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Full text of "Psychoanalytische Bewegung V 1933 Heft 4"

psychoanalytische 



e^^egmiii 



V. JalU'gaittg 

illlllllllllllllilllllllllllllllllllllllilli 



Juli D Augiust 1933 
lllliil 



Heft 4 

giiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii 



Psydhologi© der 

Zwei Madiovorträge *) 



Ermst Simmel (Berlin) 
I. 

Meine Damen und Herren! 

Das Thema „Zur Psychologie der Geschlechter", über das ich heute 
zu Ihnen zu sprechen die Ehre habe, ist umfangreich und inhaltschwer. 
Die Begrenzung, die mir der Rahmen zweier kurzer Rundfunkvorträge 
hiefür bietet, ist außerordentlich eng; und so muß ich mich darauf 
beschränken, die in meinem Thema enthaltene Problematik nicht 
erschöpfend behandeln zu wollen, sondern sie nur von gewissen 
Fragestellungen aus zu beleuchten. Und zwar soll unsere Betrachtungs- 
weise, namentlich im zweiten Vortrag, durch eine bestimmte tiefen- 
psychologische Methode ermöglicht werden, durch die Psychoanalyse 
Sigmund Freuds. 

Die Fragen, die Sie, meine verehrten Hörerinnen und Hörer, an 
unserem Thema interessieren dürften, sind die: Gibt es überhaupt 
eine geschlechtlich differenzierte Psychologie ? Das heißt : ist die seelische 
Struktur der weiblichen Persönlichkeit eine andere als die des Mannes ? 
Wo Hegen die seelischen Differenzpunkte der Geschlechter und welche 
Bedeutung haben diese Differenzpunkte für die Beziehungen der 
Geschlechter zueinander? 



*) Januar 1932. 



. Bewegung V 



285 — 



a 



INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 



DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Die Forderung Goethes „Mensch, dein höchstes Studium sei a 
Mensch« erhäk ihre besondere Nuance, wenn die Geschlechter 
fangen, sich gegenseitig zu studieren, wenn der Mann seine Forsd- ^''' 
speziell auf den weiblichen Menschen einstellt und umgekehrt J"p^ 
ist das Verdienst moderner Psychologinnen, darauf hingewiesen 
haben, daß hier der Blick wissenschaftlicher Erkenntnis durch ^" 
affektives Moment getrübt ist, das der triebsexuellen Versclüed^'" 
heit des Forschers und seines Forschungsobjektes entstammt n' 
Mysterium der Andersgeschlechthchkeit setzt nämlich doch dem ■*' 
teUektuellen Verständnis zwischen Mann und Weib irgendwo e''"' 
Grenze. Diese Schranke, die ein vollständiges Erfassen der ande"' 
geschlechtlichen Persönhchkeit hindert, kann sich nur zeitweilig öfine''" 
wenn triebgeborene Affekte eben nicht mehr trennen sondern 
bmden, und dadurch ein gefühlsmäßiges Wissen um den anderen 
entsteht, das heißt: in der Liebe. In ihr wirkt sich ja die seelische 
Repräsentanz des Naturtriebes aus, der eben nicht auf Differenzierung 
sondern Verschmelzung, das ist Einswerdung der Geschlechter, drän« 
— Es ist darum wohl richtig, daß die vergleichende Geschlechter' 
Psychologie, die wir besitzen, auch wenn sie vom Weibe aussagt mehr 
eine männliche Psychologie ist. Denn der Mann ist nicht nur der 
Herrscher unseres Kulturkreises, sondern auch im wesentlichen der 
Erforscher der weibHchen Psychologie. Diese Psychologie wird desto 
eher von unkontroUierbaren triebreaktiven Einflüssen beeinflußt sein 
als sie eine Experimentalpsychologie ist, die im wesendichen die 
Äußerungen des Bewußtseins registriert, ohne Einblick in das 
Unbewußte des Seelenlebens, das doch die eigenthche Heimat des 
Sexualtriebs ist. Es konnte daher nicht ausbleiben, daß diese Psycho 
logie auch eine Art Wertbegriff umfaßt. Besagt sie doch, daß die 
differentialpsychologischen Ergebnisse der Frau eine Sonderstellung in 
der Gesellschaft zuschreiben auf Grund ihres natürlichen Berufs der 
Mutterschaft, der notwendig mache, daß die führenden Berufe in 
der sozialen Gemeinschaft dem Mann überlassen werden müssen. 
Eme ganze Reihe von Eigenschaften werden als spezifisch weiblidi 
angesehen, weil sie ableitbar sind aus jener sinngemäßen Anlage der 
Frau: Zu empfangen und den empfangenen Keim mit Hingabe 
der ganzen Person in geduldiger Tragfähigkeit zur Entfaltung zu 
bringen; dies im Gegensatz zum Manne, dem eine spezifisch füh- 
rende, das wiU sagen aktiv zeugende, schöpferische Produk- 
tivität in der Kulturgemeinschaft zugeschrieben wird. Damit ver- j 



— 286 



J 



w 



ypft sich nach herrschendem Urteil die Neigung der Frau, sich 

terzuordnen, auch in intellektueller Beziehung sich eher dem Urteil 
• es anderen anzupassen, überhaupt auf Anforderungen der Realität 

ehr gefühlsmäßig-persönlich- subjektiv als verstandesgemäß-objektiv 
zu reagieren. 

Soviel mag vorläufig für eine vergleichende Betrachtung des männ- 
I'dien und weiblichen Geschlechtscharakters genügen. Auf Einzelheiten 
«rerde ich an späterer Stelle zurückkommen. 

Der skizzierte psychologische Tatbestand — natürlich nur im groben 
Durchschnitt gesehen — mag im allgemeinen nicht bestritten werden. 
Doch scheint mir ein Einwand recht beachtlich, ein Einwand, der 
namentlich von der Professorin Mathilde Vaerting erhoben wird, 
jaß die so als für die Frau typisch gekennzeichnete Mentalität typisch 
sei für jede Gesellschaftsschicht, die sich von einer anderen in Ab- 
hängigkeit befindet. Auch die Tatsache, daß es ein besonderer Zug 
des weibHchen Charakters sei, das männliche Geschlecht höher zu 
bewerten, sich in seiner eigenen Geschlechtsrolle nicht glücklich zu 
fühlen und aus dieser Art von „Minderwertigkeitsgefühl" heraus den 
Mann zu kopieren, ist nach ihrer Meinung nicht weibliche Mentalität, 
sondern die eines Dieners, der die Distanz zu seinem Herrscher aus- 
zugleichen bestrebt ist. Als Stütze dieser Anschauung wird ins 
Feld geführt, daß es keine sogenannte spezifisch weibliche Eigen- 
tümlichkeit gibt, die wir nicht ebenso spezifisch auch beim Manne 
finden. So z. B. die Neigung zur Heldenverehrung, die Neigung, sich 
zu unterwerfen, die Neigung zum Gehorsam einem erkorenen Führer 
gegenüber. Der „Ruf nach dem starken Mann" ist gerade bei dem 
für die Politik begabten Manne heute, wie die Gegenwart lehrt, nicht 
sdiwächer als bei der angeblich so unpolitischen Frau. 

Der Mann hat also die Frau mit ihrer Liebesfülle auf dem Thron 
der Mutterschaft, der doch längst nicht für alle erreichbar ist, isoliert 
und fordert dementsprechend für sie die monogame Liebe, d. h. die 
einmalige Bindung an ein einziges Liebesobjekt auf Lebenszeit. Er ist leicht 
geneigt, dort, wo die Frau an den Mann dieselben Ansprüche auf mono- 
game Bindung des Mannes stellt, wieder einen typisch weib- 
lichen Charakterzug zu erkennen, nämlich weibliche Eifersucht. — 
Außerhalb der Ehe möchte der Mann der Frau Liebe verwehren, 
gestützt auf die Berufung der Frau zur Mutterschaft. — Und doch hat 
im schroSen Gegensatz hierzu die kulturelle Sexualmoral den Typ der 
Dirne geschaff'en, die dem Manne für sein größeres Variations- 

— 287 - '9* 



bedurfnis zur Verfügung stehen soll, ohne ihr Recht auf Mutter. ,, 71 
anmelden zu dürfen. - Die Frage, die uns interessiert, ist die w 
entspricht hierbei wirklich der Anlage des Weibes, worin Heet^*' 
Mt, das mit ihm geboren" ist? Dabei bleibt noch immer zum SchS 
die Frage offen: Wie kam es denn überhaupt, daß irgendwann eint , 
im Anfang unserer Kultur, die Frau in die soziale Abhängigkeit 
Manne geraten konnte? Ist es wirkhch nur die physische xlh"" 
legenheit des Mannes, die ihn zum sozialen Herrscher machte? o7' 
spielt hier in das Kollektivschicksal der Frau etwas hinein, was's=e 
ihrem mdividueUen Liebesschicksal übernommen hat? Wir wissen 
daß die typische Sexualentwicklung des Weibes mit einer gewis.'''' 
Angst vor dem anderen Geschlecht anhebt und daß es troT 
zwangsläufig-passiver Abwehr im Manne gerade seinen Überwinder 
liebt, bollte die Frau in jener prähistorischen Vorzeit aus ihrer ind" 
vidu eilen Triebgebundenheit dem Mann seinen Sieg auch al^ 
Kollektivwesen zugeschoben haben? Dieser Sieg wurde 
treihch für sie sehr verhängnisvoll. Denn im individuellen Liebes 
sducksal hat die Frau noch in ihrer Unterwerfung eine gewaW 
Machtposition im Reich der Liebe, in dem der Mann weit öfter die 
dienende Rolle spielt als er weiß. Durch ihre soziale Unterordnung 
aber hat sich die Frau dieser Macht begeben; und so konnte der 
Mann, außerhalb des Bannkreises individueller weibhcher Trieb 
bedürfnisse, seinen Sexual-Egoismus der Frauenwelt gegenüber ganz 
allgemein entfalten. 

Wie sieht nun in der Praxis der Gegenwart die Theorie dieser 
differenzierenden Sexualpsychologie aus? - Wirtschaftliche Not 
hat langst den Mann gezwungen, die Frau auch im sozialen Leben an 
seme Seite zu rufen und ihr den Weg in eine Berufsarbeit zu eröffnen 
die nach herrschender Psychologie eigenthch nur männhcher Eigenart 
zuganghch war. Die proletarische Frau steht schon längst mitten im 
Produktionsprozeß der Gesellschaft und vollbringt, wenn sie daneben 
noch ihren Beruf als Mutter erfüllt, verghchen mit dem Mann, eme 
qualitative und quantitative Mehrleistung. Die gesamte Frauenwek der 
Gegenwart sehen wir heute auf ähnhdiem Wege. Nachdem ihr die 
Not des Krieges und der Nachkriegszeit die gleichen Pflichten wie dem 
Mann auferlegt hat, erweist sie sich immer mehr quaMfiziert für ehedem 
rem männhch erscheinende Berufe. Mit dem pohtischen Wahlrecht er- 
kämpft sich heute die Frau nicht nur das Recht des Mannes, sondern 
auch ihr eigenes Recht, d. h. das Recht auf den Mann, das Recht auf Liebe. 



— 288 — 



uj'xc stehen mitten in einer Zeit von Umwälzungen der ökonomischen 
Rpziehungen der Menschen zueinander und im Zusammenhang mit 
'hnen auch in einer Umlagerung der triebgegebenen Beziehungen zwi- 
schen Mann und Weib. 

Es ist nur eine Konsequenz dieser Zeit der Umwälzung und der 
dadurch bedingten Ratlosigkeit des einzelnen, daß allenthalben Institu- 
tionen wie auch Einzelpersönlichkeiten auf den Plan treten, die helfend 
gjngreifen, in diese Verwirrung Klarheit bringen wollen. Private Sexual- 
beratungsstellen, amtliche Eheberatungsstellen sind entstanden ; und kluge 
Kjänner schreiben Lehrbücher über die Ehe. Solche Hilfsversuche, wie 
beispielsweise der von van de Velde, müssen m. E. fehlgehen, 
wenn sie nicht die Möglichkeit haben, Triebphysiologie und Trieb- 
psychologie als eine Einheit ins Feld zu führen. Denn der Sexual- 
trieb bedeutet für den Menschen nicht nur die Brücke zum anderen 
Geschlecht, sondern die Brücke zur Umwelt überhaupt und vor allem 
im eigenen Ich die Brücke zwischen Leib und Seele. 

Der Irrtum in der landläufigen Geschlechterpsychologie scheint mir 

darauf zu beruhen, daß Sexualtrieb und Fortpflanzungstrieb als völlig 

Identisch miteinander betrachtet werden. Natürlich liegt mir fern zu 

estreiten, daß der naturgegebene Drang der Geschlechtervermischung 

nem dem Menschen innewohnenden, nicht dauernd bewußten Triebe 

ur Fortpflanzung entspricht. Die Tatsache, daß Mann und Weib ein- 

nder bedürfen. Hegt wohl aUerletzten Endes in dem uns allen inne- 

»rohnenden Drang begründet, mit Hilfe des anderen Geschlechts uns 

dem schwer erträglichen Gesetz der Endlichkeit aUes Irdischen zu ent- 

Iziehen. Die beseelende Kraft der sexuellen Vermählung basiert sicher 

jauch auf der Tatsache, daß wir durch sie, durch Zeugen und Gebären, 

[über die Grenzen unserer individuellen Person hinaus ins Unendliche 

■wirken. — Insofern mag Schopenhauer recht haben, wenn er in 

Iseiner „Metaphysik der Geschlechtsliebe" Wollust definiert als die 

ILust, über seine eigene Existenz hinaus die Existenz der Gattung zu 

rollen. Keinesfalls aber ist dieser Gesichtspunkt der maßgebhche, 

venn wir die Vielfältigkeit erotischer Problematik speziell in ihrer 

[Wechselwirkung mit der zivilisatorischen Struktur der GeseUschaft ver- 

[stehen wollen. — Hat uns doch die Freudsche Psychoanalyse frühzeitig 

lärüber belehrt, daß die anscheinend sinnlose Verschwendung, die die 

fNatur mit den Keimzellen ihrer Geschöpfe treibt — deren sie so sehr 

[viel mehr produziert und ausschüttet, als sie zur Entfaltung bringen 

[kann — beim Menschen gerade den tieferen Sinn seiner eigentlichen 

— 289 — 



Menschwerdung umschließt. Der menschliche Sexualtrieb nämlich 
das Individuum während seiner ganzen Lebenszeit begleitet ' -^l 
nicht analog der tierischen Brunstzeit durch Pausen unterbrochen^p 
erwacht schon im Kinde, und das Übermaß an erotischer Kraft "^ 
diesem Sexualtrieb entstammend, das nicht zur Objektbindung benöt""" 
wird, das dem Ziele der Fortpflanzung nicht dient, — diese Kraft bUd^ 
in der menschlichen Seele ein Staubecken, aus dem in desexualisiert ^^ 
Liebesstrebungen sowohl die Einzelpsydie wie die Kollektivpsyche eb "^ 
Kulturgemeinsamkeit sich aufbaut. In Variation eines Wortes v^"^ 
Nietzsche darf ich sagen: Dort, wo für den Menschen mit seinem Trieb 
zum anderen Geschlecht das Ziel der Fortpflanzung entfällt, pflanz 
er sich nicht fort, sondern sein eigenes Selbst hinauf. Die allge- 
meine Anschauung ist aber immer noch in dem Irrtum befangen, daß 
der Sexualtrieb nur da bestehen dürfte, wo auch die Möglichkeit der 
Fortpflanzung gegeben ist. Die hieraus sich ergebenden Gebote und 
Verbote, die namentlich das weibliche Geschlecht betrefien, sind aber 
sicherlich erst die Ursache für die Prägung eines wesentlichen Teils 
der sogen.] weiblichen Eigenart, die nicht seiner naturgemäßen Anlage 
entspricht. 

Wir verlangen vom Kind, daß es noch nichts von der Sexualität 
weiß und erst das andere Geschlecht entdeckt, wenn es in der Puber- 
tätszeit aus seinem nicht mehr zu verleugnenden Sehnen es zwangs- 
läufig sudit. Der Frau besonders soll auch trotz physiologischer und 
allgemein menschlicher Reife nach Möglichkeit diese kindliche Unwissen- 
heit bis zum Zeitpunkt der Eheschließung erhalten bleiben und nur 
innerhalb dieser soll sie ihren Sexualtrieb erstmalig frei entfalten dürfen. 
— Professor Freud hat schon in einer frühen Arbeit „Die Nervosität 
und die kulturelle Sexualmoral" nachgewiesen, wie gerade diese Haltung 
der Gesellschaft schuld ist an der zwangsläufigen Verkümmerung der 
weiblichen Persönlichkeit, nicht nur in ihrer Liebesfähigkeit, sondern 
auch in ihrer geistigen Entwicklung. Die Reichweite des geistigen Hori- 
zontes eines Menschen, Art und Grad seiner Denkfähigkeit, stehen in 
gesetzmäßiger Abhängigkeit zu seiner Liebesfähigkeit. Die Interessen 
des Menschen sind sublimierte Liebesempfindungen. Es ist darum ver- 
ständlich, daß das Weib häufig diese Sublimierungen nicht aufbringt, 
weil die Gesellschaft sie im ganzen an einer entsprechenden Erfüllung 
ihres Sexualstrebens hindert. Der weibliche Charakterzug, von dem ich 
eingangs sprach, der Drang, mehr gefühlsmäßig-subjektiv, statt ver- 
standesmäßig-objektiv zu reagieren, scheint mir demnach keine Natur- 

— 290 — 



■. «1 ii.il»i(«^i|i^ « u,-. 



I 

Htlage sondern die Konsequenz jener erotischen Begrenzungspolitik. 
*7 ist darum begreiflich, daß die Frau viel mehr genötigt ist, ihr direktes, 
Tlublimiertes Sexualstreben in menschlich-soziale Beziehungen hinein- 
tragen als der Mann. Denn eine Kulturepoche, die das Weib mit der 
Paradoxie belastet, ihre Interessen auf die Mutterschaft konzentrieren 
sollen, von den Sexualgefühlen aber, die an diese Mutterschaft ge- 
^den sind, in wichtigen Abschnitten ihres Lebens nichts wissen zu 
dürfen, ja sie sogar zeitweilig mißachten zu sollen, eine solche Kultur- 
podie muß weibliche Persönlichkeiten zeitigen, die ihrer selbst nicht 
bewußt werden, ein mangelndes Selbstbewußtsein entwickeln, auf der 
Stufe seelischer Kindlichkeit verharren oder auch mit ihrem bewußten 
Ich in Abhängigkeit von den Strebungen des Unbewußten, dem Wurzel- 
gebiet der Triebe geraten. Das gibt die Grundlage für jene Krank- 
heit, die noch bis vor kurzem als typisch weiblich galt, die Hysterie. 
Es ist kein Zufall, daß unter dem Zwang realer ökonomischer Not- 
wendigkeiten, die der Frau unter ihren wachsenden Verpflichtungen 
in erhöhtes Recht auf Liebe schafi'en, die Hysterie als typische Frauen- 
ucrankheit aUmählich verschwindet. Auch der von Möbius entdeckte 
^physiologische Schwachsinn" des Weibes ist, wenn er überhaupt exi- 
Edert hat, mehr ein Pseudoschwachsinn. Er ist der Ausdruck einer viel- 
Ifadi beim Weibe beobachteten, aus seiner Afi'ektivität stammenden 
Hemmung des Denkvermögens. Dieses Denkvermögen wird für jeden 
Menschen in seiner Entwicklung bedroht wie in seiner Verfeinerung 
gestört, wenn schon frühzeitig, von frühester Kindheit an, ihm das 
I Denken über sein wichtigstes Problem verwehrt wird, das ist die Frage: 
^Was ist zwischen den Geschlechtern? Was scheidet den Knaben von 
dem Mädchen? Welches Geheimnis umhüllt den Zeugungsakt? Und 
; warum darf ich nichts wissen von meiner eigenen Geburt? — Und 
wenn die Frau im allgemeinen weniger Neigung und Eignung zu ab- 
strakten Gedankengängen hat und eher geneigt ist, die urteilsmäßige 
Bewältigung realer Problematik dem andern, dem Manne zu überlassen, 
sidi ihm gefühlsmäßig unterzuordnen, so ist auch das eine Konsequenz 
des Tatbestands, durch den die weibliche Persönlichkeit in ihrer Ent- 
wicklung gehemmt wurde im bewußten Urteil, sich vor allem mit ihren 
eigenen Triebkräften auseinanderzusetzen. Das wesentlichste also an 
dem, was als typisch weiblich angesehen wird, erscheint nunmehr als 
Ausdruck einer seehschen Kindlichkeit, d. h. einer Entwicklungshem- 
mung, den wir genau so beim Manne antrefien, nämlich da, wo seine 
Persönlichkeit einem unentwickelten oder kindhchen Habitus entsprich-J 

— 291 — 



Das ist vor aUem dort der Fall, wo der Mann in seiner Individn.r - 
aufgehoben, ein Bestandteil der Masse wird. In ihr ist er o- ' 

horsam, in ihr ruft er nach dem Stärkeren, der führen soll l f" 
Masse gibt er seine vernunftgemäße Kritik auf und folgt, wie w" 
gern sagen, „bedingungslos" dem erwählten Führer. Die Kollektiv "^ ^° 
der Masse entspricht also der Mentalität eines Kindes. Denn eiuA 
Ursachen für das Streben zur Massenbildung ist der Wunsch des^ • 
zelnen, persönlicher Verantwortung und persönlicher Schuld enthnk"" 
zu sem. In der Masse wird auch der Mann zum Kinde, der sich , ?° 
Verantwortung entledigt und dafür den Führer mit allen KonseauJn 
belastet. 4«cnzen 

Die Tatsache, daß hier schon die Charaktere der beiden Geschle I, 
memander übergehen, daß wir das typisch weibliche Charakteristir"" 
passiver Hingabe auch in der Männerpsychologie finden, leitet uns zu^ 
Erwähnung emes Tatbestandes über, den ich auch hätte vorwemehn. 
können : das ist die doppelgeschlechtliche, bisexuelle Anlage des MensdTe'" 
Wie im Mutterleib eine weibliche und eine männliche Keimzelle sS 
vermählen, so entwickelt sich in der heranreifenden menschlichen VruZ 
zunächst eme weibliche und eine männliche körperliche Anlage Und 
erst von einem gewissen Zeitpunkt ab wird die Entwidclung des' einen 
Geschlechts unter der Übermacht des sich entwickelnden anderen T 
hemmt. Es ringen also im Menschen schon von Anbeginn an mann" 
Iidie und weibliche Keimkräfte, den Eltern entstammend, um den Vor' 
rang und um die schließliche Ausgestaltung der Person. Dieser Ent 
wicklungsgang aus der Bisexualität heraus hat zur Folge, daß der reme' 
Typ Mann oder der reine Typ Weib überhaupt verhältnismäßig sehen 
ist und wir m den meisten Menschen sowohl physisch wie psychisdi 
eine Mischung aus männlich-aktiven und weiblich-passiven Eigenschaften 
erkennen. Die Anziehungskraft der Geschlechter scheint mir daher so 
paradox es klmgen mag, auch in dem latenten Wunsch zu bestehen 
nach dem z. B. die weibliche Komponente im Mann ihre Ergänzung 
durch die mannKche Komponente im Weibe sucht. Mit dem Fort 
Pflanzungswunsch scheint im Menschen eine geheime Sehnsucht ver- 
bunden zusein, im Liebesakt wieder zu einer Einheit zu verschmelzen, 
wie sie emmal in der Vereinigung von mütterlicher und väteriicher 
iveimzeile gegeben war. 

Welche Schicksale nun das seelische Sexualstreben hat, das sich über 
so komplizierten biologischen Tatbeständen aufbaut, wie dieLiebes- 
fahigkeit sich im einzelnen weiblichen oder männlichen Menschen von 



— 292 — 



dheit an entwickelt, bis sie in so mannigfache Wechselwirkung zur 
'zietät der Kultur tritt, darüber wird uns der nächste Vortrag auf 
ind der Tiefenpsychologie der Freudsdien Analyse etwas Näheres 
ichten. ^ 

IL 
meinem vorigen Vortrag „Zur Psychologie der Geschlechter" 
ich zu dem Ergebnis, daß die weibliche Psyche sich wohl spezi- 
;(j, von der des Mannes unterscheidet. Doch neigte ich zu der 
„sieht, daß ein gewisser Teil dieser Andersgeartetheit des Weibes, 
amentUch in intellektueller Hinsicht, keiner angeborenen Anlage ent- 
spricht, sondern Folge einer Entwicklungsbeschränkung ist, in Reaktion 
auf das Abhängigkeitsverhältnis innerhalb der vom Manne beherrschten 
«Seilschaft. Zum Schluß blieb die Frage offen, welche psychologischen 
Tatbestände im ganzen es wohl ermöglicht haben, die Frau in ihrer 
gesellschaftlichen Stellung überhaupt in solche Abhängigkeit vom 
Manne geraten zu lassen. — Der Klärung dieses Fragenkomplexes 
dürfte wohl eine eingehende historische Untersuchung über die An- 
änge unserer Kulturentwicklung dienen. Für meinen heutigen Vortrag 
(ber würde eine solche kulturhistorische Forschung nicht nur die zur 
erfügung stehende Zeit, sondern auch meine Kompetenz überschreiten. 
Ganz abgesehen davon, daß bei den hier notwendigen Untersuchungen 
prähistorischer Entwicklungsabläufe der Forscher vielfach auf Hypo- 
thesen an Stelle von Erfahrungsmaterial angewiesen ist. 

Meine Aufgabe kann es nur sein, an Hand einer nicht generellen, 
londern individuellen, psychologischen Untersuchung der Geschlechter- 
entwicklung die Entstehungsgeschichte jenes Tatbestandes zu beleuchten. 
Ein solcher Versuch hat besonders deshalb Anspruch auf Folgerichtig- 
keit, weil ich ihn gestützt auf die Forschungsmethode Sigmund Freuds 
unternehme. Das ist die Psychoanalyse, die uns einen objektiven 
Einblick in jenes System der menschlichen Seelentätigkeit gestattet, das 
jenseits des Bewußtseins — als Unbewußtes, häufig auch als Unter- 
bewußtsein bezeichnet — das Quellgebiet der Triebe umfaßt und 
gerade in lückenlosem Zusammenhang die Entwicklungsniederschläge 

Ider PersönUchkeit von ihren ersten Anfängen in der Kindheit beher- 
bergt. Diese infantilen Entwicklungsniederschläge im Unbewußt-Seeli- 
sdien umschHeßen aber gleichzeitig einen Kern, der gebildet wird aus 
Reaktionsweisen, die über das Einzelwesen hinaus der Entwicklung der 
menschlichen Gattung, d. h. ihren prähistorischen Uranfängen primi- 
tiver Wildheit, entstammen. 



— 293 



Für unsere Zwecke müssen wir allerdings den größten Teil der 
sich sehr interessanten und außerordentlich wichtigen Forschungserp-eK 
nisse der Psychoanalyse außer Betracht lassen, um unser BlickfelH 
lediglich auf die psychosexuelle Entwicklung des Individuums einz 
engen. 

Ich erwähnte schon im vorigen Vortrag, daß Freud einen wesem 
liehen Irrtum der bisherigen Sexualpsychologie dahin berichtigt hat 
daß Sexualtrieb und Fortpflanzungstrieb nicht ohne weiteres identisch 
seien. Verdanken wir ihm doch den Nachweis, daß Liebesfähigkeit 
und Liebesbedürftigkeit nicht erst zur Zeit der Keimdrüsenreife de 
Fortpflanzungsorgane, d. h. in der Pubertätszeit, entstehen, sondern daß 
diese Pubertät nur eine besondere Phase des Sexualtriebes darstellt 
der in Wirklichkeit in naturgesetzmäßiger Stufenfolge sich allmählich 
schon von den ersten Tagen der Kindheit ab entwickelt. — Lassen 
sie mich hier einschalten, daß Freud als das die Entwicklung- 
beherrschende Prinzip das „Lustprinzip" entdeckte, nach dem das 
Sexualstreben des Kindes noch allgemeiner als beim Erwachsenen den 
Drang umfaßt, aus allen Beziehungen zur Umwelt möglichst Lust zu 
gewinnen und Unlust zu vermeiden. 

Die Tatsache aber, daß in der Ausbildung des infantilen seelisdien 
Apparats sich dieses „Lustprinzip" unter dem Zwange der Erzie- 
hung zur Wirklichkeit in das „Realitätsprinzip" unter bestimmten 
Bedingungen umformt, wodurch dem Individuum Lustverzicht und 
Anpassung an die enttäuschende Umwelt ermöglicht wird, ist von 
größter Bedeutung auch für die sexualdifferente Ausgestaltung des 
männlichen und weiblichen Typs überhaupt. Gilt doch, wie ich im 
ersten Vortrag erwähnte, die These, daß der weibliche Charakter mit 
seiner mehr affektiven Reaktionsweise weniger der Realität an- 
gepaßt sei als der des Mannes, weil in ihm, um Freuds Formulierung 
zu gebrauchen, noch das mehr kindlich geartete Lustprinzip dominiert. 
Wir ahnen bereits hier Zusammenhänge, die darauf hindeuten, daß 
die spezieUen Versagungen, die das erwachsene Weib in der vom 
Mann beherrschten Kultur, d. h. in ihrer Realität erleidet, geeignet 
sind, besondere Ansprüche an Lust aus der Kinderzeit zu verewigen 
bzw. wieder zu mobilisieren. Das will bedeuten, daß die Propordon 
zwischen Realitätsprinzip und Lustprinzip in der männlichen und weib- 
lichen Psyche spezifisch verschieden sein kann — je nach geschlechts- 
spezifischen Glücksmöglichkeiten oder entsprechenden Versagungen im 
Bereich des äußeren Erlebens, das sich in Beziehung setzt zu inner- 

— 294 — 



.lischen, dispositionellen, d. h. in der Kindheit gewonnenen Reaktions- 
f* tschaften - Unser Verständnis für diese Bedingtheiten der sexueU- 
S renten Persönlichkeitsstruktur in ihrem Veihältnis zwisAen Ge- 
Iwart und Vergangenheit, zwischen Vernunft und Tnebleben. 
Sil Mann und Frau, ja zwischen dem Ich und Du überhaupt, 
Trd ermöghcht, wenn wir zunächst noch unseren Bhck auf das psycho- 
lalvtisch erkannte Entwicklungsprinzip im ganzen richten. 

Lustgefühle sind es, um derentwillen das neugeborene mensdihche 
riewesen den so entsagungsschweren Entwicklungsgang beschreitet 
S innehält, den Entwicklungsgang, der vom vegetativen Dasein des 
qLlings. von primitiven kannibahstischen Instinkten von der Liebe 
ridisebst zur Liebe zum anderen Geschlecht, zur Liebe zur Umwelt 
iTaupt, d. h. schließlich zum ethischen Kulturmenschen fuhrt. Die 
ülelle aller Lust und damit aller Objektbeziehungen ist für leden 
Menschen die Mutter. Durch ihre Betreuung, durch das Stillen wie 
Ich die ReinHchkeitsprozeduren, erlebt das Kind Lustsensationen, die 
frrgleidizeitig der Erhaltung des Lebens selber dienen. Die Tatsad.e, 
daß dlse primitivste frühkindliche Lust als Prototyp jeglicher Liebes- 
todung noch aufs innigste mit dem Selbsterhaltungstrieb ver- 
uSft ist. hat zur Folge, daß auch späterhin ein Kmd, das sich von 
tliebe seiner Mutter, ja von Liebe überhaupt verlassen fuhh sich 
Teinen Zustand von Todesangst versetzt sieht. - Diese fruhkindlidie 
Abhängigkeit von der Liebe wird von manchen Menschen nie über- 
wanden Wir finden sie noch wirksam auf dem Grunde der Seele 
lamentlidi bei Frauen und vor allem bei jenen Menschen, die glauben 
Tben oder sich das Leben nehmen zu müssen, wenn der Liebes- 
; tner .u lieben aufgehört hat. - Das Kind bleibt immer abhangig 
von der Liebe, vor aUem der Liebe seiner Erzieher. In ihr findet 
es ja den Ersatz für die Einbuße autoerotischer Lustmog- 
lichkeiten, die es unter dem Zwang realitätsgerechter Erziehung auf- 
^geben gezwungen ist. Die Liebe des andern ist also gleidisam die 
reeliTche Lustprämie für die Aufgabe der alleinigen Liebe zum 

ktn'fcet'Entwicklungsphase vom Ich zum Du gerät das Kind unge 
fähr um das zweite Lebensjahr in einen besonderen naturgegebenen 
Seelischen Konflikt. Denn auf dieser Stufe setzt Jereitseme sexue le 
Differenzierung des kindlichen Liebesstrebens em. Der Knabe 
Lngt mit seiner ganzen Liebesfülle speziell der Mutter zu dieToci^er 
[dem Vater, und beide empfinden den gleichgeschlechüichen Elternted 

— 295 — 



als störenden Konkurrenten. Freud benennt, wie die meisten vo R 
wissen dürften, diese Gefühlskonstellation denOedipuskom j ^^"^ 
nach jenem sagenhaften Oedipus, der im Drama des Sophokle^^'r 
tragische Schicksal erleidet, aus Unkenntnis der Mörder seines V 
und der Gatte seiner Mutter zu werden. — Das Kind lernt also i -^^ 
sam die Fähigkeit zu lieben wie alle anderen Fähigkeiten 1' 
an seinen Eltern. Gleichzeitig aber muß es, wie wir sehen in so 
Alter auch an den Eltern die Fähigkeit des Liebesverz^T"* 
erlernen. Denn das aussdiließliche Verlangen des Knaben nach "5*' 
Mutter, des Mädchens nach dem Vater muß scheitern, wenn ein' 
maßen normale Erziehungsverhältnisse vorliegen. Der Verzicht hi'T" 
geht allerdings mit einem schweren inneren Konflikt in der kindHd, ' 
Seele einher, der in seiner Überwindung normalerweise denAusean^" 
punkt für den Aufbau ethischer Kräfte bedingt. ^*"" 

Noch aus seiner primitivsten kannibalistischen Veranlagung her 
stehen nämlich im Kinde Beseitigungs- ja Todeswünsche gegen d7 
als lastig empfundenen gleidigeschlechtlichen Nebenbuhler, beispielswei,^ 
Todeswunsche des Sohnes gegen den Vater, wie sie ja der OediDa 
im Mythos wirklich realisiert. Die normale Bewältigung des Oedinns. 
komplexes besteht bei beiden Geschlechtern schließlich darin daß die 
Liebe auch zum gleichgeschlechtlichen Elternteil über die Mo'rdimpulse 
siegt und der Sohn sich mit seinem Vater, die Tochter sich mit der 
Mutter identifiziert, was bei letzterer, wie wir noch sehen werden «nz 
besondere Schwierigkeiten hat. Die Unlust des Verzichts auf ein 
Liebesobjekt wird gleichsam ersetzt durch die Lust, sich diesen Genuß 
selbst verbieten zu können. Vater und Mutter werden in ihrer Wir- 
kungsweise verinnerlicht, ins eigene Ich aufgenommen und verkörpern 
danach die seelische Repräsentanz der Selbstbeherrschung 
der Wirkhchkeitsbeachtung, des sich entfaltenden Gewissens 
Die äußere Stimme, die einst in der Kinderstube gebot, ist zur inneren 
btimme geworden, die unsere Beziehung zur Umwelt, aber auch spe- 
ziell zum anderen Geschlecht das ganze Leben hindurch lenkt - Te 
nach den Phasen des Oedipuskomplexes, je nadi den aus ihm 
noch wirksamen unbewußten Wünschen und je nadi den diesen 
Wünschen entgegenstehenden unbewußten Verboten - noch von Vater 
oder Mutter herstammend _ kann sich, unter dem Zwange des Ge- 
setzes der unbewußten „Übertragung" ursprünglich kindlicher Liebes- 
anspruche auf das gegenwärtige Leben, das Libidoschicksal des erwach- 
senen Menschen gestalten. _ Es gibt Menschen, denen aus so gewor- 



— 296 



igner innerer Hemmung, d.h. des Selbst- Verbots, überhaupt der 
fAfeg zum anderen Geschlecht ganz verschlossen bleibt, weil eben nur 
j'e Verbotstimme wirksam ist. — Es gibt aber auch Menschen, 
,. jjjj. späteres Liebesschicksal immer wieder zwangsläufig nach dem 
Vorbild ihres mißglückten Liebesschicksals in der Kindheit bilden. Sie 
mielen im Leben immer nach einer FormuHerung Freuds den „geschä- 
*gten Dritten", lieben immer einen Partner, der schon irgendwie ge- 
bunden ist und deswegen keine Erfüllung bieten kann. Sie bleiben im 
Leben ewig das Kind, das mit seiner Liebesfülle immer wieder abge- 
lesen wird, weil der oder die Geliebte bereits — wie Vater oder 
»jjjtter — im Lieben mit einem anderen geeint ist. Der Mann, der 
jo an die Mutter unbewußt fixiert gebheben ist, wird diese unbewußt 
in seiner Frau suchen; er wird sich dann beispielsweise nur in sehr 
viel ältere Frauen verheben können. — Die Folge aber der Tatsache, 
daß Eheleute unbewußt im Partner Vater oder Mutter wiederfinden 
wollen, bedeutet immer eine Gefährdung der Ehe. Denn die 
Partner erleiden dadurch Hemmungen in ihrer wirkHchen gegenseitigen 
sexuellen Anziehung. — Häufig kommt es aus derselben Ursache zu 
einer ausgesprochenen Gespaltenheit des sexuellen Empfindens 
überhaupt. Das bedeutet, daß der Mensch da nicht begehren darf, 
WO er liebt und da nicht lieben darf, wo er begehrt. — Es können 
aber nicht nur Hemmungen, sondern auch scheinbare Über- 
steigerungen des Sexualempfindens auf Grund derselben seeli- 
sAen Konstellation zustande kommen. So kann ein Mann deswegen 
liebesobjekt auf Liebesobjekt wechseln, weil er unbewußt in jeder 
Frau die eigene Mutter sucht und doch keine seinem unbewußten 
kindUchen Ideal gleichkommt. Es ist darum nicht eine „typisch männ- 
Udie" polygame Triebanlage, die den Don Juan unbe- 
friedigt von einer Frau zur anderen treibt, sondern ein unstillbares 
weil infantiles Sexualstreben, das in der Gegenwart einem imaginären 
liebesobjekt nachjagt, das längst vergessener Vergangenheit angehört. 
Die hier nur in Umrissen skizzierte „Frühblüte" der kindhchen Sexu- 
alität — gleichsam die Vorstufe der späteren Pubertät — erfährt eine 
besondere Komplikation dadurch, daß in diese Zeit die Entdeckung der 
tatsächhchen Geschlechtsunterschiede bei Geschwistern und Gespielen 
ßllt. Der jetzt normalerweise sich entwickelnde Hang des Kindes zur 
Sexualforschung: was ist eigenthch das „andere" Geschlecht? — stößt 
unter der Herrschaft unserer kulturellen Sexualmoral auf völhge Ab- 
lehnung seitens des Erziehers. Das Kind wird dadurch ganz auf seine 

— 297 — 



Phantasiewelt über die Geheimnisse des „Verbotenen" angewiesen 
entwickelt mangels der Kontrolle der Erwachsenen angst- und schred 
volle Theorien über die ihm unerklärlichen Sehnsüchte seines Herze 
Hierin hegt die Ursache für die Komplikationen der eigenthchen Pub"'" 
tat. — Dieser Zeit nämhch, die bestimmt ist, unter dem Antrieb d' 
physiologischen Keimreife dem Individuum seine geschlechtsspezifisd!"^ 
Orientierung zu schaffen, fehlt die genügende seelische Vorbereitun^ 
während der Kindheit. Das kleine Mädchen fühlt sich dem Knabe^ 
gegenüber jetzt benachteiligt, besonders weil Ansprüche und Erziehung" 
maximen der Erwachsenen in ihm den Glauben entstehen Heßen, dk 
anders aussehenden Kinder, d. h. die Knaben, seien bevorrechtigt und 
willkommener. Das Mädchen darf ja vieles nicht, was der Knabe darf 
Auch werden Kinderschwächen, wie unbeherrschte Gefühlsausbrüche' 
Kindertränen und ähnhches meist als spezifisch mädchenhafte Schwäche 
bei Knaben gerügt. Ein Teil jener AfiFektivität also, die im späteren 
Berufsleben als eine „Schwäche der Frau" gilt, wird gleichsam beim 
Kinde bereits gezüchtet. 

Die skizzierte Konstellation, wobei ich viele und wesenthche Um- 
stände in meinem heutigen Vortrag außer acht lassen muß, erzeugt 
in jedem weiblichen Kuid bereits eine mehr oder weniger lang an- 
dauernde, mehr oder weniger auffällige Phase des Versuchs, schon hier 
die Geschlechtsrolle des Weibes zu verleugnen. Jedes Mädchen erlebt 
gewissermaßen seine Jungensperiode. — Der doppelte Verzicht aber, 
der dem weibHdien Kinde auferlegt ist, der Verzicht sowohl auf die 
Erfüllung des Wunsches, den Vater als Liebesobjekt für sich besitzen 
zu können, wie der Verzicht auf die Ersatz be friedigung, selbst 
ein Junge, d. h. auch so wie der Vater sein zu können, wü-d ihm 
letzthch ermöghcht durch ein auch bereits in so früher Zeit auf- 
keimendes Wunschstreben :esistderWunschnachdemeigenen 
Kinde. Normalerweise spielt sich um jene Zeit das kleine Mädchen 
in seine Mutterrolle hinein, d. h. es spielt mit Puppen oder betrachtet 
seine jüngeren Geschwister als seine Kinder. Der ursprüngliche Wunsch, 
daß der Vater auch der Vater dieser Puppenkinder sei, kann zu 
Gunsten der Mutterphantasie aufgegeben werden, was sich später in 
der Psyche jener Frauen widerspiegelt, die das Interesse am Mann 
verlieren, wenn sie Kinder von ihm haben. Der „Schrei nach dem 
Kinde", den unser Zeitalter vor noch nicht allzu langer Zeit sehr ein- 
dringlich vernahm — der einen Verzicht auf den Mann als Gatten 
beinhaltete — wird nur aus der Seelenökonomie des Weibes ver- 



— 298 



"ndlich, das — an der realen Außenwelt enttäuscht — mit der 
PTijg zu dem noch ungeborenen bzw. neugeborenen Säugling ein 
Stück seines eigenen Selbst zu lieben vermag. Ist doch das Kind zu- 
"chst nur ein Teil der mütterlichen Person, die es neun Monate bei 
. . beherbergt. Und mit der Liebe zu ihm findet das Weib vorüber- 
ehend auch den Rückweg zu der anfangs erwähnten frühkindlichen 
Liebe zum eigenen Ich. Die Liebe zum Du hat sich gleichsam auf 
Acta Umwege zur Mutterschaft in die Liebe zum Ich zurückverwandelt. 
Mit der Mutterschaft wird eine solche Frau wieder zum selbstgenüg- 
samen, sich selbst genießenden Kinde. Dazu gehört u. a. jener Nora- 
Typ des Weibes, das inmitten der von ihm geborenen Kinder wie 
in einem „Puppenheim", d. h. unter den Puppen seiner eigenen 
Kinderzeit lebt. 

Die Psychoanalyse macht es nach alldem begreiflich, daß in Zeiten, 
wo Liebe und Mutterschaft der Frau aus äußeren materiellen Gründen 
besonders verwehrt sind, das Weibtum auch als Kollektivum in realer 
Gegenwart Ansprüche anmeldet, deren Wunschgehalt jener vergangenen, 
vergessenen Epoche der Kindheit entsammt. Dahin gehört z. B. der 
Wunsch der Frau des selber MannseinwoUens dann, wenn 
sie als Geschlechtswesen real nicht zu ihrem natürlichen Recht kommt. 
Hier liegen die geheimnisvollen Ursachen für Erscheinungen, die wir 
ja in unserer Zeitepoche noch beobachten konnten. So die typische 
Frauenrechtlerin. Sie war in der ersten Zeit der Frauenemanzipation 
eine Persönlichkeit, die, als Exponent der durch die herrschende 
männliche Kulturmoral um ihr Weibtum betrogenen Frau, nicht das 
Recht der Frau erkämpfte, sondern das Recht, die Geschlechtsrolle 
wechseln und Mann sein zu dürfen. Ihr damals typischer Habitus war 
eine möglichste Verleugnung aller weiblichen Reize — auch in der 
Kleidung, die sich, wie etwa durch den Stehkragen, der Männer- 
kleidung anzupassen suchte. Hier liegt auch die kollektivpsychologische 
Erklärung für das Phänomen des Bubikopfes, besonders für seine 
spezielle Spielart, den „Herrenschnitt". — Als durch den Weltkrieg 
nämlich das männliche Geschlecht noch eine ganz besondere Wertung 
empfing, ein großer Frauenüberschuß entstand, die Aussicht auf Liebes- 
glück und Mutterschaft zusammen mit der realen Not sich weitgehend 
verringerte, wurde gleichsam im kollektiven Unbewußten der Frau 
der noch wirksame Wunsch aus der Kindheit remobilisiert, den auf- 
erlegten Verzicht durch das „selber Mann sein wollen" auszugleichen. 
Aus meinen, im Rahmen dieses Vortrags nur andeutungsweise unter- 

— 299 — 



ver- 

ie 



nommenen psychoanalytischen Betrachtungen, haben Sie, meine 
ehrten Hörerinnen und Hörer, so hoffe ich, entnommen, daß ^d' 
sexual-differenzierte Entwicklung der weiblichen bzw. männlichen P ' 
sönlichkeit über ihre biologischen Gegebenheiten hinaus sehr wese^^^" 
lieh von Umweltseinflüssen bestimmt wird. Anscheinend geschieh"*" 
spezifische Eigenarten ließen sich zurückführen auf Folgezustände vo^" 
Reaktionsweisen auf Außen welts versagungen, wodurch °" 
Wechselwirkung mit einer unbewußten seelischen Innen wel'" 
an sich unspezifische Triebqualitäten einer vergangenen Kindersexualit"' 
wachgerufen wurden. ^* 

Die spezielle Rolle, die wir die Frau in der Gesellschaft spielen 
sahen, mit dem Wechsel ihrer Neigung bald zu kindlicher Unter" 
werfung unter die Herrschaft des Mannes, bald die Rolle des Mannes 
selber zu übernehmen, wurde uns besonders verständlich aus ihrem 
speziellen individuellen Triebschicksal in Verbindung mit ihrer wirt- 
schaftlichen Unterwerfung und Abhängigkeit vom Mann. Dadurdi 
schließlich, daß ihr die Liebe zum Mann überhaupt nur innerhalb der 
Ehe konzediert war, die identisch war mit materieller Versorgung 
wurde das Weib zwangsläufig in die psychische Ursituation des Klein- 
kinds zurückversetzt, in jene Zeit, da durch die Abhängigkeit von der 
Lust und Nahrung spendenden Mutter Luststreben, d. h. Sexualität, 
und Selbsterhaltungstrieb auf innigste miteinander gemischt waren. 

In denUranfängen unser er Kultur mag demnach die erwachsene 
Frau gleichmütig dem Manne die Führerrolle in der Gemeinschaft 
überantwortet haben, da sie damals in sich befriedigt noch ein 
begehrtes Liebesobjekt und gleichzeitig in dem Trieb zur Mutter- 
schaft nicht beschränkt gewesen sein mag. Daß sie in weiterer 
Kulturentwicklung dem Manne diese Herrschaft aber belassen hat, 
mag individuell-psychologisch darin begründet sein, daß sie eigent- 
lich in ihrem Leben nie ganz davon loskommt, dem Mann auch die 
Rolle des eigenen Vaters oder auch, wie gezeigt, der eigenen Mutter 
zu übertragen. — Die Tatsache nun, daß der Mann in unserem 
Kullurkreis gleichsam die Doppelfunktion des Herrschers und Ernährers 
ausübte, hat rückwirkend zur Folge, daß in der weiblichen Natur jener 
Infantilismus gezüchtet bzw. konserviert wird, der fälschlich als zu 
ihrem Sexus gehörig betrachtet wurde. 

Es ist nachdem verständlidi, daß das, was man so allgemeinhin den 
„Kampf der Geschlechter" nennt, nicht nur der Ausdruck biologischer 
Differenzen ist, sondern daß darüber hinaus irrationelle Motivationen 



300 — 



Ijjjpjelen, d. h. unbewußte Strebungen, in denen Mann und Frau 
Ventlich um das Vorrecht des Erwachsenseins kämpfen. Der 
Mann möchte natürlich gar zu gern der Frau die Gleichberechtigung 
versagen, seine Herrschaftsansprüche über sie nicht aufgeben, besonders 
wenn sie i" ^^^ Form des „selbst Mann sein woUens" den Mann in 
jjg Rolle zu drängen sucht, die sie selbst bislang zu spielen gezwungen war. 
Nachdem aber heut in viel verstärkterem Maße als die eigentliche 
Frauenemanzipation die Not der Zeit die Frau ihrem seelischen 
jündheitsstadium entrissen hat, ihr mit den größeren sozialen Pflichten 
auch ein größeres erotisches Anrecht gibt, ist anzunehmen, daß auch 
das Irrationelle in der weiblichen Psyche, das sind letzten Endes 
Ersatzansprüche des infantilen Unbewußten, mehr und mehr 
zurücktreten werden. — Nachdem nämlich erst unsere Zeit anfängt, 
dem Weib das „Recht" zu geben, das „mit ihm geboren" wurde, 
j^ann es erst in Zukunft, von seinen Entwicklungsfesseln befreit, 
geinen wirklichen Typus erkennen lassen. — Wir sehen, daß die 
ökonomisch-sozialen Bedingungen, die in wechselseitiger Auswirkung 
auch die bisherige patriarchalische Struktur unserer Gesellschaft gezeitigt 
hatten, jetzt in ihren gegenwärtigen gewaltigen Umwälzungen wiederum 
die psychologischen triebgegebenen Beziehungen der Geschlechter zu- 
dnander wandeln. Eine Rückkehr zum Urzustand eines einseitigen 
weiblichen Matriarchats ist dabei nicht zu erwarten. Wohl aber ist 
eine Kompromißlösung wahrscheinlich. Das heißt unsere bisher männlich 
orientierte Kultur wird einen starken Zustrom aus weiblicher Geistesart 
erhalten und ihre Kraft in Zukunft aus dem desexualisierten, d. h. 
sozialen Zusammenwirken der Geschlechter, den Subli- 
mierungen ihrer Triebtendenzen, schöpfen. 

Die Mitberufung der Frau zur sozialen Führung ist demnach eine 
der wenigen Hoffnungen unserer Zeit. Durch sie ist zu erwarten, daß 
die mehr destruktiven Kräfte, die unter der Aktivität der vom Manne 
beherrschten Gesellschaft gerade in den letzten Jahrzehnten entfesselt 
sind, gebunden werden durch das konstruktive weibliche Element 
das seiner Natur nach mehr Interesse an der Reifung als an der Zer- 
störung von Lebenswerten hat. 



I Ollllllllllllllllllllllllllllll 



PiA Bewegung V 301 



i 



INaditrag zu meinem Bwdie 
.SigmiMid Freiad'^'^ (1928) 



Von 



Fritz Witteis (New^York) 



Im Jahre 1923 habe ich eine Biographie Freuds veröffentlicht, di 
1924 in englischer Übersetzung erschien*. Das Buch hat in wissen- 
schaftlichen Kreisen einige Beachtung gefunden und wird bis auf den 
heutigen Tag von Psychologen in ihren Vorlesungen und Veröffent- 
lichungen zitiert. Ich habe Grund zu fürchten, daß manche Psychen 
logen, die dem Gebiete der Psychoanalyse ferner stehen, fast ihre ge- 
samte Kenntnis dieses Faches meinem Buche entnehmen. Das ist mir 
nicht lieb; denn ich habe meine Meinung über Psychoanalyse und 
deren Begründer in den zehn Jahren, die seit dem Erscheinen des Buches 
verstrichen sind, in vielen Punkten geändert und will nicht Ge- 
währsmann sein für Irrtümer und Entstellungen, die ich als solche erkannt 
habe. 

Eine zweite umgearbeitete Auflage schien zunächst der einfachste 
Ausweg zu sein. Ich wurde wiederholt von amerikanischen Verlegern 
aufgefordert, das Buch verändert und ergänzt neu heraus zu bringen. 
Als ich aber das Buch in dieser Absicht durchnahm, erkannte ich, daß 
es für mich ein Ding der Unmöglichkeit ist, das Werk so umzuge- 
stalten, daß es meiner gegenwärtigen Stellung zu Freud und seiner 
Schule, der ich ja selber angehöre, entsprechenden Ausdruck gebe. Der 
Ton des Buches ist ein Musterbeispiel von Ambivalenz, und so damit 
durchsetzt, daß ich sie nicht ausmerzen kann. Stellen, in denen ich 
Freud hohe Verehrung zolle, wechseln ab mit anderen, die tief ver- 
letzend sind — nicht wissenschaftlich verletzend, was sich jeder Ge- 
lehrte gefallen lassen muß, sondern persönlich verletzend und das auf 
Grund von Informationen, die ich seither, teilweise am eigenen Leibe, 
als unrichtig erkannt habe. Das Buch ist so geschrieben, daß es 
jedem willkommen sein muß, der Rationalisierung für seine eigene 
ambivalente Einstellung zur Psychoanalyse sucht. Ich habe dem Wan- 

1) Sigmund Freud, Der Mann, die Lehre, die Schule — E. P. Tal & Co. 
Wien, 1923. 



302 — 



Ä 



j 1 meiner Einsicht seither in mehreren Büchern Ausdruck veriiehen. 
^- es meiner späteren Werke hat aber den Eindruck verwischen 
t" nen, den ich mit meiner Publikation von 1923 auf weite wissen- 
^aftliche Kreise hervorgebracht habe. 

* Tch hoffte und hatte emigen Grund dafür, daß die Publikation all- 
adi der Vergessenheit anheimfallen würde. Deshalb schwieg ich 
^ d hielt es für das Beste, nicht mehr auf das zurück zu kommen, was 
■ h für eine Art Jugendsünde hielt. Während aber der rein wissen- 
«iaftliche Teil meines Buches, soweit er noch heute Wahrheitswert 
hat und soweit er Irrtümer enthält, eine Berichtigung kaum mehr be- 

ötigt, sind es gerade persönliche Ausführungen des Buches, die zu 
meinem Verdruß immer wieder zum Vorschein kommen. 

Ich sage in meinem Buche, daß Freud eine übermäßig gute Meinung 
von sich habe, den Jehovakomplex, daß er ein Despot sei, der Ab- 
weichungen von sehiem System nicht dulde, daß er seine Schüler in 
hypnotische Abhängigkeit von sich bringe, seine Freunde von sich ab- 
stoße und das besonders, wenn sie bedeutende Köpfe seien. Er gebe 
Irrtümer, die als solche erkannt seien, fast niemals preis, sei nicht frei 
von Kryptomnesie und verfolge auch in seiner psychoanalytischen Po- 
litik nicht immer einwandfreie Wege. Diese abfälligen Worte — hier 
auf wenige Zeilen konzentriert — verteilen sich allerdings auf die Ger 
samtheit meines Buches, das ist auf 287 Seiten und sind immer wieder 
von ausgesprochener Heldenverehrung unterbrochen. Aber das mildert 
sie nicht. Im Gegenteil. Der Leser muß zu dem Schlüsse gelangen : 
Seht einen, der ihn so verehrt und gleichwohl . . . 

Schon der Brief, den Freud mir nach dem Erscheinen der deutschen 
Ausgabe schrieb und den ich in einem autorisierten Auszug der eng- 
lischen Ausgabe vorangesetzt habe, zeigt, daß der Gelehrte die be- 
leidigenden Stellen in dem Buche mit erstaunlicher Unberührtheit kaum 
bemerkte und an diese Biographie, von der er vor ihrem Erscheinen 
nichts wußte, mit einer Objektivität herantrat, als ob es sich gar nicht 
um seine Person, sondern nur um die Sache handeke, die da im all- 
gemeinen die Wissenschaft und im besonderen die Psychoanalyse war. 
Er tat aber mehr als das. Ich war eine Reihe von Jahren — fünf 
Jahre Krieg verlängerte die Zeit — abseits von seiner Schule marschiert 
Nach dem Erscheinen meines Buches, das doch nichts weniger als eine 
gute Einführung war, zog er mich an sich heran, gab mir Gelegen- 
heit umzulernen und selbst zu sehen, ob meine Meinung über seine 
Person und seine Lehre richtig sei oder nicht. Ich darf sagen, daß ich 



— 303 



m 



nie im Leben einem Forscher begegnet bin, der so mühelos und n 
ständis- hinter spinpm Wprlr ■„at-cr-u,„i„^^t Voll- 



ständig hinter seinem Werk verschwindet. 



1. 



Vor dem Erscheinen meines Buches lag außer zerstreuten Bemerlc 
gen in seiner „Traumdeutung« und der „Psychopathologie des All^" 
lebens« nur Freuds „Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegun^." 
(1914) vor, die persönliche MitteUungen des Autors emhielt LI 
her erschien die „Selbstdarstellung" (1925), die in herber, zurückhaltr" 
der Form über das Leben und Werk Freuds berichtet. Sie ist wie 
Protokoll, das durchaus dem Leser überläßt zu entscheiden, ob v'" 
ein großer Mann spricht oder nicht, und wie groß er etwa sei Unt^'^ 
aUen Psychoanalytikern, mich selbst eingeschlossen, ist er vielleicht d^^ 
emzige, der von der Methode und ihren Funden nicht berauscht "" 
Ihm blieb immer zweifelhaft, ob die Psychoanalyse — wovon Ji"'' 
seine Schüler, alle fest überzeugt sind - das geistige Antlitz der Erde 
verändern werde. Er hielt sich immer für einen „Fremdkörper im 
deutschen Geistesleben", hat sich von Thomas Mann nur aus Höflich 
keit von GegenteU überzeugen lassen und hat, wie die letzten Ereie" 
msse in Deutschland zeigen, Recht behalten. Vorübergehend Recht wie 
wir hoffen! Wenn man Freud von seinem Weltruhm spricht dann 
antwortet er nicht nur mit der Weisheit Salomons, daß derselbe eitel sei 
sondern er erinnert daran, daß manch ein „Unsterblicher« unglaublich 
schnell vergessen worden ist, samt seiner Lehre. Wenn ich also schrieb 
daß Freud sich für Jehova halte, so scheint mir heute, daß eher manche 
seine Schuler, ihn zu etwas ernennen, wogegen er sich nicht einmal 
wehrt, weil es ihm gleichgültig ist. Ich hatte auch damals keine ande- 
ren Anhaltspunkte für meine Behauptung als einige Fehlleistungen und 
Deutungen von Träumen, die Freud aus didaktischen Gründen mit- 
geteilt hat (S. 16 und 28)'. 



2. 



Ich verwende in meinem Buche psychoanalytische Methoden, um 
gewisse Handlungen Freuds zu erklären. Es ist aber unstatthaft, 
lebende oder auch abgeschiedene Zeitgenossen, deren nächste Ver- 
wandte noch leben, bloßzustellen, indem man ihr Unbewußtes 
aufdeckt; es sei denn die so Analysierten hätten ausdrückhch ihre 
Zustimmung dazu gegeben. Ich habe in mein em Buche — wie ja 

2) Die Seitenzahlen beziehen sich auf die englische Ausgabe des Budies. 

— 304 — 



Freud in 



seinem oben erwähnten Brief an mich selbst sagt — die 



h »Kskretion nicht sehr weit getrieben. Man darf es aber prinzipiell 
■/4it tun, wie man auch niemand gegen seinen Willen operieren darf. 
Ilh habe da ein böses Beispiel gegeben (S. 72 — Z. 18 — 26; S. 36 — 
17 17—19; ^- 100—101; S. 103 — 104; S. 233 — Z. 2 — 20), dem nach 
I r andere in ziemlich gehässiger Weise gefolgt sind. Hier hegt eine 
n/erführung vor, die auch sachlich leicht auf Irrwege führt, weil man 
1 hne die freien Ideen und Assoziationen des Opfers die psydioanalyti- 
ije Wahrheit nicht zuverlässig erkennen kann. Tritt nur gar eine 
loolemische Absicht in das Unternehmen ein, so bleibt vom wissen- 
f «(haftlichen Glänze fast nichts mehr übrig. 



Bis auf wenige mißglückte Versuche hat keine Universität der neu- 
fresdiaffenen Wissenschaft, von ihrem Schöpfer Psychoanalyse genannt, 
I jjnen Lehrstuhl gewidmet. Jeder Schwindler kann sich ungestraft einen 
[Psychoanalytiker nennen. Es war ein Glück für Freuds Lehre, daß ihr 
Igggj-ünder die Organisationskraft besaß, um seinen Schülern Arbeits- 
[plätze zu sichern. Seine Organisationskraft bewährte sich stark genug, 
[den gesitteten Erdball zu umspannen, als in allen Kulturländern 
Iwissenschaftliches Interesse für die Psychoanalyse erwachte. Freuds 
ehre muß vor Zersetzung und Verwässerung bewahrt werden. Das 
fbesorgt die Internationale Psychoanalytische Vereinigung mit ihren 
lireichen Zweigvereinigungen, Zeitschriften und einem Verlag. Man 
nuß es, glaube ich, doch wohl Freud und seinen Schülern überlassen, 
fzu entscheiden, was Psychoanalyse sei und wie sie erlernt werden 
Ikann. Von ehemaligen Schülern hat Freud schon 1914 gesagt: Raum 
[für alle habe die Erde, wenn sie nur ihn und seine Arbeit nicht stören. 
[Diese Ehemaligen, die ihre wissenschaftlichen Ansichten weitgehend 
! genug geändert haben, um sich von der psa. Forschungsrichtung zu 
[trennen, wie Jung, Adler, Rank, behaupten ja selber nicht mehr, daß 
fsie Psychoanalytiker seien. Warum also Freuds Psychoanalyse als »or- 
fthodox" differenzieren, als ob es sich nicht um wissenschaftliche Fehde 
[und Sdiutzvorrichtung handelte, sondern um Glaubensartikel und Bi- 
Lgotterie ? Hier liegt eine gedankenlose Beschimpfung geduldiger wissen- 
Ischaftlicher Arbeit vor, die schon an die vierzig Jahre unter großen 
[Opfern — auch Geldopfern — gegen eine mißgünstig eingestellte Um- 
welt fortgesetzt wird. Wer immer diese wissenschaftliche Arbeit als 
^solche nicht anerkennt, hat ein Recht, das auszusprechen. Man soll 

— 305 — 



aber doch wenigstens verstehen, daß Freuds Schule selbst der )U • " 
ist und bleibt, daß sie Wissenschaft betreibt und sich ebenso IT^ 
und frei im Dienste der Wahrheit zubewegen glaubt wie iede ! ^ 
Schule. Am lo. Mai 1933 sind Werke Freuds in Deutschland "ff ' 
hch verbrannt worden. An dieser Handlung wenigstens sieht "*' 
deutlich, auf welcher Seite die Orthodoxie liegt. Viele möchten kf"^ 
Werke verbrennen, wenn sie sich nicht schämten, das zu tun Du 
sondere Art des Widerstandes gegen die Lehren der Psychoanl^ " 
die an den Schlaf der Welt rührt", ist ja von uns so oft d^^Z'' 
worden, daß ich hier nicht darauf zurückzukommen brauche 

Ich sage in meinem Buche: „Freud hält seine Concile hinter v 
schlossenen Türen". Natürhdi tut er das. Welchen Zweck hätte " 
nach vieljähriger Spezialarbeit Leute einzulassen, die umso m h ' 
Lärm machen, je weniger sie vom Fache verstehen? Wenn idi T 
aber deshalb und weil er angeWich „keine Abweichung von seinT 
Lehre dulde" einen Despoten nannte, so habe ich ihm Unrecht geta 
Man lese unsere Zeitschriften und man wird sehen, wie heftig „nH 
lebendig die wissenschaftliche Fehde im Rahmen der Psychoanalvs 
ist. An gewissen Grundtatsachen hält jede Lehre fest, sonst wäre sie 
keine Wir Psychoanalytiker haben uns auf Grmidtatsachen geeinigt 
Wie Verdrängung, Widerstand, Übertragung, den Ödipuskomplex und 
seine Derivate, den Wiederholungszwang und einige mehr und wir 
fühlen, daß wu- unsere Zeit verschwenden, wenn wir mit Leuten die 
unsere Lehre nicht genügend kennen, über die Validität dieser für 
uns langst erwiesenen Entdeckungen streiten. Jeder kleine Chef eines 
medizmisdien oder psychologischen Institutes, das in seinem Sinne ge- 
führt wd, ist mehr Despot als Freud. Ich kann nur wieder mid, 
selbst als Beispiel anführen, dem Freud nach einem, gelinde gesagt 
unvorsichtigen Buche zur wissenschafdichen Mitarbeit heranzog und erzog! 

4- 
Ich nehme ferner den Vorwurf der Kryptomnesie (S. 195 Z 28 
u. b. 201 Z. 6) zurück. In meiner damaligen ambivalenten Einstellung 
habe ich einen der origineüsten Denker unserer Zeit mit diesemWorte 
des Plagiates, wenngleich des unbewußten, beschuldigt. Freihch finden 
wir Gedanken Freuds bei Nietzsche und Plato und solche Gedanken 
hegen m der Luft, die wir atmen. Kein Gelehrter hängt in der Luft, 
er fußt immer auf dem Gedanken anderer. Wir leugnen auch nidit, 
daß Alfred Adler den Aggressionstrieb beschrieb und Ichpsychologie 

— 306 — 



• ben hat, bevor Freud diese nämlichen Gebiete in seiner Art de- 

**"^ erfaßt hatte. Aber Freud hat das Problem, als er es erkannte, 

r CO viel tiefer erfaßt (vgl. „das Ich und das Es") und es überdies 

""^ ollständig auf den Unterbau seiner eigenen Lehre stellen können, 

' j"/ man schwerlich sagen kann, er sei von Adler beeinflußt. Noch 

i er ist er von C. G. Jung beeinflußt, wenn er das „Höhere 

^^^Menschen" zur großartigen Konzeption des Überichs ausgestaltete. 



Was die , psychoanalytische Politik" betrifft, so möchte ich dem in 
' P nkt (3) Gesagten ein in meinem Buche gegebenes Beispiel in neuer 
Beleuchtung hinzufügen. (S. 139-HO.) Ich meine Freuds Versuch von 
iQio die Leitung der psychoanalytischen Bewegung den Schweizern 
zu übergeben. Ich zitiere nach meinem Buche, was er damals zu seinen 
Wiener Schülern gesagt haben soll: „Ihr seid zum größten Teile Juden 
und deshalb nicht geeignet, der neuen Lehre Freunde zu erwerben. Juden 
müssen sich bescheiden, Kulturdünger zu sein. Ich muß den Anschluß 
an die Wissenschaft finden; bin alt, will nicht immer nur angefeindet 
werden. Wir alle sind in Gefahr." Er faßte seinen Schlußrock beim 
Revers: „Nicht einmal diesen Rock wird man mir lassen", sagte er. 
Die Schweizer werden uns retten, mich und Sie alle." Ich weiß nicht 
mehr genau, warum ich gerade diese Worte Freuds mitteilte. Vermut- 
lldi sollten sie zeigen, daß der große Mann unter Umständen klein- 
mütig war. Heute bin ich froh, daß ich die Episode der Vergessenheit 
entrissen habe. Denn jedermann sieht heute, nach den letzten Ereig- 
nissen in Deutschland, daß Freud vor 23 Jahren richtig vorausgesehen 
hatte, und daß seine Furcht sich nicht auf sein eigenes Leben, sondern 
auf das Leben seiner Wissenschaft bezog, für deren Verbreitung er 
eine Gefahr sah, die außer ihm damals niemand erkannte. Es ist frei- 
lich ein Anderes, die Gefahr zu erkennen und ein Anderes ihr zu 
entgehen. Freud konnte ihr nicht entgehen und hatte sein Schicksal 
zu erfüllen. 

Daß Freuds Schüler, das sind die Mitglieder der Int. psycho- 
analytischen Vereinigung, besser und vor allem anders sind, als ich sie 
in meinem Buche beschrieb, geht vielleicht am besten aus der Tat- 
sache hervor, daßJch es mir zur Ehre anrechne, heute viele von ihnen 
zu meinen Freunden zu zählen. Man soU, wenn man mein Buch liest, 
nicht aus dem Auge verlieren, daß der Autor damals die Psychologie 

— 307 — 



Lucifers entwickelte, ohne es zu wissen. Die fünf Kr ■ , \ 

.m Felde stand, hatten mich wohl auch einigermaßenT'^'r' ^'^ i* 
aUem aber stand ich, als ich dieses Buch sSb ," "T"'" ^»^ 
Wdhelm Stekels, der mich kurz vorher ana^n ha« r? ^'"^«"ß 
«n Analytiker mit Verantwortungsgefühl welche d' a/"^ «^i«^ 
.Übertragung" in der Analyse kennen! würdelten A ,'*' "'^ 
dnngend abraten, ein Buch zu schreiben, in dem hr L tt^^"^^» 
Hauptrolle spielt. Stekel hat das nicht getan Im Ge "^^f^^^ ^'"e 
meme private Widmung: „Keine Zeile 'Ise; B:ch^ ':";: ,^' ''ae 
geschneben worden« kurz darauf anläßlich einer KriÄ Zl "' ^' 
Arbeit von mir, nicht ohne Stolz veröffentlicht. Man kan' "" 
ren Stellen des Buches Bedenken gegen meine oZu ° '^'^'^• 

unsichere Gefühl ausgesprochen finden ich s"i von SttkT ""' '^ 
emfluß. So S. nj : Jeherkläre mid. fflr b Llen utd t" ?^ ^^- 
Red.t und Unrecht im Falle Stekel zu beuS " wt h '""'^"' 
Stekel m meinem Buche glorifiziert und ich würde da hTu, ^''"' 
mehr tun, wenngleich ich nicht in der La^e hin i.^ ^ l ""''^^ 
irgendetwas auszusagen. Man darf seinen t '''"' "''^^ ,^«° F^" Stekel 
in den Rücken fallen es macht mtR. '^'^'^'^'"^ ^'•-""den nicht 
druC wenn man es .r iStlteln'lt 2^ ni^ ^If ?• ^^- 

bevor er überhaupt die Mödichkeif h.tt. ^ ^^ starb 1903, also 

praktische™ I„„„L„, bSuT 'tt^rj^' .|'f ;>»'>■« "• 
n.d,. behaup,.,. Die drei -«i«^. aJ,"^', Zi^2tluZ-f 

= -,:- -- iTtt jr^ S? -- 

Unter meinen Kollegen hat d^r f.r ^ b ^^^^^ nachlesen. 

»y. .D„i rei!L''ÄXÄ.X.w"'"rt'" 
wurae als eme mehr oder wemger verhüllte Aufforderung ver- 
~ 308 — 






„goden, sich umzubringen. Ich weiß wirklich nicht, ob da die Feind- 
jjigkeit nicht eher auf Seiten meiner Kollegen lag, und ich darf mit 
Genugtuung sagen, daß man mir heute eine solche Gesinnung nicht 
^ehr zumutet. Ich stelle aber ausdrücklich fest, daß ich ausschließlich 
betonen und überbetonen wollte, wie wichtig es für Analytiker sei, 
<iaß sie selbst ihre eigenen Komplexe kennen, bevor sie die anderer 
Leute herausfordern und auf sich wirken lassen. 

Hiermit bin ich am Ende des persönlichen Teiles dieser Berichti- 
gung angelangt und beeile mich, ruhiges, wissenschaftliches Fahrwasser 
2U erreichen. 

n. 

Idi darf vielleicht nach so vielen Geständnissen meiner Genugtuung 
'Ausdruck geben, daß ich den weitaus größeren Teil des Buches nodi 

heute in meinen Vorlesungen verwende, die Darstellung also für rich- 
I ng halte. Folgendes möchte ich im Allgemeinen sagen : Im Leben jedes 
f Forschers folgt auf das Zeitalter seiner Entdeckungen das Zeitalter der 

Besinnung, in dem er einige Schritte zurücktritt, um seine Ergebnisse 

zu überschauen und zu einer theoretischen Erkenntnis zu gelangen. 
tMan hat die erste Periode die goldene und die zweite die silberne 
f genannt. Ich meine, daß ich der goldenen Periode Freuds bis zu einem 

gewissen Grade gerecht geworden bin, nicht aber der silbernen. Stekel 
I hat in seinen zahlreichen Publikationen oft genug wiederholt, daß er 
Ifür Theorie nicht viel übrig habe und hat mich in diesem Smne be- 
leinflußt. So übersah ich die Wendung zu theoretischer 
IKlärung, die in Freuds Forschung eingetreten war. Auch besaßen wir 
11923 eine Reihe von Freuds Publikationen noch nicht, die das Ringen 
lum tiefere Einsicht zum Abschluß brachten. „Das Ich und das Es" 
■waren erst eben erschienen und nicht leicht zu verstehen für einen, 
|der entschlossen war, theoretische Überlegungen gering zu schätzen. 

1. Metapsychologie. 
Dieser von Freud in die psychoanalytische Terminologie eingeführte 
Begriff ist in meinem Buche mißverstanden. (S. 53 Z. 30 bis S. 54 
Z. 5 — S. 142 Z. 27 bis 143, Z. 8 — S. 233 Z. 21 bis 23). Ich 
stelle den Begriff als einen metaphysischen, nahezu mystischen hin. Um 
jene Zeit befand ich mich in heftiger Fehde mit den Wiener Okkul- 
tisten und das Wort Metapsychologie (manchmal Parapsychologie) 
wurde von den Okkultisten lange vor Freud für die Erklärung „über- 

— 309 — 



sinnlicher Phänomene" verwendet. Ich finde auch noch heute mit v' I 
anderen Anhängern der Psychoanalyse, daß Freud für das, ^a 
seine Metapsychologie nennt, lieber einen anderen Namen hätte wähl 
sollen, der Mißverständnissen weniger ausgesetzt ist. Was er aber 
sächlich meint, hat mit Metaphysik und mit Erkenntnistheorie üb 
haupt nichts zu tun. Freud hat bekanntlich eine Trieblehre aufgestellt" 
Ichtriebe und Sexualtriebe, welch letztere als homo- und hetero-sexuell 
als narzißtische, sadistische und von verschiedenen (erogenen) Körne ' 
Zonen abhängig (z B. anale, orale) in Erscheinung treten. Metapsycho 
logie im Sinne Freuds ist ein Versuch, triebhaftes Geschehen von dre' 
Gesichtspunkten aus zu beurteilen : dem dynamischen, das heißt : weldi 
Triebarten sind am Werke ? Dem ökonomischen, das heißt : welche 
Quantitäten von jeder in Erscheinung tretenden Triebart? Schließüd, 
dem topischen, das heißt: welche Systeme (Ich, Es, Vorbewußsein 
Über-Ich) liefern jeweils die in Betracht kommeriden Triebe?' Man 
sieht, daß da von Philosophie oder gar Mystik keine Spur ist. Im 
Gegenteil, Freud wird in seiner wissenschaftlichen Betrachtungsweise 
immer strenger, immer medianistischer und versucht, seine psychisdien 
Begriffe womöglich in den Bereich des wäg- und meßbaren einzu- 
führen. Wir sind auf diesem Wege vorläufig noch nicht sehr weit ge- 
kommen. Wer sich darüber informieren will, mag in Freud, Ges 
Schriften, Bd. V, nachlesen. 

2. Das Ich der Psychoanalyse. 
Über diesen Begriff las ich Freud in meinem Buche die Leviten in 
einer mißverstehenden Art, die mir heute beinahe komisch vor- 
kommt. Zwar bin ich auch heute noch nicht überzeugt, ob Freuds Einteilung 
in Ich, Es und Überich von der Wissenschaft mit Freuds Termini^ 
dauernd übernommen werden wird. Man ist so sehr gewohnt unter 
dem Ich die Gesamtpersönhchkeit zu verstehen, daß man vielleicht 
lieber, ganz im Sinne Freuds, aber mit etwas verschiedenen wissen- 
schafthchen Terminis von einem Triebich, Wahrnehmungsich und 
Überich als Unterteilungen des Gesamtich sprechen wird. Dabei gebe ich 
zu, daß Freuds Es mehr ist als ein Triebich, und auch sein Ich mehr 
ist als nur ein Wahrnehmungsich. Es beherrscht ja auch den Zugang 
zur Muskulatur, die Entscheidung über Wirklich und Unwirklich und 
anderes mehr. Dieses Problem der Terminologie ist aber nicht das, 

i) Die Formulierung des Autors weicht hier z. T. von der originären 
ab (Anm. d. Sdiriftl.). 

— 310 — 



ich hier richtig zu stellen habe, sondern meine Konfusion des 
etaphysischen IchbegriSes mit dem der psychologischen Anschauung 
tnommenen psychoanalytischen Ichbegriff. Ich donnere in meinem 
Ruch als Anhänger der nun schon lange wieder verlassenen natura- 
Tstischen Philosophie (Ernst Mach, Nietzsche u. a.), daß es gar kein 
Ich gebe, daß, wie Mach lehrte, „der Begriff des Ichs nicht zu retten", 
iß ei-^ wie Nietzsche lehrt, rein eine „Verführung von Seiten der 
Grammatik" sei. (Vorher und nachher sehen wir die idealistische Phi- 
losophie und auch die jüngeren Professoren ganz erfüllt von ihrem 
Ichbegriff.) Ich übersah, daß ein Psycholog wie Freud in diesen phi- 
losophischen Streit, der nach dem Wesen der Dinge fragt, weder ein- 
zugreifen noch an ihm interessiert zu sein hat. Ich behaupte in meinem 
Buche, daß der Narzißmus die Fiktion des Ichs schaffe. Das ist eine 
interessante philosophische aber unbeweisbare Ansicht. Es steht mir 
schlecht an, erst Freud vorzuwerfen, daß er sich in seinen späteren 
Jahren unter die Philosophen begeben habe und nun als ein Neuling 
unter ihnen nicht einmal wisse, daß man unter Philosophen den Be- 
griff des Ichs bestreitet — und dann selber eine metaphysische Volte 
zu schlagen. 

Freud spricht von seinem psychoanalytischen Ich wie ein Ingenieur 
von Pferdekräften oder Elektrizität. Die Frage, was Elektrizität oder 
Kraft eigentlich sei, geht den Ingenieur nichts an. Freud spricht von 
einem Etwas, das eingebettet ist zwischen einer Außenwelt, die es 
wahrnimmt und beeinflußt, und zwischen einer Innenwelt, die man in 
der Psychologie vor Freud kaum beachtet hat. Dieses Etwas, das sieht 
und hört und denkt und entscheidet, das von seiner Außenwdt und von 
seiner Innenwelt abhängig und bedrängt ist, nennt Freud das Ich. 
Es hat Grenzen nach außen und nach innen, es steht in Zusammenhang 
mit der Außenwelt einerseits und dem Es und dem Überich andrerseits, 
und gewisse Mechanismen, die man Freudsche Mechanismen nennt, 
spielen zwischen ihnen. Dieses Ich und diese Mechanismen sind so 
wenig im Sinne der Erkenntnistheorie gemeint, daß man vielleicht eines 
Tages unter dem Mikroskop ein Freuds Einteilung entsprechendes 
Gewebs- und Zellstruktur finden mag. Auch würde gegen Freuds 
psychologisches Ich ein Einwand von Seiten jener philosophischen 
Schule, die das Ich philosophisch leugnet, kaum erhoben werden. 
Hier steht das Reich des psychologischen, das ist doch wohl noch immer 
naturwissenschaftlich beschreibenden Begriffes dem Reiche des philo- 
sophischen Begriffes reinlich gegenüber. Freilich ist Freuds Psychoanalyse 

— 311 — 



:n 



erst nach langem Tasten, das ungefähr bis 1923 dauerte, zu ihr 
gegenwärtigen Feststellungen gekommen. Ich kann aber leider nicT 
behaupten, daß ich in meinem Buche zu dieser Klärung beigetrae * 
habe (S. 158/159 — S. 200, Z. 8—11 — S. 200, Z. 14—20.) 

Freuds psychologisches Ich hat auch nichts mit dem Selbstbewußt 
sein, das ist mit dem Wissen um unser eigenes Ich zu tun. Ich spredi ' 
zwar (S. 158/159) von dem (genetischen) Entstehen unseres Selbst^ 
bewußtseins und habe in dem Buche: „Die Befreiung des Kindes« 
(1926, Kapitel 3) Ausführlicheres darüber mitgeteilt. Ich entwickle dort 
das Wissen um unser Ich aus dem Wissen um unsere Umgebung, um 
das Du, das uns liebt. Damit ist aber noch gar nichts über das Wesen 
unseres Selbstbewußtseins ausgesagt, das nach Dubois-Reymond ein 
Ignorabimus und nach theologischer Anschauung ein Wissen um Gott 
ist. Das Wesen aller Dinge und so auch des Selbstbewußtseins liegt 
jedenfalls außerhalb des psychoanalytischen Kreises und soll uns b 
unserer psychologischen Introspektion nicht stören. 

3- 

Ich beklage mich an mehreren Stellen meines Buches, daß Freud 
Klassifikation und Unterteilung übertreibe (S. 34). Das ist 
möglicher Weise richtig. Wenn ich aber ausrufe; Wenn es nur keine 
Einteilungen gäbe! (S. 306) dann könnte ich fast ebenso sagen: Wenn 
es nur keine Wissenschaft gäbe! Denn wie anders soll eine wissen- 
schaftliche Methode und gar eine, die sich ausdrücklich Analyse nennt, 
vorgehn als einteilend. Der Künstler sieht alles auf einmal und stellt 
es schöpferisch dar. Der Wissenschaftler muß mühselig einteilen. Er 
muß, wie Freud nach Rückert zitiert, seine Erkenntnisse erhinken. Aus 
einem gewissen Unwillen das anzuerkennen, habe ich in meinem 
Kapitel Narzißmus abgelehnt, Freuds Einteilung in einen primären 
und sekundären Narsißmus zu begreifen (S. 208 Z. 17). Das war 
allerdings 1923 nicht ganz so leicht wie später. Ich habe 1929 in 
meiner „Critique of Love" diese Einteilung nachgeholt. Sie ist klar 
wie Kristall. Wenn das Kind zum Bewußtsein seines Ichs kommt 
und dieses Ich liebt, dann sprechen wir von Narzißmus. Wenn 
das Kind Libido an die Außenwelt abgibt, die es seinem Narziß- 
mus abringt, dann sprechen wir vom Objektiibido. Wenn das 
Kind oder auch später der Erwachsene Schwierigkeiten in der Außen- 
welt findet, die sich nicht immer und niemals restlos lieben läßt, dann 
zieht er die Objektiibido wieder zurück, wie Timon von Athen, und 

— 312 — 



I seinem primären Narzißmus von früher her, kommt dann der Betrag 

A auf das Ich zurück strömenden Libido als sekundärer Narzißmus 

. Dieses Hin und Herströmen der Libido ist praktisch zur Menschen- 

tenntnis und auch in der psychoanalytischen Differenzierung von 

großer Wichtigkeit. 

4. Kastrationskomplex. 
Als ich mein Buch schrieb, war ich noch nicht überzeugt, daß der 
iKastrationskomplex im Unbew^ußten jedes Menschen eine ent- 
(ieidende Rolle spiele. Heute weiß ich, daß keine Analyse ihren 
i Namen verdient, die den Kastrationskomplex des Analysanden nicht 
aufdeckt. Kein Mensch kann in seiner psychischen Entwicklung einer 
I Periode entgehen, in der er sich vor einem blutigen Verlust fürchtet, 
der mit dem männlichen Genitale in Zusammenhang steht. Diese Periode 
kommt manchmal niemals zu Bewußtsein, die gesamte Kastrations- 
I gßgst spielt sich dann schon beim Kinde im Unbewußten (Vorbewußten) 
I ab. Ihre Ausläufer lassen sich aber jedesmal nachweisen und jede Angst, 
auch die moralische und besonders die, steht auf dem Resonanzboden 
der Kastrationsangst. Freud und seine Schüler wissen sehr wohl, daß 
diese Entdeckung Freuds für den sogenannten gesunden Menschenver- 
stand grotesk und unannehmbar klingt. Wir waren selbst über den 
I eigentümlichen Fund erstaunt, er konnte durchaus nicht erwartet werden 
I im Sinne einer vorgefaßten Idee. Auf der Suche nach Erklärungen 
des Kastrationskomplexes hat Freud von Erziehern gesprochen^ die 
den Knaben drohen, daß man ihnen das Genitale abschneiden würde. 
Ferner wurde die von Knaben und Mädchen beobachtete Verschieden- 
Iheit ihrer Genitalien zur Erklärung der Angst des Knaben und des 
Neides der Mädchen herangezogen. Diese Erlebnisse sind offensichtlich 
ungenügend, um die Universalität der Kastrationsangst zu erklären. 
Sie sbd umso ungenügender als die Kastrationsangt sich auch beim 
Weibe findet, so daß man fragen mußte : wie können sie fürchten, etwas 
zu verUeren, was sie nicht besitzen ? Man könnte ja von jedweder theo- 
Iretisdien Erklärung absehen, solange man keine ausreichende kennt, 
[und an der Tatsache des Kastrationskomplexes bestünde dennoch kein 
I Zweifel. Man weiß auch nicht, warum das Weib im Gegensatze zu 
den meisten Säugetieren menstruiert und ein Hymen hat, und muß 
Mch damit begnügen, die Tatsache anatomisch und physiologisch zu 
' beschreiben. 

Ich habe in den letzten Jahren versucht, den Kastrationskomplex auf 

— 313 — 




bisexuel, 



die Basis der psychischen Bisexualität zu stellen. Wir sind alle bisexu 1 
und diese Eigenschaft muß sich ihre psychische Repräsentanz suche ^ 
Die erste Repräsentanz des jungen und schwachen Ichs, das sich in d ' 
Außenwelt spiegelt, ist der Ödipuskomplex: Vater und Mutter al 
Repräsentanz von männlich und weiblich. Wenn das Ich erstarkt und 
nur mehr das als seine Repräsentanz anerkennt, was innerhalb de 
Körpergrenzen vorgeht, wird das Genitale mit dem Zweifel und de 
Angst umgeben, die ein Resultat des Konfliktes sind zwischen dem 
bisexuellen Es und dem in unserer Kultur strenge aufgerichteten Begriff 
der Männlichkeit. Man zweifelt an seiner hundertprozentigen Männlich- 
keit, fürchtet für sie und hat Grund dazu. Alfred Adler hat, ohne 
etwas vom Kastrationskomplex zu wissen, dessen Derivate den „männ- 
lichen Protest" genannt. Man will das sein, was man glaubt, sein zu 
müssen, nämlich ein ganzer Mann oder ein ganzes Weib. Die Bisexualität 
läßt das nicht zu und so entsteht ein Konflikt, der ungefähr im Alter 
von sechs Jahren, aber auch früher in Form von Kastrationsangst in 
Erscheinung tritt. Dieser Konflikt folgt uns durch unser Leben, nimmt 
später verschiedene Formen an, aber die Form der Kastrationsangst, in 
die er zuerst gegossen wurde, behält vorbildliche Bedeutung ganz 
ebenso universell wie der Ödipuskomplex. 

5- 

Wie man sieht, Publikationen meiner letzten Jahre zeigen das deut- 
lich, halte ich heute das Prinzip der Bisexualität, das sich in der 
Biologie vollkommen durchgesetzt hat, für grundlegend auch im psycho- 
analytischen Verständnis. Wenn ich also in meinem Buche schrieb 
(S. 125): „Ich selbst bin ungeeignet um die Ansprüche der Bisexualität 
mit Nachdruck zu vertreten etc.", so kann ich das heute nur so er- 
klären, daß ich mich scheute, ein Gebiet zu betreten, von dem ich 
vielleicht ahnte, daß ich wissenschaftlich nicht mehr loskommen würde, 
wenn ich es einmal betreten hatte. 

Mir scheint heute, daß sogar Polaritäten unseres Denkens wie Form 
und Inhalt, Aktiv und Passiv, Sein und Werden und so viele andere 
ihre Herkunft von dem Prinzipe der Bisexualität nicht verleugnen 
können. Aber darüber werde ich an anderer Stelle ausführlich berichten. 

6. 
Man wird im meinem Buche das Wesen der Ü b e r t r a g u n g im All- 

- 314 - 



^ 



^meinen richtig dargestellt finden. Was ich aber zum Lobe von Stekels 

^ ttiver Methode" und seiner Deutungskunst sage, mit der er seine 

p tjenten immerfort „anschießt", so daß seine Analysen im Gegensatz 

denen der Freudschen Schule in drei bis sechs Monaten erfolgreich 

rT- jj (Jas muß ich heute als ein Nichtverstehen der von der 

Freud Schule „Widerstandstechnik" und „Übertragungsneurose" ge- 

flonnten Begriffe bezeichnen. Auch diese beiden BegrifFe waren 1923 

tnoch nicht so klar wie heute. Es ist richtig, daß der Analysand in 

leine eigene, halb wirkliche, halb unwirkliche Abhängigkeit zu seinem 

I Analytiker gerät, die wir die analytische Situation oder die Über- 

Itrasungsneurose nennen. Die Erzeugung dieser Situation ist ein Haupt- 

[ziel unserer Arbeit, welches bei Verwendung unserer Technik und bei 

I Fällen, die überhaupt zur Analyse geeignet sind, regelmäßig erreicht 

[wird. Wir verpflanzen die neurotische Störung des Patienten, die seine 

Reaktion gegen Insulte der Außenwelt ist, in unser Zimmer und in 

Idie Beziehung zwischen Patient und analysierendem Arzt. An die 

IStelle der ursprünglichen Neurose setzen wir eine künstliche, die wir 

[möglichst vollständig zum Gefäß machen, in das die im Leben draußen 

[erworbene Neurose einfließen kann. Wir haben dann nicht nur einen 

Lalten und erstarrten StoS wieder in den Status nascendi gebracht, 

pondern auch ein schwer überschaubares, an Personen reiches Theater- 

fstüdk auf die einfachste menschliche Beziehung von Ich und Du redu- 

dert. Dem Patienten wird Gelegenheit gegeben, seinen Rythmus, 

leinen Wiederholungszwang, seinen Sadismus, seine Angst und alle an- 

fderen psychischen Phänomene in der Beziehung zu seinem Analytiker 

I auszuleben, sie auf ihn zu übertragen. So entsteht unter Beobachtung 

[einer heute bis ins Feinste ausgearbeiteten Technik das Kunstwerk der 

I Übertragungsneurose, von welcher der Patient schließlich, wieder unter 

[Verwendung einer besonderen Technik, befreit wird. 

Es versteht sich, daß man seinen Patienten ganz und gar nicht „an- 
fschießen" darf, wenn man die oben beschriebene Absicht hat. Man 
darf ihn auch nicht mit Deutungen überschwemmen. Das Auf-den-Kopf- 
zusagen hat in der Psychoanalyse nur ausnahmsweise Platz. Man muß 
sich im Gegenteil zurückziehen und passiv sein, um dem Patienten 
[Gelegenheit zu geben, seines Lebens Teppich aufzurollen. Unter solchen 
[Umständen und auch wegen der oft beschriebenen Dickflüssigkeit der 
[libidinösen Positionen dauern unsere Analysen lange. Eine Ana- 
lyse von drei Monaten ist überhaupt keine und eine von 
I sechs Monaten immer noch ein fragwürdiges Kunststück. 



315 



An die Stelle der Deutung, welche die ersten Jahre von Freud 
Forschung beherrscht hat, ist heute die Erfassung und Bekämpfung d 
Widerstandes getreten. Kein Patient will gesund werden. Manche wolle ^ 
ganz bewußt nicht gesund werden und das sind oft niclit einmal P 
schwersten Fälle. Aber im Unbewußten steckt bei jedem Neurotiker ei^ 
Wille zur Krankheit, den wir heute als inneren und äußeren Krankheit^ 
gewmn, als masochistische Tendenz, Schuldgefühl, Straf bedürfnis, Tode 
trieb beschreiben. Diese Begriffe überlagern sich zum Teile, sind einandet 
auch über- und untergeordnet, und ich kann an dieser Stelle nicht im 
Einzelnen darüber berichten. Sie aUe aber nähren den Widerstand 
gegen das Aufgeben der Neurose und wir haben genug zu tun, jedes- 
mal zu erkennen, von wo der Widerstand gerade stammt und ihn mit 
unendlicher Geduld auf seinen Ursprung zurück zu führen. Ich weiß 
nicht, ob man sagen kann ; Widerstandstechnik ist schwer und Deuten 
ist leicht; denn Deuten ist nicht immer leicht. Aber maii darf sicher- 
lieh sagen: Wenn man den Widerstand beseitigt, ergibt sich die Deu- 
tung meist von selbst. Sie fäUt aus dem Patienten heraus, wie das Bier 
aus dem Faß, wenn der Spund eingeschlagen ist. Deutung aber, auch 
richtige Deutung, und besonders die, wird ohne vorherige Beseitigung 
des Widerstandes vom Patienten nicht akzeptiert. 

Wenn dem allen so ist, dann werden di.;^ folgenden Stellen meines 
Buches in ihrer Unannehmbarkeit klar und i'ch habe ihnen nichts hinzu 
zu fügen, als daß ich sie zurücknehme. Ich habe das damals 
nicht besser verstanden. (S. 223 — Z. 21 ff). 

„Die Übertragung des Patienten auf den Arzt nimmt mit der Zeit 
solche Formen an, daß der Kranke sich von seinem Arzte gar nicht 
mehr trennen kann. So findet er denn wieder einen Menschen, der 
ihn so ernst nimmt, ihn täglich eine Stunde lang anhört und ' aus- 
deutet? Die Psychoanalyse wird dann selbst zu einer Krankheit, die 
sich an Stelle der Neurose setzt, wie sie der Patient vielleicht vor 
Jahren mitgebracht hat. Stekel behandelt seine Patienten nicht länger 
als drei bis sechs Monate. Was in dieser Zeit nicht geheilt ist, das will 
nicht geheilt werden. In mehreren Fällen haben wir versucht, wider- 
spenstige Patienten, bei denen wir nicht mehr weiter kamen, einander 
zuzuschieben. Ich habe Patienten von Stekel nachbehandelt und noch 
öfters er die meinigen. So schlugen wir der Übertragung des Patienten 
ein Schnippchen." 

Ist es nicht interessant, wie verführerisch diese Worte klingen? Und 

— 316 — 



i nnoch beruhen sie aufeinem völligen Nichtverstehen des 
hen auseinander gesetzten psychoanalytischen Denkens. 

7- 

' Das neurotische Symptom, der Traum, überhaupt alles psychische 
'reschehen hat eine Wurzel im gegenwärtigen Leben und eine andere 
weit zurück in der den Charakter formenden Kindheit. Will man also 
das Symptom verstehen und beseitigen, muß man beide Wurzeln be- 
rücksichtigen. Man muß ebenso erkennen, aus welchem Anlaß die 
Krankheit ausgebrochen ist, als auf welchem charakterologischen Unter- 
bau sie ruht. Ich war 1923 der Meinung, daß Freud und seine Schule 
den gegenwärtigen Konflikt vernachlässigen, ihn nicht erkennen und 
ausschließlich kindlichen Unterbau, vor allem den Ödipuskonflikt für 
die spätere Neurose verantwortlich machen. (S. 228 Z. 2.) Ich habe 
mich seither überzeugt, daß dem nicht so ist. Die Geschicklichkeit 
itn Erkennen der unerfüllten Wünsche des Lebens ist freilich bei ver- 
sdiiedenen Analytikern versdiieden. Manche sind zu starr auf das 
System eingeschworen. Auch kann hier ein nicht wissenschaftliches 
Moment schwer ausgeschaltet werden: das Erraten, auch Intuition ge- 
nannt. Es ist nicht gelungen, dieses Moment in der psychoanalytischen 
Praxis auszuschalten. 



Ich füge noch einige kleinere Korrekturen hinzu. 

Josef Breuer, der noch am Leben war, als ich mein Buch veröffent- 
|chte, ist 1925 in Wien gestorben. 

Dr. Monroe Meyer (S. 148 u. 220) ist M. D. Ich habe in meinem 
luche seinen Titel weggelassen, wie das in deutschen wissenschaftlichen 
Publikationen üblich ist. 

Man findet bei Plato keine Erwähnung „Der ewigen Wiederkehr 
|es Gleichen", wie ich S. 95 sage. Es sollte heißen: bei den Pytha- 
Koraern. 

Schließlich hat die Psychoanalyse seit 1923 Fortschritte gemacht, die 
|ch zusammenfassen und vielleicht im nächsten Jahre darstellen 
^rde. , 

Ich glaube nicht, daß ich durch diese umfangreiche Berichtigung mein 

E»A. Bewegung V 317 2i 



Buch empfohlen habe. Aber das lag auch nicht in meiner Absich 
Jenes Buch war zu sehrAusbruch eines Temperamente^ 
um wissenschaftlich einwandfrei zu geraten. ^' 



Unentbehrlich für jeden 
modernen Psydiopathologen 

(Psychoanalytiker, Psychiater, Psydiotherapeuten) 
ist die 

SPEZIELLE 

PSyCHOANALyilSCHE 
NEUROSENLEHRE 

därgestelit in den beiden letztersdiienenen Werlten von 

OTTO FENICHEL 

Hysterien und Zwangsneurosen 

Geheftet M. 7.—. in Ganzleinen M. P.— 



4 



Inhalt ; Hysterie — Angsthysterie — Hysteriforme Kranlcheiten : a) Die Organlibido, b) Aktual- 
neurosen, Pathoneurosen, Organneurosen, c) Hemmungszuständc, d) Die traumatische Neu- 
rose — Zwangsneurose — Prägenitale Konversionsneurosen : a) Stottern, b) Asthma bronchiale, 

c) Psychogener Tic 

Perversionen, Psychosen, Charakterstörungen 

Geheftet M. 8.—, in Ganzleinen M. 10.— 

Inhalt : Perversionen — Perversionsverwandte Neurosen : a) Sonstige neurotische Sexualstörungen, 
b) Impulshandlungen und Süchte — Die Sdiizophrenien - Die manisch-depressive Gruppe 

Charakterstörungen 

Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Wien I. 

— 318 — 



im 



eons zu 



Von 



Edmuad Bergler (Wien) 

Vortrag/ gehalten im der Wieaer Psyclh.oaiialytisch.eia Yet* 
eittigMing am 22. Febraar 1933.) 

J^apoleons Märchen kommt mir gerade so vor, wie die Offenbarung 
Johannis : es fühlt ein jeder, daß noch etwas drinsteckt, 
er weiß nur nidtt was. 

Goethe. 

„ beträgt doch nadi F. Kircheisen die Bibliographie des 

napoleonischen Zeitalters — die überdies keinen Anspruch auf Voll- 
ständigkeit erhebt — 80.000 Publikationen. Diese gigantische, kaum 
einer anderen Geschichtsepoche auch nur annähernd zukommende Ziffer 
weist ja darauf hin, daß hier Probleme und Motive in Frage kommen 
mögen, welche in abgründiger Tiefe verborgen liegen und deshalb den 
selbst mit so beispielloser Emsigkeit betriebenen gewöhnlichen Methoden 
der Geschichtsforschung entweder vollends widerstehen oder 
durch dieselben nur unzulänglich und unbefriedigend aufgehellt werden, 
so, daß sich diese mit der wohl am tiefsten dringenden und auf- 
schlußreichsten, der psychoanalytischen Methode kombinieren, ja stellen- 
weise, an der Grenz e ihr er Leistungsfähigkeit an- 
gelangt, der Psychoanalyse sogar ganz das Ter- 
rain überlas sen müssen." 

fekels, „Der Wendepunkt im Leben Jfapoleons /." Imago 1914. 

Charles Maurice Graf Talleyrand-Perigord, Bischof von Autun, Fürst 
Benevent, war Napoleons langjähriger Außenminister. Seine Kon- 
kte mit dem Kaiser, die bei Napoleon ungewöhnliche Langmut, sich 
/^ahrheiten ofien sagen zu lassen, die einem andern Kopf und Stelle 
lekostet hätten, die Tatsache, daß Napoleon jahrelang dieses Agieren 
les Grandseigneurtums und das provokante Zur-Schau-stellen des kaiser- 
Edien Parvenütums durch Talleyrand sich gefallen ließ und endlich — 
ad vor allem — die Untätigkeit, mit der Napoleon 
"alleyrands jahrelange Vorbereitungen zum Ver- 
rat und diesen selbst duldete, bilden ein Problem, das die 
listoriker und Biographen nicht gelöst haben und für das sie als Ant- 
*^ort kaum mehr als ein Fragezeichen auftischen. Es wird zu zeigen 



— 319 — 



sein, daß Napoleons Beziehung zu Talleyrand komplizierter war 
die des Kaisers zu einem brauchbaren und geschickten diplomatisch 
Handwerker, und — um es vorwegzunehmen — ohne Berücksichti 
unbewußter Motive schlechthin unverständlich bleibt. ^""^ 

Die Fragestellung, welche unbewußten Determinanten es Tallev 
ermöglichten, diese sonderbare Stellung zu beziehen, sei msgtsST^ 
und einer in Vorbereitung befindhchen Arbeit des Verfassers' y 
behalten. Im folgenden werden die Motive untersucht, die Napoleo"'^" 
Motor in seinem Verhalten zu Talleyrand waren. — °* 

Die historischen Tatsachen sind ' : Talleyrand, Sohn verarmter Ed 1 
lerne aus ältestem französischem Adel, wird aus Opportunitätsgründ 
und gegen seinen WiUen zum Priesterberuf bestimmt (als vierjährig" 
Knabe war er von einer Kommode gefallen, hatte den Fuß gebroAe^'^ 
und da der Bruch lange nicht diagnostiziert wurde, heilte er schlecht" 
Talleyrand behielt eine Fußverkürzung und hinkte). In jungen Jahre ' 
(als 34jähriger) steigt er auf der kirchHchen Stufenleiter bis zum Bischof 
auf und zwar sind es Frauen, die ihm den Weg ebnen. Als Vertreter 
des Klerus kommt er in die Generalstaaten und wird später Vorsitzender 
der Nationalversammlung. Ein Geschäftemacher großen Stils, Korrup- 
tionist aus Überzeugung, komme ä femmes aus Lust, am Spieltisch eiii 
Hasardeur aus Leidenschaft, Zyniker aus unbewußten Triebschidcsalen 
setzt er ursprüngUdi auf die absolute Monarchie und läßt dem König 
durch dessen Bruder, den Grafen von Artois, vorschlagen, die Revo- 
lution mit Gewalt zu unterdrücken. Der Vorschlag wird abgelehnt, der 
König erklärt, lieber nachzugeben, als einen Tropfen Blut zu'ver- 

1) Talleyrand: Ein Beitrag zur Psychologie des Zynikers. Erscheint dem- 
nächst in der „Imago". 

2) In der Darstellung der Lebensgeschidite Talleyrands halte ich midi im 
wesentlichen an die kürzlich erschienene Biographic Talleyrands von Franz 
Blei, gegen die — trotz blendender Darstellung und profunder historisdier 
Kenntnis — das gleiche einzuwenden ist, wie gegen die Biographie Foudies 
von Stefan Zweig: sie berücksichtigen überhaupt nidit die Kindheit und 
die daraus resultierenden unbewußten Vorgänge, wobei die Tatsadie des 
Unbewußten im psydioanalyrischen Sinn überhaupt übergangen wird. Ergänzt 
wurden die Angaben Bleis durch Werke, respektive Arbeiten von: Are tz, 
Chuquet,Jekels,F.M. Kircheisen, G.Kircheisen,KIeinschmidt, 
Ludwig, Lacombe, Martel, Masson, Roessler, Sainte Beuve, 
Scott, Stendhal, Wencker-Wildb erg, Zweig, die Propyläenwelt- 
gesduchte Bd. VII. und die Memoiren von Napoleon, Pouche und Talleyrand 
etc. etc. (Näheres siehe Literaturverzeidinis.) — Beweisende Sätze in den 
Zitaten hat Verf. gesperrt setzen lassen. 

— 320 - 



Ken und der Graf von Artois beschließt: „Was mich betrifft, habe 

1 gewählt, ich verlasse morgen Frankreich." Darauf Talleyrand : „Wenn 

so ist' Monseigneur, daß der König und die Prinzen ihr Interesse 

nd das der Monarchie im Stiche lassen, bleibt jedem von uns nichts 

nderes übrig, als an seine eigenen Angelegenheiten zu denken.' Die 

aarchisch-konstitutionelle Lösung, deren Hauptvertreter Mirabeau 

^i sein Freund Talleyrand waren, wurde bald aufgegeben. Von 

falleyrand — dem Bischof von Autun — geht der Vorschlag der 

Säkularisation der französischen Kirche aus. Daraufhin wird Talleyrand 

vom Papst exkommuniziert, „macht", wie er sagt, selbst gesetzestreue 

Rischöfe und inauguriert damit das Schisma. Nach den Vorgängen des 

August 1792 bekam Talleyrand Angst und ging mit einem Paß 

ntons als Führer einer Mission nach England. Das war, wie sich 

^äter erwies, ein Glücksfall ersten Ranges, dem Talleyrand sein Leben 

verdankte (er kam bald nach seiner Abreise auf die Liste der zu 

Guillotinierenden). Davon abgesehen, enthob die Auslandsreise 

Talleyrand der peinHchen Pflicht, für oder gegen die Enthauptung des 

Königs zu stimmen, was ihm ihn späteren Jahren, als er gegen Napoleon 

arbeitete, die Gloriole des Mannes, der das ancien regime und die 

■ Revolution (ohne Königsmörder zu sein) repräsentierte, erst ermöglichte. 

|Aus England ausgewiesen, geht Talleyrand nach Amerika, verweilt 

äort bis zu seiner Rückberufung nach dem Sturze Robespierres am 

19, Thermidor und der Einsetzung des Direktoriums unter Barras. Auf 

[Antrag Cheniers erhält er die Erlaubnis, nach Frankreich zurüdau- 

Ikehren und wird — wieder durch eine Frau: Madame de Stael, die 

Isdion bei seiner Rückberufung der Hauptakteur hinter den KuKssen 

[war — vom Direktorium zum Minister des Äußeren ernannt.» „// faut 

Ifaire une immense fortune, une immense fortune", sagt Talleyrand nach 

^er Ernennung. Der preußische Gesandte berichtet nach Berlin: „Der 

nister des Auswärtigen liebt das Geld und sagt ganz laut, daß er, 

Fall er seinen Posten aufgebe, nicht bei der Repubhk um ein 

[Almosen betteln wolle." Talleyrands Absicht, sich ein Vermögen zu 

[machen, sprach sich rasch herum: um den 18. Brumaire schätzt man 

3) „Drei Jahre später sollte Bonaparte den Anlaß finden, Tayllerand zu 
[fragen, was das für eine Frau sei, diese Baronin Stael. Und Talleyrand 
Iwird antworten: „Eine Intrigantin, und das so sehr, daß sie es ist, durch 
[die ich mich auf dieser Stelle befinde." — „Immerhin eine gute Freundin?" 
\— „Eine Freundin? Sie würfe ihre Freunde ins Wasser, um sie mit der 

Qgel herauszufischen." (Blei.) 



321 



sein Vermögen auf dreißig Millionen, das zum größten Teil 
diplomatischen Bestechungen stammt. ' ^^ 

Während der zwei Jahre, welche Talleyrand als Minister in d 
Palais GaHfiFet residierte, bestand seine politische Tätigkeit — ^"^ 
einem Wort von Barras — darin, Bonaparte zu karessieren. TaUev"^'^ 
hatte mit zielsicherem Instinkt den siegreichen Napoleon als komm 
den Mann erkannt. Schon im ersten Brief, in welchem er Bonan ^"' 
seine Ernennung mitteilt (24. Juli 1797), steht der Satz, daß der ^"^ 
Bonaparte ihm in seinen schwierigen diplomatischen Geschäften ™^ 
Hilfe sein werde. („Le mm seul de Bonaparte est un auxiliaire^'g^- 
doit tout aplanir.") Und Napoleon, den Wert Talleyrands für se 
weiteren Pläne erkennend, antwortet: „Die Wahl, welche ^d"^ 
Regierung getroffen hat, indem sie Sie zum Außenminister ernannt'^ 
macht ihrem UrteUsvermögen Ehre. Ich bin glücklich, es mit Ihnen z 
tun zu haben und Sie von meiner hohen Wertschätzung zu übe" 
zeugen«. Nach dem Frieden vom Campo Formio, den Bonaparte m\ 
Österreich schloß, schreibt ihm Talleyrand: .Herzlichen Dank, mein 
General; die Ausdrücke fehlen mir, um Ihnen alles zu sagen, was man 
in diesem Augenblicke möchte . . . Adieu, General des Friedens! 
Freundschaft, Bewunderung, Respekt, Anerkennung, man weiß nicht 
wo aulhören in dieser Aufzählung". Das erste Zusammentreffen 
Napoleons mit Talleyrand spielte sich bei Talleyrand ab. Dem General 
fiel die Ähnlichkeit Talleyrands mit Robespierre auf: „dasselbe blasse 
undurchdringliche, maskenhaft starre Gesicht, in dem nur die Nasen- 
flügel vibrierten, die beiden scharfen Falten von der frech gestülpten 
Nase zum Mund, dessen Winkel sie hinabzogen, derselbe Blick der 
graugrünen Augen. Dieselbe wegen des Fußes übertrieben aufrechte 
Haltung, die des hohen Stockes nicht zu bedürfen schien, so geschickt 
kaschierte das der, der sich auf ihn stützte, beim Gehen." 

„Der kleine, magere, nervöse General mußte den Kopf, von dem 
das schwarze Haar fast die Stirn und ganz die Ohren bedeckte und 
bis auf den hohen Kragen fiel, etwas heben, wenn er mit dem Minister 
sprach, der ihm das erträglich zu machen verstand, indem er sich etwas 
neigte, nicht herablassend, sondern als ob es ihm natürlich wäre. Er 
affektierte ein Aussehen, als ob er weit älter wäre, als 
dreiundvierzig-. (Talleyrand war 15 Jahre älter als Napoleon). 
Blei, S. 84. 

TaUeyrand selbst schildert in seinen Memoiren (I. S. 202) diese 
Begegnung und man kann annehmen, daß die äußere Szenerie dieser 

— 322 — 



eenung eine der wenigen ohne Vorbehalt zu genießenden Stellen 

den 1720 Seiten der Memoiren des Fürsten darstellt: 

Ich hatte ihn noch nie von Angesicht gesehen und schon am Tage 

jlgr Ankunft schickte er mir gegen Abend einen Adjutanten mit 

Ij Anfrage, wann er mir seinen Besuch machen könne. Ich stellte 

I 'ch ganz zu seiner Verfügung und er ließ sich für den nächsten Vor- 

tinittag 11 Uhr anmelden. Ich hatte Frau von Stael eingeladen . . . Als 

Ijer General vorfuhr, ging ich ihm bis an die Treppe entgegen und 

Iführte ihn dann in den Salon, wo ich ihm Frau von Stael vorstellte, 

(die er aber nur flüchtig grüßte . . . Beim ersten Anblick hatte er mir 

ofort gefallen: eine gewinnende Erscheinung, lebhafte, geistreiche 

Augen, das Antlitz edel geformt und von einer matten Blässe und, was die 

Hauptsache war, zwanzig glorreich gewonne.ne Schlachten, 

„nd dabei noch so jung! — Er unterhielt sich mit mir sehr 

offenherzig und vertrauUch und versicherte mir in der liebenswürdigsten 

Weise, wie er sich über meine Ernennung gefreut habe, weil er sofort 

aus meinen Briefen ersehen, daß ich doch ein ganz anderer Mensch 

sei als die Herren vom Direktorium. Dann sagte er plötzUdi und ohne 

weiteren Übergang : „Sie sind ein Neffe des Erzbischofs von 

Reims, der sich jetzt bei Ludwig XVIII. aufhält", und fügte 

nach einer Pause hinzu: ich habe auch einen Oheim, der Er- 

sdiakon von Korsika ist und der mich erzogen hat. Sie 

[wissen, ein dortiger Erzdiakon ist soviel wie ein 

[Bischof von Frankreich." 

Das Fest, das das Direktorium zu Ehren Napoleons gab, hatte 

[Talleyrand im Auftrag des Direktoriums zu arrangieren, wobei 

•Napoleon bejubelt und das Direktorium ausgepfiffen wurde, was 

1 Talleyrand, der auch da schon ein Doppelspiel gegen das Direktorium 

spielte, nicht unangenehm war. 

In den Memoiren Napoleons ist über die Feier des 21. Jänner 
[(Hinrichtung des Königs) folgendes zu lesen: (Wencker- Wildberg 
ill. Bd. S. 279 ff.): 

„Die Regierung feierte den Jahrestag der Hinrichtung Ludwig XVI., 
und Direktoren und Minister stritten heftig darüber, ob Napoleon der 
Feierlichkeit beiwohnen sollte oder nicht. Man befürchtete einerseits, 
Idas Direktorium würde in der Volksgunst Schaden erleiden, wenn es 
ihn nicht hingehen ließe ; anderseits, das Volk möchte das Direktorium 
ganz übersehen und sich nur mit dem General beschäftigen. Endlich 
fciam man doch zu dem Schluß, Napoleons Anwesenheit sei aus poli- 



323 — 



1 



tischen Gründen erforderlich. Talleyrand, der Minister des Ä « 
wurde mit dieser sozusagen diplomatischen Unterhandlung betra T 
seiner Eigenschaft als Außenminister war er anläßlich der fV^H 
Verhandlungen von Campo Formio mit Napoleon in Korresnr h ''^ 
getreten. Von dieser Zeit an bemühte sich Talleyrand, dem q" "^ 
zu gefallen und sich bei ihm einzuschmeicheln; er 'war auch"^J^ 
Mittelsmann, dessen sich das Direktorium bei seinen Ausein. a 



Setzungen mit Napoleon bediente. Napoleon, der gern allen V 

: 1 
liehen Fest nidits zu tun, das seiner ganzen Art "nur^rldTt ^"^^^' 
Leuten gefällt. Dies_ Fest ist im höchsten Grade unpolitisch ^7'^ 

H.f^l/T-nin /Ann r%. ^ t. J_._ TT' • ._ _ '"-».äs 



anstaltungen solcher Art ferngebUeben wäre, bemerkte folgendT, ^Tl 
bekleide kein öffentliches Amt. Ich habe persönlich mit diesem !' ? 
liehen Fest nichts 711 tun rlac »»;„».- a . . ^"g«b- 



Ereignis, das es in der Erinnerung zurückruft, war ei 
Katastrophe und ein nationales Unglück. Ich begreife sehr wIm' 
daß man den 14. Juli feiert, denn an diesem Tage hat das VolkTei ' 
Rechte erstritten. Aber es hätte diese Rechte erringen und 
Republik errichten können, ohne sich mit der Hinricht 
eines Fürsten zu beflecken, der von der Verfassung selbst ffir 
unverletzhch und unverantwortlich erklärt worden war Ich w-n 
nicht erörtern, ob diese Hinrichtung nützlich ode 
schädlich war; aber ich behaupte, sie war ein unglüdcliche 
Ereignis. Nationale Feste feiert man zur Ehre von Siegen die Oof 
aber die auf dem Schlachtfelde geblieben sind, beweint man* "" 
lalleyrand bot seine ganze Beredsamkeit auf; er suchte 
zu beweisen, daß dieses Fest gerecht wäre, weil es 
politisch wäre. Politisch wäre es, denn alle Länder und 
alle Republiken hätten stets den Sturz der despotischen 
Gewalt und den Tyrannenmord als einen Triumph ge- 
feiert. So hatte Athen den Tod des Pisistratus. Rom den 
Murz der Dezemvirn verherrlicht. Übrigens sei das 
Fest durch ein Gesetz geboten, dem das ganze Land unter- 
worfen sei und dem jeder sich zu fügen und zu gehorchen habe 
Nach langem Hin- und Herreden fand man e ndlich einen Mittelweg! 

4) Anfangs Januar 1810 schlug der Reichskanzler Combacdres dem Kaiser 

SoA °dl,?% "^"^ V t"^'^° ''■ J^°"^^ ^°^- Kaum hatte Combac 
er^nnt f ^^ '° J^^brndung mit einem Hof ball genannt, als Napoleon 
empört aufsprang und den Kanzler anfuhr: „Was? auf den 21 Tanuar 
sdilagen Sie einen Hofball vor? Was denken Sie? II Tode ag^ ein 
Ehrenmannes tanze ich nicht." (Blei.) 

— 324 — 



Das Institut nahm an der Feierlichkeit teil ; es wurde abgemacht, daß 
M poleon als Mitghed des Instituts mit den Gelehrten seiner Sektion 
• Zug gehe; er erfüllte damit eme Pflicht als Angehöriger einer 
Körperschaft und vollzog keine freiwillige Handlung ..." 

Bald hierauf erfolgt Bonapartes Abreise nach Ägypten, wobei er 

it Talleyrand vereinbarte, der Minister werde nach Konstantinopel 
ehen, um mit der Pforte zu unterhandeln, ein Versprechen, das 
Talleyrand nie einlöste. Dagegen geschieht etwas völlig Unerwartetes: 
per schwer erkrankte Talleyrand übergibt Napoleon bei seiner Ein- 
sdiiffung nach Ägypten (Mai 1798) 100.000 Francs. Er bekam sie 
2wei Jahre darauf unter dem Konsulat zurück. „Der Kaiser wird ihn 
einmal fragen: „Was bewog Sie damals, mir das Geld zu geben?" 
Und Talleyrand wird erwidern : „Ich hatte keinen besonderen Grund. 
Es war möglich, daß ich Sie nie wieder sah. Sie waren jung und ich 
fühlte mich unwiderstehlich dazu gedrängt, Ihnen diesen Dienst zu 
leisten". Darauf fand Napoleon keine andere Antwort als „Vous 
faisiez un metier de dupe". (Blei.) 

Talleyrand hatte als Minister des Direktoriums nur in Geldaffairen 
Glück, außenpolitisch machte man ihn für das Zustandekommen der 
zweiten Koalition gegen Frankreidi verantwortlich und zerrte Be- 
stediungsaffairen ans Tageslicht. Talleyrand kam der Absetzung zuvor 
und demissionierte. Vier Monate später kam der 18. Brumaire, 
Napoleons Staatsstreich, und Talleyrand wurde wieder Minister. 
Talleyrand spielte den Vermittlungsmann zwischen Sieyes und Napoleon. 
Bei den Vorbereitungen zum Staatsstreich ereignete sich folgende Szene, 
die Talleyrand in seinen Memoiren I. S. 212 beschreibt: 

„Einige Tage vor dem 18. Brumaire trug sich bei mir eine eigen- 
tümhche Szene zu. Bonaparte, der an der Rue Chautereine wohnte, 
kam eines Abends zu mir, um noch verschiedenes mit mir zu be- 
sprechen. Ich wohnte ganz in seiner Nähe, an der Rue Taitbout, und 
zwar in einem Hinterhause, das von dem Hauptgebäude durch einen 
Hof getrennt war. Wir saßen in meinem Kabinett, wo nur einige 
Kerzen brannten und unterhielten uns sehr lebhaft. Mitternacht war 
schon vorüber. Auf einmal hören wir von der Straße herein lauten Lärm 
und als wir genauer hinhorchen, auch Pferdegestampf, wie von 
Kavallerie. Bonaparte springt erschrocken auf, er er- 
bleicht und sieht mich fragend an. Ich glaube, daß ich gleich- 
falls die Farbe gewechselt habe, fasse mich aber, blase sofort 
die Kerzen aus, schleiche leise durch den Hof und sehe von eüier 

— 325 — 



er 
e 



oberen Galerie auf die Straße hinab. Zuerst konnte ich nicht erken 
was unten vorging, endlich sah ich aber doch, was es war °^"i' 
mußte an mich halten, um nicht aufzulachen. Die Straßen von p"" 
waren damals zur Nachtzeit nicht besonders sicher und wenn m"* 
um Mitternacht die Spielhäuser im Palais royal geschlossen hatte ^ 
fuhren die Bankhalter mit ihren Geldern in einigen Fiakern naA 
Hause, ich glaube nach der Rue Clidiy, wo sie wohnten. Sie ließ 
sich dabei von reitenden Gendarmen begleiten, die der Polizeiminist^" 
ihnen gegen gute Bezahlung bewilligt hatte. Zufällig mußte nun gerade 
vor meinem Hause einer von den Fiakern ein Rad verHeren, w 
den Aufenthalt, den Lärm und die ganze Unruhe verursachte. Bona 
parte und idh lachten herzlich darüber und auch über unsere' 
panischen Schrecken, der indes erklärlich war, denn man konnte 
in jenen Tagen von selten des Direktoriums auf alles gefaßt 
sein." 

Talleyrand setzt nun seine Rolle, die er von Anfang an Napoleon 
gegenüber einnahm, fort: er stellte alle Gedanken, die de 
Konsulbloßbei sichzudenken wagte, als nächstliegend, 
Staatsnotwendigkeit dar und präsentierte sich Napo. 
leon als ein lebendiges ,Es-ist-erlaubt". Einige Beispiele: 

In Talleyrands Memoiren I. S. 215 lesen wir: „Um dieser Autorität 
einen noch größeren Nachdruck zu geben, machte ich ihm (Napoleon) 
am Tage seiner feieriichen Installation (als Konsul) einen Vorschlag, 
den er mit Bereitwilligkeit annahm. Alle drei Konsuln hielten täglich 
Sitzung, zu welcher die Minister erschienen, um die Berichte ihres 
betreifenden {Ressorts abzustatten. Das Portefeuille des Äußeren 
ist aber in jedem wohlgeordneten Staat ein geheimes und darf 
nicht im offenen Ministerrate verhandelt werden; ich bat daher den 
General, mir zu erlauben, über die Angelegenheiten meines Ministeriums 
nur mit ihm allein zu verkehren. Bonaparte begriff sehr gut die 
Tragweite meines Vorschlages und traf sofort die nötigen Anordnungen. 
Ich arbeitete also immer nur mit ihm allein." 

Talleyrand gab Napoleon den Rat, das zweite Konsulat einem 
Juristen für die Justiz und das dritte einem geschickten Finanzmann 
für die Finanzen zu übertragen : „Das wird sie beschäftigen, wird sie 
amüsieren und Sie, General, haben alle lebendigen Teile der Regie- 
rung zur Verfügung." Selbst aber sollte Napoleon das in der Hand 
haben, was direkt mit der Politik zu tun hat : die Ministerien des 
Innern und der Polizei, das Außenministerium und die beiden großen 

— 32Ö — 



J 



i Exekutivmittel Heer und Marine, 



Die Folge dieser Vorschläge war 
n7ende Äußerung Napoleons zu seinem Sekretär Bourienne : 

Dieser Talleyrand hat viel Verstand. Er ist sehr geschickt. E r h a t 

■"ch durchschaut. Was er mir geraten hat — Sie 

""•«rcen daß es meine Absicht ist. Er hat recht : man geht 

• 1 schneller, wenn man allein geht. Der Konsul Lebrun ist ein an- 
tändiger Mensch, aber er hat keine Politik im Kopf, nur Bücher, 

nd der andere, Combaceres, viel zu viel revolutionäre Tradition, 
j^eine Regierung muß eine ganz neue Regierung sein." 

Ein anderes Beispiel dieser Attitüde ist ein Brief Talleyrands an 
Napoleon nach Marengo, in welchem er suggestiv vom Imperium 
spricht. Talleyrand war freihch in dieser Zeit kaum mehr als ein 
Exekutivorgan Napoleons und Chateaubriand hat nicht Unrecht, wenn 
er sagt: „Talleyrand signait les evenements, il ne les faisait pas." An- 
ders ausgedrückt: „Bonaparte gab die Substanz, die für Talleyrand 
politisch zu traktieren war" (B 1 e i), wobei Talleyrand an jeder Wen- 
dung der napoleonischen Politik durch Bestechungsgelder grob ver- 
diente. Napoleon wußte, daß sich Talleyrand bereicherte. „Wenn 
Napoleon sich nicht um seine treuesten Diener kümmert, müssen wir 
es selbst tun, nicht?" sagte Talleyrand zu Combaceres. Dieses „nicht 
kümmern" war sub specie von Millionen gedacht und Talleyrand 
konnte den Satz aussprechen: „Wenn man will, hat man immer 
Geld." Napoleon nahm ihm die Bereicherung nicht übel. Der erste 
Konsul und die ganze bonapartistische Sippe machten es nicht anders. 
„Wenn ich nichts mehr habe", sagte der Kaiser zu Talleyrand, „dann 
wende ich mich an Sie. Also Hand aufs Herz: wieviel 
haben Sie an mir verdient?" „Ich bin nicht reich, Sire, aber 
alles, was ich besitze, steht zu Ihrer Verfügung." (Ludwig, S. 579.) 
Talleyrand brachte übrigens Teile des alten Adels dazu, sich mit 
Napoleon abzufinden. Eine Regierung, unter welcher die fünfprozen- 
tige Rente von 7 auf 12% stieg, war vertrauenswürdig. „Und daß 
Namen und Herkunft einen politischen Wert bedeuteten, bekam Na- 
poleon auf den Festen augenfällig zu merken, die der Minister ihm 
zu Ehren gab : fast der ganze Adel Frankreichs war da, und mehr als 
bereit, mit dem neuen Regime Frieden zu schheßen. Daß neben dem 
politischen Kalkül Snobismus mithef, ist selbstverständlich, sowohl beim 
Minister, ihm Faubourg Saint-Germain zuzuführen, wie beim Chef, es 
zugeführt zu bekommen. Bonaparte liebte „dieses Parfüm des aken 

Adels". Als Kaiser wird er sich eine neue Aristokratie schaffen. Je 



— 327 



'^'^^er, son 1 



vrai, le seul soutien d'une monarchie, son moderateur, son Uvie 
point resistent" (B 1 e i). 

Dabei gab Talleyrand Napoleon wiederholt zu fühlen, daß d 
Kaiser der Parvenü und der Minister der Grandseigneur sei: ß ^^ 
diesem großen Namen entsprach genau die Geste, die Allure und^d" 
Haltung des einzigen Gr an ds e i gn e ur s in Bonapart '^ 
beamteterund militärischerUmgebung, die na\* 
Stendhals Wort ,aus kleinen Leuten' bestand D 
Chef kapituherte vor den vollendeten Manieren des GrandseigiieuT 
ebenso, wie vor seiner Routine im Traktement der politischen Q^ 
Schäfte, was beides ihm imponierte, weil er beides nicht besaß wede" 
Routine, noch Manieren« (Blei). Als Talleyrand unter dem Kaiser' 
tum Oberkämmerer wurde, schrieb ihm zum Beispiel Napoleon ■ 

„Herr Talleyrand, mein Oberkämmerer, ich schicke Ihnen diese, 
um Ihnen meine Unzufriedenheit zu bezeigen darüber, daß die Freitr^' 
Einladungen vom Souper sprachen, während sie für mein Diner b^" 
stimmt waren. Meine Intention ist, daß man in meinem Haushalt wt 
sonst auch den Gesetzen gehorche." 

»Der gute Geschmack, Majestät" — antwortete Talleyrand ist Ihr 
persönlicher Feind. Könnten Sie sich seiner durch Kanonenschüsse ent 
ledigen, es gäbe ihn schon lange nicht mehr." 

Oder : „Der Konsul erwartet ungeduldig den Kurier mit dem unter 
zeichneten Friedensvertrag von Amiens. TaUeyrand hat ihn bekom 
men, steckt ihn in die TascJie und begibt sich, mit der Mappe unter 
dem Arm, nach den Tuilerien zur Erledigung der laufenden Ge 
Schafte, er unterbreitet dem Konsul Rapporte zur Kritik und Unter 
Schrift; kein Zug des Gesichtes verrät, daß er den Friedensvertrag in 
der Tasche hat. Der Minister lächelt : Jetzt will ich Ihnen eine große 
Freude machen, - hier ist der unterschriebene Friedensvertrag mit 
England.« — „Warum haben Sie mir das nicht gleich gesagt?" fährt 
der erste Konsul seinen Minister an „Weil Sie mich dann nicht zu 
allem anderen gehört hätten. Wenn Sie glückhch sind, sind Sie unzu- 
gänglich." Blei, dessen Buch diese Schilderung entnommen ist, meint 
dazu, „Talleyrands pädagogische Absicht streif tandieUnve r- 
schämtheit". Dabei stammen diese Aussprüche aus der Zeit der 
gluckhchen Zusammenarbeit der beiden Giganten, in bösen Zeiten 
sagt Talleyrand dem Kaiser noch ganz andere Dinge. 

Talleyrands Anteil am Konkordat war ein beträchtlicher, Talleyrand 
selbst wurde dem weltlichen Leben wiedergegeben. Napoleon zwingt 

— 328 — 



"hn s^'"^ Geliebte, Madame Grand, eine hübsche, aber dumme Frau, 

heiraten. Auf Napoleons Wunsch kauft er das riesengroße Renais- 

ganceschloß Valencay, „um würdig zu repräsentieren". Dasselbe Valen- 

„ in das Napoleon später „die spanische Besatzung" der vertriebe- 

^nen Bourbonen legen wird. 

In einer ganzen Reihe von Fällen überspielt Talleyrand 

!den Kaiser. Mit Recht haben verschiedene Biographen darauf ver- 
wiesen, daß Talleyrands Macchiavellismus darin bestand. Bonaparte 
ni isolieren : gegen die Revolution hin durch die Erledigung der letz- 
ten Jakobiner", gegen die Bourbons hin durch Erschießung des Her- 
zogs d'Enghien. Es ist kein Zweifel, daß Talleyrand der Initiator der 
Ermordung des Herzogs war, ebenso wie Talleyrand ursprünghdi den 
katastrophalen spanischen Feldzug unterstützte, weil er hoffte, daß 
Napoleon dabei unterliegen und damit stürzen werde. Natürlich hat 
Talleyrand seine „Rolle im Falle d'Enghien " und Spanien abge- 
leugnet. 

Wo beginnt eigentUch der große Konflikt Talleyrands 
mit Napoleon? Will man Talleyrand glauben, spielte sich dies so 
ab: Napoleon sei, durch seine Siege „förmhch berauscht", in seinem 
,unersätthchen Ehrgeiz" nicht geneigt gewesen, den „Weg der Mäßi- 
gung", den ihm Talleyrand empfahl, zu gehen und deshalb hätte der 
Minister seine Demission gegeben. Nach dem Frieden von Tilsit hätte 
Napoleon, der Talleyrand schon vorher zum Fürsten von Benevent' 
ernannt hatte, für ihn die Stelle eines Vize-Großwahlherm kreiert, „im 



5) Nach dem Höllenmaschinen-Attentat in der Rue Saint Nifaise wurden 
auf Talleyrands Rat durch einen Senatsbeschluß (!) 130 Jakobiner deportiert 
und 10 zum Tode verurteilt, und obwohl es sich später zeigte, daß Roya- 
listen die Täter waren, wurde der Beschluß nicht rückgängig gemacht. 

6) In jener Nacht des 2i. März spielt Talleyrand Karten bei der Herzo- 
pn von Luynes. Um zwei Uhr sagt er: „Der letzte Conde hat zu existie- 
ren aufgehört." Sein dief de Service Hauterive konnte, so gut sie sich mit- 
einander standen, sein Entsetzen nicht verbergen. „Na, was verdrehen Sie 
die Augen? Was denn, was denn, sind Sie närrisch geworden? Ein Vcr- 
sdxwörer wird an der Grenze abgefangen, man bringt ihn nach Paris, man 

I füsiliert ihn, was ist da besonderes dabei ?" Die Anekdote hat eine kürzere 
Fassung im Satz: „Na, was denn? Das ist Politik, mein Lieber!" 
(Blei, S. 130.) 

7) „Daß der Kaiser Talleyrand gerade mit der päpstlichen Enklave Bene- 
vent belehnte, war ein boshafter Witz Napoleons auf den republikanischen 
Bisd:of, der die Säkularisation der kirchlichen Vermögen beantragt und 
durdigeführt hatte." (Blei, S. 157.) 

— 329 — 



Grunde nichts als eine hochangesehene und sehr einträgliche Sin 
kure" (Talleyrand, Memoiren, II. 248). Vor allem sei Talleyrand üb " 
das Verhalten Napoleons in Spanien empört gewesen : 

„Napoleon residierte darauf (nach Jena und Auerstädt) einige 2e' 
in Berlin, und dort erhielt er die unvorsichtige Proklamation des He 
zogs von Alcudia (des „Friedensfürsten"), die den Abfall Spaniens vo 
Frankreich in nahe Aussicht stellte. Das gab wieder Veranlassung z» 
einer sehr heftigen Szene : der Kaiser schwur hoch und teuer, er werde 
die ganze Linie der spanischen Bourbons bis auf den 
letzten Mann vertilgen . . . und ich schwur mir in 
j enem Augenblick im Stillen, gleich nach unserer 
Rückkehr, es koste, was es wolle, meine Entlassung 
zu fordern. Ich konnte der Minister eines solchen 
Mannes nicht mehr sein. Bestärkt wurde ich in diesem Ent- 
schluß durch die barbarische Behandlung, die Preußen im Frieden von 
Tilsit erdulden mußte, wobei ich, gotdob ! nicht tätig war." (Talley- 
rands Memoiren, II. S. 240.) 

Dies die Talleyrand-Legende. In Wirklichkeit begann Napoleon 
Talleyrand zu mißtrauen. Dazu kam, daß die Situation sich auch in 
Folgendem geändert hatte: Talleyrand war früher der Mann, der 
Napoleons geheimste Gedanken als erster als Staatsnotwendigkeit aus- 
sprach, während er j e t z t dem Kaiser Bedenken vorzutragen begann. 
(So war z. B. Talleyrand gegen eine harte Behandlung Österreichs.) 
Diese Schwenkung T a 1 1 e y r a n d s, der als Realpolitiker die 
unlösbaren Verwicklungen, in die sich Napoleon (aus unbewußten 
Motiven) hineinmanövrierte, sah und um seine eigene Karriere unter 
einem Nachfolger fürchtete, ist das Entscheidende im unbe- 
wußten Verhalten Napoleons zu Talleyrand. An- 
ders ausgedrückt : es ist die Schwenkung von der Re- 
präsentanz der erlaubenden zuder der ve r bieten- 
den Tendenzen des Üb er-Ichs, worüber später ausführlicher zu 
sprechen sein wird. Talleyrand, der die unbewußten Motive Napoleons 
nicht verstehen konnte und in ihm bloß einen Größenwahnsinnigen 
sah, der sich und seine Anhänger ins Verderben bringen werde, rückte 
vom Kaiser ab. Das moralisierende Gerede Talleyrands in seinen 
Memoiren über seine Empörung, ist Maske, da ein Mann, der den 
Grundsatz prägte, „der beste Grundsatz in der Politik ist, keinen zu 
haben", dazu schon aus rein psychologischen Gründen gar nicht 
fähig war. 

— 330 — 



nie Stelle als Vize-Großwahlherr * ermöglichte Talleyrand, weiter 
jf, Hofe eine große RoJle zu spielen und vor allem nicht ausgeschal- 
1 tet zu ^^^^' ■^^^ besondere Pikanterie dachte sich Napoleon folgende 
Bosheit" (so nennt es Pouche in seinen Memoiren) aus : die beiden 
i spanischen Prinzen und ihr Onkel wurden auf Talley- 
irands Schloß in Valencay einquartiert, Talleyrand 
(also praktisch Kerkermeister® oder wie Napoleon es aus- 
I drückt: „Eine ziemlich ehrenwerte Mission, denn diese drei illustren 
[Personen zu empfangen und zu amüsieren liegt im Charakter unserer 
I Nation und dem Ihres Ranges. M adame Talleyrand möge sich mit 
neben, acht Damen ebenfalls nach dem Schloß begeben, 
das ein Theater habe, eine Kapelle, — vielleicht gibt es da 
auch eine hübsche Weibsperson, an die sich der Prinz 
yon Asturien attachiert, man besäße in ihr ein Mittel mehr, 
ihn zu überwachen". Der Hinweis auf die „hübsche Weibsperson" 
bezieht sich auf Madame Talleyrand, mit der der Onkel des 
jungen Königs, Carlos, tatsächlich ein Verhältnis ein- 
ging, was Napoleon Talleyrand später brutal vorhielt.?,. Um die Bös- 
heit gegen Talleyrand voll zu machen, zahlte Napoleon für den kost- 
, spieligen Unterhalt der Prinzen — 50.000 fr. jährBch, also einen 
Pappenstiel. Es war praktisch eine Kriegskontribution, die Napoleon 
[ Talleyrand auferlegte. 

Der „Verrat" Talleyrands an Napoleon hatte drei Etap- 
Ipen: in der ersten ließ Talleyrand Napoleon auf die falsche 

8) Im „Moniteur" hieß es, daß sich seine Tätigkeit im Ministerium mit 
seiner neuen Würde nicht vertrüge. In Wirklichkeit war es eine halbe Kalt- 
stellung, versüßt durch ein Gehalt von 500.000 Francs. Napoleon gab auf 
St. Helena als Ursache für Talleyrands Entlassung an : „Ein Mann von 
Talenten, aber man kann nichts mit ihm anfangen, wenn man ihn nicht 
bezahlt. Die Könige von Bayern und Würtemberg hatten sich so sehr über 
seine Habsucht beklagt, daß ich ihm das Portefeuille entzog." Eine glatte 
Augenauswischerei, da Napoleon von Talleyrands Bestechlichkeit schon vor 
-der persönlichen Bekanntschaft genügend unterrichtet war und auch sonst 
[derlei Skrupel nicht kannte. 

g) Der Beginn der spanischen Atfairen Napoleons ist eine Kette phan- 
Itastisdier Betrügereien {„Perfidie" nennt es der nachträglich morahsche Tal- 
lleyrand im Jahre i8:6). Napoleon zwang erst den Thronfolger, der durch 
leinen früheren Thronverzicht seines Vaters, der später als crrwungen dar- 
I gestellt wurde, eigentlich König war, indem er ihn nach Bayonne.also auf fran- 
I zösischen Boden lockte, auf den Thron zu Gunsten seines Vaters, und dann 
[den Vater zu Gunsten von Napoleons Bruder Joseph zu verzichten. 

— 331 — 



Fährte setzen (Hineinlocken auf das spanische Abenteuer, Erschieß 1 
d'Enghiens), in der zweiten arbeitet er als Napoleons Unt ^ 
h an dl er mit dem Zaren in Erfurt (i8o8) direkt gegen d ^' 
Kaiser, in der dritten und letzten Etappe (1814) wird Talleyr h 
Ministerpräsident der ersten Restauration „ 
Ludwig XVIII. "°'^' 

In Erfiirt wird er von Napoleon nicht nur mit der Inszenierung de 
ganzen Aufmachung (man spielt „Oedipe" von Voltaire), sonder"^ 
auch mit den Verhandlungen mit dem Zaren Alexander betraut, y,^ 
zu auch die Werbung um eine russische Prinzessin gehörte. Beim The 
im Salon der Fürstin Thurn und Taxis endedigt sich Talleyrand seine^ 
Auftrages wie folgt : * 

„Was gedenken Sie hier zu tun, Sire? Bei Ihnen liegt die Rettun? 
Europas und das werden Sie nur erreichen, wennSie Napoleon 
die Stirne bieten. Das französische Volk ist zivilisiert, sein 
Souverän ist es nicht. Der russische Souverän ist zivihsiert, sein' Volk 
ist es nicht. Also sollte der Herr Rußlands der AUiierte des französi 
sehen Volkes sein ... Der Rhein, die Alpen, die Pyrenäen sind die' 
Eroberung Frankreichs, das übrige ist die Eroberung des Kaisers- 
Frankreich legt keinen Wert darauf...« „Eure 
Majestät sollten sich zu keiner drohenden Maßregel 
gegen Österreich verleiten lassen, sondern nur gleiche Ver- 
pflichtungen da eingehen, wie mein Chef." 

Man sieht: Talleyrand hat Napoleon in Erfurt verraten; seinem 
Einfluß auf den Zaren war es u. a. zuzuschreiben, daß Napoleon Er- 
furt ohne jedes Ergebnis verließ. Dabei sind diese Aussprüche Tal- 
leyrands nicht nachträglich von ihm konstruiert worden, wie viele 
andere. Es gibt eine Reihe von Bestätigungen zeitgenössischer Me- 
moiren, die diese Angaben TaUeyrands voll und ganz beglaubigen 
So zum Beispiel ein Ausspruch Metternichs in einer Denkschrift vom 
4. Dezember 1808 : .Wir sind also endlich an einem Zeitpunkt an- 
gelangt, wosichimlnnerndesfranzösischenKaiser- 
reichs selbst Alliierte anzubieten scheinen, und 
nicht etwa niedrige Intriganten, sondern Männer, die imstande sind, 
die Nation zu vertreten, verlangen unsere Unterstützung.« 

In Paris machen TaUeyrands boshafte Bemerkungen über die spani- 
sche Expedition — der Kaiser hat selbst den Oberbefehl in Spanien 
übernommen — die Runde. Zum Beispiel: „Man bemächtigt sich der 
Kronen, aber man eskamotiert sie nicht." Oder: „Nichts einfacher und 

— 332 — 



'Ats vielleicht notwendiger für das solide Etablissement der napo- 
jjjjchen Dynastie, als das Haus Bourbon aus Spanien zu jagen, 
ugr wozu solcher Aufwand von Schläue, Per- 
fidie und Kunststücken? Warum nicht einfach den Krieg 
ffklären, wofür es an Motiven nicht gefehlt hätte? In einem solchen 
iKriege wäre die spanische Nation bestimmt neutral geblieben. Ohne 
L« im geringsten zu bedauern, eine abgenützte Dynastie fallen zu 
fsehen und berauscht vom Renommee Napoleons hätte sie nach schwachem 
[widerstand durch die reguläre Armee den freudigen Übergang zur 
I jpoleonischen Dynastie vollzogen ..." Oder : „Der unglückliche 
faiser setzt seine ganze Situation in Frage durch dieses Unternehmen 
egen einen nationalen Willen. Ein nie mehr zu reparierender 
{Fehler." (Wie sehr Napoleon seine eigene Jugend verdrängt hatte, 
Ibcweist die Tatsache, daß er die nationale Bewegung in Spanien nicht 
[verstand, obwohl er selbst an der korsischen teilgenommen hatte.) 
Die weiteren Schritte Talleyrands beim Verrat sind folgende: über 
lijesselrode, den der russischen Gesandtschaft zur besonderen 
[Verwendung für Talleyrand beigegebenen Agen- 
Iten, informiert er den Zaren über die Absichten Napoleons '". Nessel- 
ode gesteht in seiner Autobiographie selbst ein, „daß er durch 
'alleyrand, der im Geheimen auf Napoleons Sturz 
fh inarbeitete, am meisten erfuhr." (F. M. Kircheisen, 
S. 223.) Die Decknamen für seine Berichte sind: Cousin Henry, Ta. 
[Anna Iwanowna, unser Buchhändler, der schöne Leandre etc. Ein 
zweiter Weg zum Zaren führt seit Erfurt über die eigene Familie: 
IderZar gab dem Neffen Talleyrands die Tochter 
Herzogin von Kurland, eine Verwandte des 
laren, zur Frau. (Talleyrand hatte übrigens mit Mutter und 
iTochter ein Verhältnis). Über die Kurfürstin hat Talleyrand eine 
lirekte Verbindung zum Zaren, eine Verbindung, die Napo- 
leon kennt, (er läßt die Sekretärin dieses Kreises, Vicomtesse 
Laval, zu Beginn des russischen Feldzuges aus Paris ausweisen), und 
hier ist wieder das Rätselhafte — gegen die er nichts 
in t e rn i m m t. 
Talleyrand versöhnt sich während des spanischen Feldzuges mit 

10) Es ist bei Talleyrands Geldgier nicht verwunderlich, daß er auch 
diese Nachrichten zu kapitalisieren versuchte. Im russischen Hofarchiv findet 
sidi ein Brief Talleyrands aus dem Jahre 1810 an den Zaren mit der Bitte 
um 1% Millionen Francs. 

PiA. Bewegung V — ^^^ — 22 



seinem Gegner Pouche, das heißt, er schließt mit ihm einen Pakt f 
den Fall des Sturzes Napoleons, auf den beide offen spekuli 
beide zeigen sich Arm in Arm bei einem Fest. Madame Laetiti^"^!!^ ' 
Mutter des Kaisers, verständigt Napoleon, der die W i c h t i ' k ■ 
des Ereignisses sofort einsieht, und am 17. Jänner /" 
Valladolid verläßt, um am 23. frühmorgens in Versailles einzutreff"^ 
Am 28. Jänner 1809 kommt es zur „großen Abrechnung« mit t"!' 
leyrand : ^ ^- 

„Mit Talleyrand abzurechnen, hatte der Kaiser einen großen Ann 
aufgeboten, um die berühmte Szene des 28. Jänner vor einem Pub? 
kum zu agieren, das außer Talleyrand aus zwei Großwürdenträff '" 
des Reiches und zwei Ministern bestand, abgesehen von den freiwü? 
gen und unfreiwilligen Zuhörern, denn der Kaiser schrie seine Sze 
oft so laut, daß man es in den anstoßenden Appartements höre^ 
konnte. Nicht, daß er schrie, erstaunte, denn das kannte man Aud," 
was er schrie, fiel weiter nicht auf, denn man war unbehe'rrsdite' 
Schimpfen beim Kaiser gewohnt. Aber, daß der Beschimpfte es an 
den Kaminsims gelehnt hinnahm, ohne mit der Wimper zu zucken 
und nur ein einziges Mal das Wort ergriff, weil Napoleon eine di' 
rekte Frage an ihn gerichtet hatte, solche kaltblüdge Beherrschung 
bestaunte sogar ein so ausgekochter Mann wie Foudie. „Die ich zu 
meinen Würdenträgern und Ministern gemacht habe, hören auf 
frei zu sein in dem, was sie denken und ausdrücken. Sie können 
nichts anderes sein, als Organe meines Denkens. Für sie beginnt 
Verrat schon dort, wo sie zweifeln, und der Verrat ist vollendet! 
wenn der Zweifel bis zur Nichtübereinstimmung geht." Nach diesen 
allgemeinen Worten springt der Kaiser Talleyrand an: „Sie 
sind ein Dieb, ein Feigling, ein Mensch ohne 
Glauben. Sie glauben nicht an Gott. Ihr ganzer 
Lebenslauf war eine fortwährende Pflichtver- 
letzung. Sie haben alle Welt verraten und betro- 
gen. Ihnen ist nichts heilig. Sie würden Ihren 
eigenenVaterverkaufen. Ich habe Sie mit Wohltaten über- 
schüttet und es gibt nichts, dessen Sie nicht gegen mich fähig wären. 
Seit zehn Monaten treiben Sie die Schamlosigkeit, in der Meinung, 
meine spanischen Angelegenheiten stünden schlecht, wem immer zu 
sagen, daß Sie stets gegen mein Unternehmen in Spanien gewesen 
seien, während Sie es waren, der mir dazu die erste Idee gab und 
mich unaufhörlich drängte. Und dieser unglückliche Enghien, von wem 



334 — 



. g ich seinen Aufenthaltsort erfahren ? Wer hat mich gegen ihn 
foehetzt? Was sind Ihre Absichten? Was wollen Sie? Was er- 
offen Sie sich ? Sie verdienten, daß ich Sie wie ein 
'las zerbreche und ich habe die Macht dazu. Aber ich ver- 
chte Sie zu sehr, um mir diese Mühe zu nehmen. Warum habe 
■ hSie nicht amGitter des Caroussel aufhängen 
jgsen? Aber noch ist Zeit dazu, Sie Scheiße in 
'jjjem Seidenstrumpf!" — Talleyrand wurde weder blasser, 
Lodi röter, sein Blick blieb auf den Kaiser gerichtet ohne Flackern, 
ohne Zucken. Was der General Lannes über Metternich gesagt hat, 
man seinem Gesicht nicht anmerke, wenn man dem Mann 
1 Tritt in den Hintern gebe, hätte er in diesem Augenblick 
von Talleyrand sagen können. Wütend über diese Ruhe, 
tjjjiug Napoleon noch einmal zu : „ W arum haben Sie mir 
licht gesagt, daß der Herzog San Carlos der Lieb- 
laber Ihrer Frau ist?". — Wie sehr er sich zu beherrschen ver- 
zeigt Talleyrands Antwort : „En effet, Sire. Je n 'avais pas pense, 
ue ce rapport put interesser la gloire de Votre Majeste et la niienne." 
ür den Abgang findet der Herzog von Benevent noch einmal ein 
t^ort. Er sagt: „Wie schade, daß ein so großer Mann eine 
schlechte Erziehung gehabt hat." Am Abend desselben 
feages ist er bei seiner schönen Freundin, der Vicomtesse von Laval. 
erzählt ihr mit allen Details. „Was? Und Sie haben sich das alles 
agen lassen, ohne sich mit einem Stuhl auf ihn zu stürzen?" — „Ich 
abe natürlich daran gedacht, aber ich bin für so was zu faul." (Blei.) 
Der „Moniteur" vom 30. Jänner 1809 weiß zu melden, daß der 
lerzog von Benevent seiner Stelle als Grand-Chambellan enthoben 
ei, die er nur als Interim innegehabt hätte. Auf Interventionen Hor- 
Jenses (Josephines Tochter, mit der Napoleon nach Angabe Pouches 
seinen Memoiren, S. 116, ein Verhältnis hatte,) sagt der Kaiser: 
»Ich will ihm nichts Böses, nur wünsche ich nicht mehr, daß er 
ndi in meine Angelegenheiten mischt." Und zu Roederer sagt Napo- 
leon fünf Wochen später: „Ich will ihm nichts Böses, ich lasse 
ihm seine Stellen, ich habe selbst die Gefühle für ihn, 
die ich ehemals hatte; aber ich entzog ihm das Recht, zu jeder 
Zeit mein Kabinett zu betreten. Er soll und wird niemehr eine bo- 
sondere Unterredung mit uns haben, er soll nicht mehr sagen kön- 
nen, daß er mir irgend etwas geraten oder widerraten habe." Vier 
Jahre später sagt der Kaiser : „Er war überzeugt, daß die Kooperation 

— 335 — 22» 



Spaniens und Portugals gegen England und selbst die teilwe' 
Setzung dieser Staaten durch meine Truppen das einzige MitM 
das englische Kabinett zum Frieden zu zwingen. In diesem Sin ^^' 
handelte er, trotzdem er nicht das MinisterportefeuiUe hatte "a/^'^' 
dann später in seinen Hoffnungen und dem Einfluß, den er auf • 
Verhandlungen setzte, sich enttäuscht sah und merkte daß • i,*^"** 
entbehren konnte, glaubte er sich düpiert. Er suchte 'sich zu T" 
fertigen und machte sidi zum Sprecher der Unzufriedenen Er K 
vergessen, daß er den EinfaU gehabt hatte, die spanischen" Bourh 
abzusetzen, wie früher die neapolitanischen." Ich bin weit d 
entfernt, ihm einen Vorwurf zu machen. Er beurr°i° 
die Dinge richtig. Er ist der fähigste Minister gewe,. * 
den ich gehabt habe...« s'^^'esen, 

Freilich täuschte sich Napoleon, wenn er meinte, Talleyrand sei 

Gnade und Ungnade dem Kaiser ausgeliefert. Man denke etwa 

den naiven Ausspruch des Kaisers aus der gleichen Zeit- Tallevr.^ 

als einer von denen, die am meisten dazu bei'getrLTn 

haben, meine Dynastie zu etablieren, war zu sehr dLn 

interessiert, sie zu erhalten, war zu geschickt, zu voraussichtig 2 

mcht aUes zu raten, was im Interesse ihrer Erhaltung und der Ruh 

Frankreichs lag . . Er gehört zu den vielen Leuten, wo man immer 

Gluck haben muß...« Die gleiche Naivität spricht aus eine 

Äußerung Napoleons zur Zeit des Konsulats, wo er zu Combaceres 

sagte: „Er besitzt viel von dem, was man für die Negocen braudit- 

den espnt du monde, die Kenntnis der europäischen Höfe, Finesse um 

da mcht etwas mehr noch zusagen, die Unbeweglichkeit des Gesichts an 

der mchts etwas zu ändern vermag, und schließlich emen großen 

Namen. Ich weiß, daß er der Revolution nur durch seine 

Inkonduite angehört; als Jakobiner und Deserteur aus 

seinem Stande bürgt uns sein Interesse.« 

Nun war Napoleon sonst nicht allzu naiv; es sind, wie zu zeigen sein 
wird, unbewußte Motive, die ihn Talleyrand so schlecht 
durchschauen und so unsinnig behandeln ließen. „Es 
gab« — sagt Blei — (nach der großen Szene) „immerhin so etwas, 
das wie Versöhnung aussah; daß es nur so aussah, blieb niemandem 
verborgen. II n'y aura Jamals de raccomodement complet et sincere entre 

u) Pasquier verzeichnet 1803 folgenden Ausspruch Talleyrands: „In 
Europa existieren bloß zwei große Familien, das Haus Bourbon und da» 
Haus Habsburg. Das eine muß man heiraten, das andere verniditen." 



336 




^UX hommes, berichtet Nesselrode nach Petersburg. Zum Herzog 
n Cadore sagt der Kaiser: „Sie haben hundert MiUionen Indemni- 
•en für Frankreich stipuliert und alles wird am Schatzamt abgeliefert, 
^yeiß. Zu Zeiten Talleyrands hätten wir nicht einmal sechzig ge- 
grt und davon wären noch zehn an ihn gegangen. Aber die Sache 
^äre '"^ ^^^"^ Wochen erledigt gewesen. Schauen Sie doch dazu." Im 
-Lj.jgen gratuliert Talleyrand nach wie vor dem Kaiser zu seinen 
«,_eij, bedauert dessen Abwesenheit von Paris, ist entsetzt, als er von 
finer Verwundung des Kaisers bei Regensburg hört und der Kaiser 
madit ihm Vorwürfe, daß Talleyrand seine alte Freundin, die Herzogin 
m Chevreuse, die in kaiserliche Ungnade gefallen, besuchte, aber 
;t sich seinen derzeitigen Freundinnen, Frau von Laval und der 
Jerzogin von Luynes, empfehlen, nicht zu vergessen die Herzogin 
^on Kurland" und deren Tochter Dorothea, die 1808 Talleyrands 
Neffen Edmond geheiratet hatte. Und dann kauft er ihm das Pa- 
lais in der Rue de Varennes für ein und eine halbe Mil- 
lion ab, aber erst im Januar 1812 und nach zwei für die Finanzen 
Tslleyrands sehr kritischen Jahren voll ebenso riskanter, wie erfolg- 
JHioser Versuche, der Schwierigkeiten Herr zu werden. Er hielt es in 
sdnen großen Geldaffären, wie beim Whist, den er jeden Abend, die 
Partie zu einem halben oder ganzen Louisdor spielte: wenn er an- 
luernd verlor, fand er das „ungerecht" und mogelte. So behauptete 
lan wenigstens in London. Er blieb „als ein ruinierter Mann", wie 
von sich sagte, noch zwei Jahre in dem Palais Rue de Varennes 
kaiserlicher Mieter, der keine Miete zahlte . . ." (Blei). 
Durch seinen Nachrichtendienst — Nesselrode und Herzogin von 
Kurland — läßt Talleyrand den Zaren 1809 wissen, daß Napoleon 
einen Krieg mit Rußland denkt, der etwa im April 1812 aus- 
edien werde (sogar das Datum stimmt!) und rät zur Verständigung 
.ußlands mit England, Österreich und der Türkei, Talleyrand umgab 
mit einem „Harem äldicher Frauen" — „nichts scheint Talley- 
d mehr zu kaptivieren, als das Alter, denn alle seine Lieben sind 
eritable Antiquitäten", sagte Lady Yarmouth — aber diese Antiqui- 
ifäten hatten, wie Blei hervorhebt, wichtigere Funktionen, als die bloß 
amourösen oder mondänen. Sie bilden seine russische Offizin. Die 
Herzogin von Kurland schrieb dem Zaren das, was Talleyrand für 

12) Hier finden wir wieder die sonderbare Naivität Napoleons: die Her- 
zogin von Kurland war Talleyrands Mittelsperson zum Zaren! 

— 337 — 



^ 



wichtig hielt, daß er erfahre, nicht ohne daß zuvor Nesselrod 
Tsdiernytschew die Punkte auf die i's setzten. Außerdem hielt si ^^ 
Großherzogin von Weimar über die Beziehungen zwischen Tall '^ 
und dem Zaren auf dem Laufenden, also Preußen. Und dT'^v*^ 
comtesse Laval fertigte genaue Kopien der herzoglichen Korrespond 
an. Talleyrand wußte zwei Jahre zuvor, daß und wann des Ka" 
Zug nach Rußland beginnen würde, der, wie er sagte, der A T'^ 
vom Ende sei. Er tat nichts, dieses Ende aufzuhalten, er tat ein"i^^ 
es zu beschleunigen, und aUes, sich darauf vorzubereiten S^^" 
russische Offizin war so gut eingearbeitet, daß es ihr nichts ausmalr 
als zu Beginn des russischen Feldzuges ein Teil seines Serails Paris verf ß 
Es ist sehr unwahrscheinlich, daß Napoleon von sein 
ausgezeichnet arbeitenden Polizei nicht genau übe'r d^"^ 
Art der Beziehungen Talleyrands zum Zaren unte'^ 
richtet wurde. Nicht nur, daß er Frau von Laval, die Sekretär'" 
der Talleyrand'schen Offizin, kurz vor dem Feldzug ausweisen lit& 
spricht dafür, sondern auch die Überlegung, Talleyrand verhaften m 
lassen.'" Daß es nicht dazu kam, lag nicht an einem fehlenden legalen 
Anlaß; das wäre für Napoleon das geringste Hindernis gewesen.« (Blei) 
Dies ist der Punkt, darauf hinzuweisen, daß die Frage, weshalb 
Napoleon Talleyrand nicht „unschädlich« machte, die Frage wes 
halb Napoleon sich Talleyrands Vorbereitungen zun," 
7?n ""^ ^'^'^'' ««Ibst gefallen ließ, einigen Biographen 
aufgefallen ist. Emige Beispiele: Emil Ludwig („Napoleon« S 314 ff.) 
nimmt an, daß die stark bezweifelte Stelle aus Talleyrands Memoiren 
wahr ist, derzufolge Talleyrand dem Kaiser nach Bayonne folgendes 
gesagt haben soll: 

Jdi glaube, Sire, Sie haben durch die Ereignisse von Bayonne mehr 
verloren, als gewonnen." 

„Wieso?« fragt Napoleon. 

„Das ist sehr einfach. Ich wiU es an einem Beispiel beweisen. Wenn 
em Mann von Wert Dummheiten madit, Maitressen hält, seine Frau 
und Freunde schlecht behandelt, so wird man ihn tadeln, doch wird er 
durch Reichtum und Macht die Nadisicht der Gesellschaft wieder er 
nngen. Betrügt aber dieser Mann im Spiel, so ist er aus der guten 
Gesellschaft ausgestoßen, das v erzeiht man ihm nie.« 

13) Ein Kronrat beschäftigte sich vor dem russischen Feldzug mit dem 
^edanken Talleyrand und Fouch6 zu verhaften. Dies ist durch versdiiedene 
Angaben beglaubigt, auch Fouch6 erwähnt diese Episode in seinen Memoiren. 

— 338 — 




Der Kaiser erbleicht — so berichtet Talleyrand — und richtet an 

Ij- sem Tage das Wort nicht mehr an ihn. Doch warum jagt er 

Ihn nicht fort? Warum verbannt er ihn nicht nachWest- 

• die n^ Er, Napoleon, von einemAltadeligen moralisch gepeitscht 

'"und behält ihn dennoch bei sich? Oder hat Talleyrand ge- 

1 p , , 

\Er ist der Einzige, der mich versteht'. Das hat der Kaiser oft von 
T^leyrand gesagt und das ist viel." (Ludwig.) 

Ein anderer Biograph, F. Wencker-Wildberg („Napoleon, die Me- 
^eiren seines Lebens" 14 Bände), sagt Bd. VI S. 230 nach Schilderung 
Her großen Szene von 1809 („Sie sind ein Dieb, ein FeigHng etc."): 
Und trotzdem ist der so unwürdig behandelte Mann bei Hofe ge- 
blieben, hat seinen Rang unter den höchsten kaiserlichen Würden- 
äeern' bebaken! Wenn er auch Napoleons Person etwas ferner stand 
lJs zuvor, so war er doch den Staatsgeschäften nidit ganz entfremdet, 
Imd es dauerte nicht lange, so wurde er bei einem Anlaß von höchster 
Wichtigkeit von Neuem als Ratgeber seines Souveräns berufen. Na- 
poleon mußte doch, als er ihn so schnöde behandelte, 
[fühlen, daß er sich inTalleyrand einen unversöhnlichen 
Feindschuf;warumhat er ihn nicht vollends vernichtet? 
Eine derartige Inkonsequenz läßt sich nur durch die übertriebene Zu- 
versicht Napoleons auf seine Kraft, auf sein Glück erklären, vieUeicht 
auch durch seine Verachtung eines Geschöpfes, das er unter die Füße 

getreten hatte." 

Als drittes Beispiel einer Rationalisierung eines unbewulSten 
Tatbestandes sei die Ansicht des geschicktesten Talleyrand-Bio- 
graphen, Franz Blei, genannt: Dieser meint, Napoleon habe Talleyrand 
deshalb nicht verhaften lassen (vor seiner Abreise zur Großen Armee 
gegen Rußland), weil er irrtümhch „TaUeyrands Haltung für den Ef- 
fekt einer persönhchen Verärgertheit nahm, die zu beseitigen es eben- 
so in seiner Macht stünde, wie sie hervorgerufen zu haben." Aber 
warum irrte Napoleon? Darauf gibt Blei keine Antwort. Und 
wenn Napoleon irrtümhcherweise glaubte, durch einen Posten Talley- 
rand versöhnen zu können, warum wurde er nicht eines Besseren 
belehrt, als Talleyrand knapp vor Napoleons Abreise zur Armee den 
angebotenen Posten eines Gesandten in Warschau (ein Posten von 
höchster Bedeutung im Falle des Sieges) ablehnte und in Paris blieb? 
Dabei - sagt Blei — „erfuhr der Kaiser, daß der vertrauhch mit- 
geteüte Plan für Talleyrand kein Geheimnis war: er spekuHerte be- 

— 339 — 



reits m Wien auf eine Hausse in den öffentlichen Anleihen ^- i. 
Bekanntwerden der Integrität Galiziens einsetzen müßte- '.?«.-"• 
propagierte er da die Herzogin von Kurland als pobische' ti '■,^"' 
didatin.« Ein Rätsel mehr: Napoleon weiß also 7aß T ,f """ 
rand nicht mehr zu kaptivieren ist, Napoleon weift ^" 
die Verratereien Talleyrands, kennt seine GeflhH-"."' 
keit, warum tut er nichts dagegen? '"^nich- 

Eine weitere Frage: woher stammt die groteske Hk 
scha,,, Talleyrands durch den Kaiser, wof r .iefc" 
^lele anzuführen smd? So sagte Napoleon zu Caulaincourt 7aß ^ 
TaUeyrand m Warschau gefehlt habe. „Und daß er durch die ^ 
fahigkeit des Abbe de Pradt, den ihm eine Intrige an Stdle Tnl^" 
rands aufgeschwätzt habe, sowohl den russischen Feldzug, w^e P^ 
verloren habe, was ihm mit TaUeyrand nicht passiert wäre« (Bld S o^ 
Dem Fürsten TaUeyrand selbst ist dieses A^tachement Nap ol?^' 
verständlich. In seinen Memoiren Bd. II. S. 91 f. sagt er a': Si": 
„Dabei war es sehr sonderbar, daß Napoleon gerade?" 
der Zeit, in welcher er mir am meisten mißtraute ^-u" 
immer wieder zu sich rufen ließ. So forderte er mich im n. 
.ember 1813 auf, das Portefeuille der auswärtigen An^ 
legenheiten wieder zu übernehmen. Ich lehnte run/^ 
ab^^ in der festen Überzeugung, daß wir uns niemat über den Til' 
tigen Weg verständigen würden, um aus dem Labyrinth C^t' 
kommen, m das seine Torheiten ihn eingeschlossen hatten. . . Eb" 
Wochen spater im Januar 1814 vor seiner Abreise zur Armee 
sagte er wiederholt nach Durchsicht der Depescien Caulaincourrüber' 

14) TaUeyrand soll geantwortet hahpn- t. „ ■ ■ 

Worauf der Kaiser ihn fnscllr „Sie t„nen^^^^ "^'^?'^^- 

von Saint-CIoud zurück rmmpr a;^ „i ; x. "a ,. ,^'"*^" = »I™ komme 
Höflichkeit Als alle w;. d'e gleiche öffentliche, ein bisdien kalte 



— 340 



den Fortgang der Verhandlungen zu Chatillon : „Ach, wennTalley- 
and dort wäre, der würde mich schon herauszuziehen 
j^issen!" 

piese ambivalente Einstellung äußerte sich wieder einmal nach 
igr Rückkehr Napoleons nach der Schlacht bei Leipzig: 

Was haben Sie hier zu suchen? Ich weiß schon, daß Sie 
(Ich, falls ich versagt hätte, einbilden, der Chef eines 
Oggentschaftsrates zuwerde n. HütenSiesich, Monsieur! 
Man gewinnt nichts gegen meine Mach t beim Kaufe. Ich 
erkläre Ihnen, daß wenn ich gefährlich erkrankt wäre, 
gie vor mir sterben würden." Worauf sehr höflich und höfisch 
Xalleyrand antwortete. „Sire, ich habe solche Warnungen nicht nötig, 
^mit meine brennenden Wünsche vom Himmel die Erhaltung des 
Lebens Seiner Majestät erbitten." (Blei S. 2ii). 

Talleyrand hatte sich 1813 nach Hartwell an seinen Oheim, den Erz- 
fediof von Reims gewendet, der bei Ludwig XVIII im Exil weilte, 
um die Beziehung zu den Bourbons wieder aufzunehmen. „Diese 
Korrespondenz wurde von der Kaiserlichen Polizei 
aufgefangen. Es kam also, wie schon' oft, zu einem heftigen Auf- 
tritt: „Ich kenne Sie, ich weiß, wessen Sie fähig sind . . . Aber ich 
werde Sie bestrafen, wie Sie es verdienen . ." Talleyrand wußte aus 
vieler Erfahrung, was er von solchen Wutausbrüchen des Kaisers zu 
halten habe. Als er das Kabinett verließ, sagte er zu denen, die ihn 
in der Antichambre erwarteten: „Der Kaiser ist charmant heute." Er 

urde weder bestraft, noch auf seine Güter verbannt. 
Der Kaiser ließ sich durch Combaceres, Savary und Berthier be- 
schwichtigen. Als der Großrichter Mole dem Kaiser sagte, man glaube, nur 
Talleyrand könne über den Frieden unterhandeln, unterbrach ihn der 
Kaiser: „Sein Ansehen verdankt er zum Teil dem Zufall, der mehr als 
sein Verdienst ihn einige Friedenstraktate negozieren und zeichnen ließ. 
Idi schwöre Ihnen, daß ich nicht mit Wahrhaftigkeit sagen könnte, ob 
ich daraus eine große Hilfe gehabt habe oder daß er mir durch seine 
Auskunftsmittel das gezeigt hätte, was einen wirklich erfinderischen Geist 
beweist und eine profunde Geschicklichkeit offenbart. Ich bin nicht 
einmal Ihrer Meinung, daß er ein Geist ist oder gar von großem Geist. 
Man braucht ja nur seine Lebensführung anzuschauen. Er war durch 
Geburt und Stand eine der ersten Persönlichkeiten des Adels und der 
Geisdichkeit und er hat mit allen seinen Kräften sowohl zum Sturz des 

dels wie dem der Geistlichkeit beigetragen. Nach dem Terror aus 



341 



n 



Amerika zurückgekommen, vollendete er seine Erniedrigung damit 
daß er sich vor aller Augen an eine alte, geistlose Hure 
schloß. Ich wollte ihn gegen seinen Willen beim Konkordat aus dem 
Dreck herausziehen, indem ich beim Papst für ihn den Kardinalshut 
erbat, und ich war nahe daran, diese Bitte erfüllt zu bekommen. Aber 
er wollte mich ja nie tun lassen und hat zum Skandal Europas 
seine lächerliche Mätresse geheiratet, von der er nidit 
einmal Kinder erwarten konnte. Er ist bestimmt, und alle Welt weiß 
das, der Mensch auf der Welt, der am meisten ge- 
stohlen hat und er b e sitz t kein en S ou un d ich bin 
gezwungen, ihn aus meiner Kassette zu erhalten und wie 
eben jetzt, seine Schulden zu bezahlen." Darauf sagte Mole- 
„Aber der Kaiser werden mir zumindest zugeben, daß Talleyrands Unter- 
haltung voller Anmut, Koketterie und Charme ist." Und Napoleon 
replizierte: „Ja, das ist sein Triumph und er weiß das genau." (Blei.) 

„Bei aller Schärfe und Richtigkeit seines Urteils" — sagt Blei — 
,, erlag der Kaiser dem, das er nicht besaß und deshalb umsomehr be- 
wunderte: dem Charme Talleyrands, der zu einem großen Teil 
nichts anderes war, als die Kultur des ancien regime . . 
Daß es diesem Charme Talleyrands unter allen Umständen auch gelingen 
müßte, am Verhandlungstisch die Niederlagen seines Chefs in so etwas 
wie Siege zu verwandeln: solchem Aberglauben bei so großem 
Mißtrauen mochte Napoleon wohl manchmal erliegen, den 
er als ein Plus dem Glauben und, war er besser gelaunt, auch dem 
Wissen um Talleyrands große Geschicklichkeit hinzufügte." 

Talleyrand verwahrt sich in seinen Memoiren dagegen, Napoleon 
verraten oder gegen ihn konspiriert zu haben und spricht die richtige 
Behauptung aus: „Niemals ist ihm (Napoleon) ein Verschwörer ge- 
fähriicher gewesen, als er selbst." Talleyrands Unschuldsmiene ist 
natürlich Bluff, nicht anzweifelbar ist seine Beweisführung, daß es 
biszum letzten Moment in Napoleons Hand lag, sich die 
Krone zu retten. Das ohne Kenntnis unbewußter Motive voll- 
kommen sinnlose Verhalten vor seinem Sturz (über das noch zu sprechen 
sein wird), hat es bewirkt, daß er die Möglichkeiten, den Frieden in 
Frankfurt, Prag, ja vielleicht noch in Chatillon zu erhalten, nicht 
ausnützte ". 

15) Talleyrands Memoiren II. S. 93 : „Ich sagte vorhin, daß Napoleon 
der einzige Verschwörer gegen sich selbst gewesen sei, und bin imstande, 
die vollkommene Richtigkeit dieser Tatsache zu beweisen ; denn es steht fest, 

— 342 — 



r 



I 



In letzter Minute erinnert sich Napoleon, daß Talleyrand ihm ge- 
fährlidi werden könnte, warnt vor ihm, gibt sogar den unpräzisen 
Befehl, sich seiner zu versichern und schreibt seinem Bruder Joseph, 
dem Vorsitzenden des Regentschaftsrates: 

Ist Talleyrand der Ansicht, die Kaiserin auf alle Fälle in Paris zu 

lassen, so ist das heimlicher Verrat. Trauen Sie ihm nicht! (,Je 

■uous repete: mefier-vous de cet komme!") Seit sechzehn Jahren gehe 

I ich mit ihm um, doch sicher ist er der größte Feind unseres Hauses, 

fsrät ^^ ^^^ Glück verließ. Beherzigen Sie meinen Rat! Ich verstehe 

niehr, als die jungen Leute . . ." 

Joseph läßt Talleyrand unbehelligt, was auch nicht weiter zu ver- 
vrundern ist, da Joseph ein vollkommen energieloser Mann ist, der in 
fjeapel und Spanien gründlich versagt hat, worüber Napoleon sich im 
klaren ist. Talleyrand wird bald darauf Chef der bourbonischen Re- 
gierung Ludwigs XVIII. 

Zu Galaincourt spricht der Kaiser seine letzten Worte über Talleyrand : 

„Ich erliege dem Verrat. Talleyrand ist ein Brigant wie Marmont. 
Er hat die Rehgion verraten, Louis XVI, die Konstituante, das Direk- 
torium. Warum habe ich ihn nicht füsilieren lassen? 
Trotzdem er ein Renegat der Revolution ist, ist er nicht weniger ein 
Revolutionär .... Im Grunde hat er mir sehr gut gedient, so lange er 
mir gedient hat. Ich habe mich mit ihm vielleicht etwas leichtsinnig 
brouilliert ; ich habe ihn danach mißhandelt. Vielleicht war er versucht, 
sich zu rächen. Ein so verschlagener Geist, wie der seine konnte nicht 
verfehlen, das Kommen der Bourbons wahrzunehmen, und daß sie allein 
seine Rache sichern konnten. So ist er vor ihnen hergegangen ; sehr 
einfach und klar ist das. Ich habe einen groben Fehler be- 
gangen: da ich ihn an den Punkt der Unzufriedenheit geführt hatte, 

daß bis zum letzten Augenblick die Rettung vollständig in seinen Händen 
lag. Er konnte, wie gesagt, nidit allein im Jahre 1812 durch einen allge- 
meinen Friedensschluß seine Macht für die Dauer befestigen, sondern er hätte 
noch im Jahre 1813 in Prag Bedingungen erlangt, die freilich nicht so glänzend 
gewesen wären, wie die von 1812, doch immerhin noch erträgUch genug 
erschienen. Sogar auf dem Kongreß zu Chatillon, wenn Napoleon es 
nur verstanden hätte, zur rechten Zeit nachzugeben, würde 
noch ein vorteilhafter Friedensschluß zu erreichen gewesen sein, nicht allein 
für das schwer heimgesuchte Frankreich, sondern auch für den Kaiser selbst, viel- 
leicht gar mit Aussichten auf weiteren Ruhm. Der Schrecken, welcher sämt- 
liche Kabinette fortwährend erfüllte, ließ sie noch immer mit dem Gewalt- 
haber unterhandeln." 

— 343 — 



wo er hielt, hätte ich ihn entweder einsperren , 
oder immer an meiner Seite behalten müssen - ''''' 

Napoleon hat aber keine der drei Möglichkeiten: Füsili. 
Einsperren oder Kaptivieren angewendet Aus N 7'"' 
eigenem Munde hören wir hier die Frage! die unser Pr Ki P"^'*"« 
„Warum habe ich ihn nicht füsiheren lasL;"' '°^^''' ^^^et: 

Wahrend der loo Tage stand Talleyrands Name nicht auf d. r- 
der Amnestierten, die Napoleon in Lyon bekanntgegeben h'^'«« 
gesamter Besitz in Frankreich wurde sequestriert. ZugleSi sanl T 
Kaiser Montroud, den früheren Vertrauten Talleyrand J^!^^^ 
zum Fürsten, um ihn auf seine Seite zuziehen. Vergebens tS '" 
wurde audi der erste Premier der Zweiten Restauration. Nadi WafT' 
schreibt Talleyrand einer Freundin: Waterloo 

»Er ist in Ch6rbourg, wo er sich einschiffen will. Ich hoffe rl" 17 
lander fangen ihn. Er nimmt sehr viel Geld mit. Man sat ^"S" 

nach Amerika. Er endet, wie sein Charakter ;erdrnte In ef^ 
Kloake von Blut schließt seine Laufbahn." 

Und als Napoleon stirbt und eine Freundin ausruft- Ein Fr.- ■ 
korrigiert Talleyrand: „Eine Nachricht, Madame S^lffgl^'^r'' 
.hnaber nicht hindert, einige Jahre später in seinen Sdren^" 
schreiben: ..Ich hebte Napoleon." Die Einstellung Tpllyrands T 
Napoleon war genau so ambivalent, wie die Napoleons zu Taneytnd 

* 

Die Frage die Napoleon selbst aufwarf: Warum habe ich Tallev 
rand nicht fusiheren lassen? ist nur verständlich, wenn man de In 
bewußte Struktur Bonapartes verstanden hat "" 

Idi beziehe niich dabei auf eine psychoanalytische Arbeit von Lud 
wigjekels („Der Wendepunkt im Leben Napoleons des L ° Imkgo" 
194), eine der schönsten, inhaltsreichsten und überzeugendsten T 
b«ten aus dem Gebiete der Anwendung der Psydioanalyse auf t 
Biogr hk Jekels beschäftigt sich mit der „korsisdien Periode- 
Napoleons Es ist unmöglich, den ganzen Inhalt der 68 Seiten d r 

rß"uf"daro" "^r" ^^^'^--^^^-' l'-^lich der EinzSheit 
mulS auf das Original verwiesen werden 

Der Hauptgedankengang ist folgender: Napoleon war in seiner 
Jugend ein begeisterter korsischer Patriot und ein 
ebenso erbitterter Gegner der Franzosen. Den Führer der 
korsisdien Freiheitsbewegung Paoli verehrte Napoleon wie ein h öherL 



— 344 ~ 



^™ t»r»cpn. P. 



^esen. Plötzlich wendet sich aber Napoleon von Paoli ab, bezeichnet 
jiij als Verräter, aus dem erbitterten Franzosenhasser wird ein be- 
geisterter Franzose. Dabei war die Tatsache des Bruches mit Paoli 
Iceine belanglose Familienfeindschaft, sondern „derjenige psychologische 
Moment, in welchem der Napoleon geboren und geformt wurde, wie 
^ir ihn ^^^ ^^^ Geschichte kennen, der durch zwei Jahrzehnte die 
V\?elt in Atem hielt, sie in Unruhe und Schrecken versetzte." Die 
Frage, die Je k eis stellt — die zünftigen Biographen versagten bei 
dieser Fragestellung genau so, wie bei unserer — lautet: Was waren 
Jie Motive dieses Umschwungs? 

Schon der neunjährige Napoleon machte seinem Vater, der ursprüng- 
lich mit Paoli gegen Frankreich gekämpft, dann nach Paohs Nieder- 
lage sich der französischen Verwaltung unter dem Gouverneur 
Jlarbeuf angebiedert hatte, aus diesem Verhalten einen Vorwurf: 
„PaoU war ein großer Mann, er liebte sein Vaterland, und ich 
werde niemals meinem Vater, der sein Adjutant war, ver- 
zeihen, daß er behilflich war, Korsika mit Frankreich 
zu vereinigen. Er hätte seinem Schicksale folgen und mit jenem 
zusammen unterliegen sollen." (Mitgeteilt bei Cos ton.) Der Vorwurf 
„// a concouru ä la reunion", wird fünfzehn Jahre später an Paoli, 
der sich mit England gegen die französische Republik verbündet, in 
seiner konträren Bedeutung gerichtet: „// a soustrait ä la reunion." 
Seinem Geschichtslehrer de l'Eguille sagte der Konsul: „Von allen 
Ihren Lektionen war es die über die Revolution des Connetable de 
Bourbon, die mir den größten Eindruck gemacht hat. Aber Sie hatten 
Unrecht, mir zu sagen, sein größtes Verbrechen sei es gewesen, daß 
er seinem König den Krieg gemacht hat, sein wirkliches Verbrechen 
war, daß er herausgerückt ist, um das Vaterland mit Fremden 
anzugreifen {attaquer la patrie avec les etrangers). Der Konflikt mit 
Paoh kann also auf zwei Formeln zurückgeführt werden: 

„attaquer la patrie avec les etrangers", 

„il a concouru ä la reunion de la Corse ä la France". 

Mit anderen Worten : Was bedeutet in den obigen Aussprüchen 
tpatrie (respektive Korsika) und France (respektive les etrangers)? Er- 
gebnisse von Analysen führen zur Annahme, daß das Vaterland eine 
I vorgeschobene Vorstellung für die Mutter ist, und die Liebe zum 
Vaterlande eigendich die Liebe zur Mutter bedeutet. Diese gegen- 
seitige Valenz: Vaterland-Mutter war den Alten bekannt, denn wir 

— 345 — 



lesen bei Herodot (übersetzt von Lange, IL Teil, VL Buch E 
107): „Die Barbaren aber führte Hippias nach Marathon, nach'de "^^^^ 
in der vergangenen Nacht folgendes Traumgesicht gehabt- Es deiTK*" 
dem Hippias, er schliefe bei seiner eigenen Mutter a 
diesem Traum schloß er nun, er v/ürde heimkommen nach Athen 
seine Herrschaft wieder erlangen und in seinem Vaterlande ""** 
ben in seinen alten Tagen." Weitere Belege für die Tatsache dJ^T 
Vorstellung Vaterland die gleiche unbewußte Bedeutu 
und somit die selbe afiektive Quelle hat wie die Vorstell "^ 
Erde, deren Mutterbedeutung bereits ein psychoanalytischer Genll"^ 
platz ist, beweisen etwa folgende Stellen: Sueton erzählt c '^' 
„Selbst wegen eines Traumes in der folgenden Nacht, der ihn flul' ' 
Cäsar) beunruhigte — denn er träumte, er habe seine Mutter b"* 
schlafen — machten die Traumdeuter ihm Mut zu den größte^" 
Hoffnungen, sie gaben nämlich die Auslegung, als sei es ein Vo" 
zeichen seiner Herrschaft über den Erdkreis, denn die Mutter dil 
er habe unter sich liegen sehen, sei niemand anders als die ErdT 
die Allmutter." Ferner spricht das bekannte Tarquinius-Orakel ini 
selben Smne. Bei Livius LLXL heißt es: Demjenigen werde die Herr 
Schaft Roms zufallen, der zuerst die Mutter küsse fosculum matri 
tulerit), was Brutus als Hinweis auf die Mutter Erde aufiaßte 
(terram osculo contigit, scilicet quod ea communis mater omnium mor- 
taliwm esset). 

In Napoleons Pubertätsschriften (es gibt deren eine ganze Reihe) 
werden Vaterland und Mutter häufig gleichgesetzt. Zum Beispiel: 
„Athen sei ihm (dem Sohn Cimons) immer seine Mutter und 
sein Vaterland" (Sur l'amour de la patrie). Oder: „Das Gefühl 
sei dasjenige, was den Sohn mit der Mutter, den Bürger mit 
dem Vaterland vereinigt" (Discours de Lyon). In einem Briefe 
Napoleons an Buttafuoco heißt es: Wie denn, Sohn derselben Patrie, 
empfinden Sie nie etwas für sie? Blieb ihr Herz unbewegt beim An- 
blick der Felsen, der Bäume, der Häuser, der Gegenden — der Bühne 
Ihrer kindlichen Spiele. Als Sie zur Welt kamen, trug sie Sie 
anihremBusenund nährte Sie von ihren Früchten, als Sie in das 
Alter der Vernunft traten, waren Sie ihre ganze Hoffnung, sie schenkte 
Ihnen ihr Vertrauen. Sie sagte Ihnen: mein Sohn, du siehst, in 
welch elendem Zustande ..." 

Fünf Tage nach seinem ersten sexuellen Erlebnis, worüber Napo- 
leon genau im „Rencontre au Palais Royal" berichtet (z. B. bis zur 



- 346 



ivität, die Dirne zu fragen, was beide im Zimmer Napoleons 
jiadxen würden: 

Dirne: Kommen Sie, wir gehen zu Ihnen nach Hause, mein Herr. 
Jslapoleon: Und was wollen wir da machen? 

Dirne : Nun, wir wärmen uns und Sie . . .), verfaßte Napolen einen 

' Jlonolog über die Vaterlandsliebe, der an eine nicht genannte Dame 

"gerichtet ist. „Sollte Napoleon" — fragt G. Kircheisen, also eine 

I joalytisdi gewiß nicht infizierte Biographin — „naiv genug gewesen 

sein und mit der Anonymen die Schöne des Palais Royal im Auge 

gehabt haben? Möglich wäre es." — 

All das führt zuNapoleons starker Fixierung an seine 
Mutter. Im Bewußten spiegelt sich dies lediglich in einer Überzärt- 
lidikeit. „Sa premiere pensee est pour eile", sagt der Napoleon-Biograph 
iJ^Iasson. Umso deutlicher prägt sich der Einfluß der Mutterbindung 
im Liebesleben Napoleons aus: er kann nur lieben und heira- 
ten in tunlichster Anlehnung an die Mutter. In Napoleons 
Liebesleben spielt die „Bedingung der älteren Frau" eine ent- 
scheidende Rolle. So macht er — nachdem seine Heiratspläne mit 
Desiree Eugenie Clary, seiner Schwägerin, wahrscheinlich aus eben 
diesem Grunde gescheitert sind, einigen älteren Frauen einen Heirats- 
antrag : der Frau Permon, einer Witwe mit zwei Kindern und der 
Freundin seiner Mutter, dann der gleichfalls bedeutend älteren Ma- 
dame de la Boucharderie, um sich ein Jahr später in Josephine de 
I Beauharnais zu verlieben, die er trotz ihres schlechten Rufes, ihrer zwei 
(Kinder, Ihres Alters (Josephine war 9 Jahre älter) bedenkenlos hei- 
atet. 

' Es kommt nun darauf an, für den Affektwert des Elementes „la 

Wrance" respektive „etranger'' die ursprüngliche Quelle aufzudecken 

ad diesen Affekt gleichfalls auf konkrete Wurzeln zurückzuführen; 

fmit anderen Worten, es muß in Napoleons Jugend jernand 

^französischen" gegeben haben, von dem das Kind an- 

lahm, daß er sich unter Beihilfe des Vaters mit der 

lutter vereinige, das heißt, von dem er meinte, daß er mit der 

toter sexuelle Beziehungen unterhalte. Dieser Mann war der 

fGouverneur von Korsika und Generalleutnant der französischen 

lOkkupationstruppen, Graf Louis Charles Rene de Marbeuf. Der 

Gouverneur nahm sich der Familie Napoleons sehr an, verschaffte dem 

Vater eine Stellung, einige Brüder Napoleons und er selbst erhalten 

Freiplätze in königlichen Schulen, der Gouverneur verpflichtet seinen 

— 347 — 



^'"t^' f" Bischof von Autun (später Erzbisdiof von I. , 
zur Hilfeleistung. Diese Protektion des Gouverneurs führte da J""^ 
Laetitia in Ajaccio beschuldigt wurde, mit Marbeuf sexuelle B.."' u^^l 
gen unterhalten zu haben-, wobei es für den unbewußten e£u u 
Napoleon gleichgültig ist, ob diese Beziehungen wirklich he^Ü . 
haben. Als Tatsache kann angenommen werden, daß der klein m" 
poleon ebenso wie seine Umgebung genügende Anhaltspunkte f^' 
um an ein von seinem Vater toi er i er t e s o d er ' 
unterstütztes Verhältnis seiner Mutter mit M^'' 
beuf zu glauben, zumindestens aber, um eine Phantasie zu K'!"' 
den, die für das Unbewußte vollen Realitätswert besitzt Und Tä 
dies tatsächlich der Fall war und daß dies der tiefere Sinn des J 
den Vater gerichteten Vorwurfes war, ,er habe dazu bei^etraf " 
Korsika mit Frankreich zu vereinigen", wie für die Gleidise^, 
Vater = Marbeuf, dafür spricht noA eine Äußerung Napokonf? 
er nach achtjähriger Abwesenheit in Frankreich zu seinem ersten H 
laub nach Korsika zurückkehrt; „Meinem Glücke fehlt 
damalsnur zwei teuere Menschen: mein Vater und 
d e r G r a f M a r b e u f, den wir am 20. September (fünf Tage vor 
der Ankunft Napoleons) verloren haben und den meine Familie laZ 
betrauerte." Durch die Zusammenstellung von Marbeuf mit dem VatS 
ergibt sich, daß der an den Connetable von Bourbon geriditete Vorwurf 
sich voihnhaltlich mit dem Vorwurf an den Vater deckt. Und so er 
klart sich die bekannte Stelle in „Sur le suicide", (in dem Napoleon" 
daran denkt, sich das Leben zu nehmen, „weU seine Kompatrioten in 
Ketten zitternd die sie bedrohende Hand küssen"), an welcher Napo 
leon ausruft: „Franzosen! Nicht zufrieden damit, daß ihr 
uns alles geraubt, was wir geliebt haben, habt ihr 
auch noch unsere Sitten verdorben..." 
_ Offenbar ist es eine Folge dieser Sexualphantasien Napoleons daß 
in seinem Sexualleben die Vorstellung des Mißbrauches einer Ehe 
seitens Dritter mit einem so mächtigen Affektbetrag besetzt war, daß 
sie ihm als em schweres Vergehen, als gro ße Schuld galt. Schließlich 

16) Die moralisierend-empörte Bestreitung dieser Beziehung durch die 

™ 7^'""^'=? ^v ß-.^V^""' Kircheisen etc.) spri'cht nicht da- 
gegen; daß man auf Korsika daran glaubte, beweist eine Stelle aus der 
Adits-Erklarung der Bonapartes durch Paoli: „Die im Schmutze des Despo- 
üsmus geborenen, unter den Augen und auf Kosten eines an Luxus ge- 
wohnten Paschas (Marbeuf) . . . aufgewachsenen Bonapartes." 

— 348 — 



^v^tl c 



Lird diese Phantasie geradezu bestimmend für Napoleons Einstellung; 
^01 Weibe. Sie schafft die Liebesbedingung der Untreue und 
Lasterhaftigkeit des Weibes ; die geliebte Frau muß untreu sein, 
50 wie die Mutter es war. Besonders deutlich ist dies in Napo- 
leons Verhalten zu Josephine sichtbar. Kaum daß er mit der schönen 
Kreolin — in die er sich trotz (aber eigentlich wegen) all der 
Liebesbeziehungen, die man ihr in der ersten Ehe nachsagte und ob- 
wohl (das heißt weil) sie die Maitresse von Barras (dem Führer des 
pirektoriums) gewesen, heftig verliebte und sie bedenkenlos heiratete 
^ getraut war, muß er sie verlassen, um als neuernannter Oberkom- 
jnandant zur italienischen Armee zu stoßen. Von Mailand aus schreibt 
gf stürmische Briefe, die Josephine gar nicht beantwortete, da sagt 
Jijapoleon zu Marmont: „Meine Frau ist entweder krank oder — un- 
treu." Bald daraufkommt Josephine nach Mailand und betrügt ihn mit 
einem unbedeutenden Offizier namens Charles. Obwohl Napoleon über 
dieses Verhältnis genau unterrichtet war — als er z. B. als Sieger 
nach Mailand zurückkommt, weilt Josephine mit Charles in Genua, da 
ist er eine Nacht verstört, klammert sich aber an eine ganz unzu- 
reichende Ausrede von ihr, um ihr schon am nächsten Tage zu ver- 
zeihen und schließt einen Brief an sie wie folgt: „Ich öffne noch ein- 
mal meinen Brief, um dir einen Kuß zu geben ... oh Josephine, 
Josephine!" — begnügt er sich damit, seinen Nebenbuhler unter einem 
Verwände aus der Offiziersliste streichen zu lassen. Einen Wandel 
in seinen Gefühlen hatte diese Untreue Josephines nicht zur Folge. 
Während des ägyptischen Feldzuges — zwei Jahre später — richtet 
sidi Josephine mit ebendemselben Charles ein Idyll in Malmaison ein, 
da klagt Napoleon darüber, läßt sich aber nach seiner Rückkehr durch 
Josephinens Kinder erweichen und verzeiht Josephine. Und daß er 
sogar ganz kurz darauf dasselbeMalmaison,denSchauplatzdes 

n ihm begangenen krassen Betruges, zu seinem Lieb- 
lingsaufenthalt wählt, mag darauf hindeuten, wie glatt er über 
dieses, für andere oft so tragische Erlebnis hinweggegangen ist. Auch 
an seinem ferneren Zusammenleben mit Josephine bekundet gar nichts, 
daß die Untreue irgendwelchen tieferen Schatten auf sein Empfinden 
zu ihr geworfen hätte. Es ist wahrscheinlich, daß die von Napoleon 
•geprägte Ansicht: „l'adultere n'est pas un phenomene, mais une affaire 
canape, il est tout commun" nichts anderes ist,als ein Versuch, um 
die im Unbewußten lustbetonte und geradezu gesuchte Vorstellung 

^urch Herabsetzung ihrer Tragweite und ihre Verallgemeinerung auch 

iPsA. Bewegung V — 349 2.1 






für das Bewußtsein, mit dem sie recht inkompatibel ist, er 
machen, und so einem Konflikt vorzubeugen. 

Die unbewußte Forderung der Untreue galt bei Napoleon bloß 
Frau gegenüber, die er liebte; wo sein Herz nicht oder nur ein w ^'^ 
engagiert war, verlangte er von der Frau unnachsichtig Treue ^'5 
Makellosigkeit. So verweist er Marie Luise strenge, daß sie Comb 
ceres im Bette liegend empfangen hatte. Er verschloß selbst der G^" 
liebten eines seiner Intimsten, Berthier, der Madame Visconti d^" 
Hof, ebensowenig durfte Talleyrands Frau bei Hofe erscheinen ^ 
weil sie vor ihrer Ehe die Geliebte ihres späteren Mannes war. M^ 
dame Tallien, seine frühere Protektorin, wird aus ähnlichen Griind*' 
noch strenger behandelt. Und seinem Bruder Lucien verzeiht er nk 
daß er eine Frau — Madame Jouberthou — geheiratet, die ihm vor 
der Ehe ein Kind geschenkt hat und verlangt beharrlich die Trennun'^ 
dieser Ehe. S 

Aber auch ein von diesem Dirnen-(Untreue-)Komplex unzertrennlicher 
Bestandteil desselben, nämlich die Verachtung der geliebten, un- 
treuen Frau findet sich bei Napoleon — und zwar gleichfalls ver- 
schoben — in starker Ausprägung. Napoleon hat ja auch als Frauen- 
verächter eine gewisse Berühmtheit erlangt, und er war es nicht nur 
Frauen gegenüber, deren Leben nicht einwandfrei war, sondern auch 
solchen, deren Konduite eine tadellose war. „Nur gegen eine war er 
schwach", meint G. Kircheisen, „gegen Josephine." 

Dieser EinsteUung zur Mutter entsprach Napoleons Vaterbeziehun<^ 
So finden sämdiche Biographen Napoleons Brief, den er anläßlich des 
Todes seines Vaters an seine Mutter und den Onkel Luzian schreibt 
und der wenig Zärtlichkeit verrät, auffallend. Und noch 17 Jahre 
später sehen wir Spuren dieser Einstellung, als im Jahre 1802 der 
erste Konsul das Ersuchen und den Beschluß des Munizipalrates von 
Montpellier zurückweist, seinem auf der Durchreise in dieser Stadt ver- 
storbenen Vater, „dem die Welt den großen Sohn verdankt", ein 
Denkmal stellen zu dürfen, ablehnt. Er tut es mit nachfolgender 
seichter Begründung : „Lassen wir das, stören wir nicht den Frieden 
der Toten, lassen wir ihre Asche in Ruhe. Ich verlor doch auch meinen 
Großvater, meinen Urgroßvater, warum tat man nichts für diese? Das 
führt zuweit." Derselbe Grund der Ablehnung des Vaters ist es offen- 
bar auch, der Louis Bonaparte die Leiche des Vaters ohne Wissen 
des Kaisers exhumieren und nach St. Lien bringen läßt, wo er ihm 
ein Grabmal setzen läßt. 

— 350 — 



-Indessen nicht minder groß wie die Ablehnung, ist 
\^]x seine Liebe für den Vater, sie ist so intensiv, daß sie ihn 
Zeilenweise dahinbringt, sein psychisches Ich aufzugeben, um sich 
pjjjz eins mit dem Vater zu fühlen, sich mit ihm zu identifizieren. 
Und wer sehen will, wie sehr Napoleon sich als Vater seiner Ge- 
jchwister fühk, der lese z. B. die Briefe, die der 15 jährige in Ange- 
legenheit seines älteren Bruders Joseph an Vater und Onkel schreibt. 
[ Er sorgt sich und befiehlt auch später seiner ganzen Familie wie ein 
orannischer und doch, wenn auch ambivalent, liebender Vater. 
Die ganze Ambivalenz Napoleons finden wir auch in seinem Ver- 
Ihalten zu den Personen der Vater reihe, in die außer Charles Bona- 
fpaite, Marbeuf,"Paoli und — last not least — der König gehören. 
Es gibtnur äußerst wenige unter ihnen (den Königen), 
die es nicht verdient hätten, abgesetzt zu werden," notiert 
der revolutionäre Republikaner Napoleon in seiner „Dissertation sur 
l'autorite royale". Oder im „Discours de Lyon" : „Man weiß zur Genüge, 
' ^e die Könige immer egoistisch waren, sie glaubten, in ihnen wäre 
Lihr Volk, ihre Nation' etc. — Einen noch deuthcheren Hinweis auf 
[die Beschaffenheit dieses Königshasses findet man im Traktat „Sur 
ll'amour de la patrie", wo der Syrakusaner Dion als Muster einer 
Iwahren und echten Vaterlandsliebe angeführt wird: „Dion besaß ein 
Igroßes Vermögen, war von vornehmem Geschlecht und genoß eine 
Iverdiente Hochachtung. Was fehlte ihm denn zu seinem Glücke? Ihr 
IsdiwächUchen Seelen, ihr könnt nicht erraten und ihr wagt zu sprechen? 
ISein Vaterland ist Sklave eines Tyrannen, den er liebt 
|un^ achtet, aber doch eines Tyrannen." Bezeichnenderweise 
dieser Passus, offenbar weil Napoleon selbst die Analogie zu seiner 
genen erweiterten Vaterbeziehung zu deutlich war, im Manuskript 
Bhne jede Nötigung gestrichen. 
Napoleon stellte sich zum König ebenso ambivalent, wie 

17) Napoleon ist Marbeuf gegenüber nicht bloß von dem analytisch 
erschlossenen Haß erfüllt. Es mangek nicht an Anzeichen einer gewissen 
Anhänglichkeit. Der Ausspruch Napoleons „Meinem Glücke fehlten damals 
nur zwei teuere Menschen : mein Vater und der Graf Marbeuf . .", wurde 
bereits zitiert. Es sei ferner darauf verwiesen, daß Napoleon, der in seinen 
Jugendschriften so schonungslos gegen die Korsika vor der Autonomiever- 
leihung verwaltenden französischen Generäle ins Feld zieht, niemals unter 
denselben Marbeufs Erwähnung tat und sich mit der Nennung anderer be- 
gnügt, obwohl gerade Marbeuf auf einer öffentlichen Gedenktafel als „Tyrann 
des stöhnenden Korsika" bezeichnet wurde. 



I 
I 



351 — S3* 



zum Vater und Marbeuf, er war bloß mit halber Seele ß 
lutionär und Königsstürzer, mit der anderen aber der Revolutio ^T 
holt und dem König geneigt. Es gibt eine Reihe von Aussprü l! 
Napoleons, in welchen er die Revolutionäre als Pöbel beschimnfr ° 
die Partei des Königs ergreift. Als am lo. August 1792 Nanol 
sieht, wie die Revolutionäre, die b die Tuilerien eingedrungen war^ 
dem Könige eine Jakobinermütze aufsetzten, sagt er zu Bourien 
„Wie konnte man diesen Vorstadtpöbel einlassen! Man hätte v"^' 
hundert bis fünfhundert mit Kanonen wegfegen sollen und der i^^' 
hatte des Weite gesucht«. Noch deutlicher aber äußert er seine S^T 
lungnahme für den König, als er am 10. August die niedergemetzeitel" 
Schweizer sieht,'« Da erklärt Napoleon: Jch fühle, daß, wenn m 
mich gerufen hätte, ich den König verteidigt haben würde.« 

Trotzdem ist es unverkennbar, daß die Revolution die ne? 
tive Komponente seiner ambivalenten Einstellung zL" 
Vater zur mächtigsten Entfaltung gebracht hat. Steht doch während 
der Revolutionsjahre der König fortwährend im Verdachte, fremd! 
Machte zu Hilfe zu rufen und mit ihnen das Vaterland angreifen 2 
woUen. Somit will ja auch Ludwig XVI - genau so wie in der Phan 
taste der Vater Bonaparte - die Mutter den Fremden ausUefern Das 
bestimmt zutiefst seine Haltung zu Paoli. Doch erst nachdem der 
Konig am 18. Jänner 1793 zum Tode verurteilt und am 
21. hingerichtet wurde, da erst äußert sich bei Napoleon 
der Anschluß an Frankreich in entschiedener, unzwei 
deutiger und unwiderruflicher Weise. Nun erst, nachdem 
der Vater, der verhaßte Anstifter all des Unheils, der ihn am Besitze 
der Mutter gehmdert, sie aber trotzdem mit Fremden geteilt hat sem 
Verbrechen mit seinem Kopfe gesühnt hat, erst da sehen wir Napoleon 
ach entschieden Frankreich zuwenden. Denn durch die Tötung des 
Königs ist ja der wesendiche Teil seiner ödipusphantasie erfüllt worden 
und da ist es ja nur selbstverständlich, daß er - durch den Ansdiluß 
an Frankreich - die freigewordene Mutter in Besitz nimmt und so 
diese symbohsche Realisierung zu einer vollständigen macht. Überdies 
ist aber diese Akzeptierung des vom Vater geschaffenen Sachverhalts 
auch die Identifizierung mit dem Vater, somit auch Ausdruck der Liebe. 
Sie erfolgt aber zugleich aus einem, nach Stillung des Ha sses sich re- 

18) Auf St. Helena sagte Napoleon, daß der Anblick der getöteten 
Schweizer ihn mehr erschüttert hätte, als der Anblick aller seiner späteren 
— im Vergleich damit gigantischen — Schlachtfelder. 



352 



^H^oden Schuldgefühl*" und ist auch eine Sühne und Bußhandlung. Und 
^«iiließlich dürfte auch die Identifikation Napoleons mit Marbeuf die- 
jglbe mitbestimmt haben. Und so wird auch Frankreich — das bisnun 
ffir Napoleon Marbeuf und die Preisgebung der Mutter an denselben 
bedeutet hat — • zum Symbol der Mutter selbst, zur mere patrie, die 
gf lieben und verteidigen wird. 

Die einzelnen Phasen der Beziehung Paoli-Napoleon müssen im 
Qpginal nachgelesen werden ; wichtig ist, daß sich Saliceti — dem sich 
fjapoleon anschloß — als einziger korsischer Abgeordneter für die 

inrichtung des Königs gestimmt hat, während PaoK den Königsmord 
jusdrüdklich ablehnte. Nach Beseitigung des Vaters (Königs) hat sich 
fjapoleon mit ihm identifiziert, sich selbst zum Vater gemacht, wofür 

ohl seine Akzeptierung des politischen Programms des Vaters, (der 

it Marbeuf verbundenen Mutter) spricht, und da ist es erklärlich, daß 
auch die letzte Vater-Imago, Paoli beseitigen wollte. Überdies muß 
^, ebenso zufolge dieser Identifizierung, das Vorgehen des Vaters 
gegenüber Paoli wiederholen, denn Charles hatte ja, nachdem er durch 
viele Jahre an der Seite Paolis in treuer Anhängerschaft gestanden, 
denselben dann gegen Ende des Unabhängigkeitskrieges gleichfalls ver- 
lassen und sich den Franzosen zugewendet, sodaß Napoleon seinen 

ater darin geradezu imitiert. 

Auch die ganze wohl rationalisierte England-Politik Napoleons "(die 

Ingländer wurden ihm geradezu zum Schreckgespenst) erhält von hier 
eine affektive Fundierung. In seiner Jugend war Napoleon durch- 
Sis englandfreundlich, hatte ja England den FlüchtHng Paoli aufge- 
nommen und ihm sogar eine Pension zugebilligt. In der „Nouvelle de 
Corse", in der alle Franzosen, nur deshalb, weil sie Franzosen sind, 
getötet werden, rettet sich ein Mann das Leben, indem er sich als 
Engländer ausgibt. Als Paoli sich von Frankreich abwandte und mit 
[England paktierte (dem er Korsika später tatsächlich auslieferte), ergab 

19) In seinen Memoiren berichtet der Kanzler Pasquier: „ . . Bonaparte, 
anfangs . . an Paoli attachiert, zögerte nicht, sich von ihm zu trennen. . . Es 
war dies bei der Nachricht von der Verurteilung Ludwig 
XVI, daß er diese Partei nahm. Ich habe das Faktum von Herrn Semon- 
iville, der damals als Kommissar der französischen Regierung sich in Korsika 
aufhielt." Bonaparte weckte ihn bei Nacht. „Herr Kommissar", sprach er, 
,idi habe gut unsere Lage erwogen, man will hier eine Torheit begehen; 
derKonvent hat zweifellos ein großes Verbrechen begangen 

Iund ich beklage es mehr denn jemand, aber Korsika muß, was auch 
kommen mag, mit Frankreich vereinigt sein." . 

I 



— 353 



sich für Napoleon unbewußt die alte Konfliktsituation: gede I, 
doch Paoli das große Verbrechen, das seinerzeit Charles BonapaT 
begangen hatte und mit dem sich Napoleon kaum eben und zw 
um den Preis eines schweren Opfers abgefunden hatte, zu wiederhok^"" 
Durch diesen restlosen Zusammenbruch der Liebe zum Vater er ^ h 
sich für Napoleon die extremste Negation des Vaters, ge e 
den er von nun an einen unaufhörlichen, schonungs- und erbarmunr 
losen Kampf führen sollte. ^'" 

Von nun ab soll in Napoleons Brust das unstillbar 
Verlangen nach dem Besitz der Mutter nie mehrzurRuh^ 
gelangen und der gewaltige Kampf um sie mit dem 
Vater bildet wohl das gewaltigste Epos der Mensch 
heitsgeschichte. Korsika wird völlig entwertet (er verbietet seiner 
Mutter korsisch mit ihm zu sprechen) und nun beginnt eine nimmer'^ 
müde und nimmersatte Suche nach Ersatz, auf der seine von 
Heißhunger gequälte Phantasie gierig ein Land nach dem anderen be 
gehrt, derart eine schier endlose Reihe von Surrogaten 
bildend, die jedoch als solche seine Gier nie auch nur annähernd 
zu befriedigen vermögen. Er tränkt auf dieser Suche die Länder in 
Blut, versetzt die Welt in Schrecken, verändert das Antlitz Europas- 
umsonst, all das kann seinen Hunger nicht stiUen . . . Und als Kaiser 
besdieidet er sich ebensowenig mit der „Maitresse", die ihm nach 
seinem eigenen Ausspruche Frankreich bedeutet, will „Herr des Uni- 
versums" sem - und dies alles getrieben von einer kaum dagewesenen 
Gewalt des inzestuösen Verlangens nach der Mutter, und einem 
schrankenlosen Trotz gegen den Vater, wie er in der Menschheitsge- 
schichte ganz vereinzelt dasteht! Es hieße hier die ganze Geschichte 
des napoleonischen Zeitalters rekapitulieren, wollte man den Haß und 
Trotz, den Napoleon, bei dieser nie rastenden Suche nach der 
M u 1 1 e r, s e i n e r V a t e r - 1 m a g o - den unterschiedlichsten Herrschern 
Europas — entgegenbrachte, im Detail nachweisen. Nur summarisch 
möge daran erinnert werden, wie er sich zu Kaiser Franz von Öster- 
reich, König Friedrich Wilhelm III. von Preußen, zu den Königen von 
Spanien, Portugal, Neapel, zu den demschen Königen und den Bundes- 
fürsten und nicht zuletzt zum Papst Pius VII gestellt, wie er sie provo- 
ziert und die Besiegten drangsaHert, gedemütigt, herabgesetzt und er- 
niedrigt und die Abhängigkeit von ihm hat fühlen lassen. Aber keine 
Dynastie hat er auch nur annähernd mit dem gleichen Hasse behandelt, 
wie die Bourbons, deren ahnungs- und schuldlosen Sprossen, den 



— 354 — 



■^ 



^en d'Enghien er zum Entsetzen aller Welt füsilieren läßt, um sich 
Monate .später die Kaiserkrone aufzusetzen. 

r I 

Nun, da wir durch Jekels meisterhafte analytische Schilderung der 

«flbewüßten Struktur Napoleons '» unterrichtet sind und aus dem ersten 

ibsdinitt die historischen Tatsachen der Talleyrandepoche kennen, 

«yoUen wir an die Frage herangehen: Was bedeutete Talley- 

Pand für das Unbewußte Napoleons? Denn mit dieser 

[einzigen Frage steht und fällt die einzige Möglichkeit, das so undurdi- 

yditige Konvolut der Beziehung Talleyrand-Napoleon zu entwirren. 

r In einer matten und sonst bedeutungslosen Arbeit über Talleyrand 

Ls dem Jahre 1870 sagt Sainte-Beuve das erstaunliche Wort: 

I Monsieur de Talleyrand est un sujet des plus compliques, il y avait 

hlusieurs hommes en Im" (S. 39)- Dieses als Apergu ausgesprochene 

I Wort ist richtig und ist vor allem in Talleyrands Beziehung zu Napoleon 

Ireversibel: für Napoleon waren in Talleyrand „plusieurs hommes". 

Jnd zwar : ,.,/-.■■ 

1) Talleyrand (=Marbeuf), der geliebte Gönner. 

• TaUeyrand tritt Napoleon vorerst als Grandseigneur entgegen, der 
1 Napoleon imponiert". Dieses Minderwertigkeitsgefühl versucht der 
iGeneral sofort zu kompensieren, indem er Talleyrand vorhält : „Sie sind 
ein NeSe des Erzbischofs von Reims, der sich jetzt bei Ludwig XVffl 
befindet. Ich habe auch einen Oheim, der Erzdiakon von Korsika ist 
und der mich erzogen hat. Sie wissen, ein dortiger Erzdiakon ist soviel, 
wie ein Bischof von Frankreich« (Talleyrand, Memoiren I. S. 202). 
Der Ausspruch ist für das spätere ambivalente Verhalten Napoleons 
typisch: im ersten Satz eine Aggression (der Vorwurf des Zusammen- 
hangs mit den verhaßten Emigranten), im zweiten eine Schmeichelei 
in der Form: wir sind beide große Herren. 



20) Ich wüßte keinen einzigen Einwand gegen Jekels Arbeit vorzubringen 
es sei denn das Detail, ob nicht Napoleons alter Haß gegen Frankreidi aut 
einem Umwege über die Leiden, die er als Kaiser dem franzosisdien Volke 
zufügte — Frankreidi bezahlte die Gloire mit drei Millionen Toten — sich 

Idodi auslebte. Jekels Arbeit, vor 20 Jahren entstanden, ist heute nodi so 
iugendfrisch, wie bei ihrem Entstehen. . 

21) Es ist bekannt, daß gute Manieren Napoleon maßlos imponiert haben, 
obwohl er sie bewußt zeitweise veraditete. So nahm er z. B. beim Schau- 
spieler Talma Lektionen. H. Bahr hat diese Episode lustig m seiner 
Komödie „Tosephine" verulkt. 
I 



— 355 - 



Talleyrand tritt also in die Reihe der Vater-In,a.ines • 
Charles Bonaparte, Marbeuf, Paoli, Ludwig XVI etc.) Daß S. "" 
jn dieser Schid^te Napoleon vorerst unbewußt an M^rbeuT e Ce"^ 
haben mag dafür spricht die Tatsache, daß Napoleon bis 4 d* 
Zeitpunkt niemals mit einem Altadeligen, außer mit Marbeuf Um r"" 
hatte Audi war Talleyrand 15 Jahre älter und „protegierte« Na^of' 
Dazu kommt nodi folgendes sonderbare Detail : Der erste franl?' 
Ort m weldiem Napoleon als 9%jähriger Knabe iSg" "£7*^ 
weilte, war Autun. Dasselbe Autun^^ dessen Bischof T a , ^ 
rand war. Dasselbe Autun endlich, in welchem m/k^' 
Bruder ebenfalls Bischof gewesen war. Da ist e" ^dit"'' 
verwunderlidi, daß diese unbewußte Identifizierung auA^uf r'j 
dieserAußerlidikeiten vorgenommen wurde. Die Identlnzier, """^ 
reihe geht also über Archidiakon Lucian die R T" 
Marbeuf (den Gouverneur und den Bisdiof) "Xr os! h " 

la^en'^P "^T^^""^ '^"^'^^ ^'"^ ^ ^ -^^st ' wei' e„? 

aufene Priester: Joseph und den Onkel Fesdi feinen Br^" 

Lamia^, der nadi der Fludit der Bonapartes aus KorTika in M« 

Knegsheferant wird. (.Der geistlidie Onkel legt die Kutte ab "^J 

Bischofssitz ,ibt. Soweuirist! Ji^^n^^^^^^^^ f ^^ 

30. Dezember iryS-.i L U tvT 1"' '"" f ^'/^jä'^"^- Knabe 
bis er leidlidi fJJzösisdi getShätll^R M. Kir^^Sfenr^t'^ ^*- 
em Brief des 15 ähriffen Nanolenn ,„ „»• t, , 'f '^''^ "senj. — Es existiert 

dagegen wehrtf'daß' ein 8°^ To'prd^r ' " ''■'''^T ''"^ ^^P°'-" 
werden sollte und plöSki seineS' . ""P^-^ngHch Priester 
entdedcte, Soldat ^^rä/Cf j:\SrSV''' ^^3 Offizierslanf bah„ 
liehe Gnaden von Autun härt^ it, »•••Seine bischöf- 

gcgeben und er wtr sLher R J". V"' reichliche Pfründe 
Talleyrand der Nlchföl/er de, R .'". W^'""-" ^"""^ ^« 
von Joseph, Napoleons Brude" weLerPriel^ """'!"' "■^^'^ ^" 

Bnef ist abgedrucktbeiWencke -Wndrerri S Tfft" y'''- °" 
hang nnt Talleyrand ist dort natürlich nicht heLLllt - DifT'T' 
der Biographen, ob der Bischof Marbeuf ein RrnT ? ^ Angaben 

sein Neffe war, sdiwanken f1 In t / ^, '^^^ ^°"^"°^"^« °'*« 
das belanglos. ™'^^"''^"- ^"«^ den hier dargestellten Zusammenhang ist 

istlara~7£'GrvZ Talleyrand beide Marbeufs in sidi. er 
Bischof. Gouverneur und Bisdiof. wie Marbeufs Bruder, der 



— 356 



J 



i 

il 



macht Geschäfte, man kommt in die Seidenbrandie" Ludwig S. 37). 
^uch da also ein Verbindungsweg zu Talleyrand. 

Erleichtert wird diese günstige Beziehung endlich durch eine starke 
homosexuelle Bindung Talleyrands an Napoleon: Talleyrand wollte 
ursprünglich Offizier werden, konnte dies aber nicht wegen seines 
lOuinpfußes und sah in der ersten Zeit in Napoleon ein Teil des 
eigenen Ichs, das das erreichte, was er immer unbewußt wollte: die 
siegreiche Offizierslaufbahn wie Talleyrands Vater. Näheres in der in 
Vorbereitung befindlichen Arbeit des Verfassers über Talleyrand. 

Für Napoleon wieder aktivierte die freundschaftliche Beziehung zu 
Talleyrand auch einen Teil der unbewußten homosexuel- 
len Beziehung zu Joseph. Wie stark diese war, ersehen wir 
aus Briefen, die der enttäuschte Joseph als König von Neapel an 
Napoleon schrieb. (13. August 1806, zitiert nach Kleinschmidt): 

„Niemals wird dieser glorreiche Kaiser für jenen Napoleon ent- 
schädigen können, welchen ich so sehr geliebt habe und welchen ich, 
wenn man sich auf den elysäischen Feldern wiederfindet, so wieder- 

k zufinden wünsche, wie ich ihn vor 20 Jahren gekannt habe." 
■ Napoleons Antwort lautete (23. August 1806): 
I „Ich bin betrübt, daß Sie glauben, Ihren Bruder erst in den elysäi- 
sdien Feldern wiederfinden zu können. Es ist ganz einfach, daß er 
mit 40 Jahren nicht mehr dieselben Gefühle wie 
mit 12 hat..." 

Ferner ist ein Brief Napoleons an Joseph vom 24. Juni 1795 er- 
halten, der diese homosexuelle Bindung noch deutlicher zeigt: 
. „In welche Verhältnisse auch das Leben dich stellen möge, du 
kannst und du weißt dies, mein Freund, keinen besseren Freund als 
mich haben, keinen, dem du teurer wärest und der auf- 
richtiger dein Glück wünschte. Wenn du abreisest und denkst, es sei 
für einige Zeit, schicke mir dein Bild. Wir haben so viele 
Jahre zusammengelebt, so enge verbunden, daß unsere Herzen 
sich verschmolzen haben und du weißt besser 
als jemand, wie das meine dir ganz angehört. 
Während ich diese Zeilen schreibe, fühle ich eine Bewegung, 
die ich selten in meinem Leben empfunden habe. 
Ich fühle wohl, daß wir uns so bald nicht wiedersehen werden und 
kann nicht weiter schreiben" "*. 



24) Man vergleiche mit diesen von echtem Gefühl erfülhen Zeilen etwa 

I 



n 



In der ersten Zeit war Talleyrand unleugbar der Protektor Na 
leons, organisierte mit ihm den 18. Brumaire, half mit Geld Rat ^°Ä 
Tat. Auf diese Zeit beziehen sich Talleyrands Worte: Ich lieh 
Napoleon- und Napoleons Ausspruch: „TaUeyrand hat am meiste 
dazu beigetragen, unsere Dynastie zu etablieren." 

2) Talleyrand (-Marbeuf). d i e Va t e r- Im ag o di. 

den Vatermord billigt, inspiriert und organisiert 
Ich habe früher (Seite 326) darauf hingewiesen, daß in der erste 
Zeit Talleyrands Bedeutung für Napoleon auch darin bestand daß ° 
als lebendiges ,E s-is t- e rl aub t" dem Konsul die 'geheim' 
sten Gedanken, die er noch gar nicht auszusprechen wagte, als nächst' 
hegende Staatsnotwendigkeit darstellte. Taüeyrand repräs entiert also 

die eisige Kälte, mit der der scdizehn jährige Napoleon den T^d~T^ 
Vaters in einem Brief an seine Mutter behandelt: " 

TT , j- r, . . Paris, den 28. März lySr 

Heute, wo die Zeit meinen ersten Sdimerzensausbrudi etwas beruhi« har 
beeile ich midi, Ihnen zu danken für die Güte, die Sie stets für uns Jehab 
haben. Trösten Sie sich, liebe Mutter, die Umstände wollen et 
Wir werden unsere Aufmerksamkeit und Dankbarkeit verdoppeln und glücklil' 
sein, wenn wir durdi unseren Gehorsam Sie ein wenig über den Verlust dl* 
gehebten Gatten trösten können. Idi sdiließe, liebe Mutter. Mein simer 
befiehlt mir, indem ich Sie bitte, sidi zu beruhigen. Meine Ge sündige 
m vorzüglich, und idi bitte alle Tage, daß Ihnen der Himmel ähnM 
Wohlergehen sdienke. Grüßen Sie Tante Gertmde, Großmutter FesA 

t Königin vonFrankreich ist einesPrinzen geneseV 

mit Namen Herzog der Normandie, am 27. März, 7 Uhr abends. 

Napoleone di Buonaparte. 
Der sonderbare Kondolenzbrief - „Trösten Sie sich . . meine 
Gesundheit ist vorzüglich" - ist selbst nicht analytisdi Denkenden 
z.B. einigen Napoleon-Biographen aufgefallen. Das Postskriptum des Briefes' 
mit dem f^mweis auf den Sohn Marie Antoinettes enthält möglicherw sc 
eine besonders bissige Anspielung. Bekanntlidi galt Marie Antoinette als de 
lasterhafteste Frau Frankreidis. Und zwar audi bei Napoleon, wofü wir 

S ? r L M "^'/ ^'"' A"'°'°^«- (S- 333). Napoleon hätte, als Fersen, 
der Geliebte Marie Antomettes, im Jahre sedis nadi dem Tode der Königin 
die sdiwedisdie Regierung auf dem Kongreß von Rastatt vertreten solke. 
diesen mit der Begründung brüsk abgelehnt, „er verhandle nidit mit Fersen 
dessen royahstisdie Gesinnung er kenne und der überdies mit der 
Königin geschlafen habe." 

Möglidierweise ist audi das Postskriptum ein Beweis, daß Napoleon an 
der Treue der Mutter zweifelte, wofür audi die „legislatorisdie Projektion" 
^■'! 1 l ,'^'^' Unsidierheit, der Grundsatz des Code Napoleon- „U 
redierAe de la patemüe est interdUe' spredien würde. 

— 358 — 



dieser Zeit das gewährende, schuldgefühlsersparende Über-Ich. So 
licht Talleyrand in seinen Briefen an den siegreichen General Bona- 
p'arte suggestiv vom Imperium. Talleyrand schiebt Napoleon die AU- 
[jnacht zu : gibt dem Konsul den Rat, die auswärtigen Affairen nur mit 
lim zu besprechen etc. Es ist kein Zweifel, daß dies für Napoleon 
eine große Schuldgefühlsentlastung war. Denn Napo- 
leons immer waches S tr a f b e du r f nis resultierte ja zu- 
liefst aus dem Ödipuskomplex. Und da ergab sich folgende — ge- 
Fradezu diabolisch witzige — Situation : Napoleon wollte zur Zeit des 
Direktoriums am 2i. Jänner, am Tage der Hinrichtung des Königs, 
^' dem offiziellen Gedenkfeste nicht beiwohnen. (Siehe Seite g2$Q Und nun 
sendet das Direktorium Taüeyrand als Vermittler. Oder in Napoleons 
eigenen Worten: 

„Talleyrand bot seine ganze Beredsamkeit auf, 
;r suchte zu beweisen, daß dieses Fest gerecht 
rare, weil es politisch wäre. Politisch wäre es, 
ienn alle Länder und alle Republiken hätten stets 
len Sturz der despotischen Gewalt und den 
'yrannenmord als einen Triumph gefeiert. So 
lätte Athen den Tod des Pisistratus, Rom den 
iturz des Decemvirn verherrlicht. Übrigens sei 
las Fest durch ein Gesetz geboten, dem das ganze 
, and unter worfen sei un d si c h j e d er zu fügenund 
pu gehorchen habe." 

Nun wissen wir aus Jekels Arbeit, welche entscheidende Be- 
deutung (trotz gelegentlicher Abwehr des Königsmordes) die Hin- 
^ditung des Königs für Napoleon hatte, die er unbewußt auch voll- 
lommen billigte. Daraus ergaben sich aber für Napoleon die stärksten 
Hnbewußten Strafwünsche. Ist es da nicht für Napoleon 
;in Glücksfall ohnegleichen, wenn der Vater 
'selbst (repräsentiert durch die Vater-Imago Talleyrand) d e n M o r d 
an sich selbst billigt, entschuldigt und für berech- 
tigt erklärt, denselben Mord, der die Quelle der 
stärksten S chuldgefühle für Napoleon darstellt? 
Diese für Napoleons Schuldgefühlsentlastung und somit für die 
ganze Beziehung zu Talleyrand entscheidende Szene ist — 
wie nicht anders zu erwarten — in keiner der bekannten 
Talleyrand- oder Napoleon- Biographien verwer- 
tet. Und doch enthält sie den Schlüssel zum Ver- 



359 — 




ständnis der Beziehung dieses außerordendichen Mensel, 
zu Talleyrand. 

Übrigens ist — nach Ansicht Napoleons — Talleyrands gan7 
Lebenslauf ,eine einzige Verräterei«. Er wirft ihm in der groß* 
Szene« alle Verbrechen an den Kopf, die er, Napoleon, selbst b" 
gangen hat, respektive unbewußt zu begehen wünschte. Und wied^* 
setzt hier die Schuldgefühlsentlastung ein : er sieht einen Mensche^"^ 
der „so viele Verbrechen« begangen hat, frei, höhnisch, zynisch ^ 
anscheinend ohne Schuldgefühle leben. Schon diese „TatsacheTal 
leyrand« war in einer bestimmten Schichte für Napoleon eine Ge' 
Wissensentlastung. Das ist eine der Ursachen, die Napoleon immer 
wieder Talleyrands Gesellschaft suchen Heß. 

Talleyrand billigt somit für das Unbewußte Napoleons nicht nur 
den Vatermord, er inspiriert ihn sogar zweimal: Tal 
leyrand ist der Einbläser Napoleons bei der Ermordung En- 
ghiens und der Thronentsetzung der spanischen Bourbo] 
nen. Und da die „spanischen Affairen« eine der Ursachendes 
Konflikts zwischen Napoleon und Talleyrand darstellen, muß näher 
auf diese eingegangen werden. 

Was hat sich eigentlich vor und in Bayonne zugetragen? Aus den 
Geschichtsbüchern erfahren wir meistens bloß, daß Napoleon „durch 
unglaubliche Intrigen« erst den Sohn des Königs, dann den Vate"r, den 
König selbst, zum Thronverzicht zu Gunsten Josephs (Napoleons 
Bruder) bewogen hat. Was sind nun diese „unglaublichen Intrigen«^ 
Wir besitzen in Talleyrands Memoiren eine minutiöse, durch die 
Augen des Hasses gesehene, klarsichtige DarsteUung der spanischen 
Abenteuer Napoleons, die schon deshalb wahr ist, weil die Handlungs- 
weise Napoleons in Spanien so aufreizend war, daß der beste An- 
griff Talleyrands auf Napoleon in der wahrheitsgetreuen Wiedergabe 
seiner Handlungsweise lag. 

Die „spanischen Angelegenheiten" bilden ein eigenes Kapitel in 
Talleyrands Memoh-en. Es beginnt mit einem Ausspruch Napoleons: 
„Wenn es da rauf ankommt, kann ich auch das Löwenfell ablegen und 

25) Es besteht eine gewisse Berechtigung zu der Annahme, daß Napo- 
leons Zynismen zum Teil auf der Identifizierung mit denen Talleyrands 
beruhen. Wir kennen kernen einzigen zynisdien Ausspruch Napoleons aus 
semer vortaUeyrandischen Zeit. Bzgl. der Psydiologie des Zynismus sei auf 
eine Arbeit des Verf. („Zur Psychologie des Zynikers" Psychoan. Bewe- 
gung 1933- H. l und 2) verwiesen. 



— 360 



Fden Fuchspelz kriechen." Dazu bemerkt Talleyrand : „Die Menschen 
ntergehen und hinters Ijcht führen, war nämhch nicht allein sein größtes 
l'ergnügen, sondern es war ihm zur zweiten Natur, zu einem wahren 
edürfnis geworden." Auch da wieder ein Berührungspunkt mit Talley- 
^nd. Man hat manchmal den karikaturistischen Eindruck, Talleyrand 
|i ein nach außen projizierter Anteil Napoleons und Napoleon einer 
f^alleyrands gewesen. 
Spanien — so berichtet Talleyrand — war 1807 seit dem Frieden 
on Basel, also seit 11 Jahren ein treuer Bundesgenosse Frankreichs 
^vvesen und hatte ihm alles gegeben und reichlich gegeben: Geld, 
Idiifie und Soldaten. 1807 — zu Beginn der „spanischen AfFairen" — 
standen 20.000 Spanier im Norden Europas unter den französischen 
Fahnen. Seitdem Napoleon selbst auf einem bourbonischen Throne saß, 
betrachtete er die Fürsten, welche noch die zwei anderen innehatten 
(Neapel, Spanien) als seine natürlichen Feinde, die er in seinem per- 
sönlichen Interesse stürzen mußte. Wie sollte er aber dem befreundeten 
Spanien den Krieg erklären, ohne seine ehrgeizigen dynastischen Inter- 
essen offen zu bekennen ? Napoleon schlug folgenden Weg ein : unter 
der Maske der Freundschaft ließ er Spanien mit französischen Truppen 
überschwemmen, wozu ihm Portugal den Vorwand lieferte, das sich 
noch immer weigerte, mit England zu brechen. Diesen Umstand hatte 
der Kaiser in dem Tilsiter Vertrag mit Rußland vorgesehen, und zwar 
durch einen Paragraphen, der dahin lautete, daß Portugal, wenn es 
mit England befreundet bliebe, als Feind betrachtet werden solle. An- 
statt einer Kriegserklärung schloß also Napoleon ein neues Bündnis, 
natürlich nur zum Schein, mit Spanien (Vertrag zu Fontainebleau am 
27. Oktober 1807). Die weiteren „wirklich abscheulichen und hinter- 
listigen Intriguen" waren: Im März 1807 schickte der Prinz von 
Astur ien, der Thronfolger und älteste Sohn des Königs, seinem 
früheren Erzieher, dem Domherrn von Toledo, einen Brief, in welchem 
er von der gefahrdrohenden Situation des Reiches sprach: der „Friedens- 
först" (dieser war Minister des schwachen Königs und Ge- 
liebter der Königin und zwar, wie man allgemein wußte 
(eben „ängstlichen Zuhälter" nennt ihn B 1 e i) unter Toleranz 
des Königs), solle — so erzähle ein Gerücht — die Regentschaft über- 
nehmen. Der Kronprinz bat den Domherrn um Rat und Beistand. Der 
Domherr setzte nun ein Memorandum in diesem Sinne auf, das er dem 
Prinzen zusandte, um es seinem Vater zu überreichen. Dem Prinzen fehlte 
dazu der Mut, er verwahrte die Dokumente, die später gefunden wurden 

— 361 — 



und das Hauptmaterial bildeten, ihn des Hochverrats anzuklagen. De 
Geliebte der Königin schöpfte Verdacht und wollte den Kronprinzen 
mit einer Nichte der Königin verheiraten. Der Kronprinz meinte aber 
er täte besser, sich um eine Prinzessin aus der Familie Napoleons zu' 
bewerben, worauf Napoleon zum Schein in dunklen Andeutungen 
reagierte. Da der „Friedensfürst" immer offener für sich Propaganda 
machte — er ließ verbreiten, der König liege im Sterben, der Kronprinz 
sei ein Dummkopf, die einzige Rettung Spaniens sei er selbst, weldies 
Argument er durch Geldverteilung an die Offiziere unterstützte -_ 
glaubten die Berater des Kronprinzen nicht länger zögern zu dürfen 
Man veranlaßte einen angesehenen Granden und Freund des Kron- 
prinzen, den Herzog von Infantado, sich von diesem eine Proklamation 
geben zu lassen, die sofort nach dem Tode des Königs veröffentlicht 
werden sollte. Bald darauf rückten französische Truppen in Spanien 
ein, der Kronprinz wurde unter der Beschuldigung des Hochverrates vom 
König verhaftet; das Tribunal sprach ihn jedoch frei. Der Minister 
der von Napoleon lange durch Versprechungen hingehalten wurde 
bekam Angst vor den immer stärkeren französischen Truppen, rief die 
spanischen Truppen aus dem Norden zurück und wollte die königliche 
Familie nach Cadix bringen. Darauf brach ein Aufstand gegen den 
Minister aus und der König rettete sich dadurch, daß er den Minister 
entließ. Dieser hielt sich versteckt; als er entdeckt wurde, flammte der 
Aufstand nochmals auf, der König sandte den Kronprinzen, dem er 
mehr Einfluß auf die Menge zutraute, als sich selbst. Der Kronprinz 
erklärte den Minister für verhaftet. Der König faßte den Entschluß, 
freiwiUig abzudanken und der Kronprinz wurde unter dem Namen 
Ferdinand VII. König. Murat und Beauharnais (der Schwager Napoleons) 
veranlaßten hierauf den neuen König, Napoleon, der selbst nach Spanien 
kommen wolle, entgegenzufahren, verlangten aber zugleich die Frei- 
lassung des „Friedensfürsten". Dadurch wurde die Lage zugespitzt, 
umso mehr als der Kaiser befahl, den abgesetzten Minister in Murats 
Hände auszuliefern. Nun veranlaßte Napoleon, daß der Vater des 
Königs, der frühere Karl IV. seine Abdankung widerrief und als er- 
zwungen darstellte, was dieser in einem Manifest, gezeichnet „Ich, der 
König" tat. Napoleon lockte beide Könige nach Bayonne (also auf 
französischen Boden), wo die gegenseitigen Abdankungen gegeneinander 
ausgespielt wurden, die Könige einander mit heftigen Vorwürfen über- 
schütteten und das Resultat dieses „trostlosen Dramas" war, daß Joseph, 
Napoleons Bruder, König von Spanien wurde. 

— 362 — 



1 



r 

^m W'ir sehen also: die spanische Königsfamilie bietet eine 
^4;lare Wiederholung der von Napoleon supponierten 
eigenen Kindheitssituation seines Elternhauses: eine 
Mutter (Königin), die ein vom Vater (König) toleriertes 
Verhältnis mit dem Minister (Friedensfürst = Marbeuf) 
hatte ^^ Napoleon kassiert seine eigene Rache am zufäüigen spani- 
schen Objekt ein : er spielt alle gegeneinander aus und macht alle 
2u Gefangenen; wobei er Talleyrand zum Kerkermeister ernennt. 
Und hier beginnt die endlose, nie zu befriedigende kindliche Rache- 
tendenz von vorne : der Oheim (nicht der Prinz, wie Napoleon es 
Vünschte) beginnt ein Verhältnis mit Frau Talleyrand. Wieder 
ein betrogener Ehemann, der das Verhältnis tolerieren 
muß, wobei ein Stück der Inzestphantasie zum Durchbruch kommt: 
Napoleon identifiziert sich ja mit dem Kronprinzen, vereinigt sich also 
auf dem Umwege über ihn mit der Mutter, wobei die Bestrafung für 
diese Phantasie in der realen Bestrafung des Kronprinzen Hegt. Wir 
sehen hier das typische, sich nie erschöpfende neurotische Reihen- und 
Abspaltungsphänomen. 
^■| Nun muß dieses Agieren seiner Jugendphantasien ^^ 

26) Hier ist die Wurzel des von Talleyrand unverstandenen Aufwands an 
.Sdiläue, Perfidie und Kunststücken". Der Realpolitiker Talleyrand verstand 
nidit, zu welchem Zweck der blamable Aufwand an Betrug von Napoleon 
gemacht wurde, der ihn vor der Welt bündnisunfähig madite. Er verstand 
eben nicht, daß Napoleon eine Jugendphantasie, die Phantasie seines Lebens, 
agierte. Talleyrand sah lediglich ein zu erreichendes Ziel — die Eroberung 
Spaniens — und sah die Mittel, die dabei angewendet wurden, als ver- 
werflich an, weil sie Napoleon schädlich waren. Dies war seine „moralische" 
Stellungnahme. 

27) Es ist übrigens interessant, daß Pouche in seinen Memoiren an 
zwei Stellen ihm einen realen Inzest vorwirft: So behauptet er (S. 182 ff.), 
daß er ein Verhältnis mit seiner Lieblingsschwester Pauline 
hatte. Pouche sagt: „. . . Paulinc faßte im Verein mit einer ihrer Prauen 
den Plan, Napoleon ganz in ihre Reize zu verstricken. Und sie ging dabei 
mit so großer Kunst und so großem Raffinement zu Werke, daß ihr Sieg 
vollkommen war. . . Niemals zeigte Pauline für ihren Bruder soviel Liebe 
und Bewunderung, wie damals (vor der Scheidung von Josephine). An 
diesem Tage hörte ich sie sagen, denn sie brauchte .vor mir keine Geheim- 
nisse zu haben : Warum herrschen wir nicht in Ägypten? Wir 
würden es wie Ptolemäus machen; ich würde mich scheiden 
lassen und heiratete meinen Bruder. Da ich wußte, daß sie viel 

— 363 — 



auf spanischem Boden bei Napoleon das stärkste Schult) 
gefühl wecken. Wir verstehen nun, weshalb Napoleon wie e" 
Besessener nach Paris eilt, als er erfährt, daß Talleyrand gerad 
wegen der „spanischen Affairen" gegen ihn arbeitet. 

Talleyrand ist in diesem Teü der Beziehung zu Napoleon d e 
nach außen projizierte Anteil seines verbieten 
den Über-Ichs, die personifizierte Nemesis. Was hUft es, Tal- 
leyrand anzubrüllen, gerade das Schuldgefühl verhin- 
dert ja Napoleon, Ernstliches gegen Talleyrand 
zu unternehmen! Tatsächlich geschieht Talleyrand nichts. 

3. Talleyrand (=der gehaßte Vater = Marbeuf) als 
Objekt infantiler Rachetendenzen Napoleons. 

Nach Gefangennahme der spanischen Prinzen wird Talleyrand ge- 
zwungen, sie in seinem Schlosse Valencay aufzunehmen. Napoleon 
wiederholt also auch hier die „Besetzung" Korsikas durch die Fran- 
zosen, deren Rolle Spanier übernehmen, während Valencay ein Kor- 
sika en miniature darstellt. Ebenso wie Napoleons Mutter mit Mar- 
beuf, wird Talleyrands Frau mit dem Prinzen , verkuppelt", wobei 
Talleyrand die Rolle des verhöhnten, alles zulassenden Vaters spielt. 
Der einfachste Beweis hiefür liegt in der zitierten Frage Napoleons 

zu unwissend war, um aus sich selbst heraus eine solche Anspielung zu 
machen, erkannte ich darin den Ansporn ihres Bruders." 

Der zweite Inzestvorwurf — gleichfalls bei Pouche nachzulesen 
(S. 116) — lautet: „In ihrer Verzweiflung über ihre Unfruchtbarkeit kam 
sie (Josephine) auf den Gedanken ihrer Tochter Hortense die Zärthchkeit 
ihres Gatten zuwenden, den sie sinnlich nicht mehr reizte. ... Sie gefiel 
und die gegenseitige Neigung vertiefte sich so, daß es Josephine genügte, 
sich mütterlich darein zu finden und die Augen zu schließen, um ihren 
häuslichen Triumph zu sichern. Mutter und Tochter regierten zu gleicher Zeit in 
dem Herzen dieses stolzen Menschen. Als nach dem Rat der Mutter der 
Baum seine Früchte trug, mußte man daran denken, durch eine schnelle 
Heirat eine Liebesintrige zu verhüllen, die bereits den Höflingen bekannt 
wurde. . . . Napoleon wollte durch einen doppelten Inzest diese Liebes- 
angelegenheit, der er alle Reize der Vaterschaft verdankte, in seiner eigenen 
Familie zu Ende führen. Dabei entstand die Verbindung seines Bruders 
Louis mit Hortense, eine unglückliche Ehe, die schließlich alle Schleier zerriß." 

Ob nun Pouches Angaben richtig sind — bekanntlich ist die Echtheit der 
Fouche-Memoiren bezweifelt worden, während in neuerer Zeit sich Stimmen 
für ihre Authentizität erhoben — Tatsache ist, daß Napoleon Hortenses 
Kind adoptierte und erst als es starb, an die Ehe mit der österreidiischen 
Erzherzogin dachte. Pur die erste Behauptung Pouches spricht die Tatsache, 
daß Pauline auf Marie Louise pathologisch eifersüchtig war und deshalb 
von Napoleon vom Hofe verbannt wurde. 

— 364 — 



während der „großen Szene" : „Warum haben Sie mir nicht gesagt, 
daß der Prinz Carlos der Gehebte Ihrer Frau ist?" Die Einquartie- 
rung Ferdinands VII in Talleyrands Schloß bedeutet also folgendes: 
«rieder konstruiert Napoleon einen das Verhältnis der Frau tolerie- 
renden Gatten. 

Ein weiterer Beweis ist darin zu erblicken, daß Napoleon Talley- 
jgnd zweimal als postillon d'amour verwendet : erst beim Zaren 
jj, Erfurt, wo er den Brautwerber spielt, und später dann in War- 
schau, wo er die Affaire der Gräfin Walewska entrierte. „Er mußte 
aach anderes für den Kaiser tun: so die Gräfin Walewska fragen, ob 
sie den Blick gespürt hätte, den Seine Majestät geruht habe, auf sie 
2U werfen. (Blei, S. 516.) 

Und einmal befiehlt der Kaiser dem Herzog von Benevent in 
Warschau, ihm ein Glas Limonade zu bringen, „der langsam, mit 
einer Serviette unter dem Arm auf seinem Stock durch den Saal 
schlürfend, das Glas auf einem emaillierten Teller dem Kaiser über- 
brachte, demselben Monarchen, den er ä part als Parvenü behandeke 
wie Gräfin Potocka zu diesem Anlaß bemerkt." (Blei, S 516). Das 
ständige Auf und Ab von Gnade und Ungnade, von Schimpforgien 
und Belohnungen, die Tatsache, daß Napoleon Talleyrand gegenüber, 
einem Wort des Fürsten zufolge, „aller Inkonsequenzen fähig ist", 
zeigt die Zwiespältigkeit der Beziehung Napoleons zu seinem Vater, 
die er unter anderem bei Talleyrand auslebt. Dabei wiederholt Talley- 
rand wieder das Verbrechen des Vaters : er verbündet sich den Fremden 
gegen das Vaterland. Napoleon ist aber Talleyrand gegenüber machtlos, 
da er ihn unbewußt bereits zum Rächer erwählt hat. 

4. Talleyrand (= Marbeuf), der Rächer. 

Wir nähern uns dem Ende des napoleonischen Dramas, das im 
Wesentlichen unter dem Aspekt des unbewußten Straf- 
bedürfnisses steht ''^ Daß dem tatsächlich so ist, beweist Napo- 
leons Verhalten in diesen Monaten. Mit Recht hält ihm Talleyrand in 
seinen Memoiren vor, daß er seine Krone und seine Dynastie hätte 
retten können, wenn er zur richtigen Zeit nachgegeben hätte. Napo- 
leon konnte aber nicht nachgeben, da er offenbar unter dem 

28) Dieser Gesichtspunkt ist in Jekels Arbeit aus zwei Gründen noch 
nicht enthalten. Der erste ist ein zeitliches Moment: 1914 stand das Problem 
des unbewußten Strafbedürinisses noch nicht im Zentrum analytischer Dis- 
kussionen (war es ja von Freud noch gar nicht aufgestellt worden), 
zweitens behandelt Jekels Arbeit den Beginn der napoleonischen Karriere. 

PiA. Bewegung V — ^ 365 84 



Druck dieses - aus dem jahrelangen Agieren seine 
üdipusphantasien'-» stammenden — Strafbed' 
nisses seinen Untergang selbst provozierte und herK^^" 
führte. Dabei wird Talleyrand zum Exek^ nivp.^!;; 
29) Ich will, obwohl das ödipusmaterial ein eindeutiges i^T^^^^T^ 
Belege anfuhren, die m.r bei Durchsicht der Literatur aufgefallen 7i„7'f 
erklarte Napoleon m einem Gespräch mit Fouch^ vor dem russislen P .." 
zug (Pouches Memoiren, S. 224): „Ichziehe ganz Europa hirLtherf: 
Europa, st weiter nichts als eine alte verdorbene Hure '' 
der idi mit H. fe meiner 800.000 Mann machen kann, was ich will« 7' 
dieser Erniedrigung der Mutter paßt gut der Ausspruch NapokÖns ff 
St. Helena: , Meine Mutter war eine sehr ordnungsliebende, tugendhaf?^ 

Ferner verweise idi auf eine Stelle aus Napoleons blutrünstigster TueenH 
sdinft„Korsischc Novelle", die der 20jährige Offizier in Aufone sfrlt 
und die bereits zitiert wurde. Beweisend ist folgende Stelle aus der Sh 
derung der Greueltaten der Franzosen: *"' 

"■•; ■ ^'!' /"ließ meine Leute, um meinem unglüddidien Vater zu Hilf, 
zu eilen. Ich fand ihn in seinem Blute liegen. Er hatte nur noch 1 
Kraft, zu mir zu sagen: Räche mich, mein Sohn. Das ist das erste Natu 
gesetz. Stirb, wie idi, das schadet nichts, aber e r kenne nie de Fran 

luZ\ aTT-u""- ^'^ ^"^'^ "'^''^^° ^^^ f°"' ""> ">"ne Muter" 

zu suchen, und fand ihren nackten, mit Wunden bedeckten Lefh 
in der empörendsten Lage. Meine Frau, drei meiner Brüder w^l„ 
an eben diesem Platz aufgehängt, sieben meiner S ö h n e, von dein 
drei noch keine fünf Jahre ak waren, hatten dasselbe Schicksal erlitten" 
r-J^ l^!T'l T^"""'- ^"^'^"f' der Mutterschänder, wobei' die 
^1 t A^Tf'''^'''!^'J'' ^^"^^ '^"^'^ "'^^^ B^f^W des Vater vor 
sich geht. Ahnhdies gesdiieht dann bei Talleyrand. der Vater-Ima^rfSilh. 
Punkt 2 „TaUeyrand. die Vater-Imago, die den Mord billig. -T- Au 
\f u ^^' ^'."''" """^ Geschwister will ich nicht näher eingehen ob 
wohl auch diese eine Deutung zulassen und in einer Arbeit des Verfassers 

wden'soln '""'""^ "'^^"'^'"^^ ^" '"'^^'^ Gesdiwistern v™ 

Mann'^!i?R'"r'""^-n'"'^^'''"' ^""^ Jo-'ephine Beauharnais erster 
Mann als Royahst guillotiniert wurde, das heißt, daß der Vatermord voll- 
zogen wurde, bevor Napoleon unbewußt die Mutter (= Josephine) be- 
sessen hatte, wobei wieder die Über-Ich-Entlastung für den gewün diten 

llTo'nTh "n f v''" ^°' '''^ ^='^'' ^'^ J'^'^-d -derer '(das R^^o" 
deT^r F i V' J"r^°"-g übernimmt. Damit mag aui vielleidit 
SL.n T II . ?°''°°\'^'" '' ^°" Talleyrand empfing, zusammen- 
werfen rJh'n r"""u •''° "? Robespierre, den Sdireckensmann, mit 
dessen Bruder Napoleon übrigens befreundet war 

,..^"f das Problem der fraglichen Epilepsie Napoleons kann wegen der 
Ludcenhaftigkeit des diesbezüglidien Materials nidit eingegangen werden. 

— 366 — 



eines Strafwunsches, und zwar zum von Napoleon 
elbstgewählten Exekutor. Napoleon unternimmt nichts gegen 
Talleyrand, obwohl seine Vorbereitungen zum Verrat — wie früher 
ffczeigt — ihm bekannt sein mußten. Er beschäftigt nicht einmal Tal- 
leyrand mit einer jener sinnlosen, nur zu Ablenkungszwecken aufge- 
stellten Scheinaufgaben (so macht Napoleon z. B. Pouche 1813 zum 
Generalgouverneur von Illyrien und später von Rom in einem Zeit- 
punkt, in welchem beides für den Kaiser verloren ist, erzielt aber, daß 
Pouche zu Beginn der ersten Restauration in Paris nicht anwesend ist 
..und machdos bleibt], sondern begnügt sich mit den verschiedentlidien 
Absagen Talleyrands und stellt sogar einmal sinnlose Bedingungen 
beim Anbot des Ministeriums des Äußeren: Verzicht auf die Ein- 
künfte (Siehe Seite 340 Anm. 14), was bei Talleyrands Geiz einer Er- 
ledigung des Anbots gleichkommt. Napoleon unternimmt auch dann 
nichts gegen Talleyrand, als sich dieser indirekt an der Verschwörung 
Malets 1812 —nach der Niederlage in Rußland — beteiligt, worüber 
in Pouches Memoiren folgendes zu lesen ist (S. 241): 

„. . . diese Möglichkeit erklärt die Bildung einer eventuellen 
provisorischen Regierung, die sich aus den Herren Mathieu 
de Montmorency, Alexis de Noailles, dem General Moreau, dem 
Grafen Frodiet, Präfekten des Seine-Departments und einem fünf- 
ten zusammengesetzt hätte, dessen Name nicht genannt 
wurde. Nun, dieser fünfte war Herr von Talleyrand, und 
ich selbst sollte . . ." 
I Wenn auch Napoleon einmal von sich sagte: „Denn ich bin 
Fnicht ein Mensch wie ein anderer und die Gesetze der 
Moral und Sitte gelten nicht für mich" — so ist das einer 
seiner Irrtümer, an denen der Kaiser gescheitert ist: Napoleons 
Untergang waren nicht die Armeen der Koalierten, 
sondern lediglich sein unbewußtes Strafbedürf- 
nis, zu dessen Exekutoren er eben jene Koalierten und — Talley- 
rand wähke. Diesen Nachfolger Talleyrand hat Napoleon ebenso auf- 
gepäppelt, und zwar auf eigene Kosten, wie Ludwig XVI. seinen 
Pensionär Napoleon. (Napoleon hatte bekanntlich einen von Marbeuf 
verschafften Freiplatz in den unterschiedlichen Offiziersschulen.) Daraus 
ergibt sich auch die erwähnte Überschätzung Talleyrands in den letz- 
ten Monaten, wobei aus den Aussprüchen des Kaisers hervorgeht, daß 
er annahm, Talleyrand könnte — wäre er auf seiner Seite — Wun- 
der wirken. Auch das Unverständnis das Napoleon der ganzen Weldage 

— 367 — 24* 



^ 



entgegenbrachte, das Niditbegreifen, daß die einzige aus der Revolutio 
hervorgegangene Regierung im reaktionären Europa nur um den Prg" 
weitgehender Sicherungen und absoluter Nichteinmischung zu halten ge^^ 
wesen wäre, ist letzten Endes aus seinem unbewußten Agieren und 
dem unbewußten Strafwunsch verständlich. Napoleon war überhau 
unfähig, in anderen Kategorien, als in Menschen zu denken: eii^e 
sonderbare, offenbar auf seine Verstrickung in der Vaterfigur zurück^ 
zuführende Denkhemmung bei einem so außergewöhnlichen Intellekt" 
So erklärt sich der Ausspruch Napoleons auf St. Helena, er säße noch 
auf seinem Throne, hätte er Talleyrand und Pouche zur richtigen 
Zeit hängen lassen. 

Diese Oszillationen zwischen den vier Einstellungen zu Talleyrand- 
als Gönner, als Vater-Imago, die den Vatermord 
billigt, als Rache Objekt und als Rächer, erklären, daß 
Napoleon niemals von Talleyrand loskam, geben einen Schlüssel zu 
seinem inkonsequenten Verhalten und bewahrheiten Metternichs Wort 
der Talleyrand Napoleons ersten Diener und Anta- 
gonisten nannte. 

Literatur : 

Aretz G., Die Frauen um Napoleon. 
Barras P., Memoiren, 4 Bde. 
Blei F., Talleyrand. 

Chuquet, La jeunesse de Napoleon 1—3. 
Dunoyer A., Fouquier— Tinville. 

Fleischmann H., Requisitoires de Fouquier— Tinville. 
Fouche, Memoiren. Übersetzt von P. Aretz. 

Gourgaud, Memoires pour servi ä l'histoire de France sous Napoleon 
(cornge de la main de Napoleon) 1823. 

Jekels L., Der Wendepunkt im Leben Napoleons, „Imago", IH, iqu 
Kircheisen F. M., Napoleon. 
Kircheisen G., Napoleon und die Seinen. 

Kirch eisen G., Die Frauen um Napoleon. (Urspüngliche Fassung der 
Arbeit von G. Aretz.) 

Kleinschmidt A., Die Eltern und Geschwister Napoleons. 

Ludwig E., Napoleon. 

De Lacombe B., La vie privee de Talleyrand. 

De Lacombe B., Talleyrand, eveque d'Autun. 

Martel T. Memoires et ceuvres de Napoleon. 

Masson F. et Biagi G., Napoleon inconnu. 

Masson. Napoleon. 

Napoleon, CEuvres i— 6. Panckoude 1822. 

— 368 — 



Propyläen-Weltgeschichte, Band VII, Revolution und Restauration . 

Ro essler, Die Jugend Napoleons des Ersten. 

Sainte-Beuve, Monsieur de Talleyrand. 

Scott W., Napoleon. 

Stendhal, Napoleon. 

Talleyrand, Memoiren, Herausgegeben vom Herzog von Broglie. 

■k Bände. , , . 

Wallon H., Le tribunal Revolutionnaire. 

Wencker- Wildberg (in Verbindung mit F. M. Kircheisen), 
INapoleon, Memoiren seines Lebens. 14 Bände. 

Wendel H., Danton. 

Wolff O., Die Geschäfte des Herrn Ouvrand. 

Zweig S., Pouche. 

Zweig S., Marie Antoinette. 



Illllllllllllilllillliilllllllllllllllllllllillilllll 
— 369 



Kain^ tied Odipus^Komplex 
mmsikalisdhier 




Wir entnehmen das Folgende dem Kapitel „Der Ko 
ponist" von Dr. Elsa Bienenfeld (Wien) in''T 
„Festschrift für Felix Weingartrier / 
seinem 70. Geburtstage" (Verlag Henning-Oplr 
mann, Basel, 1933). 

Weingartners Kompositionsbegabung zeigte sich früh. Den erste 
Klavierunterricht, die Einführung in die Musik, und ofienbar auch di" 
musikalische Begabung emfing er von seiner Mutter, deren sonst en^ 
Geistigkeit und erzieherische Härte ihn zugleich zum Widerspruch reiztef 
Das Textbuch „Kain und Abel«, das Weingartner in jungen Jahren 
(vor dem 25. Jahr) entwarf, gehört zu den aufschlußreichsten Über 
gangswerken sowohl in der Geschichte der Oper wie in der Geschichte 
der Seelenforschung. Weingartner nahm die Byron'sdie Fassung zur 
Vorlage, führte aber als neuen Leitgedanken den Brudermord auf die 
Urmacht des Liebestriebes zurück, der in Kains Verhältnis zur Mutter 
vorbestimmt erscheint und in der Vergewaltigung der Schwester durch- 
bricht. Schon psychologisch ist es fesselnd, wie Weingartner den Bruder 
mord deutet. Wichtig ist in diesem Zusammenhang ein Bericht Web 
gartners über ein eigenes Kindheitserlebnis. Ein älterer Bruder war 
zwei Jahre vor Felix' Geburt gestorben. Der frühzeitige Tod von 
Wemgartners Vater erneuerte den Schmerz der Mutter, dieses Kind 
verloren zu haben, dessen liebenswerte Eigenschaften sie immer wieder 
als Mutter hinstellte. Zum Gefühl der Zurücksetzung gesellte sich im 
jüngeren Bruder eine Art Eifersucht gegen den Verstorbenen ; Weingartner 
bekennt, daß ihm, als er etwa fünf Jahre zählte, der Bruder mit ver- 
bundenem Kopf im Traum erschienen sei, und er ihm heftige Vorwürfe 
machte, daß jener ihm die Liebe seiner Mutter entzöge, dann nach der 
Erschemung einen Schlag fiihrte und in Schweiß gebadet, erwadite Er 
brachte es nicht über sich, der Mutter den Traum zu erzählen. Wenige 
Tage spater erfaßte ihn am Grabe des Bruders eine so unbezähmbare Wut 
daß er einen Schlag gegen das Grabkreuz führte, so daß dieses um- 
fael worauf er augenblickhdi tiefe Reue fühlte. Weingartners Traum 
und seine Kamdichtung gestatten einen tiefen Blick in die Werkstatt 
des Kunstlers und in jenen geheimnisvollen Bezirk des Unbewußten, 



— 370 — 



r jem alle Triebe, aber auch die künstlerischen Eingebungen auf- 

iteigen. 

jahrzehntelang beschäftigte ihn dieser Plan. Wiederholt abgelenkt, 
kehrte er immer wieder zu dem Entwurf zurück, in dem sich offenbar 
eigene Seelenkämpfe spiegeln und beunruhigende Kindheitserinnerungen 
an die überstrenge Mutter mit allen Liebes-, Eifersuchts- und Angst- 
koinplexen ihre Entladung suchen. Doch ehe er die Ausführung der 
Dichtung in Angriff nahm, boten sich ihm andere Aufgaben. Er wurde 
Kapellmeister der Hamburger Oper und trat als Dirigent, aber auch 
jjs Komponist aus den Gesellen jähren in die Meisterjahre. 
■ In dieser Zeit wird die Bekenntnis-Oper „Kain und Abel" heraus- 
geschleudert, das düsterste Stück unter Weingartners Kompositionen. 
Das Gedicht vollendete er in St. Sulpice, mitten im frohesten Lebens- 
und Liebesglück. „Vielleicht war es", meint er selbst, „gerade die 
Heiterkeit, die mir die Kraft gegeben, es zu schaffen". Er zerlegt die 
Erscheinung der Urmutter nach den ältesten Sagenspuren in zwei 
{Gestalten und dichtet Adams erster Frau, Lilith, Züge einer Licht- 
gestalt, einer Genossin im ewigen Licht an, von der Adam abschied, 
lals er durch den Sündenfall in die Arme Evas, der irdischen Frau fiel. 

Weingartner sieht in Abel und Ada, den Geschwistern, die sich 
[als Gatten vereinigen, Kinder der Lilith. Dem Bruder die Schwester 
[und Gattin zu rauben, mit ihrem Besitz gleichsam die Kindersehnsucht 
[nach einer besseren, einer geistigeren Mutter zu befriedigen, erschlägt 
[sein Kain den Abel. Fabel und Anlage gehören zu den packendsten 
I Versuchen der neuzeithchen Oper. — 

Den Geist eines antiken Dramas mit den Hilfsmitteln der 
[neuzeidichen Kunst erneut darzustellen, schwebte auch ihm vor. In der 
[Tragödie des Orest, die Äschylos geformt hat, schien ihm ein eigener 
[Lieblingsgedanke versinnbildlicht: der Gedanke, daß Blut nicht mit 
[ßlut zu vergelten und jeder Krieg verabscheuungswürdig sei. Unbe- 
jwußt dürften andere, tiefer in der eigenen Persönlichkeit verankerte 
Wünsche und Verdrängungen ihn zu diesem Stoff geführt haben. 
[Während eines Aufenthaltes in Taormina, gegen Ende seiner Berliner 
[Tätigkeit schrieb er selbst die Neudichtung. Drei Jahre darauf vol- 
[lendete er die Komposition. Die drei Dramen des Äs'chylos verwan- 
delte er in drei Akte eines abendfüllenden Musikdramas. Im Mittel- 
punkt des ersten Aktes liegt die Ermordung des Agamemnon. Eine 
[der Hauptpartien fällt der hochdramatischen Kassandra zu. Der zweite 
[■Akt enthält das Totenopfer, das Orest darbringt, der die Mutter tötet, 

— 371 — 



Fesselnd ist es, die Wemgartner'sdie Auffassung dieses dramatiscl, 
Geschehens mit der Hoffmannsthal-Strauß'sdien Fassung zu verde irf 
Die gewaltige Aussprache zwischen Mutter und Sohn, die Strauß ' 
meidet, macht Weingartner zum Herzstück seines ganzen Werl""" 
Hier brechen Töne so bebender Angst, so flehender Zartheit un7 
harter Strenge durch, daß es ist, als tropfe Blut aus den Klängen ^f'° 
hört eine Seele weinen. Wer die Lebenserinnerungen Weingart!;" 
kennt, der mag ahnen, daß in dieser Szene mehr und anderes n.? 
Ausdruck ringt, als der Künstler selbst verraten mochte, und daß 1. 
ein ungewöhnlich widerspruchsvolles Muttererlebnis in künstlerKi!' 
Gestaltung flüchtet. Seit Freud in die Seelenabgründe des VnCnlt 
geleuchtet hat, ahnt man die tieferen Zusammenhänge zwischen S 
heitserlebmssen und den späteren zwangsläufigen seelischen Stauunlt 
und Gegenstoßen. Glüddich der Mensch, dem es gegeben ist, Z'Z 
Seelenbedrangnisse nicht krankhaft, sondern als Künstler und sAö 
pferisch abzuleiten. ™°" 



■IIDiiliilll, , "i""i«mm«iiii;™i™ii™iiir«mi™iii™iiiii|||i||||,„^^^^^^^^ 

372 — 



E C 
H O A 



DEM 
A LY S E 



[PSYCHOANALYSE UND DICHTUNG 

In der angesehenen Zeitschrift für Literaturgeschichte „E u p h o r i o n" 
lui Bd. 1. Heft, Stuttgart 1933) veröffentlicht Hermann Pongs eine Ab- 
(handlung über Psychoanalyse und Dichtung. Ausgangspunkt ist ihm die fast 
lausnahmslos ambivalente Grundhaltung der Literarhistoriker zur Psychoana- 
[lyse, »die zu ihrer Erklärung selbst vielleicht schon der Tiefenpsydiologie 
[bedarf." Objektive Einsicht in die Bereditigung der Ansprüche der Psa. 
Ischeint dem Autor nur möglich zu sein vom übergeordneten GesamtbegrifF 
I der Existenz aus ; dieser Lebensbegriff, in dem sich Psa. und Dichtung un- 
j mittelbar berühren, ist das Unbewußte. Die Psa. bekennt sich selbst zu 
(dieser existenziellen Basis, indem sie als Wissenschaft vom Unbewußt-See- 
[lischen Gestalten und Motive der Dichtung in ihr Forschungsgebiet einbe- 
läeht. Hier besteht aber, meint Pongs, die Gefahr, daß diese ursprüngHch 
[rein ärztliche Disziplin das Dichterische in das Neurotische aufgehen läßt. Deshalb 
I muß das in der Dichtung durch das Einmalig-Schöpferische der Persönlichkeit 
[ Gestalt gewordene Unbewußte aufs bestimmteste davon abgetrennt werden. Der 
Verf. geht nun daran, jene Werke Freuds, die Beziehungen zur Dichtung 
aufweisen, einer Betrachtung zu unterziehen, und es muß hier gesagt 
werden, daß dies mit bemerkenswerter Sachkenntnis und in durchaus wür- 
[diger Form geschieht. Von der „Traumdeutung" führt der Weg unmittel- 
[bar zur „Gradiva"-Arbeit. „Dies von Jensen intuitiv erfaßte Spiel des Un- 
I bewußten durch kluge Analyse aufzudecken, ist Freuds Meisterleistung, die 
sich weit interessanter liest als Jensens Novelle mit ihrem Gartenlauben- 
I Schluß." Daß die Tiefenpsychologie im Typischen bleibt und uns nicht das 
Charakterologisch-Besondere des Helden, das sich in seinen Erlebnissen und 
[Handlungen äußert, nahebringt, macht allerdings der Literarhistoriker Freud 
[zum Vorwurf. Hier sei Gelegenheit, die zwiespältige Haltung zur Psa. zu 
{erklären. Wertvoll seien zweifellos die Einblicke in die Wirklichkeit 
[des Unbewußten, die man der Psa. verdanke, aber die Methode sei unzu- 
I länglich und die analytische Deutung müsse durch die anagogische 
I (H. S i 1 b e r e r) ergänzt werden. Die Psa. weiche der echten, geistgeborenen 
j Dichtung, bei der der Dichter nicht mehr bewußt werde, mit ihrer Tag- 
I traumtheorie aus, und auch die schöpferische Anlage des Künstlers werde 



373 



ler 



von ihr eingeklammert ; den Psychoanalytiker interessiere nur der subi k • 
Sinn (Beziehung zum verdrängten Unbewußten des Künstlers) niAt j"^* 
gegenständliche Bedeutung des Kunstwerkes. Vom Ödipuskomplex her ah 
sich dann Pongs der ödipustragödie und dem „Hamlet". Die tiefe W^" 
kung des griechischen Dramas liege in der Doppelnatur des Helden ■ nT*^" 
mäditen unterworfen, von Geistesantrieben emporgerissen. Die tragische T" 
tiiarsis vollende sidi erst in der Aktivierung des Zusdiauers, der d 
Irmmph der verdrängenden Mächte über die infantilen Triebverfallenhe> 
miterlebe. Im .Hamlet" wiederum versage die analytische Deutung T 
Danenprmzen als neurotischen Trägers hemmender Gefühlsambivalenz we 
sie nidit anagogisdi erweitert wird zu dem objektiven, kosmisAen ZwiT 
spalt von Geist und Leben, in den sich Hamlet hineingestellt sieht Damt 
werde erst das tragische Weltgefühl erreicht, auf dem die ewige WirfcnT 
des großen Dramas überhaupt beruht. Jahrzehnte später hat Freud dem 
Ödipuskomplex an einem anderen Werke der Weltliteratur nadigespürt ■ .n 
Dostojewskis „Die Brüder Karamasoff". Auch hier gesteht er: „Leider muß d^^ 
Analyse vor dem Problem des Dichters die Waffen strecken." Als Roma 
des Vatermords läßt Pongs in Übereinstimmung mit Freud die Brüd 
Karamasoff" gelten („es ist erstaunlich, wie tief Freud damit ins Grund« 
webe des Romans hineinleuchtet"), aber die Aufdeckung des Vaterkomplexe^ 
genügt semer Ansicht nach nicht; wichtiger ist, wie jeder mit ihm ferti» 
wird daran zeigt sich der Charakter, daraus erwächst erst das einzelne 
Schicksal in seiner Einzigartigkeit und dafür wird im Roman die Mutterbin 
düng vor allem verantwortlich gemacht. Freuds Analyse der Szene wo der 
Staretz vor Dimitrij in die Knie fällt, gibt Pongs Anlaß, die psa. Deutung 
als mißverständlich zu bezeichnen. Die demütige Gebärde des Heili..en 
vor dem Sunder sei keineswegs unbewußte Heuchelei, sondern erschütternd 
echt; hinter diesem Mißverstehen verberge sich das tiefere Mißverstehen der 
Persönlichkeit des Dichters, richtiger des religiösen, tragisch-zwiespältigen 
Menschen mit der Polarität des Sünders und des Heiligen. 

Je weiter die Untersuchung fortschreitet, desto unversöhnlicher offenbar 
sidi der Gegensatz zwischen der analytischen Auffassung und der anagogi- 
schen des Literarhistorikers. (Er ist letzten Endes ein weltanschaulicher. A W ) 
Symptom und Symbol, subjektive Gefühlsambivalenz und objektive Doppel- 
Wertigkeit (namentlich im Drama) sind Grundbegriffe, die die Unvereinbar- 
keit kennzeichnen. Immerhin ließe sich vielleicht mit ihnen eine Scheidung 
zwischen echter und unechter Dichtung durchführen, und in dieser Hinsicht 
konnte die Psa. wertvolle Dienste leisten. Pongs erkennt jedoch die Schwie- 
rigkeit der Anwendung im einzelnen FaUe, da ja das echte dichterische 
bymbol vieldeutig und vielschichtig ist; in der Ursdiichte vollzieht sich der 
Übergang vom Symptom zum Symbol. Zum Schlüsse weist der Autor 
darauf hm, daß die Psa. als geschichtliche Ersdieinung und die zeitgenös- 
sisdie Dichtung aus denselben existenziellen Bedingungen hervorgewadisen 



I 



— 374 — 



[ ien und daß darin die besondere Bedeutung der Psa. tür die Dichtung 
Iheruhe. «Die beispiellose Entwurzelung und Vereinsamung der Mensdien- 
I [g im Maschinenzeitalter" sei der verbindende Untergrund. Die Literatur- 
I «nssenschaft müsse sich deswegen der Psa. offenhalten, mit dem Ziel, »ihre 
I «erstörenden Tendenzen produktiv zu überwinden". Anzeichen hievon seien 
[bereits erkennbar. Damit sei jedoch nichts getan, die Psa. radikal abzuleh- 
Inen, wie es der junge Nationalismus tut. Alfred Winterstein 



Geriditlidie Medizin und Psychoanalyse 

Auf dem XVII. Kongreß für gerichtliche Medizin in Paris, Mai 1932, hat 
Ip. Schiff sich warm verteidigend für die Psychoanalyse eingesetzt. (Annales 
inied. leg. de langue franc. 1932. XII. 634 — 638.) Ihr verdankt die Gerichts- 
[nsyüatrie Originelles und Nützliches. Sie hat die Kriminologie von den 
Ifesseln des Lombroso'schen Fatalismus befreit und hatte als erste den Mut, 
[auch bezüglich des Verbrechens von Prophylaxe und Therapie zu sprechen. 
iDie Psychoanalyse wird Einfluß auf die Strafgesetz-Reform haben, ob dies 
(bewußt anerkannt wird oder nicht. Die bessere psychologische Kenntnis der 
iFeinde der Gesellschaft, der Verbrecher, fördert das Ziel der Kriminalistik: 
leine bessere Verteidigung der Gesellschaft gegen diese ihre Feinde. 

In England und Deutschland wurden psychoanalytische Gutachten schon 
Ivielfadi von den Richtern gefordert. E, JJ. 



^ U C H E M U 
IZEITSCHMIFTEN 



iiiiiiiiiiiiiiiiiir 



tOTTO HINRICHSEN: DEPRESSION UND PRODUK- 
TIVITÄT. (Zeitsdirift für die gesamte Neurologie und Psydiiatrie. 
Sonderabdruds aus 144. Band, 3. und 4. Heft. Berlin 1933- 51- Seiten.) 

Die wesensnotwendigen Zusammenhänge zwischen Produktivität und De- 
1 pression ergeben eigendich nur e i n Thema der vorUegenden (es sei vor. 
I weg bemerkt : nicht leicht lesbaren und schwer zu übersehenden) Abhandlung 
I des Schweizer Psychiaters, der, mit dem Ziel, den trügerischen Aspekt des 
. Psydiopathischen beim Schaffenden als solchen zu entlarven, seiner Unter- 

— 375 — 



^ 



suchung eine weitere, existenziale Betrachtungsweise zugrundezulegen bem"!i 
bleibt. Die vom Autor erstaunlich fein beschriebenen innerseelischen Pha 
des Produktionsprozesses dürfen, meint er, mit den Periodizitäten der manisd," 
depressiven Zustände (auch in ihren milderen Ausprägungen) keineswe 
wie es gerne geschieht, gleichgestellt werden. Der richtige medizinisdie Psv 
chopath ist ja im Gegensatze zu dem Schaffenden auch zu keinem gesam" 
melten Erleben, entschiedenen Wollen und Müssen, zu keiner richtigen se ' 
lischen Ökonomie fähig. Und was für den Produktiven gilt, zeigt sich meh" 
minder in jeder Lebenskrise, beim leidenschaftlich Liebenden sowohl al 
auch beim Gläubigen: Aufsdawung und Sturz, selige Hochgestimmtheit und 
tiefste Niedergeschlagenheit. Auf Schöpfung folgt Erschöpfung. Depression 
hat also in bezug auf Produktion nur eine reaktive (nicht endogene) Be- 
deutung. Anderseits können auch zur Abwehr beliebig motivierter Verstimmt- 
heiten produktive Vorgänge in Tätigkeit gesetzt werden, um Erlösung aus 
dem Leiden oder aus dem seelisch nur irgendwie bewegenden Erlebnis 
durch Produktion zu bringen. Freilich muß bei dem betreffenden Menschen 
der Drang zur Gestaltung schon an sich gegeben sein. Diese Gerichtetheit 
auf das Werk macht aus einem Rembrandt einen im sozialen Sinn ünver 
ständigen, was aber nicht mit dem mehr biologisch orientierten Begriff des 
Psychopathischen zusammenfällt. Umgekehrt ist zum Beispiel der sonst sehr 
psychopathisch wirkende E. Th. A. Hoffmann als Jurist ein normales 
Mitglied der menschlichen Gesellsdiaft gewesen. Wesentlich ist dem Ver- 
fasser, daß die ähnliche Erscheinungsform nicht dazu führen 
darf, etwa die Selbstverlorenheit des Produktiven zu Gunsten von etwas zu 
Verwirklichendem oder seine dem Werke geltende Unruhe mit der Selbst, 
verlorenheit eines schizophren Dissoziierten oder der ziellosen Unruhe eines 
Psychopathen gleichzuhalten. Auch birgt das geistige Produkt mehr als bloße 
Selbstdarstellung, wennschon auch diese, nämlich darüber hinaus Bedeut- 
sames und Sinnvolles. Ein Wort R. Gr aßb erg er s, ein Verrückter und 
ein Pedant, gemeinsam vor einen Dichterkarren gespannt, könnten etwas 
produzieren, was einem Kunstwerk ähnlich sehe, wird herangezogen, um 
das seelische Plus des Schaffenden gegenüber dem nur pathologischen Indi- 
viduum zu beleuchten. Dieses Verrückte« ist in gewissem Sinne nichts an. 
deres als Folge von Enthemmung, so daß man zu fragen versucht wäre, 
ob der Weg vom Pedanten, Philister zum Produktiven gar so weit sei. 
Hebbel äußert einmal sein Erstaunen darüber, daß nicht alle Menschen 
produktiv sind. Wahrscheinlich verhindern bei vielen bloß Hemmungen eine 
Begabung, aus Möglichkeit Wirklichkeit zu werden. Was läßt diese Menschen, 
fragt Hinrichsen ein wenig wunderlich, denn überhaupt eigentlich normal 
sein ? Und er fügt berichtigend hinzu : normal scheinen, sich normal 
geben (Er s cheinu ngs n o r ma li t ä t). Es ist dasselbe, was früher 
^sozial verständig" genannt wurde, und wie schon gesagt, kann man im 
medizinischen Sinne Psychopath und doch verständig" sein in Anpassung 

— 376 — 



r 

^HL, bestimmte Zwecke der Existenzfristung. Wohingegen der (vielleicht an 
^r • jj gesunde) Schaffende, der sich Eigenziele setzt, seine eigene Lebensform 
sudit, ein R e m b r a n d t, ein Beethoven, leicht in Widerstreit mit 
seiner Kulturumwelt und seiner Zeit gerät. Hinrichsen will aber deshalb 
durchaus nicht das Erleben des Psychopathen als normal ansehen. Er drückt 
js sehr zutreffend so aus : Gewisse Werte sind für diesen nicht zwingend, 
nicht gefühlsmäßig verbindlich, sondern ihm eben nur gegeben als für an- 
dere, in der Umwelt geltend. Hier wendet sich der Autor gegen Freuds 
historische Auffassung der Moral, indem er von Anfang an den Keim der 
späteren Ethik gewissermaßen als ein seelisch Triebhaftes den 
-' vitalen Trieben, wenn auch noch nicht scharf, gegenüberstehen läßt. Auch 
die Strukturanalyse übersehe das Triebhafte im Charakter selbst. Dieses 
lasse Werte als verbindlich erscheinen und damit seien Aufgaben ge- 
geben, so die, ein normales Mitglied der menschlichen Gesellschaft zu sein. 
Wohlgemerkt : immer nur einer zeitlich bestimmten. Während jedoch der 
/von seiner Umwelt entsprechend geformte) Durchschnittsmensch nur diese 
eine Leistung kennt, hat die außergewöhnliche PersönUchkeit auch andere 
Werte zu verwirklichen. Ein Konflikt zwischen diesen Aufgaben und jener 
läßt dann das Individuum relativ abnorm erscheinen, wie ja übrigens auch 
das sozial Normale nur etwas Relatives ist. In immer neuen Varianten 
versucht Hinrichsen dann wieder hinter dem erscheinungsmäßig Gemeinsamen 
von echter Produktivität und Psychopathie das Wesensverschiedene aufzu. 
«eigen. Der schriftstellernde Psychopath ist noch lange kein wirkhdier 
Dichter (pathologische und produktive Enthemmung). Anderseits kann die 
sdiöpferische Persönlichkeit gewiß auch etwas psychopathisch sein (dies mag 
ihrer Produktion sogar förderlich sein), aber man ist, um mit dem Autor 
zu sprechen, noch kein Psychopath oder Neurotiker, wenn man es irgend- 
wie ist, sondern man muß es vorwiegend, nicht bloß nebenbei auch etwas 
sein. Insoweit man es wesentlich ist, erscheint freilich auch die Leistungs- 
fähigkeit in bestimmter Richtung und bestimmtem Umfang herabgesetzt. 
Lange -Eichbaum hat dies einmal so ausgedrückt : etwas Psychopathie 
sei gut, zuviel von Übel. Aber auch diese ist nicht beteiligt an dem wahr- 
haft Originalen, Einzigartigen des genialen Kunstwerkes, das aber nichts 
zu tun hat mit allem, was von der Psychopathie her stammen mag, dem 
allzu Individuellen oder dem psychopathisch Interessanten. In den Kreis des 
Produktiven bezieht Hinrichsen jedoch nicht nur den werkschaffenden Pro- 
duktiven ein, sondern auch die PersönUchkeit mit innerer" Produktivität, 
die sich selber schafft, sich selbst verwirklidit. Dieses an sich selbst arbei- 
tende Individuum fühlt sich gehoben mit jedem geglückten Schritte dem 
Ziele zu und niedergeschlagen, wenn ihm dies nicht gelingt. Die Trennung 
von produktiver und psychopathischer Person mahnt den Verfasser zur Vor- 
sicht gegenüber der Aufstellung Kretschmers, die zyklothym, 
zykloid, manisch-depressiv bloß als dem Grade nach Verschie. 

— 377 — 



denes betrachtet. Eine weitere Beziehung zwischen Produktivität und Den 
sion ergibt sich Hinrichsen aus den im Charakter wohnenden Gegens 
paaren. Nur ein Beispiel : der humoristisch Produktive ist bekanntlich ' 
Grunde sehr ernst, ja melancholisch. Der Hanswurst, um einen krassen F ' 
zu nehmen, empfindet wohl, wenn er Künstler ist, sein zeitweises Han 
wurstsein als etwas in ihn fahrendes Dämonisches und diese produktiv 
Seite seines Wesens mag ihm, dem ernsten Menschen, verächtlich erscheine 
und ihn deprimieren. Wie denn die zwingende Macht des Produktiven 
die mit einer aus der Verdrängung auftauchenden Charaktereigenschaft zn! 
sammenfällt (etwa der Träumer im Realisten), von dem bewußten Menschen 
in seiner Wehrlosigkeit leicht als niederdrückend empfunden wird. Zu 
Hochzüchtung eines solchen Zweiten in uns bedarf es aber, meint Hin- 
richsen, keiner Psychopathie, das Individuum kann dabei ein normales Mit- 
glied der menschlichen Gesellschaft sein, und er verweist wieder mit 
Jaspers nachdrüddich auf die Paradoxie des Gesundheitsbegriffs. Gegen- 
über einer verbreiteten wissenschafdichen Auffassung, die nur Zustände be- 
schreibt, will Hinrichsen, ähnlich wie die Psydioanalyse, die Dinge von 
innen, vom Erleben her erfaßt sehen, betont auch die innerseelische Akti. 
vität und die (oft vernachlässigte) Wechselwirkung zwischen Individuum und 
kultureller Umwelt. Und zu guter Letzt fragt er, ob der Psychotiker, der in 
bestimmter Art seelisch Gestörte nicht doch in gewisser Hinsicht nodi 
gesund sein, seelische Kraft besitzen müsse, um psychotisch produktiv zu 
sein. Als das Verbindende zwischen Genie und Irrsinn erscheint ihm 
nun interessanterweise Produktivität in normaler oder psy- 
chotischer Äußerungs form. Die bei beiden Arten von Produk- 
tivität erforderiiche Triebkraft stammt, sagt er, aus gesundem Boden ; auch in 
der Psychose sollte man vor allem auf die Leistung sehen, ebenso wie 
Gesundheit (seelische NormaUtät) als Leistung zu betrachten sei. Mit dieser 
fruchtbaren Wendung vom Kranken im Gesunden zum Gesunden im Kranken 
hofft Hinrichsen die psychopathologische Forschung aus dem Kreise, in dem 
sie sich beständig bewegt, einmal herauszuführen. Alfred Winterstein 



PRIV.-DOZ. DR. OTTO KANT: KRITISCHES ZUR CHA- 
RAKTERLEHRE FREUDS UND ADLERS. (Aus dei Klinik 
Gaupp in Tübingen). Mün<h. med. Wodienschr. I933, Nr. I7. 

Die Tendenz der Arbeit richtet sich gegen den Rationalismus der Psycho- 
analyse, denn der mehrschichtige Pensönlichkeitsaufbau und vor allem seine 
Entwickelung sei verstandesmäßig nicht zu erklären, etwa aus bestimmten 
Triebschicksalen oder Erlebnismomenten, — genau wie die Entwicklung eines 
Blütenstrauches aus einem Samenkorn jeder verständlichen Erklärung trotze. 

— 378 — 



F 



jjjur beim Psychopathen, bei gewissen neurotischen 
jslaturen, habe es Geltung, daß die Persönlichkeitsentwicklung Ergebnis 
g^es verstandesmäßig faßbaren Schicksals sei, z. B. bedingt durch den 
Ödipuskomplex; hier trete die lebendige EigengesetzUchkeit zurück. 

Die Lebensentwicklung des Gesunden jedoch folge vielmehr irratio- 
nalen Anlagegesetzen, je erdhafter er sei, desto mehr. Auch in der Persön- 
lichkfitsforsdiung müsse das Irrationale den ihm gebührenden Platz einnehmen, 
die' lebendige Entwicklung liege jenseits allen rationalen Verständnisses«. 

Die Psychoanalyse präge dem Gesunden irrtümlich Gesetzmäßigkeiten des 
Abnormen auf. Für die gesunde Charakterentwicklung sei die rationalisierende 
Tendenz abzulehnen. 

Diese Grenze zwischen Gesunden und Kranken zu ziehen, ihnen ver- 
idiiedene Wachstumsgesetze zuzumuten, ist natürlich ein Irrtum. Gewiß 
ist die Anlage, so gewichtig sie in Betracht kommt, praktisch nicht 
recht faßbar oder meßbar. Aber das Erlebnis, das Schicksal in 
der Psychogenese des „Normalen" ist genau so erkennbar, verstandes- 
mäßig faßbar, wie beim Kranken. Beide haben dieselben Komplexe 
zu überwinden. Vielfach machen die Quantitäten die Unterschiede. Man 
vergleiche z. B. die Entwicklung des Überichs beim Gesunden und Kranken. 
Aber dazu sind eben Analysen an Gesunden gleichfalls zu üben, 
wozu wir Psychoanalytiker in den Lehranalysen genügend Gelegenheit für 
Erfahrungen finden. £ jj 

II 

^ROF. JOHANNES NAGLER: ANLAGE, UMWELT 
■ und PERSÖNLICHKEIT DES VERBRECHERS. Stutt- 
^■garf, 1933, Ferd. Enke. 

^^ Es ist wieder einmal „Schichtwechsel" in der Weltgeschidite ; wir stehen 
im Übergang von überlebten oder wenigstens so empfundenen Anschau- 
ungen zur Aufrichtung neuer Ordnungen und Autoritäten, meint der Autor. 
So wird alles, was Anthropologie und Medizin, Tiefenpsychologie und 
Milieulehre in den letzten Jahrzehnten den Kriminalisten gelehrt haben, über 
den Haufen geworfen. „Das Verbrechen ist wieder volle Persönlichkeits- 
leistung, der Verbrecher verursacht schuldhaft den rechtswidrigen Erfolg, er 
frevelt kraft seines Willensfehlers." 

Weg mit der Psychologie des Unbewußten und dem philosophischen Deter- 
minismus, Liquidierung der kranken Gegenwart; hinein in die „aufkommende 
Flut, die in Selbstverantwortung, Pflichtgefühl, Unterordnung und Dienst am 
Ganzen zu den alten Kraftquellen vorstößt". £. jj. 

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PROF. TANENARI CHIBA: ÜRER DAS„MUKI".GEFüHr 
Sendal (Japan), 1933, Tohoku Psychologica Folla. " 

Es wird die Frage aufgeworfen, ob es außer Lust und Unlust a A 
neutrale, gewissermaßen gleichgültige Gefühle gebe. Wenn es einen Gefühl 
zustand gibt, bei dem kleine oder kleinste Lust oder Unlust nicht denkb ' 
ist, und der auch nicht aus einer Mischung von Lust und Unlust best h^"^ 
müssen wir ihn als einen dritten Gefühlszustand betrachten. Auch Li^ 
kennt zwischen Lust und Unlust ein eigentümliches Gefühl der Gleichgülü''^ 
keit an, das nicht etwa mit einfacher Abwesenheit des Gefühls der l'^" 
oder Unlust gleichbedeutend ist. Der Buddhismus nimmt gleichfalls drei z"' 
stände an : das Leiden, die Behaglichkeit und die IndifFerenz. Dieses „Muki"' 
Gefühl ist ein dritter subjektiver Zustand, auf den allerdings sowohl Lust 
wie Unlust zurücksinken und aus dem beide enstehen. Es ist das Urgefühl^ 
in diesem Sinne können wir es „Eigengefuhl" nennen. r, „ ' 



Eigentümer Verleger und Herausgeber: 

Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Gesellsdiaft m. b. H., Wien, I., Börjegasse u 

Schriftleiter und verantwortlicher Redakteur: Dr. Eduard Hitsdunann, Wicn.lX.. Währingerstraße 24 

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