 
richtung war öffentlich, wie sie es noch heute in Frankreich ist. 

— 361 — 




Es gibt ungemein anschauliche, ja großartige Darstellungen des Vorgang, 
Diejenige Monselets hebt sich ins Visionäre. Der Visionär ist der Verurteilt 
selbst ; Monselet versetzt sich in ihn und schildert, wie bei diesem letzte 
Gang sich die Welt in seinen Augen spiegeln mochte. 

Wohin auch sein Blick fiel, überall bemerkte er nur die Menge, imrne 
wieder die Menge. Die Menge unter der Arkade Saint- Jean. Die Menge jj 
den ersten Häusern der Rue de la Mortellerie. Die Menge in der R ue I 
la Vannerie. Die Menge in der Rue de la Tannerie. Die Menge an de 
Kreuzung der Rue de l'Epine und der Rue de Mouton. Die Menge ai 
allen Ausgängen des Platzes. Auf dem Platze selbst eine kompakte Meng« 
bestehend aus allen möglichen Elementen, aber vor allem aus dem Pöbe] 
In den Fenstern eine geschmückte, kokette Menge ; vornehme Herren um 
große Damen, große Damen besonders, die mit dem Fächer spieltei 
und ihre Riechfläschchen im Fall einer Ohnmacht bereit hielten. 

Auf dem Platz warteten Beichtväter, Pferde und Henker, die unter den 
Befehl Samsons aus der berühmten Scharfrichterfamilie standen. Sie hantiertei 
mit Zangen, Kohlenbecken und siedenden Flüssigkeiten. Ihrer sechs bandei 
Damiens, rösteten ihm die rechte Hand über Feuer, rissen Stücke aus den 
Körper und schütteten Blei oder öl in die Wunden. Vor Entsetzen richtete! 
sich seine Haare auf dem Kopf auf; der Gestank des verbrennenden Flei 
sches erfüllte den Platz. 

Dann traten die Pferde in Aktion. Jedes stand nach einer anderen Him 
melsrichtung ; sie sollten das Opfer, das mit Armen und Beinen an sie ge 
fesselt wurde, vierteilen. Das Opfer war so kräftig gebaut, daß man Iängei 
als eine Stunde auf die Tiere einhieb, ohne zum Ziel zu kommen. Wäh 
rend der ganzen Zeit schrie Damiens. Man ließ noch mehr Pferde kommen 
umsonst. Es blieb nichts übrig, als Einschnitte zu machen, zuerst in dit 
Hüftgelenke. Damiens hob den Kopf, um zu sehn, was man mit ihm an 
stellte. Er küßte das Kruzifix, das die Priester ihm entgegenhielten. 

Die Pferde zogen wieder an, der linke Schenkel riß ab, das Voll 
klatschte : endlich. Der rechte Schenkel folgte ; der Mann lebte und schrie, 
Nun durchtrennte man die Schultergelenke. Als beide Arme ausgerissen 
waren, sah man, daß er weiße Haare bekommen hatte. Der Rumpf wand 
sich noch, dann war es zu Ende. Die Reste wurden verbrannt und in die 
Winde zerstreut. Die Vierteilung hatte zwei Stunden gedauert. 

Einige Kulturhistoriker haben in der Roheit dieses Verfahrens und in der 
Schaugier des Publikums einen Beweis für die Grausamkeit des französischen 
Charakters gesehn. Wer die Hinrichtung der Beatrice Cenci kennt oder sich 
der Hexenverbrennungen in allen europäischen Ländern erinnert oder die 



— 362 — 



Greuel des Dreißigjährigen Krieges nicht vergessen hat, weiß, daß diese 
jjjnge nichts mit dem Charakter eines einzelnen Volkes zu tun haben. 

In einem bestimmten Sinn reicht das europäische Mittelalter bis zur gro- 
ßen Revolution. Das erbarmungslose Vergelten gehört zum Wesen der feu- 
dalen Epoche, in der Werte wie Gott, König, Gesellschaft, Recht und Un- 
recht noch absolut, noch eindeutig waren. Es fiele nicht schwer, nachzu- 
weisen, daß die religiösen Zeiten die grausamen sind; der Intensität nach 
der einen Seite entspricht die nach der anderen. Die religiöse Inbrunst 
mochte im 17. Jahrhundert, das die Aufklärung brachte, schon abgenommen 
haben — die Justiz beharrte noch in den alten Formen. 

Was aber die gaffenden Zuschauer betrifft, so sollte kein Zweifel darüber 
bestehn, daß in dem Augenblick, wo Mensdien zu einer Masse zusammen- 
gerinnen und ihnen ein atemraubendes Geschehnis geboten wird, die 
panische Seele hervortritt, aus einer Unterwelt, in der alles Gier, Lüstern- 
heit, freilich unter Umständen auch Hingerissenheit und Begeisterung 
ist. Der übergeordnete Begriff, unter den beide Extreme fallen, heißt Er- 
regung. 

Wenn wir bei Casanova, der der Hinrichtung des Damiens unter Ekel- 
gefühlen beiwohnte, lesen, in welcher Form die aus den Fenstern schauen- 
den Damen dank der Unverfrorenheit der Kavaliere auf ihre erotischen 
Kosten kamen, während drunten der Gemarterte aufbrüllte, begegnen wir 
einem Beweis für den Zusammenhang von Wollust und Grausamkeit. 

Die guten Damen machten der Tugend die berühmte Verbeugung, indem 
sie sich stellten, als merkten sie nichts, eingepfercht wie sie waren. Aber 
indem wir sie sachlich beobachten, stellen wir doch ihren Zynismus fest und 
werden nun nicht mehr voreilig urteilen, wenn wir von ihm einen Schluß 
auf den des ganzen Zeitalters, auf den dieser Gesellschaft ziehn. 

Es gibt Leute, die in der Kulturgeschichte ästhetische Befriedigungen 
suchen und das Dixhuitieme, indem sie sich auf Reifrock, Menuett und das 
Boulemöbel beschränken, als eine Zeit der heiteren Eleganz und nichts 
weiter auffassen ; sie verklären. Das Verklären hat seine Berechtigung, aber 
man darf darüber nicht zum Schönredner werden. Man muß, in allen Zeit- 
altern, unter der Oberfläche die abgründige Tiefe sehn, in der die elemen- 
taren, die chthonischen Gottheiten wohnen. 

In einem einzigen Abschnitt ihrer Geschichte haben die abendländischen 
Völker das Wissen um die Abgründe vergessen, im bürgerlichen Zeitalter 
zwischen 1815 und 1914. Sie glaubten, das Elementare sei gebändigt und 
gehöre der Geschichte an. In Amerika glaubt man es noch heute. Die Auf- 
teilung der Kulturgeschichte in Literatur-, Musik- Geistes- und andere Ge- 

— 363 — 




schichte hat ihre Gefahren. Man hört in diesen Zweigen ausschließlich vom 
Hohen und Ordnungshaften. 

Echte Kulturgeschichte ist etwas anderes; sie soll volle, realistische An- 
schauung überliefern. Wenn sie das tut, kreuzt sie sofort als unwillkom.. 
mener Störenfried die Wege der idealistischen, der zivilisatorischen Geschichts- 
schreibung, die im Namen von Aufklärung und Menschlichkeit Dinge wie 
Folter, Hinrichtung, Blutrausch, Grausamkeit verabscheut. Der Abscheu wertet 
und mißt das, was einmal war, an dem, was sein soll; Anschauung stellt 
fest, was war, und sieht tiefer. 

Von der Wertung her gesehn, sind die Grausamkeit und der Zynismus 
die in das Gesicht der Gesellschaft vor der großen Revolution die beiden 
stärksten Züge graben, Symptome des Verfalls, der Zersetzung, der Minder- 
wertigkeit. Die Anschauung sagt vorsichtiger: Symptome einer Veränderung. 
Die Anschauung sieht in dem Zerfall, den sie nicht leugnet, zugleich die 
ungeheure Kraft, die am Werke war. 

Niemand von uns käme es in den Sinn, die Justiz, deren Opfer Damiens 
war, zu verteidigen. Aber rein geschichtlich betrachtet, war diese vormoderne, 
noch feudalistische, dem Gottesstaat dienende Justiz eines der Mittel, um 
das Einströmen elementarer Empfindungen in die Menschenwelt zu ermög- 
lichen. Innerhalb des echten, des klassischen Gottesstaates, nämlich des Mit- 
telalters, verstehen wir das ohne weiteres. Es mag zunächst gesucht erschei- 
nen, dieses Mittelalter bis 1789 anzusetzen; aber der Gewinn besteht darin, 
daß auch der Strom der chthonischen Kräfte bis an dieses Jahr herange- 
bracht und damit ein großer Zusammenhang sichtbar gemacht wird. Die 
französische Revolution führt die Dekadenzlehre ad absurdum; ein Wüten 
von solchem Ausmaß war nicht mehr bloß Verfall, sondern Ausbruch und 
Geburtsakt. Der dritte Stand setzte sich durch, der vierte steht schon hinter 
ihm. 

Untersucht man, und das ist ja hier die Aufgabe, irgendein Ereignis des 
18. Jahrhunderts, so muß man es nach zwei Seiten profilieren: nach dem 
Untergang einer Gesellschaft und nach dem Aufgang einer neuen. Wenn 
sich je eine Gesellschaft ihr Grab selbst geschaufelt hat, dann die des ancien 
regime. Blutarmut jedoch kann man ihr bei diesem Beginnen nicht vor- 
werfen ; sie entfesselte mit eigenen Händen die grausamen und blutigen 
Instinkte. Sie genoß ihre Selbstzerstörung, es gibt zahllose Belege, vom Re- 
genten bis Mirabeau. 

Die Verkommenheit war vital, grausam, zynisch, herausfordernd; das 
Apres nous Ie deluge gehört hierher. Es war kein Jahrhundert der Schäfer- 
spiele, sondern ein elementares. Je mehr sittengeschichtliche Züge man zu. 



364 — 



"^ 



sammenträgt, desto verruchter wird das Bild eines Hofes und einer Stadt, 
die als unerschöpfliches Reservoir des Lasters diente. Aber das Verruchte 
ist nicht schwächlich. Wir treten in ein Zeitalter der extremen Ent- 
fesselung ein. 

Es bleibt jedem unbenommen zu sagen : ein gütiges Schicksal behüte uns 
vor der Bestie; aber es madit nicht dümmer, die Bestie kennenzulernen. 
Die Bestie lebt nicht außerhalb des menschlichen Bezirkes, sondern in ihm. 
Durch die Sprengung der Hemmungen und der bürgerlichen Ordnung er- 
weitert sich dieser Horizont. Angesichts der radikalen Temperamente, die 
die Revolution vorbereiteten und machten, kann man von einem Dämon 
sprechen, der diese Menschen antrieb, die herkömmlichen Grenzen des 
Menschlichen in Frage zu stellen und die letzten Möglichkeiten kennenzu- 
lernen. Der Haß gegen Demut, Selbstbeschränkung und Unterwürfigkeit ist 
charakteristisch für den Jakobiner. Das theokratische Weltalter endete mit 
einem Atheismus,- in dem das Ich den Abfall Satans vollzog. Mit der ab- 
fertigenden Bezeichnung Pathologisch ist wenig gewonnen. 



Kirne psychoanalytische Studie 

Von 

Karl Badbier 

Es geschieht an dieser Stelle nicht zum ersten Male, daß Psycho- 
analyse und Literaturwissenschaft sich zu gemeinsamer Arbeit 
zusammenschließen. Nur sei hier gestattet, in aller Kürze auf die Mög- 
lichkeiten einer solchen gemeinsamen Zielsetzung zweier grundver- 
schiedener Wissenschaftszweige noch einmal grundsätzlich hinzuweisen. 
Denn wie bei jedem anfänglichen Versuch bedeutet die Verkennung 
innerer Grenzen eine Gefahr, und eine Verbindung beider Wissen- 
schaften kann jetzt und für die Zukunft nur dann fruchtbar sein, wenn 
sie sich ihrer Grenzen im Methodischen und Geistigen gleichermaßen 
bewußt bleiben. Worauf es der Literaturforschung als Stoff-, Gehalts- 
und Formgeschichte stets vor allem ankommt, ist die geistige Erfassung, 
ja geradezu die Gestaltung der großen dichterischen Persönlichkeit und 

— 365 — 



ihrer Zeitverbundenheit. Alle noch so splitterhafte Kleinarbeit de 
Forschers ist schließlich diesem Ziele, Ganzheit und Geschlossenheit Zu 
erkennen, geweiht. Die Denkrichtung der literarhistorischen Methode 
ist also im wesentlichen synthetischer Natur. Die Psychoanalyse 
die sich die Durchforschung des Unbewußten zum Ziel setzt, ist an 
der Existenz der Persönlichkeit als unantastbare Geschlossenheit durch, 
aus wenig interessiert, wenn sie nicht ihre Bedingtheiten, ihre letzten 
seelischen Abhängigkeiten im Unbewußten aufdecken kann. Das Werk 
der Charakter des Schöpfers, die dichterische Persönlichkeit, das Symbol 
haben für den Psychoanalytiker nur dann Bedeutung, wenn er sie 
einer seelischen Analyse unterwerfen kann. Diese Denkrichtung ist, i m 
Gegensatz zur synthetischen der Literaturwissenschaft, durchaus analy. 
tisch, wie es ja auch im Begriff der Psychoanalyse deutlich ausge- 
sprochen wird. Das sind Gegensätze im Methodischen, die an sich zu- 
nächst unvereinbar scheinen, und es ist wohl auch für die Zukunft 
anzunehmen, daß die Literaturgeschichte für die Psychoanalyse eine 
Quelle bieten wird und die Psychoanalyse für die Literaturgeschichte 
ein neues Mittel, im besten Falle sogar eine mathematische Probe auf 
die Richtigkeit einiger ihrer Ergebnisse. Wenn die psychoanalytische 
Durchdringung der Methodik der Literaturwissenschaft, ja schließlich 
der Kunstwissenschaften überhaupt, in einem weiten Ausmaße ge- 
schehen sollte, dann dürfen diese Wissenschaften in der Tat, wie 
Walter Muschg in seiner Schrift „Psychoanalyse und Literaturwissen- 
schaft" meint, so etwas wie ein Gottesgericht zwischen idealistischer 
und rationalistischer Geistesrichtung erwarten. Die Stellung der Lite- 
raturwissenschaft ist in diesem Zusammenhang die ungleich gefährdetere, 
denn schließlich kann das Ergebnis dieses Experiments für sie unter 
Umständen den Verlust einer schwer errungenen Erkenntnis über das 
Wesen der Dichtkunst überhaupt bedeuten. In einem wichtigen Kampfe 
allerdings könnte die Psychoanalyse der Literaturwissenschaft fruchtbar 
beistehen, nämlich im Kampfe gegen die aus den rationalistischen 
Prinzipien eines engen Ordnungsbedürfnisses erwachsene Schematisie- 
rung und Periodizierung von Persönlichkeiten und Geistesrichtungen, 
aus der zu jeder Zeit die große Persönlichkeit sich herausdrängt, und 
die nur mittleren Geistern gerecht wird. Hier kann die Besinnung aui 
Gemeinsamkeiten des Schaffensprozesses zu allen Zeiten und in allen 

— 366 — 



Gehirnen, die sich lediglich durch den Grad ihrer Aktivität unter- 
scheiden, von allerhöchster Wichtigkeit sein. 

Es fehlt zur Zeit nicht an Köpfen, die die Bedeutung des Phänomens 
c tr indberg für den modernen Menschen empfinden. Nachdem die 
pjjjlologie das ihrige getan hat, ist es an der Zeit, sich den geistigen 
jjjjd seelischen Problemen zuzuwenden, die die Persönlichkeit August 
Strindbergs noch immer wie in einen Nebel einhüllen. Diesem Ziele 
s ei die vorhegende Arbeit gewidmet. 

I 

Die Eltern 

„Die Erinnerung ist unser Kapital, das wir 
verzinsen müssen. " A. Strindberg. 

Der Gang der vorliegenden Untersuchung wird bestrebt sein, die 
synthetische Methode der Literaturwissenschaft mit der analytischen 
z u vereinen, d. h., von den seelischen Verhältnissen und Konflikten 
der frühesten Kindheit ausgehend zum Verständnis der Psyche der 
späteren Lebensgestaltung Strindbergs und seiner Anschauungen vor- 
zudringen, also nicht lediglich rückschließend von der Gegebenheit 
eines spezifischen Falles zu den Ursächlichkeiten im Unbewußten vor- 
zustoßen, wie es bei einer Krankenbehandlung der Fall sein dürfte. 
Eine solche Methode ist aber nur dann denkbar und anwendbar, 
wenn die einzelnen Lebensstationen einer Persönlichkeit wie in einer 
graphischen Darstellung klar vor dem geistigen Auge des Betrachters 
liegen; nicht erst mühselig erschlossen werden müssen, sondern nur 
einer im Sinne der Untersuchung sinnvollen Verknüpfung bedürfen. 
In diese bequeme Lage sind wir im Falle Strindberg versetzt. Das 
Problem seines Schaffens und seiner Persönlichkeit hat der Forschung 
nie Ruhe gelassen. Es stehen nicht nur umfassende Darstellungen der 
Biographen', Aufzeichnungen und Erinnerungen von Zeitgenossen 8 , 
psychologische und medizinische Untersuchungen 3 , sondern auch auto- 
biographische Werke 4 und ein umfangreicher Briefwechsel mit ver- 

1) H. Esswein; Nils Erdmann; E. Heden u. a. 

2) G. Brandes; Ad. Paul; Schleich; Ola Hansson u. a. 

3) Jaspers, K. Strindberg u. van Gogh. II. A. Heidelberg 1926. 

4) Autobiographische Lebensgeschichte, 5 Bde. IV. Abt. der deutschen Gesamtausg. 
Georg Müller, München. — Nach dieser Ausgabe erfolgen alle Zitierungen. 

— 367 — 



schiedenen Personen, der leider erst zum geringsten Teile zugänglj 

ist, zur Verfügung. Vor allem aber sind für die vorliegende Arb 

die Bände der Autobiographie von Wichtigkeit. In zeitlicher F I 

sind es: „Der Sohn einer Magd" und „Entwicklung einer Seele", ( 

die Zeit bis 1886 betreffen, „Die Beichte eines Toren" für die er! 

Ehe von 1875—88, „Entzweit" für die Jahre 1892—94, vor allem 

Bezug auf die zweite Ehe, „Inferno", die Zeit von 1894—97 betn 

fend, „Legenden" für die Zeit 1897—98 uiid schließlich „Einsam" f 

die Jahre 1899—1900. Während im „Sohn einer Magd" und i n d 

„Entwicklung einer Seele" die Kindheit und Jugend des Dichte 

ihren Niederschlag finden, stehen die Schilderungen „Beichte ein 

Toren" und „ Inferno = Legenden" schon im Zeichen der Hauptstadt 

der strindbergschen Krankheit, die in die Jahre 1887 und 1896 fall, 

dürfte. „Entzweit — Einsam" ist als nachträglicher Bericht für die 

Untersuchung von geringem Werte. Es ist nun aber leider so, d; 

der Wert dieses unübertrefflichen Quellenmaterials insofern eine B 

einträchtigung erfährt, als die für diesen Zusammenhang gerade b 

deutungsvollsten Teile der Lebensgeschichte zwar für die Erkenntn 

der Krankheitserscheinungen ein glänzendes Mittel darstellen, für d 

Erschließung glaubwürdiger Verhältnisse und wirklicher Ereignisse f 

doch mit Vorsicht anzuwenden sind, da sie in einer Zeit konzipie 

wurden, in der nach Jaspers Forschungen 5 der schizophrene Kran] 

heitsprozeß schon mit einem ersten Schübe begonnen hatte. So komn 

es, daß Entstellungen und Erinnerungstäuschungen vielfach in Kai 

genommen werden müssen. Es wird also unumgänglich sein, daß ma 

sich für die Aufhellung wirklicher Zustände der frühesten Jugen 

Strindbergs an das Material hält, das die Biographen aus den Werke 

des Dichters selbst und Berichten der Zeitgenossen isolieren konntei 

Es ist vor Eintritt in die eigentliche Untersuchung nicht zu umg« 

hen, in großen Zügen die Verhältnisse, in die Strindberg hineingehe 

ren wurde, zu umreißen. 

Johann August Strindberg wurde am 22. Januar 1849 ii 
Stockholm im Hause des Dampfschiffkommissärs Carl Oskar Strind 
berg geboren. Der Vater hatte ein freies Liebesverhältnis mit de 
Tochter eines armen Schneidermeisters, die als Magd und Kellnerii 

5) „Strindberg u. van Gogh". II. A. Berlin 1926. 



— 368 



I 



"hren Unterhalt verdiente, unterhalten. Kurz vor der Geburt August 
Strindbergs heirateten die beiden, damit der Knabe nicht außerehelich 
eboren würde, wie es bei dreien seiner Geschwister, die vor ihm 
eboren wurden, der Fall war. Nach ihm kamen noch weitere fünf 
Kinder zur Welt. Im umgekehrten Verhältnis zu diesem Kindersegen 
tanden die wirtschaftlichen Verhältnisse im Elternhause. Das erste 
Gefühl, das Strindberg empfinden lernte, war, ein Unwillkom- 
mener zu sein. Denn es war nicht nur so, daß er in der Tat zu 
zeitig das Licht der Welt erblickte, sondern bei den drückenden Ver- 
hältnissen empfand er sein Unwillkommensein, das man ihn überdies 
oft genug überdeutlich spüren ließ, sehr empfindlich. Im Laufe dieser 
Darstellung wird sich zeigen, wie schon in diesem frühen Augenblick 
die Wurzeln für ein starkes Gefühl des Uberzähligseins sich in die 
Seele des Kindes schlugen. „Er kam erschrocken zur Welt und lebte 
in beständigem Schreck vor Leben und Menschen" 6 . Ängstlich, ver- 
schüchtert, leicht zu Tränen geneigt, überempfindlich schildert er sich 
gern selbst. Die Mutter entstammte, wie schon angedeutet, dem 
Dienstbotenstande, der Vater dagegen war ein heruntergekommener 
Aristokrat mit den Resten schöngeistiger Neigungen. August Strind- 
bergs späteres Verhältnis zu den Konflikten zwischen herrschender 
und dienender Klasse, zwischen Unter- und Oberklasse hat im Grunde 
in diesem Mißverhältnis der elterlichen Intelligenzen seinen Ursprung 
genommen. Strindbergs Stellung ist in diesen Fragen durchaus keine 
eindeutige, sondern schwankende, zu verschiedenen Zeiten verschiedene. 
In sich fühlt er das Blut des Vaters und zugleich zieht ihn ein unbe- 
stimmter Trieb zu der sozial untergeordneten Schicht, der seine Mutter 
entstammte. Später wird gezeigt werden, daß diese Artung ihre tiefe 
Berechtigung hat, insofern, als sie mit den unmittelbar aus dem 
Ödipuskomplex resultierenden Eigentümlichkeiten des strindbergschen 
Geistes tiefe Gemeinsamkeiten aufweist. Neben dem Gefühl, unwill- 
kommen zu sein, war es außer dem Hunger die Angst vor dem 
Vater, die mitbestimmend wurde für des Dichters Charakterentwick- 
lung. Der Vater war ein verbitterter, überstrenger, etwas bigotter 
Mensch, der nur zu leicht schlug und, da er fast nie außer Haus war, 
den Kindern zum immer drohenden Schrecken wurde. Noch im 

6) Sohn einer Magd. S. 48. 
P«A. Bewegung 359 ä 5 



Jahre 1908 schreibt Strindberg über seinen Vater: „Meinen Vat 
empfand ich immer als eine feindliche Macht". Diese i n 3 
essanteFormulierung deutet unmittelbar hin auf eine Eigenart seiner spätere 
religiösen Einstellung, über die noch zu sprechen ist. Es ist nötig, hi 
auf ein Erlebnis einzugehen, das von unheilvoller Wirkung auf Strind 
bergs späteres Leben werden sollte. Eines Tages entdeckt sein Vate 
daß jemand aus einer Weinflasche getrunken hat. Da August vo 
innerer Ängstlichkeit rot wird, bekommt er die Schuld an diesen 
Diebstahl. Sein Leugnen reizte die Eltern, und da er auf wiederholt, 
Aufforderung hin noch immer nicht gestehen will, schlägt ihn de 
Vater und die Mutter hilft dabei. „Er heult — vor Wut und Grimm 
vor Schmerz, aber meist der Schande, der Demütigung wegen". Nad 
abermaliger Vorstellung gesteht er die Sünde, die er doch garnich 
begangen hat, ein. In der Küche erzählt dann der Knabe der Magc 
die Wahrheit. Er hat die Eltern also doch belogen! Die Exekutioi 
erfolgt daraufhin noch einmal, mit dem gleichen Erfolg, daß er sein< 
Schuld noch einmal gesteht. — Seitdem fühlte er sich in seinem 
Innersten als Bestrafter, den die Verachtung der Geschwister nur zu 
Recht traf. Ähnliche Fälle wiederholten sich noch öfter in Zukunft, 
Heftige Bitterkeit über ungerecht empfangene Strafe kehrt auch später, 
selbst in den Dichtungen, bei Strindberg immer wieder.' Er fühlte 
den scharfen Stachel ungerechter Behandlung bis ins hohe Alter hinein 
mit gleicher Intensität. Von des Vaters ungerechter Art abgestoßen, 
wandte sich der Knabe der Mutter zu, um bei ihr Schutz, Rettung 
und Trost zu finden. Die Mutter war eine Frau, die ganz in ihrer 
Arbeit um ihre vielköpfige Familie aufging und darum, ganz abgese- 
hen von dem Mangel jeglicher Bildung, keine regen geistigen Interes- 
sen zeigen konnte. Der Haß, mit dem Strindberg sie später in seinem 
Buche „Der Sohn einer Magd" behandelt, ist nur aus der besonderen 
Geistesverfassung zu erklären, in der er sich befand, als er das Buch 
schrieb. Jedenfalls empfand er den Tod der Mutter, er war 
13 Jahre alt, als sie starb, als einen furchtbaren Schicksalsschlag. Die 
Mutter hatte in ihren letzten Lebensjahren unter heftigen hysterischen 
Anfällen gelitten und Rahmer hält die neurotische Artung Strindbergs 
für ein Erbteil der Mutter. Ein anderer Sohn war ebenfalls hysterisch 

7) „Luther (Die Nachtigall von Wittenberg)", S. 19 ff. 

— 370 — 



und eine Schwester geistesschwach. Die Mutter gehörte der Sekte der 
sogenannten „Bibelleser" an, zu der sie auch ihren Sohn, der im 
protestantischen Glauben aufgewachsen war, gern bekehrt hätte. Es ist 
seltsam, daß Strindberg im Anschluß an seine sogenannte „Inferno — 
Krise" von einer etwas anderen Seite her sich dieser Richtung nähert. 
Als der Vater nach der notwendigen Frist der Kinder wegen das 
Hausfräulein heiratete, trat der Knabe gegen beide in einen zuweilen 
stillen, zuweilen offenen Kampf ein. 

So sind in ganz großen Umrissen die Verhältnisse im Elternhaus 
geschildert worden. Es wird nun darauf ankommen, in einer tiefer- 
gehenden Analyse die Zusammenhänge zwischen der späteren Artung 
August Strindbergs und seinen infantilen Erlebnissen zu verfolgen. Es 
wird sich zeigen, daß eigentlich alle, auch die unerklärlichsten Eigen- 
heiten seines Charakters ihre Begründung im Ödipuskomplex finden. 
Zwei große Problemkreise sind es im wesentlichen, in denen sich 
Strindbergs Leben abspielt, der eine die Einstellung zur Frau, der 
andere die Stellung zum Gottesbegriff, den er, wie zu zeigen sein 
wird, in einer überaus eigenartigen Weise erlebt. In getrennten Ka- 
piteln, die indessen notgedrungen zuweilen ineinandergreifen dürften, 
sollen im folgenden diese beiden Probleme einer Analyse unterworfen 
werden. 

II 

Die Frau 

Zweifellos litt Strindberg schon als Kind an einer leichteren Form 
von Angsthysterie. Ob sie das Erbteil der Mutter ist, muß dahin 
gestellt bleiben. Soviel jedenfalls steht fest, daß er so sensibel war, 
daß jeder Tadel ihn in Angst vor der möglichen Strafe versetzte. „E r 
kam erschrocken zurWeltund lebte inbeständigem 
Schrecken vor Leben und Menschen." Vor gewissen 
Orten, an die sich die Erinnerung irgendwelchen Leidens knüpfte 
hatte er unüberwindliche Furcht. Selbstmordideen sind ja in einem 
gewissen Alter nichts Seltenes. Eine Ursache darf man hierfür ohne 
weiteres in der Prügelpädagogik des Elternhauses erblicken. Das Kor 
relat zu dieser verständlichen Überempfindlichkeit und Reizbarkeit ist 
die späterhin so stark hervortretende Skepsis in Dingen des persön- 

— 371 — 25 * 




liehen Lebens und der Wissenschaft. Diese Züge sind jedoch -verhältnis- 
mäßig schwach anderen gegenüber, die zur Ausbildung seiner späteren 
Angstneurose stärker beigetragen haben. Wie wir bald leicht erkennen 
werden, lassen sich diese Einflüsse auf eine ebenso inhaltsvolle wie 
übersichtliche Formel bringen : er fühlt sich vom Weibe (der Mutter 9 
betrogen und von Gott (der Vater-Macht) verfolgt und bedroht. Um 
an diese Formel glauben zu können, bedarf es noch des Nachweises. 
Da der Knabe sich vor der gewalttätigen und diktatorischen Erzie- 
hungspraktik des Vaters abgestoßen fühlt, flieht er zur Mutter, bei 
der er Trost, Schutz und Hilfe nach des Vaters Härte sucht. Wir sind 
hiermit am Ursprung all der wichtigen und interessanten Erscheinun- 
gen, die sich an den Begriff des Ödipuskomplexes knüpfen, angelangt. 
Die Mutter wird dem Dichter zum ersten Liebesobjekt ; aber die kör- 
perliche Sexualstrebung ist ganz durch die seelische zurückgedrängt. 
Außer diesem Schutzbedürfnis ist es aber noch etwas anderes, was das 
Kind zur Mutter hinzieht oder besser, zurückzieht. Es ist das Gefühl, 
zu früh auf die Welt gekommen und unwillkommen zu sein. Strind- 
berg schreibt: Als der Knabe von Hause fortging, sehnte er sich nach 
der Mutter, „ihr Bild steigt auf, gereinigt, verklärt, und zieht ihn an 
mit den niemals reißenden Fäden der Sehnsucht. Diese Sehnsucht 
nach der Mutter begleitete ihn durchs ganze Leben. War er zu früh 
zur Welt gekommen? War er nicht ausgetragen worden? Was 
hielt ihn so mit der Mutter verbunden?" 8 Und an anderer Stelle heißt 
es : „Er blieb eine Mistel, die nicht wachsen konnte, ohne von einem 
Baum getragen zu werden; er wurde eine Kletterpflanze, die eine 
Stütze suchen mußte." 9 Das stärkste traumatische Erlebnis, die Geburt, 
hat auch auf Strindbergs Leben großen Einfluß gehabt. Wenn Freud 
meint, daß solche traumatische Erlebnisse dauernde Störungen im 
Energiebetrieb zur Folge haben, so kann das Leben Strindbergs durch- 
aus als Beleg für die Richtigkeit einer solchen Meinung dienen. Denn 
in diesem Erlebnis hat seine Unselbständigkeit in Dingen des Lebens, 
sein Anlehnungsbedürfnis an das Weib seinen unmittelbaren Ursprung. 
Einmal sagt er (Beichte eines Toren, S. 389): „Ich bin wie ein 
Embryo, dem vor der Zeit die Nabelschnur abgeschnitten ist . . j 
Wie weit in sein Alter hinein ihn dieses Trauma des Zufrühgeboren- 




seins verfolgt, zeigt sehr schön ein Traum, den Strindberg in den 
Legenden" mitteilt und dessen Deutung er in unübertrefflicher Schärfe 

selbst gibt. 10 

„Vor einigen Nächten hatte ich einen Traum, der aufs neue meine 
Sehnsucht weckte, sterben zu dürfen, indem er mir die Hoffnung auf ein 
besseres Dasein wiedergab, wo man keine Gefahr läuft, einen Rückfall in 
jie Qual des Lebens zu tun." 

„Als ich auf einem Vorsprung, der von einer jähen, in Dunkel ge- 
hüllten Tiefe begrenzt wurde, zu weit vorgetreten war, fiel ich mit dem 
Kopf voran in einen Abgrund. Aber ich fiel eigentümlicher Weise hinauf 
statt hinunter. Und unmittelbar umgeben wurde ich von einem blendend- 
weißen Lichtschimmer und ich sah . . .« 

„Was ich sah, flößte mir zwei gleichzeitige Vorstellungen ein: ich bin 
tot," und ich bin erlöst! Und ein Gefühl der höchsten Seligkeit umhüllte 
mich bei dem Bewußtsein, daß das andere nun zu Ende sei . . .« 

Es ist kaum nötig, etwas über den Sinn dieses Traumes zu sagen, 
denn Strindberg gibt wenig Zeilen später selbst eine vortreffliche 
Lösung. Seit dieser Traumnacht fühlt sich der Dichter noch heimat- 
loser als vorher in der Welt : „ . . . und gleich einem müden, schläfri- 
gen Kinde verlange ich, ,heim gehen' zu dürfen, den schweren Kopf 
an einen mütterlichen Busen zu legen, im Schoß seiner Mutter zu 
schlafen, der keuschen Gattin eines unermeßlich großen Gottes, der 
sich mein Vater nennt und dem ich nicht zu nahen wage." Was hier 
vom Dichter selbst analysiert wird, ist mehr, als der Traum an sich 
besagt, denn hier taucht eine Beziehung zum Ödipuskomplex auf, auf 
die wir im nächsten Abschnitt noch oft stoßen werden, nämlich die 
Vater = Gott-Identifizierung, die bei Strindberg ihr ganz besonders 
eigenartiges Gesicht zeigt. Aus dem Mai 1891" berichtet er noch von 
einem anderen Traum, der allerdings so unscharf wiedergegeben wird, 
daß man nur vermuten darf, daß er in denselben Zusammenhang ge- 
höre, wie der eben berichtete. Als er in einem Haus wohnt, wo ein 
Jugendfreund gewohnt hatte, der sich ertränkt hatte, träumt er sehr 
anschaulich von einem Teich. Doch wird leider nicht näher angegeben 
welche Rolle das Wassersymbol in jenem Traume spielte. Noch ein 
dritter Traum sei hier berichtet, der ebenfalls in den „Legenden" 18 eine 
Rolle spielt. 

10) Inferno — Legenden. S. 341. 11) Ola Hansso n. Erinnerungen S. 1733. 

12) Inferno — Legenden S. 400. 

— 373 — 



„Am folgenden Tag lenke ich die Schritte wieder nach Marais, und d 
der Mann (ein Freund) zu Hause ist, beginne ich die sechs Treppen * 
steigen. Als ich drei überwunden habe, die sich eng wie Turmtreppen 1 
einer Röhre schlängeln, erwacht eine Erinnerung an einen Traum und euT 
Wirklichkeit. Der Traum, der oft wiederkehrt, handelt von einer solche 6 
schraubenden, drängenden Treppe, in der ich krieche, bis ich ersticke, da 
sie immer enger wird. Das erste Mal kam mir mein Traum wieder |j 
Turm zu Putbus, und ich kehrte sogleich nach unten zurück ... Ich hab 
jetzt den bestimmten Eindruck: steige ich noch einmal hier herauf, dann 
sterbe ich." 

Da Strindberg so viel Wert auf die Aufzeichnung von Träumen 
legte, dürfte es fesselnd sein, eine kleine Abschweifung vom eigent- 
lichen Thema an dieser Stelle zu wagen. Gerade der psychoanalyti- 
schen Traumforschung muß diese erstaunliche Meinung lehrreich sein. 
In den „Legenden" 18 liest man: 

„Seit mehreren Jahren habe ich Aufzeichnungen über alle meine Träume 
gemacht, und idi bin zu der Überzeugung gekommen: daß der Mensch 
ein doppeltes Leben lebt, daß die Einbildungen, die Phantasien, die Träume 
eine Wirklichkeit besitzen. Wir sind alle geistige Schlafwandler und begehen 
im Traume Handlungen, die uns im wachen Zustande je nach ihrer Natur 
mit dem Gefühl der Befriedigung, dem bösen Gewissen, der Furcht vor den 
Folgen erfüllen. Und aus Gründen, die ich ein ander Mal darlegen will, 
glaube ich, daß die sogenannte Verfolgungsmanie oft einen guten Grund hat,' 
nämlich in der Gewissensqual nach schlechten Handlungen, die man im' 
.Schlaf begangen hat und von denen neblige Erinnerungen bei uns spuken. 
— Die Phantasien des Dichters, die beschränkte Seelen so verachten, sind 
Wirklichkeiten." 

Nun zurück zu unserer Betrachtung. Es gelang, das hauptsächliche 
traumatische Motiv in Strindbergs Entwicklung zu isolieren. Ein weiteres 
bleibt nun noch zu verfolgen, das seinen Ursprung unmittelbar im 
Ödipuskomplex nimmt, und ebenfalls den Wunsch zur Vereinigung 
mit der Mutter als Libidoobjekt erkennen läßt. Wir erfahren von 
einem Versuche, den der Junge unternahm, um die Liebe der Mutter 
mit einem Schlage für sich allein zu gewinnen. 

„Es ist nun einmal so, daß das eine Kind mehr Sympathie erringt, als 
das andere ; weshalb ist nicht zu entscheiden. Johann war niemandes Lieb- 
ling. Das fühlte er und das grämte ihn ; ... er wollte die Mutter gewinnen. 
Und er wurde zutunlich, betrug sich aber so plump dabei, daß er durch- 
schaut und zurückgestoßen wurde." 14 



Solche mißglückte Versuche unternahm der Knabe oft, und wir 
w erden sehen, warum sie mißglückten. Von allerschwerster Bedeutung 
für seine seelische Entwicklung wurde ein Erlebnis dieser Art, das 
Strindberg im „Sohn einer Magd" eingehend schildert und das sehr 
viele interessante Einzelheiten offenbart. 15 

B Als Johan abreisen wollte, sagte er zu Gustav (seinem Bruder): 

_ Wir wollen Mama einen schönen Blumenstrauß kaufen. 

__ Ja, das wollen wir. 

Als der Strauß fertig war, zog Johan seine Geldtasche und bezahlte ihn 
mit vierundzwanzig Schillingen. Gustav ließ sich nichts merken. 

Als Johan nach Haus kam, überreichte er den Strauß mit einem Gruß 
von Gustav. 

Die Mutter war gerührt. 

Beim Abendbrot erregten die Blumen die Aufmerksamkeit des Vaters. 

_ Die hat Gustav mir geschickt, sagte die Mutter. Er ist doch immer nett. 

Und Johan bekam einen traurigen Blick, denn er war so hart. 

Des Vaters Auge schimmerte unter der Brille. 

Johan empfand keine Bitterkeit. Die schwärmerische Opferlust des Jüng- 
lings hatte sich geäußert ..." 

Sein scheuer Versuch, der Mutter ein Geschenk zu machen, das sehr 
wohl die Kindbedeutung haben könnte, war mißlungen. Warum ver- 
zichtet aber der Knabe in so selbstquälerischer Weise darauf, sich als 
den Geber zu bekennen? Vielleicht hatte er ein böses Gewissen, da 
er versucht hatte, die Mutter für sich zu erobern, und die Furcht vorm 
Vater zwingt ihn, in dessen Gegenwart, den Verzicht zu leisten? Er 
spricht ja auch von schwärmerischer Opferlust! Dabei war es gar nicht 
einmal in erster Linie der Vater, der sich ihm in den Weg stellte, 
sondern eben jener Bruder, der Hysteriker. „Sein ältester Bruder war 
hysterisch . . . Dieser Bruder war der Liebling der Mutter ... Es ist 
nun einmal so, daß das eine Kind mehr Sympathie erringt, als das 
andere; weshalb, ist nicht zu entscheiden." 16 Er mußte also sehen, daß 
die Mutter trotz seiner sehnsüchtigen Werbung ihn mißverstand und 
einen andern mit ihrer Liebe bevorzugte, ihn verriet und übersah. 
Dabei hatte er nichts anderes verlangen wollen als ein wenig Achtung 
und Milde. Diese Enttäuschung hat sich in die Seele des Kindes ein- 

15) Der Sohn einer Magd. S. 87. 16) Der Sohn einer Magd. S. 13 ; vgl. Anm. 14. 

— 375 — 




gefressen und seine Charakterentwicklung verhängnisvoll bestimmt, jj 
dem sie zum Ausgang eines dauernden Gefühls des Zurückstehen 
müssens, ja der Unfähigkeit, das sich später in der fortwährend« 
Furcht vor der Impotenz auswirkte, wurde, so daß er, trotzdem l 
schon Kinder hatte, dennoch einen Arzt um Rat fragte. Mit Freu, 
und Marcinowski" zu sprechen: diese „narzißtische Narbe' 
wurde zur Ursache eines starken Minderwertigkeitsgefühls 
das ihn auch in den Phasen stärkster Produktivität nie ganz verließ 
Vor allem aber entspringt hier sein Eif ersuchtswahn. Die ent 
täuschte Liebe zur Mutter schafft sich in bitteren Haßanklagen Freiheit 
Die Polarität von Zärtlichkeit und Aggression tritt auf; und diese Haß i 
Liebe = Ambivalenz beherrscht später sein gesamtes Liebesleben. 

Im Alter von zehn Jahren verliebte sich der Knabe in die neun 
jährige Tochter des Rektors. Wie diese Liebe beschaffen war, erfahren 
wir im „Sohn einer Magd« : „Seine Liebe äußerte sich in einer stillen 
Melancholie. Er konnte niemals mit ihr sprechen und würde es nie gewagt 
haben. Er fürchtete sie und sehnte sich nach ihr. Aber wenn ihn je- 
mand gefragt hätte, was er von ihr wollte, so hätte er es nicht sagen 
können." Hier werden sogleich die ganz ähnlichen Züge offenbar, die 
seine Liebeswerbung um die Mutter auszeichneten. — Mit etwa zwölf 
Jahren erwacht seine Sexualität zum Bewußtsein. „Sein frühreifer 
Kampf gegen die Begierden, indem er ihnen bald nachgibt und sie 
bald durch Askese überwindet, beunruhigt sein ganzes Dasein und 
bringt sein seelisches Leben aus dem Gleichgewicht. Der Geschlechts- 
trieb in seiner idealen Form, das Weib und die Liebe, bindet ihn 
schon jetzt. Seine neue Flamme ist eine Zwanzigjährige, der er seine 
trübsinnige Madonnenverehrung widmet. " ,8 Madonnen verehrung 
ist in der Tat der rechte Begriff für diese Art von Liebe, denn vor 
allem das Mütterliche kommt darin zum Ausdruck. Auch das Opfer 
taucht wieder auf, das er der Mutter brachte. Er möchte sich opfern, 
indem er sich im See ertränkt, aber - und das ist bezeichnend - 
nur in Gegenwart der Geliebten. Auch hier eine Liebe ohne Begierde, 
ohne Aktivität und ohne Hoffnung, aber mit dem passiven Wunsch,' 
beachtet zu werden. Auch hier ein Unverstandensein. 



17) Vgl. Freud, Ein Kind wird geschlagen. Ges. Sehr. Bd. V, S. 361. 
18) Nils Erdmann, Strindberg. S. 86. 



— 376 — 







Nach der Konfirmation wird er von einer schwärmerischen Neigung 
z u einer Kellnerin ergriffen, die eine solche durchaus nicht verdiente 
u nd ihn dauernd betrog, ihn selbst dagegen nicht erhörte. Seine unter- 
drückten sexuellen Regungen machten sich in quälenden Träumen Luft 
und es ist überaus fesselnd zu lesen, in welcher Weise Strindberg 
über diese Träume spricht: „Alle diese Träume sind ungesunde Hal- 
luzinationen, durch unbefriedigte Triebe erzeugt, und sie werden ein- 
mal verschwinden. Dann werden die Menschen verständiger und glück- 
licher sein." Es ist wirklich so, wie Nils Erdmann meint, daß Strind- 
berg hier Freud antizipiert hat. 19 — Diese kleinen Liebeserlebnisse 
aber sind, so ausgeprägt ihre Eigenart schon ist, nur Vorspiele zu den 
Strindbergschen Ehetragödien. 

Mit 28 Jahren (1877) heiratet er die Baronin Wrangel, geb. Siri 
von Essen, die er 1875 kennengelernt hatte, und die sich seinetwegen 
von ihrem Manne scheiden ließ. Das erste, was an ihr Strindberg fesselt, ist 
ihr Madonnenkopf mit dem goldgelben Haar. Diese erste Ehe 
schildert Strindberg selbst in der „Beichte eines Toren" (1888); weitere 
Aufklärung findet man in dem Briefwechsel von der Ehe „Er und 
Sie". Jaspers bezeichnet die „Beichte eines Toren" als klassische Schil- 
derung eines psychiatrisch gut bekannten Typus von Eifersuchtswahn. 20 

Freud hat in seiner Schrift „Jenseits des Lustprinzips" geäußert: 
„Was die Psychoanalyse an den Übertragungsphänomenen der Neu- 
rotiker aufzeigt, kann man auch im Leben nicht neurotischer Personen 
wiederfinden. Es macht bei diesen den Eindruck eines sie verfolgenden 
Schicksals, eines dämonischen Zuges in ihrem Leben . . ." 21 Diese Er- 
scheinungen zeigen sich auch bei dem narzißtischen Neurotiker Strind- 
berg in großer Schärfe ; sie resultieren aus den libidinösen infantilen 
Beziehungen zur Mutter. Jede Liebesbeziehung zu einer geliebten Frau 
nimmt für ihn ganz zwangsläufig den gleichen Ausgang. Er versucht, 
die geliebte Frau allein zu besitzen, er fürchtet Rivalen, fühlt sich von 
ihr betrogen und nicht verstanden, mißachtet und verfolgt. Jede der 
drei Ehen endet mit Scheidung, wobei die letzte von sehen der Frau 
gelöst wurde. Diese beinahe unheimlich zu nennende Wiederkehr des 
ewig Gleichen mutet seltsam an. — Es wird nun darauf ankommen, 

19) Nils Erdmann. Strindberg. S. 101. 20) Jaspers. S. 15. 
21) Freud. Ges. Schriften Bd. VI, S. 208 ff. 

— 377 — 



die Konflikte dieser Ehe darzustellen. Wie bei seinen ersten Liebe 
erlebnissen ist auch hier sofort das eine zu erkennen : er suchte nichts 
anderes in der Frau als die Mutter; seine Neigung ist nach seiner 
eigenen Überzeugung zunächst gar nicht auf Sinnlichkeit gegründet. D a 
heißt es noch lange vor der Hochzeit von seinen Empfindungen : „Sie 
verkörperte also die jungfräuliche Mutter, die ich in ihr geahnt hatte 
das war alles gerade so, wie ich es mir in meiner Jugend eingebildet 
hatte ; damals flößte mir ein junges Mädchen nur Verehrung ein, ohne 
jemals meine sinnlichen Triebe zu erregen." Die Ehe ist ein über- 
flüssiges Band, ein Hemmnis, deshalb behält auch Strindberg seine 
Frau nach der Scheidung als seine Geliebte. Die reine Mutter, die 
Immaculata ist also sein Idealbild der Frau. Er wendet sich von ihr 
ab, wenn sie sich von diesem Ideal reiner Mutterschaft abkehrt. Das 
ist schließlich nichts anderes, als das Erleben seiner Kindheit. Er sucht 
die Mutter für sich zu gewinnen und an diesem Mutter-Kind- Verhält- 
nis sollte nicht gerüttelt werden. Die Mutter aber beachtete diese 
Forderung nicht, „betrog" ihn mit dem Bruder und dem Vater. Es ist 
denkbar, daß durch die Beobachtung liebesmäßiger Beziehungen zwi- 
schen den Eltern und zwischen Mutter und Bruder seine Verach- 
tung der Frau als Emanzipierter begründet wurde. Denn in der 
Emanzipation, d. h. der Entfernung der Frau vom natürlichen, 
mütterlichen Ideal, sah Strindberg nichts anderes als eine besondere 
Art der Dirn enhaf tigke it, der Pros t i tu ti o n, eine Einstel- 
lung, die sehr gut aus infantilen Reflexen herzuleiten wäre. Sehr selt- 
sam ist auch seine zeitweilige Neigung, dieses Madonnenbild zu be- 
schmutzen; sie dürfte möglicherweise einen Haßausbruch gegen die 
mütterliche Betrügerin der Kindheit bedeuten: „Ich berausche mich an 
derben Worten, an Worten der Entweihung, die ich gegen die 
Madonna schleudere; das ist das Krankhafte meiner unbefriedigten 
Begierde." 28 Er befreit sich von der Madonna, indem er eine 
Dirne aufsucht. Es ist dabei interessant, daß Strindberg das 
Zwanghafte seiner Madonnenneigung zuweilen selbst verspürt 
und den Versuch unternimmt, sich dagegen zu wehren. Hierin wird 
aber zugleich eine sehr merkwürdige Ambivalenz ausgesprochen. Ob- 
wohl er nämlich vor alle m darauf bedacht ist, die mütterliche Liebe 
22) Beichte eines Toren. S. 43. 23) Beichte eines Toren. S. 58. 

— 378 — 



j er Frau zu gewinnen, ist es gerade dieses mütterliche Element, das er 
m it der Zeit zu fürchten beginnt. Denn er erlebt : so, wie die Mutter 
m it dem Kinde spielt, so spielt die mütterliche Frau mit dem Manne, 
<}er ihr nur Kind sein will. Wie die Mutter, so suggeriert auch die 
Frau ihm jenes Verpflichtungsgefühl, das bindet, d. h. das fortwährende 
Bewußtsein einer unauslöschlichen Dankesschuld. Nach einer Spanne 
glücklichster Illusion empfand Strindberg stets dieses Gefühl als uner- 
träglich. In der höchsten Ausprägung dieser Eigenart wird das Weib 
jhro zum Vampir, zum Tyrannen, das, wie die Mutter, das Recht des 
gindes auf eigene Persönlichkeit nicht anerkennen will, sondern es 
widerspruchslos besitzen will. Das ist die Hauptgrundlage des Kampfes 
der Geschlechter, den Strindberg als unumgänglich erkennt. Der nach- 
haltigste Beweis für das Verhaftetsein Strindbergscher Liebesbeziehungen 
in infantilen, unbewußten Erlebnissen, dürfte durch das folgende Zitat 
erbracht werden. In dem Drama „Der Vater" bezweifelt der Ritt- 
meister die Echtheit seiner Nachkommenschaft, da seine Frau ihrer 
eigenen Mütterlichkeit gespottet hatte, um den Mann dem Wahnsinn 
auszuliefern. Er bricht in Tränen aus und es entwickelt sich folgendes 
aufschlußreiches Gespräch : 2 * 

Laura : Weine nur, mein Kind, deine Mutter ist bei dir. Erinnerst du 
dich, daß ich, als deine zweite Mutter, zuerst in dein Leben eintrat ? Deinem 
großen, starken Körper fehlten die Nerven, und du warst ein Riesenkind, 
das entweder zu früh zur Welt gekommen oder vielleicht nicht er- 
wünscht war. 

Der Rittmeister : Ja, so war es wohl ! Vater und Mutter wollten mich nicht 
haben, und darum wurde ich ohne Willen geboren . . . Ich, der ich in der 
Kaserne, vor der Truppe der Befehlende war, ich war bei dir der Ge- 
horchende ; ich wudis an dir fest, sah zu dir hinauf, wie zu einem höher 
begabten Wesen ; ich gehorchte dir, als sei ich dein unverständiges Kind. 

Laura : Ja, so war es damals, und darum liebte ich didr wie ein Kind. 
Aber weißt du, du hast es wohl gesehen, jedesmal, wenn deine Gefühle 
ihre Natur änderten und du als mein Geliebter vor mir standest, da 
schämte ich mich, und deine Umarmung war mir eine Freude, der Gewis- 
sensbisse folgten, als hätte das Blut Scham gefühlt. Die Mutter wurde 
Geliebte! 

Der Rittmeister : Ich habe es gesehen, aber nicht verstanden. Und wenn 
ich glaubte, Verachtung meiner Unmännlichkeit bei dir zu lesen, wollte ich 
dich als Weib dadurch gewinnen, daß ich Mann war. 

24) Naturalistische Dramen. S. 50 ft. 

— 379 — 




Laura ; Ja, aber darin lag der Irrtum. Die Mutter war dein Freun 
siehst du, aber das Weib war dein Feind, und die Liebe zwischen de 
Geschlechtern ist Kampf. 

Es ist in diesem kurzen Dialog beinahe alles enthalten, was bishe 
zu analysieren gelang ; es ist darüber hinaus jedoch noch ein Zug voi 
größter Wichtigkeit da, der auf den Ödipuskomplex unmittelbar hin 
deutet, nämlich das Inzestmotiv und die Begründung der Inzestscheu 
zugleich aber auch noch die Quelle des Unzulänglichkeitsgefühls, dei 
Impotenz geradezu, die Kastrationsfurcht, die aus der Bedrohun; 
durch den Vater als Rivalen notwendig entstehen mußte. Dadurch 
daß die Frau dem Manne die Echtheit der Nachkommenschaft zwei 
felhaft macht, sein Kind gewissermaßen zurückweist, (wie seinerzeit di< 
Mutter das Blumengeschenk), muß sein Glaube an seine männlichs 
Fähigkeit erschüttert werden. Einige Zeilen nach dem obenzitierten Ge- 
spräch wird noch einmal deutlich auf die Kastration durch Abhauen 
eines wichtigen Körpergliedes hingewiesen: 85 „Nun, wo ich die Hand 
ausstrecken wollte, um die Frucht entgegenzunehmen, haust du mii 
den Arm ab. Jetzt bin ich ehrlos und kann nicht länger leben, denn 
ein Mann kann nicht leben ohne Ehre." Wir wissen, daß Strindberg 
in der Tat, obwohl er schon Kinder gezeugt hatte, von der Furcht, 
impotent zu sein, dazu getrieben wurde, einen Arzt zu konsultieren. 
Im nächsten Kapitel muß in anderem Zusammenhang noch einmal von 
diesen Zusammenhängen gesprochen werden. 

Jetzt aber zurück zu den Verhältnissen der ersten Ehe Strindbergs. 
Die außerordentlich stark auftretende Eifersucht Strindbergs gegen Siri 
entbehrte gewiß nicht ganz der Ursache, denn sie war ihm in gewis- 
sem Sinne wirklich untreu. Sie besaß zweifellos stark homosexuelle 
Neigungen, bei deren Betätigung sie von ihrem Mann auch mehrmals 
überrascht worden ist, wenn wir den Aufzeichnungen in der „Beichte 
eines Toren" in diesem Punkte Glauben schenken dürfen. Es findet 
sich dort eine große Zahl von Stellen, die darauf hindeuten ; S8 zum 
Teil erscheint der Verdacht jedoch aus der Luft gegriffen. Allein, 
diese Gründe könnten auch keineswegs genügen, die maßlose Eifer- 
sucht Strindbergs voll zu erklären und voll begreiflich zu machen. 

25) Naturalistische Dramen. S. 52. 

26) Beichte e. T. S. 256 f., 263 f., 274!, 353, 356, 383 usw. 

— 380 — 




Strindbergs Eifersucht nahm stets übersteigerte Formen an; es be- 
herrschte ihn, wie Jaspers meint, „ein typischer Eifersuchtswahn als ein 
zeitweise in den Vordergrund tretendes Hauptsymptom, aber nicht ein- 
ziges Symptom einer aus inneren unbekannten Ursachen wachsenden 
Geisteskrankheit". 27 Es ist -die Neigung, sich immer in der Lage des 
Betrogenen und Abgewiesenen sehen zu müssen, die der Stachel seiner 
Eifersucht ist, ein Reflex seiner infantilen Enttäuschung, eine Art der 
Selbstquälerei, die mit dem sadistischen Trieb, der es auf die Schädi- 
gung des Objekts absieht, eng verbunden ist. Immer ist sein Liebes- 
erleben beherrscht von jener Haß = Liebe = Ambivalenz, die wir schon 
an seiner Neigung zur Mutter entdecken konnten. „Und je mehr ich 
unter den Unarten meiner Mänade leide, desto mehr bemühe ich mich, 
den Kopf der heiligen Maria mit einem Heiligenschein zu vergolden; 
je mehr die Wirklichkeit mich niederzieht, desto mehr begleiten mich 
die Halluzinationen, die ich mir von der geliebten Frau mache"." 8 
Unter Untreue der Frau versteht er schon jede Wegwendung vom 
Mutterideal ; das rein erotische Moment spielt bei ihm stets, wie gezeigt 
wurde, eine untergeordnete Rolle. Die stärkste Abkehr des Weibes 
von den natürlichen Pflichten bedeutet all das, was die Zeit Strind- 
bergs und Ibsen als „Emanzipation der Frau" zusammengefaßt haben. 

(Fortsetzung und Sdiluß 
folgen im nächsten Heft) 



läge 



jt 



Im Verlag Franz Deuticke, Wien ist soeben die achte Auflage der 
.Traumdeutung" von Sigm. Freud erschienen. Die erste Auflage ist 
bekanntlich im Jahre 19OO erschienen und es folgte 1909 die zweite, ig 11 
die dritte, 1914 die vierte, 191g die fünfte, 1921 die sechste, 1922 die 
siebente. Bis einschließlich die fünfte wiesen alle Neuauflagen Zusätze und 
Ergänzungen gegenüber der vorhergegangenen auf, die sechste und siebente 
Auflage wichen von der fünften nicht ab. Im Jahre 1925 erschienen jene 
beiden Bände der Freud-Gesamtausgabe (im Internationalen Psychoanalytischen 

k Verlag), in denen die „Traumdeutung" enthalten ist : der II. und der EI. Band. 



27) Jaspers S. 160. 28) Beichte e. T. S. 279. 

— 381 — 



1 



Hier, in der Gesamtausgabe, wurde bei der Wiedergabe der „Traumdeutun 
ein historischer Modus insofern befolgt, als im II. Band die Ursprung];, 
erste Auflage unverändert abgedruckt wurde (also sozusagen die „Ur-Trau 
deutung"), und daß im III. Band alle Zusätze und Ergänzungen enthalt 
waren, die seit der l. Auflage hinzugetreten sind. Dabei sind noch einj 
ganz neue Zusätze und Ergänzungen, die auch in den sieben Auflagen 4 
Einzelausgabe nicht enthalten waren, hinzugekommen. Die „Traumdeutun 
der Gesamtausgabe stellt also gewissermaßen eine „siebeneinhalbte", ergän; 
(allerdings historisch in 2 Bestandteile zerlegte) Auflage dar. In der soeben 1 
schienenen achten Auflage der Einzelausgabe sind jene in der Gesamtausga 
hinzugetretenen kleineren Zusätze schon eingearbeitet und an einigen Stell 
sind noch weitere kleinere Zusätze hinzugekommen. Doch auch in di es 
Revision der Traumdeutung hat Freud, wie er im Vorwort jetzt schreil 
das Werk im Wesentlichen als historisches Dokument behandelt und n 
solche Änderungen an ihm vorgenommen, als ihm durch die Klärung U1 
Vertiefung seiner eigenen Meinung nahegelegt waren. 

Einige der kleinen Einschaltungen, die in der 8. Auflage zu dem j 
IL und HI. Band der Gesamtausgabe wiedergegebenen Text nun neu hinz 
gekommen sind, wollen wir hier anführen. 

Im IL Kapitel, an der Stelle wo Freud die Hoffnung ausspricht, daß 1 
anfängliche Interesse des Lesers an den notgedrungenen Indiskretionc 
des eigenen Träume deutenden Autors schließlich einer Vertiefung in c 
psychologischen Probleme Platz machen wird (8. Auflage S. 74, Ges. Sei 
IL S. 108), ist nun der Satz hinzugefügt : „Immerhin will ich es nicht unts 
lassen, in Einschränkung des oben Gesagten anzugeben, daß ich fast niemi 
die mir zugängliche vollständige Deutung eines eigenen Traumes mitgete 
habe. Ich hatte wahrscheinlich Recht, der Diskretion der Leser nicht zuvi 
zuzutrauen." 

Und ähnlich heißt es am Schluß der Deutung des „Traumes von Irm; 
Injektion" (8. Auf!,, S. 82, Ges. Sehr. IL 122), daß „ich, wie begreiflic 
nicht alles mitgeteilt habe, was mir zur Deutungsarbeit eingefallen ist." 

Im IV. Kapitel finden wir dort, wo davon die Rede ist, daß die peil 
liehen Träume etwas enthalten, was der zweiten Instanz tatsächlii 
peinlich ist, was aber gleichzeitig einen Wunsch der ersten Instanz erfüll 
daß die peinlichen Träume insofern Wunschträume sind, als ja jeder Traui 
von der ersten Instanz ausgeht, die zweite sich nur abwehrend gegen de 
Traum verhält (8. Aufl., S. 101, Ges. Sehr. IL 148), jetzt auch die Fußnot« 
„Späterhin werden wir auch den Fall kennen lernen, daß im Gegenteil 
der Traum einen Wunsch dieser zweiten Instanz zum Ausdruck bringt." 



— 382 






In der Analyse der Romträume werden die Rombekämpfer und Alpen- 
überwinder Hannibal und Napoleon durch infantile Phantasien in Parallele 
gebracht, wobei auch auf das Judentum des napoleonischen Marschalls 
jvlassena angespielt wird (8. Aufl., S. 137, Ges. Sehr. II. S. 198). Freud 
fügt jetzt hinzu : „Die jüdische Abstammung des Marschalls wird übrigens 
bezweifelt." 

Hier sei noch eine Bemerkung erlaubt. Freud hat (man vgl. Ges. Sehr. III. 
S. 39) für die Bevorzugung Massenas in seinen infantilen Phantasien als 
möglicherweise mitdeterminierendes Motiv „auch den Zufall des gleichen 
Geburtsdatums genau hundert Jahre später" angegeben. Andre Manasse, der 
spätere Marschall unter dem Namen Massena, bezw. Herzog von Rivoli, 
wurde jedoch am 6. Mai 1758 geboren, also zwar am selben Tage des 
Jahres wie Freud, jedoch nicht rund 100, sondern 98 Jahre vorher. 

Bei der Analyse des sogenannten „revolutionären Traumes" taucht im 
Zusammenhang mit der Auflösung des Elementes „Huflattich" auf dem As- 
soziationswege über „flatus" der Sieg der Engländer über die Armada und 
die Inschrift der englischen Denkmünze auf. Freud zitierte : „Flava et dissipaü 
sunt" und vermerkt dann 1925 (vgl. 8. Aufl. S. 147, Ges. Sehr. III. S. 39), 
daß Witteis ihm vorhält, in jenem Denkspruch den Namen Jehovah aus- 
gelassen zu haben. Nun kann Freud noch hinzufügen : „Auf der englischen 
Denkmünze ist der Gottesnamen in hebräischen Buchstaben enthalten, und 
zwar auf dem Hintergrund einer Wolke, aber in solcher Art, daß man ihn 
ebensowohl zum Bild als zur Inschrift gehörig auffassen kann." 

In dem Exkurs über den Charakter Hamlets (8. Aufl. 182 f., Ges. Sehr. 
II. 267 f. u. III, 47) wird auch angeführt, daß das Drama unmittelbar nach 
dem Tode von Shakespeares Vater gedichtet worden ist und daß des 
Dichters früh verstorbener Sohn den Namen „Hamnet" trug. Dazu fügt jetzt 
Freud in der 8. Auflage hinzu : „An der oben gemachten Voraussetzung, 
daß der Autor der Werke Shakespeares der Mann aus Stratford war, bin 
ich seither allerdings irre geworden." 

An einer Stelle des Kapitels über die „Traumarbeit" (8. Aufl. S. 227, 
Ges. Sehr. II. S. 329) berichtet Freud, einmal einen Traum gehabt zu haben, 
der ihm nach dem Erwachen so besonders gut gefügt, lückenlos und klar 
erschien, daß er es erwog, eine Kategorie von „Phantasien während 
des Schlafens" zuzulassen, die nicht dem Mechanismus der Verdichtung 
und Verschiebung unterliegen. Aber „nähere Prüfung ergab, daß dieser rare 
Traum dieselben Risse und Sprünge in seinem Gefüge zeigte, wie jeder 
andere ; ich ließ darum die Kategorie der Traumphantasie wieder fallen." 
In der 8. Auflage nunmehr der Zusatz : „Ich weiß heute nicht, ob mit Recht." 

— 383 — 



Dem Satz „Die Angst ist ein libidinöser Impuls, der vom Unbewußten 
ausgeht und vom Vorbewußten gehemmt wird" (8. Aufl. S. 232, Ges. Schi- 
ll- 333) fügt Freud jetzt hinzu: „Dieser Satz hält neueren Ansichten nicht 
mehr stand." 

An einer Stelle, wo flüchtig darüber die Rede ist, ob „Straf träume" 
eigentlich auch zu den „Wunscherfüllungsträumen" gezählt werden können 
8. Aufl. 324 f., Ges. Sehr. III. 141 f.), ist jetzt folgende Fußnote neu: „Seitdem 
die Psychoanalyse die Person in ein Ich und ein Über-Ich zerlegt hat 
(Massenpsychologie und Ich-Analyse, 192 0, ist es leicht, in diesen Straf- 
träumen Wunscherfüllungen des Über-Ichs zu erkennen." 

Und ähnlicherweise steht auch bei der ausführlicheren Behandlung des 
unlustvollen Materials im Traume und der Strafträume (8. Aufl. S. 380 f. 
Ges. Sehr. III. S. 162) jetzt die Bemerkung: „Hier ist die Stelle für die 
Einfügung des später von der Psychoanalyse erkannten Über-Ichs." 

Der Terminus „Gegenbesetzung" dürfte bisher in der „Traum- 
deutung" nicht vorgekommen sein. Nun fügt Freud dieses Wort in der 
8. Auflage ausdrücklich ein, wo vom entsprechenden Vorgang sdion von 
'eher, d. h. von der 1. Auflage an die Rede war. Bei der Behandlung der 
Affektverwandlung des Traumes wird (auf S. 412 der 8. Aufl., Ges. Sehr. 
II. S. 522) den Worten „es kommt dann zum Abwehrkampf, indem das 
Vbw den Gegensatz gegen die verdrängten Gedanken verstärkt" in Klammern 
hinzugefügt: „Gegenbesetzung". 

Schließlich sei über die 8. Auflage noch erwähnt, daß sie auf die beiden 
Aufsätze „Traum und Dichtung" und „Traum und Mythus", die Otto Rank 
zu den früheren Auflagen beigesteuert hat, verzichtet hat, ebenso auch darauf, 
die Bibliographie der Traumprobleme aus den früheren Auflagen fort- 
zuführen. Neben der — die Vollständigkeit immerhin annähernden — Biblio- 
graphie der Traumliteratur bis 1900 mit mehr als 250 Titeln ist in einer 
zweiten Gruppe nur noch eine Auswahl aus den seitherigen, Erscheinungen 
angeführt, die allerdings auch fast ebensoviel Titel aufweist. 

Und noch eine typographische Feststellung über die 8. Auflage. 
Die Traumtexte sind nicht mehr im Sperrsatz gedruckt. Der sich über viele 
Zeilen erstreckende Sperrsatz hatte nicht nur eine unbegründete Raumver- 
schwendung bedeutet, sondern die Lesbarkeit empfindlich beeinträchtigt. Die 
Träume sind nun in Schrägschrift gesetzt, womit eine Angleichung an die 
mittlerweile entstandenen Usancen der psychoanalytischen Veröffentlichungen 
erzielt ist. A. J. St. 



Illlllltllll 



ililllllllllllllllllllllllBI 



384 



Beitrag zur Bibliographie 






Zusammengestellt von A. JF. Storfea* 

„Die großen Schriftsteller, überhaupt die anerkannten Großen in der Welt- 
geschichte sind für eingehendes Studium schon deshalb besonders geeignet, 
weil sie über allen Anklagen stehen. Sie sind von vornherein des Freispruchs 
sicher infolge der Bedeutung, der großen Rolle, die ihnen zugefallen ist. 
Wie immer auch sie in der Nähe erscheinen mögen, sie sind im Rechte, zu 
beredt zeugen für sie ihre Werke — monumenta aere perenniora. Und wenn 
wir vom Durchschnittsmenschen mit Nachsicht zu reden geneigt sind, und auf 
seine Fehler, oder das, was gemeiniglich seine Fehler genannt wird, durch 
die Finger sehen, so können wir an die Großen offenen Auges herantreten 
und brauchen nicht zu fürchten, ihre Eigenschaften und Eigenheiten beim 
richtigen Namen zu nennen. Was täte es, wenn sich bei Alexander von Maze- 
donien auch Feigheit auffände, bei Plato und Aristoteles auch Unwissenheit 
und Oberflächlichkeit, beim heiligen Augustin auch Ungläubigkeit ! Wie 
schlicht und ruhig berichtet doch das Evangelium, daß der Apostel Petrus 
sich in einer einzigen Nacht dreimal von Christus losgesagt habe. Und dies 
hat ebensowenig die Menschheit daran gehindert, ihm in Rom einen herr- 
lichen Tempel zu errichten, wie es unzählige Millionen von Gläubigen da- 
von nicht abhält, ehrfurchtsvoll den Fuß seiner Statue zu küssen, ja, seine 
Stellvertreter gelten noch heute als unfehlbar . . . Die Mängel der Großen 
der Menschheit können ihnen nicht als persönliche Mängel angerechnet 
werden ; die Armut dieser Reichen ist eine allmenschliche, man möchte sagen, 
kosmische Armut. Enthüllungen und Anklagen sind da schlecht angebracht. 
Hinter dieser Armut ruht ein großes Geheimnis, dem sich zu nahen, ein 
ewiges Bedürfnis der Sterblichen ist . . . 

Leo Schestow. (Aus dem VI. Band der russi- 
schen Ausgabe übersetzt von Max E i t i n g o n.) 

Amenhotep 

Karl Abraham: Amenhotep IV (Echnaton). Psychoanalytische Beiträge 
zum Verständnis seiner Persönlichkeit und des monotheistischen Aton-Kultes. 
Imago I (1912), 334—360. 

Hosea 

Adolf A 1 1 w o h n : Die Ehe des Propheten Hosea in psychoanalytischer 
Beleuchtung. Verlag Töpelmann, Gießen 1930. (Diese Untersuchung kann 
nur mit Einschränkung als psychoanalytisch bezeichnet werden. Man vgl. das 
Referat von Grab er in Imägo XIV, 1928, 542 f.) 

Cornelia 

S. Ferenczi: Cornelia, die Mutter der Gracchen. Int. Zeitschr. f. PsA. 
V (1919) 117 — 120. Enthalten auch in: Ferenczi, Populäre Vorträge über 
Psychoanalyse. Int. PsA. Verlag, Wien 1922. 



PsA. Bewegung 



385 



26 



Caligiala 

Hanns Sachs: Bubi — Das Leben des Caligula. J. Bard, Berlin M 

Alexander der Gro^e 

William Boven: Alexander der Große. Imago VIII (1922) 418—4 
L. Pierce Clark: Alexander the Great. The PsA. Review X (1923) 56 3 | 
Man vgl. auch die von M. Eitingon (im Zentralb], f. PsA. II, M 
415 f-) übersetzte Stelle von Leo S c h e s t o w über „Alexander und Diogenes! 



Oskar Pfister: Die Entwicklung des Apostels Paulus. Imago VI (109, 
243—290. V y ^ 

Mohanied 

O. Berkeley-Hill: A short study of the Iife and character 
Mohamed. Int Journ. of PsA. II (1921) 31—53. 

ILeonardo da Vinci 

Sigm. Freud: Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci. (Schrifter 
z. angew. Seelenkunde VII), Verlag Deuticke, Wien 1910, 2. Aufl io 1Q 
3. Aufl. 1923. — In Gesamm. Schriften, Bd. IX, S. 371—454. 

Oskar Pfister: Kryptolalie, Kryptographie und unbewußtes Vexierbild 
bei Normalen. Jahrb. f. psa. u. psychopath. Forsch. V (1913) S. 146 ff. 

Rudolf Reitler: Eine anatomisch-künstlerische Fehlleistung Leonardos 
da Vinci. Int. Zeitschr. f. PsA. IV (1916) 205-207. (Dieser Beitrag und de. 
vorangegangene von Pfister wurde von Freud in der 2. Aufl. seiner Leo- 
nardo-Studie bereits verwertet.) 

J. Harnik: Ägyptologisches zu Leonardos Geierphantasie. Int. Zeitschr 
f. PsA. VI (1920) 362. 

Andrea del Sarto 

Ernest Jones: Andrea del Sartos Kunst und der Einfluß seiner Gattin. 
Imago II (1913) 468—480. — Englisch im Sammelband : Jones, Essays in 
Applied Psycho-Analysis. London 1923. 

Cellini 

I. Hermann: Benvenuto Cellinis dichterische Periode. Imago X (19241 
418—423. l ' 

Dürer 

Alfred Winterstein: Dürers Melancholie im Lichte der Psychoanalyse. 
Imago XV (1929) 145 ff. — Auch in Buchform im Int. PsA. Verlag, 1929. 

Dante 

Alice Sperber: Von Dantes unbewußtem Seelenleben. Imago ffl (1914) 
205—249. 

Fritz Witt eis: Le grand amour. Die psa. Bewegung. I (1929) 242 ff. 

— 386 — 



«1 



eare 

Auf die Zusammenstellung der auf Shakespeare bezüglichen vielen Ab- 
handlungen und Stellen in der psychoanalytischen Literatur wird hier ver- 
zichtet, sie soll in dieser Zeitschrift später einmal gegeben werden. Übrigens 
beschäftigt sich die psychoanalytische Shakespeare-Literatur fast ausschließlich 
mit dem Werk des Dichters, nicht mit seiner Persönlichkeit selbst, was an- 
gesichts des Dunkels, das um die Person schwebt, leicht begreiflich ist. 

Rlargaretha Ebner 

Oskar Pf ist er: Hysterie und Mystik bei Margaretha Ebner (1291 bis 
1351). Zentralbl. f. PsA. I (1911) 468—485. — Auch enthalten in: Pf ist er, 
Religiosität und Hysterie. Int. PsA. Verlag. Wien 1928. 

Jakob Böhme 

Arthur K i e 1 h o 1 z : Jakob Böhme. Ein pathographischer Beitrag zur 
Psychologie der Mystik. (Schriften z. angew. Seelenkunde XVII) Wien 1919. 

Swedenborg 

E. Hit seh mann: Swedenborgs Paranoia. Zentralbl. f. PsA. III (1913) 
32—36. 

Zinzendorf 

Oskar Pf ister: Die Frömmigkeit des Grafen von Zinzendorf. (Schrift. 
z. angew. Seelenkunde VIII) Verlag Deuticke, Wien 1910, 2. Aufl. 1925. 

Hiezu noch folgende Polemiken (Repliken) : 

P f i s t e r : Hat Zinzendorf die Frömmigkeit sexualisiert. Zeitschr. f. Relig.- 
psych. V (1911). 

Pf ist er: Zinzendorfs Frömmigkeit im Lichte Gerhard Reicheis und der 
Psychoanalyse. Schweiz, theol. Zeitschr. 1911. 

J. Binggeli, A. Unternährer 

Hermann Rorschach: Zwei schweizerische Sektenstifter. Imago XIII 
(1927) 395 ff. — Auch in Buchform: Int. PsA. Verlag, Wien 1927. 

Sousseau 

Rene Laforgue: Etüde sur Jean- Jacques Rousseau. Revue Franc, de PsA. I 
(1927) 370 ff. — Deutsch in Imago XVI (1930) 146 ff. — Deutsch auch in Buch- 
form: Int. PsA. Verlag, Wien 1930. 

Pascal 

I. Hermann: Zwei Überlieferungen aus Pascals Kinderjahren. Imago XI 
(1925) 246—351. 

Comite 

Phyllis Blanchard: A psychoanalytic study of Auguste Comte. Americ. 
Journ. of Psychology. XXIX (1918). — (Ich kann — da mir diese Abhand- 
lung nicht zugänglich war — nicht feststellen, ob sie sich mit Recht als 
psychoanalytisch bezeichnet). 



387 



26» 




Goethe 

Sigm. Freud: Eine Kindheitserinnerung aus „Dichtung und Wahrheit" 
Imago V (1917) 49-57. Ges. Sehr. Bd. X. — (Dazu vgl. — wenn auch 
nicht auf Goethe bezüglich : H ä r n i k, Zum Hinauswerfen von Gegenständen 
aus dem Fenster durch kleine Kinder. Int. Zeitschr. f. PsA. VI, 1920, 160 f) 

J. Härnik: Psychoanalytisches aus und über Goethes „Wahlverwandt- 
schaften". Imago I (1912) 507—518. 

J. Härnik: Nachtrag zur Kenntnis der Rettungsphantasie bei Goethe 
Int. Zeitschr. f. PsA. V (1919) 120 f. 

I. Hermann: Die Regression zum zeichnerischen Ausdruck bei Goethe 
Imago X (1924) 431—433- 

Theodor Reik: Warum verließ Goethe Friederike? Imago XV (1929) 
400rf u. in Buchform: Int. PsA. Verlag, Wien 1930. 

Philipp Sarasin: Goethes Mignon. Imago XV (1929) 349 ff u. in Buch- 
form: Int. PsA. Verlag, Wien 1930. 

Schiller 

Otto Rank: Das Inzestmotiv. Verlag Deuticke, Wien 1912. 2. Aufl. 1926. 
(An vielen Stellen des Buches). 

Hanns Sachs: Schillers Geisterseher. Imago IV (1915) 69—95, H5— 179. 
— Auch enthalten in : Sachs, Gemeinsame Tagträume. Int. PsA. Verlagi 
Wien 1924. 

Körner 

O. Rank: Das Inzestmotiv. 2. Aufl. Wien 1926. 579 ff. 



I. Sadger: Heinrich Kleist. Eine pathographisch-psychologische Studie 
(Grenzfr. d. Nerv.- u. Seelenleb., H. 75.) Bergmann, Wiesbaden 190g. 

Ernest Jones: Das Problem des „Gemeinsamen Sterbens", namentlich 
mit Bezug auf den Selbstmord Heinrich von Kleists. Zentralbl. f. PsA. I 
(1911) 563—567. Englisch enthalten: Jones, Essays in Applied Psycho- 
Analysis. London 1923. 

Hellmuth Kaiser: Kleists Prinz von Homburg. Imago XVI (1930) 
S. 119 ff. (Man vgl. dazu auch Hermann Runge: Primaner Kurt spielt 
den Prinzen von Homburg. Zeitschr. f. psa. Pädagogik IV, 1930, Heft 6/7.) 

Lenaw 

I. Sadger: Aus dem Liebesleben Nikolaus Lenaus. (Schrift, z. angew. 
Seelenk. VI). Verlag Deuticke, Wien 1909. 2. Aufl. 1925. 

De la Motte Fouque 

Emil Lorenz: Die Kindheitserinnerungen des Barons de la Motte 
Fouque. Imago II (1913) 513—519. 



— 388 — 




0ebbel 

I. S a d g e r : Friedrich Hebbel, ein psychoanalytischer Versuch (Schriften 
z. angew. Seelenk. XVIII). Deuticke, Wien 1920. 




Grallparzer 

0. Rank: Das Inzestmotiv. 2. Aufl. Wien 1926. 533 ff. 

C. F. Meyer 

1. S a d g e r : Conrad Ferdinand Meyer. Eine pathographisch-psychologische 
Studie. (Grenzfr. d. Nerv.- u. Seelenleb., H. 59.) Bergmann, Wiesbaden 1908. 

0. Rank: Das Inzestmotiv. 2. Aufl. Wien 1926. 499 ff. 
(Ferner im vorliegenden Heft die Arbeit von Krebs). 

Gottfried Keller 

E. Hitschmann: Gottfried Keller. Psychoanalyse des Dichters, seiner 
Gestalten und Motive. Int. PsA. Verlag, Wien 1919. 

jDauthendey 

E. Hitschmann: Ein Dichter und sein Vater. Beitrag zur Psychologie 
religiöser Bekehrung und telepathischer Phänomene. Imago IV (1916) 337 — 345. 
— Man vgl. dazu auch Hitschmann: Telepathie und Psychoanalyse. 
Imago IX (1923) 368—382. 

Schubert 

E. Hitschmann: Franz Sdiuberts Schmerz und Liebe. Int. Zeitschr. 
f. PsA. III (1915) 287—292. 

Kichard. Wagner 

S. die bibliograph. Zusammenstellung in dieser Zeitschrift, I. Jahrg. S. 70. 

Wassermann 

E. Hitschmann: Zum Werden eines Romandichters. Imago I (1912) 49 ff. 

Van Gogh 

A. J. Westerman Holstijn: Die psychologische Entwicklung Vin- 
cent van Goghs. Imago X (1924) 389 — 417. 

Segantini 

Karl Abraham: Giovanni Segantini. Ein psychoanalytischer Versuch. 
(Schriften z. angew. Seelenkunde XI). Deuticke, Wien 1911. 2. Aufl. 1925. 

Wilhelm Busch 

Otto Rank: Ein Selbstbekenntnis Wilhelm Busch's. Zentralbl. f. PsA. I 
(1911) 523. 

Hans C o r n i 1 e y : Sexualsymbolik in der „Frommen Helene* von 
Wilhelm- Busch. Die psychoanalytische Bewegung, I (1929) 154 fr. 

— 389 — 



Heinrich VIII 

I. C. Flügel: Charakter und Eheleben Heinrichs Vffl. Int. Journ. f 
PsA. I (1920). — Deutsch in Imago VII (1921) 424—452. 

Napoleon 

L. Jekels: Der Wendepunkt im Leben Napoleons I. Imago Ifl 
(1914) 313—381. Französisch in Revue Franc, de PsA. III (1929) 272 ff. 

JLoiais Bonaparte 

Ernest Jones: The Case of Louis Bonaparte, King of Holland. I n 
»Essays in Applied Psycho-Analysis". London 1923. 

JLiadwig II 

Karl Landauer: Die Gemeinschaft mit sich selber. Die psychoanalytische 
Bewegung II, 260 ff. 

Lincoln 

L. Pierce Clark: A psychologic study of Abraham Lincoln. The PsA 
Rev. VIII (1921) 1—21. (Man vgl. auch über Lincolns Mörder, John Wittes 
Booth: Witt eis, Die großen Hasser. Die psychoanalytische Bewegung I.) 

Boosevelt, Wilson 

In der Wochenausgabe der „New York Times" erschien am 24. März ig 12 
(in einer Präsidentenwahlkampagne) ein Aufsatz von Morton Prince : Roose- 
velt, durch die neue Psychologie analysiert". Vgl. dazu das Referat von Ernest 
Jones im Zentralblatt für PsA. II (1912) 675 ff. Die Redaktion bemerkt 
dazu, ^daß wir mit der Tendenz, die Psychoanalyse zu Eingriffen in das 
Privatleben zu benützen, durchaus nicht einverstanden sind". 

George Sylvester Viereck: Roosevelt. A study in ambivalence. New 
York. Jackson Press (Erscheinungsjahr unbekannt. Wahrscheinlich im Kriege). 
Vgl. dazu das kurze Urteil von Stanford Read im „Bericht über die 
Fortschr. d. PsA. 1914-1919" : „sehr subjektiv aufgefaßte Monographie". 

William Bayard Haie: The story of a Style. A psychoanalytic Study 
of Woodrow Wilson. New York 1920 (besprochen von J o n e s in Internat. 
Journ. of PsA. III, 385—387). (Diese Arbeit, eine pamphletartige Zerpflückung 
des Charakters des Präsidenten auf Grund der Eigenheiten seines Stiles, — 
wie wohl auch die vorhergenannte über Roosevelt, — kann nur ganz peri- 
pherisch zur psychoanalytischen Literatur gezählt werden. Von anderen zeitgenös- 
sischen Veröffentlichungen, die auch von der Psychoanalyse beeinflußt sind, ohne 
sich wirklich und ganz der psychoanalytischen Methode zu bedienen, unter- 
scheidet sich die obige Arbeit eigendich nur dadurch, daß sie selbst sich 
im Untertitel als psychoanalytisch bezeichnet). 

Lassalle 

Erwin Kohn: Lassalle — der Führer. Int. PsA. Verlag, Wien 1926. 

— 390 — 






E. Hitschmann: Schopenhauers Versuch einer Psychoanalyse des 
Philosophen. Imago II (1913) 101—174. 

Nietzsche 

Ein Vortrag, den Everett D. Martin im Mai 1920 in der New York 
PsA. Society gehalten hat (vgl. darüber das Autoreferat in der Int. Z. f. 
PsA., VII, 1921, 517 f.), dürfte in Druck nicht erschienen sein. 

parwin 

I. Hermann: Charles Darwin. Imago XIII (1927) 57 ff. 

jPecfaner 

I. Hermann: Gustav Theodor Fechner. (Eine psychoanalytische Studie 
über individuelle Bedingtheiten wissenschaftlicher Ideen). Imago XI (1925) 
,j jp, _ Auch in Buchform in: Int. PsA. Verlag, Wien 1925. 

August Kekule 

Alfred R o b i t s e k : Symbolisches Denken in der chemischen Forsdiung. 
Imago I (1912) 83-90. 

Shelley 

Otto Rank: Das Inzestmotiv in Dichtung und Sage. Deuticke, Wien 
1912, 2. Aufl. 1926. 510 ff. 

Byron 

0. Rank: Das Inzestmotiv. 2. Aufl. Wien 1926. ,138 ff, 518 fl. 

Francis Thompson 

Ella F. Sharpe: A psycho-analytical appreciation of the life and work 
of Francis Thompson. Vortrag am 18. April 1923 in der British PsA. Soc. 
Autoref. in Int. Zeitschr. f. PsA. IX, 549. 

Thomas Verner Moore: The Hound of Heaven. The PsA. Review V 

(1915) 345—363- 

Schwestern Bronte 

Lucile D o o 1 e y : Psychoanalysis of Charlotte Bronte as a type of the 
women of genius. Americ. Journ. of Psychology, 1920. 

Lucile D o o 1 e y : Psychoanalysis of the Character and Genius of Emily 
Bronte. The PsA. Review XVÜ (1930) 208 ff. 

George Sand 

Helene Deutsch: George Sand — ein Frauenschicksal. Imago XIV 
(1928) 334 ff. — Auch abgedruckt im „Almanach der Psychoanalyse 1929". 

Marie Bashkirtseff 

Alice Hermann-Cziner:Die Grundlagen der zeichnerischen Begabung 
bei Marie Bashkirtseff. Imago X (1924) 434— 43 8 - 

— 391 — 



Wlahhert 

Theodor Reik: Flaubert und seine Versuchung des heiligen Antonin 
J. C. Bruns, Minden 1912. 

Theodor Reik: Zwei Träume Flauberts. Zentralbl. f. PsA III d n 1 
222—224. ' S > 

Thtauut 

Theodor Reik: Eine Kindheitserinnerung Alexander Dumas'. Wo V 
(1917) I28f. 8 v 



Theodor Reik: Aus dem Leben Guy de Maupassants. Imago II (, Q]9l 
519—521. y 3 > 

Proust 

S. C. B u r c h i 1 1 : Marcel Proust. An Interpretation of his life. The PsA 
Rev. XV (1928) 299—303. '"'' 



Eine Reihe von Vorträgen in russischer Sprache, die in der Russischen 
Psychoanalytischen Vereinigung im Laufe der letzten 15 Jahre über Dosto- 
jewski, Gogol und andere russische Dichter und Künstler gehalten worden 
sind, können wir hier nicht anführen, da sie z. T. überhaupt nicht gedruckt 
worden sind, z. T. nur in russischen Zeitschriften veröffentlicht wurden und 
uns nicht zugänglich sind. 

Jolan N e u f e 1 d : Dostojewski — Skizze zu seiner Psychoanalyse. Int. PsA 
Verlag, Wien 1923. 

Sigm. Freud: Dostojewski und die Vatertötung. „ Almanach der Psycho- 
analyse 1930". 

Theodor Reik: Freuds Studie über Dostojewski. Imago XV ^929) 
233 ff- — Auch in „Almanach der Psychoanalyse 1930". 

S. C. B u r c h i 1 1 : Dostoiefsky and the Sense of Guilt. The PsA Rev 
XVII (1930) 195 ff. 

Tolstoi 

N. Ossipow: Tolstois Kindheitserinnerungen. Ein Beitrag zu Freuds 
Libidotheorie. Int. PsA. Verlag, Wien 1923. 

N. Ossipow: Über Leo Tolstois Seelenleiden. Imago IX (1923) 
495—498. 

Ibsen 

S. die bibliographische Zusammenstellung in dieser Zeitschrift, I. Jg., 
S. 72. (Die dort angeführten Arbeiten beschäftigen sich allerdings fast aus- 
nahmslos nur mit den Werken des Dichters, nicht mit seiner Persönlichkeit.) 

— 392 — 



^ 



O. Rank: Das Inzestmotiv. 2. Aufl. Wien 1926. 40 ff. 

Axel Johan U p v a 1 1 : August Strindberg, a psychoanalytic study with 
special reference to the Oedipus-Complex. Richard Badger, Boston 1921. 
(Über die Mängel dieser Arbeit vgl. das Referat von James Strachey 
in Int. Journ. of Ps.A. IV, 1923, S. 231 f.) 

S. in diesem Heft die Arbeit von B a c h 1 e r über Strindberg. 



Gregory Stragnell: A psychopathological study ot Knut Hamsuns 
„Hunger". The PsA. Review IX (1922) 198—217. 

E. Hitschmann: Ein Gespenst aus der Kindheit Knut Hamsuns. 
Imago XII (1926) 336 ff. — Auch in Buchform in : Internat. PsA. Verlag, 

*Wien 1926. 
E. Hitschmann: Von, über und um Hamsun. Image XIV (1928) 

35* ff - 

E. Hits ch mann: Knut Hamsun und die Psychoanalyse. Die psa. Be- 

fwegung I, 318 f. 
W. A. Berendsohn: Knut Hamsun und die Psychoanalyse. Die 
psa. Bewegung II, 60 ff. 
J 



Eine Vollständigkeit kann und will die obige Zusammenstellung nicht an- 
streben. In mancher Hinsicht ist ihre Beschränktheit eine beabsichtigte. So mußten sinn- 
gemäß jene psychoanalytischen Untersuchungen über Dichter, die es nur auf die Ana- 
lyse der Werke, ihrer Gestalten und Motive, absehen, aus einer Bibliographie der 
Biographik ausscheiden. Doch auch kürzere Veröffentlichungen (z. B. Zitate 
psychoanalytisch bemerkenswerter Stellen aus Autobiographien, Briefen, Lebenserinnerungen) 
sind hier, eben wegen ihrer Kürze, meistens vernachlässigt worden; insbesondere solche 
kürzere Veröffentlichungen, die später von demselben Verfasser oder auch von einem anderen 
in einem größeren Zusammenhang verarbeitet worden sind. Ferner mußte auch 
monographischen Abhandlungen über Dichter, Philosophen, Gelehrte, die dort in der 
einen oder anderen Art als Vorläufer der Psychoanalyse charakterisiert sind, ohne aber 
auch biographisch behandelt zu werden, die Aufnahme in diese Liste selbstver- 
ständlich verwehrt werden. Wo die psychoanalytisch-biographische Untersuchung die 
sich an eine Persönlichkeit knüpfende Überlieferung (Mythen, Legenden usw.) 
zum Gegenstand hat und nicht die Persönlichkeit selbst (und sei sie eine unhistorisch- 
mythische wie Jesus Christus, oder eine historische wie Don Juan de Tenorio), so mußte 
natürlich auch auf die Anführung an dieser Stelle verzichtet werden. Und schließlich 
dürfte mancher Titel in dieseT Zusammenstellung einfach aus dem Grunde fehlen, weil 
er in der immerhin schon sehr ausgedehnten psychoanalytischen Literatur übersehen 
worden ist. Dies könnte besonders der Fall bei der mir nicht lückenlos zugänglichen 
außerdeutschen psychoanalytischen Literatur sein. 

— 393 - 



Ein Traum Baudelaires 

Von 

Kerne Laforgue 

Dr. L a fo r g u e, der um die Einführung der Lehre Freuds in Frankreich 
überaus verdienstvolle Pariser Psychoanalytiker, bereitet eine größere 
psychoanalytische Studie über Charles Baudelaire vor. Das 
Buch wird voraussichtlich noch in diesem Jahre, und zwar zunächst in 
französischer Sprache erscheinen ; die deutsche Übersetzung wird wohl 
auch nicht lange auf sich warten lassen. Wir veröffentlichen hier aus 
dem Manuskript ein Bruchstück, das einen charakteristischen Traum des 
Dichters behandelt ; es ist einem größeren Zusammenhang, dem Kapitel 
über die Potenzstörungen Baudelaires entnommen. 

In einem Briefe vom 13. März 1856 berichtet Baudelaire seinem 
Freunde Asselineau folgenden Traum : 

Mein lieber Freund! 
Da ich weiß, daß die Träume Sie amüsieren, lasse ich Ihnen einen zugehen, 
der Ihnen sicher nicht mißfallen wird. Es ist j Uhr morgens, also ganz 
warm. Ich füge hinzu, daß es nur eines der tausend Traummuster ist, von 
denen ich bestürmt werde und ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, daß 
ihre äußerste Sonderbarkeit, ihr allgemeiner Charakter meinen Beschäfti- 
gungen und meinen Liebesabenteuern völlig fremd zu sein, mich immer auf 
den Gedanken bringen, daß sie eine Hieroglyphensprache sind, zu der mir 
der Schlüssel fehlt. 

Es war (in meinem Traume) zwei oder drei Uhr morgens, und ich spa- 
zierte allein auf der Straße. Ich begegne C astille, der, wie ich glaube, 
mehrere Gänge zu machen hatte und ich erkläre ihm, ich werde ihn begleiten 
und den Wagen zu einem persönlichen Gange benutzen. Wir nehmen also 
einen Wagen. Ich betrachtete es als meine Pflicht, der Besitzerin eines 
großen Bordells ein soeben erschienenes Buch von mir zu schenken. Beim 
Betrachten meines Buches, das ich in der Hand hielt, zeigte es sich, daß es 
ein obszönes Buch war, was die Notwendigkeit, es dieser Frau zu geben, ver- 
ständlich machte. Weiterhin war diese Notwendigkeit in meinem Geiste im 
Grunde ein Vorwand, eine Gelegenheit, eine der Dirnen des Hauses im Vor- 
beigehen zu ; was besagt, daß ich es ohne den Drang des Buch- 
schenkens nie gewagt hätte, in ein solches Haus zu geben. 

Von allem dem sage ich nichts zu Castille, ich lasse den Wagen vor der 
Türe dieses Hauses halten, und lasse Castille im Wagen, wobei ich mir 
verspreche, ihn nicht lange warten zu lassen. 

Nachdem ich geläutet habe und eingetreten bin, bemerke ich, daß mein 
zum Schlitz meiner auf geknöpf elten Hose heraushängt, und ich halte 

— 394 — 



gl für unanständig, mich (selbst an einem solchen Orte) so vorzustellen. Ich 
fühle ferner, daß meine Füße ganz feucht sind und gewahre, daß sie nackt 
sind, und daß ich sie unten an der Treppe in eine Wasserlache gesetzt habe. 

Rah ! sage ich mir, ich wasche sie, bevor ich und bevor 

ich aus dem Hause gehe. Ich gehe hinauf. Von diesem Augen- 
blicke an ist vom Buche nicht mehr die Rede. 

Ich befinde mich in weiten Galerien, die unter einander in Verbindung 
stehen — schlecht erleuchtet — von einem traurigen und vergilbten Aus- 
sehen — wie die alten Kaffeehäuser, die alten Lesezimmer, die garstigen 
Spielhäuser. Die Dirnen, in den weiten Galerien zerstreut, plaudern mit 
Männern, unter denen ich einige Gymnasiasten erblicke. Ich fühle mich sehr 
traurig und sehr eingeschüchtert; ich fürchte, man sehe meine Füße. Ich be- 
trachte sie und bemerke, daß einer mit einem Schuh versehen ist. Kurz nach- 
her sehe ich, daß beide beschuht sind. Es fällt mir auf, daß die Wände 
dieser weiten Galerien mit mannigfaltigen, eingerahmten Zeichnungen ge- 
schmückt sind. Nicht alle sind obszön. Es sind darunter sogar Zeichnungen 
von Architekturen und ägyptischen Figuren. Da ich immer scheuer werde, 
wage ich es nicht, eine Dirne anzusprechen und durch eine genaue Besich- 
tigung der Zeichnungen will ich mich darüber hinwegtäuschen. 

In einem etwas zurückliegenden Teile von einer dieser Galerien, finde ich 
eine besonders seltsame Sammlung. In einer Masse von kleinen Rahmen, 
erblicke ich Zeichnungen, Miniaturen, photographische Abzüge. Sie stellen 
farbige Vögel dar mit glänzendem Gefieder. Ihr Auge ist lebendig. Bis- 
weilen sind es nur Vogelhälften. Manchmal sind es Bilder von seltsamen, 
mißgestalteten, fast amorphen Wesen wie Meteore. In einer Ecke von jeder 
Zeichnung steht eine Anmerkung: Die Dirne so und so,... Jahre 
alt, hat diesem Foetus in dem und dem Jahre das Leben 
geschenkt. Weitere Anmerkungen dieser Art. 

Ich mache die Überlegung, daß solche Zeichnungen wenig dazu geeignet 
sind, Liebesgedanken einzuflößen. 

Eine andere Überlegung ist die: Es gibt ja in der Welt nur eine einzige 
Zeitung, das „Siede", die einfältig genug sein kann, ein Bordell zu eröffnen, 
und dort zugleich eine Art medizinisches Museum einzurichten. E s ist in 
der Tat das „Sied e", sage ich mir plötzlich, welches der Urhe- 
ber dieser B Spekulation ist, und das medizini- 
sche Museum erklärt sich aus seinem Fortschritts-, 
Wissenschafts- und Aufklärungsgeist. — Dann überlege ich, 
daß die moderne Dummheit und Torheit ihren geheimnisvollen Vorteil haben, 
und daß oft, was für das Böse gemacht worden ist, sich durch eine geistige 
Mechanik zum Guten wendet. Ich bewundere in mir selber die Schärfe 
meines philosophischen Geistes. 

Aber unter allen diesen Wesen findet sich eines, das gelebt hat. Es ist ein 
im Hause geborenes Ungeheuer, das sich auf ewig auf einem Piedestal hält. 

- 395 — 



Obwohl es lebt, gehört es trotzdem zum Museum. Es ist nicht häßlich. Sein 
Gesicht ist sogar hübsch, gebräunt, von einer orientalischen Farbe. Es hat 
viel Rosiges und Grünes in sich. Es sitzt zusammengekauert, aber sehr 
bizarr und verdreht. Ferner dreht sich etwas Schwärzliches mehrmals um es 
herum, und um seine Glieder, wie eine große Schlange. Ich frage es, was 
es sei; es sagt mir, daß es ein ungeheuer großer Wurmfortsatz sei, der von 
seinem Kopfe ausgehe, etwas Elastisches wie Gummi und so lang, so lang 
daß, wenn es ihn wie einen Haarschwanz um den Kppf rollen würde, dies 
viel zu schwer und unmöglich zu tragen wäre; daß es deshalb gezwungen 
sei, ihn um seine Glieder zu rollen, was übrigens nur noch eine schönere 
Wirkung zur Folge habe. Ich spreche lange mit dem Ungeheuer. Es berichtet 
mir von seinen Sorgen und seinem Kummer. Schon seit Jahren ist es gezwun- 
gen, sich in diesem Saale aufzuhalten, auf diesem Piedestal, und zwar der 
Neugierde des Publikums wegen. Aber die größte Sorge verursacht ihm die 
Stunde des Nachtessens. Da es ein lebendes Wesen ist, muß es mit den Mäd- 
chen des Hauses speisen, schwankend infolge seines Gummifortsatzes sich ins 
Eßzimmer begeben, wo es ihn um sich herum gerollt behalten oder wie ein 
Pack Stricke auf einen Stuhl legen muß, denn ließe es ihn auf dem Boden 
nachschleppen, so würde er ihm den Kopf nach rückwärts reißen. 

Ferner ist es gezwungen, obwohl es klein und gedrungen ist, neben einem 
großen und wohlgestalteten Mädchen zu essen. Es liefert mir übrigens alle 
diese Erklärungen ohne Bitterkeit. — Ich wage es nicht zu berühren, . . . aber 
ich interessiere mich für es. 

In diesem Augenblicke, — dies ist nicht mehr Traum — lärmt meine 
Frau mit einem Möbel im Zimmer, worüber ich erwache. — Ich erwache 
erschöpft, gebrochen, im Rücken, in den Beinen und Hüften wie gerädert. 
— Ich nehme an, daß ich in der verdrehten Lage des Ungeheuers geschlafen 
habe. 

Ich weiß nicht, ob Ihnen dies alles so drollig vorkommen wird wie mir. 
Ich vermute, daß es dem guten Minot schwer fallen dürfte, darin eine mora- 
lische Übertragung zu finden. 
Ganz der Ihre . . . 



der 



Mit dem uns zur Verfügung stehenden Material sind wir in 
Lage, eine Deutung dieses vom psychoanalytischen Standpunkte aus sehr 
typischen Traumes zu versuchen. Wir haben zwar nicht auf diesen 
Trauminhalt gewartet, um festzustellen, daß Baudelaire in Bezug auf sein 
Glied an Minderwertigkeitsgefühlen leidet, die hier in seinen nackten 
Füßen, in seiner Schüchternheit etc. zum Ausdruck kommen. Wir haben 
schon auf seinen Exhibitionismus aufmerksam gemacht, der sich in seinem 
Vokabular und in den schlüpfrigen Themen äußert, die öffentlich zu 
behandeln Baudelaire sich gedrängt fühlt. Ebenfalls war schon die Rede 
von der Kompensierung, welche seine dem Gliede substituierten Ge- 



396 — 



dank 



danken für ihn bedeuten. Man wird darum nicht sonderlich erstaunt 
sein, wenn man am Ende des Traumes vernimmt, daß Baudelaire beim 
Erwachen die Empfindung hat, in der verdrehten Lage des Ungeheuers 
geschlafen zu haben. Das Ungeheuer dieses Traumes ist in der Tat 
Baudelaire selber mit all seinen Sorgen und seinem entsetzlichen Glied- 
Kopf- Wie die Zeichnungen, welche Baudelaires Aufmerksamkeit auf 
sich lenken, ist dieses Ungeheuer ein Fötus : „Die Dirne so und so, 
Jahre alt, hat diesem Fötus in diesem und diesem Jahre das Leben 
geschenkt." Die Dirnen sind also Mütter und dazu noch Mütter von Un- 
geheuern, d. h. von Baudelaire selbst. Wie wir also sehen, maskiert 
die Zensur Baudelaire die Tatsache, daß er im Bordell seines Traumes 
ganz einfach den Inzest zu verwirklichen sucht. Wir geben hier in großen 
Zügen die Deutung des Traumes : Baudelaire geht mit Castille (wahr- 
scheinlich sein Stiefvater, der General Aupick) ins Haus seiner Mutter. 
Castille-Aupick bleibt vor der Türe und wartet ; in der Wirklichkeit ist 
das Gegenteil der Fall. Mit seinem Buche (Poesie) will Baudelaire zuerst 
das Äquivalent des Inzests verwirklichen 1 . Aber immer wird er 
von etwas aufgehalten. Erstmals von der Wasserlache unten 
an der Treppe, was in ihm das Bedürfnis löst, sich zu waschen, weil 
er schmutzig ist. Dann durch die Zeichnungen, die er aufmerksam stu- 
diert und von denen einige farbigen Vögeln (Phallus) gleichsehen, deren 
Auge lebendig ist. Andere stellen nur Vogelhälften dar (Kastration). 
Andere noch sind ungeheuerliche amorphe Wesen wie Meteore. Der- 
artige Zeichnungen, überlegt Baudelaire, sind wenig dazu angetan, mich 
zum sexuellen Verkehr anzureizen. Damit ergibt sich für die ägyptischen 
Figuren, diese Hieroglyphen, von denen Baudelaire am Anfange seines 
Traumes spricht, eine ganz besondere Bedeutung. Alle diese Symbole 
übersetzen die Minderwertigkeitsgefühle des Träumers in Bezug auf 
seinen Penis und seine Kastrationsangst. Besonders bezeichnend in dieser 
Hinsicht ist die Stelle : 
„Es gibt in der Welt nur eine einzige Zeitung, das „Siede", die einfältig 

i) Mein liebes Mütterchen, ich danke Dir für alle Deine Güte und Deine 
Gefälligkeiten. Deiner gedenkend, werden wir von Deinem Tee trinken. Lies 
mir zuliebe dieses Manuskript, das fertig ist und nur noch einige wenige 
Korrekturen zu erfahren hat. Ich habe es heute Morgen bei der Zeitung 
{„La Democratie"), wo es als unmoralisch abgewiesen wurde, zurück- 
gezogen. Das Beste dabei aber ist, daß es dem Personal Bewunderung genug 
abgezwungen hat, um mich aufs liebenswürdigste und höflichste mit der 
Bitte um ein anderes Manuskript zu beehren. 

— 397 — 




genug sein kann, ein Bordell zu eröffnen, und dort zugleich eine Art med' 
ziniscbes Museum einzurichten. Es ist in der Tat, das „Siede", sage ich m' 

plötzlich, welches der Urheber dieser B Spekulation ist und das med: 

zinische Meseum erklärt sich aus seinem Fortschritts-, Wissenschafts- un j 
Aufklärungsgeist. — Dann überlege ich, daß die moderne Dummheit und 
Torheit ihren geheimnisvollen Vorteil haben, und daß oft, was für das Bö 
gemacht worden ist, sich durch eine geistige Mechanik zum Guten wendet 
Ich bewundere in mir selber die Schärfe meines philosophischen Geistes." 

Mit andern Worten ausgedrückt, will der Träumer ungefähr sagen- 
„Meine Erfindung eines Bordells ist einzig. Ich begnüge mich damit, die 
Männer, die, nebenbei gesagt, Gymnasiasten sind, in ihrem Verkehr mit 
den Dirnen (Mutter) zu beobachten. Ich hüte mich wohl selber aktiv 
zu werden und bleibe ein passiver Zuschauer, der nicht aus seiner Rol] e 
eines objektiven und wissenschaftlichen Beobachters herausgeht, eines 
Beobachters, für den dies alles nur insofern ein Interesse besitzt, als es 
durch die Phantasie, die Wissenschaft, d. h. zerebral erlebt werden kann. 
Die geistige Mechanik, von der im Traume die Rede ist, wird bedingt 
von der Zensur, der Hemmung, der Neurose Baudelaires, die für sein 
Unbewußtes ein wahres Kunstwerk ist, um das für das Böse Bestimmte 
zum Guten zu wenden, d. h. um seine Sexualität (das Böse) zu ver- 
drängen und zu verhindern, daß sie seine Mutter je anders als auf ver- 
deckte Art berühren kann. 

Sehr aufschlußreich ist ebenfalls die Stelle vom Ungeheuer des 
Hauses, das mit Baudelaire in direkter Beziehung steht : „Ich nehme 
an, daß ich in der verdrehten Lage des Ungeheuers geschlafen habe." 
Ich verweise besonders darauf hin, daß das Ungeheuer sich für 
ewig auf einem Piedestal hält. Was für ein Bekenntnis von 
sehen Baudelaires, der sich so hoch einschätzte und sich so furcht- 
bar ernst nahm 1 . Bezeichnend ist auch das Schwärzliche, das sich 



i) Brief von Asselineau: „Ich habe zu wiederholten Malen gesagt, daß 
Baudelaire einer jener seltenen Männer war, in deren Gesellschaft ich mich 
nie gelangweilt habe. Mit ihm kannte das Gespräch keine Längen. Sein 
Hang zur Diskussion feuerte ihn beständig an. Nur dauerte die Diskussion 
manchmal von mittag bis n Uhr nachts. Sein kindlicher Glaube in seine 
Unfehlbarkeit äußerte sich bisweilen auf die komischste Weise. Mitten in 
einer lebhaften Diskussion über die Notwendigkeit eines Planes in der Dich- 
tung sagte er mir eines Tages im Bois de Boulogne mit befehlshaberischem 
Tone: ,Voyons, voyons, voyons! Ich habe Ihnen folgendes gesagt. Sie haben 
mir dies erwidert. Und ich habe Ihnen darauf mit großer Folgerichtigkeit 
geantwortet!' Ich fiel fast um vor Lachen; er aber war ernst wie ein Brahma, 



398 




mehrmals um das Ungeheuer windet. Wer ist es, wenn nicht Jeanne 
Duval, die Mulattin? Die „tanzende Schlange", die die Glieder 
schnürt ? Jeanne Duval bedeutet in diesem Zusammenhange nichts anderes 
als ein ihm aus dem Kopfe wachsendes Organ, das zu ihm gehört, 
eine Art schwarzen Penis, den er überall zur Schau trägt, mit dem 
er sich martert, und der so lang, so lang ist, daß er, rollte er ihn 
wie einen Pferdeschwanz um seinen Kopf, zu schwer sein würde, als 
daß er ihn tragen könnte. Er muß ihn deshalb um seine Füße rollen, 
wodurch seine Wirkung übrigens nur verschönert wird. Wir brauchen 
nicht besonders zu betonen, daß Jeanne Duval unter diesem Gesichts- 
winkel gesehen nichts anderes bedeutet als ein Element einer Summe 
von Fakten, deren lebendiges Symbol sie ist und die z. B. auch in den 
„Litaneien des Satans" zum Ausdruck kommen. Wir werden in einem 
späteren Kapitel nochmals darauf zurückkommen. Es genügt uns dar- 
auf hinzuweisen, daß der Traum besonders gut verständlich 
machen könnte, warum es Baudelaire nie gelingen konnte, sich von 
Jeanne Duval, an die er affektiv geschmiedet war, zu lösen, selbst 
dann nicht als jeder sexuelle Verkehr zwischen ihnen aufgehört hatte. Zu 
merken ist auch folgende Stelle des Traumes : 

„Ich spreche lange mit dem Ungeheuer. Es berichtet mir von seinen Sorgen 
und seinem Kummer, Schon seit Jahren ist es gezwungen, sich in diesem 
Saale aufzuhalten, auf diesem Piedestal, und zwar der Neugierde des 
Publikums wegen. Aber die größte ■ Sorge verursacht ihm die Stunde des 
Nachtessens. Da es ein lebendes Wesen ist, muß es mit den Mädchen des 
Hauses speisen, schwankend, infolge seines Gummifortsatzes, sich ins 
Eßzimmer begeben, wo es ihn um sich herum gerollt behalten oder wie ein 
Pack Stricke auf einen Stuhl legen muß, denn ließe es ihn auf dem Boden 
nachschleppen, so würde er ihm den Kopf nach rückwärts reißen." 

Es ist klar, daß die vorliegenden Betrachtungen den Gegenstand 
des Traumes nicht erschöpft haben. Es bliebe noch viel zu sagen 
über daß Buch, das am Anfang des Traumes erwähnt ist und von 
dem fast wörtlich gesagt wird, daß es nur ein Vorwand ist, eine der 
Dirnen des Hauses zu . . . Welch strenges Urteil fällt Baudelaire 
über den Sinn und Zweck seiner Dichtung. Es ist übrigens interessant, 
diese Stelle mit einer Situation im Dramaentwurf „Le Marquis des 
Ier Huzards" zu vergleichen, wo von einem Edelmann die Rede ist, 

rot und hinreißend vor Entrüstung. ,Nun, was denn ?', fuhr er fort, nachdem 
wir einige Schritte weitergegangen waren. ,lch muß es doch wohl sagen, 
wenn Sie es nicht sagen.' Am Abend nach dieser denkwürdigen Diskussion 
rühmte er sich vor Monselet, mich übertölpelt zu haben." 

— 399 — 




der seine Frau in der Hochzeitsnacht sozusagen nur geistig besessen 
hat. Wir werden Gelegenheit haben, darauf zurückzukommen. 

Begnügen wir uns für den Augenblick diesen Trauminhalt manifest 
sexueller Natur mit den Symptomen Baudelaires in Verbindung z u 
bringen. Auf diesen Traum hin darf man wohl annehmen, daß die 
sexuelle Impotenz Baudelaires sogar den Prostituierten gegenüber vor- 
handen war, und sich fragen, ob er diese Lokale nicht in erster Linie 
aufsuchte, um „Voyeur" zu sein. Es ist nicht leicht, sich darüber ein 
definitives Urteil zu bilden, aber wir halten es für wahrscheinlich 
daß bei ihm der Geschlechtsakt sogar mit Prostituierten nicht völlig 
normal sein mußte. War seine Haltung vorwiegend passiv? Benötigte 
er einen aktiven Eingriff seitens der Mädchen, um sich seiner Auf- 
gabe gewachsen zu fühlen ? Alle diese Fragen sind berechtigt. Was 
wir bekräftigen dürfen ist, daß in solchen Fällen in der Regel nicht 
der normale Akt ausgeführt wird. Wie Raskolnikow scheint Baudelaire 
seine Sonja unter den unglücklichen Geschöpfen der Bordelle gesucht 
zu haben. 



Von 

Max DerL 

Drei Faktoren sind es, die das Handeln jedes Menschen bestimmen, drei 
Faktoren also auch, die man heranziehen kann, um das Leben eines Anderen 
dem Hörenden oder Lesenden anschaulich zu machen. Es sind dies: der 
individuell bestimmte Teil des Bewußten — der soziologisch bestimmte Teil 
des Bewußten — das Unbewußte. 

Das individuell Bewußte eines Menschen kann teils durch seine — 
direkten oder übermittelten — Aussagen bekannt werden, teils ist es aus 
seinen Handlungen erschließbar, soweit diese in ihren bewußten Motiven zu 
durchschauen sind. Der soziologisch bestimmte Teil des bewußten Ich 
ist ausschälbar, wenn man erstens die traditionell überlieferten Ideologien 
und zweitens die bestehenden wirtschaftlichen Verhältnisse und damit die aus 
ihnen neu erstehenden Ideologien der Lebenszeit des „Helden" kennt. Und 
das Unbewußte ist von dem Sachverständigen einerseits durch Auflösung 
der Rationalisierungen zu erkennen, die der Handelnde in den bewußten 
Motivierungen seines Tuns bringt, andererseits aus jenen seiner Taten zu 



400 



.■schließen, für die keine zureichenden „vernünftigen" Gründe erkennbar 

sind. 

Diese drei Faktoren der inneren Realität, das individuell Bewußte, das 

soziologisch Bewußte und das Unbewußte, greifen im wirklichen Dasein viel- 
fältig ineinander. Und sie werden zu noch verwirrterem Reichtum dadurch 
o-eführt, daß jede Minute dieses Daseins auch noch den Einflüssen der 
äußeren Realität geöffnet ist. So kommt in Leben und Tun jedes Ein- 

■ zelnen ein Gebilde zustande, in dem wirklich jeder Griff tausend Verbin- 
dungen schlägt. Soll also aus literarischer Darstellung der lebendige Eindruck 
eines Menschen auferstehen, so müssen sich erfahrungsreiche Kenntnis der 
menschlichen Seele und ihrer immer wiederkehrenden Konstanten mit der 
Begabung zum einfühlenden Nachleben eines vorgelebten fremden Lebens 
glücklich vereinen. 

■ In seltener Eindringlichkeit wirkt diese Vereinigung aus dem Buche von 

Hanns Sachs. 1 Es ist keine kritische Phrase: man geht durch die Seiten 
dieses Buches als magische Aura Caligulas. In gleichem Schritt und Tritt. 
Fasziniert. 

Wie sich in der Darstellung von Sachs die Verfolgung der individuellen 
und der soziologischen, der bewußten und der unbewußten, der inneren 
und der äußeren Momente ineinanderflicht, ist ein wahres Webermeister- 
stück der Psychographie. Doch kann es an dieser Stelle nicht unsere Auf- 
gabe sein, darüber zu berichten, was Sachs an der Persönlichkeit des berüch- 
tigten Kaisers an individuell-psychisch-bewußten und an soziologisch 
bedingten Zügen herausarbeitet. Der analytische Einblick ins Unbewußte 
Bubis ist, was uns hier interessiert, klärt sich ja auch das seelische Porträt 
Caligulas erst analytisch zur Gänze. Analytisch erhält sein Tun einen Sinn, 
analytisch ersieht man für sein Handeln „die zureichenden Gründe". 

Der Kaufpreis, den er für die Erhaltung seines Lebens zahlte, war schon 
von früher Jugend an der Verzicht auf sein eigenes Ich. Schon bevor 
Tiberius ihn in seine Nähe holte, zur Zeit noch, als der Befehlshaber der 
Prätorianer Sejan, der selbst nach der Nachfolge des Tiberius strebte, ihn 
von Spionen und Lockspitzeln umgeben ließ, nahm sich Caligula so in die 
Gewalt, daß ihm nichts anzuhaben war. In übermenschlich-unmenschlicher 
Selbstbeherrschung hielt der sonst so leicht Gereizte an sich. Neben Tiberius 
dann steigerte er noch diese Selbstverleugnung ins nahezu Unglaubhafte. 

l) Hanns Sachs: Bubi —Die Lebensgeschichte Caligulas. Verlag Julius Bard, Berlin 
1930. Geh. M. 4-50; geb. M. 6-50. — Man vgl. auch „Die psychoanalytische Bewegung", 
Heft 3 dieses Jahrganges, wo (S. 248 ff.) ein Kapitel des Buches („Caligulas Geliebte") 
wiedergegeben wurde. 

PsA. Bewegung 401 2 7 




Dies war mehr als bloße Gefühlskälte. „Wo sich ein durch die Anlage schwäch- 
licher Mensch unter zwiespältigen Einflüssen und schwerem äußerem Druck 
entwickelt, da kann es geschehen, daß das Ich keine tiefen Wurzeln schlä« 
und trotz Erfahrung und Wachstum so wenig gefestigt wird, daß es __ 
ähnlich wie das Ich des Kindes — locker und austauschbar bleibt." Schon 
Tacitus versucht, das innerste Geheimnis der Seele des Caligula auf diesem 
Wege zu enthüllen. Er spricht von der Selbstbeherrschung des Caligula, auf 
Grund der er trotz seinem sonst so ungezügelten Wesen kein Wort der 
Klage über das Schicksal der Mutter und der Brüder über die Lippen ge- 
bracht habe. Und er erklärt die Möglichkeit eines derartigen Verhaltens da- 
mit, daß Caligula Tag für Tag genau die Stimmung angenommen habe, von 
der Tiberius eben beherrscht war, sich ihm immer aufs neue, bis zur Art 
der Kleidung und bis in jede Redewendung hinein, angepaßt habe. „Der 
Vorgang, durch den Caligula die Schöpfung seiner eigenen Persönlichkeit 
ungeschehen machte und sich gewissermaßen in einen Spiegel umschuf, der 
das Bild des Tiberius aufnahm und bis auf weiteres festhielt, war eine in- 
stinktive Abwehr der ständig drohenden Lebensgefahr — eine Art Mimikry, 
durch die er eine Schutzfärbung annahm, die ihn unauffällig machen und 
retten sollte." Doch Caligula hätte, trotz aller Lebensnot, diese Identifizierung 
mit seinem Bedroher nicht durchführen können, wäre dieser nicht jenem 
Wunschbilde so ähnlich gewesen, das den Knaben seit seinen Kindertagen 
glühend erfüllt hatte. „Sein Vater war gestorben, als er das achte Jahr voll- 
endet hatte, und seitdem war kein anderer Mann da, der Vaterstelle bei ihm 
vertreten konnte; er war bei Frauen und bezahlten oder unfreien Lehrern 
aufgewachsen, unter Menschen, auf die er nach den Anschauungen seiner 
Zeit verächtlich herabschauen durfte. Tiberius war der einzige, zu dem er 
immer aufblicken mußte, und selbst die Angst, die alle, auch seine mutige 
Mutter, vor dem Kaiser empfanden, diente nur dazu, seine Gestalt zu ver- 
größern. Und dann, am Hofe und in der Nähe des Tiberius sah Caligula, 
wie schrankenlos der Oheim von dem Herrschervorrechte, Blut zu vergießen, 
Gebrauch machte und, da ihn selbst eine starke Regung in diese Richtung 
trieb, trat neben die Angst und die Verehrung noch der Neid — Gründe 
genug, sich ihm innerlich gleichzumachen, so sein zu wollen, wie er war." 
Damit aber war Caligulas seelisches Schicksal auch für seine Zukunft 
entschieden: er hatte in seiner Kindheit und Jugend kein eigenes Ich auf- 
gebaut, er konnte dies nicht mehr nachholen. Er war dazu verdammt, das 
Maß seines Wesens stets nur von anderen her zu borgen, eine Selbst- 
verwandlung nach der anderen vorzunehmen. 

So warf er die Identifizierung mit seinem Oheim mit Leichtigkeit beiseite, 



— 402 — 



sowie er seines eigenen Lebens sicher war. Und nahm nun das Bild an ; 
das die Legionen, die Flotte, die Provinzen und am nächsten das Volk Roms 
vo n ihm erwarteten: das Wesen des „edlen Herrschers". Der Leichenzug 
des Tiberius, den Caligula im Trauergewande führte, wurde zum Triumph- 
zuee für den neuen, als Ideal ersehnten Kaiser. Caligula hielt die Lobrede 
au f den unter seiner Mitschuld Getöteten: und er „vergoß dabei heiße 
Tränen, die keineswegs erheuchelt gewesen sein müssen". 

Doch brauchte Caligula stets ein anderes Ich, um es zu sein, so war ihm 
dies von zwei Seiten her erschwert. Einerseits war es ja für den, der sich als 
Herrscher über alle anderen erhaben fühlen mußte, nicht möglich, sich zum 
Abbild eines unter ihm Stehenden zu machen. Und andererseits saß, wie 
stets in solchen Fällen, die einmal angenommene fremde Seelenform — wie 
etwa die des Tiberius — ja nur sehr lose, als leichtes Kleid, als dünn auf- 
getragene Oberfläche über der haltlosen eigenen Seele. Doch in der Tiefe 
wird diese eigene Seele von den unsichtbaren Strömungen triebhafter 
Leidenschaften bewegt. „Ein Ich, das bestimmte Triebansprüche als böse und 
verwerflich, das heißt als für seine eigentlichen Absichten gefährlich ver- 
urteilen kann und sich ihnen mit Aufbietung aller seiner Kräfte hemmend in 
den Weg stellt, ist nicht vorhanden ; so bekommen die flüchtigsten Wünsche 
für den Augenblick eine Allgewalt, wie sie bei anderen Menschen nur die 
großen Leidenschaften haben. Der Vergleich mit einem blutdürstigen Raub- 
tier ist ebenso irrig wie der Eindruck, daß sich hier das absolut Böse ver- 
körpere: diese Menschen haben nur nicht einmal die ersten Anfangsgründe 
dessen, was Güte oder Mitleid heißt, erlernen können, weil an ihnen alles, 
mit Ausnahme ihrer Triebe, auswechselbare Maske ist. Ein Musterknabe 
dieser Sorte war auch der, den die Römer zärtlich ihr „Bubi" gennannt 
hatten." 

Zunächst hatte sich ja der Ausweg gefunden, der zu scheinen, den 
alle von ihm erwarteten: der ersehnte große gütige Herrscher, mit dem ein 
goldenes Zeitalter heraufkam. Doch bald brachen triebhafte Tiefen auf, 
die sich um das neue Ideal ebensowenig kümmerten, wie sie schließlich 
vor der Gestalt des früheren Vorbildes, vor Tiberius Halt gemacht hatten. 
„Caligula begann die volle Wirklichkeit seiner Allmacht zu fühlen, lernte 
an ihre Unumstößlichkeit glauben." Nichts Festes und Unerschütterliches 
konnte er finden außer sich selbst, keine Schranke und keine Grenze für 
seinen Willen. „Vergiß nicht, daß mir alles und gegen alle erlaubt ist" 
war die Antwort an seine ihn warnende Großmutter Antonia, die ihn mit 
erzogen hatte. So suchte das schwache Ich, das kein Über-Ich über sich hatte, 
nach dessen stummen Weisungen es sich richten konnte, äußeren Halt an 

— 403 — 27 * 



seiner Allmacht. Und aus dieser Schwäche heraus haßte Caligula alle Starke 
oder auch nur Stärkeren. Nur wenn er sie beseitigt wußte, fühlte er sei 
Ich wieder eine Weile sicher, war er eine Zeit lang fähig, seine Einsamkeit 
zu ertragen. „Das was wie eine auf die höchste Spitze gesteigerte, vor nichts 
zurückschreckende Eitelkeit wirkt, ist in Wirklichkeit jedoch nichts als ein 
fortwährender Versuch zur Selbstberuhigung bei einem Menschen, der sich 
schwach und seinen Trieben ausgeliefert fühlt und gezwungen wird, sich 
selbst sein eigenes Ideal vorzuspielen." Deshalb durften auch Eigenschaften 
die er an sich selbst als minderwertig empfand, in ihrer Existenz nicht an- 
erkannt werden: „nicht einmal ein schlechter Wurf im Würfelspiel durfte 
gelten, er wurde abgeleugnet oder fortgeschwindelt". Sowohl Caligulas außer- 
ordentlicher Anmaßung wie seiner schrankenlosen Originalitätssucht lag die 
äußerste Verletzlichkeit zugrunde, sowie das stets wache Bedürfnis, sein Ich 
vor sich selbst bestätigt zu sehen und zu empfinden. Und seine maßlosen 
Grausamkeiten werden weder durch das Wort „Cäsarenwahn" erklärt, noch 
beruhen sie auf wirklichem Wahnsinn, denn Caligula blieb zeitlebens im- 
stande, die Wirklichkeit von seinen Halluzinationen zu unterscheiden, Ur- 
sache und Wirkung miteinander zu verbinden. Sondern noch beim Er- 
wachsenen vermischten sich und durchdrangen sich, wie beim kleinen Kinde, 
der Vernichtungswille, der triebhaftes menschliches Erbteil ist, mit der Lust 
am Spiel ; so daß dort wie hier Bösestes und Harmlosestes eine untrennbare 
Einheit bilden. Denn Caligula war seelisch ein Kind geblieben. „Wann 
hätte er den Schritt zum Mitleiden mit dem Leid der anderen tun sollen, 
er, der seit dem Tode des Vaters stets darauf bedacht sein mußte, sich 
selbst zu beschützen: erst vor der ewig aufgeregten Mutter, dann vor Sejan 
und schließlich vor dem unheimlichen Onkel. Er hatte sein Ich so oft 
drehen und verdrehen und nach dem immer wechselnden Winde hängen 
müssen, daß ihm das Interesse an den andern über diese Beschäftigung ganz 
abhanden gekommen war." „Mitempfinden wäre für ihn gefährlicher gewesen 
als für jeden anderen — er wurde ja sogleich der, mit dem er empfand, 
verwandelte sich in ihn, siedelte über aus der eigenen Öde in sein Haus. 
Stand es dann noch dafür, Kaiser zu sein? Lieber allein bleiben und die 
anderen nicht wirklich werden lassen." 

Dies kindlich Spielerische seines Wesens, trotz seiner Grausamkeit, erweist 
sich auch darin, daß er, statt Menschen in Menge verschmachten oder er- 
trinken zu sehen, sie auch in Massen beglücken konnte: vorausgesetzt, daß 
dabei ein ebenso amüsantes Schauspiel entstand. So etwa warf er ein 
paar Tage lang vom Dache aus Geld unter die Menge auf den Markt, um 
sich am Gewimmel der Menschen zu ergötzen. Oder er wurde umgänglich, 



— 404 — 







•ovial und fast gütig, wenn er ähnlich kindlicher Naivität bei anderen 
begegnete : einmal öffentlich als Gott thronend, ließ er einen biederen Schuster un- 
behelligt weiterziehen, trotzdem ihn dieser, statt ihn anzubeten, unbefangen 
un d unverblümt einen Schwindler nannte — wo er sonst weniges so grausam 
rächte, wie gerade Mangel an Ehrerbietung oder gar den leisesten Anschein 
von Spott. 

So mischten sich Kindliches und Kindisches mit Unbotmäßigkeit der 
Leidenschaften, die von keinem standhaltenden Ich gezügelt wurden; und 
denen — ein Problem für sich — auch kein äußerer Widerstand die Bahn 
beschränkte. 

Und trotz alledem war auch Caligula imstande zu lieben. Er erlebte seine 
große Liebe — „so gewaltig und verzehrend, wie die von Dichtern besungenen, 
S o echt und tief und dauerhaft, wie sie jemals ein Mann empfunden hat. 
Eine jener Leidenschaften, die weit, weit in die Kindheit zurückreichen und 
das ganze Leben bis zum Ende umfassen. Die Berichte sprechen von den 
Schmerzen, die er, der sonst alles Schmerzliche von sich fernhielt und ab- 
schüttelte, um dieser Liebe willen litt; die Wonnen, mit denen sie ihn 
gefesselt hatte, lassen sich aus ihnen erschließen. Dieses einzige geliebte 
Wesen war seine Schwester Drusilla." 

„Vielleicht waren es gemeinsame Erinnerungen aus frühesten Kindheits- 
tagen, am ehesten die Ähnlichkeit mit ihm selber, die sie ihm näherrückte 
als alle anderen Menschen. Er fand wohl, wenn er sie in seinen Armen 
hielt, das, was er am schmerzlichsten vermißte — sein eigenes Ich." 

Und so roh, unentwickelt und hemmungslos sonst, im Einklang mit seinem 
Wesen, seine Geschlechtlichkeit war, so grausam und spielerisch sie, ohne 
Zärtlichkeit und ohne Genuß, in den Leiden und in der Erniedrigung 
anderer den Ersatz für das suchte, was ihm selbst fehlte : die Liebe zu seiner 
Schwester Drusilla überdauerte ihren Tod. Drusilla starb ein Jahr nach 
Caligulas Thronbesteigung. Ihr Tod vereinsamte ihn völlig. Sein Schmerz 
war maßlos, sein schwächliches Ich außerstande, sich dagegen zu halten. 
Er durchraste Italien. Er raste nach Rom zurück, die übrige Welt an seinem 
Schmerz mit leiden zu lassen. „So ließ er eine Trauerfrist von unerhörter 
Strenge ansagen: bis zu ihrem Ablauf durfte bei Todesstrafe niemand 
lachen, sich waschen und mit anderen, sei es auch mit Familienmitgliedern 
zusammen, Mahlzeit halten." 

Der Ausweg und das Ende : „Überall, bei Menschen und bei Göttern, im 
Schlaf und in der Liebe hatte Caligula nach Halt und Schutz und Ruhe 
gesucht und sie nirgends gefunden. Dem Müdegehetzten blieb nur mehr 
Eine Zuflucht offen, der Wunsch, die quälende Leerheit in das ewige Nichts 

— 405 — 



hinüberströmen und darin untergehen zu lassen. Seine Angst und sein 
Gier klammerten sich an das Leben, aber etwas in ihm, das lautlos blieb 6 
aber stärker war als diese beiden, wollte seinen Tod. Von diesem Trieb' 
der ihn mit sicherer Hand dem Ausgang zulenkte, wurde ihm niemals da' 
Mindeste bewußt; trotzdem diente alles, was er tat, so zusammenhanglos 
und unsinnig es scheinen mochte, diesem einen, unbewußten Zweck: den 
Tod herbeizurufen und sich so vor der Verzweiflung und dem Selbstmord 
zu bewahren." 

Dieser unbewußte Todeswunsch wurde der heimliche Lenker. Von ih m 
aus gesehen konvergieren die scheinbar haltlos und regellos irrenden Taten 
Caligulas nach Einem Ziel. 

Seiner engeren Umgebung hatte sich Caligula längst direkt und unmittelbar 
verhaßt gemacht, Freunde oder Warner umgaben ihn nicht mehr. Der Kaiser 
hatte so bei Senat und Bürgertum, im Volk und auch beim Heer jeden 
Halt verloren. Es kam zur Verschwörung. „Was noch an Hindernissen be- 
stand, räumte der Kaiser selbst fort. Mit derselben Sicherheit, mit der er den 
Weg schritt, der zu seiner Ermordung führen mußte, wählte er selbst auch 
den Mann aus, den er unwissentlich zu seinem Mörder bestimmte." Ohne 
jeden ersichtlichen Grund und Anlaß wurde der Prätorianerführer Cassius 
Chaerea auf jede erdenkliche Weise gereizt und verspottet. „Ob es Caligula 
wirklich entging, daß er sich unter denen, die ihn beschützen sollten, einen 
Todfeind gemacht hatte? Es ist kaum glaublich, aber jedenfalls handelte er 
so, als ob eine solche Gefahr für ihn nicht existiere. Der Feigling schien auf 
einmal tollkühn geworden. Er sah nichts, weil er nichts sehen wollte." 

So wurde Caligula getötet. „Es wird behauptet, daß einige der Verschwörer 
S1 ch dazu hinreißen ließen, seine Geschlechtsteile zu verstümmeln; nach an- 
deren Berichten soll ein Teil der Mörder im Rausch der Wut von seinem 
Fleisch gefressen haben. So verschieden die beiden Berichte sind, so deuten 
sie doch auf dieselbe Grundtatsache hin: Caligula war durch seine hemmungs- 
lose Wildheit dem Ahnherrn aller jener Götter, die er spielen wollte, ähn- 
ich geworden: dem Totemtier, und in jenem Augenblick größter Entspan- 
nung, als sein Blut unter ihren Streichen floß, trieb ein Etwas seine Mörder, 
darauf einzugehen und ihrerseits nach den primitivsten, längst verdrängten 
und vergessenen Gesetzen zu handeln. Für eine kleine Spanne Zeit war 
aus den vornehmen und kultivierten Römern eine Horde kannibalischer 
Urmenschen geworden, die ihren gefürchteten Gebieter gemeinsam über- 
wältigten, kastrierten und fraßen." 

„Damit war die Epoche Caligulas zu Ende. Aber obgleich diese Regierung 
nur drei Jahre und neun Monate gedauert hatte, obgleich man alles, was 

— 406 — 




: 



ihr angehörte, vernichtete, — Caligulas Weib und Kind wurden ebenfalls 
etötet, — obgleich man an seine Stelle den philosophischen Claudius setzte, 
der alle seine Verfügungen und Beschlüsse aufhob, — das, was geschehen war, 
ließ sich trotz allen Bemühungen nicht auslöschen und ungeschehen machen. 
Das ewig unausrottbar gebliebene Vor-Menschliche, das Bestialische, dessen 
Unterjochung die Hauptaufgabe aller Zivilisation ist, hatte stets irgendwo 
gelauert, sich immer da und dort aus seinem Schlupfwinkel hervorgewagt, 
aber mit Caligula war es hinausgetreten an das Tageslicht, hatte sich frech 
au f den höchsten Platz gestellt und sich auf den Thron der Weltherrschaft 
gesetzt, vor dem sich die Völker in Anbetung neigten. Von nun an trug 
die antike Welt das Zeichen des Tieres." 



S ECHO DEM 
PSYCHOANALYSE 

iiiiiiiiiiiiii 

Die zwei psychoanalytischen Goethe-Studien, 

die vor kurzem erschienen sind, die von Reik und die von Sara sin, 1 
haben zu einer Reihe von ausführlichen Besprechungen in der deutschen 
Tagespresse Anlaß gegeben, die in manchem Falle auch eine ansehnliche 
Anzahl zustimmender und polemischer Zuschriften aus dem Leserkreise pro- 
vozierten. Aus der Menge der Besprechungen wollen wir drei negativ 
ausfallende Urteile zitieren. 

In der „V o s si s chen Zeitung" polemisiert Arthur E 1 o e s s e r gegen 
eine Methode, „die sich mit furchtbarer Einseitigkeit auf das Gebiet unter- 
halb des Nabels beschränkt". Er sei zwar selbst bei den neuesten Psycho- 
analytikern in die Schule gegangen und als einer, der Freud tief verpflichtet 
ist, gibt er zu, daß „die Einseitigkeit seiner pansexualistischen Einstellung die 
Vorbedingung seiner großen Entdeckung gewesen ist", aber, aber . . . 
nun beginne man etwas schlossermäßig den Freudschen Patentschlüssel zu 
handhaben. Die Frage z. B. „warum Goethe Friederike verließ" ist nach 



l) Theodor Reik, Warum verließ Goethe Friederike? Eine psychoanalytische 
Monographie. Geh. M. 6—. Ganzleinen M. 8- — — Philipp Sarasin, Goethes 
Mignon. Eine psychoanalytische Studie. Geh. M. rfo, Ganzleinen M. 4—. Beide im 
Internationalen Psychoanalytischen Verlag, Wien 1930. 



— 407 — 



Eloesser viel einfacher zu beantworten, als Reik es versucht. „Ich will 
gar nicht bestreiten, daß die Berührungs- oder Kußangst als dunkle 
Voraussetzung aus dem Unbekannten, aus dem großen Es in diesem Ver- 
hältnis eine Rolle spielt. Aber was erklärt in diesem klarsten Fall diese 
methodische zähe Anstrengung? Laßt das g an ze er o tis ch ePr oblera 
b e i s e i t e und ihr habt eine S t u d e n t e n 1 i e b e, die gewiß starke Neigung 
eines bei großen Anlagen, wegen großer Anlagen seiner Bestimmung 
unsicheren jungen Menschen, dem höchst berechtigter Selbsterhaltungstrieb jede 
verfrühte Bindung untersagte." 

In der Wiener „R e i c h s p o s t" meint der Theologieprofessor Dr. Johann 
Triebl, das literarhistorische Getue mit der Beziehung zwischen Goethe 
und der Pfarrerstochter in Sesenheim sei eine lutherische Haarspalterei. 
(Die nunmehr sogar ins Mosaische entartet.) Triebl schreibt unter anderem : 
„Theodor Reik, einer der geistvollsten und literarisch fruchtbarsten Schüler 
Freuds, sucht in seiner jüngsten Publikation auf die Frage ,warum verließ 
Goethe Friederike' auf psychoanalytischem Wege eine Antwort zu finden. 
Wir müssen, selbst auf die Gefahr hin, von den Goethepfaffen der 
verschiedensten Riten und Observanzen mit dem Bannfluch belegt zu werden, 
gestehen, daß wir die erwähnte Frage keineswegs für welterschütternd' 
halten und daß es uns he rzlich gleichgültig ist, warum der jugend- 
liche Student der schönen Pfarrerstochter von Sesenheim untreu wurde. 
Indes, die Literatur über Friederike Brion türmt sich bereits bergehoch em- ' 
por und noch ist kein Ende des Eifers, der einer edleren und größeren 
Sache würdig wäre, abzusehen. Wenn bisher ganze Scharen von 1 u t h e r i s c h e n 
Pfarrern, Literaturhistorikern und Goethephilologen mit der Beantwortung 
der aufgeworfenen Frage mehr oder minder vergeblich sich abquälten, 
warum soll zur Abwechslung nicht auch ein Psychoanalytiker einmal sein 
Glück versuchen," 

„Man muß gestehen," — fährt Triebl (der übrigens auch Glanz und 
Farbenreichtum der Sprache Reiks hervorhebt) dann fort, — „daß sich Reik 
seine Aufgabe nicht leicht gemacht hat. Er weiß, was bei ihm eine Selbst- 
verständlichkeit ist, nicht nur die Arbeitsmethode der Psychoanalyse trefflich 
zu handhaben, sondern kennt auch die Goetheliteratur wie ein gelernter 
Absolvent eines literarhistorischen Seminars. So entstand eine ebenso um- 
ständliche und gründliche, wie wortreiche und umfängliche Untersuchung des 
Themas. Und das Resultat? Die Gläubigen aus der Schule Freuds werden 
an der Richtigkeit des Ergebnisses nicht zweifeln, die Skeptiker und Ketzer 
aber bedenklich ihre Köpfe schütteln." Und Triebl schüttelt . . . Zwar meint 
er, könne man den Untersuchungen Reiks in der ersten Hälfte seines 



408 — 




Werkes, mit tausend Vorbehalten und Fragezeichen eine 
gewisse, freilich nicht große Wahrscheinlichkeit zuerkennen 
(Bravo, heiliger Verklausulus !), — aber dann kämen Deutungen, die „an 
Willkür und Verschrobenheit nicht mehr zu überbieten." „Überdies tobt 
sich dabei die echt psychoanalytische Sucht, in jedweder Elleinigkeit und 
Harmlosigkeit, Symbole weiblicher oder männlicher Genitalien, des Men- 
struationsvorgangs, des Sexualakts, der Kastrationsangst usw. zu erblicken, 
j n widerwärtiger, fast ekelerregender Weise aus. Man weiß nicht, ob man 
lachen oder sich ärgern soll." 

Desselben skurrilen Geistes Kind sieht Triebl auch in der Mignonstudie 
S a r a s i n s. Ihre Besprechung schließt er mit den Worten : „Es wäre 
aber ungerecht, wollte man verschweigen, daß Sarasins Studie auch sehr 
wertvolle Nachweise enthält. So scheint uns der Beweis dafür, daß so 
manche Gestalten, Situationen und Begebenheiten des Meister-Romans nur 
der späte dichterische Niederschlag verschiedener Jugenderlebnisse Goethes 
sind, restlos gelungen zu sein ; schade nur, daß die analytische Brühe, die 
über die gewonnenen Resultate allsogleich gegossen wird, sie zum Teil 
wieder zerstört." 

Ein radikales Urteil über die beiden psychoanalytischen Goethe-Bücher 
fällt — trotz angeblicher Duldung für Eingriffe der Psychologie in die 
Literaturforschung — auch Heinz Kindermann im soeben erchienenen 
neuen Heft der „Deutschen Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft" : „unver- 
antwordiche Mechanisierung der Psyche aus unsichersten Quellen!" 

Was die Psychoanalyse 

in den nächsten Jahrzehnten anrichten wird 

Prophezeiungen von Andre Maurois 

Andre Maurois, der erfolgreiche Autor der Biographien von Byron, 
Shelley und Disraeli und des psychologischen Romans „Climats" (deutsch : 
„Wandlungen der Liebe") veröffentlicht im Maiheft des „Querschnitt" eine 
Plauderei unter dem Titel „Die sexuelle Moral um 1 950, Fragment 
einer 1992 durch die Universität . . . veröffentlichten Weltgeschichte". Maurois 
— über seine Beziehung zur Psychoanalyse lese man in dieser Zeitschrift die 
Ausführungen von Fritz L e h n e r nach („Die psychoanalytische Bewegung", 
I. Jg., Heft 2, S. 168 ff.). — beschäftigt sich in seinem Aufsatz in Form des 
satirischen Rückblicks audi mit dem Einfluß der Freudschen Lehre 
in den 30-er und 40-er Jahren unseres Jahrhunderts. „Diese Lehre" — schreibt 
er — „hatte in romanischen Ländern weniger großen Erfolg, weil sie von 

— 409 — 




:e 



e 



jeher eine gewisse sexuelle Freiheit genossen hatten, das Übel nicht kannten 
und folglich keine Heilmittel benötigten. Aber für die germanischen und vor 
nehmlich für die angelsächsischen Länder war diese Lehre eine Befreiung. J etet 
war es endlich erlaubt und unter dem Deckmantel einer wissenschaftlichen 
Sprache leicht möglich, frei über Dinge zu reden, die seit mehreren Jah r . 
hunderten verboten waren. Die Psychoanalyse verbreitete sich ungeheuer u n( j 
enthüllte einer großen Anzahl aufrichtiger Puritaner das Bild ihrer wirklichen 
Seele, so wurden sie nachsichtiger gegenüber den Wünschen anderer. Die Ärzte 
hielten es für ihre Pflicht, ihre Kranken von den Verdrängungen zu befreien 
die sie zum Wahnsinn führen konnten und spornten zu einer gewissen Kühn' 
heit und Freiheit der Sitten an. Seit 1928 bewiesen Schriftsteller wie Joy ct 
und D. H. Lawrence eine Großzügigkeit, die dem Leser von 1940 zwar 
als ziemlich schüchterner Versuch erscheint, die aber damals durchaus neu war. 
Das physische Schamgefühl verschwindet zusammen mit dem verbalen und 
intellektuellen Schamgefühl ..." 

„Der Einfluß der Freudschen Theorie" — schreibt Maurois dann später — 
„war zunächst wohltuend gewesen. Es schien wahr zu sein, daß übertriebene 
Strenge der geistigen und körperlichen Gesundheit der Menschen schadete, die 
weder Heilige noch Impotente waren. Tatsächlich nahm die' Zahl der Geistes- 
kranken in Europa sowohl wie in Amerika seit 1930 ab. Aber bald wurden 
unter dem Vorwand, den Wünschen eines jeden gerecht zu werden, alle s 0- 
zialen Bindungen und Kontakte gelöst. Die frühere Ehe wurde 
durch die Scheidung, die man nur anzumelden brauchte, durch die Junggesellen- 
wirtschaft, durch den Verzicht auf Kinder vollständig zerstört. In der victoriani- 
schen Zeit hatte die Sittenstrenge harmlosen Vergnügen einen gewissen Reiz 
verliehen. Im neunzehnten Jahrhundert fand sich die männliche und weibliche 
Jugend zu unschuldigen Spielen, zu Sport und zum Studium zusammen. Seit 
1935 bekamen die meisten Zusammenkünfte ausschweifenden Charakter. Die 
öffentliche Meinung hatte sich derart verändert, daß in England, dem ehemals 
sittenstrengen Land, der Anti-Puritanismus eine Tugend geworden war. Er war 
zwar nicht durch das Gesetz vorgeschrieben, aber er gelangte allgemein zur 
Anwendung, und die sozialen Sanktionen waren unerbittlich. 1954 mußte der 
sozialistische Premierminister zurücktreten, weil man ihn der ehelichen 
Treue verdächtigte. Er hatte zur Zeit das Gesetz der obligatori- 
schen Psychoanalyse in den Kindergärten durchgebracht. Man 
beschuldigte ihn der Hypokrisie. Eine Reihe großer europäischer Zeitungen be- 
gann eine Kampagne, um zu beweisen, die sexuelle Freiheit Englands sei nur 
vorgetäuscht, es verstecke sich dort in Wahrheit hinter freien Reden und freier 
Literatur manch keusches Leben." 

— 410 — 





Dann schildert Maurois die „ersten Anzeichen einer Reaktion" gegen den 
sexuellen Libertinismus im Jahrzehnt 1940 — 1950. „1943 wurde der berühmte 
Roman Conjugal Happiness von Miss Brushwood veröffentlicht, in dem sie mit 
einer für die damaligen Verhältnisse geradezu unglaublichen Scham- 
losigkeit die Freuden der Treue, der normalen Liebe und der 
unauflöslichen Ehe schildert. Die englische Zensur verbot dieses Buch, 
aber es wurde in Frankreich sofort neu aufgelegt ..." usw. Nun beginnt die 
Bewegung der „keuschen Schule" als die einer revolutionären Opposition. Im 
Winter 1943 — 1944 wurden in New York und Boston geheime conjugal parties 
veranstaltet; man lud dazu nur verheiratete Paare ein, die den ganzen Abend 
zusammen verbrachten. Diese revolutionären Sitten erregten Ärgernis. Im Hyde 
Park mußte die Polizei gegen verheiratete Paare einschreiten, die am klarlichten 
Tag nebeneinander saßen. In Paris mußten Polizisten auf Motorrädern Frauen 
aus dem Bois de Boulogne vertreiben, die dadurch Ärgernis erregten, daß sie 
bis zum Hals zugeknöpft waren. „1954 veröffentlichte Dr. Schmidt, ein Arzt in 
Lausanne, dessen Name später so berühmt wurde, ein Buch über die Ver- 
drängungen des Schamgefühls . . . Die glückliche Auswirkung des Schmidtismus 
wurde bald deutlich." Die Tugend wurde nicht mehr feindlich behandelt usw. usw. 
„Heute, 1992" ist allerdings Maurois wieder unzufrieden. Die „Schmidtsche 
Reaktion" ist wieder zu weit gegangen: „ein neuer Puritanismus, noch aggres- 
siver als der alte, will unser Tun und Denken kontrollieren." Und daher ruft 
Maurois 1992 wieder nach einem „Freud, der uns vom Dämon befreit". 

Berichtigung 

In unserer Notiz „Und so sage ich ganz schlicht : dieses Buch ist eine 
Gemeinheit" (diese Zeitschrift, I. Jg., S. 183) und der „Berichtigung" dazu 
(S. 379) war davon die Rede, daß Herr Ch. E. Maylan in seinem Buche das 
Bildnis Sigmund Freuds von Ferdinand Schmutzer ohne Wissen und Ein- 
willigung Prof. Freuds und ohne Einwilligung der Witwe des Künstlers 
reproduziert hat. Unsere tatsächlichen Feststellungen konnten durch die „Berichti- 
gungen" des Herrn Maylan nicht erschüttert werden, es ergab sich nur eine 
Meinungsdifferenz darüber, ob Herr Maylan sich darauf berufen kann, bei einer 
„der Zeitgeschichte angehörenden Persönlichkeit" zu so einer Reproduzierung 
auch ohne jene Einwilligungen formalrechtlich befugt zu sein. Doch ergibt sidi 
die Notwendigkeit noch einer Richtigstellung. Es gibt zwei Ausführungen der 
Schmutzerschen Radierung. Auf der einen ist die Unterschrift Freuds auf die 
Bilclfläche mitgraviert, auf der anderen fehlt die Unterschrift. H. Maylan läßt 
uns durch seinen Anwalt mitteilen, daß er auf die Feststellung, die letztgenannte 
Fassung reproduziert zu haben, Gewicht legt. Hiemit erfüllen wir seinen Wunsch 
und stellen fest, daß er tatsächlich die Unterschrift Freuds ohne Wissen und 
ohne Einwilligung Freuds nur einmal reproduziert hat : nur unter dem 
Bildnis Freuds und nicht auch auf dem Bildnis. 

— 411 — 



e 



Kongresse und Tagungen 

Auf dem ,1. Internationalen Kongreß für Psychisch 
Hygiene", der in der Zeit vom 5. bis zum 10. Mai in Washington (U. S A 
stattfand, war auch die Psychoanalyse durch mehrere von der Kongreß, 
leitung eingeladene europäische Analytiker vertreten. Von psychoanalytischer 
Seite hielten Vorträge: Dr. Franz Alexander (Berlin) 1 über die „P ro [ 
bleme psychischer Hygiene und Verbrechertum", Mary Chadwick (London) 
über „Das neurotische Kind", Dr. Helene Deutsch (Wien) über „Erziehung 
und Persönlichkeitsentwicklung", Dr. J. H. H. van Ophuijsen (Haag) 
über „Geschlecht und Kultur", Pfarrer Dr. Oskar Pf ister (Zürich) über 
„Religion und psychische Hygiene", Dr. R. Spitz (Berlin) über „Soziale 
Fragen und psychische Hygiene", Dr. S. R a d 6 über den „Unterricht in der 
Psychoanalyse". Der Vortrag von August Aichhorn (Wien), der am Er- 
scheinen verhindert war, über „Behandlung statt Bestrafung jugendlicher Ver- 
brecher" wurde verlesen. 



In der Woche vom 13. bis zum 20. September 1930 findet in Wien 
der IV. Kongreß der „Weltliga für Sexualreform auf wissenschaft- 
licher Grundlage" statt. Auf der Tagesordnung stehen folgende Themen: 
Wohnungsnot und Erziehung, Sexualnot, Seelenleben, Innere Sekretion, Zur 
Geschichte der Sexualmoral, Rechtsordnung, Geburtenregelung und Menschen- 
Ökonomie, Recht des Kindes. Unter den bereits angemeldeten Rednern be- 
finden sich auch mehrere Psychoanalytiker. Es werden folgende Psychoana- 
lytiker sprechen : 

zum Thema „Sexualnot" : Dr. Fritz W i 1 1 e 1 s (Wien) und Dr Wilhelm 
Reich (Wien) 

zum Thema „Seelenleben" : Dr. Paul Federn (Wien), Dr. Ernst S i m m e 1 
(Berlin), Dr. Eduard Hit seh mann (Wien), Dr. Sperling (Wien) 

zum Thema „Recht des Kindes": Doz. Dr. I. K. Friedjung (Wien) 

Aus der Reihe der sonstigen Redner nennen wir hier noch einige : Stadt- 
rat Prof. Dr. Tandler (Wien),Prof. Dr. Johan Almkwist (Stockholm), 
Hofrat Prof. Dr. Steinach (Wien), Prof. M a r a 11 o n (Madrid), Dr. Peter 
Schmidt (Berlin), Rudolf Goldscheid (Wien), Sanitätsrat Dr. Magnus 

1) Hier sei auch mitgeteilt, daß die Universität Chicago Dr. Franz Alexander 
(Berlin) für ein Jahr als Professor der Psychoanalyse eingeladen hat. Die Ernennung 
erfolgte an die Medizinische Fakultät, doch soll er auch außer an dieser Fakultät all- 
gemein zugängliche Vorträge zur Einführung in die Psychoanalyse für die Hörer aller 
Fakultäten und im Besonderen auch für „social workers" (im Fürsorgedienst tätige Per- 
sonen) halten ; auch erstreckt sich der Lehrauftrag auf ein Seminar für Kriminalisten. 
Dr. Alexander tritt sein Lehramt in Chicago am 1. Oktober an. 

— 412 — 



Hirschfeld (Berlin), Prof. Pasche-Oserski (Kiew), Staatskanzler a. D. 
Dr. Karl Renner (Wien), Dr. Normann H a i r e (London), Dr. Helene 
Stöcker (Berlin), usw. 

Alle Anfragen und Zuschriften sind an das Büro des Kongresses, Wien I/1.5, 
Postfach 63, zu richten. 



Sonntag, den 28. September 1930 und an den beiden folgenden Tagen 
hält die „Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft" (Sitz : 
Berlin) unter dem Vorsitz von Dr. Max Eitingon eine Tagung in 
Dresden ab. In den wissenschaftlichen Sitzungen werden u. a. folgende 
Vorträge gehalten werden : 

Bernfeld (Berlin) : Infantile Sexualität und sexuelle Anomalien; 

B o e h m (Berlin) : Zur Geschichte des Ödipuskomplexes ; 

F e n i c h e I (Berlin) : Spezialformen des Ödipuskomplexes ; 

Federn (Wien) : Das zwangsneurotische Symptom ; 

R a d 6 (Berlin) : Die psychoanalytische Therapie ; 

H a r n i k (Berlin) : Therapie der Homosexualität ; 

Christoffel (Basel) : Psychoanalyse und Medizin ; 

S i m m e 1 (Berlin) : Süchte. 

Außerhalb der wissenschaftlichen Sitzungen werden auch öffentliche Vor- 
träge gehalten werden, von denen folgende schon feststehen : 

Meng (Frankfurt): Seelische Hygiene auf psychoanalytischer Grundlage; 

Groddeck (Baden-Baden) : Der Struwelpeter ; 

Horney (Berlin) : Das Mißtrauen zwischen den Geschlechtern ; 

Z u 1 1 i g e r (Ittigen-Bern) : Psychoanalyse und Pädagogik ; 

Müller-Braunschweig (Berlin) : Psychoanalyse und Weltanschauung ; 

Landauer (Frankfurt) : Das Individuum und seine Gemeinschaften. 

Die Themen der öffentlichen Vorträge von Hitschmann (Wien) und 
Fromm (Berlin) sind noch nicht bekanntgegeben. 

Interessenten der psychoanalytischen Bewegung, die an der Tagung teilzu- 
nehmen wünschen, erhalten nähere Auskünfte und Teilnehmerkarten 
durch Dr. Felix B o e h m, Berlin W. 50, Rankestraße 20. 



Eigentümer und Verleger : 

Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Ges. m. b. H., Wien, I., Börsegassc II 

Herausgeber: Adolf Josef Storfer, Wien, I,, Börsegasse ll 

Für die Redaktion verantwortlich: Dr. Editha Sterba, Wien, VI., Mariahilferstraße 71 

Druck: Johann N. Vernay A.-G., Wien, IX., Canisiusgasse 8—10 

— 413 — 



W ^^^^S^ S ii^^^WS^ Psychoanalytische 
f\lf\':<V-'-'H' i :' : ^-C :, '''-V-^\~-:' -.':•.'.'•%' Biographik 



Ei;',- 






SP 

IV 









orer 



AEFRED WINTERSTEIN: Dürers „Melancholie" im Eichte der 

Psychoanalyse. 

J/z't S Kunstbeilaßen. Geheftet M. 3'—, Ganzleinen M. -f.6o 

Inhalt: I) der Inhalt des Kupferstiches „Melencolia I" — II) Die historischen Voraus 
Setzungen des Dürerischen Konzeptes — III) Die Quellen Dürers — IV) Saturn, Melancholie 
und Analcharakter — V) Dürers Lebensgeschichte und Persönlichkeit — VI) Der Tod der 
Mutter — VII) Psychoanalytische Deutung der Melencolia — VIII) Zur Abwehr 



Koussea u 

RENE EAFORGUE: Jean Jacques Rousseau. 

Eine psychoanalytische Studie. Geheftet M. l.ZO 

„Wir haben nicht die Absicht, Rousseau zu verkleinern, sondern ihn in seiner vollen Mensch 
henkelt zu verstehen" 



i-Joetht 



THEODOR REIK : Warum verließ Goethe Friederike ? 

Geheftet M. 6,— / Ganzleinen M. 8.— 

Inhalt: Dichtung und Wahrheit — Ein alter Mann erzählt die Geschichte seiner Liebe — 
Die Gründe der Trennung — Die Verkleidung — Der Kindtaufkuchen — Chronologische 
und andere Verwirrung — Die Kußangst — Sexualität und Gewissensangst — Der junge 
Goethe erzählt ein Märchen — Der Dichter über die „Neue Melusine" — Der Schatten 
des Vaters — Der Text der Zwangsbefürchcung — Capriccio doloroso — Freundliche 
Vision — „Frohe und dankbare Gefühle nach dem Sturm" — Coda 

PHIEIPP SARASIN : Goethes Mignon. 

Eine psychoanalytische Studie. Geheftet M. Z.60, Ganzleinen M. 4 — 
I n h a 1 1 : Vorbemerkung — I) Der Meisterroman — II) Goethes Jugendgeschichte — 
III) Ergänzungen zur Jugendgeschichte. Knabenmärchen. Die französischen Schauspieler. Zum 
frühen Tode der Geschwister Goethes — IV) Analytische Deutung der dramatischen Mo- 
mente. Das Seiltänzermilieu. Mignon und Cornelie. Die Vateridentifizierung — V) Ana- 
lytische Deutung der lyrischen Momente — VI) Zusammenfassung 



tech 



'ner 



IMRE HERMANN : Gustav Theodor Fechner. Eine psychoanalytische 

Studie über individuelle Bedingtheiten wissenschaftlicher Ideen. 

Geheftet M. 3-, Ganzleinen M. 4.60 

Inhalt: Biographisches — Die schwere Krankheit — Die Idee der Psychophysik — Die 
„Tagesansicht" — Das Formale im Denken Fechners — Die Begabungsgrundlagen — Fechner 
als Vorläufer psychoanalytischer Ideen .';3 




\:-i 



'~ : : 



•;■■-.■• 






•.',■■ 



•::■• 



feV 
: V>." 
fV 

<:■•.'. 



PSpWPftWPSlS Psychoanalytische S ^ P ^fW Il S PIFglWPPi 
.•/.■•:■•'. ~.':'.'. ! .*.:■•: *'.'*.-,';.;•:•>.* Biographik K^^%\K.?^ : ^:K~*^V.-'V? , sV; 

JLassaue 

ERWIN KOHN : Lassalle - der Führer. 

Geheftet M. 4.-, Ganzleinen M. 6.- 

Inhalt: Die psychologische Entstehung des Führers — II) Die psychologische Technik der 
Führung bei JLassaüe — III) Das Liebesschicksal Lassalles — IV) Die psychische Struktur 
des Führertums bei Lassalle — V) Die Nachfolge Lassalles und das Ende der Organisation 



K.elU 



er 



EDUARD HITSCHMANN : Gottfried Keller. Psychoanalyse des 
Dichters, seiner Gestalten und Motive. Geheftet M. 3.50 

„Das vorliegende Keller-Buch hat mir auch als Literarhistoriker, einige Lichter auf- 
gesteckt . . . Das Buch vertieft unseren Einblick in die erotischen Probleme bei dem Menschen 
wie bei dem Künstler Keller. Es erklärt die Hemmungen in seiner persönlichen Liebeswahl 
und Sexualität und beleuchtet entsprechende Motive seiner Dichtung." 

[Prof. Harry Maync, Bern, im „Literarischen Echo".) 



n 



h 



osto/ews 

JOLAN NEUFEED : Dostojewski. Skizze %u seiner Psychoanalyse. 
Geheftet M. 3. — / Ganzleinen M. 5. — 

„Der ernste, etwas analytisch orientierte Leser wird die flüssige und beredte 
Dostojewski-Skizze in einem Zuge durchlesen, und ohne Widerspruch." 

{„Neue Zürcher Zeitung".) 



ToL 



stoi 



N. OSSIPOW: Tolstois Kindheitserinnerungen. Ein Beitras zu 

Freuds Eibidotheorte. Geheftet M. 6. — , Halbleinen M. 7.50 

Inhalt: I) Vorbemerkungen — II) Die „Ersten Erinnerungen" — III) Zwei allererste Er- 
innerungen (Das Individual-lch und die Ich-Libido) — IV) Ober den Narzißmus — V) Drei 
weitere Erinnerungen (Objektlibido) — VI) Der Seelenkonflikt — VII) „Die Ameisenbrüder" 
(Das Supra-Ich) — VIII) Über die infantile Amnesie 



amsun 



EDUARD HITSCHMANN : Ein Gespenst aus der Kindheit 
Knut Hamsuns. Geheftet M. 2—, Ganzleinen M. 3.50 

Inhalt: Eine Kindheitserinnerung Hamsuns— Psychoanalytische Deutung des Gespenstes 
— Kastrationssymbolik in Hamsuns Werken — Die Entmannung der Väter (Altern und Ver- 
armen) — Das Motiv der Eifersucht und des geschädigten Dritten — Grausamkeit und 
Leidenschaftlichkeit, Belauschen und Zuschauen — Hamsuns Ideale 



■i 

M 



'•■"■ 

v.f 
•-v.s 

'■■■'i 

'■"=:: 

■••'■ 

'.« 



■i 



■ m 



;•! 



■■■■=} 



*';* 



:<3 



3 
'.vi 

i 



^ifi&^s&ii&ä^^ 



"?ti, 
'•S\ 



"^ 



SI GM. FREUD 
GESAMMELTE SCHRIFTEN 

Elf Bände in Lexikonformat 



Unter .Mitwirkung des V erlassers nerausgegeben 
von Anna Freud und A. J. iStorfer 



i) 
ii) 
im 

IV) 

V) 

VI) 

VII) 

VIII) 

IX) 

X) 
XI) 



Studien über Hysterie / Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 1892—1899 
Die Traumdeutung 

Ergänzungen und Zusatzkapitel zur Traumdeutung / Über den Traum / Beiträge 
zur Traumlehre / Beiträge zu den „Wiener Diskussionen" 

Zur Psychopathologie des Alltagslebens / Das Interesse an der ^Psychoanalyse / 
Über Psychoanalyse / Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 
Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie / Arbeiten zum Sexualleben und zur 
Neurosenlehre / Metapsychologie 

Zur Technik / Zur Einführung des Narzißmus / Jenseits des Lustprinzips / Massen- 
psychologie und Ich-Analyse / Das Ich und das Es / Anhang • 
Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 
Krankengeschichten 

Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten / Der Wahn und die Träume 
in W. Jensens „Gradiva"' / Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci 
Totem und Tabu / Arbeiten zur Anwendung der Psychoanalyse 
Schriften aus den Jahren 1923 — 1926 / Geleitworte zu fremden Werken / Gedenk- 
artikel / Vermischte Schriften / Schriften aus den Jahren ig26 — 1928 



Geheftet M.x8o. — , in Ganzleinen M. 220. — , 
in Halbleder (Schweinsleder) iVf 280. — 

Hermann Hesse in der »Neuen Rundschau«: l,ine groije, 
schöne Gesamtausgabe, ein -würdiges und verdienstvolles \S^ert 
wird da unter Dach gebracht. — Prof. Raymund iSchmidt in 
den »Annalen der Philosophie«: Druck und Ausstattung sind 
geradezu aufregend schön. 

Ausführliche Prospekte auf Verlangen Ton 

Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

VVien I, Börsegasse 11 



1