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Full text of "Psychoanalytische Bewegung IV 1932 Heft 2"

■ IV. Jahrgang März^April 1932 Heft 2 g 

llinillilllilllllllillilllliililililiillliil^ 

Odysseiis Freud 

Von 

Arnold Z'weig 

Aus der „ Weltbühne" vom ig. Januar igss, 
mit Genehmigung des Verfassers und des Verlags. 

Die Mythologie der Griechen hat, wie uns alle Pauker belehrten, 
allgemein-menschliche Gültigkeit — wie sehr, wie tief und wie durch- 
bohrend freilich, weiß man erst seit den wissenschaftlichen Expeditio- 
nen in den Hades, die der einsame Sigmund Freud angestellt hat. 
Nur um auf seine mächtige Gestalt wieder einmal hinzuweisen, wende 
ich midi für einen Augenblick von meiner Arbeit weg. Im Psycho- 
analytischen Verlag ist eben ein Band „Theoretischer Schriften" er- 
schienen, die Gedankenarbeit jener fünfzehn Jahre zusammenfassend, 
die zwischen den Arbeiten der Mannesjahre und den herrlichen letzten 
des greisen Meisters stehen. Dies sind, in zwanzig Jahren nehme man 
mich beim Wort, Naturbeschreibungen der Menschenseele, jener wil- 
den, erhabenen und grausigen Unterwelt, die wir alle in uns tragen. 
Ununterbrochen gehen von ihr die Taten der Menschen aus, von ihr 
nicht allein bestimmt, aber immer mitbestimmt und überwiegend von 
ihr bestimmt bei Primitiven, Kindern und Neurotikern ... Es ist un- 
möglich, auch nur aufzuzählen, was die zukünftige Psydiologie — für 

PsA. Bewegung IV — 97 ^^ , 

INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




uns die gegenwärtige — diesem Band von 400 Seiten entnehmen 
wird. Die Beschreibung des Narzißmus, der Verdrängung, die große 
Darlegung des Unbewußten — dies nur als Beispiele; die 70 Seiten 
„Jenseits des Lustprinzips", die 110 Seiten „Massenpsychologie und 
Ich-Analyse", und jene Schrift „Das Ich und das Es", ohne die man 
nicht weiß, wer man ist. Längst ward ja klar, wer heute als mißver- 
standenster Denker der Welt gehen darf, wer in dieser Beziehung, 
und nicht nur in dieser, den Friedrich Nietzsche unsrer Jugendjahre 
abgelöst hat. Ja, Sigmund Freud, hier spricht er als der Denker; aus 
dem naturforschenden Arzte hat er sich zwanghaft, unlustig, fast mit 
Widerwillen dazu entwickelt. Daher er als Schriftsteller des Denkens 
die Schmucklosigkeit selbst ist — und ein Meister. Denn die Wort- 
kargheit, die ihn überall dazu treibt, Satz für Satz mit Bedeutung voll- 
zupressen, einen auf den anderen zu mauern, die herrliche Dichte und 
Folgerichtigkeit seiner Theorie aus ihnen erstehen zu lassen wie einen 
Quaderbau aus gewichtigen Steinen : das hat heute nicht seinesgleichen. 
Die Wahrheit ist das Kennzeichen ihrer selbst und des Falschen, prägt 
Spinoza seinen Grundbeitrag zum Problem der Evidenz. Noch nie, so 
lange die Menschheit über sich nachdenkt, hat eine wissenschafthche 
Lehre das Innere des Menschen so in sich zusammenhängend ausge- 
deutet wie die Freudsdie, im Menschen gleichsam einen organisierten 
Raum aufhellend. Tief ins Irrationale hinein macht sie die Gesetze 
von Ursache und Folge geltend, benennt eine begrenzte Anzahl von 
Prinzipien, eines aus dem anderen durch Beobachtung entwickelt, und 
dies nicht etwa in kontemplativer Schau, sondern am lebendigen Ob- 
jekt festgestellt, am realen Menschen, der durch diese Erkenntnisse 
verändert ward, erleichtert, geheilt. Der Leser dieser Studien, Bemer- 
kungen und Aufsätze muß den Eindruck haben, daß diese Natur- 
erforschung der menschlichen Seele, diese dynamische Kraft, mit der 
Schicht für Schicht ihres Aufbaues abgetastet wird, nicht einen er- 
dachten Menschen betrifft, sondern den wirklichen, den von heute imd 
immer. Und wenn gar dieser Denker den Widerstand der Welt gegen 
seine Lehre als zum System dieser Triebe gehörig aufdeckt, gilt der 

— 98 — 



I 



Satz des Spinoza wiederum, nur einmal Umgekehrt: das Falsche be- 
stätigt die Wahrheit und seine eigne Irrigkeit. So mögen sich also die 
Geisteswissenschaftler von 1932 angegrault von diesen apollinischen 
Berichten über die Urgründe des Dionysischen abwenden; es ist zu 
lange her, daß sie die Gründe ihrer Meinungen erlebten. Dieser Band 
„Theoretische Schriften" aber heißt nur darum nicht „Philosophische", 
weil der Mann dieses Wort nicht hebt, der heute vor drei Kontinen- 
ten die Herme des europäischen Denkens darstellt. Mit 75 Jahren noch 
herrlich umkämpft, darf er die Gewißheit hegen, daß die Leistung 
seines Lebens die Grundlagen unsrer Welt mit einer gesünderen 
Kanalisation versehen wird, einer adäquateren Erkenntnis der 
Menschennatur, dank jener Reinigung der Leidenschaften, die 
das befreiende Wort der Analyse neben das gestaltende der 
Dichtung reiht. 



lllillllilllilllililllllB 

PSrCHOANALTTISCHES LESEBUCH 

Montesquiefi 

über Nationalismias imd Gottesglaraben imd fiber dem 
,,Narzill|iQms der kleimem Differemzen" 

. . . Der Glaube an falsche Wunder kommt aus unserem Hodimut, der uns 
glauben läßt, wir seien hinreidiend widitige Gesdiöpfe, daß das hödiste Wesen 
für uns die Natur umwerfe. Das läßt uns auch unser Volk, unsere Stadt, unser 
Heer als von der Gottheit am meisten geliebt ersdieinen. So wollen wir also, 
daß Gott ein parteiliches Wesen sei, das sich unaufhörlich für ein Gesdiöpf 
gegen ein anderes erklärt und in dieser Art Krieg sich gefällt. 

. . . Frömmelei ist der Glaube, daß man besser ist als Andere . . . Die 
Frömmelei findet, um Übles zu tun, Gründe, die ein einfacher, anständiger 
Mensch nicht finden könnte. 

. . . Der Unterschied zwischen den Mensdien ist zu geringfügig, als daß man 
auf ihn eitel sein dürfte. 

— 99 — 



IDas ekelidie Mi^gesdiidk 
Marie Aetoimettes* 



Vm 
Stefan, Zweig 

Am 16. Mai 1770 führt Ludwig, Dauphin von Frankreich, die Erzherzogin 
Marie Antoinette als Gattin heim, und feierlich geleitet sein Großvater 
Ludwig XV. die beiden in das eheliche Schlafgemach. Eigenhändig über- 
reicht er ihm das Nachthemd und die ranghöchste Dame der jungen Gattin 
das ihre, würdig tritt der Erzbischof von Reims in das Schlafgemach, be- 
sprengt es mit Weihwasser und segnet das Bett. Dann bleiben die beiden, 
Marie Antoinette und Ludwig allein und der Baldachin des Himmelbetts 
rauscht brokaten nieder, Vorhang einer beginnenden Tragödie. 

Denn in diesem Bette geschieht nun zunächst — nichts. Und es gibt 
einen fatalen Doppelsinn, wenn der junge Ehemann am nächsten Tage in 
sein Tagebuch einschreibt: „Rien". Weder die höfischen Zeremonien, noch 
die erzbischöfliche Segnung des bräutlichen Bettes haben Gewalt gehabt über 
eine peinliche Hemmung der männlichen — oder vielmehr : unmännlichen — 
Natur des Dauphin, matrimonium non consumpium est, die Hodizeit ist im 
fleischlichen Sinne nicht vollzogen, nicht heute, nicht morgen und nicht im 
nächsten Jahre. Marie Antoinette hat einen „nonchalant mari" gefunden, wie 
man ärgerlidi am Wiener Hofe vermerkt, und zunächst meint man, es sei 
nur Schüchternheit, Unerfahrenheit oder eine „nature tardive" (wir würden 
heute sagen, eine infantile Zurüdcgebliebenheit), die den Sechzehnjährigen 
bei diesem bezaubernden jungen Mädchen hemme. Kommt Zeit, kommt 
Rat, denkt die erfahrene Mutter, nur nicht drängen und den seelisch Ge- 
hemmten irritieren! So mahnt sie ihre Antoinette, die eheliche Enttäuschung 
nicht schwer zu nehmen — „point d'humeur lä-dessus" schreibt sie am 
8. Mai 1771 ihrer Tochter und empfiehlt ihr „caresses, cajolis", Zärtlich- 
keiten, Liebkosungen, aber anderseits wieder nicht zuviel davon, „mais trop 
d'empressement gäteroit le tout". Wie aber dieser fatale Zustand schon ein 
Jahr, zwei Jahre andauert, beginnt die Kaiserin über diese „conduüe si 



*) Aus einem demnächst ersdieinenden größeren Werk über Marie Antoinette. 

— 100 — 



etrange" des jungen Gatten unruhig zu werden. An seinem guten Willen 
iit nicht zu zweifeln, denn von Monat zu Monat zeigt sich der Dauphin 
leiner jungen Gattin immer zärtlicher zugetan, er erneuert unablässig seine 
nächtlichen Besudie, feine untauglichen Versuche, aber an der letzten ent- 
scheidenden Zärtlichkeit hemmt ihn irgend ein „maudit diarme", eine ge- 
heimnisvolle fatale Störung. Marie Antoinette, selbst unerfahren, meint, es 
sei nur „maladresse et jeunesse" nur Ungeschicklichkeit und Jugend, die 
Arme dementiert sogar selbst die „üblen Gerüchte, die hier zu Lande über 
seine Unfähigkeit umgehen" (18. XII. 1771). Aber die Mutter beginnt schließ- 
lich doch besorgt zu vi^erden. Sie läßt ihren Hofarzt van Swieten kommen 
und berät sich mit ihm über die „froideur extraordinaire du Dauphin" ; der 
zuckt die Achseln und meint, wenn es einem jungen Mädchen von solchem 
Liebreiz nicht gelinge, den Dauphin zu „ediauffer", sei jedes medizinische 
Heilmittel ohne Wirkung. Wieder schreibt Maria Theresia Brief auf Brief 
nach Paris; schließlidi nimmt König Ludwig XV., wohlerfahren und allzu- 
geübt auf diesem Gebiete, seinen Enkel ins Gebet, der französische Hofarzt 
Lasonne wird eingeweiht, der traurige Liebesheld untersucht, und nun stellt 
sich heraus, daß diese Impotenz des Dauphins keine psychische sei, sondern 
auf einem unbedeutsamen organischen Defekt beruht (einer Phimosis, welche 
die vollkommene Erektion verhindert). „Les uns disent que le frein comprime 
tellement le prepuce qu'il ne se reläche pas au moment de rintroduction et lui 
cause une douleur vive, gut oblige S. M. ä moderer Virnpulsim nkessaire pour 
raccompUssement de l'acte. D'autres supposent que ledit prepuce est si adherent 
qu'il ne peut se relächer assez pour permettre la sortie de l'extremite penienne ce 
qui empeche l'hection complete de se produire" (Geheimbericht des spanischen 
Gesandten). Jetzt folgt Consilium auf Consilium, ob der Chirurg mit dem 
Operationsmesser eingreifen solle, — „pour lui rendre la voix" wie man in 
den Vorzimmern zynisch flüstert — und Marie Antoinette, von ihren er- 
fahrenem Freundinnen inzwischen aufgeklärt, tut das Möglichste, ihn dazu 
zu veranlassen. („Je travaille ä le determiner ä la petite Operation, dont cm 
a dejä parlS et que je crois nkessaire", 1775 an ihre Mutter.) Aber Ludwig XVI. 
— aus dem Dauphin ist zwar inzwischen schon ein König geworden, doch 
nach fünf Jahren noch immer kein Ehemann — kann sich, seinem schwan- 
kenden Charakter gemäß, zu keinem energischen Akt entschließen. Er zau- 
dert und zögert, versucht und versucht, und diese gräßliche, widerliche, 
lädierliche Situation des ewigen Versuchens und ewigen Versagens zieht 
sich zur Schmach Marie Antoinettes, zum Hohne des ganzen Hofs, zur Wut 
Maria Theresias, zur Erniedrigung Ludwig XVI., ganze sieben Jahre hin, 
bis schließlich Kaiser Josef eigens nach Paris reist, um seinen nicht sehr 

— 101 — 



mutigen Schwager an seine Pflicht zu mahnen. Dann erst gelingt es diesem 
traurigen Cäsar der Liebe, den Rubikon glücklich zu überschreiten. Aber 
das seelische Reich, das er endlich erobert, ist schon verwüstet durch diese 
sieben Jahre lächerlichen Kampfes, durch diese zweitausend Nächte, in denen 
Marie Antoinette die äußerste Erniedrigung erlitten, die eine Frau er- 
leiden kann. 

Wäre es nicht zu vermeiden gewesen (fragt vielleicht manches empfind- 
same Gemüt), dieses heikle und heiligste Geheimnis des Alkovens zu lüften ? 
Hätte es nicht genügt, das wirkliche Faktum des königlichen Versagens bis 
zur Unkenntlichkeit zu verschatten, wie es doch alle anständigen Biographen 
taten, indem sie zaghaft um die Tragödie des Ehebetts herumschlichen und 
bestenfalls blümerant vom „fehlenden Glück der Mütterlichkeit" sprachen ? 
Ist wirklich dieses Hervorziehen intimer Details unentbehrlich für eine 
charakterologische Darstellung? Jawohl, es ist unentbehrlich und jedes Ver- 
schweigen Entstellung, denn alle die Spannungen, Abhängigkeiten, Hörig- 
keiten und Feindseligkeiten, die sich allmählich zwischen dem König und 
der Königin, den Prätendenten und dem Hof herausbildeten und weit ins 
Weltgeschichtliche hinüberreichen, bleiben historisch-psychologisch in ihrem 
letzten Ablauf unverständlich, wenn man nicht klar bis an den untersten, 
ihren physiologischen Ursprung herangeht. Mehr weltgeschichtliche Folge- 
erscheinungen als man gemeinhin zuzugeben gewillt ist, haben von je 
im Alkoven und hinter den Baldachinen der Königsbetten ihren Anfang 
genommen; selten aber liegt das Folgespiel zwischen winziger Ursache und 
politischer Weitwirkung so klarläufig und eindeutig wie in diesem exem- 
plarischen Fall. Die ganze Entwicklung der Revolutionstragödie des französi- 
sdien Königtums ist im letzten Grunde durch keinen Faktor so sehr als 
durch diese private Schwäche Ludwig XVI. determiniert, das Versagen Lud- 
wig XVI. als König nur durch das langjährige des Mannes und seiner 
Männlichkeit verständlich, und jede charakterologische Darstellung darum 
unehrlich und unzulänglich, die ein Geschehnis als nebensächlich in den 
Schatten drückt, das Marie Antoinette selbst den „article essentiel", den 
Hauptpunkt ihrer Sorgen und Erwartungen genannt hat. 

Und dann: deckt man wirklich ein Geheimnis auf, wenn man frei und 
ehrlich von der langjährigen ehelichen Unfähigkeit Ludwig XVI. spricht? 
Durchaus nicht. Nur das neunzehnte Jahrhundert mit seiner krankhaften 
moralischen Sexualprüderie hat verschwiegen, was im achtzehnten Jahrhun- 
dert noch öffentliches Tagesgespräch war. Ehefähigkeit oder Eheunfähigkeit 
eines Königs, Fruchtbarkeit oder Unfruchtbarkeit einer Königin galt damals 

— 102 — 



nicht als private, sondern als politische und Staatsangelegenheit, weil sie die 
„Erbfolge« und damit das Schicksal des ganzen Landes entschied. Noch war 
j'ene Scheu von dem Physiologisch-Natürlidien nicht so unnatürlich über- 
trieben, das Bett gehörte so offenkundig mit zum menschlichen Leben wie 
das Taufbecken oder der Sarg. In dem Briefwechsel Maria Theresias und 
Marie Antoinette, der immerhin durch die Hand des Staatsarchivars und des 
Kopisten ging, sprachen eine Kaiserin von Österreich und eine Königin von 
Frankreich in vorbildlidier seelischer Freiheit als Mutter und Tochter über 
alle Einzelheiten und Intimitäten dieses sonderbaren Ehestands. Beredt schil- 
dert Maria Theresia der Tochter die Vorteile des gemeinsamen Bettes und 
gibt ihr kleine weibUche Winke, den nachlässigen Gemahl zärdich an sich 
zu fesseln; die Tochter berichtet wieder das Eintreffen und Nichteintreffen 
des monatlichen Unwohlseins, ihre Sorgen und Hoffnungen, den endlichen 
Ehevollzug mit allerhand merkwürdigen Details und schließlich triumphierend 
die Schwangerschaft. Einmal — man sieht daraus die vorbildliche Unbe- 
fangenheit jener Epoche in mensdilichen Dingen — wird sogar der Kompo- 
nist der Iphigenie, wird sogar Gluck, weil er dem Kurier vorausläuft, mit 
der Übermitdung solcher intimer Nachrichten betraut. Mutter und Tochter 
haben voreinander keine Sdieu, und ebenso spricht sich der König zu seinen 
Verwandten über die Fortschritte seiner Ehelichkeit ungezwungen aus. 

Aber wäre es nur die Mutter allein, die um das Geheimnis dieses Ver- 
sagens weiß! In Wirklichkeit wissen und reden alle Kammerfrauen davon, 
alle Hofdamen, Kavaliere und Offiziere; in den Salons und Hinterstuben 
wird darüber gelacht, die Diener wissen es und die Wäscherinnen am Hofe 
von Versailles, sogar an seinem eigenen Tisch muß der König manchen 
derben Scherz erdulden. Außerdem befassen sich, da die Zeugungsfähigkeit 
eines Königs in Anbetracht der Erbfolge eine hochpolitische Angelegenheit 
ist, alle auswärtigen Höfe auf das eindringlichste mit dieser Frage. In den 
offiziellen Berichten der preußischen, der sächsischen, der sardinischen Bot- 
schafter finden sich ausführliche Erörterungen der heiklen Angelegenheit; 
der eifrigste unter ihnen, Graf Aranda, der spanische Botschafter, läßt sogar 
die Laken des königlichen Bettes durch bestochene Diensdeute untersuchen, 
um dem physiologischen Verhalten nur möglichst genau auf die Spur zu 
kommen. Überall in ganz Europa lachen und spotten die Fürsten und Könige 
über ihren ungeschickten Standesgenossen, die Impotenz des Königs ist nicht 
nur in Versailles, sondern in ganz Paris und Frankreich das Geheimnis 
Polichinells. Sie wird in allen Straßen besprochen, sie flattert als Libell von 
Hand zu Hand und bei der Ernennung des Ministers Maurepas zirkuliert 
zur allgemeinen Erheiterung das muntere Couplet: 

— 103 — 



„Maurepas Statt impuissant 
Le Roi l'a rendu plus puissant 
Le Minisire reconnaissant 
Dit: Pour vous, Sire, 
Ce que je desire, 
D'en faire autant". 

Aber was spaßhaft klingt, hat in Wahrheit schicksalshafte und gefährliche 
Bedeutung. Diese sieben Jahre des Versagens bestimmen seelisch den 
Charakter des Königs und der Königin und führen organisch zu politischen 
und charakterologischen Folgerungen, die ohne Kenntnis dieses intim wir- 
kenden Details sinnlos und unverständlich sind: Weltgeschichte entwickelt 
sich wie die Lawine aus dem Sandkorn, hier aus dem allerintimsten und dis- 
kretesten Detail eines Ehestands. 



Unverständlich bliebe vor allem das Verhalten Ludwigs XVL ohne Kennt- 
nis dieser Episode. Mit geradezu klinischer Deutlichkeit zeigt sein mensch- 
licher Habitus alle typischen Symptome eines aus männlicher Schwäche 
stammenden Minderwertigkeitsgefühls. Wie im privaten fehlt diesem Gehemmten 
auch im öffentlichen Leben jede Stoßkraft zu schöpferischer Tat. Unsicher, un- 
entschlossen, feige, entschlußunfähig, einsiedlerisch, fürchtet er, der gebieten 
sollte, jeden Entschluß, jedes Verantwortlichsein. Er versteht nidit aufzu- 
treten, er weiß keinen Willen zu zeigen und noch weniger ihn durchzu- 
setzen; linkisch und scheu flüchtet er vor jeder höfischen Geselligkeit und 
besonders vor dem Umgang mit Frauen, denn er weiß, dieser im Grunde 
biedere, rechtschaffene Mann, daß sein Mißgeschick jedem am Hofe bekannt 
ist, und das ironische Lächeln der Eingeweihten quält und bedrückt ihn; 
darum zieht er sich am liebsten in seine Gemächer zurück. Am wohlsten 
fühlt er sich in einem ganz fremden unteren Milieu, in Gesellschaft der 
Schlossergehilfen oder Maurermeister, die ihn gutmütig, ohne Spott, ja sogar 
mit ehrlichem Respekt als einen Kameraden aufnehmen; vor allen Menschen 
des Hofes aber und seiner eigenen Familie bleibt er gehemmt, unsicher und 
verlegen. Manchmal versucht er sich gewaltsam eine gewisse Autorität zu 
geben, den Schein einer Kraft. Aber dann greift er immer eine Skala zu 
hoch, wird grob, brüsk und brutal, typische Flucht in eine Geste der Kraft- 
meierei, die ihm niemand glaubt. Nie aber gelingt ihm ein freies, natür- 
liches, selbstbewußtes männliches Auftreten und am wenigsten das majestäti- 
sche. Weil er nicht ganz Mann ist, kann er auch nicht ganz König sein. 

Daß dabei seine privaten Vergnügungen die allermännlichsten sind, die 

— 104 — 



Jagd und körperliche Schwerarbeit, wie Schlossern und Handwerken, — er 
hat »idi eine eigene Sdimiedewerkstätte eingerichtet und die Drehbank ist 
noch heute zu sehen — widerspricht keineswegs dem klinischen Bild, son- 
dern bestätigt es nur. Denn gerade, wer nicht Mann ist, liebt unbewußt 
den Männlichen zu spielen. Wenn er auf dampfendem Pferd stundenlang 
dem Eber nachjagt und durch die Wälder reitet, wenn er am Amboß seine 
Muskeln bis zur Müdigkeit erschöpft, so kompensiert da ein Kraftbewußt- 
sein der rein physischen Muskelkraft wohltuend die heimliche Schwäche der 
genitalen : als Hephaistos fühlt sich wohl, wer den Dienst der Venus schlecht 
versieht. Aber kaum er die Galauniform anzieht und unter die Höflinge 
tritt, spürt er, daß diese Kraft nur eine der Muskeln ist und nicht eine der 
Seele, und sofort wird er verlegen, mürrisch, mißmutig und scheu, trotz 
seiner angeborenen Gutmütigkeit und naiven Jovialität. Selten sieht man 
ihn lachen, selten wirklich glücklich und vergnügt. 

Am gefährlichsten aber wirkt sich dieses geheime Schwächegefühl charak- 
tcrologisdi im seelischen Verhältnis zu seiner Frau aus. Vieles an ihrem 
Verhalten widerstrebt seinem persönlichen Geschmack. Er mag ihre Gesell- 
schaft nicht, ihn ärgert der ständige laute Vergnügungstrubel, in dem sie 
ihre Unbefriedigkeit betäubt; er ärgert sich im geheimen, er, der sparsame 
und bedächtige Mann, über ihre Verschwendung und ihre frivolen Spiele. 
Ein wirklicher Mann müßte einer solchen Frau, deren leichter und fahriger 
Charakter so sehr der Zügel bedurfte, ein König dieser würdevergessenen 
Königin kräftig die Meinung sagen. Aber wie kann ein Mann vor einer 
Frau, die im Dunkel seine geheimen nächtlichen Niederlagen kennt, die 
ihn allnächtlich beschämt, hilflos und als lächerlidien Versager erlebt, 
bei Tage den Herren spielen? Nie kann er ihr aufrecht, herrisch und ge- 
bietend entgegentreten, und unwillkürlich gerät, je länger sein blamabler 
Zustand dauert, Ludwig XVI. gegenüber Marie Antoinette in völlige Ab- 
hängigkeit, ja sogar in Hörigkeit. Sie kann von ihm verlangen, was sie will, 
immer wieder kauft er mit völlig schrankenloser Nachgiebigkeit sich von 
seinem geheimen Schuldgefühl los. Obwohl er nicht tanzt, begleitet er sie 
auf Bälle, und wenn er zu müde wird, läßt er sie nächtelang allein. Er 
zahlt ihre Schulden, er duldet ihre Extravaganzen und Galanterien, ohne ein 
einzigesmal energisch dreinzufahren und Einspruch zu versuchen. Manchmal, 
wenn sie gar zu tolle Frisuren sich auf den Kopf türmt oder nächtelang 
wegbleibt, wagt er schüchtern einen kleinen vorsichtigen Scherz: aber dann 
lacht sie mit und tut weiter was sie will. Wirklich in ihr Leben einzu- 
greifen, ihre offensichtlichen Torheiten und unnützen Kompromittierungen 
?u behindern, dazu fehlt ihm die Willenskraft, die im letzten ja nichts an- 

— 105 ^ 



deres ist als der psychische Ausdruck der körperlichen Potenz; und die 
gutmütige Respektlosigkeit, das kameradschaftliche Von-oben-herab, mit dem 
Marie Antoinette den „pauvre homme" behandelt, wirkt sich gefährhch bei- 
spielgebend auf ihre ganze Umgebung aus. Niemand respektiert den König, 
niemand bemüht sich ernstlich um üin. Wer etwas will und anstrebt, wen- 
det sich am besten an seine Frau, denn jeder weiß, ihr Wille biegt seine 
Willenlosigkeit. Verzweifelt sehen die Minister, sieht die Kaiserinmutter 
Maria Theresia, sieht der ganze Hof diese zunehmende Ohnmacht des 
Königs, und wie alle Macht in die Hände einer Frau gerät, die sie leicht- 
fertig verzettelt. Aber ein Kräftediagramm, in einer Ehe einmal bestimmt, 
bleibt erfahrungsgemäß als seelische Konstellation unabänderlich. Auch wie 
er schließlich ihr Gatte und Vater ihrer Kinder wird, bleibt er, der Herr 
Frankreichs sein sollte, der willenlose Knecht seiner Frau, einzig weil er nicht 
rechtzeitig ihr Mann gewesen ist. . , 

Nicht minder verhängnisvoll bestimmt das sexuelle Versagen Ludwig XVI. 
die seelische Entwicklung Marie Antoinettes. Gemäß der Gegensätzlichkeit 
der Geschlechter produziert ein und dieselbe Störung im männlichen und 
weiblichen Charakter genau gegensätzliche Erscheinungen. Wo bei einem 
Mann die sexuelle Aktivität Störungen unterliegt, entsteht Gehemmtheit und 
Unsicherheit, wo der Frau die passive Hingabebereitschaft nichts hilft, muß 
zwanghaft Überreiztheit und Hemmungslosigkeit, eine flackrige Überleben- 
digkeit zu Tage treten. Von Natur aus ist Marie Antoinette eigentlich voll- 
kommen normal geraten, eine wirkliche, eine weibliche, eine zärtliche Frau, 
zu vielfacher Mutterschaft bestimmt. Aber das Verhängnis will, daß gerade sie, 
die Empfindungsfähige und Empfindungswillige, in eine abnorme Ehe, daß sie an 
einen Nicht-Mann gerät. Allerdings, sie ist erst fünfzehnjährig zur Zeit der 
Eheschließung, an und für sich schiene also die Verzögerung noch nicht seelisch 
belastend und verstörend ; denn man darf es doch keineswegs schon physio- 
logisch unnatürlich nennen, wenn ein junges Mädchen bis zum zweiund- 
zwanzigsten Jahre jungfräulich bleibt. Was aber hier die Erschütterung und 
gefährliche Aufpulverung ihres Nervenzustandes verursacht, ist, daß ein von 
Staats wegen ihr zubeorderter Gatte sie diese sieben pseudoehehchen Jahre 
nicht im Zustande unbefangener und unberührter Keuschheit verbringen 
läßt, sondern daß in zweitausend Nächten sich an ihrem jungen Körper, an 
ihren Sexualorganen ein tölpischer und gehemmter Mann unablässig herum- 
müht, ihre Nerven nutzlos irritiert und daß überdies der ganze Hof, 
die ganze Welt voll bösartiger und hämischer Neugierde sich ständig mit 
diesem Unglück beschäftigen. Ununterbrochen wird ihre Sexualität 

— 106 — 



fruchtlos in dieser unbefreienden, beschämenden und erniedrigenden Weise 
ohne eine einzige Erfüllung gereizt und gereizt; eine von Natur zarte und 
sogar zärtlich geartete Frau müßte geradezu abnormal stumpf sein, wenn 
ihre seelische Verfassung auf diese gräßliche Quälerei nicht schließlich tem- 
peramenthaft reagierte. So bedarf es keines Nervenarztes, um festjustellen, 
daß die extreme Vivazität, diese Überlebendigkeit, dieses ewige Hin und 
Her und nie Zufriedensein, dieses fahrige Jagen von Vergnügung zu Ver- 
gnügung, die krankhafte Steigerung der Spiellust, die berüchtigte Unfähig- 
keit Marie Antoinettes, sich jemals sachlich auf einen Gegenstand zu kon- 
zentrieren, daß alle diese historisch verhängnisvoll gewordenen Eigen- 
schaften, obwohl schon charaktermäßig prädisponiert, in ihrer Über- 
treibung geradezu klinische Folgen jener ständigen sexuellen Aufreizung und 
sexuellen Unbefriedigung durch ihren Gatten sind. Unbewußt sucht dieses 
junge Geschöpf außerhalb der physiologischen Sphäre Kompensationen, 
kleine äußerliche Temperamentbefriedigungen, Erfüllungs-Surrogate der Ent- 
spannung, des Sich-Abmüdens. Sie tanzt ganze Nächte durch, sie reitet, 
flirtet, sie spielt und überspielt mit diesen unablässigen nervösen Beschäf- 
tigungen eine innere Leere, ihre uneingestandene Enttäuschung. Weil nicht 
im tiefsten bewegt und beruhigt, muß sie immer Bewegung und Unruhe 
um sich haben, und allmählich wird die ursprüngliche Verspieltheit zu einer 
krampfigen und vom ganzen Hof als skandalös empfundenen Vergnügungs- 
wut, gegen die vergebens Maria Theresia und alle Freunde anzukämpfen 
suchen, aber die einzig ihr Mann oder ein wirklicher Mann abstellen 
könnte. Wie beim König die unerlöste Männlichkeit in grobe Schlosser- 
arbeit und Jagdleidenschaft, in dumpfe und ermüdende Muskelarbeit und 
Muskelspannung, so flüchtet bei ihr die falsch eingesetzte und unverwertete 
Gefühlskraft in zärtliche Freundschaft zu Frauen, in fortwährende Über- 
steigerungen der Amüsements. Nacht für Nacht läßt sie das eheliche Bett, 
den traurigen Ort ihrer weiblichen Erniedrigung und treibt sich, während 
ihr Gatte und Nicht-Gatte seine Jagdmüdigkeit breit ausschläft, bis vier 
Uhr, fünf Uhr morgens auf Opernredouten, in Spielsälen, bei Soupers und 
in zweifelhafter Gesellschaft herum, mit jungen Leuten flirtend, sich wär- 
mend an fremden Feuern, unwürdige Königin, weil an einen unwerten 
Gatten geraten. Daß aber diese Frivohtät eigentlich freudlos ist, ein bloßes 
Übertanzen und Überamusieren einer inneren Unruhe, das verrät mancher 
Augenblick zorniger Melancholie und am stärksten einmal ihr Schrei, als 
ihre Schwägerin zuerst ein totes Kind zur Welt bringt. Da schreibt sie an 
ihre Mutter: „So furchtbar das auch sein muß, ich wollte, ich hieke schon 
dort." Lieber ein totes Kind, aber nur ein Kind und endlich aus diesem 

— 107 — 



zentörenden, unwürdigen Zustand heraus, nur endlich Frau sein und nicht 
hundertmal mißbraucht und beschmutzt und von allen andern verhöhnt und 
verspottet, immer und immer noch Jungfrau nach siebenjähriger Ehe. 
Wer nicht die weibliche Verzweiflung hinter der Vergnügungswut dieser 
Frau versteht, kann die merkwürdige Wandlung weder erklären noch ver- 
stehen, die dann einsetzt, sobald Marie Antoinette endlich Frau und Mutter 
wird. Mit einmal werden die Nerven ruhiger, eine andere, zweite Marie 
Antoinette entsteht in ihr, jene beherrschte und willenskräftige, kühne, die 
die sie im zweiten Teil ihres Lebens wird. Aber diese Wandlung kommt 
schon zu spät, um die innere Zerstörung und die äußeren Folgen dieser 
sieben Märtyrerjahre wettzumachen. Wie in jeder Kindheit, sind auch in 
jeder Ehe die ersten Erlebnisse die entscheidendsten, und Jahrzehnte können 
nicht wettmachen, wenn im feinsten und unzerstörbaren Stoff der Seele 
soldie Störungen einmal eingerissen sind. Gerade diese innersten, die un- 
sichtbaren Verwundungen des Gefühls kennen kein volles Gesunden. 



All dies wäre aber nur private Tragödie, ein Familienmißgeschick, 
wie es hinter tausend Wänden und Alkovenvorhängen tagtäglich verborgen 
sidi abspielt. In diesem einem Fall aber reichen die verhängnisvollen Folgen 
einer ehelichen Impotenz weit über das private Leben hinaus. Denn Mann 
und Frau sind hier König und Königin. Und zur intimen Tragödie, die hier 
eine der Diplomatie aufgeopferte Frau erlebt, — man hatte rechtzeitig in 
Wien vor diesem ungeeigneten Gatten gewarnt, — fügt sich das grausame 
Satyrspiel, daß man die Königin, gerade weil sie unfreiwillig unschuldig 
bleibt, öffentlich zur Schuldigen macht. Ein so zynisch-neugieriger, mokanter, 
durchaus erotomanischer Hof wie der französische begnügt sich nicht mit 
dem hämischen ironischen Schwatz über den ungeschickten Gatten, sondern 
schnuppert unablässig um die Frage herum, in welcher Weise sich Marie 
Antoinette für das Versagen erotisch schadlos halte. Sie sehen eine reizende 
junge Frau, selbstbewußt und kokett, bei Gott keine kühle Blonde, sondern 
ein temperamentvolles Geschöpf, in dem das junge Blut munter moussiert, 
und sind informiert, an welche jämmerliche Schlafhaube diese süperbe Lieb- 
haberin geraten ist: nun beschäftigt sie nur eine Frage, mit wem sie den 
impotenten Gatten betrügt (denn Tugend oder auch nur geschlechtliche Zu- 
rückhaltung wird an diesem Hofe keiner Frau geglaubt). Nun beginnt ein 
frivoles Rätselraten, wen sie sich zum Ersatz gewählt. Der Herzog von Ar- 
tois, der jüngste Bruder des Königs, ein munterer Windhund und galanter 
Schwachkopf, begleitet sie, weil der Ehemann zu faul und zu wenig tänze- 

— 108 — 



risch ist, auf die Bälle. Sofort gilt er als ihr Liebhaber. Die Herzogin von 
Lamballe, die Gräfin von Polignac werden von der Königin, die sich nicht 
zu verstellen weiß, durch besondere Freundschaft ausgezeichnet: sofort gilt 
diese Neigung als sapphische Beziehung und man singt öffentlich den Chanson : 

„Pour avoir posferite 
II faul ä cet amour botte 
Grandir la parte de Cythere. 
Antoinette qui sait cela 
Faligue plus d'une ouvriere" . 

Ein Ausritt mit irgend einem Kavalier, einem Lauzun oder Coigny, und schon 
haben ihn die müßigen Schwätzer zu ihrem Beischläfer ernannt ; eine morgendliche 
Promenade im Park mit den Hofdamen und Kavalieren, und sofort erzählt man von 
den unglaublichsten Orgien. Ganz natürlich führt die fortwährende Beschäftigung 
mit dem Problem, wie sich die Königin schadlos hake, zu einer gefährlichen Legende 
von geheimen und gefährlichen Abenteuern ; aus dem Geschwätz werden Chan- 
sons und Libelle und Pamphlete und pornographische Gedichte. Erst stecken 
sie sidi, hinter dem Fächer verborgen, die Hofdamen zu, dann wandern sie 
aus dem Haus, werden gedruckt und geraten unter das Volk; und so ent- 
steht allmählidi, aus dieser einen offenkundigen Ursache der jahrelangen Im- 
potenz des Königs, der Mythos einer neuen Messalina, einer neuen Frede- 
gonde. Wie dann die revolutionäre Propaganda beginnt, brauchen die jako- 
binischen Journalisten nicht lange nach Argumenten zu suchen, um Marie 
Antoinette als den Ausbund aller Ausschweifung, als schamlose Verbrecherin 
hinzustellen, und Fouquier Tinville muß nicht viel nach Beweisen kramen, 
um das schmale Haupt unter die Guillotine zu drücken. Der Schwatz und 
die Bosheit von Versailles' Höflingen hat ihm ein ganzes Arsenal ihrer Laster 
und Ausschweifungen längst gedruckt und versifiziert zur Verfügung gestellt. 
Dem rein physiologischen Verlust ihrer besten Jugendjahre durch die Impo- 
tenz ihres Gatten dankt Marie Antoinette noch den Verlust ihrer Ehre, und 
während und weil sie unfreiwillig sieben Jahre Jungfrau bleibt, hat sie zum 
Spott noch den Schaden und gilt ihrem ganzen Zeitalter als die Uner- 
sättlichste aller Unersättlichen. 



Über eigenes Geschidc, Ungeschick, Mißgesdiick reichen also die Folgen jener 
ehelichen Störung bis in das Weltgeschichtliche hinein: die Zerstörung der 
königlichen Autorität hat in Wahrheit nicht in den Clubs, sondern im könig- 
lichen Bett begonnen. Denn daß diese Nachricht von der Impotenz des Königs 
und die boshaften Legenden von der sexuellen Unersättlichkeit und Perver- 

— 109 — 



tiertheit der Königin so rasch und so weit aus dem Schlosse von Versailles zur 
Kenntnis der ganzen Nation kamen, hat gleichfalls weitmaschig anschließende 
Verknüpfung an dieses Mißgeschick. Es leben in diesem Palast vier oder 
fünf Personen, und zwar die nächsten Verwandten, die an dem ehelichen 
Versagen des Königs leidenschaftliche Freude haben und nur ein einziges 
Interesse, seine Unfähigkeit möglichst laut und geräuschvoll in der Welt be- 
kannt zu machen, vor allem die beiden Brüder des Königs, denen es außer- 
ordentlich zu paß kommt, daß durch diesen winzigen physiologischen Defekt 
und die Furcht Ludwig XVI. vor dem Chirurgen nicht nur das normale Ehe- 
leben sondern auch die normale Erbfolge zerstört wird. Für beide scheint das 
anfängliche Versagen des Königs Garantie der Kinderlosigkeit und damit das 
sichere Anrecht, selbst auf den Thron zu gelangen. Der nächstälteste Bruder 
Ludwigs XVI., der Herzog von Provence und spätere Ludwig XVIII. — er 
hat sein Ziel erreicht und Gott allein weiß auf welchen krummen Wegen 
— ist bloß um ein Jahr jünger, aber weltklüger, politischer, raffinierter als 
sein gutmütiger Bruder, und eben weil er sich in seiner praktischeren und 
diplomatischeren Kunst so sehr überlegen weiß, hat er es nie überwinden 
können, als Zweiter neben dem Thron zu stehen, statt selber das Szepter 
zu halten. Mit einer shakespearischen Richard III.-Tücke hat dieser dunkle 
Maulwurf duckmäuserisch und intrigant durch zwei Jahrzehnte seine Gänge 
gewühlt, um die Machtstellung seines Bruders zu untergraben; da er aber 
gleichfalls kein Bettheld und kinderlos ist, hat auch der Herzog von Artois 
brennendes Interesse an der Zeugungsunfähigkeit seiner älteren Brüder, 
weil sie seine Söhne zu legitimen Thronerben macht. So genießen sie beide 
als Glücksfall, was das Unglück Marie Antoinettes ist, und je länger der 
grauenhafte Zustand dauert, umso sicherer fühlen sie sich. Immer selbstver- 
ständlicher werden ihre Hoffnungen, immer anmaßender ihr Auftreten ; 
schon 1774, knapp nach der Thronbesteigung erscheint zur maßlosen Er- 
bitterung Maria Theresias ein aus jenen Kreisen inspiriertes Libell, in dem 
nicht nur die Impotenz des Königs Ludwig XVI. als eine unheilbare und 
dauernde ausposaunt wird, sondern auch die Königin gewarnt, nicht etwa 
durch einen Betrug plötzlich Thronerben zur Stelle zu bringen. Von vorn- 
herein werden also schon alle möglichen Kinder Marie Antoinettes als Ba- 
starde gebrandmarkt und das Thronrecht den beiden jungem Brüdern be- 
reitgestelh. Darum dieser maßlose, dieser hemmungslose Haß und Wut, wie 
im siebenten Jahre Marie Antoinette das Wunder endlich zustande bringt 
und die eheliche Beziehung zwischen König und Königin wieder normal 
wird. Diesen furchtbaren Hieb, der alle seine Erwartungen umsäbelt, hat der 
Herzog von Provence niemals Marie Antoinette verziehen, und was nicht auf 

— HD — 



geradem Wege ihm zufallen will, hat er versucht auf krummen zu erreichen. 
Mit macchiavellistisdier Tücke arbeitend hat der Herzog nicht früher ge- 
rastet, als bis er Ludwig XVIII. wurde; und daß zu diesem Ziele Lud- 
wig XVI. und Marie Antoinette ausgerottet werden mußten und Lud- 
wig XVII. in ein dunkles, noch heute nicht erhelltes Schicksal getrieben, 
war ihm kein zu hoher Preis. Die Revolution hat gute Helfer bei Hof ge- 
habt, prinzliche und fürstliche Hände haben ihr die Tür aufgetan und die 
Waffen in die Hand gegeben. Nichts so sehr als die männliche Schwäche 
des Königs hat seine geheimsten Feinde so stark und so kühn gemacht. Fast 
immer ist ein geheimes Schicksal, das das äußere sichtbare und öffentliche 
heranzieht, fast jedes Weltgeschehnis Spiegelung inneren persönlichen Kon- 
flikts. Ständig gehört es zu den großen Kunstgeheimnissen der Geschichte, 
aus mikrobischem Anlaß unabsehbare Folgerungen zu entwickeln und nicht 
zum letzten Mal die Impotenz (Alexander von Serbiens und seine erotische 
Hörigkeit zur Befreierin Draga Maschin) gerät an der vorübergehenden 
sexuellen Störung eines einzelnen Mannes der ganze Kosmos in Unruhe. 



Sieben Jahre, acht Jahre hat diese eheliche Unfähigkeit Ludwig XVL gedauert. 
Endlich erhalten nach den Politikern die Ärzte das Wort. Maria Theresia, die 
das ganze Unheil, das aus der Verlängerung dieses Zustandes entstehen könnte, 
mit klaren Blicken voraussieht, veriiert endlich die Geduld, sie beschließt 
energisch einzugreifen und schickt ihren Sohn, den Kaiser Josef nach Paris, 
er solle seinem Schwager die Leviten lesen. Die beiden Männer sprechen 
sich freundschaftlich aus, Ludwig XVL entschließt sidi zur Operation, und 
nach irgend einer dunklen Legende soll Josef II. selbst bei der chirurgischen 
Angelegenheit anwesend gewesen sein. Jedenfalls meldet sich bald der Erfolg. 
Denn während am 19. August 1777 Marie Antoinette ihren ehelichen Zu- 
stand noch als unverändert meldet und nur „un petä mieux" in der könig- 
lichen Leistung andeutet, kann sie am 30. August strahlend mitteilen, sie 
sei im Zustand „vollkommen entscheidenden" Glücks. .Jetzt ist es schon 
acht Tage her, daß meine Ehe vollkommen vollzogen ist, der Versuch ist 
wiederholt worden und gestern noch vollständiger als das erstemal. Ich 
wollte zuerst sofort den Kurier an meine teure Mutter schicken, aber ich 
fürditete nur, daß es Aufsehen und Geschwätz verursachte." Gleichzeitig 
schickt auch der spanische Botschafter Nachricht nach Madrid, daß der Jtat 
matrimonial" endlich erreicht sei, und fügt bei, da ein solches Ereignis 
wichtig und öffentlich sei, hätte er die Gelegenheit wahrgenommen, sich noch ein- 

— 111 — 



mal bei den Ministem Maurepas und Vergennes zu erkundigen. Beide bestätigen 
ihm den Vollzug der großen Aktion, außerdem plaudert der König darüber 
stolz mit seiner Tante, wobei er „mit viel Offenheit" bemerkt, daß ihm 
dieses Vergnügen sehr gefalle und er bedaure, es solange nicht gekannt zu 
haben. „Seine Majestät ist jetzt viel heiterer als vordem und die Königin 
hat jetzt die Augen mehr umrändert, als je vorher bemerkt worden war." 
Bald wird am Hofe feierlich die Schwangerschaft angekündigt, ein Tedeum 
in Notre Dame gelesen, und Marie Antoinette bringt im achten Jahre ihrer 
Ehe endlich eine Tochter zur Welt 

Von nun ab ist das ehelidie Leben Ludwig XVI. und Marie Antoinettes 
vollkommen geregelt. Pflichtbewußt und bürgerlich-mäßig erfüllt von nun ab 
der brave, endlich Mann gewordene König seine Gattenpflicht, ohne ein 
einzigesmal seiner Frau untreu zu werden. Sechsmal wird Marie Antoinette 
schwanger, vier Kinder zeugt der endlich erlöste Mann. Die grauenhaft 
lächerliche Tragikomödie ist zu Ende, und wie physiologisch, so übt auch 
seelisch diese Veränderung auf die Königin den besten Einfluß ; sie ver- 
bringt nicht mehr so häufig ihre Nächte auf Bällen, beschränkt die Gesellig- 
keit auf einen engen Kreis und widmet sich mit wirklicher Sorgfalt und 
Güte der Erziehung ihrer Kinder. Der König wiederum verliert sichtbar seine 
Menschenscheu, seine Mürrischkeit, wird jovialer, zugänglicher, alles scheint 
in bester Ordnung. Aber in Wahrheit ist es schon zu spät. Bereits sind 
die Mikroben der Verleumdung ins Blut des Volkes übergegangen und haben 
rettungslos die öffentliche Meinung vergiftet. Weil man zu lange seiner Unfähig- 
keit gespottet, nimmt man nun seine Zeugefähigkeit nicht mehr ernst, öfFenthch 
verhöhnt man Ludwig XVL als Gehörnten und seine Kinder als Bastarde : 

„Belle Antoinäle 
Quimporte d'ou vient cet enfant ? 
Cest Sans doute quelque planete ;-. 

Qui nous a fait ce doux present, '"■ 

Belle Antoinette" 

Die Broschüren und Libelle werden nicht still und aus Wispern und 
Schwätzen wächst allmählich der große Sturm, der den königlichen Thron 
in Frankreich umschleudert, und aus der Tragödie des Bettes wird die der 
Geschichte. 



illillllilllillllllllilllllllliiiilll 

— 112 — 



Mein© BerüJirwig mit 
Josef Popper^Lynkeiis 

Von 

Sigm* Fremd 

Die im 15. Jahrgang stehende Zeitschrift „Allgemeine Nähr- 
p f 1 i c h t" (herausgegeben vom Verein gleichen Namens, Wien, III., Reis- 
nerstraiSe 16) hat zum zehnjährigen Todestage von JosefPopper-Lyn- 
k e u 5 eine reichhaltige Gedenknummer herausgegeben. Sie enthält die von 
Prof. Heinrich Glücksmann vor dem Popper-Lynkeus-Denkmal gehal- 
tene Rede, Beiträge von Prof. Einstein, Prof. Max Adler, Prof. R. v. Mises, 
Raoul Auernheimer u. a. und auch einen Originalbeitrag von Sigmund 
Freud. Der Schöpfer der Psychoanalyse hat sich bereits einmal (vgl. Ges. 
Schriften, Bd. XI, S. 295 £F) über eine Beziehung der Popper-Lynkeus'schen 
Anschauungen zur psychoanalytischen Traumdeutung geäußert, und daß er 
nun ausführlicher zurückkommt auf seine „Berührung" mit dem „schliditen, 
großen' Zeitgenossen, den er — wiewohl jahrzehntelang in derselben Stadt 
lebend — persönlich nie sah, wird die Leser dieser Zeitschrift besonders 
interessieren. Wir geben daher Freuds Beitrag zur Gedenknummer hier 
wieder. 

Es war im Winter 1899, daß mein Buch „Die Traumdeutung", ins 
neue Jahrhundert vordatiert, endlich vor mir lag. Dieses Werk v/ar 
das Ergebnis einer vier- bis fünQährigen Arbeit, auf nicht gewöhn- 
liche Art entstanden. Für Nervenkrankheiten an der Universität habili- 
tiert, hatte ich versucht, mich selbst und meine rasch angewachsene 
Familie durch ärztliche Hilfeleistung an die sogenannten „Nervösen" 
zu erhalten, deren es in unserer Gesellschaft nur zu viele gab. Aber 
die Aufgabe erwies sich als schwerer, als ich erwartet hatte. Die ge- 
bräuchlichen Behandlungsmethoden nützten offenbar nichts oder zu 
wenig, man mußte neue Wege suchen. Und wie wollte man über- 
haupt den Kranken helfen, wenn man nichts von ihren Leiden ver- 
stand, nichts von der Verursachung ihrer Beschwerden, von der Be- 
deutung ihrer Klagen? Ich suchte also eifrig nach Anhalt und Unter- 
weisung bei Meister Charcot in Paris, bei Bernheim in Nancy; 
eine Beobachtung meines überlegenen Freundes Josef Breuer in 
Wien schien endlich neue Aussicht auf Verständnis und therapeuti- 
schen Einfluß zu eröfinen. 

PsA. Bewegung IV — 113 — g 



Diese neuen Erfahrungen brachten es nämlich zur Gewißheit, daß 
die von uns nervös genannten Kranken in gewissem Sinne an psychi- 
schen Störungen litten und daher mit psychischen Mitteln zu behan- 
deln waren. Unser Interesse mußte sich der Psychologie zuwenden. 
Was nun die in den Philosophenschulen herrschende Seelenwissen- 
schaft geben konnte, war freilich geringfügig und für unsere Zwecke 
unbrauchbar; wir hatten die Methoden, wie deren theoretisdie Voraus- 
setzungen neu zu finden. Ich arbeitete also in dieser Richtung zuerst 
in Gemeinschaft mit Breuer, dann unabhängig von ihm. Am Ende 
wurde es ein Stück meiner Technik, daß ich die Kranken aufforderte, 
mir kritiklos mitzuteilen, was immer durch ihren Sinn ging, auch 
solche Einfälle, deren Berechtigung sie nicht versunden, deren Mit- 
teilung ihnen peinlich war. 

Wenn sie meinem Verlangen nachgaben, erzählten sie mir auch 
ihre Träume, als ob diese von derselben Art wären wie ihre anderen 
Gedanken. Es war ein deudicher Wink, diese Träume zu werten wie andere 
verständliche Produktionen. Aber sie waren nicht verständlich, sondern 
fremdartig, verworren, absurd, wie eben Träume sind und weshalb sie von 
der Wissenschaft als sinn- und zwecklose Zuckungen am Seelenorgan 
verurteik wurden. Wenn meine Patienten recht hatten, die ja nur den 
Jahrtausende alten Glauben der unwissenschafthchen Menschheit zu 
wiederholen schienen, so stand ich vor der Aufgabe einer „Traum- 
deutung", die vor der Kritik der Wissenschaft bestehen konnte. 

Zunächst verstand ich natürhdi von den Träumen meiner Patienten 
nicht mehr als die Träumer selbst. Indem ich aber auf diese Träume 
und besonders auf meine eigenen das Verfahren anwendete, dessen 
ich mich schon beim Studium anderer abnormer psychischer Bildungen 
bedient hatte, gelang es mir, die meisten der Fragen zu beantworten, 
die eine Traumdeutung aufwerfen konnte. Es gab da viel zu fragen: 
Wovon träumt man? Warum träumt man überhaupt? Woher rühren 
all die merkwürdigen Eigenheiten, die den Traum vom wachen Den- 
ken unterscheiden u. dgl. mehr. Einige der Antworten waren leicht 
zu geben, erwiesen sich auch als Bestätigung von früher geäußerten 
Ansichten, andere erforderten durchaus neue Annahmen über den 
Aufbau und die Arbeitsweise unseres seeHsdien Apparats. Man träumte 
von dem, was die Seele während des wachen Tages bewegt hatte: 

— 114 — 



man träumte, um die Regungen, die den Schlaf stören wollten, zu 
besänftigen und den Schlaf fortsetzen zu können. Aber warum konnte 
der Traum so fremdartig erscheinen, so verworren unsinnig, so oSen- 
bar gegensätzlich gegen den Inhalt des wachen Denkens, wenn er sich 
doch mit dem nämlichen Stofl beschäftigte? Sicherlich war der Traum 
nur der Ersatz einer vernünftigen Gedankentätigkeit und ließ sich 
deuten, d. h. in eine solche übersetzen, aber was nach Erklärung ver- 
langte, war die Tatsache der Entstellung, die die Traumarbeit an 
dem vernünftigen und verständlichen Material vorgenommen hatte. 

Die Traumentstellung war das tiefste und schwierigste Problem des 
Traumlebens. Und zu ihrer Aufklärung ergab sich folgendes, was den 
Traum in eine Reihe steUte mit anderen psychopathologischen Bil- 
dungen, ihn gleichsam als die normale Psychose des Menschen ent- 
larvte. Unsere Seele, jenes kostbare Instrument, mittels dessen wir uns 
im Leben behaupten, ist nämlich keine in sich friedlich geschlossene 
Emheit, sondern eher einem modernen Staat vergleichbar, in dem 
eme genuß- und zerstörungssüchtige Masse durch die Gewalt einer 
besonnenen Oberschicht niedergehalten werden muß. AUes was sich 
m miserem Seelenleben tummelt und was sidi in unseren Gedanken 
Ausdruck schafft, ist Abkömmling und Vertretung der mannigfachen 
Triebe, die uns m unserer leiblichen Konstitution gegeben sind; aber 
mcht alle diese Triebe sind gleich lenkbar und erziehbar, sich den 
Anforderungen der Außenwelt und der menschlichen Gemeinschaft zu 
fugen Manche von ihnen haben ihren ursprünglich unbändigen 
Charakter bewahrt; wenn wir sie gewähren ließen, würden sie uns 
unfehlbar ins Verderben stürzen. Wir haben darum, durch Schaden 
klug gemacht, in unserer Seele Organisationen entwickelt, die sich der 
direkten Triebäußerung als Hemmungen entgegenstellen. Was als 
Wunschregung aus den Quellen der Triebkräfte auftaucht, muß sich 
die Prüfung durch unsere obersten seelischen Instanzen gefallen lassen 
und wird, wenn es nicht besteht, verworfen und vom Einfluß auf 
unsere Motilität, also von der Ausführung abgehalten. Ja, oft genug 
wird diesen Wünschen selbst der Zutritt zum Bewußtsein verweigert 
dem regelmäßig selbst die Existenz der gefährlichen Triebquellen 
Fremd ist. Wir sagen dann, diese Regungen seien für das Bewußtsein 
/erdrangt und nur im Unbewußten vorhanden. Gelingt es dem Ver- 



115 



drängten, irgendwo durchzudringen, zum Bewußtein oder zur Motilität 
oder zu beiden, dann sind wir eben nicht mehr normal. Dann ent- 
wickeln wir die ganze Reihe neurotisdier und psychotischer Symptome. 
Das Aufrechthalten der notwendig gewordenen Hemmungen und Ver- 
drängungen kostet unser Seelenleben einen großen Kräfteaufwand, 
von dem es sich gerne ausruht. Der nächtliche Schlafzustand scheint 
dafür eine gute Gelegenheit zu sein, weil er ja die Einstellung unse- 
rer motorischen Leistungen mit sich bringt. Die Situation erscheint 
ungefährlich, also ermäßigen wir die Strenge unserer inneren Polizei- 
gewalten. Wir ziehen sie nicht ganz ein, denn man kann es nicht 
wissen, das Unbewußte schläft vielleicht niemals. Und nun tut der 
Nachlaß des auf ihm lastenden Drucks seine Wirkung. Aus dem ver- 
drängten Unbewußten erheben sich Wünsche, die im Schlaf wenigstens 
den Zugang zum Bewußtsein frei finden würden. Wenn wir sie erfahren 
könnten, würden wir entsetzt sein über ihren Inhalt, ihre Maßlosig- 
keit, ja ihre bloße Möglichkeit. Doch das geschieht nur selten, worauf 
wir dann eiligst unter Angst erwachen. In der Regel erfährt unser 
Bewußtsein den Traum nicht so, wie er wirklich gelautet hat. Die 
hemmenden Mächte, die Traumzensur, wie wir sie nennen wollen, 
werden zwar nicht voll wach, aber sie haben auch nicht ganz ge- 
schlafen. Sie haben den Traum beeinflußt, während er um seinen 
Ausdruck in Worten und Bildern rang, haben das Anstößigste be- 
seitigt, anderes bis zur UnkenntUchkeit abgeändert, echte Zusammen- 
hänge aufgelöst, falsdie Verknüpfungen eingeführt, bis aus der ehr- 
lichen, aber brutalen Wunschphantasie des Traumes der manifeste, 
von uns ermnerte Traum geworden ist, mehr oder weniger verwor- 
ren, fast immer fremdartig und unverständlich. Der Traum, die Traum- 
entstellung, ist also der Ausdruck eines Kompromisses, das Zeugnis 
des Konflikts zwischen den miteinander unverträglichen Regungen und 
Bestrebungen unseres Seelenlebens. Und vergessen wir es nicht, der- 
selbe Vorgang, das nämUche Kräftespiel, das uns den Traum des nor- 
malen Schläfers erklärt, gibt uns den Schlüssel zum Verständnis aller 
neurotischen und psychotischen Phänomene. 

Ich bitte um Entschuldigung dafür, daß ich bisher so viel von mir 
und meiner Arbeit an den Traumproblemen gehandelt habe; es war 
notwendige Voraussetzung des folgenden. Meine Erklärung der Traum- 

— 116 — 



entstellung schien mir neu zu sein, ich hatte nirgends etwas ähnliches 
gefunden. Jahre später (ich kann nicht mehr sagen, wann) gerieten 
,Die Phantasien eines Realisten* von Josef Popper-Lynkeus in 
meine Hand. Eine der darin enthaltenen Geschichten hieß „Träumen wie 
Wachen", sie mußte mein stärkstes Interesse erwecken. Ein Mann war 
in ihr beschrieben, der von sich rühmen konnte, daß er nie etwas 
Unsinniges geträumt hatte. Seine Träume mochten phantastisch sein 
wie die Märchen, aber sie standen mit der wachen Welt nicht so in 
Widerspruch, daß man mit Bestimmtheit hätte sagen können, „sie 
seien unmöglich oder an und für sich absurd". Das hieß in meine 
Ausdrucksweise übersetzt, bei diesem Manne kam keine Traumentstel- 
lung zu Stande, und wenn man den Grund ihres Ausbleibens erfuhr, 
hatte man auch den Grund ihrer Entstehung erkannt. Popper gibt 
seinem Manne volle Einsicht in die Begründung seiner Eigentümlich- 
keit. Er läßt ihn sagen : ,In meinem Denken wie in meinen Gefühlen 
herrscht Ordnung und Harmonie, auch kämpfen die beiden nie mit- 
einander ... Ich bin Eins, ungeteilt, die Anderen sind geteilt und ihre 
zwei Teile: Wachen und Träumen führen beinahe immerfort Krieg 
miteinander". Und weiter über die Deutung der Träume: „Das ist 
gewiß keine leichte Aufgabe, aber es müßte bei einiger Aufmerksam- 
keit dem Träumenden selbst wohl immer gelingen. — Warum es 
meistens nicht gehngt? Es scheint bei Euch etwas Verstecktes in den 
Träumen zu liegen, etwas Unkeusches eigener Art, eine gewisse Heim- 
lidikeit in Eurem Wesen, die schwer auszudrücken ist ; und darum 
scheint Euer Träumen so oft ohne Sinn, sogar ein Widersinn zu sein. 
Es ist aber im tiefsten Grund durchaus nicht so; ja es kann gar nicht 
so sein, denn es ist immer derselbe Mensch, ob er wacht oder 
träumt". 

Dies war aber unter Verzicht auf psychologische Terminologie die- 
selbe Erklärung der Traumentstellung, die ich aus meinen Arbeiten 
über den Traum entnommen hatte. Die Entstellung war ein Kompro- 
miß, etwas seiner Natur nach Unaufrichtiges, das Ergebnis eines Kon- 
flikts zwischen Denken und Fühlen, oder, wie ich gesagt hatte, zwi- 
schen Bewußtem und Verdrängtem. Wo ein solcher Konflikt nicht 
bestand, nicht verdrängt zu werden brauchte, konnten die Träume 
auch nidit fremdartig und unsinnig werden. In dem Mann, der nicht 

_ 117 — 



anders träumte als er im Wachen dachte, hatte Popper jene innere 
Harmonie walten lassen, die in einem Staatskörper herzustellen sein 
Ziel als Sozialreformer war. Und wenn die Wissenschaft uns sagt, daß 
ein solcher Mensch, ganz ohne Arg und Falsch und ohne alle Ver- 
drängungen, nicht vorkommt oder nicht lebensfähig ist, so ließ sich 
doch erraten, daß, soweit eine Annäherung an diesen Idealzustand 
möglich ist, sie in Poppers eigener Person ihre Verwirklichung ge- 
funden hatte. 

Von dem Zusammentreffen mit seiner Weisheit überwältigt, begann 
ich nun alle seine Schriften zu lesen, die über Voltaire, über Reli- 
gion, Krieg, Allgemeine Nährpflicht u. a., bis sich das Bild des schlich- 
ten großen Mannes, der ein Denker und Kritiker, zugleich ein gütiger 
Menschenfreund und Reformer war, klar vor meinem Blick aufbaute. 
Ich sann viel über die Rechte des Individuums, für die er eintrat und die 
ich so gerne mit vertreten hätte, störte mich nicht die Erwägung, daß 
weder das Verhalten der Natur noch die Zielsetzungen der menschli- 
chen Gesellschaft ihren Anspruch voll rechtfertigen. Eine besondere 
Sympathie zog mich zu ihm hin, da offenbar auch er die Bitterkeit 
des jüdischen Lebens und die Hohlheit der gegenwärtigen Kulturideale 
schmerzlich empfunden. Doch habe ich ihn selbst nie gesehen. Er 
wußte von mir durch gemeinsame Bekannte, und einmal hatte ich 
einen Brief von ihm zu beantworten, der eine Auskunft verlangte. 
Aber ich habe ihn nicht aufgesucht. Meine Neuerungen in der Psycho- 
logie hatten mich den Zeitgenossen, besonders derj älteren unter ihnen, 
entfremdet; oft genug, wenn ich mich einem Manne näherte, den ich 
aus der Entfernung geehrt hatte, fand ich mich wie abgewiesen durch 
seine Verständnislosigkeit für das, was mir zum Lebensinhalt geworden 
war. Josef Popper kam doch von der Physik, er war ein Freund von 
Ernst Mach gewesen ; ich wollte mir den erfreulichen Eindruck unserer 
Übereinstimmung über das Problem der Traumentstellung nicht stören 
lassen. So kam es, daß ich den Besuch bei ihm aufschob, bis es zu 
spät wurde und ich nur noch in unserem Rathauspark seine Büste 
grüßen konnte. 



iiillllllllllli 

- 118 - 



IDie eeiie EiusmatziMi 



Von 

Havelodi ElHs 

(Autorisierte Übersetzung aus dem Eng- 
lischen von Fanny Weiß, Wien) 

Das Obszöne ist ein dauerndes Element im menschlichen Ge- 
meinschaftsleben und entspricht einem tiefen Bedürfnis der menschlichen 
Gefühlswelt oder — trotz allem was wir Gegenteiliges wissen — der 
Gefühlswelt im allgemeinen. Es ist nicht beschränkt auf irgend eine 
Nation oder Kulturstufe, weder eine hohe, zivilisierte, noch tiefe, un- 
zivilisierte. Es ist zweifellos vorhanden und wir begegnen ihm bei den 
sogenannten primitiven Völkern ebenso wie bei den höheren Rassen, 
deren größte Geister es freudig verkünden \ Wenn wir uns diese 
fundamentale Beständigkeit des Obszönen vor Augen halten, befreien 
wir uns nicht bloß von einem zweideutigen, geistigen Problem, son- 
dern auch von einer lästigen moralischen Aufgabe, die umso lästiger 
erscheint, als die Erfahrung lehrt, daß sie vergeblich ist. Verstandes- 
mäßige Unterscheidung und moralischer Takt bleiben weiterhin uner- 
läßlich, aber unsere Bemühungen müssen nicht länger nutzlos sein, 
wenn die Notwendigkeit einer neuen Bewertung des Obszönen er- 
kannt wird. 

Die Aufgabe, die wir uns damit stellen, gewinnt an Bedeutung, be- 
denkt man, daß wir bei einer ähnlichen bereits ein großes Stück vor- 
wärts kamen: bei der Neu-Einsdiätzung des Sexuellen, mit dem 
das Obszöne vielfach assoziiert oder verwechselt wird. Unter „obszön" 
versteht man eigendidi, was sich »hinter der Szene" begibt und auf 
der Bühne des Lebens nicht offen gezeigt wird. Das heißt natürlich 
nicht auf dem wirklichen Theater. Denn das Theater stellt oft Dinge 
dar, die kaum so freimütig im Leben gezeigt werden — Kunst als 
Ergänzung des Lebens — und ebenso häufig findet man bei großen 
und weniger großen Dramatikern (nennen wir es beim richtigen Na- 
men) ein obszönes Element. Betrachten wir nun auch noch die Rolle, 

i) Die mit dem Ursprung und der Bedeutung des Obszönen zusammenhängenden 
Probleme wmden vor vielen Jahren von A. E. G r a w 1 e y in ,A Note on Obscenity", 
Studies of Savages and Sex, p. loi, behandelt. Der Verfasser neigt zu der Annahme, daß 
das Wort „obszön" dieselbe Wurzel habe wie „obskur". 

— 119 — 



die es anerkanntermaßen auf den bedeutendsten Bühnen der Welt 
spielt, so muß es überraschen, daß es noch notwendig ist, das Obszöne 
zu rechtfertigen. 

Wie ich eben andeutete, ist es gewiß unsere neue Einschätzung des 
Sexuellen, die unvermeidlich eine neue Bewertung des Obszönen mit 
sich brachte. Wir unterscheiden allerdings zwei Arten des Obszönen: 
den naturalistischen Aspekt von sexuellen Vorgängen und den 
naturalistischen Aspekt von exkrementalen Vorgängen. Beide sind 
vom normalen Standpunkt der guten Sitte aus obszön. Aber sie sind, 
obwohl sie, von einigen Gesichtspunkten aus betrachtet, enge Zusam- 
menhänge aufweisen, vollkommen verschieden. Dies läßt sich in der 
Literatur dort, wo sie das Obszöne streift, beobachten. Der Autor, 
der das exkremental Obszöne beschreibt, ist keineswegs notwendiger- 
weise identisch mit dem im sexuellen Sinn obszönen Schriftsteller. Ein 
besonders klares Beispiel ist Swift, der im exkremental Obszönen 
geradezu schwelgt und oft von seinem Thema abschweift, um es brin- 
gen zu können, die leiseste Annäherung an das sexuell Obszöne je- 
doch streng ablehnt. In dieser Hinsicht repräsentiert Swift eine den 
Männern der Kirche gemeinsame Tendenz. Wenn diese nämlich ob- 
szön sind, sind sie es selten im sexuellen Sinn, weil das Tabu, das 
für das exkremental Obszöne gilt, nur konventionell und gesellschaft- 
lich ist, während das, welches das sexuell Obszöne trlift, auch morali- 
scher und religiöser Art ist. Das moralische und religiöse Verbot kann 
nicht auf das exkremental Obszöne angewendet werden, denn hier 
handelt es sich nur um Sitte und Geschmack in einer Angelegenheit, 
in der die Sitte von Generation zu Generation und der Geschmack 
von Individuum zu Individuum wechselt. 

Wir dürfen die Bedeutung des moralischen und religiösen Faktors 
bei dem Verbot, das für das sexuell Obszöne gilt, nicht untersdiätzen. 
Es ist richtig, der moralische Faktor blickt auf eine verhältnismäßig 
kurze Entwicklung zurück. In früheren Zeiten begegnen wir nicht 
jener fixen Idee der „Unsittlichkeit", mit der wir so vertraut sind. 
„Das Wort unsitdich", schreibt Restif de la Bretonne gegen Ende 
des achtzehnten Jahrhunderts', „ist ein neues Wort; indes", fügt er 
hinzu, „hören wir es bereits von allen Seiten widerhallen"". Das neun- 

1) „Monsieur Nicolas", id. Liseux, tome II, p. 102. 

1) In England, wo es bereits um das Jahr i66o gebraucht wurde und eine vermut- 
lidi auf die Puritaner zurückgehende sdiimpfliche Bedeutung hatte, war es kein neues 
Wort. In der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts wurde es in die englisdie 

— 120 — 



zehnte Jahrhundert verliebte sich in dieses Wort. Gab es etwas, wor- 
auf es während dieses Jahrhunderts nicht irgendeinmal angewendet 
worden ist ? Früher scheint das sexuell Obszöne wenig Zusammenhang 
mit dem Namen wie mit der Tatsache der Unsittlichkeit gehabt zu 
haben, und im klassischen Altertum wäre es absurd gewesen, auf eine 
solche Beziehung hinzuweisen, obschon die Obszönität häufig als böses 
Omen aufgefaßt wurde, so weit sie nicht Ekel auslöste. Darum konnte 
im sechzehnten Jahrhundert ein Mann der Kirche wie Rabelais im 
sexuellen Sinn obszön sein, einer des achtzehnten dagegen entweder 
wie Swift sich auf das exkremental Obszöne beschränken oder wie 
Sterne sich mit dem Kitzel begnügen, den die Annäherung an den 
sexuell obszönen Bezirk hervorruft. 

Tatsächlich ist der religiöse Faktor beim sexuell Obszönen der 
ältere, und wir können ihn sogar den ursprünglichen nennen. Allein 
dieser Faktor ist doppelsinnig und doppelgültig, indem er nach beiden 
Richtungen weist, was besagen will, daß die Obszönität bei gewissen 
Anlässen von der Gesellschaft gestattet und selbst vorgeschrieben wird. 
Hier kommen wir vielleicht der frühesten Funktion des Obszönen 
nahe. 

In Afrika, wo E. Evans-Pritchard' seine Studien machte, kann 
man recht typische Fälle dieses Zustandes sehen, der das Obszöne ver- 
bietet, unter gewissen Umständen aber vorschreibt. Das Obszöne steht 
dort in Zusammenhang mit Zeremonien. Gewisse sonst verbotene For- 
men kollektiv obszönen Betragens werden bei gewissen Anlässen ge- 
stattet oder vorgeschrieben, bei Anlässen, die durchwegs von Bedeu- 
tung für die Gesellschaft und entweder religiöse Zeremonien sind oder 
gemeinsame Unternehmungen wirtschaftlichen Charakters. Es handelt 
sich nach Evans-Pritchard um drei Hauptziele: i) die gesellschafdiche 
Bedeutung der betrefienden Handlung durch die Aufhebung des nor- 
malen Verbotes zu betonen; 2) zu einem Zeitpunkt, zu dem sich die 
Menschen in einer Krise befinden, die Erregung in bestimmte Bahnen 
zu lenken; 3) in Zeiten gemeinsamer, schwerer Arbeit einen Anreiz 
und eine Belohnung zu geben. 

Diese Verwendung des Obszönen auf verhältnismäßig primitiven 

juristische Phraseologie aufgenommen und ermöglichte es, „die Ungültigkeit unmorali- 
sdier Verträge" geltend zu machen, womit endlosen Diskussionen Tür und Tor geöff- 
net war, da sich die Moral in ständigem Fluß befindet. 

i) E. Evans-Pritchard, „Some CoUective Expressions of Obscenity in Africa", 
Journ. Anthropological Institute, July-Dec. 1929. 

— 121 — 



Kulturstufen gibt uns einen wertvollen Schlüssel zu seinen Funktionen 
im allgemeinen und zeigt uns, wieviel wir durch die Zivilisation in- 
folge törichter und nutzloser Versuche, den öffentlichen Ausdruck des 
Obszönen zu unterdrücken verlieren. Einerseits verlieren wir, so weit 
wir erfolgreich sind, seine ablenkenden, Anreiz gebenden und ent- 
spannenden Kräfte ; andrerseits vergrößern und verschlimmern wir 
seine nachteiligen Wirkungen. Wir vergessen, daß wir es mit einem 
fundamentalen, unvermeidlichen Impuls zu tun haben, und daß es un- 
sere Sache ist, das, was an ihm gut ist, zu erhalten, und was an ihm 
schlecht ist, auf ein Mindestmaß herabzusetzen. 

Allein wir nähern uns, wie früher bemerkt, heute einer neuen 
Einschätzung des Obszönen, und zwar auf dem einzigen Weg, 
auf dem sie vernünftig erreicht werden kann: ausgehend von unserer 
neuen Einstellung zum Sexuellen. Wenn wir auf die Epoche zurück- 
blicken, aus der wir hervorgehen, hat es beinahe den Anschein, als 
wäre das Gesamtgebiet des Sexuellen mit allen seinen Verästelungen, 
selbst jenen fachwissenschaftlichen Charakters, als obszön betrachtet 
worden, obszön aber in einem Sinn, der verschieden ist von jenem, 
den wir bei den Wilden antrafen, weil das Obszöne von der Gesell- 
schaft niemals befohlen oder erlaubt war. Man konnte sich dem 
Sexuellen nur nähern, wenn es, sentimental gefärbt, seines natürlichen 
Charakters entkleidet wurde, d. h. wenn es in einen dichten, fast un- 
durchdringlichen Schleier gehüllt wurde. 

Unter diesen Umständen war es unmöglich, der Frage des Obszönen 
im rationalen Sinne näher zu kommen. Wenn alles obszön ist, wird 
es unmögUch zu sagen, was obszön eigentlich ist. Die Möglichkeit, zahl- 
lose Definitionen des Obszönen zu geben, wird ebenso verständlich 
wie deren Vernunftwidrigkeit. 

Die Vernunftwidrigkeit war so offenbar, daß die Gesetzes- 
hüter zu dem Schluß kamen, daß es am sichersten sei, das „indictable 
misdemeanour of Obscenity" (wie das Obszöne in der Juristensprache 
genannt wird) zu bestrafen, wobei die Erklärung sorgfältig vermieden 
wurde, worin das Vergehen liege. Diese Auffassung vertrat auch Sir 
Archibald Bodkin, der durch viele Jahre Leiter der Public Prosecu- 
tions in England war und besonderen Eifer bei der Verfolgung des 
„Obszönen" an den Tag legte. In Genf trat eine internationale Kon- 
ferenz zwecks „Unterdrückung der Verbreitung und des Handels 
obszöner Publikationen" zusammen. Sir Archibald erschien natürlich 
als Vertreter Großbritanniens. Als die Delegierten der verschiedenen 

— 122 — 



Länder versammelt waren, meinte der Delegierte Griechenlands, daß 
es wünschenswert wäre, zuerst die Bedeutung des Wortes „obszön" 
zu definieren, damit die Konferenz wisse, worüber sie spreche. Doch 
Bodkin erhob sich und machte Einwendungen. Er wies darauf hin, 
daß sich im englischen Gesetz keine Definition des indecent oder 
obscene finde. Seine Einwendungen machten auf die Anwesenden star- 
ken Eindruck, und bevor weiter verhandelt wurde, wurde durch ein- 
stimmigen Beschluß erklärt, daß es „unmöglich sei, eine Definition 
des Gegenstandes zu geben, über den die Konferenz verhandle".* 

Nichts — dies sei en passant bemerkt — zeigt klarer die Unrecht- 
mäßigkeit des Versuches, das Obszöne durch das Gesetz zu unter- 
drücken als die Verdunkelungssucht der Gesetzeshüter. Sie lieben das 
Dunkel, und wir wissen, von wem dies zuerst gesagt wurde. Diese 
Vorliebe für das Dunkel ist gefährlich. Wenn wir von den unklaren, 
gefühlsmäßig angewandten Schmähworten „gemein", „unsittlich", 
„schlüpfrig", „ekelhaft" usw. absehen — kann uns bei einiger Über- 
legung ein Versuch, das „Obszöne" in klaren und präzisen Aus- 
drücken zu definieren, darin nie ein Verbrechen gegen die Gesell- 
schaft sehen lassen. Im weiteren Sinn genommen können wir es 
definieren" als das, was geschlechtliche Liebe und Begierden hervor- 
ruft, Allein dies vermag alles in der Natur bei bestimmten Personen 
zu bestimmten Zeiten, und daß dem so sein soll, steht in Einklang 
mit der Ordnung, die die Natur — oder wenn man will — Gott 
vorgesehen hat. So ist es gebräuchlich geworden, das Obszöne ge- 
nauer als in einer besonderen Form des Ausdruckes liegend zu defi- 

i) B. Causton and G. Young, „Keeping it Dark", p. 55. Hingegen haben die 
englischen Gerichte die von Chief Justice Cockburn im Jahre 1 868 formulierte 
Definition akzeptiert, der zufolge die Tendenz vorhanden sein muß, „jene zu verder- 
ben und zu verführen, die solchen unmoralischen Einflüssen zugänglich sind". Die Un- 
brauchbarkeit dieser Beurteilung liegt auf der Hand. 

i) Die kluge Weigerung der Juristen, den Ausdruck „obszön" zu definieren, enthält 
in Wahrheit das Eingeständnis, daß er überhaupt kein juristischer Ausdruck ist. Der 
Lord Chief Justice Lord Hevifart brachte dies in einer Vorlesung, die er in Lon- 
don (30. März 1930) über den Unterschied zwischen dem Gebiet der Moral und jenem 
des Gesetzes hielt, gut zum Ausdruck : „Der Moralist kann sagen : .Gesegnet sind, die 
reinen Herzens sind', aber es ist undenkbar, daß ein Gesetz sagt: ,Nach Annahme 
dieses Gesetzes macht sich jede Person, die nicht reinen Herzens ist, eines Vergehens 
schuldig.' Die Sache würde dadurch nicht besser, wenn ein staatliches Amt die man- 
gelnde Reinheit des Herzens und ihre Symptome nach feststehenden Richtpunkten zu 
bestimmen hätte, was im Eifekt dasselbe wäre, wie wenn sie im Gesetz selbst ent- 
halten wären." 

— 123 — 



nieren, und zwar in einer Form, die sich in Widerspruch setzt zu 
jener, die bei einer bestimmten sozialen Klasse in einer bestimmten 
Epoche üblich ist. Doch dann wird das Obszöne bloß zu 
einem Mangel an Korrektheit oder höchstens zu einem groben Ver- 
stoß gegen den guten Geschmack, was doch nie ein Verbrechen 
sein kann. In diesem Sinn wurde D. H. Lawrences Roman 
„Lady Chatterley und ihr Liebhaber" als obszön verboten; es 
wurde anerkannt, daß es ein glänzend geschriebenes Kunstwerk sei, 
indes, der Autor hatte auf einigen Seiten an Stelle der in der „guten 
Gesellschaft" bevorzugten, euphemistischen Ausdrücke absichdich kräf- 
tige, gut englische Ausdrücke gewählt. Denn selbst der meistgeschätzte 
Geisdiche kann sich auf den Vorgang, dem wir unseren Eintritt in die 
Welt verdanken, mit einem Wort lateinischen Ursprunges beziehen, 
ohne die Gefahr eines conge d'elire zu laufen. Wenn er sich jedoch 
im Verlauf einer Predigt auf denselben Akt mit einem gut englischen 
Wort bezieht — mit einem, das Kinder auf das Straßenpflaster malen, 
ohne den Aufbau der Gesellschaft zu gefährden — dann wird ihm 
der Bischofsthron weniger sicher sein als das Gefängnis, außer es ge- 
länge den besonderen Anstrengungen seiner Freunde, ihn ins Irren- 
haus zu bringen.' So groß erscheinen den Hütern des Gesetzes die 
Vorteile der Heimlichtuerei. Noch leben wir in einer Gesellschaft, die 
lächelnd zuläßt, daß Menschen wegen nicht modegerechter Anwen- 
dung absolut richtiger Synonyma Geld- oder selbst Freiheitstrafen 
auferlegt werden. 

Seit die neue Auffassung von der Stellung des Sexuellen im Leben 
an Boden gewinnt, ist diese Frage von verschiedenen Forschem er- 
hellt worden. Theodor Schroeder, ein New Yorker Rechtsanwalt, 
wirkte als Bahnbrecher mit seinem bedeutenden Werk „,Obscene' 
Literature and Constitutional Law", das als Privatdruck für den Ge- 
brauch der Gerichte 1911 in New York erschien. Er behandelt darin 
mit Gründlichkeit den ganzen Gegenstand in historischer, juristischer 
und soziologischer Hinsicht, und sein Buch ist noch immer wertvoll. 
Da er mit den sexualwissenschaftlichen, forensischen und ethnographi- 

I) Selbst Bischöfe müssen sidi gegen Worte schützen. Ich entsinne mich eines kleinen 
Vorfalles, in dessen Mittelpunkt der seinerzeitige Bischof von Winchester, Samuel 
Wilberforce, stand, und der mich als Schuljungen sehr belustigte. Der Bischof 
hatte in einer Kirche auf dem Land zu Gunsten des Restaurierungsfonds eine Predigt 
gehalten, in der er erklärt hatte, die Kirche sei „nothing but a damned bam' (eine ver- 
dammte Scheune). Zum Glück konnte sein Sekretär dem Zeitungsherausgeber mitteilen, 
daß das von seiner Lordschaft gebrauchte Wort ,d<m,p' (feudw) war. 

— 124 — 



sehen Erfahrungen und Forschungen der jüngsten Zeit gleidiermaßen 
vertraut ist, nimmt er die Stellung einer Autorität ein. Er zeigt klar 
und deutlich, daß es ein Irrtum sei zu behaupten, — wie dies oft ge- 
schieht, — daß die Obszönität, im modernen Sinn verstanden, jemals 
ein Vergehen gegen das gemeine Recht in England oder den Ver- 
einigten Staaten von Amerika gewesen sei. Im goldenen Zeitalter der 
englischen Geschichte, im Zeitalter EHsabeths und Shakespeares, als 
Englands Genius den Höhepunkt im Leben und in der Dichtkunst 
erreichte, wie in der Wissenschaft und Sozialreform im viktorianischen, 
muß es, wie immer in früheren Zeiten, sporadisch Kundgebungen so- 
genannten obszönen Charakters gegeben haben. AUein das Obszöne 
war frei, offen und gesund. Es gab keine Obszönitätsgesetze, und folg- 
lich bestand für niemand ein Anlaß, vor der Welt mit Obszönitäten 
zu prunken ; und ebenso wenig bestand für die Pornographie ein An- 
reiz, die Unterwelt der Literatur mit ihren eklen und schmutzigen Er- 
zeugnissen zu überschwemmen, die aber immerhin den Heihgenschein 
des Verbotenen tragen. 

Im darauffolgenden Jahrhundert wurde der moderne Begriff auf 
Umwegen geschickt in das Gesetz getragen. Bis dahin war es Sache 
der Gesetze gewesen, die politische Ordnung zu schützen, wobei sie 
vom Obszönen überhaupt keine Notiz nahmen, und Sadie der geist- 
lichen Gerichte, die Religion zu schützen (ein Ressort, das später mehr 
oder weniger den welthchen Gerichten übertragen wurde). Es muß 
auch daran erinnert werden, daß zu jener Zeit selbst Rechtsanwälte 
behaupteten, „die SittUchkeit sei das Fundament der Religion". Nur in 
Zusammenhang mit Anklagen wegen politischer Vergehen oder wegen 
Gotdosigkeit schlüpfte das „Obszöne" gleichsam in das Gesetz. Pro- 
zesse wegen „obscene libel" — der noch heute gebräuchliche, juristi- 
sche Ausdruck — konnten nicht wie jetzt wegen einer weiter nichts 
als „unanständigen" Handlung oder „unanständigen" Schrift anhängig 
gemacht werden. Die „Obszönität" mußte entweder mit Gewalttätig- 
keit oder Gotdosigkeit verbunden sein. 

Ich habe gegen die allgemeine Auflassung protestiert, die den Puri- 
tanismus für die Einleitung der Bewegung zur Unterdrückung des 
Obszönen haftbar machen will. Der Puritanismus war eine befreiende 
Kraft, eine Kraft auf Seite der Freiheit. Wir können uns nicht oft 
genug in Erinnerung rufen, daß die „Areopagitica", die beredteste je 
laut gewordene Anklage gegen die Zensur, das Werk des größten 
englischen Puritaners auf literarischem Gebiet war. Der Puritanismus 

— 125 — 



n 

war nicht für irgendwelche Verfügungen gegen das Obszöne verant- 
wortlich, und die Puritaner waren selbst in Wort und Tat eher das, 
was wir „obszön" nennen könnten. 

Dennoch erscheint es möglich, daß der Puritanismus, wenn audi 
nicht direkt, so doch indirekt für die Strömung in der Gesetzgebung 
verantwortlich ist. Die Puritaner mögen keine Gesetze gegen das Ob- 
szöne erlassen haben, sie mögen es sogar geduldet haben, doch als sie 
während des Commonwealth zur Macht gelangten, brachten sie m 
Wort und Tat Prüderien in Mode, welche nach dem Ende des Com- 
monwealth im gesellschaftlichen Leben als Ferment weiterwirkten und 
an Einfluß eher zu- als abnahmen. Prüderie war nicht Puritamsmus, 
aber sie kann als Kind des Puritanismus angesehen werden. Ein Kind, 
das kräftig gedieh, nachdem der lebendige Geist des Puritamsmus 
selbst tot oder im Absterben war, und das die Kraft erlangte, die 
gesellschaftUchen Sitten und Gefühle unabhängig von der Mode umzu- 
formen. So konnte sich schon zwei Jahre nach dem Sturz des Com- 
monwealth und der unter anscheinend allgemeiner Begeisterung erfolg- 
ten Thronbesteigung Karl II. Folgendes begeben : Sir Charles Sedley 
zeigte sich im Zustand der Trunkenheit gemeinsam mit zwei anderen 
aristokratischen jungen Freunden (die sich später gleichfalls auszeichne- 
ten) völlig entblößt auf dem Balkon des Cock Tavern in der Bow 
Street, Covent Garden, London. Einen beliebten Scherz der Restau- 
rationsepoche nachahmend, apostrophierte Sedley die Krone in der Art 
herumziehender Marktschreier in einer Spottpredigt, worin man so 
etwas wie „Gotteslästerung" erbUckte; dies führte dazu, daß Flaschen 
mit Urin auf die Menge unten geworfen wurden, die hierauf mit 
einem Steinhagel antwortete. Da hier „Gotteslästerung" und Gewalt 
hinzukamen, scheint es klar, daß die „Obszönität" allein übersehen 
worden wäre. Aber selbst bei dieser Gelegenheit war der Puritams- 
mus nicht der Hauptschuldige. Sedley wurde von dem Lord Chief 
Justice Foster, einem altmodischen, hochmütigen Royalisten aus der 
Schule von Clarendon, verhört, und man argwöhnt, daß diesen die ] 
Besorgnis um den guten Ruf der Royalisten veranlaßte, Sedley die 
schwere Strafe von 2000 Mark nebst sieben Tagen Gefängnis* aufzu- 

i)V deSolaPinto behandelt den Fall ausführlich in seinem „Leben des Sir 
Charles Sedley", 1927. 61-66. Pepys berichtet darüber in seinem „Diary" unter dem 
Datum des 1 Juli 1663. Der alte Lord Chief Justice starb drei Jahre spater. Er hatte 
in diesem Fall besonderen Mut bewiesen, da die Angeklagten Freunde und Kumpane des 
Königs waren, der selbst (wie man flüsterte) vielleicht an der Sache teilgenommen hatte. 

_ 126 — 



erlegen. Daß es Gewalt und Gotteslästerung waren, die das Gesetz zu 
treffen suchte — nicht Nacktheit, weder die physische noch die der 
literarischen Darstellung — beweist die Tatsache, daß wir erst nach 
einem halben Jahrhundert wieder von Obszönitätsprozessen hören. Im 
Jahre 1708 fällte Lord Holt eine bemerkenswerte Entscheidung in 
dem Prozeß wegen des obszönen Buches „The fifteen plagues of 
maidenhead". Die Klage wurde mit der Begründung abgewiesen, daß 
Gottlosigkeit wohl klagbar sei, die „Obszönität" jedoch nur von den 
geistlichen Gerichten bestraft werden könne. 

Aber damals, das scheint außer Frage zu stehen, wirkte der Sauer- 
teig des verwandeken und degradierten Puritanismus in der großen 
Masse des Volkes. Es begann die Herrschaft der Mittelklasse, die die 
oberen und unteren Klassen in gleicher Weise in den Hintergrund 
drängte und ein nonkonformistisches Gewissensgericht proklamierte, 
das sich die Funktionen der alten geisthchen Gerichte anmaßte. Dieser 
Geist drang alsbald in die weltlichen Gerichte und führte so zu jener 
Erzwingung der sogenannten .Sittlichkeit", die später zu einer bösen 
Quelle des Unheils wurde. 

Hinsichtlich des Umschwunges der Gefühle, der im neunzehnten 
Jahrhundert in England einsetzte, möchte ich jedoch hinzufügen, daß 
ich diesen nicht als das besondere und wichtigste Nebenprodukt des 
die unteren Schichten der Mittelklasse durchdringenden Puritanismus 
ansehe. Bis zu einem gewissen Grad war er es ja zweifellos, aber mehr 
noch war er das Ergebnis einer sich entwickelnden geistigen Kultur, 
einer Form des Snobismus, des Nachäffens einer feineren Lebensart, 
die als Merkmal einer höheren Klasse betrachtet wurde und eitles 
Kampfes wohl wert erschien, wenngleich dies von jenen, die die tiefer- 
stehenden Klassen nachzuahmen glaubten, nicht empfunden wurde. 
Wir beobachten genau denselben Vorgang in Frankreich im siebzehn- 
ten Jahrhundert (gewöhnlich in Verbindung mit dem Hotel de Ram- 
bouillet und den „Precieuses"), und auch diese Bewegung war sieg- 
reich. Zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts erzählte der alte 
Northcote Hazlitt (wie dieser in seinen „Conversations" berichtet), 
daß er sich erinnere, wie der Pöbel auf der Galerie bei der ersten 
Aufführung von Goldsmiths Lustspiel über einen derben Ausdruck 
in ein großes Geheul ausbrach, und wie dieser Ausdruck daraufhin 
fallen gelassen wurde. Northcote fügt die bezeichnende Bemerkung 
hinzu: „Das gewöhnliche Volk suchte die feine Lebensart gleich einem 
Festmahl; die oberen Schichten Hebten Derbheit und Zotenreißerei als 

— 127 — 



Entspannung von ihrer übergroßen Vornehmtuerei«. Und doch besaß 
Goldsmith unvergleichlich mehr DeHkatesse und Femfühligkeit 
als die ihn anpöbehide Volksmenge. Von einem ähnlich hervor- 
ragenden Zeitgenossen Northcotes, von Sir Walter Scott, der 
sich in seinen Romanen an Prüderie und Gefühlsduselei nicht genug 
tun konnte, möchte ich noch berichten (was mir in meiner Jugend em 
mit schottischen literarischen Kreisen in Verbindung stehender 
Freund erzählte), daß Scott heimlich ordinäre Geschichten zu erzählen 
hebte. Denn es ist in der Regel der Pöbel, der den Ton in solchen 
Dingen erzwingt und selbst Gesetze umformt. 

Die Übergriffe des Gesetzes auf diesem Gebiet sehen wir zum er- 
stenmal im Jahre 1727. Offenbar handek es sich um den frühesten 
verzeichneten Fall, in dem ein Buch des „obscene Bei" hesdmldigt und 
verurteilt wurde, einfach aus Gründen der „Sitüichkeit'. Das Buch 
hieß ,Venus in the Cloister". Der Angeklagte wurde sdiuldig befun- 
den. Sem Anwak stellte den Antrag auf Aufschiebung des Urteils, 
wobei er nachwies, daß eine derartige Verfolgung durch die welthchen 
Gerichte noch nie vorgekommen sei, daß ein Buch dieser Art nicht 
einen „libel" darstellen könne, und daß die Moral ausschheßhch unter 
die Gerichtsbarkek der kkdilichen Gerichte falle. Der Kronanwak gab 
zu, daß kein Präzedenzfall vorliege, bewies jedoch, daß der Friede 
ohne Anwendung tatsächhcher Gewak gebrochen werden könne, 
und daß die Zerstörung der Sittlichkek Untergrabung der öffentlichen 
Ordnung sei, welche ihrerseits die Sicherheit der Regierung bedeute. 
Dieses Schein-Plädoyer wurde vom Gerichtshof mk der Begründung 
akzeptiert, daß die Religion ein Teil des gemeinen Redites und 
die „Sittlichkeit" das Fundament der Religion sei, so daß ein Verge- 
hen gegen die Sittlichkek ein Vergehen gegen das gememe Recht sei. 
Wie Schroeder aufzeigt, beweist diese Entscheidung klar, daß die 
Obszönität als solche nicht strafbar war. Sie wurde nur insofern be- 
straft, als sie eine Form der Gottlosigkeit war. Dies geht aus dem 
nächsten FaU hervor (1733). »" dem es sich um die Klage gegen eine 
Frau handek, die fast nackt über die Straße Hef. Sie wurde nicht be- 
straft; die Handlung war nicht ungesetzUdi '. Tatsächhch hatten durch 



1) Idi weiß nicht, wer auf die zweifelhafte Ehre Anspruch hat, die Nacktheit 
zur Gesetzwidrigkeit gestempelt zu haben. Allein diese Gesetzwidrigkeit wurde in der 
Viktorianischen Epoche voll und ganz akzeptiert und entspricht sogar heute noch einem 
geltenden Übereinkommen, obwohl sie sich in ofifenkundigen Widersprudi zu den von 
den Gebildeten immer mehr anerkannten Idealen setzt. lA lese in der Londoner 

— 128 — 



das ganze achtzehnte Jahrhundert Klagen wegen „Obszönität" nur 
dann Erfolg, wenn diese gemeinsam mit einem anderen Vergehen, zu- 
meist mit „Gottlosigkeit" begangen wurde. Schroeder bemerkt, daß, 
da die Loslösung der amerikanischen Kolonien vor dem Ende des 
Jahrhunderts erfolgte, nicht behauptet werden könne, die Vereinigten 
Staaten hätten von England Obszönitätsgesetze geerbt. 

Nachdem bekanntlich im neunzehnten Jahrhundert der Scheingrund, 
die „Obszönität" leiste der Gewalttätigkeit und Gotteslästerung Vor- 
schub, fallen gelassen worden war, hielt sie, zum Gegenstand der An- 
klage geworden, ihren kühnen Einzug in die Gerichte und fand An- 
nahme. Unangefochten — abgesehen von einigen Wenigen, die ver- 
geblich Protest erhoben — schlich sie durch die Literatur und das 
Leben der viktorianischen Epoche. Viele falsche und lächerliche Be- 
schuldigungen mögen gegen den Viktorianismus erhoben worden sein, 
doch darüber kann kein Zweifel bestehen, daß er von der Angst vor 
dem „Obszönen" behext war. Offen zu Tage liegenden Schmutz mag 
es oft gegeben haben, das Obszöne hingegen war vom Tageslicht 

„Times" vom 7 Oktober 1930, daß ein junger Mann auf die Polizei gebracht wurde 
und ihm eine Geldstrafe von 10 Pfund wegen eines Vorfalles auferlegt wurde, der sich 
zwischen ihm, dem Besucher einer Sonnenbadanlage, und zwei jungen Damen in einem 
angrenzenden Freilager, das jedoch kein Sonnenbad war, abspielte. Die jungen Damen 
hatten im Laufe des Gespräches erklärt, daß sie das Sonnenbad „nicht anständig" fän- 
den, worauf der junge Mann das um die Mitte geschlungene Handtuch fallen ließ und 
erklärte : „Wenn ich nicht anständig bin, so will ich eben unanständig sein " Man 
sollte glauben, daß ein geringschätziger Blick diese Geschmacklosigkeit hinreichend ge- 
straft hätte, und daß eine moderne junge Frau genügend anatomische Kenntnisse be- 
sitzt, um nicht durch den Anblick eines unbekleideten Mitmenschen verletzt zu werden. 
Doch der Polizeirichter, ein gewisser Mr. Robinson, nahm die Sache sehr ernst. „Lassen 
Sie sich das als Warnung dienen", sagte Mr. Robinson zu dem jungen Mann. „Sonst 
könnten Sie bald Bekanntschaft mit dem Gefängnis machen, das der richtige Ort für 
Leute mit solchen Ansichten ist. Ich will hoffen, daß Sie diese extravaganten Ansichten 
baldigst aufgeben : Sie werden sie nicht in die Praxis umsetzen können, außer Sie wol- 
len den harten Arm des Gesetzes zu fühlen bekommen." Diese „extravaganten Ansich- 
ten", wie sie Mr. Robinson nennt, beginnen sich indes bei den intelligenten Menschen 
überall durchzusetzen. Bloß zwei Tage vor dieser Äußerung des Polizeigewaltigen er- 
schien in der „Weekend Review" ein Artikel über „Justice's Justice" aus der Feder 
eines gut informierten Anwaltes, worin die Unfähigkeit und Rückständigkeit der engli- 
schen Polizeirichter (einige rühmenswerte Ausnahmen werden zugegeben) öffentlich be- 
sprochen wird. Es ist überflüssig, mehr darüber zu sagen, da ich in derselben Nummer 
der „Weekend Review", wenn auch in anderem Zusammenhang lese, daß „die Proto- 
kolle der Robinsons einen erbarmungswürdigen Anblick bieten". Das ist zweifellos zu 
weit gegangen; wir dürfen auch nicht die verehrungswürdige Gestalt Robinson Crusoes 
vergessen, der doch als der typische Engländer geschildert wird. 

PsA. Bewegung IV 129 q 



streng verbannt. Selbst seine Humoristen, ein schwächliches Ge- 
schlecht fürwahr, waren prüde. Ja, sogar seine Karikaturenzeichner 
(Rowlandson, der alle anderen an Genie überragte, starb bereits 
1827) zeigten sich, so weit sie nicht vulgär waren, zahm-konventio- 
neU, obszön aber waren sie nie. Die Angst vor der Obszönität wurde 
nachgerade eine Art fixer Idee. Und denkt man zurück, so gab es j 
wirkUch nichts, was nicht obszön gewesen wäre. Je weiter das Jahr- ' 
hundert Fortschritt, desto deutlicher wurde es. Denn Obszönität, wie 
immer man sie definieren mag — und es herrschte nie Übereinstim- 
mung über die Definition — bedeutete gewöhnlich mindestens zweier- 
lei. Einerseits bedeutete sie zweifellos Nacktheit; ob Nacktheit des 
Ausdruckes oder physische Nacktheit, es war die Entkleidung eines 
Dinges, das in der Öffentlichkeit gemeinhin bekleidet ist. Darüber 
gab es keinen Zweifel. Doch es schloß auch etwas ein, das sexu- 
ellen Anreiz gibt. Es ist offenbar, daß das wesentlich war. Denn 
wenn dieses Entkleiden keine sexuellen Regungen auslöste, wie 
konnte es dann „unmoralisch" sein? Und warum hätte es verboten 
sein sollen? 

Wir alle wissen, was bei diesem Stand der Dinge geschah. Unver- 
meidlich, daß viele wissenschaftliche Bücher als »obszön' ange- 
sehen wurden — weil die Wissenschaft notwendigerweise ohne Ver- 
schleierung spricht — und folglich unterdrückt wurden ; aber auch das 
Gebiet der Literatur und Kunst wurde zu einem unabsehbaren Tum- 
melplatz, auf dem sich der anti-obszöne Geist ausleben konnte. „Vier 
Fünftel der größten Romanschriftsteller", sagt ein Kritiker mit gesun- 
dem Menschenverstand, „haben Bücher geschrieben, welche unsere 
Polizeirichter auf Grund des Gockburn-Urteils notwendigerweise ver- 
bieten müßten." Von Rabelais bis Joyce wurde eine große Zahl 
von Meisterwerken der Literatur vor Geridit gezerrt und verboten. 
Shakespeare war obszön. Selbst die Bibel — emige Jahrhunderte 
früher von der gesamten Christenheit als heiliges Buch betrachtet — 
wurde von den Gesetzeshütern des neunzehnten Jahrhunderts, beson- 
ders von den amerikanischen, für obszön erklärt, und diejenigen, die 
Teile daraus veröffentlichten, wurden bestraft. Der nackte Körper 
wurde ebenfalls für obszön erklärt, und zwar nicht nur der entblößte 
Körper als solcher (es gab endlose Debatten darüber, wieviel Zoll 
desselben ohne Gefahr gezeigt werden können), sondern auch seine 
bildliche Darstellung. Dabei wurden oft Unterschiede gemacht, und 
während die R ü c k e n ansieht erlaubt war, wurde die Vorderansicht 

— 130 — 



für obszön erklärt; die Bildseite der menschlichen Medaille war also 
obszön, die Rückseite indifferent. 

Während Schröder dem Ursprung des ObszönitätsbegrifFes und seinen 
Wandlungen im Spiegel der Gesetze eifrig nachspürte, haben sich zwei 
andere Autoren in dem später erschienenen Buch „To the Pure . . ." 
eingehend mit seiner weiteren Entwicklung und seiner heutigen Stel- 
lung in England und Amerika befaßt. Morris Ernst und William 
Seagle vertreten in glücklicher Zusammenarbeit sowohl die Juris- 
prudenz wie die Literatur, und ihr ernstes und dabei lebendig ge- 
schriebenes Buch ist wohl die aufschlußreichste und fesselndste gemein- 
verständliche Darstellung der Frage, die wir derzeit besitzen. Der Titel 
allerdings, so geeignet er als Etikettierung sein mag, beruht vielleicht 
auf Voraussetzungen, die wir nicht durchwegs teilen können, denn als 
Apostel Paulus die berühmten Worte äußerte: „Dem Reinen ist alles 
rein", sprach er weder über Literatur, noch über Gemälde oder über 
Filme, sondern über Dinge, mit denen jene kaum Ähnlichkeit haben. 
In Büchern und sogenannter Kunst im allgemeinen mag es viele Dinge 
geben, die vom Reinen mit Recht nidit als rein empfunden werden, 
wenn schon niemals eine einstimmige Meinung darüber bestehen kann, 
welche Dinge dies eigentlich sind. Und das ist eines der stärksten und 
ältesten Argumente gegen die Zensur der „Obszönität". 

Zum Glück haben die Autoren nur zu Etikettierungszwecken diesen 
Titel für ihr Buch gewählt, das eine kompetente Geschichte der angel- 
sächsischen Zensur von der viktorianischen Epoche bis zum heutigen 
Tag und gleichzeitig ein zwingendes und einzigartig gemäßigtes Argu- 
ment für die Befreiung von der Zensur darstellt. Zu oft mußten wir 
die oberflächUche Behandlung dieses Themas erfahren. Die törichte 
und extravagante Rhetorik jener, die gegen das „Obszöne" wetterten, 
konnte mit der oft nicht weniger törichten, darauf losstürmenden, rück- 
sichtslosen Schärfe der Gegenpartei wetteifern. Es war hohe Zeit, an 
die Behandlung der Frage in ernster und sachlicher Form zu schreiten, 

— die es darum nicht weniger ist, weil sie Raum für Witz und 
Humor läßt. 

Ein Buch noch jüngeren Datums — diesmal englischen Ursprunges 

— ist „Keeping it Dark or the Censor's Handbook" von Bernhard 
Causton und G. Gordon Young (1930). Auch hier ist die Er- 
örterung ernst und sachlich und der ganze Gegenstand knapp und 
doch erschöpfend behandelt. Die Autoren setzen sich für die gänzliche 
Abschaffung der Obszönitätsgesetze ein, da dies weniger Gefahren und 



131 — 



9* 



Schäden in sich schließt als die derzeitigen dunklen und subjektiven 
Methoden. 

Diese Ansicht, so will es scheinen, hat die Tendenz, zur vorherr- 
schenden zu werden, obschon wir nicht behaupten können, daß sie 
bereits vorherrscht. „Es ist meine feste Überzeugung", sagt Bertrand 
Russell, „daß die Frage obszöner Publikationen durch kein wie immer 
geartetes Gesetz geregelt werden sollte". Jedes solche Gesetz, bemerkt 
er, hat unerwünschte Folgen; es kann das Schlechte nicht verbieten, 
ohne auch das Gute zu verbieten, und bei rationeller sexueller Er- 
ziehung verursachen die schlechten Werke wenig Schaden. Noch be- 
zeichnender ist die Meinung jener, die an der Unterdrüclcung des 
Obszönen aktiv mitgearbeitet haben. „Eine Menge Gesetze und Ver- 
ordnungen, die Verbote und Zensuren variierender Grade umfassen, 
sind erlassen worden", heißt es im Leitartikel des New Yorker „Jour- 
nal of Social Hygiene". „Keines von allen hat seinen Zwedc voll 
erreicht." ' 

Die Beurteilung des „Obszönen" kann offenbar nur subjektiv sein. 
Losgelöst vom menschlichen Beobachter kann nichts an sich obszön 
sein. Dies ergibt sich klar aus der bei Gericht am häufigsten zitierten 
Definition — sofern eine solche überhaupt gegeben wird — , wonach 
das Obszöne „sexuelle Begierden anregt oder fördert". 

Eine derartige Definition enthüllt eine nicht vermutete Einfalt oder 
Unwissenheit seitens der Juristen, die sie formulierten oder akzeptier- 
ten. Indem sie dies taten, lieferten sie sich unvorsichtig ihren Gegnern 
aus. Einmal mag es ja eine Zeit gegeben haben, — wenn sie auch 
sehr weit zurückhegen muß, — wo die als solche erkannten Reizmittel 
der sexuellen Begierde so roh und unverkennbar waren, daß es keinen 
Zweifel über sie geben konnte. Aber diese Zeit ist lang vorbei; sie 
war längst vorbei, ehe sich die Psychoanalytiker erhoben und, 
mit Recht oder Unrecht, zeigten, daß wir in einer pansexuellen Welt 
leben. 

Tatsache ist, daß es heute wenig Dinge im Leben und in der Kunst 
gibt, die dem Empfinden dieser oder jener Menschen nicht als „schlüpf- 
rig", „ekelhaft" und „lasziv" (wie die akzeptierten Synonyma für den 
Gesetzesausdruck „obszön" lauten) erscheinen. Das war denjenigen, die 
den Tatsachen ins Auge blickten und sie richtig erfaßten, seit langem 



X) Journal of Social Hygiene, Dezember 1930 ; und in einem früheren Leitartikel 
(Juni 1929) : „Das Obszönitätsgesetz ist weniger ein Sdiwert in den Händen der Justiz 
als ein Bumerang". .; 

— 132 — 



bekannt. Der Anblick ganz gewöhnlicher, natürlicher Dinge und sich 
ständig wiederholender Vorgänge ruft bei leicht erregbaren Menschen, 
Männern sowohl wie Frauen, außerordentlich häufig sexuelle Gefühle 
hervor (man mag sie auch „schlüpfrig", „ekelhaft" und „lasziv" nen- 
nen). Auf Personen, die zu erotischem Fetischismus neigen, wie dies 
viele, wenn nicht die meisten bis zu einem gewissen Grad tun, kön- 
nen alle Arten von Gegenständen, selbst die am wenigsten sexuellen 
Charakter tragenden, in dieser Weise stimuHerend wirken. Überdies 
sind die Psychoanalytiker bei der Erforschung des Unbewußten 
zu der Ansicht gekommen, daß die Zahl der sexuellen Assoziationen 
endlos sein kann. Wollen wir das möglicherweise „Obszöne" abschaf- 
fen, so müssen wir die ganze Welt vernichten. 

Ganz Ähnliches gilt natürlich von der Literatur und Kunst. Die Liste 
berühmter Bücher, die Obszönitätenjäger verboten oder zu verbieten 
suchten, ist endlos. Einige der bedeutendsten, heute mit Ehrfurcht be- 
trachteten Bücher des neunzehnten Jahrhunderts wurden bei ihrem 
Erscheinen gerichtlich verfolgt und oft mit Erfolg. Eine Definition des 
Obszönen, die die Bibel nicht verwirft, scheint es nicht zu geben. 
Zudem ist erfahrungsgemäß bekannt, daß die Jugend ihr Wissen von 
sexuellen Dingen — wie Geburt, Masturbation, Geburtenbeschränkung, 
Vergewaltigung und Perversitäten — hauptsächlich aus dem Born der 
Bibel schöpft. Dies wurde beispielsweise vor nicht langer Zeit durch 
eine sorgfältige Untersuchung, welche Dr. Katherine Davis, eine her- 
vorragende Autorität auf dem Gebiet der sozialen Hygiene, mit mehr 
als tausend unverheirateten, graduierten Frauen anstellte, gezeigt. Die- 
selben Frauen wurden auch gefragt, was sie sexuell am erregendsten 
fanden (die Polizei würde es „schlüpfrig", „ekelhaft", „lasziv" nennen). 
Die meisten antworteten: „den Mann". Das Problem zeitigt auf 
diese Weise tragische Folgen, denn wir sehen, daß, soll das „Obszöne" 
unterdrückt werden, dies nur durch Ausrottung der einen 
Hälfte des Menschengeschlechtes geschehen kann. Und wie 
die Männer, wenn ihnen dieselbe Frage vorgelegt würde, unzweifel- 
haft mit derselben Majorität antworten würden: „das Weib", so 
wäre es auch um die andere Hälfte geschehen. Die Zensoren des 
„Obszönen" sind allzu feierlich, um gewahr zu werden, daß sie witzig 
sind, und zu unklug, um zu wissen, daß der Witz ernste, ja sogar 
tragisdie Aspekte hat. 

Es ist unmöglich, den Schaden zu ermessen, der der Gesellschaft 
durch die veralteten Obszönxtätsverbote erwachsen ist. Die Verbote 

~ 133 — 



haben bewirkt, daß der Kampf gegen die Geschlechtskrankheiten und 
die Erörterung der Bevölkerungsfrage bis zum heutigen Tag aufge- 
schoben wurden. Die Namen der Übel waren zu „obszön", um er- 
wähnt zu werden, und so Heß man sie ungehindert fortwuchern oder 
Überheß sie Spezialisten und Juristen, die sie dann in fachwissenschaft- 
lichen Ausdrücken erörterten. Auf einem anderen Gebiet wurden die 
schweren, von der Psychoanalyse aufgerollten Fragen aus der 
wissenschaftlichen Sphäre, in die sie gehören, gezerrt, um, entsprechend 
der Faszination oder dem Abscheu, den das Obszönitätsverbot auslöst, 
verzerrt und verdreht zu werden. Selbst auf dem Gebiet der Ge- 
schichte und Biographie verhinderte das Obszönitätsverbot die genaue 
Kenntnis von Personen und Ereignissen, während heute, wo dieses 
Tabu an Geltung verliert, naturgemäß eine Strömung nach dem ande- 
ren Extrem mit der Tendenz, nach der entgegengesetzten Richtung zu 
verzerren, einsetzt, und wir die Bedeutung der Tatsachen, die- wir frü- 
her nicht sehen durften, vergrößern. Denn es ist nicht der geringste 
der Schäden, den veraltete Verbote mit sich bringen, daß selbst die 
unvermeidliche Reaktion, zu der sie führen, schädhch ist. 

Unanständige Bücher durch Obszönitätsgesetze zu unterdrücken er- 
scheint so einfach, so unschuldig, so absolut lobenswert. Keiner von 
uns würde für das, was ihm unanständig dünkt, eine Lanze brechen. 
Es ist unmöghch, denn das Wort bedeutet, wenn wir seinem Sinn 
nachforschen, einfach das Ungeziemende. Doch je einfacher und funda- 
mentaler der Begrifi der Dezentheit erscheint, desto mehr entzieht er 
sich den Vorschriften des positiven Gesetzes. Er wird bestimmt durch 
die Art des Individuums selbst, durch das Empfinden der gesellschaft- 
lichen Klasse, der es angehört, iind bemerkenswerterweise durch die 
jeweilige Mode. Die meisten von uns sind alt genug um zu wissen, 
daß vor kaum zwanzig Jahren die gesamte heutige weibUche Jugend 
wegen ihrer Kleidung der Unanständigkeit beschuldigt und zur näch- 
sten Polizeistation gebracht worden wäre. In der Literatur ist die Mode 
noch schwankender als im Leben aus dem einfachen Grunde, weil sie 
nicht durch Massenaktion zustande kommt. Man hat unzählige Bei- 
spiele für derartige Schwankungen in bezug auf gesetzKch verbotene 
Bücher angeführt ; desgleichen für Bücher, die in England verboten und 
in Amerika frei waren oder in Amerika verboten und in England 
frei waren. „Die .Obszönität' von heute", ist einmal gesagt worden, 
„ist die Schicklichkeit von morgen." 

Das Gesetz fällt der Lächerhchkeit anheim, wenn es sich solcherart 

— 134 — 



herabwürdigt und den Moden des Tages anpaßt. Es ist unmoralisch, 
wenn es zum scheinbaren Schutz der Kinder verkehrt wird. Man 
pflegte „Frauen und Kinder" eines solchen Schutzes vor den Gefahren 
des „Obszönen" für bedürftig zu halten. Heute sind es nur mehr die 
Kinder, denn die Frauen haben mit Recht darauf bestanden, in dieser 
Angelegenheit mit den Männern und nicht mit den Kindern gleichge- 
stellt zu werden. Das Problem des Kindes ist geblieben. Es sollte doch 
klar sein, daß wir kein Recht haben, Kinder durch Gesetze zu schüt- 
zen die auch für Erwachsene Geltung haben und auf diese Weise 
(manchmal mit allzuviel Erfolg) Erwachsene zu Kindern zu machen 
suchen. An den Eltern und Lehrern ist es, das kann nicht oft genug 
wiederholt werden, die Kinder zu schützen und sie vor allem dadurch 
zu schützen, daß man sie lehrt, sich selbst zu schützen. Und das ist 
nur dann möglich, wenn man vor den Gefahren nicht flieht, sondern 
ihnen mutig entgegentritt. Gleichwohl muß zugegeben werden (wie 
dies Ernst und Seagle tun), daß „das Aufsichtsrecht, um das sich 
Elternschaft und Staat streiten, gewissermaßen in einer Dämmerzone 

hegt". 

Im Bereich der Wirtschaft wird mit Recht behauptet, daß die das 
Kind schädigenden Kräfte durch entsprechende gesetzliche Regelung 
der langen Arbeitszeit und anderer Härten eingeschränkt werden 
müssen. Das Kind jedoch durch Gesetze gegen das „Obszöne" zu 
schützen, ist nicht nur schwieriger und gefährlicher, es ist auch weniger 
nötig. Für das gesunde Kind hat die Pornographie, mit der es ge- 
legentlich in Berührung kommt, keine Bedeutung und keine An- 
ziehungskraft; die Reaktion ist die der Gleichgültigkeit, wenn nicht 
des Ekels. Wenn heute Schäden verursacht werden, so entstehen sie 
wahrscheinlich weniger durch die Pornographie als durch die grob 
übertreibenden Lasterfilme, die von tugendhaften Propagandisten der 
sozialen Hygiene gebracht werden und geeignet sind, dem jungfräu- 
lichen Gemüt einen peinlichen Stoß zu versetzen, so wie die zarte 
Haut des Säuglings durch das warme Bad, das für den Erwachsenen 
anregend und zuträglich ist, geschädigt wird. Es gibt im Leben eine 
Menge nicht zensurierter Dinge, die für die Jugend weit schädigender 
sind als das „Obszöne". Ernst und Seagle haben, wenn auch nur 
versuchsweise und selbst zweifelnd, ein „Minderjährigen-Pornographie- 
gesetz" vorgeschlagen, denn, fügen sie hinzu, die Erziehung durch 
Schule und Haus wird sich als bessere Lösung erweisen. Man muß 
den Eltern und Lehrern die Fähigkeit zutrauen, dem Kind zu helfen, 

— 135 - 



sidi selbst durch diese Gefahren hindurchzuarbeiten, ohne daß dabei 
die Freiheit der Erwachsenen beeinträchtigt wird. Heute wird dies von 
Eltern und Lehrerschaft gleichermaßen, wenn auch nicht immer in 
Übereinstimmung mit der Wissenschaft, anerkannt. 

Eine neue Einschätzung des Obszönen ist weit entfernt von einer 
Rechtfertigung jener Dinge, die vernünftige Menschen häßlich und 
widerwärtig finden. Sie bedeutet jedoch eine andere Einstellung gegen- 
über ihrer Unterdrückung in der Praxis. Wir kennen die Resultate 
der ehemals herrschenden Einstellung. Wir alle waren ihre Opfer. 
Eine Prämie stand auf alles Häßliche und Wertlose. Erst das Gesetz 
macht die Pornographie zu einem guten Geschäft. In England war es 
ein einfacher Innenminister, der es für seine Pflicht erklärte, die Jugend 
vor den schweren Gefahren, die sie auf Ansichtskarten, in Büchern 
und in Kinos bedrohen, zu schützen. Überflüssig zu sagen, daß die 
heutige Jugend nicht gesonnen ist, sich vor diesen Gefahren, die jeder- 
zeit mit einem kleinen Aufwand von Geld und Mühe in Reichweite 
rücken, schützen zu lassen. Zweifellos erregen solche Dinge häufig eine 
gewisse Neugier, die bei Fehlen von Verboten nur Gleichgültigkeit 
oder Ekel hervorgerufen hätten. Der Beweggrund, sie zu erzeugen, 
würde dann bald wegfallen. Gegenwärtig ist dank der auf sie gesetz- 
ten Prämie die Produktion von obszönen Ansichtskarten und ähn- 
lichen Dingen so groß, daß selbst die Zahl der von der Polizei be- 
schlagnahmten sich bald auf MiUionen beläuft. 

Jeder von uns ist wohl einmal gereizt worden, sich diese Dinge in 
der Nähe zu besehen, einfach weil sie verboten waren. Ich persönlich 
erinnere mich, wie mich vor langer Zeit ein verstohlen um sich blicken- 
des, schäbig gekleidetes Individuum in einer stillen Gasse in Sevilla 
auf die Seite zog und unter seinem langen Rock ein Büchlein mit far- 
bigen Illustrationen hervorzog, und wie mich die Neugier veran- 
laßte, dieses Büchlein für ein paar Pesetas zu erstehen. Ich fand es 
geradezu rührend derb und widerlich und vernichtete es; meine Neu- 
gier war ein für allemal befriedigt. Derartige Publikationen haben 
nichts zu tun mit Kunst oder Wissenschaft, die alles, was in ihr Be- 
reich kommt, veredeln, sofern sie einer „Veredelung" zufällig be- 
dürfen. ' 

i) Die Bibliotheca Germanorum erotica et curiosa {1912 — 1914) vonHayn und 
Gotendorf zeigt den Umfang, die Entwicklung und die nationale Verschiedenheit 
der sogenannten „pornographischen" Literatur. Aus dieser gelehrten Bibliographie geht 
hervor, daß eine große Zahl der Publikationen Übersetzungen aus dem Französischen 

— 136 — 



Wir dürfen uns keineswegs mit dem Glauben beruhigen, daß diese 
Frage bereits gelöst ist. Noch immer ruht die tote Hand des neun- 
zehnten Jahrhunderts auf uns, selbst auf jenen, die sich einbilden, die 
Avantgarde des Fortschritts zu bilden. Wir sehen das an der 1929 
erschienenen Broschüre über Pornographie und Obszönität, die D. H. 
Lawrence, der selbst mehr als einmal die „Obszönitätszensur" zu 
spüren bekam, kurz vor seinem Tod veröfiFentlidite. Dennoch unter- 
laufen ihm merkwürdige Begriffsverwirrungen, und er ruft selbst nach 
einer „Zensur der echten Pornographie". Aber die Zensur, die er 
vorschlägt, würde wahrscheinKch ärger sein als die, über die er 
Klage führt, und wäre sicher noch schwerer zu handhaben. Lawrence 
hat sich eine persönliche, eigenartige Definition der Pornographie zu- 
rechtgelegt, derzufolge das „Decamerone" als für Alt und Jung 
gleichermaßen geeignet freizugeben wäre, — eine Auffassung, der wir 
eventuell zustimmen könnten, — „Jane Eyre" und „Tristan" 
jedoch in gefährliche Nähe des Verbotes rücken würde, indes er den 
Beweis für den pornographischen Charakter (stark abweichend von 
der ursprünglichen Bedeutung des Wortes) anscheinend in der Ten- 
denz erblickt, Masturbation an Stelle des normalen geschlecht- 
lichen Verkehrs zu fördern. Wie Lawrence annehmen konnte, daß 
Charlotte Brontes Roman eher zur Masturbation verleiten könnte 
als „Lady Chatterley und ihr Liebhaber" (immer in der Voraus- 
setzung, daß beide dazu geeignet sind) oder wie er vorschlagen 
konnte, Wagner zu verbieten, bleibt dunkel. Er erkennt, daß es die 
Heimlichkeit ist, die die Schäden verursacht, und dennoch will er 
einen Großteil der Kunst unterdrücken und geheimhalten ! Etwas Ver- 
worreneres ist nicht vorstellbar. 

Gleichzeitig mit Lawrences Broschüre und in derselben Serie er- 
schien eine Flugsdirift von Viscount Brentford, betitelt „Do we 
need a Censor?". Als Lord Brentford noch Sir W. Joynson-Hicks 
und Innenminister war, tat er sich durch eine Anzahl Entscheidungen 
betreffend die Verfolgung und Unterdrückung von „Obszönitäten" her- 
vor, die bei allen, die für Freiheit der Kunst und Literatur waren, 
große und allgemeine Entrüstung auslösten. So nahm ich seine Bro- 



sind. Man kann Aufstiegs- und Abstiegskurven dieser Literatur verfolgen; in den 
Jahren 1815 und 1870 gedieh sie — zusammen mit einer entgegengesetzt orientierten 
Literatur, die sowohl Ursache wie Folgeerscheinung sein kann — mehr als heute, da 
die Unterhaltungsliteratur gegenwärtig mehr Freiheiten genießt. In England war es vor 
allem die flagellantistische und masochistische Literatur, die in Blüte stand. 

— 137 — 



schüre zur Hand und erwartete, die Haltung, die er in den Tagen 
seiner Ministerschaft eingenommen hatte, bestätigt zu findend Indes 
war die Schlußfolgerung, zu der er gelangte, ganz meine eigene. Ob 
die Erfahrung ihn Klugheit gelehrt hatte, oder ob die hehren Höhen 
des Oberhauses es vermocht hatten, ihn die Dinge klarer sehen zu 
lassen, weiß ich nicht. Aber wenn er in der Broschüre auch einige 
bedenkliche Auffassungen vertritt — und noch immer glaubt, daß eine 
so umstrittene Sache wie die Moral in den Bereich des Gesetzes ge- 
bracht werden könne, — so kommt er doch zu dem Schluß, daß dies 
eine Angelegenheit ist, die das „Herz" angehe, und daß wir uns einer 
Zeit nähern, in der Verfolgungen überholt sein werden. „Bei zuneh- 
mender Bildung", so endet er (und fügt wie ein guter Geisthcher hin- 
zu „bei Ausbreitung der Religion") „wird das Volk selbst lernen, aUe 
Formen des Häßhchen im Benehmen, Kunst und Literatur zurückzu- 
weisen. Wenn die Menschen einmal gelernt haben, alle diese Formen 
der Unanständigkeit in Gedanken, Worten und Taten nicht bloß zu 
übersehen, sondern auch zu verachten, dann wird der Tag gekommen 
sein, wo die Zensur überflüssig sein wird, wo es keine Verfolgungen 
mehr wegen Übertretung des Gesetzes geben wird und wo „die vom Par- 
lament angenommenen Gesetze werdosen Urkunden gleichen werden". 
Tatsächlich geht hier Lord Brentford mit dem Eifer des Neubekehr- 
ten weiter, als wir billigerweise erwarten können. Es wird nie eine 
Zeit geben, wo die ganze Bevölkerung seinem Ideal entsprechen wird, 
und das brauchen wir auch gar nicht zu wünschen. Was wir aber 
wohl erwarten können ist, daß mit der Ausbreitung des Wissens — 
vor allem des Wissens auf sexuellem Gebiet — und der Zunahme 
des guten Geschmackes, der gegenwärtig allzusehr Besitz einer kleinen, 
wenn auch stetig wachsenden Klasse ist, die von Lord Brentford be- 
klagten Übel ohne wesentliche Bedeutung sein werden. 

Das, was Lord Brentford jedoch übersah, als er Minister war und 
was er offenbar auch als Fair übersieht, ist, daß sein Ideal niemals 
durch ein System der Unterdrückung und Verbote erreicht werden 
kann. „Ohne Heimlichkeit", sagt Lawrence richtig, „kann es keine 
Pornographie geben". So lange es HeimHchkeit geben wird, wird es 
auch Pornographie geben, denn sie hat eine reditmäßige, natürhdie 
Grundlage; allein die vulgäre, ekelhafte und dumme Form des Ob- 
szönen, Pornographie genannt — Kunst und Literatur als Bordell- 



i) „The Censorship of Books", Nineteenth Century and After, April 192g. 

— 138 — 



ersatz und von der gleichen, gemeinen Wesensart — ist nicht in der 
Natur begründet, sondern in einer künstlichen Heimlichkeit. Darum 
läuft dieses bei uns noch immer herrschende Unterdrückungssystem, 
wie Causton und Young treffend bemerken, darauf hinaus, „die Welt 
der Pornographie zu erhalten." 

Hinsichtlich dieses Punktes finde ich einen zweiten Bundesgenossen 
im Oberhaus, einen, dessen Ansicht gesünder und gemäßigter klingt, 
und der eine größere Autorität besitzt: es ist kein Geringerer als der 
Erzbischof von Canterbury. Er spricht sich gegen Zensur und 
Verbote auf diesem Gebiete aus. Er könne sich keine Form der Zen- 
sur vorstellen, erklärte er („The Times', 29. Mai 1930), die erträglich 
wäre. „Auf diesem Gebiet muß jedes Verbot zwangsläufig seine eige- 
nen Ziele zunichte machen. Es gibt nur einen Weg, die Verbreitung 
schlechter Literatur zu verhindern und das ist die gute zu fördern. So 
würde man mehr erreichen als durch ein Wiederaufleben der morali- 
schen Pressezensur." Wenn Erzbischöfe solch gesunde und vernünftige 
Lehren verkünden, dann wird es für mich allmählich Zeit, zu 
schweigen. 

Denn die Wahrheit ist, — es kann nicht oft genug wiederholt 
werden, — daß jene Kunst und Literatur, die als „obszön" wirklich 
zu beanstanden ist, bei normalen, gesunden Menschen kaum Interesse 
finden dürfte, es sei denn, sie wäre von Heimlichkeit und Verboten 
umgeben. Der Markt für die Pornographie wird künstlich 
geschaffen. Um diese Tatsache gruppiert sich die Situation. Kein 
Mensch würde ein Buch lesen, weil es vom Innenminister empfohlen 
wird; hingegen wird sich ein großes Publikum finden, das ein Buch 
liest, weil er es verwirft. Er und die ihm untergeordneten Organe 
sind verantwortlich nicht bloß für die Reklame, die sie für das eigent- 
lich „Schmutzige" machen, indem sie ihm den Reiz des Verbotenen 
leihen, sondern sie sind dadurch, daß sie eine Nachfrage erzeugen, 
direkt verantwortlich für die Schaffung des „Schmutzes", welcher die 
Nachfrage befriedigt. Diese Tatsache müssen wir uns stets vorhalten, 
so weit es sich um die derbsten und anstößigsten Erzeugnisse handelt. 
Es ist der Punkt, um den sich die ganze Frage des Obszönen und der 
Zensur letzten Endes dreht. Für gesund veranlagte und erzogene Men- 
schen ist das Obszöne kein Problem. Eine Gesetzgebung ist nicht not- 
wendig, wenn die unheilvollen Verbote abgeschaft sind. Wenn wir 
richtig erzogene Kinder haben werden — wozu wir vor allem riditige 
Eltern brauchen — Kinder, die von früher Jugend an allmählich mit 

_ 139 — 



den Grundtatsachen des Lebens vertraut gemacht wurden, dann wird 
es dem perversen Eifer von Innenministern und öffentlichen Anklägern 
nicht mehr gelingen, einen Markt für die Pornographie zu schaffen. 

Es ist die Angst, — eine Art Angstkomplex, — der jene be- 
herrscht, die mit den Waffen der Heimlichkeit und der Unterdrückung 
gegen eine Sache ankämpfen, bei der Heimlichkeit und Verbote offen- 
sichtlich wider die Natur verstoßen und darum Ergebnisse zeitigen 
müssen, die schlimmer als wirkungslos sind. Angst ist zweifellos ein 
wertvoller Teil der Ausrüstung, die der Mensch von den höheren 
Affen, von denen er abstammt, erbte. Ihre besondere Lebensweise, 
das Fehlen starker Waffen zur Verteidigung und die Unfähigkeit der 
schneUen Fortbewegung machen ein besonderes Maß von Furchtsam- 
keit, Vorsicht und Scheu notwendig. Der Mensch hat viele Sdiutz- 
wälle gegen die ererbten Gefahren, denen er derart ausgesetzt ist, 
errichtet und hat innerhalb und selbst außerhalb dieser W.älle einen 
bis dahin unbekannten Mut an den Tag gelegt, einen Mut, den seine 
bescheidenen Verwandten aus der Affenwelt vermissen lassen. Aber 
die alte Angstbereitschaft sitzt noch zu tief, um nicht, manchmal mit 
gutem Grund, in einer epidemieartigen Panik zum Vorschein zu 
kommen. 

Eine solche Europa einst beherrschende epidemieartige Panik war 
diejenige, die das Hexenwesen verursachte. Drei Jahrhunderte lang 
war Europa von einer seltsam-tragischen, zu endlosen Schreckenstaten 
führenden Hexenangst besessen. Bis zu einem gewissen Grad ist 
der Hexenglaube über die ganze Welt verbreitet. Aber sogar bei den 
Wilden wird er selten zu einer alles bedrohenden, fixen Idee. Er war 
es auch nicht in Europa bis weit ins dreizehnte Jahrhundert, und die 
Kirche, welche ja in Fragen des Dämonenglaubens vor allem ein Wort 
zu reden hat, stand ihm ungläubig und verhältnismäßig duldsam 
gegenüber. Beispielsweise verbot in der Mitte jenes Jahrhunderts der 
herrschende Papst der Inquisition die Verfolgung der sogenannten 
Hexen. Im folgenden Jahrhundert vollzog sich der Umschwung, und 
zu Beginn des fünfzehnten Jahrhunderts wurden nach Erlassung einer 
päpstUchen Bulle die Schauergeschichten über das Treiben der Hexen 
in allen Kreisen der Gesellschaft frei verbreitet. In dem berühmten 
„Hexenhammer" (Malleus Maleficarum), der gegen Ende des fünf- 
zehnten Jahrhunderts in Köln erschien, wurde die ganze Theorie der 
Hexerei in ein System gebracht und mit Kommentaren versehen. Da- 
mit war, wie oben erwähnt, der Weg frei für eine Tragödie, die sich 

— 140 — 



in den nächsten zwei Jahrhunderten in allen christlichen Ländern in 
ähnlichen Formen abspielen sollte. Der Begriff wurde von Theologen 
und Juristen formuliert und die Opfer wurden so lange gequält, bis 
sie „Geständnisse" ablegten, die den Gedankengängen der Richter 
entsprachen.' Aufgeklärte Menschen erkannten mehr oder weniger 
klar, wie die merkwürdigen Erscheinungen zustande kamen, doch selbst 
im achtzehnten Jahrhundert und später wurde die Hexerei mitunter 
als ernste Angelegenheit betrachtet. 

Als die Hexenangst im achtzehnten Jahrhundert abflaute, trat an 
ihre Stelle eine andere — merkwürdigerweise in ähnlichen verdrehten 
religiösen Begriffen wurzelnde — fixe Idee: die Obszönitäten- 
Angst. Scheinbar brauchte das aus früheren Entwicklungsphasen 
stammende Angstbedürfnis Nahrung, und als das Hexenwesen seine 
Schrecken verlor, wurde die teuflische Bosheit der „Obszönität" an 
ihre Stelle gesetzt. Der Hexen-Entdecker bildet das würdige Gegen- 
stück zu dem heutigen Obszönitäten-Schnüffler. Das Hexenwesen ver- 
dankte seinen verderblichen Einfluß dem düsteren Heiligenschein, der 
es umgab, genau so wie das Blendwerk, mit dem wir das Obszöne 
umgeben, ihm einen Einfluß verleiht, den es sonst nicht besitzen 
könnte. Wie das Obszöne bestand auch die Hexerei nicht immer bloß 
in der Einbildung des Hexen-Entdeckers. Aber so weit sie tatsächhch 
vorhanden war, konnte sie durch Tauchschemel und Gerichte nicht 
berührt werden. Unter humaneren imd zivilisierteren Einflüssen wurde 
sie unschädlich. 

Gerade zur Zeit, als die Entwicklung der Wissenschaft und Zivili- 
sation zur richtigen Einschätzung des Hexenwesens führte, erreichte die 
Roheit der Hexenverfolgungen ihren Höhepunkt. Dasselbe kann man 
heute vom Obszönen sagen. Die alten Tabus auf sexuellem Gebiet 
verschwinden aUmählich. Wir beginnen den Tatsachen des Sexus mit 
einem Verständnis und einer Offenheit ins Auge zu sehen, die noch 
vor einem Viertel Jahrhundert unmöglich gewesen wären. Und diese 
neue Ehrhchkeit und Aufrichtigkeit ist es, die den Verfolgungsfanatis- 
mus der Abkömmlinge der Hexensucher herausfordert. Doch es ist 
müßig, von Zivilisation zu sprechen, ehe nicht das „Obszöne" den 
Weg der Hexerei gegangen ist. 

Auf die große ÄhnHchkeit zwischen der späteren Obszönitätsmanie 
und der früheren Hexenmanie hat Theodor Schroeder in seinem 



OGar^on and Vinchon, „The Devil", An Historical, Critical and Medical 
Study. Translated from the Frendi, London 1929. 

— 141 — 



igii erschienenen „Obscene Literature and Constkutional Law" wohl 
als erster hingewiesen. Seither ist die Beobachtung oft gemacht wor- 
den. Sdiroeder leugnet das Vorhandensein einer objektiven Realität 
sowohl in der Hexerei wie beim Obszönen. Wie wir sahen, ist es 
gar nicht nötig, so weit zu gehen. Der Hexerei haftet häufig ein 
natürliches, mehr oder weniger krankhaftes Element an, und es ist 
völlig gerechtfertigt, das Obszöne als das gemeinhin Verborgene 
hinzustellen. Unnatürlidi und nicht gerechtfertigt ist in beiden Fällen 
die Entwicklung des Aberglaubens und der Verfolgungstendenz zur 
Manie hin, sowie die Tendenz, sie künstlich zur Gotteslästerung und 
illegalen Handlung zu stempeln, die vor das Tribunal gezerrt und der 
Bestrafung zugeführt wird. Wenn dieser Wahnsinn aufhören wird in 
pervers begabten Köpfen zu spuken, dann wird man erkennen, daß 
Hexerei und Obszönität, selbst wenn sie eine objektive Realität be- 
sitzen, ihren richtigen Platz außerhalb der Gerichte haben. ' 

Man beginnt das heute einzusehen. Der legale Ausdruck des „Ob- 
szönen" ist auf derart schwindlige Höhen der Absurdität geführt 
worden, daß er in Lächerlichkeit abzustürzen beginnt. Ein neues 
Wissen um die Vorteile des Sonnenlichtes, gepaart mit neuen Moden 
der Kleidung und neuen Begriffen von weiblicher Schicklichkeit, haben 
unsere Auffassung vom menschlichen Körper geändert, während die 
Greuel des Weltkrieges, des wichtigsten Ereignisses an der Schwelle 
des zwanzigsten Jahrhunderts, die in Wort und Tat geübte Prüderie 
des Viktorianischen Salons geradezu komisch erscheinen lassen. Die 
junge Generation des achtzehnten Jahrhunderts war durch die neue 
Philosophie zu sehr aufgeklärt worden, um die Hexerei zu fürchten. 
Die junge Generation unseres Jahrhunderts ist sexuell viel zu aufge- 
klärt, um das Obszöne zu fürchten. Dennoch ist diese Episode in der 
Geistesgeschichte unserer Rasse, wenn sie auch kürzer als die der 
Hexerei ist, ernst genug, denn sie hat die Freiheit der Kurist 
verkümmern lassen und die edelsten Einzel- und Kollektiv- 
leistungen in Wort und Tat gehemmt. Noch sind ihre Tage nicht 
ganz vorbei. Der Endsieg des menschUchen Geistes muß noch aus- 
gekämpft werden. Die Entscheidung liegt in unseren Händen. 



1 



142 



I 



Volemtem dmcumt fata^ 

noleetem tralitmt 



Von ^ • 

Hamas Sadhs 

Den Unsicherheiten, aus denen sich die menschliche Existenz zusam- 
mensetzt, steht eine merkwürdige Sorte von Gewißheiten gegenüber. 
Dieselben Erlebnisformen, Abläufe und Kombinationen von Gefühlsbin- 
dungen wollen von einem Menschen immer wieder erlebt werden, sie wie- 
derholen sich mit Benützung verschiedensten Erlebnismaterials von der 
Kindheit an, ohne je ihre charakteristischen Formen zu verlieren. Die 
MögHchkeiten, die der Trieb seinem Träger gibt, verengen und ver- 
mindern sich schnell, und wenn sich der Strom einmal in ein be- 
stimmtes Bett ergossen hat, so ist ihm sein weiterer Lauf vorgezeichnet. 

Daß aus diesen Grundthemen der individuellen Existenz die Träume, 
Phantasien, Kunstwerke und Wahnbildungen geformt werden, ist ohne 
weiteres zu verstehen. Verwunderlicher schon, daß die starre Realität, 
die sich doch nicht so leicht umkneten läßt, trotzdem soviel Freiheit des 
Wiedererlebens für den einzelnen, oder eigentlich für das Unbewußte 
des einzelnen übrigläßt. Der Analytiker erfährt von solchen Wieder- 
holungsreihen so regelmäßig, daß er sie schheßlich als etwas Selbstver- 
ständliches hinnimmt. Auffallend und rätselhaft bleiben auch für ihn die 
Fälle — in „Jenseits des Lustprinzips " hat Freud von ihnen gesprochen 
— in denen die formgebende Aktivität sicherlich nicht, oder wenig- 
stens nicht in entscheidendem Maße vom Unbewußten des betreffenden 
Menschen ausging, sondern von den äußeren Umständen, der objekti- 
ven Realität, die von außen her das erzwang, was von innen präfor- 
miert war. Zwei der sonderbarsten Fälle dieser Art sollen hier mitge- 
teilt werden, wobei ich mich ebenso davon enthalte, sie als „Zufälle" 
abzutun, wie eine Einreihung in einen faßbaren Zusammenhang zu 
versuchen. 

* 

Vor mehreren Jahren suchte mich ein ausländischer Arzt auf, um 
sich über einige Punkte der psychoanalytischen Theorie zu informieren. 
Im Laufe unserer Besprediungen stellte es sich heraus, daß sein Inter- 

— 143 — 



esse an der Psychoanalyse nicht bloß theoretisdi war, sondern 
mit einer persönlichen Bedrängnis zusammenhing. Diese bestand aber 
ausnahmsweise nicht in den Leiden oder Einschränkungen, die durch 
eine Neurose verursacht werden, sondern in einer Verliebtheit, von 
der er sich vergebHch zu befreien suchte. Der ernste und schon im 
Beginn des Alterns stehende Mann fühlte sich mit unwiderstehlicher 
Gewalt an eine junge Frau gefesselt, die ihrerseits seine Liebe mit Zärt- 
lichkeit und der vollen Hingabe erwidert hatte. Trotzdem fühlte er sich tief 
unglückhch, denn er wünschte mit ganzem Herzen, die Geliebte zu seiner 
Frau zu machen, und wurde daran durch seine Moralbegriffe gehindert, 
die ihm verboten, eine Frau zu nehmen, die auf die Forderung nach 
sexueller Reinheit keinen Wert gelegt hatte und auch nicht gewillt 
schien, sich in Zukunft seinem Keuschheitsideal anzupassen. 

Vor diesem Konflikt, der übrigens nicht durch Vorurteil oder Phari- 
säertum hervorgerufen wurde, sondern durch den Anprall einer späten 
und umso heftigeren Leidenschaft gegen die Grundprinzipien seines 
bisherigen Lebens, war er geflohen, ohne sidi aber innerlich losreißen 
zu können. Er stand mit der Geliebten noch in Korrespondenz, und 
jeder Brief, in dem sie ihn zurückrief, erneuerte den Zwiespalt. Die 
Analyse sollte versuchen, ihn zu befreien, indem sie der einen oder 
anderen Seite zum endgültigen Siege verhalf. Es stellte sich bald heraus, 
daß die Analyse, oder doch zumindest meine Kunst, dazu nicht 
imstande war. Bei allem guten Willen war doch sein Augenmerk stän- 
dig darauf gerichtet, sein Ich gegen alle Triebansprüche zu verteidigen, 
die Wachsamkeit nicht einen Augenblick aufzugeben — wahrscheinlich 
aus der Angst heraus, daß eine Überwältigung, wenn auch nur 
auf die Dauer der analytischen Situation, nicht mehr rückgängig 
gemacht werden könnte. Andererseits wollte er das Gefühl, in dem 
sein, im übrigen entsagungsreiches und gefühlsarmes Leben gipfelte, 
nicht preisgeben. Meine Mitteilung, daß ich die — natürlich nur ver- 
suchsweise unternommene — Analyse nicht fortsetzen wolle, nahm er 
mit Verständnis, vielleicht sogar mit Erleichterung auf. Was ich im fol- 
genden im Zusammenhang erzähle, habe ich während jener wenigen 
Stunden in ungeordneten Bruchstücken erfahren. Noch während meiner 
Arbeit übersah ich den Zusammenhang und machte den Analysanden 
auf die, meiner Meinung nach, höchst ungewöhnliche Verkettung von 

— 144 — 



Umständen aufmerksam, ohne dadurch bei ihm selbst ein stärkeres In- 
teresse oder gar eine gefühlsbetonte Reaktion hervorzurufen. 

Er war in Osteuropa zur Welt gekommen, als jüngster Sohn eines hoch- 
berühmten Rabbi, der von der Gemeinde der Vaterstadt und von den 
Schülern, die gekommen waren, um zu seinen Füßen zu sitzen, wie 
ein höheres Wesen verehrt und angebetet wurde. Der Vater hatte, schon 
in vorgerückten Jahren, zum zweitenmal geheiratet und war für diesen 
Jüngsten ein Fernstehender, dem er sich niemals kindlich vertraut fühlte. 
Von der Mutter, die er noch vor dem Ende seiner Kindheit verlor, 
erinnerte er nur, daß sie immer traurig war. Der Kleine zeigte schon 
im frühen Alter Begabung für das Talmudstudium, man verhieß ihm 
allgemein, daß er, der Sohn des großen Rabbi, gleich seinem Vater 
ein gepriesener und verehrter Lehrer, der Ruhm des gesetzestreuen 
Israel werden würde. Seltsamerweise lockte ihn diese Aussicht, die 
doch innerhalb seines damaligen Horizontes das höchste erreichbare Ziel 
darstellte, ganz und gar nicht. Er sehnte sich nach dem verbotenen 
Wissen des Westens und verUeß, noch als Knabe, bei erster sich bie- 
tender Gelegenheit die Heimat, um in die neue Welt auszuwandern. 
Gleich nach der Ankunft dort erkrankte er schwer, mußte Wochen und 
Monate im Spital liegen. Von dort entlassen, noch durch die Krankheit 
geschwächt, mittellos und der Landessprache nicht mächtig, dachte er 
dodi nur an seinen einzigen heißen Wunsdi : zulernen, sich Wissen und Bil- 
dung zu erwerben. Er erreichte es, daß er in einer Schule angestellt 
wurde, allerdings zunächst nur für die niedrigsten Dienstleistungen, wie 
Reinemachen, Einheizen und dergl. Statt eines Lohnes bedang er sich 
die Erlaubnis aus, an einigen Unterrichtsstunden teilzunehmen. So ar- 
beitete er sich unter imsäglichen Mühen und Entbehrungen durch bis 
zur Universität, wo er sich auch neben dem Studium durch eigene Ar- 
beit erhalten mußte. Als er den akademischen Grad erreicht hatte, fand 
er, daß ihn die erwählte Wissenschaft — es war die Philosophie — 
nicht voll befriedige. Er begann die dornenvolle Bahn noch einmal 
von vorne und studierte Medizin; so wurde er ein angesehener und 
beschäftigter Arzt, aber ohne große innere Befriedigung, olme in 
Liebe, Ehe und Familie Glück zu finden. Als nach Beendigung des 
Krieges seine neue Heimat ein großartiges Hilfswerk für die durch 
Krieg und Hunger verwüsteten Länder ausrüstete, stellte er sich diesem 

PsA. Bewegung IV 1 45 jo 



zur Verfügung. Er wurde zuerst nach dem Orient geschickt, wo er 
mehr als ein Jahr lang tätig war, dann — ohne jedes Zutun seinerseits, 
wie er mir mit zuverlässiger Aufrichtigkeit versicherte — nach Ost- 
europa. So kam er auch in seine Geburtsstadt, wo er, der ausgesandt 
worden war, um mit seinen Untergebenen den- Hunger und die Seu- 
chen zu bekämpfen, mit allen denkbaren Ehrenbezeugungen empfangen 
wurde. Er traf seinen Vater noch lebend, im höchsten Alter an. Ihn 
rührte weder das Wiedersehen mit der längst fremdgewordenen Stadt, 
noch mit dem Vater, mit dem er nie vertraut gewesen war. Daß sich 
unter der gleichmütigen Oberfläche seines Bewußtseins doch starke Af- 
fekte verbargen, geht aus zwei Tatsachen hervor, die er als nebensächlich 
nur gelegentlich erwähnte, deren Bedeutung und innerer Zusammenhang 
für den Analytiker ohneweiteres klar ist. Die eine war, daß 
er zu seiner eigenen Verwunderung auf dem Friedhof, den er längst 
vergessen zu haben meinte, das Grab seiner Mutter ohne Fragen und 
ohne Zögern fand, die andere, daß er, der soviel Länder und Städte 
durchwandert hatte, die Geliebte, von der er sich nicht losreißen konnte, 
eben in dieser seiner Heimats-Stadt und an dem Tage, wo er an dem 
Grab seiner Mutter gewesen war, kennen lernte. 

Das bisher Erzählte enthält nur einen Ausschnitt aus uns wohl- 
bekanntem Material: die Erklärung der Bindung an ein Liebesobjekt 
als an die wiederauferstandene Mutter mit den, vom Unbewußten her 
ausgehenden, daran geknüpften Konflikten — eine Erklärung, die in dem 
vorliegenden Fall unvollständig bleiben mußte und keinerlei praktische 
Wirkung hatte. AußergewöhnHch wird das Ganze erst durch eine 
weitere Mitteilung, die mir von dem Analysanden an ganz anderer 
SteUe und ohne jeden Zusammenhang mit seinem eigenen Leben ge- 
macht wurde. Er berichtete mir, das Einzige, was er von dem Privat- 
leben seines Vaters wisse, sei eine Geschichte, die er schon in früher 
Kindheit, er wisse nicht von wem, über seinen Vater gehört hatte. 
Diese lautete so, daß der große Rabbi als junger Mann sich habe aus 
dem Ghetto freimachen wollen. Er habe sich mit einem Freund verab- 
redet, daß sie miteinander eine östHche deutsche Universität aufsuchen 
und dort studieren wollten. Als die verabredete Zeit herankam, sei er 
schwer erkrankt und habe zurückbleiben müssen — so sei er durch 
Gottes Behütung der fromme und weise Rabbi geworden. Der Freund, 

— 146 — 






^B der den gemeinsamen Plan allein ausgeführt hatte, wurde dem Knaben 
" gezeigt : es war der Arzt des Städtchens, der einzige Jude, der als 
„Deutsch" gekleidet war, d. h. keinen Kaftan trug, übrigens auch ein 
geehrter, ausgezeichneter Mann, freihdi m ganz anderer Art als der Rabbi. 
Dieser Bericht erklärt die sonst unverständliche Tatsache, 
warum der Knabe die Väterweisheit verschmähte und die Ge- 
fahren und Entbehrungen der Auswanderung der gesicherten Lauf- 
bahn vorzog: er wollte den Vater übertreffen und ihm „ausweichen" 
, — ihn überragen, ohne ihn zu beseitigen, und dazu bot sich die 
Identifizierung mit dem Freund des Vaters, der erreicht hatte, was diesem 
versagt geblieben war, als der beste Ausweg. Daß dies unbewußt vor- 
sieh ging und daß er auch später nur die Rationalisierungen, die be- 
wußtseinsfähigen Vordergründe seines Handelns kannte, nicht die 
eigentlichen Motive, wird uns nicht weiter wundern. Ebensowenig, daß 
er — mit dem charakteristischen Umweg über die Philosophie und dem 
damit verbundenen Mehr-Aufwand an Arbeit und Entbehrungen 
schließlich Arzt wurde. Weniger gut erklärbar ist, daß er das Einleben 
in die Geschichte des Vaters so weit trieb, gleich nach der Auswanderung 
das zu durchleben, was dem Vater die Auswanderung unmögUch ge- 
macht hatte, eine Krankheit. Und wenn man sich hier mit der etwas 
unbestimmten Erklärung des Zusammenwirkens von organischen und 
unbewußt-psychischen Faktoren zufrieden geben will, so bleibt doch 
das größte Rätsel noch ungelöst. 

Alles in diesem Leben ist — von der Seite der leitenden unbe- 
wußten Identifizierung her — auf einen großen Moment hingezielt, 
auf den Einzug in die Heimatsstadt als Arzt, als der aus der Fremde 
kommende Retter und Erlöser. Daß dieses Erlebnis bewußt als etwas 
Gleichgültiges hingenommen wurde, braucht uns nicht irre zu machen, 
sehen wir doch seine Bedeutung daran, daß die Geschichte von der ver- 
eitelten ärzthchen Laufbahn des Vaters und die Erinnerung an das 
Grab der Mutter die einzigen Überreste der Kindheit blieben, deren stärkste 
Affekte sie gewissermaßen repräsentieren. In der Liebe zu jenem Mäd- 
chen haben die unterdrückten und verdrängten Affekte, wenn auch in 
veränderter Form, ihre Auferstehung gefeiert und die Gleichgültigkeit 
gründUchst durchbrochen. Unbegreiflich aber bleibt es, daß sich kein 
Wink dafür ergab, daß diese Heimkehr das Werk seines Unbewuß- 

- 147 — 



ten war; ich war selbstverständlich bemüht, das Material in dieser 
Richtung gewissenhaft zu durchforschen, aber es ergab sich kein An- 
haltspunkt dafür, und ich mußte mich entsdiließen zu glauben, daß es 
das blinde Schicksal war, das diesen Menschen dorthin brachte, wohin 
sein Unbewußtes das ganze Leben hindurch vergeblich gezielt hatte. 



Bei dem zweiten Fall handelt es sich ganz zweifellos um einen Ein- 
griff des Schicksals, denn hier wurde eine vollständige Analyse durch- 
geführt, die es gestattete, die unbewußten Anteile mit Sicherheit auszu- 
sondern. 

Die Eltern meines Analysanden hatten sich kurz nach der Geburt 
des Kindes voneinander getrennt, der Vater hatte eine Weltreise an- 
getreten, die Mutter gab das Kind, das der Alleinstehenden lästig zu 
werden drohte, in ein Dorf zur Pflege. Dort wuchs der Knabe die 
ersten vier Jahre auf, bei einem ältlichen Mädchen, das aber trotzdem 
nichts Altjüngferliches an sich hatte, sondern das Kind liebevoll, dabei 
ohne überhitzte Zärtlichkeit, einfach und natürlich, wie es der ländli- 
chen Umgebung entsprach, großzog. Diese Zeit war die ruhigste und 
glücklichste seines Lebens, sie endete, als die Eltern sich wieder ver- 
söhnt hatten und das Kind zu sich nahmen. Schon der Eintritt in die neue 
Welt brachte ein schweres Trauma : die Mutter entdeckte einen leich- 
ten körperlichen Defekt des Sohnes und brachte ihn in die Stadt, wo 
das ahnungslose Kind durch einen sehr schmerzhaften Eingriff in 
Schrecken versetzt wurde. In der Analyse trat an dieser Stelle immer 
die Erinnerung an das (viel später gelesene) Märchen von Andersen 
„Die Schneekönigin" auf, und wir fanden zuletzt, daß die Mutter, die 
im Mantel und Schleier durch den Schnee herausgekommen war, um 
den Sohn zu holen, das Urbild der sdiönen und herzlosen Schnee- 
königin war. Dem Knaben im Märchen mißfällt alles, was ihm vorher 
lieb und vertraut gewesen war, seitdem ihm ein Stück des Teufels- 
spiegels ins Auge geraten ist. Ähnlich ging es auch ihm, als er jetzt 
in der Stadt lebte, als der Sohn eines reichen Mannes, der ihn ver- 
wöhnte, ihm das kostbarste Spielzeug kaufte und jeden Wunsch er- 
füllte. Aber aus der ruhigen, gleichmäßigen und natürlichen Umgebung 
seiner Kindheit war er mit einem Ruck herausgeschleudert, zwischen 

— 148 — 



1 






r 



die Eltern gestellt, die oft miteinander zankten, einer Mutter ausgeliefert, die 
ihn durch Schönheit und Jugend erotisch anzog, durch ihre Launen 
und plötzliche, oft ungerechte Strenge abstieß. Dies alles, so aufwüh- 
lend es für den Kleinen war, verhüllte und umgab nun ein anderes, 
weit aufregenderes Erlebnis, das in der Analyse wieder ins Bewußt- 
sein trat und klar erinnert wurde. Bis dahin war das Kind von sexu- 
ellen Dingen fast vollständig ferngeblieben, nun wurde der in weib- 
lich-altjüngferlicher Umgebung aufgewachsene Knabe völlig unvorbereitet 
der Zeuge einer „Urszene", eines Geschlechtsverkehrs der Eltern, in einer 
der ersten Nächte, die er unter einem Dach mit ihnen (sie wohnten 
damals provisorisch im Hotel und das Kind schlief im selben Zimmer) 
verbrachte. Er wurde von da an ein nervöses und reizbares Kind mit einer 
schwierigen Entwicklung, deren Wendepunkt eintrat, als, kurz vor der 
Pubertät, die Mutter starb. Der bis dahin so zärthche Vater benahm 
sich völlig lieblos und suchte sich nun seinerseits des Sohnes zu ent- 
ledigen. FreiUch schickte er ihn nicht zu den Bauern, sondern tat ihn im 
Gegenteil in eine vornehme Erziehungsanstalt, wo die Sprößlinge der 
aristokratischen Familien des Landes erzogen wurden. Ich übergehe die 
weitere Entwicklung der Dinge, die kompliziert genug war und hier nichts 
zur Aufklärung leisten würde. Genug, daß der Vater seinen Ehrgeiz 
beibehielt und sich an dem äußeren Glanz seines Sohnes freuen wollte, 
ohne sich viel um sein Inneres zu kümmern. Er veranlaßte ihn, einen 
als besonders ausgezeichnet geltenden, nur den „Exklusiven" zugängli- 
dien Beruf zu ergreifen. Hier ging zunächst alles gut, der junge Mann 
repräsentierte — und nur auf Repräsentation kam es an — tadellos, 
aber hinter dieser Außenseite gab es Depressionen, die sich mehrten 
und in eine schwere Neurose ausliefen. Er mußte seine Stellung auf- 
geben und lebte, von der Neurose und einer sich dazugesellenden 
Sucht zermürbt und völlig haidos gemacht, ein von jeder Realität ab- 
geschlossenes dumpfes Dasein, das früher oder später mit Selbstmord 
enden mußte. Da lernte er zufällig einen Gelehrten kennen, der an 
ihm Gefallen fand, seinen Umgang suchte und ihn zu sich einlud. Bei 
diesem Mann und dessen Frau, die als kinderloses Ehepaar in ver- 
trauter Enge miteinander lebten, fand der Kranke zum erstenmal seit 
seiner Kindheit Verständnis und Ruhe, eine dauerhafte Zuneigung, die 
nicht durch Launen getrübt wurde und auf sein Wohlergehen, nicht 

— 149 — 



auf die Befriedigung der eigenen Eitelkeit bedacht war. Er schloß sich 
den beiden Menschen auf das innigste an, wurde ein dazugehöriges, 
ständiges Mitglied des kleinen Familienkreises und fühlte sich instand 
gesetzt, ihnen zuliebe seine Sucht aufzugeben und der Neurose fast 
völlig zu entrinnen. 

Nach ein paar Jahren soldien harmonischen Zusammenlebens, wäh- 
rend deren er sich auf einen neuen, weniger glänzenden Beruf vor- 
bereitete, griff das Schicksal ein. Infolge der Umschichtungen der 
Nachkriegszeit wurde der Gelehrte, fast ohne sein Zutun, ein reicher 
Mann. Der Übergang von der einen zur anderen Existenzform voll- 
zog sich nicht so kraß wie in der Kindheit, aber es blieb doch sonst 
genug übrig, um das neue Erlebnis an das alte anzuknüpfen. Auch 
hier blieb diese Verknüpfung völlig unbewußt, die Wirkung des 
Wechsels in der Lebensweise unverständlich, bis die Analyse Auf- 
klärung brachte. 

Die kleine Wohnung, in der die drei friedUch zusammen gehaust 
hatten, wurde mit einer großen und eleganten vertauscht, an Stelle 
des stiUen und eingezogenen Lebens trat ein geräuschvolleres, gast- 
freieres. Die Personen wurden freilich nicht plötzlich ausgetauscht, wie 
in der Kindheit, im Gegenteil, sie bewahrten dem alten Freund Liebe 
und Treue — aber so ausschließlich wie früher und so rückhaltlos konnten sie 
sich ihm doch nicht mehr widmen, seit sie durch soviele Verpflichtun- 
gen in Anspruch genommen waren. Was in dem nun wieder 
Vereinsamenden vorging, wußte und merkte niemand, auch er 
selbst nicht. Aber seine Neurose tauchte wieder auf, und er verfiel 
wieder der Sucht — allerdings in einer neuen Form: früher hatte er 
sie nach Kräften geheim gehalten, jetzt gab er sich ihr so hin, daß er 
durch sie mit den Ausgestoßenen der Gesellschaft, mit den Erniedrigt- 
sten gleich auf gleich verkehrte. 

Das Schicksal hatte zuerst den Therapeuten gespielt und dann, ohne 
jede Beihilfe des Unbewußten, mit raffinierter Grausamkeit das infan- 
tile Trauma wiederholt. Kein Wunder, daß sich der so Getroffene am 
Schicksal, an seinen Freunden und an sich selbst zu rächen suchte, bis 
die Analyse ihm den Hergang seines Lebens klarstellte und ihn von 
dieser Seite her wenigstens von seinem Schicksal erlöste. 
IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIII 



150 - 



Feuer und HarestraM^^ 

Von 

Gustav Hans Gräber 
I 

Albrecht Schaeffer hat zum Problem der Beziehung von Feuer 
und Harnstrahl seine Hypothese derjenigen Freuds gegenübergestellt^. 

Das aufgegrififene Problem lockt zum Versuch einer weiteren Betrachtung. 
Freud sagt, der Urmensch hätte «das Feuer seiner eigenen sexuellen Er- 
regung bekämpft" und hätte darauf analog auch „die Naturkraft des Feuers" 
gezähmt, „indem er es durch seinen Harnstrahl auslöschte." 

Dagegen bleibt Schaeffer die „Absicht des Auslösdiens unverständ- 
lich". Er sieht symbolisch als Geschlechtstrieb den „Funken und die Glut 
im männlichen Glied" und sieht beide auch real draußen in der Natur vom 
Urmenschen sorgsam behütet. Beides soll jedoch zum Feuer autflammen, 
zur großen Zeugung. Der Harnstrahl ist ihm „Verbindendes", „Teilnahme 
am Lebendigen", symbolisch ein „Feuer lassen", ein Entfachen. 

Das sind scheinbar unüberbrückbare Gegensätze. Aber lassen -wir viel- 
leicht einmal das Unbewußte reden ! Wir wissen, es kennt keine 
Gegensätze. Vorerst aber noch eine Vermutung : Ich wähne, Freud hat 
bei der Niederschrift seines Passus über die „Zähmung des Feuers" ähn- 
liche Gedankengänge wie diejenigen Schaeffers auch erwogen, sie aber 
aus Ökonomie und besserer Erkenntnis fallen lassen, (er hat sie in seiner 
Lebensarbeit genügend erwogen), denn er denkt hier von „innen" nach 
„außen" (inneres Feuer — äußeres Feuer), und sie würden nicht zu seiner 
Lehre, vor allem nicht zu seiner Trieblehre passen.* 

Und nun das Unbewußte ? Ihm ist vorerst außen = innen. Ihm ist aber 
auch entfachen =^ auslöschen, (Freud) und auslöschen = entfachen (Schaef- 
fer). Ich beginne mit der ersten Gleichung: Wer etwas von der „Sprache" 
des Unbewußten vernommen, dem ist die Analogie genügsam bekannt, und 

1) Die vorliegende Arbeit behandelt ein Problem, das seit ihrer Niederschrift und 
Einsendung an die Redaktion dieser Zeitschrift (im Januar 1931), zwei weitere 
Bearbeitungen erfahren hat, auf die ich nachträglich nur in einigen Anmerkungen Be- 
zug nehme. Es sind die Arbeiten von E. H. Erlenmeyer: „Notiz zur Freudschen 
Hypothese über die Zähmung des Feuers" und von Sigm. Freud: „Zur Gewinnung 
des Feuers" (beide Imago XVIII, Jg. 1932, Heft 1, S. 5 u. 8). 

2) Die Psychoanalytische Bewegung, Jg. II., 201 u. 537. 

3) Die uns seither bekannt gewordene Arbeit Freuds über das Feuer bestätigt, 
besonders in ihrem Schlußteil, vollauf diesen Gedanken. 

— 151 — 



wer etwas von der Trieblehre Freuds weiß, der kennt das Ziel alles 
„Treibens" : Es ist die Ruhe, das Auslösdien. Sowohl derjenige; der »aus- 
löscht", wie derjenige, der „entfadbt", ist „getrieben", begeht eine trieb- 
bedingte Handlung, und sein Unbewußtes läßt sich kein X für ein U vor. 
machen, gerade weil ihm X = U ist. 

Das Unbewußte mahnt uns ferner, zwei ganz einfache Dinge zu über- 
legen: Wenn das innere Feuer der Sexualität nicht mehr im „hohlen 
Rohr" bewahrt wird, sondern sich entfacht und schheßlich beim Orgasmus 
herausströmt, also Feuer = Sperma (aber auch = Harn, denn auch für die letzte 
Gleichung ist dem Unbewußten meist X = U), dann ist hernach alles „er- 
loschen". Und so ist es auch mit dem äußeren Feuer: Wenn der Ur- 
mensch den im „hohlen Rohr" und „unter der Asche" glimmenden Funken 
entfacht, „selbst dazu sein Feuer lassend", dann folgt der Prozeß der Ver- 
brennung, und das Ende ist das Auslöschen. Nebenbei kann ich mir den 
Urmenschen Schaeffers schlechterdings nicht wohl als so „moralisch" vor- 
stellen, daß er sein (inneres oder äußeres) Feuer so sorgsam im „hohlen 
Rohr" bewahrt hätte, denn würde er es getan haben, dann wäre er erstens 
jenem Urmenschen Freuds mit einem Triebverzicht (vielleicht in ehelicher 
Organisation) eher vergleichbar, und es wäre eigentlich seiner Natur wider- 
sprechend, in einem Entfachen und Auflodernlassen (Schaeffer) das jähe 
Ende herbeizuführen. 

Nun aber die Schaeffer zugedachte Gleichung: auslöschen = ent- 
fachen. Sie kann nur einen Sinn haben, den der Zeugung (von der 
Schaeffer übrigens selbst spricht), wobei immer auf Kosten des alten 
Lebens, das dadurch eigentlich auslöscht, ein neues Leben entfacht wird. 
Schaeffer ahnt den großen Gedanken der Urzeugung aller Kreatur, der 
in vielen Mythen ausgesprochen ist (bei Pausanias, Plutarch, Ovid usw.), wo- 
nach zur Bildung neuen Lebens die Verbindung der Wasser- und 
der Feuerkraft notwendig ist. 

II 

Nach diesem orientierenden Rundflug über das Gelände der Problematik 
wollen wir auf dem festen Boden der Tatsachen — vorerst bei einem 
Begebnis persönlichen Erlebens und dann einem Stück Kasuistik — landen. 

Bei den Bauernbuben meines Heimatdorfes, unter denen ich aufwuchs, 
war es Brauch und höchste Sensation des Tages, im Herbst, beim Hüten 
der Viehherden auf der Weide ein lustiges Feuer prasseln zu lassen. Dabei 
begab sich wiederholend und mit geringen Variationen ungefähr folgendes: 



152 - 



I 



r 



In der Vorfreude zog man aus, sammelte und stahl im nahen Walde Holz, 
„zündelte", setzte sich im Kreis um die züngelnde Flamme, reichte und 
rauchte nach Indianerbrauch die verbotene „Friedenspfeife", schürte das 
Feuer, ließ es wachsen, bis es mit dem letzten Rest des Holzes zur höchsten 
Lohe aufgeschossen, tanzte jetzt mit Kriegsgeheul im Kreis den „Indianer- 
tanz", ihn immer enger um das begehrte, gefürchtete und schon „sterbende" Ele- 
mend ziehend, immer höher die Erregung der Gemüter peitschend : denn 
nun folgte die Akme, das orgiastisch-ekstatische Ereignis : unter unbändi- 
gem Lachen und Jauchzen ließen die Knaben hoch im Bogen von rings 
herum die Harnstrahle in die bereits verglimmende und zischende Glut 
schießen. Den Rest des Auslöschens besorgten die stampfenden Schuhe. 
Und was man nachher tat ? Man zerstreute sich, lag in Gruppen herum, und 
wenn die Mattigkeit wich und die Zeit reichte, begann das Spiel von vorne. 

Die beschriebene urtümliche Belebung primitiver Festlichkeit mit nach- 
folgender Orgie zeigt den äußern und innern Geschehensablauf als durch- 
wegs parallel verlaufend. Äußeres und inneres (geschlechtliches) Feuer wer- 
den entfacht, gesteigert und mit dem Harnstrahl (^Orgasmus beim Ge- 
schlechtsakt der Primitiven) gelöscht. Was aber war Ziel? Was ist ent- 
sprechend Ziel beim Geschlechtsakt ? Die Antwort scheint sehr einfach : das 
was faktisch erreicht wird : die Erschlaffung, das Ausgelöschtsein. Und eine 
andere naiv klingende Frage : Wer hat das Ziel „erstrebt" ? Antwort : Doch 
wohl die steten Sieger in allen Handlungen, nämlich die Triebe und in 
ihrem Dienst das Unbewußte, ja sogar — freilich meist uneingestandener- 
weise — das Bewußtsein. Das letztere versucht die Endphase der Hand- 
lung, das Auslöschen, aus dem Kausalzusammenhang herauszureißen, sie zu 
negieren und zu behaupten : Ziel war nur die Akme der Lust, was nachher 
folgte, war nicht gewollt. Das Bewußtsein belügt sich selbst und verschafft 
der Lust Ewigkeit. Was verbirgt es ? Orgasmusangst ? Kastrationsangst ? 
Todesangst ? 

Hinter der Meinungsverschiedenheit über Feuer und Hamstrahl steckt die 
Frage der prinzipiellen Einstellung zur Lehre Freuds: 

Für Freud gibt es letztlich als Enderfolg aller Handlungen nur ein Aus- 
löschen. Die Geschehnisse in der Natur, in den lebenden Organismen, schei- 
nen ihm recht zu geben. Die Triebe wollen das Frühere : Entspannung, 
Ruhe. Alles Progressive erweist sich schließUch als regressiv gerichtet. Das 
Entfachen wird ein Auslöschen. „Das Ziel des Lebens ist der Tod" (Freu d). 
Anders Schaeffer: Er verteidigt den Glauben an die sich steigernde 
Entfaltung, an die Selbsterhaltung, vielleicht den Glauben an das wachsende 
Potential, die ewige Lust, das ewige Leben. 

- 153 — 



in 

Ein junger Mann, der sich mit einem hartnäckigen Masochismiis wie mit 
einem Scheinmanöver vor dem Ödipuskomplex und damit vor seiner Kastra- 
tionsangst zu retten versuchte, bringt eines Tages am Schluß einer mit 
starken Widerständen belasteten Sitzung plötzlich folgenden Einfall: 

„Idi reiße dem Vater den Penis aus, peße in die entstandene Höhlung Spiritus 
und zünde ihn an. Die Flammen schlagen bis zum Himmel. Da oben ist die 
Mutter. Audi sie steht jetzt in Flammen." 

Dunkel wird dem Patienten noch bewußt, daß er mit seinem „Kastra- 
tionsgeschäft", vwe er es nennt, den Vater eigentlich statt kastriert, richtig 
potent gemacht und ihn sich mit der Mutter geschlechtlich vereinigen ließ'. 
Er spricht freilich nicht weiter darüber, sondern sucht vielmehr den Einfall 
zu verdrängen und redet bloß vom Feuer, das aus der Vagina der Mutter 
ströme. 

Anderntags erzählt er, daß ihm im Traum aus seinem Herd alle Stein- 
platten entfernt worden seien, damit die Flamme nach oben an den Topf 
gehe und dort besser erwärme. 

Die Einfälle führen den Patienten auf das Emporschießen der Flamme 
durch das Entfachen mit dem Schmiedegebläse und auf das Herausströmen 
der Flamme aus dem Blasrohr bei autogener Schweißung. Er spricht immer 
wieder von der Tendenz der Flamme, an den Topf hinauf zu gelangen, 
diesen als Symbol der mütterlichen Vagina erkennend. Fortgesetzt unruhiger 
werdend und mit den Beinen strampelnd, erzählt der Patient davon, wie 
er früher im Spiel mit andern Knaben versucht habe, hoch hinauf zu uri- 
nieren. Die Erregung erreicht schließlich einen Höhepunkt, und er erklärt : „Ich 
muß zur Flamme kommen, ich muß zur Flamme werden — und jetzt habe 
ich direkt unerträglichen Harndrang." 

Der Patient steht auch tatsächlich auf, um hinauszugehen. Ich halte ihn 
zurück, um ihn zu veranlassen, sich unter dem Druck der Stauung über das 
Vorliegende Klarheit zu verschaffen. Er erkennt, daß ausströmender 
Flammenstrahl, Urinstrahl und ausspritzendes Sperma 
vom Unbewußten als identisch aufgefaßt werden^ und mit 



i) Das „Kastrationsgesdiäft" des Patienten gleicht vollauf dem neuestens von Freud 
gedeuteten Kampf des Herakles mit der Hydra, nur daß dieser für unseren Helden 
weniger siegreich ausfallt (Imago XVIII, 12). 

2) Nachsatz nach der Lektüre von Freuds Arbeit „Zur Gewinnung des Feuers" 
(a. a. O.) : Dem Unbewußten, in dem ja ausschließlidi das Lustprinzip herrscht, sind 
sie — dynamisch und ökonomisch betrachtet — wirklich identisch : Harndrang und 



— 154 — 



r 



dem Inzest im engsten Zusammenhang stehen, zugleich aber auch Kastration 
zur Folge haben. Daher die Abwehr, aber zugleich auch Mobilisierung der 
eigenen Kastrationsangst mit der Kastration des Vaters, die aber wider Er- 
warten in Umkehrung diesem gerade die volle Potenz = Feuerstrahl und 
den Besitz der Mutter gibt. Dem Sohn bedeutet Feuer-, Harn- und Sperma- 
lassen = Inzest, der mit Kastration durch den Vater bestraft wird. In der 
Abwehr und Aktivierung kehrt sich die Gleichung um: Kastration des 
Vaters durch den Sohn bedeutet für den ersteren = Feuer- (Harn- und 
Sperma-)lassen = Besitz der Mutter : kommt also für den Patienten als ver- 
kappter Verzicht auf die Mutter, einem Stück Heilerfolg gleich — nämlich 
einer Bresche in den Masochismus, dessen Genese sich fundamental auf der 
Negation der Kastrationsgefahr und der Abwehr der Kastrationsangst auf- 
baute. Der Patient will sich dieses nicht zugestehen, wahrscheinUch, weil 
ihm das Opfer zu groß erscheint. Er versucht die Deutung des gestrigen 
Einfalles umzukehren : „Wenn ich den Vater kastriert habe und die Flamme 
aus seiner Wunde schlägt, dann ist letztere die Vagina der Mutter, die 
Hölle, und wenn das Feuer zum Himmel" — hier hält er an sich und 
fährt in wegwerfendem Tone fort . . . „kommt auf eins heraus, da oben 
ist der erhöhte Vaters Gott: sie kommen doch zusammen." Ein erneuter 
Einfall wiederhoh die Situation : Der kastrierte Vater wird auf die Sieges- 
säule der Stadt erhoben und im Flugzeug durch die Erde = Mutter gejagt. 
Soweit drängt sich uns aus dem geschilderten Ablauf des Analysen- 



Stauung der Sexualstoffe entsprechen der „brennenden" Spannung (Unlust), dem erreg- 
ten Feuer, während Harnlassen und Ejakulation des Spermas der Entspannung (Lust), 
einem reuer-(hinaus) lassen (und zwar als Feuerstrahl), einem Löschen des Brandes 
gleichbedeutend sind. Diese Tatsache mahnt uns daran zu denken, daß vom Urmenschen 
der Unterschied zwischen Harnlassen und Ejakulation nicht wie Freud anzunehmen 
scheint von Anfang an als gegensätzliche Funktion erlebt wurde (die Wassersteife des 
Gliedes dürfte mit ein Hinweis in diese Gedankenrichtung sein), so daß ihm der Sexualakt 
wirklich wie ein Urinieren in die Frau vorkam und daß sich ihm erst später, nachdem 
er vom „Apfel der Erkenntnis« gegessen hatte, im Zusammenhang mit Triebverzichten 
die von Freud als so bedeutungsvoll herausgehobene Gegensätzlichkeit bildete und zu 
der von ihm analysierten Mythenbildung führte. 

Dazu sei bemerkt, daß eine über vierzig Jahre zählende, stark urethral-erotisch fixierte 
Patientin, die nie einen Sexualakt erlebte, ihn auch heute noch — zudem nach drei 
Jahren Analyse — sich nicht anders vorzustellen vermag, als daß der Mann dabei 
in die Frau hineinuriniere. (Die Patientin ist übrigens ein mir aus der psychoanalytischen 
Literatur noch nicht bekannter Sonderfall : Sie erlebt die stärkste überhaupt mögliche 
Lust an der äußeren Endung der Urethra, bei eingeführtem Katheter und einfließendem 
Wasser. Ihre Harnröhre ist also wie beim Manne stärkste erogene Leitzone, wenn auch 
bei weiblich-aufnehmender Funktion. Die Klitoris als erogene Zone existierte für die 
Patientin überhaupt nicht und wurde erst vor kurzem entdeckt.) 

— 155 — 



Stückes die S cha ef f er sehe Gleichung: Wasserlassen = Feuerlassen als zu- 
treffend auf '. 

Sehen wir weiter ! Der Patient befand sich bis dahin im Zustand der Stauung 
(urethral), der Erregung (sexuell), des „brennenden Verlangens", welche loszu- 
werden die Inzestschranke und die Kastrationsangst verunmöglichten. Die 
geschilderte Analysenstunde erlaubte ihm eigentlich keine Entladung. Er ließ 
letztere vielmehr zwischen Vater und Mutter gesdiehen. Aber gerade damit 
leistete er einen Verzicht und befreite sich von einem Teil Kastrations- 
angst. Nach der Stunde urinierte der Patient auf meiner Toilette. 

Folgenden Tages berichtet er einen Traum, in dem er zu einem gelieb- 
ten Mädchen der Kinderzeit, namens Gesundbrunner', in erotische 
Beziehung trat. Der Name erinnert ihn an einen ähnlich benannten Ort, wo 
er mit seiner einstigen Braut das Hochzeitsfest feiern wollte, das er sich 
freilich damals versagte, da er kurz vor dem festgesetzten Tage die Verlobung 
auflöste. Nun aber schildert er mit Worten der Zärtlichkeit, aus denen zum 
erstenmal eine Gefühlswärme strömt, das einstige Verhältnis zu dem Mäd- 
chen und ist ergriifen von der Erkenntnis, dieses bedeute für ihn wirklich 
den „gesundmachenden Brunnen", der das stets verhaltene Feuer der Sexua- 
lität lösche, oder besser so: in der Beziehung zu dem Mädchen hätte sein 
eigener „gesundmachender Brunnen" (Sperma) ausfließen können. 

In dieser Gefühlslage schweifen die Gedanken von dem Mädchen ab zur 
eigenen Mutter. Da aber übermannt ihn, ihm bis dahin fremd, eine starke 
Rührung, und er unterdrüdit das Weinen. Es fällt ihm ein, einst müsse 
auch die Beziehung zu ihr derjenigen zum Mädchen verwandt gewesen sein, 
und an Stelle des „gesundmachenden Brunnens" = Harn (später = Sperma), 
mit dem er der Mutter als einem Geschenk seine Liebe hätte erweisen 
wollen (Inzest), sei die masochistische Einstellung („von der Mutter geschla- 
gen werden") getreten. Auf den „gesundmachenden Brunnen" habe er frei- 
lich wohl nicht ganz verzichten können, habe ihn vielleicht nach oben ver- 
legt und habe damals — wie auch jetzt in der Sitzung — Ströme von Tränen 
geweint. Der Patient schließt Stunde und Thema mit den Worten: „Flie- 
ßende Tränen und fließendes Blut sind auch der ,gesundmachende Brunnen' 
bei der masochistischen Erregung". Wenn unser Patient bei den masochisti- 
schen Akten den Brand der Erregung immer weiter schürte, Strafen und 

i) Audi Flournoy hat in seinem Aufsatz: „Quelques rSves au sujet de la signi- 
fication symbolique de l'eau et du feu" aus einem Traume „la similitude symbolique 
du liquide et du feu comme 616ments gte^rateurs" erwähnt (Int. Zeitsch. f. Psychoana- 
lyse VI, 328 f). 

2) Ich verwende hier einen entstellten Namen, der aber dieselbe Sachbeziehung zuläßt. 

— 156 — 



V 



Folterungen soweit steigerte, bis bei völligem Ermatten schließlich Blut 
mit Tränen und Schweiß sich mischend floß, so litt er dabei, den Nympho- 
manen ähnlich, an einer imersättlichen Gier nach Steigerung der Lust- 
(und der Schmerz-)emfindungen, die aber unbefriedigt bleibt, nie ausgelöscht 
werden kann. „Orgastisdie Impotenz" (Reich) treibt ihn zu diesem Ersatz 
und erhält ihn in dauernder Spannung. Menschen dieser und ähnlicher Ver- 
anlagung vermögen sich meist ein „Auslöschen", eine wirklich entspannende 
Befriedigung, weil für sie nicht erlebbar, auch nidit vorzustellen. 

IV 

Es will mir nun scheinen, daß wichtiger als das erörterte Problem — 
und doch engstens damit verbunden — die Beziehung zwisdien Feuer und 
Flüssigem einerseits und Geschlechtlidikeit andererseits sein müßte. Ich wende 
mich deshalb abschließend dieser Frage zu, freilich ohne dabei mehr bieten 
zu können und zu woUen, als einige Andeutungen. 

Während im beschriebenen Hirtenfeuerspiel der Knaben unverkennbar 
die von Freud im „Unbehagen in der Kultur" beschriebene homosexuelle 
Beziehung und damit die phallische Bedeutung der „sich in die Höhe 
reckenden" Flamme sich offenbart, spielt erstere in den Einfällen unseres 
Patienten kaum mehr eine Rolle. Die Flamme als phallisches Symbol strebt 
nach der Vagina der Mutter, vertritt inzestuöse Begierden. Es kann aber, 
wie dies in einem EinfaU des Patienten angedeutet ist, das Feuer auch die 
Rolle der femininen geschlechtlichen Erregung darstellen und deshalb seinen 
Sitz in der Vagina haben und vom männlichen Strahl (Harn und Ejakulat) 
gelöscht werden wollen. 

Ich glaube freilich, auch wenn phylogenetisch so manches aus den kos- 
mogonischen Sagen und Mythen und ontogenetisch aus Träumen und Phan- 
tasien von Kindern und Neurotikern dagegen spricht, daß Freuds Auf- 
fassung von der phallischen Bedeutung der Flamme — und verall- 
gemeinert, des Feuers überhaupt — der ursprünglichen Vorstellung 
entspricht und letztlich auch als die zutreffendere bestehen bleibt, während 
ebenso urtümlich das Flüssige = das Vaginale, das Weibliche vertritt. Die 
Frage der Angehörigkeit der beiden Elemente zu den Attributen des einen 
oder des andern Geschlechtes ist von Wichtigkeit für die Symboldeutung 
der Elemente, vielleicht auch für das Verständnis der Genese und der 
Funktionalität der Geschlechtlichkeit. 

Ich will vervollständigend noch kurz einige kontrastierende Beispiele be- 
richten, bei denen das Feuer im Weib (Vagina) durch den Geschlechts- 
akt mit dem Manne entfacht und gelöscht wird. 

- 157 — 



Ein stark inzestuös muttergebundener Mann, dessen vaterfeindliche Hal- 
tung ihn bis zur Analyse und auch noch während der ersten Zeit ihres 
Verlaufs ständig zu kriminellen Handlungen zwang, träumte von einem 
brennenden Baum in einer Schlucht, den er mit dem Wasser aus seiner 
Gießkanne löscht. Eine daherfahrende Feuerwehr kommt zu spät. Der Vater 
des Patienten steigt zornig aus einem seitlich liegenden Schützengraben 
heraus. Die Einfälle ergeben dem Träumer eindeutig die Auslegung eines 
Geschleditsaktes mit der Mutter (Baum). Das im Traum wunscherfüllend in 
der Mutter entfachte Feuer der Sexualität peitscht die eigene Begierde zum 
Höhepunkt, auf dem der Sohn löschen = koitieren muß. Die dem Brand- 
objekt gemäßere Feuerwehr soll den Vater vertreten, der auch wirklich er- 
scheint, und zwar als Kastrator. In einer Deutungsvariation erwies sich die 
Schlucht als Vagina der Mutter und der darin stehende, brennende Baum 
als Klitoris. Vielleicht ist die Variation deshalb bedeutsam, weil eben gerade 
die Klitoris, das den Phallus vertretende Organ, wieder die „brennende 
Fackel" (Freud) ist und der an „orgastischer Impotenz" leidende Mann, 
den mütterlichen Penis suchend, nur diese zu löschen versucht. 

Während hier der Traum mit dem Brennen der Mutter (= Baum) als 
wunscherfüllter Tatsache beginnt, befriedigt oft der Brandstifter — unbe- 
wußt das Haus für die Mutter setzend — (Bachofen, Sydow, Langer), 
symbolisch seine inzestuösen Begehren damit, daß er Häuser in Brand 
steckt, dabei onaniert oder womöglich bei den Löscharbeiten mithilft, so 
auch gleichzeitig seinen inneren Brand löschend. Wedekinds Ge- 
schichte vom Brandstifter von Eglisyl, als einem leicht durchschaubaren Bei- 
spiel einer Brandstiftung, die den Inzest ersetzen soll, sei hier erwähnt'. 

Die genannten Beispiele erweisen sich jedoch nicht wie angekündigt als 
kontrastierend, da das Feuer nicht eigentlich weiblichen Ursprungs ist, 
sondern vom Manne in das Weib gelegt wurde. Hier fehlt mir weiteres 
Material. Es dürfte wohl auch schwer fallen, von ontogenetischer Seite 
Stringentes über den ursprünglichen symbolischen Geschlechtscharakter des 
Feuers, falls es überhaupt einen solchen gibt, zu erhalten. Die Beispiele 
bestätigen uns höchstens den Vorzug der zu Ende gedachten Freud sehen 
Kausalreihe : entfachen — auslöschen. 

Versuchen wir es noch mit den Mythen. Überall dort, wo in ihnen 
der Ursprimg des Feuers als ein uranisch-solarer dargestellt ist (Feuer fällt 
vom Himmel, der Heilige Geist als Feuerzungen, Prometheussage usw."), 

i) Näheres bei Pf ist er: ,Ist Brandstiftung ein archaischer Sublimierungsversuch?" 
Int. Zeitschrift f. Psychoanalyse III., 139— 153. 

2) Siehe G. Langer: Die jüdischen Gebetriemen, Imago XVI, 473—482. 

— 158 — 



I finden wir eine vorwiegend phallisdi-männliche Beziehung (Heros), während 
dort, wo das Feuer chthonischer Geburt sein Dasein verdankt, es gleichsam 
wie aus der xtei;, aus der Erde, aus dem Weibe tritt. Aber da, wo uns 
in den Mythen diese Entbindung des Feuers aus der Erde, aus dem mütter- 
lichen Schöße, begegnet, erscheint sie wie in den oben erwähnten Beispielen 
meist ebenfalls als die Folge einer vorherigen Verbindung mit dem männ- 
lichen Prinzip (Helios), also als eine Frucht der Zeugung : Der Sonnenkönig 
schläft z. B. nachts im Schöße der Mutter und wird am Morgen neu geboren'. 
Wo dieser Zusammenhang des Chthonisch- Weiblichen als dem Feuergebären- 
den in Mythen nicht mit dem Uranisch-Männlichen, als dem vorher in 
jenes hineingelegten Stoße = Feuer (dem Zeugenden), erwähnt wird, da ver- 
muten wir, daß dieses Fehlen mit der Unkenntnis des Kausalzusammen- 
hanges Zeugung — Schwangerschaft — Geburt Bezug haben muß^ Freilich, 
das aus dem Erdinnern entströmende Feuer scheint weiblichen Ur- 
sprungs, so wenn nach einer estnischen Sage (Die schwarze Spinne, S. 65) 
eine Spinne, als die Vertreterin des Mannweibes, es den Menschen aus 
dem Schlund der Hölle heraufholt, oder wenn nach einer afrikanischen Sage 
die Spinne im Erdinnern haust und deshalb aus dem Berge Feuer und 
Rauch steigt. Aber wagen wir einen kühnen Gedankengang von der Spinne 
als dem Symbol des Mannweibes, das den Phallus (vom Vater) geraubt hat, 
zur Kosmogonie von Kant-Laplace, nach weldier schließlich das Feuer 
im Erdinnern ebenfalls uranisch-solar-phallischen Ursprungs wäre. 

Und noch ein letzter Gedankengang drängt sich auf, der nämlich, daß 
alles Lebendige seine Heimat im Urmeer hat, daß es erst mit der Kata- 
strophe der Landeintrocknung (sofern es ihr unterworfen wurde) innerlich 
(Atmung) und äußeriich mit dem Feuer derart in Berührung kam, daß eine 
stete Verbrennung stattfand und daß beim „thalassalen Regressionszug" 
(F e r e n c z i) im Koitus und in der embryonalen Existenz immer wieder 
der Versuch gemacht wird, dem Feurigen, als dem Element, das dem ur- 
weiblich Feuchten entgegengesetzt — also männlich — und feindUch ist, zu 
entfliehen. Danach müßte das Männliche zum WeibUchen streben. Das 
Männliche sucht also beim Geschlechtsakt die Erregung des Feurigen 
(= Sexuellen) im Weiblidien = Feuchten zu löschen', gleichzeitig aber mit 

1) Graber: „Die schwarze Spinne". (Int. Psychoanalytischer Verlag, Wien, 1925, 
S. 32). Bachofen gibt eine analoge Deutung für den Mythus von Letos Entbindung. 
Urreligion und antike Symbole (Reklam, Leipzig, II, 106). 

2} Siehe hierüber u. a. Grab er: „Zeugung, Geburt und Tod". Baden-Baden, 1930. 

3) Bei Anerkennung der unbewußten Gleichung: Ejakulation des Spermas = Harn- 
strahl, deutet obiger Zusammenhang auch den ungeklärten Triebverzicht der Mongolen, 
der nach der Mitteilung von Erlenmeyer ebenfalls das Pissen ins Wasser (nicht 

— 159 — 



dem Sperma selber das urweibliche Element spendend - im männlidisten 
Akte der Zeugung das Urweiblichste nicht nur als das Element seiner 
„Sehnsucht" zu produzieren, sondern auch fiinktionell dem weiblichen Ge- 
bären anzugleichen. Jede Zeugung aber bedeutet zugleich eine neue „Ent- 
zündung", neue Geburt, neues Verbrennen, neuen Tod. 

Während jedoch das Feuchte aus all seinen Kreisläufen und Wandlun- 
gen sich immer und restlos wieder herstellt, scheint sich das Feurige nidit 
nur selbst zu zerstören, sondern wird auch in seiner Misdiung mit dem 
feuchten Element erstickt, letzteres in langsamerem Prozeß auch dann, wenn 
die Mischung in Verbindung mit dem weibUch empfangenden ErdstofF zur 
Geburt eines Lebewesens führt. 

So strebt endlich alles Lebendige dahin, das Feuer auszulöschen, den 
Urzustand des Flüssigen, des Urschleims (Oken) wieder herzustellen, strebt 
— als eine Mischung von Feuer, Wasser und Erdstoff — nach einer Ent- 
mischung der Elemente, nach dem „Tod". Damit wiederholt es — oder 
richtiger, es nimmt ihn vorweg — einen kosmischen Geschehensablauf, bei 
welchem mit dem „endlichen Wärmetod" (der Erde) nicht nur das Feuer 
„verschwindet", sondern auch das Flüssige, in seiner Erstarrung zu Eis, auf- 
hört zu sein und sich ebenfalls entmischt, vom Erdstoffe trennt. In dieser 
Richtung mögen die Gedanken über .Reaktionen und Zusammenhänge" 
gehen, von denen Freud sagt, daß sie »tiefer hinabreichen als alles, was 
uns im Mythus und im Folklore erhalten ist". 

miiiiiiiiiiiiii iiiiiiiiiiiiiiiiiiiii iiiiiiiiiiiiiiiii iiiiiiiiiiiiiiiiiiii iiiiiiiiiiii iiiiiiiii iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii 

Zum Thema: Feuer uind Harnstralil 

Frau Dr. jur. Anna-Gudrun Scherling, Referendarin in Hamm (Westfalen) 

schreibt uns : 

NeuUdi erlebte ich in einer Gerichtsverhandlung einen Vorfall, der 
wegen seiner Beziehung zum psychoanalytischen Problem des F e u e r s vielleicht 
nicht ganz uninteressant ist. 

Eine Frau war wegen Beleidigung eines Kohlenhändlers angeklagt. Sie hatte 
von ihm folgende, gänzlich erfundene Geschichte erzählt: Er habe die Frau 
eines Taglöhners in Abwesenheit ihres Mannes besucht, in der Küche sei es 
zwischen beiden zum Geschlechtsverkehr gekommen. Dabei habe sie der 
zurückkehrende Ehemann überrascht. Der Kohlenhändler sei schnell entschlossen 
an den Herd gesprungen, habe seinen Geschlechtsteil über die Herdflainme 
gehalten und gerufen : „Bezahle mir meine Kohlen, sonst schiffe ich 
dir dein Feuer aus". 

nur auf heiße Asche = homosexuelle Symbolhandlung) als symbolischen Sexualakt mit 
der Frau bei Todesstrafe verbietet, deutet ferner die Betürchtung, daß ein Bad im Fluß 
(Körper = Penis) den Wetterstrahl vom Himmel (= Sexualerregung) rufe. 

— 160 — 



Wege zum Es 



Von 

Georg Groddedk 

Es darf nicht verhehlt werden, daß es viele Psychoanalytiker gibt, die 
meinen, Dr. Groddeck, der Verfasser des psychoanalytischen Romans „Der 
Seelensucher" und des vielumstrittenen Werkes „Das Buch vom Es" eröfihe 
mit seinen kühnen Deutungen und phantasievollen Verknüpfungen zwar 
immer auch reichlich fruchtbare Möglichkeiten für die Psychoanalyse, aber er 
überschätze stark die Bedeutung des Unbewußten für das organische Geschehen 
und gefährde dadurch — unbekümmerten Verhaltens, fast sogar des Provo- 
zierens froh — das mühselig errungene wissenschaftliche Ansehen der Psycho- 
analyse. Solche Bedenken — mögen sie nun am Platze sein oder nicht — 
können jedenfalls kein Grund sein, einen Autor, der stets so viel Über- 
raschendes zu sagen weiß und manches zum Denken gibt, nicht zu Wort kommen 
zu lassen. Die psychoanalytische Bewegung stellt keine Sekte dar, in der 
jeder Einzelne für jeden Andern zu haften hat. Auch bei uns gilt, daß dem 
Verfasser von seiner eigenen Verantwortlichkeit nichts abgenommen wird, 
und daß andererseits auch für seine Meinungsäußerung sich kein anderer, 
dem es nicht paßt, verantwortlich fühlen muß. Dem Leser aber muß beson- 
ders noch gesagt werden, daß er, diesem Aufsatze Groddecks gegenübergestellt, 
die Gefahr einer voreiligen und mangelhaft fundierten Urteilsbildung von 
sich ziemlich abwehren kann, wenn er sich vornimmt, kein Urteil zu fällen, 
ehe er nicht die Groddeckschen Ansichten im Zusammenhange kennt, wie 
sie im „Buch vom Es" dargeboten werden. St. 

In den zehn Jahren, die seit meinen letzten Mitteilungen über die Arbeits- 
hypothese vom E s des Menschen verstrichen sind, hat sich nichts ereignet, 
was mich veranlassen könnte, diese vielfach erprobte Betrachtungsart auf- 
zugeben oder etwas Wesentliches daran zu ändern. 

Die Behauptung, daß alles Menschliche von diesem in unaufklärbares 
Geheimnis gehüllten Wesen abhängig ist, halte ich aufrecht, und ebenso 
bleibe ich dabei, daß Niemand in die Tiefen des Es hineinschauen kann. 

Dagegen kann ich Einiges von jenen Formen des Es erzählen, die bisher 
wenig besprochen worden sind. Ich halte es auch für notwendig zu betonen, 
daß eine dieser Formen das Ich ist. Wie ich mir das denke, habe ich in 
dem „Buch vom Es" soweit mitgeteilt, als ich es konnte. Bestimmtere Angaben 
kann ich auch jetzt nicht geben, es ist auch unwahrscheinlich, daß ich mich 
über diesen schwierigen Gegenstand schriftlich äußern werde ; dazu ist meine 
Angst vor der Macht des Wortes zu groß. 

Eine andere Form des Es, die mir zugänglicher ist, möchte ich als das 

P«A. Bewegung IV — 161 — „ 



Zwiefache des Es bezeichnen : Alles Menschliche läßt sich als zugleich 
männlidi-weiblich und kindlich-mannbar betrachten. 

Etwas zweites ist die Erfahrung, daß das Es sidi ebenso selbständig und 
ebenso gegenseitig abhängig in dem Leben des Gesamt menschen wie in 
den Teilen dieses lebenden Menschen offenbart ; oder um es anders 
auszudrücken: es hat den Anschein, als ob zwischen dem Ganzen des 
Menschen und der Zelle oder noch kleinerer Wesen, dem Gewebe, dem 
einzelnen Organ oder Körperteil ein ähnliches Verhältnis bestände, wie es 
in den Begriffen Makrokosmos und Mikrokosmos in früheren Zeiten für das 
All und den Teil angenommen wurde. 

Eine dritte Form, über die ich mich äußern will, ist das Symbolische, 
das alle menschlichen Lebensbeziehungen begleitet. 

Zu dem Versuch, diese Formen des Es zu betrachten, hat mich, abgesehen 
von dem Zwang des Tageslebens und des Berufs, eine etwas einseitige und 
eigensinnige Beschäftigung mit Werken der bildenden Kunst und mit 
der Sprache geführt. 

Daß in jedem einzelnen Menschen männlich-weiblich und 
kindlich-mannbar enthalten ist, kann ohne Weiteres daraus ge- 
schlossen werden, daß der Mensch aus Mann und Weib entsteht, und daß, 
soweit wir das bisher haben nachweisen können, wohl eine Mischung 
aber nicht eine gegenseitige Auflösung dieser Bestandteile 
stattfindet. Daß er, so erwachsen er sein mag, in allen grundlegenden Lebens- 
funktionen, in Sterben und Entstehen der Zellen, in Atmen, Sdilafen, Sich- 
regen, Sichnähren usw. kindlich bleibt, ist gleichfalls sinnfällig. Von dem 
Symbol wird im Folgenden so viel gesprochen werden, daß ich fast selbst 
annehmen könnte, meine Bemühungen in diesem Aufsatz gälten nur der 
Schilderung dieser Esform. 

Diese Tatsache, daß der Mensch männlich-weiblich und kindlich-mannbar 
ist und daß er im Symbol lebt, können wir benutzen wie ein farbiges Glas, 
um das Menschenleben zu betrachten. Freilich bringt uns eine solche Be- 
trachtung der Wahrheit ebensowenig nahe wie das Sehen durch ein rotes 
oder gelbes Glas, im Gegenteil, wir wissen bei solchem Versuch von vorn- 
herein, daß wir durch Benutzen der farbigen Glasscherbe der Weh falsche 
Farben geben, und so ist es dem Verfasser dieser Mitteilungen auch bekannt, 
daß er mit seinem Verfahren die Buntheit der Weh eintönig färbt. Es ist 
aber nicht bloß mutwillige Spielerei des Verfassers, so an menschliche Pro- 
bleme heranzugehen, sondern dies Verfahren scheint so weit zurückzureichen 
wie die Überlieferung menschlicher Vergangenheit. 

Die erste Folge der Weltbetrachtung durch solches Medium ist Miß- 

_ 162 — 



|r a u e n gegen die Realität. Vermutlich gibt es Reales ; aber 
kommen niemals in Berührung damit. Unser Es ändert das unbekannte 
des Realen, es wirkt auf die Dinge und macht aus dem Realen Wirk- 
liches. Werk und Sache sind nicht dasselbe. Das Menschliche arbeitet nicht 
pit einem „Realitätsprinzip", sondern mit dem Wirklichkeitsprinzip. Wenn 
oan das in Betracht zieht, verschwindet der Gegensatz von Ich und Es, es 
lentsteht eine Welt, in der das Ich nur eine Funktion des Es ist. Diese 
■wirkliche Welt des Menschen zerfällt bei dem Versuch, Reales zu begreifen. 
Wir werden von dem verdrängenden Wirken des Menschlichen und 
unsrer vermenschlichten Umwelt (Erziehung usw.) in das Phantasieren über 
das Reale hineingezwungen. Zunächst haben wir nicht mit Dingen zu tun, 
sondern mit Symbolen. Man hat sich bisher wenig darum gekümmert, wie 
der Neugeborene die Umwelt kennen lernt, was er von ihr denkt. Wenn 
ich mir überlege, was ich im Mutterleib erfahren haben mag, komme ich zu 
dem Schluß, daß ich damals Alles, was zu meiner Welt gehörte, für Bestand- 
teil meines eigenen Selbst gehalten habe: Selbst und Umwelt des Selbst 
waren dasselbe. Vielleicht wird diese symbolische Denkart durch die Geburt 
ein wenig umgeändert; nach dem Verhalten der Säuglinge in ihrer ersten 
Lebenszeit muß ich aber annehmen, daß das Kind in der Hauptlernzeit des 
Lebens, in den ersten Stunden, Tagen und Wochen im Wesentlichen noch 
symbolisch denkt : ein Löffel ist für das Kind nicht ein Löffel, sondern eine 
Hand, eine Tür nicht eine Tür, sondern ein Mund, ein Bett nicht ein Bett, 
sondern ein Mutterschoß usw. 

Von diesen ersten Vorstellungen, die in primitiven Kulturen wenig ver- 
ändert beibehalten werden, kommen unser Bewußtes und Unbewußtes nie 
ganz los: bis an das Lebensende bleibt menschliche Erkenntnis dem Symbol 
verfallen. Mögen wir noch so gelehrt sein, es hilft uns nichts : ein Fenster 
bleibt für uns Auge, eine Höhle Mutter, ein Pfahl Vater. 

Auch den Menschen und seine Teile betrachten wir symbolisch, wie wir 
es als Kinder taten. Wir wußten einmal aus Erfahrung, daß der Kopf in 
sich zugleich Ganzes und Teil ist, selbständig und abhängig, daß der Mensch 
Symbol des Kopfes und der Kopf Symbol des Mensdien ist. Symbol be- 
zeichnet nicht die Ähnlichkeit zweier Dinge, sondern im Symbol werden 
zwei Dinge zusammengeworfen, sie sind dasselbe. Weil wir symbolisch 
denken und empfinden, kurz in jeder Beziehung an das Symbol als an 
etwas zum Menschlichen Gehöriges gebunden sind, ist es richtig, alles 
Menschenleben symbolisch zu betrachten. 

Daß der Mensch zwiegeschlechtig ist, nie Mann, nie Weib, sondern immer 
Weibmann, Mannweib, daß er nie Kind, nie Erwachsener ist, sondern immer 

— 163 — ,.» 



Kindmann, Mannkind, haben alle Zeiten in Denken und Tun, in Mythus 
und Alltagsleben zum Ausdruck gebracht ; es ist nicht erst die -christliche Kunst, 
die den Menschen im Symbol von Weib und Knabe, Madonna und Christus 
darstellt. Die Antike gab der Aphrodite den Eros zur Seite, Venus und 
Amor sind noch jetzt, wo sie längst zu Schatten dessen geworden sind, was 
sie einmal waren, eine Einheit, ein Symbol des Menschen. In der Villa 
Borghese zu Rom hängt ein weltbekanntes Gemälde von Lukas Cranach, 
eine Venus, die allen Betrachtern unvergeßlich ist. Der Grund dafür ist 
das Gleichnis. Das Zwiegeschlechtige, wie es sich in dem Zusammenfügen 
des Weibes und Knaben offenbart — zugleich zeigt sich darin das Kindlich- 
Mannbare — ist durdi den männlichen Baumstamm und die weiblichen 
Spalten in der Rinde verstärkt. Der Baum hat symbolisch beide Geschlechter 
und Alter: der Baum, die Eiche; Wurzel und Frucht sind Kind, Stamm und 
Ast Mann, Rinde und Krone Weib. 

Bei dem Wort Frucht — frudus ventris tui — ist dies ohne Weiteres 
klar — Wurzel kommt von Würz, das Pflanze, Kraut bedeutet, ist ursprüng- 
lich wurzwala (mala Stab); das w ist wie in Römer — Römware, Bürger— 
Burgware verschwunden. In Wurzel ist also die Männlichkeit des Kindes be- 
tont. Stab (wala) mit sanskrit sthapai verwandt: stehen machen, was dann 
zu Ständer und schwedisch stand für das Steifsein des GUedes führt. Es sei 
gleich hier darauf hingewiesen, daß als Symbol des Menschen der Knabe 
oder das männliche Glied gebraucht werden, niemals das Mädchen; das 
Symbolische scheint für den Begriff Mensch das Aufrechte, Stehende, Auf- 
richtige, Selbständige zu bevorzugen. Außerdem ist im Knaben und im Ge- 
schlechtsglied das Zwiegeschlecht und das Kindlich-Mannbare in dem Ver- 
hältnis Eichel- Vorhaut und Steifheit und Schlaffheit sichtbar, während beim 
Mädchen alles Geheimnis ist. Endlich ist Wurzel stammverwandt mit Rüssel; 
was dem primitiven Denker Rüssel ist, zeigt jedes Kind beim Anblick des Elefanten. 
Das Männlich-Symbolische in Baum und Ast zeigt sich in der Gewohnheit, 
beide Wörter in der Bedeutung des aufgerichteten Gliedes zu gebrauchen. 
Ferner ist „Stammbaum" zu erwähnen, worin sich die Idee der urmännlichen 
Abstammung ausspricht. Von Etymologen wird Stamm mit der Wurzel stha 
(stehen) zusammengebracht; im Griechischen heißt der Weinkrug ataiAvo;, 
der Behälter, aus dem der Wein des Lebens in den Becher gegossen wird, 
ist ihm besonders männlich. Ast zeigt seine Bedeutung in dem Verbum 
„asten", (das Feld tragbar machen) ; es erinnert an den Fluch, mit dem Adam 
aus dem Paradies getrieben wird, an das Symbol der Sage, der das Weib 
fruchtbarer Acker, der Mann pflügender Bauer war. 

Krrnie (Kranz) ist als entsdiieden weibliches Symbol allgemein bekannt, 

— 164 — 



as aufreizend Umschließende drückt sich darin aus. Rinde ist verwandt mit 
and, engl, rim (Ende, Schluß), die Rinde hält den Stamm in der Umarmung, 
^e schützt ihn mütterlich und umschlingt ihn zärtlich. Fachgelehrte verknüpfen 
(im mit dem gotischen rimi (Ruhe). So würde in dem Wort Rinde das weib- 
lidie Wesen als Leidenschaften beruhigend beendend, liegen. Im Griechischen 
heißt Ruhe spw») (eigendich «Angriff mit darauf eintretender Ermüdung, 
Ruhe"). Die Vermutung, daß epwirj stammverwandt mit sp»; ist, liegt 
nahe, Eros ist den Griechen der Zwillingsbruder des Todes — der Phallus 
stirbt durch den Liebesakt — und der Tod ist Ruhe. 

Das Unbewußte der Kunst, das den Doppelsinn des Symbols dadurch 
besonders hervorhebt, daß es den Kopf des stehenden Knaben bis an die 
eine Spalte der Stammborke reichen läßt und seinen Blick auf den Schoß 
des Weibes gerichtet hat, fügt dem Gleichnis noch ein Motiv hinzu, das 
dem Bilde eine schier unergründliche Tiefe gibt: um die Hüften der Venus 
ist, den Schoß verhüllend und zeigend, der Schleier geschlungen, das uralte 
Symbol der Jungfräulichkeit und des Jungfrauentodes in der Empfängnis. 
Das Weibliche, das götdich Liebende im Weibe, die Venus Urania ist 
immer jungfräulich. Wer anerkennt, daß es unabhängig von der Verkörpe- 
rung in der einzelnen Frau ein Ewig-Weibliches gibt, weiß, daß dieses 
Ewig- Weibliche, unabhängig von allen körperlichen Vorgängen, trotz Liebes- 
handlung und Gebarens unveränderlich jungfräulich bleibt. Der Christus- 
mythus sagt dasselbe: in dem bekannten Liede von dem Reis, das einer 
Wurzel zart entsprang, heißt es: 

„Es fiel ein Himmelstaue 
In eine Jungfrau fein. 
Es war keine bessere Fraue, 
Das macht ihr Kindelein. 
Ob sie schon hat geboren. 
Blieb sie doch Jungfrau rein." 

Das tägliche Leben lehrt dasselbe; jede Frau wird, wenn ihre Liebes- 
erregung irgendwie bis zum Höchsten gesteigert wird, von neuem Jungfrau : 
ihre Öffnung zieht sich dann wieder, trotz häufiger Geburten, so zusammen, 
daß das Eindringen des Gliedes wie bei der Entjungferung als zunächst 
schmerzhaft empfunden wird, ja eine Blutung entsprechend dem Zerreißen 
des Jungfernhäutchens tritt nicht selten ein. Cranach hat, wie Botticelli in 
seinem Frühlingsbilde, dieses tiefe Wissen in sein Bild aufgenommen, seine 
Venus ist schwanger. 

Daß eine Darstellung der Liebesgöttin voll Symbolik ist, nimmt nicht 
Wunder. Aber der große Künstler kann auch Darstellungen von Tages- 

— 165 — 



ereignissen nicht anders geben als mit unbewußter Benutzung des Symbols. 
Man betrachte beispielsweise Rembrandts „Anatomie des Dr. Tulp" im 
Haag. Angeblich ist es ein Gruppenporträt von acht Medizinern, in dem 
die Figur des Dr. Tulp besonders hervorgehoben ist. Es sind aber gar nicht 
acht Menschen, sondern neun, und gerade der neunte, der Tote empfängt 
das volle Licht des Bildes. Der Tote ist also die Hauptperson geworden, 
entweder weil Rembrandt es so beabsichtigt hat, oder weil ihn sein Un- 
bewußtes dazu gezwungen hat. Neun ist die Zahl der Vollendung; irgend- 
wie wird sich der Gedanke der Vollendung in dem Bilde durchgesetzt 
haben, und die Vollendung muß mit dem toten Körper zusammenhängen. 
Neun ist aber auch die Zahl der Schwangerschaft und neun ist dreimal 
drei. Das Unbewußte pflegt bei neun Personen die Dreiteilung zu erzwin- 
gen, drei ist die mächtigste Zahl, die heilige Drei. Sie symbolisiert in erster 
Linie die Männlichkeit, die volle Potenz in der Vereinigung des Gliedes 
mit den beiden Hoden, weiterhin das Männlich-Weiblich-Kindliche. Betrachtet 
man das Bild auf die Gruppierung den Drei hin, so gehören zu der stehen- 
den und allein handelnden Figur des Tulp die beiden weit vorgebeugten 
Figuren; sie sind am sichtbarsten an der Handlung beteiligt. Hinter diesen 
ist eine andre dreifältige Gruppe: nur einer der Männer ist ganz bei 
der Sache, der zweite unterbricht seine Lektüre, beginnt also sich für die 
Sektion zu erwärmen, ein dritter ganz im Hintergrund nimmt an der Hand- 
lung nicht viel teil. Die dritte Gruppe ist in dem Leichnam von der 
Handlung getrennt, die ergänzenden Figuren jenseits des Bildmittelpunkts, 
der Leiche, widmen dem Vorgang keine Aufmerksamkeit, ja der Eine 
blickt aus dem Bilde heraus, ihn geht die Sektion nichts an. Vollkommen 
teilnahmlos aber ist der Tote, und doch dreht sich um ihn Alles. 

Geht man bei der Betrachtung des Bildes von der Neunzahl aus, so wird 
aus dem genrehaften Gruppenporträt ein Schicksalsgemälde des Männlichen, 
eine Darstellung der Entstehung, des Handelns und des Sterbens des Man- 
nes. Mann, wirklicher Mann ist der männliche Mensch nur so lange, als 
er seine männliche Potenz besitzt und gebraucht; er entsteht — das Wort 
„entsteht" ist mit Vorbedacht gebraucht— aus der Erregung, er stirbt in der 
Liebeshandlung, die der Erregung folgt, folgt solche Handlung nicht, so 
stirbt er nicht, sondern schrumpft nur zum Knaben zusammen. 

Das Bild zeigt, als Symbol gesehen, die einzelnen Schicksalsstadien des 
männlichen Mannes. In der Hintergrundsgruppe beginnt die Erregung: die 
Begierde des Erzeugens ist in dem einen Augenzeugen (testis, testiculus) leb- 
haft, seine Erregung ergreift noch nicht den anderen, aber das Membrum 
verwandelt sich in den Phallus. Der Mann, der das veranschaulicht, unter- 

- 166 — 



bricht sein Lesen ; Lesen ist, symbolisch aufgefaßt, Phantasie über das Weib- 
jj(jie. — Die zweite Gruppe zeigt beide testes in höchster Spannung und 
den stehenden Mann (Ständer) in voller Aktion. Er ist der einzige, der 
einen Hut trägt und sein Kragen ist halb offen, beides Symbole der Ver- 
einigung mit dem Weibe. — Die dritte Gruppe stellt die unmittelbare Folge 
des Akts dar, nicht als Erschlafiung des Phallus, sondern als Tod; er- 
schlafft ist die Begierde der Zeugen. Daß der Tod am Weibe stattfand, 
■ erzählt die Wunde am linken, am Herzens-Liebesarm, und die Tatsache, 
daß die Finger trotz des Zerrens an dem Beugemuskel unbeweglich 
bleiben, beweist augenscheinlich den Tod. Die Geschlechtsteile sind 
durch ein kreuzweis gelegtes Tuch verhüllt: der beschämende Zustand 
des Unvermögens ist dem Blick entzogen. Auch der Daumen der rechten 
Hand, der so deutlich den Phallus versinnbildlicht, ist nicht zu sehen. Beides 
entspricht dem Verhalten des männlichen Menschen, der von den Mächten 
des Es gezwungen wird, entweder sich dem Bewußtsein seiner vernichteten 
Mannheit durch Schlaf zu entziehen oder diesen Verlust wenigstens vor dem 
weiblichen Menschen zu verstecken. — Das Schimpfwort „Schlappschwanz", 
das in den letzten Jahren salonfähig geworden ist, beweist, wie groß die 
Schande solchen Todes ist. Die Kunstgeschichte erzähh, daß der Tote ein 
Erhängter war. Mag das nun wahr sein oder nicht — wenn es nicht wahr 
ist, beweist die Sage die symbolisdie Kraft des Unbewußten — ; die Tat- 
sache des Samenergusses bei dem Erhängen verstärkt meine Annahme, daß 
hinter der Handlung des anatomischen Unterrichts das Geheimnis von 
Zeugung und Sterben, von Liebe und Tod steckt. 

Ich mächte schon hier darauf aufmerksam machen, daß Gestaltung und 
Gebrauchsgewohnheiten des Daumens ebenso wie Erkrankungen oder Ver- 
letzungen des Daumens von der Symbolkraft des Es beeinflußt sein kön- 
nen, ebenso wie irgendwelche Wunden ihre Entstehung, Form, Heilungs- 
möglichkeit vielfach von der Symbolik des Weiblichen oder Zwiegeschlechti- 
gen erhalten. 

Um in die Nähe des Es zu kommen, kann man auch einen andern Weg 
einschlagen, den Weg über die Sprache. Er kreuzt sich viellach mit dem 
der Kunstbetrachtung, geht zuweilen parallel, ja streckenweise ist er der- 
selbe. Auch hier zeigt am besten das Beispiel, was ich meine. 

Schon in der Schule fiel es mir auf, daß Homer, wenn er von dem 
Dunkel der Zukunft spricht, die Wendung gebraucht : ^swv ev Youvait xettat. 
Es wird unserm Denken entsprechend übersetzt : „das liegt im Schöße der 
Götter". Aber y^vu ist nicht der Schoß, sondern das Knie. Die wörtliche 
Übersetzung lautet also: „es liegt in den Knieen der Götter". Die moderne 

- 167 - 



Wendung, daß die Zukunft in dem Schöße der Götter liegt, ist ohne 
Weiteres verständlich: Zukunft und Leibesfrucht sind dasselbe. Der Ge- 
danke, daß der Grieche mit seiner Rede von den Knieen vielleicht audi 
Zukunft und Kind gleichsetzte, ist mir zuerst aus der Erfahrung am Kranken- 
bette gekommen. Bei der analytischen Behandlung von Kniegelenksentzün- 
dungen stieß ich immer wieder auf die Tatsache, daß der Kranke in seinen 
Mitteilungen aus dem Unbewußten die Anschwellung des Kniegelenks als 
ein Symbol der Schwangerschaft auffaßte. Damals war mir die Symbolik der 
Organe noch wenig bekannt, aber hie und da gaben Kranke die Erklärung, 
daß man den Oberschenkelknochen als Mann, die beiden Unterschenkel- 
knodien als Weib und die Kniescheibe als Kind auffassen könnte. Lange 
Zeit habe ich solche Aussagen für Gefälligkeit gegenüber meiner Sucht, 
Symbole zu finden, gehalten. Dann wurde mir aber gelegentlich ein andrer 
Gedanke entgegengebracht. Kranke erzählten mir, daß sie das gestreckte 
Bein für ein Symbol der phallischen Erregung hielten, daß in der Streckung 
die Vereinigung von Mann und Weib dargestellt sei, während die davor 
liegende Kniescheibe, wie Alles, was vorn liegt, die Zukunft, das zukünf- 
tige Kind sei. Danach wäre das Knie Symbol des Männlich-Weiblichen und 
des Kindlich-Mannbaren. In der Beugung des Knies, ganz besonders im 
Knieen, sahen diese Leute die Erschlaffung, die beim Manne nach der Ge- 
schlechtsvereinigung eintritt, eine Annahme, die in den Schwierigkeiten vieler 
Menschen beim Knieen eine Art Bestätigung findet. Eines Tages stieß ich 
beim Durchblättern eines griechischen Lexikons auf die Redewendungen 
h%oXoevi und ßXaitTstv xa yadvatix xnioq. Das Eine bedeutet töten, das Andre 
erschlaffen machen. Das Lexikon setzt hinzu, daß dem Homer die Kniee als 
Hauptsitz der Körperkraft galten ; es liegt nahe anzunehmen, daß für Homer 
die Tatsache des Stehens mit Hilfe der Kniee bestimmend wirkte, da ja 
das Stehen des Phallus überall als Zeichen der Manneskraft gilt. Setzt man 
statt des Worts Kraft Stärke, so ist die Vermutung nidit ganz unsinnig, 
daß dem Griechen und wohl auch dem Unbewußten des modernen symbol- 
empfindlichen Kranken das gestreckte Knie Symbol der männlichen Potenz, 
des starren Phallus war oder ist; denn Stärke hängt zusammen mit starr. 
Der griechische Ausdruck &itoXuetv ttx fouvaTa (lösen der Kniee) für „töten" 
führt dann zu der allbekannten Gleichung des Sterbens und Liebens bei 
den Griechen zurück; ich erwähnte sie gelegentlich der Rembrandtschen 
Anatomie. Das Knieen wäre dann ein Ausdruck für das Unvermögen des 
Mannes nach vollzogenem Geschlechtsakt, ßXaTttstv erschlaffen machen. 

Für diese Dinge findet sich in der lateinischen Sprache die Bestätigung. 
Das Knie heißt im Lateinischen genu ; hängt man daran ein s, so wird es 

— 168 — 



Igenus, was unmittelbar zu dem Begriff der Fortpflanzung, zu dem männlich- 
veiblidien, kindlich-mannbaren Allmenschlichen führt. 

Von diesem Punkte aus hat man eine erschütternde Aussicht. Die Etymolo- 
gen behaupten allerdings, genus und genu hätten nichts miteinander zu tun; 
laber bei einer Wissenschaft, die so mit Vermutungen arbeitet, wie die 
ymologie, braucht man nicht Alles zu glauben, was gesagt wird, zumal 
Iwenn sich herausstellt, daß in andern Zusammenhängen zwar nicht genus 
lund genu, dafür aber Knie, kennen, können, König, Kunst, Kind und Kinn auf 
ein und dieselbe Wurzel zurückgeführt werden. Ehe mir nicht bewiesen 
wird, daß genu und genus nicht miteinander zusammenhängen, bleibe ich 
auf Grund des Symbols dabei, daß sie sprachlich verwandt sind. 

Um sich in dem Labyrinth der Wortverbindungen zurechtzufinden, in dem 
die Etymologen harmlose Wanderer einfangen, fasse man den vielgeschich- 
teten und wandelbaren Stamm „kan, ken, kun", zu dem sich dann noch aus 
mir nicht bekannten Gründen „gen' hinzugesellt. Man muß kühn dabei 
verfahren (aber kühn leitet sich auch von dem fruchtbaren Stamme kan ken 
km her, also bleibt Alles wenigstens in der Familie). Angeblich enthält 
diese Wunderwurzel die Bedeutung „gebären" in sich. — Bei dieser Gele- 
genheit erinnere man sich, daß gebären mit dem englischen to bear tragen 
(also mit Schwangersein) und mit dem schwedischen bam Kind (also mit 
Muttersein) zusammenhängt und daß es in nicht allzuweit liegender Vergan- 
genheit im Deutschen gleicherweise für Zeugung und Geburt gebraucht 
wurde. — Von dieser Wurzel kan ken kun wird das Sanskrit-Wort janu-Knie 
abgeleitet. Andrerseits soll von einer skrt. Wurzel yöra-zeugen aus janus-Ge- 
burt, ^ßraßi-Geschledit, jantu-Kind zu unserm Ariadnefaden kan ken kun gen 
gehören. Aber janu und janus haben nach Meinung der Gelehrten ebenso- 
wenig mit einander zu tun wie genu und genus im Lateinischen. Was soll 
man nun tun? 

Das beste wird sein, man stellt die Aussagen der Etymologen nach eige- 
nem Gutdünken zusammen, ohne sich um die Privatmeinung des Lexiko- 
graphen zu kümmern. Um den Vorwurf allzugroßer Phantasiesprünge einiger- 
maßen zu entkräften, stelle ich einen Satz aus Kluges „Etymologischem Wör- 
terbuch" (7. Auflage, 1910) voran, der sich in dem Abschnitt über das 
Wort „können" findet: „Die weite Verzweigung der engverwandten idg. 
Wz. gen gm ,erkennen' .wissen' ist allgemein anerkannt." 

Hält man sich an diese Verwandtschaft, so ordnen sich um den Begriff 
„Knie" in den verschiedenen indogermanischen Sprachen in erstaunlicher 
Weise große Lebensgebiete. 
Im Griechischen gehören zu dem Wort ^ovs-Knie Y'rv"'>'eiv-erkennen 



— 169 ~ 



m 



und Y!Y«=*n'-werden, entstehen, geboren, erzeugt werden mit ihren Ablei- 
tungen. Was das bedeutet, ergibt sich, wenn man bedenkt, daß das Wort 
Gnosis oder Gnostiker (also ein gut Teil aller Philosophie und Religion) da- 
durch ebenso mit dem angeblich körperlichen Knie zusammengebracht wird 
wie das Wort G«ra«u-Entstehung oder Gfi«w-Geschlecht. Weiter gehört in 
diese Verbindung y^vu^-Kinn und Y^vaia^xeiv-einen Bart bekommen, mannbar 

werden. 

Im Lateinischen gruppieren sich ähnlich, ja vielfach gleich um das Wort 
gem-'Kmc: cognoscere-akenmn, nasci-gthoren werden, gems-Geschledit. Ein 
besonderes Gebiet gerät dort mit in das Lawinenfeld, die Wissenschaft von 
den Zähnen: cfmtogenww-Backenzähne. Es wird sich später zeigen, wie 
nahe verwandt das Zahnen mit Erzeugungs- und Geburtsvorgängen auch in 
der Welt der Symbole ist und damit auch im organischen Leben des Men- 
schen, in seinem Sein und Werden. Wer alle diese Beziehungen gewissen- 
haft durcharbeiten woUte, müßte wohl einige Generationen lang leben und 

wirken. 

Im Englischen gehört knee-Knie zusammen mit to know-kennen, wissen, 
knowkdge-Kenntnis, naiion, native, genlry, gentleman, ddn etc. 

Im Deutschen findet man rings um das Wort Knie : kennen, können, König, 
Kinn, Kind, Kunde und so fort. 

In diesen kurzen Mitteilungen, die nur eine Art Einleitung zu weiteren 
Aufsätzen sein sollen, möchte ich nur auf Einiges aufmerksam machen, was 
für den Arzt erwägenswert ist. Ich habe vorhin behauptet, daß Knie- 
gelenksleiden unter Umständen das Zwiegeschlechtswesen des Menschen, 
seine Kind-Mannbarkeit, Zeugungs-, Schwangerschafts- und Geburtsvorgänge 
im Symbol organischer Erkrankung darstellen, und habe mich dabei auf 
Mitteilungen aus dem Unbewußten meiner Patienten berufen. Das Nach- 
suchen in indogermanischen Sprachen scheint mir zu beweisen, daß solch 
Symbol bei der Entstehung der Sprachen mitgewirkt hat; daß das Symbol 
noch jetzt wirkt, halte ich, abgesehen von meinen persönlichen Erfahrungen 
in der Behandlung Kranker mit Hilfe symbolischer Gleichungen, auch des- 
halb für wahrscheinlich, weil die Macht des Worts in allen Lebensbeziehun- 
gen noch immer die gleiche ist wie vor Jahrtausenden. In einer Reihe von 
Sprachen klingt die Benennung des Gelenks zwischen Ober- und Unter- 
schenkel fast gleich wie in längst gestorbenen Sprachen, und die Redewen- 
dung, daß der Mann das Weib erkennt, ist unsrer Zeit noch ebenso 
verständlich wie den Verfassern des Aken Testaments. 

Daß ich das Wort König trotz einiger Bedenken in Zusammenhang mit 
Knie gebracht habe — unter Benutzung des vielgestaltigen ken kan hm 

^ 170 — 



r 

^F tei 



{kuni heißt im Gotischen vornehmes Geschlecht) — erleichtert mir die Mit- 
teilung, daß Kniekranke nicht selten im Unbewußten von Phantasien über 
königliche Abstammung beeinflußt sind. Ich bin auch geneigt, die lateinische 
Bezeichnung rex für König auf das männliche Lebensprinzip des Aufrecht- 
stehens zurückzuführen. 

Eine Vermutung, die ich zufällig nicht in eigener ärztlicher Erfahrung 
habe prüfen können, ist, daß die gonorrhoischen Kniegelenkserkrankungen 
eng mit der Begattungssymbolik des Gelenks verbunden sind und daß eine 
Behandlung darauf Rücksicht nehmen sollte. 

Schließlich erwähne ich, daß die moderne Wissenschaft die alte fruchtbare 
Wurzel in dem Ausdruck „Gen" zu neuem Leben gebracht hat. Gen um- 
faßt in der Vererbungslehre so viel, daß es sich in seinem Wert dem alten 
Genesis an die Seite stellen läßt. Ich will nicht behaupten, daß die Brücke 
zwischen dem homerischen ftciov ev "coiivaa: nstTat und der Vererbungslehre 
fest ist. Aber wie tropische Schlinggewächse Flüsse von Kilometerbreite und 
mehr überbrücken, so mag es auch hier sein. Die Wege zum Es sind 
wunderlich. 

SOEBENEESCHIEN lllllllllllllllllllllilllilllllllllllllllllllllllll 



CHAOS UND MITUS 

über die Herkunft der Vegetationskulte 



voia 



EMIL LORENZ 



Geheftet Mark T- 

Inhalt; Der Vierbergdaui und seine keltische Grundlage — Das Problem der 
Vegetationskulte — Vcgetationskult und Urvcrbrechen — Australische Riten — Die 
Totemwahl — Jagdtiere und Totemtiere — Die Legende von St. Julian dem Gast- 
freien — Jagdtiere und Haustiere — Libidoschicksale vor der Urtat — Die konkrete 
Form des Ui Verbrechens — Die „Erfindung" des Feuers — Die Frühlings- und" Mit- 
sommerfeuer — Totemwahl — Ursprünge des Ackerbaues — Mutterrecht — Rück- 
blick auf den kärntnischen Brauch ; germanische Analogien — Projektion an den 
Himmel ; Weltelternmythos — Der schlafende Kaiser im Berg 

Intematioiaaler Psydioanalytisdher Verlag, Wien 



171 



11111(1 



Die Kraiaidae des Ibykws 

med die Fliegee des Mr. Breese 

Von 

Theodor Reik - * ■ 

In Schillers Gedicht vertraut der Sterbende, den Räuber überfielen, den 
vorüberfliegenden Kranichen die Rache an und der Mörder verrät sich selbst, 
da er die Vögel wiedersieht. Was wir in dem Gedicht beobachten, ist ein 
psychischer Vorgang. Das Erscheinen der Kraniche ist nur ein auslösendes Mo- 
ment für die folgende Szene, das Wesentliche ist der unbewußte Geständnis- 
zwang des Mörders *. Man ist versucht, die ursprüngliche Form der Sage von 
der Ermordung des Ibykus zu rekonstruieren ', indem man die uns bekannten 
Glaubensvorstellungen antiker und primitiver Völker über die Eruierung un- 
bekannter Verbrecher heranzieht. 

Wir finden, daß der einfachste Weg zur Ermittlung eines unbekannten Mör- 
ders im Glauben der Primitiven der ist, den Toten zu befragen. H'er wollen 
wir den Fall ins Auge fassen, daß der Ermordete diesen kriminaUsdschen 
Dienst nicht leisten kann oder nidbt leisten will. Einer der Wege, der dann 
zur Eruierung des Verbrechers führt, ist der des T i e r o r a k e 1 s. So berichtet 
J. D a w s o n über bestimmte australische Stämme, daß Indizien für die Schuld 
des oder der Zauberer in einem Mordfalle in dieser besonderen Art gewonnen 
werden : wenn der Leichnam begraben ist, wird die Oberfläche des Gra- 
bes geglättet. Die erste Ameise, welche darüberläuft, zeigt die Richtung an, 
in welcher der Stamm wohnt, der den Tod verschuldet hat". Diese Ameise 
beantwortet hier an Stelle des Toten die Frage nach dem Mörder. Bei den 
Watchandis AustraHens* wird der Erdboden rings um das Grab von Steinen, 
Pflanzen usw. entblößt und dann mit besonderer Sorgfalt völlig eben gemacht. 
Jeden Morgen sieht man dann nach, ob ein lebendes Wesen hier passiert hat. 
Sicherlich entdeckt man früher oder später Spuren irgendeines Tieres (es kann 

1) Es ist beachtenswert, daß in Schillers Ballade die Szene auf dem Theater das un- 
bewußte Geständnis des Verbrediers psychologisch vorbereitet. 

2) Diese ursprüngliche Form ist natürlich hypothetisch angenommen ; sie liegt den 
auf uns gekommenen Berichten, welche Schiller zur dichterischen Gestaltung anregten, 
zugrunde. Bekanntlich hat der Dichter den Stoff dem Wörterbuch des Suidas entnommen 
sowie je eine Stelle aus Plutarch und aus der griechischen Anthologie verwertet. 

3) J. D a w s o n, Australian Aborigines, S, 68. 

4) A. 1 d f i e 1 d, The Aborigines of AustraUa. Transactions of the Anthropologica! 
Society II. (1865), S 246. - .-, 

— 172 — 



auch ein kleines Insekt sein) und die so angezeigte Richtung weist auf den 
Ort des Stammes hin, dem der böse Zauberer angehört. Die antike Augural- 
wissenschaft wurde sicherlich ebenfalls zu solchen Tierorakeln herangezogen, 
wenn es galt, Verbrechen aufzuklären *. Die Wanyanwesi in Afrika sind über- 

; zeugt, daß der Tod immer durch Giftmord verursacht wird. Um einen solchen 
unbekannten Giftmörder zu entdecken, zerteilen die bafüme, eine Art Ober- 
priester und Zauberer, lebende Hühner und geben vor, die Namen der Schul- 
digen in den Eingeweiden zu lesen*, ein Glaube, der sich auch bei anderen 
Volkstämmen nachweisen läßt. 
Wer ist eigentlich jene Ameise, oder jener Skarabäus, der über das Grab 

(kriecht und den Mörder verrät? Das läßt sich unschwer erraten, wenn man 
sich des bei den antiken nnd halbwilden Völkern verbreiteten Glaubens an die 
Seelentiere erinnert. " Die Seele wird später als Vogel gedacht ; noch die 

( Raben Odhins, die seine Begleiter sind, vertreten ihn selbst. Die Kraniche des 
Ibykus sind vielleicht an Stelle der Geier getreten, die von dem Leichnam ge- 
fressen haben ; sie sind aber ursprünglich der Tote selbst in vervielfältigter 
Gestalt*. Es war ursprünglich ihr Flug, der als Anzeichen, als Indiz gewertet 
wurde, nicht der Ausruf des einen Mörders ; es war die Richtung, die sie an- 
gaben wie die Ameise, welche über das Grab eines Eingeborenen in Austra- 
lien kriecht. Kein Zweifel, für die primitiven Stämme ist dieses Indiz ebenso 
zuverlässig wie ein anderes sachliches Indiz für unsere Kriminahsten ". 

Diese Ordaltiere, wie wir sie nennen wollen, sind vermutlich solche, 
welche mit dem Toten selbst in Berührung gekommen sind, vielleicht von dem 
Leichnam gefressen haben ". Der Begriff der Berührung wird in diesem Fall 

1) Vgl. Ludwig Hopf, Tierorakel und Orakeltiere in alter und neuer Zeit. Stutt- 
gart i8S8. 

2) G. P. Steinmetz, Reditsverhältnisse von eingeborenen Völkern in Afrika und 
Ozeanien. S. 278. 

3) Man vergleidie außer Wundt's „Völkerpsychologie" Rudolf Kleinpaul, Die 
Lebendigen und die Toten. Leipzig 1898, S. 12S. 

4) Die Sage vom Tode des Ibykus von Rhegium hat ihre deutsche Parallele in der 
Erzählung vom heiligen Meinrad und seinen Raben. Die Vögel verfolgen den Mörder 
des Heiligen, erbeben ein furditbares Gesdirei, fliegen ihm um den Kopf und bringen 
so das Verbrechen zur Aufklärung. 

5) Es hat eine magisdie Bedeutung für Hektor (Ilias XII. 239), wohin die Vögel 
sidi wenden: 

„Ob sie redits hinfliegen, zum Tagesglanz und zur Sonne 
Oder audi links dorthin, zum nächtlichen Dunkel gewendet". 

6) Zu diesen Tieren gehört audi die Fliege. Die Brut der Leichenfliege (Sarcophage 
Mortuorum) nährt sidi von Leichen. — In der Philisterstadt Ekron gab es (2. Kön, 12) 
ein Fliegenorakel, zu dem der israelitische König Ahasja schickt. Der als Orakel benützte 

— 173 — 



in dem weiteren Sinne genommen wie bei dem Phänomen des primitiven 
Tabuglaubens ; so werden Tiere, die in der Nähe eines Toten waren, hier 
einbezogen. Die Ordaltiere erfüllen also eine magische Funktion. Die Tat- 
sache, daß sie ursprünglich der Tote selbst in Tiergestalt sind, läßt sich leicht 
mit der anderen vereinen, daß sie in manchen Fällen als Geister oder über- 
natürliche Wesen erscheinen. 

Die primitive Vorstellung, daß eine Ameise, die über das Grab eines Toten 
kriecht, den bösen Zauberer und Mörder angibt, muß jedem naturwissenschaft- 
lich Erzogenen phantastisch vorkommen. Natürlich sind so abergläubische 
Glaubensvorstellungen, welche einen Kausalzusammenhang etwa zwischen der 
Richtung eines fliegenden Tieres und dem Aufenthalt eines unbekannten Ver- 
brechers annehmen, unserer Kriminalistik, welche mit den modernsten 
Mitteln der exakten Wissenschaft arbeitet, fremd. Nicht nur dies ; die ganze 
„prälogische" Denkungsart der Naturvölker unterscheidet sich so fundamental 
von dem diskursiven, streng logischen Denken der modernen Kriminalistik, daß 
es fast sakrilegisdi ist, die beiden Betrachtungsweisen in einem Atem zu nen- 
nen. Um den ganzen Abstand, der ein gewaltiges Stück der Kulturentwick- 
lung kennzeichnet, zu erkennen, braucht man den Beispielen der primitiven 
Zauberpraktiker und des ihnen zugrundeliegenden Glaubens nur einen Fall 
von kriminalistischer logischer Schlußfolgerung entgegenzustellen. Warum 
sollten wir nicht ein Stück Genugtuung aus der Überlegung gewinnen, wie 
weit der Kulturfortschritt auch auf diesem, dem kriminalistischen Gebiet, gegan- 
gen ist ? Ein guter Beobachters der die Vereinigten Staaten von Nordamerika 
bereist hat, erkannte einen charakteristischen Zug in der Aufschrift auf dem 
Bahnhofe einer kleinen Stadt, die den Reisenden in besonders großen Lettern 
zurief: „See us increase !" (Sieh uns wachsen!) Warum sollten wir uns nicht 
in ähnhcher Art unserer kulturellen Errungenschaften freuen ? Da kommt uns 
ein vorzügliches Beispiel aus der amerikanischen Kriminalgeschichte der letzten 
Jahre zurecht : 

Am Morgen des 5. Juni 1925 war der angesehene Millionär Mr. Ellington 
Breese in Philadelphia ermordet aufgefunden worden. Es bestand kein Zweifel, 
daß Breese durch Giftgas, das während der Nacht in seinem Schlafzimmer er- 
zeugt worden war, getötet wurde. Breeses Diener, ein Neger, hatte seinen 
Herrn um 8 Uhr Morgens tot im Bette gefunden. Auf dem Kaminsims fand 

Baalzebub ist der Herr der Fliegen. Bei den skandinavischen Stämmen der Germanen 
waren auch die Fliegen neben den Pferden und Vögeln Orakeltiere, {Hopf, Tierorakel 
und Orakeltiere, S. U5ff.) 

1) Andre Siegfried, Les Etats-Unis d'aujordhui. Paris. 1928. 

— 174 — 



r 



man eine Glasflasche mit einem Fassungsraum von ungefähr einem Liter, da- 
neben einen Stöpsel. Das Gefäß war von der Art, wie man es in chemischen 
Laboratorien verwendet. Nach Aussage der Sachverständigen hatte man eine 
bestimmte chemische Flüssigkeit auf eine zweite gegossen, wodurch das Gift- 
gas erzeugt worden war. Das Gas mußte sich dann rapid im Zimmer ver. 
breitet haben. Weder an dem Glasgefäß, noch an anderen Gegenständen wur- 
den Fingerabdrücke gefunden. Jedes Lebewesen im Zimmer war unter der 
fast augenbücklichen Wirkung des Gases getötet worden, obwohl die beiden 
Fenster (Schiebefenster mit Vorhängen) zwanzig Zentimeter vom unteren Rand 
offenstanden. Der Stieglitz lag tot im Käfig. Viele Fliegen und Mücken lagen 
tot am Fensterbrett. 

Zwei junge Männer, die beide Kenntnisse in diemischen Dingen hatten und 
die Lebensverhältnisse des Ermordeten gut kannten, wurden unmittelbar des 
Mordes verdächtigt. Der eine war Walter Breese, der NeiFe und gleichzeitig 
der einzig überlebende Verwandte des Toten. Der andere war Breeses Privat- 
sekretär Adam Boardman. Beide beteuerten ihre Unschuld, beide konnten auch 
ein gewisses Alibi nadhweisen. Polizeiliche Auskünfte ergaben, daß beide weder 
Schulden noch kostspieUge Verhältnisse hatten. Auffällig schien nur, daß man 
beiden ein starkes Motiv zur Tat zuschreiben durfte. Das Testament Breeses 
lautete nämlich dahin, daß die Hälfte seines großen Vermögens Wohltätigkeits- 
anstalten, die andere Hälfte aber, etwa eine halbe Million Dollar, zwischen 
dem Neffen und dem Sekretär geteilt werden sollte. Diese testamentarischen 
Bestimmungen waren beiden bekannt. Die ärztliche Untersuchung wurde zwei 
Stunden nach Auffindung der Leiche durchgeführt. Sie ergab, daß Breese min- 
destens vier, möglicherweise aber bereits zehn Stunden tot sei. Nach der Lage 
des Leichnams in seinem Bette mußte der Tod völlig überraschend einge- 
treten sein. Die Kriminalisten hatten den Neffen und den Privatsekretär gleicher- 
maßen in Verdacht. Man konnte den Mörder überführen, so lautete das vor- 
läufige Ergebnis ihrer Arbeit, wenn man annähernd die Stunde ermitteln 
könnte, in der das giftige Gas in Breeses Schlafzimmer erzeugt worden war. 
Von dieser Bestimmung hing alles ab. 

Der Privatsekretär Boardman gab nämlich an, daß er sich bis kurz nach 
zwölf Uhr bei Breese befunden habe. Die Haushälterin Breeses, deren Zimmer 
unmittelbar neben dem Mordzimmer im zweiten Stock lag, sagte aus, daß der 
Sekretär das Haus gegen zwölf Uhr verlassen hatte. Boardman hatte mit Breese 
eine dringhche Angelegenheit, deren Wichtigkeit er auch vor Gericht beweisen 
konnte, besprochen. Er gab an, er sei noch einmal zurückgegangen, um seine 
vergessene Aktentasche zu holen. Bei dieser Gelegenheit hatte er auf Breeses 
Wunsdi das elektrische Lidit im Schlafzimmer abgedreht und das Fenster bis 

— 175 — 



1 



auf einen Spalt von zwanzig Zentimeter geschlossen. Nach dem Verlassen des 
Hauses war er direkt in seme Wohnung gegangen, die er mit zwei anderen 
jungen Leuten teilte. Sein Alibi für den Rest der Nacht war zuverlässig. 

Der Neffe Waher Breese war verreist gewesen und war gegen ein Uhr früh 
unerwartet aus Washington zurückgekehrt. Die Haushälterin hane ihn kommen 
hören und hatte mit ihm im Korridor des zweiten Stockwerks gesprochen. Sie 
hatte gefragt, ob er noch etwas wünsche. Walter Breese antwortete, er habe 
keinen Hunger und wolle sogleich zu Bett gehen. Er erkundigte sich noch, 
wie es dem Onkel gehe, und erfuhr, daß Mr. Breese noch bis Mitternacht eine 
geschäftliche Besprechung mit seinem Sekretär gehabt habe. Dann stieg Walter 
Breese in sein Zimmer, das im dritten Stock lag, hinauf. Die Haushälterin sagte 
noch aus, sie habe wegen ihres Rheumatismus nicht vor vier Uhr einschlafen 
können. Sie hätte Schritte zur Tür des Ermordeten hören müssen. Die Krimi- 
nalbeamten gelangten später zu folgendem Schlüsse : Wenn Breese vor Mitter- 
nacht starb, war der Sekretär Boardman der Mörder. Wenn Breese nadz 
Mitternacht starb, mußte der Neffe das Giftgas erzeugt haben. 

Walter Breese hatte die Tat begangen. Der Schluß von den Indizien auf 
den ungefähren Zeitpunkt des Mordes und damit auf den Mörder ging von 
einer einzigen Beobachtung aus : die tot aufgefundenen Fliegen und Mücken 
waren sämtlich auf dem Fensterbrett und nicht im Zimmer verstreut gefunden 
worden. Das wies darauf hin, daß sich das Gas erst nach Tagesanbruch im 
Zimmer ausgebreitet haben konnte. Die Gründe für diese Annahme lagen klar 
zu Tage: das Giftgas mußte natürlich kleine Insekten wie Fliegen und Mücken 
augenblicklich getötet haben. Folglich mußten die Fliegen und Mücken sich 
beim Fenster befunden haben, als sie vom Gas erreicht wurden. Daraus kann 
man schließen, daß es um diese Zeit beleits licht im Zimmer wurde. In 
einem sonst dunklen Raum lockt das beim Fenster einfallende Licht die Insekten 
ans Fenster. Wäre das augenblicklich tötende Gift im Dunkel der Nacht oder 
gar bei brennender Nachtlampe erzeugt worden, so hätte man nicht alle Insek- 
ten tot am Fensterbrett gefunden '. 

Auf Grund dieser Indizien wurde Walter Breese in ein neuerliches scharfes 
Kreuzverhör genommen : er brach schließlich zusammen und legte ein Geständ- 
nis ab. Bei Tagesanbruch hatte er sich vom dritten in den zweiten Stock hin- 
abgesdilichen. Spielverluste hatten ihn zu dem Verbrechen getrieben. Er wurde 
anfangs 1926 hingerichtet. 



1) Es kann nicht unsere Aufgabe sein (es ist auch für unsere Zwecke unwesentlich), 
zu überprüfen, ob die hier dargestellte kriminalistische SchluiSfolgerung richtig ist oder 
zu Einwänden berechtigt ; es kommt uns lediglich auf die Rekonstruktion des psycho- 
logischen Prozesses an. 



— 176 — 



i 



||^ Niemand wird ernsthaft daran denken, die so scharfsinnigen Schlußfolgerun- 
I gen der Philadelphiaer Kriminalbeamten mit den abergläubischen, auf Magie 
basierenden Vorstellungen australischer Medizinmänner in eine Linie setzen zu 
wollen. Und doch ist es eine Linie, wenngleich keine gerade, sondern eine 
I vielfach gewundene Linie mit seltsamen Krümmungen, welche die Entwicklung 
menschlicher Einriditungen widerspiegelt. Die kühle, logische Überlegung und 
Schlußfolgerung der Kriminalisten, die sich völlig im Abstrakten abspielt und 
zu so sicheren Resultaten führt, und der Aberglaube der Naturvölker, der ge- 
heimnisvolle Kausalverbindungen knüpft, die jenseits jeder uns zugänglichen 
Logik sind, haben nichts miteinander zu tun. Und doch : die Ameise, die über 
das Grab eines Ermordeten läuft, und die Fliegen im Zimmer des toten Mr. 
Breese — haben sie nicht dieselbe Funktion, nämlich die, zu helfen, den 
Mörder ausfindig zu machen? Die Überlegungen der amerikanischen Kriminal- 
polizei in dem dargestellten Falle gingen von einer Beobachtung aus so wie 
die Einsicht des australischen Zauberers — und doch scheint eine Welt 
zwischen den zwei Betrachtungsweisen zu liegen. 

Wie gelangt der Zauberpriester der Wilden (und sein Volk) zu der Ansicht, 
daß die Ameise die Richtung angibt, in der sich der unbekannte Mörder be- 
findet ? Das ist so mysteriös, daß man, um es zu verstehen, etwas noch 
Mysteriöseres annehmen muß : nämlich daß im Glauben dieser Stämme die 
Ameise, die aus dem Grabe kommt, den Toten vertritt, ja ursprünglich die- 
ser Tote selbst ist. Dieser Glaube aber hat seine tiefliegenden seelischen Vor- 
aussetzungen und Motive, von denen wir einige der wichtigsten zu erraten 
meinen. 

Wie steht es nun mit jenem Kriminalkommissär in „God's own country" , den 
wir Inspektor Smith nennen wollen, und dessen Schlußfolgerungen die Auf- 
klärung des Giftmordes an Mr. Breese zu verdanken ist ? Nun, er ist natürlich 
offiziell ein Methodist oder Presbyterianer, im intimeren Freundeskreis ein 
„agnostic". So unsinnige oder groteske Anschauungen wie die des australischen 
Zauberpriesters liegen ihm völlig fern. Er arbeitet nicht mit magischen Vor- 
stellungen, sondern mit logischen Schlüssen. Für den Mordfall Breese z. B. war 
nicht etwa ein geheimnisvoller Glaube, sondern die Angabe entscheidend, wann 
genau der Tod eingetreten war. Nach der Untersuchung des Tatortes fällt der 
Blick des Inspektors vielleicht noch einmal auf die Fliegen am Fensterbrett. Er hat sie 
natürlich schon früher bei der genauen Untersuchung bemerkt. Sie gehören ja 
mit zu den Tatbestandselementen und werden in der Tatortsbeschreibung er- 
scheinen : sie sind dem Gift ebenso rasch erlegen wie der Tote im Bette. 
Was dem Inspektor jetzt aber auffällt, ist etwas anderes : merkwürdig, wie sie 
alle da auf dem Fensterbrette liegen ! Und nun, so meint der Laie, vollzieht 



PiA. Bewegung IV 



177 — 



sich, von dieser keineswegs ungewöhnlichen Apperzeption ausgehend, ein prä- 
ziser, rein logischer Schluß, eine exakte Verstandesoperation : die Fliegen müs- 
sen, da sie alle am Fensterbrett Hegen und da sie augenblicklich vom Gift ge- 
tötet wurden, in der Frühe ermordet worden sein, da sie sich erfahrungs- 
gemäß in einem dunklen Zimmer zum Fenster drängen, wenn dort Licht ein- 
fällt. So scheint der Gedankengang des Kriminalbeamten gewesen zu sein. Ich 
glaube aber nidit, daß diese Beschreibung mehr als die oberste psychische 
Schicht wiedergibt, sie berücksichtigt die tieferen Schichten des Denkvorganges 
in keiner Art. In Wahrheit handelt es sich zum großen und sicherlich zum 
wesentlichen Teil um einen unbewußten Denkprozeß, der sich hinter diesen 
rein logischen Schlußfolgerungen eher verbirgt als daß er aus ihnen erkennbar 
wird. Der Anblick der am Fenster liegenden toten Fliegen hat den Inspektor, 
der den Tatort mit minutiöser Sorgfalt untersucht hat, wieder zum Gedanken 
an den Hergang der Tat, d. h. hier an den Ermordeten selbst, zurückgeführt. 
Durch eine jener unbewußten Identifizierungen, die sich in einer dem Ich un- 
zugänglichen Ebene abspielen, wurde der Tote und die Fhegen einander gleich- 
gesetzt, sozusagen zu einer durch dieselbe Gefühlseinstellung gebundenen, ge- 
danklichen Einheit. Das ist ja phantastisch, könnte man einwerfen, das heißt 
ja, daß der nüchterne Kriminalbeamte fast auf der Stufe des australischen Wilden 
steht, der die Ameise auf dem Grabe und den Toten in seinem Denken mit- 
einander in Verbindung setzt. Gerade unter dem Einflüsse eines Affektes, 
dessen Ausmaß dem Ich nicht bekannt sein muß, kommen solche Gleidisetzun- 
gen unbewußter Art vor. Sie stellen Regressionen in eine bewußt verschwun- 
denene Vorstellungswelt dar, wie wir sie bei den wilden Völkern und bei 
Kindern voraussetzen dürfen. Der dünne Firnis der Kultur, dessen Haltbarkeit 
wir sehr überschätzen, ist für die Dauer von Sekunden abgestreift, und der 
Einzelne ist für diese kurze Zeit unbewußt zu einer sehr frühen und indifife- 
renzierteren Stufe des Denkens zurückgekehrt. Vermutlich steht der seehsche 
Vorgang demjenigen am nächsten, der in der Psychogenese des Witzes von 
Freud rekonstriert wurde : in unserem Beispiele ist ein vorbewußter Eindruck, 
eben der Inhalt jener Beobachtung („merkwürdig, wie da alle FUegen am 
Fensterbrett liegen"), für einen Zeitbruchteil ins Unbewußte gesunken und hat 
dort eine Verarbeitung erfahren, die zu dem überraschenden Resultat führte. 
Das Ergebnis des seelischen Vorganges wurde vom Bewußtsein erfaßt, der 
Prozeß selbst blieb unbewußt und kann nur regressiv erschlossen werden. Das 
Wesentliche jener unbewußten A'erarbeitung geht von der Identifizierung der 
Fliegen mit dem Ermordeten aus, einer Gleichsetzung, die durch die Tatsachen 
der Anwesenheit im selben Raum, der Tötung im gleichen Augenblick und 
derselben Todesursache vorbereitet war. In diesem Augenblick der Absence 

— 178 — 



1 



vrurde also unbewußt die Schranke zwischen Mensch und Tier, die von 
ijo fundamentaler Wichtigkeit für unsere Welt ist, im Denken des sicherlich 
Jfortschrittlich orientierten Inspektor Smith aufgehoben, ohne daß ihm dies oder 
die Ähnlichkeit seines Denkvorganges mit dem eines „coloured" zum Bevmßt- 
sein gekommen wäre. Der gedankhche Vorgang von der Beobachtung (die 
Fliegen Hegen alle tot am Fensterbrett) bis zum Denkresultat (die Fliegen und 
Mr. Breese wurden am Morgen getötet), muß einem Kurzschluß verghchen 
werden. Die Einzelheiten des psychischen Ablaufes entziehen sich noch der 
psychologischen Analyse, doch darf man gewisse Vermutungen über sie aus- 
sprechen, wenn man den Vorgang mit ähnlichen, uns besser bekannten 
psychischen Prozessen vergleicht. So glaube ich annehmen zu können, daß sich 
bestimmte affektive Momente schon in den Wahrnehmungsakt, der den Fliegen 
galt, mengten. Unbewußt war ein wirksames Stück Afifektbesetzung behn 
Leichnam Breeses verblieben. Dieser unbewußte Affekt, der unerledigt 
ist, begleitet sozusagen den gedanklichen Ablauf der nächsten Minuten. 
Auch er vollzieht sich nur zum Teile in der Bewußtseinsebene. Die 
Tatsache, daß alle Fliegen und Mücken tot am Fensterbrette lagen, muß sich 
mit einem vorbewußten Eindruck, daß sie ins Freie, ans Licht, ja fliehen 
wollten, verbunden haben. Erst nachher, gleichsam zur Legitimierung dieses 
affektbetonten Zusammenhanges vor der Verstandesinstanz, kam dann die 
Schlußfolgerung: es muß schon gegen Tag gewesen sein. So unglaubwürdig 
dies auch Hingen mag, der logische Prozeß geht der Erkenntnis nicht voraus ; 
er folgt ihr vielmehr nach. Das Resultat, zu dem unser Kriminalbeamter gelangte, 
und dessen logische Präzision wir bewunderten, ist nicht das Ergebnis scharfen 
und anhaltenden bewußten Nachdenkens (oder nur zum geringsten Teile), son- 
dern die gedankliche Verarbeitung eines aus dem Unbewußten aufsteigenden 
Einfalls mit den Mitteln, welche uns die Bewußtseinsinstanzen zur Verfügung 
stellen. Die wichtigste Funktion des logischen Prozesses wäre dann die Er- 
kenntnis, die auf unbewußtem Wege zustandekam, zu gliedern, ihr die Form 
einer logischen Operation zu geben und sie gleichzeitig auf ihre Zuverlässig- 
keit zu prüfen. Wir ahnen, daß dieser besondere, sekundäre Charakter der 
logischen Prozesse weit über unseren Gegenstand hinausgeht und noch nicht 
genügend gewürdigt wurde. 

Wie kommt es nun von dem speziellen Eindruck, der den Fliegen gilt, zu 
der Erkenntnis : der Mord an Mr. Breese ist vor Tagesanbruch und nicht in 
der Nacht geschehen ? Hier greift der Vorgang auf jene unbewußte Afifekt- 
besetzung, die dem Toten gilt, zurück, erhält diese ein Stück Erledigung. Die 
Wahrnehmung der Situation der tot daliegenden Fliegen hat sich unbewußt 
mit dem Gedanken an die Mordszene verlötet. Der Gedanke oder die gedank- 



— 179 



u» 



liehe Gleichsetzung : die Fliege, die bei Tagesanbruch gegen das Fenster fliegt 
zum Licht, in die Freiheit will, und der unglückliche alte Mann, der seinen 
Todeskampf zur selben Stunde kämpft, ist hier aktuell geworden. Wieder wird 
sich erst später das logische Denken dieses unbewußten Gedankens bemächti- 
gen und ihn aus seiner amorphen Form in die einer Schlußfolgerung verwan- 
deb, die dem forschenden und prüfenden Verstand präsentiert werden kann. 
Aus dem Rohmaterial solcher unbewußten Eindrücke und Gedanken schält 
sich gleichsam die Zeitangabe los, die vom Bewußtsein erfaßt und in ihrer 
Bedeutung für die Verbrechensaufklärung gewürdigt wird. Vielleicht ist noch 
die Schlußfolgerung: wenn Breese bei Tagesanbruch ermordet wurde, muß 
der Neffe sein Mörder sein, auf demselben Wege über unbewußte Eindrücke 
an die Oberfläche gelangt, hat erst später Anschluß an die kausale Kategorie 
und an einen logischen Überbau gefunden. Es ist sehr wahrscheinlich, daß 
auch sie aus unbekannten psychischen Tiefenschichten aufstieg und sich erst 
später als Verstandesoperation verkleidet hat. Die logischen Prozesse können 
ihre Herkunft nicht ganz verleugnen ; noch in ihnen wird ein freilich psycholo- 
gisch sekundärer, künsthcher Zusammenhang zwischen Mr. Breese und den 
Fliegen, eine nun zeithch bedingte Verknüpfung hergestellt. Die lojische Schluß- 
folgerung des Kriminalisten ist nur scheinbar das Wesenthche unseres Falles ; 
entscheidend ist vielmehr der unbewußte Vorgang, namentlich die verborgene 
Identifizierung zwischen Mr. Breese und den Fliegen. Was so überraschend, 
anscheinend als letztes Glied einer logischen Kette zu Tage trat, war unbe- 
wußt schon vorbereitet. Die Überraschung lag in der Begegnung und im 
Wiedererkennen eines bereits Erkannten, das verdrängt wurde. In unserem 
Falle ist dieses Stück Verdrängte eben jene affektive und gedankliche Gleich- 
setzung von Tier und Mensch. 

Ich fürchte, wir haben uns weit von unserem Gegenstand, der sich auf das 
Wesen der Indizien beschränkt hat, entfernt. Der Rückweg ist leicht gefunden, 
wenn wir uns vergegenwärtigen, daß die Ameisen des australischen Zauber- 
priesters wie die Insekten im Sterbezimmer Mr. Breeses im kriminalistischem 
Sinne Indizien sind. Beide gehören zur „circumstanlial evidence", wie es der 
Philadelphiaer Inspektor bezeidmen würde, beide weisen auf den unbekann- 
ten Verbrecher hin. Ich glaube gezeigt zu haben, in wie tiefem psychologi- 
schem Zusammenhange noch die Betrachtungsweise der modernen Kriminali- 
stik, die sich ihres rein naturwissenschaftUch-technischen Charakters rühmt, mit 
der abergläubischen Auffassung australischer Stämme auf der tiefsten Kultur- 
stufe steht. Aller Fortschritt in der Kruninalistik konnte die animistische Denk- 
weise unserer Ahnen nicht völlig überwinden, ja alte Denkwege mußten 
sich rationalistisch verkleiden und mit logischen Mitteln cachieren, wie im Kriege 

— 180 — 



1 



/■ege, die vom Feinde eingesehen werden konnten, künstlich verdeckt wur- 

|[en. Das Wesentliche für unsere Untersuchung liegt aber nicht im Nachweis 

fieser unbewußten Verhüllung, sondern in dem der Herkunft der Indizien 

'des modernen Strafrechtsprozesses aus dem Kreise rohester, abergläubischer 

Vorstellungen, die wir längst überwunden zu haben glaubten. 

Unsere Zeit und die Kriminalistik unserer Zeit kennt freilich keine Tier- 
orakel und keine Orakeltiere, welche das Altertum und die halbwilden Völker 
in den Dienst der Verbrechensaufklärung gestellt haben. Wir verfolgen nicht 
mehr mit gespannten Sinnen den Weg einer Ameise, die uns als magische 
Botin des Toten oder der Götter erscheint und uns zeigt, in welcher Richtung 
wir den Mörder zu suchen haben. Ein einziger Nachklang jener uralten Sym- 
phonie des magischen Glaubens, der einmal den Erdball umfaßte, dringt in 
unsere nüchterne Zeit, eine einzige Spur des alten Tierorakels ist noch erhal- 
ten, allerdings in so veränderter Form, daß sie schwer als solche erkannt 
werden kann. Auch handelt es sich nicht mehr um ein Orakel, sondern um 
ein ganz rationelles und methodisch angewandtes Hilfsmittel des kriminalisti- 
sdien Ermitüungsdienstes ; ich meine die Arbeit des Pohzeihundes.' Er 
wird auf die Spur des unbekannten Verbrechers gesetzt'', verfolgt die Fährte 

i) Vgl. A. H e 1 1 w i g, Verwendung von Polizeihunden. Preußisches Kommunal- 
archiv. Bd. 2. S. 398 ff. — Friedo Schmidt, Verbrecherspur und Polizeihund. Augs- 
burg 1910, sowie Polizeihundeerfolge deutscher Schäferhunde und neue Winke für 
Polizeihundführer, Liebhaber und Behörden. Augsburg 1911. 

2) Hier sei nur ein einziges Beispiel der Arbeit und des Erfolges von Polizeihunden 
angeführt, das ich A. Hellwig (Moderne Kriminalistik. Leipzig, 1914. S. 33 f.) ent- 
nehme: „Auf dem Gute Dallmin in der Westpriegnitz war ein neunjähriges Mädchen 
in eine Tannensdionung gelockt und ermordet worden ; am Abend fand man die 
Leiche. Am nächsten Morgen fuhren zwei Schöneberger Schutzleute mit ihren Polizei- 
hunden „Prinz" und „Bolko" nach Dallmin, wo unterdessen schon ein Havelberger 
Polizeihund vergeblich versucht hatte, die Spur zu verfolgen. Witterung wurde an den 
Kleidern des Kindes gegeben. „Prinz" führte, während es fortgesetzt schneite, durch die 
Schonung und dann zu dem Kutscherhaus des Gutes ; von dort aus war die Spur des 
tiefen Schnees wegen nicht mehr zu verfolgen. Doch hatte man einen gewissen Anhalt, 
daß der Täter unter den Gutsleuten zu suchen sei. Verdächtig war ein Arbeiter wegen 
seiner Kratz wunden im Gesicht und ein sechzehnjähriger Gärtnerlehrling, der aber von dem 
Vater der Ermordeten und von dem Untersuchungsrichter für unschuldig gehalten wurde. 
Dieser Lehrling wurde unter den Gutsleuten aufgestellt und dem Hunde darauf an dem 
unteren Teile der Schürze des Mädchens Witterung gegeben, da es sich offenbar um 
einen Lustmord handelte. Der Hund suchte zunächst im Zimmer herum ; als er an den 
Lehrling kam, bellte er sofort und blickte abwechselnd seinen Führer und den Ver- 
dächtigen an. Der Lehrling beteuerte zunächst auch weiterhin seine Unschuld und gab 
an, er sei vom Hund nur deshalb gestellt worden, weil er beim Suchen nach der Leiche 
diese unter den Armen gefaßt und hochgehoben habe. Erst als man ihm vorhielt, daß 
der Hund nur an dem unteren Teil der Schürze Witterung erhalten habe, gab er das 

— 181 — 



und verbellt den Täter, falls er erreichbar ist, noch nach Tagen. An die 

Stelle der primitiven Zauberpraktiken haben wir die kriminalistische Aus- 
nützung der Dressur gesetzt. 

Leugnen auf. Er gestand auch, daß er das zur Mordtat benutzte Taschenmesser in der 
Schonung weggeworfen habe. Am nächsten Tage wurde in der Nähe des Tatortes 
„Bolko" an den Händen des Mörders Witterung gegeben, worauf er nach kurzer Zeit 
das unter einer Tanne liegende Mordmesser apportierte." 

|iiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiii^^^^^^^ 

I Im April erscheint: J 

I Vier psychoanalytisd^e Krankengesthidtten | 

I ' ^°" I 

S Sismund Freud - J 

S Kleinoktavausgabe, 464 Seiten, in Ganzleinen Mark >"■— | 

m Inhalt: Bruchstück einer Hysterie-Analyse („Dora") — Ana- B 

g lyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben („Der kleine Hans") H 

E — Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose („Ratten- § 

g mann") — Psychoanalytische Bemerkungan über einen autobio- B 

g graphisch beschriebenen Fall von Paranoia („Schreber") g 

B „ ... Es berührt mich selbst eigentümlich, daß die Kranken- B 

S geschichten, die ich schreibe, wie Novellen zu lesen sind B 

g und daß sie sozusagen des ernsten Gepräges der Wissen- B 

B schaftlichkeit entbehren. Ich muß aber mich damit trösten, B 

g daß für dies Ergebnis die Natur des Gegenstandes offen- B 

g bar eher verantwortlich zu machen ist als meine Vor- B 

g liebe . . . Eine eingehende Darstellung der seelischen Vor- B 

g gänge, wie man sie vom Dichter zu erhalten gewohnt ist, B 

g gestattet mir, doch eine Art von Einsicht in den Hergang B 

g des Leidens zu gewinnen. Solche Krankengeschichten haben B 

B vor psychiatrischen eines voraus, nämlich die innige Be- = 

B Ziehung zwischen Leidensgeschichte und Krankheits- B 

g Symptom . . ." ' :; g 

B Internationaler Psychoanalytisdier Verlag, Wien, I., In der Börse B 



iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiin^ 

— 182 — 



lllilllllilillB 




D 


A S E 


c e O DE 


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P 


SYCHOANALYS 


E 





„Woher nimmt dieser Mensdi 

die Unbeirrtheit seiner Riditung?" 

In der „Prag er P r e s s e" vom 14. Februar gibt Richard Messer 
einen Überblick über die letzten Veröffentlichungen der psychoanalytischen 
Literatur. Er schheßt ihn mit folgenden Sätzen : 

„Wie wenig Freuds Lehre sich in den Grenzen des gedruckten Papiers er- 
schöpft, zeigt nichts so klar, wie seine einzigartige Eingestelltheit 
zur Mitwelt. Er hat Anhänger, ungezählt, wie Sand am Meere ; er hat 
auch Feinde, die zahlreich und mächtig sind und die die Stoßkraft seiner Lehre 
genauer beurteih haben, besser übersehen, als mancher Anhänger. Aus der 
Klarheit ihrer diesbezüglichen Abschätzung, aus der richtigen Errechnung der 
noch möglichen und wahrscheinlichen Wirkung schöpfen sie ja die Heftigkeit 
ihrer Ablehnung, zu der sie ihre guten Gründe haben. Sie wissen schon, wo- 
rum es geht. Sigmund Freud, der nun bald 76jährige, geht zwischen ihnen 
hindurch, wie ein Heiliger durch die Versuchungen. Sie können 
ihm nichts anhaben, weder die mit Lorbeeren in den Händen, noch die mit 
faulen Äpfeln in den Körben. Er geht weiter und blickt mit derselben ruhigen 
und durchdringenden UnbeiiTtheit durch alle wie durdi Fenster hindurch. 
Woher nimmt dieser Mensch die Unbeirrtheit seiner 
Richtung? Ist er Leidenschaften, Anfechtungen, Voreingenommenheiten, 
allen übrigen Menschlichkeiten nicht ebenso unterworfen wie wir alle ? Sicher 
ist er das und er ist auch der erste dies festzustellen. Aber eines erhebt ihn 
über die meisten, die allermeisten, die mit uns wandeln. Irgendwie ist er 
schon in Drachenblut gebadet worden : es ist der Punkt der Eitelkeit an 
ihm nicht zu entdecken. Man zeige unter allen denen, die im „Who is who ?" 
unseres Zeitalters verzeichnet stehen, einen Mann, bei dem im ganzen Lauf 
seines langen, vielverherihchten und vielgescholtenen Lebens die Facta der 
Eitelkeit, gleichviel welcher Art, derart mit Null beziffert werden müssen, wie 
bei — Sigmund Freud". 

Wir wollen hier noch wiedergeben, was Richard Messer zur Charakte- 
risierung der vier psychoanalytischen Zeitschriften ausführt : 

^ 183 — 



„Vier große Zeitschriften, die alle weit über die Grenzen sonstiger fach- 
wissenschaftlicher Veröffentlichungen in die Kreise der geistig überhaupt Mit- 
tätigen hineingedrungen sind, beziehen ihren ganzen Impuls aus der psycho- 
analytischen Kraftzentrale und strahlen in unausgetzter Auswirkung nach allen 
Richtungen praktisch umgestaltend und umwertend mächtig, aus : die Internatio- 
nale Zeitschrift für Psydioanalyse, die nicht nur international heißt, wie so vieles 
andere auch, sondern es wirkhch ist, denn sie wird wirklich in der ganzen 
Welt überall gelesen, von Ärzten und von vielen Anderen, Laien verschieden- 
ster Berufsart, etwas was nur sehr wenige deutsche Zeitschriften von sich sagen 
können ; zweitens : Imago, („Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf 
die Natur- und Geisteswissenschaften"), die bereits in diesem Titel sich zu 
dem Programmpunkt bekennt, die Anwendung psychoanalytischer Betrachtungs- 
weise — wie schade, daß man aus Schamgefühl bald nicht mehr einfach Welt- 
anschauung wird sagen können, da dies Wort bereits zu Tode kompromittiert 
ist ! — auf allen Gebieten der Erkenntnis neben und mit den bisherigen Me- 
thoden zu befürworten, sie einzureihen in die selbstverständlich zur Anwen- 
dung gelangenden Lösungsmethoden, so oft wir vor ungeklärten und unge- 
lösten Problemen stehen ; drittens, die Psydioanalyiisdie Bewegung, die vielleicht 
am ehesten eine Art Generalstabszentrale für die Propaganda, 
für die Expansionsbestrebung der Richtung darstellt; und viertens die Zeit- 
schrift für psychoanalytische Pädago^k, deren Tragweite und Ausstrahlungskraft, 
Artilleristen würden sagen : Streuung, die bedeutendste ist . . . Rein grund- 
sätzKch betrachtet, wird heute der entschlossenste Freudgegner nicht mehr 
daran zweifeln, daß unter den vielen Kräften, die mitwirken und mitwirken 
werden, wenn wir im Laufe der nächsten 20 Jahre unser Schulwesen von 
Grund auf neuerrichten, mit ganz neuen Zielen, ganz neuen Methoden, ganz 
neuen Mitteln, die Psychoanalyse als Komplex, die psychoanalytische Beobach- 
tung des Kindes und des jungen Menschen beiderlei Geschlechts bis zum 
24. Lebensjahr, eine der entscheidendsten sein wird." 



Körperbildung durdb das Es 

In der „Biologischen Heilkunst" veröffentlicht der Biologe Bruno M. 
Klein (Wördern, N.-ö.) eine größere Abhandlung „Über den psychischen 
Einfluß auf Formbildung und Veränderung des Körpers". Der Verfasser 
geht von jener extremen Richtung innerhalb der Psychoanalyse aus, die den 
Einfluß des Unbewußten auf organische Vorgänge am höchsten einschätzt 
(Groddeck, Felix Deutsch, JelliSe), und versucht die Befunde der Psycho- 
analyse durch Material aus einem fernliegenden Gebiete, dem der EinzeUi- 
gcn, der Protozoen zu ergänzen und zu stützen. Der Verfasser hat in einer 
Reihe früherer Arbeiten zur Protistenkunde sich besonders mit einer gewis- 

— 184 — 



fsen Neigung der Infusorien, Silbersalz zu speichern und unter entsprechen- 
Iden Bedingungen zu reduzieren, besdiäftigt, ein System der Darstellung 
[dieser „Silberlinien" entwickelt und kann nun dieses System erfolgreich zur 
[Demonstration gewisser nervöser, bezw. formorganisierender Vorgänge her- 
[ anziehen. Die merkwürdigste Erscheinung, die das Silberliniensystem produ- 
iziert, ist sein Verhalten während der Konjugation zweier Tiere ; die Systeme 
[der beiden Partner verwachsen dann nämlich ohne jede Grenze. Dieses 
tVerhalten, meint Klein, dürfte auch vom analytischen Standpunkt interessant 
[sein : bei den Ciliaten dienen der Übertragung von Libido auf ein Objekt 
[ noch materielle Bahnen. Kleins Arbeit schließt mit den Ausführungen : 

„Der Satz, daß die Seele den Körper bildet, findet, glaube ich, in den 
I Verhältnissen, die das nervös-formbildende Silber liniensystem zeigt, 
leine materielle Basis insofern, als man sieht, daß der Apparat der Seele, 
[das nervöse System, den Körper bildet und so der psychische Einfluß auf 
Formbildung und Veränderung des Körpers durch das materielle System der 
Psyche klar zum Ausdruck kommt. Es ist wohl überflüssig, zu betonen, daß 
Seele hier in ihrem Unbewußten, als ,Es' verstanden wird. Das ,Es' bildet 
den Körper und in ihm die organischen Werkzeuge für die Instinkte, die 
körper- und lebenserhaltenden Triebkomplexe. Erst spät rückt ein Teil 
des Unbewußten in die Sphäre des Bewußten — vielleicht beginnt dieser 
Prozeß schon bei den Einzelligen, denn manche Experimente haben gezeigt, 
daß audi schon solche Tiere lernen können — , es entsteht ein primiti- 
ves ,Ich', ein primitives Bewußtsein, das, da es einzig die Aufgabe hat, die 
Außenwelt zu ,erkennen', mit der ursprünglichen, ,eshaften' Formbildung des 
Leibes nichts mehr zu tun hat, die Innenwelt plastisch nicht mehr beherrscht." 

Riditigstellung 

Im vorigen Heft dieser Zeitschrift (u. zw. auf S. 71, 9. Zeile und auf 
der nächsten Seite in der Buchanzeige) ist der Verfasser der Schrift „Die 
jüdischen Gebetriemen" bedauerlicher Weise mit unrichtigem Vornamen an- 
geführt worden. Er heißt n i c Ii t : Karl Langer ; sondern : Georg Langer. 



Sexuelle Gebärdenspradie 

Im Dezemberheft 1931 der „Zeitschrift für Sexualwissenschaft" beschäftigt 
sich Dr. H. Vorwahl (Harburg) mit der „Sexuellen Gebärdensprache". 
Die Psychoanalyse habe „mit dem Herrschaftsdrang einer lange verdrängten 
Wahrheit den sexuellen Gehalt unseres Weltbildes und Handelns bloßzulegen 
versucht und nahezu alles in den Bann ihrer Deutungen gezogen. Aber 
wenn für S t o r f e r („Marias jungfräuliche Mutterschaft") etwa die Geste des 
Segnens die Sexualtätigkeit des Mannes symbolisieren soU, wie Beten die des 

- 185 — 



Weibes darstelle, weil Arm und Finger ein Penissymbol, offene Hände und 
ausgebreitete Arme das weibliche Organ darstellten; macht er sich einer 
Grenzüberschreitung schuldig, die nicht das Eigenleben jeder .Provinz im 
Gemüt' achtet, sondern eine vorschnell aus der anderen ableitet. So gewiß 
es eine Sexualisierung der Religion (wie Religiosierung der Sexualität) 
gibt, haben Hof mann und Giemen die Mängel der Freud sehen 
Religionstheorie aufgedeckt, in deren Gefolge Storfer arbeitet. Aber 
niemand kann und will natürlich ableugnen, daß es zwischen Männern und 
Frauen eine wohl internationale Zeichensprache gibt, die zum großen Teil 
reine Sexualsymbolik ist . . ." 



„Achtung! Psychoanalyse! Rette sidi wer kann!" 

OttoFenichels vor kurzem erschienenes Buch über ^Hysterien 
und Zwangsneurosen" veranlaßt einen Mitarbeiter der „Königsberger 
Hartungschen Zeitung" (E. Ka., 30. Jan. 1932) sich „Über eine gewisse Art 
von Wissenschaft ..." zu beschweren. Er schreibt u. a. : 

„Es gab eine Zeit, in der jede Berührung sexueller oder erotischer 
Probleme als unanständig galt. Von dieser Prüderie, die unei dlidi viel 
Schaden angerichtet hat, sind wir heute gottseidank frei. Aber die Ablehnung 
des vorliegenden Buches hat nichts mehr mit Prüderie zu tun. Ist es wirklich 
noch wissenschaftlicher Ernst zu nennen, wenn der Verfasser im Kot der 
übelsten Phantasieprodukte wühlt und sie gewaltsam auf 
erotische Urzusammenhänge zurückführen will? Wobei der Begriff „erotisch" 
nicht etwa im landläufigen Sinne gefaßt ist, sondern ganz üble Neben- 
bedeutungen und Ergänzungen erfährt. Es geht nicht an, aus dem 
Buch zu zitieren. Derlei PhaUuskult — denn das, was in dem Buch 
getrieben wird, ist nichts anderes — mag in die Verfall Stimmung des 
untergehenden römischen Weltreichs passen, wir wollen mit ihm nichts 
zu schaffen haben. 

Als vor eineinhalb Jahren Freud den Goethepreis der Stadt Frankfurt 
erhielt, wurde hier versucht, die philosophische Stellung Freuds kurz zu 
skizzieren und die Wissenschaftlichkeit und Vornehmheit seiner Gedanken- 
gänge, soweit sie aus seinen philosophischen Schriften zu ersehen waren, 
darzutun. Es will nicht wahrscheinlich klingen, daß Freud zu alledem, was 
sich heute Psychoanalyse nennt, steht. Es erscheint auch zweifelhaft, ob mit 
dem Wort Psychoanalyse überhaupt noch ein klar zu definierender Begrifl 
verbunden werden kann. Das Suhlen in sexuellen Wahnvor- 
stellungen hat jedenfalls mit Wissenschafdichkeit, die doch ein Haupt- 
charakterzug der Psychoanalyse sein soll, nicht das geringste mehr 
zu tun. Sollte die Menschheit anderer Meinung sein, so wäre es schon 
besser, sich zur Auffassung Mephistopheles' zu bekehren : „ein wenig besser 

— 186 — 



^ 



ürd er leben, hältst du ihm nicht den Schein des Himmelslidits gegeben.* 
JSo lange aber noch die Möglichkeit besteht, an das Vorhandensein auch nur 
eines Quentchens im menschlichen Geist zu glauben, wollen wir eine Gefahr, 
Idie unter unseren Augen unmerkHch entstanden und großgeworden ist, 
lerkennen und, wenn nichts anderes hilft, rufen: „Achtung! Psych o- 
lanalyse!! Rette sich wer kann!!!" 



„Psydioana-Lou" 

Unter der Überschrift „Psychoana-Lou" (der man das lebhafte Bestreben, 
\ritzig zu sein, nicht absprechen kann) beschäftigt sich im „Mindener Tage- 
blatt« M. B. mit dem jüngst erschienenen Buch von Lou Andrea s- 
Salome, „Mein Dank an Freud". „In allen kulturell bewegten Zeiten" 
— heißt es da — „kennen wir diesen Typus der geistesfreien, un- 
rastvoll getriebenen Frau, die schöpferischer Anteilnahme begie- 
rig sich ansaugt an den schöpferischen Mann. So saugte sich die Sand an 
Musset und Chopin und Flaubert, so Bettina an den Bruder, an Goethe 
und Beethoven, so die Andreas-Salome an Klinger und R. M. Rilke an. 
Auch dem Schöpfer der Psychoanalyse zeigt sie sidi nun in dieser selt- 
samen Verwandtschaft verwachsen und fühlt sich gedrängt, zu seinem 
75. Gebuitstage ein offenes Bekenntnis zu ihm abzulegen." Die Verfasserin 
entferne sich nicht allzuweit von den Wegen ihres Meisters. „Man könnte 
an den Zaunkönig denken, der, in des Adlers Gefieder gekrallt, sich mit 
emportragen läßt in die Lüfte, — und gewiß ist die Salome keine plumpe 
Henne, die, unterwegs vom Schwindel angepackt, die Krallen lösen müßte, 
um den beschädigten Flunk dann gackelnd auf dem Hühnerhofe auszuheilen. 
Sie kommt schon m i t in die Höhe — und darf dann ein Stücklein ab- 
seits flattern, um dodi zu rechter Zeit ins schützende Gefieder wieder ein- 
zufliegen. Sie selbst gebraucht ein anderes Bild und sagt ihrem lieben Pro- 
fessor Freud, daß sie sich wohl fühle an seiner Leine, die nur von 
Zeit zu Zeit genügend gelockert — dann aber wieder entsprechend aufge- 
wickelt werden müsse. Seltsames psychologisches Spiel : die Hörigkeit 
einer Herrin offenbarend. " 

„Soweit sie aber" — fährt der Kritiker dann fort — „wirklich Her- 
rin und eigenpersönlich ist und bleibt, sind ihre Exkurse geistvoll und 
interessant. Sie ist ästhetische PersönUchkeit, von starkem Interesse 
nicht nur, sondern auch von hohem Verständnis für den schöpferischen 
Menschen. So hat sie vortrefflich das ,bestürzend asketische Moment' im 
erotischen Dichter empfunden: die Verleiblichung seiner Erotik, sagt sie, 
ist sein Werk, denn für das Realerlebnis ist er ,auf Verzicht gestellt wie 
einer, der in undurchdringUdier Taucherrüstung Schätze vom Meeresboden 
aufliest und heraufbringt, nur durch einen Atmungsschlauch mit der Ober- 

— 187 — 



weit verbunden, solange er daran schafft'. Auch warnt sie die Psycho- 
analytiker vor der Überschätzung des Tagtraumes; denn sie weiß: .Für 
das Gelingen (des künstlerischen Werkes) muß das Stoffliche des Anlasses 
nicht nur in Vergessenheit gesunken sein, sondern verbraucht: ja, gleich 
Begrabenem verwest und verwandelt zu Anderem, Pflanzlichen' . . . Mit 
der Rückverwandlung des Animalischen ins Pflanzliche ist ,Lou' gewiß näher 
bei Rilke als bei Freud, und sie bekennt sich in Dingen der Kunstbetrach- 
tung auch ausdrücklich der Lehre Freuds gegenüber ,ketzerisch gestimmt' 
— und hat recht : sie weiß um den Künstler ... Sie weiß auch um den 
religiösen Menschen, den Suchenden und Ringenden sowohl wie um 
den, der sich in der Religion lediglich Erfüllungen vorgaukelt, um ein be- 
quemes ,Schlummerkissen' zu haben . . . Und auch in Ethisches leuch- 
tet sie hinein und erkennt die ,bequeme moralische Schlamperei' der Men- 
schen, die nie von Gängelband sich lösen woUen : ,Blaue Linien im Schul- 
heft sind bestimmt, später auszubleiben, jedes Gängelband dazu, von selbst- 
ständiger Marschroute beiseite geworfen zu werden. Wird anfängliche, auch 
höchst zweckvoll gerichtete Autorität nicht rechtzeitig abgebaut, so verfehlt 
sie nicht nur ihren Zweck, sondern führt am schon gelungenen Teil unse- 
res Wesensaufbaus zu den geheimnisvollsten Gebrechlichkeiten; was an- 
fangs natürliche Außenwirkung war. Stütze und Gerüst fürs noch Unvoll- 
endete, das nistet sich dann im Fertigen wie heimlicher Hausschwamm ein, 
dessen Versteck man nicht kennt'. Könnte man das .schlechte' Gewissen 
des gegängelten Schwächlings treffender entlarven? Aber man sieht auch, 
für wen die Verfasserin schreibt — und für wen nicht. Schließlich ist alles 
doch mehr oder weniger Selbstbekenntnis einer starken, freien Persönlich- 
keit, die ihr Leben lebt, auch wenn sie es durchrankt mit den Schöpfun- 
gen der Schöpferischen." 

->. 

Neue Presse-Stimmen über 

„Bubi-Caligula" von Hanns Sadis 

Helmuth Schlien schreibt im „Mannheimer Tageblatt" vom 
9. Februar 1932 u. a. : 

Idi wüßte nicht, was ich an dergleichen Schriften jemals mit größerer Freude 
und ständig bereiter, ja ständig wachsender Spannung gelesen hä^te als dieses 
Buch. Sicher gibt es eine ganze Anzahl ähnHch ausgezeichneter Werke, in denen 
sparsamste Schilderung mit einer unauffälligen Selbstkontrolle in der 
Darstellung sich ebenso vereinigt, wie es hier der FaU ist. Aber ebenso sicher 
scheint es mir zu sein, daß hier der schöne Ausnahmefall vorliegt, wo sich das 
unaufdringlich vorgebrachte psychologische Wissen mit einer gründUchen 

— 188 — 



1 



Kenntnis des Gegenstandes auf meisterliche Art verbindet, die keinen Wunsch 

jnehr offenläßt. Die römische Kaiserzeit mit jener Geisteshaltung des Herrschers, 

die man gemeinhin als „Cäsarenwahn" bezeichnet, wird höchst lebendig 

verdeutlicht. . . Der Bericht besitzt auch dort, wo er höchst Unangenehmes 

vorzubringen hat, einen liebenswürdigen und trotzdem keineswegs leichtfertigen 

Humor. 

* 

In der „Rigaschön Rundschau" vom 4. Februar 1 932 schreibt G. H. 
Eckardtu. a. : 

Unter diesem etwas albernen Titel und geschmückt mit einem Bilde 
'von einer Ge s chma ckl o s igkeit, wie sie Psychoanalytikern oft eigen 
ist, gibt der Internationale Psychoanalytische Verlag in Wien ein Buch heraus, 
das die Geschichte Caligulas erzählt. . . Die Charakterwendung, das Wesen, 
die absolute Unberechenbarkeit, die fahrige Art des Jünglings mit ihren 
grausigen Folgen, werden recht anschaulich und spannend geschildert. . . Die 
Zustände der Kaiserzeit sind oft sehr plastisch vor den Leser gestellt. . . Den 
naiven psychoanalytischen Formeln, die die Schulen dieser Gelehrten den 
schwierigsten Problemen ins Fleisch zu brennen pflegen, begegnet man in 
diesem Buche erfreulicherweise nicht. Daß aber Caligula dermaßen als 
Zeitwende zu gelten habe, wie Hanns Sachs es meint, ist doch nicht überzeugend 
klar. Er beschließt seine Ausführungen mit den Worten : „Von nun an trug 
die antike Welt das Zeichen des Tiers." Derartige Linien lassen sich wohl 
nicht ziehen. 

Sunday Times, London, am 8. Nov. 1931: 

Dr. Sachs glaubt beweisen zu können, daß CaKgula sein Ich verloren 
hat, daß sein Unglück darin bestand, daß er es als Einsamer auf dem Thron 
nicht wiederfinden konnte. Clio wird entsdheiden. 



Observer, London, am 1. Nov. 1931: 

Die geniale Theorie des Dr. Sachs meistert das Caligula-Problem vollkommen. 

„Das Unbehagen in der bürgerlichen Kultur" 

In der Wiener sozialdemokratischen Monatsschrift „Der Kampf" (24. Jg. 
Heft 6), beschäftigt sich PaulKeri — anknüpfend an Freuds jüngste 
Schrift — mit dem „Unbehagen in der bürgerlichen Kultur". Er schUeßt seinen 
Aufsatz mit folgenden Worten : 

„Für die Arbeiterschaft ist dieses „Unbehagen" imserer heutigen Fühlart — 
zeitlich bedingt durch die im Unbewußten verankerte, kaum zu umgehende, zur 
Atmosphäre gewordene, notgedrungen Konflikte erweckende Ideologie der 
herrschenden bourgeoisen Welt — ebenfalls von Belang, und die Sache kann 

— 189 — 



damit abgetan werden, daß dies eine Angelegenheit der bürgerlidi Empfindenden 
sei. Denn in dem Grade, als die Arbeiterschaft in den Bildungs- und Kultur- 
kreis des heutigen Großstadtlebens eintritt, ihren Teil an den Kämpfen, an 
dem geistigen Ringen der Zeit nimmt, gerät sie ebenfalls und immer mehr in 
den Bann des Zeitgewissens, wird immer ausgesprochener zu einem heutigen 
InteUigenzler. . . Die Teilnahme der Arbeherschaft an den Problemen, am 
seeUschen Ringen der Zeit fördert aber gleichzeitig die Befreiungstendenzen, 
die in der denkenden Welt schon am Werke sind, um die Götzen der heutigen 
Seele zu stürzen. Allein schon die Erkenntnisse der neuen kritischen Seelen- 
forschung und die immer mehr in die Nerven Aller eindringende Erkenntnis 
der „historischen Relativität", daß nämhch die Empfindungen, Gebote, Normen 
unseres Unbewußten, die wir gewohnt waren, als naturgegeben, als ewig zu 
betrachten, zeitHch bedingte, durch die historische Entwicklung entstandene, 
vergängliche Formen unseres Empfindungslebens sind, schon diese Erkenntnisse 
allein schaffen und fördern vieles. Die in die Kulturatmosphäre eintretende 
Arbeiterschaft beschleunigt durch den revolutionären Drang ihrer Massen die 
Selbsterkenntnisse, die Kritik und die Befreiungstendenzen der heutigen Seele, 
deren „Unbehagen" auch durch die zeitfich bedingte Fühlart der ökonomisch 
herrschenden Klasse bestimmt wird." 



Tsdiedioslowakei ■ " 

Im Februarheft 1932 des „Zentralblatts für Psychotherapie" gibt Dr. Hans 
Zweig (Brunn) einen Sammelbericht über „Die Psychotherapie in der tsche- 
chischen Literatur von 1920— 1930". Dabei referiert er gelegentlich auch über 
die Stellungnahme der herangezogenen tschechischen Autoren zur psychoana- 
lytischen Therapie. Nach J a n o t a wirkt die Psychoanalyse nur bei Phobien, 
Zwangsvorstellungen, Depressionen, Psychasthenien, leicht hypochondrischen 
Zuständen erfolgreich ; sie habe eine erhebüche Intelligenz des Kranken zur 
Voraussetzung. Bei schweren Hysterien und Psychosen, ebenso bei ■ organischen 
Krankheiten sei der Erfolg zweifelhaft. Sie eigne sich jedenfalls in der klassischen 
Form wegen des allzu großen Zeit- und Geldverlustes nicht zum praktisdien 
Gebrauch. Dagegen ließen sich durch eine kleine Psychoanalyse von einigen 
Stunden, durch andere psychotherapeutische Schritte unterstützt, oft befriedigende 
Resuhate erzielen. Sehr hoch wird der Wert der Psychoanalyse von B o n d y 
eingeschätzt, der der Ansicht ist, man werde ohne die Kenntnis ihrer Technik 
keine Nervenstörung verstehen und heilen können. F o r s t e r\ findet eine 
Indikation für psychoanalytische Behandlung auch bei iVIagengeschwüren oder 
bei manchen Formen von Tuberkulose, wenn sie infolge eines seelischen 
Schocks aufgetreten sind ; — ferner bei Alkoholismus und anderen Süchten, 
bei Sprachstörungen. Auch gewisse Hautkrankheiten psychischen Ursprungs 
seien durch die Analyse gebessert und geheilt worden. Lauterer und 

— 190 — 



1 



Sonnenschein sprechen sich für eine psychoanalytische Behandlung der 
Neurosen aus. 

Die Bedeutung der Intelligenz für die analytische Behandlung wird auch von 
J. Uher hervorgehoben. Daher die Schwierigkeiten, auf welche die Psycho- 
analyse bei Ungebildeten stößt, ihre Unmöglichkeit bei den Schwachsinnigen 
und auch bei den Taubstummen. Günstige Bedingungen hegen nach Uher aber 
bei den Bünden vor, da diese schon von selbst infolge Ausschaltung der 
wichtigsten Kontaktfläche nach außen zur Introversion und Selbstanalyse ge- 
führt würden. In die Normalschule könne die psychoanalytische Methode nicht 
eingeführt werden, der Lehrer soll sie aber kennen, um das Unbewußte der 
Kinder zu verstehen. Die Psychoanalyse befinde sich eigenthch erst im An- 
fangsstadium, ihre Zukunft werde vor allem von dem Grade ihrer theoretischen 
Verarbeitung abhängen. 

Nach S t u c h 1 i k ist die ideale und einzig kausale Form der Psychotherapie 
die Psychoanalyse, worunter dieser Verfasser „jede tiefergehende Analyse der 
Symptome ohne Hinblick auf eine aus dieser Analyse hervorgegangene Er- 
klärung" versteht. 



Kunst, Pädagogik, Psychoanalyse 

In der „Königsberger Allgemeinen Zeitung" vom 29. Dez. 1931 schreibt 
Dr. Fritz Nemitz (Berlin) über „Kunst und Psychoanalyse". 
„Kunst und Neurose" — führt er u. a. aus — „Kunst und Pathologie" sind 
Begriffe, die keineswegs immer zueinander gehören, wie es von Verfälschern 
und Dilettanten häufig dargestellt wird, die einen Künstler, in dessen Werken 
sie Spuren von neurotischen Verwicklungen entdecken, dann der Welt als 
Psychopathen denunzieren . . . Solche Analysen, die ein Kunstwerk ledigHch 
zu Symptomen seelischer Zustände degradieren, sind auf das entschiedenste ab- 
zulehnen ... Es wird einmal dahin kommen, daß das Wort pathologisch seine 
jetzige Bedeutung verUert." 

Der Verfasser schließt seinen Aufsatz mit folgenden Ausführungen, in denen 
er den Wert der Psychoanalyse für die Pädagogik hervorhebt : 

„Von führenden Pädagogenkreisen wird heute immer wieder bewiesen, daß 
jeder Mensch, bei dem man eine einigermaßen gradlinige Entwicklung zuläßt, 
die Möglichkeit hat, aus sich heraus etwas zu gestalten, wenn auch das Resul- 
tat durchaus kein Kunstwerk zu sein braucht. Aber die unmittelbare Folge 
jeder schöpferischen Betätigung erzeugt eine Stärkung des Selbstgefühls, die bei 
mandien neurotischen Erkrankungen oft schon gleichbedeutend mit Gesundung 
ist. Wo die Analyse bis in jene verschütteten Schichten des Seelenlebens vor- 
dringt, die einen Einblick in die ursprüngliche Bestimmung und Begabung des 
betreffenden Menschen erlauben, die oft mit der ausgeübten Tätigkeit in voll- 
kommenem Widerspruch steht, kann man unter Umständen zu einer Lösung 

— 191 — 



I 



der ursprünglichen, bisher verdrängten Fähigkeiten gelangen. Der einzelne kann 
die Psychoanalyse für sich ablehnen, als Methode aber und Forschung ist sie - 
abgesehen von ihren Auswüchsen und Verfälschungen - geschichthdi bedingt 
und notwendig. Denn nidhts kommt „von selbst". Indem sie den verschlun- 
genen Pfaden des Unbewußten nachgeht und die Wechselbeziehungen zwischen 
dem „Es" und der Kunst aufzudecken sucht, erweitert sie unser Wissen um 
die m"enschliche Seele. Sie macht uns wissender und sollte uns zugleich auch 
bescheidener machen. Wir kommen dem Geheimnis des Schöperischen ein 
wenig näher, aber das Mysterium bleibt ein Wunder. Ja, je mehr wir uns 
ihm zu nähern scheinen, um so weiter weicht es zurück." 



Mitteilung des Herausgebers 

Ich bin — nach elfjähriger Tätigkeit — von der Leitung des 
Internationalen Psychoanalytischen Verlags, Ges. m. b. H., zu- 
rückgetreten. An meine Stelle ist Herr Dr. Martin Freud zum 
Geschäftsführer bestellt worden. Meine Funktionen als Mit- 
redakteur der Jmago", als Mitherausgeber der „Zeitschrift für 
psychoanalytische Pädagogik", als Herausgeber und Redakteur 
der „Psychoanalytischen Bewegung" und als der (preßrechtlich) 
verantwortliche Redakteur der drei genannten Zeitschriften und 
der „Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse" werde ich in 
Kürze ebenfalls niederlegen. Ich bitte daher dringendst, alle für 
den Internationalen Psychoanalytischen Verlag bestimmten Sen- 
dungen an diesen selbst und nicht an mich persönlich zu richten. 

Wien, Ende Januar 1932 -A> J. Storfer 



Eigentümer und Verleger : 

Internationaler Psydioanalytischer Verlag, Gej. m. b. H., Wien, I., Bonegasie u 

Herausgeber und verantwortlicher Redakteur; Adolf Josef Storfer, Wien I., Borsegaise li 

Druck: Johann N, Vemay A.-G., Wien, IX., Camsrasgasje 8—10