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Full text of "Die Psychoanalytische Bewegung I. Band 1929 Heft 4"

I Die psychoanalytische 

tunU 



g I. Jahrgang November alle zember 1929 Heft 4 



Das ozeanisdie Gefühl 

Von 

Sigm. Freud 

Anfangs Januar ersdieint im Internalionalen 
Psydioanaly tischen Verlag unler dem Titel 
„Das Unbehagen in der Kuhur" eine 
neue Sdirift von Sigm. Freud. Das erste Kapitel 
dieses neuen Budies bringen wir hier zum 
Vorabdruck. 

Man kann sich des Eindrudcs nidit erwehren, daß die Menschen 
gemeinhin mit falschen Maßstäben messen, Macht, Erfolg und Reichtum 
für sich anstreben und bei anderen bewundem, die wahren Werte 
des Lebens aber uniersdiatzen. Und doch ist man bei jedem solchen 
allgemeinen Urteil in Gefahr, an die Buntheil der Menschenwelt und 
ihres seelischen Lebens zu vergessen. Es gibt einzelne Männer, denen 
sich die Verehrung ilircr Zeitgenossen nicht versagt, obwohl ihre Größe 
auf Eigenschaften und Leistungen ruht, die den Zielen und Idealen 
der Menge durchaus fremd sind. Man wird leicht annehmen wollen, 
daß es doch nur eine Minderzahl ist, welche diese großen Männer 
anerkennt, wahrend die große Mehrheit nichts von ihnen wissen wiü. 
Aber es dürfte nicht so einfach zugehen, dank den Unstimmigkeiten 
zwischen dem Denken und dem Handeln der Menschen und der Viel- 
stimmigkeit ihrer Wunsdiregungen. 

Einer dieser ausgezeichneten Männer nennt sidi in Briefen mrinen 

JI^Bcvcguag 289 "9 

INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSVCHDANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




Freund. Ich hatte ihm meine kleine Schrift zugeschickt, "welche die 
Religion als Illusion behandelt, und er antwortete, er wäre mit meinem 
Urteil über die Religion ganz einverstanden, bedauerte aber, daß ich 
die eigendiche Quelle der Religiosität nicht gewürdigt hätte. Diese sei 
ein besonderes Gefühl, das ihn selbst nie zu verlassen pflege, das er 
von vielen anderen bestätigt gefunden und bei Miflionen Menschen 
voraussetzen dürfe. Ein Gefühl, das er die Empfindung der „Ewigkeit" 
nennen möchte, ein Gefühl wie von etwas Unbegrenztem, Schranken- 
losem, gleichsam „Ozeanischem". Dies Gefühl sei eine rein subjektive 
Tatsache, kein Glaubenssatz; keine Zusidierung persönhcher Fortdauer 
knüpfe sich daran, aber es sei die Quelle der religiösen Energie, die 
von den verschiedenen Kirchen und Religio nssystemen gefaßt, in be- 
stimmte Kanäle geleitet und gewiß auch aufgezehrt werde. Nur auf 
Grund dieses ozeanischen Gefühls dürfe man sich religiös heißen, audi 
wenn man jeden Glauben und jede Illusion ablehne. 

Diese Äußerung meines verehrten Freundes, der seihst einmal den 
Zauber der lUusion poetisdi gewürdigt hat, brachte mir nicht geringe 
Schwierigkeiten. Ich selbst kann dies „ozeanische" Gefühl nicht in mir 
entdecken. Es ist nicht bequem, Gefühle wissenschafiUch zu bearbeiten. 
Man kann versuchen, ihre physiologischen Anzeichen zu beschreiben. 
Wo dies nicht angeht, — idi fürchte, augh das ozeanische Gefühl wird 
sich einer solchen Charakteristik entziehen, -«»- bleibt doch nichts übrig, 
als sich an den Vorstellungsinhalt zu halten, der sich assoziativ am 
ehesten zum Gefühl gesellt. Habe ich meinen Freund richtig verstanden, 
so meint er dasselbe, was ein origineller und ziemlich absonderlicher 
Dichter seinem Helden als Trost vor dem freigewähken Tod mitgibt : 
„Aus dieser Welt können wir nicht faUen."' Also ein Gefühl der un- 
auflösbaren Verbundenheit, der Zusammengehörigkeit mit dem Ganzen 
der Außenwelt. Ich möchte sagen, für mich hat dies eher den Charakter 
einer mteUektuellen Einsiclit, gewiß nicht ohne begleitenden Gefühls- 
ton, wie er aber audi bei anderen Denkakten von ähnlidier Tragweite 

i) D. Chr. Grabbe : Hannibal: „Ja. aus der Welt werden wir nicht fallen. Wir sind 
einmal darin." 

— 290 — 



nidit felilen wird. An meiner Person konnte idi midi von der pri- 
mären Natur eines soldien Gefühls nicht überzeugen. Darum darf ich 
aber sein tatsädiliches Vorkommen bei anderen nidit bestreiten. Es 
fragt sidi nur, ob es riditig gedeutet wird und ob es aJs „fons et origo" 
aller religiösen Bedürfnisse anerkannt werden soll. 

Idi habe nichts vorzubringen, was die Lösung dieses Problems eni- 
sdieidend beeinflussen würde. Die Idee, daß der Mensch durch ein 
unmittelbares, von Anfang an hierauf gerichtetes Gefühl Kunde von 
seinem Zusammenhang mit der Umwelt erhalten sollte, klingt so fremd- 
3>^"g> fügt sidi so übel in das Gewebe unserer Psychologie, daß eine 
psydioanalytisdie, d. i. genetische Ableitung eines solchen Gefühls ver- 
sucht werden darf. Dann stellt sich uns folgender Gedankengang zur 
Verfügung: Normalerweise ist uns nichts gesicherter als das Gefühl 
unseres Selbst, unseres eigenen Idis. Dies Ich ersdieint uns selbständig, 
einheidich, gegen alles andere gut abgesetzt. Daß dieser Anschein ein 
Trug ist, daß das Ich sich vielmehr nach innen ohne scharfe Grenze 
in ein unbewußt seeiisches Wesen fortsetzt, das wir als Es bezeichnen, 
dem es gleichsam als Fassade dient, das hat uns erst die psychoanaly- 
tische Forsdiung gelehrt, die uns noch viele Auskünfte über das Ver- 
hältnis des Ichs zum Es schuldet. Aber nach außen wenigstens scheint 
das Ich klare und scharfe Grenzlinien zu behaupten. Nur in einem 
Zustand, einem außergewöhnlichen zwar, den man aber nicht als krank- 
haft verurteilen kann, wird es anders. Auf der Höhe der Verliebtheit 
droht die Grenze zwisdien Ich und Objekt zu verschwimmen. Allen 
Zeugnissen der Sinne entgegen behauptet der Verliebte, daß Idi und 
Du Eines seien und ist bereit, sich, als ob es so wäre, zu benehmen. 
Was vorübergehend durch eine physiologische Funktion aufgehoben 
werden kann, muß natürlich auch durch krankhafte Vorgänge gestört 
werden können. Die Pathologie lehrt uns eine große Anzahl von Zu- 
ständen kennen, in denen die Abgrenzung des Ichs gegen die Außen- 
welt unsidier wird, oder die Grenzen wirklich unrichtig gezogen 
werden; Fälle, in denen uns Teile des eigenen Körpers, ja, Stücke 
des eigenen Seelenlebens, Wahrnehmungen, Gedanken, Gefühle wie 

~ 291 - 



fremd und dem Ich nicht zugehörig erscheinen, andere, in denen man 
der Außenwelt zuschiebt, was offenbar im Ich entstanden ist und von 
ihm anerkannt werden suDte. Also ist auch das Idigefiihl Störungen 
unterworfen und die Ichgrenzen sind nicht beständig. 

Eine weitere Überlegung sagt : Dies fchgefühl des Erwachsenen 
kann nicht von Anfang an so gewesen sein. Es muß eine Entwick- 
lung durdigemadit haben, die sich begreiflidi erweise nicht nachweisen, 
aber mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit konstruieren laßt.' Der Säug- 
ling sondert nodi nicht sein Ich von einer Außenwelt als Quelle der 
auf ihn einströmenden Empfindungen. Er lernt es allmählich auf ver- 
schiedene Anregungen hin. Es muß ihm den stärksten Eindruck 
machen, daß manche der Erregungs quellen, in denen er später seine 
Korperorgane erkennen wird, ihm jederzeit Empfindungen zu- 
senden können, während andere sich ihm zeit weise entziehen — 
darunter das Begehrteste : die Mutterbrust — und erst durch ein Hilfe 
heischendes Schreien herbeigeholt werden. Damit stellt sich dem Ich 
zuerst ein „Objekt" entgegen, als etwas, was sich , außerhalb' befin- 
det und erst durch eine besondere Aktion in die Ersdieinung gedrängt 
wird. Einen weiteren Antrieb zur Loslösung des Ichs von der Empiin- 
dungsmasse, also zur Anerkennung eines „Draußen", emer Außen- 
welt, geben die häufigen, vielfältigen, unvermeidUchen Schmerz- und 
Unlustempfindtmgen, die das unumschrMkt. herrschende Lustprinzip 
aufheben und vermeiden heißt Es entsteht die Tendenz, alles, was 
Quelle solcher Unlust werden kann, vom Idi abzusondern, es nach 
außen zu werfen, ein reines Lust-Idi zu bilden, dem ein fremdes, 
drohendes Draußen gegenüberstellt. Die Grenzen dieses primitiven 
Lust-Ichs können der Berichtigung durch die Erfahrung nicht ent- 
gehen. Manches, was man als lustspendend nicht aufgeben mödite, ist 
doch nicht Ich, ist Objekt, und manche Qual, die man hinausweisen 
will, erweist sich doch als unabtrennbar vom Ich, als innerer Her- 

i) S. die zahlreichen Arbeiten ülier I dient witklunj; und Idhgefühl van Ferencii, 
Eniwicfclungbstiifen des Wirltlichlieitssinnes jigig), bis zu den Bei [rügen von P. Federe 
192Ö, 27 und später. 

— 292 — 



kunft. Man lernt ein Verfahren kennen, wie man durch absididiche 
Lenkung der Sinnestätigkeit und geeignete Muskelaktion Innerliches 
— dem Ich angehöriges — und Äußerliches — einer Außenwelt ent- 
stammendes — unterscheiden kann und tut damit den ersten Schritt 
zur Einsetzung des Realitätsprinzips, das die weitere Entwicklung be- 
herrschen soll. Diese Unterscheidung dient natürlich der praktischen 
Absicht, sich der verspünen und der drohenden Unlustempfindungen 
zu erwehren. Daß das Ich zur Abwehr gewisser Unlüste rregun gen aus 
seinem Inneren keine anderen Methoden zur Anwendung bringt, als 
deren es sich gegen Unlust von Außen bedient, wird dann der Aus- 
gangspunkt bedeutsamer krankhafter Störungen. 

Auf solche Art löst sich also das Ich von der Außenwelt. Richtiger 
gesagt: Ursprünglich enthält das Ich alles, später scheidet es eine 
Außenwelt von sich ab. Unser heutiges Idigefühl ist also nur ein ein- 
geschrumpfter Rest eines weitumfassenderen, ja, — eines allumfassen- 
den Gefühls, welches einer innigeren Verbundenheit des Ichs mit der 
Umwelt entsprach. Wenn wir annehmen dürfen, daß dieses primäre 
Idigefühl sich im Seelenleben vieler Menschen — in größerem oder 
geringerem Ausmaße — erhalten hat, so würde es sich dem enger 
und schärfer umgrenzten Ichgefühl der Reifezeit wie eine Art Gegen- 
stück an die Seite stellen, und die zu ihm passenden Vorstellungs- 
inhalte wären gerade die der Unbegrenztheit und der Verbundenheit 
mit dem All, dieselben, mit denen mein Freund das „ozeanisdie" Ge- 
fühl erläutert. Haben wir aber ein Redit zur Annahme des Über- 
lebens des Ursprünglichen neben dem Späteren, das aus ihm gewor- 
den ist? 

Unzweifelhaft; ein solches Vorkommnis ist weder auf seehschem. 
noch auf anderen Gebieten befremdend. Für die -Tierreihe halten wir 
an der Annahme fest, daß die höchstentwickelten Arten aus den 
niedrigsten hervorgegangen sind. Doch finden wir aUe einfachen 
Lebensformen noch heute unter den Lebenden. Das Geschlecht der 
großen Saurier ist ausgestorben und hat den Säugetieren Platz ge- 
macht, aber ein richtiger Vertreter dieses Geschlechts, das Krokodil, 

— 293 — 



lebt nodi mit uns. Die Analogie mag m entlegen sein, krankt auch 
an dem Umstand, daß die überlebenden niedrigen Arten zumeist nicht 
die richtigen Ahnen der heutigen, höher entwickehen sind. Die 
Zwischenglieder sind in der Regel ausgescoiben und nur durch Re- 
konstruktion bekannt. Auf seelischem Gebiet hingegen ist die Erhal- 
tung des Primitiven neben dem daraus entstandenen Umgewandelten 
SO häufig, daß es sich erübrigt, es durch Beispiele zu beweisen. Meist 
ist dieses Vorkommen Folge einer Entwicklungsspaltung. Ein quantita- 
tiver Anteil einer Einstellung, einer Triebregung, ist unverändert er- 
halten geblieben, ein anderer hat die weitere Entwicklung erfahren. 
Wir rühren hiermit an das allgemeinere Problem der Erhaltung im 
Psychischen, das kaum noch Bearbeitung geiiinden hat, aber so reiz- 
voll und bedeutsam ist, daß wir ihm auch bei unzureichendem Anlaß 
eine Weile Aufmerksamkeit schenken dürfen. Seitdem wir den Irrtum 
überwunden haben, daß das uns geläufige Vergessen eine Zerstörung 
der Gedächtnisspur, also eine Vernichtung bedeutet, neigen wir zu 
der entgegengesetzten Annahme, daß im Seelenleben nichts, was ein- 
mal gebildet wiu^de, untergehen kann, daß alles irgendwie erhalten 
bleibt und unter geeigneten Umständen, z. B. durtli eine so weit 
reidiende Regression wieder zum Vorschein gebracht werden kann. 
Man versuche sich durch einen Vergleich«»us einem anderen Gebiet 
klar zu machen, was diese Annahme zum InTialt hat. Wir greifen etwa 
die Entwicklung der Ewigen Stadt als Beispiel auf.' Historiker be- 
lehren uns, das älteste Rom war die Roma quadrata, eine umzäunte 
Ansiedlung auf dem Palatin. Dann folgte die Phase des Septimontium, 
eme Vereinigung der Niederlassungen auf den einzelnen Hügeln, 
darauf die Stadt, die durch die Servianlsdie Mauer begrenzt wurde, 
und noch später, nach all den Umwandlungen der republikanischen 
und der frühen Kaiserzeit die Stadt, die Kaiser Aurelianus durch seine 
Mauern umschloß. Wir wollen die Wandlungen der Stadt nicht weiter 
verfolgen und uns fragen, was ein Besucher, den wir mit den voll- 

i) Nach The Cambridge Ancieni: Hisiory, T. VII, igaS. ,The founding of Rome" 
by H 11 g h L a 5 1. 

— 294 — 



d 



kommensten historischen und topographischen Kenntnissen ausgestattet 
denken, im heuligen Rom von diesen frühen Stadien noch vorfinden 
mag. Die aureUanische Mauer wird er bis auf wenige Durchbrüclie 
fast unverändert sehen. An einzelnen Sechen kann er Strecken des 
Servianischen Walles durch Ausgrabung zu Tage gefördert finden. 
Wenn er genug weiß, — mehr als die heutige Archäologie, — kann 
er vielleidit den ganzen Verlauf dieser Mauer und den Umriß 
der Roma quadrata ins Stadtbild einzeichnen. Von den Gebäuden, 
die ernst diese alten Rahmen ausgefüllt: haben, findet er nichts oder 
geringe Reste, denn sie bestehen nicht mehr. Das Äußerste, was ihm 
die beste Kenntnis des Roms der Republik leisten kann, wäre, daß 
er die Stellen anzugeben weiß, wo die Tempel und Öffendichen Ge- 
bäude dieser Zeit gestanden hatten. Was jetzt diese Stellen emnimmt, 
sind Ruinen, aber nicht ihrer selbst, sondern ihrer Erneuerungen aus 
späteren Zeiten nach Bränden und Zerstörungen. Es bedarf kaum 
noch einer besonderen Erwähnung, daß alle diese Überreste des alten 
Roms als Einsprengungen in das Gewirre einer Großstadt aus den 
letzten Jahrhunderten seit der Renaissance erscheinen. Manches Alte 
ist gewiß noch im Boden der Stadt oder unter ihren moderneren Bau- 
werken begraben. Dies ist die Art der Erhaltung des Vergangenen, 
die uns an historischen Städten wie Rom entgegentjitt. 

Nun machen wir die phantastische Annahme, Rom sei nicht eine 
menschliche Wohnstätte, sondern ein psychisches Wesen von ahnhch 
langer und reichhaltiger Vergangenheit. In dem also nichts, was ein- 
mal zustande gekommen war, untergegangen ist, in dem neben der 
letzten Entwicklungsphase auch alle frülieren noch fortbestehen. Das 
würde fiir Rom also bedeuten, daß auf dem Palatin die Kaiserpaläste 
und das Septixonium des Septimius Severus sich noch zur alten Hohe 
erheben, daß die Engelsburg nodi auf ihren Zinnen die sdionen 
Statuen trägt, mit denen sie bis zur Gothenbelagerung geschmückt 
war, usw. Aber noch mehr : an der Stelle des Palazzo CafFarelli stünde 
wieder, ohne daß man dieses Gebäude abzutragen brauchte, der Tem- 
pel des Kapitolinischen Jupiter, und zwar dieser nicht nur in seiner 

— 295 — 



letzten Gestalt, wie ihn die Römer der Kaiserzeit sahen, soijdem auch 
in seiner frühesten, als er noch etruskische Formen zeigte und mit 
tönernen Aniifixcn geziert war. Wo jetzt das Coliseo steht, könnten 
wir audi die verschwundene Domus aurea des Nero bewundern, auf 
dem Pantheonplatze fänden wir nidit nur das heutige Pantheon, wie 
es uns von Hadrian hinterlassen wurde, sondern auf demselben Gnmd 
auch den ursprünghdien Bau des M. Agrippa, ja, derselbe Boden trüge 
die Kirche Maria sopra Minerva und den alten Tempel, über dem sie 
gebaut ist. Und dabei brauchte es vielleicht nur eine Änderung der 
Blickrichtung oder des Standpunktes von seifen des Beobachters, um 
den einen oder den anderen Anblick hervorzurufen. 

Es hat offenbar keinen Sinn, diese Phantasie weiter auszuspinnen, 
sie führt zu UnvorstellbareTn, ja, zu Absurdem. Wenn wir das histo- 
rische Nacheinander räumlich darstellen wollen, kann es nur durch 
ein Nebeneinander im Raum geschehen ; derselbe Raum verträgt nicht 
zweierlei Ausfüllung. Unser Versuch scheint eine müßige Spielerei zu 
sein ; er hat nur eine Rechtfertigung ; er zeigt uns, wie weit wir davon 
entfernt sind, die Eigentümlichkeiten des seelisdien Lebens durch an- 
schauliche Darstellung zu bewältigen. 

Zu einem Einwand sollten wir noch Stellung nehmen. Er fragt uns, 
warum wir gerade die Vergangenheit einer Stadt ausgewählt haben, 
um sie mit der seelischen Vergangenheit zu •vergleichen. Die Annahme 
der Erhaltung alles Vergangenen gilt audi für das Seelenleben nur 
unter der Bedingung, daß das Organ der Psyche intakt geblieben ist, 
daß sein Gewebe nicht durch Trauma oder Entzündung gelitten hat. 
Zerstörende Einwirkungen, die man diesen Krankheitsursachen gleich- 
stellen könnte, werden aber in der Geschichte keiner Stadt vermißt, 
audi wenn sie eine minder bewegte Vergangenheit gehabt hat als 
Rom, auch wenn sie, wie London, kaum je von einem Feind heim- 
gesucht wurde. Die friedlichste Entwicklung einer Stadt schließt Demo- 
lierungen und Ersetzungen von Bauwerken ein, und darum ist die 
Stadt von vorneherein für einen solchen Vergleich mit einem seeli- 
schen Organismus ungeeignet. 

— 296 — 



Wir weichen diesem Einwand, wenden uns unter Verzicht auf eine 
eindrucksvolle Kontrastwirkung zu einem immerhin verwandteren Ver- 
gleichs Objekt, wie es der tierische oder mensdiliche Leib ist. Aber auch 
hier finden wir das njimiiche. Die früheren Phasen der Entwicklung 
sind in keinem Sinn mehr erhalten, sie sind in den spateren, zu denen 
sie den Stoff geliefert haben, aufgegangen. Der Embryo läßt sich im 
Erwachsenen nicht nadiweisen, die Thymusdrüse, die das Kind besaß, 
ist nach der Pubertät durdi Bindegewebe ersem, aber selbst nicht mehr 
vorhanden; in den Röhrenknochen des reifen Mannes kann ich zwar 
den Umriß des kindlidien Knochens einzeidmen, aber dieser selbst ist 
vergangen, indem er sich streckte und verdickte, bis er seine endgültige 
Form erhielt. Es bleibt dabei, daß eine soldie Erhaltung aller Vor- 
stufen neben der Endgestaltung nur im Seelischen möglich ist, und 
daß wir nicht in der Lage sind, uns dies Vorkommen anschaulicli zu 
machen, 

Vielleidit gehen wir in dieser Annahme zu weit. Vielleicht sollten 
wir uns zu behaupten begnügen, daß das Vergangene im Seelenleben 
erhalten bleiben kann, nicht notwendigerweise zerstört werden 
muß. Es ist immerhin möglich, daß auch im Psychischen manches Alte 
— in der Norm oder ausnahmsweise — soweit verwischt oder auf- 
gezehrt wird, daß es durch keinen Vorgang mehr wiederhergestellt 
und wiederbelebt werden kann, oder daß die Erhaltung allgemein an 
gewisse günstige Bedingungen geknüpft ist. Es ist möglich, aber wu 
wissen nichts darüber. Wir dürfen nur daran festhalten, daß die Er- 
haltung des Vergangenen im Seelenleben eher Regel als befremdliche 
Ausnahme ist. 

Wenn wir so durchaus bereit sind, anzuerkennen, es gebe bei vielen 
Menschen ein „ozeanisdies" Gefühl, und geneigt, es auf eine frühe 
Phase des Ichgefühls zurückzuführen, erhebt sich die weitere Frage, 
welchen Ansprucli hat dieses Gefühl, als die Quelle der religiösen 
Bedürfnisse angesehen zu werden. 

Mir erscheint dieser Anspruch nicht zwingend. Ein Gefühl kann 
doch nur dann eine Energiequelle sein, wenn es selbst der Ausdruck 

— 297 — 



eines starken Bedürfnisses ist. Für die religiösen Bedürfnisse scheint 
mir die Ableitung von der infantilen Hilflosigkeit und der durch sie 
geweckten Vaters ehnsudit unabweisbar, zumal, da sich dies Gefühl 
nicht einfach aus dem kindlichen Leben fortsetzt, sondern durch die 
Angst vor der Übermacht des Schicksals dauernd erhalten wird. Ein 
ähnlich starkes Bedürfnis aus der Kindheit wie das nach dem Vater- 
schutz wüßte ich nicht anzugeben. Damit ist die Rolle des ozeanischen 
Gefühls, das etwa die WiederherstcUung des uneingeschränkten Nar- 
zißmus anstreben konnte, vom Vordergrund abgedrängt. Bis zum Ge- 
fühl der kindhchen Hilflosigkeit kann man den Ursprung der reflgiösen 
Einstellung in klaren Umrissen verfolgen. Es mag noch anderes dahinter- 
stecken, aber das verhüllt einstweilen der Nebel. 

Ich kann mir vorstellen, daß das ozeanisdie Gefühl nachträglich in 
Beziehungen zur Reli^on geraten ist. Dies Eins-sein mit dem AU, was 
als GedankeninhaJt ihm zugehört, spricht uns ja an wie ein erster Ver- 
such einer religiösen Tröstung, wie ein anderer Weg zur Ableugnung 
der Gefahr, die das Ich als von der Außenwelt drohend erkennt. Ich 
wiederhole das Bekeimtnis, daß es mir sehr beschwerlich ist, mit diesen 
kaum faßbaren Großen zu arbeiten. Ein anderer meiner Freunde, den 
ein unstiUbarer Wissensdrang zu den ungewöhnlichsten Experimenten 
getrieben und endlich zum Allwisser gem^t hat, versicherte mir, daß 
man in den Yogapraktiken durch Abwendung von der Außenwelt, 
durch Bmdung der Aufmerksamkeit an körperliche Funktionen, diu-di 
besondere Weisen der Atmung tatsachlidi neue Empfindungen und 
AflgemeingefuhJe in sich erwecken kann, die er als Regressionen zu 
uralten, längst überlagerten Zuständen des Seelenlebens auffassen wiU. 
Er siehe in ihnen eine sozusagen physiologische Begründung vieler 
Weisheiten der Mystik. Beziehungen zu manchen dunkeln Modifikati- 
onen des Seelenlebens wie Trance und Ekstase lägen hier nahe. AUein 
mich drängt es, auch einmalmit den Worten des Sc hiller schenTauchers 
auszurufen: „Es freue sidi, wer da atmet im rosigen Licht." 



298 — 



Motorisdies Erleben 

im sdiöpferisdien Vorgang 

Von Alfred Winterstein (Wien) 

^DuriJi Frtd und Wald su sAuni/eit, 

Mein Lieddien jireg^rtp/eifen. 

So gsht's von Ort zu Orl ! 

Und nadi derit T/jkle reget, 

Und nnrh dem Maß bniicgit 

Siik altes an mir JUTt. " 

Goethe: Der Musenfohn. 

Es blieb erst der Psychologie der letzten Jalirzehnce vorbehalten, die eng-e 
Beziehung- zwischen Denken und Handeln aufzuzeigen. Auf die Wichtigkeit 
des motorischen Faktors, insbesondere für das sdiöpferisdie Denken, haben 
zuerst französische Forsdicr, wie Seailles, Bergson und namentlich 
Ribot, hiogewiesen, nachdem Charcot die bekannten drei Vorstellungs- 
typen des visuellen, akustischen und motorischen Menschen aufgestellt hatte. 
Bei diesem Typenuntersdiied handelt es sidi freilich nur um ein sogar nicht 
einmal sehr beträchtliches Überwiegen der einen Vorstellungsart; so dürfte 
es audi — um hier nur von dem uns interessierenden iype moieur zu spredien 
— wirklidie Niditmoiotiker gar nicht geben (die motorisdien Erlebnisse ver- 
laufen eben nur unbewußt).' 

Innerhalb der deutschen Wissenschaft hat dann vor allem R. Müller- 
Freienfels die Bedeutung der affekliv-moiorisdien Vorgange für den 
produktiven Denkpro^eß betont und dem zentralen Begriff der Assoziations- 
Psychologie, der „Vorstellung", seinen Begriif der „Einstellung" entgegen- 
gesetzt. Das Wesen des begrifüi dien Denkens ist statt in Vorstellungen 
in Einstellungen zu sudien, das heißt, in Gefühlen und Tätigkeits- 
dispositionen. Das Denken ist ein reaktives, nidit rezeptives Phänomen, ein 
Handeln. Ziel- und Aklivitätsbewußtsein charakterisieren das zielstrebige 
Denken und die schöpferische Phantasie. Das Wissen ist ein dispositionelles 
Denken (nadi W. Betz,' der eine ähnliche aktivistische Theorie vertritt, 
liegt das Wissen irgendwo zwisdien reinen Einstellungen und Erinnerungs- 
bildern); die Einstellung macht auch das Wesen des Verständnisses 
aus, das sich als eine von dem subjektiven Gefühl der Adäquatheit an die 

1} „Aber ein ausschließlich visuelles Erfassen der Welt muß, wenn es überhaupt 
enisticren sollte, nicht nur gefühlsarmer, sondern audi von geringerer intellektueller 
Dcuilidikeit und Vollständigkeit sein, als eine Anschauung, die soldie motorisdie Ele- 
mente in sidi schließt", urleilt Yrjö Hirn („Orlgina of art", London igoo, p. 77 f.)- 

2) Das Denken und die Phantasie, igiö- — Psychologie der Kunst. 2. Aufl. 19:^3. 

3) Psydiologie des Denkens. Leipzig iglS. 

— 299 — 



Tendenz des zu Verstehenden begleitete Disposition zum Handeln darstellt 
die sehr häufig wirkliche motorische Innervationen einschließt. 

Den Zusammenhang zwisdien begrifflichem Denken mid Handeln' betont 
audi P. Schilder. Er sdireibt darüber in seiner „ Med izinis dien Psydio- 
iögie' (Berlin 1934, S. 137): „Begriffe sind ideelle Haflpunkte für das 
Handeln. Man kann das Wesen des Begriffes nicht verstehen, wenn man 
sidi nicht klar madit, daß sie die Grundlage für mögJidie Handlungen ab- 
geben. Man sieht aber sogleich, daß gerade das Bedcuiungserlebnis zurf, 
Handeln besonders enge Beziehungen haben muß. Handeln seist etwas Um- 
schriebenes, Klares, Straffes voraus. Das Erlebnis der Bedeutung ist eme 
Vorstufe zum Erlebnis des Wollens und Tuns, mit welcher Betrachtung 
natürlich die phänomenologische Selbständigkeit dieser Erlebnisfoimen nicht 
angetastet wird." Audi die Psychoanalyse vertritt eine ähnliche Auffassung. 
Sie bezeichnet das Denken als ein Probehandeln und läßt die Denkvorgänge 
(audi die Funktion der Aufmerksamkeit,' die nach Freud die Außenwelt 
periodisch „absucht" und den Sinneseindrücken „entgegengeht") sich näher dem 
motorischen als dem Wahrnehm ungsendc des psychischen Apparates abspielen. 

Die Wichtigkeit des motorischen Faktors für das Denken erfälm auch 
eine Bestätigung durch die interessanten Versuche, die A. Flach [Über 
symbohsche Schemata im produktiven Denkprozeß, Arch. {. d. ges. Psycho!., 
5K. Bd. 1925) unternommen hat. Es gelang ihr, zuerst bei sich selber und 
dann bei anderen Versuchspersonen im Verlaufe des produktiven 
Denkens (nicht bloße Reproduktion eines fertigen Gedächtnisstoffes, 
Wissensaktualisierung) das Auftreten symbolischer Schemata festzustellen, an 
denen erst der Sinn des abstrakten GedanieBrgeh altes erfaßt wurde; ab- 
strakte Beziehungen wurden hier in der Form "von räumlichen und kon- 
kreten Relationen zum Bewußtsein gebracht. Das anschaulidi gegebene Schema 
hat an sich keinen Sinn, keine Bedeutung, sondern nur Darstellungsfunklioii 
und ist ohne den dazugehörigen Gedankengeh alt unverständlich. Die meisten 
dieser Phaniasiebilder haben nun einen deurlidien Akt Charakter ; dem Moto- 
rischen scheint eine große Bedeutung für die Sinnerfassnng zuzukommen.' 
Flach neigt zu der Auffassung, daß selbst dort, wo die Versuchspersonen 

i) A. Stöhr trblickt gltichfall.5 im begrifflidien Denken ein reaktives Phänomen. 
Aus der Art, wie er seine Theorien ansdiaulidi gemadit hat. kann man auf seine starke 
molarische Anlage schließen. 

s) Die Aufmerksamkeit fördert auch in spciilischer Weise das motorische Vorstellen. 

3) Nadi W. ßetz sind Gedanken gedachte funlttionelie Vürgänpe oder gedachic 
Haltungen. Gedanken sind wie die Vorgänge, die man au.^ einer Reihenfolge kinemalo- 
graphischer Aufnahmen macht. Ein Satz hat Sinn, soweit sich ein einigermaßen plau- 
sibler Vorgang daraus madien, ein ungefähres So- Verhalten darin finden läßt. 

— 300 — 



über keine motorisdien Erlebnisse beriditeo können, motorische Impulse un- 
bemerki mitgewirkt haben dürften. Auf Grund unserer Annahme über die 
nahe Beziehung des Denkens zum Handeln werden wir ihrer Ansicht bei- 
pOiditen müssen. 

Ich gebe zwei Beispiele, die den motorisdien Charakter klir erkennen 
lassen ; 

Nr. 17 „Chaos". 

Aufgabe: „Was meinen wir, wenn wir von Chaos sprechen?" 

Vp. macht eine wirbelnde Bewegung mit beiden Händen.' 

Antwort; „So etwas. Eine vollkommen ungeordneie Masse jeder Art. Idi sehe ein 
Zusammenballen einer grauen Masse, wie wenn man Wolken iusammenballen würde. 
Wie wenn Gedärme sidi durdicinander.schieben. große und kleine, dicke und dünne, 
das Ganze ist rund und kugelig, hat keine Ecken, ein großer Knödel, durch den sich 
das Gänse durdiwudt, grau verschieden beliditctes Grau, je nachdem die Teile dunkler 
oder heller, dicker oder dünner waren, absdiattierl." 

Nr. 34, „Demut." 

Aulgabe; .Was meinen wir, wenn wir von Demut spredien ?* 

Antwort: „Ein Zug im Nacken war sofort da. (Vp. neigt den Kopf nadi abwärts.) 
Es ist ein Unterordnen, ohne sich das vorzuhalten, ob es bereditigt ist oder nidit. Aus 
einem gewi.sscn, vielleicht spezifisch-fraulichen Gefühl, ohne dalj man die Eiiipfindunj; 
haue, dali man sich dabei etwas vergibt." Vp, macht die entsprechende Bewegung, die 
sie gleidi zu Anfang gemacht hat, und besdireibt sie : „Es ist ein Sidihintinlerneigen 
und Sidihinneigen zugleich. Denn wenn ich mich hinuntemeige und midi abdrehe, ist 
es nicht mehr Demut." 

A. Fladi hat auch daraufhingewiesen, daß im wissenschaftlichen und künstle- 
rischen Sdiaffensprozeß vielfach soldie Sdiemala, durch die ein allgemeiner Sachver- 
halt symbolisiert wh-d, eine Rolle spielen, und als Beispiele aus der Literatur jene 
von dem Chemiker August von Kekuli berichteten Phänomene angefijhrt, 
auf Grund deren er zur Konzeption der Stnikturtheorie und der Lehre vom 
Benzohing gelangte. Bei Gelegenheit der Festsitzung der Deutschen Chemisdien 
Gesellschaft zur Feier des asjährigen Jubiläums der Benzoltheorie sdjildert sie 
Kekule in nachstehender Weise : 

„Vielleicht ist es für Sie von Interesse, wenn idi durcii höchst indiskrete Mitteilungen 
aus meinem geistigen Leben Ihnen darlege, wie idi zu einzelnen meinet Gedanken ge- 
kommen bin. Während meines Aufenthalles in London wohnte ich längere Zeit in *^ 
Clapliam road in der Nähe des Common. Die Abende aber verbrachte ich vielfach bei 
memcm Freunde ... in Islington, dem entgegengesetzten Ende der Riesenstadt. Wir 
spradien da von mancherlei, am meisten aber von unserer Heben Chemie, An einem 

1) Idi mochte in denjenigen Fällen, wo die abstrakte Bedeutung durch unsere Re- 
aktion auf den Gegenstand besdmmt ist, von einer pragniatischen Sinnctfassung 
sprechen. In der pragmatischen Erfassung wird das motorische Element direkt aufbauend 
für den abstrakten Gedankengchalt" (Flach, S, 40^). 

— 301 — 



Echonci] SommerE^ge fuhr idi wieder einmal mit dem IcLzicn Omnibus durch die in dicaer 
Zeit öden SlraGen der son^t so belebten Weltstadt „oulside" auf dem Dach des Omnibus 
^v\e immer. Ich versank in Träumereien. Da gaukeJtea vor meinen Aupen die Atome 
Ich hatte sie immer in Bewefiunp preschen, jene kleinen Wesen, aber es war mir nie 
gelungen, die An ihrer Bewegung zu erlauschen. Meute sah ich, wie vielfach zwei kleinere 
sich zu Pärchen zusammen füllen, wie größere zwei kleinere umfaßten, noch größere drei 
und selbst vier der kleineren fesüiieltcn und wie sitli alles im wirbelnden Reigen drehte. 
Idi sah. wie größere eine Reihe bildeten und nur an den Enden der Kette noch kleinere 
mitschleppten. Ich sah, ^3S AltmeisEer Kopp ... in seiner „Molekular weit" uns in so 
reifender Weise sdiildert, aber ich sah es lang« vor ihm ... ich verbrachte einen Teil 
der Nacht, um werugslens Skizzen jener Traumgebilde zu Papier zu bringen- So entstand 
die StTükturtheorie- 

Ahnlich ging es mit der Benzoltheorie. Während meines Aufenthaltes in Genf in 
Belgien bewohnte ich elegante Junggesellenzimmer in der Hauptstraße. Mein Arbeits- 
zimmer aber lag nach einer engen Seitengasse und hatte während des Tages kein Lidtt . , . 
Da saß ich und tdirieb an meinem Lehrbuch, aber es ging nicht recht; mein Geist war 
bei anderen Dingen. Ich drehte den Siuhl nach dem Kamin und versank in Halbschlaf. 
Wieder gaukelten die Atome vor meinen Augen. Kleinere Gruppen hielten sich diesmal 
bescheiden im Hintergrund. Mein geistiges Auge, durch wiederholte Gesichte ähnlicher 
Art geschärft, unterschied jetzt größere Gebilde von mannigfaiiier Gestaltung. Lange 
Reihen, vielfach dicliier zusammengefügt ; alles in Bewegung, schlangenartig sich wendend 
und drehend. Und siehe, was war das? Eine der Schlangen erfaßte den eigenen Schwanz 
und höhnisch wirbelte das Gebilde vor meinen Augen. Wie durch einen Blitzstrahl er- 
wachte ich; auch diesmal verbrachte ich den Rest der Nacht, um die Konsequenzen der 
Hypothese auszuarbeiten.'" 

R. Baerwald hat zwar in seiner Abhandlung ,Zur Psychologie der Vor- 
stellungstypen " (Leipzig 1916, S. 437) bestritten, daß in der Eigentümlichkeit, 
das vorgestellte Objekt in Bewegung darzustellen, etn Kennieidien be- 
gleitender motorischer Reproduktionen oder besonderer motorisdier Anlage zu 
erblicken sei'; trotzdem meme idi int Einklang mit der Annahme A. Flachs, 
daß Kekules Visionen auch deutliche motorische Elemente enthalten. In dieser 
Auffassung werde ich durch eine Studie „Symbolisches Denken in der che- 
mischen Forschung" (Imago, Bd. I, igia) von Dr. Alfred Rob i tsek bestärkt, 
die den Inhalt dieser Traumbilder psytho analytisch zu deuten versucht und der 
Aulmerksamkeit Flachs entgangen zu sein scheint. In der von Robitsek zut 
Gänze wiedergegebenen Rede des großen Chemikers spricltt dieser von seinem 
„unwiderstehlichen Bedürfnis nach AnschatJÜchkeit" (starke visuelle Begabting) 
urid seinem zeichnerischen Talent, das seinen Vater auch ursprünglich veran- 
laßte, ihn für das Studiimi der Architektur zu bestimmen. Reproduktionen von 

1) „Bewegungen werden uns ebensugui durch das Auge wie durdi die kinäsihetische 
Empfindung geboten, und da Bewegtes ein größeres Interesse tu wecken pilcgt al.s Still- 
stehendes, so kann die Tendenz zur Bevoraugung der Reproduktion bewegter Objekte 
sich recht wohl auch bei rein oder vorwiegend Visuellem entwickeln." Das gefühlsmäßige 
Interesse Vi'mi aber eben durch die motoristhe Resonanz geweckt. ^ 

— 302 — 



Bewegungä- und Scellungsempfindungeii, die für die sachmolorisdie ' Anlage 
diarakterisiisch sind, spielen aber, wie Baerwald selbst hervorhebt, der viaueilcTi 
Vorstellung geeenüber nicjit nur in der Plastik, sondern auch beim (farblosen) 
Zeidinen eine vorherrschende Rolle, In der ersten der beiden Visionen Kekules 
findet sich audi ein Ausdruck, der auf eine Tendenz zu imitativen Bewegungen 
schließen läßt, die dem sachmotorisdien Vorstellen eigenlümlidi ist. Es heißt 
dort ; ,Da gaukelten vor meinen Augen die Atome. Ich hatte sie immer in 
Bewegung gesehen, jene kleinen Wesen, aber es war mir nie gelungen, die 
Art ihrer Bewegung zu erlauschen, "■■' Robitsek hat sich in fein- 
sinniger Weise bemüht, die tieferen Wurzeln dieser bei dem Forsdier stets 
wiederkelirenden Visualisationen latenter chemischer Gedanken aufzudecken ; 
er nimmt an, daß der bewußte Wunsdi, die Lösung des wisse nsdiaftli dien 
Problems, zur Darstellung seiner Erfüllung anderes, unbewußtes Material, u. zw. 
bedeutsame Kindheitserinnerungen verwendet habe. Der Ringelreihen der Atome 
verwandelt sich für den Analytiker zurück in eine Szene aus der frühen 
Jugendzeit des Chemikers, als die Mutter mit ihren Kindern spielte und die 
größeren Geschwister die kleineren berni Tanzen an den Händen hielten. 
„Vielleicht", bemerkt bezeichnenderweise Robitsek, „gelangten von den Kind- 
heitserinnerungen nicht die Formen (der Ersdieinungen), sondern nur die Art 
der Bewegungen als das Verbindende, als tenium comparanonis zwischen 
Fernem und Aktuellem ins Traumbewußtsein.' Wir werden hier auch auf den 
symbolischen Chai-akter vieler Bcwegungs Vorstellungen aufmerksam. Es ist eben, 
wie R. Müller-Freienfels in seiner „Psychologie der Kunst- (S. 139) 
hervorhebt, für den motorisdien Typus des Schaffenden cJiaTakterisiisch, daß 
bereits dessen Apperzeptions weise motorisch ist, daß sich ihm .der darzustellende 
Stoff gleichsam in ein Drama von motorisdien Anstößen auseinanderlegt. Das 
wird sich z. B. so äußern, daß dem Dichter seine Gestalten nicht zuerst denkend 
und spredjend, sondern vor allem in G es t e n und Gebärden han- 
delnd in der Phantasie erscheinen, dem Musiker wird sich das 
ganze Werk vom Rhythmus aus aufbauen und dem Maler, soweit er nicht 
menschhdie Gestalten in Bewegung darstellt, werden vor allem Linien, die den 
motori.^dien Apparat anregen, zu Erlebnis werden." R i b o t [Essai sur l'imagi- 
nation creatrice. 2. Aufl. Paris 1905) erblickt sogar das Wesentliche des 
schöpferischen Vorganges in dem motorisdien Charakter der Bilder ; diese Be- 
wegungsvorstellungen im weiteren Sinne sind nun nicht bloß vorgestellte Be- 



1) D. h. die Fähigkeit lur Reprodukiion von Empfindungen solcher Körperhewc- 
Eungen, die keinen spradJichen Symbolwert haben [Bewegungen der GlicdmiGen, des 
Kopfes, des Rumpfes). 

2) Von mir gesperrt. 

— 303 — 



wegungen, sondern sie enihalten audi rudimeniäre Innervationen, die Empfin- 
dungen mit sich führen. Ea ist ja in Wirkiiclikeit unmöglich, genau zu be- 
stimmen, wo die motorische Vorstellung aulliört und die motorische Empfindung 
beginnt. Eine rein vorstellungsmotorische Anlage dürfte es kaum geben. „Die 
Vorstellung einer Bewegung ist eine Bewegung im Entstehen", behauptet Riboi, 
Es ist vielleicht nicht überflüssig, nodimals darauf hinzuweisen, daß unter 
Bewegungs Vorstellungen kinästhe tische Reproduktionen und nicht Gesiditsvor- 
slellungen bewegter Objekte zu verstehen sind ; ich glaube aber eben doch, 
daß aucli bei der visuellen Art des Denkens dort, wo Bewegung und ausdrucks- 
volle Haltung der Phantasie figuren eine Rolle spielen, der Schluß aut motorisdie 
Phänomene gestattet ist. Dies möchte ich zum Beispiel bei Ono Ludwig 
vermuten, der in seinen „Studien zum eigenen Schaffen" in einzigartiger Weise 
die Entwicklung seiner Dramen aus der Keirasiluation geschildert hat : 

-Es geht eine Suininung voraus, eine musikalische, die wird mir zur Farbe, dann seJic 
idi Gestalten, ' eine oder mehrere in irgendeiner Siellung und Gebärdung für sich oder 
gegeneinander, und dies wie einen Kupferstidi auf Papier von jener Farbe, oder, genauer 
ausgedrückt, wie eine Marmarstatue oder plastisdie Gruppe, auf welche die Sonne durch 
einen Vurhang fallt, der jene Farbe hat . . , Wunilerlidierweisc ist jenes Bild oder jene 
Gruppe gewohnlidi nidit das ßiJd der Katastrophe, n^andimal nur eine diarakterislisdie 
Figur in irgendeiner pathetischen Stellung ; an diese sdilleßt sich aber sogleich eine 
ganze Reihe, und vom Studie erfahre ich nidit die Fabel, den novellistischen Inhalt 
zuerst, sondern bald nach vorwärts, bald nach dem Ende au von der erstgeschenen 
Situation aus sdiießen immer neue plastib dl -mimische Ge&taitcn und Gruppen an, bis it'h 
das ganic Stück in allen seinen Szenen habe ; dies alles in großer Hast, wobei mein 
Bewußtsein ganz leidend sidi verhält, und eine Art kürpcrlicher Beängstigung midi 
in Händen hat . . . Nun Sndet sidi zu den Gebärden audi die Sprache. Ich achreibe auf, 
was ich aufschreiben kann, aber wenn mich die Stimmung verläßt, ist nur das Aufge- 
schriebene nur ein toter Buchstabe." '^ 

Ähnlich läßt sich der Dichter in seinen „Shakespeare-Stuilien" vernehmen: 
.Erst bloße Stimmung, zu der sidi eine Farbe gesellte, entweder ein tiefes mildes 
Goldgelb, oder ein glühendes Garmoisin — in dieser Beleuchtung wurde allmählich 
eine Gestalt sichtbar, wenn ich nicht sagen soll, eine Stellung, d, h. die Fabel etland 
sidi, und ihre Erfindung war nichts anderes als das Entstehen und Feitigwerden der 
Gestalt und Stellung. Aber diese war so sehr Hauptsadie, d. h. eine genau begrenzte 
lebendigste Anschauung eines Mensdien in einer gewissen Stellung, daß, sowie das 
mindeste daran unbestimmt wurde, meine Fabel und mein Interesse sich daran ver- 
wirrten . . . Der Erbiorater, die Judith und die Lea, auch selbst die Heiterethei sdiweb- 

i) Man vergleidie hiemit, was Hebbel an die Prinzessin Witigenstein sdireibt 
{Briefwechsel, hrsg. von Bamberg II, 475) : „Mir ist ein Drama im budisiäbiichsten Sinne 
dasselbe, was einem Jäger eine Jagd ist; ich bereite midi so wenig darauf vor wie auf 
einen Traum und begreife nidit einmal, wie man das kann . . . Ich sehe Gestalten, mehr 
oder weniger hell beleuditet, sei es nun im Dämmerlicht meiner Phantasie oder der 
Geschichte, und es reizt mich, sie festzuhalten wie der Maler ; Kopf nadi Kopf tritt her- 
vor, und alles übrige findet sich hinzu, wenn idi es brauche." 

— 304 — 



i 



ten mir in iulchen Ansdiauungen vor . . . Beim Anhören einer Beethoven'sch«n Sym- 
phonie siand das Bild plötzlich vor mir, in glQhcnd carmoisinem Lrdit, wie in bengali- 
sdier Beleuditung, eine Gesiali, die mit ihrer Geberde im Widerspruch, ohne daß idi 
noch wußie, wer die Gesiall, noch was ihr Tun sei. Da? wurde mir ersi atlmlhlidi 
klar, wie die Fabel entstand, wobei mein Wille und alle bewuEte Täiiekeit sich passiv 
verhiclien. " 

Nur im Vorübergehen verweise idi auf das Otto Ludwig eiKentümlidie 
Farbenhoren, das audi beim Lesen dichterischer Werke auftrat'; ob beson- 
dere Kiudheitserlebnisse (erotischer Natur?) mit der konstitutionellen Eig- 
nung hier zusammentrafen, um diese Synästhesien zu fijtieren, bleibt uns 
freilich verschlossen,' Übrigens erwähnt audi Fladi, daß ihre Versuchsper- 
sonen vielfach über Synästhesien berichten. In einem unmittelbaren Zu- 
sammenhang mit motorisdien Momenten sdieint die musikalische Sdmmung 
zu stehen, die den dichterisdien Prozeß bei Otto Ludwig regelmäßig ein- 
leitet. Wir wissen auf Grund der Selbstbekenntnisse zahkejcher Dichter,» 
weldien Einfluß Musik auf ihr Schaffen ausübte. S. Rahmer (Aus der 
Werkstatt des dramatischen Genies. Mündien 1906) ist sogar so weit ge- 
gangen, hierin eine gesetzmäßige Beziehung zu erblicken. Es dürfte sich in 
Wirklichkeit um folgende Verbindung handeln. Nach R. Baerwald hängt 
die empfindungsmotorische Anlage einmal von der Irradiabilität (Rellexerreg- 
barkeit) ab, dann aber auch von der Stärke und Deutlichkeit der motori- 
schen Reproduktionen, die ein Durchschlagen nach außen, eine Verwand- 
lung in wirkliche Bewegungsansätze bewh-ken. Da nun die zweite Spielart 
der motorischen Anlage, die vors tellungs motorische, gleichfalls auf einer 
hohen Ausbildung der kinästhetischen Reproduktion beruht, kann man ganz 
allgemein sagen; Gesteigerte Irradiabilität und motorische Ideation sind die 
beiden Grundlagen des motorisdien Typus. Die Herabsetzung der Hem- 
mungen und Widerstände, in der das Wesen der Irradiabilität besteht, wird 
aber nicht nur motorische Phänomene leichter auslösen, sondern auch den 



1) „Diese Farbenersdieinung habe ich audi, wenn ich ein Dichiungswerk gelesen, 
das mich ergrilTen hat ; versetac ich mich in eine Stimmung, wie sie Goeihes Gedidiie 
Ceben, ,50 habe idi ein gesättigt Goldgelb, ins Goldbraune spielend, wie Sdiiller, so 
habe ich ein strahlendes Carmoisin ; bei Shakespeare ist jede Szene eine Nuance der 
besonderen Farbe, die das ganze Stück hat," 

a) Siehe die Arbeiten von Bleuler (Zur Theorie der Sekundarempfindungen. 
Zeitsdlr. f. Psychol. u. Physiol. d, Sinnesorgane. 05. Bd. igä^j, Hug-Hellmuth 
(Ober Farbenhören. Imago i, igis) und Pfliicr (Die Ursache der Farbenbegleitung 
bei afcususdien Wahrnehmungen und das Wesen anderer Syiiäslhesicn. Imago I, 1912.) 

3] Alfieri, Schiller, Kleist, Hebbel. Audi Hebbel halte so wie 
O. Ludwig Gesidilserschelnungen : bei dem ersten Akt seiner Genoveva schwebte 
ihm die Farbe eines Herbstmorgens vor, beim Hetodes vom Anfang bis zum Ende das 
brennendste Rot. Als er den ILpilog zur Genoveva dichtete, habe er eine angeschossene 
Taube fliegen gesehen. 

PsA. Bewegung 305 >" 



Ablauf der Assoziationen besdileunigen und die Pliantasietaiijjkeit beflügeln. 
Weil die Musik — auch dadurch, daß sie lebhafte Affekte weckt — die 
Irradiabilität steigert, erscheint iiire inspiratorisdie Bedeutung für den diditeri- 
schen Produktionsprozeß versländlidi. Freilich muß man zwischen den durch 
äußere Klangreize hervorgerufenen Empfindungen und Gefühlen und den bei 
Diditern spontan auftretenden Ton Vorstellungen oder musikalischen Stim- 
mungen unterscheiden, die wohl assoziativ motorisdie Reproduktionen nadi 
sich zieheD. 

Die seit alter Zeit bekannte Wirkung der Musik als eines antimelandioü- 
sehen Heilmittels (siehe audi meine Arbeit über „Dürers ,Melandiolie' im 
Lidite der Ps>'dioanaIj'se'',Wiei] 1939) erklärt sich aus den gleichen Voraussetzun- 
gen, da beim Melancholiker die motorisdie Erregbarkeit herabgesetzt und der 
Gedanke nablauf gehemmt ist. Die Musik soll dann eben den Übergang zur 
manisdien Phase durch Aufhebung der Widerstände erleiditern. Aach der 
Dichter scheint den dem narzisstiscfa-manischen Schaffens Vorgang vorher- 
gehenden Hemmungszustand wie eine melancholische Depression za empfin- 
den; mannigfadie Klagen' der Künsder über die Zeiten, da die Produk- 
tion gänzlich schweigt, lassen dies demlidi erkennen. Idi komme in einem 
anderen Zusammenhange nodi darauf zurück. 

Gegen meine Auffassung, daß die Visionen Otto Ludwigs motorisdie 
Momente enthalten, scheint ein von Baerwald angeführtes charakterisli- 
sdies Merkmal der motorischen Vorstellung zu sprechen: sie trägt den 
Stempel der Spontaneität im Gegensatze zu der Passivität der von ihr isolier- 
ten akustischen und visuellen Reproduktion. Der Spontaneitätsdiarakler der 
motorischen Vorstellung erklärt sich aus der besonders innigen Beziehung 
der zugrunde liegenden Bewegungsempfindung ftim Ichgefühl oder zur , Ich- 
liebe", wie Baerwald es audi nennt. Das Gegenteil der Spontaneität ist 
„Erleiden, Fremdheits- und Zwangs charakter eines Tuns." Nun sagt aber 
0. Ludwig ausdrüddidi: „ . . . dies alles in großer Hast, wobei mein Be- 
wußtsein ganz leidend sicli verhält, und eine An körperlidier Beängstigung 
midi in Händen hat . . ." und an der zweiten Stelle: „. . . wobei mein 
Wille und alle bewußte Tätigkeit sich passiv verhielten." Gerade die von 
O. Ludwig verwendeten Bezeichnungen lassen jedoch den Schluß zu, daß 
es sich hier um Bewegungen, allerdings um scheinbar passive, durdi plötz- 
liche Aufhebung von Verdrängungen entbundene, bewußtseins fremde Be- 
wegungen handelt, die das paradoxe, beängstigende Gefühl des Erleidens, 

Journal lies Goncuurt !I 3,5, Klauben. Briefe. 38, 81, 117, Keller, TaEcbüclier, 
III. lüg, 345, Grillparier, Briefe und Tagebüdier, 62, 1)5 (bei Behaghel, Bewußtes 
und Unbewußtes im dichterischen Schaffen, Leipzig igo?, S. 55 f.). 

_ 306 _ 



der WiUenspassivität durch den Gegensaß zu dem der Bewegung ao sidi 
anhaftenden Idigefühl hervorrufen. Würden bloß visuelle Vorstellungen im 
Denken des Didilers eine Rolle spielen, so wurde er die Einstellung seines 
ZA vielleicht mit Wonen wie „ruhig, nnbeteiligt^ diarakterisieren, aber nidit 
ein peinlidi empfundenes Gefühl der Unfreiheit zum Ausdruck bringen. 
Wenn Hebbel erzähl:, daß er beim Dichten des Epiloges zur Genoveva eine 
angesdiossenc Taube fliegen gesehen habe, oder wenn GriUpar^er' den An- 
blick des auf einem Titelkupfer in Bewegung dargesteUtcn Kriegsgottes 
Mars als mspirations weckend bei der Arbeit am .König Onokar- empfand, 
so dürfen wir audi hier die Beteiligung motorisdier Impulse am produktiven 
Prozeß vermuten. Bei Gabriele Reuter entwickeln sidi nad. ihrem eigenen 
Zeugnis (.Vom Kinde zum Mensdien. Die Geschidite meiner Jugend". 
S. 282) die romanhaften Situationen auch aus gedachten Bewegungen ihrer 
Phantasiegestalten; von Turgeniew wird Ähnliches berichtet. In ihren 
,Etudes de Psychologie sur les auteurs dramatiques" [L'annee psychologique I, 
Paris .895) haben A. Binet und J. Passy die Ergebnisse ihrer Umfrage 
bei versdiiedenen französischen Dramatikern veröffentlicht; sie bestätigen 
durchaus meine Annahme hinsichtlich der Bedeutung des Motorischen für 
das diditerisdie Schaffen. Selbst dort, wo von Gehörs Vorstellungen die Rede 
ist, scheinen Bewegungsansätze, nämlich Innervationen der Stimmbildungs- 
organe, eine Rolle zu spielen. Ein so ausgeprägt motorischer Typus wie 
Friedridi Nietzache, der zudem ein glänzender Psychologe war, ge- 
braucht zur Kennzeichnung seines Inspiradonszustandes folgende charakte- 
ristischen Ausdrücke; ,. . . die Stärke (seil, der Inspiration) als Herrsdiafts- 
gefuhl in den Muskeln, als Geschmeidigkeit und Lust an der Bewegung, 
als Tanz, als Leititigkeit und Presto . . ." (Ecee homo) und an einer ande- 
ren Stelle: „...Eine Entzückung, deren ungeheuere Spannung sich mit- 
unter in einen Tränenstrom auslöst, bei der der Schritt unwillkürlich bald 
stürmt, bald langsam wird, ... ein Instinkt rhythmischer Verhältnisse, der 
weite Räume von Formen überspannt (die Länge, das Bedürfnis nacli einem 
weitgespannten Rhythmus ist beinahe das Maß für die Gewalt der Inspira- 
tion, eine Art Ausgleich gegen deren Druck und Spannung)" (Aph. 800), 
Hiezti mochte ich nur bemerken. daS der Rhy thmus seine Wirkungen eben " 

1) „Ich darf des Amdics nicht vergCBsen. den dn Mars Moravicus in Folio, 
den .dl m,r als Quelle für den Ot.okar beigelegt, auf das Zustandekommen jenes Dürch- 
brudis allerdings genommen hat. Auf dem Tilelblatte dieses mährisdicn Mars war 
namlidi der Kr.egsgoii in voller Rüstung unBcfähr so abgebildet, wie id. mir die äußere 
Ersdiemung Onokars gedadit hatte. Die Figur rei.t. mich an, meine Gestalten nadi 
innen lu werfen, und audi während der Arbeit kehrte ich jedesmal 2u ihr zurüd. so 
oJt sich meine Bilder zm sdiwädien sdiienen" (Selbstbiographie). 

— 307 — M- 



auf dem Gebiete der motorischen Empfindungen und Vorstellungen 
entfaltet. 

Von vielen produktiv Tätigen (nickt nur von Dichtern) liegen Zeugnisse 
vor, daß sie während des Schaffens eine rege Muskeliätigkeit entfalten 
(Spazierengehen usw.). Hier stihlagen die inneren Vorgänge infolge Herab- 
setzung der Hemmungen und Widerstände oder infolge alliu lebhafter moto- 
risdier Phantasie in äußere körperliche Bewegung über. Dies steht im Ein- 
klänge mit der durdi Umfrage erzielten Feststellung Baerwalds (S. 321 ff.), 
daß der motorische Mensdi einen stark entwickelten Bewegungstrieb besitzt. 
Das Herumgehen kann aber auch umgekehrt den Zweck haben, innere (in- 
tellektuelle und affektive) Widerstände zu überwinden, dem manisch ge- 
färbten Zustande des Produzierens zum Durchbruch zu verhellen. Beet- 
hovens Biograph Anton Schindler erzählt von ihm, daß er auf der 
Straße, wenn er , spazieren arbeitete", durch seine heftigen Bewegungen das 
Erstaunen der Vorübergehenden erregte. Audi Mozart und Carl Maria 
von Weber ließen sidi gern auf Spaziergängen inspirieren. Der englische 
Gesdiichtssdireiber Gibbon ging stundenlang in seinem Zimmer auf und 
ab, bis er einen einzigen Satz gestaltet hatte, mit dem er zufrieden war; 
Ampere konnte nur durch Auf- und Abgehen Ordnung in seine Gedanken 
bringen; Helmholtz behauptete, daß seine sdiöpferisdien ideen nie am 
Schreibtische gekommen seien, sondern am ehesten „bei gemädilidien Steigen 
über waldige Berge". William Siemens, Werner Siemens' Bruder, ant- 
wortete auf eine Umfrage Galtons, er könne „eine Masdiine am besten 
beim Spazierengehen erdenken, besser, als wenn er mit der Feder in der 
Hand vor einem Tische sitze". Nietzscly^ hatte seine fruchtbarsten Ein- 
fälle im Bergsteigen ; es ist auch für ihn di»akteris tisch, daß er Flaubert 
.abfällig beurteilte, weil dieser angeblich sitzend dichtete. Lenau soll nach 
Lombroso beim Arbeiten einen Fuß unaufhörlich auf- und nieder- 
geschwungen haben, so daß sich schlicßlidi im Boden eine Spur einprägte. 
Sehr anschaulich hat Emd Kuh. die Haltung Hebbels beim Diditen ge- 
schildert: „Den produzierenden Hebbel erblicken, war das Bild eines Traum- 
wandelnden sehen , . . Die Arme vor der Brust ineinandergclegt, hin und 
wieder das Lädielo oder die Trauer des schauenden Menschen um den 
Mund, so sdiritt er durch die Straßen Wiens, durch das Gehölz des Praters 
oder durch die Laubgänge des Augartens. Sogar das Teufclswetter des Ok- 
tobers konnte ihm nidics anhaben, wenn er im Bildersegen untergetaucht 
war. Das Gewühl und Getöse der Großstadt störte den visionären Spazier- 
gänger niemals." Alexander Dumas Sohn sagte von sich: „Während der 
geistigen Sdiw angerschaft braudie idi viel körperliche Bewegung." Edmund 

_ 308 — 



de Goncourt ging während der Arbeit in seinem Arbeitszimmer spazieren; 
Arsfrne Housaaye mußte beim Schaffen gleidifaUs im Zimmer umhergehen, 
die Arme bewegen und gleichsam aU die Bewegungen machen, die er be- 
schrieb.' Seltsam lautet ein Bericlit [bei MüUer-Freienfels, Psydiologie der Kunst, 
Bd. n, S. 148) über den Eintritt des Produktionszustandes bei dem Lyriker Richard 
D e h ra e 1, der freilich in seiner Jugend epileptisch gewesen sein soll ; „Wie im 
Dunkel saß er, in Angst und Erwartung des Kommenden. Und plötzlich zuckte das 
Lidit auf. Gleidi eher feurigen Kugel begann es üin rasdi zu umkreisen. Und er 
mußte danadi haschen und drehte sich um sich selbst. Es war ein unnenn- 
bares Glück, eine Erlösung in Tränen. Es warf ihn um." Der Roraandidiler 
Rudolf Huch erzählt von sidir „Es gellt mir wohl wie manchem anderen, 
die besten Einfälle kommen mir auf einsamen dunklen Waldwegen, zu denen 
ich erst eine Strecke zu steigen habe." Der Phantasieiätigkeit parallellaufende 
Handbewegungen werden von Ibsen und Zola berichtet. Jener pflegte 
beim Arbeiten mit kleinen Figuren zu spielen, die auf seinem Schreibtische 
standen; der Zwangsneurotiker Zola hingegen mußte, während er beim 
Produzieren im Zimmer auf- und ablief, bestimmte Gegenstände in einer ge- 
wissen Reihenfolge berühren. In der früher erwähnten Abhandlung von 
Binet und Paasy sagt der Dramatiker F. de Curel, dem wir eine ausführ- 
lidie Schilderung semer Art zu schaffen verdanken: Jedesmal, wenn ich 
eine große geistige Aktivität entwickelte, äußerte sich diese auch in einem 
starken Bedürfnis nach Bewegung. Man könnte fast sagen, daß die Anzahl 
der Kilometer, die ich an einem Tage zurücklegen muß, proportional ist 
der Zahl der Seiten, die ich am Morgen geschrieben habe." Curel erwähnt 
audi betreffs der Bilder seiner schöpferischen Phantasie folgenden Zug, dem 
wir jetzt unsere Aufmerksamkeit zuwenden wollen: ,Meine eigene Person 
hatte stets eine aktive Rolle in meinen Träumereien . . ." Dies ist keineswegs 
bei allen Tagträumen der Fall; man ist ja audi bisweilen ganz unbeteiligter 
Zuschauer. J. Varendonck hat in seiner Untersuchung über das „vor- 
bewuGte phantasierende Denken" {Wien 1922) auf Grund von Selbstbeob- 
aditungen eine Unterscheidung zwisdien Erinnerungsphantasien und 
schöpferischen Phantasien gemadit, die freilich infolge des Aufsteigens 
und Untersinkens des Gedankenablaufes leicht ineinander übergehen können. 
Bei den erstgenannten Phantasien sehen wir mit einem Gefühl von Gelähmt- 
heit und Passivität der automatisdien Wiederholung vergangener Gescheh- 
nisse zu; mfolge der Nähe des Unbewußten ist die Verbildlidmng vor- 
herrschend , dieselben Aifekte, die wir beim wirklichen Erleben verspürten, 

1) Ohne Qucllenünfiabe bei Heinrich Kelter; Theorie des Romans und der Er- 
liählkunst. a. Aufl., Essen 1904, 

— 309 — 



madien sich audi in der Erinnerung bemerkbar. Bei den sdiSpferUchen 
Phantasien dagegen haben wir ein Gefülil von angeregter Tätigkeit und ge- 
spannter Aufmerksamkeit, -während wir die vom Gedächtnis bereitgestellten 
Einfälle, Bilder oder Erinnerungen auf ihre Eignung als Hilfsmittel zur 
Problemlösung kritisch prüfen. Der halluzinatorische Erinnerungsablauf er- 
scheint hier unterdrückt, bewußte und vorbewußte Gedankengänge streben 
beide dem gleichen Ziele zu. Der Anteil der Wortvorstellungen überwiegt, 
da die vorbewußten Gedankenketten dem bewußten oder willkürlichen 
Denken sehr nahe stehen; an Stelle der früher erwähnten AiTekte treten 
jene Affekte, die durdi die Inspirations tätigt eit, d. h. die Wunsdierlüllung, 
hervorgerufen werden und die Richtung des Denkens bestimmen. Varen- 
donck, der im aligemeinen der Rolle des Motorischen keine besondere 
Aufmerksamkeit schenkt, meint, daß bei derartigen phantasierten- Szencn- 
folgen, wie er sie an sidi selber beobaditet hat, die Bilder bloß die Illu- 
strationen sind, die zum Text gehören, die Ausführung der skizzierten Hand- 
lungen, Nun können wir uns wob! sdiwer phantasierte fortlaufende Hand- 
lungen ganz ohne Bewegungsvorstellungen denken ; bei den sdiöpferischen 
Phantasien, die eine enge Beziehung zum Ich und zur Motilität haben, wird 
es aber auch an eigendidien Innervationen mannlgfadicr Art nidit fehlen. 
Es ist ja von vorneherem anzunehmen, daß, je weniger das bildhafte Element 
vorherrscht, desto mehr Impulse zur motorischen Verwirklichung drängen. 
Experim enteile Beobachtungen von L. Martin' haben nämlich gezeigt, daß 
das Bildhafte im Denken zunimmt, wenn Schwierigkeiten auftauchen. 
Schilder (S, 245) sieht daher audi die Bildentstehung als Umsetzung ge- 
bremster Energien an. "^ 

Dieser aktiven Anteilnahme an dem Inhalte der Phantasien, die 
dem schöpferischen Denken eigentümlich zu sein scheint, erkennt C. G. Jung' 
einen großen psychotherapeutischen Wert für die Neurosen zu. Nicht die 
Deutung und das Verstehen der Phantasiebildungen hält er für das Wesent- 
liche, vielmehr ihr Erleben, Das heißt : der Phantasierende soll sich den 
Figuren seiner Vision gegenüber nicht bloß wahrnehmend und passiv verhalten, 
sondern ihnen mit voller Bewußtheit reagierend und handelnd entgegentreten. 
Was Jung damit meint, macht er an einem Beispiele klar. Einer seiner Patienten 
(der an einer psychogenen Depression litt) halte nachstehende Phantasie (S. 162) : 

„Er sieht, wie seine Braui die Straße hinunter lum Fluß läuft. Es ist Winter, und der 
Fluß ist lugefrarcn, Sie läuft aufs Eis hinaus, und er folgt ihr, Sie geht weit hinaus, 

1) Zur Lehre von den Bcwtgiingsvüisleilungen. Ztitsdir. f, Ps/diol, u, Physiol. d, 
Sinnesorgane, Bd. 56 (igio) u, 6j (1913), 

2) Die Beziehungen iwlsdien dem Idi und dem Unbewußten, Darmstadt igiS. 

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und dun isi das Eis geborsten, eine dunkle Spalle IUI sich auf, und er fiirditei, sii 
könnte sich hineinstürzen. Tatsäddidi versinkt sie in der Eisapalie, und er sieht ihr 
traurig zu." 

Jung bemerkt dazu (S. 162): 

„Würde er sich in Wirklichkeit so verhallen, wie er sid> in der Phantasie verhält, 
jo wäre er offenbar gelahmt, sei es vom Schrecken, sei es vom unbewußien Gedanken, 
daß er eigenllidi gar nichts dagegen habe, wenn sie Selbstmord beginge. Die Taisadie, 
daß er sidi in der Phanti^e passiv verhält, ist nur ein Ausdruck für sein Verhältnis 
zur Tätigkeit des Unbewußten überhaupt ; er ist fasziniert und betäubt vom Unbe- 
wußten,-' Und an einer .späteren Stelle (S. 171): .Würde der Patient selber aktiv ein- 
greifen, so würde er sich sogar in den Besitz der in der Phantasie erscheinenden Libido 
seilen und dadurch einen etwas verstärkten Einfluß auf das Unbewußte gswinnen." 

Dieser dem Unbewußien entgegengesetzte bewußte, kritisdie Standpunkt, der 
die HeiTschaft des Vorbewußten über Motilität und Affektivität zur Voraus- 
setzung hat, charakterisiert aber eben audi den Künstler. Vidleidit entgehen 
viele Schaffende einer Neurose wirklich nur deshalb, weil der motorische Vor- 
stellungstypus. der sidi nach meiner Antiahme sehr häufig unter ihnen findet, ' 
eine größere Fähigkeit zur Sublimierung besitzt. Die innige Beziehung moto- 
risdier Erlebnisse zur ,IchUebe", d. h. zum Narzißmus, könnte nämlich jene 
Kinästbesien besonders geeignet ersdieiiien lassen, die in narzißtische verwan- 
deile scxueUe Objekllibido za binden, um ihr dann ein anderes Ziel zu setzen 
[Freud: Das ich und das Es). Diese Desexual isierung würde schon eine Art 
von Sublimierung bedeuten. '■' Verschiedene Autoren haben femer auch auf die 
AfHnilät der Affekte zu den motorischen Vorgängen hingewiesen [so nament- 
lich Jam es-Lange in ihrer bekannten Tlieorie). Lebhafte Gemütsbewe- 
gungen steigern die Disposition zu motorischem Empfinden und Vorstellen, wie 
umgekehrt Bewegungsempfindungen (insbesondere beim Motoriker) die Ten- 
denz haben, sich mit Lustgefühlen zu verbinden, denen eine Art ästhetischer 
Wert zuerkannt wird.» Alle ästhetisdie Lust scheint ja eben vor allem „Funk- 
tionsiust- zu sein, die sich wieder dem weiteren Begriff der (praegenitalen) „Vor- 
lust' unterordnen laßt. Die beim schaffenden Künstler ebenso wie beim spielen- 
den Kinde an die eigene Bewegung, an das Selbsterzeugen, das eigene 

.) Karl Gro OS sagt: „...ich persönlich hege die Überzeugung, daß die motorische 
Veranlagung em Merkmal der ausgesprodien äsdielisehen Naturen ist' (Der ästhetisdie 
Genuß. Gießen 1902, S. 78). 

a) Vielleicht meint S. Bernfeld in seinen „Bemerkungen über Sublimierung'- 
(Imago VIII ,g-) etwas Ahnliches, wenn er sAreibt (S, 343/.) = _ . . das Id, lerme 
m .hm (SCI im Kinderspiel) fortschreitend die Beherrschung des molorischen Systems 

7 ^nu^?u-t% "'"■ '' ""'"''^'<='« '" i*"" -li^ Realilätsprüfungsfunkiion und lehne 
die übjekliibido Sublimierung." 

a) Das der moiorisdien Vorstellung anhaftende Idigefühl hat eine gefühis verstärkende 
lT,T- ,^f "'^''' bezeichnet es als eine Art Resonanzboden und Mikrophon der Ge- 
fühle (S, 3(13). ^ 

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Madien gebundene Funklionslust (K. B ii h 1 e r) ist nun infolge der Gewohn- 
heitsassoziation zwischen Bewegungsempfindung und Ichhebe ausgesprochen 
narzißtischer Art, Neben dieser Formungslust gibt es jedoch audi eine 
Form Inst, eine Lust am Produkt der eigenen schöpferischen Tätigkeit, die 
eine Verstärkung aus frühinfantilen taktilen Befriedigungaerlebnissen erfährt. 
Auch die narzißtische Befriedigung des Dichters an der Formschönheit seines 
Werkes (Wohllaut, Rhythmus, Reim, Aufbau usw.) zeigt den abgeleiteten 
Charakter dieses Narzißmus, der von seinem ursprünghchen Gegenstand, dem 
Ich, im Wege der narzißtisdien Besetzung der eigenen Tätigkeit an das selbst- 
geschaffcne Objekt geopfert' wird. Wie Freud (in: „Der Dichter und das 
Phantasieren") und Sachs' gezeigt haben, ist aber die Lust an der künstle- 
rischen Fassade nur eine „Verlockungsprämie" oder Vorlust, die den Schaffen- 
den von dem eigendichen Endzweck seiner Tätigkeit, der Phantasie befriedi- 
gung tief verdrängter Wünsche, ablenken soll, so daß er, ohne in Konüikt 
mit dem trieb verneinenden Über-Ich zu kommen, die mit der unbewußten 
Wnnsdierfüllnng verbundene Endlust denaodi genießen kann. Ahnlich voll- 
zieht sich wahrscheinhch der Vorgang beim Zuhörer oder Leser. 

Nicht nur die Formelemente des Werkes, audi die dem dichterischen Sdiaf- 
fen eigentümlichen Medianismcn der Projektion und Einfühlung 
weisen auf die Beteiligung der Motilität hin. Die Projektion sdieint einerseits 
einen zwedcmäßigen Ausweg aus quälenden Triebkonflikten zu bieten, ander- 
seits mittels einer narzißtisdien Icäierweiterung der Entladung starker motorischer 
Tendenzen zu dienen, indem die eigenen Bewegungsimpulse in das darzustel- 
lende Objekt überpflanzt,* objektiviert werden. R. S t e r b a' hat im Anschluß 
an eine Arbeit von H. Sachs* dargelegt, "?feß der moderne Dichter seiner 

i) Ein der Psychoanalyse durdiaus feniestehender Amor wie H. F r e y e r spricht von 
„opferhafter Spann ungsobjektivation". Im Sdiaffen wird , Lebensspannung an die objek- 
tive Welt geopferti die ku eigener Bündigkeit lusammeniriii''. (Theorie des objektiven 
Gcisies. Leipzig 1923.) 

3} Kunsi: und Persönlidikeit, Imago XV, 191g. 

3) Idi greife aufs Geratewohl eine Stelle aus dem Artikel einer Tageszeitung her- 
aus („Die Liditmühle". von Armin T. W e g n e r, ,Nene Freie Presse' vom 7. Juli 
igno) ; „Wie durch einen Kamm gezogen, sltömcn die wilden Lodien der Kura durdi 
den eisernen Redien in den schmalen Kanal, dessen BeCl in den Felsen gehauen isL 
Alleen elektrischer Lichier begleiten den Gang der Flut durch die Nadit. Die Muskeln 
des Wassers spannen sich. Mit an die Erde gepreßtem Bauch schleicht es im Sdiatten 
der Felsen dahin wie ein Tiger. Nun duckt es sich und hält an der Pforte des Turbi- 
nenhauses einen Augenblick feinen Atem an, ehe es zum todlidien Sprunge in die Tie- 
fen der gewaltigen Liditmühle ausholt." 

4) Bemerkungen zum dichterischen Ausdruck des modernen Naturgefühls. Imago 
XIV. 1958. 

5) Über NaturgelühL Imago I. igiJ. 

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p-Wiedergabe der Natur stets mehr oder weniger unbewußt die Annahme einer 
Art sinnvoller' kosmischer Motilität zugmndeiegt, die der eigenen willkürlidien 
gleich ist. Aber auch dort, wo der Dichter seine Affekte und Triebregungen 
in andere menschliche Wesen hineinverlegt, befriedigt er die seinen Affekt- 
lageii immanenten Bewegungsantriebe durch motorische Charakterisierung dieser 
Projektionsgestalten {Ausdnicksbewegungen, Handlungen). Ja die Angabc von 
Gesten und Bewegungen kann auch als bewußtes Mittel künsderischer Wir- 
kung verwendet werden, weil aUe motorische Resonanz des Empfangenden 
dessen Gefühl und ästhetisdien Genuß um ein Beträditliches steigert. Karl 
G r o o s hat zweifellos richtig erkannt, daß für den sinnlichen Eindruck des 
Inhalts emer Dichtung motorische Innervationen von größerer Bedeutung sind 
als die zumeist blassen Phantasiebilder. Er zitien als Beispiel die Stelle aus 
Schillers „Taucher" : „Da kroch es heran, regte hundert Gelenke zugleich.' 
„Wenn mich die Schillersche Stelle packt", schreibt Groos (a. a. O. S. 81 f.), 
„so belustige ich micli nicht an einem optischen Bilde, das idi nach Gefallen 
ausmale, sondern ich glaube folgendes konstatieren zu können : ich sehe seit- 
wärts im Dunkeln sich etwas regen ; dieses Bild beschäftigt mich aber nicht 
weiter, sondern das schattenhafte Auftauchen einer optischen Vorstellung ist 
nur der Anlaß zu leisen Innervationen, die das plötzliche Fixieren mit weit 
offenen Augen, das Stocken des Atems, das Erstarren des Körpers andeuten. 
Dieses motorische Erleben ist die Hauptsache, und idi glaube, daß die Wir- 
kung häufig auch ohne das optische Bild zustande kommt.- Auch der Schau- 
spieler erzielt im Schauspiel und Fihn die stärkste Wirkung auf den Zuschauer 
dadurch, daß seine Mimik unwilikurliche imitative Bewegungs ans ätze bei die- 
sem hervorruft, die nicht nur die Gefühls Übertragung an sich besonders be- 
günstigen, sondern auch noch vermöge des Spon tan eitats Charakters aller kin- 
äsdietischen Empfindungen den wahrgenommenen Inhalt mit der Marke des 
Icherlebnisses versehen. Das Ichgefühl verstärkt aber, wie wir wissen, alle 
durch den künstlerischen Eindruck in uns erregten Gefühle, so daß wir uns 
völlig mit der dargestellten Figur und ihrem Schicksal eins fühlen. Wir stoßen 
hier auf das Problem der Einfühlung und 1 d e n lif izi e r u n g, das ja 
gleichfalls für den Produktions Vorgang beim Dichter bedeutsam ist. Zweifellos 
besteht ein Unterschied zwischen beiden Phänomenen, wenn sie einander auch 
nahestehen. Die Identifizierung trägt in stärkerem Maße den Charakter des 
Unbewußten und scheint überhaupt eine Voraussetzung der Einfühlung zu 
sem, der im Gegensatze zu jener ein eigenartiges Tätigkeitsmoment anhafter. 
Da es sich beim Vorgang der Eiufiihlung in der Regel wohl nur um eine 

1) Den Zusammenhang zwischen Motilität und Sinneserfassung habe ich btreils frü- 
her erwähnt. 

— 313 — 



mittelbare Übertragung psychischer Inhalte durch Anzeichen, nidit aber um 
einen telepathischen Induktionsprozeß handelt, dürfte, wie auch Freud an- 
nimmt (Massen psydiologie und Idianalyse, Ges. Schriften, Bd. VI, S. 309, 
Fußn.), hiebe! den Ausdrucksbewegung-en des anderen Ichs die entscheidende 
Rolle zufallen. Auf Grund der unbewußten Identifizierung übernimmt der Ein- 
fühlende die Ausdrudisbewegungen' in Bewegungsansäteen ; die kinästhed scheu 
Empfindungen der inneren Nachalunung reproduzieren dann die dazugehörigen 
Gerühle und „veridien" das Erlebnis der FremdpersÖnlidikeic (wir erleben das 
objektiv Gegebene nach). 

Daß em so wesentliches Element der dichterisdien Darstellung wie der 
Rhythmus in engster Beziehung zu dem motorisclien Apparat steht und 
deshalb hauptsächlich im Bereiche der motorischen Empfindungen und Vorstel- 
lungen genossen wird (vgl. auch Müller-Freien fels, Psychologie der Kunst, 
Bd. II, 55 f), habe idi bereits früher erwähnt. Die Bedeutung des Rhythmus 
lür den schaffenden Didiier, der starke motorische Veranlagtwg besitzt", liegt haupt- 
sächhdi darin, daß der Rhythmus die Muttersprache seiner Gefühle spricht. 
Auch die frühesten Lustbetätigungen des Kindes, das Saugen und Ludein, zei- 
gen einen aiisgespro ebenen rhythmischen Charakter. Der Rhythmus gewinnt ja 
seine Fähigkeit, Lust zu spenden, eben in erster Linie daraus, daß er die Lust 
an einer infantilen Triebbefriedigung repräsentiert. Die Beziehung zum AHekt- 
leben macht es erklärlidi, daß auch bei der Entstehung des dichterischen Kunst- 
werkes dem Produzierenden häufig iunädist bloß ein bestimmter Rhythmus 
bewußt wird („im Anfang war der Rhythmus", H. v. B ü 1 o w), ehe noch der 
Vorstellungsinhalt klargeworden ist. Etwas Verwandtes meint zweifellos Schiller, 
wenn er an Goethe sclircibt (18. OL lygßjiB^Eine gewisse musikalische Ge- 
mütsstimmung geht vorher, und auf diese folgt ^ei mir erst die poetische Idee". 
Und früher einmal in einem Briefe an Kömer (sg. V. 1792): „Das Musika- 
lisdie eines Gedidits schwebt mir weit Öfter vor der Seele, wenn ich mich 
hinsetze, es zu machen, als der klare Begriff vom Inhalt, über den idi so oft 
kaum mit mir einig bin." Audi ein Ausspruch F 1 a u b e r t s, den uns das 
Tagebuch der Brüder Goncourt überliefert (II, 14), gehört in diesen Zusammen- 
hang. „Stellen Sie sich vor, rief Gautier aus, Fiaubert sagte mir neulich ; es ist 
zu Ende, idi habe nur noch zehn Seiten zu schreiben, aber ich habe in mir 
den ganzen Tonfall der Sätze. Er hat aiso schon die Musik der SchluGsäize, 
die er noch gar nicht gemat^t hat I er hat ihre Tonfälle, das ist doch droUig.' 

1) Es kann sich audi blnE um Autdrucks h a U u n g e n handeln, die wir inncrlidi 
iiadierlebcn. 

2) AudiGrODs nimmi ja an, daß die .spCKlfisdi äahsii.sche Veranlagung eine kräftige 
motorische Anlage vorausseht. 

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I 



Schließlidi das Zeugnis eines modernen Dichters. Ich entnehme einem Aufsatze 
des Romanschriftstellers Alfred Döblin „Der Bau des epischen Werks. Die 
Sprache im ProduktionsprozeE" {„Wiener Allgemeine Zeitung" vom 4. Juni 
igzg) folgende bezeichnende Stelle : 

„Und es kDraml dtillcns vor, daß man überhaupt keine ideelle Konzeption hat, son- 
dern daß einem, Gott weil! aus weldiem Zusammenhang, einige Sätze einfallen, und 
dies ist für den Autor die allergliicHichsie Situation. So sprach ich vorhin von der Fahrt 
Gustav Adolfs über die Ostsee. Aber diese Konzeption blieb stumm und gab nichts her. 
Ich scheute mich auch, sie auszusprechen. Dann hatte ich einmal mitten während einer 
Arbeit, als ich von den Hofchargen am Hofe Kaiser Ferdinands des Zweiten las, einen 
Satz, und das war eine spradiliche Konzeption. Und solche sprachliche Konzeption ist 
ein Ding *» E"" "i^ die bloß ideellen, und für den epischen Autor, den Praktiker der 
Spradie. das allerwiditigstc. Dieser SaK lautete: ,Nachdeni die Böhmen besiegt waren, 
war keiner darüber so froh wie der Kaiser. Nodi nie hatte — ■. Weiter gings nicht. 
Aber das war ausgezeichnet, das war der Anfang meines Buches, die Melodie 
und der Rhythmus waren da, ich Iconnte anfangen, mir konnte nidils mehr 
passieren." 

Jedoch nidit nur die Konzeption des Rhythmus einzelner Säl^e, auch die 
rhythmisdie Struktur des ganzen Gebildes, wie sie dem Dichter beim Pro- 
duzieren vorsdiwebt, setzt die Beteiligung andeutender Bewegnnga Vorgänge 
(auch des Atemipparates) und damit verbundener Gefühle voraus. 

Über die dichterisdien Aus drucks mitte] des Reims und des Refrains 
liegt eine psychoanalytische Untersuchung von Karl Weiss vor flmago II, 
1913.) Die Ltist am Gkidiklang repräsentiert nach dessen Auffassung ur- 
sprünglich die Lust an einer Wiedcrtolung, die jedoch nicht der Sprach- 
leistung selbst, sondern der mit ihr verknüpften Triebbefriedigung (Nahrung, 
Nähe des Sexualobjekts) zukommt; als weiteres Motiv für den Gebrauch 
des Gleidiklanges tritt nodi die Lust des Wiedererkennens hinzu, die aus 
der Ersparung psychisdien Aufwandes stammt. Aber während der Reim als 
mfantile Ausdrucksform ein Mittel der Affektabfiihr ist, hat er im Werke 
des Erwachsenen gerade die entgegen gesetite Funktion: er soll den Affekt 
hemmen, verhüllen, absdiv/ächen. Ebenso wie der Traum und das neuroti- 
sche Symptom stellt der Reim also ein Kompromiß zwischen widerstreitenden 
psychischen Strebungen dar. Auch der Refrain erfüllt zwei gegensätzliche 
Tendenzen: einmal ermöglicht er die Abfuhr von verbotenen Affekten, ein 
andermal hemmt er den Affektablauf. Da der Affekt das motorische Vor- 
stellen in jeder Form begünstigt (Baerwald a. a. 0. S. 3(4). wird auch 
die Verwendung von Reim' und Refrain beim Dichter von kinästhetisdien 

1) K.. Groos betont die bevorzugte Stellung der Sdilußworie eines Satzes (a. a. O. 
S. yS f ) : „Bei den feinen motorischen Vorgängen des inneren Mitsprechens bemerke ich 
nun ebenfalls die lebhafteste Atemfuiiktlon am Ende von gelesenen Sätzen ; der Atem 
erfahrt eine merkliche Stauung und diese läßt eine gewisse Spannung üurüek, die bei 

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Empfindungen und Reproduktionen begleitet sein, die zum Teil aui leise 
Atem- rnid Augen muskclbewegungen zurückgehen und ihrerseits wieder 
Emotionen hervorrufen. 

Schon früher war von dem Vorlustcharakter der künstlerischen Formlust 
die Rede. Wenn sich aber Gleichklang und Riiythmus, wje wir soeben 
gehört haben, als Elemente infantiler Befriedigungsedebnisse erweisen, dürfen 
wir vielleicht an diese Feststellung die Vermutung- knüpfen, daß die Ge- 
staltung der künstlerischen Form tatsächlich eine Befriedigung gewisser prä- 
gcnitaler Triebe in sich schließt, eine Befriedigung, deren Wesen im Gegen- 
satze zur Endlust der genitalen Tätigkeit von Freud als Vorlust bezeidinet 
wird. Es scheint nun wirklich, als ob mindestens zwischen der dem Künsder 
eigentümhchen motorischen Veranlagung, die eine Voraussetzung seines Form- 
willens bildet, und der sadistischen Triebkomponente ein näherer Zusammen- 
hang bestünde. Die motorische Abfuhr erfolgt durch Muskelbetätigung, durch 
Vermittlung der Muskulatur werden aber auch die Regungen des Destruktions- 
triebes, als dessen Repräsentanten Freud den Sadismus ansieht, auf die Außen- 
welt abgeleitet. Als eine Bestätigung mag auch eine Feststellung Baerwalds 
(S. 368 f.) angesehen werden, der zufolge eine gewisse Kontingenz zwischen 
motorischer Anlage und Lust am Beißen [Freude am Zerbeißen, audi am 
Zertreten, Zerknicken) zu beobachten ist. Femer dürfte die Beziehung, die 
I. Hermann in seiner Studie über Gustav Theodor Fechner (Wien 1926) 
zwischen formalem Denken, Handerotik und Todestrieb statuieren möchte, 
in die gleiche Richtung weisen. Hermann geht in dem Kapitel über die 
Begabungsgrundlagen von der Absidil aus, die speziellen Formen der Be- 
gabungen zu erklären, d. h. diejenigen _fakil(ftgenen Faktoren" aufzufinden, 
die die Entwicklung des Talents in seiner beso'nderen Richtung begreiflich 
madien. Bei der zeichnerischen Begabung z. B. nhnmt er als die eine Grund- 
lage der Sublimierung die betonte Erogeneitäc der Hände an, als die andere 
die eigene Körperschönheit oder unter Umständen Körperhäßiichkeit. Bei der 
dichterisdi-sdiriftstellerischen Begabung, die uns vornehmlich interessiert, findet 
er drei fakultogcne Faktoren: 1) Die höhere Erogcneitäi der Mundzone 
(Sprache), 2) eine seelische Einstellung, die er Seherkomplex nennt (Glaube 
an die eigene prophetisdie Begabung), 3) eme libldlnöse Einstellung, die er 
als Totenkomplex bezeidinet (Liebe zu Toten, Wunsch, als Toter geliebt zu 
werden). Nach seiner Theorie bildet die Mundzone mit der Han dzone ein 
den folgendtn leiseren Bewegungtn nicht gleich verloren Kcht ... Es laufen also audi 
in diesem speni eilen Fall, der besonders für das stille Lesen gc reimler Werke inter- 
essant ist, die sensorisdien Faktoren neben den reproduktiven her, und die reproduk- 
tiven sind in ihrer Lebhafiigkeit von dem Vorhandensein der sensorisdien abhängig." 
Dies gilt wohl auch für das Dichten gereimter Verse. 

— 316 — 



einheitlidies erogenes System, das Mund-Hand-Systein. Daher soll es sich er 
klären, daß die dichterisdie und zeichnerische Begabung so häufig in einer 
Person vereinigt ersdieint.' Als die phylogenetisch primäre adäquate Betäci- 
gungsart der Handzonc betrachtet Hermann das Anklammern des jungen 
Tieres an die Mutter, das sich beim menschlichen Säugling hauptsädilich auf 
die Zeit des Trinkens an der Brust beschränkt. Hier ist also schon die Ver- 
bindung mit der Mundzone gegeben. Und durdi diese — ein Weg, den 
Hermann nicht bezeichnet hac — audi mit dem Todestrieb. Denn die erste 
Phase des Sadismus ist ja die oral-sadistisdie, die sich in der Beißlust des 
saugenden Kindes (vgl. hiemit die Beißlusi des Motorikers) äußert. Später 
übernimmt der Bewegungsapparat der Extremitäten, namendich der oberen, 
die Rolle des sadistischen Exekutivorgans, was audi seiner langsameren Ent- 
wicklung entspricht; denn die Kiefermuskulatur bringe weit früher zielgerechte 
und zugleich kraftvolle Bewegungen hervor als die Muskulatur des Rumpfes 
oder der Glieder (Abraham, Versuch einer Entwicklungsgeschichte der 
Libido, Wien 1924, S. 3g. 95). 

Was nun die Lust an der Form anlangt (das formale Denken entspricht 
nach Hermann einer Verinnerlidiung der Peripherprozesse der Hand), so be- 
friedigt sich diese beim Kinde zuerst im Abtasten von Korperformen, insbe- 
sondere der Mutter. Hiebei folgt die Blickbewegung der tastenden Hand, 
Später übernehmen die Augen die erotisch-abtastende Rolle der Hand, nach- 
dem es ZU Vcrsdimelzungen zwischen den (tatsächlidi empfundeneD) Augen- 
bewegungen und den Reproduktionen von Erlebnissen der tastenden Hand 
(taktiler und kin ästhetischer Art) gekommen ist. Die Handerotik liefert so 
einen Beitrag zur Schaulust. Während es sidi aber hier um eine Lust am 
Besdiauen fertiger Formen handelt, gibt es daneben eine Lust am Selbsterzeugen 
auch äußerlich nichi: verkörperter Formgebilde, an der die Handerotik 
gleidifalls beteiligt erscheint. Uns interessiert hier die sprachliche Formulierung, 
das sprachliche Denken, das nadi Hermann seine Entstehung neben anderen 
Faktoren auch einer Umsetzung der Handfunktion iu zentrale Prozesse ver- 
dankt. Anderseits dürien wir in der Spradifertigkeit ein Sublimierungsprodukt 
der Munderotik erblicken, die allerdings ja, wie Hermann behauptet, mit der 
Handerotik eine Art System kommunizierender Gefäße bildet. Die konstitu- 
tionell verstärkte Mund-Hand-Erotik des Diditers könnte nun sehr wohl seine 
raocorisdie Veranlagung mitbedingen, die sich je nadidem in Innervationen 
und kin ästhetischen Reproduktionen von Sprech-, Schreib- oder Körper- 
bewegungen (Körperhaltungen) ohne spradihchen Symbolwert kundgibt. 

1) Inneres Schwanken, ob nicht als Maler geborea. bei Goethe, Keller, E. T. A. Hoif- 
mann, W. Busdi, Anzengruber, Heyse, Mörike u, a, 

_ 317 — 



Knut Hamsun und die Psychoanalyse 

Von Eduard Hitschmann (Wien) 

Die psydioanaly tischen Bemühungen um das Verslehen der Persönlichkeit 
bedeutender Menschen, namentlich von Künstlern und Dichtern, erfahren endlich 
mehr Anerkennung. In dem groß angelegten Werke „Genie-Irrsüin und Ruhm" 
zieht der Verfasser W. Lange-Eidibaum die psydioanaly tische Literatur 
wesenthch mit heran, und die neue, um Vollständigkeit bemühte Biographie 
Hamsuns gibt ihrem Autor W. A. Berendsohn Anlaß, geradeaus zu 
erklären, .er danke der Psychoanalyse sehr viel". Dies will nicht etwa sagen, 
dieser Literarhistoriker hätte — als Erster — Psydioanalyae wirklich studiert 
oder gar zu diesem Zweck sich selbst einer Analyse unterzogen ; sondern er 
fühlt sich dem verpHiditet, wasPsychoanalytisches über Hamsun gesclirieben wurde.' 
Der Fall Hamsun Jst aber latsächlidi eine soldie Fundgrube zur Bestätigung 
der psydioanalytisdien Feststellungen, ein soHer Schulfall, ja ein Kronzeuge für 
unsere Wissenschaft, daß hier ein Wort mehr gesagt werden soll. 

Die Biographie Berendsohns briagt eine Reihe neuer Daten, die sämtlich 
nur bestätigen, was wir gefunden haben. 

Hamsuns erste Novelle „Björger" zum Beispiel setzt gleich kräftig ein; 
Die Mutter Björgers stirbt kurz nach seiner Geburt, der Vater nimmt sidi 
das Leben, der Hof verfällt dem Gläubiger, und der ältere Bruder Thor 
wird halb wahnsiimig unter diesen Sdiicksalssddägen. Björger kommt zu 
einem kinderlosen Ehepaar, das aidi seiner liebevoll annimmt. Eui Familien- 
roman mit viel Grausamem ! 

Hamsun sdirieb i8go einen Aufsatz .Aus dsm unbewußten Seelenleben", 
in dem er seine feine lief psychologische Schreibart begründet. In seiner 
radikalen Bekämpfung der „vier Großen", vor allem Ibsens, sehen wir 
den Vaterkomplex Hamsuns deutSich zum Vorsdiein kommen. 

Seine Arbeitsweise hat der Dichter selbst, wie folgt, dargestellt: 

„Viele Gedidite entstehen, wenn idi auf dem Rücken im Walde hege. 
Idi versuche, von den Menschen und von allen Eriimerungen an das 
moderne Leben weit wegzukommen, ich versetze mich in dieTage 
meiner Kindheit, als idi noch Tiere daheim iiütete. Damals erwachte 
mein Naturgefühl, — soweit ich ein solches habe, — ich lebte jedenfalls 
von meiner ersten Kindheit an auf Wiesen, im Walde und auf den Bergen," 

1} E. Hitschmann, ,Eio Gespenst aus der Kindheit Knut Hamsuns". Internat. 
PsA. Verlag-, Wien 192(1. Fetner; E. Hitschmann, „Von, um und über Hamsun"! 
Imagn, Bd. XIV (igaS). 

— 318 — 



An anderer Stelle heißt es : 

„Es ist übrigens kein wesentlicher Untersdiied bei meiner Arbeitsweise 
bei Prosa oder bei Poesie. Ein ganzer Teil von dem. was ich geschrieben 
habe, istbeiNachtentstanden. wenn ich einige Stunden gesdilafen habe 
und dann wach wurde. Idi bin dann klardenkend und äußerst empfindsam. 
Ich habe immer Papier und Bleistift neben meinem Bett liegen, ich zünde 
keiß Licht an, aber ich fange sogleich an, im Dunliebi zu schreiben, wenn 
ich fiihle, daß etwas emströmt. Es ist mir zur Gewohnheit geworden, und 
es wird mir nicht schwer, meine AufeeidinuDgen des Morgens zu ent- 
ziffern ..." 

ßerendsohn spricht aber auch seine Meinung dahin aus, daß die Methode 
der Psychoanalyse für den Gebrauch der Literaturwissenschaft völlig um- 
gebildet werden müsse. „Kommt es ihr darauf an", sagt er, „das seelisdie 
Gespinst der Dichtung zu durchdringen, ... um das Kindheilscrlebnis 
dahinter zu erfassen, so gilt unsere Arbeit der Didimng selbst, in der das 
Kindheitserlebnis nur ein Bestandteil unter andern ist. Glückt es zum Bei- 
spiel, bei einem Dichter, das Kindheitseriebnis aufzudecken, so liegt es allen 
seinen Werken zugrunde : unsere Aufmerksamkeit aber ist attf diese Mannig- 
faltigkeit der Dichtungen gerichtet. Die Untersudmng geht also in entgegen- 
gesetzter Richtung mit dem als Voraussetzung, was der Ps/dioanalyse Ziel 
ist. Das bewahrt uns zugleich vor Überschätzung der Kindheitsetlebnisse, die 
in der Dichtung doch stark mit späteren Erlebnissen von eigener Bedeu- 
tung durchsetzt und überdeckt sind. Der Psychoanalytiker wird einwenden, 
daß die Kindheitserlebnisse grundlegend sind für den Aufbau des Charakters 
und dadurch auch für das ganze Leben. Das mag gehen; in den Dich- 
tungen finden sich aber dodi große Teile, die auf diese Weise nicht zu 
deuten sind, ^. B. literarische Überlieferungen." 

Hier liegen tiefe Mißverständnisse vor. Wir betreiben Pcrsönlidikeits- 
forschung, wozu uns die Erfahrungen aus den Analysen Kranker und Ge- 
sunder autorisieren. Die Mannigfaltigkeit der Dichtungen und der Nachweis 
literarisdier Oberlieferungen sind für uns allerdings unwichtig. Wir suchen 
nicht d a s Kindheitserlebnis zu erfassen, sondern das kindlieiie Erleben über- 
iiaupt. Wenn die Hamsunarbeit den Titel ttägt „Ein Gespenst aus der 
Kindheit Knut Hamsuns", wenn Freud eine so bedeutungsvolle und aufscbluli- 
reidie Arbeit schrieb mit dem Titel „Eine Kindheitserinnerung des Lionardo 
da Vinci", so wird nur — mangels wesentlicher anderer — eine ganz be- 
sonders diarakteristische Kindheitserinnerung aufgeded«, die wie ein Ferment 
fruchtbar weiter hilft, und alles übrige Wissen um diese Persönlichkeit neu 
beleudttet ; die auch bisher unbekanntes Material aus dem Triebleben ergänzt. 

— 319 — 



Das Bedeulsame aber ist, daß unbewußtes Material klargelegt wird, 
das jene Persönlichkeit konstituiert, io der künstlerisdien SiofFwahl, den Motiven, 
in der Lebensführung und den Liebesgebärdcn der erdichteten Personell usw. 
wiederkehrt. 

Das kindliche Erleben des Dichters vor allem gibt uns die Zusammea- 
hänge awisdien seinen Werken und seinem Schicksal. Es ist seih st verstand- 
Lcli, daß auch seine späteren Lebensschicksale in den Werken Widerspiegelung 
finden können. Aber alles spätere Erleben ist schon in der Kindheit irgend- 
wie vorgezeidinet und durch sie determinien. 

In der Gespenster-Erinnerung von Hamsun ist für den mit der Psycho- 
analyse Vertrauten eine solche Fülle von Erkenntnissen über dessen Trieb- 
lehen aufzufinden, daß diese das Verständnis seiner PersÖnhchkeit und damit 
seiner Werke iormlich transparent durchleuchten. 

Der Entmannungs- oder Kastration skomplex ist in solchem Grade und 
Umfang aufzudecken, wie sonst nur bei neurotischen Kranken ; die zuge- 
hörige ödipuseinslellung und femer die sadomasochistische Anlage ergeben 
sich gleichfalls prägnant. Freilich, um dies ganz zu verstehen und zu wür- 
digen, — dazu hätte Berendsohn tiefere psychoanalytisdie Kenntnisse besitzen 
müssen. 

Nidit nur zahlreiche Details m den Werken, die Hauptmotive, gan^e 
Reihen von typiscli wiederkehrendem Material sind dadurdi erklärt, son- 
dern Wesentliches aus des Diditers Leben, z. B. seine Hypochondrie, seine 
ewige .Neurasthenie", seine Liebe für Landleben und seine Flucht zur Natur. 

Das Eigenartigste ist das Liebesleben Hamsunsdier Gestalten, kompli- 
ziert und sonderbar. Die meisten seiner Werke sind Liebesromane und die 
Schilderung des Liebens darin, das typisdiJj^msunsche, auch mit Ursprung 
seiner Erfolge. Hier möchte ich auf die Freudschen Anschauungen über den 
Genuß am Werke der Kunst und Dichtung zurückkommen. Es besteht für 
midi kein Zweifel, daß die Leser z, B. des Romanes „Unter Herbst- 
stemen" sich im Irrtum befinden über die Quellen ihres Genusses. Es 
sind nicht die ästhetischen Vorzüge des Buches, ist nicht die eminente Technik 
dieses ganz großen Dichters, nicht die Schilderung norwegisclien Lebens, die 
den Erfolg dieses Buches erklären könnten. Unser hoher Genuß an dieser 
Liebesgescliichte muß unbewußte Quellen aufweisen und auch zu 
ihrer Aufspürung braucht es psychoanalytischer Bemühung. 

Sie sei hier unternommen, um zu zeigen, wie sehr Berendsohn die Psydio- 
analyse unterschätzt. 

Der Inhalt des Romanes ist in Kürze folgender : Der Held — er trägt 
den Namen Knut Petersen — ist sichtlich der Dichter selbst, dessen Alters- 

— 320 — 



■ stufe er auch entspricht; er ist stadtmüde aufs Land hinausgezogen und 

■ sucht Frieden. Aber, da er sich alsbald verliebt, bleibt die Ruhe aus. Als 
^ einfadier Arbeiter verkleidet, kommt er auf einen Pfarrhof, verliebt sich in 

die Tochter, zeigt es nicht recht, ahnt ihre Gegenneigung, aber Stob und 
Zurückhaltung lassen es zu nichts kommen. Die Mutter aber, die Pfarrers- 
gattin, gibt sich in ihrem Schlafzimmer — wohin sie ihn zu einer Arbeit 
geiodtt bat — dem großen, fremden 
Manne hin ; so audi spätere Male heim- 
lich abends in der Sdieune, wo er sein 
Nachtlager von ihr betreut findet ; sie 
ist noch schlank und leidenschaftlidi. 
Ein persönliches Interesse an ihr hat 
Petersen nidit. Die große Liebe des hohen 
Vierzigers wird vielmehr erst an einem an- 
deren Ort der Gattin eines Kapitäns ent- 
gegengebracht. Audi diese „gnädige Frau' 
verrät ihre Gegenneigung, verhüllt und 
errötend, und wieder beginnt das Spiel 
von Stoli; und Sehnsucht, seiner Neigung, 
sich vor ihr auszuzeichnen, seinem 
Beglücktsein mit einem Blick, einem 
abfallenden Knodien von Gegen Sym- 
pathie. Den Höhepunkt bildet eine 
Szene, wo er sie als Kutsdier fahren 
darf und sie ihn gütig an ihrer Mahlzeit 
teilnehmen läßt. 

Der Dichter selbst schildert diese Szene in seinem nächsten Roman, in 
dem wieder er selbst im gleichen Kreise auftritt, ihn beobachtet und be- 
schreibt. 

„Ich fuhr sie auf einer Reise, und sie war schamhaft gegen mich, obwohl sie 
meine Herrscherin war, sie errÖlete und sah nieder. Und das Merkwürdige 
war, daß auch ich durch sie schamhaft wurde, obwohl ich ihr Diener war. 
Wenn sie mir auch nur einen Auftrag gab, und ihre beiden Augen mich an- 
bhckten, deckte sie neue Schönheilen und Reidilümer auf, hinter all denen, 
die idi schon kannte." {Aus „Gedämpftes Saiten spiel".) 

Der Roman setzt ein mit Regression, d. h, mit Rückkehr in 
frühere Zeiten mit Landleben und Bauerntum, wie sie Hamsim in der 
Jugend erlebt hat. Er hat das stärkste Gefühl, als ,sei er hier schon einmal 
gewesen", in dieser fHedüchen Gegend. Eme alte Bäuerin taucht auf, ewe 




Knut Hamsun 

Zriihimns nun 0!a/ CiiHiraisian 

(Mit Genehpiiguü^ des Vcrlaeea 
AlhcrL Längen id ^iladien] 



PiA. BfwcfUDg 



— 321 — 



mütterlicht Figur, Bauemwäsdie hängt zum Trocknen, — so wars in der 
Kindheit auch. 

Dann trifft der Held Petersen, der niemand anderer ist, als Hamsun, 
einen Weg- und Arbeitsgenossen von zwanzig Jahren früher ; „ein warmer 
Strahl durchzuckt ihn, es ist, als riefe etwas aus der Jugend." So beschließt 
er denn, mit dem Jugendgenossen wieder auf Arbeit zu gehen. 

Er geht nun mit den schweren Schritten des Arbeiters und spielt s'itih in die 
Rolle des armen Bemitleidens werten hmein, läßt sich beherbergen, futtern, 
kleiden und gut betten — von Frauen, wie wir sehen werden von mütter- 
lidien Frauen. Es ist eine masochistische Unternehmung, aber auch dn 
Kindwerden. Eine Reihe von Wünschen aus der Kindheit scheint aufgetaudit 
zu sein und auf Befriedigung aus zu seini Er wird m der Verkleidung 
schauen können, heimlich beobachten, unerkannt. 

Er ist, wie wir später hören, „von der Liebe auf Irrwege gefiihrt 
worden" {und muß nun verschweigen, daß er besserer Leute Kind ist). 
„Ach", heißt es an anderer Stelle, „wie sich dadk ein bereits alternder 
Mann zum Narren macht, wenn er verliebt ist." 

Dieses Lieben emes Alternden, die „noch" so heftige Leidenschaft, gibt 
dem Budi den Nebengedanken an das Thema Mannbarkeit, das wieder 
mit dem Entmannungskompiejt eng zusammenhängt. Kastrations angst oder 
richtiger hier Befriedigung darüber, nodi liebesfahig zu sein, erbnert wieder 
an die Gespenstergesdiichtc aus der Kindheit. Zu diesem Thema gehört für 
den mit der Symbolik Vertrauten auch das Geschick im Anlegen der 
Wasserleitung und die Erfindung der Sägemaschine ; diese Künste sind da, 
um sich vor den geliebten Frauen auszuzeidaien. 

Der tiefste Wunsch aber, den der Dichter iff diesem Buch sidi unbewußt 
erfüllen will, ist die Liebe zu einer hohen Fraue, hier „der gnädigen Frau", 
der Gattin des Kapitäns und Gutsbesitzers. Für jede Spur von Gegenliehe 
geht er durchs Feuer, ihr will er dienen, sie verfolgt er mit seiner be- 
scheidenen Werbung, die nidit etwa wagt zu hoffen, angenommen zu werden. 
Wie ein Ritter Toggenburg wartet er stundenlang vergebens auf sie. Andere 
Frauen aber nimmt man einlach, madit Gebrauch von ihrer Bereitwilligkeit 
— so die Mägde Sara und Rönaaug im Walde. So die Pfarrersgatiin in 
ihrem Schlafzimmer. Sein Fleisch und sein Blut machen gerade hier ihn 
„g:anz dumm". Sie war, heißt es bei einer Wiederholung, „wie eine Flamme, 
nein, eine Tochter der Natur. In ihrem Inneren spielte nodi ein hinreißender 
Walzer." (Auch hier das „nodi".) 

Niu zu deudich erkennt man hier die Spaltung des Liebesobjektes in die 
Göttin und die Dirne ; die eine ist der Gegenstand schwärmerisdier Ver- 

— 322 — 



ehrung, die andere Mittel zur Sexualbefriedigiiag. Diese Zweiteilung ist Folge 
einer tindlichen heftigen Fixierung an die Mutter, wie sie uns voa Hamsun 
so zwingend anzunehmen ist. 

Hieher gehört der geschädigte Dritte als Voraussetzung des Liebena ; hieher 
gehört die obligate Eifersucht in der Liebe, voll Grausamkeit und Todes- 
wünschen gegen den Konkurrenten. Die mütterlichen Züge der gehebten 
Frauen sind hier nicht zu übersehen : die Pfarrerstoditer, die Pfarrerin und 
auch die Kapitänsfrau smd um sein Nadidager besorgt. Die „gnädige Frau" 
gibt ihm warme Kleider, und jene Szene, wo sie ihm zu essen gibt, ist ihm 
die unvergeßlichste. So fließen die drei Frauengcstalten des Romans gleichsam 
zu einer zusammen, die Alles bot ; die Mutter. 

Mit 46 Jahren verlor Hamsun durch Scheidung seme erste Frau ; im 
selben Jahre erschien dieser Roman „Unter Herbststemen", in dem ja auch 
die ersten Anzeichen einer Störung in der Ehe des Kapitäns gesdiildert sind. 
Hamsun war wieder heimados geworden. Tauchte darum Sehnsudil nadi der 
Mutter, aber auch nach neuer Liebe auf!? 

Das Gesagte, nicht nur aus diesem einen Buche des Dichters Erkannte, 
klärt uns auf über die infantilen Wünsche, die Hamsun sich in den diesem 
Roman zugrundeliegenden Phantasien erfüllt, erfüllt, ohne es zu wissen, ohne 
diese unbewußten, verdrängten Wünsche zu kennen. Die dynamische Wirkung 
der Dichtung, ja jedes Kunstwerkes, beruht nun darauf, daß die halluzina- 
torische Befriedigung der infantilen Wünsche des Künstlers auch die Wünsdie 
des Lesers oder Betrachters mitbefriedigt, da solche Wünsdie ein Gemeingut 
aller darstellen. Die erfolgreiche Wirkung dieses Romans beruht also vor 
allem auf der erzielten Identifizierung der Leser mit jenen bei Hamsun so 
drängenden Wünschen. Die Kunst des Dichters, seine eigenen Tagträume so 
sympathisch zu verhüllen, des Ajistößigen zu entkleiden, als „reale Welt' 
hmaistellen und ästhetisdi und interessant darzustellen, zieht die Leser heran ; 
aber jene tiefere Befriedigung eigener verborgener, nicht eingestandener Sehn- 
süchte hält sie fest, läßt sie bewundern und des Rühmens niclit fertig werden. 

Der Dichter gestattet gleichsam uns Lesern durch sein Beispiel auch unsere 
tiefsten, verbotenen, verdrängten Wünsche zu erfüllen, inzestuöse, grausame 
u. a. m. Er erlöst uns wenigstens für Stunden und in der Phantasie vom 
Druck der Kultur zur Freiheit der Natur. Er nimmt uns faei der Hand und 
iuhrt uns fort aus dem Alltag in eine sdieinbar neue Wirklichkeit, nur mit 
naturgetreuen Kulissen freilich; aber alles interessiert und entzüdtt uns wie 
in fremden Ländern, wo freiere Gesetze herrsdien. 

Nach all den. Perspektiven, die eme psychoanalytische Betraditung der 
Kunstwerke, ihrer Entstehung, ihrer Wirkung bietet, vor Allem aber bei der 

— 323 — »* 



Vcnlefung, die das Verständois der Persönlichkeiten der Sdiaffenden dadtirdi 
erfährt, kann kein Zweifel bestehen, daß Biographen und Literar- 
historiker eine analytische Ausbildung nicht mehr 
entbehren können. Mit Redit schreibt Stefan Zweig; „daß 
heute keine psydiologisdie Biographie mehr ohne einen Tropfen freudisdien 

Öles gesdirieben, werden kann". 

■* 

liiiniiiDiifiiniioiiiDiifiiiiiiiiiioiiniiifiiiiiiiiifiiiiUiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii 

„Ein Gespenst aus der 

Kindheit Knut Hamsuns" 

Eduard Hitschmanns Schrift über „Ein Gespenst aus der 
Kin dhei t Knu t Harasu ns" ', auf das im vorangegangenen Aufsatz hin- 
gewiesen wird, enthält mehr, ais der Titel verspricht, denn es wird eine Ana- 
lyse der Werke und der Person des Dichters selbst in sefir konzentrierter Form 
gegeben, ffarastm ist sefu' zuriickhaftend mit Angaben über sein Leben und 
sdiiebt narzißtisdi seine Werke in den Vordergrund, für die allein er das 
Interesse der Welt wecken will. Aber diese „wörtlich wahre' Kindheits- 
gesdiichte ist in seinen Werken zu finden. 

Der tagträumerische Knabe, der bei einem überstrengen Onkel, einem 
Planer, mehrere Jugendjahre verbringt, findet einst auf dem Friedhof einen 
menschlidien Vorderzahn und nimmt ihn ins Haus mit, um etwas daraus 
zu schnitzen. Es ist Abend geworden uni^^nach unheimlldien Vorzeichen 
kfopft es ans Fenster ; ein rotbärtiger Fremder •mit einem Südwester auf dem 
Kopf grinst lachend dahinter, zeigt deutlich, daß ihm ein Vorderzahn 
fehlt, und verschwindet wieder, den Knaben vor Sdireck erstarrt zurück- 
lassend. Offenbar ist das Gespenst der Tote, dessen Zahn er vom Friedhof 
weggetragen hat ! Schuldbewußt eilt er nadj dem Friedhof, wo ihn das Ge- 
spenst richtig erwartet, und wirft den Stein weit hinein. 

Dieses Gespenst verfolgt aber den jungen Hamsun jahrelang, sitzt auch 
auf seinem Bette in der Nadit, wädist bis an die Decke usw. Überall ver- 
folgt es den S diu Idbe wußten, um eines Abends zum letztenmal erscheinend, 
zu zeigen, daß die Zahnlücke nun wieder ausgefüllt, das Verbrechen gesülint 
ist. Die psydioanaly tische Deutung des Gespenstes entlarvt es als eine 
Angsthalluzination eines im Alter des „Kaslrationskomplexes" stehen- 

i) Efsdii^Dcn i^G IQ] Inlciaaüanal^ii Fa^dioanalylisdicD Verlag, (Gth, M. i. — , in Ganzleinen 

— 324 — 



den Knaben, der die Kastration aus der Sdiuld des Ödipuskomplexes fieraus 
furchtet, und der durdi den Zahnraub unbewußt und symbolisch eine Kastra- 
tion an einer Vaterfigur vollzogen hat. Die Kasffarion sangst enlhäil hier aber 
aucli die Angst, vom Vater gefressen iu werden, ist also aufs Orale ver- 
sdioben. Dem Analytiker ist klar, daß hier auch die passive zärtlidie 
Regung dem Vater gegenüber zum Ausdruck kommt. 

Man darf also der Erwartung Raum geben, daß die Werke Hamsuns 
Beweise für diese Deutung bringen, etwa das Thema der Entmannung be- 
handeln oder die Symbolik von Entmannung und kastriertem Gliede wieder- 
holt benützen. Namentlicli der Schneidezahn als Penissymbol wäre zu er- 
warten. Feindselige Einstellung gegen Väter, Liebesbindung an die Muner, 
Beispiele von Grausamkeit und Leidensfreudigkeit gleichfalls, ferner hallu- 
zinatorische Fähigkeit u. a. Die weiteren Kapitel erbrmgen an einem er- 
drüdtenden Material diesen Nachweis von KastrationssymboUfc und dem 
Kaslrationskomplex des Dichters, Darstellungen von feindsehger symbolischer 
Entmannung der bösen Väter durch Altem und Verarmen. Das Motiv der 
Eifersucht und des zu jeder Vcrliebung notwendigen geschädigten Dritten 
kehrt zwangshaft in allen Liebesafiaren bei Hamsun wieder. Sadismus und 
Masochismus sind wie bei wenigen anderen Diditem allenthalben nach- 
zuweisen. 

Mit fast ermüdender Wiederkehr wiederholt sich dies Alles unzählige 
Male und zeigt uns das sonderbare Schauspiel, daß nodi der fast siebzig- 
jährige Romancier vom Motiv des fehlenden vorderen Schneidezahns in 
seiner Diditung nicht abstrahieren kann. 

Die Nachwirkung des kindlichen Gespenstes dauert im Unbewußten des 
Dichters bis an sein Ende. 

Überaus lehrreidi sind die verhüllten Darstellungen der perversen Trieb- 
regungen, die im Leben sicherlidi unterdrückt, doch in den Phantasien der 
Diditung immer wieder aufsdieinen. 

Ein Kapitel „Hamsuns Ideale' und eine kleine Sammlung psydioana- 
lytisdier Proben aus Hamsuns Werken sdiließen diese analyüseh-literar- 
historische Arbeit vorbildlidier Art. 

Sie gibt dem Leser Hamsuns einen Schlüssel in die Hand, um wie auf 
einem Vexierbild die Physiognomie des Dichters in seinen Werken zu 
erkennen. 



e. St. 



— 325 — 



Das StaJbilitätsprinzip in der Psydioanalyse 

Im soeben eradiienenen Novemberteft [VI!!. Band, Heh 7/S) der von Hans 
Vailii n ger, Joseph Pe tz ol d t und Raymund Schmidt herausgegebenen 
(von dem Letztgenannten vurtrefflidi redigierten) „Annalen für Philo- 
sophie und philosophische Kritik" {welche Zeitschrift besonders 
auch jenen Psychoanalytikern empfohlen sei, deren Tätigkeitsgebiet abseits 
der Philosophie liegt, die über die philosophische Forschung der Gegenwart 
dcimodi richtig und fortlaufend unteniditet werden möditen) veröffentlicht 
Dr. phil. et med. Alexander Herzberg (Berlin) eine Studie über „Das 
Stabilitätsprinzip in der modernen Psychologie". Ergeht 
darin aus von der Tendenz des anorganischen Gesdiehens zu Ruhelagen und 
zwar zu solchen, die von sidi aus keine weiteren Veränderungen mehr ver- 
anlassen. Und stellt dann die Frage ; Zeigen auch die Lebensvorgänge eine 
soldie Riclitung auf stabile Endlagen? Von vondierein ist zunächst zu ant- 
worten, daß stabile Zustände im Reiche des Lebendigen nicht vorkommen 
koimea. Aber wenn auch die Stoffteilchen wecliseln, so können doch die 
Eigensdiaften des aus ihnen bestehenden Systems konstant bleiben. Solche 
stationäre Zustände kann man überall als Effekte des organisclien Ge- 
schehens feststellen. Soldie Dauerzuslände werden nicht immer erreicht ; viel- 
mehr tritt dieser Effekt nur beim Fehlen äußerer Störungen ein, d. h. wenn 
das System entweder äußeren Einwirkungen ganz entzogen ist, oder diese 
konstant sind oder durch Regulationen von Seiten des Systems ausgeglichen 
werden. Diese Erkenntnis wäre präzis als^das Prinzip der Tendenz zu 
stationären Zuständen" zu bezeidmen, tleT'zberg zieht es aber vor, 
kürzehalber in Anschluß an Gustav Theodor Fechners „Prinzip der 
Tendenz zur Stabilität" von einem Stabilitätsprinzip zu sprechen. 
Es wird von P e t z o 1 d folgendermaßen formuliert : „Jedes sich selbst über- 
lassene, in Entwicklung begriffene System mündet schließlidi in einen mehr 
oder weniger vollkommenen Dauerzustand aus oder dodi in einen Zustand, 
der in sich selbst entweder überhaupt keine Bedingung für eme weitere Ver- 
änderung mehr trägt, oder soldie wenigstens eine geraume Zeit hindurch nur 
noch in geringfügigem Grade enthält." 

Die ersten Andeutungen des Stabilitätsprinzips finden sich bei H u m e. 
In seiner vollen Allgemeinheit erkannt und ausgesprochen wurde es erst später 
und zwar zieralidi gleidizeitig — weiui auch unabhängig voneinander — von 
Herbert Spencer und von F e c h n e r. Neuerdings gab dem Prinzip Petzold 
die oben angeführte exakte Formulierung. Es hat in der modernen Wissen- 

— 326 — 



sdiaft eine große Bedeutung erlangt. In der Physik hat z. B. die Erforschung 
der radioaktiven Vorgänge gezeigt, daß der Atomzerfall über eine Reihe 
relativ stabiler Zwischenstufen zu einem ganz besonders stabilen Endprodukt 
hinfuhrt. In der Chemie haben wir gelernt, die Valenzkräfte aufzufassen als 
bedingt durch die Tendenz der Atomkerne, sich mit aditelektronigen Hüllen 
zu umgeben; im Besiu einer solchen Hülle zeigt das Atom keine Neigung, 
Verbindungen einzugehen, stellt also ein stationäres Gebilde dar. In der 
Paläontologie hat soeben PetoniS versucht, das Aussterben von Arten und 
die Entstellung neuer durch die Störung des Gleichgewichts zwischen der 
Bevölkerung eines Lehensrauras und den Umweltbedingungen zu erklären. 

Besonders aber in der modernen Psychologie — führt Herzberg aus 
— finden wir eine Reihe bedeutsamer Tatsachen, die sich dem Stabilitäts- 
prinzip zwanglos unterordnen. Als erstes Beispiel führt Herzberg die Psycho- 
analyse an. „Das Gemeinsame in den verdrängten Komplexen, unerfüllten 
Wünschen, unterdrückten Impulsen und verdrängten Triebregungen ist die 
unlustbetonie Spannung, welche diese Gebilde in sich bergen ; und sowohl 
die freien Einfalle, wie die Wach- und Sddafträume, die Fehlleismngen und 
Symptome, sie alle dienen der Aufhebung dieser Unlust, der Abfuhr dieser 
Spannung, der Herbeiführung eines Zustande» der Ausgeglichenheit, des 
seelisdien Gleichgewichts ... Ist nun die Entstehungsbedingung jedes seeli- 
sdien Vorgangs eine unlustvolle Spannung, ihr Ergebnis aber die Herab- 
setzung dieser Spannung, der Wegfall dieser Unlust, so wird eben mit 
diesem Ergebnis die Bedingung zu weiterer Fortdauer des scehschen Vor- 
gangs vermieden und im Extrem aufgehoben ; auf ein solches Ergebnis trifft 
also unsere obige Definition des stationären Zustandes zu ; es strebt also der 
Verlust der seelischen Vorgänge, wie ihn das Lustprinzip darstellt, stationären 
Zuständen entgegen. Das Lustprinzip, so können wir dafür auch sagen, 
ist ein Spezialfall des Stabililätsprinzips auf seelischem 
Gebiete." 

Aber auch das Freudsche Realitätsprinzip, dem nach die psychischen 
Funktionen sich im Laufe der Flntwiddung den Forderungen der Außenwelt 
in zunehmendem Maße anpassen, ist ein Ausdruck des Stabilität s- 
prinzips auf seelischem Gebiete, denn : „ist die vollkommene Realitätsan- 
passung erreicht, so ist ein Anlaß zu weiterer Entwicklung nach dem 
Realitätsprinzip nicht mehr gegeben ; vollkommene Realitätsanpassung ist alst) 
ein stationärer Zustand im Sinne des Stabilitätsprinzips." 

Herzberg weist dann darauf hm, daß Freud in seiner Studie „Jenseits 
des Lustprinzip s" dazu gelangte, den Wiederholungszwang 
gewissermaßen als eme Ausnahme vom Lustprmzip zu erkennen. In bestimmten 

— 327 — 



Fällen sei der seclisdie Apparat durch das ursprüngliche Unlusterlebnis mit 
gewaltigen Erregimgsin engen jäh überschüttet worden; diese zu allmählicher 
Abfuhr zu bringen, sei der Zwedc jener rätselhaften Wiederholungen. Es 
werden auch unlustbetonte Reaktionen in Ka.uf genommen, wenn sie nur der 
Tendenz zur Abfuhr gespeidierter Erregungen Geniige leisten. Damit erweist 
sich diese Tendenz als dem Lustprinzip übergeordnet, als eine Grundtendenz 
des seelischen Gesdielicns. Es ist die Tendenz des seelisdien Apparats, das 
in ihm hcrrscliende Erregungsquantum mÖglidist niedrig oder 
wenigstens konstant zu erhalten. Eme Erhöhung dieses Niveaus ist es, 
von der jeder seelisdie Vorgang seinen Ursprung nimmt, — mit der Ten- 
denz, diese Erhöhung wieder auszugleichen. „Somit strebt er" — so sdiließt 
Herzfeld sein Kapitel über das Stabilitätsprinzip in der Psychoanalyse — 
einem Zustand zu, der keine Bedingungen zu weiterer Fortdauer des Vor- 
gangs enthält, d. h. einem stationären Zustand im Sinne des Stabilitäts- 
prmzipa. Audi das K o n st anz p r j u z 1 p erweist sich, somit als ein Sonder- 
fall des Stabilitätsprinzips, Diesen Charakter des Konstanzprinzips hat Freud 
klar erkannt imd mit ausdrüddidier Berufung auf F e c h n e r dargelegt." 

Herzfeld erörtert dann mehrere andere Sonderfalle des Stabilitätsprinzips 
in modernen psyrhologisdien Lehren (u. a. bei Wer t heimer. Lewin, 
Koffka) und sdiüeßt seine Arbeit mit einigen allgemeinen Ausführungen. 
Daß einige in ihren Grundanschauungen divergierende oder fem voneinander 
verlaufende Strömungen der modernen Psydiologie auf ein allgemeines Ge- 
setz des Gescliehens, auf das Stabüitätsprinzip, konvergieren, sieht er als ein 
gutes Zeichen für die Zukunft der Psychologie an. Er hofft, daß die ver- 
einheididicnden Tendenzen in der Psydiql^gie die Oberhand gewinnen 
werden und führt einige ihm verheißungsvoll oröcheinende Beispiele an ; „Es 
gibt Eklektiker und Synthetikev wie Schilder, der die Psychoanalyse mit 
der Hu-npathologie und Kr et Schmer, der sie mit der Entwicklungspsycho- 
logie glücklich vereinigt ; es gibt Übertragungen von Methoden einer Richtung 
auf andere, z. B, experimenteller Methoden auf psydioanalytisdie Probleme. 
Im Sinne der Synthese wirkt es auch, wenn versdiiedene Richtungen von 
ganz verschiedenen Ausgangspunkten her zu denselben Ergebnissen gelangen ; 
man vgl. z. B. L e w i n s Resultate über die Erinnerung an unerledigte 
Handlungen mit der psychoanalytischen Auffassung des freien Einfalls und 
des Traumes ; oder desselben Autors gespannte Systeme mit den psycho- 
analytischen Komplexen." A J St 



— 328 — 



Große Hasser 

Fritz Witteis 

I Wer haßt, der liebt. Man versteht weder Liebe nodi Haß, wenn man 
das nidit weiß. Liebe und Haß sind nitit Gegensätze, die einander aus- 
schließen, sie hängen miteinander zusammen und manchmal verwandelt sich 
mit unbegreiflicher Schnelligkeit das eine Gefühl in das andere. In der 
Psychoana-lyse spricht man von Übertragung der Gefijhle und unterscheidet 
eine positive imd eine negative Übertragung. Der Trieb tritt doppelpolig als 
Liebe und Haß an die Welt der Objekte heran. Im Anfang war der Trieb. 
Die Objekte der Außenwelt, auf welche wir ihn übertragen, sind mehr oder 
weniger Zufallssachen. Sie sind gewssermaßen unschuldig. 

Viele, die ehemals geliebt haben, haben ihr Liebesobjekt verloren und 
sind Hasser geworden. Andere müssen aus inneren oder äußeren Ursadien 
auf LJebe verzichten. Wenn sie lieben könnten, würden sie nicht hassen. 
Aber sie können nidit lieben und deshalb erscheint ihre Libido in der 
anderen Form. Wie Kohle und Diamant sehr verschieden aussehen und 
dennoch beide dasselbe Element, den Kohlenstoff, darstellen, so stellen Liebe 
und Haß beide unsere Libido dar, obgleich sie aussehen wie Gegensätze. 

Eine der kühnsten Szenen bei Shakespeare ist das Zusammentreffe n 
Richard 111. mit Lady Anna, der Witwe von Richards Opfer Edward. 
Sie erscheint in tiefer Trauer mit der Leiche ihres Schwiegervaters, Heinrich VI. 
Audi diesen hat Richard mit eigener Hand ermordet. Die Lady läßt keinen 
Zweifel übrig über ihren Haß gegen den Mörder. Man, weiß, wie Shake- 
speares Königinnen ßudicn können : 

Ein .^di limine res Schicksal treile diesen Hund. 

der ultnd iinj gemacht durch Deinen Tod, 

als idi kann wünschen Nattern, Spinntn, Kröten 

und allem giltigen Gewürm, das lebt. 

Hat er ein Kind je, sei es mißgeboren, 

verwalirlost und zu früh ans Lidit gebiacht, 

deß' greulich unnatiirlidie GesEalt 

Den Blick der hoffnungsvollen Mutler schretke. 

Sie ist so berausdit von ihrem Haß, daß sie in ihren Fluch sogar eine noch 
nicht existierende Mutter von Richards Kind aufnimmt — eine tragisdie 
Vorwegnähme, da sie ja selbst später die Frau des Bösewichts wird. 

Und dann tritt Ridiard auf Lady Anna tritt ihm mit dem vollen Gefühl 

— 329 — 



des Hasses entgegen. Aber der Bösewidir, ein diabolischer Psycholog, der 
den Ursprung ihres Hasses wohl zu kennen scheint, überzeugt die Frau, daß 
er nur aus Liebe zu ihr zum Mörder geworden sei. An der Bahre seines 
Opfers freit er um sie — und mit Erfolg-. Haß, FJuch, Rache; Alles ist ver- 
gessen. Alle diese negativen Gefühle werden rück verwandelt in Sympathie 
für den Mörder, der nicht einmal Reue heuchelt, sondern nur 'Liebe. 
Triumphierend ruft er in seinem berühmten Monolog: 

Ward je ein Weib Id solcher Laun' gefrtit? 

Ward je ein Weib in solcher Laun' gewonnen ? 

Manche Kritiker haben den Eindruck, als wäre diese Szene ein Bravourstück 
des Dichters und wirkte nicht vollkommen überzeugend. Jedenfalls enthält 
die Psychologie der Szene eine tiefe Wahrheit. Annas Haß kommt von 
Liebe, die ihr Objekt verloren hat. Infolgedessen kann er durch Ersatz des 
verlorenen Objektes in Liebe rückverwand eit werden. So erklärt sich die 
merkwürdige Tatsache, daß Menschen in tiefem Kummer über ein verlorenes 
Liebesobjekt mitten in ihrer ersten Trauer so häufig- der Liebe zugäng- 
lidi sind. 

Natürlich ist ein Unterschied zwischen primitiven, extro vertierten und ver- 
innerliditen Menschen. Was Richard mit Lady Anna gelingt, würde dem 
Mörder Siegfrieds, Hagon Tronje, mit Kriemhild sidier nicht gelingen. 
In den Jahren der Trauer wächst Kriemhilds Hau und Rachedurst zu sdiwindeln- 
den Höhen, ohne daß man außen viel davon bemerkt. Die Welt enthielt 
ihr nichts als Liebe, so lange Siegfried lebte; sie enthält ihr nichts als Haß 
gegen den Mörder, seitdem der Geliebte tot ist. Der Haß in ihr ist die näm- 
liche Urgewalt, die früher als Liebe in Ers^inung trat. Während aber die 
Liebe sich ausleben konnte, wird der Haß |iestaiit, deshalb kann er eine 
Welt zerstören, wenn er endlich losbricht. Zehn Jahre oder mehr sind ver- 
gangen, als König Etzel um Kriemliilds Hand wirbt. Sie liebt den Hunnen- 
konig nicht, aber sie nimmt seine Werbung an, um mit Hilfe seiner Macht 
ijiren schrecklichen Plan auszuführen. Sie richtet ihr ganzes Haus zugrunde. 
Alle ihre Brüder müssen sterben, sogar der unsdiuidige junge Gisciher. 
Von den Nibelungen bleibt kein Mann am Leben. Ihren Oheim Hagen, 
das Haupiobjekt ihres Hasses, tötet sie mit eigener Hand. Mit des geliebten 
Siegfrieds Scliwcrt Bahnung schlägt sie ihm den Kopf ab. Sie selbst geht audi 
zugrunde in dieser Orgie der Rache. Aus dem süßen blonden Mädchen ist 
das Teufelsweib geworden nach gewaltsamer Unterbrediung ihrer Liebe. Die 
Explosion des Hasses hängt auf das engste mit der Liebe zusammen. 

In unserer kleinen Welt spielen sich die Dinge nidit so heroisdi ab. Es 
ist aber dennoch immer das Nämliche. So viele Ehen zeigen zwei Partner, 

— 330 — 



die einander laasscn und langsam vergiften. Das geschieht selten in der Form, 
die Emile Zola in einem seiner Romane schildert (,La bSte humainc"). 
Ein armseliger Bahnwärter hat eine prächtige Frau, mit der er in schlechter 
Ehe lebt. Sic erkrankt und siedit dahin und weiß genau, daß der eigene 
Mann ihr heimlidi Gift in die Speisen mischt. Sdiließlich entdeckt sie, 
daß er das Gift in das Salz mischt. Man muß aber nicht wirkliches Gift 
verwenden, um sidi das Leben zu verbittern. Da sind zwei, die einander 
nidit lieben können. Sie hindern einander, sich in eine dritte und eine 
vierte Person zu verlieben. Deshalb hassen sie einander. Sie bleiben bei- 
sammen, wie Freud einmal bemerkt, keineswegs weil sie sich lieben, sondern 
weil die Rache noch nicht vollendet ist. Das Eine wartet auf den Tod des 
Andern. Oft tun sie so, als liebten sie einander und dann übertreiben sie 
diese heudilerische Liebe bis zu einem ekelerregenden Grade, um die wirk- 
liche Art ihrer Gefühle zu verbergen. Wenn in einer solchen Ehe ein 
Dritter auftaucht, dann wird ein gutes Stück Wut in eia positives Gefühl 
zu rück verwand eh und so mandier Ehegatte weiß nicht, daß er seinen 
Frieden oder den Waffenstillstand einem heimlichen Freunde seiner Frau zu 
verdanken hat. Das gilt natürlich ebenso von den heimlichen Geliebten der 
Männer. 

Der Unterschied zwisdien der hcroisdjen Form des Hasses und der des 
Alltags ist der folgende : Auf der Bühne ermordet Medca ihre beiden 
Kinder mit einem Doldi, weil sie nur diesen Weg sieht, um Jason, der sie 
nicht mehr liebt, empfindlich zu treffen. Es ist in unseren Zeiten schon vor- 
gekommen, daß eine Mutter gegen ihren Willen einen Unfall arrangiert, der 
zu demselben tödlichen Ende führt. Man verdrängt heute, was die anüken 
Heldinnen vor dreitausend Jahren bewußt getan haben. In Paris ging eine 
Mutter mit ihren beiden Buben, zwei und fünf Jahre alt, am Ufer der 
Seine spazieren. Das ältere Ifind fiel ins Wasser, das jüngere Kind gleidi 
darauf ebenfalls und beide ertranken. Die Mutler konnte über den Her- 
gang des Unglüdts keine Auskunft geben. Ein Schleier habe sidi um ihre 
Augen gelegt. Leute, die das Unglüd; mitangesehen hatten, berichteten, die 
Mutler habe das jüngere Kind dem älteren nachgeworfen. Diese Frau lebte 
von ihrem Manne geschieden und wußte, daß er im Begriffe stand, sidi 
wieder zu vermählen. Wir geben zu, daß dieser „Mede akomplex " selten bt. 
Es gibt aber viele Mütter, die heimlidien Groll gegen ihre Kinder hegen. 
Er erscheint in der umgekehrten Form einer übergroßen Liebe, und sie ver- 
derben die Kinder. Nur eine glückliche Mutter kann ihre Kinder glücklidi 
machen. Wenn sie unglücklich ist, dann ist sie immer eine Gefahr für ihre 
Kinder und das selbst mit den besten Absiditen. 

— 331 — 



Diditer kennen genau die Bipohritäl von Aufbau und Zerstörung. Sic 
verstehen, uns mit ihrer Kunst verständlich zu machen, was wir zwar alle 
fühlen, aber mit dem Verstände nicht begreifen können. Nadidem Romeo 
seine Julia geheiratet hat, wird er verbannt, Fem von seiner Geliebten ?.u 
leben, ist für ihn schlimmer als der Tod. Der freundlidie Bnider Lorenzo will 
helfen. Sein kühner Plan gelingt aber nicht und beide Liebende gehen durch 
ein Mißverständnis zugrunde. Romeo sieht Julia, die vom Bruder Lorenzo in 
einen künstlidien Schlaf versetzt ist, hält sie für tot und vergiftet sich an ihrer 
Bahre. Julia erwacht aus ihrem magisdien Schlaf, und wie sie ihren Geliebten 
tot zu ihren Füßen erblickt, ersticht sie äidi mit Romeos Dolch. Das wäre 
ein ärgerliches Mißverständnis, ein wenig befriedigender Sdiluß des Liebes- 
liedes, wenn der große Didhler uns nicht den Atem des Weltgeistes fühlen 
ließe über alle Intrigen und künsdichen Pläne hinaus. Sie müssen sterben, 
weil sie zu innig lieben. Neben der Liebe steht der Tod. Die Wege der 
Zerstörung sind mannigfaltig, aber die Urgewalt ist immer die gleiche. 

In alten Zeiten schickten Könige einen Sendboten, der für sie zu werben 
hatte. Wenn der Ritter mit der liebenswürdigen jungen Königin zurückkam, 
war alles eitel Liebe und Freude. Wenn aber der gewünschte Schwiegervater 
die Hand seiner Tochter verweigerte, dann mußte diese Beleidigung gerächt 
werden. Das Land der Jungtrau wurde mit Krieg überzogen und womoglidi 
blieb von der Hauptstadt des störrischen Vaters kein Stein auf dem andern. 
Der Freier war zweifellos nidit wirklich in eine Prinzessin verliebt, die er 
niemals in seinem Leben gesehen haue. Ebensowenig konnte er später diese 
ihm unbekannte Person hassen. Sie wollen sich aber nach der einen oder 
anderen Ridicung ausleben, in Liebe oder iift.Haß, je nachdem. Das Objekt 
der Liebe oder des Hasses ist leicht zu findenT" 

Und willst Du nidit mein Bruder sein, 
30 schlafi' ich Dir den SchMe! ein, 

Don Jose tötet seine Carmen, weil sie nicht zu ihm zurückkommen 
will. Dann ruft er: „Seht midi hier Blut gerötet! Ja, idi habe sie getötet, 
Carmen, mein angebetet' Leben !" Die nämliche Kraft, mit der er liebt, 
drückt ihm den mörderisdien Stahl in die Hand. Der Beispiele für das gibt 
es kein Ende. Shakespeares Königin Margarete, die Frau des Schwädi- 
lings Heinrich VI., verwandelt sich in eine Furie, weil sie auf die Liebe 
ihres Suffolk verrichten muß. Die Furie steckt in ihr von Anfang an wie in 
Kriemhild. Wären diese Frauen nidit voL Leidenschaft, sie würden weder 
so heftig lieben noch so heftig hassen. 

Die Jungfrau von Orleans war vermutlich eine Paranoikerin, trotz 
ihrer großartigen Verteidigung durch Bemard Shaw. Sie litt an Hallim- 

— 332 _ 



nationen, verwandelte sidi aus einem Bauernmäddien in einen Ritter und 
Retter ihres Vaterlandes, was man wohl trotz ihres vorübergehenden Erfolges 
Größenwahn nennen darf. Eine homosexuelle Komponente ist nicht zu ver- 
kennen. Nicht einmal vor dem Gerichtshof war sie zu bewegen, ihre 
Männerkleidung abzulegen. Sie liebt die Männer nicht, sie tötet sie. Da sie 
selbst ein Mann ist, braudit sie keinen zur Ergänzung. Sie haßt die Männer 
(rationalisiert: nur die Engländer), weil sie aus inneren Gründen Männer 
nicht lieben konnte. Aber diese Figuren aus alten Historien und Sagen 
können nur selten analysiert werden, weil wir nidit genügend brauchbares 
biographisches Material von ihnen haben. Man zeigt uns eine Heldin, eine 
Heilige, statt eines armen kleineu Mädchens inmitten ihres seelischen Kon- 
fliktes. So steht es auch mit einer anderen französischen Heldin, Charlotte 
Corday, die in der großen Revolution Marat ermordet hat, Ihre Schritte 
dröhnen auf dem welthisrorisdicn Resonanzböden. Wir wissen aber so gut 
wie nichts zur psychologischen Erklärung ihrer Tat. Trotz ihrer Schönheit 
hatte dieses Mädchen inmitten der lockeren Sitten anderer niemals zärt- 
liche Beziehungen zu einem Manne, Vor ihrer Tat lebte sie zwei Jahre 
lang in einem kleinen Zimmer in der Normandie, einsam und immer- 
während in Bücher vertieft. Wir verstehen, daß die Revolution, deren ein- 
zelne Phasen sie aufmerksam verfolgte, diesem Mäddien die Möglichkeit gab, 
ihren Haß zu aktivieren. Weil wir aber nidit genug von ihr wissen, ver- 
stehen wir nicht, warum dieses schöne Mädchen den Weg zur Liebe nidit 
finden konnte. 

Die Ahnin aller weiblichen Attentäter ist die blbUsche Judith. Wir 
wissen durch die Darstellung der Heiligen Schrift mehr über sie als über 
Charlotte Corday. Holofernes, der schreckliche Heerführer des noch schreck- 
licheren Königs der Assyrer, Nebukadnezar, belagerte die jüdische Stadt 
Bethulien. Dort lebte eine junge Frau von außerordcndidier Sdiönheit und 
streng sittlichem Lebenswandei, Seit drei Jaliren und vier Monaten war sie 
verwitwet, legte ihre Trauerkleider nidit ab, fastete viel und betete auf dem 
Dach ihres Hauses. Das Volk in der belagerten Stadt litt an Hunger und 
Durst; aber nicht so lange wie Judith, die seit vierzig Monaten dürstete 
und das Gesetz dennoch niemals übertreten hatte. Die Juden sprachen von 
Obergabe der Stadt und sogar vom Bruch der Speisegesetze. In ihrer Not 
woEten sie essen, was Gort verboten hat. Da kam Judith zu einem unge- 
heueren Entschluß. Sie spradi mit ihrem Gotte in einem herrlichen Gebete, 
das mit folgenden Worten begann: 

„Herr, Gott meines Vaters Simcon, dem du da,< Sdiwerl in die Hand gabst zur Be- 
strafung der Heiden, die gelöst hatten die Scham der Jungfrau zur Schande und eni- 

— 333 — 



blüßteti ihre Hüften zur Sdimadi und entweihten die Sdiam zur Beschimfifung, da du 
doch gcsagl; nidit so soll es sein, und sie taten es deunoch. 

Wafür du ihri: Führer dem Morde preisgabs: und ihr Lager, das von der Sünde 
wußte, dem Blute, und du schlugest Knechte samt Herren und die Führer auf ihren 
Thronen. 

Und du gabst ihre Weiber zur Beule und ihre Töditer der GefaDgenschaft und alle 
Rüstungen zur Plünderung für die von dir geliebten Sohne, die lur dich geeifert hatten 
und die Beschimpfung ihres Blutes verabscheuten und dich um Hilfc anriefen; Gott 
mein Gott, höre mich, die Witwe . . ." 

Aus diesem Gebete wiril klar genug, daß Judith wußte und überlegte, 
was den Frauen bevorstand, sobalt! die Heiden in die Stadt eingedrungen 
waren. Bewußt empfindet sie diese unmittelbar drohende Zukunft als uner- 
träglidie Schmach, Wer aber bürgt für ihr Unbewußtsein ? Die Bibel ist 
schweigsam über ihre Ehe mit Manasse, den zur Zeit der Gerstenernte ein 
Sonnenstich verdarb. Die Psychoanalyse weiß, daß überaärtliche Gattinnen, 
überängstliche Mütter, übertraurige und trauernde Witwen nicht immer die 
besten Frauen sind. Die Übertreibung ist immer verdächtig. Eine hübsche 
junge Frau, die nach kurzer und kinderloser Ehe in Trauer ohne Ende da- 
hinlebt, gibt Anlaß zum Nachdenken, Die Bibel gibt uns überdies Anhalts- 
punkte dafür, daß die Ehe Judiths nidit konsimiien war. Angenommen, 
Judith hätte ihren Ehemann gehaßt, verachtet und verflucht. Wegen dieser 
Sünde sei sie nun von ihrem eigenen Gewissen zu ewiger Witwenschaft 
und Kasteiung verurteilt worden. Das Unbewußte sagt: Dein Gatte war dir 
nichts ; mehr als einmal hast du ihn totgewünscht, dein Wunsch ist in Er- 
füllung gegangen, jetzt lebe und lache ! Das Über-Ich antwortet mit der 
schrecklidien Stimme des Herrn: Er ist ge^rben, weil du es ihm ange- 
wüusdit hast. Jetzt mußt du dein Leben Bng trauern und fasten. Die 
Psychoanalyse kennt diesen Konflikt, der im Unbewußten abläuft. Das Triefa- 
Idj wünscht Lust, das Über-Idi antwortet mit Selbstkasteiung. Das geht so 
drei Jahre lang. Da erwächst den unterdrückten Mächten der Unterwelt 
Sukkurs: gewaltsame Schändung steht bevor. Auch muß Judith erleben, daß 
nicht alle Mensdien das Gesetz so ernst nehmen wie sie. Sdion besdiUeßen 
einige, die Speisegesetze zu übertreten und hungern doch erst seit einigen 
Tagen, Im alten Kriege des frommen Bewußtsems gegen das unfromme 
Verdrängte erneuert sich die Schlacht. Begierde hier und aufgezwungenes 
Gewissen dort — das ist der ewige Krieg und bis hieher unterscheidet sich 
Judith nidit von anderen Frauen. Ihre glorreiche Natur zeigt sich aber darin, 
daß sie ad personam diesen Kampf durch eine unerhörte Tat beendigt, 
durdi ein Kompromiß, das beide Tede — Trieb-Ich und Uber-Ich — zu- 
friedenstellt. Es ist billig, daß sie unsterbUchen Ruhm dafiir erntet. SJe war 

— 334 — 



die schönsre Frau der Stadt und mußte darauf gefaßt sein, nach dem Falle 
BeAuliens dem Hololemes selber zugefÜhn zu werden. Das Unbewußte 
konnte ihm dafür nicht gram sein. Aber das Bewußtsein haßte ihn als 
den Feind ihres Volkes und ihrer Ehre. Könnte man nicht aber Heben und 
hassen zugleich? Konnte man nicht heben, um besser hassen zu können? 
Und aus der Sdiändung eine Ehrung machen? 

Als sie soweit gekommen war. legte sie zum erstenmal die Witwenklei- 
dung ab, salbte ihren Leib mit feiner Myrrhe und machte sich sehr schön. 
Und sie ging hinaus nnd liebte ihn, Eng ihn em wie eine Buhlerin und 
haßte ihn dabei und hieb ihm den Kopf ab wie eine Heldin. Ihre Tat ist 
der klassische Fall für politische Attentate der Frau. Ihre Nachfolgerinnen 
haben sehen diesen Grad von Sdiönheic und von Offenheit erreicht 

In der bibUschcn Darstellung greift Gott selbst em und Judich kommt unbe- 
rührt von Hoiofernes in ihre Hcimatsiadt zurück. Es gehört ein starker 
Glaube zu der Annahme, daß der General in Gegenwart der Schönheit, um 
die er sidi bewarb, eingeschlafen sein scdl, bevor er sein Ziel erreicht hatte. 
Friedrich Hebbel in seiner Tragödie zeigt Judidi von tragischen Sdiauem 
geschüttelt, weil sie nach der Tat einzusehen begirmt, daß ihr Heroismus 
nidit frei war von Fleischeslust. 

Judith: Es ist mehr als eine Heldentat; idi mödite den Helden sehen, den seine 
größte Tat nur halb so viel gekostet hat, wie mich die meinige, 

Miua: Du spradist von Rache, Eins muß ich dich fragen. Warum kamst du im 
Glanic deiner Schöiihell in dies Heidenlager? Hattest du es nie betreten, du hättest 
nichts zu rächen gehabt. 

ludilh: Warum ich kam? Das Elend meines Volkes peitschte mich hierher, die 
dräuende Hungersnot, der Gedanke an jene Mutter, die sidi ihren Puls aufriß, um ihr 
VC rsdim achtendes Kind zu tranken. 0, nun bin idi wieder mit mir ausgesöhnt. Dies 
alles hatt' ich über mich selbst vergessen. 

Mi}ta .'Du hattest es vergessen. Das also war's nicht, als du 
deine Hand in Blut tauchtest! 

7iii/i(t (langsam, vernichtet); Nein, — nein. — du hast redii, — das war's 
nichc, — nichis trieb mich, als der Gedanke an mich selbst. O. hier ist ein Wirbell 
Mein Vnlk ist erlöst, doch wenn ein Stein den Hoiofernes zerschmettert hätte, — es 
wäre dem Stein mehr Dank schuldig, als jetzt mir! Dank? wer will den? Aber jetzt 
muE ich meine Tat allein tragen und sie zermalmt mich! 

Mina: Holnfernes hat dich umarmt. Wenn du ihm einen Sohn gebierst; was willst 
du antworten, wenn er dich nadi seinem Vater fragt? 

Judith: O, Mirza, ich muß sterben uod idi will*s . , . 

Siidicßlich behält Mirza redic, wenn sie ausnift: „Eine Frau soll Männer 
gebaren, nimmermehr soll sie Männer töten!" Fügen wir hinzu, daß Frauen, 
auch um Kinder zu gebären, Männer braudien, Vielleidit waren nidit genug- 

— 335 — 



Mänoer in Bethulieii oder die Männer waren nidic Manns genug-. Manche 
Judith erklärt sich so am besten. 



Wenn wir übermäßig große Liebe studieren, finden wir regelmäßig als 
ihren Untergrund verdrängte und gestaute Liebe zur Mutter. So wird es uns 
nicht zu sehr in Erstaunen versetzen, wenn wir als Untergrund so manchen 
großen Hasses die andere Seite eines schlecht erledigten Ödipuskomplexes 
finden: Haß gegen den Vater, vermischt mit einer unterdrückten Verehrung 
für ilin. Der erste Wirbel im Leben entsteht dort, wo das Kind zuerst 
Liebe fordert, die ihm versagt wird. Die Eltern sind die natürlichen Re- 
präsentanten der Kultur und Kultur verlangt immer wieder Verzicht. Die 
Eltern können dem Kinde nicht immer seinen Willen tun. Sie verbieten ihm 
dies, sie strafen es für das, sie entziehen sich den Ansprüchen des Kindes 
an ihre Person. Das Kind widersetM sich leidenschafdidi. Seine erste selige 
Überzeugung war; „Sie liehen mich, ich kann ihrer sicher sein." Sparer 
entdeckt das Kind, was ihm häufig zum Sdioek wird: „Sie lieben mich nicht, 
sie lieben einander mehr als mich. Sie ziehen ein älteres, ein jüngeres Ge- 
schwister vor!" Diese Entdeckung erzeugt Wut oder Angst oder beides. Oft 
lösen Angst und Wut einander a.b. in der zornigen Periode werden Rache- 
plane geschmiedet, infolgedessen fürchtet sieh das Kind vor den Gegen- 
aktionen des mächtigen Vaters. Ellern sind ja geheiligte Personen und das 
Kind fühlt bald eine Instanz in seinem Innern, die unmoralische Tendenzen 
verurteilt. Der Konflikt wird unheunlich und verschwindet aus dem Bewußt- 
sein. Er ist verdrängt und wird unbewußt fortgesetzt. Im Unbewußten gibt 
es aber keine Vernunft, keine verünflige Moral, kein Vorbild, dem man 
nachstreben könnte. In diesem dunkeln Teil der Seele wird der Konflikt 
niemals ordendich erledigt. Statt dessen erhält er sich ohne Rücksicht auf 
die ablaufende Zeit und wir erkennen ihn an den sonderbarsten Reaktionen 
und Übertragungen. 

Politische Mörder übertragen ihr unerledigtes Vaterproblem auf den 
Landesvater. Sie kämpfen gegen irgend eine politisdie Autorität, aber sie 
meinen, ohne es zu wissen, ihren eigenen Vater. Die Ermordung des Präsi- 
denten Lincoln war zweifeUos eine der dümmsten Taten der Welt- 
gesdiichte. Sein Mörder war John WJlkes Booth, ein mäßig guter 
Schauspieler, der aber der Sohn eines der bedeutendsten englischen Tragöden 
war. Wieder ein junger Mann, der im Schatten eines berühmten Vaters auf- 
wuchs. Er wurde Schauspieler, um seinem Vater gleidi zu werden, aber die 
Identifizierung gelang ihm nicht. Er hatte drei Brüder, die auch alle Schau- 

— 336 — 



Spieler g-eworden waren. Einer von diesen — er war sedis Jahre älter als 
John — hatte das Glück, noch berühmter zu werden als sein Vater. Man 
hielt ihn für den größten Schauspieler seiner Zeit, und Menschen wie 
Emerson gehörten zu seinen Verehrern. So wurde der hoffnungslose Kampf 
des späteren Mörders vom Vater auf den Bruder übertragen: ein berühmter 
und ein unbedeutender Künstler. John Booth änderte seinen Namen in 
Wilkes. Er wollte nicht so heißen wie st\n Vater und seine Brüder, Wilkes 
war der Name seiner Mutter: von dem erbarmungslosen Vater floh er zur 
liebenden Mutter. Wir sehen häufig, daß Brüder oder Söhne berühmter 
Männer ihren Namen aufgeben, um dem Drucke zu entgehen, der mit dem 
Namen zusammenhängt. 

Schließlidi verUeß John Wilkes die Bühne und wurde Gesdiäfcsmann. 
Auch hier wiederum vermutlich mit mäßigem Erfolg. Für Politik hat er sidi 
den größten Teil seines Lebens gar nidit interessiert. Eine kurze Zeit nur 
nährte er den Gedanken, in die Armee der Südstaaten einzutreten. Einige 
Jahre allerdings sdieint er den Gedanken mit sich herumgetragen zu haben, 
Lincoln zu ermorden. Er soll zwei Jahre vor seiner Tat gesagt haben : „Was 
für eine großartige Gelegenheit, sich unstcrblidi zu machen, wäre das, wenn 
man den Lincoln ermordete !" Die theatrahsdie Form der Ermordung ist 
wohlbekannt. Lincoln saß im Theater in einer Loge. Booth erschoß ihn 
von rückwärts, sprang dann auf die Bühne und rief: „Sie semper tyranrds!" 
In diesem Augenblidi war er bestimmt ein größerer Schauspieler als sein 
Vater und sogar als sein göttlidier Bruder. Er hatte, um mit Fieseo zu 
spredieo, „getan, was jene nur malten". Er lief hinaus und bestieg ein Pferd, 
brach aber dabei ein Bein. Freunde versteckten ihn einige Tage lang in 
einer Scheune. Dort wurde er entdeckt. Er weigerte sich, seine Waffen aus- 
zuliefern und erklärte, daß man ihn nicht lebend fangen würde. Die Soldaten 
sdiossen und töteten ihn. Seine letzten Worte sollen gewesen sein: „Sagt 
meiner Mutter, daß ich für mein Vaterland gestorben bin." 

Die Tat eines Schauspielers! Wie der Traum Phantasie und Wirklichkeit 
verwechsele, so diese Tat. Sie nimmt aus dem Unbewußten die unglüddidie 
Rivalität gegen den Vater und Bruder, vom Theater nimmt sie die Rolle 
eines tragischen Helden und aus der Wirklichkeit das Leben des großen 
Patrioten Lincoln. In solchen Charakteren ist der Wirklidikeitssinn durch 
den Ödipuskomplex herabgesetzt, sie leben in einem Dämmerzustand auf der 
Stufe des primitiven Menschen oder des kleinen Kindes. Man glaubte ilim 
nicht seine Schlagworte „Tyrann" und „Freiheit der Südstaaten" und man 
suchte nach anderen Motiven. Man fand diese Modve in Boolhs Wunsdi, 
berühmt zu werden. Er soll gesagt haben: „Der ehrgeizige Jünghng, welcher 

FjA. Bewegung — 337 — " 



den Tempel von Epheaua in Brand atcdcie, ist berühmier geworden als der 
fromme Narr, der ihn erbaut hat". 

Für die Psydioanalyse ist das „Geltungsbedürfnis" nur die Vernünftig- 
machung (Rationalisierung) des wirklidi verursachenden Motivs. Der fromme 
Narr ist der Vater und der Brandstifter ist der Sohn. Wirklich spielt der 
Wunsdi, berühmt zu werden, bei vielen Verbrechern eine wichtige Rolle. 
Die Zeitungen unterstützen diesen Wunsch, wenn sie über ungewöhnliche 
Verbrechen mit allen Einzelheiten und nidac ohne eine gewisse Bewunderung 
beriditen. Aber der Wunsch, berühmt zu werden, ist zu sehr auf dem Ver- 
stände aufgebaut, um Akte der Leidenschaft zu erklären. Das Dämonische 
in uns ist ganz unabliängig von vernünftigen Erwägungen. Es gibt keinen 
politischen Mörder in dieser Welt, der zu seiner Tat aussdiließlidi durch 
vernünftige Erwägungen veranlaßt worden wäre. Dabei gehen wir soweit, auch 
den Wunsch nach Berühmtheit zu den vernünftigen Erwägungen zu rechnen. 
Wenn es vor 1865 schon eine Psychoanalyse gegeben hätte und John Booth 
mit Erfolg analysiert worden wäre, hätte er Abraham Lincoln nicht ermordet 
Die Psychoanalyse lehrt, daß unser triebhaftes und unbewußtes Ich bei 
Taten der Leidenschaft den Ausschlag gibt. Und alle bedeutenden Taten 
sind Akte der Leidenschaft. So könnte man beispielsweise fragen, ob die 
Psychoanalyse audi imstande gewesen wäre, die amerikanisdie Revolution 
gegen England zu unterbinden. Die Antwort ist : Niemals hätte Psycho- 
analyse jene Männer überzeugen können, daß ihre Handlungen unvernünftig 
seien. Dem Booth hätte die Analyse klar gemacht: „Du überträgst den fiaß 
deiner Kindheit gegen Vater und Bruder auf den Landesvater. Aber Lincoln 
ist nicht dein Vater, er ist nicht verantwortligL dafür, daß dem Bruder mehr 
Erfolg hat als du, ebensowenig dafür, daß d«in Vater den älteren Bruder 
vorzieht. Für PoUtik interessierst du dich nicht wirklich. Dein steigender Haß 
gegen Lincoln beruht auf einem Irrtum. Die Wirklidikeit schaut ganz anders 
aus als sie dir vorkommt . . .' Mit den Rebellen des iS. Jahrhunderts, mit 
den Bürgern von Boston, hatten wir nidit so sprechen können. Sie hätten 
uns geantwortet: „Es ist möglich, daß wir geborene Rebellen sind. Aber siehst 
du nicht die Ausbeutung? Ist nicht die Freiheit ein hohes Ideal und ist nicht 
gerade jetzt der Augenblick gekommen, um sie zu erkämpfen?" Wo der 
Verstand spridit, dort hat tlie Psychoajialyse keine Einwendung. Wo die trieb- 
haften Tendenzen und die praktische Nützlichkeit einer Handlung überein- 
stimmen, dort gerade werden die größten Taten ausgeführt. 

Aber audi die Helden rund um Washington bekämpften triebhaft ihren 
Vater. Das tritt in der Sage des Rip van Winkle hübsdi in Ersdieinung. 
Er schlief auf einem Felsen ein zur Zeit, als Amerika nodi eine englisdie 

— 338 — 



Kolonie war. Sein Schlaf dauerte zwanzig- Jahre. Als er mit seiner rostigen 
Flinte cndlith xurücikam in sein Dorf, sagte er, er sei ein treuer Untenan 
König Georg UI. Mitdcrweile waren die Vereinigten Staaten eine Republik 
mit einem Präsidenten geworden und die Söhne, die sich von ihrem Vater 
beireit hatten, schauten feindselig auf den Einen, der die Zeit versdilafen 
und ein treues Kind seines Vaters geblieben war. 

Es gibt Taten, die gestera geschehen sind und heute sdion vergessen. 
Andere Taten sind unvergeßlich und die Zeit kann ihr Andenken nicht aus- 
lösdien. So eine Tat war die Ermordung Julius Cäsars ami5.März 
des Jahres 44 v. Chr. Plutardi hat sie ausführlich besdirieben. Shakespeare 
folgt in seiner Tragödie manchmal wördich dieser Darstellung. 

Nadi dem Morde erschien Brutus auf dem Forum und hielt die fol- 
gende merkwürdige Rede: 

„Ist jemand in dieser Versammlung, irgend ein herzlicher Freund Cäsars, 
dem sage ich: des Brutus Liebe zu Cäsar war nidit geringer als seine. 
Wenn dieser Freund dann fragt, warum Brutus gegen Cäsar aufstand, ist 
dies meine Antwort: nidir, weil ich Cääar weniger liebte, sondern weil ich 
Rom mehr liebte. Wolltet ihr lieber, Cäsar lebte und ihr stürbet alle als 
Sklaven, oder daß Cäsar tot ist, damit ihr alle lebet als freie Männer? Weil 
Cäsar mich liebte, wein' ich um ihn; weil er glücklich war, freue ich midi, 
weil er tapfer war, ehr' idi ihn; aber weil er herrschsüchtig war, erschlug 
ich Ihn. Also Tränen für seine Liebe, Freude für sein Glück, Ehre für seine 
Tapferkeit und Tod für seine Herrschsudit 1° 

Ein hübsches Beispiel für „Ambivalenz" im Bewußtsein, Was diese lako- 
nische Rede verbirgt ist widitiger als was sie sagt. Jedermann weiß, daß 
Cäsar mit den Worten an Brutus gerichtet, starb; „Auch Du mein Sohnl' 
Diese Worte haben schon im Altertum Nachdenken erregt. Plutarch berichtet: 
„Cäsar hat, wie man weiß, mit der Serviha, die rasend in ihn verliebt war, 
den vertrautesten Umgang gepflogen und gerade zu der Zeit, wo diese Lieb- 
schaft am feurigsten war, wurde Brutus geboren, so daß ilin Cäsar gewis- 
sermaßen als seinen Sohn betraditete". 

An diesem „gewissermaßen" liegt es. Weder wir, nodi wahrsdieinÜdi 
Brutus oder Cäsar selbst wußten für sidier, wer des Brutus Vater sei. Wer 
des Cäsars letztes Wort als ein Geständnis auffassen will, der mag in Bru- 
tus des Cäsars wirklichen Sohn, seinen einzigen Sohn, erbhcken. Cäsar han- 
delte darnach ; „Brutus nahm an seiner Macht soviel teil, wie er selbst wölke. 
Es hing ganz von ihm ab. der Erste unter seinen Freunden zu sein und bei 
ihm am meisten zu gelten, 

— 339 — «^ 



1 



Cäsar soll, als einige ihn vor dem Brutus waraien und ihn ermahnten 
auf seiner Hut zu sein, die Hand an den Leib g-elegt und gesagt haben ■ 
Wie, meint ihr, daß Brutus niclic auf dieses Stückchen Fleisch warten wolle? 
Als ob kein anderer als Brutus verdiente, ihm im Besitz der hödisten Ge- 
walt zu folgen. Soviel ist wolil gewiß, daß er der erste und angesehenste 
Mann in Rom würde geworden sein, wenn er sidi nodi eine kurze Zeit 
mit dem zweiten Range nach Cäsar begnügt hätte." 

Der gleidi Cassius bleiche und magere Brutus war aber todtig von An- 
lang an. 

„Als Pompejus und Cäsar die Waffen gegeneinander ergriffen und die 
Hcrrsdiafc in große Venvirrung geriet, UeG sich sehr vermuten, daiS Brutus 
Cäsars Partei ergreifen würde, weil sein Vater kurz vorher auf Pompejus 
Befelil war getötet worden. Aber er hielt es für seine Pllicht, das 
üffendidie Interesse dem seinigen vorzuziehen, und jn der Überzeugung, daß 
Pompejus begründetere Ursachen zum Kriege häne als Cäsar, er- 
klärte er sidi ohne Bedenken für jenen. Obwohl er bisher den Pompejus, 
wenn er ihm begegnete, nicht einmal eines Grußes oder einer Anrede ge- 
würdigt, sondern es für ein großes Verbrechen gehalten hätte, mit dem 
Mörder seines Vaters zu spredien, unterwarf er sieh ihm jetzt doch als dem 
Feldherrn des Vaterlandes und schifite nach Sizilien als Legat des Seslius, 
dem diese Provinz zugefallen war . . . Pompejus soll sidi auch darüber so 
sehr gefreut und verwundert haben, daß er, als Brutus auf ihn zuging, von 
seinem Sitze aufstand und ihn, wie einen der vornehmsten Männer, vor 
aller Augen umarmte." 

Ist es nicht sonderbar, daß Brutus gega*iCäsar, der ihm schon damals 
Zeidien des Wohlwollens in FüUe gab, diff" Waffen ergriff, um dem zu 
dienen, der seinen offiziellen Vater ermordet hatte? Es war ja gar nicht so 
sicher, ob die Sache des Brutus gerediler war als die des Cäsars und über- 
dies war Cäsar des Brutus väterlicher Freund und ein Genie. Deshalb wissen 
wir nicht, ob wir hier den unersdiücterlichen Gerechtigkeitssinn des Brutus 
bewundern oder nicht Uebcr uns erinnern sollen, daß es unterirdische 
Mächte gibt, welche diesen Mann zuerst zu einem Parteigänger von seines 
Vaters Mörder und später xum Mörder seines zweiten Vaters machten. Die 
Geschidite hat gezeigt, daß die Ermordung Julius Cäsars ihren Zweck voll- 
kommen verfehlte. Goethe nennt sie die „abgeschmackteste Tat der Welt- 
geschichte". Cäsar war der größte Mann, den Rom je hervorgebracht hat- 
Nadi seinem Tode wurde beinahe automatisdi ein viel kleinerer Mann 
Kaiser. Damals war die Republik im Zusammenbruch und konnte durch 
Bluttaten nicht erhalten werden. Die Versdiwörer waren mindestens Träumer. 

— 340 — 



f 

I 

i 



Diciul. 
Cassini. 



Viele von ihnen waren dem Cäsar neidisdi, eifersüchtiges Volk, manche radie- 
dürstig. Der Charakter des Brutus war rein, aber seine Tat war sinnlos. Und 
dodi war dieser Mann ein Denker, ein Staatsmann, der Rom genau kannte. 
Gerade er hat die geringen Aussichten zur Erhaltung der Republik seibat 
zerstört. Robespierre und andere moderne Terroristen haben von den Zeit- 
genossen des Brutus gelernt, daü ein Putsdi nicht nur mit dem Oberhaupt, 
sondern auch mit den Hauptanhängern aufräumen müsse. Aber Brutut woUte 
das um keinen Preis. 

Wird niemand sonst als Cäsar angEtastcl? 

Ja, gui bedacht. Mich dünkt, daß Mark Anton, 

Der so beliebt beim Cäsar ist, den Cäsar 

NichE überleben darf. Er wird sich uns 

Gewandt in Ränken zeigen, und ihr wißt. 

Daß seine Macht, wenn Cr sie nutzi. wohi hinreidit, 

Uns allen Noi au schaffen. Dem zu wehren. 

Fall Cäsar und Antonius itiEleidil 
Brulus. Zu blut'gc Weise, Cajus Cassius, wär's. 

Das Haupt abschlagen und zerhau'n die Glieder, 

Wie Grimm beim Tod und Tücke hinterher; 

Antonius ist ja nur ein Glied des Cäsar. 

Laßt Opferer uns sein, nicht Schliichier, Cajus 

Wir alle stehen gegen Cäsars Gcifit, 

Was Mark Anion betrifft, denkt nidit an ihn; 

Denn er vermag nidi! mehr als Cäsars Arm, 

Wenn Cäsars Haupt erit fiel. 
Cassius. Doch fürdii ich ihn. 

Denn seine Liebe hangt so fest am Cäsat — 
Brulus. Ach, guter Cassius. denket nidit an ihn! 

Liebt er den Cäsar, so vermag er nidits 

Als gegen sich: sidi härmen, für ihn sterben. 

Und das war viel von ihm, weil er der Lust, 

Der Wüstheit, den Gelagen sich ergibt. 

Und nach PJutarch; 

„Anfangs waren die Verschworenen, da sie sieh über die Untemehmunff 
berieten, sämtlich der Meinung, daß Antonius, ein stolner, Übermüdger 
Mann und Freund der Monarchie, zugleidi mit Cäsar aus dem Wege ge- 
räumt werden müßte, weU er durdi seine Herablassung und Vertraulichkeit 
gegen die Soldaten sich einen staken Anhang gemacit hatte, vorzüglich 
aber, weil ec eben jetzt, als Cäsars KoUege, mit der ihm eigenen Kühnheit 
und Ehrsucht das ganze Gewicht der konsularisdien Würde verband. Bru- 
tus allein widersetzte sich diesem Vorschlage, indem er sich 
emmal auf die Gerechtigkeit stützte, dann Hoffoung madite, daß Antonius 
sidi önes besseren besinnen würde." 



— 341 — 



Er woUte nur ein OpFerer, nidit Schlächter sein. Aber gerade durdi die 
Versdionung des Markus Antonius sdiuf er den Boden für das zweite 
Triumvirat und wurde in Wahrheit ein Schlächter, der Cäsars Blut umsonst 
vergoß. Wie sehr steht hier des Brutus Einsicht hinter dem Maß zurück, das 
man von einem kalten, römischen Republikaner, als deren Blüte er geprie- 
sen wird, verlangen kann ! 

Was Brutus im Munde führt, was er ohne Zweifel auch für wahr hält, 
das sind die republikanisdien Phrasen, deren Vertreter er durch seine Ab- 
stammung, durch seinen Oheim Cato und durch sein gesamtes Milieu werden 
mußte. Aber dieser Träumer hatte andere und tiefer sitzende Gründe zu 
einem Groll gegen Cäsar, die man nidit aus seinen Worten, wohl aber aus 
seinen Taten erkennt. 

Das Unbewußte spricht; Cäsar hat deine Mutter entehrt und ist dein 
Vater. Das Bewußtsein sagt nicht mehr als dies : Cäsar benimmt sidi gegen 
dich wie ein Vater. Das Unbewußte spricht: Was immer Cäsar für dich tut. 
ist alles zu wenig-, so lange du nicht ößentlidi sein Sohn heißt und seinen 
Namen trägst. Das Bewußtsein sagt; Was immer Cäsar für dich tut, ist 
nidit genug, als daß du den Verlust der Freiheit solltest versdimerzen kön- 
nen. Cäsar ist ein Tyrann ; darum hasse ihn. 

Das Unbewußte spricht: Du wirst nach Cäsar Cäsar sein. Das Bewußtsein 
weist diesen Gedanken zurück : du bist ein unerbitdidier Republikaner, Das 
Unbewußte spridit; je eher Cäsar iallt, desto schneller bist du sein Nach- 
folger, Das Bewußtsein versteht es anders : je eher Cäsar fällt, desto schneller 
ist Rom befreit. 

Wenn man in knappen Worten ausgöRückt ein solches Wechselspie! 
zwischen dem Bewußtsein und der unbewußten Instanz gelten lassen wdl, 
erklärt sidi manches, was Erklärung fordert. Man findet im Gemüt des Bru- 
tus hinter einer übergewaltigen Freihcitsliebe versteckt das sogenannte Kron- 
prinzmotiv. Die Verschworenen meinen die Republik und wollen deshalb 
alle Häupter beseitigen, die, monarchistisch gesinnt, auch nach dem Sturze 
Cäsars der Republik Schaden zufügen könnten, Brutus, ihr Anführer und 
sdieinbar reinlichster Genosse, meint Cäsar und niemanden außer ihm. Denn 
das Unbewußte weiß nichts von Republik, nichts von Bedrückung und 
Tyrannei, es kennt nur einen Cäsar, den es aus persönlichen Gründen haßt. 
Das „Es" ist ein egoistisches Prinzip, Wie stolz ist Brutus, umweht vom 
Atem einer großen Tat : Nicht weil idi Cäsarn weniger liebte, sondern weil 
ich Rom mehr liebte ! In diesem Augenbhck weiß er nodi nicht, daß er 
lügt. Die Wahrheit ist, nicht weil er Rom liebte, sondern weil er seinen 
Vater haßte. " ,.:,... 

— 342 — 



In der Nacht vor der Schlacht bei Philippi, in der Brutus sein Leben 
verlor, hatte er eine Vision, die Plutardi folgendermaßen schildert: 

„Als er nun im Begriff war, das Heer nach Europa überzuführen, wurde 
sein Zelt tief in der Nacht nur von einem sdiwachen Lichte erhellt und im 
ganzen Lager herrschte eine allgemeine Stille. Brutus, der mancherlei zu 
überlegen hatte und in Gedanken vertieft war, glaubte jemanden herein- 
treten zu hören. Er sah also nach dem Eingange hin und erblickte eine 
seltsame, fürchterliche Gestalt von ungeheurer Größe, die schweigend neben 
ihm stand. Doch hatte er das Herz za fragen: .Wer bist du? Ein Mensch 
oder ein Gott? Zu welchem Zwedt kommst du zu uns?' Die Erscheinung 
antwortete : ,Ich bin, Brutus, dein böser Genius, bei Philippi wirst du mich 
wiedersehen.' Ohne sidi zu entsetzen, erwiderte Brutus : ,Gut, ich werde didi 
sehen.' " 

Man weiß, daß Shakespeares Genie den bösen Geist mit dem bösen Geist 
Cäsars identifiziert. Was ist Cäsar? Ein Tyrann, ein Unterdrücker, einer, 
den nach der hÖdisten Macht gelüstet, der nur heuchlerisch die Krone Roms 
zurückweist. Gani desgleichen ist das Böse in Brutus, dem Kronprinzen. Der 
edle Brutus ist ein Freiheitsheld. Haben wir des Nachts auf seine Träume 
gehorcht? 

„Er sndile zwar öffentlich immer unersdiötlerlidi zu bleiben und die ge- 
hörige Gemütsfassung zu behalten, aber zu Hause und des Nachts war er 
nidit derselbe Mann. Oft weckte ihn die Sorge wider seinen Willen aus 
dem Schlafe, oft war er ganz in Gedanken vertieft und mit den Schwierig- 
keiten seines Unternehmens so sehr beschäftigt, daß es seiner neben ihm 
sdilafenden Gattin nidit entging, dafi er wider seine Gewohnheit voll Un- 
ruhe war und mit einem höchst gefahrvollen und verwickelten Anschlage 
umging." 

Das Böse, für das im Bewußtsein des Brutus nicht Platz sein sollte, wuchs 
riesengroß. Es mußte erschlagen werden. Da es an Gestalt vollständig dem 
großen Julius glidi, hat Brutus den Cäsar ersililagen. Da haben wir das 
immer wiederkehrende tragisdie Mißverständnis. Nach seiner Tat hat Brutus 
einiges davon verstanden. Er hat ein Stück seines Inneren nach außen pro- 
jiziert und draußen getötet. Aber dieses böse Stüdc kann draußen nicht ge- 
tötet werden. Es lebte und wuchs weiter, bis er es bei Philippi wiedersah. 
Dort hat er seinen Irrtum deuthch erkannt und stürzte sich in sein Sdiwert. 
Der Selbstmord ist audi ein tragisches Mißverständnis. Das Böse soll getötet 
werden. Es ist aber mit dem anderen Teil, nämlich mit dem Teil, der tötet, 
so eng verbunden, daß beide Teile miteinander zum Orkus fahren. 



— 343 — 



Abstinenz, Coitus interruptiis 

und Angstneurose 

Freud untersdieidet bekanndjdi Aktualneurase und Psyehoneurose. Das 
eigentliche Objekt der psycho analytischen Forschung und Therapie ist die 
letztere. Die Psycho neurosen, deren Symptome körperlicher Natur 
sein können {z. B. hysterisdie Lähmungen), oder seelischer Natur [i. B. 
Zwangsvorstellungen) entstehen aus dem Konflikt zwischen dem Bewußten 
und den verdrängten Vorstellungen des Unbewußten, sie sind also seeli- 
schen Ursprungs, psychogen; die Aktualneurosen, deren Symptome 
ebenfalls körperlicher Natur sein können [z. B. Atemnot) oder seeli- 
scher Natur (z. B. Verstimmung) sind hingegen nicht psychogen, sie ent- 
stehen vielmehr aus körperlichen Ursachen, aus Störungen der Sexual- 
funktion, sie stellen gewissermaßen den toxischen Ausdruck dieser Störungen 
dar. Freud sah also in seinen ersten Arbeiten, in denen er die Aktualneu- 
rose von seinem künftigen großen Arbeitsgebiet gleichsam im vorhinein ab- 
grenzte und abtrennte, als den Motor der Aktuahieurose {z. B. der Neur- 
asthenie) die Häufung körperlich-chemischer Sexualstoffe an. Können die 
Psyclioncuroscn nur durch das Herausholen der verdrängten Vorstellungen 
aus dem Unbewußten, also durch die Analyse geheilt werden, so bedarf es 
bei der Aktualneurose im allgemeinen nur der Beseitigung des pathogenen 
körperlichen Moments, also z. B. der Aufliebung der Sexual abstinenz, der Ein- 
stellung des Coitus interruplus oder der Onanie (der Erwachse nenonanic), 
um das Verschwinden des aktuahieurotischen i%mptoms zu erzielen. Wohl 
hat sidi in den dreieinhalb Jahrzehnten, die" seit der Niederschrift der 
Freudsdien Erfahrungen über die Aktualneurose verstrichen sind, gezeigt, 
daß die reine Aktualneurose weitaus seltener vorkommt, als angenom- 
men werden konnte, daß sie meistens mit psychoneurotischen Erschei- 
nungen vermengt auftritt, und daß es sich vielfadi um Psychoneurosen 
mit einem aktualneurotisehen Kern handelt, deren Auflösung doch nur auf 
psycho therapeutischem Wege, auf dem Wege der Auflösung des Unbe- 
wußten möglich ist, an der sexualsomatisdien Erklärung der Aktualneurose 
an sich durfte Freud bis heute immerhin festhalten. Von seinen Schülern hat 
sich neuerdings besonders Wilhelm Reich in seinem Buche „Die Funk- 
tion des Orgasmus" mit der Bedeutung somatischer Mängel und 
Störungen der Sexualfunktion für die Ncurosenbildung beschäftige. 

Die Wissens diaf dich interessanteste Symptomengnippe mnerhalb der Aktual- 
neurosen bildet wohl die Angst, vor allem darum, weil es sich um ein 

— 344 — 



i 



Symptom handelt, das sowohl im Bild der Aktualneurose als in dem der 
Psydioneurose vertreten ist. Freud erwies bereits im Jahre 1895 „die Be- 
rechtigung, von der Neurasthenie einen bestimmten Syraptomenkompkx als 
.Angstneurose' abzutrennen" (Ges. Schriften, Band I, S. 3063). Auf 
der psycho neurolisdien Seite ist die Angsthysterie jene Erkrankungs- 
form, in der die Angst dominierend ist. Es ist begreiflich, daß angesichts 
der Fruditbarkeit, die der von Freud geschaffenen psychoanalytischen Therapie 
bei der Behandlung der Psydioneurosen bald bescliieden war, das Interesse 
der psychoanalytischen Schule für die als nicht psychogen erkannten Aktual- 
neurosen gering blieb. Die Frage der Behandlung der Aktuahieurosen, z. B. 
der hauptsächlich durch Unterbrechung- des Geschlechtsaktes (coitus interruptus) 
oder durch mangelhafte Beh-iedigung der Frau bei /u frühem Samenerguß des 
Marmes [ejaculatio praecox) verursachten Angstneurose, ist keine speziell psycho- 
analytische. Einzelne psychoanalytische Autoren eraditen es aber neuerdings für 
notwendig, ihr Interesse diesem Nachbargebiet zuzuwenden, zumal da dessen 
Abgrenzung historisdi mit dem Werdegang der Psydioanalyse zusammen- 
hängt, ein Verdienst Freuds darstellt. So behandelt jetzt der Frankfurter 
Psychoanalytiker Dr. Heinrich Meng in der „Deutschen Ärzte- 
Zeitung" (vom S. September 1929) die Frage „Angstneurose und 
Sexualleben". 

Meng führt aus, daß seine Beobachtungen an zahlreichen Patienten im 
Verlauf der letzten acht Jahre ihm (Jen Beweis erbracht haben, daß Freud 
Recht hatte, zu behaupten, daß bei Abstellung der Schädlichkeiten des Sexual- 
lebens das aktualneurotisdie Symptom verschwindet (so weit es nicht von 
einer gleichzeitig vorliegenden Psychoneurose als das bequemste und geeig- 
neteste Material zur Symptombüdung verwendet wird). „In der Tat gelingt 
es" — schreibt Meng — „eine große Anzahl von Angstkranken, die aktual- 
neurotisch gestört sind, durch Ordnung ihres Sexuallebens angst- 
frei zu machen ... Es gelingt bei den meisten Kranken durch sorgfältige 
Aufaahmc der Anamnese Näheres über ihr Sexualverhalten zu erfahren. Die 
meisten Patienten sind dann bei entsprechender Belehrung bereit, Mißstände 
abzustellen, meist ist es notwendig, Mann und Frau nicht nur einzehi, son- 
dern auch in gemeinsamen Besprechungen zu beraten. Gerade weiui z. B. 
die Frage der Konzeptionsverhütung statt durch Coitus interruptus 
durch Schutzmittel eriirtert wurd, sollten beide die Gründe dieser Verordnung 
genau keimen, denn zahlreiche Versager einer Verordnung beruhen auf 
bewußter Ungeschicklichkeit oder einer unbewußten Fehl- 
handiung als Ausdruck eines inneren Widerstrebens. 
Soweit ein Verdacht vorliegt, daß die gynäkologischen Verhältnisse der Frau 

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nicht normal sind, muß die Konzeptions Verhütung durch den Frauenarzt ge- 
ordnet werden; bei normalem Befund empfiehlt es sich, die Möglichkeiten 
der Konzeptions Verhütung mit Mann und Frau durchzuspredien und sie seihst 
wählen r.M lassen, zu welcher Form sie sich entschließen ... Bei etwa 
300 Personen, von denen etwa ein Drittel nur chemischen Schutz durch- 
führten, wurden naditeilige Wirkungen nicht beobadnet und die Konzeption 
verhütet. Die aktualneurotisdien Symptome klangen oft auITallend rascli ab." 
„Das Problem Angstneurose und Sexualleben" — führt Meng im weiteren 
Verlauf seiner Arbeit aus — „schließt noch eine Reihe von Teilproblemen 
em. Wir haben uns hier vorwiegend mit der allgemeinen Frage beschäftigt, 
vor allem, ob es für eine Gruppe von Individuen genügt, sexuelle Unge- 
schick! idikeiten und Stäiädlidikeiten zu vermeiden, Unwissenheit zu vermindern 
und sexuelle Erziehungsfehler durch bewußte Belehrung zu korrigieren. In 
der Tat gelingt es bei diesem Verfahren, eine Reihe von angstneurotischen 
Symptomen abzustellen. Wir wissen, daß, wo die Aklualneurose mit einer 
Psychoneurose verknüpft ist, eine seelische Behandlung, die das Unbewußte 
berüdtsichtigt, am Platze ist. Die spezielleren Fragen der erotisdien Befriedi- 
gung können hier nidit behandelt werden. Gerade Reich hat in den letzten 
Jahren des öfteren darauf hingewiesen, wie bedeutsam die orgastische 
Potenz für die Triebbefriedigung, Sublimiemng und normale, diarakterliche 
Reifung ist, und wie stark die Angst vor dem Orgasmus den Au s- 
brudi einer Neurose provoziert. Es ist ja klinisdi bekannt, daß alle psydio- 
neurotischen Erkrankungen mit ganz ähnlichen Symptomen beginnen wie die 
Angstneurose. Ihre Kenntnis und die Maßnahmen ihrer Bekämpfung als 
somatische Störung müßte eine allgemeine»"ft'oraussetzung des ärztlidien 
Wissens sein." "■ 

.Wir können hier audi nidit das Sdiicksal jener Anzahl Menschen ver- 
folgen, die seelisch gesund bleiben und nachweislich sexuell ab- 
stinent leben. Es würde sich also hiebei nur um Individuen handeln, 
die weder durch gelegentlichen Sexual verkehr, nodi durch Onanie eine Aus- 
nahme machen, und die bei jahrelanger Beobachtung arbeiisfähig und ge- 
nußfähig bleiben, ohne neurotische Symptome zu produzieren. Beobachtungen, 
die idi an einem buddhistischen Mönch madite, der zwar nicht m 
Analyse stand, aber einige Aufschlüsse darüber gab, wie er durdn bewußte 
Schulung seine Libido für fruchtbare, praktische und künsüerische Arbeit 
verwandte, sprechen dafür, daß es auch bei normal entwickeltem Scxual- 
apparat und normaler Triebkonstitution Menschen gibt, die, ohne neurotisch 
in erkranken, in emem außerordenthdi hohen Maße jublimieren können. 
Die Frage der Möglidikeit der Desexualisierung könnte erst dann 

— 346 — 



beantwortet werden, wenn exakte psychoanalytisdie Untersuchungen vor- 
liegen. Sie sind durch viele Umstände sehr erschwert, weil sehr selten ge- 
sunde Menschen sieh einer Psychoanalyse unteniichen, und weil, wenn solche 
Individuen organisch krank werden, die Frage der Psychoanalyse kaum zur 
Diskussion gestellt werden dürfte. Die von mir erwähnte Persönlichkeit hatte 
in den 15 Jahren der Beobachtung zwar stets ehi besonderes Interesse für 
Psychoanalyse, aber lehnte woh! instinktiv ab, sich einer psychoanalytischen 
Beobachtung durch Analyse zu unterziehen. Das Schicksal des verhältnis- 
mäßig frijhen Todes anläßlieh einer akuten Erkrankung läßt die Frage offen, 
ob bei hochgradiger Sublunierung nicht allmäliUeh der Gegenspieler des 
Sexualtriebes, nämlich der Destruktionstrieb oder Todestrieb an Macht ge- 
wuint und so die Krankheitsbereitschaft und unbewußte Todessehnsuehc 
steigert. Wenn wir in dieser Richtung vielleicht später klinisch weiter vor- 
dringen, werden wir bemerken, wie einschneidend die Freudsche Entdeckung 
der Psychoanalyse auf die Entwicklung der Wissenschalt vom gesunden und 
kranken Menschen eingegriffen hat und wie erst von Freud aus das 
Leib- Seele-Problem einer Losung zugänglich wird ; jnsondcrlieit seine Arbeiten 
.Jenseits des Lustprinzips' und ,Das Ich und das Es' ermöglichen Frage- 
stellungen wie die oben gekennzeichnete über den Sexual- und den Todes- 
trieb. " 

iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii[ii[iiiii[iiiii[iiiiiii[iii]iiiiii[iiii[iiiiiiiiiiii[ii 

„Hysterie infolge Verdrängung 

ethisdier Regungen?" 

Von Hans Zulliger (Ittigen-Bern) 

Unter diesem Titel hat der Luzerner Psychotherapeut Dr. M. N a c h m a n- 
s o h n in der , Allgemeinen Ärztlichen Zeitschrift für Psychotherapie und psy- 
chische Hygiene" einen Aufsatz erscheinen lassen, worin er an klinischem Materiale 
nachzuweisen versucht, daß die Behauptung Sigmund Freuds über die aus- 
schließliche sexuelle Ätiologie der Hysterien uiiriditig, bezw. unvollständig sei. 
An drei Krankheits lallen bei jungen und unverheirateten Damen, von denen einer 
ausführUdi gesdiildert wird, bemüht sieh Naehmansohn, zu zeigen, daß 
eine Hysterie audi dann und trotzdem ausbredien kann, wenn sich der Patient 
völligem „Ausleben" hingibt, und zwar deshalb und dann, „wenn dasGött 
liehe in uns unterdrückt wird." „Gehe ich die Fälle des letzten 

— 347 — 



Jahres darth, so habe ich Neurosen infolge verdrängter Sexualität weniger 
angetroffen, als soidie infolge verdrängter ethisch-äsdietischer Bedürfnisse', 
schließt er seinen Bericht und folgert : „Der Frcudsdie Satz, die Menschen 
würden sich wohler befinden, wenn es ihnen möglich wäre, schlechter zu sein, 
hat hier seine volle Widerlegung gefunden". 

Wir sind mit der Anmerkung der Schrifdeitung jener Zeitschrift einver- 
standen, daß das Problem, welches Nachmansohn anschneidet, wichtig genug 
sei, um diskuriert zu werden. Es ist nidit das erstemal, daß innerhalb oder 
auiäcrhalb der Psychoanalyse der Versuch gemacht wird, das „Göldiche", will 
sagen das „Nichtsexuelle", als den wesentlidisten Faktor zur Neurosenbildung 
zu reiten, die Psychoanalyse als technisches Unters uchungsverfaliren zu behalten, 
aber als Lelu-e, als Wissenschaft in ihren Grundzügen zu erschüttern und um- 
zustürzen. Aus diesem Bestreben kamen die Abspaltungen Adlers und Jungs. 
Nachmansohn hebt hervor, daß audi E. v. Düring, Michaelis, Maeder u. a. 
schon lange darauf hingewiesen hätten, daß nicht nur die Verdrängung libidi- 
nöser Kräfte pathogen wirke, sondern auch die der morahschen Tendenzen 
und Strebungen. Das Beispiel Nachmansohn zeigt, daß die Reihe dieser Ver- 
suche noch nicht abgeschlossen ist. 

An seinem Aufsatze ist besonders wertvoll, daß er nicht nur einfach speku- 
liert und behauptet, sondern seme Postulate aus klinisdien Erfahrungen ableitet, 
die eine Nadikontrolle gestatten und eine handgreiflichere Diskussion erlauben, 
als wenn er nur theoretisiert hätte. Seheu wir uns deshalb vorerst jenen Krank- 
heitsfall an, den er am eingehendsten schildert: 

„Eine 23jährige Paliuntin aus besserer Schweizer BeamtsDtamilie erschien bei mir miL 
dcv Angabe, sie müsse vor jedem aufregenden ESfenis erbrechen, hauptsadilidi aber, 
wenn sie ihren Freund erwarte. Nadi dem Erbrtdien'^edoch werde es ihr leichter und 
sie könne mit ihrem Freund ruhig und gut Zusammensein. Dodi etwas anderes plage 
sie noch mehr, die furchtbare Müdigkeit, unter der sie leide. Sie schlafe in der Nachl 
nur zu gut, aber dennoch sei sie am Tage müde und sdiläfrig und drohe bei ihrer 
Arbeit einzuschlafen, Ali dies wird schlaff vorgebracht. Ihr Appetit sei idiicdit, sie ist 
auch unlergewiditig. Aus ihrem Vorleben ergibt sidi, daß sie lieh vor drei Jahren in 
ihren Tanzlehrer verliebt habe. Sie hätten miteinander geschlediilidi verkehrt und hauen 
auch in Gegenwart der Multer von der Heirat gesprüthen. Zwar war die sehr brave 
Beamteofrau, wie sie mir sagte, von der Verbindung sehr wenig erbaut ; sie widersprach 
aber nidiC, weil es keinen Zweck gehabt hätte. Auch der fromme und abstinent lebende 
Bruder hatte wenig Freude an der Vereinbarung, Eines Tages hörte er den Bräutigam 
sich etwas zynisdi über die Frauen äußern und berichtete das seiner Sdiwesier. Nadi 
allem, was die Patientin erzählte, waren die Bemerkungen relativ harmlo.'i ; dennodi 
wurde sie von einem so starken Widerwillen gegen ihren Freund erfaßt, daß sie brüsk 
mit ihm brach, was ihm angeblich sehr nahegegangen sein soll. Er hatte sich ja nicht 
über seine Braut geäußert und stand einfadi vor einem Rätsel. Als sie ihn darauf auf 
einem Balle sah, fühlte sie mm erslenmale einen Brechreiz auftreten. Sie beherrschte sidi 

— 348 — 



damals und soll sehr blaE geworden sein. Von jener Zeit an mußle sie vor jedem aur. 
regenden Ercifjnis erbredieii, und die große Müdigkeit fing an, sich zu entwidicb, ver- 
bunden mit Appetitlosigkeit und Leben süberdruG. Dieser Zustand änderte sich auch nidit. 
als sie vor Jahresfrist ihren jetzigen Freund kennen lernte, miE dem sie bald in 
gcsdile dllliche Beziehungen kam. Trotz der als herzlidi angegebenen Lieiie wollte sie 
jetit dndi noch nidit ans Heiraten denken und fühlte sich audi keineswegs glQck- 
lidi. Das Erbrechen trat jedesmal auf, wenn er kam ; die Müdiglieil und die übrigen 
geschildeoen Symptome nahmen täglich zu. Die ersten adit Tage war ith mir über die 
Zusammenhänge völlig im Unklaren. Eine Verdrängung sexuclier Libido schien ja nidil 
votiuliegcn. Sowohl das unmotivierte Fallenlassen des ersten Geliebten, dem sie Unredit 
getan zu haben glaubte, das Erbredien und die Müdigkeit er.idrienen rätselhaft. Irgend 
welche Gewissensbisse madiie sie sidi über ihren Geschlechtsverkehr scheinbar nidit; 
sie eriähhe von ihm mit völliger Selbstverständlidikelt. Sie gab an, daß sie bis zum 
15. Lebensjahre leidit erbrodien habe- Dann wäre es aber ganz gut geworden, und seit 
zwei Jahren wäre es wieder aufgetreten. Angeblich bestand auch gar kein Konflikt. Die 
Paliendn war, wie sie ruhig versicherte, mit ihrem Tun einverstanden. Dann kamen als 
Retter in der Not diarakteris tische Träume. 

In einem Traum lak sie ihren erilai Freund lind seinen Bruder, beide verbummtÜ und 
abgemagert i siik sdbsl sah sie an Spital, wahrend sie von diesen beiden Menidien Besudi 
bekam. 

Der aweite Traum, der über ihren wahren Seclenzustand ersdirctkenden Aufschluß 
gab, zeigte ihr einen rofbärtigän Mann, der Augen und Mund ihres jetzigen Geliebten Itatte, 
und der sie auj der Straße mil sexueller Absiiht verje,lgle, Sie ßoli ihn und rctlete sidi zu 
ihrem Bnsder, der ilsr ein Pulver gab, nadi deum Genuß dir sonst peduditnarzes Haar hell- 
blond wurde, wobei sie sidi sehr viohl fühlte. 

In einem dritten Traum sah sie sidi vor einem Geridit -uon kalholisdien GeisÜidien, 
U^ler dejten idi audi war. Ihre FreUndmItin zeigten jJire HanA vor und wurden bald ent- 
lassen. Einzig über iiire ausgeilredlc Hand maditai sie sehr bedenklidie Gaiehter. Sie ver- 
teidigte sidi sehr heßig und wadite angstvoll auf. 

Die Träume ließen sitli im Zusammenhalt mit der gut katholischen Erziehung leicht 
deuten. Idi sagte ihr, daß sich ihre ethisch-religiöse Persönlichkeit gegen ihr jetziges 
Leben empöre, und daß sie mit Hilfe ihres Bruders ein blondes Gleichen zu werden 
wünsche — wir hatten in den leuien Tagen gerade von Faust gesprodien — und die 
schwarzhaarige „Spanierin", wie sie oft bezcidinet wurde, abstreifen mÖditc. Ich wies sie 
darauf hin, daß der Gerldilstraum nldit anders gedeutet werden könne, als daß sidi ihre 
Schuldgefühle regen, und daß sie sich auch im Traume gegen die Selbstvorwürfe, die 
sie in die Geistlichen und mich projiziere, zur Wehr setze. All dies und ähnliches 
leudiEete ihr ein ; es gab reichlich Tränen und ernste Vorsätze, mit denen aber meistens 
der Weg zur Hölle gepHasterl ist. Das war auch hier der Fall. Die Aufdeckung der 
Zusammenhänge hat aber befreiend gewirkt. Die Müdigkeit verschwand. Sic nahm in 
3 Wochen 4 Pfund zu und eitrach nicht mehr, wenn sich auch bei aufregenden Ereig- 
nissen Brechreize einstellten. Leider mußte ich in diesem Stadium die Behandlung auf- 
geben, da ihr Freund das Gefühl bekam, daß sie sich von ihm entferne, seit sie bei 
mir in Behandlung stand. Wie es ihr jetzt geht, ist mir nicht bekannt, da sie sich nicht 
mehr gezeigt hat." 

Das Überraschende für Nachtnanaohn war, daß ihre {der 3 behandelten 
Patientinnen) Träume nidiC nur in der manifesten Fassade wesentlich ethischer 

— 349 — 



waren aia ihr Wadidenken' und man habe feststellen können, „daß das Beste, 
die elgentliclie Persönlichkeit verdrängt sein könne, und daß diese Verdrängung 
genau so faiaie Folgen haben kann wie die Verdrängung der Libido". 

Wir wollen die Art und Weise, wie die Patienten Nachmansohns behandelt 
■wurden — darüber kann man sich aus dem oben wörtlidi zitierten Berldit 
über die eine der Hysterischen wohl ein Bild machen — nicht näher unter- 
suchen vom Gesiditspunkte der psychoanalytischen Technik. Wir stellen nur 
fest, daß uns die Deuterei der diei Träume nicht nur reiddidi gewagt, sondern 
auch sehr oberßädilidi erscheint und an „wilde Analyse" siark eruuiert. Aus 
dem Bericliie wird nicht ersichtlich, inwiefern die Deutungen den Einfüllen 
zu den Träumen entsprechen. Es sind auch Gründe vorhanden, darauf hin 
zu schließen, daß die Traumaanlysen (wenn die Träume überhaupt analysiert 
und nicht nur gedeutet worden sind) viel zu wenig weit fortgeschritten waren 
und daß die Deutung durdi den Arzt zu einer veifrühten Zeit kam, nänJich 
vor Eruienmg genügenden Ein fall materials, sodaß die Aufdeckung tiefer liegen- 
der Inhalte abgeschnitten und vernnmöglidit wurde. 

Wenn wir uns die Träume ansehen und überprüfen, so kommen wir, ge- 
stützt auf Analogien jeder psydioanalytisdien Praxis, zu einer ganzen Anzahl 
noch sehr summarischer und durcliaus nicht bereits spezieller oder detaillierter 
Vermutungen über latente Trauminhalte und unbewußte pathogene Momente, 
die wir infolge des Mangels an Einfallmaterial von Seiten der betreffenden 
Patientin hier nicht mit Sicherheit als Tatsachen behaupten können, die jedodi 
hÖdistwahrsdieinhch und viel wesentHcher sind, als die Nachmansohnsdien 
Deutungen. 

Zum ersten Traume : Dahinter stecken sidi^^steckungs- und Konzeptions- 
angst der Patientin und zutiefst ihr Ka s tra ti o^ns ko m p lex, der im ße- 
ridite nhgends berücksichtigt wird. Die Analyse dieser Ängste hätte wohl 
sdion an sich eine bedeutend längere Zeitdauer in Anspruch genommen als 
die 4 Wochen, während derer die Patientin, die zu so weitgehenden theoreti- 
schen Formulierungen Anlaß gab, beobaclitet werden konnte. 

Der zweite Traum zeigt in ganz aulfallender Art die erotische Bin- 
dung derPatientin an ihren Bruder. Zwar versagt wiederum die 
Deutung infolge ungenügenden Einfallmateriales, wenn wir uns fragen, was 
das Pulver für einen Sinn habe. Es hegt nahe, dies zu erraten ; im schweife- 
risdien vulgären Spradigebrandje und in erotischen Lieddien wird das männ- 
liche Glied nicht sehen mit „Pistole" ersetzt, man sagt von einem alten Manne, 



i) „Schöne" Träum«, die viel weniger „.■ichöne" latente Inhalte verbargen, waren der 
Piychoanaly.^e von jeher bekannt: dio „Schonheil" ist ji die sinnvolle Umgestaltung der 
Traumarbcli. der Traunientatellung. 

— 350 — 



er habe „sein Pulver verschossen", von einem Impotenten, er habe „kein 
Pulver mehr" usw. Die symbohsdie Bedeutung von Pistole und Pulver ist uns 
jedoch direkt aus Traumanalysen bekannt. Daß die Patientin im Traume das 
Pulver verschlucken muli. kann einer „Verlegung nach oben" cntspredien, 
unter Umständen könnte dieser Traumpaasus audi leise darauf hinweisen, daß 
irgendwelclie orale Fixierungen in der Patientin unerledigt sind. Bei 
anscheinend voller Genitalität ist, wie wir ja heute wissen, möglich, daß Fixie- 
rungen auf prägenitaler Stufe vorhanden sein und bei genauerer Betrachtung 
störend auf den Ablauf der „normalen" Geschlechts funktion wirken können. 
Für das Vorhandensein einer oralen Fixierung spricht das Symptom des Er- 
brechens. 

Der dritte Traum zeigt deutlidi das Auftauchen eines Übertragungs- 
widerstandes, der hätte analysiert werden müssen, damit die Patientin 
hätte in der Behandlung bleiben können. Im Traume erscheint der Arzt als 
ein der Patientin feindschaftlich gesinnter Richter und Angsthgur. Hier wird 
hmtergründlidi und auf phobische Art das Kastration stheraa des ersten Traumes 
wieder aufgegriffen, auf den Arzt übertragen — und es ist völlig logisdi, daß 
die Patientin aus der Analyse läuft, — gleichgültig unter welchen Rationalisie- 
rungen, — weil der Arzt nicht merkte, daß sich ein Widerstand bemerk- 
bar machte, offenbar aus der Freude an seinem Funde von „moralischen" 
Träumen. 

Daß das Erbrechen sdion vor dem Sexual verkehr der Pntientin, nämlidi 
während ihrer Kindheit einst aufgetreten ist (was wir so nebenbei 
auch vernehmen), zeigt uns wieder emmal von neuem, daß zu einer richtigen 
Psychoanalyse die Aufdeckung der Kin dhe i ts erinn er u n g en 
gehört, und daß der Grund zu den Neurosen schon in der Kindheit gelegt 
wird. Das Wiederauftreten des Erbrechens zu der Zeit, als der Sexualverkehr 
aufgenommen wurde und der erste Freund seine abschätzende Änläerung über 
die Frauen getan hatte, bedeutet nichts mehr als ein Rezidiv, und es wäre der 
Analyse obgelegen zu untersuchen, warum es gerade in diesem Zeitpunkte 
neu aufgenommen wurde. Daran dürfte wirklich nichts mehr „rätselhaft" blei- 
ben, es müßte eben aufgeklärt und aufgelöst werden durch die Analyse, denn 
dazu ist diese ja da. Das „Rätselhafte", überliaupt die ganze Krankheit der 
Patientin liegt ziemlich sicher in ihrer Bruderfixierung begründet. Da uns über 
das andere Material, auf das sich Nachmansohn für seine Theorie über Neu- 
roscnäüoiogie stützt, nichts gesagt wird, als daß es mit diesem der 22jährigen 
Dame übereinsthnme, läßt den Sdiluß zu, daß dieser letztere Fall die Dinge 
am klarsten zeige — sonst wäre uns doch von anderen Patientinnen auch 
Näheres beriditet worden. Wir sind zu der Vermutung gezwungen, daß diese 

— 351 — 



anderen Patientinnen ebenso oberllädiiidi und technisch mangelhaft analysiert 
worden sind wie die Bcamtentoditer und müssen gestehen, daß auf einer sol- 
chen Grundlage gewiß nodi nichts ausgesagt werden Itann, was uns über die 
Entstehung der Neurosen AufsdJuß gäbe. Nachmansohns Material ist ku dürftig, 
als daß man, auch wenn man gerne wollte, Freuds Satz über die Neurosen- 
ätiologie ergänzen oder auf den Kopf stellen könnte. 

Daß die Neurosen, genauer die Obertragungsneurosen aus Konflikten zwi- 
schen dem Ichideal und dem Es entstehen, das wissen wir längst, audi daß 
Stücke des Ich unbewußt sind. Aber wir wissen auch, daß die Symptomatik spe- 
ziell der hysterischen Symptome den geheimen Sinn sexueller Symbolik hat 
und daß es, so weit wir es seit dem Bestehen der Psydioanalyse übersehen 
können, immer die Triebwelr, das Es war, das pathogen auf das aktuelle Ich 
einwirkte, indem es sich gegen das Über-Idi wandte und sich ihm zum Trotz 
durchsetzte, die Symptome als versteckte oder verkleidete Sexualäußerung bil- 
dend. Über die Funktionen der Ich-Instanzen haben uns Freud, Reich, 
R e i k und Alexander' berichtet. 

Nadimansohn führt ins Feld, daß die Freudschen Konzeptionen über Neu- 
rosenätiologie heute go Jahre zurückliegen und eigentlidi veraltet seien, mit 
dem Leben nicht mehr übereinstimmten. Denn, sagt er, die Moral hat sich ge- 
ändert. Heute habe man die erotisch lösenden Einflüsse des Kino, die sexuell 
revolutionierende Popularisierung der Psychoanalyse und der Sexualforsdiung 
(Forel), die kurzen Röcke, die Bubiköpfe und die emanzipierte weibliche Jugend, 
die am vorehehdicn geschlechdidien Umgang keinen Anstoß mehr nehme und 
fijr sidi verlange, was den gleichaltrigen Männern von jeher erlaubt war. Er 
Führt Lindsey („Revolution der Jugend") «fd Konrad Falke („Machtwille 
und Menschenwürde") als Zeugen dafür an, dafr sich Praxis und Ideologie der 
Jugendhchen in sexueller Hinsicht gelockert habe und füge bei, daß diese Auf- 
lockerung der Moral es nidit zustande gebradit habe, die Neurosen einzu- 
schränken, sie vermehre und sdiaffe sie eher. 

■ Dabei sdieint er die Bedeutung der von ihm selber erkannten Tatsache, daß 
wir uns in einer Übergangszeit befinden — „wir leben in einer Übergangszeit, 
in der die alle sexuelle Ethik zerbrochen ist und neue Werte nodi nicht an 
ihre Stelle getreten sind", sagt er — nidit genügend in ihrer Tragweite abzu- 
schätzen. Die emanzipierte weibliche Jugend, die so gerne trotz ihrer Emanzi- 
pation in Neurosen verfiUt, steht mit einem Fuße noch m der althergebrachten 

l) Freud „Das Idi und das Es" [1923. Ges, Sdiriften, Bd. VI) ~ Reich „Der 
triebharte Charaktsr" (Neue Arb, a. ärztl. PsA., Bd. IV, 1925) — R e i k „Gesijndnis- 
zwaijg und Strafbedürinis" {Inlernat. PsA. Bibl., Bd. XXIII, 1925] — Altxaiider 
„Psydioanalystt der Gesarocpersönlidikeit" (Internac. PsA, Bibl. Bd. XXII, igs?). 

— 352 — 



Moral ihrer einstigen Erzieher, nadi deren Imagities zu einem weaenthdien 
TeiJe das Idiidea! aufgebaut worden ist. Sdion daraus ergeben sidi die „zwei 
Seelen in einer Brust"', die KonfliktstofTe im eigenen Ich, auch wenn diese un- 
bewußt ablaufen. Dazu ist eine medizinische Denkweise falsch, die annimmt 
es sei punkto Sexualität dort alles in Ordnung, wo der Koitus angeblich 
„störungslos" gelingt. Hat doch gerade die psydioanalytische Forschung nach- 
gewiesen, daß die Sexualität ein viel zusammengesetzteres und komplexeres 
Gebilde ist, als man früher annalim, und daß selbst dorr noch vieles nicht ganz 
in der Ordnung sein kann, wo die Sexualfunktion im engeren Sinne {Koitus) 
ansdieinend „normal" abzulaufen scheint. Da ändern Aufklärung, Bubikopf, 
kurzer Rock usw. wirklich wenig daran.' 

So wenig es angeht, Pfiydioanalyse treiben zu wollen ohne Beriidtsichtigung 
der Kindheitserlebniase, die der Amnesie enthoben werden müssen, 
ohne Berücksichtigung der prägenitalen neben den genitalen Organisa- 
tionen, des Widerstandes und der Übertragung, ebensowenig kann 
eine derart getriebene Pseudoanalyse den Anspruch erheben, irgend 
etwas ernst zu Nehmendes oder Maßgebendes sagen zu wollen über so kom- 
plizierte Probleme wie die Neurosenätiologie. Denn es fehlen dazu alle Grund- 
lagen, vor allem die sorgfältige und lange andauernde klinische Beobaditung von 
mehr als einem Jahre und an mehr als nur drei Fällen und nidit allein an un- 
verheirateten Patienten weiblichen Gesclilechtes. 

Bei der Lektüre der Nachman söhn sehen Arbeil wird man den Verdadit 
nicht los, der Therapeut sei wegen eigener Ungelosiheit, wegen eigener unbe- 
WTißter Wünsdie, schheßlich aus Mangel an technischem Können von ver- 
hängnisvoller Blindheit gesdilagen, die im vorliegenden Falle nicht nur die Be- 
endigung der Kur verunmöglichte, sondern auch zu ganz voreiligen und falsclien 
Formuherungen führte. Der Heilerfolg, die Besserung des Allgemeinzustacdes 
der Patientin, darf uns nidit täuschen. Er ist reichlich früh erfolgt, reidiiidj un- 
vollständig (der Brechreiz blieb), über seine dynamische Bedingtheit wissen wir 
eigentlich nichts, er kann sich aus Gründen der Überiragung, vielleidit audi 
nur aus solchen des Widerstandes eingestellt haben, wie man es in Analysen 
oft beobachten kann, und es ist zu zweifeln, daß er andaure. Der Erfolg bleibt 
ebenso „rätselhaft", wie der Beginn und die Ursachen des Haupts ymptomes, 



i) Hier darf audi wieder einmal darauf verwiesen werden, rlafi die von Nadiman- 
sohn aufgenommene FormulieninR ^Während das proletarische Mädchen stets 
sich ohne Gewissensbisse dem Sexualvertehr hingab, legle sidi das gebildete B ü r- 
germädchtn stärkste Versagung auf" schief gesehen ist. Die Annahme, daß das 
, gebildete ßürgcrmädchcn" moralisch hauslioch über dem Proletariermädchen stand, 
stimmt nicht ^ es war vielleicht weniger pervers als das Bürgermädchen. 

PiA. Bewegung g^g ,j 



des Erbrechens, das ja auch schon einmal aufg-ehörr halte und wiedererachien 
Im Verlaufe einer regelriditigen Psychoanalyse wird jedoch der Heilerfolg in 
seiner Begründung ebenso klar wie die der einstigen Erkrankung oder Fehl- 
entwicklung. 



„Eine ganze Nation 

besessen vom Ödipuskomplex" 

(JMarcel Prevost und die Psydioanalyse) 
Von Alfred Winterstein (Wien) 

Während in Frankreich die jüngeren Vertreter der schönen Literanjr die 
ersten waren, die stärkeres Interesse für die Psydioanalyse bekundet haben, 
scheint die ältere Generation von Schriftstellern ihr nach wie vor ab- 
lehnend gegenüberzustehen, mag sidi audi bei ihnen der Einlluli der Tiefen- 
psydiologie Freuds in der Wahl der Stoffe, Technik usw. un eingestanden 
geltend madien. Der bekannte Sitten sdiUderer und Romanschreiber Marcei 
Prevost liefert in seinem jüngsten Werk „L'hommevierge" (Der jung- 
fräulidie Mann) einen ao sdUagenden Beweis für die Eiditigkeit dieser Be- 
hauptung, daß es sich wohl verlohnt, etwas näher auf den Inhalt dieses Buches 
einzugehen. 

Der Roman zerfällt in drei Teile, die betij^lt sind : ,Hcrv^ oder der Schul- 
dige", „Sidonie oder die Gefangene" und „Arnal oder der Riditer". Die ersten 
beiden Stücke sind in die Form eines schriftlichen Geständnisses gebracht, der 
dritte Teil stellt Aufzeichnungen aus einem Tagebuclie dar. In allen drei 
Kapiteln setzt sich das Gewissen der betreffenden Personen mit dem Drama, 
das zwisdien ihnen spielt, auseinander. Sdiauplati ist ein Schloß in der kan- 
zösischen Provinz ; Herve comte de ia Gatere heißt der Sdiloßherr, ein scliöner, 
trou des calvinischen Glaubens den Genüssen des Lebens eifrig zugewandter 
Mann, in denen er vor allem Abhilfe gegen die ihn umschleichende Langeweüe 
sucht. Von einer Neurose, die ihn nadi dem Tode seiner Htern befäUt, befreit 
er sidi durch die Heirat mit einem jungen adeligen Mädchen. Marie-Angeüque 
schenkt ihm einen Sohn, der Arnal getauft wird ; nach der schwierigen Ent- 
bindung erkrankt sie und bleibt fortan schwächhch und schonungsbedürftig. 
Einige Zeit später findet der inzwischen verwitwete und verannte Bruder, 
richtiger Halbbruder der Grälin, Jean-Louia, gasüiche Aufnahme bei dem Ehe- 

— 354 — 



paar ; sein Sohn und seine Tochter werden bei Verwandten untergebracht. 
Nach sieben Jahren stirbt Jean-Louis, bald nach ihm sein Sohn, sdiließlidi die 
alte Tante und Gutsnachbarin, der Jean-Louis' Tochter Sidonie anvertraut 
g'ewesen war. Sie hinterläßt dieser ihre Besitzung, jedoch soll der Fnichtgenuß 
bis zur Großjährigkeit des Mädchens dem ScHoßherrn von La Gatere anter 
der Bedingung verbleiben, daß er Sidonie bei sidi aufnimmt und ihr Vormund 
wird, ffier setzt das Drama ein, auf dessen ersten Akt nodi kein Schatten 
fällt ; zwischen den beiden fast gleichaltrigen Kindern Arnal und Sidonie ent- 
wideh sidi jene typische GefQhlsbeziehung, die mehr an eine Knabenfreund- 
adiaft erinnert und nur in einzelnen Zügen bereits der Verschiedenheit der 
Geschlechter Redinung trägt. Anfangs beachtet Herv6 die beiden gar nidit ; 
der Sohn interessiert ihn überhaupt nicht, wie er auch seinem eigenen 
Vater keine wärmeren Gefühle entgegengebradit haben will. Dies ändert 
sidi, als die zwei Kinder heranwachsen. Jetzt beschäftigt sich seine Phan- 
tasie plötzHdi unausgesetzt mit der" Möglichkeit erotisdier Betätigungen zwi- 
schen den beiden, entzündet an dem gelegendidien Anblidt von Raufereien, 
faei denen oft das Mädchen den Knaben niederzwingt. Die Folge ist, daß sidi 
nunmehr Hervä im Gewände des Erziehers dem Paare mit Eifer widmet und 
so namentlich mit dem Mädchen stärkere Fühlung gewinnt. Als Arnal vier- 
zehn Jahre alt wird, schickt er ihn, angebhch getreu einer Familientradiiion, in 
eio Knabenpensioaat, und zwar nadi Deutschland. Von dem unbequemen 
Rivalen befreit, geht er nun daran, das anmutig erblühende Mädchen gänzhch 
zu erobern. Er lehrt sie chauffieren ; gemeinsame Autofahrten, i^e zur Besich- 
tigung von MeierhÖiien unternommen werden, führen die beiden auch bis- 
weilen nadi dem verlassenen Schlößchen Aubiac, der Besitzung der verstor- 
benen alten Tante, und dort geschieht eines Tages das längst Erwartete : 
Herv6 nimmt von seinem Mündel auch körperhch Besitz. 

Arnal kommt während der Ferien nadi Hause, innerlidi verändert ; die 
Lehre Freuds vom Ödipuskomplex, von der er in Deutschland 
Kenntnis erlangte, hat wie ein Choc auf sein Gefühlsleben, auf seinen 
Mutterkultus gewirkt. Noch Ärgeres steht ihm bevor: er wird eines 
Tages unbemerkt Zeuge einer Liebesszene, die sidi zwischen Herve und 
Sidonie abspiele. Absdieu und Angst vor allem Weiblichen (außer vor der 
kranken Mutter) erfassen ihn, er verdrängt mit aller Macht die Erinnerung an 
dieses Erlebnis und bittet seinen Vater, dessen eigenem Wunsch entgegen- 
kommend, ihn in eine Schule nach England zu schicken. Drei Jahre verbringt 
er nun fern von der Heimat, indes sein Vater und seine Jugendhebe ihr 
heimhdies Glück weitergenießen. Mitten während des Weltkrieges kehrt er 
zurück, aber nur, um zum Waffendienst zu eilen, ein statdicher junger Mann, 

— 355 — =3' 



Jessen Erscheinung nldit ohne Eindruck auf Sidonie bleibt. Die folg-enden elf 
Ja!ire bringen keine Veränderung in die Beziehungen zwisdien den beiden 
Mensdien ; Herve und Sidonie leben audi fernerhin auf dem Schlosse in 
Gesellschaft der langsam dahin sie eilenden Mutter, der Sohn ist nach Sdiluß des 
Krieges als Offizier zuerst im Rheinland und dann im Orient stationiert. Im 
Jahre 1927 kommt er, von einer Verwundung genesen, in die I-ieimat, seine 
Mutter, die ihr Ende nahen fühlt, bestimmt ihn, dauernd zu Hause zu bleiben. 
Bald darauf sürbt sie. Mit wachsender Besorgnis sieht nun Herve, wie seine 
Geliebte immer mehr dem Einflüsse seines Sohnes [ohne dessen Dazutun) 
unterhegt, gerne möchte er auch Arnals Zukunftspläne kennen la-nen. aber 
dieser hiilit sich in Schweigen. Eines Nadits belausclit Herve Sidonie. wie sie sich 
der Tür Amals nähert ; von rasender Eifersucht gepackt, zerrt er sie in sein 
Zimmer, wo sie ihm dann mitteilt, sie habe bloß die Absicht gehabt, Arnal zu 
sagen, daß sie künftig allein in Aubiac leben wUl. Nach emer erregten Aus- 
einandersetzung schläft Sidonie erschöpft em. Herve trägt sie in ihr Zimmer 
und genießt dort, ohne daß das Mädchen recht erwacht, sein letztes Liebes- 
glüdt — und seine Rache. Denn diese Zusammenkunft bleibt niclit ohne Folgen. 
Bevor es aber offenbar wird, unternimmt Hervä wieder eine Autofahrt nadi 
Aubiac mit Sidonie, die inzwischen Arnal alles, was seit ihrer Kindheit vor- 
gefallen, sclirifthdi gebeichtet hat. Herve versucht vergeblich, sie von ihrem 
Entschluß abzubringen, der nach seiner Meinung nur eine Verbindung mit 
Arnal vorbereiten soll ; auf dem Rückweg überschlägt sich der Wagen, Herve 
wird getötet und Sidonie schwer verletzt. Es bleibt ungeklärt, wer oder was 
die Katastrophe herbeigeführt hat, da die Überlebende keine Erinnerung daran 
bewahrt : es sdieint aber doch, als ob Herg^ seine Hand im Spiele gehabt 
bättc. Während Sidonies Genesung entdedtt der Arzt, daß sie in der Holfeung 
isl, und hält Arnal für den Vater. Nach einer Ausspradie zwischen Arnal und 
der Kranken und nach inneren Kämpfen entscheidet sich sein Gewissen dafür, 
Sidonie zu hehlten und bei dem Kmde Vaterstelle zu vertreten. Unter einer 
Bedingung : Sidonie darf keine sexueUen ForderuJigen an ihn stellen. In den 
Augen der Frau glaubt er aber dodi einen Hof&iungss dümmer zu erbUden. 
Der Roman sdiließt mit den Worten : „Sagte sicli nicht die ewige, unbewußte 
Betrügerin : wer weiß ?" 

Die glänzend erzäiilte Geschidite verbirgt nidit für den Analytiker iliren 
tieferen unbewußten Sinn. Sie ist wohl liauptsädJidi vom Standpunkte des 
Vaters gesdirieben, der die Toditer (Mündel ist nur eine Milderung und Ver- 
hüllung des Inzestes) für sich allein haben will und auf den Sohn oder über- 
haupt jüngeren Rivalen ctfersüditig ist, wenn auch namentlich im dritten Teile 
der Standpunkt des Sohnes emgenommen wird. Der feinfühlige, asketisdie 



— 356 — 



Arnal mit seiner Verdrängungsneigung und Fixierung an eine ideale 
MuUer-Imago ist ein typischer neurotisdi er Charakter, allerdings in be- 
sonders sdiarfer Ausprägurig, da auch religiöse Skrupel hier am Werke sind. 
Daß gegen Schluß, als die Mutter gestorben ist, seine latente homose- 
xuelle Vaterbindung von Prevost stärker betont wird, ist psydiologisdi 
folgcriditig. Auch, daß Arnai ein Loblied auf das geringschätzige Verhalten des 
jungen Durdischnittsengländers zum anderen Geschleclit anstimmt und in den 
Freundschaften dieser Jünglinge den sidiersten Schutz gegen jegliche Aus- 
schweifung behn Weibe erblickt. In diesen Zusammenhang und in den weite- 
ren des Familienkomplexes gehören ferner die eindrucksvoll geschilderten 
Belauschungsszenen; auch Arnals Entsdiluß, die entgleiste Sidonie zu 
iieiraten, ersdieint nur wie die Verwirklichung einer Rettimgsphantasie der 
Pubertätszeit, Wie wenig der Dichter selbst aber von dem weiß, was auf dem 
Grunde seiner Fabel ruht, geht aus der affektiven Stellungnahme Prevosts zur 
Lehre Freuds hervor, die er uns durch sein Sprachrohr Arnal mitteilt. Ich 
führe die bezeichnendsten Sätze an, die stellenweise geradezu grotesk an- 
muten : 

„Ein Jahr vor dem großen Kriege kannten in FraJikreich nur einige wenige 
Wissenschaftler und ein paar Neugierige den Namen Freuds. In Deutschland 
hatte seine bereits volkstümlich gewordene Lehre die Universitäten erobert, 
von wo sie in die Knaben- und Mäddicn schulen eindrang. Es war noch nicht 
die schreckliche Vergiftung, die ich im Rheinlande wahrnahm zur Zeit, als ich 
dort in Garnison war, und die sich inzwisdien zum Paroxysmus gesteigert hat : 
eine ganze Nation durehfiebert, besessen von dem 
Ödipuskomplex. Aber seit 1913 wandte sidi, selbst in einer Schule, wo 
Disziplin und protestantische Würde herrschten, die männhche Neugierde von 
scdishundert Knaben zwisdien zehn und siebzehn Jahren dieser fremdartigen 
Lehre wie einer halluzinierenden Religion zu. Die Mehrzahl der Lehrer be- 
kämpfte sie und beklagte den angerichteten Sdiaden ; einige hingen der Lehre 
heimlidi an und gewannen ihr Schüler und Proselyten, selbst unter den Zög- 
lingen. So fand unter meinen Miisdiülern die physiologische Unruhe ihres 
Alters neue Nahrung : den angeborenen Sinn des Deutschen für Theorien 
(Theorien der Literatur, der Soziologie, des Krieges], die von vorneherein 
einer Theorie untergeordnet wurden, welche das moralische und physische 
Leben im Sexuellen verankert. Auf diese Weise wurde idi mit den Tatsachen 
der Liebe bekanntgemadit ... Im Augenblick, wo sich mir diese plötzliche 
EnthüUung aufdrängte, hätte ich die physiologische Natur der Liebe (idi spreche 
hier davon wie von einem unangenehmen Heilmittel) nur in der Hülle des 
Gefühls ertragen können. Mein Herz, nodi blutend von der Trennung, war 

— 357 — 



erfüllt von meiner Mutier, die mehr Engel als Weib war, und von einer 
poetisch verklärten, idealisierten Sidonie, so wie sie das Nahen des Absdiieds 
gewandelt hatte. Der zugleich naive, plumpe und pedantische Freu- 
dismus meiner Mitschüler gab mir die Empfindung des Todes, aber ver- 
schärft durch etwas irgendwie Wahnsinniges und Schauderhaftes. Auf einige 
dieser jungen Geister hatte der schredJiche Giftstoff wie ein Raserei erzeugen- 
des Aphrodisiakum gewirkt, auf andere (die Mehrzahl) wie ein Krankheitser- 
reger im Gehirn. Der Ödipuskomplex, der meine religiöse Verehrung für die 
Kranke des blauen Zimmers traf, ließ mich vor Abscheu erstarren und der 
Choc war so heftig, daß er, auf eben fast fertigen Organismus stoßend, diesen 
für immer veränderte . . . Ich sdiied mich fortan von meinen Kameraden in 
Dingen der Frauen und der Liebe ; mehr und mehr llüchtete ich mich in eine 
Art idealer Kapelle, in der zwei Bilder erstrahlten : meine kleine Kindheits- 
gespielin und meine Schmerzensmutter." 



Die Stellung der Psychoanalyse 

in der Sowjetunion 

Notizen von einer Studienreise in Rußland 
Von Wilhelm Reich (Wien) 

Von öner „psycho an alyds eben Bewegung'"in der Sowjetunion kann, wenn 
man darunter dasselbe wie in Westeuropa und in den Vereinigten Staaten 
versteht, nicht gesprochen werden. Es gibt zwar in Moskau eine Ver- 
einigung, die die Psychoanalyse vertritt und regelmäßig Sitzungen von hohem 
wissenschaftlichen Niveau abhält, aber es gibt nur wenige Ärzte, die die 
psychoanalytische Praxis ausüben. Und der erste Eindrud:, den man sonst in 
der Sowjetunion gewinnt, ist der der Ablehnung, Im Jahre 1925 hat zwar 
der Volkskommissar für Gesundheitswesen, S e m a s c h k o, bei einer Diskus- 
sion zur Sesuaifrage das Unbewußte beschrieben und die Subhmicrungstheorie 
öflenthch vertreten. Aber viele einflußreiche offizielle Persönlichkeiten sind 
gegen die Psychoanalyse, andere, etwa Budiarin und Radek interessieren sich 
für sie, ohne besonders dafür anzutreten. In gewissen Zeitabständen gibt 
es immer wieder lebhafte Diskussionen darüber, ob die Psychoanalyse 
anerkannt werden kann oder nicht. Die Gegner lehnen sie mit der Be- 
gründung ab, sie sei eine idealistische Disziplin. In den Jahren igsa vind 

— 35S — 



igag soll sich die kommunistisdie Jugend sehr für die Psychoanalyse inter- 
essieit haben. Die führende Partei trat damals dagegen auf, weil die Diskus- 
sionen über die PaydioanaJyse die politische Arhcit störten. Bedeutet das alles 
zusammen, daß für die Psydioanalyse im Arbeiter- und Baucmstaat kein Platz 
ist, daß man sie prinzipiell ablehnt, wie etwa von Seiten der offiziellen Wissen- 
schaft in den bürgerlichen Ländern? Gewiß, der erste Eindruck scheint die 
Frage zu bejahen. Geht man aber über die oberfiädJichen Äußerungen zur 
ernsthaften Diskussion und Untersuchung des Wesens dieser Ablehnung über, 
hat man sich im Besonderen die Mühe genommen, Marx, Lenin und die 
Geadächte der russischen Revolution zu smdieren, so findet man, daß die 
Stellungnahme zur Psychoanalyse in der Sowjetunion ihren b es on deren* Clwriik- 
ter hai. Sie ist im Wesentlichen nur zu verstehen aus der Gesamtstruktur 
Sowjetrußlands einerseits und der heutigen Erscheinung der Psychoanalyse 
andererseits. 

Wir müssen, um die Lage der Psychoanalyse in der Sowjetunion zu be- 
greifen, die Frage stellen : Was wird an der Psychoanalyse abgelehnt und 
warum? Diese Frage zu beantworten, bedarf es einer summarischen Erörterung 
der Situation, in der sich die Sowjetunion befindet. 

Im März 1917 wurde der Zarismus und im Oktober des gleichen Jahres 
auch die bürgerliche Regierung gestürzt. Die Arbeiter und Bauernräte ergriffen 
die Macht. Gefülirt wurde die Revolution von den Bolschewiki, alten orclio- 
doxen, gut geschulten Marxisten, Lenin an der Spitze. Und die Lehre von 
den Gesetzen, die das gesellschaftliche Geschehen regeln, der Marxismus, 
war nicht nur die Theorie, die in konsequenter praktischer Anwendung durch 
Lenin der Revolution zum Siege verholfen hatte, sie wurde seit der Revo- 
lution zur offiziellen und einzig anerkannten Richtlinie für die Umgestaltung 
und Neuordnung der Geselisdiaft nadi planmaüigen ökonomischen Gesichts- 
punkten. Da der Marasmus zu einem so mächtigen Hebel der sozialen Revo- 
lution geworden war, ist es veraläncilich, daiä die proletarischen Führer ihn vor 
jeder Vermengung mit anderen Gesiclitspunkten und Theorien bewahren, ihn 
rein erhalten wollen. 

Aber der Marxismus ist mehr als eine Gesellschafls lehre. Er ist gleichzeitig 
eine philosophische Methode der Beirachtung überhaupt und die marxistische 
GesellschaFtslehre ist das Ergebnis der Anwendung des dialektischen Materialis- 
mus auf die menschhche Gesellschaft. Da ferner seine Ergebnisse den Klassen- 
interessen des Proletariats eher entsprechen als denen des Bürgertums, ist seine 
Betrachtungsweise zur Weltanschauung des klassenbewußten Proletariats ge- 
worden. Die Marxsche pohtische Ökonomie, Gcsellschafislehre, Methode und 
Weltanschauimg bilden so ein einheiUiches System, aber ein System, das zum 

— 359 — 



i 



Untersdiied von anderen zufolge der dialektisdiea Betrachtung jedes Ge- 
schehens nidit erstarrt, sondern in sich lebendig ist, stets beweglich und an- 
gepaßt der Bewegtheit in Natur und Gesellschaft, Dieses System läßt eine 
psychologische Erklärung des gesellsdiaf (liehen Gesdiehens oder auch nur ge- 
sellschaftlicher Phänomene nidit zu, denn eine psydiologische Erklärung etwa 
des Kapitalismus muß notwendigerweise eine abstrakte und idealistisclie sein 
sie muß an die Stelle der wirtschaftlichen Motoren der Gesellschaft psychische 
Triebkräfte setzen, Triebkräfte einzelner Individuen noiabene. Dadurch gerät 
sie unweigerlich in einen keinem Kompromiß zugänghchen Konflikt mit der 
materialistischen Gesdiiditsauffassung von Marx, die den Willen und die Tat 
des Individuums in ihrem konkreten Gehalt nur als Produkt einer gegebenen 
geseUschafthchen Struktur verstehen lehrt, und nicht umgekehrt. Doch bat 
Marx selbst deutlich ausgesprochen, daß die Menschen {als KoUekliv, nidit als 
Individuen) ihre Geschichte selbst machen, aber unter gegebenen und bindenden 
ökonomischen Verhältnissen. Wer also etwa die Gesdiichte Frankreichs um 
die Wende des 1 8. Jahrhunderts als Ergebnis der Persönlidikelt Napoleons 
auffassen, oder wer den Weltkrieg mit der Machtgier und dem Größenwahn 
WiUielm II. erklären wollte, geriete in schroffen Gegensatz zum historischen 
Materialismus, er hätte eine idealistische an die Stelle einer materialistischen 
Betrachtungsweise gesetzt. Für den historischen Materialismus ist das geniale 
Individuum nur Vollzugsorgan gesellschaftlicher Tendenzen, für den bürger- 
lidien Idealismus ist es der Motor der Gesdtidice selbst. Die erste Betrachtung 
ist soziologisdi-materiaiistisdi, die zweite psychologisch-idealistisch. 

Wenden wir uns nun für eine kurze Weile der politischen und wirtsdiaft- 
lichen Lage der Sowjetunion ?,u. Nach der ektoberrevoluiion begann auf der 
Grundlage einer durch den Weltkrieg «errüttefen Wirlsdiaft die gesellschaft- 
hche Umgestalti;ng. Rußland war dabei nidit nur isoliert, sondern mußte sich 
in einem drei Jahre wälirenden Bürgerkrieg (1919—1922) der Intervention der 
kapitalistischen Mächte und der weißgardistischer Heere erwehren. Die Produk- 
tioQ sank infolgedessen katastrophal, und erst nach der siegreichen Beendigung 
des Bürgerkrieges begann die Wiederaufbauperiode, die Rekonstruktion der 
Wirtschaft. Bereits im Jahre 1927 war das Vorkriegsniveau in den wichtigsten 
Zweigen übersdiritten und im Jahre 1928 trat ein Plan des obersten Volks- 
wirtschaftsrates, der „FünQahrcsplan", in Kraft, dessen zentrale Aufgabe ist, 
die Sowjetunion im Laufe von fünf Jahren (1928—1933) aus der wirtschaft- 
lidien Umschlingung zu befreien, die Wirtschaft derart umzugestalten, daß die 
Sowjetunion vom Auslände unabhängig wird. Die industrielle Produktion soll 
auf ein Vielfaches der Vorkriegsproduktion gesteigert und die Landwirtschaft 
industrialisiert werden. 

— 360 — 



Die Durdiführung des Fiinfjaliresplanes, die die Sowjetunion io eine Reihe 
mit den modernen kapitalistischen Staaten bringen soll (und nach den Er- 
fahrung-en des ersten Jahres des Planes [igsS — ag] auch bringen wird, wenn 
kein Krieg dazwischentritt), erfordert die Anspannung aller verfügbaren Kräfte 
des großen Landes bis an den Rand der Leistungsfähigkeit. Die feindUche Um- 
welt zwingt zur strengsten Disziplin ; aber nidit nur das ist wichtig, sondern 
auch straffes Aufrechterhahen der einzigen wissensdiaftlidicn Melliode, mit deren 
Hilfe allein nadi der Auffassung der Kommunisten der sozialistische Aufbau zu 
Ende geführt werden kann. Zum Diskutieren über eine moderne Psychologie, 
die den Anspruch erhebt, auch auf dem Gebiete des gesellscliaftlidien Ge- 
sdiehens ein Wort dreinzureden, bleibt nicht so sehr keine 2eit, als keine 
Notwendigkeit, ja gewisse Erfahungen haben die Marxisten gelehrt, daß 
die psychologische Betrachtung des gesellschafthchen Geschehens re- 
aktionäre Gefahren in sidi birgt. Man lehnt also gleich die ganze 
Wissenschaft ab, auch wenn sie nur einen Keim von Gefahr für das Ge- 
lingen des großen Werkes in sich birgt. 

Man wird nun einwenden, die Psydioanalyse erhebe ja gar keine solchen 
Anspriiche, die bescheide sich mit der Rolle einer psychologischen Methode, 
sie wolle nicht mehr sein als eine Psychologie, und das habe der Begründer 
der Psychoanalyse selbst betont. Doch ist die Situation nicht so einfadi. Die 
Psychoanalyse hat durch viele ihrer Vertreter ihr Gebiet übersdirilten, und es 
sind soldie Überschreitungen innerhalb der Psydioanalyse vielfach unwider- 
sprodien geblieben. Und die Russen, die mit einer Welt von Femdei> 
unausgesetzt zu ringen, die den Erfolg einer Revolution zu sichern und zu 
Ende zu führen haben, kennen keinen Spaß in ernsten Dingen. Und sie 
nehmen die Psychoanalyse ernst, nidit nur als moderne Wissenschaft, sondern 
audi, weil das Bürgertum die Psydioanalyse gern gegen den Marxismus ausspielt. 

Es fehk in den bürgerlichen Ländern nicht an solchen Versuchen, die Gesell- 
schaftslehre zu psych ologisieren. So Jiat tl e n r 1 k d e M a n, ein ehemahger Marxist, 
in seinem Buche „Zur Psychologie des Sozialismus" mit sdiledii verstandenen psydio- 
analytisdien Terminis den Marxismus bekämpft. Und von einigen Vertretern der 
Psychoanalyse selbst ist eine psydioanalytische Erklärung soziologischer Tat- 
sachen und Phänomene wiederholt versudit worden. So hat z. B. K o 1 n a i, 
der eine Zeitlang zu den PsydioaTialytikern gezählt wurde, die kommunistische 
Revolution und den Kommunismus überhaupt als neurotische Regression zur 
Mutter erklärt. Die Revolution von 1918 wurde von anderer Seite als Auf- 
lehnung der Söhne gegen den Vater (Kaiser) gedeutet u. dgl. In der Diskussion 
zu einem Vortrag über „Psydioanalyse als Naturwissensdiaft", den ich im 
September in der Moskauer Kommunistischen Akademie hielt, kam es klar 

— 361 — 



zum Ausdruck, daß die Russen nicht gegen die Psychoanalyse als 
psydiologisdie Disziplin, sondern gegen den sogenannten „Fr e u d i s- 
m u s' auftreten, worunter sie die „psychoanalytische Weltansdiauung" und die 
psychoanalytische Deutung gesellschaftlicher Prozesse meinen. Diese Unterschei- 
dung ist wichtig. Aus den erwähnten Gründen wird auch „Totem und Tabu", 
soweit es die Entstehung der Kultur aus dem Ödipuskomplex erklärt, und „Massen- 
Psychologie und Ich-Analyse"' als „unmarxistische" und idealistische Auffassung 
abgelehnt. Hingegen hat ein offizieller Vertreter der Akademie, S a p i r, ausdrück- 
lich die Theorien des Unbewußten, der Verdrängung, derkindJidienSexualitätusw. 
als wichtig und wertvoll bezeichnet. Man hört auch in Rußland sehr viel von 
„Pereklutscheni e", das heißt Umsetzung der sexuellen 
Energie in Arbeit; die Freudsclie Sublimi eru ngsiehre ist voll 
anerkannt. 

Die Polemik gegen die Psychoanalyse beruht oft auf methodologisdien Un- 
klarheiten seitens der Marxisten, so wenn man ihr vorwirft, sie sei eine Indi- 
vidualps ychologie, sie kümmere sich nicht um die soziale Psycho- 
logie. Demgegenüber muß man betonen, daß eine Psychologie notwendiger 
weise nur eine Psychologie des Individuums sein kann. Soziale Erscheinungen 
wie Klassenbewußtsein, Streikwille usw. sind ihr nicht zugänglich. Die Kritiker 
meinen damit aber oft audi, daß die Psychoanalyse die Klassenlage des Indi- 
viduums nicht berücksichtige. 

Ein anderer Vorwurf lautet, die Psychoanalyse bioUgisierediePer- 
sönlichkeit allzusehr, das Biologische trete gegenüber dem Gesell- 
sdiafllichen in der Theorie besonders hervor. Und daraus folge, daß man 
etwa soziale Leistungen, wie das produktPft Sdi äffen, nur aus Trieben 
erkläre. 

Dieser Einwand stützt sich auf das Argument, man habe bisher in der 
Psychoanalyse niclit versucht, den Einduß des Sozialen gegenüber dem Bio- 
logischen abzugrenzen. Man begegnet nun in der psychoanalytischen Literatur 
tatsächlidi Auffassungen, die den Eindruck erwecken, als würde dem Trieb- 
gesdiehen unabhängig von der BeeinCußung des Triebes durch die Außen- 
welt das Hauptgewicht beigemessen. Nun Uegt das natürlich nicht in der 
Freudschen Psychologie, die ja die seelische Entwicklung gerade aus der 
Formung der Triebe durch die Einflüsse der Außenwelt erklärt. 
Auch das ö d i p u s Verhältnis ist kein biologisches sondern ein sozio- 



i) bie Psydioanalysc leugnet eine Koilekiivpsydie, ein kollektives UnbewuGles ; sie 
kann daher keine Erklärungen f,i:ben, die diese BegrilTe voraussetzen. Sie kann aber, 
wie Freud es tat, die Beziehung der Massenindividucn zum Führer und zu einander 
klären. 

— 362 — 



1 o g i s eil e s Phänomen, denn es ist durch die pacriardiaiiadie Famiüenslruktur 
bestimmt. Gegen die Formulierung, daß sich die seehsdie Entwidmung in dem 
konfliictuösen Zusammen prall von individuellem Bedürfnis und gesellschaft- 
licher Einschränkung vollzieht, wozu auch die Konflikte des ödipusaltera 
gehören, wird weder der Marsist, nodi der Psychoanalytiker etwas emzuwea- 
den haben. 

Ein weilerer Streitpunkt ist die Kompetenz der Ideologie erklärung. 
Ist etwa die Religion gesellschaftswissenschaftlich oder psychologisch zu er- 
klären ? Der Marxist sagt : Die Religion ist eme gesellsdiafüidie Ersdteinung, 
die nachweisbar in konkreten Produktionsverhältnissen ihren Ursprung 
hat. Der Psychoanalytiker behauptet, die Religion sei aus der Einstellung 
des Kindes zum Vater zu erklären; die Goiivor Stellung sei unzwei- 
deutig eine Vatervorstellung und man finde Analogien zwischen dem reli- 
giösen Dogma und der Zwangsvorstellung. Hier kann es schwerlich ein Kom- 
promiß, sondern nur eine methodologische Klärung geben. Die Psychoanalyse 
kann doch wohl nur erklären, auf weldiem Wege und von weldien Motiven 
bewegt das Kind diejenigen religiösen Vorstellungen und Ideen aufnimmt, die 
es in einer bestimmten Form in seiner Umgebung vorfindet. Sie kann aber 
nicht erklären, warum in einer konkreten historischen Epoche diese, in einer 
anderen jene Religion als geseilschafdiche Erscheinung sich bildet und durdi- 
setzt. Und sie hat auch nie behauptet, die Religion als soldie zur Gänze er- 
klären zu können. Nur insofern bei der Mehrzahl der Individuen der gleidien 
gesellsdiaftlichen Situation gleidiartige Riten geübt werden, kann sie den Sinn 
des Ritus aufdecken, wie er sich bei Aflen, die ihn ausüben, typisdi kundgibt, 
Wohl wird aber nur der Marxismus zeigen können, warum die jiidisdie Reli- 
gion anderen Charakter hat als die chxisdldie, und diese wieder anderen als 
die buddhistische ; er wird Zusammenhänge mit der gesellsdiaftlidicn und öko- 
nomisdien Daseinsweise der Juden, bezw. Christen und Inder finden können, 
die jene Besonderheiten erklären. So ist etwa auch der Niedergang der Religion 
im Sozialismus oder die religiöse Inquisition des Mittelalters psydioanaly tisch 
nidit zugänglich, es sei denn, daß es ihr gelingt, die marxistischen Gesichts- 
punkte der gesellsdiaftlidien Betrachtung bei Uu^er Sinndeutung zu verwerten ; 
in diesem Falle hat sie aber nicht mehr rein psydiologisdi gearbeitet. 

Manche audi vom psych oanalytisdien Standpunkte unriditige oder zumindest 
sehr einseitige Operationen mit der Symbolik haben der Psychoanalyse in 
Sowjetrußland geschadet. In mandien psydio analytischen Abhandlungen etwa über 
den Ackerbau des Primitiven gewinnt man den Eindruck, als ob das Ackern 
nur eine symbolische Handlung wäre und nichts anderes als das. Derartige 
symbolisdie Spekulationen müssen die Psychoanalyse in den Augen auch des 

— 363 — 



beslmeincDden Marxisten diskreditieren, denn der Außenstehende weiß Psycho 
analyse und , Psychoanalyse" nicht zu unters dieiden. Das absolut matcrialistisdi 
gendttete Denken der Marxisten sträubt sich - nidit gegen die Symbolik über 
haupt, sondern - gegen iliren Mißbrauch, aber nidit weniger auch das des 
klinischen Psydioanalyrikers. Jeder Gegenstand und jede Tätigkeit haben ihre 
rationale Bedeutung und können, müssen keinesfaUs zm einem Symbol werden- 
nnd ihre Entstehung verdanken der Gegenstand und die Tätigkeit nicht ihrer 
symbohschen Bedeutung, sondern ihrem Werte ds Gebräu disatikel oder als 
Ware, bezw. als produktive Arbeit Flugzeuge und Eisenbahnen werden nicht 
er7etigt, weil sie Symbole von triebiiarten Vorstellungen sind, sondern weil 
besnmmte Produktionsverhältnisse zu ihrer Erzeugung und Entdeckung führen 
Was im Unbewußten des konstruierenden Ingenieurs dabei vorgelit, ist nur 
wichtig, wenn er als Padent zu uns kommt. Und selbst wenn das von ihm 
entdeckte Flugzeug für ihn etwa phaliisthe Bedeutung hat, so besagt das noch 
nicht, daß dies das Motiv war, Flugzeuge .u bauen. Im fünften Jahrhundert 
hatte er gewiß mit den gleidien phaUisdien Vorstellmigen kein Flugzeug bauen 
können. Man muß zugeben, daß diese Argumentation von marxistischer Seite 
sachlicli einwandfrei ist. 

Es ist hier nicht der Ort, im Detail naduuweisen. daß deranige Kompetenz 
Überschreitungen und methodologisch unrichtige Anwendungen der Psychoana 
lyse gelegentlich tatsächlich stattfinden, was völlig irrige Anschauungen über 
das wahre Wesen der Psydioanalyse bei den orthodoxen Mitrxisten fördert 
Stellt man dann einmal die Psychoanalyse richtig dar, wird sie von ihnen nicht 
als d,e ,Freudsd,e Psychoanalyse" anerkannt. In einer Arbeit , Dialektischer 
Matenalismus und Psydioanalyse' habe id, ^ Grundsätze der psydioanajy- 
tisdien Theorie darzustellen versud.t; idi hot die reine Freudsdie die 
klin.sd.e Psydioanalyse hervor. Die Redaktion der Moskauer Zeitschrift ■ 
.Pod Snaminjem Marxisma", in der diese Arbeit in russisd,er Spradie 
ersdnen,- sah sid, veranlaßt, ihr eine redaktionelle Anmerkung beizu- 
fügen, des Inhalts, daß sie mit der Darstellung der Psydioanalyse, wie sie von 
mu- gegeben wurde, nidit einverstanden sei. Und zwei Kommunisten meinten 
was dort dargestellt sei, leudile sehr ein, das sei aber nidit die Freudsdie 
Psydioanalyse, von der sie Kenntnis hätten. 

Das besagt aber zweierlei: erstens, daß die Entwidmung der psydioanalyti- 
sdien Theone in den letzte n Jahren dte reinen, empirisdien und naturwissen- 

.) Das Kapitel .Die Dialektik im Scelisdien" ,s. demsd, ^uA in dem soeben er- 
sd.,enencn „Aimanach d.r Psychoanalyse .930- (Iniernationaler PsA. Verlag Wien) ab 
gedruckt. " ' 

— 364 ~ 



I schüftlidi einwandfreien Züge der Psychoanalyse verwisdit hat, so daß man 
fast von zweierlei Psydioanalyse sprechen Isann ; zweilens, daß die Marxisten 
gegen die natur wisse nsdiafdithe Psydioanalyse nidits einzuwenden haben. In 
dem Antwortartikel von Sapir' ist audi die Lehre vom Unbewußten, von 
der Verdrängung, von den Trieben und anderen kardinalen Elementen der 
Psydioanalyse anerkannt worden. Seine Polemik riditei sidi nur teils gegen 
Thesen, die von der Psydioanalyse nie vertreten wurden, teils gegen die er- 
wähnten Kompetenztibersdireitungen, im besonderen gegen die psydiologisdie 
Deutung des ges eil sdiaftK dien Prozesses. 
I Das Fazit der Endrüde in Moskau war, daß die marxistisdien Theoretiker 
die Psydioanalyse akzeptieren werden, wenn man ihnen ihren reinen natur- 
wisse ns chaftli eh en Kern, d. h, ihre matetiahstisdi-diaiektisdien Grund- 
lagen präsentieren und eine klare Sdieidung von den idealistischen Theorie- 
bildungen und Anwendungen, vollziehen wird. Und dies ist der Untersdiied 
zwischen der Stellung der Psychoanalyse in den bürgerlichen Ländern und in 
der Sowjetunion : In Deutschland und Amerika begann die Psydioanalyse an- 
erkannt zu werden, als sie in widitigen Teilen unmaterialistisch, also idealistisdi 
wurde (Abweidiung von der Libidotheorie, Hervortreten der Todes trieb lehre, 
ihre meines Eraditens unriditige Anwendung in der Soziologie und Kultur- 
geschichte usw.); in der Sowjetunion tritt man gegen eben diese Teile der 
Lehre auf, ist aber bereit, die Kernelemenie der Psyjdioanalyse anzuerkennen. 
J u r i n e t z spradi in seiner Kritik der Psydioanalyse sogar von einem Verfall 
der ursprünglich naturwissenschaftlichen Psydioanalyse. 

Man muß aber sagen, daß viele Marxisten, teils weil sie die Psydioanalyse 
nicht gründlich kennen, teils aus persönhchen Widerständen, unsachliche Kritik 
üben. Zum Teil geht die Kritik von alten Ärzten aus, die weder psydiologisdi 
denken, nodi methodologisch geschult sind, Diese Unsadilichkeit wird ihnen durdi 
eine gewiße Uncinheitlidikeic der Auflassungen, die heute in der psydioanaly- 
tisdien Theorie herrscht, sehr erleichtert. Der Marxist ist aber schon durch seine 
sonstige Einstellung zu Gesellschaft und Leben derart sadilidi geriditet, er ist 
jedem Mystizismus und jeder Ait idealistischen Denkens derart abhold, daß die 
psychoanalytischen Tatsachen sdiließhdi die Annahme erzwingen werden. Gegen 
meine Ausführungen in der Kommuni srisdien Akademie konnte Salkind 
schließlich nichts anderes anführen, als daß idi sehr diplomatisch vorgegangen 
wäre ; idi hätte nämlich nur über die Psychoanalyse als Naturwissensdiaft, uidit 
aber über den „Freudismus" gesprochen. Idi konnte mich im Sdilußwort aut 



i) Sapir: ^Freudismui, Soziologie, Psychologie", ,Pod Snaminjem Marxisma" 
H, 7/8, igag. 

— 365 — 



Freud selbst berufen, der sich gegen die Auffassung der Psychoanalyse als 
einer Weltanschauung, also impKcite gegen den von den Marxisten bekämpften 
B Freudismus ', ausgesprochen hat. 

Für den Marxisten hat eine Theorie nur dann ein großes Interesse, wenn 
sie audi praktische Bedeutung- hat. Es isr nun die Frage wiederholt aufgetaudit, 
weldie praktische Bedeutung denn die Psychoanalyse für den Sorialismus habe. 
Es war naheliegend, zunächst die Frage der psychoanalytisdien Therapie autzu- 
werfen. Nun darüber sind sidi wohl auch alle Analytiker einig, daß die Psydio- 
analyse keine Massentherapie ist und es ihrem Wesen nach auch nie werden 
kann. Man betreibt zwar am Neuropsychologischen bistitut des Doz. Rosen- 
stein in Moskau auch psychoanalytische Therapie. Dr. Friedmann, Mit- 
glied der Moskauer Psychoanalytischen Vereinigung, ist offizieller psychoana- 
lytischer Arzt am Institut. Psychoanalyse wird neben anderen Therapien aus- 
geübt. Doz. Rosenstein zeigte uns das „psychoanalytische Behandlungs- 
zimmer", in dem Freuds Bild hängt. Man konnte auch mit Genugtuung 
feststellen, daß viele junge Ärzte sowohl am venerologisdien Dispensaire als 
auch im Psychoncurologisdien Institut der Psychoanalyse mit vollem Verständ- 
nis und voller Anerkennung begegnen und sie praktisch bei der Beurteilung 
der Fälle anwenden. Der Chef des Instituts, Doz, Rosenatein, ist ein 
deklarierter Freund der Psydioanalysc. Aber nicht in der Therapie liegt ihr 
praktisches Schwergewicht, 

Es ist für die gesamte Medizin in der Sowjetunion cliarakteris tisch, daß sie 
ihr Augenmerk immer mehr der Massenprophylaxe zuwendet. Diese Frage 
aufzuarbeiten, wurden in allen Instituten umfangreidie und interessante statisti- 
sche Arbeiten und sonstige Erhebungen inj^ngriff" genommen. Man hat be- 
reits Statistiken über das Geschlechtsleben der*Massen erarbeitet, mit Frage- 
stellungen, an die bei uns, weil shoking, nicht einmal gedacht wurde. Es ist 
zu betonen, daß die offiziellen Stellen und nicht etwa private Institutionen 
diese Arbeit leisten. Das Interesse für die Neurosenprophylaxe ist dalier sehr 
groß, und es werden der Psychoanalyse konkrete Fragen gestellt, was sie zu 
diesem Problem zu sagen habe. Hier ist intensive Zusammenarbeit mit den 
russischen Instituten dringend notwendig. Denn bei uns ist wegen der Ein- 
stellung auf individuelle Therapie die Frage der Prophylaxe noch gar nicht 
angesdinitten. Man begegnete der Feststellung, daß nur eine Neurosenlehre, 
die kausal betradircnd vorgeht, Richtlinien für die Neurosenprophylaxe liefern 
könne, mit großer Aufmerksamkeit', erwartet aber konkrete Ergebnisse. 

i) Die Frage wurde in einem Vortrag „Psydiotherapie oder Neuroäcnprophylaxe', 
zu dem ich vom Pfiydioneurologi sehen Institut aufgefordert wurde, behandelt. 

— 366 — 



in venerologischen Dispensaire (Lciler : Dr. Balkis) interessierte man sieh 
übrigens auch sehr für die praklisdie Anwendung der Psydioanalyse in den 
Wiener „Sexualberatungssteilen für Arbeiter und Angestellte". 

Am Charkower Marjt-Lenin-institut wird psychoanalytische Forsdiung 
betrieben, über deren Wert und Gehalt aus Mangel an personlidier Fühlung, 
nähme nichts ausgesagt werden kann. Aber daß man dort die Einsendung 
einer psychoanalytischen Arbeit mit der Aufforderung zu weiterer psycho- 
analytisdier Mitarbeit und mit der Ernennung zum korrespondierenden Mit- 
glied des Instituts beantwortete, zeugt von großem aktivem Interesse. 

Dagegen herrsdit in vielea Fragen der Sexualpsychologie Unklarheit, Hierin 
konnte kein Untersdiied gegenüber westeuropäischen Zuständen festgestellt 
werden. Nur die Sexualgeseizgebung ist vorbildlich. (Bei dieser Gelegenheit sei er- 
wähnt, daß das Kinderheim der Psychoanalytikerin WeraSchmidt in Moskau 
seinerzeit nicht offiziell verboten wurde, wie man hier kolportierte, sondern, 
daß die Leiterin es selbst schloß, weü sie, wie sie mir persönlich mitteilte, 
einsehen mußte, daß die Voraussetzungen für eine solche Arbeit noch nicht 
vorhanden waren.) 

Es wurde hier erzählt, daß Freuds „Zukunft einer Illusion" 
in Sowjetrußland verboten worden sei. Wie auf vielen anderen Gebieten 
konnte ich midi auch hier überzeugen, daß die polidsche Feindschaft gegen 
den Arbeiterstaat (hauptsächlich von Seiten russischer Emigranten mehr oder minder 
„weißen" Charakters) zur Ausstreuung bewußter Unwahrheiten führte. 
Freuds Buch über die Rehgion ist nicht nur nidit verboten worden, son- 
dern war bereits igaS ins Russische übersetzt. Die Psychoanalytische Vereini- 
gung in Moskau hat besdilossen, Prof. Freud zur augenfälhgen Widerlegung 
seines Gewährsmannes ein Exemplar einzuschicken. 

Im Ganzen konnte man aus all den einander widerspredienden Eindrüdten 
den Schluß ziehen, daß die Psydioanalyse in ihrer reinen empirischen Gestalt, 
aber nur unter der Bedingung ihrer Befreiung von den ideahstischen und außer- 
kliniachen Erweiterungen als Psychologie akzeptiert werden wird. Diese Akzep- 
tierung aber — das geht aus der Gesamtstruktur der Sowjetunion klar hervor 
— wird keine private bleiben, sie wird eine offizielle sein, wenn der wirt- 
schaftliche Druck nachlassen, die feindhche Einkreisung durdi die kapitalisti- 
schen Ländern aufhören und die Neurose als aktuelles Massenproblem vor 
die Führer des sozialistischen Staates treten wird. Dann wird die Psychoanalyse 
als praktische Psydiologie, besonders in der Neurosenpro phylaxe, hervortreten. 
Vorläufig ist zwischen die Sowjetunion einerseits und Polen und Rumänien 
andererseits eine 15 km breite neutrale Zone gelegt. Mit Rumänien gibt es 
überhaupt keine Eisenbahnverbindung, und an der polnischen Grenze passiert 

— 367 — 



man Stacheldralit und SdiQlzengräben. Die Sowjetunion ist eine belagerte 
Festung, und die Insassen Itontrollicrcn genau jede Einfulir, audi die wissen- 
sdiaftliche. Sie wollen sidi erst überzeugen, was ihnen eine Wissen sdiaft, die 
vom einem Teil des Bürgertujns als neue Kulturphiiosophie angesproclicn wird, 
an Gutem oder Bösem bescheren kann. Nur von diesem Gesiditspunkt ist 
die Stellung der Psychoanalyse drüben zu begreifen. 



Psydioanalytisdie Motive auf einer 
Hygieneausstellung in Berlin 

„Gesunde Nerven" heißt eine äußerst sehenswerte Ausstel- 
lung, die das Berliner Bezirksamt Kreuzberg im „Gesundheitshaus Kreuz- 
berg" am Urban jetzt eröffnet. Wie aus einem anregenden Be- 
richte von Dr. Robert Fließ in der „Vossischen Zeitung" zu ent- 
nehmen ist, ist diese Ausstellung das nachgelassene Werk des so früh 
verstorbenen Stadtoherschulrates Dr. Ernst Joel. (,Der hat hier mit 
seinem verzehrenden Temperamente Visionen gestaltet, deren Inhalt 
zuvor aus großem Herzen erlebt war.") Vom psychoanalytischen Stand- 
punkt enthält diese Ausstellung viel Beachtenswertes, insbesondere auch 
die Erziehung Betreffendes. {Einen Bericht über diese Ausstellung vom 
pädagogischen Gesiditspunkt aus der Fede^-von Nelly Wolftheim ver- 
öffendidit gleichzeitig die „Zeitschrift für psyoko analytische Pädagogik".) 

Dem Besucher wird es auffallen, daß neben vielen Demoustrations- 
objekten dieser Ausstellung Tafeln in großer Schrift mit Zitaten aus 
Freud beigegeben sind. Drei dieser Freud-Zitate lauten : 

„Irgend einmal wird das Gewissen der Gesellschaft ei"wachen und 
sie mahnen, daß der Arme ein ebensolches Anrecht auf seelische 
Hilfeleistung hat, wie bereits jetzt auf lebensrettende chirurgische, und 
daß die Neurosen die Volksgesundheit nicht minder bedrohen, als die 
Tuberkulose und ebensowenig wie diese der ohnmächtigen Fürsorge 
des Einzelnen aus dem Volke überlassen werden können." (Freud, 
Ges. Schriften, Bd. VI.) 

„Ich glaube nicht, daß nur ein einziger Grund vorliegt, um Kin- 
dern die Aufldärung, nadi der ihre Wißbegierde verlangt, zu ver- 
weigern." (Freud, Ges. Sdiriften, Ed. V.) 

— 368 — 



„Es braucht nidit gesagt zu werden, daß eine Kultur, welche eine 
so große Zahl von Teilnehmern unbefriedigt läßt und zur Auflehnung 
treibt, weder Aussicht hat, sich dauernd zu erhalten, noch es verdient." 
(Freud, Die Zukunft einer Illusion, Ges. Schriften, Bd. XI.) 

Eine Reihe von bildlichen Darstellungen dieser Ausstellung be- 
schäftigen sich mit der Bedeutung der Kindheitsscbicksale für das 




Bild I 

©oS Äm& erlernf Sie ^«^(gfeit ju Iwitit »öh t>eu ©Ifern. 3wifi%m 
htm jweifen unö fe<$ften S-tbenSjai)v entfielt eine '^vä^Hüie 6er 
ße^uaUmpfittbunsm. ®er Äna&e fü^i )t^ me^c gur SfluHer, Sie 
Soi^fer me^r jum SSatci' ^ingejogen. ©iefev tcirS für öen Äno6en 
jum %ei>miH^lev. ©ieS tft ein normaler Sonfliti (ötipu^aÄcnftifO; 
l>c;^ tann ein ^ini lieiiigebtmJien biiiien — 3. ^. an bic Mutier 
— un& ftc^ "»m äioier &arum aiixatnien. 

®em reifer raerSenÖen 5Senf(^cn K>ir6 &er ^wivJpaXf unerfrägtfi^ 
unQ er xeivi auiemaiifä) inä Xlttbgau^ie oerbränsf, i. i). verjjefjen. 

Sertröngfe ^Smpfin Zungen fSnne» uwtewuä* ouf ^erfSnli^Jeifeji 
Ü6ertragen «leröen, Bie in eHcrnä^nlJti&en ^cäie^wngen fiei/en. ^ngfi 
unö ^^ut^gefüi^te gegenüber bsm £e^rcr, &em l^ringipal ufto., Siete^s 
gefü^Cc auf bie Se^rerin, J^^efrau nfxo. 

^ine geftßrte ^uiwicEIujug Ber (inBIi<^en üefeenüfÄ^ißfeii (ann alf» 
t>fn Rtim legen jw einer ^fijri&oneurofe {neroSfe Sranfl^eit), wie 
0«^ ju einer ^fiSrtmg &er S^ar alter eniwiiJtwng, 6 c« ^erufä« 
fS^ißlEcit, wie bei Ber ^a^t öeö Sie&cSpartncrjS. 



PsA. Bewegung 



— 369 — 



% 



Seelenleben des Erwachsenen. Mit Genehmigung der Ausstellungs- 
leitung reproduzieren wir hier einige von diesen Bildern nebst dem 
Begieittext. Das i. Bild deutet die übertragene ödipussituation an. 
Auf dem 2. Bild wird der Zusammenhang zwischen einem Belausdmngs- 
erlebnis („Urszene") und dem kindlichen Bettnässen dargestellt. Und 
das 3. Bild zeigt einen in geschiciccer Weise schematich dargestellten 
Krankheitsfall. Daß die begleitenden Teste den psychologischen Tat- 
bestand nicht ganz erschöpfen können, ist begreiflich. Daß in dem 

Bild 2: 




llniniEctniQfiigee SetfialtEn ter 
(Sltttn: 

liuS UnEcnnfnie her Zat\aäjm um SBilb i 
obtv üLiI ffliDtjnungSnot laffen bic ®Itevn 
iag fiinb in iiirem ©^tafjimmEi: fdjlafen 
unb Siaqe iljrcr ef)elid|cn iBejteliungen 
wnim . 



3)afi fiinb wiv)) aul ben ouf Silb 1 9^= 
nannten Srflnben außerorb Entlid) burd; biefc^ 
©rlcbniä crrEgt. ®a el ofier infolgi] fcinti: 
nnt^ nid)t genägenb gBrüjictcn feElifdiEn unb 
9eiftig£n°SQji3!Eitcn nii^t imflonbe iji, übet 
biefE Erregungen i)inttiegju!ommen, gecöt et 
in einen ilim felb|t unfa6Iid)en JCngftiufianb. 



Um eine berartige unecn'ogtidie JTngfl ju 
Enffpannen, nöfigt Sal Äinb einjuncifTen. gür 
bicfee ®iniiii|tEn, baS einsn ©elliftretfungg: 
üerfud; beä Äiiibefi aus bEt JCngjl batjtcUt, 
TOirb e6 ucm Si-jiefiec mit ^tügeiii beflraff. 
iTuS ■Üngf: Bor feld]en q)ri[gcrn uergißt boS 
Ätnb biefert ganjEn Äonfüft, oerbraiigf il)n 
inä llnbciüufite unb fommt ju ©törungen 
feinet entmiilung, M3ie auf SBilb 1 angegefien. 



— 370 — 



(auf Bild 3 dargestellten) Falle des Musikers, der den Violinbogen 
nicht bewegen kann, wenn er den erhobenen Taktstock des Diri- 
genten erblickt, auch eine andere {sexual symbolische) Mitdeterminierung 
vorliegt, wird den meisten Betrachtern ohne weiteres klar geworden 
sein. Es ist sogar zu vermuten, daß der Verfasser jener instruktiven 
Aufschriften mit Absicht noch freien Raum für die spontan einsetzende 
Deutungsarbeit des naiven Betrachters übriggelassen. Es fallt ilir wahr- 
sdieinlidi umso leichter diese Lücke zu ergänzen, als es heute dank 



Bild 3: 



Sic Onanie (Selb fit efriebigung) ift 
!ein imnatiirltcdel Safloi:, fonbcrn eine uotübet= 
getjenbe Stfi^einung im Stieben itbeö Äinbe«. 



©ie witi) üfceir ju einer ©lijübigung für 
hk feetifdje SntroicEIuufl unb geiflige @ie= 
funbung, für bte ^\tiiA= mb SecufötätigEcit 
bcä SHetifdien, racmi bic 5)ErfiinIid)feit alö 
Äinb TOtgen bieftS 3tntciebe^ mit fd)»ercn 
©trafen bc&coiit, i-efp. fogar mißfiantielf rcirb, 

3)a6 Silb jeigt, »ie ein Änobe wegen 
Dnanie Qn ben Jpänben gefeffelt unb ac= 
fdjliigen ioii:b. äum iungen^^aÄnim 'geiDorben, 
iDolIte et Seiger in einer JCopeile iPEvben. 
Ber erhobene ®Coä bcs ÄopcUnieiilerö, ber 
fiic biE nnbercn Ordiefletmitglieber bie "Kiu 
leitung ju einem i)atmonifc(jen äufammenipiel 
ift, «ctfte in iljm nur bie u n b e lo u 6 t 
Icfllunimcrnbc 3[ngft Bor dem 
® t S b e g B a t e V S, fo ba^ er ben rechten 
Htm 5um Oeigenfpiel nidjt melic bemegen 
![)nnte (ncwofc eat)mung), ber baniclä Dom 
ffioter feitgebunicn unb mit ©c^tägen bebrol)t 
TOorben war. 



— 371 — 




der psychoanalytisdien Aufklärung ziemlidi allgemein bekannt ist, wie 
wirksam der Kiiidespsydie gegenüber die im Verlaufe von Onanie- 
abgewöhnungsmaßnalimen auch nur gelegentlidi und beiläufig ausge- 
sprochenen Kastratio US drohungen sind. 



S ECHO DEM 
SYCHOANALYSE 



Reditsanwalt Aisberg 

über psydioanalyüsdie Kiiminologie 

Der bekannte Berlioer Reditsanwalt und strafreditswissensthaftlidie 
Autor Dr. Max Alsberg veröffentlidic in der „J u r is ti s clien Wo chen- 
schrift" vom 28. September igsg eine Besprediung der Broschüre „Der 
Fall Lefebvre" von Marie Bonaparte (Internationaler Psychoana- 
lytischer Verlag, Wien 1929). Er hebt hervor, daß der Mord der Madame 
Lefebvre an ihrer schwangeren Sdiwiegerioditer, „da in ihm die unbewußten 
Motive ffir die Allgemeinheit recht klar und deutlich zu analysieren sind, 
von besonderem Literesse Tür psydiologisdi interessierte Strafwissens diaftler 
ist." ,Der Fall ist deshalb besonders bemerkenswert, weil wesentliche äußere 
Motive für die Handlung der Greisin kaunp«Vorhanden sind. Marie Bona- 
pane versu'Jit nun in äußerst initniktiver M^ise die unbewußten Mecha- 
nismen, die diese Tat awangsläuGg hervorgerufen haben, aufzudecken. Psycho- . 
analyüsdi gesprochen : sie führt den Mord auf starke Verdrängungen, die 
aus einem überwertigen Kaslracionskomplex entstanden sind, zurück. Dazu 
treten bei der Mörderin starke aus dem Ödipuskomplex resultierende akri- 
vistische TendeuKen. die bewirken, daß ihr Unbewußtes Liebeswünsche 
auf ihren eigenen Sohn und dementsprechend Haßgefühl auf die Sdiwieger- 
toditer, die ihr angeblich den Besitz des Sohnes eingeschränkt hatte, über- 
tragt Die Analyse sdieint, von Einzelheiten abgesehen, gelungen zu sein. 
Denn die Verfasserin versteht deutlidizu machen, wie nach der Entspan- 
nung, die die Tat bei der Mörderin ausgelöst hatte, sdiwere nervöse Kompli- 
kationen, unter denen die Täterin litt, zurücktraten." 

.Der Fall", —fahrt dann Dr. Aisberg fort —, «ist übrigens auch in dem vor 
kurzem erschienenen Werk ,Der Verbr e eher und seine Richter, 

— 372 — 



von Franz A 1 c x a n d e r und Hugo Staub (Internationaler Psychoanalytisdier 
Verlag, Wien 1939) behandelt worden. Sympathisch berühn an beiden Arbeiten 
die Reserve, mit denen psychoanalytische Theorien vorgefragen werden. 
Beide Arbeiten zeigen zugleidi, daß von den modernen naturwissensdiaftiidi 
orientierten psychologischen Methoden die Psychoanalyse die meisten 
Aussichten hat, kriminalistisch bedeutungsvoll zu werden. 
Das Werk von Alexander und Staub (einem Mediziner und einem Juristen) 
ist, abgesehen von der Darstellung des FaUes Lefebvre, in jeder BeziehuDg 
von besonderem Interesse fiir den modernen Kriminalisten. Es orientiert 
in hervorragender Weise über die psychoanalytische Denkweise 
speziell in ihrer Bedeutung für die Kriminalistik. Die Be- 
deutung dieser Arbeit kann nicht nachdrücklidiat genug betont werden. Die 
Schrift wird sicher viel dazu anleiten, sich mit den Schriften Freuds selber 
zu befassen." 



Aus ihrer Sünden Maienblüte 

ist die Psychoanalyse sdion heraus . . . 

,Die heroisdic Zeit der Psychoanalyse, als sie in ihrer Sünden Maien- 
blüte stand, beginnt stark abzuklingen." Mit diesen Worten beginnt em 
Aufsatz von Erich Brock über „Psychoanalyse und Religion" 
in den «Schweizerischen Monatsheften für Politik und Kultur" {IX, Jg., 1929, 
Heft 2). Und fährt fort: „Der mehr oder minder großmütige Irmim, man 
braudie dem Menschen nur alle Hemmungen, Klemmungen, Zwängungen 
wegzuanalysieren, damit alle Vorurteile und Lügen der Moral, des Geistes 
und des Glaubens (falls nicht diese Dinge und ihre Formen überhaupt mit 
Vorurteil und Lüge vereinerleil würden) sich verflüchtigen, damit mit anderen 
Worten die reine Natur — ein Ehrenname, auf welchen nur die kompak- 
testen Triebe Anspruch halten — befreit, wahr und sich selber genug 
hervorspränge; diese Ansdiauung spukt nur noch in einigen schwächeren 
Köpfen der Schule." (Zu den nichtschwächeren Köpfen der Psycho- 
analyse zäldt der Verfasser den bekannten Züricher Psychoanalytiker und 
protestantischen Pfarrer Dr. Oskar Pf is t er.) Brock gibt zu, daß die Psydio- 
analyse die Fehler früherer Geschlechter, die Vernachlässigung der Trieblehre 
durch die Wissenschaft, gut zu madien hatte. Es wurde durch die Psycho- 
analyse „aufgezeigt, mit welcher Leidensdiafi die mittelsten Triebe der Seele 
nadi den vereinzeltsten Sinnbildern greifen und wie weitgehend ihre wirk- 
liche Auslebung, besonders bei Verbauung greifbarer, eine allegorische sein 

— 373 — 



kann."... „Das Glanzstiick und geradezu weltgeschichtliche V e r. 
dienst der Psychoanalyse blieb insbesondere die DurdJeuchtung 
der grundlegendsten und folgenrcidistca menschlichen Beziehungen, derjenigen 
von Kindern und Eltern." Angesichts dieser „unabsehbaren Befruclitung der 
Seelenheilkunde, wie des gesamten Geisteslebens' konnte man der Psycho- 
analyse manche Übertreibungen des ersten Feuers verzeihen. Aber heute 
müsse man sdion an die Ergänzung jener Lücken und Einseitigkeiten denken, 
die auch im innersten Pruizip der psycho an alytis dien Bewegung vorhanden 
sind: „schon von vornherein gibt es Mißtrai:en ein, wenn man sieht, wie 
aadi dieser Lehre der Trieb, den sie weit tiefer und raädiliger, ja allmädi- 
tiger ansetzt, als es je zuvor geschah, und den man, schulmäßige Verenge- 
rungen meidend, etwa den Lebenstrieb nennen konnte — wie dieser eine 
ungemeine Schwädie, Beißbarkeit, Blindheit in der Auswirkung äußert und 
über jeden Strohhalm stolpert, sich in den kleinsten Knoten verheddert, den 
das Denken eines Kindes auflösen könnte." 

Das unaufhörlidie Zurückrufen aller einzelnen Verdrängungen — füiirt 
Brock aus — ist nicht erwünscht. „Im Augenblick, wo man sidi ernstlich zu 
leben entschließt, whd die Verdrängung zur gebieterischen 
Pflicht — wohlverstanden die ridntige und normale Verdrängung. Alles 
Leben ist Gestalten, alles seelische Gestalten ist aber Verdrängen, Verwerfen 
des nicht gebrauchten Stoffes. Allzuvieie, die durch die Psychoanalyse gingen, 
fanden dazu nicht mehr zurück. Sie starren wie hypnotisiert auf ihre Träume, 
Halbgefühle, Assoziationen, Symbole und fürchten, es könne eine .Verdrängnis' 
geben, wenn sie nidit alles gewissenhah oder betulich imd ohne sich eine 
BeeinQussung zu erlauben, sich auswirken, U^ren und erklären lassen bis 
zum Letzten. Damit ist jede sitdidie und Denk- uifd Lebens freiheit verloren . . . 
Man muß über bestimmte Dinge hinweggehen und sie 
auf sich beruhen lassen, mögen sie auch nicht in Ordnung sein, um der 
positiven Ziele und der Pflicht zu sich und ihnen willen — geschweige denn, 
wenn es sich nur darum handelt, Kleinigkeiten Kleinigkeiten sein zu lassen. 
Man muß etwas glauben und danach sich und das Leben gestalten ; 
und dies Prinzip vermag die Analyse nicht zu geben." 

Von P f i s t e r allerdings muß es der Verfasser anerkennen, daß er 
,dank seiner nie aufgegebenen höheren Weltanschauung" in die Psychoanalyse 
„am frühesten aufbauende Gesiditspimkte hineingebradit hat." Pfisters 
Schriften seien „trotz ihrer schnellen Folge durchaus kritisch und sorgfältig. 
Bedenklidi könnte hödistens die resolute Art sein, mit welcher er das 
Christentum auf eine lebenstüchtige, in Hifsbereitsdiaft und gesunder Werk- 
moral ihren Sdiwerpunkt besitzende, im besten Sinne bürgerliche Form ein- 

— 374 — 



schrankt und alle hochfliegenderen, .mystischen' Ausprägungen wegzu analy- 
sieren unternimmt." Mit solchen Büchern scheint dem Verlasser immerhia 
„ein großer Schritt getan, um den positiven und bleibenden Wert der 
Psychoanalyse, welcher hinter den unvermeidlichen Übersteigerungen zweifel- 
los vorhanden ist, endgültig- in das allgemeine Kultur- und 
Geistesleben einzugliedern." 

Wie sich die psychoanalytische Schule zu solcher — heute öfters 
als vereinzelt vernehmbaren — Verheißung einer „endgültigen Ein- 
gliederung" verhält, braucht wohl dem unterrichteten Leser dieser Zeit- 
schrift nidit auseinandergesetzt zu werden. Ihrer chronistischen Aufgabe 
gemäß verzeichnet „Die psychoanalytische Bewegung" — in diesem 
Falle und in manchen ähnlidien — wohl gelegentlich solcJie freimdlich 
ausklingende Äußerungen, verkennt aber dabei nicht, daß es gerade 
der Widerstands charakter in der Umwelt ist, der sich durch 
Konzessionen zu erneuern und zu stärken anschickt. Auf solche 
Zeichen der parrielien Anerkennung weisen wir nicht etwa mit 
hoffiitingsvoller Genugtuung hin, wie auf düime „Silberstreifen" am 
Rande des noch düsteren Horizonts der psychoanalytischen Bewegung, 
vielmehr erblicken wir in solchen freundlich anmutenden Einladungen, 
die sich nur ausbedingen, daß uro der Salonfähigkeit willen die so- 
genannten Übertreibungen noch im Stiegenhaus abgeworfen werden, 
schwere Gefahrsmöglichkeiten für die Zukunft der voraussetzungs- 
losen psychoanalytischen Forschtmg, Verlockungen zu wisse nschafdich 
nicht verantwortbaren Kompromissen. A. J. St, 

Der Gegensatz von Arzt und Volk 

Im Juniheft igag des „Hippokrates" (Zeitsdirilt für Emheitsbe stre- 
bungen der Gegenwartsmedizin) schreibt Dr, Heinrich Meng (Frankfiirt) 
über den „Gegensati von Arxt und Volk in der Bevölkenmgs frage". Wenn 
ein Arzt 1927 in einer fiihrenden deutschen medizinischen Zeitsdirift schreibt: 
,Wer nidit über die nötigen Mittel verfügt, eine Famihe menschenwürdig 
zu erhalten, der soll überhaupt nicht heiraten und geschlecht! idi enthaltsam 
bleiben", wird — so führt Meng aus — in den Zeiten sexueller Not der 
einfache Mann schwer zu der Kunst dieses Arztes Vertrauen fassen. Der 
Arzt dürfe nidit den Zusammenhang mit der schafTenden Bevölkerung ver- 
lieren. Bezeichnenderweise setzt Meng seinem Aufsatz als Motto ein Nietzsche- 
Zitat voran. Der Arzt mufä — heißt es mit Nietssches Worten 

_ 375 — 



- . - . eine Beredsamkeit haben, die sidi jedem Individuum anpaßt imd 
ihm das Herz aus dem Leibe zieht, eine Männlidikeit, deren Anblick schon 
den Kleinmut (den Wurmfraß aller Kranken) verscheucht, eine Diplomaten- 
geachmeidigkeit im Vermitteln zwischen solchen, welche Freude zu ihrer Ge- 
nesung nötig haben, und solchen, die aus Gesundheitsgründen Freude machen 
müssen (und es können), die Feinheit eines Polizeiagenlen und Advokaten, 
die Geheimnisse einer Seele zu verstehen, ohne sie zu verraten — kurz 
ein guter Arzt bedarf jetzt der Kunstgriffe und Kunstvorredite aller anderen 
Eerufsklassen : so ausgerüstet ist er dann imstande, der ganzen Gesellschaft 
Wohltäter zu werden, durdi Vermehrung guter Werke, geistiger Freude und 
Fruchtbarkeit, durch Verhütung von bösen Gedanken, Vorsitzen, Schurkereien 
(deren ekler Quell so häufig der Unterleib ist) durch Herstellung einer geistig- 
leiblidien Aristokratie [als Ehesrifter und Eheverhinderer), durdi wohlwollende 
Absthneidung aller sogenannten Seelenqualen und Gewissensbisse : so erst 
wird er aus dem ,Medizinmann' ein Heiland und braucht dodi keine Wunder 
zu tun; hat audi nicht nötig, sich kreuzigen zu lassen." 
Mengs Aufsatz schließt mit folgenden Ausrührungen : 

„Wir alle wissen wie schwer es ist, daß der werdende Arzt und der in 
der Praxis stehende Arzt genügend Kraft, Zeit und Mittel aufbringt, um 
sich das Wissen anzueignen, das biologisdie Mensdienökonomie fordert. Ein 
Umbau der Ausbildung auf der Universität wird ebenso notwendig sein, 
wie die Schaffung von Möglichkeiten für den praktischen Arzt, seine Fort- 
bildung weiterzuführen. Die Frage, inwieweit er sich innerlidi dazu ver- 
pfliditet fühlt, kann allerdings von aul?en her nicht gelöst werden. Wer sich 
selbst prüft, weiß, wie schwierig es ist, medjzinische, wdtansdiauüche, sozio- 
logische Vorurteile zu korrigieren, gerade sie .spielen bei der Raterteilung 
eine führende Rolle. Bleuler hat diesem Problem sein Budi über das 
autislische Denken gewidmet, Freud hat zeigen können, weiche biologi- 
schen, konsdtutionellen und durch Milieu bedingten Widerstände sich ent- 
gegenstellen. Die ,Lernst6rungen' des Erwachsenen sind 
sicher nicht geringer als die des Kindes, wahrscheinlich 
größer. Der sidi selbst prüfende Arzt wird manchen Grund finden, wes- 
halb das Vertrauen des Laien zu ihm lahil ist, und er wird nicht immer 
den Grund beim Laien finden können. Das Wissen von den Gesetzen 
der individuellen und kollektiven Seele ermöglicht, sachliche Urteile zu fällen 
über die Prognose der von Einzelgruppen oder Massen angestrebten Re- 
formen. Freud bat schon igoS in der an seine Arbeit ,Die kulturelle 
Scxualmoral und die moderne Nervosität' anschließenden Diskussion mit 
Ehrenfels eine klare Obersicht der Sdiäden aufgezeigt, welche die For- 

— 376 — 



derungen der Gesellschaft aul weilgehende Triebe in sdiränkungen in Form 
neurotischer Erkiankungen zeitigen. Wie immer tat er das in einer Idaren 
Erkenntnis der Wirfcliclikeit, vorsichtig und zurückhaltend, 1912 hat Freud 
in den Beiträgen zur .Psydiologie des Liebeslebena' {Freud, Gesammelte 
Schriften, Band V) folgendes gesagt, was heute noch ebenso führend sein 
müßte, wie damals : ,Angesidits der in der heutigen Kulturweh so lebhaften 
Bestrebungen nadi eiaer Reform des Sexuallebens, ist es nidit überflüssig, 
daran zu erinnern, daK die psychoanalytische Forsditing Tendenzen so wenig 
kennt wie irgendeine andere. Sie will nitiits anderes, als Zusammenhänge 
aufdeden, indem sie Offenkundiges auf Verborgenes zurückfuhrt. Es soll ihr 
dann reJit sein, wenn die Reformen sich ihrer Ermittlimgen bedienen, um 
Vorteilhafteres an Stelle des Schädlichen /u setzen. Sie kann aber nicht vor- 
hersagen, ob andere Institutionen nicht andere, vielleicht schwerere Opfer 
zur Folge haben müßten.' — Die Kluft zwischen Arzt und Patient im Spiel 
der seelischen Kräfte, die hinter ihrem Phänomen vermutet werden, ver- 
ringert sich, wenn man immer mehr die Gesetze ilirer Interferenz kennt, 
achtet und nutzbar macht," 

Psydioaiialytisdie Heilung und diristlidie Bekehrung 

.Auslegungen der Seele" heißt ein pehalivolier Easay von Aiikusl Veiter 
im Septemberheft igjg lier „Zeilschrifl für Mensclienkunde". [Auf eine — die Psycho- 
analyst; ebenfalls ins Auge fassende — frühere Studie desselben Verfassers haben wir in 
dieser Zeitschrift, Heft 1, S, 88 ff., bereits Jiinge wiesen.) Der neuen Arbeit Vetters ent- 
nehmen wir folgenden Passus: 

„Die neue Lage der Seelen forschung seil Freud ist durcli eine liefer- 
greifende, nacktere Auffassung der .seelischen Energie* gekennzeidiuet. Wo 
Bergson nodi diditerisdi verhüllt vom Schaffenstrieb, von der Lebensschwung- 
kraft redet, da spridit die Psychoanalyse unmittelbar vom Zeugungslrieb, 
von Sexualität und Libido. Sie überträgt gleichsam den Text des Bewußt- 
seins in die Urspradie, Der seelische Ablauf wird hier nicht mehr wie ein 
Bühnenspiel unbeteiligt angeschaut ; es genügt a.udi nicht, sich in sein Ge- 
schehen cinzußhlen, wie sich ein Schauspieler in seine Heldenrolle ein- 
sdimiegt, ohne selbst zum Helden zu werden. In der Geschlechtlichkeit tritt 
uns das Leben als unsere geheimste, eigenste Wirklidikcit entgegen, so daß 
jede Aussage darüber sofort zu einem persönlichen Bekenntnis wird. Dataus 
erklärt sich die Peinlichkeit und das Entseaen, das die reine Trieblehre zu- 
nächst erwedit. 

Aber noch durcli einen weiteren Umstand ist die Psychoanalyse grund- 
legend von der sonstigen Betrachtungsweise gcsdiicdcn. Aus der Beobachtung 

— 377 — 



des kranken Seelenlebens hervorgegangen, setzt sie bei der Störung dea 
Verhaltens und der Persönlidikeit ein. Sie gewinnt damit einen Ansalzpunkt 
der zwingender ist als irgendeine andere innere Gegebenheit, und zugleich 
wird sie über die bloß begriffliche Beschäftigung mit ihrem Gegenstand 
hinausgehoben. Seelenforschung ist jetzt nicht mehr beschreibende Selbst- 
spiegelung, nicht mehr Theorie, sondern Therapie, Heilkunst und Seelsorge, 
wie sie es in ijiren vorwissenschaftlichen Anfangen war. Die Frage: ,Was 
sollen Wh- mn ?■ tritt in den Mittelpunkt ihrer Bemühungen. Und das Suchen 
nach emer Richtschnur für das Handeln kann sinnvoll nur beim Erlebnis 
des Leidens einsetzen, denn wo nidit gelitten wird, da versteht sich das 
Tun von selbst. Ohne die Voraussetzung einer bestimmten seelischen Not 
fehlt der Seelenlehre die Notwendigkeit. 

Als eigendidien Siörungsherd des Innenlebens hat Freud die Entwidc- 
lungskrlse der Gesdiledididikeit entdedt — jene Stelle, wo das Kind sidi 
von den Eltern abzulösen gezwangen ist, wo es seine Liebesbindung von 
Vater und Mutter weg auf den Mann odei- das Weib übenragen muß. 
Gelingt diese Umkehr und Reife niiit oder mangelhaft, so kommt es inner- 
halb der Seele seibat aum Kurzsdiluß und lur Ersat^^bildung, zum ,Odipus- 
komplexs wobei sich kindlidie Verehrung und suinlidie Begierde derart 
kreuzen, daß die Entsdilußkraft gelähmt und gespalten whd. Die Gesundung 
aber entsteht dadurdi, dalS die unbewußt umgangene Entwicklungsforderung 
in der Behandlung wachgerufen und durch Übertragung der verdrängten 
Regung auf den Arzt zur Entsdieidung gezwungen wird. 

Verallgemeinert läßt diese Deutung und Heilung des seelisdien Leidens 
eine tiefe Verwandtschaft mit der chriscIidiea^Bckebrungsbotschaft erkennen, 
insofern hier der ,Siindenfa!h, die Abkehr *om Schöpfer, mit dem er- 
wachenden Geschleditsbewußisein und der geistigen Entwicklungskrise unseres 
Gesdilechtes zusammenhängt, die Erlösung aber durdi den Mitder gesdiieht, 
der freiwiUig die Sünden der Welt aul sidi nimmt und durch diese ,Über- 
tragung> dem Verlorenen die MögUchkeit der eignen Errettang gibt." 

Nochmals: die PsydioanaJyse auf der Weltkonferenz 
für Erziehung in HelsingÖr 

In dem freundlichen Bericht Ewald Böhms [S. 264 ff. dieser Zeitschrift) 
über den Weltkongreß für Neue Erziehung steht ein Mißverständnis, auf 
dessen Aufklärung ich Gewidit lege. Der Satz : „Ich betradite das Ideal des 
volligen Durchanal ysierens als eme Dummheit" soll nicht der möglichst 

— 378 — 



gründlich durchgeführten sogenannten Ganzanalyse in den Weg treten, Icli 
führte in jenem Zusammenhange aus, daß die mensdiliche Psyche einem 
unergründlichen Meere gleidie und bei der unendlichen Kompliziertheit der 
Determination eine restlose Aufdeckung der seelischen Zusammenhänge un- 
durchführbar sei. Hieraus ergibt sidi die Aussidilslosigkeit des Vorhabens, 
alle und jegliche unbewußten Motive restlos und mit ihrer unge- 
schmälerten emotionalen Konkomitann ins Bewußtsein zurückzufuhren. 

Die Ki n d e r analyse im Sinne Anna Freuds halte idi selbstverständ- 
lich für durchaus notwendig, wo es sidi um gewisse schwere Fälle handelt. 
Allein neben dieser mühevollen Arbeit, deren Anwendung durch die ge- 
nannte ausgezeichnete Analytikerin selbst auf eine verhältnismäßig geringe 
Anzalil von Kindern eingeschränkt wird, gibt es eine Kurzanalyse, die 
außerordentlidi viel Segen stiften kann, wenn sie auch den Wissensdrang 
des umsiditigen Analytikers nicht voll zu befriedigen vermag. Ich halle diese 
Teilanalysen, die in der praktisdien Erziehcrarbeit auf Sdiriti und Tritt 
nötig werden, für ungemein wichtig. Wie sie zu verstehen ist, zeigte ich in 
der 3. Auflage meiner .Psychoanalytisdien Methode" {S. 500 — 52g) ; ich 
verweise im Übrigen auf Hans Zulligers piäditige Arbeiten aus seiner 
Lehrerpraicis. 

Nachzutragen ist dem Berichte auch, daß Dr. Rene Laforguc, Vor- 
sitzender der Pariser Psychoanalytisdien Gesellsdiaft, einen überaus gehalt- 
vollen und für Erzieher ganz besonders wichtigen Vortrag hielt über das 
Thema: „Mecanismes d'aulopunilion chez les enfants" [Die Mechanismen der 
Selbstbestraf'ung bei Kindern). Da die engUscIien und amerikanischen Ver- 
treter der pädagogischen Psydioanalyse leider ausgeblieben waren, verdient 
der Beitrag Dr. Laforgues ganz besonders dankbare Erwähnung. 

Oskar Ffister 

Eine „Beriditigung" 

Unter der Überschrift „Und so sage ich ganz schlicht: dieses 
Buch ist eine Gemeinheit" (es ist ein Zitat aus der „Frankfurter Zei- 
tung") referierten wir im Heft 2 dieser Zeitschrift über ein Buch von Ch. £. 
Maylan. Wir warfen dabei die Frage auf: „Gehört es zu der Eigenart ,ein- 
gefaorcncn Adels', ,biologisch wohl gelungenen Lebens', an der Spitze eines 
Pamphlets gegen eine lebende Person das Porträt dieser, ohne ihre Befra- 
gung und ohne Befragung des Künstlers, der das Porträt schuf, also sitt- 
lich und rechtlich unbefugt zu vcröffentlidien, — und das Unter- 
scliriftsfaksimile des Objektes des Pamplilets ebenlalls und so in den herbei- 
gelockten Lesern zunädist den Eindruck zu erwecken, als sei dieses Werk 
irgendwie mit Wissen und Einverständnis seines Opfers zustandegekoraraen?" 

— 379 — 



Zu diesem Fraijesat/ sendet uns der Rechtsanwalt des Hearn Maylaii fol- 
gende Berichtigung : 

„0 Es ist unwahr, daß Charles E. Maylan das Porträt Freuds rechtlich 
und sittlidi unbefugt veröffendidit hat. Walir ist, daß Freud aweifellos der 
Zeitgeschichte angehört und daher nach § ii, Abs. i, Ziffer i des Gesetzes 
vom g. Januar 1907, sein Bild ohne Genehmigung zur Schau gestellt und 
verbreitet werden darf. — 2) Es ist u n w a h r, daß Charles E. Maylan das 
Porträt Freuds rechdich und sinlidi unbefugt, ohne Befragung des Künsders 
der das Porträt sdiuf, verüffenthcht hat. Wahr ist, daß Charles E. Maylan 
das Recht iur Veröffentlichung des Porträts ordnungsgemäß (laut den mir 
vorliegenden Urkunden) gegen Bezahlung von der Witwe des Künstlers er- 
worben hat." 

Zu dieser Berichtigung ist zu bemerken: 

Ad 1) Unsere talsächliche Behauptung, daß M. von Prof. Freud keine 
Ermächtigung erhalten hat, das Porträt zu veröffendidien, wird durch 
diese Beridirigung gar nidtt berichtigt. Punkt 1 der Berichtigung ist also 
gar kerne Berichtigung, sondern die Mitteilung, daß in Deutsdiland eme ge- 
wisse gesetaliche Bestimmung besteht, die nach der Meinung des „Berichti- 
genden" auf den Fall Freud anzuwenden wäre. Das Fehlen der Genehmi- 
gung Freuds wird nicht bestritten ; die Ansicht, daß es der Genehmigung 
nicht bedarf, haben wir hier gerne bekannt gemadii. Unverständlidi ist es 
allerdings, wie die Meinung des Herrn M., es sei rechdich zulässig, ein 
Pamphlet mit dem Bild des Opfers zu schmücken, auch unsere Behauptung, 
er sei daher„sitrlich''unbefugt vorgegangen, berichtigen soll. Diese „Berich- 
tigi^ng" glaubt dadurch, daß sie den Wortlaut unseres Satzes so nebenbei 
modifizierte, d. h. die Reihenfolge der Adverbia „sitthch" und „rechtlich" 
veränderte, auch den Vorwurf des Sittlich-Unbelngt erledigt zu haben. 
Von Herrn M., dessen Budt überall voll ethischen Schnaubens über den 
Mangel an Ethos in der Psychoanalyse ist, hätte man eigendich dieses Degra- 
dieren des Sitdichen und Negligieren desa^iesbezüglidien Vorwurfes nidit 
erwartet. Im Übrigen wh-d auch nicht „berichtet" inbezug auf das unter das 
Porträt gesetzte Unterschriftsfaksimile Freuds. Vielleidit hat Herr M. 
auch dafür einen Paragraphen, den er uns nur verschwiegen hat. Dem un- 
befangenen Dritten fällt es jedenfalls auf, daß das Buch sich nidit damit be- 
gnügt, die auf der Porträtradierung bereits endialtene Freud-Unters chriit zu 
bringen, sondern noch separat, unmittelbar darunter, zum zweiten Male die 
Freud-Unterschrift faksimiliert, damit gewiß der Eindruck einer speaieli für 
dieses Buch geleisteten Freud-Unterschrift entstehe. 

2) Unsere Annahme, dafS Herr M. den Künsder, der das Porträt schuf, 
nicht befragt hatte, war, wie wir nun nachträglich feststellen mußten, 
tatsächlich falsch. Herr M. (bezw. sein Veriegcr) hat den Künsder (bezw. 
die Witwe Ferdinand Sdimutzers) ratsächlicli befragt. Soweit also von der 
Befragung die Rede ist, ist die Betididgung vollauf am Platze. Daß die Witwe 
des Künstlers die vom Verlag gewünschte ausdrückliche, schrifdidie Genehmi- 
gung zar Repi-oduktion der Radierung allerdings nicht erteih hat, ist, an- 
gesichts der vollberechtigten Berichtigung inbezug auf das Nichtanfragen, viel- 
leicht ganz nebensädilicfa; nebensäddich umsomehr, als die Witwe des Künsders 

— 380 — 



auf unser Befragen crklärEe, daß bei Kenntnis des UmsUndcs, d;d) es sidi 
um ein Paraplilet gegen Freud handelt, nicht nur die Erteilung der Geneh- 
migung ihrerseits, sondern auch jedes Verhandeln über eine etwaige Er- 
teilung dieser Genehmigung, für sie jedenfalls von vornherein ausgesclilossen 
sei. Aber dies ist wieder nur ein sittlicher Gesichtspunkt von Seiten der 
Frau Alice Sdimutier, ein sittlicher Gesichtspunkt, der für den reditskundigen 
Ethiker und Ethik tordercr M. wühl in die zweite Rangordnung versetzt und 
dort vemadilässigr wird. A. J. Sf. 

Psydioanalyse und Fürsorgearbeit 

Über ^Psychoanalyse und Für Sorgearb eit" whd Dr. Ulrich Vollrath in 
Geraeinschaft mit Fürsorgerin Käthe Dedekind im erslen V^eiteljahr 1930 
in Berlin einen einführenden Kurs für Fürsorgerinnen und sonslige in der 
sozialen Fürsorge Tätige abliallen. Nähere Auskun/t erteilt Sladtarzt Dr. Vollrath, 
Fürstenwalde (Spree), 

Aus Zeitungen und Zeitsdiriften 

Im Juliheft 1929 der Monatsschrift ,Die Hilfsschule" [Organ des Verbandes 
der Hilfssdiulen Deutsdll an ds) veröffentliche Dr. Heinrldi Meng (Frankfurt a. M.) 
eine Abhandlung über „Psychoanalyse und Jugendkundc". Ein- 
gangs führt er aus, daß das Streben der großen Pädagogen, wie Rousseau, 
Pestalozzi, Herbart, nach vorurteiisfreiem Beobachten und Urteil erfolglos 
bleiben mußte, nicht nur darum, weil sie in ihren weltanschaulidien Ein- 
stellungen befangen waren, sondern weil ihnen die Grundlage einer wirk- 
lichkeitsnalien Jugendkunde fehlt; es gab keine Trieb lehre und keine 
Seelenkunde, die das gesamte Psychische umfaßte. Beides schuf erst die 
Psydioanalyse. Freud bezeichnete zuerst das „Sinnvolle" um die Tendenz 
als das Kriterium, nach dem man die psydiische Natur eines Vorganges mit 
Sidierheit annehmen kann. „Seither ist die gesamte Psychologie — auch die 
nidit psychoanalytisdie — in fast allen ihren Richtungen darauf aus, nidit 
nur Gesetze von Funktionen zu finden, sondern audi sinnvolle Zusammen- 
hänge zu erkennen oder auf Grund von Tatsachen Material zu konstruieren,' 
Insbesondere hat die Freudsdie Tricblehrc die Aufmerksaiidceit auf die 
führende Rolle der sexuellen Triebe gelenkt. ,Vor igoo hat sich die 
Wissenschaft gescheut, ehrhdi über diese Dinge zu spredien, obgleich die 
Literatur aller Zeiten so von sexuellen Themen erfüllt war, daS dies allein 
schon hätte zeigen könneu, daß erst die klare Erfassung der sexuellen Ten- 
denzen der Mcnsdiheit aus der Pseudo Wissenschaft \'on Leib und Seele eine 
Wissenschaft machen kanii.' Meng gibt dann eine Darstellung der Grund- 
züge der Freudsdien Psydiologie mit besonderem Hinweis jeweilen auf die 
Bedeutung der einzelnen psydio analytischen Forschungsergebnisse iür die 

— 381 — 



Jugendkunde und die pädagogische Praxis. Er sdiüeßc mit der Fesislellung, 
daß der Weg einer psydio analytisch orientierten Jugendkunde nidit nur zum 
besseren Verständnis des fremden und eigenen Kindes, sondern auch zu 
einem tieferen Erkennen des Wesens aller Menschen führt. 



In der „Medizinischen Rundschau" des „Berliner Tageblatt" stellt Dr. Ludwig 
Paneth die Frage: „Psychoanalyse oder Psychosynthese?" 
Analysieren, meint er, genügt nidit. Es müssen dann noch „zielbewußt die 
großen synthetisdien Aufgaben angegriifen werden ; Polacisierung der Triebe, 
Vereinheitlichung der Persönlichkeit, Aufrichtung jener straffen ienrralis tischen 
Regierung, deren die gesunde tatfrohe Seele bedarf". Die Psychoanalyse, 
meint Paneth, sei bloß Reparation der Fehlerriditung, die Menschen und 
Lebensumstände fertiggebracht haben, und Wiederherstellung der Erreidibarkeit ; 
die eigentliche Neucrreidiung sei die Synthese. Zum Schluß wird unter An- 
lehnung an eine Nietzsche-Stelle formuliert : Psydioanalyse fragt : frei wovon? 
Psychosynthese fragt; frei wozu? 



Im Augusthek ig2g der von Dr. K. F. Sdiaer in Zürich herausgegebenen 
und in Basel erscheinenden „Psychologischen Rundschau" 
schreibt Prof Dr. R. Herb er tz (Bern) über das Leugneü. Er stellt 
diesem Aufsatz, der sich hauptsächlich mit dem Leugnen des Angeklagten 
im Strafprozeß beschäftige, den bekannten Sati von Freud über den 
Selbstverrat, der den Menschen aus allen Poren dringt, an die Spitze ; ver- 
weist auch auf den Aussprudi Nietzsche jj: „Man lügt zwar mit dem 
Mund, aber mit dem Maul, da.s man dazu macht, sagt man doch die 
Wahrheit". Aus „dieser tiefen psychologischen Weisheit des großen Vorläufers der 
Psychoanalyse" — fährt Herbertz fort — „ergibt sich zweierlei." Ein guter Rat- 
schlag : sieh dem Leugnenden gehörig aufs Maul. Und /.weitens ergibt sicli 
darai;s die gesudite Erklärung des Gegensatzes zwischen Bewußtsein und 
Unbewußtem. („Dieser Gegensatz ist nämlidi oft nur ein scheinbarer. Das 
Bewußtsein will oft im Grunde gar nichts anderes als das Unbewußte."} 
Herbertz hebt hervor, daß das Strafbedürfnis seine „Arrangements" und 
3 elhsts abotage akte nicht erst im Stadium der Voruntersuchung und bei 
Gelegenheit des Leugnens zu beginnen pflegt. „Nidit erst durch seine un- 
geschickte Verteidigung, sondern bereits durch seine ungesdiickte . . . Tal 
selbst will der Sirafbe dürft ige sich (unbewußt] enthüllen. {In diesem Zusam- 
menhang verweist Herbertz auf die Darstellung des Falles des Bücherklepto- 
manen im Buche von Alexander und Staub „Der Verbrecher und 
seine Richter".) Als ein Beispiel datiir, wie sidi die Selbstsabotage bei der 

— 382 — 



Tat gemeinsam mit der Selbsisabotage durch iingesdiicktes Leugne q nach 
der Tat in den Dienst des Slrafbcdürfnisses stellt, wird der Fall des kürz- 
Hch vom Sdiwurgeridit zu Bonn wegen Gifmiordes r.um Tode verurteilten 
Arztes Dr. Riditcr angeführt. Nicht ganz dieselben psychischen Merkmale wie 
beim Leugnen im forensischen Stadium treffen für das Leugnen nadi rechts- 
kräftigem Urteil zu. Bei einer Gruppe von Strafgefangenen smd die Ver- 
teidigungs- und Abwehrinstinkte, die während der Voruntersuchung und im 
Prozeß aufs äußerste angestadielt waren, nur relativen Beruhigung gelangt. 
Mit der Psychologie des „leugnenden Strafgefangenen" will sith Prof. Her- 
bertz in eineni späteren Aufsatz beschäftigen. 



Im „Tagebuch" vom 23. November halt sich „Peregrraus" über den Hin- 
weis von Hans Cornioley (Bern) auf das Sexualsymbolische in der 
„Frommen Helene' von Wilhelm Busch (s, Heft 2 der „Psychoana- 
lytischen Bewegung*") auf. Busch werde wie ein Pornograph behandeh ; „ver- 
legen muß ich bekennen, daß ich mir angesicht.i der Phantasie des Psycho- 
analytikers wie ein Anlänger vorkomme . . . Das Schweinerei-Verbindungsglied 
fehlt mir anscheinend." 



„Der analysierte Freud" heißt ein kleiner Aufsatz von Oskar 
A. H. Schmitz in der „Zeitschrift für Menschenkunde' (5. Jg., Heft 4). 
Die Freudsche Analyse stifte oft mehr Übel, als Gutes, da sie kein verant- 
wortliches Selbst anerkenne ; sie führe zu einseitigem Verstehen und Ver- 
zeihen. Wo bleiben die Werte, rcklamien Sdvmict. Freud sei in der Natur- 
wissenschaft stedten gebhefaen. Im ig. Jahrhunden. Zur Zeit von Freuds 
Jugend seien religiöse und ethisdie Doktrinen der Alleren (der Eltern) tat- 
sächlich im Liberalismus oder in reaktionärer Auffassung erstarrt gewesen. Daher 
datiere die wertfeindliche Einstellung Freuds. Zwar sei es falsdi, Freud per- 
sönlich das Gefühl für Werte abzusprechen {„er besitzt es vielmehr in hohem 
Maße, der ganze uralte jüdisdie Ethos steckt in ihm"), „aber eben dies hat 
er verdrängt." Freuds revolutionäre Gesinnung sei nur zerstörerisch, denn — 
wie Schmitz mit Bedauern feststellt — die von Freud audi im Alter nidtt 
aufgegebene revolutionäre Einstellung versäumt es „neuen Tafeln Platz zu 

madien". 

* 

In einem Aufsatz über „Musikkritik — Musikerkritik" {in 
der „Vossischen Zeitung" vom ig. November) unterscheidet Kurt West- 
p h a 1 zwisdten zwei grundsätzlich geschiedenen An schauungs formen der dar- 
stellenden Kunstkritik. Als „psychologische" Beirachtungsact bezeidi- 
net er jene, die den Schöpfer mid sein Werk als ein unteilbares Ganzes 

— 383 — 



nimmt uiid die aus dem nienschlidicn Ei'leben, dessen Formen und Inhalten 
die Eigenart des Kunstwerkes zu \ erstehen sucht; und als „analyti- 
sche* demgegenüber jene, die Leben und Schaffen eines Künstlers trennt 
und sich lediglich an das materielle Sein des Kunstwerkes hält, es mit Hilfe 
\on Maßstäben untersucht, die außerhalb des Werkes liegen. „Es ist selbst- 
versläudüch", — fuhrt Westphal aus, — „daß eine Entdeckung wie die der 
Freudschen Psychoanalyse, die alle seelisdien Vorgänge in eine 
Beiiehungsrcihe setzt und als Varianten einer Elementarkraft auffaßt, auch 
für die Kritik und die Erkenntnis des künstlerischen Schafiensprozesses neue 
Perspektiven eröffnen mußte. Die Übertragung der psychoanalytischen Me- 
tliode auf die darstellende Kritik lag nahe. In vielfältiger Weise ist diese 
Aufgabe gelost worden. Ilire Gefahr bestand vor allem darin, daß sie vom 
Kunstwerk wegführte und den Sdiwerpunkt in die Untersuchung des 
Schaffensprozesses legte." 

Westphal luhrt dann aus, warum die subjektivistisdje Musik des 19. Jahr- 
hunderts eine „psychologisch" betrachtende Kritik geradezu herausfordern 
mußte und warum in der der jüngsten Zeit mit der Wendung von der 
subjekti vis tischen Musik zur „sachiichen" audi eine Wandlung der Musik- 
kritik (zur Analyse hm !) sidi vollziehen mußte. „Die moderne Musik ver- 
langt eine Anschauungsart, welche ihre Formen mathematisch mißt und sie 
jedes Symbolcharakters entkleidet. . . Die Verbindung zwischen Klang und 
irreeller seelisdier Energie, die in der modernen Musik aufgehoben ist, wird 
von der analytischen Betrachtungsart, die ihr allein gemäß ist, durch- 
sdinitten.' 



Im „Neuen Wiener Journal" vom 17. November äußerst sidi Dr. Eduard 
Hitschmann, Leiter des Psycho an alytlSSien Ambulatorium in einem 
Interview über „Traumwandler und Mondsüchtige". Er 
schließt mit der Feststellung, daß es der Wissenschaft noch nidit gelungen 
ist, das Geheimnis des Somnambulismus aufzuklären. „Nur soviel kann mit 
Sidierheit gesagt werden, daß die Behandlung des Traumwandeins mit der 
Behandlung neurotisdier Veranlagung und Erkrankung zusammenfällL" Die 
Psychoanalyse, die den Traumphänomenen so große Aufmerksamkeit ge- 
schenkt hat, sei in erster Linie berufen, auf diesem Krankheitsgebiet Heil- 
erfolge zu erzielen. 



m[]i!i[iin!^i;[iiii!]ii![i[n[iiiiiE[i[]iiiiui[]iiin[iiiDii[]i^[iiii]ii!iiii[i[]i[i![iiiiii[iin[iiiiiE[i[ne[yinii 

— 384 — 



Register zum I. Jahrgang 



Abäerhaldeo 90 
Abraham, K. flS, 71, 317 
Abslmeui, seiutlle 89, 3.14 1! 
AbtrUiiniBC alg FilLrtr 151 
Achelis, W. 80, ie5 
Aclietbiu 337 ff, 2I)S 
Adler, A. 80, B6, 3^8 
Aiohhorn, A. 18D, 190, 34S 
AlaCLinii?, Mni-Buerite-MiLxiö 

164 
Aklanaer, F. 116, 117 ff, 

181, 18S, 100, S4a, S63 1, 
Alfieri 30d |3ö3, S7S, 3aS 
Aisberg S72 
Aktualneurose 34^ ff 
Alkoholibmila SOI 
Allanfly, A. K. 1S8, £33 
Allors 86 

Allmacht Aer Qednitkeu 103, 
Allerskla^scn 228 [304 

Ambivalonj S31, 333 
Amour, le Granil 135 ft 
Ampftre 308 
Amphiini:i:is 42 
Analytilser. Wichtißkeit dca 

Analysiertsoma 3d [ 
Angst 361 
Ang-Bthyatcria 34?) 
AngFlDouroBG 344 ft 
Airget vor Prügeln 370 
Anspielung und Entblüßim^ 
Anloniits 34S [127 ff 

Anienp:niher 317 
ArmuLsgolilbdo 165 
Arndt D 

Ant und Volk 375 f 
Askese 163 ff 

Asoiialilät (lea Führers 150 f 
AaaozLationsQxperirriGnt 169 f 
Ästhetik 20S, 205, 211 
Asllma 71 t 
AthelBmna 273 ff 
Attentato, politische 336 fl 
Aufklärung (sesuelle) 368 
Antklarmig (Wcllanachau- 

iing) 511, 23, Feindschaft 

gegen tie 10, IG 
Auge 74 

Ausbildung der IrilB B76 
Ausdruck ab ewegungeü 314 



Bacbofen, .1. .1. 9, 111, 253 
Baanvald H. 302, 305, 308, 

311, 315, 3la 
Eallnt, II. 180 
Baliac 79 
BardaB, W. 69 
Barinir-Gouid 100 
Barrös, Maurice 14 
Eirrle, J, 109 
Bastian, A. 233 
Batkls 307 

Eauäouin, Cb. 69, IBl 
Baum, 0. SO 

Boaeonsfleld, Lord 65, 109 t 
Healrico 242 
Beethoven 238, 308 



Pa4. BevcguDg' 



BefrucbluDe 44 
BPgBbHng 200, 316 
Bebaglicl 306 
Behrendt, H. 134 (t 
Beißlust 317 

Beham, Hiina Bebild 253 
Bohn-Eschenburg, Gertr. 284 
Bohn 86 

Bekehrune, Chrielliche 3J7 t 
Bslausi^huQgseriebnia 357,370 
Berenäaohn, W. A. 318 
Bergmann- Koni t7,er 268 
Bergmann, W. 82 ff, So, SO 
Bargson 293 

Berliner PsA. Insiitat 37 II, 
Bern an 03 172 [190 

Bernfeld, S. 46, GO, Ol, 228, 
Beioy, A. Sa9 [311 

BeUheiui 73 
Bettndsson 370 
Beti, W. 2i)9 
Bewegung 302 f 
Bibliographie, Psn. 67 
Blbring, E, 190 
Binet, A. 307 
Binswanger, L. 78 
Bioanalvae 46 
Biographik SIB, 323 
Bisexuell 1 tat 46, 67, 68 
Bismarck 18, 10 
Bleuler, E 90, 376 
Blinde, ihra Tränme Sü 
Blut 166 
Boocacciu 76 
BBcklin 111 
Boileau, AbhS 161 
Böhm, Emild 3(J4, 37S 
Bolaehewismuä 273 ff 
Bonaparte, M. 69, 177, 183, 
Booth, J, W. 336 ff [373 
Eopp, L. S5 
Boro) 69 
EUme 213 
Bourdaloue, L. 227 
Bourget, Paul IBB 
Boyd, Ch. S. 16E 
Bdii,™o, E. 81 
Brandes, Geurg 16 
Brlaiid 127 
Brill, A. A. 191 
Brink, Louiao 70, 72 
Brock, Erich 373 
Brutus 330 
Buoharin 3BS 
Biidapeat 41 
Buddha 347, 249, SSO 
Blilow, H. V. 314 
Burkhard, M. 79 
Bürokratie 144 
Busch, Wilhaliö 154 E, 246, 
817, 333 

Capua, Allred S18 
Carmen 333 
Caruä, 0. 0. B. 248 
Chadwick, M. 116, 27S 
Charcot 399 

— 385 — 



Cliarkow 3fi7 

Cbariama IJO, 143 

Choaterfleld 227 

Childera 113 

Chliisten 165 

Chriatus 153, 105, 352 

Cbrislentum 8, 89, 270, 377 f 

Coli ins, 51. in 

Coitua interruptus 344 ff 

Consluot 68 

Cordelia, 211 

Cordny, C\\. 333 

Corlat, 1. 199 

Corniuley, H. 151 H, 383 

CrcuiiBr 9 

Curol, F. de 309 

Dncqui! 169 £ 
Dalv, C. D. 228 
Dante 335, 3431t 
Darwin 34, 48, 19J 
Dauthendey 79 
Ded^skind, K. 381 
Dehraol. R. 309 
Donkon 299 f, 302 
DBäcartes 79 [346 

DeaesualisiGrung 238, 345, 

340 
DostruktionBtrleb im, 3ie, 

347 
DaaLsuh, Helene 183, 190, 

263 
Deutsche Literatur 173 
Db Valera 113 f 
Dialektik 3B4 

DicIiteriEclies Schaffen 29S ff 
Dichtung. Autonemie der 379 
Diaraeli 65, 169 f 
DObiin, Alfred 172, 315 
Dohany, ü. 100 
Don Juan 48 
Don Quiiote ä4(i 
Doafojowski 79, 191, 224, 

352, 280 
„Drei Friiuen" {Pilm) IBS 
Drever 122 
Drifl, H. 184, 277 
Dritte, dot gcschädigie 323 
Duliamel, 8. 173 
Dnmaa, Sohn 308 
Dünnes, J. W. 81 
Dürer 70, tOl, 263 f, 306 
Düring, E. v. S4B 
Dynastie 147 

Edor, M. D, 70, 116, ISO 

Ehren f eis 370 

Eifersucht. Ei fo rauch tsw;dm 

261, 323 
Einfühlung 312. 31S 
Ein Stellungen 399 
Eitlngon, lt. I, 190, 193 
Eitel 229 

Eloutheropulcs 150, 153 
Elster, A. 69 
Empfängnis 247 
Empör ung über Fehlurl eile 
Endluat 239 [117 



EnglajLd 103 [t 
Englische Litca-atur 172 
EntblÖfluDg uni Anaiiieluuir 
Elf enEfcin, S, 123 [127 ff 
Eriannis von Bottatda.iu 7 
Erde 233 i 
Krfolg und GeHisoenEangst 

Erhaltuug Im PsychiscLon 

Erlaben, motorisclies 23fl (t 

ErlöiTin^bodlirftigkeit IjI f 

Erogene ZoiK« 3113 

EroB 28. 07: 3. »«tli Plato 

Erükino US 

EtllBhung 118, 186; E. der 

Eriiehsr 208 ff 
Büiieciia Re^uiigcn &17 iT 
Euphorie 160 
ExhibitianLämus 1G7 

Fnlke, Konrud SJS 

Farben 304 

Farben Li firen 30ci 

Fmciflniuö 22 

Feciiner, G. Tli. 20.1, :il8, 

320, 328 
Fodei-n, P, 40, 71, Ol, 110, 

14S, läil, Ifll, m WO, 393 
Ferenczi, S 1. 41, 70, 72, 

116, 14S, ise; 249, soa 

Fehlhandhmgen 133 

Fehlurtailü 117 ff 

Faigenbauin, D. ISü 

Foniohol, 0. 180, ISO 

FUm ISäa 

Fianb als Symbol 3511 

Fitzgerald, V. 100 

Fixierung ISO, MOl 

F!ach, A. 30O 

Flngellojitcn 164 

FlaEe, Olto £11 

Flntnniurion, C. Säfl 

Fla in E, inf.intiles Intarer^äo 
(Ur 7Ü 

Flaubert. G. 79, 306, 30B, 

Flioas, R. 289, 3SS IHll 

Flügel, ,1. C. HO, 33^ 

FIpurnoy. Th. 81 

Fontenclle 128 

Formlust 312, 316 

Fortschritt und ReakiioD 
Sff, 13 

Frsnce, jljialole 132 II, 168 

Frankfurter PsÄ. InsliLiit 
40, 91 

Frankraicih, PsA. in 90, 37S, 
354 fr 

Frame aiac he Litcr.itut 16B, 
172 

Frait enges talten, ^ymboli- 
ttbo 106 

Fraueukleidung 139 f 

Fräser 304 

Freidenker 273 CT 

Fröud, Anna 40, 1B3, 190, 379 

Freud, Signi. 1, 34. 27, 37, 
3B, 43, 4ü, 48 f. 51, 53, 
59 ff, 70 t, 78, 80, 83, 80 ff, 
91, 97 tr, 1131, 118 f, ISÖf, 
129, 137, 139, 142 t, Ul ff, 
153, 160, 166, 172, 174, 



178, 183, 104, 196, 207, 
Sil, m, 318, 233 ff. 22S. 
238, 24S, 260, EOS, 370. 
276 [, 280, 269 ff. 300, Sil, 

313. 310, 319, 327 f, 347, 
3K, 306 ff, 37öt, 381,383 

Ftcud — sein Anliriilio- 
nalisnius 9, 24 ff; und 
Dars 175, 1S7, 3G2 ff; unfl 
der Mensch 97; sein 
„PauGesualismuB" 25, 29; 
Problfin des Kuoitiv-etks 
bei 197 ff; Heligiouakritik 
9U, 187, 273 ff; F. und 
die RomanUlt 27; Stellung 
in der G eiste BgEachichte 
3 ff; F.-ä „Totem uTid 
Tjbu" 3f 

FreudiBinuB 302, 380 

Frejer, H. 313 

FriedlUuder, A. A, 86 

Friedman u 360 

Frigidität 40. 303 

Fromm. E. 40 

Fromni-Reiehniaun, F. 40 

Führer und Maaae 134 ff; 
Abtrünnige alä F. 151; 
AauiiiiJitli ISQf; V. und 
Vatorideal 147 

FuuktionBluBt 311 

Genua, äsfliefischer 313 

Galtün 306 

Gautier 314 

Gebärden 74 

Geburtslnud 105 

GeburtBuiythan 110 

Geburt uod Tod 246 ff 

Gedaukouachreclt 333 [. 236 

GedMkeuta,bu 219 

OehursnnBgelUbde 165 

Geiger, Tli. 130, 13H, 141, 
lös 

Qeiat, Verzweiilunj; :jiu 88 

GeiBtteloäliehkeii 88 ff 

Geltungabedürfnia 339"*. 

GemeinBeliFLttserriehung ^^68 

Genital theo rio 41 

George, Stelan 33, 228 

GereehtigkeitsgafülJ 117 fT 

Germain 69 

GeBchlechttunteraeldede 41 ff 

GeaellBchaft und Verdrän- 
gung 135 ff 

GewiiBen Bangst 227; und 
Erfolg Slfl 

Geyer, 0. 145, liJS 

Gibbon 308 

Gide. Anfli-ö 172 

Gleap, F. 186, 234 

Gleicben, H. m. 174 

Glover, E. 116. 188 

Glück 04 

Goethe 15, 79, 215, 299, 

314, 317, 349 
Goitein, P, L. 73 
Gonoourt, Brüder 168, 306, 

314; E, de G. 309 
Gorkäij 79 

GOrraa, Joaeph 9, 14 
Gottssvorstellimg 90 
Gtabte, D. Chr. 290 



Gräber. G. H. IS9, 246 
j.Gradiva" von Wilbelui 

Jansen 207 ff 
Graf, M. 69, 70 
Qrattan 103 
Green, G. H. 268 
Grillparier 79, 230, 306, 307 
Grimm 3 

Gtooa, K. 311, 313 ff 
GrunpB und Masse 144 
Ouillemin 279 
Gulbraaisson, D. 321 
Gurjew, G. A. 272 ff 
Güte 48 

Sneckel 47 
Hafter, E. 177 
Hahn, Eduard 228 
Halluzinatorlacbn Wunsch' 

befriadigung 43 
Hamann 78 
Haralet 201 

Hamsun, Knut 318 ff, 324 t 
Hand, erogflue Hundinne 
Harfe 112 [317 

HMulk, J. 190 
Hartwig 275 

Hartniann, H, 08, 73. 1(10 
HbB 3SBff 
HaTBlüCk ÜHi« 07 
Hebbel 65, 79, 304, 305, 

308, 335 
Hegel BS 

Heilpädagogik 281 
HcHpem 191 
Hoilune;, psa. und chriatl. 

Bekehrung 377 f 
Haine 79, 213 
Helmbolti 308 
Hcleingür, Welfkon leren j f. 

Ernnuorunjr der Erxic- 

Imtig 2041!, 378 1 
Herbart SS, 381 
llerberti, K. 3K 
Herder 78 
Hermann, I. 310 f 
Ueriberg, 0. 320 
Heenard, A. 90 
Hermkea 83 

Hervey de Salnt-Denis 61 
Hoydenieieh 212 
Hoyse, Paul 317 
Historie und Kem.autik 15 
Hitclicock 87 

Hitacimann, E. 70, 3Si 1, 
Hitachmann, F. 80 [384 

Hirn, Yrjö 399 
Heaae, Hermann 172, 380, 
Hocbteld, S. 212 [283 

Hoffer, W. 189 
Hoffniann, E. Tli. A. 317 
Halb ein 253 

Homoseiuollar Tvp 140 
Honiesheim, P. 227 
Hopkins, Prynca 268 
Hornoy, K. 190 
Eoussaye. A. 309 
Hueh, Ilh;arda 350 
Hu dl, Rudolf 309 
ITugh Last 294 
Hugo, Victor Sil 
Hnnic, 32S 



— 386 — 



1 

Uusse, L. EU 


HatboliaiBmuE 16, 82, 104 f. 


LchreraualysB 266 


Husserl, E. Säfl 


270, £75; stabil auch 


Leiiau 303 


Hiitohinaon H3 


ClirbEenticm 


Lenin 273, 339 K 


Huyflinajis 134 


Kautsky, K, 137, 276 


Leonardo da Vinci 202 


HyglBnoausatellunK 3GS 


Keating, GBOflrey 107 


Lernstörungen 370 


BfpnDGB 4!l, lüy, löD 


Keller, G. 79, 300, S17 


LMgnen 333 


Hysterie iaiolgo Vei-fltUn- 


KekulB, A. T. 301 


Levi-Bianehiiii 191 


gnne etliiticher ItG^ingen 
a47ff 


Keifen, H, 153 


Levy, Ludwig 229 


Kcrner, J Ultimi s 7!) 


Levy-Brubl 'li 




Kevelaar ä2 ff 


Löwin, K. 328 


' Ibsen 72 f. 309 


Klages 10, 8S 
Kiafhoh IBl 


Libido 99; -liaushalt 260 f; 


Ith aaä Auaensvelt 2Dä f ' 


-Stauung 235 


]ohpeIübl sai 


Kierkegaard 88 f 


Lichtenberg 79, 127 


Ichidealersptiung 1E7 f 


Kieaaling, A. 282 


Liebe und Haß 32"J i? 


JdeuiiaiieniDc V-Iü, Wn, 


Killihcr 113 


Liebe and Verlicht HO 


IKi, 252, 313; feminine 31« 


lünxlcnmalyse 234, 2^6, 379 


LincoLi 336 if 


llioriDg 120 


Kindergarten u. l'sA- 261 


Lindsey 352 


Inago 1, 191, 280 


Kirülerzeiflmüngen 208 


Lindworsfcy 33 


ImpDleni 7ä, iriG, 3B0 (t, 


Kindlieitüeriniierungen 351 


Lipps, Theodor 212, 225 


aesn 


KindheitäcriHbiilaac 319, 35ä 


Literatur uud PsA. 171 


Intaaüle Wünaelie 202 


Kleidiuig 128 ff 


Lloyd George 114, 127 


inquieitioD ]t>jf 


Klein, M. Uü, 189 


LombrOBo 308 


inaelf Insalheintnt, Ingel- 


Kleist, H. 121, 305 


Lorand, A. S. 139 


charokter 103 fF 


Kien to maule 168 
Koelsuh, A, SR» 


Loreni, Emil 148, 229 


IntrovBrsieu 1^9 IT 


Lorm, Hioronynius 61 


Inieät, I-niotiv SOI, 2i4, 


Koitka 328 


Low, B, Hfl 


205; B. auch „Ödiijns- 


Koblbacli, R. 275 


LOwenstein 09 


kDDjplGX'^ 


KohUiaas, Michael ISl 


Ludwig, Otto 304 f 


Jrlfuid 103 ir 


Kohn, Erwin 149, 228 
Kollektivbewußtsein laS 


Luther 7, 70 


Isimce, S. 110 


Lubitaeli, li, 126 


Isolde eaie, Sil 


Kolnai, A. 135, 1B3, asO, 


Lust an der Form 317 


Itnlienijclie I-iior.itiir 173 


Komik ItiO (270, 301 


Luat-Ieh 293 




KDmmunismU!? 353 ff 


LoatprlaBip 118, 205, S26 


Jacob y, H. OS 


Konrad von Harburg lOj 




jaliu, t'r. äl2 


Kongre£5c, paa, 103 




James- Lange 311 


Kons tanz jirin zip 32& 


Jbeder, A. 3J8 


Jean Paul 79 


Kon troll an aly^e 40 


llaotetlinek, il. 81 


JeBrevs, H. IS 
Jegerlehndr, ,]- ^0 
Jekela, L. IBtJ, 190 


Konversionshysterie 167 


ll.Tgic 275 
jririnon-aki, B. 223 


Kojiernikus 24 - 


Körner 314 


Miünurre 251 


JelUee, H. E, S, 70, 7d 


Korsakotr-Kranklieit 73 


JlBinlock, G. 182 


Jeneen, Wilboliii 207 H 


Krankhcitaboreitschnil, 347 


Alan, Henrik de 361 


JensEeu, Oito 187 


Kraus, Friedrich 87 


Mann, Thomas 311, 172 il, 


Jeiower, I. 79, 250 


Krausa, St. 282 


230, 269; Zauberborg £7 


Joel, E. 368 


Krawatte 126 


llänncrbunä 228 


Jones, E. 3, 70, 103 (t. Hfl, 


Kretsehruer 328 


Mftnnlich und Weiblieb 41 ff 


188, 190, 275 


Krieg 251 


lljlnnliclikoiiakouiploi der 


JournaJ, IntornatioDiil of 


Kriminologie 3T2 


Frau 49 


Pajoho-AnaJjBiB S, IUI 


Ktonfald, A. 260 IF 


:Uanue! 253 


JtiycE, jHJDca 172 
jQbaiiiTilie HS 


Kuh, Emi! 303 


Marc Aurel 32, 270 


KunstgenuB 201, 204, 311 


Rlarcinowski, J, 71 


Judith 333 


KUnaller u, PsA. 230 


Uarat 333 


JiigeTKilüiLUdo aaä FsA. ISC, 


KilnsMeriscIics Scbnffen 299II 


Martin, L. 310 


JuiiOB OanSKir S33 [381 


Kunstwerk 197 IT 


Mari 8S, 359 II; Marxismus 


Jung, C. G. 80, im, 310 
Jungfrau 105 tl ms 
Junglrau van Orleune 153, 




22, 273 ff, 276, 350 ff; und 


Latotgue, R. 60, Hfl. 183, 


Fi-eiud 175, 187; s. ancli 


Lagardo, P. 228 [24!2, 37S 


So£iaIi:;m^ia. 


JnrlnBtz 3IKi |332 t 


Lngerborg. R, 68 
Laienanaiyfto 183 


Masochismujj 103 ff, 239 
Masse 134 ff; und Gruppe 


Jualii 282 t 




Lal Sarkai', S. 180 


144; und Menge 142; und 


Kafka 281 


Landauer, K. 40, 70, Ol 


Führer 134 H; ohne Führer 


Kan[. B, 79, 88, 212, 213, 217 


Langbchn 228 


139, 143; M. zu zmiea 


Kaplan, Leo 70, 72, 23C 


Lange- Eiebbauin, W. 313 


139; -Psychologie 118, 


KaBtration, -aigst, -drn- 


Lsssallii 149 


134 E; -saale 136 


hiing, -komplex ^0, ^T f. 


Latenter Kunstgenuß 201, 


MaasenprophylaiB 366 
Materialismus, historischer 


1 131, 15(1, 233, 227, 203, 
■ 320, 322, 324, 350, 372 


T.svator 79 [E04 


I.aiai, E. SR2 


Maurj- 8U [350 If 
Miiuriae 172 


Katharina von f^iena 105 


Lear, KOnig Sil 


Ka^tboliäcIiD LohTerinn^n, 


Lo Bon, G. 135 f, 138, 140 


Mauroia, AndriS 168 ff 


Protest gegen die „Zelt- 


LefebTTB, der Fnll 177 ff, 
Lehnar, i: lEB B [182, 872 


Mayian, Ch. E. 1S3, 379 It 


HOhrlft t psa. Pädagogik" 


McDougal! ISfl 


187 f 


LebranaJyse 87 


Medeiikomplcs 391 




— 387 — 


ä5* 



UalancbDlis Bj, SOG 

Mang, H. S, m, 180, 188 1, 

101, 345, 375 t, 3S1 
MeDge und liasae 143 
MeuEuhlioit, dio gntiie, ala 

Patieot 115 f 
Uetkal, C, F. S5S 
Meri. A. L. HiS 
Ili-U5el, A. 151, 153 
Mioheelis, E, 6S, 318 
Eichels, R. 153 
Miriibeau lää 
Mörder, politLsclie 33(3 
MUrike SIT 
MunJsuelit SS4 
MorseLll, E 68 
llDiUim, kosmiadie 313 
MotorisciM Erleben iiffl ft 
Mciiart 70, 30S 
MuEiiiRr 134 
Jlllllor, A. H. B 
itü[lsr-Bcauiisth"weiff SG, 

139 f 
MUller-Fraientels Eflil, 303, 

300, 3H 
Uund, erogBLe UuudzoDB 

T4, sn 

Musik S, 11, 15, ÜB ff, SM !; 
unä Slelaucbülia 3D0; Mu- 
aiknlisuhes im Gedieht 314 

MusiJLkrltik 3S3 f 

„Muttot, Dil!" [Film) 124 f 

Mutier; Trenn uue viin der 
235; junerrSulicbe 105 t; 
-kult 355; -hypnoBO 15Ü; 
-typus 50; 'Identifizierung 
149; 'laib^symbolik, -leib!?- 
regrosBion 330, 250 

Mftlios 2DS 

JS'achinannBohn, M. 68, 91, 

^37 
Nncktbeit läS I, 131 f 
NapolBDii (>l 
NmiiBmus 149, 245, 311 
Nasa 74 

Nulionalismu^ 11 
Natilrliebe, Naturgtfükl 
»ornfit, W. 547 [238 f. 312 t 
NesLtoj 315 

Neurospnptciphylaxa 3G0 
NouroBOhtliorapie und Eo- 

ligion 115 
Nihelungenfago 330 
Nietisehe 5 ß, 10 IT, 18 t, 

88 f, Ißü, 172, 248, 307 t, 

375, 383 
NoTiüis 15, 28, 78, 1IJ3 
Nunbere, H. 18S, l!)l) 
Nutt, A. US 

Obei-ndort, C. P. IDl 

Objektwiüil 201 

Oäier, Cii. G9 

ödipiiakomples 48, 105, 177, 
190, 2Ü1, 236 f, 840, Sn5 (, 
363 f, S76, 325, 336 f, 
354 ff, 363, 369, 372 

O'Donnell 107 

O'Gradj- 108 

Onanie 105, 188, 371 t 

Opfertod 3,52 



OraJc Fixierung 351 
Urga^mua S60, 346 
(Jiford; Diutiunlry liifl; 
psa. KongrsU in 188, 193, 
Oieanisclies Gelalil 2S9 [303 

Pädagogisclie Vi'oo.Iie in 

Stutigait, 169 
Paneth, L. 383 

Panik 143 

Pansoi^urüiEmuB S5, 29, 85, 
378 

Pariser FsA, Gesellschari 9U 

Parncll, Ch. St. 113 

Pastal 371 f 

Pnssj, I, SOT 

Paulud 147 

Puyne, S. 110 

Pa££i, Maria-Ma^JjLleita 1Ü4 

PeatEO, P. 106 

Pauisueid 49 

Peuissymbola 73 ä 

Postal Olli 381 

Potrarfii 7, 79 

Fet7,uldt, J. 320 

PeyrebiJrc- Carry, E. 278 

Pfeifer, 3, 69, 189 

Pfister, 0. 68, 71 (, 91, 1113, 
26411, 275, 373 f, 378 t 

Pf inner, Hins 30 

PILiSlerstninawang 160 

PI licht 61 

PIlug 333 t 

Pliantasien 198. 303, 310 

Picbon, E. 90 

Pipiü, K. 191 

Pbczek 27il 

Plato (37, 99 

Plattonlanfon 102 

Plntaroli 331), 341 

Po II itaer, C. 90 

PoQipeiua 340 

„PotBtnkin, Pnnzcrkrenicr" 
CFilm) 123 

PtfvDBt, MarcB! 354 ff 

Primitive Völker 73 B**. 

Primitives Seelenleben 4 « 

prinihorn 08, 217 

Projektion 312 

Piopbylase B6, 115, 306 

ProuEt. M.ireel 173 

PByclioanilyBB 
Erlernung 32 
und Fi! ii^orge rubelt 331 
und Jugondknn/Tü 180, 
unii Literatur 171 [SSI 
und Siuijismus 35!) ff 
und Revolulion 23, 31 
in Rußland 358 B 
ujid ScliulpsyelJol{)gle 184 
und SeBlsnrge 90 
und Seiiologia 134 (1 

rBvehoanalytiaebes Institut 
in Bari in 37, 190; in 
Frankfurt 40, 51 

PäyehosyTithese 3^ 

Psycho leciralk 234 
P&ychotherapia uud Religinu 

Pudovkin 124 fäJl t 

Radek 35S 
Rad6, S, 1, 190 



Itahmer, S. 305 

Rank, U. 70, 71, 7S, 110 

301, 239, 247, 357 
liasseuunteracliiedo 104 It 
Haaktion; R. u. Forlsthritt, 

u. Itevüluiiou, u. Ro- 

inanlik S, y, 12, 19 ! 
IJenlitatsprinilp HS, 30Ü 

337 
Heebt, Kampf uma 117 ff 
Reformntiun 10; als Revo- 
lulion 7 
Refrain 315 
Rogressian 33] 
Heicli, W. 71 f, 188 I, 190, 

260, 344 ff, 352, 35S ff 
Ueik, Theodor 51, 69, 80, 

115, 137 fl, 182, IUI, 212 It 

S2B, 375, 353 
Reim 313, 31-'i 
RaiuMh, S. 139 
Eeklamo nnd Erotik SSStl 
Religion 372 U, 590, SSS, 

3G3; und Seelonleideu 

82 11; und Therapie HS, 
Eanaihiunee 7 [371 f 

Rethel 253 

RBttungäeinalellnng 149, 150 
Heuler, Gabriele 31)7 
KovIhw, Psyckoanulytio 3 
Hevolutloa, franzüsiscbe 148 
Revolution arismUG Freudig 

31, 363 
Rbtuo Frani'nläo do P^yeli- 

anuijse 2 
Bihot 399, 303 
iiickman, Joim 191 
Rip van Winfclu 33S 
RiBmondo, I'iero 17^ 
Riviera UO 

RobortBon-Smitb, U. 48 
Roheapierra 341 
Kobiläek, A. 302 
Roffanstein, G. 73 
Häheim, G. 328 
Romantik 11 (T, 79, 240; 

und liiätoria 15; und 
Reaktian 9; cevolutioniLrar 

Oharnktor 10; Auff^aueg 

dos Tra-umes 78 
Rom.-ib, Jules 172 
RemantiEchB Erschainung in 

der Meiliiin 87 
linps, Feljcian 133 
Rosenstein 3SB 
Hnss, Colin 175 
BouäBoau ^35, 238 1!, 3r>l 
RuCland 358 ff 
Rhythmus 312, 314 

Sachs, Himns 1. 33 ff, iO, 79, 
91, 123 B, 190, S2i), 312 

Sadger 71, 116, 101 

Sadismus 103 ff, 23i), 316 t 

Salkind 305 

Saphir, M. G. 133, läi 

Snpir 3G2, 365 

Schaffen, kOnftlürisches 
137 5 

Scham, SchnmhalLigkoiC 48, 

Schaulust 317 [128 3 

aOielvan. TIi. van Ifll 



— 388 



SchickiAlsIorscliunE, aDsly- 

tiBolie 51 il 
Hcliilder, ?. 188, 3D0, 32S 
Sciiiller, Friedrich 5i;, 2ÜS, 
SdiiuaiBr, A. 30a [305, 31S f 
SchJBldenip, Hainld K. IfiJ 
HohJBldenifi, Kristino Ifl^ 
Schlaf i3 

SEhlafivagBn 1G6 H 
SchliniffcTilajid 100 
Schlsgel, Frieflrieh 16 
Schmidt, Hnymuiiil 3^0 
Schmidi, (VBr;i 3ö7 
Schiadta, O. A, H. 333 
Sehmulier 2S0 t 
SchoeidBr, Ernst S, 73, 183, 

SM, 207 f 
SchOnhait ^B, 236, 31a 
ScliDpeahouBr 7, 18, BO, 83, 

283 
ScbÜpfei'isizhGr Vorgang 
SchntLläiid 103 [2iI0 B 

Schteoken 49, 221 ß, S£6 
äehiBäBT, P. 281 
SchiOttBt 73 

SchniegermiiLttirinotiT 182 
Scliiihert 70 
SoliuIdgefUlil nur, 61, IIQ, 

323, 24fl, Ü5ä, aö 
Schule, PeA. iu der 267 
KchulpsyeliclogiD und PsA. 
Schulte, J, Cbr. 83 (184 
S^aitles 2S9 
Searl, S. 110, IBO 
Seeleiileidea und RelieicD 

82 
Boolsorge 00; ii. PsA. 26i 

Hoflisthastrafung 373 
äctbetlia9lirt\tmii 16S 
Selhälvertut 3S3 
Selbatmurd 131, 23D 
Seionschko SöS 
Seng, E. E71 f 
HBx-iiiipeal 232 
Hexun] leben und Neurostn 

Sexuiüiiilt, Vetsacblkliung 

175 f 
SoiutJsrraholik 73 ff, 15d (I, 

l£(i, 227 
Shakespenro 72, 211 829 11, 
ataiTjn, E. IIB, 189 [S4ä 
Shaw, G. B. 61, lfl3, 332 
Skopztn 165 
SiBkel S3i), 2ä3 
Hiemeoä, WcrnPr 308 
Sioniena. Will in m 308 
Sighele, Su. 136 
Sifbarer, H, 87 
SimiueJ, Ernat ISO 
SimmeJ, Geürj 138 
^innlichkeiL dO 
Sittlichkeit uad Tr!obcin- 

sthranUiing SO 
Bokraleä 13, 153 
Bophnklei 2Q1 
Social Ii Di UB 12. 30; Freuds 

31; E. auuh UarslBmus 
SDiSologio 134 If 
SpiltuBg dea Liebesobjekta 
Spencer, H. 32S [322 



Spengler 10, 88 
Sperber, Alice 244 
Syerher, Haus 223 

S[iiei aon 

äpittolar 2S0 

Sprache 220, 317 

StabiliirLtaiiriuiip 326 f 

Stael, Mnie de 128 

Silircke 116 

Staub, H. 117 IT, 181, 283 f, 

St^gimaiin, A. 71 [373,383 

Steiner, Uiixiui. 180, 203 

Sterba, Editlia 163 

Sterba, Riebard 197, 312 

StBtn, Erich ISü 

Stern, William 186 

Silomat isatioD 16h1 

Stfllir, A. 300 

Storfar, A, J. 1, fi7, 183, 220 

StotB 110, 383 

Straße, Zwangsgewohnlieiteu 

auf der 160 
Bttindberg 79 
Stumpf SU 
Stuttgarter padasoEiscbc 

Woche ISO 
Subliniierung 36(1, 310, 311, 
SugKSStiOQ 49 [347 

Bünila und Bühne 60 
Stevo, Italo 170 
Swedenhors 70 
Swift, E. il. 166 
SydDiv, E. T, 60, 228, 229 
Symbolik 233, 243, 363 
Sjrmptomhandlungan 123 
SyuSsthcBien 305 
Siendo, V. 153 

TaEtrauma 198, 2SS 

TuTloiTaLd 128 

TeleülogiB der Art iS 

Tellar, F BO 

Tfnip nihil pfen lliO 

Temijaon 111 

Tissi, S. 73 

Tohlcr, H, 264, 267 

Tod 24611; Dnratellnng des 
T. 253 (F; Todesahnungen 
80; TodBsphantaaion 249; 
Todeilrleb 27 1, Uli, 248, 
S17, 347; Toienkomplei 

Totem tlieone 148 [316 

Tetenlnsel 11U f 

Trauma dar Ui;biirt 250 

Ttanm 15, 76 H; T, Dantes 
243 11: TrauEirtButung 196, 
350; Traum syinbolik J3 Q; 
ptopbetiacbe Traume 80 IT; 
T. Tou Gebtirt 45, von 
Rettung aus dem Wasser 
45 

Trauim Wandler 384 

Trieb, konservativer Katnr 
28; Triebeiuseluankung 
30, 118; Triobbelriedigi.ng 

Tristan 235 a [59 

Tnrgeniew 3D7 



Ühsr-Ich 56, 01 [ 
tl) er tragung 266 



Überraschung, zweifache 
Urhaß 251 [212 ff 

i;rhurd!e 147 
Urszene, a- Bdausohungt 

^rlabnia 

Vaginasymbole 73 l! 
Vaihioger, H. 326 
Viin der iJhijs, A. 69 
Van Üphuijaen 116 
VareuUüutk, J. 300 f 
Vaterbio düng, homosexuelle 
Valerhypnoae 40, 150 [357 
Vinerideai und Führer 147 
Vatermoral 8; s. auch 

üdipuskomplox 
Vater in der Urliorda 147 
VerantAvorElieiikait 86 
Verantwortungslusigkeit der 

Massen Uli tglieder 138 
Verbrecher 117 IT, 282 
Verdrängung 374; und Gb- 

belläohuft 135 11 
Verführung 39 
Vcrloekungspramie 313 
Verlieht und Liebe 119 
Verineillucig am Geist 88 
Vetter, August 88, 377 t 
Vlcugels, VV. 137, 153 
Vierkaudt 136 
Virgil 1D6 
Vischer, Tii. 213 
Volk und Arit 87B f 
Vollrath, Ü. 381 
Vülkischa Idee 11 
Voltaire 7, B39 
Vorbildlichkeil der Bfinali- 

tat 48, 53 [316 

VorluEl 206, 234, 238, 311, 

Wackcnrodet 14 

Wagner, Richard 0, 11, 18, 

70, 173, 237 
W:ihrträume 80, 8a 
Walder, R. 73, 173, 189, 190 
Walch, A, G. 77 
Wales 103 
Waschzwang 57 
Wasser in nfytlien 110 
Weber, V. M. v, 308 
Weber, F. P. 252. 254 
Waber, Mai 140, 153 
Weiblich und llinnlich 41 ff 
Woismantel, L. SBS 
Waiss, Eaoarflo 71, 191 
Weiss, Karl 315 
Weltuntergang 251 
Wermut, Uhriatian 262 
Werlel 299 
Wortheiiner 3E8 
Werther 239 
Westphal, K. 3B3 f 
White, W. A. S 
Wiederb Ol ungBiwang 327 
Wiener PsA. Vereiniguue 

ISO 
Wiese, L. v. 136, 141, 153 
Wieaer, F. v. 163 
WilienEf reibe it 86 
Winteratein, A. 69 f, 191, 

229, 239 n, 354 ft 



— 389 — 



WirklicIikBitisinn ?92 

WiDthui«, I, 73 il 

WittelB, r. 68, 335, 2J2, 

Will 137 11, ICO, a05, 212 
Wolfheiiii, NbIIj 20^, äÖS 
WordBworth 110 
WüTler, doppelte Bedeu- 
tung 74 
WulC, M. 71 



Yfiata, W, B. 108 
Yoga 298 

ZSrÜicJikeit 50 [I, 191) 

Zoitachr-, latiernaL, L P?A. 
Zoitschriften der l-'äA. 1 
Zeitaclitift (. ps.i Pild;i- 

eogik 3, 1S7, 131 
Kenket, G. 81 
ZimiDetmüJtii, J. G. 101 
Zoega !) 



Zola 1<]3, SDÜ, £31 
Zucker, Liii=e 103 
Zufall BS 

ZuUigor, H. ISS, SÖ4, 2li6 f 
ZunEe 74 [347 fl, 370 

KivKQg, 'Zu-angsäymptoiuf 

ZwangGgewoliiilieiton .^^7 

84. J(jD 
Zsveig, Arnold OT, 147, 17° 
Zweig, Slefnn 173, 3*4 
Zweigejjthlechterwpsen 7T fr 



Inhalts verzeidinis des I. Jahrgangs 

Seile 
^rtm« Alexander und //ugo Staub: Der Kampf ums Redit . . . , 117 
Ridmrd Behrendt: Das Problem Fülirer und Masse und die Psycho- 
analyse 191 

Ewald Böhm: Die Psychoanalyse auf der WcUkonferenz für Erziehung 

in Heising-Ör ofl^ ^^g 

Hans Cornioley : Sexualsymbolik in der „Frommen Helene' von 

Wilhelm Busdi 1 cj 

Max Eitingan: Ansprache in Oxford 193 

S. F er cnczi: Männlidi und Weiblich, l'sy dio an aJytis die Betrachtungen 
über die „Geriitaltheorie" sowie über sekundäre und tertiäre Ge- 

schlecJicsuiitersdiiede ^i- 

Sigm. Freud: Das ozeanisdie Gefühl 289 

Gustav Hans Gräber: Geburt und Tod 246 

Eduard Hiisckmann: Knut Hamsun und die Psydioanalyse .... 318 
Wilhelm Jensen (-f igii) ; Drei unveröffentlichte Briefe an S. Freud . . 207 
Emest Jones: Die Insel Irland. Ein psydioanaijjjs eher Beitrag- zur politi- 
schen Psychologie 103 

' Thomas Mann: Die Stellung Freuds in der modernen Geiatesgeacluditc ^ 

^Wilhelm Reich.: Die Stellung der Psydioanalyse in der Sowjelunion . . gjS 
Theodor Heile: Erfolg und unbewußte Gewissensangst. Zur analytischen 

Schid;salsforsdiung ^i 

— Anspielung und Enlbloßuiig 137 

— Die zweifache Überraschung '12 

Hiains Sachs: Die Erlernung der Psychoanalyse 32 

— Zur Psychologie des Films 123 

Hugo Staub j. Franz Alexander 

Editha Sterba: Pflastersteine. Zwaiigsgewohnheiten auf der Straße . . . 160 

; Ridiard Sterba: Das Problem des Kunstwerks bei Freud 197 

y A. J. Storjer: Beitrage zur psychoanalytischen Bibliographie (Plato und 

Freud. Musik. Asthma. Ibsen) 67 

fiotert iVä/ii er; Sexualsynibolik bei Naturvölkern 73 

— 390 — 



Aljred Wintcrilcin: Motorisclies Erleben im schöpferisdien Vorgang 2()(j 

— „Eine ganze Nation besessen vom Ödipuskomplex" (Marcel Prevost 

und die Psydiomalyse) 354 

Ftüz W iltels : Le grand amour . - , 235 

— Große Hasset 329 

Hans Zulliger: „Hysterie infolge Vertlrängung ethischer Regungen?" 347 

Arnold Zioeig: Freud und der Mensch 97 

Die Zeitschriften der Psychoanalyse l 

Frankfurter Psychoanalytisches [nslittit 40 

„Die ganze Menschheit als Patient" (Neurosentherapie und Religion) . 115 

Askese und Sadomasodiismus (Sij 163 

Psychoanalyse im Sdilafwagen (a. n.) . liiß 

Zu Freuds Deutung der Cordeliagesialt ('Tk. R.) 211 

Ackerbau und Sexualsymbohk (A. J. Sl.) 227 

Vom Ekel 229 

Erotik und Reklame (St.) 2g2 

Psychoanalyse bei psychisdier Impotenz (Sl.j 260 

.Ein Gespenst aus der Kindheit Knut Hamsuns" (e. si.) 324 

Das Stabilitätsprinzip in der Psydioanalyse (A. J. Sl) 326 

Abstinenz, Coitus inleiTuptus und Angstneurose 344 

Psydioanalytisdie Motive auf einer Hygieneaus Stellung in Berlin . . . 3GS 

ZUR TRAUMLEHRE 

Chi mal li vuol, mal ti sogna. Ein Traum und seine Deutung im Dekamcron 

(Karl Landauer) 7(1 

Eine Traumtheorie von 150 Jahien (A, J, Hl.) 7Ü 

Nl'uc Liitrfliiir über den Traum: L. Binswanger, Wandlungen in der Auf- 
fassung und Deutung des Traumes — J, Jejuwcr, Das Buch der Traume — 
W. A c h el i s. Das Problem des Traumes — Macierlinck, Die vierte 

Dimension — G. Zenker. Traumdeutung vind Traumforsdiung (A.J, Sl.) . . ^S 

AUS DER SCHÖNEN LITERATUR 

Frili Lehncr: „Das Pferd und der Faun' (Andre Mauroit.) 16S 

Robprl Wälder: „Zcno Cosini" von Italu Svcvo -.-,,,,,,,. 170 

DAS ECHO DER PSYCHOANALYSE 

Kcvelaar über Psydioanalyse (A. f. Sl.) S2 

„Eine romaniische Erscheinung in der Medizin" , . , . S7 

„Eine Geistigkeit, die der Psydioanalyse entgegenarbeite!, stau aus ihr hervorzu- 
gehen, hängt fortan in der Luft" 88 

Aus Zeitungen und Zeitschriften 90, gSi 

Thomas Mann , entlarvt" (A. f. Sl.) 174 

Die Psydioaaalysc verantwortlich lür die „Versadilidiung der Sexualität, Eir das 

Ende der Liebe' ? 1 j 1; 

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Marie Bonnpartcs -Fall Lefebvre" vat dem Katheder. Offener Brief an Pnii. 

Hafter (A. J. Sl.j ,77 

„Und sn sage ich ganz schlicht : dieses Buch isL eine Gemejnlicii". Maylan: 

Freuds iragischer Konflikt (A. J. St.) ifij 

Psycho an alj-se und Schulpsychologie (Harald K. SchjelderLp] (Si.) 184 

Psydioanalyse und Jugcndkiinrle (Erich Stern u. a.) (St.) 18R 

Religionskricik bei Mar^ und bei Freud iSy 

„Unerhörter Angriff auf diu dirisiliche Sitteiiordnung" 187 

Zu Thomas Manns iisychoanaiyiischcni Manifest ■ 361) 

Pascal oder Freud? - . . , 27 1 

Bolschewistische Kritik an Freud (SQ 2jj 

Karl Kautsky und der Ödipuskomplex 276 

Otto Flake über Freud -,...... ^77 

„Raubmord Freuds an dein Mullerbegriff! . . , Freud aus der .ieulsdien Familie 

■iu jasen !- (Sl.) 2jS 

Warnung für junge Diditer 37^ 

Psychoanalyse freie Heiipädagogik 281 

,Der moderne Herr Sigmund Freud- SS2 

Rechtsanwalt Aisberg über psychoanalytische Kriminologie 373 

Au! ihrer Sünden Maienblüie isi die Psythosnalysc schon heraus (A. J. Sl.) . . , 373 

Der Gegensats von Arzt und Volk 375 

Psychoanalytische Heilung und dirisilicbe Bekehrung. 377 

Nochmals: die Psychoanalyse auf der Weltkonferenz für Eraiehung in Hclsingor 

(Oikar Ffisterj 37S 

Eine , Berichtigung' (A. J, Sl.) gjd 

Psychoanalyse und Fürs orgearbeit 3S1 

MITTEILUNGEN 

Psychoanalytische Veraostaltungen iSS 

Psychoanalytische Zeitsdiriflcn ^i lyo 

KUNSTBEILAGE 

Faksimile der 1. Seite eines Briefes von Wilhelm Jensen an Sigm. Fieiid. Sildnis 

von Wilhelm Jensen nach Seite :20Ö 



Eigentümer und Verleger : 

klematiODaler Psydio analytisch er Vcrbg. Ges. m, b. H,, Wien, I , Büfscgaaac 11 

Herausgeher: Aflolf Jostf Storfrr, Wi<:n. I., Bgrscgassp ij 

Für die Redaktion verautwürtlidi ; Dr. Edilha Sierba, Wien, VI., MariahiIfcrstraSe 71 

Druck: Johann N, Vemay A,-G., Wien, IX., Canisiusgasje 8—10 

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