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Full text of "Die Psychoanalytische Bewegung I. Band 1929 Heft 1"

DIE 

PSYCHOANALYTISCHE 
- BEWEGUNG 
I 
1929 



^ Die 

psycnoanalytiscne 
Dcwegung '^ 

trscncint zweimonatLicri 



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Hcrausgegeoen von 
A. J. Storfer 

1. Janrgang 

1929 



Internationaler 



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Psycnoanalytiscne r Verlag 
Wien 



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INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 



DIEPSVCHDftNALYTISCHE HDCHSCHLLE IN BERLIN 



Die psychoanalytische 



I. Jahrgang Mai«Juni 1029 Heft 1 m 



Die Zeitschriften der Psydioanalyse 

Das Ersdieinen einer neuea psydiaanalytiadien Zeitsdirifc dari zum An- 
laß genommen werden, eine Übersicht über die bisher bestehenden psydio- 
anaiytisdien Zeitsdirihen zu bieten. 

Die beiden offiziellen deutsdien Zeitsdirifcen der „Internationalen Psycho- 
analytisAen Vereinigung", die , Internationale Zeitschrift für 
Psychoanalyse' und die „Imago, Zeitschrift für Anwendung der 
Psychoanalyse auf die Natur- und Gebteswissenschaften" werden von Sigm. 
Freud herausgegeben. Von beiden Zeitsduriften ersdieint jetzt (igag) der 
XV. Jahrgang. Die erstgenaimte Zeilsdirift ist 1913, die , Imago" ein Jahr 
früher gegründet worden. (Der Umstand, daß von jeder der beiden Zeit- 
sdiriften im Kriege während mehrerer Kalenderjahre zusammen nur ein Jahr- 
gang erschienen ist, erklärt es, daß sie erst beun XV. Jahrgang halten, ob- 
sdion die .Internationale Zeitschrift" bereits im effektiven 17., die „Imago" 
im effektiven 18. Lebensjahr steht.) 

Die „Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse" (redi- 
giert von M. Eitingon, S. Fereoczi und S. Rad6 unter Mitwirkung der Präsidenten 
der psychoanalytisdien Vereinigungen in Wien. Berlin, Züridi, Budapest, 
Haag, London, Paris, Moskau, New York und Calcutta) ist dem engeren 
Gebiete der psydioinilytbdien Theorie und insbesondere deren Anwendung 
auf die Medizin, vor allem auf die Neurologie und Psychiatrie gewidmet. 
(Die I. Z. f. PsA. ersdieint, in GroSoktav, viermal jährlidi, im Gesamtumfang 
von etwa 600 Seiten; Jahresabonnement Mk. 28"—; der Jahrgang beginnt 
im Januar.) 

Die Jmago" (redigiert von H. Sadis, S. Radö und A. J. Storfer) dient 
allen außermedizinischen Anwendungen der Psychoanalyse. Vor allem 



PiA. Bewegung 






sind es die Gebiete der Philosophie und Psydiologie, der Religio nswisseo- 
sdiait, Völkerp sydiologie und Ethnologie, der Literaturforschung, Kunst- 
wissenschaft und Äsdietik und der Pädagogik und Jugendpsychologie, dje 
berücksiditigt werden. {Die ^.Imago" erscheint in Lexikoniormat viermal jähr- 
lith, im Gesamtumfang von etwa 560 Druckseiten; Jahresabonnement 
Mark 32' — ; der Jahrgang beginnt im Januar.) 

Im HerbBC 1926 wurde von Dr. Heinrich Meng und Prof. Ernst 
Schneider die monadich ersdieinende „Zeitschrift für psychoana- 
lytische Pädagogik" gegründet. Sie soll keine fa ch Wissens diafdidie Zeit- 
schrift im engeren Sinne sein, sondern wendet sich an „Vater, Mutter, Arit 
und Lehrer'. Von der , Zeitschrift für psycho analytisdie Pädagogik" liegt 
bereits komplett vor der 1. Jahrgang {Okt. 1926 bis Sept. 1927} und der IT. Jahr- 
gang (Okt. 1927 bis Sept. 1928). Preis pro Jahrgang in Halbleder gebunden 
Mark I3'60; Abonnement auf den laufenden Hl. Jahrgang, Okt. 1928 bis 
Sept. 1939, Mark 10' — , 

Das offizielle Organ der „Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung" 
in engl-scher Sprache ist das von Emest Jones in London redigierte 
»International Journal of Psy cho-Anaiysis". (1929 erscheint 
der X. Band; jährlich 4 Hefte, £ 1,10,—). In Amerika geben WiUiam 
A. White und Smith Ely Jelliffe „die Vierteijahrsschrift ,The Psycho- 
analytic Review" heraus. (1929 erscheint der XV]. Band; jährlich S 6'—.) 

Im Jahre 1927 ist das offizielle Organ der Pariser Psychoanalytischen 
Gesellschaft, die , Revue Franjaise de Psychanalyse" {„publice sous 
le haut patronagc de M. le prolesseur S. Freud"), auf den Plan getreten. 
(Sie erscheint viermal jährlich; AbonncMfent in Frankreich 80 Fr., im Aus- 
land — je nach Tarifgebiet — 100, bezw. 120 Fr.) 

Was die neue Zeitschrift „Die psychoanalytische Bewegung' zu bieten 
und zu erreidicn beabsichtigt, braucht nicht auseinandergesetzt zu werden; 
ihr Inhalt selbst soll von ihrem Wollen und Können Zeugnis ablegen. Und wenn- 
gleich es einem Heft noch nicht möglieh ist, ein Beispiel für alle Auf- 
gaben zu bieten, deren Erfüllung die neue Zeitschrift anstrebt, so wird der 
Leser jedenfalls schon erkennen können, daß sie aus dem Kreise der 
engeren Fadigenossen der psychoanalytischen Wissenschaft hinausstrebt, ein 
Verbindungsglied zu den Gebildeten aller geistigen Interessengebiete sein 
will, daß sie es audj dem Abseitsstehenden ermöglichen mochte, sich über 
die Fortsdiritte der psychoanalytischen Lehre und der psychoanalytischen 
Bewegung fordaufend za unterrichten. 



— 2 — 



Die Stellung Freuds in der modernen 
Geistesgeschichte 

Von 

Thomas Mann 

Fragte man midi, welcher unter den kühnen und umwäkenden 
Beiträgen Sigmund Freuds zur Erkenntnis des Menschlichen auf mich 
den stärksten Eindruck gemacht habe, und welche seiner literarischen 
Arbeiten itih- zuerst in den Sinn kommen, wenn sein Name fallt, so 
würde ich ohne Besinnen die große, viergeteilte Abhandlung über 
„Totem und Tabu" im zehnten Band seiner Gesammeicen Schriften 
nennen. Unwahrsdieinlidi übrigens, daß idi mit solcher Vorliebe allein 
stehe, denn mag es auch, angesichts des Weltruhmes, von dem heule 
die Gesamde istung des großen Forschers getragen ist, eine Kund- 
gebung fast rührender Geiehrtenbesdieidenheit bedeuten, wenn er diese 
Aufsätze, im Vorwort, von seinem übrigenLebenswerk unterscheiden 
zu sollen glaubt, indem er ihnen ausnahmsweise einen „Anspruch auf 
das Interesse eines größeren Kreises von Gebildeten" zuschreibt, so ist 
wohl riditig, daß sie die — in einem relativen und ansprudis vollen 
Sinn — populärste von seinen Schriften bilden, und zwar weil sie 
nach ihren Absichten und Einsiditen die medizinische Sphäre wdt ins 
allgemein Geisteswissensdiafdiche hinaus überschreiten und vor dem 
der Frage des Menschen nachhängenden Leser ungeheure Perspek- 
tiven seelischer Vergangenheit, Urwelttiefen moralischer, gesellschaft- 
lidier, mythisch-religiöser Fi'üh- und Vorgeschichte der Menschheit er- 
hellend aufreißen. 

Der außerordendiche Reiz der Abhandlung ist verschiedendidi er- 
klärbar. Zunächst ist ae ohne Zweifel die rein künstlerisch höchst- 
stehende unter den Arbeiten Freuds, nach Aufbau und literarischer 
Form ein allen großen Beispielen deutscher Essayistik verwandtes und 
zugehöriges Meisterstück, Das |ist kein Wunder und hat doch etwas 
Geheimnisvolles. Denn in der hohen Lesbarkeit gerade dieses 
Werkes, das sich aus der klinischen Sphäre zur kühnen Weitsicht in 
die Sphäre des menschlich-allgemein Interessanten erhebt, bekundet 
sidi das humane Gesetz der Form, die metaphysische Verbundenheit 



von Humanität und Form, welche die Well der Dichtung und 
, schonen' Literatur beherrsdii und bestimmt. Es ist die Welt der 
Dinge, die man nicht ausdrückt, es sei denn, man drüdcte sie gut aus. 
— die Welt der Diditcr und Sdirifisteller. Ihr gehört diese Kompo- 
sition unzweifelhaft zu; sie ist nidit Gelehrten- Alltags- und Kärmerwerk, 
sondern ein Stück Wclthteratur. 

Freud nennt sie einen „Versuch, Gesichtspunkte und Ergebnisse der 
Psychoanalyse auf ungeklärte Probleme der Völkerpsychologie anzu- 
wenden." Der klinische Bhckwinkel ist also gewahrt, und man muß 
sagen, daß er sich im Großen großartig bewähn. Seit Nietzsche haben 
wir einen Begriff vom Wert der Krankheit für die Erkenntnis und 
das Wadistum des Lebens überhaupt; der Psycholog der Neurose 
läßt ims in Untersuchungen von kühnstem Tiefgang und Tiefendrang 
diese Zusammenhänge, die Beziehungen von Neurose und Menschlich- 
keit in vielfaltiger Genauigkeit erfassen imd wenn einerseits seine 
Sdirüt die Durchleuchtung und psychologische Eroberung des Ur- und 
Frühmensdientumes, der untersten Fundamente alles Kulturlebens durdi 
die Neurosenlehre bedeutet, so faßt sie andererseits den Typus des 
Neurorikers als archaistisdi im Sinne des Untertitels unserer Abhand- 
lung, die in Bescheidenheit lautet r „Einige Übereinstimmungen im ' 
Seelenleben der Wilden und der Neurotiker." Da aber „wildes' 
Seelenleben zweifellos primitives Leben in des Wortes paiäonto- 
logisch-vorgesdiichtiicher Bedeuwng das^ellt, so besteht also jene „An- 
wendung" psydioanalytisdier Ergebnisse *iuf die Menschheitsgeschichte 
in einer Übertragung und Projizierung der berühmten „Tiefenpsycho- 
logie" aus dem Klinisch-Individuellen in die Zeit und ihre unge- 
messenen Räume, — woraus sich eine weitere Deutung der besonde- 
ren Anziehungskraft dieses rhapsodisdi-geniahschen Werkes ergibt. Es 
ist ein erstaunliches Beispiel der Vereinigung von Expansion und Kon- 
zentration, insofern sie das ganze Lehrsystem der Psychoanalyse mit 
allen seinen Elementen : der Traumpsychologie, der Ödipuskomplex- 
Konzeption, dem Ambivaienzbe griff, der Verdrangungs- und Trieb- 
umwandfungslehre — und was noch aufzuzählen wäre — in nuce ent- 
hält und zugleich wohl das geistig ausgedehnteste schriftstellerische 
Unternehmen darstellt, das unter ärzthchem Gesiditspunkt je unter- 
nommen worden. 

— 4 — 



Es ist hier nidit Raum und müßte an dieser Stelle müßig sdieinen, 
den Gedankengang des großen Versuchs auch nur im Gröbsten zu 
rekapitulieren. Aber eine Bemerkung und Feststellung, die sich mir 
bei erneutem Lesen ergab, bitte ich, zu Ehren Freuds und zur Kenn- 
zeichnung seiner Stellung besonders in der deutschen Geistesgeschichte, 
daran knüpfen zu dürfen. 

In einem entsdieidenden Aphorismus, den er „Die Feindschaft der 
Deutschen gegen die Aufklärung" übersdireibt, erörtert Nietzsche 
den Beitrag, den die Deutschen, ihrea Philosophen, Historiker und 
Naturforscher in der ersten Hälfte des irj. Jahrhunderts mit ihrer 
geistigen Arbeit der allgemeinen Kultur gebracht haben, und weist 
darauf bin, daß der ganze große Hang dieser Denker und Forscher 
gegen die Aufklärung und gegen die Revolution der Gesellschaft ge- 
richtet war, ,weldie mit grobem Mißverständnis als deren Folge galt.' 
Die Pietät gegen alles noch Bestehendcj sage er, habe sich in Pietät 
gegen alles, was bestanden hat, umzusetzen gesucht, „nur damit Herz 
und Geist wieder einmal voll würden und keinen Raum mehr für zu- 
künftige und neuemde Ziele hätten." Er spricht von der Aufrichtung 
des Gefühlskultus an Stelle des Kultus der Vernunft, von dem subli- 
men Aotei], den die deutschen Musiker, erfolgreicher sogar als alle 
Künsder des Wortes und Gedankens, an diesem Tempelbau genom- 
men; und bei voller Anerkennung der Einzelvoneile, die die histo- 
rische Billigkeit bei alldem davongetragen habe, will er im Ganzen 
doch nicht verkannt wissen, wie es „keine geringe allgemeine Gefahr" 
gewesen sei, unter dem Anschein der voll- und endgültigsten Er- 
kenntnis des Vergangenen die Erkenntnis überhaupt unter das Ge- 
fühl hinabzudrücken und, nach den Worten Kants, dem Glauben 
wieder Bahn zu machen, indem man dem Wissen seine Grenzen wies. 
„Die Stunde dieser Gefahr", schreibt Nietzsche (1880!) „ist vorüber- 
gegangen." Man atme wieder freie Luft. Gerade die Geister, welche 
von den Deutschen so beredt besdiworen wiu'den, seien auf die 
Dauer den Absichten ihrer Beschwörer am schädlichsten geworden, — 
,die Historie, das Verständnis des Ursprungs und der Entwicklung, 
die Mitempfindung für das Vergangene, die neu erregte Leidenschaft 
des Gefühls und der Erkenntnis, nachdem sie alle eine Zeit lang hülf- 
reithc Gesellendes verdunkelnden, schwärmenden, zurück- 

— 5 — 



bildenden Geistes sdiienen, haben eines Tages eine andere Natur 
angenommen und fliegen nun mit den breitesten Flügeln an ihren 
alten Besdiwörern vorüber und hinauf, als neue und stärkere Genien 
eben jener Aufklärung, wider welche sie beschworen waren. 
Diese Aufklärung," schließt Nietzsdie, „haben wir jetzt weiterzuführen 
— unbekümmert darum, daß es eine .große Revolution' und wiederum 
eine .große Reaktion' gegen dieselbe gegeben hat, ja, daß es Beides 
noch gibt: es sind doch nur Wellenspiele im Vergleich mit der wahr- 
haft großen Flut, in welcher wir treiben und treiben wollen!" 

Die brennende Lebendigkeit dieser Worte, ihre unmittelbare und 
hödist stärkende Anwendbarkeit auf das Heute wird jeder empfinden, 
der sie, fast ein halbes Jahrhundert nach ilirer Niederschrift, wieder 
liest. Wer bemüht ist, sich von ephemeren „Wellenspielen " der Zeit 
und des Tages den Blick in die offene Menschenzukunft nicht ganz 
verstellen — sich durdi den selbstgefälligen Lärm der Zeichendeuter 
und Liebediener der Stunde nidit verwirren zu lassen, wird ihnen 
mit Dankbarkeit wieder lauschen und mit Ehrfurcht vor dem beherr- 
schenden Genius Nietzsches, vor seiner überschattenden Größe, der 
unsere Gegenwart, sei sie sich dessen bewußt oder nicht, mit all ihrem 
Denken, Wollen, Meinen und Streiten buchstäblich zu Füßen liegt, 
nämlidi so, daß all ihre Kämpfe und Krämpfe wie ein Satyrspiel und 
eine skurrile Wiederholung seines geistigen Erlebens im Klein-Wirk- 
lidien anmuten und sie um Probleril^ hadert, die in ihm, durdi ihn 
längst in großem Stile entschieden sind . . . Oder was wären unsere 
geistespolitischen Kontroversen anderes, als die sozusagen jorn-nalistisdie 
Ausmünzung seines epochalen, durch und durch symbolisch-repräsen- 
tativen Kampfes gegen Wagner, der Selbstüberwindung der Roman- 
tik durch ihn und in ihm? 

Über Romantik und Aufklärung, Reaktion und Fortsdiritt nadizu- 
denken, haben wir Heutigen allen Grund, und auch Vorsidil im Ge- 
brauch dieser BegrifFe sollten wir, wenn es uns nicht ganz allein ums 
Streiten und Überwiegen, sondern auch und vor allem um Erkenntnis 
zu tun ist, nadigerade gelernt haben: jene Vorsicht, zu der schon die 
Überschrift einer sehr frühen, in „Menschliches, AUzumenschliches" auf- 
zufindenden Studie Nietzsches rät, nämUch das Wort „Reaktion als 
Fortsdiritt", Er spridit dort von der Erscheinung mächtiger und fort- 

_ 6 — 



reißender, aber gleidiwohl zurüdcgebliebener Geister, die eine ver- 
gangene Epodie der Mensdiheit noch einmal heraufbesdiwören, zum 
Zeichen, daß die neuen Riditungen, denen sie entgegenwirken, noch 
nidit kräftig genug sind, ihnen siegreidi Widerpart zu halten. Er 
exempüliziert besonders auf Schopenhauer, den er als einen solchen 
triumphal-rückschlägigen Genius anspridit, in dessen Lehre die ganze 
vorwissen schaftliche, mittelalterlich christliche Weltbetraditung und 
Mensdiempfindung noch einmal, trotz der längst errungenen Vemiditung 
aller chrisdidien Dogmen, eine Auferstehung gefeiert habe. Und nun 
ist die Besonnenheit vorbildlidi, mit der Nietzsche die Vorteile zu er- 
wägen gibt, die wir aus dem Wirken soldier Geister ziehen mögen: 
indem sie unsere Empfindung zeitweilig in ältere, mächtige Betrachtungs- 
arcen der Weli und Menschen zurückzwingen, zu welchen sonst uns 
so leicht kein Pfad führen würde, bieten sie der Historie und der 
Gerechtigkeit einen unschätzbaren Gewinn. Die historisdie Betrachtungs- 
arE der Aufklärung, so gibt Nietzsche zu verstehen, habe dem Christen- 
tum und seinen asiatischen Verwandten nidil gerecht werden können. 
Schopenhauers Metaphysik habe die aufklärerische Betrachtungsart aus 
genial-rückschlägigem Erleben korrigiert, und erst nadi diesem großen 
Erfolge der Gereditigkeit dürften wir die Fahne der Aufklärung — 
„die Fahne mit den drei Namen: Petrarca, Erasmus, Voltaire" — von 
Neuem weiter tragen. „Wir haben," sagt er, „aus der Reaktion einen 
Fortsdiria gemacht," 

Man sieht, das ist eine Vorbildung des Aphorismus aus der „Morgen- 
röte", den ich vorhin in Erinnerung brachte, und über die verwidcelle 
und doppelgesichtige, zur Behutsamkeit auffordernde Natur alles Geistigen 
gibt er schon ebenso lehrreiche Auskunft, Reaktion als Fortschritt, der 
Fortschritt als Reaktion, diese Verschranktheit ist eine immer wieder- 
kehrende gescliichdidie Erscheinung. Luthers Reformation als Gesin- 
nungswerk betrachtet, — wer würde unter dem Gesichtswinkel von 
Reaktion und Fortschritt klug daraus? Sie war ebensowohl Revolution 
und Befreiung, die deutsdie Form der ^Revolution und Vorläuferin 
der französischen, wie Rückfall ins Mittelalter und ein fast tödlicher 
Reif auf den zagen Geistesfrühling der Renaissance — ^ein Ineinander 
von beidem, eine Mischung des Lebens, der Tat, der Persönlichkeit, 
weldier mit Kriterien des puren Geistes keineswegs beizukommen ist. 



Ja, das Christentum selbst, wddie unsdiätzbare Bedeutung fiir die 
VennenschÜdiung des Menschen, für seine seelisdi-sitilidie Verfeinerung 
CS auch gewonnen haben möge und welche Fortschrinsmacht es also 
vom Augenblick seiner Haupterhebung an darstellte, — wer begreift 
denn nidit, daß es mit seinem schauerhchen Heraufholen und Wieder- 
beleben des Ur-Rcligiosen, seiner scehsdien Vorwelthchlceic, seinen 
Blut- und Bundesmahlzeiren vom Fleisch eines göttlichen Sdilachiopfers 
der zivihsierten Antike als ein wahrer Greuel von RückfäUigkeit und 
Atavismus erscheinen mußte, durdi weldien budistäblich und in jedem 
Sinn das Unterste der Welt zuoberst gekehrt wurde? 

Wie sehr schon das Christentum selbst, das Luther „reformierte", 
eine Reformation gewesen, nämlich eine Rückkehr zum religiös Ur- 
tümlichen und die seehsche Wiederherstellung desselben; wie wenig 
überhaupt „Reformationen" ihrer Natur nach mit Fortschritt zu sdiaffen 
haben, da sie ja zu einer Zeit, wo schon Neues da ist, das Alte und 
Älteste in einem extrem konservativen Sinn wiederherstellen, wenn 
andi gewissermaßen im Bunde mit jenem Neuen, — das wurde mir 
recht anschaulich, als ich jetzt gewisse Seiten von „Totem und Tabu" 
wieder las, Seiten, auf denen Freud die Totemmahlzeit — und die 
ihr zugrunde liegende, sehr realistische Auffassung der Blutsgemein- 
sctaft als Identität der Substanz — behandelt: dieses erste Fest der 
Menschheit, die Wiederholung und Gedenkfeier einer verbrecherischen 
Urtai, der Vatertötung, .mit weldier^ vieles [seinen Anfang nahm, 
die sozialen Organisationen, die sitdichen Einschränkungen und die 
Religion". Wie er hier „durch die Länge der Zeiten die Identität der 
Totemmahlzeit mit dem Tieropfer, dem theanthropischen Menschen- 
opfer und mit der chrisUichen Eudiaristie verfolgt' und diese ganze 
sdiauerhdie und kulturell hochproduktive Krankheitswelt von Inzest- 
angst, MördergewissensnoE und Erlosungs drang mit der behutsam- 
unerbittlichen Sonde des Arztes durchforscht und analytisch durdi- 
leuditet, das hält zu mehrerem Nachdenken an, als nur über die 
seelisdi-urgreuelhafte Herkunft des Religiösen und die tief konservative 
Natur aller Reformationen: es legt vor allem Gedanken nahe über den 
Autor selbst und seine geistesgesdiichthche Stellung und Zugehörigkeit, 
— Gedanken, mit denen wir an Nietzsches Erörterungen von Reaktion 
und Fortsdiritt, von Deutsditum und Aufklärung wiederanknüpfen. 



Freud, ais Tietenforscher und Psychologe des Triebes, fügt sidi 
durdiaus in die Reihe der SchriftsteUer des 19. und 3o. Jahrhunderts, 
die, sei es als Historiker, Philosophen, Kulturkriüker oder Ardiäologen, 
entgegen dem Rationalismus, Intellektualismus, Klassizismus, mit einem 
Worte; dem Geistglauben des 18. und etwa audi noch des 19. Jahr- 
hunderts, die Nachtseite der Natur und der Seele als das eigentlidi 
Leb enbesdmm ende und Lebenschaffende betonen, kultivieren, wissen- 
sdiaftlidi hervorkehren und den Primat alles Erdgottlich-Vorgeistigen, 
des „Willens', der Leidensdiaft, des Unbewußten, oder, wie Nietzsche 
sagt, des „Gefühls" vor der „Vernunft", revolutionär vertreten. Das 
Wort „revolutionär" steht hier in einem paradoxen und nach logisdier 
Üblidikeit verkehrten Sinn; denn während wir sonst gewohnt sind, 
den Begriff des Revolutionären an die Mächte des Lichtes und der 
Vemunftemanzipation, an die Idee der Zukunft also, zu knüpfen, 
lauten Botsdiaft und Aufnif hier durchaus entgegengesetzt : im Sinne 
nämlich des großen Zurück ins Nächtige, Heilig-Ursprünglidie, Lebens- 
trächtig-Vorbewußte, in den mythisch-historisdi-r omantischen Mutter- 
sdioß. Das ist das Wort der Reaktion. Aber es ist revolutionär betont, 
und om weldies Gebiet geistespolitisdier Bemühung ums Mensrfdidie 
es sidi nun handle : um die Historie, in der Arndt, Göires, Grimm 
die Idee des Volkshaft-Urtümlidien derjenigen der Humanität ent- 
gegenstellen ; um die Ergründung von Welt und Natur, in der Carus 
das bewußdos bildende Leben auf Kosten des Geistes feiert und 
Sdiopcnhauer den Intellekt tief unter den Willen demütigt, bevor er 
diesem moralische Umkehr und Selbstaufhebung empfiehlt; um die 
Altertumskunde, in der von Zoega, Creuzer, Müller bis zu Badiofen, 
dem Juristen der Mutterherrschaft, alle erkennende Sympathie — in 
tendenzvollem Widerspnidi zur Vernunft-Ästhetik der Klassizisten — 
dem Chthonischen, der Nacht, dem Tode, dem Dämonischen, kurzum 
einer vorolympischen Ur- und Erdreligiosität zugewandt ist, — immer 
gibt der Wille sich kund, „unsere Empfindung in ältere, mächtige 
Betrachtungs arten der Welt und Mensdien zurückzuzwingen", immer 
wird die Idee heiliger Vergangenheit und Todesftnichtbarkcit einem 
als^seichtjund überaltert empfundenen Idealismus und Optimismus des 
Zukunftkults und apollinischer Tageshelle als das neue Wort, das Wort 
des Lebcns''revolutionär entgegengestellt und die^Ohnmadit des Geistes 

- — 9 — 



und der Vernunft im Vergleidi mit den Mäditen des Se den unters ten, 
der Leidensdiaftsdynamik. dem Irrationalen, dem Unbewußten mit 
kriegerischer Frömmigkeit behauptet und autgezeigt. Diese Linie setzt 
sich fort bis zu Klages, dem Wiederentdecker, Wiedererwedcer Badi- 
ofens, und zu dem Geschichrspessimismus Spenglers, bis hinein also in 
gegenwärtigste Stimmungen und Denkformen, welche aktuelle Gelegen- 
heit gewähren, das eigentümliche psychologische ZusammenfaUen von 
Geistesunglauben und Geisteshaß zu studieren. Denn nidit etwa, daß 
hier die Einsicht in die Schwäche von Geist und Vernunft, in ihre oft 
erwiesene Unfähigkeit, das Leben zu bestimmen, den Wunsch ein- 
flößte, sie zu sdiützen und ihnen irgendwelchen Sukkurs des Erbarmens 
zu leisten; im Gegenteil behandelt man sie in dieser Schule, als be- 
stünde die Gefahr, sie könnten je zu stark werden, es könnte je zu- 
viel davon geben auf Erden; des Geistes Ohnmacht ist hier ein Grund 
mehr, ihn zu hassen und ihn als Totengräber des Lebens religiös zu 
verrufen. 

Niemandem entgeht, daß es sich bei alldem um jene „Feindschaft 
gegen die Aufklärung" handelt, die Nietzsche in seinem Aphorismus 
beschreibt und mit einem Wohlwollen, dessen das Bewußtsein einer 
vorübergegangenen Gefahr ihn fähig macht, als eigentümhdi 
deiitsch kennzeichnet; um diesen romantisch-anripolirisdien, gegen die 
Revolution der Gesellsdiaft, gegen zukünftige und neuemde Ziele ge- 
richteten allgemeinen Hang, „unter dem^nsdiein der voll- und end- 
gültigen Erkenntnis des Vergangenen die Erkenntnis überhaupt unter 
das Gefiihl hinabzudrücken", den Gefühtskultus an Stelle des Kultus 
der Vernunft denkerisch zu betreiben und so den „verdunkebden, 
sdiwärmenden, zurückbUdenden" Mäditen wlssensAafÜich zur Hand 
zu gehen. Die Gefahr, meint Nietzsche, weldie mit diesen oft genialisch 
geführten und mit Entdeckungen reidi gesegneten Bestrebungen ver- 
bunden gewesen, sei — gotdob — vorübergegangen; auf die Dauer 
halten auch sie und gerade sie sidi als Förderer eben jener Aufklärung 
erwiesen, gegen die ihre MeUter sie besdiworen, als WeUenspiele nur 
im Vergleidi mit der wahrhaft großen Flut, weldie die Mensdiheit ms 
Weite trage. Ist dies audi unsere Empfindung und innere Erfahrung? 
Können audi wir die Gefahr für die Humanität, die Nietzsdie meint, 
als glüddidi vorübergegangen ansehen? Ja, wenn wir uns zu seinem 

— 10 — 



Überblidc erhebec und unser besseres Wissen um die Hauptstromuiig 
des Lebens, die Richtung des Weltganges im Großen zu Rate ziehen ; 
durdiaus nicht, wenn wir uns den Eindrüdcen überlassen, die der Tag 
und die Stunde uns bieten und aufzwingen. 

Das große neunzehnte Jahrhundert, dessen Herabsetzung und 
Schmähung zu den insipidesten Gewohnheiten eines modernen Lite- 
ratentums gehört, war ja .romantisch" nidit nur in seiner ersten 
Hälfte. Die Jahrzehnte seiner zweiten, die eigen tlidi bürgerlichen, 
liberalen, m onistisch-natu r wissensdiaftliche n, bildungsblind-materialisti- 
schen Jahrzehnte, sind durdisetzt mit Verfallsprodukten und Elementen 
der Romantik ; sie sind es, die dazu anhalten, das Romantische als ein 
Ingrediens der Bürgerlidikeit zu betrachten, und man darf nidit ver- 
gessen, daß erst in ihnen die Kunst Richard Wagners triumphierte, — 
diese Kunst, groß wie das Jahrhunden, physiognomisch zerfurdit von 
allen seinen Zügen, überladen mit allen seinen Trieben und würdig, 
dem Besieger und Drachentöter der Epoche, Nietzsche, dem Initiator 
alles Neuen und Besseren, was aus der anarchischen Verworrenheit 
unserer Gegenwart zum Lichte ringt, als symbolischer Gegenstand 
seines Heldenkampfes zu dienen. Wenn also heute die Fiktion ver- 
sucht wird, — und dieser Versuch ist außerordendidi beliebt, — als 
sei der geistesgeschichtliche Augenblick derselbe, wie zu Anfang des 
19. Jahrhunderts, als habe man in der Geistfeindlichkeit von heute, in 
diesem an ßachofen und die Romantik anknüpfenden Kultus der Natur- 
dynamik und des Instinktiven eine Bewegung echt revolutionären 
Charakters gegen den Intellektualismus und rationalen Fortsdiriiis- 
glaubcn abgelaufener Jahrzehnte zu erblicken ; als stünde zum Beispiel 
wiederum, wie damals, das romantische Zubehör des Nationalismus, 
die völkische Idee mit vollem revolutionären Redit gegen die „zurück- 
bleibende Humanität", gegen einen ergreisenden Kosmopolitismus, als 
das Neue, Jugendvolle und Zeitgewollte, — so ist das alles durchaus 
unhaltbar und muß als das gekennzeichnet werden, was es ist: als 
eine Fiktion voller Tagestendenz, bei der wir an dem Punkte stehen. 
wo der Geist aufhört und die Politik beginnt. Wir werden von 
diesem Unwesen zu sprechen haben. Wo aber wären die Jahrzehnte 
optimistischer VemunftseligkeiE und fader Humanitätsduselei, deren 
revolutionäre Überwindung wir heute erlebten? Der Weltkrieg, diese 

— II — 



Ricscn«p]osion der UDvemunft, in dem die positiv-kosmopoHtisdien 
Machte der Zeit, die Kirche sowohl wie der Sozialismus, gegen die 
negaüv-kosmopoJirisdie Madit, das imperialistische Kapital, den inter- 
nanonalen Nationalismus unterlagen, wäre ein sonderbarer AbsdJuß 
ftr emc soldie Epoche gewesen. Nod, emmal, das 19. Jahrhundert 
war ,romannsdi- nicht nur in seiner ersten Hälfte, sondern durdi 
alle seme Jahrzehnte hin wird sein scientifischer Stolz, der übri- 
gens von emigem monisrisdien Banausentum abgesehen, em düsteres 
und hartes, kein heiteres und mens dienfreundliches Gepräge trägt, 
kompensiert, ja überwogen von seinem Pessimismus, seiner musikali- 
schen Nadit- und Todverbundenheit, um derentwillen wir es 
]_:eben und gegen die Geringschätzung einer Gegenwart soviel ge- 
ringeren Formates verteidigen. Durch Nietzsche hindurd,. dessen Streit 
gegen die Instin ktfeindsdiaft des Sokrates unseren Propheten des Un- 
bewußten behagt, während sie ihn seiner psydiologisdien Erkenntnis 
methode wegen für unfähig erklären, den Mythus zu verstehen und 
sich mi „Heiligen Dunkel der Vorzeit" zurechtzufinden, _ durdi ihn 
hmdurdi setzen die antirationalen Tendenzen des ,9. Jahrhundens 
sich fort bis m unsere Gegenwart, - in schlimmeren Fällen freilidi 
nicht sowohl durdi ihn hindurch, als über ihn hinweg. Ist es nidit 
buchstabhdi vorgekommen, daß ein berauschter Editor des Muner- 
rechts" es unternahm, „Nietzsche an Bachofen zu messen"? Das be- 
deutete den absm-den Versudi, das viel Gfftßere am zweifeUos Großen 
aber ganz unvergleidilich Kleineren zu m«sen, weshalb id. mir er^ 
laubte von einer vermessenen und maß vergessenen An von Messung 
zu spredien. 

Wir haben es uns. nidit unbelehrt über die geistig verwictelte 
Natur alles Lebens, zur intellektuellen Pflidit gemadit, die Worte 
.Fortschntl- und „Reaktion" mit VorsiAt zu behandeln. Durdi das 
histonsdie Vorkommen jener Ersdieinung. die Nietzsdie mit Reak- 
tion als Fortsdmtt- bezeidinet, ist das Problem der Revolution ge- 
steU^ das m seiner Zwiespältigkeit und Doppelgesiditigkeit heute die 
Kopfe _ und namendidi die der Jugend _ derart verwirrt, daß das 
Abgestorbenste als wunderwie anziehende Lebensneuigkeit sidi ver- 
mummen kann und eine reinlidie Klärung des Begriffs, seine Zurüd- 
fiihrung aufs Einfadie, wodm-di er vor geßhrlidiem Mißbrauch ge- 

— 12 — 



sdiützt wird, sehr dringlich geworden ist. Er bestimmt sich nach dem 
Verhältnis des Willens und der LebenssEimmung zum Vergangeoen 
und zur Zukunft. Das revolutionäre Prinäp, es ist sdiledithin der 
Wille zur Zukunft, die Novalis „die eigentlich bessere Welt' genannt 
hat. Es ist das zu höheren Stufen leitende Prinzip der Bewußtwerdung 
und der Erkenntnis; der Drang und Wille, durch das Bewußtmadien 
des Unbewußten verfrühte, auf Bewußdosigkeit unsicher und moralisch 
verdiensdos ruhende Schein Vollkommenheiten und Scheioharmonien 
des Lebens zu zerstören und auf dem Wege der Analyse, der „Psydio- 
logie", über Phasen der Auflösung, die man unter dem Gesidits- 
winkel der Kuliureinheit als Anarchie bezeichnen mag, in denen ea 
aber kein Halt und kein Zurüdt, keine „Restauration" und irgend 
hallbare Wiederherstellung gibt, hinüberzufiihren zu editer, durch 
Bewußtsein gesidierter und freier Lebenseinheit, zur Kultur des zu 
vollkommenem Selbstbewußtsein entwickelten Menschen. Nur cÜes 
heißt revolutionär. Nur dem durch Bewußtmadiung und analytisdic 
Auflösung führenden Willen zur Zukunft gebührt der Name der Re- 
voludon. Man muß das heute der Jugend sagen. Es gibt keine Pre- 
digt und keinen Imperativ des großen Zurück, keine Inbrunst zur 
Vergangenheit um der Vergangenheit willen, die anders als zu dem 
offenkundigen Zweck der Verwhnmg diesen Namen für sidi in An- 
sprudi nehmen könnten, — womit nicht gesagt sein soll, daß etwa 
der revolutionäre Wille von Vergangenheit und Tiefe nichts wüßte. 
Das Gegenteil soll besagt werden. Er muß und will sehr viel davon 
wissen, sehr gründlich darin zu Hause sein; nur daß diese dunkle 
Welt ihn nidit um ihrer selbst willen lockt, daß er sie nicht um schem- 
frommer, sihcinreljgiÖser Erhaltung willen, kurz aus reaktionärem In- 
stinkt zu seiner Sache macht, sondern als ein Erkennender und ein 
Befreier in ihre mit Greueln und Schätzen gefüllten Verheße dringt. 
Eine solche Bestimmung des reaktionären und des revolutionären 
Willens nach dem Vorherrschen der Vergangen heits- oder der Zu- 
kunfbidee grundsätzhch angenommen, — idi weiß keine andere, — 
wäre es nun ein ausgemachter geistesgeschiditlicher Irrtum, in der 
deutschen Romantik eine reaktionäre, eine eigentUch gcistfeindÜdie 
Bewegung zu sehen. Das wäre zum mindesten ein hödist einseitige* 
Urteil. Es gibt innerhalb der Romantik eine historische Schule, die 

— 13 — 



man nadi dem hier geltenden Wonsinn als reaktionär kennzeichnen 
mag. Man findet da jene fromme Naditschwäraierei, jenen Josepli 
Görres-Komplex von Erde, Volk, Natur, Vergangenheit und Tod, _ 
eine Gedankens- und Gefühlswelt von fast imwiderstehlidiem Zauber 
die als besonders deutsch zu empfinden uns aber, trotz Nietzsche' 
darum nicht ganz leicht fällt, weil dies ganze chthonisdie Erlebnis zum 
letzten Male von einem Franzosen, den, Nationalisten Maurice Baires 
mit größtem Glanz, in größtem Stil der europäischen Aufmerksamkeit 
dargeboten worden ist. Im Übrigen ist historische Stimmung selbst 
Ihrer Natur nach, konservative Stimmung, Vergangenheitsstimmung; 
em H,stonker m>t revolutionären Sympathien dürfte schwer aufzufin- 
den sein. Der geschidididie Mensdi, rüdwäns gewandt aus Neigung 
und von Beruf, liebt die Geschichte nicht, sofern sie geschieht, sondern 
sofern s:e geschehen ist, und er wird die gegenwärtige Umwälzung fast 
immer hassen, weil er sie als gesetzlos, unzusammenhängend und fredi 
m,t emem Worte als „unhistorisch" empfindet, sein Herz aber der zu- 
sammenhängenden, frommen und historischen Vergangenheit gehört. Denn 
über dem Vergangenen Hegt die Stimmung des Zeidosen und Ewigen und 
das ist eme Stimmung, die den Nerven des historischen Menschen weit mehr 
behagt, als die Frechheiten der Gegenwart und der Zukunft. Das Vergan- 
gene ist verewigt, das heißt: es ist tot, und der Tod ist die Quelle 
aller Frömmigkeit und alles erhaltenden Sinnes. Wie sollte ein histori- 
scher Mensch zu revolutionären Sympathien kommen? Die deutsche 
Romantik nun aber ist, so sonderbar es 5?4ömmliciiem Vorurteil klin- 
gen mag, wescntiich nicht historisch gestimmt, sondern zukünftig und 
dies so sehr, daß man sie als die revolutionärste und radikalste Be- 
wegung des deutschen Geistes bezeichnen kann. Jenes Wort des No- 
val,s von der Zukunft als der „eigentlici. besseren Welt" spricht im 
Allgememsten und Entscheidensten für diese Behauptung, aber im 
Emzdnen sprechen daftir hundert Züge, Lehren und enthusiastische 
Paradoxa dieser Geistesschuie, auf weldie Wo« fiir Wort zutrifft was 
wir vorhin über das Wesen der Revolution zu sagen versuchten, _ 
kein Wunder, denn offen gestanden, es ist von ihr abgeleitet. Sinnen 
und Dichten der Romantik ist auf Erweiterung der Bewußtseins weit 
genditet, und so geschärft war ihr Gewissen für die Irreligiosität und 
Inhumannat alles Dumpf heilskonservati vis mus, daß selbst Wackenroder 



— 14 



der musjk vertiefte Klosterbruder, sein Grauen bekannte vor der „frevel- 
haften Unschuld, der furditbaren, oraJcelmäßig-zweideutigen Dunkelheit der 
Musik". Dies Grauen, dieser Gewissen sskrupel ist romantisch. Es ist ro 
manasch in der Kunst nicht etwa „Natur" zu sehen, sondern das Gegenteil 
davon: in der Zweiheit von Geist und .Natur, deren Verschmelzung 
im Dritten Reich aller Romantik ^als Ziel der Humanität vorsdiwebt, 
ordnet sie die Kunst durchaus der Sphäre des Geistes zu, denn Üu-es 
Wissens ist Kunst wesendich Sinn, Bewußtheit, Einheit, Absicht. So 
meinte es Novalis, als er den Wilhelm Meister „ganz ein Kunsi- 
produkt, ein Werk des Verstandes" nannte, und nie haben die Ro- 
mantiker den Begriff der Kunst anders verstanden, denn als Gegen- 
satz des Instinktiven, Naturlidien, Unbewußten. Es fehlte nicht viel, 
daß sie darin nach ihrer radikalen Art zu weit gegangen und das 
geist-körperliche Wesen der Kunst verkannt hätten, welche ja einer 
Proserpina gleicht, die den chthonischen Mächten und denen des Lidics 
zugleich gehört. Sie gaben zu, daß „der Körper aus dem Körper ge- 
boren werden muß", und viel wußten sie von Traum und Ahnung, 
von einer Poesie, die vor dem Gedanken ist. Die „bessere" Poesie 
aber, die der heutigen Me lisch heitsstufe angemessenere, nannten sie 
diejenige, die „dem klaren Gedanken sidi zugesellend, ihm dienend 
folgt," und dieser geistige Sinn für die neue Stufe, für das Moderne, 
das Heutige und Zukünftige, für das Revolutionäre, mit einem Wort, 
ist das eigenthch Romamische, 

Wenn es also eine romantische Historie gibt und eine historisierende 
Romantik, so wäre es doch ein grober Mißgriff, den romantjsdien 
Menschen dem historischen gleichzusetzen. Daß er vielmehr der revo- 
lutionäre ist, erhellt am deudidisien aus seinem Verhältnis zu Gesund- 
heit und Krankheit. Der Romantiker sieht in der sogenannten Gesund- 
heit genau das, was wir bei unserer Bestimmung des Revolutionären 
als die Schein Vollkommenheit und Scheinharmonie des Lebens be- 
zeidineten. Sie ist nach seiner Meinung dazu da, zerstört zu werden. 
Wodurch ? Durch Bewußtheit. Bewußtheit, so sahen es die Romantiker, 
ist Krankheit im Vergleidi mit dem vorbewußten Zustande früher und 
primitiver Lebenseinheit, welche aller Konservatismus zu bewahren 
oder wiederherzustellen wünscht; aber in aller Krankheit sahen sie den 
Ausdruck eines Überganges zu höheren Stufen. Novalis hat das ge- 

— 15 — 



wagte Wort gesprodien: .Alle Krankheiten gleiten der Sunde darin 
daß sie Transzendenzen sind.- Das könnte dner jener russischen Reli- 
giösen und Moralisten gesagt haben, die dazu gelangten, in der Sünde 
em unentbehrliches Heilsmittel zu sehen. Und nidit anders, als religiös 
im kühnsten Sinn des Wones ^var es gemeint. Dem Romantiker er- 
sdnen das kadiolisdie Mittelalter geisdg im Vergleidi mh der Unsdiuld 
der vorbewußten Natur der Antike. Aber in der Reformation wieder 
sah er d,e notwendige Spaltung der kadiolisdien Kultureinheit, das 
Eiemeor der Anarchie, das Friedrich Sddegel ,das Zeugungs dement 
der Rehgion" nannte, die analytisdie übergangsepodie. in der 
es kern Zurück gibt, keine Restauration von Gemütes wegen- durdi 
Ae man hindurch muß. und die, das ist die Hoffnung religiöser 
Humanität, zu neuer, auf höherer Stufe wiedergewonnener KathoiizitäL 
zu bewußter und durch Freiheit gesichener Lebensehiheit fuhren mag 
Dies m des Novalis .Europa oder die Christenheit-, - kein reaktio- 
näres Werk, kein Werk der Geistfein dlicikeit, sondern ein revolutio- 
nax^ m des Wones edelstem Sinn, ein Werk kühnen und innigen 
Vertrauens zum Geiste. 

Über den revolutionären Charakter der deutschen Romantik hre- 
hihren konnte einzig dies, daß das gesellschaftlich-revolutionäre Interesse 
m ihr fehle oder nur undeutUdi hervorblickt, daß ihre Geist- und Seelen- 
haftigkeit den Eifer für pohtisdie Ziele scheinbar vermissen läßt. Aber in 
,eder geisugen Haltung ist das Pohtisdie l^fnc, und wieviel „französi- 
sd,e Revolution« sid. etwa in des Novalis seelischem Radikalismus 
wiederfindet, welche Entsprechung von einem Volksgenie zum anderen 
hrer waltet, das hat am glücklichsten Georg Brandes in seiner Schrift 
über die Romantische Schule in Deutschland erkannt und dargestellt 
Sehr unglaubwürdig, daß Nietzsdie es nidit erkannt haben und emst- 
hch die deutsche Romantik, als deren Schüler er sich in weitem Um- 
fange fühlen mußte, für eine eigentlich reaktionäre, eine geistfebdiiche 
und widerzukünftige Bewegung gehalten haben sollte. TatsädJidi ver- 
meidet er es, das Wort Romantik zu gebrauchen dort, wo er von der 
Femdschaft gegen die Aufklärung spricht, von jenem der Vergangen- 
heit, dem Ursprung, der Gefühlserkematnis zugewandten Sinn, der 
one Zeit lang im Dienste verdunkelnder, sdiwärmender, zurückbUdender 
Tendenzen gestanden habe, um sidi eines Tage demioci als Instru- 



16 _ 



E 




mcnt eben jener Aufklärung zu erweisen, gegen die er sidi gewendet 
hatic, als ein WcUenspie! nur innerhalb einer größeren Flut. Indem 
er von dieser Gesinnung aussagt, sie habe sich gegen die Revolution 
der Gesellschaft, gegen zukünftige und neuemde Ziele gcriditet, ge- 
steht er sdion durch den Titel seines Aphorismus „Reaktion als Fort- 
sdiritc' zu, sie habe auf die Dauer und ins Große gerechnet, dennoch 
revolutionär und für den allgemeinen Fortschritt, die allgemeine Bildung 
der Menschheit gewirkt. Er räumt damit ein, daß das Revolutionäre 
sich nidit notwendig als Veraunftkult und intellektualistische Aufklärung 
auf Erden zu manifestieren braucht. Er gibt zu bemerken, daß Auf- 
klärung im engeren, historischen Sinn des Wones nur ein geistes- 
[echnisches Mittel unter anderen zur Erneuerung und Forderung des 
Lebens bedeuten mag, und daß auch mit entgegengesetzten Mitteln 
die große und allgemeine Aufklärung gefördert werden kann und im 
Wechsel und Wellenspiel geistiger Stimmungen und Gesinnungen ge- 
fördert wird. 

Man muß versudien, sidi diesen großen, duldsamen und gläubigen 
Gesiditspunkt zu eigen zu machen, wenn man nach alldem die Geist- 
feindlichkeit von heute wieder ins Auge faßt: diesen überall ver- 
breiteten, die Zeit beherrschenden antiidealistischen und anüintellek- 
tualistisdien Willen, den Primat des Geistes und der Vernunft zu 
bredien, ihn als die unfruchtbarste der Illusionen zu verhöhnen und 
die Mädite der Dunkelheit und der Tiefe, das Instinktive, das Irratio- 
nale triumphierend wieder in ihr Lebensurrecht einzusetzen. Diesen 
Zeitwillen, der heute fast überall, am besten aber in Deutschland zu 
Hause ist, romantisdi zu nennen, wäre kritisch verfehlt; Geistliebe, 
leidenschaftlicher Utopismus, Zukunftsorientierung, Bewußtheitsrevo- 
lutionarismus sind viel zu entscheidende Elemente und Merkmale der 
Romantik, als daß ihr Name hier anwendbar sein könnte. So wenig 
ferner die Romantik, an deren seelische Verwandtschaft mit der fran- 
zösischen Revolution wir erinnerten, als reiner Rückschlag gegen das 

18. Jahrhundert und seinen Klassizismus verstanden werden kann, — 
so wenig und noch weniger handelt es sich bei der heutigen Ver- 
herrlichung des Irrationalen um eine reine Gegenbewegung gegen das 

19. Jahrhundert und seinen angebhchen Mangel an Lebenstiefgang. 
Eine Epocäie, die noch in ihrer zweiten Hälfte beherrscht war von 

PjA. Bewegung 17 ■ 



Gen.cn wie Sdiopenhauer, Wagner, Bismardt und endJid, Nietzsche 
wird sdiwerLch aJs eine .o]d,e asthenisch-rationaJer Lebens Verdünnung 
gekennzeidinet werden dürfen, die eine Reformation des Mytlius und 
des erneuten Kults der Unteren als einzig möglidie Reaktion heraus- 
gefordert hätte. Das Verhältnis unserer Gegenwart zu jener groß- 
problematischen und schwcrmücig-tenden^enreidien Epoche ist noch ver- 
wickelter, als das der Romantik zum iS. Jahrhunden. Die Bewegung 
von Geisifemdlidikeit, Vemunftv erachtung. Gegenaufklärung, deren 
Zeugen wir sind, wird durchkreuzt und ergänzt von Tendenzen eines 
jungen Geistglaubens und mensdiheididi-universalistisdien Vernunft- 
Willens, kurz eines Neuidealismus, der ein Verwandtsdiafts Verhältnis 
des 20. Jahrhunderts zum i8. herstellt und sich zur Mensch enfeindlid,- 
keit, dem Pessimismus und Nationalismus des neunzehnten mit mehr 
1-ug m revolutionärem Gegensatz fühlen dürfte, als irgendwelche In- 
stinkt vergonening. Wir sind wenig geneigt, gewisse beschämende Fehl- 
e.stungen des 19. Jahrhundens als physiognomi.ch bestimmend für diese 
tpod.e anzuerkennen ; wir leugnen, daß die Phihsterei der monistischen 
Aufklarung wirklidi Herr über seine tieferen Anlagen geworden wäre. 
D.ejemeen seiner Elemente, gegen die der modeme Irrationalismus 
eine notwendige und edite Korrektur bedeutet, und gegen die lohnender 
Weise heute der Gedanke im Felde liegt, sind uns ebenfalls bekannt 
Die Wirrheit und Enge seiner Fachiidikeit, ideenlos und den höchsten 
und tiefsten Fragen der Menschheit eu^i-emdet, hat die fruditbare 
Sehnsucht nach Zusanunenschau und höherftn Sdiwung der Erkenntnis 
auf den Plan gefordert. Seine Begrifüidikeit, sein Kritizismus, die strenge 
Trosdosigkeit seiner Forschungsmethoden wird abgelöst oder ausge- 
ghdien durch eine neue Unmittelbarkeit, eine Leb ensfors diu ng, in der 
Oefnh], Intumon. seelisdie Verbundenheit ihr Recht erkämpfen und 
das KunsderisAe sid: als edites Erkenn mismittel behauptet, so daß man 
von einer GeniaJisierung der Wissensdiaft und einer neuen Möglich- 
keit spredien mag, mit ihrem Begriff wieder den der Weisheit zu ver- 
bmden, em Vorgang, viel zu mensdihd: beglückend, als daß irgend 
ein Einsddag von Antivemunft und Geringschätzung des Geistes uns 
bestimmen könnte, den widersadierisdien Begriff der Reaktion daran! 
anzuwenden. Wenn ein Budi wie .Urwelt, Sage und Mensdiheit" 
von Dacque heute von der „strengen", der „korrekten" Wissensdiaft 



— 18 — 



in vollkommen falsdier Vornehmheit abgelehnt wird und seinem Vei- 
fasser die akademische Laufbahn verdirbt, so gibt es keinen Zweifel, 
auf welcher Seite wir zu finden sind — auf der des Buches, das echte 
Revolution ist, oder auf Seite jener akademischen „Ablehnung", mit 
der wahrhaftig so gar nichts geschehen ist. Ich halte an dem Einzel- 
beispiel nicht fest, aber nichts ist sicherer, als daß der „unschätzbare 
Gewinn" für Gerechtigkeit und Erkenntnis, den Nietzsche gewissen 
antirationalen „zurückzwingen den" Betraditungsarten der Welt und der 
Menschen nachrechnet, auch dieser neuen Wissenschaftlidikeit zu 
danken sein wird, ~ eine Betraditungs- und Forschungsart, deren 
geistige Gesinnung und Technik nidit diejenige rationaler Aufklärung 
ist, die aber, revolutionär-zukünfrig gerichtet, dennoch, wir sind dessen 
sicher, der Aufklärung im menschlich großen Sinn des Wortes dient. 
Wenn hier von einer Gefahr die Rede sein kann, nämlich derjenigen, 
die Nietzsche mit soldien geistigen Bewegungen verbunden sah, die 
dazu neigen, „die Erkenntnis unter das Gefühl hin abzudrücken" und 
so dem zurückbildenden Geiste dienstlich zu sein, so liegt diese Ge- 
fahr nur insofern in der neuen Wissenschaft selbst, als sie die Mög- 
iidikeit zu bieten scheint, durdi die wirkliche Reaktion, die Mächte 
der Umkehr und der Rückbildung mißbraucht KU werden, indem diese, 
ohne nach ihrer Erlaubnis zu fragen, ein dreistes und spiegelfechteri- 
sdies Bündnis mit ihr eingehen. Das ist die Gefahr des Tages und 
der Stunde. Keine Gefahr auf die Dauer und auf große Sicht, aber 
eine Gefahr augenblicklicher Verwirrung und der Ablenkung wen- 
voller Kräfte von den Zielen des Lebens und der Zukunft. 

Hier ist von einem modernen Unfug die Rede, und jeder sieht, 
daß der oszillierende Begriff der Revolution es ist, mit dessen Hilfe 
dieser Unfiig gestiftet wird, nämlich durch die Reaktion, die ihn usur- 
piert, sich darein vermummt und es soldierart fertigbringt, daß dem 
geraden und auf soldie Kunststücke nicht vorbereiteten Sinn der 
Jugend, wie wir sagten, das Alteste und^Abgestorbenste als wunderwie 
anziehende Lebensneuigkeit erscheinen mag. Man kann hier wirklieh von 
einer Neuigkeit sprechen in Bezug auf die Erscheinung und das Kunst- 
stück selbst. Dergleichen war kaum je schon da, es war nicht da in dieser 
gleichsam verabredeten und einer Parole gehorchenden Durchführung. 
Immer hat es die auf Erhaltung und Wiederherstellung bedadite Ab- 

~ 19 — " 



ncigung gegen das fortsdireitendc Leben, die fromme und sinnige, 
melandioÜsche oder vertrotzte Rüdtwärtsgewandthcit, die Sympathie 
mit dem Tode gegeben, die viel Geist besitzen kann, ja, oft mehr 
davon besitzt, als ein allzu fröhlicher Fortsdiritt, _ nämlidi grade 
dann, wenn sie weiß, was sie ist und nidits anderes sein mödite ■ 
wenn sie sich nicht darüber tausdxt, von Lebens wegen verurteUt zu 
sem, aber sich vornehmer weiß oder dünkt. aJs das Leben, und in 
einer Smnmung stolzer und beharrender Hoffnungslosigkeit ihr ironi- 
sd.es Genüge findet. Soldie Haltung und Lebensstimmung gibt es 
audi heute. Charaktere und Werke, deren schi des aisbewußter Konser- 
vaüvismus keineswegs der mensddidien Ehrwürdigkeit entbehrt. Idi 
spradi emmal in aller Liebe und Ausführhdxkeit von einem soldien 
Werk: von Hans Pfitzners, des letzten Romantikers, .Palestrina* 
diesem als geistiges Werk die zeitgenössisdie Opemproduktion um 
Hauptes Länge überragenden musikalisdi-dr^matisdien Bekenntnis, das 
em klassisAer, psydiologisd, ergiebigster Ausdrude dieser Seelenstim- 
mung ist. Über dies ernste Sein, dies zeitabgewandte Sidi-zu-Ende- 
leben des Vergangenen im Gegenwärtigen namens des Lebens und 
des Fortsdmtts moralisieren zu wollen, wäre Phihsterei. Her ist keine 
Gefahr hier ist nur Melandiohe, und nur der ästhetisdie Gesid«spunkt 
hat Geltung. Ungeduld und Absdieu beginnen aber bei dem Verlud, 
des Lebenswidrigen, die Gebärde jugendlidier Zukünftigkeit zu stehlen 
und m sie verstellt seine dunkle Sadie z«^ beQ-eiben; sie beginnen 

iJ T.""-'? f^' "^ ^'""' ^ ''^^" revolutionären Hokuspokus 
sDidier Sdiwmdelmagie gelingen, die Unsdiuld in den Berg des Todes 
hmter sidi dreinzulodtcn. 

Idi glaube, daß hier Widerstand zu leisten, daß einige kritisdie 
Aufklarung über dies Treiben am Platze ist. Nodi einmal, dieser 
Ehrgeiz des Alten ist neu. Das Alte wollte sonst das Alte sem und 
wettene uomißverständhdi gegen das Neue. Heut will es selber das 
Neue sem. es sAminkt sidi die Farbe des Lebens an, und eine Zeit- 
beleuAmng von frühmorgendlidier Unsidierheit ermöglidit bis zu 
einem gewissen Grade die Täusdiung. Das Geistwidrige als Revo- 
ludon, _ die Finte ist möghdi, weU es taüädüid. eine Revolution 
wider den GeUt gibt: die neue Wissensdiaft, den neuen Tiefensinn 
eben jene mtuitionistisdie Lcbensforsdiung. weldie. mit Nietzsdie ™ 

— 20 _ 



reden, „die Vernunft unter das Gefühl hinabzudrücken" bestrebt ist, 
indem sie die Botschaft des Seelenunterstcn, des Unbewußten, der 
Triebdynamik, der Sinnlichkeit — oder mit welchen Namen man das 
Dämonisch-Naiürüdie nun umsdireiben mag — verkündet und vor 
dem Throne des Lebens über den Geist eine sowohl anklägerische wie 
abschätzige Spradie führt. Wie schmeichelhaft diese Sprache dem bösen 
Willen ins Ohr lautet, ihm, dessen Geistfeindhchkeit ganz anderer und 
unvergleichlich „echterer" Art ist, als die ihre; wie ihr Pessimismus, 
berechtigt und notwendig als Mittel bei ihrer Arbeit an einem neuen, 
vertieften Welt- und Menschenbilde, von ihm verdreht wird zu einem 
Defaitismus der Humanität, weichem nur daran hegt, in den Herzen 
allen Glauben an „zukünftige und neuemde Ziele" zu zerstören und 
solchen Glauben als platte und altmodische Aufklärung von vorgestern 
in Verruf zu bringen, — darum kümmert die geistige Gegen-Geistig- 
keit sich nicht und mag nicht Grund sehen, sidi danun zu kümmern. 
Aber wir haben Grund, die ermutigende Wü-kung zu beobachten, die 
ihre Lehren auf tue rückwärts streb enden Mächte ausüben, ja, haben 
vieUeidit Grund, von „keiner geringen allgemeinen Gefahr" zu sprechen. 
Wirklich gibt es heute keinen falschen und scheinfrommen Bewah- 
rungswjllen, keine Zukunftsfeindschaft, Zukunfts angst, Duckmäuserei und 
Diunmheitstreue, keine brutale Rückwärtserei und kein Verfangen nach 
Stillstand, Restauration, Umkehr auf dem Wege der Bewußtwerdung 
und Erkenntnis — es gibt, sage idi, nichts dergleichen, was sich nicht 
durch die irrationalen Sympathien der neuen Lebensforschung bekräftigt 
fühlte, sich nicht mit ihnen in Kontakt zu setzen suchte, sich nicht auf 
sie beriefe, sidi nicht geflissentlich mit ihnen verwechselte und nicht 
vor allem darauf bedadit wäre, sie zu polinsiereii, sie ins gesellschaft- 
lich Andre volunonäre zu übersetzen und so die krude Reaktion in 
revolutionärem Licht erscheinen zu lassen. Das ist sehr einfach. Ist der 
Geist nur ein ohnmächtiger Feind des Lebens, sind Natur, Trieb, Nacht, 
Instinkt das Ein-und-Alles der Weltgestaltimg, und ist diese Entdeckung 
das Neueste und Jugendhchste, — nun, dann ist alles Alte in Wahr- 
heit das Neue und Junge, alles Vor- und Untervemünftige das Wahre 
und Rettende ; und wer von Ideen spricht, von Freiheit etwa, von 
Gerechtigkeit, der versteht nicht die Zeichen der Zeit und gehört der 
»zurückbleibenden Humanität', Dann ist jeder Versuch, der Vernunft 

— 21 — 



über den Instinkt — und zwar über den schlechten Instinkt — zum Siege 
zu verhelfen, ein Verbrechen wider das Leben; denn schlechte Instinkte 
gibt es nidit, wenn der Instinkt selbst chthonische Heiligkeit besitzt. 
Dann ist es öder und rückständiger Intellektualismus, die Wlrldidikeit 
dem Erkenntnisstande anpassen zu wollen, den der Geist schon er- 
reicht hat, auf die Lösung der krankhaften. Spannung bedadit zu sein, 
die heute, gefährhcher denn je, zwischen beiden waltet. Soziale Gut- 
willigkeit, Anteilnahme an dem Suchen der Zeit nadi neuen und ge- 
sünderen Wirtschaftsformen ist dann marxisdsdier Materialismus von 
vorgestern, die Unterstützung menschheitücher Forderungen, das Mit- 
fühlen einer Weltsehn sudit nach geistiger Einheit, politischer Synthese, 
Völkergemeinschaft ist seichter Intemationalismus, f pazifistische Ver- 
nünftelei, und gegen all dies altmodisdi ideologische Gerumpel steht in 
revolutionärer Jugendfrische 'das dynamische Prinzip, die geistbefreite 
Natur, die völkische Seele, der Haß, der Krieg. 

Das ist die Reaktion als Revolution, das große Zurüde, geputzt und 
anfgeschminkt als stürmendes Vorwärts. Wer versteht diese Eitelkeit? 
Denn, Eitelkeit ist es, Ansdilußbedürfnis, der Wunsdi, sich, wenn audi 
nur verdrehungsweise, mit dem Geist im Bunde zu fühlen, sich keines- 
wegs und um keinen Preis gottverlassen vorkommen zu müssen. Es 
ist, im Grunde, ein starkes Kompliment an die Idee der Revolution, 
ein Beweis mehr fiir ihre zeitbeherrsdiende Macht. Man kommt nicht 
in Betracht ohne sie, das fühlt auch das Aussterbende ; so nennt es sich 
revolutionär, ungefähr wie im Jahre 18 deP'Fcudalkonservativismus die 
Flagge einer Volkspartei hißte. 

Und die Jugend? Wird sie wirklich dem plumpen Mißbrauch des 
Tiefensinns neuer Lebens erkenntnis durdi das roh Geistfein dHche zum 
Opfer fallen? Ja, es scheint so — oder es scheint doch iZuweUen so, 
da und don. Das niederschlagende Schauspiel ist uns nidit mehr unge- 
wohnt, daß junge Körper greisenhafte Ideen tragen, sie in keckem 
Geschwindschritt, Jugendlieder auf den Lippen, den Arm zum römi- 
schen Gruß erhoben, dahenragen und den schönen Sdiwung ihrer 
Seele daran verschwenden. Es muß die Verwirrung steigern, wenn 
Jugend dem Alten und vor Alter Bösen ihre biologische Liebens- 
würdigkeit leiht. Aber es ist nur eine Verwirrung des Augenscheins, 
ein unbeständiges Trugbild. Das Altersböse wird nicht gut und schön 

— 22 ~ 



dadurdi, daß Jugend es trägt; es würde nicht lebensgeredit und 
Uebenswürdig -- und wenn sie tragischer Weise ihr Blut dafür ver- 
gösse. Irrungen und Mißverständnisse dieser Art halten nicht stand, 
sie sind dazu bestimmt, geordnet und beigelegt zu werden; und um 
den Prozeß der Richtigstellung zu beschleunigen, wäre, so meine ich, 
der Jugend die Beschäftigung mit einer Erscheinungsform moderner 
Lebensforschung zu empfehlen, die wirksamer, als jede andere, jeden 
Versudi vereitelt, sie zur Verdunkelung des Revolutionsbegriffes zu 
mißbrauchen. Ich meine die Psychoanalyse, und idi komme, nach so 
weidäufigen Umwegen, schließlich auf mein Vorhaben zurück, der be- 
sonderen Stellung ihres Urhebers in der modernen Geistesgeschichte 
mit den knappsten Worten, die ich dafür finde, gerecht zu werden. 

Man spricht, das versteht sich, von dieser Lehre heute nicht mehr 
als von einer — anerkannten oder umstrittenen — therapeutischen 
Methode. Sie ist — gewiß ohne daß ihr ärztlicher Urheber sich da.s 
anfänglich hätte träumen lassen — dem bloß medizinischen Bezirk 
längst entwadisen und zu einer Weltbewegung geworden, von der 
alle möglichen Gebiete des Geistes und der Wissenschaft sich ergriffen 
zeigen: Literatur- imd Kunstforsdiung, ReUgionsge schichte und Prä- 
historie, Mythologie, Volkskunde, Pädagogik und so fort, — nämlich 
kraft des ausbauenden und anwendenden Eifers von Adepten, die um 
iliren psychiatrisdi-medizinischen Kern diese Aura von Wirkungen ge- 
legt haben, derjenigen zu vergleichen, die um das persönÜdie Werk 
Stefan Georges liegt. Dabei aber hat sie, Heilmethode ihrem Ursprung 
nadi, ihren ärztlichen Charakter, diese humanistisch-ethisdie Tendenz 
zur Wiederherstellung des Menschlichen aus jedweder Leidensver- 
wirrung und -Verzerrung, im Großen und Geistigen bewahrt, und 
daß in ihr, unverkennbar, der tiefste Kennersinn für die Krankheit 
nicht endgültig um der Tiefe und um der Krankheit willen, nicht im 
vernunftfeindlichen Sinn also, am Werke ist, daß es hier vielmehr, 
bei allen Vorteilen, die der Lebenserkenntnis aus der Erkundung des 
Dunkels erwadisen, zuerst und zuletzt um Lösung und Heilung, um 
„Aufklärung" in des Wortes menschenfreundlichster Bedeutung geht, 
— die ärztliche Wiliensmeinun^ der Analyse also, meine ich, ist es, 
die ihre besondere Stellung innerhalb der wisse nschaftiidien Bewe- 
gung unserer Tage bestimmt. 

— 23 — 



Sie gehört zu dieser Bewegung, das ist kiar. Sie ist ein TeU von 
ihrer Kraft, von ihrem Geist. — weicher vom Geist als lebensbcstim- 
mender Macht nidit eben viel wissen wiU. Sie ist, mit ihi-er Betonung 
des Dämonischen in der Natur, ihrer Forsche ipassion für die nächti- 
gen Gebiete der Seele, so antirational, wie nur irgend eine Aus- 
prägung des neuen Geistes, der mit den luechanistiscJi-materialisdsdien 
Elementen des 19. Jahrhundens in siegreichem Kampfe Hegt. Sie ist 
Revolution durchaus nach seinem Sinn. .Als Psythoanalyriker," erklärt 
Freud gelegendidi in einer kleinen autobiographischen Skizze, .muß 
idi mich mehr für atFektive als für intellektuelle Vorgänge, mehr für 
das unbewußte als für das bewußte Seelenleben interessieren." Ein 
äußerst schlichter Satz, der viel enthält. Was vor allem auffällt, ist die 
Selbstverständlichkeit, mit der darin von „unbewußtem Seelenleben" 
die Rede ist. Wirklich macht man sidi heute kaum noch eine Vor- 
stellung davon, weldi revolutionärer Affront für alle Schulpsydiologie 
und jede philosophisdie Gewohnheit beim eisten Auftreten der Psycho- 
analyse m dieser Wortkoppelung lag. Freud selbst spridit davon in 
seinem Aufsatz über die „Widerstände gegen die Psychoanalyse" und 
sehr zutreffend reiht er dort die „psychologische Kränkung", die die 
menschliche Eigenliebe durch seine Lehre erfahren, der ,biologisd,en 
Krankung- durdi die Deszendenztheorie und der fHiheren kosmologi- 
sdien durch die Entdeckung des Kopemikus an. .Unbewußtes Seelen- 
leben", das erschien aufrührerisch im vol^ommensten Sinn des Wor- 
tes, als ein toller Widerspruch im Beiwo?W, der, faUs er etwa kein 
Widerspruch war, tatsächlich den Aufruhr für alle Psychologie be- 
deutete. Das Psychische und das Bewußte war man ^usammenzu den- 
ken gewöhnt; als Inhalt der Seele galten die Bewußtseinsphänomene 
und unbewußtes Psychisches, das war hoffentlich ein närrischer 
Unbegriff. Die Hoffnung trog. Freud bewies, daß das Seelische an sich 
unbewußt ist und die Bewußtheit nur eine Eigenschaft, die zum seeli- 
schen Akt hinzuffeten kann, aber nichts an ihm ändert, wenn sie aus- 
bleibt. Seine Neurosenlehre beruhte hierauf, denn sie behauptete und 
P^ies das Phänomen der Verdrängung, der Nichtzulassung eines 
Tnebes ms Bewußtsein und seiner Umwandlung in das neurotische 
Symptom. - ein Nadiweis, dessen übermedizinische Tragweite, dessen 
Bedeutung für alles Wissen vom Menschen dem. der ihn erbrachte, 

— 24 _ 



rg:ewiß nidit bewußt v/ar, heute aber in aller Welt begriffen wird. Er 
wn- revolutionär, dieser Nachweis, durchaus im Sinn der antirationa- 
len, antiintellektualistiEdien Gesamtbewegung unserer Zeit und stand 
deutlich in gcisiesgesdiichtlichcm Zusammenhang mit ihr. Ebenso revo- 
lutionär und anstößig wirkte das, was man den Pansexualismus Freuds 
genannt hat, seine Lehre von den Be^erden und ihren neurotischen 
Ersatzbefriedigungen ; eine Lehre, der man jene skandalös gemeinte 
Bezeichnung nur geben konnte, weil man [erstens verkannte, daß sie 
weit mehr erotisdien als bloß sexuellen Charakters war, und zweitens 
übersah, daß mit der Theorie der Verdrängung, der Triebzensur 
selbst seelische Mächte anerkannt waren, die den hbidinosen ent- 
gegenstanden. 

Noch einmal, Freuds Entdeckungen ün Unbewußten, seine Tiefen- 
psychologie, dieser ganze mit ärziÜcher Unerbitiüdifceit geführte Vor- 
Äoß ins dunkle Reich gehört geistesgeschichdich der revolutionären 
Gesamtrückschlagsbewegung unserer Tage gegen mechanistisch-materia- 
listische Neigungen des vorigen Jahrhunderts an. Was ihn aus ihr 
heraushebt, ist der entsdüeden mehr als rückschlägige Charakter seines 
Revolutionarismus. Wenn der unscheinbare Ausspruch, den ich anführte, 
von einem Interesse spricht, das notwendig mehr den affektiven Vor- 
gängen als den intellektuellen gehöre, so gibt das Veranlassung, über 
die Psychologie des Interesses nachzudenken, bei der es Alles in Allem 
nidit ohne Gefahren und Fallstricke abgeht. Ein Interesse gerät sehr 
Idcht in ein Verhältnis der Solidarität und der endgültigen Sympathie 
mit seinem Gegenstande, es gelangt leicht dahin, zu bejahen, was es 
nur zu erkennen ausgegangen war. Ein Interesse ist selbst interessant; 
wo es besteht, ist die Frage, aus weldicm Grunde und zu weldiem 
Zweck es besteht; es fragt sich zum BeispieJ, ob ein vorwaltendes 
Interesse fiir's Affektive selbst affektiver Natur ist oder von intellektu- 
eller Art. Im ersten Fall bedeutet es Verherrlidiung, — was ein Inter- 
esse wohl eigentlich nicht bedeuten sollte. Freuds Forscherinteresse fiir's 
Affektive artet nidit pn die Verherrlichung seines Gegenstandes auf 
Kosten der intellektuellen Sphäre aus. Sein Antii-ationahsmus bedeutet 
die Einsidit in die tatsächlich-machunäßige Überlegenheit des Triebes 
über den Geist; er bedeutet nicht das bewunderungs volle Auf-dem- 
Baudi-hegen vor dieser Überlegenheit und die Verhöhnung des Geistes. 

— 25 — 



I 



Er gibt keinen Anlaß zu Verwechslungen und wird selbst nidit zum 
Opfer einer solchen, Nidits ist üblicher, als die Verwedislung des 
eigenen Charakters einer Lehre mit [ihrer Lieblingsidee. Eine Philo- 
sophie zum Beispiel, in deren Mittelpunkt die Idee der Intuition steht, 
eine Intuition istische Lehre also, braucht darum selbst keineswegs in- 
tuitiv zu sein, auch wenn sie selbst sich dafür halten sollte. Freud ist 
weit encferni;, einer derartigen Täusdiung Nahrung zu geben. Unver- 
kennbar, unverwechselbar ist sein „Interesse" für den Trieb nicht geist- 
verleugnende und naturkonservative Liebedienerei vor diesem, sondern 
er dient dem in der Zukunft revolutionär ersdiauten Siege der Ver- 
nunft und des Geistes, er diene — das verpönte Wort werde nach 
seinem größten, von WeUenapielen der Zeit unabhängigsten Sinn hier 
eingesetzt — der Aufklärung. „Wir mögen", sagt Freud, „noch so oft 
betonen, der mensdiliche Intellekt sei kraftlos im Vergleidi zum mensdi- 
lidien Triebleben, und Redii damit haben. Aber es ist dodi etwas 
Besonderes um diese Schwäche; die Stimme des Intellekts ist leise, 
aber sie ruht nicht, ehe sie sich Gehör geschafft hat. |Am Ende, nach 
unzähhg oft wiederholten Abweisungen, findet sie es dodi." Das sind 
seine Worte ; und es wäre sdiwer, irgendweldie reaktionäre Braudi- 
barkeit einer Lehre abzugewinnen, in welcher der Primat der Vernunft 
bündig „das psychologische Ideal" genannt wird. 

Diese Lehre ist revolutionär nicht nur im wissenschafdidien Sinn 
und im Verhältnis zu früheren Erkenntflifmethoden ; sie ist es im 
eigendichsten, unmißverständUchsten und Onmißbraudibarsten Sinn: 
durchaus der Gestimmung gemäß, die das Wort durch die deutsche 
Romantik erfahrt. Es ist das Rührende, daß Freud den harten Weg 
seiner Erkennmisse ganz allein, ganz selbständig, ganz nur als Arzt 
und Naturforscher gegangen ist, ohne der Trost- und Stärkungsmittel 
kundig zu sein, die die große Literatur für ihn bereitgehalten hätte, — 
ohne die Begünstigung durch peraonlidie Beziehungen zu ihr. Es mußte 
wohl so sein ; die Stoßkraft seiner Erkenntnis ist durch solche Gunst- 
loMgkeit zweifellos gesteigert worden. Er hat Nietzsdie nicht gekannt, 
bei dem man überall Freudsche Einsichten blitzhaft vorweggenommen 
findet; und daß er — offenbar — Novalis nicht unmittelbar gekannt 
hat, wäre fast nodi meiir zu bedauern, gesetzt, daß man wünsdien 
dürfte, er hätte es leiditcr gehabt. Aber ein Zusammenhang, in dem 

— 26 _ 



\ 



der Begriff des Unbevs^ßten eine so entscheidende psych ologisdie Rolle 
spielt, erlaubt wohl, von unbewußter Überlieferung, überpersöididien 
Beziehungen zu sprechen. Der Begiiff der Beeinflussung ist mysteriös ; 
was man so nennt, ist oft so mittelbarer, atmosphärischer und geistiger 
Natur, daß das Wort zur plumpen VergrÖbenmg des Vorganges wird. 
Als ich meinen Roman „Der Zauberberg" schrieb, in den ja die Psycho- 
analyse humoristisch hineinspielt, wußte ich von Freud nidit mehr, als 
das Allgemeinste ; ich hatte keine seiner Schriften ernstlich gelesen. Da 
ließ ich nun in einem Kapitel, das „Forschungen" übersdirieben ist, 
meinen jungen Abenteurer im Reich des Gedankens, diesen verliebten 
Adepten der Biologie, sich Ideen machen über die Herkunft des Lebens, 
die unumgänghche Annahme der Urzeugung, der Entstehung des 
Lebenden aus dem Nichtlebenden. Ich heß ihn dies Ereignis als ein 
mitderes auffassen zwischen zwei anderen, einem früheren und einem 
späteren: zwischen der Entstehung des Materiellen aus dem Immateri- 
ellen und der Entstehung des Bewußtseins in der lebenden Materie. 
„Der anfänglichste Schritt", heißt es da, „zum Bösen, zur Lust und 
zum Tode war zweifellos da anzusetzen, wo, hervorgerufen durch den 
Kitzel dncr unbekannten Infiltration, jene erste Dichtigkeitszunahme 
des Geistigen, jene pathologisch üppige Wucherung; seines Gewebes 
sich vollzog, die, halb Vergnügen, halb Abwehr, die früheste Vorstufe 
des Substanziellen, den Übergang des Unstofflichen zum Stofflichen 
bildete. Das war der SündenfaD. Die zweite Urzeugung, die Geburt 
des Organisdien aus dem Uno rganis dien, war nur nodi eine schlimme 
Steigerung der Körperlichkeit zum Bewußtsein, wie die Krankheit des 
Organismus eine rauschhafte Steigerung und ungesittete Überbetonung 
seiner Körperlichkeit war — : nur noch ein Folgeschritt war das Leben 
auf dem Abenteurerpfade des unehrbar gewordenen Geistes, Schamwärmc- 
reflex der zur Fühlsamkeit geweckten Materie, die für den Erwedter 
auftiahmelustig gewesen ..." So weit der Roman. Em Kenner hätte 
mir die Stelle sogleich als auffallend freudisdi bezeichnen können. Viel 
später las ich in dem außerordendichen Aufsatz „Jenseits des Lust- 
prinzjps", weldier der Freudschen Lehre durch Einfuhrung des Gegen- 
satzes zwischen Lebens- und Todestrieben eine neue Wendung gibt, 
das Folgende: „Irgend einmal wurden in unbelebter Materie durch 
eine nodi ganz un vollstellbare Krafteinwirkung die Eigenschaften des 

— 27 — 



Lebenden erweckt Vielleicht war es ein Übergang, vorbildlidi ähnlidi 
jenem anderen, der in einer gewissen Sdiidii der lebenden Materie 
später das Bewußtsein entstehen ließ. Die damals entstandene Spannung 
in dem vorher unbelebten Stoff u-achtete danadi sich abzugleichen ; es 
war der erste Trieb gegeben, der, zum Leblosen zuriJckjäukehren." 

Ich führe die beiden Stellen an als ein mir nahe hegendes Beispiel 
für sympathische Beziehungen, die mit Wonen wie Anlehung und 
Abhängigkeit nur gröblich gckennzeidinet wären. Zum mindesten gibt 
es eine selbständige Abhängigkeit; und von dieser Art sind offenbar 
die höchst merkwürdigen Beziehungen Freuds zur deutsdien Roman- 
tik, — Beziehungen, deren Merkmale fest auffälliger sind, als die seiner 
unbewußten Herkunft von Nietzsche, bisher aber wenig kritische Wür- 
digung erfahren haben. Wenn etwa Freud als den ersten Trieb den- 
ienigen bezeichnet, zum Leblosen zurückzukehren; wenn er eine 
Lösung des Triebproblems überhaupt damit versucht, daß er „Selbsi- 
und Arterhaltung unter dem Begriff des Eros zusammenfaßt", diesem 
„den geräuschlos arbeitenden Todes- oder Destruktionstrieb gegen- 
überstellt' und ,den Trieb ganz allgemein als eine An Elastizität des 
Lebenden erfaßt, als einen Drang nach Wiederherstellung einer Situa- 
tion, die einmal bestanden hat und durch eine äußere Störung auf- 
gehoben wurde"; wenn er von der im Wesen konservativen 
Natur der Triebe spridit und das Leben als das Zusammen- und 
Gegeneinanderwirken von Eros und Tode«rieb bestimmt, — so klingt 
das Alles wie eine Umschreibung des Aphorismus des Novalis: .Der 
Trieb unserer Elemente geht auf Desoxydation. Das Leben ist er- 
zwungene Oxydation." Audi Novahs sieht im Alles erhaltenden Eros 
das Prinzip, das dahin drängt, das Organische zu immer größeren 
Einheiten zusammenzufassen, und der erotische Radikahsmus seiner 
Gesellsdiaftspsydiologie ist dn mystischer Vorklang der naturwissen- 
schaftlidien Erkennmisse und Spekulationen Freuds. „Amor ist es, der 
uns zusammendrüdct," Das ist Novalis. Und wenn Freud von einer 
narzlsstisdien Ljbido des Zehs spricht und sie aus den Libidobeiträgen 
ableitet, mit denen die Somazellen aneinanderhaften, so liegt das so 
vollkommen auf der Linie romantisdi-biologischer Träumereien, daß 
man es einen Gedanken nennen kann, der nur zufällig bei Novalis 
nicht ausdrüddidi vorkommt. 



I 



— 28 — 



Was man faJschlicft Freuds „Pansexualismus" genannt hat, seine 
Ubidolehre, ist, kurz gesagt, der Mystik entkleidete, Naturwissensdiaft 
gewordene Romantik. Sie ist es, die ihn zum Psychologen der Tiefe, 
zum Erforscher des Unbewußten madit und ihn durch die Krankheit 
das Leben erkennen läßt; die ihn einreiht in die antirationale wissen- 
sdiafdiche Gesamtbewegung von heute und ihn auch wieder aus ihr 
heraushebt. Denn es ist in dieser Lehieein Element geistiger Gesin- 
nung, das sie untauglidi macht, in ü-gend einem geistfeindhch-reaktio- 
nären Sinn mißbraucht zu werden ; das ihren Antiintellektualismus auf 
die Erkenntnis beschränkt, ohne ihm zu gestatten, auf den Willen 
überzugreifen. Und diese Geistigkeit ist gerade mit der Idee verbun- 
den, deren Prädomination seiner Lehre die heftigsten Widerstände 
geweckt hat, weil das christliche Vorurteil uns gewöhnt hat, sie im 
Lichte der Unreinheit und Sündhaftigkeit zu sehen: mit der Idee des 
Gesdilechts. Indem Freud den Todes- und Destruktionstrieb als das 
Streben des Lebendigen beschreibt, zur Spannungslosigkeit des Leb- 
losen zurüdczukehren und dieses „Zurück!" vom Geschlecht als dem 
,eigenthchen Lebenstriebe" durchkreuzen läßt, mit dem allein alle 
innere Tendenz zur Höherentwicklung, Vereinigung und Vervoll- 
kommnung verbunden sei, verleiht er der Sexualität eine Anlage zu 
revolutionärer Geistigkeit, die das Cbristenmm weit entfernt war, ihr 
zuzuschreiben. 

Man weiß, in welchem Grade Freuds ganze Kulturpsycholo^e auf 
Tricbschicksale zurückgeht, und welche Rolle die Begriffe der Subii- 
mierung und der Verdrängung darin spielen. Die Analyse, angewandt 
auf das normale Seelenleben, machte deutlich, daß „dieselben Sexual- 
komponenten, die sidi von ihren nächsten Zielen ablenken und auf 
andere hinleiten lassen, die wichtigsten Beiträge zu den kultm-ellen 
Leismngen des Einzelnen und der Gemeinschaft stellen," Unter Ver- 
drängung aber versteht sie die Niditzulassung ardiaischer und sozial 
unmöglidier Triebe durdi die Gewissenszensur zum Bewußtsein, ihre 
Knebelung im Unbewußten: ein Vorgang, der weniger kultur- 
sdiöpferisch als kulturbedingend ist, denn nur unter dem Drude be- 
stimmter, mit moralisdien und physischen Machtmitteln aufrechterhalte- 
aer Verbote ist Kultur möghdi imd da eine wirklidie und echte Ver- 
innerlidiung dieser Verbote, die Freiheit bedeuten würde, selbst durdi 

— 29 — 



religiöse HeUigung bei der gemeinen Mehrzahl der Menschen nicJii 
hat erzielt werden können, so ist die Folge ein Zustand von Kulrur- 
heuchelei, dem die Gesellsdiaft durch ihr am [analytisches Schweige- 
gebot über die Voraussetzungen der Kuhur Vorschub leistet. .Die 
menschliche Kultur", sagt Freud, ,ruht auf zwei Stützen, die eine ist 
die Beherrschung der Naturkräfte, die andere die Beschränkung unse- 
rer Triebe. Gefesselte Sklaven tragen den Thron der Herrsdierin. 
Unter den so dienstbar gemachten Triebkomponenten ragen die dei- 
Sexualtriebe — im engeren Sinne — durch Stärke und Wildheit 
hervor. Wehe, wenn sie befreit würden ; der Thron würde umge- 
worfen, die Herrin mit Füßen getreten werden. Die Gesellschaft weiß 
dies und — will nidit, daß davon gesprochen wird." Warum nicht? 
Weil sie, antwortet Freud, nach mehr als einer Richtung ein schlechtes 
Gewissen hat. „Sie hat erstens ein hohes Ideal von Sitthchkeit auf- 
gestellt, — Sittiichkeit ist Triebeinschränkung, — dessen Erfiillung sie 
von allen ihren Mitgliedern fordert, und kümmen sich nidit darum, 
wie schwer dem Einzelnen dieser Gehorsam fallen mag, Sie ist aber 
auch nicht so reidi oder so gut organisiert, daß sie den Ein- 
zelnen für sein Ausmaß an Triebverzicht entsprechend entschädigen 
kann. Es bleibt also dem Individuum überlassen, auf welchem Wege 
er sidi genügende Kompensationen für das ihm auferlegte Opfer ver- 
schaffen kann, um sein seelisches Gleichgevncht zu bewahren. Im 
Ganzen ist er aber genötigt, psychologisch^ber seinen Stand zu leben, 
wahrend ihn seine unbefriedigten TriebanspTudie die Kulturforderun- 
gen als ständigen Druck empfinden lassen." Hier also ist nadi Freud 
der Ursprung jener Hypokrisie, die die Gesellschaft unterhält, und 
der soviel Unsicherheit, soviel Bedürfnis zur Seite geht, „die unleug- 
bare Labilität durch das Verbot der Kritik und Diskussion zu schützen." 
Diesem Widerstand aber kann seiner Meinimg nach keine ewige 
Dauer beschieden sein, „Auf die Länge", sagt er, ,kann sich keine 
menschliche Institution der Einwirkung gerechtfertigter kritischer Ein- 
sicht entziehen." 

Ein guter, sympathischer und vor allem ein erwiesen richtiger Satz, 
ein Satz echter Aufklärung und ein Satz von unzweifelhaft revolutio- 
närem Klange, Daß er revolutionär gemeint ist in einem weit aufs 
Gesellschaftliche übergreifenden, sozialen, ja soziaEsiischen Sinn, geht 

— 30 _ 



aus mehr [als einer Stelle der Freudschen Sdiriften deutlich genug 
hervor. Dieser Sozialismus und Revolutionarismus ist jedoch nicht 
Katascrophenpolitik, er ist das Gegenteil davon. Er will der Katastrophe 
vorbeugen und sie auf geisrige Weise verhüten; er ist auf Heilung 
bedacht, ist äi-zdich gesinnt, — in Wahrheit, die Analyse, das ist die 
ärztliche Form der Revolution. 

Wir kennen die Neurosenlehre dieses Arztes, wir wissen, daß für 
ihn das neurotische Symptom die Folge — nicht die notwendige Folge, 
aber eben die pathologische Folge der Verdrängung ist. Sieht man 
genauer hin, so wird deutlidi, daß er unseren ganzen heutigen Kuliur- 
zustand im Zeidien und Bilde der Verdrängungsneurose erblickt, — 
was mehr als ein Bild und Gleichnis, was zu gutem Teile ganz wort- 
bdi und eigentüch zu verstehen ist, wobei aber das Gleichnis über das 
Wörtlidie hinausreicht. Freud sieht in unserer Kultur eine durchaus 
ungesicherte, durchaus labile Schein Vollkommenheit und Scheinharmonie, 
dem Zustande verwandt, — und nicht nur verwandt, — in dem ein 
Neurottker ohne Genesungswillen sich mit seinen Symptomen einrichtet 
und abfindet ; eine Lebensform, „die weder Aussicht hat, sich dauernd 
zu erhalten, nodi es verdient". Hier nun [setzt die so überraschende 
und gd tcsgcschicäidich so bedeutende Verwandtschaft seiner Lehre mit 
der Bewußtwerdungsphilosophie jener Romantik ein, die Novalis ver- 
tritt. Sie hat die romantische Gewissensempfindlidikeit gegen die In- 
humanität alles Dumpfheitskonservatismus, gegen eine Frömmigkeit, die 
verfrühte, moralisdi unverdiente und auf Bewußdosigkeit unsicher 
ruhende Lebensformen um jeden Preis zu erhalten strebt, Sie bedeutet 
die Notwendigkeit der Auflockerung, Auflösung solcher unendgültiger 
Ordnungen durch kritische Einsicht; sie glaubt mit der Romantik an 
die Transzendenz der Unordnimg, an höhere Stufen, an che Zukunft, 
Der Weg, den sie vorschreibt, ist der der Bewußtmachung, der Ana- 
lyse, auf welchem es kein Halt und kein Zurück, keine Wiederher- 
stellung des „Guten-Alten" gibt; das Ziel, das sie zeigt: eine neue, 
verdiente, durdi Bewußtheit gesicherte, auf Freiheit und Wahrhaftig- 
keit beruhende Lebens Ordnung. Man kann sie aufklärerisdi nennen 
nadi ihren Mitteln und Zielen; aber ihr Aufklärertum ist durdi zu 
vieles hindurchgegangen, als daß seine Verwechslung mit heiterer 
Scitiitheit voUziehbar wäre. Man kann sie anrirational nennen, da ihr 

— 31 — 



Forsdiungsinteresse der Nacht, dem Traum, dem Triebe, dem Vor- 
vemünftigen gilt und an ihrem Anfange der Begriff des Unbewußten 
steht; aber sie ist weit entfernt, sich durch dies Interesse zur Dienerin 
des verdunkehiden, schwärmenden, zurückbildenden Geistes machen 
zu lassen. Sie ist diejenige Erscheinungsform des moder- 
nen Irrationalismus, die jedem reaktionären Mißbraudi 
unzweideutig widersteht. Sie ist, wir wollen die Überzeugung 
aussprechen, einer der wichtigsten Bausteine, die beigetragen worden 
sind zum Fundament der Zukunft, der Wohnung einer befreiten und 
wissenden Menschheit. Ihr Wort ist die gütige, das Christennim über- 
holende Weisung des Marc Aurelt „Laß den Wahn schwinden! Dann 
ist auch das ,Wehe mir!' versdiwunden ; und mit dem .Wehe mir!' 
ist auch das Wehe dahin." 



Die Erlernung des Psydioanalyse 

Von Dr. Hanns Sachs (Berlin) 

Gegensätzlidje Auifasäungen, wie sie in bezug auf die Psydioanalyse mi 
ganzen bestehen, machen sidi audi in der Frage ihrer Erlerabarkeic geltend. 
Gleidizeicig mit der oft geäußerten Meinung, daß die Anwendung der paydio- 
analytisdien Technik als solche überhaupt wi^t^gsios sein müsse und jeder 
ihr zugeschriebene Erfolg in Wirklidikeit em „Suggesüonserfolg" sei, hört maii 
nidit sehen — oft sogar von denselben Personen — die extrem entgegengesetzte 
Aasidit, daß die Analyse deswegen verwerflich oder mindestens geßhrlidi 
sei, weil sie in dem Mensdien unabsehbare Umwälzungen, zum Beispiel 
Charakterveränderungen, Beeinfiussungen der künsüerischen Fähigkeiten und 
dergleidien, bervorbrhige. Ein ähnliches Sdiauspiel bieten die Meinungen 
über die Möglidikeit, sich die analyljsdie Tedmik systematisdi anzueignen, 
und auch hier haben die beiden Gegensätze das Gememsame, daß sie nicht 
der Erfahrung und den Tatsachen, sondern dem Widerstand gegen die 
Analyse ihre Entstehung verdanken. Die Anekdote von dem Mann, der auf 
die Frage, ob er Geige spielen könne, antwortet, er wisse es nicht, denn 
er habe es noch nie versudit, scheint in der Psydiotherapie, besonders in 
der Psychoanalyse häufig ganz ernst angewendet zu werden. Menschen aoldier 
Denkungsart fühlen sidi imstande, die Psychoanalyse auszuüben, ohne daß 
sie irgendeine Ausbildung durchgemacht haben; sie gehen offenbar davon 
SUB, daß die Kenntnis der Analyse ebe jedem Mensdien angeborene, yoo 

— 32 — 



der Natur ihnen bestimmt mitgegebene Eigenschaft sei, so daß nidils 
weiter wie der Vorsatz, von dieser Eigeasdiaft Gebrauch zu madjen, hin- 
zukommen müsse. Auf dem anderen Flügel steht die Sdiar jener, die die 
AnaJyse Tür außerordentlich schwierig und nur wenigen, ungewöhnlich be- 
gabten Menschen für zugänglidi erklären, weshalb sie nicht wie eine Wissen- 
schaft, sondern wie eine „Kunst" behandelt werden müsse, deren erfolg- 
reidie Ausübung nur dem damit Begnadeten zugänghch sei. Das Charakte- 
ristische für diese Ansichten ist, daß sie Tatsachen, die an und Tür sich 
richtig sind, aber für beinahe jede wissenschaftliche Technik ebenso zu- 
treffen, einseitig ins Maßlose übertreiben. Was zunächst die Auffassung der 
Analyse als Kunst betrifft, so genügt der ffinjveis, daß gerade m den 
Blütezeitaltem künsderischea Schaffens die Kunst zunftmäßig zugänglich war 
und streng handwerklidi gelehrt wurde. Nicht die Kunst, aber die für jede 
Kunstübung unerläßliche Tedmik ist iehrbar und wird auch heute noch ge- 
lehrt und gelernt. Diejenigen, die die Beherrsdiung der analytischen Tech- 
nik aJs selbstverständliches Gemeingut ansehen, gehen, ohne es zu merken, 
von der Tendenz aus, die Determination, das Gesetzmäßige im Seelenleben 
zu unterschätzen; während sie zum Beispiel bei einem chemischen Prozeß, 
oder bei der mikroskopischen Teclmik ohne weiteres zugeben würden, daß 
es hier nur einen riditigcn, zum Ziel führenden Weg gäbe, weil sie von 
der strengen Kausalität auf diesen Gebieten ohne weiteres überzeugt sind, 
glauben sie, daß man im Psychischen beliebig so oder so handeln koime, 
wie wenn sie es hier mit einem Chaos zu tun hätten, in dem die blinde 
Willkür wallet. Zur Psychoanalyse gehört natürlich genau so wie zu jeder 
anderen Wissenschaft ein gewisses Maß von Begabung ; Leute, die bei sonst 
durchaus vorzüglicher Intelligenz mathematisch unbelahigt sind, wird niemand 
gerade zum Mathematiker heranbilden wollen ; damit ist aber die Mathe- 
matik noch lange nidit zur Kunst erklärt, bei der die systematische Aus- 
bildung nur emc untergeordnete Rolle zu spielen hätte. Für die Psycho- 
analyse, die eine junge Wissenschaft ist und daher auf keinen so großen 
und fest gesicherten Erfahrungsschatz zurückblickt, deren Ausübende also nodi 
gewissermaßen die Rolle von Pionieren und ersten Kolonisten spielen müssen, 
die sich in vielen Stücken nicht auf das Hergebrachte verlassen kÖimen, 
spielt die psychologische Begabung natürlich eine größere Rolle als bei älte- 
ren Disziplinen. Das bedeutet aber nur, daß der Psychoanalytiker seiner ganzen 
Aidage nadi zur Seelenkcnntnis disponiert, insbesondere aber ein Mensdi 
sein muß, dessen Seelenleben für die Äußeningsformen des Unbewußten ein 
(eines Aufnahmeorgan bildet. Diese Eigenschaften sind keuieswegs nur bei 
eurer kleinen Auslese vorhanden, sondern mindestens ebenso verbreitet wie 
mathematische oder philologische Begabung. Eine andere Frage ist es, wie 
diese Eigenschaften entwickelt werden müssen, um die notwendigen Funk- 
tionen richtig ausüben zu können, und hier stellt allerdings die Analyse 
eine besondere Bedingung, die eine Folge ihrer besonderen Eigenart ist. 

PiA-BcneguDg ^g j 



Für jede psydiologisdie Forsdiungsriditung müßte eigendidi eine solche 
Sonderbesdmmung bestehen, da gerade die Psychologie unter der atisnahms- 
weisen Bedingung arbeitet, daß das zu erforsdiende Objekt, das mensdi- 
liche Seelenleben, gleidizeitig das erkennende Subjekt ist. Dieser Sdiwierig- 
keit -weidit die ExperimentaJpsydiologie allerdings in der Weise aus, 
daß sie die Tätigkeit des erkeimend en Subjektes möglichst ausschaltet 
und sie durdi Apparate und Laboratoriumsexperimente, durch rein zahlen- 
mäßiges Erfassen der Vorgänge und dergleidien überflüssig zu madien sudit. 
Sehr weil kann man mit einem solchen Verbannen des Seehschen, das heißt 
der für jede Wissensdiaft und erst recht fiir die Psychologie notwendigen 
Fähigkeit des unmittelbaren Erfassens des Gegenstandes nicht kommen ; die 
Psychoanalyse hat statt dessen einen anderen, scliwierigeren, aber sehr viel 
aussichtsreicheren Weg gewählt, indem sie das erkennende Subjekt, das heißt 
aiso das Seelenlebea des Forschers, nicht ausschaltet, sondern ihm ein sidie- 
res, verläßhches und der Realität angepaßtes Funktionieren zu verleihen 
sucht. Der Forscher soll nicht ein bloßer Registricrapparat werden, aber die 
Unsicherheiten und Ungleichmäßigkeiten, weldie die eigenen Verdrängungs- 
Icistungen, das heifit die Tendenz, das Uniustvolle im eigenen Seelenleben 
nidit erkennen zu wollen, hervorbringen, müssen soweit wie möglich aus- 
gesdialtet werden. Das Seelenleben des Forschers ist sein wichtiges, ja sein 
einziges Forschungsinsmimont, auf dessen tadelloses Arbeiten er sich ver- 
lassen körwen muß. Man ersieht daraus, welche außerordendiche, durch nichts 
anderes zu ersetzende Bedeutung das Analysiertsein des künftigen Analyti- 
kers hat ; es muß in den Mittelpunkt jeder analytisdicn Ausbildung ge- 
setzt werden, in den alle anderen Wege zusammenlaufen. Fin weiterer, wenn 
audi minder widitiger Grund für die Analyse des Analytikers ist, daß eine 
wissenschaftlidie Tedtnik nidit nur aus Büdiern gelernt, sondern in der 
Ausübung Stück für Stück miterlebt werden^ muß. Wir können bei der 
Durchführung der Analyse nidit die lembegiengen Schüler als Zeugen zu- 
ziehen, wie dies zum Beispiel bei der diirurgisdien Tedinik der Fall ist, 
denn die analytische Situation hleibt notwendigerweise auf zwei Personen 
besdiränkt ; so muß der künftige Analytiker in die Rolle der einen der 
beiden Personen (und dies kann selbstverständlich nur die des Analysanden 
sein) eintreten, um die Anwendung der analytischen Technik aus unminei- 
barer Erfahrung kennenzulernen und in der eigenen Seele zu erleben. 

Es ist prinzipiell nidit unmögUch, die Analyse audi in der Form einer Selbsl- 
analyse zu erleben und zu erlernen. Dazu sind aber Voraussetzungen not- 
wendig, die nur sehr selten zusammentreffen, nämlich erstens die Tatsache, 
daß derjenige, der die Selbstanaiyse unternimmt, ein annähernd normaler 
Mensch ohne neurotisdte Symptome, Hemmungen oder Charakterverbildungen 
ist, zweitens daß er vor Bepnn dieser Tätigkeit sich eine außerordentlich 
gründliche dieoreusche Kenntnis der analytischen Tedmik angeeignet hat und 
drittens daß er sie mit großer Selbstüberwindtmg, Ausdauer und Konse- 

— 34 — 



quenz durch einen langen Zeitraum hindurch, dessen Dauer durdi keine 
Zielsetzung von vornherein besdiränkt sein darf, fortzusetzen bereit ist. 
Treffen diese Voraussetzungen zu, so wird eine SelbslanaJyse, wenn sie an 
der Hand der eigeneo Träume mit strengster Einhaltung der Regeb der 
analytischen Technik gefÜhn wird, genügen. Aber auch in diesem Falle 
bleibt noch immer ein Element der Unsicherheit übrig, und es müssen sdion 
sehr trifüge Gnmde vorhanden sein, wenn der künftige Analytiker an den 
bequemeren und sichereren AusbÜdungsmöglichkeiten, die ihm heutzutage sdion 
an mehreren Orten geboten sind, vorübergeht und den weiten Umweg der 
Seibscanalyse wählt. 

Die Widiiigkeit des Analysiertseins für den Analytiker ist so atdäerordeni- 
lidi groß, daß diese Frage hier vorangestellt wurde, bevor nodi die übrigen 
Wege und Bedingungen der analytisdien AusbUdung erwähnt werden 
konnten. Wir müssen uns jeet die Frage vorlegen, weidie Zwecke durdi 
die Ausübung der Analyse verfolgt werden können und inwiefern die Wahl 
dieser Zwedte den Ausbddungsweg beeinflußt. Die erste Frage ist keines- 
wegs leicht zu beantworten, wie sdion daraus hervorgeht, daß die Analyse 
einerseits em Zweig der Natur wissensdiafi ist, eine auf empirischem Wege 
mit den Mittehi einer bestinunten Technik vorgehende Erforschung des 
menschlichen Seelenlebens von der Seite des Unbewußten her, und ander- 
seits ein Mittel, das Seelenleben einzeber Mensiien gerade eben durch diese 
Erforschung abzuändern, ihnen gewisse Defekte abzunehmen und die Ein- 
ordnung in die Reahtäc zu erleichtern. Das Nebeneinander wiascnschafthcher 
Forschung und praktisdier Anwendung ist in der gesamten Medizin ge- 
laufig, aber es ist wohl nirgends ein so völliges gegenseitiges Durchdringen 
der beiden zu konstatieren wie gerade in der Analyse. Auch vom rein 
praktischen Gesichtspunkt aus gesehen sind erhebhdie Komplikationen vor- 
handen. Man hat bisher versucht, die einzeben Zweige der Anwendung 
der Analyse nach dem Anwendungsgebiet, respektive nach der Zusammen- 
arbeit mit anderen Disziplinen einzuteüen, also etwa in ärzdiche, pädago- 
gische und auf die Geisteswissenschaften angewandte Psychoanalyse. Wie 
oberfiächhch eine solche Ebteilung ist, wh-d bei genauerer Betrachtung der 
Tätigkeitsgebiete der Analyse klar, weil sich sogleich ergibt, daß sie infolge 
ihrer Eigenart der Einordnung b diese Kategorien widersprechen. Wir wollen 
nur die wichtigsten von ihnen aufzählen: Zunächst dasjenige Anwendungs- 
gebiet, auf welchem die Analyse entstanden ist und das noch heute ihre 
wesenüidie Form bildet, die Behandlung der Dbertragungsneurosen (Zwangs- 
neurose. Hysterie); daneben steht die Beb aadlung der nawißtisdien Neurosen 
(Schizophrenie, Manie und Melancholie), die bald ausschließlich unter dem 
Gesichtspunkt der wissenschaididien Beohachwng, bald zu dierapeu tischen 
Zwecken erfolgt und sidi mit Rücksicht auf die Art der Erkrankung nicht 
mehr der reinen psychoanalytisdien Technik hedienen kann ; dann die Be- 
handlung von Perversen und Süchtigen, das Studium und die Beeinflussung 

~ 35 — 3» 



vun CharaktcrverbilduQgeii, Gefiihlsanoinalien und allgemeinen Hemmungen, 
die Beratung Neurotischer unter den Gesidits punkten der analytisdien Keant- 
nisse olme konsequente Durdiführung einer Analyse, /um Beispiel bei 
Aktualneurosen, bei ehelichen Schwierigkeiten infolge von Frigidität, Im- 
potenz, bei übermäßiger Onanie und dergleichen ; die Beratung von jugend- 
lichen oder charakterschwachen Individuen im Hinblick auf Sexualfragen oder 
sonstige Sdiwierigkeiten bei der Berufswahl, Berufsausübung und dergleidien ; 
die Behandlung organischer Krankheiten, wobei wieder eine ganze Reihe 
sehr verschiedener Stellungnahmen möglich ist ; entweder die direkte In- 
angriffnahme organischer Krankheiten durch die anal)lisdie Tedinik, oder 
der ; Versuch, die Heilung bei gleichzeitiger Behandlung des organisdien 
Vorgangs durch Beeinflussung des unbewußten Krankheits willens zu unter- 
stützen ; schließlich die Hilfe, die jeder praktische Arzt ganz allgemein durch 
den Besitz analytischer Kenntnisse bei dem Umgang mit den Patienten findet, 
insbesondere dort, wo er als Hausarzt die körperhche imd seelisdie Hygiene 
der Mitglieder einer Familie überwachen soll. 

Auch die Anwendungsmöglichkeiten der Psychoanalyse auf die Pädagogik 
sind durdiaus nicht einheitlich. Um nur einige davon zu nennen : in Betracht 
kommt die volle psydio analytische Behandlung neurotischer Kinder, die gelegent- 
liche Ausspradie nach psychoanalytischen Gesichtspunkten mit psychisch gefähr- 
deten Kindern, die Erziehung in Schule und Haus unter Berücksichtigung 
der [Lehren der Psychoanalyse, die Überwadiung der Libido-Entwicklung 
ohne dü-ekte Eingriffe, die Anwendung der psychoanalytischen Grundsätze 
für die früheste Erziehung des Kindes bei der Entwöhnung und der ersten 
Reinlichkeitspflege usw„ Beratung und Hilfe für Jugendliche im Puberläts alter 
und den damit verbundenen sexuellen Nöten, psychoanalytische Behandlung 
oder Beeinflussung verwahrloster Jugendlicher,w4)sycho analytische Vertiefung der 
Unterrichtsmethoden usw. Mit diesen beiden Gruppen sind aber die Gebiete 
der unmittelbaren Anwendung der Psychoanalyse auf den Mensdien noch keines- 
wegs erschöpft, es kommen nodi zahlreidie andere Gruppen hinzu, wie zum 
Beispiel die soziale Fürsorge, die Kriminal Psychologie, und zwar sowohl in 
der Form des psychiatrischen Sachverständigengutachtens als auch für die ver- 
tiefte Erkenntnis der bei der Urteilsfindung mitwirkenden Juristen ; ferner nodi 
die Berufsberatung. Psychotedinik usw. Zu diesen liier angedeuteten Fächern 
kommt dann noch das große Gebiet der Anwendung der Psychoanalyse auf 
die Geisteswissenschaften hinzu ; wobei wtf von Details Abstand nehmen, da 
sonst eine Aufzählung fast aller Wissensgebiete notwendig wäre. Man sieht 
aber bereits, wie außerordentlidi schwer es ist, die praktische Anwendung 
der Psychoanalyse auf den lebenden Mensdien unter einen Gesichtspunkt zu 
bringen. Wenn wir zum Beispiel die oben unter der Rubrik der ärzUidien 
Anwendung aulgezählten Fädier überprüfen, so finden wir unter ihnen einige, 
die ganz bestimmt nur dem Arzt vorbehalten bleiben müssen, andere, in denen 
der psycho anal yüsdi gründlich Gesdtulte zwar eine gelegendidie Hilfe des Arztes 

— 36 — 



benötigen mag, wo aber eine ärztliche Fachausbildung kaum erforderlich ist. 
Ganz ebenso steht es mit den auf dem Gebiete der Pädag-ogik genannten 
Möglidikeiteo. Die Ausbildung in der Psychoanalyse kann sich deshalb nicht 
auf ein bestimmtes Spezialgebiet einstellen, umaoweniger als es in den meisten 
Fällen dem Ausbildungskardidaten erst im Laufe der Analyse oder vielleicht 
erst, wenn er schon mit der praktischen Anwendung begonnen hat, klar 
werden kann, weldiem Sondergebiet er sich zuwenden will. Dazu kommt noch, 
daß auch denjenigen Ausbildungskandidaten, die sich später der Anwendung 
der Psydioanaiysc für die Geisteswissenschaften zuwenden wollen, die un- 
mittelbare Erfahrung am lebendigen Menschen nicht verschlossen bleiben darf. 
Hier liegt ja die Quelle aller analytischen Erkenntnis, die niemals abstrakt und 
bücherhaft werden darf, sondern stets aus der lebendigen Anschauung schöpl'en 
muß. Deswegen empfiehlt es sich, den Ausbüdungsgang fiir die künftigen 
Analytiker möglichst einheitlich zu gestalten, und erst, wenn sie dem Ende 
ihrer Ausbildung nahe sind, die Unterschiede nach Maßgabe ihrer besonderen 
Zwecke in Bewacht zu ziehen. 

Bei der nun folgenden Schilderung des Ausbildungsganges gehe ich von dem 
Vorbild des Berliner Instituts der Deutschen Psychoanalytischen Gesellsdiaft aus, 
nicht niu', weil ich selbst dort die hier zugrunde gelegten Erfahrungen ge- 
sammelt habe, sondern audi, weil an diesem Orte länger als an irgend einem 
andern tlie Ausbildungsmoglichkeiien für die Psychoanalyse systematisdi stu- 
diert und ausprobiert wurden. Wir unterscheiden drei Mittel der Ausbildung, 
welche sämdich zusammenwirken müssen, nämlich erstens die schon genannte 
eigene Analyse des künftigen Analytikers durch einen erfahrenen Analytiker, 
zweitens die theoretische Ausbildung durch Lektüre und Hören von Kursen, 
Teilnahme an Seroinaren und womöglich auch an den Sitzungen psychoana- 
lytischer Vereine, drittens die analytische Betätigung unter der Kontrolle eines 
besonders verläßlichen und erfahrenen Analytikers. 

Die Analyse des Analytikers soll womöghch der theoretischen Ausbildung 
vorangehen, weil durch und in dieser Analyse überhaupt erst entschieden 
werden kann, ob der Kandidat die Eignung für seinen künftigen Beruf mit- 
bringt, so daß eine vorherige theoretische Ausbildung eventuell eine unnütze 
Arbeit darstellen würde ; es ist auch nicht ratsam, wenn der Kandidat mit 
einem allzugroßen theoretisdien Wissen belastet, in die Analyse eintritt, denn I 
dadurdi wird ihm die Unbefangenheit geraubt und sein Widerstand bedient 
sich von Anfang an der Waffen der Theorie. Anderseits ist es natürlich nicht I 
angängig, eine so schwierige und zeitraubende Einführung in einen Beruf zu 
versuchen, bevor der Betreffende die Eigenart des Berufes nicht wenigstens 
einigermaßen kennengelernt hat. Es empfiehlt sich daher zunächst, durch ein 
ganz allgemein gehaltenes Einführungskolleg, ferner etwa durch die Lektüre eüies 
der grundlegenden Werke Freuds dem Kandidaten eine Vorstellung von dem 
lu geben, um was es sich handelt ; alles weitere kann er in der Analyse 
selbst erfahren. Die Prozedur bei einer Lefiranalyse unterscheidet sidi prinzipiell 

— 37 - 



in keiner Hinsieht von einer sonstigen (therapeutischen) Analyse. In den aller- 
meisten Fällen wird dieser Untersdiled sdion dadurch aufgehoben, daß irgend- 
welche neurotischen Erscheinungen Jeiditeren Grades vorhanden sind, denn 
diese Erscheinungen sind in unserer Kulturwelc ziemlidi allgemein verbreitet, 
und gerade sie dienen sehr oft dazu, die Aufmerksamkeit und Empfänglich- 
keit für die analytische Aufklärung zu wecken, so daß nicht wenige auf dem 
Umwege über die eigene Neurose den Weg zur Psychoanalyse finden. Dies 
bedeutet allerdings eine vtdditige Aufgabe für den Analytiker, der es ver- 
hindern muß, daß Neurotiker sidi der Analyse bemächtigen, um mit ihrer 
Hilfe, indem sie den Kampf gegen die Neurose ihrer Mitmenschen zu fuhren 
sdieben, ihre eigene Neurose erfolgreich festzuhaken. Für den Ausbildungs- 
analytiker muß es von entscheidender Bedeutung sein, ob sein Analysand auf 
die Analyse in seiner Lebeasgestaltung so reagiert, daß er auf die neurotischen 
Grundlagen seines Charakters verzichtet und mit der Bekämpfung der Neurose 
bei sidi selbst anfängt, ehe er die HeUung anderer in Betracht zieht. Ein 
weiterer Punkt, auf den der Analytiker sein Augenmerk richten muß, ist, ob 
und inwieweit der Analysand fiir die aus dem Unbewußten aufsteigenden 
Phänomene Verständnis und Einfühlungafähigkeit besitzt. Wir finden gelegent- 
lich Menschen, die eine intensive und im ganzen erfolgreiche Verdrängungs- 
arbeit geleistet haben, aber zu diesem Zweck so energisch vorgehen mußten, 
daß sie ihr Unbewußtes gewissermaßen mundtot gemacht haben, so daß es 
ihnen gar nidit möghch ist, damit Kontakt zu gewinnen oder ihm ein wirk- 
liches, erlebnismäßiges Verständais entgegenzubringen. Solche Mensdien sind 
für den Beruf des Analytikers ungeeignet. Im übrigen hat sich der Analytiker 
ebenso zu verhalten wie bei jeder andern Analyse, nur daß er wenigstens 
in der zweiien Hälfte seiner Arbeit den Lehrzweck insoweit berücksichtigen 
kann, daß er — ohne in theoretische Vorträge zu verfallen — bei der Er- 
reidmng eines bestimmten Resultats dem Analj^anden rückblidtend den Weg 
zeigt, auf dem dieses Resultat gewonnen wurdefund ihn auf die Fehler auf- 
merksam macht, die dabei zu vermeiden waren. Wie lange eine Ausbildungs- 
analyse zu dauern hat, ist natürlich schwerer zu beurteilen als bei einer 
therapeutischen. Eine medianische Regel, also eine bestimmte Monatszahl, läßt 
sich nicht gut aufstellen. Man gewinnt aber nach einiger Erfahrung einen 
ziemlich sicheren Standpunkt gegenüber dieser Frage und läßt den Analysanden 
aufhören, sobald man sieht, daß dieser sich über die Grundlagen seiner 
Libido-Entwiddung, also in erster Linie über die Form seines Ödipuskomplexes 
und die Art der Bewältigung desselben, vollkommen klar geworden ist und 
die Kindheitsgeschichte hinreichenden Zusammenhang gewonnen hat. Die 
Frage, ob der Analysand während der Analyse die psychoanalytische Lite- 
ramr kenneu lernen soll, wird von vielen erfahrenen Analytikern entschieden 
verneint ; sie halten es für wünschenswert, daß der Analysand seme Stellung- 
nahme zur Analyse ausschließlich aus seinem eigenen Erlebnis bezieht. Ich 
I gehe darin nicht so weit, sondern stelle midi hier, wie auch sonst, auf den 

— 3S — 



^PStandpunkt, daß da Verbot nur für den äußersten Fall erlassen werden soll. 
Idi erkläre daher meinen Analysanden, daß sie nidit erwarten dürfen, durch 
analytische Lektüre oder sonstige theoretische Studien die Analyse abzukürzen 
oder sich die Aufgabe zu erleiditem ; sie mögen also das, was sie zu 
solchem Zwecke zu tun beabsichtigen, lieber unterlassen. Im übrigen gebe ich ihnen 
vollkommen freie Hand und behalte mir nur dasselbe Redit wie auf aüen 
anderen Gebieten vor, das heißt, eine Betätigung zu untersagen, wean sie 
System atisdi zur Verhüllung eines Widerstandes verwendet wird. Eine aktive 
analytisdie Betätigung des Analysanden während der Analyse muß vollständig 
unterb leiben ; nur in besonderen Ausnahmsfällen darf sie gegen das Ende 
zu eveatueli gestattet werden. 

Hinsichtlich der theoretisdi wissenschafUichen Ausbildung sind mehrere Stufen 
zu untersdieiden. Bei dem großen Interesse, das die Psychoanalyse im weiten 
Kreise der Gebildeten immer mehr findet, und bei dem Nutzen, den jeder 
rein menschlich durch diese Erweiterung seiner Kenntnisse des eigenen Seelen- 
lebens erhält, ist es nidit überllüssig, diejenigen Bücher anzuführen, deren 
Lektüre genügt, um dem Außenstehenden erneu klaren Begriff davon zu geben, 
was Analyse ist, ohne ihm die zur speziellen Ausbildung notwendigea Ar- 
beiten zuzumuten. Fragen dieser Art werden oft genug an Analytiker gestellt, 
um folgende Aufzählung zu rechtfertigen: 

Ober den Traum (Ges. Schriften, I, 87). — Zur PsydiopcUJtologie des AUlags- 
lebcni (fV, 5). ~ Ober Psydioanalyss (IV, 349). — Drei Abhandlungen zur 
Ssxuaäkeoris (V, 3). — Vorlesungen zur Einjükning in die Psychoanalyse [VII). — 
Das Interesse an der Piydioandyse (IV, 313}, — Totem und TiAu (X, 5). 

Diese Bücher geben dem auftnerksamea Leser eine hinreidiend genaue Vor- 
stellung von dem Inhalt und dem Probiemkreis der Analyse. Wer sidi dann, 
dadurdi angeregt, dem eigentlichen Studium der Analyse widmen will, möge 
zu den übrigen Arbeiten von Freud übergehen, um zunächst emmal die 
Übersicht über dieses große Lebenswerk /u gewinnen, ehe er sich in die- 
jenigen Probleme versenkt, die ihn besonders interessieren. Insbesondere ist 
das genaue Studium auch der Krankengeschichten sowie der Arbeiten über 
Technik unumgänglich notwendig für jeden, der sich irgend einem Zweige 
der Analyse widmen will, auch wenn dieses Fach mit der Pathologie und mit 
der praktischen Ausübung der Analyse nichts zu tun hat. Mit Rücksidit aut 
die außerordentliche Prägnanz der Sprache Freuds, die in wenigen Sätzen 
die schwierigsten Probleme erfaßt, ist es für den künftigen Analytiker uner- 
läßlich, sich nicht mit der Lektüre zu begnügen, sondern ein eifriges und 
wiederholtes Studium darauf zu verwenden. 

Ich unterlasse es, auf die Werke der Schüler Freuds besonders aufmerksam zu 
machen, die bereits eine ganze Literatur darstellen. Selbstverständlich ist für das 
Verständnis der zahllosen Eiazelprobleme die Kenntnis der gesamten hier geleis- 
teten Arbeit unerlaßhdi, und das große Tatsachenmaterial sowie die wissensdiaft- 

— B9 ~ 



üdie Verwemiog desselben ist von erheblicher Bedeutimg. Die Grundlage bildet 
aber dodi das Werk Freuds; man darf ruhig sagen, daß alle irgendwie widi- 
tigen Probleme von ihm behandelt worden siad, und bei den allermeisten 
hat er nidit nur hinsichtlich der Resultate, sondern auch in Hinblick auf die 
Methode die von allen Späteren eingehaltene Grundlinie gezogen.! 

Wir kommen nun zum dritten Punkt — der Frage der praktisdien Ausbildung 
des Analytikers durch eigene analytische Tätigkeit unter der Kontrolle eines 
erfahrenen Kollegen. Hier sind die praktischen Erfahrungen noch zienUich 
gering, doch lassen sidi immerhin einige Gesichtspunkte angehen, die sldi 
bereits bewährt haben. Der Kontroll- Analytiker soll nidit identisch jein_mil 
demjenigen, der die Ausbüdungsanalyse durchgeführt hat. Maßgebend für diese 
Regel ist erstens, daß das Verhältnis zwischen Lelirer und Schüler durch die 
vorhergehende analytisdie Beziehung unnötigerweise kompliziert wird. Femer 
ist es wünschenswert, daß der künftige Analytiker Einblick in die technischen 
Besonderheiten von mein- als einem Vorbild bekommt, wie ja sonst audi der 
Schüler die Technik mehr als eines Meisters studiert. 

Die Erfahrungen des Berliner Instituts haben gezeigt, daß in diesem Stadium 
neben der direkten Anleitung durch emen Lehrer auch die gegenseitige Unter- 
weisung der Lernenden untereinander einen Platz finden muß. Zu diesem 
Zwedte wurden sogenannte „Kolloquien" geschaffen, bei denen die jungen 
Analytiker die Sdiwierigkeiten und Probleme, auf die sie im Laufe ilu-er Arbeit 
gestoßen sind, im Kreise der Mitarbeiter vortragen und diskutieren. Einer der 
mit der Ausbildung besonders betrauten Analytiker, der dabei den Vorsitz 
führt, sorgt dafür, daß die Fragen und Mitteilungen hmreichend präzisiert 
werden, daß die Diskussion alle wesenthchen Punkte berührt, und steuert, wo 
notwendig, zur theoretischen und praktischen Aufklärung der Sachlage bei. 

Erst nach Erfiiflung aller dieser Voraussetzungen geht der Analytiker Schritt 
für Schritt rur voLständig freien Ausübung s5&es Berufes über. 



i 



Frankfurter Psydioanalytisdies Institut 

Die der .Druisditn Psych oanalydsdicn Gcjctbdiafl" angcglicdcnc .Süd w t scdenlschc 
f oych oanalylischc Arheilsg t mcinsqhafi" bat ein ,Psy ch o anal yiis che i 
Initiim' in Frankfurt a, M. cröfTntl. Am iS, Februar fand eine akademisdie EröSnungsfeitr 
ütatL Ei hiellen dann in Frankfurt öffentüdie Vonräge : Dr. Siegfried ßernfeld (Berlin) am 
10, Februar über .PsA. und Soziobgic', — Dr. Hanns Sachs (Berlin) am 35- Febniar über 
J'jA. und Geisleswisjensdiaflen". — Anna Freud (Wien) am iS. Febniar über .PsA. und Päd- 
a«ogilt". — Dr. Paul Federn (Wien) am 5. Män'über .PsA. und Mediiin". 

Die Leliniaglicii hai das neue bisdlui mit fglgenden vier Kursen begonnen : Dr. Hciniicb 
M e n g (Frankfurt), Einfuhrung in die Pjydioanajyse. — Dr. Frieda Fromm -R ei chin ann 
(Heidelberg), Psydioinaljiisdie Trieblebrc. — Dr. Karl Landauer (Frankfun), Psydioanalyüadie 
Klinik, und Dr. Eiidi Fromm (Heidelberg), Die Anwendung der PsA. auf Soaulogie und 
Rc^osewis&ensdiDft. 

Ein auafuhrlidier Berithi über die Eröi&iungsfeiei, die vier öffenlHdicn Vorträge und die 
Tier Lehrkui« ersdieml gieidueilig im Maibeft der .Zeilsdirifi für psydioanalytiadie PädagogD;" 

— 40 — 



.J 



Männlich und Weiblidi 

FsydiDaDalyiisdie lieCraditungen über die „Cenitaltheorie", sowie 
aber sekundäre und tertiäre Gesrfileditsimtersdiiede 

Von Dr. S. Ferenczi (Budapest) 

Wir geben hier im Auszug finqn Vortrag wjcdcr^dcn Fcrenc?-iini Rahmen einer 
Tön der .Ungarländi^dkCD Ps^'dioanalylijdicTl Vereinigung" in Budapest vcnui- 
arsiicrcu äJTtnllidien Vonragsreihe gfhalceu hat. Die ausfiilirlidic DüratcUung 
der hier mitgeceiJlen AnsidiEen findet 5i± in FerencHs kleiner Monographie 
,Ver5udi einer Gcniialtheoric". (Sand XV der „Internationalen Psydioanalyiuchen 
Bihliathck". Gehefict M ^'^o, iu Halblemen s'jo, in Halbicdcr 8'—.) 

Gegen einen Vorwurf, den wir sonst oft genug zu hiiren bekommen, fühle 
ich mich heule ziemlidi gefeit. Man sagt von der Psydioanalyse [bei zweifel- 
loser Übertreibung des Tatsächlichen), sie wolle alles mit der S exuali t ä t 
erklären. Da ich heute von Geschlechtsunterschieden zwischen 
Mann und Weib reden will, ist es wold nidii zu gewagt, im Zusammen- 
hang damit audi von Sexualität zu sprechen, denn darüber ist wohl niemand 
im Zweifel, daß die äußere Erscheinung und die psychischen Züge der Männ- 
Hdikeit und der Weiblichkeit entfernte Folgen der Funktion der Sexualorgane 
sind. BezügUdi dieser Feststellung sind uns ja die Biologen zuvorgekommen. 
Die Tierexperimente haben unmißverständlich gezeigt, daß man die Ge- 
schlechtscharaktere durch Einpflanzung oder Entfernung der Gesdilechtsdrüsen 
vetnictten oder sogar ins Gegenteilige verwandeln kann. Audi der Eüifluß von 
rein psychischen Einwirkungen auf die Gesdilechtsmerkmale ist für die Bio- 
logie nidits völlig Neues. Es genügt wohl, wenn ich auf ein einziges Beispiet 
hinweise : Eine von Anfang an in männlidier Umgebung gehaltene, gesddecht- 
lidi ganz degenerierte männlidie Ratte wurde plötzlich in die Nähe eine» 
Käfigs von weiblidien Ratten versetzt. In Kürze verwandelte sich das Tier 
innerlich, äußerlich, sowie in seinem Benehmen im Sinne der Männlichkeit, 
wohl nur unter dem Einfluß des Anblicks und des Beriediens der Weihchen. 
(Steinach.) Es ist Vi'ohl niiit zu übertrieben, hier von einer Veränderung 
der Sexualmerkmale unter psydiischem Einfluß zu reden ; nur jemand, der 
die Annahme von seelischen oder der Seele ähnlichen Eigcnsdiaficn bei Tieren 
prinzipieU verwirft, könnte etwas dagegen einwenden. 

Aflerdings geht die Psychoanalyse gelegentlich weiter als die Vertreter der 
heutigen Biologie. Idi konnte Ihnen sdion bei früheren Aidässen davon erzählen, 
daß es Freud gelungen ist, mit Hilfe rein psychoanalytischer Erfahrung, in 
das dunkelste Kapitel der Biologie, in die Trieblehre, etwas Licht zu bringen. 
Seine Neurosenanalysen gestatteten ihm die Rekonstruktion der Anfänge des 
Sexualtriebes bei Menschen, die Feststellung der Existenz einer .infantilen 

— 41 — 



Sexualität', des doppelten Ansatzes der Sexualentwicklung mit einer dazwiadien- 
gesAobcnen „Latenzaeil", zu welch letzteren Theorien erst naditräglidi die 
physiologisdie Bestätigung erbradit wurde. Es wurde anatomisch nadigewiesen, 
daß die Genitaldrüsen beim Mensdieo am Ende der Fötalzeit und am Beginn 
des extrauterinen Lebens verhältnismäßig stark entwickelt sind, dann im 
Wachstum relativ zurückbleiben, um später in der Zeit der Vorpubertät 
nochmals gewaltig aniusdi wellen. Die von uns sogenannte Pubertät ist also 
nicht die erste, sondern bereits die zweite Blütezeit der GenitaÜtät ; von der 
ersten hatte man vor Freuds Entdeckungen keine Ahnung. 

Dieser Erfolg, der nidit vereinzelt bÜeb, ermutigte midi dann, einen 
Sdiritt weiterzugehen und die Erfahrungen der Psydioanalyse und das HUfs- 
mitlel der Libidotheorie auch zur Erklärung des eigentlichen Kopulationsakces 
zu verwerten. Der erste meiner Hilfsbegriffe, den ich dabei benutzte und mit 
dem ich Sie bekanntmachen mochte, ist die von mü' so benannte „Amphi- 
mixis" der Erotismen. Ich nehme an, daß das, was wir Genitalität 
nennen, eine Summation der sogenannten Pardaltriebe und der Erregungen 
der erogenen Zonen ist. Beim Kinde steht jedes Organ und jede Organfunktion 
weitgehend im Dienste der Luscbefriediguogstendenzen. Der Mund, die Aus- 
sdieidungsöffnungen, die Hautoberfläche, die Betätigung der Augen, der Musku- 
latur usw., werden vom Kinde als Mittel der Seibstbefrledigung benutzt, wobei 
es lange zu keiner h-gendwie merklichen „Organisation" kommt, die Auto- 
erotismen sbd noch anarchisch. Später gruppieren sich die Lusttendenzea 
um gewisse Zentren ; die sogenannte oraie und anal-sadistische Organisation 
zeigt die Anfänge einer Fortentwicklung aus der früheren Anarchie. Mem 
Versuch ging nun dahin, die Ausbildung der Rqjiform dieser Vereinheitlichung, 
die Genitalität, näher zu erforschen. «. 

Ich kam zur Überzeugung, daß frgendein organisches Vorbild der Ver- 
drängung es zustandebringt, dafs die Körperorgane mehr und mehr ia den 
Dienst der Selbsterhaltung gestellt werden, wodurch die Leistungsfähigkeit in 
dieser Hinsicht bedeutend gesteigert wird. Die verdrängten und vorerst frei 
schwebenden libidinösen Tendenzen vermischen sich (daher der Name „Amphi- 
mixis = Vermengung) und konzentrieren sich schließlich aut ein besonderes 
Lustreservoir, das Genitale, um dort periodisch entlastet zu werden. 

Die bisherige Zoologie, die bezüghch der Sexualfiinktion, wie auch in hezug 
auf andere Funktionen, hauptsächlich von deiTeleologie der Art be- 
herrscht war, und die individuell-psychologischen Gesichtspunkten völlig ferne 
stand, konnte natürlich nidit auf die Idee kommen, die ich mir beim ana- 
lytisdien Studium an menschlichen Einzelindividuen machen mußte, auf die 
namhch, daß die Genitallunktion in erster Linie ein Endostungsprozeß, die 

— 42 — 



\ 



Ausstoßung spannunga erzeugender Produkte, oder weon wir uns rein psydio- 
logiadi ausdrücken wollen, die periodisdie Wiederholung einer lusterzeugenden 
Betätigung isi, bei der die Rüdtsidit auf die Arterhaltung keine Rolle zu 
spielen braudit, 

Dano kommt es zur weiteren Fragestellung, warum gerade diese Art der 
Betätigung in einem so großen Teile des Tierreidies in der gleichen Weue 
in der Form der Begattung wiederkehrt. Um auf diese Frage audi nur hypo- 
ihetiscfa zu antworten, müssen wir etwas weiter ausholen. 

Sie erinnern vieUeicht, daß ich den ersten Schlaf des Neugebornen als 
ebe ziemhch gelungene Reproduktion des Ruhezustandes vor dem Geboren- 
werden besdireiben mußte. Ich setzte hmzu, daß dieser Zustand, wie übrigens 
audi jedes spätere Schlafen, die halluzinatorische Befriedigung des 
Wunsches nadi Ungeborensem bedeuten kann. Im WadJeben des Kmdes 
wurde als realer Ersatz für das intrauterine Glücks empfinden die Befrie- 
digung auf dem oralen Wege (Saugen, Ludein), später audi die auf anal- 
sadiaüschera Wege (Exkretions- und Bemädiügungslust) gesdiaffen. Die Geni- 
tahtät selbst ist ansdieiaend die Rückkehr zur ursprünglichen Tendenz und 
ihrer Befriedigung, die diesmal gleichzeitig halluzinatorisch, 
symbolisch und b Wirklichkeit stattfinde!. In Wirkliddceit werden 
nur die Keimzellen des Glüdcs des Ungeborenseins neuerdings tedhafiig ; 
das Genitalorgan selbst deutet diese Tendenz in der Art seiner Tätigkeit 
symbolisch an, während das übrige Individuum dieses Glücks wie im Schlaf 
wieder nur als HaÜuzination teilhaftig wird. Ich erachte also den Orgasmus 
als eme, diese unbewußte Halluzination begleitende Gefühlslage, ähnlich der, 
die das neugcborne Kind in seinem ersten Schlafe oder nach seiner Sätügimg 
empfinden mag. 

Während also die bisherige Naturauffassung in der Genitaihinktion nur die 
Tendenz zur Lebenserhaltung auch nach dem Tode des Individuums, also 
die progressive Tendenz zur Fortpflanzung wirksam sah, glaubte ich annehmen 
zu müssen, daß dabei gleichzeitig eine vom subjektiven Standpunkte des Indi- 
viduums vielleidit noch wichtigere regressive Bestrebung, das Streben nach 
Wiederherstellung einer früheren, unkomplizierteren Ruhelage, zur Geltung 
kommt. 

L'appeüc vient en mangeant ! Nachdem dieses erste Slüdi einer Genital- 
theorie fertig war, konnte idi der Versuchung nicht widerstehen, daran weiter- 
zubauen. Nun weiß icli nur zu gut, daß eine solche Häufung von Hypothese 
über Hypothese gar nicht, oder nur mit allergrößter Vorsicht gestattet ist. 
Wenn Sie also das, was idi Ihnen bis jetzt sagte, mit Recht nur als schwan- 
kende Theorie auffassen, so müssen Sie die weiter darauf gebauten Stodc- 

— 43 — 



werke vorläufig nur als phantasüsdie Entwürfe in Betracht lielien. Dement- 
sprechend hätte ich eigentlich Lust, tneine phylogenetische [artenemwiciJunEa- 
gesdudillidie) Theorie der Geniialilät lieber in Märdienform zu erzählen. 

Denken Sie sich einmal die Erdoberfläche noch ganz von einer Wasserhülle 
Mmgeben. Alles pflanzliche und tierische Leben spielt sich noch im Seewasser ab. 
Geologische und atmosphärisdie Verhältnisse fuhren nun dazu, daß einjelne 
Teile des Meeresbodens sidi über die Seeoberfiäche erheben. Die Tiere und 
Pflanzen, die so aufs Trockene gesetzt wurden, müssen entweder zugrunde 
gehen oder sidi dem Land- und Luftleben anpassen, sie müssen sich vor 
allem daran gewöhnen, die zu ihrer Erhaltung notwendigen Gase {den Sauer- 
stoff, die Kohlensäure) sidi aus der Luft zu verschaffen, statt wie bisher aus 
dem Wasser. Bleiben wir zunächst bei den höchstentwickelten Wasserbewohnem, 
■nseren ältesten Ahnen in der Reihe der Wirbeltiere, den Fischen. Es ist 
ganz gut denkbar, ja unsere Biologen behaupten es mit Sicherheit, daß es 
aud^ glückliche Fisdie gab, die nidit ganz aufs TrodEene gesetzt, sondern in 
einem seichten Wassertümpel weiterleben durften, wobei ihnen die Verhält- 
nisse die Möglichkeit boten, sich der Luftatmung anzupassen, das heißt, die 
unbrauchbar gewordenen Kiemen durch Lungen zu ersetzen. 

Nun habe ich Ihnen sdion bei einem früheren Anlaß meine Auffassung 
mitgeteilt, daß starkes Wünschen und nidit nur zufallige Variation oder 
fortgesetzte Übung an der Bildung neuer oder besser angepaßter Organe be- 
teiligt sein kann. Die Nötigung, die Nahrimg lokomotorisch aufzusudien, ßhrte 
jedenfalls zur Entwicklung eigener Bewegungsorgane : Beine und Füße. Da 
hätten wir also einen auf dem Boden hüpfenden, durdi die Lungen atmenden 
Fisdi, mit anderen Worten — einen Frosch jg^g^ 

Nun, daß es sich bei dieser Beschreibung^ nicht rein um ein Märchen 
handelt, dafür haben wir lebende Beweise, Die Entwicilung des Frosches, als 
wollte sie uns die Richtigkeit der Entwicklungstheorie nachweisen, geht in zwei 
»diarf getrennten Absitzen vor sidi. Aus dem befruchteten Frosdiei wird vor- 
erst eine Kaulquappe, die noch nach Fischart lustig im Wasser schwimmt 
und durdi Kiemen atmet. Später entwickelt sie auch Lungen und kann am 
Lande leben. Sie wird ein Amphibium. 

Für die Spekulationen, die nun folgen, erkläre ich mich allein für ver- 
antworthch. Ich dadite immer wieder an die bekannte Tatsache, daß die Be- 
(niditungsvorgänge bei der übergroßen Mehrzahl der Wassertiere im Wasser 
and nicht unter dem Schutz des mütterlidien Leibes stattiindcn. Es gibt bei 
amen keine eigentliche Kopulation, audi keine äußerlichen Geschlechts werk - 
acuge. Das Weibchen setzt die Eier ins Wasser ab ; das Männchen häk 
aid in der Nähe auf und befruditet die EJdien im Wasser. In den meisten 

— 44 — 



Fällen findet iwischen Männdieu und Weibdien keine direkte Beriihning 
jtatc. Sobald der Fisdi ans Land gesetzt und ein Amphibium wurde, ent- 
wickelt das Mäanchen eigene Daumeuschwielen zum Festhalten des Weibdiena, 
apäser, nadidem er sidi in ein Reptil umgewandelt hat, eigene männliche 
GesdJedits Organe, die dafür sorgen, dds die befruchteten Eichen sicher ia 
den Multerleib gelangen imd sidi dort entwickeln können. Von den Rep- 
tilien angefangen, machen alle Landwirb eitlere mtraucerine Embryonalent- 
widdung durch. Die Säugetiere untersdieidcn sich von ihren Vorfahren da- 
durdi, daß ihre Eier besonders weich und mit viel Wasser gefüllt sind, 
so daß sie noch während der Geburt platzen und daß die Mutter die Neu- 
gebomen mit ihren Körpersaiten nährt. 

Seh köante Ihnen nun die Theorie weiter im Zusammenhang mit der 
biologischen Erfahnmg darstellen, idi will aber aufrichtig sem und gestehen, 
daß die psychoanalytische Erfahrung es war, die mir hier einen 
Schritt weiterhalf. Sonderbarerweise kam mir die nädiste Anregung von 
Freuds Traumdeutung. In der Analyse von Träumen, die allem 
Ansdieine nach etwas mit der Gebun zu tun hatten, unter anderem aucii 
von Träumen schwangerer Frauen, kommt es redit häufig dazu, daß wir 
das Traumgesicht oder das Traumerlebnis der Rettung eines Men- 
schen aus dem Wasser nicht anders erklären konnten, als durdi die 
symbolische Gleichsetzuag der Geburt mit der Wasserretmng. Auch in 
Träumen von Menschen, die sonst in großer Not sich befinden, oder an 
einer Angstneurose leiden, mag als wunsdierfüllende Erlösung die Rettung 
aus dem Wasser vorkommen. Wenn Sie nun ermnern, was ich Ihnen schon 
vorher davon erzählte, was wir von Freud über den Zusammenhang der 
Angstsymptome mit der ersten großen Angst, der Geburt, gelernt haben, 
werden Sie vielleicht geneigt sein, mit mir den typischen Traum von der 
Errettung aus der Not durch Ertrinken, als die symbolisdie Darstellung der 
glücklichen Errettung aus dieser Gefahr aufzufassen. 

Da setzte nun die psychoanalytische Deutung der Lebens Vorgänge wieder 
ein. Es tauchte in mir die Idee auf, daß gleichwie der Sexualverkehr hal- 
luzinatorisch, symbolisch und real irgendwie auch die Regression, wenigstens 
in der Ausdrucksforra, zu den Zeiten in imd vor der Gebmt, bedeuten 
könnte, die Geburt und die ihm vorausgehende Existenz im Fruchtwasser 
selbst ein organisches Erinnerungssymbol jener großen geologischen Kata- 
strophe und der Anpassungskämpfe sein mag, die unsere Vorfahren in der 
tierisdien Ahnenreilie durchleben mußten, um sich ans Land- und Luftleben 
anzupassen. Im Sexual verkelir sind also mnemische Spuren sowohl der mdi- 
Ttduellen, wie der Artkatastrophe angedeutet, 

_ 45 — 



Ich bin mir dessen bewußt, daß ich bei der Aufsieüung dieser Hypo- 
these etwas geun habe, was der bisherigen wissenschaftlichen Auffassung 
schnurstracks widerspricht. Idi habe rein psydiologischc BegrifTe, wie Ver- 
drängung, SymbolbUdung, einfadi auf organisdie Vorgänge übertragen. Ich 
denke mir aber, es ist nodi nicht ganz sicher, ob dieser mutwiUige Sprung 
vom Psychischen ins Organische wirkiidi nur eine Verirruog war und nicht 
etwa ein gelungener Streich, den man Entdeckung zu nennen pflegt. Ich 
bin eher geneigt das letztere anzunehmen und in diesen Ideen den Beginn 
einer neuen Forsdiungsriditung zu betrachten. Jedenfalls beeilte idi midi, 
dieser Forsdinngs weise einen Namen m geben; idi nannte sie „Bio- 
analyse". 

Im vorliegenden Falle gestattet mir meine bioanalytisdie Auffassung, das 
Traumgesidit von der Rettung aus dem Wasser und das daran hängende 
Angst- und Eriösungsgefühl nidit nur mit der ererbten, unbewußten Erin- 
nerungsspnr an den Geburtsvorgang, sondern audi mit der an jene Eintrodt- 
nungs- und Anpassungskatastrophe zn deuten. 

Es erhebt sidi nun die Frage, wie beide GesdJediter auf das geolo- 
gisdie Trauma reagiert haben dürften. Die Psydioanalyse ertaubt es mir, 
audi um die Beantwortung dieser Frage nidit verlegen zu sein. Allerdings 
muß idi, um midi verständlidi zu madien, vorher etwas breiter auf die 
Entwidmung des Liebesiebens hei beiden Gesdileditern eingehen. 

Es ist unzweifelhaft, daß, während im Anfang die Mädchen und 
Knaben mit der gleldien hitensität dem Genüsse der Autoerotismen er- 
geben sind und diesen in der Form des Ludeins, der sadistisdi-analen Ver- 
gnügungen, ja audi der Masturbation in giei^j^cr Weise fi-öhnen, bei den 
Mäddien sdion frühzeitig Spuren der Angst -.or dem Kampf mit 
Knaben sidi zu zeigen beginnt. Es ist uns bekannt, daß der Menadi 
organisd, wie psydüsdi doppelgeschlechtlich angelegt ist, daß 
der Knabe audi die rudimentäre Anlage der Müdidrüsen und das Mäddien 
ein winziges männhdies Sexualglied geerbt hat. Dieses Glied, in der Ana- 
tomie Klitoris genannt und zu Anfang verhältnismäßig stark entwidelt, 
bleibt bei der späteren Entwiddung erheblidi luriidc. Die Psydioanalyse bei 
Frauen zeigt, daß die Eiregungszonc des Weibes sidi tiefer ins Innere des 
Körpers verlegt, während beim Knaben der Phallus weiterwädist und 
die Leitzone der Sexualität bleibt. Beobaditungen an Tieren zeigen aber, 
daß dem eigendidien Liebesleben, ja jedem einzeben Liebesakte, ein KampJ 
zwisdien den Gesddeditern vorangeht, der mit der sdiamhaften Fludit und 
dem sdiÜeßhdien Erliegen vor der männlidien Gewalt zu enden pllegt. Dod> 
audi die Liebeswerbung beim Mensdien enthält eme in der Kulturwelt 

— 46 — 



1 



allerdings stark gemilderte Kampfphase. Der erste Genilalakt ist auch beim 
Menschen nodi ein blutiger AngrüF, dem sich das Weib instinktiv wider- 
setzt, um sich schließlich damit abzufinden, ja darin Vergnügen und Glück 
zu finden. 

Als Anhänger des Haeckeisdien „biogenetischen Grundgesetzes", dem- 
zufolge der Entwicklungsgang des Individuums eine abgekürzte Wiederholung 
der Angesdiichte ist, madite ich mir nun von den Geschlechtsverhält- 
nissen bei der Anpassung ans Landleben folgende Vorstellung : 

Die Tendenz, die Keimzellen zum Ersatz für dem Verlust der 
See-Existenz im Innern eines nahnuag- und feuchtigkeitspendenden 
Organismus unterzubringen, und die Sehnsucht, dieses Glück der Keim- 
zellen wenigstens symbolisch und halluzinatorisch mitzu- 
genießen, erwachte wohl in beiden Geschlechtem. Demgemäß entwickelten 
beide das männliche Geschleditswerkzeug und es kam vieüeidit zu einem 
großartigen Kampfe, dessen Endausgang darüber zu entsdieiden hatte, 
weldiem Geschlecht die Leiden und Pflichten der Mutterschaft und das pas- 
sive Erdulden der Genitahtät zugeschoben werden soll. In diesem Kampfe 
erlag nun das weibhche Gesddecht, entschädigte sidi aber dadurch, daß 
es verstand, aus Not und Leiden Frauen- und Mutterglück zu schmieden. 
Ich will auf die Bedeutsamkeit dieser Leistung und auf üire psychologisdien 
Folgen später noch zurückkommen, will aber gleich hier bemerken, daÜ 
dieser Vorgang — falls er sidi bewahrheitet — nicht nur die größere 
physiologische und psychologische Kompliziertheit 
des Weibes zu erklären hilft, sondern das Weib, zumindest im or- 
ganisdien Sinne, als ein feiner differenziertes, das heißt an kompli- 
ziertere Verhältnisse angepaßtes Wesen erscheinen läßt. Das Männchen hat 
seinen Willen dem Weibdien aufgedrängt und erspart sich so eine An- 
passungsieistung, es blieb primitiver; das Weibchen hingegen verstand 
es, sich nidit nur an die Schwierigkeiten der Umwelt, sondern 
auch an die BrutaÜiät des Mannes anzupassen. 

Die Demütigung bheb aber auch dem männlichen Gesdilechtc nicht er- 
spart und es ist wieder eine geologische Katastrophe, die. wenigstens meiner 
Meinung nach, den äußeren Anstoß dazu gegeben haben dürfte. Ich denke 
an das Zeitalter des neuerlichen Überflutetwerdens großer Gebiete der Erd- 
oberflädie durdi Eis und Wasser : an die Periode der Eiszeiten. Ein Teil 
der von dieser Plage betroffenen Lebewesen versuchte es, sich „auto- 
plastisdi", das heißt durch Entwicklung von Hüllen zum Wärmeschutz usw. 
anzupassen, ein anderer Teil, vor allem die tierischen Vorfahren des Men- 
schen, oder gar der Urmensch selbst, half sich durch Höherentwidtlung 

— 47 — 



seines Denkorgans und die Schaflung einer, die Erhaltung audi unter 
sdiwierigen Verhältnissen sichernden Kultur. 

Und liier ist der Ort, wenigstens andeutungsweise, auf eine große Ent- 
deckung hinzuweisen, zu der Freud, in Anlehnung an frühere Annahmen 
von Darwin und Robertson Smith, iiuf Grund psydioanalytischer 
Gesichtspunkte gelangt ist. Ich erwähnte liinen bereits die Bedeutsamkeit 
des sogenannten Ödipuskomplexes für die Entwicklung jedes Individuums, 
(üi die Richtung der Charakterzüge in Gesunden und der Krankheita- 
symptome der neurotisch Werdenden. Die mutwillige Auflehnung der Söhne 
gegen die Väter, um von der Mutter und von den Frauen überhaupt Besitz 
zu ergreifen, endete mit einem großen Fiasko ; keiner der Söhne war stark 
genug, seinen Willen, wie einst der Vater, der ganzen Sippe aufzudrängen, 
und das schlechte Gewissen zwang sie, die Autorität des Vaters und den 
Respekt vor der Mutter zurüdtzusehnen und wiederherzustellen. Im Einzel- 
leben wiederholt sich dieser Kampf mit dem gleichen Ausgange ; der ersten 
kindlichen Pubertät folgt eine lange Latenzzeit, die aber, meiner Ansiciit nach, 
möglicherweise auch die Anpassungs kämpfe der Eiszeit, bezw. deren Amgang 
in die Schaffung der menschlichen Kultur im Einzclleben wiederholt. 

Nun entsteht die Frage, ob auch die Beobachtung des Gehabens der 
Tiere und Mensdien Argumente für die Glaubwürdigkeit dieser phantastisch 
erscheinenden Annahmen ergibt. Die Psydioanalyse spricht von einer „V o r- 
bildlichkcit der Sexualität". Sie behauptet, daß die Art und 
Richtung der Geschlechtlichkeit für sehr viele Züge der Gesamtpersöniichkeit 
maßgebend wird. Der in seiner Sexualität frde Mensch ist auch in sonsti- 
gen Unternehmungen mutig; nicht umsonst jgellt die Legende Don Juan 
nidit nur als erfolgreichen Hofmacher, sondeiw auch als geschickten uod 
mutigen Fechter dar, der viel vergossenes Blut auf dem Gewissen hat. 
Diese Aggressivität, allerdings gemildert durch die Demüti- 
gung beim Ödipuskonflikt mit dem Vater (Kastrationsangst), 
kennzeichnet aber die männliche Seele überhaupt, während der Frau nur 
die Schönheit als Kampfmittel verbleibt, sie aber ansonsten durch 
Güte und Schamhaft igkeii gekennzeidmet ist. Diese und ihnüche 
seelische Charakterzüge könnte man als tertiäre Geschlechts- 
merkmale den sekundären, das heißt [organischen Geschlechu-Charakter- 
jügen, an die Seite stellen. Von den letzteren möthte ich beim Manne, 
außer dem Besita aggressiver Sexual Werkzeuge, die größere Körperkraft und 
die relativ stärkere Entwiddung des Gehirns nennen. Die Geschichte der 
sexuellen Differenzierung im EinzeUeben kann id» also im ailgemeinen zur 
Stütze der Theorie einer Kampfphase heranziehen. 

— 48 — 



! 




ScIbstverständJidi erhebt sidi hier bei vielen die alte Frage, welches 
der beiden Geschlechter höher-, beziehungsweise min- 
derwertig ist. Idi glaube, daß dieses Problem von einem Psydio- 
analydker nicht eindeutig gelöst werden kann. Ich sagte bereits, daß ich den 
weibhchen Organismus für feiner differenziert, man könnte also sagen, für 
höher entwidelt halle. Das Weib ist angeborenerweise klüger und besser 
als der Manu, dafür muß der Manu seine Brutalität durch stärkere Ent- 
widdung der Intelligenz und des moralischen Über-Idi im Zaum halten. Das 
Weib ist feinfühhger (moralisdier) und feinsinniger (äsdietisdier) und hat 
mehr „gesunden Menschenverstand", — aber der Mann schuf, vielleidit als 
Schutzmaßregel gegen die eigene, größere Primitivität, die strengen Regeln 
der Logik, Ethik und Ästhetik, über die sich das Weib im Gefühle der 
inneren Verläßlichkeit leichter hinwegsetzt. Ich meine aber, daß die organisdie 
Anpassung des Weibes nidit minder bewundernswert ist als die psydio- 
logisdie des Mannes. 

Diese Darstellung schließt es durchaus nidit aus, daß es Fälle gibt, in 
denen die Intelligenz der Frau die durdisdinittliche analoge Leistung des 
Maaaes weit übertrifft. Doch erweist sich die Neigung vieler Frauen iu 
„männlicher- Betätigung nidit selten als neurotisdi bedmgt. Der sogenannte 
Männlichkeitskomplex ist nach den neuesten Untersuchungen 
Freuds der Kernkomplex der meisten Neurosen bei Frauen und die 
Hauptursache der Frigidität. Ich würde dem hinzufügen, daß er gleidizeitig 
die Regression zni Kampfphase der Geschleditsdiffereniierung in der Kind- 
heit, wie auch bei der Eintrotinungskarastrophe anzeigt. Viele neurotisdie 
Frauen können ihre Symptome nicht aufgehen, solange sie sidi mit der Tat- 
sache, nicht als Manner geboren zu seüi (Penisneid), nidit abfinden, gleidi- 
wie der neurotisdie Mann die mangelhafte Lösung von der ödipussimaüon 
in der Analyse in verbesserter Auflage nachholen muß. 

Idi habe Ihnen bereits von meiner Auffassung der Suggestion und der 
Hypnose gesprodien. Als die beiden Mittel des GefBgigmadiens euier ande- 
ren Person eradite idi das Schrecken und die Verführung. Idi 
nannte sie Vater-, beziehungsweise Mutterhypnose. Man kann das Veriiebt- 
sein als eb gegenseitiges Hypnotisiertsem besdireiben, bei dem jedes Ge- 
sdiledit die eigenen Kampfmittel ins Treffen föhrt, der Mann hauptsädUidi 
seine körperhdie, inteUektueUe und moralisdie Kraft, mit der er imponiert, 
das Weib seine Sdiönheit und andere Vorzüge, die es zur Beherrscherin audi des 
sogenannt starken Gesdiledits madien. In der sddarähnhdien Bewußtseinslage des 
Orgasmus kommt dieser Kampf vorübergehend zur Ruhe, und Mann sowie Weib 
genießen für einen Moment das Glüdc der wunsdi- und kampflosen Infantilität. 

PjA, Bcwegiuig — 49 — i 



im höheren Alter verwisdieD sich cmigcnnaEen die Gesdilechls- 
UDtersdiiede. Offenbar infolge der Rüdtbildung der Funktionen der Ge- 
sdileditsdrüsen wird die Stimme der Frau etwas rauher, hie und da zeigt 
aicb audi der Ansatz einer Schnurrbartbildung. Aber autfa der Mann büßt 
mandies von seiner raännlidicQ Ersdieinung und seinem Charakter ein, man 
kaim also sagen, daß die doppeUgcschieditliche Anlage in der Kindheit und 
im Greisenaiter bei beiden Geschleditem durchs ichüger wird. 

Es hegt in der Natur der Sadic, daß das Weib, dem die Mutceradiaft 
viel mehr bedeutet als dem Mann das Vatersein, etwas weniger polygam 
veranlagt ist. Die von vielen bevorzugte Einteilung der Frauentypen in einon 
Mutlertypus und einen, der vor allem der Liebe huldigt, ist — Dach den 
Erfahrungen der Psychoanalyse — nur das Zeidien der von der Kultur ge- 
forderten scharfen Trennung der Zärtlichkeil und der Sinnlich- 
keit. Dieselbe Forderung, wenn sie mit übermäßiger Strenge gehandhaht 
wird, erschwert es audi dem Manne, die normale Verknüpfung dieser 
beiden Regungen in der ehelichen Liebe zu verwirklichen. 
In der Absicht, diesen Gedankengang noch weiler zu vereinheitlichen, 
muß idi auf gewisse Ergebnisse der psychoanalytischen Ethnologie hinweisen. 
Fast alle Naturvölker huldigen gewissen Gebräuchen, die sich nicht anders, 
denn als Reste eines irgendwann üblidi gewesenen Entmannungsrilus er- 
klären lassen. Der leKte, audi heule nodi herrsdiende Rest dieses Ritus ist 
die Zirkuinzision. Es ist mehr als wahrsdieinlich, daß diese Strafe, beiic- 
hungsweise Strafandrohung in der Urzeil die Hauptwaife der Väter gegen 
die Söhne wai-. Die Unterwerfung des Sohnes unter die Strafgewall des 
Vaters und das Aufgeben eines Teiles der rtRuellen Brutalität ist die Folge 
des sogenannten Kastrationskomplexes. Wenn %e das, was idi Ihnen vor- 
her von der Bedeutsamkeit des Genitales als Lustreservoir gesagt habe, be- 
rücksichtigen, wird es vielleidit auch Ihnen nidit unglaubhaft ersdieinen, daß 
Männlicfakeits- und Kastralionskomplex eine so über- 
ragende Rolle bei der Entwicklung der GesAledilscharaktere spielen 
und daß das Fixienbleiben in irgendeinem Vorsiadium der Erledigung dieser 
Komplexe oder der Rüdd'all auf solche Stufen allen Neurosen zugrunde liegt. 
Im Lichte der hier kurz wiedergegebenen Überlegungen ersdieinl 
das männlidie Glied und seine Funktion als organisches Symbol 
der, wenn auch nur partiellen Wiederherstellung des foetal-mfantilen Ver- 
einigtsdns mit der Mutler, gleichzeitig aber audi mit seinem geologisdien 
Vorbild, der Existenz in der See. 

i!ii!iiiiiifl[iiiiiiniiiiinii[flötiiiiiiiiiiDiiiiiiioi!iiiiiiyiömDiiiiiim^ 

— 50 — 




Erfolg und unbewußte Gewissensangst 

Zur analytischen Scbitksalsforsdimig 
Von Theodor Reik (Berlin) 

Udict dem Titel ,Der Schrecken und andf rp pAydioanilydadie Studien' ist 
•oeben im IniemalionBlen Psydinanal/iisdicn Verlag ein Budi eridiiencn, das eine 
Reihe ncncr, noch unverölTenihchrcr piychgansl /lischer Abhandlungen von Thcodoi 
Rtik cnihill. Die Frage der unbewußten Gewisicdsjngst bildet dai sloflliche Bind, 
dai dieic Einacistudicn verbindet. Sia itcDtn die Beiiehunjen iwiichen den Mächten 
dej menschlichen Tricbicbcna und jener psychologischen Instanz, welche die Psycho- 
analyse al« Über-kh bcicichnci, in den Mittelpunkt der Untcrauchung. Außer der 
größeren Studie, die in der Spiüe dcj Bandes steht und ihm den Titel leiht, enthält 
er anier anderem Arbeiten _über den Zusammenhang von Haß und Angst", über 
^Verleihung und Rache", über ^dcn Glauben an die ausgleichende Gerechtigkeit' usw 
Einen der kleineren Aufailie dieses Samnielbandes, den über .Erfolg- und unbewuEic 
GewiMcnmngsi" geben wir im folgcoden hier wieder. 

I 

Die Psychoanalyse, die aicli in ihren Anfängen ausschließlich mit der 
itiologie und Therapie der Neurosen beschäftigte, war tald gezwungen, 
le Aufmerlcsamkcit von den einzelnen Symptomen der Kranken auf anders- 
■tige Inhalte zu richten. In Wirklichkeit kam ein überraschend großer Teil 
des Lebens der Kranken, ihre ganze seetische Entwicklung, das Wesentliche 
ihrer psychischen Biographie zur Sprache — zu einer Sprache, die nicht nur 
auf das unzulängliche Hilfsmittel der bewußten Wörtvorsteilung allein ange- 
wiesen war. Die Krankheit erwies sich als ein Stück des Schicksals 
der Person ; wichtig genug, da sich das Interesse des Patienten, des Leideu- 
den, darauf konzentrierte und durch sie Arbeits- tind Genußmogüchkeilen 
empfindlieh eingeseiu-änkt wurden. So wichtig nicht, als sie ihm, dem Leiden- 
den, in ihrer Isolierung schien, weil sie das Resultat komplizierter, lange 
vorhergehender, psychischer Prozesse darstellte. Das seelisch Wirksame und 
Wesentliche lag vor der Krankheit. Die Krankheit, ihre Ätiologie, ihr Ver- 
lauf und ihre Prognose, ihre Triebgrundlagen und Triebziele waren dasjenige 
Stück Schicksal, das sich zunächst dem Analytiker am auHalligsten und lär- 
mendsten darbot und seine angespannte Aufmerksamkeit auf sich zog. Es 
blieb nicht das einzige. Die wirklich entscheidenden Ereignisse im Leben des 
Einzelnen (sowie im Leben der Volker) süid meistens wenig auffällig und 
wenig lärmend. Es sind die stillsten Smnden, nicht die lautesten, die über 
unser Schicksal bestimmen. 

Wie mir scheint, hat Freud die Wissenschaft näher (am nächsten sdt 
einem Menschenalter) zum Verständnis dieses dunklen Begrifies des Schicksals 
geführt. Er ist von jener Aufstellung, derzufolge Anlage und Erleben, Dbpo- 

— 51 - ** 



sition und akzidentelle Ursachen ein einander ergäniendes Ganzes bilden, 
ausgegangen und immer wieder zu ihr znrückgekehn. Die Zurückfiihrung 
individueller KonsEelladonen auf die psydio sexuelle Konstitution und auf die 
Erlebnisse verschütteter Kinderjahre, die Beriicksiditigung der Triebanlage 
und der LibidoeuCwiddung, der Einflüsse der Familie und der Erriehung, die 
Beobachtung des Miteinander und Gegeneinander von Triebansprüchen und 
Anforderungen der Umwelt lassen die Psychoanalyse als einen der wescnr- 
lidien Wege zu Aufschlüssen über die individuelle Schicksalsgesialtung erkennen. 

Es ist gewiß uoridiüg, jenen emphatischen Satz Schillers, daß in 
unserer Brust unseres Sdiicksals Sterne sind, in seinem Geltungsbereiche zu 
überdehnen. (Zumindestens leuchten und verlöschen sie anderswo etwa bei 
einem Krüppel oder einem syphilitisch geborenen Kinde.) Die Konstimdons- und 
Erbschaftsforsdiung, die Beaditung biologischer Momente, der einspielenden 
sozialen und Ökonomischen Faktoren zeigen, wie wenig eine solche rein 
psychologische Auffassung der Kompliziertheit des Sachverhaltes Rechnung trägt. 
Aber die Analyse hat in ihrer Untersuchung des mensdiUchen Trieblebens 
und der unbewußten Prozesse klargestellt, in wie tiefem Ausmaße seeUsdie 
Vorgänge das Schicksal des Fünzelnen bestimmen. Sie ist geeignet, tn dem 
Kräftespiel aller jener exogenen und endogenen Faktoren, deren Resultat 
das mensdiliche Sdiicksal darsteUt, einige der wichtigsten, bisher nicht ge- 
würdigten Determinanten aufzuzeigen und in ihren Wirkungen darzustellen. 
Sie ist besümmt, einen der wesentlidislen Beitrage zu jener Aufgabe der 
Forschung zu hefem, die man Schicksalsforsdiung nennen muß. Dies ist die 
Stelle, wo sie sich dem Bestreben einfügt, die Gesetze des GJeschehens zu 
finden, und die Beziehungen, die zwischetr^llen einzelnen Geschehen be- 
stehen, aufzudecieo. Geben andere DiszipIineE' Aufschlüsse über die ver- 
schiedenartigen bestimmenden exogenen Momente, wie Klima, Landsdiaft, 
Rasse usw., so gibt die Psydioanalyse bisher ungesehene, bisher iinaus- 
gesciöpfie Möglichkeiten zur Hand, psychische Determinanten unbewußter 
Art in ihren Tiefenwirkungen wissenschaftlich zu erfassen und zu würdigen. 

Was bisher gesagt wurde, beansprucht nicht, für den Psychoanalytiker 
einen neuen Aspekt zu eröffnen, sondern eine bisher nicht bezeidmete Auf- 
gabe der Forschung zu formuheren. Es muß sogleich hinzugefügt werden, 
daß vielfache, unsystematische Ansätze zu einer solchen analytischen Sdiidtsals- 
forschung bereits vorliegen. Ohne Absichten der hier bezeichneten Art zu ver- 
folgen, bilden verschiedene analytische Pubhkationen gleichsam Brücken zu 
diesem neuen Gebiet der Forschung : ausführliche Krankengeschichten, die 
analytischen Biographien großer Persönlidikeiten, mannigfaltige Versuche zur 
Charakterologie. Es ist nicht schwer zu zeigen, in welcher Richtung sich 

— 52 — 



J 



äicse Beiträge von den hier gemeinten unierscheiden und wie weil sie doch 
dieselbe Richtung gehen. 

Die wesenlJichsten Gesichtspunkt einer analytischen Schicksalsforschung 
tiüßten von dieser Art sein : geeignet, die entscheidende (mitentscheidende) 
Bedeutung unbewußter Faktoren im Leben des Einzelnen zu zeigen, soweit 
Tsie Krankheit und Gesundheit, Erfolg und Versagen, Liebeswahl und Lebens- 
gestaltung, den Aufstieg und den Verfall usw. bestimmen. Die Rolle des 
Zufalls, den man nicht unrichtig das „inkognito reisende Schicksal" genannt 
hat, würde bei solcher analytischer Betrachtungsweise der einzelnen Erleb- 
nisse, ihrer Verknüpfung untereinander und ihres Gesamtablaufes noch mehr 
eingeschränkt erscheinen. [Eingeschränkt, doch nicht ausgeschlossen.) Der 
Kulturmenschheit des Westens, gewöhnt, nur die Tatsachen der äußeren 
Realität anzuerkennen, würde durch die analytische Schicks alsforschung mit 
sanftem, doch steigendem Zwange nahegelegt werden, die verborgene, aber 
entscheidende Realität der seelischen Dynamik zu erkennen und anzu- 
erkennen. Diese Art, das Einzclsehicksal und das Schicksal vieler Einzelner 
zu sehen, ist so wenig wie irgend eine andere, bis zum heutigen Tag be- 
kannte geeignet, eine Antwort auf die vergebliche Frage nach dem Sinn 
des Lebens ra geben, aber sie ist vielleicht geeignet, das streng Gesetz- 
mäßige (vielleicht sinnlos Gesetzmäßige) im Erleben weitgehend zu zeigen. 
Die Vorbildlichkcit des psychosexuellen Lebens für die übrige Daseinsgestal- 
lupg würde auch auläerhalb des pathologischen Rahmeos unter diesen Gesichts- 
punkten unzweideutig zutage treten. 

Gewiß wkd auch eine solche analytische Schidisalsforschung Teil haben 
an der Unvollkommenheit, UnzulängUchkeit, Lückenhaftigkeit aller mensch- 
lichen Erkenntnis. Auch sie wird nur eine winiige Grenzverschiebung zu- 
gunsten des Erkennbaren bezeichnen, ein schwaches und oft schwankendes 
Liclit auf emen Streifen des Dunkels, das uns umgibt, werfen. Es wäre 
falsche Scham, solche Beschränkung der wissenschaftlichen Arbeit scheu ver- 
bergen zu wollen. Die Forschung hat keine Schrecken des Erkennens. Sie 
hat auch keinen horror vacui. 

11 

Es ergeben sich hier Aufgaben für eine Generation von Psychologen, für 
,k grand psytAologue de demain'. 

Einer der fesselndsten Gegenstände solcher analytischen Schicksals Forschung 
wird die Frage von Erfolg und Versagen sein. Freud hat, auch hier als erster, 
als Prodromos der künftigen Forschung, ein Stück des Problems gezeigt ; 
nur einen bestimmten Ausschnitt, aber vielleicht den wesentlichen. Er hat 

— 53 — 



später die psychologisdic Bedeutung gerade dieser Art der seelisdiea For- 
sdiung nicht beloni, doch hat er gezeigt, daß das SAeirern am ErfoJg, das für 
jene von ihm beschriebenen Fälle typisdi ist, aus der unterirdischen Wirk- 
samkeit von Gewissenamächten erklärbar wird. Man kann analytisch nadi- 
weisen, daß diese Wirksamkeit primär dem Ödipuskomplex entstammt. Es 
ist, als wäre jeder spätere Erfolg im Leben durch geheime Fäden mit dem, 
den wir in unserer Kindheit als dei> widitigslen anstrebten, verknüpft. Als 
bedeute er unbewußt, möge er sich nodi so weit von diesem seinem Ur- 
sprungsorie entfernt haben, die Erreichung jener früh verpönten Wünsche. 
Die Gewissensreaktion erhält von dort aus ihre Stärke und Nadihaltjgkeit. 
Der Erfolg wird aufgegeben in dem Augenblidt, da er erlangt wird. 

Die Aufmerksamkeit sei hier auf einen anderen, charakterologiachen Typus 
gelenkt, der vorerst wie eine Spielart des von Freud analytisdi dar- 
gestellten ersdieint. Scheitert dieser am erreichten Erfolg, so gestattet sidi der 
hier darzustellende Typus niemals — oder nur unter bestimmten inneren 
Bedingungen — die Erlangung des Erfolges. Es handelt sich um eine große 
Anzahl von Personen, die zwischen der Aufstellung eines Zieles und seiner 
Erreichung unbeviTrßt immer wieder neue Hindernisse ein/uschieben wissen 
und so nie oder zu spät die Erfüllung ihrer Wünsche erleben. Das Schicksals- 
mlßige eines solchen Lebenslaufes erscheint freilich in klarstem Licht in allen 
jenen Fällen, in denen das Ziel fast erreicht wird und sidi plutälidi ein un- 
erwartetes, scheinbar rein äußeres Hindernis ergibt, das nidii bewältigt 
werden kann. In der Analyse erkennt man dann ofi, daß diese Personen 
selbst als unsichtbare Regisseure jenes unerwartete Hindernis arrangiert oder 
zumindestena seine Existenz mit außerordend«(her, unbewußter Gesdiicklidikeit 
benützt haben. Sie sind gleichsam besonders begabte Slage-managers in diesem 
Bchieksalhaften Spiel, dem sie scheinbar nur als Zuschauer beiwohnen. Immer 
«'ieder erhält man den Eindruck aus der Analyse soldler Personen, daß ein 
großer Aufwand vertan ist gerade in dem Augenblick, da er seme Reclit- 
fertigung erhalten soll. Es kann niiil geleugnet werden, daß in diesen Fällen 
Erfolg und Versagen nicht nur von der Wirkung unbewußter Faktoren ab- 
hängen. Oft genug sind es wirklich äußere Momente, Umstände der mate- 
riellen Realität, welche in ein solches tragisches, öfter tragikomisches Schicksal 
einspielen. Aber manchmal wird es ganz deutlich, daß diese unter ihrem 
Schicksal leidenden Menschen sich so benehmen wie ein boshafter Demiurg, — 
man mag ihn audi Gott nennen, — der in kunstreidier und sorgfältig kon- 
struierter Art solche Schicks als Wendungen produziert, ohne daß sie sidi der 
Nachahmung eines so erhabenen Beispieles bewußt wären. Jeder Analytiker 
kennt eine große Reihe jener Fälle, in denen sidi bei jeder Aonälierung 

— 54 — 



an den Erfolg unversehens Hindemisse auftürmen. Der andere bedeutsame 
Fall ist der, daß der gewünschte Erfolg zwar erreidit wird, aber jede Be- 
friedigung an ihm ausbleibt. Ich kenne den Fall eines sehr intelligenten 
Mannes, eines Künstlers, in dessen Leben eine typische Situation wieder- 
kehrt. Er ist von einem starken Drang nach Lebensgenuß beseelt, ja oft 
besessen und gibt ihm nur selten nach. Er schiebt die Befriedigung seiner 
Wünsclie immer wieder auf, bis er dieses oder jenes Ziel erreicht haben 
würde. Wird aber das Ziel dann erreidit. erscheint es ihm nidit mehr 
ausreichend, und die Befriedigung seiner Wünsche wird wieder aufgeschoben. 
In den Pausen seiner Arbeit hat er lebhafte Tagträume, wie er das Leben 
genießen werde, wenn er erst dieses oder jenes Werk fertiggestellt haben 
werde. Diese Phantasien bilden seinen besten Trost gegenüber den starken 
Depressionen, denen er im Widerwillen gegen die Arbeit und im Ringen 
mit dem spröden Material leicht verrällt. Ist das Weik vollendet mid wird 
es von ihm kritisdi überprüft, so erscheint es ihm an dem, was ihm vor- 
(diwebte, gemessen, nicht mehr geglückt, voller Fehler und Mängel : es 
scheint nun seinen Ansprüdien nicht mehr gewachsen. Ein neuer Plan ist 
aufgeiaudit, bis nadi dessen Ausführung er die Erfüllung seiner Wünsche 
aufschieben muß. Er sagt sich immer vor : ,Idi werde nach Kairo oder an 
die Riviera fahren, mit schönen Frauen verkehren und werde mich meines 
Lebens endlich freuen, wenn ich diese verfluchte Arbeit einmal beendigt 
haben werde." In diesem Kreislauf gelangt er nie zu dem ersehnten Genuß. 
Man erhält eine Ahnung davon, was jener sich steigernde, nie erfüllte 
Wunsch bedeutet, wenn man etwa in der Biographie Giovanni Segan- 
^t i n i s einige Züge analytisdi betrachtet. Arco war die Geburtsstätte des 
äalers; er verbradite dort die ersten fünf Jahre einer sorglosen Kindheil. 
' Da starb die Mutter und der kleine Junge mußte die Heimat verlassen. Er 
hat sie nicht mehr wiedergesehen. Der Wunsch, wieder nach Arco zu gehen, 
[ stieg immer wieder in ihm auf, wenn er einsam in den Bergen des Engadin 
saß und malte. Es war einer seiner drängendsten Wünsche während seiner 
I Arbeit. Immer wollte er die geliebte Stadt wiedersehen und setzte 
' lületzt als Datum für diese Reise die Zeit fest, da et sein großes 
■ Triptychon der Alpenwelt vollendet haben würde. Nach Erreidiung dieses 
' Zieles wollte er ,zur Belohnung', wie er schrieb, jenen langgehegten 
' Wunsch erfüllen. Er starb einige Wochen vor der Erreichung des Zieles .' 
I In einem von mir beobachteten Falle verband sich der Aufschub der Wunsch- 

i) Merkwürdigerweise übersah Dr. K. Abraham dieien hedeutBamea Zug in adner 9chöan> 
Sudie .Ginvaüni Seguntiui' (3. AuD. 1925], in der mit Rccki soviel Gewi±t auf die Seiiebune 
bdn Kürudcra zu «ioer Irübver^EorbcDen Multer geltet wird. 

~ S5 — 



erfiillung mit einem deutlidien analen Moment. Es handeile sich um einen 
Geschäftsmann, der immer wieder Pläne madite, sich von seiner Arbeit 
zurütiTUjiehen, um procul negotiis das mülisam Ersparte in angenehmer und 
ungezwungener Art zu genießen. Der ersehnte Zeitpunkt wurde aber 
immer wieder hinausgeschoben, da ihm die verfügbaren Geldmittel stets zu 
gering erschienen, um ein bequemes und sorgenfreies Leben zu gewähr- 
leisten {obwohl sie — objektiv genommen — längst ausreidiend waren). Immer 
wieder, sobald er genügend vorgesorgt zü haben glaubt, sieht er, daß er zur 
Deckung seiner Bedürfiiissc z\i wenig besitzt. Er ist gleichsam ein Tantdus 
im Kleide eines Industriellen. 

Die Analyse solcher Fälle läßt keinen Zweifel darüber, daß es eine un- 
bewußte geheime Angst ist, welche diese Personen um die Früchte ihrer 
Arbeit bringt, den Aufschub der Befriedigung erzwingt und sie von der 
Erfüllung ihrer Wünsdie abhält. Was wie eine gesteigerte und strenge 
Folgerung der Realität ersdieint, ist in Wirklichkeit ein geheimes Verbot 
des Dber-Ichs, das seine Rationalisierung gefunden hat. Dem Analytiker kann 
es nicht schwerfallen, die Analogie zu diesem eigenartigen Verhalten in der 
Symptomatologie der Zwangsneurose zu entdecken. Was sich dort an den 
einzeben Zwangszügen in pathologischer Verzerrung und Vergröberung zeigt, 
ist hier verallgemeinert, verschoben und in einer der Realität näheren Form in der 
Lebensgestaltung, im Schicksal dieser Personen aufzeigbar. Dort wird auf 
eine Triebbefriedigung aus geheimnisvollen oder undurdisiditigen Gründen 
verziditet oder sie wird nur nach Erfüllung bestimmter, sehr komplizierter 
und ausgedehnter Schutz- oder Sicherheits maßregeln erlaubt. Im Verlaufe der 
Krankheit werden sicäi die Bedingungen, die zu erfüllen sind, vervielfältigen, 
komplizierter werden, schwerer und drückend^f auf dem Ich lasten. Der 
Befriedigung der Triebregangen werden immer umständlichere Hindernisse in 
den Weg gesetzt; sie wird immer schwerer möglich und hinausgesdioben, 
bb alle jene Bedingungen auf das genaueste und bis in jedes Datail erfüllt 
werden. Ihre oft zeilraubende und pedaniisdie Einhaltung wh-d langsam das 
ganze Leben oder dessen beslen Teil ausfüllen. Ein zweiter Zug der zwangs- 
neurotischen Symptombildung, wie ihn die Analyse beobaditet, drängt sich 
hier zum Vergleiche aui. Handelte es sidi in der Psychogenese der Zwangs- 
krankheit zuerst .und vor allem um eine beslunmte, zum Beispiel sexuelle 
Triebbefriedigung, so wird allmähhch das Netz, das der Zwang auswirft, 
immer weiter gespannt. Jeder Genuß wird nun aufgeschoben, als sei er der 
Repräsentant jener verbotenen, libidinosen Befriedigung. Den Aufschub der 
Triebbefriedigung, bis alle Schutzmaßregeln erfüllt sind, oder ihr Unterbleiben 
kraft eines inneren Verbotes treffen wir in fast allen Fällen der Zwangs- 

— 56 — 



neurose. Emer meiner Paüenten, der an Waschzwang litt, hatte ein außer- 
ordentlich kompliziertes Zeremoniell zu befolgen, ehe er sidi erlauben durfte, 
etwa ein Theater zu besuchen. Dem lebhaften Drang nach diesem Vergnügen 
steUteo sidi immer wieder neue, aus dem System des Waschzwanges srara- 
mende Bedingungen entgegen, bis endhch der Besuch des Theaters auf- 
gegeben werden inußle. Ehe alle Zwangshandlungen, die das Gebot des 
Infektionssdiutzes vorschrieb, ausgeführt waren, war die betreuende Vor- 
stellung längst vorbei. In diesem wie in einer Fülle anderer Fälle war es 
ersichtlJdi, daß ein an sicli harmloses Vergnügen psychisdi so behandelt 
wurde, als sei es ein gefährhclies Unternehmen, das man nur nach Durdi- 
fiihrung bestimmter Sicherheitsmaßnahmen wagen durfte. Der Aufschub sowie 
die Bedingungen, die ihn bewirken, erklären sidi aus der Abwehr einer un- 
bewußten Angst, die mit der Triebbe&iedigung verbunden ist, ihr ursprüng- 
lich folgt. 

Die Analyse dct hier gekennzeidwelen Fälle kann durchaus aus der 
Analogie mit der psydiischen Dynamik dieser Zwangssymptome verstanden 
werden. Es ist eine geheime Angst wirksam, die sich der Erfilllung gerade der 
stärksten Wünsche entgegenstellt. Es bedarf keines besonderen Sdtarfsumes 
des Analytikers, um zu der Folgerung zu gelangen, die sich aus dem psy- 
diischen Effekt auf die wirksamen Motive ergibt. Hat der Aufschub den 
Sinn und den Erfolg der Abwehr, so wird es klar, daß mit der Erreichung 
des Triebzieles, beziehungsweise mit der Erfüllung jener Wünsdie eine 
Situation gegeben ist, gegen die sich das Ich aus dunklen Gründen sträubt. 
Es erscheint demnadi eine Situation, che zugleich gewünsdit und gefürchtet 
wird ; gewünsdit von Seiten des Trieb-Idis, gefürdilet von Seiten des Ichs. 
Jene Angst galt ursprünghch der Kastration, wurde zur Todesangst und hat 
sich in der Form der unbewußten Gewissensangst fortgesetzt, Sie ist undeut- 
licher, dumpfer geworden, hat sich dem Bewußtsein entzogen, ist darum aber um 
nichts weniger mäditig. Sie mag sich bei Annäherung an das gewünschte 
Triebziel in unklarem Unbehagen äußern, gänzlich schweigen oder sich hinter 
reaktiv gesteigertem Selbstbewußtsein verbergen, die Angst ist da und um so 
stärker, je weniger ihr der Weg zum Bewußtsein offensteht. Die dunkle 
Strafe, die droht, geht nun von unkontrolherbaren Mächten aus, wird vom 
Sdiidtsal oder von Gott nahend gefürdilet. Je nälier man dem Ziele kommt, 
um so stärker werden die inneren Stimmen, die seine Erreichung verzögern 
oder verbieten ; desto stärker scheinen sich in den nüchternen Alltag Gewalten 
zu drängen, die wir längst überwunden za haben glaubten. In die Welt 
der elektrischen Bogenlampen, der Automobile, der Dynamomaschinen und 
des Radios tastet hier eine Madit vor, die aus Urvätertagen kommt und 

— 57 — 



zwingender wirkt As aller tedinischer Au t trieb undaller sogenannter Forts dirirt einer 
Zivilisation, die sich von Gott befreit zu haben glaubt, während sie nur 
von ihm verlassen ist. An jener Wand erscheint gespenstisch neben de» 
elektrisdi beleuchteten Reklameanküodigungen, neuesten Nadirichten über 
Trustbildungen, Börsenkursen, Varietdanzeigen ein Menetekel, von einer un- 
sichtbaren und starken Hand geschrieben. 

Die Psydioanalyse^ gelangt in ihrer Zurüddiihrurg der psydiiadien Prozesse 
bei dem geschilderten Typus immer wieder über manche Zwisdienstationen 
zu derselben Situation der Kinderzeit, die wie die Keimzelle jener späteren, 
eigenartigen Einstellung erscheint. Eine Triebregung war aufgetaucht, hatte 
gebieterisch Beiriedigung gefordert und war in Konflikt mit den Forderun- 
gen der Außenwelt gekommen. Sie war nur 2u befriedigen, wenn jenes 
Hindernis der Außenwelt entfernt war, — hier erhob sich die erste Bedin- 
gung, gegen die sich das Ich aus bestimmten Gründen sträubte. Das ein- 
fachste und sidierlidi das primäre Beispiel einer solchen psydiisdien Situa- 
tion ist durdi den Konflikt des kindlichen Sexualstrebens und des von 
außen kommenden Verbotes gegeben. Der Knabe, der seiner sexuellen Re- 
gung folgen will, muß in seinen Phantasien auf die Vorstellung des ver- 
bietenden und bewunderten Vaters stoßen. Diese hemmende Autorität muß 
aus dem Wege geräumt werden, wenn die Triebbefriedigung erlaubt sein 
soll. Aus der ursprünglichen Angst vor der Kastration ais Strafe für die 
Verbots Übertretung hat sich als Reaktion sbifdung gegen verdrängte Todes- 
wünsche gegen den Vater die Todesangst für das Ich entwickek. die in 
ihrer dumpferen, weniger faßbaren Form als Gewissensangst erschcini. Wenn 
die Bedingung sine qua non für die ungehemmte Triebbelriedigung der Tod 
des Vaters ist, so wird sidi das Ich bcmüheii, jene starken Wünsche abzu- 
wehren. Der Konflikt zwischen dem Triebdrängen und den Abwehrkräfien 
ist in Permanenz erklärt. Von hier an gibt es keinen Frieden, niw mehr 
kürzere oder längere Wafl'en stillstände im Ich. Späterhin wird das ursprüng- 
lich nur auf die sexuellen Konflikte bezogene Schema auf alle Genüsse, die 
unbewußt mit den grobsexuelien verbunden sind, verschoben. In der 
Zwangsneurose kann zum Beispiel alles, wovon sich das Ich Genuß ver- 
spridit, in unbewußte Gedankenverbindung mit dem Tode des Vaters oder 
einer Ersatzperson treten und diese Verknüpfung kann zum seeHschen 
Motiv werden, den Genuß zu hindern. Man kann es am besten so aus- 
driidcen, daß man den Genuß als Vertretung des Verbotenen, jeden Erfolg 
als Repräsentanten der ersehnten und gefiirchteten Überwindung des Vaters 
bezeidinet. Von hier aus eröffnet sich der Weg zum ersten Verständnis 
iener eigenartigen Einstellung zu Genuß und Erfolg, der uns liier beschäf- 



— 58 — 



I 



(igt. Die Todesangst ist jetzt unbewußt der Triebbeiriedigung vorgelagert wie 
sie ihr früher gefolgt war.' Sie wirft ihren Schatten jetM in das lichte 
Bild der Erfüllung. Wenn zum Beispiel der onanisiischen Betätigung der 
Pubertätszeit schwere Bußmaßregehi und Sühncpraklikeu folgten, so wird 
später die psychisdie Reihenfolge umgekehrt. Die Durchführung immer aus- 
gedehnterer und komplizierterer Schutzmaßregeln soll die Angst bannen und 
erst von ihr hängt es afa, ob die Befriedigung erlaubt wird oder nicht. la 
der Pubertätszeit emes Patienten schloß sicli an jeden Rückfall in die 
Onanie ein Gelübde, zehn Tage abstinent zu bleiben. Wenn dies nicht ge- 
lang, sich zum Beispiel eine nächtliche Pollution einsteilre, so mußte er das 
Gelübde verdoppeln und die Zeit der gestatteten Onanie auf das Doppelte, 
später das Dreifache hinausschieben. In der Folgezeit wurde allmählich jedes 
Vergnügen in den Umkreis dieser typischen Verschiebung gezogen : er ver- 
bot sidi also nadi und nadi Theaterbesudi, Lesen ihn interessierender 
Bücher, anregende GeseUsdiaft und Gespräche, ja sogar die Lektüre der 
Zeitung, bis er eine gewisse Zeit abstinent gewesen war. Dieser ganze 
Prozeß wurde später durch Einschaltung bestimmter Schutzmaßregeln, welche 
die Abstinenz sidierstellen sollten, kompliziert. Bestimmte kleine Tätigkeilen 
mußten ausgeführt werden, bestimmten Forderungen besonderer Art mußte 
enisprodien werden, ehe er sidi niu- das germgste Vergnügen erlauben 
durfte. Da sidi jene abgewehrten Befriedigungen immer störender in die 
Ausführung seiner Zwangshandlungen eindrängten, vermehrten sich audi die 
Abwehrmaßn ahmen und die Befriedigung seiner Wünsdie mußte immer 
mehr hinausgeschoben werden. 

Die Umkehrung jener Reihenfolge Triebbefriedigung — SchutKmaßregel in 
Sdiutzmaßregel — Triebbefriedigung ist also der psychologisdic Ort, von dem 
aus sich primär die von uns beschriebene schicksalhafte Konstellation verstehen 

i) In iwti Fillrn war dicstr seeliidic Zusaiiimenbang hcigndcra klar. Ei handFlt aidi in 
beiden FälEen um den Wunadi, eine bestiinmie Siadi zu sehen, und die betretenden PeraoncB 
waren von einer unbestimmten An^ ernillc, daß etwa? gesdiehen würde, wenn rie aitti dieHCB 
Wunidi erfüllten, ([n dein einen Falle: daß man lelbit jierhen würde.) In dem einen Falle ipieltc 
eine alte Prüplic?eiung mit, der mein Analy.wnd jcnfn Sinn gegeben hatte; im zweiten beriet 
ridi die Penon auf das Won: .Neapel sehen und dann sterben", du vielleicht seine Eiisteni 
leibst einem snlcheti Aberglauhen verdanki. Die paydiologisdie Ve^w,^ndt5dlaft solcher Ahnungen 
und Befürchtungen mit Zwansaphänonienen wirti klar, wenn man etwa an einen Gedanken denkt, 
der fiit einen Patienten Freuds zum Ausgangspunkt zahlreicher Grübeleien wurde: ^Mehrere 
'abre nach dem Tnde des Vaters drängte sich dem Sohne, als er zum erstenmal die LusicmpSn- 
duDg des Koitus erfuhr, die Idee auf: das i^t doch grnEarlig; dafür köntite man seinen Vater er- 
morden* (Freud, Bemerkutigen über ebien Fall von Zwangsneurose, Ges. ^Schriften, Bd. VIH, 
S. 31 ij, Ahnlidie Aufklärungen konnte die Analyse in einigen Fällen liefern, in denen eine dumpt 
Angst vor der [^rrei±tin£ eines bestimmten Lebensalters bestand. Ein Zwangaknmker war toii 
der Angst gequält, er würde im ^o, Lebensjahre sterben: ei war das Lebensalter, das der Vater 
meidii haue, 

— S^ — 



läßt. Dabei wird häufig, je mehr die neurotische Situation sidi einer sozial an- 
gepaßteren näliert, die Arbeit oder die Leistung an die Stelle der Schuta- 
maßregel gesetzt. Sie erhält selbst den Charakter der Buße, als erfülle sich 
jener uralte Fluch der Genesiserzählung. Es wird aber der analytischen Be- 
traditung nicht verborgen bleiben, daß, je länger dieser Umwandlungsprozeß 
ajidauert, um so umfassender und energischer die Arbeit auch den Platz 
fijr die verbotene Befriedigwng eingenommen hat, wie in den Endphasen 
der Zwangsneurose die Triebkomponente den Reaktionsdiarakter des Sym- 
ptoms überwältigt. Die Sühne wird langsam zur Sünde — könnte man im 
theologischen Jargon sagen.' 

In dem hier behandelten Typus kann man nun die späte und veralj- 
gemeinernde, sozial angepaßtere Wirkung jenes geschilderten psychischen 
Ablaufes in der ganzen Lebensgestaltung, in der Sdiicksalslinie der be- 
treffenden Personen nachweisen. Spät erklingt, was früh erklang, und in 
weitest gespannten Beziehungen spiegelt sidi wider, was einst im engsten 
Rahmen vorging : die Bedingung, die erfüllt werden mußte, ehe die 
Wunschbefriedigung gestattet wird, deren Aufschub, der schließlich in den 
Verzicht auf sie — besser gesagt : in ihren Ersaa ausläuft. Dahinter aber 
wird für den Analytiker noch immer die geheime Angst erkennbar, die 
sidi zwisdien die Wunschregung und ihre Befriedigung unbewußt ein- 

i) Auch iq dicker Richtung- hat die Kirdit einen sicheren, p^ydiolDgisdica Inatinltt be- 
wiesen, indem sie eine üher^oEc Sclhjlkasleiung ils Sunde bejcichnei und venvirrE. Sie weifi 
aus Erfahrung, daE in der Reue noch ein NadigenieScn der bereuten Tai wirkt, und weiß, daß 
der verzweifelte Veisudi, eiwai ungesdiehcn madien lu «ollen, oft bedeaiei. ei nodi einmal gc- 
Bchchen lauen. Die Piydiologie des Flagellanien, des Büßen, in der die Sühne für die Fleiadie.'ilnsl 
■elbsi lur Lust des Fleisdiei wird, war ihr bekannt. Die aflalogc Eijdicinung findet aidi in den 
F.ndphasen der Zwangincurosc. in der jdilieBlidi die KrankheiTselbsi sowie die Reaktion sbildungeo 
gegen die abgewehtlen Triebregungen aij Sdiuld empfiinden werden. Ebcndnn alle jene Phäno- 
mene, die ich in der Formel : ,die Sühjie wird mr Sünde" zusammengefaßt habe. — Dieser ganze 
Prozeß ist nidil nur aus der Triebspannung, aus der Libidnsiauung iti verstehen, .■sondern auch 
aus <Ier entschiedenen Mitwirkung des übergroßen Sdiuldgcluhles, denn die libcrstarke Heue produ- 
ziert eine Schwermut, deren Entlastung nur durch das Begehen einer neuen, verpönten Tat mög- 
Kih ist. Dabei wirkt sicher der reaktive Haß gegen denjenigen, der uns mit so starken Reue- 
gefüblen belastet hat, mit. Hier fügt sidi ein, was über die Untersdicidung von auf das ich be- 
logenem und entlehntem Sdiuldgefühl gesagt werden muß. Jene Unlersdieidung Freuds ist 
iheoretisch und ptaktist^ aeTu- bedeutsam, vermag aber die Tatsadic nicht aufzuheben, daß es 
primär nur entlehntes SdiuldgeEÜhl |^bi. daß jedes Sdiuldgefühl ein entlehntes ist. Dies ist nidii 
nur geneiisdi, sondern audi affektdynamisth zu versieben : noch im SdiuldgeRihl wird ein Anderer 
beschuldigt, deijenigc nämlidi, der für die Entstehung eines solchen Sdiuldgefiihls verantwortlidi 
ist ; nodi im unbewußten Sdiuldgeffihl wird das Objekt im Idi getroffen. Was sidi so anklagt, 
klagt die anderen, die Eltern, an, [.Ihr stoßt ins Leben uns hinein, Ihr laßt den Armen sdiuldig 
werden.-) Mit anderen Worten: das auf das Idi bezogene Sdiuldgefühl ist eine Differenzierung, 
<Ee sidi aus dem primären, entlehnten Sdiuldgefühl ableitet. Nehmen wir an, eine Billardkugel, 
diein mcnsthlidier Art fühlen konnte, sioBe hart an eine andere am selben Brett. Ist nicht ihr Schuld- 
gefühl wegen der Besdiädigmig der anderen Kugel ein Wahn? Wurde sie nidit selbst geiioflen? 

— 60 — 



(ctiebt. Zwisdien dem Auftauchen solcher Wünsdie und dem Verzicht auf 
sie wird jene leidvollc Annäherung und Entfernung fortgesetzt, die nun 
den Inhalt eines Menadienlebens (jedes Menschenlebens) ausmacht, „Da- 
zwischen hat der Traum von Glück und Liebe nur noch so viel an Raum, 
daß er zerstiebe" {Hieronyrnus Lorm). 

nr 

Von der analyüsdien Betrachtung solcher Fälle aus failt ein neues Lidit 
auf die Psychogenese des Begriffes der Pflidit: Pfliclit ist ursprüngUdi die 
Eriiillung jener Bedingungen, die erfüllt werden müssen, ehe man sich die 
Triebbefriedigung erlauben darf, priinät also ; eine Wirkung der sozialen 
Angst.' Der tieferen psydiologisehen Anschaung kann dieser Abwehr- oder 
protektive Charakter der Pflicht aüdv dann nicht verborgen bleiben, wenn 
sie späterhin unter dem Einflüsse des steigenden Befriedigungsauteiles emen 
positiven Inhalt anzunehmen strebt. Es versdJägt wenig, wenn sich dieser 
PflidiibegrilT allmählich ganz von seinem Ursprung loszulösen schien und in 
der Folgezeit die funktionale Beziehung zur folgenden Triebbefriedigung 
Mengelassen wurde. Denn auch diese Folgeerscheinung hängt psydiolo- 
gisch damit zusammen, daß die Ausübung der Pflidit selbst ein Stüi Trieb- 
beßiedigung an sich gerissen hat, selbst unbewußt zu emer partieUen Be- 
fHedigung geworden ist, völlig analog dem Kompromiß diarakter neurotisdier 
Symptome. Es kann schwerlidi geleugnet werden, daß einige von den 
psydiologisdien Zügen, die hier dargestellt wurden, auch dem Begriffe der 
Moral anhaften. Noch immer ist der imperative und negative Faktor in der 
Moral der am stärksten betonte ; der Triebverzidit in ihr noch immer der 
wesendidie Zug. Und dies so sehr, daß es zu einem tragikombdien Qui- 
proquo kommen kann i daß manchmal das psychisch als Unlust Gefühlte 
adion als soldies als ethisch empfunden wird. G. B. Shaw hat einmal 
den paradox anmutenden Satz geschrieben: ,Ein Engländer hält sidi sdton 
für moralisch, sobald er sich unbehaglidi fühlt". Auch das Zeitraoment im 
Begriff der Moral ist nodi deutlich aus ihrem Ursprung als Reaktion und Buße 
abzuleiten. Von diesem Gesichtspunkte aus läßt sidi Moral als diejenige 

i) F r e u d hai du Sdiuldgpfüld als jo^iali Angjl ertfnDicidmci. Damit ist der Unprupg dej 
SdmldfcfijliEa bcslimmr. Daa Tricbmomcnt inaerhnlb dieser nodi dunkclo Hcoliiioa wird viclfcichl 
närkcr beionl. wenn man Freuds AusfUhningen eigin«nd hJDiulüet, daß das Sdiuldgtlübl aü 
•üf iwö Erinnerungen lurückführcn laßt: auf die der TricbbefriediguDg und auf die der Suaf- 
erwanung. Das Stbuidgeriib! läßl sich dcmnadi beiÜDunen aia die andale Angsi beim AuEiteigcn 
eiocr verbotenen Triebregung. 

Aus dieser Charaltieriiiening erhell! aui±, wie im Sdiuldgeiiihl die Erinnening an die ver- 
bniene Triebbcb-iedigung mitwirkt und wie noti der ReueprüicB ihr unbewußtei WiedergenieEeii 
in der I'hjnlaaie einaiiEießt. 

— 61 — 



Wartezeit definieren, die man einhalten muß, bis das früher Unmoralische 
2U tun erlaubt ist. 

Die schicksalhafte unbewußte Verknüpfung von Erfolg und Sdiuldgcfuhl, 
wie sie hier gekeiinzeidinet wurde, könnte leicht verwechselt werden mit 
den Beziehungen von Erfolg und Überwindung all jener äußeren Sdiwierig- 
keiten, die durch die eherne Realität gegeben sind. Allein manche Sonder- 
züge in dem Schicksal dieser Personen lassen jeden Zweifel daran schwin- 
den, daß hier seelisdie Gewalten unbewußter Art mit am Werke sind. 
Alle äußeren Hindemisse adieinen oft wie mit einem Zauberschlage ent- 
fernt, wenn der Erlolg nidit mehr gesdiätzt oder auf anderem Gebiete hoch 
bezahlt wurde, also jedes Motiv zur Angslentwidclung entfallt. Es ist so, 
als werde der Erfolg erst durch die Durchführung einer ernsthaften Buße 
erkauft. Der innere Zusammenhang dieses Zuges mit dem Wesen des Ge- 
lübdes ist dem Psydiologen klar. Was ist ein Gelübde ? Ein den höheren 
Gewalten gegebenes Versprechen, auf eine Triebbefriedigung zu verzidiien, 
um eine andere, höher geschätzte erfüllt zu sehen. 

Die aus der Realität stammende Erfahrung, daß der Erfolg nur durch 
Mühe oder Leid erlangt werden kann, daß die Götter vor ihn den Sdiweiß 
gesetzt haben, wird in den Fällen, von denen hier die Rede ist, zum Ex- 
trem geführt.' Umgekehrt erscheint häufig der Erfolg nicht melir gescliälzt, 
weil ihm nidit genug Opfer gebracht wurden, der Genuß unvollkommen 
oder leer, weil er nicht hoch genjjg bezahlt wurde. In einigen Fällen, die 
idi beobachten konnte, war die Erreichung des Erfolges unbewußt so innig 
mit der Bedingung des Todes des Vaters {beziehungsweise des älteren 
Bruders) verknüpft, daß man in der tiefet Depression, die dem Erfolg 
voranging, ein Stück vorweggenommener, "ilnbewußter Trauer erkennen 
mußte. (Es scheint, als gehöre das ,skeklon in Ihe cupboard' wirklich zum 
notwenigen Mobiliar jedes erfolgreichen und gesdiätzten Bürgers.) In ande- 
ren Fällen erkennt die Psychoanalyse, daß intensive Angstalfekte die psychi- 
sdie Bezahlung für den Erfolg darstellen. So war es bei einer Schauspiele- 
rin, die unter starkem Lampenfieber, häufig zu Angstanfallen gesteigert, litt. 
Die Angst bot sozusagen eine Garantie für den Erfolg auf der Bühne. 
Wann immer sie voll Selbstvertrauen oder Zuversicht ohne Angst auftrat, 
war ihr der Erfolg versagt. 

Jene unbewußte Gewissensangst vor dem Erfolg, allgemeiner gesprodien : 
vor dem Glüdi, ist gewiß nidit auf neurotische Kranke beschränkt. Die 

i) Ein EDUodiiniadirr PddcDl flpndi rth tciac Brfürdituiif aut, die AnaJyAf grhe nidit gul 
torwäfU. wenn ti ndi rcl^dv vaüi fuiüc, von ncinrn SymptDmcD nidii gf^quäli wcrdr udcr kfint 
DcpTC9flioü TCTSpürc. 



— 62 — 



/ 



Keligionen und die Sitten aller Völker legen Zeugnis von der allgemein- 
menschlichen Existenz und Wirkaamkeit dieser unbewußten Gefüble ab. Der 
Glaube an den bösen Blick gehört ebenso in diesen Zusammenhang wie 
die Libationen, weldie die Römer vor ihren Gastmählern den diu inferis 
darbrachten. Die große Bedeutung, welche die tiefgreifende Konzeption der 
Hybris im Glauben und in der Tragödie der Griechen besaß, darf der 
psychisdien Wirkung jener unbewußten Gewissensangst iugesdirieben wer- 
den. Es ist oft, als ergreife die Menschen ein Gefühl der Unheimlidikeit, 
wenn sie Glück oder Erfolg sehen, die nicht mit Sdunerzen aufgewogen 
wurden. „Dem GlüA bezahle ich meine Sdiuld", sagt jener weise König. 
Den Beobachter des immer Glücklichen grauet vor der Götter Neide, das 
heißt vor den unterirdisch arbeitenden Sdiuldgefühien, die ihre Opfer for- 
dern, bevor sie den Menschen zu jenem armseligen Stück Befriedigung ge- 
langen lassen, das man Glück nennt. „Noch keinen sah ich glucklich 
enden°. Es ist. als würden die Götter, die deifizierten Väter, ihr Opfer 
dadurch, daß sie mit „nimmermüden Händen" ihre Gaben streuen, zuerst 
in trügerische Sldicrhcit wiegen, um es dann um so fürchterlicher an ihre 
ungeheure, grausame Macht zu erinnern. Psydioanaly tisch gesprochen : das 
abgewehrte Schuldgefühl wird sich um so siegreicher durchsetzen, je mehr 
Energie zuerst zu seiner Abwehr aufgewendet wurde. Man bekommt eme 
Ahnung von den hier wirksamen geheimen seelischen Mächten, wenn man 
gelegentlich in der Analyse auf besondere Sdiidtsalszüge trifft, die wie eine 
Bestätigung alter Schicksalsgläubigkeit erscheinen könnten. So wird das 
Sdiicksal eines Mannes, den ich studieren konnte, nicht leidit meinem Ge- 
däthtnis entschwinden. Sein Vater hatte sein nicht unbedeutendes Vermögen 
immer wieder im Borsenspiel riskien und schließlich in der sjdieren Hoff- 
nung, das Verlorene zurüdczugewinnen, alles aufs Spiel gesetzt, indem er 
dne große Anzahl bestimmter Efieltten kaufte. Er büßte fast sein ganzes- 
Vermögen ein. Der Sohn hatte dem Vater immer wieder die acliwersten 
Vorwürfe wegen seines Spieles gemacht. Es war zu einem schweren Kon- 
flikt gekommen, die Beziehungen zwisdien den beiden wurden völlig ab- 
gebrodien und der Vater starb unversöhnt in der Fremde. In angestrengter 
Arbeit hatte sidi der Sohn zu einer Position durchgerungen und war lang- 
sam auA zu Vermögen gelangt. Unter den schwierigsten Umständen und 
unter Verzicht auf viele Annehmlichkeilen des Lebens hatte er mit außer- 
ordentlicher Umsicht und Energie alle Hindernisse überwunden. Es schien, 
als könne er widrige und feindliche Umstände bewältigen, die jedem ande- 
ren Halt gebieten würden und Schwierigkeiten aus dem Wege räumen, die 
unbezwingbar waren. Einige Jahre später, bereits in der Zeit der männ- 

— 63 — 



liehen Reife, lodtle es ihn einmal zum Börsenspiel ; er gewann und ge- 
wann wieder, bis er bestimmte, fast außer Kurs geratene Effekten kaufte, 
durch die er schwere Verluste hatte. Um dieselbe Zeit, während des ge- 
steigerten Interesses am Borsenspiel, setzlen seine neurotischen Symptome 
ein, deren Schwere sidi steigerte. In der Analyse konnte der verdrängte 
Tatbestand festgestellt werden, daß es sich um dieselben Effekten handelte, 
durch deren Ankauf der Vater maierieli ruiniert worden war und daß sich 
so eine ähnliche Situation ergab wie die, derctwegen es zum Brudi mit 
dem Vater gekommen war. 

In einigen anderen Fällen sdiien es wie eine kunstvolle Kongruenz des 
Schicksals, daß der Erfolg gerade durdi dieselben Mittel verdorben wurde, 
mit denen er angestrebt worden war. Auch hier wurde der Zufall oft unbewußt 
arrangiert oder zumindestens unbewußt ausgenützt. Man bekommt in diesen 
Fällen klarer als in anderen den Eindrudc, daß der Erfolg nicht nur von 
den Bedingtheiten der Außenweit und den Ich-Slrebungen, sondern auch von 
den Beziehungen zwisdten Idi und Über-Idi abhängig ist.' Gleidizeitig gelangt 
man zu einer Ansicht darüber, bis zu weJdier Tiefendimension die Er- 
reichung des Erfolges von der Gestaltung des individuellen ödipuskompleKcs, 
der sich in der Konsdtuicnuig des Über-Idis kristallisiert, bestimme 
wTrd. Der Analytiker hat Gelegenheit, sich täglich davon zu überzeugen, 
daß der Kampf mit der Umwelt nicht immer der sdiwerste ist, sondern in 
seiner Härte von dem zwischen Ich und Ober-Idi, in den er sich fort- 
setzt, manchmal überiroffeo wird. Mögen tausend Feinde von außen dem 
Mensdien erstehen, in der Zeit der Reifung kennt das Idi keinen gelahr- 
Lcheren Feind als das Über-ldi. (Nicht s^am Ausgange des Lebens, da 
als der einzige wirkliche Feind der Tod ersdiSint, bis auch dieser den müde 
gewordenen Augen zur „mildesten Form des Lebens" wird.) 

IV 

Es führt nur wenig über die hier gezogene Linie hinaus, wenn in dem 
nachstehenden Absdmitt ein ähnlicher charakterologischer Typus in den Um- 
kreis der analytischen Betrachtung geiogea wird. Es ist dies eigentlich ein 
Sonderfall, eine besonders ausgeprägte Variation des früher dargestellten. In 
seinem Schicksal ergibt sidi eine eigenartige, tragisdi betonte Konstellation. 
Das Zusammentreffen äußerer und innerer Umstände, die komfainierte Wir- 
kung mehrerer Faktoren, läßt den lange angestrebten oder heiß gewünschten 
Erfolg gerade dann eintreten, wean er sinnlos geworden ist, läßt eine intensiv 



l) Mas »cr(,'leidic Nspglconi Won; .Glück isl audi cidc EigCDSiiilt." 

— 64 — 



begehrte Befriedigung dann in greifbare Nähe rücken, wenn sie nidit oder 
nicht mehi- genossen werden kann. Das Schicksal mancher der großen 
Menschen, weldie wir bewundern, ;ieigt diesen tragischen Zug. Er wird ver- 
stärkt durch den Umstand, daß die beü-effenden Personen im Tiefsten ver- 
spüren, wieviel ihnen jener Eriolg geholfen, wieviel ihnen diese Befriedigung 
bedeutet hätte, wäre sie früher oder unter veränderten Umständen erimgt 
worden. Das Wort des sterbenden Hebbels: „Zuerst fehlt der Becher, 
dann fehlt der Wein", spricht in knapper und beredter Weise von soldiem 
iragisdien Schicksal. Lord Beaconsfield, der allraäditige englische 
Premierminister, zu dem der blasse, verhöhnte imd tief eingeschüciiterte 
Judenjunge, der Sohn faaak d'Israelis, geworden war, antwortete seinen 
Freunden, die ihm auf der Höhe seiner Laufbahn gratulierten: ,Für mich 
ist CS zwanzig Jahre zu spät. Gebt mir eure Gesundheit und eure 
Jugend!" Er erkennt, daß der Erfolg, der zu spät kommt, kaum mehr 
diesen Namen verdient : „das heißt zu gleicher Zeit den Tod und die Un- 
sterblidikcic erreichen". Man hört ihn, sedisundsiebzigj ährig, gefeiert wie einen 
Gott, immer wieder den Spruch vor sich hinniiu-meln, den ihm einmal ein 
frühe weiser Freund geschickt hatte : 



W/iat is life ? a Utile siriß 
Wlicre viclories arc vain 
Wkcre those wko conqaer 

Do not win 

J^or tliose receivc wlia gain. 



I 

^B Wir finden die Vorbilder solchen tragischen Sdiicksals in verzerrtei; patho- 
^K)gischer Form häufig genug in tien Analysen neurotisch Erkrankter. Hier 
wie in manchem Schicksal, das nicht mehr der Neurose seine Gestaltung 
verdankt, wird es klar, wie das Ober-Ich den Erfolg so lange zu verhindern 
gewußt hat, bis er keinen Gewinn mehr bedeutet oder nicht mehr die er- 
träumte Befriedigung gibt. Das Tragikomisdie solcher, scheinbar nur durch 
äußere Umstände bestimmter Schicksale blickt durch, wenn die betreffenden 
Personen erkennen, wieviel Leid sie sidi selbst zugefügt haben, wie ver- 
geblidi viele Opfer, Entbehrungen und Verzichte gewesen, wie sinnlos (nur 
psychologisch sinnreich) so viele Kämpfe und Schmerzen waren und um wie- 
viel leichter sie sich jenen überschätzten Erfolg, jene in der Phantasie über- 
triebene Befriedigung hätten verschaffen können. Wer immer das Schickaal 
vieler neurotisch Erkrankter oder Gesunder unter analytisdien Gesichtspunkten 
studiert hat, weiß, wieviel , Menschenopfer unerhört" dem überstrengen 
Uber-Ich gebracht wurden. Was rückschauend in dem Bericht solcher Schick- 

PsA, Bewegung — 65 — 



salsläufe klagt, anklagt und sdiließlich verstummt, legt deutlich Zeugnis ab 
von der grotesk-komischen Begabung jenes Demiurgen, Jahve geheißen.' 

War das unbewußte Schuldgefühl in vielen dieser Fälle nicht mächtig 
genug, den Erfolg völlig zu verhindern, so hat es seine Wirksamkeit doch 
entfallet, indem es ihn so lange hinausschob, bis er nicht das mehr bedeutete, 
was er einst dem Individuum galt. In manchen Fällen wirkt es wie eine 
tragische Ironie, daß die Wünsche von einst erlullt werden, die jetzt 
ihren Sinn verloren haben, und daß das gerade noch in einem Zeilpunkt 
geschieht, da die Herzen nodi nicht soweit ermattet sind, um dies nicht zu 
erkennen. Die tiefgreifende Vorbildlichkcit der Gestaltung des Ödipuskom- 
plexes wird auch liier merkbar, das psychoaexuelle Leben des Einzelnen 
auch hier noch immer seinen Einfluß auf die übrigen Daseinsgebiete erkennen lassen. 
Jenes Wort ; „5/ jeunesse sauail, si iiieiltesse pouvaü" spiegelt ein Stück jener 
melandiolisdien Erkenntnis wieder. 

Was die Forschungsreisenden und Missionäre über einige wilde Stämme 
Zentralaustraliens berichten, sdiejnt last wie ein völkerpsychologisdies Korrelat 
eines solchen individuellen Seh ick sa] ablau fes, an dem wü- alle einen mehr oder 
minder großen Anteil haben. Bei mandien Völkersdiaften dieses Kontinentes 
sind die jungen Männer von der Pubertät an weilgehenden Beschränkungen 
in bezug auf den Zeitpunkt der Heirat und des Genusses bestimmter, von 
den Primitiven hodigeschät;6ter Speisen unterworfen. Die Männer des Stammes 
dürfen während ihrer besten Jahre nicht lieiraten und nicht von jenen 
geliebten Speisen essen. Je älter sie werden, desto weniger strenge werden 
die Verbote eingehalten. Wenn sich an ihrem Kinn genügend weiße 
Haare zeigen, wird ihnen die Heirat erlaubt. Wenn die Zähne bereits aus- 
zufallen drohen, wird den Männern audi da*,, Essen jener Delikatessen frei- 
gegeben. 

Diesen unseren armen Vettern, die von den Segnungen der Kultur noch 
verschont sind, und uns, die wir von ihnen beglückt werden, bleibt in der 
gemeinsamen Not inraierhin der Hinweis auf eine gerechte Weltordnung 
und die trostvolle Gewißheit : droben überm Sternenzelt muß ein lieber 
Vater wohnen. 



i) Er war ei audi, dw in allen Ztilen ein Paradigma jenes eigcnanigeii Sdiicfcsals gab, da tr 
MniC! die Israeliten nadi Kanaan führen ließ und ihm dann befahl, auf jenen Berg Ncbo zusteigen, 
um da^ verheißene Land ia sehen. „Denn", so spradi er, „nur dir gegenüber anlJäl du das Land 
sthcn, aber beIrcTen aoHat du das Land nicht, das idi den Israeliten verleihen werde.' (5. Mos. s'/5^.) 



ii[i!iii][iiii[iiyiiiiiiy[iii][iiiiiii[iiii[iiiiiiiiii[iiiiiiiiii[iii[iiiiiiiiiiiiiiiin^^ 

— 66 — 



Beiträge zur psydioanaJytisdien Bibliographie 

Von A. J. Storfer (Wien) 
Plato und Freud 

j) Sigm. Freud über die Verwandtschaft seines Libidobegriffcs mit dem 
Eros Piatos: 

In „Massenpsydiologie und Idi-Analyse" : „Der Eros des Philosophen Plato 
zeigt b seiner Herliunft, Leistung und Beziehung zur Gesdilechtsliebe eine 
vollkommene Deckung mit der Liebeskraft, der Libido der Psychoanalyse." 
[Ges. Sehr. VI, 287.) 

Im Vorwort zur 4. Auflage der „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie ' : 
„Was aber die .Ausdehnung' des BegriiTs der Sexualität betrifft, die durch 
die Analyse von Kindern und sogenannten Perversen notwendig wird, so 
mögen aUe, die von ihrem höheren Standpunkt verächtiich auf die Psycho- 
analyse herabsdiauen, sich erinnern lassen, wie nahe die erweiterte Sexuali- 
[ät der Psychoanalyse mit dem Eros des göttlichen Plato zusammentriffi." 
(Ges. Sdir. V, 6,) 

In „Der Widerstand gegen die Psychoanalyse" : Was die Psychoanalyse 
Sexualität nennt, deckt sich keineswegs mit dem Drang nach Erzeugung von 
Lustempfindung an den Genitalien, „sondern weit eher mit dem allum- 
fassenden und alles erhaltenden Eros des Symposions Piatos " {Ges Sehr 
XI, 230.) 

2) In bezug auf das Erkennen der neurosenätiologischen Bedeutung der 
Sexualität durch Piato schreibt Freud m der .SelbEtdarstellung^ daß er 
bei seinen ersten Untersudiiingen über Hysterie noch nicht wußte, „daß ich 
mit der Zurückführung der Hysterie auf Se.>Lualitä[ bis auf die ältesten Zeiten der 
Medizin zurückgegriffen und an Plato angeknüpft hatte. Ich erfuhr es erst 
später aus einem Aufsatz von Havelock EIhs." (Ges. Sehr. XI, 133.) 

3) Wiederholt führt Freud bei der Behandlung des wunscherfiillenden 
Charakters des Traumes den Ausspruch Piatos an, daß die Guten diejenigen 
sind, die sich begnügen, von dem zu [räumen, was die anderen, die Bösen, 
wirklidi tun. (Ges. Sehr. II, 537; III, 11; VII, 147.) 

4) In „Jenseits des Lustprinzips" zitiert Freud die mythisierende Theorie 
über die Herkunft des Geschlechtstriebes, die Plato im Gastmahl durch Aristo- 
phanes entwickehi läßt. [Zeus ließ den Menschen, der ursprünglich das 
Mannweibliche war, vier Hände, zwei Gesichle, zwei Schamteiie usw. hatte, 
entzweischneiden . . . „Weil nun das ganze Wesen entzweigeschnitten war, 
trieb die Sehnsudit die beiden Hälften zusammen ; sie umschlangen sich mit 
den Händen, verllochtcn sidi ineinander im Verlangen zusammenzuwachsen. "J 
Freud: „Sollen wir, dem Wink des Diditerphilosoplicn folgend, die An- 
nahme wagen, daß die lebende Substanz bei ihrer Belebung in kleine Par- 

~ 67 — i- 



tikel /errissen wurde, die seiüier durch die Sexualtriebe ihre Wiederver- 
einigung anstreben?" [Ges. Sehr. VI. 250.) 

5) C o n s t u e t : The view of Plato and Freud on the etiology and Itsm- 
ment of hysteria. Boston, „Med. and Surg, Journal". 1914, p. 679- 

6) M. N a c h m a n s o h n : Freuds Libidotheorie verglichen mit der Eros- 
lehre Piatos, „Internat. Zcitschr. f. Psychoanalyse" TU (igij), 65— S3. [Pktu 
sieh! ebenso wie Freud im Arterhaltungstrieb und den damit verbundenen 
psychischen Funktionen das Wesen der Liebe. Auch Plato dehnt den Eros 
auf das Kind aus und sieht in der Liebe der Eltern zum Kind und um- 
gekehrt denselben Eros, der irischen zwei reifen Personen verschiedenen 
Geschledtts waltet. Plato ist ein Vorläufer von Freuds Sublimiernngstheorie, 
„Der Staat' enthalt Anweisungen zur Förderung der Erossublimierung.) 

7) Oskai- P lister: Plato als Vorläufer der Psychoanalyse. „Intern. Zeitsclir. 
f. Psychoanalyse". VII {igsi). 264—269, und in „Die Liebe des Kindes und 
ihre Fehlentwicklungen", Bern 1922, S. 12 — 15. (Führt die FeststeUungen 
Nachmansohns weiter aus und fügt u. a. hinzu, daß Plato auch in seineu 
therapeutischen Ansichten ein Vorläufer Freuds ist. „Die Heilkunst" — heißt 
es im Gastmahl — „ist die Erkenntnis der Liebesregungen des Leibes. . . 
Wer in diesen Dingen die schöne und schlechte Liebe riding untersdicidet, 
der ist der Heilkundigste.") 

8) Heinz Hartmann; Die Grundlagen der Psychoanalyse. Verlag 
Thieme, Leipzig 1937. S. iiS, 121 und 148. {Betrifft die oben in den 
Punkten 1 und 4 angeführten Plato-Gedanken.) 

9) Frttz Witteis: Sigmund Freud. Verlag E. P. Tal. Wien 1924, 
S. 83, 98, 333, 2.57 und besonders S. iiof über das Geschlechtslose des 
Eros bei Plato („Freuds erlauchter Ahne") und über die Bisexualität im 
psychoanalytischen Sinne. ^ 

10) Edgar Michaelis: Die Menschhsitsproblemaük der Freudschen 
Psychoanalyse. Verlag J. A. Barth, Leipzig 1925. S. 39 f. (Über die oben 
sub 4 angeführte Platostetle und darüber, daß Freud ihre Fortsetzung nicht zitiert.) 

11) Enrico MorselH: La Psicanalisi. Bocea, Torino 1926. Band I, 
S. 104 ff. (Ober die Abweichungen des Freudsthen Sexualbegriffes vom 

PlatoEchen.) 

12) Rolf L a ü e r b o r g : Die platonische Liebe, Feiix Meiner Verlag, Leip- 
zig 1926. (Referiert von Püster in „imago" XII. 1926. 527.) Erörtert bei 
der wiederholten Heranziehung der Freudschen Lehren hauptsächlich die 
Spaltung der Lieb es strebungen in eine zäitllche und eine sinnliche Richtung 
(Freud: „t)ber die allgemeinste Erniedrigung des Liebeslebcns") und die Lehre 
v<in der Sublimierbarkeli der Triebe. 

13) Hans Prinzhorn: Krisis der Psychoanalyse. Der Neue Geist Verlag, 
Leipzig 1928. I. Band. S. 15 : ,Wenn je eine Konzeption der Eros-Be- 
schwingtheit der plaionisdien Haltung fernstand, so war es die Psycho- 
analyse." 

— 68 — 




Musik 

i) Willy Bar das (Berlin): Zur ProUemalik der Musik. .Imago" V 

(igij— ig). 364—371- 

2) Charles Odier: Comment faut-il ^coulcr la musique. La semaine 
littiraire. 15. u. 32. Febr. 1919. 

3) Sieglried B e rn f e J d ; Zur Psychologie der Unmusikalischen. ^Arch. f. d. 
»es. Psychologie", Bd, 34, Heft 2. 

4) A. van der Chijs (Amsterdam): Über das Unisono in der Kompoai- 
üoii. Beitrag zur Psychoanalyse der Musik. „Imago" Xil (1926). 23 — 31. 

5) Heinrich Jacoby [Berlin): Muß es Unmusikalische geben? „Zeilsdir. f. 
psydioanalyt. Pädagogik", I. Jg. 33—37, 110—119. 

ö) S. Pleifer (Budapest): Roben Lachs Studien lur Entwiddungsgeschichte 
der ornamentalen Melopöie. „Imagü" VII (1921), 505 — 514, 

7) S, Pfeifer (Budapest): Musikpsychologische Probleme. „Imago" IX 
(1923). 453— 4ß5. 

S) Theodor Reik: Das Ritual (Jmago--Büdier, Bd. XI). Internat. PsA. 
Verlag, Wien 193S, (Die Arbeiten ,Kolnidi-e" S. 153 IL und „Das Schoiär" 
S. -'Ol ff, und bes. 269 fl. über den Ursprung der Musik im allgemeinen.) 
Ein Vortrag von Tlieodor Reik unter dem Titel „Die Geburt der Musik 
aus dem Geist der Tragödie", gehalten in der Wiener PsA, Vereinigung 
am 5. Jan. 1919 ist im Druck nicht erschienen. 

g) Frieda Teller (Prag) : Musikgenuß und Phantasie. „Imago" V 
(1917—19), §—1.5. 

10) J. S. van T e s 1 a a r : Inierest in Music. „The Psychoanalytic Review" 
IX (1922), 4^9-435- 

11) Max Graf; Aus der inneren Werkstatt des Musikers. Verlag Enke, 
Stuilgart igii. 

12) Alfred W inier st e i n : Der Ursprung der Tragödie. (Imago-Biicher, 
Bd. VLI). Internat. PsA. Verlag, Wien 1935 (Die Kapitel „Dithyrambus und 
Totenklage" und ,Tragodia"). 

13) Germain: Die Musik und das Unbewußte. Vortrag am S. Mai 1928 
in der Soci6l^ Psych an alytique de Paris (Speziell auch über Chopin). Kurzes 
Referat darüber in „Internat, Zeitschr. f. PsA." XIV (ig2S) Heft 4, Korr.- 
Blatt. Ausführlicheres Referat nebst den Diskussion sbemerkungen von L a- 
lorgue, Marie B o n a p a r t e, B o r e 1, Löwenstein u. a. in „Revue 
Fran^aise de PsA." 1928, Nr. 1, S. 175 ff. 

14) E. V. S y d o w : Kunstwissenschaft und Psychoanalyse (in: Prinzhorn, Krisia 
der Psychoanalyse, Bd. 1, S. j6i f). Kritische Ausführungen über die oben 
sub 6 und 7 genannten Arbeiten von Pfeifer und Reik. 

15) Charles B au d o u i n : Psychanalyse de l'ari. Alcan, Paris 192g. S. 193 ff. 

16) Man vgl. auch den (niditpsycho analytischen, auf die Psychoanalyse jedoch 
bezugnehmenden) Artikel „Musik und Erotik" von Dr. Alexander E 1 s t e 1 

— 69 — 



in der 2. Auil, des Marcuseschen „Handworterbudi der Sexualwissenschaft". 
Referat darüber von Pfeifer in „Imago" XIV (1928), Heft 4, 

Über den Zusammenhang zwischen dem infantilen Interesse für 
Flatus und Musikalität gelegentliche Bemerkungen, bei 

17) S. Ferenczi: Obszöne Worte (in des Verfassers Sammelband 
„Bausteine zur Psydioanalyse', Iniemat. PsA. Verlag. Wien 1927. I. Bd., 
S. iSo; vgl. in diesem Band S. 99 auch eine Bemerkung über Musikalität 
und Introversion) ; bei 

18) Ernest Jones: Die Empfängnis der Jungirau Maria durch das Ohr 
in des Verfassers Sammelband „Zur Psychoanalyse der diristlichen Religion". 
„Imago "-Bücher. Bd, XII. Internat. PsA. Verlag igaS. S, 55); und 

19) Alfred Winterstein: Dürers -Melancholie" im Lidite der Psycho- 
analyse. „Imago" Bd. XV (1929). Im Druck. 

Über Richard Wagner und seine Werke : 

20) Max Graf: Ridiard Wagner im „Fliegenden Holländer'. ^„Sdu'iften 
zur angew. Seelenkunde". Heit g.) Deuticke, Wien 1911. 

ai) Max Graf: Ridiard Wagner und das dramatische Schaffen, „öster- 
reichische Rundsdiau", X [1907) H. 5. 

2ü) Otto Rank: Die Lohengrinsage. („Schriften zur angew. Seelenkunde", 
Heft 13.) Deudcke, Wien igti. 

23) Leo Kaplan: Zur Psychologie des Tragischen. Imago I (191z). 
S. igSff: über den „erotischen Dualismus" im „Tannhäuser". 

24) Otto Rank: Das Inzestmoiiv in Dichtung und Sage. 2. Aufl. Deu- 
ticke, Wien 1926. (Ein besonderes Kapitel über Richard Wagner, S. 587 — 595,) 

25) Louise B r i n k : Women Charactersaip Richard Wagner. Nerv, and 
Ment. Dis. Publ, Co., Washington 1924. (Besprochen von Eder in „Inter- 
nat. Journ. of PsA.,- VI und von Jelliffe in „The PsA. Review." XIII.) 

Zu Mozart: 

26) Otto Rank: Die Don Juan-Gestalt. „Imago", VIII (1922), 143—196 
und in Budiform : Internat. PsA. Verlag, Wien 1984. 

Zu Schubert: 

27) E. Hitschmann: Franz Schuberts Schmerz und Liebe, „Internat. 
Zeitsdlr. f. PsA," IH (1915), 287—292. 

» 

28) Sigm. Freud — in der Einleitung zu seiner (ursprünghch anonym 
veröffentlichten) Studie über den Moses des Midieiangelo — über seine 
eigene Bcziehmig zur Musik : „ . . . Kunstwerke üben eine starke Wirkung 
auf mich aus, insbesondere Dichtungen und Werke der Plastik, seltener 
Malereien. Ich bin so veranlaßt worden, bei den entsprechenden Gelegen- 
heiten lange vor ihnen zu verv^eilen, und wollte sie auf meine Weise er- 

— 70 — 



fassen, das heißt mir begreillidi machen, wodurch sie wirken. Wo ich das 
nidit kann, Kum Beispie! in der Musik, bin ich fast genußunfahig. Eine 
rationalistische oder vielleidit analytische Anlage sträubt sidi in mir dagegen, 
daß idi ergriffen seui und dabei nicht wissen solle, warum idi es bin und 
was mich ergreift." 

Asthma 

Psydiogenese und Psydiolkerapie 
i) Sigm. Freud: Studien über Hysterie, 1895. (Ges. Sehr. I. lu.) 

2) Sigm. Freud: Ober die Berechtigung, von der Neurasthenie einen be- 
stimmten Symptomenkomplex als „ Angstneurose " abzutrennen. 1895. {Ges Sdir 
I, 31I' 329-) 

3) Sigm. Freud: Zur Kriuk der „Angstneurose". 1895. (Ges. Sehr. I, 354.) 

4) Sigm. Freud: Bruchstück einer Hysterieanalyse. 1905. (Ges. Sehr. VUI, 
19. 75. 81—84, 106.) 

5) Sigm. F r e u d : Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. 1017 
(Ges. Sehr. VII, 415.) 

6) A. Stegmann: Zur Ätiologie des Asthmas bei Kindern. [.Medizinische 
Klinik." 1908, Nr. 29.) 

7) A. Stegmann: Ergebnisse der psydüsdien Behandlung einiger Fälle von 
Asthma, igii. („Zentralb!, f. Psychoanalyse', 1, 377—382.) 

8) I. S a d g e r : Ist das Asthma bronchiale eine Sexualneurose ? 191 1. („Zeniral- 
blatt f. Psychoanalyse", I, 200 — 313.) 

g) M. W u ! ff: Zur Psydiugeiiität des Asthma bronchiale. 1913. („Zeniralbl. 
f. Psychoanalyse", HI, S02 — 205.) 

10] Paul Federn: Beispiel von Libido Verschiebung während der Kur. 
Vortrag in der Wiener PsA. Vereinigung am 8. Jan. 1913. (Autorefcrat 
in „Internal. Zeitschr. f. Psychoanalyse" I, igig, S. 303—306.) 

i 1) J. M a r c i n o w s k i : Die Heilung eines schweren Falles voq Asthma durch 
Psychoanalyse. 1913. Jahrb. f. Psydioanalyse", V, 529—620. (Referiert von 
K. Landauer b Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse, U, 469 ff.) 

i2)0.Pfister: Die psydioanaly tische Methode. Julius Kliackhardt Verlag, 
Leipiig 1913, S. 64-60. 

13) Edoardo Weiss; Psychoanalyse eines Falles von nervösem Asthma. 
Ulnteraat. Zeitschr. i. Psydioanalyse" VE, 1922, S. 440 455.) 

14) Otto Rank: Das Trauma der Geburt. I. PsA. Verlag, Wien 1924. 55!. 
15} S. Ferenczi in: Meng, Das Arztliche Volksbuch, Stuttgart 1926. 

n. Bd. S. 500 (Abscimitt Organ neu rasen). 

16) W. R e i c h : Die Funktion des Orgasmus. Internat. Psydioanalyt. Verlag, 
Wien 1927, S. 3S, 202. 

17) Eine mündliche Mitteilung von Kari Abraham; Aus der Analyse 
eines Asthmatikers [am 30. Juni 1913 in der Berliner Ps.A. Vereinigung) ist 
im Dnidt nicht erschienen. 

— 71 ~ 



Ibsen 

i) In scioer „Tiauiiideumne". an der Stelle, wo er die verdrängten Todes- 
wÜQsche gegen die Eltern erörtert, schreibt Freud: „Jeder Dichter ist der 
Wirkung sicher, der, wie ibsen, den uralten Kampf zwischen Vater und Sohn 
in den Vordergrund seiner Fabeln rückt." (Ges. Sehr. H, 259.) 

2) In der Darstellung de.s Krankheitszustandes und der Analyse jenes Neu- 
rolikers, in dessen Zwangsvorslellungen Ratten eine große Rolle spielten 
(„Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose"), verweist Freud aui 
die Rgur der ^Rattenmamsell'" in „Klein EyolP. (Ges. Sdir. VIII, 332.) 

3) In der Abhandlung „Enige Charaktertypea aus der analytischen Arbeit" 
werden von Freud Kur Iliusii jtion des Charaktertypus jener Mensdien, die 
„am Erfolg sdieitcrn" (d. h. denen Gewissensmädite verbieten, aus der, 
eioem lang und tief gehegten Wunsch entspredienden, glücklichen realen Ver- 
änderung den erhofften Gewinn zu ziehen), zwei Gestalten aus der Literatur 
herangezogen : Shakespeares Lady Macbeth und RebekkaWest aus Ibsens 
.Rosmershol m", „der Sdiöpfung eines anderen großen Dramatikers, der die 
Aufgabe der psychologischen Redienschaft mit unnachsichtiger Strenge zu ver- 
folgen liebt". [Ges. Sdir. X, 3O3— 312.) 

4) S. Ferenczi (,Die psychoscxuelle Impotenz beim Manne", 1908) : „In 
Ibsens .Kronprätendenten' personifiiiert die Gestalt des Bischofs Nidio- 
las in ausgezeichneter Weise die Feigheit und versteckte Grausamkeit der 
Folgen der sexuellen Impotenz." („Bausteine zur Psychoanalyse." Internat. 
PsA.VerIag, Wien 1937, II. Bd., 2iO.) 

5) Wiedcrhok verweist auf die Träume in Ibsens „Kl ein Ey ol t" : Oskar 
Pfister, Die psychoanalytische Methode. Julius Klinckhardt Verlag, Leipzig. 

6) Ein eigenes Kapitel über Ibsen enthälj^Otto Rank, Das Inzeslmotiv in 
Dichtung und Sage. 2. Au!l. Deuticke, Wien 1^6. Das Eltern- und Schwestern- 
motiv wird von Rank in fast allen Dramen Ibsens verfolgt. Rank behandelt 
auch (S, 51) Ibsens lluchtarlige Loslösung von seiner Familie, femer (S. 597) 
auch Ibsens Beziehung zu seiner Schwester. 

7) Leo Kaplan: Zur Psychologie des Tragisdien. Imago 1 (igis). 
Auf S, 114 fr Analyse von „Baumeister Solness". 

8) Die „Wildente" wird behandelt bei : Louise Brink and Smith Ely 
Jelliffe, The Wild Duck. The PsA- Review VI (1919), 357—378- und bei 

g) Robert Wälder: Die Psyciioanalyse im Lebensgefühl des modernen 
Menschen. Almanach 192g des Internat. PsA. Verlags, Wien. 

10) „P e e r G y n t" wird behandelt bei : Harold J e f f r e y s, Ibsens Peer Gynt, 
A Psychoanalytie Study. The Psychoanalytic Review XI (1924), 365—462. — 
(Ein Vortrag, den W.Reich am 13, Oktober 1920 in der Wiener Psycho- 
analy tischen Vereinigung laut Bericht der „Internat, Zcitschr. f PsA.,'' VII, 134, 
über den .Libidokonilikt in Ibsens Peer Gym" hielt, ist im Drud; nicht erschienen.) 

11) P. Lionel Goitein: „The Lady from the Sea". The Psychoanalytic 

— 72 — 



Review, XIV {1927). 275 — 319- (Ausführliche Analyse der „Frau vom 
Meere".) 

iS) Im Frühjahr 1938, zum lOO. Geburtstag des Diditcrs, erschien: Ernst 
Schneider, Mutter und Kind in den Dramen Ibsens. „Zcitschr. f. psychoanalyi, 
Pädagogik", ir. Jg., 313—225. 

13) Silvio Tissi: La Psicanalisi. Hoepli, Milano 1929. Cap. Xlil : 
^Analisi di aleuni drammi de Ibsen." Es werden die Charaktere der Haupt- 
atsialten von „Puppenheim" {„Nora") und „Gespenster" behandelt. 



■m 



Sexuaisymbolik bei Naturvölkern 

Von Robert Wälder (Wien) 

Zu den psychoanalytischen Lehren, deren Annahme besondere Sdiwierigkeit 
bereitete, gehört die Sexualsymbolik, die Auffassung, daß in allen Äußerungs- 
formen des Unbewußten, im besonderen der Spradie des Traumes, eine Sym- 
bolik herrsche, deren Übersetzung in steter Gleicliniäßigkcit in die Sphäre des 
Sexvielien führe. Es war besonders für den, der der Beobachtung am psycho- 
analytischen Material ferne stand, gewiß nicht leidit. daran zu glauben, daß das 
Unbewußte letzten Endes in jedem geradlinigen Gegenstand einen Penis, in 
jedem konkaven eine Vagina sehe. Sonach war das Bedürfnis besonders rege, 
gerade hier nach Bestätigungen außerhalb des eigendichcn analytischen Ver- 
fahrens zu suchen. 

Solche Belege haben aul experimentellem Wege Schröttcr, Roffen- 
[,s t e i n und B e 1 1 h e i m und Hartmann beigetragen. Schrötter und 
RoHenstein untersuchten die Symbolbiidung in experimentell etieugteti 
Träumen ; sie gaben Versuchspersonen in der Hypnose den Auftrag, einen 
bestimmten sexuellen Vorgang zu träumen, der sich im Traume dann tat- 
sächlich in das der Analyse vertraute Symbol übersetzte. So war etwa eiaem 
I jungen Mädchen die posthypnotische Suggestion gegeben worden, von einer 
■ Fellatio zv träumen ; im Traum aß sie Bananen. Betlheim und Hartmann 
erzählten einer Korsakoffk ranken, sonach einer Patientin mit organisch be- 
dingtem Gc dach Inisausfall, kleine Geschichten sexuellen Inhalts, die sie eine 
Zeit später reproduzieren ließen. Dabei waren die sexuellen Partien aus- 
gefallen und an ihre Stelle bezügliche Symbole getreten. 

Wenn nun das Unbewußte alle Gegenstände und Erscheinungen mit dem 
Sexuellen in Beziehung setzt, so sollte man gerade etwas Ähnliches auch für 
das primitive Denken vermuten. Die Parallelität der Arbeitsweise des Un- 
bewußten mit dem Denken der Naturvölker ist wohl keine imiverselle und 
darnach kein Gesetz, dodi als Arbeitshypothese fruchtbar und bewährt. 

Zu diesem Punkte nun bringt das kürzlich ersdiienene Werk des katho- 
lischen Missionars und Ethnologen Pater I. Winthuis: „Das Zwei- 



— 73 — 



Ecschlechlerwesen"' reichhaltiges und wichtiges Material. Winthuis 
hat viele Jahre unter den Eingeborenen der deutschen Kolonie in Neu-Guinea 
gelebt, und es war ihm möglidi geworden, in ein vertrautes Verhältnis zu ihnen 
zu kommen und dadurch mandies von ihrem eigenartigen Denken und Erleben 
zu erfahren, was dem Weißen sonst verborgen wird. Wir wissen nidit, ob 
und wie weit die einzelnen Aufstellungen Winthuis' durch die ethnologische 
Kritik vielleidit modifiziert werden mögen ; wir begnügen uns im Folgenden, 
eben diese Aufstellungen zu Grunde zu legen. Winthuis war jedenfalls 
kaum von der Psydioanalyse beemflußE, als er zu seinen Entdeciungen ge- 
langte ; denn trotz gelegendidier Zitate psychoanalytisdier Sdiriften wird aus 
dem Buche deudidi, wie fem er dem psydioanalytischen Gedankenkreis sieht. 
Winthuis zeigt zunädist, daß es in der Sprache der Gunantuna auf Neu- 
pommern Wörter gibt, die eine doppelte Bedeutung haben, eine 
gewöhnliche, wörtliche, und eine andere, bildliche. Das Über- 
raschende nun, das Unerwartete, der Arbeitsweise des Unbewußten so Ähn- 
liche ist, daß diese Bildersprache zum allergrößten Teil sexuelle Bedeutung 
hat. So ist das Wort für ,Auge" auch Bild für Vagina, das Wort für 
,Nase" auch Bild für das membrum virile. „Als ich einmal", beriditet 
Winthuis, „in einem Vonrag dieses Wort gebrauchte. Engen die Leute an 
zu ladien. Sie erklärten mir nadihcr, idi solle das Wort nie mehr in einer 
Ansprache gebraudien, wobei aber wohl zu bedenken ist, daß sie ein an- 
deres Wort für Nase nicht haben." 

So ist das Wort für „Mund" Bildwort für Vagina, das für „Zunge" bedeutet 
auch das membrum virile. Das Wort lur „offen" wird im Denken des 
Gunantuna mit vagina aperta, die Worte für „Drahtstock" oder für „Lanze" 
mit dem membrum virile e rectum verbunden. 

Ganz Ähnliches gilt für die Gebärden und ihre Deutung. Hiebei ist 
woh! zu beachten, daß es sich bei dieseS^z weiten, sexuellen Sinn der 
Worte oder Gebärden nidit um eine unbewußte Bedeuning handelt, die in 
derselben Weise von uns gedeutet wird, wie wir etwa Symptome des Neu- 
rotikers aus seinem Unbewußten deuten, sondern um eine, dem Primitiven 
durchaus im Bewußtsein gegebene Gleidisetzung, Daß es eine soldie 
Gleidisetiung geben kann, entstammt einer anderen, zuerst von L e v y- 
Bruhl klar herausgearbeiteten Eigensdiaft des primitiven Denkens, ihrem 
identifizierenden Charakter, der die Bedeutung für ein Sein nimmt. Der 
Tänzer, der in einer Zeremonie den Gott darstellt, bedeutet ihn nicht nur, 
wie wir es sagen würden : er i s t der Gott. Und diesem Sinne ist der Draht- 
stock oder die Lanze für den Primitiven eben der Penis, i s t das Auge die 
Vagina. So berichtet Winthuis von einem Tanzbraudi bei den Gunantuna- 
frauen, die in ihrem Gesidit mehrere horizontale Striche anbringen, die vom 
Ohr zum Auge hin gezeichnet sind. Da das Auge die Vagina, der Strich 

I<i 'u ^"""»""Ssn !ur Vfilkerpsydioiogie und Sojbbgie, hg. vqd R. Thurnwaid. C, L. Hirachfcld, 

— 74 — 



ein Phallus ist, ist die ganze Zeichnung eine bev/ußte Aufforderung zur 
Kohabitation. Wenn nun irgend ein Mann mit irgend etwas b Berijhrung 
kommt, was der so bemalten Frau gehört, mi: ihrem Tragkorb etwa oder 
mit der Farbe, mit der sie bemalt ist, so muß er den Akt mit ihr aus- 
führen, denn, wie Winthuis sagt, „dieser Strich im Gesicht der Frau be- 
deutet nidit nur das membrum virile, sondern es ist das membrum 
virile jenes Mannes, mit dem die Frau in Berührung kommt, weshalb er 
den actus generarionis mit der betreffenden Frau ausüben muß. — Ebenso 
ist es mit dem Liebesmittel der Männer." Wir sehen sonadi, daÜ alle diese 
Ergebnisse zu dem Punkte konvergieren, daß das primitive Denken Gleich- 
; Setzungen vornimmt, wie sie der von der Psychoanalyse ersdilossenen Arbeits- 
' weise des Unbewußten entsprechen und daß diese Gleidisetzungen femer 
I ihrer inhaldidien Bedeutung nach stets ins Gebiet des Sexueflen führen : 
auch hier in Obereinstimmung mit dem, was die Psydioanalyse über die 
[Inhalte des Unbewußten erschlossen hat. 

Zu diesem Punkte, dem inhaltlichen, bringt Winthuis nodi manches 
Material. So versichert er von der Kunst der Primitiven, daß ein länglicher 
oder ovaler Strich genüge, -um jedem Primitiven zu sagen, was der Künsder 
I bezeichnen will". „Diese Beispiele mögen genügen, um zu zeigen, daß alles 
l Geradlinige im Denken des Primitiven das membrum virile, den Phallus, 
[■alles Runde, Sichelförmige das membrum muliebre, die Vagina, bedeutet" 
„jeder, der die Bildersprache kennt, weiß, daß alles, was nur im 
Igeringsten an das Geschlechtliche erinnert, jede auch nur die geringste läng- 
lliche oder runde Form vom Primitiven mit dem Geschlechtlichen in 
1 Verbindung gebracht wird, daß somit in seuiem Denken Nase, Zunge, Speer, 
[Pfeil, Lanze, Arm, Bein, Tragholz, Feder, Schwanz und alles ihnen Ähnliche 
l-den Phallus, dagegen Kopf, Auge, Mund, Scheibe, Ohr, After, jede Hülle 
[das Weibliche bedeuten." 

So hat also nach dem Zeugnis unseres Autors die Sexualsymbolik, die 
Idie Psychoanalyse für das Unbewußte des Kulturmenschen gedeutet hat, ihre 
lentwidtlungsge Schicht liehe Parallele im Bewußtsein des Naturmenschen. 
lUnd entsprechend dem identifizierenden Charakter des primitiven Denkens, 
|der wiederum ein Analogon zu einer der Analyse bekaimt gewordenen 
jbeiisweise des Unbewußten darstellt, nidit im Sinne einer Symbolisierung, 
ondern in dem einer direkten Gleichseti ung. 
Auf den übrigen reichhaltigen Inhalt des Winthuissdien Werkes und seine 
sdiließliche umfassende Theorie der primitiven Kultur sei in diesem Zu- 
sammenhang nicht weiter eingegangen, da diese Notiz nur das für das 
pThema der Sexualsymbolik Interessante herausgreifen sollte. In dem Bcrich- 
pteten werden wir jedoch eine neue Bestätigung der analytischen Symbol- 
Iheorie von fi-emdem Gebiet her und zugleich eine neue Bewährung der 
Arbeitshypothese von der Analogie des primitiven Denkens mit den Funktions- 
weisen des Unbewußten sehen dürfen. 

— 75 — 



ZUM TMAUMLEHEE 



Cht mal ti viiol, mal ti sogna 
Ein Traum und seine Deutung im Dekameron 

In der siebenten Gesdiichte des neunten Tages seines Dekameron er- 
zähk Boccaccio: 

Talano hane ein sdiönes Mädchen geheiratet, das aber bizair, unfreundlich 
und ungefällig war. Als sich beide auf einem Landgut befanden, träumte er, 
er sähe seine Frau durch einen Wald in der Nähe geben: 
plötzlich sprang ein gewaltiger Wolf aus dem Gebüsch 
an ihre Gurgel und zerfleischte ihr Gesicht und Hals 
vollständig. Am Morgen wamie er seine Frau : trotzdem sie unfreundlich 
zu ihm sei, täte es ihm doch leid, wenn ihr etwas Schlimmes geschähe. Die 
Frau aber antwortete : „Chimaltivuol, maiti sogna. Tulifai 
molto di me pietoso, ma tu sogni di me quclio che tu 
vorresti v e d e r e." [Wer dir übel will, träum! von dir ijbel. Du tust dich 
sehr mideidig um mich, aber du träumst von mir, was du sehen willst.) Und 
sie unterschiebt dem Mann sogar die Absicht, sie von dem Wäldchen fernzu- 
halten, da er sidi dort mit einer andern treflcn wolle. 

Die Deutung der Frau mutet uns ganz analytisch an. Nicht sii — wenig- 
stens auf den ersten Blidt — der weitere Fortgang der Gesdiichte : Die Frau 
geht in das Wäldchen, wird dort von einem Wolf tatsächlich angei'allen, der 
ihr Gesicht und Hals furchtbar zurichtet, so daß sie für ihr Lebtag entstellt ist. 
Auch das Urteil der Zuliörer dieser ErzähluÄj scheint uns ein Durchbruch des 
Dämonenglaubens jener Zeit ; es handle sich gar nicht um einen Traum, son- 
dern um eine Ersdieinung. 

Wir aber sind berechtigt, die ganze kleine Dichtung so zu betrachten wie 
einen Traum. Der Träumende ist wie die Erzählerin Pampinea eine Frau. Sie 
wünscht, daß ihr Mann eifersüchtig aul" sie sei. daß er sie gewalttätig liebe 
(man denke an die Entstellung von Frauen durch ihre Liebhaber gerade in 
Italien mittels Zerfleisehung der einen Gesichtshälfle, weldie diese Frauen als 
stolzes Zeichen ihrer Liebe tragen). Und das erklärt audi ihre Unfreundlichkeit 
und Unge Fälligkeit, mit der sie gleichfalls Gewaittätigkcil erzwingen will. 

Dr. Karl Landauer (Frankfurt) 



Eine Traumtheorie vor I50 Jahren 

Zehn kleine Druckseiten sind es insgesamt, vor 150 Jahren — am 
16. Januar 1779 — gedruckt als die alljährliche „Einladungssdirift" des Gym- 
nasiums in Schleusingen {im heutigen Regierungsbezirk Erfiin). Verfasser dieser 

— 76 — 



I Theorie der Träume" ist Albr. Georg Walcli, „Chur- und Füratl. 

Sädissl. Professor und des Hennebergisdien Gymnasiums Rektor". Als Er- 
gänzung der von Freud im Eingang seiner „Traumdeuiung" gegebenen Zu- 
sammenstellung der wisse nsehaftlichen Literatur der Traumprobleme seien hier 
aus jenem vcrsdiollenen Heftdien der Zopfzeit einige Thesen angeführt, die 
an psydiologisdier Einsteilung manchen Traum forsdi er des physiologisdi orien- 
tierten nädisteu Jahrhunderts übertreFFen. 

„ . . . Der Mensdi hat außer andern Erkenntniskräl'ten auch eine Kraft, 
ehemals gehabte Empfindungen und Ideen, abwesende Dinge nidit nur herzu- 
steilen und gegenwärtig zu madien, sondern auch sie zu teilen; aus der 
Verbindung, in der wir sie zuerst daditen, herauszureißen und uns 
soldie in einer anderen [deenreihe wieder darzustellen ...So zerstücken 
wir unsere Ideen von mehreren schönen Menschen und setzen sie zu 
einem Ideal der vollkommensten Sdiönheit wieder zusammen. Die Seelenfcraft 
nun, wodurdi wir dieses tun, nennen wir die Einbildungskraft und Phantasie. 
Sic läßt es bei einem wiederhergestellten Bilde nicht bewenden, sondern setzt 
oadi gleichem Gesetze, an dieses wieder ein anderes an . . ," 

„ . . . Unsere Einbildungskraft verfährt bei Herbeirufting alter Begriffe weder 
so ganz nach unserer Willkür, nodi auch nach einem Ohngefähr : sondern sie 
ridilet sich, so wie alle Kräfte der Natur sowohl in der Geisterwell als Körper- 
welt, nach einem unwandelbaren Gesetz und selbst nadi unserem Willen be- 
quemt sie sidi anders nidit als mit vorhergehender Befolgung dieses Gesetzes, 
weldies darin besteht : daß nur diejenigen Bilder bei uns auf- 
leben können, welche mit einer jetzigen Idee oder Empfindung ehemals 
zugleich verbunden waren oder mit derselben eine Ähnlichkeit 
haben ..." , 

„ , . . Wenn einen Traum erklären, nidits anders heißt, als Grund an- 
geben, warum man eben dies und nidits anders geträumt habe, so kann dieser 
Grund nirgends anders als in der Vorstellung gesucht werden, an die 
die Seele den Kaden des entstehenden Traumes zuerst anknüpfte . . ." 

„ . . . Man mulä wissen, daß der Traum nidit notwendig von derjenigen 
Idee oder der dunkeln Empfindung, die wir uns als die einzige wahrschein- 
hdie Ursadie unseres Traumes denken können, unmittelbar anfangen 
müsse. Die Einbildungskraft kann an die letzte Idee, deren wir uns erinnern 
können, oder an ein dunkles Gefühl im Schlaf schon eine lange Reihe 
von Bildern angekettet haben, deren wir uns aber während des 
festen Schlafes nicht bewußt ivaren . . ." 

„ . . . Allein, wenn es gleidi ausgemacht ist, daß Träume in weiter nidits 
als in einer Rcilie ehemals gesammelter Bilder bestehen, die die Einbildungs- 
kraft nach dem Gesetz der Ähnlichkeit oder der vormaliger Ver- 
bindung wieder zusammensetze : so ist es doch sonderbar, daß diejenigen 
Bilder, die wir im Zustand des Wachens am häufigsten denken und die 
gewissermaßen die herrschenden in unsrer Seele sind, uns am seltensten 
im Traume vorkommen . . . Gemeiniglidi erst nach abgestorbener 
^^ Leidens dl aft lebt das Bild ihres Gegenstandes im Traume auf, das sitii 
^■vorher den W ü n s di e n des Liebhabers so oft versagt hatte . , .'' 
^K „ ■ ■ - Wir begehen zuweilen im Traum Unschicklichkeiten und Abweichun- 

tz^""'" 



— / / 



ober das Anständige und Unanständige, Sdiiddidie und Unschickliche setzt 
ebenfalls Bewußtsein unseres Zustandes und unserer Verhältnisse 
voraus . . ." 

„ . . . Erwachen fieifit nichts anders, als sich seiner Empfindungen wieder 
bewußt werden . . ." 

,1 . . . Was die teuflischen Träume anlangt, so [wird es wohl damit 
gehen, wie mit den teuflischen Gedanken und Empfindungen, die der wachende 
Mensch so gern auf einen feindseligen Geist schiebt, da er sie doch aus 
seiner eigenen Sinnlidikeit und Leidenschaft erklären sollte." 

A. J. St. 



Neue Literatur über den Traum 

(aus dem Jahre ig!2B) 

LUDWIG BINSWANGEJR: WandluDgen in der Auffas- 
sung und Deutung des Tr a u m e s. Von den Grie- 
dien bis zur Gegenwart. Verlag Julius Springer, Berlin 1928. 

Im ersten Kapitel seiner „Traumdeutung", deren Erscheinen eine neue 
Epodie in der Geschichte der Traumliteratur inaugurierte, iiai Freud die 
vorpsydioanalyti sehen Wissens cäiafüichen Ansichten über die Traumprobieme 
bekanntlidi in sachlicher Anordnung dargestellt. Er gab zuerst die An- 
sichten über Beziehung des Traumes zum Wachlcben wieder, stellte dann 
jene über das Traumgedächtnis zusammen, dann die über das Kindheits- 
materjal im Traume, über die Traumreize usw, ßinswangcr stellt nun 
in seinem kleinen, aber sich einer gedrängten Darstellungsart bedienenden 
Buche (das aus in Kreuzungen, bezw. in Luzern gehaltenen Vorträgen er- 
wachsen ist) die Wandlung der Traum auffassung chronologisch 
dar, wobei er sie auch zu dem geistigen Charakter der jeweiligen Zeit in 
Beziehung setzt und absidiriich inehr auf die pTi ilosophische Literatur 
eingeht, als es Freud tat. Bei der Behandlung der hochentwickelten religiösen, 
philosophischen und ärztlichen Anschauungen der Griechen des Alter- 
tums über Traumprobleme wird besonders hervorgehoben, daß sie mannigfathe 
Ansätze zur modernen erfahrungswissensdiaf [liehen, insbesondere psycfaoanalyri- 
sdien Erforschung des Traumlebens autweisen. Sehr lesenswert ist der Ab- 
schnitt Binswangera über die Romantik, insbesondere die Ausführung über 
Hamann, den „Magus des Norden", über Herder und über Novalis! 
Schließlich stellt Binswanger den großen Fortschritt dar, den Freuds Traum- 
lehre — im Zusammenhang der ganzen Psychoanalyse und insbesondere 
auch ihrer Ichpsychologic — bedeutet: eine {noch nicht ganz ausge- 
baute) „wissensdiaftliche Lehre vom sittlich- triebhaften Zusammen- und Gegen- 
einanderwirken . . ., die uns in den Stand setzt, nicht nur wissenschaftlich 
zu erkennen, sondern auch praktisch zu helfen, wo wir früher auf Erkennen 
und Hellen verzichten mußten". Den Schluß der inhaltsvollen Schrift, die 
besonders audi in ihren Exkursen mandie anregende Erönerung und Problem- 
stellung bietet, bilden einige Beispiele psychoanalytischer Traumdeutung. An 

— 78 — 



eines knüpfen Bemerkungen über sogenannte prophcosdie Träume. Binswanger 
schließt sicli der Auffassung Freuds an, daß die prospektive Tendenz gar 
nicht dem Traum, d. h. der Traumarbelt angeiiört, sondern dem latenten 
Traumgedanken. Soldie .vorahnende" Träume haben nicht als Prophezei- 
ungen aufgefaßt zu werden, sondern als in Bilder umgesetzte Fort- 
setzungen von Befürditungen oder Wünschen oder bisweilen audi als 
Einbruch von im Wachen unbeachteten oder verdrängten Wahrnehmungen. 
— Erwähnen wir schließlidi noch den religiösen Ausklang der Binswanger- 
scben Schrift; jeder neue Eroberungszug der positiven Wissenschaft in ein 
ihr bis dahin verschlossenes Gebiet iordere gebieterisch eine Vertiefung oder 
Ergänzung ihrer Resultate durdi die metaphysische Spekulation. Das (buchstäb- 
lich) letzte Wort des Buches heißt r Gott. A. J. St. 

IGNAZ JEZOWER: Das Buch der Träume. Ernst Ro- 
wohlt Verlag, Berlin I92S. 

Ejne Sairnnlung von 777 Träumen auf mehr als 700 Seiten. Und wenn 
man audi die Träumer (bis auf einige, die Zeitgenossen sind) nidit mehr nadi 
der „psychoanalytischen Grundregel" ihre Einfälle assoziieren lassen kann, so 
ist diese Anthologie dennodi eine wahre Fundgrube für den analytischen 
Traumpsychologen. Mit rühmenswenem Fleiß, unter Mitteilung der Quellen 
wurden hier zusammengetragen „Träume der Großen und Kleinen aller 
Zeilen, Sieger und Besiegten des Lebens". Den Anfang machen Träume aus 
dem AltenTestament (Träume der Erzväter und der Pharaonen). Es folgen 
Überlieferungen von den Assyrem, Babyloniern, Medern und Persern. Reicli- 
halüg ist die Ausbeute aus dem griechisch-römischen Umkreis. Aus 
den Quellen der chinesischen Oberlieferung lernen wir ein der Psycho- 
analyse bisher wenig iugänglidies Gebiet kennen. Wir lesen dann Träume der 
christlichen Heiligen, der mohammedanisdien Kalifen, bekannter Persönlichkeiten 
des Mittelalters und der Reformationszeit [Petrarca, Dürer, Luther). 
Ausführlich sind Descartes und Swedenborg vertreten. Wir finden dann 
Träume von Lichtenberg. Kant. Goethe, Lavater. Begreiil icherweise fehlt auch 
die Romantik nicht. (Beaditenswerivor allem Jean Paul und Justinus Kerner.) 
Es folgen dann u. a. die Dichter Heine, Grillparzer, Gottfried Keller, Hebbel, von 
niditdeutsdien Balzac, Flaubert, Dostüjevski, Strindberg, Gorkij. In je einer eigenen 
Gruppe werden Träume von bildenden Künstlern und von Komponi- 
sten angeführt. Im Kapitel „Historisches Intermezzo" linden wir u. a, jenen 
Traum Bismarcks, den Hanns Sachs 1913 (im l Jg. der ,Internatio- 
nalen Zeilschrift für Psychoanalyse") ausführlidi behandelt hat. Von D a u- 
theodey werden u. a, der „vorahnende" Traum über den Tod des 
Vaters und sonsüge prophetische Träume wiedergegeben ; Eduard Hitsch- 
manns psychoanalytische Ausführungen über Dauthendeys Träume (Ein 
Dichter und sein Vater, Jmago" IV, S. 377 ff., Telepathie und Psychoana- 
lyse, „Imago" IX, 36S ff.) scheint Jezower nicht zu kennen. Einige Träume 
von Max Burkhard, dem einstigen Burgiheaterdirekior und Hofrat am 
k. k. Verwaltungsgerichtshof, sind auch mitgeteilt. Er träumte oft vou .meinem 
verstorbenen Vater und von bevorstehender Prüfung. fVielleiclit läßt sich bei 
näherem Ansehen seiner Träume erraten, warum er sich seinerzeit bemüfsigt 

— 79 — 



tühke, einen die Freudschc , Traumdeutung" ablehnenden Aufsam zu ver- 
öffentlichen,) In der Gruppe der ^Träume der Gelehrten" finden wir u. a, 
Maurys — uns aus Freuds „Traumdeutung" wohl bekannten — Guillotinen- 
traum. {Es sei hier erwälint, daß R e i k in seinem eben jetzt erschienenen 
Budie „Der Schrecken' diesen Traum zur psychoanalytischen Erklärung der 
UnialUneurose licranzieht.) Eine Reihe von Träumen trägt Jezower als Beweis für 
okkulte Fähigkeiten im Traume zusammen, insbesonders audi für Anti- 
uipation von Geschehnissen, Todesahnungen. Darunter finden sich wohl 
auch solche aus weniger verläßlichen Quellen, übrigens auch noch unver- 
öffendidite Mitteilungen von Zeitgenossen. Auf die Demonstration jener ok- 
kulten Fähigkeiten des Traumes legt Jezower offenbar besonderes Gewidil. 
Von den Träumen blinder Personen seien hier jene des im 3. Lebens- 
jahr erblindeten Forschers Friedrich Hitschmann und des im 12. Lebensjahr 
erblindeten Präger Dichters Oskar Baum erwähnt. 

Daß Jezower das reidie Anmerkungamaterial von den Träumen getrennt, 
erst in der zweiten Hälite des Bandes unterbrüigt und die Quellenangaben zu 
diesen Anmerkungen wieder an dritter Stelle, ist ein sich sehr bemerkbar 
machender Nachteil. Außerordendidi nützlich ist hingegen das die wichtigsten 
Traummotive berücksichtigende Sadiregister. A. J. St. 

WERNER ACHELIS : Das Problem des Traumes. Eine 
philosophische Abhandlung. (Sdiriften zur Seelenforsdiung. 
Rd. 20.) Julius Püttmann Verlap, Stuttgart 1928. 
Zum großen Teil besdiäftigt sich diese gedankenreiche Schrift mit der 
Frage der philosophischen Reichweite der Psychoanalyse 
{u. a. übrigens audi mit den — nach ihrer Bezeichnung — „pseudo-phÜosci- 
phisdien" Prozessen der Schulen von Adler und Jung); doch soll uns hier, 
in dieser Übersidit über die jüngste Traumliieratur, nur das un engeren 
Sinne das Traumproblem Berührende interessieren. (Was Achelis über die 
Spradie Freuds — in Parallele zu der S^Cpenhauers — sagt, werden wir 
im nächsten Hefte dieser Zeitsdirift wie^geben.) Aus der philosophi- 
schen Auswertung der Freudschen Traumdeutung glaubt Achelis xur These 
gelangen zu müssen: alle Träume seien Wahrträume. Die Realität 
der sinnfälligen Bewußtseinswelt des Menschen wu-d metaphysisch gesetzt 
allererst durdi die übergeordnete Realität des menschlichen Traum- 
lebens. „Man kommt nicht um den Gedanken, resp. die Existenz der zwei 
großen Weltgefüge herum. Das eine, die Weit der Ersdieuiung in UnvoU- 
knmmenheit, Krankheit und Vielfalt, und das andere die hervorbringende 
Welt des Weltgrundes. Und die Erschließung des verborgenen Gehaks des 
mensddichen Traumlebens lehrt erkennen, daß das Unbewußte der große 
Vorliof ist, auf dem die Fülle des ewig Seienden zum Vorstoß in die Welt 
des Geschehenden sich sammelt." Die alleinige Realität des Traumlebens er- 
weise sidi vorzüghdi darin, daß der Traum nach seinem Aufhören im Be- 
wußtsein, bezw. im fortgehenden Schlaf keineswegs etwa verschwunden ist, 
daß er — körperlich gesehen — als Spannung im Korper steckt. „Die 
Träume suid, soweit wir sie ignorieren, als unheilvolle Impulse in unserem 
Körper, und es gibt nur den Weg, mit den Träumen das Leben zu zwin- 

— 80 — 






gen und nicht ohne sie. Dieses ,mit' trifft aber die von der Antike gemeinte 
Mittlematur des Vermögens des menschlichen Traumes, durdi das die 
Mächte der Tiefe mit dem Menschen als mit ihrem vorgeschobensten Posten 
verkehren.' Die Kardinalihese von Acheiis, daß Träume immer Wahnräume 
sind, bedeutet übrigens nicht etwa, daß alle Träume unverhüllt die Zukunft 
prophezeien. ,Dcr Grad des Wahrheitsgehaltes des Traumes hat nichts mit 
der sogenannten Durchsichtigkeit der Büder zu tun. Durchsichtigkeit ist 
nid« metaphysische Durchlässigkeit." Im Übrigen stellt es Adielis als 
iweifelhaft dar, „ob es den prophetischen Traum in voller Reinheit, also 
ohne tieferen Bezug auf die gegenwärtige psychische Situation des Träumers 
gibt'" A. J. St. 

MAURICE MAETERLINCK: Die vierte Dimension. 
Deutsthe Verlags anstalt, Stuttgart IQ2Q. 

Mehr als die Hälfte dieses Sammelbandes füllt der erste Essay aus, der 
der Sammlung den Titel gegeben hat. Von den vier folgenden Studien des 
belgischen Dichters interessiert den Psydioanalytiker vornehmlich die über 
„Träume". Von den wissenadiaftlidten Forsdiern über den Traum schätzt 
Maeterlinck am meisten den Marquis d'H ervey de Saint-Denis. 
Seine Forschungen seien .straffer durchgefühn als die des Vaters der Psycho- 
analyse' und seine Schlußfolgerungen seien .unendlich weniger gewagt" als 
die Freuds. Maetedinck wendet sein Interesse speziell den propheti- 
schen (voralmcnden) Träumen zu. Auf die Veröffentlichung von J. W. 
Dünnes, Ernest Bozzano und Theodore Flournoy hinweisend, be- 
leidinct Maeterlinck es als „systemati.^che und kindische Ungläubigkeit", nicht 
anerkennen 7.u wollen, daß es den prophetischen Traum gibt und daß er 
.endgültig m den vertretbaren Errungen schafEen der Metapsychologie zählt". 
Maeterlincks Glaube an prophetische Träume schließt sidi seiner Lehre 
über die „vierte Dimension" an. Das durch den Schlaf befreite Gehirn „trifft 
bei seinen Wanderungen in der ewigen Gegenwart, der wirklichen Zeit, 
ebensoviel Zukimft, wie Vergangenheit an . . . Es unterscheidet nicht mehr, 
was wir schon haben, von dem, was wir tun werden ... Es kommt ebenso 
beladen mit Prophezeiungen wie mit Erinnenmgen zu uns zurück". Teleo- 
logische Gesichtspunkte macht Maeterlinck bei seiner Behauptung über die 
Präexistenz der Zukunft nicht geltend. Die prophetischen Träume haben nicht 
die Aufgabe, mehrere Tage vorher das Gute oder Böse, das uns erwartet. 
zu verkünden. „Woiu sie dienen, ist noch unbekannt, docli scheinen sie 
sich kaum darum zu kümmern, ob das, was sie uns künden, uns zum 
Naaea gereicht." A. J. St. 

DR. MED. G. ZENKER: Traumdeutung und Traumfor- 
schung. Astra- Verlag, Leipzig rp28. 

Ein gemeinverständlich geschriebenes Bucli über die Probleme der Traum- 
psychologie, das es sich nicht nehmen läßt, auch in die schwierigeren Schiciiten 
dieser Probleme vorzustoßen. Der Psychoanalyse gegenüber von einer rüh- 
menswerten Vorurteilslosigkeit. Der Verfasser hält sich auch fast durchaus an 
Freud, denn „die psychoanalytische Theorie de.? Traumes ist bisher die ein- 

^A. Bewegimg " — ■ I g 



zige geblieben, die den Versuch gewagt hat, die Gesamtheit der Traum- 
ersdieinungen aus wenigen großen Gesichts punkte n heraus zu begreifen und 
die zugleich den Anforderungen genügt, die nicht nur der Wissen scbahler 
im engeren Sinne, sondern jeder kritisdi und vorsichtig denkende Mensch 
einem soldien Unternehmen gegenüber stellen mufs." Im Besonderen sei 
auch erwähnt, daß der Verfasser bei der Darstellung der Psychoanalyse ein 
eigenes Kapitel der Lehre vom Ich und Über-Idi widmet. Unverkennbar ist 
trotz der vorsiditigen Meinungsenthaltung des Verfassers das Interesse für 
die Frage der Wahrträume. Jedenfalls meinte er, dürfe man nicht als 
prophetisch jene Träume ansehen, die aus der Verwertung unbewußter 
Kenntnisse und Eindrücke erklärbar sind. Freuds Widerwillen gegen das Wissens- 
gebiet des Okkulten erscheint Zenker begreiflich zufolge einer von ihm be- 
dauenen Unterlassung von Seiten jener (hauptsächlidi englischen und ameri- 
kanisdien) Gelehrten, die das Tatsachenmaterial für die Existenz „okkulter" 
Ersdieinungen angehäuft haben : leider habe es keiner von ihnen je ver- 
sudit, die Regeln der Psychoanalyse bei Untersuchung der beriditeten Wahr- 
träume, Visionen usw. anzuwenden. „Das hätte aber sehr nahe gelegen, 
denn es darf als sidier gellen, daß die in solchen Erlebnissen gemeinten 
Personen, Dinge und Ereignisse oft in sinnbildlicher (symbolischer) Umfor- 
mung sich darstellen. Statt dessen arbeiten diese fleißigen und gründlichen Tat- 
sadienforscher bei ihren Erklärungsversuchen mit einer Sorte von Unterbe- 
wußtseins-Psychologie, die den Kenner der Psychoanalyse geradezu kindlidi 
unentwickelt und vorsintflutlidi anmutet," Zenker ist der Meinung, die Er- 
forschung der Symbolbildungcn bei den „Medien", „Hellsehern" usw. würde 
wertvolle Bestätigung für die Psydioanalyse liefern. A. J. St. 



AS ECaO DEM 
SYCHOANALYSE 



iiiiiiiiiDiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiniifiiiiiiiiiiiiiiiiini^^^ 

Kevelaar über Psychoanalyse 

Der „Verband der Vereine Kalbolischer Akademiker" halte auf seiner 
Dresdner Tagung vor einigen Jahren mit Bedauern festgestellt, daß „Heil- 
thcorien und Heilversuche auftauchen, deren weltanschauliche 
Grundlagen der Seele als dem Ebenbilde Gottes nicht 
gerecht werden". Die Dresdner Tagung beauftragte einen Arzt aus 
ihrer Mitte, den Sanitätsrat Dr. Wilhelm Bergmann, eine Sondertagung 
üher das genannte Thema vorzubereiten. So kam es im Februar 1925 in dem 
bekannten Wallfahrtsort Kevelaar am Niederrhein zur ersten Sondertagung 
des Kathoiisdien Akademiker Verbandes über „Religion und Seelen- 
leiden". Der Erzbisthof von Köln und Bisehöfe von Münster und Pader- 



— 82 — 



born versicherten die Tagung ihrer Gulheißung, und der prcußisdie Unter- 
richtsminister ließ den Lehrern des Rheinlands und der Nadibarprovinzen, 
die an der Tagung teilnehmen wollten, Urlaub bewilligen. Es blieb nicht bei 
dieser einen Sondenagung. Im März 1926 fand in Kevelaar die zweite Son- 
dertagiing über „Religion und Seelenleiden" statt, und 1927 kam es ebendort 
2ur dritten. 

Nun liegt unter dem Titel „Religion und Secienleiden" der Berithl über 
die Vorträge und die Diskussionen an diesen Kevelaarer Tagungen in drei 
Bünden gedruckt vor {Düsseldorf, Verlag L. Sdiwann igaß. 1927, 1928) und 
wir können im Zusammenhang über diese — für den Psydioanalytiker zum 
Teil nidit uninieressanlen — Veranstaltungen berichten. 

Prof. Lindworsky (Köln) aus der Gesellscliaft Jesu behandelt auf der 
ersten Tagung das Problem der psychogenen Erkrankung. „Bei 
psychogenen Erkrankungen werden unzweckmäßige, im biologischen Sinne 
krankhafte Verhaitungs weisen gebildet, mit einem bestimmten Bewußtseins- 
inhalt assoriiert und durch falsdie Einstellung kulrivien". Der Redner , ver- 
zichtet auf die Zuhilfenahme des Unbewußten". Es bestehe keinerlei Anlaß, 
solche unkontrollierbare Vorgänge anzunehmen. ,Zur Psychoanalyse 
Freuds" — heißt es zum Schluß — „können wir uns niemals bekennen''. 
Denn Freud fordert ja vom Psychoanalytiker Anerkennung des Unbewußten, 
der Verdrängung, des Ödipuskomplexes und „der nahezu uneingeschränkten 
Rolle der Sexualität". Wenn es sidi jedoch nur darum handelt, gemäß des 
Grundgedankens der kadiartisdien Methode mit Hdfe des Assoziations Verfahrens 
vergessene Komplexe zu suchen, da [mag es, mit Vorsicht, geschehen. 

Der nächste Referent, Dr. Hermkes, Direktor der Heil- und Pflege- 
anstalt in Eidtelborn bei Lippstadt, behandelte „die psychogene Erkrankung" 
vom Sundpunkie der Medizin. Es sei „ein unbestreitbares Verdienst des be- 
kannten Wiener Forschers Freud, dessen Lehren im ganzen allerdings eine 
sehr krilisdie Beurteilung erfordern, daß er mit Nadidrudi auf die Bedeutung 
lange, ja bis in die frühe Kindheit zurüddicgender Erlebnisse für psychische 
Erki-ankungen hingewiesen hat*. Nach eingehender Schildenuig der Erschei- 
nungsformen der Neurasthenie heißt es ; ,Es wäre wunderbar, wenn bei 
diesem vielgestaltigen Krankheils bilde nidit auch die sexuellen Vorgänge, 
welchen im mensdilichen Leben eine so bedeutende Rolle zukommt, in Mit- 
leidenschaft gebogen würden". Falsch sei jedoch die weitverbreitete Meinung, 
die Enthaltung Unverheirateter vom Geschlechtsverkehr führe an sich zu ner- 
vöser Erkrankung. Enthaltsamkeit sei, wie edle Männer und Frauen 
versichern, bei entsprechender Willensschulung und Herzensbildung durchaus 
nidit unmöghdi. ,Der Arzt, der auf dem Boden der kaihohsdien Weltan- 
schauung steht und überzeugt ist, daß das Leben nur dann vollen und wah- 
ren Wert hat, wenn es den götdichen Gesetzen entspridit. wird bei der 
Psychotherapie auch den religiösen Grundsätzen und Motiven volle Geltung 
verschaffen und in \'icien Fällen die unmittelbare Mitwirkung des Seelsorgers 
erbitten." 

Über die „p astorale Behandlung der Psychopathien" 
spricht Pater Dr. Johami Chrysostomus Schulte aus Münster. Der Seel- 
sorger hat heute auf Schritt und Tritt Psychopathen zu betreuen. Sie sind die 
Ärmsten der Armen und ihre seelsorgliche Behandlung nach aUen Seiten hin 

— 83 — fi. 



schwer und opfervoU. „Man muß selber Nerven von Esen haben, um ausm- 
hairen ' „Manchmal verstehen es die übrigen MltgUeder einer Gememde nidit, 
wie man besummw Personen so oft ins Haus kommen lassen oder wie man 
sie so lange im Beichtstuhl haben kann." Der Seelsorger muß nicht nur er- 
kennen, ob eine seelische Erkrankung vorliegt, sondern auch ihre spezilisdic 
Art feststellen können, denn je nach deren Art wird die Behandlungs weise 
veridiieden sein müssen. Wenn zum Beispiel die „bei unserer Kranken so 
oft zu verzeidinende sexuelle Überreizung und die damit verbundene 
Ü b e r 1 i b i d o . . . auf nervöse Ersdiöpfung zurüdtEufiihren ist, so gilt es 
nidit, den Willen anzuspannen, sondern die Nerven zu kräfdgen. Im gleichen 
Maße, in dem die Nerven stärker werden, nimmt die Libido von selber ab,"- 
Bei Melancholie jedoch steigere jeder Entschluß sidi aufiuraffen die sexuelle 
Erregung. Ein Fall von Zwangsneurose wird ausführlich berichtet. Die 
Kranke faesdiwett sidi, daß sie sich zwangsmäßig zu sexuellen Dingen hinge- 
zogen fühle, daß sie nicht mehr beichten und kommunizieren könne, daß sie, 
statt zu beten, Glaubenszweifel und gotteslästeriidie Gedanken habe, daß sie 
gegen das vierte Gebot sündige und den Vater nidit liebe, ihn vielleidit sogar 
hasse... Wie soU der Seeborger solche Kranke behandeln? „Ohne ihnen 
theoretisch allzuviel klar zu machen, suche idi ihnen insoweit einen Emblidi 
in die Znsammenhänge zu geben, als sie dadurdi aUmählich zur Erwägung 
der Möglidikeit kommen, es könne sich doch vieUeidt um keine Sünde, son- 
dern um etwas Krankhaftes bei ihnen handeln ... So oft es mir nodi gelang, 
jemand von der Krankhaftigkeit seines Zustandes resdos zu überzeugen, habe 
idi ihn vom Zwange befreit. Kranke, die soldien Erwägungen gegenüber 
vöUig unzugänglidi blieben, waren nidit zu retten.' Für die Zukunft gelte es. 
dem Kranken das Bewußtsein völliger Freiheit zu geben. Etwa : ,Weil Sie 
unter Zwang stehen, können Sie nie und in keinem Fall sündigen." Oder- 
„Die Gebote Gottes und die Vorsdiriften der Kirdie kommen für Sie prak- 
tisdi nidiE in Betradit." „Sie können sidi in jedem einzehien Falle nach Belieben 
enlsdieiden." „Fragen Sie höchstens, was v^^ünftig und was unvernünftig ist, 
nie, was gut oder böse ist." Hat man als SeuLsorger zunächst die mehr ne^- 
tive Arbeit geleistet und den Zwang behoben, dann sind die Kranken in 
positiver Weise dem rehgiösen Leben zuzuführen. „Wie stark die religiösen 
Bedürfnisse gerade der Zwangskranken sind, zeigt die Erfahrung, daß die 
hödisten kirdilichen Feiertage ihre Krankhafrigkeit regelmäßig steigern." Aji- 
sddießend an die Zwangsneurose schildert der Vortragende die nervös 
Entkräfteten und krankhaft Schwermütigen. Die Ursadie des 
Zusammenbruches ist manchmal „eine ganz einseitige Auffassung des Sexual- 
lebens," „So mandier hat aus edelsten Motiven seine Nerven ruiniert, weil er 
das Sexualleben in sich emfach drossehi und ersücken wollte. Das in der 
Pubertät erwachende Triebleben müsse richtig geleitet und geordnet und nicht 
einfadi untcrdrüdct werden. Leicht könne sidi der Seelsorger die Finger ver- 
brennen, wenn er mit Hysterikern zu tun hat. „Allzu tragisch braucht man sie 
nidit zu nehmen, da sie recht selbstsüchtig eingestellt sind und sich für ihr 
Leid schon zu entsdiädigen wissen." Sie dürfen vor allem nicht zu weich an- 
gefaßt werden, denn „wie gern renommieren sie, oft unter pikanten Andeu- 
tungen, in den Kreisen ihrer Bekannten mit dem Verhältnis, in dem sie zu 
ihrem Seelenführer stehen." 



— 84 — 



Am dritten Tag der Tagung gab Saniiätsrat Bergmann (Kleve) eine 
Einführung in die Psychoanalyse und Individualpsychologie und 
psydiologisch-medizinisdie Krilili beider". Eine Psydiologie, wie tlie des Vor- 
iragenden, „die auf den Grundsätzen der aristotelisch-sdiolastisdien Philosophie 
aufgebaut ist", kann etwas wie das Unbewußte nicht anerkennen. „Jede Tren- 
nung würde die empirische Einheit der Seele auflieben. "" Freud steile seine 
Theorien unverantwonlich in die Welt und spekuliere freibleibend weiter, 
freud sei stark in der Konstruktion von Fehlerkreisen ; in kühner Weise 
werden die Tatsachen, die zunädist bewiesen sein müßten, einfach voruus- 
geseizt. Den Libidobcgriß habe Freud weiter exakt nicht definiert. Die Sym- 
bolik der Psychoanalyse übersdireite „allmählich alles Maß und Ziel". Zu- 
zugeben ist, daß „in den Fehlhandlungen ein beachtenswerter Kern 
sitzt, der, richtig herausgeschält, Arzt und Seelsorger wichtige Kinper/eige geben 
kann. Auch die Komplexe haben Bedeutung. Was speziell den Ödipus- 
komplex angeht, so wird zugegeben, daß die Bindung an die Imago des 
andersgesdJechtlidicn Elternleiles vorkommt und ,zu bösen Sxenen und Folgen" 
führen kann. Die Pansexualität sei Freuds schwädiste Seite, durch sie habe 
er sidi viele Sympathien verscherzt. Dem Nutzen, den die psychoanalytische Be- 
handlung stiften könnte — heißt es abschließend — stehen nicht unerheblidie 
Gefahren gegenüber : Verletzung der Ethik und Ästhetik, Vergrößerung der 
Suggestibilität. „Was der Psydioanalytiker durch Aussprache und Wiliens- 
korrektur zu erreichen strebt, gründet die Kirche auf eine Methode einer 
phänomenologisch viel wesensgemäßeren Erfassung des Haupiübeis im Ge- 
wissen durch Reue, Vorsatz, Beichte und Vergebung... Speziell 
setzt sie der Augenlust, Fleischeslust und Hoffart des Lebens 
in den drei evangehschen Räten der Armut, Keuschheit und des Ge- 
horsams Ideale entgegen, die sicherer von der ÜLerscJiätzung irdischen 
Besitzes befreien, mächtigere Hüterinnen der körperlichen Kraft und des jedem 
Menschen anvertrauten Ahnenerbes für seine Nacii kommenschaft darstellen 
und vollkommener den Geltung.'idrang des einzelnen zügeln, als alle Psycho- 
analyse und Psycliutlierapie rein ürztlicher Kunst es vennag." 

Als nächster Redner gibt Prof. Dr. Linus B o p p (Freiburg i. Br.) eine 
„theologisch-pädagogische Beurteilung der Psych o- 
anal.yse". Über seine früheren Stellungnahmen xur Psychoanalyse ist bereits 
wiederholt berichtet worden („Internat. Zeitschr. f. PsA.", X, 1934, S. ^05 
u. 48s f]. Von seinen geistig bemühten Vorrednern sticht Bopp unliebsam ab. 
Diese affektvoll hervorsprudelnde Flut von niveaulosen Invtkliven gegen die 
Psychoanalyse kann nicht gut referiert werden, da wir ims doch nur die 
kurze Wiedergabe von Meinungen und Argumentationen vor- 
genommen haben. Belustigungshalber erwähnen wir nur, daß dieser Gegner 
der Psydioanalyse, der in verschiedenen Städten Vortrüge über Psychoanalyse 
hält, Bücher über sie schreibt, sie zum guten Teil offenkundig nur aus zweiter 
Hand (meistens sogar aus der dritten Hand von Pamplileten) kennt. Um nur ein 
Beispiel zu nennen : daß die Feststellung des Zusammenhanges zwischen 
Charakter und Analerotik von Freud selbst stanunt, weiß dieser langjährige 
Wanderprediger der Psychoanalysebekämpfung nicht (obschon die bloße Durch- 
sicht der Titel auf einem Prospekt der Freud-Gesamtausgabe ihn darüber be- 
iehren hätte können). Vielmehr schreibt er, daß „ein Müller" zu dem Ergebnis 

— 85 — 



kommt, daß Ordendidikeit, Sparsamkeit usw. . . . Gemeint ist. daß Carl Miiller- 
Braunsdiweig irgendwo die Freiidsdie Entdeckung des Analdiarakters erwähnt 
hat. Aber auch das weiß Bopp nicht etwa aus Müiler-Braunsdiweig selbst, 
sondern von A. A. Friedländer, der sidi überhaupt als nützlidier Gewährs- 
mann dritter Hand erweist. (Von ihm hat Bopp auch die Kunde, daß die tt Zeit- 
schrift „Imago": — der breiten Masse zugänglich ist und daß ihr Erscheinen 
erfahrungsgemälä mit der Spannung erwartet wird wie Zeitungsberichte über 
gewisse Skandalprozesse.) 

In der Diskussion bekennt Geisdichet Rat Dr, Stumpf (Karlsruhe), daß 
er seine scclsorgerlidie Auffassung über die seelischen Zusammenhänge in 
vielem geändert habe, seitdem er sich mit Psychoanalyse beschäftigte ; aber 
natürlich ist die Weltanschauung der Psychoanalyse abzulehnen. Pro- 
fessor Pater Lindworsky betont nodimals, daß man ihn mit Unrecht als 
einen unentwegten Bckämpfer der Psychoanalyse bezeichnet habe. Er lehne 
bloß tiie PsyiÄoanalyse im engeren Freudschen Sinne ab (wegen des Un- 
bewußten, der Verdrängung, des Ödipuskomplexes und der Verallgemeinerung 
des Gesdileditlichen). Aber zugegeben wird die Sdiäriung des Blickes für ge- 
wisse möglidie Zusammenhänge. Der Arzt soll aber die Grundsätze der Sitten- 
lehre und Erziehung beachten. Der Fälle, die einer analytischen Psychotherapie 
bedürfen, sollen sich unter den Priestern speziell geeignete Kräfte, „eigens 
vomBischof bes tellteGeis tliche(Fachseelsorger)''annehmen. 
Dr. Stumpf (Karlsruhe) bezeichnet die Entdeckung der „Übertragung" durch 
Freud als sehr wertvoll. Im Sddußwort bemerkt Bergmann, es wäre unbillig, 
das in den Beobachtungen Freuds zweifellos enthaltene Gute nidit anzuerkennen. 

Die Beridite über die Tagung in Kevelaer wurden in kirchlichen Kreisen mit 
Befriedigung aufgenommen. Kardinäle bezeichneten dieses Symposium über 
, Religion und Seele nleiden" als „geradezu apostolisdie Tal" und der Leiter der 
VeransiaJtung, Sanirätsrat Bergmann, wurde vom Papst in einer Audienz emp- 
fangen. «^ 

Nach. Jahresfrist fand in Kevelaer die z w e lAe Tagung statt, die den Pro- 
blemen der Willensfreiheit und der Verantwortlichkeit ge- 
widmet war. Die Psychoanalyse wurde diesesmal nur gelegentlich gestreift. 
Nidit unerwähnt soll jedoch bleiben, daß in der Person des Pfarrers L. H u s s e 
der Adlerscfaen Lehre ein Fürsprecher entstand. In seinem Vortrag über „Das 
abnorme Sdmldgefühl" fühne er aus, es sei unrecht, Freuds Psychoanalyse und 
Adlers Individualpsydiologie nebeneinanderzustellen, denn dadurch gerät man 
leidtt in Versudtung. „das über die Psychoanalyse ztirecht ge- 
fällte V c rd a m m u n g s u r t e i 1 unberechtigterweise auf die Individual- 
psydiologie zu übertragen". Es wird Allers zitiert, darüber, daß , Adlers 
Denkweise mit den Lehren der Scholastik verwandt" sei. In den eieroentarsten 
Fragen sei Adler mit der christlichen Philosophie einig. -Die 
Inclividualpsychologie als Psydiologie ist ein forde rns werter Versuch, einek aiho- 
lische Strukturpsychologie aufzubauen." 

1957 fand die dritte Tagung in Kevelaer statt, mit dem Thema : Prophy- 
laxe derPsychopathien. Prof B e h n von der pädagogischen Akademie 
in Bonn hebt in seinem Referat die Bedeutung einer „primär-konstitutionellen Prä- 
disposition" hervor. Demgegenüber Sanitätsrat Bergmann: „,., Andererseits 

— 86 — 



Jcönnen auch durdi MißgrifTe in der Pädagogik psycho pathisdie Dispositionen 
gcsdiaffen werden, und es werden leider oft genug solche geschaffen. Der 
Weg ist der der Freudschen Verdrängung. Jedenfalls müssen 
wir aber daran festhaken, daß auch die Weckung der schlummernden Psycho- 
paihie durch pädagogische Mißgrilfe ein nicht zu unterschätzender schwerer 
Fehler ist." 

In dieser dritten Tagung wurden — zum ersten Male — audi einige Frauen 
zugelassen („in praktlsdier Anstellung befindliche Damen der Karitas, Fürsorge 
und ErKiehung"). Da aber dadurch nunmehr die Abgeschlossenheit der Tagungen, 
„die eine intimere Behandlung p a storalmediz in isdi er Fragen allein zuläßt," aufge- 
hoben war, wurde neben der allgemeinen Tagung auch eine „streng geschlossene 
Gemeinsdiaft abgehalten". Über diese liegt kein Bericht vor. A. J, St, 

„Eine romantisdie Erscheinung in der Medizin" 

sei die Psychoanalyse, fuhrt der bekannte Berliner Iniernist Prof. Friedrich 
Kraus, in einem kleinen Aufsatz „Krisis der Schulmedizin " aus. den er in 
der Berliner Wodiensdu-ift ,Das Tagebuch" am 23. Februar veröffentlidit- 
Die Schulmedizin {„will sagen die nach Möglichkeit wissen sdiafdiche Medizin") 
hat nach Kraus die Aufgabe, alles praktisdi Braudibare und theoretisdi Er- 
' sprieß liehe „selbst der disparatesten Sekten" zu assimilieren und die Resul- 
tate autonom fortzubilden. Geraeint sind vor allem ; die Psychoanalyse, die 
I Naiurheilkunde. die Homöopathie, Auf das Unbewußtwerden nicht völlig zum 
[Ablauf gekommener Erlebnisse und auf die vom Unbeivußten ausgehenden 
[Hemmungen hingewiesen zu haben, sei „ein Verdienst von Freud, das sidi 
I in einer Reihe bemerkenswerter künisdier Entdeckungen lohnte. Freud hat 
[praktisch auch versucht, die so entstehenden Krankheiten durch Analyse 
IfrQherer Erlebnisse rein vom Innern her zu heilen, indem er diese aus dem 
I Unbewußten ins klare Bewußtsein bringt. Dcnnodi kann die Psydioanalyse 
f nur ein begrenztes Zwisdiengebiet auf dem Wege zur Wissenschaft he- 
I ansprudien. Freud nimmt nämlich als menschlidie Grundtendenz an, das 
[Weltbild so um:cu arbeiten, wie es unseren Wünsdien entspridit. Diese 
I Neigung breche ungehemmt durch in allen Lebenslagen, in weldien unter 
I dem Zwang äußerer Verhältnisse die Anknüpfung jener Wünsdie an die 
I Wirkhchkeit gestört sei. Hier liegt die bedenklichste Besdiränfctheit der 
[Psychoanalyse. Sie berüdisididgt bloß das urspriingiidi ,Dionysische', das 
,,Titanisdie' jener Wüosdie, die vermeindidi erst nachher durch einen 
I, aufgedrängten Sdmß Moralthcologie ,sublimiert' werden können. In Wirk- 
ikeit ist jedoch die mensdilidie Natur in ihrer Symbolik schon urspriingiidi 
[■auch .apollinisch', ,anagog', wie zum Beispiel Herbert Silberer und Hitchcock 
[überzeugend dartun. Wir sind nicht bloß so geartet, daß wir mit dem 
[Wunsch beginnen, die Mutter /u coj'tieren, den Vater zu töten (Ödipus- 
komplex) und nachher der Libido iropistisdi zu folgen. Man findet z. B. 
fauch ganz primitive soziale Äußerungen, schon im Märchen, im Mythus, 
Ein der Völkerpsychologie und Soziologie. Es gibt zwar sehr kluge Medi- 
kziner, welche ernsthaft glauben, daß die Pathologie valiig auf die Freudsdie . 
[Introversion begründet werden könne. Mir aber scheint, daran denkt Freud 

— 87 — 



selbst nidit, und die medizinische Wissensdiafc und Kunst müsse, irotz des 
unleugbar großen theorelisdien und praktischen Gewinns aus der Psydio- 
analyae, eine soldie Überwertung a limine abweisen." 



„Eine Geistigkeit, die der Psychoanalyse entgegenarbeitet, 
statt aus ihr hervorzugehen, hängt fortan in der Luft" 

Über -Verzxveiflung am Geist" handelt eine Studie von 
August Vetter im Mär^-Heft der „Neuen Rundschau". Als die Ur- 
kunde der Kriegserklärung gegen die reine Geistesherrschaft bezeichnet 
Vetter Kants Kritik der reinen Vernunft. Die Feindseligkeit begann, reclit 
unscheinbar, damit, daß dem Denken die Fähigkeit bcstrillen wurde, in das 
Wesen der Dinge einzudringen. Mit Hegel kam wohl der Geist noch zu 
einem naditräglichcn Sdieinsieg. Es bedurfte noch eines einfathen Zugriffs, 
um die kunstvolle Vemunftlehre Hegels zu erledigen und dies vollzog Marx, 
indem er „Güter' einsetzte, wo jener „Ideen" meinte. Philosophisch stellt 
den Wendepunkt des Aufstandes gegen die Geistesherrsdiaft Schopenhauer 
dar. Aber auch er sdmf mit der Anerkennung des Willens (genauer: des 
Trieblebens) als Wesenskem des Daseins noch keine neue Weltanschauung, 
denn er verneint ja den kaum eingeführten blinden Drang des Gesdiehens 
und insofern ist seine Lehre ein Versuch, den Ast abzusägen, auf den er 
sich gesetzt hat. „Kein Wunder, daß seine Anstrengungen im Weltschmerz 
enden". Scliopenhauers Aüeinsein, iurchdos, gottlos, im Leben wie im Den- 
ken dunklen Triebgewalten ausgeliefert, wurde maßgebend für die nach 
ihm auftretenden freimütigen Außenseiter, wie Kierkegaard und Nietzsdie. 
Die Foribildner Nietzsches (Spengler, Klages) haben dann allerdings das per- 
sönliche Bekenntnis und Selbstscin in Gedanken wieder fallen gelassen ; sie 
bewegen sidi auch nur innerhalb bestimmter fachlicher Grenzen, so daß der 
Gegensatz zwischen ilmen und der SchuK^sscn Schaft (etwa der Wesens- 
deutung Husserls und Sdielers] an grundsätihclier Sdiärfe verlor. 

„Anders" — fährt Vetter fort — „liegt der Fall bei der Lehre 
Freuds, die gleichfalls von einem Sündergebiet aus zu übersdiauen- 
der Einsidit vorstieß. Zu ihren Vorzügen gehört, daß sie sidi auf 
naturwissensdiaftlidiem Boden entwickelte, wodurch eine sachliche Allge- 
meingültigkeit von vornherein gesichert war. Wenn heule schon von 
ihrer Weltgeltung gesprodien werden kann, sq verdankt sie das zum 
Ted dieser t'.rundlage. Sie fußt nicht auf einer Ansicht, sondern auf dem 
Versuch, der ja nach Goethe der walire Vermittler der Gegensätze ist. 
An ihm vermochte sie ihre erste Voraussetzung, nämlich die schon von 
Bachofen geahnte, doch verehrend in sdiüngeistigem Abstand gehaltene 
Allgeschleehtlichkeit, zu überprüfen und sie dem Mensdien der 
Gegenwart unmittelbar nadizuweisen sowie für sein Handeln verbintUidi zu 
machen. Ein weiterer Grund ihrer Überlegenheit ist der Umstand, daß sie 
die wichügste Emmgensdiaft des freien Denkens, die Persönlidikeit und das 
verantwordiche SelbstbewidStsein, keineswegs preisgab. Im Gegenteil: sie 
verleiht dieser Einstellung durdi Anwendung aui den Einzelfall seelischer 

— 88 — 



Siörung erst Sinn und Notwendigkeit — und iwar sowohl für den Helfen- 
den wie fiir den Leidenden, deren Rollen venausdibar sind. Und damit 
ist endlich die tieiste Ursadie ihres überraschenden Erfolges berührt. Mag 
die anfanglithe Absicht ihres Begründers nicht über die Schranken einer 
fachJidien Wissenschaft hinausgereidii haben, ihre unbewußte Herkunft aus 
dem allmensdilidien Hcilsdrang ist durch die inzwischen sdion crreidile 
Ausgestaltung erwiesen. Das Beichtbedürfnis und die Leiderlösung, ja sogar 
die messianische Glaubensüberzeugung feiern in ihr eine greifbare Aufer- 
stehung. Eben deshalb finden sich ihre widitigsten Einsichten bereits bei 
Kierkegaard wie bei Nietzsche vorgebildet. — Die Ausübung der 
paydioan alyrischen Tätigkeit mag hinter dem Ziel, das durch sie eröfineC 
wurde, noch weiter zurückbleiben als die kirchliche Ersdieinung hinter der 
Idee des Christentums: ihre Macht wird davon nicht berührt. Wollte man 
aber einwenden, daß die Anstößigkeit und das Fragwürdige nidic bloß im 
Mißbraudi, sondern in der Lehre selbst liegt, so darf darauf hingewiesen 
werden, daß auch das Christentum als Ärgernis in die Welt trat. Die Über- 
zeugung, daß wir aile in Sünden empfangen und geboren werden, un- 
tüthtig zu einigem Guten, erschien dem aufgeklärten Griechen nicht weniger 
töricht und verrucht, als dem Gebildeten und Gesitteten unserer Zeit die 
Behauptung der AUgesdilechtiichkeit, die im Grunde nidHs anderes besagt." 

„Welche Möglichkeiten'' — führt dann Vetter aus — ,die neue, von der 
Trieblehre ausstrahlende und alle Einzelgebiete durdidringende Bewegung 
hat, darüber Vermutungen anzustellen, wäre ein vorgreifendes Bemühen. 
Nur so viel kann wohl gesagt werden, daß sie nicht wie die christliche 
Gotteslehre einer Spitze zustrebt, sondern dem Mittelpunkt einer Fläche. 
Von einem abgeiösren Überbau der Fachwissenschaft wird schwerlidl noch 
die Rede sein können, denn dann müßte sidi im Staat die Ständeord- 
nung erneuern. Eher wird der gemeinsame und wediselseitige, sinnver- 
ieihende Bezug aller Erfahrungen und Einriditungen die reinste unter den 
kommenden Wirklichkeitsauf gaben des Geistes sein." 

,. . . . Eine Geistigkeit, die der Psychoanalyse entgegen- 
arbeitet statt aus ilir hervorzugehen, hängt iortan in der Luft. 
Aas der Umwertung allein kann sie sidi wirklich erneuern. Denn wie die 
dirisdiche Glaubenslehre aus dem Sündengefühl, die neuere Vernunftgewiß- 
heit aus der Zweifelsucht entsprang, so zwingt die Angst des erwachten 
Geschleditsbewußtseins, die den faustischen Mensdien bei seiner Rückkehr 
in die unbewußte mütterliche Natur überfällt, zur Wiedergeburt des Geistes 
in gewandelter Gestalt. Sein untersdieidendes Merkmal nach dem Durdi- 
gang durch die Trieblehre ist, daß er seinen Gegensatz nicht mehr grund- 
sätzlich überwinden zu müssen glaubt, wie das mittelalterliche Christentum 
den Leib und die begriffliche Erkenntnis das Unbewußte, sondern ihn an- 
erkennt als semc bleibende Voraussetzung — als Boiien, auf dem er steht. 
— Von einer Verwirklichung dieser Einsidit kann im Ernst erst gesprodien 
werden, wenn sie auch im wirtschaftlichen Gefüge sichtbar wird. 
Die bisherigen Errungenschaften des Umsturzes lassen die Ansätze dazu nur 
ahnen. Aufschlußreich müßte es sein, unbefangen zu untersuchen, ob dort, 
wo die Wendung am sdiroffsten war, wo die Gegensätze am schärfsten 

— 89 — 



zusammen pralicen, — ob dso im russischen Rätegedanken, 

der Tiefpunkt und sdiredtcndc Anstoß der siaaüidien Zukunft läge, so dag 
dadurdi seine der Psychoanalyse ähnlidie Wirkung auf das Mensdiheits- 
gewissen zu erklären wäre." 

Aus Zeitungen und Zeitsdiriften 

Das im Februar 1939 erschienene 1. Heft einer von C. Politzer in Paris 
herausgegebenen neuen Zeitsdirift „Revue de la Psychologie Co n- 
crete" [in dem sich der Herausgeber an versdiiedenen Stellen mit einer 
von ihm bemerkten „Krise der Psychoanalyse'^ beschäftigt) enthält u. a. einen 
Aufsatz von A, Hesnard (Toulouse) und E. Pichon (Paris) über die 
Geschichte der psychoanalytischen Bewegung in Frank- 
reich, Er behandelt die Periode des Eindringens und des Widerstandes 
(i9i3— igao), die der literarisdien und gesellsdiaftlidien („mondainen") Aus- 
breitung (1921—1935), die der wissensdiafdidien Kontrolle (1923— 1926) und 
die von der Gründung der „Pariser Psychoanalytischen Geaellsdiaft" (1936) 
an datierbare Periode der Organisation. 



Das 3. Heft des gegenwänigen Jahrganges von Prof. Abderhalden heraus- 
gegebenen Zeitsdirift „Ethik" enthält einen Aufsatz von Oskar Pfistcr 
(Zürich) über Psychoanalyse und Seclsorgc, als Äußerung zu einer 
in dieser Zeitschrift seit längerer Zeit vor sich gehenden Diskussion über die- 
sen Gegenstand. Piiister gelangt zum Ergebnis, daß die Anwendung der 
Psydioanalyse nidit nur ein Recht, sondern audi eine Plliclit derjenigen Be- 
rufsseelsorger sei, die sie auszuüben verstehen. „Wir Pfarrer geraten in Ge- 
fahr, angesichts der ungeheuren Fülle widersprechender seelsorgerisclicr Re- 
zepte, die man in den letiten Jahren aufuns losließ, in schreddidie Ver- 
wirrung zu geraten . . . Nur wer selbst analj^siert, kann sidi im Chaos der 
Meinungen eine gesicherte Aussidic bilden und bessere Seelsorge treiben, als 
es mit den bisherigen Mitteln möglich war." (Pfister erwähnt audi, dafS Pro- 
fessor Bleuler ihn 1928 .zur öffendichen Erklärung ermächtigt hat, daß sein 
Verhälmis zur Psychoanalyse sich seit seiner ersten Pubhkation [, Die Psydio- 
analyse Freuds"] nidic geändert habe und daß seines Eraditens Freud der 
größte Fortsdiritt, der in der Psychologie je gemacht wurde, zu verdanken 
sei.) 

Im selben Heft der „Ethik" kritisiert der Herausgeber, Prof, Abderhal- 
den, „Sigmund Freuds Stellung zur Religion" (in seiner jüngsten Schrift 
üher „Die Zukunft einer Illusion"). „Zunächst überrascht die Idee Freuds, 
daß die Beschäftigung des Kindes mit religiösen Vorstellungen sdiuld an der 
Verdummung weiter Volkskreise sein soll." Freuds Annahme von der ur- 
sprünglichen Intelligenz des Kindes weist A. als Irrtum zurück. Das Kind 
würde auch ohne religiöse Er;iehung zur Gottes Vorstellung gelangen. („Es 
würde gerade für ein Kind sehr schwer zu verstehen sein, daß die Weit 
mit all ihren Naturwundern und die ungezählten Gestirne ganz von sich aus 
entstanden sein sollen. Eis wird ganz von selber auf die Idee kommen, daß 

— 90 — 



ireend jemand das Weifall erschaffen liat.'*) Der AufsaK Abderhaldens 
I Hingt in eine Apologie des -echten religiösen Glaubens" aus, der in der 

Tiefe verankert sein muß, und an dem nicht das Bekenntnis das Wcsent- 
[jiche ist, sondern die praktisdie Belätigunjj der Nächstenlisbe. 

Im Aprilheft der Monatschrift „Der Nervenarzt' schreibt M. NatJiman- 
jsohn (Ludern) „Grundsätzliches zurKritik der Psychoanalyse'". 
(Eingangs wird festgestellt, daß „die Psydioanalyse jetzt so sehr in die 
moderne Psydiiatrie eingedrungen sei, daß mit ihren Begriffen und Theorien 
als etwas Selbstverständlichem operiert wird". Freud sei in der Psychiatrie 
I befruditend und epodiemadiend, aber „das Faszinierende dieses Mannes, 
I sein überlegener, glänzendet Stil, seine Traditions- und Brückenlosigkeit, 
seine bestechende Dialektik machen eine selbständige Stellungnahme zu 
I seiner Lehre schwer". Und doch dürfe die Forderung nadi sdiarfer wissen- 
sdiaftlidier Begriffsbildung der Psydioanalyse gegenüber trotz der Ehrfiirdic 
vor der Größe Freuds nicht fallen gelassen werden. Die Psychotherapie 
werde jetzt xum großen Ted von der Psychoanalyse am Gängelband ge- 
halten und daher stehe und falle die gesamie Psychotherapie mit der Güte 
und Exaktheit der Methodik und Axiomatik der Psychoanalyse. 

Anläßhdi der Eröffnung des „Frankfurter Psydioanalytisdien Instituts" ini 
Februar d. J. besdiäftigten sich die Tageszeitungen in Frankfurt a. M. in 
versdiiedenen Beitragen mit der Psydioanalyse im allgemeinen und den 
Frankfurter Veranstaltungen im besonderen. Am iG. Februar erschien im 
Feuilleton der „Frankfurter Zeitung" ein Aufsatz von Heinridi Meng. 
Die Beilage „Für Hodischule und Jugend" der „Frankfurter Zeitung" war 
im Abendblatt vom 25. Februar ganz den „Konsequenzen der Psychoanalyse" 
gewidmet und brachte Beiträge von Landauer („Die Bedeutung der 
Psydioanalyse für die Medizin"), Pfister („Auswirkungender Psychoanalyse 
auf die Gesellsdiaftswissensdiaften") und Bernfeld („Bedeutung derPsydio- 
analyse für die Pädagogik"). Mit der Gründung des Frankfurter Instituts 
besdiäftigte sidi das Zentrumsorgan, die „Rliein-Mainisdie Voikszeitung" in 
einem Feuilleton „Was hat uns die Psychoanalyse zu sagen."" [Es wird die 
Psydioanalyse im ganzen genommen als ein wichtiger Fortsdiritt des Kultur- 
lebens anerkannt; doch „mit den philosophisdien Grundlagen können wir uns 
zum größten Teil — soweit sie vor allem dem Materialismus huldigen — 
nidit einverstanden erklären.") Über die Eröffnungsfeier vom 16. Februar 
beriditeten ausführlich die „Frankfurter Zeitung" vom 17. und die sozial- 
demokratische „Volksstimme" vom 20. Februar. Außerdem veröffenthchten 
diese beiden Zeitungen und die [rechtsstehenden) „Frankfurter Nadirichten" 
ausführlidie Beridite über die einzelnen öfTendidien Vorträge von Bernfeld, 
Sadis, Anna Freud und Federn. 



Hl 

EigcnEi]incr und Verleget: 

In temiLÜ ander Psydioanalyfbidicr Verb^, Gca, pi. b, H„ Wien, t., Bör^fgixuF u 

Herausgeben A. J, Sioricr, Wien, l, Bdrsega^se ii 

Für die Redaktion virann^-ortlidi : Dr. Editlia Slctba, Wien 

DtuÖLJ Johann N- Vemay A.-G., Wien, [X., CBni^iu^giHse S— lo 

— 91 — 



THEODOR REIK 




er eigene unb 

Ott 




Geheftet M 8*50, Ganzleinen M 10-50 



Inhalt: Übtr koUckdvts Vcrgcijtn — Jesus und Maria im Talmud — Der hdlige 
Epiphanius vcfidircibl sich — Die wiederautttsiandentn Gölirf — Das Evangtliuin 
da fudai Isdiitioih - Psydioanalytiadit DculUDg d« [udai-Probltnn — Gou und 
Teufel — Die UnheinJichkcil fremdtr GButr und Kulic — Das Unhcimlidie aui 
infanliltn Kompleien — Die ;<quivaiEi.i der TriebgeKtnKilipiaic - Über Diffcrcniieranf; 

Dtr lieiblickendsle und Scharfsinn igste RcliBipnspiydiolDBi! unserer Zeil, 

(Sdiulrejorm , Sfllj) 

Ein geiauiLiiies Budi . . Qner dp beUslen Kopie untct den FsydioaDsJylilteni, 

(Alfred D'obiin in der Voisisdtni Zriluag) 

Gul isi die Analyse d« Fagatismus . . , Man wird eine Meihodr, die su lielc Sacb- 
verhalte aufdedicn kann, nidil a limine abichnen, 

(TVd/, Tiliu! iirter Thiclagüdica LUemkniiiiiaig 
■«, 
Map muBRriks wuchtigen VorstoE anerkennen . . . Rüdsichislus gehi der Weg, zwar 
oft durch Dunkd und Sdireckcn und kaltes Grauen. Aber wer den Mui dazu bar. 
kann sidi gcirost der jadkupdigen Führung Jierks anvcnrauen. (Biemrr JVoAridilrn) 

Daj Budi iit uumitielbar ersdiiiltcind. Es vcrsSunie niemand, dem psychologiachen 
Zusammenbang iisLsdien Christus und Judas licharioih uniei Reiks saitkundigei 
Führung nachzusinnen. Der erste Eindruck mjg leidir ähniidi crsdirediend wnken, wie 
die Begegnung mir dem Hüter der Schwelle ; alleip aucb hier wird lich der Schretk. 
vom Riditigen ricbiig erlebt, als heilsam erweisen. 

{Gro/ Hmnanii keyinimg im We^ züi Vdlendum} 



Mapchea darin wird starken Anstoß erregen und doch . 
etwas in ein neues Licht gerüdit. 



hndet man immer wieder 
(fraijdurltr Zeilungl 



I 

I 



Internationaler Psycfaoanalytisdier Verlag 
Wien, 1., Börsegasse IJ 



THEO DO H REI 




unÖ Öcr 



Gebieftct Mk S-—, Ganxleinen Mk 10-— 

Bcfümmte Ej-filiruiii^cn der psydioanalydsdien PraitJ haben Rtik vi;ranlaßr, die Esijcen^ 
ciaer beflonderec pjydiuditQ Tendeoa, die er ah unbewuGltn CjHtäadniazwjiig bezeidineif 
BUEUDchoieiir Du Symptom dpr Npuroaen rcprücAlidit aidit nur die Kraft der veqiönteQ 
WÜQ^diP, sgudem woendicii oudi die Machi verbietender (icoraliadLer, Ü9Lbeli9cfaerJ 
In^taDzea. (Freud: .Der Selbslveirat dringt dem Menidiea aus aUtn Poreür") Daa unbe- 
wuKie Cätindnia bringt ein Atüäi. piythisdicT Enflaätung, da^ von der partiellen Befrie- 
digung hemthrt, difi das Gesländnia als tüie Art abgescfawädiEe WiederboluDg der phan- 
tanenen Tat cndieinea läßt. Über den Rabmeii der Heilkunde binausgreifmd, meint ReLk 
fn dem vom Über-Idi axisgehenden unbewußten Strafhedürfnisap eine der gFvalligäten, 
Bdiidmlsfarmenden Mädiie dea Mentdienleben; überhaupt za erkennen. Besonders ein- 
gehrmd wb'd vom Verfasser die Kriminologie berüduidiligt. Reik zeigt des femereu die 
niannig^tigen Äußerungen des unbewußten Ge^tindnuzwangeA auf den üebieien der 
Religion (Beidite, SündenbekenntnisJ. des M>^buB, der Spradie und der Kunst. Die Bedeu- 
tung dieser Tendenz für die Kinderpsydiologie und Pidagogik demonstiien er an vielen 
ausHihrlidien Beiapieleu, Das Sdilußkapitel ist dem aazialen GcjLändaisiH'ang gewidmete 
die Paydioanalyae beteilet den Abbau dtr rohen Triebgewall und der S^iiuldgefühie vor. 

.Die bodimtereuante ArbeJI eines Uetgründigen Denkers und scharfen Beobadiiers, deren 
gTofle Bedeutuag für die Weiterentwicklung def PsytJioanalyse die Zukunit zeigen wird." 

(Oslcrrfifhiiifif RidilerzeifungJ 

.Reik versteht n iu giin^ender Weue, seine H^potHesE^ vorzutragen. Ein bewunderns- 
werter Glaube an die Bedeutung der Paydiöanalyie läßt ihn zur hödisten Höhe einei 
optimistisdiä] Zukunftshoflnung aubrdgen. C^^*^- ^tüdländn- in der Uitudmit.) 



Internationaler Psydioanalytisdier Verlag 
Wien, I,, BöTsegasse lÜ 



THE ODO 



EIK 





(ZWEITE, ERGÄNZTE AUFLAGE DER 
,^ROBLEME DER RELIGIONSPSYCHOLOGIE") 

Geheftet Mk 12 —, Gaazleinea Mk 14-— 



Inhalt: l) EinlMiung. — U) Die Cmivadc und die Psydiogcnne der Verjchungsfurdii. 
— JJl) Die Pubrrfätsriien der WUdcn. — IV) Kolnidrc (Somnit des Gelübdes). — V) Da? 
Schofar{Das Widderbom). — Vi) Der Mpaes des Midielangdu 

L!s isi eine adiwere Kost, die vorsidiEig^ gtüoirnnrn und mcbrmais vfrd:ii][ werden muß, — 
gbcr e,i ht eine ArbeJI, die drn ProbJemcD wirkHcii nahe zu konuncn äudir ; es iat 
nidii diese? ewige konipÜJcrende Denken, das su häulig in der übrigen jnedrziDJächen LiLenlur 
uns i±thy (Mauren hafi anmmci . , . Wenn Reik am Sdilussc ieuies Werkes ichieihf, daß er 
der Religionswissensdiafl einen neuen Weg gewiesen hat den er an der H:tnd neinea 
Meisitrs Freud beo^i, dann muß ihm jeder Voürleilalreie, auch wenn er ihm nicht in 
allen Deduktionen folgen kann, recbtgeben. Wie sdimertÜdi mandiem die Sondierung 
relrgiüj-eEhischer Gefühle aein mag, vom wJsscnachafüidien Standpunkt liE sie bereditigt. und 
die Psydioanalyaff ial iweifelaobne befähLgr, diese Erkenalnis in ein bisher unbekanntes Reidi 
zu führen, Reik^ Budi kann nidil referiert werdei^da jedes Referat nur Stückwerk bleiben 
muß; efi isi em Buch^ das durchforscht ru wadcn verdien! und das in sidi den 
Keim neuen Werdens trägt, 

(Prof. Lüpmami in der Zatafiri/i für Sexuahuiismsdiaft.l 



Der Äathrrikcr lindet maudiM IntcreüSanle über Musik, über die Hörncr des Moses von 
Michelangelo und anderes. 

(ProJ. Oeilerrack in der Voiästhtn ZeUung.} 

Es ist ungnneui reizvoll, den sdiarfsinnigen und geistreidien Ableitungen £u folgen^ die 
Reik von vcndiicdcnen religiösen Riten gibl. 

(Mündaier Med. WodiemdinfU 



Internationaler Psydioanalytisdier Verlag 
Wien, L, Börsegasse 11 



THEODOR HEIK 




Gehefeec M 360, Ganzleinen M S*— 

LnbaJi: I) Wie mao Psydioioge wird — 11) Paycholopc und DFp?FSoaaTijaTiDD — 
l\l} Die p^ychologisdie Bedeulupg dea SdkWagcm 

Alle di*i Beitrag? zeichnen aidi durdi Klarhek der GcdaDkengänje, RnaJichktiL dcx 
Spradif und eiur akrivt, fmdiibare Deutung der psydto^o^adipii Situation aiu . . ^ 
DcutEidic AüfatrlluDg des Problems, g?Däuc Se^flsbegrenzuDg, sdivf^ianigc p^/didlogisdif^ 
Intuition. (Magdebur^afie Ztitang} 



THEODOR REIK 




Geheftet M 5-60, Ganzlemeit M 7'— 

Inhaic: 1) Da^ V^Q^m^ — li) Die Ematrhung des Dagmaa -" ID) Dogjup und Zwangs- 
idee [Da^ Dugma als KüntpromiSausdrudi von verdrängten und verdrängcndrn Voriieliungen. 
Zweifel und Hohn in der Do^enbildung Dogma und Agathema- Der Widerama im 
Dogma und in dtr Zwangsidee. Die Eckundärc Briirbatung dn raEionalen Theologe. 
Fides und Jtalio; die zwei ÜbcricugungcD. Yias Tabu des Dogmas, Dai Wunder isi des 
Glaubens Fieb^ies Kind. Das Wiederkehrend-Verdrängie. Die Stellung des Dogmas m der 
Religion. Glnubcns^esEtz und Sictengr%:rz.) 



Internatiofialer Psy-citoanalytisdier Verlag 
Wien, I., BÖrsegasae 11 



SIGM. FREUD 
GESAMMELTE SCHRIFTEN 

Kli Bände in Xiexikoftlormat 



Ton Anna Freud uiia A. J. Storicr 



T) Studien über Hyrterie / Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 1891—1899 
II) Die Traumdeutung 
III) Ergänzungen und Zusatzltapltel T.iir Traumdeutung / Über den Trauno / BeltraEt 

lur Traumlehre / Beiträge zu den .Wiener Diilcussionen" 
tV) Zur Psychopathologie des Allla^leben^ / Dm Inleresse an der Fsjchoaoalyse / 
Über Psychoanalyse / Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 
V) Drei Abhandlungen xur SexuaUheorle / Arbeiten zum Seiualleben und mr 
Neuro ^enlehre / Metapsychologie 
VI) Zur Technik / Zur Einführung dus Narziflmua / Jöiseiti d« Lustprlntlpa /Massen- 
p^ycbologle unä Ich-Analyse / Das Ich und Jas Hl / Anhang 
VII) Vorlesungen itir Einführung in die Psrchi>analysc 
VIII) Krankeneeschlchten 

IX) Der Witz und seine Beziehung zum Unbe^mQten / Der Wahn und die Träume 
in W. Jensens „Gradiva" / Ein? Kindfaeitsennnerung des Leonardo da Vinci 
X) Totem und Tabu / Arbeiten lur Anwendung der Psychoanalyse 
XI) Schriften aus den Jahren 1923 — igaÖ / Geleitworte zu fremden Werken / Gedenk- 
HrtLkel /Vermischte Schriften / Schriften aus den Jahren jgzG — i^aS 

->\ 

Geheftet M l8o. — , in Ganzleinen M aso. — , 
iji Halbleaer (Saiweinsleder) M aOo. — 

Mermann Hesse m der »Neuen B-utidsoiau-i : Eine gro^e, 
BoiÖiie Gesamtausgabe, ein ■würdiges und Terdienstvolles \v erlc 
■wird da unter Daoi gcbraoit. — Prof. S-aymund ochmiat in 
den »Annalen der PnilasopLic« : Ijrudc und Ausstattung sind 
geradeeu aufregend soion. 

Audlülirlioic Prospekte atiJ vertan gpa von 

Internationaler P^ycnoanalytiäciier v erlag 
AV^ien I, Börsegasse %%