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Full text of "Psychoanalytische Bewegung III 1931 Heft 2"

Psychoanalytische 
»ewegfunsf 



m III. Jahrgang M£rz*April 1931 Heft % 



Vom Guten, Wahren und Sdiönen 

Eine psychologische Ansprache 

in der ,Medical Section" der „British Psychological Society" am 26. Februar lggo 

h Von 

w -m INTERNATIONAL 

SM psychoanalytic M. D. Eder 

I UNIVERSITY 4 . „ ,. , .., 

Aus dem Englischen übersetzt 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN- VOn LuiSfi Zucker (Wien) 

Man hört nicht selten sagen, daß die Psychologie, die sich vornehm- 
lich mit dem Verhalten der Menschen und ihren Beweggründen be- 
faßt, eine zweifelhafte Wissenschaft sei, denn die menschliche Natur 
sei allzu schwankend, um nach einer Schablone beurteilt zu werden. 
Die Psychologie wird dann der Physik, diesem vollkommenen Typus 
einer Wissenschaft gegenübergestellt. Aber die Physiker selbst sagen 
uns, daß ihre grundlegenden Gesetze, wie z. B. das zweite Gesetz 
der Thermodynamik und andere, nur statistische, für den Durchschnitt 
geltende Gesetze sind. „Vieles der anscheinenden Gleichförmigkeit in 
der Natur" sagt Eddington, „ist nur die Gleichförmigkeit des 
Durchschnittes"; Könnten die Einzelwesen der physikalischen Welt, 
die Atome, Elektronen, Quanten sprechen, würden wir vielleicht manch 
ein Atom oder Elektron beteuern hören, daß es nichts dergleichen 
täte, was die Physiker als selbstverständlich von ihm fordern und 
voraussetzen. So wie der Biologe hat auch der Psychologe ein ganz 
anderes Material vor sich; die Elemente sind oft deutlich vernehmbar 
und imstande, ihre Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung mit 

PsA Bewegung III 97 — - 



dem Registratur zu äußern; die grundlegenden Gesetze der Psycho- 
logen sind nicht statistischer Durchschnitt, sondern haben allgemeine 
Giltigkeit. Einen Begriff wie z. B, den Ödipuskomplex sieht der 
Psychologe bei Menschen in allen Lebensbedingungen unbedingt be- 
stätigt. Der Einwand, den ein hervorragender Anthropologe dagegen 
erhob — er glaubte auf irgend einer Insel im Pazifischen Ozean eine 
Ausnahme gefunden zu haben — war offensichtlich eine falsche Aus- 
legung, geradeso als sähe man im Aufstieg eines Ballons einen Wider- 
spruch zu den Lehren Newtons. Nebenbei bemerkt, kann man die 
merkwürdige Beobachtung machen, mit welcher Hochachtung die Be- 
trachtungen irgendjemandes, der ein paar Jahre unter Wilden gelebt 
hat, aufgenommen werden (hier denke ich nicht an den oben er- 
wähnten Anthropologen) im Vergleich zu der kritischen Haltung, die 
man gegen das Urteil eines Fremden über uns selbst einnimmt, über 
welches Urteil wir ungefähr die gleiche Meinung haben, wie Dr. John- 
son über den Tanz eines Pudels. „Dieser Deutsche oder Franzose oder 
Chinese ist in der Tat sehr gescheit und zeigt für einen Deutschen 
oder einen . . . viel Verständnis für uns, aber natürlich entgehen 
ihm alle feineren Nuancen." Es scheint fast, als glaube man, daß es 
für einen Europäer leichter ist, die wahre Mentalität eines Schwarzen 
zu verstehen, als für einen Franzosen, die Engländer entsprechend zu 
würdigen. Ich vermute, daß Vieles aus dem Leben des Wilden der 
Aufmerksamkeit selbst des scharfsinnigsten Anthropologen entgeht. 
Immerhin ist heutzutage jede Zivilisation in groben Umrissen genügend 
klar skizziert, um uns zu der Behauptung zu berechtigen, daß gewisse 
psychologische Gesetze allgemeine Giltigkeit haben. Darauf begründe 
ich meinen Anspruch, daß die Psychologie als vollwertige • Wissen- 
schaft anzusehen ist, insoweit als diese Wissenschaft danach strebt, 
allgemeine Begriffe zu formulieren; anders als die Physik begnügt sie 
sich nicht mit annäherungsweisen, statistischen Daten. Natürlich darf 
man daraus nicht schließen, daß die angewandte Psychologie, z. B. die 
Psychotherapie oder die Psychotechnik ihrer Daten ebenso gewiß ist, 
wie die Psychologie selbst. In der angewandten Psychologie beschäfti- 
gen wir uns anerkanntermaßen mit Einzelheiten, was nach Blake 
das „alleinige'' Kennzeichen des Verdienstes ist. Man kann nicht be- 
haupten, daß die Verdienste der Psychologie um menschliche Ange- 

— 98 — 



legenheiten bis jetzt das Wohlwollen dieser einsichtslosen Welt ge- 
wonnen hätten; brächte man etwas mehr Verständnis für unsere 
Kunst und Wissenschaft auf, dann hätte der Premierminister kürzlich 
nicht einen ökonomischen Beirat, sondern einen psychologischen er- 
nannt. Die Gewalt der menschlichen Motive in der Industrie wurde 
von Dr. Culpin bei mehr als einer Gelegenheit vor dieser Versamm- 
lung dargelegt. Denken Sie z. B. an die Frage der Lebensversorgung, 
die im ersten Moment eine rein ökonomische Frage zu sein scheint; 
heute, da das Problem der Wirtschaftsökonomie vollkommen gelöst 
ist, da genügend Weizen geerntet wird, um täglich jedem Mann, jeder 
Frau und jedem Kind auf der Welt ihr viertel Laib Brot zu geben, 
da Wolle in solchen Mengen gewonnen wird, um täglich jedem Mann 
ein neues Hemd und jeder Frau einen neuen Kittel zu liefern, da die 
Hungersnot in einer Provinz oder in einem Land sofort zu überwin- 
den ist, da Kohle in solchem Überfluß existiert, daß sie schwer ver- 
käuflich ist, fragen wir uns verwundert, warum es Menschen gibt, die 
trotz eines solchen Oberflusses an Waren und trotz der Klage über 
eine Überproduktion an Weizen, Kohle, Textilien und Leder, hungrig, 
obdachlos und barfuß bleiben. Es bedarf keiner besonderen Gelehr- 
samkeit, um zu antworten, daß der Fehler im Seelenleben der Men- 
schen liegen muß und nicht in den ihnen zur Verfügung stehenden 
technischen Einrichtungen. Ich zitiere das Folgende aus „The Nation" 
vom 15. Februar, die in einer Notiz über Brasilien und seine Kaffee- 
ernten sagt: „Man teilt uns mit, daß für das Jahr 1930/31 keine Be- 
sorgnis wegen einer neuen übermäßig großen Ernte besteht und daß, 
solange entsprechende Maßnahmen für eine Verminderung der Kaffee- 
anpflanzung vor dem 1. Juli getroffen werden, alles gut gehen wird. 
Wenn die nächste Ernte die Hälfte der Ernte vom Jahr 1929/30 er- 
reicht, wird sich die Situation rasch klären." Für meine Zwecke ge- 
nügt es, wenn wir verstehen, daß wir es bei diesen Fragen einer ent- 
sprechenden Verteilung nicht mit ökonomischen, sondern mit ethischen 
Problemen zu tun haben — also mit einem psychologischen Problem. 
Diese Abhandlung befaßt sich vor allem mit der psychologischen 
Bedeutung des Wertes gewisser Eigenschaften, die die Dinge für 
menschliche Wesen besitzen. Ich schlage vor jene Eigenschaften näher 
zu betrachten, die als tertiäre Eigenschaften der Dinge bekannt sind: 

— 99 — 7 » 



das Gute, das Wahre und das Schöne; Eigenschaften, die zur 
Realität eine andere Beziehung haben als primäre und sekundäre Eigen- 
schaften, wie Größe, Form, Zahl, Farbe usw. Um die psychologische 
Bedeutung jener Eigenschaften zu erfassen, muß man ihre Funktionen 
verstehen, nicht nur ihren Ursprung kennen, sondern auch ihre Absicht 
und ihr Ziel. Vor vielen Jahren behauptete ich in der alten „Psycho- 
medical Society", daß es, um einen Schirm zu verstehen, nicht genüge, 
ihn bis zur Seidenraupe, zum Eisen und zum Baum rückzuverfolgen. 
Man muß auch den Zweck des Instrumentes berücksichtigen, seine 
Funktion, die darin besteht, den Gebraucher vor dem Regen zu 
schützen. Das kleine Kind gewinnt Bedeutung, wenn man "es nicht nur 
als das Produkt zweier Menschen verschiedenen Geschlechts betrachtet, 
sondern als den zukünftigen Erwachsenen. Will man das Wesen der 
Schmetterlingspuppe vollkommen erfassen, dann muß man sie einer- 
seits bis zur Larve, andererseits aber auch bis zum fertig ausgebildeten 
Insekt verfolgen. Nach der Darstellung S.Alexanders 1 ist der Wert 
ein allgemeines biologisches Phänomen, denn jede Abstammung be- 
deutet nach der Darwinschen Theorie eine Auslese von Werten. 
Werte entstehen durch die Prüfung verschiedener Typen unter be- 
stimmten äußeren Bedingungen. Variationen sind die Folgen von 
Wünschen oder von Bedürfnissen, in Freuds Terminologie die Re- 
sultate eines Wunsches. Um es anschaulicher auszudrücken: Wasser- 
tiere, die sich dem trockenen Land anpassen wollen, verwandeln ihre 
Kiemen in Lungen; Landtiere, die sich nach der Luft sehnen, ändern 
ihre Vorderpfoten in Flügel. Der Mensch bedient sich im Gegensatz 
zu anderen Arten eines ganz verschiedenen biologischen Verfahrens. 
Er versucht keine Veränderungen an sich selbst, aber er ändert seine 
Umwelt gemäß seinen Wünschen. Er macht seine Zähne nicht schneidender, 
seine Nägel nicht schärfer, wenn er sich einen Stein oder einen Baum 
nutzbar machen will; aber er paßt seine äußere Umgebung seinen 
inneren Wünschen an. Natürlich war der Mensch noch nicht imstande, 
alle gewünschten Veränderungen hervorzubringen, aber es ist seine 
biologische Tendenz, eine Änderung der Werte in seiner Umgebung 
herbeizuführen. In seinen Anfängen zeigt sich der Wert als Erkenntnis 

1) Alexander, Space, Time and Deity. 1927. 

— 100 — 



oder Auswahl jener Eigenschaften, die eine Verlängerung des Lebens 
begünstigen und als Verwerfung jener Eigenschaften, die den Tod 
beschleunigen — die natürliche Auswahl also, die der Organismus 
unter jenen Veränderungen vornimmt, die ihm die größte Sicherheit 
für verlängerte Lebensdauer bieten und beim Menschen wiederum 
eine natürliche Auswahl von solchen Veränderungen in der Umgebung, 
die ihm die größte Sicherheit für ein ewiges Leben versprechen. Es 
ist nicht sehr wesentlich für meine Beweisführung, ob man mit Darwin 
daran glaubt, daß die Veränderungen zufällige sind und daß die 
Macht des Organismus auf eine Auswahl wünschenswerter Verände- 
rungen beschränkt sei, oder ob man mit Lamarck die Verände- 
rungen als die erfüllten Wünsche eines nach ewigem Leben suchenden 
Organismus betrachtet. Lamarcks Worte lauten: „Das Hervorbringen 
eines neuen Organes im animalischen Körper ist das Resultat des un- 
vermuteten Auftauchens eines neuen Bedürfnisses, das sich andauernd 
fühlbar macht. So geben die Veränderungen in der äußeren Welt 
Anlaß zu dem neuen Bedürfnis, eben diese Veränderungen zu be- 
herrschen." Der Mensch ist, wie ich schon sagte, den anderen Weg 
gegangen und hat seine Wünsche befriedigt, indem er der äußeren 
Welt Veränderungen aufzwang. Diese äußere Welt umfaßt nicht nur 
alles, was außerhalb liegt, sondern auch ihre innere Beziehung zu den 
Dingen einschließlich derjenigen zum Menschen selbst und zu seinem 
bewußten Ich, das heißt zu ihm als Objekt. Durch dieses biologische 
Bedürfnis nach Veränderung und Anpassung entsteht im Menschen die 
Würdigung jener Faktoren, die ihm lebensverlängernde Werte ver- 
sprechen, also der Inbegriff des Wertes selbst. Manchmal wird die 
Frage erörtert, ob das Gute in der Ethik eine unbedingt wahre oder 
wesenüiche Komponente der menschlichen Natur sei. Aber selbst wenn 
wir sagen, daß der Mensch der Ethik nur mit Worten dient, so wird 
ein solcher Dienst seiner anerkannten Notwendigkeit wegen geleistet. 
Jene, die am lautesten gegen ethische Rücksichtnahmen in menschlichen 
Beziehungen protestieren, meinen nur, daß sie andere ethische An- 
sichten haben. Die Sowjetregierung diskreditiert die gegenwärtigen 
Formen der Religion und wirbt Anhänger für das Evangelium des 
Atheismus und dies aus einer tiefen Würdigung des Guten heraus, 
obwohl ihr Begriff vom Guten von dem anderer Menschen abweichen 

— 101 — 



mag. Der Ausspruch von Marx, daß die Religion das Opium des 
Volkes sei, ist in Moskau in der Nachbarschaft einiger Kirchen ange- 
schlagen, um zu verhindern, daß das Volk auf diese Art betäubt werde 
— eine Kundgebung der hohen, wenn auch unsererseits als eigenartig 
angesehenen, ethischen Motive jener Regierung. Selbst die Psycho- 
analytiker waren nicht imstande, sich dieser Klage der Menschheit — 
falls es eine war — zu verschließen. Vieles in ihrer Terminologie: 
Sublimierung, polymorph Pervertierter, infantiler Verbrecher, verrät 
ihre ethischen Motive. Freud selbst hat es in Abrede gestellt, daß 
das Gute ihn bei seiner Arbeit beeinflußt habe, aber es ist nicht zu 
übersehen, daß einige seiner Publikationen den besorgten Wunsch nach 
einer Besserung der Menschen verraten (z. B. „Die Zukunft einer 
Illusion"). Der Psychoanalytiker selbst hat sich bemüht, die unbewußte 
Bedeutung seiner eigenen Terminologie aufzuzeigen. 

Vor mehr als 30 Jahren suchte mich spät nachts eine Dame auf und 
bat mich um Christi Willen, sofort zu einem Mann zu gehen, der 
etwa 20 Meilen entfernt mit einer Gewehrschußwunde darniederlag. 
Sie vergewisserte sich meiner Verschwiegenheit, ehe sie den Namen 
des Patienten — es war ein gefürchteter Räuber — und seinen Ver- 
steckplatz preisgab. Ich ritt sofort los und sagte meiner Führerin bloß, 
daß es nicht die Liebe zu Christus sei, die mich antrieb, sondern mein 
ärztliches Gelübde. Der Mann hatte eine Gewehrschußwunde im Ober- 
schenkel, als Begleiterscheinung einen Bluterguß und andere Komplika- 
tionen, die eine sofortige Amputation notwendig machten. Niemals 
habe ich erbaulichere Reden gehört als von diesem unbelesenen Mann, 
der einige mutwillige Morde und zahllose Räubereien auf seinem Ge- 
wissen hatte. Man hinterbrachte ihm eine falsch ausgelegte' Version 
meiner Bemerkung und er beschimpfte mich deshalb, obwohl die Not- 
wendigkeit ihn zwang, meine Dienste anzunehmen. Nach seiner Ge- 
nesung schloß er sich der konservativen und religiösen Partei an, mit 
der er bisher in Feindschaft gelebt hatte und wurde mein und meiner 
Familie erbitterter Feind. Seine Bekehrung war, wie er erklärte, auf 
den Schock zurückzuführen, den er durch meine materialistische Auf- 
fassung vom Leben bekommen hatte. 

Ich erinnere mich einer anderen Gelegenheit, wo mir eine ganz 
verschiedene Behandlung widerfuhr. Ich wohnte eine Zeitlang unter 

— 102 — 



einigen menschenfressenden Indianern am oberen Amazonenstrom, als 
ich an Dysenterie erkrankte. Ich wurde dort von einer alten Dame, 
der Großmutter eines meiner menschenfressenden Freunde, ungemein 
liebevoll — wenn auch nicht eben sehr geschickt — gepflegt und das 
ohne die geringste Aussicht oder Hoffnung auf Belohnung. Ich er- 
wähne diese einzelnen Fälle, die von jedem der hier Anwesenden 
mehr oder weniger miteinander verglichen werden können, um eine 
Binsenwahrheit zu bekräftigen: daß ethische Motive den menschlichen 
Wesen auf der ganzen Welt gemeinsam sind, selbst jenen, deren 
Leben nicht durch solche Motive geregelt scheint und jenen, die leug- 
nen, daß ihr Leben durch sie beeinflußt wird. Ich frage nun nicht 
nach dem Ursprung dieser Eigenschaft, über die in letzter Zeit so viel 
geschrieben wurde und bringe eine sehr einfache Erklärung ihrer 
Funktion vor, die einen Verteidigungsmechanismus zu Gunsten der 
Arterhaltung darstellt, einen bloßen Regulierungsbehelf. Wenn ich 
längs des Gehsteiges gehe und nicht auf die Anwesenheit anderer 
Personen achte, werde ich langsamer vorwärts kommen und mich 
möglicherweise durch das Anstoßen an diese anderen Menschen ver- 
letzen. Dadurch aber, daß ich ihre Existenz anerkenne, werde ich mit 
geringfügigen Umwegen dieses Anstoßen und seine verzögernden Fol- 
gen vermeiden. Wir nennen das „gut", was das psychologische Be- 
dürfnis nach einer solchen Regelung des Verhaltens anerkennt und 
dasjenige „böse", was dieses Bedürfnis nicht beachtet. Kants An- 
sicht, daß die Moral aprioristischen Charakter hat, ist insofern be- 
rechtigt, als sie nämlich vor einigen 300.000 Jahren gleichzeitig mit 
dem Auftreten des Menschen auf Erden in Erscheinung trat. Einer 
der ersten Versuche des Menschen besteht darin, die Umgebung seinen 
eigenen Bedürfnissen anzupassen, wobei die Umgebung hier sein be- 
wußtes Ich darstellt. Diese besondere Veränderung entsteht aus dem 
gleichen Bedürfnis, wie die organischen Änderungen anderer Arten. 
Wir wissen, daß solche Veränderungen in sich den Keim zur Dis- 
harmonie tragen können. Dies verhält sich so vor allem bei jenen 
Veränderungen, die der Mensch der äußeren Welt auferlegt hat; für 
einen vollkommenen Zustand sind eine Anzahl von Bedingungen not- 
wendig, und durch das häufige Fehlen bestimmter solcher Bedingun- 
gen mißlingt es dem Menschen, den Höchstwert dieser von ihm selbst 



103 



herbeigeführten Veränderungen zu erlangen. Noch eine andere 
Schwierigkeit findet sich in seinen Umwelt-Beeinflussungen, die ich 
zwar beschreiben, aber schwerlich erklären kann. Bei allen Funktio- 
nen, die vom Körperbau abhängen, gibt es eine gewisse Grenze für 
den Körperbau innerhalb dieser Arten. Die Größe des Menschen 
schwankt zwischen 1.4 m (zwerghaft) und 1.72 m (sehr groß), aber es 
gibt keine, sagen wir 10 m hohe Menschen. Wenn wir uns die Ver- 
änderungen ansehen, denen der Mensch seine Umgebung ausgesetzt 
hat, scheint das Fehlen solcher organischen Grundlagen keine Rolle zu 
spielen. Eine nützliche Modifikation kann so maßlos übertrieben wer- 
den, daß sie zu einer Quelle des Schadens für die ganze Rasse wird. 
Dies ist der Fall bei vielen Erfindungen des Menschen. Die Zeitungen 
unseres Landes sind heute voll des Bedauerns über die Verwüstungen 
der englischen Landschaft. Eben die Menschen, die selbst die Vorteile 
der Verwüstungen genossen haben, sind nun, da die Beute in ihrem 
Besitz ist, besorgt, daß andere dieses Zerstörungswerk fortsetzen 
könnten. In diesem Sinne wächst auch das Gute — die Erfindung des 
Menschen, um seine Beziehung zu den Mitmenschen zu regeln — über 
seinen ursprünglichen Zweck hinaus und kann zu einem Werkzeug 
der Vernichtung werden. Es würde sich auf jeden Fall erweisen, daß 
die Verteilung der Dinge, die zu dem paradoxen Zustand führt, auf 
den ich zu Beginn dieses Vortrages aufmerksam machte, nicht von 
ehernen Gesetzen abhängig ist, sondern von menschlichen Motiven, 
die ebenso veränderlich und dehnbar sind, wie die Häuser und die 
Kleidung der Menschen. Ich werde auf die Frage zurückkommen, was 
an der Mentalität des Menschen stabil ist und was unstabil. 

Wenn, wie ich behaupte, das Gute eine menschliche Erfindung ist, 
die Antwort auf ein Bedürfnis ebenso wie der Ackerbau eine Erfin- 
dung des Menschen, die Antwort auf ein Bedürfnis nach Nahrung 
war, oder das Flugzeug eine Erfindung als Antwort auf das Bedürfnis, 
die Luft zu durchqueren, dann können wir die Vorteile zugeben, die 
im Erkennen dieses Bedürfnisses liegen und darin, daß die Menschen 
ihre Angelegenheiten in Übereinstimmung mit diesem Bedürfnis regeln. 
Die Moral ist dann wirklich wenig mehr als eine Art von polizei- 
licher Vorschrift für die Regelung des Verkehrs. Solche polizeilichen 
Maßnahmen sind natürlich nicht leicht. Aber wenn sich alle anderen 

— 104 — 



menschlichen Beziehungen ohne mehr Verluste und ohne größere 
Reibung als der Londoner Verkehr abwickeln könnten, glaube ich 
nicht, daß wir viel Anlaß zur Unzufriedenheit hätten. 

Dies stellt natürlich in keiner Weise in Abrede, daß der Mensch 
sowohl Vorteile wie Nachteile aus der Hypertrophie des Guten er- 
fahren hat, wie es in den Religionen und der menschlichen Sehnsucht 
überhaupt zu sehen ist. Frazer hat auf den Nutzen hingewiesen, den 
der Mensch aus dem Aberglauben gezogen hat; und in einem kürz- 
lich erschienenen Aufsatz sagt Havelock Ellis das Gleiche vom 
Tabu. Sowie wir uns dieser Vorteile bewußt werden, hört ihre Wir- 
kung auf, und Veränderungen werden eingeleitet oder notwendig. So 
ist also eine große Menge dessen, was als menschliche Natur bezeich- 
net wird, eine Erfindung des Menschen und wirkt sich innerhalb eines 
so dehnbaren Rahmens aus, daß es schwer ist, ihren zahllosen mög- 
lichen Auswirkungen eine Grenze zu setzen. Der Rahmen ist so dehn- 
bar, weil ihm, wie ich schon sagte, die Starrheit einer organischen 
Grundlage fehlt; den Geist kann man bilden, während der Körper 
weit weniger veränderungsfähig ist. Der Geist ist an die Zeit, nicht an 
den Raum gebunden. 

Das nächste Gut, das auf meiner Liste steht, ist das Wahre. Unter 
dem Wahren verstehe ich die Beziehung des Menschen zur äußeren 
Welt, zu dem, was die Psychologen Realität nennen, denn die Psycho- 
logen müssen die Realität des Nicht-Ich ebenso als selbstverständlich 
voraussetzen, wie die Realität des Ich. Die Entstehung des Wahren 
besteht darin, daß die Mutterbrust als etwas außerhalb meiner selbst 
erkannt wird, worüber ich nur unvollkommene Macht besitze. Das 
Ziel der Wissenschaft liegt in dem Bemühen, im Augenblick, da die 
Brust als das Nicht-Ich erkannt wurde, eine immer wachsende Macht 
über sie zu erlangen. Es gibt viele Definitionen der Ziele der Wissen- 
schaft, und ich kann nicht sagen, ob viele jener Definitionen die An- 
sicht zulassen würden, daß die Wissenschaft mit dem Bemühen des 
Kindes beginnt, Macht über jenes Organ zu erlangen, teils aus dem 
Bedürfnis nach Nahrung, teils um libidinöse Wünsche zu befriedigen. 
Der Sieg über die Umgebung als Antwort auf das Bedürfnis des 
Menschen — ein ewig wechselndes Bedürfnis, das sich auf die ganze 
äußere Welt erstreckt und, wie ich früher sagte, den Menschen selbst 

— 105 — 



miteinbezieht — ist dasjenige, was ich als das Wahre oder die Wissen- 
schaft ansehe. Hier möchte ich gerne in Parenthese hinzufügen, daß 
es von diesem Gesichtspunkt aus keinen KonfliktstoS zwischen Religion 
und Wissenschaft geben kann ; die Wissenschaft kann gewisse Schöpfungs- 
theorien und die historische Darstellung bestimmter Religionen be- 
richtigen. Sie kann den triftigen Grund anführen, warum die in der 
Genesis dargestellte Schöpfungstheorie abzulehnen ist und desgleichen 
die auf den Gedenktafeln von Ninive erzählte Schöpfungsgeschichte, 
oder die Hottentottenüberlieferung von der Weltschöpfung. Aber hier 
geht der Streit nur um bestimmte Auffassungen über die Schöpfung, 
nicht um die Religion selbst. Der wirkliche Konflikt besteht zwischen 
der Religion, welche sich in einem Gott offenbart, der das Böse be- 
straft und das Gute belohnt einerseits und anderen metaphysischen 
Erklärungen des Universums und seiner Entstehung andererseits. Ich 
komme wieder auf mein Thema zurück und bin mir nun bewußt, daß 
manchmal von einer Trennung zwischen der angewandten Wissenschaft 
als dem Hauptbestandteil praktischen Wissens geredet wird, auf die 
allein sich meine Definition des Wahren anwenden ließe, und der reinen 
Wissenschaft, die sich an die intellektuelle Wißbegierde der Menschheit 
wendet. Die Geringschätzung, die der reine Wissenschaftler oft für den 
praktischen Wissenschaftler bekundet, ist uns bekannt: Tyndall wies 
darauf wiederholt in seinen Vorträgen hin mit der ganzen Verachtung 
des Theoretikers gegenüber dem Praktiker; aber selbst jene, die sich 
mit den abstraktesten Begriffen befassen, fühlen, wie ihre Kräfte neu 
belebt wiederkehren, wenn sie sich von Zeit zu Zeit wieder einer 
praktischen Arbeit mit praktischen Zielen zuwenden. Der größte Prak- 
tiker empfindet manchmal, daß seine Fähigkeiten durch ein begriffliches 
Verständnis seines eigenen oder zumindest eines anderen Wissenszweiges 
gesteigert werden. Die Wissenschaft oder das Wahre ist also der Ver- 
such des Menschen, seine Umgebung erfolgreich zu beherrschen und 
sie mit seinen wechselnden, eine völlige Anpassung an die Realität 
anstrebenden Bedürfnissen in Übereinstimmung zu bringen. Der Mensch 
bleibt unverändert, aber er entwickelt sich — um Darwins Bezeichnung 
zu gebrauchen — zu einer neuen Spezies, mittels einer natürlichen 
Auswahl und zwar einer Auswahl von Dingen, die der Welt außerhalb 
seiner selbst angehören. 

— 106 — 



Als die Ägypter, nach Elliott Smiths Geschichte der Zivilisation 
der Menschen, anfingen, Gerste anzubauen und aufzuspeichern, war 
eine neue Art Menschen entstanden, die sich ebenso vom präagrikultu- 
rellen Menschen unterschieden, wie sich das Pferd vom Hipparion 
unterscheidet. Beim letzteren beruht der Unterschied in der Funktion 
auf organischer Grundlage, beim ersteren hat die verschiedenartige 
Funktion eine psychologische Grundlage. Schwierigkeiten entstehen, weil 
das alte psychologische Fundament verändert wurde, um den neuen 
Forderungen zu entsprechen; die gleichen Schwierigkeiten finden wir 
bei physiologischen Einrichtungen. Auch hier wickelt sich ein fort- 
laufender Prozeß ab, nämlich die Anpassung des alten Materials an 
neue Forderungen. Dem Menschen sind viele nutzlose und selbst schäd- 
liche archaische physiologische Bedingungen verblieben: die Körper- 
haare, das unvollkommene Auge, wertlose Nägel, zu viele Zähne. 
Hätte man die Rationalisierung zu Beginn der Welt verstanden, dann 
hätte man vielleicht nicht so oft den Versuch gemacht, neuen Wein 
in einen alten Weinschlauch zu gießen, sondern bei jeder Entwicklungs- 
phase hätte eine vollständige Erneuerung und Umgestaltung statt- 
gefunden. Die natürliche Auswahl scheint eher sparsame Neigungen zu 
haben, und so kommt es, daß weder der Körperbau des Menschen, 
noch seine physiologische Basis, noch besonders das Unbewußte des 
Menschen irgendeine Veränderung erfahren haben, die mit jenen von 
ihm selbst provozierten Veränderungen in seiner Umgebung überein- 
stimmen. Jeder von uns, wenigstens kann ich das von mir behaupten, 
wäre bereit, die menschliche Natur zu verbessern, ließe man ihm freie 
Hand. Wir würden den Menschen in ein fröhliches, glückliches Ge- 
schöpf verwandeln. Natürlich muß dafür die vollendetste Form der 
Rationalisierung gestattet sein. Wir müßten alles einreißen, wenn wir 
Männer und Frauen schaffen sollten, die unserem Herzenswunsch besser 
entsprechen. Man hat sich nach dieser Richtung hin bemüht und diesen 
Bemühungen entspricht der letzte meiner Werte— das Schöne. 

Sagen Sie, was Sie wollen, das Bewußte in uns hält unseren Pla- 
neten für eine traurige Welt. Der eine jammert, weil er nicht die 
Kraft besitzt, zu jeder Stunde jeden Tages geschlechtlich zu ver- 
kehren; der andere jammert, daß er wohl die Kraft, aber nicht das 
Verlangen danach hat. Wieder ein anderer, daß er zwar das Ver- 



107 — 



langen und die Kraft hat, aber daß seine Begierden ihn überwältigen. 
Diese Männchen und Weibchen wollen entweder die sexuelle Kraft 
des Affen haben oder sie wollen vollkommen geschlechtlos sein, um 
so von allen solchen „niedrigen" Neigungen befreit zu sein. Jeder ist 
sich bewußt, daß es Disharmonien gibt : mit vollem Magen leidet man 
an Hungergefühlen, weil man fürchtet, daß es um das Morgen oder 
um die nächste Woche oder um die nächste Ernte schlecht bestellt 
sein wird. Der Mensch hat viele Erfindungen gemacht, um sich mit 
diesen intrapsychischen Konflikten auszusöhnen. Der Dichter ver- 
sichert uns, daß das Malz mehr dazu tut, als Milton, 1 Gottes Wege 
vor dem Menschen zu rechtfertigen. Aber die Aussöhnung dauert nur 
solange wie die Wirkung des Bieres. „Wachet auf, die Welt ist noch 
immer die alte Welt". Andere haben diese Aussöhnung in der Ent- 
deckung der Schönheit gesucht. Welches sind die Motive, die uns ver- 
anlassen, die Schönheit zu suchen, welche Funktion erfüllt sie? Das 
ist meine Frage. Ich lasse es beiseite, daß die Entstehung der Künste 
auf unsere libidinösen Empfindungen und Wünsche zurückgeführt 
wird. Ein arabisches Sprichwort sagt : „Drei Dinge entzücken das Herz 
des Mannes — die Schönheit der Frau, das frische Grün des Grases 
und das Glitzern des Wassers". Es fällt nicht schwer, einzusehen, daß 
die Anerkennung weiblicher Schönheit durch den Mann schon eine 
libidinöse Befriedigung ist, und ebenso klar ist die Rolle, welche diese 
Schönheit in der Entwicklung gespielt hat. Die Ausbreitung libidinöser 
Wünsche durch die Stimme, den Gesang, die Musik und die Dar- 
stellungen dieser Wünsche in den plastischen Künsten wird ohne- 
weiters anerkannt werden. Wenn dem so ist, wird man, glaube ich, 
nichts gegen die Ansicht einwenden, daß das Schöne eine biologische 
Rechtfertigung hat. Seine Funktion besteht darin, unseren unbewußten 
instinktiven Wunsch nach Freude und vollständiger Befriedigung in 
Einklang zu bringen mit unserer bewußten Erfahrung, daß das Leben 
des Menschen in Hobbes Worten „einsam, armselig, häßlich, brutal 
und kurz" ist („britisch und kurz" las ich einmal). 8 Eine Schilderung 
des menschlichen Lebens, wie es sich dem aufgeklärten Beobachter 

1) Das englische Wortspiel malt-Milton ist durch die Übersetzung etwas abge- 
schwächt. (D. Übers.) 

2) „Brutal" im englischen brutish ; daher das Wortspiel brutüh-british. (D. Übers.) 

— 108 — 



zeigen würde, ist mit jedem leidenschaftlichen Verlangen nach dem 
Leben unvereinbar, und zwar gilt dies sowohl für das Individuum, 
wie für die ganze Rasse. Sie könnte nur einen Pessimismus hervor- 
rufen, ähnlich jenem schrecklichen Ausspruch Voltaires, daß alles 
zum Besten ist, in dieser besten aller möglichen Welten. Eine 
solche Auffassung mußte zu einem Ergebnis im Sinne Schopen- 
hauers führen. Die Phantasie verwirft diese Möglichkeit und be- 
schäftigt sich mit zahllosen anderen möglichen Welten. Um diese 
Katastrophe für die gesamte Menschheit abzuwenden, hat der Mensch 
eine andere Art der Wertung entwickelt — die Übertragung seiner 
Libido auf die Darstellung gewisser Dinge. Das ist der Ewigkeitswert, 
den das Schöne für die Menschen hat. Henley pries die großmüti- 
gen Götter dafür, daß sie uns die Lebensfreude bieten in der Kunst, 
in der Liebe, in der Treue, im Wein ; eine psychologische Deutung 
aber würde es so auslegen, daß Kunst und Liebe und Treue und 
Wein Erfindungen des Menschen sind, um uns eben diese Lebens- 
freude zu verschaffen. Das Interesse an der reinen Wissenschaft erfüllt 
eine ähnliche Funktion wie das Schöne und befriedigt den nahezu un- 
heilbaren Größenwahn der Menschheit, wie es Ferenczi nennt. Eine 
frühere Generation von Gelehrten behauptete, daß dem menschlichen 
Wissen kraft der Wissenschaft keine Grenze gesetzt sei. Die jetzige 
Generation ist, wenn ich die Schriften Eddingtons und White- 
heads als typisch ansehen darf, bescheidener. Eddington behauptet, 
daß das Gebiet der physikalischen Wissenschaft beschränkt sei, und ist 
überzeugt, daß dort, wo die physikalische Wissenschaft keine Lösung 
finden kann, die Metaphysik eine bereit hat, wenn sie sie nur eines 
Tages einer sehnsuchtsvoll wißbegierigen Welt enthüllen wollte. Physik 
und Metaphysik werden einmal das Universum erklären. Diese an- 
genehme Illusion, ein Überbleibsel unserer infantilen Allwissenheit, 
bleibt als Antrieb für abstraktes Denken und für die Entwicklung 
neuer menschlicher Arten bestehen. 

Die Götter verlassen uns! Jehova und Christus und Brahma folgen 
Ra und Zeus und Wotan. In ein paar hundert oder tausend Jahren werden 
sie alle die gleiche Rolle in der Mythologie spielen. Wir sehen keine 
neuen Götter, die sich erheben, um ihre Stelle einzunehmen. Ein 
kühner Versuch wurde in Benares vor einigen zwanzig Jahren unter- 

— 109 — 



nommen, da Krishnamurti als der künftige Weisheitslehrer ausgerufen 
wurde. Aber Krishnamurti hat den Sternorden, dessen Haupt er war, 
aufgelöst und erklärt, daß er dies tue, weil es nicht seine Absicht sei, 
die Menschen zu binden, sondern sie frei zu machen. 

Früher oder später wird der Mensch die volle Verantwortung für 
sich selbst und seine Taten tragen müssen. Er wird es lernen, seine 
Beziehungen zu den Mitmenschen und der Welt zu regeln, ohne sich 
an Vorschriften zu halten, die durch seine einstige Furcht und gegen- 
wärtige Angst entstanden sind. Er wird sich vielleicht dazu entschließen, 
von Göttern und Teufeln unabhängig zu werden, indem er' sie als 
Projektionen eben dieser seiner Wünsche und Befürchtungen erkennt. 
Zweifellos wird es lange Zeit hindurch Grauen erregen, allein ohne 
diese gewohnten Stützen zu stehen; aber wir können immerhin mit 
Befriedigung feststellen, daß dies trotz allem ein sehr fernliegendes 
Ereignis ist, ein Ziel, auf welches der Mensch langsam hinsteuert und 
das er vielleicht niemals erreichen wird; daß es noch tausende von 
Jahren hindurch eine genügende Menge angenehmer Illusionen in der 
Kunst, Literatur, Wissenschaft und Philosophie geben wird mit zahl- 
losen Modifikationen in dieser Welt, die der Mensch so fortgesetzt 
ändert und neu gestaltet. Die Motive, die den Menschen zur Würdi- 
gung von moralischen Qualitäten, von Wissenschaft und Schönheit 
treiben, sind für die Entwicklung des Menschengeschlechtes charak- 
teristisch. Die Menschen sind seit ihrem ersten Erscheinen im Wesent- 
lichen unverändert geblieben und zwar sowohl in körperlicher wie in 
geistiger Beziehung. Aber der Mensch hat die Bedingungen, unter 
welchen er lebt, so ungeheuer verändert, daß wir angesichts der Be- 
ziehungen des Menschen zu seiner Umwelt bei manchen Entwicklungs- 
phasen der Menschheitsgeschichte berechtigterweise sagen könnten : hier 
tritt eine neue Gattung Mensch auf. Im Gegensatz dazu bleibt der 
grundlegende geistige Mechanismus, das Unbewußte, jene Quelle der 
triebhaften Impulse, eine Konstante. Die Umgebung, die der Mensch 
geändert hat, um sie seinen neuen Bedürfnissen anzupassen, umfaßt — 
und das ist die weitreichendste der von ihm verursachten Änderungen 
— auch die inneren geistigen Beziehungen des Menschen. 
Sein bewußtes Ich, das Ich des Psychoanalytikers, bildet einen Teil 
der äußeren Welt des Menschen und mit Hilfe dieses Ichs haben wir 

— 110 — 



uns zu den erhebendsten Neuerungen mühsam emporgeschwungen. 
Diesem wandelbaren Ich verdanken wir die Anpassungsfähigkeit des 
Menschen an die Gesamtheit der Veränderungen in seiner Umgebung. 
Auf diesem Teil des geistigen Instrumentes ertönen die Variationen, 
die in jeder Richtung modulationsfähig und wandelbar sind. Wir 
können diese Erfindungen, die vielleicht seinerzeit nützlich waren, ver- 
nichten oder wir können aufhören sie zu benützen. Und ebenso können 
wir uns von heute überholten Begriffen abwenden, ob diese Begriffe 
nun das Gute, Wahre oder das Schöne betreffen — Begriffe, die wohl 
zu einem Teil des Ichs geworden sind, aber, durch die Gesetze ihrer 
Wesensart bedingt, niemals zu dessen dauerndem Bestandteil werden. 
Neue Bedingungen werden neue Ich-Beziehungen schaffen. Das ist es, 
was ich ein Äquivalent für die Bildung neuer Arten nenne. Die mensch- 
liche Natur ist unveränderlich, soweit das Unbewußte des Menschen 
in Betracht kommt, aber je nach unserem Bedürfnis variabel mit Rück- 
sicht auf das bewußte Ich. So sind also der menschlichen Natur, wenn 
wir darunter das Unbewußte verstehen, gewisse Grenzen gesetzt ; neue 
Entwicklungen, Anpassung an neue Sitten können nur im Ich voll- 
bracht werden. Der Weg des Menschen zur Befreiung ist nicht so eng 
begrenzt, wie manche behauptet haben, aber sein Schicksal bleibt ewig 
in einem Zustand labilen Gleichgewichts. Wenn man will, schließt 
diese Auffassung auch den Glauben an die Erbsünde ein, doch ohne 
den Glauben an eine bestimmte und endgültige Erlösung des Menschen. 
Sie bedeutet, daß das Leben anstrengend, abenteuerreich und freudvoll 
ist, eben weil wir ewig nach dem Ziel suchen, ohne Aussicht, es 
schließlich zu erreichen. Haben wir einmal die Grenzen unserer Macht 
in der Neugestaltung der Welt erreicht, so ist es möglich, daß die 
Entwicklung auf längst vertrauten Bahnen aus der Zeit vor dem Er- 
scheinen des Menschen fortschreiten und von Neuem mit Verände- 
rungen im Unbewußten des Menschen beginnen wird. Das würde 
Nietzsches Prophezeiung vom Uber-Menscben erfüllen und eine so 
vollständigen Umwertung aller heute abend besprochenen Werte be- 
deuten, daß der Homo Nietzsche wenig oder keine Bedeutung mehr 
für uns lebende Wesen haben würde. Der Affe des Leierkastenmannes 
würde sich vielleicht sehr darüber unterhalten, könnte er seine Ver- 
wandtschaft mit dem Musiker erkennen. Jedoch die Vorstellungen des 

— 111 — 



Leierkastenmannes über Vergnügungen und seine Wertbegrifie von 
Moral, Wissenschaft und Schönheit können ihn weder hinreißen, noch 
könnte er bereit sein, sie zu akzeptieren. Kurz gesagt, der Über-Mensch 
ist ebensowenig eine Hilfe für den Menschen, wie — worüber Sie 
sich vielleicht beschweren werden — meine Betrachtungen für Ihre 
therapeutischen Bestrebungen. 



und das k&istlerisdie Idhideal 

Von 

Alfred Wmterstein 

„Form und Schönheit haben auf irgend eine Weise 
etwas mit dem Tode zu tun." 

Thomas Mann. 

Die Rolle, die dem Über-Ich des Künstlers im Schaffensvorgang zufällt, 
wurde zum erstenmal von H. Sachs in seiner Abhandlung über „Kunst 
und Persönlichkeit" (Imago XV, 1929) erörtert. Er meint, daß das Über-Ich 
als Gewissen, als Zensor für das Ich ein wichtiges Motiv bildet, sich seines 
Narzißmus zugunsten des Werkes zu entäußern. Von dem Über-Ich geht 
das Schuldgefühl aus, das den tagträumenden Künstler, der Erlösung vom 
Schuldgefühl und Aussöhnung mit seinem Gewissen sucht, veranlaßt, seine 
Phantasien so umzuformen, daß ihr ursprünglicher Inhalt unbewußt bleibt. 
Nach einer in einer früheren Arbeit desselben Verfassers („Gemeinsame Tag- 
träume", Wien 1925) entwickelten Theorie tritt die vom Dichter durch Mit- 
teilung an die Anderen angestrebte Entlastung des Gewissens dann ein, wenn 
mit Hilfe des Werkes bei diesen an gleichartige Phantasien gebundene Affekte 
entfesselt werden. In diesem Affektwiderhall will Sachs ein Eingeständnis der 
nämlichen verbotenen Wünsche und Triebe erblicken, deren Befriedigung 
nur allen miteinander gestattet ist. 

Um aber zu den Ausführungen von Sachs in „Kunst und Persönlichkeit" 
zurückzukehren: die Zustimmung des Über-Ich zur Veröffentlichung 
der ins Bewußtsein zugelassenen entstellten und verkleideten Tagträume 
scheint an neue, strenge Bedingungen geknüpft zu sein; der Schönheit 

— 112 — 



des Werkes dürfte hiebei eine große Bedeutung zukommen, da durch sie 
vor allem das Über-Ich „bestochen" wird. Die dauernde Billigung des Über- 
ich als ästhetischer, nicht nur moralischer Instanz ist nach Sachs bei jenem 
Künsdertypus, der „unpersönliche" Kunstwerke hervorbringt, so gut wie 
einziges Ziel der Bemühung, aber auch dort, wo diese eine Bedingung der 
künstlerischen Gestaltung nicht zur Ausschließlichkeit erhoben wird, fordert 
das Über-Ich — freilich mit geringerem Erfolg — Opfer von Objektbesetzungen 
zugunsten der Formgebung. Sachs kann sich freilich nicht der Einsicht ver- 
schließen, daß sogar jene Kunstwerke, die er unpersönliche nennt, irgend- 
welche Wunscherfüllungen enthalten müssen. Diese zur Befriedigung zuge- 
lassenen Triebe werden aber jedenfalls nur den prägenitalen Ent- 
wicklungsstufen angehören dürfen. Ich glaube nun, daß es sich bei den 
dichterischen Schöpfungen, deren strenge, klassische Formschönheit das Plazet 
des Über-Ich gefunden hat, vornehmlich um sadistische und anale 
Triebkräfte handelt, die im Bunde mit dem Narzißmus in der künstlerischen 
Formgestaltung Befriedigung finden, welche gleichzeitig doch auch der Be- 
schwichtigung der an diese geheimen Regungen geknüpften Schuldgefühle 
dient. Diese Annahme würde gut zu dem destruktiven, aggressiven Charakter 
des Über-Ich stimmen, den Freud in seiner Abhandlung über „Das Ich und 
das Es" erläutert hat. Das Ich hat sich dem Über-Ich in diesem Falle so 
weitgehend angenähert, daß es den Anschein haben kann, als ob das Über- 
Ich allein die künstlerische Arbeit am Werk, dem Ersatzobjekt des Ich, 
leistete. Der desexualisierte Sadismus ist nur der auffälligste Bestandteil des 
Über-Ich. In der Einstellung des Über-Ich zum Ich will E. J o n e s (Ursprung 
des Über-Ichs. Intern. Ztschr. f. PsA. Freud- Festschrift 1926) mit Recht auch 
neben anderen Partialtriebelementen Spuren der analen Komponente der 
anal-sadistischen Entwicklungsstufe erblicken. Überall dort, wo das Über-Ich 
als oberste ästhetische Instanz das Gesetz der künstlerischen Form diktiert, 
lassen sich solche analen Züge, sublimiert oder durch Reaktionsbildungen 
ersetzt, nachweisen. Die fordernde, gebieterische Natur des Ideals leitet sich 
freilich auch (vielleicht sogar hauptsächlich) aus der sadistischen Komponente 
des Über-Ich ab. Die vom Über-Ich erhobene Forderung nach Schönheit des 
Werkes regt die Frage nach dem Begriff der Schönheit an und nach dessen 
Beziehung zu gewissen Eigenschaften des künstlerischen Ich-Ideals. Da es ein 
aussichtsloses Beginnen wäre, eine Definition der Schönheit zu geben, müssen 
wir uns damit bescheiden, einige charakteristische Merkmale, teils positiver, 
teils negativer Art, anzuführen. Das Schöne hat einmal sicherlich eine stärkere 
Beziehung zur Form als zum Inhalte des Kunstwerkes (man spricht nicht 
von einem schönen Inhalt, wohl aber von einem interessanten, packenden, 

PsA. Bewegung 111 — 113 — 8 



tragischen, heiteren usw.). Diese Vernachlässigung des Stofflichen erklärt es 
wohl auch, warum Schönheit gern mit klassischer, d. h. formvollendeter 
Schönheit gleichgesetzt wird. Zum Wesen der Schönheit scheint ferner der 
Charakter des Typischen, Schematischen zu gehören. Das Schema, der Begriff 
ist aber als eine „verdinglichte Einstellung" 1 (W. Betz, Psychologie des 
Denkens, Leipzig 1918) zu betrachten. Die Einstellung als ein Gerichtetsein, 
ein Beziehungsbewußtsein weist wiederum auf affektiv-motorisches Erleben 
hin. In meiner Abhandlung über „Motorisches Erleben im schöpferischen 
Vorgang" („Psychoanalytische Bewegung", I/4) habe ich zu zeigen versucht, 
daß ein solches Erlebnis mit der künstlerischen Formgestaltung eng verknüpft 
ist, so daß wir jetzt den Zusammenhang zwischen den beiden Merkmalen 
des Schönen, dem Typischen und dem Formalen, besser erkennen 
werden. In diesen Eigenschaften verrät sich jedoch auch der Einfluß des 
Destruktionstriebes, dessen Repräsentant, der Sadismus, in naher Beziehung 
zu der dem Künstler eigentümlichen motorischen Veranlagung steht, wie ich 
in der gleichen Arbeit dargelegt habe. Vielleicht ist so der Ausspruch 
Thomas Manns zu verstehen: „Form und Schönheit haben auf irgend 
eine Weise etwas mit dem Tode zu tun." 

Das Erlebnis der Schönheit ist mit Lustgefühlen verbunden, die aus nar- 
zißtischen Quellen stammen. „Die Liebe zur eigenen Person ist vielleicht das 
Geheimnis der Schönheit", hat Freud einmal gesagt ; auch der Dichter will 
wohl Ähnliches mit dem Vers ausdrücken : „Was aber schön ist, selig scheint 
es in ihm selbst" (Mörike, Auf eine Lampe). Schönheit des Leibes er- 
weckt narzißtische Befriedigung. Solcher Menschen Bedürfnis geht nicht dahin 
zu lieben, sondern geliebt zu werden." Bei einer gewissen Spielart, deren 
Narzißmus besonders stark betont ist, bei den Künstlern, übernimmt das 
selbstgeschaffene Werk die Rolle der eigenen Person. Das Selbstwohlgefallen 
des Schöpfers genügt sich in der Betrachtung des Gebildes, sofern es die 
Billigung des Über-Ich gefunden hat ; die Bewunderung der anderer} Menschen 
verstärkt allerdings die Überzeugung von der Schönheit des Werkes, scheint 
aber keine unerläßliche Voraussetzung zu sein, gerade so wenig wie die 
Eltern ihre Meinung über die Schönheit ihrer Kinder von dem Urteil ihrer 



1) „Der Begriff wird an einem einzigen Gegenstand gebildet durch den den Gegen- 
stand nacherzeugenden Akt s o e i n D i n g, der die höchst sonderbare Wirkung hat, 
aus sinnlich, körperlich gar nicht Vorhandenem .Dinge' zu machen, mit denen man denkt, 
als seien es wirkliche Dinge, Sachen oder Personen." (W. Betz, a. a. O. S. 128.) 

2) Nach Sachs (Psychoanalytisches Volksbuch, Stuttgart 1926) bedeutet der Trieb 
zur Schönheit nichts anderes als den narzißtischen Wunsch, um seiner selbst willen ge- 
liebt zu werden. 



114 



Umgebung abhängig zu machen pflegen. Und so wie die leiblichen Kinder 
kann man auch die geistigen, die Werke, als narzißtische Materialisationen 
des Ich-Ideals bezeichnen. Die Qualitäten des Schönen müssen also wohl in 
Übereinstimmung mit den charakteristischen Zügen dieser Instanz stehen, mit 
ihrer Beziehung zur Verdrängung, Sublimierung und Reaktionsbildung. Daher 
die Bedingung, daß die Schönheit nicht genital erregend wirke (wie ja auch 
die Genitalien nie als schön bezeichnet werden). 1 E. Jones (Über anal- 
erotische Charakterzüge. Intern. Ztschr. f. PsA. V, 1919) meint, daß die 
Reaktion gegen die ursprünglichen exkrementellen Interessen des Kindes 
dem Streben nach Schönheit und die Sublimierung dieser koprophilen Ten- 
denzen den Formen, die das Streben annimmt, zugrunde liegen. Ist die An- 
nahme nun richtig, daß der ästhetische Typus in der Kindheit eine stark 
entwickelte Analerotik besaß, so werden wir in den Ansprüchen seines Über- 
Ich auch eine Fortsetzung der erzieherischen Einwirkungen der Eltern usw. 
auf die analerotischen Betätigungen des Kindes erblicken dürfen. Diese Kritik 
läßt beim Künstler aus der Beschäftigung mit dem Wertlosesten reaktiv die 
Beschäftigung mit dem Wertvollsten hervorgehen, nicht ohne daß in den 
Formen seiner Betätigung Spuren der analen Herkunft noch erkennbar wären. 
Das künstlerische Produkt scheint übrigens nicht nur als geistiges Kind, 
sondern im Unbewußten auf Grund einer symbolischen Gleichung bisweilen 
auch als Exkret bewertet zu werden. Die anale Funktion gilt ja für manche 
Menschen als Vorbild jeder produktiven Tätigkeit überhaupt ; hierher gehört 
auch eine von K. Abraham (Ergänzungen zur Lehre vom Analcharakter, 
Wien 1925) erwähnte Erscheinung, nämlich das lustvolle Betrachten der 
eigenen geistigen Erzeugnisse (Manuskripte, Gedrucktes, sonstige fertiggestellte 
Arbeiten). Abraham führt diese Gewohnheit auf die Neigung zurück, die 
eigenen Darmprodukte anzuschauen. Narzißtischer Stolz und Schaulust sind 
an diesem analen Charakterzug natürlich gleichfalls beteiligt. Das Wohlge- 
fallen, das das Über-Ich am schönen Werk findet, ist vielleicht als Subli- 
mierung jener Tendenz aufzufassen, zumal da in der beobachtenden, prüfenden 
Funktion des Über-Ich zweifellos der Schautrieb eine Rolle spielt. 

1) Meine Auflassung weicht einigermaßen von der Freuds ab (Das Unbehagen in 
der Kultur, S. 36). Ihm scheint die Ableitung der Schönheit aus dem Gebiete des 
Sexualempfindens unzweifelhaft ; er bezeichnet den Trieb zur Schönheit als 
vorbildliches Beispiel einer zielgehemmten Regung. Die „Schönheit" und der „Reiz" 
seien ursprünglich Eigenschaften des Sexualobjekts. „Es ist bemerkenswert", fügt er aller- 
dings hinzu, „daß die Genitalien selbst, deren Anblick immer erregend wirkt, doch fast 
nie als schön beurteilt werden, dagegen scheint der Charakter der Schönheit an gewissen 
sekundären Geschlechtsmerkmalen zu haften." (Vgl. hiezu auch F. Witt eis: Goethe 
und Freud. Diese Zeitschrift, IL, Heft 5, S. 465 f.) 






115 — 



Das Erlebnis der Schönheit verdankt aber seine Gefühlsbetonung nicht 
nur der Sehnsucht nach dem Narzißmus der frühesten seelischen Entwick- 
lungsstufe, auch die erste Objektbesetzung, die Beziehung des Kindes zur 
Mutter, scheint im Schönheitserleben unbewußt wieder erneuert zu werden. 
Ist doch die Mutter für das Kind das früheste Schönheitsideal, so daß in 
dem Streben des Erwachsenen nach Schönheit stets auch die Rückwendung 
zur Mutter mitenthalten ist. Wie ich in meiner Abhandlung „Psychoanalyti- 
sche Anmerkungen zur Geschichte der Philosophie" (Imago II, 1913) gezeigt 
habe, projiziert Plato in seiner Ideenlehre diese Tendenz in das ganze 
Weltall: die unendliche Reihe der sinnlichen Erscheinungen beherrscht der 
Trieb, die ewige Wahrheit und Schönheit der Ideen zur Darstellung zu 
bringen. Das sehnsuchtweckende Bild der obersten Idee, der Idee des Guten 
und Schönen, ist aber, wie ich mich nachzuweisen bemühte, nichts anderes 
als die „Imago" des Unbewußten; die höhere Wirklichkeit der Ideen ist 
das Reich, in das Faust hinabsteigt, um die „Mütter" zu schauen, die dort 
thronen, „umschwebt von Bildern aller Kreatur". 

Der Begriff der Schönheit verrät freilich wenig von seinem Ursprung aus 
der Quelle des Lebens ; es haftet ihm leicht etwas Ernstes, Strenges, Starres 
an, Eigenschaften, die ihn von der Vorstellung des Hübschen, Lieblichen, 
Anmutigen so bestimmt absondern. Woher rührt das? Doch wohl von der 
Wirkung des Destruktionstriebes, 1 die noch immer spürbar bleibt in der 
Neigung des Schönen zum Typischen, Begrifflichen, Schematischen. Die abso- 
lute Schönheit ist die platonische Idee der Schönheit. Ein Künstler, der 
leidenschaftlich um das Problem der Schönheit rang, wie AlbrechtDürer 
stand unter ihrem Banne; sein resigniertes Schlußbekenntnis lautete: „Die 
Schönheit, was das ist, das weiß ich nicht" (ich weiß nicht, wie die Schön- 
heit, d. h. die schönste Form aussieht) und an einer anderen Stelle: „Das 
Problem der geometrisch zu bestimmenden absoluten Schönheit weiß nur 
Gott allein." 8 In einer mathematischen Formel soll sich also da's Geheimnis 
der Schönheit erschöpfen. 

Die weitgehende Desexualisierung der Libidoimpulse, die sich hier in den 
Eigenschaften des Meßbaren und Begrifflichen kundgibt, nimmt wohl ihren 
Ausgang von der Bildung des Über-Ich, wobei vielleicht vorher eine Re- 
gression auf die analsadistische Stufe stattfindet (Jones), deren Spuren in 



1) Auf den Zusammenhang zwischen der Betätigung des Destruktionstriebes und der 
narzißtischen Formgestaltung des Künstlers habe ich in meinem früher erwähnten Aufsatz 
„Motorisches Erleben im schöpferischen Vorgang" hingewiesen. 

2) Siehe auch meine Arbeit „Dürers .Melancholie' im Lichte der Psychoanalyse" 
(Wien 1959). 



116 — 



dem Über-Ich des ästhetischen Menschen ja besonders deutlich wahrzunehmen 
sind. Die Produktivität des Künstlers und seine Einstellung zum Werk 
wurzelt aber gewiß nicht allein in seiner Analerotik, sondern auch in seiner 
Beziehung zu den Eltern, die in dem Verhältnis von Über-Ich und Ich zu- 
einander und zum Werk eine charakteristische Fortsetzung erfährt. Es scheint 
mehr als ein oberflächlicher Vergleich zu sein, wenn das Werk des Schaf- 
fenden als sein geistiges Kind bezeichnet wird. Wer aber zeugte mit wem 
dieses Kind? Wir müssen annehmen, daß sich in der Einstellung des 
künstlerischen Über-Ich zum Ich die Objektbeziehung des Vaters zur Mutter 
erhalten hat, wobei sich das passive, schwache Ich in der Haltung gegen- 
über dem sadistischen Über-Ich mit der Mutter identifiziert, so die alte zärt- 
liche feminine Einstellung zum Vater wieder auffrischend. Dieser negative 
Ödipuskomplex stünde in gutem Einklänge mit der dem Künstlertypus gerne 
nachgesagten stärkeren Betonung der andersgeschlechtlichen Komponente. Nach 
der Ansicht des Biologen W. Fließ liegt ja das Wesen des Genies über- 
haupt im Hermaphroditischen; er betrachtet das Werk als ein Produkt der 
inneren Befruchtung des Bisexuellen. 

Nach Freud ergibt sich eine Ergänzungsreihe, an deren einem Ende 
der normale, positive, an deren anderem Ende der umgekehrte, nega- 
tive Ödipuskomplex steht, während die Zwischenglieder Mischtypen dar- 
stellen. Die Annahme drängt sich hier auf, daß der Künstlertypus oder 
wenigstens ein bestimmter Künstlertypus der Mitte dieser Ergänzungs- 
reihe 1 angehört, d. h. die vollständige Form des Ödipuskomplexes mit 
ziemlich gleicher Beteiligung der beiden Komponenten aufzeigt. Wie soll 
man sich aber in diesem Falle bei Bildung des Über-Ich nach Untergang 
des Ödipuskomplexes die Herstellung einer Vereinbarung zwischen den beiden 
gleich stark ausgeprägten Identifizierungen, der Vater- und der Mutteridenti- 
fizierung vorstellen? Vielleicht so, daß jede Identifizierung alternierend dem 
Über-Ich ihren Charakter verleiht. Der bei Künstlern regelmäßig zu beob- 
achtende Stimmungswechsel scheint zunächst diese Auffassung zu stützen. Die 
von Angst und Schuldgefühlen begleitete Phase der Produktionshemmung 
erinnert unverkennbar an eine leichte melancholische Depression, während 
der narzißtisch-ekstatische Schaffenszustand ausgesprochen manische Züge trägt. 
In der Periode der Unfruchtbarkeit zeigt das Über-Ich, das dem Ich Vor- 
würfe macht und es quält, den Charakter des strengen Vaters, das Ich selbst 

l) Dieses Motiv wird von Adolf W i 1 b r a n d t in seiner Novelle „Fridolins heim- 
liche Ehe" humoristisch behandelt. Es heißt dort von diesem Typus (S. 57 f.) : »Sie 
können sich nicht ergänzen, denn sie sind schon ergänzt. Sie sind mit sich selbst ver- 
heiratet. Sie leben mit sich selbst in einer heimlichen Ehe." 

— 117 — 



hat sich mit der Mutter identifiziert. Dieser Vorgang, der sich gewissermaßen 
zwischen den beiden introjizierten Eltern abspielt, scheint einerseits lür das 
passive Ich ein Stück libidinöser Befriedigung zu enthalten, da er der in- 
fantilen sadistischen Auffassung des Verkehrs zwischen den Eltern entspricht 
anderseits wird das schuldbewußte Ich des Künstlers mit seinem männlich 
empfindenden Anteil die Strenge des väterlichen Über-Ich als Drohung mit 
der Bestrafung für seine ödipusphantasien fürchten. Diese Angst vor der 
väterlichen Kastration und vor der dadurch bewirkten Impotenz äußert sich 
beim Schaffenden als Angst vor Nichtkönnen auf künstlerischem Gebiete 
(„Kunst kommt von Können"), wie ja überhaupt der Verschiebungsmechanismus 
beim Künstler eine große Rolle zu spielen scheint : er verschiebt die Energie 
der Affekte, die in ihm unbewußt nach Ausdruck ringen, auf die Form- 
gestaltung und das an ihnen haftende Schuldgefühl auf das Gebiet des 
ästhetischen Gewissens. Fehler des künstlerischen Stiles werden in ihrer Trag- 
weite überschätzt und stürzen den Künsder in seelische Nöte wie nur irgend 
ein schweres Vergehen 1 ; (vgl. hiezu auch Th. Reiks Abhandlung über 
„Künstlerisches Schaffen und Witzarbeit", [Imago, XV, 1929] die ich erst 
nach Niederschrift meines Manuskriptes kennen lernte). 

Besonders heftig scheint sich die Impotenzangst des Schaffenden beim 
Übergang vom passiven Tagtraum zum tätig-produktiven Zustande zu äußern; 
es kommt da bisweilen zu allen möglichen Versuchen, seiner Aufgabe zu 
entfliehen, ehe der Künstler mit der Gestaltung seiner Gesichte beginnt. 
Das Ich reagiert auch auf die sich in diesem Stadium vollziehende innere 
Umschichtung und Lockerung von Verdrängungen mit Angst, die zu der 
obenerwähnten noch verstärkend hinzutritt. In der produktiven Phase, die 
eine weitgehende Ähnlichkeit mit dem Zustande der Manie zeigt, wie ihn 
Freud in seiner Beziehung zur melancholischen Depression verständlich ge- 
macht hat, hat das Ich-Ideal hingegen auf Strafbefriedigung und strenge 
Herrschaft verzichtet a und sich sogar selbst in den Dienst der produktiven 
Tendenzen des Ich gestellt. Wir dürfen daher mit annähernder Richtigkeit 

1) Charakteristisch für diese Auffassung ist ein Ausspruch Flauberts. Man hatte 
den Dichter gebeten, in seiner Bovary das „Journal de Rouen" umzuändern in „le Pro- 
gressif de Rouen". Darauf schreibt er (Briefe, 159) : „Ich weiß nicht, was tun. Mir 
scheint, wenn ich nachgebe, begehe ich eine furchtbare Feigheit. Überlege, es wird den 
Rhythmus meiner armen Sätze brechen." 

2) Vgl. auch die Bemerkung Freuds über Dostojewski („Dostojewski und die 
Vatertötung". Almanach der Psychoanalyse 1929) : „Wenn sein Schuldgefühl durch die 
Bestrafungen befriedigt war, die er selbst über sich verhängt hatte, dann ließ seine 
Arbeitshemmung nach, dann gestattete er sich, einige Schritte auf dem Wege zum Er- 
folg zu tun." 

— 118 — 



(da ja nach Freud das Über-Ich des Mannes wesentlich durch den gleich- 
Lchlechtlichen Elternteil bestimmt wird) sagen, daß das gefügige Über-Ich 
fa, dieser Periode vorübergehend den Charakter des mit der Mutter identi- 
fizierten Ich angenommen zu haben scheint. Während sich aber in der 
eigentlichen Manie der entfesselte Narzißmus unmittelbar betätigt, ist er beim 
Künstler vom Ich auf das zu gestaltende Werk verschoben. Der narzißtische 
Rausch" des Schaffens scheint ganz beherrscht von dem Glücksgefühl des 
geistigen Vaterwerdens (ebensoviel zu können wie der Vater). Nun besteht 
aber ein innerer Zusammenhang zwischen narzißtischer Ichbesetzung und der 
Sehnsucht des Mannes nach Kindern, ein Zusammenhang, auf den zuerst 
Freud („Zur Einführung des Narzißmus") und dann auch Reik (Über 
Vaterschaft" und Narzißmus. Intern. Ztschr. f. PsA. HI, 1915) hingewiesen 
haben. Freud meint, daß die Elternliebe ein Wiederaufleben und eine 
Reproduktion des eigenen Narzißmus ermöglicht, welcher sich in der Be- 
handlung des Sohnes als eines zweiten, besseren Ich, als einer Fortsetzung 
der eigenen Persönlichkeit kundgibt, der zuliebe man selber bereit ist, alle 
Opfer zu bringen, wenn nur das Kind die unerfüllten Wunschträume der 
Eltern verwirklicht. Auch der von der Realität arg bedrohte Unsterblichkeits- 
glaube des Idi habe seine Sicherung in der Zuflucht zum Kinde gewonnen. 
Reik ergänzt diese Bemerkungen Freuds dahin, daß der Narzißmus des 
Vaters sich ferner in dem Wunsche äußere, vom Sohne geliebt und be- 
wundert zu werden, wobei sich auch die unbewußte Identifikation mit dem 
eigenen Vater wirksam erweise, dem man ja einst als Kind Gefühle gleicher 
Art entgegenbrachte. Die Zärtlichkeit des Vaters für das Kind gelte jedoch 
auch dem im Kinde gleichsam wiederauferstandenen Großvater; in dem 
Kinde erblicke der Vater eine Verkörperung seines Ich-Ideals. 

Vielleicht ist uns durch vorstehende Erwägungen doch so manches in dem 
Verhalten des Schöpfers zu seiner Schöpfung klarer geworden : sein demütiges Zu- 
rücktreten hinter dem Werk, sein Verlangen nach Unsterblichkeit, seine Auffas- 
sung des Werkes als Materialisation seines Ich-Ideals, das ja im wesentlichen den 
Vater repräsentiert. In der Befriedigung über die Anerkennung des Werkes 
durch die Mitwelt ist daher auch neben der narzißtischen Genugtuung, der 
Entlastung vom Schuldgefühl * und der Freude am materiellen Erfolg eine 
Wiederbelebung der dem Vater ehemals entgegengebrachten Gefühle der 
Bewunderung und Liebe enthalten ; die Affekte, die die anderen dem Werke 

1) Da sich die andern durch den gespendeten Beifall zu den nämlichen verbotenen 
Triebregungen bekannt haben, die im Werke unbewußt Ausdruck gefunden haben. 
Auch durch die künstlerische Betätigung an sich in ihrer asketischen Strenge wird ein 
Teil des Schuldgefühls abgearbeitet. 

— 119 — 



gegenüber zeigen, rufen nämlich im Schöpfer als Echo auch diese frühe Ein- 
stellung wach, die jetzt den Anstoß zur Identifizierung mit dem Vater gibt. 
Die der Identifizierung innewohnende Ambivalenz bringt es aber mit sich, 
daß auch die feindseligen Tendenzen hierin ihren Ausdruck finden : mit der 
Produktion des bewunderten Kunstwerkes triumphiert der Sohn gleichzeitig 
über seinen Vater, tut er vor aller Welt dar, daß er mehr kann als sein 
Erzeuger. 

Nun ist freilich über der Vateridentifizierung des Schaffenden nicht dessen 
Mutteridentifizierung zu vergessen, die auch die Vulgärpsychologie bemerkt 
und in mannigfachen sprachlichen Wendungen zum Ausdruck gebracht hat 
(„geistige Schwangerschaft", „Kinder der Muse" u. ä.). Gerade aus dieser 
Einstellung heraus wird es ja dem Künsder wahrscheinlich erst möglich, sei- 
nen Narzißmus vom Ich auf das Kind seiner Phantasie abzulenken, so wie 
nach Freud („Zur Einführung des Narzißmus") der Frau in dem Kinde, 
das sie gebiert, ein Teil des eigenen Körpers wie ein fremdes Objekt gegen- 
übertritt, dem sie nun vom Narzißmus aus die volle Objektliebe schenken 
kann. 

Der Friedensschluß zwischen dem Über-Ich des Künstlers und dessen Ich, 
der jede Schaffensperiode einleitet, erfolgt regelmäßig nur um den Preis der 
Schönheit des Werkes. Diese aber entlehnt, wie wir gehört haben, ihre 
wesentlichen Züge dem verbietenden, triebhemmenden Ich-Ideal. Es scheint 
demnach, daß das Über-Ich des Künstlers seine Ansprüche an das Ich auf- 
zugeben bereit ist, sobald dessen Ersatzobjekt, das Werk, den narzißtischen 
Forderungen des Ichideals entspricht. 



„Das Unbehagen In der Kultup": 

Zweite Auflage 

Sigmund Freuds Schrift, „Das Unbehagen in der Kultur", die in den 
ersten Tagen des Jahres 1930 erschienen war, ist nun — nach vier- 
zehn Monaten - vergriffen. Dieser Tage erschien die „Zweite, durch- 
gesehene Auflage (13. bis 27. Tausend)". Einige kleine Zusätze, die 
der Verfasser in der zweiten Auflage angebracht hat, werden die 
Leser der ersten gewiß interessieren und wir führen sie hier an. 

In den ersten Absätzen des Buches spricht Freud von einem „aus- 
gezeichneten Manne", einem jener, „denen sich die Verehrung ihrer 

— 120 — 



Zeitgenossen nicht versagt, obwohl ihre Größe auf Eigenschaften und 
Leistungen ruht, die den Zielen und Idealen der Menge durchaus 
fremd sind", der in einem Briefe beanstandete, daß in der „Zukunft 
einer Illusion" die eigentliche Quelle der Religiosität, „das ozeanische 
Gefühl" nicht gewürdigt worden sei. Freud erwähnte auch, daß jener 
nicht genannte Freund selbst einmal den Zauber der Illusion poetisch 
gewürdigt habe. In der zweiten Auflage des „Unbehagens" nennt 
Freud nun jenes Dichtwerk: „Liluli" (1923) — und fügt hinzu: „Seit 
dem Erscheinen der beiden Bücher ,La vie de Ramakrishna'. und 
,La vie de Vivekananda' (1930) brauche ich nicht mehr zu ver- 
bergen, daß der im Text gemeinte Freund Romain Rolland ist." 

Gegen Ende des II. Kapitels, in dem die menschlichen Methoden der 
Glückgewinnung und der Leidensabwehr angeführt sind, fügt Freud nun 
die Anmerkung hinzu: „Es drängt mich wenigstens auf eine der Lücken 
hinzuweisen, die in obiger Darstellung geblieben sind. Eine Betrachtung 
der menschlichen Glücksmöglichkeiten sollte es nicht unterlassen, das 
relative Verhältnis des Narzißmus zur Objektlibido in Rechnung zu 
bringen. Man verlangt zu wissen, was es für die Libidoökonomie be- 
deutet, im Wesentlichen auf sich selbst gestellt zu sein." 

Im letzten Absatz des Buches wird es als die Schicksalsfrage 
der Menschheit bezeichnet, ob sie der Störungen durch den mächtigen 
Todes- und Selbstvernichtungstrieb wird Herr werden können. Es sei 
„zu erwarten, daß die andere der beiden ,himmlischen Mächte', der 
ewige Eros, eine Anstrengung machen wird, um sich im Kampf mit 
seinem ebenso unsterblichen Gegner zu behaupten." Freud fügt jetzt 
noch einen Schlußsatz hinzu: „Aber wer kann Erfolg und Ausgang 
voraussehen ? " St. 



jiniMinniiririjiürfiNfiiH'finnii/JiiinirnjiiJifHiiinrrniniffJirinifHriJJMjnHiiPiirfHiriiiirEJiiiirFjnnnFjmrnninirninjimiJtEnjiiinFiJifJFrn^ 

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Inhalt: Religionspsychologie — Der Gottmensch-Komplex. Der Glaube Gott zu sein und Is 
die daraus folgenden Charaktermerkmale — Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das =j 
Ohr. Ein Beitrag zur Beziehung zwischen Kunst und Religion. — Ober den Heiligen Geist. U 

Internationaler Psychoanalytischer Verlag. Wien 

121 — 



Zum Typus Weib 

Von 

Lou Amdreas^Saloniß 

Lou Andreas-Salome ist am 13. Februar 70 Jahre alt geworden. Keiner Frau 
kommt der Ehrenname einer .großen Europäerin" eher zu. Jficlit nur, weil sich 
in ihrer Herkunft Französisches mit Russischem und Deutschem begegnet, sondern 
vornehmlich, -weil ihr hellsichtiges Verständnis, ihr revolutionäres Unbekümmerlsein 
sich stets auf jenen Höhen bewegte, die den Grenzen des Völkischen, des Fachlich- 
Schulmeisterhaften, des gerade in Mode Stehenden spotten, auf jenen Höhen, wo 
das Europäisch-Freie, Unzeitgemäße stets zu Hause war. Und weil diese große 
Frau, die gerade vor einem halben Jahrhundert Nietzsche exalüeren durfte (wodurch 
allein sie sich schon in den Blättern der Geistesgeschichte eingetragen hat), nicht nur 
eine geistvolle Denkerin, sondern auch eine begnadete Dichterin ist, konnte sie schon 
„Psychoanalytikerin" sein, ehe sie Freuds Entdeckungen kannte. Mit diesen wurde sie 
erst igii bekannt; aber z. B. der Roman „Ruth" oder die feinfühligen fünf Ge- 
schichten über halbwüchsige Mädchen, die der gemeinsame Titel „Im Zwischenland" 
umspannt, wurden schon früher geschrieben. („Im Rückerinnern will mir scheinen, 
als ob mein Leben der Psychoanalyse entgegengewartet hätte, seitdem ich aus den 
Kinderschuhen heraus war.") Seit zwei Jahrzehnten zählt nun Lou Andreas-Salome 
zu jenen Dreihundert, die in den fünf Erdteilen als „offizielle" Anhänger Freuds 
„registriert" sind, und daß es die „Wiener Psychoanalytische Vereinigung" ist, der 
sich Frau Andreas-Salome angeschlossen hat, weiß diese Vereinigung als Ehre zu 
schätzen. (Es ist übrigens auch kein Geheimnis, daß Frau Lou Andreas-Salome zu 
jenen ganz wenigen Zeitgenossen zählt, die in persönlich-privaten Beziehungen zu 
Sigmund Freud stehen.) Die unten namentlich angeführten psychoanalytischen 
Publikationen dieser Psychoanalytikerin sind nicht zahlreich, 1 erfreuen sich aber mit 
Recht einer besonderen Wertschätzung, und auch wir können heute ihres 70. Geburts- 

1) „Vom frühen Gottesdienst." Imago II, 1913, S. 457 — 467. ' 

„Zum Typus Weib." Imago III, 1914, S. 1 — 14. 

„Anal und Sexual." Imago IV, 1915—16, S. 249—273. „Psychosexualität." Zeitschr. 
f. Sexualwiss. IV, 1917, S. 1 — 12, 49 — 57. 

„Narzißmus als Doppelrichtung." Imago VIII, 1922, S. 361 — 386. 

„Zum 6. Mai 1926." Almanach der Psychoanalyse 1927, S. 9 — 14. 

„Was daraus folgt, daß es nicht die Frau gewesen ist, die den Vater totgeschlagen 
hat." Almanach der Psychoanalyse 1928, S. 25 — 30. 

Man vgl. auch folgende Referate von psychoanalytischer Seite über Veröffent- 
lichungen Andreas-Salomes : 

Hermine Hug-Hellmuth über „Im Zwischenland" (in „Imago" III, 1914, S. 85—90) 
und über „Drei Briefe an einen Knaben" (im „Bericht über die Fortschritte der Psycho- 
analyse" 1914 — 19, S. 252 f) und 

Hanns Sachs über „Des Dichters Erleben" (im „Bericht über die Fortschritte der 
Psychoanalyse" 1914 — ig, S. 236). 

— 122 — 



., 



tages nicht würdiger gedenken, als indem wir sie selbst zu Wort kommen lassen und 
einen vor 17 Jahren geschriebenen (zuerst in der „Imago" III. Jg., 1914 er- 
schienenen) kleinen Aufsatz hier nochmals veröffentlichen. Wir Psychoanalytiker 
kommen vielleicht in Versuchung, den Zug der Psychoanalysefreundlichkeit im Porträt 
einer zeitgenössischen Persönlichkeit zu überschätzen und wir lassen wohl darüber, 
wie sich die Psychoanalyse in das Lebensbild dieser edlen Frauengestalt einfügt, am 
besten einer objektiven, außenstehenden Person das Wort. Helene Stöcker 
schreibt über Lou Andreas-Salome in der „Keuen Zürcher Zeitung" : 

„Stand Friedrich Nietzsche am Beginn ihrer geistigen Produktivität, so Sigmund 
Freud am Ende ihrer bisherigen Entwicklung. 

Seit dem Beginn des Weltkrieges etwa hat Lou Andreas-Salome sich fast aus- 
schließlich psychoanalytischer Forschung und Behandlung hingegeben. 

Das ist das Charakteristische für Lou Andreas-Salome ; weder ihr philosophisches 
noch ihr künstlerisches psychoanalytisches Schaffen ist von ihrer Persönlichkeit zu 
trennen, wie es wohl bei andern, scheinbar objektiven' schaffenden Künstlern möglich 
ist. Darin liegt, wenn man will, die Grenze, zugleich aber auch der einzigartige 
Reiz ihrer Kunst, ihres Wesens. Schon in jener Zeit, als eine große Zahl kämpfender, 
ringender Frauen durch mancherlei Härten, Einseitigkeiten und Fanatismen unge- 
wollt ihrer schönen Idee Schaden zufügten, hat sie den Typus einer ausgeglichenen, 
geistig schaffenden weiblichen Persönlichkeit dargestellt. 

Wir alle, für die am Ende das Leben selbst das höchste Kunstwerk ist, an dem 
wir unverdrossen, unbeirrt durch alle Hemmnisse, schaffen müssen, werden heute 
mit Freuden und Dankbarkeit dieser Frau und ihrer zur vollen Harmonie geklärten 
Persönlichkeit gedenken, in der neben der Künstlerin, der Philosophin in voller Eben- 
bürtigkeit die Frau, die Lebenskünstlerin steht." St. 

I 

Was ich hier vorhabe, ist nur ein Stück Gedankenspaziergang : anfangs 
entlang an persönlich eng umgrenztem Weg, dann hinstrebend in weitern 
Gesichtskreis, um endlich, wenn auch nur ein paar Schritte höher, zu sach- 
lichem Überblick darüber hinaus zu gelangen. 

Recht persönlich muß ich damit beginnen zu sagen, daß sich meine aller- 
früheste Erinnerung auf Knöpfe bezieht. Auf geblümtem Teppich darauf ich 
saß, stand vor mir geöffnet ein brauner Kasten, in dessen Inhalt, unter 
gläsernen, beinernen, bunten, phantastisch geformten Knöpfen, ich kramen 
durfte, wenn ich entweder sehr artig gewesen war, oder wenn meiner alten 
Wärterin keine Zeit für mich übrig blieb. Der Knopfkasten hieß — anfäng- 
lich naiv, später ironisch verstanden — der Wunderkasten, und anfangs 
repräsentierte er für mich wohl auch Wunder schlechthin ; dann — vielleicht 
weil man mich die entsprechenden Wörter daran kennen lehrte, bewunderte 

— 123 — 



ich in den Knöpfen ebensovieie Saphire, Rubine, Smaragden, Diamanten und 
anderes Edelgestein, wodurch noch heute das russische Wort für „Juwel" 
(jemtschug) mir einen seltsam erinnerungsreichen Klang behalten hat. Die 
Knopfjuwelen blieben auf lange hinaus der Inbegriff dessen, was als wert- 
voll betont, und deshalb gesammelt nicht fortgegeben wird (wie in der Tat 
die damals verhältnismäßig kostspieligeren Modeknöpfe nach Verbrauch der 
Kleidungsstücke aufbewahrt wurden). Und mir ist, als ob diese Vorstellung 
der Knöpfe als kostbarster Stücke sich in mir bereits unmittelbar zurückge- 
gründet haben müsse auf eine noch ursprünglichere, wonach sie unver- 
äußerliche Teile darstellten — gewissermaßen Teilstückchen meiner 
Mutter selbst (respektive ihrer Kleidung, an deren Knöpfen' ich von ihrem 
Schoß aus hantieren mochte) oder vielleicht der (mir anhänglichen) Amme, 
an deren Brust hinter der geöffneten Kleidung ich den ersten Rubin praktisch 
kennen lernte. Wenigstens entsinne ich mich, daß, als sich mir die Knopf- 
schätze hinterher mit einem mir erzählten Märchen kombinierten, worin sie 
eine mehr interne Angelegenheit vertraten, ich diese neue Auffassung schon 
wie ein festes Besitztum in mir vorfand. Das Märchen handelte von jeman- 
dem, der, in einen Zauberberg dringend, sich in dessen Innern durch alle 
Reiche des Edelgesteins („Saphire, Rubine" etc.) hindurcharbeiten muß zu 
irgendeiner zu entzaubernden Königin. Gar nicht befremdete es mich des- 
halb auch, als ich auf meiner ersten Auslandsreise, mit meinen Eltern in 
der Schweiz, einen Berg „die Jungfrau" nennen hörte. Seitdem befestigte 
sich mir das Bild einer unerreichlich hohen, recht vergletscherten Berg-Jung- 
frau, die in ihrem Allerinnersten ungezählte Knöpfe birgt. Wie eine Erin- 
nerung daran wirkte etwas später ein zweiter Reiseeindruck auf mich : eine 
Bergwerkseinfahrt mit meinem Vater in das Werk bei Salzburg, bei der ich, 
zwischen ihn und die Knappen gräßlich eingeklemmt, rittlings in die schau- 
derhafte Tiefe zum märchenhaft erleuchteten See niedersausen mußte und 
unten, ziemlich zerquetscht, bitterlich brüllend, ankam. Daß' das glitzernde 
Salz an den Wänden nur einen Sammelnamen bedeuten konnte für Edel- 
steine jeder Art, schien zweifellos; und ich glaubte sein Gefunkel nur wie- 
derzusehen, als ich bald darauf die köstlichen Sammlungen russischer Edel- 
steine im Petersburger Museum des Bergkorpsinstituts schildern hörte und 
selber sah. 

Diese ganze kindliche Auffassung nun unterscheidet sich in charakteristi- 
scher Weise von einer gleichzeitigen zweiten, die andere kleine rundliche 
Wertstücke zum Gegenstande hat : nämlich Geldstücke. Daß man Geld sam- 
meln könnte für des Lebens Bedarf, war mir ganz früh nicht bekannt, da 
dieser auf eine mir unmerklichere Weise bestritten wurde, allein gegen das 

— 124 — 






achte Jahr etwa (auf Genauigkeit kann ich nicht schwören) erhielt ich jeden 
Monat Taschengeld, bestehend in einer Silbermünze von 20 Kopeken (40 
Pfennigen), für die man sich Erfreuliches kaufen durfte, obschon auch dies 
Erfreuliche allermeistens direkt durch die Eltern und ohne Bezugnahme auf 
Geld sich verwirklichte. Einmal als mein Vater mit mir spazieren ging, be- 
gegnete uns ein Bettler, dem ich mein blankes Silberstück geben wollte. Da 
sagte mein Vater : »Die Hälfte reicht" — denn ich sollte ja daran Geld ein- 
teilen lernen — und wechselte mir ernsthaft das Stück in zwei Silbermünzen 
zu je 10 Kopeken, so daß auch der Betder Silber, nicht Kupfer (Nickel gibt 
es in russischen Münzen nicht) erhielt. Von da ab muß sich mir die Idee 
eingegraben haben : Geld ist das, wovon die Hälfte den Anderen gebührt 

zwar die Hälfte nur, doch diese ohne weiteres, und sie darf nicht 

schäbiger aussehen als das Zurückbehaltene: man hat vor den Anderen 
nichts voraus. Im schärfsten Gegensatz zu diesem, was teilbar war, ja dessen 
Wesen darin zu bestehen schien, daß man es zu teilen hatte, stand die 
ältere Idee von den unveräußerlichen Schätzen (Knöpfen), den nichtaustausch- 
baren, verborgenen, mit deren Wegnahme offenbar wir selbst ausgeraubt, 
angetastet werden würden — gleichsam unser Ganzes, das nicht »Hälften" 
kennt oder hat. Freilich sind diese Gedanken selber nicht so frühe, doch 
die Stelle, von der sie ausgegangen sein mögen, von der sie sich in zwei 
so verschiedene Vorstellungsreihen abgrenzten, reicht erkennbar bis hinab in 
das Infantilste : in das Gebiet analer Interessen, d. h. dorthin, wo unsere 
Körperfunktion uns noch gleichsteht mit uns selbst, und wo ein Teil unserer 
selbst, als ein von ihr geleisteter Teil, uns zum erstenmal zugleich als Ob- 
jekt, als ein Nicht-mehr-wir, zum Bewußtsein kommt. Insofern nun speziell 
Geld den bekannten Ersatzbezug zum Analen enthält, wäre hier jenes 
früheste Erziehungswerk : Unterdrückung der Identifikation mit dem Analen, 
des Ich-Interesses daran, zustande gekommen im Zusammenhang damit, daß 
anal gerichteter Autoerotismus sich am Symbol der »Knöpfe" als interner 
Schätze bereits vor dieser ersten Sozialisierung gleichsam in Sicherheit ge- 
bracht hätte. Im infantilen Wettstreit der „Knöpfe und der Münzen" hätte 
sozusagen die Selbstbewertung von der sozialen sich zu scheiden begonnen 
in zweierlei Sinnbildern, von denen das spätere, die Münze, sonst der 
rechtmäßige Erbantreter der ehemaligen Analbetonung, sich um so williger 
umprägen ließ zum alleinigen Repräsentanten sozialen Austausches, als das 
andere, der Knopf, mit höchst egoistischen Nebenabsichten entschlüpft war 
auf ein Gebiet, wo es einstweilen in Märchenvorstellungen erotischer Her- 
kunft untergebracht wurde. 

Die Erziehung erzieht begreiflicherweise zum Sozialen ; sie tat das auch 

— 125 — 



im vorliegenden Fall, einschließlich des ganzen Individuums, ohne mindeste 
Ausnahmsrechte irgendwelcher Knöpfe. Dies nahm seinen Anfang schon mit 
dem Lebensfaktum der Geburt : man war vorhanden, um Anderen zu gehören, 
und in jedem Jahr hatte man sich in diesem Sinne würdig zu erweisen 
älter geworden zu sein. Sogar die, dieses Geborensein feiernden Geschenke, 
und auch noch die Gaben unterm Weihnachtsbaum, trotzdem er doch reine 
Gnadenherrlichkeit auszustrahlen schien, bargen noch irgendwie heimliche 
Fallen für den Egoismus und besagten stumm : „wir liegen hier, teils, weil 
du brav gewesen bist, teils weil du es hoffentlich sein wirst". Als ich ganz 
klein von Schmerzhaftigkeit der unteren Gliedmaßen befallen wurde, die man 
„Wachstumschmerz" benannte und die sich nach einer Weile von selbst 
verlor, erhielt ich, zum Trost für das erneute Getragenwerdenmüssen, kleine 
weiche Saffianstiefelchen mit Goldtroddeln daran, was zur Folge hatte, daß 
ich das Aufhören der Schmerzen nicht rechtzeitig signalisierte, besonders, da 
mein Vater häufig selbst mich trug. Indem diese Fälschung des Sachverhalts 
als sträflich entlarvt wurde, erfuhr ich mit kummervollem Staunen, daß auch 
meine Beine durchaus zu dem gehörten, was ich der Anderen wegen be- 
saß, daß ich über sie keineswegs disponieren konnte, wie ich wollte, und 
daß die roten Saffianschuhchen sie nur zum Schein als meinen ausschließli- 
chen Eigenbesitz legitimiert hatten. Immer mehr zog sich dasjenige, worüber 
kein Anderer zu verfügen hat, von den sozusagen äußeren Gütern des Le- 
bens ins gleichsam Unsichtbare, Unfaßbare zurück, als etwas, das man sich 
nicht erst erwerben, verdienen, erkämpfen, aus zweiter Hand empfangen 
kann, sondern unverlierbar, ein für allemal, laut oberster Instanz, besitzt. 
Diese oberste Instanz ist in einem strenggläubigen Elternhaus von selbst ge- 
geben. So wurde hier, unter dem Ausdruck der gegebenen Religion, ein 
Stück zurückbehalten von der „Allmacht der Gedanken" im Freudschen 
Sinne des Wortes ; diese Allmacht über die Tatbestände wurde als Knopf 
deponiert da, wo der Augenschein der Wirklichkeit nicht mehr hinreichte ; 
daneben aber blieb der Realität von außen her, dem sichtbar Wirklichen, 
dasjenige zugeteilt, was geteilt, halbiert werden kann, wie damals das Silber- 
stück geteilt, halbiert wurde : darüber hinaus hatte die Außenwelt nicht nur kein 
Recht, sondern gewissermaßen keine „Wirklichkeit" zu beanspruchen : da- 
hinter hörte sie als vorhanden auf. 

Ich bin damit angelangt beim Ausgangspunkt eines vorhergehenden Auf- 
satzes, worin 1 das Thema vom kindlich selbstgeschaffenen Gott zu anderem 
Endzweck betrachtet wird. Es ist klar, inwiefern schon das unsichtbare Spiel- 

1) „Vom frühen Gottesdienst", Imago II (1913) S. 457 n. 

— 126 — 



J 



zeug, das diesem Gott in allen Taschen steckte, im Zusammenhang stand 
mit der Verborgenheit der Bergedelsteine, und, letzten Endes, aus den un- 
veräußerlichen Knöpfen im braunen Knopfkasten bestand. Nicht zufällig 
blieben dem Gott gerade diese kindlichsten Attribute, die vorwiegend noch 
aus der „Allmacht der Gedanken" inmitten der schon beginnenden Welt- 
erkenntnis hervorgegangen waren. Sonst pflegt ja selbst die primitivste Re- 
ligionsform in ihrer Glaubensphantastik gleichzeitig ein Erkenntnisprinzip, eine 
Weltauslegung zu enthalten : aber dem Kinde, dem jede Weltbelehrung von 
vornherein durch die erziehenden Erwachsenen zuteil wird, braucht die Phan- 
tastik seiner Gottesgestaltung' davon nicht beeinträchtigt zu werden. Der Gott 
ersetzt hier gewissermaßen das, was Freud den „Familienroman" genannt 
hat : jene Idealisierungen von Herkunft und Schicksal, mit denen das Kind 
sich oftmals nur Ausdruck schafft für das ihm ungeheuer Selbstverständliche, 
Gewisse, jeder Fülle und Herrlichkeit. Nur spiegelt das sich hier, statt in 
einer Historie, in der Gegenwärtigkeit selber eines Extragottes des eigenen 
Seins und Wesens, der weder erklärt noch verbietet, sondern lediglich sank- 
tioniert. Kann er sich nun in dieser sehr einseitigen Äußerungsweise auch 
ebensowenig lange aufrecht erhalten, wie der sonst übliche Familienroman, 
so stürzt er doch weniger durch einen Verstandeszweifel, als durch eine 
innere Wendung derjenigen lebensgewissen Zuversicht, die in ihm sich selbst 
ergriff, und deren Symbolik im Verlauf der Entwicklung sich ändern mußte. 
Denn die alte Vorstellung von den Schätzen-Knöpfen, die er in seiner All- 
herrlichkeit so gesichert trug, wie das Spielzeug in seinen Taschen, besaß ja 
neben ihrem ausgesprochen egoistischen Charakter — wenn auch einstweilen 
ebenfalls ins noch phantastisch Märchenhafte eingekleidet — einen nicht min- 
der erotisch betonten. Blieb während langer Zeit (Freuds „Latenzzeit") 
dieser Umstand auch belanglos, so enthielt er doch die Tendenz, den Gott 
in der Form, im Ausdruck, des weiteren zu vermenschlichen. Über den 
dauernden Bestand des Gottes entschied deshalb, in den verborgenen, unter- 
irdischen Wesensregungen, nicht so sehr seine Wahrheit der Verstandes- 
bedeutung, als seine Wirklichkeit der Sinnenbedeutung nach. Darin, daß er 
eines Tages als abstrakt, blaß, unsichtbar bemerkt wurde, machte sich ein- 
fach die von ihm scheidende Liebe bemerkbar : wenn sie aber nicht eigent- 
lich in Unglauben, sondern vorübergehend nur in eine Art Verkehrung der 
Gottesliebe, in Teufelsglauben, umschlug, so läßt sich ein zweites Merkmal 
noch darin feststellen : nämlich, daß diese Liebe schon in ihren Lebzeiten 
ambivalent gerichtet gewesen war, d. h. dem Gott um seiner abstrakten 
Blässe, seiner mangelnden Blutfarbe, seiner gar zu fest angewachsenen Tarn- 
kappe willen, unbewußt böse war. Als der Gott den Rücken gekehrt, be- 

— 127 — 



kam sie, genau genommen, nur dessen geschwärzte (von ihr selbst „ange- 
schwärzte") Hinterseite im Teufel zu sehen ; da es jedoch dem Kind nicht 
bewußt sein konnte, daß es sich den Gott selber vertrieb, so fühlte es, 
durch die unbekannte, ihn hinwegwendende Macht, sich der Hölle anstatt dem 
Himmel überliefert. 

In der Tat kann als der natürliche Abschluß der Gottesgeschichte — 
mögen auch lange Jahre dazwischen liegen, die nichts mehr mit ihr zu tun 
haben, — erst die einsetzende Pubertät gelten. Dementsprechend geschah 
auch das erotische Erwachen nicht nur vollgleichzeitig mit ihr, sondern es 
geschah so sehr wie aus automatisch sicherer Selbsterfüllung eben erst ge- 
träumten Kindertraumes heraus, daß es den großväterlich-allgutigen Phantasie- 
gott vorsichtigerweise nur um eine Generation zu einem leibhaften Menschen 
verjüngte. Nicht nur in schlechten Romanen, weil „sie sich kriegen", wäre 
hier eine lückenlose Vermittlung zu erwarten zwischen dem einigermaßen 
introvertierten Ich und dem sozialen. Um so mehr noch, als, wie ein letztes 
Geschenk vom ehemaligen Gottverhalten her, dauernd die ganze Zutraulich- 
keit in Kraft blieb, die des Erwünschten gewiß ist : wenn sie auch nun, 
mit verbesserter Wirklichkeitsanpassung, statt bloßem Phantasieren, eine Art 
von Witterung für das real Vorhandene zustande brachte. Allein zugleich 
verblieb dieser Nachwirkung des Gottesverhältnisses auf das Menschenver- 
hältnis, oder einfacher : jener tiefen ursprünglichen Verknüpftheit des Ego- 
istischen mit dem Erotischen, eine letzte Macht, über die hinweg der „Schatz"- 
wert der Knöpfe sich nicht restlos realisieren ließ. Mit der „Wirklichkeit" 
war ja dasjenige hinzugetreten, womit man wohl „teilt", aber eben nur 
Teilbares, wonach an den „Andern" die volle Hälfte zu vergeben ist, doch 
eben nicht ganz im Sinne der „Hälfte", als welche in der erotischen Ver- 
schmelzung der Mensch selber nunmehr in toto darzustellen glaubt — viel- 
mehr behält er hier den eigenen Kopf (Knopf) für sich. 

Übersetzt man sich dieses, ja sicherlich sehr anfechtbare*' Verhalten aus 
dem Erotischen in einen Lebenstypus überhaupt, so ließe sich etwa davon 
aussagen: das Reale draußen wird erlebt, doch mehr in der Art, daß es 
empfangen, als daß man ganz daran fortgegeben wird, d. h. es wird nur 
um so leichter, leiser erlebt, je rascher und tiefer es berührt und befruchtet 
hat, so daß der Wirklichkeitsertrag, ins Innerste einbezogen, nun ausgetragen 
werden kann. Wo es darüber hinaus als „wirklichstes", als der endgültige 
Seinswert, aufgenommen sein will, da verblaßt es, entsinkt gerade dadurch 
ins Irreale (ungefähr wie eine Farbe, ein Ton, wenn sie unsere Aufnahme- 
fähigkeit übersteigen) und ist deshalb in diesem Entschwinden nur begleitet 
vom Gefühl unabwendbar sachgemäßen, ob auch bedauerten Ablaufs (also 

— 128 — 



weder von Enttäuschungs- noch Schuldgefühl). Will man dafür eine anormale 
Anlage voraussetzen (wozu die Phantastik des Ursprungsstadiums berechtigt), 
so wäre es eine solche, die am entschiedensten auszuschließen scheint, was 
neurotischen Kampf, Zwiespalt, Zweifel, Kompromiß bezeichnet, und eher 
noch Anleihen macht bei der Introversion des Paraphrenikers. Denn die zu 
teuer bezahlte Anhänglichkeit des Neurotischen an ein Teilstückchen der 
Wirklichkeit, das ihn so früh festlegt, daß alles folgende ihm zu gespenstigen 
Mißproportionen sich entwirklichen muß, ist hier zu ihrem Gegenteil gewor- 
den : Offenbleiben für erneutes und vertieftes Erleben, weil da, wo der 
Neurotiker gar zu verschwenderisch sich plündern ließ, eine letzte geizige 
Selbstbesinnung bleibt. Indessen, wollte man von allem Pathologischen gar 
zu sehr absehen, so könnte am Ende noch jemand darauf verfallen, weit 
unschönere Namen zur Erklärung heranzuziehen, wie angeborene Leichtsinnig- 
keit, verwerfliche Untreue und ähnliches. Ich will nun nicht auf hübschere 
Namen dringen, sondern nur den Versuch machen, aus der typischen Weib- 
seelenverfassung einiges hervorzuheben, was mir mit analogen Prozessen zu- 
sammenzuhängen scheint. 

II 

Schon in den „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" steht der Satz ', 
die Sexualität des Mannes sei : „die konsequentere, auch unserem Verständ- 
nis leichter zugängliche, während beim Weibe sogar eine Art von Rück- 
bildung eintritt". Denn: „Die Pubertät, welche dem Knaben jenen großen 
Vorstoß der Libido bringt, kennzeichnet sich für das Mädchen durch eine 
neuerliche Verdrängungswelle, durch welche gerade die Klitorissexualität be- 
troffen wird". Das Weibliche ist so das durch den Prozeß seiner eigenen 
Reife auf sich selbst Zurückgeworfene, Aufgehaltene, von der Endentwicklung 
Ausgeschaltete. In der Tat beziehen sich die spezifisch weiblichen Tugenden 
sämtlich hierauf, sind dem Geschlecht nach solche der Abnegation : wo weib- 
liches Selbstbewußtsein in rein menschlichen Leistungen mit den männlichen 
rivalisiert, sind es eben jene Tugenden, von denen es sich emanzipatorisch 
erholen will. 



l) Der Satz gründet sich auf den früheren: „wüßte man den Begriffen .männlich 
und weiblich' einen bestimmteren Inhalt zu geben, so ließe sich die Behauptung vertre- 
ten, die Libido sei regelmäßig und gesetzmäßig männlicher Na- 
tur, ob sie nun beim Mann oder beim Weib vorkomme, und abge- 
sehen von ihrem Objekt, mag dies der Mann oder dasWeib sein." 
Hier steht „männlich" für die Aggressivität des Triebhaften als solchen, für seine un- 
mittelbare Triebtendenz, und soll im folgenden im gleichen Sinn verstanden werden. 



PsA Bewegung III — 129 



Nun liegt es mir eigentlich ferner, von Tugenden und Leistungen zu 
reden, als von dem, worin ich mich kompetenter fühle : vom Glück. Bezüg- 
lich des Glücks nämlich läßt sich der obenerwähnte Sachverhalt auch noch 
anders herum betrachten. Die geringere Differenziertheit, die sich in jener 
Rückbildung ausdrückt, zieht um das mehr und mehr auseinanderstrebende 
Triebleben eine Art von einschränkendem Kreis, der es in gleichförmigerem 
Zusammenhang mit dem gemeinsamen Ausgangspunkt erhält : aber dieser 
Umstand stellt ja nicht ein einfaches Zurück dar, sondern eine Wiederher- 
stellung von Ehemaligem auf erhöhtem Niveau — als eine Wesensart 
weiterzukommen in sich, als eine Art des Wachsens am Leben. Denn 
gerade innerhalb des Sexualtriebes selbst, gerade infolge von dessen „Ent- 
mannung" im Weibe, differenziert er sich auch wieder auf eine neue Weise 
von der Aggressivität des Ichtriebes und erschließt sich damit eine Besonder- 
heit der Entwicklung. Das „Weibliche" (immer prinzipiell gemeint und ab- 
seits von allen Graden und Nuancen der Personalunion zwischen „männ- 
lich" und „weiblich") eben durch seine Umkehrung des Sexualen auf sich, 
vermag sich das Paradoxon zu leisten, Sexualität und Ichtrieb dadurch zu 
trennen, daß es sie vereinigt. Es ist mithin zwiespältig da, wo das Männ- 
liche eindeutig aggressiv verbleibt, einheitlich aber dafür, wo diesem seine 
ungehemmte Aggressivität als mehr sexual oder mehr ichhaft nach entgegen- 
gesetzten Richtungen sich spaltet. 

Suchte man eine Illustration dafür im vorhergehenden Thema : dem Auf- 
blick zum Vater, Mann-Vater, Gott etc., so fände man für das Weib Reli- 
giosierung und Erotik, Licht- und Wärmestrahlen im selben Gestirn, der- 
selben Sonne gewährleistet, weil der passiv gerichtete Sexualtrieb sich dem 
hinhalten kann, was dem Ichtrieb das fördernd Höchste erscheint. Im Mann 
dagegen wendet sich die bewahrte Aggressivität des Sexuellen auf das Pas- 
sive, das Weib, weswegen, wie immer er es vom Geschlecht aus ideali- 
sieren mag, niemals im Sexualpartner zugleich sein Ichideal realisiert ist : 
sondern er dieses da finden muß, wo es ihm immer zugleich Ideal und 
Konkurrenz bedeutet, im gleichen Geschlecht, im Vater (also „entsexuali- 
siert", sofern sich diese an sich schon ungemütliche Situation nicht auch 
noch bei betonterer Inversion zu einem wahren Rattenkönig von einander 
hemmenden Ambivalenzen verwächst). Der Vater ist es, zu dem er — 
sich selber suchend, ihn zu ersetzen, ja zu übertreffen suchend — doch 
anbetend sagen muß : „Dein Wille geschehe — ", während dem Weibe 
gegenüber in solcher Stunde, da es den ganzen Mann gilt, für immer 
auch wieder das Wort zu gelten hat : „Weib, was habe ich mit Dir zu 
schaffen." 






— 130 — 






Indem die Kraft der Mannheit als sexuell und geistig in Gegensätzen 
auseinanderstiebt, oder aber sich selbst Konkurrenz macht, gibt sie ihre un- 
mittelbare Glücksgemeinschaft in sich auf; indem der Mann als Leistender 
sich nachjagt, verliert er sich als Selbstbesitzender — wie er schon im 
Dienst der Fortpflanzung verliert was er besitzt ( — um Freuds, ja ab- 
solut nicht witzig gemeintes, Wort zu wiederholen : „altruistisch" handelt) 
und wie er aus der Einseitigkeit sexueller Entspannung in die Einseitigkeit 
sozialer Anspannung entlassen wird. Dieser gewissermaßen unfreiwillige 
Edelmut der Selbstentäußerung kennzeichnet ihn fortan : sein Wesen ist, 
schön ausgedrückt, so etwas wie „Opferung" : Das ist unangenehm, aber 
es ist nun einmal seine Ehre. Der ungehemmt hinausgerichtete Drang muß 
dort draußen bezahlt werden mit Altruismus, wie die auf sich zurückgedrängte 
Passivität sich bezahlt macht mit Glücksegoismus. Nicht erst die Empfängnis 
ist ein Bild weiblicher Hingabe in der Selbstbewahrung — schon die Ruh- 
samkeit des Eies im Vergleich zu der Regsamkeit des auf der Suche be- 
findlichen Samens, bezeichnet die gleiche Souveränität einer Indolenz, die 
nicht vor hat, sich „ohne großen Gegenstand zu regen". Ganz entgegen der 
Kalamität, die das Mannsein mit sich bringt, arbeitet die zu weitgehende 
Grellheit des Sexuellen sich im Weiblichen gedämpfter in die verschiedensten 
Wesenstönungen auf und beläßt dafür den dem Blut entstrebenden Ichtrieb 
an seiner Basis waschecht erotisch gefärbt. Allein, wie mir scheint, zeigt 
sich hier auch bereits, wie diese Verflochtenheit der Triebmasse, diese Ein- 
buße an letzter Gliederung, etwas an sich hat, was die Sexualität nicht 
bloß verändern mußte : was ihr sogar ihren eigenen endgültigsten Voll- 
zug erst ganz ermöglicht. Denn es verhält sich ja nicht so, daß die 
Sexualität im gleichen eindeutigen Sinn eine Triebaggression darstellte, wie 
etwa der Freßtrieb durch Einnahme, der Defäkationstrieb durch Abgabe, 
sondern diese und andere Triebe haben sich von ihr hinweg differenziert, 
zu Spezialarbeitsleistungen sich abgegliedert, während sie der Zusammen- 
fassung aller Organkräfte behufs deren Fortpflanzung dienen lernte (hierin 
durchaus dem Weibgeschick selber ähnlich). Infolgedessen äußert das Sexuelle 
bei jedesmaligem Auftreten sich über sein Spezialgebiet so ganz hinaus, als 
Übergriff auf den Gesamtorganismus, als positiver Eingriff in ihn (wie Ab- 
stinenz ja auch nicht, gleich dem Hunger schwächt oder sterben läßt, son- 
dern positiv mit Rausch und Gift agiert). Und in weiterer Folge schillert 
das Sexuelle aus diesem Grunde nicht nur zwischen den einzelnen vitalen, 
sondern auch psychischen Äußerungs weisen so schwerfaßlich und widerspruchs- 
voll, indem es, nichts Speziellem eingeordnet, dem Wesen nach Invasion, aus- 
drücklich dazu vorhanden ist, die Welt auf den Kopf zu stellen. Gerade 

— 131 — 



deswegen ist ja die Analyse des Psychischen so erfolgreich und plausibel, 
wo sie praktisch auf das Sexuelle zurückgeht, weil dieses, obwohl 
Körpertrieb und angehbar von der physiologischen Seite, dennoch 
zugleich, hart am Organleben hin, psychische Tatsachen zuerst unverkennbar 
macht. 

Das hier steckende Problem (das nach seiner philosophischen Bedeutung 
natürlich nicht aufgerührt werden soll) hat Freud (Beitr. z. Psych, d. 
Liebeslebens, II) erörtert in der Frage : warum der Liebesappetit bei vor- 
läufigem Genuß nicht abnehme, wie sonstiger Appetit, vielmehr sich daran 
steigere, und warum endgültige Befriedigung trotzdem Reizhunger, Hunger 
nach Wechsel, ergeben könne, anstatt der immer befriedigteren Ehe, die 
z. B. ein Alkoholiker zu der ihm genehmen Weinsorte eingeht. Es ist wohl 
nicht ganz ein Zufall, wenn, nach der liebenswürdigen Vulgär-Ansicht der 
Leute, alle beiden Fragen das Weib viel weniger tangieren als den Mann. 
Man könnte nämlich ganz wohl sagen, daß das, was den Sexualtrieb erst 
befähigt, sich von Durst, Appetit usw. usw. zu unterscheiden, bereits gelegen 
sei in einem Moment der Passivität, d. h. in der Fähigkeit, in 
und neben der zielgerichteten Triebtendenz beim Interesse am Objekt zu 
verweilen — sich daran aufzuhalten. Was wir „seelische Komponente" 
am Sexuellen zu nennen pflegen — aus deren mangelhafter Verknüpftheit 
mit dem Geschlechtstrieb Freud in der erwähnten Arbeit das Sinken des 
sexuellen Objektwertes erklärt — ist (mögen wir sie Psychosexualität, Zärt- 
lichkeitszuschuß, Kontrektationsbedürfnis oder sonstwie benamsen), nur ein 
anderes Wort für solche Abkehr vom Nur- Aggressiven zugunsten eines zu- 
gleich aufnehmenden, raumgebenden Verhaltens. Freud sieht ja auch den 
Ursprung allen Sympathieausdrucks in der Objekthingegebenheit des Neu- 
gebornen — was so zu verstehen ist, daß es im Objekt in dem Sinn 
aufgeht, als es sich eben als Subjekt noch gar nichts angeht, weil Selbst- 
erhaltungs- und Hingebungsverlangen sich noch gar nicht voneinander unter- 
scheiden können. Wenn dann jedoch, nach der zweiten Freud sehen Phase, 
nach der splendid Isolation des Autoerotismus (wo wiederum, nur anders 
herum, aktiv und passiv in eins fallen), das Objekt nicht erst gefunden, 
sondern, als übertragen aus jener Urzeit des Kinderdaseins, „wiedergefunden" 
(Freud) wird, so haftet daran bereits jene diffuse Süße damaliger Hinge- 
gebenheit nunmehr durchaus als ein Einschlag von Passivität. Denn nun 
macht sie sich gegensätzlich fühlbar gegenüber dem stachelnden Bewußtsein 
des Eigenen — des sein Objekt ganz frech in der Methode des Selbst- 
erhaltungstriebes behandeln wollenden Subjekts. Und wenn im Verlauf des 
sexuellen Reifestadiums dieser Stachel des Nur-Aggressiven sich manchmal 

— 132 — 






8 o einseitig verschärft, daß die Sexualität nur unter seinem Vorstoß noch 
in ihrer Besonderheit empfunden wird, so mag ihr freilich selber unerklärlich 
werden das, was doch immer noch ihr Glück und Leid wunderlich abhebt 
von dem der Selbsterhaltungsfreuden — oder Enttäuschungen. Aber dies be- 
deutet dann nicht so sehr: die Unterlassung von wer weiß wie feinsten 
Sublimierungen, die ihr fremd aufzupfropfen gewesen wären — im Kultur- 
versuch exotische Blüten am landesüblichen Stamm hervorzutreiben — es 
bedeutet weit eher: daß ihre Grundwurzel unterläßt, die für ihr natürliches 
Vollgedeihen genügende Säftemischung in alle Zweige emporzusenden. Viel- 
leicht ist es schließlich auch die wahre Ursache des post coitum omne animal 
triste _ das deshalb nicht für alle Menschen gilt, und dem die Erfahrung 
entgegensteht einer Nachwirkung nicht nur der Freude, sondern eines höchst 
ungerechtfertigten Gefühls: gleichsam die beste aller Taten vollbracht, der 
Welt Vollkommenheit zurückgeschenkt, sozusagen das Gewissen ein für alle- 
mal entlastet zu haben — im vitalen Ineinanderstürzen des ewig-doppelten 
Außer-uns mit uns selbst. 

Freud tat das Inzestverbot dafür verantwortlich gemacht, daß nach 
Abschluß der Kindheit das „Zärtliche" und das „Sinnliche" so häufig ihre 
alte Einheit aufgeben und glücklos, ja krankmachend, in Seelenrespekt und 
Sinnenroheit verfallen. Allein sei das Inzestverbot auch der schwarze Mann, 
der sie aus ihrem Kindheitsidyll aufschreckt: er griffe mit diesem scheinbar 
von außen her begründeten Eingriff doch nur der Tatsache vor, daß ein 
Mensch auf dem Menschenwege, also auf dem einer stets weitergehenden 
Selbstentwicklung, am Persönlichen nicht mit ganzer Konzentration haften 
bleiben kann. Ein genügendes Zusammenhalten der inneren Antriebe könnte 
nicht umhin, seine Ziele zurückzustecken, die, im Sachlichen wie Persönlichen, 
eben durch ihre treibende Kraft, auf Erledigung, auf Vorwärtsgehen, auf 
bewußte Bewältigung des noch nicht menschlich Bewältigten eingestellt sind. 
Im weiblichen Prinzip ist ja nur durch eben diesen Verzicht, durch eben 
dieses letztliche In-sich-erhalten der Triebeinheit, die Möglichkeit gegeben, 
dem enteilenden Schritt des Menschen trotzdem immer wieder Boden unter 
die Füße zu schieben. Nur im Weiblichen heißt daher solche Triebumkehrung 
in sich nicht „Pervertierung", sondern ihrem Verweilen, Zusammenfassen, 
bleibt das Ziel selber mitgegeben. So gibt es, streng genommen, innerhalb 
ihres Prinzips keine bloße „Vorlust" (im Freud sehen Sinn), nichts Vor- 
läufiges im Verlauf des Erotischen : Das Weibliche ist zu definieren als das, 
was mit dem kleinen Finger allein die ganze Hand bereits hat ; nicht etwa 
im Sinne asketischer Begnügsamkeit — im Gegenteil, weil bereits das Ge- 
ringste Raum gewährt der Zärtlichkeit, sich ganz darin zu erleben, noch mit 

— 133 — 



dem Geringsten schon das Ganze des Liebesbereiches zu umspannen (unge- 
fähr wie Dido es mit der Kuhhaut und Karthago machte). 

Man könnte glauben, daß eher der Charakter der „Endlust" an dieser 
weiblichen Geschlossenheit etwas gefährde, sowohl durch den rein körper- 
haften Ausdruck, auf den der letzte sexuelle Vollzug gestellt ist, als durch 
die nachdrückliche Passivität, die das Weib darin an ein bestimmtes Ver- 
halten bindet. Indessen das lebendige Ineinanderspiel ihres Ich- und Liebes- 
lebens bekundet sich vielleicht nirgends entschiedener als gerade dann: 
nämlich kraft der weiblichen Tendenz dort, wo man sich hingibt, auch 
immer die Norm, das Ideal aufzurichten, woran das eigene Selbst sich 
orientieren kann. Nimmt es sich auch im Durchschnitt leicht wie urteils- 
getrübte bloße Verliebtheit, ja läppisch sogar, aus und verbirgt sich daran 
die wahre Bedeutsamkeit der Sache, so steckt dahinter doch nicht mehr noch 
weniger als folgende Leistung : den geistigen Sinn des Erlebten dort am 
geistigsten zu fassen, wo er am körperhaftesten zugedeckt, am psychisch un- 
deutbarsten bleibt, und so der eigenen Grundeinheit am gewissesten zu 
werden dort, wo sie am abgründigsten schwankt. Mit anderen Worten : 
hier gelingt dem (ja an sich schon paradox gerichteten) Weiblichen sein 
zweites und tiefstes Paradoxon : das Vitalste als das Sublimierteste zu er- 
leben. Dieses Vergeistigen und Idealisieren in seiner Unwillkürlichkeit läßt 
sich veranlaßt denken dadurch, daß, dem weiblich-einheitlichen Wesen nach, 
in den Übertragungen der Liebe lebenslang deren ursprünglicher Ausdruck 
fühlbarer gegenwärtig bleibt als dem Mann — jene uranfängliche Ver- 
schmelzung mit dem Ganzen, darin wir ruhten, ehe wir selber uns gegeben 
waren und die Welt in Einzelgestaltungen vor uns aufging. Man weiß, wie 
viel davon im Erotischen überhaupt wiederkehrt : wie alles was irgend an 
uns rührt, wesensverbunden erscheint mit der geliebten Person, als dehne 
sie sich aus in alles und kondensiere alles sich in ihr. Von dorther ideali- 
siert sich das Personale zu fast symbolisch überragendem Sinn und, indem 
solche Rückbeziehung dem Weibe näherliegend bleibt, wird sie ihr zum 
Erlebnis : der einzelne Mensch, in all seiner Tatsächlichkeit wird ihr nach 
jener Richtung hin gleichsam durchscheinend, ein menschlich kontouriertes 
Transparent, durch das die Fülle des Ganzen ungebrochen und unvergessen 
schimmert. Erwähnt deshalb Freud („Beitr. z. Psych, d. Liebeslebens", II), 
daß, wenn es sich um schwer oder nicht erreichbare Objekte der Sehnsucht 
handle, die Frau : „etwas der Sexualüberschätzung beim Manne ähnliches in 
der Regel nicht zustande bringt", so hängt das eben hiemit zusammen, daß 
ihre Schätzung und Überschätzung dem Erreichten, nicht nur dem Begehrten, 
gilt und gelten muß — dem, daran ihre Hingabe sie vor sich selbst ver- 

— 134 — 



nichtet, wenn sie sie nicht vor sich selbst erhebt. 1 Dieses ist die verborgene 
Härte an aller spezifisch weiblichen Liebe (oftmals alle Manneshärte reichlich 
aufwiegend) — ihr zugleich Blindestes und Hellseherischestes, daß sie in ihm 
erkennt, was sie mit ihm gewissermaßen über die Person hinaus eint; es 
ist durchaus ihr kostbarstes Stück (nicht blumenzart sondern edelsteinhart) so 
•wie seine kostbarste Gabe an sie das, aus dem Geschlecht aufgearbeitete, 
Stück an Zartsinn und Herzlichkeit ist. 

Gerade wegen dieser doppelten Rolle jedoch, die der Mann für das Weib 
vertritt, damit sie selber um so einheitlicher bleiben kann — gerade wegen 
der daran haftenden inneren Unterscheidung von — ich möchte sagen : 
Person und Vertreterschaft — muß hier eine kleine Einschaltung angebracht 
werden. Denn wenn von hier aus betrachtet alle jene weiblichen Ab- 
negationstugenden, von denen ganz eingangs die Rede war, gar nicht mehr 
tragisch aussehen, sondern eine richtige Glücksmiene aufsetzen, so daß das 
Weibliche als der geborne Ausbund alles Treuen, Idealgei ichteten und Hin- 
gegebenen von der Natur Gnaden erscheint, so darf man das doch nicht 
zu absolut nehmen. Ganz läßt es sich nämlich nicht von der Hand weisen, 
ob nicht gerade auch die Fülle, womit weiblichem Erleben alles Herrliche 
über dem Fest der Liebe ausgeschüttet ist, zum Anlaß werden könnte eines 
um so akuteren Ablaufs — so daß bisweilen nur um so weniger daraus 
sich für vernünftige Dauergestaltung retten läßt, je restloser alles hinein- 
gegeben war. Und umgekehrt bleibt auch auf der anderen Seite jedesmal 
zu fragen, wie viel mitunter selbst von den prächtigsten Zutaten an Ethik- 
oder Ehegesinnung eben schon bloße Zutaten zum weiblichen Liebeserleben 
gewesen sind — hinzugetan aus falscher Scham bereits, aus einem Gut- 
machenwollen, aus Verlangen nach Sanktion. Denn man darf nicht ver- 
gessen, daß sich auf diesem Punkt für das Weib alles zusammenfindet, was 
es kann und was es nicht kann, seine natürliche Größe sowohl wie seine 
ihm angewachsene Kleinheit. Ist es doch der einzige naturgegebene und 
dadurch mögliche Kulturpunkt für sie, daß sie vermag, im Sexuellen nicht 
ein Rohgegebenes, in sich Isoliertes, vollzogen zu sehen, sondern gleichsam 
in ihrer Sinnlichkeit zugleich ihre Heiligkeit zu ergreifen, zu begreifen : sei 
es nun, indem sie sie in bereits sanktionierten Bestand schutzheischend hinein- 
stellt, sei es, daß sie aus innerster Weibheit heraus sie reiner und freier 
anblicken kann als der Mann, dessen aufarbeitende Kraft sich an anderen 

1) Daher bleibt die Bedeutsamkeit der Hingabe eine so verschiedene für Mann und 
Weib, daß sie mit vollem Recht an beiden verschieden beurteilt wird. Und daher bildet 
einen wesentlichen Grund für weibliche Frigidität das Auseinandergleiten von Mann 
und Mann-Imago. 

— 135 — 



Kulturzwecken erschöpfen muß. Von sich aus tut das Weib ja nur eine 
Kulturtat und auch diese passiert ihr mehr dem Weibwesen nach, als 
daß es eine Handlung wäre : das Kind (weshalb die Kinderlose ohne Frage 
als das sozial mindere Material anzusehen ist). Dennoch kann es eine Hand- 
lung werden: trägt und gebärt sie das Kind noch als einen Teil ihrer 
selbst, hat sie so lange als möglich an ihm noch die zärtliche Selbstidenti- 
fikation, worin feinste Sexual- und Seelenfreude gewissermaßen lächelnd in- 
einanderfließen — so entstammt diesem warmen Egoismus doch schließlich 
ihre erste eigentliche Sozialisierung, es entstammt ihm der Bezug zum Kinde 
als zum zweiten Menschen, zum anderen, zu einer Welt außerhalb ihrer, 
die sie aus ihrem Tiefsten hergab — nicht nur „teilend" von dem Ihren, 
sondern sich selber mitteilend und zurücktretend. Das höchste Frauenbild ist 
insofern nicht schon die „Mutter mit dem Kinde", sondern — falls man 
in christlichen Madonnenbildern reden will — die Mutter am Kreuze : die, 
welche opfert, was sie gebar: die, welche den Sohn an sein Werk dahin- 
gibt, an die Welt und an den Tod. 

Selbstverständlich läßt sich nicht gut die Kulturaufgabe des Mannes mit 
dem Kreuz vergleichen, das er trägt oder woran er gar hängt. Aber sicherlich 
mit demjenigen, was ihn am prinzipiellsten ins menschlich Geistige hinauf- 
riickt unter Einbuße des menschlich Erotischen. Und eine rein männliche 
Auffassung der Dinge sieht mit dem Fortschreiten der Kultur nicht selten 
die Sinnlichkeit als solche tatsächlich bereits gekreuzigt, also in, wenn auch : 
„weitester Ferne die Gefahr des Erlöschens des Menschengeschlechts". 1 Wohl 
bleibt auch dem Mann ein Traum vom Zusammengehören des Geistes und 
der Sinne — bleibt ihm wie eine ferne Erinnerung daran, daß ja auch die 
breitesten abendlichen Wolkenschatten wesenseins seien mit dem Tau, der 
bei Sonnenaufgang blitzend sich über den Boden breitet. Und wohl ver- 
wirklicht sich auch, von Zeit zu Zeit, immer wieder etwas von solchem 
Traum in ihnen selber, diesen Vorgerücktesten des Geistes, den Schaffenden : 
zwingt sie, Halt machend unterwegs, ein Werk aufzustellen wie einen 
ernsten, freudigen Zeugen solcher Wiedervereinigung für alle, die daran 
vorüber vorwärts gehen. Doch wiederum ist es in ihnen nur deshalb Wirk- 
lichkeit geworden, weil ihrem männlichen Können weibliches eingeboren und 
in ihnen jene Doppelnatur schöpferisch geworden ist, die in Werken 
schafft, was das Weib von seinem Wesen aus ist. In seinem schöpfe- 
rischen Tun bezeugt der Mann, wie sehr auch ihm aller letzte Kultursinn 
liegt in der Wiedererfassung jener Einheit — wie sehr er um deswillen die 



l) Freud, „Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens", II. 

— 136 — 



Welt noch einmal erschafft, aus sich heraus auf allen Gebieten als die seine, 
um mit Händen zu greifen, mit Augen zu sehen, daß das „Andere", das 
Draußen, von gleichen Pulsen des Lebens durchpulst sei und eins mit ihm. 
Er bezeugt es sich, ob auch in jeglichem einzelnen seines Tuns oder Lassens 
der Dualismus sein Teil bleibe, weil sich stets neu erschließend in jedem 
neuen Ding, das zu neuem und weiterem Unterwegs werden muß und so 
das Ziel ihm nirgends garantiert ist in den Dingen, sondern nur in gleichsam 
überpersönlichen Werten und Bildern. 

Damit ist dem Weiblichen ein Kulturwert von sich aus und unabhängig 
gegeben, daß es analog (nicht identisch mit =) dem Sinn des Geistes- 
schöpferischen wirken kann. Wie verschieden auch die Äußerungsweisen der 
beiden Geschlechter — darin finden sie sich zusammen : an denselben Geist, 
zu dem das Weib mit dem Manne und vermittelst seiner aufblickt, ist sie 
zugleich angeschlossen von tiefher, von ihrer Wesensbasis her, als von einer 
die Gegensätze unmittelbar in sich noch vereinheitlichenden. Stumme Ver- 
wirklichung davon fast schon enthaltend in ihrem Leibesleben und im geist- 
leiblichen Aufruhr des Erotischen das ewig Unzulängliche wandelnd zu 
ewigem Ereignis : weshalb Umarmung, Vermählung ihr das Bild bleibt für 
das gleiche, worauf der Mann, geistleistend, vorausschreitend und -schauend 
zugeht. So hat sie gerade darin, gerade in ihrem Anschluß an das Seine, 
Weithintreibende, am allerwenigsten über ihren Wesensumkreis hinauszu- 
blicken oder gar, ihn sprengend, ihn zu verlassen — sondern am meisten 
in ihrem geistigsten Erleben, in der weitgehendsten Kulturumgreifung noch, 
würde sie doch in sich bleiben: Kreis um Kreis um sich selber ziehend 
— nach jeweiligem Maßstab ihrer innersten Dimensionen. Zu diesem weib- 
lichen Narziß will die Kultur-Zukunftsprognose zunehmender Glücksver- 
dunklung — immer schräger und blasser fallender Strahlen alter Sonnen- 
herrlichkeit, immer breiterer Abendschatten über der sich vergeistigenden 
Welt — nicht mehr stimmen. Nur ein Sinnbild stimmt da noch : Das Bild 
der Pflanze im hohen Licht der Mittagstunde, da sie ihren Schatten ganz 
senkrecht wirft, da sie, darin geborgen, auf ihn niederbückt als auf den 
zarteren Abglanz ihres eigenen Seins — sich selbst in ihm beschattend: auf 
daß der große Brand sie nicht verbrenne vor ihrer Zeit. 



!!li!i!l!!lilll!lll!III!lilill!IIII!III!!l!i]III[f 

— 137 — 



Von 



Fritz Witteis 



Die Psychoanalyse war immer an zwei grundverschiedenen Formen 
nervöser Erkrankung interessiert, die wir heute viel besser verstehen 
als vor der psychoanalytischen Forschung: Hysterie und Zwangs- 
neurose. Hysterie verwandelt („konvertiert") Vorstellungen und Triebe 
in körperliche Symptome. Alle Körperteile der Hysterischen, einschließ- 
lich der Sinnesorgane und Eingeweide, können Gedanken und Wünsche 
ausdrücken. Deshalb spicht man von einer Organsprache der Hyste- 
rischen — und der Hypochonder. Die Psychoanalyse fand die Gesetze 
der Traumdeutung — besonders Verdichtung, Verschiebung, Verwandlung 
in das Gegenteil, Symbolisierung des Größten durch das Kleinste, des 
Teiles durch das Ganze — auch in der hysterischen Symptombildung 
wirksam. So merken wir, daß hier der Primärvorgang am Werke ist. 1 
Hysterie ist eine Art Ekstase, eine Mitteilung von Seiten des Es, die 
sich der Sprache nicht bedient, jedoch, wenigstens zum Teil, in die 
Begriffsprache übersetzt werden kann. Am deutlichsten, freilich auch 

J ) Gleichzeitig mit dem vorliegenden Artikel erscheint bei Horace Liveright in New 
York ein umfangreiches Buch des Verfassers : „Freud and his time", das zunächst in 
deutscher Sprache nicht vorliegt. Die ersten beiden Kapitel dieses Buches sind unter 
den Titeln „Goethe und Freud" und „Der Antiphilosoph Freud" in der „Psyschoana- 
lytischen Bewegung" (1930, Heft 4), bezw. im „Almanach der Psychoanalyse 1931" 
erschienen. Der hier veröffentlichte Versuch gibt ungefähr den Inhalt des siebenten 
Kapitels wieder (und stellt eine Erweiterung meiner Studien dar, die im März 1930 in 
Dorian Feigenbaums Psychopathology-Number der „Medical Review of Reviews" er- 
schienen ist). Der Ausfall von vier Kapiteln nötigt zu einer Erklärung der Termini 
Primär- und Sekundärfunktion, die ich nicht ganz im Sinne Freuds ge- 
brauche. Freud faßt die beiden Mechanismen der Verschiebung und Verdichtung unter 
dem Namen Primärvorgang zusammen. Mehrere Philosophen lange vor Freud haben 
den nämlichen Ausdruck für verschiedene Begriffe verwendet, so Schopenhauer für seinen 
„Willen", den er als Prototypos der Sekundärfunktion (dem Ektypos) gegenüberstellt. 
Ich meine, daß der Name einer Primärfunktion ungefähr über alles ausgedehnt werden 
sollte, was bei Freud das Es genannt wird. Alle Denkformen, einschließlich Zeit und 
Kausalität, Realitätsprüfung, Ethik (organisiertes Über-Ich) gehören dann zur Sekun- 
därfunktion. Goethe nennt die Primärfunktion in seinem Faust „Die Mütter" und das 

— 138 — 




am unheimlichsten sehen wir diese Organsprache bei Hypochondern 
wirksam. 

Ein Mädchen behauptet, ihre Nase sei häßlich, sei durch eine Ge- 
schwulst unter der Haut entstellt. Obgleich kein Sachverständiger dieses 
Urteil bestätigen kann, läßt sie die Nase von einem Kosmetiker ver- 
bessern. Hernach ist das Mädchen eine Zeit lang zufrieden, erleidet 
aber dann einen Unfall, in dessen Verlauf die Nase ganz unbedeutend 
verletzt wird. Nunmehr ist sie untröstlich und jammert wiederum über 
die Nase, an der niemand außer ihr selbst einen Fehler entdecken 
kann. Das Mädchen ist als fünftes Mädchen seiner Eltern geboren 
worden, die sich nach vier weiblichen Kindern dringend einen Knaben 
wünschten. Sie hat oft genug zu hören bekommen, daß sie lieber ein 
Bub hätte werden sollen. Situationen solcher Art führen häufig zur 
Aufzucht eines Mannweibes. Das war in diesem Falle nicht so leicht, 
weil der Platz des Bubenmädels schon von dem vierten Kinde, der 
nächstälteren Schwester, besetzt war. Unsere Patientin verdrängte ihren 
dringenden Wunsch, lieber ein Knabe zu sein und ersetzte ihn durch 
grenzenlose Hingabe an die ältere Schwester, mit der sie ein Herz 
und eine Seele war, mit der sie gemeinsam schlief und lief und lernte, 
bis diese ältere Schwester heiratete und aus dem Bette und aus dem 
Hause verschwand. In diesem Augenblicke brach die hypochondrische 
Wahnidee mit der Nase aus. Wir wissen, daß die Nase in Träumen 

Ewig-Weibliche, Niezsche : das Dionysische. Der Gegensatz zwischen Primär und Sekundär 
wurde immer gefühlt und benannt. Die Psychoanalyse wird uns vielleicht in Stand 
setzen, noch ein gutes Stück weiter ins Chaotische, nicht Berechenbare einzudringen. 
Freud hat die ewige Wiederkehr des Gleichen als eine Eigenschaft des Primärvorganges 
gelehrt, das ewige Tik-Tak aus dem Dunkel. Mehr über den Primärvorgang wäre 
vielleicht durch das Studium des magischen Denkens, der Ekstase, der Musik und der 
Mathematik zu erfahren. Freud hat diese vier Wege kaum betreten. Yogapraktiken hat 
er in seinem „Unbehagen" mit Schillers Taucher abgelehnt: „Es freue sich, wer 
da atmet im rosigen Licht." Er setzt voraus, daß der gebildete Leser ergänzen wird: 
„Er begehre nimmer zu schauen, was die Götter bedecken mit Nacht und Grauen," — 
Wiederum stehen wir an dem Kreuzwege, den die Züricher Schule — vorzeitig — 
gesehen zu haben glaubte. Für den Sekundärvorgang sind ödipus und Kastration Wirk- 
lichkeiten und als solche anzuerkennen. Aber in der anderen Richtung (Goethe: „ins 
Unbetretbare, nicht zu Betretende") gibt es keine Kausalität und also auch keine Wirk- 
lichkeit. Wir sehen nur Spiegelungen. Aber was für Spiegelungen sind das ? Die 
Psychoanalyse gibt uns einen Schlüssel in die Hand, der uns über Piatons Höhlen- 
Gleichnis endlich hinaus führen wird. „Versinke denn — ich könnt auch sagen steige!" 

— 139 — 



und auch in hysterischen Symptomen für den Penis steht : „Verlegung 
von unten nach oben" eines unpaarigen, vorstehenden, halbsteifen 
Gebildes. Wir wissen, daß Mädchen durch eine Periode des Penis- 
neides durchgehen müssen, von der sie später meistens nichts wissen. 
Sie empfinden bitter, daß sie etwas nicht besitzen, das größere Macht, 
mehr Ansehen und Wertschätzung verbürgt (Kastrationskomplex). 
Somit verstehen wir die Organsprache unseres Mädchens. Sie sagt : ich 
will ein Mann sein, aber ich kann keiner sein. Die Organsprache ver- 
dichtet wie der Traum, und das Symptom spricht noch anders und 
unmittelbarer zu uns : die Schwester hat einen Mann — ich will auch 
einen. Das Symbol — die eigene Nase — kann aber nicht befriedigen : 
der Jammer ist gerechtfertigt, wenngleich er mit der Nase selbst nichts 

zu tun hat. 

Ein hypochondrischer Mann zeigte ein anderes Konversionssymptom. 
Er beklagte sich über seine Zunge, behauptete, da läge beginnender 
Zungenkrebs vor, trug auch einen Spiegel in der Westentasche, den 
er immer wieder hervorzog, um sich zu seinem nimmer endenden, 
immer wieder erneuerten Schrecken zu überzeugen, daß die Zunge 
krank sei. Er begab sich von einem Doktor zum anderen und erklärte 
sie allesamt für Schelme, die sich verabredet hätten, ihn anzulügen. 
Die Analyse zeigte, daß auch hier ein unschwer zu deutendes Symbol 
vorlag. Er war fünfzig Jahre alt, Junggeselle und lebte seit vielen 
Jahren mit seiner verwitweten Schwester zusammen. Das weibliche 
Geschlechtsorgan und inzestuöse Gedanken, die es umspannen und in 
denen die Zunge eine Rolle spielte, drückten sich in dieser Form der 
Organsprache aus. Außerdem ein Kastrationskomplex, ^denn Zungen- 
krebs muß operiert werden und die Zunge ist ein unpaariges, vor- 
streckbares Organ wie die Nase und deshalb zur konvertierenden Ver- 
legung von unten nach oben besonders geeignet. 



Man glaubte früher, daß Hysterie nur bei Frauen vorkomme. 
Heute weiß man, daß es genug hysterische, d. i. konvertierende 
Männer gibt. Dennoch ist die Hysterie eher dem weiblichen Geschlechte 
zuzurechnen und hysterische Männer gelten uns eher als weibisch. 
Hysterie tritt bei Männern auf Grund der gekreuzten Vererbung und 

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Aufzüchtung männlicher und weiblicher Eigenschaften auf. In dem- 
selben Sinne ist Zwangsneurose männlich, wie die Hysterie eigentlich 
v/eiblich ist. Es gibt zwar viele weibliche Zwangsneurotiker. Aber sie 
sind es auf Grund von Desexualisierung geworden. Wir wissen, daß 
allerlei hysterische Symptome im Bauche: Pseudogeschwür, Pseudo- 
Blinddarmentzündung, Gasblähungen aller Art, auch falsche Gallenstein- 
koliken die Schwangerschaft symbolisieren. Hysterischen ist wiederholt 
gelungen, selbst Fachärzte zu täuschen. Man hielt sie für schwanger 
im fünften und im sechsten Monat, obgleich nichts da war als Blähun- 
gen und ein Gaskind, das dann auch eines Tages mit dem Stuhle ab- 
ging. Das Symptom drückt die Idee der Schwangerschaft aus und die 
Gefühlsbetonung, die das Symptom verbirgt, ist die Ambivalenz: ich 
will ein Kind haben und will es nicht; ich fürchte mich davor. Das 
Symptom verbirgt ja auch die männliche Person, die als Vater des 
Kindes gedacht und ins Unbewußte verdrängt worden ist. Zahlreiche 
wohlbekannte hysterische Symptome außerhalb des Bauches drücken 
den nämlichen Konflikt aus: der Globus hystericus, Ekelgefühl, Er- 
brechen, Heiserkeit, Lähmungen, Frigidität, — die Hysterika hat immer 
einen sexuellen Konflikt und die Alten wußten das und nannten das 
Leiden nach „Hysteron", der Gebärmutter. 

Wie soll man aber männliche Hysterie verstehen? Welche 
Rolle können Schwangerschaftsideen bei einem Manne spielen? Ein 
junger Mann von etwa 23 Jahren — wir nennen ihn Karl — litt an 
einem nervösen Magengeschwür, das aller Behandlung trotzte und 
gerade operiert werden sollte, als es ohne erkennbare Ursache „von 
selbst" heilte. Karl konnte sich freilich seiner Genesung nicht recht 
freuen, denn an Stelle des Magenleidens wurde er jetzt von einer quälen- 
den Angst heimgesucht, die ihm um Vieles unangenehmer war als 
das körperliche Leiden. Dieser Jüngling hatte erleben müssen, daß 
der geliebte und bewunderte Vater die Mutter verließ und eine andere 
Frau heiratete. Karl hätte das dem Vater nicht so übel genommen, 
wenn der Vater ihn mitgenommen hätte. Er wollte durchaus das 
Leben mit dem Vater teilen, phantasierte sich zu diesem Ende immer 
mehr in ein weibliches Wesen um, bis er auf hysterischem Wege, 
d. i. in körperliches Symptom konvertiert, sogar Schwangerschaftsideen 
produzierte. Einige Jahre später gebar die zweite Frau des Vaters ein 

— 141 — 



Kind. Damit war jede Hoffnung Karls geschwunden, daß der Vater 
sich anders besinnen könnte. Das Kind war da, aber nicht er, natur- 
gemäß, konnte es dem Vater schenken. Das Symptom im Bauche 
drückte die Situation nicht mehr aus und verschwand. An dessen Stelle 
trat Furcht. Furcht oder Phobie ist eine dritte Form von Neurose, an 
der die Psychoanalyse besonders interessiert ist. Sie ist der Hysterie 
verwandt, deshalb von Freud auch Angsthysterie genannt. Angst- 
hysterie führt in jedem einzelnen Falle auf den Kastrationskomplex 
zurück. 

Das Wort Kastrationskomplex mag vielleicht hie und da 
einen Laien, der von der Psychoanalyse nur die Schlagworte kennt, irre 
führen. Gemeint ist nicht die Kastration im Sinne der Landwirtschaft, son- 
dern der Verlust des äußeren männlichen Sexualorganes, besonders des 
Penis. Die Psychoanalyse versteht unter Kastration die Verwandlung eines 
Mannes in ein Weib in einer gewöhnlich als blutig phantasierten Form. Ich 
erinnere mich sehr gut des Widerstandes, den die Einführung des 
Kastrationsgedankens bei mir selbst hervorrief, und ich weiß, daß 
kaum irgend ein Teil der psychoanalytischen Lehre mehr auf Be- 
fremden des sogenannten „gesunden Menschenverstandes" stößt. Es- 
ist in der Tat schwierig, den Kastrationskomplex so einfach als All- 
gemeingut des zivilisierten Menschen zu erklären wie etwa den 
Ödipuskomplex. Jedermann sieht, daß wir alle mit unserem ersten 
Problem, dem Urdreieck Vater — Mutter — Kind, zu kämpfen und fertig 
zu werden haben. Daß hier Todeswünsche und inzestuöse Begierden 
sich bemerkbar machen oder machen können, ist unschwer einzusehen. 
Daß aber die Angst um den eigenen Penis und der Neid des Mäd- 
chens fast ebenso ernst genommen werden müssen wie das Urdreieck 
selbst, läßt sich kaum anders erklären, als mit der einfachen Fest- 
stellung, daß wir es in unseren Analysen immer wieder so finden. 
Wer sich von dem universellen Vorhandensein des Kastrationskom- 
plexes überzeugen will, der muß sich selbst einer Psycho- 
analyse unterziehen. Er kann auch die umfangreiche psycho- 
analytische Literatur bei Freud und seinen Schülern nachlesen. Wir 
haben aber die Erfahrung gemacht, daß die Mitteilung so erstaunlicher 
Entdeckungen fast niemals überzeugt. Es scheint, daß unsere 
Kultur nicht mehr gerne begreifen will, daß der Narzißmus, die Ver- 

— 142 — 



J 



r 

liebth« 



liebtheit in den eigenen Körper, den Penis für den wichtigsten Teil 
hält. Primitive Völker, die dem Phalluskulte ergeben sind, dürften 
das besser begreifen. Auch ist der Kastrationskomplex, der auf der 
Überschätzung des Penis beruht, im selben Sinne wie der Ödipus- 
komplex mit dem Patriarchate verknüpft, dem Männerstaat, in dem 

wir leben. 

si- 
Im Folgenden ein Beispiel für den Kastrationskomplex und dessen 
Auftauchen in der psychoanalytischen Behandlung. Es handelt sich um 
einen 26-jähngen jungen Mann, der an Angstzuständen litt. Seine 
früheste Erinnerung war die an eine Szene im dritten Lebensjahr; er 
war damals Zeuge, wie sich sein Vater in einer großen Gefahr einer 
Waffe bedienen mußte. 

Diese Erinnerung verbirgt Angst vor dem Vater. Das Kind sieht im 
Vater einen Held, einen furchtbaren Gegner und Mörder. Die ersten 
Wochen der Analyse sind mit Träumen angefüllt, die den Kastrations- 
komplex immer deutlicher zeigen; z. B. : 

„Ich bin auf der Straße. Ein Rabe oder ein ähnlicher Vogel mit riesi- 
gem schwarzem Schnabel. Er liegt auf dem Boden, blutig, gerupft, halb- 
tot. Die Mutter kommt, hebt den Vogel auf. Der bewegt die Flügel, kann 
aber nicht auf . . ." Solche Kastrationsträume sind typisch für Impotenz. 
Dazu noch andere Erinnerungen wie die an einen Schmetterling, 
der tot auf dem Boden lag und sich dennoch bewegte, — vermutlich, 
weil Ameisen oder andere Insekten ihn fraßen, — eine besonders 
schreckhafte Erinnerung. 

Viel später in der Analyse ein Traum: „Ich liege mit meiner Tante 
im Bett. Sie ist die Schwester des Vaters. Sie ist nackt und viel schlan- 
ker, als sie in Wirklichkeit ist. Ich streichle ihr mit der Hand über den 
Rücken, sage aber, trotz heftiger sexueller Gefühle, in heuchlerischer 
Weise zu ihr : Das ist nichts ; das ist gerade so, wie ich oftmals meinen 
Vater gestreichelt habe." 

Wirklich ist er oft beim Vater im Bett gelegen, der Vater war sehr 
zärtlich, solange er im Hause war. Der Traum hält die Fiktion derHetero- 
sexualität und der Inzestschranke mühsam aufrecht. Kurze Zeit nach 
diesem Traum und im Anschluß an eine unerquickliche Auseinander- 
setzung mit dem Analytiker, es handelte sich um die Bezahlung der 






— 143 — 



Rechnung, träumt der Patient : „Ich lag mit meinem Vater im Bett. Er hat 
ein ungeheuer großes Glied und will mich vergewaltigen. Ich fühle mich 
vollkommen als Weib in diesem Traum und bin gleichzeitig sehr ängst- 
lich, aber dennoch liebevoll und zärtlich ..." 

Hier ist die drohende, gefürchtete und erstrebte Umwandlung in 
ein Weib, die Kastration, vollzogen und ängstlich akzeptiert. Wende- 
punkt der Analyse. Er beginnt zu begreifen, daß seine Angst ihre 
Wurzeln im Kastrationskomplex hat. Viel Material quillt ssnmehr 
heraus. Er masturbiert mit der Phantasie : Eine Frau springt auf ihn 
und schlachtet ihn, indem sie ihm die Kehle durchschneidet. Der Vater 
ist in der Phantasie in eine Frau umgewandelt, damit der Patient 
ein Mann bleiben kann. Eine andere Phantasie : Eine Frau melkt ihn, 
gibt den Samen in ein Fläschchen und trägt es fort. Das empfindet er 
als besonders demütigend. Sie trägt seine Männlichkeit fort. Beide Phan- 
tasien zeigen den masturbatorischen Akt als Kastration. 

Und so zieht sich das von Freud Kastration genannte Motiv durch 
den psychischen Längsschnitt dieses Falles, wo immer man ihn be- 
trachtet. Nichts haßt er mehr, als wenn er passiv sein muß, wobei für 
ihn die Begriffe weiblich und passiv zusammen fallen. Manchmal fürch- 
tet er, sein Ich zu verlieren, .zu vergehen. Dieses Gefühl tritt beson- 
ders dann ein, wenn er passiv sein muß; z. B. wenn er im Gasthaus 
auf den Zahlkellner warten muß. Aktiv kann er aber nicht sein, weil 
er sich fürchtet. So wird er immer wieder kastriert, sogar vom Zahl- 
kellner. Manchmal muß er sich mehrmals vorsagen : Ich bin ein Mann, 
ich bin ein Mann! Weil er fürchtet, sich zu verlieren. Hier sind wir 
beim Thema der Depersonalisation angelangt, das seine Erklärung, 
mindestens einen Teil seiner Erklärung in dieser wundersamen Über- 
schätzung des Phallus finden dürfte, die zum Kastrationskomplex führt. 



Der männliche Hysteriker hat keinen Phallus, weil er sich entmannt 
fühlt, weil er gleichzeitig wünscht und fürchtet, er könnte ein Weib 
sein. (Vgl. hier auch den von Freud analysierten Paranoiafall 
Schreber.) Die hysterische Frau hat keinen Phallus, weil sie den Mann 
nicht als Ergänzung akzeptiert, den Zwang nicht annimmt, der vom 
Manne ausgeht. Heerscharen hysterischer Frauen lehnen die Sexualität 

— 144 — 



in Form des Koitus ab. Andere zeigen jenes hysterisch gesteigerte 
Geschlechtsleben, das aber nur Schein und Selbsttäuschung ist. Phan- 
tasien und Konversionen, die solche Phantasien geheimnisvoll aus- 
drücken, sind ihre eigentliche Realität, während die von uns so ge- 
nannte Realität in Schaum aufgelöst wird. 

Erinnern wir uns des Primärvorganges (des Es, der Magie) und 
seiner Schöpferkraft. Erinnern wir uns des Sekundärvorganges (des Ichs) 
und seines Zwangs. Hysterie ist die Pathologie des Primärvorganges (des 
Es) und Zwangsneurose die Pathologie des Sekundärvorganges. Wenn 
der Zwang schaffen will, als könnte er das unter Ausschließung des 
mütterlichen Anteiles, dann entsteht die leere Form, die Formel, die wir 
in den zwangsneurotischen Symptomen und im zwangsneurotischen 
Charakter finden. Wenn die Ekstase erschaffen und schöpfen will, als 
könnte sie das unter Ausschließung des väterlichen Anteiles (des 
Phallus, der Befruchtung), dann entstehen die schillernden, unrealen, 
vergänglichen Gebilde, die uns in den tausend Formen der Hysterie 
blenden und quälen. Alle Beobachter wissen, daß es keine reine 
Hysterie gibt : immer finden sich zwangsneurotische Anhängsel. Ebenso 
— weniger auffallend vielleicht — zeigen die Zwangsneurotiker hysteri- 
sche Züge. Primärvorgang und Sekundärvorgang kommen in Rein- 
kultur nicht vor. Harmonische (normale) Menschen zeigen die beiden 
Vorgänge in gut diffundierter Mischung. Hysteriker und Zwangs- 
neurotiker zeigen die beiden Vorgänge von einander getrennt, und 
diese Trennung ergibt den pathologischen Befund. Wie überall in 
der Medizin gilt für die Difierentialdiagnose Hysterie oder Zwangs- 
neurose der Grundsatz : a potiori fit denominatio. 

Der hysterische Charakter befruchtet sich selbst und erzeugt Gas- 
kinder. 

Er ist meistens in brausender (hysterischer) Aktivität, er 
schafft unaufhörlich und was er schafft ist unverläßlich, fällt in sich 
zusammen, weil das phallische Element fehlt. Wir finden ihn freilich 
auch gelähmt, erschöpft, in völliger Untätigkeit, — aber trau dieser 
Untätigkeit nicht! Die Gelähmten stehen auf und wandeln, die Er- 
schöpften zeigen sich auf einmal unermüdlich und die Untätigen glei- 
chen den Nachtfaltern, die regungslos an der Wand kleben, um dann 
wieder ruhelos und sinnlos gegen die Hindernisse zu flattern. Mephisto 

P»A. Bewegung 111 — 145 — ... 



ist ein Zwangscharakter, ein Zweifler und Zerstörer. Sein Motto ist: 

Alles, was entsteht, 

Ist wert, daß es zugrunde geht. 

Drum besser war, daß nichts entstünde. 

Der erste Satz dieses Mottos gilt auch für den hysterischen Cha- 
rakter. Auch er findet, daß seine Leistungen wertlos sind. Er verläßt 
sie treulos, verliert schnell alles Interesse an ihnen. Jedoch ist er weit 
entfernt, mit dem Höllengeiste zu folgern: „drum besser war, daß 
nichts entstünde." Das ist eine spitzfindige, logische Folgerung des 
Sekundärvorganges. Der hysterische Charakter, die Ewigkeit und 
Überfülle des Es fühlend, folgert : „Drum muß immer wieder Neues 
geschaffen werden." 

Die Handlungen des Zwangscharakters sind verständlich. Er ist be- 
reit, uns über jeden seiner Schritte gemessene Rechenschaft zu geben. 
Er hat immer recht, er muß immer recht haben, weil er immer das 
Rechte tut. Er stammt so sehr aus der Vernunft, daß er zum 
Ärgernis wird. Wenn er um vier Uhr erscheinen soll, dann klopft er 
Schlag vier an deine Tür, keine Minute früher und nicht eine Minute 
später. Er weiß, was Zeit ist und er ist pünktlich. Der hysterische 
Charakter weiß nicht, was Zeit ist, denn er stammt aus der Primär- 
funktion und wenn er oder sie um vier Uhr erscheinen soll, dann 
kommt er vielleicht einmal um sechs und ein andermal um drei — 
unverläßlich sogar im Zuspätkommen. Wenn der Zwangscharakter ein- 
mal zu spät kommen muß, weil — sagen wir, ein Erdbeben oder ein 
Eisenbahnzusammenstoß ihn zurückhielten, dann fühlt er sich schuldig, 
weil er nicht das Rechte getan hat und entschuldigt sich auf das Pein- 
lichste. Zu früh kommt er niemals, weil er vor .der Tür seine Zeit 
abwartet, selbst wenn es stürmt und schneit — falls er ein kompletter 
Zwangscharakter ist. Die Hysterika entschuldigt sich kaum, wenn sie 
zu spät kommt. Sie ist da und das ist die Hauptsache. Manchmal 
spielt sie die Verzweifelte und beschließt ein anderer Mensch zu wer- 
den und nie wieder zu spät zu kommen. So etwas tut der Zwangs- 
charakter nicht. Er weiß, daß es unmöglich ist ein anderer Mensch zu 
werden, sowohl gleich im Augenblick wie ab nächsten Montag. Man 
tut einfach seine Pflicht, und man hat es nicht nötig sich zu ändern. 
Der Begriff der Zeit gehört zum Sekundärvorgang, sein Material 



146 



muß aber aus dem Primärvorgang stammen, wie alles Material, dessen 
sich der Sekundärvorgang bedient. Es ist nicht schwer, dieses Material 
im ewigen Tik-Tak, dem Wiederholungszwang, zu erblicken, dem alles 
Lebendige unterliegt. Dieser Wiederholungszwang ist im hysterischen 
Charakter noch nicht zur Regelmäßigkeit des Zeitbegriffes geworden. 
Zwar wiederholt sich die Hysterika, immer wieder aufbauend und 
das Aufgebaute zerstörend, aber der zeitliche Ablauf ihrer Tätigkeit ist 
Meßinstrumenten kaum zugänglich. Der Zwangscharakter schützt sich 
mit seiner Uhr, die er in der Hand hält und nützt so einen Charakter 
der Zeit aus, den Freud in „Jenseits des Lustprinzips " (Ges. Sehr. 
Bd. VI, S. 215 f) andeutet. Wenn die Reize der Außenwelt ungeord- 
net und alle auf einmal an unsere Sinnesorgane herankämen, würden 
sie uns überwältigen. Die Anordnung der Reize in zeitlicher Folge 
schützt uns („Reizschutz"). Es kommt immer einer nach dem anderen 
durch ein Tor, das vom Wächter Zeit behütet wird . . . 



Die Schauspielkunst sollte die eigentliche Domäne der Hyste- 
rika sein, weil sie ja immer spielt, sich selbst und die Welt nicht ernst 
nimmt. Aber jede Kunst verlangt Ernsthaftigkeit, Verläßlichkeit, Kunst- 
verstand und deshalb mögen die Regisseure die hysterische Schauspie- 
lerin nicht recht leiden. Sie ist einmal gut über alle Maßen und du 
empfiehlst deinem Freunde, er möge sie in dieser großartigen Leistung 
bewundern. Aber sie kann an einem anderen Abend schlecht sein 
über alle Begriffe. Sie selbst weiß niemals im voraus, ob sie gut oder 
schlecht sein wird. Der Zwangscharakter ist niemals so gut, wie der 
hysterische in seinen höchsten Paraden sein kann. Aber er ist immer 
gleich gut, verläßlich, ein Arbeiter, der sich selbst zuschaut und des- 
halb die Stütze des Ensembles. Regisseure geben sich die größte Mühe, 
schillernde Primadonnen zu zähmen. Das gelingt für eine Zeit lang, 
besonders wenn sie in ihren Regisseur verliebt sind. In solchen kurzen 
Atempausen wird ihr unphallischer Charakter phallisch, sie lassen sich 
zwingen. Was eine richtige Hysterika ist, bricht aber bald aus dem 
Käfig aus, der Liebe heißt, bleibt noch eine Weile über dem Horizont 
wie eine Fata Morgana und verliert sich dann wieder in die Gesetze, 
besser gesagt die Nicht-Gesetze des Primärvorganges. 

— 147 — 



Der durchgeistigte Schauspieler ist gewissenhaft, studiert seine Bewe- 
gungen vor dem Spiegel und arbeitet sich womöglich zu solcher Voll- 
endung durch, daß man die Arbeit kaum mehr merkt. Man merkt sie 
gelegentlich an Irrtümern. Wenn der Zwangsschauspieler einen Satz 
falsch betont, dann wird er die falsche Betonung nicht mehr los und 
wenn du ihn zehn Jahre später in der gleichen Rolle wieder hörst, 
wirst du ihn bei dem nämlichen Fehler ertappen. Die hysterische 
Schauspielerin stürzt sich mit Leib und Seele in ihre Rolle ohne zu 
überlegen. Ich kannte eine Schauspielerin, die hinreißend und unver- 
geßlich sein konnte. Sie war ganz unintelligent und verstand nicht 
einen Satz von dem, was sie sprach. Sie verkörperte aber ihre Rollen 
so erhaben, daß ich die Erinnerung als kostbaren Besitz durch mein 
Leben trage und gelegentlich an einsamen Stätten versuche, die Verse 
so zu sprechen, wie sie vor dreißig Jahren. Denn ich verstand, was 
sie sagte, wenngleich sie selbst sieh nicht verstand. 

In den wohlhabenden Gesellschaftskreisen, wo Damen wenig mehr 
zu tun haben als schön zu sein, selbst dort gibt es verläßliche 
und unverläßliche Schönheiten. Die Lady ist von verläßlicher 
Schönheit, verläßlich gutem Geschmack, eine ordentliche Person, mit 
der verheiratet zu sein für jeden Großbürger ein Vorteil ist. Sie kann 
die unordentlichen Personen nicht leiden, die wie ein Meteor durch 
die Gesellschaftsräume brausen und aller Männer Blicke — offen oder 
verstohlen — magnetisch auf sich ziehen. Ich habe mir vor langer Zeit 
sagen lassen, man erkenne eine Lady daran, daß sie immer frisiert 
ist. Der hysterische Typ könne sich dem Zwange der Frisur auf die 
Dauer nicht unterwerfen. Dieses Kennzeichen ist nun freilich durch die 
kurzhaarige Mode hinfällig geworden. „Gestehe nur", sagt die Lady 
im heimkehrenden Auto zu ihrem Manne, „du hast dich in die kleine 
Nute verliebt." Sie sagt es ruhig und gemessen, denn sie beherrscht 
ihre negativen Gefühle so gut wie die positiven. Nach einiger Zeit 
kommt der Ehemann reuevoll zu seiner verläßlichen Lady zurück, 
denn mit der Hysterika ist es gar nicht auszuhalten. Sie ist zu jour- 
naliere und hat sie ihren schlechten Tag, kann man rein nichts mehr 
von dem finden, was sie vorher und nachher besonders reizvoll 
macht. 

Zwischen den Zwangscharakteren und den hysterischen ist Feind- 

— 148 — 



schaft gepflanzt. Der Zwangscharakter haßt den Hysteriker und han- 
delt danach, wenngleich seine gemessene Art nicht gestattet, den Haß 
offen zu zeigen oder auch nur viel davon zu sprechen. Der Hysteriker 
möchte seinerseits den Zwangscharakter hassen, wenn er nur has- 
sen könnte. Er spricht von seinem Haß und der leidenschaftliche Ruf 
ich hasse sie (ihn) ! ist hysterisch. Aber er hat nicht genug Cha- 
rakter um zu hassen, und deshalb drückt sich der Gegensatz der Per- 
sönlichkeit mehr in Form von Angst aus. Der Hysterikus fürchtet sich 
vor dem Zwangscharakter und weicht ihm aus. Er erkennt eine Über- 
legenheit, die er niemals erreichen kann, fühlt aber gleichzeitig die 
eigene Überlegenheit, mit der er an guten Tagen jene andere, geord- 
nete Überlegenheit enthusiastisch über den Haufen wirft. 

Als Geliebte ist die Hysterika ein furchtbares Kreuz für den 
zwanghaften, ernsthaften Mann, der auch seine Liebe ernst nimmt. Wie 
sollen Partner zusammenkommen, von denen der eine immer ernsthaft sein, 
der andere immer spielen will und kann. Die Romanliteratur ist voll 
von gerade diesen Konflikten, die aus dem Zusammenprall des Primär- 
vorganges mit dem Sekundärvorgang entstehen. Ich verweise auf mei- 
nen Aufsatz über das „Kindweib" (im „Almanach der Psychoanalyse 
1930"). Dort habe ich die Liebe des hysterischen Weibes geschildert, 
so daß ich sie hier nur anzudeuten brauche. 

Die Hysterika — scheinbar mit übermenschlichen dämonischen Ge- 
walten verbündet — reißt den Zwangsmann hin, bis er alle Vorsicht 
vergißt und ihr verfällt. Kurze Zeit darauf wird er aus allen seinen 
Himmeln gerissen. Er mag sich damit trösten, daß die Hysterika 
gelegentlich den Himmel selbst verführt hat, daß er sie als Heilige 
einließ, um später in nicht geringe Verlegenheit zu geraten. Selbst als 
Heilige bleibt die Hysterika unverläßlich und verfällt gelegentlich dem 
Teufel. 

Man hat den hysterischen Charakter proteusartig genannt, weil er 
wie Proteus in hundert verschiedenen Gestalten auftritt. Der Schlüssel 
zu diesem Rätsel ist die Kastration. Statt den Zwang der Wirklichkeit 
anzunehmen wie die Stute den Hengst, spielt die Hysterika einhäusige 
Pflanze. Die Psychoanalyse hat festgestellt, daß die Hysterika an ihren 
Vater fixiert ist und von ihrem Ödipuskomplex nicht los kommt. Sie 
kann nicht wie das normale Weib ihr erstes Erlebnis mit einem 

— 149 — 



Manne auf einen wirklichen Geliebten ihrer Generation übertragen 
und dort festlegen. Es ist ihr wahrscheinlich konstitutionell bestimmt, 
sich für ewig an einen Mann zu hängen, der ihr nach menschlichen 
und göttlichen Gesetzen unzugänglich ist. Tiefer als der Ödipuskomplex 
ist die Pathologie des Primärvorganges, der seine notwendige Ergän- 
zung im Sekundärvorgang, das ist in der Realität, nicht finden kann — 
und dennoch immer wieder danach strebt. Der Ödipuskomplex ist 
die erste Erscheinungsform dieser Pathologie. Die hysterische Aktivität, 
die ihre Ziele und Methoden ohne Ende wechselt, dreht sich im Kreise 
wie ein steuerloses Schiff. Wenn man ihr aber ein Steuer anbietet, 
dann kann sie's nicht nehmen und gebrauchen. Don Juan ist ein 
Hysteriker. Man sollte ihn deshalb nicht mit allen Zügen der Männ- 
lichkeit ausstatten, sondern — wie viele Schauspieler, die ihn darzu- 
stellen hatten, instinktiv tun — eher feminin. Freud sagt, Don 
Juan suche ewig erfolglos seine Mutter. Dem widerspricht nicht, daß er 
auch seinen Vater, den phallischen Erzeuger, sucht. In Mozarts Oper 
lädt er den Vater-Gouverneur zu Gaste, und als er ihn wirklich hat 
und berührt, ist sein rasdoses Streben zu Ende und er fährt zur Hölle. 



Der Primärvorgang, von keinem Zwang gebändigt und reguliert, 
bricht ins Bewußtsein und überflutet die Werke der Vernunft. Wirk- 
lichkeit und Phantasie, Wunsch und Erfüllung des Wunsches werden 
verwechselt. Ihrem Wunsche gemäß ist die Hysterika ein Kind. Da 
sie in Wirklichkeit ein erwachsenes Weib ist, kann sie das Kind nur 
spielen. Sie spielt aber auch das Weib, weil sie ihr Erwachsensein 
nicht ernst nimmt und mit kindlichen Elementen durchsetzt. Das macht 
sie reizend und unerträglich. Der chaotische Teil unserer Persönlichkeit 
(das Es, der Primär Vorgang) sind bei ihr mit dem besonnenen Teile 
zu einer untrennbaren Gemeinschaft verschmolzen. Gelegentlich ist sie 
auch wirklich, ist vorübergehend schöner, gut verständlicher, ja sogar 
bewunderungswürdiger Taten fähig. Aber man kann den Zeitpunkt 
solcher erhabener Momente nicht berechnen, sie selbst kann am aller- 
wenigsten voraus sagen, was und wann sie etwas Bestimmtes tun wird. 
Sie ist zu gleicher Zeit wirklich und unwirklich, ist wegen dieser 

— 150 — 



schillernden Wesensart schwer zu verstehen und noch schwerer mit 
Worten zu beschreiben. 

Der hysterische Charakter eignet sich nicht für technische Berufe, 
in denen Unverläßlichkeit lebensgefährlich ist, wie etwa im Eisenbahn- 
dienst. Der hysterische Chauffeur — vielleicht eine reizende junge Frau — 
fährt auf der falschen Seite der Straße und wenn du neben ihr sitzest 
und ihr Vorstellungen machst, dann sagt sie: „die Straße ist ja leer!" 
Sie gibt an Kurven kein Signal: „es kommt ja niemand!" Wenn 
dann doch ein Malheur geschieht oder der Verkehrswachmann sie an- 
hält, dann redet sie sich heraus, indem sie auf alle Fragen konfuse 
Antworten gibt und dabei zeigt, daß sie im Grunde ein charmantes 
Kind ist , bis man Gnade für Recht ergehen läßt. Betrachten wir einen 
Augenblick den Antipoden der Hysterika : der Zwangscharakter gibt alle 
vorgeschriebenen Signale, hält die vorgeschriebene Geschwindigkeit ein 
und wünscht, im Falle einer Verletzung der Verkehrsordnung, strenge 
nach dem Buchstaben des Gesetzes behandelt zu werden. Auch ihm 
kann ein Unfall zustoßen, wenngleich seltener als der Hysterika, aber 
er hält dieses Ereignis, wie alle Ereignisse in seinem Leben, sorgfältig 
von seinem Ich getrennt, beobachtet sie objektiv wie Fremdkörper 
und ist gar nicht geneigt, das Ereignis mit seiner gesamten Persönlich- 
keit zu durchdringen wie die Hysterika. 

Sie hat ein eigentümlich unwirkliches Über-Ich. Die Aufstellung des 
Über-Ichs im eigenen Innern beendigt nach den Lehren der Psycho- 
analyse den Ödipuskonflikt. Aber die Hysterika hat ihr erstes Problem 
ebenso wenig gelöst und beendigt wie irgend ein späteres. Deshalb 
taucht ihr Über-Ich gelegentlich drohend auf, aber es verschwindet 
schnell. Was weiß denn der Primärvorgang von Moral? Aber sie ist 
ewig auf der Suche nach dem Über-Ich, das ja als Zwang zum männ- 
lichen, das ist phallischen Erbgut gehört — und kann es nicht finden. 
Sie hat ihren Vaterbegriff in Dampf aufgelöst und überzieht mit diesem 
Hauch von „Muß" alles was sie tut. Die Wirklichkeit und die Furcht- 
barkeit des Über-Ichs gehen dabei verloren. Das Über-Ich kann — 
wie wir wohl wissen — den Menschen töten. Aber es tötet die Hysterika 
nicht. Zwar spricht sie viel vom Tode, wünscht sich den Tod und 
ist das eigentliche Urbild aller (nach ihr benannten hysterischen) 
Selbstmordversuche. Unter einem hysterischen Selbst mordver- 

— 151 — 



suche versteht man einen Versuch, der von Anfang an auf Miß- 
lingen angelegt zu sein scheint. Er ist aber — dem irrealen Charakter 
der Hysterika entsprechend — weder auf Gelingen noch auf Miß- 
lingen angelegt. Das Feld des Todes ist immer gefährlich, und manche 
Hysterika, die sich zu weit aus dem Fenster beugt, fällt hinunter, ist 
tot und hat es weder gewollt, noch nicht gewollt. Immerhin liegt 
selbst im Spiele mit dem Selbstmord ein Stück Verzweiflung; und da 
es kaum eine Hysterika gibt, die nicht mit der Idee des Todes spielte, 
scheint diese zerstörende Tendenz im Primärvorgang stark zu sein. 
Sie wird nach Freud mit Hilfe des Sekundärvorganges, der die 
Muskulatur beherrscht, nach außen motorisch abgeleitet. Die Hysterika 
verwendet den Sekundärvorgang ungenügend. Deshalb ist auch ihre 
zerstörende Tendenz (Destruktionstrieb, Todesprinzip) nicht reguliert, 
sie schwimmt darin und wird gelegentlich verschlungen. 

Es sieht aus, als triebe die Hysterika ein gefährliches Spiel, während 
der Zwangscharakter, der nach Sicherheit strebt und nach sauberer 
Isolierung seines Ichs, verhältnismäßig ohne Gefahr dahin lebe. Dem 
ist aber in Wirklichkeit nicht so, denn der extreme Zwangscharakter 
ist ebenso pathologisch wie der hysterische und zerstört sich selbst auf 
seine Art. Man kann ihn mit einem Land vergleichen, in dem es zu 
viele Verordnungen gibt. Der Hysterika kann im Grunde nichts 
passieren, weil sie als Individuum kaum existiert. Sie gleicht in diesem 
Sinne dem primitiven Menschen, der von seiner Individualität keinen 
Gebrauch macht, sondern als Teil seines Stammes lebt. Die Hysterika 
bezieht einen möglichst großen Teil der Außenwelt in ihr Ich ein. In 
der psychoanalytischen Terminologie ausgedrückt, heißt das: sie 
überträgt ihr Ich enthusiastisch auf hundert Objekte, die sie dann liebt 
wie sich selbst, die für sie Leben haben wie sie selbst und die nur 
leider ebenso flüchtig dahinschwinden in der übermäßigen Beweglich- 
keit dieser Libido-Übertragung. Wir wissen, daß unser kulturelles Ich 
durch Reduzierung auf die eigene Person entstanden ist. Früher war 
es nicht mit den Grenzen unseres Körpers zu Ende, sondern die Mutter, die 
Tribus, alles Lebendige, schließlich alle Gegenstände, das Universum 
waren magisch mit dem Ich in Eins verschmolzen. Wollten wir dem- 
gemäß genetisch urteilen, müßten wir sagen: die Hysterika hat ihr 
Ich nicht reduziert. Wir bedienen uns in der Psychoanalyse einer an- 



152 — 



- 






deren Anschauungsform, gehen vom Individuum aus, wie es uns heute 
in der Kulturwelt als Phänomen gegeben ist und sagen lieber: die 
Hysterika breitet ihr Ich durch Übertragung aus. 

Zunächst überträgt die Hysterika ihr Ich auf den eigenen Körper 
und läßt ihn mitsprechen in jener eigentümlichen Organsprache, die 
Freud Konversion genannt hat. Die Konversion in Form von Dys- 
menorrhöe, von Erröten, von Tic und Impotenz interessiert vielleicht 
vornehmlich den Arzt. Aber die Entwicklung des Menschen zur 
Schönheit und die geheimnisvolle Hysterie der Schönheit muß den 
Anthropologen interessieren. Die Kraft und Mystik der Schönheit ist 
identisch mit dem Geheimnis der Konversion. Geistiges ist hier kör- 
perlich geworden, und die Wirkung ist gleichwohl geistig geblieben. 
Jene weiblichen Schönheiten, die in der Weltgeschichte berühmt ge- 
worden sind, meistens zerstörende Schöne wie Cleopatra oder 
Lucretia Borgia und zerstörende Schönheiten der Weltliteratur 
wie Helena, Salome, Manon Lescaut, Zolas Nana — zeigen 
hysterischen Charakter. Für die Hysterika gibt es das Körper-Seele- 
Problem nicht. Sie fühlt, daß Körper und Seele eins sind, und braucht 
keinen Spinoza, um das zu entdecken. Deshalb kann sie erhabene 
und durchgeistigte Schönheit bieten, nicht nur körperlich, sondern 
auch künstlerisch, wenn man nur auf Verläßlichkeit verzichtet. 

Körper und Seele sind für den Primärvorgang eins. Die Grenzen, 
welche der Sekundärvorgang aufstellt, sind nicht absolut, weder die 
zwischen Ich und Außenwelt noch die zwischen recht und unrecht, 
wahr und falsch, Schmerz und Genuß, Furcht und Wunsch, Zu- 
neigung und Abneigung, Entzücken und Ekel, Lebenslust und Selbst- 
mord. Im Zustand der Ekstase oder des Rausches sind alle diese 
Grenzen verwischt. Man könnte den hysterischen Charakter auch den 
ekstatischen nennen. Zwar ist er trunken ohne Wein, aber er ergibt 
sich gerne und schrankenlos dem Alkohol und allen anderen Rausch- 
giften. Hysterie stellt das Hauptkontingent zu Morphinismus und 
anderen Süchten. In den Alkaloiden, die körperlich sind und in win- 
ziger Menge großartige geistige Veränderungen herbeiführen, haben 
wir die Gegenkonversion vor uns: die Umwandlung von körper- 
lichen Substanzen und Wirkungen in Ideen, Phantasien, Entschlüsse, 
Emotionen aller Art. Wer weiß, ob der Mechanismus der hysterischen 

— 153 — 



Konversion, von dessen eigentlicher Wirksamkeit wir nichts wissen, 
nicht dieser eigentümlichen Wirkung der Gifte in der Natur ver- 
wandt ist. Wie dem immer sei, Hysterische begreifen schnell, daß die 
künstliche Berauschung den natürlichen Rausch ihres Charakters unter- 
stützt. Ärzte wissen manchmal nicht recht, ob sie einem Patienten, der 
Schmerzen hat, Serien von Morphiumspritzen geben dürfen, ob da 
und wie groß die Gefahr der Gewöhnung ist. Diese Frage beant- 
wortet sich nach dem Charakter des Patienten. Der hysterische Charak- 
ter ist in größerer Gefahr als der Zwangscharakter. Ein musterhafter 
Buchhalter, Kassierer, Bibliothekar, ein System-Philosoph, ein experi- 
menteller Psycholog, ein Sammler — solche Charaktere werden nicht 
so leicht dem Morphinismus verfallen. Sie sind ordentliche Menschen, 
und wenn ihnen der Arzt sagt, daß sie das Rauchen aufgeben sollen, 
so werfen sie die Zigarette weg, die sie im Munde haben und zün- 
den keine mehr an. Hingegen ist die Hysterika zu unordentlich, um 
irgend etwas aufzugeben, was Genuß und Ekstase gewährleistet. Das 
Volstead-Gesetz in Amerika ist sicherlich nicht das Ergebnis hysteri- 
scher Charaktere. Hier war Zwang am Werke, und die Auswirkung 
der Prohibition zeigt, daß der Zwang nicht immer zu befriedigenden 
Resultaten führt. 



Der Zwangscharakter denkt alles zu Ende. Das Instrument des 
menschlichen Verstands ist aber nicht geeignet, irgend einen Gedanken 
zu Ende zu denken. Somit ist das Endresultat des Zwangsgrüblers immer 
wieder Zweifel und Zerfall des errichteten Gedankengebäudes. Sein 
Denken führt immer wieder zu Fehlschlüssen, fehlerhaften Zirkeln, Irr- 
tümern und falschen Resultaten, wie die Faktoren Null und Unendlich 
in mathematischen Scherzproblemen. Eine gewisse Borniertheit haftet 
diesen Systemdenkern an. Auch die Hysterika hat ihre Borniertheit: 
sie will den Unterschied zwischen Realität und Phantasie nicht sehen. 
Diese Borniertheit trägt ganz anderen, nämlich ekstatischen Charakter. 
Nehmen wir einmal an, Napoleon sei ein Hysteriker gewesen. Der 
preußische General Blücher, sein Gegner und schließlich Uberwinder, 
ein Zwangscharakter vom Scheitel bis zur Sohle, sagte von Napoleon 
„Laßt ihn laufen! Im Grunde ist er nur ein dummer Kerl!" Hier 

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haben wir den Gegensatz. Welche Borniertheit, die Größe eines 
Napoleon nicht zu sehen. Der Sohn Napoleons, genannt Herzog von 
Reichstadt, soll einmal seinen Großvater, den Kaiser Franz von Öster- 
reich über Napoleon gefragt und folgende Antwort erhalten haben: 
„Dein Vater war ein Mann, der niemanden in Ruhe lassen wollte. 
Deshalb haben wir ihn einsperren müssen." Wiederum eine bornierte 
Äußerung. Jedoch besteht kein Zweifel, daß Blüchers Wort auch ein 
Stück Wahrheit enthält und ebenso das des armseligen Tyrannen 
Franz. In der hysterischen Aktivität liegt ein Stück Borniertheit. In ihr 
liegt ja auch ein Stück Zwang. Die Hysterie ist im Grunde nicht 
schöpferisch, weil ihr Zustand sie zwingt, immer schöpferisch zu sein 
— und das ist borniert. Der Zwangsmensch ist borniert, weil er keine 
Genialität besitzt. Der Hysterische ist borniert, weil er keine Disziplin 
besitzt. Ein altes Wort sagt : das Genie ist der Fleiß. Ich glaube nicht, 
daß dieses Wort die Wahrheit trifft. Genie ohne Fleiß bringt es nicht 
zur Vollendung und Fleiß ohne Genie nützt auch nicht viel. Ich weiß, 
daß ich damit eine triviale Wahrheit ausspreche, aber sie gehört in den 
Zusammenhang. Die Tragödie des Genies ist seine hysterische Aus- 
artung. Es hat viele Genies dieser Art gegeben. Kraftgenies, Stürmer, 
Dränger, als Halbgötter geboren, als Unvollendete gestorben, umgeben und 
überholt von mittelmäßigen Talenten, die unentwegt gearbeitet haben, 
bis der Primärvorgang sich des fleißigen Arbeiters erbarmte und etwas 
aus ihm machte. 

Der Hysterische ist fast immer unbrauchbar, aber man muß ihn lieb 
haben. Der Zwangsmensch ist vielfach brauchbar ; Freuds anale Trias : 
reinlich, sparsam, pedantisch ist unbedingt staatserhaltend. In Kleinig- 
keiten pedantisch zu sein ist nicht jedermann gegeben. Aber ein Lehrer 
soll in Kleinigkeiten pedantisch sein, damit die Buben und die Mädel 
gut schreiben und Klavier spielen lernen. Ich hatte einen Klavierlehrer, 
der es mir nicht durchgehen lassen wollte, daß ich eine Note ausließ 
oder wie er sagte — unter das Klavier fallen ließ. Wenn das geschah, 
dann sagte er mir nicht etwa, daß und was ich übersprungen hatte, 
sondern er ließ mich das Musikstück von Anfang an wiederholen. 
Wenn ich an der nämlichen Stelle angelangt den nämlichen Fehler 
machte, dann ließ er mich von neuem beginnen und dabei zählte er 

I triumphierend : wir. wiederholen jetzt zum fünften, zum siebenten, zum 



155 



neunten Male! Es war ein trotziger Kampf, und das Resultat dieser 
Methode ist, daß ich heute nicht Klavier spielen kann. Hier war die 
gesunde Pedanterie eines guten Lehrers in sadistischen Starrsinn aus- 
geartet. 

Ein Statistiker muß pedantisch sein. Er sollte aber auch Schöpfer- 
kraft besitzen, damit er erkenne, in welcher Richtung er seine Zahlen 
zu ordnen habe, welche Faktoren er mit einbegreifen müsse und wie 
sie zu beurteilen seien. Im Wesen der Statistik als Wissenschaft liegt 
ein prinzipieller Fehler. Um ein guter Statistiker zu werden, muß man 
ein Zwangscharakter sein. Ein anderer als ein solcher wird sich kaum 
zu dem Thema hingezogen fühlen. Somit wird es um die Schöpfer- 
kraft schlecht bestellt sein und deshalb steht es nicht sehr gut um diese 
Wissenschaft. Der Volksmund sagt, mit Statistik könne man schließlich 
alles beweisen und ein böser Mensch hat das Witzwort geprägt, es 
gebe zwei Arten von Lügen: gewöhnliche Lügen und statistische. 
Das ist eine unverdiente Kennzeichnung von Menschen, die ordentlich 
und gewissenhaft ihr Tagewerk ausüben, wie sie's verstehen. 

Die Wissenschaft braucht Zwangscharaktere, sonst verliert sie den 
Boden, auf dem sie ruht: die Sicherheit des Beweises. Ein Mathema- 
tiker soll nach der Aufführung von Beethovens Eroika gerufen haben : 
„Was beweist das?" Ein Zwangscharakter ! Die Größe eines Gelehrten 
zeigt sich aber darin, daß er die Grenzen der Wissenschaft kennt, das 
Unbeweisbare, Nicht-zu-beweisende. Der Professor, den außer seinem 
Fache nichts interessiert, ist nicht nur eine Figur unserer Witzblätter, 
er ist auch eine unliebenswürdige, für seine Mitmenschen ungemütliche 
Erscheinung. Er ist oft ein schlechter Kerl, dem Ordnung über alles 
geht. Schopenhauer, der wohlhabend war, schrieb seiner Schwester, 
die etwas Geld bei ihm borgen wollte, einen harten, abweisenden 
Brief: er könne keinen Heller hergeben, weil er als Gelehrter immer 
in geordneten Verhältnissen leben müsse, um arbeiten zu können. 
Zwangscharaktere werden das gut heißen, hysterische nicht. Es ist wie 
in der alten Fabel Lafontaines: die Grille und die Ameise. Man läßt 
die Kinder in der Schule diese Fabel auswendig lernen, damit sie er- 
kennen, daß man fleißig und sparsam sein müsse wie die Ameise und 
nicht sorglos und flatterhaft wie die singende Grille. Aber Kinder sind 
regelmäßig mit ihrem Herzen auf Seiten der Grille. Sie verstehen die 

— 156 - - 



Grille besser als das Du-mußt-Prinzip der Ameise. — Als im Jahre 
1848 auch in Frankfurt Revolution war, kam eine Offizierspatrouille in 
Schopenhauers Wohnung, um auf die Rebellen hinter den Barrikaden 
zu schießen. Schopenhauer brachte seinen Feldstecher, damit der Offi- 
zier die „Kanaillen" besser sehen könne. Er war nicht gegen eine Än- 
derung der sozialen Verteilung, er war gegen die^Störer der Ordnung er- 
bittert, die seine tägliche Routine störten. Als ich einem Gelehrten, 
dessen Gutherzigkeit und Hochachtung vor menschlichen Existenzen 
allgemein bekannt war, diese Geschichte erzählte, sagteer: „Das kann 
ich verstehen. Ordnung muß sein." Der Zwangscharakter des Gelehrten 
trug den Sieg über seine Gutherzigkeit davon. 

Gutherzigkeit gehört zur Hysterie. Aber was nützt die hysterische 
Gutherzigkeit, die so unverläßlich ist? Die Wohltätigkeit des Zwangs- 
charakters ist verläßlich. Sie füllt die Welt mit Spitälern, Waisen- 
häusern, Asylen aller Art, Stiftungen, Schulen. Freilich sind die Kinder 
in den Waisenhäusern und die Witwen in den Asylen oft zu Waisen 
und Witwen geworden, weil gewisse sadistische Instinkte des reichen 
Wohltäters die Väter und Gatten frühzeitig ins Grab gebracht haben. 
Aber wenn diese sadistischen Instinkte nun einmal da sind und die 
Welt mit Zerstörung erfüllen, so ist es immerhin besser, daß reaktive 
Charaktere ihren Sadismus in Menschenliebe umwandeln können 
und wenigstens zum Teile wieder gut machen, was sie verbrochen 
haben. Es scheint uns Psychoanalytikern (Freud, Ges. Sehr. Bd. VI., 
S. 320 ff.), als wäre der soziale Sinn gerade dort, wo er seine 
reichsten Früchte zeigt, durch Verwandlung aus einem antisozialen 
Sinne entstanden. Unter dem Drucke des Uber-Ichs verwandeln sich 
Haß, Neid, Schmutz und Egoismus aller Art in sozial hochwertige 
Eigenschaften. Ich glaube nicht, daß diese Feststellung den Wert 
hoher Vollendung herabsetzt. Im Gegenteil! Wenn die Vollendung 
durch harte Arbeit entstanden ist, dann muß man sie umso höher 

schätzen. 

* 

Der Gegensatz zwischen dem hysterischen und dem Zwangscharakter 
zeigt sich auch im Leben von Völkern. Wegen der größeren 
Dimensionen, die wir in der Völkerkunde und Weltgeschichte vor 
uns haben, zeigen sich die Unterschiede hier noch deutlicher als 

— 157 — 



beim einzelnen Individuum. Im Allgemeinen läßt sich sagen, daß der 
Südländer mehr zum hysterischen, der Nordländer mehr zum 
Zwangstyp gehört. Wie Nietzsche hervorhebt, verzeihen wir eine 
Schurkentat einem Italiener leichter als einem Engländer oder einem 
Schweden. Der Engländer ist moralischer als der Südländer, weil er 
moralischer sein muß. Der Südländer erlaubt sich allerlei Seitensprünge, 
weil sein Über-Ich ihm das gestattet, und man muß ihn nehmen, wie 
er ist, man kann ihn gern haben, auch wenn er ein Lump ist. Kant 
sagt, selbst der Verbrecher habe seinen „kategorischen Imperativ" (die 
Psychoanalyse würde sagen : sein Ober-Ich), und wenn er auch da- 
gegen verstoße, so wisse er doch genau, daß er- Unrecht getan habe. 
Das gilt aber nur für die Welt, die dieser preußische Professor in 
Königsberg um sich sah. Es ist vielleicht kein Zufall, daß Lombroso 
im Süden seinen „uomo delinquente" fand, den Mann ohne Schuldge- 
fühl, d. i. ohne Über-Ich. Man kann nicht sagen, daß die Hysterika kein 
Schuldgefühl hätte. Aber es ist nicht von Bestand, schwimmt davon 
mit allem anderen hysterischen Gut wie eine Photographie, die gut 
entwickelt, aber nicht fixiert ist. 

Das Problem der Lüge zeigt in seinen verschiedenen Schichten viel- 
leicht am deutlichsten den Gegensatz zwischen Primär- und Sekundär- 
vorgang. Man kennt die hysterische Lügenhaftigkeit. Der Vorwurf, 
der im Worte Lüge steckt, ist nicht gerechtfertigt, soweit Hysterie im 
Spiele ist. Denn für den Primärvorgang gibt es keine Wahrheit, 
keinen Zweifel, keinen Gegensatz. Phantasie und Wirklichkeit sind in 
eins verschmolzen und also gibt es auch keine Lüge. Die Hysterika 
gehört nur scheinbar dem Reich der Wirklichkeit an. Es ist unsere 
Schuld, nicht ihre, wenn wir sie ernst nehmen, und sie weiß nicht, 
was wir von ihr wollen, wenn wir sie hart anpacken und lügenhaft 
heißen. Hingegen weiß der Zwangscharakter sehr genau, was Wahr- 
heit ist und was Lüge, und verzeiht Lüge weder sich selbst noch an- 
deren. Im Geschäftsleben und auch im Leben der Wissenschaft, wo 
es auf Wahrheit und Zuverlässigkeit ankommt, ist der hysterische 
Charakter nicht an seinem Platz. Im Reiche des Glaubens, der Schön- 
heit, des Traumes kommt es auf die Feststellung der Wahrhaftigkeit 
so wenig an, daß die Bewertung der Lüge oftmals in das Gegenteil 
verkehrt werden muß: die Hysterika ist nicht sie selbst, ist affektiert, 

— 158 — 



wenn sie die sachliche und verläßliche Person spielt. Die lügenhafte 
Hysterika lügt nicht, sondern sie phantasiert. Wenn sie aber einmal 
mit Emphase die Wahrheit spricht, dann gefällt es ihr gerade, die 
Wahrheit zu phantasieren. 

Die Lügenhaftigkeit, welche „Pseudologia phantastica" genannt 
wurde, enthält ein gutes Stück Zwang. Die Lügen fallen zwanghaft, 
gegen seinen Willen, aus dem Pseudologen heraus. Wir haben schon 
bemerkt, daß es kaum eine Hysterika ohne Zwangssymptome gibt. 
Pseudologia phantastica ist ein Beispiel von ausgiebiger gegenseitiger 
Durchdringung von Hysterie und Zwang. Ursprünglich hat die Pseu- 
dologie mit der vernünftigen Zwecklüge nichts gemein. Sie ist reines 
Spiel und Konfusion. Indem man diese Unglücklichen, die meistens 
von liebenswürdiger Natur sind, mit dem immer wiederholten Rufe 
verfolgt: du lügst, du lügst! zwingt man sie freilich zu einem unent- 
wirrbaren Knäuel von Zwecklügen und prälogischen Lügen, an dem 
sie zugrunde gehen können. Ein achtzehnjähriges Mädchen wird zu 
mir gebracht, weil sie kein wahres Wort spricht, so daß man es zu 
Hause mit ihr nicht aushalten kann. Ich frage sie als Arzt um dies und 
das. Sie antwortet, daß sie verstopft sei, an jedem Abend Mutter- 
blättertee trinke, im vorigen Jahr wegen Blinddarmentzündung operiert 
worden sei. Alles ist gelogen. Sie ist nicht verstopft, hat im Leben 
niemals Mutterblättertee gesehen und ist auch nicht operiert worden. 

— „Sie haben ja gar keine Operationsnarbe." — „Ich war in Paris, 
dort gibt es einen Arzt, der kann Operationsnarben wegmassieren." 

— Das ist natürlich wieder gelogen. Wie aber sieht des Mädchens 
Wahrheit aus? „Ich werde nicht heiraten. Was hat man davon, wenn 
man heiratet? Jetzt bin ich frei, kann machen, was ich will. Verhei- 
ratet kann ich in der Küche stehen, muß mich von einem mürrischen 
Mann beschimpfen lassen und habe noch weniger Geld als jetzt." Das 
und vieles andere dazu erzählt das Mädchen mit geläufiger Zunge. Sie 
gibt wie ein Phonograph wieder, was andere und lebenstüchtige Mäd- 
chen im Bureau, wo sie angestellt ist, gesagt haben. Sie identifiziert 
sich mit diesen Mädchen, und ich nenne gerade das gelogen. Sie tut 
altklug, als ob sie vom Leben was verstünde, als ob sie es ernst 
nähme. Die Wahrheit steckt in ihrer Phantasie, den Tagträumen, deren 
keusche Schönheit preiszugeben sie keineswegs imstande ist. Die Wirk- 



159 






lichkeit ist ihr gleichgültig wie jedem Kinde, Mehr als das: sie ent- 
wertet die Wirklichkeit, indem sie Wahr und Falsch durcheinander- 
wirft. Sie hält sich an die „Allmacht ihrer Gedanken" (Freud), aus 
Unwahrem, einfach dadurch, daß sie es denkt und ausspricht, Wirk- 
lichkeit zu machen. 

In der asiatischen Türkei lernten wir während des Krieges eine 
merkwürdige Lügenhaftigkeit des anatolischen Bauern kennen. Man 
fragte den Eingeborenen: „Sind wir hier richtig nach Güle-Bogas?" 
— er macht eine bejahende Kopfbewegung. — „Ist die Straße gut fahr- 
bar?" — „Sehr gut." — „Ist es noch weit?" — „Höchstens eine Viertel- 
stunde." In Wirklichkeit befanden wir uns vielleicht in der entgegen- 
gesetzten Richtung, viele Stunden weit von dem angegebenen Orte, 
und die Straße verlor sich überdies in einen Sumpf. Als wir uns über 
die falsche Auskunft — man erlebte das immer wieder — genügend 
geärgert hatten, begannen wir darüber nachzudenken, und unsere 
Logiker brachten mehrere Erklärungen. Die erste, daß wir als Un- 
gläubige dem Türken verhaßt seien und daß er uns schädigen wolle. 
Die zweite, daß er uns möglichst schnell los werden wolle und des- 
halb alle unsere Fragen mit ja beantworte. Die dritte, daß er uns mit 
erwünschten Auskünften Freude bereite, deren Ausdruck er miterlebe, 
während er nicht mehr da ist, wenn der Verdruß und die Enttäu- 
schung dran kämen. Alle diese Erklärungen enthalten Logik und unter- 
stellen sie dem Gehaben der Eingeborenen. Der ist aber prälogisch. 
Wenn Allah will, dann liegt Güle-Bogas gleichzeitig vor und hinter 
uns, dann ist die schlechte Straße gut, und tausend Meilen sind wie 
eine Elle. Wir waren dem Türken immer unbegreiflich mit unserer 
hastenden Zielstrebigkeit. Das Märchen ist ihm wichtiger als die Rea- 
lität, und daß er uns belogen habe, wäre ein Vorwurf, den er nicht 
begriffe. Wenn wir ihn dafür aufhängten, würde er mit dem Gefühle 
sterben, das wir Fatalismus nennen, das aber in Wahrheit Gleichgül- 
tigkeit gegen die Realität bedeutet; was wäre denn das für ein be- 
sonderer Unterschied zwischen Leben und Sterben? 

Primitive Völker sterben meistens aus, wenn sie mit der Zivilisation 
zusammenstoßen. Man sagt, wir hätten ihnen den Branntwein, den 
Tuberkelbazillus und andere Gifte gebracht, die sie nicht vertragen. 
Wir bringen ihnen aber auch unseren Sekundärvorgang, den sie nicht 

— 160 — 



vertragen. Sie sagen dann, unsere Magie sei nicht die ihre und sie 
könnten unsere Medizinmänner nicht begreifen. Der Zusammenprall 
zweier grundverschiedener Magien wäre besser verständlich, wenn 
unsere Berichte über primitive Völker nicht von Missionaren und an- 
deren Beobachtern überliefert wären, die mit Wertungen wie Wahr- 
heit und Lüge, Eigentum und Diebstahl so arbeiten, als wären sie 
absolute Begriffe, die man überall gleich anwenden könne. 

Wir können das langsame Hineinwachsen unserer Kinder in den 
Sekundärvorgang beobachten. Ursprünglich benehmen sich unsere Kin- 
der wie die Primitiven. Die Mutter des dreijährigen Erich war ver- 
reist und rief von auswärts an. Als der Knabe an den Fernsprecher 
gebracht wurde, damit die Mutter sein Stimmchen höre, rief Erich in 
den Apparat: „Gerade war das Fräulein Grete Pichler hier!" 
Jas war nicht wahr. Er hatte diese junge Dame vor mehreren Wochen 
einmal auf der Straße getroffen. Seine Eltern kannten diese 
Grete Pichler nur sehr flüchtig. Warum der Name dem Jungen im 
)hre haften blieb, ist unerfindlich. Dem Knaben wurde im ernsten 
Tone gesagt: „Du hast die Mutter angelogen. Weißt du nicht, daß 
aan nicht lügen darf?" — Der Knabe versteht nicht, was man von 
ihm will. Die Kinder werden erst durch die ununterbrochenen Vor- 
ahnungen langsam darauf gebracht, daß es Wertungen wie unmoralisch, 
Grausamkeit, Feigheit, Schlechtigkeit aller Art überhaupt gibt. Erich 
hatte nicht gelogen, wenngleich das mit dem Fräulein Pichler logisch 
nicht stimmte. Zunächst war die Absicht erfüllt, daß die Mutter ihr 
jnd sprechen hören sollte. Es war allen Beteiligten gleichgültig, was 
Erich in das Telephon rief, wenn er nur rief. Und da sollte es gerade 
lern Kinde wichtig sein? Dem Kinde, das an seiner Mutter partizipiert 
ad nur eines beliebigen Jubelrufs bedarf, um sich mit der Entfernten 
zu vereinen? Wenn der dreijährige Erich sich mit einem unartikulierten 
Jauchzen nicht mehr begnügt, sondern ganze, scheinbar sinnhafte Sätze 
spricht, so ist die gebildete Sprache daran schuld. Die dürre Logik 
lieser Sprache : gerade und krumm, wahr oder unwahr, gut und böse 
st für das Kind noch ziemlich gleichgültig. In Augenblicken, die nur 
etwas erhöht sind, ohne daß man schon von Ekstase sprechen könnte, 
rd dem Kinde die Sprache zur prälogischen Gefühlsvermittlung, 
»ie Erwachsenen sagen dann, das Kind habe gelogen. 



PsA. Bewegung III 



— 161 



Um lügen zu können, muß man den Gesetzen der Logik unter- 
worfen sein. Für die Logik gibt es nur eine Wahrheit. Eine Zahl 
ist entweder grad oder ungrad. Niemals ist eine Zahl grad und un- 
grad zugleich. So ist auch ein Ausspruch entweder gelogen oder ge- 
wahrt. Für das prälogische Denken des Kindes besteht — länger als 
die meisten Erzieher meinen — der Unterschied zwischen Lüge und 
Wahrheit noch nicht. Das Kind steht in blumigem Garten noch vor 
dem Eingang in das dürre Feld der Logik, wie Pilatus am Ausgang 
steht und die skeptische Frage stellt: Was ist Wahrheit? Warum sollte 
ein Ausspruch unwahr sein, weil er nicht Wahr ist? Ein vierjähriger 
Knabe erzählt: „Gestern bin ich ganz allein in den Zirkus gegangen, 
habe mir eine Karte gekauft und die ganze Vorstellung angeschaut. 
Die Löwen haben so gebrüllt!" Ich frage: „Ist das aber auch wahr?" 
Der Knabe sagt: „Nein." Jedermann sieht, daß dieses Kind gelogen? 
nein, daß es gedichtet hat. Man müßte den Kindern verbieten zu 
spielen, zu phantasieren, Märchen gerne zu hören, man müßte den 
Menschen verbieten zu dichten und zu lieben, wenn man solche Lü- 
gen ausrotten wollte. Sehr hold nenne ich solches Lügen. Sagt nicht 
der Liebende zur Geliebten, sie sei das schönste, edelste, wertvollste 
Geschöpf unter der Sonne? Und das ist gewiß nicht wahr. Die Klu- 
gen machen den Unterschied zwischen der bewußten (subjektiven) und 
der unwissentlichen (objektiven) Lüge. Sehr wichtig wird dieser Unter- 
schied bei Zeugenaussagen, bei Feststellungen von Gelehrten und im 
praktischen Verkehre des Markdebens. Sehr unwichtig und ohne 
scharfe Grenze ist er bei prälogischen Geschöpfen. Hat der Knabe 
mit dem Zirkus bewußt (subjektiv) oder unwissentlich (objektiv) gelo- 
gen? Die Antwort kann nur lauten, daß dieser Unterschied kaum in 
Betracht kommt. 

Die Psychoanalyse nähert sich den psychischen Problemen von der 
pathologischen Seite. Dadurch gerät sie in Gefahr, ein verzerrtes Welt- 
bild zu liefern. Schon das Wort „hysterischer" Charakter beinhaltet ein 
herabsetzendes Moment. Aber moderne wissenschaftliche Be- 
zeichnungen wie zykloider oder syntonischer Charakter, die ungefähr das 
Nämliche meinen, haben sich nicht durchgesetzt. Nietzsches Unter- 
scheidung in dionysisch und apollinisch, die sich nahezu voll- 
kommen mit der Unterscheidung in Primärvorgang und Sekundär- 



— 162 



Vorgang im Sinne unserer Ausführungen deckt, beseitigt den Vor- 
wurf, der dem Worte hysterisch anhaftet. Deshalb würde ich für 
meinen Teil gern „dionysischer Charakter" sagen. Jedoch sind Nietz- 
sches Worte allzu philologisch, um sich dauernd einzubürgern. Auch 
wird das Wort „apollinisch" dem Zwangscharakter nicht ganz gerecht. 
So sind wir gezwungen, entweder neue Worte einzuführen, wie etwa : 
Primärcharakter und Sekundärcharakter, die nicht gerade verführerisch 
klingen, oder bei den alten zu bleiben und weiter vom hysterischen 
Charakter zu sprechen. 

Wir verdanken dem hysterischen, ewig phalfisch-unphallischen Drän- 
gen alle zwecklose Schönheit, die ohne Frucht verblüht. Allzu 
schön zu sein, ist pathologisch, gerade so wie abschreckende Häßlich- 
keit, die schon lange als Degenerationskennzeichen beschrieben worden 
ist. Tatsächlich findet man in langsam entartenden Familien, bei denen 
Geisteskrankheiten, Taubstummheit, Neurosen aller Art vorkommen, 
gelegendich einmal hinreißende Schönheit, manchmal von nahezu un- 
irdischer Art, die rasch verblüht. Der Volksmund nennt diese Schön- 
heit wegen ihrer Vergänglichkeit und auch wegen der unheimlichen 
Gewalt, die von ihr ausstrahlt, beaute du diable. Kaum eines Malers 
Pinsel kann die berückende sexuelle Anziehungskraft wiedergeben, die 
von solchen Wesen ausgeht, denn der Maler arbeitet mit einem ein- 
zigen Sinnesorgan, und der Ausdruck des Primärvorgangs als Inkar- 
nation der Libido kann nicht einmal mit allen fünf Sinnen erfaßt und 
wiedergegeben werden. Er ist transzendent. Ich habe Mütter, habe 
Männer klagen hören: „Wo ist die Gardenia-gleiche Schönheit, 
wo ist die magische Vollkommenheit meiner Tochter, meiner Gelieb- 
ten hingekommen?" Ich habe dann diese Geschöpfe selbst gesehen, 
leere Hülsen nach dem Feuerwerk, Gefäße, denen man nicht mehr 
ansieht, welche dämonische Kostbarkeit sie geborgen haben. Die 
strahlende, alles vor sich niederwerfende Schönheit steht auf schmalem 
Grunde. Auf der einen Seite wird sie von hausbackener Alltäglichkeit 
ohne Erinnerung abgelöst, auf der anderen mündet sie tragisch 
und ebenfalls erinnerungslos in die Psychose und verwandelt sich dann 
schnell in die desexualisierte, ausdruckslose Häßlichkeit des umnach- 
teten Geistes. 
Auch Nationen haben ihre Momente der Schönheit und der 



— 163 — 



- 



Kraftentfaltung. Alles kommt darauf an, ob solche Nationen in ihrer 
großen Zeit einen großen Führer finden, der die Zwecklosigkeit des 
Primärvorganges phallisch bändigt. Je geordneter und zwangsläufiger 
das Leben einer Nation verläuft, desto weniger können wir erwarten, 
hysterische Aufwallungen bei ihr zu finden. Sie sind der Berauschung 
durch großartige Schlagworte wie Gleichheit ! Freiheit ! Brüderlich- 
keit ! oder Glorie und Vaterland ! oder Faszismus oder Bolschewismus 
nicht leicht zugänglich. Wir sehen von Zeit zu Zeit in der Welt- 
geschichte große Massen von Ost nach West oder von West nach Ost 
strömen. Von diesen Wanderungen beschreibt der Geschichtsschreiber 
die einen mit Wohlgefallen, die anderen mit deutlicher Abneigung, 
und manche beschreibt er gar nicht. Die materialistische Geschichts- 
auffassung sieht überall ökonomische Ursachen für solche Wanderun- 
gen : neue Weideplätze, neuer Ackergrund oder die Anziehungskraft 
eines brauchbaren Metalles wie Bronze, Eisen oder Gold. Die indivi- 
dualistische Geschichtsschreibung ihrerseits verkörpert die Hunnenwan- 
derung in Attila, die arabischen Züge in Mohamet, die Mongolen- 
horden in Dschengis Khan und seinen Nachfolgern. Sie sieht fast nur 
die bewegenden Führer von Alexander dem Großen bis zu Napoleon. 
Die Psychoanalyse sieht Eruptionen der im Es gestauten 
Instinkte. Diese Instinkte lieferten das Material zur Erhebung der 
französischen Nation in ihrer großen Revolution, und Hunger ist 
freilich einer der mächtigsten Instinkte. Es gibt aber viele bettelarme 
Nationen, die hungern und gleichwohl niemals revoltieren. Der Hun- 
ger allein kann es nicht machen. Auch die vernünftige Überlegung 
oder die Führer sind es nicht, die Revolutionen erzeugen. Im Gegen- 
teil ! Ein altes Wort sagt : im voraus angesagte * Revolutionen finden 
niemals statt. Eine Nation muß hysterifiziert werden, um aufzuwallen. 
Der Primärvorgang muß sich vom Sekundärvorgang lösen und selb- 
ständig werden: dann reicht er vom Himmel bis zur Hölle. Goethe, 
ein apollinischer Geist, wollte die französische Revolution nicht be- 
greifen. Er nannte sie abgeschmackt und verwendete das nämliche 
Wort für die Ermordung Julius Caesars. Goethe hatte keine Toleranz 
für hysterische Ausbrüche, die nicht genügend mit Sekundärvorgang 
(Rationalisierung) bekleidet sind. Hingegen zeigte Goethe Verehrung 
für und Genugtuung über die Gestalt Napoleons, der die Wogen der 



— 164 



r 






Revolution gebändigt und scheinbar in reguliertes Flußbett geleitet 
hatte. „Schüttelt nur an euren Ketten," sagte Goethe noch 1813, „der 
Mann ist euch zu groß. Ihr werdet sie nicht zerbrechen." Er hielt ihn 
für einen Mann der Ordnung, der die entfesselten Fluten der Revo- 
lution gebändigt hatte. Und doch war Napoleon mindestens zur 
Hälfte ein Hysterikus, ein Tagträumer, dessen gelegentliche Dämmer- 
zustände bis an die Grenze der Epilepsie führten. Sein Leben ist ein 
Mythus, der auf der Insel Korsika beginnt und auf der Insel St. Helena 
endigt. Niemals kann das Leben eines Zwangsmenschen ein Mythus 
werden. An Pünktlichkeit, unerschütterlicher Pflichterfüllung, unerbitt- 
licher Gerechtigkeit und den anderen Zwangsvorzügen kann die Phan- 
tasie des Volkes sich nicht entzünden. Hingegen sehr gut an Eigen- 
schaften wie Grausamkeit, Rachsucht, Unberechenbarkeit, Schauspiel- 
kunst und Zynismus. 

Man wird bei nordischen Völkern, zu denen mindestens ein 
Teil des Deutschtums auch gehört, vergeblich nach Ausbrüchen und 
deren Führern suchen, die sich mit asiatischen oder lateinischen Bewe- 
gungen vergleichen lassen, die Figuren Cromwell und Gustav Adolf 
etwa ausgenommen. Asien hat uns — aus Verzückungen geboren — 
alle Religionen geschenkt, die noch heute in der Kulturwelt Geltung 
haben. Italien verdanken wir die Renaissance der Künste. Den nordi- 
schen Völkern verdanken wir den Protestantismus und Puritanismus, 
die rückwirkend auch die katholische Kirche verändert haben. Auch 
der wichtigste Teil der modernen Naturwissenschaften geht auf nor- 
dische Köpfe zurück. Wir wollen uns dem Reigen voreingenommener 
Rassenforscher nicht anschließen, die zwischen schöpferischen und un- 
schöpferischen Nationen unterscheiden. Soviel man sehen kann, sind 
alle Nationen schöpferisch. Es sieht aber doch so aus, als erschüfen 
die einen eher aus dem Nichts, das ist aus dem Primärvorgang und 
als ob die anderen Nationen ihrerseits imstande wären, das Gescharfene 
festzuhalten, zu verbessern und brauchbar zu machen oder das von 
anderen Geschaffene (z. B. den Katholizismus) reaktiv abzulehnen und 
durch etwas Anderes zu ersetzen. 



165 



Das Zwiegesdiledit des Mensdien 



Von 

Georg Groddetk 

Bei der Beschäftigung mit dem Unbewußten offenbaren sich dem 
Menschen bald zwei Urphänomene des Menschlichen, sein Kindsein 
und seine Zwiegeschlechtigkeit. Die psychoanalytische Forschung hat 
sich zunächst unter dem Druck der Notwendigkeiten unsrer Zeit der 
Tatsache zugewendet, daß der Mensch sein Leben lang Kind bleibt, 
die Zwiegeschlechtigkeit des Menschen hat, so bekannt sie 
auch jedem ist, nicht in dem Maße die Aufmerksamkeit auf sich ge- 
zogen, wie es erwünscht ist. Das ist um so merkwürdiger, als man in 
den schriftlichen und mündlichen Mitteilungen der psychoanalytischen 
Wissenschaft überall nachweisen kann, wie hinter den Schleiern der 
Gedankenfolgen das Zwiegeschlechtige des Forschers immer vorhanden 
ist und wirkt. Aber wie von etwas Furchtbarem wendet man sich 
von dem Menschlichen, das nicht anders als in der Form des Weib- 
männlichen oder Mannweiblichen existiert, ab, um sich mit Mann und 
Weib zu beschäftigen. Die Unterscheidung Mann und Weib hat aber 
nur in besonderen Verhältnissen Berechtigung. Man kann, um durch 
Übertreibung zu verdeutlichen, was Unter besonderen Verhältnissen 
gemeint ist, darauf hinweisen, daß man auch zwischen krummen und 
geraden Beinen unterscheidet, daß aber auch das krummste Bein ein 
Bein ist; so ist auch der männlichste Mann oder das weiblichste 
Weib ein Mensch, ein männlich-weibliches Wesen, zwiegeschlechtig. 

Mit der Feststellung, daß das Urphänomen der Zwiegeschlechtig- 
keit vernachlässigt zu sein scheint, soll nicht gesagt sein, daß es nicht 
eine bedeutende Rolle in der analytischen Lehre spiele, nur wird es 
nicht als Urphänomen, als Brennpunkt jeder Lebensbetrachtung und 
Lebensäußerung gewürdigt. Gewiß spricht man schon längst von der 
Bisexualität, und die Wünsche des Weibes, als Mann geschlechtlich 
ausgestattet zu sein und sich als Mann geschlechtlich und anderweise 
zu betätigen, die Sehnsucht des Mannes, Weib zu sein, zu empfan- 
gen, schwanger zu sein, zu gebären, sind wichtige Gebiete der 

— 166 — 



Theorien und Praktiken für den Deuter unbewußten Lebens. Aber 
dabei bleibt man, daß der Mann ein Mann ist und das Weib ein 
Weib. Der seltsame Gedanke, das Weibliche gehöre eigentlich nicht 
zum Manne und das Männliche nicht zum Weibe, es sei möglich, ganz 
Mann oder ganz Weib zu sein, schleicht mit in den Gedankengängen 
und erweckt den Anschein, als ob es sich da um irgend etwas Un- 
gehöriges handle, das überwunden werden könne und müsse. Die 
Wirklichkeit, daß es gar keinen Mann getrennt vom Weibe gibt, 
daß der Mensch Weibmann und Mannweib ist, wird verdrängt. 

Die Weltgeschichte hat ein großartiges Beispiel solch einer Ver- 
drängung in der Beschneidung der Juden gegeben, wobei zu 
bemerken ist, was so selten beachtet wird, daß Verdrängungen ebenso 
oft, ja wahrscheinlich sehr viel öfter nützlich wie schädlich sind, und 
zwar unabhängig davon, ob sie gelingen oder mißlingen ; auch das 
läßt sich an dem Beispiel der jüdischen Beschneidung zeigen. 

Die Juden haben der Beschneidung eine besondere Bedeutung ge- 
geben, so daß sie den Juden von allen andern Menschen unter- 
scheidet und ihm die Überzeugung gegeben hat, daß er, wenn er den 
Bund mit der Gottheit, dessen Gültigkeit auf der Beschneidung be- 
ruht, hält, sich jedem Nichtjuden überlegen fühlen kann ; seine Gott- 
heit, die die stärkste von allen ist, sorgt für ihn. Da die Beschneidung 
eine weit verbreitete Sitte ist, ohne daß die Völker sie zum Zeichen 
des Bündnisses mit Gott gemacht haben, muß sich für den Juden ein 
tiefer, ihm selbst vielleicht unbewußter Sinn mit dem Ritus der Be- 
schneidung verbinden. 

Enge Beziehungen zwischen Beschneidung und Gottheitsvorstellun- 
gen finden sich noch jetzt bei primitiven Völkern ; bei ihnen ist jedoch 
der Beschneidung der Vorhaut häufig eine andre Zeremonie beigesellt, 
die Subzision, die Spaltung der unteren Seite des männlichen Gliedes. 
Der Sinn dieser Spaltung ist, dem Manne auch das weibliche Ge- 
schlechtszeichen zu geben, ihn auch äußerlich zum Menschen zu machen, 
zu einem zwiegeschlechtigen Wesen, zu einem Weibmanne: er wird 
dadurch zum Ebenbilde Gottes, den der Mensch sich nie anders als 
zwiegeschlechtig vorstellen kann; auch heutigen Tages könnte er es 
nicht, wenn ihm nicht durch ausdrückliches Verbot und durch die 
Kultur überhaupt versagt wäre, sich die Gottheit zu vermenschlichen. 



— 167 — 



Wie das Glied gespalten wird, um dem Manne den weiblichen Ge- 
schlechtsteil zu geben, so wird die Vorhaut fortgeschnitten, um alles 
Weibliche an dem Abzeichen der Männlichkeit zu beseitigen; denn 
die Vorhaut ist weiblich, sie ist die Scheide, in der die männliche 
Eichel steckt. (Die Eigenschaft der Eichel, Kind im Mutterleibe der 
Vorhaut zu sein, wird hier absichtlich übergangen; dagegen ist es 
notwendig schon hier zu betonen, daß Vorhaut und Eichel Weib und 
Mann in Wirklichkeit sind, nicht etwa gedachte Symbole.) — Bei 
den Juden liegen die Dinge anders: Wenn sie die Vorhaut ab- 
schneiden, die entsprechende Subzision des Gliedes aber unterlassen, 
so beseitigen sie damit die Zwiegeschlechtigkeit des Mannes, sie nehmen 
das Weibliche an dem Männlichen fort. Damit verzichten sie zu Gunsten 
der zwiegeschlechtigen Gottheit auf ihre angeborene Gottähnlichkeit; 
der Jude wird durch die Beschneidung Nur-Mann. Man sehe sich das 
Besondere des jüdischen Wesens an: es gibt kein Volk auf Erden, 
das so ausgeprägt männlich ist wie das jüdische. Die Verdrängung 
des Weiblichen ist so weit gegangen, daß sie sich sogar ihre Gott- 
heit eingeschlechtig männlich vorstellen würden, wenn ihnen nicht 
verboten wäre, sie sich vorzustellen. Mit dem Ausdruck „männlich" 
ist freilich nicht das Heldenideal gemeint, das sich unter Benutzung 
männlicher Eitelkeit und weiblicher Liebessehnsucht trotz seiner inne- 
ren Unwahrhaftigkeit zu einer gewichtigen Macht entwickelt hat; 
Held ist der Mann nur in den kurzen Momenten seiner Erregung, in 
den Erektionszeiten seiner Physis oder Psyche, das heißt im Aus- 
nahmezustand, der Regel nach ist er Kindmann, wobei das Kindliche 
bei weitem das heldisch Männliche überwiegt. Nimmt man den Mann 
als das, was er ist, ein an sich leitungsbedürftiges, unfreies, tausendfach 
vom Alltag gebundenes Wesen, das nur hie und da der Erhebung 
fähig ist und nur für die kurze Zeit der Erregung, dessen dauernde 
Kraft nicht in der Erregung, sondern in der Bindung an das Gesetz- 
liche liegt, so kommt man zu dem Schluß, daß der Jude so weit wie 
irgend möglich das Weibliche verdrängt hat. Aber es ist eben nur 
eine Verdrängung, der Jude ist ebenso Weibmann wie jeder Andere, 
seine angenehme und unangenehme Eigenart ist eine Verdrängungs- 
folge, nicht eine Wesensverschiedenheit. 
Das Jahrtausende lang geübte, von dem Gesetz ihrer Gottheit ge- 

— 168 — 



botene Verdrängen der Zwiegeschlechtigkeit aus dem Bewußten in 
das Unbewußte ist eine der Ursachen, durch die das bedeutende 
Problem des Weiblich-Männlichen im Menschen in der Psychoanalyse 
und im Alltagsleben in den Hintergrund gedrängt worden ist; denn 
daß alle europäische Kultur von der gangbaren Sittenlehre der christ- 
lichen Konfessionen an bis zu dem täglichen Denken, Handeln und 
Wandeln im jüdischen Verdrängungsziel der Eingeschlechtigkeit des 
Mannes verwurzelt ist, liegt zu Tage. Da aber die Psychoanalyse nicht 
auf die Dauer an dem Urphänomen der Zwiegeschlechtigkeit vorbei- 
gehen kann, kann man annehmen, daß die Beschäftigung mit dem 
Unbewußten dem Jüdischen verhängnisvoll werden könnte. Aber die 
Zukunft ist und bleibt ein Buch mit sieben Siegeln. 

Ist nun der Mensch wirklich und tatsächlich zwiegeschlechtig, — und 
die an sich geringen Kenntnisse über Befruchtung und Entwicklung 
genügen, um diese uralte Annahme aller Mythen wissenschaftlich zu 
rechtfertigen, — so müssen alle menschlichen Lebensvorgänge irgendwie 
vom Zwiegeschlechtigen beeinflußt sein; es muß sich überall und 
immer im Menschlichen das Zwiegeschlecht nachweisen lassen, nicht 
nur in dem, was man Triebleben zu nennen pflegt oder in dem 
sogenannten Psychischen oder sogenannten Geistigen, sondern in jeder 
menschlichen Lebensform, auch in denen, die den anatomischen, 
physiologischen und pathologischen Disziplinen Arbeitsfeld sind. 

Aufgabe dieser Betrachtungen ist lediglich, auf verdrängte Fragen 
hinzuweisen ; selbst ein Eingehen auf die zukünftige Bedeutung, die 
die Lösung des verdrängten Inhalts haben würde, überschreitet die 
Grenzen des Themas. Wohl aber wird es notwendig, am Beispiel zu 
zeigen, wie etwa die Mitwirkung des Zwiegeschlechtigen zu denken 
ist. Dabei muß man sich gegenwärtig halten, daß die Wirkung des 
Zwiegeschlechtigen nie rein in Erscheinung tritt, sondern von anders 
wirkenden Kräften des Es bald mehr bald weniger bedingt und um- 
gewandelt wird. Auch benutzt das Es zur Gestaltung des Geschehens 
nicht eben häufig das Unbewußte, sondern bedient sich dunkler Wege, 
zu denen man durch Analyse keinen Zugang hat. Da über den Ein- 
fluß des menschlichen Zwiegeschlechts auf die psychischen Vorgänge 
genügend Material gesammelt ist, das nur unter den bestimmten Ge- 
sichtspunkt des Weibmännlichen gebracht werden müßte, wendet sich 






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die Betrachtung ohne Weiteres den Vorgängen zu, die allgemein als 
außerhalb der Psyche liegend aufgefaßt werden, womit nicht gesagt 
sein soll, daß eine solche Auflassung eine andere Berechtigung als die 
der Registrierung unter einem Kennwort hat. 

Körperliche Eigentümlichkeiten des Weiblichen beim Manne und 
männliche beim Weibe sind so weit verbreitet und so alltäglich, daß 
es sich nicht empfiehlt darauf einzugehen. Es genügt, irgend einen 
beliebigen Menschen aufmerksam zu betrachten, um das Phänomen 
des Weibmannes oder Mannweibes sofort zu sehen, sei es an der 
Haut oder am Knochenbau oder der Muskulatur, der Körpergröße, 
der Gliedergestaltung oder sonst etwas. Dagegen ist über das Zwie- 
geschlechtige der inneren Organe so gut wie nichts bekannt, ja man 
darf sagen, daß die Forschung noch nicht ernsthaft mit dieser Frage 
beschäftigt war. Die Fragen, die hier behandelt werden, liegen aber 
auf einem andern Gebiet ; sie beziehen sich nicht auf bestimmte ein- 
zelne Personen, sie gehen darauf aus, zu erfahren, ob das Menschliche 
an sich, der Mensch als solcher zwiegeschlechtig gebaut ist. 

Die Psychoanalyse — und nicht nur sie, sondern das Denken der 
Menschen — arbeitet mit Dingen, die Symbole genannt werden: so 
nennt man beispielsweise den Mund ein weibliches Symbol, die 
Nase ein männliches. Dabei nimmt man offenbar an, daß hier auf 
Grund von gewissen Ähnlichkeiten bewußt Vergleichungen gemacht 
worden sind, oder wenn man vorsichtiger ist, verlegt man diese ver- 
gleichende Tätigkeit in die Regionen des Unbewußten oder des Es; 
das Vergleichen bleibt aber das Wesentliche. Demgegenüber ist zu 
sagen, daß es sich beim Symbol nicht um eine Vergleichung handelt, 
sondern um die Wirklichkeit. Der Mund ist wirklich — nicht tatsäch- 
lich, sondern „wirklich", diese beiden Wörter meinen etwas Ver- 
schiedenes, fast Entgegengesetztes — der Mund ist wirklich geschlechts- 
weiblich, wenigstens in seiner Form der Ruhe, wird aber seine Zwie- 
geschlechtigkeit sofort offenbaren, wenn er zum Sprechen gebraucht 
wird, zeigt sie immer beim Atmen; die Nase dagegen ist der Form 
nach in Wirklichkeit ein Männliches, wenn auch die Nasenlöcher und das 
Riechen das Weibliche gleichzeitig zur Anschauung bringen. Eine Bestäti- 
gung findet diese wirkliche Zwiegeschlechtigkeit in dem Gegensatz der 
französischen und deutschen Sprache, wie sich denn in der Sprache 



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lanches kundtut, was gegen unsern verlehrten Verstand geht: la 
boudie — der Mund, le nez — die Nase. Die obere Gesichtshälfte 
Mann, die untere Weib; man kann nicht dabei stehen bleiben, 
iaß sie Mann und Weib bedeuten, sie sind wirklich Mann und Weib, 
wobei das Wort „wirklich" als „fähig zu wirken" aufzufassen ist. 

Einzelne Organe wie das Ohr machen zunächst den Eindruck, als 
ob sie Weib und nur Weib seien, aber der Schall befruchtet wohl 
das Trommelfell, das in Verbindung mit dem Gehörgang Weib ist — 
dem Mythus von der Empfängnis Maria tritt das klar hervor — 
iieses Weib aber weckt sofort im Mittelohr den Hammer, den Amboß, 
Jen Steigbügel, den Mann im Ohr, und gar das innere Ohr ist schon 
der Schneckengestalt nach zwiegeschlechtig. Es ist eben ein Irrtum, die 
Sinnesorgane als empfangend zu denken, sie sind in demselben Grade 
Befruchter, Erzeuger. Von dem Auge zum Beispiel ist es bekannt und 
war es längst vor dem methodischen Studium des Unbewußten be- 
kannt, daß es Symbol der Mutter ist; aber was die Netzhaut empfängt, 
wird nicht ohne Weiteres gesehen : der Nerv erzeugt erst das Bild im 
Gehirn, der Vorgang des Sehens ist zwiegeschlechtig. Wenn die Menschen 
sich über dieses Zwiegeschlechtige des Sehens klar wären, was zum 
mindesten die Psychoanalytiker sein müßten, würde es nicht möglich 
sein, daß dem Schlechtsehenden gleich eine Brille auf die Nase gesetzt 
wird und er dadurch zu einem unwissentlich falschsehenden Menschen, 
einem Selbstbetrüger und unwissentlich Andere Betrügenden gemacht 
wird. Man würde begreifen, daß es sich bei den meisten Schlecht- 
sehenden nicht um ein Nichtsehen, sondern um ein Verdrängen des 
Gesehenen handelt. Eines jeden Menschen Sehen ist Verdrängen ; wenn 
das Verdrängen zu schwierig ist, läßt das Es Kurzsichtigkeit entstehen ; 
die gibt dann ein erwünschtes Mittel ab, noch leichter zu verdrängen, 
als es durch den Fehler im Bau des Auges Schicksal geworden ist. Es 
ist eine Tatsache, daß selbst stark Kurzsichtige tausendmal besser sehen, 
als sie sich und uns vortäuschen. 

In der ersten Sage von der Erschaffung des Menschen heißt es, daß 
der Mensch geschaffen wird „ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes", der 
Mensch als Mann und Frau, als zwiegeschlechtlich ; zur Bezeichnung 
Gottes ist der Plural Eloim gewählt, was sich leicht erklärt, wenn man 
annimmt, daß die Sage sich den Gott als zwiegeschlechtlich, als Wesen 






171 — 



mit beiden Geschlechtern dachte. Der Lilithsage zufolge hat auch der 
Mensch ursprünglich beide Geschlechter gehabt, Mann und Weib sind 
erst später durch den Eingriff des Gottes getrennt worden. Als zeu- 
gende Kraft des Gottes ist das Wort genannt, das Wort kann aber 
nur durch den Atem zu Stande kommen und der Atem Gottes wird 
dann auch ausdrücklich zur Erschaffung des Menschen erwähnt. Das 
Atmen aber ist unbedingt zwiegeschlechtig, ein Empfangen beim Ein- 
atmen, ein Geben beim Ausatmen. Das Atmen, das Zwiegeschlechtige 
ist Gotteseigenschaft. Der Christusmythus bestätigt das mit der Vor- 
stellung des Pneuma Hagion, des Spiritus Sanctus, was seltsamerweise 
mit Heiliger Geist übersetzt worden ist. Erkennt man an, daß das 
Atmen zwiegeschlechtig ist, zwiegeschlechtig wirkt, so öffnet sich ein 
neuer Weg zur Betrachtung aller physischen, psychischen und kranken 
Vorgänge beim Menschen. Und von da ist es nur ein Schritt zu der 
Erkenntnis der Zwiegeschlechtigkeit des Herzens, der Nieren, der 
Ernährungsorgane und Ernährungsvorgänge, für Alles finden sich neue 
Gesichtspunkte, nicht nur für die psychischen Zusammenhänge, sondern 
ebenso für das Organische. Von den Zusammenhängen der Geschwulst- 
bildungen mit der Zwiegeschlechtigkeit des Menschen ist schon in der 
ersten Veröffentlichung des Verfassers über die psychische Bedingtheit 
des Organischen die Rede gewesen. Im heutigen Zusammenhang sei 
erwähnt, daß die beliebteste Disziplin des Arztes, die Chirurgie, ohne 
die Zwiegeschlechtigkeit des Menschen nicht denkbar wäre, da der 
Schnitt verweiblicht, ja daß bis in die Operationen am Einzelnen sich 
der Einfluß des zwiegeschlechtig Menschlichen verfolgen läßt. 

Man könnte, wie schon vorher gesagt wurde, alle Lebensäußerungen 
des Menschen einer solchen Betrachtung auf das, Zwiegeschlechtige hin 
unterwerfen, und irgendwann wird das auch geschehen. Hier genügt 
es darauf hingedeutet zu haben, und wenn damit nichts weiter erreicht 
wird, als daß man sich etwas sorgfältiger mit dem Begriff des Sym- 
bols auseinandersetzt und nachprüft, ob das Symbol nicht viel mehr 
als ein Gedankenspiel ist, nämlich die eigentliche Wirklichkeit 
des Lebens, so ist genug erreicht. 



iiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiii 

— 172 






Geld cmd Neurose 

In der „Revue Francaise de Psychanalyse" veröffentlicht der Genfer 
Psychoanalytiker Charles Odier unter dem Titel „L'argent et Ies Nevros6s" 
eine größere (etwa 140 Seiten umfassende) Studie. Der erste umfangreichere 
Teil der Arbeit ist der Geschichte von zwei Fällen schwerer Zwangsneurose 
gewidmet, die sich beide durch das Symptom intermittierenden Wanderzwangs 
(fiigues) auszeichneten und in denen das Geld als vielfach determiniertes 
Symbol eine besondere Rolle spielte : Gehemmtsein, Geiz während der Zeiten 
relativer Gesundheit, Verschwendung während der „Fluchten". Die Schluß- 
folgerungen und theoretischen Ergebnisse hinsichtlich der psychologischen Be- 
deutung des Geldes werden in dem zweiten Teil der Arbeit zusammen- 
gefaßt, dessen wichtigste Gedanken hier auszugsweise wiedergegeben seien. 

Für den Psychoanalytiker — führt Odier aus — bietet sich eine Reihe 
besonders günstiger Gelegenheiten, die psychologische Funktion des Geldes 
zu studieren. Er kann bei seinen Kranken die Regungen des Unbewußten 
an Hand von Einfällen und Träumen verfolgen, die dem außenstehenden 
Beobachter verborgen bleiben müssen, und gewinnt so ein eindrucksvolles 
Bild von der Ambivalenz, in der die Menschen dem Gelde gegenüber ver- 
harren, zugleich auch ein Bild von der Vielfältigkeit der symbolischen Rolle, 
die das Geld im Seelenleben zu spielen vermag. 

Ein guter Ausgangspunkt für diese Studien ist die H o n r a r- 
frage, deren Einfluß wohl durchweg in jeder Analyse zu beobachten ist. 
Einige Beispiele mögen beweisen, daß die Angehörigen der verschiedensten 
sozialen Schichten unabhängig von ihrer Vermögenslage unter diesem Einfluß 
stehen. 

I) Eine sehr reiche Patientin von ausgezeichnetem Charakter, gutherzig, 
sehr freigebig gegenüber Armen und Unglücklichen, dabei ohne jede Eitel- 
keit hinsichtlich dieser ihrer Freigebigkeit, steht wegen gelegentlicher Anfälle 
von Depression und Angst in Behandlung. Sie zahlt 20 Schweizerfranken 
pro Stunde. Sie weiß, daß der Analytiker Violinspieler ist. Nach Übergabe 
der ersten Monatsrechnung bringt sie den folgenden kurzen, aber bezeich- 
nenden Traum : „Ich sehe Sie Violine spielen, aber in meiner Vorstellung sind 
Sie ein Wandermusikant." In ihren Einfällen zu diesem Traum erinnert sie 
sich, daß sie Tags zuvor einem „blinden und armseligen" Straßengeiger ein 
Almosen von 20 Sous (1 Franken) gegeben hat. Sie hat den Analytiker in 
ihrem Unbewußten mit dem Wandermusikanten identifiziert und anschließend 
den Wunsch entwickelt, ihm statt 20 Franken nur 20 Sous pro Stunde zu 
geben. Weitere Einfälle waren gleich wenig schmeichelhaft für den Analytiker: 

— 173 — 



»Eigentlich verdienen Sie eher ein Almosen als ein Honorar ..." „Sie sind 
kein guter Arzt (Violinspieler), sondern ein armer Teufel, der nicht viel 
kann (Wandermusikant)". Dazu blind = psychologisch blind, Sie spielen völlig 
falsch = Sie verstehen nicht auf meinem Seeleninstrument zu spielen. Die 
Deutung der Identifizierung versetzte die Dame in die allergrößte Verlegen- 
heit. Bei der ersten Besprechung hatte sie, übrigens völlig aufrichtig und in 
Übereinstimmung mit ihrer gewohnten vornehmen Lebenshaltung, den Satz 
von 20 Franken für die Stunde als zu niedrig bezeichnet und ein höheres 
Honorar angeboten. Und doch hatte ihr Unbewußtes, wie der Traum erwies, 
das Honorar als 20mal zu hoch empfunden. Es ergab sich späterhin, welch 
bedeutenden Anteil diese Ambivalenz in Gelddingen an ihren neurotischen 
Störungen hatte ; daß sie dauernd unter dem Druck dieses inneren Konflikts 
litt und einen guten Teil ihrer Kraft verbrauchte, um unbewußt habsüchtige 
Tendenzen (Penisneid) zu verdrängen. 

II) Ein Großhändler, 47 Jahre, der an Zweifelsudit litt, liefert ein weiteres 
Beispiel. Er war lebensängsdich, unfähig, seine natürlichen Gaben zu ent- 
falten und Autorität in seiner Umgebung zu erlangen. Er zahlte 10 Franken 
für die Stunde und zwar unter endlosen Entschuldigungen wegen der Ge- 
ringfügigkeit dieses Honorars. Traum : „Sie bemühen sich an einer Art von 
komplizierter Masdiine, um eine Operation an mir vorzunehmen, so etwas wie eine 
Injektion . . . Die mühsame Vorbereitung soll dazu dienen, eine Flüssigkeit bis zu 
einem bestimmten Strich in ein Meßglas zu schütten . . . Es ist Essig. Das Gefäß 
soll bis zum 10. Strich gefüllt werden, aber irgend etwas geht nicht, und Sie bringen 
es nur bis zum 5. Strich," Deutung : All Ihre Arbeit in der Analyse ist nicht 
mehr wert als 5 Franken pro Stunde. 

Im Gegensatz zum ersten Beispiel handelt es sich hier um einen Zwangs- 
neurotiker, der bis zum Übermaß um das Wohl seiner Umgebung besorgt 
ist. Es passierte ihm oft, daß er Rechnungen versehentlich doppelt bezahlte. 
Die Determinierung ist ähnlich wie im ersten Fall. Während sein bewußtes 
Ich eine Rechnung doppelt bezahlt, will das Unbewußte eigentlich nur die 
Hälfte bezahlen. Daher beständige Zwangszweifel und ein Strafbedürfnis, das 
sich in der doppelten Bezahlung befriedigt. Der Essig im Traum weist auf 
die narzißtische Kränkung durch den Analytiker hin. 

III) Ein Arbeiter, der 2 Franken für die Stunde zahlt, träumt, daß er auj 
einen Berg steigt, und daß der Fußweg mit SiWersiücken bedeckt ist. Er liest von 
dem Silber in aller Eile auf, so viel er kann, flüchtet sich aber, da ihn der Ana- 
lytiker von einer höher gelegenen Stelle her beobachtet. 

Hier handelt es sich nicht nur darum, weniger oder gar nichts zu zahlen, 
sondern sogar darum, dem Analytiker Geld wegzunehmen. Damv$ wird eine 

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Strebung des Unbewußten berührt, die genauere Beachtung verdient. Es 
handelt sich keineswegs etwa um das, was im gewöhnlichen Leben Hab- 
sucht genannt wird; ja man kann schon jetzt die Frage aufwerfen, ob es 
etwas wie Geiz und Habsucht unabhängig von jedem inneren Konflikt und 
von materiellen Lebensschwierigkeiten überhaupt gibt. Die weiteren Aus- 
fuhrungen werden zeigen, daß die Frage zu verneinen ist. 

IV) Als letztes Beispiel möge der Fall eines Junggesellen von 35 Jahren 
dienen, der beweisen mag, bis zu welchem Grade bei einem wohlerzogenen 
und begüterten Menschen die habsüchtigen Wünsche sich entwickeln können. 
Mögen sie bei einem kranken und erschöpften Arbeiter begreiflich erschei- 
nen, so ist das keineswegs der Fall bei einem Mann, der so gut wie nichts 
zu tun, keine familiären Verpflichtungen hat und reiche Eltern besitzt, für 
den also Geldgewinn, bezw. Diebstahl nicht im geringsten durch Lebens- 
notwendigkeiten determiniert sein würde. Die Erklärung liegt hier in einer 
schweren infantilen Regression, die zu einer ernsten Neurose geführt hat. 
Eines der interessantesten, auf das Geld bezüglichen Symptome dieser Neu- 
rose besteht in zwanghaften nächtlichen Wanderungen, bei denen der Patient 
alles Geld, was er bei sich trägt, ausgeben muß, ganz gleichgültig, um 
welche Summe es sich gerade handelt (500 Franken und mehr). Wichtig 
für ihn ist nur, daß er mit völlig leeren Taschen nach Hause zurückkehrt, 
dies letztere übrigens der eigentliche Sinn des Symptoms, wie sich später 
ergeben wird. Nach Empfang einer Halbmonatsrechnung bringt er folgenden 
Traum : „Ich befinde mich in Byzanz und habe nur noch so Franken, die zur 
Rückkehr nach Genf nicht hinreichen. Kein Wunder, denn mein Vater hat mir nur 
200 Franken gegeben. Ich will ihm schreiben, daß er mir postwendend Geld schickt, 
aber ich berechne, daß die Post hin und zurück 6 Tage brauchen würde, und daß 
ich keine Zeit mehr habe, den Geldbrief abzuwarten. Ich gehe also in den Schwei- 
zer Klub, wo ich einige junge Leute und einen Mann mit roter Krawatte vorfinde. 
Ich veranstalte dann ein großes Fest. Ich fühle mich verpflichtet, die Leute einzu- 
laden, weil sie gerade da sind . . . Dann entwickelt sich eine Atmosphäre von 
orientalischem Fest unter einem herrlichen, unendlichen Himmel; ich habe ein Ge- 
fühl von Schönheit, Heiterkeit und süßer Ruhe . . ." 

Aus der Deutung ist hervorzuheben, daß sehr klare passive Wünsche 
vorhanden waren. Die 6 Tage im Traum bezogen sich auf die 6 noch 
bevorstehenden Analysestunden vor einer aus äußeren Gründen gebotenen 
Unterbrechung der Kur. Daran anknüpfend Angstgefühle angesichts der Un- 
möglichkeit, die eigenen Träume zu deuten, und die Befürchtung, 
wieder in die Passivität und in den Wanderzwang zurückzufallen. Diesem 
bewußten Gedanken steht der unbewußte Wunsch gegenüber, an der 

— 175 — 



Krankheit und ihrem Gewinn festzuhalten, zu empfangen, statt zu 
geben. 

Zu den 20 Franken im Traum ergibt sich folgende Determinierung : In 
einer ersten Analyseperiode, die später durch äußere Verhältnisse unter- 
brochen werden mußte, hatte der Patient auf Grund einer in schwarzen 
Farben gehaltenen Schilderung seiner finanziellen Lage nur 5 Franken für 
die Stunde zu zahlen. Es ergab sich dann in der Analyse sehr bald, daß 
er aus seinem analerotischen Komplex heraus stark übertrieben hatte. Im 
Leben war er übrigens, wie das gewöhnlich in solchen Fällen ist, ein ab- 
solut einwandfreier und korrekter Mensch. Immerhin hatte er damals eine 
Menge Schulden und verdiente wenig — unmittelbare Folge seiner neuro- 
tischen Erkrankung. Er begnügte sich mit einem ganz untergeordneten 
Posten, während seine Begabung ihn für eine leitende Stellung prädestinierte. 
Dabei entwickelte er unter dem Einfluß passiv-homosexueller Triebrichtungen 
fruchtlose Phantasien von Größe und Reichtum, ohne das Geringste für die 
Veränderung seiner tatsächlichen Situation zu tun. Die erste Analyseperiode 
vermochte seine Depressionen nicht zu beseitigen, bestimmte ihn aber, wenig- 
stens Einiges zur Verbesserung seines Einkommens zu tun. Als er nach 
zwei Jahren wieder in Analyse trat, verlangte der Analytiker 15 Franken 
für die Stunde, ließ jedoch gleichzeitig wissen, daß dieser Preis ermäßigt 
sei, da das Normalhonorar 20 Franken betrage. In diesem zweiten Analyse- 
stück bildeten die analen Tendenzen das Hauptthema und den Mittelpunkt 
des unbewußten Widerstands. Starke Schuldgefühle entwickelten sich ange- 
sichts des Honorarrabatts von 5 Franken. Während das bewußte Ich des 
Patienten sich mehr und mehr schämte, nur 15 Franken zu bezahlen und 
mehrfache Versuche unternahm, den Normalsatz mit einem Honorar von 
25 Franken und noch mehr zu überschreiten, verhielt sich das Unbewußte 
gerade umgekehrt. Feminin und narzißtisch gerichtet, verlangte er unbewußt, 
versorgt, ernährt und geliebt zu werden, und zwar nicht nur umsonst, son- 
dern sogar bezahlt zu werden, zu empfangen, statt zu geben ; dies gewöhn- 
lich in Identifizierung mit Prostituierten oder Zuhältern (also jeweils in 
passiv-femininer Situation). 

Die 200 Franken im Traum bezogen sich auf die letzte Halbmonats- 
rechnung. Der Analytiker hatte keine Zeit gehabt, die Rechnungen auszu- 
schreiben und den Patienten gebeten, den auf ihn entfallenden Betrag selbst 
auszurechnen. Das war sehr einfach: denn es handelte sich um 12 Stunden, 
mithin um 180 Franken Honorar. Trotzdem gelang es ihm, sich zu täuschen; 
er hatte eine Stunde zu viel berechnet und brachte 200 Franken. Das Ritual 
bei diesem Überbringen des Geldes war charakteristisch. Mit feierlicher 

— 176 — 



Miene, die seine Verlegenheit und Aufregung verdecken sollte, übergab er 
das Geld. Schon im Hauseingang steckte er die Hand in die Innentasche 
seiner Weste, wo sich der verhängnisvolle Umschlag mit dem Geld befand, 
um ihn nicht zu vergessen. Offenbar deshalb, weil eine unbewußte Neigung 
zum Vergessen vorhanden war. Den Umschlag legte er dann auf den 
Tisch, ungefähr wie ein Dieb, der dem Beraubten sein Geld wieder bringen 
will, es aber doch gern behalten möchte. Jedesmal, wenn er Geld brachte, 
versah er es mit doppeltem, fest verschlossenem Umschlag. Unmöglich, es 
in losen Scheinen zu übergeben ! Diese Hemmung erwies sich dann im 
Laufe der Analyse als bestimmt durch verdrängte exhibitionistisch-anale Ten- 
denzen (Geld = Kot). 

In dem Traum hatte sein Vater ihm 20O Franken für die Reise gegeben. 
In Wirklichkeit hatte er dem Analytiker selbst 200 Franken am Tag zuvor 
gebracht, auf die ihm 20 Franken zurückgegeben worden waren. Die Traum- 
arbeit hatte also den Sachverhalt umgedreht, um den verdrängten Wunsch 
zu erfüllen, den Wunsch nämlich, daß sein Vater die Analyse bezahlen 
solle. Der Patient will nicht nur nichts geben, sondern von allen Seiten 
empfangen : Vom Vater Geld und vom Analytiker Behandlung. Da über- 
dies der Analytiker dem Vater vom Traum gleichgesetzt wird, so kann 
man daraus ableiten, daß beim Patienten der Wunsch vorlag, die 200 Franken 
vom Arzt zu erhalten, also vom Analytiker bezahlt zu werden. Das : „Nur 
200 Franken", verrät überdies klar die Symbolik des Geldes in diesem Fall : 
„Sie geben mir nicht genug zu essen, Sie sorgen schlecht für mich, Sie 
sprechen nicht genug, lassen mich zu viel reden, Sie kommen meinen pas- 
siven Strebungen nicht genug entgegen — dahin nämlich gehen meine 
Wünsche und nicht etwa dahin, gesund zu werden." 

Aus dieser Deutung ergibt sich sehr eindrucksvoll, wie stark das Bedürfnis 
nach Liebe und Schutz bei dem Patienten war. In diesem wie in allen 
anderen Träumen ist er derjenige, der homosexuell und feminin geliebt und 
beschützt wird, niemals der, der gibt oder schützt; nie der, der Geld be- 
sitzt oder erwirbt, sondern immer der, der es andern wegnimmt. Nie der, 
der ein Essen anbietet, sondern immer der, der sich eins geben läßt. Diese 
Traumwünsche stehen in scharfem Gegensatz zu seinen zwanghaften Tag- 
träumen, in denen er als Multimillionär auftritt, ein Auto nach dem andern 
kauft, jedes teurer als das vorige, darin schöne Frauen spazieren fährt, 
Marschall von Frankreich oder König von England wird — alles Potenz- 
und Männlichkeitssymbole, die sein narzißtisches Ideal befriedigen. Denn 
diese erträumten Rollen entsprechen besser den Strebungen des Ichs. Sie 
kompensieren gleichzeitig als männliches narzißtisches Ideal die passiven Phan- 

PsA. Bewegung III 177 — ,, 



tasien. Immer wieder begegnen einem in der psychoanalytischen Praxis Per- 
sönlichkeiten, die gleichzeitig „sehr groß und ganz klein" sein wollen (Gulliver- 
motiv). Baby und König von England, Säugling und Foch, wie bezeichnend 
ist dieser Gegensatz! 

Übrigens hatte diese Summe von 200 Franken noch weitere Bedeutungen. 
Der Vater hatte es abgelehnt, ihm das nötige Geld für die Analyse zu 
geben. So waren diese »Nur 200 Franken" gleichzeitig ein versteckter Pro- 
test gegen den Vater, der ihn im Traum so schlecht für seine „Reise" ver- 
sorgt hatte. In letzter Linie waren die 200 Franken jedoch gerade die 
Summe, die er auf seine nächtlichen Zwangsausflüge mitzunehmen pflegte. 
Diese Ausflüge endeten regelmäßig bei einer Prostituierten, der er stets den 
gleichen Betrag, nämlich 20 Franken, den Rest des ihm verbliebenen Geldes, 
zu geben pflegte, Es ergibt sich daraus, daß er sich dem Analytiker gegen- 
über, in einer stark mit unbewußter Erotik durchsetzten Haltung, mit jener 
Prostituierten identifiziert, der er Nachts zuvor 20 Franken gegeben hat. Er 
will so behandelt werden, wie seine nächdichen Freundinnen. Der homo- 
sexuelle Charakter des Traumes wird immer mehr offenbar. 

Gerade diese tiefere Determination der geträumten 200 Franken läßt jedoch 
auf Grund der genaueren Analyse dieses Falles sehr viel weiter reichende 
Schlüsse zu. Es gehörte nämlich zu den stereotypen Eigenschaften dieses 
Zwangswanderers, daß er die bewußten 200 Franken nicht etwa aus eigenen 
Mitteln bestritt, sondern sie sich von seinem Vater leihen mußte. Gehemmt 
und übermäßig passiv im gewöhnlichen Leben, wurde er erst auf seinen 
nächtlichen Ausflügen der männlichen Aktive, wenn er mit dem vom Vater 
geliehenen Gelde auftreten konnte. Der Befriedigungscharakter des Symptoms 
— ein weiterer wichtiger Zug — war erst dann vollständig, wenn er den 
letzten Pfennig der geliehenen Summe ausgegeben hatte. Dann erst konnte 
er erleichtert heimkehren. Damit tritt eine neue Symbolbedeutung des Geldes 
in die Betrachtung ein. Das Geld ist hier ein Ersatz der väterlichen Potenz. 
Er identifiziert sich mit dem Vater, dessen Potenz er leiht (raubt), und nur 
in diesem Zustande vermag er als Mann aufzutreten. Nur bezahlten Frauen 
gegenüber ist er potent. 

Man braucht die Gleichung Geld = Potenz nicht besonders zu erweisen, 
sie ist den Analytikern allgemein bekannt. Immerhin mag es interessieren, 
daß dieser Patient noch andere Züge aufwies, die den Charakter des Geldes 
als Potenzsymbol bei ihm erhärteten. Es bestand bei ihm eine besondere 
Abneigung dagegen, sein Sperma bei den Zusammenkünften mit seinen be- 
zahlten Freundinnen herzugeben. Dieser Widerwille gegen das Hergeben 
des Spermas (bei im übrigen ausgezeichneter Potenz) erwies sich leicht als 

— 178 — 



eine Verschiebung analer Besetzungen auf das Sperma. Die Gleichung 
Kot = Sperma = Geld tritt also offenbar zu Tage. Wenn der gleiche Patient 
eine besondere Vorliebe für rundliche Geldbeutel an den Tag legte, die 
möglichst mit großen Silberstücken (Fünffrankenstücken) prall angefüllt sein 
mußten und mit denen er in seinen Hosentaschen spielte, so kann dieser 
Zug den zu Tage getretenen Symbolcharakter des Geldes als Potenzersatz 
nur unterstützen. 

Der Widerspruch zu seinen passiv-homosexuellen Strebungen ist nur ein 
scheinbarer. Im Gegenteil erweist sich die falsche Männlichkeit, die er sich 
auf seinen Zwangsausflügen durch das vom Vater geliehene Geld zulegt, 
als ein in das Gesamtbild ausgezeichnet passendes Symptom. Erst wenn die 
Taschen leer, diese falsche, mit Schuld beladene künstliche Potenz „verbraucht" 
ist, findet er volle Befriedigung und damit in seine natürliche passive Gleich- 
gewichtslage zurück. 

Wenn man — führt Odier aus — mit aller Vorsicht versucht, aus dem 
vorliegenden extremen Fall einer großen Neurose allgemeinere Schlußfolge- 
rungen zu ziehen, die Erfahrungen in den ersten drei wesentlich harmloseren 
Fällen hinzuzieht, so gelangt man zunächst zu der Überzeugung von der 
zentralen symbolischen Bedeutung des Geldes auch für das 
nicht erkrankte Seelenleben, dann aber auch zu Schlußfolgerungen, die sich 
auf die Entwicklung des Geldsinnes beim Menschen beziehen. 

Es gewinnt den Anschein, daß alle auf das Geben, Schenken, Opfern 
hinzielenden seelischen Tendenzen sekundärer Natur sind, eine späte 
Oberlagerung eines entgegengesetzten, primitiven infantilen Systems, das einen 
Trieb in der Richtung auf Nehmen und Halten entwickelt. Dieses „System G. P." 
(captatio-possessio) ist das Primäre und sucht den vom Ich errungenen Stand- 
punkt der Gebepflicht bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu durchbrechen 
und zu überwältigen. In den zu Eingang beispielsweise angeführten Träumen 
sahen wir, bei gelockerter Zensur im Schlaf, diese Tendenzen des primären 
Systems C. P. wirksam und siegreich. Diese Konfliktssituation zwischen dem 
primären System G. P., das im Es verankert ist und dem „System O." 
(oblatio), das eine Errungenschaft des Ich und der Erziehung darstellt, ist 
allem Anschein nach ubiquitär und beim Gesunden nur glücklicher verdeckt 
und weniger spürbar als beim Neurotiker. Die Wurzeln dieses Konflikts 
reichen tief in den Beginn der Persönlichkeitsentwicklung hinab. Der Säugling, 
der noch kein soziales Ich besitzt, vermag seine auf das Nehmen gerichteten 
Tendenzen voll auszuleben. Auch in der weiteren Entwicklung des Kindes 
bleibt die gleiche Triebrichtung wirksam, deren wesentliche Ziele in Be- 






179 



friedigung und Liebesgewährung bestehen. Nur die auf Nehmen und Behalten 
gerichteten Tendenzen sind in dieser frühen Entwicklung nachweisbar. Das 
Es, das unter der Herrschaft des Lustprinzips steht, weiß nichts von Geben 
und Schenken. Erst die Erfordernisse der Außenwelt zwingen dem primitiven 
Wesen allmählich die Pflicht zum Geben auf. Immer stärkere Einschränkungen 
muß sich das Lustprinzip zu Gunsten des Realitätsprinzips gefallen lassen. 
An die beiden Frühphasen der Libidoentwickhmg knüpft sich diese ent- 
scheidende Verzichtleistung an. Durch die Entwöhnung wird der Säugling 
dazu gezwungen, auf die lust- und nahrungsspendende Mutterbrust zu ver- 
zichten, durch den Reinlichkeitszwang das Kleinkind, den ihm kostbar er- 
scheinenden Besitz des Darminhalts herzugeben. 

So entwickelt sich die Einstellung zum Gelde in einem Stadium der Per- 
sönlichkeitsgeschichte, in welchem die Realbedeutung des Geldes als allge- 
meinsten Austauschmittels noch gar nicht erfaßt werden kann. 

In dem folgenden Schema Odiers, das die konkrete und übertragene 
Symbolbedeutung des Geldes veranschaulichen soll, kommt die Realbedeutung 
des Geldes daher auch nicht zum Ausdruck. 

Orale Symbolik 
I. Periode : Milch, Nahrung, Mutterbrust. 

Anale Symbolik 
II. Periode: Darnünhalt, Kot. 

Genitale Symbolik 
III. Periode : Männliches Glied, Sperma, väterliche Potenz. 
Männliche Potenz im allgemeinen. 
Kind (besonders für die Frau). 

Primäre psyahisdie Symbolik 

I) Empfangenes Geld: 

Seelische Nahrung, Liebe, Schutz, Fürsorge, Passivität. , 

2) Behaltenes Geld: 

Eigensinn, Eigenliebe, Hochmut, analer Narzißmus, Egoismus, Gleichgültigkeit gegen 
die Objekte der Außenwelt, Autoerotismus. 

3) Hergegebenes Geld : 

a) Positive Einstellung: Alle Elemente unter 1), jedoch in umgekehrtem aktivem 
Sinn in Form von Geschenk, Opfer, Verzicht usw. 

b) Negative Einstellung : Haß, Waffe, Erniedrigung, Beschmutzung, Herabsetzung, 
sexuelle Aggression (Analpenis). Diese feindliche Einstellung ist umso kräftiger, 
je stärker der Zwang ist, es herzugeben, wenn es genommen, erpreßt usw. wird. 

4) Genommenes Geld (captatio) : 
Erniedrigung, Entwertung des Geldes, Potenzberaubung, auch im übertragenen Sinne. 

— 180 — 



Wenn wir die Vielfältigkeit der Geldsymbolik, wie sie in dieser Tabelle 
erscheint, überschauen, damit aber zusammenhalten, daß diese Symbolik 
(Geld als kostbarster Stoff) in einem Lebensalter festgelegt wird, in welchem 
von der realen Bedeutung des Geldes im sozialen Leben noch keine Vor- 
stellung besteht, so können wir den Satz aufstellen, daß die Anforderungen 
der Außenwelt, wenn sie mit Hinblick auf das Geld in den Gesichtskreis 
des reifenden Individuums treten, einer bereits voll entwickelten, und zwar 
negativ-feindlich gerichteten Bereitschaft begegnen. Die Anerkennung der 
Austauschfunktion des Geldes stellt ja bereits einen Schritt in der Richtung 
der Anerkennung des Systems O. dar, von welchem die primitiven Schichten 
der Persönlichkeit nichts wissen können, noch wollen. So ergibt sich 
als natürliche Aufgabe für die Psychoanalyse, auch im Hinblick auf das 
Geld das Über-Ich von der geheimen Herrschaft des Unbewußten zu be- 
freien, genau so wie in der Sphäre der Sexualität, der Affektivität und der 
geistigen Arbeit. Damit eröffnet sich auch für die junge Wissenschaft der 
psychoanalytischen Pädagogik ein besonderes Aufgabenfeld, muß doch die 
geldliche Erziehung des Individuums bereits vollendet sein, wenn das Geld 
als Austauschmittel vom Jugendlichen zuerst in seiner Realbedeutung erfaßt 
wird. 

Sind die Mechanismen, die die Einstellung zum Gelde beeinflussen, der 
Sphäre des Ichs weitgehend entrückt und im Unbewußten vorgebildet, so 
braucht es nicht zu verwundern, wie verhältnismäßig gleichgültig die tat- 
sächliche soziale Lage für die Geldbeziehung eines Individuums ist. Nicht 
Reichtum oder Armut, sondern das hartnäckige Fortbestehen unbewußter 
infantiler Tendenzen entscheidet über die Einstellung zum Gelde. 

Der Einwand, daß hier nur Beispiele aus dem Kreise von Neurotikern 
gewählt worden sind, ist keineswegs stichhaltig. Die gleichen Beobachtungen 
lassen sich etwa bei Gesunden machen, die sich zu wissenschaftlichen Zwek- 
ken einer Lehranalyse unterziehen. Der „C. P. Komplex" mag bei ihnen 
weniger verdrängt, besser ausgeglichen sein, als beim Neurotiker : Spuren 
dieses Komplexes werden immer nachweisbar sein. Der Unterschied ist also 
ein Grad- und kein Wesensunterschied. 

Wenn ein gesunder Erwachsener im Traume seiner Habsucht freies Spiel 
läßt, so dürfen wir ihn deshalb natürlich nicht einen Habsüchtigen oder 
Geizhals nennen. Denn die Tendenz, die hier zum Ausdruck kommt, wurde 
entwickelt, bevor das Geld überhaupt in den bewußten Gesichtskreis des 
Individuums getreten ist. 

Wenn wir nun versuchen, die tatsächliche Entwicklung des Geldsinnes 
im Persönlichkeitsleben zu schildern, so stoßen wir auf zwei Möglichkeiten 



— 181 






eines Ausgleichs zwischen den primären Tendenzen des Es und den se- 
kundären des Ichs. Die erste dieser Möglichkeiten, die natürliche und g e . 
Sündeste, ist das Kompromiß. Die reiche Dame im ersten Traum bot 
dem Analytiker 20 Franken für die Behandlungsstunde an. Diese bewußte 
Hergabe überstieg jedoch die Kräfte ihres Unbewußten. Das kam in ihrem 
Traum klar zum Ausdruck, in welchem sie 20 Sous, das Almosen für den 
Straßenmusikanten, als genügende Gegenleistung betrachtete. Was das be- 
wußte Ich gibt, sucht das Es im gleichen Augenblick wieder zu nehmen 
Der Traum ist harmlos, er entlastet das Individuum auf unschädlichem 
Wege vom Druck dieser seiner unbewußten Gegenstrebungen. 

Dagegen ist der zweite Weg, der Weg der Überkompensation 
schon ein Übergang zum Pathologischen. Wenn der neurotische Patient 
(Byzanztraum) sich erbietet, dem Analytiker mehr als den geforderten Satz 
zu zahlen, wenn der Großhändler seine Rechnungen immer wieder zweimal 
bezahlt, so ist die irrationale Seite dieser Handlungsweise, wie Freud das 
längst gezeigt hat, das Ergebnis eines Ambivalenzkonflikts, dessen Unter- 
strömung in der Fehlhandlung deutlich zu Tage tritt. Er ist dem analogen 
Fall der Überzärtlichkeit, die immer eine latente Haßeinstellung verrät, un- 
mittelbar an die Seite zu stellen, nur daß es sich hier nicht um den Liebe- 
Haß-, sondern um den Geben-Nehmenkonflikt handelt. Das wirft ein helles 
Licht auf die Fälle ausgesprochener Verschwendungssucht bei vielen Neu- 
rotikern. Eine Neigung zur Verschwendung ist immer ein Überbau 
und eine Überkompensation entgegengesetzter Tendenzen, einer unbewußten, 
besonders ausgesprochenen Habgier. Eine Jungverheiratete Frau mit einer 
mittelschweren Hysterie, die in die Behandlung des Analytikers trat, erlitt 
einen richtigen Wutanfall bei der Überreichung der ersten Rechnung. Ein 
Traum kurz nachher enthüllte die sonderbaren Bedingungen, unter denen 
sie sich zuletzt entschloß, die Rechnung zu begleichen. Zunächst entwertet 
sie den Analytiker im Traum, indem sie ihn als einen lasterhaften und 
grausamen Menschen, als eine Art von Zuhälter darstellte. Das zweite 
Traumstück machte aus dem Analytiker eine Dirne, die man bezahlt. Nach 
Bewußtmachung und Deutung dieses Traumes brachte sie sehr beschämt das 
Honorar. Wie die reiche Dame in dem Traum zu Eingang der Unter- 
suchung litt sie an einem Männlichkeitskomplex. Im ehelichen Leben war 
sie völlig frigid, verhinderte den Koitus. In ihrem Unbewußten verbargen 
sich Dirnenphantasien, in welchen sie die Rolle der Frau entwertete und 
von ihren männlichen Klienten freigebig bezahlt zu werden wünschte. So 
wurde der Wutanfall zu Beginn der Analyse dadurch ausgelöst, daß ein 
Mann (der Analytiker) Geld von ihr verlangte, ohne ihr Liebe dafür zu geben. 

— 182 — 



Welcher Gesunde litte nicht, so leicht sie auch sein mag, an einer 
Neurose. Wenn man den seelisch Gesunden als einen Menschen bezeichnen 
kann, der nicht hinter den Ödipuskomplex regrediert, so kann er doch das 
habgierige Kind in sich nie ganz töten. Die Neurotiker sind — wie Freud 
dies dargelegt hat — auch auf diesem Gebiet glänzende Studienobjekte und 
erlauben Rückschlüsse auf das Unbewußte des Gesunden. „Nehmen 
statt Geben", das ist die ganze Weisheit des Unbewußten. Für das Es 
erscheint das Nehmen, das Empfangen als Notwendigkeit und Genuß, das 
Geben bedeutet immer Unlust, Furcht und Angst. Daher die Notwendigkeit 
des Kompromisses, ja der Überkompensation. Bei der letzteren gibt die 
Rechte mehr, als die soziale Vorschrift es verlangt, weil die Linke gar 
nichts geben will. Erfolg : Zweifelsucht, Verschwendung, übertriebene Wohl- 
tätigkeit, Zwang zur Höherbezahlung usw. Eine andere Form dieser Ver- 
anlagung, ein anderer pathogener Typ, wäre der Habsüchtige, der mit der 
Unken Hand alles nehmen will, ohne daß die rechte (das bewußte Ich) 
etwas gibt. Beim Gesunden sind beide Strömungen besser ausgeglichen. Die 
Rechte gibt immer etwas, die Linke nimmt nicht alles wieder weg. Der 
Neurotiker endarvt nur auf vergröberte und verzerrte Art den Konflikt, der 
sich beim Gesunden in den feinsten Schwingungen in aller Stille auswirkt. 
Heute wissen wir durch die Analyse, daß alle Käufer auf dem Markt des 
Herzens wie auf allen anderen Märkten im Grunde ihrer Seele jeden Kauf 
zu teuer finden. Dieser geheime Protest ist nichts anderes als die instinktive 
menschliche Antwort auf jede Forderung der harten äußeren Welt. Und 
dieser Dualismus, der ohne Ausnahme gilt, ist nur der Ausdruck für die 
fortwirkende Kraft einer primitiven biologischen Funktion. Wenn diese 
Funktion, die den Neugeborenen ans Leben bindet, in ihm das Bedürfnis 
nach Befriedigung und Schutz hervorruft, eine der sichersten Garantien für 
seine biologische Existenz ist, so wird es klar, warum das Geld späterhin 
immer mehr zum zentralen Symbol dieser beiden auf das Nehmen gerichteten 
Tendenzen des Menschen, ja ihr eigentlicher Angelpunkt wird. Betrachtet 
man die Objektwahl des Kindes, das diejenigen liebt, die ihm Befriedigung 
und Schutz gewähren, die andern aber haßt, so ist es nicht weiter zu ver- 
wundern, wie stark Haß und Liebe in der allgemeinen Symbolik des Gel- 
des enthalten sind. Die Wurzeln dieser Ambivalenz — den Objekten der 
Außenwelt und dem Gelde gegenüber — sind die gleichen. 

Seine Untersuchung zusammenfassend kommt Odier zum Ergebnis, daß 
man einer prä-ödipalen Phase der Libidoentwicklung eine „prä-peku- 
n i ä r e" zur Seite stellen und die eigentliche pekuniäre Phase der zweiten, 
nämlich der Entwicklung des sozialen Ichs zuordnen kann. So schließt diese 



183 — 






Arbeit mit einem Paradox. So ausgezeichnet und glücklich die Gelderziehuns; 
in dieser zweiten Phase, in der der Geldbegriff seine zentrale Bedeutung 
bereits besitzt, auch sein mag, sie ist für die spätere Einstellung des Indi- 
viduums zum Gelde ohne wesendiche Bedeutung. Die erste Phase dagegen 
in welcher das Geld für die Erziehung noch keinerlei Rolle spielt, ist in! 
Gegenteil die entscheidende für die spätere endgültige Einstellung in finan- 
ziellen Dingen. Gelingt es dem Über-Ich, das System C. P. glücklich zu 
überwinden, so ist damit die zukünftige Haltung entschieden. Im Alter von 
6 Jahren, kann man sagen, ist diese Entscheidung schon gefallen. 
Der zukünftige Charakter der Persönlichkeit ist in diesem Alter mit unsicht- 
barer Schrift bereits in die zarte Seele des kleinen Wesens eingegraben; 
und die harten Notwendigkeiten der Außenwelt, des Zusammenlebens mit 
andern Menschen sorgen dafür, daß diese Schrift allmählich lesbar wird. 

F. Seh. 



ECHO DE 
H O A N A LY S 



Ferdinand Brückner über Psychoanalyse 

Das Februarheft der Monatsschrift „Die Literatur" veröffentlicht einen kleinen 
Essay von Ferdinand Brückner. Bekanntlich hat der Verfasser der erfolgreichen 
Dramen „Krankheit der Jugend", „Kreatur", „Verbrecher", „Elisabeth von England" 
sein in der Öffentlichkeit von viel Neugierde umschwärmtes Pseudonym in der jüngsten 
Zeit gelüftet und nun weiß man, unter der Maske Ferdinand Brückner verbirgt sich 
der von früher als feiner Essayist bekannte Schriftsteller und Theatermann Theodor 
Tagger. Sein jetzt erschienener Aufsatz „Freud und die Schriftsteller" muß um so eher 
interessieren, als die Kritik die oben erwähnten Bühnenwerke jahrelang in auffallender 
Übereinstimmung als von der Psychoanalyse beeinflußt empfunden hatte und daher 
lange Zeit vermutete, der Verfasser müsse selbst Analytiker sein oder einen Analytiker 
zum Mitarbeiter habe. Wir geben aus dem gedankenvollen Essay von Tagger-Bruckner 
folgende Stelle hier wieder : 

Freud verdanken wir die Erfahrung, daß auch die Seele ein Fach ist. Die 
Seele nicht im Sinne der Psychologie, die sich seit Jahrtausenden so selbst- 
los mit ihr beschäftigt, sondern als Trägerin der körperlichen Alltagsreaktion. 
Er hat sie im Traum und im Unbewußten nachgewiesen, in den Fehl- 
leistungen des Augenblicks, im ewigen Mitschleppen der Kindheit, im Ur- 



— 184 



mens( 

mit si 






menschentum des Blutes und er hat diesen seelischen Tratsch des Menschen 
mit sich selbst zu einer exakten Wissenschaft gemacht, die man heute para- 
graphenweis studieren kann wie das Strafgesetzbuch. Dank ihm wissen wir 
heute wieder eindeutig, daß wir keinesfalls immer wissen, welche Handlun- 
gen und warum wir sie begehen. Eine Unmasse von äußeren Gründen ver- 
anlaßt uns selbstverständlich, so und so zu reagieren? Es liegt klar auf der 
Hand, daß wir weinen, wenn wir betrogen werden? Lachen, wenn wir 
betrügen, wiederhauen, wenn man uns schlägt, oder eben nicht wiederhauen : 
wir haben immer unsere guten Gründe, warum? Nein, das Herz beruhigt 
sich nicht mit diesen guten Gründen, es kaut sie immer wieder, es tratscht 
sich durch sie durch, umspült sie monologisch, plötzlich war es eine Lüge, 
daß wir gelacht haben, die guten Gründe waren Vorwände vor uns selbst 
und nichts mehr liegt klar auf der Hand. Ebenso handeln wir oft sehr un- 
verständlich, so eine Dummheit, wie konnte ich nur, es war gegen jede 
Vernunft — aber der Monolog in uns, wir hören ihn ja nicht immer, geht 
ohne Unterbrechung weiter und plötzlich, manchmal erst nach Jahren, haben 
wir diese unverständliche Handlung verstanden. 

Schon vor Freud haben Schriftsteller Seelisches beschrieben, aber auf 
Grund des damaligen Standes der Psychologie. Die Psychologie Dosto- 
jewskis, der ein besessener Schüler seines Zeitwissens war, kann man 
heute auch in einem Groschenroman finden. Unnötig zu sagen, daß das der 
Größe Dostojewskis keinen Abbruch tut, die Größe eines Schriftstellers liegt 
nicht in seinen Fachkenntnissen, sondern in der Schöpferkraft, die sie be- 
nutzt. 

Warum sträuben sich noch so viele Schriftsteller vor 
einer Bekanntschaft mit Freud? Warum weichen sie ihm aus oder 
behaupten es eifrig, während sie jedes andere Materialstudium ohne weiteres 
zugeben würden? Weil sie die Krankheit des Fingerlutschens noch nicht 
überwunden haben und sich einreden, sie hätten es nicht nötig, die Seele 
zu studieren, sie hätten selbstverständlich ihr eigenes „Gefühl". (Dieser ent- 
waffnenden Vorstellung vom Zweck eines Freud- Studiums begegnet man 
noch heute auch bei klugen Köpfen.) Von allem anderen abgesehen, ist es 
nicht die Aufgabe eines Schriftstellers, ein Gefühl zu haben, sondern es zu 
gestalten. Die gesamte Weltliteratur wiederholt sich immer wieder in neuen 
Ausdrücken für die Handvoll Gefühle, die es überhaupt gibt. Es kommt 
darauf an, wieviel Neues ein Schriftsteller von dem „weiß", durch Wissen 
selbst entdeckt, was er „fühlt". Das „Fühlen" allein schenken wir ihm, da- 
von haben wir nichts, das kann jeder. 

Alle Erkenntnis, nicht nur die von der Seele, wird auf Ewigkeit in einer 

— 185 — 



Art Anfangsstadium stecken bleiben vor dem Unaussprechlichen und Letzten 
Jede Wissenschaft versucht weiter nichts, als immer wieder ein kleines 
Stück näher heranzukommen, aber zwischen ihrem äußersten Vorposten und 
dem „Ziel" wird uneinnehmbar das winzige mathematische Unendlich liegen. 
Wie der Physiker nicht weiß, was Elektrizität ist, der Biologe nicht, was 
Leben ist, kein Theologe, was Gott ist, wird auch der Schriftsteller nur 
immer näher an dieses Letzte heranrücken können, das für ihn, den Men- 
schengestalter, „der Mensch" heißt. Auf dieser Straße hat für uns 
den Schritt näher heran nach Nietzsche Sigmund Freud ge- 
macht. 



Freud und die moderne Literatur 

In den Stockholmer „Dagens Nyheter" vom 5. und 6. Dezember ver- 
öffentlicht Sten Seiander zwei Aufsätze über den Einfluß der Psycho- 
analyse auf die zeitgenössische schöne Literatur. Der erste Aufsatz behandelt 
den Einfluß Freuds auf die deutsche Literatur, der zweite den auf die fran- 
zösische, englische und amerikanische. Seine Feststellungen — führt Sten 
Seiander eingangs aus — erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit; 
weder könne er die zeitgenössische Literatur vollständig kennen, noch sei 
er mit der psychoanalytischen Lehre so nahe vertraut, um ihren Einfluß auf 
die Dichtkunst, wo er nicht auch dem Außenstehenden offenkundig ist 
überall agnoszieren zu können. Es handle sich ihm nur darum, auf ein- 
zelne von Freud beeinflußte Autoren und Werke hinzuweisen, wie es ihm 
bei einer ziemlich planlosen Lektüre aufgefallen sei. Auch seien nur solche 
Autoren berücksichtigt, die vom Einfluß der Psychoanalyse zentral erfaßt 
sind, denn „ganz unberührt von Freud ist wohl kein zeitgenössischer Autor, 
mittelbar oder unmittelbar haben wohl alle etwas von ihm angenommen". 

Soweit es sich um den Einfluß Freuds auf die deutsche Literatur 
handelt, meint Seiander, ist die Intensität dieses Einflusses zum Teil durch 
Freuds Stil zu erklären, durch die suggestive Wirkung seiner künstlerischen 
Prägung. „Man darf sich daher nicht wundern, daß seine Schriften einen 
Teil seiner Landsleute so faszinierten, daß dies beinahe zu einer sklavischen 
Unterwerfung führte". Als Beispiel dafür wird Leonhard Frank ange- 
führt, und insbesondere dessen Werke „Die Ursache" und „Karl und Anna". 
Franz Werfel habe sein psychoanalytisches Bekenntnis im Roman 
„Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig" abgelegt. „Der Zauberberg" 
zeigt, daß nicht einmal Thomas Mann für Freuds Einfluß unempfindlich 
sei. Junge, radikale Talente könnten sich nicht für Freud erwärmen, denn 
— führt Seiander an — diese Revolutionäre (in der Regel Kommunisten) 

— 186 — 



. 






sind im Grunde genommen doch Utopisten, die vom Rousseauschen opti- 
mistischen Idealismus ausgehen, und Freuds Anschauung, daß der Mensch 
von Geburt aus ein böses, aggressives, egoistisches Wesen sei, stehe jenem 
Utopismus diametral entgegen. 

In der französischen Literatur nehme der Einfluß Freuds andere 
Formen an, als in der deutschen. In Frankreich wirkt sich dieser Einfluß 
parallel einer auch sonstigen Revolte gegen den Intellek- 
tualismus aus. Diese gerade in Frankreich begreifliche Reaktion — 
führt Seiander aus — führt aber auch zu Übertreibungen. Ein Beispiel 
dieser Übertreibung sei die surrealistische Richtung (Philippe Sou- 
pault, Louis Aragon u. a.). Die Methode der Surrealisten, die Wirk- 
lichkeit mit der Technik des Traumes, in der primitiven Symbolsprache zu 
schildern, mache ihre Werke unverständlich. Sie hätten Freud zum Anlaß 
genommen, sich auf dem Kehrichthaufen der Hinterhöfe der Sexualität zu 
wälzen. „Und diese Art von Berühmtheit, deren sie sich gegenwärtig in den 
Literaturkreisen des Montparnasse und des Quartier Latin erfreut, dürfte, 
hoch gerechnet, ungefähr bis 1931 bestehen." 

Über Andr6 Gide schreibt Seiander: 

„In welchem Maße Andr6 Gide, der in vieler Hinsicht die geistige Zen- 
tralgestalt im Frankreich unserer Tage ist und vielleicht mehr als irgend 
jemand anderer dazu beigetragen hat, dort Interesse für Freud zu wecken, 
selbst zu den Gläubigen gehört, ist schwer zu entscheiden. Er dürfte erst 
als reifer Mann die Psychoanalyse kennen gelernt und es daher eben nicht 
so leicht gehabt haben, sie vorbehaltlos gutzuheißen. Seine grenzenlose in- 
tellektuelle Neugierde und sein Bedürfnis, den Leser zu verwirren und ihm 
harte Denknüsse zu knacken zu geben, macht es schwer, zu entscheiden, 
was in seinen späteren Büchern von Bergson, von Dostojewski, von 
Nietzsche, von Proust, von Freud oder von Andr6 Gide selbst stammt. 
Sicher ist jedenfalls, daß z. B. seine glänzende Studie über Dostojewski 
gleichzeitig eine Einleitung zur psychoanalytischen Menschenauffassung genannt 
werden kann und ihre gegenwärtige Form nicht ohne Freud erlangen konnte. 
Und unter den zahllosen Ideen, die sein Hauptwerk, den großen Problem- 
roman ,Die Falschmünzers bewegen, nimmt die Freudsche Lehre keinen ge- 
ringen Raum ein." 

Unter den Schriften von Jacques de Lacretelle ist nach Seiander 
besonders der Roman „La Bonifas" als „orthodox-freudianisch« zu bezeichnen. 
„De Lacretelle hat deshalb, weil er Freudianer wurde, nicht aufgehört, 
Künstler zu sein, er kann die Theorie mit Leben erfüllen und bedeckt ihr 
die Knochen mit Fleisch und Blut ; aus einem psychiatrischen Fall wächst 
sich die Erzählung vom verfehlten Leben der Marie Bonifas zu einer in all 
ihrer beklemmenden Verwüstung ergreifenden Tragödie aus". 

Auch FrancoisMauriac sei gläubiger Freudianer, doch habe auch 
er sich seine Freiheit als schaffender Dichter erhalten. (Vor allem ist der 

— 187 — 



Roman „Genitrix" gemeint, der von der „Ausartung einer Liebe zwischen 
Mutter und Sohn" handelt.) „Mauriac ist gläubiger Katholik im Jansenschen 
Geiste: seine Anschauung vom Leben ist streng und dunkel, das Dasein 
besteht für ihn in einem ununterbrochenen Kampf gegen das Böse, das 
sich eindrängt und alles vergiftet. Und in dem Glauben wird er bestärkt 
durch die psychoanalytische Demaskierung aller dunklen und heimtückischen 
Regungen unseres Wesens und deren zweideutige Einwirkungen auf die 
menschlichen Tugenden und Motive. Für ihn, wie für den hervorragenden 
Psychoanalytiker Pfarrer Pfister ist es keine Schwierigkeit, gleichzeitig Christ 
und Freudianer zu sein. 

In der englischen Literatur ist es nach Seiander besonders Freuds 
„P an sexualismus", der einen starken Eindruck hinterließ. Sei doch 
alles, was mit dem Geschlechtsleben zusammenhängt, früher in keinem Lande 
so mit Tabus der Prüderie, mit verlogenen Konventionen versteckt und 
erstickt worden, wie in England. Die Kriegsjahre und die Nachkriegsjahre 
haben in gewissen Kreisen Englands eine vollständige Umwälzung herbei- 
geführt. „Man kann die Rolle der Psychoanalyse in dieser Revolution gar 
nicht überschätzen". Das Wort „Geschlecht" sei nun unvermutet in die eng- 
lische Sprache eingedrungen. Man brauche nur auf AI dingt ons 
„Tod eines Helden" hinzuweisen, um zu zeigen, welche Rolle Freud für 
Englands jüngere Intelligenz spielte. D. H. Lawrence „hat eine übrigens 
sehr verworrene Lebensphilosophie, oder vielleicht richtiger: Unterlebens- 
philosophie entwickelt, in ausgeprägtem, wenn auch nicht sehr treuem 
Freudschen Geiste." Der Roman „Mary Olivier" von May Sinclair sei 
das Beispiel eines erzählenden Werkes, das von unverdauter Freudscher 
Dogmatik vollgestopft sei. Bei James Joyce und Dorothy Richard- 
son führe Freuds Einfluß zu tödlicher Langeweile. Es gibt nach Seiander 
nichts Langweiligeres in der Weltliteratur als den „träge dahingleitenden 
Strom stinkenden seelischen Spülwassers ohne zusammenhängende Gedanken 
und begriffliche Sinngebung" (nämlich im „Ulysses" von Joyce). Ebenso 
langweilig sei Dorothy Richardson. Virginia Woolf sei zwar kurz- 
weilig, mitunter sogar witzig, aber gehöre leider auch zu den theoretisieren- 
den Künsdern. Weiter nennt Seiander als Beispiele' von Freud beeinflußter 
englischer Autoren noch G r a v e s und Aldous Huxley. 

Von amerikanischen Autoren hebt Seiander Louis Bromfield her- 
vor. In seinem Roman „Miß Annie Spraggs seltsame Geschichte" stehe die 
Auffassung des Zusammenhangs zwischen Religion und Sexualität auf psycho- 
analytischer Grundlage. „Es glückt ihm, die Theorie umzuzaubern zu einer 
wundervollen, eindrucksstarken Stimmung von vollblütiger heidnischer Primiti- 
vität hinter der Maske amerikanischen, hinterwäldlerischen Sektierertums. 
Bromfield ist einer der wenigen angelsächsischen Erzähler, die — ähnlich 
einigen Franzosen — es wirklich vermocht haben, psychoanalytische Lehr- 
sätze zu lebendiger Kunst umzuformen." 



— 188 — 



Psychoanalyse und Völkerpsychologie 

In seinem vor kurzem (bei Georg Thieme in Leipzig) erschienenen um- 
fangreichen Werke „Perspektiven der Seelenheilkunde" beschäftigt sich A r t h u r 
Kronfeld u. a. auch mit der Frage, welche Ergebnisse der völkerpsycho- 
logischen Forschung für die Bestimmung des Seelisch-Abnormen (bei der 
Neurose, als auch bei der Psychose) herangezogen werden können. Er billigt 
insbesondere der Anwendung der Psychoanalyse auf völkerpsychische Be- 
stände einen großen heuristischen Wert zu. Im Abschnitt „Die entwicklungs- 
geschichtliche Präformation des seelisch Abnormen" schreibt er u. a. : 

Die Völkerpsychologen haben sich den Gedankengängen der Psycho- 
analyse vielfach noch weit mehr verschlossen, als dies innerhalb der Psycho- 
pathologie der Fall war. Sie haben ihr, oft mit ganz unzulänglichen Argu- 
menten, Willkür und unzulässige Verallgemeinerung vorgeworfen." 

„Aber es ist vielmehr bezeichnend für die Vorsicht des Entwicklungs- 
ganges der völkerpsychologischen Psychoanalyse, daß sie niemals, wie etwa 
in der Neurosenlehre, mit einem geschlossenen systematischen Gebäude der 
Völkerpsychologie hervorgetreten ist. Insbesondere zwei Fragenkreise bedürfen 
auch für die Psychoanalyse selbst erst noch weiterer Klärung. Einmal die 
Abgrenzung der spezifisch-psychoanalytischen Symbolik von der andersartigen, 
naturalistisch oder soziologisch begründeten Symbolik in der Völkerkunde 
und Mythenforschung. Und zweitens die Arbeit an den besonderen Erlebens- 
und Denkformen der Primitiven und ihren strukturellen Grundlagen — die 
bisher von der Psychoanalyse nur vorläufig und heuristisch mit den neuroti- 
schen Strukturen gleichgesetzt worden sind." 

„Diese kritische Zurückhaltung der Psychoanalytiker hinsichtlich der Trag- 
weite ihres Verfahrens in der Völkerpsychologie ist nicht etwa neueren Ur- 
sprungs. Sondern gerade die besten völkerpsychologischen Freud schüler 
haben sie immer besessen, und es ist nicht richtig, daß sie sich einer kritik- 
losen Verallgemeinerungstendenz schuldig gemacht hätten. So hält Abraham 
es für gefährlich und warnt davor, mit den ungedeuteten Erzen des reichen 
mythischen Gutes willkürlich zu schalten und Zusammenhänge zu konstruieren, 
die nur scheinbar bestehen oder deren Existenz nicht zu erweisen ist. Er 
spricht diese Warnung gegen Jung aus. Sachs findet es begreiflich, daß 
die ersten Schritte der Psychoanalytiker auf diesem neuen Gebiet leicht den 
richtigen Weg verfehlen können. Und S i 1 b e r e r sagt : Die psychoanalyti- 
schen Autoren werden sich die Zeit nehmen müssen, an dem Material, das 
sie behandeln, nicht bloß die psychoanalytischen, sondern auch alle anderen 
Seiten so weit durchzuarbeiten, daß aus dem Gesamtbild die richtige Stellung 
der Psychoanalyse erkennbar ist. Besonders in der Märchen- und Mythen- 
forschung sei die richtige Abgrenzung der Rolle der Psychoanalyse besonders 
wünschenswert. Die Synthese der psychoanalytischen Deutung mit den an- 
deren Deutungen . . . harrt noch ihres Schöpfers. P u t n a m würde es be- 

— 189 — 



dauern, wenn man die Notwendigkeit nicht erkennen würde, bei den wich- 
tigen Mythen- und Kunstanalysen neben den aus verdrängten Wünschen 
herrührenden Einflüssen auch andere Einflüsse zu betonen, . . . ohne welche 
keine der in den Mythen zum Ausdruck kommenden Regungen vollständig 
zu verstehen ist. Alle diese und noch andere Äußerungen beweisen, daß 
die Psychoanalyse nicht daran denkt, sich als völkerpsychologische Universal- 
lehre anzubieten. Sie will nicht mehr sein als einer der möglichen Arbeits- 
gesichtspunkte, der keinen anderen ausschließt. Das Urteil über die Tragweite 
der Heuristik überläßt sie durchaus der völkerpsychologischen Gesamtforschung 
selber." 



Aus Zeitschriften 

In einem Aufsatze „Zur Psychologie und Pädagogik der 
Scham" von Kurt Haase in der „Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche 
Pädagogik" (1930, VI, S. 415 ff) heißt es u. a. : ^Der Schutz persönlicher 
Würde, ob sie an Erlebnissen persönlicher Art (seelische Scham) oder am 
Leibe hafte (Geschlechtsscham), ist eine positiv sittliche Forderung. S. Freud 
lehnt die Erziehung zur Geschlechtsscham mit der Begründung ab, daß die 
Geschlechtsscham Libidobefriedigungen verhindere und dadurch sehr leicht 
nervöse Erkrankungen hervorrufe." Dem wäre entgegenzuhalten, einmal, daß 
ärztliche Überlegungen niemals letztlich über die_ Norm persönlichen Verhal- 
tens entscheiden können, vielmehr stets die sittliche Forderung über der 
ärztlichen stehen muß, sodann, daß es wahrscheinlich gar nicht die echte 
sittliche Geschlechtsscham ist, welche jene Neurosen hervorzurufen pflegt, 
sondern vielmehr die unechte, auf sozialer Suggestion beruhende Geschlechts- 
scham, die der sittlichen Fundierung entbehrt. Daß Freud tatsächlich diese 
vor Augen hat, geht aus seinen Ausführungen deutlich hervor. 

Warum vergißt man Träume? fragt Andreas Angyal (Turin) 
in der „Zeitschrift für Psychologie" (Bd. 118, 1930, S. 191 ff). Der Verfas- 
ser kommt in seiner — im Institut für experimentelle Psychologie an der 
Universität Turin entstandenen — Abhandlung zum Ergebnis, daß es ein 
aussichtsloses Unterfangen sei, einen Traum rekonstruieren zu wollen, denn 
dazu fehlt einerseits jeder Anknüpfungspunkt, andererseits sei der Bereich 
dessen, was im Traume zu erleben möglich ist, schlechthin unbegrenzt. 
Wenn es sich um die Reproduktion des Erlebnisses des Wachzustandes 
handle, bieten gewisse relativ konstante Faktoren des Wachzustandes An- 
haltspunkte ; solche Faktoren sind: die relativ konstante Verbindung ver- 
schiedener Zeitabschnitte mit gewissen Ereignissen der Umwelt und mit 
gewissen Faktoren der persönlichen Lebensführung, die Konstanz des Ortes, 

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der eigenen Person, der Naturgesetze usw. Alle diese Faktoren fehlen im 
Traum oder erscheinen stark verkümmert, und daher seien Träume nicht 
rekonstruierbar. 

In einer Abhandlung über einen Fall von „Zwangslachen mit 
Erektion als epileptisches Äquivalent" („Der Nervenarzt", 
1931, Heft 2) berichtet Dr. Josef Wilder (Wien) von dem in Frage 
schwebenden Patienten u. a., daß es, wenn der Patient im Bett liegt, vor- 
kommt daß er während eines Lachanfalls keine Erektion bekommt (wie es 
sonst in der Regel bei ihm der Fall ist), dafür aber das Gefühl hat, zu 
schweben, zu fliegen. Dr. Wilder schreibt dazu: „Hier tritt also das Flie- 
gen gewissermaßen als Ersatz der Erektion auf. In diesem Zusam- 
menhange ist unbedingt die psychoanalytische Arbeit Federns über 
Fliegeträume zu erwähnen. Federn behauptet, daß die so häufigen sog. Fliege- 
träume Erektionsträume sind, bei denen das Fliegen als Symbol der Erektion aut- 
tritt. Man mag zur Psychoanalyse und speziell zur Symbollehre stehen, wie 
man will, so muß man, wenn man, so wie wir es taten, sich viel mit 
Träumen beschäftigt, zugeben, daß es sich hier nicht um bloße Deutungen, 
sondern um Tatsachen handelt. Denn wir begegnen immer wieder der An- 
gabe, Patient sei aus einem Flugtraum mit einer Erektion erwacht. So weit 
darf man allerdings nicht gehen, daß man behauptet, alle Fliegeträume seien aus- 
schließlich Erektionsträume. Bekannt ist z. B. das häufige Auftreten von Fliege- 
träumen bei Vestibularaffektionen (Schilder, Leidler und Loewy 
u. a.). Auch Federn selbst gibt das zu. Daß möglicherweise schon bei dem 
Erektionsfliegetraum Vestibularfaktoren mitspielen, dafür scheint die Angabe 
unseres Kranken zu sprechen, daß er die Flugsensation nur in einer be- 
stimmten Lage (im Liegen) bekomme. Daß, wie alle Traummechanismen, 
die symbolischen Flugphantasien auch im Wachen bei Neurosen vorkommen, 
dürfte bekannt sein. Ich erinnere mich da besonders an einen hysterischen 
Dämmerzustand mit deutlichen Zeichen vestibulärer Störung (Nystagmus, 
Vorbeizeigen), den ich unter der Leitung S c h i 1 d e r s beobachten konnte 
und der sowohl die Halluzination hatte, selbst zu fliegen, wie auch fort- 
während nach herumschwirrenden Fliegen griff." 



Eigentümer und Verleger : 

Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Ges. m. b. H., Wien, I., Börsegasse 11 

Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Adolf Josef Storfer, Wien. I., Börsegasse 11 

Druck: Johann N. Vernay A.-G., Wien, IX., Canisiusgasse 8—10 

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Soeben erschien 

Theoretische Sdk 



von 



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In Ganzleinen M. p' — > 

Inhalt s 

über die zwei Prinzipien Metapsychologische Er*» 

des psychischen Ge= gän?ung %\xv Traum= 

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über den Begriff des Un- Trauer und Melancholie 



Jenseits des I^ustprin^ips 
Massenpsychologie und 
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Zur Einführung des Nar= 

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T • t j t • r r • t Das Ich und das Es 

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Wien, I., Ia der Börse 

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