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Full text of "Psychoanalytische Bewegung V 1933 Heft 1"

PSYCHOANALYTISCHE 

BEWEGUNG 

V 

1933 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 



DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



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sycnoanalytische 
Bewegung 

t-rscneint swex'monatlxcn. 



Redigiert von 
Dr. Eduard Hitscnmann 



V. Jahr3an3 
1933 



Internationaler 

Psycnoanalytiscner Verlas 

Wien 



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Psychoanalytische 
Bewegung 



g V. Jahrgang Januar*Februar i©33 Heft i ■ 

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Der wissensdiaftlidli© Charakter 



Von 

Henri Flomraoy (Genf) 

Erstreckten sich die Untersuchungen Freuds vorerst auf 
Spezialgebiete des pathologischen Seelenlebens, so hat ihm das 
gesammelte Material allmählich gestattet, eine allgemeine Theorie 
des psychischen Geschehens aufzubauen. So gelangte er dahin, 
gewisse Grundbegriffe wie den des Unbewußten oder der 
Triebe zu fixieren, Tatbeständen entsprechend, die, auch 
soweit sie schon bekannt waren, doch nie den Gegenstand 
eines so weit vorgetriebenen Versuches synthetischer Verar- 
beitung gebildet hatten. 

Was an der Psychoanalyse als Wissenschaft interessiert, ist 
nicht das durch genaue Erforschung dieses oder jenes Einzel- 
wesens gewonnene Material, sondern vielmehr die allgemeinen 
Regeln, die einheitlichen Gesetze, die wir daraus abzuleiten 
vermögen. Geht man in den Fachzeitschriften Darstellungen der 
nach der Freud sehen Methode analysierten Fälle durch, so 
ist man erstaunt über die verhältnismäßig geringe Anzahl der 

i) Dieser Aufsatz ist in den „Archives Suisses de Neurologie et Psychiatrie", 
Bd. XXVII, Heft 2, erschienen. 



zu ihrer Beschreibung herangezogenen technischen Ausdrücke. 
Alles wird auf Konflikte von Strebungen, gewisse Partialtriebe, 
grundlegende Komplexe zurückgeführt. Die gleichen Prozesse 
(Verdrängung, Identifizierung, Symbolik, Fixierung) kommen 
mit verschiedenem Stellenwert, doch in erstaunlicher Eintönig- 
keit bei jedem wie immer gearteten Falle vor. 

Es ist eben keineswegs die Hauptaufgabe der psychoanalyti- 
schen Forschung, über die unzähligen Verschiedenheiten, die 
vielfältigen Formen, in denen sich das Seelenleben abspielt, 
Rechenschaft zu geben. Rein deskriptive Studien, und seien sie 
so geistvoll und fesselnd wie etwa die „Charaktere" La Bruyeres 
oder manche psychologische Romane, haben nichts mit ihr ge- 
mein. Die Reduktion der qualitativen Verschiedenheiten, tun- 
lichste Vereinfachung gehören zu ihren obersten Grundsätzen. 

Der Standpunkt des Psychoanalytikers, der ein psychologi- 
ges Problem angeht, ist so grundverschieden von dem des 
Romanschriftstellers wie etwa der des Geologen von dem des 
Malers bei Betrachtung einer Landschaft. Während der Maler 
alles daran setzt, ein möglichst naturgetreues Bild zu gewinnen, 
indem er alle Schattierungen, die sich seinen Augen darbieten, 
festhält, sucht der Geologe die schematischen und weniger 
augenfälligen Eigenheiten der Gegend darzustellen, ihre innere, 
unter der Oberfläche verborgene Struktur und die allgemeinen 
Mechanismen, die an deren Formung beteiligt waren, zu er- 
gründen und zu erklären. Daher jene scheinbare Einförmig- 
keit, jene immerwährende Wiederkehr der gleichen Bezeich- 
nungen (wie jurakalkhaltig, kreidig, Quartär, Einsprengsel, etc.), 
die lür den Nichtfachmann die Lektüre geologischer Beschrei- 
bungen so öde und reizlos machen. 

Dasselbe gilt für die Psychoanalyse. Weit entfernt davon, 
rein deskriptive Ziele zu verfolgen, stellt sie sich zur Aufgabe, 
die Verkettung der Erscheinungen aufzuzeigen, deren gegen- 
seitige Beziehungen aufzuspüren, ihrer Entwicklung nachzu- 
gehen. Sie ist eine genetische Wissenschaft. Wenn 
Freud zeigen konnte, daß gewisse, beim Erwachsenen beobach- 
tete Charakterzüge sich aus klar umschriebenen infantilen Trieb- 

— 6 — 



regungen herleiten, die auf den ersten Blick keinerlei Zu- 
sammenhang mit den in Frage stehenden Eigenschaften zu 
haben scheinen, so gelang ihm dies, weil er das Problem rein 
aus dem Gesichtswinkel der Ontogenese ins Auge faßte, und 
von qualitativen Einzelheiten absah. 

Betrachten wir zum Beispiel die Träume. Sie sind aus den 
verschiedenartigsten Motiven zusammengesetzt, die auf sie be- 
züglichen Assoziationen von erstaunlicher Vielfältigkeit. Doch 
ist es, seit Freud uns den Schlüssel zu ihrer Deutung an die 
Hand gegeben hat, möglich geworden, die latenten Gedanken, 
die sich in tausend Verkleidungen in ihnen ausdrücken, auf- 
zudecken, und vermittels der so gewonnenen Aufschlüsse bis 
zu den triebhaften Neigungen, zu den Trieben vorzudringen. 
Diese sind nur in beschränkter Anzahl vorhanden, übrigens bei 
allen Individuen anzutreffen, bloß verschieden in ihrer rela- 
tiven Stärke und Form der Vermischung. So zeigt auch die 
Psychoanalyse die Tendenz zur Vereinfachung und Verallge- 
meinerung, die alle wissenschaftliche Forschung kennzeichnet. 

Freilich wäre es nicht weiter interessant, zu vereinfachen, 
die äußeren Kundgebungen auf ihre genetischen Triebfedern 
zurückzuführen, wenn nicht durch diese Arbeit wirkliche 
Zusammenhänge aufgedeckt würden. Bestimmte Ereignisse, 
wie etwa die Eiszeiten, die der Geologe durch die Unter- 
suchung der Erdrinde rekonstruiert, mußten zweifellos am 
Werke sein, die Entwicklung der Erde zu ihrem jetzigen Zu- 
stand herbeizuführen. Gleichermaßen entsprechen die prägeni- 
talen Phasen der Sexualität, die Freud vermittels der Er- 
wachsenen-Analyse aufdeckt, tatsächlichen, wenn auch oft ver- 
wickelten Etappen der kindlichen Entwicklung. Sie stehen durch 
eine feste Unterlage von Beobachtungsmaterial gestützt, ein- 
wandfrei erwiesen da, und dürfen mit den Hypothesen und 
den Theorien, auf die wir gleich zu sprechen kommen wer- 
den, nicht verwechselt werden. 

Als genetische Wissenschaft behauptet sich die Psychoanalyse 
trotz des autonomen Charakters der von ihr untersuchten Tat- 
sachen gleichzeitig auf biologischem Gebiete vermöge der 



( 



Rolle, die sie den Trieben zuweist. Denn zu den unterscheiden- 
den Merkmalen der letzteren muß unter anderen ihre von den 
organischen Vorgängen untrennbare Herkunft, sowie ihre Reso- 
nanz in der körperlichen Sphäre hervorgehoben werden. Ebenso 
sind sie es, die dem Seelenleben seinen dynamischen Charak- 
ter verleihen, auf den schon viele Autoren hingewiesen hatten. 
Freud jedoch hat, nach dem Muster der Physik, diesen Be- 
griff der psychologischen Dynamik mit der Energie-Hypothese 
verknüpft und einer der so gebildeten Formen, der Energie der 
Sexualtriebe, den Namen „Libido" gegeben. Die Quantität der 
Libido hängt selbstverständlich von konstitutionellen und so- 
matischen Faktoren, insbesondere von der Drüsentätigkeit ab. 
Die kritischen Entwicklungsperioden — sowohl die prägeni- 
talen (wie etwa die kindliche Sexualität), als auch die vom 
Beginn der Pubertät an einsetzenden genitalen — üben eben- 
falls unleugbaren Einfluß auf ihre Stärke. 

Es ist nicht übertrieben, zu behaupten, daß der in der 
Freud sehen Lehre vorwaltende Leitgedanke darin gipfelt, 
seelische Phänomene dynamisch und energetisch ausgedrückt zu 
denken. Nehmen wir die Adjektiva „bewußt" und „unbewußt". 
Sie bezeichnen hier nicht wie im gewöhnlichen Sprachgebrauch 
eine bestimmte Eigenschaft psychischer Vorgänge : bemerkt zu 
werden oder nicht. Sie bedeuten vielmehr vor allem, daß die 
fraglichen Vorgänge auf eine ganz bestimmte Weise vor sich 
gehen, daß sie in dieser oder jener systematischen Art auf- 
einander wirken. Ihre subjektive Abstufung, die sich ausschließ- 
lich der Introspektion enthüllen könnte, wird nebensächlich. 

Freud hat die Grundzüge dessen, was er ausdrücklich die 
„Systeme" Bewußt und Unbewußt nennt, beschrieben, und so 
in das Studium der seelischen Vorgänge den topischen Ge- 
sichtspunkt eingeführt. Er hat ferner festgestellt, daß der Ab- 
lauf und die Variationen der psychologischen Phänomene durch 
Veränderungen oder Verschiebungen der Energie-Quantitäten 
erklärt werden können, deren Regelung unter anderem auch auf 
die Prinzipien der Lust und der Unlust zurückgeht. Diese letz- 
tere Hypothese, die ökonomische genannt, bildet mit den 



beiden vorhergehenden — der dynamischen und der topischen 
— das, was Freud, sorgsam darauf bedacht, Tatsachen von 
Hypothesen reinlich zu scheiden, mit dem Namen „Meta- 
psychologie" bezeichnet. 

Des spekulativen Charakters der Metapsychologie ungeachtet, 
ist die Psychoanalyse in erster Linie eine empirische 
Wissenschaft. Sie gründet sich auf reale Tatbestände, die an 
Einzelwesen festgestellt wurden, und deren jeder einzelne ein 
Experiment bedeutet, im vollen wissenschaftlichen Sinn dieses 
Wortes. Eine analytische Sitzung stellt eine Stunde voll viel- 
fältiger Beobachtungen dar, die zusammengefaßt für jeden 
Einzelfall eine Fülle von Material ergeben. Ob es sich nun 
um Gefühle, Strebungen, Pläne, Erinnerungen, richtige oder 
vorgefaßte Meinungen, Ängste, Wünsche, Leidenschaften oder 
sonstweiche dem Analytiker mitgeteilte Seelenzustände handelt — 
es sind immer Erfährungen psychologischer Natur, obwohl 
sie sich in Worten, Hemmungen, Veränderungen des Tonfalls 
äußern, wie man sie zur Not auch durch Apparate aufnehmen 
könnte. 

Daß ein so beschaffenes Material der Mühe lohnt, methodisch 
erforscht zu werden, unterliegt keinem Zweifel. Wenn seine be- 
sondere Art es auch von greif- und meßbaren Tatsachen unter- 
scheidet, wie sie auf dem Gebiet anderer Naturwissenschaften 
zu finden sind, so wird ihm dadurch nichts von seinem Wirk- 
lichkeitscharakter genommen. Seine Realität selbst erscheint durch 
seine praktischen Anwendungsmöglichkeiten auf so vielen Ge- 
bieten, die von niemandem bestritten werden, wohl ausreichend 
erwiesen. Ist es denkbar, daß selbst der gelassenste, von jedweder 
Romantik völlig freie Gelehrte seine Arbeit ganz ohne affektive 
Triebfeder, ohne Ambitionen oder vorgefaßte Ideen vollbringen 
kann, oder daß die Maschine, auf die er sich verläßt, nicht das 
Ergebnis einer großen Anzahl Geistesoperationen darstellt ? 

Das Studium, dem sich der Psychoanalytiker widmet, gilt 
demnach durchaus realem Material von entscheidender und 
allgemeiner Tragweite. Innerhalb dieses Materials gab es Ein- 
zelheiten, die in besonderem Maße Freuds Aufmerksamkeit 

— 9 — 



erregten, und zwar waren dies eben jene Regungen, die sich 
am ehesten den Methoden der Experimentalpsychologie ent- 
ziehen. Die genau registrierenden Instrumente des Laboratoriums 
verleihen dieser Wissenschaft in vieler Hinsicht unbestreitbares 
Übergewicht und haben ihr auch die Wege der Psychotechnik 
eröffnet, in der sie viel zu leisten vermag. Doch sind die expe- 
rimentellen Methoden, so fruchtbar sie sich auch erweisen, 
wenn es gilt, das Gedächtnis, die Aufmerksamkeit, das geistige 
Niveau, mit einem Worte : die Fähigkeiten, zu messen, zur 
Erforschung der Affektivität und der Gefühle nicht geeignet, 
ja sie beeinträchtigen sogar die spontane Gefühlsäußerung und 
verhindern demzufolge das Eindringen in die Gesetze ihrer 
Dynamik. Hier hat die Methode der freien Assoziationen 
in die Bresche zu treten, dank der diese für die Persönlichkeit so 
überaus bedeutsamen Erscheinungen aufgehellt werden können. 

Ja noch mehr, die auf den ersten Blick so einfache und 
unscheinbare Technik Freuds bringt es zustande, im Verlaufe 
der Analyse bis dahin unbewußt gebliebene Seelenzustände 
hervortreten zu lassen, sie der Beobachtung zugänglich zu 
machen und ihre Entwicklung von Tag zu Tag aufzuzeigen. 
Es ist ohne weiteres einleuchtend, daß selbst der vollkommenste 
Apparat, das exakteste Laboratoriumsgerät, nicht jene Situation 
der „affektiven Beziehung" zu erzeugen vermöchte, in der sich 
der Analysand dem Analytiker gegenüber befindet. Dieses 
eigenartige Phänomen, das wir Übertragung nennen (eine 
Bezeichnung, die auf dessen dynamische Natur hinweist) tritt 
in allen Intensitätsgraden in Erscheinung, und kann weder in 
Bezug auf seinen Ursprung noch auf seine Erscheinungsform 
ohne Zuhilfenahme der Freudschen Technik wissenschaftlich 
ergründet werden. 

Gewisse der Übertragung verwandte Affektzustände waren 
seit jeher bekannt. Ihr Einbruch in das tägliche Leben kann 
plötzlich oder allmählich vor sich gehen und vermag bestehende 
soziale Bindungen zu verschönern oder zu vergiften. Dramatiker 
haben sie zum Gegenstande ihrer ergreifendsten Meisterwerke 
gemacht, Beichtiger haben versucht, sie wohlwollend zu be- 

— 10 — 



greifen oder sie mit Strenge verurteilt, die Psychologen endlich 
beschreiben immer wieder die Abläufe der Gefühle und Leiden- 
schaften. Freuds Psychoanalyse jedoch hat dieses rein be- 
schreibende Stadium, durch das jede Wissenschaft hindurchgehen 
muß, überschritten und zum ersten Male ein methodisches 
Mittel an die Hand gegeben, in die tiefen und unbewußten 
Mechanismen dieser Seelenzustände forschend einzudringen. 
Wiewohl sie auf jegliches experimentelle Handwerkszeug Ver- 
zicht leistete, ist es ihr dennoch gelungen, diese Er- 
scheinungen (als deren Grundform die Übertragung in allen 
ihren Varianten gelten kann) einer genauen Beobachtung zu 
unterziehen, ja dieselben sogar vor den Augen des Unter- 
suchenden zu erzeugen und wieder verschwinden zu machen, 
was einem regelrechten Experiment gleichkommt. 

Der subjektive Charakter eines Großteils des Materials, auf 
das die Freud sehe Methode Anwendung findet, müßte — so 
scheint es — genügen, sie in absoluten Gegensatz zu den 
Prinzipien der behaviouristischen Psychologie zu setzen, da 
deren orthodoxe Anhänger tatsächlich die Forderung aufstellen, 
daß man sich an die Feststellung des von außen Wahrnehmbaren 
zu halten habe, ohne die Bewußtseinszustände in die Unter- 
suchung mit einzubeziehen. 

Dennoch ist die Divergenz der beiden Standpunkte nicht so 
tiefgreifend, da auch der Psychoanalytiker dem Verhalten der Indi- 
viduen sein Augenmerk zuwendet. Die mannigfachen Formen, 
in denen sie von Anbeginn auf die Grundregeln der Freud sehen 
Technik reagieren, stellen ebenfalls immer ein Verhalten dar, 
dessen systematische tägliche Beobachtung umso aufschlußreicher 
ist, als es unter den gewöhnlichen Bedingungen des Alltags- 
lebens nie in dieser Weise zustandekommt. Da die analytische 
Situation einzig in ihrer Art ist, wird die Art des Verhaltens 
der in ihr Befindlichen selbst dem scharfsinnigsten Behaviouristen 
stets verborgen bleiben, wenn er sich der Anwendung der 
analytischen Methode verschließt. 

Wenn also die Psychoanalyse in gewisser Hinsicht die Ver- 
haltungsweisen vielleicht in ausgedehnterem Maße beobachtet 

_ 11 — 



als der Behaviourismus, so ist sie dabei in erster Linie darauf 
bedacht, deren Ursachen zu entdecken, indem sie aus dem 
subjektiven Material schöpft, einem spezifisch psychologischen 
Material, das indes, wie wir oben gezeigt haben, durchaus 
real und wissenschaftlicher Erforschung zugänglich ist. Dieser 
subjektive Charakter der beobachteten Tatsachen darf uns 
jedoch nicht vergessen lassen, daß in der Lehre Freuds die 
Korrelation der Erscheinungen, die Wirkung, die diese wechsel- 
seitig auf einander ausüben, kurz ihre funktionale Rolle und 
Wirksamkeit viel bedeutsamer sind als ihre Inhalte. 

Nehmen wir ein Beispiel : Wenn vom Prinzip der Lust 
und des Schmerzes, Lust - Unlust - Prinzip, die Rede ist, 
auf das wir bereits hingewiesen haben, so werden diese 
beiden Bezeichnungen nicht im gewöhnlichen Wortsinn einer 
für andere nicht nachprüfbaren inneren Erfahrung verstanden, 
sondern bezeichnen vor allem gewisse dynamische und 
energetische Prozesse, die Freud übrigens präzisiert hat, 
und deren regulierende Tätigkeit sich auch auf andere seelische 
Erscheinungen erstreckt. Ebenso ist die Bezeichnung „Libido" 
niemals gleichbedeutend mit „Sexualgenuß", sondern ein energeti- 
scher Begriff. Es erscheint nicht unnötig, auf diese kühl wissen- 
schaftliche Betrachtungsart Nachdruck zu legen. Sie hat ihre 
innere Begründung. Denn, wie nun einmal die Tatsachen be- 
schaffen sind, mit denen die Psychoanalyse sich befaßt, wäre 
man leichter als auf anderen Gebieten versucht, dem persönlichen 
Koeffizienten des Werturteils Einfluß einzuräumen. 

Zweifellos kann der Analytiker bemüht sein, sich ein treues 
Bild vom Innenleben seines Patienten zu machen, in teil- 
nehmendem, intuitivem Verhältnis dessen Freuden und Sorgen 
mitzufühlen. Doch seine eigentliche Aufgabe erschöpft sich nicht 
in diesem Versuch einer vollkommenen Einfühlung — weit 
entfernt davon ! Es handelt sich vor allem darum, das durch 
die freien Assoziationen gelieferte Material in Evidenz zu halten, 
es nach bereits bekannten Gesetzen zu ordnen, durch Analogien 
und durch Vergleichungen vorwärts zu schreiten, wobei die 
bereits gezogenen Schlußfolgerungen immer wieder umso ge- 

— 12 — 



wissenhafter und sorgfältiger nachgeprüft werden müssen, als 
eigentliche Messungen hier nicht durchführbar erscheinen. 

Es ist unvermeidlich, daß der Faktor der „persönlichen Glei- 
chung", um einen Ausdruck der Astronomen zu gebrauchen, 
dieser Arbeit in die Quere kommt. Doch ist dies eine Fehler- 
quelle, die auch bei den Forschungen der exakten Wissen- 
schaften nicht ganz auszuschalten ist, und sie reduziert sich auf 
ein Minimum, wenn der Analytiker sich an die peinlich genaue 
Anwendung der wesentlichen Prinzipien der Methode hält. Dies 
ist, wie übrigens auch bei weniger komplizierten Verfahren, nur 
mittels eines speziellen Lehrganges, der dann durch die Erfahrung 
ergänzt wird, zu erreichen. Das Leitmotiv der psychoanalytischen 
Arbeit ist demnach ihre rationale Einstellung. Allen ihr an- 
haftenden Hindernissen zum Trotz ist den inneren Evidenzen 
und Überzeugungen kaum Spielraum gelassen. 

Zu diesem Gegenstande muß übrigens bemerkt werden, daß 
unter den bekanntesten und geläufigsten Begriffen der Psycho- 
analyse nur wenige der Bestätigung durch das introspektive 
Denken zugänglich erscheinen. Verdichtung, Verschiebung, Identi- 
fizierung, das Ich, das Über-Ich, um nur einige Beispiele zu 
geben, verschließen sich jedem Versuch einer direkten Wahr- 
nehmung, und ebenso steht es — unnötig, das hinzuzufügen — 
um das Unbewußte. Wenn diese Ausdrücke, zu denen sich 
noch manche andere gesellen, jetzt unseren Wortschatz bereichern, 
so ist dies nicht deshalb der Fall, weil sie neuen Erfahrungen 
unseres Inneren, bisher mißverstandenen Seelenzuständen ent- 
sprechen, die eine feinere und genauere Introspektion zutage 
gefördert hat. Sie werden auf Begriffe angewendet, die uns 
zur Aneinanderreihung und Erhellung der durch die psycho- 
analytische Untersuchung enthüllten Gesamtheit der Persönlich- 
keitsreaktionen unentbehrlich geworden sind. Es sind vielleicht 
abstrakte Begriffe, Ideen, die in erster Linie Erklärungswert 
besitzen. Sie beinhalten ein gewisses Maß von Hypothese 
und Theorie, doch sind sie es, mit deren Hilfe Freud 
dahin gelangte, die Masse der Einzelbeobachtungen — von den 
typisch neurotischen Symptomen bis zu den „Fehlhandlungen" 

— 13 — 



im Alltagsleben, die man vor ihm dem „Zufall" zugeschrieben 
hatte — allgemeinen Gesetzen einzuordnen, wobei er (immer 
auf streng induktivem Wege fortschreitend) die Regelgebundenheit 
der Tatsachen, und womöglich ihre gegenseitige Determiniertheit 
feststellte. 

In der Psychologie hat kein zweiter Versuch dieser Art (dessen 
absolut wissenschaftlicher Charakter nicht bezweifelt werden 
kann) je eine derartige Entwicklung erlebt. Selbstverständlich 
muß man, um seine Bedeutung gebührend zu werten, die Me- 
thode selbst gründlich kennen. Nur Forscher, die mit einer 
einheitlichen Technik arbeiten, können die Verschiedenheit ihrer 
Erfahrungen nutzbringend vergleichen. Wenn ein Physiker er- 
klären würde, daß er mit seinem Luftballon die wissenschaft- 
lichen Resultate nicht bestätigen könnte, die von einem kühneren 
Forscher mit Hilfe eines neuen Aerostats heimgebracht werden, 
so müßte dieser mit Recht fordern, daß man sich der Mühe 
unterziehe, die Atmosphäre mit seinem Apparat zu erforschen, 
ehe man daran gehe, seine Resultate anzuzweifeln. 

Theorien . . . Hypothesen . . . Ideen . . . Darf eine der 
Bezeichnung Wissenschaft würdige Lehre sich wirklich gestatten, 
von diesen Dingen derartigen Gebrauch zu machen ? Gibt nicht 
unter anderen die Medizin das Beispiel einer viel objektiveren 
Methode? öffnen wir doch ein neurologisches Lehrbuch und 
halten wir darin nach Hypothesen oder abstrakten Begriffen 
Ausschau ! Da und dort sind ein paar zu finden, doch verhält- 
nismäßig sehr wenige. Das Beobachtungsmaterial wird ungemein 
nüchtern ausgedeutet; eine Erfahrung erläutert die andere. Trotz- 
dem kommt man vorwärts, ohne, von seltenen Fällen abgesehen, 
zu „erklärenden Ideen" seine Zuflucht nehmen müßte. Man 
vergegenwärtige sich einmal, welche Aufnahme eine „Meta- 
neurologie" finden würde ! 

Die gleiche Überlegung drängt sich auf, wenn man sich anderen 
medizinischen Disziplinen zuwendet, gleichgültig ob sie, um nur 
zwei Extreme zu zitieren, wie die Anatomie, in erster Linie 
dem beschreibenden, oder wie die Pharmakologie dem experi 

_ 14 _ 



mentellen Typus, angehören. Das kommt daher, daß wir es hier 
in Wirklichkeit mit „abgeleiteten Wissenschaften" zu tun haben, 
die letzten Endes die Gesetze der Physik und Chemie für sich 
in Anspruch nehmen. Das ist so wahr, daß selbst die Bezeich- 
nung „biologisch" — die ausnahmslos auf jede von ihnen an- 
gewandt werden kann und auf ihr gemeinsames Ziel, das Studium 
des Lebens hindeutet — in ihrer modernen wissenschaftlichen 
Anwendung, der Ethymologie des Wortes zum Trotz, jeden 
Berührungspunkt mit den „vitalistischen" Lehren verloren hat. 
Zweifellos ein paradoxer Tatbestand, dessen Ursache in der 
heutzutage scharf ausgeprägten Tendenz wurzelt, die Lebens- 
vorgänge unbedingt auf Erscheinungen innerhalb der Welt des 
Anorganischen zurückzuführen. 

Wie gehen anderseits die Fundamentalwissen- 
schaften, wie die Chemie und die Physik, diese beiden eng 
verbundenen Zwillingsschwestern, vor? Welches sind ihre all- 
gemeinen Grundzüge ? Hier finden wir wieder zur Erklärung 
der Tatsachen eine Fülle von Theorien, Hypothesen, Begriffen 
jeglicher Art, von denen man nicht genau weiß, ob sie geschauten 
Dingen oder Anschauungen des Geistes Ausdruck geben. Dem 
Studenten der Chemie wird gelehrt, daß die molekulare Struktur 
der Körper aus Ketten von Elementen besteht, die, je nachdem, 
ob man die Endglieder vereinigt oder nicht, geschlossen oder 
offen sind. Der Novize würde wünschen, daß man ihm eine 
Kette von ausreichender Länge anfertige, damit er deren Bild 
auch nur ein einziges Mal im Mikroskop betrachten könne! Ist 
nicht die Atomtheorie und sogar der Atombegriff gänzlich hypo- 
thetisch? Die Physiker anderseits definieren die Materie durch 
die elektrische Ladung, während die Elektronen, sobald man 
ihnen an den Leib rückt, Miene machen, sich in körperlose 
Wellen aufzulösen. Spricht man nicht sogar von Energie-Aus- 
tausch, während doch diese Energie selbst, ein ungreifbarer 
Proteus, jedem direkten Zugriff entschlüpft und bloß in ihren 
Kundgebungen bekannt ist? Was die Idee von der Erhaltung 
der Kraft anlangt, so hat sie entscheidende Bedeutung erst 
erlangt, als die Gelehrten sie als Prinzip aufstellten. 

— 15 — 



Hypothesen, Begriffe, Theorien, Prinzipien weder die 

Physik noch die Chemie könnten, wie wir gesehen haben, ihrer 
entraten, sobald es ans Erklären geht. Für die abgeleiteten 
Wissenschaften hingegen, die sich auf einem beschränkteren 
Felde bewegen, liegt die Situation von vornherein anders. Da 
sie den Fundamentalwissenschaften, zu denen sie sich übrigens 
hartnäckig zählen, die Sorge überlassen, die am schwierigsten 
zu lösenden Probleme aufzuhellen, können sie ihren eigenen 
Bedürfnissen mittels rein technischer und objektiver Methoden 
abhelfen. 

Dieser Gegensatz zwischen den Charakteren der fundamen- 
talen und der abgeleiteten Wissenschaften geht aus den neuesten 
Veröffentlichungen eindeutig hervor. l Es scheint sogar, daß die 
ersteren, deren allgemeine und abstrakte Begriffsformulierungen 
in Bezug auf Reichhaltigkeit und Kühnheit den Theorien und 
Prinzipien der Psychoanalyse keineswegs nachstehen, gelegentlich 
an metaphysische Konstruktionen grenzen. Es würde sich, wenn 
man für einen Augenblick ihre empirische Seite im Schatten 
ließe, herausstellen, daß sie von philosophischem Geiste durch- 
tränkt sind. 

Welcher Kategorie soll die von Freud erarbeitete Wissen- 
schaft zugerechnet werden ? Das Vorangegangene ergibt auf den 
ersten Blick, daß sie, ebenso wie die Psychologie, der sie den 
wertvollsten Beitrag geliefert hat, die wesentlichen Charakteristika 
einer Fundamentalwissenschaft besitzt. Die Neurologie hingegen, 
die Pharmakologie sowie die übrigen Zweige der Medizin, sind 
durchwegs, wie wir weiter oben festgestellt haben, abgeleitete 
Wissenschaften. 2 

1) L'orientation actuelle des sciences, Paris 1930. (Vorträge, gehalten an 
der Ecole Normale Superieure von den Herren Perrin, Langevin, Urbain, 
Lapicque, Perez, Plantefol.) 

2) Mit Absicht erwähne ich hier nicht die Psychiatrie, die wissenschaftlich 
einen Platz für sich einnimmt. Auch sie leitet sich letzten Endes von der 
Physik und der Chemie ab, doch rechnet sie sich gleichzeitig als zur Psychologie 
gehörig. Wenn man hinzufügt, daß sie unablässig soziale Probleme angeht, 
so muß sie als die vielfältigste und am schwierigsten einzuordnende medi- 
zinische Disziplin bezeichnet werden. 

— 16 — 



Da sie das Studium der psychologischen Funktionen der 
Persönlichkeit zum Gegenstand gewählt hat, wäre es der 
Psychoanalyse ganz unmöglich — wiewohl eine ihrer Unter- 
lagen, die Theorie der Triebe, auf der Biologie fußt — sich 
zu den anderen Disziplinen zu rechnen. Vergeblich würde man 
in den doch so überaus genauen Beobachtungen der Physiker 
und Chemiker nach Andeutungen irgend eines psychischen 
Vorganges Ausschau halten. Auch nicht eine einzige ihrer ge- 
wagtesten Konzeptionen versteigt sich dahin, so reale Begriffe, 
wie „geistige Tätigkeit", „Wunsch" oder „Gefühl" auch nur 
zu streifen. Und wenn Freud selbst sich bestrebt hat, diese 
Kategorien in dynamischem und energetischem Sinne zu ge- 
brauchen, so geschah dies aus methodologischen Gründen. Es 
liegt kein Anzeichen dafür vor, daß sie je auf das vom Phy- 
siker bearbeitete Gebiet übergreifen könnten! 

Fraglos muß das Individuum als psycho-biologische Entität 
angesehen werden, was die klinische Beobachtung und der 
einfache Menschenverstand täglich zeigen. Doch zu behaupten, 
daß die seelischen Vorgänge physico-chemische Phänomene sind, 
die sich nur durch ihre kompliziertere Beschaffenheit von den 
körperlichen unterscheiden, heißt sich in eine Sackgasse begeben. 
Es handelt sich hier um eine Tatsachengruppe sui generis, 
deren Untersuchung einzig und allein in den Aufgabenkreis 
einer Fundamentalwissenschaft fällt. Und dies war stets die 
Psychologie. 

Diese jedoch, von den Bemühungen, sich von der Bevor- 
mundung durch die Philosophie zu befreien, in Anspruch ge- 
nommen, begann, vielleicht aus übertriebener Vorsicht, sich in 
experimentellen und technischen Bahnen zu verschanzen. Auf 
dem Gebiete des affektiven Lebens hat sie Arbeiten von be- 
wunderungswürdiger Exaktheit der Beschreibung und durch- 
dringendem Scharfblick hervorgebracht, und ist dem gerecht- 
fertigten Ehrgeiz, sich stets völlig objektiv zu verhalten, treu 
geblieben. Doch wirft sich die Frage auf, ob sie nicht allzu 
sehr vergessen hat, daß eine Fundamentalwissenschaft, die sich 
mit den letzten, nicht mehr reduzierbaren Tatsachen, sozusagen 

PjA. Bewegung V 17 „ 



mit dem „Urgrund der Dinge" und den rätselvollsten Per- 
spektiven befaßt, der Hilfe nicht entraten kann, die allein 
theoretische Konstruktionen ihr zu bieten vermögen. 

Freud hat sich entschlossen, diesen Weg einzuschlagen. 
Seine Konzeptionen, die auf einer breiten Grundlage von 
Tatsachenmaterial ruhen, sind kühn wie die der modernen 
Physik, doch nehmen sie so wenig wie diese „Unfehlbarkeit" 
für sich in Anspruch. Freud hat einige von ihnen auf Grund 
späterer Beobachtungen abgeändert, andere revidiert. Ein stets 
wachsender Kreis von Schülern bestätigten die Richtigkeit seiner 
Ansichten, deren praktische Anwendung sich unaufhaltsam auf 
immer weitere Gebiete überträgt. Wenn sein Werk bei Dichtern 
und Schriftstellern starkes Interesse erregt, so ist dies mit ein Beweis 
dafür, daß es die tiefsten Menschheitsfragen anrührt. Sobald 
hingegen, gelegentlich von Sachkenntnis ungetrübte, Anwürfe 
aus dem Publikum dieses Werk leidenschaftlich angreifen, ist 
es Sache der Wissenschaftler — auf welchem Spezialgebiet sie 
auch arbeiten mögen — dessen streng wissenschaftlichen Cha- 
rakter freimütig anzuerkennen. ' 



l) Von einer Bibliographie muß hier abgesehen werden. Ich beschränke 
mich darauf, das Werk von Heinz Hartmann (Die Grundlagen der Psycho- 
analyse, Leipzig 1927) anzuführen, das eine ausgezeichnete Darlegung der 
wesentlichen Grundlagen der Freud sehen Lehre enthält, von denen in 
diesem Artikel bloß einige wenige skizziert werden konnten. 



jiirmfriMimimiimmjmiMniiiJüiJHmrmjmiimiiiiJiiHiiimiimfmiiNimimiJimimiiioimiiniiiiiiimiiiii 

— 1 s — 



Zur Psychologie des Zyniker? 



Von 

Edmund Bergler 

Wir haben so oft Gelegenheit gehabt, die Gefühlsambivalenz im 
eigentlichen Sinne, also das Zusammentreffen von Liebe und Haß gegen 
dasselbe Objekt, an der Wurzel wichtiger Kulturbildungen aufzuzeigen. 
Wir wissen nichts über die Herkunft dieser Ambivalenz. Mann kann die 
Annahme machen, daß sie ein fundamentales Phänomen unseres Ge- 
fühlslebens sei. 1 Aber auch die andere Möglichkeit scheint mir wohl 
beachtenswert, daß sie dem Gefühlsleben ursprünglich fremd, von der 
Menschheit an dem Vaterkomplex (respektive Elternkomplex) erwor- 
ben wurde, wo die psychoanalytische Erforschung des Einzelmenschen 
heute noch ihre stärkste Ausprägung nachweist. 
Freud („Totem und Tabu". Gesammelte Schriften X, Seite 189). 

Ihr habt das Recht, gesittet Pfui zu sagen. 

Man darf das nicht vor keuschen Ohren nennen, 

Was keusche Herzen nicht entbehren können. 

Und kurz und gut, ich gönn' Ihm das Vergnügen, 

Gelegendich sich etwas vorzulügen; 

Doch lange hält Er das nicht aus. 

Du bist schon wieder abgetrieben, 

Und, währt es länger, aufgerieben, 

In Tollheit oder Angst und Graus. 

Genug damit! 

Goethe (Mephisto in Faust I.) 

Ist es wirklich groß, das Große? 

Ibsen. 

Den Ausgangspunkt dieser Arbeit bildete ein Problem, das 
sich dem Verfasser bei der Untersuchung des Plagiats " ergab. 
Bei der Darstellung der Psychogenese des Plagiats zeigte es sich, 
daß eine der vielen Plagiatformen — im ganzen gibt es etwa 
zwei Dutzend — die des zynischen Plagiats ist. Eine Plagiat- 
form, bei welcher der ertappte Plagiator angibt, er sehe nicht 
ein, warum man nicht plagiieren solle, oder, man könne, als 
vielbelesener Mensch zwischen Mein und Dein im Geistigen 
nicht genau unterscheiden und sei oft nicht in der Lage, an- 

1) In seinen letzten Arbeiten spricht Freud von der Polarität der Lebens- 
und Todestriebe. 

2) Das Plagiat. Deskription und Versuch einer Psychogenese einiger Spe- 
sialformen. Psychoanalytische Bewegung 1932, Heft 5, Seite 393 ff. 

— 19 — 



zugeben, ob die als Plagiat bezeichnete Stelle nicht schon ir- 
gendwo und irgendwann gelesen wurde. Es mußte in der 
zitierten Arbeit über das Plagiat unter Angabe der psychoana- 
lytischen Literatur über den zynischen Witz (Freud, Reik, 
Hitschmann) angeführt werden, daß in diesen Arbeiten 
ausschließlich Angaben über den Mechanismus des zynischen 
Witzes enthalten sind, daß aber solche über die Psychologie 
des Zynikers vollkommen fehlen, wir also, soweit 
das psychoanalytische Schrifttum in Betracht kommt, über den 
Zyniker nichts wissen. 1 

Was ist ein Zyniker? Die übliche Antwort, es sei dies ein 
Mensch, der zynische Witze „mache", ist offenbar wertlos, da 
Zynismus sich mit dem Begriff des zynischen Witzes keines- 
wegs deckt und der zynische Witz bloß eine Unterabteilung 
des umfassenderen Begriffes Zynismus darstellt. Man hat über 
das Wesen einer Bibliothek nichts ausgesagt, wenn man ein 
Buch dieser Bibliothek nennt. Eine andere Alltagsantwort 
lautet, ein Zyniker sei ein Spötter, der sich über alles lustig 
mache und nichts Großes gelten lasse. Auch diese Angabe 
trifft nicht das Wesentliche, weil sie mit einem scheinbaren 

l) Nach Abschluß der Arbeit, im Zeitpunkt des Lesens der Korrektur, habe 
ich erfahren, daß noch zwei Äußerungen von Psychoanalytikern zum Zynis- 
musproblem vorliegen. Die erste ist eine Bemerkung Wintersteins 
(„Psychoanalytische Bemerkungen zur Geschichte der Philosophie" Ima/fo 
IL 1913 S. 209): * s 

Es gibt ja zwei Möglichkeiten, mit der lästigen Sexualität fertig zu werden : 
Entweder man verdrängt seine Libido oder man entledigt sich ihrer durch 
fortgesetzte Realübertragung. Das zweite Verfahren, durch rücksichtslose 
Hingabe an die Natur ihrer überdrüssig zu werden, das Schwelgen „in 
impuns naturahbus" (Nietzsche) scheint dann wieder in der Schule der 
Kyniker aufzuleben. Diese will aber durchaus nicht den Menschen von der 
Welt ablösen, sondern nur den Einzelnen mitten in der Welt von deren 
Herrchaft über seinen Willen freimachen. Der Zynismus entspringt nämlich 
im letztem Grunde nicht einer freudigen Wertschätzung der natürlichen 
Triebe, sondern einer Erniedrigungstendenz im Sinne einer Ablehnung. So 
paradox es auch klingt, der Überempfindliche wehrt sich oft durch Zynismen 
(ein Schutzcharakter des Schamhaften). Sowie ein Feigling, wenn er gereizt 
wird, am gefährlichsten werden kann. 

Die zweite Arbeit ist ein nicht publizierter Vortrag F e d e r n s aus dem 
Jahre 1913, dessen Inhalt unbekannt ist. 

— 20 — 



Axiom arbeitet — „das Große" — •, das eben kein Axiom ist, 
denn der Begriff „das Große" ist für viele Menschen höchst 
different. Da ein einheitlicher Maßstab für „das Große" fehlt, 
ergäbe dies, daß das, was dem Einen ein grenzenloser Zynis- 
mus erschiene, dem Anderen wieder bloß eine platte Banalität 
darstellt. Ein weiterer Einwand gegen diese Definition ergibt 
sich daraus, daß Witz und Spott wohl häufig zynische Requi- 
siten sind, daß es aber Behauptungen gibt, die mit vollstem 
Ernst vorgebracht werden und keine Spur von Hohn, Sich- 
lustig-machen und Spott enthalten und die doch als Zynismus 
angesprochen werden müssen. Eine dritte landläufige Angabe 
lautet, Zyniker seien schamlose Gesellen, die weder die natür- 
liche Scham noch die konventionelle Höflichkeit respektieren. 
Somit wäre jeder Flegel ein Zyniker, eine Behauptung, die 
den Nonsens dieser „Erklärung" zur Genüge aufzeigt. Eine 
vierte, häufig geäußerte Ansicht über den Zynismus erklärt 
wieder, ein Zyniker sei ein Mensch, der allen anderen Men- 
schen die Wahrheit ins Gesicht sage. Abgesehen davon, daß 
die „Wahrheit" wieder nichts Feststehendes ist und von ver- 
schiedenen Menschen sehr Verschiedenes als Wahrheit bezeich- 
net wird, kann auch diese Definition nicht weit tragen, denn 
nicht jede Wahrheit ist ein Zynismus. Wenn ich zum Beispiel 
feststelle, daß die Wiener Ringstraßenallee mit Bäumen be- 
pflanzt ist, habe ich eine Wahrheit aber keinen Zynismus ge- 
sagt. Es müssen also ganz „spezielle" Wahrheiten sein, die der 
Zyniker sagt, offenbar Wahrheiten, die sich auf das „Große" 
beziehen. Und hier beginnt wieder der Circulus vitiosus : Was 
ist das „Große" ? 

Ziehen wir ein Wörterbuch der philosophischen Begriffe zu 
Rate, z. B. das von Eisler : 

Zynismus : Philosophie und Lebensweise der Zyniker, dessen Be- 
gründer Antisthenes war. Prinzip der Zyniker (Name vom Lyzeum 
xuvooapYY)?, in welchem Antisthenes lehrte) ist Natürlichkeit, Einfach- 
heit des Lebens, extreme Bedürfnislosigkeit, in der sich besonders 
Diogenes von Sinope auszeichnete. Die Tugend gilt als das einzige 
Gut. 

— 21 — 



Zynismus im weiteren Sinne : Verachtung alles Formalen im Be- 
tragen, Verhöhnung aller Normen und Sitten, Spott über alles Hohe, 
Schamlosigkeit. 

Wir sind also genau so klug als wie zuvor und werden 
höchstens auf die Tatsache aufmerksam gemacht, daß die Alten 
offenbar unter Zynismus etwas ganz anderes verstanden, als 
wir. „Natürlichkeit, Einfachheit des Lebens, extreme Bedürfnis- 
losigkeit, Tugend", das hat wohl mit dem, was wir heute 
unter Zynismus verstehen, nicht das Geringste zu tun. 

Eine genaue Durchsicht der zynischen Lehren zur Zeit der 
Blüte des griechischen und römischen Zynismus ergibt einige 
Gemeinsamkeiten und vor allem Differenzen zum heutigen 
Zynismus. Trotzdem wäre es falsch, behaupten zu wollen, der 
Zynismus der Alten hätte für uns kein Interesse. Schon des- 
halb, weil man bei der Feststellung, X. Y. sei ein Zyniker, 
immer hinzufügen müßte, welchen Zynismus man eigentlich 
meint: Den der Alten oder den „modernen". Außerdem 
darf man vermuten, daß gewisse psychische Gemeinsamkeiten 
vorhanden sind und es eine willkommene Stütze jedes Erklä- 
rungsversuches wäre, wenn ähnliche Mechanismen schon bei 
den Alten zu ahnen oder zu rekonstruieren wären. 

Wir bekommen einen guten Überblick über das Wesen des 
griechischen und römischen Zynismus bei Bernays 1 : 

„Zu den vielen irrigen Vorstellungen, welche über das eigentüm- 
liche Wesen der Hellenen im Umlauf sind, gehört auch diese weit- 
verbreitete, daß sie in einem mehr oder minder veredelten heiteren 
Lebensgenuß das Ziel des Daseins gesucht und leichter als andere 
Völker es auch darin gefunden haben; daß jenen harmonisch ange- 
legten Menschen das sittliche Ringen mit der Außenwelt unnötig und 
daher auch die davon unzertrennlichen Seelenkämpfe unbekannt ge- 
wesen seien ... Ein athenischer Bürger, Antisthenes (geboren 426 v. Ch.) 
war der erste, welcher eine ausgebildete ethische Lebensregel auf 

1) Jakob Bernays „Lukian und die Kyniker", Berlin 1879, Verlag 
Herz. Es ist dies eine sehr geschickte Verteidigung des von Lukian („De 
morte Peregrini") angegriffenen Zynikers Peregrinus. Bernays weist auf 
Grund von Tatsachen nach, daß die Lukianisdie Arbeit ein Pamphlet dar- 
stellt. Die Arbeit Lukians findet sich im Band II der Gesamtausgabe der 
Lukianischen Werke im Propyläen-Verlag. Ebendort eine Reihe anderer 
Arbeiten Lukians über und gegen die Zyniker. 

— 22 — 



dem Satz gründete, daß der wahre Quell der inneren Freiheit die 
Entsagung sei. So lange man den verschiedenen Lebensgenüssen 
nachjage, verzettele man seine beste Kraft im Kampfe mit den großen 
und kleinen Mächten der von dem Einzelmenschen doch nicht zu 
bezwingenden Außenwelt, die wenigsten Genüsse sind erreichbar und 
die erreichten werden bald schal. Statt nachträglich und ermüdet und 
im besonderen Falle verzichten zu müssen, sei es besser, von vorn- 
herein ohne die sichere Enttäuschung abzuwarten, 
sich von der Skaverei des Begehrens durch eine 
allgemeine Entsagung zu befreien und die volle Kraft 
für die Arbeit an der eigenen Vervollkommnung und für das rich- 
tige Handeln zusammenzuhalten . . . Das Gymnasium, in welchem 
Antisthenes lehrte, trug den vielfach legendarisch gedeuteten, aber noch 
nicht aufgeklärten Namen „Kynosarges", dessen erste zwei Silben 
das griechische Ohr „Hund" vernehmen lassen, und da war es wohl 
unvermeidlich, daß Spötter den Philosophen, der ein alles Schmuckes 
und aller Lust bares, also ein „Hundeleben« predigte, auch 
selbst einen Hundephilosophen, Kyniker, nannten . . . Herausfordern- 
der trat sein Schüler Diogenes auf. Ihm schien Antisthenes nicht mit 
hinlänglichem Ernst seine . Lehren in seinem Leben zu verwirklichen, 
er nannte ihn eine Trompete, die ihren eigenen Schall nicht ver- 
nehme. Er selbst suchte die von Antisthenes gelehrte Bedürfnis- 
losigkeit (a&Tapxeta) systematisch in seinem täglichen Leben nach 
allen Seiten auszuprägen, um durch sie geschützt und unfaßbar ge- 
worden, nun auch seiner inneren Freiheit (IXsuS-epia) den un- 
gebundensten Ausdruck im Wort (wapp-ijot'a) geben zu kön- 
nen. Obdachlos und besitzlos zog er als wandernder Bettler, den 
Ranzen auf dem Rücken, den Stecken in der Hand, ohne Unter- 
kleid, mit doppeltgelegtem Mantel auf den Straßen umher, gern sich 
zu den sittlich Gesunkenen gesellend und den Vornehmen jeder Gat- 
tung, den Reichen sowohl, wie den Gelehrten, derbe und bittere 
Wahrheiten entgegenschleudernd, die fast immer in ein Witzwort 
von eigenartiger, gleichsam versengender Kraft eingekleidet waren 
und unauslöschlich im Gedächtnis der Menschen haften blieben . . 
Nach Diogenes Tode war der Name Kyniker eine von Freund und 
Feind gebrauchte herkömmliche Bezeichnung für die Anhänger seiner 
Richtung, welche mit bald vermindertem, bald vermehrtem Einfluß bis 
in die byzantinische Zeit sich behauptet hat, ohne während der acht 
Jahrhunderte ihres Bestehens über die Grundzüge hinauszugelangen, 
welche ihr eigentlicher Stifter Diogenes vorgezeichnet hat. Sie ist auch 
in ihren edelsten Vertretern nie etwas anderes gewesen, als ein 
praktischer Protest einzelner gegen die Leiden, 
Torheiten und Sünden einer in entseelter Form erstarrten, 

- 23 — 



dem Untergang geweihten Zivilisation und ein Versuch, aus dem all- 
gemeinen Schiffbruch die Freiheit des Individuums zu retten. 
Weder eine wissenschaftliche Entwicklung ward von den Kynikern 
eingeleitet, denn sie hatten die Forschung grundsätzlich der 
Askese geopfert, noch bezweckten sie mit der Propaganda, 
welche sie allerdings eifriger und eindringlicher als die übrigen 
Philosophenschulen betrieben, die Stiftung einer geordneten Gemein- 
schaft, sie wollten nur von der sie umgebenden bürgerlichen Gesell- 
schaft, die ihnen in Auflösung begriffen schien, sich selbst und mög- 
lichst viele andere loslösen und erlösen. 

In dem ersten Jahrhundert nach Diogenes, so lange die Todes- 
zuckungen des alten Hellas noch fortdauerten, fanden sich bedeutende 
Männer, die dem Beispiel des Kyon folgten und in seiner Weise, 
wenn auch ohne das Gewicht seiner Persönlichkeit, die laute Absage 
gegen die umgebende Welt erneuerten. Als aber die Agonie vorüber 
und der stille unempfindliche Tod da war, erloschen in Hellas die 
Kyniker für längere Zeit. Ein neuer und unendlich weiterer Schau- 
platz eröffnete sich dem Kynismus erst wieder, als auch die helleni- 
sierte römische Zivilisation ihrer Auflösung entgegenging. Die wilde 
Geschmacklosigkeit des Luxus, die im kaiserlichen Rom bereits einriß, 
sowie der Druck einer die halbe Erde in einen großen Käfig ver- 
wandelnden persönlichen Gewalt, mußten manche edlere Menschen 
wieder geneigt machen, sich in ihre innere Freiheit durch Bedürfnislosigkeit 
zu sichern ... In Rom und Athen fanden sich schon im ersten und 
zu Anfang des zweiten Jahrhunderts n. Ch. Männer von hohem An- 
sehen, wie Demetrius und Demonax, die sich offen zum Kynismus 
bekannten und die Kyniker der Kaiserzeit gewannen bald einen 
größeren Einfluß, als die älteren Kyniker in Hellas je ausgeübt 
hatten, weil sie mit der Furchtlo sigk ei t von Menschen, 
die nichts besitzen und den Tod verachten, als 
Sprecher der politischen Opposition, die zwar aussichtslos, aber des- 
halb nur umso verbitterter war und der religiösen Opposition, deren 
Siegeshoffnung immer mehr zur Siegesgewißheit ward, auftraten. Eben 
weil die politische Bekämpfung der cäsarischen Monarchie nach der 
ganzen Lage der Weltverhältnisse fruchtlos bleiben mußte, ließen die 
Kaiser den gegen ihre Despotie gerichteten Freimut der Kyniker 
meistens ungeahndet, ja es mochte nicht unerwünscht sein, daß durch 
ein solches Ventil der Ingrimm der Geknechteten sich auf ungefähr- 
liche Weise Luft schaffte. Vespasianus ließ dem Kyniker Demetrius 
sagen; „Du legst es zwar darauf an, von mir hin- 
gerichtet zu werden, einen bellenden Hund schlage 
ich jedoch nicht tot." (Ebuiv itctvta jcoteTc, Iva oe Äitoxtet'vto, 
iY<i> 8s xüva uXaxToövta ob yoveuo. Cassius Dio. 66, 13.) 

— 24 — 



Aber bei allem Widerstreben, die Schreier zu Märtyrern zu 
machen, traten doch Fälle ein, wo das öffentliche Urteil über das 
persönliche Verhalten einzelner Monarchen so unverkennbar durch 
den Mund der Kyniker verkündet wurde, daß die Kaiser auf die 
Worte zu achten, dafür aber umso strenger gegen die Sprecher ein- 
zuschreiten sich gedrungen sahen. Als Titus durch sein der Aus- 
führung nahes Vorhaben, die Jüdin Berenice auf den Kaiserthron zu 
erheben, die tiefe Unzufriedenheit der Römer erregte, begab sich ein 
Kyniker, welcher wie der Stifter des Kynismus Diogenes hieß, 
in das dichtbesetzte Theater zu Rom und konnte dort, ohne vom 
Publikum zum Schweigen gebracht zu werden, sich in längerer 
Schmährede über das kaiserliche Liebespaar ergehen, er ward dafür 
ausgepeitscht. Aber das schreckte seinen Genossen, einen anderen 
Kyniker, Heras, nicht ab : In demselben Theater setzte er die „ab- 
geschmackten Reden", wie sie der loyale Cassius Dio (66, 15) nennt, 
fort, und dieser zweite „Schreier" ward enthauptet. Die „ungern 
gehende" Berenice mußte aber doch, wie bekannt, den „ungern sie 
fortschickenden" Titus verlassen. (Dimisit invitus invitam. Sueton 
Tit. 7.) Solche Ausnahmefälle hinderten jedoch nicht, als durchschnitt- 
liche Behandlung des gegen die Kaiser sich vorwagenden kynischen 
Redemuts die Art anzusehen, wie man, nach Lukians Bericht, mit 
Peregrinus verfuhr. Man begnügte sich, ihn, der dem Kaiser unter 
dem Schutz des Philosophenmantels geschmäht hatte, aus Rom aus- 
zuweisen, was für einen ohnehin stets wandernden Kyniker eine 
wenig empfindliche Strafe war und den Peregrinus auch so wenig 
einschüchterte, daß er sich von Rom nach Griechenland begab, um 
dort zu einem törichten Aufstandsversuch gegen die Römer aufzu- 
muntern, wohl denjenigen, welcher von Antonius Pius leid« erstickt 
wurde." 



Eine ausführlichere Darstellung der griechischen Zyniker 
finden wir z. B. bei Z e 1 1 e r ' : 

Die Zyniker hielten nicht allein die logischen und physikalischen 
Untersuchungen für wertlos, sondern das gleiche Urteil fällten sie 
über alle Künste und Wissenschaften, die in ihrer nächsten Ab- 



1) Eduard Zell er: Die Philosophie der Griechen. Leipzig 1875, Verlag 
Fuess, II. Band, erste Abt., S. 240, ff. Weitere Literatur über die Zyniker: 
Friedrich Ueberweg, Grundriß der Geschichte der Philosophie, Band I, 
Mittler und Sohn, 1909. — Steinhart: Diogenes. Allgemeine Enzy- 
klopädie der Wissenschaft und Künste 1834, herausgegeben von Ersch und 
Gruber, 25. Teil, Seite 301, ff. — Joel: Der echte und der xenophonti- 
sche Sokrates. 1901, Verlag Gärtner. Die Arbeit von Gocttling: „Dio- 
genes" war mir nicht zugänglich. 



25 — 



zweckung nach auf etwas anderes als die sittliche Besserung des 
Menschen ausgehen : Denn sobald man sich um anderes kümmere, 
sagt Diogenes, vernachlässige man sich selbst. Selbst das Lesen und 
Schreiben soll Antisthenes für entbehrlich erklärt haben. Diese letz r 
tere Angabe ist jedenfalls wesentlich zu beschränken . . . 

Während aber ein Plato aus der sokratischen Forderung des 
begrifflichen Wissens ein System des entschiedensten Realismus ab- 
leitete, leitet Antisthenes einen ebenso entschiedenen Nominalis- 
m u s davon ab : Die allgemeinen Begriffe, behauptete er, seien bloße 
Gedankendinge, Menschen und Pferde sehe er, nicht die Menschheit 
und Pferdheit . . . Daß nun Antisthenes bei dieser Ansicht der Unter- 
suchung über die Namen den größten Wert beilegte, ist natürlich, 
da er aber zugleich bei den Namen stehen blieb und keine weiteren 
Aussagen über die Dinge zulassen wollte, machte er in Wahrheit 
jede wissenschaftliche Untersuchung unmöglich. 
Die Zyniker selbst freilich wollten deshalb auf das Wissen nicht 
verziehten: Antisthenes schrieb in vier Büchern über den Unterschied 
des Wissens und Meinens, und die ganze Schule wußte sich nicht 
wenig damit, daß sie allein im vollen Besitz der Wahrheit und über 
die täuschende Meinung hinaus seien. Aber dieses Wissen soll aus- 
schließlich dem praktischen Zweck dienen, den Menschen tugend- 
haft und durch Tugend glücklich zu machen. — 
Das letzte Ziel des Lebens sehen die Zyniker, hierin mit allen 
übrigen Moralphilosophen einverstanden, in der Glückseligkeit. Wäh- 
rend aber gewöhnlich die Glückseligkeit von der Tugend 
unterschieden, oder wenigstens nicht auf die Tugend beschränkt wird, 
behaupteten sie, beide fallen schlechthin zusammen, 
es gebe kein Gut als die Tugend, kein Übel als die Schlechtigkeit 
und was weder zu der einen noch zu der anderen gehört, sei für 
die Menschen gleichgültig. Ein Gut kann nämlich, wie sie glauben, 
für jeden nur das sein, was sein eigen ist. Ein wirkliches Eigentum 
des Menschen ist aber nur sein geistiger Besitz. Alles andere ist 
Glückssache, nur in seiner geistigen und sittlichen 
Tätigkeit ist er unabhängig; nur Einsicht und Tugend 
sind die Schutzwehr, an der alle Angriffe des Schicksals abprallen, 
nur wer keinem Äußeren und keinem Verlangen nach dem Äußeren 
dienstbar ist, ist ein Freier. Der Mensch braucht mithin, 
um glücklich zu sein, schlechthin nichts als die 
Tugend, alles andere lerne er verachten, um sich mit ihr allein 
zu begnügen. Was ist z. B. der Reichtum ohne die Tugend? Ein 
Raub von Schmeichlern und feilen Dirnen, ein Reiz für die Hab- 
sucht, diese Wurzel alles Schlechten, eine Quelle zahlloser Verbrechen 
und Schandtaten, eine Sache, die weder Ruhm noch Genuß bringt, 

— 26 — 



und was kann der Reichtum überhaupt anderes sein, wenn es wahr 
ist, daß Reichtum und Tugend nicht beisammen wohnen können, 
wenn das Bettlerleben der Zyniker allein der ge- 
rade Weg zur Weisheit ist? Was ist Ehre und Schande? 
Ein Gerede von Toren, um das sich kein Vernünftiger kümmern wird ; 
denn in Wahrheit verhält es sich damit gerade umgekehrt als man 
meint: Die Ehre bei den Menschen ist vom Übel, ihre Verachtung 
ist ein Gut, weil sie uns von eitlen Bestrebungen heilt, und auch 
der Ruhm wird nur dem zuteil, der ihn geringschätzt. Was ist 
der Tod? Ein Übel offenbar nicht, denn ein Übel ist nur, was 
schlecht ist, (Xefet, 8« 6 &ctvaToe oäx sau i<,a.Y.bv, ob Zi fäp alaypcJv. 
Epikt.), wir empfinden ihn ja aber auch nicht als Übel, da wir über- 
haupt nichts empfinden, wenn wir tot sind. Alle diese Dinge sind 
leere Einbildung und Eitelkeit, weiter nichts, die Weisheit besteht 
nur darin, daß man seinen Sinn davon frei hält. 

Das Wertloseste und Schädlichste ist aber das, 
was die meisten Menschen für das Wünschens- 
werteste halten: die Lust. Unsere Philosophen leugnen 
nicht bloß, daß sie ein Gut sei (wie dies Krates bei Teles in Stob. 
Floril. 98, 72 auch daraus beweist, daß das menschliche Leben von 
seinem Anfang bis zum Ende weit mehr Unlust als Lust bringe; 
wenn daher ittavaCoucrai ^8 0Va t den Maßstab der Glückseligkeit ab- 
geben sollten, wäre kein Glücklicher zu finden), sondern sie erklären 
sie im Gegenteil für das größte Übel und von Antisthenes ist das 
Wort überliefert, er wolle lieber verrückt als ver- 
gnüg t s ein. (Diog. VI. 3. sXsys oövex^S : (JLavsnjv fiäXlov 7) YjoftBi-qv.) 
Wo vollends das Streben nach Lust zur zügellosen Leidenschaft 
wird, wie in der Liebe, wo sich der Mensch zum Sklaven seiner 
Begierden erniedrigt, da kann, wie sie glauben, kein Mittel zu scharf 
sein, um es auszurotten. Umgekehrt das, wovor die meisten Men- 
schen sich fürchten, die Mühe und Arbeit, ist ein Gut, weil sie allein 
dem Menschen die Tüchtigkeit verschafft, durch die er unabhängig 
wird . . . Für diese Ansicht scheint Antisthenes angeführt zu haben, 
daß die Lust gar nichts anderes sei, als das Auf- 
hören der Unlust; unter dieser Voraussetzung muß es aller- 
dings verkehrt erscheinen, einer Lust nachzujagen, die man nicht 
erreichen kann, wenn man sich nicht vorher ein entsprechendes Maß 
von Unlust bereitet hat. Nun wichen die Zyniker freilich von jener 
schrofferen Fassung ihrer Grundsätze, zu welchen einen Antisthenes 
teils sein Naturell, teils auch pädagogische Rücksichten bestimmt 
hatten, doch wieder so weit ab, daß sie eine gewisse Lust 
als berechtigt anerkannten : diejenige, die keine Reue 
nach sich zieht, oder genauer die, welche aus Arbeit und 

— 27 — 



Anstrengung entspringt, soll Antisthenes als etwas Gutes er- 
klärt haben. Bei Strobäus empfiehlt Diogenes die Gerechtigkeit als 
das Nützlichste und Angenehmste, weil sie allein Gemütsruhe ver- 
schaffe, vor Kummer und Krankheit bewahre und auch die körper- 
lichen Genüsse sichere. Derselbe erklärt, die Glückseligkeit bestehe in 
jener wahren Freude, welche nur durch eine ungetrübte Heiterkeit 
des Gemüts zu erlangen sei, und wenn sie die Vorzüge ihrer Philo- 
sophie darlegen wollten, unterließen es die Zyniker nicht, nach 
Sokrates Vorgang zu bemerken, daß sie weit unabhängiger 
und angenehmer leben, als die anderen, daß durch 
ihre Entbehrungen der Genuß erst die rechte 
Würze erhalte, daß die geistigen Freuden eine viel höhere 
Lust gewähren, als die sinnlichen. So zeigt Antisthenes bei Xen. 
Symp. 4. 34 ff., daß er in seiner Armut der glücklichste 
Mensch sei: Essen, Trinken und Schlaf schmecke ihm vortrefflich, 
bessere Kleidung brauche er nicht, seine geschlechtlichen Bedürfnisse 
befriedige er bei der nächsten besten und er habe von allen 
diesen Dingen mehr Genuß, als ihm lieb sei. Ähnlich 
sagt Diogenes bei Diog. 71, wer die Lust verachten ge- 
lernt habe, finde eben darin den höchsten Genuß. 
Plut. tranqu. an. 466 sagt von Krates, er habe sein Leben mit 
Scherz und Lachen wie ein fortdauerndes Fest zugebracht. Lust 
darf nach Ansicht der Zyniker in keiner Beziehung Zweck 
sein. Sie sei verwerflich, soferne sie nicht als natürliche Folge 
aus der Tätigkeit und der Befriedigung un ab weislicher Bedürfnisse 
sich ergebe. Aus allen diesen Betrachtungen ziehen die Zyniker den 
Schluß, daß alles andere außer der Tugend und dem Laster für uns 
gleichgültig sei, und daß daher auch wir unsererseits vollkommen 
gleichgültig dagegen sein sollten. Nur wer über Armut und Reich- 
tum, Ehre und Schande, Leben und Tod, erhaben ist, wer bereit 
ist, in jede Tätigkeit und in jede Lebenslage sich zu finden, wer 
niemand fürchtet und um nichts sich kümmert, nur ein solcher 
bietet dem Schicksal keine Blöße, nur ein solcher ist frei und glücklich. 
Das ist jedoch erst eine negative Bestimmung : Was ist das Posi- 
tive zu diesen Negationen? Oder, wenn wir bereits gehört haben, 
daß nur die Tugend glücklich mache, nur die Güter der Seele einen 
Wert haben, worin besteht die Tugend? Die Tugend, 
antwortet Antisthenes mit Sokrates und Euklid, besteht in der Weis- 
heit oder der Einsicht: Die Vernunft ist das Einzige, was dem 
Leben einen Wert gibt, und er schließt hieraus mit seinem Lehrer, 
daß die Tugend eine unteilbare Einheit bildet, daß die verschiedenen 
Menschenklassen die gleiche sittliche Aufgabe haben, daß die 
Tugend durch Belehrung hervorgebracht werde. Weiter be- 

— 28 — 



hauptet er aber dann, die Tugend sei unverlierbar, denn was man 
einmal wisse, daß könne man nicht wieder vergessen. Worin 
aber freilich die richtige Einsicht bestehe, wuß- 
ten die Zyniker nicht genauer anzugeben, denn 
wenn sie als Erkenntnis das Gute beschrieben, so ist dies nach 
Piatos richtiger Bemerkung nicht viel mehr als eine Tautologie, sagen 
sie anderseits, die Tugend bestehe im Verlernen des Bösen, so 
führt dieser negative Ausdruck um keinen Schritt weiter. Nur soviel 
sehen wir, daß die Einsicht dem Antisthenes und seiner Schule mit 
der richtigen Beschaffenheit seines Willens, der 
Stärke, Selbstbeherrschung und Rechtschaffenheit durch- 
aus zusammenfällt. Wer nun durch diese Schule zur Tugend gelangt 
ist, der ist ein Weiser, alle übrigen sind unweise: Alle 
Menschen scheiden sich demnach in zwei Klassen, den wenigen 
Weisen stehen zahEose Toren gegenüber, nur eine kleine Minder- 
heit ist durch Einsicht und Tugend glückselig, alle übrigen leben in 
Unglück und Verkehrtheit dahin. Diesen Grundsätzen gemäß be- 
trachten es die Zyniker als ihren Beruf, teils an sich 
selbst ein Muster von der Sittenstrenge, der 
Bedürfnislosigkeit, der Unabhängigkeit des Wei- 
sen darzustellen, teils auf die anderen bessernd 
und kräftigend einzuwirken 

Der Grundgedanke des Zynismus ist Selbstgenügsamkeit 
der Tugend. Aber schroff und einseitig wie sie diesen Grund- 
satz auffassen, sind unsere Philosophen mit der inneren Unabhängig- 
keit von den Genüssen und Bedürfnissen des Lebens nicht zufrieden, 
sondern sie hoffen ihr Ziel nur dadurch zu erreichen, daß sie dem 
Genuß selbst entsagen, ihre Bedürfnisse auf das 
schlechthin Unentbehrliche einschränken, ihr Ge- 
fühl zur Unempfindlichkeit abstumpfen, um nichts, was nicht in ihrer 
eigenen Macht steht, sich bekümmern. Die sokratische Bedürfnislosig- 
keit wurde bei ihnen zur Weltentsagung. Von Hause aus 
arm, oder freiwillig sich ihres Vermögens ent- 
äußernd, lebten sie als Bettle r, ohne eigene Behausung trieben 
sie sich den ganzen Tag über auf den Straßen und anderen öffent- 
lichen Orten herum und suchten ihr Nachtlager unter Säulengängen, 
oder wo es sich sonst traf, eines Hausrats konnten sie entbehren, 
ein Bett schien ihnen überflüssig, die einfache griechische Kleidung 
wurde von ihnen noch weiter vereinfacht, durch die Ärmlichkeit ihrer 
Kost taten sie sich selbst in dem mäßigen Volk der Griechen hervor. 
Diogenes soll den Versuch gemacht haben, ob sich nicht auch das 
Feuer entbehrlich machen ließe, indem er das Fleisch roh essen 
wollte und demselben wird die Behauptung beigelegt, daß man alles 

— 29 — 



ohne Unterschied, selbst das Menschenfleisch nicht ausgenommen, zur 
Nahrung verwenden dürfe. Das naturgemäße Leben, die Unter- 
drückung aller künstlichen, die einfache Befriedigung aller natürlichen 
Bedürfnisse ist das Losungswort der Schule. Um sich an dieselbe zu 
gewöhnen, machte sie sich körperliche und geistige Abhärtung zum 
Grundsatz. Ein Diogenes, welchem sogar sein Lehrer nicht streng 
genug gegen sich selbst schien, soll sich zu diesem Berufe wahren 
Selbstpeinigungen unterworfen haben: Im Som- 
mer wälzte er sich im glühenden S an d e, währ en d 
er im Winter barfuß im Schnee ging und eiskalte 
Bildsäulen umarmte. Auch die Verachtung und Verumglimpfung, welche 
bei ihrer Lebensweise nicht ausbleiben konnten, pflegten die Zyniker 
mit Gleichmut zu ertragen, ja sie übten sich förmlich hierauf ein 
Um in jeder Beziehung frei zu sein, lehrten die Zyniker, darf sich 
der Weise durch kein Verhältnis zu anderen gebunden oder be- 
schwert fühlen. Um von niemandem abzuhängen, muß er seinem 
geselligen Bedürfnis selbst genügen können. (Bei Diog. 6 antwortete 
Antisthenes auf die Frage, welchen Gewinn ihm seine Philosophie 
gebracht habe; to SüvaaSm laotty 6[j.tXeTv. Nichts was außer 
seiner Gewalt ist, darf auf die Glückseligkeit des 
Menschen Einfluß haben. Dahin gehört auch das Familien- 
leben. Antisthenes wollte die Ehe zwar nicht verwerfen, weil sie zur 
Fortpflanzung des menschlichen Geschlechtes nötig sei. Was aber den 
geschlechtlichen Trieb betrifft, waren die Zyniker zu sehr 
Griechen, um im Sinne der späteren Askese seine Unterdrückung zu 
fordern. Allein sie meinten, dem natürlichen Bedürfnis lasse sich auf 
einfachere Weise gleichfalls genügen. (Antisthenes rühmt sich bei 
Xenoph Symp. 4.38, wie bequem er es habe, indem er nur mit 
solchen Dirnen sich einlasse, die kein anderer 
mehr anrühre. Diogenes soll öffentlich mastupriert 
und dabei nur bedauert haben, daß er sich nicht auch den Hunger 
ebenso einfach vertreiben könne.) Und da ihnen ihr Bettlerleben 
ohnehin die Begründung eines Hausstandes kaum erlaubte, ist es 
ganz glaublich, daß sie im allgemeinen der Ehe und den Weibern 
abgeneigt waren. Ebenso gleichgültig wie die Familie ist für den 
Weisen seine bürgerliche Stellung. Deshalb waren sie Gegner der 
Sklaverei ... Die Zyniker waren Deisten und Kosmopoliten, wobei 
ihnen als erstrebenswertes Ziel die Befreiung des Einzelnen von den 
Banden des Staatslebens erschien. 

Ein besonderes Kapitel ist ihre absichtliche Verleugnung des 
natürlichen Schamgefühls. Für schlechthin unberechtigt 
hielten sie dieses Gefühl nicht (gerade von Diogenes wird erzählt, 
Di °g- 37- 54. er habe eine Frau, die in einer unanständigen Stel- 

— 30 — 



lung im Tempel lag, darüber zurechtgewiesen und die Schamrote die 
Farbe der Tugend genannt,) aber sie meinten, zu schämen 
habe man sich nur des Schlechten. Was dagegen 
an und für sich recht sei, daß dürfe man nicht nur 
unverblümt aussprechen, sondern auch vor aller 
Augen ungescheut tun. (Krates und Hypparchia sollen öffent- 
lich koitiert haben.) 

Die Zyniker nehmen so eine eigentümliche Stellung in der griechi- 
schen Welt ein : Wegen ihrer Sonderbarkeit verlacht und wegen 
ihrer Entsagung bewundert, als Bettler verspottet und als Sitten- 
prediger gefürchtet, voll Hochmut gegen die Torheiten, voll Mitleid 
gegen das sittliche Elend der Mitmenschen, traten sie ebenso sehr 
der Wissenschaft wie der Verweichlichung der Zeit mit der rohen 
Stärke eines unbeugsamen, bis zur Gefühllosigkeit abgehärteten Wil- 
lens mit dem beis senden und immer schlagfertigen Mutterwitz des 
Plebejers entgegen ; Gutmütig, bedürfnislos, voll Scherz und Laune, 
volkstümlich bis zum Schmutze sind sie die eigentümlichen Kapu- 
ziner des Altertums. 

Ohne die historische Bedingtheit des griechischen Zynismus 
bestreiten zu wollen, muß hervorgehoben werden, daß es wohl 
spezielle psychische Mechanismen gewesen sein müssen, die die 
Einzelnen zum Zynismus prädisponiert haben. Gewiß mag es 
richtig sein, wie dies Bernays und Zeller hervorheben, daß der 
griechische Zynismus „ein praktischer Protest Einzelner gegen 
die Leiden, Torheiten und Sünden, einer dem Untergang ge- 
weihten Zivilisation war und ein Versuch, die Freiheit des 
Individuums zu retten." Die Frage, die aber keiner der Auto- 
ren beantwortet, lautet : Warum wählten einzelne 
Menschen gerade diesen Weg? Oder präziser : 
Welche Triebkomponenten waren es, die die Betref- 
fenden zum Zynismus trieben und die sich im Zynismus aus- 
lebten ? Noch anders formuliert : Wo steckt bei den Zy- 
nikern der geheime Lustgewinn, wo die unbe- 
wußte Bestrafung für ihre Lust? 

Es ist, glaube ich, unmöglich, aus der Kenntnis des Zynis- 
mus der Griechen einen Schluß zu ziehen auf die Psychologie 
eines modernen Zynikers. Dagegen werden aus der Psychologie 
des modernen Zynikers Vermutungen auf die der alten Zyniker 

— 31 — 



möglich sein. Bestätigungen aus der Zeit des 4. Jahrhunderts 
v. Chr. können höchstens ein Adjuvans sein. Man könnte sich 
sogar auf den Standpunkt stellen, daß zum Verständnis des 
heutigen Zynikers die Kenntnis des griechischen Zynismus 
überflüssig sei und hervorheben, daß es heute viele Zyniker 
gibt, die keine Ahnung haben, was der griechische Zynismus 
eigentlich war. Dies als richtig zugegeben, sei nochmals her- 
vorgehoben, daß diese Arbeit lediglich die Psychologie des 
modernen Zynikers untersuchen will. Das Schwergewicht liegt 
in der Frage des heutigen Zynismus. Wenn sich hypothetische 
Bestätigungen aus dem Zynismus der Alten ergeben sollten, 
wäre dies eben nur ein Argument mehr. 

Bei der näheren Untersuchung des Problems verflüchtigt sich 
die Einheit des zynischen Menschens. Es gibt gar keinen 
typischen Zynismus als Einheit, es gibt bloß 
Menschen, die sich, wie nachzuweisen sein wird, aus 
verschiedenen unbewußten Gründen des psy- 
chischen Mechanismus Zynismus bedienen. Es 
ist eine alte Erfahrung Freudscher Psychoanalyse, daß das 
gleiche Symptom bei verschiedenen Menschen sehr Verschiede- 
nes bedeuten kann. 

Vor allem sei festgestellt, daß — so verschieden die ein- 
zelnen Nuancen des typischen Zynismus auch sein mögen — 
doch so ziemlich alle folgende Gemeinsamkeiten aufweisen: 

1) Starke innere Ambivalenz. 

2) Starke agressive Triebkonstellation mit kon- 
sekutivem starken unbewußten Strafbedürfnis. 

3) Erledigung der Amb ivalenz auf dem Wege der 
gedanklichen, verbalen oder Tataggression. 

4) Ein spezifischer Vorgang am Ich: Beschwich- 
tigung des Ober-Ichs durch den „Zynischen 
Mechanismus" (Siehe unten). 

Die Voraussetzung jedes Zynismus ist eine stärkere Am- 
bivalenz, als sie dem Normalen eignet. Daß wir alle zu 
allen Menschen und Dingen mehr oder weniger ambivalent 
eingestellt sind, hat die Freudsche Analyse aufgezeigt. Nur der 

— 32 — 



Ideal-Gesunde hat eine postambivalente Stufe erreicht und 
solche Ideal-Gesunde müßte man wirklich, wie dies der grie- 
chische Zyniker Diogenes bei anderer Gelegenheit getan hat, 
mit der Laterne suchen. Der Ideal-Gesunde ist eine theoretisch 
vielleicht notwendige Fiktion, in der Realität sprechen wir 
wohl lieber von praktisch gesunden Menschen und auch diese 
haben noch eine tüchtige Portion Ambivalenz. Die Psychoana- 
lyse hat eine Reihe von Mechanismen beschrieben, die ver- 
schiedene krankhafte Zustände zur Erledigung ihrer Ambiva- 
lenz verwenden : die hysterische, die zwangsneurotische, die 
paranoide, die melancholische und die kriminelle Abwehrform 
sind unterscheidbar. Es wird hier die Behauptung aufgestellt, 
daß es — auf Grund eines spezifischen „zynischen Mechanis- 
mus" — noch einen Versuch der Ambivalenz- 
erledigung gibt: die zynische Erledigung. 

Theodor Reik hat in seiner Arbeit über den zynischen 
Witz 1 gelegentlich gesagt „eine der manisch-depressi- 
ven oder zwangsneurotischen ähnliche seelische Situa- 
tion bilde den besten Nährboden für die Produktion des zyni- 
schen Witzes." Mir scheint, daß damit über das Wesen des 
zynischen Mechanismus wenig ausgesagt wird. Vor allem ist 
die Aufzählung nicht vollständig, da es noch drei weitere 
Kategorien von Neurotikern gibt, die zu Zynismen neigen : 

a) passiv-feminine, unbewußt homosexuelle Männer. 

b) frigid-aggressive hysterische Frauen. 

c) Fälle von moral insanity. 

Das gemeinsame aller 5 Gruppen ist das Vorherrschen einer 
starken, meist verdrängten Aggression mit konsekutivem unbe- 
wußtem Strafbedürfnis. So richtig — wenn auch unvollständig 
— die Behauptung Reiks ist, muß ihr entgegengehalten wer- 
den, daß sie rein deskriptiv ist. Wenn man z. B. die psychi- 
schen Eigenschaften der Marineure diskutiert, sagt dieBehaup- 

Imago II. Band 1913. Auch in „Lust und Leid im Witz", 1929, Int. 
psychoan. Verlag. Es ist unklar, ob dieser Aufsatz dem Vortrag entspricht, 
den Reik 1913 in der Wiener Vereinigung hielt und der nicht publiziert 
wurde. 

PsA. Bewegung V 33 



tung, daß viele gute Seeleute aus dem Orte X. stammen, über 
die psychischen Voraussetzungen des Seemannsberufes nichts aus. 
Die innere Aggression ist ferner noch in einem anderen Sinne 
Voraussetzung jedes Zynismus. Der Zyniker greift immer „das 
Große" 1 an, wobei als „das Große" die für ihn je- 
weils geltende Autorität 4 verstanden wird. Es ist nun 
irrelevant, ob die Autorität in persona oder in Form der von 
der Autorität (Gesellschaft) approbierten, jeweils herrschenden, 
staatlichen, religiösen, moralischen, wissenschaftlichen, künstleri- 
schen etc. Anschauungen angegriffen wird 3 . 

Starke Ambivalenz und starke Aggression sind also die psy- 
chischen Ingredienzien, die wir bei jedem Zyniker finden. Am- 
bivalenz + Aggression ergeben aber noch lange keinen Zyniker. 
Es kommt noch etwas hinzu, ein spezifischer Vorgang 
am Ich, den ich den „zynischen Mechanismus" nen- 
nen möchte. Der Zyniker steht unter dem ständi- 
gen Druck seiner Ambivalenz und — so grotesk 
dies auch klingen mag — unter dem ebenso ständigen 
Druck seines strafenden Über-Ichs, das eben 
diese Ambivalenz verpönt, wobei der unbe- 
wußte „Geständniszwang" (Reik) der Motor der 
Handlung wird. Das Ich des Zynikers entledigt 
sich dieses Konfliktes — es ist ja im Kreuzfeuer einer 
Es-Strebung und eines Über-Ich-Verbots — aufdem Wege 
einer „Retourkutsche", in*dem es den übrigen 
Mensc hen beweist, daß sie ebenfalls dieselbe 

1) Mit Recht hat Reik 1. c. darauf aufmerksam gemacht, daß Ibsens Wort 
„Ist es wirklich groß, das Große", das Motto allen zynischen Witzes sein könnte. 

2) Die Summe der Abhängigkeiten des heute lebenden Menschen ist eine 
so große, die Zahl der Persönlichkeiten eine so geringe, daß die jeweilige 
Autorität noch lange keine Autorität in des Wortes ehrfurchtgebietendem 
Sinne sein muß. „Jedes Zeitalter braucht seine Helden und findet es keine, 
erfindet es welche", sagte Mir ab e au. Das gilt für alle Gebiete menschli- 
cher Betätigung. Man vergesse auch nicht, daß Caligula sein Pferd zum 
Konsul ernannt hat. 

( 3) In Dantes Aufzählung der Höllenqualen fehlt u. a. eine: Ein Zyni- 
ker in einer utopischen, nicht auf Autorität aufgebauten Gesellschaft. Wen 
sollte er dann mit Genuß angreifen? 

— 34 — 



Ambivalenz haben 1 . Die „Anderen" werden da- 
bei als ein Stück des eigenen Über-Ichs aufge- 
faßt. Zu gleicher Zeit ist dieses Aufzeigen der Ambivalenz 
der anderen eine Vorwegnahme eines befürchteten 
Angriffes, wobei, wie bereits erwähnt, die Außenwelt als 
Teil des eigenen Über-Ichs empfunden wird. Es ist ein son- 
derbarer Zweifrontenkrieg gegen das eigene 
Üb er- Ich, das doppelt auftritt: als inneres, unbewußtes 
Gewissen und als Außenwelt. Der Angriff des Zyni- 
kers gilt scheinbar diesem Außenweltanteil 
des Über-Ichs in Wirklichkeit wehrt sich der 
Zyniker gegen sein strenges, ihm unbewußtes, 
nur im Schuldgefühl wahrnehmbares, inneres 
Über-Ich. Das „Rabiate" des Zynikers rührt 
nicht nur von seiner Aggression (im wesentlichen 
oraler und analer Sadismus), es ist zugleich der Aus- 
druck seines verzweifelten Abwehrkampfes ge- 
gen seinen „inneren Fein d", das intrapsychische 
Über-Ich, wobei derKampf auf „fr emdemBoden" 
ausgetragen wird 8 . Der Zyniker behandelt die 

1) Der Zyniker spekuliert immer auf die unbewußte Ambivalenz der Zu- 
hörer. In der Theaterbearbeitung von Dreisers „Amerikanischer Tragödie" sagt 
ein Mitglied der Weekend-Gesellschaft bei der Nachricht, ein Mann hätte seine 
Freundin in den See gestürzt: „Ich sage ja immer, der See ist zu wenig aus- 
genützt ..." Auf die Bedeutung der Ambivalenz für den zynischen Witz 
haben Freud und Reik aufmerksam gemacht. Jeder Zynismus ent- 
hält implicite die Aufforderung an den Zuhörer: Gestehe, 
Du denkst innerlich genau so wie der Zyniker, über den 
Du Dich empörst. 

2) Wie sehr sich der Zyniker immer gegen sein eigenes Über- 
Ich wehrt, beweist auch folgendes: Jeder Zynismus ist eigentlich ein 
intrapsychischer Überbietungswitz. Es ist, als wollte der Zyniker 
durch Vergröberung und starkes Auftragen seinem eigenen Über-Ich bewei- 
sen, daß er unmöglich so „schlecht" sein könne. Er will durch den Mecha- 
nismus des Ad-absurdum-Führens überzeugen. Sperling hat vor Jahren 
in einem nicht publizierten Vortrage in der Wiener Psychoanalytischen Ver- 
einigung einen ähnlichen Tatbestand an anderem Material als „Übertreibung 
als Mittel der Affektabwehr" beschrieben. Zugleich gibt der Zyniker auch 
den Zuhörern durch Überbietung zu verstehen, daß er seine Behauptungen 
nicht ioo/„ ernst verstanden haben will. 

— 35 — 



Außenwelt mit der gleichen Strenge, mit wel- 
cher sein eigenes Über-Ich sein Ich behandelt. 
Zu gleicher Zeit greift der Zyniker sein eige- 
nes Über-Ich in der Außenwelt etwa nach der 
Formel: „Die anderen schlägt er, sein Gewissen 
meint er", an. 

Eine weitere Beschwichtigung des Über-Ichs be- 
steht darin, daß der Zyniker Unannehmlichkeiten und 
Bestrafungen in der Außenwelt gerade wegen seines Zy- 
nismus in Kauf nimmt, ja dieselben geradezu provoziert. Dem 
Zynismus haftet in der Außenwelt immer etwas Anrüchiges 
an die verhöhnte und entlarvte reale Außenwelt rächt sich, 
indem sie den Zyniker nicht ganz voll nimmt 1 . Unleugbar 
büßt der typische Zyniker ein Stück Bestra- 
fung für seine unbewußte Aggression bei 
seinem Zynismus ab, wobei man manchmal sich des Ein- 
drucks nicht erwehren kann, daß diese Bußesexualisiert 
wird. 

Der „unermüdliche Lustsucher Mensch" (Freud zitiert dieses 
Wort eines unbekannten Autors), hat es aber verstanden, 
selbst aus einem so peinlichen Vorgang, wie dem der Erledi- 
gung eines inneren Ambivalenz- und Strafkonfliktes ein Stück 
Lust zu schöpfen : 

1) Durch zeitweise Erledigung seines inneren Ambivalenz- 
Konfliktes ist der Zyniker zeitweise schuldgefühls- 
Rolle' (iehe'obe" 51 ) 1 *" masodlistisdier Mechanismus eine 

2) Dem typischen Zyniker bereitet die Empörung, Ver- 
blüffung und Wut der „Entlarvten" Lust.' (Aus- 
leben der Aggression in dosi rejracta) 

3) Voyeurtumund exhibis tionis tische Tend en- 
zen kommen zur Geltung und werden lustvoll empfunden. 



i) Das Verhalten der realen Außenwelt zum Zyniker ist ebenso 2w ie- 

leÄr, f M ,rT d " Z ? nikers seIbst - Si <= ^wundert und fürchtet Ihn, 
lehnt ihn als feindlichen Ballast ab und nullifiziert ihn zeitweise. 
2) Nach kurzer Zeit geht freilich der Mechanismus von vorne an. 

— 36 — 






4) Der Zynismus ist eine Distanzierung s- und Ab- 
wehrmethode. 

5) Narzißtische Lust: Im Durchschnitt wird der 
Zyniker wegen seiner bösen Zunge ein wenig bewundert 
und gefürchtet. Ferner fließt ein narzißtischer Lustgewinn 
aus der scheinbaren Überlegenheit und Affektlosigkeit. 

6) Soweit Zynismen in Witzform vorgebracht werden, 
addiert sich die von Freud beschriebene Witzeslust 
hinzu. (Ersparung von Hemmung s- und Unter- 
drückungsaufwan d.) 1 

l) Freud hat in seinem grandiosen, 1905 erschienenen Buch „Der Witz 
und seine Beziehungen zum Unbewußten" den Mechanismus des Witzes ent- 
deckt. Freud erwähnt auch den zynischen Witz und rechnet ihn zu den 
tendenziösen Witzen. Ferner verweist er auf die Spezifität der Angriffsobjekte : 
„Institutionen oder Personen, soferne sie Träger derselben sind, Satzungen 
der Moral oder der Religion, Lebensanschauungen, die ein solches Ansehen 
genießen, daß der Einspruch gegen sie nicht anders als in der Maske des 
Witzes, u. zw. eines durch seine Fassade gedeckten Witzes auftreten kann." 
In der aus dem Jahre 1913 stammenden Arbeit Reiks über den zynischen 
Witz heißt es: „Das spezifische Merkmal des zynischen Witzes liegt also in 
einer eigenartigen Einstellung, an deren Entwicklung die mißglückte Ver- 
drängung namentlich des Schautriebes, der koprophilen Tendenzen und der 
sadistischen Triebkomponente den bedeutsamsten Anteil hat." (S. 8.) „Wir 
wissen schon, daß diese Zynismen in direkter Linie auf den kindlichen 
Protest gegen den Vater zurückgehen." (S. 12.) „Unser Überblick hat uns 
gezeigt, daß der zynische Witz dieselben Angriffsobjekte und dieselben see- 
lischen Motive hat, wie der ernste Zynismus. Diese Objekte werden am 
besten durch das ambivalente Verhalten des Individuums zu ihnen bezeich- 
net. Sie sind ebenso wie die Gegenstände des Tabu einerseits ehrfürchtig 
angesehen, andererseits der Herabsetzung und Verhöhnung ausgesetzt. Sie 
werden Gegenstand der menschlichen Triebsublimierung und werden als 
solche von der moralischen Autorität geschätzt. Aber gerade deswegen ist 
die Versuchung, sie zu erniedrigen, so stark. Die den Menschen eigene Ehr- 
furcht für sie schließt diese Gegenströmung der Empörung nicht aus, sondern 
ein. Die Lust gegen sie zu rebellieren, hat unser Unbewußtes nicht verlas- 
sen und nur die Angst vor gesellschaftlicher Verfemung und der anerzogene 
Hemmungszwang hält sie zurück. Der zynische Witz bietet sich durch seine 
Fassade als Kompromiß zweier entgegengesetzter Strömungen an und bringt 
eine Augenblicksbefreiung aus der psychischen Stauung." (S. 17.) „Der zy- 
nische Witz strebt regelmäßig eine Entlarvung an, die den Sinn der Herab- 
setzung besitzt ... Es ist nicht schwer, den Ursprung dieser Lust zu finden. 
Er wird in den Kinderjahren zu suchen sein, in denen das Kind, in seinem 
Vertrauen in die Autorität erschüttert, die schwachen Seiten des Erwachsenen 

- 37 — 



7) Der Zyniker befriedigt eine Reihe infantiler Ten- 
denzen im Zynismus : „Enfant terrible", infantiler Grö- 
ßenwahn, anale Tendenzen etc. (siehe unten). 
Der beschriebene „zynische Mechanismus" schafft 
erst die Möglichkeit, die intrapsychische Am- 
bivalenz auf dem Wege der Aggression auszule- 
ben. Anders ausgedrückt: Der zynische Mechanismus 
kaptivjert das Über-Ich. Daraus ergibt sich, daß die 
zynische Lust ziemlich teuer erkauft ist. Eine reine Freude ist 
der Zynismus gewiß nicht. 

Aus der Tatsache, daß die Ambivalenz die Grundlage jedes 
Zynismus darstellt, ergibt sich, daß Zynismen gelegentlich 
jedermann zu Gebote stehen; und daß es gerade 
Neurotiker mit stärkster Ambivalenz sind, wie etwa Zwangs- 
neurotiker, die oft zynisch sind, ist nicht weiter verwunderlich 
D:es umsomehr, als weitere Bedingungen des Zynismus bei 
der Zwangsneurose vorhanden sind: Aggression und sonstige 
Versuche, das Überstrenge Über-Ich „zu bestechen". (Alexan- 

WürdttnTÄ e !" kam \ hat , U u nd zu ™hen beginnt, daß hinter ihrer 
Wurde und Erhabenheit dieselben starken und triebhaften Wünsche rege 
sind die es selbst fühlt." (S. 2 3 .) In dieser interessanten Arbelt 
Reiks fehlt das Moment des unbewußten Straf bedürfnisses 

irr S :,~Zvl 1C J ^i^' deH Z y nis » u * "st ermöglicht. Das ist 
vemandhch, da i 9 i 3 die von Freud später entdeckten Mechanismen der 

ffir^S 8 r^ 1 ^ bekanm Waren - Reik selbst ~ der Spezialist 
für die Schuldgefuhlstheorie - würde heute wohl seine Arbeit über den 

Z A Zt7$- Pu f\ a " de " f ? r r Iieren - Rdk hat Übri * ens in einer ande- 
II t f u, ( .» Kunstle nsches Schaffen und Witzarbeit«, Imago 1929) das 

dTdl iL" ,T e n PUDkte ind je Witzpsychologie eingeführt: Er bewies, 
daß die Rolle des Dritten im Witz den Sinn der Schuldgefühlsentlastung 
u w me mteressante Kontroverse ergab sich beim Problem des jüdi- 
11 , V' Tr 3 ' ^r stellenweise mit dem zynischen zusammenfällt. Reik 
behauptete („Zur Psychologie des jüdischen Witzes«, Imago 1929), daß die 
Selbstverspottung des jüdischen Witzes den Selbstanklagen der Melancholi- 
ker verwandt seien daß die Gegner der Juden mitkritisiert seien: Der 
Gegner sei durch Identifizierung in das Ich des den Witz machenden Juden 
aufgenommen, wie die verlorene Person in der Melancholie; die Selbstver- 
spottung richte sich also auch gegen die Schwächen des Gegners. Hitsch- 
T?? ™ de fP ra ch dem („Zur Psychologie des jüdischen Witzes«, Psycho- 
analytische Bewegung IL S. 580) in überzeugender Weise. 

— 38 — 



der.) Der „zynische Mechanismus" ist ja auch nichts anderes, 
als ein solcher Versuch. 

Die Frage, welche Voraussetzungen bei einer Spezialform des 
Zynismus, beim Menschen, der zynische Witze produziert, vor- 
handen sein müssen, ist analytisch nicht beantwortbar, weil sie 
eine Begabungsfrage darstellt 1 . Die Analyse kann auch das 
Problem des Kunstwerks nicht lösen. Und der Witz ist in 
seiner Art ein Kunstwerk. 

In der Psychogenesedes Knaben gibt es — wie 
Freud nachgewiesen hat — ein Stadium, in dem alle Kna- 
ben zynisch sind : Das Stadium, in welchem der Knabe, 
nach längerem Nicht-zur-Kenntnis-nehmen-wollen, einsehen 
muß, daß die geliebte Mutter mit dem Vater geschlechtlich 
verkehrt. Da identifiziert er die Mutter mit der Dirne a . Es 
unterliegt also keinem Zweifel, daß der Zynismus in dieser 
Phase von jedem Knaben erlebt wird. Daraus ergibt sich 
zweierlei : Erstens hängt letzten Endes das Ausmaß des 
zwangsmäßigen Zynismus von der Erledigung 
des Ödipuskomplexes ab 3 . Zweitens ergäbe sich dar- 
aus die erst nachzuprüfende Vermutung, daß Zynismus eine 
vorwiegend männliche Eigenschaft wäre. Tatsäch- 

i) Daß beim Witz eine spezielle Begabung, also etwas analytisch nicht 
Faßbares, vorhanden sein muß, erhellt daraus, daß es so wenige Witze gibt. 
Gute Witze sind so rar, wie Kunstwerke. Dem widerspricht nun scheinbar 
die Massenproduktion von Witzen. Es sind immer wieder die alten, neu 
garnierten Witze. Die Witzbegabung ermangelt den meisten Menschen und 
ihre Fähigkeit beschränkt sich meist darauf, gute alte Witze schlecht zu plagiieren. 

2) Freud, Ges. Schriften V. Seite 193, „Beiträge zur Psychologie des 
Liebeslebens", 1. Über einen besonderen Typus der Objektwahl beim 
Manne: „Wenn er dann den Zweifel nicht mehr festhalten kann, der für 
seine Eltern eine Ausnahme von den häßlichen Normen der Geschlechts- 
betätigung fordert, so sagt er sich mit zynischer Korrektheit, daß der 
Unterschied zwischen der Mutter und der Hure doch nicht so groß sei, daß 
sie im Grunde das Nämliche tun." 

3) In der Pubertät, in der die ödipuswünsche nochmals hochkommen, 
finden wir Zynismen beim Knaben als typische Durchgangs- 
phase. Der Zynismus ist dort unter anderem auch ein Versuch, die Mutter 
zu entwerten, das heißt, von ihr loszukommen. Zugleich dient er der Schuld- 
gefühlsentlastung: ist die Mutter eine Dirne, ist das Verbrechen, sie zu be- 
gehren, geringer. 

— 39 — 



lieh sind die typischen Zyniker meistens Männer (der früher 
erwähnte Zynikertypus, der aggressiv-sadistisch-frigiden Hy- 
sterica, ist keine Widerlegung, da diese Frauen weitgehende 
männliche Identifizierungen haben und eigentlich „verpatzte" 
Männer sind). 

Daß infantile Voyeur- Wünsche im Zynismus wie- 
derholt werden, wurde bereits betont. Zum typischen Zynis- 
mus gehört die Freude am Mitansehen oder Phantasieren der 
Verblüffung der Zuhörer. Gesichert sind auch die beim 
Zynismus wiederholten mas ochistischen Exhibitions- 
tendenzen in Form des „Geständniszwanges". Es ist mir 
aufgefallen, daß männliche Zyniker manchmal kör- 
perlich besonders schamhaft sind. Die Verlegung von 
unten nach oben, vom Körperlichen ins Verbale, wäre dann 
unter dem Drucke der Kastrationsangst zustande gekommen 

Wie sehr der Zyniker am Infantilen hängt, beweist 
auch die Tatsache, daß er unbewußt immer „Enfant terrible" 
spielt. Er will noch immer geistreiches Kind sein, dem alles 
verziehen wird und das von allen (vor allem: von den Eltern) 
geliebt wird. Genau so wie es Erwachsene gibt, die ihr Kin- 
derparadies in sexualibus auf diese Weise wieder herzustellen 
versuchen, daß sie mit dem Sexualpartner eine eigene Kinder- 
sprache in Diminutiven sprechen. Endlich sei darauf aufmerk- 
sam gemacht, daß ein Stück kindlichen Größenwahns 
im Zynismus sich äußert. Der Zyniker kommt sich erhaben 
über alle Menschen vor. Zutiefst ist der typische Zyniker ein 
kindlicher Gernegroß, der aus Rache alle Menschen so 
von oben herab behandeln möchte, wie er selbst häufig in 
seiner Kindheit das Gefühl hatte, von herzlosen Erwachsenen 
behandelt worden zusein. Letzten Endes tragen viele 
Zyniker im Zynismus ihre alten Ödipuskon- 
flikte aus. Die Tatsache endlich, daß anale Tendenzen bei 
den zynischen Witzen vielfach vorherrschend sind, läßt ver- 
muten, daß anale Momente von Bedeutung sein werden \ 

1) Siehe Reik „Lust und Leid im Witz", S. 8. 

— 40 — 



Spezialformen des Zynismus (1—64) 

I) Der ideologische Zyniker 
Es ist dies eine Form des Zynismus, in welcher das Uber- 
Ich durch Identifizierung mit den Vorschriften einer Religion, 
einer Partei, einer „Staatsraison", eines Chauvinismus, einer 
Wissenschaft, kurz einer organisierten Ideologie (resp. 
deren Repräsentanten) das Ausleben der Aggression schuldge- 
fühlsfrei gestattet, wobei die Tat zum Verdienst gestempelt 
wird, dessen man sich rühmen darf und soll. Es gibt bekannt- 
lich keine Grausamkeit, die seit Jahrtausenden unter diesem 
Mäntelchen nicht begangen worden wäre. Ein Beispiel von 
vielen : Als die katholischen Soldaten im Albigenser-Krieg die 
Festung Beziers erstürmten und den Legaten des Papstes Inno- 
zenz III. fragten, woran sie die Gläubigen von den Ketzern 
unterscheiden könnten um jene zu schonen, da antwortete 
ihnen der Legat: „Tötet sie nur alle, Gott wird die 
Seinen schon erkennen." 1 

2) Zyniker aus Angstabwehr 8 
In diese Gruppe gehören Neurotiker, die sich ihrer inneren 
Kastrationsangst auf dem Wege provokatorisch-zynischer Witze 
zu erwehren versuchen 3 . „Der zynische Mechanismus" funk- 
tioniert wie vorher beschrieben, mit der Ergänzung, daß die 
masochistische Straferwartung von seiten der Außenwelt ver- 
stärkt und zu gleicher Zeit die captatio benevolentiae : „Tut mir 
nichts, ich mein's ja nicht ernst", eingeschaltet ist. So sagte mir 
ein Patient von passiv-femininem-homosexuellem Typus, des- 
sen verdrängte Aggression gegen den Vat er in der Übertra- 

1) Siehe auch die Novelle J. Popper-Lynkeus „Nach der Predigt" 
(Phantasien eines Realisten IL S. 17g). 

2) In Heines „Romanzero" II. Buch, Lamentationen, heißt es: („Enfant 
perdu") 

In jenen Nächten hat LangeweiP ergriffen 
Mich oft, auch Furcht — nur Narren fürchten nichts — 
Sie zu verscheuchen hab' ich dann gepfiffen 
Die frechen Reime eines Spottgedichts. 

3) Hinter dem großen Zyniker verbirgt sich oft der große Angstmeier. 

— 41 — 



gung langsam herauskam : „Ich habe vor jedem und allen Angst. 
Wenn auf der Straße ein Autoreifen platzt, schrecke ich zu- 
sammen. Heute sah ich einen Mann eine Gitarre tragen, wußte 
im ersten Augenblick nicht, was das bedeuten solle und er- 
schrak. Aber vor Ihnen, Herr Doktor, habe ich keine Angst. 
Sie sind der Doktor Unblutig ..." (Hohn und Anspielung auf 
eine Reklame einer damals bekannten Hühneraugenfirma.) Der 
gleiche Patient behauptete, als in der Nähe meiner Wohnung 
ein Lustmörder verhaftet wurde, daß er den Mörder als Tat- 
menschen sehr beneide und dekretierte : „Lieber Lustmörder, als 
Saldokontist." (Dies war der Beruf des Patienten.) Als ich die- 
sen Patienten einmal erinnerte, daß er mir vor einiger Zeit 
eine bestimmte Erinnerung, die er wieder verdrängte, erzählt 
hatte, sagte er: „Naja, Sie sind halt mein Leckermann," * 
Der Witz stammte zwar nicht vom Patienten, daß er ihm 
aber so prompt einfiel, ist immerhin bezeichnend. Ein Patient 
von zwangsneurotischem Typus versprach mir im Verlaufe der 
Behandlung ein Denkmal in seiner Heimatstadt, wenn ich ihn 
von seinen Zwängen befreien könnte. Nach einer kurzen Pause 
fügte er hinzu :. „Sie werden wahrscheinlich wieder sagen, daß 
in diesem harmlosen Ausdruck ein Stück Aggression gegen Sie 
steckt, da man ein Denkmal nur einem Toten errichtet . . ." 
Ein anderer Patient, der starke Moral insanity-Züge zeigte, kam 
monatelang mit einem höhnischen Grinsen, von dem er genau 
wußte, daß es u. a. auch eine Verhöhnung des Arztes und der 
ganzen Kur bedeutete, in die Ordination und fragte regelmä- 
ßig, scheinbar harmlos: „Warum lache ich eigentlich?"— Ein 
Patient mit schwerster Zwangsneurose hatte die Gewohnheit, 
die Tür zwischen Wartezimmer und Vorzimmer offen zu 
lassen, so daß ich, wenn ich den Patienten ins Ordinationszim- 
mer führte, die Tür selbst schloß. Auf meine Frage, warum 
er die Tür nicht schließe, meinte Patient unter unbändigem 

l) Es sei dabei besonders auf die früher hervorgehobene Bedeutung des 
kindlichen Größenwahns beim Zyniker hingewiesen: Patient identifiziert sich 
ja mit Goethe und ruft dem Arzt, wenn auch etwas verblümt, das Götz- 
zitat zu. 

— 42 — 



Zwangslachen, es mache ihm Spaß, aus einem akademisch ge- 
bildeten Menschen einen „Wagentürlöflner" zu machen. 

3) Zyniker in der Todesstunde 

Freud gibt in seinem Buch „Der Witz und seine Bezie- 
hungen zum Unbewußten" ein Beispiel eines zynischen Witzes 
am Sterbebette: 

„Einen direkt blasphemischen Witz soll Heine in der Situation 
des Sterbenden gemacht haben. Als der freundliche Priester ihn auf 
Gottes Gnade verwies und ihm Hoffnung machte, daß er bei Gott 
Vergebung für seine Sünden finden werde, soll er geantwortet haben: 
,Bien sur, qu'il me pardonnera; c'est s o n m 6 1 i e r.' 
Das ist ein herabsetzender Vergleich, technisch etwa nur vom Werte 
einer Anspielung, denn ein m6tier, Geschäft oder Beruf, hat etwa 
ein Handwerker oder ein Arzt, und zwar hat er nur ein einziges 
metier. Die Stärke des Witzes liegt aber in seiner Tendenz. Er soll 
nichts anderes sagen als : Gewiß wird er mir verzeihen, dazu ist er 
ja da, zu keinem anderen Zweck habe ich ihn mir angeschafft (wie 
man sich seinen Arzt, seinen Advokaten hält). Und so regt sich noch 
in dem machtlos daliegenden Sterbenden das Bewußtsein, daß er sich 
Gott erschaffen und ihn mit Macht ausgestattet hat, um sich seiner 
bei Gelegenheit zu bedienen. Das vermeintliche Geschöpf gibt sich 
noch kurz vor seiner Vernichtung als den Schöpfer zu erkennen." 
(Seite 126.) 
Es gibt eine Reihe solcher Aussprüche, von denen freilich 
nicht alle historisch sind. Immerhin kann nicht bestritten wer- 
den, daß es — • wenn auch wenige — Menschen gibt, die eines 
Zynismus in dieser Situation fähig sind. Paul Morand 1 hat 
eine Reihe solcher Aussprüche zusammengestellt : 

Rabelais: Fertig ! Man hat mir meine Stiefel für die große 
Reise eingefettet. 

Ronsard: Lebt wohl, liebe Freunde, ich gehe als erster, um den 
Platz vorzubereiten. 

Oscar Wilde, dem man den Arzt holen will : Ich wünsche 
nicht über meine Mittel zu sterben. 

Madame du Deffant zum Priester, der sie ermahnte, christ- 
lich zu sterben : Pfui, pfui, sprechen wir von etwas anderem. 

Danton zum Henker, der ihn seinen Freund Herault de Sechel- 

1) „Die Kunst zu sterben", Neue Freie Presse 10. IV. 1932. 

— 43 — 



les auf dem Schaffet nicht umarmen ließ : Du wirst unsere Köpfe 
nicht verhindern, sich im Korb zu küssen. 

Der Maler Lantara, dem ein Priester sagte, daß er Gott 
ewig von Angesicht (en face) sehen werde, seufzte: Immer en face, 
nie im Profil. 

Der Wucherer Despiau sagte zu dem Priester, der ihm 
das Kruzifix hinhielt : Nein, darauf kann ich Ihnen nicht viel borgen. 

„Citoyen de Monteinville, tretet vor!" sagte der Vor- 
sitzende des Revolutionstribunals unter Robespierre. „Ihr seid dazu 
da, um mich kürzer und nicht länger zu machen", antwortete Mon- 
teinville. 

Bezeichnend ist, daß alle diese Aussprüche aggressiv 1 gegen 
die Umgebung sind. Deshalb sind sie Zynismen und streifen 
nur das Gebiet des Humors. 

4) Zyniker aus dem „Salon der Zurückgewiesenen" 
Jede Gemeinschaft von Menschen beruht auch auf Heuchelei, 
zumindestens auf dem stillschweigenden Übereinkommen, über 
gewisse Dinge nicht zu sprechen. Es gibt, wie der schöne Satz 
lautet, Dinge, die man tut, über die man aber nichts spricht. 
Aus Opportunismus fügen sich auch Zyniker dieser Regel, - 
„Das Brot ist teuer dieses Jahr", höhnte Heine — und be- 
gnügen sich im stillen Kämmerlein oder engsten Freundeskreis 
ihre Zynismen anzubringen. (Gedankenzyniker siehe später.) 
Gesellt sich aber zur Eigenschaft des typischen Zynikers ein 

1) Zynismus der Todesstunde kann auch in einem bloßen Lachen be- 
stehen. Es sei zum Beispiel auf eine sonderbare Novelle von Villi er s de 
llsle-Adam „Dieser Mahoin" verwiesen (Gesammelte Werke Villiers, Thes- 
pis Verlag München, Band V, „Das zweite Gesicht", Seite 173). Der Inhalt 
ist folgender: Em berüchtigter Straßenräuber und Mörder soll im kleinen 
Stadtchen Ixelles hingerichtet werden. Tausende sind versammelt um die 
Hinrichtung mitanzusehen, alle Fenster vermietet etc. Der zum Schaffet ge- 
führte Morder bricht plötzlich in ein Lachen von unheimlicher Wildheit aus 
er sieht nämlich Tausende von Köpfen, die alle auf den Verurteilten 
herabblicken, ohne daß es ihm im ersten Augenblick möglich wäre, zu 
entdecken, wo die zu diesen Köpfen gehörigen Körper stecken. Es waren 
dies die vielen Neugierigen, die die Nacht in den Mansarden und Speichern 
verbracht hatten, ohne daß es ihnen gelungen war, an den kleinen über- 
füllten Fenstern ein Plätzchen zu erobern. Beim Herannahen des Verurteilten 
hatten alle mit den Fäusten die Schiefertafeln zerbrochen und sich an den 
Balken des Daches festhaltend, die Köpfe durch die entstandenen Öffnungen 
gesteckt, um nur ja alles zu sehen, was unten vorgeht. 



— 44 



Stück Gesinnungslumperei 1 (zwei Dinge, die an und für sich 
nichts miteinander gemein haben) und wird der Betreffende in 
seiner Gemeinschaft nicht mehr geduldet, oder fühlt er sich 
bloß gefährdet oder zurückgesetzt, so platzt er mit allen „Ge- 
heimnissen" zynisch heraus. Es ist dies die primitive Rache 
des narzißtisch oder materiell Gekränkten. Häufig werden aus 
diesen Typen Überläufer und „Verräter". Als typische Ent- 
schuldigung legen sich die Betreffenden dann zurecht, sie hätten 
es bei „dieser Heuchlerbande" einfach nicht mehr ausgehalten, 
wobei die Frage, warum sie bei der gleichen Heuchlerbande, 
solange sie nicht am Narzißmus, Geldbeutel, oder beidem ge- 
schädigt waren, geblieben sind, vorsichtigerweise nicht berück- 
sichtigt wird. 

Also auch da, beim professionellen „Verräter", eine Verbeu- 
gung vor dem Über -Ich. 

Eine andere Kategorie der Gruppe : Zyniker aus dem „Salon 
der Zurückgewiesenen" sind Menschen, die eine Gemeinschaft 
nur aus Neid wütend angreifen. Sie möchten in dieselbe gerne 
aufgenommen werden, ohne daß dies ihnen gelingt. An die 
„Tafel der Herren" zugelassen, werden diese Radikalinskis bald 
zahm und konservativ. Damit soll aber nicht bestritten werden, 
daß es Menschen gibt, die infolge ihrer psychischen Konstella- 
tion, die letzten Endes in einer spezifischen Nichterledigung 
ihrer Vaterbeziehung ihre Ursache hat, Rebellen auf Lebenszeit 
sind, die sich des zynischen Mechanismus bedienen und durch 
nichts zu kaptivieren sind : aufrechte, ehrliche und selbstlose 
Neurotiker, die man in jeder politischen, religiösen, wissen- 
schaftlichen und künstlerischen Gemeinschaft findet. 

Eine andere Abart ist die des Menschen, der ausschließlich 
masochistisch das „Zurückgesetztsein" genießt. Das normale 
Wartenkönnen bis zum richtigen Moment, in welchem der 
Gegner mit Erfolg zu packen ist, halten sonderbarerweise die 
Wenigsten aus. 

l) Was sich als Gesinnungslumperei präsentiert, besteht meist in neu- 
rotischer Wiederholung von infantilen Racheeinstellungen, für die die mate- 
riellen Momente nur eine Rationalisierung darstellen. 

— 45 — 






5) Zynismus der „Großen" 

Die meisten Zynismen werden von Menschen in einer 
irgendwie abhängigen Situation produziert. Nun gibt es aber 
auch einen Zynismus der „Großen", id est : Erfolgreichen. Dies 
ist für den ersten Augenblick befremdend, da wir gewohnt 
sind, im Zynismus eine Waffe der „Unterdrückten" zu sehen. 
Nun ist aber eine Tatsache, daß Erfolgreiche häufig zynisch 
sind. Die psychischen Ursachen können verschieden sein: Die 
Erfolgreichen sind so hoch gestiegen, daß sie sich bereits den 
Luxus des Zynismus von „oben" leisten können. 1 Es ist eine 
narzißtische Befriedigung, nicht mehr alle Heucheleien mit- 
machen zu müssen. Häufig ist dieser Zynismus Rache für früher 
erlittene Kränkungen : Viele „Große" hielten sich gezwungener- 
maßen lange Zeit im „Salon der Zurückgewiesenen" auf. Fer- 
ner ist zu berücksichtigen, daß die Self-made-Männer unter den 
„Großen" immer eine starke Aggression haben, da zum Vor- 
wärtskommen im Leben eben starke Aggression gehört. Viele 
Erfolgreiche verachten aber die Menschen aus einem einiger- 
maßen absonderlichen Grund: Es ist Hohn und der Fußtritt 
für die Tatsache, daß die Mitmenschen sich ihren Aufstieg ge- 
fallen ließen, etwa nach der Formel : Was sind das für Men- 
schen, die mich emporsteigen ließen! Es ist also vielfach in 
ihrem Zynismus eine intrapsychische Zurkenntnisnahme des 
eigenen Parvenutums. Endlich ist der Zynismus der „Großen" 
eine unbewußte Provokation aus dem unbewußten Strafbedürf- 
nis : Je zynischer die „Großen", je schuldgefühlsfreier sie 
scheinbar sind, desto mehr wird aufs Konto der erwarteten 
Rache der „Erniedrigten und Beleidigten" (Dostojewski) gesetzt. 

1) Interessant ist, daß die meisten Menschen häufig den Zynismus der 
Erfolgreichen nicht nur sich ruhig gefallen lassen (meist auch gefallen lassen 
müssen!), sondern auch billigen. Es liegt offenbar ein Identifizierungs- 
mechamsmus vor. Wenige rebellieren nur gegen die Art, in der der Zynis- 
mus vorgesetzt wird. Es sei an das Gefühl der Empörung erinnert, das 
Gymnasiasten bei der zynischen Form beschleicht, in der Philipp eine Hof- 
dame im „Don Carlos" verbannt : 

„Deswegen vergönn' ich Ihnen zehen Jahre Zeit 

Fern von Madrid darüber nachzudenken." 

— 46 — 



Alle „Großen" leben in ständiger Angst vor Attentaten, Ab- 
setzung, Revanche etc. 

6) Zynismus aus realitätsangepaßtem Größenwahn' 

ist ein Spezialfall des Zynismus der „Großen". Man denke an 
die Entstehung des englischen Hosenbandordens : Als die Gräfin 
von Salisbury im Tanz ihr Strumpfband verlor, soll es ihr 
König Eduard III. (1327—1377) wieder mit den Worten 
überreicht haben, die eine deutliche Aggression gegen die Um- 
gebung beinhalteten : Honi soit qui mal y pense. 

Zenobia, Königin von Palmyra (267 — 273 n. Chr.) ließ sich 
am Ursprung der dortigen Schwefelquelle — der einzigen 
Wasserversorgung in diesem Teil der syrischen Wüste — ein 
unterirdisches Bad in den Felsen sprengen, um die Stadt zu 
zwingen, das Badewasser der Königin zu trinken. (Katz „Ernte" 
Seite 103.) 

Ähnliches geschieht bei der jeweiligen Idee eines bekannten 
Dichters oder Gelehrten, der den Leuten ein ihnen nicht ge- 
nehmes oder ein sie nicht interessierendes Thema vorsetzt. 
(Manchmal gerade deshalb.) Für eine gewisse Zeit müssen sich 
Tausende gerade mit diesem Thema beschäftigen. (Kritiker, 
Leser, Theaterdirektoren, Zuhörer, Feinde und Bewunderer.) 

Karikaturistisch hat Schnitzler dieses Thema unter Persi- 
flage der Größenideen seines Helden in einer Künstler-Ko- 
mödie" verarbeitet : 

Amadeus: Ah, da bist du ja ! 

Albertus. Jawohl. Ich komme doch nicht zu früh ? Bist du 
bereit ? Ich will dir nur den dritten Akt vorlesen. (Nimmt die Blätter 
aus seiner Rocktasche.) Die Szene kennst du ja : Park, Villa, Platane. 
Etwas muß ich noch vorausschicken. Du erinnerst dich des Herrn 
von Ragabas, in den meine Frau verliebt ist? An dem habe ich 
eine kleine Korrektur vorgenommen : er schielt nämlich. Ich bin 
neugierig, wie sich Marie jetzt zu ihm stellen wird . . . 

1) Man denke an Spinozas Wort: Jeder hat soviel Recht, als er 
Macht hat. 

2) Arthur Schnitzler „Zwischenspiel", Ausgabe Fischer, Band III. Seite 163. 

— 47 — 



7) Zynismus nach dem Typus: Wertlosigkeit des Lebens 

der Anderen 

Diese Form des Zynismus setzt eine andere Bewertung des 
Menschenlebens, als die für jeden Kulturmenschen selbstver- 
ständliche Hochschätzung des Menschenlebens, voraus. Man 
denke etwa an folgende Anekdote, die ein Erlebnis des vene- 
zianischen Künstlers Gentile Bellini am Hofe Moham- 
meds II. karikiert. Bellini hatte sich im Auftrage des Senats 
seiner Vaterstadt nach Konstantinopel begeben und setzte dort 
durch seine Kunst alles in Erstaunen. Mohammed gab dem 
Künsder den Auftrag, eine Schüssel mit dem Haupte Johannes 
des Täufers zu malen. Als das Gemälde fertig war, lobte es 
der Sultan, fand jedoch, daß der Hals zu sehr aus dem Kopfe 
hervorrage. Bellini erlaubte sich dagegen einen Widerspruch, 
der Mohammed zu verdrießen schien. Denn sofort ließ er einen 
Sklaven kommen und trennte mit einem Meisterhieb dessen 
Schädel vom Rumpfe, um dadurch seinem berühmten Gast zu 
zeigen, wie ein abgehauener Kopf beschaffen sei. 

Ähnliches spiegelt sich in einem Ausspruch Pouches', der 
bei der Nachricht, Napoleon hätte den Herzog d'Enghien hin- 
richten lassen, lakonisch geäußert hat : Es ist mehr als ein Ver- 
brechen, es ist ein Fehler. 

Der englische Zeitungslord Northcliffe konstatierte ein- 
mal: Jede gute Nachricht enthält dreierlei: Blut, Vagina, 
Nationalflagge. 

Der russische Zar Nikol aus IL sagte, als ihm die Ver- 
nichtung der russischen Flotte im russisch-japanischen Krieg 
gemeldet wurde : „Welch' ein entsetzliches Unglück" und — 
spielte ruhig seine Billardpartie weiter*. 

Vor dem Kriege gegen Österreich sagte Napoleon in 
der bekannten Dresdener Unterredung zu Metternich : Ein Mann 
wie ich pfeift auf das Leben ein er Million Menschen. 3 

i) Näheres in Stephan Z w e i g s „Fouche", Inselverlag, resp. den Memoiren 
Fouch6s, Verlag Hoffmann. 

2) Miller-Fülöp „Rasputin und die Frauen". 

3) Emil Ludwig „Napoleon", Rowohltverlag, Berlin. 



— 48 



Zur Erklärung solcher Äußerungen kann verschiedenes heran- 
gezogen werden. Eines ist sicher : Irgendwo muß auch bei 
solchen Menschen das Straf bedürfnis stecken. Das Wahrschein- 
lichste ist, wie oben hervorgehoben, daß sie deshalb scheinbar 
schuldgefühlfrei agieren können, weil sie unbewußt den Bestra- 
fungswunsch nach außen projizieren und die Rache unbewußt 
erwarten 1 . 

Ferner werden diese Zynismen häufig unter irgend einem 
ideologischen Mäntelchen versteckt und für erlaubt erklärt. 
Manchmal liegen auch Identifizierungen mit Menschen ähnlicher 
Gesinnung vor. In manchen Fällen ist die Ursache so kompli- 
ziert, daß eine lange analytische Arbeit zur Erklärung nötig ist, 
z. B. bei Napoleon. Es sei auf die Napoleon-Arbeit Jekels 
(Imago 1914) und eine Arbeit des Verfassers („Unbewußte Mo- 
tive im Verhalten Napoleons zu Talleyrand") verwiesen, die 
in einer der nächsten Nummern dieser Zeitschrift erscheinen 
wird. In anderen Fällen endlich wird man aus der Entfernung 
sein Ignoramus zugeben müssen. 

8) Zynismen der despotischen „Wohltäter" 
stellen eine Unterabteilung des Zynismus der „Großen" dar. 
Man denke an Sapiehas Worte in Schillers „Demetrius". 
„Was ist die Mehrheit? Mehrheit ist der Unsinn, 
Verstand ist stets bei Wenigen nur gewesen." 

Viele Aussprüche der „aufgeklärten" Despoten und der 
Diktatoren sans gene aller Zeitalter gehören hieher. Die Uber- 
Ich-Beschwichtigung geht neben dem sub 5) erwähnten Mecha- 
nismus in der Form vor sich, daß die „Dummen" eben nicht 
anders als mit Gewalt zu regalieren seien, die angeblich noch 
in ihrem Interesse angewendet wird. 

i) In einem Verbrecherroman von E. Wallace „In den Tod geschickt", 
der das Treiben der amerikanischen Alkoholschmuggler schildern will, wird 
u. a. die Gewohnheit der Banditen berichtet, ihren von ihnen selbst ermor- 
deten Gegnern zum Begräbnis ganze Blumenladungen zu senden. Der Sekre- 
tär des Schmugglerkönigs, der eben solch einen Auftrag erhält, sagt kühl 
rechnend : Der Ankauf einer eigenen Gärtnerei wäre rentabler. Kein Zweifel, 
daß die Mordtaten dieser Kreise durch die ständig als Strafe zu gewärtigende 
„Erledigung" durch die Gegenbande innerlich ermöglicht wurden. 

PsA. Bewegung V — 49 — , 



9) Zynismus als Abwehr der Eingriffe der „Großen" 

In einer Disraeli-Biographie ' wird folgende Szene geschildert : 
Die ganze britische Öffentlichkeit wünscht in der Zeit des 
türkisch-russischen Krieges eine antitürkische Politik, da die 
Öffentlichkeit durch die propagandistisch geschickt ausgenützten 
türkischen Greuel gegen die Türkei eingenommen ist. Disraeli 
treibt aber Vernunftspolitik : Er ist antirussisch (also praktisch : 
pro-türkisch), da er die Russen vom Mittelmeer fernhalten will. 
Disraeli hat aber auch gegen die Königin und gegen die könig- 
liche Familie zu kämpfen. Alles drängt Disraeli zum Krieg: 
„Sogar die Prinzessinnen mischten sich ein. Als einmal die Prin- 
zessin Marie von Cambridge den Premierminister als Tischnachbar 
hatte, sagte sie zu ihm: Ich verstehe, nicht, worauf Sie warten?" 

»In diesem Moment, Milady? Auf die Kartoffeln", erwiderte 
Disraeli. (Seite 316). 

10) Zynismus als Abwehr eines Zynismus 

In den letzten Tagen des französischen Königtums bekam 
ein innerlich mit den Revolutionären sympathisierender Leut- 
nant den Befehl, eine bestimmte Straße zu säubern und beim 
geringsten Widerstand „auf die Kanaille" zu schießen. Der 
Mann entledigte sich seines Auftrages wie folgt: „Ich habe 
den Befehl", sagte er in einer Ansprache an die Menge, „auf 
die Kanaille zu schießen, ersuche also die Kanaille, sich zu ent- 
fernen". Niemand rührte sich. „Nachdem nun die Kanaille sich 
entfernt hat und lauter anständige Bürger anwesend sind, bitte 
ich dieselben, sich nach Hause zu begeben." 

Die Rede des Leutnants ist unleugbar ein Zynismus „nach 
oben". 

II) Zyniker in eroticis 

Als Paradigma sei der Ausspruch eines Mannes genannt, der 
erklärte, die einzige Form der Sexualität, die er goutiere, sei 
die Fellatio. „Daß ist nämlich die einzige Koitusart, bei der 
man ruhig seine Zeitung lesen kann." 

Das Beispiel ist deshalb repräsentativ, weil es die Sexual- 

1) Andre Maurois „Disraeli". 

— 50 — 



Störung dieses Zynikers klar aufzeigt. Die Zyniker in erolicis 
sind also vielfach sexualgestörte Neurotiker, die sich der Zynis- 
men zu Distanzierungszwecken und Kompensierung von Minder- 
wertigkeitsgefühlen bedienen. 

Eine andere Gruppe stellen sadistische „Voyeurzyniker" dar. 
(Siehe unten). Eine dritte Abart rekrutiert sich aus Menschen, 
denen das Aussprechen von obszönen Worten Freude macht 1 . 

12) Voyeurzyniker 

Es wurde bereits früher hervorgehoben, daß jeder Zyniker 
die Verblüffung, Empörung und manchmal Scham der Um- 
gebung, der der Zynismus vorgesetzt wird, genießt. Beim 
Voyeurzyniker tritt dieses akzessorische Moment besonders in 
» den Vordergrund. 

Einer meiner Patienten hatte folgende sonderbare Liebesbe- 
dingung: Er verlangte von der Sexualpartnerin, daß sie ihm 
während des Koitus erzähle, wie sie mit anderen Männern koitiert 
habe, was sie dabei empfunden, wie sich der Mann dabei be- 
nommen habe, etc. Dabei identifizierte sich der Patient mit 
diesen Männern. Ohne auf die komplizierte Genese dieser 
Absonderlichkeit einzugehen (Kastrationsschutz, unbewußte 
Homosexualität, Wiederholung einer in der Kindheit belausch- 
ten Sexualszene der Eltern etc.), sei betont, daß der Patient, 
ohne, es bewußt zu wissen, ein ungeheures Vergnügen am 
Beobachten der Verblüffung, der Abwehr, der Qual und des 
Sich-Überwindens seiner Partnerin hatte. Auch sonst spielte 
ein starker Voyeurtrieb beim Patienten eine große Rolle. 

13) Der präparatorisdhe Zyniker 

Als Beispiel diene die Anekdote von einem bekannten 
französischen Syphilidologen, der in einem Ordinationszimmer 
die Tafel „Hier wird gelogen" anbringen ließ und täglich eine 
Stunde vor Beginn seiner Ordination im Ordinationsraum 

1) Ferenczi „Über obszöne Worte", Bausteine zur Psychoanalyse. 
I. Psycho. Verlag, Seite 171, ff. Eine Arbeit des Verfassers über obszöne 
Worte erscheint demnächst in der Zeitschrift „Imago". 

- 51 — 



herumlief, dabei die wüstesten Beschimpfungen, Verhöhnungen 
und Zynismen gegen seine verlogenen Patienten ausstoßend. 
Nach dieser „Präparierung" war er der beste, gütigste Arzt. 

Ähnliches schildert Albert Ehrenstein 1 . „Da bin ich 
anders. Auf der Straße grüßte ich eine Zeitlang nur die Hunde, 
Ich hatte so meinen Gruß vollkommen entwertet und 
grüßte nun mit Vergnügen jeden Menschen zuerst". 

14) Der „naive" Zyniker 

Gemeint ist nicht die wirkliche kindliche Naivität, die auf 
Erwachsene manchmal wie ein Zynismus wirkt \ sondern der 
Zynismus der Erwachsenen unter der Maske der Naivität. Ein 
ausgezeichnetes Beispiel erzählt W. Rode in seinem „Lese- 
buch für Angeklagte" 3 . 

„In dem im Herbst 1907 vor dem hiezu delegierten Landesgericht 
Wien abgeführten Prozeß gegen 19 ruthenische Studenten, die an- 
geklagt waren, die Universität Lemberg demoliert zu haben, hatte 
der Verteidiger einige namhafte Stanczyken, politische Gegner der 
Angeklagten, als Zeugen beantragt. Nach telephonischer Besprechung 
mit Lemberg teilte der Staatsanwalt mit, daß keiner dieser Zeugen 
mehr am Leben sei. (Das wußte offenbar der Verteidiger schon vor- 
her, wie aus dem Zusammenhang hervorgeht. Anm. d. Verf.) „Macht 
nichts", erwiderte der Verteidiger, ohne sich von seinem Sitz zu er- 
heben. „Der Umstand, daß diese Herren Polen gestorben sind, hat 
sie nicht gehindert, bei den letzten Wahlen für die Schlachta zu 
stimmen. (In Galizien und Ungarn figurieren Tote auf den Wahl- 
listen der Regierungsparteien, für die Strohmänner ihre Stimme ab- 
gaben.) Also sollen sie auch Zeugenschaft ablegen." 

(Schluß folgt im nächsten Heft) 



1) Albert Ehrenstein „Bericht aus einem Tollhaus" (Prophezeiung 
S. 109). 

2) Etwa ein Beispiel, das R e i k berichtet : Eine Gouvernante erzählt 
ihrem kleinen Zögling: „Denk' Dir einmal, Franzi, wie ich gestern so spät 
abends von hier weg gehe, steht beim Haus ein verdächtig aussehender 
Mann. O, wie ich gelaufen bin." Franzi : „Nun — und hast Du ihn be- 
kommen?" 

3) Walter Rode „Knöpfe und Vögel", Transmare-Verlag, Berlin. 

IllllOllllilillllllllllllllllllllllillllllllilllllllllllllllllllll 



— 52 



und die Flucht ins Trauraireich 

Ein Beitrag zur Beratung des kümstlerisdfoem Schaffens 

Von 

Karl Badhler (Chemnitz) 

Der gesunde Mensch ist schön und sein Zustandekommen erstrebens- 
wert. Aber es muß ein bißchen irgendwelcher Krankheit in ihn kommen, 
damit er auch geistig schön werde. 

Christian Morgenstern 

Der Maler, Zeichner und Schriftsteller Alfred Kubin hat 
in den letzten Jahren einen immer noch wachsenden Kreis von 
Freunden und Bewunderern um sich zu scharen gewußt. Es ist 
zweifellos etwas geradezu Geheimnisvolles, seltsam Anziehendes, 
man möchte sagen Suggestives in seiner Persönlichkeit und 
mehr noch in seinem Werk, das vielfältig erscheint, und doch 
immer wieder eigentlich dasselbe aussagt. Kubins Werk, sowohl 
das literarische als auch das bildnerische, durch das er ja be- 
sonders bekannt geworden ist, ist das Werk eines Träumers, 
eines ausgesprochenen Tagträumers, eines Phantasten. Die Kon- 
fliktströmungen eines merkwürdigen Seelenlebens finden in 
diesen Phantasien ihren Niederschlag, die dem Leser oder 
Betrachter auf den ersten Blick unheimlich, ja ausgesprochen 
krankhaft erscheinen mögen. Es ist nicht zu leugnen, daß hier 
zwischen Leben und Werk seltsam geschlungene, unlösbare 
Fäden hin und her gehen ; auch bei ihm wirken Erlebnisse 
und Eindrücke, die der frühen Kindheit angehören, äußerst 
intensiv nach. Um dies aufzuzeigen, müssen wir uns not- 
gedrungen zuvor in des Künstlers Leben umsehen. 

Alfred Kubin wurde 1877 in Leitmeritz in Böhmen ge- 
boren. Bald zog er mit seiner Mutter nach Salzburg. Dort in 
Salzburg sah er zum ersten Male seinen Vater, einen ehe- 
maligen Jägeroffizier, der nach dem 66er Feldzuge als Geometer 
in den Staatsdienst trat, der ihn solange von seiner Familie 
fernhielt. Der Knabe hatte sich inzwischen außerordentlich an 
die immerwährende Nähe der Mutter gewöhnt und der Vater, 

— 53 — 



dessen unerwartete Rivalität er garnicht schätzt, kommt ihm 
höchst ungelegen. „In unserem neuen Wohnort," erzählt er 
später, „an dem Mama mit mir sich gerade gemütlich einge- 
richtet hatte, brach er eines Tages als ein mir mißliebiger 
Mann herein. Durch eine rote Dalmatinermütze versöhnt, be- 
sänftigte sich bald meine Eifersucht und wir schlössen — 
mit Vorbehalt — Frieden." Es geschah dies im dritten Lebens- 
jahr, in der Blütezeit der Ödipus-Einstellung. 

Dieses Bekenntnis deutet schon auf zwei wesentliche Dinge 
hin. Erstens darauf, daß der Knabe den Vater als Nebenbuhler 
um die Zuneigung der Mutter empfindet. Der Vater, der 
„unliebsame Störer", man könnte in diesem Falle sogar sagen, 
der Fremdling, beansprucht die Mutter, das alleinige Liebesziel 
des Kindes für sich selbst. Ferner ist angedeutet, daß der vor- 
läufig geschlossene Frieden wahrscheinlich nicht von langer 
Dauer sein wird. Es ist also die Intensität des Ödipuskomplexes 
schon hier eindeutig nachzuweisen, und wir werden sehen, 
wie die Entwicklung ganz zwangsläufig in der angedeuteten 
Richtung fortgeht. 

Der Druck, der äußere Zwang, der vom Vater auf den Knaben 
im Elternhause ausgeübt wird, macht ihm das Leben unerträglich 
und den Vater immer verhaßter. Freilich hat er dem Wider- 
stände des Vaters nichts weiter entgegenzusetzen als seine 
kindliche Schwäche. Und so war es nur natürlich, daß er als 
der Schwächere seine Zuflucht „zu Schlauheit und List" nahm, 
um sein Rachebedürfnis zu befriedigen. Was er dem Vater 
nicht antun kann, weil er ihm gegenüber der Unterlegene ist, 
tut er — aus einer Triebanlage heraus — als der Überlegene 
schwächeren Geschöpfen an: „dann aber ließ ich in aller 
Heimlichkeit den zurückgehaltenen grausamen Instinkten volle 
Freiheit ; in irgendeinem Gartenwinkel versteckt auf der Erde 
liegend,veranstalteteichFolterszenen an armen kleinen 
Tieren, die so unglücklich gewesen waren, mein Machtbereich 
zu kreuzen, und ich muß gestehen, so scheußlich ich das auch 
heute finde und so oft ich es später bereut habe, ich empfand 
doch starke Lustgefühle dabei". 

- H - 



Aber noch ist die Macht des Vaters nicht gebrochen. Er straft 
die Vermessenheit des Sohnes mit jener furchtbaren Strafe, die 
wir aus dem Ödipuskomplex kennen, mit der „Kastration", 
d. h. in unserem Falle, wie wir bald deutlicher erfahren werden, 
mit einem unbesiegbaren schuldgeborenen Gefühl der Un- 
fähigkeit, der Minderwertigkeit. Nur wenn der Vater abwesend 
ist, ist der Knabe zufrieden. 

Nach dem Tode der ersten Mutter, die der Knabe so heiß 
liebte, heiratet der Vater bald wieder. Auch diese zweite Mutter 
stirbt' bald, und nun ist das Verhältnis zwischen Vater und 
Sohn völlig unerträglich geworden. „Jetzt, wo ich bei keinem 
Menschen mehr Zuflucht fand, wo Christus und alle Heiligen 
taub blieben, wurde ich vollständig verstockt, ließ mich mit 
eingezogenem Kopf schlagen und fühlte nur Haß, Haß, Haß 
gegen meinen Vater und gegen alle Menschen im 
Herzen. — Oh, wenn ich sie nur hätte ermorden 
können!" — Hier haben wir bereits die ganze Skala der 
Haßempfindungen einschließlich des Todeswunsches gegen den 
Vater vor uns. Der Vater gilt als der, der dem Jungen den 
letzten Halt, das Liebesziel, die Mutter genommen hat. Kubin 
meint, er habe damals eine unwiderstehliche brennende Neugier 
für Leichen gehabt. Auch beim Schinder und Metzger folgt er 
gern den grausigen Vorgängen, die wieder jenes dunkle Lust- 
gefühl in ihm wecken, von dem oben schon die Rede war. 
Diese Neigung ist ihm übrigens treu geblieben und kommt in 
seinem malerischen und vor allem graphischen Werke oft genug 
zum Ausdruck. („Der Metzger" 1922, „Der Henker" 1923, „Ge- 
landete Leiche" 1922, „Sterbezimmer" 1922 und „Hyäne" 1915.) 
Die Vorstellung vom Wesen des Todes, die sich später bei 
ihm ausprägt, wird entscheidend von diesen Dingen mit- 
beeinflußt ; Düsteres und Häßliches ist oft bei ihm der Gegen- 
stand der Darstellung. 

Aber nicht nur diese infantilen Erlebnisse aus der ödipus- 
sphäre haben Alfred Kubins Seelenleben beeinflußt oder gehemmt, 
es kommt vielmehr noch ein weiteres Moment hinzu, von dem 
er in der autobiographischen Skizze, die sowohl der „Anderen 

— 55 — 



Seite" als auch dem Bildwerke „Dämonen und Nachtgesichte" 
vorangestellt ist, (und aus der wir vorhin schon zitierten), erzählt: 
„Ich war gerade elfeinhalb Jahre alt, als ich durch eine ältere 
Frau in sexuelle Spielereien verwickelt wurde, was mich 
maßlos aufregte und bis in meine frühe Manneszeit seine Schatten 
warf." Offenbar hat das Mütterliche in dieser Frau eine Rolle 
mitgespielt. 

Es ist ganz merkwürdig, wie auffällig die Entwicklung Alfred 
Kubins sowohl in der Kindheit als auch späterhin der August 
Strindbergs ähnelt, über die ich vor einiger Zeit („Bewegung" 
II. Jg. Heft 4 und 6) hier berichtet habe. Kubin mag wohl 
diese seelische Verwandtschaft mit dem großen Schweden dunkel 
geahnt haben; er hat sich jedenfalls stets ganz auffällig geweigert, 
mit ihm in nähere Berührung zu kommen. Strindberg war ihm 
wohl ein gar zu unerbittlicher Spiegel eigener seelischer Not 
und Wirrnis. In dem Vorwort zu seinem großen, mit geradezu 
seherischer Begabung geschaffenen Mappenwerke zu Strindbergs 
Trilogie „Nach Damaskus" (1921) äußert er sich selbst darüber 
in folgender Weise: „Seit 1912 war es einer der Lieblings- 
gedanken Georg Müllers (des Verlegers), Blätter zu einem 
Strindbergwerk von mir zu bekommen. Ich schrak vor einer 
derartigen Aufgabe, zu der ich mich aus Gründen innerer Ab- 
lehnung nicht fähig fühlte, aber immer wieder zurück !" Doch 
beschäftigt er sich dann mit Strindberg, der ihm unheimlich ist, 
der seine Kraft lähmt, und ringt sich endlich nach furchtbaren 
inneren Kämpfen zu dem Entschlüsse durch, das Unternehmen 
zu wagen, das endlich, neun Jahre nach der ersten Anregung, 
vollendet wird. 

Nach dieser kleinen Abschweifung, die notwendig war, nehmen 
wir die Untersuchung da wieder auf, wo wir sie verließen. 
Wir stellten fest, wie durch die Eindrücke der frühen Kindheit 
in Kubin jenes Gefühl einer unbeschreiblichen Öde, Verlassenheit 
und Unfähigkeit, einer unüberwindlichen Minderwertigkeit er- 
zeugt wurde, das später eine stark neurotische Ausprägung erfuhr. 
Kubin ist sich dunkel wohl der Kräfte bewußt, die in seinem 
Inneren unheilvoll am Werke sind. „Ich hoffe vor allem 

— 56 — 



deutlich genug gezeigt zu haben", sagt er einmal, „daß es im 
Grunde ein und dieselbe Kraft war, die mich in der Kindheit 
zu Träumen und dummen Streichen, später in eine Krankheit 
und schließlich zur Kunst brachte. Diese eigentliche und letzte 
Triebfeder meines Schaffens näher zu bezeichnen, ist mir nicht 
möglich, sie hängt zu eng mit meinem ganzen Dasein zusammen, 
das mir ja auch rätselhaft ist." 

Als er später in der Münchener Pinakothek, deren Besuch in 
ihm einen ungewöhnlich starken Eindruck hinterläßt, mit den 
großen Meisterwerken der Kunst bekannt wird, bemächtigt sich 
seiner tiefe Niedergeschlagenheit, die von besonderer Art ist. 
Das Bewußtsein eigener Minderwertigkeit ergreift so sehr von 
seiner Seele Besitz, daß er sich schwach und kraftlos fühlt. „Ich 
war sehr bedrückt", schreibt er damals, „und ergab mich, um 
den Katzenjammer zu ersticken, allen möglichen Ausschweifungen 
und Zerstreuungen, worauf alles nur noch schlimmer und grenzen- 
los widerlich wurde, bis ich wieder bei meiner alten Liebe, der 
Philosophie Zuflucht suchte." Unglücklicherweise geriet er aber da- 
bei an Schopenhauer, in dessen pessimistischen Ideen er von nun an 
schwelgt und der ihn zu seltsam versponnenen Einfällen ver- 
leitet, die indessen eine tiefere Beziehung zu den unbewußten 
Regungen seiner schon durch und durch kranken Seele haben. 
Sehr bezeichnend und für den Analytiker ungemein aufschluß- 
reich ist nun die Lebensauffassung, die er sich beilegt. „Ich 
stelle mir also vor", so entwickelt er sein System, „daß ein an 
sich außerzeitliches, ewig seiendes Prinzip, — ich nannte es 
„den Vater" — , aus einer unergründlichen Ursache heraus 
das Selbstbewußtsein, — „den Sohn" — , mit der zu ihm un- 
scheidbar gehörigen Welt schuf. Hier war natürlich ich selbst 
„der Sohn", der sich selbst, solange es dem riesenhaften, ihn 
ja spiegelreflexartig frei schaffenden Vater genehm ist, narrt, 
peinigt und hetzt. Es kann also ein derartiger Sohn jeden Augen- 
blick mit seiner Welt verschwinden und in die Uberexistenz 
des Vaters aufgehoben werden." Eigenartig, wie auch hier wieder 
Beziehungen zu Strindberg und seinem „Mächte"glauben, der 
ebenfalls eine Ersatzvorstellung für die Vaterautorität darstellt, 

— 57 — 



deutlich in Erscheinung treten. Kubins seltsame Philosophie ist 
garnichts anderes als eine Projektion infantiler Erlebnisse und 
der Ambivalenz gegenüber dem Vater. 

Der Krieg ist es nun, der Kubin völlig niederwirft. Ungeheure 
Verwirrung packt ihn angesichts dieses furchtbaren Geschehens: 
„Eine alte dämonische Lust nach Verwirrung . . . , die meine 
gefundenen, bejahenden Grundsätze unterwühlte, gab meinen 
Tagen eine schwermütige Unruhe. So verbrachte ich wieder 
viele Tagesstunden in nervöser Mattigkeit auf dem 
Diwan liegend . . ." 

Nun, nachdem er die Schule Schopenhauers absolviert hat, 
wird ihm ganz folgerichtig die Lehre Buddhas zum neuen Weg- 
weiser. Er zieht sich in die Einsamkeit zurück und schließt sich 
in einer „Zelle" ein, einem kleinen Raum, der nur Waschtisch 
und Strohsack enthält (Mutterleib-Symbol). Auch Strindberg 
spielte immerwährend mit dem Gedanken der Flucht in ein 
Asyl, in ein Kloster, um den Verfolgungen zu entgehen, mit 
denen ihn die Vater-„Mächte" stündlich verfolgten und geißelten. 
Von merkwürdigen Visionen wird nun Kubin in der selbst- 
gewählten Verbannung heimgesucht ; er sieht allerlei sonderbare 
organische Formen in die toten Dinge hinein, eine Erscheinung, 
die sich in krankhaft gesteigerter Weise auch bei Strindberg findet. 
Das unbewußte Schuldgefühl ist es, das Kubin zu solchem 
Tun zwingt, das ihn dazu treibt, sich zu kasteien und durch 
völlige Enthaltsamkeit selbst zu bestrafen. So haben wir also 
auch für die Erscheinung, daß sich die Spannung zwischen der 
Strenge des Uber-Ich und dem ihm unterworfenen Ich, also 
das Schuldbewußtsein, in starkem Strafbedürfnis Luft schafft, 
bei ihm einen Beleg. Aber wie so oft in dergleichen Fällen, 
ist der Erfolg ein durchaus negativer. Die erhoffte Beruhigung 
oder Beschwichtigung des Schuldbewußtseins tritt nicht ein. 
„Der Triebverzicht hat", wie Freud in seiner Studie „Das ' 
Unbehagen in der Kultur" einmal sagt, „keine voll befriedi- 
gende Wirkung mehr, die tugendhafte Enthaltung wird nicht 
mehr durch die Sicherung der Liebe gelohnt ; für ein drohendes 
äußeres Unglück — Liebesverlust und Strafe von Seiten der 

— 58 — 



äußeren Autorität — hat man ein andauerndes inneres Unglück, 
die Spannung des Schuldbewußtseins, eingetauscht". Die not- 
wendige Folge ist, daß Kubin bereits nach zehn Tagen den 
ganzen Buddhismus über Bord wirft und das untaugliche Ex- 
periment beendet. Später äußert er darüber : „Seit der glück- 
lichen Stunde, da ich mich den Schlinggewächsen eines so 
gefährlichen Zaubergartens entwunden habe, sind nun fünfzehn 
Monate vergangen. Wie ein kalter Hauch streift mich oft noch 
die Erinnerung an den heimtükischen Überfall, und in allen 
mir zugänglichen Winkeln des seelischen Labyrinths wittere ich 
mit feiner Spürnase nach etwa noch verborgenen Fallgruben". 

Als später die graphische Kunst Max Klingers ihm den 
eigenen Weg weist, brechen die dunklen Geheimnisse seiner 
Seele mit Macht auf: „ich irrte ziellos in den dunklen Straßen, 
dabei fortwährend überwältigt, förmlich genotzüch- 
tigt von einer dunklen Kraft, die seltsame Tiere, 
Häuser, Landschaften, groteske und furchtbare Situationen vor 
meinen Geist hinzauberte". Diese Visionen erfüllen ihn jedoch 
wiederum mit jenem sonderbaren Lustgefühl. Er fühlt sich 
unbeschreiblich „wohl und gehoben". Auch Strindbergs be- 
mächtigte sich nach jeder neuen Züchtigung durch die „Mächte" 
ein solches Lustgefühl. Immer wieder wechseln solche Rausch- 
zustände mit Perioden tiefer Niedergeschlagenheit ab. Krämpfe 
schütteln ihn dann ; zweifellos leidet er unter zwangsneurotischen 
Zuständen, ähnlich wie Strindberg, die ihre Quelle im Angst- 
gefühl haben. In dieser Zeit bringen ihn seine Freunde zu 
Doktor G u d d e n, der ihn allerdings bald wieder als geheilt 
entlassen kann. 

Wir sahen, wie Kubins Flucht in die Einsamkeit, in die 
Entsagung mißlang. Aber für den Künstler bleibt noch ein 
Ausweg offen: Die Flucht in den Traum. Kubin sagt 
einmal : „Ein wirklich schlechter Kerl wird ein Künstler selten 
sein, hie und da eine kleine Gemeinheit, dabei bleibt es. 
Unsere Sensationen lassen gar keine Zeit zu großangelegten 
Gaunereien. Wir legen unsere Seele offen in die Arbeiten, so 
daß jeder deutlich sehen kann, was für ein Lump unter Um- 

— 59 — 



ständen aus einem Künstler hätte werden können. Die Kunst 
ist ein Sicherheitsventil". Man kann ja sagen, daß 
alles Dichten und Schaffen schließlich aus Tagträumen seinen 
Ursprung nimmt, aber es kommt doch noch sehr viel auf die 
Intensität an, und die Intensität ist bei Kubin außergewöhnlich 
stark. Die Phantasien seiner Kunst, sowohl seiner malerischen, 
als auch seiner dichterischen, sind ausnahmslos Spiegelbilder 
oder Korrekturen einer unbefriedigten Wirklichkeit. Ob ihm 
die Befriedigung seiner Wünsche in der Phantasie, im gedich- 
teten Traume wirklich gelingt, mag vorläufig noch dahingestellt 
bleiben. 

Der Zeichenstift ist allein bald nicht mehr mächtig genug, 
das auszusagen, was in seiner Seele glüht. Er greift zur Feder 
und schreibt in der kurzen Frist von zwölf Wochen, völlig 
unbeschwert von literarischen Vorurteilen, den Bekenntnisroman 
„Die andere Seit e", den er etwas später auch mit Illustra- 
tionen versieht. Der Sinn des Buches, auf dessen Bedeutung 
für die Psychoanalyse bereits Hanns Sachs („Imago" I, 1912, 
pag. 197) und Otto Rank („Der Künstler", 4. A., pag. 185) 
hingewiesen haben, ist die Erkenntnis, daß nicht nur in den 
bizarren, erhabenen und komischen Augenblicken des Daseins 
höchste Werte liegen, sondern daß das Peinliche, Gleichgültige 
und Alltäglich - Nebensächliche dieselben Geheimnisse enthält. 
Als er das Buch geschrieben hat, fühlt er sich erleichtert. „Nun 
waren es nicht mehr", stellt er erfreut fest, „die rein persön- 
lichen Herzensnöte, die aus mir schrien und auf sonderbare, 
ruckartige Weise in Visionen "sich auflösten. Jetzt ergriff mich 
mehr das allgemeine Leben ..." Er hat sich also durch seine 
Flucht in die Dichtung zunächst Befreiung verschafft. Die Form 
dieser Dichtung aber ist die Traumerzählung. 

Kubin erzählt in dem Roman „Die andere Seite" von der 
Gründung eines Traumreiches, in dem alle die aufgenommen 
werden können, die mit der Realität der Welt nicht fertig 
werden. Der Gründer und Diktator dieses Traumreichs ist ein 
seltsamer Mensch, Patera genannt. Auch Kubin wandert, sich 
mit dem Helden der Traumerzählung identifizierend, in dieses 

— 60 — 



gelobte Land aus, hoffend, daß er nunmehr alle Widerwärtig- 
keiten des wirklichen Lebens hinter sich lassen darf. 

Was hat es nun eigentlich mit dieser ganzen Traumland- 
und Patera-Phantasie auf sich? Denn, daß wir es in diesem 
Buche mit einer kranken Phantasie zu tun haben, daran besteht 
kein Zweifel. Das weiß Kubin selbst, denn er sagt : „Ich mußte 
immer wieder dem Zauber der gewaltigen Schauspiele, die ich 
erlebte, nachsinnen. Mein Traumvermögen war augen- 
scheinlich erkrankt, die Träume wollten meinen Geist 
überwuchern. Ich verlor in ihnen meine Identität, sie griffen 
oft in historische Perioden zurück. Fast jede Nacht brachte mir 
entlegene Begebenheiten, und ich bin der Meinung, daß diese 
Traumbilder aufs engste verkettet waren mit Er- 
lebnissen meinerAhnen, deren seelische Erschütterungen 
sich vielleicht organisch geprägt und vererbt haben." 

Kubin hat sich mit dem Wesen des Traumes oft aus- 
einandergesetzt, nicht nur in diesem Buche, sondern vor allem 
auch im Bilde, am eindrucksvollsten vielleicht und am genialsten 
in „Jede Nacht besucht uns ein Traum" und in „Böser Traum" 
(1901). Ja, man darf getrost behaupten, daß der weitaus größte 
Teil seiner Bilder überhaupt traumgeboren und traumverwandt 
ist, soweit sie nicht, durch Auftrag an ein besonderes Thema 
fest gebunden sind. In den Illustrationen zu „Neue Träume" 
von Friedrich H u c h wird das Gleitende, Spiegelnde, Schillernde, 
Formlose des Traumes ganz glänzend wiedergegeben und, — 
um ein Parallelbeispiel in der Dichtung Kubins nachzuweisen — , 
am Schlüsse des fünften Kapitels im zweiten Teile der „Anderen 
Seite" findet man einen geradezu klassischen Beleg für die Ver- 
worrenheit und scheinbare Inkonsequenz des Traumes. Die 
Vorbemerkung zu Huchs „Neuen Träumen" darf geradezu 
programmatisch für Kubins Anschauung vom Wesen des Traumes 
genommen werden. Dort schreibt er: „Seit jeher besaß ich 
stärkste Anteilnahme für die rätselhafte Welt des Traums. 
. . . Der Traum ist ein gewaltiger Zauberer ! Ich will hier nicht so 
sehr auf den symbolischen Wert seiner einzelnen Erscheinungen 
hinweisen ; hier interessiert mich weniger der Inhalt bestimmter 

— 61 — 



Träume, als daß überhaupt geträumt wird und wie es geschieht. 
. . . Um klare Ordnung zu schaffen, entschloß ich mich zur 
entschiedensten Beobachtungsweise: zur philosophischen. Ich 
mußte auch noch den eigenen Menschen mit all seinen 
Zuständen als Material gründlich durchschauen und erkannte 
ihn im Tag- und Nachttraum als völlig draußenstehend. Der 
Mensch ist also nur ein Spuk der echten Person, 
welche tiefer liegt. Das Wesen des Traumes wie der 
Welt ist ein subjektives, im weitesten Sinne genommen." Be- 
sonders interessant ist in diesem Zusammenhange auch, daß 
Kubin in ganz letzter Zeit auch die mit einem aufschlußreichen 
Vorwort von C. G. Jung versehenen „Märchen aus dem Unbe- 
wußten" von Oscar A. H. Schmitz ebenfalls mit einer Reihe 
merkwürdiger Illustrationen versehen hat. 

Kehren wir nun zur „Anderen Seite" zurück, ohne uns weiter 
bei Einzelheiten der naturgemäß sehr verworrenen Erzählung 
aufzuhalten. 

Es wurde behauptet, daß Kubin durch die Flucht in die 
Traumwelt sich den Verfolgungen der strafenden Vaterautorität 
zu entziehen versuche. Ohne Zweifel ist die sonderbare Gestalt 
des P a t e r a (man beachte doch nur den Namen !), die unfaßbar 
und tausendgestaltig das Traumreich, in dem es alles andere 
als Freiheit zu geben scheint, wie ein Diktator beherrscht und 
tyrannisiert, eine besondere Art von Vaterersatz. Wie wir 
zu Beginn darlegten, haßte Kubin den Vater in seiner frühen 
Kindheit aufs äußerste, ein Gefühl, das sich später legte und 
zeitweilig sogar ins Gegenteil verkehrte, in Zuneigung. Dieselbe 
Gefühlsambivalenz findet sich beim Helden des Traumlandes 
dem Patera gegenüber. Patera, der das Vertrauen des sich ihm 
kindlich Nahenden mißbraucht und enttäuscht, ist zunächst 
nichts anderes als der Gegenstand absoluter Furcht und ab- 
soluten Hasses. Erst nach dem Tode des Tyrannen macht der 
Haß einer Art von Mitleid Platz. Patera ist die Vaterautorität, 
das unfaßbare Schicksal, das den Verwegenen, der sich mit Haß 
an der Vatermacht rächen wollte, wiederum nicht nur mit Liebes- 
verlust, sondern vor allem mit schmerzlicher Unfähigkeit bestraft. 

— 62 — 




Es ist also auch im Traumreiche anscheinend nichts mit dem 
Seelenfrieden Kubins. Verzicht hier wie dort, Verfolgung und 
Strafe, Haß und Angst. Schön beim Eintritt in dieses merk- 
würdige Land der Verzauberung hat er ein schlimmes Erlebnis, 
von dem er folgendermaßen berichtet: „Als ich schon eine 
Weile in diesem Gewölbe (eine Art Tunnel !) gegangen war, 
überkam mich wie auf einen Schlag ein unbekanntes, gräßliches 
Gefühl. Es ging vom Hinterkopf aus und fuhr das Rückgrat ent- 
lang, mein Atem stockte und der Herzschlag setzte aus." Ein Anfall, 
wie man ihn oft auch bei Strindberg findet. Später erzählt er 
von einem gespenstigen Erlebnis mit einem heruntergekommenen 
blinden Pferde, und wieder erlebt er dabei einen ähnlichen 
Anfall : „. . . ein Nervenschock packte mich. Meine Zunge 
wurde starr und mein Körper wie Stein !" Auch findet er 
selber die Erklärung für diese Zustände : „Wir stehen hier (im 
Traumreiche!) alle unter dem Bann. Ob wir wollen oder 
nicht, es vollzieht sich ein notwendiges Geschick 
an uns. Wird das innerliche Auflehnen gegen das Unabänder- 
liche zu stark, dann kommt der Klaps." Ganz deutlich wird 
hier dem Gedanken der Auflehnung gegen die Vaterautorität 
und der unbedingt darauf zu erwartenden Bestrafung noch 
einmal Ausdruck verliehen. Die Anfälle selbst hält Kubin für 
ein Erbteil der Mutter : „Im Grunde kann kein Mensch über 
sein Temperament hinweg, es wird immer seine Lebens- 
äußerungen bestimmen. Bei dem meinigen, einem ausgesprochen 
melancholischen, lagen Lust und Unlust ganz nahe beieinander. 
Seit jeher unterlag ich unvermittelt meist den stärksten Ge- 
fühlsschwankungen. Aus dieser eigentümlichen nervösen An- 
lage, einem Erbteil meiner Mutter, schöpfte ich die 
größte Lust, aber auch die bitterste Qual." 

Nach dem Tode seiner Frau, — ein Ereignis, das auch in 
der „Anderen Seite" seinen Niederschlag findet — , überfällt 
Kubin ein wahres Arbeitsdelirium : „Ich betäubte mich im 
Schaffen. Meine Blätter, in der düsteren und fahlen Stimmung 
des Traumreiches gehalten, sprachen auf verborgene 
Weise mein Weh aus. — Immer wieder auf neue Art 

— 63 — 



variierte ich den einen melancholischen Grundton, das Elend 
der Verlassenheit und den Kampf mit dem Unverständ- 
lichen." „Psy chographik" nennt Kubin selber sehr 
treffend seine sonderbaren Versuche, die Eindrücke seines Unter- 
bewußtseins durch das Medium des Zeichenstiftes ins Tag- 
bewußtsein zu projizieren. Seine Seele leidet schwer unter einer 
neuen Schuld. Er glaubt, das Leben seiner geliebten Frau auf 
dem Gewissen zu haben, weil er sie, die im Grunde eine sehr 
reale, gesunde Natur war, mit in sein gespenstiges Traumland, 
in dem sie dahinsiechen mußte, gezwungen hatte. 

So kommt neue Gewissensschuld zu alterlebter. Und die Ver- 
zweiflung treibt Kubin, — nicht nur in der Dichtung, sondern 
auch im Leben, — immer mehr einer unbezwingbaren Todes- 
sehnsucht in die Arme. Auch bei ihm bewahrheitet sich die 
These Sigmund Freuds, daß das Schuldgefühl, die Angst vor 
dem Über-Ich, ein Ausdruck des Ambivalenzkonfliktes, des 
ewigen Kampfes zwischen dem Destruktions- oder Todestrieb 
und dem Eros ist („Das Unbehagen in der Kultur"). „Sicher 
ist es die Phantasie", bekennt Kubin in seiner Selbstbiographie, 
„die mich glücklich und traurig macht. Und da ich viel geschaut 
und erlitten habe, und am Leben nicht mehr so unbedingt hänge 
wie einstens, mir im Gegenteil mancherlei körperliche Müdigkeit 
und Empfindlichkeit gegen Schmerzen den Humor immer wieder 
trüben, erfasse ich auch die Idee des Todes ohne große 
Besorgnis und es beunruhigt mich nicht allzusehr, ob er mich nach 
Ansicht derer, die etwas davon zu verstehen vorgeben, dem 
Nichts oder dem Allbewußtsein oder einer neuen Sonderexistenz 
zuführt." Das ist eine leise Andeutung erst des Kommenden, 
denn von nun an verschwindet das Todesmotiv nicht mehr 
aus seinem Denken und Schaffen. Kubin hat den Tod in 
tausenderlei und zumeist grauenvoller Gestalt immer wieder 
abgebildet, und im Epilog zur „Anderen Seite" offenbart sich 
seine skeptische Haltung noch viel schärfer als im vorhin zitierten 
Beispiel. Denn, am Ende der „Anderen Seite" sieht man deutlich, 
daß dieser ganze Fluchtversuch vor der rächenden Autorität 
nicht geglückt ist, auch wenn Patera zugrunde geht. So schreibt 

— 64 — 



er denn: „Mich erquickte nur noch der Gedanke an das Hin- 
schwinden, an den Tod. Mit aller Inbrunst, deren ich noch 
fähig war, umfing ich ihn. Ich liebte ihn ekstatisch, wie 
wenn ich ein Weib gewesen wäre, ich war verzückt . . . 
Ich war derVertraute dieses ungeheuersten Herrn, 
dieses glorreichen Weltfürsten, dessen Schönheit unschilderbar 
ist für alle, die ihn fühlen. Er war mein letztes, mein größtes 
Glück . . . Seinem katzenhaften Werben nachzugeben, seine 
Zerstörungen als Liebesumarmungen zu fühlen, machte mich 
glücklich ! . . . An mein eigenes Sterben dachte ich wie an die 
größten, himmlischen Freuden, die ewige Hochzeitsnacht wäre 
dann angebrochen." Ja, und nun geschieht das Merkwürdige, 
ein kleiner Umschwung, dennoch nichts weiter als ein vorüber- 
gehender Ausschlag des Pendels nach der anderen Seite: „Als 
ich mich wieder ins Leben wagte, entdeckte ich, daß mein Gott 
(der Tod!) nur eine Halbherrschaft hatte." Also auch hier noch 
immer keine Zuflucht? „Im Größten und Kleinsten", heißt es 
weiter, „teilte er mit einem Widersacher, der Leben 
wollte . . . die wirkliche Hölle liegt darin, daß sich dies 
widersprechende Doppelspiel in uns fortsetzt ... Der 
Demiurg ist ein Zwitter." Mit dieser letzten Erkenntnis 
Kubins, die eine treffliche Illustration zu dem oben angeführten 
Satz Sigmund Freuds bildet, wollen wir diese Betrachtung 
abschließen. 

Der „Fall Kubin", zweifellos mit stark neurotischen Merk- 
malen behaftet, ist mit diesen durchaus noch fragmentarischen 
und sondierenden Untersuchungen keineswegs erschöpft. Er 
birgt noch immer eine Menge Material für Einzeluntersuchungen, 
namentlich über die Symbolik im Traum, der hier nicht 
weiter nachgegangen werden konnte. Was er vor allem 
wieder veranschaulicht, ist, daß die infantilen Erleb- 
nisse eines Künstlers fast dessen gesamtes 
Lebenswerk beherrschen, und daß wiederum die 
Kunst zum Sicherheitsventil für jene dunklen 
Mächte des Unbewußten werden, die sonst das Leben völlig 
zerstören müßten. 

PsA. Bewegung V 65 , 



Psychoaiialy tische Ahnungen In der 
Traumdeutungskunst der alten He^ 
feräer nach deni Traktat Brachoth 

Von 

Immanuel Velikovsky 

TelnAviv. 

In einem der Talmudfolianten, im Traktat Brachoth, findet 
sich ein Abschnitt über die Traumdeutungskunst der alten He- 
bräer. Der Inhalt dieser Fragmente zeigt, daß zu jener Zeit 
(von Anfang der christlichen Ära bis etwa zum sechsten Jahr- 
hundert) einige wichtige Ergebnisse der modernen Traumdeutung 
schon geahnt und verwendet waren. Das soll nicht heißen, daß 
sich nicht Irrtümer und widersprechende Meinungen finden. 
Aber einige wesentlichen Erkenntnisse der Freud sehen Traum- 
lehre begegnen uns: der Traum als Wunscherfüllung, Wort- 
spiele im Traum, die symbolische Sprache des Traumes, ödipus- 
Regungen als häufiger und verschleierter Inhalt des Traumes, 
und die Anwendung freier Einfälle des Träumenden nach dem 
Erwachen zum Verständnis des Traumes. 

Noch ein Gesichtspunkt ist vertreten, dem ein erfahrener 
Psychologe wohl auch zustimmen würde : die Deutungen der 
Träume können als Suggestionen wirken und die Handlungen 
und Regungen des Menschen in die gedeutete Richtung lenken. 
Dies war die vorherrschende Ansicht : die Träume verwirklichen 
sich laut der Deutung, die man ihnen gibt (hahalom holech aharei 
hapeh). Dem entspricht auch das Wort: ein nicht gedeuteter 
Traum gleicht einem nicht gelesenen Brief. 

So wird unter anderem erzählt, daß ein professioneller Traum- 
deuter Bar-Hedja den zwei Talmudisten Abaj und Räba die- 
selben Träume verschieden gedeutet hatte: einem zum Guten, 
dem andern zum Bösen, und seine beiden Deutungen erfüllten 
sich. Sein Traumbuch kam später in die Hand des verzweifelten 
Raba, dort stand als Motto die oben erwähnte Regel: „Nicht 
der Traum, sondern seine Deutung geht in Erfüllung". 

— 66 — 



r 

R. Biram überlieferte von einem alten Manne: „Vierund- 
zwanzig Traumdeuter waren in Jerusalem ; ich sah einen Traum 
Iund ging zu allen, und was der eine deutete, deutete nicht der 
andere, und alle Deutungen sind in Erfüllung gegangen". 
Diese Ansicht, daß nicht der Traum, sondern seine Deutung 
verwirklicht wird, ist ein Fortschritt im Vergleich mit dem 
Glauben der antiken Traumweisheit, die in jedem Traume eine 
Prophezeiung sah. Die Erfüllung der Deutung kann von der 
Suggestion des Deuters auf den Träumer kommen; aber es 
sind auch Fälle erwähnt, wo die Ereignisse der Deutung gemäß 
eingetroffen sein sollen, ohne, wie es scheint, von der Ein- 
wirkung des Träumers abhängig gewesen zu sein. 

Aus solchen hier und da erwähnten Fällen könnte man 
schließen, daß auch von einigen in diesem Traktat zitierten 
Autoritäten der Traum selbst als Vorahnung verstanden wurde. 
Daraus wurde aber weder ein System gebildet noch eine gegen- 
sätzliche Behauptung aufgestellt 1 . 

Für eine Art telepathischer Träume, solche, die zwei Subjekte 
gleichzeitig sehen, können die Träume von den erwähnten Abaj 
und Raba als Illustration dienen ; allerdings läßt die große Zahl 
der Berichte solcher gleichgeträumter Träume nachdenken, ob 
sie nicht für die Zwecke der Vorführung der „Zweideutungs- 
kunst" zusammengedichtet waren. 

Im Traktat Brachoth ist ein parapsychologischer Fall vor- 
gebracht, der auch als schönes Wortspiel im Traum erwähnens- 
wert ist: ein Sohn träumte, daß sein verstorbener Vater ihm 
ein Vermögen in Kapadokia hinterlassen hat. R. Ismael fragte : 
,Hast du Vermögen in Kapadokia?' Er antwortete ,Nein' ; 
,War dein Vater einmal in Kapadokia?' Er antwortete .Nein', 
da sagte R. Ismael: .Dann geh und schau, der zehnte Balken 
in deinem Hause ist voll mit Silber'. Kapa ist im Griechischen 
Balken, deka im Griechischen zehn. Er ging und fand es. 

l) Diesem volkstümlichen Glauben aller Zeiten — Traum als Vorahnung 
— werden von den zeitgenössischen Psychologen nur diejenigen zustimmen, 
die sich zur Parapsychologie hingezogen fühlen, und die das Merkwürdige 
nicht immer als Zufälligkeit zu deuten gewillt sind. 

- 67 - 5. 



Möglicherweise lag hier ein Fall von Kryptomnesie vor. 

Im Einklang mit dem gesicherten Bestand der psychoanalyti- 
schen Traumforschung stehen die oben genannten sechs Er- 
kenntnisse der Alten. 

1) ZurWunscherfüllung im Traum: R. Simon ben 
Gamliel pflegte zu sagen : es wird dem Menschen nichts anderes 
im Traume gezeigt als sein Herzenswunsch (ein mar'in lo l'adam 
ella mihirhure libo). 

2) Zu Wortspiele im Traum: Bar Kafra sagte zu Rabi : 
Ich sah, meine Nase (Hotmi) ist abgefallen. Der antwortete: 
Dein Zorn hat dich verlassen (im Hebräischen ist die Nase 
Hotem und auch Af ; Zorn = Haron AJ). — Bar Kafra sagte auch : 
Ich hörte im Traume „Du stirbst im Adar (Frühlingsmonat) 
und erreichst den Nissan (den folgenden Monat) nicht". Rabi 
antwortete: In Pracht (Hadar) wirst du einmal sterben und 
wirst nie in Versuchung (Nissajon) kommen. — Rabbanon (oder 
Hama ben R. Henina) lehrte: wer im Traum einen Elefanten 
sieht (Elefant = Pil), dem wird ein Wunder (Pele) geschehen. — 
Auch Wortspiele mit Beziehung zu Bibelversen kommen oft vor, 
z. B.: Wer ein Kamel (Gamal) im Traume sieht, dem war der 
Tod vom Himmel bestimmt, aber er wird sich retten; und 
R. Hama ben R. Hanina erklärt es durch den Vers : Ich gehe 
herunter mit dir nach Ägypten, ich werde dich auch hinauf- 
führen, so wirst du hinaufgeführt (gam ala). — Rabanon sagte : 
Wer Ungeziefer (Kinim) im Traume sieht, wird Weisheit er- 
reichen, denn es heißt : mit deinem ganzen Vermögen (Kini- 
anecha) kaufe (kne) Weisheit. 

3) Beispiele zur symbolischen Sprache des 
Traumes: Ist die äußere Tür des Hauses im Traume ge- 
fallen, bedeutet es das Sterben der Frau des Träumenden (nach 
Bar Hedja). — Eine Taube, die wegfliegt, bedeutet, daß die 
die Frau das Haus verläßt. 

4) Beispiele für verschleierte ödipusregungen 
im Traum. Ein Sadukkei sagte zu R. Ismael: Ich träumte, 
daß ich einen Olivenbaum mit Olivenöl begieße. Der ant- 
wortete : Es ist ein Verkehr mit deiner Mutter (ba al Imo). — 

— 68 — 



Sadukkei sagte auch : Ich sah im Traume, daß sich meine beiden 
Augen küßten. R. Ismael antwortete : Es ist ein Verkehr mit 
deiner Schwester (ba al ahoto). 

5) Beispiele, für die Benützung von Einfällen 
des Träumenden: R. Johanan sagte: es erwache einer, 
und kommt ihm ein Vers in den Sinn (es ist ein Bibelvers 
gemeint), so ist es eine „kleine Prophezeihung". So dient die 
erste beim Erwachen eingefallene Assoziation zum Verständnis 
des Traumes ; gleichzeitig ist diese Assoziation eine Bestimmung 
für die Zukunft (nach dem Prinzip, daß der Traum sich nach 
dessen Deutung erfüllt). Darum soll man vorbereitet sein (das 
wäre vom Standpunkt der Psychoanalyse ein unerlaubter Kniff, 
wenn es nicht ein vergeblicher wäre), und gute Verse bereit 
halten. 

So lehrte R. Hanan : Einer sieht im Traum einen Berg und 
erwacht, so sage er : „wie lieblich sind auf den Bergen die 
Tritte der Boten" früher, als ihm ein anderer Vers voreilt: 
„auf den Bergen werde ich weinen und stöhnen". 

Im allgemeinen war das In-Beziehung-bringen der Traum- 
inhalte oder einzelner Worte zu den Versen des Alten Testa- 
ments die häufigste Form der Traumdeutung. Dabei erhalten 
die Wortspiele * und Anspielungen einen Uberwert gegenüber 
der Symbolik. Die sexuelle Symbolik ist in den Fragmenten 
der Traumdeutungskunst im Traktat Brachoth kaum an- 
gegeben. Über therapeutische Aussichten der Traumdeutung 
fand ich keine Erwähnung. Als fehlerhaft werden wir die 
Überschätzung des Einflusses der Deutung für die Zukunft 
betrachten. Sonst traf ich keine falschen Grundanschauungen. 

l) In einer Arbeit über Wortspiele in Analysen der Träume hebräisch 
Denkender werde ich ein reiches Wortspielmaterial veröffentlichen können und 
damit auch teilweise die Deuter rechtfertigen, die ihre Kunst in derselben 
Sprache vor fast zweitausend Jahren ausübten. Vielleicht entspricht die 
Häufigkeit der Wortspiele seit jeher einer Eigenschaft des Denkens im 
Hebräischen. 

Illllllllllllllllllllllllllll 

— 69 — 



Die Beziehungen zwischen Geld und Neurose bildeten den 
Gegenstand einer wertvollen Arbeit des französischen Psychoanalyti- 
kers Charles Odier, deren Inhalt in dieser Zeitschrift (Band III, 1931, 
S. 173 ff) sehr verkürzt referiert worden ist. In einem materialreichen 
Nachtrag zu dieser großen Arbeit beschäftigt sich Odier neuerdings 
mit dem Einfluß von Geld und Geldeswert auf den normalen und 
den neurotischen Charakter und greift aus der Fülle der Erscheinun- 
gen das für viele Menschen typische Phänomen heraus, daß sie auf 
kleine Vorteile besonders erpicht sind, während sie in großen 
und entscheidenden Fragen oft die gegenteilige Haltung großzügiger 
Generosität an den Tag legen. 

Man erinnert sich, daß Odier den auf Nehmen und Besitzen ge- 
richteten Strebungen eine bedeutende Rolle im Leben des Einzelnen 
und der Gesellschaft zuschreibt, Strebungen, deren Widerstand gegen 
die sekundären, auf das Geben und Schenken gerichteten Tendenzen 
bei zahlreichen Menschen zu Störungen ihrer Realitätsanpassung führt. 
Der Ausgleich zwischen dem primitiveren „System C. P." (captatio- 
possessio) und dem „System O." (oblatio) ist nach Odier eine wesent- 
liche Voraussetzung für eine vernünftige Haltung des Erwachsenen in 
allen Fragen des Besitzes, ein Kompromiß, das sich etwa so aus- 
drücken läßt, daß die rechte Hand immer etwas gibt und die linke 
nicht alles Gegebene zurücknimmt. Die Analysen auch von Gesunden 
deuten darauf hin, daß die Entwicklung voller Sozialität in der Besitz- 
frage wahrscheinlich nur einer Minderheit von Menschen unserer Kul- 
tur gelingt, daß im Geheimen, zum mindesten in der Phantasie, die 
Mehrheit asozial bleibt, d. h. den Übergang zu voller Gleichgewichts- 
lage zwischen Nehmen und Geben nicht hat finden können. Man 
erinnert sich unwillkürlich an Freuds Ausspruch, daß Geld- und 
Liebesdinge diejenigen seien, in denen den Menschen die Aufrichtig- 
keit am schwersten fällt. 

Während ernstliche Erschütterungen des Gleichgewichts zwischen 
Nehmen und Geben beim sozial angepaßten Menschen nicht gar zu 
häufig zur Beobachtung gelangen, gewahrt der analytische Blick umso 
öfter jene kleinen Schwankungen zwischen den beiden Systemen, die 

1) Charles Odier: Le Complexe du petit profit. Revue Francaise de 
Psychanalyse, T. V (1932), pp. 402 ff. 

— 70 — 






sich unter dem Sammelnamen: „Komplex des kleinen Profits" 
zusammenfassen lassen. Eine Fülle von Beispielen veranschaulicht die 
allgemeine Verbreitung solcher Schwankungen. Wir zitieren aus dem 
reichen Material einige besonders eindrucksvolle Fälle. 

Ein reicher und großzügiger Kaufmann, der seine Frau mit luxuriö- 
sen Geschenken überschüttet, sieht eines Tages, wie sie eine 20 Cen- 
times-Briefmarke statt einer Zehnermarke auf eine Postsache klebt und 
gerät über diese Verschwendung in solche Wut, daß er ihr eine hef- 
tige Szene macht. 

Ein wohlhabender, übergewissenhafter Mann, der gerade ohne jedes 
Zögern eine größere Kaution geleistet hat, kauft in den folgenden 
Tagen eine Krawatte in einem Wäschegeschäft, um deren Preis er so 
hartnäckig feilscht, daß der Händler den Verkauf ablehnt. 

Ein Gegenbeispiel aus der analytischen Praxis : Ein schwer gehemm- 
ter Neurotiker, dem es bisher nicht gelungen ist, eine Stellung zu 
finden und Geld zu verdienen, das er sehr nötig braucht, erhält im 
Laufe der Behandlung das Angebot eines Postens mit einem Gehalt 
von 1000 Schweizer Franken im Monat. Er verlangt 1100 Franken, 
die Summe, die ein Konkurrent von ihm als Anfangsgehalt bekommen 
hat, und besteht so hartnäckig auf dieser Mehrforderung von 100 Fran- 
ken, daß der Chef schließlich ablehnt. Er täuscht sich über die Un- 
möglichkeit des eigenen Verhaltens mit der oberflächlichen Rationali- 
sierung hinweg, daß es ihm lieber sei, auf diesen Posten zu verzichten 
und für sich selbst zu arbeiten, statt nachzugeben. Die Analyse ergab, 
daß er zwanghaft genötigt war, einen kleinen Bruchteil mehr von dem 
zu verlangen, als ihm angeboten wurde. Und nur dieser Bruchteil 
über das Angebot hinaus interessierte ihn. 

Diesen und ähnlichen Patienten gemeinsam ist der Zug, daß sie es 
nicht ertragen können, einen kleinen Verlust zu ertragen oder der 
Versuchung eines kleinen unerlaubten Vorteils zu widerstehen, während 
sie im übrigen in der Verfügung über größere Geldsummen völlig 
ungehemmt sind, ja großzügig und nobel. Genauere Nachforschung 
ergibt, daß solche Züge auch bei Gesunden außerordentlich häufig 
sind, bei manchen besonders in Träumen zum Ausdruck kommen. 

Der ökonomische Sinn des Komplexes ist der einer Verschie- 
bung der auf das Nehmen gerichteten Tendenzen auf kleine 
Objekte. Man hält sich für die Ausgabe großer Summen an kleinen 
Beträgen schadlos. Daher verträgt sich Großherzigkeit vielfach recht 
gut mit Geiz und Habsucht in kleinen Dingen. 

— 71 — 



Eine Dame, die für ihre Wohltätigkeit bekannt ist, läßt in einem 
von ihr gegründeten gemeinnützigen Heim arbeitslose alte Frauen 
Näharbeiten verrichten. Sie stellt alles Material und wöchendich eine 
gute Mahlzeit aus eigenen Mitteln bei. Den Gewinn aus den Arbeiten 
verteilt sie an ihre Schützlinge. Aber da stets ein Rest von Waren 
unverkauft bleibt, kann sie sich nicht enthalten, aus diesem Vorrat für 
ihren eigenen Haushalt jeweils ein Handtuch oder eine Strickarbeit zu 
entnehmen. 

Der Komplex des kleinen Profits braucht sich also nicht notwendig 
an das Geld unmittelbar zu heften, er kann auch auf Material aller Art 
bezogen sein, wie er überhaupt außerordentlich leicht verschiebbar er- 
scheint. Daher fällt auch die Gattung der „Auf bewahr er" unter seine 
Herrschaft. Die Beispiele sind wiederum zahlreich. Der eine verschwen- 
det Kerzen, ist aber ungeheuer sparsam mit Streichhölzchen, der an- 
dere verbrennt eine Menge von Streichhölzchen, um ein Lichtstümpfchen 
zu schonen. Der eine bewahrt alte kleine Papierstückchen auf, um sie 
späterhin als Notizpapier verwenden zu können, der andere Bind- 
fadenenden und gebrauchte Schnürsenkel, wieder ein anderer alte 
Bleistiftstümpfchen, nicht zu reden von jener von Codet zitierten, im 
übrigen recht verschwenderischen Familie, die gebrauchtes Klosettpapier 
so weit tunlich aufzubewahren pflegte. Die allgemeine Formel der 
Aufbewahrer heißt: „Das kann immer noch nützlich sein", und deutet 
an, daß die Lust am Vermeiden eines unnötigen kleinen Verlustes 
die Triebfeder solcher oft lächerlichen Sparsamkeit ist. 

Eine sehr deutliche Anspielung auf den verursachenden Anal- 
komplex ist wie die Gewohnheit der oben genannten Familie der 
Brauch eines neurotischen Patienten, der nur im Klosett auf größt- 
mögliche Lichtersparnis bedacht war, an diesem Orte auch niemals 
Licht anzündete, während ihn das unnötige Brennen von Lampen in 
andern Räumen seines Hauses nicht im geringsten störte. 

In diese Reihe gehört Abrahams Beispiel von dem reichen Ban- 
kier, der seinen Kindern möglichst seltenen Stuhlgang empfahl, um 
eine größtmögliche Ausnutzung der verspeisten Nahrungsmittel zu er- 
zielen. An die Sammlungen zum Teil höchst grotesker Natur, die aus 
solchem Drang nach Sparsamkeit in kleinsten und wertlosesten Dingen 
entstehen, sei im Vorbeigehen erinnert. 

Sehr bekannt ist die Verschiebung des Komplexes auf die Zeit. 
Der Zwang zur Vermeidung auch des kleinsten Zeitverlusts ist be- 
kannt. Ein Patient Odiers pflegte die Straßen diagonal in der Längs- 

— 72 — 



richtung zu überqueren, um durch die Ausnutzung der Hypotenuse als 
der kürzesten Linie jeweils einige Sekunden zu sparen. — Ein ande- 
rer Patient, Junggesell und Sonderling, hatte nach Verlust seines Ver- 
mögens seinen ganzen Sparsinn auf die Zeit verschoben, so daß für 
ihn die Umkehrung des Sprichworts: „Geld ist Zeit" maßgebend 
wurde. Mit höchster Spannung suchte er jede Sekunde seines Lebens 
zu verwerten, indem er zwei Dinge zu gleicher Zeit tat, so etwa 
kleine, meist mechanische Arbeiten in seine geistige Arbeit einschal- 
tete. Meist zum großen Nachteil der Hauptarbeit. Bei der Aufstellung 
genauer Programme und Stundenpläne, die zeitsparend wirken sollten, 
verschwendete er Stunden. Auch hier schimmert der Analkomplex 
überall durch, besonders deutlich bei der verbreiteten Spezies jener, 
die auf der Toilette zu lesen pflegen, um nur ja keinen kostbaren 
Augenblick zu verschwenden. 

Kleine Ersparnisse zu machen, ist ein weit verbreiteter Wunsch, 
den schon La Bruyere kannte und als „schmutzige Sparsamkeit" be- 
zeichnete. Leute dieser Art stehen unter dem Zwang, überall etwas 
weniger zu zahlen als den angesetzten Preis, und empfinden, wenn sie 
den kleinen Profit erreicht haben, eine starke und lustvolle Ent- 
spannung. 

Ein wohlhabender Mann verbringt jedes Mal, wenn er einen An- 
zug kaufen will, eine Menge Zeit damit, sämtliche Grossisten seiner 
Stadt aufzusuchen, um das billigste Angebot herauszufinden; es macht 
ihm dabei gar nichts aus, diese Rundfahrt im Taxi zurückzulegen und 
dabei mehr auszugeben, als er jemals durch den billigeren Einkauf 
sparen kann. Hat er den Stoff gekauft, so holt er Angebote bei den 
verschiedensten kleinen Hausschneidern ein und macht so den zweiten 
Profit, indem er auch hier das billigste Angebot wählt. Erst in der 
Analyse erkennt er die Unsinnigkeit dieser angeblichen „Ersparnisse". 

Andere finden ihre größte Lust darin, weniger zu zahlen als 
ihre Mitmenschen. Sie empfinden sich dann als besonders pfiffig 
und befriedigen damit ihre Eigenliebe. Diese Reaktionen sind beson- 
ders häufig bei Menschen mit schwerem Minderwertigkeitsgefühl, die 
dann in diesen Kleinigkeiten eine Wiederherstellung ihres Selbstgefühls 
suchen. Sie nehmen zusätzliche Ausgaben in Kauf, nur um Dinge mit 
Rabatt einkaufen zu können, vielfach solche Dinge, die sie gar nicht 
brauchen. Dabei ist es charakteristisch, daß sie regelmäßig ihre Auf- 
merksamkeit davor verschließen, wenn diese zusätzlichen Ausgaben 
größer sind als der allenfalls erreichbare Vorteil. Hierher gehört auch 

— 73 — 



die Aus verkaufsmanie, die besonders ältere Frauen so oft ver- 
anlaßt, um hoher Rabatte willen unnötige Einkäufe zu machen. Meist 
sind es frigide und unbefriedigte Frauen, die sich auf diesem Wege Er- 
satz zu schaffen suchen. 

Eine andere Form des Komplexes lebt sich in der Lust aus, die 
Mitmenschen im Kleinen zu übervorteilen. Es handelt sich um 
eine sehr verbreitete Form „sozialen Diebstahls". Bedingung 
für diese Lust ist, daß die Beträge minimal sind und gleichzeitig nur 
einen kleinen Bruchteil einer ehrlich bezahlten oder empfangenen 
Summe darstellen. Eine Frau, sonst die Ehrlichkeit selbst, gestattet sich 
von Zeit zu Zeit das Vergnügen, etwa wenn sie ein Billett an der 
Kasse kauft, bei der Bezahlung die Fahrkarte nebst dem hingegebenen 
Geld an sich zu nehmen, „aus Versehen!" — Eine andere Frau ge- 
steht, daß es ihr ein besonderes Vergnügen bereitet hat, ihrer Freun- 
din ein Einfrancstück zu entwenden, und zwar bei Gelegenheit eines 
Spiels mit Geldstücken, das dem kleinen Kind zuliebe in der Eisen- 
bahn gespielt wurde, und zu welchem beide Freundinnen aus ihren 
Geldbörsen beigetragen hatten. Es stellt sich hinterher heraus, daß der 
Mann der Freundin die heimliche Liebe der Frau war, und daß das 
Geldstück, das sie der Freundin wegnahm, den verdrängten Wunsch 
andeutete. In die gleiche Reihe gehören die bekannten Fälle von 
„Trinkgeldphobie", die ihren Träger veranlassen, sich in manchmal 
geradezu grotesker Weise heimlich aus Hotels hinauszuschleichen, um 
so der Gefahr des Trinkgeldgebens zu entrinnen. Andere können der 
Versuchung nicht widerstehen, wenn sie im Salon eines Bekannten 
warten müssen, diesem in unbewachtem Moment eine Zigarette zu 
stehlen, wie überhaupt die oralen Freuden in sehr nahen Be- 
ziehungen zum Komplex des kleinen Profits stehen. 

Die Analyse ergibt dann jeweils die Bestätigung für die allgemeine 
Regel, daß der „Kleindieb" im Unbewußten eine verdrängte Rache- 
strebung nährte, einen Vorwurf, einen aggressiven Wunsch gegen 
irgendjemand. 

Die Steuerzahler sind ein dankbares Objekt für das Studium 
des Komplexes. Man kann sie einteilen in solche, die stets ein bißchen 
zu wenig, und solche, die im Gegenteil stets ein bißchen zu viel be- 
zahlen, die letzteren unter dem Zwang eines Strafbedürfnisses, 
das sie veranlaßt, statt des im Unbewußten gewünschten Betruges 
mehr als den geschuldeten Betrag zu entrichten. Die Einstellung vieler 
Menschen zum Staat ist die eines Sohnes gegen einen bösartigen und 

— 74 — 



übelwollenden Vater, den zu betrügen nahezu berechtigt, jedenfalls 
entschuldbar scheint. Oft sind Rachestrebungen gegen Personen der 
nächsten Umgebung auf die Staatsautorität verschoben. Ein Geistlicher 
gesteht in der Analyse, daß er es nie fertiggebracht habe, eine kor- 
rekte Steuererklärung abzugeben, den Endbetrag vielmehr immer um 
einen Bruchteil nach unten abrundete. Er bringt dazu den Einfall, sein 
Vater habe sich immer gerühmt, seine Steuererklärungen auf Heller 
und Pfennig genau ausgefertigt zu haben. 

Die Beziehungen des Komplexes, der auch in der Form ständiger 

Angst vor kleinen Verlusten auftreten kann, zur Frigidität 

sind sehr häufig. Der Penisneid solcher Frauen zwingt sie, einen 

kleinen Ersatz" zu suchen, und verschiebt diesen Wunsch auf an sich 

unbedeutende Objekte. 

In der Literatur ist der Komplex vielfach behandelt worden. Bal- 
zacs geiziger Multimillionär Grandet gibt seiner Frau im ganzen Jahr 
80 oder 100 Francs Taschengeld. Kaum hat er es aber hergegeben, 
so bittet er sie schon, ihm einige Sous zu leihen. Stendhal erzählt 
von den Genfern, sie gefielen ihm sehr wegen ihrer genauen und 
tadellosen Geschäftsführung. Man kauft ein Haus in Genf, bezahlt 
dafür 30.000 Franken, hört dann lange nichts, erfährt aber nach Ab- 
lauf von 10 Jahren vom Verkäufer, daß man versehentlich 35 Gen- 
times für Briefporto schuldig geblieben sei. Odier entschuldigt die 
Genfer, indem er auf die allgemeine Verbreitung solcher Vorkomm- 
nisse hinweist und zitiert den sprichwörtlichen Satz, daß ein Abgrund 
klafft zwischen einem Sou und einem Franc, aber nur ein winziger 
Unterschied besteht zwischen 1000 und 100.000 Franken. 

Selbstverständlich muß real begründete Sparsamkeit scharf vom 
Komplex des kleinen Profits unterschieden werden. Eine bewußte Ein- 
teilung der Ausgaben hat nichts mit dem Komplex zu tun, auch wenn 
es sich um Pfennigersparnisse handelt. Nur wenn ein zwanghafter 
Trieb zur Sparsamkeit aus unbewußten Quellen gespeist 
wird, kann man von dem Komplex sprechen. Daß er beim Wohl- 
habenden häufiger beobachtet werden kann als beim Wenigerbegüter- 
ten, liegt in der Natur der Sache. Oft neigt der Komplex dazu, ge- 
rade durch die Unbewußtheit seiner Determinierung, sich immer weiter 
auszubreiten, parallel mit dem Anwachsen der neurotischen Störungen. 
Der Mangel an Realitätsanpassung, der jede Neurose begleitet, kann 
sich in der zwanghaften Suche nach kleinen Profiten schon früh aus- 
prägen. Die Betroffenen stehen dem primitiven „System C. P." noch 

— 75 — 



näher als dem „System O.", der Ausgleich zwischen den beiden 
Systemen ist nicht vollkommen gelungen und damit ein Stück Soziali- 
tät, das wir vom Normalen verlangen, unerreicht geblieben. 

Wertvoll ist Odiers Hinweis darauf, daß auf den ersten Blick harm- 
lose Diebstähle des Heranwachsenden, unter diesem Gesichts- 
winkel betrachtet, als Ausdruck tiefer unbewußter Konflikte aufgefaßt 
werden können, oft auch die Ausbildung einer Zwangsneurose 
ankündigen. Beim Erwachsenen tritt der Komplex vielfach gerade dann 
erstmalig auf, wenn sein Träger anfängt, selbständig und verantwortlich 
im Leben aufzutreten. Die diagnostische Bedeutung der „kleinen Pro- 
fite" für die beginnende Neurose muß daher beachtet werden. 

Es bedarf keiner Erwähnung, daß das Auftreten des Komplexes 
durch die im Abendlande herrschenden soziologischen Verhältnisse 
begünstigt wird: der Kapitalismus, der zur Vermehrung des Privat- 
eigentums auffordert, wird natürlich auch zum Nehmen im Kleinen 
anreizen müssen. 

Dr. F. SA. 

■■ml! 



ALFRED WINTERSTEIN 

DÜRERS „MELANCHOLIE" 

IM LICHTE DER PSYCHOANALYSE 



In Leinen M 4,60 

Der Verfasser erblickt seine Aufgabe darin, „die 
geheimnisvoll lockende Dunkelheit des Inhaltlichen" 
in Dürers Kupferstich „Melencolia" durch Be- 
ziehung auf persönliche Erlebnisse und Charakter- 
eigentiimlichkeiten seines Schöpfers aufzuhellen. 

INHALT;: 

I) Der Inhalt des Kupferstiches „Melencolia I". - II) Die histo- 
rischen Voraussetzungen des Dürerischen Konzepts. - III) Die 
Quellen. - IV) Saturn, Melancholie und Analdiarakter. - V) 
Dürers Lebensgesdiidtte und Persönlichkeit. - VI) Der Tod der 
Mutter. - VII) Die psychoanalytische Deutung. - VIII) Zur Abwehr. 

INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

iiniMiiiiin 

76 



Gedankens 


^Übertragung während 


der 


Psychoanalyse ? 


von 

einem Psychoanalytiker*) 



Da ich also Mitteilung machen will von einem Vorfall während 
einer Psychoanalyse, fühle ich zuerst ein Widerstreben, mich selbst in 
einem beunruhigten Seelenzustand und als nicht unfehlbar zu ent- 
blößen. Aber es ist notwendig! 

Tags vorher um die Mittagszeit telefoniert man mir, es sei ein Ex- 
preß-Brief im Spital abgegeben worden. Ich antworte, man solle ihn 
hinterlegen; ich würde nachmittags um ihn schicken; aber ich vergaß 
daran bis früh am Morgen, wo der dringende Brief mir unter Selbst- 
vorwürfen wieder einfiel. 

Ich beschloß, ihn von der einkaufenden Hausgehilfin abholen zu 
lassen, die etwa um 9 Uhr das Haus verläßt. Der Brief ging mir aber 
nicht recht aus dem Kopf; ich dachte daran, daß es einfacher wäre 
und rascher erledigt, wenn ich den Beamten dort in der Aufnahms- 
kanzlei telefonisch bäte, mir den Brief vorzulesen. Was konnte er 
schon an Geheimnissen enthalten!? 

Als aber um 8 Uhr ein Patient in die Psychoanalyse kam, mußte 
dies aufgeschoben werden. Als die Stunde zu Ende ging, wurde ich 
unruhig, überlegte, wollte den Abgang der Hausgehilfin nicht ver- 
säumen, um sie — wenn ich mit Erfolg telefoniert hätte — nicht un- 
nötig hinzuschicken, da doch abends eine Sitzung im Spital stattfand, 
wobei ich den Brief von dort mitnehmen konnte. 

Da überraschte mich der Analysand mit der ungewönlichen Frage : 
.Haben Sie nicht eben vorher von einem Brief ge- 
sprochen?' 

Nicht ohne Schuldgefühl, weil ich eben intensiv an die Er- 
ledigung jenes Expreß-Briefes dachte, der mich also von 
dem Traum, der gerade Gegenstand der Analyse war, weggezogen 
hatte — war ich sofort geneigt, die Folgen einer Gedankenübertragung 
des Themas „Brief", das so nagend in mir fraß, auf die offene Seele 
des in ambivalenter, mehr positiver Übertragung stehenden, jungen, 
passiv-femininen Patienten zu vermuten. 

*) Der Name des übrigens wohlgeschulten, erfahrenen Analytikers ist der 
Redaktion bekannt. 

— 77 — 



Die nähere Befragung des Analysanden ergab nun Folgendes: Er 
hatte am Abend vorher, ausnahmsweise allein, mit dem Vater Nacht- 
mahl essend, die Zeit ziemlich schweigend verbracht und alsbald nach 
einem interessanten Roman gegriffen, um nicht mit dem Vater ins 
Gespräch zu kommen, mit dem er nicht gut steht. 

Der englische Roman enthält das Thema einer plötzlich sehr 
reich werdenden Familie, was den eingeschränkt lebenden Leser 
sehr anzog. Mag sein, daß der dort geschilderte Vater, der auch oft 
ärgerlich ist, die Assoziation zu seinem Vater, — der geizig und (mit 
Recht) mit den Söhnen unzufrieden, oft schimpft — begünstigte; da 
fiel ihm aber ein, ich, der Analytiker sei nicht leicht zu reizen, reagiere 
nicht geärgert, denn ich stünde als Analytiker über der Situation. 
Ein freundliches Gedenken also (?). 

Aber etwas verträumt, stellte der Patient, unmittelbar später sich 
wieder entsinnen wollend, was er über seinen Analytiker gedacht 
habe, — stellte er fest, daß dies ihm ganz aus dem Gedächtnis ge- 
schwunden war. Er sah nur — offenbar diese Beobachtung sich ver- 
bildlichend — eine weiße Fläche vor sich, die sich aber bald in einen 
grauen breiten Buch-Karton verwandelte, in den eine Hand von oben 
her einen Brief mit der Schmalseite hineinsteckte. — 

Während der Traumbesprechung, die zunächst von ganz anderen 
Dingen handelte, war nun am folgenden Morgen in der Analyse 
dieses Bild des Kartons und hineingesteckten Briefes zu seiner Ver- 
wunderung aufgetaucht. Ein etwas schlechtes Gewissen darüber, daß 
so Fernliegendes ihm in der Analyse einfalle, ließ ihn (allerdings im 
Gegensatz zur analytischen Grundregel!) dies zunächst verschweigen. 
Aber gegen Ende der Stunde wollte er dieses so scheinbar unmoti- 
vierte Einfallen von Brief und Karton sich mit der ihn zur Frage 
veranlassenden Vermutung erklären: der Arzt hätte von einem Brief 
zu sprechen begonnen. Nicht eigentlich während meines intensivsten, 
bewußten und beunruhigten Denkens an den Brief vor dem Ende 
der Stunde wäre also die Gedankenübertragung erfolgt, sondern 
früher; vielleicht, da mir das Briefthema im Vorbewußten, während 
der ganzen Analysenstunde, nahe gelegen war. Aber gefragt hat 
Patient am Ende der Stunde. 

Diese Feststellung muß nicht gerade viel bedeuten; das Briefthema 
lag jedenfalls die ganze Stunde ,in der Luft'. 

Die Einfälle des Analysanden zum Brief im Bücher-Karton ver- 
sagten zunächst. Auch scheint mir die Bestätigung vermuteter Gedanken- 

— 78 — 



Übertragung nicht voll genügend. Doch denkt der Analytiker selten s o 
intensiv an eine Sache, wie ich hier: förmlich sehnsüchtig nach Er- 
ledigung der Briefangelegenheit, mit Verpflichtung, Versäumtes nachzu- 
holen, mit Ungeduld wegen der drängenden Zeit! Ein Gefühl des 
Unrechtes gegen den Patienten, dem man doch aufmerksam zuhören 
soll, erfüllte mich ein wenig ; mit dem Unterton etwa, er möge nichts 
davon merken. 

Als er dann plötzlich nach demselben Gegenstand (einem Brief) fragt, ist 
der Arzt natürlich wie ertappt und empfindet den Ausweg zur interes- 
santen Annahme einer Gedankenübertragung als Befreiung. Er widmet 
der näheren Feststellung gerne etwas von der Zeit, die er früher zu er- 
übrigen, gar nicht gedacht hatte. Freilich waren es nicht mehr als 
fünf Minuten, da die Stunde zu Ende war. 

Das Ungewöhnliche in diesem Falle, der zur Vermutung einer Ge- 
dankenübertragung Anlaß gibt, besteht in Folgendem: 

1) in der ganz außergewöhnlichen Intensität, mit der der 
Arzt an den einzuholenden Expreß-Brief denkt; dabei tauchte 
wohl das Bild eines Briefes auch visionär auf. 

2) in der großen Verwunderung des Analysanden über 
ein, anscheinend ohne jeden Zusammenhang, ihm auftauchendes 
Bild von einem Brief, der halb in einen Buchkarton hineinge- 
steckt ist. So daß er sich, wie niemals früher in der Analyse, veran- 
laßt sieht, den Analytiker zu fragen: „ob er eben früher einen Brief 
erwähnt habe", wobei er nicht etwa auch nach einem Karton fragte. 
Bald darauf aber entsinnt sich der Analysand, daß diese zusammen- 
hanglos aufgetauchte Vision eine Wiederholung der am Abend vor- 
her aufgetauchten war. 

Immerhin wirken die angegebenen Umstände nicht zwingend. Daß 
das Motiv des Interesses für den Brief, besser gesagt für seinen Brief, 
beim Arzt dringende Pflicht und Angst vor Versäumnis war, beim 
Patienten ein visuelles Spiel, begonnen schon am Vorabend, bringt 
keine Entscheidung. 

Auch der Traum des Patienten war einer, der sich mit dem Schauen 
beschäftigte. Er lautete: 

,Ich bin mit der mir befreundeten Dame im Variete. Dann aber 
vermisse ich sie und gehe sie draußen suchen. Dort sehe ich sie einen 
(neuen?) Pelz anprobieren; ihr bisheriger ist in einem Packet weg- 
geräumt. Sie steht, um sich besser zu sehen, auf einem Sessel vor dem 
Spiegel. Sie sagt sich umdrehend zu mir: Du siehst auch zu? Ich 

- 79 — 






fühlte aber, daß meine Augen geschlossen waren und dachte, ob sie 
das bemerkt habe.' 

Aus der Deutung wäre hier nur zu erwähnen, daß das Schauen hier 
ein Verbotenes enthielt. / 

So meine ich nach dem Bisherigen, daß es Sache der individuellen Ein- 
stellung ist, — ob man mystische oder antimystische Ten- 
denzen hat, — wie man sich über die Wahrscheinlichkeit einer 
Gedankenübertragung in diesem Falle entscheidet, der immerhin 
manches Zwingende enthält. 

Die obigen Aufzeichnungen habe ich am selben Tage noch nieder- 
geschrieben, um nichts zu versäumen. Da aber der Patient, dessen 
Analyse wegen Widerstand seines Vaters abgebrochen werden mußte, 
am nächsten Tage noch einmal, zum letztenmal, zu kommen hatte, ' 
nahm ich mir vor, nochmals auf diese interessante, eine Gedanken-Über- 
tragung nahelegende Beobachtung zurückzukommen; hatte doch die 
Zeit am Ende der Stunde keine reichliche Gelegenheit geboten, ins 
Detail zu gehen. 

Nun gab der Patient allerdings Auskünfte, die das Bild intensiv 
veränderten. Er fügte zunächst hinzu, daß das Gedenken an den 
Analytiker am Abend vorher ein recht feindseliges gewesen sei: er 
sah in dem Abbruch der Kur ein Unrecht und eine Lieblosigkeit des 
Analytikers, der ja ohne Zustimmung des Vaters nun hätte unent- 
geltlich weiter behandeln können. Patient dachte daran, mit dem 
Analytiker in der letzten Stunde abzurechnen und ihm grob zu kom- 
men. Dann aber sagte er sich, der Analytiker stehe ja über der 
Situation und werde sich gar nicht ärgern ; der Streit werde also gar nicht 
lohnen. Das unmittelbare Vergessen dessen, was er eben über den Arzt 
gedacht hatte, entspricht also dieser offenbar auf Ambivalenz beruhen- 
den Überlegung. Der Brief und der Karton fand bei der nun einge- 
tretenen größeren Offenheit des Analysanden folgende Aufklärung: 
Patient hatte sich vorgenommen, den Arzt beim Abschied um leih- 
weise Überlassung eines Bandes Freud'scher Schriften zu ersuchen, die 
der Arzt, noch in den Kartons, in seinem Bücherkasten, für jeden 
sichtbar stehen hatte. Zum Brief fiel dem Analysanden ein, daß 
ja die Monatsrechnung des Analytikers jetzt dem Vater in einem Brie! 
zukommen sollte, wie er ihn öfters vorher für den Vater mitbekom- 
men hatte. Hier ist der Patient im Zweifel: Hätte er aufbegehrt, hätte 
er nicht um das Leihen eines Buches bitten können. 

- 80 — 




Der allgemeine Eindruck ist nun nach den ausführlichen Angaben 
des Patienten keineswegs günstiger geworden für Annahme 
einer Gedankenübertragung. Der Analysand brachte ja schon 
den Begriff, wenn man will, das Bild vom Brief in die Stunde mit; 
seine Schüchternheit hielt die Äußerung des Ausleih-Wunsches nieder, 
der auch den Karton enthält. 

Das Denken des Arztes an seinen Brief wurde auch fertig in die 
Stunde mitgebracht. Gemeinsam, aber in jedem von beiden autoch- 
thon entstanden, waren eigentlich nur die Schuldgefühle über die Ab- 
gelenktheit durch das verheimlichte Denken eines jeden der beiden 
a n — seinen Brief. 

Während der Mann mit dem antimystischen Komplex nunmehr 
frohlockend betonen wird, man könne nicht genug skeptisch sein, ehe 
man Gedanken-Übertragung in Betracht ziehe, kann der Mann mit 
dem mystischen Komplex, der also in steter Bereitschaft ist, okkulte 
Phänomene zu protegieren, anders urteilen. 

Er kann die Frage der Analysanden noch immer als beweisend be- 
zeichnen : Haben Sie nicht eben von einem Brief gesprochen ? fragt er 
den brieferfüllten Arzt. 

Für diese höchst sonderbare Frage gibt der Patient folgende Erklärung, 
die nicht jedem genügen muß : Als ihm das Bild des Briefes im Karton, 
erneuert vom Abend vorher, in der Stunde aufgetaucht sei, — das 
die in der vorletzten Analyse immerhin schon aufdringliche Ausleih- 
und Rechnungs-Angelegenheit beinhaltet — sei er über das ohne Zu- 
sammenhang mit dem aktuellen Thema der Analyse erscheinende Bild 
erstaunt gewesen; vielleicht habe er mit der Frage auch eine Ent- 
schuldigung für seine Unaufmerksamkeit, eine Erklärung für das ein- 
brechende Briefthema angebahnt. 

Erst eine größere Zahl analoger Vorkommnisse wird die Frage der 
Gedankenübertragung während der anscheinend für dieselbe 
besonders günstige Bedingungen schaffenden Analyse 
entscheiden können. 



llillllllllllllllllllllllllllllllllllillllllllllllililllllllllllll 

PsA. Bewegung V — 81 — G 



AS ECHO DER 



PSYCHOANALYS 



/ 



Ein Kunst-Psychologe über den Ödipus-Komplex 

In seinem bedeutenden Buch „Schönheit und Magie"*) bringt 
Siegfried Behn auch eine eingehende Würdigung des „König 
ödipus" von Sophokles: 

„Alles, was ödipus zu erdulden hat, ist also bedeutendes Schicksal, 
ist sein Schicksal, sofern er der bedeutende Mensch ist . . . Außerdem 
steckt in jedem Menschen, wo der Dämon ihn in den Abgrund seiner 
Schuld herunterreißt, der Urtrieb, den Vater zu morden, um die Mutter 
zu gewinnen. Das hat auf seine Weise der Psychoanalytiker Freud 
recht deutlich gesehen. Es ist zwar unangemessen, aus der Psychoanalyse, 
die ein Hypothesengefüge ist, eine metaphysische Weltanschauung zu 
machen, aber daraus ergibt sich ja nicht, daß man die tiefsinnigen 
Einsichten, die in ihr sicherlich hier und da aufblitzen, aus irgend einem 
Vorurteil heraus zu verschmähen hätte. Daß kaum ein wirklicher Mensch 
den ödipusdrang realisiert, hat nichts damit zu tun, daß diese Möglich- 
keit in ihm steckt. Man muß nur die Goethesche Selbsterkenntnis, die 
sich selbst jede Möglichkeit des Verbrechens zutraut, besitzen, um zu 
sehen, daß in diesem Punkte Freud ebenso recht hat wie Sophokles . . . 
Sehr schwächlich ist also die Meinung guter Bürger des 19. Jahrhunderts, 
der Fall ödipus sei irgend ein krasses und pathologisches Einzelergebnis, 
das die Menschheit wenig angehe. Die köstliche Dichtung des Mittel- 
alters ist in diesem Punkt durchaus anderer Meinung; man entsinne 
sich des Hartmann von Aue in seinem „Gregorius auf dem Steine", 
der die ganze Thematik des ödipus wieder aufgenommen hat. Und er 
hat es getan, weil ödipus ein ewiges Motiv der Dichtung ist." 



r 



Brief eines Landarztes 



Diese Kasuistik, von einem einfachen Landarzt, der aber an die 
Psychoanalyse bedingungslos glaubt, Prof. Freud mitgeteilt, zeigt den 
Wert psychoanalytischen Verstehens auch in der All- 
tags-Praxis. Die Tatsache analerotischer, erblicher Veranlagung und 
ihre Bedeutung für die Charakterbildung wie für Erkrankungen gehen 
aus dem Briefe des über den Durchschnitt gebildeten und scharfsinnigen 
Arztes hervor. Freuds „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie'' 
und „Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanlyse" 
müßte jeder Arzt gelesen haben. 



„Vor einigen Tagen kam ein etwa 53 jähriger Bauer in meine Or- 
dination mit der Angabe, er habe sich vor 3 Tagen ein Holz in den 
Anus gesteckt. Rationalisierung: wegen Diarrhoe. Frage — ob das 
strafbar sei? Die sofort vorgenommene Operation ergab ein zylindrisches 
Spundholz von gewaltigen Dimensionen: Länge etwa 15 cm, Durch- 
messer ca. 5 cm. Der Mann ist derzeit an Sepsis schwer erkrankt, 
denn die Schleimhaut war vollständig zerfetzt. Das Holzstück, das bis 
zum Sigmoideum hinaufgerutscht war, mußte durch einen „Kraske" 
entfernt werden. Ich habe über den Pat. folgendes zu berichten : Eltern 
waren die reichsten Bauern im Bezirk. Der Vater ein typischer Har- 
pagon. Er tat den Mund nicht auf, ohne daß eine Unflätigkeit heraus- 
kam. Ein ausgesprochener Analcharakter. Die Mutter ebenfalls krankhaft 
geizig. Die beiden lagen während ihres ganzen Lebens in Streit. Man 
hörte ihr Geschrei und Geschimpfe den ganzen Tag. Von 6 Kindern 
sind 3 normal und verheiratet. Die übrigen 3 Junggesellen und führen 
gemeinsam die Wirtschaft ohne weibliche Hilfskraft. Einer von ihnen 
ist der Patient. Sie vertragen sich recht gut. Als die Eltern vor 12 Jahren 
kurz hintereinander starben, betrat keiner der 3 Brüder das Kranken- 
zimmer der Eltern. Der Haß der Söhne gegen die Eltern wurde so 
rationalisiert, daß der Vater kein Jota der Wirtschaft, auch kein Geld 
aus der Hand geben wollte, also seine Söhne verhindert habe zu hei- 
raten und sich eine Existenz zu gründen. In Wirklichkeit stimmte das 
nicht ganz, und die Ursache dürfte tiefer, in der psychopathischen Ver- 
anlagung der Brüder verankert sein. Einer der Brüder hat einen 
Suizidversuch hinter sich. Der zweite soll hie und da normalen Ge- 
schlechtsverkehr haben. Der dritte, der Patient, ist absolut menschenscheu, 
redet oft tagelang nichts. Bezeichnender Weise nennt das Volk ihn den 



83 — 



6* 






„Juden". Offenbar anknüpfend an die mittelalterliche Vorstellung des 
Landvolkes vom Ghettojuden: schmutzig-, sonderbar, von Dämonen 
besessen. Ich möchte noch hervorheben, daß ein verheirateter Bruder, 
der ein normales Leben zu führen scheint, vor mehreren Jahren an / 
einer, offenbar vom Anus ausgehenden septischen Prostatitis beinahe 
zugrunde gegangen wäre. Es macht fast den Eindruck, als ob der Anus 
in der Konstitution dieser Familie eine dominierende Rolle spielen würde. 
Ich gehöre nun zu den wenigen Landärzten, die an die Psycho- 
analyse bedingungslos glauben. Aber selbst ein ganz Unbe- 
fangener müßte sich durch einen solchen Fall bekehren lassen! Man 
müßte geradezu mit Blindheit geschlagen sein, wenn man in diesem 
Falle den nicht überwundenen Ödipuskomplex, die homosexuelle Inzest- 
bindung der Brüder, die Gleichung Kotsäule gleich Geld gleich Penis, 
die masochistische Einstellung und endlich das schwere Schuldgefühl ' 
übersehen würde. Leider machen sich die Kollegen über diese Dinge 
wenig Gedanken. Schon die Frage, ob das Einführen des Holzes strafbar 
sei, charakterisiert den Mann vollkommen als Onanisten, dessen offenbar 
homosexuelle Phantasie Schuldgefühl erzeugt. Hervorzuheben ist, daß 
Patient kein besonderer Potator ist, im Gegensatz zum Genius loci, der 
geradezu als das Zentrum der Weingegend bezeichnet werden kann. 
Ja, es macht den Eindruck, daß die zahlreichen Psychopathen dieser 
Gegend ihre pathologischen Komplexe einfach hinunterschwemmen. 
5 — 6 Liter Wein täglich sind keine Seltenheit. 

„Leider ist eine genaue Analyse solcher Fälle unmöglich. Wir prak- 
tischen Ärzte sind dazu auch nicht imstande." 



Die psychoanalytische Methode für die Pathographie 

unentbehrlich 1 ) 

„Als bedeutsamster, wenn auch einseitigster und dogmatisch gebun- 
dener Vertreter einer . . biplogisch-unterlegten kausal-genetischen For- 
schungsrichtung bietet sich . . die Psychoanalyse dar. Als die Natur- 
wissenschaft vom Seelischen, als die sie ihren Vertretern gilt, tritt sie 
auch der Pathographie mit dem Anspruch einer unentbehrlichen Ver- 

l) Aus dem Referat von Karl Birnbaum (Berlin) über „Methodo- 
logische Prinzipien derPathographie" am 10. Kongreß für Psycho- 
logie in Kopenhagen, August 1932. Vgl. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. 
Psychiatr. 1933, B 143. 1. u. 2. H. 

— 84 — 



"• 



fahrensweise gegenüber. Mag nun das Maß dieser Hilfeleistung bei 
einer sachlichen Prüfung auch geringer eingeschätzt werden, bestehen 
bleibt, daß die psychoanalytischen Prinzipien nach Richtungen hinweisen, 
die gerade die pathographische Arbeit zu verfolgen hat. 

Es genügt, in diesem Zusammenhange, wenn ich . . kurz daran er- 
innere : Die Psychoanalyse geht unmittelbar an die Persönlichkeit, und 
zwar zum Teil — nicht immer — an die Totalität der Persönlichkeit 
heran; sie umkreist stets deren zentralsten Wesenskern und vitalstes 
Wurzelgebiet : die Instinkt-, Trieb- und Affektsphäre. Sie verfolgt deren 
Auswirkungen im Wachsen und Werden, in Lebensgang und Schicksal, 
in Leistungen und Schöpfungen der Persönlichkeit, und zwar bis hinauf 
in die feinsten und subtilsten Äußerungen ihrer Geistigkeit. Sie führt 
damit zugleich von der psychischen Oberfläche weg hin zu den seelischen 
Tiefenregungen, den irrationalen Gestaltungskräften des seelischen Ge- 
schehens, und sie kommt so am ehesten jenen schöpferischen Energien 
nahe, wie sie anstoß-, form- und inhaltgebend bei den Intuitions- und 
Inspirationsphänomenen wie bei allen schöpferischen Vorgängen über- 
haupt sich bedeutsam — bedeutsam auch für die pathographische Be- 
trachtung — herausheben. Die Psychoanalyse greift des weiteren vor 
allem die komplexen seelischen Gebilde von individueller inhaltlicher 
Bestimmtheit auf, wie sie — in Form der Komplexe — als charakte- 
ristische Nachwirkungen bestimmter Erlebnis-, Milieu- und Situations- 
momente in der Persönlichkeit sich im Laufe des Lebens niederschlagen ; 
sie erfaßt damit — wieder ein pathographisch wesentliches Moment — 
das Einzelindividuum speziell in seiner besonderen persönlichen Ver- 
flechtung mit den Ereignissen seines individuellen Lebens, mit seinen 
Erlebnissen von seinen frühesten Perioden an. Sie leitet so die persön- 
liche Eigenart und die innere wie die äußere Lebensgestaltung aus den 
individuellen Erlebnisinhalten und Bedingungen der persönlichen Ent- 
wicklung, des persönlichen Schicksals ab, und läßt dabei nirgends isoliertes, 
sinnloses seelisches Geschehen gelten, sondern fügt vielmehr alles in 
einen kausal-genetisch erfaßbaren Zusammenhang der gesamten indi- 
viduellen Lebensgeschichte ein. 

Alles in allem, und das macht zugleich ihren Hauptwert für die 
Pathographie wie für jede empirisch-naturwissenschaftliche Biographik 
aus : Die Psychoanalyse gewinnt einmal die unmittelbarste Fühlung mit 
dem lebendigen Menschen und den lebendig wirksamen Kräften seines 
Lebens, und sie stellt zum andern in sonst kaum erreichten Maße eine 
durchgängige Verbindung von den vitalen Ursprüngen und Formkräften 

— 85 — 



der Persönlichkeit bis hin zu ihren höchsten geistigen und kulturellen 
Lebensäußerungen und Auswirkungen her. Auf die Heranziehung 
grundlegender psychoanalytischer Prinzipien kann 
daher der Pathograph nicht verzichten, sofern er überhaupt/ 
den biographischen Wert medizinisch-biologischer Analysen anerkennt 
und auf sie in der Pathographie Gewicht legt ..." - n . 

IIIIIIIIIIIIII 



N O T I Z E 



Eine Tagebucheintragung Goethes über Fehlleistungen' 

Eine Dame steht vor dem Spiegel sich zu putzen und hat vorn ihre 
schönen Brüste bloß. Ein Gärtnerjunge mit Pfirsichen kommt und richtet 
ein Compliment gegen den gegenwärtigen Ehemann folgendermaßen 
aus: Mr. le President, j'ai Vhonneur de lui porter de la part de mon 
pere une corbeille de — tetonsS) Der Präsident fährt ihn an, der Junge 
erschrickt, gleitet aus, fällt rückwärts, seine Schürze schlägt zurück und 
der Präsidentin fällt seine Natur so auf wie ihm vorher die ihrige. Sie 
redet ihrem Mann zu und sagt : Ke grondcz pas ce pauvre gargon. Un 
cheval bronche bien, quoiqu'il ait quatre — couilles.") Vide Moyen de par- 
venir. Gezeichnet von Ramberg, beym Grafen Comeillan gesehen. 
(Goethes Tagebücher, Sophienausgabe, 3. Band, S. 259, Eintragung 
vom 16. August 1807.) Heinridi Lindenau (Berlin) 



Mensch und Kultur von heute im Lichte der Psycho- 
analyse 

Unter diesem Titel hielt Lehrer F. G. Brustgi im Verein zur 
Förderung der Volksbildung in Reutlingen einen gut besuchten 
Vortrags-Zyklus, dessen Fortführung verlangt wurde. 



') Deutsch: Brüste. a ) Deutsch: Hoden. 

Illllllllillllllllilllllllllllllllllllllllllllllllllllli 

— 86 — 



"1 



. 



U C H E R ü 

EITSCHMIFTEN 

iiiiiiiiiiiiiiiii 






ERICH FROMM: Über Methode und Aufgabe einer 
analytischen Sozialpsychologie. (Ztsdhr. f. Sozialfor- 
schung I/I-2), 1932, C. L. Hirschfeld, Leipzig. 

Vieles ist über das Verhältnis der Psychoanalyse zu den Sozial- 
wissenschaften geschrieben worden. Viele Anwendungen der Psycho- 
analyse auf die Sozial Wissenschaften sind auch ohne lange methodologi- 
sche Vorüberlegungen versucht worden. Dennoch herrschen hier über 
die Grundfragen noch viele Unklarheiten und widersprechende An- 
sichten. Das hängt wohl u. a. damit zusammen, daß man soziale Grenz- 
gebiete nicht angreifen kann, ohne auch im Streit der soziologischen 
Meinungen Partei zu ergreifen. 

Die Arbeit von Fromm bringt eine außerordentlich erfreuliche 
Klärung. Sie läßt erstens erkennen, wie viel systematische wissenschaft- 
liche Arbeit hier noch zu leisten ist, und zwar von Forschern, die das 
Feld der Psychoanalyse ebenso beherrschen wie das der Soziologie; 
sodann aber, wie wenige von den bis jetzt vorliegenden Arbeiten zur 
analytischen Sozialpsychologie einer grundlegenden methodologischen 
Kritik standhalten. Es ist kein Zweifel, daß dieser Umstand nicht sehr 
zum Ansehen der Psychoanalyse bei den Vertretern anderer Fachge- 
biete beiträgt, und es ist zu hoffen, daß Untersuchungen wie die von 
Fromm dazu beitragen, Mißverständnisse aus der Welt zu schaffen, 
oder wenigstens klar heraus zu arbeiten, wo die Wege einer methodo- 
logisch sauberen Anwendung der Psychoanalyse auf soziale Probleme 
sich von denen von Autoren trennen, denen nach der Meinung Fromms 
und der mit ihm einverstandenen Analytiker an Klarheit und Sauber- 
keit der Methodik weniger gelegen ist. 

Die materialistische Orientierung der Analyse — sie erklärt die 
seelischen Erscheinungen aus den Einwirkungen der Umwelt auf primi- 
tive triebhafte Lebensbedürfnisse — und ihre historische Methodik — 
sie fordert Verständnis der Triebstruktur aus dem Lebensschicksal — 
bewirken, daß die Soziologie, die mit ihr die meisten Berührungs- 

— 87 — 



punkte (aber — wie Fromm sagt — „auch die meisten Gegensätze") 
zu haben scheint, der historische Materialismus ist. „Die Übereinstim- 
mungen liegen, wie auch schon von anderen Autoren betont worden 
ist, darin, daß die Psychoanalyse ebenso wie der historische Materia 
lismus die manifesten Erscheinungen für Maske hält, hinter der da^ 
eigentlich Wirksame zu suchen ist; ferner darin, daß dieses Wirksame 
nicht in „Ideen", sondern in Bedürfnissen besteht. Als diese Bedürf 
nisse aber — und das ist der Gegensatz — erscheinen Her das Un- 
bewußte, die Triebe, dort die ökonomischen Bedingungen des gesell- 
schaftlichen Seins. 

„Es entsteht die unabweisbare Frage, ob diese beiden Thesen j| 
einem Widerspruch zueinander stehen und, wenn nicht, in welcher Weise 
sie sich zueinander verhalten und endlich, ob und warum eine Benutzung 
psychoanalytischer Methoden für den historischen Materialismus eine Be- 
reicherung darstellt." 

Das sind die Fragen, die Fromm im folgenden untersucht: Denk- 
weise und Resultate stehen dabei — trotz mancher Gegensätze im 
einzelnen — im großen und ganzen in erfreulicher Übereinstimmung 
mit den verwandten Problemen gewidmeten Arbeiten von Reich. 

„Massenseele" kann — wie Freud in „Massenpsychologie und Ich- 
Analyse" klar gemacht hat — nichts anderes bedeuten als „gemein- 
same seelische Haltungen der einer Masse angehörigen Individuen". 
Wie die seelischen Erscheinungen des Einzelnen in der Psychoanalyse 
durch sein Lebensschicksal erklärt werden, so müsse eine analytische 
Sozialpsychologie die seelischen Erscheinungen einer Gruppe aus dem 
Lebensschicksal einer Gruppe erklären. 

„Diese Lebensschicksale liegen aber nicht - je größer die Gruppe ist 
um so weniger - im Bereich des Zufälligen und Persönlichen, sondern 
sie sind identisch mit der sozialökonomischen Situation eben dieser 
Gruppe. Analytische Sozialpsychologie heißt also: die 
Triebstruktur, die libidinöse, zum großen Teil un- 
bewußte Haltung einer Gruppe aus ihrer sozial- 
ökonomischen Struktur heraus zu verstehen." 
Die für den Einzelnen so wichtigen Schicksale der frühen Kindheit 
sind ja selbst ebenfalls gesellschaftlich bedingt, da sie vom Milieu, das 
selbst nicht psychologisch, sondern soziologisch zu erklären ist, abhän- 
gen. Erst die Erkenntnisse Freuds über das Über-Ich haben das ganz 
klar gemacht. 

„Die Familie ist das Medium, durch das die Gesellschaft, bezw. die 
Klasse, die ihr entsprechende, für sie spezifische Struktur dem Kind und 



damit dem Erwachsenen aufprägt ; die Familie ist die psycho- 
logische Agentur der Gesellschaft." 

(Reich spricht im gleichen Sinn von der Familie als „Ideologie- 
Fabrik".) 

Ökonomisch bedingte äußere Realitäten wirken auf biologisch ge- 
gebene, aber in gewissen Grenzen weitgehend modifizierbare Trieb- 
strukturen ein; diese haben sich mit jenen abzufinden. Wie das ge- 
schieht, das untersuche eben die analytische Sozialpsychologie. 

„Die sozialpsychologischen Erscheinungen sind aufzufassen als Prozesse 
der aktiven und passiven Anpassung des Triebapparates an die sozial- 
ökonomische Situation. Der Triebapparat selbst ist — in gewissen Grund- 
lagen — biologisch gegeben, aber weitgehend modifizierbar; den ökonomi- 
schen Bedingungen kommt die Rolle als primär formenden Faktoren zu. 
Die Familie ist das wesentlichste Medium, durch das die ökonomische 
Situation ihren formenden Einfluß auf die Psyche des einzelnen ausübt. 
Die Sozialpsychologie hat die gemeinsamen — sozial relevanten — seeli- 
schen Haltungen und Ideologien — und insbesondere deren unbewußte 
Wurzeln — aus der Einwirkung der ökonomischen Bedingungen auf die 
Iibidinösen Strebungen zu erklären." 

Diese GrundaufFassung wird nun dadurch gestärkt, daß verschiedene, 
nach der Meinung vom Fromm falsche, Auflassungen mit ihr kon- 
frontiert werden. Da ist zunächst die Auffassung der meisten bisheri- 
gen analytisch-sozialpsychologischen Arbeiten. (Bernfelds „Sysiphos" 
und Reich nimmt Fromm von dieser Kritik aus.) Diese übersehen 
überhaupt die Bedingtheiten der Familie und damit des ihr zugehöri- 
gen Ödipuskomplexes. 

Die psychoanalytischen Forscher hatten hier nur ein Vorurteil, das sie 
mit allen anderen bürgerlichen — auch den fortschrittlichen — For- 
schern teilen : die Verabsolutierung der bürgerlich-kapitalistischen Gesell- 
schaft und den mehr oder weniger deutlich bewußten Glauben, daß sie 
die „normale" Gesellschaft und ihre und die in ihr vorzufindenden 
psychischen Tatbestände die für „die" Gesellschaft überhaupt typischen 
seien." 

Ein solcher Fehler sei, wie Fromm ausführt, allerdings gerade Psycho- 
analytikern naheliegend. Für das Verständnis der Neurotiker, die der 
gleichen Gesellschaft entstammen wie gegenwärtige Gesunde und doch 
anders auf sie reagieren als diese, wären 

„die sich aus der Tatsadie einer autoritären, auf Klassenherrschaft und 

Klassenunterordnung, auf Erwerb nach zweckrationalen Methoden usw. 

organisierten Gesellschaft ergebenden psychischen Züge" 

— 89 - 



I 

punkte (aber — wie Fromm sagt — „auch die meisten Gegensätze") 
zu haben scheint, der historische Materialismus ist. „Die Übereinstim- 
mungen liegen, wie auch schon von anderen Autoren betont worden 
ist, darin, daß die Psychoanalyse ebenso wie der historische Materia- 
lismus die manifesten Erscheinungen für Maske hält, hinter der da/ 
eigentlich Wirksame zu suchen ist; ferner darin, daß dieses Wirksame 
nicht in „Ideen", sondern in Bedürfnissen besteht. Als diese Bedürf- 
nisse aber — und das ist der Gegensatz — erscheinen hier das Un- 
bewußte, die Triebe, dort die ökonomischen Bedingungen des gesell- 
schaftlichen Seins. 

„Es entsteht die unabweisbare Frage, ob diese beiden Thesen in 
einem Widerspruch zueinander stehen und, wenn nicht, in welcher Weise 
sie sich zueinander verhalten und endlich, ob und warum eine Benutzung 
psychoanalytischer Methoden für den historischen Materialismus eine Be- 
reicherung darstellt." 

Das sind die Fragen, die Fromm im folgenden untersucht: Denk- 
weise und Resultate stehen dabei — trotz mancher Gegensätze im 
einzelnen — im großen und ganzen in erfreulicher Übereinstimmung 
mit den verwandten Problemen gewidmeten Arbeiten von Reich. 

„ Massenseele " kann — wie Freud in „Massenpsychologie und Ich- 
Analyse" klar gemacht hat — nichts anderes bedeuten als „gemein- 
same seelische Haltungen der einer Masse angehörigen Individuen". 
Wie die seelischen Erscheinungen des Einzelnen in der Psychoanalyse 
durch sein Lebensschicksal erklärt werden, so müsse eine analytische 
Sozialpsychologie die seelischen Erscheinungen einer Gruppe aus dem 
Lebensschicksal einer Gruppe erklären. 

„Diese Lebensschicksale liegen aber nicht — je größer die Gruppe ist, 
um so weniger — im Bereich des Zufälligen und Persönlichen, sondern 
sie sind identisch mit der sozialökonomischen Situation eben dieser 
Gruppe. Analytische Sozialpsychologie heißt also: die 
Triebstruktur, die libidinöse, zum großen Teil un- 
bewußte Haltung einer Gruppe aus ihrer sozial- 
ökonomischen Struktur heraus zu verstehen." 
Die für den Einzelnen so wichtigen Schicksale der frühen Kindheit 
sind ja selbst ebenfalls gesellschaftlich bedingt, da sie vom Milieu, das 
selbst nicht psychologisch, sondern soziologisch zu erklären ist, abhän- 
gen. Erst die Erkenntnisse Freuds über das Über-Ich haben das ganz 
klar gemacht. 

„Die Familie ist das Medium, durch das die Gesellschaft, bezw. die 
Klasse, die ihr entsprechende, für sie spezifische Struktur dem Kind und 



damit dem Erwachsenen aufprägt ; die Familie ist die psycho- 
logische Agentur der Gesellschaft." 
(Reich spricht im gleichen Sinn von der Familie als „Ideologie- 
Fabrik".) 

Ökonomisch bedingte äußere Realitäten wirken auf biologisch ge- 
gebene, aber in gewissen Grenzen weitgehend modifizierbare Trieb- 
strukturen ein; diese haben sich mit jenen abzufinden. Wie das ge- 
schieht, das untersuche eben die analytische Sozialpsychologie. 

„Die sozialpsychologischen Erscheinungen sind aufzufassen als Prozesse 
der aktiven und passiven Anpassung des Triebapparates an die sozial- 
ökonomische Situation. Der Triebapparat selbst ist — in gewissen Grund- 
lagen — biologisch gegeben, aber weitgehend modifizierbar; den ökonomi- 
schen Bedingungen kommt die Rolle als primär formenden Faktoren zu. 
Die Familie ist das wesentlichste Medium, durch das die ökonomische 
Situation ihren formenden Einfluß auf die Psyche des einzelnen ausübt. 
Die Sozialpsychologie hat die gemeinsamen — sozial relevanten — seeli- 
schen Haltungen und Ideologien — und insbesondere deren unbewußte 
Wurzeln — aus der Einwirkung der ökonomischen Bedingungen auf die 
libidinösen Strebungen zu erklären." 

Diese Grundauffassung wird nun dadurch gestärkt, daß verschiedene, 
nach der Meinung vom Fromm falsche, Auffassungen mit ihr kon- 
frontiert werden. Da ist zunächst die Auffassung der meisten bisheri- 
gen analytisch-sozialpsychologischen Arbeiten. (Bernfelds „Sysiphos" 
und Reich nimmt Fromm von dieser Kritik aus.) Diese übersehen 
überhaupt die Bedingtheiten der Familie und damit des ihr zugehöri- 
gen Ödipuskomplexes. 

Die psychoanalytischen Forscher hatten hier nur ein Vorurteil, das sie 
mit allen anderen bürgerlichen — auch den fortschrittlichen — For. 
schern teilen : die Verabsolutierung der bürgerlich-kapitalistischen Gesell- 
schaft und den mehr oder weniger deutlich bewußten Glauben, daß sie 
die „normale" Gesellschart und ihre und die in ihr vorzufindenden 
psychischen Tatbestände die für „die" Gesellschaft überhaupt typischen 
seien." 

Ein solcher Fehler sei, wie Fromm ausführt, allerdings gerade Psycho- 
analytikern naheliegend. Für das Verständnis der Neurotiker, die der 
gleichen Gesellschaft entstammen wie gegenwärtige Gesunde und doch 
anders auf sie reagieren als diese, wären 

„die sich aus der Tatsache einer autoritären, auf Klassenherrschaft und 

Klassenunterordnung, auf Erwerb nach zweckrationalen Methoden usw. 

organisierten Gesellschaft ergebenden psychischen Züge" 

— 89 - 



eben deshalb irrelevant, das persönliche Einzelschicksal allein relevant. 

Man übersah, daß es sich bei sozialpsychologischen Untersuchungen 

geradezu umgekehrt verhält. Kein Zweifel, daß Fromm recht hat, daß 

„diese Fehlerquellen zu einem die Analyse in den Augen der Soziologie 

und speziell der marxistischen Gesellschaftswissenschaft geradezu kompro- y 

mutierenden Ergebnis führen." 

Da ist ferner die falsche Interpretation der Marxschen Lehre, die 
im historischen Materialismus eine ökonomistische Psychologie sehen 
will, d. h. meint, Marx lehrte, die Menschen handelten aus Gewinn- 
sucht (Russell, De Man, Bernstein, Kautsky). Eine solche 
Interpretation sei ein exquisit liberalistischer Gedanke. Marx [und 
Engels lehrten nur, daß menschliche Bedürfnisse das letzte Motiv, 
die „Basis" der Produktion überhaupt seien, keineswegs aber, daß 
ein „Trieb nach Erwerb" das einzige Bedürfnis wäre. In Wahrheit " 
trete ein solcher psychischer Zug erst in der kapitalistischen Gesell- 
schaft besonders hervor und müsse von der analytischen Sozialpsycho- 
logie aus dem Einwirken der ökonomischen Bedingungen des Kapita- 
lismus auf die (sexuellen, besonders narzißtischen) Triebbedürfnisse des 
Menschen erklärt werden. In der materialistischen Geschichtsauffassung 
meine der Terminus „ökonomisch" nicht ein subjektiv-psychisches 
Motiv, sondern „eine objektive Bedingung der menschlichen Lebens- 
tätigkeit". 

„Der historische Materialismus faßt den geschichtlichen Prozeß als Prozeß 

der aktiven und passiven Anpassung des Menschen an die ihn umgebenden 

natürlichen Bedingungen auf", 

und die Anpassung des Triebapparates sei eben das Objekt der Sozial- 
psychologie. Die Grundstruktur des Triebapparates selbst sei biologisch 
und stelle für die soziologische Forschung eine Gegebenheit dar, die 
zum „Unterbau" des gesellschaftlichen Prozesses gehöre, und die sie 
eben kennen müsse wie andere Naturbedingungen der Produktion, 
wie Bodenbeschaffenheit, Klima etc. 

Dieser Teil des Unterbaues werde besonders wichtig für die Lehre 
von Marx von der ökonomischen Basis der Ideologien. Die Ideolo- 
gien, hieß es, seien „das im Menschenkopf umgesetzte Materielle". 
Die Art, wie auf dem Unterbau der Überbau sich errichte, sei ohne 
materialistische Psychologie nicht zu erfassen. 

„Die Psychoanalyse kann also zeigen, wie sidi auf dem Wege über 
das Triebleben die ökonomische Situation in Ideologie umsetzt. Dabei ist 
ganz besonders zu betonen, daß dieser „Stoffwechsel" zwischen Trieb- 

— 90 — 



weit und Umwelt dazu führt, daß sich der Mensch als solcher verän- 
dert, genau so wie die .Arbeit' die aussermenschliche Natur verändert." 

Die Psychoanalyse könne aber auch die Rückwirkung der einmal 
entstandenen Ideologien auf die Gesellschaft neu und anders erfassen, 
indem sie den „libidinösen Resonanzboden, auf den sie stoßen", er- 
klärt. Erst durch die Psychoanalyse werde klar, daß 

diese scheinbar ideellen Motive in Wirklichkeit nichts anderes als der 
rationalisierte Ausdruck von triebhaften libidinösen Bedürfnissen sind, und 
daß Inhalt und Umfang der jeweils herrschenden Bedürfnisse wiederum 
nur aus dem Einfluß der sozialökonomischen Situation auf die gegebene 
Triebstruktur der die Ideologie, bezw. das dahinterstehende Bedürfnis 
produzierenden Gruppe zu verstehen sind." 

Die Beachtung der Psychologie bei der Entstehung und Wirkungs- 
weise der Ideologien könne aber dem historischen Materialismus noch 
mehr Dienste leisten ; es seien ja libidinöse Kräfte, die (neben Gewalt- 
maßnahmen) die Stabilität einer Gesellschaft garantieren. Die unter- 
drückte Klasse stände anders zur herrschenden, müßten ihre Ange- 
hörigen nicht als Kinder in einer autoritativen Familie aufwachsen und 
in ihr sowohl spezielle Formen libidinöser Bindungen als auch trieb- 
hemmende und -schwächende Moralänschauungen aufnehmen. Wie 
gewisse Institutionen (Pädagogik, Strafjustiz) dazu dienen, gerade die 
der jeweiligen Gesellschaft bzw. ihrer herrschenden Klasse dienenden 
Anschauungen zu erzeugen, sei ebenfalls Gegenstand der Sozialpsycho- 
logie. Mit der Zersetzung einer Gesellschaft durch ihre objektiven 
ökonomischen Widersprüche zersetzen sich natürlich auch solche Insti- 
tutionen und damit die libidinöse Struktur der Gesellschaft überhaupt. 

Fromm faßt seine Untersuchungen folgendermaßen zusammen: 

„Die Methode der analytischen Sozialpsychologie ist die der klassi- 
schen Freudschen Psychoanalyse, d. h. auf soziale Phänomene über- 
tragen : Verständnis der gemeinsamen, sozial relevanten seelischen Haltun- 
gen aus dem Prozeß der aktiven und passiven Anpassung des Trieb- 
apparates an die sozial-ökonomischen Lebensbedingungen der Gesellschaft. 

Die Aufgabe einer psychoanalytischen Sozialpsychologie liegt zunächst in 
der Herausarbeitung der sozial wichtigen libidinösen Strebungen, mit 
anderen Worten in der Darstellung der libidinösen Struktur der Gesell- 
schaft. Ferner hat die Sozialpsychologie die Entstehung dieser libidinösen 
Struktur und ihre Funktion im gesellschaftlichen Prozeß zu erklären. Die 
Theorie, wie die Ideologien aus dem Zusammenwirken von seelischem 
Triebapparat und sozialökonomischen Bedingungen entstehen, wird dabei 
ein besonders wichtiges Stück sein." 

— 91 — 



Wir hoffen, daß dieses Referat allein genügt, um zu zeigen, von 
welcher grundlegenden Bedeutung diese Arbeit uns für den Psycho 
analytiker, soweit er soziale Phänomene betrachten will, zu sein scheint 
Viele Fehler der analytischen Soziologie würden vermieden werden 
wenn man sich Fromms Gedankengänge zu eigen machte. Sollte man' 
etwa meinen, es sei für den soziologisch „neutralen" Psychoanalytiker 
nicht möglich, so einseitig für den „noch strittigen" historischen Mate- 
rialismus Partei zu ergreifen, so müßte man die Gegenfrage stellen 
wie man sich denn eine sozialpsychologische Arbeit ohne soziologische 
Stellungnahme vorstellt. Eine „historisch-idealistische psychoanalytische 
Sozialpsychologie" hätte jedenfalls erst zu erweisen, daß ihr Methoden 
und Resultate der Psychoanalyse ebenso einfügbar sind, wie Fromm 
es für den historischen Materialismus gezeigt hat. Wir meinen, das 
würde nicht gelingen. Sollte ein Versuch dazu gemacht werden, so' 
müßte seine Kritik keine psychoanalytische, sondern eine soziologische 
sein. Keinesfalls aber besteht ein Zweifel, daß alle diese Fragen schwieri- 
ger sind, als eine in der Literatur nicht seltene Kühnheit der Metho- 
dik der Anwendung der Psychoanalyse auf die Soziologie annehmen 
ließ. 

F enichel (Berlin) 



: 



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JOSEF LÖBEL: Medizin oder dem Manne kann ge- 
holfen werden. Rowohlt, Berlin, 1933 

Wie heute allgemeine Bildung ein unerreichbares Ideal vorstellt, ist 
es auch durch die Vertiefung der Spezialfächer unmöglich, eine allgemeine 
medizinische Bildung aufzuweisen. 

So muß diese gewandte Darstellung der gesamten Medizin durch die 
Feder eines Franzensbader Arztes, die nicht nur Moor- und Kohlen- 
säurebäder verschreiben will, wesentliche Lücken aufweisen. 

Auch das Kapitel Psychoanalyse krankt daran, daß es z. B. noch bei 
der längst aufgegebenen Trauma-Theorie verharrt, die nie selbst geübte 
Traumdeutung als den „schwächsten Teil des analytischen Gebäudes" 
verunglimpft, von der Ich-Psychologie der Psychoanalyse noch nicht 
Notiz genommen hat. Halbwissen und Veraltetheit charakterisieren 
die anerkennende Darstellung, die andererseits sich es mit keinem Gegner 
der angeblich „so leicht" zu verstehenden Psychoanalyse verderben will. 

Es fehlt wie gewöhnlich auch der Maßstab für die abgezweigten 
Schüler Adler und Jung. Daß sie eine suggestive Behandlung an die 

— 92 — 



Stelle der analytischen gesetzt haben, wird nicht erkannt. Immerhin 
wird erwähnt, daß die Individualpsychologie, für die die Zwecktendenz 
das einzig ausschlaggebende ist, die Psychoanalyse „vereinfacht, um nicht 
zu sagen banalisiert" habe und „fast mehr pädagogischer als medizi- 
nischer Natur sei". 

Ob Jung tiefer schürft als Adler, mag dahingestellt bleiben. Wie 
aber das kollektive Unbewußte, an Stelle des eigenen, dem Patienten 
Eindruck machen, ihn über sich aufklären soll, darüber macht sich der 
Autor keine Gedanken. Zur Erhöhung der Wirkung der Persönlichkeit 
des Psychotherapeuten dient, unserer Ansicht nach, Adlers biederes Ge- 
meinschaftsgefühl ebenso wie „die frische freie Alpenluft", durch welche 
ein anderer psychotherapeutischer Eklektiker, Paneth, das Wesen Jungs 
charakterisiert hat; während man „mit Freud in der Großstadt, mit 
Adler in der Kleinstadt" sei. 

Da weiß Löbel mit seiner Wärme besser zu lokalisieren, wenn er 
sagt: „So muß sich jeder . . . freuen, wenn er zusieht, wie eine Lehre 
(die Psychoanalyse) in jedes Fleckchen unserer Welt befruchtend vor- 
gedrungen ist. Denn es ist die Idee des Geistes, welche triumphiert, 
wenn der Geist einer Idee solche Siege feiert!" E.H. 

ROBERT NEUMANN: Unter fremder Flagge. 
Zsolnay, Berlin, Wien, Leipzig 1933 

Der Autor ist nicht nur ein fruchtbarer Roman- und Novellenschreiber, 
er unterhält auch ein Laboratorium, in welchem er die Produkte seiner 
Berufsgenossen auf ihren Feingehalt, ihren Aggregatzustand und ihre 
Emballage untersucht. Seinen Witz und sein großes parodistisches Talent 
hat er in einem früheren Bändchen, „Mit fremden Federn", mit mehr 
Geschmack bewiesen; aber auch beim Lesen der neuen Parodien- 
sammlung erlebt man das Erlösende des Lachens durch Ersparung an 
gewohntem Respekt, und die Befriedigung über die Bloßstellung schon 
selbst vorbewußt festgestellter Maniriertheiten der Autoren. Die Über- 
treibung als Mittel der Parodie tritt deutlich zutage. Vereinzelt steht 
Mißlungenes, wie der Versuch einer Parodierung Knut Hamsuns. 

Die Maniriertheit in Kunst und Dichtung wäre einer näheren Unter- 
suchung wert; der blindmachende Narzißmus der Schaffenden spielt 
wohl eine wichtige Rolle. Aber auch der Trieb zur Parodie sollte sich 
Beschränkungen auferlegen; er müßte Halt machen vor unbefugter 
Parteinahme in wissenschaftlichen Dingen und vor der Hereinziehung 

— 93 — • 



des Namens eines heroischen Forschers. Denn sich den Dunkelmännern 
anzuschließen, die nicht wahr haben wollen, was ihnen nicht paßt, ist 
allzuleicht. Man entsinnt sich hier der Worte Goethes : „Nur wer kein 
Gewissen oder keine Verantwortung hat, kann humoristisch sein" und/ 
des Satzes, den sich Eckermann in den Mund legt : „Es ist keine Kunst, 
geistreich zu sein, wenn jeder Respekt fehlt". E. H. 



Der Verein DAS KREIDE-DREIECK erforscht die 
Geheimnisse der Erwachsenen. Verlag für Sexual- 
politik, Berlin- Wilmersdorf 

Unter diesem Titel gibt die pädagogische Abteilung des Sexual- 
politischen Seminars in Berlin eine gute Aufklärungsbroschüre 
für Sechs- bis Zehnjährige heraus. Eingekleidet in eine Kinderge- 
schichte im Vorstadthaus, gut illustriert, ist hier die sexuelle Aufklärung 
harmlos gemacht, aber besonders wirksam dargestellt. Der Inhalt ist 
keineswegs erdichtet. So denken, so phantasieren und so spielen die 
Kinder aller Kreise ; freilich hinter dem Rücken der Eltern und Erzieher. 
Vieles spricht dafür, daß der anonyme Autor auch über psychoanaly- 
tische Erfahrungen an Kindern aus dem Volke verfügt. E. H. 



SOEBEN ERSCHIEN: 

GEORG GRODDECK 

DER MENSCH ALS SYMBOL 

Mit 14 ganzseitigen Bildbeigaben 
In Leinen M 6. — . Geheftet M 5. — 

Georg Groddeck, der durch „Das Buch vom Es" bekannt ist, stellt in diesem 
neuen Werke die These auf, daß der Mensch von der Realität nichts weiß, 
sondern in einer Welt von Symbolen lebt. Alles was ist, wird nur dadurch 
erlebbar, daß Menschliches in der symbolischen Form einer Dreieinheit von 
Mann-Weib-Kind hinzugefügt wird. Groddecks ernst-Ironische Schreibweise, 
die in dem kurzen Werk eine Fülle von Gedanken klar entwickelt, fesselt 
trotz der Verwendung schwierigen Materials aus Sprache und Kunst von 

Anfang bis zu Ende. 



Eigentümer Verleger und Herausgeber: 

"««nationaler Psychoanalytischer Verlag, Gesellschaft m. b. H., Wien, I., Börsegasie n 

bchnftleiter und verantwortlicher Redakteur: Dr. Eduard Hitschmann, Wien, IX., Währingerstraße 24 

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Im März 1933 erscheint: 



RENE LAFORGUE 



JDERr - 
GEFESSELTE 
BAUDELAIRE 

In Leinen cd. M 6.-, geheftet ca. M 5.- 



Aus dem Anfang des I. Kapitels 

Wir haben nicht die Absicht, die Rolle Baudelaires in der 
Literatur darzustellen, wir wollen im Folgenden auch nicht eine 
Analyse seiner Kunst geben. Für uns ist Baudelaire nichts als ein 
Mensch unter vielen anderen Menschen, ein Kranker unter Kranken, 
ein vom Leben Geopferter. Er ist der Wortführer einer ganzen 
Armee von Verkannten. Der einzige Grund, warum wir zuerst 
von ihm sprechen möchten, bevor wir uns den anderen Menschen 
zuwenden, ist der, daß er, dank seiner Kunst, unserer Forschung 
leichter zugänglich und mit unseren Mitteln zum Verständnis eher 
zu erfassen ist als jene. Sein Beispiel illustriert ausgezeichnet ge- 
wisse Tatsachen, die aufzudecken uns die Psychoanalyse erlaubt 
hat, und die sowohl den Ärzten als auch den Eltern und Päd- 
agogen bekannt sein sollten. 

Die Kunst Baudelaires interessiert uns hier in erster Linie als 
ein Mittel, psychische Konflikte nach außen zu projizieren, Kon- 
flikte, die bei anderen Individuen je nach- den in ihrem Leben 
herrschenden Zufällen einen anderen Ausdruck gefunden hätten. 



Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Wien I 






SOEBEN ERSCHIEN DER 

ALMANACH DER 
PSYCHOANALYSE 

1933 

Mit 5 Bildbeilagen. In Leinen RM4-, in Halbleder RM 8- 
INHALT: 

Sigmund Freud Libidinöse Typen 

Albrecht Schaeffer Der Mensch und das Feuer 

E. H. Erlenmeyer Bemerkungen zur „Gewinnung des Feuers« 

Sigmund Freud Zur Gewinnung des Feuers 

Lou Andreas-Salome .... Der Kranke hat immer Recht 

Arnold Zweig Odysseus Freud 

M - D - Eder Der Mythos vom Fortschritt 

Ludwig Jekels Das Schuldgefühl 

Hermann Nunberg Magie und Allmacht 

Paul Federn Das Ich-Gefühl im Traume 

Fritz Witteis Das Überich in der Geschlechtsentscheidung 

Melanie Klein Die Sexualbetätigung des Kindes 

Robert Wälder Die psychoanalytische Theorie des Spiels 

Dorothy Burlingham .... Ein Kind beim Spiel 

Anna Freud Psychoanalyse des Kindes 

Marie Bonaparte Der Tod Edgar Poes 

Stefan Zweig Das eheliche Mißgeschick Marie Antoinettes 

Eduard Hitschmann Werfel als Erzieher 

Ernest Jones Die Wortwurzel MR 

Oskar Pfister Psychoanalyse unter den Navaho-Indianern 

Theodor Reik Der Selbstverrat des Mörders 

Alfred Frh. v. Berger .... Die Dichter hat sie für sich . . . 
R. Baissette Der Sohn Alexanders des Reichen 



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Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Wien I.