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Full text of "Psychoanalytische Bewegung III 1931 Heft 5 Sonderheft: Zur Psychoanalyse der Politik"

Psychoanalytische 



g III. 3ahxgaag 



Sept.*Okt. 1931 



Heft 5 b 






Zur Psychoanalyse der Politik 



Es gibt wenig Menschen, die sich den starken und unerschrockenen 
Gebrauch ihres Verstandes gestatten und ihn mit ganzer Kraft au} alle Gegen- 
stände anzuwenden wagen. Die Zeit ist gekommen, wo er angewendet werden 
muß: auf die Gegenstände der Moral, der Politik und der Gesellschaft; auf 
Könige, Minister, Große und Philosophen; auf die Prinzipien der Wissen- 
schaften, der Künste und vieles andere." (Nicolas Chamfort.) 



„Woher diese noch so allgemeine Herrschaft der Vorurteile und diese Ver- 
finsterung der Köpfe . . . Das Zeitalter ist aufgeklärt, das heißt, die Kennt- 
nisse sind gefunden und öffentlich preisgegeben, welche hinreichen würden, 
wenigstens unsere praktischen Grundsätze zu berichtigen. Der Geist der freien 
Untersuchung hat die Wahnbegriffe zerstreut, welche lange Zeit den Zugang 
zu der Wahrheit verwehrten, und den Grund unterwühlt, auf welchem Fana- 
tismus und Betrug ihren Thron erbauten. Die Vernunft hat sich von den Täu- 
schungen der Sinne und von betrüglicher Sophistik gereinigt . . . woran liegt 
es, daß wir noch immer Barbaren sind?" (Friedrich Schiller.) 

„Die Zeit für kleine Politik ist vorbei." (Friedrich Nietzsche.) 

„Es braucht nicht gesagt zu werden, daß eine Kultur, welche eine so große 
Anzahl von Teilnehmern unbefriedigt läßt und zur Auflehnung treibt, weder 
Aussicht hat, sich dauernd zu erhalten, noch es verdient." (Sigmund Freud.) 



PsA. Bewegung Hi 



u 



— 385 — 

INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 



23 



DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Aggressionstrieb und Abrüstung 

Von 

Felix Sdhottlaender 

Die Schicksalsfrage der Menschenart scheint mir zu sein, ob und in welchem 
Maße es ihrer Kulturentwicklung gelingen wird, der Zerstörung des Zu- 
sammenlebens durch den menschlichen Aggressions- und Selbstvernichtungs- 
trieb Herr zu werden. (Freud; „Das Unbehagen in der Kultur") 

Die allgemeine Verfemung, die sich die Psychoanalyse wegen ihrer 
für die Selbstzufriedenheit der Kulturmenschen teilweise recht krän- 
kenden Forschungsergebnisse gefallen lassen mußte, ist offenbar daran 
schuld, daß sich die Politiker bisher so auffallend wenig um die 
Auswertung psychoanalytischen Gedankengutes bekümmert haben. Man 
hätte meinen dürfen, daß Arbeiten wie Freuds „Massenpsychologie 
und Ich-Analyse" (1921), „Die Zukunft einer Illusion" (1927) und 
neuerdings (1930) „Das Unbehagen in der Kultur" — reich an geist- 
vollen, neuartigen und wegeweisenden Einsichten in die Grundlagen 
menschlichen Zusammenlebens — einen gewaltigen Widerhall in jener 
Welt finden würden, wo über Wohl und Wehe der „Masse" ent- 
schieden wird. Nichts von alledem ist zu bemerken. Man sucht die 
Einsichten der Psychoanalyse in jenen Kreisen nicht nur nicht, man 
verschließt sich vor ihnen, man schweigt sie tot, so gut es eben 
gehen will. 

Nun ist es nicht allzusehr zu verwundern, daß die Gruppen der 
enragierten Patrioten in den verschiedenen Ländern mit der Psycho- 
analyse nichts zu tun haben wollen. Die massenpsychologischen Ein- 
sichten des Schöpfers der Psychoanalyse sind so wenig dazu angetan, 
„nationalem Narzißmus" zu schmeicheln, daß sie dem Ohr eines jeden 
mißfällig klingen müssen, der seine höchsten Ideale einzig in der Be- 
tonung der Vorzüge seines eigenen Volkes, seines Staates, seiner 
Nation zu sehen gewohnt ist. Für das deutsche Volk in seinen natio- 
nalistischen Gruppen kommt gewiß noch als weiteres Moment die Tat- 
sache hinzu, daß Freud Jude ist und daher — nach gewissen dogma- 
ähnlichen Vorurteilen in dieser Welt — schon aus diesem Grunde 
„zersetzend" und „auflösend" wirken muß. 

Merkwürdiger berührt es, daß die linksstehende, die liberale und 
sozialistische Welt bisher ebenfalls nicht viel praktischen Nutzen aus 
Freuds Einsichten zu ziehen wußte. Gewiß, sein Kampf für Wahr- 
haftigkeit in den sexuellen Beziehungen der Menschen, der sich aus 

— 386 — 



; 



den psychoanalytischen Erkenntnissen über die Natur der Neurosen 
ergab, hat in diesen Kreisen einen gewissen Widerhall gefunden. Man 
freute sich des Mitstreiters gegen überwundene Vorurteile, man er- 
wartet noch heute von der Psychoanalyse radikale Bekämpfung der 
übermäßig strengen Verbote, die eine fortgeschrittene Kulturentwick- 
lung dem Sexua 1 eben auferlegt hat. 

Auch die von Freud ausgesprochene Anerkennung sichtbarer 
Schäden in der modernen Kultur, soweit sie den für den Sozialisten 
entscheidenden Punkt betrifit, die ungleiche Verteilung des Eigentums, 
fand beifällige Aufnahme unter Jenen, die dieses Problem als die 
Quelle aller Übel und den Angelpunkt künftiger gründlicher Refor- 
men betrachten. Ein Satz aus der „Zukunft einer Illusion", wie etwa 
der, „daß eine Kultur, welche eine so große Zahl von Teilnehmern 
unbefriedigt läßt und zur Auflehnung treibt, weder Aussicht hat, sich 
dauernd zu erhalten, noch es verdient" — ein solcher Satz muß dem 
Vertreter revolutionärer und klassenkämpferischer Ideale sehr will- 
kommen sein. Wären nur nicht jene Einschränkungen, geboren aus 
der Skepsis gegenüber jedem einseitigen Rezept für Menschen- 
beglückung politischer Art, anderwärts von Freud vorgenommen, 
die darauf hinweisen, wie wenig sich der große Kenner der mensch- 
lichen Seele zu jener optimistischen Ansicht von der menschlichen 
Natur und Zukunft zu bekennen vermochte, von der der Sozialismus 
ausgeht. Eine Stelle aus dem „Unbehagen in der Kultur", die sich mit 
dem „begreiflichen Versuch, eine neue kommunistische Kultur in Ruß- 
land aufzurichten" befaßt, klingt in ironischen Zweifel aus : „man fragt 
sich nur besorgt, was die Sowjets anfangen werden, nachdem sie ihre 
Bourgeois ausgerottet haben." Solcherlei Zweifel sind geeignet, die 
feurige Zustimmung sozialistischer Anhänger der Psychoanalyse be- 
trächtlich zu dämpfen. 

Die Psychoanalyse ist selbstverständlich „unpolitisch". Sie ging 
aus vom Studium des seelisch erkrankten Einzelmenschen, gewann vom 
Individuum her ihre Blickrichtung und Erkenntnisse, sie ist also eine 
naturwissenschaftliche Disziplin, die schon durch ihr Forschungsobjekt 
in die großen sozialen Fragen nur als unparteiliche, der Wahrheit 
dienende Instanz einzutreten vermag. An diesem Dienst an der Wahr- 
heit hielt ihr Schöpfer zeitlebens fest, ohne Rücksicht darauf, daß er 
sich damit so manchen rasch begeisterten Freund verscherzen mußte. 

Aber sollte nicht gerade diese unparteiische und leidenschaftslose 
Natur der psychoanalytischen Erkenntnisse eine hervorragende An- 

— 387 — 25 * 



knüpfungsmöglichkeit für diejenigen bieten können, die sich unabhän- 
gig von parteilicher Schablone ihrerseits um eine Befriedung und 
Veredlung der menschlichen Beziehungen mühen? Die strenge Kritik 
die Freud an den Schäden unserer Kultur übt, die Überzeugung von 
der Ungelöstheit der aus dem menschlichen Zusammenleben erwachsen- 
den Schwierigkeiten, haben ihn nie abgehalten, seine Wertschätzung 
der großen Kulturbringer der Menschheit immer wieder zu betonen. 
Darum, so meinen wir, sind jene Männer und Frauen, die den Schick- 
salen und der Zukunft unserer abendländischen Kulturgesittung ihre 
Dienste gewidmet haben, die Freunde des Friedens und der 
Verständigung der Völker in erster Linie berufen, eine so 
wertvolle Bundesgenossin wie die Psychoanalyse zu fragen, was sie 
ihren Bestrebungen zu bieten hat. Ihnen seien daher auch die folgen- 
den Ausführungen gewidmet. 

Der Aggressionstrieb 

Eine der jüngsten und folgenschwersten Entdeckungen Freuds war 
der Gedanke, daß es neben einem aufbauenden auf Zusammenfassung 
und Verknüpfung gerichteten Urtrieb, dem Eros, einen Gegenspieler 
geben müsse, der, am gleichen biologischen Material wirksam, Zer- 
störung und Auflösung zu bewirken sucht. Diese Einsicht wurde, 
wie alle anderen Erkenntnisse der Psychoanalyse, in geduldigem 
Studium des erkrankten Seelenlebens gewonnen. Es ist hier nicht der 
Ort, die Quellen nachzuweisen, aus denen sich Freud im Laufe der 
Jahre die Überzeugung von der autochthonen Existenz eines Todes- 
triebes gebildet hat. Wir folgen ihm gleich mitten hinein in jene Über- 
legungen, die die Wirksamkeit des Todestriebes in den sozialen Be- 
ziehungen der Menschen untersuchen. Im „Unbehagen in der Kultur" 
bemüht er sich, die Aufmerksamkeit der Menschen auf das Walten 
dieses Todestriebes zu lenken, den Widerstand zu überwinden, der 
die Augen vor der Wirksamkeit des Aggressionstriebs schließen läßt. 
„Die Kindlein, sie hören es nicht gerne, wenn die angeborene Neigung 
des Menschen zum ,Bösen', zur Aggression, Destruktion und damit auch 
zur Grausamkeit, erwähnt wird." Das „Liebe deinen Nächsten als 
dich selbst!", der Kernsatz der christlichen Ethik, wäre niemals auf- 
gestellt worden, hätte nicht, der ihn aussprach, um dieses Urböse in 
der menschlichen Natur gewußt. Denn es ist ein starkes, allenthalben 
nachweisbares Bestreben im Menschen, das Gegenteil zu tun : seinen 
Nächsten nicht nur dann zu hassen, wenn ihn dieser geschädigt hat, 

— 388 — 



r 

sondern überhaupt den Fremden, den Nichthelfer als den Feind zu 
empfinden und entsprechend zu behandeln. Auf die Wirksamkeit dieses 
menschenfeindlichen Triebes, der dem „Nächsten" soviel Abbruch wie 
möglich tun möchte, führt Freud einen Großteil der Schutzeinrichtun- 
gen unserer Kultur zurück. Erfindungen und Entdeckungen haben der 
Natur entscheidende Siege abgewonnen. Aber wenn auch kein Kräut- 
lein gegen den Tod gewachsen ist, so wäre doch die heutige Kultur 
mit ihren triebeinschränkenden Geboten und Verboten unvergleichlich 
leichter zu ertragen, bestände nicht eben jene Gefahr für die glück- 
liche Entfaltung des Einzelnen in der sprungbereiten Aggression, die 
sich weigert, neben dem eigenen Egoismus das Wohl des Anderen 
als Ziel menschlicher Leistung anzuerkennen. 

Freuds Schrift hat nicht die Aufgaben verfolgt, das Wirken des 
Aggressionstriebes im Einzelnen nachzuweisen; sie gibt Anregungen, 
sie stellt allgemeinere Erwägungen an, aber sie verzichtet darauf, eine 
Analyse der sozialen Beziehungen der Menschen unter dem besonde- 
ren Gesichtswinkel des Aggressionstriebes zu unternehmen. 

Dagegen zeigt sie uns in ihrem zweiten Teil, welche biologischen 
Schutzmaßnahmen dafür sorgen, daß der Einzelmensch seinen Aggres- 
sionstrieb nicht ungehemmt auslebe. Das Problem des Gewissens 
und seiner Entstehung taucht auf, das seit etwa einem Jahrzehnt zu 
einem der entscheidenden Probleme der psychoanalytischen Forschung 
geworden ist. Der erste Versuch einer biologischen Erklärung des Ge- 
wissens konnte nicht mit einem Schlage gelingen. Schon in seiner 
Schrift „Zur Einführung des Narzißmus" (1913) hat Freud die ersten 
tastenden Versuche unternommen, denjenigen Faktor in der mensch- 
lichen Seele näher verstehen zu lehren, der durch seine verdrängende 
Macht die Ursache neurotischen Leidens ist. Wenn wir uns vergegen- 
wärtigen, daß das Kleinkind rein triebhaft nach dem Lustprinzip lebt, 
und wenn wir damit den normalen Erwachsenen vergleichen, der in 
Gestalt des Gewissens eine Instanz in seinem Seelenleben birgt, die 
ihm ein gut Teil seiner Triebäußerungen verbietet, so liegt die Frage 
nahe, welche Schicksale eine solche verbietende Instanz in der mensch- 
lichen Seele zur Entwicklung bringen. Freud fand in der Versagung, 
die das Kleinkind schon im zartesten Alter von Seiten der Eltern oder 
ihrer Stellvertreter in seinem Triebleben erfährt, den entscheidenden 
Faktor, den Anstoß für die Entstehung des menschlichen Gewissens. 
Das Kind lernt aus Angst vor Liebesverlust seine Triebe beherrschen, 
seine Lustäußerungen einschränken. Der Niederschlag dieser 

— 389 — 



Versagung ist das „Uber-Ich", jene Instanz, die das Gewissen 
als „Wächter", „wie die Besatzung in einer eroberten Stadt", im In- 
nern der menschlichen Seele zurückläßt. Wo früher der Vater verbot 
und strafte, da verbietet dem gereiften Menschen nunmehr das Über- 
ich, das bei Vielen bis an ihr Lebensende die Starrheit der einstigen 
unbeschränkten elterlichen Autorität beibehält. 

Wenn wir uns nun fragen, in welcher Form wir in unserer heuti- 
gen Kultur die Auswirkung des Aggressionstriebes unserer Mitmenschen 
gewissermaßen „am eigenen Leibe" erfahren, so finden wir in der 
Tat zunächst die „Nadelstiche", die uns der Einzelne aus unserer Um- 
gebung zufügt. Sei es nun, daß ein weniger streng entfaltetes Ge- 
wissen diesem Nächsten die Auslebung eines höheren Maßes von 
Aggression gegen seine Umgebung gestattet, sei es, daß der „Boden- 
satz von Haß", der hinter aller Liebe steckt, Beziehungen des persön- 
lichen Lebens, Ehe, Freundschaft, Eltern- und Geschwisterbindung 
untergräbt, es gibt genügend Möglichkeiten für jeden Kulturmenschen, 
Aggression in dieser Form zu erfahren. Wenn wir aber die mensch- 
lichen Kulturbeziehungen näher untersuchen, so wird uns klar, daß 
dieser „frei schwebende" Aggressionstrieb in seiner Wirkung von 
Mensch zu Mensch nur eine ziemlich untergeordnete Rolle spielt. Die 
Existenz des Gewissens — und des Strafgesetzbuches, also der äußeren 
Versagung, — gewährleistet eine gewisse Sicherheit gegen die Aggres- 
sion, die uns vom Einzelnen her droht. 

Anders steht es mit jenen mehr unpersönlichen Aggressionsäuße- 
rungen, denen wir meist hilflos unterliegen. Was bedeutet es etwa, 
wenn ein eben noch glücklicher Gatte durch die Einberufung zum 
Kriegsdienst seiner Familie entrissen und gezwungen wird, sich im 
Dienste der nationalen Wehrmacht als Krieger zu betätigen? Was be- 
deutet es, wenn durch eine unglückliche wirtschaftliche Situation ein 
Arbeitgeber seinem Angestellten (dem er vielleicht viel zu verdanken 
hat) die Stellung kündigt und ihn dadurch dem Elend und der Brot- 
losigkeit ausliefert? Was, wenn der Inhaber einer Firma der Konkur- 
renz glücklicherer Bewerber um wirtschafdiche Macht unterliegt und 
sich von einem Tag auf den anderen dem Ruin seiner beruflichen 
Hoffnungen ausgesetzt sieht? Was, um ein Beispiel aus der im enge- 
ren Sinne kulturellen Sphäre zu wählen, das der Analyse besonders 
nahe vertraut ist, daß ein Freud, der seine in ehrlicher und ange- 
spannter Forschung erworbenen Erfahrungen über die sexuelle Ver- 
ursachung der Hysterie mitteilen wollte, dem schallenden Hohngeläch- 



— 390 — 



r 

ter einer Schar von ärztlichen Kollegen ausgesetzt ist, wenn er diese 
seine Erfahrungen in ihrem Gremium vorträgt? 

VVir werden uns eingestehen müssen, daß sich daraus Verwicklun- 
gen und Komplikationen des Sachverhaltes ergeben, die eines näheren 
Studiums bedürfen, ehe wir in der Lage sind, auf derartige Fragen 
eine klare Antwort zu geben. Der Begriff der Masse, im allerweitesten 
Sinne dieses Wortes, der menschlichen Organisation, tritt in den 
Vordergrund der Betrachtung. 

IDie Masse 
Als Freud 1921 seine gedankenreiche und vielseitige Arbeit über 
[assenpsychologie und Ich- Analyse" herausgab, hatte er die Klärung 
der Triebgegensätze Eros — Aggressionstrieb noch nicht so scharf voll- 
zogen wie im „Unbehagen in der Kultur". Im Mittelpunkt jener Ar- 
beit steht vielmehr die Frage nach den libidinösen Vorgängen, die 
zur Massenbildung führen. Es lag ihm daran, ein Bild davon zu ge- 
winnen, wie sich aus einem Haufen autonomer Einzelner eine Masse 
bilden kann, die nach eigenen Gesetzen handelt, in welcher das uns 
bekannte Verhalten des Einzelnen von einem neuen Prinzip abgelöst 
wird. Unter Zugrundelegung der Schilderungen der Masse durch Le 
Bon gelangte Freud zu der Einsicht, daß der entscheidende Faktor 
für die Bildung der Masse durch den Führer gegeben sei. Indem 
sich durch den Vorgang der Identifizierung die Einzelnen, die 
zur Masse zusammentreten, untereinander wie Brüder gleichsetzen, statt 
ihres bisher wirksamen Ich-Ideals (Über-Ichs) den Führer einsetzen, 
entsteht eine menschliche Organisation, die in vielen Zügen jener Ur- 
horde ähnelt, die Freud, darin mit Darwin einig, an den Anfang 
der menschlichen Geschichte stellt. Eine vollkommene Gleichgültigkeit 
gegen die bisherigen Moralvorschriften begleitet diesen grandiosen 
Identifizierungsvorgang, in welchem der Einzelne die Entscheidung über 
Gut und Böse an den Führer abtritt. Die damit für den Einzelnen 
verbundene plötzliche Erleichterung von den Geboten seines bisheri- 
gen „inneren Herrn" vermag manche seltsame Züge des Massen- 
charakters zu erklären. Ebenso gut, wie man über die Morallosig- 
keit des Massenmenschen reden kann, kann man auch seinen Herois- 
mus hervorheben, ist doch die Masse verbrecherischer und helden- 
hafter Taten in gleichem Maße fähig. 

Die Frage, die uns an dieser Stelle besonders brennend interessiert, 
ist nun die nach dem Verbleib und der Unterbringung des Aggres- 

— 391 — 



^ 



sionstriebes in der Masse. Wir sehen in Freuds Arbeit, daß 
das Ich-Ideal des Einzelnen durch den Führer ersetzt wird. Wir 'sehen 
die Glieder der Masse gleich Brüdern unter dem Führer geeint und 
während ihres Verbleibes in der Masse gegenseitig vor Aggression ge- 
schützt. Und doch erscheint die Masse als ein bedrohliches und ge ~ 
fährliches Phänomen für die Außenwelt. Auf dem Außen liegt der 
Nachdruck! Während innerhalb der Masse eine feste Bindung sowohl 
der Mitglieder untereinander, wie der Glieder an den Führer besteht 
ist offenbar die Außenwelt durch die Masse mehr bedroht als geliebt.' 
Nicht nur von der revolutionären flüchtigen Masse! Auch die dauer- 
haften Massenbildungen, wie sie Freud als Beispiele in seine Betrach- 
tungen einführt, sind in gewissem Sinne unheimlich, wenn wir ihre 
Wirkungen nach außen ins Auge fassen. Die Armee, deren Ziel der 
Krieg, die Niederringung des Feindes ist, scheint nur gebildet, um den 
Aggressionstrieb an sich auszuleben. Auch die Kirche — Freud denkt 
bei seiner Betrachtung hauptsächlich an die katholische Kirche — i st 
nach außen „aggressiv". Wir wissen ja, daß das Heil und die Be- 
glückung, die die Kirche ihren Gläubigen zu bieten hat, nur denjeni- 
gen gilt, die in ihrem Schöße vereinigt sind. Dagegen sind alle jene 
von diesen Heilsgütern abgeschnitten, die sich trotz etwaiger Werbung 
weigern, sich in die Schar der Gläubigen einreihen zu lassen. Ja sogar 
jene, die nichts von dem Evangelium der Kirche wissen können, die 
als „Heiden" unerreichbar abseits leben, dürfen nicht darauf rechnen, 
des Heils der Kirche teilhaft zu werden. So glück- und friedevoll sich 
innerhalb der Kirchengemeinschaft das Leben der Gläubigen abspielen 
mag, so wenig ist nach außen dieser Frieden gewährleistet. 

Gehen wir weiter, sehen wir zu, wie es um das „Außen" anderer 
Massenbildungen gestellt ist. Nehmen wir als Beispiel eine beliebige 
Indus tri efirma, die sich den Erwerb zum Ziel gesetzt hat, die Auf- 
gabe verfolgt, ihren Besitzern durch Ausnutzung materieller Güter und 
menschlicher Arbeitskraft Zuwachs an Einkommen und Vermögen zu 
verschaffen. Mögen die organisatorischen Beziehungen innerhalb dieser 
„Masse" immerhin gänzlich anders geartet sein als in einer Armee oder 
in einer Glaubensgemeinschaft, in einem Punkt sind sich die Verhält- 
nisse erstaunlich ähnlich: auch hier herrscht innerhalb der „Masse" 
Firma eine Art von Burgfrieden, die Vereinigung Vieler unter einem 
Führer zu einem gemeinsamen Ziel. Dieses Ziel, Mehrung der Pro- 
duktion, des Absatzes, erscheint zunächst durchaus nicht aggressiv. Aber 
wenn wir zusehen, was diese Firma unternimmt, um ihren Einfluß 

— 392 — 



iund ihr Einkommen zu erhöhen, so werden wir gewahr, daß der Kampf 
gegen die Konkurrenz einen recht wesentlichen Teil dieser Außen- 
arbeit der Firma ausmacht. Überall, wo sich wirtschaftliche Initiative 
regt, treffen ihre Energien irgendwo und irgendwann einmal auf den 
gleichgearteten Willen eines ähnlichen Unternehmens, mit welchem 
ein Kampf in dem Augenblicke unvermeidlich wird, wo die Produk- 
tionsmittel knapp, wo die Absatzgebiete für beide zu eng werden. 
Den Kampf zwischen Eros und Aggressionstrieb, den Freud als den 
eigentlichen Inhalt des historischen Schicksals der Menschheit betrachtet, 
kann man im Geschäftsleben mit besonderer Klarheit verfolgen. Das 
Übereinkommen zweier Firmen gleicher Branche zur Bekämpfung etwa 
einer dritten, mächtigeren, ist bereits Ausdruck des Gegeneinander- 
wirkens der beiden Triebe: Bündnis auf der einen, Kampf auf der 
anderen Seite. 

Wir sind bereit, die Wendung des Aggressionstriebes nach außen 
für die Wirtschaftsorganisation zuzugeben, wo jedoch sollte in einer 
rein kulturellen Vereinigung, etwa in einem wissenschaftlichen Verein 
— in einem Tierschutzverein, um ein rein philanthropisches Beispiel zu 
wählen, — der Aggressionstrieb zu finden sein? Aber unsere auf das 
Gute und Friedvolle zielenden Erwartungen werden auch hier ent- 
äuscht. Die rein kulturell gerichtete „Masse" unterliegt ganz ähnlichen 
resetzen, wie die „Masse" in der Wirtschaft. Denken wir an jenes 
itglied des Tierschutzvereines X, das die Grausamkeit eines Rosse- 
enkers auf steiler Straße so in Entrüstung versetzte, daß der milde 
'ann dem Wagenführer die Peitsche entriß, um ihn damit durchzu- 
prügeln. Gewiß, das Beispiel mag grotesk und vereinzelt sein, aber wir 
werden in den Satzungen jenes Tierschutzvereins sicherlich in einem 
ihrer ersten Paragraphen unter der Leitschrift: »Ziele des Vereins" 
einen Satz finden, der sich auf die Verpflichtung bezieht, mit allen 
Mitteln für ein tieferes Verständnis der Tierseele zu kämpfen und 
überall dafür zu sorgen, daß Grausamkeiten gegen Tiere vermieden 
werden. Auch hier eine Masse, die, diesmal im Interesse einer „Idee", 
vereinigt ist, zum Kampf gegen Unverständigkeit, Gleichgültigkeit, 
Bosheit und Grausamkeit. 

So erscheint jede Massenbildung, mag sie welchem menschlichen 

Lebensgebiete immer entstammen, als eine Art von Transformation 

er beiden die Menschheit beherrschenden Urtriebe. Der libidinöse 

nteil, der Eros, wie wir mit Freud sagen wollen, wird inner- 

alb der Masse zur gegenseitigen Bindung der Glieder und 

— 393 — 



zur Bindung an den Führer verbraucht, der Aggressionstrieb 
jedoch nachaußen geworfen und damit für die Organisation selbst 
weitgehend neutralisiert. 

Wir werden uns in dem nächsten Abschnitt unserer Überlegungen 
fragen müssen, welche speziellen Schicksale mit dieser Nach-Außen- 
Werfung des Aggressionstriebes in der menschlichen Organisation ver- 
bunden sind. 

Der Erbe des Urvaters 

Die Ethik, die an das Gewissen des Einzelnen appelliert, stellt das 
„Liebe deinen Nächsten als dich selbst!" als höchstes Gebot auf. Die 
Massenethik, wenn es so etwas gibt, erhebt ganz andere Forderungen. 
Vielleicht kommen wir dem Sachverhalt am nächsten, wenn wir das 
schlichte „Seid einig, einig, einig!" aus Schillers „Teil" als ihr Ur- 
gebot annehmen. 

Jede Masse muß auf ihren eigenen Zusammenhalt das größte Gewicht 
legen. Disziplin und Zucht müssen dafür sorgen, daß die Glieder 
der Masse im Zustande jener Identifizierung verbleiben, die ein Aus- 
einanderfallen in einen gestaltlosen Haufen von Einzelnen verhindert, 
aber auch in unauflöslicher Bindung an den Führer, der nur dann mit 
der Schlagkraft seiner Geführten rechnen kann, wenn diese Bindung 
absolut zuverlässig ist. Der Führer selbst aber hat sich von seinem Ahn, 
dem Urvater, der einst die Horde seiner Söhne anführte, ein Stück 
jener Freiheit bewahrt, die ihm willkürliche Entschlüsse nach außen 
hin ermöglicht. Nehmen wir zunächst rein theoretisch den Fall an, daß 
eine Masse unter ihrem Führer, sozusagen freischwebend im Räume, 
also ohne Rücksicht auf sozialen Widerstand sich bewegen kann, so ist 
der Führer dieser Masse in der Tat „frei" in jenem besonderen Sinne, 
den das Wort „Souveränität" in sich beschließt. 

Diese Freiheit enthält jedoch bei näherer Betrachtung ganz bestimmte 
Merkmale, die uns Aufschluß darüber geben, wie es um die Trans- 
formation des Aggressionstriebes in der Masse bestellt ist. Souve- 
ränität bedeutet offenbar die freie Verfügung über die Ge- 
samtheit der Aggressionsmöglichkeiten, auf die die Massen- 
glieder Verzicht geleistet, die sie auf den Führer als ihr Haupt über- 
tragen haben. Ja, mehr als das; es scheint fast so, als ob die Glieder 
der Masse einen Druck auf den Führer ausüben, den abgetretenen, ihm 
übertragenen Aggressionstrieb nunmehr nach außen hin auch wirksam 
zu betätigen. 

— 394 — 



Ein kleinerer Anteil des im Führer sich konzentrierenden Aggres- 
sionstriebes bleibt notwendig zur Aufrechterhaltung jener Zucht, die, 
w ie wir sahen, die Masse gegen den Auseinanderfall schützen muß. 
Aber ein größerer Teil des Aggressionstriebes der Masse ist offenbar 
für die Verfügung nach außen bestimmt, er soll dazu dienen, das Ziel 
durchzusetzen, das die Masse erstrebt und durch ihren Führer verwirk- 
licht sehen will. 

Erinnern wir uns an dieser Stelle nochmals der Anschauung, die 
Freud von der Entstehung des Gewissens auf Grund seiner Studien 
am Einzelindividuum sich gebildet hat. Er fand, daß das Gewissen des 
Einzelnen ein Niederschlag jener Urversagung ist, die die Triebwelt 
des Kindes durch seine Erzieher notwendig erfahren muß, daß die 
Versagung am Eingang der Gewissensentwicklung steht, 

Vielleicht gibt es zu dieser biologischen Bindung von Aggres- 
sionstrieb im Einzelnen eine soziologische Parallele? Sie würde 
darauf beruhen, daß die zur Masse zusammengeschlossenen Einzelnen 
die Last des Gewissens im Vorgang der Identifizierung abschütteln, 
nicht aber gänzlich auf ihren Aggressionstrieb verzichten, ihn vielmehr 
nur in einer neuen Form an einen Bevorzugten zu dessen Verfügung 
abtreten. Es entstehen so gewissermaßen „Depots" von Aggression, 
und zwar gerade an jenen Stellen, wo jener Bevorzugte die Rolle des 
Urvaters als Anführer einer Masse übernimmt. Das würde gut mit der 
Rolle des Gewissens übereinstimmen. In beiden Fällen ist es eine 
„Vater-Imago" die mit der Auswirkung der Aggression ausgestattet 
wird. Nur daß im einen Falle diese „Vater-Imago" in die seelische 
Welt des Individuums übernommen, „introjiziert" wird, während 
im anderen Falle, im Falle der Masse, die „Vater-Imago" als Führer 
in der Realität auftritt. 

Welche Faktoren sind nun dafür verantwortlich, daß das „Agres- 
sionsdepot" in der Hand des Führers wächst oder sich mindert? Zu- 
nächst dürfen wir wohl vermuten, daß die Zahl der Glieder einer 
Masse eine bedeutsame Rolle für die Höhe der Aggressionsfähigkeit 
der Masse spiele. Es wird ein wesentlicher Unterschied zwischen einer 
Masse bestehen, die aus einigen wenigen Individuen gebildet ist, und 
einer solchen, die Millionen von Gliedern umfaßt. Können wir zwar 
Aggressionstrieb ebenso wenig exakt messen, wie wir heute in der Lage 
sind, Libidoquantitäten in physikalischer Form darzustellen, so müssen 
wir doch, wenn anders wir nicht auf jedes Verständnis verzichten 
wollen, quantitative Verhältnisse im Triebleben zugrunde 



395 



legen. Aber so sicher eine Erhöhung von - zunächst virtueller - 

Aggressionsfähigkeit eine Funktion der Zahl der Masseglieder 

Fakto°r SiCheriStdOCh dkSeZahI nkht der ei ^ige_ ausschlaggebende 

Vergegenwärtigen wir uns nochmals einige Beispiele möglichst ver 

schieden gearteter menschlicher Organisationen, stellen wir zwei Extreme 

unseren Tjerschutzverein und eine Armee, einander gegenüber Wir 

werden nun finden, daß die in dem Verein zusammengeschlossenen 

Mitglieder unvergleichlich weniger von ihrer individuellen Besonderheit 

aufgegeben haben als die Glieder, die in der Armee vereinigt sind 

Das Maß der Identifizierung ist der zweite Faktor für die Air' 

gressionskraft der Masse. Je tiefer die Identifizierung geht, je enger 

die Massegheder auf Gedeih und Verderb miteinander verbunden 

sind, desto bedeutender wird auch derjenige Anteil ihrer Trieb-Per 

sonhchkeit sein, der durch den Transformationsprozeß nach außen 

geworfen, dem Führer anheim gegeben wird. 

Und nun ein dritter Faktor, der den Anteil der Außenwelt 
repräsentiert. Es wird nicht gleichgültig sein, welchen Widerständen 
die geführte Masse bei ihrer Aggressions-Auswirkung begegnet. Der 
Widerstand der Außenwelt wirkt ganz ähnlich wie jene Versagun* 
die so wesentlichen Anteil an der Gewissensreaktion des Einzelnen 
besitzt Nehmen wir an, jene industrielle Firma, von der wir weiter 
oben handelten, wollte sich um ihrer egoistischen Ziele willen über 
alle irgendwie gearteten Bedenken hinwegsetzen, also Mehrung an 
Macht und Gut um jeden Preis und unter Ausnutzung aller Methoden 
verfolgen Sie würde sehr bald durch diese Skrupellosigkeit in Konflikte 
geraten. Unzählige Gesetze, nennen wir diejenigen gegen unlauteren 
Wettbewerb smd eigens zu dem Zweck erlassen, um die Skrupel- 
losigkeit des Erwerbssinnes einzudämmen. Es wird also jener indu- 
striellen Masse« die Versagung des Gesetzgebers in den We S 
treten und ihr sehr bald eine Einschränkung ihrer nach außen gerich- 
teten Aggression auferlegen. Das Gleiche gilt für einen sehr großen 
leü aller menschlichen Organisationen unserer Kulturwelt. Immer wird 
- ob es sich nun um eine Glaubensgemeinschaft, um ein Wirtschafts- 
unternehmen, um eine kulturelle Organisation handelt - eine gesetz- 
liche Grenze für ungehemmte Aggression bestehen, die dazu dienen 
soll, ähnlich geartete, vielleicht schwächere Massen gegen ein Erstickt- 
und Verschlucktwerden zu schützen. 
Aber es gibt ganz besondere, bevorzugte Massen, deren Aggression 

— 396 — 






durch solche gesetzgeberische Maßnahmen nur unvollkommen oder 
überhaupt nicht beschränkt wird. Wir wissen, um welche Bildungen 
es sich handelt: es sind die Nationen, deren „Souveränität" gerade 
darin besteht, daß sie sich von niemand eine Beschränkung ihrer Ag- 
gression nach außen vorschreiben lassen wollen. Daß es gerade jene 
Massen sind, deren Zahl die meisten anderen Massenumfänge über- 
trifft, zugleich Massen mit einem sehr starken Ausmaß virtueller Identi- 
fizierung, mag uns einen Begriff" davon geben, welche Gefahr in diesem 
Zusammentreffen gelegen ist: große Zahl, tiefgehende Identifizierung 
und mangelhafte oder nicht bestehende Versagung von außen her 
kennzeichnen die „Masse" Nation in ihrem Charakter. So können wir 
schon rein theoretisch erwarten, daß Aggressionsentladungen von dieser 
Seite her an Umfang und Auswirkung die höchste Gefahr für den 
Bestand der menschlichen Kultur bedeuten müssen. 

Der Staat 

Wir sahen, daß jede Organisation, jede Masse einen Führer besitzt, 
dessen entscheidende Aufgabe es ist, über die ihm von den Geführten 
zur Verfügung gestellte Aggressionsbereitschaft nach freiem Ermessen 
zu schalten, soweit die Versagung der Außenwelt ihm dabei nicht 
hemmend in den Weg tritt. Welches ist nun jene Instanz, die als 
„Führer der Nation" angesprochen werden darf? Offenbar der Staat, 
der von jeher als männlich-väterliche Imago von den Menschen ver- 
standen worden ist („Vater Staat"). Der Staat ist, wenn wir dieses 
rätselhafte, von vielen Seiten her auffaßbare Phänomen von unserem 
Gesichtspunkt aus betrachten, in erster Linie jene Institution, die das 
Erbe des souveränen Urvaters der einstigen Horde zu 
verwalten hat. Souverän nach außen, wenigstens de jure, ist er das 
Exekutivorgan des Aggressionswillens der von ihm ge- 
führten Nation. Keine versagende Gewalt nach innen oder außen 
stellt sich ihm bei dieser Funktion in den Weg. Die Instrumente der 
Aggression, die dem Staate zur Verfügung stehen, sind jene, die unter 
allen Aggressionsinstrumenten wahrscheinlich die meisten Leiden für 
das Individuum zur Folge haben: der Krieg nach außen, die Justiz 
nach innen. Hier ist die eigentliche Quelle der autonomen Gewalt zu 
suchen. Wenn es dem Staat gefällt, so führt er Krieg, indem er die 
bis dahin nach allen Richtungen durcheinander wogende Riesenmasse 
der Nation mit einem Schlag in einen militanten Organismus verwan- 
delt. Das Individuum taucht unter in der nationalen Identifizierung, an 

— 397 — 



die Stelle des autonomen Gewissens tritt, als „parasitisches Über- 
leb" (Freud), der Staat. 

Ebenso souverän vollzieht sich der Aggressionswille des Staates nach 
innen, hat doch der Staat potentiell, wie einst der Urvater, das Leben 
jedes einzelnen Gliedes der Nation in seiner Hand. Ein jahrhunderte- 
langes Ringen individueller Freiheit und organisatorischer Bindung 
mußte vorausgehen, ehe es der Menschheit möglich wurde, die starre 
Souveränität des Staates durch Einbau von schützenden Klauseln in die 
staadichen Grundgesetze selber teilweise einzuschränken. Jede „Ver- 
fassung", die eine Nation sich gibt, sucht eine Schranke gegen die un- 
begrenzten Ansprüche und Aggressionen des Staates nach innen auf- 
zurichten. Diese Schutzmaßnahmen der inneren Seite sind wesentlich 
älter als jene, die die Aggressionsbereitschaft des Staates nach außen 
hin hemmen und eindämmen sollen. Aber es ist schwach um diese 
Schutzmaßnahmen gegen den Aggressionswillen des Staates bestellt. 
Verfassungen haben es nicht gehindert, daß, besonders in Zeiten poli- 
tischer Not, 1 ihre Paragraphen vor der Wirklichkeit der Staatsallmacht 
wie Spreu vor dem Winde zerstoben sind. Und ob der „Völkerbund" 
einen ernstlichen nationalen Konflikt verhindern wird, darüber sind in 
der ganzen Welt berechtigte Zweifel verbreitet. 

Vom Individuum her gesehen ist also die angstvolle Frage verständ- 
lich genug: wird es der Menschheit gelingen, Mittel und Wege zu 
finden, um die Aggressionsbereitschaft der Staaten, die größte Gefahr 
für den Bestand menschlicher Freiheit, Gesittung und Kultur, wirksam 
und auf die Dauer auszuschalten? Aber diese Frage übersieht zumeist 
die grundlegende und für das Verständnis der Massen entscheidende 
Tatsache, daß der Staat seinem Wesen nach gar nichts anderes sein 
kann, als die mächtigste Exekutive des menschlichen 
Aggressionstriebes, daß daher ein „Frieden zwischen Staaten" von 
der Grundnatur des Staates selber her aufs tiefste bedroht ist. Erst 
wenn wir uns gewöhnen, dieser Tatsache ehrlich ins Gesicht zu sehen, 
werden wir uns der Tragweite jener Aufgabe bewußt werden, die in 
der Befriedung der menschlichen Staatengemeinschaften liegt. 

Mehr noch als im Geschäftsleben herrscht in der politischen Welt 
das ungeschriebene Gesetz: Bindung und Frieden erfolgt nur dann, 
wenn es möglich ist einen Gegner zu finden, gegen den sich g e m e in- 
samer Haß entladen darf. Wir können die Bücher der Welt- 

l) Vgl. hiezu die Hervorhebung der Sorge als Ausdrucksform des Todestriebs bei 
Federn, Die Wirklichkeit des Todestriebes. Almanach der Psychoanalyse 1931, S. 92. 

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geschichte aufschlagen, wo wir wollen: immer werden wir finden, 
daß jener Staatsmann und Politiker die meiste Anhängerschaft, die 
größten Erfolge errang, den ruhmreichsten Namen erwarb, dem 
es gelang, dem menschlichen Haß, der menschlichen Aggressionsbereit- 
schaft, neue Ziele und Objekte zu erschließen. Was dem Einzelnen 
längst, ja seit Beginn jeder Kultur untersagt ist, wogegen sich sein 
Gewissen als Wächter sträubt, das durfte zu allen Zeiten der Massen- 
führer, der Staatsmann ausführen, denn der Heroismus der Geführten, 
die Verbundenheit derjenigen, die hinter ihm standen, vermochte es, 
um sein Haupt die Gloriole des Ruhmes zu winden. Wo der Ein- 
zelne als Verbrecher gebrandmarkt wird, da baut man dem Führer 
der Masse das Denkmal ; und fast scheint es, als ob mit fortschreiten- 
der Kultur, mit zunehmender Strenge des Gewissens im Einzelnen 
der Aggressionstrieb, von seiner ursprünglichen Betätigung abgeschnit- 
ten, auf dem Wege über die Masse immer riesenhaftere und gefähr- 
lichere Triumphe feiert. 

So wiederholen wir uns an dieser Stelle erneut die ernste Frage Freuds, 
die „Schicksalsfrage der Menschenart", ob es gelingen wird, die Kultur 
gegen die wachsende Macht des Aggressionstriebs zu schützen. 

Abrüstung ? 

Individualgewissen und Massenführung sind, wie wir erkannten, 
die beiden Träger und Ausdrucksformen des menschlichen Aggres- 
iionstriebs. Trotz der zwischen beiden bestehenden Spannung sind sie 
zutiefst verwandt: beide sind Abbilder und Erben des Urvaters. Am 
Anfang der menschlichen Geschichte steht sicherlich die Massenbildung 
als die primitivere Form der Aggressionsbindung. Aber das Beispiel 
des Führers, der ja auch schon in dieser frühen Zeit als Individualität 
und Einzelner der Masse bewußt gegenübertritt, verlockt die Geführ- 
ten zur Nachahmung. 1 Selber Individuum werden, sich selber aus dem 
Zwange der Identifizierung lösen und es so dem Urvater gleichtun: 
dieses Phantasiebild spiegelt sich in jedem der Geführten wider. Seit 
jenen frühesten Zeiten, müssen wir annehmen, hat sich gegen den 
Zwang der Masse ein wachsender Gegendruck von Seiten der Geführ- 
ten bemerkbar gemacht. Wenn Kant die Geschichte der Menschheit 
als eine Geschichte der menschlichen Freiheit 2 auffaßt, so konnte er 

l ) Vgl. hierzu : Freud: Massenpsychologie und Ich- Analyse. Ges. Schriften. 
Bd. VI, S. 325. 

St) Kant: Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht. 





— 399 — 



damit nur meinen, daß ein Kampf des Einzelnen durch die Geschichte 
hindurch zu verzeichnen war, jener Kampf, der von der heteronomen 
Masse wegstrebt und in der Autonomie der menschlichen Persönlich- 
keit, in der sittlichen Freiheit sein Ziel sieht. Nicht umsonst ist das 
Gewissen, die sittliche Freiheit der Persönlichkeit, der Mittelpunkt der 
Kantschen Ethik. 

Vom Gesichtspunkt des Individuums aus gesehen, erscheint die 
wünschbare Zukunft als ein Weltfrieden, wie ihn Kant in einer 
wissenschaftlichen Phantasie als Ziel der Menschheitsentwicklung dar- 
gestellt hat. Wenn uns diese Phantasie, wollen wir ihr realen Gehalt 
zutrauen, heute beinahe naiv anmutet, so deshalb, weil zwischen Kants 
Schrift und der Gegenwart ein grandioser Aufschwung individueller 
Freiheitsentwicklung verdunkelt wurde durch erschütternde Erlebnisse, 
die uns Heutigen beweisen, daß die primitivsten und barbarischesten 
Regungen der Menschheit neben einem solchen Aufschwung der Ge- 
sittung, der Freiheit Raum finden konnten. Einflußreiche Menschen 
der Feder (die früher das Privileg besaß, sich im Dienst des Indivi- 
duums zu betätigen), predigen heute das Massenideal als das sittliche 
Ideal des Menschen. Die Ausführungen eines Spengler beweisen 
das. Seine gesamte, unzweifelhaft glänzende Begabung ist dem Ziel 
gewidmet, die Menschheit davon zu überzeugen, daß ein „Volk in 
Form", also eine besonders wohl disziplinierte Masse, das eigentliche 
Ziel des Geschichtsprozesses darstellt, dem gegenüber das Individuum 
zu verstummen und sich zu bescheiden hat. 

Aber trotz der lauten Stimme dieser Apostel der Masse besteht eine 
unklare, vielleicht trügerische, trotzdem aber starke und unabweisbare 
Hoffnung in der Kulturmenschheit fort, daß es gelingen werde, Mittel 
und Wege zu finden, zukünftigen Verheerungen durch den menschlichen 
Aggressionstrieb in seiner furchtbarsten Form vorzubeugen. Man 
möchte in die menschlichen Organisationen, deren größte und gefähr- 
lichste die Staaten sind, so wirksame Sicherungen einschalten, 
daß es ihnen nicht mehr möglich ist, die in ihrem Schöße angesam- 
melten Zündstoffmengen zur Explosion zu bringen. Den unmittelbaren 
Erfolg dieser Bestrebungen repräsentiert wohl der Genfer Völker- 
bund, der gegründet wurde, nachdem die Aggressionsorgie des 
Weltkrieges sich ausgetobt hatte. Als Forum der Völker, als Welt- 
parlament war er gedacht, die schiedlich-friedliche Austragung aller 
Konflikte zwischen den Staaten sollte ihm überantwortet sein. Mit der 
Geburt dieser Amphiktyonie ist gewiß ein wichtiger Schritt in der 

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Richtung der Sicherheit getan. Aber niemand verhehlt sich, daß es 
n ur ein bescheidener, ein erster Schritt ist. Der Bund ist schwach, die 
Versagung als mächtigstes Abwehrmittel gegen den Aggressionstrieb 
ist ihm nur sehr bedingt zugänglich; zudem fehlen mächtige Staaten 
in seiner Mitte, wodurch sein ökumenisches Gepräge ernstlich beein- 
trächtigt ist. Tendenzen, die neuartige und ideal gedachte ,Liga der 
Nationen' nach der uralten historischen Schablone in ein , Bündnis' 
umzugießen, sind deutlich zu verspüren. Und am Gesicht der Staaten, 
die den Bund gebildet haben, hat sich bisher wenig geändert. 

Das sicherste Anzeichen für den fühlbaren Mangel an Vertrauen zum 
Völkerbund als Aggressionsschranke ist die große Bewegung, die außer- 
halb des Bundes für den Gedanken der Abrüstung kämpft : Krieg dem 
Kriege — Aggression dem Aggressionstrieb ! Wir werden uns über die 
Aussichten dieser Bestrebungen keine allzugroßen Illusionen machen 
dürfen. Nicht nur deshalb, weil sie bisher so wenig greifbare Ergeb- 
nisse erzielt haben. Denn daraus wäre nicht ohne Weiteres ein Schluß 
auf die Zukunft zu ziehen. Die Schwäche der Hoffnung, die sich an 
die Abrüstungsbestrebungen knüpft, ist vielmehr ganz anders zu be- 
gründen. Wenn es wahr ist, daß der Staat jene wesentliche geheime 
Aufgabe verfolgt, die von ihm geführte Gemeinschaft zu entlasten, 
indem er ihren Aggressionstrieb bindet und als dessen Exekutor nach 
innen und vor allem nach außen auftritt, so wird sich, solange nicht 
an den Grundlagen nationalen Zusammenlebens gerüttelt ist, kaum 
eine Möglichkeit finden, den Staat zu entgiften, das reißende Tier in 
ein zartes Lämmlein zu verwandeln. Jeder Staat, der seine „Souveräni- 
tät", zumindest als Anspruch, aufrecht erhält, wehrt sich auf das 
Äußerste und mit allen Mitteln dagegen, daß ihm die sichtbaren Aus- 
drucksformen dieser seiner Mission, seine potentiellen Aggressionsmög- 
lichkeiten entzogen oder geraubt werden. Und jede Nation wird für 
dieses Zögern und Hinhalten eine Fülle von rationalen Begründungen 
vorzubringen wissen, die den „bösen Nachbarn" für die eigenen be- 
denken verantwortlich machen. 

Horizontale und vertikale Aggression 

Das Problem liegt also nicht so sehr in jder Frage der Aufrecht- 
erhaltung oder Streichung von stehenden Heeren und Kriegsflotten. 
Armeen und Flotten sind ja nur die Symptome dafür, daß riesige 
Mengen von Aggressionstrieb gleich Munitionsdepots auf den Augen- 
blick der Entladung warten. Es handelt sich vielmehr darum, ob es 

PjA. Bewegung III 401 ,6 



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gelingen wird, Abfuhrmöglichkeiten für den menschlichen Ag. 
gressionstrieb zu ersinnen, die weniger katastrophale Folgen für die 
Kultur (und das ist für das autonome Individuum) befürchten lassen, 
als sie ein moderner zwischen Großstaaten geführter Krieg mit sich 
bringen würde. 

Wir sahen schon weiter oben, daß eine wesentliche Aufgabe aller 
Politik darin besteht, neue Haßobjekte, also neue Abfuhrmöglichkeiten 
für das Aggressionsbedürfnis der Massen zu erschließen. Freud hat 
mit bitterem Sarkasmus die Rolle der Juden in diesem Sinne umrissen. 
Aber der Jude genügt offenbar nicht entfernt für die Ansprüche, die 
der Aggressionstrieb an Entladungsmöglichkeiten stellt. Prüfen wir 
daher, ob es nicht andere Ausdrucksformen des Aggressionstriebs gibt, 
die mehr Erfolg versprechen als der Judenhaß, und weniger Gefahren 
mit sich bringen als der Haß der Nationen gegeneinander. 

Der Sozialismus in seiner reinsten Form, sagen wir also der 
Marxismus, der schärfste Rufer im Streit gegen die nationalistische 
Gefahr, glaubt einen gangbaren Weg gefunden zu haben, und er ver- 
mag sich auf tief im Menschen wurzelnde Instinkte zu stützen, wenn 
er sein neues Ideal als brauchbare Zukunftslösung vertritt. 

Sehen wir von allen beglückenden Folgen ab, die die sozialistische 
Lehre als Ergebnis ihrer Verwirklichung voraussagt, so ergibt sich, von 
der Seite des Aggressionstriebs gesehen, die grandiose Ausnutzung jener 
feindlichen Instinkte, die seit Anbeginn sozialer Bildungen zwischen 
Führer und Geführten bestehen. Wenn der Nationalismus in der hori- 
zontalen Aggression, im Kampf gegen den „Erbfeind" (jede 
Nation hat ihren „Erbfeind" !), das Ventil für die Massenaggression 
sieht, so predigt der Sozialismus vertikaleAggression, den Kampf 
der Besitzlosen, das ist der Geführten, der Masseglieder gegen die 
besitzende Schicht, die in den Augen des Sozialismus der eigentliche 
Erbe der Führermacht ist. (In Wirklichkeit ist das der Staat.) 

Die Psychoanalyse hat uns im Ödipuskomplex die Wurzel jener 
neurotischen Konflikte des Einzelmenschen aufgezeigt, unter denen so 
viele Kulturmenschen ihr Leben lang zu leiden haben. Der Vaterhaß 
des Knaben steht am Eingang des männlichen und damit des sozialen 
Lebens. Der Vater ist jener einzelne allmächtige Riese, der der Liebe 
des Söhnchens zur Mutter hemmend und versagend im Wege steht; 
an dieser Versagung geht die Frühblüte des infantilen Liebeslebens 
zugrunde. Der Vater, die Realität, ist stärker als das Kind. Aber wie 
sich aus dem „Untergang des Ödipuskomplexes" die Wurzeln aller 

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Moral nachweisen lassen, so bleibt die Erinnerung an den feindlichen 
Vater in einer Überzahl männlicher Individuen für immer, wenn auch 
vielfach unbewußt, lebendig. Mag der „gute" Vater späterhin verehrt 
und geliebt werden, in keiner menschlichen Liebesbindung ist jener 
Bodensatz von Haß" so deutlich auch im späteren Leben spürbar, wie 
in der Beziehung vom Sohn zum Vater. Wie sollte da nicht eine Bot- 
schaft auf fruchtbaren Boden fallen, die an diesen Instinkt appelliert 
und immer wieder mahnt: hier, in den Besitzenden, in den Führern, 
in den Machthabern eines ungerechten Regimes seht ihr den Vater 
verkörpert, den es zu stürzen gilt, wenn ihr euch der Freiheit und 
des Genusses erfreuen wollt! Wäre diese Botschaft nur komplex- 
bedingt, sie wäre nicht weiter ernst zunehmen. Aber die Realität 
kommt diesem Gedanken außerordentlich entgegen. Es 
ist ja wahr, daß eine riesige Überzahl von Mitgliedern der heutigen 
Kulturgemeinschaften um die notwendigsten Sicherungen des nackten 
Lebens schwer und gefahrvoll ringen müssen, während eine ver- 
schwindende Minderheit in den gleichen Nationen sich eines Wohl- 
standes erfreuen kann, der zu dieser Not der Mehrheit in schreiendem 
Gegensatz steht. Die Realität spricht, jedenfalls nach der negativen 
Seite hin, für die Berechtigung der sozialistischen Theorie. Wäre nur 
nicht die Schicksalsfrage, die schon Freud im „Unbehagen in der Kultur" 
deutlich anklingen läßt: was geschieht dann, wenn der Vater „umge- 
bracht", wenn die „Expropriation der Expropriateure" restlos vollzogen 
ist? Bricht dann die verheißene Zeit allseitigen Glücks herein oder hat 
die Rechnung einen Fehler? 

Das gewaltige praktische Experiment, das sich vor unseren Augen 
seit nunmehr 14 Jahren in Sowjet-Rußland abspielt, steht uns 
als einziges Beispiel für die Folgen der vorläufigen Verwirklichung 
des sozialistischen Ideals zur Verfügung. Hier ist das, was wir als 
„vertikale Aggression" bezeichnet haben, in einer bisher nie dagewese- 
nen Weise durchgeführt. Dem nationalen Gegensatz, von dem die 
abendländische Kulturwelt insoferne lebt, als hier immer noch die 
mächtigsten Quellen des Aggressionstriebes springen, ist in Sowjet- 
Rußland jede Grundlage entzogen. Alle Schilderer des russischen 
Reiches der Gegenwart sind einig in der Bewunderung der erstaun- 
lichen Freiheitlichkeit, die man im Rahmen dieses Staates den natio- 
nalen Aspirationen der in ihm zusammengeschlossenen Völker ange- 
deihen äßt. Aber auch die Außenpolitik der Sowjet-Union läßt keinen 
Zweifel darüber, daß ein bolschewistisches Weltreich auf nationale 



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26* 



Gegensätze keinerlei Gewicht legen würde. Im Gegenteil würden die 
bescheidensten Volkssplitterchen neben den größten Nationen darauf 
rechnen dürfen, ihre Sprache, ihr Folklore frei betätigen zu können. 
Aber noch eine viel wichtigere weitere Tatsache vermag das Sowjet- 
reich für sich ins Feld zu führen: die Gegensätze zwischen Arm und 
Reich sind geschwunden. Heute zwar noch nicht in dem Sinne, daß 
alle reich sind oder nur wohlhabend; vielmehr sind alle arm. Aber 
der Stein des Anstoßes, der die Triebkraft des abendländischen Sozia- 
lismus in Bewegung erhält, ist hinweggeräumt. Zudem vermag der 
Anhänger des Sowjetsystems mit Recht auf die Zukunft hinzuweisen, 
die ihm durch eine gewaltige Anstrengung der gesamten Wirtschafts- 
kraft des Volkes jenen Zuwachs an Wohlstand bringen soll, auf den 
er vorläufig noch verzichten muß. Niemand in Europa kann heute 
voraussagen, wie Rußland im Hinblick auf seine Produktionskraft und 
seinen nationalen Reichtum dastehen wird, wenn der berühmte Fünf- 
jahrplan und seine ihm sicher folgenden weiteren Wirtschaftspläne in 
heroischer Anstrengung durchgeführt sein werden. 

Mittlerweile hat sich jedoch eine sehr merkwürdige Entwicklung 
vollzogen, die für eine gedeihliche Anwendung bolschewistischer Prin- 
zipien in anderen Ländern ein nicht unbeträchtliches Bedenken be- 
deutet. Es hat sich herausgestellt, daß eine auf die Identifizierung auf- 
gebaute Masse des Haßobjektes nicht entbehren kann. Übereinstim- 
mend erklären freundliche und gegnerische Beurteiler Rußlands, daß 
dieser Staat, und zwar als Staat, eine Rolle im Leben des Einzel- 
nen spielt, die über den Anteil des Staates im Leben anderer Natio- 
nen unvergleichlich hinausgeht. Das Individuum ist praktisch 
abgeschafft und mit ihm alles, was unsere abendländische Ge- 
schichte als Errungenschaft jenes Kampfes zwischen Individuum und 
Masse für sich glaubt anführen zu dürfen. In erster Linie also die 
persönliche Freiheit. Dafür entstand als eine Äußerungsform des neuen 
Staatsgebildes eine B u r e a u k r a t i e, die alles in den Schatten stellt, 
was abendländische Begriffe bisher unter diesem Phänomen verstanden. 
Bureaukratie ist ja als Anwachsen der Staatssphäre gegenüber der In- 
dividualsphäre eine unmittelbare Ausdrucksform des nach innen ge- 
wandten Aggressionstriebes, eine Art von „Eisbildung", die sich um 
den glühenden Kern des Volkes herumlegt. Auch hier eine Parallele 
zum individuellen Gewissen, dessen Starrheit und Unerbittlichkeit uns 
aus der Neurosen-Analyse so wohl bekannt ist. Der Triumph der 
Masse über das Individuum, des Staates über das autonome Gewissen 

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des Einzelnen ist die Kehrseite, der natürliche Ausgleich für den Ver- 
zicht auf horizontale Aggression (im Nationalismus), sowie für die 
Ausschaltung einer wichtigen Aggressionskomponente durch Stillegung 
des natürlichen Konkurrenzkampfes im Wirtschaftsleben. So trägt in 
Sowietrußland auch heute noch die Beziehung zwischen Staat und In- 
dividuum den Charakter des revolutionären Klassenkampfs, obgleich 
die marxistischen Grundsätze im wesentlichen bereits durchgeführt, die 
Individualisten praktisch „liquidiert" sind. 

Wenn uns im Abendlande der empörende Gegensatz zwischen Arm 
ad Reich als der wahre Angelpunkt unseres Schicksals erscheint, wenn 
wir in der Beseitigung dieser schreienden Mißstände das Ziel unserer 
Zukunft erkennen, demgegenüber alle anderen Gesichtspunkte ver- 
löschen müssen — auch der Gesichtspunkt der individuellen Freiheit! 

— so werden wir vermutlich über kurz oder lang den russischen Weg 
beschreiten. Nur müssen wir uns darüber klar sein, daß wir auch auf 
diesem Weg keinesfalls dazu gelangen werden, unseren Aggressions- 
trieb loszuwerden. Im Gegenteil, wir werden damit rechnen müssen, 
daß er sich zwar nicht mehr als Gegensatz der Nationen, wohl aber 
als Gegensatz zwischen Staat und Individualität, in einer Weise be- 
tätigen wird, die unter Umständen bei unserm westlichen Maßstab für 
persönliche Freiheit die vergangene Epoche mit ihren unzweifelhaften 
Schäden als ein goldenes Zeitalter erscheinen lassen wird. 

Die Sublimierung 

Kehren wir zum Schluß noch einmal zur Frage der Gewissensbildung 
im Einzelmenschen zurück. Freud nimmt an, daß der Aggressions- 
trieb, wenn er einmal durch das Gewissen gebunden ist, nach innen 
gewendet im Bewußtsein als Schuldgefühl erkennbar wird. Aber nicht 
aller Aggressionstrieb des Einzelmenschen wird als Schuldgefühl und 
Gewissensregulator gebunden und verbraucht. Ein Teil, und, wie wir 
sahen, unter Umständen ein sehr großer Teil, kann im Mechanismus 
der Identifizierung auf einen Massenführer, auf die Organisation und 
die Staatlichkeit abgewälzt und auf diese Weise — für die Masse selbst 

— neutralisiert werden. Aber es gibt noch eine dritte Möglichkeit : die 
Sublimierung. Eine ganze Anzahl menschlicher Betätigungen, 
vielleicht alle, die es gibt, enthalten ein Stück sublimierter Aggression. 
Nicht nur so naheliegende Beispiele lassen sich finden, wie etwa das 
des Chirurgen, der sein Messer zum Segen der leidenden Menschheit 
in das Blut seiner Patienten taucht. Auch jede handwerkliche Arbeit, 

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vom Steinklopfen bis zum Maschinenbauen, enthält jeweils in der ihr 
eigenen Form einen Anteil von Aggression, der dafür sorgt, Material 
zu bezwingen, die Trägheit der Materie zu unterjochen, zum Nutzen 
des Einzelnen und der Gesamtheit. Wer möchte übersehen, daß der 
Bauer, der den Pflug durch die Erde führt, mit der Liebe zur Scholle 
zugleich ein Stück des ewigen Aggressionstriebes abführt, indem er die 
Schollen spaltet und so das Angesicht der Mutter Erde verletzt? Und 
am anderen Ende der menschlichen Berufsreihe : ist es nicht schon seit 
der frommen Mythe vom Garten des Paradieses bekannt, daß die 
Erkenntnis eine Tochter des Todestriebes ist? Daß die feinste 
Blüte menschlichen Kulturlebens, die Weisheit, die verfeinerte Darstel- 
lung eines Triebes ist, der sich phantastisch an der Macht der Ge- 
danken über die Welt berauscht? 

Auch die größten und gefährlichsten Massen, die wir kennen, die 
menschlichen Nationen haben, darin dem Einzelnen ähnlich, einen Teil 
ihrer aggressiven Gewalt zu sublimieren verstanden. Der Wirt- 
schaf tskamp f, der zwischen ihnen mit Einsatz alles verfügbaren 
Genies im technischen, im kaufmännischen und industriellen Leben ge- 
führt wird, der Wettbewerb auf dem Gebiete der Kultur und schönen 
Künste, sportliche Veranstaltungen, wie etwa die Olympiaden, sind 
Ansätze solcher Sublimierungen. Auch des Reisens und Wanderns 
(Austauschbewegung) als sublimierten „Eindringens" in das 
fremde Land sei hier ausdrücklich gedacht. Nur wenn es gelingt, diese 
Wege bewußt und planmäßig zu vermehren und unvergleichlich inten- 
siver als bisher auszubauen, wird man annehmen dürfen, daß ein er- 
heblicher, ein in Betracht kommender Anteil der aggressiven Ten- 
denzen hier Unterbringung und zugleich Veredlung finden wird. 
Dazu aber ist es nötig, die große Gefahr, die Tragik der Masse, die 
jenseits der Moral liegt, die weniger ein ethisches und soziales, 
als vielmehr ein biologisches Problem ist, zuvor scharf zu er- 
kennen. Erst dann wird es möglich sein, die sonst unabwendbare Ge- 
fahr für die abendländische Kultur zu bannen. Die Völker müssen der 
zur Entladung drängenden aggressiven Energien in ihrer Mitte bewußt 
und deutlich inne werden; die Staaten müssen in ihren Lenkern voll- 
kommen davon durchdrungen sein, daß die biologische Tendenz, der 
sie ihr Dasein verdanken, nach der Richtung des Todes und der Zer- 
störung hindrängt. Wann wären glückliche Behandlungen kranker 
Wesen mit Aussicht auf dauernden Erfolg durchgeführt worden ohne 
vorherige genaue Erkenntnis des Leidens? Und wann sollte je der 

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Abrüstungsgedanke triumphieren können, wenn er nicht zuvor erfüllt 
wäre von klarer Einsicht in das Wesen jener Gewalten, die das 
Phänomen „Rüstung" erzeugen? 

Es wird "aller Voraussicht nach noch lange dauern, ehe auch nur eine 
Mehrheit der Menschen zur Überzeugung gelangt, daß der Krieg jenes 
Übel ist, das — nach dem Übel der ungleichen Verteilung des Eigen- 

tumes das furchtbarste ist, das auf der Menschheit lastet. Immer 

wird es den Vertreter jener bestrickenden und verlockenden Über- 
zeugung geben, der die Masse gegenüber dem Individuum verteidigt 
un d da der eine die Größe und das Ideal der Menschenliebe ver- 
tritt, als dessen Gegner den Heroismus, die Opferwilligkeit des Masse- 
menschen als höchste ethische Leistung bezeichnet. Nur weiß der 
Apostel der Masse nicht immer, daß er sich, in seinem Glauben an 
dieses Ideal, zum Anwalt des Todestriebes macht, welch letzterer sich 
nicht nur unter den Lieferanten, sondern gelegentlich auch unter 
den Literaten seine Partisanen und Verteidiger aussucht. Wenn sie, 
der Vertreter der Menschenliebe und der Vertreter des Massenherois- 
mus, beide genau wissen, was sie verfechten, wohin sie steuern, aber 
auch, was in diesem Kampf auf dem Spiel steht, so wird für das Glück 
der Kulturmenschheit schon ein kleiner, ein bescheidener Schritt nach 
vorwärts getan sein. 
llII!llllUlllllllfIi!liniIIIlllIIillIIIlini[IIIII[I!IIII!I!I!lil!llII![III[iI![IIl!II[|[I!IIIIIIl!IIlIllIIitlI!IIIIIIIIlll!lll[l[III!ll 



Sduddgeffihl und Natiomaldiarakter 

Über die Eratisierueg der sozialem Beziehungen des Mensdhen 

Von 

Mene Laforgue 



Paris 



In einer Arbeit über „Die Erotisierung der Angst" 1 haben wir die 
Frage aufgeworfen, inwieweit die Gestalt des entsetzenerregenden Unter- 
offiziers nicht ihre Existenz dem Bedürfnis gewisser Menschengruppen ver- 
dankt, Angst als Erotismus zu kultivieren, wobei Angsteinflößen mehr 
der männlichen Aktivität, Angsterdulden mehr der weiblichen Passivi- 
tät entsprechen würde. Wir haben uns weiter gefragt, ob die Eroti- 
sierung der Angst nicht in Kunst und Literatur einerseits, in den 

l) Internat. Zeitschr. für Psychoanalyse, Bd. XVI (l93°)> S. 420 ff. (Abgedruckt auch 
„Almanach der Psychoanalyse 1931".) 

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religiösen Vorstellungen andererseits eine bedeutende Rolle spielt, und 
schließlich konnten wir nicht umhin nachzuforschen, inwieweit nicht 
die sozialen Beziehungen der Menschen überhaupt in den Dienst der 
Erotisation der Angst gestellt werden könnten und so ihrem 
bewußten Zwecke je nach dem Grade dieser Erotisation ent- 
zogen wären. Im Laufe dieser Untersuchung haben wir die Möglich, 
keit der Verwandtschaft von Angst und Orgasmus studiert und i n 
Erwägung gezogen, inwieweit die Angst (nicht die Realangst, son- 
dern die erotisierte Angst [französisch : l'angoisse]) die infantile 
Form des Orgasmus darstellen könnte und deshalb in Angst- und 
Pollutionsträumen eine ganz besondere Rolle spielt. Weiterhin 
stellten wir in Parallele Angst und Vorlust einerseits, Schmerz und 
Endlust andererseits und führten an, daß die Form der sozialen Or- 
ganisation der Menschen wohl davon abhängen könne, inwieweit sie 
einerseits eher der Abfuhr der Libido des Individuums durch Angst, 
Schreck und Grausamkeit dient, andererseits diese Libidoabfuhr durch 
Individualisierung des Einzelnen auf genitaler Stufe erstrebt. Und da- 
mit zogen wir in Betracht, daß der Orgasmus des Primitiven etwas 
ganz anderes sein könnte, als der Orgasmus des Kulturmenschen, und 
daß diese Verhältnisse von weitgehendem Einfluß auf die soziale 
Organisation des Menschen sein müßten. Alle diese Betrachtungen 
führten uns dazu, eine enge Beziehung zwischen sexueller 
und sozialer Entwicklung eines Individuums zu ver- 
muten und die Gesetze dieser sozialen Entwicklung an Hand der 
sexuellen verstehen zu wollen. 

Wir kamen so zu der Annahme einer infantilen Form sozialer Be- 
ziehungen entsprechend einer infantilen Form der Libidobefriedigung 
des Individuums und einer differenzierten Form sozialer Verhältnisse 
entsprechend einer differenzierten Funktion des Orgasmus, und weiter- 
hin zum Versuch, die Gesetze der Entwicklung der verschiedenen 
sozialen Organisationsstufen des Menschen an Hand seiner Libido- 
organisation verstehen zu wollen. 

Die Kenntnis dieser Gesetze hätte vielleicht den Vorteil, zu anderen Begrif- 
fen als bisher über das gegebene Entwicklungsstadium eines Volkes oder 
einer Zivilisation zu führen. Anstatt diese als das Ergebnis bewußter 
Willenseinflüsse zu betrachten, käme man dazu, es aus den affek- 
tiven Bedürfnissen der Gemeinschaft heraus zu erklären. 
Dieses Wissen würde uns vielleicht erlauben, ein besseres gegenseitiges 
Verstehen der Völker anzustreben und eben wesentlichen Faktor der 

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: 1 



r 



wissenschaftlichen Beurteilung zugänglich zu machen; ich meine: Das 
Unbewußte einer Volksgemeinschaft, das vermutlich einen ähn- 
lichen Einfluß auf das Volksgeschehen haben kann wie das Unbewußte des 
Einzelnen auf seine Handlungen. Und vielleicht ist es nicht allzu kühn 
zu glauben, daß die Möglichkeit, diesem Faktor Rechnung zu tragen, 
gar manche politischen Zänkereien als überflüssig erscheinen lassen 
würde, und daß man dann mit mehr Aussicht auf Erfolg als bisher 
die Schwierigkeiten der gegenseitigen Anpassung der verschiedenen 
Völker durch Wissen überwinden dürfte. Falls dies so wäre, so würde durch 
diese Kenntnis eine neue Glücksmöglichkeit für die Menschen geschaffen 
werden, und die Psychoanalyse hätte den Weg dazu gewiesen, voraus- 
gesetzt, daß die Vermeidung überflüssiger politischer Reibereien und 
Unordnung als Glücksmöglichkeit gewertet wird. 

An diesem Punkte unserer Überlegungen angelangt — überzeugt 
von der außerordentlich großen Bedeutung der zu erkennenden Sach- 
lage, haben wir uns gefragt, inwieweit unsere persönlichen Beobach- 
tungen — gesammelt in verschiedenen Kulturkreisen — als Beweis- 
material herangezogen werden könnten. 

Wir haben auch weiterhin versucht, an Hand der Arbeiten von Le vy 
Brühl über das Seelenleben des Primitiven uns ein Bild über die 
Organisation der Gemeinschaft der Primitiven zu machen — aber wir 
hatten trotz einer Reihe erfreulicher Bestätigungen unserer Vermutung die 
deudiche Empfindung, daß wir unser Material nicht überschätzen dürfen. Es 
erlaubt uns leider nur, das Problem in großen Linien zu skizzieren und die 
damit zusammenhängenden Fragen höchstens aufzuwerfen ; aber wir müssen 
es anderen überlassen, die sich daraus ergebenden Schlüsse zu ziehen. 

Was die Ausführungen L e v y Brühls über die primitive Seele 
(l'dme primitive) anbetrifft, so sind sie vielleicht an Hand eines zu 
schematischen Materials unternommen worden, worauf wir verschiedendich 
aufmerksam gemacht worden sind. Aber dies hat für unsere Studie viel- 
leicht keinen zu wesentlichen Nachteil, denn beim Erfassen der affekti- 
ven Grundtendenzen einer Psyche spielen ja die Details der Äuße- 
rungsformen dieser Psyche nur eine geringe Rolle. Wir sagten uns auch, 
daß der „normale Primitive' 1 ebenso wenig existieren kann, wie der 
„normale Zivilisierte", und daß man sich da einstweilen mit grob 
angedeuteten Richtlinien begnügen muß. 

Um unser Untersuchungsmaterial zu ordnen, ist es wohl am einfachsten 
zu zeigen, auf welchem Wege wir dazu gekommen waren, es für unser Stu- 
dium zu verwenden. Es mag dies ein gutes Mittel sein, um den Leser mit 

— 409 — 



unseren Gedankengängen vertraut zu machen und ihn zu veranlassen, 
die für uns unvermeidbaren Lücken unserer Arbeit auszufüllen. 

Unsere psychoanalytische Erfahrung hat uns mit gewissen Tatsachen 
bekannt gemacht, die wir in der obenerwähnten Arbeit über die Eroti- 
sierung der Angst der Erforschung näher bringen wollten. Weiterhin hat 
sie unser Auge geschärft für die Vermittlung vonBeziehungen, deren Kennt- 
nis uns eine wesentlich andere Auffassung des Seelenlebens des Menschen 
beigebracht hat als die, die sich dem Unerfahrenen bisher aufdrängte. 

So wurden wir vertraut mit dem Strafbedürfnis des Menschen und 
der Tendenz der infantilen Libido, sich durch Angst, Schmerz und 
Leid sättigen zu lassen. Mit anderen Worten: Angst, Schmerz und 
Leid können der Sättigung eines Bedürfnisses dienen, und dies Be- 
dürfnis steckt der Libidoentwicklung bis zu einem gewissen Grade 
ihre Grenzen. Es ist eine noch offene Frage, inwieweit sie nicht die 
hauptsächlichste erotische Befriedigung der infantilen Psyche bilden — 
dies beim Kinde ebenso wie beim Primitiven oder beim Neurotiker. 
Wir möchten diese Frage vorläufig nur dem allgemeinen Interesse 
näher bringen und diesbezüglich daraufhinweisen, welch große Bedeutung 
der Erzieher der Situation entsprechend den angst-, schreck- und schmerz- 
einflößenden Mitteln beimessen muß. Wir haben den deutlichen Eindruck, 
daß die Psyche des Kindes diese Mittel bis zu einem gewissen 
Grade erheischt, um sich entwickeln zu können, und daß eine 
Erziehung, die diese Mittel vermeidet, in vielen Fällen ebenso sehr die 
Entwicklung eines Kindes hemmen kann wie eine Erziehung, die mit 
diesen Mitteln übertreibt. Ja noch mehr — wir haben oft gesehen, wie 
Kinder oder Neurotiker die Anwendung derartiger Gewaltmittel direkt 
erstrebten oder, falls das Leid nicht durch die Umgebung erreichbar 
war, es direkt durch neurotisch geschaffenes Leid ersetzten. 

Die Beobachtung derartiger Verhältnisse legte uns die Vermutung 
nahe, daß Angst, Schreck und Leid bis zu einem gewissen 
Grade mit dem Orgasmus verwandt seien und oft direkt 
die infantile Form des Orgasmus darstellen, auf dessen Provokation 
die infantile Psyche einfach eingestellt sei und durch den hindurch sie 
sich zu differenzierteren Formen entwickeln könne, ähnlich wie das 
Leiden der Geburt untrennbar erscheint von der Wollust des Gebarens. 

Inwieweit darf man nun annehmen, daß ein Volk oder eine Gesellschaft — 
je nach ihrer Entwicklung - genau so wie ein Individuum auf die Provokation 
des infantilen Orgasmus eingestellt sein kann und denselben mit Hülfe 
seiner sozialen und moralischen Einrichtungen anstrebt? Sicher ist nur, 



410 — 



daß die Moral der Völker ebenso erotisiert ist wie die Moral des 
Individuums, und daß die Sünde da oft zum Mittel wird, die Wollust 
der Bestrafung erleben zu dürfen, statt daß Strafe dazu dient, die 
Sünde vermeiden zu helfen. 1 

Es wurde oft behauptet, daß es nicht gangbar wäre, eine allzuenge 
Parallele zu ziehen zwischen der Organisation der Psyche des Indivi- 
duums und der Organisation einer Gesellschaftsordnung. 

Was unsere Auffassung darüber anbetrifft, so haben wir trotzdem mehr 
und mehr den Eindruck, daß sich die Entwicklung der Gesellschaftsordnung 
nach ähnlichen Gesetzen vollzieht, wie die der Einzelpsyche . . . mit 
anderen Worten, daß zwischen Ich und Über-Ich einerseits, 
dem Individuum und der von ihm akzeptierten Auto- 
rität andererseits dieselben libidinösen Bindungen be- 
stehen können, und daß diese selbst bei dem heutigen Zustande der 
modernen Kultur noch stark erotisiert sind — je nach der 
Volksmentalität, um die es sich handelt. Auch sehen wir oft, 
daß das Scheitern eines Individuums infolge der Reaktion seines Über- 
Ichs, also aus inneren Gründen, ersetzt werden kann durch Scheitern 
aus äußeren Gründen, wie bei Kriminellen, die die Gerichtsinstanzen 
als Mittel zum Scheitern heranziehen, oder bei Zweiflern, die das 
Bedürfnis haben, am Dogma zu zerschellen etc. 

Somit standen wir vor der Frage: Bis zu welchem Grade wird die 
Polizei-Autorität in einem Staate in den Dienst der homosexuellen 
sadomasochistischen Libidobefriedigung der Masse gestellt, ebenso wie 
es mit religiösen Vorstellungen, wissenschaftlichen Theorien und Für- 
stenthronen geschehen kann? Oder mit anderen Worten: Bis zu wel- 
chem Grade dient die Gesellschaftsordnung der Befriedigung des Be- 
dürfnisses des Einzelindividuums in der Masse, einerseits gequält, ver- 
ängstigt oder gehemmt zu werden, andererseits zu quälen, zu veräng- 
stigen und zu hemmen? 

Wir fragen uns dann weiterhin: Welches sind die Manifesta- 
tionen dieses sadomasochistischen Autoritätsbedürfnis- 
ses, je nach der Entwicklung eines Volkes oder einer Zivilisation? 
Gibt es infantile Gesellschaftsordnungen entsprechend der Organisation 
der infantilen Psyche? Gibt es erwachsene Gesellschaftsordnungen ent- 
sprechend der Organisation der Psyche eines Erwachsenen? Welches 
ist der Unterschied zwischen einem der infantilen Gesellschaftsorgani- 



1) Siehe R e i k : Geständniszwang und Strafbedürfnis. Ferner : Dogma und Zwangs 
idee. — Siehe Laforgue: L'echec de Baudelaire. 

— 411 — 



' 



sation angehörigen Individuum und einem der erwachsenen Gesell» 
Schaftsorganisation? Oder mit anderen Worten: Wie benimmt sich 
ein Individuum je nach dem Grade der es beherrschenden sozialen 
sadomasochistischen Beziehungen? . . 

Wir wissen, daß ein Individuum, je infantiler seine Psyche, um 
so abhängiger ist von der Autorität, deren Schutz es bedarf, um so 
enger auch die Bindung zwischen dem Individuum und der Autorität. 
Die Psychoanalyse hat uns beobachten gelehrt, daß auf jede Lockerung 
dieser Bindung — ob es sich nun um ein Kind oder um einen Er- 
wachsenen handelt — das Individuum mit einem starken Schuld- 
bewußtsein reagiert, das sicherlich einer libidinösen Spannung 
entspricht und mit starker Angstentwicklung einhergeht, 
welch letztere zu einer Abreaktion treibt, die gewöhnlich durch 
Schmerz und Strafe erreicht wird. Schmerz und Strafe haben die 
Funktion, das frühere Libidogleichgewicht wiederherzustellen und das 
Individuum wiederum unter eine starke Autoritätsbindung zu bringen. 
Sie entsprechen demnach dem Bedürfnis, die Lockerung der Autoritäts- 
bindung, d. h. des erreichten Gleichgewichts, zu vermeiden, die Los- 
lösung des Individuums von der Autorität zu hemmen und diese 
Unabhängigkeitsbestrebungen als schuldhaft zu verurteilen und zum 
Scheitern zu bringen. Derartige Reaktionen bedingen, wie wir wissen, die 
Schlagephantasien unserer Kranken und bringen das Individuum als Einzel- 
wesen so oft zum Scheitern. Sie verursachen beim Erwachsenen, wie 
wir es bei unseren Neurotikern oft beobachten können, eine mehr 
oder weniger ausgesprochene Impotenz und Homosexualität beim 
Manne — eine entsprechende Frigidität beim Weibe. Sie wirken sich 
weitgehend hemmend auf die Geschlechtsfunktion aus und provozie- 
ren Abnormitäten oder was wir als solche betrachten, .obwohl 
dieselben vielleicht nur der Auswirkung jener Kräfte zu verdanken 
sind, die bei den Säugetieren eine andersgeartete sexuelle Aktivität 
bedingen. Das Gefühl der Lust wird weitgehend ersetzt durch das 
Gefühl des Schmerzes oder der Angst, und das Bewußtsein wirklicher 
Wollust oder Befriedigung kommt eigentlich nur selten zustande. Die 
Bewußtseinssphäre ist beherrscht von der Empfindung der Angst, die 
orgasmusverwandt selbst wieder als schuldhaft empfunden werden 
kann und vor der das Individuum erfahrungsgemäß einen Ausweg 
sucht in ein selbstquälerisches, zwangsneurotisches oder religiöses Zere- 
moniell, oder in Zwangsarbeit oder soziales Unglück. 

In dieser Weise kann die Libidospannung eines Individuums, 

— 412 — 



r 



die infolge der Autoritäts- oder Ober-Ichbindung nicht im genitalen 
Orgasmus abgeführt werden kann (was anscheinend eine weitgehende 
Unabhängigkeit der Psyche des Einzelwesens von der Masse bedingt) 
durch Angst, religiöses Zeremoniell und soziales Elend 
gebunden und befriedigt werden, welch letztere in gewissem Sinne 
Vorstufen auf dem Wege zum genitalen Orgasmus wären, 
ähnlich wie die Wehen Vorstufen der Geburtsfunktion sein können. 
Und wir kämen somit zur Notwendigkeit, eine anale oder gar orale 
Vorstufe des Orgasmus anzunehmen, entsprechend den verschiedenen 
Entwicklungsstufen unserer Libido. 

Falls unsere Auffassung vom Parallelismus zwischen der Organisation 
von Massen- und Einzelpsyche richtig ist, so müßte die primitive 
Gesellschaftsordnung eine weitgehende Einschränkung der sexuellen 
Freiheiten und Glücksmöglichkeiten des Individuums bedingen, und 
dasselbe dazu zwingen, sich hauptsächlich in angst-, schreck- und 
schmerzbedingenden Vorstellungen oder Betätigungen auszuleben. 

Was die primitiven Gesellschaftsorganisationen anbetrifft, so scheinen 
sie nach Levy Brühl dadurch charakterisiert, daß das Autoritäts- 
bedürfnis des Individuums der primitiven Masse ein so großes ist, 
daß das Individuum als Einzelwesen außerhalb seiner Sippe wohl 
kaum existieren kann. Die Handlungen eines einer derartigen Masse 
angehörigen Individuums sind mehr durch religiöse oder soziale Motive 
bestimmt als durch Realitätsanpassung. Wir dürfen uns nun fragen: 
Entspricht nicht der Glaube an das überallherrschende magische „mana" 
mit dem daraus sich ergebenden religiösen Zeremoniell und den damit 
zusammenhängenden komplizierten Verboten, Untersagungen, Ver- 
ängstigungen und Quälereien dem Bedürfnis der Libido der primitiven 
Masse, in derartigen Formen sich auszuwirken? Wir meinen die For- 
men, die eine weitgehende sadomasochistische Erotisation 
vermuten lassen mit dem Erfolge, daß die Einzelpsyche des Individuums 
dieser Masse in infantilen Einstellungen hängen bleiben muß — eine 
nur sehr geringe Unabhängigkeit von der Masse entwickeln kann und 
dazu verurteilt ist, mit den meisten individuellen Initiativen zu zer- 
schellen? Inwieweit diese Situation eine bedeutende Hemmung der 
Geschlechtsfunktion des Primitiven bedingt mit weitgehender mani- 
fester Homosexualität bei Männern und Frauen und teilweiser Impotenz 
beim normalen Geschlechtsakt, bleibt ein näher zu untersuchendes 
Problem; wir glauben, daß es nur von psychoanalytisch geschulten 
Ethnologen richtig gelöst werden dürfte. 

— 413 — 



Aus den Arbeiten Levy Brühls geht klar hervor, wieweit diese 
Verhältnisse eine intellektuelle Hemmung der Einzelpsyche zur Folge 
haben, sich als Denkhemmung auswirken und wahrscheinlich auch als 
weitgehende affektive Hemmung im Sinne der Zärtlichkeit, der Freund. 
Schaftsfähigkeit oder um ein von P i c h o n und mir eingeführtes Wort 
zu gebrauchen, im Sinne der O bl a ti vit ä t. 1 

Es ist leider im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich, die sehr inter- 
essanten Ausführungen Levy Brühls über die primitive Psyche 
genügend zu Worte kommen zu lassen. Versuchen wir uns jedoch an 
Hand seines Werkes über die primitive Seele ein Bild über den affekti- 
ven Zustand einer der totemistischen Organisationsstufe angehörigen 
Gemeinschaft zu machen. Vom Wilden im Sinne der Vorstellungen unserer 
Kinder ist da keine Spur. Man hat von ihm den Eindruck eines verängstigten 
Wesens, das sich nicht direkt zu seinen elementarsten Bedürfnissen 
bekennen darf, und das sich ständig verfolgt fühlt vom „mana" oder 
„imunu". (Von Speiser durch »Lebenskraft", von Neuhaus und 
den deutschen Missionären von Neu-Guinea durch „Seelenstoff", von 
Kruyt durch „Zielstoff", von Pechuel-Loesche am Loango durch 
„Potenz" übersetzt). Die Übersetzung durch „Seelenstoff" erlaubt es 
natürlich nicht zu erkennen, was „mana" oder „imunu" für den Primi- 
tiven bedeutet. Levy Brühl weist auch deutlich auf die Schwierig- 
keit hin, dies klar zu machen und unterstreicht, daß es sich da nicht 
um etwas Konkretes, sondern hauptsächlich um etwas Emotionelles 
handelt. Die primitive Psyche vermag es nicht, eine Objektbeziehung in 
unserem Sinne aufzustellen. Sie ist durch die herrschende Mentalität zu 
einer weitgehenden Passivität verurteilt, und das Individuum kennt 
nicht das Bedürfnis, mit eigenen Meinungen, mit eigenen Besitzungen 
zu bestehen, denn dies stößt auf innere und äußere Verbote. . . Aus 
all diesen Gründen kann man den Erklärungsversuchen eines Primi- 
tiven nur eine beschränkte Bedeutung beimessen, und man versteht 
seine Situation besser, wenn man sie vom emotionellen, d. h. vom 
Libidoproblem ausgehend erklärt. Levy Brühl gibt deshalb fol- 
gende, unserer Meinung nach sehr gut gedachte Definition : „Alles, 
was der Primitive fürchtet, aus der Angst heraus, es könnte ihm weh 
tun, alles was ihn seiner Fremdheit wegen erschreckt, — alles was er 
umschmeichelt, um beschützt und bevorzugt zu werden, — alles an 
was er mit Liebe hängt, — das ist für ihn ,imunu'.° Und weiterhin: 






l) Siehe Codet und Laforgue: La Schizonoia. — Evolution psychiatrique. 

— 414 — 



r 

„Sie 



„Sie (die primitive Psyche) versucht vor allem in den Dingen, die 
ihre Aufmerksamkeit auf sich lenken, das Vorhandensein, die Inten- 
sität, die günstigen oder ungünstigen Geneigtheiten dieser „mana" oder 
„imunu" zu erkennen, denn: man muß den Gefahren vorbeugen, 
durch die man sich ständig bedroht fühlt (durch das „mana"), und 
diese Angst regelt das Verhalten des Primitiven den Wesen und Din- 
gen gegenüber." Weiterhin sagt Levy Brühl: „Aber diese stän- 
dige Angstvorstellung, die alles andere überwiegt, treibt den Primiti- 
ven nicht zur Erkenntnis durch Wissen in unserem Sinne." Er besitzt 
ein geringes Wissen, aber es genügt ihm, es so wie es ist zu über- 
liefern ... er versucht vor allen Dingen durch magische Kräfte sich 
das „imunu" dienstbar zu machen, denn vom „imunu" hängt ab „der 
Erfolg der Jagd, der Fischerei, der Pflanzenkultur und im All- 
gemeinen alles, was der Primitive unternimmt. Er muß versuchen, dem 
„imunu' deshalb seinen Willen zu beugen und es sich günstig zu 
stimmen." 

Über die Art und Weise, wie das geschieht, gibt uns Levy Brühl 
eine ausführliche Beschreibung, indem er Beispiele aus dem Buche 
Gutmanns über die „Bienenzucht bei den Dschaggas" wählt. Er 
gibt zuerst die Schilderung komplizierter Beschwörungen, an alle Dinge 
gerichtet, die zur Verfertigung von Bienenhäusern dienen: Die Axt, 
der Baum etc. . . Was letzteren anbetrifft, so ist das Zeremoniell ganz 
besonders symbolisch und dürfte jedem Psychoanalytiker in seiner Be- 
deutung klar sein: „Der Häuptling der Gruppe (die den Baum fällt) 
legt die Axt an den Stamm und sagt viermal, indem er sie erhebt: 
„Msedi, Du, der Du so groß bist ... es ist das Elend, das uns her- 
führt, ich habe Kinder notwendig, Ziegen, Rinder . . . Du Msedi, Du 
hast Glück, hilf mir Bienen zu finden" usw. . . Der Baum wird so 
eine Verwandte, eine Schwester des Eigentümers. Alles, was man tut, 
um ihn zu fällen (zu töten), wird getan unter dem Deckmantel der 
Heiratszeremonie. Der Eigentümer klagt: „Mein Kind, Du verläßt 
mich, denn ich gebe Dich einem Manne, der Dich heiraten will. . . 
Glaube nicht, daß ich Dich zu dieser Heirat zwinge, aber Du bist nun 
erwachsen . . . mein Kind, daß sich nun alles glücklich für Dich gestalte 
usw." Und weiterhin sagt der Häuptling der Gruppe der Fäller zum 
Baume: „Oh Kind eines Mannes, den du verlassen willst, wir fällen 
dich nicht, wir heiraten dich und nicht gewaltsam, sondern mit Zärt- 
lichkeit und Güte usw. . ." Und während der Baum gefällt wird, 
kommt wie zufällig der Besitzer (der nicht am Fällen teilnehmen darf) 

— 415 — 



und scheint durch den Anblick des gefällten Baumes ganz niederge- 
schlagen; er klagt, wie wenn ein Unglück geschehen wäre, das er 
nicht mehr verhindern konnte, weil der Zufall ihn zu spät an die 
Unglücksstelle führte. — „Diese und ähnliche Worte", sagt Levy 
Brühl, „sollen dem Rachegefühl des Baumes vorbeugen." Folgt ein 
ähnliches Zeremoniell bei der Befestigung des verfertigten Bienen- 
hauses in einem Baume, jedesmal, wenn aus dem Bienenhause Honig 
geholt wird, um den „Geist der Bienen" nicht zu verstimmen und ihn 
sich günstig zu machen, vor dem Essen des Honigs usw. 

In all diesen Verhältnissen erkennt der Psychoanalytiker ziemlich 
deudich eine sehr charakteristische Situation: Ich meine die sadomaso- 
chistische Einstellung des Kindes dem Vater gegenüber, die anale Stufe 
der Libidoorganisation, die eine weitgehende psychische Homo- 
sexualität der Libido des Individuums bedingt mit dem Bedürfnis, 
dieselbe durch „Geschlagenwerden", „Besessenwerden" abzuführen. 
Dann die Kastrationsangst, welche die Libido in diesen Stadien festhält. 

Wie erkennen wir nun im religiösen Zeremoniell und in den sozi- 
alen Einrichtungen dieser Primitiven die Schlagephantasien unserer 
Neurotiker, die in einem ähnlichen affektiven Verhältnis zum Vater 
stehen und ihre daraus sich wie beim Primitiven ergebenden Schuld- 
gefühle abführen müssen „dadurch, daß sie sich mit dem Vater wie 
der Dschagga mit seinem Baume „verheiraten"? Der Baum ist natür- 
lich, trotzdem er der Zensur wegen als Schwester gekennzeichnet ist, 
ein männliches Wesen und symbolisiert überhaupt „mana" oder „imunu". 
Wir haben es infolgedessen bei dieser Gelegenheit nur mit einer Illu- 
stration der affektiven Beziehungen des Primitiven mit „mana" im 
Allgemeinen zu tun, was natürlich erklärt, warum bei jeder, auch der 
geringsten aktiven oder aggressiven Handlung des Primitiven dasselbe 
Zeremoniell zur Abführung des Schuldbewußtseins mit seinen oft lang- 
wierigen, quälerischen Einzelheiten und Bußen einsetzt. Handelt es sich 
um Essen, Denken, Fühlungnahme mit dem Häuptling der Gruppe, 
um J a gd, Kampf — überall ist die primitive Aggression verdrängt 
und kann nur rationalisiert und gehemmt zum Ausdruck kommen. 

Die Exkremente sind allmächtig und dieser Allmächtigkeit wegen 
gefährlich. Man verbirgt sie oder benützt sie zu magischen Zwecken. 

Dem Primitiven dieser Organisationsstufe wird im Allgemeinen sein 
Weib angewiesen, er wählt es nicht selber, ebenso seine Freunde. Die 
Freundschaft mit einem Mitglied einer anderen Sippe ist zwar möglich, 
solange die eigene Sippe keinen Einspruch erhebt, aber falls dies ge- 



— 416 — 



schieht oder falls gar der Kriegszustand zwischen eigener Sippe und 
Sippe des Freundes herrscht, so wird der beste Freund stets wie ein 
Todfeind behandelt. (Siehe Levy Brühl.) 

Wir können hier natürlich nicht auf die komplizierten Inzestverbote 
und Tabus eingehen, die eine freie natürliche sexuelle Entfaltung ein- 
fach unmöglich machen und für diese affektive Situation ebenso charak- 
teristisch sind wie die Kastrationsangst und die Sexualhemmung unserer 
Neurotiker. Es mag genügen hier anzuführen, daß manchmal sogar die 
Existenz der Rasse, wie es beim Australneger der Fall zu sein scheint, 
durch derartige Verbote in Frage gestellt werden kann — ebenso wie 
durch die Kriege, die infolge rein psychischer Momente bis zur Ver- 
nichtung eines Stammes führen können. Nicht etwa, daß der Sieger 
so sehr an dieser Vernichtung festhalten würde, nein, der Besiegte 
fühlt sich gezwungen, den Kampf solange fortzusetzen, entweder bis er 
dem Sieger dieselben Verluste zugefügt hat wie die eigenen, oder aber 
bis er vom Sieger ein Sühnegeld für diejenigen Erschlagenen erhält, 
die er, der besiegte Stamm, über die Zahl der erschlagenen Sieger 
hinaus gehabt hat. Dies bedeutet unserer Meinung nach, daß so das 
vorher bestehende Gleichgewicht zwischen den beiden sich bekämpfen- 
den Stämmen wiederhergestellt wird und daß infolgedessen niemandem 
die Verantwortung zufallen kann, dieses „ewige" Gleichgewicht gestört 
zu haben. Wir sehen da, wie groß das Schuldbewußtsein der dieser 
Mentalität angehörenden Individuen zu sein scheint, falls sie irgendwie 
jdie Urheber einer Änderung des bestehenden Gleichgewichts sein 
könnten. Wir haben ähnliche Situationen bei Melancholikern beob- 
achtet, bei denen das Schuldgefühl durch den Willen zur Heilung, 
d. h. zur Änderung des bestehenden Gleichgewichts so groß war, daß 
sie lieber den Tod erdulden wollten, als die zur Heilung notwendigen 
Änderungen des Bestehenden herbeiführen zu helfen. 

Es ist überhaupt interessant zu versuchen, diese Reaktion aus der 
Kastrationsangst abzuleiten. Und die Glaubensvorstellungen 
[der totemistischen Gesellschaftsorganisation liefern uns, da eine Menge 
von Material für diesen Versuch. Da in der primitiven Mentalität ein 
Unterschied zwischen Ich und Außenwelt kaum gemacht wird, so ge- 
hört die Außenwelt affektiv ebenso zur Person, wie die 
Person zur Außenwelt. Mit anderen Worten: Alles ist mehr 
bder weniger „imunu". Tiere, Pflanzen und Steine oder Mineralien 
sind ebensowohl menschlich wie die Menschen. Man betrachtet sie als 
ebenso in Sippen geordnet und nicht nur räumlich zusammengehörig, 



PsA. Bewegung III 417 



27 



sondern auch zeitlich mit allen ihren Vorfahren. Die kleinste Vernich- 
tung, auch nur eines Steines, bedeutet infolgedessen eine Kastrations- 
bedrohung des „imunu", d. h. des Vaters und auch gewissermaßen 
seiner selbst, insofern man selber eine Verkörperung von „imunu" 
darstellt. Der Wille, an der Umwelt etwas zu ändern, wird 
infolgedessen ein Verbrechen und kann nur zum Ausdruck 
kommen, falls er rationalisiert ist durch religiöses Zeremoniell. So wird 
das Schuldbewußtsein gemindert dadurch, daß eine Handlung, auch 
die kleinste, nicht im Namen des Individuums ausgeführt wird, son- 
dem im Namen der durch „imunu" gesetzten Notwendigkeiten. Man 
wird deshalb verstehen, daß selbst gefährliche Tiere vom Primitiven 
mit derselben religiösen Achtung behandelt werden können, wie 
„imunu", und daß eigentlich der Urahne ebensogut Tier, Pflanze oder 
auch Stein sein könnte wie Mensch (Totem). 

Das scheint zur Folge zu haben, daß das religiöse Zeremoniell alle 
Handlungen des Primitiven absorbiert, und daß derselbe, psychoana- 
lytisch gesprochen, nur mit dem Penis des imunus, d. h. des Seelen- 
stoffes oder des Allvaters koitieren, d. h. aktiv sein kann, vorausge- 
setzt, daß er sich ständig vom Vater koitieren läßt, um diesen Penis 
stets in sich zu haben. 

Die Beobachtungen R 6 h e i m s über die Eingeborenen Australiens 
liefern uns da ein sehr typisches Material. Nach R 6 h e i m ist 
„Dschurunga" eine hölzerne, den Penis darstellende Stange, die in 
speziellen Heiligtümern aufbewahrt wird und der die größte Verehrung 
gezollt wird. Sie symbolisiert den Penis des Urahnen, ein großes all- 
mächtiges Organ. Jeder Mann der australischen Gruppe betrachtet es 
jedoch als eine Beleidigung, falls man sein Sexualorgan groß findet 
(um nicht mit dem Totem in Konkurrenz zu gelangen). Weiterhin 
haben diese Eingeborenen die Gewohnheit, mit einem Stückchen Holz 
ein kleines Loch in den Penis zu machen, diese Wunde zu unter- 
halten und von Zeit zu Zeit zu religiösen Zwecken Blut daraus zu 
entnehmen (Kastration). Dadurch wird der Eingeborene Weib und 
Mann zugleich ; diese Wunde des Penis (immer nach R 6 h e i m) 
zeigt der männliche Eingeborene dem Knaben, der in die Tradition 
der Sippe feierlich eingeweiht wird, und sagt ihm: „Siehst Du, Du 
kannst uns lieben . . . (wie ein Weib) und alles was Du tust, wirst Du 
tun mit dem Penis der Väter." 

Somit versteht man, daß diese affektive Situation eine vollständige 
Unterordnung des Individuums unter das Bestehende oder unter den 

— 418 — 



r 



Häuptling bedingt, der genau wie imunu absolut Herr über Leben 
und Tod der Mitglieder der Sippe zu sein scheint. Aber genau so wie 
imunu kann er verantwortlich gemacht werden für alles Gute oder 
Böse, das einem Mitgliede seiner Sippe widerfährt, ob mit oder ohne 
sein Zutun. Und wir begreifen nun, wenn Levy Brühl sagt, daß 
diese Primitiven als Einzelwesen kein Existenzgefühl haben und nicht 
richtig unterscheiden können zwischen ihrem Körper, ihrer Seele und 
den sie umgebenden Dingen, die sie mit den Menschen zusammen 
als ein zusammengehöriges Ganzes betrachten. Levy Brühl sagt 
wörtlich: „Aber es folgt aus dem zuvorgesagten nicht, daß er (der 
Primitive) sich selbst als Subjekt betrachtet, noch daß er Kenntnis von 
dieser Auffassung hat im Gegensatz zur Vorstellung der Objekte, welche 
nicht er selbst sind. Ihm diese Unterscheidung und Vergleiche zuzumuten, 
die er nicht kennt, würde bedeuten, in den Fehler zu verfallen, den 
William James „die Illusionen der Psychologen" heißt. Es würde 
zu gleicher Zeit bedeuten, den kollektiven Charakter dieser Vorstellun- 
gen zu verkennen. In der vagen Auffassung, die der Primitive über 
sich selbst hat, spielen die Überlegungen des Individuums über seine 
Person, wie man weiß, eine nur ganz kleine Rolle." 

Wir dürfen infolgedessen annehmen, daß an diesem Punkte der 
Entwicklung der Gesellschaftsordnung das Individuum als Ich kaum in 
Betracht kommt. Es mag sich als „er" fühlen oder nicht einmal das. 
Die Neurotiker dieser Entwicklungsstufe haben immer das Bedürfnis, 
immateriell zu sein, keinen Raum einzunehmen. Zu einer persönlichen 
Lust, zu einem persönlichen Urteil, zu allem, wo das Ich agierend 
auftritt, sind sie unfähig. Wir fragen uns, inwieweit dies nicht beim 
Primitiven in ähnlicher Weise der Fall ist, was bedeuten würde, daß 
Lust nur gemeinsam mit den übrigen Stammesgenossen erreicht werden 
kann, aber nie vom Individuum allein. Dies würde erklären, weshalb 
die Familie ganz anders organisiert ist, weshalb ursprünglich die Frauen 
des Stammes wahrscheinlich allen Männern gehörten, mit Ausnahme der 
Brüder und Väter (Inzestverbot), die Kmder ebenfalls — so wie es virtuell 
auch heute noch wenigstens dem Sprachgebrauche nach der Fall ist, 
wenn auch nicht mehr in Wirklichkeit. Mit anderen Worten: In der 
Sprache der Primitiven dieser Gesellschaftsordnung ist die Frau (oder 
die Frauen) eines anderen Mitglieds der Sippe auch seine Frau, und er wird 
der virtuelle Vater ihrer Kinder, ausgenommen er sei ihr. Bruder oder Vater. 
Mit dem Gelde stehen die Verhältnisse ähnlich. Es herrscht ein mehr 
oder weniger absoluter Kommunismus, und dieser Kommunismus ist 

- 419 - 2f 



nicht das Ergebnis einer Theorie; er entspricht einem affektiven Be- 
dürfnisse, Unterschiede — (auch sexuelle?) zu verleugnen. 

M o n t e i 1 sagt über dieses Bedürfnis folgendes : „Das (primitive) 
Individuum, welches es auch sei und welche Stellung es audi bekleiden 
mag, existiert nur als Mitglied der Gemeinschaft. Es ist die 
letztere, welche existiert und lebt; das Individuum existiert und lebt 
nur durch sie hindurch und größtenteils für sie. In Belgisch-Kongo 
scheint jeder freie gleichaltrige Zande dieselbe Summe von Kenntnissen 
zu haben wie seine Brüder, ihre Antworten sind stets identisch, ihre 
Psychologie parallel. Aus diesen Gründen haben wir es mit einer 
außerordentlich stabilen, konservativen sozialen Psychologie zu tun. 
Die Gesellschaftsordnung erscheint ihnen wie ein unveränderlicher Wert. 
Auch wird jeder Revolutionär, jeder Mann, der sich durch seine indi- 
viduellen Erfahrungen von der Gedankenwelt der Gemeinschaft differen- 
ziert, unbarmherzig vernichtet. Sasa hat so einen der eigenen Söhne hinrich- 
ten lassen, weil er ein althergebrachtes Gesetz ändern wollte. Der Zande, 
der mit uns (den Europäern) in Kontakt war, und der so eine ver- 
schiedene Mentalität entwickelt hat, findet in seiner sozialen Gruppe 
keinen Platz mehr. Was im Allgemeinen in den Antworten der Un- 
zivilisierten bezüglich ihrer Rechte und Gebräuche auffällt, ist die ge- 
ringe Bedeutung der eigenen Meinung im Vergleich mit der der 
Gruppe. Man macht etwas nicht, weil „ich" will, sondern weil „man" 
oder „es" oder „wir" will oder wollen. Mehr als beim Okzidentalen 
(Neger), dessen Individualisation oft die tiefe Anteilnahme am Gemein- 
schaftsleben maskiert, fühlt man hier, wie außerordentlich sozial das 
Leben der Zanden organisiert ist. Das ganze Ritual, die ganzen gegen- 
seitigen Beziehungen der Zanden haben zum Zwecke, das Individuum 
der Allgemeinheit ganz unterzuordnen." 

Wir glauben, daß diese Beispiele genügen um zu zeigen, wie bei 
dieser primitiven Mentalität das Individuum zur Gemeinschaft sich 
ähnlich verhält wie gewisse unserer Neurotiker ihrem Uber-Ich gegen- 
über. Und wir dürfen ruhig fragen, ob die Organisation dieses sozi- 
alen Über-Ichs bei diesen Primitiven nicht oft mehr auf oraler und 
analer, denn genitaler Stufe steht. Es paßt ganz gut dazu, wie 
Roheim ausführt, daß die Krankheit vom Primitiven affektiv wie 
eine Schwangerschaft behandelt wird, ob sie nun bei einem Manne 
oder Weibe auftritt. Der Kranke ist von einem bösen Geist koitiert 
worden, und der Zauberer, der ihn heilt, indem er so tut, als würde 
er einen Stein aus dem Körper herausnehmen, wird als der Stär- 

— 420 — 



kere im Besitze des Penis von imunu betrachtet, und seine 
Heilungsversuche bedeuten wiederum den Kranken koitieren, um den 
bösen Geist, der ihn koitiert und krank gemacht hat, aus ihm aus- 
zutreiben. 

Es ist jedoch nicht der Zweck unserer Arbeit zu zeigen, welche 
Beziehungen zwischen Neurose und primitiven Organisationsstufen der 
Zivilisation bestehen. Wir verdanken Freud schon längst die not- 
wendige Klarheit über diese Situation. 

Wir möchten nur hervorheben, daß diese Verhältnisse nicht ohne 
einen tiefgreifenden Einfluß auf das Geschlechtsleben und auf die Or- 
ganisation der Sensibilität der Primitiven sind. Unserer Vermutung 
nach wird vielleicht das, was wir Orgasmus nennen, nur unter ganz 
besonderen Bedingungen, wie Massentänze und Ekstasen, Koitus als 
religiöses Zeremoniell, erreicht; weiterhin glauben wir, daß außerhalb 
dieser Bedingungen der normale Geschlechtsakt mit einem Weibe nur 
sehr schwer zustande kommen kann, ebenso gut aus äußeren wie aus 
inneren Hemmungen heraus. 

Wir haben versucht, aus den Erfahrungen Malinovskis bei den 
melanesischen Rassen genauere Kenntnisse über diese Seite des Pro- 
blems zu erhalten, kamen aber zum Eindruck, daß die Trobriander, 
die Malinovski hauptsächlich studiert hat, zum großen Teile affektiv 
nicht mehr der primitiven totemistischen Gesellschaftsorganisation an- 
gehören, die uns hier interessiert. 

Weiterhin haben wir uns gefragt, in welchem Maße das religiöse 
Zeremoniell, die strenge sadomasochistische Gesellschaftsorganisation 
nicht hauptsächlich der Erreichung der Vorstufen des Orgasmus dienen, 
mit dem Erfolge, daß die frei verfügbare Libido mit diesen Betätigun- 
gen größtenteils gesättigt wird. Diese Vorstufe des Orgasmus wäre, 
wie wir schon ausgeführt haben, erotisierte Angst, erotisierter Schmerz, 
erotisierte Krankheit und erotisierter Destruktionstrieb, entsprechend 
der homosexuellen sadomasochistischen Einstellung der Libido des 
imunu, dem Stamme, dem Urahnen, dem Vater gegenüber. 

Dieser Organisationsstufe würde eine ganz eigene, sehr niedrige 
Organisation des Wissenstriebes entsprechen, der, ebenso 
wie die sexuelle Libido, nicht so sehr normaler Befriedigung in unserem Sinne, 
als den Vorstufen derselben zugeführt wird. Für diese wäre charakteristisch, 
daß die Initiative zur Erkenntnis nicht vom einzelnen Individuum aus- 
gehen darf, das unfähig ist, seinen Sadismus so zu sublimieren, sondern 
nur von der Gruppe oder dem Medizinmann, der sich jedoch gewöhn- 

— 421 — 



lieh darauf beschränkt, die schon vorhandenen Kenntnisse zu erwerben, 
zu erhalten und sie so, wie sie sind, zu überliefern. 

Wir würden es also hier mit einer affektiven Organisationsstufe zu 
tun haben, für die gewisse Entwicklungsstufen des Kindes in unserem, 
Milieu charakteristisch sind, und die dadurch gekennzeichnet werden, 
daß das Ich des Individuums — außerordentlich schwach entwickelt — 
um dem Minderwertigkeitsgefühl zu entgehen, sich die Allmacht der 
Eltern dienstbar machen muß durch Magie oder Liebe auf oral-analer 
Stufe. Ebenso scheint der Primitive mit imunu oder dem Toten, und 
der Australneger mit dschurunga zu handeln. 

Von dieser sozialen Entwicklungsstufe ab, bis zu unseren europä- 
ischen Zivilisationen und über sie hinweg, gäbe es eine Reihe von 
Zwischenstufen, von denen wir annehmen, daß sie sich nach den- 
selben Gesetzen entwickeln wie die Entwicklung des 
Ichs und des Orgasmus, nämlich aus den infantilen sadomaso- 
chistischen Einstellungen der Libido heraus. 

Die Entfaltung der Zivilisation, die parallel läuft mit der Entfaltung 
des Wissens, wäre also bedingt durch die Entwicklung des Ichs und 
des Orgasmus, und zwar so, daß allen Vorstufen des Orgasmus von 
der Angst zum Schmerz bis zur Lust immer eine entsprechende so- 
ziale Organisationsstufe der Gemeinschaft und eine entsprechende in- 
tellektuelle Organisation des Individuums, eine entsprechende seiner Wissen- 
schaft und seines Ichs zukommen würden. Die Wissenschaft wäre von diesem 
Standpunkte aus betrachtet gar nicht das Resultat zufälliger Entdeckun- 
gen, sondern eine Funktion der Sensibilität. Je nach dem Grade 
der Entfaltung dieser Sensibilität würden die verschiedenen latenten 
Erkenntnisse zu konkret fühlbaren werden. 

So würde es sich erklären, daß das, was wir wissenschaftlichen Fort- 
schritt nennen, nicht so sehr der Erfolg des Willens eines Individuums 
wäre, sondern dem Bedürfnis der Masse entsprechen würde, die je 
nach dem Grade ihrer Entwicklung für diese oder jene Erkenntnisse 
reif und sensibilisiert sein würde: Jeder Entdeckung entspräche also 
eine Zwischenstufe in der Entwicklung des Orgasmus, ein oft in affek- 
tiver Siedehitze neu erworbener Grad der Sensibilität. 

Es bliebe nun zu erforschen, welches im Einzelnen die Zwischen- 
stufen der Entwicklung des Orgasmus wären, von seiner primitiven 
Organisationsstufe an bis zur höchstentwickelten, und in welche Punkte 
dieser Entwicklungslinie wir die verschiedenen Zivilisationen oder 
Volksmentalitäten einordnen können, ebenso die entsprechenden re- 

— 422 - 



ügiösen Vorstellungen, wie die verschiedenen Erkenntnismöglichkeiten 
vo n den magischen, prälogischen Weltanschauungen an, hinweg über 
jene der monotheistischen Religionen zu unserer modernen Wissen- 
schaft. Eine entsprechende Parallele wäre aufzudecken in der Entwick- 
lung der Familie von der totemistischen Stufe an über die Vielweiberei 
hinweg, weiterhin über die Monogamie bis zu unseren heutigen Fa- 
milienorganisationen. 

Wir erwarten zur Zeit noch nicht, daß dieses Problem zur Zu- 
friedenheit gelöst werden kann; wir glauben jedoch, daß wir schon 
den Versuch wagen können, unsere Zivilisation von diesem Stand- 
punkte aus zu verstehen, um so ein Bild über den Grad ihrer Ent- 
wicklung und über ihre Zukunftsmöglichkeiten, je nach dem Volks- 
milieu um das es sich handelt, zu gewinnen. Wir können natürlich 
nicht erwarten, schon jetzt die Gesetzmäßigkeiten dieser Entwicklung, 
denen wir unterliegen, klar aufzudecken, aber wir zweifeln nicht dar- 
an, daß derartige Gesetzmäßigkeiten bestehen und daß, wenn sie ein- 
mal erkannt, wir gewaffnet sein werden, um den Notwendigkeiten 
dieser Entwicklung bei den Völkern ebenso gut wie beim Einzel- 
individuum gerecht zu werden. 

Was nun unsere westeuropäische Kultur anbetrifft, so 
müssen wir uns hüten, sie als etwas Gegebenes, Heiliges, Unveränder- 
liches und Feststehendes zu betrachten, so wie es der Teil unserer 
Psyche, der die Traditionen des Primitiven in uns fortsetzt, von uns 
fordert. Wir haben eine Menge Vergleichspunkte, die uns über die 
Entwicklungslinie unserer Kultur unserer Ansicht nach Aufschluß ge- 
ben. Diese Vergleichspunkte müssen wir natürlich sorgfältig im Auge 
behalten, um uns nicht in einer Unmenge von Einzelheiten zu ver- 
lieren. 

Die Psychoanalyse hat uns die Tendenz des Individuums kennen 
gelehrt, auf jede Weiterentwicklung und Differenzierung seiner affek- 
tiven Fähigkeit nach dem Genitalen hin mit Angst, schwerem Schuldgefühl 
und starkem Strafbedürfnis zu reagieren. Dieses Schuldgefühl, einher- 
gehend mit Kastrationsangst, letztere mehr oder weniger erotisiert, 
scheint biologisch bedingt zu sein. Es scheint uns auch durch die Entwick- 
lung der Völker ebenso gut ausgelöst zu werden, wie durch die Ent- 
wicklung des Einzelindividuums. Wir haben gesehen, wie sich diese 
Situation beim Primitiven in seiner sozialen Organisation auswirkt und 
haben ausgeführt, daß beim Zande z. B. die Hemmungs- und Straf- 
mechanismen des religiösen Zeremoniells und der sozialen Organisation 

— 423 — 



weitgehend erotisiert sein dürfen. Was unsere Zivilisation anbetrifft, so 
steht sie, wie wir glauben, hinsichtlich des Schuldgefühls, unter dem- 
selben Gesetz wie die primitive Gesellschaftsorganisation. 

Im Gegensatz zur primitiven, ist sie jedoch durch ein rasches 
Fortschreiten oder zum mindesten Verändern charakterisiert, was 
eine Anhäufung des Schuldgefühls determinieren mag mit 
periodisch auftretenden Entladungen desselben. Für das 
Fortschreiten, das Verändern ist die Entwicklung, wie sie z. B. seit 
der Renaissance in Europa vor sich gegangen ist, typisch genug, um 
sie als für unsere Zivilisationsentwicklung charakteristisch hervorzu- 
heben: Nämlich die Loslösung vom homosexuellen analen 
Vater und der Gotteskultur des primitiven Mittelalters mit seinem Caesaro- 
papismus, und der an seine Stelle getretene soziale Etatismus. Wir 
meinen den Fortschritt von der scholastischen Auffassung des Ge- 
gebenen zur wissenschafdichen einerseits, die Reformation, die Ent- 
wicklung zur Demokratie über die aufgeklärte absolute Monarchie hin- 
weg andererseits und damit einhergehend die heute aktuell gewordene 
Umwälzung der religiösen Vorstellungen der westeuropäischen Völker ; 
all dies kennzeichnend für die stark wirkenden genitalen Befreiungs- 
tendenzen der früher in der analen Mentalität der Feudalität fixierten 
Individuen der westeuropäischen Masse. Und neben dieser großen, für 
alle europäischen Völker charakteristischen Entwicklung sehen wir den 
Wellengang der Entwicklung einzelner Völker, von denen wir hervor- 
heben wollen: Das Italien Leonardo da Vincis, das Deutschland 
Luthers und Karls V., das Spanien der Habsburger, das Frankreich 
Ludwig XIV., und späterhin Napoleons, das Deutschland Wilhelm IL, 
das England des Imperiums, — all diese Einzelentwicklungen ein Teil 
der Gesamtentwicklung, wie einzelne Wogen einen Teil der Ge- 
zeitenströmung bilden. Und innerhalb dieser für die einzelnen Völker 
charakteristischen Entwicklung äußert sich das Auf und Ab der Ent- 
wicklung der Klassen, Kasten und Stände, die für sich allein das für 
die Gesamtentwicklung Charakteristische wiederholen, nämlich : das Auf- 
steigen mit wachsendem Schuldgefühl einhergehend, das Vorwärts- 
schreiten neue Eroberungen und Erfolge bedingend — der Zusammen- 
bruch, hervorgerufen durch das vom Schuldbewußtsein ausgelöste Straf- 
bedürfnis — aber ein Zusammenbruch, der bis jetzt eigentlich nie bis 
zur Vernichtung gegangen ist, sondern meistens nur einen gewissen 
Stillstand hervorruft, eine Hemmung, die es jedoch bisher anscheinend 
nicht vermochte, den allgemeinen Aufstieg, die Flut unserer Zivili- 



— 424 — 



sation zum Genitalen, d. h. zur Oberherrschaft des Ichs, des Orgasmus 
und der Wissenschaft hin aufzuhalten. 

Was den Orgasmus anbetrifft, so scheint uns die Entwicklung der 
weiblichen Psyche im Rahmen unseres Kulturkreises ganz besonders 
charakteristisch. Es ist nicht unmöglich zu erkennen, daß die Frau sich 
erst in den letzten Jahren das Recht zum Orgasmus und damit zur 
Freiheit erkämpft und infolgedessen eine gewaltige affektive Entwick- 
lung in ganz kurzer Zeit durchzumachen hat, die vom Typus der fri- 
giden, bürgerlichen Frau der 70er Jahre, der alten bigotten Mamsell, 
der bleichen weltfremden Nonne nicht mehr viel bestehen lassen will. 
Und mit dieser Entwicklung einhergehend, leeren sich die Klöster und 
Kirchen, und alles, was das Individuum „in den Staub" niedergedrückt 
hat, sowohl in religiöser wie sozialer Hinsicht, sieht sich in seinem 
Existenzrechte bedroht. Die Literatur, für die noch vor verhältnismäßig 
wenigen Jahren das Zensurverbot bestand, der Gedanke der Gesamt- 
heit, dessen Ausdrucksform sie ist, wird frei und freier, das sexuelle 
Problem wird besonders mit dem wachsenden Einfluß der Psycho- 
analyse objektiver, d. h. ich- und realitätsgerechter behandelt, und 
überall drängen neue Erkenntnisse zu neuen Umwälzungen im staat- 
lichen Leben, wie in dem des Einzelnen. 

Nach dem, was wir nun von dieser Entwicklung wissen, dürfen wir 
nun nicht erstaunt sein, daß das mehr und mehr dadurch erzeugte 
Schuldgefühl zu immer stärkeren Reaktionen gegen diese Entwick- 
lung treiben mag, Reaktionen, für die der Reformationskrieg in 
Deutschland, die Revolution für die Zeit nach Ludwig XIV. oder die 
Koalitionskriege gegen Napoleon, wie auch der Weltkrieg gegen Wil- 
helm II. charakteristisch sein mögen. Inwieweit die kommunistische 
Staatsorganisation eine derartige Reaktion darstellt, bleibt natürlich 
noch dahingestellt. Es würde uns jedoch nicht wundern, falls wir 
finden würden, daß sie in weitgehendem Maße im Dienste des 
Strafbedürfnisses steht und infolgedessen eine Reaktion bedeutet, 
wo unter Form von Diktatur, einer Klasse oder eines Einzelnen, ein 
primitiveres Gleichgewicht wiederhergestellt wird, das die nach sado- 
masochistischer Befriedigung ringende freigewordene Libido, der 
keine Klöster, Kirchen, Päpste, Zensuren, Unteroffiziere und absolute 
Regierungen mehr zur Verfügung stehen, einer neuen Befriedigungs- 
möglichkeit zuführt. Dies würde ein Stillstehen in der individuellen 
Entwicklung bedingen, das schon Erreichte müßte von der Gemeinschaft 
assimiliert und blutig erkauft werden, bevor die Entwicklung sich auf 

— 425 — 



neuer Basis wiederum aufschwingen kann zu weiterer Differenzierung. 
Diese Reaktion ist wahrscheinlich umso brutaler, als der Fortschritt 
brutal und unerwartet war — umso intensiver, je rascher eine Volks- 
mentalität in ihrer Entwicklung fortschreitet, um den Rückstand einzu- 
holen. Was den letzteren anbetrifft, so gibt es ja in der Entwicklung 
der der westeuropäischen Zivilisation angehörigen Völker noch große 
Unterschiede. Um auf diese Unterschiede eingehen zu können, 
möchten wir vorerst einige Beobachtungen anführen, die wir auf ver- 
schiedenen Reisen durch Zentraleuropa zu machen Gelegenheit hatten. 

Wir sind damit am heikelsten Punkte unserer Arbeit angelangt, 
an dem nämlich, wo wir die allgemeinen großen Gesichtspunkte ver- 
lassen und uns mit der Entwicklungsstufe der verschiedenen 
europäischen Völker beschäftigen wollen. Aber es ist ja gerade 
der Zweck unserer Arbeit zu versuchen, den Grad dieser verschiedenen 
Entwicklungsstufen objektiv zu werten und so der wissenschaftlichen 
Erkenntnis, Diskussions- und Beeinflussungsmöglichkeit zugänglich zu 
machen. Falls unsere Arbeit überhaupt einen anderen als theoretischen 
Wert haben soll, so dürfen wir uns nicht von den Schwierigkeiten 
des Problems und unseren Unvollkommenheiten zurückhalten lassen. 

Natürlich wollen wir unsere Beobachtungen auf einige typische Bei- 
spiele beschränken und uns hauptsächlich darauf einstellen zu zeigen, 
wie wir vorgegangen sind, um unserem Problem nahe zu kommen. 

Nehmen wir z. B. Deutschland und Frankreich, die wir am besten 
kennen zu lernen Gelegenheit hatten. Jedermann, der diese Länder 
z. Zt. mit dem Auto durchquert, ist betroffen von der Verschieden- 
heit zwischen beiden, was den äußeren Anblick der Länder, die 
Straßenorganisation, die Polizeiverordnungen usw. anbetrifft. 

Eine ganze Reihe von ungeahnten und tiefgehenden Unterschieden 
in der Struktur der beiden Länder drängen sich einem da auf. Auf 
der einen Seite in Frankreich gerade Straßen, die ohne Rücksicht auf 
individuelle Interessen nur einem Ziel dienen: dem, die kürzeste Ver- 
bindung zwischen zwei Punkten herzustellen. Auf der anderen Seite, 
besonders in Süddeutschland, nicht so sehr in dem mehr militärisch 
disziplinierten Preußen, krumme Straßen, die jedem Dorfe, jedem zu 
schonenden Landstück Rechnung tragen wollen und den Fahrer, Reiter 
und Fußgänger zu großen Umwegen zwingen, obwohl dies gar nicht 
durch die Topographie des Landes bedingt ist. 

Obwohl die Straßenteerung, d. h. der Zustand der Straßen in beiden 
Ländern ziemlich der gleiche ist, so braucht man annähernd die dop- 

— 426 — 



pelte Zeit, um in Deutschland eine Strecke zurückzulegen als in Frank- 
reich- Daß dies wirklich auf eine psychologisch erklärbare Tatsache zu- 
rückzuführen ist, ergibt sich auch daraus, daß bei der Eisenbahn ähn- 
liche Verhältnisse bestehen. Man braucht nur den Fahrplan in die 
Hand zu nehmen und man kann feststellen, daß das Geschwindigkeits- 
und Zentralisationsbedürfnis in beiden Ländern ein verschiedenes ist. 
Und nun die Polizeiverordnungen. Auf der einen Seite in Deutsch- 
land ein ganzes Netz von Verordnungen, von Tafeln mit 3, 4, 5 
roten oder schwarzen Punkten. Auf der französischen Seite alle Polizei- 
verordnungen so diskret wie möglich. 

Und nun die Straßenarbeitsorganisation! Auf der deutschen Seite zwangs- 
neurotisch, gründlich, aber mit soviel Umleitungen und Hemmungen, 
daß man sich manchmal besorgt zu fragen beginnt, ob die Straßen- 
reparatur für die verantwortlichen Leiter des Bauamtes nicht vielleicht 
zum Vorwand wird, um im Namen der Ordnungsliebe ihre Mit- 
bürger etwas zu quälen, ebenso wie es mit manchen Polizeiverord- 
nungen der Fall zu sein scheint. Und weiterhin fragt man sich, wieso 
es kommt, daß die Mitbürger sich dies gefallen lassen. 

Kurzum, wir kamen durch unsere Autotouren in Deutschland und 
Frankreich zum Eindruck, daß in Deutschland ein ganz anderes Ord- 
nungsbedürfnis als in Frankreich besteht, daß jedoch die Ordnungs- 
maßnahmen in Deutschland z. B. nicht immer der Ordnung zu dienen 
scheinen, sondern dem psychischen Bedürfnis der Bewohner, mit Ord- 
nung und Verordnungen gesättigt, befriedigt zu werden. 

Und das setzt nun die Frage ein: Bis zu welchem Grade ist nun 
überhaupt das Ordnungs- und Verordnungsbedürfnis erotisiert? Mit 
anderen Worten : Bis zu welchem Grade dienen nicht die Paragraphen 
und Ordnungsmaßnahmen anderen Bedürfnissen als dem eingestan- 
denen : Nämlich verordnen um zu quälen und zu verängstigen auf der 
einen Seite, gequält und verängstigt zu werden, im Gefühle der Ord- 
nung zu dienen auf der anderen Seite? Bis zu welchem Grade wird 
Polizei und Autorität in einem Staate — gleich welchem — nicht in 
den Dienst der homosexuellen sadomasochistischen Libidobefriedigung 
gestellt, ebenso wie es mit religiösen Anschauungen und den Fürsten- 
thronen geschehen kann? 

Auch was Letztere anbetrifft, können wir nicht umhin, den großen 
Unterschied zwischen der französischen und deutschen Mentalität fest- 
zustellen. 

Wir haben schon gesagt, daß wir hier nur einige typische Beispiele 

— 427 — 



anführen wollen, um unseren Gedankengang verständlich auseinander- 
zusetzen, und nicht in das Detail des Problems eingehen, denn dies 
würde uns zu weit führen. Wir müßten sonst die Geschichte eines 
Volkes von ganz anderen Gesichtspunkten aus als den üblichen ins 
Einzelne durchstudieren und als Hauptlinien dieser Geschichte nicht 
Schlachtendaten oder Daten von Geburt und Tod der Könige her- 
vorheben, sondern die Daten der charakteristischen Ver- 
änderungen der Volksmentalität in sozialer und religiöser 
Hinsicht einerseits, die Daten der wichtigsten ökonomischen Eroberungen 
oder Verluste, der hauptsächlichsten wissenschaftlichen Entdeckungen 
und ihres Einflusses auf das Volksgehaben andererseits. Damit könnte 
man allerdings vielleicht dem Auf- und Abwogen des Schuldgefühls 
eine gewisse Kurve zuerkennen und weiterhin verstehen, welches Maß 
von Libido freigeworden ist für ästhetische Genüsse sowohl in sexueller 
wie in künstlerischer Beziehung und zu einer Verfeinerung und 
Differenzierung der Sensibilität und der Volkspsyche führt. Aber dies 
ist ein Problem für sich. 

Um nun auf die Frage der Regierungsform zurückzukom- 
men, so erscheint es uns fraglich, ob die Republik in Deutschland z. 
Zt. schon durch die inneren affektiven Verhältnisse bedingt ist und nicht 
eher von außen aufgezwungen wurde. Und wir glauben, daß man in Be- 
tracht ziehen darf, daß die Fürstenentschädigung sowie manche dem 
Strafbedürfnis dienende Reaktion des deutschen Volkes sich aus dem 
Bedürfnis heraus erklären, das durch die Entthronung der Fürsten er- 
zeugte unerträgliche Schuldgefühl abzuführen durch Geldschuldtilgung 
und Strafe, die breite, fürstenliebende Schichten des deutschen 
Volkes sich dadurch zuzuziehen scheinen, daß sie sich, um das Schuld- 
bewußtsein zu rationalisieren, in Gegensatz zu der heute herrschenden 
Staatsautorität stellen und soziales Elend provozieren. 

Auch ökonomische Störungen und Krisen mögen aus dieser Dispo- 
sition heraus sich erklären, denn man kann sich ja ganz gut vorstellen, 
wie die strafbedürftige Volkspsyche gerade zu den entge- 
gengesetzten Maßnahmen treibt als den dem ökonomi- 
schen Interesse des Volkes dienenden. 

Wie sich diese Verhältnisse auf die Organisation, auf Sprache und 
Sitte eines Volkes auswirken, von den primitiven Bindungen an den 
Totem an bis zu denen unserer modernen Masse an die Autorität, 
muß natürlich ebenfalls genauerem Studium überlassen bleiben. 

Im Allgemeinen jedoch dürfen wir vermuten, daß bei starkem Autoritäts- 



428 



bedürfnis vielleicht ein großer Teil der frei verfügbaren Volkslibido 
durch staatliche oder militärische Organisationen, durch mehr oder 
weniger absolut und willkürlich regierende Verwaltungen, mehr oder 
weniger konstitutionelle Fürsten oder Diktatoren gebunden wird. Die 
Disziplin wird dann vielleicht ein Hauptziel der Libido, ein 
Ideal, das ein gutes Teil von Liebe absorbieren vermag. 

Weiterhin würde ebenfalls der Kultus von Mensur, Schlägereien oder 
Messerstechereien einer derartigen Orientierung der Libido entsprechen, 
sowie auch der „frisch-fröhliche Krieg" gegen die Eigenen oder — 
gegen Fremde, je nach dem Vorwand, den man immer leicht findet, 
falls das Bedürfnis nach Kriegszustand besteht. Dieser äußeren Massen- 
organisation würde andererseits eine verhältnismäßige Schwäche des 
Ichs der dieseMasse bildenden Individuen entsprechen, 
mit einem dem äußeren Drucke proportionell einhergehenden Bedürf- 
nis zur Zersplitterung, zur Isolierung, zum Lokalpatriotismus und zur 
Kleinstaaterei. Der äußeren, straffen Ordnung würde also auf der an- 
deren Seite eine gewisse Anarchie entsprechen, der Schwäche des 
Ichs der einzelnen Individuen gemäß, mit dem Bedürfnis, sie durch 
äußere Macht und Disziplin zu kompensieren. Man könnte sich den- 
ken, daß diese Verhältnisse sich je nach dem Grade der Erotisation 
der Autoritätsbindung im Gedankengang und Satzbau einer Sprache 
ähnlich auswirken. Die Sprache wird ja, wie wir wissen, weitgehend 
durch den affektiven Zustand eines Individuums beeinflußt, was die 
schizophrenen Regressionen z. B. ganz charakteristisch demonstrieren. 
Doch auch hier müssen wir es Anderen überlassen, die Geschichte eines 
Volkes mit der Geschichte seiner Sprache in Parallele zu bringen. 

Was das Liebesleben anbetrifft, so dürfte bei starker Autoritäts- 
bindung das Individuelle und Erotische zurücktreten im Vergleich zu 
den reglementierten (sowohl gesetzlichen wie religiösen) Betätigungen 
des Geschlechtstriebes. 

Auf der Stufe hoher Differenzierung, der des Erwachsenenzustandes 
einer Zivilisation, dürfte in weitgehendem Maße der durch die äußere 
Disziplin symbolisierte Vater durch das individuelle Über-Ich 
ersetzt worden sein. Dies nach einer langen, mühseligen Entwicklung, 
die dadurch charakterisiert ist, daß der äußere Vater, ebenso wie es 
im Laufe der Entwicklung des Einzelindividuums geschieht, durch den 
inneren ersetzt wird. Infolgedessen dürfte für europäische Verhältnisse 
die demokratische Staatsform eines Volkes diesem Entwicklungszustande 
vielleicht am besten gerecht werden mit einem Zurücktreten der offi- 

— 429 — 



zielten Polizeigewalten, der Verbote, der Zensuren, der militärischen 
Paraden, letztere jedoch ersetzt durch ethische Bedürfnisse des 
Individuums, ebenso wie durch ästhetische und künstlerische. Die 
Libidobefriedigung wäre also nicht hauptsächlich durch äußere Reibung 
und Kampf erzielt, sondern durch „innere Vervollkommnung", einher- 
gehend mit Friedfertigkeit und weitgehender Hingebung an soziale und 
individuelle Liebesziele, unter welchen wir an Stelle von Gott Wissen- 
schaft, an Stelle von Waffenkampf, Arbeit, Forschung und Wortgefecht, 
an Stelle von König oder Kaiser das Allgemeinwohl gesetzt fin- 
den, mit dem Bedürfnis, der Frau, ihrer großen affektiven Rolle ge- 
mäß, einen ähnlichen Einfluß im sozialen Leben zuzuweisen wie dem 
Manne. Das Geschlechtsleben wäre nicht so sehr durch äußere Ver- 
ordnungen reglementiert wie durch das innere Bedürfnis des Wahren, 
Schönen und Guten, und in weitgehendem Maße würde beim Ge- 
schlechtsakte mitwirken das Weib nicht als Befriedigungsmittel allein, 
sondern auch als das Ethische in der Liebe. 

Diese Stufe der Entwicklung dürfte vielleicht jedoch nur auf kurze 
Zeit festgehalten werden können, mag sie doch jenem Zustande 
der Frucht entsprechen, da letztere reif zum Fallen, reif zum Sterben wird. 

Welchem hungrigen Wesen wird weiterhin eine derartige Frucht zur 
Stillung des Hungers dienen, welcher Pflanze zum Dünger ? Das ist nun 
eine neue Frage, die auftaucht. Wo werden die Kerne dieser Frucht 
neu aufgehen, den gleichen Entwicklungsgang wiederbeginnend, der die 
Zivilisationen durch Jahrhunderte, Jahrtausende hindurch, riesigen Bäu- 
men gleich, wachsen läßt bis der Zeitensturm sie fällt, während neue 
Früchte, neue Samen in neuen Wesen, neuen Herzen aufgehen? All 
dies sind Fragen, auf die wir keine bestimmte Antwort geben können, 
die jedoch zu fruchtbaren Forschungen Anlaß geben dürften. 

Alexander hat darauf hingewiesen, wie durch die verschiedenen 
affektiven Prozesse, Gärungen und Revolutionen hindurch psychische 
Kräfte in Organisches umgewandelt zu werden scheinen. Mit anderen 
Worten: Auf der Wahlstatt der affektiven Reibungen, Kämpfe und 
Ekstasen blieben zurück ein Denkmal, eine Erinnerung oder eine or- 
ganisch gewordene Fähigkeit, d. h. Materie oder Zelle, oder ein Reflex, 
der vielleicht in Erbmasse umgewandelt, auch in neugeborenen Formen 
weiterwirkt und so mit der Zeit eine totale Veränderung der Indivi- 
duen der Rasse, welche es auch sei, bewirken mag. Dieser Prozeß wäre 
ähnlich wie das Zustandekommen einer Grammophonplatte, die jeder- 
mann käuflich erwerben kann, und durch die hindurdi das Maschine 

— 430 — 



mm 



gewordene Genie Beethovens seine Musik der jungen Generation über- 
liefert und deren Psyche mitformen hilft, ohne daß derselbe gewaltige 
Aufwand an Libido, wie der zur Schöpfung des Meisterwerkes und 
zur Übersetzung desselben durch eine gut geformte Kapelle notwendige 
jedesmal aufgebracht werden müßte. So würde da ein ökonomisches 
Prinzip wirken, welches das durch Libido Materialisierte in irgend 
einer kondensierten Form kapitalisiert, für die Rasse verfügbar festhält, 
um der Libido zu erlauben, über den erreichten Brennpunkt der Sen- 
sibilität hinweg, gestützt auf das schon Erreichte und Materialisierte, 
zu neuen Eroberungen, neuen Fronten offensiv fortzuschreiten. Dies 
würde auch erklären, weshalb unsere Sensibilität nur für das in einer 
gewissen Ebene gegebene orgastisch empfänglich wäre, d. h. aufnahme- 
und entdeckungsfähig nur für das, was gerade dem jeweiligen Sensi- 
bilitätsgrad entspricht, gleich wie ein Lichtkegel, der über die Land- 
schaft streift, nur das aufleuchten läßt, was gerade in sein Lichtfeld 
kommt, während alles, was vorher beleuchtet war, sich langsam wieder 
verdunkelt und nur als Gesehenes, als Vergangenes in unserer Erinne- 
rung verblaßt weiterlebt. Dies würde auch erklären, warum zu gleicher 
Zeit oder ungefähr gleichzeitig von verschiedenen Menschen die gleichen 
Entdeckungen gemacht werden, eben weil die Objekte dieser Ent- 
deckungen ins Gesichtsfeld der dafür empfänglich gewordenen Massen- 
libido gekommen sind. 

Nach dieser Abschweifung in das Gebiet der mehr spekulativen Be- 
trachtungen möchten wir zum Schluß dieses Kapitels noch auf eine 
Frage hinweisen, die sich aus unseren Erörterungen über die Entwick- 
lung der Zivilisation ergibt, nämlich folgende: Welches ist der Motor 
dieser Entwicklung — oder besser gesagt, welche Bedingungen begün- 
stigen diese Entwicklung und welche können sie hemmen? Wir haben 
da eine Reihe von Anhaltspunkten, die uns erlauben, auf diese Frage 
näher einzugehen. Sie werden uns geliefert durch das Studium des 
Zerfalls der römischen Zivilisation, die bekannterweise einhergeht mit 
einem sehr merkwürdigen Phänomen: Ich meine den Zerfall des 
auf Goldwährung beruhenden römischen Kapitalismus. 

Um die Bedingungen, die die Entwicklung einer Zivilisation begün- 
stigen oder hemmen, genauer zu untersuchen, müßte man, meiner 
Ansicht nach, auf die psychologische Rolle des Kapitals oder des Goldes 
eingehen, was uns gewisse Anhaltspunkte geben mag, um die affektive 
Situation einer Gemeinschaft je nach ihrer kapitalwirtschaftlichen oder 
naturalwirtschaftlichen Organisation zu beurteilen. 

— 431 — 



Sintis 

Von 

Fritz Witteis 

Alles menschliche Tun wird mindestens von zwei Determinanten 
beherrscht: von der Welt der Werte und der der Triebe. Die Sen- 
dung der Psychoanalyse war, die Welt der Triebe aufzugraben und 
zu zeigen, daß diese Welt in uns von jener anderen, objektiven Welt 
(daher gerne als außer uns bezeichnet) bis zu einem hohen Grade un- 
abhängig ist. Wir konnten sehen, daß die elementare Triebwelt sich 
oft genug der Moral, der Begeisterung, allerlei Nützlichkeit und schlau 
konstruierter Notwendigkeit, mit einem Worte: der Welt der Werte 
nur bedient wie eines Mantels oder wie der Heuchelei, von der ein 
geistreicher Mann gesagt hat, sie sei die Verbeugung, die das Laster 
vor der Tugend macht. 

Als die jugendliche Psychoanalyse so weit gekommen war, übernahm 
sie sich — ich darf das sagen, weil ich selbst zu den Schuldigen ge- 
höre — und denunzierte fast alles menschliche Tun, jedenfalls alles 
außerordentliche Tun als ursprünglich unabhängig von dem bewußten 
Sinn und Wert des Tuns. Wir gingen in der Tat so weit, daß wir 
auch die Welt der Werte für psychoanalytisch durchleuchtbar bis auf den 
Grund erklärten. Peccavimus. Der Wohltäter wurde als Sadist entlarvt, 
der aus Angst vor seiner ursprünglichen Bösartigkeit Gutes tut. Aller- 
dings wurde auch der Bösewicht als Masochist erkannt, der die Strafe 
aus Strafbedürfnis herausfordert. Der Held wurde zum exhibierenden 
Narzißten. Der peinlich Gerechte stand auf einmal als analer Zwangs- 
charakter nackt und beinahe verächtlich vor seinen Mitmenschen. Noch 
einmal und gründlicher war das Kunststück gelungen, mit dem die Pro- 
pheten schon eh und je die Wertbegriffe ihrer Zeit auf den Kopf ge- 
stellt hatten. Die Umwertung aller Werte schien durch die Psycho- 
analyse in die Wertlosigkeit aller Werte verhoffhungslost zu sein. 

Diese Sturmperiode der Psychoanalyse wurde bald von der Erkenntnis 
abgelöst, daß die psychoanalytische Trieblehre zwar neues (und er- 
schreckendes) Licht auf das Warum unseres Sinnens und Trachtens warf, 
jedoch auf die Frage : was sollen wir also tun? keine Antwort bereit hielt. 
Auch die Elektrizität treibt zwar den Wagen und kann als solcher Trieb stu- 

— 432 — 



diert werden, beantwortet jedoch die Frage nicht, ob man Straßenbahnen 
betreiben, ob man einsteigen und wohin man fahren soll. Diese Erkenntnis 
trieb die Stürmer und Dränger unter uns wieder zurück zum analytischen 
Sofa. Wer „reine" Psychoanalyse betrieb, sonderte sich von den An- 
hängern der angewandten Analyse und sah mit einer Weisheit, die 
dem Hochmut sehr nahe kam, auf die Wirrköpfe herab, die weiter 
wähnten, sie könnten mit analytischem Dynamit die Welt der Werte 
reformieren. Wenn man die „reinen" Psychoanalytiker fragte: was 
für Leute seid denn ihr? was für eine Weltanschauung habt ihr? 
was ist also gut, was böse, was klug, was dumm, was der Wirklich- 
keit angepaßt und was phantastisch? seid ihr nicht Quietisten ge- 
worden, Atomisten, Materialisten aus dem neunzehnten Jahrhundert? 
— dann antworteten sie : wir wissen das alles nicht und brauchen es 
auch nicht zu wissen. 

Hiermit sind wir bei dem Thema des Radikalismus angelangt. Wie 
alle Jugend war auch die neue Wissenschaft radikal. Es war radikal 
und falsch zu sagen, Brutus, Wilhelm Teil, Graf Mirabeau und alle 
die anderen ihresgleichen hätten ihren Ödipuskomplex schlecht erledigt 
und das erkläre ihre Tat. Alle Menschen leiden mehr oder weniger 
an dem Urdreieck, das vom Schöpfer der Psychoanalyse mit dem 
ödipusmythos verknüpft wurde. Bei allen politischen Attentätern läßt 
sich eine auffallende Beziehung zum Vater nachweisen. Aber nur wenige 
am Vaterkomplex Leidende geraten gerade in das Fahrwasser des 
politischen Radikalismus. Da muß noch etwas hinzukommen, um dieses 
spezifische Resultat zu erzielen und dieses Etwas liegt außerhalb des 
psychoanalytischen Scheinwerfers. Es liegt in sozialen, wirtschaftlichen, 
politischen, theologischen Feldern, die mit unserem Triebleben nur 
mehr in mittelbarem Zusammenhange stehen. 

Es war aber auch radikal und falsch, der Psychoanalyse eine wich- 
tige, vermutlich derzeit die wichtigste Stimme zur Beurteilung des politi- 
schen Radikalismus zu versagen. Man hat vor der Psychoanalyse nicht 
gewußt, welchen ungeheuren Anteil die latente Homosexualität, der 
Exhibitionstrieb, die blinde Destruktion, Narzißmus, hysterischer oder 
zwangsneurotischer Charakter an glorreichen oder verhängnisvollen 
Taten haben. Man könnte sich vor triebhaften Politikern und Staats- 
männern besser in Acht nehmen, ja sie selbst könnten sich besser in 



PsA. Bewegung 111 433 



2S 



Acht nehmen, wenn sie den psychoanalytischen Wahrheiten die Be- 
achtung schenkten, die ihnen gebührt. Wir haben den Massenmord 
erlebt, den man den Weltkrieg nennt. Alle Könige und Minister, die 
ihn erklärt haben, erheben ihre Schwurfinger und beeiden, daß sie 
den Krieg nicht gewollt haben. Man hat uns gesagt, es sei unsäglich 
flach anzunehmen, daß der Krieg das Werk einiger weniger Verbrecher 
sei. Schuld seien Imperialismus, Nationalismus, Militarismus, Kapitalismus, 
die Gesetze des Warenumlaufes. Von den Kanzeln wird der Krieg als 
eine gerechte Heimsuchung Gottes bezeichnet. Das mag alles so sein. 
Die Psychoanalyse ist für keine dieser Determinanten sachverständig. 
Aber sie kennt den Destruktionstrieb und seine Verkleidungen, kennt 
die Regressionen und Umwandlungen, zu denen gehemmte Triebe führen, 
und darf die Behauptung wagen : die triebhafte Ursache dieses Krieges war 
eine Explosion unserer Brutalität, die von den einen genossen, von den 
anderen erlitten, von vielen gleichzeitig genossen und erlitten wurde. 
Viele behaupten, Kriege seien Stahlbäder der Völker, ewiger Friede 
sei ein Traum und nicht einmal ein schöner, unbedingter Schutz des 
unschuldigen Individuums gegen Ermordung sei ein verächtliches Ideal. 
Diesen wird die Aufdeckung der Triebhaftigkeit des Mordens er- 
frischender Wind in den Segeln sein. Gegner des Krieges werden er- 
kennen, daß sie zwar in der Majorität sind, soweit ihr bewußtes Denken 
in Frage kommt, daß sie aber ohne es zu wissen, triebhaft und un- 
bewußt den nächsten Krieg vorbereiten und ihm nicht entgehen können, 
wenn sie die psychoanalytische Seite der Frage nicht beachten. Man 
sagt, Kanonen gehen von selber los, wenn sie in großer Zahl ange- 
sammelt sind. Das scheint auf den ersten Blick ein Unsinn zu sein. Es 
ist aber eine Wahrheit, wenn man sagt: das Es gibt dem Ich den 
Auftrag Kanonen zu bauen und zündet dann die Lunten an, ohne 
das Ich zu fragen. Es hat Leute gegeben, die den Weltkrieg aus der 
steigenden Brutalität der Vorkriegszeit mit Sicherheit voraussagen 
konnten, ohne irgend einen Ismus heranzuziehen. Die Psychoanalyse 
macht uns sehr befürchten, daß wir auch einem nächsten, furchtbaren 
Kriege nicht entgehen werden. 

* 

Das Wort des Generals Clausewitz, der Krieg sei eine Fortsetzung 
der Politik, nur mit anderen Mitteln, läßt sich umkehren. Der Friede 

— 434 — 




ist eine Fortsetzung des Krieges, nur mit anderen Mitteln. Auch er ist mör- 
derisch. Die unablässige Verwundung unseres Narzißmus, der 
chronische Mord erzeugt reaktiv Radikalismus. 1 

Die radikale Politik kommt von der Destruktion : sie ruft zu Haß, 
Verachtung und Zerstörung auf, schreitet schnell von Reden über 
Köpfe, die in den Sand rollen werden, zu Totschlag und Mord fort. 
Enthusiastischer Radikalismus ist schön, befriedigt und ist wahrschein- 
lich im sozialen Getriebe notwendig. Es ist aber Sache der Psycho- 
analyse darauf hinzuweisen, wie schwach die Verlötung des Radikalis- 
mus mit seiner Parteirichtung ist, der alles tönende Reden, alle Auf- 
opferung gilt. Nehmen wir den offensichtlich radikalen Gegensatz 
zwischen Verbrechern und Polizei. Er kann an den primitiveren und 
zugleich großartigeren Zuständen in Amerika besser studiert werden 
als bei uns. Verbrecherbanden und Polizei, fast hätte ich gesagt: 
Polizeibanden, bekämpfen einander wie feindliche, primitive Volks- 
stämme. Feindschaft ist wohl zwischen ihnen, aber eine gewisse sport- 
liche Ambivalenz ist unverkennbar. Sie hassen sich nicht. Sie ver- 
stehen, daß sie irgendwo zusammen gehören: beide sind gewalttätig. 
Übergänge von der einen zur anderen Gruppe sind nicht ganz 
selten. 

Ebenso gehören, wie man weiß, auch die einander entgegengesetz- 
ten radikalen politischen Parteien zu einander. Die triebhafte Grund- 
lage ist: leidenschaftlicher Radikalismus, dessen tiefste soziale Wurzel 
im Ödipuskomplex, dessen biologische Wurzel im Destruktionstrieb, 
infolgedessen auch im Strafbedürfnis steckt. Noch andere triebhafte 
Gesichtspunkte kommen in jedem Einzelfall dazu. Der Menschen- 
kenner weiß das wohl und wundert sich nicht, wenn der radikale 
Hakenkreuzler zum Sowjetstern übergeht und umgekehrt. Einer der 
berühmtesten Staatsmänner unserer Zeit, Begründer einer rechtsradikalen 
Ideologie, begann als Sozialist, wurde in seiner Jugend wegen Gottes- 
lästerung verurteilt und wegen linksradikaler Gesinnung aus Trient, 
das damals österreichisch war, ausgewiesen, übrigens auch aus der 
demokratischen Republik Schweiz. Extreme Freiheitlichkeit und Diktatur 
gehören psychologisch so sehr zusammen, daß die Psychoanalyse sich 



l) Siehe meinen Aufsatz „Edelnarzißmus" im „Almanach der Psychoanalyse 1932". 

— 435 — 25 * 



keineswegs wundert, Demokratie und den Ruf nach der Diktatur 
gleichzeitig in den Reden von Extremisten zu finden. 

Vor vielen Jahren lebte in Wien eine Frau, deren finanzielle 
Begabung so hervorragend war, daß sie eine Großbank begründen 
konnte, die sich bis auf den heutigen Tag erhalten hat. Ihr Sohn be- 
tätigte sich ebenfalls auf dem kapitalistischen Gebiete, aber mit ge- 
ringerem Erfolge, erlangte in Vorkriegszeiten den Titel eines kaiser- 
lichen Rates und gab schließlich eine Modezeitung heraus. Während 
des Krieges, als er schon über 60 Jahre alt war, gründete er eine 
sozialistische Zeitung, die er nach dem Kriege vollends ins kommu- 
nistische Fahrwasser lenkte. Niemals hat es in Wien eine heftigere 
Verfolgung von Bankdirektoren und Monarchisten gegeben als in 
diesem Blatte, das sich wegen seines wilden Radikalismus weder der 
sozialdemokratischen noch sogar der kommunistischen Partei recht ein- 
ordnen konnte. Dabei wurde dieses Blatt eines der besten Zeitungs- 
geschäfte der Stadt. Der Herausgeber lebte in seinen alten Tagen und 
bis zu seinem Tode asketisch und zog aus den heftigen Angriffen, die 
ihm aus der Feder flössen, nur ideelle Befriedigung. 

Nicht so der scharf radikale Hauptschriftleiter S., ein ungewöhnlich 
begabter Journalist, der dem Alten half, das Blatt groß zu machen. 
Er entwickelte sich zu einer weithin sichtbaren Fechterfigur revolutio- 
nären Kampfes. Eines Tages wurde er wegen Erpressung, begangen 
an Industriekapitänen, angeklagt und zu mehreren Monaten Gefäng- 
nis verurteilt. Alle Welt glaubte, daß er nunmehr den öffentlichen 
Schauplatz verlassen werde. Das tat er jedoch nicht, sondern er grün- 
dete eine neue Zeitung, die ganz und gar auf Verfolgung seiner ehe- 
maligen Gesinnungsgenossen eingestellt war: rechtsradikal also. Diese 
Umwandlung der Gesinnung vollzog sich bei S. sozusagen über Nacht, 
wie es bei diesen nicht so seltenen Gesinnungswechseln von links nach 
rechts oder von rechts nach links naturgemäß gar nicht anders mög- 
lich ist. Man kann nicht langsam aus der Kutte springen, und ein 
Paulus entpuppt sich im Erleben eines Augenblickes. Die Psycho- 
analyse weiß, 1 daß dieser Augenblick im Unbewußten Jahre lang vor- 
bereitet wird: der Durchbruch eines Staudammes, dessen psycho- 

1) Man vgl. meinen Aufsatz „Die großen Hasser" in dieser Zeitschrift, I. Jg. (1929), 329 fi. 



— 436 — 



dynamischen Gesetze von Freud und seiner Schule aufgedeckt 
worden sind. 

Meine Beispiele kann vermutlich jedermann aus seiner Erfahrung 
beliebig ergänzen, und das Motiv des radikalen Gesinnungswechsels, Ver- 
zauberung und Entzauberung sind auch in der schönen Literatur häufig be- 
schrieben worden . Nur werden sie gerne rationalisiert, was auch in den beiden 
angeführten Fällen geschehen ist. Der genannte kaiserliche Rat sollte 
sich vom Kapitalismus abgewendet haben, weil er mit seinen Erfolgen 
unzufrieden war und sich an seinen erfolgreicheren Nebenbuhlern im 
Bankfache rächen wollte. Das mag bis zu einem gewissen Grade richtig 
sein. Bewußt war dem Alten diese Tendenz keineswegs. Er war tief 
erschüttert von dem sozialen Elend, das ihn umgab und sah keine 
andere Möglichkeit es zu lindern als den radikalen Umsturz. Selbst 
der Ödipuskomplex : eine auf der männlichen Linie erfolgreiche Mutter 
(psychologisch ähnlich dem Falle Johanna und Arthur Schopenhauer) 
erschöpft nicht die Psychologie des Radikalismus. Das Phänomen ist 
verwickelt und Ereignisse von außen wie das Erlebnis des großen 
Krieges gehören mit dazu. 

Im Falle des Hauptschriftleiters wurde gesagt, er sei einfach ein 
Lump und solcher gebe es viele. In den historisch und ästhetisch 
orientierten Kaffeehäusern von Wien wurde die Verruchtheit des 
Mannes gepriesen, die an die Condottieri der Renaissance erinnere. 
Wieder andere sagten, S. sei erbittert gegen seine ehemaligen Partei- 
genossen, weil sie ihn anläßlich seines Prozesses im Stich gelassen 
haben. Auch das mag Wahrheit enthalten, viel oder wenig Wahrheit, 
aber es erklärt nicht die sonderbare Eigenschaft so vieler Radikaler, 
daß sie von einer Amplitude zur anderen schwingen, schwingen können, 
schwingen müssen. Im Jahre 1919 gab es ein bolschewistisches Zwischen- 
spiel in München, und damals wurde ein Gelehrter in ein 
Volkskommissariat der kommunistischen Regierung berufen. Die Phase 
dauerte nicht lange, die Regierung trat ab, und wenige Jahre später 
sahen wir den nämlichen Gelehrten in der Gesellschaft schwarzer 
Kutten. Er hielt Vorträge über die Transsubstantiation, und wenn er 
früher das Elend durch Beseitigung des Mehrwertes aus der Welt 
zu schaffen gedachte, so flucht er jetzt der materialistischen Geschichts- 
auffassung nur deshalb nicht, weil seine neue Weltanschauung ihm das 

— 437 — 



Fluchen nicht mehr gestattet. Eine evangelische Bekehrung führte 
diesen Radikalen vom blutig Roten zum tiefsten Schwarz. An der Auf- 
richtigkeit seiner späteren Gesinnung bestand nicht der geringste 
Zweifel. Aber auch an der Aufrichtigkeit der ehemaligen Gesinnung 
bestand keiner. 

So kommen wir zu einem psychologischen Gesetz des Radikalismus- 
Die Verbindung zwischen dem radikalen Elan und dem Ziele des 
Radikalismus ist unverläßlich, weit weniger fest, als man bei dem 
Aufgebot an Begeisterung erwarten sollte. Radikalismus ist Selbstzweck, 
die psychische Repräsentanz kann gewechselt werden. Man darf sich 
nicht einbilden, daß man damit etwas Neues ausspricht. Das Gesetz 
wird nur häufig vergessen, trotz seiner eminenten praktischen Wichtig- 
keit. Ein begeisterter Patriot, der im Kriege mehrmals verwundet 
worden war, bewarb sich um eine Stelle im Ministerium, wo die 
feindlichen Zeitungen gelesen wurden. Der Leiter dieses Amtes erklärte 
den Enthusiasten für ungeeignet. „Wenn der diese Zeitungen liest", 
sagte er etwas zynisch, „kann es uns passieren, daß wir ihn aufhängen' 



müssen 



Wir sprechen in der Psychoanalyse von einer genitalen Objekt- 
besetzung und einer prägenitalen, das ist narzißtischen Benützung des 
Objektes. Im ersteren Falle liegt der Schwerpunkt außerhalb des Ichs, 
das Objekt läßt das Ich nicht mehr los, zehrt es unter Umständen auf.' 
Im zweiten Falle liegt der Schwerpunkt im Ich, das Objekt wird nur 
zur Spiegelung des Ichs verwendet und wird weggeworfen, wenn es 
aus irgendwelchen Gründen zur Befriedigung der narzißtischen Re- 
gression nicht mehr dienen kann. Einer dieser Gründe — biologisch 
der günstigste — ist die Aufhebung der Regression durch Erlangung 
(Wiedererlangung) der genitalen Stufe. In diesem Falle wird aber 
nicht das Objekt des Radikalismus gewechselt wie in unseren Beispielen, 
sondern der sonderbare Enthusiasmus erstirbt, um einer gänzlich' 
anderen Konstellation Platz zu machen. Wir erleben diese Veränderung 
häufig in unseren Analysen. 



Unter den Radikalen finden wir wie überall im Leben die beiden 
Pole des hysterischen und des zwangsneurotischen Charakters. Der 

— 438 — 



hysterische Charakter 1 hat zwar die genitale Stufe erreicht (vielleicht nur 
die phallische), aber er steht nicht fest auf ihr, spielt mit Regressionen, 
begeistert sich gelegentlich an dem einen oder dem anderen Radikalis- 
mus. Er muß aber nicht radikal sein oder bleiben, weil er ja nichts 
muß. Der radikale Zwangsneurotiker muß radikal sein und bleiben, 
ja er wird in seinem Zwange immer radikaler, je älter er wird. Bei- 
spiele dieser Antithese : Brutus und Cassius, Danton und Robespierre. 
Danton macht Revolution, hält gewaltige und hinreißende Reden und 
blickt mit seinem Löwenhaupt über die von ihm entfesselten Massen. 
Aber nach einiger Zeit hat er genug, die Revolution langweilt ihn, 
der Blutgeruch ekelt ihn an. Robespierre hat lange studiert, erkennt 
nach vorsichtigem Erwägen, daß kein anderer Weg übrig bleibt, als 
hunderttausend Aristokraten zu guillotinieren. Und das muß jetzt ge- 
schehen. Nicht 99.999, sondern hunderttausend ; er kann es beweisen. 
Welch hassenswerter Leichtsinn, in der Revolution auf halbem Wege 
stehen zu bleiben ! Die ersten fünfzigtausend haben umsonst geblutet, 
wenn man ihnen die zweite Hälfte nicht nachschickt. Danton will die 
Revolution nicht zu Ende gehen : er muß weg. Der Zwangsneurotiker 
haßt den Hysteriker, wo er ihn trifft. Der Hysteriker verdirbt ihm 
alle seine Konzepte. Da es unter Radikalen immer viele Neurotiker 
und wenig Genitale gibt, müssen Hysteriker auf Zwangsneurotiker 
stoßen, zwei Welten, die einander nicht verstehen — und deshalb 
scheitern die meisten Revolutionen. Sie scheitern nicht nur aus diesem 
psychologischen Grunde. Aber er ist der triebhafte Beitrag zum Schicksal 
des Umsturzes. Es kann ja gelegentlich vorkommen, daß die beiden 
Welten sich zu schöpferischem Tun vereinen : Luther, der mit dem 
Tintenfaß nach dem Teufel wirft und der gelehrte Melanchthon. Da 
hat aber dann der eine genug Disziplin in der Ekstase und der andere 
genug religiöse Begeisterung in seiner zwanghaften Wissenschaft, um zu 
der Synthese aus Zwang und Freiheit zu gelangen, die zur dauernden 
Schöpfung nötig ist. 

Man kann den Gegensatz zwischen hysterischem und zwangs- 
neurotischem Charakter in der Politik auch abseits vom Radikalismus 
beobachten. Die Prohibition in Amerika gibt uns Gelegenheit dazu. 

1) Vgl. meinen Aufsatz „Der hysterische Charakter" in dieser Zeitschrift, III. Jg. 
(1931), S. 138 ff. 

— 439 — 



Auch die durch Jahrhunderte währenden Kämpfe zwischen Schutzzoll 
und Freihandel, zwischen Sozialismus und Anarchie oder, noch weiter 
ab vom Radikalismus, zwischen Sozialpolitik und Liberalismus. Ferner 
ergibt sich ein Ausblick auf hysterische und zwangsneurotische Nationen, 
der in die Weltgeschichte führt. Aber alles das überschreitet offenbar 
den Rahmen dieses Aufsatzes. Zusammenfassend gelangen wir zu fol- 
genden Gesetzen des politischen Radikalismus. Ein heftiger und nicht 
erledigter Ödipuskomplex führt zur Übertragung des Vatermordes auf 
Herrscher und Herrschersysteme. Ein heftiger, meistens oraler, in 
mehreren meiner Beispiele stark anal legierter Destruktionstrieb steckt 
hinter solcher Persistenz des Vatermordes, sucht sich sekundär eine 
psychische Repräsentanz im Radikalismus, dessen Richtung oft überraschend 
gewechselt wird, weil sie sekundär ist. Hysteriker und Zwangs- 
neurotiker platzen aufeinander und zerstören sich samt ihren Zielen. 
Alle diese Gesetze sind psychologisch, liegen jenseits aller Bewertungen 
und sagen nichts aus über Gut und Böse, Vernunft oder Unvernunft 
irgend einer radikalen politischen Richtung. 



Von 

Eridfo Froamni 

Nachdem die Psychoanalyse den Schlüssel zum Verständnis des oft 
rätselhaften Handelns und Fühlens der Einzelpersönlichkeit geliefert 
hat, nachdem sie gezeigt hat, daß dieses irrationale Handeln und Er- 
leben das Resultat bestimmter, dem Handelnden selbst oft unbewußter, 
aber ihn zwanghaft bestimmender Triebimpulse ist, lag es nahe daran 
zu denken, daß die Psychoanalyse auch den Schlüssel zum Verständnis 
des oft ähnlich gelagerten gesellschaftlichen Handelns, des oft irra- 
tionalen politischen Geschehens liefern könne. Man ging mit Recht 
davon aus, daß die Gesellschaft aus lebendigen Individuen besteht, die 
keinen anderen psychologischen Gesetzmäßigkeiten unterliegen können, 
als sie die Analyse der Einzelpersönlichkeit aufgezeigt hat; man konnte 
leicht sehen, daß es unvernünftiges, triebbedingtes, zwanghaftes Handeln 



— 440 



auch im gesellschaftlichen Leben gibt, und versuchte bald religiöse 
Rituale, Dogmen, Kriege, gewisse Volkssitten und eine Reihe anderer 
offenkundig irrational gefärbter gesellschaftlicher Erscheinungen zu 
analysieren. Ja, hie und da ging man sogar noch einen Schritt weiter. 
Man glaubte, daß nicht nur das gesellschaftliche Geschehen ebenso zu 
verstehen sein müsse, wie das individuell-neurotische, sondern daß 
auch die Schäden und Mißstände der Gesellschaft ebenso auf analyti- 
schem Wege beseitigt werden könnten, wie das mit dem Symptom 
oder Charakterzug des einzelnen Neurotikers möglich ist, daß man 
etwa den ewigen Frieden durch Massenanalyse herbeiführen könne, 
indem die blinde Aggression der Menschen „weganalysiert" wird. Gewiß 
eine verführerische Perspektive! Ob sie aber richtig ist und welche 
Rolle die analytische Anschauung im Verständnis gesellschaftlicher Vor- 
gänge spielen kann, sollen die folgenden Ausführungen kurz beleuchten. 

Erinnern wir uns einen Augenblick an die Methode des analytischen 
Verständnisses der Einzelpersönlichkeit. Sie läßt sich auf die einfache 
Formel bringen : Verständnis der Triebstruktur aus dem Lebensschicksal ; 
hierbei ist nur z;u ergänzen, daß insbesondere die Erlebnisse der früh- 
kindlichen Periode eine entscheidende Rolle für die Entwicklung der 
späteren Persönlichkeit spielen und ferner, daß die Konstitution des In- 
dividuums in einem bestimmten, von Freud als „Ergänzungsreihe" 
verstandenen, Verhältnis zum Lebensschicksal steht und daß beide 
Faktoren, Konstitution und Erleben, die Triebstruktur bedingen. 

Handelt es sich um psychische Vorgänge — nicht im Individuum, 
sondern — innerhalb der Gesellschaft, so muß die Methode dieselbe 
sein; 1 auch hier ist die Aufgabe, die gemeinsamen, gesellschaftlich 
relevanten, seelischen Haltungen aus dem gemeinsamen Lebensschicksal 
der zu untersuchenden Gruppe zu verstehen. Das spezifisch Psycho- 
analytische ist hierbei die Zurückführung vieler Gefühle und Ideale 
auf bestimmte — körperlich verankerte — libidinöse Strebungen, das 
Verständnis verschleierter und entstellter Darstellungen unbewußter 
seelischer Inhalte und die Verbindung der Gefühlshaltungen der Er- 
wachsenen mit den sie vorbereitenden und unterbauenden der Kindheit. 

Was heißt gemeinsames Lebensschicksal? Es sind jene Lebensum- 
stände, die über die individuellen Unterschiede im Leben der Einzelnen 
hinaus — also etwa die Frage, ob jemand erstes oder mittleres Kind 
ist, einen strengen oder schwachen Vater hat oder was sonst an ähn- 

i) Vgl. die ausführlichen Darlegungen darüber in: Fromm, Die Entwicklung des 
Christusdogmas, Wien 1931. 

— 441 — 



lichem — die Lebensweise und Lebensbedingungen der Angehörigen 
einer gesellschaftlichen Schicht bestimmen. Es sind also in erster Linie 
die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse, unter 
denen eine Gruppe lebt. Für die Gesellschaft gilt, daß die Ökonomie 
ihr Schicksal ist. 

Kommen wir so zum Ergebnis, daß die Sozialpsychologie versuchen 
muß, sozialpsychische Erscheinungen aus der sozialökonomischen Situa- 
tion zu verstehen, so taucht hier die Frage auf, in welchem Verhältnis 
eine so verstandene Sozialpsychologie zur soziologischen Methode des 
historischen Materialismus steht. 

Der historische Materialismus lehrt das gesellschaftliche Ge- 
schehen aus den ökonomischen Bedingungen verstehen. „Die Weise, 
in der die Menschen ihre Lebensmittel produzieren, hängt zunächst von 
der Beschaffenheit der vorgefundenen und zu reproduzierenden Lebens- 
mittel selbst ab . . . Wie die Individuen ihr Leben äußern, so sind sie. 
Was sie sind, fällt also zusammen mit ihrer Produktion, sowohl 
damit, was sie produzieren, als auch damit, wie sie produzieren. . . Die 
Menschen sind die Produzenten ihrer Vorstellungen, Ideen usw., 
aber die wirklichen wirkenden Menschen, wie sie bedingt sind durch 
eine bestimmte Entwicklung ihrer Produktivkräfte und des denselben 
entsprechenden Verkehrs bis zu seinen weitesten Formationen hinauf. 
Das Bewußtsein kann nie etwas anderes sein, als das bewußte Sein, und 
das Sein der Menschen ist ihr wirklicher Lebensprozeß." 1 „Es ist nicht 
das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr 
gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt." s 

Auf den ersten Blick scheint die Psychoanalyse mit dem historischen 
Materialismus viele Berührungspunkte zu haben. Ja, beide Lehren 
scheinen sogar in einem Punkte ganz das gleiche zu sagen, nämlich 
in der Beurteilung der Rolle des Bewußtseins. Beide Theorien stürzen 
das Bewußtsein von seinem Throne, von dem aus es die Handlungen 
der Menschen zu leiten und ihre Gefühle darzustellen schien. Läßt 
diese Frage also eine Übereinstimmung beider Standpunkte vermuten, 
so scheint die weitere Frage, nämlich die nach den das Bewußtsein 
bestimmenden Kräften diese schöne Übereinstimmung rasch wieder zu 
zerstören. Eine vulgäre Auffassung beider Theorien kommt zum Er- 
gebnis, daß in der Frage nach den das Bewußtsein bestimmenden 
Kräften ein unüberbrückbarer Gegensatz zwischen der Psychoanalyse 

1) K. Marx u. F. Engels, Teil I der „Deutschen Ideologie". 

2) K. Marx, Vorwort zur Kritik der politischen Ökonomie. 

— 442 — 



und dem historischen Materialismus bestehe. Dieser nehme an, es seien 
die ökonomischen Interessen, das Erwerbsinteresse, das in erster 
Linie das bewußte Handeln und Fühlen der Menschen bestimme, jene 
teile der Sexualität die entsprechende Rolle zu. Selbst ein Autor 
wie Bertrand Russell spricht in einem Vergleich zwischen Marx 
und Freud in einem Bild, das zwar geistreich, aber ganz im Sinne der 
eben gekennzeichneten vulgären Auffassung ist. „Er spricht von der 
Eintagsfliege", die im Larvenstadium nur Organe zum Fressen, nicht 
aber zum Lieben hat, während sie als vollentwickeltes Insekt (Imago) 
im Gegenteil nur über Organe zur Fortpflanzung, nicht aber zur Er- 
nährung verfügt. Sie braucht letztere nicht, da sie in diesem Stadium 
nur einige Tage am Leben bleibt. „Was würde geschehen, könnte die 
Eintagsfliege theoretisch denken? Als Larve würde sie ein Marxist 
sein, als Imago ein Freudianer." Russell fügt hinzu, Marx, der Bücher- 
wurm des britischen Museums, sei der richtige Repräsentant der Lar- 
venphilosophie. Russell selbst fühle sich von Freud mehr angezogen, 
denn er sei für die Freuden der Liebe nicht unempfänglich, verstehe 
sich dagegen nicht aufs Geldmachen, also nicht auf die orthodoxe 
Ökonomie, die von ausgetrockneten älteren Herren geschaffen wurde." 1 

Es ist leicht einzusehen, daß diese banale Auffassung aus einem 
groben Mißverständnis sowohl der Psychoanalyse wie des historischen 
Materialismus hervorgeht. Soweit es die Psychoanalyse angeht, nicht in 
erster Linie deshalb, weil Freud neben den über das Genitale hinaus 
verstandenen Sexualtrieben dem Selbsterhaltungstrieb eine entscheidende 
Rolle beimißt, sondern vor allem darum, weil er die Triebstruktur 
eines Menschen, wie schon oben angedeutet, grade aus der Einwirkung 
seines Lebensschicksals auf die mitgebrachten Triebe versteht. 

Es bedarf nur einer konsequenten Überlegung, um die Fehlerhaftig- 
keit der oben skizzierten vulgären Auffassung des historischen Ma- 
terialismus einzusehen. Der historische Materialismus ist durchaus 
keine psychologische Theorie. Er hat eine einzige psychologische These 
als Voraussetzung seiner Auffassung, nämlich die, daß die Menschen 
es sind, die ihre Geschichte machen und daß die Menschen aus der 
Notwendigkeit der Befriedigung ihrer Bedürfnisse heraus handeln. 
Wenn aber im historischen Materialismus von der Wirtschaft die Rede 
ist, so nicht als von einer psychologischen Kategorie, also nicht vom 
wirtschaftlichen oder Erwerbsinteresse der Menschen, sondern als von 

l) Wiedergegeben bei K. Kautsky, Die materialistische Geschichtsauffassung, 
Berlin 1927, S. 341. 

— 443 — 



einer rein sozialökonomischen Erscheinung, die die Bedingung aller 
menschlichen Aktionen darstellt. Es handelt sich also im historischen 
Materialismus nicht um die ökonomischen Interessen als psychische 
Motive, sondern um die ökonomischen Bedingungen aller mensch- 
licher Lebensäußerungen einschließlich der sublimsten kulturellen Lei- 
stungen. 1 Da die Menschen leben und lieben wollen, müssen sie für 
die Befriedigung dieser Bedürfnisse tätig sein. Das Wie dieser Tätig- 
keit ist aber nicht nur von ihrer eigenen körperlichen und seelischen 
Konstitution, sondern von den Eigenschaften der natürlichen Umwelt, 
bzw. dem Entwicklungsstand der Produktivkräfte bedingt. 

Der historische Materialismus hat die Abhängigkeit nicht nur der 
sozialen und politischen, sondern auch der ideologischen Tatbestände 
von den ökonomischen Bedingungen aufgezeigt. Er hat, wie Engels 
(in dem bekannten Brief an Mehring von 14. Juli 1893) ausdrücklich 
betont, „zunächst das Hauptgewicht auf die Ableitung der politischen, 
rechtlichen und sonstigen ideologischen Vorstellungen und der durch 
diese Vorstellungen vermittelten Handlungen aus den ökonomischen 
Grundtatsachen gelegt und legen müssen." Dabei wurde ein anderes 
Problem „vernachlässigt: die Art und Weise, wie diese Vorstellungen 
zustande kommen." An diesem Punkt kann die Forschungsarbeit der 
Psychoanalyse einsetzen, Sie kann zeigen, in welcher Weise bestimmte 
ökonomische Bedingungen auf den seelischen Apparat des Menschen 
einwirken und bestimmte ideologische Resultate erzeugen, sie kann 
über das Wie der Abhängigkeit ideologischer Tatbestände von den 
sie bedingenden ökonomischen Auskunft geben. Sie verfolgt den Weg 
von der ökonomischen Bedingung durch Kopf und Herz des Menschen 
hindurch bis zum ideologischen Resultat und verfährt dabei nach keiner 
anderen Methode als der, die sie bei der Analyse der Einzelpersön- 
hchkeit angewandt hat: Verständnis der Triebstruktur aus dem Lebens- 
schicksal. Wobei unter Triebstruktur die Gesamtheit der einer Klasse, 
Nation, Berufsstand usw. eigentümlichen Gefühlseinstellungen zu ver- 
stehen ist, unter Lebensschicksal die ökonomische, gesellschaftliche, 
politische Situation eben jener Gruppe. Die Psychoanalyse wird dabei 
der Soziologie einige wichtige Dienste deshalb leisten können, weil 



_ 1) Karl Kautsky hat in seinem ersten Bande der Darstellung über „Die mate- 
nahsttsche Geschichtsauffassung« auf diesen Unterschied klar und deutlich aufmerksam 
gemacht, ohne aber m seinen früheren Arbeiten immer dieser Auffassung getreu zu 
verfahren, oder auch im eben zitierten Buche für eine richtigere Auffassung von der 
Psychoanalyse davon Gebrauch zu machen. 



— 444 — 



der Zusammenhang und die Stabilität einer Gesellschaft durchaus nicht 
nur von mechanischen und rationalen Faktoren (Zwang durch Staats- 
gewalt, gemeinsame egoistische Interessen usw.) gebildet und garantiert 
wird, sondern durch eine Reihe libidinöser Beziehungen innerhalb der 
Gesellschaft und speziell zwischen den Angehörigen der verschiedenen 
Klassen, (vgl. etwa die infantile Gebundenheit des Kleinbürgertums 
an die herschende Klasse und die damit verknüpfte intellektuelle Ein- 
schüchterung.) Jede Gesellschaftsform hat nicht nur ihre eigene ökono- 
mische und politische, sondern auch ihre spezifische libidinöse Struktur, 
und die Psychoanalyse kann gerade gewisse Abweichungen von der 
aus den ökonomischen Voraussetzungen zu erwartenden Entwicklungs- 
richtung erst ganz verständlich machen. 

Es versteht sich von selbst, daß bei der Analyse sozialpsychologischer 
Erscheinungen ebenso gründliche und umfangreiche Kenntnisse des 
„Lebensschicksals" nötig sind, wie bei der Analyse einer Einzelpersön- 
lichkeit, das heißt aber praktisch die genaue Kenntnis der ökonomischen, 
sozialen und politischen Situation der zu untersuchende Gruppe. Es ist 
ebenso klar, daß die Analogiebildung zwischen neurotischen Symptomen 
und sozialpsychischen Erscheinungen und Versuche, diese durch jene 
zu erklären, von noch geringerem wissenschaftlichem Wert sein müssen, 
als etwa die Deutungen, die ohne Kenntnis des Lebensschicksals und der 
Lebenssituation eines Menschen von seinen Symptomen, Charakter- 
eigenschaften oder Träumen gegeben werden, rein aus der Analogie 
mit anderen bereits analysierten Fällen. 

Ergibt sich so die Brauchbarkeit der Analyse, wenn sie nur richtig 
angewandt wird, für die Erforschung sozialpsychologischer Phänomene, 
so mag vielleicht die Erwartung nicht so unberechtigt erscheinen, daß 
sich die Psychoanalyse auch als eine Art politisch-sozialer The- 
rapie brauchbar erweise. Man könnte vielleicht mit Recht erwarten, 
daß die Gesellschaft alle zweckwidrigen Handlungen aufgebe, wenn es 
nur gelänge, ihr den unbewußten, irrationalen Sinn dieser Handlungen 
bewußt zu machen. 

So verlockend diese Perspektive ist, so wenig hält sie einer näheren 
Nachprüfung stand. 

Was ist das Wesentliche des neurotischen Reagierens und inwiefern 
ist es durch die Analyse heilbar? Es ist gewiß nicht irrationales, trieb- 
haftes Fühlen und Handeln an und für sich. Es ist vielmehr ein solches 
psychisches Verhalten, welches in Widerspruch zu den wirklichen Be- 
dürfnissen und Notwendigkeiten der Gesamtpersönlichkeit steht und 

— 445 — 



welches, durch ein Fortbestehen und Haftenbleiben solcher Trieb- 
regungen bedingt ist, die einmal angepaßte Reaktionen in der Kind- 
heit waren, aber inzwischen längst den Charakter der Angepaßtheit 
und Zweckmäßigkeit verloren haben. Die Neurose läßt sich als ein 
Spezialfall jener krankhafter Störungen verstehen, die auf einer man- 
gelnden Fähigkeit des Organismus zur Anpassung an neue Lebens- 
bedingungen beruhen. Die analytische Therapie versucht bis auf jene 
verdrängten Fixierungsstellen zurückzugehen, die Anlässe der Fixierung 
wieder bewußt zu machen und so dem nunmehr erstarkten und er- 
wachsenen Ich der Persönlichkeit die Bewältigung jener Erlebnisse und 
Eindrücke zu ermöglichen, an denen das Ich einst gescheitert ist. Das 
Ziel der analytischen Therapie ist also Beseitigung unangepaßter, ana- 
chronistischer Verhaltungsweisen und ihre Ersetzung durch zweck- 
mäßige und der Realität angepaßte. 

Warum sollte nicht derselbe Weg auch als Therapie der Massen 
gangbar sein? 

Die Masse ist kein Neurotiker. Gewiß weist sie starke Reaktionen 
der verschiedensten Gefühlsarten auf, wie Liebe, Haß, Verehrung, 
Verachtung, Freude, Trauer und andere mehr. Gewiß auch sind die 
Gefühlshaltungen der Masse zu verstehen als Fortsetzung und Wieder- 
holung bestimmter, in der Kindheit ausgebildeter Einstellungen. Aber 
welche Gefühlseinstellung bei den Angehörigen einer Gruppe 
dominierend wird und zu welchem Zeitpunkt dies geschieht, hängt 
von den realen Lebensbedingungen der Masse und deren Verände- 
rungen ab. So wenig die Trauerreaktion eines Menschen auf den 
Verlust eines geliebten Angehörigen, oder die Wut eines Untergebenen 
gegen einen ihn peinigenden Vorgesetzten „neurotisch" zu nennen ist 
und durch Analyse „heilbar" ist, ebensowenig ist es neurotisch, wenn 
sich eine unterdrückte Klasse gegen ihre Unterdrücker erhebt und in 
diesem Kampfe starke sadistische Impulse betätigt. Oder, um noch ein 
anderes Beispiel zu nennen, das Auftauchen eines neuen religiösen 
Glaubens, wie etwa des Urchristentums, ist kein krankhaftes Phänomen, 
das aus der Fixierung bestimmter Strebungen in der Kindheit der 
einzelnen Massenangehörigen zu verstehen wäre, sondern ein adäquates 
gefühlsmäßiges Reagieren auf die ökonomisch-politisch bedingte Ver- 
elendung der bäuerlich-proletarischen Klasse innerhalb des römischen 
Imperiums. Um es nochmals zu betonen, alle solche Erscheinungen, 
wie religiöse Riten, Revolten, Kriege usw. sind nicht denkbar ohne 
das Vorhandensein triebhafter, in der Kindheit vorgebildeter seelischer 

— 446 — 



I 



Einstellungen (so wenig wie ein Krieg geführt werden kann ohne 
Waffen), aber diese Gefühlshaltungen sind ubiquitärer Natur und das 
Wann und Wo ihres Auftauchens ist die Folge sozialer Veränderun- 
gen; es sind aber nicht realitätsunangepaßte, an infantilen Fixierungs- 
stellen haftende neurotische Reaktionen im oben beschriebenen Sinne. 

Das quasi-neurotische Verhalten der Massen, das ein adäquates Re- 
agieren auf aktuelle, reale, wenn auch schädliche und unzweck- 
mäßige Lebensbedingungen ist, wird sich also nicht durch „Analysie- 
ren", sondern nur durch die Veränderung und Beseitigung 
eben jener Lebensbedingungen „heilen" lassen. Man kann 
zwar eine Reihe politischer Erscheinungen mit Hilfe der Psychoanalyse 
besser verstehen, aber es wäre eine verhängnisvolle Täuschung zu 
glauben, daß die Psychoanalyse die Politik ersetzen kann. 

Diese schroffe Ablehnung der Psychoanalyse als Mittel der Verände- 
rung gesellschaftlicher Zustände bedarf in einem Punkte der Modi- 
fizierung. 

Es geschieht nicht selten im gesellschaftlichen Leben, daß die Ver- 
änderung bestimmter Einrichtungen nicht deshalb unterlassen wird, 
weil die realen Verhältnisse es nicht gestatten, sondern weil bestimmte 
Illusionen die Menschen auch dann noch daran hindern, das für sie 
Zweckmäßige zu tun, wenn die realen Bedingungen, die diese Illusionen 
entstehen ließen, schon längst verschwunden sind. Der ideologische 
Überbau bleibt oft länger bestehen, als es der ökonomisch soziale 
Unterbau notwendig machte. Indem die Psychoanalyse als Theorie 
geeignet ist, gewisse gesellschaftlich relevante Illusionen genetisch zu 
erklären und zu zerstören, kann sie in gewissen gesellschaftlichen 
Situationen auch eine politische Funktion bekommen, eine Funktion, 
die auch die wesentliche Ursache ihrer Ablehnung durch die offiziellen 
Stellen der Gesellschaft und insbesondere deren wissenschaftliche Beamte 
sein dürfte. 

Das theoretische und praktische Verhältnis von Psychoanalyse und 
Politik birgt eine Fülle hier nicht berührter oder nur gestreifter Pro- 
bleme in sich. Zweck der Ausführungen an dieser Stelle konnte nur 
der Versuch sein, die gröbsten Mißverständnisse richtigzustellen und 
einige einfache Andeutungen für eine positive Bearbeitung des Problems 
zu machen. 



■Hl 
— 447 — 



Zum Kampf um die Todesstrafe 

Von 

Hugo Staub 

Es kann den psychoanalytisch gebildeten Soziologen nicht in Erstaunen 
versetzen, wenn so viele brennende Probleme der Gegenwart mit einer 
ganz inadäquat starken Affektbetonung umkämpft und umstritten werden. 
Militarismus oder Pazifismus, Nationalismus mit nach außen gekehrter 
Aggression oder Weltbürgertum, Monarchie oder Republik, Diktatur oder 
Demokratie, wirtschaftliche Freiheit oder Planwirtschaft und manche anderen 
Fragen werden mit starken Affekten, tönenden Ideologien, ethischen Postu- 
laten, kurz mit allen verfügbaren irrationalen Waffen ausgetragen, von ver- 
standesgemäßer Überlegung, der Führung durch das Bewußtsein, der Prü- 
fung soziologischer Zweckmäßigkeit ist nicht viel zu spüren. Es scheint, als 
ob es der europäischen Menschheit heute oft nicht so sehr auf die Lösung 
der Probleme ankommt als vielmehr darauf, keine Gelegenheit ungenutzt zu 
lassen, die die Abfuhr aggressiver Spannungen ermöglicht. 

In den ersten zehn Nachkriegsjahren schien das anders zu sein. Nachdem 
der Krieg, einem gigantischen Vulkan gleich, das eruptive Austoben aller 
aggressiven Spannungen bis zur Erschöpfung ermöglicht hatte, schien die 
Bahn für den Eros frei, entstand das Bedürfnis nach libidinösen Bin- 
dungen, entstanden Völkerbund, die Fata Morgana von Paneuropa, die 
Sehnsucht nach dem den ganzen Erdteil umfassenden Staat von Brüdern. 
Selbst die Revolutionen waren kaum mehr blutig. Und soweit ging das 
zivilisatorische Komfortbedürfnis, daß man in Zentraleuropa sogar das Straf- 
recht, diese geheiligte Reservation für die unbemerkte Abfuhr von Sadismen 
mit „dem Geist moderner Humanität" erfüllen wollte. Die Abschaffung der 
Todesstrafe schien ihrer Mehrheit sicher zu sein. 

Wir wissen, wie sehr sich in den letzten Jahren das Bild geändert hat. 
Das Bedürfnis nach Ruhe, nach Frieden innen und außen, nach Herstellung 
neuer libidinöser Bindungen unter den Menschen, der Wunsch nach Abbau 
der Aggressionen auf der ganzen Linie scheint von einer neuen aggres- 
siven Welle abgelöst zu sein. Der Druck, der von den immer ver- 
zweifelter werdenden Lebensbedingungen des europäischen Menschen aus- 
geht, die soziale Umschichtung mit ihren täglichen Tragödien, die sichtbare 
Notwendigkeit einer völligen Umgestaltung der sozialen Verhältnisse, ohne 
zu wissen, wie es anfangen, dazu der Druck von außen, die Kränkung des 
Stolzes der Besiegten durch die Anforderungen der Sieger, das Gefühl völ- 

— 448 — 



liger Ohnmacht, diese Spannungen nach außen zu entladen, — all das ist 
ein schlechter Boden für den Abbau von Aggressionen, für ihre Umwand- 
lung in zivilisationsfördernde Energien, für die Zähmung der Triebe durch 
das Bewußtsein. Die Spannungen, durch die überstarken Lebensbedingungen 
zur Unerträglichkeit gesteigert, ohne die Möglichkeit einer Abfuhr durch 
produktive Arbeit und Erfolge, explodieren nach innen, lockern das soziale 
Gefüge, überhitzen die politischen und sozialen Probleme des mitteleuro- 
päischen Menschen mit affektiven Strömungen. 

Das ist etwa der Boden, auf dem heute der Kampf um die Reforma- 
tion des Strafrechts, der Kampf vor allem um die Todesstrafe ausge- 
tragen wird. Die Argumente sind entsprechend, hüben wie drüben. Den 
Gegnern der Todesstrafe sind deren Anhänger Erzreaktionäre, die den 
schlechten Instinkten der Masse nachgeben, Feinde fortschrittlicher Humani- 
tät und Zivilisation, im anderen Lager bekämpft man seinen Gegner mit 
dem Vorwurf weichlicher Humanitätsduselei, wirft ihm Sympathisieren mit 
dem Verbrecher vor auf Kosten staatlicher Ordnung und des Schutzes der 
Bürger. Eine rein kriminalpolitische Frage wird zum Schauplatz des Kampfes 
der „Weltanschauungen" zum Schaden der Einsicht. 

Wie liegt nun eigentlich das Problem? Woher kommt dieser zähe Kampf 
um den Kopf des Mörders? Sachliche, kriminalpolitische Erwägungen 
scheinen offenbar diesen Affektaufwand nicht zu rechtfertigen. Auch der 
lebenslänglich eingesperrte, von der Gemeinschaft der Menschen ausge- 
schlossene Mörder ist unschädlich. Daß der Staat ihn ernähren muß, spielt 
gewiß keine Rolle, er ernährt genügend Tagdiebe, Nichtstuer, Einbrecher 
und sonstige Schädlinge. Besonders abschreckend scheint die Todestrafe auch 
nicht zu wirken. Wir haben nicht gehört, daß die Zahl der Morde mit 
ihrer Abschaffung zunimmt, mit ihrer Vollstreckung abnimmt. In U. S. A. 
zum Beispiel, wo die Vollstreckung der Todesstrafe wohl am häufigsten und 
in breitester publizistischer Öffentlichkeit vor sich geht, wo Photographien 
des elektrischen Stuhls und oft genug solche des Gerichteten in den Zei- 
tungen verbreitet werden, ist die Zahl der Kapitalverbrechen am größten. 

Und dennoch: Haben die Anhänger der Todesstrafe nicht recht? Spürt 
nicht jeder von uns in irgend einem Winkel seiner Seele das Verlangen, 
Verbrechen, wie die des Kürten, Haarmann, Denke, Großmann durch den 
Tod gesühnt zu sehen? Empfinden wir diesem Sühnedrang gegenüber nicht 
das Argument, das seien Kranke, Entartete, schicksalsmäßig zu Verbrechern 
Gewordene, der Staat dürfe nicht Gleiches mit Gleichem vergelten, dürfe 
nicht selbst zum Mörder werden, als unbefriedigend, dem Gerechtigkeits- 
gefühl widersprechend? Und auch der Einwand, die Todesstrafe mache es 



PsA Bewegung III — 449 — 



29 



unmöglich, geschehenes Unrecht wieder gut zu machen, wiegt nicht allzu 
schwer in einer Zivilisation, wo Millionen durch den Krieg, zehntausende 
durch Verkehrsunfälle und mangelnde Hygiene, tausende durch lebens- 
gefährliche Arbeit oder Unterernährung unschuldig sterben müssen. Zumal 
die Zahl der fehlerhaften Todesurteile — besonders in der Nachkriegszeit — 
verschwindend klein sein mag. 

Wir wissen, wie tief dieser Sühnedrang im menschlichen Triebleben 
wurzelt. Eine Volksabstimmung über den Fall Kürten hätte und würde 
auch heute sicher eine überwältigende Mehrheit für seine Tötung ergeben 
— auch unter den Gegnern der Todesstrafe, wenn die Abstimmung nur 
geheim wäre. Der Ruf nach dem Kopfe des Mörders erscheint uns allen 
als eine natürliche Triebreaktion. Jedes Mitglied einer Gemeinschaft fühlt 
sich durch die Mordtat bedroht, fühlt sich mit dem Opfer identisch und 
wird erst ruhig und seiner Sicherheit gewiß, wenn der Mörder entdeckt 
und seinem irdischen Richter übergeben ist. Dies erklärt manches, aber 
noch nicht viel, sicher nicht das lebhafte gegenständliche Interesse der All- 
gemeinheit an der Mordtat und dem Schicksal des Mörders. Diese persön- 
liche Anteilnahme, die die Mehrzahl der Menschen an dem Kapitalver- 
brechen nimmt, das fieberhafte Miterleben, die Jagd nach dem Mörder, die 
fast jedermann gespannt und affektvoll verfolgt, so als ob es sich um seine 
eigene persönliche Angelegenheit handle, hat tiefere Ursachen. 

Das Kapitalverbrechen und seine Ahndung ist wirklich persönliche 
Angelegenheit jedes Einzelnen, jeder braucht sie zur Erhaltung seines per- 
sönlichen seelischen Gleichgewichtes. Denn wir wissen aus der Erforschung 
des Unbewußten, wie vielerlei starke Todeswünsche jeder Mensch gegen 
seine Mitmenschen im Unbewußten hegt, die oft genug in Flüchen, Tages- 
fantasien und Träumen mehr oder weniger verhüllt sich äußern. Diese 
Wünsche von der Betätigung auszuschließen, ja sie auch aus der Phantasie 
tief ins Unbewußte zu verdrängen, ist eine der wichtigsten Anpassungs- 
leistungen des Kulturmenschen. In dieser Verdrängungsarbeit fühlt sich jeder 
gestört, die Macht des Gewissens gegenüber den eigenen Trieben würde 
bedroht und herabgesetzt, wenn die irdische Gerechtigkeit nicht ihm recht 
geben, seine Position stärken würde. Hinzu kommt, daß das Unbewußte, 
die Triebe, nach dem Talionsprinzip reagieren, sich von jedem Druck durch 
einen adäquaten Gegendruck zu befreien suchen. Darum gilt für die Triebe 
das Gesetz, daß Blut nur durch Blut gesühnt werden könne. 

Damit hat die Todesstrafe zwar noch keinen kriminalpolitischen, aber 
einen sozialen Wert. Sie erleichtert dem Menschen die Verdrängung, sie 
fördert sein seelisches Gleichgewicht und seine soziale Anpassung, dient so- 

— 450 — 



1 



mit auch den Anforderungen der Generalprävention. Diese Selbstschutz- 
funktion der Todesstrafe erklärt uns schon besser ihre Beliebtheit, erklärt 
u ns vor allem auch die Angst der Menschen, sich von ihr zu trennen, da 
diese Angst eine mächtige Unterstützung durch die Angst vor den eigenen 
Trieben, vor der Minderung der Macht des eigenen Gewissens erfährt. 

Aber das Maß des Affektaufwandes, die Intensität, mit der die Massen der 
Verfolgung, Ergreifung und Bestrafung des Mörders folgen, die Legenden, 
die sich um Galgen und Richtschwert bilden, die scheue, mit Grauen ge- 
mischte Ehrfurcht vor dem Henker, die lebendige, breite Anteilnahme der 
Presse als Nachfolge der früheren öffentlichen Hinrichtung, die Beliebtheit 
der Kriminalrome, die mit Ergreifung und Tötung des Mörders enden, 
dieses unmittelbare Interesse, dieses intensive Miterleben bis zum Galgen, 
werden durch die Freude über den Sieg der Gerechtigkeit allein nicht ver- 
ständlich. Zu offenbar verrät sich hier die Bestie im Menschen. Zu augen- 
scheinlich ist das Interesse, zu betont die Befriedigung über das blutige 
Ende, als daß wir nicht feststellen müßten, hier sei der Menschheit eines 
der Ventile geblieben, wo Blutdurst, Todeswünsche und tief verdrängte 
Aggression eine erlaubte Abfuhr erfahren. 

Die soziale Bedeutung dieser Feststellung dürfen wir nicht gering ver- 
anschlagen. Wir wissen alle, daß die Aggression die primärste, mächtigste 
Triebanlage des Menschen ist, daß zwar aller sozialer Fortschritt, alle Kultur- 
entwicklung auf dem Abbau der Aggressionen beruht, daß aber die mensch- 
liche Natur um jede aggressive Position um so zäher kämpft, je weniger 
Möglichkeiten dem Kulturmenschen geblieben sind, unverarbeitete Destruktions- 
tendenzen abzuführen. Darum werden wir verstehen, daß gerade England, 
wohl das sozial angepaßteste, in sich ausgeglichenste Staatswesen der Erde, 
die rückschrittlichste Form der Todesstrafe (Strang) beibehalten hat, ihre 
Vollstreckung mit peinlichster Genauigkeit und Härte durchführt, unter 
breitester Anteilnahme der gesamten Öffentlichkeit, mit ausführlichster Bericht- 
erstattung durch die Presse, mit Stimmungsberichten, Einzelheiten und Details, 
die wir anderen in diesem Ausmaße kaum begreifen. Darum werden wir 
auch verstehen, daß England das Ursprungsland des Fußball, Boxsports und 
der Kriminalromane ist. Daß und warum sein jüngerer Bruder Amerika es 
auf allen diesen Gebieten überflügelt hat, ist eine andere aufschlußreiche 
sozialpsychologische Frage. 

Hier, in dieser Funktion der Todesstrafe, als erlaubtes Abfuhrventil für 
die aggressiven Spannungen des Menschen zu dienen, haben wir einen der 
Angelpunkte der soziologischen Seite des Problems zu sehen. Wir 
dürfen dabei nicht übersehen, daß jede solche erlaubte Abfuhr von Aggres- 

— 451 — 



sionea dem Menschen im übrigen die soziale Anpassung erleichtert, weil * 
seinen gesamten seelischen Apparat entspannt und das Quantum der zu 
verdrängenden Triebe verringert. 

Wenn auch jeder zivilisatorische Fortschritt darauf beruht, der menschlichen 
Natur eine weitere aggressive Position zu entreißen, so müssen wir doch 
mit dem Menschen rechnen wie er ist, nicht wie rosenroter, realitätsfremder 
Idealismus ihn sehen möchte. Wir müssen bedenken, daß Verzicht auf das 
Ausleben von Aggressionen um so schwerer fällt, je drückender die Be- 
dingungen sind, unter denen eine Gemeinschaft leben muß. Jeder zu starke 
äußere Druck lockert ohnehin das soziale Gefüge, läßt verdrängte Destruktions- 
triebe wieder lebendig werden. Und da wir — jedenfalls in historisch über- 
sehbarer Zukunft — nicht mit einem völligen Aufhören dieser menschlichen 
Eigenschaft werden rechnen können, so ist es eine Frage rein soziologischer 
Zweckmäßigkeit, welche Abfuhrventile am ehesten verstopft werden müssen 
und können, und ob sich die mitteleuropäische Menschheit der heutigen 
Tage den kulturellen Komfort noch leisten kann, dem durch Triebverzichte 
aller Art hinreichend geplagten Bürger auch noch die Circenses des Schafotts 
zu nehmen. Diese Fragestellung ist keine Frivolität, sondern ein sehr ernst 
zu nehmendes sozialpolitisches Problem, nur dargestellt ohne verfälschende 
Beschönigung oder Verklärung. 

Wir sehen, welche Fülle von Schwierigkeiten uns den Weg versperren, 
ehe wir zur rein kriminalpolitischen Erörterung einer rein kriminalistischen 
Frage gelangen können. Und wir verstehen nun das Maß von Affekten, 
die das Problem verdunkeln und die Lösung erschweren. 

Rein vom Standpunkt der Verbrechensbekämpfung erscheint es 
gl eichgilt ig, ob der Mörder getötet oder lebenslänglich verwahrt wird. 
Die Gefahr von Wiederholungen ist bei beiden Maßnahmen ausgeschlossen. 
Der Einwand, es könnte in letzterem Falle einmal einer als geheilt entlassen 
werden und erneut gegen die Menschheit losgehen, ist ebenso unernst wie 
das Hauptargument der Gegenseite, die Todesstrafe sei irreparabel, verhindere 
daher die Wiedergutmachung geschehenen Unrechts. Die eine Gefahr ließe 
sich leicht durch Verwaltungsvorschriften beseitigen, die andere durch die 
ohnehin schon früher meist angewandte Übung, in Fällen, die irgendeinen 
Zweifel zulassen, die Strafe in lebenslängliche Absperrung umzuwandeln. 

Für die Aufgaben der Spezialprävention also ist die Lösung der Frage 
fast gleichgiltig. Schwieriger ist schon zu entscheiden, welche Strafe dem 
Ziele der Generalprävention, der generellen Verbrechensverhütung 
besser dient. Zweifellos ist — wie bereits ausgeführt wurde — die Talion 
diejenige Reaktionsweise, die von den menschlichen Trieben am besten 

— 452 — 



1 



verstanden wird. Das Talionsprinzip beherrscht unser ganzes Triebleben, 
ist die Waffe des Gewissens, vor allem seines unbewußten Abkömmlings, 
des Über-Ichs, im Kampfe um die Verdrängung von Aggressionstendenzen 
zugunsten sozialer Anpassung, So wertvoll und unerläßlich aber diese Waffe 
dem werdenden sozialen Wesen auf dem Wege zum Triebverzicht auch 
sein mag, so primitiv, unexakt und reich an Fehlerquellen ist sie anderer- 
seits. Schon die polare Verknüpfung aller Triebe, die Affinität von Aggres- 
sion und masochistischer Lust, die magische Anziehungskraft, die der Tod 
auf viele seelisch unausgeglichene Menschen ausübt, lassen es sehr fraglich 
erscheinen, ob die Todesstrafe das beste Präventionsmittel ist. Die bekannte 
romantische Verklärung, die Räuber, Frauenschänder und Mörder in der 
Volksphantasie erfahren und die ihre Gloriole auf dem Schafott findet, 
sprechen auch nicht gerade für dessen besondere Brauchbarkeit als Ab- 
schreckungsmittel. Ich glaube vielmehr, daß die richtige Deutung kriminali- 
stischer Erfahrungen uns zu der Auffassung bringen muß, die Todesstrafe 
wirke eher anziehend als abschreckend, wenigstens auf jene Morde, 
die vorwiegend als Triebhandlungen zu werten sind. 

Die jedem Kriminalisten bekannte, ihm oft unerklärliche Mörderdummheit, 
die den Mörder selbst bei größter Raffiniertheit und Umsicht in Vorbe- 
reitung und Ausführung der Tat durch einen ganz unadäquaten Mangel an 
Voraussicht in irgend einem Punkte fast regelmäßig der Entdeckung aus- 
liefert, ist eine bezeichnende, von der Kriminalpolizei gern akzeptierte, aber 
bisher psychologisch nicht verstandene Hilfe bei der Aufklärung von Ka- 
pitalverbrechen. Der Fall des Briefträgermörders Reins, der seine Tat 
wirklich mit Kaltblütigkeit und Umsicht vorbereitet hatte, aber ausgerechnet 
die Visitenkarte des Geliebten seiner Schwester am Tatort abgab, mit beiden 
Schwestern und richtigen Pässen mit lautem Getöse nach dem Süden reiste, 
sich in Genua unter vollem Namen im Hotel anmeldete und sofort gefaßt 
wurde, ist gewiß auffallend. Die zahlreichen Telephongespräche des Ver- 
sicherungsmörders Tetzner an seine Frau, ebenso wie der am verbrannten 
Auto zurückgelassene ihm gehörige Gegenstand, Umstände, die leicht zu seiner 
Festnahme führten, lassen sich angesichts der Überlegung, mit der die Tat 
vorbereitet und ausgeführt wurde, auch nicht durch Dummheit allein be- 
friedigend erklären. Ähnliches wissen wir von dem bekannten Gattenmörder, 
dem Zahnarzt Dr. Guttmann und einer Fülle von Fällen, die diese 
„Mörderdummheit" fast regelmäßig zum besten Bundesgenossen der Mord- 
kommissionen macht. Ja ich vermute, daß man fast ausnahmslos die gleiche 
Erscheinung feststellen könnte, wenn die Kriminalpolizei noch bessere psy- 
chologische Schulung hätte. 

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Jedenfalls besteht die Tatsache, daß die Mörder trotz der schweren 
Strafe, die sie erwartet, in der Regel weit mehr Intelligenz, Umsicht und 
Überlegung auf die Vorbereitung und Ausführung der Tat verwenden, als 
auf die Verdeckung der Folgen und ihre Rettung. Da es psychologischer 
Erfahrung widerspricht anzunehmen, ein Mensch sei bei einer Handlung 
klug, raffiniert, überlegt und vorausschauend, aber gleichzeitig dumm, un- 
überlegt und leichtsinnig, so werden wir gezwungen sein, nach den Ur- 
sachen dieses Widerspruchs zu suchen. Und es muß uns auffallen, daß die 
Dummheit, Unüberlegtheit und der Leichtsinn gerade der Selbsterhaltung 
zugewandt sind, dem stärksten und mächtigsten Impulse aller Menschen, 
dem Lebenstriebe. Den Tiefenpsychologen setzt das nicht in Erstaunen. Die 
genauere Erforschung zahlreicher Mordfälle ergab immer wieder das gleiche 
Bild, die auffallende Affinität von Verbrechen und Strafe auf dem Niveau 
des Trieblebens, der Talion. Der bekannte, von Freud erstmals entdeckte 
Mechanismus des Verbrechens aus Schuldbewußtsein, der Strafe 
als einer der Impulse für die Begehung der Tat, hat offenbar — mindestens 
für die vorwiegend triebhaften Morde — Allgemeingiltigkeit. Das zwingt 
uns aber zu der Feststellung, daß viele Morde — wahrscheinlich die meisten — 
begangen werden in der Erwartung der Todesstrafe, daß der Tod eher an- 
ziehend wirkt als abschreckt. Besonders instruktiv ist hierzu der Fall Kür- 
ten. Dieses ewige Katze-Maus-Spielen mit der Polizei, dieses laut betonte 
Spiel mit seinen Verfolgern, diese Briefe mit topographischen Skizzen und 
Mitteilung von Details bis zum endlichen Selbstverrat lassen keinen andern 
Schluß zu, als daß das sadomasochistische Spielen um seinen Kopf 
einen wesentlichen Anteil an der Lustqualität seiner Handlungen hatte. 
Auch die Sorglosigkeit eines Haar mann, der zum Schauplatz seiner 
Taten ein überfülltes Proletarierhaus wählte, die Leichen herumliegen ließ 
oder in den nahen Fluß warf und die Kleider seiner Opfer in der nächsten 
Umgebung verkaufte, gehören hierher. Es ist wahrscheinlich nicht seine 
Schuld, daß er so lange unentdeckt blieb. Jeder beliebige Kriminalkommissar 
könnte diese Beispiele endlos vermehren. 

Auch die merkwürdige, oft schauerliche Ruhe und Gefaßtheit, mit der 
manche Mörder die Todesstrafe und ihre Vollstreckung hinnehmen, zwingen 
zu dem gleichen Schluß, daß nämlich das endliche blutige Ende von dem 
verbrecherischen triebhaften Impuls mit ins Kalkül gezogen wird, daß also 
die Todesstrafe, weit davon entfernt abzuschrecken, eher mit ein Anlaß für 
die Tat ist. In der Person des Mörders vollendet sich so, von seinen 
Trieben gleicherweise gewollt, Verbrechen und Sühne, er spielt mit seinem 
eigenen Kopf in der Realität dieses sadomasochistische romantische Spiel, das als 

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; 



Inhalt der Volksromantik, der Kriminalromane und Schauermärchen ebenso wie in 
der hohen Literatur von Sophokles bis Dostojewski und den Modernen 
die Menschen aufrührt und in seiner soziologischen Bedeutung oben bereits 
gewürdigt wurde. Ein berühmter französischer Kriminalist hat sich daher in 
feinem psychologischen Instinkt mit der Begründung gegen die Todesstrafe 
entschieden, daß sie für den Verbrecher erst die Vollendung, die Schluß- 
apotheose bedeute, „die Guillotine verleihe ihm erst die ersehnte Gloriole". 
Weil so das Gericht, das die Todesstrafe ausspricht, der Henker, der sie 
vollzieht und der Mörder gemeinschaftlich Akteure eines schauerlich romanti- 
schen, die Phantasie aufpeitschenden, gleichzeitig abstoßenden und anziehen- 
den Dramas sind, das die tiefsten Instinkte aufrührt, das Erwachen ver- 
drängter sado-masochistischer Triebe weckt, den seelisch Unausgeglichenen 
packt und reizt, ist dieses Spectaculum nicht besonders geeignet, ernüchternd 
und abschreckend zu wirken. Der Normale, Ausgeglichene braucht solche 
Art von Abschreckung ohnehin nicht, der seelisch Schwache, Schwankende 
aber wird durch die magische Tragödie eher angezogen als im Verzicht 
gefestigt. 

Die Talion ist eben, wie alle unmittelbar gegen die Triebe gerichteten 
Einrichtungen, primitiv und unexakt, weil jeder starke aggressive Druck 
gegen den Destruktionstrieb seine Besetzung mit masochistischer Lust be- 
günstigt. Den Psychoanalytiker vom Fach kann es nicht wundern, das ihm 
beim Neurotiker sattsam bekannte Spiel mit der Logik der Talion: „Auf 
Verbrechen folgt adäquates Leiden" in ihrer masochistischen Verkehrung 
„durch Verbrechen erwirkt man das Recht auf adäquate Strafe" und in der 
mehr sadomasochistischen Synthese „das Erdulden der Strafe kompensiert das 
Verbrechen, macht den Täter quitt mit der Gesellschaft" auch beim Mörder 
wiederzufinden. Den Trieben gelingt in dieser Verarbeitung der Sieg der 
Destruktion über den Druck von außen, der masochistisch-erotisch besetzt 
und dadurch seiner Wirksamkeit beraubt wird. 

Es fragt sich nun aber, ob nicht gegen die Verurteilung des Mörders 
zu lebenslänglicher Zuchthausstrafe ähnliche Einwendungen möglich sind. 
Zweifellos ist auch das Zuchthaus Gegenstand phantastischer Legenden, auch 
die Zuchthausmauern haben ihr romantisches Klischee. Aber mit dem Spiel 
um Leben und Tod können sie nicht konkurrieren. Denn der Destruktions- 
trieb _ in der Wendung nach außen Träger der Mordimpulse — kommt, 
nach innen gekehrt, bei jedem Individuum mit dem Tode schließlich zum 
Siege. Schon zur Überwindung der in jedem Menschen lauernden Todes- 
angst wird er daher in hervorragendem Maße lustvoll, d. h. masochistisch 
besetzt. Der Erfolg einer Abschreckung durch unmittelbare Einwirkung auf 

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dieses sadomasochistische Wechselspiel der Triebe muß daher immer höchst 
fragwürdig bleiben. Eine solche Einwirkung wird vielmehr eher schlum- 
mernde Triebe wecken und aufrühren, als die Destruktionstendenzen mindern. 
Die optimale kriminalpolitische Einwirkung auf die Masse, die beste Form 
der Verbrechensverhütung also ist vielmehr hier wie immer der Appell an 
das Bewußtsein und Zufügung von Unlust, nicht von masochistischer Lust. 
Ernüchternd müssen die Maßnahmen wirken, um die Menschen von 
Verbrechen abzuhalten, es muß ein augenfällig schlechtes Geschäft sein, ein 
Verbrechen zu begehen, damit die Menschen auf den Lustgewinn der 
Aggression verzichten lernen. Darum meine ich, daß besser als die Todes- 
strafe, besser als jede affektvolle Leideszufügung überhaupt, eine kalte, 
nüchterne, affektlose Reaktion der Gesellschaft wirken würde. Die dauernde 
Abschließung des Mörders aus der Gemeinschaft des Volkes, möglichst ohne 
Romantik und theatralische Umkleidung des Gerichtsverfahrens, dazu der 
Zwang, für den Rest seines Lebens unter einfachsten Lebensbedingungen 
für die Opfer seiner Tat hart zu arbeiten, das scheint mir die wirksamste 
Waffe gegen das Lustprinzip, die — gegenüber dem Menschen von heute — 
jedenfalls erfolgversprechende Form der Abschreckung. Eisige, klare, niemals 
schwankende konsequente Behandlung statt affektvoller Bestrafung 
wirkt jedenfalls ernüchternder auf die Massen, als Galgen, Richtschwert 
und alle Marterwerkzeuge der Welt zusammen es könnten. Darum empfinden 
die Menschen heute noch die „Vertreibung aus dem Paradies" in der Bibel, 
die diese psychologische Wahrheit gut zu kennen schien, als den härtesten 
Schlag, der die Menschheit je getroffen hat. 

Daß eine solche Kriminalpolitik auch noch der Richtung der Kultur- 
entwicklung und dem zivilisatorischen Komfortbedürfnis entgegenkäme, wäre 
ein als angenehm zu verzeichnender Nebengewinn. 

Den Zeitpunkt für einen solchen Abbau einer aggressiven Position der 
Menschen richtig zu wählen, ist aus den eingangs erörterten, sozial-politischen 
Erwägungen eine nicht unwichtige Aufgabe kluger Realpolitik. Ich fürchte, 
daß die augenblickliche Lage in Mitteleuropa hierfür nicht gerade günstig 
ist. Das soziale Gefüge, die libidinöse Bindung der Massen, ist zu stark 
gelockert, der dadurch befreite Aggressionstrieb flammt aus zu vielen Quellen 
hervor, radikalisiert das öflentliche Leben und läßt genügend überhitzte 
Affekte hervorbrechen, als daß es zweckmäßig sein könnte, die Atmosphäre 
durch eine nicht allzu eilige Reform gerade jetzt noch mehr anzuspannen. 



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iiiiiiiiiiiiiiiiii 

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Eine psydhoamalytisdie Betrachtung 

Von 

I. F. Graut Bmff 

FerdinandBrucknerhatmit dem Schauspiel „Elisabeth von England" 
unser Interesse für die merkwürdige Gestalt der Königin Elisabeth neu belebt. 
Als den Kernpunkt ihres Privatlebens stellt Brückner ihre Beziehung zu Essex 
dar. In der Tat war diese problematische Beziehung, die die letzten 18 Jahre 
ihres Lebens ausfüllte, von lebenswichtiger Bedeutung für sie. Uns, die wir 
uns für den genetischen Aufbau psychologischer Phänomene interessieren, lockt 
die Aufgabe, die Kindheit der Elisabeth zu untersuchen und vielleicht von ihr 
aus ein Verständnis für das Verhältnis Elisabeth— Essex und besonders für die 
Hinrichtung des Essex zu gewinnen. 

Der Vater der Königin, Heinrich VIII., ein Mensch von guter Begabung, 
schön und gebildet, hatte in seinem Charakter eine starke Beimischung von 
psychotischen Zügen, insbesondere war sein Liebesleben von krankhaften vor- 
und unbewußten Phantasien geleitet. Eine dieser Phantasien war, daß, wenn 
eine Frau ihm keinen Sohn gebärt, seine Ehe mit ihr inzestuös sei, — 
analog dem Aberglauben mancher Völker, demzufolge Kinderlosigkeit die Strafe 
für den Inzest ist. Außerdem war er von dem Typus der Männer, die sich nur 
in eine Frau verlieben können, die schon einem anderen Manne 
gehört hat; gab sich die Frau ihm aber, dann trat immer ein heftiger Um- 
schwung ein, und er empörte sich, daß die Frau seiner Wahl nicht als reine 
Jungfrau zu ihm gekommen war. 

Er vermählte sich als Jüngling mit der Witwe seines älteren Bruders, der 
Katarina von Aragon, einer spanischen Prinzessin. Der Papst gab einen 
Dispens, damit die Witwe sich mit ihrem Schwager vermählen könne, obwohl 
die Erlaubnis eigentlich nicht nötig war, da die junge Frau noch immer Virgo 
war. Heinrich hatte viele Kinder mit Katarina, die alle gleich nach ihrer Ge- 
burt starben. Nur eine Tochter Marie lebte ; sie wurde später die erste regie- 
rende Königin von England. Diese glückliche Ehe dauerte mit unwesentlichen 
Seitensprüngen des Königs 16 Jahre lang. Da begann es in dem Gehirn Hein- 
richs zu spuken. Katarina hatte keinen Sohn. Sie war jetzt 42 Jahre alt, wäh- 
rend er 34 Jahre alt war. Er sagte, daß er Gewissensbisse hätte, daß er im In- 
zest mit der Frau seines Bruders lebte. Er war auch zu dieser Zeit in eine Hof- 
dame, Anna Boleyn, verliebt. Er bat den Papst um einen Schiedsspruch, der 
behaupten sollte, daß seine Ehe mit Katarina ungültig, weil gegen die Gesetze 

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Gottes sei. Der Papst weigerte sich, den ersuchten Schiedsspruch zu geben und die 
Sache pendelte viele Jahre hin und her. Heinrich lebte indessen mit Anna. Es heißt, 
daß sie sich ihm lange versagte. Wenn das stimmt, geschah es aus Berechnung, 
nicht aus moralischen Bedenken, da sie schon vorher Liebhaber gehabt hatte, 
eine Tatsache, die Heinrich krampfhaft übersah. Wie es auch sein mag, wurde 
sie für einige Jahre nicht schwanger. Als sie es schließlich doch wurde, hielt 
Heinrich die Spannung nicht mehr aus, vermählte sich mit ihr heimlich, ohne 
auf den Papst länger zu warten, und zwang die Geistlichen von England, seine 
Ehe mit Katarina als gegen die Gesetze Gottes verstoßend zu bezeichnen. Kurz 
danach wurde die heimliche Vermählung des Königs mit Anna als gültig erklärt. 
Katarina wurde mit Schmach in ein kleines Landhaus geschickt und Anna mit 
größter Pracht als Königin gekrönt. 

Heinrich und Anna warteten ungeduldig auf den ersehnten Sohn. Lange ehe 
das Kind geboren wurde, waren die Bekanntmachungen der Geburt eines Soh- 
nes verfertigt worden : „ Whereas ii hath pleased Almighly God . . . to send unto 
us . . . a Prince to the great joy etc. etc. Leider war der Prinz nur eine Prin- 
zessin, und obwohl man in den Bekanntmachungen mit einem kümmerlichen 
s den Prince zu Princes verwandeln konnte (mit dem Buchstabieren nahm man 
es zu diesen Zeiten nicht so ängstlich wie heutzutage), konnte man leider am 
Körper des Babys keine Metamorphose zustande bringen. Das Kind erhielt den 
Namen Elisabeth. 1 Mit drei Monaten wurde Elisabeth von ihrer Mutter 
foitgenommen und bekam ihren eigenen Hof. Von dieser Zeit an sah sie ihre 
Eltern selten ; sie hatte alles und mehr als alles, wessen sie bedurfte, nur eben 
die elterliche Liebe nicht. 

Indessen protestierten Katarina und deren Tochter Marie gegen die Erniedri- 
gung und das Unrecht, das ihnen der König zugefügt hatte und bestanden auf 
ihren Rechten. Um Maries Trotz zu brechen, schickte Heinrich sie nach dem 
Hause Elisabeths, wo die 1 7jährige als Hofdame der kleinen Bastardin, — wie 
der Gesandte des Kaisers Elisabeth nannte — verweilen mußte, und wo sie 
beinahe zur Dienerin erniedrigt wurde. In der Umgebung Elisabeths muß die 
unglückliche Halbschwester als bedrohliche Gestalt erschienen sein, denn die 
Stellung von Anna und Elisabeth war gefährdet, solange Marie und Katarina 
am Leben waren. Heinrichs Verliebtheit in Anna war noch vor Elisabeths Ge- 
burt im Abklingen, und die Geburt einer Tochter konnte seine Neigung kei- 
neswegs neu anfachen. Es gab nur ein Mittel, durch das Anna sich hätte halten 
können ; hätte sie einen Sohn zur Welt gebracht, so hätte sich ihr Schicksal 

1) Dieser Name gibt uns einen Einblick in Heinrichs ambivalente Einstellung zur 
Tochter, denn so hieß seine kleine Schwester, die als Baby gestorben war und so hieß 
auch seine Mutter. 

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anders gestaltet. Zweimal war sie noch guter Hoffnung, aber das erstemal starb 
das Kind gleich nach der Geburt, das zweitemal war es eine Frühgeburt. 

So verlebte Elisabeth die ersten zwei Jahre ihres Lebens in einer unruhigen 
Atmosphäre von beständiger Angst und Unsicherheit. Eine bedrückende, unbe- 
hagliche Atmosphäre. Zweifellos bekam sie auch immer wieder zu hören 
„Wärest du ein Sohn gewesen, dann wäre es anders gekommen." Von Zeit 
zu Zeit kamen Vater oder Mutter, das Kind zu besuchen, und wir hören, daß 
Heinrich sein Töchterchen lieb hatte. Sie hatte ihn gewiß enttäuscht, aber er 
hatte Kinder gern. 

Elisabeth war 2 Jahre 3% Monate alt, als Katarina von Aragon starb. Ihre 
Mutter war zum drittenmal schwanger, aber man flüsterte wieder von einer 
neuen Leidenschaft des Königs für eine Hofdame Jane Seymour. Heinrich 
begrüßte die Nachricht von Katarinas Tode mit manischer Freude. Er feierte 
sie mit einer Hohen Messe, zu der er auch Elisabeth im Triumph mitnahm ; 
Trompeten wurden geblasen und es gab allerlei Festlichkeiten. Heinrich, jetzt 
44 Jahre alt, war noch immer ein schöner Mann. In Gelb gekleidet mit einer 
weißen Feder an der Mütze, trug er Elisabeth in seinen Armen und zeigte 
sie seinen Lords ; dies geschah mehrmals an diesen Tagen der Feste. Man kann 
sich das Entzücken dieses verlassenen Kindes denken, das plötzlich vom Vater 
so gefeiert wurde ; und sie muß gewußt haben, daß es irgendwie mit dem 
Tode ihrer Stiefmutter zusammenhing, dieser nie gesehenen Feindin, 
deren Namen sie so gut kannte. Die Freude Elisabeths und der Anna-Boleyn- 
Partei war sehr kurz, denn am Tage des Begräbnisses von Katarina kam Anna 
Boleyn mit einer Fehlgeburt nieder. Jetzt wuchsen die Ängste der Umgebung 
Elisabeths mit jedem Tage und nicht grundlos. Immer wieder hörte man Ge- 
schichten von der Leidenschaft des Königs für Jane Seymour. Es war auch 
allen Menschen bekannt, daß er sich nach einem Sohne sehnte. Mit Anna war 
es aus. Sie hatte keinen Sohn bekommen. Der König begann wieder an Ge- 
wissensbissen zu leiden. Seine Ehe mit Anna konnte nicht gesetzlich sein, denn 
sie war mit einem anderen Manne verlobt gewesen, meinte Heinrich, obwohl 
jener dem widersprach. Inzest hatte er auch mit Anna begangen, denn er 
hatte mit ihrer Schwester früher Verkehr gehabt. Drei Monate nach Katarinas 
Tode war Anna in den Tower geworfen und wegen Inzests mit ihrem Bruder 
und sonstigen Ehebruchs verklagt. Man beschuldigte sie auch, daß sie Katarina 
vergiftet hätte und den Wunsch hegte, daß Heinrich sterben möge. Und ob- 
wohl diese Beschuldigungen keineswegs bewiesen waren, wurde sie zum Tode 
verurteilt und geköpft. 

Die Ehe war bereits für ungültig und Elisabeth, die jetzt 2 Jahre und 8 Mo- 
nate alt war, als illegitim erklärt. Jetzt begannen die schwersten 

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Jahre ihrer Kindheit. Sie wurde nun gänzlich von ihrem Vater ver- 
nachlässigt. Schon vor Annas Tod wird man sich wenig um das Kind ge- 
kümmert haben, denn es war nicht lange danach, als ihre Erzieherin schreibt, 
daß sie weder Kleider noch Wäsche hätte (als sie starb, soll sie 3000 Kleider 
gehabt haben). Auch wußte die Erzieherin jetzt nicht, ob das Kind als legiti- 
mes oder als Bastard anzusehen sei, noch wie sie sich zu ihm benehmen solle. 
Elisabeth hatte nicht wie früher ihren eigenen Tisch und eigenes Essen, son- 
dern aß mit der ganzen Hofhaltung. Die Erzieherin will das geändert haben, 
sie könne die Verantwortung für die Gesundheit des Kindes nicht auf sich 
nehmen, wenn das so weiter ginge, denn es sehe allerlei ihm unzuträgliche 
Fleischgerichte, Obst und Wein, und es sei schwer, dies alles ihm zu verwei- 
gern ; sie fügt zärtlich hinzu, daß die Elisabeth noch immer zu jung sei, um 
streng zurecht gewiesen zu werden, und sie müßte sowieso dem Kinde mehr 
erlauben, als sie für richtig hielte, da es an dem Durchbruch der Backenzähne 
sehr litt ; sonst sei es ein sehr gutartiges Kind. So waren diese Tage Tage der 
Zahnschmerzen und vielleicht auch Magenschmerzen wegen der zu schweren 
Kost und Tage der Unsicherheit und Angst in der Umgebung. 

Sie war vom Vater gänzlich vernachlässigt und dazu war die Mutter schreck- 
lich gestorben. Was hat die Kleine sich darüber gedacht? Sie muß sich den 
Kopf zerbrochen haben, was das alles bedeutet. Es war keiner da, der ihr in 
ihrer Bedrängnis helfen konnte. Sie war zu jung, diese Dinge richtig zu ver- 
stehen und so mußte sie sie falsch verwerten. Daß es ihr nicht gelungen ist, 
die Konflikte dieser Zeit glücklich zu verarbeiten, geht aus der Gestörtheit 
ihrer Charakterentwicklung hervor. Späterer Geiz, ihre Anfälle von Jähzorn, 
ihre Eitelkeit, ihre Unfähigkeit, sich zu entschließen, haben 
in diesen Jahren ihre Wurzeln. (Unter anderem zeigt uns Freud, wie ein 
Mangel an Vertrauen in den ersten Liebesverhältnissen des Kindes eine Dauer- 
schädigung — die Unfähigkeit sich zu entschließen — hinterläßt.) 

Zehn Tage nach der Hinrichtung Anna Boleyns vermählte sich Heinrich mit 
Jane Seymour. Über diese Vermählung schreibt der Gesandte des Kaisers, 
nachdem er Jane Seymours Tugend angezweifelt hat : „Darüber wird sich der 
König vielleicht freuen . . . denn er kann sie heiraten unter der Voraussetzung, 
daß sie Jungfrau sei und später, wenn er sich von ihr scheiden will, wird er 
viele Zeugen finden können, die das Entgegengesetzte beteuern." Mit Jane 
Seymour hatte Heinrich einen Sohn, den späteren Edward VI. Elisabeth war 
jetzt vier Jahre alt. Sie wußte seit Jahren, was das bedeutet, Knabe sein oder 
Mädchen wie sie. Sie wußte von jeher, daß sie, weil ihr das Plus am Körper, 
das der Junge hat, fehlte, an einem körperlichen Mangel litt und daß sie 
sich damit einen großen Teil der Liebe des Vaters und der Mutter verscherzt 

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hatte. Sie hatte immer wieder Vorwürfe gehört, es war ihr immer wieder nahe- 
gelegt, daß sie als Mädchen minderwertig sei, und die leiseste Andeutung oder 
selbst ein Scherzwort muß ihr schließlich unerträglich erschienen sein. Sie sollte 
jetzt mit den eigenen Augen sehen, wie gut es ein Knabe hat, denn sie wohnte 
der feierlichen Taufe des kleinen Bruders bei und sie wurde zum Hofe ge- 
rufen (man sagt, um ihm sprechen beizubringen). Welcher Unterschied zwischen 
ihrem und ihrer Schwester Marie Los und dem dieses verwöhnten Jungen ! 
Sie waren Bastarde und hatten keine Rechte ; wenn es dem Vater beliebte, 
stieß er sie fort. 1 

Jane Seymour starb 12 Tage nach der Geburt Edwards. Ihr folgte die 
deutsche Prinzessin A n n a v. K 1 e v e. Mit der lebte Heinrich kaum einige 
Monate. Er konnte sie nie leiden ; aber da sie sich nicht weigerte, sich schei- 
den zu lassen, bekam sie ein gutes Haus und ein gutes Einkommen, ging an 
Festtagen zu Hof und liebte die kleine Elisabeth, die oft bei ihr war. Mit sie- 
ben Jahren sah Elisabeth die kometenhafte Erscheinung und baldige Hinrichtung 
der Catharine Howard. Mit diesen beiden Frauen spielte sich dieselbe 
Komödie ab. Heinrich klagte nach seiner Vermählung mit Anna v. Kleve — 
ohne allen Grund — , daß sie keine Virgo war. In seiner Beziehung zu Cathe- 
rine Howard war er blind gegen ihren schlechten Ruf, bis er sie besaß, dann 
plötzlich wurde er gewahr, was der ganze Hof schon längst wußte und er bis 
dahin immer überhörte, und er klagte bitterlich, daß er betrogen wäre. Er war 
so erschüttert, daß man dachte, daß er irrsinnig geworden sei. Nach Catherines 
Hinrichtung ließ er das Parlament ein Gesetz machen, daß eine Frau Hoch- 
verrat begehe, wenn sie den König heirate und ihr früheres Leben nicht streng 
tugendhaft gewesen sei. Das Volk sagte lachend, daß nur eine Witwe die 
Bedingungen des Königs erfüllen könne und richtig, jetzt vermählte sich der 
König mit der zweimal verwitweten Catherine Parr. Catherine Parr war 
der Elisabeth eine liebevolle Mutter. Da sie selbst gebildet war, interessierte 
sie sich für Elisabeths schon sehr gute Erziehung. In dieser Hinsicht 
machte Heinrich keinen Unterschied zwischen seinem Sohn und seinen Töch- 
tern. Sie mußten alles lernen, was zu der Bildung dieser Zeit gehörte. Neben 
intensivem Studium fremder Sprachen beschäftigte sich Elisabeth mit Weltge- 
schichte, Astronomie, Mathematik, Logik, Philosophie, Architektur, Musik und 
Literatur. Diese männliche Bildung muß Elisabeth eine Stütze gegen ihre seeli- 
schen Bedrängnisse gegeben haben. Sie brachte das erhöhte Selbstbewußtsein 
des Könnens mit sich, denn Elisabeth lernte wie im Spiel, und ihre Lehrer 

1) Die Einstellung des Vaters muß Elisabeths Penisneid befestigt und enorm ver- 
stärkt haben; das kommt wohl öfter in Familien vor, wo keine Söhne sind oder der 
Vater eine homosexuelle Veranlagung hat. 

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waren von dem hochbegabten Mädchen begeistert. Als sie 16 Jahre alt war, 
schreibt ein Lehrer über sie : „Ihr Verstand hat keine weiblichen Schwächen ; 
Ihre Ausdauer gleicht der eines Mannes." Als sie Kind war, wird man auch 
solche Vergleiche gezogen und etwa zu Heinrich gesagt haben : „Sie lernt wie 
ein Junge" und ihr Vater wird das gern gehört haben. Indem sie lernte, 
konnte sie also einen Teil männlicher Vollkommenheit erringen, die für ihre 
Seele Liebe und Sicherheit bedeutete. 

Elisabeth hatte in den Urzeiten ihrer Kindheit eine ganz eigenartige Bezie- 
hung zu Worten erworben. Worte haben immer etwas Magisches für 
ein Kind. Für Elisabeth haben aber Worte in gewissem Maße die Bedeutung 
magischer Gesten für ihr ganzes Leben beibehalten. Wir können uns gut den- 
ken, wie diese Einstellung zu Worten auf die Erfahrung aufgebaut war, daß 
ein Wort des Vaters über Tod und Leben entschied. Die Schmeichelworte, 
nach denen sie später so sehr verlangte, gaben ihr ein Gefühl des Geschützt- 
seins, wie es Primitive und Abergläubische aus magischen Sprüchen gewinnen. 
Hierin blieb diese hochgeistige Frau primitiv, ihre Prüfung der Realität verließ 
sie, wenn sie sich mit Worten betrank ; sie wird eine Unterstützung für ihre 
Schmeichelsucht in dem gleichen Benehmen des Vaters gefunden haben und es 
— vielleicht — von ihm übernommen haben. Die Bildung, die ihr der Vater 
zuteil werden ließ und die so auf Worte aufgebaut war, muß ihre Beziehung 
zu Worten, die infantile irreale aber auch die sublimierte realitäts-angepaßte, 
enorm verstärkt haben. 

Mit neun Jahren war Elisabeth aus unbekannten Gründen wieder in Un- 
gnade gefallen, für beinahe ein Jahr. Ihr Vater starb, als sie 13 Jahre alt war. 
Man sagt, daß Elisabeth die Nachricht von Heinrichs Tod mit Tränen aufnahm, 
aber kurz nachher schrieb ihr Edward : „Ich sehe, daß du an den Tod unseres 
Vaters mit ruhigem Herzen denkst." Elisabeth lebte mit Catherine Parr, die 
kurz nach Heinrichs Tode dessen Schwager, den Admiral Thomas Seymour, 
den jüngeren von Jane Seymours zwei Brüdern, heiratete. In diesem Dreieck 
benahm sich Catherine Parr sehr unklug, denn sie erlaubte ihrem Mann mit der 
13jährigen Elisabeth auf allerlei spielerische aber derbe Weise umzugehen, als ob 
Elisabeth noch immer ein kleines Kind wäre ; das Resultat war, daß sie eines 
Tages Elisabeth in den Armen Seymours fand. Elisabeth wurde vom 
Hause fortgeschickt, blieb aber doch in freundlichem Briefwechsel mit Catherine, 
bis diese ein Jahr später im Kindbett starb. Nun versuchte Seymour sich mit 
Elisabeth zu vermählen. Der 1 ljährige Edward, der jetzt König war, stand 
unter der Vormundschaft seines Onkels Edward Seymour, Thomas Seymours 
älterem Bruder. In Thomas Seymours Versuch, Elisabeth zu heiraten, sah Ed- 
ward Seymour wohl richtig den ersten Schritt zu einem Plan, ihn zu verdrän- 

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gen und die Regierung des Landes in die Hände zu bekommen, um am Ende 
Edwards Nachfolger zu werden ; denn Edward war gesundheitlich so zart, daß 
kaum zu hoffen war, daß er noch lange leben würde. Thomas Seymour wurde 
darum in den Tower geworfen und mußte seinen Ehrgeiz mit dem Kopf büßen ; 
Elisabeth kam selbst in die größte Gefahr. Ihr Haushofmeister und ihre Erzie- 
herin wurden in den Tower geworfen ; darüber erschrak sie sehr und weinte 
lange. Einsam und ohne Ratgeber erwartete die 15jährige ahnungsvoll ihr 
Schicksal. Ein gewisser Sir Robert Tyrwhit wurde von Edward Seymour, dem 
Vormund des Königs, zu ihr geschickt. Er sollte sie zu einer Beichte zwingen, 
die sie selber und Thomas Seymour beschuldigte. Die Untersuchung dauerte 
mehrere Wochen und wurde in Gesprächen und Briefen durchgeführt. Aber 
man konnte Elisabeth, wie die Erzieherin es ausdrückte, nicht dazu bringen, 
mehr „auszuhusten als es ihr zu beichten paßte." Kein erfahrener Rechtsanwalt 
hätte sie besser verteidigen können als die 15jährige es für sich selber tat. 
Hier war kein Vogel, der sich in Wortschlingen fangen ließ. Aber die ganze 
traurige Geschichte scheint sie doch belastet zu haben, denn in den nächsten 
4 Jahren war sie andauernd leidend. 

Edward, der strenge Protestant, regierte sechs Jahre. Marie, die streng katho- 
lisch war, folgte ihm. Die protestantische Partei wandte sich zu Elisabeth, die 
mit ihr kokettierte, obwohl sie aus Angst vor der Stiefschwester auch in die 
Messe ging. Sie kam dennoch in Gefahr, denn die Protestanten sahen ihre 
Religion von einem katholischen Monarchen bedroht und so planten sie, daß 
ein entfernter protestantischer Vetter Heinrichs sich Elisabeths Person bemäch- 
tigen und sie heiraten sollte, um selber König zu werden. Die Verschwörung 
schlug fehl. Man klagte Elisabeth an, und sie wurde für einige Zeit in Gefan- 
genschaft gehalten. Formal konnte man nichts gegen sie beweisen und nach 
einigen Monaten wurde sie wieder frei gelassen. 

In der Zeit von Elisabeths Gefangenschaft vermählte sich die 39 Jahre alte 
Marie mit ihrem jüngeren Vetter Philipp (später Philipp II. von Spanien, Sohn 
Karls V.). Diese Ehe, die einen Ausländer und einen Katholiken zum 
König machte, wurde in England verhaßt. Eine Verschwörung folgte der an- 
deren. Immer war Elisabeth an diesen Verschwörungen mehr oder minder be- 
teiligt, doch wurde sie nie wieder in den Tower geworfen, nur streng be- 
wacht. Man sagt, daß diese Behandlung auf Philipps Einfluß zurückging. Für 
ihn hatte die Person Elisabeths die größte politische Bedeutung, denn stürbe 
Marie kinderlos, dann stand nur Elisabeth zwischen der schottischen Königin 
Maria Stuart, die eine Großnichte Heinrichs VIII. war und der englischen 
Krone. Obwohl sie noch Kind war, war Maria Stuart schon feierlich mit dem 
Dauphin von Frankreich verlobt, würde sie Königin von England, dann wäre 

— 463 — 



Frankreichs Macht' nicht allein durch Schottland sondern auch durch England 
verstärkt worden — eine für Philipp sehr unerwünschte Aussicht. 

In der Ehe der Stiefschwester sollte Elisabeth nochmals sehen, wie schlecht 
es einer Ehefrau gehen kann; denn Marie vergötterte ihren jungen Gatten, 
aber der stand der alternden unschönen Frau kaltblütig gegenüber, und als er 
überzeugt war, daß sie ihm Kinder nicht gebären werde, verließ er sie. Er 
mußte zwar auch aus politischen Gründen zurück in die Niederlande, aber er 
benahm sich dabei mit so harter Kälte, daß man sagt, Marie sei am gebroche- 
nen Herzen gestorben. 

Elisabeth war 25 Jahre alt, als Marie kinderlos starb. Marie ernannte sie zur 
Thronfolgerin, wie Philipp es wollte und wie es auch Heinrich in seinem Testa- 
ment getan hatte, — und ohne auf ihre Vergangenheit einzugehen, verkündete das 
Parlament sie einstimmig als Königin. Elisabeth, die Bastardin, die in steter 
Unsicherheit gelebt hatte, wurde Königin von England. Man muß nicht den- 
ken, daß sie darum in Sicherheit kam. Das Land war noch immer zwischen 
Katholiken und Protestanten geteilt. Die Katholiken wollten sie nicht, denn sie 
war Ketzerin. Die strengen Protestanten wollten sie auch nicht, denn sie war 
nicht protestantisch genug. Sie war immer von Meuchelmord bedroht. Sie sagte 
einmal, daß Philipp IL von Spanien allein sechzehnmal versucht hätte, sie durch 
Meuchelmord umbringen zu lassen. Die Verschwörung Essex war vielleicht die 
letzte, aber da war sie 67 Jahre alt. 

Es waren nicht diese realen äußeren Gefahren, vor denen Elisabeth so sehr 
erschrak. Es waren die geahnten Gefahren, die wirkliche Verlassenheit 
ihrer Kindheit, die allerlei dumpfe unheimliche schleichende Erwartungen in ihrer 
Seele hinterlassen hatten, von denen sie bewußt kaum etwas wußte, die aber 
einen Niederschlag in ihrem Charakter hinterließen. Ihre Erfahrungen in den 
frühesten Kinderjahren, die von immer neuen Erfahrungen erhärtet waren, 
hatten sie in Angst und Mißtrauen hineingedrängt. Der Vater gab ihr Liebes- 
beweise nach dem Tode einer Mutter, er verstieß sie nach dem Tode der 
anderen. Mütter kamen und gingen. Sie war manchmal als ehelich und manch- 
mal als unehelich behandelt. So prägten sich gewisse Dinge ihrer Seele ein 
unter anderem : man wird nur als Knabe geliebt und zweitens, daß 
ihre Mutter, bezw. ihre Mütter, also Menschen, die Weiber waren wie sie, 
zugrunde gingen, wenn der Vater sie geliebt hatte und sie 
nicht Jungfrauen waren. Ich gehe hier von der Vermutung aus, daß 
man offen vor Kindern und jungen Leuten sprach. Ich brauche nur auf Romeo 
und Julia hinzuweisen. Ich vermute nicht, daß ein ganz kleines Kind genau 
versteht, was die Erwachsenen sagen, aber wir wissen, daß das Kind sachlich denkt, 
und soweit es von Menschen denkt, bedeutet diese Sachlichkeit, daß es an 

— 464 — 



Körpervorstellungen haften bleibt. Jungtrau sein oder Knabe sein 
gehörte für Elisabeth in dieselbe Kategorie, nämlich die der körperlichen Un- 
versehrtheit. Sowohl defloriert sein als auch Tochter sein, bedeutet, daß man 
einen körperlichen Makel hat, und wer einen solchen Fehler hat, der wird ver- 
stoßen oder auch geköpft. Dagegen wird der Sohn — d. h. der Besitzer des 
vollkommenen Körpers, heiß gewünscht und geliebt. Hierauf stützte sich Elisa- 
beths starres Verharren in Jungfräulichkeit. Sie hatte unzählige Heiratsanträge 
ron allen heiratsfähigen Prinzen Europas durch mehr als dreißig Jahre bekom- 
men und jedem antwortete sie: „Ich will Jungfrau bleiben". Eine solche Kind- 
heit und Jugend machte es dieser Frau unmöglich, der natürlichen Liebessehn- 
sucht der Frau nachzugeben. Das Bedürfnis nach Zärtlichkeit und Liebe, das 
glücklichere Menschen in wirklichen Liebesbeziehungen voll befriedigen können 
konnte sie nur halbwegs real erfüllen, der größte Teil ihrer Liebessehnsucht 
und Liebesbeziehung fand eine traumhafte Befriedigung in dem Reich der 
Phantasien. Der Vater, der in ihr einen Jungen finden wollte und sie fortstieß, 
weil sie kein Junge war, der in seinen Frauen Jungfrauen finden wollte und 
sie verstieß oder köpfte, weil sie keine Jungfrauen waren, warf seinen Schat- 
ten über ihre Liebesverhältnisse. Die Historiker schreiben, daß sie Egoistin 
war und niemand wirklich lieben konnte. Natürlich : ein Löwen- 
dompteur hat eine andere Einstellung zu seinem Lieblingstier als der Schäfer 
zu seinem Hunde. Aus Angst konnte sie nicht mehr lieben und blieb in sich 
selber eingesperrt, anstatt sich völlig und glücklich ihrem Liebhaber zu geben. 
Im Grunde ihrer Seele fühlte sie sich nur sicher als Jungfrau ; aber auch die 
Jungfräulichkeit genügte nicht, denn der Umstand, daß sie Weib war, ließ sie 
immer wieder an ihrer körperlichen Vollkommenheit zweifeln. Darum hatte sie 
auch ein so unersättliches Bedürfnis nach Schmeichelei; man mußte ihr 
immer wieder die Gewißheit geben, daß sie sehr schön sei, das beruhigte sie 
gewissermaßen. 

Als junge Frau soll sie schön gewesen sein mit schlanker Taille, ungefähr 
l'6o hoch und sehr schönen Händen. Als sie älter wurde, schwand ihre Schön- 
heit natürlich, und mit dem Alter wuchs ihr Bedürfnis nach Schmeichelei und 
ihre innere Angst. Um ihren Befürchtungen zu entkommen, kleidete sie sich 
immer wie als Jungfrau, schminkte sich und trug eine rote Perücke. In ihrer 
krankhaften Sehnsucht nach der Sicherheit, die ihr nur ein makelloser Körper 
geben konnte, sah sie am Ende ganz grotesk aus. 1 

l) Sie machte sich häßlich auffällig, während sie sich bewußt schön machen wollte. 
Denken wir daran, daß für ihr Unbewußtes Häßlichkeit dasselbe war wie Weiblichkeit, 
so sehen wir, wie in der Wirkung ihrer Bemühung eine interessante Überkompen- 
sierung ihrer unbewußten Sehnsucht nach erlaubter Weiblichkeit sich durchsetzte. 



PsA. Bewegung III 465 



30 



Ich habe erwähnt, daß Elisabeth für viele Jahre die »größte Partie" Europas 
war. In ihrer persönlichen Geschichte spielen nur vier Bewerber eine bedeu- 
tende Rolle. Ich habe von ihrer ersten traurigen Liebesgeschichte mit Thomas 
Seymour und deren tragischem Ergebnis, Elisabeths gestörter Gesundheit, schon 
gesprochen. Ich möchte hervorheben, daß Thomas Seymour, da er ihre Stief- 
mutter heiratete, gewissermaßen ihr Vater war ; die erste Werbung der K ö- 
n i g i n Elisabeth hatte auch eine inzestuöse Färbung, denn der Bewerber war 
ihr Schwager Philipp von Spanien; noch vor ihrer Schwester Tod hat 
Philipp Elisabeth zu verstehen gegeben, daß er bereit wäre, sie zu heiraten. 
Eine solche Heirat hätte sie in dieselbe Lage gebracht, in der ihr Vater war, 
als er sich mit der Witwe seines älteren Bruders vermählte, eine interessante 
Tatsache, die ich hier nicht weiter verfolgen kann. Philipps Freundschaft zu 
dieser Zeit — wie auch früher — verdankte Elisabeth viel, denn sie machte 
es den Franzosen unmöglich, die Ansprüche Maria Stuarts energisch zu fördern; 
doch, hätte Elisabeth seinen Antrag angenommen, so wäre sie in England ge- 
stürzt worden ; auch hatte sie sein Benehmen ihrer Stiefschwester gegenüber 
noch in reger Erinnerung. Sie sagte nicht Nein, aber sie sprach von ihrer Ab- 
neigung gegen die Ehe, und da heiratete Philipp nach einigen Monaten eine 
französische Prinzessin. Schon zur Zeit der Unterhandlungen Philipps mit Elisa- 
beth begann Philipps Gesandter von Elisabeths Gunst zu Lord Robert 
D u d 1 e y (später Graf von Leicester) zu schreiben, und bald sprach ganz 
Europa davon. In der Tat überhäufte Elisabeth den Dudley mit Gunst, und 
als seine Frau unter verdächtigen Umständen starb, sagten alle Menschen, daß 
Dudley sie umgebracht habe, um sich mit der Königin zu vermählen. Manche 
Menschen glaubten sogar, daß Elisabeth selber eine Mitwisserin vor der Tat 
gewesen sei. In Paris verhöhnte man sie und ihren Protestantismus. Was ist 
das für eine Religion, sagte man, in der ein Untertan seine Frau tötet und der 
Monarch es nicht nur duldet, sondern sich sogar mit dem Untertan verheiraten 
will. Und man fügte hinzu, daß Elisabeth es hierin dem Vater nachmachte. 
Elisabeth beteuerte Dudleys Unschuld und ließ nicht von ihm ab. Doch machte 
sie sich wahrscheinlich viele Gedanken über die Sache, denn etwa zwei Mo- 
nate nach dem Tode von Lady Robert hören wir, daß sie nicht mehr so gut 
und gesund aussehe, die Angelegenheit mit Dudley mache sie sichtlich sehr 
bestürzt. Ihr kluger Minister Cecil (später Lord Burghley) war außer sich, denn 
Dudley war ganz ungeeignet, König zu sein. Für Elisabeth war er für lange 
Zeit, ebenso wie ihre königlichen Bewerber, eine Figur in ihrem politischen 
Schachspiel. Doch zweimal schien es, als ob ihre Leidenschaft für ihn 
über ihre Vernunft und ihre unermeßliche Angst vor Männerliebe siegen 
werde. Dann besann sie sich im entscheidenden Moment wieder darauf, 



466 



J 



daß man des Kopfes nur als Jungfrau sicher sei, bis Dudley auf seine ehr- 
geizigen Hoffnungen verzichtete; doch blieb er in großer Gunst bis zu 
seinem Tode. 

Der letzte Bewerber war der kleine Herzog von Alencon (später 
Anjou), der vierte Sohn des verstorbenen Heinrichs II. von Frankreich und 
Catharinas von Medici. Der älteste Sohn, Franz IL, war schon lange tot ; der 
zweite, Karl IX. war dem Namen nach König von Frankreich, aber die wirk- 
liche Macht war in den Händen Catharinas von Medici. Als Elisabeth 39 Jahre 
alt war, hielt Catharina eine Annäherung an England für nötig und bot Elisa- 
beth die Hand des Herzogs von Alencon an. Da der Bräutigam noch nicht 
17 Jahre alt und klein und blatternarbig war, wollte Elisabeth nichts davon 
wissen, als aber sie ihrerseits eine Annäherung an Frankreich für günstig hielt, 
fing sie Unterhandlungen mit Catharina dieser Ehe wegen an. Immer wieder 
zerschlugen sich diese Unterhandlungen, wenn die Notwendigkeit einer Ver- 
ständigung weniger dringend war. 

Elisabeth war schon 45 Jahre alt, als in einem günstigen Augenblick der 
Herzog selber in die Sache eingriff. Er schickte einen jungen Mann, Jean 
Simier mit Namen, nach England, der nicht nur von der Politik sprach, 
sondern im Namen seines Herrn stürmische Liebeserklärungen machte. Seine 
Worte machten einen solchen Eindruck auf Elisabeth, daß sie aufblühte und 
sich verschönte. Unter seinem Einfluß entstand ein Briefwechsel zwischen ihr 
und dem Herzog, der — ebenso wie sein Gesandter — ihr in feurigsten Wor- 
ten seine Liebe beteuerte. Der Herzog kam auch für kurze Zeit nach London, 
und eine merkwürdige dreieckige Liebschaft entstand. Man hat den Eindruck, 
daß Elisabeth sich an der Idee der Liebe und an den Liebesworten berauschte, 
ohne recht zwischen den zwei jungen Männern zu entscheiden. Nach einer Woche 
mußte Alencon wieder abreisen und schrieb ihr „Briefe, die Wasser in Brand 
stecken könnten". Und sie antwortete, indem sie ihre unerschütterliche Liebe 
versprach. Als ihr Rat sie nicht nur auf die Vorzüge, sondern auch auf die 
großen Gefahren einer solchen Ehe vorsichtig aufmerksam machte, weinte sie und 
schimpfte, wie man daran zweifeln könne, „daß es weise sei, daß sie ein Kind 
von ihrem eigenen Körper hätte und den Stamm von Heinrich VIII. fortsetzte". 
Doch am Ende war sie es selber, die in das nach Frankreich gesandte Proto- 
koll eine Stelle hineinbrachte, die sie später als Schlupfloch für sich benutzen 
konnte und durch das sie dann tatsächlich durchschlüpfte. 

Nichtsdestoweniger waren die Unterhandlungen wieder aufgenommen mit 
Liebesbriefen und Heiratsversprechungen, die immer weniger echt wurden ; 
und die ganze Sache endete erst kurz vor dem Tode des Herzogs, etwa vier 
Jahre später, als Elisabeth 49 Jahre alt war. 

- 467 - , , 



Außer diesen zwei Liebhabern hatte Elisabeth auch Günstlinge, mit denen 
sie sich amüsierte. 

Sie war 52 Jahre alt, als Essex, l8j ährig, an ihren Hof kam. Sie war eine 
Phantastin und er war ein Phantast, und ihre Phantasien über sich selber 
rankten sich ineinander und formten so ein Bündnis zwischen den beiden, das 
nur mit dem Tode beider endete. Mit Elisabeths privatem Mythus sind wir 
schon einigermaßen vertraut. Sie war die schöne Jungfrau, ewig schön, ewig 
jung, ewig unantastbar. Sie war die jungfräuliche Königin, vor der 
die Männer in Ehrfurcht und Leidenschaft knieten. Bis zu einem gewissen 
Grade schien ihr Hof wirklich ihren Tagtraum mitgemacht zu haben, geblen- 
det nicht von ihrer Schönheit, aber von ihrem Geist. Man wußte auch, daß 
unter der Herrschaft dieser verschrobenen alternden Frau Englands Ansehen 
und Reichtum immer höher stieg. Sie wußte auch ihren Willen durchzusetzen, 
aber mit Schmeichelei konnte man vieles bei ihr erreichen. Aus berechnendem 
Ehrgeiz und Furcht nannte man sie „Gloriana" und „Feenkönigin". Man 
schmeichelte ihr ganz unverschämt mit einem Gemisch von Bewunderung und 
Hohn. 

An diesen Hof kam Essex mit seinem Privat-Mythus. In diesem war er der 
Held, der alle Herzen besiegte und gegen Englands Feinde glorreiche 
Feldzüge machte. Um diesen Traum zu verwirklichen, mußte er erst Elisabeth 
besiegen. Er war neun Jahre alt, als sein Vater starb. Der Vater war wahr- 
scheinlich oft vom Hause fort in den frühesten Jahren seines Lebens, sodaß 
die Mutter beim Sohne Vater- und Mutterstelle einehmen mußte. Das pflegt 
eine ambivalente Einstellung zur Mutter zu erzeugen. Es bringt 
oft eine starke Bindung an die Mutter mit sich und kann der Boden für eine 
starke Verehrung für ältere Frauen werden, auf die die ganze Einstellung zur 
Mutter übertragen wird. Elisabeth, die als Königin auch Vater und Mutter re- 
präsentierte, paßte glänzend in diese Muttervorstellung. Aber seine ambivalente 
Einstellung zur weiblichen Autorität machte es ihm unmöglich, sich Elisabeth 
gehorsam zu fügen. Er benahm sich roh und launisch und am Ende selbst 
widerspenstig gegen sie. Günstling der Königin zu sein, paßte anderer- 
seits sehr gut zur positiven Einstellung zur Mutter und so in seinen Privat- 
mythus. Man muß sich daran erinnern, daß Shakespeares Ausspruch „Sudi 
divinity doth hedge a King" für seine Zeitgenossen eine Bedeutung hatte, die 
uns fremd ist. Für diese hatten gekrönte Häupter wirklich etwas göttliches an 
sich; diese Aura half Essex, Elisabeths Alter zu vergessen. und sie als die Kö- 
nigin seiner Träume anzunehmen. Es waren auch andere Momente vorhanden, 
die diese zwei komplexbehafteten Menschen zu einander zogen. Sie hatten 
beide rötliches Haar, denselben schlanken und graziösen Körperbau und sehr 

— 468 — 



schöne Hände. Sie fanden also etwas Vertrautes einer in dem anderen — denn 
was ist dem Menschen vertrauter als sein eigener Körperbau ? Das mochte 
Elisabeth zu einem Gefühl der Zuversicht verholfen haben, das für sie nötig 
war. Das machte es leicht, sich mit ihm zu identifizieren ; er wurde für sie das 
Selbst, das sie so gern gewesen wäre — ein Mann ; es war, als ob sein Be- 
sitz ihr die fehlende Männlichkeit ersetzte. Heinrich VIII. aber hatte auch rotes 
Haar, und so mochte Essex durch seine bloße Erscheinung sowohl anziehend 
für Elisabeth gewesen sein als auch ein leichtes Gefühl von Angst in ihr aus- 
gelöst haben (diese Tatsache mag schicksalsschwer für Essex gewesen sein). 
Ferner waren Elisabeth und Essex auch Verwandte, denn Essex Urgroßmutter 
mütterlicherseits war Anna Boleyns Schwester, Mary Boleyn, die Heinrichs VIII. 
Maitresse gewesen war, und seine Mutter hatte sich in zweiter Ehe mit dem 
Günstling Leicester vermählt, der noch immer in großer Pracht am Hofe lebte, 
wo er auch seinen Stiefsohn Essex der Königin vorstellte. Vermutlich hoffte 
er, daß Essex Gunst in den Augen der Königin finden werde, denn Essex 
war bildschön, und sie verliebte sich leicht in schöne junge Männer. Diese 
Hoffnung wurde erfüllt, denn sie verliebte sich über alle Maßen in Essex. Wie 
tief Essex' Gefühl für sie war, ist schwer zu sagen, aber ohne Zweifel keines- 
wegs so tief wie Elisabeths Gefühl für ihn. 

Essex hatte Glanz und Energie, außerdem besaß er die Zähigkeit, seinen 
Privatmythus anderen Menschen aufzuzwingen. Viele Jahre 
hindurch war er der populärste Mann in England wegen dieses Glanzes, seines 
persönlichen Mutes und wegen seiner Gabe, Menschen an sich zu fesseln. Er 
hat wenig getan, um seine Popularität zu verdienen. Er wollte als ruhmbela- 
dener Sieger angesehen werden, und es gelang ihm, vor dem Volke als solcher 
zu stehen, aber die Erfahrung zeigte immer wieder, daß er als Feldherr wenig 
Begabung hatte ; trotzdem wollte er immer wieder Krieg und selber das oberste 
Kommando haben. Dieser Wunsch war eine immer wiederkehrende Ursache 
des Zwiespalts zwischen ihm und Elisabeth. Erstens vertrug sie seine Abwesen- 
heit schlecht, zweitens liebte sie Krieg überhaupt nicht und drittens kostete ein 
Krieg enorm viel Geld und sie gab Geld nie gern aus. Es gab immer mehr 
Zwistigkeiten zwischen den beiden und die Kluft zwischen ihnen wuchs. 

Wieder gab es Krieg. Diesmal war wieder der Streitpunkt, ob Essex ihn 
führen sollte oder nicht. Endlich gab Elisabeth grollend nach. Essex war als 
Feldherr nach Irland verschickt. Dort ging er seine Wege, ohne auf die Befehle 
der Königin Rücksicht zu nehmen und erreichte nichts Nutzbringendes. Elisa- 
beths Zorn wuchs mit seinen Mißerfolgen, ihre Briefe wurden immer wütender. 
Plötzlich stieg er zu Schiff, landete in England und ritt Tag und Nacht, bis er 
Nonsuch in der Nähe Londons erreichte, wo Elisabeth sich gerade aufhielt, 

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Von Kopf bis zu den Füßen beschmutzt nach dem langen Ritt stürmte er in 
Elisabeths Schlafgemach, wo sie sich eben anzog. Elisabeth begrüßte ihn mit 
erstaunter Freude, aber die freundliche Stimmung dauerte nur einige Stunden, 
dann kam der Umschwung. Essex fiel in tiefste Ungnade. Elisabeth konnte sich 
zu nichts entschließen. Sollte sie ihn strafen oder sollte sie ihm vergeben ? Aus 
Monaten wurde ein Jahr. Noch blieb sie unversöhnlich und unschlüssig. Essex 
— der ungeduldige — wurde immer unruhiger. Er hatte schon früher einen 
verräterischen Briefwechsel mit Jakob von Schottland gehabt, jetzt schrieb er 
ihm wieder. Allmählich versammelte er um sich eine Gruppe von hitzköpfigen 
Menschen, die ihn zu allerlei wilden Äußerungen verführten und ihn endlich 
zu dem Versuch drängten, sich der Person der Königin zu bemächtigen. Jetzt 
zögerte Elisabeth nicht länger Sie ließ ihn vor Gericht stellen, und er wurde 
z u m T o d e v e r u r t e i 1 1. Sie liebte ihn und hätte ihn begnadigen können ; 
denn das Volk verehrte ihn noch immer als Helden, dennoch begnadigte sie' 
ihn nicht. Die ganz unbesonnene Verschwörung war an sich gewiß nicht be- 
drohlich und Essex war nicht der Mann, um einen solchen Plan erfolgreich zu 
Ende zu bringen. Seine Gefährlichkeit lag in seiner Zügellosigkeit, in seiner 
Taktlosigkeit, seiner rastlosen Energie, in seinem Ehrgeiz und in der Tatsache, 
daß er mit allen diesen Eigenschaften Anziehung ausübte und enorme Popula- 
rität besaß. Hier lag die wirkliche Bedrohung und - gewissermaßen - ein 
realer Grund, das Urteil gegen ihn nicht aufzuheben. Bemerken wir außerdem, 
daß Elisabeth es zweimal in ihrer Jugend beinahe mit dem Kopf gebüßt hat,' 
daß ein geliebter Mann oder wenigstens ein Prätendent versucht hatte, sich 
ihrer Person zu bemächtigen, so muß der Versuch des Essex alte Ängste neu 
aufgewühlt haben, ja vielleicht auch uralte. Aber wir tauchen hiermit in die 
Tiefe und fragen nach Motiven, von denen Elisabeth selber überhaupt nichts 
wußte, die an ihre längst vergessenen infantilen Befürchtungen anknüpften. 

Ich möchte in diesem Zusammenhang auf ein Geschehnis in Elisabeths frühester 
Kmdheit zurückgreifen, das ich schon erwähnt habe. Ich weise auf das Ereignis 
hin, wo Heinrich in Siegeslaune wegen des Todes von Katarina von Aragon 
auch Elisabeth hoch feierte. Ein Kind in diesem Alter muß das alles auf sich 
selber bezogen haben. Sie liebte ihren Vater wie andere kleine Mädchen und 
wollte wieder geliebt sein. Wie andere kleine Mädchen war sie wohl eifer- 
suchüg auf die Mutter. Es kann sein, daß sie ein sehr eifersüchtiges Kind war • 
als Erwachsene war sie jedenfalls eifersüchtig bis zu einem pathologischen 
Grade. Sie hatte als Kind besondere Gründe, auf die Mutter eifersüchtig zu 
sein, denn die Mutter lebte im gleichen Hause mit dem Vater und konnte ihn 
zu jeder Zeit sehen, während sie selbst entfernt von dem Vater lebte. Sie 
wußte aus Gesprächen ihrer Umgebung, daß Katarina, ihre Stiefmutter, eine 

— 470 — 



1 



bedrohliche unversöhnliche Gegnerin war, die ihr den Vater irgendwie weg- 
nehmen wollte. Jetzt war die böse Frau tot und jetzt liebte der Vater sie, 
die Elisabeth. Aber nach dem Feste ließ er sie doch nicht bei sich und sie muß 
sich gefragt haben, warum ? Hat sie dann gedacht und gehofft, stürbe nur meine 
eigene Mutter, dann würde der Vater mich immer so lieben wie in jenen 
schönen Tagen? 1 Und dann kam das Erhoffte; und in welcher Art? Der Vater 
selbst hat dasselbe gewünscht wie sie. Der Vater hat ihre Mutter, die beneidete 
Nebenbuhlerin, umgebracht. Und dann ! Der Vater heiratete Jane Seymour und 
sie, Elisabeth, sie wurde gänzlich mißachtet und verworfen. Selbst als Tochter 
wollte der Vater sie nicht mehr gelten lassen, sie war zur Bastardin erniedrigt. 
Warum? Ihre Frauen sagten, sie sei schuld daran, daß die Mutter gestorben 
sei. „Wenn das Kind da ein Junge gewesen wäre, wäre die arme Königin 
immer noch am Leben." Man wird auch in Anwesenheit des Kindes über 
Annas Prozeß geflüstert haben, es läge eine Klage gegen sie vor, daß sie des 
Königs Tod wünsche, und daß sie Katarina von Aragon vergiftet habe. Solche 
Gespräche müssen die Angst des Kindes gespeist haben. Konnte man die Mutter 
köpfen lassen wegen solcher Gedanken, dann könnte man ohne Zweifel sie 
selber, die so klein war, umbringen lassen. Nun aber hatte sie nicht allein ge- 
sündigt. Sie und der Vater zusammen — obwohl unabhängig von einander — 
hatten die Mutter fortgewünscht, er aber ging frei aus und sie wurde bestraft. 
Der Vater durfte so etwas tun, aber sie nicht ! Wegen ihrer Schuld war sie 
verstoßen. Wie mag ihre Reaktion gewesen sein, als sie einsah, daß aus dem 
ganzen schönen Tagtraum, vom Vater geliebt zu werden, nichts geworden war ? 
Wir wissen nichts, wir müssen aber vermuten, daß sie sehr darunter litt. 

Wir haben gesehen, in welche Schwierigkeiten Elisabeth von ihrer Umgebung 
gedrängt war wegen der Tatsache, daß ihr Geschlecht die Eltern enttäuscht 
hatte, wie sie die Tatsache des Weibseins in Verbindung mit der Hinrichtung 
der Mutter brachte, was für Phantasien sie darüber dichtete, und wir sahen die 
„reaction patterns", Reaktionsschablonen, die aus diesen Phantasien entsprangen. 
War die Kleine auch mit den hier oben erwähnten Gedankengängen geplagt, 
so können wir noch leichter verstehen, daß sie durch diese Geschehnisse in 
einen Konflikt geraten ist, den sie nicht erledigen konnte und der imstande 
war, ihr Charakterbild zu verzerren. Wir haben auch andere Hinweise, die auf 

l) Man kann annehmen, daß diese plötzliche ungewohnte Gunst, die der Vater ihr 
erwies, ihre genitalen Wünsche frühzeitig in die Höhe trieb, und daß mit der erhöhten 
Liebe zum Vater die Eifersucht auf die Mutter auch stärker wurde ; aber wegen der 
grellen Enttäuschung und aus der Angst, die mit ihr verbunden war, konnte sich die 
genitale Stufe nicht halten und die Libido regredierte wieder auf die anal-sadistische 
Stufe, was ihrer Charakterbildung die zwangsneurotische Form gab, die bei ihr so offen- 
kundig ist. 

— 471 - 



ein starkes Schuldgefühl wegen Anna Boleyns Tod deuten. Ihre spätere Ein- 
Stellung zu ihrer Mutter paßt gut zu dieser Vermutung. Als ihre Stiefschwester 
Marie auf den Thron kam, war beinahe das erste, was sie als Königin tat, 
daß sie die Rehabilitation ihrer Mutter zu erreichen suchte. Elisabeth hat im 
Gegensatz dazu garnichts getan, um das Gedächtnis ihrer Mutter zu klären. 
Man sagt von ihr, daß sie in späteren Jahren niemals irgend eine Meinung 
über die Mutter aussprach, nicht einmal ihren Namen erwähnte sie. Es ist, als 
ob sie die Mutter gänzlich vergessen wollte. 

Elisabeth neigte zu einer anhänglichen (obwohl ambivalenten) Treue zu den 
Menschen, die ihr näher standen, ein Charakterzug, den man aus den Erleb- 
nissen im Zusammenhang mit Anna Boleyns Tod verstehen kann ; man kann 
auch hieraus die durchaus freundlichen Beziehungen zu ihren Stiefmüttern er- 
klären ; die feindseligen Wünsche gegen die Mutter hatten so schreckliche 
Folgen, daß sie danach derartige Regungen peinlich unterdrückte und um die 
Liebe ihrer Stiefmütter warb. Haß war ein Vorrecht des Vaters. Er 
durfte seine Liebesobjekte wechseln und umbringen, sie nicht. Wo der Vater 
untreu war, war sie treu. Bis auf Essex hat sie ihre Liebesobjekte weder 
geköpft noch umbringen lassen. Strachey meint, daß mit der Hinrichtung 
des Essex Elisabeth sich an dem Vater rächte für das ihr angetane Un- 
recht der Weiblichkeit. Indem sie Essex liebte und fürchtete, konnte er leicht 
für den Vater stehen (denken wir an sein rotes Haar). Sie hatte soviel schlechtes 
vom Vater erlebt, nur weil sie Weib war, daß es unvorstellbar ist, daß sie 
nicht weitgehende Rachephantasien gegen ihn hegte, die sie aus Angst vor 
den Folgen unterdrücken mußte. Essex war der erste Mensch, der ihr näher 
stand, von dem sich Elisabeth, seitdem sie Königin war, bedroht fühlte. Seine 
Macht über sie muß sie als bedrohlich empfunden haben. Er selber schien die 
Meinung ausgesprochen zu haben, daß man nur durch Autorität mit 
ihr umgehen könne. Und er benahm sich demgemäß. Er war starrköpfig und 
unlenksam Ob er Recht oder Unrecht hatte, er bestand darauf, daß sein Wille 
geschehe. Elisabeth hat sich selber über Essex in diesem Sinne geäußert. Sie 
sagte, da es Essex gefiele, jede Gelegenheit auszunutzen, um das Entgegen- 
gesetzte von dem, was sie wollte, zu tun und ihre Person zu mißachten, habe 
sie ihn zwei Jahre lang gewarnt, er möge „ihr Szepter" nicht bedrohen, sonst 
müsse sie ihn nach den Gesetzen Englands bestrafen. Erinnern wir uns : inso- 
fern sie Anna Boleyns Kind, d. h. weiblicher Herkunft war, war sie Bastardin 
(das ist Weib) und bedroht ; insofern sie Heinrichs Kind, d. h. männlicher 
Herkunft war, war sie fähig, Monarch zu sein. Nahm man ihr also ihr Szepter, 
ihren Anteil am Vater, weg, dann war es aus mit ihr. Hier vermischten sich 
Realität und unbewußte Phantasien. Aber Essex war Elisabeth nicht nur poli- 

— 472 — 



tisch untreu gewesen, er war in ihr Zimmer eingedrungen und hatte sie — 
die alte Frau — ohne ihre Rüstung von jugendlicher Schönheit, die aus jung- 
fräulichen Kleidern, Juwelen, Schminke und Perrücke bestand, gesehen, Später 
hat er sie mit gewissen schmählichen Worten aufs tiefste beleidigt. In einer Zeit 
größter Spannung zwischen ihm und Elisabeth geschah es, daß man vor ihm 
über die Eigenschaften der Königin sprach und er im Zorn ausrief: „Die 
Königin ist eine alte Frau geworden und ihre Eigenschaften sind so krumm 
wie ihr Gerippe." Diese Worte kamen Elisabeth zu Ohren. Wir haben ge- 
sehen, wie sehr Elisabeth Worte überschätzte, wie sie sich aus ihrer tiefen Un- 
sicherheit heraus mit einer Schutzmauer von Schmeichelei zu umgeben ver- 
suchte. Solche beleidigende Worte aus dem Munde des geliebten Mannes 
müssen sie getroffen haben wie Josuas Trompetenschall die Stadt Jericho. Wie 
jene Mauern, fielen ihre schützenden Wortmauern in Trümmer. Sie stand da 
wie entblößt und wehrlos vor allen Menschen und noch mehr vor sich selber. 
Für ihre innerste Seele bedeutete das Todesgefahr. Diese Worte trafen also 
dieselbe empfindliche Stelle wie die Bedrohung ihres Szepters, d. h. diese zwei- 
fache Untreue — die politische und die intime — wühlte alle die infantilen 
Befürchtungen wegen ihrerWeiblichkeit auf. Ich glaube, daß 
Strachey in seinem Buch das richtige getroffen hat, wenn er in diesem 
doppelten Verrat die Brücke zu Elisabeths Identifikation mit ihrem Vater als dem 
Mörder der Geliebten sieht. „He — Essex — would find that she was indeed 
the daughter ofafather who liad known. how to ruh a kingdom, and how to punish 
the perfidy of those he had loved the best." Sie liebte Essex ja am allermeisten, 
und eben darum war die Bedrohung ihrer phantasierten Männlichkeit für sie 
so furchtbar, denn für sie bedeutete Männlichkeit nicht nur die Genugtuung 
ihrer narzißtischen Selbstliebe und nicht nur Sicherheit des Lebens, sondern 
auch Sicherheit des Geliebtwerdens. In der Untreue ihres Geliebten 
erlebte sie außerdem die Untreue des Vaters wieder, der sie auch Ver- 
lassen und verstoßen hatte. Die längst vergessene Enttäuschung und der Haß, 
der aus ihr entstanden war, lauerten immer auf die Gelegenheit zur Rache. 
Elisabeth hatte in einer harten Schule gelernt, ihren Haß gegen die Eltern aufs 
tiefste zu verdrängen, aber in dieser Zeit, da eine reale Situation den unbe- 
wußten infantilen Ängsten und Haßregungen eine Unterstützung bot, über- 
rumpelten die lange unterdrückten Racheimpulse die verdrängenden Instanzen, 
und der Wille zum Töten brach wieder hervor. Essex war das Opfer. 

Zuerst schien Elisabeth unberührt von Essex' Tode, dann verfiel sie in tiefste 
Trauer. Sie neigte seit ihrer Jugend zu Depressionen, aber nach Essex' Hin- 
richtung wurde sie ausgesprochen melancholisch. Sie vernachlässigte ihre 
Kleidung, aß schlecht und trauerte und sprach von Essex unter vielen Tränen. 



Psychoanalytische Forschungen haben gezeigt, daß der Trauernde sich oft mit 
dem geliebten Gestorbenen identifiziert. Elisabeth trug jetzt stets ein 
Schwert bei sich, als ob sie damit symbolisch Essex in seiner Männlichkeit 
darstellen wollte. Das Übermaß ihrer Trauer läßt uns daran denken, daß das 
Gefühl der Einsamkeit und des Elends, das der Tod Essex' mit sich brachte, 
durch die zwar längst vergessenen, doch nie erloschenen Schuldgefühle und 
Befürchtungen wegen der infantilen Todeswünsche gegen die Eltern ver- 
stärkt war. 

Sie starb mit siebzig Jahren, kaum zwei Jahre nach Essex' Tod. Die physi- 
sche Ursache ihres Todes war wahrscheinlich eine Grippe, aber ihre seelische 
Misere machte einen solchen Eindruck auf ihre Umgebung, daß einer schrieb : 
„In drei Wochen schwand sie dahin, aber es schien mehr aus Qual des Geistes 
als aus körperlichen Beschwerden hervorzugehen." 

Bibliographie 

Bekker, Ernst: Elisabeth und Leicester. t8go. 

Birch, Thomas: Memoirs of the Reign of Queen Elizabeth. 1754. 

Ghamberlin, Frederik: The Private Character of Queen Elizabeth. 1921. 

C r e i g h t o n, Mandell : Queen Elizabeth. 1906. 

Flügel, J. C. : On the Character and Married Life of Henry VIII. Intern. Journ. of 

Psychoanalysis Vol. I. 1920. (Deutsch in „Imago", VII, 1921.) 
Friedmann, Paul: Anne Boleyn. A Chapter of English History. 1884. 
Heywood, Thomas: Englands Elizabeth. 1631. 
Hope, Anne: The First Divorce of Henry VIII. 1894. 
Hume, Martin: The Courtships of Queen Elizabeth. 1896. 
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Mumby, Frank : The Girlhood of Queen Elizabeth. 190g. 
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Strachey, Lytton : Elizabeth and Essex. 1928. 
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W i 1 b r a h a m : Journal of Sir R. Wilbraham, The Camden Miscellany, Vol. X. 



llllllllllllllliillllillllllll» 

Der Ödipaskoniplex 



(Politischer Gegensatz oder erotische Rivalität ?) 

In der Schriftenreihe „Stoff- und Motivgeschichte der deutschen Literatur" 
(Walter de Gruyter & Co., Berlin 1931) ist jetzt in zwei selbständigen Teilen 
eine Arbeit von Kurt K. T. Wais über »Das Vater-Sohn-Motiv" 

— 474 — 



erschienen. Über den durch den Titel der Schriftenreihe gekennzeichneten 
Rahmen hinausgehend berücksichtigt die Arbeit auch die außerdeutsche Literatur. 
Dar erste Teil (die Zeit bis 1880 umfassend) besteht aus 6 Kapiteln. Sie 
behandeln das Motiv bis etwa 1700 (mit einem besonderen Abschnitt über 
Shakespeare), den Kampf gegen den tyrannischen Vater in der Aufklärung, 
die Verdammung des pietätlosen Sohnes in der Wertherzeit, den Kampf gegen 
den Vater in der Generation der französischen Revolution (begreiflicherweise 
besonders Schiller berücksichtigend), den pietätvollen Elternkult der Romantik 
und die Verdammung des Vaters und den Triumph des Sohnes in der realisti- 
schen Epoche 1830—1880 (Stendhal, Heine, Börne, Hebbel, Dostojewski, 
Strindberg, Samuel Butler usw.). 

Der Zeit von 1880 bis 1930 ist der zweite Teil gewidmet. Der pietätvolle 
Vaterkult der Neuromantik (etwa 1895—1920, Rilke, Kassner, Hofmannsthal, 
Barres, Claudel, Proust) wird gesondert behandelt, im übrigen in der eigentlichen 
vaterfeindlichen Einstellung unterschieden : eine pessimistische Strömung (fata- 
listische Auffassung des Konflikts, z. B bei Ibsen,. Hauptmann, Schnitzler), eine 
pietätlose Strömung bis zum Weltkriege und eine radikal pietätlose Strömung 
der Revolutionsgeneration um 1918 (Hasen clever, Werfel, Unruh, Leonhard 
Frank, Barlach, Bronnen usw.). 

Schon aus den bisherigen Angaben geht hervor, was die Arbeit von Wais 
in den Augen des Psychoanalytikers besonders charakterisiert. Sie ist h i s t o - 
rialisierend. Nicht das individuelle Schicksal des einzelnen Dichters, die 
Phasen und Störungen seiner infantilen Entwicklung seien es, die bestimmen, 
wie das Vater-Sohn-Motiv in seinen Werken zur Gestaltung gelangt, sondern 
hauptsächlich der Zeitgeist. Die psychoanalytische Literatur kennt der Verfasser 
zum Teil, er weiß einiges vom Ödipuskomplex, von Freuds Traumdeutung, 
von der Rolle der Urtat in Totem und Tabu, von den Hamletdeutungen, von 
S torfers „Sonderstellung des Vatermords" und Fe dem s „Vaterloser Ge- 
sellschaft", und insbesonders den Rohstoff in Otto Ranks monumentaler Arbeit 
über „Das Inzestmotiv in Dichtung und Sage" weiß er mit Nutzen zu lesen, 
aber in der Hauptsache kann er sich mit der Psychoanalyse nicht befreunden. 
Vielmehr will er nachweisen, daß der Vater-Sohn-Konflikt „nicht aus sexuellen, 
also allgemein menschlichen", sondern „aus geistesgeschichtlichen, also zeitlich 
bedingten" Ursachen behandelt wird. Er leugnet die Rivalität zwischen Vater 
und Sohn um die Mutter als Fehdeursache ; die Ursachen seien in über- 
wältigender Mehrzahl weltanschauliche, politische Konfliktelemente, die das 
Vater-Sohn-Motiv als Teilerscheinung umfassenderer geistesgeschichtlicher Be- 
wegung erscheinen lassen. An unbewußte Determinierungen denkt Wais 
überhaupt nicht, das Wort „unbewußt" kommt in der ganzen Arbeit kaum 

— 475 — 



vor. Und eben zufolge dieser ahnungslosen Einstellung bloß auf das Manifeste 
liefert der Verfasser, ohne es zu wissen und zu wollen, manch wertvollen 
Beitrag zur Kasuistik des Ödipuskomplexes. Der Psychoanalytiker wird seine 
Arbeit jedenfalls als eine willkommene Materialergänzung zum „Inzestmotiv" 
Ranks ständig im Auge behalten müssen. Insbesondere auch, was die Literatur 
der jüngsten Jahre anbelangt. (Die 2. Auflage der Rankschen Arbeit ist ja 
auch schon fünf Jahre alt.) 

Von den neueren Dichtern behandelt Wais ziemlich ausführlich die lyrischen, 
erzählenden und dramatischen Werke von Franz Werfe 1. Werfeis Lyrik bis 
zur Revolution sei stimmungsgemäß durchaus noch in den Pfaden der Neu- 
romantik gewandelt. „Wenn dem Dichter auch damals schon das Thema von 
Haß und Zwist zwischen Vater und Sohn nicht fremd sein mochte, so war 
seine Dichtung damals noch viel zu wenig aggressiv, und der ,Weltfreund' 
Werfel, der die alten Dinge und alten Menschen besang, noch viel zu weich 
und zärtlich allen Kreaturen gegenüber, als daß er gerade den Vater aus- 
genommen und Haßgesänge gegen ihn geschrieben hätte." Dem Gedicht „Vater 
und Sohn" (1911) liegen bereits Konflikte mit seinem eigenen Vater zugrunde. 
Aber hier Hegt noch kein haßerfüllter Kampf zwischen Vater und Sohn vor, 
und die beiden Schlußstrophen bringen „den für alle Prager Lyriker so be- 
zeichnenden Ausdruck ,Rührung' und den transzendenten Versöhnungsregen- 
bogen über den realen Zwist". Auch im Gedichte „Der Reine Mensch" (1915/16) 
wird der Haß gegen die Eltern abgelehnt. „Erst seit 1918, dem Jahre der 
Revolution, wo Werfel mit der Arbeit am ,Spiegelmensch' begann, verändert 
sich seine Auffassung des Konflikts in eine entschlossenere und radikalere Ab- 
lehnung des Vaters." 

Das Jahr 1918 ist für Wais nicht nur das Revolutionsjahr, sondern auch 
das Jahr, in dem Paul Federns Broschüre „Die vaterlose Gesell- 
schaft" erschien. Er bespricht sie ausführlich und entschuldigt sich dafür: 

„Man verzeihe die ausführliche Besprechung dieser Broschüre, aber ich irre 
mich wohl kaum, wenn ich vermute, daß der noch im gleichen Jahr entstandene 
große Vater-Sohn-Roman Franz Werfeis in seinen theoretischen Teilen maß- 
gebend von ihr beeinflußt wurde . . . Als Werfel im Jahre 1918 mit der 
Arbeit an seinem Meisterwerk, der Phantasmagorie .Spiegelmensch' be- 
gann, hatte er eine weit bestimmtere Stellung dem Problem gegenüber ge- 
wonnen, nicht zum wenigsten unter dem Einfluß der Psychoanalyse, der er, 
nach anfänglicher Gleichgültigkeit, um eben diese Zeit sich näherte und der er 
vor allem in seinem Romanfragment ,Die Schwarze Messe' seinen Tribut ent- 
richtete. Und wenn er auch noch in der Ananthas-Szene seines ,Spiegelmensch' 

— 476 — 



r 



der Psychoanalyse recht boshaft mitspielt, so ist ihr positiver Einfluß doch nicht 
zu übersehen : wenn sein Held Thamal im I. Teil glaubt, er könne seinen 
Vaterhaß als infantiles Rudiment leichthin von sich werfen, zeigt er Kenntnis 
Freudscher Terminologie. (Mein Vater ? Dieser Punkt ist schwach. / Als Knabe 
schon hab' ich ihn totgeträumt. / Das war ein wilder Traum-Schmerz damals ; 
— / Der ist nun lange schon fortgeräumt.)" 

Den Gedankenmord Thamals an dem Vater begründet Werfel selbst wie 
folgt : „Thamal tötet den Vater durch einen Haßgedanken, den er nicht zu 
unterdrücken vermag. Er tötet ihn wegen des Erbteils [symbolisch-biologisch !], 
das ihn beherrscht und das er doch nicht ausbezahlt bekommt, ohne seine 
Persönlichkeit dem Väterlich-Hergebrachten in jedem Sinne zu unterwerfen." 

In der Prosaphantasie „S p i e 1 h o f" (1920) ist ein Mensch auf der Suche nach 
einem verlorenen Traum. „Die psychoanalytische Deutung" schreibt Wais, „lehnen 
wir als gekünstelt ab." Er meint G. H. Grabers Abhandlung „Über Re- 
gression und Dreizahl" in „Imago" IX, 1923. 

Während der Sohn Thamal durch böse Wünsche und Brutalitäten schuldig 
wird, wird der geistige Vatermörder in der Novelle „Nicht der Mörder, 
der Ermordete ist schuldig" (1920) als vollkommen schuldlos erklärt. 
Es heißt bei Werfel : „Die Tragödie — Vater und Sohn — ist wie jede andere 
über einer Schuld gebaut. Wollen Sie die Schuld dieser allgemeinen mensch- 
lichen Tragödie wissen ? Sie heißt : gierig unstillbare Autoritätssucht ; sie heißt : 
Nicht-beizeiten-Resignieren-können ! " 

„Diese Tragödie" — heißt es an einer anderen Stelle bei Werfel über 
Sophokles — „ist eine wahre Fundgrube der Metaphysik der Menschen . . . 
Jeder Vater ist Laios, Erzeuger des ödipus, jeder Vater hat seinen Sohn in ein 
ödes Gebirge ausgesetzt . . . Jeder Sohn aber tötet mit ödipus den Laios, seinen 
Vater, unwissend und wissend den fremden Greis, der ihm den Weg vertritt." 

„Bis hierher" — bemerkt dazu Wais — „wäre die Novelle nichts als eine 
psychoanalytische Programmschrift, durchbräche nicht der Dichter und Romantiker 
Werfel das starre Schema der Vaterhaßdoktrin . . . Bis urplötzlich der Haß von 
ihm abfällt und er dankbar ist, daß der Vater sein und nicht er des Vaters 
Blut vergossen hat." — „In seinen späteren Romanen ,Der Abituriententag' 
(1928) und ,Barbara' (1929) hat Werfel beiläufig, bis in Charaktere und Milieu 
genau, den Konflikt aus .Nicht der Mörder . . .' abermals variiert." (Man beachte 
übrigens die Besprechung des Romanes „Nicht der Mörder . . ." durch K o I n a i 
in „Imago", VII, 1921.) 

Auffällig ist, daß Wais das Vater-Sohn-Motiv in Werfeis „Bockgesang" 
nicht erkannt hat, es jedenfalls nicht erwähnt. 



— 477 



Neben anderen Erzählern der Gegenwart behandelt Wais auch Jakob 
Wassermann. Als „letzten Gipfel" seines in den Kriegsjahren entstandenen 
Romans „Christian Wahnschaffe" lasse Wassermann einen Vater- 
Sohn-Konflikt ausbrechen. „Der Konflikt ist hier mehr ein Ideenkonflikt 
(Menschenliebe-Mammonkult) als ein persönlicher ; jedenfalls läßt er an Ent- 
schiedenheit nichts zu wünschen übrig." 

Auch der Vater-Sohn-Konflikt im „Fall M auriziu s" sei das Fundament 
eines breiteren „I d e e n konflikts". Im kalten Haus eines strengen Vaters, des 
Generalstaatsanwalts, wächst der wunderbar reine Knabe Etzel auf — ohne 
Liebe : der Vater hat keine Zeit dazu, ohne Mutter : der Vater hat die Un- 
getreue verbannt. Scheu und geduckt, in unbewachten Augenblicken „sah er 
den Vater an wie einen Turm, der keinen Zugang hat, keine Türen, keine 
Fenster, der nur gewaltig ragt und von unten bis oben Geheimnisse birgt". 
Das Ziel, das sich der Sohn des Generalstaatsanwalts setzt, der Nachweis eines 
Justizirrtums im Falle Maurizius, ist gleichzeitig die Axt an die väterliche Wurzel. 
Durch den Nachweis des Justizirrtums nach 18 Jahren stürzt der Sohn das 
gesamte Lebenswerk des Vaters um. Selbst die verstoßene Mutter kehrt 
triumphierend zurück. Der naheliegende Verdacht, daß es sich überhaupt um 
einen Kampf zur „Rettung der Mutter" handeln mochte, taucht bei Wais 
natürlich nicht auf. Wir hingegen möchten in diesem Zusammenhang auf eine 
andere Erzählung Wassermanns hinweisen. Der kleine Held der Novelle 
„Schläfst Du, Mutter?" ergeht sich in Träumen und Tagträumen. Und in diesen 
Träumen muß er „so stark oder gar stärker als der Vater" sein, von dem er 
träumt, daß er die Mutter als roher Verfolger mit der Peitsche blutig schlägt. 
(Vgl. dazu Hitschmann, Zum Werden des Romandichters. Imago I, 1912). 1 

Es ist bezeichnend, daß Wais die ganze Arbeit mit Worten des Neo- 
romantikers Rudolf K a s s n e r abschließt : „ . . . daß die Psychologie [d. h. 
die Psychoanalyse] mit ihrem Vater und Sohn-Motiv, dem Vaterkomplex usw. 
in eine Sackgasse geraten sei, vielmehr den Menschen in eine solche gebracht 
habe . . .* St. 

1) In der 1931 erschienenen Fortsetzung des „Fall Maurizius", dem Roman „Etzel 
Andergast", den Wais noch nicht kennen konnte, steht das ödipusmotiv im Mittelpunkt 
des tragischen Konflikts zwischen dem jungen Andergast und seinem „Wahlvater" Kerk- 
hoven, dessen Frau Marie für den „Sohn" Geliebte und Mutter zugleich wird. 

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Eigentümer und Verleger : 

Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Ges. m. b. H., Wien, I, Börsegasse 11 

Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Adolf Josef Storfer, Wien, I., Börsegasse ll 

Druck: Johann N. Vernay A.-G., Wien, IX., Canisiusgasse 8— 10 

— 478 — 



WR PSYCHOANALYSE DER POLITIK 



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SIGM. FREUD 
Zeitgemäßes über Krieg und Tod 



Geheftet Mark V— 



SIGM. FREUD 
Das Unbehagen in der Kultur 

Geheftet Mark 3'40, in Ganzleinen Mark 5' — 

EMIL LORENZ 
Der politische Mythus 

Geheftet Mark 3 — 

„In der Durchleuchtung der Seele von Revolutionen spürt er mit unendlich 
scharfsinnigem und feinfühligem Geiste, geschult an den modernsten Methoden 
psychoanalytischer Forschung, den inneren Ursachen und Antrieben von Massen- 
bewegungen nach und findet in den Trägern dieser Umstürze geheime unbe- 
wußte Motive wirksam, die er geistreich bis zu den Keimzellen und Urformen 
zurückverfolgt." („Freie Stimmen") 



ERWIN KOHN 
Lassalle, der Führer 

In Ganzleinen Mark 6'— 

„Aus der Fülle des Materials und der überall durchblitzenden Helle entsteht 
ein geistiges Bild des Arbeiterführers, das in seiner Zwingkraft beinahe schmerzt. 
Ausgezeichnet das Kapitel über die psychische Struktur des Führertums ... In- 
teressant die Gegenüberstellung der ganz wesensverschiedenen Führer Marx und 
Lassalle." („Volksrecht", Zürich) 



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Sigm. Freud 



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G E S AMM E LTE 
SCHRIFTEN 



Elf Bände in Lexikonformat 



In Ganzleinen : Mark 220— (schweiz. Frk. 275.-) 
In Halbleder : Mark 280.- (schweiz. Frk. 350.-) 



Peter Panier i„ der Weltbühne: 



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la; Hermann Hesse in der Neuen Rundschau : 

|V „Eine große, schöne Gesamtausgabe, ein würdiges und verdienstvolles 

Werk wird da unter Dach gebracht" 

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j:V- „Elf Bände, die die Welt erschütterten" äj 



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Prof. Raymund Schmidt in den Annalen der Philosophie : 

„Druck und Ausstattung sind geradezu aufregend schön" väj 

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p: Dr. Max Marcuse ;„ rfer „Zeitschrift für Sexualwissenschaft" : 

p' „Nur mit tiefer Bewegung wird man sich klar, daß es hier galt, das £a 

|V Lebenswerk Freuds, das fortan nicht nur der Geschichte der Medizin, Cjp 

i';-. ; sondern schlechthin der Wissenschaftsgeschichte angehört, abzuschließen /OS 

und in der endgültigen Fassung der Nachwelt zu vermachen" ;,■.• 

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Ausführliche Prospekte auf Verlangen durch: °M 

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Wien, l, Börsegasse 77