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Full text of "Psychoanalytische Bewegung IV 1932 Heft 1"

PSYCHOANALYTISCHE 

BEWEGUNG 

IV 

193£ 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 






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syckoanalytisch« 
Deweguns 

erscheint zweimonatlich 

Herausgegeben von 
A. J. Storfer 



IV. Jahrsang 
193£ 



Internationaler 

Psychoanalytischer Verlag 

Wien 



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Psychoanalytische 
»ewegfung 



m IV. Jalurgang SsumartFebmaT 1932 Heft i 3 

llllllllllllllllllllllllll! 



Eieföliriieg Im die Technik der 



Von 

Hanns Sadhs - 

Alis einem Vortrag, der im Institut der Deut- 
schen Psychoanalytischen Gesellschaft als erster 
in einem Zyklus von vierzehn gehalten wurde. 

Meine Damen und Herren! Ich betrachte es als meine erste Auf- 
gabe, Ihnen einige Worte über die Stellung der analytischen 
Technik innerhalb der Gesamtwissenschaft der Psychoanalyse zu 
sagen. Es trifft wohl bei allen Wissenschaften zu, daß in ihrem Be- 
ginn die Scheidung zwischen Technik und Theorie noch keine Rolle 
spielt. Bei der Analyse ist es jedoch so, daß wir ^ls ihren Ausgangs- 
punkt eine technische Neuerung ansehen, so daß man wohl sagen 
kann, daß im Anfang der Analyse die analytische Technik stand. Erst 
als Freud sich entschlossen hatte, die Hypnose beiseite zu werfen 
und sich statt dessen einer neuartigen Technik, nämlich der freien 
Assoziation zu bedienen, konnte sich die Analyse in ihrem 
eigentlichen Wesen entfalten. Zunächst war also die Technik der Analyse 
der Theorie einen Schritt voraus, und auf den nächsten Entwicklungs- 
stufen standen beide gleichberechtigt, sich gegenseitig durchdringend, 
nebeneinander. Dies wurde erst etwas anders, als die Analyse ihr 
Gebiet zu erweitern begann und sich nicht mehr ausschließlich mit 

— 5 — 



pathologischen Phänomenen (zu denen auch der Traum und die Fehl- 
handlungen als pathologische Leistung Normaler zu zählen sind) be- 
faßte, als Freud eine Äußerungsform des normalen Seelenlebens, dem 
eine gewisse soziale Rolle zukommt, nämlich den Witz auf seine Be- 
ziehung zum Unbewußten hin untersuchte. Dies konnte nur auf der 
Basis der analytischen Theorie, aber keinesfalls mit den Mitteln der 
analytischen Technik durchgeführt werden. Die darauf folgende An- 
wendung der Analyse auf die Hervorbringungen des menschlichen 
Gemeinschaftslebens wie Kunst, Sitte und Religion und auf die Grund- 
lagen des Gemeinschaftslebens selbst geschah folgerichtig in derselben 
Weise, d. h. ohne Anwendung der analytischen Technik. Hier hatten 
sich also die Wege geschieden, und es gab von nun an Gebiete der 
Analyse, die von ihrer Technik unabhängig waren. Diese Scheidung 
mußte noch bedeutsamer werden, als die Psychoanalyse, die sich von 
einer Psychopathologie zu einer Triebpsychologie entwickelt hatte, 
noch ein weiteres Stück Entwicklung in der Richtung einer Gesamt- 
psychologie durchmachte und an den Aufbau einer selbständigen Ich- 
psychologie schritt. Heute ist sie auch in diesem Zauberkreis nicht 
mehr fest gebannt, sondern ist ein wesentlicher Bestandteil der geisti- 
gen Bewegung unserer Zeit geworden, der sich nicht scharf abgrenzen 
läßt, dessen Auswirkung aber an den verschiedensten Stellen unserer 
geistigen Umwelt spürbar wird. Ich denke hier nicht nur an den Ein- 
fluß der Psychoanalyse auf die Fragen der Sexualmoral und der 
Familienbeziehungen, sondern vielmehr daran, daß viele Leitgedanken 
dieser Epoche nie zustandegekommen wären ohne die Problemstellun- 
gen der Analyse. Wir finden die Analyse fast überall genannt, wo 
Wesentliches über seelische Dinge ausgesprochen werden soll, aber 
noch viel häufiger ist sie die Muttererde, der die Saat entsprießt, ohne 
ihrer gewahr zu werden. 

Die Technik der Analyse hingegen ist in allem Wesentlichen die 
alte geblieben. Sie hat sich verfeinert, ohne einen ihrer Grundcharaktere 
aufzugeben. Es ist auch trotz heißen Bemühens nicht gelungen, den 
therapeutischen Effekt der Analyse durch Abkürzung oder Verein- 
fachung des Verfahrens erheblich zu erhöhen. Auch heute noch hat 
die analytische Technik nur beschränkte Anwendungsmöglichkeiten, 
auch heute muß sie sich selbst in den geeigneten Fällen mit großen 

— 6 — 



Schwierigkeiten langsam vorwärts plagen, ohne auf verblüffende Schnell- 
Erfolge rechnen zu dürfen. Der Analytiker, der im Laufe von 10 Jahren 
schwierigster Arbeit höchstens 100 — 120 Menschen behandelt hat, von de- 
nen er viele, aber keineswegs alle heilen oder in ihrer Lebensanpassung 
entscheidend bessern konnte, wird das Gefühl nicht los, daß er mit großer 
Mühe nur einen relativ geringen Erfolg erzielt hat, besonders wenn 
er dies mit den grandiosen Leistungen und den revolutionierenden 
Wirkungen der analytischen Theorie vergleicht. Es ist fast so, als 
hätte man einen Explosivstoff in Händen, mit dem man neue Wege 
bauen und Berge durchbohren kann, und soll sich nun damit begnü- 
gen, diesen Stoff als Feuerwerk zu verwenden. Es ist begreiflich, 
daß dieser Zwiespalt Viele unzufrieden machte und sie veranlaßte, 
nach ähnlichen Erfolgen auf dem Gebiet der analytischen Technik zu 
suchen. Ich glaube sogar, daß es dieser Zwiespalt war, der bei einigen 
der sogenannten „Abfallbewegungen" eine entscheidende Rolle gespielt 
hat. Ihnen als künftigen Analytikern muß ich diese Tatsache besonders 
deutlich vor Augen führen, um Sie und die Analyse vor gegenseiti- 
gen Enttäuschungen zu bewahren. Es wäre freilich schön, wenn wir 
eine schnellere und angenehmere analytische Technik besäßen, aber in 
der Wissenschaft darf das Lustprinzip keine Geltung haben, und die 
Tatsache, daß wir etwas wünschen, gibt uns kein Recht, seine Er- 
reichbarkeit für die nahe Zukunft zu postulieren. Es ist in der Wissen- 
schaft überhaupt nicht so, daß man ein bestimmtes Ziel leichter er- 
reicht, wenn man mit Entschiedenheit gerade auf dieses Ziel losarbei- 
tet, wie die Alchymisten des Mittelalters auf das „Goldmachen." Bei- 
nahe das Gegenteil ist der Fall: die Einengung auf solche nicht 
auf dem Material und den erreichten Einsichten, sondern auf äußeren 
Gründen beruhende Zielsetzung ist ein Hindernis für den Erfolg. 

Ganz anders und viel trostreicher sieht es aus, wenn wir die 
analytische Technik nicht mit den Augen der Außenstehenden, son- 
dern von innen her betrachten. Es zeigt sich dann, daß die Rolle der 
analytischen Technik innerhalb der Psychoanalyse keineswegs gering- 
fügiger geworden ist. Im Gegenteil, sie ist heute nach wie vor die 
eigentliche Grundlage aller analytischen Kenntnis, von 
der aus auch noch immer das Gesamtwissen der Analyse bis auf die 
entferntesten Anwendungsgebiete hinaus befruchtet wird. Auch auf den 

— 7 — 



Gebieten, die von der eigentlichen psychoanalytischen Technik unab- 
hängig sind, wird nur derjenige fruchtbare Arbeit leisten, der die An- 
wendung der Technik durch jahrelange Übung beherrschen gelernt 
hat; ohne sie, die den Kontakt mit dem wesentlichen Material der 
Analyse, nämlich dem unbewußten Seelenleben, sichert, verfällt man 
unrettbar in Spekulationen und Konstruktionen. 

Wenn ich Ihnen raten darf, halten Sie diese Bedeutung der analyti- 
schen Technik fest und lassen Sie sich nicht durch die Urteile Außen- 
stehender beeinflussen. Wie wenig diese Urteile den Tatsachen ge- 
recht werden und wie sehr sie als Affektäußerungen zu werten sind, 
sieht man schon daraus, daß sie fast stets die gegensätzlichsten Meinun- 
gen vertreten, die man immer wieder und nicht selten sogar aus dem 
Mund derselben Leute hören kann. Die typischen Ansichten sind die, 
daß die analytische Technik eine geradezu geniale Begabung fordere 
und deswegen für den Durchschnittsmenschen unerlernbar sei, oder 
andererseits, daß jedermann, der guten Willens oder entsprechenden 
Mutes ist, es sich zutraut, die Analyse ohne besondere Vorbildung 
auszuüben. Ein anderes Gegensatzpaar wird auf der einen Seite dar- 
gestellt durch die Befürchtung, daß die Analyse ungeheure, unvorher- 
sehbare Wirkungen äußere, also etwa künstlerische Fähigkeiten oder 
moralische Anlagen zerstöre, und auf der anderen Seite durch die 
Meinung, daß die Analyse als solche überhaupt nichts bewirken könne, 
sondern daß die ihr zugeschriebenen Resultate reine Suggestionswir- 
kungen seien, wobei die Tatsache, daß das Wesen der Suggestion 
völlig unbekannt ist, nicht zu stören scheint. Es ist nicht schwer zu 
zeigen, wie diese Dinge sich in Wirklichkeit verhalten. Die analyti- 
sche Technik ist wie jede andere aus Büchern und Vorträgen, durch 
theoretisches Studium nicht voll erlernbar. Dazu ist die praktische Aus- 
übung und die Erfahrung notwendig. Nun ist es allerdings richtig, 
daß es in der Analyse dabei eine besondere Schwierigkeit gibt, daß 
nämlich die analytische Situation notwendigerweise auf zwei Personen 
beschränkt ist, so daß sich den üblichen Einrichtungen bei der prakti- 
schen Unterweisung der Lernenden hier bestimmte Schwierigkeiten in 
den Weg stellen. Dies ist auch einer der Gründe, wenn auch nicht 
der wesentlichste, dafür, daß wir von dem künftigen Analytiker ver- 
langen, daß er die Analyse in der für ihn einzig möglichen Funktion, 



nämlich als Analysand, kennen lernen müsse. Auch sonst ist es uns 
nicht zumindest durch die Bemühungen gerade an dieser Stelle — ge- 
lungen, diese Hindernisse zu überwinden. Ich glaube aber, daß es sich 
bei den geäußerten Bedenken über die Erlernbarkeit der Analyse gar- 
nicht um diese eben geschilderten Schwierigkeiten handelt. Das geht 
wohl auch daraus hervor, daß hier die besondere Notwendigkeit der 
Begabung mit so auffallendem Nachdruck behauptet wird, obgleich 
bekanntermaßen für jede Wissenschaft besondere Begabung erfordert 
wird, selbst für die wegen ihrer Strenge mit scheuer Ehrfurcht ange- 
sehene Mathematik. Für die Analyse als eine neue Wissenschaft mit 
weniger Tradition und minder gesichertem Aufbau ist diese Begabungs- 
forderung natürlich wichtiger, aber es handelt sich hier offensichtlich 
nur um quantitative und keineswegs um prinzipielle Unterschiede. Der 
eigentliche Grund dieser Widersprüche liegt tiefer. Er hat seine Wur- 
zel in der Tatsache, daß der Gegenstand der Psychoanalyse ein anderer 
ist als der der anderen Naturwissenschaften, nämlich das menschliche 
Seelenleben in seiner ganzen Fülle und Tiefe, nicht nur in bestimmten 
meßbaren Einzelphänomenen. Hier begegnet sie einem durch die 
Geistesgeschichte begründeten Widerstand, denn dieses Gebiet, die 
Menschenseele, wurde von der Wissenschaft am spätesten erobert und 
von der Theologie am zähesten verteidigt. Die schiefen Problemstel- 
lungen, die von der theologischen und metaphysischen Vergangenheit 
der Psychologie herrühren, wie die Fragen nach der Freiheit des Wil- 
lens, nach der moralischen Verantwortlichkeit und nach der Existenz 
einer vom Körper unabhängigen Seele, ragen heute noch wie alte 
Grenzpfähle im Gebiet unserer Wissenschaft auf. 

Woher kommt es, daß dieser Widerstand sich gerade auf dem Ge- 
biete der Psychologie noch immer durchsetzt, während er auf dem Ge- 
biet der übrigen Naturwissenschaften mehr und mehr verschwindet? Die- 
ser historische Widerstand ist der Ausdruck eines mächtigen Zuges der 
Mepschenseele, die für sich selbst eine Ausnahmestellung haben möchte 
und ihr eigenes Geschehen nicht Gesetzen unterordnen will, die 
überall sonst im Weltall gelten. Diese narzißtische Abwehr, die als 
allgemeiner Faktor des Widerstands gegen die Analyse von Freud 
gewürdigt würde, dürfen wir nie außer acht lassen, weder bei unse- 
ren Auseinandersetzungen mit den Gegnern der Analyse, noch bei der 

— 9 — 



Kontrolle unserer eigenen Arbeit. Der Umstand, daß der Gegenstand 
der Psychoanalyse, die Menschenseele, zugleich auch das Beobachtungs- 
organ ist, das durch keinerlei künstliche Hilfsmittel, wie Apparate und 
dergleichen, ersetzt oder kontrolliert werden kann, beschenkt sie mit einer 
großen Begünstigung, aber auch mit einer gefährlichen Fehlerquelle. In jeder 
anderen Naturwissenschaft muß sich der Beobachter in eine wesens- 
fremde Welt hinausbegeben, er muß sich bemühen, Dinge zu sehen 
und Gesetze festzustellen, die durchaus außerhalb seiner Wesensart und 
Person liegen. Er steht unaufhörlich unter dem Druck der Gefahr, 
dies zu übersehen und dann die Natur anthropomorph zu betrachten 
und dadurch zu verzerren. Der Psychoanalytiker ist dieser Gefahr nicht 
ausgesetzt, denn sein Untersuchungsobjekt ist seinem eigenen Seelen- 
leben in allen wesentlichen Stücken homogen, und je tiefer er in das 
Unbewußte eindringt, umsomehr kann er dieser Homogenität ver- 
trauen. Eine andere Gefahr wird für ihn umso bedrohlicher. Gerade 
dadurch, daß sein Beobachtungsgegenstand so viel Ähnlichkeiten mit 
ihm selber hat, wird seine Unparteilichkeit leicht getrübt; denn es ist 
kaum möglich, etwas am anderen wirklich sehen zu wollen, was man 
an sich selbst zu übersehen beabsichtigt. Die eigene persönliche Be- 
schränktheit, die Unterdrückung bestimmter Tendenzen, auf denen die 
Charakterentwicklung aufgebaut ist, bedeuten fortwährende Gefahren für 
die Klarheit der Erkenntnis. Die Seele des Analytikers, die das For- 
schungsmaterial darstellt, soll eine reine Spiegelung des Untersuchten 
zulassen, auf einem solchen Spiegel dürfen keine Bilder gemalt sein, 
die sich mit den Spiegelbildern überkreuzen. Diese Leistung ist die 
eigentliche Schwierigkeit der analytischen Technik, und ihr kann nur 
durch ein einziges Mittel wirksam begegnet werden, nämlich durch die 
gründliche und nötigenfalls in Abständen zu wiederholende Analyse, 
die den Analytiker in Stand setzen soll, die eigenen Verdrängungen 
aufzuheben, um so die der Anderen wirkungsvoll durchschauen zu 
können. Dies ist der wesentliche Grund, warum wir die Analyse des 
Analytikers für eine unentbehrliche Vorbedingung halten. Die Ansicht, 
daß eigentlich jeder Mensch Analytiker sein kann, hat also wirklich 
ihre Berechtigung, da jeder über ein Unbewußtes verfügt, das zum 
Verständnis des Unbewußten notwendig ist. Nur darf man nicht über- 
sehen, daß die Verwendung und Brauchbarkeit des eigenen Unbe- 

_ 10 — 



wußten für Forschungszwecke nicht unmittelbar mitgegeben ist, son- 
dern erst durch geeignete Beeinflussung hergestellt werden muß. Hier 
liegt ebenso auch der richtige Kern der entgegengesetzten Ansicht, die 
für den Analytiker eine Art Genialität fordert. Die freie Verwendung 
des eigenen Unbewußten macht den Analytiker zwar noch keineswegs 
zum Genie, aber sie gibt ihm Möglichkeiten der Einfühlung, die außer- 
halb der Analyse nur einem großen Dichter oder genialen Menschen- 
darsteller gegönnt sind. 

Wie Sie sehen, darf die Technik der Psychoanalyse nicht mit der 
Deutungstechnik identifiziert werden. Die Deutung ist nur ein Teil, 
wenn auch ein wichtiger, des seelischen Prozesses, zu dessen Anregung 
und Beeinflussung die psychoanalytische Technik dienen soll. Dieser 
Prozeß ist ein dynamischer, alle Seelenkräfte greifen dabei ein, alte 
Kompromisse werden wieder aufgehoben, alte Konflikte erneuern sich 
und sollen zu Ende geführt werden. Wo die Deutungsarbeit sich nicht 
unmittelbar auf diesem Vorgang aufbaut und ihn vorwärts treibt, ist 
sie eine leere Spiegelfechterei, ein bloßes Spiel des Intellekts. Die Ab- 
sicht der Analyse ist, das Unbewußte bewußt zu machen und dem 
verdrängten, zum Schweigen gebrachten Triebleben wieder den Mund 
zu öffnen. Die Deutungsarbeit ist dabei unentbehrlich, aber sie bleibt 
nutzlos wie eine elektrische Lampe ohne Leitung, wenn sie nicht in 
den Stromkreis der Übertragung eingeschaltet wird. 



IUI 

Soeben erschien in 2. Auflage (3--17- Tausend) 

BTBI^CÄLIGYLA toi HANNS SACHS I 
In Ganzleinen Mark 2,' 85 jj 

Thomas Mann: „Herzlichen Dank für Ihr originelles Buch und aufrichtigen jj 

Glückwunsch dazu! Hotfentlich wird das Publikum das neue Wissen darin empfinden g 

und würdigen. Mir ist das in diesem Sinne wahrhaft bedeutende Werk ein deichen, j| 

daß eine ganz neue Literatur herankommt, Erzeugnis einer jetzt werdenden Menschen- || 
künde, an der die Psychoanalyse entscheidenden Anteil hat." 

Intermatiomaler Psydmoamalytisdfaer Verlag, Wien. jj 

iiiiimiiiiiiiiiiiiiiiififfliiiiii 
11 — 



Der Mut, nicht zu verstehen 

Von 

Theodor Keik 
I 

Unlängst beklagte sich ein junger Psychoanalytiker bei mir darüber, 
daß er einen Zusammenhang nicht verstanden, das seelisch Besondere 
eines von ihm beobachteten Falles nicht erfaßt habe. Ich riet ihm, er 
solle warten und seiner Ungeduld widerstehen. Was so leicht ver- 
standen werde, an dem sei vielleicht nicht viel zu verstehen. Er sagte 
zögernd, er habe schon immer von der Schulzeit an bis tief in die 
Jahre, da er mit akademischen Freunden die Fragen seiner Wissen- 
schaft diskutierte, diejenigen beneidet, die einen schwierigen Zusam- 
menhang schnell und leicht erkennen, ein Problem leicht lösen konnten. 
Der Fall mag über das Besondere, das ihm eignet, hinaus einige Be- 
merkungen rechtfertigen. 

Viele von uns kennen ähnliche Stimmungen gut. Wenn man bei 
einem Kongreß oder einer Vereinssitzung saß, wo mancher sich be- 
rühmen mag, wie leicht sich ihm die Lösung eines psychologischen 
Problems ergeben habe, bis in welche Tiefen er in kurzer Zeit das 
Gefüge eines Neurosenfalles und aller seiner seelischen Voraussetzungen 
durchschaut habe, da hatte man nichts von einer „sicheren Ruh", son- 
dern manchmal ein starkes Insuffizienzgefühl verspürt. Während man 
noch nicht einmal so recht verstanden hatte, wo das Problem eigendich 
liege, war es für die Anderen längst gelöst. Neidisch stand man einer 
Geläufigkeit, einer Fixigkeit des Verstehens gegenüber, die zu erreichen 
man nicht hoffen durfte. Die eigene intellektuelle Inferiorität schien 
durch das scharfe oder — mehr noch — durch das milde Urteil be- 
stätigt, das die Schwerfälligkeit und Langsamkeit des Begreifens, die 
„lange Leitung" in Gegensatz zur Leichtigkeit und Schnelligkeit des 
Verständnisses setzte. Man meinte damals, das geistige Niveau des Ein- 
zelnen sei im Wesentlichen durch diese Qualitäten bestimmt, und konnte 
sich auf die wissenschaftliche Psychologie berufen, die in ihren Tests 
Methoden ausgearbeitet hatte, diese Abhängigkeiten als die einzig 
wesentlichen und unabänderlichen erscheinen zu lassen. 

— 12 — 



Als man dann bei allmählich schwindender Jugend dieses so gerühmte 
leichte Verstehen seiner Natur nach näher betrachtete, da wurde unsere 
Wertschätzung beträchtlich vermindert. War es etwa die Erfahrung, 
die uns lehrte, mißtrauisch zu werden? Ich glaube das nicht; die Er- 
fahrung als solche lehrt fast nichts — es sei denn dem, der aus ihr 
lernen will. Dazu aber bedarf es des Zusammentreffens bestimmter 
psychischer Bedingungen. 

Wir wollen hier von den Fällen absehen, in denen jenes Verstehen 
soviel bedeutet als die Meinungen der Vorgänger oder Autoritäten 
nach oberflächlicher Kenntnisnahme gelten lassen. Diese Fälle sind 
freilich von großer Wichtigkeit für den akademischen Nachwuchs ; was 
wir indessen hier meinen, hat nichts mit so äußerlichen Rücksichten 
zu tun. Es betrifft eine andere, ernstere Art des sacrificium intellectus. 
Unsere Diskussion bezieht sich auf jenes Verstehen, das sich nach ge- 
wissenhafter Prüfung einer Sachlage einstellt, nachdem man eine ver- 
nünftige und ausreichende Erklärung gefunden hatte. Die Versuchung, 
die als solche vielleicht am schwersten erkennbar ist und der wir des- 
halb so gern unterliegen, ist die, eine Erklärung zu akzeptieren, weil 
sie plausibel, verständig und verständlich ist. Jenes leichte Verstehen 
ist also das Zeichen einer gedanklichen Hast, wenn man will, der 
Ausdruck eines intellektuellen Heißhungers, der sich mit der erstbesten 
Auskunft zufrieden gibt, statt die beste, die man erlangen kann, gerade 
gut genug zu finden. 

Die analytische Psychologie zeigt uns täglich, wie nahe uns diese 
Versuchung liegt : da geht eine durchaus logische Brücke zwischen zwei 
Elementen eines manifesten Trauminhaltes, es ist aber nur der Schatten 
über einer verborgenen Tiefe. Da hört man eine sehr vernünftige 
Schlußfolgerung, eine logisch unangreifbare Begründung bestimmter 
persönlicher Besonderheiten, und es ist doch nur ein gut verdeckter 
Überbau im System einer schweren Zwangskrankheit. Alles dies und 
noch vieles Andere ist doch nur Außenseite, logische Fassade, intellek- 
tuelle Mimikry, geschaffen, die Forschung anzuziehen und von ihren 
wirklichen Objekten fernzuhalten. Wer etwa ein Versprechen dahin 
versteht, daß man in der Zerstreutheit einige Buchstaben verwechselt, 
einen Laut vorweggenommen hat, der braucht nicht mehr weiterzu- 
forschen. Wer den Waschzwang eines Nervösen einfach als Ausdruck 



13 



einer verstärkten Reinlichkeit auffaßt, hat sich durch den Schein oder 
durch die logischen Künste eines Zwangsneurotikers in die Irre führen 
lassen. Wenn man einmal angefangen hat, sich dieser trügerischen 
Logik anzuvertrauen, wenn man einmal jenem dunklen Drange nach 
raschem Verstehen nachgegeben hat, dann gibt es kein Halten mehr. 
Bald ist man überzeugt: so und nicht anders muß es sein. Wachsend 
ohne Widerstand wird dann alles von den falschen Voraussetzungen 
aus — streng logisch — verstanden; es geht alles glatt aus, einzelne 
Widersprüche, Lücken werden vernachlässigt, Sprünge unbewußt 
rasch überbrückt; manches Schiefe wird zurechtgerückt, widerstre- 
bende Elemente werden arglos in einen neuen künstlichen Zusammen- 
hang eingepreßt. Unser Rat an den jungen Forscher lautet darum: 
Principüs intellegendi obsta! 

Immer wieder hört man von der Psychoanalyse rühmen, sie habe 
hinter den seelischen Phänomenen, die wir bisher als sinnlos und absurd 
verächtlich behandelt haben, einen geheimen Sinn, eine verborgene 
Bedeutung entdeckt und ans Licht gestellt. Ich fürchte, daß man neben 
dieser gewaltigen Leistung, die uns das Verständnis des unbewußten 
Seelenlebens erschloß, jene andere, die ihr vorausging, ja ohne welche 
sie nicht möglich gewesen wäre, nicht genügend gewürdigt hat. Ich meine 
damit, die Psychoanalyse sträubte sich dagegen, Zusammenhänge nur des- 
halb zu akzeptieren, weil sie vernünftig, ja weil sie das „einzig Ver- 
nünftige" waren. Sie wollte eine Kette von Ursache und Wirkung nicht 
anerkennen, obwohl diese und nur diese plausibel erschien und keine 
andere auch nur in Sehweite war. Die Leibreiztheorie schien geeignet, 
das Traumphänomen verständlich zu machen, die Pubertät schien so 
recht der Zeitpunkt des Einsetzens der Sexualität. Die Natur selbst gab 
hier augenscheinlich die Erklärung. Einige physiologische Erscheinungen 
wiesen deutlich auf die Ätiologie der Hysterie, der Phobie, der Zwangs- 
neurose hin — da war doch alles klar, da gab's doch nichts weiter 
zu enträtseln? Die Existenz solcher vernünftiger, solcher ausreichender 
Erklärungen nicht für ausreichend zu halten, auf ein so leichtes und 
bequemes Verstehen der psychischen Tatbestände zu verzichten, — das 
war kaum mehr Exzentrizität, das war augenscheinlich entweder selbst 
Mangel an Verstand oder wissenschafdiche Hybris. 

— 14 — 



r 



ii 



Es muß mehr als einmal ausgesprochen werden — du mußt es drei- 
mal sagen, — daß das Nichtverstehen eines psychologischen Zusam- 
menhanges gegenüber einem oberflächlichen Verstehen einen Fortschritt 
bedeutet. Während jenes Verstehen dem Landen in einer Sackgasse 
gleichkommt, läßt dieses Nichtverstehen allerlei Möglichkeiten offen. 
Dort, wo für die anderen alles klar, alles verständlich ist und alles 
verstanden wird, dort, wo man nur mehr fragt: „Was ist da zu ver- 
stehen?" dort sich zu verwundern, dort noch immer ein Rätsel zu 
sehen — das braucht nicht ein Zeichen der Stupidität, das kann auch 
das Zeichen eines freien Geistes sein. Hartnäckiges Nichtverstehen dort, 
wo es für andere keine Schwierigkeiten und keine Dunkelheiten mehr 
gibt — das kann das Initialstadium einer neuen Erkenntnis sein. In 
diesem Sinne kann jenes vielgerühmte, rasche Erfassen steril sein, da 
es nur die oberflächlichsten Schichten ergreift, kann eine gewisse me- 
diokre Intelligenz, eine geistige Beweglichkeit und Gegenwärtigkeit, die 
jede Erscheinung möglichst rasch einreiht, klassifiziert und festlegt, kul- 
turell weniger wertvoll sein als ein scheinbares intellektuelles Versagen, 
eine Absence, die manchmal der Vorbote eines tieferen Verständ- 
nisses ist. 

Es gibt auch im Gedanklichen Situationen, in denen sich der Kosmos, 
die geordnete, gegliederte Welt, sozusagen wieder in das Chaos zu- 
rückzuverwandeln scheint, aus dem jede Neuschöpfung kommt. Man 
meint etwa, diesen oder jenen psychischen Vorgang völlig verstanden 
zu haben, da wird er plötzlich unverständlich. Man hatte sich diese 
Anschauung erworben, zu eigen gemacht ; da ist sie einem mit einem 
Male abhanden gekommen, ohne daß man wußte, wie. Man hatte alles 
geprüft, gewogen und gut befunden, da war alles wieder unsicher ge- 
worden, da hatte sich inmitten aller Klarheit eine Dunkelheit sehen 
lassen. Längst gelöste Probleme werden jetzt wieder problematisch, 
längst erledigte Fragen zeigen, daß es noch in ihrer Erledigung Frag- 
würdiges gibt. Es ist gewiß schon jedem geschehen, daß sich ein 
Teppichmuster sozusagen unter seinen Augen zu verändern scheint. 
Man meint zu sehen, daß es allmählich oder plötzlich die vertraute 
Gestalt einbüßt, daß die Linien, die sich so sinnvoll und gefällig zur 

— 15 — 



Figur, zur Arabeske zusammenfanden, nun auseinander, durcheinander 
laufen, nun eigensinnig- sonderbare Wege gehen wollen, dunkler als 
die des Herrn. Solange man den Teppich kannte, hatte man diese 
Liniengruppierung, diese Figur an ihm gesehen. Der Blick war gewohnt, 
diese Fäden zu verfolgen, wie sie dieses einprägsame Gebilde formten! 
Nichts anderes hatte man zu sehen erwartet. Da löst sich eines Tages 
die gewohnte Ordnung der Linien auf, da verrinnt, verschwimmt die alte 
Figur, die Linien wollen sich nicht mehr in der früheren Art zusam- 
menfinden. Sie fügen sich zu neuen, bisher verborgenen Bildern, ordnen 
sich zu neuen, bisher nicht gesehenen Gruppen. Solche Überraschung 
des Nichtmehrerkennens mag manchem Forscher zufallen, um sich später 
in die Klarheit einer neuen Erkenntnis zu verwandeln. Das, was längst 
eingegliedert, eingeordnet, beurteilt und klar erkannt worden ist, kann 
dem einzelnen Forscher plötzlich unverständlich werden. Das will heißen, 
daß die bisherige Auffassung, derzufolge alles klar war, ihm nicht mehr' 
die Bezeichnung Verstehen zu verdienen scheint. „Ich fange schon an, 
es nicht mehr zu verstehen", könnte der betreffende Forscher dann 
sagen. 

Ein nicht gewöhnliches Maß von Mut scheint eine der wichtigsten 
Voraussetzungen solchen Nicht-Verstehens zu sein. Ich meine hier nicht 
den Mut, sich dazu zu bekennen, daß man etwas nicht verstanden hat, 
was allen anderen sonnenklar ist. Diese Art von Mut bezeichnet etwas 
mehr Äußerliches, ist sekundärer Art. Gemeint ist hier vielmehr mü- 
der Mut im Gedanklichen, der es zustande bringt, sich dem allgemein 
Verständlichen, Vernünftigen zu entziehen, den Marsch im Gelände 
des Plausiblen nicht mitzumachen. Es gehört Mut dazu, gegen die Ver- 
suchung, alles leicht zu verstehen, mißtrauisch zu werden, sich nicht 
mit der Einsicht zu begnügen, weil etwas so einleuchtend ist; es gehört 
Mut dazu, der Woge des allgemeinen Verstehens im Sinne des Flach- 
Verständlichen, des gesunden Menschenverstandes Stand zu halten. Es 
ist innerer Mut notwendig, um der intellektuellen Ungeduld, dem gedank- 
lichen Bemächtigungswillen, der die Zusammenhänge im Sturm nehmen 
will, zu widerstehen. Es ist Mut notwendig, auch diesen Glauben an 
die Allmacht der Gedanken in sich abzuweisen, nicht den Weg des 
geringsten gedanklichen Widerstandes, des raschen und mühelosen 
Verstehens, zu gehen. 

— 16 — 



Es ist gewiß nicht wahr, was eine Gruppe wissenschaftlicher Nihilisten 
uns verkündet, daß die Menschheit von der Wahrheit nichts wissen 
will. Ich glaube im Gegenteil, daß die Menschheit sehr wahrheitsdurstig 
ist. Die größte Hemmung, die sich dem Fortschritt des Erkennens ent- 
gegenstellt, ist vielmehr eine andere: daß die Menschen glauben, die 
Wahrheit längst zu besitzen. Die Gebiete, auf denen der menschliche 
Geist Neues, Überraschendes finden wird, sind nicht etwa die uner- 
forschten; es sind vielmehr diejenigen, von denen wir sehr genaue 
und verläßliche Landkarten besitzen. Es sind die gelösten Probleme, 
welche dem Forscher die meisten und die schwersten Probleme auf- 
geben. Will man zu neuen Erkenntnissen gelangen, muß man sich 
unter den alten, vertrauten Fragen umsehen, so wie Diogenes Menschen 
auf dem belebten Marktplatze von Athen suchte. 

|nillOlilllllIllllllllllll SOEBEN EHSCHIEI 

| CHAOS UND MITUS 

Über die Herkunft der Vegetationskulte 

= von 

1 EMIL lOBENZ 



Geheftet MarK 2'- 

Inhalt: Der Vierbergelaut und seine keltische Grundlage — Das Problem der 
Vegetationskulte — Vegetationskult und Urverbrechen — Australische Riten — Die 
Totemwahl — Jagdtiere und Totemtiere — Die Legende von St. Julian dem Gast- 
freien — Tagdtiere und Haustiere — Libidoschicksale vor der Unat — Die konkrete 
Form des Ulverbrechens — Die „Erfindung" des Feuers — Die Frühlings- und Mit 
sommerfeuer — Totemwahl — Ursprünge des Ackerbaues — Mutterrecht — Rück- 
blick auf den kärntnischen Brauch ; germanische Analogien — Projektion an den 
Himmel ; Weltelternmythos — Der schlafende Kaiser im Berg 

Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Wien 



um 

PsA. Bewegung IV 17 



Der Fall M 

(Zur Bedeutung des Heilungswillens bei der Impotenz) 

Im Rahmen einer Abhandlung über „Die aktive Therapie und 
der Heilungswille" („Internationale Zeitschrift tür Psychoanalyse", 
XVII. Jahrg. 1931, Heft 4, S. 485 ff) berichtet der Pariser Psychoanalytiker 
Dr. ReneLaforgue über einen instruktiven Fall, den wir hier mit einigen 
Kürzungen wiedergeben. 

Es handelt sich um einen Mann von ungefähr dreißig Jahren, den wir 
M. nennen wollen. Er hatte es nie zu einem normalen Kontakt mit der 
Frau gebracht. Ejakulationen traten nur als Pollutionen auf oder im 
Laufe von seltsamen Erregungszuständen. So fühlte er, z. B. wenn er mit 
einem Mädchen tanzte, plötzlich seine Schläfen schlagen, und die Ejakulation 
erfolgte, ohne daß sein Glied mit dem Körper des Mädchens in Berührung 
gekommen sein mußte. Auch in der Untergrundbahn, wenn die Reisenden 
eng zusammengepfercht waren, ja sogar beim bloßen Anblick einer Frau 
konnte eine Ejakulation erfolgen. Im Zusammensein mit einer Frau ver- 
mochte M. in keiner Weise sich aktiv sexuell zu betätigen. So kam er 
schließlich dazu, mit einem Mädchen rein passive Beziehungen zu unter- 
halten. Bei intimer Annäherung begannen seine Schläfen zu schlagen und 
die Ejakulation erfolgte bei einem bloßen Kuß. M. hatte unter ganz be- 
sonderen Umständen, von denen wir noch berichten werden, eine Freundin 
gefunden, mit der er auf solche Weise verkehrte. 

In den Träumen und Phantasien, welche die Pollutionen begleiteten, 
nahm M. beinahe von allen Frauen Besitz, die er kannte, seine Schwester 
mit einbegriffen. Schon bei der Phantasie, die Schwester zu küssen, erfolgte 
die Ejakulation. M. beschreibt einen solchen Traum folgendermaßen: 
„Meine Schwester ist neben mir. Sie ist nicht erwachsen wie in Wirklichkeit, 
sondern ganz klein, fünf- oder sechsjährig. Ich belaste ihre Haut, empfinde die 
Wärme des Kindes und fühle, daß die Ejakulation erfolgen wird. Ich lasse nun 
meine Schwester oder vielmehr das Kind, das meine Schwester darstellt, los, um 
sie nicht mit dem Samen zu beflecken, und ihr zu verbergen, was geschieht. 
Hierauf erwache ich im Momente der Ejakulation. Ich halte schnell die 
Harnröhre zu, um die Entleerung des Samens ins Bett zu verhindern, stehe 
auf und lasse den Samen in die Badewanne fließen. Dann wasche ich 
mich und sehe nach der Uhr. Meist ist es drei Uhr morgens, oft auch 
schon sechs Uhr. Ich lege mich wieder zu Bett und schlafe noch bis 
sieben Uhr. Dann stehe ich auf, uro an meine Arbeit zu gehen. Es 
kommt bisweilen kurz vor sieben zu einer zweiten Ejakulation, was mich 
sehr verärgert, da ich mich dann den ganzen Tag über erschöpft fühle und 
schlecht arbeite." 

— 18 — 



Außer den Potenzstörungen hat M. noch eine Reihe weiterer Symptome. 
Wir werden weiter unten darauf zurückkommen. 

Die Analyse lieferte zunächst typisches Material. M. war als Kind vom 
Bette seiner Eltern nur durch eine dünne Wand ge- 
trennt gewesen, so daß er auf das, was im Zimmer nebenan vorging, 
aufmerksam werden mußte. Es ist ferner wahrscheinlich, daß er in den 
ersten Jahren seines Lebens Gelegenheit hatte, sexuelle Beobach- 
tungen an einem Kindermädchen zu machen. Im Laufe der 
Analyse haben wir ferner auch die Umstände und das genaue Datum 
einer Fehlgeburt seiner Mutter rekonstruieren können. M. war 
damals ungefähr drei Jahre alt. In der Familie hatte man nie davon ge- 
sprochen. Aber Notizen, die der Vater von M- damals gemacht hatte, er- 
möglichten eine objektive Bestätigung dieser Entdeckung der Analyse. Wir 
haben ferner belegen können, daß eine ganze Anzahl von Krankheiten, die 
M. in seiner Kindheit durchgemacht hat, in Wirklichkeit Reaktionen auf 
seine psychischen Konflikte waren. Wir haben auch mit Erstaunen die 
Bildung von eigentümlichen Konversionssymptomen verstehen können. Das 
linke Ohr von M. begann z. B. plötzlich grtfße Tropfen zu schwitzen ; der 
Urin von M. wies manchmal alle Symptome eines Trippers auf, es bestanden 
eiternder Ausfluß und Schmerzen in der Harnröhre, dies alles bei vollkommen 
negativem bakteriologischem Befund. Sobald die Analyse diesen Symptomen 
auf den Grund gegangen war, schwanden sie. Dies war erfreulich, aber die 
Sexualstörung selbst war nach einer beinahe einjährigen Analyse noch 
unverändert. 

Um diese Zeit begannen wir, die Ratschläge, welche uns Freud zur 
Behandlung der Angsthysteriker gegeben hat, anzuwenden, denn im 
Grunde schien uns der Unterschied zwischen den Symptomen dieser Impotenz 
und gewissen Phobien gering. 

M. hat sich während des Krieges durch seine Tapferkeit ausgezeichnet 
und dafür das Kreuz der Ehrenlegion erhalten. Aber wie C y r a n o war es 
ihm trotz seiner Tapferkeit unmöglich, sich einer Frau zu nähern, ohne 
von einer plötzlichen Angst befallen zu werden. Wir konnten feststellen, 
daß er in den ganzen vier Jahren, seit er seine Freundin kannte, es 
weder gewagt hatte, sein Glied von ihr berühren zu lassen, noch sie mit 
seinem Samen zu befeuchten. 

Er hatte sie folgendermaßen kennen gelernt : Eines Abends, als er, sein 
Auto lenkend, nach Hause fuhr, mußte er plötzlich anhalten. Ohne zu 
wissen, wie die Sache sich ereignet hatte, bemerkte er, daß jemand unter 
den Wagen geraten war. 

Er zog die Bremsen, stieg aus und entdeckte unter dem rechten vorderen 
Rade den blonden, blutüberströmten Kopf eines Mädchens. Er brachte es in 
das Spital und sorgte für die nötige Pflege. Durch diesen Unfall wurde er 
mit seiner Freundin bekannt. Die Freundschaft war allerdings seltsam, denn 

— 19 — 



die Adressen wurden nicht ausgewechselt und die beiden trafen sich bloß 
alle vierzehn Tage einmal. Sie kamen in einem kleinen Kaffeehaus zusam- 
men. Jeder wartete höchstens eine halbe Stunde, um zu wissen, ob der 
andere kommt. War einer von beiden verhindert zu kommen, so verschob 
sich die Zusammenkunft automatisch um vierzehn Tage. So sind vier Jahre 
verstrichen, ohne daß die geringste Veränderung in ihren Beziehungen ein- 
getreten wäre. 

Eines Tages liefert uns M. einen Traum, in dem er seine Freundin 
sterben sieht. Um die Widerstände zu aktivieren und ihm zu ermög- 
lichen, neues Material in die Analyse zu bringen, raten wir ihm, einige 
Nächte nacheinander mit ihr zu verbringen. Um dies auszuführen, ist der 
Patient genötigt, das Elternhaus zu verlassen, wo er seit dem Tode des 
Vaters bei Mutter und Schwester dessen Stelle einnahm. Hören Sie, wie der 
Kranke meinen Rat befolgte : Er mietet für einen Monat ein Zimmer in einem 
Hotel. Er fragt seine Freundin, ob sie im Interesse seiner Behandlung von 
Zeit zu Zeit mit ihm zusammenleben wolle. Die Freundin erklärt sich damit 
einverstanden und so teilen sie etwa vier Nächte in der Woche das Zimmer. 
M. steht aber jeden Morgen schon um sechs Uhr auf, um sich vor Beginn 
des Tages nach Hause zu begeben. Vor Mutter und Schwester tut er, als 
ob er die Nacht zu Hause verbracht hätte. Sein älterer Bruder, zu dem er 
großes Vertrauen hat, ist der einzige, der über seine Kur und seine Be- 
kanntschaft auf dem laufenden ist. Wir haben es auf diese Weise erreicht, 
ein beträchtliches Material in die Analyse zu zwingen und die Angst zu 
lösen, die den Patienten hinderte, neben seiner Freundin zu schlafen. Damit 
sind wir aber noch nicht am Ende angelangt. 

Wir erfahren dann, daß es M. unmöglich ist, in Gegenwart seiner Freun- 
din zu urinieren. Er ist überhaupt im allgemeinen sehr gehemmt, wenn er 
ihr nackt gegenübersteht. Im Traume erscheint dann sein dieser Schüchtern- 
heit entsprechender zügelloser Exhibitionismus: Er besitzt alle Attribute 
der Allmächtigkeit, steht im Mittelpunkt und steht auf einer Bühne, wobei 
er zugleich Schauspieler und Publikum ist. Ich gebe M. den weiteren Rat, 
sich seiner Freundin nackt zu zeigen und sich von ihr das Glied berühren 
zu lassen. Ich sehe mich auch veranlaßt, ihm zu zeigen, daß er vom materi- 
ellen Standpunkte aus ebenfalls mehr für sie tun könnte und ihr z. B. bis- 
weilen einige Geschenke machen dürfte. Unser Patient hat sich diesbezüglich 
bis jetzt anormal reserviert verhalten, indem er vorgab, seine Freundin nicht 
verwöhnen zu wollen. Meine Ratschläge führten zur Entdeckung einer unvorher- 
gesehenen Schwierigkeit. Mein Patient beriditete mir, daß seine Freundin 
an einer Phobie leide. Es ekelt ihr vor dem männlichen Gliede. Es 
ist ihr unmöglich, es zu berühren oder sich von ihm berühren zu lassen. 
Was tun in einem solchen Falle? Eine andere Freundin nehmen oder das 
Verhalten der ersten zu ändern suchen ? Ich rate ihm, einstweilen bei dieser 
zu bleiben und sich für ihre Schwierigkeiten zu interessieren, ihr, wenn mög- 

— 20 — 



lieb, zu helfen und ihre Phobie zu studieren. So wird der Kranke selber 
ein wenig Analytiker. Er beginnt sozusagen eine aktive Analyse mit seiner 
Freundin, wobei die Technik von der unsrigen allerdings ziemlich verschieden 
ist. Er erfährt von seiner Freundin, daß sie als Mädchen von ihrem 
Bruder vergewaltigt wurde. Er stellt allgemein fest, daß sie unter dem 
Einfluß von Selbstbestrafungstendenzen steht, auf Grund derer 
sie es fertig gebracht hat, sich vom Hause fortjagen zu lassen und dazu neigt, 
sich in der Lage einer verachteten, mißhandelten, im Stiche gelassenen Frau 
zu gefallen. Ihre Geständnisse machen sie vertrauensvoller. Sie erklärt M. 
eines Tages, daß sie sich nun als fähig erachte, alles zu tun, was er von 
ihr verlangen könnte. Die Widerstände, welche M. hinderten, sich von seiner 
Freundin berühren zu lassen, sind damit behoben. Kurze Zeit nachher wird 
der Patient sich bewußt, daß seine Freundin leidenschaftlich zu werden be- 
ginnt, ihn unaufhörlich liebkost und schließlich normalen Verkehr fordert. 
Unser Patient meint nicht ohne Ironie : „Sie sehen, Herr Doktor, ich habe 
mehr Erfolg mit ihr, als Sie mit mir." Sie wirft ihm nun sogar vor, daß 
er sie zum Narren halte, indem er in ihr ein Bedürfnis weckte, das er nun 
nicht befriedigen könne. Sie beginnt auch tatsächlich mit anderen Männern 
auszugehen, von denen, wie wir noch hören werden, einer in ihrem Leben später 
eine wichtige Rolle spielen sollte. Für uns gilt es, diese Situation für die 
Analyse auszunutzen. Unser Patient will von dem allen nichts sehen, obwohl 
er ahnt, was vorgeht. Er setzt seinen Verkehr mit der Freundin fort. Diese 
behauptet, daß nichts Ernstliches zwischen ihr und den andern Männern 
vorgefallen sei, und daß ihre Beziehungen nicht über die einer gemütlichen 
Kameradschaft hinausgehen. Ich mache M. auf seine Tendenz aufmerksam, 
die Dreiecksituation zu reproduzieren und gebe ihm den Rat, seine 
Freundin zu überwachen, sozusagen „aufzupassen, was im Zimmer nebenan 
vorgeht", kurz festzustellen, ob sich ihre Beziehungen mit den Freunden 
wirklich nur auf eine harmlose Kameradschaft beschränken. 

An einem Samstagabend holt das Mädchen einen ihrer Freunde am 
Bahnhof ab. M. weiß es, hat aber für denselben Abend für sich und seine 
Schwester schon Theaterkarten gekauft. Er will nicht wissen, was seine 
Freundin außerhalb der Beziehungen mit ihm tut, und interessiert sich mehr 
für das Theater. Ich rate ihm, auf das Theater zu verzichten und dafür 
seiner Freundin nachzugehen. Der weitere Verlauf der Analyse hat bewiesen, 
daß dieser Rat, um jeden Preis klar zu sehen und zu diesem Zwecke kein 
Mittel unversucht zu lassen, uns geholfen hat, die letzten Widerstände zu 
meistern. M. geht an den Bahnhof und findet seine Freundin in Begleitung 
eines eleganten jungen Mannes, den sie abgeholt hat. Er folgt dem Paare 
in einem Taxi und sieht die beiden in einem Hause miteinander verschwinden. 
Spät nach Mitternacht haben sie das Haus noch nicht verlassen. Am folgenden 
Tage meint M. melancholisch, es bestehe kein Zweifel, daß die Freundin 
ihn betrogen habe, es sei denn, daß sie es mit jemand seiner Art 

— 21 — 



zu tun gehabt hätte. Aber auch in der Analyse bestand kein Zweifel mehr 
über das, was M. als Kind im elterlichen Schlafzimmer hatte beobachten 
können.. Nun sind die Hemmungen gebrochen und der Patient liefert uns 
eine Reihe präziser Erinnerungen. Alles bricht nun hervor: seine Wut, 
seine Enttäuschung sowohl in seiner jetzigen als in seiner früheren Lage. 

Von dem allen will M. seiner Freundin aber nichts verraten. Er will 
seine Entdeckung geheim halten, angeblich um sie im richtigen Momente 
auf das Mädchen loslassen und ihr den Laufpaß geben zu können, in 
Wirklichkeit, um sich mit der gegenwärtigen Lage zufrieden zu stellen und 
sich an der Beobachtung des Koitus der andern zu weiden. Wir legen dem 
Patienten nahe, der Freundin alles zu verraten. Die Auseinandersetzung findet 
statt. Die Freundin leugnet zuerst, gesteht dann aber schließlich alles ein. 
Eines Abends erzählt sie M. weinend, was geschehen war. Des langen 
Wartens müde, wurde sie die Maitresse eines der Freunde, obwohl sie die 
Beziehungen mit M. aufrecht erhielt. Sie hatte übrigens dessen Existenz vor 
ihrem neuen Freunde geheim gehalten, sich dann aber verraten, worauf sie 
von diesem vor die Tür gesetzt wurde. 

M. fragt sich, ob er unter diesen Umständen die Freundschaft aufrecht- 
erhalten dürfe. Ich ermutige ihn dazu, seine Versuche mit ihr fortzusetzen, 
wobei ich ihn darauf aufmerksam mache, daß er nie von ihr verlangt habe, 
ihm treu zu sein, sondern, ihm bei der Überwindung sexueller Schwierig- 
keiten zu helfen, um ihm auf diese Weise zu ermöglichen, neues Material 
in die Analyse zu bringen. Er beginnt zu verstehen, daß die Reaktion seiner 
Freundin wahrscheinlich im Dienste der Wiederholungstendenz und des 
Strafbedürfnisses steht. Er beschließt, mit ihr eine Reise zu unternehmen. In 
den letzten Wochen hat sich in ihm eine vollständige Veränderung vollzogen. 
So verschlossen und skeptisch er vorher war, so mitteilsam und vertrauens- 
voll ist er jetzt geworden, so kritisch und zynisch früher, so gut und 
nachsichtig heute. „Eigentlich", meint er, „ist es so natürlich, das sie anders- 
wo gesucht hat, was ich ihr nicht geben konnte, natürlich auch, daß meine 
Eltern sich durch meine Kinderschreie in ihren Umarmungen nicht stören 
ließen." M. gönnt jetzt in seinen Tagträumen dem Psychoanalytiker Familien- 
glück und versteht, daß er Ferien nehmen kann, selbst wenn der Patient 
noch nicht geheilt ist, wogegen er sich früher ganz besonders aufgelehnt hatte. 
Er berichtet seiner Freundin von seinem Leben und seinen Sorgen, die er 
bisher niemandem anvertraut hat. Sie gibt ihm sein Vertrauen doppelt zurück, 
wird mit jedem Tage reizender, blühender. Sie gesteht ihm, daß er sie 
gelehrt hat, was lieben heißt, und daß sie sich eigentlich seinetwegen vom 
andern die Türe weisen ließ. 

In dieser Situation verreisen sie, und in der ersten Nacht, die sie 
zusammen verbringen, haben sie ohne jede Schwierigkeit normalen 
Verkehr miteinander. Auch in der Folgezeit waren sie glücklich miteinander. 
Ich habe mich wohl gehütet, die Analyse nun als beendet zu betrachten, 

_ 22 ~ 



obwohl das unmittelbare Ziel erreicht schien. Neue Probleme tauchten auf. 
M. war nicht imstande, sein Verhältnis zur Freundin anderen einzugestehen. 
Er hatte es weder gewagt, sie seinem Bruder vorzustellen, noch ihn vom 
Erfolg' seiner Behandlung zu unterrichten. Auf meinen Rat, das Mädchen 
seinem Bruder vorzustellen, reagierte er mit einem Rückfall : Impotenz und 
Eiaculatio praecox. Es war interessant, festzustellen, wie dieser letzte Teil 
der Analyse, welcher der leichteste zu sein schien, im Grunde für unseren 
Patienten das schwierigste Stück darstellte, wie sehr ihn die Widerstände 
noch zu erschüttern vermochten, bevor es ihm gelang, sie zu beherrschen 
und sich seinem Bruder als geheilt vorzustellen. 

Am Ende der Analyse suchte M. mit einem Mädchen aus seinem Milieu 
in Verbindung zu treten, da er die Absicht hatte, sich zu verheiraten und 
eine Familie zu gründen. Seine Freundin erhält von ihrem früheren Freunde 
(demjenigen, der mit ihr gebrochen hatte) einen Heiratsantrag, worin dieser 
erklärt, ohne sie nicht leben zu können und alles tun zu wollen, um sein 
Benehmen wieder gut zu machen. M. und seine Freundin entschließen sich 
schweren Herzens, der Stimme der Vernunft zu gehorchen. Das Mädchen 
nimmt den Heiratsantrag des Freundes an, will aber noch ein wenig zu- 
warten, ehe sie sich mit ihm offiziell verlobt. 1 

Leider ist die Lösung selten so leicht wie in diesem Falle. Ich bin bei 
einer ganzen Reihe anderer Fälle ähnlich vorgegangen und habe nicht immer 
die gleichen Erfolge zu verzeichnen gehabt. Die Resultate, auf deren Dar- 
stellung ich infolge Zeitmangels verzichten muß, sind mir jedoch ein Beweis 
dafür, daß dieser Weg öfters der einzige mögliche ist, um mit 
einer Neurose fertig zu werden. Es wäre vielleicht interessant, die Bedingungen, 
die M. erlaubt haben, die Kur mit Erfolg zu Ende zu führen, näher zu 
untersuchen. Es könnte bemerkt werden, daß seine Behandlung durch eine 
besondere Eignung seiner Psyche erleichtert wurde, da ihm, wenigstens von 
einem bestimmten Zeitpunkte der Kur an, durchaus daran lag, die engen 
Grenzen der ihm möglichen erotischen Befriedigungen zu sprengen. Mit 
anderen Worten : M. wollte geheilt werden und hat nichts unter- 
lassen, um sein Ziel zu erreichen. Wenn es ihm gelang, diesen Willen zur 
Heilung zu verwirklichen, so verdankte er dies sicherlich einer besonders 
günstigen psychischen Konstellation. Ich präzisiere : Es genügte z. B. für M., 
zu begreifen, daß dieses oder jenes Symptom den Zweck hatte, ihn dem 
alten Familienarzt gegenüber in die gleiche Lage zu versetzen wie die, welche 
seine Mutter zur Zeit ihrer Fehlgeburt hatte, d. h. zu verstehen, daß dieses 
Symptom der Tendez entsprach, eine infantile Situation zu reproduzieren, 



l) Aus den Heiratsgelüsten ist später nichts geworden. Das Mädchen ist heute 
(Oktober 31) noch Freundin von M. Die beiden verstehen sich trotz der gelegentlichen 
Seitensprünge unseres früheren Patienten ausgezeichnet, der mittlerweile eine sehr 
zufriedenstellende Entwicklung durchgemacht hat. 

— 23 — 



um darauf verzichten zu können. Oft aber hat man es mit Kranken zu tun, 
deren Widerstand viel komplizierter gebaut ist und viel hartnäckiger ver- 
teidigt wird. Ratschläge werden nicht befolgt und der Kranke fällt immer 
wieder in seine Not zurück und findet tausend Entschuldigungen, um sich 
lein neurotisches Verhalten zu sichern und durch sein Benehmen Ratschläge 
sächerlich zu machen. Wir können bei diesen Patienten keinen so intensiven 
Heilungswillen entdecken wie bei M., und die Erfahrung zeigt uns, daß ihre 
Behandlung schwierig, ja oft für den Arzt sehr unangenehm ist. Es 
wäre sinnlos, dies ganz einfach dem schlechten Willen zuzuschreiben. Wir 
müssen den unbewußten Grund finden, der es dem Patienten unmöglich 
macht, einen „guten Willen" zu haben, bezw. sich seiner zu bedienen, 
wenn er vorhanden ist. 






ifuiifriiiiiuiiuiJiiijfiiiJiiiJiKiiiuiiuiifiiiJimiiHinERniinuinifnniiii 

■ I 

Ü i 

M Ruth Mack Brunswidc 

■ I 

Ig I 

g Analyse eines Eifersuchtswahnes | 

Geh. M. 2'60, in Gänzleinen M. 4' — 

Nachtrag zu Freuds „Geschichte einer infantilen Neurose 7 

H In Gänzleinen AI. 3'80 § 

| „VOSSISCHE ZEITUNG": | 

Ü Zu den klassischen Krankengeschichten Freuds gehört die „Geschichte einer infan- | 

Hf tuen Neurose", — die Analyse des „Wolfsmannes " wie sie gemeinhin genannt wird. | 

Hj Dieser Patient wurde zweimal von Freud selbst behandelt, kurz vor und kurz nach | 

ü dem Kriege. Sein Befinden war dann sechs Jahre lang leidlich gut, bis er schließlich f 

H an einer hypochondrischen Wahnidee neuerlich krank wurde. Freud überwies ihn jetzt | 

=H an die Analytikerin Mack Brunswick, der die Beseitigung jener Wahnidee des Patienten | 

H gelang. Die Darstellung dieser dritten Analyse — die den Versuch einer Deutung des § 

H Heilungsvorganges nicht scheut — ist des Titels, den sie trägt, würdig : „Ein Nachtrag § 

H zu Freuds Geschichte einer infantilen Neurose." | 

= Nicht minder aufschlußreich ist „Die Analyse eines Eifersuchtswahnes* der gleichen 1 

H§ Autorin. Auch diese kluge Arbeit zeugt von einem starken therapeutischen Tempera- | 

= ment. Sie enthält ausgezeichnete Traumdeutungen und illustriert das, was Freud als | 

= das Wesen einer psychischen Bildung erkannt hat, welche sich in den Grenzen von § 

§ der einfachen Eifersucht bis zur paranoischen Wahnbildung zu bewegen pflegt, mit | 

H großer Klarheit. § 



" miiiuiiimi 

24 — 



Zur Psychologie des Xdiideals 



Von 

H. Giltay 

Haag 

Mögen auch die nachstehenden Ausführungen in Einzelheiten 
vielleicht den Widerspruch mancher Leser unserer Zeitschrift 
hervorrufen, so veröffentlichen wir sie doch gerne als wert- 
vollen Beitrag zur Diskussion einer schwierigen Frage der 
psychoanalytischen Theorie, zur Begriffsabgrenzung Ichideal- 
Über-Ich. 

Im gewöhnlichen Sprachgebrauch wird mit dem Wort „Ideal" an- 
gedeutet: ein Zukunftsbild oder eine Zukunftsvorstellung, die man 
verwirklichen möchte. Ist die Bedeutung des psychoanalytischen Ter- 
minus .Ichideal" mit diesem Sprachgebrauch in Übereinstimmung? 

Die Frage läßt sich nicht mit einem einfachen ja oder nein beant- 
worten, weil der Ausdruck in verschiedenem Sinne gebraucht wird. 
Das eine Mal im richtigen „Ideal"-Sinne zur Andeutung eines 
Bildes der Persönlichkeit, die man sein möchte, das andere Mal im 
Sinne einer besonderen unbewußten Ich-Instanz, der die innere 
Regelung der Triebe und Triebwünsche obliegt. 1 Wenn das Wort 
im letzteren Sinne gebraucht wird, wechselt es auch ab mit dem Ter- 
minus „Über-Ich", der von Freud, in „Das Ich und das Es", aus- 
drücklich gleich „Ichideal" gesetzt wurde. 8 

Gegen diese terminologische Gleichstellung wäre nun nichts einzuwen- 
den, wenn die mit den beiden Termini verbundenen Begriffe wirklich 
identisch wären. Allein dies ist, wie wir nachweisen zu können glauben, 
nicht der Fall, und es scheint darin gerade der Grund des Doppel- 
gebrauches der Bezeichnung „Ichideal" zu liegen: das eine Mal wird 
wirklich ein „Ich ideal" gemeint, das andere Mal hat man eigentlich 
das „Über-Ich" vor Augen. Sehen wir uns die betreffenden Aus- 
führungen Freuds näher an. Das „Ich-Ideal" der „Einführung 
des Narzißmus" — in der die Bezeichnung zum ersten Male vor- 

1) Im ersten Sinne z. B. :Westerman Holstijn, Streven en Waarneming bij 
paranoide psychosen, Amsterdam 1929, Deel I, S. 136, 137 ; H e 1 e n e D e u t s c h, 
Psychoanalyse der weiblichen Sexualfunktionen, S. 78. Im zweiten Sinne z.B.: Freud, 
Massenpsychologie und Ich-Analyse, Ges. Schriften, Bd. VI, S. 335. Diese Beispiele 
ließen sich beliebig vermehren. 

2) Ges. Schriften, Bd. VI, S. 372. 

— 25 — 



kommt — wird angedeutet als eine sich im Besitz aller Vollkommen- 
heiten befindende Ich-Projektion, welche der Mensch verwirklichen 
möchte. 1 

Das „Ichideal oder Uber-Ich" des „Ich und Es" und der 
späteren Schriften dagegen ist eine Instanz innerhalb des Ichs, die 
sich dem übrigen Ich entgegenstellt, dieses wie ein Objekt behandeln 
und sogar bestrafen kann. 8 

Daß diese Begriffe einander nicht decken, kann u. E. schwerlich ge- 
leugnet werden. Das Ideal der „Einführung" ist eine Projektion, ein 
Bild, das selbst nichts sagt oder tut. Es „fordert" sowenig etwas vom 
Ich, wie es der Polarstern vom Seefahrer tut. Es leuchtet dem Ich 
voraus und nichts weiter. Es ist das Ich, das zum Ideal aufschaut und 
sagt: „So (wie du bist) will ich werden." 

Das „Über-Ich" oder „Ichideal" der späteren Schriften aber 
ist keine schweigende, richtende Leuchte, sondern eine machtvolle 
Instanz, die sowohl redet wie handelt. Es schleudert dem Ich sein 
grausames „Du sollst!" entgegen und bestraft es, wenn es ihm nicht 
gehorcht. Diese Instanz ist kein „Ideal", sondern Zensor, Richter und 
Urteilsvollstrecker in einer Person. Die Begriffe „Ich ideal" und 
„Uber-Ich" scheinen so wenig identisch wie die kommunistische 
Zukunftsvision mit der proletarischen Diktatur. 

Alexander hat, um der auch von ihm beobachteten „termino- 
logischen Unbestimmtheit" ein Ende zu machen, vorgeschlagen, unter 
„Ichideal" weiterhin das ursprüngliche, bewußte Gewissen, unter 
„Über-Ich" das unbewußt gewordene Gewissen zu verstehen. 3 
Ich kann mich mit diesem Vorschlage nur teilweise vereinigen. Die 
Unterscheidung zwischen bewußtem und unbewußtem Gewissen ist 
gewiß empfehlenswert, auch scheint die Bezeichnung „Über- 
Ich" für das letztere passend und in Übereinstimmung mit Freuds 
Ausführungen. Nur scheint mir das Beibehalten des Terminus 
„Ichideal" für das bewußte Gewissen nicht zu empfehlen. Denn 
das Gewissen mag ideale Anforderungen an uns stellen, es mag 
sogar mit einem Ideal in engstem Zusammenhang stehen, es selbst 
als „Ideal" zu bezeichnen hat keinen guten Sinn und kann nur Miß- 
verständnisse zeitigen. In erster Linie das Mißverständnis, daß ein 



i) Ges. Schriften, Bd. VI, S. 178. 

2) Ges. Schriften, Bd. VI, S. 393, Bd. XI, S. 352 j „Das Unbehagen in der Kultur«, 
S. 100. 

3) Psychoanalyse der Gesamtpersönlichkeit, S. 39, 40. 

— 26 — 



Ideal etwas von uns fordern könnte, was, wie wir schon betonten, 
nicht der Fall ist. Was wir gelegentlich „Forderungen" unseres Ideals 
heißen, sind re vera Forderungen, welche wir uns selbst, mit Hin- 
sicht auf unser Ideal, stellen. Darum sind Ideale, wie O^ssipow 
richtig bemerkt, nur „wirksam", so lange sie geliebt werden. 1 

Ich möchte darum vorschlagen, das Wort „Ichideal" weiterhin 
ausschließlich zu verwenden zur Andeutung des Bildes der Persönlich- 
keit, die der Mensch sein möchte, und den Terminus „Über-Ich" 
zur Bezeichnung der unbewußten Gewissensinstanz zu reservieren. 

Wenden wir uns jetzt der Frage nach dem 

Inhalt der Idiideale 

zu. Wie ist dieser beschaffen? 

Freud hat sich über diese Frage nicht explicite geäußert. Aus 
seinen Ausführungen scheint jedoch hervorzugehen, daß er nur ein- 
schränkende, sittliche Ichideale vor Augen hatte. Denn er sieht 
die Anregung zur Idealbildung in den kritischen Einflüssen der 
Eltern und sagt an anderer Stelle, das Ichideal umfasse „die Summe 2 
aller Einschränkungen, denen das Ich sich fügen soll." 3 Zwar erscheint 
an wieder anderer Stelle das Ichideal im Besitz „aller wert- 
vollen Vollkommenheiten" 4 [von mir gesperrt] aber daß darunter auch 
amoralische oder sogar immoralische „Vollkommenheiten" 
zu verstehen seien, ist im Zusammenhange nicht anzunehmen. Jeden- 
falls steht fest, daß das Ichideal der „Einführung des Narzißmus", 
wenn schon nicht absolut, so doch vorwiegend einschränken- 
der, moralischer Natur ist. 

Diese enge Fassung des Begriffes wird verständlich, wenn wir 
uns den gedanklichen Weg vergegenwärtigen, auf dem Freud zur 
Aufstellung des Begriffes gelangte. Er ging dabei nicht von der 
direkten Beobachtung der Tatsachen aus, sondern „erschloß" sozu- 
sagen die Existenz und den Charakter des Ichideals aus der Theorie der 
Verdrängung. Die Verdrängung, war gelehrt, gehe vom Ich aus. Prä- 
ziser könnte man sagen: von der Selbstachtung des Ichs. Das ließe 
sich nun auch so vorstellen, daß das Individuum, das eine Verdrän- 

1) Tolstois Kindheitserinnerungen, S. 160. 

2) Ges. Schriften, Bd. VI, S. 180. 

3) Ges. Schriften, Bd. VI, S. 335. 

4) Ges. Schriften, Bd. VI, S. 178. 

— 27 — 



gung vornimmt, ein Ideal in sich aufgerichtet habe, an dem es 
sein aktuelles Ich mißt. Die Bildung eines Ichideals wäre somit von 
Seiten des Ichs die Bedingung der Verdrängung. 1 Damit ist klar, wie 
Freud zu seinem engen Ideal-Begriff kam. Jede Verdrängung be- 
deutet eine Einschränkung des Trieblebens. Wenn die Verdrängung 
also auf Grand eines Ideals vorgenommen wird, muß dieses Ideal not- 
wendig ein einschränkendes sein. 

Daß aber nicht alle Ichideale einschränkenden Inhalt haben, ist 
klar. Neben den „t riebeinschränkende n" gibt es auch, um 
einen Ausdruck Edith Jacobssohns zu gebrauchen, „gewährende", 
das Triebleben repräsentierende Ideale. 2 

Daß Freud diese Ideale, die ihm selbstverständlich bekannt waren, 
in seiner Schrift über den Narzißmus nicht berücksichtigte, hat, wie mir 
scheint, für die Ausgestaltung seiner Ichideal-Psychologie keine günstige 
Folgen gehabt. Weil er nur eine Kategorie der Ideale seiner Unter- 
suchung zu Grunde legte, wurde das Ergebnis ein Teilergebnis. Ja es 
ist nicht unwahrscheinlich, daß, wenn Freud vom Anfang an beide 
Kategorien in Betracht gezogen hätte, die Gleichstellung Ichideal- 
Ober-Ich nie erfolgt wäre und die daraus resultierende Verwirrung 
vermieden. 

Die Enge des Ichideal-Begriffes hatte auch zur Folge, daß die für 
das Seelenleben sehr wichtige Tatsache der Pluralität der Ich- 
ideale nicht gewürdigt wurde. Auf die Bedeutung dieser Tatsache 
wurde neulich von Edith Jacobssohn in ihrem schon zitierten „Bei- 
trag" die Aufmerksamkeit gelenkt. 3 Nach ihrer Vermutung würde auch 
der bis jetzt nicht befriedigend erklärte Umschlag von Depression in 
Manie von hier aus verständlicher werden. („Wechsel" des trieb- 
hemmenden mit dem trieb fördernden Ideal). Auch für unser 
Verständnis vieler sonst unerklärlichen Schwankungen im normalen 
Seelenleben scheint die Vielheit der Ideale und ihr eventueller Wechsel 
von großer Bedeutung. Doch liegt auch der Keim dieses Gedankens 
schon in den Ausführungen Freuds enthalten. In „Das Ich und das 
Es" weist er auf den möglichen pathologischen Ausgang allzuzahl- 
reicher, allzustarker Identifizierungen hin. Wenn diese miteinander un- 
verträglich sind, heißt es dort, so kann es zu einer „Aufsplitterung des 

1) Ges. Schriften, Bd. VI, S. 177, 178. 

2) Beitrag zur asozialen Charakterbildung, Int. Zeitschr. f. PsA., Bd. XVI (1930) S. 235. 

3) Int. Zeitschr. f. PsA., Bd. XVI (1930), S. 234, 235. Man vergl. auch: Paul 
Federn, Die vaterlose Gesellschaft, S. 13 fi. 

— 28 — 



Ichs" kommen, indem sich die einzelnen Identifizierungen durch Wider- 
stände gegeneinander abschließen und alternierend das Bewußtsein an 
sich reißen. 1 Von dieser Pluralität der I d e n t i f i z i e r u n g e n zu der Plu- 
ralität der Ideale ist nur ein kleiner Schritt. 
Gehen wir nun zum Problem der 

Entstehung der Ichideale 

über. 

Der erste Erklärungsversuch ist wiederum in der „Einführung des 
Narzißmus" enthalten. 2 Die Entstehung des Ichideals wird darin als rein 
narzißtischer Vorgang betrachtet. Der Mensch konnte auf die 
„narzißtische Vollkommenheit" seiner Kindheit nicht verzichten und 
sucht sich diese nun in der Form des Ichideals wieder zu gewinnen. 
„Die Entwicklung des Ichs besteht in einer Entfernung vom primären 
Narzißmus und erzeugt ein intensives Streben, diesen wieder zu ge- 
winnen. Diese Entfernung geschieht vermittels der Libidoverschiebung 
auf ein von außen aufgenötigtes Ichideal, die Befriedigung durch die 
Erfüllung dieses Ideals. 3 Die Anregung zur Ideal-Bildung stammt 
von der Kritik der Eltern; deren kritische Mahnungen wurden zu einem 
„Gewissen" verinnerlicht, und nun projiziert das Kind ein Ich-Bild vor 
sich hin, dessen Züge den elterlichen Mahnungen entsprechen. Je mehr 
es ihm nun gelingt, sein aktuelles Ich diesem idealen Bilde anzu- 
gleichen, desto mehr nähert sich sein Zustand dem primär-narzißtischen, 
worin es „sein eigenes Ideal" war. 4 So ließe sich, wie mir scheint, die 
Theorie der „Einführung" kurz zusammenfassen. 

Sie ist von einer prachtvollen Geschlossenheit und Klarheit. Nur 
möchten wir einige Bemerkungen hinzufügen. Erstens, was das Mo- 
tiv der Idealbildung betrifft. Nach Freud ist dieses Motiv der Wunsch, 
das verlorene Paradies der narzißtischen Kindheit zurückzugewinnen. 
Nun wäre man geneigt zu fragen : wie kann das Kind erwarten, dies 
zu erreichen durch die Verwirklichung eines, wenn nicht rein, so doch 
überwiegend einschränkenden Ideals? Eines Ideals also, das seinen 
ursprünglichen Triebwünschen vielfach direkt entgegengesetzt sein muß ? 
Der Einwand ist nur scheinbar berechtigt. Was das Kind mit der Auf- 
richtung seines Ideals bezweckt, ist: die Wiederherstellung seiner alten 

1) Ges. Schriften, Bd. VI, S. 375. 

2) Ges. Schriften, Bd. VI, S. 178. 

3) Ebenda, S. 184, 185. 

4) Ebenda, S. 180. 185. 

— 29 — 



narzißtischen Selbstzufriedenheit, die Möglichkeit, das eigene 
Ich wiederum mit Liebe und Bewunderung betrachten zu können. Und 
das ist, nachdem es die kritischen Mahnungen der Eltern durch Intro- 
jektion zu eigenen Gewissensforderungen gemacht hat, nur noch auf 
ethischem Wege möglich. 

Es ist wahr, daß es für den erwachsenen Menschen eine sittliche 
Selbstzufriedenheit geben kann, welche nicht narzißtisch ist. Diese be- 
steht einfach darin, daß der Mensch „in Frieden" mit sich selbst ist, 
d. h. daß der Kampf zwischen seinen Triebneigungen und seinem 
ethischen Willen zugunsten des letzteren entschieden ist. Dieses „mit- 
sich-eins-sein" hat an sich nichts mit Narzißmus zu tun. Aber wie oft 
auch der erwachsene Mensch nur darum „gut" handelt, weil er dann 
seine Güte bewundernd betrachten (und andern zeigen!) kann, ist ja 
allbekannt. Auch ist wahrscheinlich bei all unseren guten Handlungen 
ein solches, wenn auch unbewußtes, narzißtisches Motiv mit im Spiele. 
Aus diesem Grunde ist es ja durchaus anzunehmen, daß dieses Motiv 
bei der ersten Idealbildung des Kindes die Hauptrolle spielt. Ersetzt 
doch die Selbstzufriedenheit des Kindes die frühere Zufriedenheit 
der Eltern mit ihm, wenn es ihren Geboten entsprach. Wie die Eltern 
dem Kinde ihre Liebe schenkten, wenn es „brav" war, ihm diese ent- 
zogen im Falle der „Schlimmheit", so verfährt nun das Kind, mit 
Hilfe seines Ichideals, mit sich selbst. Nähert es sich seinem Ideal, so 
liebt es sich, bleibt es hinter ihm zurück, so ist es böse auf sich selbst. 
Dieser Mechanismus zeigt zugleich, wie sehr die „Sittlichkeit" des Kin- 
des erst eine „anhebende" Sittlichkeit ist. Sie beruht, genau wie die 
ganze „Uber-Ich"-Sittlichkeit des Erwachsenen, nicht auf Einfühlung 
in und Liebe für andere, sondern nur auf dem Bedürfnis, sich 
selbst lieben zu können. Oder, negativ gesehen: auf „Angst 
vor Liebesverlust" (nämlich der Selbstliebe). Wunderbar wird diese 
narzißtische „Tugendhaftigkeit" uns geschildert in Tolstois Novelle 
„Vater Sergius". Der fürstliche Garde-Offizier, der Mönch wird um 
zu zeigen, daß er alles, was den anderen und ihm selbst einst wichtig 
schien, verachtet, der auf eine solche neue Höhe steigen will, daß er 
von oben herab auf die Leute sehen könne, die er früher beneidete, 
der schließlich als Einsiedler in einer Höhle lebt und zum angebeteten 
Heiler der menschlichen Körper und Seelen wird, aber in der eigenen 
Seele tief unglücklich ist und bleibt, weil er keinen Menschen 
lieben kann als sich selbst, — dieser Vater Sergius ist der er- 
greifendste Ausdruck der Wahrheit, daß der Mensch, der durch seinen 

— 30 — 







überstarken Narzißmus nie aus dem Zauberkreis des eigenen Ichs 
herauskommt, nie wahrhaft sittlich und glücklich wird, wieviel „gute" 
Taten er auch vollbringt. Vater Sergius, der „heilige" Greis, erliegt 
zuletzt der sinnlichen Versuchung, er sündigt mit der ihm anvertrauten 
schönen, schwachsinnigen Tochter eines Kaufmannes. Diese Sünde aber 
ist sein erster Schritt auf dem Wege der Menschenliebe. Denn, wie 
Ossipow bemerkt: das wesentliche ist das Durchbrechen des ge- 
schlossenen Narzißmuskreises. 1 

Kehren wir zu unserem Ausgangspunkt zurück: Freuds Ableitung 
des Ichideals aus dem Narzißmus. Sie scheint an sich durchaus ein- 
wandfrei. Nur erhebt sich die Frage: sind die sittlichen Ichideale, 
die Freud ausschließlich behandelt, die frühesten? Hat das Kind 
nicht, bevor es ein einschränkendes Ideal aufstellt, schon andere, 
gewährende Ideale gehabt? Es spricht vieles dafür. Freud selbst hat 
wiederholt betont, der Vater der persönlichen Vorzeit sei das erste 
Ideal des Kindes. „Der kleine Knabe", heißt es z. B. in „Massen- 
psychologie und Ich-Analyse", „legt ein besonderes Interesse für seinen 
Vater an den Tag, er möchte so werden und so sein wie er, in allen 
Stücken an seine Stelle treten. Sagen wir ruhig: er nimmt den Vater 
zu seinem Ideal." 2 Zwar spricht Freud hier von „Identifizierung", aber 
wir könnten ebensogut das Wort „Idealbildung" gebrauchen. Denn 
der Unterschied liegt nur darin, daß der Knabe, der sich mit seinem 
Vater identifiziert, sich fühlt und tut, wie wenn er der Vater 
wäre. Er spielt sozusagen den Vater. Sobald er dieses Spiel aber 
aufgibt und wirklich wie der Vater werden will, kann man von 
einem Ichideal reden. Der Unterschied wird noch dadurch ver- 
wischt, daß auch dann, wenn das Vaterbild schon zum Ideal „ver- 
himmelt" ist, noch oft eine phantastische Gleichsetzung von Ich und 
Ichideal erfolgt. Es ist dies eine gewiß sehr häufige „narzißtische Siche- 
rung" (Rad 6), zu der das Kind greift, wenn die Spannung zwischen 
Ich und Ichideal allzustark wird. 3 

So würde sich, wenn wir richtig sehen, in der Entwicklung des 
kleinen Kindes die Bildung zweier Ichideale nacheinander unter- 
scheiden lassen. Das erste Ideal wä.re ein amoralisches Größe n- 



1) Siehe die Analyse dieser Novelle bei Ossipow, Tolstois Kindheitserinnerun- 
gen, S. 56—81. I. Psa. V. Wien. 

2) Ges. Schriften, Bd. VI, S. 303. 

3) Vergl. Edith Jacobssohns angez. „Beitrag", Internat. Ztschr. f, PsA., Bd. XVI 
(1930), S, 226, 227. 

— 31 — 



ideal, dessen Züge dem Bilde des dem Kinde allgewaltig erscheinen- 
den Vaters entlehnt sind. Dieses Ideal ist eine völlig narzißtische 
Schöpfung, nicht nur dem Antriebe, sondern auch dem Inhalt nach. 
Wenn die kritischen Mahnungen der Eltern beim Entstehen dieses 
Ideals schon eine Rolle spielen, so ist es eine negative: um sich den 
ihm lästigen Anforderungen — sei es auch nur in der Phantasie — zu 
entziehen, baut sich das Kind sein Ideal der gottähnlichen Größe und 
Freiheit. Auf die Dauer wird dieses amoralische, megalomanische Ideal 
aber unmöglich. Das Kind hat die kritischen Stimmen der Eltern in- 
trojiziert und zum Gewissen umgeformt. Diese Tat war einerseits 
eine Befreiung, anderseits eine Freiheitsbeschränkung. Eine Befreiung, 
weil das Kind nun, soweit es den Forderungen seines Gewissens ge- 
horcht, von den Mahnungen der Eltern verschont bleibt. Anderseits 
aber kann es sich nicht mehr, wie früher, durch List den Forderun- 
gen entziehen. Den Eltern kann man entwischen, dem eigenen Ge- 
wissen nicht. Und das alte Ideal stand an so vielen Punkten im 
Gegensatz zu den moralischen Forderungen des Gewissens, daß es 
unhaltbar wurde. Die synthetische Natur des Ichs macht das Zween- 
Herren-Dienen unmöglich. So mußte von zweien eins geschehen: 
entweder mußte das Ichideal mit dem Gewissen in Einklang 
gebracht werden, oder eins von beiden mußte von der Ich-Bühne 
verschwinden. 

Die günstigste Lösung wäre die erste, daß nämlich Ichideal und Ge- 
wissen miteinander konfrontiert und am erstgenannten derartige Kor- 
rekturen vorgenommen würden, daß sie einander entsprächen. Der 
Mensch, dem dies gelingt, ist, nach einem schönen Wort der „Bhaga- 
vad-Gita," frei, „zu tun, was er will, weil er will, was er 
soll." Aber diese ideale Lösung, welche kaum dem erwachsenen 
Menschen gelingt, geht sicher über die Kraft des unreifen, kindlichen 
Ichs. Das allgemeinste Ergebnis scheint denn auch zu sein, daß das ur- 
sprüngliche, amoralische, gewährende Ichideal zum größten Teil 
der Verdrängung anheimfällt und von einem neuen, morali- 
schen, einschränkenden Ideal ersetzt wird. Dieses Ideal ist das 
Ichideal der „Einführung des Narzißmus", worüber wir schon handel- 
ten. Es ist ein überwiegend einschränkendes Ideal. Doch kann 
es einzelne Züge des alten, gewährenden Ideals, insoweit diese 
nicht mit den Forderungen des Gewissens in Widerspruch waren, bei- 
behalten und dadurch die Erfüllung der übrigen rein ethischen For- 
derungen erleichtern. Zum größten Teil aber ist das alte Ideal ver- 

— 32 — 



drängt und dadurch weiterhin von jeglicher Korrekturmöglichkeit aus- 
geschlossen. Es bleibt, wenn es nicht durch Analyse wieder bewußt 
gemacht wird, nach wie vor das Ziel des unbewußten Strebens. Daß 
dadurch ungeheure Energiemengen der bewußten Persönlichkeit ver- 
loren gehen können, und daß auch das ganze bewußte Leben im 
Banne dieses Ideals stehen kann, ist klar. 1 

Zur Illustration möchte ich einen Fall meiner Beobachtung mitteilen, 
der deutlich zeigt, wie sowohl Narzißmus als auch Ethik an der Bil- 
dung der Ichideale, auch der späteren, beteiligt sind. Es handelt sich 
um einen begabten, leider schon in seinem 24. Jahre an Lungentuber- 
kulose gestorbenen Dichter. Er führte ein ziemlich leichtsinniges Künstler- 
leben, wurde aber regelmäßig von starken asketischen Anwandlungen 
befallen, die dann meistens wieder bald von einem lyrischen Strome 
fortgeschwemmt wurden. Als ich ihn kennen lernte, war er einem 
schwärmerischen Franziskus-Kultus verfallen. Auf meine Frage, wie er 
dazu kam, antwortete er: weil ich mein ungebundenes, genußsüchtiges 
Leben verachte und im Hl. Franz mein ideales Vorbild sehe. Dieser 
Grund war gewiß richtig, aber er war nicht der einzige. Bald ergab 
sich, daß die Wahl des Heiligen als Ichideal auch in hohem Grade 
dadurch bestimmt war, daß dieser so berühmt war. Es war merkwür- 
dig, wie beide Motive, das narzißtische und das ethische, sich in diesem 
Falle gegenseitig unterstützten. Der junge Mann hatte starke sittliche 
Tendenzen, aber was ihn, außer seiner Sinnlichkeit, vor allem an deren 
Durchführung verhinderte, war sein überstarker Narzißmus. Die Kame- 
raden hatten ihn so gern, daß er sich nicht aus ihrem Kreise losreißen 
konnte. Da eröffnete ihm das Ideal des Heiligen von Assisi die Mög- 
lichkeit eines Kompromisses, der beide Parteien befriedigte: seinen 
Narzißmus sowohl wie sein ethisches Streben. Man hätte seine „Leb- 
formel " etwa so ausdrücken können : „Wenn ich so groß und berühmt 
wie Franz von Assisi werden könnte, würde ich auf alle sinnliche 
Freuden verzichten können." Die Änderung seiner Lebensweise, die 
er mit Hinsicht auf sein Ideal von sich forderte, ließ jedoch auf sich 
warten, bis ihn seine Krankheit dazu zwang. Die einzige Verkörpe- 
rung seines Ideals, die er zustande brachte, war ein kleines Theater- 
stück über den Hl. Franz und seine Braut, die Armut. Es liegt noch 
immer in einem Schublädchen meines Büros . . . 



1) Vergl. Pf ist er, Die psychoanalytische Methode, S. 362 ff. Analytische Seel- 
sorge. S. 46 a. 



P«A. Bewegung IV 33 



Als wir oben über die Bildung des ethischen Ichideals handel- 
ten, ließen wir eine Frage außer acht: Die Frage der Identifizie- 
rung. Spielt diese hierbei eine ähnliche Rolle wie bei der Entstehung 
des ersten, anethischen Gr ößenideals? Die „Einführung des 
Narzißmus" spricht nicht von ihr, sie weist nur auf die Introjektion 
der elterlichen Stimmen hin. Aber ist nicht anzunehmen, daß auch 
dieses Ideal-Bild seine Züge dem Vater (oder den Eltern) entlehnt? 1 
Gewiß. Sowie das Bild des gewaltigen Vaters zum frühesten 
Größenideal wird, wird das gute Vater-bild zum ethischen 
Ideal. Näheres über die Identifizierung enthält „Das Ich und das Es". 

Wenn ein geliebtes Objekt, so lesen wir dort, aufgegeben werden 
muß, wird dieses oft nur scheinbar aufgegeben: es — oder eigentlich 
sein Bild — wird introjiziert; anders ausgedrückt: das Ich identi-, 
fiziert sich mit dem aufgegebenen Objekt. Das Ich nimmt die Züge 
des Objektes an und drängt sich nun sozusagen dem Es als Liebes- 
objekt auf. Es sucht ihm seinen Verlust zu ersetzen, indem es sagt: 
„Sieh', du kannst auch mich lieben, ich bin dem Objekt so ähnlich." 2 
So ist die Objektliebe umgesetzt in narzißtische, das äußere Liebes- 
verhältnis abgelöst durch ein inneres, desexualisiertes, zwischen Es 
und Ich. 

Diese Umsetzung von Objektbeziehung in Identifizierung spielt nun 
nach Freud bei der Überwindung des Ödipuskomplexes eine ent- 
scheidende Rolle. Die irgendwie miteinander vereinbarten Vater- und 
Mutter-Identifizierungen behalten ihre Sonderstellung im Ich und treten 
nun dem anderen Inhalt des Ichs als Ichideal oder Über-Ich ent- 
gegen. 8 

Man könnte diese Ausführungen soweit noch als Weiterbildung der 
Ichideal-Lehre der Narzißmus-Schrift auffassen. Der Unterschied be- 
stünde nur darin, daß nun 1) der Identifizierung eine große Be- 
deutung für die Idealbildung beigelegt wird und 2) die Zeit der Bil- 
dung jetzt näher bestimmt wird: das Ichideal heißt nun Erbe des 
Ödipuskomplexes, während es früher als Erbe des Narzißmus 
bezeichnet wurde. Aber die weiteren Ausführungen lassen diese Auf- 
fassung nicht mehr zu. Sie beziehen sich nicht mehr auf ein I d e a 1, 
sondern auf eine fordernde, strafende Instanz, wie wir im Anfang 



1) Wir werden hier und weiterhin, der einfacheren Darstellung wegen, nur den 
Vater berücksichtigen. 

2) Ges. Schriften, Bd. VI, S. 374. 

3) Ges. Schriften Bd. VI, S. 378. 

— 34 — 



dieses Aufsatzes schon ausführten. Wir wollen darauf noch etwas 
näher eingehen. 

Die Beziehung des Über-Ichs zum Ich, lesen wir im „Ich und 
Es", „erschöpft sich nicht in der Mahnung: So (wie der Vater) sollst 
du sein, sie umfaßt auch das Verbot: So (wie der Vater) darfst du 
nicht sein ..." Dies sei das „Doppelangesicht" des Ichideals. 

Der Sinn dieser Worte wollte mir lange nicht klar werden. Wie 
war es zu verstehen, daß dieselbe Instanz, die den Wunsch des Soh- 
nes, sich an die Stelle des Vaters zu setzen, als schwerstes Verbrechen 
ahndet, zu gleicher Zeit die Angleichung an ihn fordert? 

Erst die Einsicht, daß Ichideal und Über-Ich nicht identisch 
sind, daß das Ichideal ein wirkliches Ideal, das Über-Ich aber 
ein unbewußtes Gewissen ist, machte mir die Stelle verständlich. 

Das rätselhafte „Doppelangesicht" des Über-Ichs war das Ergebnis 
des Freudschen Versuches, Ichideal und Über-Ich zu einer ein- 
zigen seelischen Instanz zusammenzuschweißen. In der Mahnung: „So 
(wie der Vater) sollst du sein" glauben wir die letzten Züge des alten, 
geliebten Vater-Ideals zu erkennen, sei es auch in entstellter Form. 
Denn wenn wir die Beziehung umkehren, wenn wir statt der Mah- 
nung: „So (wie der Vater) sollst du sein" setzen: „So (wie du, 
Vater, bist) will ich sein," haben wir die ursprüngliche Beziehung 
Ich-Ichideal zurückgewonnen. 

Versuchen wir das Ergebnis unserer Untersuchung zusammenzu- 
fassen. 

Die Entstehung des ersten Ichideals fällt in eine sehr frühe Ent- 
wicklungsphase, wahrscheinlich schon in die spät-orale. 

Das Kind introjiziert das Bild des gewaltigen Vaters und „verhim- 
melt" es zum Ichideal. Dieses früheste Ideal ist vollkommen narzißtisch, 
ohne jeglichen ethischen Zusatz. 

Dann, in der sadistisch-analen Phase, beginnt sich, durch Introjektion 
der elterlichen Stimmen, ein erstes, primitives Gewissen zu bilden. 
Es richtet sich gegen die kannibalischen Wünsche der vorigen und 
gegen die sadistisch-analen Strebungen der jetzigen Phase. Dieses Ge- 
wissen bildet den ersten Anfang des — später unbewußten — 
Über-Ichs. 

Das sich regende Gewissen gerät mit den auf das narzißtische Ideal 
gerichteten Strebungen in Konflikt, und dies hat — in normalen Fällen 
— eine Erneuerung des Ideals zufolge. Das alte „gewährende" Ideal 
wird großenteils verdrängt und von einem neuen ersetzt. Dieses neue 



— 35 — 



3' 



Ideal stellt einen Kompromiß dar: es hat, soweit dies nur möglich 
war, Züge des alten, gewährenden Ideals beibehalten, daneben aber 
trägt es den ethischen Forderungen des Gewissens Rechnung. Und wo 
auch diese ethischen Züge dem Bilde des Vaters entlehnt sind, kann 
man dieses Ideal charakterisieren als das Ideal des großen und 
guten Vaters. Dies bedeutet kein „Doppelangesicht", sondern eine 
Durchdringung zweier Qualitäten. 

Aus dem Untergang des Ödipuskomplexes resultiert dann wiederum 
eine Vater-Identifizierung. Das introjizierte Vaterbild wird, der Reifung 
des kindlichen Ichs entsprechend, eine höhere, realitätsgerechtere Stufe 
erreicht haben. Es kommt mit dem schon vorhandenen Ichideal in 
Berührung, setzt sich mit ihm auseinander — insoweit dies durch Ver- 
drängungen nicht unmöglich gemacht wird ! — und führt zur Bildung 
des endgültigen Ichideals, das erst bewußt, später unbewußt, das Ziel 
des Persönlichkeitsstrebens des Individuums sein wird. Damit ist die 
Entwicklung des kindlichen Ichideals abgeschlossen. Der Charakter des 
Kindes hat sich gebildet, die Latenzperiode setzt ein. Welche neue 
Ideale es später auch bewußt aufstellen wird, sie werden in letzter In- 
stanz alle auf die frühkindlichen zurückgehen. Entweder sind sie den 
neuen Zeiten mehr oder weniger angepaßte Neuauflagen des alten 
gewährenden oder des späteren einschränkenden Ideals, oder 
aber Kompromißbildungen aus beiden. 

Es erübrigt sich noch etwas zu sagen über die weiteren Schicksale 
des Gewissens. Das früheste Gewissen richtete sich, wie wir annah- 
men, gegen die kannibalischen und sadistisch-analen Wünsche. Beim 
Ausgang des Ödipuskomplexes werden nun auch die Verbote der 
Vatertötung und des Mutterinzestes in ihm aufgenommen. Diese Ver- 
bote bleiben nicht bewußt: sie werden zusammen mit den Überresten 
der ödipusstrebungen ins Unbewußte versenkt und bilden da, mit den 
Verboten der früheren Phasen, den Kern des Über-Ichs. Weiterer 
Erörterungen über das Über-Ich, die Rolle des introvertierten Aggres- 
sionstriebes und die Reaktionen des Ichs demgegenüber wollen wir 
uns hier, wo es sich um die Psychologie des Ideals handelt, enthal- 
ten. 1 Wir möchten aber unseren Aufsatz beschließen mit einigen Be- 
merkungen über 

1) Auch die unzweifelhafte Tatsache, daß die Üb e r- Ich -Bildung außer auf In- 
trojektion der Vater- Stimme, meistens auch auf Introjektion des „bösen", drohenden 
Vater- Bildes beruhen wird, bleibe hier weiter unerörtert. Das „böse" Antlitz des 
Vaters spielt gewiß eine große Rolle im Seelenleben, nur nicht die Rolle eines Ideals 

— 36 — 



Idiideal und Gewissen 

in ihrer gegenseitigen Beziehung. 

Zuerst einiges über den Begriff des „Gewissens". Wir haben bis 
jetzt, wie üblich, über das „Gewissen" als über eine bestimmte „In- 
stanz" im Ich gesprochen. Wird dies von den Tatsachen gerecht- 
fertigt ? 

Stellen wir uns ein konkretes Beispiel vor Augen. Ein Mensch hat 
ein bestimmtes sittliches Ideal, dem er entsprechen will. Er sieht aber, 
wie weit er hinter seinem Ideal zurückbleibt. Das schmerzt ihn, d. h. 
er leidet unter dem Konflikt zwischen seinen Triebwünschen und ethi- 
schen Tendenzen und vermißt die narzißtische Selbstzufriedenheit. Er 
klagt die eigene Schwäche an, macht sich Vorwürfe, legt sich vielleicht 
eine — bewußte oder unbewußte — Selbstbestrafung auf, rafft sich 
dann aber wieder auf, verspricht sich, es künftighin besser zu machen, 
und eilt dann vom gehaltenen Gerichtstag ins Leben zurück. In dieser 
kleinen, alltäglichen Geschichte lassen sich alle „Funktionen" des Ge- 
wissens nachweisen : die beobachtende, messende, die rügende, strafende 
und endlich auch die antreibende Funktion. 1 Die geschilderten Vor- 
gänge sind seelische Tatsachen. Aber was berechtigt uns, sie als „Funk- 
tionen" einer besonderen „Instanz" zu betrachten? Ist die Annahme 
dieser „Instanz" vielleicht, wie so oft, einfach auf die alles hyposta- 
sierende Eigentümlichkeit unserer Sprache zurückzuführen? Unserer 
Sprache, die alles etikettiert und materialisiert, die über „Recht" han- 
delt, als ob es ein Fluß wäre, der aus bestimmten „Quellen" hervor- 
bricht, die die Regelmäßigkeiten, welche wir im Naturgeschehen zu 
verspüren glauben, zu zwingenden, „ehernen Gesetzen" umsdimiedet? 
Steckt in unserem Begriff „Gewissen" nicht auch ein Stück alten Feti- 
schismus? Ich glaube, daß es der Fall ist, und daß dies unserem Ver- 
ständnis der Gewissensvorgänge im Wege steht. Ich möchte darum 
den Vorschlag machen, unter „Gewissen" vorläufig nur zu ver- 
stehen: die Gesamtheit aller psychischen Vorgänge, 
welche die Annäherung des aktuellen Ichs an das Ich- 
ideal zum Ziel haben. Diese Formulierung ist rein beschreibend, 

Auch nicht beim Individuum, das Scharfrichter werden will. Denn auch dieses Ideal 
ist von dem Uber-Ich unterschieden ; es stimmt, der Tendenz nach, mit ihm über- 
ein, aber es ist nicht mit ihm identisch. Einen Menschen, der wirklich sein Ober-Ich 
werden will, gibt es nicht und wird es nie geben. 

l) Vergl. P fister, Die psychanalytische Methode, S. 101 ff. 

— 37 — 



sie antizipiert nichts. Und sie hat, wie mir scheint, auch den Vorteil, 
daß sie den engen Zusammenhang zwischen „Ichideal" und „Gewissen" 
zum Ausdruck bringt. Sie schließt ein, daß das Ich, wenn es den 
Gewissensforderungen gehorcht, dies nicht tut wie der Verbrecher, der 
sich dem Urteilsspruch seines Richters wohl oder übel zu unterwerfen 
hat, sondern weil es das vom Gewissen gebotene Verhalten als not- 
wendige Bedingung zur Verwirklichung seines Ideals anerkennt. Daß 
auch diese freie Unterwerfung unter das Gewissen Opfer mit sich 
bringt, ist gewiß. Aber diese Opfer haben einen Sinn, sie werden 
dargebracht, weil sie zur Erreichung des höchsten Persönlichkeitszieles 
unumgänglich sind. Vielleicht könnte man meinen, dies gälte nur für 
die höchsten, rein sittlichen Ideale. Dies ist nicht der Fall. Wie es 
Rabindranath Tagore sehr schön ausdrückt: „Auch um mit Erfolg 
selbstsüchtig zu sein, hat der Mensch seine momentanen Neigungen 
der noch unrealisierten Zukunft zu opfern, d. h. sittlich zu sein. Um 
eine unsittliche Absicht erfolgreich durchzuführen, müssen einzelne der 
Waffen sittlich sein." 1 

Klar ist jedoch, daß das Ich den Forderungen des Gewissens nur 
solange zu gehorchen gewillt ist, als das betreffende Ideal in Kraft 
steht, dessen Realisierung das höchste Ziel des Individuums bildet. 
Tritt ein „Wechsel" der Ideale ein, so werden auch die Forderungen 
des dem alten Ideal zugehörigen Gewissens nicht länger anerkannt. 
Wie es der kleine Patient Edith Jacobssohns sagte: „Was mir 
früher unfromm war, ist mir jetzt fromm". 8 Die Ablösung des alten 
„guten" Ideals durch das neue „schlimme" bringt eine radikale Um- 
wertung der ethischen Werte mit sich. 

Soviel über das bewußte Gewissen und Ichideal. Die Beziehung 
zwischen den unbewußten Ichidealen und dem unbewußten 
Gewissen, dem „Uber-Ich", läßt sich schwieriger angeben. Erstens 
weil uns das Wesen des Über-Ichs viel schlechter bekannt ist als das 
Wesen der bewußten Gewissensvorgänge. Aber was wir aus den 
Wirkungen des Uber-Ichs schließen können, scheint zur Annahme 
zu berechtigen, daß wir hier tatsächlich mit einer einheitlichen „In- 
stanz" zu tun haben. Die Wirksamkeit des Über-Ichs ist nicht so viel- 
seitig wie die des „Gewissens". Soweit wir sehen können, wirkt das 
Uber-Ich nur negativ, verurteilend und strafend. Ihm fehlt 

1) Sadhana, The Realisation of Life, S. 55, 58. 

2) Int. Ztschr. f. PsA., Bd. XVI (1930), S. 221. 

— 38 — 



die „antreibende", positive Funktion des bewußten Gewissens. Das 
Über-Ich vertritt mit automatischer Starre die aus der Frühzeit des 
Individuums stammenden Triebverbote. Es ist, wie Freud angibt, 
tatsächlich dem fürchterlichen Vater der Urhorde vergleichbar. 1 Neben- 
bei gesagt, scheint mir hiermit wohl der unzweideutigste Beweis der 
Nicht-Identität von Ichideal und Uber-Ich gegeben. Daß die 
Söhne, nachdem sie den Urvater getötet hatten, Reue über ihre Tat 
fühlten, weil sie den gewaltigen Vater nicht nur gehaßt, sondern auch 
geliebt hatten, und aus Liebe zu ihm nun sein Bild zu ihrem Ich- 
ideal erhoben, ist begreiflich. Und auch daß sie ihrem Uber-Ich 
die Macht des Vaters zur Bestrafung für die gegen ihn verübte Tat 
übergaben. 2 Aber daß sie dieses mörderische Uber-Ich, das sie mit 
schweren Schuldgefühlen belastete und ihnen die Erfüllung ihres sehn- 
lichsten Wunsches, die Besitzergreifung der freigewordenen Weibchen, 
versagte, zu ihrem Ideal erhoben hätten, ist undenkbar. Das Vater- 
Ideal der Söhne der Urhorde wird gewiß keine sanften, ethischen 
Züge getragen haben. Es wird eine Verherrlichung seiner gewaltigen 
aggressiven und sexuellen Potenz gewesen sein. Aber was die Söhne 
an dem Vater bewunderten und liebten, war sicherlich nicht seine 
gegen sie selbst gerichtete furchtbare Aggression. Diese wird deshalb 
nicht in ihr Idealbild, sondern in ihr Über-Ich eingetragen sein. 

Weil wir also dem Über-Ich keine positive, antreibende Funktion 
zuschreiben, es nur als blind arbeitende Unterdrückungsinstanz betrach- 
ten, scheint auch eine direkte Beziehung des Über-Ichs zu einem un- 
bewußten Ideal nicht annehmbar. Daß es unbewußte Ichideale gibt und 
daß deren Verwirklichung leidenschaftlich erstrebt werden kann, wurde 
schon betont. Allein wir glauben nicht, daß der Gehorsam gegen die 
Forderungen des Über-Ichs die Bedingung zur Realisierung dieser Ideale 
darstellt. Denn diese Ideale sind ja zu einem erheblichen Teil die 
Verkörperung der vom Über-Ich verpönten infantilen Triebwünsche! 
Vielmehr ist anzunehmen, daß das Uber-Ich sich dem Realisierungs- 
streben dieser Ideale aufs energischste widersetzt. 

Während das bewußte Gewissen, in normalen Fällen wenigstens, 
der treue Gehilfe des Ideals ist, ist das Uber-Ich hier der große Wider- 
sacher. 

Auch in diesem Zusammenhang fällt wieder die Primitivität und 

1) Vergl. „Das Unbehagen in der Kultur", S. 112. 

2) Vergl „Das Unbehagen in der Kultur", S. 114. 

— 39 — 



ethische Minderwertigkeit des Über-Ichs gegenüber dem bewußten 
Gewissen auf. Während das Gewissen sich des besseren belehren lassen 
kann, ist das Über-Ich — außer im Falle der Analyse — unkorrigier- 
bar. Es macht, infolge der Verdrängung, die ganze Weiterentwicklung 
des Ichs nicht mit und verharrt auf dem ethischen Standpunkt des 
etwa fünfjährigen Kindes. Wir stehen hier, auf dem Gebiete der Ich- 
Psychologie, einer ähnlichen Erscheinung gegenüber, wie sie Freud 
schon vor Jahren im Bereich der Sexualität nachwies. Dies hat zur Folge, 
daß das Über-Ich auch solche Wünsche vom Bewußtwerden und da- 
durch von der Verwirklichung ausschließt, gegen die das höherent- 
wickelte bewußte Gewissen nichts einzuwenden hätte. 1 Ungerecht ist 
auch, vom normalen sitdichen Standpunkt gesehen, daß das Über-Ich 
auf bloße Wünsche genau so reagiert, als wenn es Taten wären. 
Man hat das Über-Ich, und zu Recht, mit einem Richter verglichen. 
Aber es ist weit strenger als der strengste Richter. Denn dieser straft 
nur verbotene Taten oder tatsächliche Versuche dazu. Das Über-Ich 
aber verfährt buchstäblich nach den Worten des Johannesbriefes: 
„Wer seinen Bruder hasset, der ist ein Totschläger." 2 Und es läßt es 
nicht bei dieser extremen Wertung bewenden, versucht auch nicht, 
das Aufgeben des bösen Wunsches zu erreichen, sondern es unter- 
drückt ihn und bestraft das Ich, das sich dessen vielleicht gar nicht 
bewußt war. 

Auch wenn die Verdrängung nicht allzustark ist und der Mensch 
genügende geistige Anlagen besitzt, können sich die alten Wünsche 
und Ideale oft doch noch, in sublimierter Form, bis zu einem gewissen 
Grade durchsetzen. Aber oft hemmt das grausame Über-Ich auch diese 
sublimierten Äußerungen, weil es, mit der feinen Nase eines Groß- 
inquisitors, die verbotenen ursprünglichen Wünsche noch herauswittert. 
Andrerseits ist unleugbar, daß gerade die gewaltigsten Schöpfun- 
gen des Menschengeistes diesem Kampf zwischen Ideal und Über-Ich 
ihre Entstehung verdanken. Denn alle Schöpfung wird geboren aus 
Not. Und eine größere Not als die sittliche gibt es nicht. 



1) Vgl. Alexander, Psychoanalyse der Gesamtpersönlichkeit, S. 41. 

2) 1 Joh. 3, 15. 



' : ...IUI 

— 40 — 



Ein Inzest wod ein Imzestverdadat 

Zwei Fälle aas der gerldhtlidiem Praxis 

Von 

Hugo Staub 
I) Der Inzest 

Eines Morgens wird auf einem Bauplatz im Osten Berlins die 12 Jahre 
alte Hildegard Z. ermordet aufgefunden. Alle Anzeichen lassen auf Lustmord 
schließen, und der 40 Jahre alte kriegsinvalide Bauwächter Richard wird 
wegen Mordverdachts verhaftet. Er hatte den Bau allein bewacht, mit der 
kleinen Hilde und anderen Kindern tagsüber auf der Baustelle gespielt, 
ihnen auch Süßigkeiten geschenkt. Da ihm aber mehr nicht nachzuweisen 
war, er auch bisher nicht bestraft ist, wird er nach zwei Wochen aus der 
Haft entlassen. Zwei Monate darauf wird er wiederum verhaftet, diesmal 
wegen Inzestes, begangen an seiner zwölfjährigen Tochter. Er gesteht, sich etwa 
seit 4 Jahren an dem Kinde vergangen zu haben. Er ließ seinen Geschlechts- 
teil von ihr reiben, ihn bis zum Samenerguß in den Mund nehmen, 
oft, besonders nach reichlichem Alkoholgenuß, habe er auch geschlechtlich 
mit dem Kinde verkehrt. 

Im Kriege hat er ein Auge verloren, war auch verschüttet und litt 
seither an Krämpfen und verschiedenen körperlichen Schmerzen. Die vielen 
Medikamente, die er verschrieben bekam, hatten ihm — so erzählt er — 
ein ständiges Jucken der Haut verursacht, zu dessen Linderung die Kinder 
ihn „schuppen" mußten. Besonders Erika, die älteste seiner fünf Kinder, 
wurde zu dieser Funktion herangezogen. Er lag im Bett, auf dessen Rand 
sie sitzen und seinen ganzen Körper zur Milderung des Juckreizes „schup- 
pen" mußte. Bei dieser Gelegenheit habe das Kind, das sehr stürmisch und 
„anschmiegsam" sei, ihm erzählt, sie habe oft gesehen, wie er „ihn" bei 
Mama hereingesteckt habe und ob denn das so schön sei, daß Mama immer so 
dabei gestöhnt habe. Dabei habe sie ihn heiß gedrückt, und so sei es ge- 
kommen, daß er sie habe am Glied spielen und es auch in den Mund 
nehmen lassen. 

Seine Frau, die fast taub ist, habe von dem Verkehr mit Erika gewußt. 
Wenn sie unwohl war, habe sie sich gewöhnlich in das eine Bett, in 
dem die Kinder — Knaben und Mädchen — zusammen schliefen, gelegt, 
um das neue, bessere Ehebett zu schonen. Erika habe dann beim Vater in 

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dem neuen Bett geschlafen. Er hatte damals eine Malerwerkstatt auf dem 
Dorfe und habe oft zur Erlangung von Aufträgen viel trinken müssen. Da 
er wegen seiner schwächlichen Konstitution — er ist klein, verkümmert und 
unterernährt — wenig vertrage, sei er oft betrunken gewesen und habe in 
diesem Zustande mit Erika geschlafen. Er hatte zwar oft Gewissensbisse, 
die Frau machte ihm wohl auch Vorhaltungen, aber er konnte sich von 
dem Kinde, das er zärtlich liebte, nicht trennen. Als ihm das Verhältnis 
doch zu unheimlich wurde, schickte er das Kind nach Berlin zu den Eltern 
seiner Frau, zog aber bald danach mit der ganzen Familie nach Berlin, da 
er ohne Erika nicht habe leben können. Das Mädchen blieb — gegen sei- 
nen Willen — bei den Großeltern. Er fand schließlich eine Stelle als Bau- 
wächter, kaufte eine Wohnlaube, und Erika mußte ihn — auch wenn sie 
es nicht wollte — Sonnabend und Sonntags besuchen. Den Geschlechtsver- 
kehr mit dem Kinde setzte er fort, auch nach seiner Freilassung in der 
Mordsache, bis die Schwiegereltern den Fall zur Anzeige brachten. 

Im Untersuchungsgefängnis ist er schwach, weinerlich, erzählt immer wieder 
unter Tränen, wie sehr er Frau und Kinder liebe, daß er die Trennung 
von der Familie nicht überleben könne und schreibt seiner Frau zärtliche 
Liebesbriefe. Dem Untersuchungsrichter gibt er eines Tages an, sein Schwie- 
gervater habe auch mit dessen Tochter — seiner Frau — verkehrt. Als 
seine Frau ihm deshalb einen vorwurfsvollen Brief schreibt und sich von 
ihm lossagt, bricht er weinend zusammen. Immer wieder beteuert er unter 
Tränen, er habe niemanden angezeigt, das sei alles nicht wahr, er habe nur 
immer geträumt, daß sein Schwiegervater mit seiner Frau verkehre. Er leide 
überhaupt an einer „traumatischen Gehirnschwäche", werde von bösen Träu- 
men geplagt. Immer muß er im Traume fliegen, Menschen totschlagen, be- 
sonders einen bösen, indischen Zauberer, den er einmal gesehen habe. 
Meistens fliege er wie eine Fledermaus durch die Straßen und jage seiner 
Frau nach, die davonlaufe. Plötzlich sei sie in einem Hause verschwunden. 
Er fliege ihr nach, aber aus einem Loch in dem Hause schaue das böse 
Gesicht seines Schwiegervaters, der ihm mit der Faust oder einem Stocke 
drohe und ihn verscheuche. 

Die bösen Träume, die Haft, die Trennung von seiner lieben Frau und 
den Kindern könne er nicht ertragen. Er habe doch niemals etwas anderes 
geliebt als Frau, Kinder und Familie, beteuert er immer wieder unter un- 
aufhörlichen Tränen. 

Mit 20 Jahren hat er seine Frau geheiratet, die er als Soldat kennen 
lernte. In dieser Ehe hatte er seinen ersten Geschlechtsverkehr. Seinem 
Vater, einem strengen, harten, jähzornigen aber in der Arbeit imponierend 

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tüchtigen Malermeister, war diese Ehe ein Dorn im Auge, er konnte die 
Schwiegertochter nicht ausstehen. Richard, der Zweite von einem Dutzend 
Kinder, war beim Vater in strenger Lehre gewesen, wurde — im Gegen- 
satz zu der älteren — verkrüppelten — Schwester streng und hart behan- 
delt, ebenso wie die Mutter, die vom Vater oft halb tot geprügelt wurde. 
Zur Mutter fühlte er sich hingezogen, vor dem Vater, der gern einen trank 
und dann alles kurz und klein schlug, fühlte er Grauen und Achtung, denn 
er war ein hervorragender Arbeiter, der mehr schaffte als alle anderen. Als 
Kind spielte er gern mit einer jungen — etwa achtjährigen — Schwester 
Vater und Mutter, wobei er sich ihr Genitale besah und es auch berührte. 
Der Vater, der einmal vorbeigekommen ist, habe so getan, als sehe er 
nichts. Zum größten Erstaunen von Richard, denn ein anderes Mal, als er 
mit einer „ Teufelsmaske " über dem Kopf in einen Laden hineingeschaut 
habe, was die Großmutter dem Vater erzählte, habe ihn dieser über einen 
Tisch geschnallt und bald totgeschlagen. 

Als er 12 Jahre alt war, habe ihn ein fünfzehnjähriges Mädchen „einge- 
weiht, wie es zwischen Mann und Frau stand." Sie habe ihn umarmt und 
geküßt und er mußte ihr am „Geschlecht" spielen. Wenn er weglaufen 
wollte, sperrte sie ihn im Zimmer ein. Später onanierte er mäßig, bis er 
seine Frau kennen lernte und heiratete. Aber die Eltern und beson- 
ders die älteste Schwester konnten seine Frau nicht leiden. Da sie ihm des- 
halb oft Szenen und Vorhaltungen machte, zog er von den Eltern, bei de- 
nen er bis dahin gearbeitet hatte, weg und machte sich selbständig. Bald 
arbeitete er wieder zu Hause, nur seine Frau durfte nicht mehr hingehen. 
Es kam der Krieg, in dem er durch einen Schuß ein Auge verlor und 
verschüttet wurde. Nach einer Operation wurde er asthmakrank, mit ständi- 
gen Kopfschmerzen, Angst und Schwindelanfällen entlassen. Er fing wieder 
an, beim Vater als Maler zu arbeiten. Hier aber war inzwischen das Leben 
unerträglich geworden. Die Mutter wurde halb totgeprügelt und in einen 
Stall gesperrt, weil sie sich beklagte, daß Vater mit einem Mädchen was 
angefangen habe. Richard, der ihr helfen wollte, wurde vom Vater hinter- 
rücks die Treppe heruntergestoßen und mit einem Schlachtmesser bedroht. 
So ging er ganz aus dem Hause. Bald wieder als Arbeitssoldat eingezogen, 
wurde er erneut verschüttet und 1917 endgültig als invalid entlassen. Mit 
der Malerarbeit war es nun nichts mehr, er arbeitete hier und dort als 
Landarbeiter, ließ sich seine Invalidenrente kapitalisiert auszahlen und kaufte 
dafür eine Bauernstelle. Weil es auf Wunsch des Verkäufers ein „Schwarz- 
kauf" war, verlor er Haus und Hof und sein Geld dazu. Er fing wieder 
als Maler in einer Kleinstadt an. Um Aufträge zu bekommen, mußte er viel 

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trinken und Karten spielen. Da er nichts vertragen konnte, war er oft be- 
trunken. Gesundheitlich und wirtschaftlich ging es ihm recht schlecht. Er 
kämpfte um eine Zusatzrente — den Hauptteil hatte er durch die Barab- 
findung verloren — mußte zur Beobachtung ins Lazarett, wo der Arzt ihm 
attestierte, daß er an Verfolgungswahnideen leide. So wurde ihm erneut eine 
kleine Rente bewilligt. 

Die Frau hatte inzwischen — neben zwei Fehlgeburten — fünf Kinder 
geboren, plagte ihn mit dauernden Vorwürfen wegen der Feindseligkeit seiner 
Eltern und verfolgte ihn — wie er meint — unaufhörlich mit grundloser 
Eifersucht. Mit seinen Eltern war er ganz zerfallen, die Schwiegereltern 
wollten gleichfalls nichts mehr von ihm wissen, während die Frau mit be- 
sonderer betonter Zähigkeit an ihrem Vater hing. — Immer verlangte sie den 
Geschlechtsverkehr von ihm, viel mehr, als er glaubte leisten zu könneh. 

Er hatte in der Kneipe einen hübschen, kräftigen 20jährigen Bauernburschen 
kennen gelernt. Den bat er, ihm doch bei seiner Frau zu helfen. Er nahm 
ihn mit in seine Wohnung, führte ihm seine Frau zu und schaute zu, wie 
beide miteinander geschlechtlich verkehrten. Bald darauf fuhr die Frau — 
wie zuweilen schon früher — nach einer ehelichen Szene für ein paar Tage 
zu ihren Eltern nach Berlin. In dieser Zeit begann sein Verhältnis zu der 
damals achtjährigen Tochter, von der er bis zu seiner Verhaftung nicht mehr 
loskam. 

Die frühe Kindheit, die infantile Sexualität, die sexuellen Beziehungen zu 
den Eltern deckt völlige Amnesie. 

Die Hauptverhandlung fand in großer Aufmachung statt. Drei gerichtliche 
Sachverständige von Ruf waren außer dem Analytiker geladen. Vielleicht 
erhoffte man eine sensationelle Aufklärung des Lustmordes — der Verdacht 
der Täterschaft lastete immer noch auf dem Angeklagten. 

Der Gerichtspsychiater attestierte dem Angeklagten das Fehlen jeglicher 
Geisteskrankheit oder organischer Gehirnerkrankung. Der psychiatrisch-psycho- 
logische Sachverständige meinte, die Tat sei bei einem psychisch labilen, 
minderwertigen Menschen wie dem Angeklagten durch das soziale Milieu, 
das räumliche Aufeinanderhocken der Menschen hinreichend begründet. Inzest 
käme vorwiegend bei Proletariern vor. Endlich meinte der dritte Sachver- 
ständige — ein anerkannter Fachmann der Sexualforschung — ein bei dem 
Angeklagten feststellbarer konstitutioneller Infantilismus prädestiniere ihn zur 
Inzestneigung, die Versuchung des Milieus tue das Ihrige, somit sei der Fall 
geklärt. 

Der Analytiker bestritt nicht die Richtigkeit dieser Ausführungen, meinte 
aber, daß sie nur allgemeine Determinanten beschrieben, die auf eine unbe- 

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grenzte Zahl von Fällen paßten, ohne die psychologische Aufklärung der 
Tat eben dieses Angeklagten zu geben. Er führte sodann etwa folgen- 
des aus: 

Was an diesem Kriminalfall zunächst auffällt, ist, daß man dem Ange- 
klagten die Tat nicht ohne weiteres zugetraut hätte. Unter einem Manne, 
der mit seiner achtjährigen Tochter einen Inzest begeht, stellt man sich im 
allgemeinen einen grob sinnlichen, brutalen, in seiner Sexualität ungehemmten 
Menschen vor, der Angeklagte macht im Gegenteil den Eindruck eines ver- 
schüchterten, schwächlichen, weinerlichen, verprügelten Charakters. Nie hat er 
vor seiner Ehe — wie das in seinen Kreisen sonst üblich ist — anderen 
Geschlechtsverkehr gehabt, nie hat er bis zum Beginn der Straftaten seine 
Frau, deren weibliche Reize gering zu sein scheinen, mit anderen Frauen 
betrogen. Die Ehe hat ihm keine Anerkennung eingetragen. Von seinen 
Eltern aufs Energischste abgelehnt, von seinem Schwiegervater darum gleich- 
falls mißbilligt, von einer Schar von Kindern gesegnet, die er nicht recht 
ernähren konnte, — so mußte diese Ehe für ihn schließlich den Gefühlswert 
von etwas Verbotenem bekommen. Dies um so mehr, als schon die Ehe- 
schließung offenbar den Charakter einer Inzestwahl hatte. Der an die Mutter 
fixierte, den strengen Vater fürchtende junge Mann hatte zum ersten und 
alleinigen Liebesobjekt eine Frau gewählt, die wesentlich älter war als er. 
Während beim normalen gesunden Menschen die Sexualität unter einer Ab- 
lösung von den Eltern, den ersten Sexualobjekten zu reifen pflegt, scheint 
dem Angeklagten diese Ablösung mißglückt, die Fixierung an die Mutter als 
Sexualideal erhalten geblieben zu sein. 

Das äußere Schicksal tat das seinige, um den Verbotscharakter dieser Ehe 
zu verstärken. Von den Eltern wurde er vertrieben, aus dem Hause geschla- 
gen, im Kriege verlor er ein Auge, später Haus und Hof. Schicksalsschläge, 
die vom Unbewußten automatisch in eine kausale Beziehung gebracht werden 
zu einem als verboten empfundenen Handeln. So wird die Bindung an die 
Frau gelähmt, die sexuelle Potenz erlahmt unter dem Drucke der Schuld- 
gefühle. Im Traume versuchen die Affekte einen Ausweg aus dieser Span- 
nung: Er träumt, daß er einem bösen, mächtigen Zauberer — in dem wir 
unschwer den Vater erraten — nachjage und ihn töten wolle, was aber 
mißlinge, und zu diesem sadistischen fügt er gleich den Straftraum, in dem 
er nach seiner Frau fliegt — der Volksmund erklärt uns die symbolische 
Bedeutung dieses Bildes: „auf eine Frau fliegen" — aber aus einem „Loch" 
im Hause — auch die symbolische Bedeutung dieses Bildes ist leicht zu er- 
raten — schaut drohend der Schwiegervater und verscheucht ihn mit einem 
Stock. So bringen auch die Träume — die einzigen, an die er sich erinnert 

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und die immer wiederkehren — keine auch nur phantastische Milderung der 
Affektspannung. Die Frau, die auf seine sexuelle Unlust mit wachsender 
Eifersucht reagiert, steigert die Spannung und seine Schuldgefühle, die sich 
nun auch noch auf die Frau ausdehnen, und die in einem großartigen Aus- 
bruchsversuch sich Luft zu machen suchen: Er bittet einen jungen kräftigen 
Mann, ihm bei seiner Frau „zu helfen", das für ihn zu tun, wozu er sich 
verpflichtet fühlt, was er aber nicht erfüllen kann, nämlich seine Frau zu 
befriedigen, ökonomisch zunächst dazu bestimmt, seine Schuldgefühle seiner 
Frau gegenüber zu mildern, dient dieser masochistische Akt offenbar noch 
anderen Zielen: Indem er die Frau einem Anderen überläßt, zuschauen muß, 
wie ein Anderer sie nimmt, gibt er den drängenden Straftendenzen nach, 
wovon das Unbewußte eine Milderung der Schuldgefühle durch Leiden er- 
hofft. Aber auch einen Rachecharakter enthält diese symbolische Handlung: 
Wenn er schon unter dem Drängen der Schuldgefühle seine Frau abgeben 
muß, so soll sie wenigstens nicht der Schwiegervater haben, dem sie in 
seinen Träumen zugehört, sondern ein Anderer, Fremder. Und endlich werden 
wir in dieser Tat noch die Darstellung einer verpönten und darum ver- 
drängten infantilen Wunschvorstellung vermuten müssen: Der Zuschauer 
identifiziert sich mit dem jungen Menschen, der mit einer Frau verkehrt, die 
schon nach dem Altersunterschied seine Mutter hätte sein können. — Diese 
Neigung des Zuschauers, sich mit den Akteuren einer Handlung zu identi- 
fizieren, kennen wir alle als allgemein menschliche Erscheinung, sie ist die 
wesentlichste Grundlage der Bedeutung von Schaustellungen für die Abfuhr 
von Triebspannungen, was schon die Antike verstand. 

So konnte der Angeklagte in masochistischer Form den infantilen verpön- 
ten Wunsch, mit der Mutter zu verkehren und sie beim Geschlechtsakt zu 
beobachten, wenigstens symbolisch realisieren. Fügen wir noch hinzu, daß 
bei der Identifizierung mit dem Jungen sein reales Ich mit dem Vater bezw. 
Schwiegervater phantastisch identifiziert wird, den der Sohn mit der Mutter 
betrügt, so werden wir die Bedeutung dieser Handlung für das Unbewußte 
erschöpfend verstehen. 

Wir sehen also, daß dieser sado-masochistische Akt nach Art eines neu- 
rotischen Symptoms allen Triebspannungen eine Abfuhr zu verschaffen, 
Schuldgefühle durch Selbstbestrafung zu mildern und sadistischen und ver- 
botenen Regungen zur Realisierung zu verhelfen strebt. Selbstredend mißlingt 
auch dieser Versuch einer Beseitigung der Triebspannung, muß schon deshalb 
mißlingen, weil die vom Unbewußten verstandene sadistische und verpönte 
Bedeutung der Handlung neue Schuldgefühle wachrufen muß. Nicht einmal 
der Frau gegenüber wird er freier von Schuld. Ihr behagt diese Lösung 

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nicht allzusehr, es kommt zu neuen Szenen und sie verläßt ihn und fährt 
zum Schwiegervater. Er bleibt mit seinen Spannungen, Konflikten und Schuld- 
gefühlen allein. Und nun entdeckt er die Tochter, das Kind, als Sexualobjekt. 
Auch diese Tat entsteht unter dem Druck von Schuldgefühlen und auf der 
Flucht vor ihnen. Sie ist ein regressiver Versuch zur Lösung seiner Sexual- 
konflikte in erlaubter Form — so paradox dies zunächst klingen mag. Sein 
seelischer Konflikt ist ja ein Konflikt mit dem Vater und Schwiegervater, die 
seiner Ehe und seiner sexuellen Befriedigung im Wege sind. Und seine erste 
und fast einzige Jugenderinnerung ist, daß er mit seiner jüngeren Schwester, 
einem Kinde, Vater und Mutter spielte und sie dabei am Geschlecht berührte. 
Der Vater, der vorbei kam, „tat so als ob er nichts sehe". — Ob diese Er- 
innerung objektiv richtig oder eine Selbsttäuschung ist, tut nichts zur Sache. 
Genug, er erinnert sich, daß dieser strenge, jähzornige und gewalttätige Vater 
den Verkehr mit dem Kinde erlaubte, während er den Sohn für den Versuch, 
der Mutter einmal beizustehen, halbtot schlug, mit einem Messer bedrohte 
und die Treppe herunter warf. Und so bedeutet die sexuelle Beziehung zum 
Kinde den Rückzug seiner Sexualität aus einer vom Vater bedrohten konflikt- 
vollen Situation in eine frühinfantile Lustposition, die vom Vater gebilligt 
wurde. 

Verstehen wir nun die Triebsituation, die den Angeklagten zum Inzest 
getrieben hat, so verstehen wir aber noch nicht, warum der Inzest der einzige 
Ausweg für ihn war, warum er nicht ein anderes, fremdes Sexualobjekt 
wählte, das nicht den Inzestcharakter für ihn hatte, nicht vom Vater ihm 
verboten erschien, wie seine Frau. Nun, einmal war auch der Ehebruch etwas 
Unerlaubtes, vom Gewissen verbotenes, Angst einflößendes, das die Schuld- 
gefühle gegenüber der eifersüchtigen Frau steigern und als Konfliktsituation 
— quasi ein locus minoris resistentiae — alle anderen aus den unbewußten 
Quellen stammenden Schuldgefühle auf sich zu vereinigen gedroht hätte. Und 
außerdem ist seine Sexualität offenbar inzestuös gebunden, eine exogame, 
vom Inzestcharakter freie Wahl des sexuellen Partners ihm niemals geglückt. 
Schon in der Pubertät als I2jähriger Knabe flieht er angstvoll vor einem 
fremden Mädchen, das ihn verführen will, während konfliktlos nur das 
sexuelle Spiel mit der kleinen Schwester war. So wählen die Triebe unter 
dem Druck des Wiederholungszwanges erneut den Inzest, regredierend auf 
eine Lustposition, in der er erlaubt schien. 

Den Abbau der natürlichen Hemmungen des Ichs des Erwachsenen be- 
sorgt die Verführungssituation des Milieus, die hier als Determinante der 
Ich-Psychologie voll zu ihrem Rechte kommt, besorgen die Schicksalsschläge, 
die diesen abgearbeiteten, verbrauchten, verschüchterten Menschen verfolgen. 

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Die von den Trieben als Kastration gewerteten Mißgeschicke, der Verlust 
des Auges, eines vom Unbewußten als hervorragendes Sexualorgan gewerteten 
Körperteiles — dient es doch der Befriedigung sexueller Schaulust — , der 
Verlust von Haus und Hof, die angstvollen Träume tun das Ihre zum Abbau 
der Hemmungen, sie rufen die Sehnsucht wach nach einer glücklicheren 
konfliktlosen Zeit, wie es die Kindheit war, nach Lustpositionen, die frei 
waren von Gewissensangst, Kampf und Konflikten. Auch konstitutionelle Fak- 
toren, die aber qualitativ nicht erfaßbar und quantitativ nicht darstellbar sind, 
mögen eine Rolle spielen. 

So bleibt nur noch die Frage offen, warum dieser verängstigte, verschüch- 
terte, sonst so angstbereite Mensch den Mißbrauch des Kindes nicht aus Angst 
vor der schweren Strafe des Gesetzes, die ihm drohte, unterließ. Wir wissen 
aus der Psychologie der Neurosen und der neurotischen Charaktere, um 
wieviel stärker die Gewissensangst, dieses unheimliche, unwesenhafte, nicht 
zu fassende Angstgefühl ist als jede Realangst, daß die Angst vor den Folgen 
einer Tat kaum jemals imstande ist, eine von neurotischer Angst diktierte 
Aktion zu hemmen. Man kann eher sagen, daß beim neurotischen Kriminellen 
die Realangst, die Aussicht auf Strafe, anziehend wirkt auf die Auslösung 
krimineller Handlungen. Der von Freud zuerst beschriebene Mechanismus des 
„Verbrechers aus Schuldbewußtsein", der bestraft sein will und darum eine 
kriminelle Tat begeht oder sich verrät, scheint allgemein bei fast allen neu- 
rotischen Kriminellen mit wirksam zu sein. Er bedeutet jedenfalls in unserem 
Falle die Umwandlung der Gewissensangst — unbestimmter Angst vor Strafe 
wegen eines dem Bewußtsein unbekannten Deliktes — in Realangst, das 
unbewußte Schuldgefühl wird in einer realen Tat untergebracht, gegenüber 
deren Folgen das Ich nicht mehr ganz so ohnmächtig ist, und die doch die 
Befriedigung des Strafbedürfnisses zulassen. So bedeutet die Wahl eines 
kriminellen Auswegs aus seiner Konfliktssituation für den Angeklagten 
eine enorme seelische Erleichterung, eine Verringerung der seelischen Span- 
nung, die Umwandlung unmeßbarer, unbezwingbarer, weil unbewußter 
Straferwartung in eine sichtbare, abschätzbare, vielleicht bezwingbare 
reale Gefahr. 

Diese Rückbildung von Gewissensangst in Realangst, aus der sie ja ein- 
mal entstanden war, ist so gleichsam als ein Gesundungsprozeß aufzufassen, 
als ein Versuch der Triebe zur Angstverarbeitung und ihrer Bewältigung. 
Von der endlichen realen Strafe erwartet das Unbewußte, das nach einem 
primitiven Talionsprinzip reagiert, eine völlige Aufhebung der Spannung, 
eine Kompensation der Gewissensangst durch die Strafe, und hat dabei noch 
den ökonomischen Gewinn, daß die reale Strafe für das reale Delikt, in 

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dem die sämtlichen Schuldgefühle untergebracht sind, jedenfalls milder aus- 
fällt als die sonst vom Unbewußten erwartete Strafe der Talion. 

Die juristischen Konsequenzen? 

Die Frage, ob der Angeklagte für seine Tat juristisch verantwortlich ist, 
läßt sich nicht exakt beantworten. Tiefenpsychologie und die psychologischen 
Formulierungen des jetzt noch geltenden Gesetzes sind allzu inkommensurabel, 
als daß man sie auf eine einheitliche Formel bringen könnte. Als Jurist 
möchte ich die Anwendbarkeit des § 51 eher verneinen. 

Der Angeklagte gehört aus Gründen der Generalprävention und wegen 
der Gemeinschädlichkeit seines Handelns in eine Internierung, wenn 
auch die Gefahr einer Wiederholung aus äußeren Gründen nicht sehr 
groß ist. Im übrigen braucht er eine Behandlung. Die staatlichen Ein- 
richtungen für eine solche zweckmäßige Reaktionsweise sind heute noch 
nicht vorhanden. 

II) Ein Inzestverdadit 

Die elfjährige Erna L., ein Kind des Berliner Ostens und über ihre Jahre 
körperlich entwickelt, bekam ein Kind. Nach der Entbindung gestand sie 
dem Arzt und ihrer Mutter — die vorher von der Schwangerschaft nichts 
gemerkt haben will — unter Tränen, ihr eigener Vater sei der Erzeuger. 
Eines Nachmittags, als die Mutter auf Arbeit war, sei der Vater nach Hause 
gekommen, habe sie aufs Bett geworfen, ihre Arme festgehalten, ihre Beine 
geöffnet und sie zum Geschlechtsverkehr gezwungen. Aus Angst vor den 
Drohungen des Vaters und aus Scham habe sie bisher der Mutter nichts 
erzählt. Mit anderen Männern habe sie bisher nie etwas zu tun gehabt. Vor 
dem Staatsanwalt, Untersuchungsrichter und Gericht bleibt sie bei ihrer Aus- 
sage, die sie jedesmal unter Tränen, aber mit großer Bestimmtheit fast 
wörtlich wiederholt. So wird ihr Vater zu schwerer Zuchthausstrafe verurteilt. 
Sein standhaftes Leugnen, seine Behauptung, die Geschichte sei von Anfang 
bis zu Ende erfunden, er habe seine Tochter — übrigens das einzige Kind 
seiner Ehe — nie berührt, helfen ihm nichts. Denn er ist dutzende Male 
wegen verschiedenster kleiner Eigentums- und sonstiger Delikte vorbestraft, 
arbeitet nur gelegentlich — er ist Schuhmacher seines Zeichens — erhält auch 
von seiner Frau ein schlechtes Zeugnis. Diese, eine strenge, harte, arbeitsame 
Wäscherin bezichtigt ihren Mann eines liederlichen Lebenswandels. Er habe 
sich gern mit anderen Frauen herumgetrieben, getrunken, nur gelegentlich 
gearbeitet, so daß sie ihm die Tat durchaus zutraue. Dies gab wohl den Aus- 
schlag. Man fand keine Ursache, der Aussage des Kindes zu mißtrauen, alle 

P»A. Bewegung IV — 49 — 



Beteiligten hielten den Angeklagten der Tat für fähig, Berufung und Revision 
konnten ihm nichts helfen, er mußte eine mehrjährige Zuchthausstrafe ver- 
büßen. Die Ehe wurde auf Antrag der Frau wegen des Inzestes geschieden. 
Das Neugeborene kam in Pflege, die Tochter in Fürsorgeerziehung, die Mutter 
bekam Arbeit vom Wohlfahrtsamt. So war alles in bester Ordnung. Nur der 
Angeklagte wollte nicht aufhören, seine Unschuld zu beteuern, für seine 
Rehabilitierung zu kämpfen. Er sah fortan seine Lebensaufgabe darin, den. 
wahren Erzeuger zu entdecken und seine Unschuld darzutun. Gefällige Nach- 
barinnen kamen ihm zu Hilfe, der Klatsch hatte sich des Falles bemächtigt. 
Er erhielt Briefe ins Zuchthaus, worin Nachbarinnen ihm schrieben, sie hätten 
gesehen und gehört, wie die Mutter die Tochter auf die Straße geschickt,. 
wie das Mädchen sich im Hofe und auf der Straße mit Jungens herumge- 
trieben habe, sie seien bereit, ihm in seinem Kampfe ums Recht zu helfen. 
Er betreibt das Wiederaufnahmeverfahren, setzt seine Bemühungen, den 
Erzeuger zu finden, nach Verbüßung seiner Strafe mit verdoppelter 
Energie fort und erreicht schließlich, daß die Wiederaufnahme angeordnet 
wird. 

Der Analytiker wird aufgefordert, sich gutachtlich darüber zu äußern, ob 
das Mädchen die Wahrheit gesagt oder gelogen habe. Es bot sich vor der 
Hauptverhandlung nur einmal Gelegenheit, mit dem Kinde zu sprechen. Sie 
blieb bei ihrer Aussage, erzählte mit niedergeschlagenen Augen und unter 
Tränen, wiederholt fast wörtlich dasselbe, was in den Akten stand. Über 
sonstige sexuelle Erlebnisse befragt, gestand sie, sie habe nach der Entbindung 
einmal — nur ein Mal — mit einem Jungen Verkehr gehabt. Der Vater 
hatte dies inzwischen selbst schon ermittelt. Die Pflegerin des Instituts, in dem 
Erna untergebracht ist — sie war zuerst in einem katholischen Heim, wurde 
aber später auf ihren Antrag in ein konfessionsloses überführt — teilt mit, 
daß das Mädchen willig und fleißig sei, sich — äußerlich wenigstens — gut 
anpasse. Aber sie mache einen unaufrichtigen Eindruck. Man habe das Ge- 
fühl, daß sie sich „anschmiere", allzu willig, allzu brav und fleißig erscheinen 
wolle, dies aber nicht ihre wahre, echte Einstellung sei. 

Zur Hauptverhandlung waren vom Angeklagten, der Verteidigung und 
der Staatsanwaltschaft eine Unzahl von Zeugen aufgerufen, fast das ganze 
Stadtviertel war auf den Beinen. Dutzende von Burschen, unter denen der 
Angeklagte den Erzeuger vermutete, sollten unter den Eid gepreßt, alle 
Frauen und Freundinnen, die etwas gesehen oder gehört haben wollen, 
sollten über die Schlechtigkeit und Unglaubwürdigkeit des Mädchens und 
der Mutter aussagen, alle Stellen, bei denen die Mutter gearbeitet hatte, und 
das Wohlfahrtsamt sollten dem Staatsanwalt bestätigen, daß beide ordentliche 

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Menschen seien. Mit bemerkenswerter Geduld und Objektivität ließ das Ge- 
richt, tagelang immer neue von der Verteidigung zitierte Jungen aufmarschieren, 
der Staatsanwalt, ein moderner, warmer Beschützer verwahrloster Jugend, 
blieb zwar von der Schuld des Angeklagten überzeugt, gab sich aber die 
erdenklichste Mühe, dem Kinde zu Herzen zu reden, damit es die Wahrheit 
sage. Sie blieb bei ihrer Aussage, die sie mit den gleichen Gesten, fast den- 
selben Worten wie früher wiederholte. Ein anderer Kindesvater wurde nicht 
ermittelt, die hilfsbereite Briefschreiberin erwies sich als eine alte, senile 
geistig wohl nicht mehr recht zurechnungsfähige Klatschbase. Ihre Tochter, 
eine junge, frische „Nutte" des Berliner Ostens, bezeugte, Erna habe ihr 
gegenüber erklärt, ihr Vater sei es nicht gewesen, was diese heftig bestritt. 
Der Angeklagte, der freimütig gestand, daß er in seinem Leben kein Engel 
gewesen sei, beteuerte hartnäckig, daß er diese Tat nicht begangen habe 
und nicht ruhen werde, bis er den wirklichen Erzeuger gefunden habe. Die 
Mutter, der alle Arbeitgeber bestätigten, daß sie eine korrekte, arbeitsame 
Frau sei, die auch ihre Tochter ordentlich zu erziehen versuche, soweit es 
ihre Zeit erlaube, schien durch die Standhaftigkeit des Mannes ein wenig 
wankend geworden zu sein und beschränkte sich auf die Aussage, sie wisse 
nur das, was die Tochter ihr gesagt habe, ob es wahr sei, könne sie nicht 
entscheiden. Erna erwies sich als nicht so aufrichtig und wahrheitsliebend wie 
sie sich gern ausgab. Es kam heraus, daß sie sich oft mit Jungens abgegeben 
habe, öfter als das eine Mal, das sie eingestand, nachdem es bekannt ge- 
worden war. Auch in der Hauptverhandlung gab sie jeden dieser Vorfälle 
erst zu, nachdem er herausgekommen war, blieb aber dabei, in der Haupt- 
frage habe sie die Wahrheit gesagt. Übrigens lagen die Fälle sämtlich zeidich 
nach der Geburt des Kindes, über sexuelle Erlebnisse aus früherer Zeit 
konnte nichts ermittelt werden. 

Der Analytiker wies zunächst darauf hin, daß die Frage, ob der Ange- 
klagte der Täter sei oder nicht, ob das Kind die Wahrheit gesprochen oder 
gelogen habe, mit psychologischen Mitteln nicht exakt feststellbar sei. Ein 
objektiver Tatbestand könne nur mit objektiven Beweismitteln zweifelsfrei 
aufgeklärt werden. Die Psychologie könne zwar bei aufgeklärtem, objektivem 
Befund die subjektiven Gründe einer Tat eindeutig erfassen, zur Aufklärung 
eines objektiven Sachverhaltes aber im allgemeinen nur durch eine psycho- 
logische Wahrscheinlichkeitsrechnung beitragen. Dies um so mehr, als wir 
aus tiefenpsychologischer Erfahrung wissen, daß ein objektiver Vorfall und 
die bloße Phantasie eines Geschehens von den Trieben affektiv gleich oder 
ähnlich gewertet werden. Eine Lösung des Rätsels also könne man vom 
Analytiker hier nicht erwarten, wohl aber die Deutung mancher Indizien, die 

- 51 - 



eine begründetere, verläßlichere Entscheidung ermöglichten, als die bloße 
Intuition. 

Zunächst müsse man sich von affektiven Störungen der Urteilsfunktion 
freimachen, die bei einem Fall wie dem vorliegenden äußerst naheliegen. 
An sich schon glaubt jeder lieber das „Schlechte" vom Menschen als an 
seine Unschuld. Dies gilt in verstärktem Maße für den Vater-Tochter-Inzest. 
Wir wissen aus endloser klinischer Erfahrung, daß solche Inzestwünsche in 
jedem Menschen vorhanden sind, verdrängt werden, und in verstärkter Zärt- 
lichkeit des Vaters zur Tochter ihre Spuren in erlaubter Form hinterlassen. 
Und da man lieber den Splitter im Auge des Anderen als den Balken im 
eigenen Auge sieht, traut man einem Angeklagten eine solche Tat gern zu, 
solange er sich nicht reinwaschen kann. Die Gelegenheit zur Äußerung 
heftigen Abscheues und das Schauspiel der Bestrafung des Frevels erleichtern 
und sichern die eigenen Verdrängungen. Auch daß ein Täter nicht gefunden 
wird, daß jemand, der verurteilt war und die Strafe verbüßt hat, unschuldig 
sein soll, ist unbefriedigend, ja beängstigend. Der Autorität der Justizmaschine 
abträglich, stört ein solches „unhappy end" das Gleichgewicht des Gerechtigkeits- 
gefühles, das Selbstgefühl des Juristen und bedroht auch die Verdrängungen. 
Darum ist man leicht geneigt, lieber an- die Schuld des nun einmal schon 
vorhandenen Angeklagten zu glauben als gar keinen Täter zu haben oder 
einzugestehen, daß „justitia" sich geirrt hat. Solche affektive Strömungen 
sind menschlich begreiflich, den Beteiligten meist nicht bewußt, der Urteils- 
bildung aber natürlich abträglich. 

Sehen wir nun zu, welche Indizien der Tatbestand uns liefert, und was 
unsere tiefenpsychologische Erfahrung zu ihrer Deutung beitragen kann: 

Auffallend ist, daß der Angeklagte so hartnäckig um Recht kämpft, auch 
nachdem er die Strafe schon verbüßt hat. Er ist durch seine Vorstrafen doch 
genügend abgehärtet gegen das Bestraftsein, hat sich sonst auch immer 
gefügt. Die Aussichten auf eine materielle Entschädigung für unschuldig er- 
littene Haft sind gering, was jeder weiß, der im Gefängnis einigermaßen 
zuhause ist. Nur bei erwiesener Unschuld wird sie gewährt. Also müßte 
er, wenn das das Motiv wäre, entweder unschuldig sein oder jemanden 
finden, der die Schuld auf sich nimmt. Das hat er aber garnicht versucht. 
Es bleibt so nicht recht erklärlich, woher der Angeklagte diese Zähigkeit, 
diese aufrechte Ruhe zu seinem Kampf um die Rehabilitierung nimmt. 

Gegen den Angeklagten sprechen wiederum sein reichlicher Verbrauch an 
Frauen, die Ungehemmtheit, mit der er unter den Augen von Frau und 
Tochter außereheliche Beziehungen unterhielt, seine Neigung zum Alkohol, 
seine vielen Vorstrafen, seine Unstetigkeit in der Arbeit, womöglich auch 

— 52 — 



1 



noch die Statistik — ein Sachkundiger erzählte mir, daß nach statistischen 
Feststellungen die überwiegende Mehrzahl der Vater-Tochter-Inzeste von 
Schuhmachern begangen würden! 

Die Tochter aber erweist sich als unaufrichtig, immer bestrebt, in möglichst 
eutem Lichte zu erscheinen. Besonders hinsichtlich ihrer sexuellen Erlebnisse 
gibt sie immer nur das zu, was ihr unwiderleglich bewiesen ist, nicht einen 
Punkt mehr, als herausgekommen ist und nicht eine Minute vor der Ent- 
deckung. Das beweist natürlich nicht, daß sie in dem Hauptpunkte auch 
die Unwahrheit sagt. Denn kein Mensch lügt immer oder sagt immer die 
Wahrheit. 

Immerhin würde sich aber die Wage ein wenig zugunsten des Angeklagten 
neigen, dem sonst keinerlei Vorliebe etwa für jugendliche Frauen nachgesagt 
wird, wenn man nur verstehen würde, aus welchen Motiven ein Kind seinen 
Vater in so schwerer Weise falsch anschuldigen, ihn ins Zuchthaus bringen, 
die Ehe der Eltern trennen und hartnäckig und ungerührt dem Vater ins 
Gesicht vor Gericht die Anschuldigung trotz aller Vorhaltungen durch Richter 
und Staatsanwalt wiederholen sollte. Nun, das und gerade das läßt sich mit 
tiefenpsychologischer Kenntnis menschlicher Triebreaktionen recht gut auf- 
klären. Unterstellen wir einmal, das Kind habe gelogen und prüfen wir, 
welche Motive sie zu der Lüge veranlaßt haben könnten: 

Daß die Tochter, die vor der Strenge der Mutter Angst hatte und ihre 
Schwangerschaft bis zum letzten Augenblick geheim hielt, eine Ausrede 
wählen würde, die sie möglichst schuldlos erscheinen läßt, liegt auf der 
Hand. Auch sonst und später stand sie hinsichtlich ihrer sexuellen Erlebnisse 
in keinem Vertrauensverhältnis zur Mutter, verschwieg ihre Erfahrungen, gab 
sich, solange als möglich, als rein und unberührt aus, Die Behauptung, sie 
sei gegen ihren Willen und mit Gewalt genommen worden, konnte sie am 
besten exkulpieren. 

Auch mit der Verdächtigung des Vaters durfte sie annehmen, bei der 
Mutter ein gläubiges Ohr zu finden. Er war ja auch sonst in sexuellen Dingen 
hemmungslos, hatte der Mutter viel Kränkung und Ärger damit verursacht 
und das Kind war häufig Zeuge ehelicher Zerwürfnisse hierüber. So durfte 
sie glauben, die Mutter werde gerade dem Vater, der ihr dauernden Kummer 
durch sexuelle Ausschweifungen bereitet habe, auch diese Tat gern und am 
ehesten zutrauen. Ihre Furcht vor der Mutter war groß, die Achtung vor 
dem Vater gering. Er hatte ja durch seine ganze Lebensführung dem Kinde 
keine Gelegenheit gegeben, in ihm ein anerkennenswertes Vorbild, das ge- 
achtete Haupt der Familie, zu sehen, von der Mutter hatte sie oft genug 
als Zeugin ehelichen Streites hören müssen, wie wenig Achtung er verdiene 

— 53 — 



welch schlechten Lebenswandel er führe. Daß das Kind sich affektiv auf die 
Seite der Mutter stellt, die sie im Rechte glaubt, die auch als Ernährerin die 
größere Macht hat, ist eine natürliche Reaktion. Das Mädchen, das ohnehin 
die natürliche Neigung hat, sich mit der Mutter zu identifizieren, besonders 
in der affektiven Haltung gegenüber dem Vater sie zu kopieren, hat es so 
allzu leicht, die negative Kritik der Mutter gegenüber dem Vater zu ihrer 
eigenen zu machen. Besonders verschärft wird eine solche Konfliktsituation 
des Kindes gegenüber sexuellen Verfehlungen des andersgeschlechtlichen 
Elternteiles. Die Ungeniertheit, mit der der Vater eine andere Frau ins Haus 
gebracht und mit ihr verkehrt hatte, muß wie von der Mutter, so auch von 
der Tochter als eine besondere persönliche Kränkung empfunden werden. 
Wir wissen aus jahrzehntelanger klinischer Erfahrung, welche Bedeutung der 
andersgeschlechtliche Elternteil für die infantile Sexualentwicklung besitzt, wie 
die kindliche Phantasie sich mit der Sexualität der Eltern beschäftigt, und wie 
stark die Triebe des Sohnes an die Mutter, der Tochter an den Vater sich 
fixieren. Diese infantilen Triebbesetzungen sind zum Untergange bestimmt. 
Die inzesthaften Wünsche werden unter dem Drucke der Realitätsanforderungen 
und aus Schuldgefühl verdrängt, mit ihnen verfällt die ganze infantile Sexualität 
der Verdrängung. Das Kind lernt, daß es auf seine „ödipuswünsche" ver- 
zichten muß, daß die Tochter sich nicht an die Stelle der Mutter in der 
Liebe zum Vater setzen kann, der Mutter den ersten Rang überlassen muß. 
Die natürliche Liebe des Kindes zu den Eltern lindert die Schmerzlichkeit 
des Verzichtes. Eine gewisse recompense findet das Kind dann in dem zweiten 
typischen Vorgang kindlicher Seelenentwicklung. Die Tochter identifiziert 
sich mit der Mutter, macht sich auch deren affektive Bindung an den Vater 
zu eigen und rettet sich so auf dem Umweg über die Mutter eine gewisse 
phantastische Befriedigung verdrängter infantiler Wünsche. Diese Freiheit 
gewähren die kindlichen Triebe dem Vater aber nur gegenüber der Mutter. 
Wird sie notgedrungen als siegreiche Konkurrentin hingenommen, so gilt 
das Gleiche keineufalls von einer fremden Frau. Die Beziehung des Vaters 
zu einer anderen Frau wird im Gegenteil auf das Schärfste verurteilt und 
als persönliche Kränkung empfunden. Hier fallen ja für das Kind die 
moralischen Anforderungen fort, die zur Verdrängung der Eifersucht gegen- 
über der Mutter geführt haben, die verdrängten Triebbesetzungen fangen 
wieder an sich zu regen, und das Kind empfindet den Fehltritt des Vaters 
als bittere persönliche Kränkung. Wenn schon eine andere Frau als die 
Mutter — dann glaubt die Tochter das erste Anrecht zu haben. Die Identi- 
fizierung mit der Mutter verstärkt diese gekränkte Eifersucht und läßt die 
Liebe leicht in tiefen Haß umschlagen. Auch die Verdrängung der ödipus- 

— 54 — 



Phantasien muß sich lockern, wenn das Kind sieht, daß der Vater doch 
nicht der Mutter verbleibt, zu deren Gunsten man verzichtet hat, und daß 
die Mutter den Vater garnicht wünscht, sondern haßt und beschimpft. Diese 
mißglückte Verdrängung der ödipusphantasien wird uns übrigens verstehen 
lassen, warum das Kind der Mutter und Pflegepersonen gegenüber ver- 
schlossen und unaufrichtig sich benimmt. Sie hat ja wirklich etwas zu ver- 
bergen, nämlich die mangelhaft verdrängten, verpönten ödipuswünsche. 

So scheint es uns in tiefenpsychologischer Kenntnis des menschlichen Trieb- 
lebens verständlich, wenn die gelockerten Verdrängungen bei günstiger 
Gelegenheit nachgeben und die verdrängten Regungen zusammen mit dem 
aufgespeicherten Haß in einem großartigen Racheakt explodieren. Die Be- 
schuldigung, der Vater habe sie vergewaltigt, entspricht ja den verdrängten 
Wunschphantasien, gleichzeitig gelingt ihr die Realisierung des verdrängten 
infantilen Verlangens, die Eltern von einander zu trennen. Sie hat ihre Rache 
am Vater, und für all das braucht sie keine Schuldgefühle zu haben, denn 
der Vater hat durch sein Verhalten dieses Schicksal verdient, die Mutter 
glaubt sie einverstanden, sie ist diesen schlechten Mann los und durch seine 
Bestrafung gleichfalls gerächt. Der dahinter steckende, gegen die Mutter ge- 
richtete Sadismus ist als sekundärer Lustgewinn zu verzeichnen. 

Natürlich spielt sich das alles hinter der Schwelle des Bewußtseins, im 
Unbewußten ab. Bewußt wird bei dem Versuch, dem Vater die Tat in die 
Schuhe zu sdiieben, im wesentlichen nur das Gefühl, daß die Mutter das 
am ehesten und am liebsten glauben werde, daß der Vater kein besseres 
Schicksal verdiene, und daß sie selbst auf diese Weise rein und schuldlos 
dastehe. Übrigens ist, wie so oft bei triebhaftem Handeln, auch hier ein 
gewisses subjektives Recht auf der Seite des Kindes. Der Vater ist wirklich 
in erheblichem Maße an den sexuellen Verfehlungen des Kindes und an 
seiner Bezichtigung schuld. Durch sein Verhalten hat er der Tochter kein 
Beispiel sexueller Zurückhaltung gegeben, hat sie zur Nachahmung verführt. 
Er hat ihr dadurch auch die Verdrängung ihrer ödipuswünsche erschwert 
und muß es sich nun gefallen lassen, daß die durch sein Verhalten hervor- 
gerufene Lockerung der Verdrängungen und die dadurch entstehende Trieb- 
spannung sich nach den allgemeinen Gesetzen der Triebreaktionen in der 
Projektion auf ihn entladen. 

Wie sehr übrigens die sexuellen Erlebnisse des Kindes an die ödipus- 
phantasien gebunden sind, beweist ein weiterer Vorgang, der wie eine 
zwangsmäßige Wiederholung dieser Bezichtigung des Vaters anmutet und 
daher vielleicht entscheidende Rückschlüsse auf die Richtigkeit der von uns 
entworfenen Hypothese erlaubt. 

— 55 — 



Auf der Suche nach einem anderen Erzeuger des Kindes verfällt die Ver- 
teidigung auch auf einen Jugendpfleger, der die Familie im Auftrage 
des Wohlfahrtsamtes betreut hatte und daher im Hause ein und aus- 
gegangen war. Erna hatte von der Mutter die Erlaubnis, zu Sylvester 
auszugehen und die ganze Nacht wegzubleiben, mit der Behauptung erwirkt, 
dieser Jugendpfleger habe sie zusammen mit einigen seiner Kameraden und 
Kolleginnen zu einer Feier eingeladen. Im Hause und vor Freundinnen 
rühmte sie sich dann, der Pfleger habe sie in Nachtlokale mitgenommen, 
wo Nackttänze gezeigt wurden, er hatte ihr auch eine Banane geschenkt. In 
Wirklichkeit erwies sich diese Geschichte als von Anfang bis zu Ende er- 
funden. Sie hatte sie als Ausrede benutzt, um unentdeckt mit einer Horde 
von Jungens bummeln zu können. Diese — von den Prozeßbeteiligten 
übrigens kaum beachtete — Episode erscheint uns wie eine symbolische 
Wiederholung der falschen Bezichtigung des Vaters. 

Der Jugendpfleger, der nach der Beseitigung des Vaters Vaterstelle bei 
ihr vertrat, wird bezichtigt, ihr in sexueller Beziehung ein schlechtes Beispiel 
gegeben zu haben, indem er ihr Nackttänze zeigte, wird auch „durch die 
Blume" bezichtigt, sich an ihr vergangen zu haben — die symbolische Be- 
deutung der Banane, die er ihr geschenkt haben soll, bedarf keiner weiteren 
Erklärung. Und das alles wird erfunden, aus der Luft gegriffen zur Be- 
mäntelung eigener sexueller Exkurse mit fremden Jungens. 

Der Analytiker faßte sein Gutachten dahin zusammen, daß der ganze Sach- 
verhalt, das Verhalten des Angeklagten wie besonders das der Tochter 
hinsichtlich der bewußten und unbewußten Motive verständlich und klar 
erscheine, wenn das Mädchen gelogen habe. Wenn man aber unter- 
stelle, sie habe die Wahrheit gesagt, bliebe das Verhalten der Beteiligten 
dunkel und vielfach unverständlich. Es spreche nach allem ein hoher 
Grad von Wahrscheinlichkeit für die Annahme, die Bezichtigung des 
Vaters sei falsch. 

Das Gericht schloß sich im Wesentlichen den Ausführungen des Sach- 
verständigen an und sprach den Angeklagten frei, nicht ohne ihm vorzu- 
halten, zu 90 Prozent bleibe er verdächtig, es fehlten nur 10 Prozent an 
der Überzeugung des Gerichtes von seiner Schuld. 



Franz Werf el als Erzieher — der Väter 

Von 

Eduard Hitsdunann 

In dem zunehmenden Unbehagen in einer gefahrumdrohten Kultur ist 
die Bekanntschaft mit einem neuen und vollendeten Werk der Kunst 
Genuß und Trost und Hoffnung zugleich. 

Die Befriedigung ist umso größer, wenn — wie mit seinem letzten 
Roman „Die Geschwister von Neapel" — der Dichter mit seinem 
Werk über sich selbst hinaus wächst. 1 

Werfe 1 hat selbst erzählt 2 , daß das Werden dieses Buches ein an- 
deres war, als er es bisher in sich beobachtet hat. „Während ich bei 
anderen meiner Werke oft verstandesmäßig vorausgesehen habe, wo- 
hin sich der Keim, der im Geiste zu knospen begann, entwickeln kann, 
so war es für mich überraschend, daß diese Entwicklung bei den , Ge- 
schwistern von Neapel' anderen Gesetzen zu unterliegen schien, als 
sonst. Ich müßte fast sagen, alle Worte, wie etwa Intuition, wären 
nicht richtig, weil all das Geschehen in diesem Roman mit einem 
Schlag außerhalb meiner Person real dastand, so voll eigenen Lebens, 
daß ich gar keine andere Pflicht hatte, denn als teilnehmender Mensch 
diesem Geschehen aufzeichnend zu folgen . . . Von einem gewissen 
Augenblick an gewannen die Figuren ein diktatorisches Eigenleben und 
wählten ihren Weg, so daß ich in die glückliche Lage kam, sie gleich- 
sam nur beobachten zu müssen . . . Ganz anders stand es bei meinem 
Roman ,Barbara', wo ich sozusagen erinnertes Leben unbeweglich vor 
mir hatte, während ich bei den .Geschwistern von Neapel' fast das 
okkulte Gefühl hatte, ein Leben, das irgendeinmal irgendwo in der 
Welt bestand, durch eine merkwürdige Übertragung innerlich einge- 
flüstert zu erhalten, ohne im geringsten eigene Erlebnisse damit zu 
verflechten." 

Eindringlicher kann ein Dichter das Empfangen aus seinem Unbe- 
wußten gar nicht schildern; daneben interessiert die Befriedigung, mit 
der sein Narzißmus feststellt, daß er nicht etwa eigene äußere Er- 
lebnisse abgemalt habe. 

Es sei aber gleich an dieser Stelle konstatiert, daß der Inhalt des 



1) Paul Zsolnay Verlag. Wien, Berlin 1931 

2) Gespräch mit Franz Werfel über „Die Geschwister von Neapel", Wr. Sonn- 
und Montags-Zeitung, 3. Nov. 1931. 

— 57 — 



Romanes das von Werfel oft behandelte Thema vom harten über- 
strengen Vater in neuer Variation abhandelt, also auch ohne Annahme 
okkulter Kräfte ein Auslangen gefunden werden kann. 

Wenn aber ein Dichtwerk so ganz vom Unbewußten eingegeben, 
wie automatisch niedergeschrieben wird, so kann man mehr als sonst 
darauf gefaßt sein, daß die geschilderten Personen eine innere Maschi- 
nerie aufweisen werden, die den echten menschlichen Triebkräften ent- 
spricht. Die seelische Dynamik muß auch der entsprechen, die wir 
Psychoanalytiker in unserem geduldigen Brüten über dem seelischen 
Triebwerk unserer gesunden oder kranken Analysanden durchschauen 
gelernt haben. 

Eine solche typische Figur ist nun der Vater Domenico Pascarella, 
die Hauptperson des Romanes; ein Meisterwerk feinster psychologi- 
scher Charakterisierung. Der polternde Vater ist eine häufige Figur in 
Drama und Roman; aber mit welcher Lebendigkeit und Wahrheit bis 
ins letzte Detail tritt uns dieser grausam strenge Vater hier vor Augen 
neben seinen sechs erwachsenen Kindern! Der Inhalt des Buches ist 
„die Tragik, die in der Furcht und Liebe liegt, die diese sieben Men- 
schen aneinanderbindet." Dieser Vater ist ein eitler, selbstsicherer Auto- 
krat in seinem Hause, dem die Mutter längst weggestorben ist. -Un- 
zärtlich, hart, jähzornig und geizig, ist der meist düster-schweigsame 
Mann geradezu ein Gefängniswärter über seine Kinder, denn seine 
Pedanterie und Sittenstrenge verbieten fast jeden Ausgang, seine leicht 
paranoische Einstellung gegen die Umwelt isoliert die ganze Familie. 1 
Alle Initiative des Lebens ist ihm vorbehalten, alles Moderne, alles 
Künstlerische oder Denkerische ist den Kindern versagt, alle persönli- 
chen Triebe wurden frühzeitig beschnitten. Denn die Zeit ist voll sünd- 
hafter Gefahren, die den Eigentümer der Kinder beängstigen. Kein 
Wunder, daß die Kinder, in deren individueller Schilderung der Dich- 
ter die Folgen der Einschüchterung des gebrochenen Willens neben 
der leidensfreudigen Liebesgefesseltheit an den Vater variiert, unserer 
Teilnahme, unserer Rührung und Liebe teilhaftig werden. 

Das Schicksal, das diese Familie im Verlauf des Romanes durch- 
macht, ist nur die Folge des Wirkens dieses teuflischen Ungetüms von einem 
Vater, der dem Leben scheu und naiv gegenübersteht und ohne Menschen- 
kenntnis dann ein Opfer von Menschen wird, denen er nie Interesse ent- 
gegenbringen konnte, so egozentrisch, so blind lebte er dahin. Erst allmählich 

l) Jeder Zoll ein analsadistischer Charakter. 

— 58 — 



läßt der Dichter versöhnlich durchscheinen, daß hinter der rauhen Außen- 
seite dieses Nur- Vaters ein nur seinen Kindern lebender und — da 
er sie verlieren soll — nach ihnen brüllender, einsamer Mann lebt, der 
dann durch das Schicksal grausam zerbrochen und geläutert, seine Schuld 
einsieht und — wenigstens heimlich — weich wird, seit fünfzig Jahren 
zum erstenmal wieder weint! 

Wer das Werk Franz Werfeis kennt, weiß, daß es vom Konflikt 
zwischen Vater und Sohn nicht loskommt. 1 Man findet darüber Aus- 
führliches in der Arbeit von K. T. Wais „Das Vater-Sohn-Motiv" 
und in der aufklärenden Besprechung dieser Arbeit durch Storfer 
in der „Psychoanalytischen Bewegung" (1931, Heft 5), unter dem Titel 
„Der Ödipuskomplex bei Werfel und bei Wassermann". 

Aber nicht diese ewige Wiederkehr eines Komplexes bei einem 
Dichter oder dessen persönlicher Ursprung soll uns hier beschäftigen, 
sondern ich will darauf hinweisen, daß Werfeis Werk eine Tendenz 
aufzeigt, die man geradezu als — Erziehung der Väter bezeichnen 
könnte. Allerdings merkt man den Werken Werfeis und auch diesem 
neuesten keine tendenziöse Absicht an, was wieder ihren hohen künst- 
lerischen Wert bedeutet. Denn was Goethe einst zu Eckermann 
gesagt hat, ist immer wahr: „Liegt im Gegenstande eine sittliche 
Wirkung, so wird sie auch hervorgehen, und hätte der Dichter weiter 
nichts im Auge als seines Gegenstandes wirksame und kunstgemäße 
Behandlung." 

Diese Tendenz, unbewußte Tendenz, der Werke unseres Dich- 
ters sehen wir in der Aufdeckung der Schädlichkeit solcher harter, 
liebloser, geiziger und pedantischer Erzieher. Werfel zeigt nicht, wie 
man erziehen soll, sondern wie man nicht erziehen soll. Man erinnert 
sich der übertriebenen und viel gröberen Schilderung eines solchen Vaters 
in „Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig", eines entsetzlichen 
Unmenschen. 

Ist das Gesamtbild hier in „Die Geschwister von Neapel" auch ein 
gemildertes, der Ausgang versöhnlich, so ist doch der Nachweis der 
unheilvollen Wirkung dieser Art Väter an den Kindern tragisch ge- 
nug. Alle sind von vornherein eingeschüchtert; selbst daran wird er- 
innert, daß in der Kindheit darauf gesehen wurde, daß die Kinder 
nur mit den Händen auf der Decke schliefen. Sie zittern vor dem 
Vater, ihr Wille ist zerbrochen, zwei von ihnen sind bereit, ihr Leben 

1) Werfel schreibt sozusagen immer wieder „Märchen vom Stiefvater". 

— 59 — 



im Kloster zu beschließen. Annunziata, die Älteste ist zur frömmleri- 
schen Masochistin abgetötet, die schöne Grazia ist nur dadurch geret- 
tet, daß sie einen Mann lieben lernt : natürlich ist es ein väterlicher 
mit grauen Haaren. Sie ist die einzige, die wenigstens eine Zeitlang 
den Vater zu hassen wagt; um dann umsomehr in Schuldgefühle zu 
verfallen. Allen hat der Alte die Ausbildung ihrer reichen Talente 
unterbunden. 

Erschütternd ist, wie der Älteste, der Tiefste, der am wenigsten verstanden 
wurde, doch am Vater leidet, sich fügt und zum Schluß bescheiden 
als Beamter unterkriecht. Der schöne Lauro, auf den Tiere immer fas- 
zinierend gewirkt haben, der sie auch in Ton zu bilden verstünde, — 
er geht an einem Schlangenbiß in Brasilien zugrunde; eine tiefere 
Symbolik vielleicht, nur dem Psychoanalytiker verständlich. Nur die 
beiden Jüngsten, von denen der Sohn die Eitelkeit, die Tochter den 
Trotz geerbt haben, scheinen halbwegs heil aus der Abhängigkeit von 
diesem Vater loszukommen. 

Nicht kalte Strenge und eingebildetes Besserwissen, nicht Geiz und 
Pedanterie und Ablehnung alles Neuen, nicht Abschließen und Unter- 
drücken, nicht Gegentrotz und Prügel sind die rechten Erziehungsmittel, 
nicht humorlose Düsterkeit ; sondern Liebe, Aussprache und Verstehen- 
wollen, Güte und Verzeihen. Der Erzieher muß einer Art von Demut 
fähig sein, der Duldung von vielleicht ihm selbst Fremdem. In jedem 
Kinde kann auch etwas Anonymes auftauchen. Talente müssen gepflegt, 
nicht unterdrückt werden. Liebe und Güte sind, wie feuchte Wärme, das 
Prinzip des Lebens, nicht in Kälte und Trockenheit gedeiht ein Lebendiges. 

Wir freuen uns, hier feststellen zu können, daß die Tendenz von 
Werfeis Werk mit den Erziehungsgrundsätzen der Psychoanalyse ganz 
übereinstimmt, wie sie vor allem aus dem hervorragenden Buch von 
Aichhorn „Verwahrloste Jugend" sich ergeben, und wie sie von 
der „Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik" propagiert werden, 
in deren Sammelnummer „Strafen" ich gegen die übermäßige Härte, 
den Geiz, die Pedanterie, Gewalt und Düsterkeit in der Erziehung 
aufgetreten bin (1931, Heft 8/9). So heißt es auch in dem grundlegenden 
Büchlein von Anna Freud „Einführung in die Psychoanalyse für 
Pädagogen" an einer Stelle: „Der Analytiker . . . nimmt sich vor, 
zumindest für seine Person nicht mitzutun, seine Kinder lieber frei, als 
so erzogen aufwachsen zu lassen und lieber etwas Ungezügeltheit im 
Endergebnis zu riskieren, statt ihnen von vornherein eine solche 
Verkrüppelung der Persönlichkeit aufzuzwingen". 

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Freilich ist das Ziel der Ärzte und Pädagogen ein anderes, als das 
eines Dichters ; wir wollen nivellieren, um keine Neurotiker, keine 
Gehemmten und keine Unglücklichen heranzubilden. Am Ende ver- 
hindern wir durch unser Nivellieren die Entstehung von hervorragen- 
den Produzierenden? Sind wir auch über das Wesen der Begabung 
im Unklaren, so sagt uns doch ein Ahnen, daß intensive Eindrücke 
der Jugendzeit, und auch unglückliche, verinnerlichen können, jenem 
Träumen Kräfte zuführen mögen, das dann zur Produktion drängt. 
Hier ist vielleicht ein Widerspruch zwischen der Gesundheit und dem 
Glück einer möglichst großen Anzahl, — und dem Werden eines 
Starken oder Großen!? 

Ich glaube aber, wir können uns darauf verlassen, daß so große 
„Radioaktivitäten" wie die des Domenico Pascarella nicht aussterben 
werden, sei es unter den lebenden Vätern, sei es unter den dargestellten 
Gestalten echter Dichter. 

Große Begabungen werden sich immer durchsetzen, auf schwächere 
verzichten wir gerne. 

Ceterum censeo: Väter, seid nicht wie Werfeis Väter! 




Slll 



Soeben erschien 

Die Sexualität des Kindes 

und die Neurosen der Erwachsenen 

Von 

Marie Bonaparte 

Paris 

Sonderheft der „Zeitschrift für psychoanalytische 
Pädagogik" (V. Jahrg., Heft 10) 

Preis des Heftes Mark 1.— 
Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Wien 



— 61 — 



und die Psychoanalyse 

Arthur Schnitzlers Tod hat manchem Nekrolog Gelegenheit geboten, eine 
geistige Verwandtschaft zwischen der Psychoanalyse und des Wener Diichters 
Menschendarstellung hervorzuheben. So schrieb u. a. Hugo Kubeck in der 
„Deutschen Tageszeitung" (Berlin) : „Schnitzler war ein geistiger Nachbar 
Sigmund Freuds, des Schöpfers der problematischen Psychoanalyse . . . 
Schnitzler, der Arzt, war als Seelenanalytiker durchaus Naturforscher, den 
mystische Untergründe des Lebens mehr reizten als metaphysische beun- 
ruhigten." — Und in der „Frankfurter Zeitung" schrieb Bernhard D i e b o 1 d : 
„Ibsen hielt Gerichtstag mit der Menschheit ab. Schnitzler feierte Versöhnungs- 
feste mit dem Leid, mit der Schwäche, dem Tod. Ibsen forderte Moral für 
die Seele. Schnitzler rechtfertigte die Seele für ihre moralische Schwäche. Der 
Mediziner begreift die Schwäche besser als die Stärke. Die Psychoanalyse 
fordert nicht. Sie versteht alles und verzeiht alles." — Allerdings, wenn 
Ludwig Bauer im „Tagebuch" (Nr. 44 vom 31. Okt. 1931) u. a. schreibt: 
„Für ihn den Voltaireaner, den alten Arzt, den dichterischen An- 
reger der Psychoanalyse wartete kein Jenseits ..." — so muss 
eine anachronistische Verschiebung ohneweiters als solche erkennbar sein : 
im selben Jahre 1893, da Schnitzlers erstes Buch, der „Anatol" erschien, 
wurde auch die erste Hysteriestudie des um 6 Jahre älteren Schöpfers 
der Psychoanalyse veröffentlich t: Schon vorher hatte übrigens Schnitzler als 
Referent einer in Wien erscheinenden medizinischen Zeitschrift die Freud- 
schen Obersetzungen der Schriften Bernheims und der Vorträge Charcots 
besprochen. 

Von psychoanalytischer Seite ist die intuitive Tiefenpsychologie Schnitzlers 
schon früh als solche erkannt und gewürdigt worden. Theodor R e i k hat 
1913 im Verlag von J. C. C. Bruns (Minden) eine eingehende Monographie 
unter dem Titel „Arthur Schnitzler als Psycholog" veröffentlicht. Er behandelt 
dort u. a. das Problem des Todes bei Schnitzler, die Formen des Inzest- 
motivs in seinen Werken, die Schilderung der Eifersucht, die Bedeutung der 
Träume in den erzählenden und dramatischen Werken des Dichters. Man 
vgl. auch im Jahrgang 1913 der „Imago" das Kapitel von Reik: „Die All- 
macht der Gedanken bei Arthur Schnitzler" (S. 319 ff) und einen Beitrag 
von Hanns Sachs: „Die Motivgestaltung bei Schnitzler" (S. 302 ff). Neuer- 
dings hat Leo Kaplan in seinem „Versuch einer Psychologie der Kunst" 
(Baden-Baden 1931) die Analyse des Schnitzlerschen Dramas „Das weite 
Land" einem Kapitel zugrunde gelegt. 

F r ,e u d selbst hat übrigens Schnitzler oft als dichterischen Zeugen ange- 
rufen. So weist er z. B. in der Dora-Analyse (Ges. Schriften Vlll, 43) 
darauf hin, daß Schnitzler („ein Dichter, der allerdings auch Arzt ist") das 

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Phänomen des sekundären Krankheitsgewinnes (im „Paracelsus") richtig er- 
kannt hat. In seinen „Beiträgen zur Psychologie des Liebeslebens " (im Ka- 
pitel über das „Tabu der Virginität", Ges. Sehr. V, 229) erwähnt Freud 
eine „meisterhaft knappe Erzählung" von Schnitzler („Das Schicksal des 
Freiherrn v. Leisenbogh"), in welcher der verunglückte Liebhaber einer 
Schauspielerin gleichsam eine neue Virginität verschafft, indem er den Todes- 
fluch über den Mann ausspricht, der sie zuerst nach ihm besitzen wird. 

Schnitzler- Worte 

„Bleiben uns selbst von den ersten Stunden unseres Daseins verwischte Erinne- 
rungen zurück, die wir nicht mehr deuten können, und die doch nicht spurlos 
verschwinden f . . . Und wenn der erste Blick der Mutter uns mit unendlicher 
Liebe empfängt, schimmert es nicht in den blauen Kinderaugen süß und unver- 
geßlich wieder ? — Wenn aber dieser erste Blick ein Blick der Verzweiflung und 
des Hasses ist, glüht er nicht mit zerstörender Macht in jene Kinderseele hinein, 
die ja tausenderlei Eindrücke aufnimmt, lange bevor sie dieselben zu enträtseln 
vermag f" („Der Sohn") 

„Nicht was geschieht, was dir geschehen könnte, ist dein Schicksal." 
(„Der Schleier der Beatrice", erster Entwurf) 

„Wir versuchen wohl, Ordnung in uns zu schaffen, so gut es geht, aber diese 
Ordnung ist doch nur etwas Künstliches. Das Natürliche . . . ist das Chaos." 
(„Der Weg ins Freie") 

„Doch Träume sind Begierden ohne Mut, 

sind freche Wünsche, die das Licht des Tags 

zurückjagt in die Winkel unsrer Seele, 

daraus sie erst bei Nacht zu kriechen wagen." („Der Schleier der Beatrice") 

„Es scheint, das Leid, mein Kind, das Euch bedrückt, 

ist so durchtränkt von einem jungen . Glück, 

daß Ihr nicht um die Welt es missen möchtet." („Paracelsus") 

„Was immer Sie getan, was immer Sie erlitten, ausgesprochen hatte es keine 
Schrecken mehr. Nur das Geheimnis ist der Abgrund, über den kein Ruf hinüber- 
dringt." („Ruf des Lebens") 

„Aber lieber Freund, das Verstehen hilft ja garnichts. Das Verstehen ist ein 
Sport wie ein anderer. Ein sehr vornehmer Sport und ein sehr kostspieliger. 
Man kann seine ganze Seele darauf verschwenden und als ein armer Teufel 
dastehen. Aber mit unseren Gefühlen hat das Verstehen nicht das geringste zu 
tun — beinahe so wenig, wie mit unseren Handlungen" („Der Weg ins Freie") 



— 63 — 



DI© Auferstehung des Narren 



Von 

Eeme Fulöp'Miller 

Copyright by Paul Zsolnay Verlag, Berlin— Wien 

Unter dem Titel „Die Phantasiemaschine — Eine Saga der Gewinnsucht" 
veröffentlicht jetzt Fülöp-Miller (im Verlag Paul Zsolnay) eine Studie zur psycho- 
logischen und soziologischen Analyse der Filmindustrie. An Reportagen über Holly- 
wood ist in den letzten Jahren viel geboten worden. Der Wahrheitsgehalt all dieser 
Berichte wird mit Recht ziemlich gering eingeschätzt, denn selbst der gewissenhafte Be- 
richterstatter sieht sich bei diesem erst wenige Jahrzehnte alten Medium bereits einer 
dicken geologischen Schuttschichte von Gerüchten, Fälschungen, Anekdoten gegenüber- 
gestellt, und Legenden wuchern selbst im hellsten Jupiterlampenlicht rapid auf. Fülöp- 
Miller legt nun nicht auf die Vermehrung der Reportagen Gewicht, auf ein An- 
häufen von Daten und Anekdoten, sondern versucht, auf Grund der Tatbestände Ge- 
richt über das ganze Phänomen der „Phantasiemaschine" abzuhalten. Seines Verdiktes 
Tenor verrät schon der Untertitel des Buches : Gewinnsucht ist in seinen Augen die 
treibende Kraft der Hollywooder Leistungen. Schon die ersten Kritiken machen Fülöp- 
Miller den Vorwurf, daß er einerseits vor lauter Hollywooder Geldmachern den Film 
in seiner Bedeutung für den seelischen Haushalt der Menschheit nicht sieht, anderer- 
seits, daß er, das Amerikanische verallgemeinernd, dem deutschen, französischen und rus- 
sischen Film unrecht tut, und schließlich, daß er das Motiv der Gewinnsucht im Falle 
der Filmindustrie so entdeckt und sieht, als ob es für das sonstige Wirtschaftsleben 
minder maßgebend wäre. Für Fülöp-Miller ist der Nachweis der dominierenden Rolle 
der Erwerbsgier von prinzipieller Wichtigkeit, wie aus den ersten Sätzen seines Buches 
hervorgeht: „Seit langem sind psychologische Analytiker aller Schulen eifrig bemüht, 
die religiösen, sozialen und sexuellen Komponenten der menschlichen Seele zu durch- 
forschen ; hierbei wird zumeist außer Acht gelassen, daß den Menschen nicht bloß 
Gläubigkeit, Liebeslust oder Klassenkampf erschüttern, sondern nicht minder auch die 
Erwerbsgier. Die Überzeugung, daß eine vorurteilslose Betrachtung des Geschäftes we- 
sentliche Einblicke in das Getriebe der Menschennatur eröffnet, hat den Verfasser dazu 
veranlaßt, sich mit der Filmindustrie als systematischer Erscheinungsform des modernen 
Geldmachens aufmerksamer zu befassen." 

Wenn auch die Hervorhebung der „Erwerbsgier" den Eindruck begünstigt, daß es 
dem Verfasser besonders auch darum zu tun war, der Libido im psychoanalytischen 
Sinne ein anderes Motiv als ebenso primär gegenüberzustellen, wollen wir — da wir 
bekennen müssen, daß die psychoanalytische Literatur den Phänomenen des Films und 
der Filmerfolge bisher viel zu wenig Beachtung entgegengebracht hat — mit Genehmi- 
gung des Verfassers und des Verlags hier einige Abschnitte des Buches wiedergeben. 
Wir wählten einige Abschnitte aus den Kapiteln, die sich mit dem Humor im Film 
beschäftigen. Schon aus dem Umstände, daß wir einzelne nicht unmittelbar zusammen- 
hängende Abschnitte gewählt haben, folgt, daß wir den, der zu Fülöp-Millers Deutun- 
gen Stellung nehmen will, auf die Lektüre des ganzen Buches selbst verweisen müssen. 
Welche Lektüre umso eher empfohlen werden kann, als sie — ungeachtet der Richtig- 

— 64 — 



keit oder Unrichtigkeit der Deutungen — den Leser unbedingt essein muß, weil er Her 
dem forschem Versuch begegnet, Allgemeinmenschliches-Unzeitliches im Hohlspiegel des 
AIlzuheutigen-Nochunhistorischen einzufangen. Der Psychoanalyse ist jedenfalls manche 
Frage zur Lösung gestellt. St. 

. . . Schon bei der Konfektionierung der Wunschträume war es nicht leicht 
gewesen, die allen Menschen gemeinsamen Grundmaße festzustellen und zur 
Basis einer wirklich absatzfähigen Erzeugung zu machen. Aber dort wußte 
man doch noch wenigstens einigermaßen, von welchen Voraussetzungen man 
ausgehen konnte : Wunschträume waren eben Träume von Verbotenem und 
Unerreichbarem, und so mußte sich alles, was der Masse durch puritanische 
Sittsamkeit, Moral, Gesetz und Zivilisation verboten oder infolge der Un- 
gleichheit der Güterverteilung nicht erreichbar war, für die Zwecke dieser 
Industrie eignen. 

Erotik, Besitzstreben, Rachsucht, Grausamkeit, Abenteuerlust, das waren In- 
stinkte, die jeder gerne befriedigt hätte, weshalb ihre bildliche Darstellung 
unbedingt der Mehrzahl der Kinobesucher Freude bereiten mußte. Es gab 
so viele erfolglose, feige, unbeachtete, arme Männer und Frauen auf der 
Welt, daß jede Szene, die einen Feigling und armen Knirps zum Sieger und 
Millionär, ein unbeachtetes Bürofräulein zur Braut eines reichen jungen Man- 
nes machte, des Erfolges bei den Massen sicher war. Es galt also bloß, 
solche Darstellungen in allgemeinverständlicher Form in die Welt hinauszu- 
schicken, und das Geschäft konnte nicht ausbleiben. 

Bei der Konfektionierung des Lachens aber fehlte es an solchen gegebenen 
Größen; der gemeinsame Nenner der Zwerchfellerschütterung mußte erst 
mühsam herausgefunden, der richtige Stoff, dessen man bedurfte, um die 
Menge mit Sicherheit zum Lachen zu bringen, gleichsam von neuem aus 
seinen Elementen synthetisch hergestellt werden. 



. . . Der komische Film fordert von seinem Publikum zwar die Fähigkeit zu 
einer höheren und überlegenen Geistes haltung, aber er stellt damit doch 
keinen Anspruch, der gegen das Geschäftsprinzip der Produzenten, sich stets 
der niedrigsten Fassungskraft der Zuschauer anzupassen, irgendwie verstieße. 
Denn das Lachen gehört zu den primitivsten menschlichen Fähigkeiten und 
bildet bereits eine der ersten Lebensäußerungen des Säuglings. Wenn die 
Legende von Zoroaster berichtet, er habe schon bei seiner Geburt gelacht, 
so ist damit also nichts Wunderbares gesagt, denn nicht nur die Kinder- 
psychologie, sondern jede Mutter und jede Amme weiß, daß das gesunde 
Kind schon in den ersten vierzig Tagen seines Erdendaseins zu einem un- 

PsA. Bewegung IV 65 



zweideutig erkennbaren Lachen befähigt ist. Ja, es läßt sich bereits sehr 
früh ein bewußtes Scherzverständnis des Neugeborenen feststellen, und es 
zeigt sich, daß dieses imstande ist, zwischen einer ernst gemeinten und einer 
scherzhaften Handlung zu unterscheiden, den vorgetäuschten Ernst im Spiel 
zu durchschauen und darauf mit Äußerungen der Heiterkeit zu reagieren. 
In diesem Erfassen der „Scherzsituation" beweist also bereits das Kind eine 
geistige Überlegenheit, die auch von deutlichen Äußerungen eines Lustge- 
fühls begleitet wird. 

. . .Torheiten, Grillen, Gewohnheiten haben sich gleich Kobolden im 
Menschen eingenistet und bringen sein erhabenes Streben, sein vernünftiges 
Beginnen immer wieder zu Fall. Wo das Leben beständig Aufmerksamkeit 
und Geschmeidigkeit des Geistes fordert, schieben sich die Mechanismen der 
sinnlosen Natur vor: Zerstreutheit, Vergeßlichkeit, Irrtum. Sie lassen den 
Menschen sagen, was er verschweigen wollte, und tun, was er zu vermei- 
den bestrebt gewesen. Wie wichtig diese kleinen „Fehlhandlungen" für das 
wahre Verständnis der menschlichen Psyche werden können, das hat uns 
Sigmund Freud gelehrt. Für die Psychoanalyse ist jede Zerstreutheit, Ver- 
geßlichkeit oder Ungeschicklichkeit das Symptom eines unbewußten Gegen- 
willens, der aus ganz bestimmten, der handelnden Person selbst nicht be- 
wußten Gründen gerade das zu verhindern sucht, was der Wille anzustre- 
ben scheint. In überaus geistvoller Weise hat Freud ja auch nachgewiesen, 
warum bei solchen unbewußten Hemmungen so oft eine „Verschiebung auf 
das Kleinste" stattfindet, warum sich der Gegenwille gerade in scheinbar 
belanglosen „Fehlhandlungen" zu äußern pflegt. 

Im Lichte dieser psychologischen Erkenntnisse gewinnen die charakteristi- 
schen Züge der Ungeschicklichkeit und Torheit, mit denen Chaplin die von 
ihm geschaffene Gestalt ausgestattet hat, eine ganz besondere Bedeutsamkeit, 
indem sie hinter den offen zur Schau getragenen Absichten des bewußten 
Willens jeweils auch die Tendenzen des Unterbewußtseins offenbaren. 

Immer macht Chaplin die heroischesten Anstrengungen, um seine Würde 
zu bewahren, und immer springen alte Gewohnheiten, die in allen seinen 
Gliedern auf der Lauer liegen, federartig hervor und vereiteln seine Ab- 
sicht, oder aber ein heimlicher Gegenwille schiebt sich ein und führt zu 
einer scheinbar sinnwidrigen, im Grunde jedoch durchaus zielgerichteten 
Fehlhandlung. Was helfen dem reichgewordenen Goldgräber Charlie die 
kostbaren Pelze und die vielen Banknoten in seiner Brieftasche? Die Ge- 
wohnheit entlarvt ja doch seine frühere Armut, indem sie ihn zwingt, sich 
automatisch nach dem weggeworfenen Zigarrenstummel zu bücken. Und was 

— 66 — 



nützt es, daß er, aus einer Prügelei in ein Musikzimmer geraten, sich so- 
gleich andächtig dem künstlerischen Genuß hingeben möchte — sein Körper 
gehorcht nicht seinem Willen, sondern den unterbewußt weiterwirkenden 
Aggressionstrieben, und so stößt sein Fuß noch immer durch die Portiere 
nach dem verhaßten Feind, während seine Augen bereits in weihevoller 
Ergriffenheit strahlen. Was das Gesicht beschwört, verleugnet so die Kehr- 
seite, und das geistige Prinzip im Menschen wird durch den Mechanismus 
des Körpers veräfft, desavouiert und herabgewürdigt. Immer wieder verkehrt 
sich solcherart das Erhabene in das Niedrige, das Ernste in das Lächerliche, 
immer wieder wird unser Blick auf Kleines gelenkt, während es sich doch 

um Großes handeln sollte. 

* 

. . .War der Narr im Mittelalter das Negativ der himmlischen und irdi- 
schen Herrschertugenden, in der Renaissance der Gegenspieler der heroischen 
„Hauptakteure" gewesen, so hatte er im Zeitalter der Bourgeoisie den In- 
begriff verunglückter und verkehrter bürgerlicher Würde zu repräsentieren. 
Beständigkeit, gesicherter Besitz, Ordnung in Verhältnissen und Kleidern, 
dies galt in der modernen angelsächsischen Demokratie als Hauptmerkmal 
vorbildlicher Lebenshaltung; der Narr trat daher im schroffsten Gegensatz 
hierzu als Vagabund und besitzloser Lump in die Erscheinung. Des Bürgers 
Dasein war geschäftig, immer von Zwecken bestimmt und von nützlicher 
Tätigkeit erfüllt; der Narr lebte ohne Ziel, ohne Ordnung unnütz dahin. 
Behäbig und sicher schritt der Bürger seines Weges, ängstlich stolpernd, 
ungeschickt und hilflos der Narr. War der Bürger von allen Seiten umhegt 
und vor den Tücken der Natur wie der Menschen geschützt, so blieb der 
Narr allen Unbilden der Welt wehrlos ausgeliefert. Der Bürger war ge- 
wohnt, in seinen Unternehmungen Erfolg zu haben, und dies verlieh ihm 
Selbstbewußtsein; dem Narren mißglückte, was immer er anpackte — so 
konnte er es höchstens zu einer lächerlichen, unangemessenen Gravität 
bringen. 

Daher mußte auch der Narr, die ewige Verkehrung des Vollkommen- 
heitsideals, seine äußere Erscheinung demgemäß verändern. Aus der Helden- 
gestalt von einst war der vollendete Gentleman geworden, der beherrschte, 
allen Situationen überlegene, adrett gekleidete Herr, der ein gut sitzendes 
Jackett, spiegelblankes Schuhwerk, einen sauberen Hut und einen eleganten 
Spazierstock trug. Dementsprechend legte sein Widerpart eine Tracht an, die 
das genaue Gegenteil aller dieser Insignien der Gentlemanwüide bildete. An 
die Stelle des buntscheckigen Kleides und der Schellenkappe, die einst mit 
dem Purpur und der Krone des Königs korrespondiert hatten, trat nunmehr 

— 67 — 



ein zerknülltes, schlecht sitzendes Jackett und ein verbeulter Hut; das 
Narrenzepter wurde durch ein lächerliches Spazierstöckchen ersetzt. 

Maske und Haltung Charlie Chaplins sind somit aus einem sehr feinen 
Gefühl für die Kehrseite der Bürgerlichkeit hervorgegangen, und deshalb 
konnte die von ihm geschaffene Gestalt zum allenthalben verstandenen Sym- 
bol für die Lächerlichkeit unserer so würdevollen Welt werden. Er selbst 
hat ja gesagt, das Wesen seiner Komik bestehe darin, verunglückte Würde 
zur Schau zur tragen, einen Menschen zu zeigen, der in peinliche und lächer- 
liche Situationen gerät und trotzdem mit allen Mitteln versucht, seine Würde 
unvermindert aufrechtzuerhalten. Deshalb gehe, in welch schlimmer Lage er 
auch immer sich befinde, sein hauptsächlichstes Bemühen darauf aus, sofort 
seinen Stock zu erwischen, seinen Hut zurechtzusetzen und seine Krawatte 
in Ordnung zu bringen. 

Schon in einem seiner frühen Filme hat Chaplin einmal einen armen 
Landstreicher dargestellt, der in ein elegantes Restaurant geraten ist und nun 
in dem Bestreben, den Gentleman zu markieren, verzweifelt die schäbigen 
Manschetten herunterzieht, den verbeulten Hut glättet und die durchlöcher- 
ten Schuhe unter dem Tisch verbirgt. In seinen späteren, weltberühmt ge- 
wordenen Werken hat er dann immer wieder ähnliche Situationen gestaltet; 
so etwa, wenn er gravitätisch seine fingerlosen Handschuhe abstreift, um 
aus der alten Sardinenbüchse den besten Zigarettenstummel auszuwählen, 
oder wenn er sich gegen die offenkundige Geringschätzung, die ihm der 
Diener des Millionärs entgegenbringt, durch betonte Selbstsicherheit zu wapp- 
nen sucht. 

Zwanzig Millionen Menschen nehmen Anteil an den Schicksalen dieser 
Gestalt, in der sie dunkel eine symbolische Darstellung ihrer eigenen 
Schwächen, ihrer eigenen verunglückten Würde, ihres eigenen tragikomischen 
Daseins empfinden. Chaplin vermittelt ihnen von neuem jene Erkenntnis, die 
früheren Zeiten stets lebendig gegenwärtig gewesen ist, die Erkenntnis von 
der Unzulänglichkeit aller irdischen Größe, von den närrischen Hintergrünr 
den jeglichen Menschentums und von dem ewigen Kampf, den unser Stre- 
ben nach Würde und Macht gegen die Verkehrtheit in uns selbst und um 
uns zu kämpfen hat. 

Der tragische Narr ist in Chaplin wieder auferstanden, und die Trauer, 
die sich so oft auf seinem Antlitz spiegelt, mag nichts anderes sein als die 
Trauer der Kreatur über ihre Verstoßung aus einer paradiesischen Vollkom- 
menheit, zu der sie am Ende der Dinge selig zurückzukehren hofft. 



— 68 — 



Über ©im Kalbshaar 

Von 

Dow Stock 

Jerusalem 

In seiner interessanten Studie „Gebetmantel und Gebet- 
riemen der Juden" bemüht sich Theodor R e i k, aus der bibelexegeti- 
schen Literatur irgend eine befriedigende Deutung des Tallith- und Tephil- 
linbrauches zu erbringen, und er muß diesen Exkurs mit dem Geständnis 
schließen, daß er keine genügende Erklärung zu hören bekam. Umsomehr 
muß man dem Verfasser dankbar sein, daß er auf einen schmalen, fast un- 
sichtbaren Pfad verweist, der dann den Wanderer wirklich der Lösung des 
Problems näher bringt. Wieder bewährte sich einmal das psychoanalytische 
Forschungsmittel, ein abseitiges, kaum bemerktes Detail näher ins Auge zu 
fassen, um so einen wichtigen Zugang zum verborgenen Sinn zu erschließen. 

In einem kaum noch bekannten, mehr als zweihundert Jahre alten Buche 
eines Geistlichen namens Johannes L u n d i u s findet Reik die Behauptung, 
der Brauch, ein Ziegenhaar aus derKopftephilla heraus- 
hängen zu lassen, sei „zum Gedächtnis der roten Kuh und baten 
sie (die Juden) Gott, daß wie die rote Kuh ihre Sünden getragen und von 
ihrer Unreinigkeit gereinigt, Gott sie auch also von Sünden reinigen 
sollte". Dieser Behauptung gesellt sich eine zweite, daß man sich bei diesem 
Haar „des güldenen Kalbes erinnert, so sie (die Juden) in der 
Wüste angebetet". Hier knüpfen die Ausführungen Reiks an, die dahin- 
zielen, im Gebetmantel und Gebetriemen das Totemtier zu erblicken 
und den Brauch, diesen Gebetmantel und diese Gebetriemen anzulegen, als 
eine Identifizierung mit dem Totem- Vater-Gott zu interpretieren. 

Gegen diese Ausführungen könnte man einwenden, es sei gewagt auf 
eine Stelle eines zufällig zu Rate gezogenen Buches, dessen Verfasser es viel- 
leicht an einer unmittelbaren Fühlungnahme mit dem rabbinischen 
Schrifttum ermangelte, derart verantwortliche Folgerungen bauen zu wollen, 
besonders nachdem man enttäuscht die autoritativ-wissenschaftlichen Quellen 
verlassen hat und jetzt erfährt, Lundius habe seine Erklärungen nur vom 
Hörensagen. Es scheint darum angebracht, die Lundius mündlich — wenn 
auch von einem Rabbiner — zugekommene Behauptung durch einen aus- 
drücklichen Beleg aus dem Schrifttum zu erhärten, um etwaigen 
Einwänden, die Betrachtung Reiks stütze sich auf zweifelhafte Belege, vor- 
zubeugen. 

— 69 — 



Nun finden wir im Buche S o h a r im Namen des vermeintlichen 
Verfassers, Rabbi Schimeon bar Jochai (Wochenabschnitt Pe- 
kudei): „Komm, ich unterweise dich in einem Geheimnis, das 
nur jenen hohen Heiligen zu verraten sei. Komm siehe, jener Ort, der u n- 
reinen Geistes ist, wurde vom Heiligen gepriesen, sei er (= Gott) mit 
der Macht ausgestattet, manche Seiten der Welt zu beherrschen und 
er (der unreine Geist) kann auch Unheil stiften und wir haben keine Be- 
fugnis ihn geringzuschätzen und wir müssen uns vor ihm in Acht nehmen, 
auf daß er wider uns keine Klage innerhalb unserer Heiligkeit erhebe und 
wir besitzen ein Geheimnis, ihm (dem unreinen Geist) einen winzi- 
gen Platz innerhalb unserer Heiligkeit einzuräumen ... da doch seine 
Macht von der Heiligkeit ausgeht, und wir sollen in das Geheimnis 
der Tephillin ein Kalbshaar einlegen, das nach außen 
heraushänge und sichtbar werde. Dieser Haaresfaden verunreinigt nicht, 
solange er sich nicht einer Gerste gleich zusammenflicht, aber in kleine- 
rem Ausmaße verunreinigt er nicht." Dazu bemerkt Rabbi Hajim Joseph 
A s u 1 a i in seinem Kommentar „Nizoze Oroth" (Lichtfunken) im Namen 
eines älteren Kommentators : „Daraus ersieht man, daß die heutigen Tephillin- 
schreiber, die einige Haare hineinlegen, in einem Irrtum befangen sind, 
da es ein einziges Kalbshaar sein müsse." Rabbi Issachar B e r aus 
Kremenetz bemerkt in seinem Büchlein „Jesch sachar" (Lohn ist vorhanden) : 
„man müsse vorsichtig sein, um nicht viele Haare heraushängen zu 
lassen". 

Wir ersehen daraus, daß es Pflicht des Tephillinschreibers ist, ja nicht 
den Machtbezirk des unreinen Geistes zu vergrößern, daß er sich in den 
von Gott festgelegten Grenzen halte. Daß mit diesem unreinen Geist auch 
das goldene Kalb gemeint ist, leuchtet jedem Kenner der jüdischen 
Literatur ein. Dies wird auch in einer dem Zitat vorangehenden Stelle recht 
klar und deutlich hervorgehoben. „Und woher haben wir es, daß es der 
unreine Geist war?" Es ist geschrieben (Exodus XXXII) „es sündete 
das Volk eine große Sünde, das ist der unreine Geist, die U r- 
schlange, wie es an vielen Stellen besagt worden ist." Nun bezieht 
sich der hier dem Buche Exodus entlehnte Satz wirklich auf die biblische 
Erzählung über die Sünde des goldenen Kalbes. Wir können also den 
Brauch des Kalbshaares an der Kopftephille dahin deuten, daß man einer 
Regression des Totemismus, wie sie sich in der Wüste durch das goldene 
Kalb manifestierte, auf eine besondere Weise vorbeugen wollte. Da man 
keine Möglichkeit zu sehen schien, den verdrängten Gott, den Totem- 
gott völlig zu verbannen und zu verscheuchen, und mit einem rebellischen 

*- 70 — 



Einbruch in die'Domäne des verdrängenden Gottes gerechnet werden mußte, 
wurde ihm ein Plätzchen innerhalb der Verdrängung angewiesen, wo 
er sich zwar „austoben" konnte, aber zugleich der beständigen Kontrolle 
seines Verdrängers ausgesetzt war. Dieses ist selbstverständlich der Sinn der 
im Sohar und ähnlichen Quellen dargelegten Interpretation, wiewohl 
der wirkliche Hergang eine andere Beschreibung zu erfordern scheint. 
Dieser Hergang ließe sich folgendermaßen konstruieren: Da die Verdrän- 
gung zwar in großen Zügen, aber doch nicht ganz gelungen war (in der 
von Karl Langer verfaßten Schrift über die Tephillin kann man manche 
interessante Einzelheiten über diese sozusagen Verdrängungstaktik nachlesen), 
hat man sich mit den ausdrücklich rebellischen, nicht umzuformenden, Ru- 
dimenten des Verdrängten abfinden müssen, und man versuchte diese Macht- 
losigkeit des verdrängenden Bewußtseins, diese dem verdrängenden Bewußt- 
sein aufgezwungene Begrenzung seiner Machtsphäre als eine bewußt gewollte 
kleine List hinzustellen — ein schließlich allzubekanntes Verfahren. 

Wir wissen nun also, daß der unreine Geist, d. b. die alte Macht, welche 
von der neuen zum unreinen Geist gestempelt wurde, nicht nur das goldene 
Kalb ist, sondern auch die Urschlange, der bekannte, später kastrierte, Wi- 
dersacher Gottes. Das will besagen, daß goldenes Kalb und Urschlange iden- 
tisch sind. Und nun wollen wir in dem zitierten Soharabschnitt weiter lesen 
und wir stoßen auf folgende Stelle: „Und als Aaron sich reinigen wollte, 
opferte er ein Kai b, von jener Seite, wo er sich versündigte — — der- 
gleichen ist (Numeri XIX) die rote makellose K u h". Es verlohnt sich, 
ein wenig die Rolle Aarons zu beleuchten, wie sie von den Späteren aus- 
gelegt wurde, die zwar die für sie verblüffende Tatsache in Erinnerung be- 
hielten, daß gerade der Hohepriester Jehovas das goldene Kalb aus dem 
Feuer hervorzauberte, aber sich die größte Mühe gaben, diese Tat als eine 
im Dienste der Jehovatendenz stehende zu erklären. Diese Ausleger schrei- 
ben eben Aaron jenen Trick zu, den Gott mit der vermeintlich gewollten 
kleinen Konzession an den Totem und der Tephillinschreiber mit sei- 
nem Kalbshaar ausführen. Wollten wir diesen Vorgang in eine uns geläu- 
figere Sprachart übersetzen, würden wir die Meinung der Ausleger derart 
prägen: Als der Priester des verdrängenden Gottes den Durchbruch des 
verdrängten Totems konstatierte und sich außer Kraft sah, diese Regression 
einzudämmen, wollte er dessen Macht dadurch brechen, daß er es in den 
Bezirk der verdrängenden Gottheit einzuverleiben versuchte. Aaron, der das 
goldene Kalb gegossen hat, also den Totem wiederbelebt, hat die Regression 
zum Totemkult gefördert. Die Ausleger, denen es soviel um die Rehabilita- 
tion Aarons zu tun ist, müßten hier zur Erklärung Zuflucht nehmen, der 

— 71 — 



kleine Trick habe die festgelegte Grenze überschritten und sei in eine 
ernste Bedrohung der Gottesmacht ausgeartet, Aaron sei hier also jenem Tephil- 
linschreiber zu vergleichen, der mehrere Kalbshaare in die Phylakterien legte. 
Und da Aaron diese Regression zum Totemkult gefördert hatte, mußte er 
seine am verdrängenden Gotte begangene Schuld mit der Opferung des ver- 
drängten Totems, eines Kalbes, sühnen. Nebenbei deutet der Sohar auch 
die Ähnlichkeit zwischen der am goldenen Kalb durch Moses und die Le- 
viten vollzogenen Strafe und der Verbrennung der roten Kuh an. 

Für die totemistische Auffassung des Kalbshaares spricht nicht bloß die 
aus diesem Soharabschnitt hervorgehende Identität der Urschlange, des gol- 
denen Kalbes und der roten Kuh, sondern auch des dort erwähnten Kamels: 
„Und Rebeka hub die Augen und gewahrte Isaak und fiel vom Kamel 

dieser Vers ist ein Geheimnis die unreine Seite 

wird nach ihm (dem Kamel) benannt." Und auch vom Ochsen ist die 
Rede: „Und sie verwechselten ihre Ehre mit der Gestalt eines Ochsen, der 
Kräuter frißt (Psalmen 106) — was ist die Gestalt des Ochsen? Das Kalb". 
Diese ganze Totemreihe (Schlange, Kalb, Kuh, Kamel, Ochse) repräsentiert 
den „unreinen Geist", den Vorgänger und Widersacher Jehovas. Nachdem 
dieser Reihe Erwähnung getan wurde, erzählt Rabbi Schimeon bar Jochai 
den Eingeweihten das Geheimnis der Beschwichtigung des Totemdurchbruchs, 
der Regression zum gestrigen Gott. Die Vorsichtsmaßregeln, ja nicht mehrere 
Kalbshaare zu verwenden, ist eine Mahnung, man solle sich vor dem Ver- 
drängten gut in Acht nehmen. Das Beispiel Aarons ist der Höhepunkt dieser 
Mahnung. 



| THEODOR REIK j 

1 Gebetmantel und Gebetriemen der Juden | 

H Geheftet Mark 2' — M 

ü = 

I KARL LANGER 1 

I I 

■ Die jüdischen Gebetriemen 1 

Geheftet Mark 2' — I 

■llllllllllllllllllllllllllllllllllllllll Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Wien II|[|]||||Illl!!i|||i||||||||i|||l 

— 72 — 






UM GESCHICHTE 
EM FSYC H O ANAIYS E 



Alfred Frh. von Berger: 

„Die Dichter hat sie für sich ..." 

Als Beitrag zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 
reproduzieren wir hier eine frühe Stimme zur Freudschen Lehre, 
sicher die früheste ihrer Art und jedenfalls die erste aus- 
führliche Stellungnahme zu Freuds Entdeckungen. Bezeichnen- 
derweise ist es nicht die Stimme eines Gelehrten, sondern die eines 
Dichters. Der (1912 als Burgtheaterdirektor verstorbene) fein- 
sinnige Wiener Dichter und Kritiker Freiherr von B e r g e r veröffent- 
lichte am 2. Februar 1896 in der Wiener „Morgenpresse" ein 
Feuilleton „Chirurgie der Seele", das die Besprechung der 
Breuer-Freudschen „Studien über Hysterie" darstellt. Wir lassen hier 
den Mittelteil des Feuilletons aus, das den Inhalt des Buches refe- 
riert, und geben die Einleitung und die abschließenden Aus- 
führungen wieder. 

Wenn ich mir eine rechte Freude vergönnen will, so lese ich Bücher, 
die mich eigentlich gar nichts angehen, deren Gegenstand und Inhalt weit 
abliegt von meinem eigenen geistigen Arbeitsfeld. Merkwürdigerweise erntet 
man aus solchen Büchern oft die besten und fruchtbarsten Anregungen 
gerade für das eigene Fach. So hat mir ein freundlicher Zufall vergangenen 
Sommer ein neu erschienenes nervenpathologisches Buch in die Hände 
gespielt, und seither ist selten ein Tag vergangen, an welchem ich nicht einen Ab- 
schnitt oder wenigstens einige Seiten desselben gelesen und wiedergelesen hätte. 
„Studien über Hysterie" ist der Titel des Buches ; zwei bekannte, all verehrte 
Wiener Ärzte, Josef Breuer und Sigmund Freud, haben es geschrieben. Die 
Anziehungskraft, die es andauernd auf mich ausübt, entspringt nicht dem 
krankhaften Anteil, welchen Laien häufig medizinischen Studien entgegen- 
bringen, noch einem besonderen Interesse für den Gegenstand, sondern 
meiner künstlerischen Empfänglichkeit, welche sich durch Inhalt und Form 
dieses Buches in mannigfaltiger Weise angeregt und befriedigt fühlt. Die 
gelehrten, streng wissenschaftlich gesinnten Verfasser mögen diese Weise, 

— 73 — 



sich ihr Werk anzueignen, einen wunderlichen Mißbrauch desselben schelten. 
Ihnen war es augenscheinlich nur darum zu tun, einen verwickelten, dem 
kranken Nervenleben angehörigen Sachverhalt und ursächlichen Zusammen- 
hang auf das gründlichste zu ermitteln und den ärzdichen Fachgenossen 
möglichst deudich und vollständig mitzuteilen, um diesen ein Heilverfahren 
an die Hand zu geben, durch welches gewisse hysterische Krankheitser- 
scheinungen zum Verschwinden gezwungen werden können. Ein Stück 
Wahrheit wollten sie geben und Nutzen schaffen, nicht ein schönes Buch 
schreiben. Wenn trotzdem in ihr Buch viel unbewußte und ungewollte 
Schönheit hineingeriet, so ist diese gewissermaßen nur ein zufälliges Neben- 
produkt, dessen rühmende Betonung sie vielleicht mehr verlegen macht als 
erfreut. Sagt doch gelegentlich der eine der beiden Forscher: „Es berührt 
mich selbst noch eigentümlich, daß die Krankengeschichten, die ich schreibe, 
wie Novellen zu lesen sind, und daß sie sozusagen des ernsten Gepräges 
der Wissenschafdichkeit entbehren. Ich muß mich damit trösten, daß für 
dieses Ergebnis die Natur des Gegenstandes offenbar eher verantwortlich 
zu machen ist, als meine Vorliebe." 

Seltsames Zeichen der Zeit! Während unsere Poesie sich geflissentlich mit 
dem Anschein der wissenschaftlichen Strenge umgibt und sich mit Jodoform 
parfümiert, errötet die Wissenschaft, wenn sie sich darüber ertappt, daß sie 
unwillkürlich der Poesie nahegekommen ist. In der Sache trifft jene Ent- 
schuldigung das Richtige. Daß sich die Krankengeschichten beinahe wie 
Novellen lesen, bewirkt der Gegenstand. Wer Seelisches erforschen und 
beschreiben will, kann den dichterischen Methoden der Auffassung und 
Darstellung auch bei strengstem Willen zu kühler, nüchterner Sachlichkeit 
nicht ganz ausweichen. Doch ist es nicht der Gegenstand allein; noch etwas 
anderes spielt mit. Viel Weisheit, viel Güte und Gemütstiefe ist in dem 
Buche, viel psychologischer Scharfsinn, der in der Feinfühligkeit eines all- 
wissenden Herzens wurzelt. Die beiden Forscher haben nur den Gegenstand, 
den sie ergründen wollen, im Sinne, sie denken nicht daran, wie es selbst 
der „objektivste" Dichter tut, auch ihre eigene menschliche Persönlichkeit 
mit hineinzumischen. Doch seelische Vorgänge, in welchen der innerste Nerv 
einer fremden Persönlichkeit bloß liegt, locken aus jedem, der sich mit ihnen 
einläßt, er mag es wissen und wollen oder nicht, die eigene Persönlichkeit 
hervor. Sie verrät sich darin, wie er jene bemerkt, mitempfindet, versteht 
und auslegt. Darin liegt vielleicht der feinste Reiz des Buches. Man kann 
sich schwer von ihm trennen, so traurig und häßlich die Gegenstände 
bisweilen sind, von denen es handelt, weil man beim Lesen immer das 
Gefühl hat, in «allerbester Gesellschaft zu sein, und das Wohlsein atmet, das 

— 74 — i 



ein ganz edler und gebildeter Menschengeist um sich her verbreitet. Eine 
seltene Freude in unseren Tagen, im Leben und in der Literatur . . . 

... Es grenzt ans Wunderbare, den beiden Ärzten zuzusehen, wie sie . . . 
eine fremde Seele durchsuchen, um endlich in ihr die bedeutsamen Affekt- 
anlässe zu entdecken, deren diese Seele sich selbst aus eigener Kraft nicht 
zu entsinnen vermag. Treffend vergleichen sie ihr Verfahren, wie sie eine 
Erinnerungsschichte nach der andern bloßlegen, dem systematischen Aus- 
graben einer verschütteten Stadt. „Der Mensch ist dem Menschen eine 
Finsternis", hat Turgenjew gesagt. Diese Finsternis wird in unserem Buch 
einigermaßen erhellt und durchsichtig gemacht. In den Krankengeschichten 
sehen wir, wie die Lebenseindrücke und Erinnerungen in der Seele eines 
Menschen individuell gelagert sind, und die Ahnung erfaßt uns, daß es 
eines Tages denkbar werden könnte, den Finger in das innerste Geheimnis 
der individuellen Persönlichkeit zu legen. Das Leben eines Menschen drückt 
sich in seiner Seele ab und gibt dieser jenen Inhalt, den wir ihren 
Charakter nennen. Von dieser Biographie, von welcher derjenige, der sie 
durchlebt hat, so wenig we'ß, obwohl er sie im Haupte mit sich trägt und 
an ihren Nachwirkungen leidet, wickeln die beiden Ärzte wenigstens ein 
Stückchen heraus, wie ein Band, um den Inhalt desselben in umgekehrter 
Ordnung, als in welcher er erlebt und gebucht wurde, zu entziffern. 

Die ganze Theorie ist eigentlich ein Stück uralter Dichterpsychologie. Bei 
jeder ersten Entdeckung, welche die Wissenschaft auf dem Gebiet der Seele 
macht, wird sich zeigen, daß die großen Dichter die Wikinger sind, die 
lange vor Kolumbus in Amerika waren. Den Grundgedanken unseres 
Buches hat Shakespeare nicht nur in mannigfaltigen Wendungen ausgesprochen, 
er hat sogar die seelische Entwicklung und Katastrophe seiner Lady Macbeth 
auf eine ähnliche Auffassung gegründet. Sie leidet an einer regelrechten 
Abwehrneurose, dadurch entstanden, daß sie die Affekte des Grauens und 
der Angst bei Dumans Ermordung und Banquos Erscheinung gewaltsam aus 
ihrem wachen Bewußtsein verdrängt hat. Darum brechen sie in der anomalen 
Form des Schlafwandelns aus. Jedenfalls würde ein moderner Arzt die 
hohnvolle Frage Macbeths, ob er die heftigen Phantasien, die seiner Frau 
die Ruhe rauben, nicht forttreiben könne, anders beantworten, als der Arzt, 
den Shakespeare die Lady beobachten läßt. Die Heilung des Orestes, wie 
Goethe sie darstellt, ist ein Fall einer gelungenen „Katharsiskur", und Ferdinand 
Kürnberger hat eine Novelle: „Die Last des Schweigens", geschrieben, in 
welcher ein Mord dadurch entdeckt wird, daß der Täter, ohne Reue zu 
fühlen, dem innern Zwange erliegt, sagen zu müssen, was er getan hat. 

— 75 — 



Das urwüchsigste und schönste Beispiel, wie sehr Volk und volkstümliche 
Poesie zu allen Zeiten das Ausweinen als eine natürliche Notdurft verstanden, 
deren die schmerzerschütterte Seele bedarf, um gesund zu bleiben, enthält 
vielleicht die Edda im ersten Gudrunenlied. Tränenlos saß Gudrun bei der 
verhüllten Leiche des ermordeten Sigurd, „schier zersprungen war' sie vor 
Schmerz". Vergebens bemühten sich die Frauen des Hofes, ihre Tränen zu 
entbinden durch Erzählung der schmerzlichen Schicksale, die sie selbst schon 
erduldet hatten. Endlich kam auch ihre Schwester. „Wenig wißt ihr, ob 
weise sonst, das Herz einer jungen Frau zu erheitern", sagte sie zu den Frauen, 
hob den Schleier von dem Toten und legte sein blutiges Haupt in Gudruns 
Schoß mit der Aufforderung, ihn zu küssen, wie einst den Lebenden. „Da 
sank aufs Kissen zurück die Königin, ihr Stirnband riß, rot war die Wange, 
ein Regenschauer rann in den Schoß . . . und hell aufschrien im Hof die 
Gänse." Wir wissen nicht, wie die Wissenschaft die Theorien Breuers und 
Freuds beurteilt. Die Dichter hat sie für sich, und das will nicht wenig 
sagen. Denn bis jetzt waren Dichter diejenigen, die von den Geheimnissen 
der Menschenseele das Meiste und Beste gewußt und ausgesagt haben. 



THEODOR REIK: 

Warum verließ 
Goethe Friederike? 



In Ganzleinen M 8 - — 



„ . . . Hier trifft sich der glückliche Fall, daß an der gefeierten 
Stelle ein teilnehmender, unterrichteter Mann gefunden wird, in 
welchem das Bild sich gleichfalls eingedrückt hat ..." (Goethe) 



Inhalt: Gründe der Trennung. 
Die Verkleidung. Der Kindtauf- 
kuchen. Die Kußangst. Sexualität 
und Gewissensangst. Die neue 
Melusine. „Frohe und dank- 
bare Gefühle nach dem Sturm" 



„ . . . Hier entsteht nun in der gleichsam verödeten Lokalität 
die Möglichkeit ein Wahnhaftes wiederherzustellen, aus Trümmern 
sich eine zweite Gegenwart zu verschaffen und Friederiken von 
ehemals in ihrer ganzen Liebenswürdigkeit zu lieben . . ." ^Goethe) 



Internationaler Psycho- 
analytischer Verlag Wien 



— 76 — 



SYCHOANAiYTISCHE 
LESEBUCH 

■Uli 



Wie die Seele ihren Zorn an unrechten Gegenständen 
ausläßt, wenn ihr die eigentlichen fehlen 

Von 

Midhel de Montaigne 

Das Lesestück, das wir wiedergeben, ist das IV. Kapitel des I. Buches der berühm- 
ten „Essays". Wir geben es nach der von Otto Flake und Wilhelm Weigand bei 
Georg Müller in München 1908 herausgegebenen, überaus sorgfältigen und würdigen 
deutschen Montaigne-Ausgabe wieder (der die Übertragung von Johann Joachim Bode 
zu Grunde gelegt ist). MontaignesWerk — und das soll auch das hier gebotene Lese- 
stück erhärten — ist wohl qualifiziert, auf dem Lesepult des Analytikers für Muße- 
stunden bereit zu liegen. 

Einer von unseren Edelleuten, welcher gar weidlich von Podagra mitge- 
nommen ward, pflegte, wenn die Ärzte ihm sehr ernsthaft anrieten, sich 
alles Geräucherten und Gesalzenen zu enthalten, sehr spaßhaft zu antworten : 
er müsse etwas haben, woran er seinen Unmut über die schmerzhaften 
Anfälle der Krankheit auslassen könne, und wann er so zuweilen über die 
Mettwurst, zuweilen über geräucherte Zungen oder Schinken tobe, lärme und 
fluche, so fühle er doch einige Erleichterung'! Spaß aber beiseite ! Wenn 
wir unseren Arm zum Schlagen aufheben und doch auf nichts treffen, son- 
dern nur in den Wind schlagen, so tut er uns selbst weh; und um eine 
schöne Aussicht recht angenehm zu machen, muß sie nicht ohne Grenzen in 
die leere Luft hinausgehen, sondern muß in erreichbarer Ferne Gegenstände 
haben, worauf das Auge ruhen kann. 

„Wie der Wind in freier Luft seine Kraft verschwendet, 
Wofern nicht dicke Stämme der Wälder ihm widerstehen." 

Lucanus III, (362) 

Ebenso scheint es, daß eine in Bewegung und Erschütterung gesetzte 
Seele sich in sich selbst verliere, wenn man ihr keinen Gegenstand der 
Beschäftigung gibt. Sie muß immer etwas haben, woran sie ihre Kräfte übt. 
Plutarch sagt, bei Gelegenheit solcher Personen, welche die kleinsten Affen 

— 77 — 



und Hunde so gut leiden mögen, daß der verliebte Teil in uns, wenn er 
keinen echten Gegenstand fände, an den er sich anschließen könne, sich 
lieber einen unechten, nichtsbedeutenden unterschiebe, als ganz müßig zu 
bleiben. Wir sehen auch, daß die Seele in ihren Leidenschaften sich lieber 
selbst täuscht und sich, gegen ihre eigene Überzeugung sogar, eine Puppe 
nach kindischen Grillen putzt und schmückt, als ganz müßig und ohne. alle 
Tätigkeit zu bleiben. So werden die Tiere von ihrer Wut getrieben, in die 
Steine und in das Eisen zu beißen, von denen sie eine Wunde empfangen 
haben, und rächen dergestalt mit grimmigem Eifer an sich selbst den Schmerz, 
den sie fühlen. 

„So der pannonische Bär ; ergrimmt noch über die gefühlte Verletzung, die ihm der 
libysche Wurfspieß, am schlanken Riemen geschleudert, versetzt, wälzt er sich mit der 
empfangenen Wunde, schüttelt wütend das widerhakende Eisen und leckt wider den 
Schaft, der unablässig ihm folgt." (Lucanus VI, 220) 

Was für Ursachen erfinden wir nicht für die Unglücksfälle, die uns be- 
gegnen ? Wie greifen wir rechts und links, um etwas zu finden, woran wir 
unsern Unmut auslassen können! Du zerreißt deine blonden Locken und 
zerschlägst grausam und voll heftiger Betrübnis deine weiße Brust, aber nicht 
sie, sondern ein unglückseliges Blei hat deinen geliebten Bruder aus der 
Welt gerafft! Suche die Schuld anderwärts. Livius sagt, da er von dem 
Verlust der beiden Brüder, jener großen Feldherrn des römischen Heeres in 
Spanien, redet : „Alle fingen plötzlich an zu weinen und sich die Haare aus- 
zuraufen", das ist die gemeine Weise. Und der Philosoph Bion sagt im 
Scherz von dem König, der vor Betrübnis sich den Bart ausraufte : „Glaubt 
dieser denn, daß die Schabe die Traurigkeit lindert ?" Wer hat nicht Karten 
mit den Zähnen zerreißen, Würfel durch die Gurgel würgen sehn, um den 
Verlust des Geldes zu rächen? Xerxes ließ das Meer stäupen und schrieb 
einen Ausforderungsbrief an den Berg Athos ; und Cyrus hielt sein Heer 
verschiedene Tage damit auf, sich an dem Flusse Gyndus zu rächen, wegen 
der Furcht, die er gehabt hatte, als er hinübersetzte ; und Caligula zerstörte 
ein sehr schönes Haus, wegen des Vergnügens, das seine Mutter darin ge- 
nossen hatte. 

In meiner Jugend ging die Volkssage: Ein benachbarter König, über 
welchen Gott eine Strafgeißel verhängt, habe geschworen, sich an ihm zu 
rächen und ein Gebot ausgehen lassen, man solle während zehn Jahren nicht 
zu ihm beten, nicht von ihm sprechen, noch, so viel von seiner Gewalt 
abhinge, an ihn glauben. Hierdurch wollte man nicht sowohl die Dummheit 
als die natürliche Großprahlerei der Nation darlegen, von welcher das Märchen 
erzählt ward. Diese zwei Gebrechen sind immer beisammen. Dergleichen 

— 78 — 



Handlungen entspringen, die Wahrheit zu sagen, ein wenig mehr noch aus 
überschnappten], als aus blödem Verstände. 

Als der Kaiser Augustus einen Sturm zur See erlitten hatte, kündigte er 
dem Gott Neptun Fehde an, und bei den Aufzügen der Kampfzüge ließ er 
sein Bild aus der Ordnung wegnehmen, wohin es unter den anderen Göttern 
gehörte, um ihn seine Rache fühlen zu lassen. Wofür er noch weniger zu 
entschuldigen ist als die Vorigen und weniger, als er es nachher war, da 
er nachdem er eine Schlacht unter Quintilius Varus gegen die Deutschen 
verloren hatte, vor Zorn und Verzweiflung mit dem Kopf an die Wand 
rannte, und dabei ausrief : Varus, schaff mir meine Legionen wieder ! Denn 
jene Handlungen übertreffen alle Narrheit, um so mehr weil sich noch Gott- 
losigkeit hinzu mischt ; sie wollen an Gott selbst oder am Glück ihr Mütlein 
kühlen, gleichsam als ob das Schicksal Ohren hätte, die wir mit unseren 
Fäusten erreichen könnten. So ungefähr wie die Thracier, welche, wenn es 
donnert und blitzt, mit einer titanischen Wut nach dem Himmel zu schießen 
beginnen, um Gott durch ihre Pfeile auf bessere Gedanken zu bringen. Aber 
wie der alte Dichter bei Plutarch singt : 

Was zürnst du mit der Götterschar? 

All deine Wut kränkt ihnen nie ein Haar! 

Indessen können wir die Ausschweifungen unseres Geistes nie genug 
schelten und schimpfen. 




Rene Laforgue 



JEAN-JACQUES ROUSSEAU 

Eine psychoanalytische Studie 
Geheftet Mark 1.— 



Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Wien, I., In der Börse 




79 



11 

ECHO DEM 
PSYCHOANALYSE 



Ein Symposion zu Freuds „Unbehagen in der Kultur" 

(Wach-Kronfeld-Jolowicz-Heimann-Horney-Driesdi) 

Das „Institut für Geschichte der Medizin" an der Universität Leipzig hat 
im Wintersemester 1930/31 unter der Leitung von Prof. Dr. Henry E. 
S i g e r i s t und in Arbeitsgemeinschaft mit der „Psychotherapeutischen Ge- 
sellschaft für Mitteldeutschland" eine auf sechs Abende verteilte Diskussion 
über Sigmund Freuds jüngste Schrift, „Das Unbehagen in der 
Kultur" veranstaltet. Der Diskussionsstoff war — in loser Anordnung der 
Disposition des Freudschen Buches folgend — in sechs Komplexe eingeteilt, 
für jeden wurde ein anderer Referent bestellt. Die einleitenden Referate 
der sechs Diskussionsabende sind soeben in Buchform erschienen : unter dem 
Titel „Das Problem der Kultur und die ärztliche Psycho- 
logie" im Verlag Georg Thieme, Leipzig (als Band 4 der Schriftenreihe 
„Vorträge des Instituts für Geschichte der Medizin an der Universität 
Leipzig".) 

In der Einleitung des Buches führt Prof. S i g e r i s t aus, daß Freuds 
jüngstes geistvolles Buch, das an die Grundprobleme unserer Kultur greift, 
auf Schritt und Tritt zu Widerspruch reize, und daß es sich daher wohl 
verlohne, sich mit Freuds Anschauungen auseinanderzusetzen. 

„Das religiöse Gefühl" behandelt der erste Referent, Prof. Dr. 
phil. et theol. Joachim Wach (Leipzig). In der historischen Einleitung 
dieses Referates heißt es u. a. : „Das dem Positivismus eigene und von der 
Aufklärung auf ihn überkommene unbegrenzte Vertrauen auf den Sieg des 
— in der wissenschaftlichen Bemühung sich durchsetzenden — Er- 
kennens über die Reste religiöser und metaphysischer Spekulationen verbin- 
det die Religionskritik Freuds mit der des historischen Materialismus, mit 
dem er entscheidende Voraussetzungen teilt." Freuds Scientismus wird von 
Wach abgelehnt : „Ob der heute dem Greisenalter angehörende Denker 
verstehen kann, wie selten der jüngeren Generation sein Optimismus in 
bezug auf das wissenschaftliche Erkennen erscheinen muß ?" Die jüngere 
Generation, bekennt Wach, ist „skeptisch hinsichdich der nicht erkenntnis- 
mäßigen Funktion der Wissenschaft. Sie glaubt nicht recht an ihre Rolle 



80 



als Weltanschauungs-, als Religionsersatz". Der Beweis, daß man ohne Re- 
ligion leben kann, sei noch nicht erbracht. 

Prof. Arthur Kronfelds Vortrag heißt : „Der Sinn des Leidens, — 
Das Wesen des Menschen und die Theorien der Neurosen" und beginnt 
mit den Worten : „Der Mensch, der in unserer gegenwärtigen abendländi- 
schen Kultur aufgewachsen ist, — gleichviel ob er sie bejaht oder verän- 
dern will, — wird keine der Schriften Freuds mit solch heftigem, b i s 
zur Erschütterung gehendem Widerstände lesen wie seine 
letzte ..." Dabei tue Freud in dieser Schrift nichts anderes, als daß er 
„mit völliger innerer Folgerichtigkeit das Fazit zieht, welches sich ergibt, 
wenn man mit der Psychoanalyse Ernst macht ... Es gibt kein Aus- 
weichen." In Freuds jüngsten, jedoch zwangsmäßig aus seinem Gesamtwerk 
folgenden Thesen klingt — über eine empirische Teilwissenschaft hinaus- 
greifend — ein Ton an, „den wir schon aus dem Lebenswerke Nietzsches 
kennen. Es ist die Absetzung des bewußten Geistes, die hier ge- 
schieht . . . Synthetisches Bewußtsein als Tat, als systematische Erkenntnis, 
als ordnendes Prinzip, als wertsetzendes Prinzip, als beherrschendes Prinzip 
sozialer und sittlicher Bedingungen wird fragwürdig, wird entthront. Es wird 
zu einem bloßen Scheingebilde über verborgenen Trieben. Es ist ein Über- 
windungsversuch dieser verborgenen Gestaltungsfaktoren . . . Daß er oben- 
drein noch mißglückt, daß er nicht zum Ziele führt, für welches er errichtet 
war — nämlich der Ersatzbefriedigung : darauf beruht das Unbehagen in 
der Kultur bei Freud. So vollzieht Freud — der angeblich begrenzte Em- 
piriker — wesensmäßig eine Entwertung des geistigen Bewußt- 
sei n s ... es ist eine Scheinrettung, und zwar eine vergebliche." . . . 
„Nüchtern und ohne irgendwelche Parteinahme muß ausgesprochen werden : 
hier, im Weltanschaulichen, liegt der unschlichtbare Gegensatz 
zwischen der Psychoanalyse und dem Bildungsprinzip der gesamten Geistes- 
haltung, wie sie seit dem Christentum, seit Augustinus und Descartes die 
abendländische Kultur darbietet. Nichts Geringeres geht vor sich." Gegen 
Geist, Gesinnung, Gewissen, gegen die absoluten Wertsetzungen trete heute, 
wie Nietzsche, die Psychoanalyse als der große Gegenspieler in die Schranke. 
Aber während Nietzsche seine revolutionierende Kampfstellung aufs stärkste 
betont hatte, — führt Kronfeld aus, — ziehe sich Freud, wenn man ihn 
als den großen Zerstörer der herrschenden kulturellen Gesinnung festlegen 
will, auf das Vorgeben zurück, „er sei nur Naturwissenschaftler . . . und 
alles Weltanschauliche liegt außerhalb seiner Absicht. Er will hier offenbar 
eine Wirksamkeit nicht als vorhanden zugestehen, die er dennoch unerbitt- 
lich verfolgt. In dieser geistigen Mimikry hat er innerhalb der 
Wissenschaft unserer Zeit seinen Platz eingenommen und Schule gemacht 
— eben jener Wissenschaft, die durch sein Forschungsprinzip 
in Frage gestellt wird. Genau die gleiche Zwitterstellung finden wir 
bei seinen Schülern. Wenn wir etwa den glänzenden Aufsatz Bernfelds 



PsA. Bewegung IV 



— 81 



lesen [gemeint ist : „Ist Psychoanalyse eine Weltanschauung" in der „Zeitschr. 
f. psa. Pädagogik"], der gleichsam offiziell für die Schule festlegt, welche 
weltanschauliche Bedeutung der Psychoanalyse zukommt, so finden 
wir die Erklärung, sie sei bloß eine Methode der naturwissenschaftlichen 
Empirie. Aber zugleich gewährleiste sie, wie Bernfeld rühmend hervor- 
hebt, eine Destruktion aller Ideologien. Und diese Destruktion 
könne gar nicht radikal genug erfolgen." Auch die Psychoanalytik — sagt 
Kronfeld — ist Philosophie, und Freud selber gehört zu jenen Männern, 
die wandernd in der Dunkelheit singen. 

Der große heroische Ansatz der Psychoanalyse sei grundsätzlich zum 
heroischen Scheitern verurteilt. Das Schicksal der Psychoanalyse werde sich, 
mit bleibendem Gewinn für unsere Einsicht in das Wesen des Menschlichen, 
dialektisch notwendig in sich selber vollenden. Auffallend sei, daß Freud 
„dieser große Helfer im Leiden, zu zwei Phänomenen überhaupt kein inneres 
Verhältnis hat : zum Leiden und zur Angst". Freud weiche der Sinngebung 
dieser Phänomene ins bloß Biologische aus. „Leiden als Prüfung, als Läute- 
rung, als Weg zur Selbstüberwindung, als Weg zur Erlösung, Leiden als 
der Weg der Menschen in seiner Begegnung mit der Welt — kurz, die 
Passion als der Weg der Menschheit — dies alles — von Buddha bis 
zu Franz von Assissi — wären ihm böhmische Dörfer." . . . Der christlich- 
abendländiche Geist lehrt, daß der Mensch zum Leiden geboren sei, und 
daß der Sinn des Leidens in der Kraft seiner Überwindung liegt. Die 
Psychoanalyse lehrt, daß das Leiden eine Summe unangenehmer biologischer 
Zufälle sei. Wir sehen darin nur periphere Mobilisatoren jener Kräfte, die 
aus metaphysichen Hintergründen Wesen und Schicksal der Menschen in 
ihren Händen halten. Es gibt nur ein prinzipielles Entweder-Oder." 

„Der Sinn der Kultur" heißt der Beitrag von Dr. med. Ernst J o 1 o w i c z 
(Leipzig) zum Symposium. Freuds Darstellung der Kultursituation sei keines- 
wegs naturwissenschaftlich-rational. Ein reiner Naturwissenschaftler hätte dieses 
Buch, voll von Widersprüchen, Unexaktheiten, gar nicht schreiben können. 
Gerade durch diesen Stil, der ihn etwa dem historisierenden Schiller an- 
nähert, wirkt die Darstellung so stark, so unmitttelbar. Verstehen kann man 
Freud, wie übrigens jeden Großen, nur aus seinem Gesamtwerk heraus ; 
rationale Kritik an einzelnen Sätzen ist billig." Jolowicz stellt sich zwar 
in den wesentlichen, entscheidenden Fragen auf den Boden der psycho- 
analytischen Anschauungen, aber es scheint ihm „nicht angängig, die Kultur 
lediglich als eine Sublimierung der Urtriebe zu betrachten . . . Davon bleibt 
die Freudsche Entdeckung unberührt, daß alle Kulturprodukte symbolhaft 
auch Gegebenheiten ausdrücken, die unter der Oberfläche im Unbe- 
wußten verwurzelt sind." 

In einem Exkurs hebt Jolowicz hervor, daß bei Freud sich nirgends ein 
Rat oder eine Forderung findet, zur primitiven Triebbefriedigung zurückzu- 
kehren. Nicht einmal in der Neurosenbehandlung ist ein solcher Rat aus 

— 82 — 



dem Werke Freuds zu rechtfertigen . . . Noch viel weniger kann man aus 
dem Unbehagen in der Kultur den Schluß ziehen, daß Freud der Mensch- 
heit eine Rückkehr zur Primitivität empfiehlt. 

Zur „sozialen Frage" nimmt Prof. Dr. Eduard Heimann (Wandsbek) 
Stellung, indem er die Problematik eines religiösen Sozialismus entwickelt. 
Hier wollen wir nur die einleitenden Sätze zitieren : 

„Wenn wir, von dem Freudschen Buche über das Unbehagen in der 
Kultur ausgehend, die sozialen Probleme erörtern sollen, so können wir nur 
in einem sehr kritischen Sinne an das Buch selbst anknüpfen. Umsomehr 
ist es erforderlich, die allgemeine und grundsätzliche Stellung der Freudschen 
Gesamtleistung kurz zu kennzeichnen und sie im Zusammenhang der gegen- 
wärtigen soziologischen Problematik zu sehen. Freud hat in einer bestimmten 
Richtung den Kampf Nietzsches weitergeführt : beide haben die Legende 
von der durch Vernunft und Moral geprägten harmonischen Bürgerlich- 
keit zerstört. Sie haben die elementaren Lebensgewalten sichtbar gemacht, 
die die natürliche Grundlage des Lebens bilden, aber in das bürgerliche 
Formungsprinzip nicht einbezogen sind und daher vernichtend in es ein- 
brechen, gerade wenn sie in das Unterbewußte abgedrängt werden. Diese 
Leistung in Bezug auf das individuelle Leben ist geistesgeschichtlich der 
Marx sehen Leistung im Bezug auf das soziale Leben parallel geschaltet. 
Das bloße Dasein und die Verschärfung der sozialen Frage widerlegt die 
Legende von dem harmonischen Charakter der bürgerlichen Sozialordnung : 
auch hier wird sichtbar, wie die Grundlage, auf der die vermeintliche Har- 
monieordnung beruht, in das Formungsprinzip nicht einbezogen ist, wie die 
Proletarier zwar mit ihrer Arbeit die bürgerliche Welt tragen, von der 
bürgerlichen Harmonie aber ausgeschlossen und zunächst aus dem bürgerlichen 
Gesichtskreis verdrängt sind, und wie ihr gewaltsames Aufbrechen und Ein- 
brechen in den bürgerlichen Gesichtskreis umgekehrt den Harmonieglauben 
vernichtet. In beiden Fällen, im individuellen wie im sozialen Leben, ist 
diese Widerlegung des bürgerlichen Harmonieanspruches nicht etwa eine 
akademische, theoretische Angelegenheit, sondern erfolgt real durch die 
Geschichte selbst. Die Parallele läßt sich noch weiter verfolgen : in beiden 
Fällen versuchten die Menschen, der unentrinnbaren Wahrheit zu entfliehen, 
in die Neurose hinein dort, in die Ideologie hier. Neurose und Ideologie 
haben den Zweck, den verjährten Anspruch zu rechtfertigen. Für die 
Neurose braucht das in diesem Kreise nicht auseinandergesetzt zu werden ; 
die Ideologie aber ist als die verschobene Sicht der Welt vom falschen, 
geschichtlich überholten Standort aus geradezu zu definieren. Freilich muß bei 
dieser Parallelisierung zwischen der Entlarvung der Neurose und derjenigen 
der Ideologie geschichdich der zeitliche Vorsprung der Marx sehen Leistung 
vor derjenigen Nietzsches und Freuds beachtet werden. Dieser zeit- 
liche Vorsprung der sozialen Fragestellung vor der individuellen legt den 
Gedanken nahe, daß die Zersetzung der bürgerlichen Persönlichkeit durch ihre 

83 ß» 



ökonomisch soziale Bedrohung mit verursacht oder befördert worden ist. Die 
Entdeckung der Neurose geschah wohl nicht zufällig gegen Ende des bürger- 
lichen Zeitabschnitts; gerade in dieser Zeit häuften sich die Neurosen und 
drängten zu einer Erklärung ihres Wesens. Die tatsächliche Leistung ihres 
Erklärers wird dadurch nicht im geringsten verkleinert ; es gibt keinen größeren 
Ruhm als den, der Forderung der Zeit Genüge getan zu haben." 

Als nächste gelangt die Berliner Psychoanalytikerin Dr. Karen Horney 
zum Wort : unter dem Titel „Der Kampf in der Kultur" äußert sie „einige 
Gedanken und Bedenken zu Freuds Todestrieb und Destruktionstrieb". Die 
neue Auffassung eines Triebdualismus: Eros und Aggression — führt sie 
aus — scheint den Tatsachen besser gerecht zu werden. Die große psycho- 
analytische Bedeutung von Freuds jüngster Schrift ist darin zu sehen, daß hier die 
große Rolle der nichterotischen Aggressionsneigungen zum erstenmal voll gewür- 
digt wird. „Problematisch dagegen erscheint die Ableitung, die Freud diesen De- 
struktionstrieben gibt, nämlich die Ableitung aus einem Todestrieb." Die Referen- 
tin sieht sich aus analytischen Gründen genötigt, „die These des Todestriebs- und 
des angeborenen Destruktionstriebs und damit des angeborenen Bösen im Men- 
schen abzulehnen . . . Was ich sehe, ist, daß der Mensch ein vitales Expansions- 
bedürfnis mit auf die Welt bringt, von dem getrieben er so viel vom Leben 
und seinen Möglichkeiten ergreifen möchte, wie nur irgend möglich — und 
daß noch unsere rasendsten Todeswünsche und unsere bösesten Rache- 
impulse von diesem Willen zum Leben diktiert sind: soviel Befriedigung, 
Liebe, Erfolg, Macht zu erraffen wie möglich und jeden als Feind zu fühlen, 
der uns darin hindert : Nicht ein Vernichtungswille treibt uns, sondern der 
Lebenswille selbst ist es, der uns zum Vernichten zwingt." Und die Refe- 
rentin fügt noch hinzu; „Soweit die Kritik. Sie sehen daraus nebenbei, daß 
die Psychoanalyse keine Sekte ist, die ihre Anhänger dazu verpflichtet, blind 
auf jedes Wort Freuds zu schwören, wie man ihr oft vorgeworfen hat. 
Allerdings handelt es sich ja weniger um Differenzen auf dem eigentlichen 
wissenschaftlichen Gebiet der Tatsachenforschung als um Gegensätze, die die 
affektiven oder — wie man großartiger zu sagen pflegt — die weltan- 
schaulichen Hintergründe betreffen." 

Den Schlußvortrag hielt Prof. Dr. phil., jur. et med. Hans Driesch 
(Leipzig) über „Die sittliche Forderung". „Das Freudsche Buch," führt er 
aus, „ist kein ethisches System. Es ist sehr interessant geschrieben, aber 
recht unsystematisch, und es ist nicht ganz leicht, aus ihm das herauszu- 
schälen, was man ein ethisches System nennen könnte". Daß der Trieb- 
verzicht das Gewissen schafft und daß das Gewissen dann wieder auf die 
Triebe wirkt, das akzeptiert Driesch, daß aber „die Gewissensforderungen 
mit den jeweiligen sozialen Forderungen zusammenfallen sollen, das 
halte ich geradezu für falsch . . . Wenn die sozialen Forderungen identisch 
wären mit den Gewissensforderungen, so gäbe es nicht die großen ethischen 
Forderungen eines Sokrates, Jesus usw. ... Die Märtyrer wären ja' dann 

— 84 — 



unsittliche Menschen gewesen. Davon kann doch keine Rede sein ..." Zur 
Sublimierungslehre bemerkte Driesch, daß Freud ihm „noch sehr stark in 
den Gedanken des eigentlichen Darwinismus befangen" zu sein scheint. Das 
sittliche Erleben — schließt Driesch — ist ein Urphänomen und „ein Ur- 
phänomen ist irreduzibel, das liegt in seinem Namen, und man kann sein 
zeitliches Auftreten, nicht ableiten, wie es Freud will, sondern nur iest- 
steEen." St. 

Psychoanalyse an der Universität Berlin 

Rechtsanwalt Dr. Max A 1 s b e r g, zum ordentlichen Professor an der 
Universität Berlin ernannt, begann am 6. November sein erstes Kolleg über 
„Psychologie und Soziologie der Strafrechtspflege" mit einer Vorlesung 
großer Öffentlichkeit. Er kündigte darin an, daß er sich besonders mit der 
Psychoanalyse beschäftigen werde. Und dieser Umstand veranlaßt Rudolf 
1 d e n, der über die Antrittsvorlesung im „Berliner Tagblatt" berichtet, zu 
folgenden Bemerkungen : 

„Man kann wohl auch kaum über die Psychologie irgend eines Gebietes 
sprechen, ohne die Psychoanalyse in den Mittelgrund der Betrachtung zu 
stellen. Aisberg wird damit einer der vielen Dozenten in der juri- 
stischen, medizinischen und in den beiden philosophischen Fakultäten — sein, 
die über Psychoanalyse vortragen. Unter ihnen ist kein Psychoana- 
lytiker. Das ist ein interessantes Phänomen, über das allein es sich lohnte, 
ein Kolleg zu halten ... Im Gegenteil, jede Fakultät wehrt sich, nicht 
ohne Erbitterung, dagegen, daß ein Psychoanalytiker die würdige Stätte der 
Universität betritt. Der Kultusminister scheint gegenüber diesem bemerkens- 
werten Widerstand machtlos zu sein. Und auch das ist eine interessante 
Erscheinung auf dem Gebiet der Psychologie." 



Jules Romains über die Psychoanalyse 

Jules Romains läßt in der Sammlung „Regards" (Editions Kra, Paris) eine 
Reihe von Aufsätzen unter dem Titel „Problemes d'aujourd'hui" erscheinen, 
unter denen auch jener 1922 in der „Nouvelle Revue Francaise" erstmalig 
veröffentlichte Aufsatz zu finden ist, den der hervorragende Autor — als 
„Apercu de la Psychanalyse" — dem Werke Freuds gewidmet 
hat. Geistreichem Spott über jene, die immer mit der Mode gehen und sich 
nun plötzlich der Psychoanalyse bemächtigt haben, folgt eine bei aller Knapp- 
heit eindringende und sachliche Würdigung der Freudschen Lehre, die, in 
Wirklichkeit, über Modeströmungen erhaben sei. Durch die Psychoanalyse 

— 85 — 



als Forschungsmethode ist die Erkenntnis der menschlichen Persön- 
lichkeit erstmals der bisher unbestrittenen Domäne der Dichtung entrissen 
worden; denn die Schulpsychologie begnügte sich mit der Oberfläche der 
seelischen Erscheinungen, ohne in ihre Tiefen hinabzuleuchten. Fehl- 
leistung und Traum führten zu neuen Erkenntnissen über die Struk- 
tur der unbewußten Schichten der Seele und über die Bedeutung des Wider- 
stands und der Verdrängung für das Gleichgewicht der Persönlichkeit. Die 
psychoanalytische Therapie erweitert durch Verwendung des freien Ein- 
falls und die genaue Beobachtung unwillkürlicher Abläufe beim Neurotiker 
das Material für die Erkenntnis des Unbewußten ; sie übernimmt damit ur- 
altes wissenschaftliches Erbgut aus der Antike, berührt sich auch in gewissem 
Sinne mit der Beichte ; unterscheidet sich aber von der letzteren durch die 
reiche Beobachtung : der Beichtvater sucht Reue zu erreichen, der Analytiker 
will nur Erkenntnis. Als allgemeine psychologische Theorie er- 
weckt die Psychoanalyse zwar manche Bedenken, die aus der allgemeinen 
Fassung des Libidobegriffes herrühren. Aber Funde, wie etwa die Sexualität 
des Kindes, eine Annahme, die eine so einfache und bestechende Erklärung 
der Perversionen als Fixierungen auf infantiler Stufe zuläßt, zeigen, wie 
fruchtbar auch die theoretischen Annahmen Freuds sich erwiesen haben. 
Mag auch die Psychoanalyse von der Erforschung des individuellen Bewußt- 
seins ausgegangen sein, schon die Lehre von der Sublimierung der Triebe 
weist darauf hin, wie hoch die menschliche Gemeinschaft als Faktor für den 
Einzelnen von Freud eingeschätzt wird. 

„Das beste Mittel", schließt Romains seinen Aufsatz, „die Originalität 
einer Lehre zu erkennen, ist sie anzuwenden. Die günstigste Möglichkeit sie 
zu beurteilen, bietet sich dem, der sie verstanden hat. Wir Franzosen im 
besonderen haben tausend Gründe, der Verführung zu widerstehen und 
unsere Ruhe zu bewahren ; aber wir fänden keine Entschuldigung für den 
Verzicht auf Erkenntnis." 



Eine theologische Stimme über die Psychoanalyse 

Im letzten Heft der „Theologischen Rundschau" (Neue Folge, 
Bd. HI, 1931, H. 4) veröffentlicht Emil Ott eine Abhandlung über „Das Un- 
bewußte nach der Tiefenpsychologi e". Er beginnt mit einem 
Zitat aus Freud. Es ist der bekannte Satz von der empfindlichen Kränkung 
der menschlichen Größensucht durch die Psychoanalyse, die „dem Ich nach- 
weisen will, daß es nicht einmal Herr ist im eigenen Hause, sondern auf 
kärgliche Nachrichten angewiesen bleibt von dem, was unbewußt in seinem 
Seelenleben vorgeht". Wenn Freud sich „damit selber in eine epoche- 
machende geistesgeschichtliche Linie stellt" — schreibt Ott 

— 86 - 



^so dürfte ihm diese Stellung gerade in der von ihm selbst charakteri- 
sierten Bedeutung am wenigsten zu bestreiten sein. Selten hat ja ein Ge- 
lehrter Bedeutungsvolles und Unhaltbares, Erhabenes und Lächerliches in 
dem Maße vereinigt wie er. Seine Verdienste sind weit über das engere 
Gebiet der Psychotherapie hinaus in Wissenschaft und Leben anerkannt, 
wiewohl immer zugleich auch Trennungsstriche zwischen ihm und gültiger 
Forschung gezogen werden müssen. Freud selbst hat im Verständnis des 
Unbewußten das Kernstück seiner Lehre gesehen." Und dann heißt es 
später: „Hier sind in der Tat Probleme berührt, mit deren Neubehandlung 
Freud durchaus nicht allein steht, sondern in eine epochemachende Geistes- 
wende einzureihen ist. Es ist der große Problemkreis der Autonomie des 
Ich und des Es, der zentrifugal in so gut wie die ganze wissenschafdiche 
Problematik der Zeit geworfen ist und dabei in höchst praktische Inter- 
essen ausläuft, in die der Selbsterkenntnis und Fremderkenntnis, der Selbst- 
erziehung und Fremderziehung, der Verantwortung und Schuld, letztlich des 
Glaubens und der Seelsorge. Wie des öftern in der Geistesgeschichte von 
verschiedenen, unabhängigen Ausgangspunkten aus die Kollektivseele einen 
neuen Gang antritt, so tritt Freud um die Jahrhundertwende an, an der 
sich zugleich in der ganzen Geisteswissenschaft die Kehre vom Subjekt zum 
Objekt zu vollziehen beginnt. Was er unternimmt, ist nichts anderes, als 
was alle neueren Psychologenschulen seit jener Zeit unternehmen, eine 
.objektive Psychologie'. Er hat das Dogma der Bewußtseins- und Erlebnis- 
psychologie, das cogito, ergo sum Descartes', die Gleichung von Selenleben 
und Bewußtseinsleben mit durchbrochen und sich damit den Zugang zum 
objektiv Seelischen verschafft. Er hat den Aussagen des Ich mißtrauen ge- 
lernt, denn er hat sie in einem bestimmten Bezirk als .Verfälschungen' er- 
kannt : ,Wenn man dem Ich glauben will, so war es in allen Stücken 
aktiv.' Darum geht er nicht von den Bewußtseinsaussagen aus, sondern 
sucht die seelischen Vorgänge in ihrem eigenen ,Sinn' und ihrer eigenen 
.Gesetzlichkeit' zu erforschen. Das ,Sinnverstehen' stand am Anfang im 
Vordergrund, zu einer Zeit — in den neunziger Jahren — als Dilthey 
gerade die Grundlagen dazu legte. Was dieser in seinen ,Ideen über eine 
beschreibende und zergliedernde Psychologie« forderte, daß .das Auffassen 
des Ganzen die Interpretation des Einzelnen ermöglichen und bestimmen 
solle, das hat Freud durch die Einordnung des Unbewußten und seiner 
Symptome in die bewußte Persönlichkeit durchgeführt . . . Das Denkwürdige 
ist aber nun, daß Freud nicht etwa durch eine Übernahme zeitgenössischer 
Wissenschaftsmethodik den Weg zu seinen Entdeckungen findet, 
sondern durchaus selbständig . . ." 

Ott gibt dann eine Darstellung der Freudschen Lehre vom Unbewußten 
und resümiert : 

„Der Begriff des Unbewußten ist damit auf eine exakte Basis ge- 
stellt. Darin besteht das Verdienst Freuds und der Psychotherapie über- 

— 87 — 



haupt. Mag man die Freudsche Deutung der Fehlleistungen und insbeson- 
dere der Träume ganz oder teilweise ablehnen, der Hilfsbegriff eines Un- 
bewußten im obigen Sinne für die Erklärung der Neurosen und Psychosen 
ist in die Psychotherapie, wenn auch nicht ohne Widerspruch übergegangen, 
also prinzipiell anerkannt. Schon Jaspers hat ihn 1920 übernom- 
men, wenigstens für die Pathologie der ,Abspaltungen', eben als ,Hilfs- 
begriff', als .theoretisches Denkgebilde' zum Zwecke des Verstehens und 
Erklärens, wenngleich er .sparsam und vorsichtig' mit ihm umgegangen 
sein will." 

Ott führt dann Kritikern, wie Bumke gegenüber den Internisten von 
Krehl ins Feld, der das psychoanalytische »Verfahren in gewissem Sinne 
sogar auf das Gesamtgebiet der Medizin angewendet wissen möchte, sogar 
hofft, .durch eine weitere Ausbildung dieser Methodik allmählich auch 
gegen das absolut Unbewußte vorzudringen, d. h. gegen jene Vorgänge, 
die in ihrem Wirken nach einem Plane und in ihrer Zielstrebigkeit das 
Leben charakterisieren, seine Autonomie und seine Kontinuität unabhängig 
von der Umgebung'. Von Krehl kann den Einwand Bumkes .nach dem, 
was ich von mir weiß und von meinen Kranken erschließe, nicht aner- 
kennen 1 . Der alte Einwand, ein Unbewußtes sei wie ein hölzernes Eisen, 
beruht auf der alten, unhaltbar gewordenen Identifizierung von Seelenleben 
und Bewußtsein. Und die Scheu vor dem Unbewußten als einem asylum 
ignorantiae besteht nicht mehr zurecht, seit von Freud und anderen der 
Einbruch in diese terra incognita erfolgt ist". 



In der vorangegangenen Nummer derselben Zeitschrift (1931, Heft 3) be- 
schäftigt sich derselbe Verfasser in einem Sammelreferat mit „Trieb und 
Geist in der psychotherapeutischen Literatur". Von der Auseinandersetzung 
mit der Psychotherapie erwartet der Verfasser neue Einsichten auf dem Ge- 
samtgebiet der Theologie. Die Abhängigkeit aller gegenwärtigen psycho- 
therapeutischen Ansichten und Theorien von Freud wird vom Verfasser nicht 
verkannt. Freud „hat vor allem das ganz allgemeine Verdienst, gegenüber 
einer einseitigen Bewußtseinspsychologie und einer überschätzten Geistes- 
autonomie die Aufmerksamkeit auf die Selbstmächtigkeit des Trieblebens und 
seine enge Verflechtung mit dem höheren Seelenleben gelenkt zu haben. 
Hieher gehört gleich der allgemeine, aber weittragend bedeutungsvolle Satz 
Freuds, daß die Natur der Menschen im Guten wie im Bösen weit über 
das hinausgeht, was er von sich glaubt." Aber im Einzelnen lehnt der Ver- 
fasser viele „Freudsche Verallgemeinerungen" ab. „Völlig unhaltbar ist die 
Theorie Freuds, die das gesamte Triebleben auf die Sexualität zurückführt." 
Und was den Todestrieb anbelangt, . . . „Freud hat mit dieser Konzeption, 
die er biologisch stützen zu können glaubt, sein ganzes System in die Sinn- 
losigkeit des Nihilismus gestürzt. Gerade der Sexualtrieb mit seinen' geistigen 

— 88 — 



Sublimationen ein sinnloser Irrweg und Umweg zum Tode !" Trotzdem — 
meint Ott — habe Freud „mit dem Todestrieb als einem Destruktionstrieb 
wieder Nachdruck gelegt auf ein allerdings nicht neues Prinzip, das sich 
fruchtbar erweisen kann für die Deutung der Ambivalenzerscheinungen des 
gesunden und kranken Seelenlebens, überhaupt der dualistischen Erschei- 
nungen im Makro- und Mikrokosmus, insbesondere im sittlichen Leben, in 
das der vitale Zerstörungstrieb hineinreicht und sich mit dem Dämonischen 
verbindet, ein weiteres, gewöhnlich weniger beachtetes Zeichen für die Trieb- 
komplizierung des geistigen Lebens. Vieles, was da bisher als diabolisch 
oder grausam gedeutet wurde, ist offenbar nichts weiter als vitaler Destruk- 
tionstrieb." 



Psychoanalyse und Literaturwissenschaft 

Im Dezemberheft der „Literatur" veröffentlicht Karl B a c h 1 e r, 
Chemnitz (den Lesern dieser Zeitschrift bekannt durch seine psychographische 
Studie über Strindberg, Band II, 1930, S. 365 ff. u. 555 ff), „Aussichten und Abgren- 
zungen" zum Thema „Psychoanalyse und Literaturwissenschaft". Kann der 
engere Konnex der beiden Wissenschaften — fragt er — zu einem sinn- 
vollen Ziel führen oder liegt für die Literaturwissenschaft eine Gefahr in 
irgendeiner Form vor ? „Was dm Psychoanalytiker zum Dichter hinzog, war 
vor allem die Beobachtung, daß das seelische Verhalten des Dichters starke 
Gemeinsamkeiten mit dem des Neurotikers aufwies. Das dichterische Schaf- 
fen erscheint ihm also als ein psychologischer Prozeß, beruhend auf der 
besonders gearteten Vorherrschaft des Unbewußten. Ja, radikale Geister 
gingen soweit, den Dichter dem Neurotiker überhaupt gleichzusetzen. Und 
hier zeigt sich nun auch schlaghaft die erste große und nicht zu unter- 
schätzende Gefahr : die Mißachtung der großen schöpferischen Persönlichkeit 
in ihrer Einmaligkeit, die zu erkennen bisher immer eins der ersten Ziele 
der Literaturforschung war. Das Genie ist für den Psychoanalytiker im 
höchsten Grade uninteressant, ebenso die unantastbare Vollkommenheit eines 
Kunstwerkes. Ihn fesselt die problematische Gestalt, das unfertige, unvoll- 
endete und das durchschnittsmäßige Schaffen. Angesichts des unbedingt Ge- 
nialen muß der Psychoanalytiker seine Grenzen anerkennen. — Es ist wohl 
so, daß eine Zusammenarbeit der beiden Wissenschaften niemals eine voll- 
kommene sein kann, sondern lediglich ein Kompromiß. Die Literaturwissen- 
schaft kann von der Psychoanalyse mancherlei Anregung empfangen, z. B. 
in der Mythenforschung (es sei da nur an die Rekonstruktion des Ausgangs 
des Hildebrandsliedes gedacht !), ferner möglicherweise durch eine Erweite- 
rung des stofflichen Bereichs des literarischen Schaffens, vielleicht auch für 
die Revision ihrer Systematik und Ordnungsmethode etwas für sich gewin- 
nen. Die Deutung der dichterischen Phantasie bietet, wie sie Freud gibt, 

— 89 — 



mancherlei Anregung. Es ist wohl nicht zu bezweifeln, daß tatsächlich in 
den Phantasien der Dichter die verdrängten Regungen, infantilen Neigungen 
und das allgemeine Prinzip der Wunscherfüllung eine bedeutsame Rolle 
spielen. Und eine Schrift, wie die über die .gemeinsamen Tagträume' von 
Hanns Sachs wird von jedem Literarhistoriker mit Achtung gelesen werden. 
Schlimm steht es allerdings um die psychoanalytisch betriebene Biographik ; 
hier ist mancherlei von vornherein verdorben worden. — Was da und über- 
haupt die Literaturwissenschaft der Psychoanalyse zu geben hat, ist vor allem 
die in jahrzehntelanger Arbeit erworbene Fülle des Materials, das eine un- 
erschöpfliche Fundgrube für sie darstellt. Dennoch, es gibt unendlich viele 
Dinge, die noch immer ausschließlich von der nichtanalytischen Seite her zu 
erfassen sind, so daß hier eine Grenzsetzung von selbst gegeben ist. Es 
besteht also vorläufig durchaus kein Grund, etwa nun eine Dämmerung der 
Literaturwissenschaft oder ihrer Methoden zu befürchten. Es kommt nur dar- 
auf an, unberechtigte und ungerechtfertigte Eingriffe von der anderen Seite 
energisch genug abzuweisen. Eine Beeinflussung aber könnte in mancherlei 
Hinsicht vorteilhaft und gewinnbringend sein. Nötig ist aber in erster Linie, 
daß mit der Zeit ein guter Stamm psychoanalytisch geschulter Literarhisto- 
riker herangezogen wird. — Jedenfalls ist es jetzt an der Literaturforschung 
selbst, zu entscheiden, ob sie es wagen darf, an dieser ungeheuer starken 
und schlagkräftigen Invasion der Psychoanalytiker in ureigenstes Gebiet wei- 
terhin vorüberzusehen." 



„Giftiger Meltau . . . Hauet der Verwesung" 

Unter der Überschrift „Einsteins Zusammenbruch oder der Sieg der Ver- 
nunft" frohlockt Dr. Alfred Seeliger in der „Schlesischen Zeitung" 
(Breslau, 30. Juni 1931) über das Erscheinen eines Buches „100 Autoren 
gegen Einstein". Einmal nun schon drin im Zertrampeln der Irrlehren — 
es jucken die Hufe — kann der Verfasser nicht umhin, auch gegen die 
Psychoanalyse auszuschlagen. Ihm scheinen beide Löwen tot zu sein. „Wie 
ein giftiger Meltau" — schreibt er — „lag es seit etwa zwei Jahr- 
zehnten über der deutschen Wissenschaft : die sogenannte Relativitätstheorie 
Einsteins und die sogenannte Psychoanalyse Freuds waren tonange- 
bend geworden auf dem Gebiete der Natur- und Geisteswissenschaften. Die 
meisten Lehrer der Universitäten und Akademien beugten sich 
fast widerstandslos dieser geistigen Fremdherrschaft" [. . . kurzsichtig, 
wie wir Psychoanalytiker nun einmal sind, haben wir die Universitäten und 
Akademien, die sich uns widerstandslos beugten, leider übersehen . . .] „und 
duldeten die jämmerliche Vergewaltigung der menschlichen Vernunft . . . 
Alle bislang geltenden Denkgesetze sollten durch die Lehren Einsteins und 

— 90 — 



Freuds plötzlich verbessert und geläutert sein ... Die Sittlichkeit, deren 
tiefstes Wesen im selbstlosen Opfer, in der Überwindung der tierischen 
Sinnlichkeit liegt, sollte nun mit einem Mal lediglich ein Ausfluß des nied- 
rigen, tierisch-geschlechtlichen Ödipuskomplexes sein. Es ist klar, daß durch 
diese Zerrüttung und Verzerrung alter Denkgesetze eine schreckliche Um- 
wertung alter Werte eintreten muß, die folgerichtig und notwendig zum 
gesetzlosen, kulturmörderischen Bolschewismus, d. h. zum 
Untergang führt. Wir alle sehen die , furchtbare Wirkung jener Lehren und 
ihrer Anwendung oder Befolgung : Europa ist gegenwärtig ein bolschewistisch 
verseuchtes, chaotisch zerrüttetes und blutig gestampftes Blachfeld, über das 
die Apokalyptischen Reiter dahinrasen und der Hauch der Verwe- 
sung weht . . . Gewiß gab es einige Männer, die diese entsetzlichen Fol- 
gen lange voraus sahen und charaktervoll und einsichtig ihre Stimme erhoben 
gegen die Irrlehren jener beiden Zauberkünstler. Aber ihr 
Ruf verhallte in dem wahnsinnigen Taumel, der die Gelehrtenwelt ergriffen 
hatte und in ihren Bann schlug." Und jetzt kommt eine besonders interes- 
sante Feststellung. „Wer Einstein und Freud nicht Heeresfolge leistete und 
über den grünen Klee lobte, ja, wer auch nur seinem Zweifel Ausdruck 
geben wollte, der wurde geächtet und verfemt, von den Universitäts- 
kanzeln und wissenschaftlichen Kongressen — zum Teil mit Bra- 
chialgewalt — ferngehalten." Schade, daß jene Vorgänge, auf 
die der vortrefflich unterrichtete Verfasser anspielt, für die Nachwelt nicht 
kinematographisch festgehalten worden sind. Etwa so. Erstes Bild : Befrie- 
digt lächelnd über die angerichtete Verheerung galoppieren Einstein und 
Freud über das Blachfeld. Zweites bis vierundzwanzigstes Bild : Man sieht 
nacheinander alle 23 Universitäten Deutschlands ; in den Hörsälen die Pro- 
fessoren, alle, von Freud verzaubert, in einem wilden Taumel. Fünfund- 
zwanzigstes bis siebenundvierzigstes Bild : Vor den Toren der 23 Universi- 
täten : überall bewacht ein Pedell eine Stange, daran angebunden ein Bü- 
schel grünen Klees ; über diesen muß jeder Professor, der hinein will, Freud 
loben. Achtundvierzigstes Bild : Es erscheint ein aufrechter Mann — Groß- 
aufnahme — der lobt nicht, will vielmehr seinem Zweifel Ausdruck geben. 
Aber sein Ruf — feine Tonfilmnuance — „verhallt". Neunundvierzigstes 
Bild : es stürzen Polizeischergen heraus und der Recke, der Freud nicht 
loben will, wird „mit Brachialgewalt entfernt, geächtet, verfemt" — abblen- 
den ! Fünfzigstes Bild, . . . aber das ist schon Gegenwart von heute und 
morgen . . . Jetzt wird's nämlich anders. Es kommen „immer mehr charak- 
tervolle und besonnene Denker und Schriftsteller, die fest auf dem Willen 
beharren und sich ihre Welt der Vernunft nicht verbilden lassen wollen". 
Das Hundertautorenbuch gegen Einstein sei bereits „ein strahlendes Licht in 
der gegenwärtigen schauerlichen bolschewistischen Finsternis." Da kann man 
auch der Psychoanalyse kein langes Leben mehr geben. St. 



91 



Ekelhaft irrsinniger Reigen erotischer Phantasien 
(_= das Sonderheft „Schweiz" der „Psychoanalytischen Bewegung") 

Im Oktoberheft 1931 der „Schweizer Monatshefte" (Zürich) be- 
schäftigt sich Hermann W i e d m e r unter der Überschrift „Die große Ein- 
same" (das ist nämlich : die Seele) auch mit der Psychoanalyse, und im 
Besonderen mit dem kurz vorher erschienenen Sonderheft „Schweiz" 
der „Psychoanalytischen Bewegung". In Freuds Lehre schlage „der Materia- 
lismus in wissenschaftlich aufgeputzte Magie und Geisterbeschwörung um, 
es rächt sich auch die durch das Christentum ins Dunkel gescheuchte Se- 
xualität". Die psychoanalytische Behandlung sei in Wirklichkeit „eine Stei- 
gerung der krankhaften Ichumkreisung ins Manische und ein Verseuchen 
des Kranken mit eingebildeten Komplexen". 

Das Sonderheft „Schweiz" zeige, wie furchtbar die Psychoanalyse sei. Die 
Arbeit von Kielholz über „Teil und Parricida" wird von Wiedmer höhnisch 
glossiert. Zu Pfisters „Analyse eines Buddhisten" wird bemerkt : „Wenn die 
Pfarrer anfangen, die Religionen aus Neurosen, Morphium- und Chloroform- 
räuschen zu erklären, dann müßten die Kirchen schleunigst in Irrenhäuser 
umgewandelt werden." An Behn-Eschenburgs Hodler-Studie wird „geschickte 
Jonglierkunst" festgestellt und von Zulligers „Teufelsdreck"-Arbeit heißt es, 
sie interpretiere das historische Material im Sinne der Psychoanalyse, „daß 
sich die Balken biegen". Wiedmers Endverdikt : „Nicht einmal das dürftige 
wissenschaftliche Mäntelchen vermag das Ekelhafte dieses irrsinnigen Reigens 
erotischer Phantasien zu mildern !" 

Zum Problem Masse-Führer 

Der holländische Soziologe Hendrik de Man hat sich vor einigen 
Jahren mit seinem vielerörterten Buche „Zur Psychologie des Sozialismus" 
von der offiziellen Sozialdemokratie, der er wohl angehört hat, sichtlich stark 
entfernt ; und insbesondere — von der materialistischen Geschichtsauffassung 
des Marxismus ; man kann ihn nun dem idealistischen Sozialismus zuzählen, 
zu dessen Abarten man wohl auch die meisten Äußerungen des religiösen 
Sozialismus rechnen darf. In Weiterfortführung seiner Ansichten hat de Man 
vor Kurzem vor dem Kulturbund in Wien über das Problem Massen und 
Führer gesprochen, wobei er besonders gegen Fascismus und Bolschewismus, 
aber ebenso auch gegen den Liberalismus des Kapitalismus Front beziehen 
mußte. Dieser Vortrag ist jetzt unter dem Titel „Massen und Führer" in 
Buchform erschienen (im Verlag Alfred Protte, Potsdam, in dem auch geistes- 
verwandte Werke von Paul Tillich und von Eduard Heimann erscheinen). 
An dieser Veröffentlichung von de Man interessiert uns hier vor allem fest- 
zustellen, daß er auch die psychoanalytische Auffassung über die Massen- 
bildung heranzieht. De Man schreibt u. a. : / 

— 92 — 



Die Freudsche Tiefenpsychologie hat als wesentlichen psychologischen 
Prozeß der Massenbildung die Bindung an einen Führer erkannt, der ein 
Ich-Ideal darstellt. Es kann hier unerörtert bleiben, ob die Freudsehen Hypo- 
thesen über den ,libidinösen' Charakter dieser Bindung, über die Abstammung 
vom ,Urvater' der Horde und dergleichen lichtig sind oder nicht. Richtig 
scheint mir die Auffassung des Führers als ein Ich-Ideal, als ein Person- 
Symbol, in das die Masse ihre eigenen Wünsche hineinprojiziert. Aber diese 
Projektion eines Ideals, also einer Zielvorstellung, geht auf beiden Seiten 
vor sich. Wie der Führer für die Masse, so repräsentiert die Masse für den 
Führer eine Zielrichtung. Die Massen-Führer-Bindung entsteht nur dort oder 
kann sich nur dort behaupten, wo beide Zielrichtungen konvergieren." 

De Man nimmt übrigens ein kollektives Unbewußtes, etwa im Jung- 
schen Sinne an ; es sei bedingt einerseits aus einer rein menschlich-triebhaften 
Funktionsbereitschaft, anderseits aus gemeinsamer Kulturerbmasse. „Wenn 
der bewußtere und darum freiere Drang des Geistes auf Wahrheit gerichtet 
ist und der noch nicht so bewußte und darum noch dunklere Drang der 
Massenmächte auf Gerechtigkeit, so entstehen doch beide aus einem Ursprung.« 
Zum Schluß zitiert de Man einen psychologischen, und wie es ihm dünkt, 
antimarxistischen Satz von Marx : „Die Welt besitzt längst den Traum von 
einer Sache, von der sie nur das Bewußtsein besitzen muß, um sie wirklich 
zu besitzen.« 

Aus Zeitschriften 

In der „Deutschen Zeitschrift für Homöopathie" zitiert Heinrich Meng 
(in einem Leitaufsatz über „Homöopathie, Hormontherapie und Psychotherapie 
als umstimmende Heilmethoden") eine Äußerung von G. und F. K lemperer: 
„Eine Psychotherapie hat es stets gegeben. Gute Ärzte haben durch ihre 
Persönlichkeit das Vertrauen erzielt, das die Heilung bewirkte ; aber dies 
war unbewußt, oder, wenn bewußt, lag es fremd außerhalb der ärztlichen 
Denkrichtung. Erst die Gedanken von Freud haben den Grund für eine 
biologische Psychotherapie gelegt, und durch seine Schriften, wie die seiner 
Schüler und Nachfolger, wurde das psychologische Denken in die Klinik hinein- 
getragen." 

# 

In den „Archives Suisses de Neurologie et de Psychiatrie" Bd. XXVII, 
Heft 2, veröffentlicht Henri F 1 o u r n o y, Genf, eine Arbeit über den 
wissenschaftlichen Charakter der Psychoanalyse. „Freuds Auffassungen", 
schließt Flournoy seinen Aufsatz, „beruhen auf einem reichen Tatsachen- 
material ; sie sind kühn wie die Theorien der Physiker und erheben eben- 
sowenig wie jene den Anspruch auf Unfehlbarkeit. Freud hat manche seiner 
Anschauungen geändert, andere unter dem Eindruck neuer Beobachtungen 
revidiert. Seine Schüler, deren Zahl dauernd wächst, bestätigen die Richtig- 

- 93 — 



keit seiner Einsichten, deren praktische Anwendung sich, ohne Rückschläge, 
auf immer weitere Gebiete ausdehnt. Freuds Werk erweckt lebendigstes 
Interesse bei den Dichtern und Schriftstellern, ein Zeichen, daß es die zu- 
tiefst menschlichen Fragen der Psychologie aufwirft. Mag sein Werk viel- 
fach unzuständige und leidenschaftliche Kritik beim Publikum hervorrufen, 
— umsomehr ist es Sache der Wissenschaft, gleichgültig auf welchem 
Sondergebiet sie arbeitet, freimütig und voll Genugtuung den wissenschaft- 
lichen Charakter der Psychoanalyse anzuerkennen.« 

Im Oktoberheft 1931 der Zeitschrift „Eckart", Blätter für evangelische 
Geisteskultur" beschäftigt sich Theophil Spoerri mit Stefan Zweigs Buch 
„Heilung durch den Geist". Zweigs dritter Essay, der über Freud, sei „von 
einer klassischen Einfachheit. Zweig ist von seinem Gegenstand überwältigt 
worden. Alles Sensationelle ist hier abgestreift. Es bleibt nur noch der 
nackte Bericht von dem Kampf eines großen ehrlichen Forschers gegen er- 
starrte und allmächtige Konventionen". Zweigs Buch erinnert Spoerri „wie- 
der von weitem an das Zentralgeheimnis des Christentums : die Fleisch- 
werdung des Wortes . . . Diejenigen, die das Wort vom Kreuz immer im 
Munde führen, ohne daß die Schmach und Kraft des Kreuzes an ihrem Fleisch 
sichtbar wird, die sollen verstummen vor den Ungläubigen 
[sc. Freud, Stefan Zweig], die von der Heilung durch den Geist zeugen, 
denn wahrlich, dieser Ungläubigen Glauben ist größer als das leere Glau- 
benswort der Gläubigen ..." 

* 

In der „Geisteskultur, Monatsheft der Comenius-Gesellschaft" (Ber- 
lin, Juli — August 1931) schreibt Ernst Barthel in einem Aufsatz „Vom Unbe- 
wußten und vom Bewußten" : „. . . . Diesen Mißstand [nämlich Störungen 
des Gemütslebens durch unbewußte Regungen] will die Psychoanalyse als 
Heilkunst beheben helfen, indem sie versucht, aus den Menschen herauszu- 
holen, was sie unterdrücken, sich selbst nicht eingestehen . . . Der Mensch ist 
nur so lange ein Sklave von Naturkräften, als er diese nicht durchschaut . . . 
Wobei allerdings zu sagen bleibt, daß in vielen Menschen keine Anlagen 
sind, eine übergroße Abhängigkeit von Natureinwirkungen in Herrschaft zu 
verwandeln. Bei diesen ist die Unterordnung unter eine objektive 
Führung, sei es ein Mann oder ein System, praktisch besser 
als eine psychoanalytische Gewissensbehandlung, für die sie nicht reif sind. 
Imperative ethischer Art vermögen manchmal Wirkungen zu erzielen, 
die entschieden bedeutender sind als ein psychologischer Sport" . . . Deutsch- 
land 1931 : der Schrei nach dem Mann, der in kategorischen Imperativen 
spricht : Imperator ! Übrigens hat doch auch ein großer Berliner Kliniker den 
Ausspruch getan, der preußische Unteroffizier des alten kaiserlichen Heeres 
habe besser Neurosen heilen können als die Psychoanalyse. 



— 94 



' 



„Moderne Schicksalsforschung und christlicher Gottesglauben" heißt ein 
Aufsatz von Adolf Köberle in der „Zeitwende" (München, Okto- 
ber 1931). Die Psychoanalyse habe „erschütterndes Material zutage gefördert, 
was für kranke, giftige Ströme früherer Generationen in unserem Unterbe- 
wußtsein angestaut sein können, die unser Traum- und Phantasieleben ver- 
derben ..." Man könne auch nicht „diese ganze Forschungswelt [gemeint 
ist dabei auch der Darwinismus und der Marxismus] als Narretei, Betrug 
und Bauernfängerei abtun ; sie hat gewisse reale Grundlagen, die vielleicht 
erst spätere Geschlechter in rechter Besonnenheit und Verantwortlichkeit ganz 
werden erforschen können . . ." undsoweiter, undsoweiter . . . aber, aber, 
aber „der Gottesglaube braucht nicht zu warten, denn er kennt etwas viel 
Größeres und Gewisseres als die Sprache der kosmischen Elemente, er hat 
in Christum Gott selbst . . . wenn ich nur Christum habe, was soll ich mich 
bei den unteren Welten aufhalten ..." 

* 

In der „Zeitwende" verteidigt Karl Schweitzer („Moderne 
Charakterologen und das Christentum") die Religion gegenüber K 1 a g e s 
und Prinzhorn. Einen unversöhnlichen Gegensatz sieht er nicht ; allerdings, 
meint er, steht die moderne Charakterologie jetzt vor lebenswichtigen Ent- 
scheidungen : sie soll sich mutig entschließen, das Steuer herumzuwerfen und 
dem Christentum zu geben, was des Christentums ist. Die wahre Gefahr 
für das Christentum sei nur Nietzsche und Freuds Psychoanalyse. Unbegreiflich 
erscheint allerdings dem Verfasser, daß der von ihm noch einer Besserung 
für fähig gehaltene Prinzhorn von Freuds Schrift über die „Zukunft einer 
Illusion" zu rühmen vermochte, sie sei von einer viel tieferen Religiosität, 
einer festeren Weltverbundenheit getragen als die übergroße Mehrzahl aller 

theologischen Schriften. 

* 

Das Juliheft 1931 der „Psyche" (London) enthält eine Abhandlung 
von Hilde Weber: „Some points of disagreement with Freudian practice 
and theory". In dem gleichen Heft ist auch ein Aufsatz des Londoner 
Psychoanalytikers J. C. Flügel über den Gefühlswert der Kleidung er- 
schienen. 

* 

Das Mai — Juniheft 1931 des von Pierre Janet und George Dumas her- 
ausgegebenen „Journal de Psychologie" (Paris) gibt den in der 
„Societe de Psychologie" an der Sorbonne im Februar gehaltenen Vortrag 
von R. E. Lacombe „Sur l'interet de la tentative de Freud" wieder. 

Im Novemberheft der der beruflichen Fortbildung der Lehrerschaft die- 
nenden, offiziösen österreichischen Monatsschrift „Der neue Weg" ver- 
öffentlicht Reg.-Rat Dr. Josef Weinberger, Direktor der Bundeslehrer- 

— 95 — 



bildungsanstalt in Hollabrunn einen Vortrag, den er in der genannten An- 
stalt über die Bedeutung der Psychoanalyse für die Pädagogie gehalten hat. 
Er gelangt zum Ergebnis, die Psychoanalyse befolge zwar, als Ideal gedacht, 
immer einen sittlichen Zweck, die Unterwerfung der dunklen Kräfte des 
Unbewußten unter die Herrschaft des sittlichen Willens ; da aber nur eine 
bestimmte Art von Kranken sich für die seelenaufschließende Behandlung 
eigne, und da die psychoanalytischen Lehren überdies noch weit von ihrer 
wissenschaftlichen Konsolidierung entfernt seien, müsse die Pädagogik bei 
der Verwendung der Psychoanalyse Vorsicht üben. Aber auf jeden Fall sei 
die theoretische Beschäftigung mit der Psychoanalyse geeignet, dem Lehrer 
die menschliche Natur und Entwicklung von einer ihm bisher unbekannten 
Seite zu offenbaren und seine Sicherheit bei der praktischen Erziehertätigkeit 
zu erhöhen. 



In der von Tumlirz herausgegebenen „Vierteljahrsschrift für Jugendkunde" 
(Heft 3, 1931) schreibt H. Vorwahl über „Die Sexualität des Lügens". 
Die Illusionen der meisten Eltern und Erzieher, die von der „Unschuld" 
ihrer Kinder in sexuellen Dingen überzeugt sind, zeigen ihre .lyrische Hilf- 
losigkeit", und nur die neuere Dichtung hat in ihrem Naturalismus der 
Wirklichkeit Rechnung getragen. Charlotte B ü h 1 e r s Behauptungen, es 
handle sich dort um nicht typische Ausnahmefälle, wo die Psychoanalyse 
starke sexuelle Spannung in der Kindheit und bei Halbwüchsigen aufweist, 
sei „keine Orientierung von der Psychologie her, sondern eine pädagogische 
Setzung, die nicht von subjektiver Meinung unabhängig ist". 



„Große Deutsche" 

Unter dem Titel „Große Deutsche — Ein Volksbuch von Karl 
Stabenow" ist soeben im Avalum-Verlag, Hellerau bei Dresden eine 
Sammlung von Bildnissen aus alter und neuer Zeit erschienen. Im Geleit- 
wort schreibt Reichskunstwart Dr. Edwin R e d s 1 o b : „Es sind nicht 
hundert Bildnisse, sondern e i n Antlitz : das einzige Antlitz des 
deutschen Volkes". Die chronologisch geordnete Sammlung beginnt 
mit einer Reiterstatue Karls des Großen. Die Generation der Lebenden ist 
in dieser Sammlung „Große Deutsche" durch sechs Bildnisse vertreten : 
Gerhard Hauptmann, Max Liebermann, Max Planck, Albert Einstein, 
Hindenburg und Sigmund Freud. 



Eigentümer und Verleger : 

Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Ges. m. b. H., Wien, 1., Börsegasse 11 

Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Adolf Josef Storfer, Wien, L, Börsegasse 11 

Druck: Johann N. Vcrnay A.-G., Wien, IX., Canisiusgasse 8—10