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Full text of "Psychoanalytische Bewegung III 1931 Heft 4"

Psychoanalytische 
►ewegmiig 



g III. Jakrgaiag Juli^ÄugMst 1931 Heft 4 H 



Die Psychoanalyse In der Sdhweiz 

Der XII. Kongreß der Internationalen Psychoanalytischen Ver- 
einigung wird in Interlaken stattfinden. Es wird der erste 
internationale psychoanalytische Kongreß, der auf Schweizer 
Boden stattfindet. Aus diesem Anlaß hat die „Psychoanalytische 
Bewegung« das vorliegende Heft zur Gänze Schweizer Autoren 
eingeräumt. Den Präsidenten der „Schweizerischen Gesellschaft für 
Psychoanalyse" forderten wir auf, das Geleitwort zu diesem Heft zu 
schreiben - Der Herausgeber 

Seit dem Erscheinen von Freuds „Traumdeutung" hat die 
Psychoanalyse nicht aufgehört, in der Schweiz Interesse zu 
wecken, wie ein Ferment, das einem Stoffe beigemischt wird und 
diesen in Gärung erhält. Es ist eine anziehende Aufgabe, diesen 
Prozeß zu verfolgen und den Erscheinungen nachzugehen, die 
die Freudschen Ideen im Gebiete der schweizerischen Eidgenos- 
senschaft hervorgerufen haben. 

Die Schweiz bildet bekanntlich ein Europa im Kleinen mit 
allen Auswirkungen einzelner Partikularitäten, die ihre Selb- 
ständigkeit eifersüchtig gegeneinander zu bewahren suchen. Und 
doch wirkt sie nach außen einheitlich im Gesamtchorus des 
europäischen Völkerkonzertes. 

Mit seltenem Scharfblick wußte Otto Spieß die Rolle der 
Schweizer zu fassen, die sie während der letzten dreihundert 
Jahre in der Wissenschaft gespielt haben. In einer Biographie 
\ 

PsA Bewegung III — 289 — 



'a 



INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



über Leonhard Euler sagt er in trefflicher Weise: »Die ganz 
großen, epochemachenden Ideen sind nie von der Schweiz aus- 
gegangen. Aber die Schweiz hat stets, sobald ein neues Prinzip 
die Welt in zwei Lager teilte, dieses Prinzip mit urwüchsiger 
Eigenart aufgegriffen und als ebenbürtiger Mitstreiter zur Geltung 
gebracht. Mit Recht — fährt er fort — werden diese Schweizer 
Gelehrten mit den alten Reisläufern verglichen, denen die enge 
Heimat zu wenig Raum bot zur Entfaltung der unbändigen 
Kräfte." So bemächtigten sich die Schweizer Bernoulli, Euler und 
andere mit seltener Gewalt der Grundideen der Infinitesimal- 
rechnung eines Leibniz und Newton und bildeten ihre eigene 
Schule. 

Es ist vielleicht eine Überhebung, diesen schweizerischen Anteil 
an der Frühblüte der abendländischen Mathematik mit unserer 
Mitarbeit an der Psychoanalyse zu vergleichen. Und doch war 
es eine hohe Zeit, als die Arbeiten Freuds an der Zürcher Klinik 
Burghölzli mit jugendlicher Entdeckerfreude aufgenommen und 
in fruchtbarer Weise angewandt wurden. Eine große Zahl begab- 
ter Forscher kamen dort zvisammen, von denen ich nur einige 
Namen nenne: Abraham, Eitingon, Riklin und andere. Es war 
eine Zeit, wovon man uns Jüngeren wie von längst entschwunde- 
nen Tagen zu erzählen weiß, und aus der dann die klassische 
Arbeit von Bleulers Monographie über die Dementia praecox in 
Asch äff enburgs Handbuch der Psychiatrie hervorgegangen ist, 
in dessen Einleitung Bleuler sich folgendermaßen vernehmen läßt: 
„Ein wichtiger Teil des Versuches, die Pathologie weiter auszu- 
bauen, ist nichts als die Anwendung der Ideen Freuds auf die 
Dementia praecox. — Zu danken habe ich ferner meinen Mit- 
arbeitern im Burghölzli, ich nenne nur Riklin, Abraham und vor 
allem Jung." 

Die Mitarbeit der Schweizer in der psychoanalytischen Früh- 
periode spiegelt das „Jahrbuch für Psychoanalyse" wider, das 
in seinem größten Teile von 1909 bis 1914 von Freud und Bleuler 

— 290 — 



herausgegeben und von Jung redigiert worden war. Von rund 
100 Arbeiten stammen 35 aus der Feder von Schweizer Autoren, 
v on denen ich außer den bereits genannten noch Binswanger, 
Bertschinger und P fister nennen möchte. 

Die Kriegsjahre brachten auch hier einen Stillstand. Aber 
kaum ließ uns die Kriegsfurie zu Atem kommen, so bildete sich 
ein neuer Kreis. Und es war ein bedeutsamer Abend, an dem sich 
schweizerische Analytiker mit Gästen aus den eben noch ent- 
zweiten Kriegsländern zu wissenschaftlicher Arbeit mit Ober- 
hoher zusammenfanden. 

Trotz lebhaften Auseinandersetzungen macht sich in der 
schweizerischen psychoanalytischen Bewegung doch eine gewisse 
Stetigkeit geltend, die schließlich auch darin zum Ausdrucke 
kommt, daß unsere heutige Vereinigung, die jetzt die Genug- 
tuung hat, die „Internationale Psychoanalytische Vereinigung" 
zum XII. internationalen Kongreß demnächst in ihrem Lande be- 
grüßen zu dürfen, Mitglieder führt, die bereits damals, in den 
ersten Blütentagen der Psychoanalyse, der „Internationalen 
Psychoanalytischen Vereinigung" angehörten. Ich nenne die 
Hamen: Binswanger, Purst, P fister und Schneider. 

Besondere Früchte zeitigten die Schweizer in der Anwendung 
der Psychoanalyse auf die verschiedensten Gebiete geistigen und 
sozialen Lebens. In der Psychiatrie, von der wir bereits gespro- 
chen haben, weiß Kielholz die Tradition zu wahren. P fister 
bahnte neue Wege in der Seelsorge und Pädagogik und bald 
öffnete sich ein weites Feld in Erziehung und Schule, worin sich 
Schneider und Zulliger hervortun. 

Die folgenden Arbeiten legen von der Schaffenskraft der 
Schweizer Autoren neues Zeugnis ab. Und wenn nicht alle 
Zeichen trügen, so wird diese Entwicklung weiter gehen und zu 
neuen, schönen Ergebnissen führen. 

Philipp Sarasin 

Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Psychoanalyse 



291 - 



Teil wid Parrieidä. 

Von 

Arthur Kielholz 

Königsfelden (Aargau) 

Wenn man, wie der Verfasser, auf den Trümmern des römischen Le- 
gionslagers Vindonissa residiert, das im ersten Jahrhundert der christlichen 
Zeitrechnung errichtet wurde, und aus dessen immer noch zu Tage geför- 
derten Trümmern und Überresten man sich ein Bild zu machen sucht von der 
Kultur des damaligen Weltreichs, so greift man mit Interesse zur Darstellung 
des Lebens eines der Herrscher, die während jener Zeit an der Spitze des 
Imperiums standen, wie das in so gelungener und meisterhafter Weise 
Hanns Sachs in seinem Bubi Caligula versucht hat. Im Gegensatz 
zu den meisten Biographen erklärt er die Bizarrerien des Kaisers nicht mit 
ererbter Geistesstörung, mit Cäsarenwahnsinn, sondern aus den Jugend- und 
Umwelterlebnissen, und speziell sein Ende aus dem Todestrieb, der alles, 
was er tat, so zusammenhanglos und unsinnig es scheinen mochte, diesem 
einen unbewußten Zwecke dienen ließ, den Tod herbeizurufen und sich so 
vor der Verzweiflung und dem Selbstmord zu bewahren, [i, S. 175] 1 So 
reizte er einen höheren, älteren Praetorianeroffizier, Cassius Chaerea derart 
mit Hohn und Spott, daß dieser eine Verschwörung anzettelte, der der 
Kaiser trotz deutlicher Warnung bei der Rückkehr von der Arena zum Pa- 
last zum Opfer fiel. Bei der Abnahme der Wachtparole zog Cassius das 
Schwert und schlug mit den Worten : Es soll gelten, da hast du's, auf ihn 
ein. Nach einer andern Version soll Chaerea ihn von hinten angegriffen 
haben, worauf sich die andern Verschwörer auf ihn stürzten und jeder sein 
Schwert in sein Blut tauchen -wollten. [1, S. 203.] 

Wir gehen wohl kaum fehl, wenn wir auch für eine Szene, die 
sich um 13 Jahrhunderte später, diesmal auf dem Boden des alten Legions- 
lagers Vindonissa selbst in ähnlicher Weise abspielte, letzten Endes den 
Todestrieb verantwortlich machen, von dem der durch einen früheren Ver- 
giftungsversuch einäugig gewordene römische Kaiser Albrecht I. von Habs- 
burg [2] veranlaßt wurde, sich mit den Verschworenen allein über die Reuß- 
fähre setzen zu lassen, um an der Stelle, wo dann das Sühnekloster Kö- 
nigsfelden errichtet wurde, ihren Streichen zu erliegen. Auch diese Szene ist 

1) Die Ziffern in eckigen Klammern [ 1 verweisen auf die Literaturangaben am 
Schluß dieser Arbeit. 

— 292 — 



Ijn verschiedener Weise überliefert worden. Nach der einen Version [3] 
rannte ihm sein Neffe Johann von Schwaben, nach der Tat Parricida ge- 
nannt, weil Albrecht ihn als einen zur Regierung noch unreifen Knaben gehöhnt 
und verspottet hatte, einen Speer in den Hals. Nach einer andern Über- 
lieferung [4, III, S. 3] versetzte ihm der junge Herzog mit einem Dolch 
die erste Wunde in den Hals, von Wart gab ihm eine andere in die 
Seite, und von Palm zerspaltete ihm mit einem Schwertstreich das Haupt, 
nachdem der von Wart das Zeichen zum Angriff mit den Worten gegeben : 
Quamdiu hoc cadaver hominis equitare patiemur ? Nach einer dritten Version 
1-5, S. 48] stieß ihm Parricida von hinten sein Schwert in den Nacken, daß 
es an der Brust herausdrang, als ihn Palm und Eschenbach schon über 
Stirn, Gesicht und Wange mit ihren Schwertern verwundet hatten. 

Wir möchten aus diesen Verschiedenheiten der Tradition vor allem den 
Schluß ziehen, daß diese Verwirklichung der ödipustat die Phantasie der 
Zeitgenossen und der nachfolgenden Geschlechter in hohem Grade angeregt 
und die Chronisten je nach ihrer nationalen Zugehörigkeit und individuellen 
Einstellung zum Komplex veranlaßt hat, Parricida mehr als kühnen Drauf- 
gänger oder als hinterlistigen, feigen Meuchelmörder erscheinen zu lassen. 

Auch über das Schicksal Parricidas bestehen verschiedene Überlieferungen. 
Mit vieler Unwahrscheinlichkeit wird behauptet [6, S. 9], er sei in mönchi- 
scher Kleidung nach Italien geflohen, habe vergeblich bei Clemens V. um 
Absolution nachgesucht und sei von Kaiser Heinrich in Pisa gesehen worden. 
Viele meinen, er sei bei den dortigen Augustinern als Bruder gestorben. 
Es sei daselbst lange ein Gemälde von ihm aufbewahrt worden. Andere 
behaupten, jener bekannte Blinde, der am Neuen Markt in Wien Brot 
bettelte, sei ein Sohn dieses Herzogs Johann gewesen. Die Strafe der Blen- 
dung für das Parricidium hätte sich somit erst am zweiten Glied erfüllt. 
Noch andere melden, daß er in hohem Alter als ein Eremit unweit von 
Königsfelden sein Leben soll beschlossen haben. Eine weitere Version be- 
richtet, er sei ins Gebirge geflohen, habe sich einige Zeit im Kloster Ein- 
siedeln verborgen gehalten und sei in den dürftigsten Umständen gestorben. 
Habsburgische Historiker [7, 8] setzen seinen Tod ins Jahr 1313, also 
5 Jahre nach dem Mord des Oheims. Die Rückkehr des Verbrechers in die 
Nähe des Tatortes ist nur für denjenigen zweifelhaft oder unverständlich, 
welcher die unbewußten Mächte des Wiederholungszwanges und des Straf- 
und Sühnebedürfnisses nicht anerkennen will. 

In den schweizerischen habsburgfeindlichen Chroniken sind die Unmensch- 
lichkeiten der Rache, welche die Kinder des ermordeten Kaisers, vor allem 
seine Tochter, die Königin Agnes, an den Verschworenen und ihren Fami- 






293 



lien verübt haben sollen, in den schwärzesten Farben geschildert worden 
Die spätere Forschung, speziell Liebenaus [9], hat die maßlosen Über- 
treibungen und die tendenziöse Manier dieser Chronisten aufgedeckt und 
richtig gestellt und der Gründerin und Förderin des Klosters Königsfelden 
Agnes von Ungarn, eine wohlgeglückte Ehrenrettung zu Teil werden lassen. 
Es wird dabei auf ihre tiefe Religiosität großes Gewicht gelegt und, was in 
diesem Zusammenhang gewiß des Reizes nicht entbehrt, hervorgehoben, daß 
sie zu den Einsiedlern der Umgegend gute Beziehungen pflegte. 

Dieser Umstand dürfte dem bekannten Schweizer Historiker Joseph Eutych 
Kopp, zur Zeit, als er als junger Professor in Luzern sich mit dem Dichten 
von Dramen in Schillerscher Manier und noch nicht mit geschichtlichen Stu- 
dien befaßte, und als er ums Jahr 1822 das Drama König Albrecht I, kon- 
zipierte, kaum bekannt gewesen sein. Er verwendete darin als Motiv Agnes 
geteilt in der Liebe zum Vater und zum Geliebten, Herzog Johann : 

Ist gleich die Seligkeit des Mutterhimmels 

In meinen Busen nie herabgestiegen, 

So fühl' ich heute doch den süßen Stolz 

Als meinen Erstgebornen dich zu grüßen. 

Du bist aus tausend Schmerzen, die ich litt 
Um dich, zu tausend Freuden, die du mir 
Bereitest, schön hervorgegangen. Sieh* 
Ich habe dich für Habsburg neu geboren» 

So apostrophiert Agnes ihren jungen Vetter, bevor er das Parricidium 
begeht. In dem Drama tritt auch Teil auf mit den Worten ; 
Doch meine Tat ist schnell vergessen, ja 
Teils Name wird zum Abscheu oder Märchen 

Den Mann erschlagen hab' ich: 
Und, wie ihrs nennt, gerecht und abgedrungen, 
Es bleibt ein Mord. 

Der Biograph Kopps hebt diese Sentenz hervor [10, S. 79], in welcher der 
Dichter für seine spätere historische Kritik sich selber gleichsam zum Pro- 
pheten geworden sei. 

Wir werden allerdings unser Mißtrauen gegen die Zuverlässigkeit einer 
wissenschaftlichen Forschung, die ihre Resultate schon vor Beginn prophezeit, 
kaum unterdrücken können. Kopp ist nämlich durch seine spätem jahre- 
langen Archivstudien zur völligen Ablehnung der in den alten Chroniken 
aufgestellten Befreiungstradition, vor allem der Geschichte Teils, die er völlig 
ins Gebiet der Sage verwiesen hat, gelangt, und die ihm folgenden Histo- 
riker haben dieses Resultat seiner Forschung bis in die neueste Zeit ohne 
große Nachprüfung übernommen. 



294 — 



Kopp war aber nicht der erste, welcher die historische Wirklichkeit Teils 
meint hat. Schon im Jahre 1760 erschien eine Flugschrift des Pfarrers 
Freudenberger von Ligerz, betitelt : Guillaume Teil, fable Danoise ? Ja, schon 
während des dreißigjährigen Krieges fand eine Kreuzung der Teilgeschichte 
mit der internationalen Apfelschußsage statt. Das läßt sich vor allem an den 
bildlichen Darstellungen erkennen, denen durch die fremdländische Auffassung 
neues Blut und Leben eingeflößt wurde. 

Lassen Sie uns einen Augenblick bei der Ikonographie der Teilgeschichte 
[11] verweilen, welche für unsere analytischen Versuche wertvolles Material 
liefern kann. Auf den ältesten Bildern, die aus dem Anfang des 16. Jh. 
stammen, ist Geßler als greiser Richter mit dem Stab dargestellt, der Tellen- 
Jcnabe als Kind barfüßig im bloßen Hemd, die Hände gefesselt. Ein Holz- 
schnitt des Meisters M. S. vom Jahr 1530 zeigt die Erschießung des Vogts 
in der hohlen Gasse von hinten, ebenso ein Holzschnitt von H. Asper in 
der Chronik des Zürchers Joh. Stumpf 1546. Hier ist das Tellenkind während 
der Apfelschußszene nackt abgebildet. Das Hemd liegt vor ihm auf dem 
Boden. In der Cosmographey des Sebastian Münster, die aus der Mitte des 
16, Jh. stammt, ist auf einem Holzschnitt des H. Rud. Man. Deutsch der 
Knabe mit einer Schleife um den Leib an den Baum gebunden. Teil er- 
schießt Geßler halb von vorn in die Flanke. 

Auf einer Glasscheibe des St. Gallers Andreas Huber vom Jahr 1563 mit 
der Apfelschuß szene ist im Abschlußmedaillon des Architravs die geschändete 
Lucretia dargestellt, die sich den Todesstoß gibt. Ein Scheibenriß Jos. Murers 
des Altern zeigt als Seitenfiguren derselben Szene die Allegorien der Ge- 
rechtigkeit mit verbundenen Augen und der Mäßigkeit, die Wasser in eine 
Schale gießt. Zwei bissige Bullen spielen auf dem Platze zwischen dem 
Schützen und dem Knaben. 

Das Apfelschußbild des Charles Emanuel Biset (1635 — 83) in der König!. 
Gemäldegalerie in Brüssel ist ein Porträt der alten Schützengilde zum 
hl. Sebastian in Antwerpen. Teil erscheint darauf in morgenländischer Tracht 
mit Bogen und mit Halskrause. Der Sohn kehrt ihm den Rücken zu, auf 
den er die Hände gebunden hat, und hat auch die Augen verbunden. 
Geßler erscheint auf einer Balustrade als Zuschauer mit einem Turban als 
türkischer Sultan bekleidet. 

Das im Landesmuseum befindliche Tafelbild des Abel Aegeri im Renais- 
sancezimmer aus der Rosenburg zeigt den Sohn 13— 14J ährig in fast mädchen- 
hafter Erscheinung, dem Schützen den Rücken zukehrend. 

Im 18. Jahrhundert fehlt entsprechend der größeren Rolle der Weiblich- 
keit, auf die wir später noch zu sprechen kommen, auch auf den Bildern 

— 295 — 



der Apfelschußszene die ohnmächtige Gattin des Schützen kaum einmal. Der 
Knabe trägt Schnallenschuhe und ist bloß mit dem rechten Arm an den 
Baum gefesselt. 

Beim Feste der Freiheit, das am 15. April 1792 in Paris gefeiert wurde, 
schmückte eine Tellstatue als Seitenstück zum Tyrannentöter Brutus den 
Wagen der Freiheit. 

Die Helvetik übernahm Teil, dem sein Knabe den Apfel am Pfeil über- 
bringt, als Symbol statt des eidgen. Kreuzes in ihr Staatssiegel. 

Disteli zeichnet 1845 Teil mit seinem Knaben an einem Flußrand, wobei 
der Pfeil mit dem durchbohrten Apfel vorbeischwimmt. Vielleicht wollte der 
Künstler hier eine Anspielung auf Teils tragisches Lebensende bei der ver- 
suchten Rettung eines in den Fluß gefallenen Knaben hineinlegen. Distelis 
Apfelschußbild karikiert Geßler, der auf dem Pferde wie ein Indianer auf 
dem Kriegspfad kauert und auf das Resultat lauert. Im Laufe der Jahr- 
hunderte hat sich so die Gestalt Geßlers aus dem würdigen greisen Richter 
in einen rohen, gewalttätigen Söldnerführer gewandelt. 

Es sei an diesen bildlichen Darstellungen vorderhand nur hervorgehoben, 
daß wie in der Tradition über den Mord Caligulas und Albrechts auch 
Geßler von verschiedener Seite her das feindliche Geschoß erhält. Einmal 
von hinten, einmal von der Flanke, einmal von vorne. Aber auch die 
Stellung des Teilenknaben variiert in gleicher Weise, und für den Wechsel 
seiner' Kleidung und Fesselung und seines Alters läßt sich nicht nur die 
wechselnde Mode der verschiedenen Zeitalter verantwortlich machen, sondern 
wir werden dahinter noch weitere, weniger an der Oberfläche liegende 
Motive suchen. 

Vielleicht geben uns die epischen und dramatischen. Fassungen der Tellen- 
geschichte [12] im Laufe der Zeiten weitere Fingerzeige. 

Im Urner Tellenspiel, dem ältesten Versuch einer Dramatisierung, 
ca. 1520 verfaßt, stellt sich Teil beschränkt. Der Vogt läßt die Kinder vom 
Mutterschoß holen, um zu erfahren, welches von ihnen der Augapfel des 
Vaters ist. Es wird 1545 in Zürich aufgeführt, umgearbeitet von Steinschneider 
Ruof, der die Frau Teils auf die Bühne führt. 

Der Berner Samuel Henzi, der eine Verschwörung gegen das Patriziat 
seiner Vaterstadt anstiftete, gab im Jahre 1762 ein Drama „Grisler ou 
Fambition punie" anonym heraus. Teil hat darin eine Tochter Hedwig, in 
welche der Sohn Grislers, Adolf, verliebt ist, und welcher er den Apfel vom 
Haupte schießen muß. Grisler will ihren Vater freigeben, wenn sie ihre 
Liebe ihm statt dem Sohne schenken will. Der Sekretär Grislers versucht sie 
im Gefängnis nach ihrer Weigerung zu vergüten. In der Schlußszene wird 

— 296 — 



~ 



der vom Teilenschuß totwunde Grisler hereingetragen, bekennt die Irrtümer 
des Despotismus und segnet den Bund Hedwigs und Adolfs. 

Fünf Jahre später wird im königl. Schauspielhause in Paris die Tragödie 
A. N. le Mierres: „Guillaume Teil" aufgeführt Teil gehört darin zu 
den vier Verschwörern und schärft den andern ein, ihre Weiber ja nicht in ein 
unnützes Vertrauen über den Plan zu ziehen. Erst wird Melchtal, dann er 
verhaftet, und beide springen auf die Teilsplatte. Geßler rettet sich vom 
Sturm auf einen Felsen am andern Ufer und wird dort über den See hinweg 
erschossen. 

Der Exjesuit J. J. Zimmermann, der 1777 in Basel ein Trauerspiel 
„Wilhelm Teil" herausgab, läßt darin Geßler die Frau Hedwig um ihre 
Gunst bitten, dann liege des gefangenen Teils Schicksal in ihrer Hand. 
Ebenso ist Geßlers Statthalter, der Urner Meinkart, ein früherer Neben- 
buhler Teils, um ihre Hand bemüht. Am Vorabend der französischen Revo- 
lution im Jahre 1787 machte auch die Kinderkomödie von Dejean Lekoy : 
„L'heroisme helvetique ou la Suisse sauvee" die Rettung Teils von Madame 
Teil abhängig, die ihre Reize Geßler opfert. Hier ist somit die geschändete 
Lucretia des Scheibenmalers auf die Bühne herabgestiegen. 

Die Preisschrift Ambühls „Teil", zum Spiel für Schüler bestimmt, 
1792 erschienen, enthielt gar keine Frauenrollen mehr. Ihr Verfasser, ein 
Schullehrer, war von allen Übeln des Jahrhunderts zugleich heimgesucht: 
Armut, Hartköpfigkeit der Bauern, Herrschsucht der Ortspfarrer und Kasten- 
stolz der regierenden Herren. 

Der deutsche politische Flüchtling L. L. Rochholz, bei seinen Schul- 
kameraden „Hütten", bei seinen Lehrern „Rebell" geheißen [13, S. 93], 
später langjähriger Professor der Literatur an der Kantonsschule in Aarau, 
dessen Abhandlung „Teil und Geßler in Sage und Geschichte« wir alle diese 
)aten entnommen haben, hebt hervor, daß die Dichter des Teil vorzugs- 
weise politisch und religiös unterdrückte Deutsche und Schweizer waren» 
nit ihrer Zeit in Fehde liegend, deren nach Innen zurückgedrängtes Freiheits- 
streben durch Bearbeitung der Teilengeschichte einen Ausweg suchte ; so 
Ruof, Henzi, Zimmermann, Ambühl und Schiller. Sie alle aber zollten auch 
den Anschauungen und Sitten ihrer Epoche den schuldigen Tribut. So ver- 
mochten sich die Zeitgenossen des Ancien Regime der Vorherrschaft der 
Weiber, wie sie damals nicht nur in Frankreich gang und gäbe war, nicht 
zu entziehen, und sie geben der Tellentat die Motivierung, die sie erst zur 
völligen Doublette der griechischen Tragödie stempelt, wobei aber die sexuelle 
Begehrlichkeit und Ruchlosigkeit auf die verhaßte Vaterimago des Tyrannen 
projiziert wurde. Deshalb durfte auch Geßler nicht mehr wie in früheren 

— 297 — 



Zeitaltern ein würdiger, aber impotenter Greis sein, sondern er mußte 
sich eben in einen sexuellen Nebenbuhler wandeln, dessen Sadismus sich 
auch nicht mehr auf ein unmündiges Kind, sondern auf einen mädchenhaften 
Knaben oder sogar direkt auf eine mannbare Tochter richtete. In dem 
Wechsel der Stellung und Fesselung des lebendigen Zieles kommt das 
Schwanken zwischen hetero- und homosexueller Strebungen des Schützen 
resp. seines grausamen Herren zum Ausdruck, 

Bei Schiller sind die erotischen Komponenten des Dramas völlig in 
die Nebenhandlung zwischen Bertha und Rudenz verschoben. Er hat die 
Parricidaszene, durch die er uns verrät, daß Teils Tat eigentlich ein ver- 
hülltes Parricidium ist, frei in das Drama eingefügt, während er sich im 
übrigen streng an den chronikalischen Bericht hielt. Auf dem Gipfel der 
Abwehr, wo dem Teil der Vatermörder als Abbild seiner eigenen inneren 
Motive entgegensteht, beginnt der Affekt in Milde und Sympathie umzu- 
schlagen [14]. 

Schillers Teil hat nach den Freiheitskriegen die Bedeutung eines vater- 
ländischen Schauspiels erhalten. Bewußt dachte er keineswegs an Deutschland 
und Frankreich, wie die Geschichte der Entstehung des Dramas lehrt. Zuerst 
durfte meistens der ganze fünfte Akt nicht gespielt werden. Schiller selbst 
hielt den Monolog in der hohlen Gasse für ganz unentbehrlich, ja für das 
Beste im ganzen Stück. Gegen Ifflands Einwendungen erklärte er: Gerade 
in dieser Situation, welche der Monolog ausspricht, liegt das Rührende des 
ganzen Stückes, und es wäre gar nicht gemacht worden, wenn nicht diese 
Situation und dieser Empfindungszustand, worin sich Teil in diesem Monolog 
befindet, dazu bewogen hätten. Mit anderen Worten: Schiller lag vor 
allem am Herzen, seinen Teil, der den Tyrannen aus dem Hintergrund 
erschoß, von der Beschuldigung des Mordes freizusprechen. Der Tyrannen- 
töter sollte kein Verbrecher sein, Das war sein Thema, das ihn lockte: 
Darin erkennen wir den Dichter der Räuber wieder [15, S. 106], 

Der Teil war Schillers Schwanengesang. Ein Jahr nach seiner Erstauf- 
führung am 17. März 1804 in Weimar verschied er. Frida Teller, die 
die Wechselwirkungen von psychischem Konflikt und körperlichen Leiden 
beim Dichter untersucht hat [16], nimmt an, daß im Telldrama ein ver- 
stärktes Wiederaufleben der unbewußten infantilen Phantasien stattgefunden 
habe. 

Gottfried Keller hat sich vielfach mit dem schweizerischen National- 
heros beschäftigt. „Es gibt zwar viele meiner Landsleute, welche an eine 
schweizerische Kunst und Literatur, ja sogar an eine schweizerische Wissen- 
schaft glauben. Das Alpenglühen und die Alpenrosenpoesie sind bald 



298 



erschöpft, einige gute Schlachten bald besungen, und zu unserer Beschämung 
müssen wir alle Trinksprüche, Mottos und Inschriften bei öffentlichen Festen 
aus Schillers Teil nehmen, welcher immer noch das Beste für dieses Be- 
dürfnis liefert," schreibt er einmal [24]. 

Im zweiten Band seines Jugendromans „Der grüne Heinrich" schildert 
er in mehreren Kapiteln seine Teilnahme an einer Volksaufführung des 
Dramas, mit der man in der ersten Hälfte des 19, Jahrhunderts in der 
Ostschweiz mehrfach den Versuch machte, das alte Fastnachtstreiben des 
Volkes zu heben. Er erzählt uns, wie er die Rolle des Rudenz übernahm, 
um mit seiner geliebten Schulmeisterstochter Anna, die die Bertha von Bruneck 
zu spielen hatte, zusammen auftreten zu können. 

„Als ich einiges bei der Apfelschußszene j.w sprechen hatte", fährt er 
fort [25, S. 472], „wurde ich durch einen komischen Vorgang unterbrochen. 
Es trieben sich nämlich ein Dutzend Vermummte der alten Sorte herum, 
arme Teufel, welche weiße Hemden über ihre ärmlichen Kleider gezogen 
hatten, ganz mit bunten Läppchen besetzt; auf dem Kopfe trugen sie rote, 
kegelförmige Papiermützen, mit Fratzen bemalt, und vor dem Gesicht 
ein durchlöchertes Tuch. Dieser Aufzug war sonst die allgemeine Ver- 
mummung gewesen zur Fastnachtszeit und in derselben allerlei Spaß getrieben 
worden; auch liebten die armen Butzen die neueren Spiele nicht, da sie 
sich in dieser seltsamen Maskierung Gaben zu sammeln gewohnt und daher 
für deren Erhaltung begeistert waren. Sie stellten gewissermaßen den Rück- 
schritt und die Verkommenheit vor und tanzten jetzt wunderlich genug mit 
Pritschen und Besen umher. Besonders zwei derselben störten das Schau- 
spiel, als ich eben reden sollte, indem sie einander am Rückteile des 
Hemdes herumzerrten, welches mit Senf bestrichen war. Jeder hielt eine 
Wurst in der Hand und rieb sie, eh' er einen Biß tat, an dem Hemde 
des andern, während sie fortwährend im Kreise sich drehten, wie zwei 
Hunde, die einander nach dem Schwänze schnappen. Auf diese Weise 
tanzten sie zwischen Geßler und Teil und glaubten wunder was zu tun in 
ihrer Unwissenheit; auch erfolgte ein schallendes Gelächter, weil das Volk 
im ersten Augenblicke seinen alten Nucken nicht widerstehn konnte. Doch 
alsbald erfolgten auch derbe Püffe und Stöße mit Schwertknäufen und 
Partisanen; die erschrockenen Spaßmacher suchten sich unter die Zuschauer 
zu retten, wurden aber überall mit Gelächter zurückgestoßen, so daß sie 
längs der fröhlichen Reihen kein Unterkommen fanden und ängstlich umher- 
irrten, mit zerzausten Mützen, und furchtsam ihre Verhüllung vor das 
Gesicht drückend, damit sie nicht erkannt würden. Anna empfand Mit- 
leiden mit ihnen und beauftragte Rudolf den Harras und mich, den miß- 

— 299 — 



handelten Fratzen einen Ausweg zu schaffen, und so wurde ich meiner 
Rede enthoben." 

Wir erinnern uns bei dieser Szene gewiß der zwei bissigen Bullen auf 
der Glasscheibe des St. Gallers und verstehen die grobe Symbolik des 
Tierkampfs, durch das Spiel der Masken verdeutlicht, besser. Zu den mit 
Senf beschmutzten Hemden werden wir spater noch auf das Anal-sadistische 
bezügliche Parallelen finden. 

Es hat an scharfer Kritik des zweiten Tellschusses keineswegs gefehlt, 
Emmanuel v. H a 1 1 e r, der Standesgenosse und Mitverfasser von Freu- 
denbergs Schrift „Teil ein dänisches Märchen**, schrieb 1 760 [12 
S. 153]: Moralischerseits sei keine Ursache, sich auf einen meuchelmÖrderi- 
schen Totschläger viel einzubilden, der mit seinem verwegenen Betragen dem 
ersten heiligen - Bund der Freiheit leicht einen fatalen Stoß hätte geben kön- 
nen. Das Gute der Folgen hätten wir der Weisheit Gottes, nicht dem Ver- 
brechen zu verdanken. Letzteres zu rechtfertigen, müsse man dem Moral- 
system des Jesuitenordens überlassen. Die Schrift begegnete in der Urschweiz, 
in Zürich und sogar in Bern heller Entrüstung [17, S. 20].. Uri ließ sie 
durch den Scharfrichter auf dem Marktplatz in Altdorf verbrennen. Die 
Autoren traten den Rückzug an. Haller suchte seine Kritik als Versuch hin- 
zustellen, und Freudenberger erklärte, in dieser Sache nicht mehr schreiben 
zu wollen. 

In Pfannenschmids Schrift „Der mythologische Gehalt der Tellsage" 
heißt es : Die Tötung des Tyrannen bleibt stets ein Mord, ja sogar ein 
recht feiger. Teil mordete aus Rache, von Blutrache kann man hiebei nicht 
mehr reden, weil ja das Kind nicht getroffen wird. Wäre diese Tat über- 
haupt je vorgekommen, sie würde im Sinne des Mittelalters gewiß als eine 
schwarze, strafwürdige gebrandmarkt worden sein, gewiß ihre Sühne gefun- 
den haben. Das Gehässige, das ihr anklebt, hat selbst im 19. Jahrhundert 
der gepriesene Dichter des Teil nicht zu überwinden vermocht. Rochholz 
konstatiert sogar: Teils Tat läßt sich weder als Notwehr noch als Blut- 
rache entschuldigen. Sie läßt sich also nur als Rachetat eines in seinem 
Blödsinn zur Unzeit gereizten Toren, als blinder Wutausbruch, der ebenso 
unzurechnungsfähig ist wie der Treffschuß des Erblindeten, der den Gott selber 
erlegt, erklären. So ist die Dümmlingssage in die Teilen sage gekommen. 
Im Volksgewissen ist sie ausgedacht zum Notbehelf, um eine moralisch nicht 
zu rechtfertigende Tat doch vor der Vernunft wenigstens zu entschuldigen. 
Einen Toren zum Schützenkönig und einen Mörder zum Nationalhelden zu 
erheben, dies konnte dem schüchternen, vor dem politischen Morde tief zu- 
rückschreckenden Volke niemals beifallen [12, S. 308]. 

— 300 — 



So schrieb ein deutscher Flüchtling, der das Asyl der Schweiz aufsuchen 
mußte, weil er im Verdachte stand, an einem politischen Attentat in Frank- 
furt mitbeteiligt gewesen zu sein ! Auf der gleichen Seite aber zitierte er 
beifällig des Ägidius T s c h u d i Ausspruch : Viel klüger würden die Eid- 
genossen getan haben, sich mit den fünf Mördern Albrechts zu verbinden, 
anstatt sie von sich zu weisen ; sowie das Motto zur zweiten Auflage des 
Urner Teilenspiels 1579: 

Tyrannen und ein Hund, der tobt, 

Wer sie erschlägt, der wird gelobt. 

Viel besser kann die Ambivalenz dem tiefsten Komplex der menschlichen 
eele gegenüber nicht illustriert werden ! 

Rochholz nennt die Geschichte von Teil die widersinnige Paarung einer 
Naturmythe mit einem politischen Abenteuer und sucht aus einer Reihe von 
Sagen und Volksbräuchen das erste Glied seiner Behauptung zu bekräftigen, 
verweist in erster Linie auf die mancherlei Spiele und Feste, mit denen 
beim Übergang vom Winter zum Frühling die Überwältigung der finsteren 
und kalten Jahreszeit durch die wiederkehrende Sonne und Fruchtbarkeit 
gefeiert wird. 

In Freiburg im Üchtland wurde ein Schloß aus Brettern von Jungfrauen 
verteidigt. Die Wurfgeschosse der belagernden Jünglinge waren Sträuße, 
Kranze und Laubgewinde. Geiler von Kaiserberg beschrieb anfangs des 
15. Jahrhunderts eine ähnliche Sitte aus seiner Heimat, wobei eine Weih- 
nachtsburg aus Reisern mit Pfeilen und Bolzen aus Rübenschnitzen belagert 
wurde. Jungfrauen und Frauen wurden mit Blumen und Zuckererbsen be- 
worfen. In der Schweiz waren die ähnlichen Maispiele Vorläufer der 
Schützenfeste ; die Maienkönigin wurde darum aus jenen in diese hinüber 
versetzt. 

Wenn diese Bräuche ein Licht werfen können auf den ersten Teilen- 
schuß, bei dem, wie wir aus der bildnerischen und dramatischen Darstellung 
von Versuchen entnommen haben, der mädchenhaft gebildete Knabe direkt 
durch eine Jungfrau ersetzt wird, so helfen uns andere Bräuche, den zweiten 
Schuß besser zu würdigen» 

Das Wildenmannspiel in den Dörfern des Oberwallis liegt in der Hand 
der dortigen Dorfknabenschaften und wird um die Fastnachtszeit aufgeführt. 
Am festgesetzten Spieltag erscheint der gefürchtete wilde Mann unter der 
versammelten Menge am Dorfplatze, ein hohes, haariges Ungetüm. Vom 
Kopf bis zu den Füßen ist es in Pelze der braunen Bergschafe gewickelt, 
für die Länge des Bartes allein hat mancher Geißbock das Leben lassen 
müssen. Plötzlich bestiehlt der Wilde einen ins Staunen verlorenen Zu- 

— 301- — 



schauer und entrinnt behende zu Berge in einen vorher gewählten Schlupf, 
winkel. Die Hetze beginnt. Von Parteigeschrei, Pistolenschüssen, Spitzbuben- 
pfeifen durchschallt der Berg. Manchmal wagt sich der Verfolgte in den 
Gesichtskreis der Gegner, beschleicht einzelne und ringt siegreich mit ihnen. 
Von der Mehrzahl überwältigt, wird er an Händen und Füßen gebunden 
ins Dorf zurückgebracht. Von einem Gerüste herab verliest ihm das Gericht 
sein Sündenregister und verurteilt ihn zum Spießrutenlaufen, wofür er mit 
seinen Pelzen schon vorsorglich ausgepolstert ist Nach der Exekution wird 
er unter herzzerreißendem Geheule von den Bütteln ins Gefängnis abgeführt. 
Dies aber ist für heute das Wirtshaus mit dem Trinkgelage für alle. 

Kann die Urhorde und die Überwältigung des Urvaters mit nachfolgen- 
dem Totemmahl plastischer und dramatischer dargestellt werden ? Zulliger 
hat in seiner Analyse der Roitschecketen aus dem Lötschental [18] gezeigt, 
wie sich dieser Brauch bis heute noch in ähnlicher Form in einem abge- 
schlossenen Waliisertal erhalten hat. Uns wird im Lichte dieser alten Bräuche 
vor allem der tiefere Sinn von Teils Monolog klar werden, wo es heißt 
Ich lebte still und harmlos — Das Geschoß 
War auf des Waldes Tiere nur gerichtet . . . 
Jetzt laur' ich auf ein edles Wild . . . 
Hier gilt es einen köstlicheren Preis, 
Das Herz des Todfeinds, der mich will verderben . . . 
Im neugriechischen Volkslied schießt der Todesgott Gharos einer Jungfrau 
den Pfeil ins Herz. 

Die in den ältesten Schützensagen genannten Ziele: Apfel, Nuß, Ring, 
Münze sind Sonnensymbole, Apfel und Nuß aber auch mit den verborgenen 
Samenkernen Sinnbilder des winterlich noch verschlossen liegenden Natur- 
lebens. 

In der Ostschweiz hat sich in einigen Gegenden als Fastnachtsspiel der 
Brauch erhalten, feurige Holzscheiben in der Dämmerung von den Alpen 
ins Tal zu schießen, angeblich, um den Geliebten das Leben zu verlängern. 
Die Appenzeller nennen das: „de Tüfel hale", d. h. ihn entmannen und 
der Kraft berauben, dem geliebten Mädchen am Leben zu schaden [19]. 

In einem Märchen in „Tausend und Einer Nacht" läßt der König um 
den Besitz des kostbaren Kleinods eines Apfels seine drei Prinzen mit Bogen 
und Pfeil ein Wettschießen halten, und der Gewinnende bekommt dabei 
zugleich die Hand der Prinzessin. 

Von König Olaf dem Heiligen berichtet eine Sage, daß er seinem Knaben 
eine Tafel vom Kopfe zu schießen versuchte und ihn dabei streifte, sodaß 
er blutete. 

Wieland der Schmied hat die Söhne des Königs, der ihn gefangen hielt 

— 302 — 



1 



und an den Füßen verstümmelte, gemordet und fliegt mit seinem Flügel- 
kleide davon, unter dem Arm eine Blase mit dem Blute der Ermordeten 
tragend. Sein Bruder Eigfl wird vom König gezwungen, nach ihm zu schießen 
und trifft mit dem Pfeil nach Verabredung die Blase. Der König wird so 
Augenzeuge, wie seiner Kinder Blut zum zweiten Mal fließt, erkrankt und 
stirbt bald darauf. 

Wahrend in diesen beiden Sagen die sadistische Aggression gegen den 
Sohn deutlich hervortritt, erläutern andere mehr die mit ihr verlötete anale 
Triebkomponente. 

Bei Saxo Grammatikus wird König Harald vom Schützen Tokko über- 
rascht, als er hinter einem Gebüsche im Walde sich eines Bedürfnisses wegen 
niederläßt, und tÖtlich verwundet. 

Bei den Finnen wird der sagenhafte Schütze Tiitto schlafend von seinen 
Feinden überrascht. Er springt vom Lager, ergreift schnell seinen Bogen und 
Kocher, wirft die Beinkleider über den Arm und entflieht so, muß aber der 
strengen Kälte wegen unterwegs beständig die Verfolger mit Schießen be- 
drohend, sie verwirren, damit er Zeit findet, in die Hosen zu schlüpfen und 
sich in die Wälder zu retten. Hier ist auch die Sage so variiert, daß der 
Knabe den Apfel vom Kopfe des gefangenen Vaters schießen muß über 
einen See, damit er befreit wird. 

Ein estnisches Märchen erzählt von den drei Heldenbrüdern Glückshand, 
Scharfauge und Langbein, die sich um die Hand einer Königstochter be- 
mühen. Sie fällt dem Schützen zu, der dem Mann auf dem Berge, welcher 
den Apfel halb im Munde hält, mit seinem Schuß noch ein Stück Fleisch 
herausschießt. Hier wird die nach oben verschobene Kastrations tendenz 
manifest. 

In der Novella del Fortunato bespritzt die schnellaufende Königstochter 
beim Wettlauf die ihr nachkommenden Freier mit einem Parfüm, von dem 
sie betäubt werden. Die drei Gesellen Schieß denschützen, Guckhintenundvorn 
und Springmirnichtnach vermögen vereint dem Dritten zum Siege zu ver- 
helfen, indem der Schütze den durch den Parfüm ohnmächtig Gewordenen 
durch einen Pfeil weckt. Im Sanskritroman Vetalapantscha-Vuitschati werben 
drei Brahmanen um eine Ministerstochter. Der eine kann fliegen, der zweite 
sich unsichtbar machen, der dritte trifft im Dunkeln sein Ziel. Er gewinnt 
die Braut. Wir dürfen wohl vermuten, daß hier nicht sadistische und nicht 
anale, sondern phallische Potenzen den Sieg davongetragen haben. 

Kehren wir nach dieser Abschweifung in ferne Länder und Kulturen in 
die Schweiz und in die Gegenwart zurück, so müssen wir mit Verwunde- 
rung feststellen, daß wir uns nach einem Zeitalter der schärfsten Skepsis 

— 303 — 



und Kritik, welche die Figur Teils völlig ins Gebiet der Fabel verweisen 
wollte, in einer Zeit der Renaissance des schweizerischen Nationalhelden 
befinden. 

Auf den Briefmarken tritt er uns täglich vor's Auge, auf den Fünf- 
frankenstücken hat er völlig die Helvetia verdrängt. In neuen Dramen wird 
er uns vorgeführt. In Jakob Bührers neuem Teilenspiel z. B. erscheint 
der Schütze als roter Rebell, der zwar den Hut an der Stange grüßt, trotz- 
dem aber vom angetrunkenen Landvogt zum Apfelschuß gezwungen wird, 
und der die Tötung des Tyrannen an der Tellsplatte sogleich bei der Er- 
rettung des eigenen Knaben, der in den See gefallen ist, durch den Tod 
sühnt [20]. In den sog. Intelligenzprüfungen, wie sie an den schweizerischen 
psychiatrischen Kliniken und Anstalten getätigt werden, spielt der Teil eine 
wichtige Rolle ; in der humoristischen Zeitschrift „Nebelspalter" erscheint von 
Zeit zu Zeit seine charakteristische Gestalt. 

Ein namhafter Schweizer Historiker hat sogar den Versuch unternommen, 
ihn aus dem Schattenbild des altgermanischen Frühlingsgottes Heimdali [22], 
in das er für zwei Generationen gebannt war, in die Wirklichkeit zurück- 
zurufen. Karl Meyer will in seinem 1922 veröffentlichten Buch „Die Ur- 
schweizer Befreiungstradition" I21] ein tragisches Stück alteidgenössischer 
Geistesgeschichte innerlich verstehen lehren. Kopp habe die Chronik Tschudis 
als falsch verworfen wegen Widersprüche mit den Urkunden, irrte sich aber 
wegen mangelhafter Erfassung der verfassungs- und verwaltungsgeschichtlichen 
Leitmomente, war konservativ und stand unter dem Einfluß emotionaler 
politisch-legitimistischer Anschauungen der Metternichschen Restauration. Die 
Ableitung der chronikalischen Quellen aus allen möglichen Urbildern hält 
der Nachprüfung nicht stand. Die Irrtümer der alten Chronisten kommen 
auch bei den modernen Forschern vor. Man behandelt sie als Fälscher und 
Stümper statt als Fachgenossen und Kollegen. Dem 19. Jahrhundert galt die 
Negation für das letzte Wort. Gelehrter Traditionalismus zeigte sich völlig 
unduldsam gegenüber Versuchen einer Neulösung. Meyer will nun nicht an 
Stelle der detailliert negativen eine detailliert positive Lehre stellen ; sondern 
den Lehrsatz wieder zum Problem machen. Immerhin hält er es für sehr 
wahrscheinlich, daß ein in den zeitgenössischen Urkunden erwähnter Gral 
von Tillndorf der in den Chroniken Geßler oder Seedorf genannte Land- 
vogt gewesen sei. Die Chronikberichte seien weder Sage noch Erfindung. 
Man müsse die kombinatorische Hülle möglichst entfernen, der verwickelten 
modernen Forschungsgeschichte Herr werden, literarische Absicht, Stoffwahl, 
Methode und Oberlieferungsweise der spätmittelalterlichen Chronisten fest- 
stellen, das sachliche Substrat einer erneuten, urkundlichen Prüfung unter- 



304 — 



iehen auf dem Hintergrund der allgemeinen, westeuropäischen Geschichte 
des Hoch- und Spätmittelalters. Den Psychoanalytiker erinnert dieses ganze 
/orgehn des modernen Geschichtsforschers an seine eigene Methodik beim 
/ersuch, in die Tiefen der Vergangenheit eines Neurotikers hinabzusteigen 
und die Erlebnisse zu rekonstruieren, die in früher Kindheit das spätere 
Schicksal bestimmen halfen. Es ist für ihn daher nur die Bestätigung einer 
Vermutung, wenn er in dem Buche Meyers z. B. Freuds „Psychopatho- 
logie des Alltagslebens" zur Deutung der Fehlleistungen der Chronisten aus- 
drücklich zitiert findet. 

So befruchtet die Lehre des Schöpfers der Psychoanalyse auch die Ge- 
schichtschreibung in entscheidender Weise und bringt sie zur Erkenntnis, 
daß das, was der Dichter intuitiv erschaut, der Wirklichkeit meist näher 
kommt als die durch Gelehrtenhypothesen geblendete Detailforschung [23, 

S. 31]. 

Für die Renaissance Teils finden wir die Gründe in den gewaltigen 
Geschehnissen des Weltkriegs mit seinen Vorzeichen und seinen Fol- 
gen. Wie der Hirtenknabe David fühlte sich der Schweizer von einer Reihe 
gefährlicher Goliathe umgeben, die mit ihren wahnsinnigen Wettrüstungen 
auch den Kleinen zur Verstärkung und Verbesserung seiner Wehrmacht 
zwangen. Als er im vierjährigen Kampfe, der durch die Erschießung des 
habsburgischen Thronfolgers ausgelöst wurde, seine Unabhängigkeit zu be- 
haupten wußte, weil jeder der vier Riesen um ihn die Schleuder des Hirten- 
knaben respektierte, und als am Ende rings umher die Könige von auf- 
ständischen Untertanen vertrieben wurden, nachdem Väterchen Zar mit seiner 
ganzen Familie von den Kugeln der roten Rebellen dahingerafft wurde, da 
kam dem ältesten Demokraten der Welt zum Bewußtsein, daß sein Teil 
kein Phantom, sondern Wirklichkeit sein müssse. 

Durch den männerverschlingenden Krieg und die patriarchenvertilgende 
Revolution sind auch diesmal wieder die Frauenmoden stark verwandelt 
worden ; aus den verhüllten, verschleierten, mit großen Hüten überschatteten, 
durch lange Faltenröcke gefesselten Gestalten entstanden leicht geschürzte, 
ihre Reize zur Schau tragende Buben mit kurzen Frisuren, als Symbol für 
tiefgehende Änderungen der Sitten und Anschauungen auf erotischem Gebiet, 
wie sie eben mit jeder Beseitigung alter Autoritäten, mit jeder Befreiung 
vom Urvater verbunden sind. 

Der Psychoanalytiker aber wird in Teil und Parricida unsterbliche Brüder 
jenes griechischen Heros erkennen, der seinen Vater erschlug und seine 
Mutter freite* 



PsA. Bewegung Ul 305 



Literatur 

1) Hanns Sachs: Bubi. Die Lebensgeschichte des Caligula. Berlin 1930. 

2) A. K i e 1 h o 1 z : Giftmord und Vergiftungswahn. Internat. Zeitschr. f. PsA XVit 
(1931), S. 94 ff. 

3) N e u j a h r s b I a 1 1 der aarg. Jugend geweiht von der Brugger Bez. Ges. fü r 
vaterländische Kultur. 1819. 

4) Joh. Müller: Merkwürdiger Überbleibseln von Alterthümern der Schwei* 
VI. Teil. Zürich 1776. " ** 

5) Prof. Jos. Lange: Die Habsburg und die denkwürdigen Stätten ihrer Umge- 
bung. Wien 1895. 

6) Historische Beschreibung des im 14. Jahrhundert gestifteten herzogl. Österreich. 
Klosters Königsfelden im Aargau. 1819» 

7) Lichnowsky: Geschichte des Hauses Habsburg. 

8) Alphons Huber: Die Zeit der ersten Habsburger von Albrecht I. bis R,. 
dolf IV. 

9) K. v. L i e b e n a u : Lebensgeschichte der Königin Agnes von Ungarn. Redens 
bürg 1868. 

10) Alois Lütolf ; Jos. Eutych Kopp als Professor, Dichter, Staatsmann und Histo- 
riker dargestellt. Luzern 1868. 

11) Dr. Franz Heinemann: Teils Apfelschuß im Lichte der bildenden Kunst und 
der Poesie eines halben Jahrhunderts. Ikonographisch -literarische Studie. Luzern 
1901. 

12) Prof. E. L, Rochholz: Teil und Geßler in Sage und Geschichte. Nach ur- 
kundlichen Quellen. Heilbronn 1877. 

13) Dr. W e c h li n : Der Aargau als Vermittler deutscher Literatur an die Schweiz. 
Aarau 1925. 

14) O. Rank: Das Inzestmotiv in Dichtung und Sage. Leipzig 1912. 

15) E. Wulffen: Sexualspiegel von Kunst und Verbrechen. Dresden 1928. 

16) Frida Teller: Die Wechselbeziehungen von psychischem Konflikt und körper- 
lichen Leiden bei Schiller. Imago, VII(i92l) S. 123. 

17) Martin Gamma: Wilhelm Teil. Unser Vorbild. Gedenkschrifl zum 100jährigen 
Jubiläum des Schweiz. Schützen Vereins 1824—1924. Zürich 1924. 

18) Hans Zul liger: „Die Roichtschäggeten*. Imago XIV (1928), S; 447a 

19) E. L. Rochholz: Schweizersagen aus dem Aargau. Aarau 1856. S. 36. 

20) Jak. Bührer: Ein neues Tellenspiel. Weinfelden 1923. 

21) Karl Meyer: Die Urschweizer Befreiungstradition in ihrer Einheit, Überliefe- 
rung und Stoffwahl. Zürich 1922. 

22) Robert D u r r e r : Die ersten Freiheitskämpfe der Urschweiz. Schweiz. Kriegs- 
geschichte. Heft 1, Bern 1915, S. 67. 

23) Fedor Schneider: Staatl. Siedelungen im frühen Mittelalter, Gedächtnisschrift 
für Georg v. Below. Stuttgart 1928. 

24) A. v. Gleichen-Rußwurm: Gottfried Kellers Weltanschauung. Philos. 
Reihe, 23. Band. München 1921, S, 45. 

25) Gottfr. Keller : Der grüne Heinrich. Studienausgabe der ersten Fassung von 
l8 54/55> herausgegeben von Emil Ermatinger. Stuttgart 1914, 



306 — 



r 

Aus der Analyse eines Buddhisten 

Eine Studie zum psydhologisdien Verständnis des Buddhismus 



Dr. Oskar Pfister 

Pfarrer in Zürich 



Die Psychoanalyse hat zum Verständnis der Entstehung des Christentums 
entschieden wertvolle Beiträge geliefert. Allein je mehr man sich von der 
Dogmen- und Sakramentsbildung auf die genuine Religion Jesu zurückzieht, 
desto dürftiger wird die analytische Ausbeute, wie uns beispielsweise Georges 
Berguers Buch über Jesus bezeugt (vgl. Imago VI, 1920, S. 291 ff). Der Grund 
liegt in der Tatsache, daß hier die Neurosenbildung nicht mehr dieselbe 
Rolle spielt, wie im apostolischen Zeitalter und der ihm nachfolgenden Ent- 
wicklung. 

Anders verhält es sich beim Buddhismus. Je mehr wir uns seiner klassischen 
Ausprägung nähern, desto bedenklicher versagt die Bewußtseinspsychologie, 
und desto brennender wird das Bedürfnis nach den Einsichten, die wir der 
Freud'schen Neurosenlehre verdanken. Um jedoch einen tragfähigen religions- 
psychologischen Boden zu gewinnen, dürfen wir uns nicht mit der Unter- 
suchung der klassischen Urkunden begnügen. Es ist ja gerade der unermeßliche 
Gewinn der psychoanalytischen Forschung, daß sie uns von der Beobachtung 
des lebenden Menschen ausgehen lehrt und von da aus zur indirekten Ana- 
lyse übergeht. 

Seit langem um die unbewußten Gestaltungskräfte des Buddhismus interes- 
siert, betrachte ich es daher als Glücksfall, daß mir die Analyse eines wirk- 
lichen Buddhisten vergönnt war. Was den Fall noch wertvoller macht, ist der 
Umstand, daß es sich um einen Mann handelt, der in christlicher Familie 
aufwuchs, den weitaus größten Teil seines Lebens in christlichen Ländern 
zubrachte und durch starke Gemütsbedürfnisse zum Übertritt in die buddhi- 
stische Religionsgemeinschaft veranlaßt wurde. Hier fand er wenig neue 
Belehrung, vielmehr wurde ihm im Wesentlichen nur bestätigt, was er sich 
selbst ausgesonnen hatte. Aber ihm ward Gelegenheit zuteil, aus der Iso- 
lierung in die Sozietät zurückzukehren. 

Der Analytiker sah sich folgendem Bilde gegenübergestellt: 

Diethelm U., geboren 1874, krankte an einer Reihe von pathologischen 
Symptomen, litt aber nicht unter ihnen. Die Analyse begehrte er vornehm- 

L_ 



307 — 



lieh auf Wunsch seiner Ehefrau, in zweiter Linie aus wissenschaftlichem 
Interesse. Heilung suchte er nicht, im Gegenteil fürchtete er sich, wie er 
offen bekannte, vor ihr. Schon 1921 und 1926/27 hatte er bei zwei ver- 
schiedenen Analytikern aus wissenschafdichem Interesse ein Stück Analyse 
passiert, ohne eine tiefgreifende Änderung zu erfahren. Jetzt, im Jahre 1930 
unternahm er einen neuen Versuch oder Scheinversuch. Das Hauptsymptom 
bestund in Impotenz. Hinzu kamen allerlei Ängste, die keinen besonders 
hohen Grad erreichten: Angst vor dem Einschlafen, vor Magenkrebs oder 
anderen Übeln, vor dem Jenseits. Auch die hysterischen Symptome, wie 
Kopfweh, Anästhesie in Arm und Schenkel, spielten keine erhebliche Rolfe 
Dem Leben stund er ziemlich gleichgültig gegenüber. Haß lag ihm gänzlich 
fern, Liebe wollte sich, abgesehen von einigen bald vorübergehenden Aus- 
nahmen, nur in sehr schwachem Grade einstellen. Seltsamerweise führte er 
aber trotz dieser frostigen Einstellung auf Menschheit und Leben ein recht 
aktives Dasein. Nicht nur in der Naturwissenschaft, die später von der Psycho- 
logie abgelöst worden war, sondern auch in der Dienstleistung an Bekannte 
und Unbekannte legte er große Tatkraft an den Tag, ohne jemals stärkere 
Gefühle aufzutreiben. 

Sein höchstes Ideal war seit mehr als fünfzehn Jahren, in einem buddhi- 
stischen Kloster den Rest seines Lebens zuzubringen. Da ihm dies unmöglich 
war, errichtete er wenigstens einen buddhistischen Hausaltar, vor dem er 
täglich Meditationsübungen oblag. In diesen Augenblicken stund er im Ein- 
klang mit seinen höchsten Wünschen, während die Berufsarbeit ihm als hartes 
Joch erschien. Dabei half er aus aller Kraft und teilte den Bedürftigen seine 
Gaben mit vollen Händen aus, sodaß er selbst oft arm war. Wer ihn nicht 
genau kannte, hätte ihm einen ungewöhnlichen Reichtum an Menschenliebe 
zugetraut, während er selbst bekannte, daß er für seine Nebenmenschen nur 
sehr wenig Gefühle auftrieb und auch bei aufreibender Arbeit in Kälte und 
Gleichgültigkeit verharrte. Der Zwiespalt zwischen dem Ideal des Nirwana, 
in dem Gefühl, Wille und Intellekt erloschen sind, und der grauen Wirk- 
lichkeit, die positive Leistungen fordert, machte ihm viel zu schaffen. Er litt 
unter dem Leben; aber es gelang ihm, auch diesen ' Weltschmerz in mäßige 
Temperatur zu bannen. 

Das Ziel unserer Darstellung besteht nicht in einer Wiedergabe des ganzen 
Analysenfragmentes, das durchzuführen uns vergönnt war, sondern in der 
Aufdeckung der Determinanten, die zur buddhistischen Lebensstimmung und 
Lebensweise drängten. Zu diesem Zwecke müssen wir jedoch zunächst der 
allgemeinen Lebensentfaltung unsere Aufmerksamkeit zuwenden. 



308 — 



I) Die allgemeine Lebensentwicklung 

A) Ihr Ablauf 

per Vater unseres späteren Buddhisten war ein grundgütiger, intelligenter 

tan, eifriger Christ, aber offenbar neurotisch beanlagt, obwohl es zu seinen 

ebzeiten von wenigen anerkannt wurde. Die älteste sichere Erinnerung seines 

söhnchens schildert den gebildeten Mann am Boden sitzend, wie er mit der 

nen Hand seiner Frau die Nähmaschine treibt, in der anderen ein Buch 

hält aus dem er der Gattin vorliest. Ein großer Wohltäter gegen alle, be- 

onders die Armen, wußte er die ökonomischen Interessen seiner Familie 

nicht zu wahren, sodaß gelegentlich Mangel bei ihr einkehrte. Die letzten 

20 Jahre seines Lebens war er, angeblich infolge einer Diphtheritis, gelähmt 

und gänzlich arbeitsunfähig. Ein Arzt, der den Kranken genau untersuchte, 

erklärte, es handle sich nur um Hysterie. Gegen zwanzig Jahre lang ergab 

sich der Leidende hochgradigem Morphinismus. 

Der Sohn liebte den Vater, dessen Güte und Freundlichkeit er nicht genug 
rühmen kann, merkwürdigerweise wenig. Nur Achtung vor ihm konnte er 
fühlen. Achtzehn Jahre lang unterstützte er den hilflosen Mann sehr reich- 
lich, empfand aber beim Tode des Greises schwere Schuldgefühle, über deren 
Grund er sich keine Rechenschaft ablegen konnte. Gleichzeitig weinte der 
Sohn zum ersten Male seit seiner Kindheit sehr heftig. 

Die Mutter, eine durch Schönheit ausgezeichnete Erscheinung, war in 
manchen Stücken das Gegenteil ihres Gatten. Kalt und unzärtlich gegen 
ihre Angehörigen, liebte sie es, in Gesellschaft zu glänzen und ihre außer- 
gewöhnliche literarische Bildung zur Geltung zu bringen. Stolz auf ihre 
aristokratische Herkunft, verstund sie die Liebe ihres Mannes zu den Ge- 
ringen in keiner Weise und regte sich über seine Gleichgültigkeit in 
finanziellen Dingen beständig auf. Mit ihrer bitteren, sarkastischen Zunge 
bekämpfte sie die gesamte Lebenshaltung ihres Mannes, der ihr nicht ein 
einzigesmal widerstand, sondern ihrem herben Wesen stets dieselbe Freund- 
lichkeit entgegenbrachte, aber freilich nicht im geringsten von seiner Lebens- 
linie abwich, wodurch er sie viel strenger bestrafte, als durch Tadel und 
heftige Auseinandersetzungen möglich geworden wäre. Die zwanzig Jahre 
dauernde Flucht in Lahmheit und Morphinismus bildete gleichfalls eine 
grausame Bestrafung der stolzen, vergnügungssüchtigen Frau. Zu ihren 
Lieblingsbeschäftigungen gehörten Musik und Kartenspiel ; im letzteren soll 
sie außerordentliche Geschicklichkeit an den Tag gelegt haben. 

Unser Analysand erlebte keine sonnige Kindheit. Die Mutter erwies ihm 
keine Zärtlichkeit. Um ihr Kind kümmerte sie sich von Anfang an wenig, 

— 309 — 



auch als es infolge ungenügender Nahrung dem Tode nahe kam. Dafä 
entwickelte sich in dem Knäblein noch vor der Schulzeit eine merkwürdi I 
Freude an der Tötung kleiner Tiere, besonders der Käfer; i 5 jährig L? 
er begeistert die erste Sammlung von Tieren an und drei Jahrzehnte I a 
widmete er seine freie Zeit leidenschaftlich den Naturwissenschaften. gJ? 
alle Menschen introvertierte er schon als kleiner Junge stark. 

Daß ein kleiner Vulkan hinter dem meistens so ruhigen Bürschlein stedte 
beweisen allerlei kleine Erlebnisse: Der 4 jährige Knirps warf das Messer 
nach der Wärterin, sodaß es in der Wand stecken blieb. Zur Strafe auf 
den Estrich gesperrt, schleuderte er den Waschkrug und die Schüssel h, 
die Tiefe. Als er an der Grenze des Jünglingsalters angelangt war" 
zerstörte ihm der um 14 Jahre jüngere einzige Bruder ein Bienennest • J 
Strafe hielt Diethelm den Kleinen so vor die Trümmer, daß die erzürnten 
Bienen ihn jämmerlich stachen. Verräterisch ist das folgende Spiel, das eine 
der frühesten Erinnerungen bildet: Der freundliche Vater hatte seinem 
Bübchen zwei Pelzpferdchen geschenkt. Das eine liebte der Kleine und be 
handelte es gütig. Das andere dagegen schlug er und gab ihm kein Futter" 
Ersteres trug die Farbe der Pferde des Vaters, letzteres erinnerte dura 
seine Farbe an die Mutter. 

Das Gegenstück zu dieser Behandlung eines künstlichen Tieres bildet 
die Liebe zu den Katzen. Als ganz klein hatte er die dem Kinder 
madchen gehörende Katze aus Eifersucht mit Steinen beworfen. Bald 
begann er jedoch die Katze zu heben. Wir kommen später darauf 
zu sprechen. 

In der Mittelschule zeichnete er sich durch Intelligenz aus, und auch die 
Universität bereitete ihm keine Schwierigkeiten. Dagegen schuf ihm das 
Triebleben manche Unannehmlichkeiten. 

Sechsjährig sah er bei kaltem Wetter, wie ein Pferd defazierte, und be- 
rührte den Kot, als er aufgehört hatte, zu dampfen. Vierzehnjährig holte er 
mit der Hand Fäkalien aus dem Rektum eines Pferdes und erftihr darnach 
eine Pollution. Fortan phantasierte er oft vom Sexualakt mit Pferden, zwangs- 
mäßig im Alter von mehr als vierzig Jahren während eines Fieberanfalles, 
und später tauchte in Träumen dieselbe Phantasie auf. Auch in auterotischer 
Richtung betätigte er sich: Mit 14 Jahren begann er zu masturbieren, zuerst 
um Keimstoff unter dem Mikroskop sehen zu können. Nachher klagte er 
dem Vater, er habe Kinder getötet, indem er Spermatozoon vergeudete. 

Mit 12 Jahren las er in einem zufällig erwischten Buche über Auto- 
fellatio, und die Erinnerung ließ ihn nie wieder völlig los. Mit 18 Jahren 
verkehrte er mit einer Dirne. 



— 310 — 



In seinem Berufe ausgebildet, gab er den größten Teil seines Einkommens 
dem gelähmten Vater, sodaß er selbst in ärmlichen Verhältnissen blieb und 



später 



wußte er es so einzurichten, daß er wiederum für andere seine Ein- 



künfte verwenden mußte und meistens selbst von der Hand in den Mund 
zu leben hatte. Dabei fühlte er sich jedoch wohl, so weit seine Gefühls- 
stumpfheit es zuließ. In Kleidung und Nahrung beschränkte er sich auf das 
Notwendigste, sodaß er sich schon in seinem äußeren Auftreten von seinen 
Standesgenossen unterschied. Einmal leistete er sich acht Jahre lang kein 
neues Kleid. Auch die Wohnung mußte, was wenigstens sein eigenes 
Zimmer anbetrifft, allen Comfort entbehren. 

Gegen das Ende der zwanziger Jahre verliebte er sich in eine durch 
Schönheit ausgezeichnete Künstlerin, die ihm Freundschaft entgegenbrachte, 
dagegen seine Bewerbung zurückwies. Eigentümlicherweise erlitt er ihr gegen- 
über ein Schuldgefühl, das er rationalisierend an folgende Szene heftet : 
Ein Jude kritisierte ihre Kleidung, Als sie es dem Freunde mitteilte, suchte 
er sie zu trösten mit der seiner sonstigen Güte gegen alle Menschen 
widersprechenden Frage : „Was können Sie von einem solchen Juden er- 
warten?" Zu seiner Verblüffung entgegnete sie, sie sei selber eine Jüdin. 
Obwohl er mit ihr in keinem engen Kontakt stund und nicht das geringste 
sinnliche Gefühl für sie hegte, bat er sie um ihre Hand, wozu der 
Wunsch, das ihr zugefügte Unrecht wiedergutzumachen, erheblich beitrug. 

Nachdem er eine Absage erlitten hatte, heiratete er im Jahre 1904 „aus 
Rache und pathologischem Schuldgefühl" die Schwester der stolzen Künstlerin. 
Hinzu kam ein weiteres Motiv : Seit drei Monaten betäubte er sich mit Chloro- 
form, indem er daran roch und es im letzten Augenblick entfernte. Dieses 
lebensgefährliche Verfahren glaubte er nur mit Hilfe der Ehe überwinden zu 
können, was denn auch unter größter Anstrengung nach einem einzigen 
Rückfall gelang. Auch vom Morphiumgenuß, dem er sich einige Zeit ergeben 
hatte, konnte er sich befreien. Seine Frau war nicht ebenso schön, wie die 
gefeierte erste Geliebte, aber eine gütige, rücksichtsvolle, edelgesinnte Natur. 
Ihr Gatte liebte sie nicht mit starken Gefühlen, benahm sich aber gegen 
sie ritterlich und freundlich, bis es 1916 zum jähen Bruche kam. Bis zu 
diesem Zeitpunkt war er nicht geradezu glücklich, aber doch zufrieden und 
wünschte sich kein besseres Los. Kinder wünschte er nicht, da er befürchtete, 
ein Söhnchen zu bekommen. Seine eigene Jugend hatte ihm schon als 
Knaben den Gedanken eingeflößt, daß Knaben am Leben leiden müssen. 
Sexuell bot ihm diese Ehe nichts, und er wünschte sich nicht mehr. 

Eines Tages sah er jedoch zufallig ein sehr schönes Weib vor einem 
Schaufenster stehen und sagte sich augenblicklich, sie müsse seine Gattin 

— 311 — 



werden. Sie glich äußerlich sehr der Mutter, war aber durch und durrf, 
eme Dirnennatur und nach dem Ausdrude meines Analysanden ein Vampw 
gefährlichster Art. Sechs ihrer Liebhaber und Ehemänner soll sie in d 
Tod oder ins Gefängnis getrieben haben. Gerne nahm sie die unerwartet! 
Bewerbung an, da sie für sich und ihre fünf Kinder von der Heirat sidj 
Versorgung erwartete. Diethelm bekannte seiner ersten Gattin, daß seh 
Liebe einer anderen gehöre, und sie willigte großmütig, obwohl sie ibj 
Mann hebte, m d le Scheidung ein. Zum Lohn gab ihr der bisherige Lebtl 
gefahrte seme ganze Habe und sicherte ihr einen sehr erhebheben ?! 
semes Einkommens zu. Gewissensbisse erlitt er nicht, wiewohl er wußte 
wie vtel Schmerz ihr die Verstoßung bereitete. Die Folge war, daß es aJ 
fortan trotz sehr bescheidener Lebensweise unmöglich war, die zur öl 
nomischen Sicherung seiner Angehörigen nötigen Ersparnisse zu machen, J 
daß er ott seine Rechnungen nur mit größter Mühe bezahlen konnte 

Im Gegensatz zur asketischen ersten Ehe nahm die zweite, , 9l6 ge'schlos 
sene einen wilden Verlauf. Seelischer Kontakt war in keiner WeLvo" 
handen; dagegen wirkte sich die Dirnennatur der Frau in vollem Maße aus" 
Noch vor der Scheidung von der ersten Ehefrau überraschte sie der Lieb 
haber bei der Heimkehr von einer Reise auf Untreue und wollte in dl" 
ersten Aufwallung den Rivalen erschießen. Die Ungetreue aber beruhig 
hn U nd infizierte ihn in derselben Stunde mit Gonorrhoe. Auf JL 

Liebe übte diese Erfahrung nicht den geringsten Einfluß ans; Nun ergab er 
sich auf emer weiteren durch den Beruf verlangten Reise leidenschafLem 
Spiel dessen Ertrag er sofort der Geliebten übersandte. Nach erlangter Ehe 
Scheidung heiratete er sie. 

Die Desublimierung des sexuell zuvor so kühlen Mannes ging so weit 
daß er sich , Jahre lang häufig mit seinem kleinen Stieftöchterchen sexue« 
verging. Dadurch belastete er jedoch sein Gewissen schwer. Da 5 u„g 3 
maßlos smn]ldle rreiben in der £he ekdte . hn a]ka]id] zumai « J| 

Buhlerin wiederum auf Ehebruch ertappte. Eines Tages lieh das ruchlose 
Wem einem Liebhaber, den sie zur Verzweiflung getrieben hatte, sog 
einen der Revolver ihres Gatten, damit er sich damit umbringe. Die Waffe 
wurde neben dem Toten aufgefunden, und wenn nicht zufällig die Nummer 
darauf gefehlt hätte, so wäre ihr Eigentümer als Mörder verklagt wordl 
Schließlich mußte t 924 die unglüdcselige Ehe gelöst werden, nachdem die Frau 
sich einem anderen angeschlossen hatte und skrupellos ihrer Wege gegangen war. 

Freunds!^ t T läng6re Zdt V ° n FraUCn fern - Dann «** « 

h raten 7 T,^ *"" *""* « h ™™*™> ™<* & *» - 

heiraten wünschte. Er konnte jedoch den Schritt nicht tun, da die Entschluß- 



— 312 — 



. 



kraft versagte. Eines Tages wurde ihm von einem Bekannten ein gemüts- 
krankes braves Mädchen anvertraut, das an schwerem Lebensüberdruß litt 
und auch ökonomisch hilflos dastund. In ritterlicher Weise nahm er sich 
ihrer an und half ihr aus der Not, so gut er konnte. Jede selbstsüchtige 
oder unlautere Absicht lag ihm fern. Auch nachdem er sie in seine Wohnung 
aufgenommen hatte, dachte er lange Zeit nicht im entferntesten an erotische 
Beziehungen. Endlich aber kam es zu Intimitäten, die er als schwere Ver- 
schuldung empfand, weil ihm das Mädchen zum Schutz übergeben worden 
W ar und noch immer unter schweren Selbstmordimpulsen litt. Sie hatte eine 
sehr unglückliche Jugend hinter sich. Der Vater hatte sich an ihr in ihren 
Kinderjahren sittlich vergangen, und die Mutter war lieblos und hart gegen 
sie gewesen. Die Atmosphäre im Elternhaus erinnerte an Strindbergs Toten- 
haus. Die Geliebte war äußerst intelligent und gutherzig, gütig und selbstlos, 
aber eben schwer leidend. Dem Freunde brachte sie jedes Opfer, und ins- 
besondere fügte sie sich darein, daß er in seinem Gefühlsleben gehemmt 
war. Nach langem Zögern ließ er die andere Freundin fallen und heiratete 
1927 die Kranke, mit der er seit i 1 /, Jahren Beziehungen unterhalten hatte, 
ohne eigentlich zu lieben. Die erstere Freundin hätte ihn wieder in das 
frühere wildsinnliche Wesen gelockt, und an letzterer hatte er sich versündigt. 
Darum mußte er sie heiraten. 

Die Ehe nahm einen ungünstigen Verlauf. Zwei Wochen nach der Heirat 
erfuhr er, daß seine Frau durch die Geburt eines Kindes in Lebensgefahr 
geraten würde, und von Stund an brach Impotenz aus. Die Liebe, die stets 
einen bescheidenen Grad innegehalten hatte, sank noch tiefer. Doch bewahrte 
er eine große Hochschätzung vor ihrem trefflichen Charakter und ihrer geistigen 
Begabung. Nie versagte er ihr eine Bitte, nie widersprach er ihr. Er blieb 
der rücksichtsvollste, ritterlichste Gatte. Obwohl es ihn mächtig lockte, den 
Einsiedler zu spielen, widmete er ihr viel Zeit, und er zwang sich zu kleinen 
Zärtlichkeiten, die seinem Gefühl widerstrebten. Fortwährend beherrschte ihn 
eine gewisse Unruhe, die Gemütsleidende könnte seinen wahren Zustand 
erkennen und ihn durch Selbstmord aus seiner schwierigen Lage befreien. 
Dies zu vermeiden, schien ihm die wichtigste Aufgabe seines Lebens zu sein ; 
ihr opferte er jeden Anspruch auf eigenes Glück, wenn etwa einmal der 
Gedanke an seine mißliche Lage in ihm aufdämmerte. So war er denn 
weder unglücklich, noch glücklich. Er dämmerte einfach dahin und machte in 
buddhistischen Meditationen aus seiner Not eine Tugend. Wie das ganze 
Leben und die Ehenot, so waren auch die deutlichen Krankheitssymptome, 
die wir erwähnten, die Ängste, Anästhesien und Kopfschmerzen in seinen 
Augen nichts. Als er bei Beginn der Analyse an einer Infektion ernstlich 



**ug^U 



— 313 — 



erkrankte, schien ihm der Tod wie das Leben unerheblich. Dabei v 

in seinem Berufe recht aktiv, obwohl er das buddhistische Klosterleben J 

seiner stillen Meditation bei weitem vorgezogen hätte. 

B) Psychoanalytische Beleuchtung 

Bevor wir uns unserem Hauptgegenstand, der religiösen Entwicklung, ^ 
wenden, wollen wir die vorliegende Skizze analytisch prüfen. 

Die offenbar vorherrschende Introversion zwar nicht des Intellektes, wohl 
aber des Gefühlslebens geht auf die bei der Mutter erlebten Liebesenttäuschungen 
zurück. Immer wieder mit seinem Zärtlichkeitsangebot von ihr zurückgewiesen 
haßt er sie; allein auch diese Regung darf sich nicht durchsetzen. Deshalb 
bleibt nur die stoische Teilnahmslosigkeit übrig, die sein ganzes Leben aus- 
zeichnet. So schützt er sich vor neuen schmerzlichen Erfahrungen. 

Die Mutter begehrt er im Grunde, aber mit dem Vater identifiziert er 
sich. Auch dieser verbarg hinter der Maske des liebevollen, sich beinahe 
bis zur Karikatur erniedrigenden Gatten — er treibt am Boden sitzend 
seiner Frau die Nähmaschine und liest ihr gleichzeitig vor — den tiefen 
Gram, der sich schließlich in zwanzigjährige Lahmheit und Morphinismus 
begrub. So benahm sich auch Diethelm als aufmerksamster und ritterlicher 
Ehemann und flüchtete sich in Chloroform- und Morphiumbetäubung. Er wird 
zum Wohltäter an Armen, wie der Vater, sorgt aber wenig für die öko- 
nomische Sicherung der nächsten Angehörigen, wenn er ihnen auch so viel 
als möglich von seinen fließenden Einnahmen übergibt. Dabei Hebt der Sohn 
den herzensguten Mann nicht, obwohl er von ihm mit Zärtlichkeit über- 
schüttet wird. Dies erklärt sich einerseits aus der starken ödipusbindung, 
andererseits aus der leisen Einsicht, daß ihm die Angleichung an den Vater 
den größten Teil seines Lebensglückes geraubt hat. 

In der frühen Beschäftigung mit Käfern steckt sadistischer Grimm auf die 
eigene freudlose Kindheit. Die grausamen Wünsche, die er an den Eltern 
nicht auslassen konnte, betätigte er an kleinen Tieren. Die Freude an 
ihrer Tötung, bemäntelt er mit wissenschaftlichen Interessen, wie wir später 
beweisen werden. 

Angleichung an den Vater erblicken wir auch in der freigiebigen Unter- 
stützung des früher so freigiebigen, später hysterisch lahmen Mannes, dem 
er auf diese Weise einen sehr schlechten Dienst leistete, weil er ihn bis 
zu seinem Tode im Kerker seiner Psychoneurose festhielt. — Dafür haßt 
er die meisten Berufskollegen des Vaters. 

In der fast ärmlichen Kleidung und Zimmereinrichtung negiert er 

— 314 — 



i 



Mutter, die so sehr auf schöne Äußerlichkeiten ausging. Dasselbe geschieht 
. fef Abneigung gegen Literatur und Musik. Dagegen Hebt er zu Zeiten das 
Soiel um erhebliche Geldbeträge und tut es dabei in hervorragender Ge- 
schicklichkeit ihr gleich. 

Die erste Liebe, wie die erste Ehe haben Muttersurrogate zum Gegen- 
stand» wobei die Mutter als reines Wesen in Betracht kommt. Die Be- 
ziehung ist demgemäß in der Ehe fast frei von Sinnlichkeit. Höchst auf- 
fallend ist die starke Gewissensreaktion nach der nicht einmal ernst gemeinten 
antisemitischen Bemerkung: „Was können Sie von einem solchen Juden 
erwarten?" Im Schuldgefühl, das zum Heiratsantrag drängt, müssen alte 
Schuldgefühle investiert sein. Ich bedaure sehr, daß die Analyse auf sie 
nicht eintreten konnte. Nicht weniger verwunderlich als die übertriebene 
Strenge des Gewissens ist die Herzlosigkeit, mit der Diethelm seine wackere, 
liebevolle Gattin verstößt, und die Selbstverständlichkeit, mit der er sein 
eingestandenes Unrecht durch das Opfer seines Besitztums gesühnt zu 
haben glaubt. 

Das letztere Verhalten scheint eher erklärlich. In der zweiten Ehefrau 
findet er die ihr körperlich ähnliche Mutter wieder. Die lange gezügelte 
Sinnlichkeit bricht machtvoll hervor. Die Mutter als Dirne schlägt die keusche 
Mutter aus dem Feld, das Es setzt rücksichtslos seine Ansprüche an das 
Ober-Ich durch. Freud hat in einem klassischen Aufsatz diese Polarisation 
beim Unverheirateten geschildert (Ges. Schriften V, 202). Hier sehen wir sie 
in einer Folge von Heiraten. Diethelm muß Gefühlen nachgeben, die Zwangs- 
charakter angenommen haben. Die Desublimierung setzt sich mit unwider- 
stehlicher Gewalt durch. Die Stimme des Gewissens wird brutal überschrieen 
und verdrängt. Wir sehen voraus, daß sie sich desto gewaltiger durchsetzen 
wird. 

Die Konzession an das Triebleben auf Kosten des Gewissens führt zum 
fortgesetzten Mißbrauch des Stieftöchterchens. Der unbewußte Ankläger rächt 
sich für seine Mißachtung, indem er den Schuldigen in noch tiefere Schuld 
hinabreißt. 

Die Leidenschaft für die herzlose Frau schwand erst, als er entdeckte, 
daß er den Vater bei ihr als Mutterersatz doch nicht überwinden konnte, 
indem sie sich immer wieder mit andern Männern einließ. Auch konnte er 
die geistigen Ansprüche, die auf die Mutter gerichtet waren, nicht auf die 
Dauer bei der verräterischen Ehefrau unbefriedigt sehen. 

In der nach der zweiten Scheidung gefundenen Freundin erlebt die erste 
Geliebte eine Neuauflage, damit aber eigentlich die wegen ihrer Schönheit 
bewunderte Mutter. Die neue Geliebte war jedoch weder eine Heilige, noch 

— 315 — 



eme Dl rne Für da S erste war sie für weitgehenden FJirt zu empfin J 
für eme Dn-ne zu gewissenhaft. Es wäre wohl zur Ehe mit ihr e £2 1 
wenn nicht das Schuldgefühl des Liebenden Einfache erhobt h£e "l 

Diethelm mußte die Schwerkranke darum heiraten, weil er s^ m , 
die fa m Schutz und Pflege anvertraut worden war sexueTver ' 

hatte Das am Stieftochterchen begangene schwere Unrl cSe nalsT 
E sah das Kmd i„ die hi]fJose GemütsIeidende * ^ Snhn, 

intellektuellen, ästhetischen und moralischen Eigenschaften derM"^ ° 

leichterten ihm die Rationalisierung .eines *£^ £J£?% 1 
wieder gut zu machen. Daß die Schutzbefohlenevom Ä^ 
mmbraucht worden war, erleichterte die Identifikation JtTmT^T 
versetzte aber zugleich ihn in die Vaterrolle r>;. A -T ° dUwd,en . 
übrigens unmittelbar nachdem das l^JVÄ S^ 
eHe n:s anvertraut hatte ; um A.^^^J^H 
küßte er « und m ihr das Stieftöchtercien. Aber auch £ dTS? 
ennnerten emzelne ihrer Züge, und es ist auffallend, wie gTschfdt ^ 
verstund, m der Ehe diese Ähnlichkeiten zu vermehre;. Wäh^ * Pfl S 
befohlene und Braut ihm die größte Freiheit ™7 VVaÜrend ^ Pf kge- 

Sie verlangte Aufschluß, wohin er irehe f nr A * u V t en - 

da er vermutete, sie müßte an der Gebl sLbl Tbl - T"* 



— 316 — 



aden. Wir nehmen hinzu, daß kurz vorher die Gattin begonnen hatte, 
früheres nachgiebiges Wesen preiszugeben und sehr energisch Rechte 
geltend zu machen, die den Lebensplänen und -gewohnheiten ihres Mannes 
zuwiderliefen. Das Unangenehmste war, daß sie sich mit dem neu bezoge- 
nen Wohnsitz, nach dem sich ihr Gatte seit vielen Jahren gesehnt hatte, 
nicht einverstanden erklärte und energisch Übersiedlung in ein anderes Land 
verlangte. Infolge seiner Vateridentifikation mußte er nachgeben, dabei aber 
maximale Abgeschlossenheit, die der gefühlsmäßigen Introversion entsprach, 
mit einem unruhigen Getriebe im Strudel einer großen Stadt vertauschen. 
Dadurch wurden die einst auf die Mutter gerichteten Todeswünsche ange- 
achelt und der Gattin zugewandt. 

Das wichtigste dem Ausbruch der Impotenz vorangehende Motiv haben 
vir bereits genannt; er entdeckte nämlich, daß seine Gattin infolge einer 
Operation nicht Mutter werden dürfe, da sie bei der Geburt der schwersten 
ebensgefahr ausgesetzt würde. Ein Chirurg stellte allerdings die Gefahr als 
weniger erheblich hin. 

An die Sicherheit des Präservativverkehrs glaubte er nicht. Sein Unbe- 
wußtes wollte sich für den Todeswunsch bestrafen und gleichzeitig absolut 
schützen, indem es Impotenz verhängte. Damit war gleichzeitig auch die 
hefrau bestraft. Vierzehn Tage nach der Eheschließung, gleich nach der 
Entdeckung der durch Schwängerung drohenden Gefahr, brach die Impotenz 
aus. Alles sexuelle Begehren erlosch vollständig und bleibend. 

Im Hinblick auf die zu untersuchende Psychologie des Buddhismus wollen 
är nicht unterlassen, auch die wichtigsten der übrigen Determinanten zu- 
sammenzustellen, wiewohl sie schon vor Ausbruch der Impotenz vorhanden 
varen und daher nicht den Ausschlag gaben: 

Identifikation der Gattin mit der mißbrauchten Stieftochter. Flucht vor der 
Butter (ödipusschuld). 
Schutz vor den Ausschweifungen und Perversitäten in der zweiten Ehe, 
einem lange anhaltenden illegitimen Verhältnis und mit Prostituierten. 
Schutz vor eigenen Söhnen, denen er das eigene schwere Los ersparen 
vollte. 

Das asketische Lebensideal, das durch ein normales Eheleben zerschlagen 
vurde ; die Impotenz ist ein Stück konjugalen Buddhis- 
mus*. Neubahnungen, die aber nur in Träumen sich geltend machten, wa- 
ren Rückkehr der Begierde nach dem Rektum von Pferden, nach Fellatio, 
Autofellatio und Gunnilingus. Oft ängstigte ihn die Vorstellung der 
vagina dentata. 



— 317 — 



H) Der Aufbau des buddhistischen Lebensideals und 
seiner Verwirklichung 

A) Die geschiditlidien Tatsachen 

Als Knabe verfiel Diethelm infolge von Liebesverweigerung einer Ge 
fühlsabstumpfung, die wir als stoisch bezeichnen würden, wenn sie w3 
anschaulich begründet wäre. Unzweifelhaft wurden aber nicht nur Liebe' 
sondern auch Haß und Sadismus in reicher Fülle verdrängt. Es sei daran* 
erinnert, wie der Knabe das Messer nach der Wärterin warf, das eine 
Pelzpferdchen schlug und hungern machte und den Bruder von Bienen 
stechen ließ. 

Sein Haß richtete sich nicht nur auf die Mutter, sondern auch aur den 
Vater. Eines Tages stellte ihm die Mutter in Aussicht, daß er vom Vater 
gepeitscht werde, da er eine Unart begangen hatte. Wirklich schlug der 
sonst so überaus milde, gütige Mann, ohne zu untersuchen, aus Nachgiebig- 
keit gegen seine Gattin, den Kleinen. Nach Schluß der Prozedur weinte 
dieser und wünschte, er hätte dem Vater die Augen ausgekratzt. Danach 
weinte er aber viel stärker, weü er diesen häßlichen Wunsch gehegt hatte, 
und nie wieder tauchte ein ähnlicher Gedanke auf. Dafür stellte sich dann 
und wann der Wunsch ein, Menschen zu zerstückeln und in die Toilette 
zu werfen. Eine Verhinderungsphantasie schilderte, wie die , Toilette zu voll 
würde, und wie den Nachbarn das häufige Spülen auffallen müßte. Allein 
im Großen und Ganzen herrschte eine stoische Denkweise vor und befe- 
stigte sich immer stärker. 

Die SteUung zum Christentum wurde frühzeitig eine gespannte. Den er- 
sten äußeren Anlaß gab ein Erlebnis, das ungefähr in sein achtes Lebens- 
jahr fällt. An einem christlichen Fest kaufte er für seine Mutter ein Rahm- 
töpfchen, das anscheinend mit Bonbons gefüllt war. Es stellte sich nach- 
träglich heraus, daß sich auf dem Boden Papier befand, sodaß nur wenig 
Süßigkeit vorhanden war. Obwohl das dem Preis angemessene Objekt einem 
gemeinnützigen Zweck diente, war der Knabe über den angeblichen Betrug 
entrüstet, zumal er selbst kurze Zeit früher, als er Erbsen gegen Bezahlung 
ausschälte, wirklich durch Einlage eines dicken Papierbodens betrogen hatte. 
Ferner schenkte ihm eine Sonntagsschullehrerin unechte Briefmarken. Zwei 
Jahre später verdächtigte er einen Geistlichen, der ihn zu Schachspiel und 
Abendessen eingeladen hatte, er habe es nur getan, um ihn zum Schüler 
zu gewinnen, und ließ sich daher später zum Bedauern des Vaters nicht 
konfirmieren. 



318 — 



r 

Die Neigung zum Buddhismus wurde erst gegen Ende der Dreißigerjahre 
stark. Vorher las unser Analysand mit großem Interesse buddhistische Bü- 
cher, doch blieb das Interesse intellektuell. Von der zweiten Gattin, mit der 
1916—24 in sinnlicher Ehe verbunden war, war er öfters aus Berufs- 
rÜcksichten längere Zeiträume abwesend, namentlich in der Zeit, als die 
Verfehlungen mit dem Stieftöchterchen vorkamen, aber auch sonst noch. 
Die Sehnsucht nach einer buddhistischen Lebensauffassung und -führung war 
• m dieser Zeit oft sehr stark ; allein bei der ihn sinnlich bestrickenden Ehe- 
frau brach diese Tendenz jeweils plötzlich zusammen. So war er in diesen 
Jahren ein Buddhist und keiner. Erst nach der Ehescheidung blieb der 
Buddhismus Alleinherrscher. Gegen Mitte der Vierzigerjahre oder etwas vor- 
her — Diethelm widerspricht sich in seinen Angaben — trat er vollständig 
zum Buddhismus über und entrichtete einer buddhistischen Religionsgemein- 
schaft regelmäßig seine Beiträge. 

Ein merkwürdiger Umschwung vollzog sich gleichzeitig in seinem Denken, 
Bisher hatte er die Naturwissenschaft geliebt und erfolgreich gepflegt. Jetzt 
wandte er sich gänzlich von ihr ab, da der Buddhismus ihm verbot, Tiere 
zu töten. Dafür interessierte er sich nicht weniger lebhaft für Geisteswissen- 
schaften, insbesondere für Psychologie. Die Liebe zu den Katzen wuchs 
sich zum Katzenfetischismus aus. Er umgab sich mit drei, unschönen Exem- 
plaren des Katzengeschlechtes, ließ sie seine sonst gepflegte Wohnung durch 
Urin besudeln, auf dem Eßtisch die Speisen kosten und in seinem Bette 
schlafen. Der sonst sehr reinliche Mann schilderte beinahe mit Stolz, jeden- 
falls aber mit Humor, wie die Flöhe aus dem Pelz seiner Nachbarinnen 
über sein Gesicht wandern und sich wieder an ihren warmen Stammsitz 
zurückbegeben. Auf Erziehung der recht bedenklichen Vertreterinnen ihrer 
Gattung verzichtete er, da er zu Schlägen seine Zuflucht hätte nehmen 
müssen, was ihm als schweres Unrecht erschienen wäre. Dafür richteten 
seine vierbeinigen Freundinnen in der Nachbarschaft Unfug an, sodaß die 
Polizei eingriff und dem Katzenidyll ein jähes Ende bereitete. Als eines 
der geliebten Wesen starb, wickelte er es in Seide und bereitete ihm bei 
Sonnenuntergang eine feierliche Bestattung. Offen bekannte er, daß ihn der 
Tod einer seiner Katzen viel mehr schmerze, als der Hinschied seines 
besten Freundes. Die Art, wie er sich mit den Unreinlichkeiten und dem 
Ungeziefer seiner Katzen abfand, verrät buddhistisches Fühlen oder Nicht- 
fuhlen. Mit Hunden konnte er sich dagegen nie befreunden. 

Das Heimweh nach dem buddhistischen Kloster, in dem er frei von allen 
weltlichen Interessen ganz nur seinen Studien leben konnte, behauptete sich 
durch allen Wechsel der Zeit. Warum er dennoch ein drittesmal heiratete 

— 319 — 



und sich die Erfüllung seines Mönchs Wunsches verunmoglichte, haben ^\ 
vernommen (Selbstbestrafung). 

In dieser letzten Ehe, die ihm so viel Mühsal verursachte, suchte 
nach Kräften seine Ideale zu pflegen, freilich teilweise recht äußerlich. & 
meditierte vor seinem Hausaltar, ließ sich die Fingernägel auffallend l ane 
wachsen, deutete in seiner Kleidung den Buddhismus an und gab sich dem 
Plane hin, sein Haus nach dem Tode der Gattin zu einem Buddhisten- 
tempel umzuwandeln. Auch in der Nahrung kam er dem Gesetze Buddhas 
so nahe als möglich, ohne jedoch grundsätzlich Vegetarianer zu werden 
Daß sein Denken eine etwa katatonische Steifheit und Insichgekehrtheit 
annahm, entging ihm nicht. Es bildete seinen beständigen Kummer, daß 
er sich nicht völlig dem Buddhismus ergeben konnte. 



B) Psydioanalytisdte Bearbeitung der Entwicklung zum Buddhismus 

Es ist nicht schwer zu erkennen, daß die Richtung zum Buddhismus nur 
einen Spezialfall der allgemeinen Enwicklung darstellt. Es verlohnt sich aber 
diesem geistigen Wachstumsprozeß im Einzelnen nachzugehen. 

Der den größeren Teil der bisherigen Lebensstrecke beherrschende Stoi- 
zismus entspringt der affektiven Introversion, die der Ödipusbindung ent- 
stammt und einen Selbstschutz darstellt. Wir wiesen schon darauf hin, wie 
der Sohn, dessen Zärtlichkeitsbewerbungen um die Mutter beständig ab- 
gewiesen wurden, sich von der Mutter zurückzog. Ebenso wurde der gegen 
sie gerichtete Haß, der sich im Messerwurf gegen die Wärterin äußerte, 
wie auch der Grimm auf den herzensguten Vater vom Gewissen zurück- 
gewiesen. So war eine Hamletbindung bewirkt, was das Gemütsleben 
anbetrifft, während die intellektuelle Extraversion verstärkt wurde. Diethelm 
neigte zu starkem Sadismus, wie wir auch aus den Steinwürfen nach der 
beneideten Katze der Wärterin, aus der grausamen Behandlung des von 
Bienen gequälten Bruders, aus der Tötung unzähliger Tiere im Namen der 
Wissenschaft, aus dem Wunsch, Vaters Augen auszukratzen, Menschen zu 
zerstückeln und in die Toilette zu werfen, erfahren. Hinzu kommen die 
sexuellen Begierden, deren Befriedigung in Gewissensnöte treibt: Der auf 
Pferde gerichtete Analerotismus, hinter dem wohl eine Geburtsphantasie 
steckt, Masturbation usw. Der in seinem Liebes- und Glücksbegehren ge- 
täuschte Knabe flüchtet sich in den Stoizismus, wie sich die erschreckte 
Schnecke in ihr Haus verkriecht. Nur bleibt er in seiner Isolierung, um 
weiteren Enttäuschungen zu entgehen. 

— 320 — 




Oskar Pfister 











Karikaturen schweizerischer Psychoanalytiker 

I) Dr. K i e 1 h o 1 z, Königsfeld en-Aargau — 2) Pfarrer Pfenninger, Neftenbach-Züridi - 

3) Dr. Behn-Eschenburg, Züridi — 4) Dr. Sarasin, Basel — 5) Pfarrer Dr. Pf ist er, 

Zürich - 6) Zul Hg er, Ittigen-Bern - 7) f obler, Kaltbrunn-St. Gallen 

Aus dem Karikaturenalbum von Olga Szekely-Koväcs und Robert Bereny enthaltene Karikaturen 

der Teilnehmer am Internationalen Psychoanalytischen Kongreß in Salzburg, Ostern {erschienen als 

Privatdruck im Internationalen Psychoanalytischen Verlag in Wien) 



Die Ablehnung des Christentums stammt ebenso aus der Beziehung zu 
den Eltern wie aus Schuldgefühl. Der fromme Vater, der in seiner Religions- 
gemeinschaft eine führende Rolle spielt, stößt ihn bewußt ab, nicht nur, 
weil er die Mutter zum Weibe hat, sondern auch, weil er sich auch seiner 
schönen, aber herzlosen Frau unterwirft (vergl. die früheste Erinnerung an 
den auf dem Boden sitzenden, die Nähmaschine bewegenden und zugleich 
vorlesenden Vater, sowie an die auf den Wunsch der Mutter ungeprüft 
erfolgende Züchtigung mit der Peitsche). In die Sonntagschullehrerin, die 
jjj m unächte Briefmarken schenkte, projizierte er die Mutter, die ihm so 
manchen Wunsch unerfüllt ließ, in den angeblich eigennützig einladenden 
Geistlichen den Vater, der ihn in seine Gemeinde locken wollte. Besonders 
wichtig aber ist, daß er seine eigene absichtlich begangene Unredlichkeit, 
in der er in sein Gefäß mit Erbsen einen dicken Papierboden legte, in das 
am christlichen Fest gekaufte Rahmtöpfchen hineinsah, obwohl das Kaufs- 
objekt seinem Preise entsprach, und eine Verpflichtung für die Verkäufer 
pxx Füllung mit Bonbons nicht bestund. 

Erinnern wir uns, daß dem Ausbruch des Buddhismus, der bisher nur 
mit intellektuellem Interesse betrachtet worden war, zwei Stadien von Be- 
täubungssucht vorausgegangen waren : Mit Morphium und Chloroform entzog 
er sich der peinlichen Wirklichkeit, beides vor der ersten Eheschließung 
und nach der Zurückweisung seines ersten Heiratsantrages. Wir erblicken 
hierin eine Angleichung an den Vater, der zwanzig Jahre lang dem Morphi- 
nismus ergeben war, offenbar hauptsächlich, weil ihn seine starke Liebe 
zur kalten Gattin und die schlechte Finanzlage quälten. Diese narkotische 
Flucht aus den Leiden des Lebens ist ein Vorläufer der religiösen in den 
Buddhismus. Der Sohn mußte einsehen, daß ihm Lahmheit und Morphi- 
nismus nicht ebenso möglich waren, wie dem Vater, für den er sorgte, 
denn er selbst verlor Stellung und Einkommen, er mußte in Jammer und 
Schande fallen, wenn er weiter dem Morphinismus frönte, und dagegen 
sträubte sich sein Narzißmus. Der Übergang vom Morphium zum Chloroform- 
riechen bedeutet eine Annäherung an den Selbstmord : Hielt er das Fläsch- 
dien eine Sekunde zu lange vor die Nase, so verfiel er dem Tode. 
Dagegen protestierte sein Wille zum Leben. Der Buddhismus verhieß Be- 
täubung ohne derartige narzißtische Kränkungen und machte sie erst noch 
im Namen einer uralten Kulturreligion, in der hohe ethische Werte steckten, 
zur Tugend. 

Vorerst konnte das buddhistische Lebensideal sich nicht durchsetzen. Das 
Es siegte über das Über- Ich. Die Triebe drängten nach dem Weibe. Voll- 
bewußt schloß Diethelm eine Ehe, um dem Chloroformtod zu entgehen. 

PsA. Bewegung IU — 321 21 



Wir verstehen, daß damit dem Buddhismus ein starker Zufluß entzog 
wurde, wenn auch die Ehe den Trieben wenig bot. 

Unser Introvertierter verharrte daher im Stoizismus, den er Über zw ' 
Jahrzehnte praktisch verwirklicht hatte, bis ihn der Anblick eines durJ 
Schönheit und sinnliche Reizmittel ausgezeichneten Muttersurrogates i n di 
stärkste Desublimierung hinunterriß. Er erkannte die Maßlosigkeit seiner 
Triebansprüche, die Unfreiheit, in die er sich verstrickte, und das Schuld 
gefuhl wegen der am Stieftöchterchen zwei Jahre lang immer wieder be" 
gangenen sexuellen Delikte lastete schwer auf ihm. Alles bestätigte ihm di" 
Berechtigung der buddhistischen Resignationsstimmung, die sich schon wäh- 
rend der langen Abwesenheit von der nur sinnlich geliebten Frau immer 
wieder vordrängte. 

Die Auflösung der Unglücksehe verhalf dem Buddhismus zum Siege, so 
weit im Alltagsleben eine Durchführung buddhistischer Grundsätze möglich 
ist. Die Preisgabe der bisher heiß geliebten Naturwissenschaften bedeutet, wie 
angedeutet, eine Opferung der sadistischen Gelüste. Ohne Töten von Tieren 
konnte er seine Forschertätigkeit nicht fortsetzen. 

Im Katzenfetischismus — der Ausdruck stammt von ihm selbst — führte 
er die buddhistische Mitleidsstimmung durch. Die Katzen behandelte er einer- 
seits als Kinder, anderseits als seine eigenen Ebenbilder/Er schildert sie als 
klein, hilfsbedürftig, mit Gefühlsausdrücken sparsam. Er selbst war so in 
seiner Kindheit. Deutlich spricht sein Bekenntnis: „Wenn ich eine Katze 
habe, so habe ich ein Kind ohne die Mutter." Er umgeht also die Mutter, 
den Inzest. Gleichzeitig kann er seine Liebe an den Katzen verwirklichen! 
ohne durch das Hineinsehen mißliebiger Menschen oder des eigenen Ichs 
gestört zu werden. Seine Liebe zu den Katzen ist narzißtisch mitbestimmt 
Sie bilden das sühnende Gegenstück zu den zahllosen getöteten anderen 
Tieren. Die übertragungsfreudigen Hunde passen nicht in das egoistische 
Schema; auch gelten sie dem Buddhismus nicht, wie die Katzen, für heilig. 
Den Buddhismus begünstigten weitere Motive, die uns deutlich werden, 
sobald wir wissen, was an der klassischen Religion Altindiens anzog. Und 
nur um die klassische Buddhalehre handelt es sich, nicht um irgendwelche 
moderne Umbiegungen. 

Ihn fesselte nicht die Lehre vom Nirwana, dem Idealzustand, in dem 
alles Elenken, Fühlen und Wollen aufhört. Er dachte nicht daran, daß das 
geistige Leben auslöschen solle wie ein Licht in der Nacht. Sein Ideal war: 
Die Triebe kommen zur Ruhe, der Zorn, der Rachedurst, das Leiden über 
Lebensentbehrungen, die Betrübnis über durchkreuzte Lebenspläne, der 
Schmerz über Liebesenttäuschungen, alles hört auf, nur das geliebte intellek- 



— 322 — 



tuelle Nachsinnen bleibt übrig, aber befreit von den qualmenden Wolken 
der Triebbegleitung. Auch das Schuldgefühl verschwindet in den Nacht- 
schatten des ewigen Nichts, Die Sünde braucht nicht vergeben zu werden, 
denn sie ist nichts. Alles Bindende ist abgetan. Das Leben mag noch so 
viel Leid bringen, der Schleier Nirwanas muß alles bedecken, und es ist 
jjicht mehr vorhanden. 

Von positiven Lehren ist zu beachten, daß ihn die ganze buddhistische 
Philosophie mit Ausnahme der Sittenlehre und Kharmatheorie gleichgültig 
ließ. Über die Sittenlehre sagte er aus, daß sie mit der christlichen 
im Wesentlichen übereinstimme. Besonders die goldene. Regel, nach der man 
dem Nächsten nicht zufügen dürfe, was man selbst nicht erleiden wolle, 
war ihm von zentraler Bedeutung. Der Wert des Menschen hängt davon 
ab, wie weit er sie verwirklicht. Der achtfache Weg Buddhas zur Voll- 
kommenheit ist in fünf Stücken christlich. Nur betont er mehr die Bedürf- 
nislosigkeit, die Freiheit von Mystizismus und Todesfurcht sowie das Ver- 
bot des Tötens von Lebewesen. Auch legt er großes Gewicht auf die Rein- 
heit der Gedanken, wobei Diethekn allerdings zugab, daß das Christentum 
sie auch fordere. Die Forderung, ein Maximum von Liebe Gott als dem 
Inbegriff alles Hohen und Großen zuzuwenden, und den Nächsten als sol- 
chen weder mehr, noch weniger als sich selbst zu lieben, stieß ihn ab. 
Ebenso konnte er nicht einsehen, wie Gott begangenes Unrecht verzeihen 
könne. Er fand, jeder müsse dies mit sich selbst abmachen. 

Neben der Ethik war es die Kharmalehre, die ihn mächtig fesselte 
und einen Grundpfeiler seiner Lebensanschauung ausmachte. Ihn quälte, wie 
wir wissen, die Furcht vor dem zukünftigen Leben, das nach dem Tode 
durch das Kharma geschaffen werde, und zwar hauptsächlich darum, weil 
jede begangene böse Tat bestraft werde. Diese Sukzession von Schuld und 
Sühne war ihm so gewiß wie die Abfolge von Ursache und Wirkung in 
der Natur. Darum schien ihm die Vergebung etwas Unmögliches und Un- 
wirkliches. Die Rücksicht auf ein günstiges Kharma leitete sein ganzes Stre- 
ben. Im Kharmaglauben glaubte er den stärksten Schutz gegen Versuchun- 
gen zum Ehebruch zu finden. 

Dringen wir auf Diethelms unbewußte Motive des Buddhismus, so finden 
wir hauptsächlich die folgenden: 

1) Sozialisierung des Hamletismus. In seiner introversiven 
Abwendung von der Außenwelt begab sich Diethelm in die Einsamkeit. 
Die hysterische Introversion führte zur Impotenz und absoluten Geschlechts- 
kälte, die einen sexuellen Hamletismus darstellen, die Brücke zur Gemein- 
schaft jedoch abbrechen. Dies ist die Wendung zur Krankheit, Im Buddhis- 

— 323 — 2i* 



mus dagegen wird die innere Einsamkeit sozial geheiligt, ja diese Isolierun 
führt sogar nach dem seltsamen Widerspruch, der dem Buddhismus an, 
haftet, selbst zur Gemeinschaftsbildung. Damit ist das der Impotenz anhaf- 
tende Odium der Krankheit überwunden. Ohne diese soziale Eingliederung 
bliebe bei konsequenter Durchführung nur die Katatonie übrig. 

2) Ein zweites Motiv wird hergestellt durch das Bedürfnis nach 
Erlösung vom Schuldgefühl und nach Sühne. Diethelm leidet 
bewußt und noch mehr unbewußt unter der ödipusschuld mit seinen Inzest- 
und Todeswünschen, unter den Vergehungen gegen Muttersurrogate, die die 
moralische oder unmoralische Seite des Mutterbildes fortführen, unter der 
Verschuldung gegen das Stieftöchterchen usw. Der Widerspruch zwischen den 
Forderungen des Ichideals und den Ansprüchen des Es, wie den Feststellungen 
des Ichs, beunruhigt sein Gewissen. Durch ein Leben voll Verzichten will 
er sühnen. Der Buddhist macht sich zum Büßer, aber gleichzeitig reduziert 
er die Strafe auf ein Minimum. Die Qual des Widerspruchs zwischen Ich 
und Ichideal überwindet der Buddhismus so, daß er beiden die Libido ent- 
zieht und sie für unerheblich erklärt. 

3) Selbstschutz gegen die Gefahren der Triebhaft ig 
k e i t. Diethelm weiß, was für ein wildes Begehren in ihm steckt. Die 
Inzestbegierde zog ihm eine ungeistig-brünstige Ehe, eine Verschuldung an 
der ersten Gattin zu, trieb ihn In verbrecherische Pädophilie, sadistische 
Wünsche brechen in Form von Phantasien immer wieder durch. Der Buddhis- 
mus legt der Sexualbestie in ihm Ketten an. Er erstickt die bösen Regungen 
in ihrem ersten Keim. 

4) Buddhismus als Rückkehr in den Mutterleib. Unter 
der Mutter litt unser Analysand schwer in seiner Kindheit bis in die reifen 
Mannesjahre. Von ihr will er sich ablösen; was ihr gefallt, stößt ihn ab, 
mit Ausnahme des Geldspieles, mit dem er ihr keine Freude macht, und 
das er bei Erstarken des Buddhismus preisgibt. Durch seine religiöse Intro- 
version windet er sich einerseits von der Mutter los; gleichzeitig aber kehrt 
er zu ihr zurück. Das Kloster, nach dem er sich sehnt, ist, wie das Grab 
der tibetanischen Höhlenheiligen, ein symbolischer Mutterleib. 

5) Angleichung an den Vater. Obschon der Übertritt zum 
Buddhismus den Vater als eifrigen Kirchenältesten betrübt hätte, wenn er 
ihn noch erlebt hätte, liegt doch wohl eine gewisse Gleichsetzung im neuen 
Bekenntnis des Sohnes, Der Vater trug alle Vorwürfe und Schmähungen 
seiner Gattin ruhig und geduldig, tat ihr zu liebe, was er konnte und be- 
währte sich im ganzen Leben als Wohltäter. Diethelm bildete diesen Gleichmut 
noch weiter, indem er die Krankheit und die vielen schwierigen Eigenschaften 

— 324 — 



II 
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Frau, die freilich auch ausgezeichnete Qualitäten besaß, mit unendlicher 
\r chsicht auf sich einwirken ließ, den Schein der Liebe unausgesetzt aufrecht 
u- k und kein Opfer scheute, auch wenn er innerlich völlig abgesperrt von 
L war> Auch beim Vater kann man fragen, wie weit Liebe, wie weit 
V 'edensliebe ihn zu seinem Verhalten bewog. Diethelm sanktioniert sein 
T n durch ein erhabenes Moralsystem und eine möglichst libidofreie Lebens- 

anschauung. 

6) Sanktionierung der neurotischen Müdigkeit. Wir 
T ßen bisher ein neurotisches Symptom beiseite, das einen Beitrag zum Ver- 
tandnis der buddhistischen Regungen bildet. Ihn beherrschte sehr oft das 
refühl einer Müdigkeit, die aus organischen Gründen oder Arbeitsleistungen 
nicht zu erklären war. Wir wissen, daß solche Müdigkeit gewöhnlich Liebes- 
oder Lebensmüdigkeit ausdrückt. Der Buddhismus schwächt diese Gefühle ab, 
läßt sie aber gleichzeitig gelten. 

Tiefer konnte die Analyse bei Diethelm nicht eindringen. Von vornherein 
stund fest, daß sie nur drei Monate dauern werde. Die Terminsetzung 
wirkte ungünstig, da der Analysand nicht geheilt werden wollte und sogar 
von der Heilung Gefahren für sich und seine Ehe befürchtete. Die kranke 
Gattin zwang ihn, den zärtlich Liebenden zu spielen, da sie ihren Gatten 
sonst voraussichtlich durch Selbstmord von sich befreit hätte. Für sich selbst 
scheute er die Heilung wegen der pathologisch gebändigten Sexualität in 
ihren verschiedenen Formen; für seine Ehe, da ihm der Buddhismus mit 
seinen allgemeinen Wertentzügen das zur Selbstbestrafung aufgelegte Kreuz 
erträglicher machte. 



III) Die Ergebnisse unserer Studie für die Psychologie 
des Buddhismus 

IEs erhebt sich nun die Frage, wie weit wir die Entstehung unseres Falles 
on buddhistischer Gesinnung für typisch ansehen und aus ihr Folgerungen 
auf Genese und Struktur des Buddhismus überhaupt ziehen dürfen. Über 
den Religionsstifter Gautama Buddha wissen wir so wenig, daß es ausge- 
schlossen scheint, sich ihm analytisch zu nähern. 

Dagegen kennen wir glücklicherweise den indischen Volkscharakter, aus 
dem der Buddhismus hervorging. Die übrigen Völker mit Ausnahme Tibets 
kommen weniger in Betracht, da sie von der klassischen Urgestalt sehr 
weit abwichen. 

— 325 — 



A) Die Entstehungsmotive des Buddhismus 



l) Daß die sozialen Einrichtungen der Inder der Introversion V 0r 
schub leisten, ist leicht einzusehen. Im Kastenwesen, in der EinschließuJ 
des Mädchens in den Senanas, in der Witwenverbrennung u. a. Institution^ 
erblicken wir eine Erhöhung des Vaters, die im Sohne" notwendig 3 
ödipushaß, aber auch die Bindung an die Mutter steigern muß. Auch d^ 
heiße Klima begünstigt die Introversion, eine müde Lebensstimmung und 
den Hamletismus, wenn es auch unvorsichtig wäre, die Bedeutung der geo 
graphischen Verhältnisse zu überschätzen. Wenn Buddha im Gegensatz I 
seiner Lehre vom Nirwana als Missionar wirkt, getrieben vom Mitleid jf 
leidenden Menschheit, so läßt diese Inkonsequenz darauf schließen, daß auch 
er, wie unser Analysand, seinen Hamletismus sozialisieren mußte, um der 
Katatonie zu entgehen. 

2) Auch das Bedürfnis nach Erlösung von Schuld und 
das Verlangen nach Sühne müssen im indischen Volke stark gewesen sein 
wie die Lehre von der Seelenwanderung beweist. Buddha macht sich einer 
neuen Inkonsequenz schuldig, oder besser gesagt: er' greift zu einem neuen 
Widerspruch, indem er einerseits die Seele und Seelengeburt leugnet, an- 
dererseits doch in der Kharmatheorie eine Art Vergeltung nach dem Tode 
in Aussicht stellt, sofern der Einzelne, ohne mit seinen früheren Daseins- 
formen identisch zu sein, doch gewissermaßen eine Fortsetzung von ihnen 
darstellt. Das Schuldgefühl gibt dabei den Ausschlag. Es ruft ein Sühne- 
bedürfnis hervor, das in der Kharmalehre die eisernen Bande des meta- 
physischen Systems sprengt, ja eine neu, ad hoc gebildete Metaphysik schafft 
wie auch Diethelm, der Feind aller Metaphysik, die Schaffung einer neuen 
Existenzform durch die guten und bösen Werke des abgelaufenen Lebens 
für eine undiskutierbare Selbstverständlichkeit erachtet. Somit finden wir auch 
die zweite Wurzel des Buddhismus unseres Analysanden als völkische Er 
scheinung in der klassischen Urform Indiens wieder. 

3) Ebenso verhält es sich offenbar mit dem dritten von uns aufgefundenen 
Hauptmotiv, dem Selbstschutz gegen die Gefahren der Trieb- 
haftigkeit. Die Neigung zu wildesten Ausschweifungen ist durch die 
Geschichte und Literaturgeschichte Indiens genugsam bezeugt. Wie stark die 
Neigung zu sadomasochistischen Orgien ist, verraten die grausamen Mann- 
barkeitsriten, die schon erwähnten Witwenverbrennungen, die in der ganzen 
Welt nirgends übertroffenen religiösen Selbstquälereien. Es ist uns nicht 
unverständlich, daß Buddha sich aus den Gefahren solcher überbordender 
Triebhaftigkeit, die schon zu seiner Zeit vorherrschte und besonders in der 

— 226 — 



1 



r 



b ahmanischen Askese stark hervorbrach, in die Richtung des Auslöschens 
flüchtete. 

!B) Die Wege 
So dürfen wir denn also sämtliche Motive, die wir bei Diethelm als 
r» eilen des Buddhismus vorfanden, als typisch ansehen. Und nicht anders 
rhält es sich mit den Wegen zur extrem quietistischen Lebensauffassung 
a ) Der Libidoentzug 
p as buddhistische Lehrgebäude findet sich mit den Nöten und Gefahren 
i Lebens ab, indem es allem Vorhandenen den Wert abspricht. Es tut 

nicht nur in der Aschermittwochstimmung, die im Buche Kohelet im 
Leierkastenton jammert: „Alles ist eitel", sondern mit einem imponierenden 
Heroismus, der den gesamten Lebensdrang aufhebt. Dem Ich, dem Ichideal 
und dem Es wird die Libido genommen. Dann ist für Schuld und Schuld- 
gefühl k e in Raum mehr. Allein Freuds dynamische Psychologie lehrte, 
daß für jede gehemmte Libidobetätigung und Ichregung Kompensationen 
eintreten, und daß die Triebunterdrückung zu gefährlichen Neurosen führt. 
In Diethelms Angstzuständen, Impotenz und andern hysterischen Symptomen 
bewahrheitet sich diese Auffassung. Betäubung durch Rausch- 
gifte, Impotenz und Buddhismus bildeten eine innerlich zu- 
sammenhängende Trias, unter der die weltanschauliche Betäu- 
bung sicher die harmloseste darstellt. Wie aber verhält es sich bei der 
kollektiven Betäubung ? Kein Volk hielt es beim konsequenten und klassischen 
Buddhismus aus. Alle amalgamierten ihn mit Naturreligionen. In Indien 
speziell brachen die verdrängten sadomasochistischen Triebe, durch die 
religiöse Sozietät sanktioniert, am allerkrassesten hervor, und in den übrig 
gebliebenen buddhistischen Resten wurde so viel Energie absorbiert, daß 
das hochbegabte Kulturvolk von 300 Millionen einem Häuflein Engländern 
tributpflichtig ist. 

Buddha persönlich scheint der Neurose entgangen zu sein. Wie war es 
möglich? Durch einen doppelten inneren Widerspruch: Er legte auf seinen 
Libidoentzug ungeheuer viel Libido, und er wurde Missionar, um anderen 
die beseligende Libidobesetzung des Libidoentzuges zu verschaffen. Das Ver- 
fahren korrespondiert den Propheten des Pessimismus, die in süßen Wonnen 
das Elend alles Tuns besingen, ohne zu merken, wie trefflich ihnen ihr 
Trank mundet, oder den Verkündigern des' Skeptizismus, die ihre Skepsis 
als Gewißheit ausrufen, ihr Leben aber gar nicht nach skeptischen Prinzipien 
einrichten. Der Nachwelt Buddhas war es selten vergönnt, am Dysangelium 
der Libidobesetzung des Libidoentzuges volle Genüge zu finden. 

— 327 — 



b) Die Regression 
Die Entwertung des Ichs und Ichideals machte eine starke Regressio 

unvermeidlich. Das Kloster- und Eremitenwesen ist von der buddhistische" 1 
Lebensregel unabtrennbar. Es bedeutet eine Rückkehr in den Mutterleib 1 
wie vielleicht am deutlichsten die Gräberheiligen Tibets illustrieren. 

c) Die Austilgung des Vaters 
Der Vaterhaß feiert einen ganz besonders pompösen Triumph, 

sein Objekt für nichtexistierend ausgegeben wird. Jeder Analytiker weiß 
wie oft der christliche Gott gehaßt wird, weil er durch den Vaternamen' 
symbolisiert wird. Ich analysierte zwei Theosophen, die vornehmlich der 
Odipusgnmm in ihre persönlichkeitsfreie Gottesverehrung gelenkt hatte D er 
Buddhismus wurde wohl schon bei seiner Entstehung, nicht erst bei unserem 
Diethelm, aus dieser Quelle getränkt. 

d) Die Intelleklualisierung 

Eine weitere Folge der buddhistischen Gefühlsverwehrung bildet die Über 
betonung des Intellektes. Diethelm ergab sich eifrig wissenschaftlichen Studien 
wobd er beklagte, daß sein Denken sich in katatonischer Enge bewege' 
Der Buddhismus entwickelte komplizierte Philosophien, die Mahayanatheorie' 
oder Lehre vom Sein und die Sunyavada-Philosophie oder Lehre vom 
Leeren. Wenn mein Analysand sich daneben beruflich betätigte, so war 
dies ein leidiges Zugeständnis an die Gattin und die harte Lebensnot- 
wendigkeit, die sich außerhalb des Klosters durchzusetzen weiß. 



sein 



Am Ende seines Analysenfragmentes erkannte Diethelm, daß 
Buddhismus als kollektivneurotisches Symptom einen Versuch darstelle, seine 
Krankheit durch Sozialisierung zu rehabilitieren, ja sogar als höheren Lebens- 
stil zu erklären. Er gab ohne Vorbehalt zu, daß das Christentum mit 
seiner ethischen Liebestheorie den individual- und sozialhygienischen Gesetzen 
allem entspreche. Allein die Bindungen und die Furcht vor den Dämonen 
des Es waren zu stark, um die praktischen Folgerungen aus dieser Einsicht 
zu ziehen, und ich enthielt mich selbstverständlich jedes Versuches, ihn zur 
Preisgabe seines Buddhismus zu veranlassen. Doch mit dieser Feststellung 
stoßen wir bereits auf das Gebiet der Religionshygiene, deren Bearbeitung 
nicht mehr zu unserer gegenwärtigen Aufgabe gehört. 



— 328 



Ferdinand Hodlers Parallelismus 

Von 

EL BehnrfEsdhteiibiarg 

Kiisnacht-Zürich 

Die vorliegende Arbeit stellt einen Ausschnitt aus umfassenderen Untersuchungen dar. 
Sie möchte sich auf eine Eigentümlichkeit vieler Bildwerke Hodlers beschränken, die 
einem unbefangenen Betrachter immer zuerst augenfällig wird, auf die merkwürdig be- 
tonte und häufig auch symmetrisch angeordnete Wiederholung der hauptsächlichsten 
Elemente eines Bildes. Hodler selbst benennt dieses „Prinzip" als Parallelismus 
und mißt ihm eine ganz besondere Bedeutung bei. 

Wir möchten versuchen, auf dieses „Prinzip" einzugehen und Hinweise zu erbringen, 
wie sehr die scheinbar rein formalen, künstlerischen Überlegungen Hodlers mit seinem 
ganzen Leben innigst zusammenhängen, aus seinen tiefsten menschlichen Erlebnissen 
erwachsen sind, und wie sie die gigantischen Bemühungen eines großen Menschen dar- 
stellen, mit seinem Jugenderleben fertig zu werden. 

Bekanntlich hat sich Ferdinand Hodler (l 853 — 1918) im Verlauf 
seiner künstlerischen Entwicklung ein System geschaffen, welches er unter 
dem Namen Parallelismus in die Kunst einführte. Über den Grad der 
Wichtigkeit, welche er diesem Stil beilegte, lassen wir ihn selber sprechen : 
„Mit der Richtigkeit oder Unrichtigkeit meines Parallelismus steht oder fällt 
mein Werk. Entweder ist der Parallelismus, wie ich ihn erkannt, umschrie- 
ben und angewandt habe, ein Weltgesetz von allgemeiner Gültigkeit, und 
dann ist mein Werk von unübersehbarer Bedeutung, oder aber ich habe 
mich geirrt, und in diesem Falle ist mein Schaffen lauter Selbsttäuschung 
und Trug." — „Unter Parallelismus verstehe ich jede Art von Wiederholung. 
Jedesmal, wenn ich in der Natur die Art der Dinge am lebhaftesten emp- 
finde, stehe ich immer unter dem Eindruck der Einheit." — „Der Parallelis- 
mus ist ein Gesetz, das über die Kunst hinausragt, denn er beherrscht das 
Leben.* — „Ist der Parallelismus nicht das herrschende, dann ist er das 
ordnende Element." 

Am bildhaftesten drückte sich Hodler im Wintermonat 1909 in einem 
Gespräch gegenüber Loosli über dieses Thema aus: „ . . . Du stehst vor 
einem Leichnam, das ist der sterbliche Rest eines Menschen, den du nie 
anders als gewöhnlich gesehen hast, und nun liegt er da, unbeweglich und 
starr. Du siehst ihn um 2 Uhr, er liegt da, die Augen, die dir zuwinkten, 
sind starr, die Glieder, deren Bewegungen dir vertraut waren, sind steif. 
Die Gestalt, die du am Tisch oder auf der Straße in steter Bewegung sahst, 
liegt wagrecht vor dir und rührt sich nicht." 

— 329 — 



„Du gehst von dem Leichnam weg und kommst um 4 Uhr wieder und 
findest ihn gleich starr und unbeweglich." 

„Du spähst unwillkürlich nach dem, was du an ihm zu sehen gewöhnt 
warst, er rührt sich nicht und nichts antwortet dir." 

„Du siehst ihn um 6 Uhr, um 10 Uhr wieder, und er ist immer noch 
gleich. Die selben Linien ergreifen dich, nichts hat sich geändert, keines 
Zolles Breite ist verschoben." 

„Siehst du, das ist das Erschütternde, das Unendliche, der große Stil! 
Das ist die Stetigkeit, die zeitliche Ausdehnung der Wieder- 
holung, der Par all elismus!" 

Dieses Prinzip, welches Hodler immer strenger in seinen Werken an- 
wandte, war, wie er natürlich selbst wußte, schon früher von jedem guten 
Künstler, wenn auch weniger betont, angewendet worden. Aber erst Hodler 
erhob diesen Stil in seiner Malerei zu einem System. 

Wir dürfen uns fragen, wie gerade Hodler dazu kam, den Parallelismus 
als Prinzip in die Malerei einzuführen, und wie dieser gerade ihm, seinem 
inneren Künstlertum und seiner Produktion zustatten kam. 

Wenn wir im weitern Verlauf dieser Arbeit den Versuch wagen, die 
Entstehungsbedingungen der Priorität des Parallelismus bei Hodler psycho- 
analytisch zu untersuchen, so wollen wir uns die Schwierigkeiten eines sol- 
chen Unterfangens nicht verhehlen. Sind wir doch dabei gezwungen, uns 
auf das vorhandene literarische Material verschiedener Autoren und in der 
Hauptsache auf die dort zitierten Aussprüche des Künstlers selbst zu stützen. 
Im weitern müssen wir einige Hauptwerke zu Rate ziehen, um die Mängel, 
welche aus der Unmöglichkeit persönlichen Befragens entstehen, einiger- 
maßen zu korrigieren. 

Wir dürfen wohl annehmen, daß sich auch bei Hodlers Entwicklung 
Spuren vergessener Kindheitserinnerungen und deren Wirk- 
samkeit aufzeigen lassen, wie auch Loosli schon in der großen Biographie 
in diesem Zusammenhang bemerkte: „Sein (Hodlers) Innenleben war bis zu- 
letzt mit seiner Kindheit eng verwachsen, und viele seiner Eigenschaften, 
die anders kaum erklärlich wären, erscheinen begreiflich und folgerichtig, 
weiß man erst, was ihm die Jugend war und in wie weit sie seine ganze 
spätere Entwicklung und sein Leben bedingte." 

Auch Ewald Bender spricht aus; Ungünstiger konnte das Bild der Ge- 
stirne nicht sein, unter dem er (Hodler) geboren wurde. Die Verwundungen, 
die dem weicheren Gemüt des Kindes in jenen Jahren geschlagen wurden, 
vernarbten zwar, denn es trug die Heilkraft seiner starken Seele in sich. 
Aber im Mannesalter brachen sie wieder auf, und in den „Enttäuschten" 



— 330 — 



und den „Lebensmüden" schrieb er nicht nur die Erfahrung seines eigenen 
Kampfes mit der Welt und den Menschen nieder, sondern auch die Chronik 
seines Geschlechtes. 

Wie sehr der Ausspruch Looslis, daß Hodlers Innenleben bis zuletzt mit 
seiner Kindheit eng verwachsen war, berechtigt ist, empfinden wir deutlich, 
wenn wir den Künstler über Bern, die Stadt seiner frühen Jugend, zu 
Loosli sprechen hören: „Die wunderbare Schönheit der Stadt Bern, wie ich 
sie in meiner Kindheit erlebte, sie war es einzig und allein, die meine 
künsderische Ader weckte und nährte. Das wirst du nie genug betonen 
können*. . . »Es ist mehr als ein halbes Jahrhundert darüber gegangen, 
aber heute noch schwelge ich in diesen wundervollen Erinnerungen. . .1" 
Noch heute lebe ich in der prächtigen schonen Stadt, wie sie damals war." 

Daß im Unbewußten Hodlers der Stadt Bern neben ihrer Bedeutung als 
Stätte seiner frühesten Kindheitserinnerungen noch eine tiefere Bedeutung 
zukam, geht aus einem andern Ausspruch hervor: „Das alte Bern war un- 
beschreiblich schön, und die verdammten Vandalen haben all das Schöne 
eingerissen und zerstört. Jede solche Zerstörung wirkt auf mich, als würde 
mir ein Liebes zu Grabe getragen." Wir dürfen hier wohl auf die 
Mutterbedeutung der Vaterstadt hinweisen. Hierher gehört wohl auch teilweise 
die Bereitwilligkeit zur Unterzeichnung jenes Protestes in Kriegszeiten gegen 
die Zerstörung der Kathedrale von Reims. (Die Mutterbedeutung der Kirche = 
Kathedrale.) 

Noch 14 Tage vor seinem Tode äußerte er zu einem Freund: „In einigen 
Wochen komme ich nach Bern, dann wollen wir wieder einmal in der untern 
Stadt herumstreichen, ich war schon lange nicht mehr dort, und du glaubst 
gar nicht, wie ich mich danach sehne." (Des Kranken Muttersehnsucht = Todes- 
sehnsucht.) 

Wie sehr Hodler vielleicht selbst das Lebendigwerden von Kindheits- 
erinnerungen und ihre Darstellung in seinen Werken verspürte, mochte noch 
aus einem andern Zusammenhang hervorgehen. Er malte im Laufe des Jahres 
1886 für die Braisserie zum Krokodil in Genf unter anderm den „Geschichts- 
schreiber", es handelt sich hier um ein Selbstporträt Hodlers in Bettlerkleidung 
auf dem Boden sitzend mit dem Pinsel in der Hand. Dieses Gemälde scheint 
auszusprechen, daß sich Hodler beim Malen selbst als geschichtlicher Bericht- 
erstatter fühlte. 

Wir wollen nun versuchen, ob wir dem Prinzip des Parallelismus 
in der Jugend- und Lebensgeschichte Hodlers begegnen und wollen uns noch 
einmal in Erinnerung rufen, daß Parallelismus nach Hodlers eigenen Worten 
das Leben beherrscht. Wir können da bemerken, daß sich in Hodlers Leben 

— 331 — 



wirklich einige tief greifende Ereignisse wiederholt abgespielt haben, welche 
sehr wohl geeignet sind, traumatische Wirksamkeit zu hinterlassen. Um nur 
einige herauszugreifen, weisen wir darauf hin, daß sein Vater, seine Mutter 
sowie seine zwei Brüder nacheinander an Schwindsucht gestorben sind. Daß 
er erleben mußte, wie seine Mutter ein zweites Mal geheiratet hat, wie ihm 
also ein Stiefvater seinen Vater ablöste. In der zweiten Ehe der Mutter ge- 
sellten sich zu ihm und seinen Geschwistern einige Stiefgeschwister. In der 
zwischen den beiden Ehen liegenden Zeit kam noch das uneheliche Kind 
Theophil August hinzu. In diesen auffallenden Wiederholungen schwerwiegen- 
der Ereignisse, denen ein gewisser Parallelismus im Sinne Hodlers nicht 
abzusprechen ist, dürften wir wohl eine der Grundlagen zur späteren 
Systembildung erbringen. Hodler bezeichnet ja selbst „die zeitliche Ausdehnung 
der Wiederholung" als Parallelismus. 

Ferner existierte vom Künstler eine handschriftliche Notiz : „Die Idee, daß 
sich alles ändert und zerstört wird, hindert die Tatkraft und die Konzentration 
auf ein Ziel." Jene Unmöglichkeit, sich auf ein Ziel zu konzentrieren, wollte 
Hodler offenbar durch die Einführung des Parallelismus als das „ordnende 
Element" beheben. 

Wir haben gesehen, welche Anhänglichkeit Hodler der alten Stadt Bern 
bis zu seinem Tode bewahrte, wie er jede Zerstörung der alten Stadt so 
empfand, „als würde ihm ein Liebes zu Grabe getragen", konnten noch eine 
Äußerung 14 Tage vor dem Tode des Meisters hören, wie er sich krank 
nach diesem Wiedersehen mit Bern, der Stadt, die für ihn Mutterbedeutung 
hatte, sehnte. Ferner haben wir aus den wenigen Angaben über die schweren 
Erlebnisse in seiner Jugend entnehmen können, daß es ihm wohl nicht ge- 
lungen war, in der Kindheit dauerhafte Gefühle und Empfindungen auf die 
Menschen seiner Umgebung zu verankern. Die Wandlungen, das Abtreten 
von geliebten Personen seiner Umgebung, mag viel zu rasch vor sich ge- 
gangen sein, so daß sich das Kind mit seinen Gefühlen auf die ihm boden- 
ständigere, feststehendere Symboleinheit „Stadt" beruft. Hier können wir 
auch verstehen, mit welchen Affekten er auf jede Zerstörung oder Moder- 
nisierung Berns reagierte. Bedeutete dies doch seinem Unbewußten die Zer- 
störung und den Verlust eines geliebten Menschen, letztlich der Mutter. 

Weil es ihm nicht vergönnt war, seine Tatkraft auf ein Ziel, die Mutter 
zu konzentrieren, da dieselbe sich in seinem 8. Lebensjahre wiederverheiratet 
hatte und, als er etwa 13 Jahre alt war, hinweg starb, so blieb seine aus 
der ödipussituation resultierende Muttersehnsucht unerledigt. Für seinen ver- 
storbenen Vater hatte er wohl zeitweiligen Ersatz in dem Stiefvater 
Schüpbach, dann später beim Maler Sommer in Thun, in Langenthai bei 



332 



Onkel Neukomm gefunden, wir sehen aber auch hier, wie Hodler gezwungen 
st seine ursprünglich dem Vater zugedachte Liebe auf verschiedene Objekte 
in zeitlicher Ausdehnung der Wiederholung" zu übertragen. 

Daß es sich bei Hodlers Malerei und ganz besonders bei den Bildern 
seiner parallelistischen Zeit für den Maler darum handelte, etwas das 
verloren geht oder ging durch Wiederholung vor dem Ver- 
lust zu retten, ergibt sich aus einer Äußerung (Vortrag 1897 in der Ver- 
einigung der Kunstfreunde Freiburgs über „Die Sendung des Künstlers"): 

Man gibt wieder, was man liebt — die Ergriffenheit ist eine der ersten 
Ursachen, die einen Maler zur Schaffung eines Werkes bestimmen, er will 
den Zauber wiederholen, dem er so innig von jener Land- 
schaft, jenem menschlichen Wesen, der Natur, die ihn so 
tief ergriffen, unterlag." 

Zur Wiederholung eines Zaubers bedient er sich mehr und mehr seines 
Systems, und wenn wir von Bender hören, daß Hodler von nichts lieber 
von seinem Parallelismus sprach und daß er stets dabei sehr feurig 
wurde, als handle es sich um eine schöne Frau, so dürfen wir für das Ur- 
bild dieser „schönen Frau" mit einiger Wahrscheinlichkeit die Mutter ein- 
setzen. Der Parallelismus war ihm Werkzeug zur Wieder bildung verlore- 
ner Objekte und der dazugehörigen Empfindung geworden, Hodlers weit- 
gehendes Interesse am Tod und an Toten können wir während seiner gan- 
zen Schaffenszeit verfolgen. So malte er 1876 in Langenthai einen toten 
Mann und in Genf eine tote alte Frau. Daß er die bereits zitierten eindring- 
lichen Erklärungen des Parallelismus mit dem mächtigen Eindruck des Todes 
und der Bewegungslosigkeit verquickte, möchten wir hervorheben. Loosli 
erzählt, wie Hodler am Krankenbett seiner Jugendgeliebten jeden Tag wenig- 
stens zweimal einige Zeit verbrachte, er bemerkt, daß er Hodler nie in 
einem solchen Zustand innerer Empörung gesehen habe wie gerade in den 
Tagen, die dem Hinschied der Kranken voraus gingen. (Wir möchten daran 
erinnern, wie ihn Empörung aufpeitschte, als er von der geplanten Zerstö- 
rung eines alten Berner Bauwerks hörte.) Nachdem die Geliebte gestorben 
war, berichtet Loosli weiter, war Hodler erschüttert und verstört, und in 
jenen Tagen malte er das ergreifende Bild der Verblichenen, während ihm 
bei der Arbeit die hellen Tränen über die Wangen rollten. 

Über die Entstehungsgeschichte der Gemälde und Zeichnungen „Die Ster- 
bende" und „Die Tote", welche nach Looslis Auffassung als ein zusammen- 
gehöriges Werk zu betrachten sind, äußert sich der Biograph: „Ich kenne 
nichts Ergreifenderes als diese Bilder, es ist, als hätte er (Hodler) die schei- 
dende Freundin, die er unwiderruflich verloren wußte, in ihrem ganzen 

— 333 — 



Wesen, in jeder ihrer Ausdrucksformen festhalten wollen, er klammert sich 
an ihre Erscheinung an, durchdringt ihre geheimsten Regungen, bannt s ; c 
auf Leinwand oder Papier, als wollte er sie, indem er sie auf der Leinwand 
festhält, dem nahenden Tode streitig machen, um so viel als möglich von 
ihr zu rauben, von ihr zu retten und für sich zu behalten." 

„Drei Wochen vor ihrem Tode wurde die Kranke Mutter. Sein Stift 
folgte andächtig ergriffen ihren Mutterfreuden, ihrem Mutterleid. Nun weiß 
nun fühlt auch sie, daß es zu Ende geht, daß weder Aussicht noch Hoff! 
nung mehr vorhanden ist. Hodler verläßt sie nicht. Er drängt alles, was J 
ihm gärt und brodelt, malt, zeichnet, er wird sie bis über den Tod hinaus 
begleiten, sein Stift folgt ihrem Zerfall, vermerkt grausam und selbstquäle- 
risch ihr letztes Röcheln, umreißt den letzten Blick der brechenden Augen 
Als endlich alles vorüber ist, gibt ihr Hodlers Pinsel das Geleit zur letzten 
Ruhe, er malt die Tote, und aus dem erstarrten Antlitz sprechen die end- 
lich überstandenen Qualen." 

Loosli bemerkt an anderer -Stelle, daß es nicht überflüssig sei, auf den 
weiten Weg hinzuweisen, den Hodler inzwischen zurücklegte; und doch 
wenn wir die tote Greisin vom Jahre 1876 mit »Der Toten" von 1909 und 
1915 vergleichen, so stellen wir fest, daß es das gleiche Empfinden ist, das 
ihn beseelte, nur wurde es im Laufe der Jahre schlackenreiner, ver- 
tiefter und bewußter. 

Mag auch der Parallelismus in seiner Anwendung im Dienste der „Wieder- 
Holung" der verlorenen geliebten Mutter gestanden haben, so dürfen wir 
doch erwarten, daß diese Anwendung nicht allein zur Systembildung ge- 
führt hatte. Schon in Genf, als Schüler Menns, bekam der junge Berner 
Werke in die Hand, die offenbar seinen Neigungen entgegen kamen. So 
Bücher von Vitruvius, Leonardo da Vinci, Dürer und J. H. Lambert. Dort 
lernte er, auch von Vater Menn darauf hingewiesen, Proportionslehre, Unter- 
weisung in Messung und Vergleichen, und er arbeitete fortan bewußt, mit 
peinlicher Genauigkeit stets messend und vergleichend. Wir lesen bei Vitru- 
vius im ersten Kapitel des dritten Buches: „Die Anlage der Tempel beruht 
auf den symmetrischen Verhältnissen, deren Gesetze die Baukünstler aufs 
sorgfältigste inne haben müssen. Diese aber entstehen aus dem Ebenmaße, 
das von den Griechen Analogia genannt wird. Proportion ist Zusammen- 
stimmung der entsprechenden Gliederteile im gesamten Werk und des Gan- 
zen, woraus sich das Gesetz der Symmetrie ergibt. Denn es kann kein 
Tempel ohne Symmetrie und Proportion in seiner Anlage gerechtfertigt wer- 
den, wenn er nicht einem wohlgebildeten Menschen ähnlich ein 
genau durchgeführtes Gliederungsgesetz in sich trägt." 



— 334 — 



Daß Hodler beim Studium einiger Bücher sich allerlei Gedanken über 
Symmetrie machte und wenn auch nur rein äußerlich formal im Sinne 
seines Parallelismus angeregt wurde, dürfen wir annehmen. 

Auch Bender meint an einer Stelle: „Man darf nicht übersehen, daß die 
einfache Symmetrie, die direkte oder intermittierende Wiederholung gleicher 
Formen und Farben, nur eins, wenn auch das vornehmste Prinzip des Paral- 
lelismus darstellt." 

Worin findet sich nun aber die unbewußte Begründung für die Bevorzugung 
symmetrischen Schaffens? Hören wir, was Hodler über die Symmetrie aus- 
spricht : 

„Bei gleichmäßigen Kompositionsbestandteilen, sagen wir bei mensch- 
lichen Gestalten, gibt es ein untrügliches Mittel, seiner Komposition von vorn- 
herein das Gleichgewicht zu sichern, nämlich die Symmetrie. Sie ist eines der 
wichtigsten urgesunden Gesetze und hat außerdem den Vorteil, ohne weiteres 
sichtlich, das heißt verständlich zu sein." 

„Für mich wenigstens ist die Symmetrie ein fast unentbehrliches 
Ausdrucksmitte 1. Das bedingt auch meine Vorliebe für die Fünf- 
und Dreizahl in meinen Figurenbildern.* 

Gestatten wir uns hier eine kleine Abschweifung. Obwohl wir uns klar 
sein müssen, welch prinzipieller Unterschied im Gebaren des schaffenden 
Künstlers und des neurotisch Erkrankten besteht, so wollen wir doch den 
Blick auf einen Fall von symmetrisc hem Berühr ungs zwang lenken, 
über den Ferenczi seinerzeit (1916) berichtete („Bausteine zur Psychoana- 
se", Band II). Er führt dort an, daß eine ganze Anzahl nervöser und aller- 
dings auch sonst normaler Menschen einem abergläubischen Zwang unterliegt. 
Wenn sie einen Körperteil berührt haben, so sind sie gezwungen, den sym- 
metrischen Körperteil in der gleichen Weise zu berühren; unterlassen sie 
dies, so fühlen sie sich unruhig, wie es bei Verhinderung einer Zwangser- 
scheinung der Fall zu sein pflegt. 

Ferenczi hatte Gelegenheit, bei einem neurotischen Mädchen diesen Be- 
rührungszwang zu analysieren. Die Analyse führte zu Kinderszenen, bei denen 
eine strenge Kinderfrau, vor der die Kinder sehr Angst hatten, scharf darauf 
achtete, daß sich die Kinder immer beide Ohren, beide Hände usw. reinigten 
und sich nicht etwa mit der Reinigung einer Seite begnügten. 

Diese einfache Erklärung verkomplizierte sich im weiteren Verlauf der 
Analyse. Dieselbe Kinderfrau nämlich, die auf das tüchtige Waschen und 
Reiben sonst so großen Wert legte, nahm eine einzige Körperstelle, das 
Genitale, aus, dessen Waschen und Berühren das Kind auf das Mindestmaß 

beschränken unterwiesen wurde. Und doch ist gerade dies jener Körper- 



— 335 — 



teil, dessen Waschen und Reiben keine unangenehme Pflicht war, sondern 
Vergnügen bereitete. 

Ferenczi kam zur Annahme, daß der Zwang zur Übertreibung beim Wa- 
schen und Berühren symmetrischer Körperteile eigentlich Trotz bedeutet 
der hier in die Form des Pflichteifers gekleidet ist. 

Der Zwang zur Berührung symmetrischer Körperteile ist die Oberkompen- 
sation des Zweifels, ob es nicht besser wäre, eine bestimmte Körperstelle in 
der Medianebene zu berühren. 

Wollten wir nun die Symmetrie bei Hodlers Parallelismus mit einem ge- 
wissen Recht und den notwendigen Einschränkungen mit dem Symptom des 
symmetrischen Berührungszwanges vergleichen, dem ja, wie wir horten, auch 
mancher normale Mensch unterliegt, so müßte sich notwendigerweise auch in 
Hodlers Werken jenes Ausweichen vor der „Mitte" aufzeigen lassen. 
Wir dürfen vermuten, daß Hodler da, wo er seinen Parallelismus bewußt 
anwandte, die Mitte auf besondere Art hervorheben mußte. Denn wir wollen 
nicht übersehen, daß auch jene mit dem Zwang behafteten Menschen auf 
ihre Weise „Parallelismus" treiben, denn der Zwang zur Berührung des sym- 
metrischen Körperteiles ist ja wiederum „die zeitliche Ausdehnung der Wieder- 
holung". 

Betrachten wir „Die Nacht", jenes erste Werk, wo er den Parallelismus 
bewußt anwandte, dessen Anfänge bis ins Jahr 1883 zurückreichen. In der 
Mitte jener jäh erwachte Mann und das schwarze verhüllte Gespenst, 
welches nach Hodlers Aussage den plötzlichen Tod mitten im Leben ver- 
sinnbildlichen sollte. Die Figuren der Umgebung sind parallelistisch angeordnet, 
die Mitte wirkt als Drohung und Belastung. Wir wollen den Gründen nicht 
nachforschen, warum Hodler später nicht einmal zu sagen wußte, wie ihm 
überhaupt der Gedanke kam, ein solches Bild zu malen. Wenn Loosli in 
jener Entstehungszeit aussagt, der Künstler habe in jener Krisenstimmung 
wenig bewußt gehandelt, so dürfen wir hinzufügen, daß Hodler wie öfters 
in seinem Leben damals an einer Depression litt. So z. B. erzählt Hodler 
auch aus dem Jahre 1873, er habe räsonniert, sei deprimiert und lebensmüde 
gewesen. Aus dem Jahre 1879 etwa wird vermeldet, daß Hodler unter einem 
anhaltenden steten seelischen Druck leide und daß ihn allerhand innere und 
äußere Anfechtungen drücken, von denen die damals recht bitteren Nahrungs- 
sorgen noch die erträglichsten gewesen wären. 

Aber dann gab es wiederum Zeiten, wo er an sich und seinem Können 
verzweifelte, wo alles dazu beitrug, ihn mißzustimmen, und wo er oft nahe 
daran war, die Flinte ins Korn zu werfen. Das kam z. T. davon her, daß 
er sich körperlich nicht wohl fühlte und eine Weile, noch unter dem Eindruck 



336 




Der Gesduditssdireiber 









Oben : 

Die Nadit 

Links : 

Blick in die Unendlichkeit 





J 



, Todes seines Bruders, fürchtete, auch er habe die Familienkrankheit 
('Schwindsucht) geerbt und er werde „kaputt gehen, noch bevor er überhaupt 
etwas Rechtes geschaffen habe". 

ev ist unstet, gedrückt und bitter arm, bald empört er sich wild und un- 
bändig) um fast gleich darauf in eine fast willenlose Ergebenheit zurück zu 
verfallen, und da er alles Mögliche liest und hört, so fällt er einem eigen- 
tlichen Mystizismus anheim, der ihn zeitlebens ab und zu heimsucht. 

Diese depressive Stimmung hält an bis ins Jahr 1884 etwa. In dieses 
Jahr fallen die ersten Ansätze zur „Nacht". 

Wir wollen nun versuchen, kurz die Wandlungen festzustellen, welche 
die „Mitte" in Hodlers Bildern bei einigen Hauptwerken durchmacht. Be- 
frachten wir den „Tag", dessen Hauptfassung 1899 vollendet wurde, ein 
Vorwurf, der sich allerdings auch bis ins Jahr 1883 zurückverfolgen läßt, 
so finden wir wiederum die parallelistische Anordnung und eine bedeutsame 
Mittelfigur. Während bei der „Nacht" die Mitte als Drohung und Tod 
wirkte, strahlt hier bereits der mittlere Akt in sieghafter Reinheit, hingegen 
sind die rechts und links beigeordneten Figuren in Abwehrstellung gegen 
die Mitte orientiert. In dem Bild der „Lebensmüden" spielt die Mittel- 
figur wiederum eine andere Rolle, sie ist nicht als Drohung wie bei der 
Nacht" , noch so isoliert sieghaft wie beim „Tag", oder auch etwa in der 
Wahrheit", wo sich die Außenfiguren auch der Mitte gegenüber ablehnend 
verhalten, behandelt. Der mittlere der „Lebensmüden" ist zusammengebrochen, 
haidos, erledigt, und die Gestalten rechts und links verhalten sich ihm gegen- 
über affektiv bereits indifferent. Im „Blick ins Unendliche", wo die 
Komposition das Querformat verläßt, . wird die Mitte völlig ausschlaggebend 
durch eine erektive Jünglingsgestalt dargestellt. 

Wir konnten von der „Nacht" ausgehend verfolgen, daß sich die Mitte 
als Drohung und Tod darstellte, im »Tag" und etwa der „Wahrheit" von 
den Parallelfiguren affektiv abgelehnt wurde; in den „Lebensmüden" bleibt 
die gebrochene Mittelfigur einzeln und unbeachtet, und erst beim „Blick 
ins Unendliche" erleben wir den Sieg und die Bejahung der Mitte, 
dargestellt in der stolzen Jünglingsgestalt, die sich selbst genügt. 

Zu diesem letzteren Werk ist Hodlers Sohn Hektor das Modell, und 
Hodler mag sich mit seinem Sohn hier weitgehend identifiziert haben. Dieses 
Gemälde bildet den Abschluß einer Reihe von Schöpfungen, von denen 
Loosli sagt: „Hodlers Vaterschaft ist ihrer aller grundlegende Voraussetzung. 
Im jAuserwahlten' sahen wir Hodler den Segen wohltätiger Genien auf seines 
Kindes Haupt herabflehen, im ,Frühling* erlebte er seines Sohnes Erwachen 
zur Mannheit mit, im »Bewunderten Jüngling* verfolgt er dessen erste Liebes- 

PsA. Bewegung III 337 — 22 



erfolge und im ,BIick ins Unendliche* wird er ihn auf die höchsten Gipf e r 
des Lebens und des Glückes führen." 

Dieser sich selbst genügenden Jünglingsgestalt fehlen Seiten-Figuren, es m 
als sei sie aus dem sozialen Zusammenhang herausgenommen, isoliert, ß-' 
zu diesem Bilde ergab sich aus der affektiven und kompositionellen Ein- 
stellung der Mitfiguren gegenüber der Mitte etwas wie die soziale Einstelle 
der Mitmenschen zu einem Einzelnen. Der stolze Vater Hodler hatte es ferti 
gebracht, erleichtert durch die Identifizierung mit seinem Sohn Hektor, di 
hemmenden Einflüsse, die der Bejahung der Mitte, der Männlichkeit, ent- 
gegenstanden, zu überwinden. Allerdings geschah diese Befreiung offensichtlich 
auf Kosten des sozialen Zusammenhangs. 

In den Jahren igi2 bis 1914 entstand nun das Werk, in welchem es 
Hodler gelang, die Mitte und die Seitenfiguren in Übereinstimmung zu bringen. 
Das gewaltige Gemälde „Einstimmigkeit" war das letzte große Werk 
das auszuführen ihm vergönnt war. Das Kolossalgemälde ist ein hohes Lied 
der Einheit, und die gewaltige Mittelfigur des Reformators erlebt ernst-jubelnde 
Zustimmung durch die Massen zu beiden Seiten. Der Parallelismus wird 
streng durchgeführt. Die Mittel- und alle Seitenfiguren bekennen sich zu 
einer einheitlichen Idee. Entgegen der narzißtischen Vereinsamung des Aktes 
im „Blick ins Unendliche" manifestiert sich hier der überzeugende Zusammen- 
hang in der gewaltigen sozialen Masse. Der bewußte Sieg der Männlichkeit 
war errungen, mehr noch, die Manifestation scheint ein Ausdruck der Gewiß- 
heit, daß seine umstrittenen Überzeugungen einstimmige Anerkennung finden 
werden. Bedeutete doch das Bild der Reformation für, sein Unbewußtes das 
Erreichen und den Sieg der völligen Genitalität. Wir konnten seine schöpfe- 
rischen Versuche zur Reformierung der Mitte, die, wie wir sahen, genitale 
Bedeutung haben muß, von der „Nacht" zum „Tage" über die „Lebens- 
müden" und den „Blick ins Unendliche" verfolgen bis zur „ Einstimmigkeit ", 
wo ihn nichts mehr hinderte, vor aller Welt seine stolze Männlichkeit zu 
bejahen. Seine Produktionskraft war in dieser Zeit ungeheuer. Gleichzeitig 
mit der Entstehung dieses Werkes war er mit einer Französin Darel bekannt 
geworden, deren weibliche Reize ihn ganz gefangen nahmen. Es ist dieselbe 
Freundin, von der wir das ergreifende zeichnerische und malerische Tagebuch 
des Leidens und Sterbens erwähnt hatten, und das mit dem Bildnis der 
„Toten" 1915 seinen Abschluß fand. 

Wie Hodler über die Liebe und das Liebesleben dachte, erhärtet aus 
einer Äußerung, die Loosli zitiert: 

„Es ist ein eigentümliches Ding um das Liebesleben der Menschen, wie 
es von der Natur bedingt und gewollt ist, und was die menschliche Gesell- 

— 338 — 



i schaft daraus gemacht hat. Sic hat es zustande gebracht, eine naturgesetzliche 
Lebensbedingung so selbstquälerisch sinnlos zu versauen, daß man sich oft 
fragt, ob denn die Menschheit aus lauter asketischen Tollhäuslern zusammen- 
gesetzt sei." 

„Ich habe mich nun lang und oft mit dem Gegenstand befaßt, habe das 
Liebesleben in verschiedenen seiner Erscheinungsformen an mir und an andern 
beobachtet und erfahren, aber eines ist mir nie gelungen, so oft ich mir auch 
alle Mühe gab, mich mit den landläufigen Anschauungen der Großzahl meiner 
Mitmenschen darüber zu einigen, nämlich einzusehen, was die Liebe und 
ihre Auswirkungen mit dem Sittengesetz zu tun hat." 

„Ich verstehe zur Not, daß sich die Menschen zu einem Sittengesetz zu- 
sammenfinden und einigen, soweit dieses Sittengesetz Handlungen oder Unter- 
lassungen berührt, deren Vollzug oder Nichtvollzug ihrem freien Willen 
anheimgestellt ist. Aber, daß man ein Naturgesetz, das die Grundlage jeg- 
lichen organischen Lebens bedingt, mit unserem kurzsichtigen Menschenmaß 
abzirkelt und regelt, sich anmaßt, es in andere als die von der Natur selber 
gewollten Bahnen zu lenken, um es innerhalb dieser unnatürlichen Schranken 
festzubannen, das geht über mein Verständnis, dagegen empört sich mein 
ganzes Wesen." 

„Ehrlicherweise muß ich gestehen, daß ich in Bezug auf das Liebesleben 
morallos bin, und zwar nicht, wie ich weiß, aus mir eigener, angeborener 
oder anerzogener Schlechtigkeit, sondern weil mir meine ganze Lebens- 
erfahrung, alle meine Beobachtungen die Erkenntnis aufdrängen, daß die 
Moral verlogen, und was viel schlimmer und in seinen Wirkungen gefähr- 
licher ist, im letzten Grunde Iebens verneinend wirkt." 

Obwohl wir die Überzeugung haben, daß diese Gedankengänge Hodlers 
immer schon in ihm lebendig waren, bedurfte es, wie wir sahen, des 
gigantischen Kampfes des Genies, um in seinem Lebenswerk den Ausdruck 
dafür reifen zu lassen und so auf dem Wege der Sublimierung der ganzen 
Menschheit die Möglichkeit zu geben, mitreifend jene Gedanken aufzunehmen. 

Nach der „Einstimmigkeit" entstanden noch eine ganze Reihe weiterer 
Werke von starker Ausdruckskraft. Lassen wir Hodlers Interpreten sich über 
deren Wirkung äußern : „Eine eigentümliche Empfindung bemächtigt sich 
unser ob ihrer Betrachtung. Ähnlich der vielleicht, die man verspürt, wenn 
man die Altersselbstbildnisse Rembrandts schaut. Man ahnt, daß, wenn Hodler 
nun weiter schaffen könnte, wenn er noch einige Jahre, noch ein oder zwei 
Jahrzehnte leben dürfte, sein Werk eine neue Richtung einschlagen würde. 
Was er zeidebens mit einer Heftigkeit wie selten ein anderer der Natur 
gegenüber empfunden, erlitten und erstritten hat, gehört ihm jetzt ganz, weil 

— 339 — 



er dessen Herr wurde. Seiner selbst, seiner unbändigen Leidenschaft Herr ! 
Wie eine milde Herrschergebärde aus einer höheren Welt verkünden Hodlers 
letzte Landschaften erhabenen Frieden, dauernd strahlende, leuchtende Schön- 
heit, die nie wankt, nie enttäuscht, die fest und unerschütterlich gegründet 
ist auf letzter, verklärter, erhabener Erkenntnis ... Sie wirken gewaltig, sie 
klingen wie ein ferner, ahnender Kindheitstraum." 



Temfelsdredk^ die Arzeeei 

Von 

Hans Zwlliger 

fragen (Bern) 

Die berndeutsche Mundart ist eine der bilderreichsten und eine wunderbar 
plastische, feinnüancierte, oft auch recht handgreifliche und drastische Sprache. 
Sie brachte eine heute noch blühende lyrische, epische und dramatische 
Literatur zustande und hat bei den neuzeitlichen Verkehrsmitteln und der 
Überschwemmung des Landes mit fremdsprachigen Elementen eigentlich nur 
in den Städten an Abflachung gelitten, während sie in den Tälern ihre ur- 
sprüngliche sinnliche Kraft konservierte. 

Wenn man einem Bernerbauern etwas aufschwatzen, ihm einen Bären 
aufbinden, oder ihn von etwas überzeugen will, woran er nicht glaubt, dann 
kann man erwarten, daß er seiner Ablehnung mit den derben Worten Aus- 
druck verschafft: „Ja Tüüf eis dr äck !" 

Das heißt soviel wie „Kot des Teufels" und will bedeuten : „Daran 
glaube ich nicht — ich laß mich nicht über den Löffel balbieren!" 

Teufelsdreck scheint also heute der Bauer als eine gänzlich wertlose und 
verächtliche Materie einzuschätzen. Noch vor wenigen Dezennien jedoch war 
das anders. In der Geschichte „Vo Hanslin und Grittlin" läßt Simon Gf eller 1 
einen Vater seinem Jungen den Auftrag geben: „Zersch geisch i d'Apotheegg 

l) Gfeller „Am Hag no". S. 193. Bern, 1919. — In der pharmazeutischen Wissen- 
schaft versteht man unter Teufelsdreck den S t i n k a s a n t ( Asa foetida, Suc syriac, 
Merde du Diable, Stercus diaboli), den man früher bei Hysterie, heute hauptsächlich in 
der Veterinärmedizin verwendet, wie Tschirch in seinem „Handbuch der Pharma- 
kognosie" (Leipzig, 1925, Ste. 1075—1095) bestätigt. — Ich habe SimonG feller dar- 
auf aufmerksam gemacht und angefragt, ob er mir seine Angabe, daß „Teufelsdreck* 
im bernischen Emmental Teriak bedeutet, bestätigen könne. In einem Briete vom 
19. 5. 31 schreibt mir der Dichter, daß er sich nochmals genau erkundigt und überzeugt 
habe : Teufelsdreck, Dreiak, Dreiax und Theriak seien das nämliche. 

— 340 — 



chauffsch für drei Batze Tüüfelsdräck !" In einer Fußnote gibt der Dichter 
a n daß „Tüüfelsdräck" der mundartliche Ausdruck für „Theriak" sei. 
Er ist also ein Arzneimittel. Die Bezeichnung „Tüüfelsdräck" ist seine durch 
die Mundart entstellte berndeutsche Anpassung. 

Eine andere solche ist „Dreyak" oder „Dreiax", und heute noch sagt 
man „Da treit alle Dreiax nüt ab!", oder „Da hilft ke Dreiax mit!" wenn 
man behaupten will, daß alle Mühe nicht helfe, und daß es kein Gegen- 
mittel gebe ; man braucht den Ausdruck aber auch im abstrakten Sinne „Da 
gibt es keine Einwendung, da gilt keine Widerrede". 1 Im bernischen See- 
land kennt man den Ausdruck „Dreiak-Dreiax" nicht ; im Sinne von Arz- 
nei, oder auch bildlich, sagt man : „Da treit alle Tüfelsdräck nüt ab !" 

Über den Gebrauch des Theriaks als Arznei berichtet Friedli 3 : „Ein 
schreckliches Mittel für Säuglinge, die man bei Konvulsionen beruhigen wollte, 
war — oder ist etwa noch ? — der opiumhaltige Theriak, mit dessen Ver- 
trieb sich seinerzeit sogar eigene Theriak-Hausierer abgaben. Aus Sumiswald 
wird sein Gebrauch im Jahre 1796 bezeugt 3 , und Hebammen sollen ihn 
selbst gegen einfache Schlaflosigkeit löffelweise verordnet haben — mit dem 
gründlichen Erfolg eines ewigen Schlafes." 

Tatsächlich wird die Latwerge heute noch in den Apotheken Berns ver- 
kauft. Zwar wird sie wenig mehr in ihrer reinen Form verlangt, außerdem ist 
aus dem Rezepte der ehemals wichtigste Bestandteil, das Fleisch der Viper, 
ausgemerzt worden. Das im Bernbiet beliebte „Schwedische Leben s- 
elixir" enthält Theriak. In der Ostschweiz soll der Theriak noch recht 
häufig Verwendung finden, und zwar ist der Detailpreis heute Frs. 1.50 für 
die 100 gr., während er früher bedeutend höher stand. 4 

Das Arzneimittel Theriak wurde früher im Bernbiet als eine Art von 
Universalheilmittel gegen alle möglichen Krankheiten bei Mensch 
und Tier hochgeschätzt. Man brauchte es in Form von Salben, oder man 
nahm oder schüttete es in aufgelöstem, flüssigen Zustande ein. Es sollte als 
Gegengift gegen jegliche Vergiftungserscheinungen, in diesem Sinne auch als 
Prophylaktikum wirken, man verordnete es gegen Wundfäule, Eiterung 
und gegen alle Arten von Fiebern. 5 Das Rezept zum Einnehmen 
lautete : „Fasten bis Mittag in Vermeidung von jeglicher Zugluft, dann ins 
Bad gehen, darin bis zum Schwitzen sitzen, hierauf einen Becher warmen 

1) Siehe auch Emanuel Friedli „Bärndütsch als Spiegel bernischen Volkstums", 
Bd. I/ M Lützelflüh", S. 460. Bern, 1905. 

2) Friedli, 1. c. pg. 460. 

3) Gotthelf, „Zeitgeist und Bernergeist", S. 272/II. Berlin, Zürich, 1852, Bern, 

4) Pers. Mitteilung von Hrn. Apotheker S t o t z e r, Jura- Apotheke, Bern. — Von Hrn. 
Apotheker Dellsperger, Waisenhausplatz. Bern, wurde mir mitgeteilt, daß eine 
Anzahl verschiedener Rezeptierungen zur Theriakzubereitung bestehen, und daß früher 
unter seinem Namen sogar Abtreibungsmittel in den Handel gebracht worden sind. 

5) Martin, „Der Theriak" in Fortschritte der Therapie, April 1928, Berlin, 



341 



Wassers mit einem kleinen Stück Theriakkonserve, wohldurchseiht, nehmen 
«ch dann zudecken und schwitzend liegen bis zum Nachmittag um , m ' 
Dann darf man essen, muß sich aber vor Zugluft hüten "♦ to> 

Für die äußerliche Anwendung finden wir ein Rezept in einem alt. 
Buche Neuzeithche Geheimmittel«, das im Jahre , 777 n^W 
(Schweiz) im Drude ersten und einen anonymen Verfasser hl Da^^" 
gegen den Biß eines to Wütigen Hundes verordnet: «W la plIZoZ 
la lesnvedecendres de <hene et avec de Purine, et appliguez^ un ca£Lt 
compose de Thenaque de Venise, d'Allaria, de Rue et de Sei » cote ^*»j 

DerTheriak wurde schon früh mit anderen Mitteln vermischt. Reutter» 
gibt an daß man ,hn im Mittelalter zur Pestbekämpfung, gegen Pkuri, 

SST UDd eXtem bCi A ^*-**- - Slen g in P d^ 

wo s! irsiÄptr fe zur Enb ^- - ^ 

Theriak des Andromachus .... 4 Unzen 

Olivenöl , . , « r\ i. 

^ t , 2 Drachmen 

Perlensalz und Korallensalz, je . . 4 Drachmen 

5«** 1 Unze 

Muskat . , , , rv , 

A ,. . «... * ! Drachme 

Auslesen wenigen Angaben wird die allgemeine Verwendbarkeit J 
Verbreitung des Thenaks ersichtlich. Die Latwerge, die selber aus etlichen 
tischen Substanzen 6 pflanzlichen Giften und 64 anderen IngredienS n 
zusammengesetzt war spielte besonders in der alten „Dreckapotheke« 
eine überragende Rolle. 5 * "c Ä e 

Derlei Apotheken gab es seinerzeit in der Schweiz und auch im übrigen 
Europa eme große Zahl. Eine der berühmtesten betrieb der Berner lUcRl 
Seh u p p a c h ( 17 3 -8 2 )« in Langnau im Emmental, dessen Heilkunst „i 
etwa nur du, Bauer n der Umgegend, sondern ebenso ein weith ergereistls 

1) Heine, „Fünf Bücher deutscher Hausaltertümer«, III. Bd., Leipzig ,™ 

t) Rentier de Rosemont «Comment nos peres se soignaient», 'pg. «, Pari, 
19.7. Siehe auch in Peters „Aus pharmazeudscher Vorzeit« 8 Verl. ÄÄSj 

uJ TrZZ V V , Phar ,r°^ e **°*** ««« SAroeder,, commentee par lui, Lyon 
und «Tratte du cho IX des medicaments de Daniel Ludovicus», Lyon, 17,0 
4) Martin, I. c. pg. 250. 

n i C ', l' P v Ul i n . i »? euvermellrte he yl«me Dreckapotheke", Nürnberg 1644 Das 
Buch erlebte bis ,696 sechs Auflagen, die ,. wurde .847 als Kuriosität ged'uS 

L. Reut t er «Des medicaments d'origine humaine et animale prescrits en Europe en 
moyen age et pendant la Renaissance» in «La France medicale», No. .off, Paris .0.3 

Charras, «Pharmacop6e royale», pg. 573, Paris, 169t 
Bern, Im. C h 6 ' ' " " L > e c h < e n h a h ° -Michael Schüppad!« in „Alpenrosen«, , 2 .Jahrg. 

Bd^ern" 8 9 6 Midlad SdlÜPPaCh " " " SammlUnS ''»• «***"«■. Ste. 2 o 3 ff, 



1 



— 342 — 



j zum Teile fürstliches Publikum erfreute. G o 1 1 h e 1 f hat eine ehemalige 
Kräuter- und Dreckapothekerin in „Annebäbi Jowäger" verewigt 

Heute sind wir geneigt, auf die Kunst der alten Apotheker mit mit- 
leidigem Lächeln, Verachtung und gar mit Abscheu zu reagieren. Der bern- 
deutsche Ausdruck „Selbiheer" (Salben-Herr), mit dem man einst im Volks- 
mund einen geschätzten Apotheker beehrte, hat heute die Bedeutung „Schmier- 
fink". Man bezeichnet damit besonders kleine Kinder, die in ihre Betten 
oder Unterwäsche defäzierten und sich damit verunreinigt haben. 

Die Geschichte erzählt, daß der König Mithridates IV. Eupator 
von Pontus (124—64 vor Chr.) 1 an Vergiftungsangst gelitten hat. Um sich 

schützen, nahm er täglich Gegengift ein. Er genoß jedoch auch Gift, um 
seinen Körper langsam zu immunisieren. 

Als dann Pompe jus das pontische Reich eroberte und dem römischen 
Weltreiche einverleibte, gelangte er in Besitz der mithridatischen Rezepte 
und brachte sie nach Rom. Ein Leibarzt des Kaisers Nero fügte einem 
Gegengiftrezept des Ponterkönigs, „M i t h r i d a t" genannt, eine Anzahl von 
neuen Bestandteilen bei und benannte die Latwerge als „Tyriak" oder 
„Theriak". Das Wort ist vom lateinischen tyrus (= Schlange) abgeleitet. 
Denn der Hauptbestandteil des Medikamentes waren Viperntrochiscen. Da 
der Leibarzt den Namen Andromachus trug, wurde das von ihm er- 
fundene Gift-Gegenmittel als „Thyriak andromachi" bezeichnet, später 
etwa auch nach dem Begründer der Humoralpathologie, dem von 131 — 200 
nach Chr. in Rom lebenden griechischen Arzte Galenos als „Thyriak 
galeni\ Im Mittelalter erhielt der Theriak seinen Beinamen gelegentlich 
nach seinem hauptsächlichsten Herstellungsort, es war dies Venedig. Eine 
Abart, in der das Schlangenfleisch nicht vorkam, und die man deshalb trotz 
ihres himmlisch klingenden Namens weniger schätzte, war „tyriaca coe- 
lestisV 

Im alten Rom war es nur den Leibärzten der Kaiser erlaubt, den Theriak 
aus der Vipera Redii 3 herzustellen. Der oberste Landesherr gab dazu 
die nötigen Rezepte und das Geld. Später kamen die Vorschriften auf irgend 
einem dunklen Wege in den Besitz des Tempels Morestan in Kairo. 
Dem Paduaner Professor Prosper Alpinus gelang es, das Rezept wieder 

1) Siegrist „Studien und Texte zur frühmittelalterlichen RezeptHteratur", Zürcher 
Habilitations -Schrift Leipzig, 1923. — Martin, 1. c. — Schelenz „Geschichte der 
Pharmacie w , Berlin, 1904. 

2) Martin, 1. c. 

Paulini „Theriaca coelestis reformata". Francofurt, 1701, 

3) Erst Francesco Redi hat an der italienischen Viper entdeckt, daß ihr Gift 
in Drüsen lokalisiert und nicht im ganzen Körper verteilt ist. Siehe sein Buch „Osser- 
vatione interno alla Vipere". oder Gharras «Nouvelles experiances sur les Viperes», 
Lyon, 1669. 

— 343 — 



zu erlangen, als er in den Jahren 1560—83 eine Reise nach dem Nilland 
machte und dort Zeuge wurde, wie die ägyptischen und arabischen AjM 
auf Anordnung des Präfekten von Kairo unter ihrem Archiater zusammen* 
kamen, um das Präparat herzustellen. 

Nach Galens Vorschrift mußten die Vipern zu Ende des Frühjahrs <r e 
fangen werden, dann sott man sie ohne Kopf, Schwanz und Eingeweide 1 
Dill. Alsdann entfernte man die Reste des Skeletts und knetete das Fleisch 
mit gleichen Teilen von gutgebackenem Brote. Hierauf wurden die PiU en 
gedreht, die als der wichtigste Bestandteil des Theriaks galten, und man 
mischte die vielen anderen Säfte, u. a. das Opium bei. Nachdem Venedig 
eine Zeitlang der Ort war, wo der Theriakverkauf en gros betrieben wurde 
verbreitete sich später die Herstellung über die ganze zivilisierte Welt I 
werden Wien, Worms, Köln, Hanau, Magdeburg, Braunschweig, Frankfurt a M 
Haag, Paris, Lyon, die Türkei angegeben. In der Schweiz wurde eine Zeit' 
lang Zürich die Hauptvertriebsstelle. 1 
^ Die Latwerge wurde unter Beisein des Ärztekollegiums und der Aufsicht 
einer hohen Obrigkeit gemischt, 3 und die Schwierigkeit dabei war die Be- 
schaffung der echten Vipernpillen. Sie mußten aus Italien bezogen werden- 
auf den Sendungen durfte das Herkunftssiegel nicht fehlen, und wegen 
Betrugs kam beispielsweise im Jahre 1582 die Wormser Apothekerordnun* 
dazu, vorzuschreiben, daß man die Vipern lebendig aus dem Süden beziehen 
mußte. Es verlohnte sich für die Italiener, Schlangenfarmen anzulegen, u a 
hatte sich der in Rom lebende Amsterdamer Arzt Horst eine solche ein- 
gerichtet. Der hohe Preis, der für den Theriak bezahlt wurde, verlockte alle 
Schwindler zur Fabrikation von Fälschungen, und noch im Jahre 1898 wurden 
Martin 8 in Zürich von einem alten tyroüschen Hausierer »Theriakschnitten* 
angeboten, die sich bei näherer Untersuchung als Zwiebäcke mit einem Zimt- 
uberguß („Magenbrot 4 *) herausstellten. 

^ Mit dem Aufkommen der chemischen Lehren in der Arzneimittelkunst 
die von dem berühmten Reformator der Heilkunde, dem Einsiedler Bürger 
Theophrastus Paracelsus (1453-154O eingeführt wurden, nahm 
das Ansehen des Theriaks — allerdings nur sehr langsam — ab. 1770 nennt 
der Apotheker und Arzt Ernsting den Theriak „ein weitläufiges und 
unnützes Schmierament, so noch heutiger Zeit in den Apotheken, ja an 
einigen Orten mit vielem Pomp und unnützen Kosten gemacht wird". Aber 
noch in der „Ph ar m a c op o e a Hispanica" vom Jahre 1884 ist der 
Theriak mit allen seinen alten Bestandteilen verzeichnet, ebenso in der 
„Pharmacopoea Germanica" von 1872. Frankre ich und Spanien 

1) Pharmacopoea Helvetica, 1771, nach Tschirch „Die Pharmacopöe" in Janus", 
10. Jahrg. Haarlem, 1905. 

2) Bührer „Über die öffentliche Zubereitung von Theriak in Paris« in „Pharma- 
zeutische Post« Jahrg. 1892, Wien, Ste. 597, 

$) Martin, 1. c. pg. 252. 

— 344 — 



.1 



sollen ihn noch 1905 in ihren Arzneimittelvorschriften aufgeführt haben, 
während er 1882 aus den deutschen Rezeptbüchern ausgemerzt worden ist 
u nd nach und nach auch aus der Erinnerung des Volkes als Universal- 
mittel verschwand. 1 

Heute erinnern, wo er sein Ansehen fast ganz verloren hat, nur noch 
eine Anzahl sprachlicher Ausdrücke an das einst so sehr geschätzte Medika- 
ment. In der Türkei heißt man alle Opium-, Haschisch- und Alkoholfreunde 
T { r i a k i", und der deutsche Geschlechtsname „Treiacher" oder „D r e i- 
a cker" mag auf die ehemaligen fahrenden Theriakkrämer zurückgehen. In 
Sammlungen und Museen bewundern wir die alten Theriaktöpfe, die oft, 
wohl um ihre einstige Bestimmung zu kennzeichnen, als Handheben orna- 
mental angebrachte Schlangen tragen. 

Der Theriak, den man heute noch verkauft, entspricht in seiner Zusam- 
mensetzung ungefähr der „theriaca coelestis", die tierischen Bestandteile fehlen 
darin, aber nicht das Opium und andere pflanzliche Gifte. 



Es ist gewiß, daß die bernische Landbevölkerung nicht von ungefähr 
darauf kam, den Ausdruck „Theriak" in „Tüüfelsdräck" umzuwandeln. Daran 
st nicht allein die Klangähnlichkeit der beiden Worte schuld, vielmehr die 
Vuffassung, daß die Droge wirklich den Kot des Teufels bedeute. Denn 
der Kot, so wie übrigens auch alle übrigen menschlichen und tierischen Aus- 
ser idungen und Körperteile spielten in der ehemaligen Arzneimittellehre eine 
aöchst wichtige Rolle. 

Heute noch wird der Kuhfladen bei den Bauern, selbst in nächster 
Jmgebung der Hauptstadt, als Gegenmittel bei Blähungen der Rinder ver- 
wendet : man streicht ihn den Kühen an strohenen Garbenbändern ins Maul ; 
die Tiere beginnen dann zu kauen, sie strecken die Zunge stoßweise heraus, 
und die Blähluft entweicht Einstreichen oder Anschmieren von Kuhfladen 
wurde früher auch bei Menschen gegen Mundfäule und Rheumatismen an- 
gewendet, gegen letzteres Übel verordnete man auch Thee aus Roßmist. 2 
Im Emmental gilt noch heute der eigene Urin als blutstillendes Mittel, 
wenn man sich äußerlich verwundet hat. Andernortes legt man auf die 
Wunde ein Spinnennetz auf, dessen Fäden für die Anschauung des 
Volkes auch analer Herkunft sind. Taubendreckaufschläge sollen 
die Furunkel „ziehen", d. h. zum Reifen und Ausgehen veranlassen. Men- 
strualblut vertreibe die Warzen. Wenn ein Kind in der „Glückshaube" 
(Eihaut) geboren wird, dann bedeutet dies nicht allein für den Säugling, daß 
er ein glückhafter und gesunder Mensch werden wird ; verschafft man sich 
ein Stückchen der Glückshaube, trocknet es und trägt man es bei sich, so 
ist man wie mit einem Amulett gegen Unglück und Krankheit gefeit. Damit 

1) Martin, 1. c. pg. 255. 

2) Friedli, 1. c. pg. 458. 

— 345 — 



einem böse Hunde nichts antun, braucht man nur ein Stück Brot in < 
Achselhöhle zu nehmen, sodaß der Schweiß darein gerät, und es den 
Tieren zu füttern, die einen verfolgen; dann zeigen sie sich zahm Un d 
fügsam. 

Im Geheimen sind noch allerlei ähnliche „Zaubermittelchen" verbreitet 
doch schämen sich die Leute, sie zu verraten, denn es mag niemand gem' 
den Anschein von sich erwecken, er sei abergläubisch, weil er fürchtet, darum 
verlacht zu werden. Besonders existieren eine ganze Anzahl ..von Mitteln, um 
vermöge von menschlichen Ausscheidungen einen Liebeszauber zu bewirken. 
Allgemein bekannt ist noch, daß sich die Männer dadurch eine vermehrte 
Potenz verschaffen, indem sie die zubereiteten Testikel eines getö- 
teten Zuchtstieres verzehren und weißen Wein dazu trinken. 

In vergangenen Zeiten wurden Heilmittel, die aus den Se- und 
Exkreten oderKörperteilen vonMenschen hergestellt worden 
waren, viel häufiger und vor allem öffentlicher benutzt, und zwar nicht etwa 
nur von der bäurischen Bevölkerung, und auch nicht allein in der Schweiz. 
Es seien hier eine Anzahl derartiger Rezeptierungen vorgeführt: 

,,L' excrement sec de V e nfa n t, melange avec du miel attique, est un excellent 
remede contre les inflammations de la luette, qui menacent la suffocation. Mais il faut nourrir 
eet enfant-lä, deux jours de Lupins, bon pain assez leve et sale, et lux faut bailler ä boire 
mediocrement du vin vieil afin qu'il cuise fort bien. 

Le troisieme jour, il faut sedier l'excrement et en faire comme il a StS dzt. 

Ort lui pourrait bailler d manger de la chire de poules et de perdrix Jemelles bouillies, 
si eile ne rendait l'excrement plus puanL 

Ce secret de Gallen, qu'il apprit ä quelqu'un ä grandes prieres comme il escrit lui- 
meme." 1 

Charras 8 empfiehlt gegen Rotlauf, Geschwüre und Grind; „Man de- 
stilliere an der Sonne getrocknete menschliche Exkremente, nach- 
dem sie den schlechten Geruch verloren haben." 

Der Arzt D e s p r e s, der einst an der berühmten Charite in Paris wirkte, 
verordnete frischen menschlichen Kot, um die durch einen chirurgi- 
schen Eingriff entstandenen Wunden „zusammenzukleben". 3 

Andere Heilkundige empfahlen, den Extrakt aus menschlichen Exkrementen, 
genannt „Sterkoral-ÖT oder „Aqua stercoralis" als ein die 
Verdauung beförderndes Mittel einzunehmen, es half gegen Verstopfung und 
war ein geschätztes Arzneimittel gegen jegliche Zauberei. Der Trank brachte 

1) Reutter, 1, c, pg. 245. — „Hauss-Apothek, Gürieuse. nützliche, ergötzliche, 
wie man durch seine eigene bey sich habende Mittel, als dem Blut, dem Urin, Ohren- 
dreck, Speichel ... mit natürlichen Mitteln seine Gesundheit von fast allen Krank- 
heiten heilen könne*. Frankfurt a. M„ 1609. 

2) Charras »Pharmacopee Royale", pg. 573, Paris, 1691. 

3) Reutter, L c. pg. 253. -— R u 1 a n d i „Pharmacopoea nova in qua reposita sunt 
stercora et urinae", Nürnberg, 1644. 

— 346 — 



1 



angeblich auch die Abszesse zum Reifen, half gegen die Bräune, 1 und er 
erhielt vornehmen Hofdamen den Teint jung und frisch. 

Gegen Epilepsie wurde Menstrualblut verordnet, dieses war auch 
eine Arznei gegen Kolik, und es brachte die Muttermale zum Verschwinden. 
Von besonders heilkräftiger Wirkung galt das erste Menstrualblut. 1 
Bleichsüchtigen Mädchen in Italien gab man ihren eigenen Morgenurin 
z u trinken. Damit die Frauen leichter gebären konnten, verabfolgte man 
Ümen während der letzten Zeit ihrer Schwangerschaft den Urin ihrer Ehe- 
gatten. 8 

Blut, Frauenmilch, Schweiß, Geburtswasser, Sperma, Speichel, Extrakte aus 
Leber, Herz und andern Eingeweideteilen, pastifizierte Mumienteile, pulveri- 
sierte Menschenknochen, die Haare — alles am Menschen konnte die mittel- 
alterliche und antike Heilkunst als Medikamente verwenden. Der arabische 
Arzt Ibn Rodhwän erklärt: „Alle menschlichen Körperteile können ge- 
heilt werden durch Einverleibung gleicher Körperteile, die von einer mumi- 
fizierten Leiche herstammen." 8 

Der Handel und die Zurichtung von Mumien ist aus dem VII. Jahr- 
hundert in Persien, aus dem XII. in Syrien und Palästina nachgewiesen. 
Durch die Kreuzzüge wurde die „mumia vera" auch in Europa bekannt. 
Moderne Apotheker und Chemiker sprechen der Mumie infolge ihres Ge- 
haltes an Asphalt (Bitumen) objektiv offizinale Wirkungen zu.* Nach den 
Kreuzzügen plünderte man die Gräber Altägyptens aus, bis es die Moham- 
medaner bei Todesstrafe verboten; dann verschaffte man sich in Palästina 
die Leichen von Pest- und Leprakranken, mumifizierte sie und verhandelte 
sie nach den europäischen Apotheken. Später stellte man in Europa selber 
Mumien her, und zwar sollen diejenigen, die unter bestimmten zeremoniellen 
Vorkehrungen aus rothaarigen Gehängten fabriziert wurden, die heilkräftigsten 
gewesen sein. Dabei bestand der Glaube, daß die Mumien der Ungläubigen 
(also diejenigen ägyptischer oder palästinesischer Herkunft) oder der Gehängten 
mit dem Teufel in Verbindung standen, und daß sie deshalb 
heilkräftig wirken konnten. 5 Wurden deshalb die Mumien nicht nach ganz 
genau bestimmten weitläufigen, sorgfältig und oft schwer auszuführenden 
Vorschriften behandelt, oder aber die Mumienteile nicht regelrichtig, das heißt 
peinlich nach Angabe der Rezepte verwendet, so konnten sie lebensgefährlich 
werden. Schiffe, auf denen Mumientransporte übers Mittelmeer stattfanden, 
gerieten in äußerste Seenot infolge ihres Inhaltes, und man konnte sich nur 
auf die Weise retten, daß man die eingetrockneten Leichen über Bord warf. 
Dagegen behauptet de r Jesuit Bernhard Gaesius in seiner „Mine- 

1) Remter, 1. c. pg. 253. 

2) Remter, I. c. pg. 260. 

3) „Geschichte der arabischen Ärzte", Göttingen, 1840. 

4) Remter, 1. c. pg. 187 ff, und Lit- Angaben. 

5) Reutter, 1. c. pg, 199. 

— 347 — 



ralogia" (Leyden, 1636, pg. 369), daß der Mumia vera nicht allein nur e i n 
therapeutische Kraft zukomme, sondern auch eine moralische : sie zwinge den 
Sterblichen daran zu denken, daß er nicht ewig lebe, und sie erinnere de 
Patienten daran, daß Christus für ihn gestorben sei. 

Wir finden die Verwendung oder Erwähnung der Mumien auch in der 
schönen Literatur. Shakespeare deutet im „Macbeth" darauf hin, daß 
Zauberer und Hexen Mumienteile verwenden, und in den „Lustigen Weibern 
von Windsor" sagt Falstaff: „Wenn ich mich ertränke, dann wird aus meiner 
Leiche ein Berg von Mumie!" Rabelais drückt sich im 5. Kapitel des 
3. Buches seines „Pantagruel" folgendermaßen aus : »Si quelque jour, p 0Ur 
restaurant et faire peter les bonnes femmes en extreme passion de colique venteuse 
les medicamens ne saiisfont aux medecins, la momie de mon paillard et embote 
corps leur sera remede proesentJ' 

In der „Pharmacopee" von Andre Caille (Lyon, 1714) steht ein 
wichtiger Vermerk : der Autor führt dort an, daß man anstelle von mensch- 
lichem Blute oder Urin besser Blut oder Urin vom Ziegenbock . verwende 
Andere Autoren ersetzen die Mumie durch Teile von Tierleichen. 

Es ist bereits erwähnt worden, daß man zur Bereitung der Mumie den 
Theriak verwendete. Die Beziehung von Theriak und Mumie, bezw. von 
Teufelsdreck und der Verwendung von menschlichen Teilen und Exkre- 
menten in der alten Heilkunst, zwischen dem Teufel und der Mumie sind 
aufgezeigt worden. Im Volksglauben gilt der Ziegenbock als Ersatz des 
Teufels, im Berndeutschen sagt man noch heute, wenn jemand an dk Türe 
klopft, den man gut kennt und erwartet: „Herein, 's wird wohl nicht der 
Geißbock sein!", was soviel bedeutet, als daß es nicht der Teufel sein 
werde. Teufel, Mumie und Ziegenbock sind also ein und dasselbe. 

Der Mumie erging es ähnlich wie dem Theriak. Während sie Para- 
celsus noch empfohlen hat, erschien schon im Jahre 1587 in dem Buche 
„Medica universa" von Ambroise Pare eine Warnung vor diesem Heil- 
mittel, das heute aus der pharmazeutischen Literatur verschwunden sein soll. 
Jedoch sei — laut Reutter de Rosemont - erwähnt, daß die 
Mumia vera als offizinale Droge noch im Jahre 1912 in den Preistabellen 
der H a a f sehen Apotheke in Bern und in der S i e g f r i e d'schen Droguerie 
zu Zofingen aufgeführt wurde. 

Der Grund, warum sie weniger volkstümlich werden konnte als der 
Theriak, ist wahrscheinlich darin zu suchen, daß ihr Preis sehr hoch war. 
Mumia vera war das Heilmittel der Vornehmen. Vermutlich verhinderte auch 
die Abscheu vor der Anthropophagie, daß sich ihr Genuß in den breiten 
Schichten des Volkes verbreitete. Dann ist auch in Betracht zu ziehen, daß 
ihr Aufkommen jüngeren Datums ist als das des Theriaks. 



348 — 



r 

Nachdem wir nun aus der Sprache, Volkskunde, Geschichte und der 
nharmazeutischen Literatur in bewußter Einschränkung das notwendige Ma- 
terial zusammengetragen haben, wollen wir den Versuch wagen, mit der 
Psychoanalyse dem tieferen Sinne der alten und vielleicht auch der modernen 
Heilmittelkunst nahe zu kommen. Dabei sei ausdrücklich bemerkt, daß Re- 
zepte im Sinne der „Dreckapotheke" viele dickleibige Folianten füllen — 
daß es jedoch im Rahmen dieser Arbeit unmöglich und gewiß auch unnötig 
erscheint, mehr zu zitieren. 

Wenn wir an das berndeutsche Ersatzwort „Teufelsdreck" für Theriak 
denken, so ist uns längst klar geworden, daß im Mundartwort das Ver- 
drängte wieder zum Vorschein kommt : seiner Struktur nach ist er »Kot", 
und weil er wirkt als Medizin, so muß er eben Teufelskot sein. Der Teufels- 
glaube ist der Vorläufer zum Gottesglauben, er steckt viel tiefer im Menschen, 
ist ursprünglicher als dieser. Noch jetzt lebt der Gedanke, daß dort, wo 
Gott nicht helfen kann, der Teufel gewiß helfe. 1 Wenn bei uns zulande 
jemand niest, dann wünscht man ihm: „Helf dir Gott!" Niest er nochmals, 
dann wird das Gleiche gewünscht. Niest er aber ein drittesmal, dann sagt 
man: „Nun, so helf dir der Teufel!" Es ist bekannt, daß bei den Primi- 
tiven der ursprüngliche Glaube der an die Dämonen als die Abkömmlinge 
der Gestorbenen ist. 

Wenden wir uns nun der Geschichte der Erfindung des Theriaks zu. 
Wir haben gehört, daß sich der pontische König Mithridates vor Ver- 
giftung fürchtete. Es dürfte vermutet werden, daß es sich bei ihm nicht um 
eine real begründete Befürchtung, oder nicht allein nur um eine solche, 
sondern um einen richtigen Vergiftungswahn handelte. Wir sind 
dessen nicht sicher. Dagegen erzählt uns die Geschichte der römischen Kaiser, 
daß Nero ein Psychopath war. Wir können dessen Vergiftungsangst als 
eines seiner Krankheitssymptome ansprechen. Denn die Beseitigung der Kaiser 
der damaligen Epoche geschah nicht durch Gift, eher durch Dolch und Schwert. 
Auch sicherten sich die alten Monarchen gegen Gift dadurch, daß sie ihre 
Köche und Sklaven die ersten Bissen von ihren Speisen verzehren ließen, 
um daran ihre Wirkung zu beobachten, bevor sie sich selber ans Essen 
machten. Es ist auffällig, daß Nero nötig hatte, tagtäglich Gegengifte einzu- 
nehmen. 

Über „Giftmord und Vergiftungswahn" hat uns Kielholz 2 eine aus- 
führliche Abhandlung geschrieben, worin er nachweist, daß die Kranken eine 

i) In der Gegend von Mossul lebt eine 750.000 Anhänger zählende Sekte, die 
J e s i d e n» die den Schaitan (= Teufel) anbeten, weil sie der Ansicht sind, 
Allah habe auf Erden keine Macht gegen Krankheit, Not und Krieg. Der Oberpriester 
dieser Teufelsanbeter wohnt auf der Burg Ba-hadra, und ihre Bibel Meshaf-i-Kesch soll 
sich im Original in Wien befinden, (Bericht von Leo Mathias in der „National- 
Zeitung" v. 16. April, Abendblatt, Basel, 1931.) 

2) In Jnt. Ztschr. f. PsA.", Bd. XVII (1931), Heft 1. 

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Intoxikation durch menschliche Se- und Exkrete befurchten. „Die Se- u j 
Exkrete des Mutterleibes sind deshalb so gefährlich, weil itoe Erwerbu^ 
und ihr Besitz einem Inzest gleichkommt, der mit der Kastration nJi 
dem Tode geahndet wird", resümiert Kiel holz die Auffassung, die man 
aus seinen Untersuchungen gewinnen muß. 

Offenbar fühlt sich der an Vergiftungswahn Leidende als ein Mensch 
der Inzest begangen hat, und der darum bestraft werden soff. So auch ' 
möglicherweise - Mithridates und jedenfalls Nero. Und nun sehl 
wir, wie sie die gefürchteten Inzestfolgen abwenden. Sie verleiben sich ein 
durch allerlei Zeremonielle ungiftig gemachtes Gift — den Körper der 
Schlange, den sie als giftig betrachteten — ein. Für die bewußte Vorstellung 
des gnechisch-mazedonisch-kleinasiatischen Kulturkreises ist die Schlange diu 
Sinnbild der medizinischen Potenz des Gottes der Heilkunde, des A s k 1 e p i 
also einer Figur aus der Väter-Reihe der Menschheit. Was die Schlange in' 
der unbewußten Vorstellung bedeutet, das haben wir aus der Traumdeutung 
erfahren : sie ist ein Symbol für den Penis. Es ist ein gefahrlicher Penis 
mit dem sich die Mithridates und Nero ausrüsteten, um damit stärker zu 
sein als die Gefahr, die ihnen der Inzest bringt. In dieser Schlange, die den 
wichtigsten Bestandteil der Universalmedizin, also der Medizin überhaupt 
ausmacht, dürfen wir die „Schlange des Asklepios" 1 , den Penis des 
vergotthchten Vaters erkennen. Wir erraten auch, daß es nur dieser sein 
kann, dem der vom Sohn gewünschte Inzest nichts anhaben kann, und wir 
verstehen, daß sich der Sohn in Besitz dieses väterlichen Körperteiles setzen 
muß. 

Es wird klar; der Vater wird seines Penis beraubt, damit der Sohn mit 
ihm ungefährdet den Mutterinzest begehen kann. 

In diesem Zusammenhange sei eine kleine Abschweifung zum Denken 
der heutigen Primitiven erlaubt. Malin owski* berichtet von d en Wilden 

i) Den A sklepios, Sohn des Apollon und einer Fürstentochter, zeigt eine Bild- 
saulevonThrasimedos, einem Zeitgenossen des Phidias, in Epi d auro S: der 
halbnackte Gott stützt sich auf einem Stab, woran sich eine Schlange hinaufwindet, den 
Kopf in genauer Richtung seines halboffenen Mundes gezückt. 

Wenn der Kranke am Abend im Heiligtum des Asklepios ankam (in Epidauros, Argolis, 
Kos Pergamum Athen, Rom), wurde ein Tieropfer dargebracht. In der Nacht schlief 
der Patient auf der Haut des Opfertieres in einem dazu bestimmten Räume des Tempels 
und erwartete, daß der Gott in der Nacht komme und seine Schlange die Lippen des 
Schlafenden berühre, damit er geheilt erwache. Zum mindesten erhoffte er ein Traum- 
gesicht, das die anzuwendenden Heilmittel offenbarte. (Siehe Fr i e dl an der „Dar- 
stellungen a. d Sittengeschichte Roms«, Bd. III, Ste. 116 u. a. O., Leipzig, ,920; 
Kießling - WUamo witz - Moell endorf f „Philologische Untersuchungen« 
t C'l, 9 ,' Weinreich -Antike Heilungswunder« 1909, ferner die kulturge- 
schichtliche Monographie „Der Arzt« in der Lehrerbibliothek der Kantonschule 
Wmtertliur.) 

2) „Das Geschlechtsleben der Wilden«, S. 360 fr. Zürich 1930. 

— 350 — 



r 

auf den Trobriandinseln (Britisch-Neu-Guinea), daß sie als Ursache der Krank- 
heiten, die lebensgefährlich sin4 und meist einen tötlichen Ausgang nehmen, 
den Bruch des Exogamie-Tabus und den begangenen Inzest ansehen. 

Der pontische König und der römische Kaiser» die den Mithridat und 
den Theriak als Stärkung und Gegengift einnahmen, und die die Rezepte 
geheim hielten und sorgsamer hüteten als einen Goldschatz, fürchteten, von 
Leuten aus ihrem Volke umgebracht zu werden. Die damals lebenden 
Despoten scheuten sich nicht, ihre Nebenbuhler oder andere angeblich staats- 
gefa'hrliche Individuen kurzerhand aus der Welt zu schaffen. Wir wissen 
besonders von Nero, daß er von seiner Machtbefugnis ausgiebigen Gebrauch 
machte. Die Gewissensreaktion dagegen war eine Wiedervergeltungsrecht, 
die wahnhafte Formen annahm. Die Ödipuseinstellung des zum Kaiser-Landes- 
vater gewordenen ehemaligen Landessohnes Nero (oder Mithridates) wurde 
auf die Männer des Landes (Landes-Söhne) projiziert, von denen der Monarch 
nun die Tötung erwartete. 

Die Psychoanalyse kennt diesen Verschiebungs Vorgang aus der Neurosen- 
behandlung als ein recht häufig vorkommendes Phänomen. 

In der besonderen Art der Wiedervergeltungsfurcht, der Vergiftungsangst, 
zeigt sich der Zusammenhang mit den Inzestwünschen und ihren Folgen. 

Der Theriak, haben wir vernommen, enthält noch eine Reihe von an- 
deren Giften. Wir stoßen auf den Beweis, daß der Gedanke der Immuni- 
sierung, den die moderne Serummedizin wieder aufgenommen hat, schon 
in uralter Zeit bestand 1 . Dies nebenbei. Die vielfältige Zusammensetzung des 
Theriaks deutet uns zudem gleichsam handgreiflich an, daß sein tieferer 
psychologischer Sinn komplizierter Natur, und daß die Erfindung der Arznei 
mehrfach determiniert ist. Das Einnehmen von Theriak kann nicht allein 
das Einverleiben des väterlichen Penis bedeuten. Es ist Symbol sowohl für 
die I n z e s t a b w e h r, als auch für den Inzest, denn die Gifte sind für 
das Unbewußte Herkömmlinge von der Mutter. Im Leibe des Menschen, 
der den Theriak verspiesen hat, findet eine magische Vermählung der Eltern 
statt, und wir merken schon hier einen homosexuellen Anteil im Verspeisen- 
den als wirksam. 

Wenn wir bedenken, daß das Einnehmen von Theriak auch den Inzest 
selbst bedeutet, dann wundern wir uns nicht länger über die Tatsache, daß 
die Gegengifteinnahme dauernd werden mußte und wie eine Rauschmittel- 
sucht anmutet s . Denn durch die immer neue Begehung des Inzestes werden 
die unbewußten Schuldgefühle nicht nur wach gehalten und in einen bedrängen- 
den aktiven Dauerzustand versetzt, sie werden genährt und verstärkt, und des- 
halb verlangt es den Gegengifteinnehmenden nach immer neuen Dosen. 

2) Häfliger „Beiträge zur pharmazeutischen Altertumskunde" in „Pharmazeutica 
Acta Helvetiae", Jahrg, 1930, Ste. 235 Zürich. 

3) Blum, „Rauschgifte und Süchtigkeit", Genf, 1930. 



— 351 — 



D le ambivalente Einstellung des Menschen zum Theriak ist aus unserem 
Materiale wohl ersichtlich geworden. Es sei an die umständlichen und zere 
moniellen Vorschriften bei der Zubereitung des Mittels erinnert, aber auch 
an die recht komplizierten Verfahren bei seiner Anwendung. Ferner an d" 
Bemerkung bei Friedli, daß der Theriak, nicht nach richtiger ReJ" 
tierung eingenommen, den „ewigen Schlaf" zur Folge hatte. 

Es verlockt, hier einen Seitenblick zu werfen auf alle die anderen Arznei 
mittel der Alten: da sehen wir, daß sie alle gleich besetzt werden wie der 
Theriak ; man hofft von ihnen Heilung, und man fiirditet sie — und um 
ihren möglichen schädlichen Folgen zu entgehen, werden allerlei zauberische 
Vorkehrungen und Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Sie sind ja das Gleiche 
wie der Theriak, nämlich menschliche Ausscheidungen, oder menschliche 
leile, oder schließlich deren tierischer oder pflanzlicher Ersatz, wo die zu 
nehmende Verdrängung die direkte und offene, unversteckte Anwendumr 
menschlicher Abkömmlinge verbietet. Wir haben feststellen können daß 
diese menschlichen Abkömmlinge irgend in einer Art immer mit dem Teufel 
m Beziehung stehen, in einem etwas ausgeweiteten Sinne also immer 
„ieufelsdreck" sind. 

Bei den Alten, die Arzneimittel einnehmen, fallt uns die Beziehung zum 
primitiven Analogiezauber auf. Der Viper wird eine verjüngende Wirkung 
deshalb zugeschrieben, weil sie von Zeit zu Zeit die Haut abstreift und 
wie jung erscheint, bestätigt Chartas'. Baume sagt in seinen Ele 
ments de la Pharmacie« (Paris, 1775), daß Froschlaichextrakt darum 
verjüngend wirke, weil aus dem Laiche die jungen Frösche entstehen 
Mittel, die auf imitativer Magie beruhen, und denen vielleicht innersekre- 
torische Wirkungen zukommen, gibt es viele, es sei an die noch heute in 
Übung stehenden Zuchtochstestikelessen erinnert. 

Ibn Rodwhän, der versichert, daß jegliches menschliche Glied dadurch 
geheilt werden könne, daß man sich den entsprechenden Teil einer Mumie 
einverleibt, zeigt den Glauben an imitative Zauberwirkung am allgemeinsten. 
Am vollkommensten sehen wir die Identifizierung des Menschen, der sich 
eine Speise einverleibt, bei der sog. »Leopardengesellschaft« der Neger an 
der Guineaküste, die nach dem Verzehren ihres Totemtieres von sich selber 
glauben, sie seien nun Leoparden, sich dementsprechend verhalten und zu 
gefährlichen und bestialischen Mördern werden. 4 

Aber auch beim Europäer finden wir heute noch Resterscheinungen dieses 
Glaubens, wenn wir etwa zu lesen oder hören bekommen: „Was der 
Mensch ißt, ist er." 

Für den primitiven Menschen bedeutet Kranksein soviel, wie von einem 
böswilligen oder strafe nden Krankheitsdämon besessen sein. M a 1 i n o w s k i 

1) cit. aus' Reu tt er, 1. c. pg. 24g. 

2) Schweitzer, „Mitteilungen aus Lambarene", Bern, 1925, 

— 352 — 



^ 



berichtet, 1 daß die unter matriarchalen Verhältnissen lebenden Trobriander die 
Verhexung als Krankheitsursache ansehen. Der gleiche Glaube ist von vielen 
jNfegerstämmen bekannt, wie uns verschiedene Forscher 2 mitteilen. Wir können 
uns denken, daß die Verhältnisse bei unseren Altvordern gleich waren — 
wir fragen uns, inwieweit sie heute noch gleich sind, und wir erinnern uns. 
an die Ausfuhrungen Stefan Zweigs in seinem Buche „Heilung 
durch den Geist", 3 wo der Autor ehemalige und heutige Auffassungen 
einander gegenüberstellt und diskutiert. Von unsern Ahnen sagt er : „Kampf 
um die Gesundheit bedeutet also in der Urzeit der Menschheit nicht Kampf 
gegen die einzelne Krankheit, sondern ein Ringen mit Gott. Alle Medizin 
der Erde beginnt als Theologie, als Kult, Ritual und Magie, als seelische 
Gegenspannung des Menschen gegen die von Gott gesandte Prüfung." Wozu 
w ir beifügen, daß ursprünglich Gott und Teufel noch in ein und derselben 
Person verkörpert sind, erst spater spaltete die Menschheit die ambivalent 
besetzte Figur in zwei Personen auf. 4 Damit stimmt überein, daß man im 
Mittelalter anstelle von Mumienteilen teuflischer Herkunft auch solche von 
Heiligen (Reliquien) zu Heilzwecken verwendete. 

In Europa wurde wahrscheinlich schon früh der Glaube an einen Krank- 
heitsdämon durch den Glauben an eine Vergiftung ersetzt. Aber bis heute 
deuten eine große Anzahl von Volksaberglauben darauf hin, daß die ur- 
sprüngliche primitive Denkart über die Krankheitsursachen immer noch im 
Volke wurzelt und lange noch nicht vergessen ist. Wir denken beispiels- 
weise daran, daß im bernischen Emmental der Glaube besteht, man könne 
einen Epileptiker dadurch heilen, daß man eines seiner gebrauchten Hemden 
einem Toten mit in den Sarg gibt. Es ist hier die Krankheit als Dämon 
gedacht, der mit dem Hemde abgestreift und darin enthalten ist, und der 
durch Analogiezauber abgetötet wird. Friedli 5 berichtet, man stelle sich 
vor, daß der „unsaubere Geist", der den Epileptiker beherrsche, von der 
.höheren Macht" des Toten, bezw. vom Tode selber als Person angelockt 
und zunichte gemacht werde. Ferner herrscht noch der Glaube an den „bösen 
Blick", der Kinder und Haustiere krankmachend „verhext", und an Hexen 
und Hexer, die jemand „zu Tode beten" können. 6 

Kommen wir in diesem Zusammenhange auf die Verwendung des Teufels- 
drecks als Universalmedizin zurück ; offenbar bedeutet sein Einnehmen : man 
will — pars pro toto — sich den Oberteufel auf oralem Wege einverleiben, 
um ihn gegen die kleineren Krankheitsteutel zu mobilisieren, man will den 

1) I. c. pg. 3 o, $% 3$, 138, 256, 279, 322. 

2) Vergl. Zell er, „Die Knabenweihen", Bern, 1923. 

3) Leipzig, 1931, pg. 9. 

4) Freud, „Eine Teufelsneurose im 17. Jahrhundert." Wien, 1924. Reik, „Der 
;ene und der fremde Gott", pg. 100 ff. Wien, 1923. 

5) L c. pg. 455. 

6) F r i e d 1 i, 1. c. pg. 549, — Z u 1 1 i g e r „Unghüürig", S. 68. Bern, 1924. 



Bewegung III 353 



23 



Teufel mit dem Beelzebub austreiben, und jede Krankheitsbekämpfung wird 
so zur Teufelsaustreibung, Mit den Medikamenten aus menschlichen Exkre- 
menten und Sekreten, und mit der Mumia vera ist es gleich wie mit dem 
Theriak: sie sind teuflisch. Denn die Ungläubigen, aus denen die Mumien 
ursprünglich gemacht wurden, stehen mit dem Teufel in Verbindung, M 
Seelen wandeln in der Hölle, ebenso die der Schwerverbrecher, die am 
Galgen endeten. Ein Hinweis darauf, daß die heruntergenommenen und 
mumifizierten „Galgenvögel" teufelischer Art sind, liegt in der Vorschrift, daß 
sie rothaarig sein müssen. Es ist bekannt, daß man im Mittelalter rothaarige 
Menschen leicht als Hexen oder Hexenmeister verdächtigte, die mit dem 
Teufel direkten Umgang pflogen. Es ist noch heute so und wird immer so 
sein, daß man sich an seinem Körper geschädigt fühlt, wenn man krank 
ist. Die Krankheit wird unbewußt als Kastration aufgefaßt, als Bestrafung 
für inzestuöse Wünsche, denen kein Sterblicher ganz entgeht. Um sich zu 
helfen, haben unsere Väter den Teufel (Urvater) anal kastriert (d. h., die 
Kotstange wird als analer Penis, seine Aneignung nach dem Vorbilde' der 
genitalen als „anale" Kastration aufgefaßt, bzw. umgedeutet) und oral 
einverleibt oder an den Körper geschmiert, was einen Ersatz für das Ver- 
speisen bedeutet, 1 ebenso wie das Klistieren und das Umhängen von Amuletten. 2 
Es ist hier eine Einschaltung zu machen, die uns interessieren dürfte. 
Wenn der Berner Hals- und Brustkrankheiten hat, dann nimmt er dagegen 
gerne Lakritzenstengel ein. Er benennt die 10—20 cm langen und finger- 
dicken Stangen als „B är endr e ck\ Unter diesem Namen kauft er das 
Heilmittel in Apotheken, Drogerien und Spezereiladen. Nun ist aber der 
Bär das bernische Wappen-^ Totem)-Tier. Der bernische Volkscharakter 
und die daraus hervorgehende Politik werden als realistisch, germanisch zähe 
und solid, willensstark, bis zur Pedanterie zuverlässig und als auf Besitz und 
Behäbigkeit gerichtet dargestellt. 3 Nach Abraham („Psychoanalytische Studien 
zur Charakterbildung", Wien 1925) sind dies typische Züge des „Anal- 
charakters". Aus diesem Zusammenhange wird noch deutlicher verständlich, 
daß Teufel und Bär anal kastriert werden. Doch scheint das Anale 4 auch 
bei anderen Stämmen und Völkern eine wichtige Rolle zu spielen, denn 
die „Dreckapotheke" war eine internationale Erscheinung, und der Basler 
bezeichnet heute noch die pharmazeutis chen Erzeugnisse seiner zahlreichen 

1) Vgl. Rohe im „Heiliges Geld in Melanesien« I. Ztschr. f. PsA., IX (1923) und 
„Nach dem Tode des Urvaters", Imago, IX (1923). 

2) Häf liger, 1. c. pg. 225 & 243. 

3) De Reynold „Vom Geist und Wesen Berns", Bern, 1931. 

4) Bekanntlich spielen Kot und Kotschmieren bei, den Geisteskranken eine große 
Rolle, ebenso bei den Primitiven, die ihre Exkremente sorgfältig verstecken, damit nie- 
mand mit ihnen Zauberei treiben könne. Für Wilde, Geisteskranke und kleine Kinder 
bedeutet der Kot einen Teil des Körpers wie z. B. die Glieder, und er ist wie diese 
narzißtisch besetzt, 

— 354 — 



1 



und weltbekannten chemischen Fabriken als „gheemische Dragg" (che- 
mischen Dreck). 

Das Einverleiben von Arznei, es handle sich um Teufels- oder Baren- 
dreck, um Mumie und Ingredienzien der Dreckapotheke, oder aber um 
moderne chemische Arzneimittel, bedeutet für das Unbewußte in einem jeden 
Falle eine Art oraler Besitzergreifung einer mit Autorität ausgestatteten väter- 
lichen Figur. 

Die Medizin wird bei den Primitiven vom Priester oder Medizinmann an 
den Patienten verabfolgt. Häufig sind die Beamtungen Häuptling, Priester, 
Medizinmann, Richter und Lehrer in einer einzigen Person vereinigt; diese 
gilt als mit den Dämonen, d. h. mit den vergottiichten und zugleich dämo- 
nisierten Geistern der Ahnen in Verbindung, ihr kommt die „Macht" 
schlechthin zu, was soviel heißt, als daß sie über Leben und Tod der 
Stammesangehörigen fraglos entscheiden kann. Bei den Kulturvölkern haben 
sich die Gewalten getrennt und das Tabu, das die Häupter der Wilden 
schützt, findet sich nur noch als „Respekt" vor der Autorität und der 
„Geweihtheit" der Priester, insbesondere derjenigen der Römisch-Katholischen. 

Im Teufelsdreck und den anderen Arzneimitteln ist ein Stück Gott-Teufel 
enthalten. Durch den Genuß des Medikamentes, von dem mit Autorität be- 
kleideten Arzte verordnet und dosiert, und von dem Pharmazeuten unter 
Verwendung von allerlei für das gewöhnliche Volk unverständlichen lateini- 
schen Formeln, Utensilien, Maschinen hergestellt, mit fremdklingenden und 
oft aufpeitschenden, wenn nicht gerade marktschreierischen Namen versehen, 
die ihren suggestiven Zweck nicht nur in Bezug auf den Verdienst des 
Apothekers oder der chemischen Laboratorien, sondern auch auf den gläu- 
bigen Kranken nicht verfehlen, gelangt dieser zu einer Art von Kommu- 
nion, wie sie die Naturvölker in den Totemmahlen in die christliche Lehre 
im hl Abendmahle praktizieren. In beiden Fällen wird der Gläubige durch 
die symbolische Prozedur der Einverleibung, die den Sinn einer möglichst 
restlosen Identifizierung mit dem vergotteten und zugleich dämoni- 
sierten Urvater hat, „gereinigt" : das einemal vom Geiste oder Gifte der 
Krankheit, das anderemal von seiner „Sündhaftigkeit" und seinen „schlimmen 
Versuchungen", und beidemale wird der Mensch der Vollkommenheit naher 
gebracht. [Für Ignatius von Antiochien ist das Abendmahl das 
Pharmakon anathasias, Heilmittel zur Unsterblichkeit (Ephes. Brief 20/2 
und Smyrn. Brief 7/1)]. Die Arznei vervollkommnet ihn körperlich, sie macht ihn 
gesund, sie erhält jung oder verjüngt ihn, sie gibt ihm, wo sie bei der Mumifi- 
zierung verwendet wird, einen ewigen Bestand — und immer handelt es 
sich beim Verzehren von Arzneimitteln um eine mehr oder minder versteckte 
Form von Anthropophagie oder Deophagie, wie sie bei unseren Geistes- 
kranken als Phantasien häufig offen zutage tritt. 

Das Einnehmen des Arzneimittels braucht nicht notwendigerweise nur die 
anale Kastration des Vaters zu bedeuten. Es kann auch eine genitale sein. 



— 355 



23* 



Immer aber ist es sinnbildlich mit der Potenz des Vaters verbunden. Das 
wird besonders deutlich dort, wo Tierteile die menschlichen Teile der Medika- 
mente ersetzen. Es handelt sich dabei entweder um Vögel, oder um Sexual- 
teile von wildlebenden oder Haustieren, so z. B. wenn Charras in seiner 
schon erwähnten „Pharmacopee Royale als Latwerge zur Steigerung der 
Potenz angibt: „Man nehme vom Priap des Ochsen und Hirschen, die 
Testikel des Hengstes, das Pulver der drei Pfeffer-Arten, Muskat und Ambra", 
Bei der Einverleibung derart zusammengesetzter Medizin darf der homo- 
sexuelle Anteil nicht außer Betracht gezogen werden, der durch das orale 
Einnehmen (= Essen oder Trinken am väterlichen Penis) der Arznei, noch 
deutlicher im Purgieren, wie es zu Mo Her es Zeiten sehr in Übung war, 
angedeutet ist. Immer haben die Arzneien einen bisexuellen Sinn, und dunkel 
liegt in ihnen der Gedanke an eine mystische Wiedergeburt. 

Zusammenfassend können wir sagen : 

Der Kranke, auch wenn sein Leiden rein physischer Natur ist, errichtet 
über seiner Krankheit einen psychischen Überbau : er fühlt sich kastriert und 
wehrt sich dagegen. Die Kastration erscheint ihm als die Folge seiner in- 
zestuösen Wünsche. Mit dem Einnehmen der Arznei kastriert er den Vater 
und vereinigt sich zugleich mit der Mutter, er vollzieht eine Art von Kom- 
munion, die ihn mit beiden Elternteilen neu verbindet und die seine Wieder- 
geburt, die in seinem Körper stattfindende Neuzeugung (Heilung) zur Folge 
hat. Wenn er für die Heilung, die Arznei, von seinem Gelde hergibt, so 
akzeptiert er in einem reduzierten Maße die selbstgewählte Kastration 1 und 
versöhnt sich so mit seinem Vater. 

Für den weiblichen Menschen liegen die Dinge noch einfacher, das orale 
Einnehmen der Arznei, oder das anale Purgieren, bedeuten symbolisch 
einen erlaubten Inzest, dem die Neuzeugung (Heilung) folgt. 

Werfen wir schließlich noch einen Blick auf die moderne Arzneimittel- 
lehre. Es ist Theophrastus Par a c eis us, der die Chemie eingeführt, 
bezw. für die Kunst der Arzneimittel-Herstellung entdeckt hat, der aber auch 
dagegen ankämpfte, daß nur das Symptom angegriffen wird. Seiner Ansicht 
nach liegt die Ursache der Krankheit im Zerfallensein des Menschen mit Gott. 

Paracelsus ist von der schulmäßigen Medizin stark bestritten und 
bekämpft worden. Und doch kommt die Wissenschaft heute zu ähnlichen 
Resultaten wie er. Es herrscht immer mehr die Ansicht, daß bei einer Krank- 
heit die gesamte Harmonie des Menschen und nicht allein nur der kranke 

l) Im Berndeutschen bedeutet „heilen* sowohl „eine Krankheit heilen", als auch 
„jemand kastrieren". Der Bauer „heilt" (= kastriert) die jungen Eber, die Hengste und 
Zugstiere, und wenn er über eine Person sehr erbost ist, so schreit er sie an : „Dich 
sollte man heilen!" (= kastrieren). 



— 356 — 



Körperteil funktionell gestört ist, Immer mehr wendet sich das Interesse 
den Drüsenfunktionen, den Wirkungen der inneren Sekretion und deren 
Beeinflussung zu. Wir zollen den aus Drüsensubstanzen hergestellten Arznei- 
mitteln volle Achtung. Vielleicht ist es darum nicht ganz gerechtfertigt, über 
die Arzneimittelkunst unserer Altvordern abschätzig zu denken, und ebenso- 
wenig über diejenige der Primitiven. Wenn beispielsweise der Beduine, um 
auf dem Wege geheimen Zaubers in die Kraft, in den Mut und die Wider- 
standsfähigkeit des Löwen zu gelangen, dessen Hirn, Herz, Leber, Milz, 
Nieren und Testikel verzehrt, dann erscheint uns sein Tun als abergläubisch 
und als eine barbarische Wissenschaft. Es ist jedoch nicht zu leugnen, daß 
er damit gewisse Drüsensubstanzen einnimmt, wobei nicht ersichtlich ist, 
warum diese nicht ebenso , eine innersekretorische Beeinflussung 
des Menschen haben sollen, so gut wie die Präparate unserer chemischen 
Industrie, die ihre „Rohstoffe" auch aus tierischen Drüsen bezieht. 

Wieviel dabei selbst bei uns die Suggestion an den Heilungen einen 
Anteil hat, kann nicht beurteilt werden. Vielleicht wird der Zusammenhang 
zwischen der primitiven und alten einerseits, und der modernen Arznei- 
mittelkunst andererseits deutlicher, wenn wir einen besonderen Fall ins Auge 
nehmen. Der Westeuropäer nimmt gegen seine Impotenz beispielsweise Pulen 
ein, die von wissenschaftlichen Instituten empfohlen und aus Sexualhormonen 
hergestellt werden. Es kann nicht abgestritten werden, daß sie wirken, ja, 
daß sie selbst allerlei nervöse Störungen aufzuheben imstande sind. Als Psychoana- 
lytiker sind wir geneigt, Potenzstörungen dort, wo keine Anormalien an den 
Organen vorliegen, als psychogen anzusehen: so lehrt es uns die klinische 
Erfahrung. Es stehen sich da also zwei Meinungen gegenüber. Wir sehen 
nur, daß beide Arten von Behandlungen der Impotenz, die physiologische 
und die psychologische, Heilungen zustande bringen. Es ergeben sich ver- 
schiedene Fragen aus dieser Feststellung. Erstens, inwiefern bei den pharma- 
zeutischen Präparaten der Glaube, die Suggestion eine ausschlaggebende Rolle 
spielt. Zweitens, ob die moderne Pharmazie von der alten und primitiven 
so sehr verschieden sei, daß wir auf die letztere in dem Maße herabsehen 
dürfen, wie wir es gewöhnlich tun. Und drittens, ob eben nicht objektiv 
die Möglichkeit bestehe, eine Störung am Menschen von beiden Seiten her, 
von der physiologischen (chemischen-innersekretorischen) und von der psycho- 
logischen, mit gleichem Erfolge anzugreifen. 

Zweifelsohne spielt aber auch in der modernen Arzneimittelkunst die 
Suggestion eine gewaltige Rolle. Damit soll ihre Gültigkeit nicht herab- 
gesetzt werden. Die Tatsache, daß sie nützt, hilft, heilt, der praktische Er- 
folg genügt, um sie zu rechtfertigen, und schließlich ist es ganz gleichgültig, 
auf welchem Wege einer kranken Menschheit die Gesundheit wiederher- 
gestellt wird. 

Auf keinen Fall darf bestritten werden, daß unseren heutigen Heilmitteln 
objektive Heilkraft zukomme. Den Beweis dazu finden wir in der Tierheil- 



— 357 — 



künde. Tiere werden durch die Arzneien gewiß nicht suggestiv beeinflußt 
gesund zu werden, und die Mittel heilen sie doch. 

Wir haben uns in dieser Arbeit bemüht, den psychischen Überbau 
des kranken Menschen und des Heilungsprozesses vermittelst Arzeneien einer 
näheren Untersuchung zu unterwerfen. Hierzu ist schließlidh noch zu 
sagen, daß der hohe Preis der Arznei den Glauben an ihre Heilkraft und 
auf dem Wege diese selber erhöht. So sieht man sich vom psychologischen 
Standpunkte aus vor die Notwendigkeit gestellt, ihre Kostspieligkeit bejahen 
zu müssen. Eine andere Frage ist die, wie man die ärmeren Schichten unserer 
Bevölkerung am Segen der modernen chemischen Arzneimittelkunst teilhafti ff 
werden lassen kann. Man steht vor der paradoxen Tatsadie, daß die wohl- 
feilen Mittel weniger suggestiv wirksam und deshalb weniger heilkräftig 
und daß die teuren für die große Masse des Volkes fast unerschwinglich 
sind. Die Lösung dieses Problems muß den Sozialpolitikern überlassen werden 
falls sich die Menschheit nicht entschließt, wie die Primitiven entweder 
gesund zu bleiben, oder zu sterben. Es macht jedoch den Anschein daß 
uns die Kultur nicht nur mehr Bequemlichkeiten, sondern auch eine größere 
Verzärtelung, eine geringere Widerstandskraft und ein Heer von neuen 
Krankheiten gebracht hat, und daß wir noch nicht am Ende dieser Ent- 
wicklung angelangt sind. 

Wir stehen zwar heute am Beginne der Entgöttlichung der Götter Es 
ist die Wissenschaft, die sie ersetzt, - und sie ersetzt auch das Dämonische 
Es ist aber dafür gesorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen 
und wenn wir den »Teufelsdreck« erübrigen können, so ist uns doch noch' 
nicht gegeben, auf seinen chemischen Ersatz zu verzichten. 






IIIIIIIIIIII 



Soehen erschien das Sonderheft 

„KRIMI NOLOGfE" 

der „Imago , Zeitschrift für Anwendtm S der Psychoanalyse auf 

die JNatur- und Geisteswissenschaften", 

herausgegeben von Sigm* Freud 

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besessener Autofahrer -Staub; Psychoanalyse und Strafrecht -Staub: Praktische 
Schwieng-keiten der psychoanalytischen Kriminalistik - Fromm; Verbrecher und 
strafende Gesellschaft - B ernf eld; Die Tantalus-Situation - Haun: Strafe für 
Psychopathen ? 

Preis des Sonderheftes Mark 6.« 
Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Wien L 



■IDIIÜ 



— 358 — 



Von 

Ernst Blum 

Bern 

Lös' aus meinem Herz die Krallen, 
Heb' dich weg von meiner Schwelle, — 
Sprach der Rabe: Mmmermekn 
E. A. Poe : Der Rabe 

Keine Tiergestalt hat als Symbol in Sage, Märchen, Dichtung, Folklore 
Arohl eine derartige Verbreitung erfahren wie die des Raben. Jedermann ist 
üe Bedeutung dieses Vogels als Todes- und Unglückskünder, als Galgen- 
iüd Diebsvogel bekannt, sind die Ausdrücke wie „Unglücksrabe«, „Raben- 
nutter" etc. geläufig, sodaß es fast überflüssig erscheinen könnte, zu diesem 
Thema noch eine Mitteilung zu machen. 

Die folgenden Ausführungen sollen jedoch nicht nur die Symbolbedeutung 
des Raben bestätigen sondern zeigen, daß dieselbe als unbewußtes Erbgut 
im Menschen bereit liegen und sich ohne bewußte Kenntnis schon beim 
kleinen Kinde äußern kann. 

Daß bei 13- bis 15jährigen Schulkindern die Symbolbedeutung des Raben 
durchwegs bewußt und bekannt ist, nimmt nicht mehr wunder. Ich führe 
trotzdem das Ergebnis von 29 Aufsätzen über den Raben bei einer Schul- 
klasse an, die ich der Liebenswürdigkeit von Herrn H. Zulliger (Itti- 
gen) verdanke. Von diesen Aufsätzen enthält nur ein einziger keine direkte 
Symbolik. In den übrigen hingegen figuriert der Rabe 22mal als Todes- 
vogel, davon einmal als Kinderräuber. Zweimal wird er ganz allgemein als 
Unglücksvogel angeführt, und mehrmals als bloßer Dieb, der mit Vorliebe 
glänzende Gegenstände oder auch Seife stiehlt. Interessant ist ein Aufsatz, 
worin erzählt wird, wie ein Rabe einen Ring stiehlt, das Kind als Dieb an- 
geschuldigt und weggeschickt wird. Die Weisheit und Schlauheit des 
Vogels kommt in sieben Aufsätzen zum Ausdruck. Auch hier werden ihm 
prophetische Eigenschaften zugeschrieben. Wie als Todesvogel das Sterben 
so kann er als Vogel der Weisheit das Wetter voraussagen. Und zwar 
kündigt sein Erscheinen auf dem Dache Schnee, Winter oder Regen an. 
Einmal wird der Rabe als Begleiter des Teufels dargestellt, ein andermal 
als Vogel, der die Toten auffrißt. Die grausamen Eigenschaften des Tieres 
gibt eine Schilderung, wo ein Mann von einem Raben angefallen und zer- 
zaust wird, — In zweien der Aufsätze werden dem Raben auch die gegen- 

— 359 — 



teiligen Eigenschaften zugeschrieben: nämlich die eines Glücksvogels. In J 
nem Aufsatz zeigt sein Erscheinen die Genesung eines Kindes an. In einem 
andern ist seine Bedeutung schon mehr eine zwiespältige: bei seinem ersten 
Erscheinen kommt ein Kind zur Welt, bei seinem zweiten stirbt es. 

Von mehreren Aufsätzen lojähriger Schüler, die ich Herrn Dr. Grabe 
verdanke, lasse ich einen folgen: f 

Albert« Abenteuer. Das Häuschen von Alberts Eltern lag ein wenig vom 
Dorfe entfernt. Em großer Wald trennte sie voneinander. Eines Tages erkrankte 2 
Vater Es war schon Abend. Der elfjährige Albert mußte schnell ins Dorf eilen u !,h 
den Arzt holen Er war nie gern so spät noch durch den Wald gegangen. Weil erab„ 
.mmer an den Vater dachte, vergaß er die Angst ein wenig. Und nun trat er schnX 
Schrittes semen Weg an. Es war kaum halb 8 Uhr, als er ein lautes Gekrächz hörte 
Es schauderte ihn und er bekam eine solche Angst, daß er nicht mehr weiter konnte 
und wie gelahmt dastand. Auf einmal erhob sich ein ganzer Haufen Raben, die krä* 
zend um sein Haupt flogen. Da rief ihm einer ins Ohr; Wenn Du Dich nicht beeito 
so wird dem Vater sterben.» Aber das Wort „sterben« erweckte ihn aus seinem Schreden 

Er edte ms Dorf. Der Arzt hatte nicht Zeit selber zu kommen und gab ihm Mittel für den Vater" 
Als er nach Hause kam, ging er ins Bett und schlief ein. Als er am Morgen erwachte' 
sagte ihm die Mutter: Albert, unser Vater ist gestorben, tmd sie weinten beide sehr u m 
ihn. Nun ging Albert hmaus, um sich beim Brunnen zu waschen. Da saßen die Raben 
um den Brunnen herum und riefen in einem fort: Es geschieht ihm recht, es geschieh" 
ihm recht. Da erinnerte er sich an das vom letzten Abend. Als die Beerdigolg «£ 
h' K f 0g A\ ^ ab l\ hlnter dem Z ^ »-* -d liefen: Wir gratulieren Von 1 
an haßte Albert die Raben, und wenn er einen sah, warf er mit Steinen nach ihm! 

Im Verlauf einer Analyse bringt der Patient, von dem ich die nach- 
folgenden Ausführungen über die symbolische Bedeutung des Raben er- 
halten habe, folgende Phantasie oder, besser gesagt, Obsession aus seiner 
Kmdhett (drittes bis fünftes Altersjahr). Er träumte oder phantasierte ein 
großer Rabe sitze neben einem hohen Glas Milch, tauche seinen Schnabel 
in das Glas und trinke von der Milch. Das Glas ist in unappetitlicher 
Weise von daran haftenden Milchresten beschmiert. Der Knabe ekelt sich 
denn er soll den Rest der Milch selber austrinken. Diese Vorstellung, die 
sich hartnäckig, fast zwangsmäßig dem Kinde aufdrängte, stand in engem 
Zusammenhang mit realen Ekelgefühlen vor dem Milchtrinken. Der Knabe 
sowie seine um ein Jahr jüngere Schwester tranken tatsächlich nur gezwun- 
gen und mit größtem Widerwillen Milch, und er ekelte sich wirklich vor 
dem leeren beschmierten Glas. Dies ist um so auffallender, als der Knabe 
m den ersten zwei Jahren seines Lebens mit großem Behagen seine Flasche 
trank und fast unzertrennlich mit ihr war. Seine Schwester jedoch ist immer 
eine schlechte Trinkerin gewesen. Die Verdrängung seiner Sauglust bei der 
Entwöhnung von der Brust und schließlich von der Flasche übertrug seine 

— 360 — 



Jnlustgefühle auf die Milch selbst. Schließlich war es die Ankunft seines 

hwesterchens, welche ganz besonders ihn zum Verzicht seiner Säuglings- 
o-ewohnheiten zwang, ihm also das Milchtrinken „verekelte". 

Die Phantasien, die der Knabe sich über den Raben machte, standen in 
enger Beziehung zu einem andern Vogel, welcher den Raben ersetzen konnte, 
zur Eule. Es war also zeitweilig auch eine Eule, welche wie der Rabe aus 
dem Milchglase trank. Die beiden Tiere kannte der Knabe aus einem Bilder- 
buch. Hier fand sich ein Rabe dargestellt, der ein totes Tier verzehrte. Ein 
anderes Bild stellte eine im Walde sitzende Eule dar. Dieses konnte er nie 
anschauen, ohne heftige Angst zu empfinden. Schließlich kam es soweit, daß 
er die Seite in seinem Bilderbuche, auf der Rabe und Eule abgebildet waren, 
möglichst rasch überging, um sie nicht zu Gesicht zu bekommen und die 
Angst zu vermeiden. 

Zu der Eule fiel dem Analysanden zunächst das Märchen „Kalif Storch" 
von Hauff ein. Das Grab dieses Autors hatte er während seiner Kinderzeit 
häufig Gelegenheit zu besuchen, da es sich in einer Friedhofanlage befindet, 
m welche er und seine Schwester von dem Kindermädchen oft spazieren 
geführt wurden. Bei dieser Erinnerung betont er besonders, daß er bei den 
Spaziergängen zu Fuß ging, während seine Schwester gefahren wurde. 
Auch bei diesen Erinnerungen kann er sich des Gefühls des Unheimlichen 
nicht erwehren. 

Den Raben, so meint er, müsse er als unheimlichen Vogel aus einem 
Märchenbuch kennen gelernt haben. Die Märchen fallen ihm aber nicht ein, 
dagegen zu seiner Verwunderung ein anderes, in dem ein ungestaltes und 
unwillkommenes Kind, ein »Wechselbalg", von Zwergen fortgeschafft wird, 
zur Genugtuung der ganzen übrigen Familie. Ferner erinnert er sich, in einem 
Bilderbuch die Geschichte von den bösen Vogeldieben gesehen zu haben, 
wo zwei Buben mit einer Leiter ein Raben nest plündern wollen und von 
den Rabeneltern tüchtig zerzaust werden. Diese Erinnerung vermischt sich 
mit einer andern, an eine Bildergeschichte, in welcher ein Knabe von zwei 
Enten fortgetragen wird, weil er die Entenkinder neckt. (Beide Geschichten 
stammen von Busch.) Die Einfälle werden von dem Analysanden noch er- 
gänzt durch das Auftauchen einer weiteren Deckerinnerung: Im Garten des 
Wohnhauses, in welchem er seine erste Jugendzeit verbrachte, stand im 
Bassin des Springbrunnens ein Storch. An ihn konnte sich der Analysand 
nie erinnern, sondern nur an die Tatsache, daß er gestohlen worden war. 

Der weiße Storch wurde in Gegensatz gebracht zum schwarzen Raben. 
Der Storch war aber in der Phantasie des Knaben der Vogel, welcher das 
Schwesterchen gebracht hatte. Wie wenig froh er die Ankunft dieser Kon- 

— 361 — 



der Analysand den 



kurrentin aufnahm, zeigt nun auch die Tatsache, daß 
Storch geradezu „wegerinnert" hat. 

Der Rabe wurde nun im Gegensatz zum Storch der Vogel 
welcher das Geschwisterchen wieder holen, fortbringen 
sollte. 

Wie wir bereits erwähnt haben, hat die Ankunft des Schwesterchens den 
Knaben von der Mutter weggedrängt und seine bei der Entwöhnung ent- 
standenen Unlustgefühle neuerdings geweckt. Damit waren Neid und Todes" 
wünsche gegen die Konkurrentin erwacht. Als der Knabe dann sah, wie seine 
Schwester durch ihr schlechtes Trinken sich zum Mittelpunkte der Aufmerk- 
samkeit machte, suchte auch er auf gleiche Weise sich wieder in den Vorder- 
grund zu drängen, indem auch er zum schlechten Trinker wurde. Daß S *J 
daraus Ekelgefühle gegen das Milchtrinken entwickelten, war die Folge von 
Schuldgefühlen, welche die Todeswünsche gegen seine Schwester (von der er 
sich ja erinnern will, daß sie auf den Friedhof gefahren wurde), in ihm 
erzeugten. Die Selbstbestrafungstendenzen unter anderem führten zur Identi- 
fizierung mit der Schwester, machten aus ihm nicht nur gleich ihr einen 
schlechten Milchtrinker, sondern bedrohten ihn auch mit dem gleichen Schick- 
sal, wie er es selber seiner Schwester gewünscht hat. 

Ihre Personifizierung fanden diese Schuldgefühle in der Gestalt des Raben. 
Zunächst war ^hm die Bedeutung dieses Angsttieres völlig fremd, und er 
fand auch den Zugang zu dessen Kenntnis nicht. Wie erwähnt, erinnerte 
er sich nur an die Tatsache, daß er vor dem Raben im Bilderbuch Angst 
verspürte, und an die Geschichte, in welcher ein Kind, in dem wir jetzt 
seine Schwester erblicken müssen, unerwünscht zur Welt kommt und weg- 
gebracht wird. Dieses Märchen sowie dasjenige vom „Kalif Storch" zeigte 
jedoch den Weg zu weiteren Einsichten. Sie rührten zunächst aus weiterem 
Märchenmaterial her. Dem Analysanden fielen die Grimmschen Märchen von 
den „Sieben Raben" und den „Zwölf Brüdern« ein. Sie haben folgenden 
Inhalt : 



Die zwölf Brüder, Bei der Geburt eines Töchterchens will der König seine 
zwölf Söhne töten lassen, damit die Tochter den ganzen Reichtum ungeschmälert besitze. 
Die Knaben fliehen aur Anraten der Mutter in den Wald und hausen dort zusammen. 
Die heranwachsende Schwester sucht ihre Brüder auf. Obwohl sie ihr früher den Tod 
geschworen haben, nehmen die Brüder sie doch bei sich auf. Sie leben gemeinsam, bis 
die Schwester im Garten zwölf Lilien bricht. Das waren aber ihre Brüder, welche nun 
in Raben verwandelt wurden. Durch sieben Jahre langes Schweigen befreit die Schwester 
ihre Brüder. 

Die sieben Raben, Bei der Geburt eines Töchterchens verwünscht der Vater 
seine sieben Söhne, die mit dem Weihwasser zur Taufe zu lange ausblieben. Sie werden 

— 362 — 



. R a ben verwandelt. Später macht das Mädchen sich auf, ihre Brüder zu suchen. Mit 
ijilfe eines ßeinchens, das ihr eine gute Frau gegeben, sollte sie den Glasberg auf- 
schließen, in welchem die Brüder lebten. Sie verliert es und schneidet sich selbst einen 
Finder ab, öffnet damit den Berg und befreit ihre Brüder. 

Mit der aus den Märchen gewonnenen Erkenntnis wird nun die Kind- 
heitsphantasie unseres Analysanden durchsichtiger. Der Rabe ist der Vogel, 
welcher die Schwester wieder mit sich fortnehmen soll. Er ist aber auch, die 
Schwester selbst. Wie im Märchen wurde sie zum Raben verwünscht. 
Aber die Erfüllung des Wunsches ist nur teilweise geglückt. Auch in der 
Gestalt des Vogels beansprucht sie noch die Milch, um derentwillen sie ver- 
wünscht worden war, für sich, und rächt sich damit, daß sie, aus dem 
Schuldgefühl des Knaben wieder geboren, ihn in dieser Gestalt beim Milch- 
genusse weiter stört. Damit hat sich aber die Phantasie unseres Analysanden 
als die Phobie seiner Kindhext entpuppt, welche in späteren Jahren zwar 
verblaßte. Erst durch die Analyse fand sie ihre definitive Erledigung. Bis da- 
hin spielte der Rabe in der Phantasie des Analysanden weiterhin eine ge- 
wisse Rolle, und zwar immer wieder als Todesvogel, welcher nun allerdings 
nicht mehr die Schwester, sondern (wie wir gesehen haben, nach dem Vor- 
gang der Selbstbestrafung und Identifizierung) den Analysanden selbst ver- 
folgte. Mit dieser Weiterwandlung konnte die ursprüngliche Phobie im 
Sinne eines mißglückten Heilungsversuches zwar verblassen, aber nicht de- 
finitiv erledigt werden. 

Noch in seinem dreiundzwanzigsten Altersjahre zeichnete der Analysand 
immer wieder einen Jüngling, sich selber, der am Galgen hing, auf welchem 
ein Rabe saß. Über das Bild schrieb er jeweilen das Sprüchlein : „Und da 
wollte er wieder runter und da konnte er nicht und da hackten ihm die 
Raben ins Gesicht." Eine andere ähnliche Zeichnung von ihm, die er eben- 
falls vielmals variierte, zeigte den Raben, wie er ein unverkennbar anales 
Geschenk auf das Haupt des Gehenkten niederfallen läßt. Sie war betitelt: 
„Tot und doch beschissen." So offenbarte der Zeichner in diesen scheinbar 
witzigen Bildern die Tragödie seiner Schuldgefühle. 

Die beiden Zeichnungen bieten aber weiter Hinweise für die Rolle des 
Raben, Es sind dies die Beziehungen zum Analen und zur Kastration. Hier 
ergeben sich die Konflikte mit dem Vater, die Urkonflikte des Ödipus- 
komplexes, welche ebenfalls in der Rabenphobie ihren Ausdruck finden. Ist 
es doch nicht nur die Schwester, sondern in ganz anderer Weise auch der 
Vater, welcher dem Knaben den Platz bei der Mutter streitig macht, wie es 
ja auch in den Märchen der Vater ist, welcher die Söhne zu Gunsten der 
Schwester verwünscht. 

— 363 — 



Die analen Eigenschaften des Raben, als desjenigen Vogels, welcher 
das unerwünschte Geschwisterchen wieder fortschafft, gewinnt nun Beziehu * 
gen zu weiteren Kindheitsphantasien des Analysanden, Er stellte sich nämlich 
die Entfernung des Kindes auf dem gleichen Wege vor, wie diejenige de 
Kotes und bringt auch für diese Auflassung eine Erinnerung als Beleg. J 
war Zeuge, wie neugeborene junge Katzen in einer Jauchegrube ertränkt 
wurden. Dieses Erlebnis gewann noch eine besondere Bedeutung dadurch 
daß der Eigentümer dieser Katzen gerne ein Junges behalten hätte, wenn 
er ein männliches Tier unter ihnen gefunden hätte. Der Analysand erinnert 
sich, wie die jungen Katzen auf ihr Geschlecht hin untersucht wurden und 
weil es alle „Mädchen" waren, den Tod erleiden mußten. 

Wir erfahren, daß der Knabe seinem ebenfalls weiblichen Geschwisterchen 
dasselbe Schicksal wünschte, wie er es bei den Katzen erlebt hat. Von hier 
aus ergeben sich Beziehungen zu einer weiteren Angst des Knaben, die er 
jeweilen beim Aufenthalt im Abort verspürte. Daß sich diese Angst noch 
besonders steigerte, wenn er dort die Spülung zog und das Wasser rauschen 
hörte, hat ebenfalls seine Determinierung, welche gleichsam das Gegenstück zur 
Rabenphobie bildet und in der Bedeutung des Storchs gefunden werden konnte 
Wir haben bereits gesehen, daß der Storch, in Farbe und Funktion Anti- 
pode des Raben, von dem Knaben „weggewünscht" worden war. Nun fin- 
den wir weitere Beweise für den Gegensatz des anal-sadistischen Raben zum 
urethral-genitalen Storch: 

Der Weiher oder das Bassin nämlich, in welchem der Storch ursprüng- 
lich gestanden haben soU, war der Schauplatz seiner Versuche, den Wasser- 
strahl zu „meistern". Der Analysand erinnert sich, wie er sich immer ver- 
geblich bemühte, den Strahl des Springbrunnens abzustellen. Auch bei zwei 
wasserspeienden Fröschen mißlang dieses Experiment. Diese Angaben 
stellten sich als Deckerinnerungen heraus, welche seine Bemühungen betrafen, 
seinen eigenen Harnstrahl in Gewalt zu bekommen, das Bettnässen aufzugeben! 
Der wasserspeiende Frosch (welcher dann vom Storch-Vater gefressen wurde) 
spielte als Identifizierungsobjekt („Totemtier") ebenfalls eine wichtige Rolle, 
während uns der Storch (-Vater) wieder zum Ausgangspunkt unseres Märchen- 
materials, nämlich zum „Kalif Storch" führt. 

Zur symbolischen Bedeutung des Storches bringt der Analysand noch 
weitere Hinweise, u. a, folgenden Traum: 

Jck bin auf einer großen, ebenen Wiese, Vielleicht ist meine Schwester dabei. Wir 
treffen einen großen Vogel, wie ein Storch. Es ist ein richtiger Geistervogel Statt dem Hals 
steht man die nackte Wirbelsäule, die Knochen. Statt der Federn hat er zerknittertes Perga- 
ment. Es ist ein Unglücksvogel, man sollte ihn töten. Ich tue es aber nicht. Der Vogel ver- 

— 364 — 



r 



Ahndet. Nun gehe ich allein über die Wiese, einem Graben, in welchem Wasser fließt, 

I j) a begegnet mir der Vogel wieder. Ich töte ihn mit einem spitzen Instrument.'' 

Man beachte in diesem Traume wieder die Beziehung des Storches zum 

Wasser (Urethralerotik), einem Graben, der zum Entwässern dient. Der 

<?rorch ^d hier nicht nur als Vogel, welcher die Schwester gebracht hat, 

deutet, sondern auch als Todesvogel (Gerippe), der die Schwester wieder 

f rtninimt („Vielleicht ist meine Schwester dabei" — und nachher ist 

j er Analysand allein). Der Storch stellt hier den steril gewünschten Penis 

, Vaters dar, der keine Kinder bringt, (andrerseits in Identifizierung mit 

« m Y a ter die durch die eigenen Schuldgefühle sterile Liebe [Kastration] des 

Analysanden selbst). 

Wir sehen hier die ursprüngliche symbolische Bedeutung des Storches ins 
Gegenteil verkehrt. Er wird zum Tier, das die Kinder entfernt. Diese 
Eigenschaft repräsentiert aber ursprünglich der Rabe, welcher somit immer 
deutlicher das Gegenstück zum Storch darstellt : 



I 



Storch Rabe 

weiß schwarz 

urethrale (genitale) Funktion anale (sadistische) Funktion 
bringt die Kinder entfernt die Kinder 

(Penis) (Kot) 



In der geschilderten Rabenphobie unseres Analysanden zeigen sich fol- 
gende Vorgänge : 

Eswunsch: Entfernung der Schwester, Entfernung des Vaters, Besitz 
der Mutter(-brust). 

Ichbewältigung: l) Durch Verstärkung und Neuaufrichtung von 
Verboten: Trinkverbot, Ekel, Schuldgefühle, deren Sinn dem Ich fremd 
bleiben, weil sie dem Es gelten. 

2) Durch Verschiebung und Verdichtung : Verschiebung der Todes wünsche 
auf ein Totemtier, das Schwester und Vater zugleich darstellt. 

3) Wendung gegen die eigene Person : die Todeswünsche des Es richten 
sich gegen das eigene Ich. 

4) (Alloplastische) Regression auf totemistische Stufe : der Rabe als Totem- 
tier, Märchenvogel, Symptom hat durchaus gleiche Symbolbedeutung. 

5) (Autoplastische) Regression auf anal-sadistische Stufe : Rabe, Vater, 
Schwester werden wie Exkremente „entfernt". An Stelle des Verbotes und 
der Schuld treten Beschmutzen und Ekel. Sadistische Auswirkung der Schuld- 
gefühle (Rabenphobie) gegen die eigene Person. Der Konflikt wird auf der 
analen Stufe ausgetragen. 

Die Symbolbedeutung des Raben tritt nicht nur in dem individuellen 



— 365 — 



Analysematerial aut, sondern zeigt sidj in gleidier Weise in dem „ 
^erten Material. Die eingangs angeführten Enderaufsätz Tpie^ ^ 
gle^er We Ise wieder, wie die Märchen. In „Alberts Abenteue^ Ü 
S 360) symbotoen die Raben die verdrängten Todeswünsche auf , 

I; ;* w ie edi r g bei deren Myi -«- * *»■ **£ z d ; 

Raben die weggewünschten Personen (Geschwister) selbst *' 

In Aussprüchen des Volksmundes finden wir dieselbe Sv^ik ., 
de, Raben: Als Rabeneltern« werden * ^£^£"3 
Kmder wegwünschen. Die sadistischen Eigenschaften kommen uL, no* d * 
kcher aber m den Bezeichnungen wie .Galgenvögel« und in r P« * 
-rung des Raben als Unglückskunder zum VoLein, di ^ Üff 

usw.). Schheßhcfi zeigt sich die anale Bedeutung auch in der BeziehuTT 
Raben zum Münzwesen (Geld = Kot): au f den nngaristen GomTI ^ 

„Rabendukaten« oder „güldner Rabe« verlieh, der sich schließlich 1 d 
kleine schwedische Kupfermünze, den „Rappen« (= ein Centime) h 
trug und noch heute geläufig ist. 4 **** 

wenlt d l L -r at 7 f Wird ^ RabC * Symb ° Itier «»aiV Male ver 
wende, In lhrdft e emes der berühmtesten Werke da S Ö Gedicht Z 

^es Gedil ^ ^^ ^ * * - Analytiker bietet 

:: fSTL^T^ darsteuen * L - iJ r ^ ü 

Tbunl -f,!" dCT gaMen Kom P™ ni*ts auf Zufall oder Ein 
gebung zurückzuführen ist, daß vielmehr das Werk Schritt für sT„ 
der Scheit und Folgerichtigkeit einer mathematisL ^3^^ VI 
endung entgegengegangen ist". S er VoU " 

hun,^ d r An , 3lytiker erSdlebt diCSe gdehrte Abhandlung und Bemü- 
urAutand d d-T-f kUndärC **°°**™*' <les ^ters. gZI 
d ß tnTt , Tk , MUhe ' ^ WeIAer P ° e dCn B ™ -bringen will 
spielt hat , £ \ der SdlaffUng ^«Gedichtes keine Rolle £. 

mdt hat, erwecken den Verdacht, daß Poe damit vor sich und dem dir 
«ehr ^verstecken will, als er sich selbst eingestehen kann, daß er d e Au^ 
vor der Dämon« semes eigenen Unbewußten schließt, das ihm sein Wel 
2 uen hüllen droh, Beschreibt er doch die Stimmung des E^gTL & 
dt^t (also semer Selbst) als „gemisdu aus Aberglauben und J^LTvt 
zwetflung, d ie m Qualen süße Wonne erzeugt«. 



— 366 — 



Ohne weiteres erinnert diese Stimrnungslage an die unseres Analysanden, 
dessen oben erwähnte Rabenphobie die gleichen Gefühlssituationen zum 
Ausdruck bringt. 

Bei Poe verkörpert der Rabe als „bird of ill-omen", (Vogel von böser 
Vorbedeutung), als „prophetischer und dämonischer Vogel" ebenfalls nichts 
anderes als die unbewußten Regungen des Dichters selbst. Er ist, wie der 
Autor sogar selbst zugibt, die Verkörperung der Schuldgefühle und Selbst- 
bestrafungstendenzen (vgl. hiezu auch das Zitat eingangs dieser Arbeit). Die 
Parallele mit unserem Analysanden ist hier in die Augen springend. (Es sei 
hiezu ausdrücklich bemerkt, daß der Analysand sicher keine Kenntnis von 
dem Gedicht Poes gehabt hat). 

Worauf sich diese Schuldgefühle beziehen, erfahren wir aus einer Stelle 
des Gedichtes, welche der Dichter selbst als Höhepunkt — Climax — bezeichnet : 



Schwor, Prophet, Geschöpf der Hölle, 
Ob nun Vogel oder Teufel, 
Schwör mir leidbeladner Seele, 
Werd' ich einst im fernen Eden 
In die Arme schließen dürfen 
fenes strahlend seltne Mädchen 
Dessen Marne, Leonore, 
Widerhallt im Engelchore 
Sprach der Rabe : Mmniermekr 



Es ist die Trauer um den Verlust eines Mädchens, es ist die Frage nach 
dem Schicksal eines Mädchens, dessen Geschick im ungewissen Jenseits der 
Dichter zu erfahren wünscht — und nie erfahren wird — nevermore. Mit 
diesem ewigen Zweifel verschafft er sich ewige Qual. 

Dieser Zustand des Dichters ist nur erklärbar aus seiner ambivalenten 
Einstellung zum Objekt seiner Erinnerungen. Auch hier gelingt es uns 
ohne weiteres, die Parallele zu unserem Analysanden zu ziehen. Die Ge- 
fühlseinstellung des Dichters zu Lenore ist dieselbe wie die des Analysanden 
zur Schwester. 

Dem Analytiker sind solche Schuldeinstellungen zu verlorenen Liebes- 
objekten gut bekannt: die unbewußten Todeswünsche auf die verstorbene 
Person sind durch deren Tod quasi realisiert und erwecken die Schuld- 
gefühle und selbstquälerischen Tendenzen, wie wir sie bei dem Analysanden 
nachweisen konnten und wie sie Poe in seinem Gedichte äußert. Die Per- 
sonifizierung dieser Schuldgefühle geschieht aber bei Beiden in die Gestalt 
des Raben und „macht ihn zum Symbol der trauernden und nimmer en- 
denden Erinnerung". 

— 367 — 



Genau wie der Rabe in der Angstphantasie des Analysanden immer 
wieder beim beschmierten Milchglas sitzt, so läßt er sich auch aus dem 
Zimmer des Dichters nicht mehr vertreiben ; ist zur Obsession geworden • 



Und der Rabe rührt sich nimmer, 
Hockt noch immer, hockt noch immer 
Auf der bleichen Pallasbüste, 
Stierend in das stumme Zimmer. 
Seiner Augen Dämonfunken 

Trunken sind in Traum versunken, 
Und im trüben Lampenschimmer 
Fließt sein Schatten mir zu Füßen. 
Wird empor aus diesem Schatten 
Einst sich meine Seele raffen ? 
Mmmermehr ach nimmermehr 



ECHO d e t 

HOANALYSE 



Sigmund Freuds 75. Geburtstag 

Am 6. Mai dieses Jahres vollendete Sigmund Freud sein 75. Lebens- 
jahr. Sein Wunsch, daß Ehrungen und Veranstaltungen aus diesem Anlaß 
unterbleiben sollen, vermochte manches, nicht alles zu verhindern. Für seine 
nächste Umgebung, seine Schüler war aber die Beachtung jenes Wunsches 
jedenfalls eine Pflicht. Die „Internationale Psychoanalytische Vereinigung 
und fast alle ihr angeschlossenen Landesgruppen haben von der Veranstal- 
tung öffentlicher Freud-Feiern abgesehen, und die psychoanalytischen Zeit- 
schriften haben es unterlassen, Festschriften zu veröffentlichen. Diese Zeit- 
schrift kann sich allerdings ihrer Verpflichtung, das „Echo der Psychoanalyse" 
zu registrieren, nicht entziehen und soll daher kurz berichten über die 
Äußerungen und Veranstaltungen, die anläßlich des 75. Geburtstages von 
Sigm. Freud in der Öffentlichkeit vorgefallen sind, und zwar in der Haupt- 
sache außerhalb der psychoanalytischen Organisationen und eigentlich ohne 
Mitwirkung ihrer Angehörigen vorgefallen sind. Es muß auch nicht gesagt 
werden, daß einer solchen Übersicht der Anspruch auf Vollständigkeit ver- 
sagt werden muß. Weder ist uns alles zur Kenntnis gelangt, was zum 



368 — 






I Mai 1931 m der Öffentlichkeit gesprochen und geschrieben worden ist, 
n och vermag es unsere Absicht zu sein, aus den uns bekannt gewordenen 
Äußerungen mehr als eine Auswahl zu referieren. 

Wir beginnen mit Wien und nennen zuerst die Festsitzung, die der 
Akademische Verein für medizinische Psychologie" im 
großen Saale der „Gesellschaft der Ärzte" abhielt. Daß gerade diese Ge- 
sellschaft, die übrigens Freud kurz vorher zum Ehrenmitglied gewählt hatte, 
ihren Saal zu diesem Zweck zur Verfügung stellte, gab der Tagespresse zu 
manchen Glossen Anlaß, wobei auf die sarkastischen Stellen bei Freud hin- 
gewiesen wurde, in denen er die seinerzeitige zum Teil frostige, zum Teil 
höhnische Aufnahme der psychoanalytischen Entdeckungen durch die „Ge- 
sellschaft der Ärzte" schilderte. Die „Gesellschaft der Ärzte" ließ sich an 
dieser Festsitzung durch die Professoren Eiseisberg und Wagner- Jauregg 
vertreten. Die beiden Festreden hielten die Professoren Pötzl und Gomperz. 
Prof. Pötzl würdigte die Bedeutung der Psychoanalyse für die klinische 
Psychiatrie und versuchte zu erklären, warum die Wiener „Schulpsychiatrie" 
sich der Psychoanalyse nur allmählich und eigentlich recht spät zuwenden 
konnte. Prof. Heinrich Gomperz schilderte in einem formvollendeten 
Vortrag, was jede der einzelnen Geisteswissenschaften (die Psychologie, die 
Pädagogik, die Kunstwissenschaft, die Religionswissenschaft, die Soziologie 
usw.) Sigmund Freud zu verdanken hat, und zwar nicht nur zufolge der 
unmittelbaren Beiträge Freuds und seiner Schule zu diesen Disziplinen, son- 
dern durch die Neubefruchtung aller Geisteswissenschaften von Grund aus. 

Ein Teil der Wiener Tagespresse hat es nicht versäumt, am 6. Mai auf 
die Persönlichkeit Freuds und die Bedeutung seines Werkes hinzuweisen. 
Vor allem sei die „ Wiener Allgemeine Zeitung" angeführt, die zweieinhalb 
Seiten dem 75. Geburtstag Freuds widmete. Der Leitartikel (von Paul 
Deutsch) schließt mit den Sätzen: „Sigmund Freud teilt das Schicksal aller 
großen Revolutionäre der Geistigkeit. Gegen ihn arbeitet das seelische und 
gedankliche Trägheitsgesetz solange, bis jener Spannpunkt erreicht ist, an 
dem der Traditionalismus in Stücke zerreißt. Weit davon entfernt sind wir 
heute auch in Österreich nicht mehr. Wenn heute die Gesellschaft der Ärzte, 
in der Freud einst so grausam verhöhnt wurde, ihn auf den Würdestuhl 
eines Ehrenmitgliedes erhebt; wenn die offiziellen Ehrenträger der Wissen- 
schaft ihm Lorbeerkränze winden und, wie Wagner- Jauregg sehr fein be- 
merkt, sich als allergetreueste Opposition bekennen, dann wird die Wen- 
dung deutlich spürbar. Die Befestigung des strengen Determinismus, von 
Spinoza ererbt, von der modernen Naturwissenschaft als Grundprinzip an- 
erkannt ; der begeisterte und begeisternde Antikonfessionalismus ; die Spren- 
gung der Barbarenketten des blinden Glaubens und der blöden Verant- 
wortlichkeit — das alles sind Errungenschaften, die die Menschheit um ein 
Stück über sich hinauswachsen lassen, und die wir diesem einzigen Manne 
verdanken. Wenn wir geistigen Österreicher sein Altersjubiläum am heutigen 

PiA. Bewegung HI — 369 — u 



Tage feiern, dann tragen wir zu seiner Ehre nicht viel bei, wohl aber se h 
viel zur Ehre unseres Landes." 

Dem Leitartikel schließt sich die Wiedergabe eines Abschnittes aus Freud, 
„Geschichte der psychoanalytischen Bewegung" an. Es folgen dann zw 
Zuschriften von Prof. Wagner- Jauregg und Prof. Karl Bühler. Prof. W a ,' 
ner-Jaur egg verteidigt die Schulpsychiatrie gegen den Vorwurf, sie habt 
die Psychoanalyse verkannt. Der Kern der Freudschen Errungenschaften 1 
anerkannt worden. „Der Kampf ging nur um den Umfang, in dem I 
Geltung beanspruchten. Solch eine ,allergetreueste< Opposition ist nicht von 
Schaden Prof. Bühl er zieht eine Parallele zwischen Schopenhauer uj 
*reud. In emem Punkte seien die beiden Denker sehr verschieden. „Muten 
uns die späten Schriften des Einsiedlers in Frankfurt an, wie das Produkt 
eines Ausruhenden, einer gesättigten Muse, so wächst im Gegenteil die 
innere Spannung, das Ringen mit neuen Problemen im Schaffen Freuds 
Wer weiß, welch neue Überraschungen die nächste Schrift des nun 75 jäh* 
ngen den ihm Ferner- und den ihm Nahestehenden bringen wird? Es 1 
eine volle Bewunderung vor der rücksichtslosen Selbstkritik und dem unge 
brochenen Fortschrittswillen im Werke Freuds in dem Glückwunsch enthal- 
ten, den ich ihm heute als einer seiner Kritiker darbringe." 

Des Ferneren veröffentfichte die „Wiener Allgemeine Zeitung" einen Auf 
satz von Dr. Hit seh mann, „Was ist Psychoanalyse?«, und einen von 
Dr. Friedjung, „Freud und das Kind", ferner einen Artikel über Freud 
und die Gesellschaft der Ärzte, Reproduktionen von Freud-Bildnissen und 
Freud-Kankaturen und eine Abbildung der n-bändigen Freud-Gesamt- 
ausgabe. 

In der „Arbeiter-Zeitung" (6. Mai) spricht PaulSzende die 
Befürchtung aus, daß einzelne „Elemente in dem neuen Entwiddungsab- 
schnitt der Freudschen Theorie" (besonders „Das Unbehagen in der Kultur") 
der Reaktion es eines Tages ermöglichen werden, die Psychoanalyse 
ihren Zwecken nutzbar zu machen. Es stecke auch hinter den Grundbegriffen 
Freuds „das metaphysische Teufelchen". Die Triebzweiteilung Freuds ent- 
springe zwar der Erfahrung, entwickle sich aber letzten Endes zu einem 
Werturteil, denn Eros werde als gutes und Destruktion als schädliches 
Prinzip betrachtet. „Das Schlagwort über die Wertlosigkeit der Kulturent- 
wicklung und über die Nutzlosigkeit sozialer Reformen wird am häufigsten 
von der Kirche und von den gegenrevolutionären Richtungen benützt. Es 
ist daher höchstwahrscheinlich, daß sie sich einmal der psychoanalytischen 
Metaphysik bemächtigen werden. Die Kirche bekämpfte bisher die Psycho- 
analyse, weil diese die herrschende Rolle der sexuellen Triebe als 
naturwissenschafdiche Tatsache gelten Heß. Wird aber das Sexualleben nicht 
mehr als erfahrungsmäßige Naturerscheinung, sondern als ein Kampf zwi- 
schen dunklen und mystischen Mächten, zwischen dem moralischen Ich und 
dem unmoralischen Es, zwischen Eros und Destruktionstrieb angesehen, dann 

— 370 — 



r 



ist der Übergang zu der kirchlichen Lehre leichter zu bewerkstelligen. Die 
fleischlichen Gelüste sind Einflüsterungen des Teufels ; die göttliche Gnade 
befähigt aber die Menschen, sie zu verdrängen oder zu vergeistigen, subli- 
mieren. Moderne Beichtväter wenden seit langem uneingestanden psycho- 
analytische Methoden an; sie haben entdeckt, daß diese ihnen über die 
Seele der von unerfüllten sexuellen Regungen gepeinigten Frauen eine viel 
größere Macht verleihen als ihre bisherigen Methoden." 

Ein Artikel von W. F. J. im „Neuen Wiener J o u r n a 1" (6. Mai) 
geht vom Motto der „Traumdeutung" aus. Das „Acheronta movebo" gilt 
auch für den Widerhall, den Freud hervorgerufen hat. Der Widerstand 
gegen die Psychoanalyse biete selbst ein typisches Beispiel der Äußerungen 
der seelischen Unterwelt. 

Alfred Winterstein in der „Neuen Freien Presse" (6. Mai) : „Etwas 
von der Luft um den Türmer Lynkeus aus Faust II lebt in der geistigen 
Atmosphäre der beiden letzten Werke, der Bück bohrt sich nicht mehr so 
tief und ausschließlich in die Schächte und Schichten der gestörten Einzel- 
zelle, sondern schweift aus Turmeshöhe, betrachtend und verknüpfend, in 
die Ferne der Vergangenheit und der Zukunft. Freilich ist es kein Preis- 
und Freudenlied, das dieser Türmer anstimmt ..." 

In einer besonderen Glosse beschäftigt sich die „Neue Freie Presse" mit 
Freud als Wiener. „Sigmund Freud, der heute seinen fünfundsiebzigsten 
Geburtstag feiert, ist ein Wahlwiener. So wenig wienerische Züge seiner 
starken Persönlichkeit auch anhaften mögen. Kein Mann der Konzessionen 
und Kompromisse. Keiner, der einem faulen Frieden zuliebe mit sich und 
seinen Überzeugungen handeln ließe. Er hat es auch zeitlebens nicht über 
sich gebracht, den ,Gemütlichen* zu spielen, der Neugier der großen Menge, 
sei es um den kleinsten Schritt, entgegenzukommen. Und doch ist es diesem 
Kenner der Hohen und der Tiefen der menschlichen Seele gewiß kein 
Geheimnis geblieben, daß der Mensch im allgemeinen, der Wiener im be- 
sonderen, von den Helden, denen er Verehrung entgegenbringen soll, auf 
alle Fälle verlangt, daß sie sich ihm gelegentlich im Schlafrock und in Pan- 
toffeln zeigen mögen. Dafür freilich ist Sigmund Freud niemals zu haben 
gewesen. Es ist gewiß mehr als ein bloßer Zufall, daß nie und nimmer 
von ihm eine billige Anekdote erzählt oder irgend ein harmloses Scherz- 
wort zitiert wurde. Er selbst hat gelegentlich sein Verhältnis zu Wien und 
den Wienern mit der ihm eigenen Unbefangenheit, die sich über alle Kon- 
sequenzen hinwegsetzt, gekennzeichnet und bei dieser Gelegenheit den Wal- 
lenstein zitiert. Er hat sich ebenfalls nicht wenig darauf zugute getan, daß 
er die Wiener um manchen Spektakel betrogen hat. Darum mischte und 
mischt sich in die Bewunderung, die man diesem Propheten im Vaterland 
entgegenbrachte, zu allen Zeiten eine leise Scheu." 

„Der Tag" (6. Mai) veröffentlicht einen Aufsatz von Dr. J., der be- 
sonders Freuds Bedeutung in der Medizin erörtert, und druckt ein Bruch- 



371 



24* 



" 



stück aus dem in dieser Zeitschrift erschienenen Essay von Fritz Witteis 
über „Goethe und Freud" ab. In einer Glosse am 8. Mai schreibt ferner 
dieselbe Zeitung : „Nur eine Gratulation hat man wieder vermißt : die des 
offiziellen Österreich. Das Unterrichtsministerium, seit Jahr und Tag einer 
reaktionären Partei als Domäne ihrer unbeschränkten Machtentfaltung zuge- 
wiesen, hat noch immer nicht eingesehen, daß es den Ruf unseres Landes 
schädigt, indem es sich blind und taub stellt, wo es seine Aufgabe wäre, 
das Ansehen der Republik würdig zu wahren. Die Bedeutung des Forschers 
und Arztes Sigmund Freud könnte natürlich weder durch einen Orden noch 
durch ein Handschreiben erhöht werden, aber es bleibt eine Schande ffflj 
die zuständige Stelle und für das ganze Land, daß ein großer Österreicher 
in der ganzen Welt anerkannt, verehrt und gepriesen wird, nur nicht in 
Österreich. Die Cliquen, die, aus lauter Mittelmäßigkeiten, aus Gschaftlhubern 
und Adabeis zusammengesetzt, sich Tag für Tag wichtig machen, können 
es nicht ertragen, daß ein Mann, der nur deshalb Großes schaffen konnte, 
weil er nicht einer der Ihren ist, weltberühmt wurde ... Der Name 
Sigmund Freud wird genannt werden, wenn die paar Dutzendpolitiker, die 
jetzt mit großem Aplomb lächerliche Jubiläen feiern, längst vergessen sind, 
ja, man wird die Bücher des außerordentlichen Professors Sigmund Freud 
hoch in Ehren halten, wenn von manchem ordentlichen Professor nicht mehr 
die Rede ist. Sigmund Freud, der Vater der Psychoanalyse, kann sich leicht 
über die Takt- und Geschmacklosigkeit der österreichischen Behörden hin- 
wegtrösten. Er ist wahrhaftig nicht darauf angewiesen, von irgend einem 
Funktionär angestrudelt zu werden, aber die Republik ist darauf angewiesen, 
die großen Österreicher für sich zu reklamieren. Diese patriotische Pflicht ist 
im Fall Freud gröblich vernachlässigt worden." 

„Die Stunde" (7. Mai) erörtert den Wert des Phänomens Freud für 
Österreich: „Das bloße Vorhandensein eines so einmaligen Menschen wie 
Freud wirkt beinahe wie ein Gesundheitsattest eines Landes, das 
ihn mit Ehrerbietung seinen Sohn nennen darf. Eine geistige Landschaft, 
die einen Freud hervorgebracht hat, kann nicht dem Untergang geweiht 
sein. In dem tollen Ziffernkankan, der ununterbrochen an uns vorüberwir- 
belt, fehlen meist die entscheidenden Aktivposten, die Persönlichkeiten, deren 
Art nur in einem bestimmten Kulturklima reifen kann. Man wende gegen 
diese Feststellung nicht die Gleichgültigkeit ein, mit der die offizielle Ge- 
lehrtenwelt Freud begegnet. Der geniale Mensch, der neue Durchbrüche 
durch das Gewesene bohren will, ist überall von den Türhütern der Tra- 
dition befehdet worden, nicht nur in Wien, Börne sagte einmal sehr tref- 
fend, daß sich jedes Volk nur durch Undank gegen den übergroßen Ein- 
fluß seiner Gehirnriesen wehren kann. Freuds Schönstes und Bitterstes ist 
die Unerbittlichkeit seines Denkens, das auch im Greisenalter nichts von 
seinem ursprünglichen spezifischen Gewicht verlor . . . Entblößten Hauptes 
stehen wir vor einem Großen unseres Landes, vor einem Genie, für das 

— 372 — 



j Goethesdie Wort gilt : nach außen grenzenlos, nach innen begrenzt. 
Neue Hoffnungen empfinden wir auch für unsere Heimat, die nicht zukunfts- 
los sein kann, solange sie unsterbliche menschliche Werte hervorbringt. Ge- 
en zu wenig Kohle haben wir einen wichtigen Trumpf: Professor 

Freud ..." 

Neues Wiener Tagblatt" (6. Mai): „Wie sehr die Psychoana- 
lyse gelehrt hat, den Menschen neu zu sehen, wird am deutlichsten in der 
schönen Literatur : Thomas Mann, Schnitzler, Hofmannsthal, Leonhard Frank, 
Alfred Döblin, Arnold und Stefan Zweig, Werfe! und zahlreiche andre 
haben ihre Kunst der Psychologie wesentlich bei Freud geschult . . . Wun- 
derbar heroisch mutet seine Lebensgeschichte an, sein Mut, Illusionen auf 
den Grund zu gehen, Erkenntnisse zu verkünden, auch wenn sie den Men- 
schen unangenehm sind, und sich tausendfach Feindschaft zuzuziehen und 
alle Einsamkeit auf sich zu nehmen". 

Die in Wien erscheinende anarchistische Wochenschrift „E r- 
kenntnis und Befreiung" („Organ des herrschaftsiosen Sozialismus) 
reklamiert Freud für sich: Obschon Freud sich dem Problem der Erringung voller 
Freiheit nur andeutungsweise nähere — „dafür aber sei ihm zu seinem 75. 
Geburtstag auch von uns Anarchisten gedankt und er entsprechend geehrt: 
er hat, indem er das durch Autorität, Gewalt und Knechtschaft bisher ge- 
zeitigte Leid und Unglück analysierte, indirekt der Lebenslehre des Anar- 
ehismus wertvolle Beiträge und Begründungen zu dessen Verneinung aller 
Machtinstitutionen geliefert. Dafür danken wir dem Anarchisten 

Freud ..." 

Die österreichische Presse außerhalb Wiens hat auch diesmal von dieser 
„Wiener Angelegenheit" kaum Notiz genommen. Einzig das sozialdemokra- 
tische „Linz er Tagblatt" hat sich in zwei Artikeln (8. und 17. Mai) ein- 
gehend mit Freud und seiner Lehre beschäftigt. 

* 

Auf Einladung der „Ravag" hielt im Wiener Rundfunk Dr. Paul Fe- 
dern einen Vortrag über die Bedeutung Freuds. Der Vortrag ist im Juli- 
heft der „Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik" abgedruckt worden. 

In Leipzig hielt die dortige Psychoanalytikerin Dr. Therese B e n e d e k 
für den Mitteldeutschen Rundfunk eine Ansprache am 6. Mai. Anschließend 
an ihren Vortrag wurden einige Absätze aus dem „Unbehagen in der Kul- 
tur" vorgelesen. 

In Berlin sprach Prof. J, H. Schultz im Rundfunk über Freud, 



In Berlin hat vor allem die „V o s s i s che Zeitung" in würdiger 
Form des 75. Geburtstages Freuds gedacht. Unter der Überschrift „Ritter 
zwischen Tod und Teufel" veröffentlichte sie einen Brief von Thomas 

— 373 — 



Mann an die „Vossische Zeitung«. „Die aufrichtigste Bewunderung fiir de 
großen Forscher im Menschlichen und sein Wahrheitsrittertum" - täaäh 
der Dichter unter anderem - „gehört längst zu meinem inneren Bestand 
... Er hat Illusionen zerstört, die Menschheit mit Erkenntnissen skandali' 
siert, deren radikaler Naturalismus ihre .Würde- zu bedrohen schien U Z 
Widerstände hervorgerufen, deren Gründe ihm offen lagen . . . Vre d 
Werk, dies persönlichkeitsgeborene und weltverändernde Werk ' eines tief 
Vorstoßes ins Menschliche von der Seite der Krankheit her, ist heute sch^ 
eingegangen ins Leben und in unser aller Bewußtsein." (Der Beitrag v I 
Thomas Mann wird zur Gänze abgedruckt im „Almanach der PsychoanT 
lyse 1932", der im Herbst erscheinen wird.) 

Die „Vossische Zeitung" veröffentlichte ferner ein Essay von Karl Seh eff 
ler über den „Analytiker der Kunst" (besonders über Freuds „Studien J 
Werken der Dichtung und der Kunst«) und einen längeren Aufsatz von 
Siegfried Bernfeld über „Psychoanalyse und Erziehung«. (Es spricht nicht 
gegen die Psychoanalyse, wenn das Urteil der Pädagogen über sie so 
widerspruchsvoll ist. Daran trägt Schuld die Pädagogik selbst, die auf einer 
wertfreien Wissenschaft Psychologie nur gelegentlich und nur zum Teil auf 
bauen kann. Die Psychoanalyse darf auf ihren wissenschaftlichen Grund" 
Charakter nicht verzichten und muß sich daher mit geringerer Anwendbar 
keit in der Pädagogik bescheiden, welche immer eng verwoben bleibt mit 
Wertungen und Zielen, eingeengt in einen gesellschaftlichen Rahmen den 
sie von sich kaum kritisieren, gewiß nicht ändern kann . . . Wenn die ge 
sellschaftlichen Umstände so kompliziert und widrig wurden, daß die Men" 
sehen nicht mehr so leicht in sie eingefügt werden können, wie einst die 
Sudseeinsulaner in ihre Gesellschaft, wenn Schule, Haus, Erziehung Unter 
rieht nicht mehr ausreichen - dann ergänzt sich der Beeinflussungsappa- 
rat der Gesellschaft - die Erziehung - durch ein neues Instrument die 
Psychoanalyse, die nur ihrem Ursprung nach ein Zweig der Medizin ihrem 
Wesen und ihrer Funktion nach aber ein Teil der heutigen Erziehung ist «) 
„Berliner Tageblatt« (6. Mai): „In der Tat ist Freud hinausge- 
wachsen aus seinem Spezialgebiet, der Medizin." 

„Berliner Börsen-Courier" (5. Mai): „Für die seelenkundlidie 
Wissenschaft ist das Bleibende an den Errungenschaften Freuds nichts Frem- 
des und Isoliertes mehr." 

„Berliner B ö r s en -Zeitun g" (5. Mai):, „Freuds Lehre ist auch 
heute noch eine These, die morgen durch eine Antithese widerlegt werden 
kann. Immerhin ist der Mut, mit dem Freud das Paradoxe ausgesprochen 
hat, die Sorgfalt, mit der er sein vielfältiges Netz von Zusammenhängen 
schuf, die Tatkraft, mit der er aus dem Nichts eine Armee neuer Gedan- 
ken vom Leben der menschlichen Seele stampfte, hoch anzuerkennen. Über 
den letzten Wert seiner Schöpfung, über das endgültige Schicksal seiner 
Lehre wird die Zukunft richten. Oder es wird vielleicht niemals gelingen, 

— 374 — 



,. von Freud so ersehnte Aufklärung zu erlangen, und von dem Ursinn 
i Cfdipusgeschichte wird nur das Antlitz der Sphinx übrig bleiben : das Ge- 
heimnis," (Hanns Herrland.) 

Berlin am Morgen" (5. Mai) : „Die Psychoanalyse hat sich durch- 
gesetzt Aber die Psychoanalyse ist nur eine halbe Wahrheit. Ihre Trieb- 
lehre ist die Nutzanwendung des Materialismus in der Psychologie. Aber 
da der Mensch nicht im luftleeren Raum lebt, sondern auf einer bestimmten 
Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung, so ist jede Erklärung falsch, die 
nicht auch diese Abhängigkeit des Menschen von der Gesellschaft berück- 
sichtigt. Die materialistische Psychologie ist nichts ohne materialistische Sozio- 
logie, Und hier versagt Freud vollkommen. Seine letzten Bücher, in denen 
er über die Kulturprobleme der Gegenwart spricht, zeigen seine Befangen- 
heit in den gesellschaftlichen Vorurteilen der herrschenden Klasse . . . Dabei 
gibt es für die Psychoanalyse — so paradox dies auch klingen mag — 
keine andere Zukunft als den Sozialismus. Denn in der bürgerlichen Gesell- 
schaft können die Bedingungen der Erziehung gar nicht erfüllt werden, die 
notwendig wären, um das Entstehen von neurotischen Erkrankungen zu 
verhindern." 

„Deutsche Allgemeine Zeitung" (6. Mai): „Er ist schon bei- 
nahe eine historische Figur. Unter den hervorragenden Ärzten seiner Epoche 
wahrscheinlich der einzige, den Ewigkeitsluft umwittert . . . Unbeirrt bleiben 
die tiefen Blicke und die finster-wehmütigen Weisheiten des seit langem 
leidenden alten Mannes, der den Anlaß zu all dem gegeben hat. Freud 
war ein Mann der Notwendigkeit, der schuf, was er mußte und wozu es 
Zeit war. Es umweht ihn theokratische Luft, im Mittelalter wäre er Refor- 
mator oder Großinquisitor geworden. Heutzutage muß er Theokrat ohne 
Gott werden." (Dr. Richard Wolf.) 

„Der Reichsbote" (13. Mai): „Freud, der alle seelischen Unter- 
gründe aus dem Erbgeschlechtlichen, Triebneigung, Drang nach Lustgewinn 
und verdrängten Gefühlskomplexen herausdeutet, ist nicht die Persönlichkeit, 
deren Wirken man in christlichen Kreisen mit ehrlicher Freude würdigen kann," 
„Vorwärts" (6, Mai): „In diesem Semester, spät genug, finden an 
der Berliner Universität zum ersten Male Vorlesungen über Psychoanalyse 
statt. Aber auch die sozialistischen Bildungsstätten sollten nicht länger zu* 
rückstehen. Ihnen erwächst hier eine lohnende Aufgabe, In Kursen und 
Vortragsreihen muß die Arbeiterschaft mit dieser lebensnahen Wissenschaft 
vertraut gemacht werden, die sich als wirksame Waffe im Lebenskampf 
und in der politischen Arena erweisen kann." (Dr. Willy Blumenthal.) 
In der Weltbühne schreibt Kurt Tucholsky anläßlich des 75. Ge- 
burtstages Freuds über die elfbändige Gesamtausgabe seiner Schriften: 
„Elf Bände, die die Welt erschütterten". (Wir drucken den 
Meinen Aufsatz von Tucholsky im „Almanach der Psychoanalyse 1932", der 
im Herbst erscheint, ab.) 

— 375 — 



In den „Monistischen Monatsheften« feiert Ulrich Vollrati, 
Freud als einen „Frei"-denker im wahrsten Sinne des Wortes Freud 
hört der Welt an, aber er ist im Verstände und im Herzen ein« der ll 
seren, und er hat sich nicht, wie andere in der Vorsicht des Alters J 
scheut, offen für seme freidenkerische Überzeugung einzutreten « 

In der sozialistischen Zeitschrift „Kultnrwille« (Leipzig), schreibt R; 
chard Lehmann: „Freuds Forderung, die .Erziehung zur Realität- \t 
das bittersüße Gfft der Religion- ist au* die unsere; und der AltmeJr 
der tmmer auf der Säte jener zu finden war, die für Verständigung 2 
Befnedung der Welt eintreten, und der es für durchaus in der Ordn™ 
findet, daß bxsher alle Kulturen an ihrem Herrschaftsgefdge (wenige n2 
meßer, unzählige Ausgebeutete) zugrunde gehen - dieser Freud Ist e3 

EinVhTT A v d6n ReIhen ^ s ° Äsd ™ Theoretiker wächst 1 
Einsichtnahme und Verwertung der Ergebnisse psychoanalytischer Forscht! 
<m* gelegentlicher Widerstände, die sich noch hie und da, zum ßSei 
beim alten Kautsky, finden. Die Psychologie und Erziehungswissenschaft ^ 
Zukunft wird Are wesentlichen Grundlagen bei Freud finden « 

Die Frankfurter Wochenschrift „Die Umschau« veröffendichte am 
2. Mai auf ihrem Umschlag eine Reproduktion der Schmutzerschen FreuJ 
radierung und einen Leitaufsatz von Heinrich Meng. Er schließt mit den 
Worten: „Wenn das Werk eines Menden so stark die Aufinerksamktit 
der Wissenschaft und des Volkes auf sich zieht, wie das Werk FreudTTo 
ist das nur möglich, wenn hier ein Anstoß gegeben ist, Verhältnisse 'von 
g undfegender Bedeutung zu klären. Freud war zuerst interessiert da3 
das krankhafte Seelenleben zu erforschen, entdeckt aber mit naturwiss^ 
schaffen Methoden und intuitiver Einfühlung eine neue Psycholo^des 
kranken und gesunden Menschen. Er überschreitet die Grenzen, die £» 1 
Arzt gesetzt schienen er schließt von den seelischen Leistungen menschlicher 
Gemeinschaften au die der Völker. Er taucht tief in das Meer des Unbe- 
wußten, in dem alle Menschen mütterlich verwurzelt sind. Er zeigt dieErl 
gebundenheit aUer Sehnsucht nach Vervollkommnung, Schönheit und Licht 
und gleichzeitig die Quelle schöpferischer Kraft im Halbdunkel, Dunkel und 
m der Nacht, in Wildheit und Tierheit.« 

Der Dortmunder „Generalanzeiger« bringt am 3 . Mai eine 
Reihe von Beitragen über Freud, die mit folgender Gesamtüberschrift ver- 
sehen _smd: Zum Geburtstage eines Mannes, dessen Lehren unseren Le- 
bensstil beeinflußt und gewandelt haben, wie die Arbeiten keines anderen 
Menschen der Gegenwart«. Unter anderem veröffentlicht der „Generalanzei- 
ger eine „Nachdenkliche Gratulation" von Theodor Reik ( Es ent- 
spricht sicherlich .mehr der Tradition, einem Geburtstagkinde zu ' versichern, 
daß man ihm Zufriedenheit, Glück und Erfolg wünscht. Wir aber, die wir 
nicht mehr an die Allmacht der Gedanken glauben, ziehen es vor, heute zu 
sagen, daß das Leben Freuds, welches die Mitte des achten Jahrzehnts er- 



— 376 — 



eicht hat, ein Segen war, sein Wirken für so viele Bewältigung und 
Beschwichtigung von Leid, für andere das Glück ungeahnter Klarheit be- 
deutete. In diesem Sinne wollen wir, statt die üblichen Glückwünsche herzu- 
eiern, mit analytischer Aufrichtigkeit sagen : wir gratulieren uns herzlich zu 
Freuds 75- Geburtstag.") 

Unter der Überschrift „Freud in allen Gassen" erteilt das Dort- 
munder Blatt ferner einem Kriminalisten, einem Graphologen, einem Film- 
regisseur und einem Astrologen das Wort. Prof. Dr. Müll er -Hess, Di- 
rektor des Instituts für gerichtliche Medizin in Berlin führt aus, man könne 
nicht verkennen, daß trotz der Kritik, die an Freuds Werk geübt wird, 
seine Gedankengänge, Begriffe und Deutungen im Gerichtssal bereits Ein- 
gang gefunden haben. Robert Saudek (London) betont die Fruchtbarkeit 
der Psychoanalyse für die Graphologie. 

Walter Ruttmann schreibt u. a. : „Man darf ohne Übertreibung 
sagen: Freud ist der Vater der filmischen Überblendung, 
durch Freud wird die Überblendung erst gerechtfertigt. Das Eindringen sei- 
ner psychologischen Erlebnislehre in den Film beweist weniger die Produk- 
tion bewußt ,nach Freud' gedrehter surrealistischer Streifen (wie z. B. des 
franzosischen ädert andalou, in dem sich eine menschliche Achselhöhle in einen 
Haufen wimmelnder Ameisen verwandelt), sondern nebensächliche stilistische 
Kleinigkeiten, die völlig organisch wirken und in nahezu jedem, auch dem 
künstlerisch wertlosesten Film zu finden sind. Ohne sie würde ein moderner 
Film simpel, würzelos, geistleer wirken. In der ,Melodie der Welt* ist fast 
jede Reportage mit der nächsten durch irgend eine optische oder akustische 
Assoziations-Überblendung verbunden ... Ich sprach mit dem in Paris leben- 
den irischen Schriftsteller James Joyce, dessen merkwürdiges und er- 
schütterndes Buch ,Ulysses< großes Aufsehen erregt hat. Es schildert den 
Alltag eines einfachen Bürgers, aber mit allen subtilen Regungen des Unter- 
bewußtseins — ein Buch, das ohne Berührung mit Freuds Gedankenwelt 
niemals konzipiert worden wäre. Wir unterhielten uns über die filmische 
Realisation eines solchen Stiles, die mir sehr am Herzen liegt. Denn ich 
glaube, daß der Tonfilm nur Daseinsberechtigung hat, wenn das Bild die 
äußere Erscheinung, der Ton aber das »Unterbewußte ausdrückt ; nur dann 
kann plastische Wirkung entstehen, wenn Ton und Bild nicht das gleiche 
Motiv darstellen, sondern einen Vorgang kontrapunktlich von zwei Seiten 
her anpacken, der physischen und der psychischen. Diese Möglichkeit hat der 
Film Freud zu verdanken; es wäre unverantwortlich, wollte man 
sie ungenutzt lassen." 

Der Nervenarzt und Astrologe Dr. Heimsoth meint, daß Psychoana- 
lyse und Astrologie sich ergänzen können, „ohne daß jemals die Psychoana- 
lyse oder die Astrologie sich gegenseitig ausschalten, ersetzen oder gar über- 
flüssig machen werden." 

Von den Beiträgen des Dortmunder „Generalanzeiger" sei noch einer er- 

— 377 — 



wähnt. Die Schriftleitung hat, wie sie mitteilt, Prof. Freud um einen per- 
sönlichen Beitrag gebeten. Sie erhielt darauf eine handschriftliche Karte Freuds" 
folgenden Inhaltes: 



Geehrte Sckrißleitung. 
Ich bin kein Dickter und bin nicht versucht, die Öffentlichkeit für meine 



Privata zu interessieren. 



Hochachtend 



Freud 



Die Zeitung gibt nun diese Karte im Faksimile wieder und veröffentlicht 
dazu ein ausführliches graphologisches Gutachten über die Handschrift. Für 
das Gutachten zeichnet „Dr. Herbert Frenzel", doch die Schriftleitung fugt 
hinzu, daß sich hinter dem Pseudonym „ein Philosoph verbirgt, der Wert 
darauf legt, daß von seinen charakteroiogischen Arbeiten in Verbindung mit 
seinem eigentlichen Namen vorerst nicht gesprochen werde." Aus dieser 
Schriftanalyse zitieren wir einige Stellen: „Eine Verbindung von Geradheit 
und Kultiviertheit, die man nicht oft antrifft. Vornehmheit der Gesinnung 
spricht, aus den im einzelnen klaren Typen aller Buchstaben und aus den 
herben Anfangsschwüngen der Groß- und Langbuchstaben, deren Hochge- 
recktheit zudem nicht wenig Stolz verrät . . . Innere Reserve . . . Besondere 
Nähe zur Triebsphäre . . . Eine seelisch-geistige Feinspürigkeit, wie sie nur 
aus der fast abstandslosen Nähe zum Gegenstand oder einem sich immer 
wieder wiederholenden Hineintauchen in wirre, unbekannte, dunkle Tiefen 
sich ergibt . . . Überall geht Freud auf das Einzelne, auch seine Gedanken- 
gänge beruhen auf psychologischer Einzelkombination . . . Kritisch aggressive 
Tendenzen. Die ersteren wirken sich aus in der Form einer schonungslosen 
Selbstanalyse und sind Zeugnis einer disharmonischen, überall wund sich 
fühlenden, unausgeglichenen Natur. Seine Analysen sind also keine interes- 
santen Liebhabereien, sondern entspringen einer inneren Tapferkeit, die ge- 
rade angesichts der zugrundeliegenden fast animalischen Weichheit bemer- 
kenswert ist . . . Empfindlichkeit und Schärfe in persönlichen Dingen. 

Diese Analyse der Freudschen Persönlichkeit und die obengenannte 
„Nachdenkliche Gratulation" von Reik sind auch in der „Königsberger 
Hartungschen Zeitung" (6. Mai) abgedruckt 

Im „Westfälischen V o 1 k s b 1 a 1 1", Paderborn, im „Münsteri- 
schen Anzeiger" und in anderen katholischen Tageszeitungen versucht 
Dr. G. A. R o o s, Halle a. S., die Psychoanalyse in eine Heilmethode und 
eine Weltanschauung zu zerlegen. Letztere wird abgelehnt, da die weltan- 
schaulichen Grundlehren der Psychoanalyse sachlich in der längst widerlegten 
Lehre Schopenhauers vom allmächtigen aber blinden Weltwillen wurzeln." 
Weser-Zeitung (Bremen): „Tatsächlich ist die heutige Kunst, Lite- 
ratur, Publizistik, Völkerbund, Pädagogik und unsere Sexualmoral ganz ohne 
Psychoanalyse kaum zu denken und auch die katholische Kirche beginnt 

— 378 — 



durch einzelne geschulte Geistliche die Methoden der Psychoanalyse in ihr 
Gebäude einzufügen." (Dr. Viktor F e n dr i c h.) 

In den „Dresdener Neuesten Nachrichten" (5. Mai) und im 
„Darmstädter Tagblatt" (5, Mai) würdigt Dr. Georg Kaufmann 
den Begründer der Psychoanalyse". 

Ein Aufsatz von Prof. Dr. C. Fries (Berlin) im „Aachener An- 
z e 1 g e r" (6. Mai) schließt! „Er hat unendlichen Segen gestiftet und zahllose 
Seelenleiden geheilt." 

In der „Leipziger V olkszeitun g" (6, Mai) und in der Breslauer 
Volks wacht" (8. Mai) schreibt Richard Lehmann mit Hinweis auf 
Freuds zwei jüngste kulturpsychologische Schriften : „Wer bis dahin noch 
versuchen konnte, die Methoden und Befunde psychoanalytischer Forschungs- 
arbeit im Dienst kleinbürgerlicher Ideologien zu verniedlichen und so zur 
Aufrechterhaltung des Burgfriedens zwischen den Klassen zu mißbrauchen, 
dem hatte hier der Altmeister selbst die Waffen aus der Hand geschlagen 
. . . Statt im Alter versöhnlicher, kompromißlicher zu werden, wird Freud 
womöglich noch schärfer, klarer, harter." 

Als ein „M itstreiter Nietzsches" wird Freud im „H a m b u r- 
ger Fremdenblatt" von Georg Meyer charakterisiert : „Das Lebens- 
werk Sigmund Freuds, des wohl genialsten Psychologen, dessen unsere Zeit 
sich rühmen kann, strahlt wenig wärmende Sonne aus. Und man erinnert 
sich bei einer sichtenden, ordnenden Überschau jenes merkwürdigen Hegel- 
Wortes : von der Eule der Minerva, die erst in der Dämmerung ihren Flug 
beginnt — eine Gestalt des Lebens, so heißt es da, ist abgestorben, und 
mit Philosophie kann man sie nicht verjüngen, sondern nur erkennen. Das 
heißt, auf Freuds Leistung bezogen : man mißversteht ihn gründlich, wenn 
man aus ihm einen Propheten macht. Sein Werk spiegelt die sich zersetzende 
abklingende Epoche in einer Schärfe und Oberbelichtung, wie das Werk 
kaum eines zweiten Mannes, wenigstens aus dem engeren Kreise der Ge- 
lehrten. Denn — und das ist das Großartige an Freud — : er verschmäht 
es, sich den Träumen hinzugeben und aus einer Stimmung heraus etwas 
auszusprechen, was seinem unbestechlich kritischen Verstand gegenüber sich 
nicht als gesicherte, unerschütterliche Tatsache auszuweisen vermag. Dieser 
auch sich selbst gegenüber unheimlich mißtrauische Seelendetektiv liegt jeden 
Moment auf der Lauer, um Hoffnungen und Sehnsüchte, die sich den Man- 
tel der Echtheit oder Wissenschaftlichkeit umgehängt haben, ohne Erbarmen 
als trügerischen Schein zu entlarven — darin Nietzsche zu vergleichen, dessen 
(scheinbaren) Nihilismus er weitertreibt und mit den Mitteln exakter Metho- 
den radikal zu Ende führt." 

Das „Prager Tagblatt" druckte am 6. Mai einen Teil des Essays 
ab, den Alfred Döblin anläßlich des 70, Geburtstages Freuds geschrie- 
ben hatte (siehe „Almanach der Psychoanalyse 1927"). 

In Olmütz (Mähren) veranstaltete die „Gesellschaft für zeitgenössische 

— 379 — 



Kultur" eine Freud-Feier im Deutschen Kasino. Die Festrede hielt Ob 
sanitätsrat Dr. A. Kofranyi. (Ausführliche Berichte darüber in 7" 
„Deutschen Zeitung", Olmütz und im „Mährischen Tagblatt"). 

Im mährischen Städtchen Freiberg wurde beschlossen, Freuds G 
burtshaus mit einer Gedenktafel zu versehen. Ein Bildhauer wurde ml 
der Modellierung einer Porträtplakette betraut. 



Von Äußerungen in der j ü d i s c h e n Presse seien erwähnt : „JüdiscJ, 
Liberale Zeitung", Berlin, i 3 . Mai (Das Judentum dürfe auf di ese t 
Mann stolz sem . . . er habe aber viel Irrtümer und Übertreibungen im GefoW 
. . . habe über Religion leicht widerlegliche Ansichten entwickelt) — De 
. , u d , s c h e A i ■ b e i t e r", Wien, 1 8. Mai („ein ihm geistesverwandter" J 
ßer Jude der Gegenwart, Karl Kraus«... mißverstehe leider Freud 
„für die Fruchtbarkeit des Freudschen Erklärungsprinzips ist das Werk Karl 
Kraus selbst ein großartiger Beweis"). -„IIustratiuneaEvreasc 
Bukarest, 5. Juni (ein größerer Artikel von Doz. Dr. Radovici) 



a" 



Im „Tidevarvet" (Stockholm, 2. Mai) und in „Göteborgs Han 
dels- och Sjöfahrts-Tidning" (5. Mai) würdigt Alfhild Taml 
Freuds Bedeutung m größeren Aufsätzen. 

Von den norwegischen Pressestimmen führen wir ein Feuilleton von Si- 
gurd Hoel in „Ar b eiderbla det" (Oslo, 6. Mai) an. 

Aus Holland liegt uns ein eingehender Aufsatz von H. G Canne 
gieter im „Haarlemsche Gourant" (2. Mai) vor. 

Aus der Schweiz führen wir an einen Geburtstagartikel von Philipp Sa- 
rasin m den „Basler Nachrichten" (5. Mai) und zwei Artikelvon 
Hans Zulhger in den Berner Zeitungen „Bund" und „Tagwacht" 
(beide am 6. Mai). 6 

In L'Europe Nouvelle« (16. Mai) erörtert Marie Bonaparte 
die Bedeutung Freuds und seines Werkes für die Menschheit. 

■ *l N ^ W , Y ° TT rk fand anläi5Iidl des 75- Geburtstages Freuds ein Bankett 
im Ritz-Carlton-Hotel statt, über das wir nach New Yorker Zeitungen be- 
richten Zweihundert Personen nahmen am Dinner unter dem Vorsitze von 
vr. W. A .White, Direktor der Staatsirrenanstalt in Washington und Pro- 
fessor an der Georgetown-Universität, teil. White verglich Freud in seiner 
Festrede mit Kopemikus, Newton und Pasteur. Es sei ein Glück, daß wir 
nicht im Mittelalter leben. Sonst hätte man Freud verbrannt. So mußte man 

— 380 _ 



gegen ihn mit anderen Mitteln kämpfen, die ihn nicht verhindern können, 
seine Entdeckungen zu Ende zu führen. Dr. Alvin Johnson, der Leiter 
der »New School for Social Research", hebt hervor, daß die Menschheit es 
Freud verdankt, daß sie sich erkennen und verstehen und danach richten 
kann. Clarence D a r r o w schildert in seiner Ansprache Freuds Bedeutung 
für die Strafjustiz, Rechtsanwalt Jerome Frank die für das Rechtsleben im 
Allgemeinen. Dr. A. A. B r i 1 1 spricht über Freuds Bedeutung für die Psy- 
chiatrie (wobei er Freud mit Spinoza vergleicht). Mrs. Jessica Cosgrave, 
die Leiterin der Finch and Lennox Schulen, über die für die Erziehung, 
Weitere Ansprachen hielten Dr. B. Glück, Dr. Smith Ely Jelliffe, 
Dr. Fritz Witt eis, Prof. Miles, Dr. Frankwood Williams und 
Prof. J a s t r o w. Der Dichter Theodor Dreiser, der verhindert war, an 
der Feier teilzunehmen, sandte ein Zuschrift, die von Brill vorgelesen wurde. 
(In deutscher Übersetzung wird dieser Brief Dreisers im „Almanach der 
Psychoanalyse 1932" abgedruckt werden.) 

Die auf dem New Yorker Bankett gehaltenen Reden von W. A. White, 
A. A. Brill, Jerome Frank und die Zuschrift von Dreiser sind im 
Juliheft der von White und Jelliffe herausgegebenen „Psychoanalytic Review" 
(Washington) veröffentlicht. 

Die „Deutsche Medizinische Gesellschaft der Stadt 
New York" hielt am 4. Mai anläßlich des Geburtstages Freuds eine 
Si^ung ab, in der Dr. Dorian Feigenbaum unter dem Titel „Die 
Psychoanalyse und der praktische Arzt" einen mit viel Interesse und Beifall 
aufgenommenen Vortrag hielt. 



Das nächste Heft der 
„Psychoanalytischen Bewe- 
gung 1 (Heft 5) erscheint im 
Oktober mit Beiträgen zur 



Psychoanalyse 



der Politik 



Eigentümer und Verleger : 

Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Ges. m. b, H., Wien, L, Börsegasse 11 

Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Adolf Josef Storfer, Wien, L, Börsegasse 1 1 



381 — 



R- B R U N (Zürich): Biologische Parallelen %u Freuds TrieMehre 

Jn Leinen Mark 3.— 

Experimentelle Beiträge zur Dynamik und Ökonomie des Triebkonflikts 



G* PL G RAB E R : Die schwarte Spinne 

Jn Leinen Mark <?6Q 

Menchheitsentwicklung nach Jeremias G o 1 1 h e I fs gleichnamiger Novelle dar 
gestellt unter besonderer Berücksichtigung der Rolle der Frau 



G. Fi GRABER: Die Ambivalent des Kindes 

Jn Halbleinen Mark 5*- 



Inhalt: Der Begriff der Ambivalenz bei Bleuler, bei Freud. Ambivalenzbildune- 
Der Urhaß. Bindungen ans Ich. Eltern bindung. Der Geschlechtsunterschied. Das Lust 
verbot. Tierphobien. Träume. DasÜber-Ich. Aufhebung der Ambivalenz und Regression 



rLRORSCHACH (f): Zwei schweizerische Sektenstifter 

Jn Leinen Mark $40 

I) Johannes Binggeli — II) Anton Unternährer 



PH.SARASIN (Basel): Goethes Mignon 

Jn Leinen Mark +'- 

£ Der Meisterroman - II) Goethes Jugendgeschichte - III) Das Knabenmärchen. Die 
femzosischen Schauspider. Zum frühen Tod der Geschwister - IV) Analytische Deutung 
der dramattschen Momente. Das Setitänzermilieu. Cornelie. Vateridentifizierung i 
V) Analytische Deutung der lyrischen Momente. - VI) Zusammenfassung 



H. Z ULLIGER (Jtti S en^Bem) ■. Zur Psychologie der Trauer und 
Bestattungsgebräuche. Jn Leinen Marie 3So 

grabniigebS Schulkaraeradin ist « estOTben ~ «) Ober Speiseverbote - III) Be- 



Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Wien I. 



O* PFISTER: Religiosität und! Hysterie. Jn Leinen Mark s*50 

Inhalt: Zur Psychologie des hysterischen Madonnenkultus — Hysterie und Mystik 
bei Margarete Ebner — Eine Hexe des 20. Jahrhunderts — Die Religionspsychologie 
am Scheidewege 



O. PFISTER* Psychoanalyse und Weltanschauung 

Jn Leinen Marie f~ 

Inhalt: Psychoanalyse und Positivismus ; und Metaphysik (Freud, Ferenczi, Rank-Sachs' 
Silberer, Putnam, Jung) ; und Ethik (Freud, Putnam, Haberlin). Die Ausbildung einer 
sittlichen Persönlichkeit — Die Illusion einer Zukunft. Eine freundschaftliche Auseinander- 
setzung mit Professor Freud 



O. P F I S T E R : ElternfeWer. Geheftet Mark f~ 

Inhalt: Elternfehler bei der Erziehung des Individualcharakters ; des Sozialcharakters ; 
in der Wahl und Anwendung einzelner Erziehungsmaßregeln ; in der Erziehung zur 
Sexualität und Liebe. Der Ursprung der Elternfehler 



CX PFISTER; Schockclenken und Schockphantasien bei höchster 
Todesgefahr» Geheftet Mark f~ 

Die präanalytische Untersuchung — Kasuistik zum Schockdenken und Schockphantasieren 
— Die biologische Bedeutung — Der psychologische Vorgang- — Die topische Betrachtung 



LHITSCHMANN: Gottfried Keller 

Geheftet Mark 3*50 

Inhalt: Die Bedeutung der Mutter, Das Zwiehahn-Motiv, Die Judithgestalt. Ge- 
hemmte Liebeswahl und gehemmte Sexualität. Das Erbe des Vaters. Das Motiv der 
halben Familie. Das Heimkehrmotiv. Die Schwester Regula. Die überlegene Frau. 
Schaulust und weiblicher Akt. Der Landschafter. Geträumte und verhüllte Entblößung 



R*LAFORGUE: Jean*Jacques Rousseau 

Geheftet Mark f~ 

Eine psychoanalytische Studie über Rousseaus Triebkonflikte, mit besonderer Berück- 
sichtigung seines Exhibitionismus und seines Kastrationskomplexes 



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SCHRIFTEN 



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Elf Bande in Lexikonformat 



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Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Wien, l, Börsegasse 11 



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■3 






In Ganzleinen; Mark 220.- (schweiz. Frk. 275.-) 
|: In Halbleder: Mark 280.- (schweiz. Frk. 350.-) 



|»; Hermann Hesse in der Neuen Rundschau : 

k>; „Eine große, schöne Gesamtausgabe, ein würdiges und verdienstvolles 
fS Werk wird da unter Dach gebracht" 

I 

j&- **«r Panter Ai c/er VPe/ffeff/me; 4 






|-; Prof. ftaymtinc/ Scftm/c/t fii </en An/ia/eii «/er Philosophie : 

f)i; „Druck und Ausstattung sind geradezu aufregend schön" 

£;.. D/-. Max Marciue f« c/er „Zeitschrift für Sexualwissenschaft" : 

|> „Nur mit tiefer Bewegung wird man sich klar, daß es hier galt, das 

fc Lebenswerk Freuds, das fortan nicht nur der Geschichte der Medizin, $ 

^ sondern schlechthin der Wissenschaftsgeschichte angehört, abzuschließen 

k\ und in der endgültigen Fassung der Nachwelt zu vermachen" 

•f* Ausführliche Prospekte auf Verlangen durch 



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