psychoanalytische
e^^egmiii
V. JalU'gaittg
illlllllllllllllilllllllllllllllllllllllilli
Juli D Augiust 1933
lllliil
Heft 4
giiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii
Psydhologi© der
Zwei Madiovorträge *)
Ermst Simmel (Berlin)
I.
Meine Damen und Herren!
Das Thema „Zur Psychologie der Geschlechter", über das ich heute
zu Ihnen zu sprechen die Ehre habe, ist umfangreich und inhaltschwer.
Die Begrenzung, die mir der Rahmen zweier kurzer Rundfunkvorträge
hiefür bietet, ist außerordentlich eng; und so muß ich mich darauf
beschränken, die in meinem Thema enthaltene Problematik nicht
erschöpfend behandeln zu wollen, sondern sie nur von gewissen
Fragestellungen aus zu beleuchten. Und zwar soll unsere Betrachtungs-
weise, namentlich im zweiten Vortrag, durch eine bestimmte tiefen-
psychologische Methode ermöglicht werden, durch die Psychoanalyse
Sigmund Freuds.
Die Fragen, die Sie, meine verehrten Hörerinnen und Hörer, an
unserem Thema interessieren dürften, sind die: Gibt es überhaupt
eine geschlechtlich differenzierte Psychologie ? Das heißt : ist die seelische
Struktur der weiblichen Persönlichkeit eine andere als die des Mannes ?
Wo Hegen die seelischen Differenzpunkte der Geschlechter und welche
Bedeutung haben diese Differenzpunkte für die Beziehungen der
Geschlechter zueinander?
*) Januar 1932.
. Bewegung V
285 —
a
INTERNATIONAL
PSYCHOANALYTIC
UNIVERSITY
DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN
Die Forderung Goethes „Mensch, dein höchstes Studium sei a
Mensch« erhäk ihre besondere Nuance, wenn die Geschlechter
fangen, sich gegenseitig zu studieren, wenn der Mann seine Forsd- ^'''
speziell auf den weiblichen Menschen einstellt und umgekehrt J"p^
ist das Verdienst moderner Psychologinnen, darauf hingewiesen
haben, daß hier der Blick wissenschaftlicher Erkenntnis durch ^"
affektives Moment getrübt ist, das der triebsexuellen Versclüed^'"
heit des Forschers und seines Forschungsobjektes entstammt n'
Mysterium der Andersgeschlechthchkeit setzt nämlich doch dem ■*'
teUektuellen Verständnis zwischen Mann und Weib irgendwo e''"'
Grenze. Diese Schranke, die ein vollständiges Erfassen der ande"'
geschlechtlichen Persönhchkeit hindert, kann sich nur zeitweilig öfine''"
wenn triebgeborene Affekte eben nicht mehr trennen sondern
bmden, und dadurch ein gefühlsmäßiges Wissen um den anderen
entsteht, das heißt: in der Liebe. In ihr wirkt sich ja die seelische
Repräsentanz des Naturtriebes aus, der eben nicht auf Differenzierung
sondern Verschmelzung, das ist Einswerdung der Geschlechter, drän«
— Es ist darum wohl richtig, daß die vergleichende Geschlechter'
Psychologie, die wir besitzen, auch wenn sie vom Weibe aussagt mehr
eine männliche Psychologie ist. Denn der Mann ist nicht nur der
Herrscher unseres Kulturkreises, sondern auch im wesentlichen der
Erforscher der weibHchen Psychologie. Diese Psychologie wird desto
eher von unkontroUierbaren triebreaktiven Einflüssen beeinflußt sein
als sie eine Experimentalpsychologie ist, die im wesendichen die
Äußerungen des Bewußtseins registriert, ohne Einblick in das
Unbewußte des Seelenlebens, das doch die eigenthche Heimat des
Sexualtriebs ist. Es konnte daher nicht ausbleiben, daß diese Psycho
logie auch eine Art Wertbegriff umfaßt. Besagt sie doch, daß die
differentialpsychologischen Ergebnisse der Frau eine Sonderstellung in
der Gesellschaft zuschreiben auf Grund ihres natürlichen Berufs der
Mutterschaft, der notwendig mache, daß die führenden Berufe in
der sozialen Gemeinschaft dem Mann überlassen werden müssen.
Eme ganze Reihe von Eigenschaften werden als spezifisch weiblidi
angesehen, weil sie ableitbar sind aus jener sinngemäßen Anlage der
Frau: Zu empfangen und den empfangenen Keim mit Hingabe
der ganzen Person in geduldiger Tragfähigkeit zur Entfaltung zu
bringen; dies im Gegensatz zum Manne, dem eine spezifisch füh-
rende, das wiU sagen aktiv zeugende, schöpferische Produk-
tivität in der Kulturgemeinschaft zugeschrieben wird. Damit ver- j
— 286
J
w
ypft sich nach herrschendem Urteil die Neigung der Frau, sich
terzuordnen, auch in intellektueller Beziehung sich eher dem Urteil
• es anderen anzupassen, überhaupt auf Anforderungen der Realität
ehr gefühlsmäßig-persönlich- subjektiv als verstandesgemäß-objektiv
zu reagieren.
Soviel mag vorläufig für eine vergleichende Betrachtung des männ-
I'dien und weiblichen Geschlechtscharakters genügen. Auf Einzelheiten
«rerde ich an späterer Stelle zurückkommen.
Der skizzierte psychologische Tatbestand — natürlich nur im groben
Durchschnitt gesehen — mag im allgemeinen nicht bestritten werden.
Doch scheint mir ein Einwand recht beachtlich, ein Einwand, der
namentlich von der Professorin Mathilde Vaerting erhoben wird,
jaß die so als für die Frau typisch gekennzeichnete Mentalität typisch
sei für jede Gesellschaftsschicht, die sich von einer anderen in Ab-
hängigkeit befindet. Auch die Tatsache, daß es ein besonderer Zug
des weibHchen Charakters sei, das männliche Geschlecht höher zu
bewerten, sich in seiner eigenen Geschlechtsrolle nicht glücklich zu
fühlen und aus dieser Art von „Minderwertigkeitsgefühl" heraus den
Mann zu kopieren, ist nach ihrer Meinung nicht weibliche Mentalität,
sondern die eines Dieners, der die Distanz zu seinem Herrscher aus-
zugleichen bestrebt ist. Als Stütze dieser Anschauung wird ins
Feld geführt, daß es keine sogenannte spezifisch weibliche Eigen-
tümlichkeit gibt, die wir nicht ebenso spezifisch auch beim Manne
finden. So z. B. die Neigung zur Heldenverehrung, die Neigung, sich
zu unterwerfen, die Neigung zum Gehorsam einem erkorenen Führer
gegenüber. Der „Ruf nach dem starken Mann" ist gerade bei dem
für die Politik begabten Manne heute, wie die Gegenwart lehrt, nicht
sdiwächer als bei der angeblich so unpolitischen Frau.
Der Mann hat also die Frau mit ihrer Liebesfülle auf dem Thron
der Mutterschaft, der doch längst nicht für alle erreichbar ist, isoliert
und fordert dementsprechend für sie die monogame Liebe, d. h. die
einmalige Bindung an ein einziges Liebesobjekt auf Lebenszeit. Er ist leicht
geneigt, dort, wo die Frau an den Mann dieselben Ansprüche auf mono-
game Bindung des Mannes stellt, wieder einen typisch weib-
lichen Charakterzug zu erkennen, nämlich weibliche Eifersucht. —
Außerhalb der Ehe möchte der Mann der Frau Liebe verwehren,
gestützt auf die Berufung der Frau zur Mutterschaft. — Und doch hat
im schroSen Gegensatz hierzu die kulturelle Sexualmoral den Typ der
Dirne geschaff'en, die dem Manne für sein größeres Variations-
— 287 - '9*
bedurfnis zur Verfügung stehen soll, ohne ihr Recht auf Mutter. ,, 71
anmelden zu dürfen. - Die Frage, die uns interessiert, ist die w
entspricht hierbei wirklich der Anlage des Weibes, worin Heet^*'
Mt, das mit ihm geboren" ist? Dabei bleibt noch immer zum SchS
die Frage offen: Wie kam es denn überhaupt, daß irgendwann eint ,
im Anfang unserer Kultur, die Frau in die soziale Abhängigkeit
Manne geraten konnte? Ist es wirkhch nur die physische xlh""
legenheit des Mannes, die ihn zum sozialen Herrscher machte? o7'
spielt hier in das Kollektivschicksal der Frau etwas hinein, was's=e
ihrem mdividueUen Liebesschicksal übernommen hat? Wir wissen
daß die typische Sexualentwicklung des Weibes mit einer gewis.''''
Angst vor dem anderen Geschlecht anhebt und daß es troT
zwangsläufig-passiver Abwehr im Manne gerade seinen Überwinder
liebt, bollte die Frau in jener prähistorischen Vorzeit aus ihrer ind"
vidu eilen Triebgebundenheit dem Mann seinen Sieg auch al^
Kollektivwesen zugeschoben haben? Dieser Sieg wurde
treihch für sie sehr verhängnisvoll. Denn im individuellen Liebes
sducksal hat die Frau noch in ihrer Unterwerfung eine gewaW
Machtposition im Reich der Liebe, in dem der Mann weit öfter die
dienende Rolle spielt als er weiß. Durch ihre soziale Unterordnung
aber hat sich die Frau dieser Macht begeben; und so konnte der
Mann, außerhalb des Bannkreises individueller weibhcher Trieb
bedürfnisse, seinen Sexual-Egoismus der Frauenwelt gegenüber ganz
allgemein entfalten.
Wie sieht nun in der Praxis der Gegenwart die Theorie dieser
differenzierenden Sexualpsychologie aus? - Wirtschaftliche Not
hat langst den Mann gezwungen, die Frau auch im sozialen Leben an
seme Seite zu rufen und ihr den Weg in eine Berufsarbeit zu eröffnen
die nach herrschender Psychologie eigenthch nur männhcher Eigenart
zuganghch war. Die proletarische Frau steht schon längst mitten im
Produktionsprozeß der Gesellschaft und vollbringt, wenn sie daneben
noch ihren Beruf als Mutter erfüllt, verghchen mit dem Mann, eme
qualitative und quantitative Mehrleistung. Die gesamte Frauenwek der
Gegenwart sehen wir heute auf ähnhdiem Wege. Nachdem ihr die
Not des Krieges und der Nachkriegszeit die gleichen Pflichten wie dem
Mann auferlegt hat, erweist sie sich immer mehr quaMfiziert für ehedem
rem männhch erscheinende Berufe. Mit dem pohtischen Wahlrecht er-
kämpft sich heute die Frau nicht nur das Recht des Mannes, sondern
auch ihr eigenes Recht, d. h. das Recht auf den Mann, das Recht auf Liebe.
— 288 —
uj'xc stehen mitten in einer Zeit von Umwälzungen der ökonomischen
Rpziehungen der Menschen zueinander und im Zusammenhang mit
'hnen auch in einer Umlagerung der triebgegebenen Beziehungen zwi-
schen Mann und Weib.
Es ist nur eine Konsequenz dieser Zeit der Umwälzung und der
dadurch bedingten Ratlosigkeit des einzelnen, daß allenthalben Institu-
tionen wie auch Einzelpersönlichkeiten auf den Plan treten, die helfend
gjngreifen, in diese Verwirrung Klarheit bringen wollen. Private Sexual-
beratungsstellen, amtliche Eheberatungsstellen sind entstanden ; und kluge
Kjänner schreiben Lehrbücher über die Ehe. Solche Hilfsversuche, wie
beispielsweise der von van de Velde, müssen m. E. fehlgehen,
wenn sie nicht die Möglichkeit haben, Triebphysiologie und Trieb-
psychologie als eine Einheit ins Feld zu führen. Denn der Sexual-
trieb bedeutet für den Menschen nicht nur die Brücke zum anderen
Geschlecht, sondern die Brücke zur Umwelt überhaupt und vor allem
im eigenen Ich die Brücke zwischen Leib und Seele.
Der Irrtum in der landläufigen Geschlechterpsychologie scheint mir
darauf zu beruhen, daß Sexualtrieb und Fortpflanzungstrieb als völlig
Identisch miteinander betrachtet werden. Natürlich liegt mir fern zu
estreiten, daß der naturgegebene Drang der Geschlechtervermischung
nem dem Menschen innewohnenden, nicht dauernd bewußten Triebe
ur Fortpflanzung entspricht. Die Tatsache, daß Mann und Weib ein-
nder bedürfen. Hegt wohl aUerletzten Endes in dem uns allen inne-
»rohnenden Drang begründet, mit Hilfe des anderen Geschlechts uns
dem schwer erträglichen Gesetz der Endlichkeit aUes Irdischen zu ent-
Iziehen. Die beseelende Kraft der sexuellen Vermählung basiert sicher
jauch auf der Tatsache, daß wir durch sie, durch Zeugen und Gebären,
[über die Grenzen unserer individuellen Person hinaus ins Unendliche
■wirken. — Insofern mag Schopenhauer recht haben, wenn er in
Iseiner „Metaphysik der Geschlechtsliebe" Wollust definiert als die
ILust, über seine eigene Existenz hinaus die Existenz der Gattung zu
rollen. Keinesfalls aber ist dieser Gesichtspunkt der maßgebhche,
venn wir die Vielfältigkeit erotischer Problematik speziell in ihrer
[Wechselwirkung mit der zivilisatorischen Struktur der GeseUschaft ver-
[stehen wollen. — Hat uns doch die Freudsche Psychoanalyse frühzeitig
lärüber belehrt, daß die anscheinend sinnlose Verschwendung, die die
fNatur mit den Keimzellen ihrer Geschöpfe treibt — deren sie so sehr
[viel mehr produziert und ausschüttet, als sie zur Entfaltung bringen
[kann — beim Menschen gerade den tieferen Sinn seiner eigentlichen
— 289 —
Menschwerdung umschließt. Der menschliche Sexualtrieb nämlich
das Individuum während seiner ganzen Lebenszeit begleitet ' -^l
nicht analog der tierischen Brunstzeit durch Pausen unterbrochen^p
erwacht schon im Kinde, und das Übermaß an erotischer Kraft "^
diesem Sexualtrieb entstammend, das nicht zur Objektbindung benöt"""
wird, das dem Ziele der Fortpflanzung nicht dient, — diese Kraft bUd^
in der menschlichen Seele ein Staubecken, aus dem in desexualisiert ^^
Liebesstrebungen sowohl die Einzelpsydie wie die Kollektivpsyche eb "^
Kulturgemeinsamkeit sich aufbaut. In Variation eines Wortes v^"^
Nietzsche darf ich sagen: Dort, wo für den Menschen mit seinem Trieb
zum anderen Geschlecht das Ziel der Fortpflanzung entfällt, pflanz
er sich nicht fort, sondern sein eigenes Selbst hinauf. Die allge-
meine Anschauung ist aber immer noch in dem Irrtum befangen, daß
der Sexualtrieb nur da bestehen dürfte, wo auch die Möglichkeit der
Fortpflanzung gegeben ist. Die hieraus sich ergebenden Gebote und
Verbote, die namentlich das weibliche Geschlecht betrefien, sind aber
sicherlich erst die Ursache für die Prägung eines wesentlichen Teils
der sogen.] weiblichen Eigenart, die nicht seiner naturgemäßen Anlage
entspricht.
Wir verlangen vom Kind, daß es noch nichts von der Sexualität
weiß und erst das andere Geschlecht entdeckt, wenn es in der Puber-
tätszeit aus seinem nicht mehr zu verleugnenden Sehnen es zwangs-
läufig sudit. Der Frau besonders soll auch trotz physiologischer und
allgemein menschlicher Reife nach Möglichkeit diese kindliche Unwissen-
heit bis zum Zeitpunkt der Eheschließung erhalten bleiben und nur
innerhalb dieser soll sie ihren Sexualtrieb erstmalig frei entfalten dürfen.
— Professor Freud hat schon in einer frühen Arbeit „Die Nervosität
und die kulturelle Sexualmoral" nachgewiesen, wie gerade diese Haltung
der Gesellschaft schuld ist an der zwangsläufigen Verkümmerung der
weiblichen Persönlichkeit, nicht nur in ihrer Liebesfähigkeit, sondern
auch in ihrer geistigen Entwicklung. Die Reichweite des geistigen Hori-
zontes eines Menschen, Art und Grad seiner Denkfähigkeit, stehen in
gesetzmäßiger Abhängigkeit zu seiner Liebesfähigkeit. Die Interessen
des Menschen sind sublimierte Liebesempfindungen. Es ist darum ver-
ständlich, daß das Weib häufig diese Sublimierungen nicht aufbringt,
weil die Gesellschaft sie im ganzen an einer entsprechenden Erfüllung
ihres Sexualstrebens hindert. Der weibliche Charakterzug, von dem ich
eingangs sprach, der Drang, mehr gefühlsmäßig-subjektiv, statt ver-
standesmäßig-objektiv zu reagieren, scheint mir demnach keine Natur-
— 290 —
■. «1 ii.il»i(«^i|i^ « u,-.
I
Htlage sondern die Konsequenz jener erotischen Begrenzungspolitik.
*7 ist darum begreiflich, daß die Frau viel mehr genötigt ist, ihr direktes,
Tlublimiertes Sexualstreben in menschlich-soziale Beziehungen hinein-
tragen als der Mann. Denn eine Kulturepoche, die das Weib mit der
Paradoxie belastet, ihre Interessen auf die Mutterschaft konzentrieren
sollen, von den Sexualgefühlen aber, die an diese Mutterschaft ge-
^den sind, in wichtigen Abschnitten ihres Lebens nichts wissen zu
dürfen, ja sie sogar zeitweilig mißachten zu sollen, eine solche Kultur-
podie muß weibliche Persönlichkeiten zeitigen, die ihrer selbst nicht
bewußt werden, ein mangelndes Selbstbewußtsein entwickeln, auf der
Stufe seelischer Kindlichkeit verharren oder auch mit ihrem bewußten
Ich in Abhängigkeit von den Strebungen des Unbewußten, dem Wurzel-
gebiet der Triebe geraten. Das gibt die Grundlage für jene Krank-
heit, die noch bis vor kurzem als typisch weiblich galt, die Hysterie.
Es ist kein Zufall, daß unter dem Zwang realer ökonomischer Not-
wendigkeiten, die der Frau unter ihren wachsenden Verpflichtungen
in erhöhtes Recht auf Liebe schafi'en, die Hysterie als typische Frauen-
ucrankheit aUmählich verschwindet. Auch der von Möbius entdeckte
^physiologische Schwachsinn" des Weibes ist, wenn er überhaupt exi-
Edert hat, mehr ein Pseudoschwachsinn. Er ist der Ausdruck einer viel-
Ifadi beim Weibe beobachteten, aus seiner Afi'ektivität stammenden
Hemmung des Denkvermögens. Dieses Denkvermögen wird für jeden
Menschen in seiner Entwicklung bedroht wie in seiner Verfeinerung
gestört, wenn schon frühzeitig, von frühester Kindheit an, ihm das
I Denken über sein wichtigstes Problem verwehrt wird, das ist die Frage:
^Was ist zwischen den Geschlechtern? Was scheidet den Knaben von
dem Mädchen? Welches Geheimnis umhüllt den Zeugungsakt? Und
; warum darf ich nichts wissen von meiner eigenen Geburt? — Und
wenn die Frau im allgemeinen weniger Neigung und Eignung zu ab-
strakten Gedankengängen hat und eher geneigt ist, die urteilsmäßige
Bewältigung realer Problematik dem andern, dem Manne zu überlassen,
sidi ihm gefühlsmäßig unterzuordnen, so ist auch das eine Konsequenz
des Tatbestands, durch den die weibliche Persönlichkeit in ihrer Ent-
wicklung gehemmt wurde im bewußten Urteil, sich vor allem mit ihren
eigenen Triebkräften auseinanderzusetzen. Das wesentlichste also an
dem, was als typisch weiblich angesehen wird, erscheint nunmehr als
Ausdruck einer seehschen Kindlichkeit, d. h. einer Entwicklungshem-
mung, den wir genau so beim Manne antrefien, nämlich da, wo seine
Persönlichkeit einem unentwickelten oder kindhchen Habitus entsprich-J
— 291 —
Das ist vor aUem dort der Fall, wo der Mann in seiner Individn.r -
aufgehoben, ein Bestandteil der Masse wird. In ihr ist er o- '
horsam, in ihr ruft er nach dem Stärkeren, der führen soll l f"
Masse gibt er seine vernunftgemäße Kritik auf und folgt, wie w"
gern sagen, „bedingungslos" dem erwählten Führer. Die Kollektiv "^ ^°
der Masse entspricht also der Mentalität eines Kindes. Denn eiuA
Ursachen für das Streben zur Massenbildung ist der Wunsch des^ •
zelnen, persönlicher Verantwortung und persönlicher Schuld enthnk""
zu sem. In der Masse wird auch der Mann zum Kinde, der sich , ?°
Verantwortung entledigt und dafür den Führer mit allen KonseauJn
belastet. 4«cnzen
Die Tatsache, daß hier schon die Charaktere der beiden Geschle I,
memander übergehen, daß wir das typisch weibliche Charakteristir""
passiver Hingabe auch in der Männerpsychologie finden, leitet uns zu^
Erwähnung emes Tatbestandes über, den ich auch hätte vorwemehn.
können : das ist die doppelgeschlechtliche, bisexuelle Anlage des MensdTe'"
Wie im Mutterleib eine weibliche und eine männliche Keimzelle sS
vermählen, so entwickelt sich in der heranreifenden menschlichen VruZ
zunächst eme weibliche und eine männliche körperliche Anlage Und
erst von einem gewissen Zeitpunkt ab wird die Entwidclung des' einen
Geschlechts unter der Übermacht des sich entwickelnden anderen T
hemmt. Es ringen also im Menschen schon von Anbeginn an mann"
Iidie und weibliche Keimkräfte, den Eltern entstammend, um den Vor'
rang und um die schließliche Ausgestaltung der Person. Dieser Ent
wicklungsgang aus der Bisexualität heraus hat zur Folge, daß der reme'
Typ Mann oder der reine Typ Weib überhaupt verhältnismäßig sehen
ist und wir m den meisten Menschen sowohl physisch wie psychisdi
eine Mischung aus männlich-aktiven und weiblich-passiven Eigenschaften
erkennen. Die Anziehungskraft der Geschlechter scheint mir daher so
paradox es klmgen mag, auch in dem latenten Wunsch zu bestehen
nach dem z. B. die weibliche Komponente im Mann ihre Ergänzung
durch die mannKche Komponente im Weibe sucht. Mit dem Fort
Pflanzungswunsch scheint im Menschen eine geheime Sehnsucht ver-
bunden zusein, im Liebesakt wieder zu einer Einheit zu verschmelzen,
wie sie emmal in der Vereinigung von mütterlicher und väteriicher
iveimzeile gegeben war.
Welche Schicksale nun das seelische Sexualstreben hat, das sich über
so komplizierten biologischen Tatbeständen aufbaut, wie dieLiebes-
fahigkeit sich im einzelnen weiblichen oder männlichen Menschen von
— 292 —
dheit an entwickelt, bis sie in so mannigfache Wechselwirkung zur
'zietät der Kultur tritt, darüber wird uns der nächste Vortrag auf
ind der Tiefenpsychologie der Freudsdien Analyse etwas Näheres
ichten. ^
IL
meinem vorigen Vortrag „Zur Psychologie der Geschlechter"
ich zu dem Ergebnis, daß die weibliche Psyche sich wohl spezi-
;(j, von der des Mannes unterscheidet. Doch neigte ich zu der
„sieht, daß ein gewisser Teil dieser Andersgeartetheit des Weibes,
amentUch in intellektueller Hinsicht, keiner angeborenen Anlage ent-
spricht, sondern Folge einer Entwicklungsbeschränkung ist, in Reaktion
auf das Abhängigkeitsverhältnis innerhalb der vom Manne beherrschten
«Seilschaft. Zum Schluß blieb die Frage offen, welche psychologischen
Tatbestände im ganzen es wohl ermöglicht haben, die Frau in ihrer
gesellschaftlichen Stellung überhaupt in solche Abhängigkeit vom
Manne geraten zu lassen. — Der Klärung dieses Fragenkomplexes
dürfte wohl eine eingehende historische Untersuchung über die An-
änge unserer Kulturentwicklung dienen. Für meinen heutigen Vortrag
(ber würde eine solche kulturhistorische Forschung nicht nur die zur
erfügung stehende Zeit, sondern auch meine Kompetenz überschreiten.
Ganz abgesehen davon, daß bei den hier notwendigen Untersuchungen
prähistorischer Entwicklungsabläufe der Forscher vielfach auf Hypo-
thesen an Stelle von Erfahrungsmaterial angewiesen ist.
Meine Aufgabe kann es nur sein, an Hand einer nicht generellen,
londern individuellen, psychologischen Untersuchung der Geschlechter-
entwicklung die Entstehungsgeschichte jenes Tatbestandes zu beleuchten.
Ein solcher Versuch hat besonders deshalb Anspruch auf Folgerichtig-
keit, weil ich ihn gestützt auf die Forschungsmethode Sigmund Freuds
unternehme. Das ist die Psychoanalyse, die uns einen objektiven
Einblick in jenes System der menschlichen Seelentätigkeit gestattet, das
jenseits des Bewußtseins — als Unbewußtes, häufig auch als Unter-
bewußtsein bezeichnet — das Quellgebiet der Triebe umfaßt und
gerade in lückenlosem Zusammenhang die Entwicklungsniederschläge
Ider PersönUchkeit von ihren ersten Anfängen in der Kindheit beher-
bergt. Diese infantilen Entwicklungsniederschläge im Unbewußt-Seeli-
sdien umschHeßen aber gleichzeitig einen Kern, der gebildet wird aus
Reaktionsweisen, die über das Einzelwesen hinaus der Entwicklung der
menschlichen Gattung, d. h. ihren prähistorischen Uranfängen primi-
tiver Wildheit, entstammen.
— 293
Für unsere Zwecke müssen wir allerdings den größten Teil der
sich sehr interessanten und außerordentlich wichtigen Forschungserp-eK
nisse der Psychoanalyse außer Betracht lassen, um unser BlickfelH
lediglich auf die psychosexuelle Entwicklung des Individuums einz
engen.
Ich erwähnte schon im vorigen Vortrag, daß Freud einen wesem
liehen Irrtum der bisherigen Sexualpsychologie dahin berichtigt hat
daß Sexualtrieb und Fortpflanzungstrieb nicht ohne weiteres identisch
seien. Verdanken wir ihm doch den Nachweis, daß Liebesfähigkeit
und Liebesbedürftigkeit nicht erst zur Zeit der Keimdrüsenreife de
Fortpflanzungsorgane, d. h. in der Pubertätszeit, entstehen, sondern daß
diese Pubertät nur eine besondere Phase des Sexualtriebes darstellt
der in Wirklichkeit in naturgesetzmäßiger Stufenfolge sich allmählich
schon von den ersten Tagen der Kindheit ab entwickelt. — Lassen
sie mich hier einschalten, daß Freud als das die Entwicklung-
beherrschende Prinzip das „Lustprinzip" entdeckte, nach dem das
Sexualstreben des Kindes noch allgemeiner als beim Erwachsenen den
Drang umfaßt, aus allen Beziehungen zur Umwelt möglichst Lust zu
gewinnen und Unlust zu vermeiden.
Die Tatsache aber, daß in der Ausbildung des infantilen seelisdien
Apparats sich dieses „Lustprinzip" unter dem Zwange der Erzie-
hung zur Wirklichkeit in das „Realitätsprinzip" unter bestimmten
Bedingungen umformt, wodurch dem Individuum Lustverzicht und
Anpassung an die enttäuschende Umwelt ermöglicht wird, ist von
größter Bedeutung auch für die sexualdifferente Ausgestaltung des
männlichen und weiblichen Typs überhaupt. Gilt doch, wie ich im
ersten Vortrag erwähnte, die These, daß der weibliche Charakter mit
seiner mehr affektiven Reaktionsweise weniger der Realität an-
gepaßt sei als der des Mannes, weil in ihm, um Freuds Formulierung
zu gebrauchen, noch das mehr kindlich geartete Lustprinzip dominiert.
Wir ahnen bereits hier Zusammenhänge, die darauf hindeuten, daß
die spezieUen Versagungen, die das erwachsene Weib in der vom
Mann beherrschten Kultur, d. h. in ihrer Realität erleidet, geeignet
sind, besondere Ansprüche an Lust aus der Kinderzeit zu verewigen
bzw. wieder zu mobilisieren. Das will bedeuten, daß die Propordon
zwischen Realitätsprinzip und Lustprinzip in der männlichen und weib-
lichen Psyche spezifisch verschieden sein kann — je nach geschlechts-
spezifischen Glücksmöglichkeiten oder entsprechenden Versagungen im
Bereich des äußeren Erlebens, das sich in Beziehung setzt zu inner-
— 294 —
.lischen, dispositionellen, d. h. in der Kindheit gewonnenen Reaktions-
f* tschaften - Unser Verständnis für diese Bedingtheiten der sexueU-
S renten Persönlichkeitsstruktur in ihrem Veihältnis zwisAen Ge-
Iwart und Vergangenheit, zwischen Vernunft und Tnebleben.
Sil Mann und Frau, ja zwischen dem Ich und Du überhaupt,
Trd ermöghcht, wenn wir zunächst noch unseren Bhck auf das psycho-
lalvtisch erkannte Entwicklungsprinzip im ganzen richten.
Lustgefühle sind es, um derentwillen das neugeborene mensdihche
riewesen den so entsagungsschweren Entwicklungsgang beschreitet
S innehält, den Entwicklungsgang, der vom vegetativen Dasein des
qLlings. von primitiven kannibahstischen Instinkten von der Liebe
ridisebst zur Liebe zum anderen Geschlecht, zur Liebe zur Umwelt
iTaupt, d. h. schließlich zum ethischen Kulturmenschen fuhrt. Die
ülelle aller Lust und damit aller Objektbeziehungen ist für leden
Menschen die Mutter. Durch ihre Betreuung, durch das Stillen wie
Ich die ReinHchkeitsprozeduren, erlebt das Kind Lustsensationen, die
frrgleidizeitig der Erhaltung des Lebens selber dienen. Die Tatsad.e,
daß dlse primitivste frühkindliche Lust als Prototyp jeglicher Liebes-
todung noch aufs innigste mit dem Selbsterhaltungstrieb ver-
uSft ist. hat zur Folge, daß auch späterhin ein Kmd, das sich von
tliebe seiner Mutter, ja von Liebe überhaupt verlassen fuhh sich
Teinen Zustand von Todesangst versetzt sieht. - Diese fruhkindlidie
Abhängigkeit von der Liebe wird von manchen Menschen nie über-
wanden Wir finden sie noch wirksam auf dem Grunde der Seele
lamentlidi bei Frauen und vor allem bei jenen Menschen, die glauben
Tben oder sich das Leben nehmen zu müssen, wenn der Liebes-
; tner .u lieben aufgehört hat. - Das Kind bleibt immer abhangig
von der Liebe, vor aUem der Liebe seiner Erzieher. In ihr findet
es ja den Ersatz für die Einbuße autoerotischer Lustmog-
lichkeiten, die es unter dem Zwang realitätsgerechter Erziehung auf-
^geben gezwungen ist. Die Liebe des andern ist also gleidisam die
reeliTche Lustprämie für die Aufgabe der alleinigen Liebe zum
ktn'fcet'Entwicklungsphase vom Ich zum Du gerät das Kind unge
fähr um das zweite Lebensjahr in einen besonderen naturgegebenen
Seelischen Konflikt. Denn auf dieser Stufe setzt Jereitseme sexue le
Differenzierung des kindlichen Liebesstrebens em. Der Knabe
Lngt mit seiner ganzen Liebesfülle speziell der Mutter zu dieToci^er
[dem Vater, und beide empfinden den gleichgeschlechüichen Elternted
— 295 —
als störenden Konkurrenten. Freud benennt, wie die meisten vo R
wissen dürften, diese Gefühlskonstellation denOedipuskom j ^^"^
nach jenem sagenhaften Oedipus, der im Drama des Sophokle^^'r
tragische Schicksal erleidet, aus Unkenntnis der Mörder seines V
und der Gatte seiner Mutter zu werden. — Das Kind lernt also i -^^
sam die Fähigkeit zu lieben wie alle anderen Fähigkeiten 1'
an seinen Eltern. Gleichzeitig aber muß es, wie wir sehen in so
Alter auch an den Eltern die Fähigkeit des Liebesverz^T"*
erlernen. Denn das aussdiließliche Verlangen des Knaben nach "5*'
Mutter, des Mädchens nach dem Vater muß scheitern, wenn ein'
maßen normale Erziehungsverhältnisse vorliegen. Der Verzicht hi'T"
geht allerdings mit einem schweren inneren Konflikt in der kindHd, '
Seele einher, der in seiner Überwindung normalerweise denAusean^"
punkt für den Aufbau ethischer Kräfte bedingt. ^*""
Noch aus seiner primitivsten kannibalistischen Veranlagung her
stehen nämlich im Kinde Beseitigungs- ja Todeswünsche gegen d7
als lastig empfundenen gleidigeschlechtlichen Nebenbuhler, beispielswei,^
Todeswunsche des Sohnes gegen den Vater, wie sie ja der OediDa
im Mythos wirklich realisiert. Die normale Bewältigung des Oedinns.
komplexes besteht bei beiden Geschlechtern schließlich darin daß die
Liebe auch zum gleichgeschlechtlichen Elternteil über die Mo'rdimpulse
siegt und der Sohn sich mit seinem Vater, die Tochter sich mit der
Mutter identifiziert, was bei letzterer, wie wir noch sehen werden «nz
besondere Schwierigkeiten hat. Die Unlust des Verzichts auf ein
Liebesobjekt wird gleichsam ersetzt durch die Lust, sich diesen Genuß
selbst verbieten zu können. Vater und Mutter werden in ihrer Wir-
kungsweise verinnerlicht, ins eigene Ich aufgenommen und verkörpern
danach die seelische Repräsentanz der Selbstbeherrschung
der Wirkhchkeitsbeachtung, des sich entfaltenden Gewissens
Die äußere Stimme, die einst in der Kinderstube gebot, ist zur inneren
btimme geworden, die unsere Beziehung zur Umwelt, aber auch spe-
ziell zum anderen Geschlecht das ganze Leben hindurch lenkt - Te
nach den Phasen des Oedipuskomplexes, je nadi den aus ihm
noch wirksamen unbewußten Wünschen und je nadi den diesen
Wünschen entgegenstehenden unbewußten Verboten - noch von Vater
oder Mutter herstammend _ kann sich, unter dem Zwange des Ge-
setzes der unbewußten „Übertragung" ursprünglich kindlicher Liebes-
anspruche auf das gegenwärtige Leben, das Libidoschicksal des erwach-
senen Menschen gestalten. _ Es gibt Menschen, denen aus so gewor-
— 296
igner innerer Hemmung, d.h. des Selbst- Verbots, überhaupt der
fAfeg zum anderen Geschlecht ganz verschlossen bleibt, weil eben nur
j'e Verbotstimme wirksam ist. — Es gibt aber auch Menschen,
,. jjjj. späteres Liebesschicksal immer wieder zwangsläufig nach dem
Vorbild ihres mißglückten Liebesschicksals in der Kindheit bilden. Sie
mielen im Leben immer nach einer FormuHerung Freuds den „geschä-
*gten Dritten", lieben immer einen Partner, der schon irgendwie ge-
bunden ist und deswegen keine Erfüllung bieten kann. Sie bleiben im
Leben ewig das Kind, das mit seiner Liebesfülle immer wieder abge-
lesen wird, weil der oder die Geliebte bereits — wie Vater oder
»jjjtter — im Lieben mit einem anderen geeint ist. Der Mann, der
jo an die Mutter unbewußt fixiert gebheben ist, wird diese unbewußt
in seiner Frau suchen; er wird sich dann beispielsweise nur in sehr
viel ältere Frauen verheben können. — Die Folge aber der Tatsache,
daß Eheleute unbewußt im Partner Vater oder Mutter wiederfinden
wollen, bedeutet immer eine Gefährdung der Ehe. Denn die
Partner erleiden dadurch Hemmungen in ihrer wirkHchen gegenseitigen
sexuellen Anziehung. — Häufig kommt es aus derselben Ursache zu
einer ausgesprochenen Gespaltenheit des sexuellen Empfindens
überhaupt. Das bedeutet, daß der Mensch da nicht begehren darf,
WO er liebt und da nicht lieben darf, wo er begehrt. — Es können
aber nicht nur Hemmungen, sondern auch scheinbare Über-
steigerungen des Sexualempfindens auf Grund derselben seeli-
sAen Konstellation zustande kommen. So kann ein Mann deswegen
liebesobjekt auf Liebesobjekt wechseln, weil er unbewußt in jeder
Frau die eigene Mutter sucht und doch keine seinem unbewußten
kindUchen Ideal gleichkommt. Es ist darum nicht eine „typisch männ-
Udie" polygame Triebanlage, die den Don Juan unbe-
friedigt von einer Frau zur anderen treibt, sondern ein unstillbares
weil infantiles Sexualstreben, das in der Gegenwart einem imaginären
liebesobjekt nachjagt, das längst vergessener Vergangenheit angehört.
Die hier nur in Umrissen skizzierte „Frühblüte" der kindhchen Sexu-
alität — gleichsam die Vorstufe der späteren Pubertät — erfährt eine
besondere Komplikation dadurch, daß in diese Zeit die Entdeckung der
tatsächhchen Geschlechtsunterschiede bei Geschwistern und Gespielen
ßllt. Der jetzt normalerweise sich entwickelnde Hang des Kindes zur
Sexualforschung: was ist eigenthch das „andere" Geschlecht? — stößt
unter der Herrschaft unserer kulturellen Sexualmoral auf völhge Ab-
lehnung seitens des Erziehers. Das Kind wird dadurch ganz auf seine
— 297 —
Phantasiewelt über die Geheimnisse des „Verbotenen" angewiesen
entwickelt mangels der Kontrolle der Erwachsenen angst- und schred
volle Theorien über die ihm unerklärlichen Sehnsüchte seines Herze
Hierin hegt die Ursache für die Komplikationen der eigenthchen Pub"'"
tat. — Dieser Zeit nämhch, die bestimmt ist, unter dem Antrieb d'
physiologischen Keimreife dem Individuum seine geschlechtsspezifisd!"^
Orientierung zu schaffen, fehlt die genügende seelische Vorbereitun^
während der Kindheit. Das kleine Mädchen fühlt sich dem Knabe^
gegenüber jetzt benachteiligt, besonders weil Ansprüche und Erziehung"
maximen der Erwachsenen in ihm den Glauben entstehen Heßen, dk
anders aussehenden Kinder, d. h. die Knaben, seien bevorrechtigt und
willkommener. Das Mädchen darf ja vieles nicht, was der Knabe darf
Auch werden Kinderschwächen, wie unbeherrschte Gefühlsausbrüche'
Kindertränen und ähnhches meist als spezifisch mädchenhafte Schwäche
bei Knaben gerügt. Ein Teil jener AfiFektivität also, die im späteren
Berufsleben als eine „Schwäche der Frau" gilt, wird gleichsam beim
Kinde bereits gezüchtet.
Die skizzierte Konstellation, wobei ich viele und wesenthche Um-
stände in meinem heutigen Vortrag außer acht lassen muß, erzeugt
in jedem weiblichen Kuid bereits eine mehr oder weniger lang an-
dauernde, mehr oder weniger auffällige Phase des Versuchs, schon hier
die Geschlechtsrolle des Weibes zu verleugnen. Jedes Mädchen erlebt
gewissermaßen seine Jungensperiode. — Der doppelte Verzicht aber,
der dem weibHdien Kinde auferlegt ist, der Verzicht sowohl auf die
Erfüllung des Wunsches, den Vater als Liebesobjekt für sich besitzen
zu können, wie der Verzicht auf die Ersatz be friedigung, selbst
ein Junge, d. h. auch so wie der Vater sein zu können, wü-d ihm
letzthch ermöghcht durch ein auch bereits in so früher Zeit auf-
keimendes Wunschstreben :esistderWunschnachdemeigenen
Kinde. Normalerweise spielt sich um jene Zeit das kleine Mädchen
in seine Mutterrolle hinein, d. h. es spielt mit Puppen oder betrachtet
seine jüngeren Geschwister als seine Kinder. Der ursprüngliche Wunsch,
daß der Vater auch der Vater dieser Puppenkinder sei, kann zu
Gunsten der Mutterphantasie aufgegeben werden, was sich später in
der Psyche jener Frauen widerspiegelt, die das Interesse am Mann
verlieren, wenn sie Kinder von ihm haben. Der „Schrei nach dem
Kinde", den unser Zeitalter vor noch nicht allzu langer Zeit sehr ein-
dringlich vernahm — der einen Verzicht auf den Mann als Gatten
beinhaltete — wird nur aus der Seelenökonomie des Weibes ver-
— 298
"ndlich, das — an der realen Außenwelt enttäuscht — mit der
PTijg zu dem noch ungeborenen bzw. neugeborenen Säugling ein
Stück seines eigenen Selbst zu lieben vermag. Ist doch das Kind zu-
"chst nur ein Teil der mütterlichen Person, die es neun Monate bei
. . beherbergt. Und mit der Liebe zu ihm findet das Weib vorüber-
ehend auch den Rückweg zu der anfangs erwähnten frühkindlichen
Liebe zum eigenen Ich. Die Liebe zum Du hat sich gleichsam auf
Acta Umwege zur Mutterschaft in die Liebe zum Ich zurückverwandelt.
Mit der Mutterschaft wird eine solche Frau wieder zum selbstgenüg-
samen, sich selbst genießenden Kinde. Dazu gehört u. a. jener Nora-
Typ des Weibes, das inmitten der von ihm geborenen Kinder wie
in einem „Puppenheim", d. h. unter den Puppen seiner eigenen
Kinderzeit lebt.
Die Psychoanalyse macht es nach alldem begreiflich, daß in Zeiten,
wo Liebe und Mutterschaft der Frau aus äußeren materiellen Gründen
besonders verwehrt sind, das Weibtum auch als Kollektivum in realer
Gegenwart Ansprüche anmeldet, deren Wunschgehalt jener vergangenen,
vergessenen Epoche der Kindheit entsammt. Dahin gehört z. B. der
Wunsch der Frau des selber MannseinwoUens dann, wenn
sie als Geschlechtswesen real nicht zu ihrem natürlichen Recht kommt.
Hier liegen die geheimnisvollen Ursachen für Erscheinungen, die wir
ja in unserer Zeitepoche noch beobachten konnten. So die typische
Frauenrechtlerin. Sie war in der ersten Zeit der Frauenemanzipation
eine Persönlichkeit, die, als Exponent der durch die herrschende
männliche Kulturmoral um ihr Weibtum betrogenen Frau, nicht das
Recht der Frau erkämpfte, sondern das Recht, die Geschlechtsrolle
wechseln und Mann sein zu dürfen. Ihr damals typischer Habitus war
eine möglichste Verleugnung aller weiblichen Reize — auch in der
Kleidung, die sich, wie etwa durch den Stehkragen, der Männer-
kleidung anzupassen suchte. Hier liegt auch die kollektivpsychologische
Erklärung für das Phänomen des Bubikopfes, besonders für seine
spezielle Spielart, den „Herrenschnitt". — Als durch den Weltkrieg
nämlich das männliche Geschlecht noch eine ganz besondere Wertung
empfing, ein großer Frauenüberschuß entstand, die Aussicht auf Liebes-
glück und Mutterschaft zusammen mit der realen Not sich weitgehend
verringerte, wurde gleichsam im kollektiven Unbewußten der Frau
der noch wirksame Wunsch aus der Kindheit remobilisiert, den auf-
erlegten Verzicht durch das „selber Mann sein wollen" auszugleichen.
Aus meinen, im Rahmen dieses Vortrags nur andeutungsweise unter-
— 299 —
ver-
ie
nommenen psychoanalytischen Betrachtungen, haben Sie, meine
ehrten Hörerinnen und Hörer, so hoffe ich, entnommen, daß ^d'
sexual-differenzierte Entwicklung der weiblichen bzw. männlichen P '
sönlichkeit über ihre biologischen Gegebenheiten hinaus sehr wese^^^"
lieh von Umweltseinflüssen bestimmt wird. Anscheinend geschieh"*"
spezifische Eigenarten ließen sich zurückführen auf Folgezustände vo^"
Reaktionsweisen auf Außen welts versagungen, wodurch °"
Wechselwirkung mit einer unbewußten seelischen Innen wel'"
an sich unspezifische Triebqualitäten einer vergangenen Kindersexualit"'
wachgerufen wurden. ^*
Die spezielle Rolle, die wir die Frau in der Gesellschaft spielen
sahen, mit dem Wechsel ihrer Neigung bald zu kindlicher Unter"
werfung unter die Herrschaft des Mannes, bald die Rolle des Mannes
selber zu übernehmen, wurde uns besonders verständlich aus ihrem
speziellen individuellen Triebschicksal in Verbindung mit ihrer wirt-
schaftlichen Unterwerfung und Abhängigkeit vom Mann. Dadurdi
schließlich, daß ihr die Liebe zum Mann überhaupt nur innerhalb der
Ehe konzediert war, die identisch war mit materieller Versorgung
wurde das Weib zwangsläufig in die psychische Ursituation des Klein-
kinds zurückversetzt, in jene Zeit, da durch die Abhängigkeit von der
Lust und Nahrung spendenden Mutter Luststreben, d. h. Sexualität,
und Selbsterhaltungstrieb auf innigste miteinander gemischt waren.
In denUranfängen unser er Kultur mag demnach die erwachsene
Frau gleichmütig dem Manne die Führerrolle in der Gemeinschaft
überantwortet haben, da sie damals in sich befriedigt noch ein
begehrtes Liebesobjekt und gleichzeitig in dem Trieb zur Mutter-
schaft nicht beschränkt gewesen sein mag. Daß sie in weiterer
Kulturentwicklung dem Manne diese Herrschaft aber belassen hat,
mag individuell-psychologisch darin begründet sein, daß sie eigent-
lich in ihrem Leben nie ganz davon loskommt, dem Mann auch die
Rolle des eigenen Vaters oder auch, wie gezeigt, der eigenen Mutter
zu übertragen. — Die Tatsache nun, daß der Mann in unserem
Kullurkreis gleichsam die Doppelfunktion des Herrschers und Ernährers
ausübte, hat rückwirkend zur Folge, daß in der weiblichen Natur jener
Infantilismus gezüchtet bzw. konserviert wird, der fälschlich als zu
ihrem Sexus gehörig betrachtet wurde.
Es ist nachdem verständlidi, daß das, was man so allgemeinhin den
„Kampf der Geschlechter" nennt, nicht nur der Ausdruck biologischer
Differenzen ist, sondern daß darüber hinaus irrationelle Motivationen
300 —
Ijjjpjelen, d. h. unbewußte Strebungen, in denen Mann und Frau
Ventlich um das Vorrecht des Erwachsenseins kämpfen. Der
Mann möchte natürlich gar zu gern der Frau die Gleichberechtigung
versagen, seine Herrschaftsansprüche über sie nicht aufgeben, besonders
wenn sie i" ^^^ Form des „selbst Mann sein woUens" den Mann in
jjg Rolle zu drängen sucht, die sie selbst bislang zu spielen gezwungen war.
Nachdem aber heut in viel verstärkterem Maße als die eigentliche
Frauenemanzipation die Not der Zeit die Frau ihrem seelischen
jündheitsstadium entrissen hat, ihr mit den größeren sozialen Pflichten
auch ein größeres erotisches Anrecht gibt, ist anzunehmen, daß auch
das Irrationelle in der weiblichen Psyche, das sind letzten Endes
Ersatzansprüche des infantilen Unbewußten, mehr und mehr
zurücktreten werden. — Nachdem nämlich erst unsere Zeit anfängt,
dem Weib das „Recht" zu geben, das „mit ihm geboren" wurde,
j^ann es erst in Zukunft, von seinen Entwicklungsfesseln befreit,
geinen wirklichen Typus erkennen lassen. — Wir sehen, daß die
ökonomisch-sozialen Bedingungen, die in wechselseitiger Auswirkung
auch die bisherige patriarchalische Struktur unserer Gesellschaft gezeitigt
hatten, jetzt in ihren gegenwärtigen gewaltigen Umwälzungen wiederum
die psychologischen triebgegebenen Beziehungen der Geschlechter zu-
dnander wandeln. Eine Rückkehr zum Urzustand eines einseitigen
weiblichen Matriarchats ist dabei nicht zu erwarten. Wohl aber ist
eine Kompromißlösung wahrscheinlich. Das heißt unsere bisher männlich
orientierte Kultur wird einen starken Zustrom aus weiblicher Geistesart
erhalten und ihre Kraft in Zukunft aus dem desexualisierten, d. h.
sozialen Zusammenwirken der Geschlechter, den Subli-
mierungen ihrer Triebtendenzen, schöpfen.
Die Mitberufung der Frau zur sozialen Führung ist demnach eine
der wenigen Hoffnungen unserer Zeit. Durch sie ist zu erwarten, daß
die mehr destruktiven Kräfte, die unter der Aktivität der vom Manne
beherrschten Gesellschaft gerade in den letzten Jahrzehnten entfesselt
sind, gebunden werden durch das konstruktive weibliche Element
das seiner Natur nach mehr Interesse an der Reifung als an der Zer-
störung von Lebenswerten hat.
I Ollllllllllllllllllllllllllllll
PiA Bewegung V 301
i
INaditrag zu meinem Bwdie
.SigmiMid Freiad'^'^ (1928)
Von
Fritz Witteis (New^York)
Im Jahre 1923 habe ich eine Biographie Freuds veröffentlicht, di
1924 in englischer Übersetzung erschien*. Das Buch hat in wissen-
schaftlichen Kreisen einige Beachtung gefunden und wird bis auf den
heutigen Tag von Psychologen in ihren Vorlesungen und Veröffent-
lichungen zitiert. Ich habe Grund zu fürchten, daß manche Psychen
logen, die dem Gebiete der Psychoanalyse ferner stehen, fast ihre ge-
samte Kenntnis dieses Faches meinem Buche entnehmen. Das ist mir
nicht lieb; denn ich habe meine Meinung über Psychoanalyse und
deren Begründer in den zehn Jahren, die seit dem Erscheinen des Buches
verstrichen sind, in vielen Punkten geändert und will nicht Ge-
währsmann sein für Irrtümer und Entstellungen, die ich als solche erkannt
habe.
Eine zweite umgearbeitete Auflage schien zunächst der einfachste
Ausweg zu sein. Ich wurde wiederholt von amerikanischen Verlegern
aufgefordert, das Buch verändert und ergänzt neu heraus zu bringen.
Als ich aber das Buch in dieser Absicht durchnahm, erkannte ich, daß
es für mich ein Ding der Unmöglichkeit ist, das Werk so umzuge-
stalten, daß es meiner gegenwärtigen Stellung zu Freud und seiner
Schule, der ich ja selber angehöre, entsprechenden Ausdruck gebe. Der
Ton des Buches ist ein Musterbeispiel von Ambivalenz, und so damit
durchsetzt, daß ich sie nicht ausmerzen kann. Stellen, in denen ich
Freud hohe Verehrung zolle, wechseln ab mit anderen, die tief ver-
letzend sind — nicht wissenschaftlich verletzend, was sich jeder Ge-
lehrte gefallen lassen muß, sondern persönlich verletzend und das auf
Grund von Informationen, die ich seither, teilweise am eigenen Leibe,
als unrichtig erkannt habe. Das Buch ist so geschrieben, daß es
jedem willkommen sein muß, der Rationalisierung für seine eigene
ambivalente Einstellung zur Psychoanalyse sucht. Ich habe dem Wan-
1) Sigmund Freud, Der Mann, die Lehre, die Schule — E. P. Tal & Co.
Wien, 1923.
302 —
Ä
j 1 meiner Einsicht seither in mehreren Büchern Ausdruck veriiehen.
^- es meiner späteren Werke hat aber den Eindruck verwischen
t" nen, den ich mit meiner Publikation von 1923 auf weite wissen-
^aftliche Kreise hervorgebracht habe.
* Tch hoffte und hatte emigen Grund dafür, daß die Publikation all-
adi der Vergessenheit anheimfallen würde. Deshalb schwieg ich
^ d hielt es für das Beste, nicht mehr auf das zurück zu kommen, was
■ h für eine Art Jugendsünde hielt. Während aber der rein wissen-
«iaftliche Teil meines Buches, soweit er noch heute Wahrheitswert
hat und soweit er Irrtümer enthält, eine Berichtigung kaum mehr be-
ötigt, sind es gerade persönliche Ausführungen des Buches, die zu
meinem Verdruß immer wieder zum Vorschein kommen.
Ich sage in meinem Buche, daß Freud eine übermäßig gute Meinung
von sich habe, den Jehovakomplex, daß er ein Despot sei, der Ab-
weichungen von sehiem System nicht dulde, daß er seine Schüler in
hypnotische Abhängigkeit von sich bringe, seine Freunde von sich ab-
stoße und das besonders, wenn sie bedeutende Köpfe seien. Er gebe
Irrtümer, die als solche erkannt seien, fast niemals preis, sei nicht frei
von Kryptomnesie und verfolge auch in seiner psychoanalytischen Po-
litik nicht immer einwandfreie Wege. Diese abfälligen Worte — hier
auf wenige Zeilen konzentriert — verteilen sich allerdings auf die Ger
samtheit meines Buches, das ist auf 287 Seiten und sind immer wieder
von ausgesprochener Heldenverehrung unterbrochen. Aber das mildert
sie nicht. Im Gegenteil. Der Leser muß zu dem Schlüsse gelangen :
Seht einen, der ihn so verehrt und gleichwohl . . .
Schon der Brief, den Freud mir nach dem Erscheinen der deutschen
Ausgabe schrieb und den ich in einem autorisierten Auszug der eng-
lischen Ausgabe vorangesetzt habe, zeigt, daß der Gelehrte die be-
leidigenden Stellen in dem Buche mit erstaunlicher Unberührtheit kaum
bemerkte und an diese Biographie, von der er vor ihrem Erscheinen
nichts wußte, mit einer Objektivität herantrat, als ob es sich gar nicht
um seine Person, sondern nur um die Sache handeke, die da im all-
gemeinen die Wissenschaft und im besonderen die Psychoanalyse war.
Er tat aber mehr als das. Ich war eine Reihe von Jahren — fünf
Jahre Krieg verlängerte die Zeit — abseits von seiner Schule marschiert
Nach dem Erscheinen meines Buches, das doch nichts weniger als eine
gute Einführung war, zog er mich an sich heran, gab mir Gelegen-
heit umzulernen und selbst zu sehen, ob meine Meinung über seine
Person und seine Lehre richtig sei oder nicht. Ich darf sagen, daß ich
— 303
m
nie im Leben einem Forscher begegnet bin, der so mühelos und n
ständis- hinter spinpm Wprlr ■„at-cr-u,„i„^^t Voll-
ständig hinter seinem Werk verschwindet.
1.
Vor dem Erscheinen meines Buches lag außer zerstreuten Bemerlc
gen in seiner „Traumdeutung« und der „Psychopathologie des All^"
lebens« nur Freuds „Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegun^."
(1914) vor, die persönliche MitteUungen des Autors emhielt LI
her erschien die „Selbstdarstellung" (1925), die in herber, zurückhaltr"
der Form über das Leben und Werk Freuds berichtet. Sie ist wie
Protokoll, das durchaus dem Leser überläßt zu entscheiden, ob v'"
ein großer Mann spricht oder nicht, und wie groß er etwa sei Unt^'^
aUen Psychoanalytikern, mich selbst eingeschlossen, ist er vielleicht d^^
emzige, der von der Methode und ihren Funden nicht berauscht ""
Ihm blieb immer zweifelhaft, ob die Psychoanalyse — wovon Ji"''
seine Schüler, alle fest überzeugt sind - das geistige Antlitz der Erde
verändern werde. Er hielt sich immer für einen „Fremdkörper im
deutschen Geistesleben", hat sich von Thomas Mann nur aus Höflich
keit von GegenteU überzeugen lassen und hat, wie die letzten Ereie"
msse in Deutschland zeigen, Recht behalten. Vorübergehend Recht wie
wir hoffen! Wenn man Freud von seinem Weltruhm spricht dann
antwortet er nicht nur mit der Weisheit Salomons, daß derselbe eitel sei
sondern er erinnert daran, daß manch ein „Unsterblicher« unglaublich
schnell vergessen worden ist, samt seiner Lehre. Wenn ich also schrieb
daß Freud sich für Jehova halte, so scheint mir heute, daß eher manche
seine Schuler, ihn zu etwas ernennen, wogegen er sich nicht einmal
wehrt, weil es ihm gleichgültig ist. Ich hatte auch damals keine ande-
ren Anhaltspunkte für meine Behauptung als einige Fehlleistungen und
Deutungen von Träumen, die Freud aus didaktischen Gründen mit-
geteilt hat (S. 16 und 28)'.
2.
Ich verwende in meinem Buche psychoanalytische Methoden, um
gewisse Handlungen Freuds zu erklären. Es ist aber unstatthaft,
lebende oder auch abgeschiedene Zeitgenossen, deren nächste Ver-
wandte noch leben, bloßzustellen, indem man ihr Unbewußtes
aufdeckt; es sei denn die so Analysierten hätten ausdrückhch ihre
Zustimmung dazu gegeben. Ich habe in mein em Buche — wie ja
2) Die Seitenzahlen beziehen sich auf die englische Ausgabe des Budies.
— 304 —
Freud in
seinem oben erwähnten Brief an mich selbst sagt — die
h »Kskretion nicht sehr weit getrieben. Man darf es aber prinzipiell
■/4it tun, wie man auch niemand gegen seinen Willen operieren darf.
Ilh habe da ein böses Beispiel gegeben (S. 72 — Z. 18 — 26; S. 36 —
17 17—19; ^- 100—101; S. 103 — 104; S. 233 — Z. 2 — 20), dem nach
I r andere in ziemlich gehässiger Weise gefolgt sind. Hier hegt eine
n/erführung vor, die auch sachlich leicht auf Irrwege führt, weil man
1 hne die freien Ideen und Assoziationen des Opfers die psydioanalyti-
ije Wahrheit nicht zuverlässig erkennen kann. Tritt nur gar eine
loolemische Absicht in das Unternehmen ein, so bleibt vom wissen-
f «(haftlichen Glänze fast nichts mehr übrig.
Bis auf wenige mißglückte Versuche hat keine Universität der neu-
fresdiaffenen Wissenschaft, von ihrem Schöpfer Psychoanalyse genannt,
I jjnen Lehrstuhl gewidmet. Jeder Schwindler kann sich ungestraft einen
[Psychoanalytiker nennen. Es war ein Glück für Freuds Lehre, daß ihr
Igggj-ünder die Organisationskraft besaß, um seinen Schülern Arbeits-
[plätze zu sichern. Seine Organisationskraft bewährte sich stark genug,
[den gesitteten Erdball zu umspannen, als in allen Kulturländern
Iwissenschaftliches Interesse für die Psychoanalyse erwachte. Freuds
ehre muß vor Zersetzung und Verwässerung bewahrt werden. Das
fbesorgt die Internationale Psychoanalytische Vereinigung mit ihren
lireichen Zweigvereinigungen, Zeitschriften und einem Verlag. Man
nuß es, glaube ich, doch wohl Freud und seinen Schülern überlassen,
fzu entscheiden, was Psychoanalyse sei und wie sie erlernt werden
Ikann. Von ehemaligen Schülern hat Freud schon 1914 gesagt: Raum
[für alle habe die Erde, wenn sie nur ihn und seine Arbeit nicht stören.
[Diese Ehemaligen, die ihre wissenschaftlichen Ansichten weitgehend
! genug geändert haben, um sich von der psa. Forschungsrichtung zu
[trennen, wie Jung, Adler, Rank, behaupten ja selber nicht mehr, daß
fsie Psychoanalytiker seien. Warum also Freuds Psychoanalyse als »or-
fthodox" differenzieren, als ob es sich nicht um wissenschaftliche Fehde
[und Sdiutzvorrichtung handelte, sondern um Glaubensartikel und Bi-
Lgotterie ? Hier liegt eine gedankenlose Beschimpfung geduldiger wissen-
Ischaftlicher Arbeit vor, die schon an die vierzig Jahre unter großen
[Opfern — auch Geldopfern — gegen eine mißgünstig eingestellte Um-
welt fortgesetzt wird. Wer immer diese wissenschaftliche Arbeit als
^solche nicht anerkennt, hat ein Recht, das auszusprechen. Man soll
— 305 —
aber doch wenigstens verstehen, daß Freuds Schule selbst der )U • "
ist und bleibt, daß sie Wissenschaft betreibt und sich ebenso IT^
und frei im Dienste der Wahrheit zubewegen glaubt wie iede ! ^
Schule. Am lo. Mai 1933 sind Werke Freuds in Deutschland "ff '
hch verbrannt worden. An dieser Handlung wenigstens sieht "*'
deutlich, auf welcher Seite die Orthodoxie liegt. Viele möchten kf"^
Werke verbrennen, wenn sie sich nicht schämten, das zu tun Du
sondere Art des Widerstandes gegen die Lehren der Psychoanl^ "
die an den Schlaf der Welt rührt", ist ja von uns so oft d^^Z''
worden, daß ich hier nicht darauf zurückzukommen brauche
Ich sage in meinem Buche: „Freud hält seine Concile hinter v
schlossenen Türen". Natürhdi tut er das. Welchen Zweck hätte "
nach vieljähriger Spezialarbeit Leute einzulassen, die umso m h '
Lärm machen, je weniger sie vom Fache verstehen? Wenn idi T
aber deshalb und weil er angeWich „keine Abweichung von seinT
Lehre dulde" einen Despoten nannte, so habe ich ihm Unrecht geta
Man lese unsere Zeitschriften und man wird sehen, wie heftig „nH
lebendig die wissenschaftliche Fehde im Rahmen der Psychoanalvs
ist. An gewissen Grundtatsachen hält jede Lehre fest, sonst wäre sie
keine Wir Psychoanalytiker haben uns auf Grmidtatsachen geeinigt
Wie Verdrängung, Widerstand, Übertragung, den Ödipuskomplex und
seine Derivate, den Wiederholungszwang und einige mehr und wir
fühlen, daß wu- unsere Zeit verschwenden, wenn wir mit Leuten die
unsere Lehre nicht genügend kennen, über die Validität dieser für
uns langst erwiesenen Entdeckungen streiten. Jeder kleine Chef eines
medizmisdien oder psychologischen Institutes, das in seinem Sinne ge-
führt wd, ist mehr Despot als Freud. Ich kann nur wieder mid,
selbst als Beispiel anführen, dem Freud nach einem, gelinde gesagt
unvorsichtigen Buche zur wissenschafdichen Mitarbeit heranzog und erzog!
4-
Ich nehme ferner den Vorwurf der Kryptomnesie (S. 195 Z 28
u. b. 201 Z. 6) zurück. In meiner damaligen ambivalenten Einstellung
habe ich einen der origineüsten Denker unserer Zeit mit diesemWorte
des Plagiates, wenngleich des unbewußten, beschuldigt. Freihch finden
wir Gedanken Freuds bei Nietzsche und Plato und solche Gedanken
hegen m der Luft, die wir atmen. Kein Gelehrter hängt in der Luft,
er fußt immer auf dem Gedanken anderer. Wir leugnen auch nidit,
daß Alfred Adler den Aggressionstrieb beschrieb und Ichpsychologie
— 306 —
• ben hat, bevor Freud diese nämlichen Gebiete in seiner Art de-
**"^ erfaßt hatte. Aber Freud hat das Problem, als er es erkannte,
r CO viel tiefer erfaßt (vgl. „das Ich und das Es") und es überdies
""^ ollständig auf den Unterbau seiner eigenen Lehre stellen können,
' j"/ man schwerlich sagen kann, er sei von Adler beeinflußt. Noch
i er ist er von C. G. Jung beeinflußt, wenn er das „Höhere
^^^Menschen" zur großartigen Konzeption des Überichs ausgestaltete.
Was die , psychoanalytische Politik" betrifft, so möchte ich dem in
' P nkt (3) Gesagten ein in meinem Buche gegebenes Beispiel in neuer
Beleuchtung hinzufügen. (S. 139-HO.) Ich meine Freuds Versuch von
iQio die Leitung der psychoanalytischen Bewegung den Schweizern
zu übergeben. Ich zitiere nach meinem Buche, was er damals zu seinen
Wiener Schülern gesagt haben soll: „Ihr seid zum größten Teile Juden
und deshalb nicht geeignet, der neuen Lehre Freunde zu erwerben. Juden
müssen sich bescheiden, Kulturdünger zu sein. Ich muß den Anschluß
an die Wissenschaft finden; bin alt, will nicht immer nur angefeindet
werden. Wir alle sind in Gefahr." Er faßte seinen Schlußrock beim
Revers: „Nicht einmal diesen Rock wird man mir lassen", sagte er.
Die Schweizer werden uns retten, mich und Sie alle." Ich weiß nicht
mehr genau, warum ich gerade diese Worte Freuds mitteilte. Vermut-
lldi sollten sie zeigen, daß der große Mann unter Umständen klein-
mütig war. Heute bin ich froh, daß ich die Episode der Vergessenheit
entrissen habe. Denn jedermann sieht heute, nach den letzten Ereig-
nissen in Deutschland, daß Freud vor 23 Jahren richtig vorausgesehen
hatte, und daß seine Furcht sich nicht auf sein eigenes Leben, sondern
auf das Leben seiner Wissenschaft bezog, für deren Verbreitung er
eine Gefahr sah, die außer ihm damals niemand erkannte. Es ist frei-
lich ein Anderes, die Gefahr zu erkennen und ein Anderes ihr zu
entgehen. Freud konnte ihr nicht entgehen und hatte sein Schicksal
zu erfüllen.
Daß Freuds Schüler, das sind die Mitglieder der Int. psycho-
analytischen Vereinigung, besser und vor allem anders sind, als ich sie
in meinem Buche beschrieb, geht vielleicht am besten aus der Tat-
sache hervor, daßJch es mir zur Ehre anrechne, heute viele von ihnen
zu meinen Freunden zu zählen. Man soU, wenn man mein Buch liest,
nicht aus dem Auge verlieren, daß der Autor damals die Psychologie
— 307 —
Lucifers entwickelte, ohne es zu wissen. Die fünf Kr ■ , \
.m Felde stand, hatten mich wohl auch einigermaßenT'^'r' ^'^ i*
aUem aber stand ich, als ich dieses Buch sSb ," "T"'" ^»^
Wdhelm Stekels, der mich kurz vorher ana^n ha« r? ^'"^«"ß
«n Analytiker mit Verantwortungsgefühl welche d' a/"^ «^i«^
.Übertragung" in der Analyse kennen! würdelten A ,'*' "'^
dnngend abraten, ein Buch zu schreiben, in dem hr L tt^^"^^»
Hauptrolle spielt. Stekel hat das nicht getan Im Ge "^^f^^^ ^'"e
meme private Widmung: „Keine Zeile 'Ise; B:ch^ ':";: ,^' ''ae
geschneben worden« kurz darauf anläßlich einer KriÄ Zl "' ^'
Arbeit von mir, nicht ohne Stolz veröffentlicht. Man kan' ""
ren Stellen des Buches Bedenken gegen meine oZu ° '^'^'^•
unsichere Gefühl ausgesprochen finden ich s"i von SttkT ""' '^
emfluß. So S. nj : Jeherkläre mid. fflr b Llen utd t" ?^ ^^-
Red.t und Unrecht im Falle Stekel zu beuS " wt h '""'^"'
Stekel m meinem Buche glorifiziert und ich würde da hTu, ^''"'
mehr tun, wenngleich ich nicht in der La^e hin i.^ ^ l ""''^^
irgendetwas auszusagen. Man darf seinen t '''"' "''^^ ,^«° F^" Stekel
in den Rücken fallen es macht mtR. '^'^'^'^'"^ ^'•-""den nicht
druC wenn man es .r iStlteln'lt 2^ ni^ ^If ?• ^^-
bevor er überhaupt die Mödichkeif h.tt. ^ ^^ starb 1903, also
praktische™ I„„„L„, bSuT 'tt^rj^' .|'f ;>»'>■« "•
n.d,. behaup,.,. Die drei -«i«^. aJ,"^', Zi^2tluZ-f
= -,:- -- iTtt jr^ S? --
Unter meinen Kollegen hat d^r f.r ^ b ^^^^^ nachlesen.
»y. .D„i rei!L''ÄXÄ.X.w"'"rt'"
wurae als eme mehr oder wemger verhüllte Aufforderung ver-
~ 308 —
„goden, sich umzubringen. Ich weiß wirklich nicht, ob da die Feind-
jjigkeit nicht eher auf Seiten meiner Kollegen lag, und ich darf mit
Genugtuung sagen, daß man mir heute eine solche Gesinnung nicht
^ehr zumutet. Ich stelle aber ausdrücklich fest, daß ich ausschließlich
betonen und überbetonen wollte, wie wichtig es für Analytiker sei,
<iaß sie selbst ihre eigenen Komplexe kennen, bevor sie die anderer
Leute herausfordern und auf sich wirken lassen.
Hiermit bin ich am Ende des persönlichen Teiles dieser Berichti-
gung angelangt und beeile mich, ruhiges, wissenschaftliches Fahrwasser
2U erreichen.
n.
Idi darf vielleicht nach so vielen Geständnissen meiner Genugtuung
'Ausdruck geben, daß ich den weitaus größeren Teil des Buches nodi
heute in meinen Vorlesungen verwende, die Darstellung also für rich-
I ng halte. Folgendes möchte ich im Allgemeinen sagen : Im Leben jedes
f Forschers folgt auf das Zeitalter seiner Entdeckungen das Zeitalter der
Besinnung, in dem er einige Schritte zurücktritt, um seine Ergebnisse
zu überschauen und zu einer theoretischen Erkenntnis zu gelangen.
tMan hat die erste Periode die goldene und die zweite die silberne
f genannt. Ich meine, daß ich der goldenen Periode Freuds bis zu einem
gewissen Grade gerecht geworden bin, nicht aber der silbernen. Stekel
I hat in seinen zahlreichen Publikationen oft genug wiederholt, daß er
Ifür Theorie nicht viel übrig habe und hat mich in diesem Smne be-
leinflußt. So übersah ich die Wendung zu theoretischer
IKlärung, die in Freuds Forschung eingetreten war. Auch besaßen wir
11923 eine Reihe von Freuds Publikationen noch nicht, die das Ringen
lum tiefere Einsicht zum Abschluß brachten. „Das Ich und das Es"
■waren erst eben erschienen und nicht leicht zu verstehen für einen,
|der entschlossen war, theoretische Überlegungen gering zu schätzen.
1. Metapsychologie.
Dieser von Freud in die psychoanalytische Terminologie eingeführte
Begriff ist in meinem Buche mißverstanden. (S. 53 Z. 30 bis S. 54
Z. 5 — S. 142 Z. 27 bis 143, Z. 8 — S. 233 Z. 21 bis 23). Ich
stelle den Begriff als einen metaphysischen, nahezu mystischen hin. Um
jene Zeit befand ich mich in heftiger Fehde mit den Wiener Okkul-
tisten und das Wort Metapsychologie (manchmal Parapsychologie)
wurde von den Okkultisten lange vor Freud für die Erklärung „über-
— 309 —
sinnlicher Phänomene" verwendet. Ich finde auch noch heute mit v' I
anderen Anhängern der Psychoanalyse, daß Freud für das, ^a
seine Metapsychologie nennt, lieber einen anderen Namen hätte wähl
sollen, der Mißverständnissen weniger ausgesetzt ist. Was er aber
sächlich meint, hat mit Metaphysik und mit Erkenntnistheorie üb
haupt nichts zu tun. Freud hat bekanntlich eine Trieblehre aufgestellt"
Ichtriebe und Sexualtriebe, welch letztere als homo- und hetero-sexuell
als narzißtische, sadistische und von verschiedenen (erogenen) Körne '
Zonen abhängig (z B. anale, orale) in Erscheinung treten. Metapsycho
logie im Sinne Freuds ist ein Versuch, triebhaftes Geschehen von dre'
Gesichtspunkten aus zu beurteilen : dem dynamischen, das heißt : weldi
Triebarten sind am Werke ? Dem ökonomischen, das heißt : welche
Quantitäten von jeder in Erscheinung tretenden Triebart? Schließüd,
dem topischen, das heißt: welche Systeme (Ich, Es, Vorbewußsein
Über-Ich) liefern jeweils die in Betracht kommeriden Triebe?' Man
sieht, daß da von Philosophie oder gar Mystik keine Spur ist. Im
Gegenteil, Freud wird in seiner wissenschaftlichen Betrachtungsweise
immer strenger, immer medianistischer und versucht, seine psychisdien
Begriffe womöglich in den Bereich des wäg- und meßbaren einzu-
führen. Wir sind auf diesem Wege vorläufig noch nicht sehr weit ge-
kommen. Wer sich darüber informieren will, mag in Freud, Ges
Schriften, Bd. V, nachlesen.
2. Das Ich der Psychoanalyse.
Über diesen Begriff las ich Freud in meinem Buche die Leviten in
einer mißverstehenden Art, die mir heute beinahe komisch vor-
kommt. Zwar bin ich auch heute noch nicht überzeugt, ob Freuds Einteilung
in Ich, Es und Überich von der Wissenschaft mit Freuds Termini^
dauernd übernommen werden wird. Man ist so sehr gewohnt unter
dem Ich die Gesamtpersönhchkeit zu verstehen, daß man vielleicht
lieber, ganz im Sinne Freuds, aber mit etwas verschiedenen wissen-
schafthchen Terminis von einem Triebich, Wahrnehmungsich und
Überich als Unterteilungen des Gesamtich sprechen wird. Dabei gebe ich
zu, daß Freuds Es mehr ist als ein Triebich, und auch sein Ich mehr
ist als nur ein Wahrnehmungsich. Es beherrscht ja auch den Zugang
zur Muskulatur, die Entscheidung über Wirklich und Unwirklich und
anderes mehr. Dieses Problem der Terminologie ist aber nicht das,
i) Die Formulierung des Autors weicht hier z. T. von der originären
ab (Anm. d. Sdiriftl.).
— 310 —
ich hier richtig zu stellen habe, sondern meine Konfusion des
etaphysischen IchbegriSes mit dem der psychologischen Anschauung
tnommenen psychoanalytischen Ichbegriff. Ich donnere in meinem
Ruch als Anhänger der nun schon lange wieder verlassenen natura-
Tstischen Philosophie (Ernst Mach, Nietzsche u. a.), daß es gar kein
Ich gebe, daß, wie Mach lehrte, „der Begriff des Ichs nicht zu retten",
iß ei-^ wie Nietzsche lehrt, rein eine „Verführung von Seiten der
Grammatik" sei. (Vorher und nachher sehen wir die idealistische Phi-
losophie und auch die jüngeren Professoren ganz erfüllt von ihrem
Ichbegriff.) Ich übersah, daß ein Psycholog wie Freud in diesen phi-
losophischen Streit, der nach dem Wesen der Dinge fragt, weder ein-
zugreifen noch an ihm interessiert zu sein hat. Ich behaupte in meinem
Buche, daß der Narzißmus die Fiktion des Ichs schaffe. Das ist eine
interessante philosophische aber unbeweisbare Ansicht. Es steht mir
schlecht an, erst Freud vorzuwerfen, daß er sich in seinen späteren
Jahren unter die Philosophen begeben habe und nun als ein Neuling
unter ihnen nicht einmal wisse, daß man unter Philosophen den Be-
griff des Ichs bestreitet — und dann selber eine metaphysische Volte
zu schlagen.
Freud spricht von seinem psychoanalytischen Ich wie ein Ingenieur
von Pferdekräften oder Elektrizität. Die Frage, was Elektrizität oder
Kraft eigentlich sei, geht den Ingenieur nichts an. Freud spricht von
einem Etwas, das eingebettet ist zwischen einer Außenwelt, die es
wahrnimmt und beeinflußt, und zwischen einer Innenwelt, die man in
der Psychologie vor Freud kaum beachtet hat. Dieses Etwas, das sieht
und hört und denkt und entscheidet, das von seiner Außenwdt und von
seiner Innenwelt abhängig und bedrängt ist, nennt Freud das Ich.
Es hat Grenzen nach außen und nach innen, es steht in Zusammenhang
mit der Außenwelt einerseits und dem Es und dem Überich andrerseits,
und gewisse Mechanismen, die man Freudsche Mechanismen nennt,
spielen zwischen ihnen. Dieses Ich und diese Mechanismen sind so
wenig im Sinne der Erkenntnistheorie gemeint, daß man vielleicht eines
Tages unter dem Mikroskop ein Freuds Einteilung entsprechendes
Gewebs- und Zellstruktur finden mag. Auch würde gegen Freuds
psychologisches Ich ein Einwand von Seiten jener philosophischen
Schule, die das Ich philosophisch leugnet, kaum erhoben werden.
Hier steht das Reich des psychologischen, das ist doch wohl noch immer
naturwissenschaftlich beschreibenden Begriffes dem Reiche des philo-
sophischen Begriffes reinlich gegenüber. Freilich ist Freuds Psychoanalyse
— 311 —
:n
erst nach langem Tasten, das ungefähr bis 1923 dauerte, zu ihr
gegenwärtigen Feststellungen gekommen. Ich kann aber leider nicT
behaupten, daß ich in meinem Buche zu dieser Klärung beigetrae *
habe (S. 158/159 — S. 200, Z. 8—11 — S. 200, Z. 14—20.)
Freuds psychologisches Ich hat auch nichts mit dem Selbstbewußt
sein, das ist mit dem Wissen um unser eigenes Ich zu tun. Ich spredi '
zwar (S. 158/159) von dem (genetischen) Entstehen unseres Selbst^
bewußtseins und habe in dem Buche: „Die Befreiung des Kindes«
(1926, Kapitel 3) Ausführlicheres darüber mitgeteilt. Ich entwickle dort
das Wissen um unser Ich aus dem Wissen um unsere Umgebung, um
das Du, das uns liebt. Damit ist aber noch gar nichts über das Wesen
unseres Selbstbewußtseins ausgesagt, das nach Dubois-Reymond ein
Ignorabimus und nach theologischer Anschauung ein Wissen um Gott
ist. Das Wesen aller Dinge und so auch des Selbstbewußtseins liegt
jedenfalls außerhalb des psychoanalytischen Kreises und soll uns b
unserer psychologischen Introspektion nicht stören.
3-
Ich beklage mich an mehreren Stellen meines Buches, daß Freud
Klassifikation und Unterteilung übertreibe (S. 34). Das ist
möglicher Weise richtig. Wenn ich aber ausrufe; Wenn es nur keine
Einteilungen gäbe! (S. 306) dann könnte ich fast ebenso sagen: Wenn
es nur keine Wissenschaft gäbe! Denn wie anders soll eine wissen-
schaftliche Methode und gar eine, die sich ausdrücklich Analyse nennt,
vorgehn als einteilend. Der Künstler sieht alles auf einmal und stellt
es schöpferisch dar. Der Wissenschaftler muß mühselig einteilen. Er
muß, wie Freud nach Rückert zitiert, seine Erkenntnisse erhinken. Aus
einem gewissen Unwillen das anzuerkennen, habe ich in meinem
Kapitel Narzißmus abgelehnt, Freuds Einteilung in einen primären
und sekundären Narsißmus zu begreifen (S. 208 Z. 17). Das war
allerdings 1923 nicht ganz so leicht wie später. Ich habe 1929 in
meiner „Critique of Love" diese Einteilung nachgeholt. Sie ist klar
wie Kristall. Wenn das Kind zum Bewußtsein seines Ichs kommt
und dieses Ich liebt, dann sprechen wir von Narzißmus. Wenn
das Kind Libido an die Außenwelt abgibt, die es seinem Narziß-
mus abringt, dann sprechen wir vom Objektiibido. Wenn das
Kind oder auch später der Erwachsene Schwierigkeiten in der Außen-
welt findet, die sich nicht immer und niemals restlos lieben läßt, dann
zieht er die Objektiibido wieder zurück, wie Timon von Athen, und
— 312 —
I seinem primären Narzißmus von früher her, kommt dann der Betrag
A auf das Ich zurück strömenden Libido als sekundärer Narzißmus
. Dieses Hin und Herströmen der Libido ist praktisch zur Menschen-
tenntnis und auch in der psychoanalytischen Differenzierung von
großer Wichtigkeit.
4. Kastrationskomplex.
Als ich mein Buch schrieb, war ich noch nicht überzeugt, daß der
iKastrationskomplex im Unbew^ußten jedes Menschen eine ent-
(ieidende Rolle spiele. Heute weiß ich, daß keine Analyse ihren
i Namen verdient, die den Kastrationskomplex des Analysanden nicht
aufdeckt. Kein Mensch kann in seiner psychischen Entwicklung einer
I Periode entgehen, in der er sich vor einem blutigen Verlust fürchtet,
der mit dem männlichen Genitale in Zusammenhang steht. Diese Periode
kommt manchmal niemals zu Bewußtsein, die gesamte Kastrations-
I gßgst spielt sich dann schon beim Kinde im Unbewußten (Vorbewußten)
I ab. Ihre Ausläufer lassen sich aber jedesmal nachweisen und jede Angst,
auch die moralische und besonders die, steht auf dem Resonanzboden
der Kastrationsangst. Freud und seine Schüler wissen sehr wohl, daß
diese Entdeckung Freuds für den sogenannten gesunden Menschenver-
stand grotesk und unannehmbar klingt. Wir waren selbst über den
I eigentümlichen Fund erstaunt, er konnte durchaus nicht erwartet werden
I im Sinne einer vorgefaßten Idee. Auf der Suche nach Erklärungen
des Kastrationskomplexes hat Freud von Erziehern gesprochen^ die
den Knaben drohen, daß man ihnen das Genitale abschneiden würde.
Ferner wurde die von Knaben und Mädchen beobachtete Verschieden-
Iheit ihrer Genitalien zur Erklärung der Angst des Knaben und des
Neides der Mädchen herangezogen. Diese Erlebnisse sind offensichtlich
ungenügend, um die Universalität der Kastrationsangst zu erklären.
Sie sbd umso ungenügender als die Kastrationsangt sich auch beim
Weibe findet, so daß man fragen mußte : wie können sie fürchten, etwas
zu verUeren, was sie nicht besitzen ? Man könnte ja von jedweder theo-
Iretisdien Erklärung absehen, solange man keine ausreichende kennt,
[und an der Tatsache des Kastrationskomplexes bestünde dennoch kein
I Zweifel. Man weiß auch nicht, warum das Weib im Gegensatze zu
den meisten Säugetieren menstruiert und ein Hymen hat, und muß
Mch damit begnügen, die Tatsache anatomisch und physiologisch zu
' beschreiben.
Ich habe in den letzten Jahren versucht, den Kastrationskomplex auf
— 313 —
bisexuel,
die Basis der psychischen Bisexualität zu stellen. Wir sind alle bisexu 1
und diese Eigenschaft muß sich ihre psychische Repräsentanz suche ^
Die erste Repräsentanz des jungen und schwachen Ichs, das sich in d '
Außenwelt spiegelt, ist der Ödipuskomplex: Vater und Mutter al
Repräsentanz von männlich und weiblich. Wenn das Ich erstarkt und
nur mehr das als seine Repräsentanz anerkennt, was innerhalb de
Körpergrenzen vorgeht, wird das Genitale mit dem Zweifel und de
Angst umgeben, die ein Resultat des Konfliktes sind zwischen dem
bisexuellen Es und dem in unserer Kultur strenge aufgerichteten Begriff
der Männlichkeit. Man zweifelt an seiner hundertprozentigen Männlich-
keit, fürchtet für sie und hat Grund dazu. Alfred Adler hat, ohne
etwas vom Kastrationskomplex zu wissen, dessen Derivate den „männ-
lichen Protest" genannt. Man will das sein, was man glaubt, sein zu
müssen, nämlich ein ganzer Mann oder ein ganzes Weib. Die Bisexualität
läßt das nicht zu und so entsteht ein Konflikt, der ungefähr im Alter
von sechs Jahren, aber auch früher in Form von Kastrationsangst in
Erscheinung tritt. Dieser Konflikt folgt uns durch unser Leben, nimmt
später verschiedene Formen an, aber die Form der Kastrationsangst, in
die er zuerst gegossen wurde, behält vorbildliche Bedeutung ganz
ebenso universell wie der Ödipuskomplex.
5-
Wie man sieht, Publikationen meiner letzten Jahre zeigen das deut-
lich, halte ich heute das Prinzip der Bisexualität, das sich in der
Biologie vollkommen durchgesetzt hat, für grundlegend auch im psycho-
analytischen Verständnis. Wenn ich also in meinem Buche schrieb
(S. 125): „Ich selbst bin ungeeignet um die Ansprüche der Bisexualität
mit Nachdruck zu vertreten etc.", so kann ich das heute nur so er-
klären, daß ich mich scheute, ein Gebiet zu betreten, von dem ich
vielleicht ahnte, daß ich wissenschaftlich nicht mehr loskommen würde,
wenn ich es einmal betreten hatte.
Mir scheint heute, daß sogar Polaritäten unseres Denkens wie Form
und Inhalt, Aktiv und Passiv, Sein und Werden und so viele andere
ihre Herkunft von dem Prinzipe der Bisexualität nicht verleugnen
können. Aber darüber werde ich an anderer Stelle ausführlich berichten.
6.
Man wird im meinem Buche das Wesen der Ü b e r t r a g u n g im All-
- 314 -
^
^meinen richtig dargestellt finden. Was ich aber zum Lobe von Stekels
^ ttiver Methode" und seiner Deutungskunst sage, mit der er seine
p tjenten immerfort „anschießt", so daß seine Analysen im Gegensatz
denen der Freudschen Schule in drei bis sechs Monaten erfolgreich
rT- jj (Jas muß ich heute als ein Nichtverstehen der von der
Freud Schule „Widerstandstechnik" und „Übertragungsneurose" ge-
flonnten Begriffe bezeichnen. Auch diese beiden BegrifFe waren 1923
tnoch nicht so klar wie heute. Es ist richtig, daß der Analysand in
leine eigene, halb wirkliche, halb unwirkliche Abhängigkeit zu seinem
I Analytiker gerät, die wir die analytische Situation oder die Über-
Itrasungsneurose nennen. Die Erzeugung dieser Situation ist ein Haupt-
[ziel unserer Arbeit, welches bei Verwendung unserer Technik und bei
I Fällen, die überhaupt zur Analyse geeignet sind, regelmäßig erreicht
[wird. Wir verpflanzen die neurotische Störung des Patienten, die seine
Reaktion gegen Insulte der Außenwelt ist, in unser Zimmer und in
Idie Beziehung zwischen Patient und analysierendem Arzt. An die
IStelle der ursprünglichen Neurose setzen wir eine künstliche, die wir
[möglichst vollständig zum Gefäß machen, in das die im Leben draußen
[erworbene Neurose einfließen kann. Wir haben dann nicht nur einen
Lalten und erstarrten StoS wieder in den Status nascendi gebracht,
pondern auch ein schwer überschaubares, an Personen reiches Theater-
fstüdk auf die einfachste menschliche Beziehung von Ich und Du redu-
dert. Dem Patienten wird Gelegenheit gegeben, seinen Rythmus,
leinen Wiederholungszwang, seinen Sadismus, seine Angst und alle an-
fderen psychischen Phänomene in der Beziehung zu seinem Analytiker
I auszuleben, sie auf ihn zu übertragen. So entsteht unter Beobachtung
[einer heute bis ins Feinste ausgearbeiteten Technik das Kunstwerk der
I Übertragungsneurose, von welcher der Patient schließlich, wieder unter
[Verwendung einer besonderen Technik, befreit wird.
Es versteht sich, daß man seinen Patienten ganz und gar nicht „an-
fschießen" darf, wenn man die oben beschriebene Absicht hat. Man
darf ihn auch nicht mit Deutungen überschwemmen. Das Auf-den-Kopf-
zusagen hat in der Psychoanalyse nur ausnahmsweise Platz. Man muß
sich im Gegenteil zurückziehen und passiv sein, um dem Patienten
[Gelegenheit zu geben, seines Lebens Teppich aufzurollen. Unter solchen
[Umständen und auch wegen der oft beschriebenen Dickflüssigkeit der
[libidinösen Positionen dauern unsere Analysen lange. Eine Ana-
lyse von drei Monaten ist überhaupt keine und eine von
I sechs Monaten immer noch ein fragwürdiges Kunststück.
315
An die Stelle der Deutung, welche die ersten Jahre von Freud
Forschung beherrscht hat, ist heute die Erfassung und Bekämpfung d
Widerstandes getreten. Kein Patient will gesund werden. Manche wolle ^
ganz bewußt nicht gesund werden und das sind oft niclit einmal P
schwersten Fälle. Aber im Unbewußten steckt bei jedem Neurotiker ei^
Wille zur Krankheit, den wir heute als inneren und äußeren Krankheit^
gewmn, als masochistische Tendenz, Schuldgefühl, Straf bedürfnis, Tode
trieb beschreiben. Diese Begriffe überlagern sich zum Teile, sind einandet
auch über- und untergeordnet, und ich kann an dieser Stelle nicht im
Einzelnen darüber berichten. Sie aUe aber nähren den Widerstand
gegen das Aufgeben der Neurose und wir haben genug zu tun, jedes-
mal zu erkennen, von wo der Widerstand gerade stammt und ihn mit
unendlicher Geduld auf seinen Ursprung zurück zu führen. Ich weiß
nicht, ob man sagen kann ; Widerstandstechnik ist schwer und Deuten
ist leicht; denn Deuten ist nicht immer leicht. Aber maii darf sicher-
lieh sagen: Wenn man den Widerstand beseitigt, ergibt sich die Deu-
tung meist von selbst. Sie fäUt aus dem Patienten heraus, wie das Bier
aus dem Faß, wenn der Spund eingeschlagen ist. Deutung aber, auch
richtige Deutung, und besonders die, wird ohne vorherige Beseitigung
des Widerstandes vom Patienten nicht akzeptiert.
Wenn dem allen so ist, dann werden di.;^ folgenden Stellen meines
Buches in ihrer Unannehmbarkeit klar und i'ch habe ihnen nichts hinzu
zu fügen, als daß ich sie zurücknehme. Ich habe das damals
nicht besser verstanden. (S. 223 — Z. 21 ff).
„Die Übertragung des Patienten auf den Arzt nimmt mit der Zeit
solche Formen an, daß der Kranke sich von seinem Arzte gar nicht
mehr trennen kann. So findet er denn wieder einen Menschen, der
ihn so ernst nimmt, ihn täglich eine Stunde lang anhört und ' aus-
deutet? Die Psychoanalyse wird dann selbst zu einer Krankheit, die
sich an Stelle der Neurose setzt, wie sie der Patient vielleicht vor
Jahren mitgebracht hat. Stekel behandelt seine Patienten nicht länger
als drei bis sechs Monate. Was in dieser Zeit nicht geheilt ist, das will
nicht geheilt werden. In mehreren Fällen haben wir versucht, wider-
spenstige Patienten, bei denen wir nicht mehr weiter kamen, einander
zuzuschieben. Ich habe Patienten von Stekel nachbehandelt und noch
öfters er die meinigen. So schlugen wir der Übertragung des Patienten
ein Schnippchen."
Ist es nicht interessant, wie verführerisch diese Worte klingen? Und
— 316 —
i nnoch beruhen sie aufeinem völligen Nichtverstehen des
hen auseinander gesetzten psychoanalytischen Denkens.
7-
' Das neurotische Symptom, der Traum, überhaupt alles psychische
'reschehen hat eine Wurzel im gegenwärtigen Leben und eine andere
weit zurück in der den Charakter formenden Kindheit. Will man also
das Symptom verstehen und beseitigen, muß man beide Wurzeln be-
rücksichtigen. Man muß ebenso erkennen, aus welchem Anlaß die
Krankheit ausgebrochen ist, als auf welchem charakterologischen Unter-
bau sie ruht. Ich war 1923 der Meinung, daß Freud und seine Schule
den gegenwärtigen Konflikt vernachlässigen, ihn nicht erkennen und
ausschließlich kindlichen Unterbau, vor allem den Ödipuskonflikt für
die spätere Neurose verantwortlich machen. (S. 228 Z. 2.) Ich habe
mich seither überzeugt, daß dem nicht so ist. Die Geschicklichkeit
itn Erkennen der unerfüllten Wünsche des Lebens ist freilich bei ver-
sdiiedenen Analytikern versdiieden. Manche sind zu starr auf das
System eingeschworen. Auch kann hier ein nicht wissenschaftliches
Moment schwer ausgeschaltet werden: das Erraten, auch Intuition ge-
nannt. Es ist nicht gelungen, dieses Moment in der psychoanalytischen
Praxis auszuschalten.
Ich füge noch einige kleinere Korrekturen hinzu.
Josef Breuer, der noch am Leben war, als ich mein Buch veröffent-
|chte, ist 1925 in Wien gestorben.
Dr. Monroe Meyer (S. 148 u. 220) ist M. D. Ich habe in meinem
luche seinen Titel weggelassen, wie das in deutschen wissenschaftlichen
Publikationen üblich ist.
Man findet bei Plato keine Erwähnung „Der ewigen Wiederkehr
|es Gleichen", wie ich S. 95 sage. Es sollte heißen: bei den Pytha-
Koraern.
Schließlich hat die Psychoanalyse seit 1923 Fortschritte gemacht, die
|ch zusammenfassen und vielleicht im nächsten Jahre darstellen
^rde. ,
Ich glaube nicht, daß ich durch diese umfangreiche Berichtigung mein
E»A. Bewegung V 317 2i
Buch empfohlen habe. Aber das lag auch nicht in meiner Absich
Jenes Buch war zu sehrAusbruch eines Temperamente^
um wissenschaftlich einwandfrei zu geraten. ^'
Unentbehrlich für jeden
modernen Psydiopathologen
(Psychoanalytiker, Psychiater, Psydiotherapeuten)
ist die
SPEZIELLE
PSyCHOANALyilSCHE
NEUROSENLEHRE
därgestelit in den beiden letztersdiienenen Werlten von
OTTO FENICHEL
Hysterien und Zwangsneurosen
Geheftet M. 7.—. in Ganzleinen M. P.—
4
Inhalt ; Hysterie — Angsthysterie — Hysteriforme Kranlcheiten : a) Die Organlibido, b) Aktual-
neurosen, Pathoneurosen, Organneurosen, c) Hemmungszuständc, d) Die traumatische Neu-
rose — Zwangsneurose — Prägenitale Konversionsneurosen : a) Stottern, b) Asthma bronchiale,
c) Psychogener Tic
Perversionen, Psychosen, Charakterstörungen
Geheftet M. 8.—, in Ganzleinen M. 10.—
Inhalt : Perversionen — Perversionsverwandte Neurosen : a) Sonstige neurotische Sexualstörungen,
b) Impulshandlungen und Süchte — Die Sdiizophrenien - Die manisch-depressive Gruppe
Charakterstörungen
Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Wien I.
— 318 —
im
eons zu
Von
Edmuad Bergler (Wien)
Vortrag/ gehalten im der Wieaer Psyclh.oaiialytisch.eia Yet*
eittigMing am 22. Febraar 1933.)
J^apoleons Märchen kommt mir gerade so vor, wie die Offenbarung
Johannis : es fühlt ein jeder, daß noch etwas drinsteckt,
er weiß nur nidtt was.
Goethe.
„ beträgt doch nadi F. Kircheisen die Bibliographie des
napoleonischen Zeitalters — die überdies keinen Anspruch auf Voll-
ständigkeit erhebt — 80.000 Publikationen. Diese gigantische, kaum
einer anderen Geschichtsepoche auch nur annähernd zukommende Ziffer
weist ja darauf hin, daß hier Probleme und Motive in Frage kommen
mögen, welche in abgründiger Tiefe verborgen liegen und deshalb den
selbst mit so beispielloser Emsigkeit betriebenen gewöhnlichen Methoden
der Geschichtsforschung entweder vollends widerstehen oder
durch dieselben nur unzulänglich und unbefriedigend aufgehellt werden,
so, daß sich diese mit der wohl am tiefsten dringenden und auf-
schlußreichsten, der psychoanalytischen Methode kombinieren, ja stellen-
weise, an der Grenz e ihr er Leistungsfähigkeit an-
gelangt, der Psychoanalyse sogar ganz das Ter-
rain überlas sen müssen."
fekels, „Der Wendepunkt im Leben Jfapoleons /." Imago 1914.
Charles Maurice Graf Talleyrand-Perigord, Bischof von Autun, Fürst
Benevent, war Napoleons langjähriger Außenminister. Seine Kon-
kte mit dem Kaiser, die bei Napoleon ungewöhnliche Langmut, sich
/^ahrheiten ofien sagen zu lassen, die einem andern Kopf und Stelle
lekostet hätten, die Tatsache, daß Napoleon jahrelang dieses Agieren
les Grandseigneurtums und das provokante Zur-Schau-stellen des kaiser-
Edien Parvenütums durch Talleyrand sich gefallen ließ und endlich —
ad vor allem — die Untätigkeit, mit der Napoleon
"alleyrands jahrelange Vorbereitungen zum Ver-
rat und diesen selbst duldete, bilden ein Problem, das die
listoriker und Biographen nicht gelöst haben und für das sie als Ant-
*^ort kaum mehr als ein Fragezeichen auftischen. Es wird zu zeigen
— 319 —
sein, daß Napoleons Beziehung zu Talleyrand komplizierter war
die des Kaisers zu einem brauchbaren und geschickten diplomatisch
Handwerker, und — um es vorwegzunehmen — ohne Berücksichti
unbewußter Motive schlechthin unverständlich bleibt. ^""^
Die Fragestellung, welche unbewußten Determinanten es Tallev
ermöglichten, diese sonderbare Stellung zu beziehen, sei msgtsST^
und einer in Vorbereitung befindhchen Arbeit des Verfassers' y
behalten. Im folgenden werden die Motive untersucht, die Napoleo"'^"
Motor in seinem Verhalten zu Talleyrand waren. — °*
Die historischen Tatsachen sind ' : Talleyrand, Sohn verarmter Ed 1
lerne aus ältestem französischem Adel, wird aus Opportunitätsgründ
und gegen seinen WiUen zum Priesterberuf bestimmt (als vierjährig"
Knabe war er von einer Kommode gefallen, hatte den Fuß gebroAe^'^
und da der Bruch lange nicht diagnostiziert wurde, heilte er schlecht"
Talleyrand behielt eine Fußverkürzung und hinkte). In jungen Jahre '
(als 34jähriger) steigt er auf der kirchHchen Stufenleiter bis zum Bischof
auf und zwar sind es Frauen, die ihm den Weg ebnen. Als Vertreter
des Klerus kommt er in die Generalstaaten und wird später Vorsitzender
der Nationalversammlung. Ein Geschäftemacher großen Stils, Korrup-
tionist aus Überzeugung, komme ä femmes aus Lust, am Spieltisch eiii
Hasardeur aus Leidenschaft, Zyniker aus unbewußten Triebschidcsalen
setzt er ursprüngUdi auf die absolute Monarchie und läßt dem König
durch dessen Bruder, den Grafen von Artois, vorschlagen, die Revo-
lution mit Gewalt zu unterdrücken. Der Vorschlag wird abgelehnt, der
König erklärt, lieber nachzugeben, als einen Tropfen Blut zu'ver-
1) Talleyrand: Ein Beitrag zur Psychologie des Zynikers. Erscheint dem-
nächst in der „Imago".
2) In der Darstellung der Lebensgeschidite Talleyrands halte ich midi im
wesentlichen an die kürzlich erschienene Biographic Talleyrands von Franz
Blei, gegen die — trotz blendender Darstellung und profunder historisdier
Kenntnis — das gleiche einzuwenden ist, wie gegen die Biographie Foudies
von Stefan Zweig: sie berücksichtigen überhaupt nidit die Kindheit und
die daraus resultierenden unbewußten Vorgänge, wobei die Tatsadie des
Unbewußten im psydioanalyrischen Sinn überhaupt übergangen wird. Ergänzt
wurden die Angaben Bleis durch Werke, respektive Arbeiten von: Are tz,
Chuquet,Jekels,F.M. Kircheisen, G.Kircheisen,KIeinschmidt,
Ludwig, Lacombe, Martel, Masson, Roessler, Sainte Beuve,
Scott, Stendhal, Wencker-Wildb erg, Zweig, die Propyläenwelt-
gesduchte Bd. VII. und die Memoiren von Napoleon, Pouche und Talleyrand
etc. etc. (Näheres siehe Literaturverzeidinis.) — Beweisende Sätze in den
Zitaten hat Verf. gesperrt setzen lassen.
— 320 -
Ken und der Graf von Artois beschließt: „Was mich betrifft, habe
1 gewählt, ich verlasse morgen Frankreich." Darauf Talleyrand : „Wenn
so ist' Monseigneur, daß der König und die Prinzen ihr Interesse
nd das der Monarchie im Stiche lassen, bleibt jedem von uns nichts
nderes übrig, als an seine eigenen Angelegenheiten zu denken.' Die
aarchisch-konstitutionelle Lösung, deren Hauptvertreter Mirabeau
^i sein Freund Talleyrand waren, wurde bald aufgegeben. Von
falleyrand — dem Bischof von Autun — geht der Vorschlag der
Säkularisation der französischen Kirche aus. Daraufhin wird Talleyrand
vom Papst exkommuniziert, „macht", wie er sagt, selbst gesetzestreue
Rischöfe und inauguriert damit das Schisma. Nach den Vorgängen des
August 1792 bekam Talleyrand Angst und ging mit einem Paß
ntons als Führer einer Mission nach England. Das war, wie sich
^äter erwies, ein Glücksfall ersten Ranges, dem Talleyrand sein Leben
verdankte (er kam bald nach seiner Abreise auf die Liste der zu
Guillotinierenden). Davon abgesehen, enthob die Auslandsreise
Talleyrand der peinHchen Pflicht, für oder gegen die Enthauptung des
Königs zu stimmen, was ihm ihn späteren Jahren, als er gegen Napoleon
arbeitete, die Gloriole des Mannes, der das ancien regime und die
■ Revolution (ohne Königsmörder zu sein) repräsentierte, erst ermöglichte.
|Aus England ausgewiesen, geht Talleyrand nach Amerika, verweilt
äort bis zu seiner Rückberufung nach dem Sturze Robespierres am
19, Thermidor und der Einsetzung des Direktoriums unter Barras. Auf
[Antrag Cheniers erhält er die Erlaubnis, nach Frankreich zurüdau-
Ikehren und wird — wieder durch eine Frau: Madame de Stael, die
Isdion bei seiner Rückberufung der Hauptakteur hinter den KuKssen
[war — vom Direktorium zum Minister des Äußeren ernannt.» „// faut
Ifaire une immense fortune, une immense fortune", sagt Talleyrand nach
^er Ernennung. Der preußische Gesandte berichtet nach Berlin: „Der
nister des Auswärtigen liebt das Geld und sagt ganz laut, daß er,
Fall er seinen Posten aufgebe, nicht bei der Repubhk um ein
[Almosen betteln wolle." Talleyrands Absicht, sich ein Vermögen zu
[machen, sprach sich rasch herum: um den 18. Brumaire schätzt man
3) „Drei Jahre später sollte Bonaparte den Anlaß finden, Tayllerand zu
[fragen, was das für eine Frau sei, diese Baronin Stael. Und Talleyrand
Iwird antworten: „Eine Intrigantin, und das so sehr, daß sie es ist, durch
[die ich mich auf dieser Stelle befinde." — „Immerhin eine gute Freundin?"
\— „Eine Freundin? Sie würfe ihre Freunde ins Wasser, um sie mit der
Qgel herauszufischen." (Blei.)
321
sein Vermögen auf dreißig Millionen, das zum größten Teil
diplomatischen Bestechungen stammt. ' ^^
Während der zwei Jahre, welche Talleyrand als Minister in d
Palais GaHfiFet residierte, bestand seine politische Tätigkeit — ^"^
einem Wort von Barras — darin, Bonaparte zu karessieren. TaUev"^'^
hatte mit zielsicherem Instinkt den siegreichen Napoleon als komm
den Mann erkannt. Schon im ersten Brief, in welchem er Bonan ^"'
seine Ernennung mitteilt (24. Juli 1797), steht der Satz, daß der ^"^
Bonaparte ihm in seinen schwierigen diplomatischen Geschäften ™^
Hilfe sein werde. („Le mm seul de Bonaparte est un auxiliaire^'g^-
doit tout aplanir.") Und Napoleon, den Wert Talleyrands für se
weiteren Pläne erkennend, antwortet: „Die Wahl, welche ^d"^
Regierung getroffen hat, indem sie Sie zum Außenminister ernannt'^
macht ihrem UrteUsvermögen Ehre. Ich bin glücklich, es mit Ihnen z
tun zu haben und Sie von meiner hohen Wertschätzung zu übe"
zeugen«. Nach dem Frieden vom Campo Formio, den Bonaparte m\
Österreich schloß, schreibt ihm Talleyrand: .Herzlichen Dank, mein
General; die Ausdrücke fehlen mir, um Ihnen alles zu sagen, was man
in diesem Augenblicke möchte . . . Adieu, General des Friedens!
Freundschaft, Bewunderung, Respekt, Anerkennung, man weiß nicht
wo aulhören in dieser Aufzählung". Das erste Zusammentreffen
Napoleons mit Talleyrand spielte sich bei Talleyrand ab. Dem General
fiel die Ähnlichkeit Talleyrands mit Robespierre auf: „dasselbe blasse
undurchdringliche, maskenhaft starre Gesicht, in dem nur die Nasen-
flügel vibrierten, die beiden scharfen Falten von der frech gestülpten
Nase zum Mund, dessen Winkel sie hinabzogen, derselbe Blick der
graugrünen Augen. Dieselbe wegen des Fußes übertrieben aufrechte
Haltung, die des hohen Stockes nicht zu bedürfen schien, so geschickt
kaschierte das der, der sich auf ihn stützte, beim Gehen."
„Der kleine, magere, nervöse General mußte den Kopf, von dem
das schwarze Haar fast die Stirn und ganz die Ohren bedeckte und
bis auf den hohen Kragen fiel, etwas heben, wenn er mit dem Minister
sprach, der ihm das erträglich zu machen verstand, indem er sich etwas
neigte, nicht herablassend, sondern als ob es ihm natürlich wäre. Er
affektierte ein Aussehen, als ob er weit älter wäre, als
dreiundvierzig-. (Talleyrand war 15 Jahre älter als Napoleon).
Blei, S. 84.
TaUeyrand selbst schildert in seinen Memoiren (I. S. 202) diese
Begegnung und man kann annehmen, daß die äußere Szenerie dieser
— 322 —
eenung eine der wenigen ohne Vorbehalt zu genießenden Stellen
den 1720 Seiten der Memoiren des Fürsten darstellt:
Ich hatte ihn noch nie von Angesicht gesehen und schon am Tage
jlgr Ankunft schickte er mir gegen Abend einen Adjutanten mit
Ij Anfrage, wann er mir seinen Besuch machen könne. Ich stellte
I 'ch ganz zu seiner Verfügung und er ließ sich für den nächsten Vor-
tinittag 11 Uhr anmelden. Ich hatte Frau von Stael eingeladen . . . Als
Ijer General vorfuhr, ging ich ihm bis an die Treppe entgegen und
Iführte ihn dann in den Salon, wo ich ihm Frau von Stael vorstellte,
(die er aber nur flüchtig grüßte . . . Beim ersten Anblick hatte er mir
ofort gefallen: eine gewinnende Erscheinung, lebhafte, geistreiche
Augen, das Antlitz edel geformt und von einer matten Blässe und, was die
Hauptsache war, zwanzig glorreich gewonne.ne Schlachten,
„nd dabei noch so jung! — Er unterhielt sich mit mir sehr
offenherzig und vertrauUch und versicherte mir in der liebenswürdigsten
Weise, wie er sich über meine Ernennung gefreut habe, weil er sofort
aus meinen Briefen ersehen, daß ich doch ein ganz anderer Mensch
sei als die Herren vom Direktorium. Dann sagte er plötzUdi und ohne
weiteren Übergang : „Sie sind ein Neffe des Erzbischofs von
Reims, der sich jetzt bei Ludwig XVIII. aufhält", und fügte
nach einer Pause hinzu: ich habe auch einen Oheim, der Er-
sdiakon von Korsika ist und der mich erzogen hat. Sie
[wissen, ein dortiger Erzdiakon ist soviel wie ein
[Bischof von Frankreich."
Das Fest, das das Direktorium zu Ehren Napoleons gab, hatte
[Talleyrand im Auftrag des Direktoriums zu arrangieren, wobei
•Napoleon bejubelt und das Direktorium ausgepfiffen wurde, was
1 Talleyrand, der auch da schon ein Doppelspiel gegen das Direktorium
spielte, nicht unangenehm war.
In den Memoiren Napoleons ist über die Feier des 21. Jänner
[(Hinrichtung des Königs) folgendes zu lesen: (Wencker- Wildberg
ill. Bd. S. 279 ff.):
„Die Regierung feierte den Jahrestag der Hinrichtung Ludwig XVI.,
und Direktoren und Minister stritten heftig darüber, ob Napoleon der
Feierlichkeit beiwohnen sollte oder nicht. Man befürchtete einerseits,
Idas Direktorium würde in der Volksgunst Schaden erleiden, wenn es
ihn nicht hingehen ließe ; anderseits, das Volk möchte das Direktorium
ganz übersehen und sich nur mit dem General beschäftigen. Endlich
fciam man doch zu dem Schluß, Napoleons Anwesenheit sei aus poli-
323 —
1
tischen Gründen erforderlich. Talleyrand, der Minister des Ä «
wurde mit dieser sozusagen diplomatischen Unterhandlung betra T
seiner Eigenschaft als Außenminister war er anläßlich der fV^H
Verhandlungen von Campo Formio mit Napoleon in Korresnr h ''^
getreten. Von dieser Zeit an bemühte sich Talleyrand, dem q" "^
zu gefallen und sich bei ihm einzuschmeicheln; er 'war auch"^J^
Mittelsmann, dessen sich das Direktorium bei seinen Ausein. a
Setzungen mit Napoleon bediente. Napoleon, der gern allen V
: 1
liehen Fest nidits zu tun, das seiner ganzen Art "nur^rldTt ^"^^^'
Leuten gefällt. Dies_ Fest ist im höchsten Grade unpolitisch ^7'^
H.f^l/T-nin /Ann r%. ^ t. J_._ TT' • ._ _ '"-».äs
anstaltungen solcher Art ferngebUeben wäre, bemerkte folgendT, ^Tl
bekleide kein öffentliches Amt. Ich habe persönlich mit diesem !' ?
liehen Fest nichts 711 tun rlac »»;„».- a . . ^"g«b-
Ereignis, das es in der Erinnerung zurückruft, war ei
Katastrophe und ein nationales Unglück. Ich begreife sehr wIm'
daß man den 14. Juli feiert, denn an diesem Tage hat das VolkTei '
Rechte erstritten. Aber es hätte diese Rechte erringen und
Republik errichten können, ohne sich mit der Hinricht
eines Fürsten zu beflecken, der von der Verfassung selbst ffir
unverletzhch und unverantwortlich erklärt worden war Ich w-n
nicht erörtern, ob diese Hinrichtung nützlich ode
schädlich war; aber ich behaupte, sie war ein unglüdcliche
Ereignis. Nationale Feste feiert man zur Ehre von Siegen die Oof
aber die auf dem Schlachtfelde geblieben sind, beweint man* ""
lalleyrand bot seine ganze Beredsamkeit auf; er suchte
zu beweisen, daß dieses Fest gerecht wäre, weil es
politisch wäre. Politisch wäre es, denn alle Länder und
alle Republiken hätten stets den Sturz der despotischen
Gewalt und den Tyrannenmord als einen Triumph ge-
feiert. So hatte Athen den Tod des Pisistratus. Rom den
Murz der Dezemvirn verherrlicht. Übrigens sei das
Fest durch ein Gesetz geboten, dem das ganze Land unter-
worfen sei und dem jeder sich zu fügen und zu gehorchen habe
Nach langem Hin- und Herreden fand man e ndlich einen Mittelweg!
4) Anfangs Januar 1810 schlug der Reichskanzler Combacdres dem Kaiser
SoA °dl,?% "^"^ V t"^'^° ''■ J^°"^^ ^°^- Kaum hatte Combac
er^nnt f ^^ '° J^^brndung mit einem Hof ball genannt, als Napoleon
empört aufsprang und den Kanzler anfuhr: „Was? auf den 21 Tanuar
sdilagen Sie einen Hofball vor? Was denken Sie? II Tode ag^ ein
Ehrenmannes tanze ich nicht." (Blei.)
— 324 —
Das Institut nahm an der Feierlichkeit teil ; es wurde abgemacht, daß
M poleon als Mitghed des Instituts mit den Gelehrten seiner Sektion
• Zug gehe; er erfüllte damit eme Pflicht als Angehöriger einer
Körperschaft und vollzog keine freiwillige Handlung ..."
Bald hierauf erfolgt Bonapartes Abreise nach Ägypten, wobei er
it Talleyrand vereinbarte, der Minister werde nach Konstantinopel
ehen, um mit der Pforte zu unterhandeln, ein Versprechen, das
Talleyrand nie einlöste. Dagegen geschieht etwas völlig Unerwartetes:
per schwer erkrankte Talleyrand übergibt Napoleon bei seiner Ein-
sdiiffung nach Ägypten (Mai 1798) 100.000 Francs. Er bekam sie
2wei Jahre darauf unter dem Konsulat zurück. „Der Kaiser wird ihn
einmal fragen: „Was bewog Sie damals, mir das Geld zu geben?"
Und Talleyrand wird erwidern : „Ich hatte keinen besonderen Grund.
Es war möglich, daß ich Sie nie wieder sah. Sie waren jung und ich
fühlte mich unwiderstehlich dazu gedrängt, Ihnen diesen Dienst zu
leisten". Darauf fand Napoleon keine andere Antwort als „Vous
faisiez un metier de dupe". (Blei.)
Talleyrand hatte als Minister des Direktoriums nur in Geldaffairen
Glück, außenpolitisch machte man ihn für das Zustandekommen der
zweiten Koalition gegen Frankreidi verantwortlich und zerrte Be-
stediungsaffairen ans Tageslicht. Talleyrand kam der Absetzung zuvor
und demissionierte. Vier Monate später kam der 18. Brumaire,
Napoleons Staatsstreich, und Talleyrand wurde wieder Minister.
Talleyrand spielte den Vermittlungsmann zwischen Sieyes und Napoleon.
Bei den Vorbereitungen zum Staatsstreich ereignete sich folgende Szene,
die Talleyrand in seinen Memoiren I. S. 212 beschreibt:
„Einige Tage vor dem 18. Brumaire trug sich bei mir eine eigen-
tümhche Szene zu. Bonaparte, der an der Rue Chautereine wohnte,
kam eines Abends zu mir, um noch verschiedenes mit mir zu be-
sprechen. Ich wohnte ganz in seiner Nähe, an der Rue Taitbout, und
zwar in einem Hinterhause, das von dem Hauptgebäude durch einen
Hof getrennt war. Wir saßen in meinem Kabinett, wo nur einige
Kerzen brannten und unterhielten uns sehr lebhaft. Mitternacht war
schon vorüber. Auf einmal hören wir von der Straße herein lauten Lärm
und als wir genauer hinhorchen, auch Pferdegestampf, wie von
Kavallerie. Bonaparte springt erschrocken auf, er er-
bleicht und sieht mich fragend an. Ich glaube, daß ich gleich-
falls die Farbe gewechselt habe, fasse mich aber, blase sofort
die Kerzen aus, schleiche leise durch den Hof und sehe von eüier
— 325 —
er
e
oberen Galerie auf die Straße hinab. Zuerst konnte ich nicht erken
was unten vorging, endlich sah ich aber doch, was es war °^"i'
mußte an mich halten, um nicht aufzulachen. Die Straßen von p""
waren damals zur Nachtzeit nicht besonders sicher und wenn m"*
um Mitternacht die Spielhäuser im Palais royal geschlossen hatte ^
fuhren die Bankhalter mit ihren Geldern in einigen Fiakern naA
Hause, ich glaube nach der Rue Clidiy, wo sie wohnten. Sie ließ
sich dabei von reitenden Gendarmen begleiten, die der Polizeiminist^"
ihnen gegen gute Bezahlung bewilligt hatte. Zufällig mußte nun gerade
vor meinem Hause einer von den Fiakern ein Rad verHeren, w
den Aufenthalt, den Lärm und die ganze Unruhe verursachte. Bona
parte und idh lachten herzlich darüber und auch über unsere'
panischen Schrecken, der indes erklärlich war, denn man konnte
in jenen Tagen von selten des Direktoriums auf alles gefaßt
sein."
Talleyrand setzt nun seine Rolle, die er von Anfang an Napoleon
gegenüber einnahm, fort: er stellte alle Gedanken, die de
Konsulbloßbei sichzudenken wagte, als nächstliegend,
Staatsnotwendigkeit dar und präsentierte sich Napo.
leon als ein lebendiges ,Es-ist-erlaubt". Einige Beispiele:
In Talleyrands Memoiren I. S. 215 lesen wir: „Um dieser Autorität
einen noch größeren Nachdruck zu geben, machte ich ihm (Napoleon)
am Tage seiner feieriichen Installation (als Konsul) einen Vorschlag,
den er mit Bereitwilligkeit annahm. Alle drei Konsuln hielten täglich
Sitzung, zu welcher die Minister erschienen, um die Berichte ihres
betreifenden {Ressorts abzustatten. Das Portefeuille des Äußeren
ist aber in jedem wohlgeordneten Staat ein geheimes und darf
nicht im offenen Ministerrate verhandelt werden; ich bat daher den
General, mir zu erlauben, über die Angelegenheiten meines Ministeriums
nur mit ihm allein zu verkehren. Bonaparte begriff sehr gut die
Tragweite meines Vorschlages und traf sofort die nötigen Anordnungen.
Ich arbeitete also immer nur mit ihm allein."
Talleyrand gab Napoleon den Rat, das zweite Konsulat einem
Juristen für die Justiz und das dritte einem geschickten Finanzmann
für die Finanzen zu übertragen : „Das wird sie beschäftigen, wird sie
amüsieren und Sie, General, haben alle lebendigen Teile der Regie-
rung zur Verfügung." Selbst aber sollte Napoleon das in der Hand
haben, was direkt mit der Politik zu tun hat : die Ministerien des
Innern und der Polizei, das Außenministerium und die beiden großen
— 32Ö —
J
i Exekutivmittel Heer und Marine,
Die Folge dieser Vorschläge war
n7ende Äußerung Napoleons zu seinem Sekretär Bourienne :
Dieser Talleyrand hat viel Verstand. Er ist sehr geschickt. E r h a t
■"ch durchschaut. Was er mir geraten hat — Sie
""•«rcen daß es meine Absicht ist. Er hat recht : man geht
• 1 schneller, wenn man allein geht. Der Konsul Lebrun ist ein an-
tändiger Mensch, aber er hat keine Politik im Kopf, nur Bücher,
nd der andere, Combaceres, viel zu viel revolutionäre Tradition,
j^eine Regierung muß eine ganz neue Regierung sein."
Ein anderes Beispiel dieser Attitüde ist ein Brief Talleyrands an
Napoleon nach Marengo, in welchem er suggestiv vom Imperium
spricht. Talleyrand war freihch in dieser Zeit kaum mehr als ein
Exekutivorgan Napoleons und Chateaubriand hat nicht Unrecht, wenn
er sagt: „Talleyrand signait les evenements, il ne les faisait pas." An-
ders ausgedrückt: „Bonaparte gab die Substanz, die für Talleyrand
politisch zu traktieren war" (B 1 e i), wobei Talleyrand an jeder Wen-
dung der napoleonischen Politik durch Bestechungsgelder grob ver-
diente. Napoleon wußte, daß sich Talleyrand bereicherte. „Wenn
Napoleon sich nicht um seine treuesten Diener kümmert, müssen wir
es selbst tun, nicht?" sagte Talleyrand zu Combaceres. Dieses „nicht
kümmern" war sub specie von Millionen gedacht und Talleyrand
konnte den Satz aussprechen: „Wenn man will, hat man immer
Geld." Napoleon nahm ihm die Bereicherung nicht übel. Der erste
Konsul und die ganze bonapartistische Sippe machten es nicht anders.
„Wenn ich nichts mehr habe", sagte der Kaiser zu Talleyrand, „dann
wende ich mich an Sie. Also Hand aufs Herz: wieviel
haben Sie an mir verdient?" „Ich bin nicht reich, Sire, aber
alles, was ich besitze, steht zu Ihrer Verfügung." (Ludwig, S. 579.)
Talleyrand brachte übrigens Teile des alten Adels dazu, sich mit
Napoleon abzufinden. Eine Regierung, unter welcher die fünfprozen-
tige Rente von 7 auf 12% stieg, war vertrauenswürdig. „Und daß
Namen und Herkunft einen politischen Wert bedeuteten, bekam Na-
poleon auf den Festen augenfällig zu merken, die der Minister ihm
zu Ehren gab : fast der ganze Adel Frankreichs war da, und mehr als
bereit, mit dem neuen Regime Frieden zu schheßen. Daß neben dem
politischen Kalkül Snobismus mithef, ist selbstverständlich, sowohl beim
Minister, ihm Faubourg Saint-Germain zuzuführen, wie beim Chef, es
zugeführt zu bekommen. Bonaparte liebte „dieses Parfüm des aken
Adels". Als Kaiser wird er sich eine neue Aristokratie schaffen. Je
— 327
'^'^^er, son 1
vrai, le seul soutien d'une monarchie, son moderateur, son Uvie
point resistent" (B 1 e i).
Dabei gab Talleyrand Napoleon wiederholt zu fühlen, daß d
Kaiser der Parvenü und der Minister der Grandseigneur sei: ß ^^
diesem großen Namen entsprach genau die Geste, die Allure und^d"
Haltung des einzigen Gr an ds e i gn e ur s in Bonapart '^
beamteterund militärischerUmgebung, die na\*
Stendhals Wort ,aus kleinen Leuten' bestand D
Chef kapituherte vor den vollendeten Manieren des GrandseigiieuT
ebenso, wie vor seiner Routine im Traktement der politischen Q^
Schäfte, was beides ihm imponierte, weil er beides nicht besaß wede"
Routine, noch Manieren« (Blei). Als Talleyrand unter dem Kaiser'
tum Oberkämmerer wurde, schrieb ihm zum Beispiel Napoleon ■
„Herr Talleyrand, mein Oberkämmerer, ich schicke Ihnen diese,
um Ihnen meine Unzufriedenheit zu bezeigen darüber, daß die Freitr^'
Einladungen vom Souper sprachen, während sie für mein Diner b^"
stimmt waren. Meine Intention ist, daß man in meinem Haushalt wt
sonst auch den Gesetzen gehorche."
»Der gute Geschmack, Majestät" — antwortete Talleyrand ist Ihr
persönlicher Feind. Könnten Sie sich seiner durch Kanonenschüsse ent
ledigen, es gäbe ihn schon lange nicht mehr."
Oder : „Der Konsul erwartet ungeduldig den Kurier mit dem unter
zeichneten Friedensvertrag von Amiens. TaUeyrand hat ihn bekom
men, steckt ihn in die TascJie und begibt sich, mit der Mappe unter
dem Arm, nach den Tuilerien zur Erledigung der laufenden Ge
Schafte, er unterbreitet dem Konsul Rapporte zur Kritik und Unter
Schrift; kein Zug des Gesichtes verrät, daß er den Friedensvertrag in
der Tasche hat. Der Minister lächelt : Jetzt will ich Ihnen eine große
Freude machen, - hier ist der unterschriebene Friedensvertrag mit
England.« — „Warum haben Sie mir das nicht gleich gesagt?" fährt
der erste Konsul seinen Minister an „Weil Sie mich dann nicht zu
allem anderen gehört hätten. Wenn Sie glückhch sind, sind Sie unzu-
gänglich." Blei, dessen Buch diese Schilderung entnommen ist, meint
dazu, „Talleyrands pädagogische Absicht streif tandieUnve r-
schämtheit". Dabei stammen diese Aussprüche aus der Zeit der
gluckhchen Zusammenarbeit der beiden Giganten, in bösen Zeiten
sagt Talleyrand dem Kaiser noch ganz andere Dinge.
Talleyrands Anteil am Konkordat war ein beträchtlicher, Talleyrand
selbst wurde dem weltlichen Leben wiedergegeben. Napoleon zwingt
— 328 —
"hn s^'"^ Geliebte, Madame Grand, eine hübsche, aber dumme Frau,
heiraten. Auf Napoleons Wunsch kauft er das riesengroße Renais-
ganceschloß Valencay, „um würdig zu repräsentieren". Dasselbe Valen-
„ in das Napoleon später „die spanische Besatzung" der vertriebe-
^nen Bourbonen legen wird.
In einer ganzen Reihe von Fällen überspielt Talleyrand
!den Kaiser. Mit Recht haben verschiedene Biographen darauf ver-
wiesen, daß Talleyrands Macchiavellismus darin bestand. Bonaparte
ni isolieren : gegen die Revolution hin durch die Erledigung der letz-
ten Jakobiner", gegen die Bourbons hin durch Erschießung des Her-
zogs d'Enghien. Es ist kein Zweifel, daß Talleyrand der Initiator der
Ermordung des Herzogs war, ebenso wie Talleyrand ursprünghdi den
katastrophalen spanischen Feldzug unterstützte, weil er hoffte, daß
Napoleon dabei unterliegen und damit stürzen werde. Natürlich hat
Talleyrand seine „Rolle im Falle d'Enghien " und Spanien abge-
leugnet.
Wo beginnt eigentUch der große Konflikt Talleyrands
mit Napoleon? Will man Talleyrand glauben, spielte sich dies so
ab: Napoleon sei, durch seine Siege „förmhch berauscht", in seinem
,unersätthchen Ehrgeiz" nicht geneigt gewesen, den „Weg der Mäßi-
gung", den ihm Talleyrand empfahl, zu gehen und deshalb hätte der
Minister seine Demission gegeben. Nach dem Frieden von Tilsit hätte
Napoleon, der Talleyrand schon vorher zum Fürsten von Benevent'
ernannt hatte, für ihn die Stelle eines Vize-Großwahlherm kreiert, „im
5) Nach dem Höllenmaschinen-Attentat in der Rue Saint Nifaise wurden
auf Talleyrands Rat durch einen Senatsbeschluß (!) 130 Jakobiner deportiert
und 10 zum Tode verurteilt, und obwohl es sich später zeigte, daß Roya-
listen die Täter waren, wurde der Beschluß nicht rückgängig gemacht.
6) In jener Nacht des 2i. März spielt Talleyrand Karten bei der Herzo-
pn von Luynes. Um zwei Uhr sagt er: „Der letzte Conde hat zu existie-
ren aufgehört." Sein dief de Service Hauterive konnte, so gut sie sich mit-
einander standen, sein Entsetzen nicht verbergen. „Na, was verdrehen Sie
die Augen? Was denn, was denn, sind Sie närrisch geworden? Ein Vcr-
sdxwörer wird an der Grenze abgefangen, man bringt ihn nach Paris, man
I füsiliert ihn, was ist da besonderes dabei ?" Die Anekdote hat eine kürzere
Fassung im Satz: „Na, was denn? Das ist Politik, mein Lieber!"
(Blei, S. 130.)
7) „Daß der Kaiser Talleyrand gerade mit der päpstlichen Enklave Bene-
vent belehnte, war ein boshafter Witz Napoleons auf den republikanischen
Bisd:of, der die Säkularisation der kirchlichen Vermögen beantragt und
durdigeführt hatte." (Blei, S. 157.)
— 329 —
Grunde nichts als eine hochangesehene und sehr einträgliche Sin
kure" (Talleyrand, Memoiren, II. 248). Vor allem sei Talleyrand üb "
das Verhalten Napoleons in Spanien empört gewesen :
„Napoleon residierte darauf (nach Jena und Auerstädt) einige 2e'
in Berlin, und dort erhielt er die unvorsichtige Proklamation des He
zogs von Alcudia (des „Friedensfürsten"), die den Abfall Spaniens vo
Frankreich in nahe Aussicht stellte. Das gab wieder Veranlassung z»
einer sehr heftigen Szene : der Kaiser schwur hoch und teuer, er werde
die ganze Linie der spanischen Bourbons bis auf den
letzten Mann vertilgen . . . und ich schwur mir in
j enem Augenblick im Stillen, gleich nach unserer
Rückkehr, es koste, was es wolle, meine Entlassung
zu fordern. Ich konnte der Minister eines solchen
Mannes nicht mehr sein. Bestärkt wurde ich in diesem Ent-
schluß durch die barbarische Behandlung, die Preußen im Frieden von
Tilsit erdulden mußte, wobei ich, gotdob ! nicht tätig war." (Talley-
rands Memoiren, II. S. 240.)
Dies die Talleyrand-Legende. In Wirklichkeit begann Napoleon
Talleyrand zu mißtrauen. Dazu kam, daß die Situation sich auch in
Folgendem geändert hatte: Talleyrand war früher der Mann, der
Napoleons geheimste Gedanken als erster als Staatsnotwendigkeit aus-
sprach, während er j e t z t dem Kaiser Bedenken vorzutragen begann.
(So war z. B. Talleyrand gegen eine harte Behandlung Österreichs.)
Diese Schwenkung T a 1 1 e y r a n d s, der als Realpolitiker die
unlösbaren Verwicklungen, in die sich Napoleon (aus unbewußten
Motiven) hineinmanövrierte, sah und um seine eigene Karriere unter
einem Nachfolger fürchtete, ist das Entscheidende im unbe-
wußten Verhalten Napoleons zu Talleyrand. An-
ders ausgedrückt : es ist die Schwenkung von der Re-
präsentanz der erlaubenden zuder der ve r bieten-
den Tendenzen des Üb er-Ichs, worüber später ausführlicher zu
sprechen sein wird. Talleyrand, der die unbewußten Motive Napoleons
nicht verstehen konnte und in ihm bloß einen Größenwahnsinnigen
sah, der sich und seine Anhänger ins Verderben bringen werde, rückte
vom Kaiser ab. Das moralisierende Gerede Talleyrands in seinen
Memoiren über seine Empörung, ist Maske, da ein Mann, der den
Grundsatz prägte, „der beste Grundsatz in der Politik ist, keinen zu
haben", dazu schon aus rein psychologischen Gründen gar nicht
fähig war.
— 330 —
nie Stelle als Vize-Großwahlherr * ermöglichte Talleyrand, weiter
jf, Hofe eine große RoJle zu spielen und vor allem nicht ausgeschal-
1 tet zu ^^^^' ■^^^ besondere Pikanterie dachte sich Napoleon folgende
Bosheit" (so nennt es Pouche in seinen Memoiren) aus : die beiden
i spanischen Prinzen und ihr Onkel wurden auf Talley-
irands Schloß in Valencay einquartiert, Talleyrand
(also praktisch Kerkermeister® oder wie Napoleon es aus-
I drückt: „Eine ziemlich ehrenwerte Mission, denn diese drei illustren
[Personen zu empfangen und zu amüsieren liegt im Charakter unserer
I Nation und dem Ihres Ranges. M adame Talleyrand möge sich mit
neben, acht Damen ebenfalls nach dem Schloß begeben,
das ein Theater habe, eine Kapelle, — vielleicht gibt es da
auch eine hübsche Weibsperson, an die sich der Prinz
yon Asturien attachiert, man besäße in ihr ein Mittel mehr,
ihn zu überwachen". Der Hinweis auf die „hübsche Weibsperson"
bezieht sich auf Madame Talleyrand, mit der der Onkel des
jungen Königs, Carlos, tatsächlich ein Verhältnis ein-
ging, was Napoleon Talleyrand später brutal vorhielt.?,. Um die Bös-
heit gegen Talleyrand voll zu machen, zahlte Napoleon für den kost-
, spieligen Unterhalt der Prinzen — 50.000 fr. jährBch, also einen
Pappenstiel. Es war praktisch eine Kriegskontribution, die Napoleon
[ Talleyrand auferlegte.
Der „Verrat" Talleyrands an Napoleon hatte drei Etap-
Ipen: in der ersten ließ Talleyrand Napoleon auf die falsche
8) Im „Moniteur" hieß es, daß sich seine Tätigkeit im Ministerium mit
seiner neuen Würde nicht vertrüge. In Wirklichkeit war es eine halbe Kalt-
stellung, versüßt durch ein Gehalt von 500.000 Francs. Napoleon gab auf
St. Helena als Ursache für Talleyrands Entlassung an : „Ein Mann von
Talenten, aber man kann nichts mit ihm anfangen, wenn man ihn nicht
bezahlt. Die Könige von Bayern und Würtemberg hatten sich so sehr über
seine Habsucht beklagt, daß ich ihm das Portefeuille entzog." Eine glatte
Augenauswischerei, da Napoleon von Talleyrands Bestechlichkeit schon vor
-der persönlichen Bekanntschaft genügend unterrichtet war und auch sonst
[derlei Skrupel nicht kannte.
g) Der Beginn der spanischen Atfairen Napoleons ist eine Kette phan-
Itastisdier Betrügereien {„Perfidie" nennt es der nachträglich morahsche Tal-
lleyrand im Jahre i8:6). Napoleon zwang erst den Thronfolger, der durch
leinen früheren Thronverzicht seines Vaters, der später als crrwungen dar-
I gestellt wurde, eigentlich König war, indem er ihn nach Bayonne.also auf fran-
I zösischen Boden lockte, auf den Thron zu Gunsten seines Vaters, und dann
[den Vater zu Gunsten von Napoleons Bruder Joseph zu verzichten.
— 331 —
Fährte setzen (Hineinlocken auf das spanische Abenteuer, Erschieß 1
d'Enghiens), in der zweiten arbeitet er als Napoleons Unt ^
h an dl er mit dem Zaren in Erfurt (i8o8) direkt gegen d ^'
Kaiser, in der dritten und letzten Etappe (1814) wird Talleyr h
Ministerpräsident der ersten Restauration „
Ludwig XVIII. "°'^'
In Erfiirt wird er von Napoleon nicht nur mit der Inszenierung de
ganzen Aufmachung (man spielt „Oedipe" von Voltaire), sonder"^
auch mit den Verhandlungen mit dem Zaren Alexander betraut, y,^
zu auch die Werbung um eine russische Prinzessin gehörte. Beim The
im Salon der Fürstin Thurn und Taxis endedigt sich Talleyrand seine^
Auftrages wie folgt : *
„Was gedenken Sie hier zu tun, Sire? Bei Ihnen liegt die Rettun?
Europas und das werden Sie nur erreichen, wennSie Napoleon
die Stirne bieten. Das französische Volk ist zivilisiert, sein
Souverän ist es nicht. Der russische Souverän ist zivihsiert, sein' Volk
ist es nicht. Also sollte der Herr Rußlands der AUiierte des französi
sehen Volkes sein ... Der Rhein, die Alpen, die Pyrenäen sind die'
Eroberung Frankreichs, das übrige ist die Eroberung des Kaisers-
Frankreich legt keinen Wert darauf...« „Eure
Majestät sollten sich zu keiner drohenden Maßregel
gegen Österreich verleiten lassen, sondern nur gleiche Ver-
pflichtungen da eingehen, wie mein Chef."
Man sieht: Talleyrand hat Napoleon in Erfurt verraten; seinem
Einfluß auf den Zaren war es u. a. zuzuschreiben, daß Napoleon Er-
furt ohne jedes Ergebnis verließ. Dabei sind diese Aussprüche Tal-
leyrands nicht nachträglich von ihm konstruiert worden, wie viele
andere. Es gibt eine Reihe von Bestätigungen zeitgenössischer Me-
moiren, die diese Angaben TaUeyrands voll und ganz beglaubigen
So zum Beispiel ein Ausspruch Metternichs in einer Denkschrift vom
4. Dezember 1808 : .Wir sind also endlich an einem Zeitpunkt an-
gelangt, wosichimlnnerndesfranzösischenKaiser-
reichs selbst Alliierte anzubieten scheinen, und
nicht etwa niedrige Intriganten, sondern Männer, die imstande sind,
die Nation zu vertreten, verlangen unsere Unterstützung.«
In Paris machen TaUeyrands boshafte Bemerkungen über die spani-
sche Expedition — der Kaiser hat selbst den Oberbefehl in Spanien
übernommen — die Runde. Zum Beispiel: „Man bemächtigt sich der
Kronen, aber man eskamotiert sie nicht." Oder: „Nichts einfacher und
— 332 —
'Ats vielleicht notwendiger für das solide Etablissement der napo-
jjjjchen Dynastie, als das Haus Bourbon aus Spanien zu jagen,
ugr wozu solcher Aufwand von Schläue, Per-
fidie und Kunststücken? Warum nicht einfach den Krieg
ffklären, wofür es an Motiven nicht gefehlt hätte? In einem solchen
iKriege wäre die spanische Nation bestimmt neutral geblieben. Ohne
L« im geringsten zu bedauern, eine abgenützte Dynastie fallen zu
fsehen und berauscht vom Renommee Napoleons hätte sie nach schwachem
[widerstand durch die reguläre Armee den freudigen Übergang zur
I jpoleonischen Dynastie vollzogen ..." Oder : „Der unglückliche
faiser setzt seine ganze Situation in Frage durch dieses Unternehmen
egen einen nationalen Willen. Ein nie mehr zu reparierender
{Fehler." (Wie sehr Napoleon seine eigene Jugend verdrängt hatte,
Ibcweist die Tatsache, daß er die nationale Bewegung in Spanien nicht
[verstand, obwohl er selbst an der korsischen teilgenommen hatte.)
Die weiteren Schritte Talleyrands beim Verrat sind folgende: über
lijesselrode, den der russischen Gesandtschaft zur besonderen
[Verwendung für Talleyrand beigegebenen Agen-
Iten, informiert er den Zaren über die Absichten Napoleons '". Nessel-
ode gesteht in seiner Autobiographie selbst ein, „daß er durch
'alleyrand, der im Geheimen auf Napoleons Sturz
fh inarbeitete, am meisten erfuhr." (F. M. Kircheisen,
S. 223.) Die Decknamen für seine Berichte sind: Cousin Henry, Ta.
[Anna Iwanowna, unser Buchhändler, der schöne Leandre etc. Ein
zweiter Weg zum Zaren führt seit Erfurt über die eigene Familie:
IderZar gab dem Neffen Talleyrands die Tochter
Herzogin von Kurland, eine Verwandte des
laren, zur Frau. (Talleyrand hatte übrigens mit Mutter und
iTochter ein Verhältnis). Über die Kurfürstin hat Talleyrand eine
lirekte Verbindung zum Zaren, eine Verbindung, die Napo-
leon kennt, (er läßt die Sekretärin dieses Kreises, Vicomtesse
Laval, zu Beginn des russischen Feldzuges aus Paris ausweisen), und
hier ist wieder das Rätselhafte — gegen die er nichts
in t e rn i m m t.
Talleyrand versöhnt sich während des spanischen Feldzuges mit
10) Es ist bei Talleyrands Geldgier nicht verwunderlich, daß er auch
diese Nachrichten zu kapitalisieren versuchte. Im russischen Hofarchiv findet
sidi ein Brief Talleyrands aus dem Jahre 1810 an den Zaren mit der Bitte
um 1% Millionen Francs.
PiA. Bewegung V — ^^^ — 22
seinem Gegner Pouche, das heißt, er schließt mit ihm einen Pakt f
den Fall des Sturzes Napoleons, auf den beide offen spekuli
beide zeigen sich Arm in Arm bei einem Fest. Madame Laetiti^"^!!^ '
Mutter des Kaisers, verständigt Napoleon, der die W i c h t i ' k ■
des Ereignisses sofort einsieht, und am 17. Jänner /"
Valladolid verläßt, um am 23. frühmorgens in Versailles einzutreff"^
Am 28. Jänner 1809 kommt es zur „großen Abrechnung« mit t"!'
leyrand : ^ ^-
„Mit Talleyrand abzurechnen, hatte der Kaiser einen großen Ann
aufgeboten, um die berühmte Szene des 28. Jänner vor einem Pub?
kum zu agieren, das außer Talleyrand aus zwei Großwürdenträff '"
des Reiches und zwei Ministern bestand, abgesehen von den freiwü?
gen und unfreiwilligen Zuhörern, denn der Kaiser schrie seine Sze
oft so laut, daß man es in den anstoßenden Appartements höre^
konnte. Nicht, daß er schrie, erstaunte, denn das kannte man Aud,"
was er schrie, fiel weiter nicht auf, denn man war unbehe'rrsdite'
Schimpfen beim Kaiser gewohnt. Aber, daß der Beschimpfte es an
den Kaminsims gelehnt hinnahm, ohne mit der Wimper zu zucken
und nur ein einziges Mal das Wort ergriff, weil Napoleon eine di'
rekte Frage an ihn gerichtet hatte, solche kaltblüdge Beherrschung
bestaunte sogar ein so ausgekochter Mann wie Foudie. „Die ich zu
meinen Würdenträgern und Ministern gemacht habe, hören auf
frei zu sein in dem, was sie denken und ausdrücken. Sie können
nichts anderes sein, als Organe meines Denkens. Für sie beginnt
Verrat schon dort, wo sie zweifeln, und der Verrat ist vollendet!
wenn der Zweifel bis zur Nichtübereinstimmung geht." Nach diesen
allgemeinen Worten springt der Kaiser Talleyrand an: „Sie
sind ein Dieb, ein Feigling, ein Mensch ohne
Glauben. Sie glauben nicht an Gott. Ihr ganzer
Lebenslauf war eine fortwährende Pflichtver-
letzung. Sie haben alle Welt verraten und betro-
gen. Ihnen ist nichts heilig. Sie würden Ihren
eigenenVaterverkaufen. Ich habe Sie mit Wohltaten über-
schüttet und es gibt nichts, dessen Sie nicht gegen mich fähig wären.
Seit zehn Monaten treiben Sie die Schamlosigkeit, in der Meinung,
meine spanischen Angelegenheiten stünden schlecht, wem immer zu
sagen, daß Sie stets gegen mein Unternehmen in Spanien gewesen
seien, während Sie es waren, der mir dazu die erste Idee gab und
mich unaufhörlich drängte. Und dieser unglückliche Enghien, von wem
334 —
. g ich seinen Aufenthaltsort erfahren ? Wer hat mich gegen ihn
foehetzt? Was sind Ihre Absichten? Was wollen Sie? Was er-
offen Sie sich ? Sie verdienten, daß ich Sie wie ein
'las zerbreche und ich habe die Macht dazu. Aber ich ver-
chte Sie zu sehr, um mir diese Mühe zu nehmen. Warum habe
■ hSie nicht amGitter des Caroussel aufhängen
jgsen? Aber noch ist Zeit dazu, Sie Scheiße in
'jjjem Seidenstrumpf!" — Talleyrand wurde weder blasser,
Lodi röter, sein Blick blieb auf den Kaiser gerichtet ohne Flackern,
ohne Zucken. Was der General Lannes über Metternich gesagt hat,
man seinem Gesicht nicht anmerke, wenn man dem Mann
1 Tritt in den Hintern gebe, hätte er in diesem Augenblick
von Talleyrand sagen können. Wütend über diese Ruhe,
tjjjiug Napoleon noch einmal zu : „ W arum haben Sie mir
licht gesagt, daß der Herzog San Carlos der Lieb-
laber Ihrer Frau ist?". — Wie sehr er sich zu beherrschen ver-
zeigt Talleyrands Antwort : „En effet, Sire. Je n 'avais pas pense,
ue ce rapport put interesser la gloire de Votre Majeste et la niienne."
ür den Abgang findet der Herzog von Benevent noch einmal ein
t^ort. Er sagt: „Wie schade, daß ein so großer Mann eine
schlechte Erziehung gehabt hat." Am Abend desselben
feages ist er bei seiner schönen Freundin, der Vicomtesse von Laval.
erzählt ihr mit allen Details. „Was? Und Sie haben sich das alles
agen lassen, ohne sich mit einem Stuhl auf ihn zu stürzen?" — „Ich
abe natürlich daran gedacht, aber ich bin für so was zu faul." (Blei.)
Der „Moniteur" vom 30. Jänner 1809 weiß zu melden, daß der
lerzog von Benevent seiner Stelle als Grand-Chambellan enthoben
ei, die er nur als Interim innegehabt hätte. Auf Interventionen Hor-
Jenses (Josephines Tochter, mit der Napoleon nach Angabe Pouches
seinen Memoiren, S. 116, ein Verhältnis hatte,) sagt der Kaiser:
»Ich will ihm nichts Böses, nur wünsche ich nicht mehr, daß er
ndi in meine Angelegenheiten mischt." Und zu Roederer sagt Napo-
leon fünf Wochen später: „Ich will ihm nichts Böses, ich lasse
ihm seine Stellen, ich habe selbst die Gefühle für ihn,
die ich ehemals hatte; aber ich entzog ihm das Recht, zu jeder
Zeit mein Kabinett zu betreten. Er soll und wird niemehr eine bo-
sondere Unterredung mit uns haben, er soll nicht mehr sagen kön-
nen, daß er mir irgend etwas geraten oder widerraten habe." Vier
Jahre später sagt der Kaiser : „Er war überzeugt, daß die Kooperation
— 335 — 22»
Spaniens und Portugals gegen England und selbst die teilwe'
Setzung dieser Staaten durch meine Truppen das einzige MitM
das englische Kabinett zum Frieden zu zwingen. In diesem Sin ^^'
handelte er, trotzdem er nicht das MinisterportefeuiUe hatte "a/^'^'
dann später in seinen Hoffnungen und dem Einfluß, den er auf •
Verhandlungen setzte, sich enttäuscht sah und merkte daß • i,*^"**
entbehren konnte, glaubte er sich düpiert. Er suchte 'sich zu T"
fertigen und machte sidi zum Sprecher der Unzufriedenen Er K
vergessen, daß er den EinfaU gehabt hatte, die spanischen" Bourh
abzusetzen, wie früher die neapolitanischen." Ich bin weit d
entfernt, ihm einen Vorwurf zu machen. Er beurr°i°
die Dinge richtig. Er ist der fähigste Minister gewe,. *
den ich gehabt habe...« s'^^'esen,
Freilich täuschte sich Napoleon, wenn er meinte, Talleyrand sei
Gnade und Ungnade dem Kaiser ausgeliefert. Man denke etwa
den naiven Ausspruch des Kaisers aus der gleichen Zeit- Tallevr.^
als einer von denen, die am meisten dazu bei'getrLTn
haben, meine Dynastie zu etablieren, war zu sehr dLn
interessiert, sie zu erhalten, war zu geschickt, zu voraussichtig 2
mcht aUes zu raten, was im Interesse ihrer Erhaltung und der Ruh
Frankreichs lag . . Er gehört zu den vielen Leuten, wo man immer
Gluck haben muß...« Die gleiche Naivität spricht aus eine
Äußerung Napoleons zur Zeit des Konsulats, wo er zu Combaceres
sagte: „Er besitzt viel von dem, was man für die Negocen braudit-
den espnt du monde, die Kenntnis der europäischen Höfe, Finesse um
da mcht etwas mehr noch zusagen, die Unbeweglichkeit des Gesichts an
der mchts etwas zu ändern vermag, und schließlich emen großen
Namen. Ich weiß, daß er der Revolution nur durch seine
Inkonduite angehört; als Jakobiner und Deserteur aus
seinem Stande bürgt uns sein Interesse.«
Nun war Napoleon sonst nicht allzu naiv; es sind, wie zu zeigen sein
wird, unbewußte Motive, die ihn Talleyrand so schlecht
durchschauen und so unsinnig behandeln ließen. „Es
gab« — sagt Blei — (nach der großen Szene) „immerhin so etwas,
das wie Versöhnung aussah; daß es nur so aussah, blieb niemandem
verborgen. II n'y aura Jamals de raccomodement complet et sincere entre
u) Pasquier verzeichnet 1803 folgenden Ausspruch Talleyrands: „In
Europa existieren bloß zwei große Familien, das Haus Bourbon und da»
Haus Habsburg. Das eine muß man heiraten, das andere verniditen."
336
^UX hommes, berichtet Nesselrode nach Petersburg. Zum Herzog
n Cadore sagt der Kaiser: „Sie haben hundert MiUionen Indemni-
•en für Frankreich stipuliert und alles wird am Schatzamt abgeliefert,
^yeiß. Zu Zeiten Talleyrands hätten wir nicht einmal sechzig ge-
grt und davon wären noch zehn an ihn gegangen. Aber die Sache
^äre '"^ ^^^"^ Wochen erledigt gewesen. Schauen Sie doch dazu." Im
-Lj.jgen gratuliert Talleyrand nach wie vor dem Kaiser zu seinen
«,_eij, bedauert dessen Abwesenheit von Paris, ist entsetzt, als er von
finer Verwundung des Kaisers bei Regensburg hört und der Kaiser
madit ihm Vorwürfe, daß Talleyrand seine alte Freundin, die Herzogin
m Chevreuse, die in kaiserliche Ungnade gefallen, besuchte, aber
;t sich seinen derzeitigen Freundinnen, Frau von Laval und der
Jerzogin von Luynes, empfehlen, nicht zu vergessen die Herzogin
^on Kurland" und deren Tochter Dorothea, die 1808 Talleyrands
Neffen Edmond geheiratet hatte. Und dann kauft er ihm das Pa-
lais in der Rue de Varennes für ein und eine halbe Mil-
lion ab, aber erst im Januar 1812 und nach zwei für die Finanzen
Tslleyrands sehr kritischen Jahren voll ebenso riskanter, wie erfolg-
JHioser Versuche, der Schwierigkeiten Herr zu werden. Er hielt es in
sdnen großen Geldaffären, wie beim Whist, den er jeden Abend, die
Partie zu einem halben oder ganzen Louisdor spielte: wenn er an-
luernd verlor, fand er das „ungerecht" und mogelte. So behauptete
lan wenigstens in London. Er blieb „als ein ruinierter Mann", wie
von sich sagte, noch zwei Jahre in dem Palais Rue de Varennes
kaiserlicher Mieter, der keine Miete zahlte . . ." (Blei).
Durch seinen Nachrichtendienst — Nesselrode und Herzogin von
Kurland — läßt Talleyrand den Zaren 1809 wissen, daß Napoleon
einen Krieg mit Rußland denkt, der etwa im Apne Laufbahn."
Und als Napoleon stirbt und eine Freundin ausruft- Ein Fr.- ■
korrigiert Talleyrand: „Eine Nachricht, Madame S^lffgl^'^r''
.hnaber nicht hindert, einige Jahre später in seinen Sdren^"
schreiben: ..Ich hebte Napoleon." Die Einstellung Tpllyrands T
Napoleon war genau so ambivalent, wie die Napoleons zu Taneytnd
*
Die Frage die Napoleon selbst aufwarf: Warum habe ich Tallev
rand nicht fusiheren lassen? ist nur verständlich, wenn man de In
bewußte Struktur Bonapartes verstanden hat ""
Idi beziehe niich dabei auf eine psychoanalytische Arbeit von Lud
wigjekels („Der Wendepunkt im Leben Napoleons des L ° Imkgo"
194), eine der schönsten, inhaltsreichsten und überzeugendsten T
b«ten aus dem Gebiete der Anwendung der Psydioanalyse auf t
Biogr hk Jekels beschäftigt sich mit der „korsisdien Periode-
Napoleons Es ist unmöglich, den ganzen Inhalt der 68 Seiten d r
rß"uf"daro" "^r" ^^^'^--^^^-' l'-^lich der EinzSheit
mulS auf das Original verwiesen werden
Der Hauptgedankengang ist folgender: Napoleon war in seiner
Jugend ein begeisterter korsischer Patriot und ein
ebenso erbitterter Gegner der Franzosen. Den Führer der
korsisdien Freiheitsbewegung Paoli verehrte Napoleon wie ein h öherL
— 344 ~
^™ t»r»cpn. P.
^esen. Plötzlich wendet sich aber Napoleon von Paoli ab, bezeichnet
jiij als Verräter, aus dem erbitterten Franzosenhasser wird ein be-
geisterter Franzose. Dabei war die Tatsache des Bruches mit Paoli
Iceine belanglose Familienfeindschaft, sondern „derjenige psychologische
Moment, in welchem der Napoleon geboren und geformt wurde, wie
^ir ihn ^^^ ^^^ Geschichte kennen, der durch zwei Jahrzehnte die
V\?elt in Atem hielt, sie in Unruhe und Schrecken versetzte." Die
Frage, die Je k eis stellt — die zünftigen Biographen versagten bei
dieser Fragestellung genau so, wie bei unserer — lautet: Was waren
Jie Motive dieses Umschwungs?
Schon der neunjährige Napoleon machte seinem Vater, der ursprüng-
lich mit Paoli gegen Frankreich gekämpft, dann nach Paohs Nieder-
lage sich der französischen Verwaltung unter dem Gouverneur
Jlarbeuf angebiedert hatte, aus diesem Verhalten einen Vorwurf:
„PaoU war ein großer Mann, er liebte sein Vaterland, und ich
werde niemals meinem Vater, der sein Adjutant war, ver-
zeihen, daß er behilflich war, Korsika mit Frankreich
zu vereinigen. Er hätte seinem Schicksale folgen und mit jenem
zusammen unterliegen sollen." (Mitgeteilt bei Cos ton.) Der Vorwurf
„// a concouru ä la reunion", wird fünfzehn Jahre später an Paoli,
der sich mit England gegen die französische Republik verbündet, in
seiner konträren Bedeutung gerichtet: „// a soustrait ä la reunion."
Seinem Geschichtslehrer de l'Eguille sagte der Konsul: „Von allen
Ihren Lektionen war es die über die Revolution des Connetable de
Bourbon, die mir den größten Eindruck gemacht hat. Aber Sie hatten
Unrecht, mir zu sagen, sein größtes Verbrechen sei es gewesen, daß
er seinem König den Krieg gemacht hat, sein wirkliches Verbrechen
war, daß er herausgerückt ist, um das Vaterland mit Fremden
anzugreifen {attaquer la patrie avec les etrangers). Der Konflikt mit
Paoh kann also auf zwei Formeln zurückgeführt werden:
„attaquer la patrie avec les etrangers",
„il a concouru ä la reunion de la Corse ä la France".
Mit anderen Worten : Was bedeutet in den obigen Aussprüchen
tpatrie (respektive Korsika) und France (respektive les etrangers)? Er-
gebnisse von Analysen führen zur Annahme, daß das Vaterland eine
I vorgeschobene Vorstellung für die Mutter ist, und die Liebe zum
Vaterlande eigendich die Liebe zur Mutter bedeutet. Diese gegen-
seitige Valenz: Vaterland-Mutter war den Alten bekannt, denn wir
— 345 —
lesen bei Herodot (übersetzt von Lange, IL Teil, VL Buch E
107): „Die Barbaren aber führte Hippias nach Marathon, nach'de "^^^^
in der vergangenen Nacht folgendes Traumgesicht gehabt- Es deiTK*"
dem Hippias, er schliefe bei seiner eigenen Mutter a
diesem Traum schloß er nun, er v/ürde heimkommen nach Athen
seine Herrschaft wieder erlangen und in seinem Vaterlande ""**
ben in seinen alten Tagen." Weitere Belege für die Tatsache dJ^T
Vorstellung Vaterland die gleiche unbewußte Bedeutu
und somit die selbe afiektive Quelle hat wie die Vorstell "^
Erde, deren Mutterbedeutung bereits ein psychoanalytischer Genll"^
platz ist, beweisen etwa folgende Stellen: Sueton erzählt c '^'
„Selbst wegen eines Traumes in der folgenden Nacht, der ihn flul' '
Cäsar) beunruhigte — denn er träumte, er habe seine Mutter b"*
schlafen — machten die Traumdeuter ihm Mut zu den größte^"
Hoffnungen, sie gaben nämlich die Auslegung, als sei es ein Vo"
zeichen seiner Herrschaft über den Erdkreis, denn die Mutter dil
er habe unter sich liegen sehen, sei niemand anders als die ErdT
die Allmutter." Ferner spricht das bekannte Tarquinius-Orakel ini
selben Smne. Bei Livius LLXL heißt es: Demjenigen werde die Herr
Schaft Roms zufallen, der zuerst die Mutter küsse fosculum matri
tulerit), was Brutus als Hinweis auf die Mutter Erde aufiaßte
(terram osculo contigit, scilicet quod ea communis mater omnium mor-
taliwm esset).
In Napoleons Pubertätsschriften (es gibt deren eine ganze Reihe)
werden Vaterland und Mutter häufig gleichgesetzt. Zum Beispiel:
„Athen sei ihm (dem Sohn Cimons) immer seine Mutter und
sein Vaterland" (Sur l'amour de la patrie). Oder: „Das Gefühl
sei dasjenige, was den Sohn mit der Mutter, den Bürger mit
dem Vaterland vereinigt" (Discours de Lyon). In einem Briefe
Napoleons an Buttafuoco heißt es: Wie denn, Sohn derselben Patrie,
empfinden Sie nie etwas für sie? Blieb ihr Herz unbewegt beim An-
blick der Felsen, der Bäume, der Häuser, der Gegenden — der Bühne
Ihrer kindlichen Spiele. Als Sie zur Welt kamen, trug sie Sie
anihremBusenund nährte Sie von ihren Früchten, als Sie in das
Alter der Vernunft traten, waren Sie ihre ganze Hoffnung, sie schenkte
Ihnen ihr Vertrauen. Sie sagte Ihnen: mein Sohn, du siehst, in
welch elendem Zustande ..."
Fünf Tage nach seinem ersten sexuellen Erlebnis, worüber Napo-
leon genau im „Rencontre au Palais Royal" berichtet (z. B. bis zur
- 346
ivität, die Dirne zu fragen, was beide im Zimmer Napoleons
jiadxen würden:
Dirne: Kommen Sie, wir gehen zu Ihnen nach Hause, mein Herr.
Jslapoleon: Und was wollen wir da machen?
Dirne : Nun, wir wärmen uns und Sie . . .), verfaßte Napolen einen
' Jlonolog über die Vaterlandsliebe, der an eine nicht genannte Dame
"gerichtet ist. „Sollte Napoleon" — fragt G. Kircheisen, also eine
I joalytisdi gewiß nicht infizierte Biographin — „naiv genug gewesen
sein und mit der Anonymen die Schöne des Palais Royal im Auge
gehabt haben? Möglich wäre es." —
All das führt zuNapoleons starker Fixierung an seine
Mutter. Im Bewußten spiegelt sich dies lediglich in einer Überzärt-
lidikeit. „Sa premiere pensee est pour eile", sagt der Napoleon-Biograph
iJ^Iasson. Umso deutlicher prägt sich der Einfluß der Mutterbindung
im Liebesleben Napoleons aus: er kann nur lieben und heira-
ten in tunlichster Anlehnung an die Mutter. In Napoleons
Liebesleben spielt die „Bedingung der älteren Frau" eine ent-
scheidende Rolle. So macht er — nachdem seine Heiratspläne mit
Desiree Eugenie Clary, seiner Schwägerin, wahrscheinlich aus eben
diesem Grunde gescheitert sind, einigen älteren Frauen einen Heirats-
antrag : der Frau Permon, einer Witwe mit zwei Kindern und der
Freundin seiner Mutter, dann der gleichfalls bedeutend älteren Ma-
dame de la Boucharderie, um sich ein Jahr später in Josephine de
I Beauharnais zu verlieben, die er trotz ihres schlechten Rufes, ihrer zwei
(Kinder, Ihres Alters (Josephine war 9 Jahre älter) bedenkenlos hei-
atet.
' Es kommt nun darauf an, für den Affektwert des Elementes „la
Wrance" respektive „etranger'' die ursprüngliche Quelle aufzudecken
ad diesen Affekt gleichfalls auf konkrete Wurzeln zurückzuführen;
fmit anderen Worten, es muß in Napoleons Jugend jernand
^französischen" gegeben haben, von dem das Kind an-
lahm, daß er sich unter Beihilfe des Vaters mit der
lutter vereinige, das heißt, von dem er meinte, daß er mit der
toter sexuelle Beziehungen unterhalte. Dieser Mann war der
fGouverneur von Korsika und Generalleutnant der französischen
lOkkupationstruppen, Graf Louis Charles Rene de Marbeuf. Der
Gouverneur nahm sich der Familie Napoleons sehr an, verschaffte dem
Vater eine Stellung, einige Brüder Napoleons und er selbst erhalten
Freiplätze in königlichen Schulen, der Gouverneur verpflichtet seinen
— 347 —
^'"t^' f" Bischof von Autun (später Erzbisdiof von I. ,
zur Hilfeleistung. Diese Protektion des Gouverneurs führte da J""^
Laetitia in Ajaccio beschuldigt wurde, mit Marbeuf sexuelle B.."' u^^l
gen unterhalten zu haben-, wobei es für den unbewußten e£u u
Napoleon gleichgültig ist, ob diese Beziehungen wirklich he^Ü .
haben. Als Tatsache kann angenommen werden, daß der klein m"
poleon ebenso wie seine Umgebung genügende Anhaltspunkte f^'
um an ein von seinem Vater toi er i er t e s o d er '
unterstütztes Verhältnis seiner Mutter mit M^''
beuf zu glauben, zumindestens aber, um eine Phantasie zu K'!"'
den, die für das Unbewußte vollen Realitätswert besitzt Und Tä
dies tatsächlich der Fall war und daß dies der tiefere Sinn des J
den Vater gerichteten Vorwurfes war, ,er habe dazu bei^etraf "
Korsika mit Frankreich zu vereinigen", wie für die Gleidise^,
Vater = Marbeuf, dafür spricht noA eine Äußerung Napokonf?
er nach achtjähriger Abwesenheit in Frankreich zu seinem ersten H
laub nach Korsika zurückkehrt; „Meinem Glücke fehlt
damalsnur zwei teuere Menschen: mein Vater und
d e r G r a f M a r b e u f, den wir am 20. September (fünf Tage vor
der Ankunft Napoleons) verloren haben und den meine Familie laZ
betrauerte." Durch die Zusammenstellung von Marbeuf mit dem VatS
ergibt sich, daß der an den Connetable von Bourbon geriditete Vorwurf
sich voihnhaltlich mit dem Vorwurf an den Vater deckt. Und so er
klart sich die bekannte Stelle in „Sur le suicide", (in dem Napoleon"
daran denkt, sich das Leben zu nehmen, „weU seine Kompatrioten in
Ketten zitternd die sie bedrohende Hand küssen"), an welcher Napo
leon ausruft: „Franzosen! Nicht zufrieden damit, daß ihr
uns alles geraubt, was wir geliebt haben, habt ihr
auch noch unsere Sitten verdorben..."
_ Offenbar ist es eine Folge dieser Sexualphantasien Napoleons daß
in seinem Sexualleben die Vorstellung des Mißbrauches einer Ehe
seitens Dritter mit einem so mächtigen Affektbetrag besetzt war, daß
sie ihm als em schweres Vergehen, als gro ße Schuld galt. Schließlich
16) Die moralisierend-empörte Bestreitung dieser Beziehung durch die
™ 7^'""^'=? ^v ß-.^V^""' Kircheisen etc.) spri'cht nicht da-
gegen; daß man auf Korsika daran glaubte, beweist eine Stelle aus der
Adits-Erklarung der Bonapartes durch Paoli: „Die im Schmutze des Despo-
üsmus geborenen, unter den Augen und auf Kosten eines an Luxus ge-
wohnten Paschas (Marbeuf) . . . aufgewachsenen Bonapartes."
— 348 —
^v^tl c
Lird diese Phantasie geradezu bestimmend für Napoleons Einstellung;
^01 Weibe. Sie schafft die Liebesbedingung der Untreue und
Lasterhaftigkeit des Weibes ; die geliebte Frau muß untreu sein,
50 wie die Mutter es war. Besonders deutlich ist dies in Napo-
leons Verhalten zu Josephine sichtbar. Kaum daß er mit der schönen
Kreolin — in die er sich trotz (aber eigentlich wegen) all der
Liebesbeziehungen, die man ihr in der ersten Ehe nachsagte und ob-
wohl (das heißt weil) sie die Maitresse von Barras (dem Führer des
pirektoriums) gewesen, heftig verliebte und sie bedenkenlos heiratete
^ getraut war, muß er sie verlassen, um als neuernannter Oberkom-
jnandant zur italienischen Armee zu stoßen. Von Mailand aus schreibt
gf stürmische Briefe, die Josephine gar nicht beantwortete, da sagt
Jijapoleon zu Marmont: „Meine Frau ist entweder krank oder — un-
treu." Bald daraufkommt Josephine nach Mailand und betrügt ihn mit
einem unbedeutenden Offizier namens Charles. Obwohl Napoleon über
dieses Verhältnis genau unterrichtet war — als er z. B. als Sieger
nach Mailand zurückkommt, weilt Josephine mit Charles in Genua, da
ist er eine Nacht verstört, klammert sich aber an eine ganz unzu-
reichende Ausrede von ihr, um ihr schon am nächsten Tage zu ver-
zeihen und schließt einen Brief an sie wie folgt: „Ich öffne noch ein-
mal meinen Brief, um dir einen Kuß zu geben ... oh Josephine,
Josephine!" — begnügt er sich damit, seinen Nebenbuhler unter einem
Verwände aus der Offiziersliste streichen zu lassen. Einen Wandel
in seinen Gefühlen hatte diese Untreue Josephines nicht zur Folge.
Während des ägyptischen Feldzuges — zwei Jahre später — richtet
sidi Josephine mit ebendemselben Charles ein Idyll in Malmaison ein,
da klagt Napoleon darüber, läßt sich aber nach seiner Rückkehr durch
Josephinens Kinder erweichen und verzeiht Josephine. Und daß er
sogar ganz kurz darauf dasselbeMalmaison,denSchauplatzdes
n ihm begangenen krassen Betruges, zu seinem Lieb-
lingsaufenthalt wählt, mag darauf hindeuten, wie glatt er über
dieses, für andere oft so tragische Erlebnis hinweggegangen ist. Auch
an seinem ferneren Zusammenleben mit Josephine bekundet gar nichts,
daß die Untreue irgendwelchen tieferen Schatten auf sein Empfinden
zu ihr geworfen hätte. Es ist wahrscheinlich, daß die von Napoleon
•geprägte Ansicht: „l'adultere n'est pas un phenomene, mais une affaire
canape, il est tout commun" nichts anderes ist,als ein Versuch, um
die im Unbewußten lustbetonte und geradezu gesuchte Vorstellung
^urch Herabsetzung ihrer Tragweite und ihre Verallgemeinerung auch
iPsA. Bewegung V — 349 2.1
für das Bewußtsein, mit dem sie recht inkompatibel ist, er
machen, und so einem Konflikt vorzubeugen.
Die unbewußte Forderung der Untreue galt bei Napoleon bloß
Frau gegenüber, die er liebte; wo sein Herz nicht oder nur ein w ^'^
engagiert war, verlangte er von der Frau unnachsichtig Treue ^'5
Makellosigkeit. So verweist er Marie Luise strenge, daß sie Comb
ceres im Bette liegend empfangen hatte. Er verschloß selbst der G^"
liebten eines seiner Intimsten, Berthier, der Madame Visconti d^"
Hof, ebensowenig durfte Talleyrands Frau bei Hofe erscheinen ^
weil sie vor ihrer Ehe die Geliebte ihres späteren Mannes war. M^
dame Tallien, seine frühere Protektorin, wird aus ähnlichen Griind*'
noch strenger behandelt. Und seinem Bruder Lucien verzeiht er nk
daß er eine Frau — Madame Jouberthou — geheiratet, die ihm vor
der Ehe ein Kind geschenkt hat und verlangt beharrlich die Trennun'^
dieser Ehe. S
Aber auch ein von diesem Dirnen-(Untreue-)Komplex unzertrennlicher
Bestandteil desselben, nämlich die Verachtung der geliebten, un-
treuen Frau findet sich bei Napoleon — und zwar gleichfalls ver-
schoben — in starker Ausprägung. Napoleon hat ja auch als Frauen-
verächter eine gewisse Berühmtheit erlangt, und er war es nicht nur
Frauen gegenüber, deren Leben nicht einwandfrei war, sondern auch
solchen, deren Konduite eine tadellose war. „Nur gegen eine war er
schwach", meint G. Kircheisen, „gegen Josephine."
Dieser EinsteUung zur Mutter entsprach Napoleons Vaterbeziehun<^
So finden sämdiche Biographen Napoleons Brief, den er anläßlich des
Todes seines Vaters an seine Mutter und den Onkel Luzian schreibt
und der wenig Zärtlichkeit verrät, auffallend. Und noch 17 Jahre
später sehen wir Spuren dieser Einstellung, als im Jahre 1802 der
erste Konsul das Ersuchen und den Beschluß des Munizipalrates von
Montpellier zurückweist, seinem auf der Durchreise in dieser Stadt ver-
storbenen Vater, „dem die Welt den großen Sohn verdankt", ein
Denkmal stellen zu dürfen, ablehnt. Er tut es mit nachfolgender
seichter Begründung : „Lassen wir das, stören wir nicht den Frieden
der Toten, lassen wir ihre Asche in Ruhe. Ich verlor doch auch meinen
Großvater, meinen Urgroßvater, warum tat man nichts für diese? Das
führt zuweit." Derselbe Grund der Ablehnung des Vaters ist es offen-
bar auch, der Louis Bonaparte die Leiche des Vaters ohne Wissen
des Kaisers exhumieren und nach St. Lien bringen läßt, wo er ihm
ein Grabmal setzen läßt.
— 350 —
-Indessen nicht minder groß wie die Ablehnung, ist
\^]x seine Liebe für den Vater, sie ist so intensiv, daß sie ihn
Zeilenweise dahinbringt, sein psychisches Ich aufzugeben, um sich
pjjjz eins mit dem Vater zu fühlen, sich mit ihm zu identifizieren.
Und wer sehen will, wie sehr Napoleon sich als Vater seiner Ge-
jchwister fühk, der lese z. B. die Briefe, die der 15 jährige in Ange-
legenheit seines älteren Bruders Joseph an Vater und Onkel schreibt.
[ Er sorgt sich und befiehlt auch später seiner ganzen Familie wie ein
orannischer und doch, wenn auch ambivalent, liebender Vater.
Die ganze Ambivalenz Napoleons finden wir auch in seinem Ver-
Ihalten zu den Personen der Vater reihe, in die außer Charles Bona-
fpaite, Marbeuf,"Paoli und — last not least — der König gehören.
Es gibtnur äußerst wenige unter ihnen (den Königen),
die es nicht verdient hätten, abgesetzt zu werden," notiert
der revolutionäre Republikaner Napoleon in seiner „Dissertation sur
l'autorite royale". Oder im „Discours de Lyon" : „Man weiß zur Genüge,
' ^e die Könige immer egoistisch waren, sie glaubten, in ihnen wäre
Lihr Volk, ihre Nation' etc. — Einen noch deuthcheren Hinweis auf
[die Beschaffenheit dieses Königshasses findet man im Traktat „Sur
ll'amour de la patrie", wo der Syrakusaner Dion als Muster einer
Iwahren und echten Vaterlandsliebe angeführt wird: „Dion besaß ein
Igroßes Vermögen, war von vornehmem Geschlecht und genoß eine
Iverdiente Hochachtung. Was fehlte ihm denn zu seinem Glücke? Ihr
IsdiwächUchen Seelen, ihr könnt nicht erraten und ihr wagt zu sprechen?
ISein Vaterland ist Sklave eines Tyrannen, den er liebt
|un^ achtet, aber doch eines Tyrannen." Bezeichnenderweise
dieser Passus, offenbar weil Napoleon selbst die Analogie zu seiner
genen erweiterten Vaterbeziehung zu deutlich war, im Manuskript
Bhne jede Nötigung gestrichen.
Napoleon stellte sich zum König ebenso ambivalent, wie
17) Napoleon ist Marbeuf gegenüber nicht bloß von dem analytisch
erschlossenen Haß erfüllt. Es mangek nicht an Anzeichen einer gewissen
Anhänglichkeit. Der Ausspruch Napoleons „Meinem Glücke fehlten damals
nur zwei teuere Menschen : mein Vater und der Graf Marbeuf . .", wurde
bereits zitiert. Es sei ferner darauf verwiesen, daß Napoleon, der in seinen
Jugendschriften so schonungslos gegen die Korsika vor der Autonomiever-
leihung verwaltenden französischen Generäle ins Feld zieht, niemals unter
denselben Marbeufs Erwähnung tat und sich mit der Nennung anderer be-
gnügt, obwohl gerade Marbeuf auf einer öffentlichen Gedenktafel als „Tyrann
des stöhnenden Korsika" bezeichnet wurde.
I
I
351 — S3*
zum Vater und Marbeuf, er war bloß mit halber Seele ß
lutionär und Königsstürzer, mit der anderen aber der Revolutio ^T
holt und dem König geneigt. Es gibt eine Reihe von Aussprü l!
Napoleons, in welchen er die Revolutionäre als Pöbel beschimnfr °
die Partei des Königs ergreift. Als am lo. August 1792 Nanol
sieht, wie die Revolutionäre, die b die Tuilerien eingedrungen war^
dem Könige eine Jakobinermütze aufsetzten, sagt er zu Bourien
„Wie konnte man diesen Vorstadtpöbel einlassen! Man hätte v"^'
hundert bis fünfhundert mit Kanonen wegfegen sollen und der i^^'
hatte des Weite gesucht«. Noch deutlicher aber äußert er seine S^T
lungnahme für den König, als er am 10. August die niedergemetzeitel"
Schweizer sieht,'« Da erklärt Napoleon: Jch fühle, daß, wenn m
mich gerufen hätte, ich den König verteidigt haben würde.«
Trotzdem ist es unverkennbar, daß die Revolution die ne?
tive Komponente seiner ambivalenten Einstellung zL"
Vater zur mächtigsten Entfaltung gebracht hat. Steht doch während
der Revolutionsjahre der König fortwährend im Verdachte, fremd!
Machte zu Hilfe zu rufen und mit ihnen das Vaterland angreifen 2
woUen. Somit will ja auch Ludwig XVI - genau so wie in der Phan
taste der Vater Bonaparte - die Mutter den Fremden ausUefern Das
bestimmt zutiefst seine Haltung zu Paoli. Doch erst nachdem der
Konig am 18. Jänner 1793 zum Tode verurteilt und am
21. hingerichtet wurde, da erst äußert sich bei Napoleon
der Anschluß an Frankreich in entschiedener, unzwei
deutiger und unwiderruflicher Weise. Nun erst, nachdem
der Vater, der verhaßte Anstifter all des Unheils, der ihn am Besitze
der Mutter gehmdert, sie aber trotzdem mit Fremden geteilt hat sem
Verbrechen mit seinem Kopfe gesühnt hat, erst da sehen wir Napoleon
ach entschieden Frankreich zuwenden. Denn durch die Tötung des
Königs ist ja der wesendiche Teil seiner ödipusphantasie erfüllt worden
und da ist es ja nur selbstverständlich, daß er - durch den Ansdiluß
an Frankreich - die freigewordene Mutter in Besitz nimmt und so
diese symbohsche Realisierung zu einer vollständigen macht. Überdies
ist aber diese Akzeptierung des vom Vater geschaffenen Sachverhalts
auch die Identifizierung mit dem Vater, somit auch Ausdruck der Liebe.
Sie erfolgt aber zugleich aus einem, nach Stillung des Ha sses sich re-
18) Auf St. Helena sagte Napoleon, daß der Anblick der getöteten
Schweizer ihn mehr erschüttert hätte, als der Anblick aller seiner späteren
— im Vergleich damit gigantischen — Schlachtfelder.
352
^H^oden Schuldgefühl*" und ist auch eine Sühne und Bußhandlung. Und
^«iiließlich dürfte auch die Identifikation Napoleons mit Marbeuf die-
jglbe mitbestimmt haben. Und so wird auch Frankreich — das bisnun
ffir Napoleon Marbeuf und die Preisgebung der Mutter an denselben
bedeutet hat — • zum Symbol der Mutter selbst, zur mere patrie, die
gf lieben und verteidigen wird.
Die einzelnen Phasen der Beziehung Paoli-Napoleon müssen im
Qpginal nachgelesen werden ; wichtig ist, daß sich Saliceti — dem sich
fjapoleon anschloß — als einziger korsischer Abgeordneter für die
inrichtung des Königs gestimmt hat, während PaoK den Königsmord
jusdrüdklich ablehnte. Nach Beseitigung des Vaters (Königs) hat sich
fjapoleon mit ihm identifiziert, sich selbst zum Vater gemacht, wofür
ohl seine Akzeptierung des politischen Programms des Vaters, (der
it Marbeuf verbundenen Mutter) spricht, und da ist es erklärlich, daß
auch die letzte Vater-Imago, Paoli beseitigen wollte. Überdies muß
^, ebenso zufolge dieser Identifizierung, das Vorgehen des Vaters
gegenüber Paoli wiederholen, denn Charles hatte ja, nachdem er durch
viele Jahre an der Seite Paolis in treuer Anhängerschaft gestanden,
denselben dann gegen Ende des Unabhängigkeitskrieges gleichfalls ver-
lassen und sich den Franzosen zugewendet, sodaß Napoleon seinen
ater darin geradezu imitiert.
Auch die ganze wohl rationalisierte England-Politik Napoleons "(die
Ingländer wurden ihm geradezu zum Schreckgespenst) erhält von hier
eine affektive Fundierung. In seiner Jugend war Napoleon durch-
Sis englandfreundlich, hatte ja England den FlüchtHng Paoli aufge-
nommen und ihm sogar eine Pension zugebilligt. In der „Nouvelle de
Corse", in der alle Franzosen, nur deshalb, weil sie Franzosen sind,
getötet werden, rettet sich ein Mann das Leben, indem er sich als
Engländer ausgibt. Als Paoli sich von Frankreich abwandte und mit
[England paktierte (dem er Korsika später tatsächlich auslieferte), ergab
19) In seinen Memoiren berichtet der Kanzler Pasquier: „ . . Bonaparte,
anfangs . . an Paoli attachiert, zögerte nicht, sich von ihm zu trennen. . . Es
war dies bei der Nachricht von der Verurteilung Ludwig
XVI, daß er diese Partei nahm. Ich habe das Faktum von Herrn Semon-
iville, der damals als Kommissar der französischen Regierung sich in Korsika
aufhielt." Bonaparte weckte ihn bei Nacht. „Herr Kommissar", sprach er,
,idi habe gut unsere Lage erwogen, man will hier eine Torheit begehen;
derKonvent hat zweifellos ein großes Verbrechen begangen
Iund ich beklage es mehr denn jemand, aber Korsika muß, was auch
kommen mag, mit Frankreich vereinigt sein." .
I
— 353
sich für Napoleon unbewußt die alte Konfliktsituation: gede I,
doch Paoli das große Verbrechen, das seinerzeit Charles BonapaT
begangen hatte und mit dem sich Napoleon kaum eben und zw
um den Preis eines schweren Opfers abgefunden hatte, zu wiederhok^""
Durch diesen restlosen Zusammenbruch der Liebe zum Vater er ^ h
sich für Napoleon die extremste Negation des Vaters, ge e
den er von nun an einen unaufhörlichen, schonungs- und erbarmunr
losen Kampf führen sollte. ^'"
Von nun ab soll in Napoleons Brust das unstillbar
Verlangen nach dem Besitz der Mutter nie mehrzurRuh^
gelangen und der gewaltige Kampf um sie mit dem
Vater bildet wohl das gewaltigste Epos der Mensch
heitsgeschichte. Korsika wird völlig entwertet (er verbietet seiner
Mutter korsisch mit ihm zu sprechen) und nun beginnt eine nimmer'^
müde und nimmersatte Suche nach Ersatz, auf der seine von
Heißhunger gequälte Phantasie gierig ein Land nach dem anderen be
gehrt, derart eine schier endlose Reihe von Surrogaten
bildend, die jedoch als solche seine Gier nie auch nur annähernd
zu befriedigen vermögen. Er tränkt auf dieser Suche die Länder in
Blut, versetzt die Welt in Schrecken, verändert das Antlitz Europas-
umsonst, all das kann seinen Hunger nicht stiUen . . . Und als Kaiser
besdieidet er sich ebensowenig mit der „Maitresse", die ihm nach
seinem eigenen Ausspruche Frankreich bedeutet, will „Herr des Uni-
versums" sem - und dies alles getrieben von einer kaum dagewesenen
Gewalt des inzestuösen Verlangens nach der Mutter, und einem
schrankenlosen Trotz gegen den Vater, wie er in der Menschheitsge-
schichte ganz vereinzelt dasteht! Es hieße hier die ganze Geschichte
des napoleonischen Zeitalters rekapitulieren, wollte man den Haß und
Trotz, den Napoleon, bei dieser nie rastenden Suche nach der
M u 1 1 e r, s e i n e r V a t e r - 1 m a g o - den unterschiedlichsten Herrschern
Europas — entgegenbrachte, im Detail nachweisen. Nur summarisch
möge daran erinnert werden, wie er sich zu Kaiser Franz von Öster-
reich, König Friedrich Wilhelm III. von Preußen, zu den Königen von
Spanien, Portugal, Neapel, zu den demschen Königen und den Bundes-
fürsten und nicht zuletzt zum Papst Pius VII gestellt, wie er sie provo-
ziert und die Besiegten drangsaHert, gedemütigt, herabgesetzt und er-
niedrigt und die Abhängigkeit von ihm hat fühlen lassen. Aber keine
Dynastie hat er auch nur annähernd mit dem gleichen Hasse behandelt,
wie die Bourbons, deren ahnungs- und schuldlosen Sprossen, den
— 354 —
■^
^en d'Enghien er zum Entsetzen aller Welt füsilieren läßt, um sich
Monate .später die Kaiserkrone aufzusetzen.
r I
Nun, da wir durch Jekels meisterhafte analytische Schilderung der
«flbewüßten Struktur Napoleons '» unterrichtet sind und aus dem ersten
ibsdinitt die historischen Tatsachen der Talleyrandepoche kennen,
«yoUen wir an die Frage herangehen: Was bedeutete Talley-
Pand für das Unbewußte Napoleons? Denn mit dieser
[einzigen Frage steht und fällt die einzige Möglichkeit, das so undurdi-
yditige Konvolut der Beziehung Talleyrand-Napoleon zu entwirren.
r In einer matten und sonst bedeutungslosen Arbeit über Talleyrand
Ls dem Jahre 1870 sagt Sainte-Beuve das erstaunliche Wort:
I Monsieur de Talleyrand est un sujet des plus compliques, il y avait
hlusieurs hommes en Im" (S. 39)- Dieses als Apergu ausgesprochene
I Wort ist richtig und ist vor allem in Talleyrands Beziehung zu Napoleon
Ireversibel: für Napoleon waren in Talleyrand „plusieurs hommes".
Jnd zwar : ,.,/-.■■
1) Talleyrand (=Marbeuf), der geliebte Gönner.
• TaUeyrand tritt Napoleon vorerst als Grandseigneur entgegen, der
1 Napoleon imponiert". Dieses Minderwertigkeitsgefühl versucht der
iGeneral sofort zu kompensieren, indem er Talleyrand vorhält : „Sie sind
ein NeSe des Erzbischofs von Reims, der sich jetzt bei Ludwig XVffl
befindet. Ich habe auch einen Oheim, der Erzdiakon von Korsika ist
und der mich erzogen hat. Sie wissen, ein dortiger Erzdiakon ist soviel,
wie ein Bischof von Frankreich« (Talleyrand, Memoiren I. S. 202).
Der Ausspruch ist für das spätere ambivalente Verhalten Napoleons
typisch: im ersten Satz eine Aggression (der Vorwurf des Zusammen-
hangs mit den verhaßten Emigranten), im zweiten eine Schmeichelei
in der Form: wir sind beide große Herren.
20) Ich wüßte keinen einzigen Einwand gegen Jekels Arbeit vorzubringen
es sei denn das Detail, ob nicht Napoleons alter Haß gegen Frankreidi aut
einem Umwege über die Leiden, die er als Kaiser dem franzosisdien Volke
zufügte — Frankreidi bezahlte die Gloire mit drei Millionen Toten — sich
Idodi auslebte. Jekels Arbeit, vor 20 Jahren entstanden, ist heute nodi so
iugendfrisch, wie bei ihrem Entstehen. .
21) Es ist bekannt, daß gute Manieren Napoleon maßlos imponiert haben,
obwohl er sie bewußt zeitweise veraditete. So nahm er z. B. beim Schau-
spieler Talma Lektionen. H. Bahr hat diese Episode lustig m seiner
Komödie „Tosephine" verulkt.
I
— 355 -
Talleyrand tritt also in die Reihe der Vater-In,a.ines •
Charles Bonaparte, Marbeuf, Paoli, Ludwig XVI etc.) Daß S. ""
jn dieser Schid^te Napoleon vorerst unbewußt an M^rbeuT e Ce"^
haben mag dafür spricht die Tatsache, daß Napoleon bis 4 d*
Zeitpunkt niemals mit einem Altadeligen, außer mit Marbeuf Um r""
hatte Audi war Talleyrand 15 Jahre älter und „protegierte« Na^of'
Dazu kommt nodi folgendes sonderbare Detail : Der erste franl?'
Ort m weldiem Napoleon als 9%jähriger Knabe iSg" "£7*^
weilte, war Autun. Dasselbe Autun^^ dessen Bischof T a , ^
rand war. Dasselbe Autun endlich, in welchem m/k^'
Bruder ebenfalls Bischof gewesen war. Da ist e" ^dit"''
verwunderlidi, daß diese unbewußte Identifizierung auA^uf r'j
dieserAußerlidikeiten vorgenommen wurde. Die Identlnzier, """^
reihe geht also über Archidiakon Lucian die R T"
Marbeuf (den Gouverneur und den Bisdiof) "Xr os! h "
la^en'^P "^T^^""^ '^"^'^^ ^'"^ ^ ^ -^^st ' wei' e„?
aufene Priester: Joseph und den Onkel Fesdi feinen Br^"
Lamia^, der nadi der Fludit der Bonapartes aus KorTika in M«
Knegsheferant wird. (.Der geistlidie Onkel legt die Kutte ab "^J
Bischofssitz ,ibt. Soweuirist! Ji^^n^^^^^^^^ f ^^
30. Dezember iryS-.i L U tvT 1"' '"" f ^'/^jä'^"^- Knabe
bis er leidlidi fJJzösisdi getShätll^R M. Kir^^Sfenr^t'^ ^*-
em Brief des 15 ähriffen Nanolenn ,„ „»• t, , 'f '^''^ "senj. — Es existiert
dagegen wehrtf'daß' ein 8°^ To'prd^r ' " ''■'''^T ''"^ ^^P°'-"
werden sollte und plöSki seineS' . ""P^-^ngHch Priester
entdedcte, Soldat ^^rä/Cf j:\SrSV''' ^^3 Offizierslanf bah„
liehe Gnaden von Autun härt^ it, »•••Seine bischöf-
gcgeben und er wtr sLher R J". V"' reichliche Pfründe
Talleyrand der Nlchföl/er de, R .'". W^'""-" ^"""^ ^«
von Joseph, Napoleons Brude" weLerPriel^ """'!"' "■^^'^ ^"
Bnef ist abgedrucktbeiWencke -Wndrerri S Tfft" y'''- °"
hang nnt Talleyrand ist dort natürlich nicht heLLllt - DifT'T'
der Biographen, ob der Bischof Marbeuf ein RrnT ? ^ Angaben
sein Neffe war, sdiwanken f1 In t / ^, '^^^ ^°"^"°^"^« °'*«
das belanglos. ™'^^"''^"- ^"«^ den hier dargestellten Zusammenhang ist
istlara~7£'GrvZ Talleyrand beide Marbeufs in sidi. er
Bischof. Gouverneur und Bisdiof. wie Marbeufs Bruder, der
— 356
J
i
il
macht Geschäfte, man kommt in die Seidenbrandie" Ludwig S. 37).
^uch da also ein Verbindungsweg zu Talleyrand.
Erleichtert wird diese günstige Beziehung endlich durch eine starke
homosexuelle Bindung Talleyrands an Napoleon: Talleyrand wollte
ursprünglich Offizier werden, konnte dies aber nicht wegen seines
lOuinpfußes und sah in der ersten Zeit in Napoleon ein Teil des
eigenen Ichs, das das erreichte, was er immer unbewußt wollte: die
siegreiche Offizierslaufbahn wie Talleyrands Vater. Näheres in der in
Vorbereitung befindlichen Arbeit des Verfassers über Talleyrand.
Für Napoleon wieder aktivierte die freundschaftliche Beziehung zu
Talleyrand auch einen Teil der unbewußten homosexuel-
len Beziehung zu Joseph. Wie stark diese war, ersehen wir
aus Briefen, die der enttäuschte Joseph als König von Neapel an
Napoleon schrieb. (13. August 1806, zitiert nach Kleinschmidt):
„Niemals wird dieser glorreiche Kaiser für jenen Napoleon ent-
schädigen können, welchen ich so sehr geliebt habe und welchen ich,
wenn man sich auf den elysäischen Feldern wiederfindet, so wieder-
k zufinden wünsche, wie ich ihn vor 20 Jahren gekannt habe."
■ Napoleons Antwort lautete (23. August 1806):
I „Ich bin betrübt, daß Sie glauben, Ihren Bruder erst in den elysäi-
sdien Feldern wiederfinden zu können. Es ist ganz einfach, daß er
mit 40 Jahren nicht mehr dieselben Gefühle wie
mit 12 hat..."
Ferner ist ein Brief Napoleons an Joseph vom 24. Juni 1795 er-
halten, der diese homosexuelle Bindung noch deutlicher zeigt:
. „In welche Verhältnisse auch das Leben dich stellen möge, du
kannst und du weißt dies, mein Freund, keinen besseren Freund als
mich haben, keinen, dem du teurer wärest und der auf-
richtiger dein Glück wünschte. Wenn du abreisest und denkst, es sei
für einige Zeit, schicke mir dein Bild. Wir haben so viele
Jahre zusammengelebt, so enge verbunden, daß unsere Herzen
sich verschmolzen haben und du weißt besser
als jemand, wie das meine dir ganz angehört.
Während ich diese Zeilen schreibe, fühle ich eine Bewegung,
die ich selten in meinem Leben empfunden habe.
Ich fühle wohl, daß wir uns so bald nicht wiedersehen werden und
kann nicht weiter schreiben" "*.
24) Man vergleiche mit diesen von echtem Gefühl erfülhen Zeilen etwa
I
n
In der ersten Zeit war Talleyrand unleugbar der Protektor Na
leons, organisierte mit ihm den 18. Brumaire, half mit Geld Rat ^°Ä
Tat. Auf diese Zeit beziehen sich Talleyrands Worte: Ich lieh
Napoleon- und Napoleons Ausspruch: „TaUeyrand hat am meiste
dazu beigetragen, unsere Dynastie zu etablieren."
2) Talleyrand (-Marbeuf). d i e Va t e r- Im ag o di.
den Vatermord billigt, inspiriert und organisiert
Ich habe früher (Seite 326) darauf hingewiesen, daß in der erste
Zeit Talleyrands Bedeutung für Napoleon auch darin bestand daß °
als lebendiges ,E s-is t- e rl aub t" dem Konsul die 'geheim'
sten Gedanken, die er noch gar nicht auszusprechen wagte, als nächst'
hegende Staatsnotwendigkeit darstellte. Taüeyrand repräs entiert also
die eisige Kälte, mit der der scdizehn jährige Napoleon den T^d~T^
Vaters in einem Brief an seine Mutter behandelt: "
TT , j- r, . . Paris, den 28. März lySr
Heute, wo die Zeit meinen ersten Sdimerzensausbrudi etwas beruhi« har
beeile ich midi, Ihnen zu danken für die Güte, die Sie stets für uns Jehab
haben. Trösten Sie sich, liebe Mutter, die Umstände wollen et
Wir werden unsere Aufmerksamkeit und Dankbarkeit verdoppeln und glücklil'
sein, wenn wir durdi unseren Gehorsam Sie ein wenig über den Verlust dl*
gehebten Gatten trösten können. Idi sdiließe, liebe Mutter. Mein simer
befiehlt mir, indem ich Sie bitte, sidi zu beruhigen. Meine Ge sündige
m vorzüglich, und idi bitte alle Tage, daß Ihnen der Himmel ähnM
Wohlergehen sdienke. Grüßen Sie Tante Gertmde, Großmutter FesA
t Königin vonFrankreich ist einesPrinzen geneseV
mit Namen Herzog der Normandie, am 27. März, 7 Uhr abends.
Napoleone di Buonaparte.
Der sonderbare Kondolenzbrief - „Trösten Sie sich . . meine
Gesundheit ist vorzüglich" - ist selbst nicht analytisdi Denkenden
z.B. einigen Napoleon-Biographen aufgefallen. Das Postskriptum des Briefes'
mit dem f^mweis auf den Sohn Marie Antoinettes enthält möglicherw sc
eine besonders bissige Anspielung. Bekanntlidi galt Marie Antoinette als de
lasterhafteste Frau Frankreidis. Und zwar audi bei Napoleon, wofü wir
S ? r L M "^'/ ^'"' A"'°'°^«- (S- 333). Napoleon hätte, als Fersen,
der Geliebte Marie Antomettes, im Jahre sedis nadi dem Tode der Königin
die sdiwedisdie Regierung auf dem Kongreß von Rastatt vertreten solke.
diesen mit der Begründung brüsk abgelehnt, „er verhandle nidit mit Fersen
dessen royahstisdie Gesinnung er kenne und der überdies mit der
Königin geschlafen habe."
Möglidierweise ist audi das Postskriptum ein Beweis, daß Napoleon an
der Treue der Mutter zweifelte, wofür audi die „legislatorisdie Projektion"
^■'! 1 l ,'^'^' Unsidierheit, der Grundsatz des Code Napoleon- „U
redierAe de la patemüe est interdUe' spredien würde.
— 358 —
dieser Zeit das gewährende, schuldgefühlsersparende Über-Ich. So
licht Talleyrand in seinen Briefen an den siegreichen General Bona-
p'arte suggestiv vom Imperium. Talleyrand schiebt Napoleon die AU-
[jnacht zu : gibt dem Konsul den Rat, die auswärtigen Affairen nur mit
lim zu besprechen etc. Es ist kein Zweifel, daß dies für Napoleon
eine große Schuldgefühlsentlastung war. Denn Napo-
leons immer waches S tr a f b e du r f nis resultierte ja zu-
liefst aus dem Ödipuskomplex. Und da ergab sich folgende — ge-
Fradezu diabolisch witzige — Situation : Napoleon wollte zur Zeit des
Direktoriums am 2i. Jänner, am Tage der Hinrichtung des Königs,
^' dem offiziellen Gedenkfeste nicht beiwohnen. (Siehe Seite g2$Q Und nun
sendet das Direktorium Taüeyrand als Vermittler. Oder in Napoleons
eigenen Worten:
„Talleyrand bot seine ganze Beredsamkeit auf,
;r suchte zu beweisen, daß dieses Fest gerecht
rare, weil es politisch wäre. Politisch wäre es,
ienn alle Länder und alle Republiken hätten stets
len Sturz der despotischen Gewalt und den
'yrannenmord als einen Triumph gefeiert. So
lätte Athen den Tod des Pisistratus, Rom den
iturz des Decemvirn verherrlicht. Übrigens sei
las Fest durch ein Gesetz geboten, dem das ganze
, and unter worfen sei un d si c h j e d er zu fügenund
pu gehorchen habe."
Nun wissen wir aus Jekels Arbeit, welche entscheidende Be-
deutung (trotz gelegentlicher Abwehr des Königsmordes) die Hin-
^ditung des Königs für Napoleon hatte, die er unbewußt auch voll-
lommen billigte. Daraus ergaben sich aber für Napoleon die stärksten
Hnbewußten Strafwünsche. Ist es da nicht für Napoleon
;in Glücksfall ohnegleichen, wenn der Vater
'selbst (repräsentiert durch die Vater-Imago Talleyrand) d e n M o r d
an sich selbst billigt, entschuldigt und für berech-
tigt erklärt, denselben Mord, der die Quelle der
stärksten S chuldgefühle für Napoleon darstellt?
Diese für Napoleons Schuldgefühlsentlastung und somit für die
ganze Beziehung zu Talleyrand entscheidende Szene ist —
wie nicht anders zu erwarten — in keiner der bekannten
Talleyrand- oder Napoleon- Biographien verwer-
tet. Und doch enthält sie den Schlüssel zum Ver-
359 —
ständnis der Beziehung dieses außerordendichen Mensel,
zu Talleyrand.
Übrigens ist — nach Ansicht Napoleons — Talleyrands gan7
Lebenslauf ,eine einzige Verräterei«. Er wirft ihm in der groß*
Szene« alle Verbrechen an den Kopf, die er, Napoleon, selbst b"
gangen hat, respektive unbewußt zu begehen wünschte. Und wied^*
setzt hier die Schuldgefühlsentlastung ein : er sieht einen Mensche^"^
der „so viele Verbrechen« begangen hat, frei, höhnisch, zynisch ^
anscheinend ohne Schuldgefühle leben. Schon diese „TatsacheTal
leyrand« war in einer bestimmten Schichte für Napoleon eine Ge'
Wissensentlastung. Das ist eine der Ursachen, die Napoleon immer
wieder Talleyrands Gesellschaft suchen Heß.
Talleyrand billigt somit für das Unbewußte Napoleons nicht nur
den Vatermord, er inspiriert ihn sogar zweimal: Tal
leyrand ist der Einbläser Napoleons bei der Ermordung En-
ghiens und der Thronentsetzung der spanischen Bourbo]
nen. Und da die „spanischen Affairen« eine der Ursachendes
Konflikts zwischen Napoleon und Talleyrand darstellen, muß näher
auf diese eingegangen werden.
Was hat sich eigentlich vor und in Bayonne zugetragen? Aus den
Geschichtsbüchern erfahren wir meistens bloß, daß Napoleon „durch
unglaubliche Intrigen« erst den Sohn des Königs, dann den Vate"r, den
König selbst, zum Thronverzicht zu Gunsten Josephs (Napoleons
Bruder) bewogen hat. Was sind nun diese „unglaublichen Intrigen«^
Wir besitzen in Talleyrands Memoiren eine minutiöse, durch die
Augen des Hasses gesehene, klarsichtige DarsteUung der spanischen
Abenteuer Napoleons, die schon deshalb wahr ist, weil die Handlungs-
weise Napoleons in Spanien so aufreizend war, daß der beste An-
griff Talleyrands auf Napoleon in der wahrheitsgetreuen Wiedergabe
seiner Handlungsweise lag.
Die „spanischen Angelegenheiten" bilden ein eigenes Kapitel in
Talleyrands Memoh-en. Es beginnt mit einem Ausspruch Napoleons:
„Wenn es da rauf ankommt, kann ich auch das Löwenfell ablegen und
25) Es besteht eine gewisse Berechtigung zu der Annahme, daß Napo-
leons Zynismen zum Teil auf der Identifizierung mit denen Talleyrands
beruhen. Wir kennen kernen einzigen zynisdien Ausspruch Napoleons aus
semer vortaUeyrandischen Zeit. Bzgl. der Psydiologie des Zynismus sei auf
eine Arbeit des Verf. („Zur Psychologie des Zynikers" Psychoan. Bewe-
gung 1933- H. l und 2) verwiesen.
— 360
Fden Fuchspelz kriechen." Dazu bemerkt Talleyrand : „Die Menschen
ntergehen und hinters Ijcht führen, war nämhch nicht allein sein größtes
l'ergnügen, sondern es war ihm zur zweiten Natur, zu einem wahren
edürfnis geworden." Auch da wieder ein Berührungspunkt mit Talley-
^nd. Man hat manchmal den karikaturistischen Eindruck, Talleyrand
|i ein nach außen projizierter Anteil Napoleons und Napoleon einer
f^alleyrands gewesen.
Spanien — so berichtet Talleyrand — war 1807 seit dem Frieden
on Basel, also seit 11 Jahren ein treuer Bundesgenosse Frankreichs
^vvesen und hatte ihm alles gegeben und reichlich gegeben: Geld,
Idiifie und Soldaten. 1807 — zu Beginn der „spanischen AfFairen" —
standen 20.000 Spanier im Norden Europas unter den französischen
Fahnen. Seitdem Napoleon selbst auf einem bourbonischen Throne saß,
betrachtete er die Fürsten, welche noch die zwei anderen innehatten
(Neapel, Spanien) als seine natürlichen Feinde, die er in seinem per-
sönlichen Interesse stürzen mußte. Wie sollte er aber dem befreundeten
Spanien den Krieg erklären, ohne seine ehrgeizigen dynastischen Inter-
essen offen zu bekennen ? Napoleon schlug folgenden Weg ein : unter
der Maske der Freundschaft ließ er Spanien mit französischen Truppen
überschwemmen, wozu ihm Portugal den Vorwand lieferte, das sich
noch immer weigerte, mit England zu brechen. Diesen Umstand hatte
der Kaiser in dem Tilsiter Vertrag mit Rußland vorgesehen, und zwar
durch einen Paragraphen, der dahin lautete, daß Portugal, wenn es
mit England befreundet bliebe, als Feind betrachtet werden solle. An-
statt einer Kriegserklärung schloß also Napoleon ein neues Bündnis,
natürlich nur zum Schein, mit Spanien (Vertrag zu Fontainebleau am
27. Oktober 1807). Die weiteren „wirklich abscheulichen und hinter-
listigen Intriguen" waren: Im März 1807 schickte der Prinz von
Astur ien, der Thronfolger und älteste Sohn des Königs, seinem
früheren Erzieher, dem Domherrn von Toledo, einen Brief, in welchem
er von der gefahrdrohenden Situation des Reiches sprach: der „Friedens-
först" (dieser war Minister des schwachen Königs und Ge-
liebter der Königin und zwar, wie man allgemein wußte
(eben „ängstlichen Zuhälter" nennt ihn B 1 e i) unter Toleranz
des Königs), solle — so erzähle ein Gerücht — die Regentschaft über-
nehmen. Der Kronprinz bat den Domherrn um Rat und Beistand. Der
Domherr setzte nun ein Memorandum in diesem Sinne auf, das er dem
Prinzen zusandte, um es seinem Vater zu überreichen. Dem Prinzen fehlte
dazu der Mut, er verwahrte die Dokumente, die später gefunden wurden
— 361 —
und das Hauptmaterial bildeten, ihn des Hochverrats anzuklagen. De
Geliebte der Königin schöpfte Verdacht und wollte den Kronprinzen
mit einer Nichte der Königin verheiraten. Der Kronprinz meinte aber
er täte besser, sich um eine Prinzessin aus der Familie Napoleons zu'
bewerben, worauf Napoleon zum Schein in dunklen Andeutungen
reagierte. Da der „Friedensfürst" immer offener für sich Propaganda
machte — er ließ verbreiten, der König liege im Sterben, der Kronprinz
sei ein Dummkopf, die einzige Rettung Spaniens sei er selbst, weldies
Argument er durch Geldverteilung an die Offiziere unterstützte -_
glaubten die Berater des Kronprinzen nicht länger zögern zu dürfen
Man veranlaßte einen angesehenen Granden und Freund des Kron-
prinzen, den Herzog von Infantado, sich von diesem eine Proklamation
geben zu lassen, die sofort nach dem Tode des Königs veröffentlicht
werden sollte. Bald darauf rückten französische Truppen in Spanien
ein, der Kronprinz wurde unter der Beschuldigung des Hochverrates vom
König verhaftet; das Tribunal sprach ihn jedoch frei. Der Minister
der von Napoleon lange durch Versprechungen hingehalten wurde
bekam Angst vor den immer stärkeren französischen Truppen, rief die
spanischen Truppen aus dem Norden zurück und wollte die königliche
Familie nach Cadix bringen. Darauf brach ein Aufstand gegen den
Minister aus und der König rettete sich dadurch, daß er den Minister
entließ. Dieser hielt sich versteckt; als er entdeckt wurde, flammte der
Aufstand nochmals auf, der König sandte den Kronprinzen, dem er
mehr Einfluß auf die Menge zutraute, als sich selbst. Der Kronprinz
erklärte den Minister für verhaftet. Der König faßte den Entschluß,
freiwiUig abzudanken und der Kronprinz wurde unter dem Namen
Ferdinand VII. König. Murat und Beauharnais (der Schwager Napoleons)
veranlaßten hierauf den neuen König, Napoleon, der selbst nach Spanien
kommen wolle, entgegenzufahren, verlangten aber zugleich die Frei-
lassung des „Friedensfürsten". Dadurch wurde die Lage zugespitzt,
umso mehr als der Kaiser befahl, den abgesetzten Minister in Murats
Hände auszuliefern. Nun veranlaßte Napoleon, daß der Vater des
Königs, der frühere Karl IV. seine Abdankung widerrief und als er-
zwungen darstellte, was dieser in einem Manifest, gezeichnet „Ich, der
König" tat. Napoleon lockte beide Könige nach Bayonne (also auf
französischen Boden), wo die gegenseitigen Abdankungen gegeneinander
ausgespielt wurden, die Könige einander mit heftigen Vorwürfen über-
schütteten und das Resultat dieses „trostlosen Dramas" war, daß Joseph,
Napoleons Bruder, König von Spanien wurde.
— 362 —
1
r
^m W'ir sehen also: die spanische Königsfamilie bietet eine
^4;lare Wiederholung der von Napoleon supponierten
eigenen Kindheitssituation seines Elternhauses: eine
Mutter (Königin), die ein vom Vater (König) toleriertes
Verhältnis mit dem Minister (Friedensfürst = Marbeuf)
hatte ^^ Napoleon kassiert seine eigene Rache am zufäüigen spani-
schen Objekt ein : er spielt alle gegeneinander aus und macht alle
2u Gefangenen; wobei er Talleyrand zum Kerkermeister ernennt.
Und hier beginnt die endlose, nie zu befriedigende kindliche Rache-
tendenz von vorne : der Oheim (nicht der Prinz, wie Napoleon es
Vünschte) beginnt ein Verhältnis mit Frau Talleyrand. Wieder
ein betrogener Ehemann, der das Verhältnis tolerieren
muß, wobei ein Stück der Inzestphantasie zum Durchbruch kommt:
Napoleon identifiziert sich ja mit dem Kronprinzen, vereinigt sich also
auf dem Umwege über ihn mit der Mutter, wobei die Bestrafung für
diese Phantasie in der realen Bestrafung des Kronprinzen Hegt. Wir
sehen hier das typische, sich nie erschöpfende neurotische Reihen- und
Abspaltungsphänomen.
^■| Nun muß dieses Agieren seiner Jugendphantasien ^^
26) Hier ist die Wurzel des von Talleyrand unverstandenen Aufwands an
.Sdiläue, Perfidie und Kunststücken". Der Realpolitiker Talleyrand verstand
nidit, zu welchem Zweck der blamable Aufwand an Betrug von Napoleon
gemacht wurde, der ihn vor der Welt bündnisunfähig madite. Er verstand
eben nicht, daß Napoleon eine Jugendphantasie, die Phantasie seines Lebens,
agierte. Talleyrand sah lediglich ein zu erreichendes Ziel — die Eroberung
Spaniens — und sah die Mittel, die dabei angewendet wurden, als ver-
werflich an, weil sie Napoleon schädlich waren. Dies war seine „moralische"
Stellungnahme.
27) Es ist übrigens interessant, daß Pouche in seinen Memoiren an
zwei Stellen ihm einen realen Inzest vorwirft: So behauptet er (S. 182 ff.),
daß er ein Verhältnis mit seiner Lieblingsschwester Pauline
hatte. Pouche sagt: „. . . Paulinc faßte im Verein mit einer ihrer Prauen
den Plan, Napoleon ganz in ihre Reize zu verstricken. Und sie ging dabei
mit so großer Kunst und so großem Raffinement zu Werke, daß ihr Sieg
vollkommen war. . . Niemals zeigte Pauline für ihren Bruder soviel Liebe
und Bewunderung, wie damals (vor der Scheidung von Josephine). An
diesem Tage hörte ich sie sagen, denn sie brauchte .vor mir keine Geheim-
nisse zu haben : Warum herrschen wir nicht in Ägypten? Wir
würden es wie Ptolemäus machen; ich würde mich scheiden
lassen und heiratete meinen Bruder. Da ich wußte, daß sie viel
— 363 —
auf spanischem Boden bei Napoleon das stärkste Schult)
gefühl wecken. Wir verstehen nun, weshalb Napoleon wie e"
Besessener nach Paris eilt, als er erfährt, daß Talleyrand gerad
wegen der „spanischen Affairen" gegen ihn arbeitet.
Talleyrand ist in diesem Teü der Beziehung zu Napoleon d e
nach außen projizierte Anteil seines verbieten
den Über-Ichs, die personifizierte Nemesis. Was hUft es, Tal-
leyrand anzubrüllen, gerade das Schuldgefühl verhin-
dert ja Napoleon, Ernstliches gegen Talleyrand
zu unternehmen! Tatsächlich geschieht Talleyrand nichts.
3. Talleyrand (=der gehaßte Vater = Marbeuf) als
Objekt infantiler Rachetendenzen Napoleons.
Nach Gefangennahme der spanischen Prinzen wird Talleyrand ge-
zwungen, sie in seinem Schlosse Valencay aufzunehmen. Napoleon
wiederholt also auch hier die „Besetzung" Korsikas durch die Fran-
zosen, deren Rolle Spanier übernehmen, während Valencay ein Kor-
sika en miniature darstellt. Ebenso wie Napoleons Mutter mit Mar-
beuf, wird Talleyrands Frau mit dem Prinzen , verkuppelt", wobei
Talleyrand die Rolle des verhöhnten, alles zulassenden Vaters spielt.
Der einfachste Beweis hiefür liegt in der zitierten Frage Napoleons
zu unwissend war, um aus sich selbst heraus eine solche Anspielung zu
machen, erkannte ich darin den Ansporn ihres Bruders."
Der zweite Inzestvorwurf — gleichfalls bei Pouche nachzulesen
(S. 116) — lautet: „In ihrer Verzweiflung über ihre Unfruchtbarkeit kam
sie (Josephine) auf den Gedanken ihrer Tochter Hortense die Zärthchkeit
ihres Gatten zuwenden, den sie sinnlich nicht mehr reizte. ... Sie gefiel
und die gegenseitige Neigung vertiefte sich so, daß es Josephine genügte,
sich mütterlich darein zu finden und die Augen zu schließen, um ihren
häuslichen Triumph zu sichern. Mutter und Tochter regierten zu gleicher Zeit in
dem Herzen dieses stolzen Menschen. Als nach dem Rat der Mutter der
Baum seine Früchte trug, mußte man daran denken, durch eine schnelle
Heirat eine Liebesintrige zu verhüllen, die bereits den Höflingen bekannt
wurde. . . . Napoleon wollte durch einen doppelten Inzest diese Liebes-
angelegenheit, der er alle Reize der Vaterschaft verdankte, in seiner eigenen
Familie zu Ende führen. Dabei entstand die Verbindung seines Bruders
Louis mit Hortense, eine unglückliche Ehe, die schließlich alle Schleier zerriß."
Ob nun Pouches Angaben richtig sind — bekanntlich ist die Echtheit der
Fouche-Memoiren bezweifelt worden, während in neuerer Zeit sich Stimmen
für ihre Authentizität erhoben — Tatsache ist, daß Napoleon Hortenses
Kind adoptierte und erst als es starb, an die Ehe mit der österreidiischen
Erzherzogin dachte. Pur die erste Behauptung Pouches spricht die Tatsache,
daß Pauline auf Marie Louise pathologisch eifersüchtig war und deshalb
von Napoleon vom Hofe verbannt wurde.
— 364 —
während der „großen Szene" : „Warum haben Sie mir nicht gesagt,
daß der Prinz Carlos der Gehebte Ihrer Frau ist?" Die Einquartie-
rung Ferdinands VII in Talleyrands Schloß bedeutet also folgendes:
«rieder konstruiert Napoleon einen das Verhältnis der Frau tolerie-
renden Gatten.
Ein weiterer Beweis ist darin zu erblicken, daß Napoleon Talley-
jgnd zweimal als postillon d'amour verwendet : erst beim Zaren
jj, Erfurt, wo er den Brautwerber spielt, und später dann in War-
schau, wo er die Affaire der Gräfin Walewska entrierte. „Er mußte
aach anderes für den Kaiser tun: so die Gräfin Walewska fragen, ob
sie den Blick gespürt hätte, den Seine Majestät geruht habe, auf sie
2U werfen. (Blei, S. 516.)
Und einmal befiehlt der Kaiser dem Herzog von Benevent in
Warschau, ihm ein Glas Limonade zu bringen, „der langsam, mit
einer Serviette unter dem Arm auf seinem Stock durch den Saal
schlürfend, das Glas auf einem emaillierten Teller dem Kaiser über-
brachte, demselben Monarchen, den er ä part als Parvenü behandeke
wie Gräfin Potocka zu diesem Anlaß bemerkt." (Blei, S 516). Das
ständige Auf und Ab von Gnade und Ungnade, von Schimpforgien
und Belohnungen, die Tatsache, daß Napoleon Talleyrand gegenüber,
einem Wort des Fürsten zufolge, „aller Inkonsequenzen fähig ist",
zeigt die Zwiespältigkeit der Beziehung Napoleons zu seinem Vater,
die er unter anderem bei Talleyrand auslebt. Dabei wiederholt Talley-
rand wieder das Verbrechen des Vaters : er verbündet sich den Fremden
gegen das Vaterland. Napoleon ist aber Talleyrand gegenüber machtlos,
da er ihn unbewußt bereits zum Rächer erwählt hat.
4. Talleyrand (= Marbeuf), der Rächer.
Wir nähern uns dem Ende des napoleonischen Dramas, das im
Wesentlichen unter dem Aspekt des unbewußten Straf-
bedürfnisses steht ''^ Daß dem tatsächlich so ist, beweist Napo-
leons Verhalten in diesen Monaten. Mit Recht hält ihm Talleyrand in
seinen Memoiren vor, daß er seine Krone und seine Dynastie hätte
retten können, wenn er zur richtigen Zeit nachgegeben hätte. Napo-
leon konnte aber nicht nachgeben, da er offenbar unter dem
28) Dieser Gesichtspunkt ist in Jekels Arbeit aus zwei Gründen noch
nicht enthalten. Der erste ist ein zeitliches Moment: 1914 stand das Problem
des unbewußten Strafbedürinisses noch nicht im Zentrum analytischer Dis-
kussionen (war es ja von Freud noch gar nicht aufgestellt worden),
zweitens behandelt Jekels Arbeit den Beginn der napoleonischen Karriere.
PiA. Bewegung V — ^ 365 84
Druck dieses - aus dem jahrelangen Agieren seine
üdipusphantasien'-» stammenden — Strafbed'
nisses seinen Untergang selbst provozierte und herK^^"
führte. Dabei wird Talleyrand zum Exek^ nivp.^!;;
29) Ich will, obwohl das ödipusmaterial ein eindeutiges i^T^^^^T^
Belege anfuhren, die m.r bei Durchsicht der Literatur aufgefallen 7i„7'f
erklarte Napoleon m einem Gespräch mit Fouch^ vor dem russislen P .."
zug (Pouches Memoiren, S. 224): „Ichziehe ganz Europa hirLtherf:
Europa, st weiter nichts als eine alte verdorbene Hure ''
der idi mit H. fe meiner 800.000 Mann machen kann, was ich will« 7'
dieser Erniedrigung der Mutter paßt gut der Ausspruch NapokÖns ff
St. Helena: , Meine Mutter war eine sehr ordnungsliebende, tugendhaf?^
Ferner verweise idi auf eine Stelle aus Napoleons blutrünstigster TueenH
sdinft„Korsischc Novelle", die der 20jährige Offizier in Aufone sfrlt
und die bereits zitiert wurde. Beweisend ist folgende Stelle aus der Sh
derung der Greueltaten der Franzosen: *"'
"■•; ■ ^'!' /"ließ meine Leute, um meinem unglüddidien Vater zu Hilf,
zu eilen. Ich fand ihn in seinem Blute liegen. Er hatte nur noch 1
Kraft, zu mir zu sagen: Räche mich, mein Sohn. Das ist das erste Natu
gesetz. Stirb, wie idi, das schadet nichts, aber e r kenne nie de Fran
luZ\ aTT-u""- ^'^ ^"^'^ "'^''^^° ^^^ f°"' ""> ">"ne Muter"
zu suchen, und fand ihren nackten, mit Wunden bedeckten Lefh
in der empörendsten Lage. Meine Frau, drei meiner Brüder w^l„
an eben diesem Platz aufgehängt, sieben meiner S ö h n e, von dein
drei noch keine fünf Jahre ak waren, hatten dasselbe Schicksal erlitten"
r-J^ l^!T'l T^"""'- ^"^'^"f' der Mutterschänder, wobei' die
^1 t A^Tf'''^'''!^'J'' ^^"^^ '^"^'^ "'^^^ B^f^W des Vater vor
sich geht. Ahnhdies gesdiieht dann bei Talleyrand. der Vater-Ima^rfSilh.
Punkt 2 „TaUeyrand. die Vater-Imago, die den Mord billig. -T- Au
\f u ^^' ^'."''" """^ Geschwister will ich nicht näher eingehen ob
wohl auch diese eine Deutung zulassen und in einer Arbeit des Verfassers
wden'soln '""'""^ "'^^"'^'"^^ ^" '"'^^'^ Gesdiwistern v™
Mann'^!i?R'"r'""^-n'"'^^'''"' ^""^ Jo-'ephine Beauharnais erster
Mann als Royahst guillotiniert wurde, das heißt, daß der Vatermord voll-
zogen wurde, bevor Napoleon unbewußt die Mutter (= Josephine) be-
sessen hatte, wobei wieder die Über-Ich-Entlastung für den gewün diten
llTo'nTh "n f v''" ^°' '''^ ^='^'' ^'^ J'^'^-d -derer '(das R^^o"
deT^r F i V' J"r^°"-g übernimmt. Damit mag aui vielleidit
SL.n T II . ?°''°°\'^'" '' ^°" Talleyrand empfing, zusammen-
werfen rJh'n r"""u •''° "? Robespierre, den Sdireckensmann, mit
dessen Bruder Napoleon übrigens befreundet war
,..^"f das Problem der fraglichen Epilepsie Napoleons kann wegen der
Ludcenhaftigkeit des diesbezüglidien Materials nidit eingegangen werden.
— 366 —
eines Strafwunsches, und zwar zum von Napoleon
elbstgewählten Exekutor. Napoleon unternimmt nichts gegen
Talleyrand, obwohl seine Vorbereitungen zum Verrat — wie früher
ffczeigt — ihm bekannt sein mußten. Er beschäftigt nicht einmal Tal-
leyrand mit einer jener sinnlosen, nur zu Ablenkungszwecken aufge-
stellten Scheinaufgaben (so macht Napoleon z. B. Pouche 1813 zum
Generalgouverneur von Illyrien und später von Rom in einem Zeit-
punkt, in welchem beides für den Kaiser verloren ist, erzielt aber, daß
Pouche zu Beginn der ersten Restauration in Paris nicht anwesend ist
..und machdos bleibt], sondern begnügt sich mit den verschiedentlidien
Absagen Talleyrands und stellt sogar einmal sinnlose Bedingungen
beim Anbot des Ministeriums des Äußeren: Verzicht auf die Ein-
künfte (Siehe Seite 340 Anm. 14), was bei Talleyrands Geiz einer Er-
ledigung des Anbots gleichkommt. Napoleon unternimmt auch dann
nichts gegen Talleyrand, als sich dieser indirekt an der Verschwörung
Malets 1812 —nach der Niederlage in Rußland — beteiligt, worüber
in Pouches Memoiren folgendes zu lesen ist (S. 241):
„. . . diese Möglichkeit erklärt die Bildung einer eventuellen
provisorischen Regierung, die sich aus den Herren Mathieu
de Montmorency, Alexis de Noailles, dem General Moreau, dem
Grafen Frodiet, Präfekten des Seine-Departments und einem fünf-
ten zusammengesetzt hätte, dessen Name nicht genannt
wurde. Nun, dieser fünfte war Herr von Talleyrand, und
ich selbst sollte . . ."
I Wenn auch Napoleon einmal von sich sagte: „Denn ich bin
Fnicht ein Mensch wie ein anderer und die Gesetze der
Moral und Sitte gelten nicht für mich" — so ist das einer
seiner Irrtümer, an denen der Kaiser gescheitert ist: Napoleons
Untergang waren nicht die Armeen der Koalierten,
sondern lediglich sein unbewußtes Strafbedürf-
nis, zu dessen Exekutoren er eben jene Koalierten und — Talley-
rand wähke. Diesen Nachfolger Talleyrand hat Napoleon ebenso auf-
gepäppelt, und zwar auf eigene Kosten, wie Ludwig XVI. seinen
Pensionär Napoleon. (Napoleon hatte bekanntlich einen von Marbeuf
verschafften Freiplatz in den unterschiedlichen Offiziersschulen.) Daraus
ergibt sich auch die erwähnte Überschätzung Talleyrands in den letz-
ten Monaten, wobei aus den Aussprüchen des Kaisers hervorgeht, daß
er annahm, Talleyrand könnte — wäre er auf seiner Seite — Wun-
der wirken. Auch das Unverständnis das Napoleon der ganzen Weldage
— 367 — 24*
^
entgegenbrachte, das Niditbegreifen, daß die einzige aus der Revolutio
hervorgegangene Regierung im reaktionären Europa nur um den Prg"
weitgehender Sicherungen und absoluter Nichteinmischung zu halten ge^^
wesen wäre, ist letzten Endes aus seinem unbewußten Agieren und
dem unbewußten Strafwunsch verständlich. Napoleon war überhau
unfähig, in anderen Kategorien, als in Menschen zu denken: eii^e
sonderbare, offenbar auf seine Verstrickung in der Vaterfigur zurück^
zuführende Denkhemmung bei einem so außergewöhnlichen Intellekt"
So erklärt sich der Ausspruch Napoleons auf St. Helena, er säße noch
auf seinem Throne, hätte er Talleyrand und Pouche zur richtigen
Zeit hängen lassen.
Diese Oszillationen zwischen den vier Einstellungen zu Talleyrand-
als Gönner, als Vater-Imago, die den Vatermord
billigt, als Rache Objekt und als Rächer, erklären, daß
Napoleon niemals von Talleyrand loskam, geben einen Schlüssel zu
seinem inkonsequenten Verhalten und bewahrheiten Metternichs Wort
der Talleyrand Napoleons ersten Diener und Anta-
gonisten nannte.
Literatur :
Aretz G., Die Frauen um Napoleon.
Barras P., Memoiren, 4 Bde.
Blei F., Talleyrand.
Chuquet, La jeunesse de Napoleon 1—3.
Dunoyer A., Fouquier— Tinville.
Fleischmann H., Requisitoires de Fouquier— Tinville.
Fouche, Memoiren. Übersetzt von P. Aretz.
Gourgaud, Memoires pour servi ä l'histoire de France sous Napoleon
(cornge de la main de Napoleon) 1823.
Jekels L., Der Wendepunkt im Leben Napoleons, „Imago", IH, iqu
Kircheisen F. M., Napoleon.
Kircheisen G., Napoleon und die Seinen.
Kirch eisen G., Die Frauen um Napoleon. (Urspüngliche Fassung der
Arbeit von G. Aretz.)
Kleinschmidt A., Die Eltern und Geschwister Napoleons.
Ludwig E., Napoleon.
De Lacombe B., La vie privee de Talleyrand.
De Lacombe B., Talleyrand, eveque d'Autun.
Martel T. Memoires et ceuvres de Napoleon.
Masson F. et Biagi G., Napoleon inconnu.
Masson. Napoleon.
Napoleon, CEuvres i— 6. Panckoude 1822.
— 368 —
Propyläen-Weltgeschichte, Band VII, Revolution und Restauration .
Ro essler, Die Jugend Napoleons des Ersten.
Sainte-Beuve, Monsieur de Talleyrand.
Scott W., Napoleon.
Stendhal, Napoleon.
Talleyrand, Memoiren, Herausgegeben vom Herzog von Broglie.
■k Bände. , , .
Wallon H., Le tribunal Revolutionnaire.
Wencker- Wildberg (in Verbindung mit F. M. Kircheisen),
INapoleon, Memoiren seines Lebens. 14 Bände.
Wendel H., Danton.
Wolff O., Die Geschäfte des Herrn Ouvrand.
Zweig S., Pouche.
Zweig S., Marie Antoinette.
Illllllllllllilllillliilllllllllllllllllllllillilllll
— 369
Kain^ tied Odipus^Komplex
mmsikalisdhier
Wir entnehmen das Folgende dem Kapitel „Der Ko
ponist" von Dr. Elsa Bienenfeld (Wien) in''T
„Festschrift für Felix Weingartrier /
seinem 70. Geburtstage" (Verlag Henning-Oplr
mann, Basel, 1933).
Weingartners Kompositionsbegabung zeigte sich früh. Den erste
Klavierunterricht, die Einführung in die Musik, und ofienbar auch di"
musikalische Begabung emfing er von seiner Mutter, deren sonst en^
Geistigkeit und erzieherische Härte ihn zugleich zum Widerspruch reiztef
Das Textbuch „Kain und Abel«, das Weingartner in jungen Jahren
(vor dem 25. Jahr) entwarf, gehört zu den aufschlußreichsten Über
gangswerken sowohl in der Geschichte der Oper wie in der Geschichte
der Seelenforschung. Weingartner nahm die Byron'sdie Fassung zur
Vorlage, führte aber als neuen Leitgedanken den Brudermord auf die
Urmacht des Liebestriebes zurück, der in Kains Verhältnis zur Mutter
vorbestimmt erscheint und in der Vergewaltigung der Schwester durch-
bricht. Schon psychologisch ist es fesselnd, wie Weingartner den Bruder
mord deutet. Wichtig ist in diesem Zusammenhang ein Bericht Web
gartners über ein eigenes Kindheitserlebnis. Ein älterer Bruder war
zwei Jahre vor Felix' Geburt gestorben. Der frühzeitige Tod von
Wemgartners Vater erneuerte den Schmerz der Mutter, dieses Kind
verloren zu haben, dessen liebenswerte Eigenschaften sie immer wieder
als Mutter hinstellte. Zum Gefühl der Zurücksetzung gesellte sich im
jüngeren Bruder eine Art Eifersucht gegen den Verstorbenen ; Weingartner
bekennt, daß ihm, als er etwa fünf Jahre zählte, der Bruder mit ver-
bundenem Kopf im Traum erschienen sei, und er ihm heftige Vorwürfe
machte, daß jener ihm die Liebe seiner Mutter entzöge, dann nach der
Erschemung einen Schlag fiihrte und in Schweiß gebadet, erwadite Er
brachte es nicht über sich, der Mutter den Traum zu erzählen. Wenige
Tage spater erfaßte ihn am Grabe des Bruders eine so unbezähmbare Wut
daß er einen Schlag gegen das Grabkreuz führte, so daß dieses um-
fael worauf er augenblickhdi tiefe Reue fühlte. Weingartners Traum
und seine Kamdichtung gestatten einen tiefen Blick in die Werkstatt
des Kunstlers und in jenen geheimnisvollen Bezirk des Unbewußten,
— 370 —
r jem alle Triebe, aber auch die künstlerischen Eingebungen auf-
iteigen.
jahrzehntelang beschäftigte ihn dieser Plan. Wiederholt abgelenkt,
kehrte er immer wieder zu dem Entwurf zurück, in dem sich offenbar
eigene Seelenkämpfe spiegeln und beunruhigende Kindheitserinnerungen
an die überstrenge Mutter mit allen Liebes-, Eifersuchts- und Angst-
koinplexen ihre Entladung suchen. Doch ehe er die Ausführung der
Dichtung in Angriff nahm, boten sich ihm andere Aufgaben. Er wurde
Kapellmeister der Hamburger Oper und trat als Dirigent, aber auch
jjs Komponist aus den Gesellen jähren in die Meisterjahre.
■ In dieser Zeit wird die Bekenntnis-Oper „Kain und Abel" heraus-
geschleudert, das düsterste Stück unter Weingartners Kompositionen.
Das Gedicht vollendete er in St. Sulpice, mitten im frohesten Lebens-
und Liebesglück. „Vielleicht war es", meint er selbst, „gerade die
Heiterkeit, die mir die Kraft gegeben, es zu schaffen". Er zerlegt die
Erscheinung der Urmutter nach den ältesten Sagenspuren in zwei
{Gestalten und dichtet Adams erster Frau, Lilith, Züge einer Licht-
gestalt, einer Genossin im ewigen Licht an, von der Adam abschied,
lals er durch den Sündenfall in die Arme Evas, der irdischen Frau fiel.
Weingartner sieht in Abel und Ada, den Geschwistern, die sich
[als Gatten vereinigen, Kinder der Lilith. Dem Bruder die Schwester
[und Gattin zu rauben, mit ihrem Besitz gleichsam die Kindersehnsucht
[nach einer besseren, einer geistigeren Mutter zu befriedigen, erschlägt
[sein Kain den Abel. Fabel und Anlage gehören zu den packendsten
I Versuchen der neuzeithchen Oper. —
Den Geist eines antiken Dramas mit den Hilfsmitteln der
[neuzeidichen Kunst erneut darzustellen, schwebte auch ihm vor. In der
[Tragödie des Orest, die Äschylos geformt hat, schien ihm ein eigener
[Lieblingsgedanke versinnbildlicht: der Gedanke, daß Blut nicht mit
[ßlut zu vergelten und jeder Krieg verabscheuungswürdig sei. Unbe-
jwußt dürften andere, tiefer in der eigenen Persönlichkeit verankerte
Wünsche und Verdrängungen ihn zu diesem Stoff geführt haben.
[Während eines Aufenthaltes in Taormina, gegen Ende seiner Berliner
[Tätigkeit schrieb er selbst die Neudichtung. Drei Jahre darauf vol-
[lendete er die Komposition. Die drei Dramen des Äs'chylos verwan-
delte er in drei Akte eines abendfüllenden Musikdramas. Im Mittel-
punkt des ersten Aktes liegt die Ermordung des Agamemnon. Eine
[der Hauptpartien fällt der hochdramatischen Kassandra zu. Der zweite
[■Akt enthält das Totenopfer, das Orest darbringt, der die Mutter tötet,
— 371 —
Fesselnd ist es, die Wemgartner'sdie Auffassung dieses dramatiscl,
Geschehens mit der Hoffmannsthal-Strauß'sdien Fassung zu verde irf
Die gewaltige Aussprache zwischen Mutter und Sohn, die Strauß '
meidet, macht Weingartner zum Herzstück seines ganzen Werl"""
Hier brechen Töne so bebender Angst, so flehender Zartheit un7
harter Strenge durch, daß es ist, als tropfe Blut aus den Klängen ^f'°
hört eine Seele weinen. Wer die Lebenserinnerungen Weingart!;"
kennt, der mag ahnen, daß in dieser Szene mehr und anderes n.?
Ausdruck ringt, als der Künstler selbst verraten mochte, und daß 1.
ein ungewöhnlich widerspruchsvolles Muttererlebnis in künstlerKi!'
Gestaltung flüchtet. Seit Freud in die Seelenabgründe des VnCnlt
geleuchtet hat, ahnt man die tieferen Zusammenhänge zwischen S
heitserlebmssen und den späteren zwangsläufigen seelischen Stauunlt
und Gegenstoßen. Glüddich der Mensch, dem es gegeben ist, Z'Z
Seelenbedrangnisse nicht krankhaft, sondern als Künstler und sAö
pferisch abzuleiten. ™°"
■IIDiiliilll, , "i""i«mm«iiii;™i™ii™iiir«mi™iii™iiiii|||i||||,„^^^^^^^^
372 —
E C
H O A
DEM
A LY S E
[PSYCHOANALYSE UND DICHTUNG
In der angesehenen Zeitschrift für Literaturgeschichte „E u p h o r i o n"
lui Bd. 1. Heft, Stuttgart 1933) veröffentlicht Hermann Pongs eine Ab-
(handlung über Psychoanalyse und Dichtung. Ausgangspunkt ist ihm die fast
lausnahmslos ambivalente Grundhaltung der Literarhistoriker zur Psychoana-
[lyse, »die zu ihrer Erklärung selbst vielleicht schon der Tiefenpsydiologie
[bedarf." Objektive Einsicht in die Bereditigung der Ansprüche der Psa.
Ischeint dem Autor nur möglich zu sein vom übergeordneten GesamtbegrifF
I der Existenz aus ; dieser Lebensbegriff, in dem sich Psa. und Dichtung un-
j mittelbar berühren, ist das Unbewußte. Die Psa. bekennt sich selbst zu
(dieser existenziellen Basis, indem sie als Wissenschaft vom Unbewußt-See-
[lischen Gestalten und Motive der Dichtung in ihr Forschungsgebiet einbe-
läeht. Hier besteht aber, meint Pongs, die Gefahr, daß diese ursprüngHch
[rein ärztliche Disziplin das Dichterische in das Neurotische aufgehen läßt. Deshalb
I muß das in der Dichtung durch das Einmalig-Schöpferische der Persönlichkeit
[ Gestalt gewordene Unbewußte aufs bestimmteste davon abgetrennt werden. Der
Verf. geht nun daran, jene Werke Freuds, die Beziehungen zur Dichtung
aufweisen, einer Betrachtung zu unterziehen, und es muß hier gesagt
werden, daß dies mit bemerkenswerter Sachkenntnis und in durchaus wür-
[diger Form geschieht. Von der „Traumdeutung" führt der Weg unmittel-
[bar zur „Gradiva"-Arbeit. „Dies von Jensen intuitiv erfaßte Spiel des Un-
I bewußten durch kluge Analyse aufzudecken, ist Freuds Meisterleistung, die
sich weit interessanter liest als Jensens Novelle mit ihrem Gartenlauben-
I Schluß." Daß die Tiefenpsychologie im Typischen bleibt und uns nicht das
Charakterologisch-Besondere des Helden, das sich in seinen Erlebnissen und
[Handlungen äußert, nahebringt, macht allerdings der Literarhistoriker Freud
[zum Vorwurf. Hier sei Gelegenheit, die zwiespältige Haltung zur Psa. zu
{erklären. Wertvoll seien zweifellos die Einblicke in die Wirklichkeit
[des Unbewußten, die man der Psa. verdanke, aber die Methode sei unzu-
I länglich und die analytische Deutung müsse durch die anagogische
I (H. S i 1 b e r e r) ergänzt werden. Die Psa. weiche der echten, geistgeborenen
j Dichtung, bei der der Dichter nicht mehr bewußt werde, mit ihrer Tag-
I traumtheorie aus, und auch die schöpferische Anlage des Künstlers werde
373
ler
von ihr eingeklammert ; den Psychoanalytiker interessiere nur der subi k •
Sinn (Beziehung zum verdrängten Unbewußten des Künstlers) niAt j"^*
gegenständliche Bedeutung des Kunstwerkes. Vom Ödipuskomplex her ah
sich dann Pongs der ödipustragödie und dem „Hamlet". Die tiefe W^"
kung des griechischen Dramas liege in der Doppelnatur des Helden ■ nT*^"
mäditen unterworfen, von Geistesantrieben emporgerissen. Die tragische T"
tiiarsis vollende sidi erst in der Aktivierung des Zusdiauers, der d
Irmmph der verdrängenden Mächte über die infantilen Triebverfallenhe>
miterlebe. Im .Hamlet" wiederum versage die analytische Deutung T
Danenprmzen als neurotischen Trägers hemmender Gefühlsambivalenz we
sie nidit anagogisdi erweitert wird zu dem objektiven, kosmisAen ZwiT
spalt von Geist und Leben, in den sich Hamlet hineingestellt sieht Damt
werde erst das tragische Weltgefühl erreicht, auf dem die ewige WirfcnT
des großen Dramas überhaupt beruht. Jahrzehnte später hat Freud dem
Ödipuskomplex an einem anderen Werke der Weltliteratur nadigespürt ■ .n
Dostojewskis „Die Brüder Karamasoff". Auch hier gesteht er: „Leider muß d^^
Analyse vor dem Problem des Dichters die Waffen strecken." Als Roma
des Vatermords läßt Pongs in Übereinstimmung mit Freud die Brüd
Karamasoff" gelten („es ist erstaunlich, wie tief Freud damit ins Grund«
webe des Romans hineinleuchtet"), aber die Aufdeckung des Vaterkomplexe^
genügt semer Ansicht nach nicht; wichtiger ist, wie jeder mit ihm ferti»
wird daran zeigt sich der Charakter, daraus erwächst erst das einzelne
Schicksal in seiner Einzigartigkeit und dafür wird im Roman die Mutterbin
düng vor allem verantwortlich gemacht. Freuds Analyse der Szene wo der
Staretz vor Dimitrij in die Knie fällt, gibt Pongs Anlaß, die psa. Deutung
als mißverständlich zu bezeichnen. Die demütige Gebärde des Heili..en
vor dem Sunder sei keineswegs unbewußte Heuchelei, sondern erschütternd
echt; hinter diesem Mißverstehen verberge sich das tiefere Mißverstehen der
Persönlichkeit des Dichters, richtiger des religiösen, tragisch-zwiespältigen
Menschen mit der Polarität des Sünders und des Heiligen.
Je weiter die Untersuchung fortschreitet, desto unversöhnlicher offenbar
sidi der Gegensatz zwischen der analytischen Auffassung und der anagogi-
schen des Literarhistorikers. (Er ist letzten Endes ein weltanschaulicher. A W )
Symptom und Symbol, subjektive Gefühlsambivalenz und objektive Doppel-
Wertigkeit (namentlich im Drama) sind Grundbegriffe, die die Unvereinbar-
keit kennzeichnen. Immerhin ließe sich vielleicht mit ihnen eine Scheidung
zwischen echter und unechter Dichtung durchführen, und in dieser Hinsicht
konnte die Psa. wertvolle Dienste leisten. Pongs erkennt jedoch die Schwie-
rigkeit der Anwendung im einzelnen FaUe, da ja das echte dichterische
bymbol vieldeutig und vielschichtig ist; in der Ursdiichte vollzieht sich der
Übergang vom Symptom zum Symbol. Zum Schlüsse weist der Autor
darauf hm, daß die Psa. als geschichtliche Ersdieinung und die zeitgenös-
sisdie Dichtung aus denselben existenziellen Bedingungen hervorgewadisen
I
— 374 —
[ ien und daß darin die besondere Bedeutung der Psa. tür die Dichtung
Iheruhe. «Die beispiellose Entwurzelung und Vereinsamung der Mensdien-
I [g im Maschinenzeitalter" sei der verbindende Untergrund. Die Literatur-
I «nssenschaft müsse sich deswegen der Psa. offenhalten, mit dem Ziel, »ihre
I «erstörenden Tendenzen produktiv zu überwinden". Anzeichen hievon seien
[bereits erkennbar. Damit sei jedoch nichts getan, die Psa. radikal abzuleh-
Inen, wie es der junge Nationalismus tut. Alfred Winterstein
Geriditlidie Medizin und Psychoanalyse
Auf dem XVII. Kongreß für gerichtliche Medizin in Paris, Mai 1932, hat
Ip. Schiff sich warm verteidigend für die Psychoanalyse eingesetzt. (Annales
inied. leg. de langue franc. 1932. XII. 634 — 638.) Ihr verdankt die Gerichts-
[nsyüatrie Originelles und Nützliches. Sie hat die Kriminologie von den
Ifesseln des Lombroso'schen Fatalismus befreit und hatte als erste den Mut,
[auch bezüglich des Verbrechens von Prophylaxe und Therapie zu sprechen.
iDie Psychoanalyse wird Einfluß auf die Strafgesetz-Reform haben, ob dies
(bewußt anerkannt wird oder nicht. Die bessere psychologische Kenntnis der
iFeinde der Gesellschaft, der Verbrecher, fördert das Ziel der Kriminalistik:
leine bessere Verteidigung der Gesellschaft gegen diese ihre Feinde.
In England und Deutschland wurden psychoanalytische Gutachten schon
Ivielfadi von den Richtern gefordert. E, JJ.
^ U C H E M U
IZEITSCHMIFTEN
iiiiiiiiiiiiiiiiiir
tOTTO HINRICHSEN: DEPRESSION UND PRODUK-
TIVITÄT. (Zeitsdirift für die gesamte Neurologie und Psydiiatrie.
Sonderabdruds aus 144. Band, 3. und 4. Heft. Berlin 1933- 51- Seiten.)
Die wesensnotwendigen Zusammenhänge zwischen Produktivität und De-
1 pression ergeben eigendich nur e i n Thema der vorUegenden (es sei vor.
I weg bemerkt : nicht leicht lesbaren und schwer zu übersehenden) Abhandlung
I des Schweizer Psychiaters, der, mit dem Ziel, den trügerischen Aspekt des
. Psydiopathischen beim Schaffenden als solchen zu entlarven, seiner Unter-
— 375 —
^
suchung eine weitere, existenziale Betrachtungsweise zugrundezulegen bem"!i
bleibt. Die vom Autor erstaunlich fein beschriebenen innerseelischen Pha
des Produktionsprozesses dürfen, meint er, mit den Periodizitäten der manisd,"
depressiven Zustände (auch in ihren milderen Ausprägungen) keineswe
wie es gerne geschieht, gleichgestellt werden. Der richtige medizinisdie Psv
chopath ist ja im Gegensatze zu dem Schaffenden auch zu keinem gesam"
melten Erleben, entschiedenen Wollen und Müssen, zu keiner richtigen se '
lischen Ökonomie fähig. Und was für den Produktiven gilt, zeigt sich meh"
minder in jeder Lebenskrise, beim leidenschaftlich Liebenden sowohl al
auch beim Gläubigen: Aufsdawung und Sturz, selige Hochgestimmtheit und
tiefste Niedergeschlagenheit. Auf Schöpfung folgt Erschöpfung. Depression
hat also in bezug auf Produktion nur eine reaktive (nicht endogene) Be-
deutung. Anderseits können auch zur Abwehr beliebig motivierter Verstimmt-
heiten produktive Vorgänge in Tätigkeit gesetzt werden, um Erlösung aus
dem Leiden oder aus dem seelisch nur irgendwie bewegenden Erlebnis
durch Produktion zu bringen. Freilich muß bei dem betreffenden Menschen
der Drang zur Gestaltung schon an sich gegeben sein. Diese Gerichtetheit
auf das Werk macht aus einem Rembrandt einen im sozialen Sinn ünver
ständigen, was aber nicht mit dem mehr biologisch orientierten Begriff des
Psychopathischen zusammenfällt. Umgekehrt ist zum Beispiel der sonst sehr
psychopathisch wirkende E. Th. A. Hoffmann als Jurist ein normales
Mitglied der menschlichen Gesellsdiaft gewesen. Wesentlich ist dem Ver-
fasser, daß die ähnliche Erscheinungsform nicht dazu führen
darf, etwa die Selbstverlorenheit des Produktiven zu Gunsten von etwas zu
Verwirklichendem oder seine dem Werke geltende Unruhe mit der Selbst,
verlorenheit eines schizophren Dissoziierten oder der ziellosen Unruhe eines
Psychopathen gleichzuhalten. Auch birgt das geistige Produkt mehr als bloße
Selbstdarstellung, wennschon auch diese, nämlich darüber hinaus Bedeut-
sames und Sinnvolles. Ein Wort R. Gr aßb erg er s, ein Verrückter und
ein Pedant, gemeinsam vor einen Dichterkarren gespannt, könnten etwas
produzieren, was einem Kunstwerk ähnlich sehe, wird herangezogen, um
das seelische Plus des Schaffenden gegenüber dem nur pathologischen Indi-
viduum zu beleuchten. Dieses Verrückte« ist in gewissem Sinne nichts an.
deres als Folge von Enthemmung, so daß man zu fragen versucht wäre,
ob der Weg vom Pedanten, Philister zum Produktiven gar so weit sei.
Hebbel äußert einmal sein Erstaunen darüber, daß nicht alle Menschen
produktiv sind. Wahrscheinlich verhindern bei vielen bloß Hemmungen eine
Begabung, aus Möglichkeit Wirklichkeit zu werden. Was läßt diese Menschen,
fragt Hinrichsen ein wenig wunderlich, denn überhaupt eigentlich normal
sein ? Und er fügt berichtigend hinzu : normal scheinen, sich normal
geben (Er s cheinu ngs n o r ma li t ä t). Es ist dasselbe, was früher
^sozial verständig" genannt wurde, und wie schon gesagt, kann man im
medizinischen Sinne Psychopath und doch verständig" sein in Anpassung
— 376 —
r
^HL, bestimmte Zwecke der Existenzfristung. Wohingegen der (vielleicht an
^r • jj gesunde) Schaffende, der sich Eigenziele setzt, seine eigene Lebensform
sudit, ein R e m b r a n d t, ein Beethoven, leicht in Widerstreit mit
seiner Kulturumwelt und seiner Zeit gerät. Hinrichsen will aber deshalb
durchaus nicht das Erleben des Psychopathen als normal ansehen. Er drückt
js sehr zutreffend so aus : Gewisse Werte sind für diesen nicht zwingend,
nicht gefühlsmäßig verbindlich, sondern ihm eben nur gegeben als für an-
dere, in der Umwelt geltend. Hier wendet sich der Autor gegen Freuds
historische Auffassung der Moral, indem er von Anfang an den Keim der
späteren Ethik gewissermaßen als ein seelisch Triebhaftes den
-' vitalen Trieben, wenn auch noch nicht scharf, gegenüberstehen läßt. Auch
die Strukturanalyse übersehe das Triebhafte im Charakter selbst. Dieses
lasse Werte als verbindlich erscheinen und damit seien Aufgaben ge-
geben, so die, ein normales Mitglied der menschlichen Gesellschaft zu sein.
Wohlgemerkt : immer nur einer zeitlich bestimmten. Während jedoch der
/von seiner Umwelt entsprechend geformte) Durchschnittsmensch nur diese
eine Leistung kennt, hat die außergewöhnliche PersönUchkeit auch andere
Werte zu verwirklichen. Ein Konflikt zwischen diesen Aufgaben und jener
läßt dann das Individuum relativ abnorm erscheinen, wie ja übrigens auch
das sozial Normale nur etwas Relatives ist. In immer neuen Varianten
versucht Hinrichsen dann wieder hinter dem erscheinungsmäßig Gemeinsamen
von echter Produktivität und Psychopathie das Wesensverschiedene aufzu.
«eigen. Der schriftstellernde Psychopath ist noch lange kein wirkhdier
Dichter (pathologische und produktive Enthemmung). Anderseits kann die
sdiöpferische Persönlichkeit gewiß auch etwas psychopathisch sein (dies mag
ihrer Produktion sogar förderlich sein), aber man ist, um mit dem Autor
zu sprechen, noch kein Psychopath oder Neurotiker, wenn man es irgend-
wie ist, sondern man muß es vorwiegend, nicht bloß nebenbei auch etwas
sein. Insoweit man es wesentlich ist, erscheint freilich auch die Leistungs-
fähigkeit in bestimmter Richtung und bestimmtem Umfang herabgesetzt.
Lange -Eichbaum hat dies einmal so ausgedrückt : etwas Psychopathie
sei gut, zuviel von Übel. Aber auch diese ist nicht beteiligt an dem wahr-
haft Originalen, Einzigartigen des genialen Kunstwerkes, das aber nichts
zu tun hat mit allem, was von der Psychopathie her stammen mag, dem
allzu Individuellen oder dem psychopathisch Interessanten. In den Kreis des
Produktiven bezieht Hinrichsen jedoch nicht nur den werkschaffenden Pro-
duktiven ein, sondern auch die PersönUchkeit mit innerer" Produktivität,
die sich selber schafft, sich selbst verwirklidit. Dieses an sich selbst arbei-
tende Individuum fühlt sich gehoben mit jedem geglückten Schritte dem
Ziele zu und niedergeschlagen, wenn ihm dies nicht gelingt. Die Trennung
von produktiver und psychopathischer Person mahnt den Verfasser zur Vor-
sicht gegenüber der Aufstellung Kretschmers, die zyklothym,
zykloid, manisch-depressiv bloß als dem Grade nach Verschie.
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denes betrachtet. Eine weitere Beziehung zwischen Produktivität und Den
sion ergibt sich Hinrichsen aus den im Charakter wohnenden Gegens
paaren. Nur ein Beispiel : der humoristisch Produktive ist bekanntlich '
Grunde sehr ernst, ja melancholisch. Der Hanswurst, um einen krassen F '
zu nehmen, empfindet wohl, wenn er Künstler ist, sein zeitweises Han
wurstsein als etwas in ihn fahrendes Dämonisches und diese produktiv
Seite seines Wesens mag ihm, dem ernsten Menschen, verächtlich erscheine
und ihn deprimieren. Wie denn die zwingende Macht des Produktiven
die mit einer aus der Verdrängung auftauchenden Charaktereigenschaft zn!
sammenfällt (etwa der Träumer im Realisten), von dem bewußten Menschen
in seiner Wehrlosigkeit leicht als niederdrückend empfunden wird. Zu
Hochzüchtung eines solchen Zweiten in uns bedarf es aber, meint Hin-
richsen, keiner Psychopathie, das Individuum kann dabei ein normales Mit-
glied der menschlichen Gesellschaft sein, und er verweist wieder mit
Jaspers nachdrüddich auf die Paradoxie des Gesundheitsbegriffs. Gegen-
über einer verbreiteten wissenschafdichen Auffassung, die nur Zustände be-
schreibt, will Hinrichsen, ähnlich wie die Psydioanalyse, die Dinge von
innen, vom Erleben her erfaßt sehen, betont auch die innerseelische Akti.
vität und die (oft vernachlässigte) Wechselwirkung zwischen Individuum und
kultureller Umwelt. Und zu guter Letzt fragt er, ob der Psychotiker, der in
bestimmter Art seelisch Gestörte nicht doch in gewisser Hinsicht nodi
gesund sein, seelische Kraft besitzen müsse, um psychotisch produktiv zu
sein. Als das Verbindende zwischen Genie und Irrsinn erscheint ihm
nun interessanterweise Produktivität in normaler oder psy-
chotischer Äußerungs form. Die bei beiden Arten von Produk-
tivität erforderiiche Triebkraft stammt, sagt er, aus gesundem Boden ; auch in
der Psychose sollte man vor allem auf die Leistung sehen, ebenso wie
Gesundheit (seelische NormaUtät) als Leistung zu betrachten sei. Mit dieser
fruchtbaren Wendung vom Kranken im Gesunden zum Gesunden im Kranken
hofft Hinrichsen die psychopathologische Forschung aus dem Kreise, in dem
sie sich beständig bewegt, einmal herauszuführen. Alfred Winterstein
PRIV.-DOZ. DR. OTTO KANT: KRITISCHES ZUR CHA-
RAKTERLEHRE FREUDS UND ADLERS. (Aus dei Klinik
Gaupp in Tübingen). Mün<h. med. Wodienschr. I933, Nr. I7.
Die Tendenz der Arbeit richtet sich gegen den Rationalismus der Psycho-
analyse, denn der mehrschichtige Pensönlichkeitsaufbau und vor allem seine
Entwickelung sei verstandesmäßig nicht zu erklären, etwa aus bestimmten
Triebschicksalen oder Erlebnismomenten, — genau wie die Entwicklung eines
Blütenstrauches aus einem Samenkorn jeder verständlichen Erklärung trotze.
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F
jjjur beim Psychopathen, bei gewissen neurotischen
jslaturen, habe es Geltung, daß die Persönlichkeitsentwicklung Ergebnis
g^es verstandesmäßig faßbaren Schicksals sei, z. B. bedingt durch den
Ödipuskomplex; hier trete die lebendige EigengesetzUchkeit zurück.
Die Lebensentwicklung des Gesunden jedoch folge vielmehr irratio-
nalen Anlagegesetzen, je erdhafter er sei, desto mehr. Auch in der Persön-
lichkfitsforsdiung müsse das Irrationale den ihm gebührenden Platz einnehmen,
die' lebendige Entwicklung liege jenseits allen rationalen Verständnisses«.
Die Psychoanalyse präge dem Gesunden irrtümlich Gesetzmäßigkeiten des
Abnormen auf. Für die gesunde Charakterentwicklung sei die rationalisierende
Tendenz abzulehnen.
Diese Grenze zwischen Gesunden und Kranken zu ziehen, ihnen ver-
idiiedene Wachstumsgesetze zuzumuten, ist natürlich ein Irrtum. Gewiß
ist die Anlage, so gewichtig sie in Betracht kommt, praktisch nicht
recht faßbar oder meßbar. Aber das Erlebnis, das Schicksal in
der Psychogenese des „Normalen" ist genau so erkennbar, verstandes-
mäßig faßbar, wie beim Kranken. Beide haben dieselben Komplexe
zu überwinden. Vielfach machen die Quantitäten die Unterschiede. Man
vergleiche z. B. die Entwicklung des Überichs beim Gesunden und Kranken.
Aber dazu sind eben Analysen an Gesunden gleichfalls zu üben,
wozu wir Psychoanalytiker in den Lehranalysen genügend Gelegenheit für
Erfahrungen finden. £ jj
II
^ROF. JOHANNES NAGLER: ANLAGE, UMWELT
■ und PERSÖNLICHKEIT DES VERBRECHERS. Stutt-
^■garf, 1933, Ferd. Enke.
^^ Es ist wieder einmal „Schichtwechsel" in der Weltgeschidite ; wir stehen
im Übergang von überlebten oder wenigstens so empfundenen Anschau-
ungen zur Aufrichtung neuer Ordnungen und Autoritäten, meint der Autor.
So wird alles, was Anthropologie und Medizin, Tiefenpsychologie und
Milieulehre in den letzten Jahrzehnten den Kriminalisten gelehrt haben, über
den Haufen geworfen. „Das Verbrechen ist wieder volle Persönlichkeits-
leistung, der Verbrecher verursacht schuldhaft den rechtswidrigen Erfolg, er
frevelt kraft seines Willensfehlers."
Weg mit der Psychologie des Unbewußten und dem philosophischen Deter-
minismus, Liquidierung der kranken Gegenwart; hinein in die „aufkommende
Flut, die in Selbstverantwortung, Pflichtgefühl, Unterordnung und Dienst am
Ganzen zu den alten Kraftquellen vorstößt". £. jj.
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PROF. TANENARI CHIBA: ÜRER DAS„MUKI".GEFüHr
Sendal (Japan), 1933, Tohoku Psychologica Folla. "
Es wird die Frage aufgeworfen, ob es außer Lust und Unlust a A
neutrale, gewissermaßen gleichgültige Gefühle gebe. Wenn es einen Gefühl
zustand gibt, bei dem kleine oder kleinste Lust oder Unlust nicht denkb '
ist, und der auch nicht aus einer Mischung von Lust und Unlust best h^"^
müssen wir ihn als einen dritten Gefühlszustand betrachten. Auch Li^
kennt zwischen Lust und Unlust ein eigentümliches Gefühl der Gleichgülü''^
keit an, das nicht etwa mit einfacher Abwesenheit des Gefühls der l'^"
oder Unlust gleichbedeutend ist. Der Buddhismus nimmt gleichfalls drei z"'
stände an : das Leiden, die Behaglichkeit und die IndifFerenz. Dieses „Muki"'
Gefühl ist ein dritter subjektiver Zustand, auf den allerdings sowohl Lust
wie Unlust zurücksinken und aus dem beide enstehen. Es ist das Urgefühl^
in diesem Sinne können wir es „Eigengefuhl" nennen. r, „ '
Eigentümer Verleger und Herausgeber:
Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Gesellsdiaft m. b. H., Wien, I., Börjegasse u
Schriftleiter und verantwortlicher Redakteur: Dr. Eduard Hitsdunann, Wicn.lX.. Währingerstraße 24
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