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Full text of "Psychoanalytische Bewegung V 1933 Heft 3"

IS 



V. Jahrgang 

■II 



Mai * Juni 1933 



Heft 3 H 




Mit Dr. Ferenczi, der am 22. Mai nach längerer Krank- 
heit einem Herzschlag erlegen ist, geht einer der begab- 
testen Jünger Freuds, einer der bedeutendsten Förderer der 
Psychoanalyse dahin. War der schon mit kaum 50 Jahren 
unseren Reihen entrissene Karl Abraham der Klassiker unter 
den Mitaufbauern der Psychoanalyse, so repräsentiert 
Ferenczi, auch zu früh, mit ÖO Jahren geendet, den Roman- 
tiker. Geistreich, phantasiebegabt, selbstständig weiterdenkend, 
hat er originelle Werke geschaffen, die eine Fülle von An- 
regungen ausstrahlen, wie z. B. sein „Versuch einer Geni- 
taltheorie", ein Buch, das seine ausgezeichnete naturwissen- 
schaftliche Bildung verrät. Seine Arbeiten „Die Entwicklungs- 
stufen des Wirklichkeitssinnes", „Introjektion und Übertra- 
gung" zur Psychoanalyse der Paranoia und der paralytischen 
Geistesstörung verdienen als grundlegende hervorgehoben 
zu werden. 

Eine Fülle kleiner Arbeiten beweist Ferenczis Vielseitig- 
keit, seinen Scharfsinn im Beobachten der Kranken, sein Ein- 
dringen in die tiefsten Vorgänge während der Psychoana- 
lyse. Sein offenes Auge konstatierte originelle klinische Zu- 



PsA. Bewegung V 



205 — 



J 



INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 



DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



sammenhänge, wie sie in seiner Arbeit „Hysterie und Pafk 
neurosen" u. a. in besonders bewundernswerter Luzidität ° 
finden sind, bi den späteren Jahren seines Lebens wandT 
Ferenczi sein Interesse insbesondere den Bestrebungen n A 
Verbesserung der therapeutischen Technik zu. 

Als einem geborenen Ungarn fiel ihm die Aufgabe 2 
dieses Land für die Psychoanalyse zu erobern, wobei er siA 
als ausgezeichneter Propagator, auch in der Form sein* 
„Populären Vorträge", erwiesen hat und auch nichtärztlidT 
Kreise für die Analyse zu interessieren wußte. Er war der 
Begründer und unersetzliche Leiter der „Ungarischen psycho- 
analytischen Vereinigung" und der Budapester Poliklinik" 
welche auch als Lehrinstitut wirkt Eine große Reihe hervor- 
ragender Schüler entspringt diesem Kreis, so Rado, Alexander 
Roheim, Melanie Klein, Hollos u. a. 

Ferenczi war ein gütiger, humorvoller Mensch, allgemein 
gebildet und den Eindrücken von Natur und Kunst off en . 
Er erfreute sich der persönlichen Freundschaft seines be- 
wunderten, geliebten Lehrers, war auch Reisegenosse beim 
Besuch Freuds in Amerika. Ferenczi redigierte lange Jahre 
die „Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse" mit, war 
Präsident der „Internationalen Psychoanalytischen Vereini- 
gung", deren Gründung er als Abwehrmaßregel gegen die 
Ächtung der Psychoanalyse durch die offizielle Medizin 
durchsetzte, immer der freundliche, versöhnliche und weit- 
ausblickende Mensch. 

Auf Freuds Spuren die Anagnorisis der wunderbaren 
Welt des Unbewußten immer wieder erlebt und zu ihrer Er- 
kenntnis selbst Grundlegendes beigetragen zu haben, hat sein 
Leben gewiß zu einem glücklichen gemacht. 

Mit Ferenczi ist einer unserer Besten dahingegangen. Er 
hat sein Leben und Streben in vorbildlicher Weise der 
Psychoanalyse gewidmet. Seine Persönlichkeit und seine Rolle 
in der Geschichte der Psychoanalyse, seine Meisterschaft als 
Analytiker und Lehrer werden unvergessen bleiben! 

Die Schriftleitung. 
— 206 — 



©r Recht, Gewalt und ihre 
Toebgrandlage 1 

Von 

Sigmraind Fremd 



Recht und Gewalt sind uns heute Gegensätze. Es ist leicht 
zu zeigen, daß sich das eine aus dem anderen entwickelt hat, 
un d wenn wir auf die Uranfänge zurückgehen und nachsehen, 
wie das zuerst geschehen ist, so fällt uns die Lösung des Pro- 
blems mühelos zu. 

Interessenkonflikte unter den Menschen werden also prinzi- 
piell durch die Anwendung von Gewalt entschieden. So ist 
es im ganzen Tierreich, von dem der Mensch sich nicht aus- 
schließen sollte; für den Menschen kommen allerdings noch 
Meinungskonflikte hinzu, die bis zu den höchsten Höhen der 
Abstraktion reichen und eine andere Technik der Entscheidung 
zu fordern scheinen. Aber das ist eine spätere Komplikation. 
Anfänglich, in einer kleinen Menschenhorde, entschied die 
stärkere Muskelkraft darüber, wem etwas gehören oder wessen 

fille zur Ausführung gebracht werden sollte. Muskelkraft ver- 
stärkt und ersetzt sich bald durch den Gebrauch von Werk- 
zeugen; es siegt, wer die besseren Waffen hat oder sie geschick- 
ter verwendet. Mit der Einführung der Waffe beginnt bereits 
die geistige Überlegenheit die Stelle der rohen Muskelkraft ein- 
zunehmen; die Endabsicht des Kampfes bleibt die nämliche, der 
eine Teil soll durch die Schädigung, die er erfährt, und durch 
die Lähmung seiner Kräfte gezwungen werden, seinen Anspruch 
ader Widerspruch aufzugeben. Dies wird am gründlichsten 
erreicht, wenn die Gewalt den Gegner dauernd beseitigt, also 

l) Wir entnehmen diese Erörterung dem eben vom Internationalen Institut 
für geistige Zusammenarbeit, Paris, herausgegebenen Büchlein „ W a r u m 
Krieg?" Ein Briefwechsel zwischen Albert Einstein und 
Sigmund Freud. 



207 



14' 



nicht 



tötet. Es hat zwei Vorteile, daß er seine Gegnerschaft 
ein andermal wieder aufnehmen kann, und daß sein Schicks 1 
andere abschreckt, seinem Beispiel zu folgen. Außerdem h 
friedigt die Tötung des Feindes eine triebhafte Neigung, dl 
später erwähnt werden muß. Der Tötungsabsicht kann sich di 
Erwägung widersetzen, daß der Feind zu nützlichen Dienst! 
leistungen verwendet werden kann, wenn man ihn einge- 
schüchtert am Leben läßt. Dann begnügt sich also die Gewalt 
damit, ihn zu unterwerfen anstatt ihn zu töten. Es ist der An- 
fang der Schonung des Feindes, aber der Sieger hat von nun 
an mit der lauernden Rachsucht des Besiegten zu rechnen, gibt 
ein Stück seiner eigenen Sicherheit auf. 

Das ist also der ursprüngliche Zustand, die Herrschaft der 
größeren Macht, der rohen oder intellektuell gestützten Gewalt 
Wir wissen, dies Regime ist im Laufe der Entwicklung abge- 
ändert worden, es führte ein Weg von der Gewalt zum Recht 
aber welcher ? Nur ein einziger, meine ich. Er führte über die 
Tatsache, daß die größere Stärke des Einen wettgemacht wer- 
den konnte durch die Vereinigung mehrerer Schwachen. „L'union 
fait la force". Gewalt wird gebrochen durch Einigung, die 
Macht dieser Geeinigten stellt nun das Recht dar im Gegen- 
satz zur Gewalt des Einzelnen. Wir sehen, das Recht ist die 
Macht einer Gemeinschaft. Es ist noch immer Gewalt, bereit 
sich gegen jeden Einzelnen zu wenden, der sich ihr widersetzt, 
arbeitet mit denselben Mitteln, verfolgt dieselben Zwecke ; der 
Unterschied liegt wirklich nur darin, daß es nicht mehr die 
Gewalt eines Einzelnen ist, die sich durchsetzt, sondern die 
der Gemeinschaft. Aber damit sich dieser Übergang von der 
Gewalt zum neuen Recht vollziehe, muß eine psychologische 
Bedingung erfüllt werden. Die Einigung der Mehreren muß 
eine beständige, dauerhafte sein. Stellte sie sich nur zum Zweck 
der Bekämpfung des einen Übermächtigen her und zerfiele nach 
seiner Überwältigung, so wäre nichts erreicht. Der nächste, der 
sich für stärker hält, würde wiederum eine Gewaltherrschaft 
anstreben und das Spiel würde sich endlos wiederholen. Die 
Gemeinschaft muß permanent erhalten werden, sich organisie- 



208 — 



Vorschriften schaffen, die den gefürchteten Auflehnungen 
'orbeugen, Organe bestimmen, die über die Einhaltung der 
Vorschriften — Gesetze — wachen und die Ausführung der 
rechtmäßigen Gewaltakte besorgen. In der Anerkennung einer 
solchen Interessengemeinschaft stellen sich unter den Mitgliedern 
einer geeinigten Menschengruppe Gefühlsbindungen her, Ge- 
meinschaftsgefühle, in denen ihre eigentliche Stärke beruht. 

Damit, denke ich, ist alles Wesentliche bereits gegeben: die 
Überwindung der Gewalt durch Übertragung der Macht an 
eine größere Einheit, die durch Gefühlsbindungen ihrer Mit- 
glieder zusammengehalten wird. Alles Weitere sind Ausführun- 
gen und Wiederholungen. Die Verhältnisse sind einfach, so- 
lange die Gemeinschaft nur aus einer Anzahl gleichstarker In- 
dividuen besteht. Die Gesetze dieser Vereinigung bestimmen 
dann, auf welches Maß von persönlicher Freiheit, seine Kraft 
als Gewalt anzuwenden, der Einzelne verzichten muß, um ein 
gesichertes Zusammenleben zu ermöglichen. Aber ein solcher 
Ruhestand ist nur theoretisch denkbar, in Wirklichkeit kom- 
pliziert sich der Sachverhalt dadurch, daß die Gemeinschaft von 
Anfang an ungleich mächtige Elemente umfaßt, Männer und 
Frauen, Eltern und Kinder, und bald infolge von Krieg und 
Unterwerfung Siegreiche und Besiegte, die sich in Herren und 
Sklaven umsetzen. Das Recht der Gemeinschaft wird dann zum 
Ausdruck der ungleichen Machtverhältnisse in ihrer Mitte, die 
Gesetze werden von und für die Herrschenden gemacht wer- 
den und den Unterworfenen wenig Rechte einräumen. Von da 
an gibt es in der Gemeinschaft zwei Quellen von Rechtsun- 
ruhe, aber auch von Rechtsfortbildung. Erstens die Versuche 
Einzelner unter den Herren, sich über die für alle giltigen 
Einschränkungen zu erheben, also von der Rechtsherrschaft auf 
die Gewaltherrschaft zurückzugreifen, zweitens die ständigen 
Bestrebungen der Unterdrückten, sich mehr Macht zu ver- 
chaffen und diese Änderungen im Gesetz anerkannt zu sehen, 
also im Gegenteil vom ungleichen Recht zum gleichen Recht 
für alle vorzudringen. Diese letztere Strömung wird besonders 
bedeutsam werden, wenn sich im Inneren des Gemeinwesens 



209 — 



wie es 



wirklich Verschiebungen der Machtverhältnisse ergeben, , 
infolge mannigfacher historischer Momente geschehen kann D 
Recht kann sich dann allmählich den neuen Machtverhältnisse S 
anpassen, oder, was häufiger geschieht, die herrschende Klas^ 
ist nicht bereit, dieser Änderung Rechnung zu tragen, es komm 6 
zu Auflehnung, Bürgerkrieg, also zur zeitweiligen Aufhebm/ 
des Rechts und zu neuen Gewaltproben, nach deren Ausga/ 
eine neue Rechtsordnung eingesetzt wird. Es gibt noch eine 
andere Quelle der Rechtsänderung, die sich nur in friedlicher 
Weise äußert, das ist die kulturelle Wandlung der Mitglieder 
des Gemeinwesens, aber die gehört in einen Zusammenhan/ 
der erst später berücksichtigt werden kann. 

Wir sehen also, auch innerhalb eines Gemeinwesens ist die 
gewaltsame Erledigung von Interessenkonflikten nicht ver- 
mieden worden. Aber die Notwendigkeiten und Gemeinsam- 
keiten, die sich aus dem Zusammenleben auf demselben Boden 
ableiten, sind einer raschen Beendigung solcher Kämpfe günstig 
und die Wahrscheinlichkeit friedlicher Lösungen unter diesen 
Bedingungen nimmt stetig zu. Ein Blick in die Menschheits- 
geschichte zeigt uns aber eine unaufhörliche Reihe von Kon- 
flikten zwischen einem Gemeinwesen und einem oder mehre- 
ren anderen, zwischen größeren und kleineren Einheiten, Stadt- 
gebieten, Landschaften, Stämmen, Völkern, Reichen, die fast 
immer durch die Kraftprobe des Krieges entschieden werden. 
Solche Kriege gehen entweder in Beraubung oder in volle 
Unterwerfung, Eroberung des einen Teils, aus. Man kann die 
Eroberungskriege nicht einheidich beurteilen. Manche wie die 
der Mongolen und Türken haben nur Unheil gebracht, andere 
im Gegenteil zur Umwandlung von Gewalt in Recht beige- 
tragen, indem sie größere Einheiten herstellten, innerhalb deren 
nun die Möglichkeit der Gewaltanwendung aufgehört hatte 
und eine neue Rechtsordnung die Konflikte schlichtete. So haben 
die Eroberungen der Römer den Mittelmeerländern die kost- 
bare pax romana gegeben. Die Vergrößerungslust der französi- 
schen Könige hat ein friedlich geeinigtes, blühendes Frankreich 
geschaffen. So paradox es klingt, man muß doch zugestehen, 



— 210 



J 



der Krieg wäre kein ungeeignetes Mittel zur Herstellung des er- 
sehnten „ewigen" Friedens, weil er im Stande ist, jene großen 
Einheiten zu schaffen, innerhalb deren eine starke Zentral- 
ffewalt weitere Kriege unmöglich macht. Aber er taugt doch 
picht dazu, denn die Erfolge der Eroberung sind in der Regel 
nicht dauerhaft ; die neu geschaffenen Einheiten zerfallen wieder, 
meist infolge des mangelnden Zusammenhalts der gewaltsam 
geeinigten Teile. Und außerdem konnte die Eroberung bisher 
nU r partielle Einigungen, wenn auch von größerem Umfang, 
schaffen, deren Konflikte die gewaltsame Entscheidung erst recht 
herausforderten. So ergab sich als die Folge all dieser kriegeri- 
schen Anstrengungen nur, daß die Menschheit zahlreiche, ja 
unaufhörliche Kleinkriege gegen seltene, aber umsomehr ver- 
heerende Großkriege eintauschte. 

Auf unsere Gegenwart angewendet, ergibt sich das gleiche Re- 
sultat. Eine sichere Verhütung der Kriege ist nur möglich, wenn 
sich die Menschen zur Einsetzung einer Zentralgewalt einigen, 
welcher der Richtspruch in allen Interessenkonflikten übertragen 
wird.Hier sind offenbar zwei Forderungen vereinigt, daß eine sol- 
che übergeordnete Instanz geschaffen und daß ihr die erforderliche 
Macht gegeben werde. Das eine allein würde nicht nützen. Nun 
ist der Völkerbund als solche Instanz gedacht, aber die andere 
Bedingung ist nicht erfüllt; der Völkerbund hat keine eigene 
Macht und kann sie nur bekommen, wenn die Mitglieder der 
neuen Einigung, die einzelnen Staaten, sie ihm abtreten. Dazu 
scheint aber derzeit wenig Aussicht vorhanden. Man stünde 
der Institution des Völkerbundes nun ganz ohne Verständnis 
gegenüber, wenn man nicht wüßte, daß hier ein Versuch vor- 
liegt, der in der Geschichte der Menschheit nicht oft — viel- 
leicht noch nie in diesem Maß — gewagt worden ist. Es ist 
der Versuch, die Autorität — d. i. den zwingenden Einfluß 
— , die sonst auf dem Besitz der Macht ruht, durch die Be- 
rufung auf bestimmte ideelle Einstellungen zu erwerben. Wir 
haben gehört, was eine Gemeinschaft zusammenhält, sind zwei 
Dinge: der Zwang der Gewalt und die Gefühlsbindungen — 
Identifizierungen heißt man sie technisch — der Mitglieder. 

— 211 — 



Fällt das eine Moment weg, so kann möglicher Weise das 
dere die Gemeinschaft aufrecht halten. Jene Ideen haben natä 
lieh nur dann eine Bedeutung, wenn sie wichtigen Gerne - 1 
samkeiten der Mitglieder Ausdruck geben. Es fragt sich darT" 
wie stark sie sind. Die Geschichte lehrt, daß sie in der ?' 
ihre Wirkung geübt haben. Die panhellenische Idee z B M 
Bewußtsein, daß man etwas besseres sei als die umwohnende 38 
Barbaren, das in den Amphiktyonien, den Orakeln und Fesf 
spielen so kräftigen Ausdruck fand, war stark genug, um d'* 
Sitten der Kriegsführung unter Griechen zu mildern, aber selbst 6 
verständlich nicht im Stande, kriegerische Streitigkeiten zwischen 
den Partikeln des Griechenvolkes zu verhüten, ja nicht einmal 
um eine Stadt oder einen Städtebund abzuhalten, sich zum 
Schaden eines Rivalen mit dem Perserfeind zu verbünden 
Ebensowenig hat das christliche Gemeingefühl, das doch mäch 
tig genug war, im Renaissancezeitalter christliche Klein- und 
Großstaaten daran gehindert, in ihren Kriegen miteinander um 
die Hilfe des Sultans zu werben. Auch in unserer Zeit gibt es 
keine Idee, der man eine solche einigende Autorität zumuten 
konnte. Daß die heute die Völker beherrschenden nationalen 
Ideale zu einer gegenteiligen Wirkung drängen, ist ja allzu 
deutlich. Es gibt Personen, die vorhersagen, erst das allgemeine 
Durchdringen der bolschewistischen Denkungsart werde den 
Kriegen ein Ende machen können, aber von solchem Ziel sind 
wir heute jedenfalls weit entfernt, und vielleicht wäre es nur 
nach schrecklichen Bürgerkriegen erreichbar. So scheint es also 
daß der Versuch, reale Macht durch die Macht der Ideen zu 
ersetzen, heute noch zum Fehlschlagen verurteilt ist. Es ist ein 
Fehler m der Rechnung, wenn man nicht berücksichtigt, daß 
Recht ursprünglich rohe Gewalt war und noch heute der 
Stutzung durch die Gewalt nicht entbehren kann 

Wir nehmen an, daß die Triebe des Menschen nur von 
zweierlei Art sind, entweder solche, die erhalten und vereini- 
gen wollen - wir heißen sie erotische, ganz im Sinne des 
fcros im Symposion Plato's, oder sexuelle mit bewußter Über- 
dehnung des populären Begriffs von Sexualität _ und andere 



— 212 



,- z erstören und töten wollen ; wir fassen diese als Aggres- 
■ nstrieb oder Destruktionstrieb zusammen. Sie sehen, das ist 
igentlich nur die theoretische Verklärung des weltbekannten 
Gegensatzes von Lieben und Hassen, der vielleicht zu der 
Polarität von Anziehung und Abstoßung eine Urbeziehung 
unterhält, die auf Ihrem Gebiet eine Rolle spielt. Nun lassen 
Sje uns nicht zu rasch mit den Wertungen von Gut und Böse 
einsetzen. Der eine dieser Triebe ist ebenso unerläßlich wie 
der andere, aus dem Zusammen- und Gegeneinanderwirken 
der Beiden gehen die Erscheinungen des Lebens hervor. Nun 
scheint es, daß kaum jemals ein Trieb der einen Art sich iso- 
liert betätigen kann, er ist immer mit einem gewissen Betrag 
von der anderen Seite verbunden, wie wir sagen : legiert, der 
sein Ziel modifiziert oder ihm unter Umständen dessen Er- 
reichung erst möglich macht. So ist z. B. der Selbsterhaltungs- 
trieb gewiß erotischer Natur, aber grade er bedarf der Ver- 
fügung über die Aggression, wenn er seine Absicht durch- 
setzen soll. Ebenso benötigt der auf Objekte gerichtete Liebes- 
trieb einen Zusatz vom Bemächtigungstrieb, wenn er seines 
Objekts überhaupt habhaft werden soll. Die Schwierigkeit, die 
beiden Triebarten in ihren Äußerungen zu isolieren, hat uns 
ja so lange in ihrer Erkenntnis behindert. 

Ganz selten ist die Handlung das Werk einer einzigen Trieb- 
regung, die an und für sich bereits aus Eros und Destruktion 
zusammengesetzt sein muß. In der Regel müssen mehrere in 
der gleichen Weise aufgebaute Motive zusammentreffen, um 
die Handlung zu ermöglichen. Einer hat das bereits ge- 
wußt, ein Prof. G. Ch. Lichtenberg, der zur Zeit unserer 
Klassiker in Göttingen Physik lehrte; aber vielleicht war 
er als Psycholog noch bedeutender denn als Physiker. Er 
erfand die Motivenrose, indem er sagte : „Die Bewegungs- 
gründe ' woraus man etwas tut, könnten so wie die 32 Winde 
geordnet und ihre Namen auf eine ähnliche Art formiert wer- 
den, z. B. Brot — Brot — Ruhm oder Ruhm — Ruhm — 

l) Wir sagen heute : Beweggründe. 

— 213 — 



werden, 



Brot". Wenn also die Menschen zu Krieg aufgefordert 
so mögen eine ganze Anzahl von Motiven in ihnen zust?'' 
mend antworten, edle und gemeine, solche, von denen m 
laut spricht, und andere, die man beschweigt. Wir hab 
keinen Anlaß, sie alle bloßzulegen. Die Lust an der Agg re 
sion und Destruktion ist gewiß darunter ; ungezählte Grausam" 
keiten der Geschichte und des Alltags bekräftigen ihre Existen* 
und ihre Stärke. Die Verquickung dieser destruktiven Strebun 
gen mit anderen erotischen und ideellen erleichtert natürlich 
deren Befriedigung. Manchmal haben wir, wenn wir von den 
Greueltaten der Geschichte hören, den Eindruck, die ideellen 
Motive hätten den destruktiven Gelüsten nur als Vorwände 
gedient, andere Male z. B. bei den Grausamkeiten der hl 
Inquisition, meinen wir, die ideellen Motive hätten sich inj 
Bewußtsein vorgedrängt, die destruktiven ihnen eine unbe- 
wußte Verstärkung gebracht. Beides ist möglich. 

Mit etwas Aufwand von Spekulation sind wir zu der Auf- 
fassung gelangt, daß der Destruktionstrieb innerhalb jedes leben- 
den Wesens arbeitet und dann das Bestreben hat, es zum 
Zerfäll zu bringen, das Leben zum Zustand der unbelebten 
Materie zurückzuführen. Er verdiente in allem Ernst den Namen 
eines Todestriebes, während die erotischen Triebe die Bestre- 
bungen zum Leben repräsentieren. Der Todestrieb wird zum 
Destruktionstrieb, indem er mit Hilfe besonderer Organe nach 
außen, gegen die Objekte, gewendet wird. Das Lebewesen be- 
wahrt sozusagen sein eigenes Leben dadurch, daß es fremdes 
zerstört. Ein Anteil des Todestriebes verbleibt aber im Innern 
des Lebewesens tätig und wir haben versucht, eine ganze 
Anzahl von normalen und pathologischen Phänomenen von 
dieser Verinnerlichung des Destruktionstriebes abzuleiten. Wir 
haben sogar die Ketzerei begangen, die Entstehung unseres 
Gewissens durch eine solche Wendung der Aggression nach 
innen zu erklären. Sie merken, es ist gar nicht so unbedenk- 
lich, wenn sich dieser Vorgang in allzu großem Ausmaß voll- 
zieht, es ist direkt ungesund, während die Wendung dieser 
Triebkräfte zur Destruktion in der Außenwelt das Lebewesen 

— 214 - 



tlastet, wohltuend wirken muß. Das diene zur biologischen 
j tsc huldigung all der häßlichen und gefährlichen Strebungen, 
n die wir ankämpfen. Man muß zugeben, sie sind der 

itur näher als unser Widerstand dagegen, für den wir auch 
loch eine Erklärung finden müssen. 

Aus dem Vorstehenden entnehmen wir für unsere nächsten 
/wecke soviel, daß es keine Aussicht hat, die aggressiven 
Neigungen der Menschen abschaffen zu wollen. Es soll in 
glücklichen Gegenden der Erde, wo die Natur alles, was der 
Mensch braucht, überreichlich zur Verfügung stellt, Völker- 
stämme geben, deren Leben in Sanftmut verläuft, bei denen 
Zwang und Aggression unbekannt sind. Ich kann es kaum 
glauben, möchte gern mehr über diese Glücklichen erfahren. 
Auch die Bolschewisten hoffen, daß sie die menschliche Agres- 
s ion zum Verschwinden bringen können dadurch, daß sie die 
Befriedigung der materiellen Bedürfnisse verbürgen und sonst 
Gleichheit unter den Teilnehmern an der Gemeinschaft her- 
stellen. Ich halte das für eine Illusion. Vorläufig sind sie auf 
das sorgfältigste bewaffnet und halten ihre Anhänger nicht zum 
Mindesten durch den Haß gegen alle Außenstehenden zusam- 
aen. Übrigens handelt es sich, wie Sie selbst bemerken, nicht 
darum, die menschliche Aggressionsneigung völlig zu beseiti- 
gen ; man kann versuchen sie soweit abzulenken, daß sie nicht 
ihren Ausdruck im Kriege finden muß. 

Von unserer mythologischen Trieblehre her finden wir leicht 
eine Formel für die indirekten Wege zur Bekämpfung des 
Krieges. Wenn die Bereitwilligkeit zum Krieg ein Ausfluß des 
Destruktionstriebs ist, so liegt es nahe, gegen sie den Gegen- 
spieler dieses Triebes, den Eros, anzurufen. Alles, was Ge- 
fühlsbindungen unter den Menschen herstellt, muß dem Krieg 
entgegenwirken. Diese Bindungen können von zweierlei Art 
sein. Erstens Beziehungen wie zu einem Liebesobjekt, wenn 
auch ohne sexuelle Ziele. Die Psychoanalyse braucht sich nicht 
zu schämen, wenn sie hier von Liebe spricht, denn die Reli- 
gion sagt dasselbe: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. 
Das ist nun leicht gefordert, aber schwer zu erfüllen. Die an- 

— 215 — 



dere Art von Gefiihlsbindung ist die durch Identifiziert! 
Alles was bedeutsame Gemeinsamkeiten unter den Mensch 18 ' 
herstellt, ruft solche Gemeingefühle, Identifizierungen, hery^ 
Auf ihnen ruht zum guten Teil der Aufbau der men'scUri^' 
Gesellschaft. Chen 



— 216 — 



ff &ud§ Eioflmdf auf die Medizin 1 

Von 

Sämdlor Feremczi'f 

U01 die Bedeutung eines Einzelnen für die Wissenschaft oder eines 
, er Teilgebiete konstruktiv zu erfassen, wäre es von Wichtigkeit, 
"orerst den Stand dieser Wissenschaft vor dem Auftauchen jenes Ein- 
einen, und dann die unter seinem Einfluß stattgehabten Veränderungen 
darzustellen. Doch selbst eine solche Schilderung wäre kaum imstande, 
ein tieferes Kausalitätsbedürfnis zufriedenzustellen. Es müßte genau fest- 
gelegt werden, ob ein konstruktiver Kopf bloß bereits vorhandenes 
Material fruchtbringend zusammengefaßt hat, oder ob ein wunderbares 
geistiges Licht meteorhaft aufblitzend eine ahnungslose, unvorbereitete 
Welt erhellte. Schließlich drängt sich auch die Frage auf, inwieweit 
Finderglück und in welchem Ausmaße besondere persönliche Eigen- 
schaften als entscheidende Faktoren bei der Entdeckung einer neuen 
Wissenschaft und ihrer theoretischen Formulierung mitwirkten. Wurde 
die Untersuchung bis zu diesem Punkte geführt, erübrigt immer noch 
die Aufgabe, diese Beiträge durch eine Art Persönlichkeits-Studie zu 
ergänzen. 

Bei der Darstellung von Freuds Einfluß auf die Medizin muß ich 
mich auf Bemerkungen über diese Probleme beschränken, vor allem 
jedoch die Begleitumstände auseinandersetzen. Ein Zufall war es zweifel- 
los, daß der verdiente Wiener Arzt Dr. Josef Breuer eine intelligente 
Patientin in hypnotischer Behandlung hatte, der die günstige Wirkung 
auffiel, die das Aussprechen ihrer Fantasien auf ihren Zustand hervor- 
rief, und die die Aufmerksamkeit ihres Arztes auf diese Beobachtung 
lenkte. Buchstäblich genommen ist sie die Entdeckerin der ursprüng- 
lichen kathartischen Methode. Ein Zufall war es ferner, der später 
Sigmund Freud in persönliche Berührung mit Breuer brachte. Sicherlich 
jedoch geschah es keineswegs zufällig, daß Breuer, trotz tiefer Einsicht 
in die psychologische und pathologische Tragweite dieser Entdeckung, 
sein Interesse bald von diesen Problemen abwendete und sich Freud 
und dessen weiteren Studien nicht mehr verband. Es ist kein Geheimnis 

1) Übersetzt aus Psychoanalysis Today. Its Scope and Function. 
Herausgeg. von Sändor Lorand, Covici-Friede-Publishers, New York 1933. 
Im vorangegangenen Heft dieser Zeitschrift haben wir bereits auf dieses 
Werk empfehlend hingewiesen. 

— 217 — 



mehr, welchen Eigenschaften Freud seine Ausdauer und seine Erf 
in der wissenschaftlichen Entwicklung der Psychoanalyse zu danken h 
Da ist vor allem seine Objektivität, die selbst angesichts der sich 
rollenden Sexualprobleme unerschüttert blieb. So seltsam dies kl'^" 
ist es doch Tatsache, daß vor Freud selbst Forscher, die sich für v^' 
urteilsfrei hielten, in sexuellen Dingen von moralischen Skrupeln JT 
frei waren und die psychologische Seite des Liebeslebens nicht berührt 

Bloß zwei mutige Männer wagten es, die abstoßendsten Eigentum 
henkelten des Sexuallebens zum Gegenstande ausführlicher Studien 
machen: der Wiener Krafft-Ebing und der Engländer Havelock Elf ™ 
deren Beispiel bald einige deutsche und Schweizer Forscher folgte' 8 ' 
Die ersten Versuche Freuds, Breuers Entdeckung zu erklären, führte"' 
bald zur Untersuchung sexueller Probleme. Die Freunde und kollt<r t * 
die seine Begabung nur insolange anerkannten, als er sich mit härm" 
losen und durchaus moralischen Gegenständen wie Aphasie und zere" 
braler Kinderlähmung befaßte, verließen ihn eilig. Selbst Breuer gesellte" 
sich bald zu jenen, die Freud bei seinem Studium so unästhetischer und 
daher unerfreulicher Dinge nicht folgen wollten, und Freud stand nun 
mehr ganz allein. Damit beginnt jene Periode seines Lebens, die ver- 
dient die heroische genannt zu werden, und in der die Traum deu" 
tung entstand, die bleibende Grundlage seines gesamten späteren 
Schaffens. Heute, mehr als dreißig Jahre nach ihrem ersten Erscheinen 
sehen wir immer noch die ablehnende Haltung der übrigen Welt die 
sicherlich auf die Tatsache hinweist, daß die Psychoanalyse den An- 
forderungen der wissenschaftlichen und medizinischen Welt nicht entsprach 
Em weiterer Gharakterzug, der Freud zum Entdecker der Psychoanalyse 
prädestinierte, war seine unerbittliche Kritik des therapeutischen Könnens 
und des theoretischen Wissens jener Zeit, das in der Behandlung der 
Neurosen völlig versagte. Zu einer Zeit als, fast wie heutzutage, die 
faradische und galvanische Apparatur als Hauptausrüstung des Arztes 
galt, der sich mit den sogenannten funktionellen Erkrankungen be- 
schäftigte, kam er zur Überzeugung, daß die Elektrotherapie den Neu- 
rosen nicht beikommen könne und ein völlig nutzloses Verfahren für 
deren Behandlung darstelle. Die Vergänglichkeit und Unzulänglichkeit 
der durch hypnotischen und suggestiven Einfluß gelegentlich erzielten 
Erfolge bewog Freud, diese Methoden aufzugeben. Es wäre ihm, ins- 
besondere in der medizinischen Atmosphäre, in der er aufwuchs, ein 
Leichtes gewesen, sich der bequemen Idee des medizinischen Nihilismus 
zu verschreiben und sorgenlos seine rasch wachsende Praxis zu ver- 

— 218 — 



. en Doch ein spezifischer Zug seines Wesens, der einen heftigen 
Vahrheitsdrang in sich schloß, und ihm nicht gestattete, sich mit der 
ßen Kritik des herrschenden Zustandes der Dinge zu begnügen, ließ 
keine Ruhe, ehe sein forschender Geist ganz allein und ohne Hilfe 
außen her die nun einmal aufgeworfenen Fragen gelöst hatte. 
lieser Aufgabe schienen sich fast unübersteigliche Hindemisse entgegen- 
utürmen, denn es hieß eine Gleichung mit vielen Unbekannten lösen. 
J\e Breuer und Freud bereits erkannt hatten, war anzunehmen, daß 
Üe Ursachen der neurotischen Symptome im unbewußten Seelenleben 
lagen, das direkter Untersuchung nicht zugänglich erscheint. Wie bereits 
erwähnt, ließ Freud die Methoden der Hypnose und Suggestion, die 
einen teilweisen Zugang zum Unbewußten eröffnet hätten, absichdich 
unangewendet, denn er nahm an, daß den Normen der damaligen 
psychologischen Erkenntnis gemäß die Wirksamkeit dieser Methoden 
unerklärlich, ja mystisch erscheinen mußte. Vermittels deren Anwendung 
gewonnene Erkenntnisse hätten den Stempel des Mystischen getragen 
und der wissenschaftlichen Forderung nach Klarheit nicht Rechnung 
getragen. Dennoch gelang ihm das Unwahrscheinliche: jene als uner- 
gründlich geltenden Regionen erschlossen sich seiner Methode der 
freien Assoziation. 

Es ist nicht leicht, den Begriff Genie zu definieren, doch glaube ich, 
daß diese Bezeichnung angemessen ist für Einen, der in einer so hoff- 
nungslosen Lage wie der oben geschilderten einen Ausweg zu finden 
weiß. Ich stehe nicht an zu behaupten, daß dieser Gedanke Freuds die 
Zukunft der Psychologie und ihrer gesamten Anwendungen bestimmte, 
und es erscheint mir keine Übertreibung, alle ferneren Entwicklungen 
in diesen Wissenschaften auf diesen in Freuds Kopfe entstandenen 
Gedanken zurückzuführen. In dem Augenblicke, da Freuds Königs- 
gedanke ans Licht trat, wurde die moderne Psychologie geboren. 

Es erwies sich nunmehr als notwendig, das ungeheure Material, das 
die neue Methode angesammelt hatte, zu sichten und wissenschafdich 
zu ordnen. Wohl oder übel mußte Freud bald darangehen, skelett- 
artige Umrisse seiner Theorie zu formulieren, ein Gerüst, das, wiewohl 
seither öfters verändert und umgebaut, doch in seinen Pfeilern bis zum 
heutigen Tage standgehalten hat. Dieser Bau ist die sogenannte M e t a- 
psychologie. Ich werde versuchen, kurz zu erklären, was wir darunter 
verstehen. Freud konnte den Ursprung neurotischer Symptome nicht 
aufklären, ohne psychische Tätigkeiten innerhalb eines Raumsystems 
vorauszusetzen, wo Kräfte von bestimmter Intensität und Quantität auf- 

— 219 — 



iische n 



einander einwirkten. Die erste topische Unterscheidung der psych' 1, 
Funktionen war die Abtrennung des Bewußten vom Unbewußten 
erste Vorstellung der Dynamik, die Annahme eines Konflikts der K "ft C 
innerhalb dieser Gebiete. Das Ergebnis dieses Konflikts war vom V * 
hältnis der Kräfte abhängig, doch mußte die Summe der beiden % 
chischen Kräfte als stets gleichbleibend angenommen werden. DieT^" 
sache, daß die Uneingeweihten diese Konstruktion als fantastisch b i 
zeichnen, braucht uns nicht zu erschrecken. Wer will, mag sie e " 
wissenschaftliche Fantasie nennen. Doch ist jedwede wissenschaftlich 
Theorie eine Fantasie und als solche insolange brauchbar, als sie prav 
tisch ihren Zweck erfüllt und den Erfahrungstatsachen nicht wide " 
streitet, was bei Freuds Metapsychologie durchaus der Fall ist. Sie ver" 
setzt uns in die Lage, die Störungen im Seelenleben eines Patienten 
als Ergebnis solcher und ähnlicher Konflikte aufzufassen, ja gibt un 
die Möglichkeit, auf eine richtige Kräfteverteilung hinzuwirken. Freuds 
spätere Arbeiten setzten an die Stelle dieses überaus einfachen Systems 
ein viel verwickelteres. Es gelang ihm, die treibende Kraft hinter dem 
Seelenleben bis zu ihrem biologischen Ursprung zu verfolgen und ihre 
Gleichartigkeit mit der physikalischen Triebkraft festzustellen. Prakti- 
sche Erwägungen beiseite lassend, ließ er sich weder dazu verführen 
die sich hierin offenbarende Vielfältigkeit zu verleugnen, noch konnte 
ihn die Illusion eines vorzeitigen Vereinheidichungs-Systems dahin bringen, 
seine Ideen aufzugeben, die Lücken aufweisen, ihn nicht ganz befrie- 
digten und dennoch mit der Wirklichkeit in Einklang standen. 

Ich zögere nicht zu behaupten, daß diese Konstruktion an sich von 
höchster wissenschaftlicher Bedeutung ist. Sie bedeutet nicht mehr und 
nicht weniger als den ersten Versuch, ein Problem, das die Physik und 
Physiologie psychischer Erscheinungen betrifft, zu lösen. Das einzige 
Mittel zu diesem Zweck war das Eindringen psycho-analytischer Forschung 
in das Seelenleben des kranken und gesunden Menschen. Bis dahin 
hatten weder die Anatomie noch die Physiologie zur Erkenntnis der 
feineren Seelenregungen irgendwelche Beiträge geleistet. Die wissen- 
schaftliche Medizin starrte wie hypnotisiert ins Mikroskop und erwartete 
aus Mitteilungen über die Entwicklung und den Verlauf der Nerven- 
stränge Aufschlüsse über das Wie der Seelenvorgänge. Doch konnten 
diese Entwicklungen nur die einfachsten Tatsachen der Bewegungs- 
und Sinnesfunktionen aufzeigen. Da sich bei keiner Neurose oder funk- 
tionellen Psychose Veränderungen im Gehirn nachweisen ließen, schwebte 
die medizinische Wissenschaft im Unklaren, welche Bewandtnis es mit 

— 220 — 



esen pathologischen Bedingungen habe. Der Irrtum war darauf zu- 
zuführen, daß die Ärzte vor Freuds Zeit einseitig und materialistisch 
gestellt waren. Die einleuchtenden psychischen Tatsachen, die in 
serem Leben wie in dem unserer Patienten eine so wichtige Rolle 
jelen, galten als Realitäten von geringfügiger Bedeutung, mit denen 
ch kein ernster Mann der Wissenschaft befassen konnte. Die eigent- 
die Psychologie war ein Gebiet, von dem man sich fernhielt, das man 
:ß Dilettanten und Literaten überließ. Schon die Scheu vor unfun- 
,erten Verallgemeinerungen bewahrte Freud vor dem Irrtum, das 
'sychische und das Physische in einem materialistischen Monismus vor- 
teil zu vereinen. Seine intellektuelle Redlichkeit führte ihn zur Er- 
;enntnis der Tatsache, daß das Seelenleben nur von der subjektiven 
Seite her durch introspektive Methoden zugänglich sei und weiterhin 
zu der Feststellung, daß die psychische Realität der durch diese sub- 
jektiven Methoden erkannten Tatsachen unbezweifelbar sei. So wurde 
Freud zum Dualisten, eine Bezeichnung, die die meisten Naturwissen- 
schaftler damals und noch heute als fast schimpflich ansehen. Ich glaube 
nicht, daß Freud gegen die monistische Wissensauffassung Einwendungen 
hat. Sein Dualismus sagt bloß aus, daß diese Vereinheitlichung weder 
gegenwärtig noch in naher Zukunft möglich, vielleicht niemals voll- 
ständig durchführbar sein wird. Auf keinen Fall darf Freuds Dualismus 
mit der naiven Scheidung des lebenden Organismus in Leib und Seele 
verwechselt werden. Er behält die auf das Nervensystem bezüglichen 
anatomisch-physiologischen Tatsachen stets im Auge. Er verfolgt seine 
psychologischen Forschungen bis zu den menschlichen Trieben, die er 
als Grenzlinie zwischen dem Psychischen und Physischen betrachtet; 
eine Grenze, die seiner Meinung nach die psychologische Forschung 
nicht überschreiten solle, da sie dazu nicht zu taugen scheine. Ander- 
seits kann er, wie sein nach dem Muster des Reflexbogens konstruiertes 
metapsychologisches System zeigt, auch bei seinen rein psychologischen 
Untersuchungen der naturwissenschaftlichen Analogien nicht entraten. 
Seinen speziellen Dualismus zu bezeichnen muß ich ein "neues Wort, 
Utraquismus, prägen, und glaube, daß diese Methode der Unter- 
suchung natur- wie geisteswissenschaftlichen Fragen eine große Ver- 
breitung verdient. 

Eine der bemerkenswertesten Errungenschaften der Freudschen Psycho- 
logie ist es, daß er nicht bloß den Inhalt, d. h. das Wörterbuch des 
Unbewußten niederschreibt, sondern auch die Regeln der eigenartigen 
Grammatik und primitiven Logik, die in diesem Reiche herrschen, 



PiA Bewegung V — 221 



15 



hlle. s t ungen 



formuliert, sodaß die seltsamen Bildungen des Traumes, die Fehlle 
des Alltagslebens, wie die neurotischen und psychotischen Syrnm 
bedeutungsvoll und verständlich werden. Man wird zugeben rrm 
daß ein Arzt, der die Sprache des neurotischen und psychotis \i ' 
Patienten versteht und sie sozusagen ätiologisch und etymologisch 
brauchen kann, diesen Erkrankungen mit ganz anderem Verstand • 
entgegentritt als der Naturwissenschaftler, der sich wenig um die H 
kunft jeder einzelnen Erscheinung kümmert und sich bei der Beha h" 
lung ausschließlich von seiner künstlerischen Intuition leiten läßt. N' 
mand wird leugnen wollen, daß es auch schon vor Freud hervorragend " 
Psychotherapeuten gegeben hat, die in der Behandlung von Psychose 
und Neurosen außerordentlich tüchtig und erfolgreich waren. Doch ihr 
Kunst war unerlernbar. Die Glücklichen, die dieses Talent besaßen 
konnten auch beim besten Willen ihre Methode der Einfühlung nick! 
lehren. Diesen Kontakt zwischen Patient und Arzt würde der Psycho 
analytiker einen Dialog von zwei Unbewußten nennen. Das Unbewußte 
des Arztes verstand das Unbewußte des Patienten und gestattete der 
richtigen Antwort oder dem Einfall des wirksamen Heilmittels ins Bewußt- 
sein des Arztes aufzusteigen. Der Fortschritt, den die Psychoanalyse für 
die medizinische Praxis bedeutet, besteht wesendich darin, daß sie aus 
dieser therapeutischen Kunst eine Wissenschaft gemacht hat, die von 
jedem intelligenten Arzt ebenso leicht oder ebenso schwer erlernt 
werden kann wie etwa die Chirurgie oder die interne Medizin. Natür- 
lich wird es in der Psychoanalyse wie in jedem anderen Zweig der 
Heilkunde stets Künstler geben. Doch geeignete Vorbereitung und 
Festhalten an den in Freuds Werken niedergelegten Lehren voraus- 
gesetzt, ergibt sich kein Hindernis für eine solche Ausbildung, selbst 
bis zu dem vom Spezialisten geforderten Umfang. 

Der praktisch Interessierte wird vielleicht inzwischen ungeduldig ge- 
wartet haben, etwas über die praktischen Erfolge der Psychoanalyse zu 
erfahren. Können wir mittels ihrer Anwendung tiefergehende, häufigere 
und raschere Erfolge erzielen, wenn alle anderen psychotherapeutischen 
Maßnahmen versagen? Ist sie die einzige Art der Psychotherapie, die 
zum Glücke führt, und gibt es nicht Fälle, bei deren Behandlung andere 
Methoden vorzuziehen sind ? Wenn ich diese Fragen offen beantworten 
will, muß ich denjenigen, die annehmen, daß das Motto des Chirurgen: 
Cito, tuto et jucunde auf die Psychoanalyse anwendbar ist, eine Ent- 
täuschung bereiten. Die Analyse ist keine rasche, vielmehr eine sehr 
langsame Heilmethode. Eine Analyse dauert gewöhnlich Monate, in 

— 222 — 



eren Fällen Jahre. Das kann wohl kaum eine Annehmlichkeit genannt 
den. Sie stellt auch nicht völlige Schmerzfreiheit in Aussicht, viel- 

\ gehört das geduldige Ertragen unvermeidlichen seelischen Leides, 

auf realem Grunde ruht, zu den Dingen, die sie dem Patienten 

" zuerziehen hofft. Auch die Sicherheit des endgültigen Erfolges kann man 

-intens mutmaßen. Auf keinen Fall gehört die Psychoanalyse in die 
TruPP e j ener beneidenswerten Methoden, die — wie etwa die Hypnose 
_ Symptome einfach wegblasen können. Sie setzt in die Dauer solcher 
Methoden kein Vertrauen, und ist überzeugt, daß der durch einen 
-olchen Vorgang aufgewirbelte Staub sich irgendwo ansetzen muß. Sie 
".achtet lieber, radikal die psychopathischen Brennpunkte zu säubern. 
Wenn irgendwo, ist das Sprichwort „Si duo faciunt idem non est idem" 
hier am Platze. Die Psychoanalyse räumt ein, daß sie nicht für alle Fälle 
von Neurosen geeignet ist und daher auch andere Arten der Psycho- 
therapie ihr Anwendungsfeld haben. Vorläufig ist sie für Massenbehand- 
lung nicht geeignet. Was sie jedoch für die Zukunft erhofft, ist die 
Durchdringung der anderen Methoden mit ihrem Geiste. Der geschulte 
Analytiker wird als Hypnotiseur, als Psychotherapeut oder als Leiter 
einer Irrenanstalt viel Ersprießlicheres leisten und ein richtigeres Urteil 
haben als derjenige, der keinen Versuch macht, die wahrscheinliche 
Ätiologie der psychogenen Symptome im vorliegenden Material heraus- 
zufinden. In diesem Sinne dürfen wir ruhig voraussagen, daß keine 
Form der Psychotherapie sich auf die Dauer dem Einfluß der Ideen 
Freuds wird entziehen können. Schon heute trifft das in hohem Maße 
zu, wenn sich auch der Vorgang vorläufig unter einer verschiedenen 
Norm verbirgt. 

Die großen Veränderungen, die, seit Freuds Ideen durch die Mauern 
der Irrenhäuser drangen, sich auf dem Gebiete der Psydiiatrie voll- 
zogen haben, sind wohlbekannt. Man begnügt sich nicht mehr mit der 
überlieferten deskriptiven Methode des Einteilens der Fälle nach 
Symptomgruppen. Es entstand das Bedürfnis nach verständlichen Zu- 
sammenhängen und Beziehungen, die in der Literatur der Vor-Freudschen 
Zeit durchaus nicht im Vordergrund standen. Wir können voraussagen, 
daß sich die Irrenhäuser in psychotherapeutische Behandlungsstätten 
verwandeln werden, wo analytisch ausgebildete Ärzte sich mit jedem 
Falle täglich beschäftigen werden, womöglich eine Stunde täglich. Wie 
schwierig es auch sein wird, diesen Idealzustand zu erreichen, es wird 
doch kaum zu umgehen sein. Was der alte französische Meister der 
Psychiatrie, Pinel, seiner Herzensgüte folgend, äußerlich vollbrachte — 

— 223 — 15 * 



die Erlösung des Geisteskranken von unnötigen Fesseln , hat P 

von innen her wiederholt. Dank seiner Entdeckung haben die Sym ^^ 
des Irren aufgehört, eine Sammlung von Abnormalitäten zu sein 
der Gedankenlose als verrückt, lächerlich und sinnlos abzutun pfl e 
Auch der Psychopath spricht eine Sprache, die dem entsprechend A*' 
gebildeten verständlich ist. So wurde die tiefe Kluft, die zwischen dem g ; 3 
Gesunden und dem geistig Gestörten klaffte, zum ersten Male überbrüdf 
Die große Umwälzung der Neurosenlehre und Psychiatrie, dieF r a 
nicht bloß angebahnt, sondern in dreißig Jahren unermüdlichen Schafi 
zu einer Art Abschluß gebracht hat, kann der Umwälzung i n [ 
inneren Medizin, die durch die klinischen Methoden der Perkussi * 
Auskultation, Temperaturmessung, der Röntgenstrahlen, Bakteriolom ' 
und Chemie herbeigeführt wurde, zur Seite gestellt werden. Auch vo* 
diesen Entdeckungen gab es feinfühlige, erfolgreiche Ärzte. Heute jedoch 
würde sich kein vollsinniger Arzt ausschließlich auf sein Feingefühl ver 
lassen und absichdich darauf verzichten, sich objektiv von der Richtigkeit 
oder Unrichtigkeit seiner Überlegungen zu überzeugen. Die Psychoanalyse 
hat das Wissen von den Neurosen und Psychosen auf eine neue wissen- 
schaftliche Stufe gehoben und diese Tat kann nicht mehr ungeschehen 
gemacht werden. Natürlich gibt es mannigfache Arten, wie die Medizin 
aus Freuds Gedanken Nutzen ziehen kann. Eine wäre etwa, daß man 
die Psychoanalyse als selbständige Wissenschaft weiter unterdrückt und 
verdrängt, sodaß ihre fruchtbaren Ideen auf allen möglichen Wegen in 
alle Wissenszweige sickern. Auf diese Art würden sie, unter ein Dünge- 
mittel gepflügt, den aesthetischen und ethischen Sinn feiner Gelehrter 
durch ihr unappetitliches Aussehen nicht beleidigen, und diese könnten 
sich beschaulich an den durch sie hervorgebrachten Blüten erfreuen. 
Doch ist es wohl überflüssig, diese Möglichkeit ernsthaft zu erörtern. 
Zum Glück war es dem Entdecker der Psychoanalyse beschieden, lange 
genug zu leben, um sein Werk fest zu verankern und es vor zahl- 
reichen Auflösungsversuchen zu schützen. 

Freud gelang es auch, die verabsäumte Untersuchung der hinter dem 
Triebleben verborgenen Kräfte genügend zu vervollständigen, sodaß 
er sich endlich der einleuchtenderen und annehmbaren Tätigkeit des 
Bewußtseins zuwenden konnte. Ich meine die Anfänge seiner wissen- 
schaftlichen Ich-Psychologie, die schließlich in ausführlicher Form Er- 
klärungen der höheren Seelentätigkeiten — Verstand, Gewissen, Sitt- 
lichkeit, Idealismus, u. s. f. — brachte. Diese Erklärungen taten seinen 
Zeitgenossen bitter not. Ganz gewiß beschäftigte sich Freud mit den 



224 



' 'rrungen des Geschlechtslebens und den animalischen Aggressions- 
• 1 en nicht aus persönlicher Vorliebe, sondern nur, weil kein anderer 
, j-ules da war, diesen Augiasstall in Ordnung zu bringen. Er war 
einfacher Erforscher der Wirklichkeit. Gesellschaftliche Ansichten 
i Vorurteile kümmerten ihn wenig. Dennoch erkannte er von Anfang 
daß neben dem Triebleben die Gewalt der verdrängenden Kräfte, 
i'ziak Anpassung und die Sublimierung dieser Kräfte Faktoren von 
^er, wenn nicht noch größerer Bedeutung für seine Lehre waren. 
Obersehen dieser Tatsache kann nur dem blinden Haß oder der 
nden Furcht seiner Zeitgenossen zugeschrieben werden. Die Folge 
war, daß man behauptete, er wühle in den schmutzigen Trieben 
n d daß andere seine Lehren als „Pansexualität" und „gefährliche 
vchische Epidemie" brandmarkten. 
Doch scheint sich die Periode dieser wütenden Angriffe ihrem Ende 
nähern. Wenn auch noch zaghaft, erheben sich mehr — darunter 
edeutsame — Stimmen, Freuds Lehren zu bestätigen. Auffallend ist, 
i diese Beglaubigungen nicht bloß von psychiatrischer Seite sondern 
audi aus internistischen, gynäkologischen, kinderärztlichen und dermato- 
o<nschen Kreisen kommen. Sie stellen fest, daß so mancher rätselhafte 
in ihrem Spezialfach nur durch die psychoanalytische Erklärung 
faßlich und der Therapie zugänglich wurde. Die Berücksichtigung un- 
ewußter psychischer Faktoren bei der Pathogenese von Erkrankungen 
heint sich epidemieartig zu verbreiten. Der letzte, von mehreren 
hundert praktischen Ärzten besuchte psychotherapeutische Kongreß in 
aden-Baden war ganz von psychoanalytischem Geist durchtränkt. Viele 
hervorragende Ärzte (ich erwähne bloß den Deutschen Georg Groddeck 
und den Wiener Felix Deutsch) beschäftigen sich intensiv mit der ana- 
lytischen Therapie organischer Erkrankungen. Sicherlich sind dies bloß 
verheißungsvolle Anfänge, doch kann ihre künftige Bedeutung nicht 
in Abrede gestellt werden. Für die in so viele Spezialgebiete gespaltene 
Medizin war die Psychoanalyse ein Segen, denn sie mahnt daran, bei jeder 
Krankheitsform den Kranken sowohl wie die Krankheit zu behandeln. 
Das wurde als Prinzip stets anerkannt, doch mangels wirklichen psycho- 
logischen Wissens selten praktisch durchgeführt. Grob übertreibend 
könnte man sagen, daß die Medizin bisher handelte, als hätte der 
Patient nichts im Kopfe und als ob die höchsten Verstandeskräfte, die 
wir die psychischen nennen, im Kampf der Organe gegen die Krank- 
heit nicht eingriffen. Es ist sicherlich an der Zeit, den Ausdruck „indi- 
viduelle Behandlung des Patienten" ernst zu nehmen. 

— 225 — 



1 



Der Einfluß der Psychoanalyse wurde von den verschiedenen 2 
gebieten der Medizin und der Geisteswissenschaften passiv aufgesaugt d^' 
ist die Internationale Gesellschaft aktiv an der Arbeit, die Freud rk 
Ideen in die Breite und Tiefe zu entwickeln. Gleichzeitig bewahrt 
die Analyse vor Verfälschungen und Mißdeutungen. Auf dem N" ^ 
berger Kongreß 1908 wurde die Internationale Psychoanalytische v"" 
einigung gegründet, die in allen Kulturzentren Zweiggesellschaften h*" 
Die offiziellen Organe dieser Organisation sind die Internationale ZeM 
schrift für Psychoanalyse, die Imago und The International Journal^ 
Psychoanalysis, London. In Berlin und Wien bestehen Kliniken und Leh 
institute für Theorie und Praxis der Freudschen Psychotherapie J 
London, Budapest und New-York sind Institute gleicher Art in Grün 1 
düng begriffen. 

Separatistische Bestrebungen, wie sie im Gefolge aller großen Idee 
auftreten, haben auch die Psychoanalyse nicht unberührt gelassen, dodj 
ist es hier nicht am Platze, näher auf sie einzugehen. Es genüge die 
Feststellung, daß der Einfluß der einzelnen Schismatiker im Vergleich zu 
dem Freuds geringfügig ist. Es wäre unfair, ihre Namen mit dem seinen 
zusammen zu nennen, wie das in so vielen wissenschaftlichen Publika- 
tionen häufig geschieht. Die ganze Angelegenheit bringt mir den satiri- 
schen Ausspruch des originellen und gedankenreichen Wiener Patho- 
logen Samuel Stricker in Erinnerung, der die Mitteilung seiner eigenen 
Entdeckungen durch die Bemerkung ergänzte: „Doch nun wollen wir 
uns dem Herrn Abänderer zuwenden." Was übrigens nicht besagen 
will, daß in ihren Arbeiten nichts von Wert oder Interesse enthalten sei. 
Alle ausschließlich der Psychoanalyse gewidmeten Einrichtungen 
verdanken ihre Entstehung privater Initiative und hatten gelegentlich 
die Gleichgiltigkeit, ja Feindseligkeit offizieller Gruppen zu bekämpfen. 
Überall waren die Universitäten in ihrer Haltung am konservativsten. 
Nichts kennzeichnet diese Tatsache deutlicher als der Umstand, daß 
man an den Begründer der Psychoanalyse nie wegen Abhaltung eines 
offiziellen Lehrkurses herantrat, wiewohl ihm für seine Verdienste der 
Titel eines Professors verliehen worden war. 

Göttliche Eingebung war es, die Freud bewog, seiner „Traum- 
deutung" den prophetischen Satz Stetere si nequeo superos, adieronta 
movebo^ voranzustellen. Damit wollte er die wissenschaftliche Tatsache 
kennzeichnen, daß die wichtigsten Probleme des Menschengeistes nur 
von den Tiefen des Unbewußten her angegangen werden können. 
Doch kann das Motto auch in anderem Sinne gedeutet werden. Die 



226 — 



tungen der Wissenschaft setzen auch heute noch dem Eindringen 
s psychoanalytischen Lehrkurses Widerstand entgegen. Es wird 
c '°, e ; ne Weile dauern, ehe das Anpochen der medizinischen Welt, 
immer stärker ertönt, an den Pforten der Universitäten, zu denen 
: ur wie ein Grollen aus der Tiefe dringt, vernommen werden wird, 
n nn erst wird die Psychoanalyse den ihr gebührenden Platz im 
Studiengang einnehmen. 

Vielleicht wird dieser Tag früher kommen als wir glauben. Geringer 
Prophetengabe bedarf es, vorauszusehen, daß einst zahlreiche Vor- 
lesungen für die frühere Ächtung entschädigen werden. Die Nachfolger 
j er zeitgenössischen Professoren werden der tatsächlichen Bedeutung 
Freuds Gerechtigkeit widerfahren lassen. Ich muß feststellen, daß bis 
-u Freuds Auftreten die Medizin als reine Naturwissenschaft gelehrt 
w urde. Man besuchte eine technische Gesundheitshochschule, von der 
m an mit viel theoretischem und praktischem Wissen als Doktor abging, 
ohne jedoch irgend etwas von der menschlichen Seele zu erfahren. 
Draußen hingegen in der Welt der medizinischen Praxis ist der psycho- 
logische Faktor für die Therapie ebenso wichtig wie der objektive 
Organbefund. Wieviel Mühe und Kummer wäre vermieden worden, 
hätte man mir in meiner Studienzeit die Kunst beigebracht, mit Über- 
tragung und Widerstand umzugehen. Ich beneide den Mediziner 
der nächsten Zeit, der das lernen wird. Die Humanisierung des Univer- 
sitäts-Lehrganges wird zur unbedingten Notwendigkeit werden und 
sich schließlich durchsetzen. 

Eine besondere Schwierigkeit beim Erlernen der Psychoanalyse bildet 
der Umstand, daß deren Methode, wie bereits erwähnt, dualistisch oder 
utraquistisch ist. Genaue Beobachtung der objektiven Haltung des Pa- 
tienten, einschließlich des von ihm Mitgeteilten, des sogenannten „Ver- 
haltens" (behaviour) reicht nicht aus. Die Psychoanalyse fordert vom Arzt 
unermüdliche Empfänglichkeit für alle Ideenverbindungen, Gefühle und 
unbewußten Vorgänge im Innern des Patienten. Um dieser Forderung 
zu genügen muß er selbst eine biegsame, plastische Seele besitzen, was 
nur erreicht werden kann, wenn er selbst analysiert ist. Wie der 
künftige Mediziner diese vertiefte Selbsterkenntnis erlangen soll, ist eine 
schwer zu beantwortende Frage. Die Ausbildung eines psychoanalyti- 
schen Spezialisten erfordert, abgesehen vom Studium der Theorie, eine 
Lehranalyse von zumindest einjähriger Dauer. Soviel ist von einem 
praktischen Arzt nicht zu verlangen, doch kann man ihm diesen manch- 
mal schmerzhaften Vorgang nicht zur Gänze ersparen. Es ist eine alte 



227 — 



wohlbekannte Erfahrung, daß zuckerkranke Ärzte die diah ■ 
Patienten besonders feinfühlig behandeln, und das Gleiche eifr f~ ° 
tuberkulösen Arzt. Der Wiener Internist Oser, der über Parti ^ 
des Magens las, erzählte uns, daß ihn der Gegenstand seiner T°3 
gastrischen Beschwerden wegen fessle. Wir können selbstversS 6 ? 
vom zukünftigen Arzte nicht verlangen, daß er alle möglichen 
steckenden Krankheiten akquiriere, um an diesen Leiden Erkrankte L *i 
verstehen und heilen zu können. Dennoch fordert die Psychoanalyse «3 
dieser Art, wenn sie vom Arzte seelisches Einfühlungsvermö Jn i TT 
Abnormahtäten des Patienten erwartet. Der Unterschied zwischen 1 
und der eben berührten Situation liegt indes in der Tatsache, daß Jz3 
den FeststeUungen der Psychoanalyse jeder von uns aus seinem «Sf 
Unbewußten die Fähigkeit zu solchem Verständnis zu schöpfen v S? 
Wir brauchen nur den erworbenen Widerstand gegen diese unbewußt 
Kraft wegzuräumen, um sie bewußt und so für das Verstehen 7 
Patienten dienstbar zu machen. Ich bin überzeugt, daß Bemühung 
nach dieser Richtung sich reichlich lohnen werden. Wissenschaft!*! 
fundierte Kennte* der Menschheit wird dem praktischen Am d £ 
verhelfen die Autorität, die er als Berater des Einzelnen, der FamiHe 
der Gesellschaft, einbüßte, wiederzugewinnen, wenn diese sich nt 
fahrhehen Lagen befinden. Ich hoffe, daß es unvergessen bleiben wir " 
wessen Lebenswerk seine Stellung und Würde wieder gehoben hlt ' 
JNoch ein paar Worte über die geographische Ausbreitung der Psycho 

Pefv-H F ' M^? ^ Sk S™ hat ' der P^oanalySet 
Pest Volhges Mißverstehen der wesentlichen Grundzüge der Psycho 
analyse bewog ein paar besonders bösartige Gegner Freuds zur Be- 
hauptung daß die Psychoanalyse oder, wie sie sie nannten, die sexuelle 
Psychoanalyse, nur m der leichtfertigen liederlichen Wiener Atmosphäre 
entstehen konnte. In einem angelsächsischen Lande wurde die Bemerkung 
geprägt, daß „man solche Dinge vielleicht in der österreichischen Haupt! 
Stadt träume, unsere Träume seien ehrbarer Art«. Die Psychoanalyse 

NTut 11 " rf, Verd f gUng HbidinÖSer »**"**> als ffi 
Neurosen. Daher mußte, wenn Freuds Gegner recht hätten, eine solche 

Lehre m einem Lande entstanden sein, wo Prüderie und Verdrängung 

zu Hause sind. In Wirklichkeit jedoch war ein Land, das sich nk2 

durch besondere Prüderie auszeichnet, ungeeignet zur Anerkennung der 

Psychoanalyse. Frankreich, Österreich und Italien sind Länder, in denen 

die Analyse auf stärkste Ablehnung stieß, während England und 

Amerika, Lander mit besonders strenger Geschlechtsmoral, sich viel 



228 — 



fnahmswilliger zeigten. Deutschland nimmt eine Zwischenstellung 

• • nach heftiger Gegnerschaft beugte es sich dem Druck der Tatsachen. 

6 Abschließend möchte ich hervorheben, daß Freud die scharfe De- 

jjgtionslinie zwischen Natur- und Geisteswissenschaft niedergerissen 

, t £)j e Psychoanalyse hat nicht nur das gegenseitige Verständnis 

,; s chen Arzt und Patient gefördert, sondern auch Natur- und Geistes- 
•issenschaften, die sich fremd gegenüberstanden, einander nähergebracht. 
Um dieses Ziel zu erreichen, mußte Freud auf jene Selbstzufriedenheit 
rerzichten, die den Arzt von Einst kennzeichnete. Er fing an, sich den 
Ausspruch Schweningers, daß jeder Mensch Arzt und jeder Arzt Mensch 
sein müsse, zueigen zu machen. 

Freuds Einfluß auf die Medizin bedeutet eine formale Änderung, 
eine durchgreifende Anregung für die Entwicklung dieser Wissenschaft. 
Die Möglichkeit einer solchen Entwicklung mag vorher bestanden haben, 
zu r tatsächlichen Durchführung bedurfte es des Erscheinens einer Per- 
sönlichkeit von Freuds Bedeutung. 



229 — 



— 



Was ist Psychoanalyse? 

Radios« Vortrag von Ernest Jones (London) 

Präsident der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 

Daß ein wirklicher lebendiger Psychoanalytiker, wie er Ihnen so 
als böser Menschenfresser dargestellt worden ist, sich ungehindert 
dre breite Öffentlichkeit wenden darf, das mag in gewissen Irdlen Z V 
geringe Bestürzung hervorrufen. Dieser Tatbestand zeigt daß , 1 
das Publikum als auch die Analytiker falsch beurteilt weTden In Z° U 
Umwelt gibt es genug Schwierigkeiten. Wenn es zudem noch Wn-rnT 
und ungelöste Probleme in unserem Inneren gibt, wird eine V , 
Strauß-Politik, die sie hinwegleugnen möchte, "weder in dTm £* 
noch m dem anderen Falle nützen. Schwierigkeiten sind dazu da Tl" 
überwunden, nicht um ignoriert zu werden. Ich bitte Sie nun' 7 
meiste, was Sie in der Tagespresse oder sonstwo über die PsychoanaW 
gehört haben zu vergessen. Es gibt da eine Menge Dingest d «£ 
die Psychoanalyse mchts zu tun hat, und gerade die haben Sie ube 
sie gelesen Zum Beispiel glauben viele Leute, die Hauptweisheit d 
Psychoanalyse bestehe darin, ein schrankenloses Ausleben der Triebe 
zu befürworten. Tatsächlich aber gehört zu den unvermeidlichen Auswir 
kungen der Analyse eine Erhöhung der Selbstbeherrschung. 

Die Grundlage der Psychoanalyse 

Was immer demnach die Psychoanalyse sein mag, es muß etwas 
Sonderbares um sie sem. Andere neue Ideen mögen leicht oder äußlr 
schwierig zu verstehen sein, sie werden doch nicht so grotesk miß 
verstanden oder ins genaue Gegenteil verkehrt wie diese. Hiefür muß 
es einen Grund geben, und Sie werden bald erkennen, welchen. Lassen 
Sie uns mit einer genauen Definition des Begriffes „Psychoanalyse" be- 
gmnen: Der ursprüngliche Sinn des Wortes bedeutete einfach eine 
spezielle, von Professor Freud in Wien gefundene Methode der Be- 
handlung einer bestimmten Art nervöser Störungen, doch wird es oft 
ganz richtig angewandt, als Gesamtbezeichnung der Erkenntnisse, die 
sich aus der Anwendung der Methode ergeben haben. Wäre dies 
Alles, dann wurden Sie wohl mit Recht fragen, wozu man so viel Auf- 
hebens mache von einer Sache, die bloß einige Spezialärzte und deren 
m dieser besonderen Art erkrankte Patienten angeht. Es handelt sich 
mdcs um viel mehr! Ich will hier nur soviel sagen, daß die seelischen 

— 230 — 



- r ungen, von denen die Rede ist, mit dem Gesamtproblem der 
" enschlichen Glücklosigkeit zusammenhängen, und daß der Versuch, 
j- eS e Leiden durch Auffindung ihrer Ursache zu lindern, die Er- 
( rschung von Seelenschichten mit sich brachte, die nie vorher Unter- 
st worden waren, und zugleidi die hiefür geeignete neue Heilmethode, 
c it diese vor vierzig Jahren angegeben wurde, hat sie natürlich mancherlei 

* Verbesserungen vonseiten Freuds und anderer erfahren, und Freud 
• t wiewohl bereits in seinem 77. Jahre stehend, immer noch darum 
bemüht, sie weiter zu verbessern. 

Bei der Erprobung der verschiedenen Modifizierungen und Ver- 
besserungen der ursprünglichen Technik stellte sich bald heraus, daß 
diese, sobald man gewisse notwendige Arbeitsbedingungen außeracht 
ließ, versagten und nicht zum Ziele führten. So wurde es ermöglicht 
auszusagen, welche diese notwendigen Voraussetzungen und Grund- 
sätze der Behandlungstechnik sind, und es folgte daraus, daß diese 
Versuche, so gut sie auch gemeint waren, wenn sie jene nicht berück- 
sichtigten, vom Wesensinhalt der Psychoanalyse weitab führten. Der 
Wert dieser letzteren Versuche, wie des von Adler und Jung, ist 
sehr strittig. Ich sehe hier von einer Meinungsäußerung über sie ab und 
möchte nur feststellen, daß es nicht bloß nicht angängig ist, sie mit der 
Psychoanalyse zu vermengen, sondern dies zu hoffnungsloser Verwirrung 
fuhren müßte. Diese anderen Methoden entwerten sich durch Anwen- 
dung von Suggestion und setzen sich dadurch in diametralen Gegen- 
satz zur Psychoanalyse. 

Seemöven — Scilly — Suffolk . . . 

Sie möchten nun einiges über die Methode erfahren. Ich werde ver- 
suchen, Ihrem Interesse Nahrung zu geben, doch fürchte ich diejenigen 
zu enttäuschen, die zu hören wünschen, wie sie dieselbe auf eigene Hand 
anwenden können. Es ist wesentlich schwieriger, eine Seelenoperation, 
d. h. eine Psychoanalyse, durchzuführen, als eine chirurgische am 
Menschenhirn. Es gibt keine fünfzig Leute in England, die sehr froh 
wären, eine Operation am lebenden Gehirn ausführen zu dürfen, und 
noch weniger, die die entsprechende seelische zustande bringen ; dennoch 
wären Tausende bereit, in seliger Ahnungslosigkeit diesen Versuch zu 
wagen. 

Nichtsdestoweniger schlage ich Ihnen vor, einiges über die Methode 
zu erzählen, und beginne mit einem Paradoxon. Gemeiniglich lehren 
die Analytiker und auch Freud selbst würde es so ausdrücken, daß 

— 231 — 



ge der 

i 11 



die Methode der sogenannten freien Assoziationen die Grundla 
Psychoanalyse sei. Korrekter jedoch wäre es, zu sagen, die GruL 
der Analyse sei Freuds Entdeckung _ vielleicht seine größte, 
daß es so etwas wie freie Gedanken-Assoziation überhaupt nicht " 3 
Es handelt sich da um einen einfachen Begriff, über den Sie alle et 
wissen. Jeder hat schon einmal seinen Gedanken freien Lauf gelas^ 
und war dann erstaunt, wohin sie geraten waren. Man tut dies ' 
Tagtraumen oder Phantasien. Kinder gestalten sich daraus oft ein Sn"? 
und lassen vorsätzlich ihre Gedanken laufen, einfach um zu sehen 3b 
sie landen. Das Wesen dieses Vorganges besteht darin, daß man' 1 
Kontrolle, die zweifellos beim gewöhnlichen Denken oder Plaude C 
statthat, aufhebt und den Geist denken läßt, statt selbst zu denket 
Habe xch mich klar ausgedrückt? Lassen Sie mich es Ihnen vormachen 
Ich gehe von irgend etwas aus, was meine Aufmerksamkeit gefangen 
nimmt, etwa von dem Strauß künstlicher Magnolien, mit dem die 
Leiter der Radiostation dieses Studio ausschmücken ließen. Die Blumen 
sind, wie ich sehe, künstliche, aus Seemöven-Federn verfertigt ,mA 
nun los ! ' 

Seemöven. Das erinnert mich daran, daß ich während meines 
Aulenthaltes auf den Scilly-Inseln die verschiedenen Arten dieser Vögel 
studierte. SciUy _ sonderbarer Ortsname! Ich denke an Silly Suffolk 
was, wie man mir sagte, eigemlich St. SufFolk bedeutet, da silly U r' 
sprunglich heilig, d. h. unschuldig oder gesegnet hieß, was dem deutschen 
„selig« entspricht. Nun spinnen sich meine Gedanken weiter zu meiner 
privaten Absicht, deutsch zu lernen. Es wird Zeit, innezuhalten denn 
wir sind schon meilenfern von künstlichen Magnolien und Seemöven' 
Das ist es, was ich unter freier Assoziation verstehe. Es ist oft ganz 
unterhaltlich, den Gedankengang nach rückwärts zu verfolgen und 
staunend gewahr zu werden, wie man von einem zum anderen kam 
Gewöhnlich ist eine Ursache erkennbar, ein klanglicher oder sinn- 
gemäßer Zusammenhang der aufeinanderfolgenden Worte, doch selbst 
dann bleibt noch genug Grund zur Verwunderung darüber, wie es 
bei den vielerlei Möglichkeiten gerade zu der einen Verknüpfung kam 
Warum nahm ich von den Scilly-Inseln meinen Weg gerade nach 
Suäolk, wahrend es doch noch andere Inseln gibt, von denen manche mich 
interessieren? Warum blieb meine schweifende Aufmerksamkeit lieber 
am Worte Scilly haften als an „Insel"? Kann es sein, daß dieses Wort 
ohne daß ich es merkte, sich schon vom Augenblicke an, als ich die 
kunstlichen Magnolien zuerst erblickte, auf dem Grunde meiner Seele 

— 232 — 






hefand ? Unausdenkbar ! Hegte ich also respektlose Gedanken in Bezug 
r die Geschmacksprinzipien der Radiogesellschaft? Lassen Sie mich 
solche frevlerische Möglichkeiten rasch weit wegweisen. 

Die Wirklichkeit des unbewußten Denkens 

Dieses kleine Beispiel, das sich mir ganz ohne mein Dazutun auf- 
drängte, ist geeignet, mehrere Punkte aufzuklären. Das Wesen der 
Entdeckung Freuds war, daß die Tatsache der Aufeinanderfolge 
zweier Vorstellungen einen inneren Zusammenhang zwischen ihnen 
zwingend beweist — ob er nun in Erscheinung tritt oder nicht. Dies 
widerspricht der allgemeinen Annahme, daß unser Geist die Fähigkeit 
besitze, „aus freiem Willen" einen Gedanken zu formen, der sich 
durchaus nicht notwendigerweise auf etwas beziehen muß, was zuletzt 
im Seelischen vorhanden war. Daß er zum Beispiel seinen Gegenstand 
nach Belieben wechseln kann, ohne auf unmittelbar vorher Erlebtes 
Bezug zu nehmen. Manchmal ergibt sich aus gesellschaftlichen Gründen 
die Notwendigkeit, das Thema zu wechseln, und wenn Sie beobachten, 
was bei solchen Anlässen vor sich geht, werden Sie finden, daß das 
viel leichter gesagt als getan ist, und der Versuch häufig dahin führt, 
daß man vom Regen in die Traufe gerät. Ich will Ihnen das an einem 
persönlichen Erlebnis aus jüngster Zeit erläutern. Schauplatz : Ein kleines 
Diner. Gastgeber und Gastgeberin offensichdich in gespannten Be- 
ziehungen. Als er ein paar scharfe Bemerkungen ihrerseits mit einem 
beißenden Ausfall beantwortet, entsteht eine peinliche Pause. Ein Gast 
hüstelt und versucht ritterlich, die Konversation in friedlichere Bahnen 
zu lenken. Das machte er so : Er schilderte zunächst einen vor kurzem 
gemachten Ausflug nach Irland und ging dann zu einer Darstellung 
des irischen Charakters über. Er redete sich in Hitze, als er auf die 
Unverträglichkeit dieses Volkes zu sprechen kam, die es zu politischer 
Gemeinschaft unfähig mache, und endete mit den Worten : „Die werden 
so lange streiten, bis es zur endgültigen Trennung kommt", was die 
Tafelrunde mit einem Ruck wieder in die ursprüngliche Verlegenheit 
versetzte. Nur mit Mühe gelang es, sie in ein unverfänglicheres Thema 
zu lotsen. 

Sie sehen, daß es gar nicht so leicht ist, einen Gegenstand gänzlich 
fallen zu lassen, und auf einen völlig abseits liegenden überzugehen. 
Die Erfahrung, die ich Ihnen eben mitgeteilt habe, zeigt, daß die 
Schwierigkeit, von dem vorausgegangenen Gedankenzug gänzlich unbe- 
einflußt neue Bahnen zu wählen, viel größer ist, wenn dieser von 

— 233 — 



persönlichen Empfindungen oder Regungen gefärbt war. Dies i»A , 
ist stets der Fall in der analytischen Situation, denn niemand, d S 
mit Selbst-Erforschung befaßt, kann sehr weit kommen, ohne zu ei 
Gegenstand zu gelangen, der sein persönliches Empfinden in Mitleid 
schaft zieht. Wenn jemand mit einer Überlegung oder einem bewußt! 
Gedankengang beschäftigt ist, wie er sich in der gewöhnlichen T 
versation oder Diskussion ergibt, ist der Zusammenhang der auf °1 
ander folgenden Gedanken zumeist augenscheinlich. (Was allerdi i 1 
bei zerfahrenen Leuten nicht immer der Fall ist.) Wenn hingegen M 
Mensch lässiger denkt, die normale Beherrschung außeracht läßt dav J 
absieht, seinen Gedanken eine feste Richtung zu geben, und sie T 
beaufsichtigt auftauchen und verschwinden läßt, dann wird es d 
Beobachter oft schwer fallen, die Zusammenhänge zu entwirren 7 
wundert sich über eine Aufeinanderfolge von Ideen und kann keiner^ 
Verbindung zwischen ihnen entdecken. Um dem Zusammenhan, J 
die bpur zu kommen, ist es notwendig, an der Gedankenkette zurück 
zugehen, bis man sich über deren weitere Glieder klar wird die 
nicht zum Ausdruck gekommen waren. Die Versuchsperson ve'ntJ 
durch Nachdenken zumeist diese dunklen Stellen aufzuhellen. Doch 
.st sie hie und da nicht imstande, das zu tun, und dann mag man 
wohl zur Annahme neigen, daß hier kein Zusammenhang walte Nach 
*reud hingegen verhält es sich ganz anders. Er hält daran fest daß 
in diesen Fä len ein Zusammenhang besteht, den die Versuchsperson 
jedoch aus bestimmten Gründen nicht aufdecken kann, da das ver 
mißte Zwischenglied der Kette einer Seelenregion angehört, von der 
die Versuchsperson keine Kenntnis hat, deren sie sich nicht bewußt 
ist, und die Freud daher »das Unbewußte« genannt hat. Er 
nat auch eine Technik angegeben, wie man in das Wesen der zu- 
grundeliegenden oder unbewußten Zusammenhänge einzudringen ver- 
mag, die wir eben als Psychoanalyse bezeichnen. 

Wir sind hier bei einem wichtigen Punkte angelangt. Wenn Freuds 
eben erwähnte Annahme zutrifft, dann haben wir es mit einer Welt 
zu tun, die der Menschheit unbekannt ist. Kommen wir zur Über- 
zeugung, daß der Mensch ein unbewußtes Seelenleben hat, so kann 
sich das als ungemein folgenschwer erweisen. Ganz unvorstellbare 
Ausblicke eröffnen sich. Ich sage nicht: nie geahnte. Denn viele Philo- 
sophen und alle großen Dichter haben erahnt, daß mehr im Menschen 
steckt als er weiß, daß er nur zum Teil weiß, was in ihm vorgeht 
und vielleicht sein Verhalten entscheidend beeinflußt, ja, daß tiefe und 

— 234 — 



I nkle Quellen in seinem Inneren fließen, aus denen seine tiefsten 
Überzeugungen, seine stärksten Gemütsbewegungen und seine kraft- 
vollsten Strebungen entspringen. 

Abwehr gegen das Unbewußte 

Kehren wir nun zur trockeneren Methodenfrage zurück. Wenn wir 
j; e von uns als zugrundeliegende Motive bezeichneten Zwischenglieder 
j er Gedankenkette bei Licht besehen, weisen sie alle ein gemeinsames 
VV'esensmerkmal auf. Und hier kommen wir nun zur zweiten der drei 
Hauptentdeckungen Freuds, die die Theorie der Psychoanalyse dar- 
stellen. Die erste war die Existenz eines Unbewußten und der dahin 
führende Weg, die zweite die Begründung, warum das Unbewußte 
nicht zu unserer Kenntnis gelangt. Diese will ich nun erläutern. Die 
unbewußten Gedanken sind alle der bewußten Persönlichkeit unwill- 
kommen; unwillkommen der Idee, die der Mensch von sich selbst 
hat, von dem, was er sein wahres Ich nennt. Sie sind auf vielerlei Art 
unwillkommen, manche unverhältnismäßig mehr unwillkommen als 
andere. Solch eine Vorstellung mag etwa unsere Eigenliebe kränken, 
unserem Stolz nahetreten; sie mag unseren moralischen oder ästhe- 
tischen Widerwillen erregen ; sie mag uns erschreckend dünken, indem 
sie einen Trieb aufdeckt, den wir fürchten, nicht beherrschen zu können, 
usw. Wir wollen eine nur leicht unwillkommene Vorstellung zum 
Ausgangspunkt nehmen : Ich brachte ja eine solche in der kurzen Reihe 
freier Assoziationen, die ich Ihnen vorhin darbot. 

Nicht ohne Schreck ist mir klar geworden, daß ich, ohne es zu wissen, 
den Geschmack, den meine Gastgeberin, die Radiogesellschaft bei der 
Ausschmückung ihres prächtigen neuen Hauses betätigte, einer unge- 
mein scharfen Kritik unterzog. Freilich bedurfte es nur eines Augen- 
blicks, um mir zu sagen: „Was ist dabei? Warum sollte ich sie nicht 
kritisieren?" In der wirklichen Psychoanalyse erfährt der Analysierte 
durch so einfache Vorgänge viel von sich selbst, was er sogar nie 
geahnt hatte. Oft sind diese Erkenntnisse schmerzlich oder qualvoll. 
Dann wehrt sich das Ich natürlich, indem es die Tatsachen zu leugnen 
oder abzuschwächen sucht. Mit anderen Worten: das Ich gerät in 
Widerstand gegen die Anerkennung einer für den unvoreingenom- 
menen Beobachter noch so offenkundig zu Tage liegenden Wahrheit. 
Freud nahm nun an — und wir haben allen Grund, diese Annahme zu 
akzeptieren — , daß die Kraft, die sich so deutlich als Widerstand 
kundgibt, die gleiche sein muß, die das Ich abhielt, die unwillkom- 

— 235 — 



mene Vorstellung wahrzunehmen. Wir nennen diesen Vorgang V 
drängung und verstehen darunter nur die Fernhaltung der V 
Stellungen vom Bewußtsein. Ob es zuträglich ist, Vorstellung 
verdrängen, oder nicht, ist eine ganz andere Frage, deren Beantw ^ 
von den Umständen abhängt. Der Vorgang selbst ist uns bis zu "1 
gewissen Grade völlig vertraut. Jeder hat schon den Rat bekL 1 
sich etwas Unangenehmes „aus dem Kopf zu schlagen", und nur T^ 
stellen sich die Frage, wohin der vertriebene Gedanke gedrängt wirTÜ 
Antwort lautet: Ins Unbewußte. Dort liegt er nun ungenutzt bi s ' £* 
diese oder jene Assoziation neu erweckt, oder er wirkt unabhä 
vom Bewußtsein und erzeugt indirekt Folgen, welche der Person 31 
unverständlich sind. Dieses halb-absichtliche Sich-aus-dem-Sinn-schW 
umfaßt jedoch nur den geringsten Teil von dem, was wir unter v3 
drangung verstehen. Ein viel wichtigerer besteht aus solchen Din.eT 
die der Person nie zur Kenntnis gelangten, ja von deren Existenz S 
nie etwas ahnte Die tieferen Schichten der Seele sind, als das wahre 
Unbewußte, wirklich und wahrhaftig unbewußt im vollen Sinne de 
Wortes. Niemand, er wäre denn wahnsinnig, ist sich z. B. des Wunsch! 
bewußt, seine Mutter oder seinen Vater aufzuessen, und dennoch i 
dies eine allgemeine und mächtige Vorstellung im Unbewußten 

Ich erwähnte eben, daß der Grad der Peinlichkeit dieser vertrat* 
ten Vorstellungen sehr verschieden ist. In vielen Fällen kann diese 
Peinlichkeit mit kleiner Anstrengung überwunden werden. Doch ist 
dieser Vorgang ganz anders als der bei den zutiefst begrabenen Vor- 
stellungen. Hier wird der Mensch oft mit aller ihm zur Verfügung 
stehenden Kraft die bloße Möglichkeit zurückweisen, daß in irgend 
einem Winkel seiner Seele ein ihm so fernliegender Gedanke wohnen 
könne Es erscheint ferner so überaus wichtig, diese tief verdrängten 
l7\t U T V ° m , beWußten Ich fernzuhalten, daß starke Reaktionen 
und Abwehrmaßnahmen in der Persönlichkeit ausdrücklich zu diesem 
Zwecke errichtet werden, die oft einen wesentlichen Bestandteil des 
Charakters darstellen. Diese Abwehrreaktionen sind der Persönlichkeit' 
oft so kostbar daß der Einzelne oft lieber sterben als sie aufs Spiel 
setzen wurde In dieser Beschreibung mögen Sie manche menschliche 
Haltungen erkennen, die wir im Leben als Ideale bezeichnen. Es ist 
daher nicht zu verwundern, daß heftige Abneigung gegen die Psycho- 
analyse sich erhebt, die verdrängte Regungen aufzudecken bemüht ist. 
Dies alles bedeutet, daß tief in unserer Seele heftige Konflikte zwischen 
ihren verschiedenen Bezirken vor sich gehen, die wir als solche nicht 



— 236 — 



kennen. Wir erkennen nur ihre Folgen, und so manche unserer 
Crrebungen, Interessen, Erregungen und Disharmonien sind ihrem Wesen 

ach Bemühungen, einen Weg zu finden, diese unbewußten Konflikte 
zU mildern. 



Si 
und 



Drei große Entdeckungen der Psychoanalyse 



gie wollen nun etwas über die Natur dieser verdrängten Gedanken 
und Triebe erfahren. Sie alle können in den beiden Worten „Liebe" 
und „Haß" zusammengefaßt werden. Im Unbewußten ist nämlich viel 
mehr Platz für heftige Leidenschaft, also auch für mehr Grausamkeit, 
als sich in unserem bewußten Wesen kundgibt. Wenn Sie auf dieses 
Thema tiefer eingehen, so werden Sie finden, daß im Menschen mehr 
Gutes und mehr Schlechtes ist, als an der Oberfläche zum Vorschein 
kommt. In den Tiefen seines Wesens ist er sittlicher und unsittlicher 
als er glaubt. Und alle diese Konflikte stammen aus seinen frühesten 
Lebensjahren. Wenn wir das Material des Unbewußten zu seinen 
Ursprüngen zurückverfolgen, stellt sich heraus, daß dies alles schon im 
kleinen Kinde vorhanden ist. Eine der erstaunlichsten Entdeckungen 
Freuds war, daß schon das Kind ein seelisch wie körperlich 
hochkompliziertes Sexualleben besitzt, eine Feststellung, die größte Ver- 
wunderung und scharfen Widerspruch hervorgerufen hat. Vielleicht 
liegt hierin das Geheimnis, warum es sich als so schwer erwies, die 
Entdeckungen der Psychoanalyse gelten zu lassen, oder sie unverzerrt 
hinzunehmen. 

Wir sind nun von scheinbaren Alltäglichkeiten fortgeschritten bis 
zu den wichtigsten Lebensproblemen, der Erfassung der innersten Natur 
des Menschen. Ich möchte Sie nun bitten, die drei Hauptentdeckungen 
im Auge zu behalten, die sich aus der Anwendung der psychoana- 
lytischen Methode ergeben haben: Die erste ist die Existenz eines 
unbewußten Seelenlebens, das, unter der Oberfläche unserer bewußten 
Seelenregungen liegend, sich vielfältig geltend macht und uns in 
hohem Grade beeinflußt, ohne daß wir es nur ahnen. Die zweite Ent- 
deckung ist der Prozeß der Verdrängung, durch den ein Großteil 
unserer Seelenvorgänge durch feststehende Kräfte unserem bewußten 
Wissen ferngehalten wird. Und die dritte Entdeckung besteht darin, 
(2aß das Unbewußte mit all seinen Konflikten aus der Kindheit stammt, 
aus jener Zeit, als die Sexualtriebe in der frühen Seelenentwicklung 
eine noch unverdächtige Rolle spielten. 

PsA. Bewegung V — 237 [g 



(II. Kadiovortrag) 
Das seelisch Unbewußte, jenes besondere Gebiet der Seele, mit Q 
sich die Psychoanalyse befaßt, ist weit entfernt davon, einen bloß 6 " 1 
Sammelplatz vergessener und unnützer Vorstellungen zu bilden. Es 1 
ganz im Gegenteil die wichtigste Triebkraft unseres Lebens, dieQuelf 
fast aller unserer seelischen Kräfte. Auf zweierlei Art beeinflußt es uns e 
bewußtes Seelenleben : Es arbeitet entweder, in bewußte Energie urT 
gewandelt, als Bundesgenosse mit uns, oder aber es bleibt abseits und" 
kommt uns, wo es nur kann, in die Quere. Wir wollen uns nun rnt 
dem ersteren Falle befassen. Die Impulse aus dem Unbewußten, pn ' 
mitive Begierden und Strebungen jeglicher Art, werden gewöhnlich h 
bewußte Strebungen und Interessen umgewandelt. Doch geht diese U m 
Wandlung nur unter gewissen Bedingungen vor sich, nämlich nur dann" 
wenn sie sich so abändern und verfeinern lassen, daß sie eine auto^ 
matisch, ohne unsere bewußte Kenntnis arbeitende, strenge innere Zen" 
sur ungehindert passieren. Sie müssen deren Prüfung standhalten 
können. Eine Neigung zur Grausamkeit oder zum Verbrechen wird 
nur dann den Zutritt zum bewußten Interesse erlangen können, wenn 
der Betreffende nicht gewahr wird, daß in einem Teilbezirk seines 
Wesens derartige Triebe wohnen. Dann kann er sich nach Herzens- 
lust an Detektivgeschichten und Mordprozessen ergötzen oder er mag, 
falls er die Dinge ernster nimmt, Verteidiger oder Richter, Metzger 
oder Chirurg werden, oder sonst eine Laufbahn einschlagen, in der 
das Interesse am Töten oder Verwunden eine wesentliche Rolle spielt. 
Alles geht in Ordnung, insolange die Bedingung erfüllt erscheint, daß 
die Umwandlung des Urtriebes sich glatt und vollständig erfüllt. 

Ich habe Sie hier mit zwei verschiedenen Ideen bekannt gemacht, 
die beide ungemein schwierig aufzufassen sind. Es ist außerordentlich 
sonderbar, sich vorzustellen, daß das, was wir vertrauensvoll als unser 
Inneres zu betrachten gewohnt sind, als dasjenige, was wir durch und 
durch zu kennen glauben, unser bewußtes Ich, unser teueres Selbst - 
nur einen Teil unseres ganzen Wesens darstellt, und daß es uns bloß 
vergönnt sein soll, einen eigens zu diesem Zweck sorgsam ausgewähl- 
ten Teil von uns zu kennen. In Ländern, wo die Regierung die 
Presse vollständig in der Gewalt hat, muß die Allgemeinheit eine un- 
gemein einseitige Vorstellung sowohl von den Vorgängen innerhalb 
des Staates als auch in der übrigen Welt gewinnen. Nicht nur das. 

— 238 — 



t die ihr zugemessene Information wird im Hinblick auf be- 

I mte Tendenzen sorgfältig bearbeitet, also zuerst gesichtet und dann 

«stellt. Dennoch kann sich keine Zensur noch so autokratischer 

r Vierungen mit der von jedem Einzelnen an sich selbst geübten an 

c tre nge messen. Und all das geht vor sich, ohne daß er von der 

xistenz dieser Zensur die leiseste Ahnung hat, ohne daß er weiß, 

S seine Gedanken aus anderen Quellen als aus seinem ihm so 

ohlbekannten bewußten Seelenleben stammen. Er hält sich nie damit 

uf sich gewisse Fragen vorzulegen, etwa, warum er das oder jenes 

Hebt oder ablehnt. Gelegentlich erfindet er sich wohl irgend einen 

Q xm d — ein Vorgang, den wir als Rationalisierung bezeichnen — , 

doch für gewöhnlich begnügt er sich mit der einfachen Feststellung: 

Natürlich mag ich dies oder das nicht — so bin ich eben!" Und 

doch steht es so, daß er das Warum nie kennt, keine Ahnung hat 

von den komplizierten Seelenströmungen in der Tiefe seines Wesens, 

die darüber entscheiden, was er zu lieben und was er abzulehnen hat. 

Die Quelle von Inspiration und Disharmonie 

Von Zeit zu Zeit dämmert uns auf, daß es Regungen in uns gibt, 
die wir nicht kennen und daß wir in Wirklichkeit uns selbst nicht 
begreifen. Für jeden Liebenden wäre es eine schwierige Sache, darzu- 
legen, inwiefern seine Geliebte so vollkommen andersartig ist, als alle 
übrigen weiblichen Wesen, wiewohl er ganz sicher ist, daß dies der 
Fall ist. Und wenn wir uns von solchen Alltagsdingen zu den selte- 
nen Menschheitserfahrungen wenden, so begegnet uns der gleiche Ge- 
danke. Die meisten großen Dichter fühlten, daß ihre besten Werke 
nicht vorsätzlich erzeugt worden sind, sondern auf den Flügeln einer 
zwingenden Gewalt zu ihnen kamen, die dem Ungefähr entsprang, 
unbekannten Tiefen ihres Wesens entströmte. Die Griechen glaubten 
sogar die Dichter von einem geheimnisvollen Geiste beseelt, der sie 
heimsuche, ebenso wie man im Mittelalter die hysterischen Weiber 
vom Teufel besessen glaubte, den man austreiben könne. Und kein 
großer Religionsstifter hat jemals sein bewußtes Ich als den Urheber 
seiner inbrünstig verkündeten Botschaft angesehen. Er betrachtet sich 
als Gefäß von Inspirationen, die er göttlichen Gewalten zuschreibt. 

Dies sind nur ein paar Beispiele, die uns, wenn wir sie nachdenk- 
lich betrachten, dann mahnen, daß wir in vielen Lebenslagen fühlen, 
daß es außer dem, worüber wir uns bewußt Rechenschaft geben 
können, noch etwas gibt, was Macht über uns besitzt. Das gleiche 

— 239 — i6 s 



H 



gilt von der zweiten gewaltigen Sclilußfolgerung der Analyse n - 
lieh der großen Bedeutung des inneren, seelischen Konflikt 1 
für unser Leben. Ethische und religiöse Lehren erkennen ihn ? 
den Kampf zwischen den guten und den bösen Mächten in unser 
Innern und bezeichnen oft das ganze menschliche Leben als ein einzi^ 
fortgesetztes Bemühen, in den Zustand des Haren Bewußtseins dl 
Gnade, zu gelangen. Es würde sich also derart als Wesensweck dl 
Religion darstellen, diesen Konflikt so zu meistern, daß das Gute 1 
der Menschennatur die Oberhand über das Böse gewinne. Die Psycho 11 
analyse bestätigt diese Ansicht durchaus, und glaubt, daß die Quell e °~ 
dieser Unstimmigkeiten viel tiefer an den unbewußten Wurzeln de" 
Persönlichkeit liegen, als man je ahnte. Das bedeutet, daß wir u/ 
im Innersten viel schuldiger fühlen als wir meinen. 

Das unbewußte „Gewissen" 

Ich will Ihnen das an einem Beispiel erläutern. Man hört neuer 
dings oft den Ausdruck „Minderwertigkeitskomplex". Was wird dar" 
unter tatsächlich verstanden? Es ist eine vieldeutige Bezeichnung, doch 
das Wort Minderwertigkeit enthält wohl eine anschauliche Schilderung 
des in Frage stehenden Gemütszustandes. Da ist der Mensch, der 
unter dem Drucke überwertiger Ideen stehend, sich vorherrschend mit 
dem Eindruck beschäftigt, den er auf andere macht, unter eingebil- 
deten Vernachlässigungen leidet oder das Maß der Anerkennung, das 
ihm auf seinem Lebenswege zuteil wird, als unzureichend empfindet 
Manchmal kränkt er sich unverhältnismäßig über einen Zweifel an 
seiner Intelligenz, ist verletzt oder wütend darüber, daß man ihn aus- 
lacht, wenn er einen Spaß nicht gleich versteht, oder wenn seine An- 
sichten kritisiert werden. Bei anderen Leuten wieder bezieht sich 
dieses Gefühl auf ihre persönliche Erscheinung. Sie leiden unerhörte 
Qualen bei dem Gedanken an irgend eine Unvollkommenheit oder 
einen Defekt: ihre Beine sind zu kurz, ihre Nase ist zu lang, ihr Kinn 
nicht genug ausdrucksvoll usw. Ich brauche die unendliche Reihe der 
Minderwertigkeitsempfindungen nicht aufzuzählen, doch will ich Ihnen 
eine interessante Einzelheit verraten, die allen gleicherweise eigen ist: 
Ob diese Ideen in physischer, sozialer oder intellektueller Verkleidung 
auftreten, sie alle entspringen einem tiefen Gefühl sittlicher Min- 
derwertigkeit. Das wird Ihnen sicher erstaunlich klingen, da diese 
Empfindungen so oft Menschen befallen, die sehr würdig dastehen, 
und denen in sittlicher Beziehung etwas vorzuwerfen, niemandem ein- 

— 240 — 



lallen würde. Und dennoch ist irgend ein Teil von ihnen mit der 
Gesamtperson nicht einverstanden und verdammt sie als sittlich un- 
würdig- Und ich will Ihnen etwas noch Seltsameres sagen: Dieser 
•ibermoralische Teil des Unbewußten — er ist eine Art Gewissen, 
Joch ist es besser, ihm einen anderen Namen, also etwa „Uber-Ich" 
beizulegen, um Verwechslungen mit dem, was wir gewöhnlich als 
gewissen bezeichnen, zu vermeiden — steht unter Gesetzen, die von 
unseren bewußten Sittlichkeitsnormen weitgehend abweichen. Er wird 
bitweise verbrecherische Handlungen, die die bewußte Persönlichkeit 
jjs sozial unrecht erkennt, nicht nur gestatten, sondern sogar fordern, 
ebenso wie die Thugs auf Burma und andere Sekten im Namen der 
Religion mordeten und folterten. Es ist übrigens, nebenbei bemerkt, 
eine weitere von den das Unterste zu oberst kehrenden Folgerungen 
Jer Analyse, daß ein guter Teil der gewöhnlichen Kriminalität unbe- 
wußten sittlichen Konflikten entspringt. Bestätigt sie sich, so wird das 
die gangbaren Meinungen über Präventivmaßnahmen gegen die Krimi- 
nalität gründlich revolutionieren. Anderseits wird das überethische Un- 
bewußte nicht nur Handlungen verbieten, die sozial gestattet, sondern auch 
solche, die durchaus wünschenswert sind. Es ist im ganzen geläufig, 
Einspruch zu erheben gegen einfache körperliche Funktionen wie 
Sehen, Essen oder Gehen, noch geläufiger gegen die fundamentalen 

I Tätigkeiten der Arbeit und der Liebe. Oft beobachtete Beispiele hie- 
für sind die Schwierigkeiten, die man mit Kindern hinsichtlich des 
Essens gewisser Speisen hat, denen sie einen unerklärlichen Wider- 
willen entgegensetzen, in anderen Fällen selbst dem Essen überhaupt. 
Wenn dies alles stimmt, so ist dies wahrlich ein seltsamer Zustand 
der Dinge. Unser Körper scheint, wenn er sich selbst überlassen und 
von Unfall oder Krankheit nicht ergriffen wird, ganz einwandfrei zu 
arbeiten. Und das Leben der niederen Tiere scheint ziemlich harmonisch 
abzulaufen. Es sieht aus, als wüßten sie stets genau, was sie wollen, 
und wären imstande, ihre Kräfte so weit anzuspannen, daß sie es nach 
Tunlichkeit auch erreichen. Nur der Mensch wird von Ungewißheiten, 
Zweifeln und Unbefriedigtheiten zerrissen. Und nun hören wir, daß 
alles, was er in dieser Hinsicht weiß, nur der kleinste Teil der 
tieferen Unstimmigkeiten seines Wesens ist, und daß selbst die 
positiven Ausdrucksformen seiner Persönlichkeit — seine Interessen 
und täglichen Beschäftigungen — zum großen Teil bloß der Deck- 
mantel für seine tieferen Konflikte oder die notwendigen Lebens- 
bedingungen sind, ihm auferlegt, damit sein schwer gewonnener 

— 241 — 



erschütten 

iencrV.l:_i 



Seelenfrieden durch diese unbewußten Konflikte nicht erschütt 
werde. Warum muß das so sein? Wie kommt es, daß die menschli li 
Seele so seltsam unbefriedigend gestaltet ist? Das sind nicht nur an s" }, 
fesselnde Probleme, sondern zugleich Fragen von eminenter praktisch 
Bedeutung. Welcher denkende Mensch kann an dieser Darstellung d 
Menschengeschlechtes Freude haben, besonders im gegenwärtige 
Augenblick der Weltgeschichte, da unsere Selbstzufriedenheit s 
gründlich aufgerüttelt wird? 

Selbstunterdrückung 

Ich sagte vorhin, daß viele unbewußte Impulse zuerst modifiziert 
und dann in bewußte Aktivitäten umgewandelt werden, und erwähnte 
auch, daß manchen die Umwandlung nicht gelingt, und sie auf eigene 
Faust, im Konflikt mit unserem übrigen Seelenleben weiter existieren 
Das ist das verdrängte Unbewußte, von dem so oft die Rede ist und 
das so viel Unheil anrichten soll. Diese von direkter Auswirkung 
abgedrängten Triebe können nur unterirdische Tätigkeit entfalten 
genau so wie eine unterdrückte politische Minderheit sich durch 
ständige prinzipielle Wühlereien gegen die herrschenden Mächte un- 
liebsam bemerkbar macht. Die Wirkungen können trivial, aber auch 
ernsthaft sein. Jemand beschließt, einen Brief aufzugeben, doch hat 
sein Unbewußtes Einwendungen gegen dessen Absendung und 
behauptet sich zuweilen, indem die Absendung vergessen oder gar der 
Brief verlegt wird. Ein Einbrecher oder Mörder will flüchten, ohne 
eine Spur zu hinterlassen, doch sein Schuldbewußtsein macht es ihm 
meist unmöglich, indem es dafür sorgt, daß er in Gestalt irgend eines 
Gegenstandes, der deutlich auf den Übeltäter hinweist , etwas auf dem 
Schauplatze der Tat zurückläßt, was die Detektive die Visitenkarte 
nennen. Hier ist die Wirkung eine verhängnisvolle, denn das kann 
ihn das Leben kosten. Wahrscheinlich ereignen sich vier Fünftel unserer 
furchtbaren Verkehrsunfälle auf die gleiche Weise, indem das Unbewußte 
des Fahrers mit der im gegebenen Falle gebotenen Handlungsweise 
in Widerspruch gerät. Diese Selbstbekämpfungs- und Selbstbestrafungs- 
tendenzen spielen eine ungeheure Rolle im Leben. Viele Menschen 
haben die regelmäßige Gewohnheit, das Unrichtige zu tun und bei 
lebenswichtigen Anlässen gegen ihr eigenes Interesse zu handeln, und 
es gibt nur wenige, die sich niemals selbst zum Narren machen, und 
stets ihre besten Kräfte ins Treffen führen. 

Einer der Hauptfunde der Psychoanalyse ist, daß die unbewußten 

— 242 — 



I? nflikte schon in den ersten Lebensjahren auftreten. Gerade auf diesem 
F lde der geistigen Kindheitsentwicklung liegen die staunens- 

ertesten Errungenschaften der Psychoanalyse, deren einige übrigens mit 
\ta gangbaren biologischen Theorien parallel gehen, und uns daher gar 

'cht so sehr überraschen sollten. Zum Beispiel haben wir guten Grund 
anzunehmen, daß im Kleinkind grausame, rohe Instinkte leben, wahr- 
rheinlich Erbgut aus dunkler Vorzeit, und daß es daher kaum als 
Übertreibung gelten darf, wenn wir sagen, daß das Kind hundert- 
tausend Jahre geistiger Entwicklung in die ersten vier Lebensjahre 
pressen muß, um sich den Anforderungen der Zivilisation anzupassen, 
^--vnhl in ethischer wie in ästhetischer, ja selbst in gesundheitlicher 
llu isicht befindet sich die primitve Natur des Kindes in unverhülltem 
Gegensatz zu diesen Normen, und es ist daher kaum zu verwundern, 
daß es bei seinem Bemühen, sich in seine Umgebung einzufügen und 
seinen Charakter mit dem Leben der anderen in Übereinstimmung zu 
bringen, gewaltige Hindernisse zu bewältigen hat. Es kann zum Beispiel 
nicht einsehen, warum es nicht alles Tote oder Lebendige, dessen es 
habhaft werden kann, beißen oder zerstören darf. Es hat nicht die 
geringste Achtung vor dem Eigentum und den Gefühlen der anderen. 
Dumpfe Triebe und Phantasien durchzucken das kleine Geschöpf, 

I manche davon furchtbar zu benennen, wenn sie bei einem Erwachsenen 
( w ie Jack the Ripper) in Erscheinung treten. Doch haben wir diese 
Urtriebe in uns längst begraben und vergessen — sie sind unbewußt 
geworden — , und so erkennen wir die kleinen Anzeichen ihres Vor- 
handenseins, die wir an kleinen Kindern hie und da beobachten, nicht 
in ihrer wahren Bedeutung. Wir beschönigen diese Dinge so gut es 
geht und finden sie tatsächlich zumeist entweder unterhaltsam oder bloß 
lästig. Für das Kind selbst jedoch sind sie nichts weniger als belustigend. 
Wenn ein Erwachsener über den heftigen Wutausbruch eines Kindes, 
der sich bis zur Mordlust steigern kann, einfach lacht, so mag der 
ohnmächtige Zorn, den das Kind dabei empfindet, sich manchmal 
bis zu tragischer Verzweiflung steigern. Offenbar hindern uns unsere 
eigenen Verdrängungen, ohne Lupe zu sehen, was diese Erregungen 
dem Kinde bedeuten. Wenn ein kleiner Junge das neugeborene 
Brüderchen mit dem Zuruf begrüßt: .Marsch fort oder ich bring' Dich 
um!", so macht uns das vielleicht ein wenig betroffen, aber wir kommen 
nicht auf den Gedanken, daß das genau die gleichen Gefühle sind, 
die uns im Kriege gegen die feindlichen Flugzeuge über unseren 
Köpfen beseelten. 

_ 243 — 



an der 



Dann ist da noch die Streitfrage in Bezug auf das Sexualleben 
Kinder. Die Triebe, von denen hier die Rede ist, unterscheiden i 
wesentlich von dem, was wir Erwachsene als Sexualität bezeich 
und sind doch in gewisser Hinsicht damit auffallend verwandt. Es^ 
eine Welt seltsamer Spannungen, unbestimmter, versteckter Phantasi 1 
sonderbarer Erregungen, geheim gehaltenen Interesses an gewiss^' 
körperlichen Vorgängen, die dem Kinde überaus geheimnisvoll dünk J 
und von dunklen, vagen Süchten. Und alle diese erregenden Dinge si 6 ^ 
eng verknüpft mit der Beziehung des Kindes zu seinen Eltern. Met 
als das, sie sind mit den Aggressionen und wilden Haßempfinduneel 
von denen vorhin die Rede war, fest verwoben. Aus beiden Gründe"' 
führen sie zu allerlei Arten von Angst und Schrecken, von denen n " 
wenige Kinder frei sind und die bald tiefes Schuldgefühl erzeuge! 
So sehen wir, wo die Wurzeln der inneren Konflikte wachsen und wie 
schwer es ist, aus all dieser Not und Verwirrung als harmonisches 
Wesen hervorzugehen. 

Sie werden mir vielleicht entgegnen, daß ich die Bedeutung dieser 
kindlichen Konflikte und Schwierigkeiten übertrieben habe, denn wie 
sollten, wenn nur die Hälfte des Gesagten stimmen würde, Menschen 
die Möglichkeit haben, zu zuversichtlichen, glücklichen und tüchtigen 
Mitgliedern der Gesellschaft heranzuwachsen? Meine Erwiderung be- 
stünde in der Gegenfrage: Wie viele solcher Glücklichen gibt es? 
Wenn man, wie es in der Psychoanalyse geschieht, die innersten Ge- 
danken irgend eines Menschen zutage fördert, wird man überaus selten 
die zuversichtliche Glücksstimmung entdecken, die als die normale gilt. 
In der Regel findet man da in verschiedenartiger Dosierung und Ab- 
stufung Unzufriedenheit mit der eigenen Person ; ängstliches Bemühen, 
in peinlichen Lagen Haltung zu bewahren; ein höchst fragwürdiges 
Genügen an den eigenen Hilfsquellen — wenn ich auch ohne weiters 
zugestehe, daß all dies gewöhnlich durch allerlei Masken verdeckt wird. 
Ich möchte beispielsweise die Frage aufwerfen, welcher Prozentsatz von 
Ehen wirklich als gelungen zu bezeichnen ist, und zwar meine ich da 
nicht eine äußerliche, hervorgekehrte Schein-Zufriedenheit, sondern 
echtes gegenseitiges Verständnis, wahrhaftes, innerliches Glück. Zumeist 
liegen die Dinge so, daß die Menschen ganz gut miteinander aus- 
kommen, so lange bestimmte Vorbedingungen, die in verschiedenen 
Verhältnissen verschieden sein mögen, gegeben erscheinen. Werden 
diese Bedingungen verändert, so schwindet das Gefühl ruhigen Ver- 
trauens, oft schon auf die kleinste Belastungsprobe hin. Wie viele 

— 244 — 



, nSC hen gibt es, die die Vorstellung der Einbuße ihrer Mittel oder 
des Todes ihrer Lieben ertragen? Doch gerade die Wunden, die 

s Schicksal uns zufügt, sind der Prüfstein unserer Normalität. Wie 
h"ufig sincl Stimmungen des Zweifels, ob es der Mühe wert sei, durch- 
halten ! Und diejenigen unter Ihnen, die an beständiger Lebensangst 
leiden, sind durchaus nicht so selten, wie die Vergnügten glauben. Sie 
«verden ferner bemerkt haben, daß ich das außerordentlich 
erbreitete Vorkommen der verschiedenartigen nervösen Störungen 
ar nicht ins Kalkül gezogen habe: die Reizbarkeit, Schlaflosigkeit, 
krankhafte Angstvorstellungen, Süchtigkeit — gar nicht zu reden von 
s o entsetzlichen Dingen wie Geisteskrankheit und Selbstmord. Ja, die 
Macht des Unbewußten ist nur allzu augenscheinlich und eingreifend! 

Wir wollen uns nun aber von diesen traurigen Gegenständen ab- 
wenden und zum Schlüsse zusammenfassen, was wir bisher an positiven 
Erkenntnissen erarbeitet haben. Es sind im Wesentlichen drei fest um- 
rissene Ideen. Vor allem die umstürzlerische Tatsache, daß wir bloß 
einen kleinen Teil unseres eigenen Wesens kennen, das jeden Augen- 
blick von uns völlig unbekannten Mächten aus den Tiefen unserer 
Persönlichkeit aufgerührt und erschüttert zu werden vermag. Zweitens 
will ich Sie daran erinnern, daß, wie wir festgestellt haben, dieses 
weite Land des Unbewußten sich in einem Zusand unaufhörlichen 
Konflikts befindet, indem die primären Instinkte trachten, durch das 
Ich irgendwie zum Ausdruck zu gelangen, und dieses entweder Wider- 
stand leistet, oder ihnen allerhand Bedingungen auferlegt. Die beiden 
Worte „unbewußter Konflikt" enthalten das meiste von dem, was die 
Psychoanalyse zu lehren hat. Unter normalen Verhältnissen münden 
die Kräfte des Unbewußten nach ihrer Umwandlung — Sie werden 
in diesem Zusammenhang das Wort „Sublimierung" bereits gehört 
haben — relativ unbehindert in das bewußte Seelenleben ein und 
lenken dort unsere Interessen und Betätigungen. Sie sind, wenn wir 
auch ihres Daseins nicht gewahr werden, die eigentliche befruchtende 
Quelle unserer Persönlichkeit. Unter unnormalen Verhältnissen — wo- 
runter ich die alltäglichen verstehe — gelingt es den Kräften des Un- 
bewußten nicht, diesen befriedigenden Ausweg zu finden, sie werden 
in Seitenkanäle abgelenkt, von denen her sie die Persönlichkeit be- 
unruhigen. Dieser Tatbestand ist die Hauptursache der zahllosen Un- 
vollkommenheiten und Unbefriedigtheiten menschlichen Daseins, die 
im privaten Leiden des Einzelnen, wie in den Unzulänglichkeiten 
unseres nationalen und internationalen Lebens ihren Niederschlag finden. 



— 245 



Bemerkungen über Keligion 1 



Von 



Fritz Witteis (New York) 

Die Psychoanalyse ist in einer ihrer Anwendungen, nämlich als ftfl 
methode, messianisch wie jede Heilmethode. Sie verspricht dem I 
denden Heilung oder Linderung, wofern er sich ihr anvertraut I n T" 
Durchfuhrung ihres Versprechens trachtet sie aber Wissenschaft zu M 
indem sie dem Patienten gewisse Mechanismen aus dem Unbewußt" 1 ' 
ms Bewußtsein hebt, Komplexe scharf umschreibt, ähnlich einem oj 
nerenden Chirurgen. Der Unterschied wird freilich klar genug: Seelisch" 
Komplexe lassen sich mit einem Tumor nicht recht vergleichen u J 
das Messianische läßt sich zwar aus dem Verkehre des Chirurgen rat 
seinem etwa narkotisierten Patienten, nicht aber aus dem Verkehre de 
Analytikers mit seinem Analysanden völlig ausschalten. 

Freud's Psychoanalyse, ernsthaft gewillt, alles Seelische als ihr Material 
anzusehen, war gezwungen auch das Messianische an sich zu studieren 
und hat so einige interessante Gesichtspunkte zum psychischen Gerüst 
der Religion beigetragen. Das Wesen der Religion fällt aber nicht in 
den Gesichtskreis der Psychoanalyse. Es gibt keine Wissenschaft in 
deren Gesichtskreis Raum wäre für Gott, Unendlichkeit und freien 
Willen. Es hat Zeiten gegeben, in denen - nicht die Religion - 
sondern die Kirchen sich übernommen haben und im Namen des 
Glaubens die Wissenschaft einzuschränken versuchten. Es hat andere 
Zeiten gegeben, in denen die Wissenschaft sich übernahm und die 
Religion und die Religiösen verspottete. Das Lachen Voltaires dröhnt 
noch immer durch die Welt. Auch versucht immer wieder die eine 
Religion die andere auszurotten (so wie gerade jetzt die bolschewistische 
Religion die griechisch-orthodoxe). Der Glaube, daß alles Wissenswerte 
im Koran enthalten sei, wird abgelöst von dem Glauben, daß man 
des Korans nicht bedürfe, die Wissenschaft werde ihn ersetzen. Es gab 
wohl auch Zeiten, in denen die Politik sich vermaß auf beide, Wissen- 
schaft und Glauben, zu verzichten, wie jene Antwort des französischen 
Revolutionstribunais an den großen Chemiker Lavoisier zeigt, der zum 
lode verurteilt war und um Aufschub bat, um einige wichtige Expe- 
nmente zu vollenden: „Die Nation bedarf ihrer Wissenscha ft nicht«. 
») Vortrag, gehalten in der New School for Social Research, New York. 

— 246 — 



r 

Es ist 



Es ist nötig, sich alles das klar zu machen, weil der Schöpfer der 
p ychoanalyse vor einigen Jahren eine kurze Schrift („Die Zukunft 
• er Illusion") veröffentlicht hat, in der er seine Ansicht ausspricht 
el °d zu begründen sucht, daß Religion eine Art Kinderkrankheit der 
Menschheit sei und in absehbarer Zeit in Heilung durch den Ver- 
d, <j. i durch die Wissenschaft, übergehen werde. Diese Meinung 
S j.nes' großen Mannes fällt im Kampf der Geister sehr ins Gewicht, 
6 ber m it den Entdeckungen und theoretischen Gesichtspunkten der 
Psychoanalyse hat sie nichts zu tun. Freud hätte seine „Zukunft einer 
Illusion" mit geringen Unterschieden schon als junger Mann schreiben 
können, als er von Psychoanalyse noch nichts wußte, jedoch so sehr 
un ter dem Einfluß der Aufklärungsideen stand, daß er diesen Einfluß 
(diese Weltanschauung) nicht mehr los wurde, wohl auch gar nicht 
Jos werden will. Man kann also sehr wohl das gesammte psycho- 
analytische Lehrgebäude Freuds akzeptieren, kann ein „orthodoxer" 
Freudianer sein, ohne philosophische Gesichtspunkte des großen Forschers 
mit zu übernehmen. Freud als Psycholog hat wiederholt erklärt, daß 
die Psychoanalyse untersucht, wie die Seele ist und nicht was sein 
soll, nicht was wir tun sollen. 

Mit Ausnahme des Rates : Lasset euch analysieren ! hat diese Wissen- 
schaft keinen Rat zu geben, weder positiven noch negativen, und wie 
eingangs bemerkt, ist selbst der Rat, den der Analytiker seinen Pa- 
tienten gibt, nicht mehr Bestandteil seiner oder irgend einer Wissen- 
schaft; er ist ein Stück angewendeter Wissenschaft. 

* 
Ich schlage vor, daß wir zunächst die Phänomene der „Übertragung" 
und des „symbolischen Denkens" betrachten, wie sie der Psychoanalyse 
geläufig sind, um hernach als drittes Phänomen die „Sublimierung" 
heranzuziehen. Freud fordert bekanntlich seine Patienten auf, ihm zu 
beichten, ihm alles zu sagen, was ihnen und wie es ihnen durch den 
Kopf geht. Er machte dann bald die Erfahrung, daß Analysanden nicht 
nur mit Worten berichten, nicht nur vergessene Erlebnisse in Erinnerung 
bringen, sondern unsere psychische Struktur zwingt uns auch, alte Er- 
lebnisse wieder zu erleben, ohne daß wir uns dieses Zwanges bewußt 
sind: Die ewige Wiederkehr des Gleichen. Lange bevor eine Patientin 
mir mit Worten sagt, daß sie an ihrem Vater einen allzustrengen Er- 
zieher gehabt hat, dem sie es niemals recht machen konnte, bemerke 
ich, daß die Patientin meine Worte immer wieder so mißversteht, als 

— 247 — 



hatte ich die Absicht, sie zu tadeln. Sie weiß in diesem ersten Stadi„ , 
Analyse noch nicht, daß sie die Beziehung ihrer Kinderjahre zu' v I 
memals los geworden ist, aber sie überträgt diese Beziehung^ 
laufig auf ,ede andere, die das nur irgend gestattet: auf den Eh«2i 
Freunde und natürlich auch auf den Am. Freud erkannte A 
dieses Phänomen, welches er Übertragung nannte, auch außerhalb J 
analytischen Praxis im psychischen Leben eine sehr große Rolle Lj 
Der Arzt tritt ms Zimmer und der Kranke fühlt sich halb gentJ 
er übertragt das Zutrauen des Kindes zu seinen Eltern auf den A 
als ob auch dieser Schmerzen wegblasen könnte wie die Mutter a lf I 
uns an der Tischkante stießen. Die Geliebte erscheint im Leben ^ 
man halt sie für die Einzige, Schönste, uns vom Schicksal Z^ 
dachte: wir hatten einmal eine Einzige, uns vom Schicksal Zugedacht 
und wenn Freud nichts anderes gelehrt hätte, als dieses Jne Ä 
ein Mutterelement in jeder wahren Liebe enthalten sei, so hätte f 
eine sehr schöne und beglückende Lehre geschaffen. Wir übert 1 
das Mutter Kind-, das Madonnen-Erlebnis in Form von Liebe und 2" 
der Mann findet es in der Geliebten, das Weib kann sich endlich ^ 
der Mutter identifizieren, was sie schon immer wollte, von de TrsI 
Puppe an, mit der sie spielte. en 

Die Psychoanalyse hat das Phänomen der Übertragung gründlich 
stiert und für sie besteht kein Zweifel, daß Gott im hLLi ebt 
Übertragung, eine Projektion des ursprünglichen Vatererlebnisses übe 
die Wolken ist . Der Mensch schafft sich seinen Gott im Ebenbild 
nicht sowohl seines wirklichen Vaters, als seines Vater-Ideales, seine 
Vateridee Deshalb ist der Judengott Jehova ein finsterer und streng 
Richter Jesus aber das Urerlebnis des Sohnes, der unter diese! 
Vater leidet und durch seine Hingebung uns mit ihm versöhnt. Allah 
st eines Wustenvolkes Ideal, der seine Söhne in einem Paradiese be- 
lohnt das üppig ist wie eine Oase, von Speise und Trank überfließt 
von glutaugigen Huris kredenzt: Übertragung eines Traumes, Wunsch-' 
erfullung eines Traumes, der einem gebildeten Europäer von heute 
dürftig erscheinen mag. Seine Übertragung sieht anders aus, weil seine 
Sehnsucht anders ist. Sein Himmel kann nicht - wie ein übelwol- 
lender Kritiker des Islam bemerkt - ein Gasthaus mit Damenbedie- 



nung sein 



^r ) r£ ie t PSydl0anal I^ ma , dlt dnen Untersc hied zwischen den Phänomenen 
der Übertragung und der Projektion, den ich hier absichtlich vernaSigl 



248 — 



Wir übertragen das unfaßbar Tiefste in uns auf Gott. Das Tiefste 
. Unsterblichkeit, Allmacht, Allgüte und Allwissen. Was immer das 

• und die Psychoanalyse kann keine befriedigende Auskunft 

"iber das Wesen dieser Begriffe geben — so glauben wir doch zu 
wissen, daß die Gegensätze zu allen diesen Begriffen beim kleinen 

jnde, das noch nicht zum Bewußtsein seines Ichs gelangt ist, keine 
Rolle spielten. Was uns später quält : der Gedanke an den Tod, unsere 
Ohnmacht, Schuld und Zerstörungstrieb, quälen das kleine Kind noch nicht. 
g kann es also auch keinen Gott entwickeln wie den unsern. Es hat 
ja alles, was es braucht, der Mutter Brust und verläßliche Wartung, 
d es Vaters Schutz. Später, wenn es das eigene Ich im Ebenbilde der 

u's entwickelt, von denen es umgeben ist, wenn es sich als Indivi- 

um erkennt, losgelöst von den anderen, unwissend, ein Frage- 
zeichen durch und durch, dann fragt es sich ängstlich in seinem 

[urnpfen Gehirnchen : Was ist geschehen ? Das war doch früher nicht 
10? Die Partizipation mit der Mutter verlieren wir durch Geburt, 
Entwöhnung, Erziehung, Individuation. Mit dem väterlichen Prinzip 
der Ordnung, Strenge, Kausation gibt es frühe Kämpfe. In dieser Not 
wird den Kleinen Ersatz geboten, indem man ihnen den Begriff 
Gottes anbietet. Im Paradies der Vor-Ich-Periode war man nicht 
sterblich, spürte keinerlei Unvollkommenheit. In der Periode der Ich- 
Entwicklung will man allein fortsetzen, was man im Kinderparadies 
begann. Man scheitert, und statt die Unvollkommenheit und die Be- 
schränkung zu akzeptieren, verlegt der religiöse Mensch seine Voll- 
kommenheit in den Himmel, der so weit ist, daß sein Glaube ihm 
von keiner irdischen Gewalt entrissen werden kann, wenn er nicht 
will. Der Weg zum Glauben geht also von den Eltern oder deren 
Stellvertretern in die eigene Brust und von da zu Gott: Introjektion 
und Projektion, zwei der Neurosenlehre sehr geläufige Begriffe. 

Vielleicht geht die sozial-psychologische Entwicklung vom primitiven 
Kollektivwesen zum Individuum parallel mit der Entwicklung vom 
Polytheismus zum Monotheismus und im Monotheismus zu fortschrei- 
tender religiösen Individualisierung, bis nach der Reformation — 
vielleicht einer Rückkehr zum Urchristus — das Einzel-Ich aufrecht 
vor seinem Gotte stand, eins mit ihm, ohne Zwischenglied, ohne 
Dogma, ja sogar ohne die Mutter Gottes als Fürsprecherin. 



Vom Standpunkt der Wissenschaft mag der Glaube an Gott wirk- 

— 249 — 



Definition 



lieh eine Illusion sein, wie Freud ihn nennt, wobei die ,. 
des Begriffes Illusion ist: eine unbewiesene, unbeweisbare Annan' 
an die man gerne glaubt. Was aber eine Illusion ist vom StandpuT 
des Verstandes, kann eine unerschütterliche Wahrheit sein dort 
die Wissenschaft nicht hinreicht, eine psychische Realität. Niemand h ° 
diesen Ort (Das „Es") klarer gesehen und umschrieben als Freud 
Eine Illusion ist eine Wunscherfüllung, eine psychische Wahrheit ' 
Traum. Es ist nur nötig, solchen Tagtraum vom streng logisch ^ 
richteten Denken zu trennen, und auf seine eigenen, der Lorit 
trotzende Füße zu stellen, damit er nicht zerfalle. Dergleichen find 
wir in des Kirchenvaters Tertullian berühmtem Credo quia absur 
dum, dessen ungekürzter Wortlaut dieser ist: „Daß Gottes Sohn et 
kreuzigt wurde, ist keine Schande, weil es eine ist. Daß er am Kreuze 
starb, ist ganz glaublich, weil unsinnig. Daß er auferstanden ist Z 
ganz sicher, weil unmöglich." Tertullian war ein Übermensch i ro 
Glauben. Der Durchschnittsmensch wagt es nicht, die Logik bis zu 
diesem Grade herauszufordern und gering zu schätzen. Er muß seine 
Illusionen schützen, wie er seine Träume schützt, indem er sie i n 
eine Sprache kleidet, die nicht die Sprache des Bewußtseins ist, die 
das Bewußtsein also auch nicht unmittelbar versteht. Die Sprache' des 
Traumes ist eine Bildersprache, der Hieroglyphik ähnlich und der 
Sprache und Schrift aller primitiven Völker. Wohlbekannt ist der 
Psychoanalyse, daß der Traum abstrakte Begriffe in Form von Bildern 
wiedergibt, wie auch die Bibel, wenn sie den Sündenfall des Men- 
schen durch Schlange und Apfel symbolisiert oder den Leib Christi 
durch Wein und Brot. Diese Symbolik war zu biblischen Zeiten all- 
gemein verbreitet und verständlich. Heute muß sie durch vergleichende 
Forschung, zu der auch die Traumdeutung der Psychoanalyse gehört 
aufgedeckt werden. Wir sind bei der Deutung von Traumsymbolen 
in der Psychoanalyse häufig zu Resultaten gelangt, die bei prüden 
Menschen Ärgernis erregen. Man hat uns vorgeworfen, daß wir in 
monotoner Art immer wieder sexuelle Symbolik finden: in Träumen, 
neurotischen Symptomen und auch in allen Religionen. Die Mythen- 
forschung und die Anthropologie haben aber unsere Funde bestätigt. 
Ich glaube, daß es für einen geraden Sinn solcher Bestätigungen kaum 
bedarf. Man muß nur den Begriff der Sexualität in seinem eigentlichen 
Sinne erfassen, nämlich als das schöpferische Prinzip in der Natur, und 
man wird sich dann nicht mehr wundern, daß Männlich und Weib- 
lich, deren Vereinigung den Tod überwindet und das Leben schafft, 



- 250 



allem webt, das schöpferische Bedeutung hat. Auf Einzelheiten 
•iß ich hier nicht eingehen, sondern nur ganz allgemein den Satz 
aufstellen, daß alles, was heiß verehrt wird, im Symbol nicht anders 
jls sexuell dargestellt wird. Es ist kein Zufall, daß Paulus, der 
\postel, die Liebe als das Höchste preist. Freilich ist sublimierte 
fjebe gemeint : desexualisierte Liebe. 

Nach Freud setzt sich die genitalisierte Liebe aus Teiltrieben zu- 
sammen, von denen jeder sublimiert, d. i. desexualisiert werden kann. 
Einer dieser Teiltriebe, leider müssen wir sagen, einer der wichtigsten 
heißt Sadismus, die Lust an Grausamkeit. Da jene recht haben, die 
behaupten, daß im Namen Jesu Christi viel Blut vergossen worden 
j s t | werden wir zugeben müssen, daß sublimierte Grausamkeit im 
Christentum steckt wie in allen anderen Religionen. Der Gegensatz 
des Sadismus, der Genuß am eigenen Leiden, Masochismus genannt, 
im Martyrium, im Büßen, im Opferwillen so deudich, daß die Ge- 
ichte des christlichen Glaubens vielleicht nur vom Buddhismus darin 
bertroffen wird. Aber im Grunde ist jeder Glaube irgendwo Be- 
friedigung des dem Menschen scheinbar eingeborenen Strafbedürfnisses. 
|e tiefer wir in der Entwicklungsgeschichte der Religionen hinab steigen, 
lesto mehr liegen alle diese Teiltriebe, von der Sexualität noch nicht 
etrennt, am Tage. Je näher wir an unser eigenes religiöses Fühlen 
eran kommen, desto undeudicher wird der Zusammenhang. Wir 
aben ihn „verdrängt", und ein erheblicher Widerstand setzt sich den 
Aufdeckungen der Psychoanalyse entgegen, die viele als obszön und 
ihre heiligsten Gefühle verletzend empfinden. Fast ebenso erging es 
dem Darwinismus, als er neu war, bis ein Priester den Mut zu dem 
schönen Worte fand: Wenn Gott in ein Schleimklümpchen die Kraft 
gelegt hat, sich immer großartiger zu entwickeln, bis der Mensch mit 
seinem Sittengesetz im Ebenbilde Gottes stand: um wie viel tiefer 
müssen wir Gottes Schöpferkraft verehren ! Ähnlich sollte der Gläubige 
sagen : Wenn der Wunsch nach Wollust, die Perversion und die Grau- 
samkeit solch göttlicher Sublimierung fähig sind, wenn das Verächtliche 
zum Höchsten werden kann, dann danket alle Gott! Aber es ist viel- 
leicht nicht meine Sache, dem Gläubigen vorzuschreiben, wie er fühlen 
sollte. Auch gibt es für die Wissenschaft nichts Verächtliches und nichts 
Hohes. Sie hält es mit Hamlet: „An sich ist gar nichts weder gut 
noch böse, das Denken macht es so." 



251 — 



Immer wieder erstarrt Religion zu Dogmatismus und immer w - a 
entstehen Propheten, die Dogma und Ritual sprengen, um zur re- 
Anschauung Gottes, zum ekstatischen Enthusiasmus zurückzufüh^ 11 
Diese Pendelschwingung führt auch wieder zurück zum Dogma so d fi 
es scheint, als könnte die Religion als dauernde Einrichtung ohne d 
Dogma nicht bestehen. Die Psychoanalyse hat eine Polarität Studie 
die dem Religionsforscher einen vielleicht willkommenen Schlüssel z "' 
Verständnis der prophetischen und dogmatischen Religiosität in T 
Hand gibt. me 

Die Annäherung der Psychoanalyse an psychische Phänomene s 
schieht bekanntlich von der phathologischen Seite. Man sieht dan 
diese Phänomene etwas verzerrt, aber auch vergrößert. Unsere Polaris 
heißt Hysterie und Zwangsneurose. Der hysterische Typ läßt sich 
schwer in Worte fassen, weil sein Wesen im Chaotischen wurzelt und 
gerade darin besteht, daß er sich der Disziplin einer logisch gerichteten 
Sprache entzieht. Seine Religion besteht in der unmittelbaren An 
schauung Gottes. Von ihm muß das Wort stammen: Christum kann 
man nicht verstehn, man muß ihn fühlen. Er sieht den Himmel offen 
und aus seinem Holze sind alle Ekstatiker geschnitzt, auch die 
ekstatischen Ketzer. Aber sein Enthusiasmus ist nicht von Dauer, eine 
Kirche kann er nicht begründen. Die Welt wäre nichts, wenn es nicht 
Menschen und Nationen mit hysterischer Schöpferkraft gäbe, wie wir 
uns nicht gebärend fortpflanzen könnten, wenn es nicht Frauen gäbe 
die gebären. Wie aber Frauen ohne männliche Befruchtung nicht ge- 
bären können, so muß ein formgebendes, das Chaos disziplinierendes 
Element hinzu kommen, um der Ekstase Gestalt zu geben: das Gesetz 
Dogma und Ritual. Christi Kirche bestünde nicht ohne Paulus und 
ich weiß nicht, wie weit Luther ohne Melanchthon gekommen wäre 
Die hysterischen Ausbrüche des Mittelalters führen schließlich zu Zer- 
fall in Blut und Grausamkeit und perverse Wollust. Auf der anderen 
Seite führen sie zu einer dürren Scholastik, in der das Herz erstirbt. 
Offenbar muß die lebendige Religion aus einer Harmonie von Ekstase 
und Disziplin bestehn, die eher einem einfachen Manne als einem 
Schriftgelehrten gelingt. Ernest Renan sagt von Spinoza, daß er von 
allen Menschen Gott am nächsten von Angesicht zu Angesicht geschaut 
habe. Dann wäre er das seltene Beispiel eines Schriftgelehrten, dem 
die Synthese von Enthusiasmus und ordnender Vernunft gelungen ist. 
Das Ritual des Zwangsneurotikers ist von ganz verblüffender Über- 
einstimmung mit dem religiösen Zeremoniell. Der Zwangsneurotiker 

— 252 — 



bekanntlich gewisse Handlungen ausführen oder Zwangsgedanken 
lenken, die jedem Außenstehenden unsinnig und unwichtig erscheinen, 
-wohnlich sogar dem Zwangsneurotiker selbst wegen ihrer Unsinnig- 
st auffallen. Er führt trotzdem alle seine Zwänge mit großem Ernst 
d mit unvergleichlicher Pünktlichkeit durch: etwas zwingt ihn — er 
u ß. So müssen etwa alle Gegenstände auf seinem Tische parallel 
Hegen, so muß er sich, dreimal waschen, nicht weniger und nicht mehr. 
c r muß alle Namen auf Firmenschildern etwa von rückwärts lesen, 
pensterscheiben zählen, mit der Fußspitze genau die Ränder der 
Pflastersteine berühren. Manchmal sind es gewisse Worte, die er 
«vangsmäßig aussprechen muß oder nicht aussprechen darf. Quälende 
Beschäftigung mit gänzlich unwichtigen Problemen gehören mit zum 
Bilde. Die Ähnlichkeit mit dem religiösen Ritual ist so schlagend, daß 
preud schon vor langer Zeit zum Ausspruch kam, die Zwangsneurose 
sei eine individuelle, eine Privatreligion, und zu dem Schlüsse, die 
Religion sei die allgemeine, die kollektive Zwangsneurose. Das Studium 
der unbewußten Hintergründe der Zwangsneurose führte die Psychoana- 
lyse zur Entdeckung, daß das zwangsneurotische Ritual nur scheinbar 
sinnlos ist, jedoch eine Art primitiven Sinns gewinnt als symbolischer Bann 
zerstörender und schmutziger Gewalten, die mit besonderen Heftigkeit 
im unbewußten Teile der zwangsneurotischen Persönlichkeit toben, vor 
denen sich der Zwangsneurotiker fürchtet und die er in seiner be- 
sonderen, scheinbar sinnlosen Weise ausdrückt und in Schach hält. Der 
Hysteriker braucht solchen Schutz nicht, seine Aggressionstriebe sind 
weniger heftig, somit auch sein „Du sollst nicht!" und „Wehe Dir!" 
weniger aggressiv. Hiezu kommt, daß der Hysteriker auch wenig von 
sich weiß und daß er über sein Sinnen und Trachten nicht Buch führt. 
Der Zweifel, dieser ärgste Feind alles Glaubens, ist auch der Feind 
des Zwangsneurotikers. Er muß immer zweifeln, fürchtet sich, daß der 
Zweifel ihn auffressen könnte, und muß immer feste Anhaltspunkte 
haben, die er dann zwangsmäßig nicht bezweifelt. Diese Anhaltspunkte 
sind oft von unbegreiflicher Winzigkeit. Hinter ihnen aber steckt das 
große, mörderische Prinzip des Zweifels. So hegt ein Zwangsneurotiker 
etwa den Gedanken, er könnte gelegentlich seinen Freund ermorden. 
So oft er daran denkt, muß er erst eine halbe Wendung nach links 
(„unrecht") und dann eine halbe Wendung nach rechts machen. 
Schließlich weiß er gar nicht mehr, warum er das tut, der mörderische 
Gedanke und seine quälende Bedeutung sind vergessen, nur das 
Zwangszeremoniell ist zurückgeblieben. 



PsA. Bewegung V 



— 253 — 






Erbnern wir uns des berühmten Streites der Theologen in By 
um das Jota. Blut wurde vergossen um die Frage, ob Christus 
Gott eins, ob er dasselbe sei wie Gott oder nur ähnlich oder M 
verschieden (eins ist griechisch: homo-usios, dasselbe: homo-L^f 
Das scheint uns wahrlich unwichtig und muß wohl auch den Bv 
tinern nicht der eigentliche, der beglückende Inhalt des Glaubens 
wesen sein. Wenden wir aber das von der Psychoanalyse b f " 
Zwangsneurose entdeckte Gesetz der „Verlegung auf Kleinste" * 
so erkennen wir, daß hinter diesem Streite um ein Jota der * T0 7' 
nicht ausgesprochene und immer tiefer verdrängte Zweifel steckt G'h' 
es denn überhaupt einen Erlöser? Ist nicht alles eitel, keiner von M 
erlöst? Siebekämpfen einander, ihr Aggressionstrieb ist nicht gebanm 
sie haben keinen Gott und verlegen ihren Unglauben auf <\ ' 
Kleinste : das Jota. 

Vom Konzil zu Nicaea wurde dann der Streit durch ein Doema 
für immer beendigt. Der Kaiser Konstantin - wie manche behaup 
ten, einer der Schlimmsten, die je auf Thronen saßen, jedoch um 
das Konzil verdient — schloß sich den Bischöfen von Nicaea an 
aber ihn interessierten die theologischen Spitzfindigkeiten nicht be' 
sonders. Auf dem Konzil, sebem Konzil, wurden die Arianer ver- 
dammt, er selber aber ließ sich später von einem Arianer taufen. Die" 
wandernden germanischen Stämme waren Arianer. In Afrika hackten 
sie den Nicht-Arianem die rechte Hand ab und rissen ihnen die 
Zungen aus. Sadisten ist schwer zu helfen. Sie brauchen das Dogma 
um ihre mörderischen Instinkte in Schach zu halten. Aber dann füh- 
len sie sich verpflichtet, gegen alle los zu gehen, die ihr Dogma nicht 
teilen. Konstantin wieder hatte seine Aggression außerhalb der Religion 
untergebracht: er rottete seine Verwandtschaft aus mit Giftmord und 
Schwert, den eigenen Sohn, die eigene Gattin und viele andere. Er 
fürchtete sich nicht vor seinem Aggressionstrieb. 

Die Psychoanalyse sieht unser Triebleben gespalten in die große 
Polarität: Aufbau und Zerstörung. Sie weiß, daß beide Tendenzen in 
allem stecken, was lebendig ist, im einzelligen Lebewesen schon und 
auch in allem Geistigen des Menschen. Das zerstörende Element ver- 
steckt sich gern, das aufbauende macht viel Lärm. So kommt es, daß 
der religiöse Mensch, der schöne Gotteshäuser baut, Choräle singt und 
bunte Kirchenfenster malt, nicht gerne hört, daß auch er ein Zerstörer ist, 

— 254 — 



: n muß, vermöge seines biopsychologischen Erbteiles. Daß der 
'. gress ionstrieb in Religionskriegen seine Abfuhr fand und findet, ist 
tlar genug. Aber dagegen wird gesagt, das sei die wahre Religion 
jcht, die den Glauben des andern bekriegt. Daß der Aggressionstrieb 
«ich S e S cn d* e e ig ene P erson wenden kann und so gerade die Fromm- 
ten z u Selbstzerstörern macht, ist schon schwerer zu erklären. Viel- 
leicht sind jene Demütigen, die alle Gebote Gottes halten und sich 
trotzdem für elende Sünder erklären, pathologische Figuren, unfähig 
der Seligkeit hier auf Erden. Die Psychoanalyse hat oft gefunden, 
daß aggressive Tendenzen, wenn sie aus religiösen Motiven verdrängt 
werden, sich im Unbewußten stauen, bis sie entweder als Torquema- 
dismus oder als Auto-Torquemadismus (Selbstzerstörung) durchbrechen. 
A U ch kann ich mir nicht gut vorstellen, daß Fundamentalisten zu 
wahrer religiöser Zufriedenheit gelangen. Wir leben nicht mehr in 
den Zeiten Tertullians, und man kann nicht ungestraft die eigene 
Vernunft so sehr erbittern. 

Wenn man den großartigen Fortschritt der Wissenschaft betrachtet, 
die doch durchaus auf Vernunft aufgebaut ist und dennoch, wenn 
man ihr von ganzem Herzen und mit seinem ganzen Vermögen dient, 
das Tiefste des Gemütes befriedigt, dann wird man Freud ver- 
stehen, der in seinem wissenschaftlich-religiösen Gemüte nicht sehen 
will, daß auch die Wissenschaft eine Illusion ist wie die Kunst, die 
Menschenliebe, die Staatskunst und die Liebe zum Weibe, von der 
letzten Endes alles stammt. Man kann auch durch die Vernunft, so 
weit sie zum aufbauenden Prinzip gehört, zur Menschenliebe kommen : 
ich liebe die Menschen, weil es vernünftig ist, sie zu lieben. Religiöser 
Enthusiasmus anderseits hat oft genug zu den furchtbarsten Men- 
schenopfern geführt. Es war einer der großartigsten Augenblicke der 
Weltgeschichte, als die Kreuzfahrer unter Gottfried von Bouillon nach 
unsäglichen Mühen und Leiden vor der Stadt Jerusalem ankamen 
und vor den Mauern der Stadt, in der ihr Heiland gelebt und ge- 
litten hatte, in die Knie sanken. Am nächsten Tage wurde die Stadt 
erstürmt und ein Blutbad angerichtet, dessen gleichen nur mongolische 
Horden fähig waren. Das tat der Enthusiasmus tief religiös und an- 
dächtig gestimmter Ritter. Einige hundert Jahre vorher hatte der 
Kalif Omar die Stadt Jerusalem eingenommen. Er ritt nüchtern und 
skeptisch in die Stadt, von einigen Gelehrten begleitet und ließ sich 
von ihnen die Altertümer erklären. Unter die hungernden Einwohner 
ließ er Brot verteilen. Das tat die Vernunft eines wissenschaftlich ge- 






255 — 17» 



bildeten, religiös wenig- interessierten Geistes (erzählt nach Pr, 
Lynkeus). p P e 

Nicht auf die Vernunft an sich kommt es an und auch nicht 
den reiligiösen Glauben an sich. Man kann die Menschen nicht ■ 
teilen in Verständige und Fromme, sondern nur in Selige und UnselTl 
Wenn Religion den Aggressionstrieb in uns bindet . und entgiftet **" 
tut sie das doch nicht verläßlich genug, und niemand kann die a3 
walte der lichten Vernunft tadeln, die von ihr verläßlichere SS 
dauerndere Bindung unserer grausamen Triebe erwarten. Aber freilil l, 
in diesem Falle wird Vernunft zur Religion, zur messianischen Idee 
und wir stehen wiederum dort, wo wir die vorliegenden Ausfuhr,, ' 
gen begonnen haben. n " 



— 256 — 



-. - 



sseii man sicn scnami 

Von 

Theodor Meik (Wien) 



La 

Auch heute noch ist die Disziplin der Ästhetik so wenig von ihrer 
alten normativen Betrachtungsweise losgekommen, daß sie die miß- 
glückte oder halb geglückte künstlerische Leistung nicht der Unter- 
suchung wert hält. Mit Unrecht, denn die Pathologie ist gerade da- 
durch, daß sie Vorgänge verzerrt und vergröbert, so oft lehrreicher 
als das Studium des Normalen. So vermag uns der mißlungene oder 
halbgelungene Witz manches über die Psychopathologie des Komi- 
schen zu sagen. 

Auch hier ist die Empirie der Spekulation vorzuziehen. Es macht 
wenig Unterschied, ob man die betreffenden Erfahrungen durch 
Fremd- oder Eigenbeobachtung gewinnt. Zu beiden hatte ich Gele- 
genheit, als ich mich vor einiger Zeit bewegen ließ, einem Vortrags- 
abend, den ein Wiener Volkssänger in einem Kurort gab, beizu- 
wohnen. Diese halb widerwillig besuchte „Zerstreuung" hatte freilich 
nicht den von meinen Begleitern erhofften Erfolg der Unterhaltung; 

I immerhin den des unbeabsichtigten Experimentes, dem sich weitere 
Beobachtungen und Betrachtungen anschlössen. Die meisten Vorträge 
waren kaum mittelmäßig. Am ehesten durfte man noch einige senti- 
mental gefärbte als komisch gelten lassen. Die beabsichtigt komischen 
aber, die Spässe über die neuen Steuern, über die Pleite, über die 
Wiener Gemütlichkeit waren fast betrübend. Dennoch gab es im gan- 
zen Saal lebhafte Heiterkeit. Mehr oder minder zarte Anspielungen 
auf sexuelle Vorgänge, Sticheleien gegen eine bestimmte Partei, die 

tkaum viel dümmer war als ihre Gegenpartei, wurden, wenn auch 
nicht verständig, doch verständnisinnig aufgenommen. Die Wirkung 
dieser in ihrem Kern harmlosen Leistungen war überraschend stark, 
in manchen Fällen war sie sogar unverständlich stark. Es gab da ein 
paar Couplets, die in ihrer Einfältigkeit die Zuhörer zu lautem Pro- 
test hätten hinreißen müssen: sie rissen sie zu lautem Beifall hin. 
Weniger der Inhalt der Vorträge als die Art ihrer Aufnahme bot 

1) Wir entnehmen diesen Aufsatz dem Büchlein „Nachdenkliche 
Heiterkeit" von Theodor Reik, das soeben im Internationalen Psycho- 
analytischen Verlag in Wien erschienen ist. 

— 257 — 



eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen man die Wiener C 
henkelt bewundern mußte 1 . Auch an mir selbst machte ich ei/T' 
fremdende Beobachtung : Obwohl ich die Flachheit und DummheV h 
Vorträge wohl erkannte, war ich doch gezwungen, bei einzelne 
genannten Pointen zu lachen. Ebenso aber fühlte ich mich gezt' " 
gen, mich dieses Lachens nachher zu schämen. Das eine wie da 
dere Phänomen schien sonderbar. Es gab da, ich erinnere mich !| 
Couplet, das Gestalten aus der Weltgeschichte in komischer Art 
Verbindung mit banalen Geschehnissen der Wiener Gegenwart brach ^ 
so wurde z. B. von einem Jüngling erzählt, dem ein Mädchen e 
nach langem Zögern die letzte Gunst gewährt. Der Eroberer hält 1 
für Napoleon den Ersten; in Wirklichkeit ist er Louis Quatorze F 
anderes Couplet beklagte sich darüber, daß die Menschen dieser' z'* 
keine Zeit haben. Unter anderen sinnigen Beispielen erzählte der Vri" 
tragende, daß er eben aus Marienbad zurückkäme: dort sei er friJ" 
lieh eine Zeitung lesend, auf der Promenade spazieren gegangen al 
er einem alten Bekannten begegnete. Kaum habe er mit dem cid» 
Worte gesprochen, da riß jener ihm plötzlich die Zeitung aus der 
Hand und verschwand. Es gab ferner einige Wiener Lieder die den 
so oft mißglückten Versuch machten, das Streben nach dem Ewigen 
mit dem nach dem Heurigen zu verbinden 3 . Ich lachte dennoch und 
schämte mich schon während des Lachens meiner Heiterkeit 

Jenseits des Persönlichen wird hier die Frage wach, was eine der 
artige Folge von Ausdrucksbewegung und Affekt psychologisch zu be 
deuten hat. Der Fall ist wohl von anderen, die wir gut durchschauen 
zu unterscheiden. Er ist nicht identisch mit jenem, in dem wir lachen 
müssen, obwohl wir dieses Lachen als deplaciert empfinden, wie etwa 
wenn wir jemand in k omischer Art hinfallen sehen und aus Schaden' 

lebl ) w" ^ mir ' der T hT - ah , ^^ Jahre in seiner Geburüt^ 

2) Man braucht nur an einige Strophen von Nestroy zu erinnern um 
dTein? St" V ^a****? *»■*— gegenüber zu beweis n 
Beethoven / T e ~!,f Ung W c hl u mÖgHch isL Ein P aar Sche ™ von 
Takte ,„l Pr vir andIer 7r S A chubert zei ^« Wiener Gassenhauer- 
takte in einer Veredlung solcher Art. Die Abschiedsstimmung von Mah- 
", S "m von der Erde« mit dem verklingenden „Ewig" ist, auf das 
höchste Niveau gebracht und in phantheistischer Erweiterung erfaßt, dieselbe, 
die in einem Couplet jener Tage erklang: „'s wird schöne Maderln geben 
und wir wern nimmer leben. 

— 258 — 






ude lachen. Er ist aber bei aller Verwandtschaft auch den Gelegen- 
sten nicht ähnlich, in denen wir nicht lachen können, obwohl andere 
f 'vermögen, und anderen Fällen, in denen wir nach unserem Lachen 
uid ernst werden. In dem uns vorschwebenden Fall lachen wir so- 

sagen widerwillig. Es ist ein Lachen contre coeur, woferne es 

3 Wir haben die Freudsche Theorie der Vorlustwirkung des Witzes 
akzeptiert. Durch die Verlockungsprämie der kleineren Lust an der 
V/itztechnik wird es uns möglich, innere Hemmungen zu überwinden 
^d zu sonst unzugänglichen Lustquellen zu gelangen. Wenn wir wie 
iD1 vorliegenden Fall lachen und uns dann unseres Lachens schämen, 
sind wir, so scheint es, wegen der eigenen intellektuellen oder ästheti- 
schen Anspruchslosigkeit beschämt. Wir haben es uns sozusagen zu 
leicht gemacht, Lust zu gewinnen. Es ist so, wie wenn wir düpiert 
worden wären. Wir empfinden, jene Verlockungsprämie hätte nicht 
ausreichen dürfen, um unsere berechtigten inneren Hemmungen zu 
überwinden. Wenn es wahr ist, was ich an anderer Stelle auseinander- 
setzte, daß das Wesen des Witzes in einer besonderen Art der Über- 
raschung liege, so wurden wir in einem solchen Fall nicht über- 
rascht, sondern überrumpelt. Es wird uns bald deutlich, daß es 
sich hier um eine unbewußte Motivverschiebung handelt: wir schämen 
uns eigendich der Tendenzen, die im Witz ihren Ausdruck gefunden 
haben und nicht unserer intellektuellen Unzulänglichkeit. Wir schieben 
unseren Unwillen auf die Mängel des Scherzes, schämen uns bewußt, 
weil wir uns haben so leicht zum Lachen verführen lassen 1 , aber un- 
bewußt gilt unsere Scham dem Ausdruck unserer sexuellen, egoistischen 
oder sadistischen Wünsche, der eigenen Triebregungen, die wir sonst 
verbergen und zu denen wir uns durch unser Lachen bekannt haben. 
Es ist für das Wesen der Witzwirkung wichtig, daß wir so selten 
die Tendenz als schuldtragend für das Fehlschlagen eines Witzes be- 
zeichnen. Wir sagen, der Witz sei albern oder geistlos, er sei ohne 
Geschmack usw. Wir nennen einen Scherz billig, als müßte man für 
die Möglichkeit des Lachens einen bestimmten Preis zahlen. Wir 
täuschen uns, wie mir scheint, nicht nur darüber, was uns lachen 
macht, sondern auch darüber, was uns am Lachen verhindert. Wir 
geben der mangelhaften Technik des Witzes die Schuld, obwohl wir 
zumeist die in ihm ausgedrückte Tendenz, die wir bewußt gar nicht 

1) „Die zweifache Überraschung" in „Lust und Leid im Witz" 1929. 

— 259 — 



bemerken, nicht billigen. Unsere Kritik an einem solchen W 

mcht etwa dahin, er sei unpassend oder verletze un fe « Z* 1 **« 

Gefühle sondern er sei unsinnig, dumm, nicht gelun^ ""**«** 

Mit dieser Art von negativer Probe läfo Vk • ' 
Freudsche These in einem ' gn8m ^L f ^mt^'v *f * 
zwei Witze, welche dieselbe Technik aufweisen Td nriJ -I^^ 
kung auf mehrere Menschen, von denen d r l e tS V " Wir ~ 
Witz enthaltene Tendenz innerlich verurteilt, ein J^ r £ ™ ** 
lehnt oder ihr tolerant entgegensteht. Nicht die vtl2il2 ^ 
Aufnahme des Witzes als solche interessiert uns hZ- I '" der 
zweifelhafte Tatsache, daß ^^o^ZZ^^l^ 
findichkeiten entschieden unsere Bewertung der Technik Z?l ^ 
gewisse, uns nicht angenehme, in Witz J^LTt^T^^ 
Lustgewinn hindern. Man dürfte bei der Aufnahme Ä™"^ 
von einer ästhetischen Rationalisierung spreTenw" 
unser Wohlgefallen an der Güte eines Wit7« 5 « , Wle wir 

bewußt der Vorzüge seiner T^L^C^LT^^ 
borgenen Tendenzen genießen, so setzen wir manZa^Lr T T 
nik herunter, wenn uns eine in dem Witz enthalten;. tTa ^ 

behagt. Unser Urteil ist nicht nur in T mhaltent; Tendenz nicht 

das Witzes, entspricht also auch eine V„L / ,^' rkun « 

Unlustwirk„n s> die ™ iimXhä™ T,* d " U " ach ™ *' 

leeenth'ch verspüren Die Art ^ÄZnT -""""S ?» W ^ S*- 
nnse« AUeinl, « ue , ,&, ^r fet^e^vS* T ° 1' ' 

— etwa in dem Falle, von dem w?r „ h , nn hau % 

fühlen eher das Bedürfo" "s Z t 1 " Wn ^"woTl T * 

- B. ein vor mir totoS^^lSÄ™ Wa ^ end ^ 
eine bestimmte Partei, der er offenbar Ä " Clnem Sdlerz über 
etwa durch die inhaltliche Kritik 1t Sympathie entgegenbrachte, nicht 
„Öde G'spaß!" "* dcr Tendenz > so ^cvn mit den Worten: 



— 260 



BfBSOl 



lämen. Vermutlich hat jener Verschiebungsmechanismus im Allge- 

men eines seiner Ziele darin, uns zu verbergen, daß wir so oft 
, jj u nser Lachen zeigen, wie grausam selbstsüchtig, sinnlich oder 
findselig wir sind. Der berühmte Physiologe Professor Ludwig hat 
•junal in seinem Kolleg eine Gelegenheit benützt, um in witziger 
Form an die Wirkung dieses Mechanismus zu erinnern. Er zeigte in 
seinem Institut den Studenten einen Frosch, dessen Großhirn operativ 
ntfernt worden war. Plötzlich macht der enthirnte Frosch einen 
mächtigen Sprung ins Gesicht des zunächst sitzenden Zuhörers. Das 

nze Auditorium lachte und wollte sich lange nicht beruhigen. Lud- 
wig bemerkte ruhig: „Sie sehen meine Herren, wie wenig 
Gehirn dazu gehört, ein ganzes Auditorium zumLachen 
z u bringen." 

Wenn wir lachen und uns unseres Lachens schämen, so vollzieht 
in uns auf Sekundendauer eine Aufhebung der Hemmungen; 
sofort folgt deren Wiederaufrichtung. Dieser pathologisch zu nennende 
Ablauf wirft in seiner Verzerrung und Vergröberung ein scharfes 
Licht auf den normalen Prozeß der Witzwirkung. Durch die Vorlust- 
prämie verführt, gelingt es sonst zum Unbewußten vorzudringen und 
die dort lokalisierte alte Lust wiederzuerlangen. Der Aufhebung des 
Verdrängungsaufwandes folgt die allmähliche Wiederaufrichtung so wie 
jemand, der durch eine Nachricht überrascht wurde, sich langsam zur 
alten Situation zurückfindet. Anders, zumindestens im Tempo, voll- 
zieht sich der Vorgang in dem von uns dargestellten Falle eines Lach- 
ausbruches, dessen man sich sogleich schämt. Wir wurden überrum- 
pelt und die Wiederaufrichtung des Hemmungsapparates erfolgt viel 
rascher und unvermittelter; der Hemmungsaufwand wird reaktiv ver- 
stärkt. Es ist nicht wie sonst ein allmähliches Zurückgleiten in den 
psychischen Status quo ante, sondern ein Zurückfallen. Hier ist die 
seelische Reaktion von der Art eines heftigen Rückschlages. 

Der Hörer eines Witzes, bei dem bekanntlich dieselben psychischen 
Vorgänge wie in dem Witzigen selbst ablaufen, bekommt, wie 
Freud sagt, die Lustwirkung geschenkt, wie wir sagen würden, 
unter dem Selbskostenpreis. Im Falle, der uns hier vorschwebt, be- 
nimmt er sich so, wie wenn er seinen Lustgewinn überzahlt hätte 
(was auch dann möglich wäre, wenn er ihn geschenkt bekommen 
hätte, denn er hätte dann das Gefühl, sich etwas schenken zu lassen, 
überzahlt). Er ärgert sich, weil er zuviel gezahlt hat, wie er sofort 
nach Anhören des Witzes unbewußt erkennt, d. h. er hat zu leicht 

— 261 — 



und zu rasch seinen Hemmungsaufwand herabgesetzt. Die Verlort 
pramie hat ihn zu rasch verlockt. Wenn man seinen Prinzipien k 
untreu wird, soll zumindestens der Einsatz das Spiel lohnen to 
kann das Sichschämen nach dem Lachen ganz gut) als Ausdruck ■ 
narzißtischen Ärgers auffassen. Wir kennen ein analoges Gefühl h"! 
Witzigen selbst, wenn dieser nämlich sofort fühlt, daß ihm ein w"* 
nicht gelungen ist. Er schämt sich dann seines Versagens und anA^ 
diesem Fall werden es eher die ästhetischen und intellektuellen Z* 
gel als die moralischen sein, deren er sich bewußt schämt 

Es ist erwähnenswert, daß jener affektive Rückschlag, den wir • 
Schämen nach dem Lachen fanden, von der Individualität des 7* 
horers eines Witzes abhängt. Bei einer großen Anzahl von Mens* 
ist auch nach einer Reihe erbärmlicher Witze kein solcher Rücks*T 
erkennbar bei einer kleineren erfolgt er nur in einem gering 
Maße, bei Einzelnen kann er sehr stark sein und sogar zÜ e ne 
leichten Depression führen. Clner 

Wenn etwa im Lachen über einen sexuellen Witz eine Verbot 
Übertretung enthalten ist, strenger ausgedrückt, eine affektive Zustim 
mung zum Bruch eines Tabus gegeben wird, so wird es psycholog^* 
erklärbar, daß wir leicht lachen, wenn Andere es tun. Diese Art £ 
Lachens gehört schon dem Gebiete der Massenpsychologie an Es Ut 
einem Tnebdurchbruch, der durch die Wirkung der Masse erleichtert 
wird, vergleichbar. In manchen Fällen ist es zweifelhaft, ob wir tt 
lacht hatten, hatte man uns allein den betreffenden Witz erzählt Die 
Anwesenheit einer lachlustigen Menge bildet ebenfalls eine Ver 
lockungspramie, freilich von anderer psychologischer Art als die in der 
Witztechnik enthaltene. Auch das Lachen wirkt ansteckend wie das 
primitive Tabu, aber auch wie die primitive Tabuverletzung, welche 
afle in Versuchung führt. Das Lachen der Anderen macht Mut, eben- 

< iT.T Sr - ^ M ° ment der Geme; ™keit läßt das unbewußte 
Schuldgefühl ausfallen. 

Manchmal macht es uns freilich feige, so daß wir uns zwingen in 
ein ^ allgemeines Lachen einzustimmen, obwohl es unserer Stimmung 
nicht entspricht. Gewiß, worüber ein Mensch lacht, ist für ihn be- 
zeichnend. Es ist aber auch bezeichnend, worüber ein Mensch - im 
Gegensatz zu seiner Umwelt — nicht lachen kann 



— 262 — 






im 



tätif 



Von 



Mom 

Im allgemeinen betrachtet man das, was nur in der Phantasie existiert 
als irreal; in dem Titel meines Referates möchte ich jedoch auf die 
Tatsache hinweisen, daß der Mensch, ohne sich darüber Rechenschaft 
Zll geben, auch das Produkt seiner Einbildungskraft für real hält, und 
2war in verschiedenem Ausmaße. 

Im ersten Augenblick wird diese Behauptung befremden, den Gie- 
man d unter uns wird das für Wirklichkeit halten, was unsere Phan- 
tasie schafft. Wir wollen zunächst von den Psychosen absehen, in 
denen der Autismus in des Wortes strenger Bedeutung dominiert. Das 
Individuum hält in diesem Falle tatsächlich und bewußt ein bloß psy- 
chisches Produkt für real und in Bezug auf nicht psychotische Indivi- 
duen müssen wir uns natürlich vor Augen halten, daß diese sofort den 
Inhalt ihrer Phantasien als irreal von objektiven, daher in materieller 
Hinsicht realen Tatsachen unterscheiden, aber das hindert nicht, daß 
die Betreffenden gleichzeitig auch den Inhalt ihrer Phantasien für real 
halten können. 

Wir wissen nämlich, daß die psychische Einheitlichkeit in keinem 
Individuum vollkommen ist. In jedem sind verschiedene Tendenzen 
wirksam, die auch zu einander in Gegensatz stehen, was Konflikte 
hervorruft. Wir kennen Konflikte verschiedener Art, die wir auch in 
topischer Hinsicht von einander unterscheiden können. Aus unbewußten 
Konflikten zwischen topisch verschiedenen Tendenzen ergeben sich be- 
kanntlich mannigfache neurotische Affektionen, die daher neurotische 
Konflikte genannt werden. Es gibt auch bewußte Konflikte, die jedoch 
keine Neurosen hervorrufen. Es kommt aber vor, daß Tendenzen, 
die offenbar mit einander unvereinbar sind, neben einander bestehen 
können, ohne Konflikte zu erzeugen. Nur so ist es möglich, daß ein 
Individuum psychische Einstellungen hat, die einander entgegengesetzt 
sind, ohne irgend eine Störung dabei zu empfinden. 

l) Referat gehalten in der wissenschafdichen Sitzung der Italienischen 
psychoanalytischen Gesellschaft am 26. Oktober 1932. 



— 263 



~~1 

Betrachten wir die seelische Einstellung eines Zuschauers bei ■ 
Theateraufführung oder einer Kinovorstellung. Wenn wir einem D^ 61 
beiwohnen, wissen wir verstandesmäßig sehr wohl, daß die Hand?"* 
fingiert ist und daß zum Beispiel nach Schluß des Aktes der Get" g 
sich vollkommen gesund erheben und neben seinem Mörder aufT* 
Rampe erscheinen wird, und dennoch unterliegen wir während H 
Aufführung der theatralischen Illusion. Wenn wir nicht in irgend e 
Weise die Handlung, die auf der Bühne vor sich geht, gefühlsmä? 
als real empfinden würden, wäre der Eindruck, den das Drama f 
uns macht, ein viel geringerer oder gar nicht vorhanden. 

In ganz gleicher Weise halten viele Personen von einer gegeben 
psychischen Basis aus den Inhalt der eigenen Phantasien für real inde^ 
sie eine entsprechende psychische Einstellung annehmen, wenn sie auch 
vernunftgemäß wie die Zuschauer im Theater wissen, daß er nicH 
real ist. Gewiß ist dieses Phänomen nicht immer sehr auffällig U 
werde nun ein Beispiel zitieren, aus dem dies recht klar hervorgeht 
Eine junge Dame, die an einer leichten Depression erkrankt war, wurd 
von Zeit zu Zeit von ihrem Gatten vernachlässigt. Dann flüchtete sie 
sich in ihre Phantasien. Sie bildete sich zum Beispiel ein, ihr Künstler 
leben, das sie bei ihrer Verheiratung aufgegeben hatte, wieder aufzu' 
nehmen, viel Erfolg zu haben, und das Herz eines Mannes zu erobern 
der ihrem Ideal gemäß wäre und alle ihre Gaben schätzte. Wenn 
jedoch ihr Gatte sich ihr intensiver widmete und sich liebevoll und 
aufmerksam zeigte, gab sie jene Phantasien auf, weil sie die eigene 
Libido der Realität zuwenden konnte, die nun günstig für sie g e 
worden war. Interessant ist die Art und Weise, in der sie ihre Phan 
tasien aufgab. Sie konnte nämlich nicht einfach aufhören sich ihren Träu- 
mereien hinzugeben, sondern sie mußte zuerst die phantasierte Handlung 
zu Ende fuhren. Sie bildete sich zum Beispiel ein, mit dem Mann 
ihrer Phantasien in Streit zu geraten und schwere Enttäuschungen zu 
erleiden, deretwegen sie die Beziehungen mit ihm abbrach. Wenn sie 
dann auf diese Weise frei geworden war, konnte sie zu ihrem Gatten 
zurückkehren. Es ist klar, daß die Einstellung jener Dame in Bezug 
auf die eigene Phantasie in hohem Grade jener glich, die sie einer 
wirklichen Situation gegenüber hätte annehmen können. 

Im allgemeinen gibt sich das Individuum der Täuschung hin, in 
Bezug auf die Prüfung der Realität, soweit es ihm die eigene Vernunft 
eingibt, einheitlich zu sein und man gibt sich keine Rechenschaft dar- 
über, daß die instinktive Einstellung hinsichtlich der eigenen Phantasie 

— 264 — 



^ 



Intellekt keineswegs Folge leistet. Wenn die affektive Einstellung 
"•f jener des Intellektes übereinstimmen würde, könnte niemand sich 
f äumereien hingeben, und es gibt wirklich viele Menschen, die durch- 
geht zu Träumereien geneigt sind, auch dann, wenn sie im Leben 
' befriedigt sind; sie könnten keinen Trost in Träumereien finden, 
T ihre gefühlsmäßige Einstellung dazu nicht dieselbe ist wie gegen- 
-ber einer Realität. Und sie wünschen eine derartige Einstellung auch 
"ar nicht, denn sie fühlen sich nur dann zufrieden, wenn sie in Wirk- 
fchkeit jene Befriedigungen erreicht haben, nach denen sie streben. 
Dieses Streben treibt sie zu einer vernünftigen und daher nützlichen 
j^ktivität an und macht sie unternehmend. 

' Im strengen Sinne des Wortes findet sich auch bei jenen Menschen 
eine gewisse Phantasietätigkeit und auch sie können in gewissem Sinne 
aUS ihren Phantasien Lust ziehen, aber ihre Phantatien stehen im Dienste 
der Wirklichkeit und sind die Voraussetzung ihres Unternehmungs- 
geistes. Sehen wir uns die Funktion ihrer Phantasien genauer an! 

Stellen wir uns vor, daß sich einer Dame, die in der Situation wäre, 
von der wir vorhin sprachen, wirklich die Möglichkeit geboten hätte, 
ihren aufgegebenen Künstlerberuf wieder aufzunehmen, daß sie 
wirklich einen Mann kennen gelernt hätte, der ihrem Ideal gemäß 
wäre, und daß sie schließlich den Entschluß gefaßt hätte, wirklich ihr 
Ziel zu erreichen. Nun, diese Dame wird ihre eigenen Regungen 
berechnen und kombinieren müssen, um ihre Pläne auszuführen und 
sie wird auch in der Phantasie die ersehnten Situationen im voraus 
genießen, die sie ihrer Voraussicht nach wirklich erreichen kann. 
Sobald sie erkennen wird, daß die eine oder die andere jener 
Situationen für sie unerreichbar wird, wird sie aufhören von jener 
Situation zu phantasieren. Es werden also die Phantasien, aus denen 
sie Lust ziehen kann, von ihrem Urteil über die Erreichbarkeit dessen 
abhängen, was sie wünscht. Jene Phantasien sind sozusagen eine Art 
Anreiz für die Unternehmungen des Individuums. Sie werden auch 
ein Mittel sein, um den Weg für die Handlungen zu prüfen und zu 
suchen und werden diesen als Führung dienen. 

Wir werden uns nun fragen, warum für das eine Individuum die 
Phantasie eine mehr oder weniger abgeschwächte Form der Realität 
darstellt, während sie bei einem andern dieses Charakters voll- 
kommen entbehrt. 

Es ist nicht schwer, in dem soeben beschriebenen Phänomen einen 
Rest einer sehr primitiven Phase des Ichs zu erkennen, in der nämlich 



— 265 — 



ein Individuum gegenüber den Schöpfungen der eigenen Ph a 
eine Gefühlseinstellung einnimmt, als ob es sich um eine rTv^ 
handeln würde. Wir wissen, daß ursprünglich kein Unterschied zwk h 
Realität und Irrealität besteht und eines der fundamentalen Cha T 
teristika des Unbewußten, jenes Aufbewahrungsortes prirnJ 
Seelenvorgänge, ist ja eben das Fehlen dieser Unterscheidung n* 
primitive psychische Apparat, wie ihn Freud 1 voraus«» * 
erreicht die Befriedigung der eigenen Triebe auf kurzem We^' 
nämlich durch Halluzination. Ich erinnere diesbezüglich an f' 
bekannten Darlegungen Freuds in der „Traumdeutung" d fi 
nämlich die Versuche die Befriedigung der eigenen Instinkte auf 
halluzinatorischem Wege zu erreichen, unbefriedigend bleiben und da« 
die Erkenntnis dieser Unbefriedigtheit das Individuum dazu führt auf 
die Halluzination zu verzichten und sich die wirkliche Befriedigung 1 
verschaffen. Und erst dann wird die Unterscheidung zwischen dem 
Realen und dem Irrealen gemacht. In dieser Hinsicht müssen wir das 
Lustprmzip und das Realitätsprinzip 8 erwähnen, denn der Verzicht 
auf die halluzinatorische Befriedigung stellt den ersten Schritt zum 
Realitätsprinzip dar. Übrigens gelingt es niemandem, sich diesem 
Prinzip vollkommen zu unterwerfen. Auch die Erwachsenen machen 
jede Art Konzession an das Lustprinzip und vielleicht sind die 
wichtigsten jener Konzessionen die Wachträume, die einen pathogenen 
Charakter bei den Introvertierten 3 annehmen, welche in weitem 
Umfange an Stelle der von der Realität versagten Befriedigung jene 
der Phantasie treten lassen. '' 

Die Tatsache, daß den Phantasien in gewissem Sinn die Empfindung 
der Realität anhaftet, wenn auch im Widerspruch zu der Vernunft 
des Individuums, beweist, daß das Phantasieren die veränderte und 
abgeschwächte Fortsetzung der ursprünglichen halluzinatorischen Befrie- 
digung ist. Wir können sagen, daß das Phantasieren mit der Empfin- 
dung der Realität für dessen Inhalt - wenn auch diese Empfindung 
nicht eingestanden wird — dem nicht sehr reifen Ich eigen ist, sei es, 
daß es sich um eine Fixierung an eine primitive Entwicklungsphase des 
Ichs handelt oder um eine Regression auf eine solche Phase. Die Psycho- 

l) Cfr, Freud, Traumdeutung, Kap. VII. Ges. Schriften, Bd. II. 
3) Cfr. Freud, Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen 
Geschehens, Ges. Schriften, Bd. V. 

„ , 3) ., Cfr - Freud, Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, Ges. 
Schriften, Bd. VII., S. 388. 

— 266 — 



alyse lehrt, daß die Fixierung eines Wesens an eine vorhergehende 
jS aS e der Entwicklung die Voraussetzung für die folgende Regression 
wie in analoger Weise die Regression der Libido auf eine prä- 
"nitale Phase die vorhergehende Fixierung auf dieser Phase voraus- 
setzt- 

gs ist nun interessant, die metapsychologische Seite dieses Problems 

kennen zu lernen. Wenn man nämlich sagt, daß jenes Ich unreif sei, 
j as imstande ist, aus den eigenen Phantasien Lust zu ziehen, dessen 
Inhalt es gewissermaßen als real empfindet, haben wir noch keines- 
we gs die Art und Weise angegeben, in der sich diese Unreife erhält, 
gjst Federn hat diesem Problem Beachtung geschenkt, als er den 
Narzißmus mit metapsychologischen Kriterien studierte. Es ist dies 
„icht der Augenblick, um in eine erschöpfende Darlegung der Ideen 
federn s 1 über die Ichgrenzen, über das egokosmische und ego- 
zentrische Ich etc. einzugehen. Ich möchte nur sagen, daß bei den 
von uns hier in Betracht gezogenen Individuen die Ichgrenzen noch 
nicht vollständig und genau in einer bestimmten Lage fixiert sind, was 
charakteristisch ist für jenes Ich, das die richtige Beziehung zur Realität 
gewonnen hat, wie dies bei dem reiferen Ich der Fall ist. Federn 
hält das mehr oder weniger häufige und intensive Vorkommen von 
Wachträumen für ein Anzeichen von abnormalem Narzißmus, während 
im Falle von normalem Narzißmus das Ich nach Federn keinen Genuß 
aus den von uns erörterten Phantasien ziehen würde. 

Im Traum erleiden die Ichgrenzen charakteristische Veränderungen 
(Federn), 8 die das Bild des träumenden Ichs bestimmen und die 
Realitätsprüfung unterbrechen. Vielen Menschen geschieht manch- 
mal Folgendes : Wenn sie aus einem unterbrochenen Traum aufwachen, 
haben sie, besonders wenn es sich um eine frohe oder angstvolle Erwar- 
tung handelt, ein Gefühl des Unbehagens, weil sie nicht den Ausgang 
dessen erfahren, was sich ereignete. Manche haben den Wunsch, wieder 
einzuschlafen und in die Traumwelt zurückzukehren, um die unter- 
brochene Entwicklung zu verfolgen. Manche Menschen haben in 
solchen Fällen das Gefühl einer Spaltung des Ichs, wie wenn beim 
Erwachen ein Teil des Ichs in die reale Welt zurückgekehrt wäre, während 
der andere Teil seinem Schicksal in der Traumwelt überlassen bliebe, in 
der Macht der Ereignisse, die sich abspielten. Ich z itiere den Fall einer 

1) Cfr. Federn, Das Ich als Subjekt und Objekt im Narzißmus, Int. 
Zeitschr. f. Psa., XV, 1929. 

2) Cfr. Federn, Das Ichgefühl im Traum, ibidem, XVIII, 1932. 

— 267 — 



Person, welche diese Situation mit der Ansicht jener verglich a- 
glauben, daß die Seele den Körper überlebt. So wie nach jener A 
fassung die Seele nach dem Tode in eine neue Welt eingeht, nachd^" 
sie den wehrlosen und entseelten Körper seinem Schicksal überlas ^ 
hat, so hatte jene Person manchmal beim Erwachen die Empfind^ 
sie hätte ihr Traum-Ich wie ein totes Wesen wehrlos und passiv ^ 
der geträumten Umgebung zurückgelassen. 

Wenn nach einer akuten psychotischen Verwirrung die Geist 
klarheit zurückkehrt, behält das Ich während eines gewissen Zeitraum 8 
das Gefühl der Realität für die erlebten Wahnbildungen und HaÜW 
nationen. Der Kampf des wieder hergestellten Ichs gegen solche Empfi ." 
düngen ist natürlich viel intensiver und von längerer Dauer als das entsw 
chende, soeben beschriebene Phänomen beim Erwachen aus einem Trau 

Aus diesen Beispielen ersieht man, mit welcher Zähigkeit das Ich 
manchmal an dem Produkt des eigenen Unbewußten festhält, das auf 
dieser Stufe, eine Realität darstellt, oder besser, da sich einer Realität 
nicht eine Irrealität entgegenstellt, wirkt jenes Produkt wie eine Realität 
Und obwohl das schon erwachte Ich sich verstandesmäßig von der 
Irrealität des Trauminhaltes Rechenschaft gibt, ist es trotzdem nicht 
imstande, sich dem keineswegs rationalen Eindruck zu entziehen, daß 
es sich im Traume in einer andern wirklichen Welt befunden habe 
Die Wichtigkeit dieses Phänomens für den Glauben der Primitiven' 
daß die Seele in den Gegenden, die im Traum erscheinen, wandert' 
nachdem sie den Körper verlassen hat, tritt klar zu Tage. Das Gleiche 
gilt für den Glauben, daß die Seele vom Körper getrennt wird. 

Ich möchte das Gefühl der Realität für die geträumten Ereignisse 
mit einer Antwort iUustrieren, die ein fünfjähriges Mädchen ihrer Groß- 
mutter gab, die es eines Morgens fragte, was es geträumt habe. Das 
Mädchen erwiderte: „Frag den kleinen Peter, denn er war auch dabei." 
Ein anderes Kind wurde böse auf sein Brüderchen, weil dieses es im 
Traume wütend gemacht hatte. Als ein Kind des Morgens von seinem 
Bruder erfuhr, daß dieser geträumt hatte, sich in einer Konditorei zu 
befinden und viele Süßigkeiten zu essen, fragte es begierig: „War ich 
auch dabei?" und als es eine verneinende Antwort erhalten hatte, rief 
es überzeugt aus: „Wie schade!" Im Falle von Träumereien (Wach- 
träumen) besteht die Wirklichkeitsempfindung für den psychischen Inhalt 
zugleich mit der Erkenntnis, daß es sich nicht um eine Realität handelt, 
solange die Phantasie andauert, ohne jedoch halluzinatorischen Charakter 
anzunehmen — im Gegensatz zum Traum. Das Gleiche gilt auch für 



— 268 






. risdie Bilder. Im Traum hingegen spielt sich das Phänomen m zwei 
C t -„anderfolgenden Zeiträumen ab, während zweier verschiedenen 

Jen des Ichs: erstens der Zustand des träumenden Ichs und zweitens 
,t3 des wachen Ichs. Der Kontrast zwischen der Wirklichkeits- 
^findung und dem Erkennen der Irrealität bezieht sich auf den vor- 
f\ l effa ngenen Trauminhalt, wenn das Ich schon erwacht ist. Die 
SchtLkeit dieser Wirklichkeitsempfindung für nur psychische Vogange 
. ' in den verschiedensten psychologischen Situationen zu Tage, deren 
!"J e besondere Beachtung verdienen würde. Hier muß ich mich 
Lrauf beschränken, sie aufzuzählen. ,,-.,,. c 

Die Neurose basiert zum großen Teil auf jener Wirklichkeitsempfin- 
toa* für psychische Vorgänge. Es ist bekannt, daß das unbewußte 
SAuldgefühl der Neurotiker sich fast immer auf ihre Phantast be- 
■eht als ob deren Inhalt einer Realität gleichzusetzen wäre. In der 
7wan*sneurose macht sich die Wirklichkeitsempfindung in den mani- 
festen Symptomen machtvoll geltend. Die Gefühlseinstellung des Zwangs- 
neurotikers gegenüber den eigenen Vorstellungen und seinem Zwangs- 
zeremoniell, das seinerseits eine verborgene Bedeutung hat und aus 
dem Unbewußten stammt, ist dieselbe, wie wenn es sich um eine 
Realität handeln würde, obwohl das Individuum verstandesmaßig weiß, 
daß es nur psychischen Manifestationen gegenübersteht. Die unbesiegbare 
Zähigkeit mit der jene Wirklichkeitsempfindung sich dem Zwangs- 
neurotiker aufdrängt, ist jedem wohlbekannt, der Gelegenheit hatte, 
sich mit dieser Form der Neurose zu beschäftigen. Im allgemeinen 
bezieht sich die Gefühlsambivalenz, auf der die Neurose basiert, nicht 
auf das wirkliche Objekt, sondern auf dessen Phantasiebild. 1 

Kinder empfinden ihre Spiele in hohem Maße als Realität. Der Er- 
wachsene kann sich keine genaue Vorstellung von der Intensität des 
Vergnügens und Mißvergnügens machen, die das Kind bei seinen Spiel- 
erlebnissen empfindet, welche es sehr ernst nimmt. Die Erzieher sollten 
dieser Tatsache viel Beachtung schenken. 

In gleicher Weise benimmt sich auch der Künstler bei verschiedenen 
Ereignissen, die einen starken Eindruck auf ihn machen und seine 
Phantasie anregen. Er empfindet das, was seine Seele in der Realität 
projiziert, als sehr real. 

In der Massenseele, in der wir so viele Charakteristika des Unbe- 
wußten finden, gibt es weder eine Unterscheidung zwischen real und 

1) Cfr. Weiss, Regression und Projektion im Über-Ich, ibidem. 

— 269 — lS 

PiA. Bewegung V AK}V 






irreal noch die Fähigkeit der Kritik, welche die Schöpfung der p, 
tasie die für real gehalten wird, als irreal erkennt. Diese F^W W 
vollständig eingestellt. 1 Funktion ^ 

Aber ich konnte wie gesagt, nicht auf alle psychologischen &*• 
hmwe 1S en, be. denen „die Realität in der Phantasietä^igkelt« "^ 
sonderen und ergehend erforscht werden sollte. Es handel sS 
Erfahrungen und Begriffe, die nicht nur in theoretischer Hmski "* 
hch sondern auch unentbehrlich für jeden sind, der die neufo i Sf T 
Erschwungen und die Einstellung des Kindes in verschiedenen ^ 
turnen zu Hedzwecken und pädagogischen Zwecken verstehen U^ 

Cfr. Freud, Massenpsychologie und Ich-Analyse, Ges Schriften Rj ,„ 
wonn d.e Massenseele beschrieben wird, nach der'schilderungvÖn G. U^ 




GEORG GRODDECK 

DER MENSCH 
ALS SYMBOL 

Georg Groddeck, der durch „Das Buch vom Es" bekann. ■ , 
stellt in diesem neuen Werke die These auf daß 32 Z 1' 
von der Realität nid* weiß, sondern ," ^„er^el ^S 
lebt Alles was ist, wird nur dadurd, erlebbar, daß MensE« 
in der symbolischen Form einer Dreieinheit von Manntet Kind 
hinzugefugt wird. Groddecks ernst-ironische Schreibware die in 

tükTT 7 e v 8ine , FÜ,U VO " Gedanke " K entwtL t 
fesselt trotz der Verwendung schwierigen Materials aus SpSoHe 

und Kunst von Anfang bis zu Ende. 
L *'"} en , RM 6- 



Gebunden 



RM 5- 



— 270 






QfundsätzlidiGS zur Psychoanalyse 



Von 






Deines Szilägyl (Budapest) 



pie Arbeiten der Freud sehen Schule haben entscheidend an der 
Formulierung der Physiognomie unserer Zeit mitgewirkt. Es ist nicht 
verW underlich, daß, besonders in Kreisen ihrer Gegner, die Frage nach 
jjy-er wissenschaftlichen Einordnung nicht selten aufgeworfen wird, die 
Frage, wie sich die Psychoanalyse zu dem Bau der Wissenschaften, 
insbesondere zur Philosophie, verhält. Bei solchen und ähnlichen 
Problemstellungen wird aber meist der eigentliche Charakter der 
Freudschen Lehre verkannt. Man glaubt, in ihr ein subjektivistisches ' 
der ein rationalistisches 8 oder ein mystisches System 8 zu sehen, und 
auch Fragesteller, die sich Mühe geben, sachlich zu bleiben, verfallen 
nur zu leicht in den Fehler, in unpsychoanalytisch aufgefaßten psycho- 
analytischen Terminis gegen Windmühlen anzukämpfen*. 

Was stellt die Freudsche Lehre tatsächlich dar? Sie ist nicht ein- 
fach eines der Systeme der Psychologie, wie sie von jedem Katheder, 
von den andern immer abweichend, vorgetragen werden, sondern zu- 
nächst die begriffliche Grundlage einer Technik. Als solche umfaßt 
sie eine Theorie, die sich in der Tat früheren psychologischen Syste- 
men anschließt, soweit es sich um die Form der Terminologie han- 
delt. Doch erscheint diese Theorie vom formalen Standpunkt lücken- 

1) Richard Müller-Freienfels. 

2) Paul H ab erlin. 

3) August Messer. Ich kann mir nicht versagen, aus seinem Büchlein: 
Die Philosophie der Gegenwart in Deutschland (7. Aufl., Leipzig, 1931) acht 
volle Zeilen anzuführen: ... Im Jahre 1924 wurde auch eine „Akademi- 

che Gesellschaft für astrologische Forschung" begründet. — Die „Psycho- 
■nalyse des Wiener Psychiaters Sigmund Freud und seiner Schule strebt in 
iie geheimsten Tiefen des Seelenlebens einzudringen, wobei sie einseitig 
die Bedeutung des Geschlechtstriebes betont und besonders bei der Traum- 
deutung in Künstelei verfällt. — Endlich hat die aus Amerika eingeführte 
Christian Science (christliche Wissenschaft) bei uns, zumal in Großstädten, 
(\nhang gefunden . . ." (III. Irrationalistische Philosophie. Kap. VI., § 4. 
Theosophie und verwandte Richtungen. S. 137.) 

4) So Richard Hönigswald in seiner Besprechung einer Schrift 
iumkes (Deutsche Literaturzeitung, 1931, Heft 27.) 

— 271 — .8* 



haft; sie erreicht gewiß nicht die abgerundete Geschlossenheit a 
Systeme früherer Psychologen. Diese rein äußerliche Abweichung w 
nun auf einen grundlegenden Unterschied hin: Während früher T 
Psychologien sozusagen Konsequenzen der Philosophien, nachphilo 



~ / „.„„v. .*„..~~. v^^^vg^i. xy^oi. icxu duuciiiuie ^.Dweichun 
nun auf einen grundlegenden Unterschied hin : Während früh 
Psychologien sozusagen Konsequenzen der Philosophien, nachphi] 
phisch waren, ist die Freudsche Lehre ein BegrifFsbau unmittelbar üb°" 
sensuellem Erfahrungsmaterial. In diesem Sinne ordnet sich die Psych** 
analyse dem Gefüge der empirischen Naturwissenschaft"" 
ein. Sie hat ihre Vorausetzungen in den Naturwissenschaften, von ^J 
aus manches zu verstehen ist, was in der Psychoanalyse unbegründ' 
gelassen und stillschweigend als selbstverständlich' betrachtet wird- * 
vor allem der Realismus 1 und Technizismus der Naturwissenschaft 
Vorwissenschaftlich wird das Weltgeschehen naiv-anthropomorphisdi 
begriffen, in unseren Sprachen animistisch-teleologisch in Substantive 
und Verben. Jede menschliche Wirksamkeit ist dabei magisch. Die 
Naturwissenschaft überwindet die Naivität der Gemeinsprache, ' aber 
auch hier erfolgt nur ein Zurücktreten und kein volles Ausschalten 
des animistischen Elementes. Auch durch die Setzung verständlicher 
Zusammenhänge, Abläufe und von Identitäten wird das animistische 
Prinzip nur in der logischen Reihe zurückverschoben, da ja dort, wo 
dann der Grund, der Träger, das Wirkliche hinter den Erscheinungen 
behauptet wird, doch immer — sei es nun bewußt hypostasiert oder 
mit frommem Glauben an das Reale — Mythologeme herhalten müssen. 
So sah die Naturwissenschaft der jüngsten Vergangenheit hinter den 
Phänomenen das „Wirkliche" der Energie. 

Der vorwissenschaftlichen Magie entspricht die naturwissenschaftliche 
Technik. Diese formale Gleichsetzung rechtfertigt sich durch die Tat- 
sache, daß Magie wie Technik das im Grunde immer unverständliche 
Fundamentalfaktum, das verstandesmäßig unauflösbare Grundwunder 
der Transeunz zur Voraussetzung haben. Der Charakter des Techni- 
schen, wenn man will, Magischen, haftet aber insofern an den Be- 
griffen der Naturwissenschaften, als sie ja nur im Widerspiel der gegen- 
seitigen Wirklichkeit, das ist Wirksamkeit, von Mensch und Welt 
möglich sind. 

Aus einem solchen Begriffsbau holte die Psychoanalyse — selbst ver- 
sehen mit den naturwissenschaftlichen Attributen Realimus und Techni- 

l) Realismus etwa gleich „Materialismus" bei Feuerbach und Marx. 
Da aber mit dem Ausdruck seit Büchner bis auf die heutige Zeit eifriger 
Mißbrauch getrieben wurde, ziehe ich hier den eindeutigeren Ausdruck 
Realismus vor. 

— 272 — 



"" 



. mUS — die Steine zur Grundlegung ihrer Theorie. Im Gegensatz 
\ zu ging den früheren, nachphilosophischen, Psychologien die Transe- 
M ab, sie verharrten im entzauberten Bereich der kritischen Be- 
hring, waren denkimmanent (= denkimpotent), reichten nicht 
' r Welt, zu der für die Psychoanalyse auch das Psychische gehört. 

Die Psychoanalyse übernimmt sozusagen die Axiomatik des natur- 
wissenschaftlichen Derdrens: für den Menschen sind nur seine Sinnes- 

.jhrnehmungen gegeben, und den Sinneswahrnehmungen wird das 
durchgehend determinierte Eine Weltgeschehen hypostasiert. Zum Welt- 
es chehen gehört auch das psychische Geschehen, das durch das Sinnes- 
organ des Bewußtseins geschaut wird. (Es ist hier nicht der Ort, auf 
die Möglichkeit einer Sub- oder Koordination der einzelnen Sinnes- 
organe einzugehen.) „Als das Wirkliche hinter den Bewußtseinsein- 
drücken'' wird eine Energie angesehen. Den verschiedenen psycho- 
sensuellen Erscheinungen werden Wandlungen dieser Energie als Ur- 
sache zugeschrieben, die nach den ökonomischen Gesichtspunkten der 
Naturwissenschaft aufgefaßt werden. Der Rechtsgrund dieser weitern 
Konstruktionen mag vom formalen Standpunkt schwach erscheinen — 
die Konstruktion selbst wird als aus- und abbaufähiges Provisorium 
durch die technischen Erfolge durchaus gerechtfertigt. 

Vielleicht auffallender, aber nicht wesentlicher, als in den Natur- 
wissenschaften ist der Anthropomorphismus der psychoanalytischen 
Betrachtungsart. Bei aufmerksamer Prüfung erweisen sich auch die 
idealsten Begriffe als nach des Menschen Angesicht geformt, auch der 
noch so tote Naturvorgang wird verstanden und besprochen als etwas 
uns Wesensgleiches, überall werden Subjekt und Zweckvorstellung 
eingeschmuggelt. Die Vereinfachung, die z. B. der Formulierung „das 
Unbewußte verfolgt ein Ziel" vorausgeht, ist durchaus bewußt: es 
wird vom Kräftespiel im besonderen abgesehen, von der Wirkungs- 
seite her wird es als strukturelle Einheit besprochen. Daß dabei das 
Psychische oder die Psyche etwas durchgehend Individuiertes wäre — 
eine organische Einheit, eine eigene Gestalt, ist gar nicht ausgemacht. 
Es ist in der Freudschen Lehre rein gar nichts darüber gesagt. Im 
Rahmen der Psychoanalyse wäre eine Theorie wohl denkbar, die etwa 
besagte, daß nur die Bewußtseinsorgane als Eigentum der Person an- 
zusehen wären, daß sie aber im Grunde an ein und derselben Ge- 
schehenswirklichkeit teilhätten, wie die Augen am selben Sonnenlicht; 
wobei das Individuelle möglicherweise somatisch aufgefaßt wäre. Wie 
entfernt sie auch scheinen mögen, sind solche Möglichkeiten doch, 






— 273 — 



H 



wenigstens zum Teil, schon in Betracht gezogen worden Heut I 
man allerdings von der Praxis noch nicht gezwungen, auf diese » ^ 
satzliche Frage einzugehen, stillschweigend hält man am hemebraT* 1 " 
idealistischen Einzelseelenschema fest. en 

Von jedem idealistischen Überbleibsel befreit ist die Psychoan 1 
in ihrer werdenden Gesamteinstellung: sie ist durchwegs rJT* 
logistisch. Aber nicht Ziel, nicht angestrebtes Ideal ist ihr der P s T~ 
logismus. Er ist die zwangsläufige Folge der Tatsache, daß J T" 
Psychoanalyse erstmalig gelang, das seelische Geschehen vom Tech 
sehen her mit naturwissenschaftlicher Schärfe zu beobachten und T 
Beobachtungen auch historisch, diagnostisch, prognostisch zu verwerte* 
Es gelang ihr, die Entstehung von Werten und Wertungen, bsbeso"' 
dere aber des Erlebnisses der Evidenz zu verfolgen und als historis Z 
also als vom logophilen Standpunkt zufällig, geworden nachzuweisen 
An der Tatsache der Werte, Wertungen und anderer scheinbar stati' 
scher Momente ändert dies gewiß nichts, auch bleibt der Satz in Ehren" 
daß die Geschichte eines Wertes über seine aktuelle Geltung nicht' 
aussagen kann. Trotzdem verfallen Wert und Sollmoment dem R e J 
tiyismus, sobald sie nicht mehr unbedingt, absolut, für die Natur" 
Wissenschaft „Psychologie" apriorisch sind, wenn an Stelle der Einen" 
Wahrheit die Richtigkeit getreten ist. Die kausal-dynamische Methode 
wird in der Folge auf alles Menschliche angewandt, aus der Überzeu 
gung, damit die Grenzen des wissenschaftlich Ausschöpf baren erreicht zu 
haben. Das wahrhaftig Einmalige bleibt dabei selbstverständlich außer 
halb der Grenze. Aber das einmalige, individuelle Erlebnis des blauen 
Himmels über dem Golf von Neapel oder eines bestimmten Gedieh- 
tes ist der Wissenschaft im gleichen Sinne unzugänglich wie das 
Einmalige, Individuelle am Wachsen eines bestimmten Kristalls Die 
Naturwissenschaften müssen das „wirklich"-Individuelle vernachlässi- 
gen, müssen typisieren, ebenso muß auch die Naturwissenschaft „Psycho- 
logie" verfahren. 

In der psychologistischen Deutung spielt der Begriff des Symbols 
eine hervorragende Rolle. Symbol hat ursprünglich bedeutet: Sinn- 
bild, das Bild, das auf den Sinn eines Wirklichen hinweist. In der 
psychoanalytischen Praxis heißt so eine geduldete oder geschätzte Ver- 
tretung eines gewöhnlich verpönten psychisch Realen. Nun sind hier 
die Grenzen ganz verschwommen, es wäre völlig unhaltbar, eine 
ZwaschichtungSymbol-Symbolisiertes (Reales) anzunehmen. Die psycho- 
analytische Theorie nimmt vielmehr eine sogenannte „Überdeter- 

— 274 — 



iniertheit" des Seelischen an, die besagt, daß eine psychische Er- 
'cheinung nicht einen Sinn hat, sondern unzählige Bedeutungen. Jedes 
eelische Moment hat nicht nur eine simultane, der räumlichen ähn- 
Wirklichkeit, sondern auch eine überzeitliche: es ist nicht nur 
Folge und Ursache anderer Momente, sondern sinngleicher Vertreter 
ne s jeden seiner Vorläufer wie Nachfolger. (Aus dieser Annahme 
t sich die Möglichkeit der Aufstellung sogenannter „Symbol- 
ffleichungen".) Praktisch wird von der Vieldeutigkeit z. B. eines 
rankheitssymptomes abgesehen, indem seine zeitliche Geschichte ver- 
und ein technisch (therapeutisch) bedeutsames Moment heraus- 
gegriffen wird, als das Wirkliche, das durch die materielle Existenz 
Symptoms „symbolisiert" ist. Grundsätzlich kann man aber den 
Jeschichtsverlauf zurückverfolgen so weit man will, einen „natür- 
lichen" Haltepunkt findet man nicht. Die Möglichkeit eines solchen 
Regresses führt zur Anwendbarkeit der Hack eischen biogenetischen 
Grundregel. Aus der Individualentwicklung des Kindes wird auf die 
Phylogenese des Menschengeschlechtes gefolgert, was unbestreitbar von 
heuristischem Werte sein kann, sich aber auch mythenbildend aus- 
wirkt und gelegentlich den Rahmen wissenschafdicher Arbeit sprengt. 
Eine relative Vernachlässigung der Uberdeterminierung wird in der 
therapeutischen und sonstigen Praxis unumgänglich. Die psychoanalytische 
Anamnesis wird nur soweit erstrebt, als es zur Heilung notwendig erscheint. 
Hier stoßen wir auf die Begriffe Heilung, Gesundheit, Krankheit. 
Was versteht unter diesen gerade heute so umstrittenen Worten die 
Psychoanalyse? Ihre grundsätzliche Antwort ist recht einfach: Gesund 
ist, wer sich „der Realität anpassen" konnte. Beim Kranken ist diese 
„Anpassung" entweder überhaupt mißlungen, so daß die Realität, für 
den Menschen von heute also vor allem die Gesellschaft, ihn ver- 
stoßen muß. Oder aber er mußte für sein Bleiben in der Sozietät ein 
besonders schweres, hohes Opfer bringen, wodurch seine organische 
Eigenbewegung, sein Wille (Wille ist aber immer gleich Lustwille) in 
die per definitionem krankhafte Richtung von Unlust und Leid ge- 
zwängt wurde. Dabei büßt der Einzelne regelmäßig seine Glücks- 
fähigkeit zum Teil oder auch ganz ein, ohne daß diese zum 
Kriterium der Gesundheit gemacht werden könnte. Die Realitätsan- 
passung erfordert immer bedeutende Opfer, es kann ganze Generatio- 
nen geben, die unglücklich und doch gesund sind. Ob ein solches 
Opfer krankhaft hoch ist, bemißt sich nach sozialen Maßstäben. 
Was heißt nun hiebei „Realität"? Im psychoanalytischem Sprach- 



275 



gebrauch w,rd unter Wirklichkeit« eigentlich zweierlei verstau 
Die Psychoanalyse muß als Naturwissenschaft vom Standpunkt rf 3 
wachsenen Menschen ausgehen, von diesem Standpunkt d£pL£ T 
Entwrcklung des Individuums verfolgen. Da heißt es dann Sf?* 
w 1C klung bestehe in der Hauptsache darin, daß das Menslnkln J 
Z u einem Gesunden entfaltet. Diese Entfaltung folgt aus dem Urj'* 
spruch der Tendenzen im Kinde und der äußeren WirklSke^'T 

sind TV f tätSanPaSSUnga ^^ FÜr den Paschen M er S elt 
sind die Tendenzen sowohl wie die Außenwelt (eben das, was hw" 
den Erschemungen „wirklich«, dessen Dasein die Vorausse ™ T** 
Psychologie ist) unbekannt. Doch ist dieses wkI™Z ^ 
sich« sondern es steht als Ursache hinter unserer eigene^ Zl^ 
nungs«welt, es wird also ein Kausalzusammenhang zwiXn I 
Realen und dem Subjektiven angenommen. _ Eine WkkMkeit ^ 
sagen zweiter Potenz ist dann die sozietäre Welt die Weit d T 
wußten Erwachsenen, in die das Kind hineinet'ogt XI -J* 
dntte Abart der „Realität« wäre noch die Frühs Je deTplto 
Passung gewöhnlich mit dem adultomorphen Austuet ^^ 
Ml bauen: endopsychische) Realität bezeichnet, wo schon wt£ 
ketten vorhanden sind, die Unterscheidung von real und irre Übt 
noch nicht durchgeführt wird. ber 

Es ist leicht verständlich, daß beim psychologischen Grundzur A. 
Psychoanalyse auch näher auf die Entstehung d'er so^Xll^ 

sl T ™ S T ngeU Wird ^ Meth ° de eriaubt i- ^ psydXT 
sehe Ungefahrableitung des Heute aus hypostasier en UrteS 

Leute schlägt die Methode in ihrer Anwendung e ent in MetaS 
un , dan n schließ t sich der Zirkel: Man scheint Lltr ehen, d^ 
sulfdas if Sdb . S ! dl \ StÜck der Staren Wirklichkeit ist und V e 

psychoanalytische Forschung selbst ist ständig in Fluß neue BeobaA 

SeTwrlrT^' "ttS"» "*** *"5£ 
Weibt immer der Revision bedürftig, aber auch ihrer fähig. 



1 



— 276 — 



^M^^BMiHmsnBIB 



Ai s wesensnotwendig haben wir den vorphilosophischen Realismus 
n d Technizismus der Psychoanalyse ansehen müssen, die die At- 
tribute der Naturwissenschaft sind ; wesensnotwendig auch ihren Psycho- 



logismus, 



der von einer Seelenkunde, der Wissenschaft zu sein bean- 



nrucht, nicht „abgelehnt" oder „anerkannt" 
dessen sie fähig sein muß. 



werden kann, sondern 



$ E C H 
p S Y C H O A 



DEM 
A LY S E 



Audi Freudsche Schriften 

wurden — laut Zeitungsnachrichten — im Laufe der Begebenheiten 
des national-sozialistischen Umsturzes im Deuschen Reich teils beschlag- 
nahmt, teils öffentlich verbrannt. 

In Japan 

wurde zum 77. Geburtstag Sigmund Freuds eine große Feier veranstaltet, 
in deren Verlauf auch das Schauspiel „König ödipus" zur Aufführung gelangte. 

Nemo propheta in patria 

Anläßlich des Abdruckes der Vorträge über Psychoanalyse im Londoner 
Rundfunk wollen wir die für Wien beschämende Tatsache hervorheben, 
daß unser Kollege, der angesehene Fachmann Dozent Dr. Friedjung, als er 
vor kurzem im Wiener Rundfunk über „Erziehung und Schule" 
einen Vortrag hielt, am gleichen Tag von der Direktion des Wiener Rund- 
funks, der Ravag, den Auftrag erhielt : den Satz aus dem Vor- 
trage wegzulassen, in dem der Name Freuds genannt 
sei. Auch wurde gefordert, daß er nicht etwa zum Ersatz dann die 
Psychoanalyse nenne. — Glücklicher Weise ist die Sprache der Wissen- 
schaft eine internationale und die Penetranz wissenschaftlicher Wahrheiten 
wird wie die Radiowelle von keiner Landesgrenze aufgehalten. E. H. 



277 



Adrien Turel über „Die Zukunft der Psycfcoanalv 

(Aus „Die literarische Weit», IX. Jgg., Nr . ft ^ T ' 

zutage schon weitgehend bereit, an^fcennen ^ FrP ? ^^ h 4 
geleitet hat, um Funktionsstörungen, den ktZl ^T^ ^eit 
he,tsbef U nd begründet sind, als Ve drängun J und vT^t™ *** 
Affekten » erkennen und psychoanalytis^f Lkn nl ^ V ° n 

sich noch immer, auf brdter F die H aU Dtno!v ^^«gert maa 

Selten zu lassen, welche behauptet, daß dÄETS»? ^^ 
enttauscht und zurückgeschlagen wrd die Nei™ " V ° m Leb ^ 

2-« - -«. * im s^rrtÄ^ 

Tendenz, aus dem ^JZTLTZZ ^ * ** ^ 
*-? -ückzufallen, i st aber dfe bei w item S? ^T* *" *«*>■ 
Soziologie der kommenden Jahrzehnte denn tIgS£6 . LelStUn ^ fe die 

daß in den entmündigten, ££$££ achtln ff", " ^^ 
Rentnerschichten jeder Art irefährlicw! vertaadhAten Arbeitslosenmassen und 
? W BesAaulicieit, JM^SSÄ^tSST f"*^ 

asrsE" Jesus rr v= ^Ä: 

Schaft und Mutterschaft ab, 3 2 Ä T ^^ -n Va'er 
in einen Zustand säughS^e A bn» t ^^ ^^losigkeit 
ernsten soziologisch frj £2 ll I^f Zurück ^^ngt, von der 
Spielerei abgesTb ™ e X t f £ ""^ BM * fa ™ d 
massenhaft dazu verführt werden dem iSi mWUn ^ nen Parasitismus 
kleine Kinder und als Embr™ t em"r2f ^^ 8 * genÜber sich 1 

daß sie als erwachsene Menden J^u 'u™ ™ *"* Unters ^de, 
«nd, die EntwicUungsarbl zu "isten H T b , e f n WiIlen außerstande 
das kleine Kind es reAfc Ln 1« ^ ^ der Ungeborene und 
wachsenen noch nicht „trdW. * * "*" im Sinne d « 1 

Gemäß dem Goethe-Wort^ n,- .. u • 
den Armen schuldig we^da™ Sm^ T* ^ °" M < 
dann dieses Verhalten der Massen 1 n w ^ Pdn " wkd man 

und man wird dem V^Z^^JSSt^^ ^^ 

-andgläubig zu Uf S f^Ä£J~j£ 



— 278 



aßen erwählen und von dem „Übermenschen'' nicht nur Führung in be- 
rechtigtem und lebendigem Sinne, sondern Wunderspeisungen und eine all- 
emeine wohlfahrtartige Staatsmütterlichkeit erwarten, die vollkommen uner- 
klärlich wäre, wenn die Psychoanalyse uns nicht den Trieb zur Mutter- 
leibsregression als eine allgemein menschliche Tendenz nachgewiesen hätte. 
So wie die Atmosphäre auf einen luftleer gepumpten Raum drückt, so 
läßt sich feststellen, daß bei Völkern, die zur Sterilität verurteilt sind, deren 
Mutterschaftsraum also nicht zur Ausnützung kommt, ein gefährlicher sozio- 
logischer Druck entsteht, den man als Einsturz in den kindlichen Parasitis- 
mus, ja als Embryonalitätstrieb bezeichnen kann." 

Die Dankesschuld der Psychiatrie an die 
Psychoanalyse 

Im eben erschienenen 3. — 4. Heft des 145. Bandes der Zeitschrift für die 
gesamte Neurologie und Psychiatrie sagt Th. van Schelven (Haag) in 
seinem Aufsatz „Die Evolution der Psychiatrie" : 

„Die Psychoanalyse ist ein erster Versuch, das Feld der Psychologie, des 
Unbewußten, nach eigenen, rein psychologischen Methoden zu bearbeiten. 
Es würde ehrlich und ein Zeichen von Dankbarkeit sein, anzuerkennen, 
daß heutzutage eine Psychologie ohne Freuds Lehre vom Unbewußten 
nicht mehr denkbar ist. Viele der sehr guten Veröffentlichungen auf psychiatri- 
schem Gebiet entleihen der Psychoanalyse den Kern ihres Gedankenganges 
ohne das Wort auszusprechen. Der Trost für Freud ist nicht die Dank- 
barkeit, sondern das Bewußtsein eigener Verdienste." 



Über die „experimentelle" Sicherheit psychoanalyti- 
scher Befunde 

In der „Zeitschrift für die ges. Neurologie und Psychiatrie" (139. Band, 
2. H. 1932) veröffentlicht der norwegische Analytiker Trygve Braatöy 
eine Arbeit unter dem Titel : „Die psychoanalytische Methode, ein Beitrag 
zu der methodologischen Problematik in der Psychologie." Der Verf. geht 
von einer technischen Detailfrage aus : Soll man während der analytischen 
Ordination Notizen machen oder nach der Ordination Wichtiges aus der 
Erinnerung niederschreiben ? Verf. diskutiert diese Frage nach allen Rich- 
tungen mit besonderer Hervorhebung des von Freud gegebenen Ratschlages, 
keine Notizen während der Ordination zu machen. Dem Verf. kommt es 
aber nicht eigentlich auf diese Frage an, er will vielmehr den Einwand 
widerlegen, die analytischen Ergebnisse seien unsicher, weil experimentell 
nicht beweisbar. Braatöy dreht in temperamentvoller Weise den Spieß um 
und beweist den Experiment-Gläubigen an einem größeren Material die 
Vieldeutigkeit, Unsicherheit und Unzuverlässigkeit des Experiments überhaupt : 

— 279— 



.Eine jede Registrierung ist eine Verkürzung und soll A ■ 
facto aber repräsentiert die Registrierung ^ aTsLu tV^ Ip8 ° 
eme Hypothese (eine Vorherdeutung) voraus Wen„H a "* Set * 
für sich stattfindet und das Summier^ IncmSn) t^ ** 
jede Registrierung eine Spaltung des Erkenntnfsp™ e^' S ° ** 
Tempi bedeuten. Erfahrungsgemäß zeigt es sich danT daß die T 7,^ 
lacht am Registrierten eingeschränkt! resp. fixiert wtd Un ^ 
Regierte zu einem großen Teil von L vorausglfaßten H * ** 
bestaunt sein muß, erreicht man in dieser Weiset ff! ^ P ° these 
Resultat: die Induktion bestätigt 1 H^othL tn"^ frV ' ' 

RTsTr; das r Resultat ebe zi ^ch?uß5 j; Z :■ t^ 

Resultat vom Registrat (von der Hvnn/L= 1 u das 

i.t nicht aber vom Au sgangspr oble'm « ^ CStilnint 

taSrrSÄJfaii ™-« ^ das im ... 

sehen Methodik aus ' ^ "" ^ Fertigung der analyti; 

verbergen, durch noch so L^^'ÄET*^ 

Edmund Bergler (Wien). 

„Über das sogenannte Unbewußte" 

hielt im Verein für Psychiatrie und Neurologie in Wien der h V 
Logopäde und philosophische Schriftsteller Professor E S seh eis 1 
oratonsch glänzenden Vortrao- Ja, *• t. • j , , drosch eis einen 

das hypostasierte Wort unbewußt" ™; t k /? "S c ° Q e. sei es unmogheh, 

.eflwei,e aufhebt « Zl / '•-""" d " M ™*» 

kannte d„X»«"„W» 1> !;; Ch r ire ' Whin > b « ™* 

d» . Dik ::i,rn, R - db iri £ s *n bew * d - 



E. H. 

— 280 — 




DU 

RUDOLF KASSNER, PHYSIOGNOMIK. Delphin-Verlag, 
München, 1933 



„Denn wo ist es leichter sich das Ansehen, eines denken- 
den Kopfes zu geben, als in Untersuchungen wo Schwie- 
rigkeit etwas Zusammenhängendes und Bleibendes zu sagen 
an physische Unmöglichkeit grenzt ..." 

G. Ch. Lichtenberg 



Angst vor der Zukunft, den Nebenmenschen, ein Bedürfnis nach Sicher- 
heit und Selbstlob, sowie die allgemeine Neigung der Menschen zu Leicht- 
und Wundergläubigkeit, endlich Abneigung gegen die ernste und umständliche, 

auch nur Wenigen zur Verfügung stehende Wissenschaft läßt die Leute 

immer wieder der Graphologie, Astrologie, Chiromantik und Physiognomik 
lineinfallen. Das magisch-mystische Erraten, die Verwendung von Intuition 
oder Einbildungskraft imponieren einfachen Gemütern im vorwissenschaft- 
lichen Zustand gar sehr. 

Daß es zum Verstehen einer menschlichen Seele, zur Kenntnis eines 
falschen — bei der Kompliziertheit des Seelischen und seines individuellen 
Verdens — einer geduldigen Beobachtung durch einen langen Zeit- 
raum, einer Psychoanalyse bedarf, wird noch immer nicht geglaubt. Daß 
der Mensch sich nicht nur e n t hüllt, sondern immer wieder Gründe hat, 
sich zu v e r hüllen ; daß sein seelischer Bestand zu einer gewissen Zeit das 
lesultat komplizierter Entwicklung (Verdrängung, Reaktionsbildung, Subli- 
nierung usw.) darstellt, dazu Reste früherer Entwickelungsperioden enthält, 
dgl. Schwierigkeiten mehr, ist unangenehm, aber Erfahrungstatsache. 
Die Wissenschaft ist unzugänglich oder bleibt doch umständlich im Ver- 
gleich zur Graphologen-Beratung, zum Besuch bei einer Wahrsagerin ; hier 
kann man auch, wenn das Resultat nicht konveniert, die Methode nach- 
träglich entwerten. 

Die Physiognomik hat es übrigens am wenigsten weit gebracht. Hat man 
je gehört, daß es einer Frau genügt hätte, die Physiognomie eines Be- 
werbers beurteilen zu lassen, statt seinen Brief einem Graphologen vor- 
zulegen ! ? 

Die Physiognomik hat es daher auch noch nicht dazu gebracht, einen 
ihrer Vertreter zu ernähren. 






281 — 



Auch Rudolf Kassner verdankt seine physiognomische Kraft nicht 
der Erfahrung oder gründlicher vergleichender Beobachtung, sondern * 

er gar nicht genug anpreisen kann - seiner Einbildungskraft Er 7 3 
»ch etne Art Seherkraft zu, beruhend auf „Steigerung des Herzen *"*' 
der Sinnlichkeit durch den Geist oder den Verstand- ° ° der 

Kassner zeigt seine Kunst an dem Buche beigegebenen Porträt, k 
ruhmter Persönlichkeiten, worunter" L antike b££ * f 
Homer und dem Zeus von Olympia neben Photographien aus der G. ° 
wart und berühmte, natürlich Subjektives des Malers enthaltende ölpo?*- 
hervorragender Künstler finden. Welch ungleiches Material- * "*** 

der Bol^eeTef ' ^^ * * P^gnomien hineinz„, egen , 

Ivar Kreuger, der verkrachte Zündhölzer-Magnat habe eine 
große vaste Stirne, eine Inflationsstirn oder auch die Inflation einS 
Stirn Seme Augen „blickten in eine Welt, die sich selbst aufzehrt 1|T 
dem Kapital einer Bank oder dahinschwindet gleich großen Ziffern" ^ 
«idftj™* ' ^ KaSSDer heraUS ^ Iesen >** '»% Kreuger erfolg. 

Bei Einstein hat der Autor das Malheur, nicht zu wissen daß 
Mensen gibt die durch etwas herabhängende obere Augenl der ' Z" 
Hinaufziehen der Stirne in Falten angewöhnt haben, was ihnen eint e" 

Sfr^ Einstein hat auA re ™- **-■ ^ 

Kassners Sehergabe erkennt, daß Einstein „_ „ n d das liegt auf seiner 
gar nicht hohen Stirn wie geschrieben oder in frischen Falten gezeichnet " 
zuruckstaun,« Einstein ziehe die Stirne aus einem großen Staunen zu Ü I 
„Wo Staunen ist, dort ist Gestalt, oder dort kommt der Mensch auf £ 
«alt und niemals nur auf die Gleichungen, Vermittlungen, Interpolationen 

SofchTsT R f en eh 7 niCmaIS ZU GeStalt ginnenden" Gan " « 

Solche Schlüsse werden aus falschen Prämissen gezogen ! 

lebl'die'l 1116 ^! 1 ^ 1 , 68 ' S r e NaSe Stdge " Regi0nen ' wo die D -ge 
leben, che man nicht riecht und auch nicht riechen kann. Vielleicht habe 

N r ase m nSt g L n T-^ ^^ *** «*«**■ VieIIe ^ -rde di 

^ dC wS sem ' wenn xn Schi],ers Gediditen - hr g ™* - 

ihm In dI R- tair l\ AUge ', daS eb P^ ^ ^« auch, wenn Voltaire 
Voltare, Ar e ' "^ "*** ^ EntS ^ ™ d Sehnsucht. 
r'eTfe Wdt 77^ ' rT^' * * ^ -^bildete, völlig 
reife Weh der Erfahrung, gle.chwie indische Frauen einen kostbaren glän- 
zenden Stein in den linken Nasenflügel einschrauben." 

verwöLte ^"^?^ 6 ^ T Ut daS BuCh d6S V ° n der Kritik bishe ^«- 

Beolfr " 7 U f ehlhaT haIte " den Aut0rs ' durch «n paar gute 
Beobachtungen werden dieselben keineswegs wettgemacht. 

— 282 — 



Wie sehr gerade das Gesicht des Menschen durch Rasse und Vererbung, 
jen Wasserkopf, durch Stoffwechsel, Zustand der Haare und Zähne, durch 
ewisse Anlagen (z. B. einen lymphatischen Habitus in der Kindheit), durch 
die Lebensweise, durch allzugroßen Mißbrauch von Alkohol, schwarzem Kaffee 
oder Tabak, durch Schlaflosigkeit u. dgl. beeinflußt sein kann, weiß der 
Laie nicht. Stolzer Narzißmus oder gekränktes Bewußtsein der eigenen Er- 
scheinung machen Unterschiede, die merkbar sind. Schon der große Verächter 
der Physiognomik, Lichtenberg, wußte, daß die Betrachtung des ganzen 
Menschen, seines Benehmens, seiner Kleidung mehr Resultat ergäbe, als die 
des Gesichtes allein. Die Psychoanalyse hat bisher nur das Gesicht des Analen 
beschrieben (Abraham), seine schnüffelnden Falten zwischen Nase und Mund ; 
vielleicht verrät sich der Orale manchmal durch einen großen Mund mit 
Zähnen. 



Aber nur die Psychoanalyse kann durch die Sicherheit ihrer psychologischen 
Resultate für eine Physiognomik einmal Bestätigungen oder Beweise erbringen, 
oder sie ganz entwerten lehren. Die Psychoanalyse nicht zu kennen und zu 
verkennen, ist die unangenehme Lage Kassners, der sich daher in eine Gegner- 
schaft gegen sie flüchtet, die sich grotesker Polemik bedient. Er hält sie für 
eine Methode, „die den Kranken mit Fragen anbohrt" ; sie bedeute eine Ab- 
setzung des Primates der Ideen und des Geistes ; sei übrigens wie keine 
andere für die Geistes- und Gemütslage des gegenwärtigen Menschen in 
Europa und Amerika symptomatisch. „Die Psychoanalyse ist der Ausdruck 
eines Geisteszustandes, einer Seelenlage und als solcher ebenso bedeutsam 
wie der Kommunismus, der Faschismus, die Diktatur, der Weltkrieg, die 
Weltkrise, die letzten Errungenschaften der Technik usw." 

Die Resultate der Psychoanalyse sind Kassner nicht recht ; .die mit nichts 
zu vergleichende Gewöhnlichkeit der meisten dem Psychoanalytiker unter- 
worfenen Träume" ist ihm entsetzlich; Trieb und Triebverdrängung be- 
leidigen ihn, denn alles, was den Durchschnittsmenschen, das Individuum 
des Kollektivs betrifft, enttäuscht ihn. 

Immerhin : das Ansehnliche und durchaus Bedeutende, Unverlierbare der 
Psychoanalyse gegenüber der experimentellen Psychologie, wie sie an den 
Schulen gelehrt wird, liege darin, daß S. Freud die Einbildungskraft ein- 
beziehe in das Getriebe der Seele, daß er sie sozusagen in den Alltag 
hineinnehme, daß er das Wesenhafte und Dazugehörige des Traumes er- 
kannt habe. 

Man muß dem Autor Zeit lassen, sich zu entscheiden, ob er sich damit 
begnügen will, als Seher durch seine Einbildungskraft die Sonne sich um die 
Erde drehen zu wissen, oder auf diese Weltphysiognomik als unzuverlässig 
zu verzichten, zu Gunsten einer mühsamen, aber wissenschaftlich beweisenden 
Methode, welche gefunden hat, daß die Erde sich um die Sonne dreht. 

Allerdings muß er dazu seinen Narzißmus einschränken, der magisch-mysti- 






283 — 



1 es tut, 



sches Erraten betreibt, wie der Narzißmus der primitiven Menschen 
der aber von der Existenz einer Wissenschaft nichts weiß. 

Andererseits kennt die Psychoanalyse, als Wissenschaft vom Unbewußt 
eine Physiognomik, die täglich und stündlich von jedem einzelnen aus? ~u' 
wird, die aber auf längst vergessenen frühen Eindrücken, zufälligen persö 
liehen Wahrnehmungen, dunklen Ahnungen, Aberglauben, Traditionen nfil 
Irrtümern, auf populären Kunstwerken u. dgl. beruht. (Man denke z. B - 
Th. Th. Heine's Teufels- und Lieber Gott-Physiognomien.) Diese Physiognomik 
enthält viel Subjektives, was durch psychoanalytische Erfahrungen 



belegen ist. p 



H. 



BIBLIOTHECA PSICOANALITICA INTERNATIONALE 

Es ist erst ein Jahr her, daß wir das Erscheinen einer neuen psycho- 
analytischen Zeitschrift ankündigen konnten: der Zweimonatsschrift Rj" 
vista Italiana di Ps ic o an alisi", des offiziellen Organe« "der" 
„Societä Psicoanalitica Italiana", herausgegeben von deren Präsidenten 
Dr. Edoardo Weiss, Rom. (Verlag Alberto Stock). 

Im zweiten Jahrgang erscheint mit dieser Zeitschrift' nunmehr die 
„Biblioteca Psicoanalitica Italiana", Seria Italiana 
welche in freier Folge wertvolle Schriften aus der psychoanalytischen Litera- 
tur bringen wird. Als erstes Heft ist erschienen: Sigm. Freud, H 
Mose di Michelangiolo", Traduzione di E. Servadio. In weiterer 
Folge werden erscheinen Freuds „Der Wahn und die Träume in W. Jensens 
.Gradiva'", sowie von Marie Bonaparte »Die Sexualität des Kindes und 
die Neurosen der Erwachsenen". Diese Hefte erscheinen im Verlag V. 
Idelson in Neapel. 



. . , „ Eigentümer Verleger und Herausgeber: 

CA ..™' mat,0 5 aI « Psychoanalytischer Verlag, Gesellschaft m. b. H., Wien, I., Börsegasse 1. 
Schriftleiter und verantwortlicher Redakteur: Dr. Eduard Hitschmann, Wien.lX., Währingerstraße 24 



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