Internationale Psychoanalytische Bibliothek
Nr. XVI
Psychoanalytische Studien zur
Charakterbildung
von
Dr. Karl Abraham
Internationaler
Psychoanalytischer Verlag
Leipzig / Wien / Zürich
•m
INTERNATIONAL
PSYCHOANALYTIC
UNIVERSITY
DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN
■
■
•
INTERNATIONALE PSYCHOANALYTISCHE BIBLIOTHEK
Nr. XVI
Psychoanalytische Studien zur
Charakterbildung
von
Dr. Karl Abraham
1925
Internationaler Psychoanalytischer Verlag
Leipzig, Wien, Zürich
Alle Rechte,
besonders das der Übersetzung vorbehalten
Copyright 1925
by „Internationaler Psychoanalytischer Verlag
Ges. m. b. H." Wien
Gesellschaft für graphische Industrie, Wien, III., Rüdengasse ix.
Inhaltsverzeichnis
Seite
Ergänzungen zur Lehre vom Analcharakter 5
Beiträge der Oralerotik zur Charakterbildung 34
Zur Charakterbildung auf der „genitalen" Entwicklungsstufe 52
I
Ergänzungen zur Lehre vom Analdharakter 1
Das weite Gebiet, welches heute der psychoanalytischen
Wissenschaft zugänglich ist, bietet uns eine Fülle von Einzel-
beispielen für das rasche Anwachsen psychologischer Erkenntnis
auf dem Wege rein induktiver Forschung. Unter diesen Bei-
spielen ist die Entwicklung der Lehre vom Analcharakter
vielleicht das merkwürdigste und lehrreichste. Im Jahre 1908,
etwa 15 Jahre nach dem Erscheinen seiner ersten Beiträge
zur Psychologie der Neurosen, veröffentlichte Freud seine
kurzen Bemerkungen über „Charakter und Analerötik". Sie
fanden auf drei Druckseiten einer Zeitschrift Platz, als ein
Muster komprimierter Darstellung und ebenso vorsichtiger wie
klarer Formulierung. Die allmählich wachsende Schar der Mit-
arbeiter half den Kreis der gesicherten Erkenntnisse erweitern ;
unter ihren Beiträgen seien die von Sadger, Ferenczi
und Jones hervorgehoben. Eine ungeahnte Bedeutung gewann
die Lehre von den Umwandlungsprodukten der Analerotik, als
Freud im Jahre 1913, anschließend an Jones' wichtige
Untersuchung über „Haß und Analerotik in der Zwangsneurose",
1) Zuerst erschienen in der „Internation. Zschr. f. PsA. 1923. Englisch
in „The International Journal of Psycho- Analysis" 1923. („Contributions
to the Theory of Anal Character"). Die in der Einleitung erwähnten Problem-
stellungen habe ich in meiner seither erschienenen Schrift „Versuch einer
Entwicklungsgeschichte der Libido auf Grund der Psychoanalyse seelischer
Störungen" (Internat. PsA. Verlag 1924) bearbeitet.
Dr. Karl Abraham
eine frühe „prägenitale" Organisation der Libido beschrieb. Er
leitete die Symptome der Zwangsneurose von einer Regression
der Libido zu dieser Entwicklungsstufe her, die durch ein Vor-
wiegen der analen und sadistischen Triebkomponenten aus-
gezeichnet sei. Damit fiel ein neues Licht sowohl auf die
Symptomatik der Zwangsneurose als auch auf die charaktero-
logischen Besonderheiten der an ihr Leidenden, also auf den
sogenannten „Zwangscharakter". Einer späteren Publikation
vorgreifend, füge ich hinzu, daß sich sehr ähnliche Anomalien
des Charakters bei denjenigen Menschen finden, die zu
melancholischen und manischen Zuständen neigen. Die Erfor-
schung dieser ^letztgenannten, uns noch immer rätselhaften
Erkrankungen macht uns ein möglichst genaues Studium der
sadistisch-analen Charakterzüge zur Pflicht. Die vorliegende
Untersuchung berücksichtigt in der Hauptsache nur die analen
Beiträge zur Charakterbildung. Die letzte große Publikation
von Jones 1 über diesen Gegenstand bringt eine Fülle wert-
voller Erfahrungen, vermag aber das Gebiet noch nicht zu
erschöpfen. Der Mannigfaltigkeit und Kompliziertheit der Er-
scheinungen vermag eben das Werk eines einzelnen nicht
gerecht zu werden; jeder, der über eigene Erfahrungen ver-
fügt, sollte sie mitteilen und so zum Aufbau der psycho-
analytischen Wissenschaft beitragen. So ist es auch der Zweck
der folgenden Ausführungen, die Lehre von den analen
Charakterzügen nach gewissen Richtungen weiterzuführen. Eine
andere Aufgabe von größerer prinzipieller Bedeutung wird im
Hintergrund dieser Untersuchung wieder und wieder erscheinen.
Wir verstehen bisher nur ganz unvollkommen die besonderen
psychologischen Beziehungen zwischen den beiden Triebgebieten
— Sadismus und Analerotik — die wir ständig und fast schon
gewohnheitsmäßig in engem Zusammenha ng miteinander zu
i) Internat. Zschr. f. PsA., Bd. V, S. 69 f.
Ergänzungen zur Lehre vom AnalAarakter 7
nennen pflegen. Die Lösung dieser Frage soll in einer späteren
Abhandlung versucht werden.
Freuds erste Beschreibung des analen Charakters besagte,
daß gewisse Neurotiker drei Charakterzüge in besonderer Aus-
prägung darbieten: eine Ordnungsliebe, die oft in Pedanterie
ausarte, eine Sparsamkeit, die leicht in Geiz übergehe, und
einen Eigensinn, der sich zu heftigem Trotz steigere. Er stellte
fest, daß bei solchen Individuen die primäre Lust an der
Darmentleerung und ihren Produkten besonders betont war.
Er ermittelte, daß die Koprophilie dieser Personen nach
gelungener Verdrängung sublimiert werde zu einer Lust am
Malen, Modellieren und ähnlichen Tätigkeiten, oder daß sie auf
dem Wege der Reaktionsbildung in einen besonderen Drang
nach Reinlichkeit übergehe. Endlich betonte er die unbewußte
Gleichsetzung des Kotes mit Geld oder anderen Kostbarkeiten.
Sa dg er 1 fügte neben anderen die Beobachtung hinzu, daß
Personen mit ausgeprägtem Analcharakter der Überzeugung
zu sein pflegen, sie könnten alles besser machen als irgend ein
anderer. Auch verwies er auf eine Gegensätzlichkeit in
ihrem Charakter: große Beharrlichkeit finde sich neben der
Neigung, jede Leistung bis zum letzten Augenblick hinaus-
zuschieben.
Gelegentliche Bemerkungen anderer Autoren in der psycho-
analytischen Literatur übergehend, wende ich mich der gründ-
lichen, auf reicher Erfahrung ruhenden Untersuchung von
Jones zu. Im voraus kann ich bemerken, daß ich dem Autor
in keinem Punkt zu widersprechen habe. Seine Aufstellungen
scheinen mir nur der Vervollständigung und Erweiterung nach
gewissen Richtungen zu bedürfen.
i) „Analerotik und Analcharakter" in „Die Heilkunde" 1910.
An dem Vorgang, den wir gewöhnlich als Erziehung des
Kindes zur Reinlichkeit bezeichnen, unterscheidet Jones mit
Recht zwei verschiedene Akte. Das Kind muß nicht nur
davon entwöhnt werden, seinen Körper und seine Umgebung
mit den Exkreten zu verunreinigen,- sondern es hat sich
auch an eine zeitliche Regelmäßigkeit der Entleerungs-
funktionen zu gewöhnen. Mit anderen Worten: es hat sowohl
seine Koprophilie aufzugeben, als auch seine Lust an den
Exkretionsvorgängen selbst. Dieser doppelte Prozeß der
Einschränkung infantiler Triebe mitsamt seinen Konsequenzen
auf psychischem Gebiet bedarf noch ergänzender Unter-
suchungen.
Die primitive Entleerungsweise des Kindes bringt die gesamte
Oberfläche des Rumpfes und der Extremitäten mit Urin und
Stuhl in Berührung. Dem Erwachsenen, dem die kindliche
Reaktion auf diese Vorgänge durch Verdrängung entfremdet
ist, erscheint diese Berührung unangenehm, ja ekelhaft. Er
vermag nicht die Lustquellen zu sehen, aus denen die Libido
des Säuglings schöpfen kann. Der Strom des warmen Urins
ruft an der Haut Lustgefühle hervor, ganz wie die Berührung
mit der warmen Masse des Kotes. Das Kind äußert Unlust
erst dann, wenn die entleerten Exkrete an seinem Körper
erkalten. Es ist die gleiche Lust, die das Kind in etwas späterer
Zeit sucht, wenn es seine Hände mit Kot in Berührung bringt.
Ferenczi 1 hat diese Neigung des Kindes in ihrer weiteren
Entwicklung verfolgt. Daß sich ihr die Lust am Anblick
und Geruch des Kotes hinzugesellt, darf nicht unbeachtet
bleiben.
Die eigentliche Exkretionslust, die wir von dem Wohlgefallen
an den Produkten des Vorganges unterscheiden müssen,
begreift neben den körperlichen Empfindung en noch eine
i) „Zur Ontogenese des Geldinteresses. " Internat. Zschr. f. PsA. II, S. 506.
Ergänzungen zur Lehre vom Analdiarakter
psychische Befriedigung in sich, welche sich auf die Leistung
der Exkretionen bezieht. Indem nun die Erziehung vom Kinde
neben der Reinlichkeit eine strenge Regelmäßigkeit in den
Exkretionen fordert, setzt sie den Narzißmus des Kindes einer
ersten, harten Belastungsprobe aus. Die Mehrzahl der Kinder
paßt sich früher oder später dieser Forderung an. Im günstigen
Falle gelingt es dem Kinde sozusagen, aus der Not eine Tugend
zu machen, das heißt sich mit der Forderung der Erzieher zu
identifizieren und auf das Erreichte stolz zu sein. Die primäre
Verletzung seines Narzißmus ist dann kompensiert, das
ursprüngliche Gefühl der Selbstherrlichkeit ersetzt durch die
Befriedigung an der gelungenen Leistung, am „Bravsein", am
Lob der Eltern.
Nichf alle Kinder sind in dieser Hinsicht gleich erfolgreich.
Besonders soll hier darauf aufmerksam gemacht werden, daß
es Überkompensierungen gibt, unter welchen das trotzige Fest-
halten am primitiven Selbstbestimmungsrecht verborgen liegt,
bis es gelegentlich gewaltsam hervorbricht. Ich habe hier solche
Kinder (und natürlich auch Erwachsene) im Auge, die sich
durch besondere Bravheit, Korrektheit, Folgsamkeit hervortun,
ihre in der Tiefe liegenden rebellischen Antriebe aber damit
begründen, daß man sie von früh auf unterdrückt habe. Solche
Fälle haben ihre eigene Entwicklungsgeschichte. Ich konnte bei
einer meiner Patientinnen den Hergang bis in die erste Kindheit
verfolgen, wobei uns allerdings frühere Aussagen der Mutter
zu Hilfe kamen.
Die Patientin war die mittlere von drei Schwestern. Sie
wies in ungewöhnlicher Deutlichkeit und Vollständigkeit die
für ein „mittleres" Kind bezeichneten Wesenszüge auf, die
neuerdings von H u g - H e 1 1 m u t h 1 in so einleuchtender Weise
zusammengefaßt worden sind. Ihr T rotz aber, der sich in
i) Imago, Bd. VII (1921).
K> Dr. Karl Abraham
klarster Weise mit ihren Ansprüchen auf das kindliche Selbst-
bestimmungsrecht im erwähnten Sinne verband, ging in letzter
Linie auf ein besonderes Schicksal ihrer Kindheit zurück.
Als die Patientin geboren wurde, war ihre ältere Schwester
noch nicht ein Jahr alt. Die Mutter hatte die Ältere noch nicht
hinlänglich an Reinlichkeit gewöhnt, als die Neugeborene ihr
ein verdoppeltes Maß an Körper- und Wäschereinigung auf-
erlegte. Als das zweite Kind aber wenige Monate alt war, trat
bei der Mutter die dritte Schwangerschaft ein. Um nun zur
Zeit der Geburt des dritten Kindes nicht abermals durch das
vorhergehende allzusehr in Anspruch genommen zu sein,
beschloß die Frau, das zweite Kind beschleunigt zur Rein-
lichkeit zu erziehen. Sie verlangte von ihm frühzeitiger, als
sonst üblich, Folgsamkeit in der Verrichtung der Bedürfnisse
und unterstützte die Wirkung der Worte durch einen Schlag
auf den Körper des Kindes. Die Maßregel brachte einen der
geplagten Mutter sehr erwünschten Erfolg, indem das Kind
abnorm früh ein Ideal an Sauberkeit darstellte. Es blieb dann
auch weiter auffallend fügsam. Herangewachsen, befand
die Patientin sich in einem steten Konflikt zwischen bewußter
Nachgiebigkeit, Resignation und Opferbereitschaft auf der einen,
und unbewußter Rachsucht auf der anderen Seite.
Der hier im Bruchstück geschilderte Fall illustriert in lehr-
reicher Weise die Wirkung früher Verletzungen des kindlichen
Narzißmus, besonders, wenn sie fortdauernder, systematischer
Art sind und dem Kinde eine Gewohnheit vorzeitig aufzwingen,
zu der ihm noch die psychische Bereitschaft fehlt. Denn diese
tritt erst ein, wenn das Kind anfängt, die ursprünglich narziß-
tisch gebundenen Gefühle auf Objekte (Mutter usw.) zu über-
tragen. Ist das Kind hierzu bereits fähig, so wird es reinlich
dieser Person „zuliebe". Wird die Reinlichkeit allzufrüh ver-
langt, so geschieht die Gewöhnung an diesen Zustand aus
Ergänzungen zur Lehre vom Analdiarakter
Furcht. Der innere Widerstand bleibt bestehen, die Libido
verharrt mit Zähigkeit in narzißtischer Fixierung, und eine
nachhaltige Störung der Liebesfähigkeit ist die Folge.
Die volle Bedeutung eines solchen Verfahrens für die
psychosexuelle Entwicklung des Kindes tritt erst hervor, wenn
man den Entgang narzißtischer Lust im einzelnen verfolgt.
Jones verweist mit Nachdruck auf den Zusammenhang des
hohen Selbstgefühls des Kindes mit seinen exkretorischen
Leistungen. In einer kleinen Mitteilung 1 habe ich selbst an
Beispielen zu zeigen versucht, daß der kindlichen Vorstellung
von der Allmacht der eigenen Wünsche und Gedanken ein
Stadium vorausgehen könne, in welchem das Kind seinen
Exkretionen eine solche Allgewalt zumesse. Vermehrte
Erfahrung hat mich seither davon überzeugt, daß es sich hier
um einen regelmäßigen, typischen Vorgang handelt. Die
Patientin, von deren Kindheit ich soeben berichtete, ist nun
zweifellos im Genuß dieser narzißtischen Lust gestört worden.
Schwere und quälende Gefühle der Unzulänglichkeit, mit denen
sie später behaftet war, gingen in ihren letzten Wurzeln sehr
wahrscheinlich auf diese vorzeitige Zerstörung des kindlichen
„Größenwahns" zurück.
Die Wertschätzung der Exkretionen als Äußerungen einer
ungeheuren Machtfülle ist dem Bewußtsein des normalen
Erwachsenen entfremdet. Daß sie aber in seinem Unbewußten
fortlebt, zeigt sich unter anderem in vielen alltäglichen Redens-
arten meist scherzhafter Natur, die beispielsweise den Sitz
eines Klosetts als „Thron" bezeichnen. Es ist nicht zu ver-
wundern, daß Kinder, die in einem stark analerotischen Milieu
aufwachsen, derartige oft gehörte Vergleiche dem eisernen Be-
stand ihrer Reminiszenzen einverleiben und sie in ihren späteren
i) „Zur narzißtischen Bewertung der Exkretionsvorgänge", Internat.
Zschr. f. PsA. VI, 1920.
neurotischen Phantasien verwenden. Einer meiner Patienten hatte
das zwanghafte Bedürfnis, den Worten der deutschen Kaiser-
hymne eine solche Bedeutung unterzulegen. In seinen Größen-
phantasien sich an die Stelle des Kaisers versetzend, malte er
sich die „hohe Wonne" aus, „in des Thrones Glanz zu fühlen",
das heißt die eigenen Exkremente zu berühren.
Die Sprache gibt uns, wie auf vielen anderen Gebieten, auch
für diese Überwertung der Defäkation charakteristische Belege.
So besitzt die spanische Sprache den gebräuchlichen (nicht
etwa scherzhaft gemeinten) Ausdruck „regir el vientre" („den
Leib regieren"), der den Stolz auf die Darmfunktion deutlich
hervorhebt.
Erkennen wir im Entleerungsstolz des Kindes ein primitives
Machtgefühl, so wird uns das eigentümliche Gefühl der
Ohnmacht verständlich, das wir bei neurotisch Öbstipierten
oftmals finden. Ihre Libido hat sich von der Genitalzone auf
die Analzone verschoben, und nun betrauern sie die Hemmung
der Darmfunktion in ähnlicher Weise wie die genitale Impotenz.
Man fühlt sich versucht, mit Bezug auf den Stuhl-Hypochonder
von einer intestinalen Impotenz zu sprechen.
Eng verbunden mit diesem Stolz ist die zuerst von Sa dg er
hervorgehobene Vorstellung vieler Neurotiker, alles selbst tun
zu müssen, weil kein anderer es so gut machen könne wie sie
selbst. Nach meiner Erfahrung steigert diese Überzeugung sich
nicht selten zu einer Vorstellung der Einzigartigkeit.
Solche Personen werden prätentiös und überhebend und neigen
zur Geringschätzung aller anderen Menschen. Ein Patient
äußerte in diesem Sinne: „Alles, was nicht Ich ist, ist
Dreck." Solche Neurotiker haben auch an einem Besitz nur
Freude, wenn niemand sonst dergleichen hat, verachten dem-
entsprechend auch eine Tätigkeit, die sie mit anderen Menschen
teilen müßten.
Ergänzungen zur Lehre vom Analdiarakter
13
Bekannt ist die Empfindlichkeit des analen Charakters gegen
äußere Eingriffe jeglicher Art in den wirklichen oder ver-
meintlichen Bereich seiner eigenen Macht. Daß bei solchen
Personen die Psychoanalyse die lebhaftesten Widerstände her-
vorrufen muß, ist klar. Sie erscheint dem Neurotiker als eine
unerhörte Einmischung in seine Lebensführung. „Die Psycho-
analyse rührt in meinen Angelegenheiten herum, " äußerte ein
Patient und deutete damit unbewußt auf seine passiv-homo-
sexuelle und anale Einstellung zum Analytiker hin.
Jones betont das eigensinnige Festhalten an einer selbst-
erdachten Ordnung. Solche Neurotiker lehnen es durchaus ab, sich
einer von anderer Seite stammenden Ordnung zu fügen, erwarten
aber eine solche Fügsamkeit von anderen Menschen, sobald sie selbst
auf irgend einem Gebiet ein bestimmtes System erdacht haben.
Bezeichnend ist beispielsweise das Einführen eines genauen Regu-
lativs für den Dienst in einem Bureau, eventuell das Verfassen
eines Buches, welches bindende Vorschriften oder Vorschläge für
die Organisation aller Bureaus einer bestimmten Art enthält.
Ein krasses Beispiel für das Aufzwingen einer bestimmten
Ordnung ist das folgende. Eine Mutter verfaßt ein schriftliches
Programm, in welchem sie ihrer Tochter den Tag in minutiöser
Weise einteilt. Für den frühen Morgen enthält es zum Beispiel
die Anweisung: i. Aufstehen, 2. Töpfchen, 3. Händewaschen usw.
Am Morgen klopft sie von Zeit zu Zeit an die Tür und fragt
die Tochter: wie weit bist du? Diese hat dann zu antworten
„9" oder „15" usw., so daß die Mutter eine genaue Kontrolle
über die Einhaltung des Planes hat.
Schon hier sei darauf hingewiesen, daß alle solche Systeme
nicht nur vom Ordnungszwang, sondern auch von der Herrsch-
sucht ihrer Erfinder zeugen, die aus sadistischen Quellen stammt.
Auf das Zusammenfließen analer und sadistischer Strömungen
wird später ausführlich einzugehen sein.
14 Dr. Karl Abraham
Die Lust solcher Neurotiker am Rubrizieren und Registrieren,
am Anfertigen von tabellarischen Übersichten und an der
Statistik in allen ihren Formen ist hier zu erwähnen.
Die gleiche Eigenwilligkeit zeigen solche Neurotiker jeder
Forderung oder Bitte gegenüber, die von irgend einer Person
an sie gestellt wird. Wir werden an das Verhalten jener Kinder
erinnert, die sich obstipiert zeigen, wenn man die Defäkation
von ihnen fordert, hernach aber zu einer ihnen selbst genehmen
Zeit dem Bedürfnis nachgeben. Derartige Kinder lehnen sich
übrigens in gleicher Weise wie gegen das „Sollen" (die
befohlene Entleerung) auch gegen das „Müssen" (Ausdruck
der Kindersprache für den Stuhldrang) auf. Ihre Neigung zum
Hinausschieben der Entleerung entspricht einer Abwehr nach
beiden Seiten.
Da nun die Hergabe der Exkremente die früheste Form ist,
in welcher das Kind „gibt" oder „schenkt", so wird der spätere
Neurotiker im Geben die geschilderte Eigenwilligkeit bewahren,
demnach also in vielen Fällen eine an ihn ergehende Bitte
oder Forderung ablehnen, freiwillig dagegen ohne klein-
liche Berechnung schenken. Ihm liegt an der Wahrung seines
Bestimmungsrechtes. In unseren Psychoanalysen erfahren wir
häufig, daß Ehemänner sich gegen jede von der Frau vor-
geschlagene Geldausgabe sträuben, um hernach „freiwillig"
mehr als das ursprünglich Verlangte zu bewilligen. Solche
Männer lieben es, ihre Frau in finanzieller Hinsicht dauernd
unselbständig zu erhalten. Das Zuteilen des Geldes in Portionen,
die sie selbst bestimmen, ist ihnen eine Quelle der Lust. Wir
kennen Ähnliches im Verhalten mancher Neurotiker bezüglich
der Defäkation, die sie auch „in refracta dosi" erfolgen lassen.
Eine besondere Neigung solcher Männer und Frauen ist das
Verteilen von Essen in Portionen nach ihrem Gutdünken.
Gelegentlich nimmt diese Neigung groteske Formen an, so
Ergänzungen zur Lehre vom Analdiarakter
15
zum Beispiel im Falle eines alten, geizigen Mannes, der seine Ziege
fütterte, indem er ihr jeden Grashalm einzeln gab. Im Vorüber-
gehen sei auch hier wieder auf die sadistische Nebenmotivierung
solcher Handlungsweise hingewiesen. Man steigert Verlangen
und Erwartung, um die Befriedigung nur in kleinen, jeweils
ungenügenden Rationen folgen zu lassen.
Manche solche Neurotiker suchen da, wo sie der Forderung
eines anderen nachgeben müssen, immer noch den Schein
eigener Bestimmung aufrechtzuerhalten. Dahin gehört die
Neigung, auch kleinste Rechnungen durch Scheck zu bezahlen;
das heißt man benützt nicht die allgemein gangbaren Noten und
Münzen, sondern stellt für jeden Fall „sein eigenes Geld" her.
Die Unlust des Ausgebens wird dadurch um ebensoviel
gemindert, wie sie durch Zahlung in üblicher Münze erhöht
werden würde; daß hier noch andere Motive determinierend
wirken, sei ausdrücklich betont.
Die Neurotiker, welche in allem das eigene System durch-
setzen wollen, neigen zur übertriebenen Kritik an anderen,
die leicht in Nörgelei ausartet. Im sozialen Leben stellen sie
das Hauptkontingent zu den dauernd Mißvergnügten. Wie
Jones aber überzeugend nachweist, kann die ursprüngliche
anale Eigenwilligkeit sich nach zwei verschiedenen Richtungen
entwickeln. In einem Teil der Fälle sind Unzugänglichkeit und
Halsstarrigkeit, also unsoziale und unproduktive Eigenschaften
das Ergebnis. In anderen Fällen entwickelt sich Ausdauer
und Gründlichkeit, das heißt Eigenschaften von sozialem Wert,
solange sie nicht ins Extreme ausarten. An dieser Stelle ist
wiederum neben der Analerotik auf andere Triebquellen
aufmerksam zu machen, die eine Verstärkung solcher Tendenzen
liefern.
Geringe Beachtung hat in der psychoanalytischen Literatur
der entgegengesetzte Typus gefunden. Gewisse Neurotiker
16 Dr. Karl Abraham
lehnen jede Art von eigener Initiative ab. Im praktischen
Leben soll nach ihrem Wunsche stets ein gütiger Vater oder
eine sorgsame Mutter zur Hand sein, um ihnen jede Schwierig-
keit aus dem Wege zu räumen. In der Psychoanalyse sind sie
ungehalten darüber, daß sie frei assoziieren sollen; sie möchten
nur still daliegen und die Leistung der Analyse ganz dem
Arzt zuschieben, oder sie verlangen, vom Arzt ausgefragt zu
werden. Nach den übereinstimmenden Ergebnissen solcher
Psychoanalysen kann ich aussagen, daß jene Patienten in der
Kindheit sich der geforderten Defäkationsleistung widersetzten,
dann aber von den Müttern (oder auch Vätern) durch frei-
gebige Verabreichung von Klysmen oder Abführmitteln dieser
Mühe überhoben wurden. Das freie Assoziieren ist ihnen eine
psychische Entleerung, die sie sich — gleich der körperlichen
— nicht abverlangen lassen wollen. Sie erwarten beständig,
daß man ihnen die Mühe erleichtern oder ganz abnehmen
werde. Ich erinnere hier an die umgekehrte Form des Wider-
standes, die ich in einer früheren Mitteilung 1 ebenfalls auf
analerotische Quellen zurückgeführt habe. Es handelte sich um
jene Patienten, die in der Psychoanalyse alles allein und nach
eigener Methode tun wollen und deswegen die ihnen vorge-
schriebene des freien Assoziierens ablehnen.
Hier soll im allgemeinen nicht von der neurotischen
Symptombildung, die sich auf der Grundlage verdrängter
Analerotik vollzieht, die Rede sein, sondern hauptsächlich von
charakterologischen Erscheinungen. Die mannigfaltigen Äuße-
rungen neurotischer Hemmung, deren Zusammenhang mit der
Verschiebung, der Libido auf die Analzone leicht ersichtlich
ist, berücksichtige ich daher nur nebenbei. Ein genaueres
Eingehen erfordert die Tatsache, daß die Ablehnung aktiver
i) „Über eine besondere Form des Widerstandes gegen die psycho-
analytische Methodik." Internat. Ztschr. f. PsA., V 1919.
r
Ergänzungen zur Lehre vom Analdiarakter 17
Leistungen eine häufige Erscheinung im Rahmen des analen
Charakters bildet. Namentlich bedarf es hier einer kurzen
Erörterung der besonderen Verhältnisse beim sogenannten
Zwangscharakter.
Wenn bei einem männlichen Individuum die Libido nicht
in vollem Umfange zur genitalen Organisationsstufe fortschreitet,
oder wenn sie von der genitalen zur analen Entwicklungsphase
regrediert, so resultiert daraus stets eine Minderung der männ-
lichen Aktivität in jedem Sinne des Wortes. Die physiologische
Produktivität des Mannes ist an die Genitalzone gebunden.
Findet eine Regression der Libido zur sadistisch-analen Phase
statt, so geht die Produktivität des Mannes nicht nur im rein
generativen Sinne verloren. Die genitale Libido des Mannes soll
zum Zeugungsakt, und damit zur Entstehung eines neuen
Lebewesens, den ersten Anstoß geben. Fehlt dem Manne die
Initiative, welche zu dieser eigentlichsten Produktivität notwendig
ist, so finden wir regelmäßig auch im sonstigen Verhalten des
Mannes einen Mangel an Produktivität und Initiative. Aber die
Folgen reichen noch weiter.
Mit der genitalen Aktivität des Mannes verbindet sich eine
positive Gefühlseinstellung zum Liebesobjekt, die sich auch
auf sein Verhältnis zu sonstigen Objekten überträgt und sich
in seiner Fähigkeit zur sozialen Anpassung, in der Hingabe an
bestimmte Interessen, Ideen und dergleichen äußert. In allen
diesen Hinsichten steht die Charakterbildung der sadistisch-
analen Stufe derjenigen der genitalen Phase nach. Das sadi-
stische Element, das für die normale Triebhaftigkeit des Mannes
von großer Bedeutung ist, sobald es durch Sublimierung eine
geeignete Umwandlung erfahren hat, ist im Zwangscharakter
zwar in besonderer Stärke vertreten, aber es ist [infolge der
Ambivalenz des Trieblebens solcher Individuen mehr oder
weniger gelähmt. Zudem enthält es destruktive, objektfeindliche
18 Dr. Karl Abraham
Tendenzen und kann deshalb nicht zu wirklicher Fähigkeit
der Hingabe an ein Liebesobjekt sublimiert werden. Denn die
oft beobachtete Reaktionsbildung im Sinne übergroßer Nach-
giebigkeit und Weichheit darf nicht mit wirklicher Übertragungs-
liebe verwechselt werden. Günstiger zu beurteilen sind diejenigen
Fälle, in welchen Objektliebe und genitale Libidoorganisation
immerhin zu einem guten Teil erreicht sind. Gesellt sich zu
einer solchen unvollkommenen Objektliebe die erwähnte
„Übergüte", so entsteht eine sozial nützliche Spielart, die
dennoch einer vollen Objektliebe in wesentlichen Beziehungen
nachsteht.
Wir finden nun bei Individuen mit mehr oder weniger
beeinträchtigter Genitalität regelmäßig die unbewußte Tendenz,
die Analfunktion als produktive Tätigkeit zu bewerten,
beziehungsweise den Anschein zu erwecken, als sei die genitale
Leistung unwesentlich, die anale weit bedeutungsvoller. Dem-
entsprechend ist das soziale Verhalten solcher Personen stark
an das Geld gebunden. Sie lieben es, Geld oder Geldeswert
zu schenken; manche unter ihnen werden Mäzene oder Wohl-
täter. Doch bleibt ihre Libido den Objekten mehr oder weniger
fern, und so ist auch ihre Arbeitsleistung nicht im eigentlichen
Sinne produktiv. Es fehlt ihnen keineswegs an Ausdauer —
einem häufigen Kennzeichen des analen Charakters — aber sie
wird zu einem guten Teil in unproduktivem Sinne verwandt,
etwa an pedantische Einhaltung festgesetzter Formen ver-
schwendet, so daß in ungünstigen Fällen das sachliche Interesse
dem formalen erliegt.
Erörtern wir die vielfachen Beziehungen, in welchen der
anale Charakter der männlichen Aktivität Eintrag tut, so
dürfen wir endlich die oft so hartnäckige Neigung zum Hinaus-
schieben jeder Leistung nicht vergessen. Wir sind über die
Herkunft dieser Tendenz gut unterrichtet. Sehr gewöhnlich
Ergänzungen zur Lehre vom Analdiarakter
19
verbindet sich mit ihr eine Neigung zum Unterbrechen jeder
begonnenen Tätigkeit ; bei manchen Personen kann man, wenn
sie irgendetwas beginnen, schon voraussagen, daß bald eine
Unterbrechung kommen wird.
In selteneren Fällen fand ich das umgekehrte Verhalten. So
war einer meiner Patienten durch einen langdauernden Wider-
stand verhindert, seine Doktor-Dissertation zu schreiben. Nach
vielen anderen Motiven des Widerstandes kam endlich noch
ein weiteres zum Vorschein. Der Patient gab an, er müsse den
Beginn der Arbeit scheuen. Denn wenn er etwas angefangen
habe, könne er nicht wieder aufhören. Wir werden hier an
das Verhalten gewisser Neurotiker bezüglich ihrer Exkretionen
erinnert. Sie halten den Darm- oder Blaseninhalt zurück, solange
dies irgend möglich ist. Geben sie dem übermächtig gewordenen
Drang endlich nach, so gibt es kein Einhalten mehr, und das
gesamte Quantum kommt zutage. Hier ist besonders die Tat-
sache zu beachten, daß es sowohl eine Lust am Zurückhalten
der Exkremente, als eine Lust an ihrer Enüeerung gibt. Der
wesentlichste Unterschied beider liegt in dem protrahierten
Ablauf der einen, in dem akuten Abschluß der anderen
Lustform. Für den erwähnten Patienten bedeutete der lange
hinausgezögerte Beginn der Arbeit eine Wendung von der
Retentionslust zur Entleerungslust. 1
i) Die Retentionsneigung stellt eine spezielle Form des Festhaltens an
der Vorlust dar und scheint mir besondere Beachtung zu verdienen. Ich
will mich in dieser Hinsicht mit einem einzigen Hinweis begnügen. Man
•»■hat neuerdings mehrfach zwei entgegengesetzte „psychologische Typen"
aufgestellt und versucht, sämtliche Individualitäten in diesen unterzubringen.
Erinnert sei namentlich an Jungs „extravertierten" und „introvertierten"
Typus.
Patient, von dem ich oben berichtete, war nun zweifellos in höchstem
Maße nach innen gekehrt, gab' aber diese seine objektfeindliche Einstellung
im Laufe seiner Psychoanalyse mehr und mehr auf. Diese und viele ähn-
liche Erfahrungen berechtigen zu der Auffassung, daß die „Introversion"
2*
20 Dr. Karl Abraham
In welchem Maße das Überwiegen der analen über die
genitale Erotik den Neurotiker inaktiv und unproduktiv macht,
das möge noch eine Einzelheit aus der Geschichte des gleichen
Patienten zeigen.
Auch während der Psychoanalyse verhielt der Patient sich
lange Zeit hindurch gänzlich untätig und verhinderte durch
seinen Widerstand jedwede Änderung sowohl seines Zustandes
als auch der ihn umgebenden Verhältnisse. Seine einzige Maß-
nahme gegen die äußeren und inneren Schwierigkeiten bestand
— wie das bei Zwangskranken öfter vorkommt — in heftigem
Fluchen. An diese Affektäußerungen schloß sich dann ein
bezeichnendes Verhalten an. Statt sich um das Schicksal seiner
Arbeit zu bekümmern, grübelte der Patient darüber nach, was
aus seinen Flüchen werde, ob sie zu Gott oder zum Teufel
gelangten, und welches Schicksal Schallwellen im allgemeinen
hätten. Die geistige Tätigkeit wurde so durch neurotische
Grübeleien ersetzt. Auf assoziativem Wege ergab sich, daß
die Grübelfrage nach dem Verbleib der Geräusche sich' auch
auf Gerüche bezog und in letzter Linie analerotischen Ursprungs
war (Flatus).
Im allgemeinen darf man sagen, daß beim Neurotiker, je
mehr die männliche Aktivität und Produktivität eingeschränkt
ist, desto auffälliger das Interesse sich dem Besitz zuwendet,
und dies in Formen, die von der Norm erheblich abweichen'
In ausgeprägten Fällen von analer Charakterbildung werden
nahezu alle Lebensbeziehungen unter den Gesichtspunkt des
Habens (Festhaltens) und Gebens, also des Besitzes gestellt.
Es ist, als wäre der Wahlspruch mancher solcher Menschen:
im Sinne Jungs großenteils mit dem infantilen Festhalten an der Reten-
tionslust zusammenfällt. Es handelt sich also um ein Verhalten das
erworben und aufgegeben werden kann, nicht aber um Äußerungen eines
starren psychologischen Typus.
Ergänzungen zur Lehre vom Analcharakter
21
Wer mir gibt, ist mein Freund; wer etwas von mir verlangt,
ist mein Feind! Ein Patient erklärte mir, er könne während
der Behandlung kein freundliches Gefühl für mich aufbringen.
Er fügte erklärend hinzu: „Solange ich jemandem etwas zu
zahlen habe, kann ich ihm nicht freundlich gegenüberstehen."
Wir kennen bei anderen Neurotischen die genaue Umkehrung
dieses Verhaltens ; sie können einem Menschen um so eher freund-
lich sein, je mehr er ihre Hilfe braucht und in Anspruch nimmt.
Bei der größeren ersteren Gruppe tritt als ein hauptsäch-
licher Charakterzug der Neid zutage. Der Neidische aber
zeigt nicht nur ein Begehren nach dem Besitz anderer, sondern er
verbindet mit diesem Begehren gehässige Regungen gegen den
Bevorzugten. Auf die sadistische Wurzel des Neides sei aber
hier nur im Vorübergehen verwiesen, ebenso wie auf die anale.
Denn beide sind für das Zustandekommen des Neides von
sekundärer, nur verstärkender Bedeutung. Der Ursprung des
Charakterzuges rührt bereits von der früheren (oralen) Phase
der Libidoentwicklung her. So möge hier nur ein Beispiel Platz
finden, das den Zusammenhang des Neides mit den anal
bedingten Besitzvorstellungen gut illustriert. Ich meine den so
häufigen Neid des Patienten auf den analysierenden Arzt. Er
neidet ihm die Rolle des „Überlegenen" und vergleicht sich
beständig mit ihm. Ein Patient äußerte einmal, in der Psycho-
analyse sei die Verteilung der Rollen allzu ungerecht. Er selbst
müsse allein alle Opfer bringen: er suche den Arzt auf, liefere
seine Assoziationen ab und müsse obendrein noch Geld zahlen.
'Derselbe Patient hatte übrigens die Gepflogenheit, jedem
Menschen, den er kannte, sein Einkommen nachzurechnen.
Wir sind damit in die unmittelbare Nachbarschaft eines der
klassischen Züge des analen Charakters gelangt: des beson-
deren Verhältnisses zum Gelde, am häufigsten repräsentiert
durch Sparsamkeit oder Geiz. So häufig nun gerade diese
22 Dr. Karl Abraham
Eigenschaft der Neurotiker in der psychoanalytischen Literatur
bestätigt worden ist, so gibt es doch eine Reihe von beson-
deren Erscheinungen auf diesem Gebiet, die wenig Beachtung
gefunden haben und daher hier berücksichtigt werden sollen.
Es gibt Fälle, in welchen der Zusammenhang zwischen
absichtlicher Stuhlverhaltung und systematischer Sparsamkeit
offen zutage liegt. Ich erwähne hier das Beispiel eines reichen
Bankiers, der seinen Kindern immer wieder einschärfte, sie
sollten den Darminhalt so lange wie nur möglich bei sich
behalten, damit die teure Nahrung bis zum äußersten ausgenützt
werde.
Sodann ist auf die Tatsache zu verweisen, daß manche
Neurotiker ihre Sparsamkeit, beziehungsweise ihren Geiz
auf gewisse Arten von Ausgaben beschränken, in anderen
Beziehungen dagegen mit auffälliger Bereitwilligkeit Geld
verausgaben. So gibt es unter unseren Patienten solche, die
jede Ausgabe für „Vergängliches" meiden. Ein Konzert, eine
Reise, der Besuch einer Ausstellung sind mit Kosten verbunden,
für welche man keinen bleibenden Besitz eintauscht. Ich kannte
jemanden, der den Besuch der Oper aus solchem Grunde
mied; er kaufte sich aber Klavierauszüge der Opern, welche
er nicht gehört hatte, weil er auf diese Weise etwas „Bleibendes"
erhielt. Manche solche Neurotiker vermeiden auch gern die
Ausgaben für das Essen, weil man es ja doch nicht als dauernden
Besitz behält. Bezeichnenderweise gibt es einen anderen Typus,
der bereitwillig Ausgaben für die Ernährung macht, die bei
ihm ein überwertiges Interesse darstellt. Es handelt sich um
Neurotiker, die ihren Körper beständig sorgsam überwachen,
ihr Gewicht prüfen usw. Ihr Interesse ist der Frage zugewandt,
was von den eingeführten Stoffen ihrem Körper als dauernder
Besitz bleibt. Bei dieser Gruppe ist es evident, daß sie
Körperinhalt mit Geld identifiziert.
Ergänzungen zur Lehre vom Analdiarakter
23
In anderen Fällen finden wir die Sparsamkeit in der gesamten
Lebensweise streng durchgeführt; in einzelnen Beziehungen
wird sie aber auf die Spitze getrieben, ohne daß eine praktisch
nennenswerte Ersparnis an Material erzielt wird. Ich erwähne
einen geizigen Sonderling, der im Hause mit offenstehender
Hose umherlief, damit die Knopflöcher nicht zu schnell abgenützt
würden. Es ist leicht zu erraten, daß hier noch andere Antriebe
mitwirkten. Doch bleibt es charakteristisch, wie diese sich
hinter der anal bedingten Spartendenz verbergen können; so
sehr wird diese als wichtigstes Prinzip anerkannt. Bei manchen
Analysanden finden wir eine auf den Verbrauch von Klosett-
papier spezialisierte Sparsamkeit; hier wirkt die Scheu, Reines
zu beschmutzen, als determinierend mit.
Häufig zu beobachten ist die Verschiebung des Geizes vom
Geld oder Geldeswert auf die Zeit; letztere wird ja in einer
geläufigen Redewendung dem Gelde gleichgesetzt. Viele
Neurotiker sind in beständiger Sorge vor Zeitverlusten. Nur
die Zeit, welche sie allein und mit ihrer Arbeit verbringen,
erscheint ihnen wohl ausgenützt. Jede Störung in ihrer Tätigkeit
versetzt sie in höchste Reizbarkeit. Sie hassen Untätigkeit,
Vergnügungen usw. Es sind die gleichen Menschen, die zu
den von F er enczi beschriebenen „Sonntagsneurosen" neigen,
das heißt keine Unterbrechung ihrer Arbeit vertragen. Wie
jede neurotisch übertriebene Tendenz ihr Ziel leicht verfehlt,
so geschieht es auch oftmals dieser. Die Patienten sparen oft
Zeit im kleinen und verlieren sie im großen.
' Eine häufige Gewohnheit unserer Patienten, welche der Zeit-
ersparnis dienen soll, ist das gleichzeitige Vornehmen zweier
Beschäftigungen. Beliebt ist beispielsweise das Lernen, Lesen
oder Erledigen sonstiger Arbeiten während der Defäkation. 1
i) Für solche Neurotiker ist das Klosett der Ort der eigentlichen „Pro-
duktion", die durch die Einsamkeit begünstigt wird. Ein Patient, der
2 Ä Dr. Karl Abraham
Wiederholt lernte ich Leute kennen, die, um Zeit zu ersparen,
Weste und Rock zusammen aus-, beziehungsweise anzogen
oder abends die Unterhose in der Hose stecken ließen, um am
Morgen beide Kleidungsstücke mit einer Bewegung anziehen
vJT n -,fi ele di6Ser Art Sind ldcht zu ve ^hren.
Vielfach sind die Formen, in welchen sich die Lust am Besitz
zu- äußern pflegt. Vom Geizhals, der nach volkstümlicher Vor-
Stellung mit Wohlbehagen seine Goldstücke zählt und betrachtet,
ist es nicht gar so weit zum Sammler, den eine Lücke in einer
Serie von Briefmarken wie eine offene Wunde brennt. Über
den Sammeltrieb gibt aber die Abhandlung von Jones so
reichen Aufschluß, daß ich seinen Ausführungen nichts Wesent-
licnes hinzufügen könnte.
Dagegen erscheint mir ein kurzer Hinweis auf eine Erschei-
nung notwendig, die der Lust am Betrachten des Besitzes nahe
verwandt ist. Ich meine das wohlgefällige Betrachten eigener
geistiger Erzeugnisse, wie Briefe, Manuskripte usw., oder fertfe-
gesteüter Arbeiten aller Art. Ihr Vorbild hat diese Neigung im
Anschauen der eigenen Darmprodukte, das für nicht wenige
Menschen eine Quelle immer erneuter Lust, für manche Neurotiker
eine Außerungsform des psychischen Zwanges darstellt.
Die libidinöse Überbetonung des Besitzes macht es uns leicht
verständlich, daß unsere Patienten sich von Gegenständen aller
Art selbst dann schwer trennen, wenn diese weder mehr einen
praktischen Nutzen bringen noch einen Geldwert repräsentieren
Personen mit solcher Einstellung zum Besitz sammeln etwa auf
dem Dachboden des Hauses zerbrochene Gegenstände aller
Art an, oft unter dem Vorwand, ihrer vielleicht später noch zu
bedürfen. Bei irgend einer Gelegenheit wird dann das gesamte
während der psychoanalytischen Sitzungen lebhaften Widerstand ge-en
und r\f SS ° Z1 T n f igtC ' P roduzierte da heim im Klosett seine Einfälle
und brachte sie dann fertig mit sich zur Analysenstunde
Ergänzungen zur Lehre vom Analcharakter 25
Gerumpel auf einmal beseitigt. Die Lust an der Menge des
angesammelten Materials entspricht vollkommen der Lust am
Zurückhalten des Darminhaltes; auch in diesem Falle finden wir
das Verzögern der Entleerung bis zu einem möglichst späten
Zeitpunkt. Die gleichen Personen sammeln Reste von Papier,
alte Kuverts, gebrauchte Schreibfedern und dergleichen an und
können sich lange Zeit hindurch von diesem Besitz nicht
trennen, bis dann in größeren Abständen einmal ein großes
Aufräumen beginnt, das seinerseits ebenfalls mit Lust verbunden
ist. Bei Kaufleuten und Beamten fand ich mehrfach die beson-
dere Neigung, ganz beschmutztes und zerfetztes Löschpapier
sorgsam aufzubewahren. Die Befleckung mit Tinte ist für das
Unbewußte dieser Neurotiker der Beschmutzung mit Kot gleich-
wertig. Ich will erwähnen, daß ich bei einer senil-schwach-
sinnigen Frau mit starker Regression der Libido zur analen
Stufe die Neigung fand, das von ihr gebrauchte Klosettpapier
in die Tasche zu stecken und bei sich zu tragen.
Daß das Fortwerfen von Gegenständen vom Unbewußten der
Kotentleerung gleichgesetzt wird, beweist folgende sonderbare
Gepflogenheit einer Frau, die auch sonst eine ungewöhnlich
starke Ausprägung analer Wesenszüge darbot. Sie war außer-
stande, unbrauchbar gewordene Gegenstände fortzuwerfen.
Zuweilen zeigte sich aber bei ihr der Drang, sich dennoch
eines solchen zu entäußern. Sie hatte nun eine Methode
erfunden, um sich gewissermaßen zu überlisten. Sie ging dann
von ihrer Wohnung aus in den benachbarten Wald. Beim
Verlassen des Hauses steckte sie den zu beseitigenden
Gegenstand — etwa ein altes Kleidungsstück — mit einem
Zipfel an ihrem Rücken unter das Schürzenband. Auf dem
Wege durch den Wald verlor sie ihn. Sie kehrte auf einem
anderen Wege heim, um des „verlorenen" Gegenstandes nicht
wieder ansichtig zu werden. Um den Besitz eines Objekts
aufzugeben, mußte sie es also an der Rückseite ihres Körpers
fallen lassen.
Personen, welche verbrauchte Gegenstände nicht beseitigen
mögen, pflegen auch ungern neue in Gebrauch zu nehmen. Sie
schaffen sich Kleidungsstücke an, tragen sie aber nicht, sondern
»schonen" sie für die Zukunft und haben an ihnen eine rechte
Freude eigentlich nur, solange sie ungebraucht im Schrank
hängen.
Die Abneigung gegen das Fortwerfen verbrauchter oder
wertloser Gegenstände führt häufig zu einer zwanghaften
Neigung, selbst Geringstes noch zu verwerten. Ein reicher
Mann pflegte Zündholzschachteln, deren Inhalt verbraucht war,
mit dem Messer in schmale Stäbchen zu schneiden und teilte
sie seinem Hauspersonal zum Feueranzünden zu. In ähnlicher
Weise zeigt sich diese Neigung bei Frauen im Rückbildungsalter.
Das Interesse an der Ausnützung von Resten erfährt in
manchen Fällen eine Sublimierung unvollkommener Art, indem
ein Neurotiker etwa die Verwertung der gesamten Abfallstoffe
einer Stadt zum Lieblingsgegenstand seiner Tagträumereien
erhebt, ohne daß aber ein praktisches Resultat, dieser Über-
legungen zu bemerken wäre. Tagträumereien dieses Inhalts
werden uns später noch beschäftigen.
Weniger häufig als Sparsamkeit findet sich bei unseren
Patienten die Neigung zum Verschwenden. Eine Beobachtung,
welche Simmel in der Berliner Psychoanalytischen Ver-
einigung mitteilte, ließ den Parallelismus zwischen Verschwen-
dung und neurotischen Diarrhöen ebenso evident werden, wie
uns seit langem der Zusammenhang zwischen Geiz und Ver-
stopfung klar geworden ist. Ich kann aus eigener Erfahrung
die Richtigkeit dieser Auffassung bestätigen, habe übrigens
schon vor längerer Zeit darauf aufmerksam gemacht, daß das
Geldausgeben ein Äquivalent für die ersehnte, aber neurotisch
gehemmte Verausgabung der Libido darstellen kann. 1 Erwähnt
sei hier noch die Neigung mancher Frauen zum Verschleudern
von Geld. Sie drückt eine Feindseligkeit gegen den Ehemann
aus, welchem auf diese Weise sein „Vermögen" genommen
wird; es handelt sich also — wenn wir andere Determinierungen
zunächst beiseite lassen — um eine Äußerung des weiblichen
Kastrationskomplexes im Sinne der Rache am Manne. Wiederum
sehen wir hier sadistische Motive mit solchen analerotischer
Herkunft zusammenwirken.
Daß viele Neurotiker in Geldausgaben kleinlich sind und an
geringfügigen Beträgen sparen, um von Zeit zu Zeit große
Ausgaben ohne jede Engherzigkeit zu machen, wird uns aus
ihrem widerspruchsvollen Verhalten bezüglich der Defäkation
verständlich. Solche Personen verschieben die Entleerung so
lange wie möglich — oft mit der Begründung durch Zeit-
mangel — und geben, wenn sie das Klosett aufsuchen, nur
geringe Mengen ihres Darminhaltes von sich. In größeren
Abständen findet aber eine Massenentleerung statt.
Gelegentlich finden sich Personen mit ausgeprägtem analen
Charakter, deren Libido sich mit einer seltsamen Ausschließ-
lichkeit dem Geldbesitz zugewandt hat. So berichtet mir ein
Patient, er habe als Knabe Kriegsspiele nicht wie andere
Kinder mit Bleisoldaten aufgeführt, sondern mit Geldstücken.
Er ließ sich viele Pfennige schenken, die in seinem Spiel die
Soldaten repräsentierten. Nickelmünzen waren Unteroffiziere
der verschiedenen Grade, Silbermünzen die Offiziere. Ein
silbernes Fünfmarkstück war der Feldherr; es befand sich,
gegen alle Angriffe gesichert, „hinter der Front" in einem
besonderen Bau. Die eine Partei nahm im Kampf der
anderen „Gefangene" ab und reihte sie in ihr eigenes Heer
i) „Das Geldausgeben im Angstzustand. " Internat. Zschr. für PsA. IV, 1916.
(„Klinische Beiträge", S. 279 f.)
ein. Auf diese Weise vermehrte sich der Geldbesitz auf einer
Seite, bis auf der anderen nichts mehr übrig war. Daß der
„Kampf" im Unbewußten des Patienten gegen den „reichen"
Vater ging, ist leicht ersichüich. Bemerkenswert ist aber in
diesem Beispiel, daß Menschen vollkommen durch Geld ersetzt
sind. Übrigens bestandollen, so werden diese mit solchen,
welche der analen Stufe angehören, vermischt sein. Wir
werden alsdann eher eine Kombination beider Arten von
Charakterzügen als eine Reinkultur oraler Eigenschaften
erwarten dürfen.
Vertiefen wir uns nun in das Studium solcher Produkte der
Mischung aus zwei verschiedenen Quellgebieten der Charakter-
bildung, so gelangen wir zu einer neuen Einsicht. Wir erfahren
nämlich, daß der anale Charakter in seiner Entstehung aufs
engste an die Schicksale der oralen Erotik gebunden ist und
ohne Zusammenhang mit diesen überhaupt nur unvollkommen
verstanden werden kann.
Die klinische Erfahrung hatte Freud zu der Auffassung
geführt, daß bei manchen Personen die besondere libidinöse
Betonung der intestinalen Vorgänge in der Konstitution
begründet sei. An der* Richtigkeit dieser Auffassung kann kein
Zweifel aufkommen. Wir brauchen uns nur daran zu erinnern,
daß in gewissen Familien sowohl positive Erscheinungen der
Analerotik als auch anale Charakterzüge bei den verschiedensten
Mitgliedern regelmäßig wiederkehren. So sehr jene Auffassung
Beiträge der Oralerotik zur Charakterbildung
37
aber auch gesichert sein mag, so müssen wir ihr doch eine
andere an die Seite stellen; sie wird sich uns aus den nach-
folgenden, auf psychoanalytische Erfahrungen begründeten
Betrachtungen ergeben.
Dem frühen Kindesalter kommt eine intensive Lust an der
Saugetätigkeit zu. Wir haben uns mit der Anschauung ver-
traut gemacht, daß diese Lust nicht lediglich auf die Rechnung
des Ernährungsvorganges gesetzt werden darf, sondern daß
sie in hohem Maße durch die Bedeutung des Mundes als
erogene Zone bedingt ist.
Diese primitive Form der Lustgewinnung wird vom Menschen
niemals vollständig überwunden, besteht vielmehr unter allerlei
Masken während des ganzen Lebens fort, zu gewissen Zeiten
und durch besondere Umstände gelegentlich sogar eine neue
Verstärkung erfahrend. Die körperliche und seelische Ent-
wicklung des Kindes aber bringt einen immerhin weitgehen-
den Verzicht auf die ursprüngliche Saugelust mit sich. Nun
lehrt uns die Erfahrung, daß jeder solche Verzicht auf Lust
nur auf dem Wege des Tausches zustande kommt. Eben dieser
Vorgang des Verzichtes und sein Verlauf unter verschiedenen
Umständen sind es, die unsere Aufmerksamkeit verdienen.
Da ist zunächst auf den Prozeß der Zahnbildung zu ver-
weisen, der, wie bekannt, die Lust am Saugen zu einem erheb-
lichen Teil durch die Lust am Beißen ersetzt. Es genügt, daran
zu erinnern, wie das Kind in diesem Entwicklungsstadium
jeden Gegenstand zum Munde führt und unter größter Kraft-
anstrengung zu zerbeißen versucht.
In die nämliche Periode der Entwicklung fällt die Herstellung
ambivalenter Beziehungen des Kindes zu den Objekten der
Außenwelt. Es ist zu betonen, daß sowohl die freundliche als
auch die feindliche Seite dieser Gefühlseinstellung mit Lust
verbunden ist. Etwa zur gleichen Zeit findet eine weitere Ver-
38 Dr. Karl Abraham
Schiebung der lustvollen Empfindungen auf andere Funktionen
und Örtlichkeiten des Körpers statt.
Von besonderer Bedeutung ist aber die Tatsache, daß die
Saugelust eine Art von Wanderung antritt. Etwa gleichzeitig
mit der Entwöhnung des Kindes von der saugenden Nahrungs-
aufnahme erfolgt seine Gewöhnung zur körperlichen Reinlich-
keit. Eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen dieses Vor-
ganges ist die sich allmählich ausbildende Funktion der Schließ-
muskeln der Blase und des Darmes. Die Tätigkeit dieser
Muskeln ist derjenigen der Lippen bei der Saugetätigkeit
ähnlich und ihr offensichtlich nachgebildet. Anfänglich war der
ungehemmte Austritt der Körperprodukte für das Kind mit
einer Reizung der Ausgangspforten des Körpers verbunden,
die unzweifelhaft lustbetont war. Paßt sich das Kind den
Forderungen der Erziehung an und lernt es seine Körper-
produkte zurückhalten, so wird alsbald auch diese neue Tätig-
keit von Lust begleitet. Die mit diesem Vorgang verbundenen
lustvollen Organempfindungen bilden die Grundlage, auf welcher
sich allmählich die psychische Lust am Festhalten jeder Art
von Besitz aufbaut. Daß in der Vorstellung des Kindes der
Besitz eines Objektes ursprünglich so viel bedeutet wie seine
erfolgte Einverleibung in den Körper, hat sich uns durch
neuere Untersuchungen erwiesen. Gab es anfänglich nur eine
Lust, die sich mit dem Einnehmen eines von außen kommen-
den Etwas verband oder die Ausstoßung von Körperinhalt
begleitete, so wird nunmehr die Lust am Festhalten des Körper-
inhaltes und damit am Besitz überhaupt hinzugefügt. Für das
spätere soziale Verhalten des Menschen ist es von größter
praktischer Bedeutung, in welchem Verhältnis diese drei Quellen
körperlicher und psychischer Befriedigung zu einander stehen.
Ist die Lust am Bekommen oder Nehmen mit der Lust am
Besitz sowie mit derjenigen an der Verausgabung des Besitzes
Beiträge der Oralerotik zur Charakterbildung 39
in ein möglichst günstiges Verhältnis gebracht, so ist hiermit
ein überaus wichtiger Schritt zur Herstellung der sozialen
Beziehungen des Individuums getan. Die Erreichung eines
solchen optimalen Verhältnisses jener drei Tendenzen bildet
die wichtigste Vorbedingung zur Überwindung der Ambivalenz
des Gefühlslebens.
Im Vorstehenden wurden aus einem vielgestaltigen Ent-
wicklungsprozeß nur einzelne Züge hervorgehoben. Für den
Zweck unserer Untersuchung genügt es, an ihnen klarzustellen,
daß eine geglückte Verarbeitung der oralen Erotik die erste
und somit vielleicht wichtigste Voraussetzung eines späteren
normalen Verhaltens in sozialer wie in sexueller Beziehung
bildet. Vielfach aber sind die Möglichkeiten einer Störung
dieses wichtigen Aktes der Entwicklung.
Wollen wir diese Störungen begreifen, so brauchen wir nur
wiederum daran zu denken, daß die Lust des Säuglingsalters
zum erheblichen Teil eine Lust des Aufnehmens, des Bekommens
ist. Alsdann wird es leicht ersichtlich, welche quantitativen
Abweichungen vom üblichen Vorgang des Lusterwerbs zur
Störung Anlaß geben* können.
Die Saugeperiode kann für das Kind in ungewöhnlichem
Maße reich an Unlust und arm an Lust sein, was von den
besonderen Verhältnissen der Ernährung abhängig sein wird.
Unter solchen Umständen wird das früheste Lustbegehren
mangelhaft befriedigt, die' Glückseligkeit des Säuglingsalters
nicht genügend genossen. Daß Magen- und Darmerkrankungen
des frühesten Alters eine nachteilige Wirkung auf die seelische
Entwicklung des Kindes ausüben können, hat Freud schon
vor langer Zeit betont.
In anderen Fällen ist das nämliche Zeitalter abnorm reich
an Lust. Es ist bekannt, in welcher Weise manche Mütter das
Lustbegehren ihrer Kleinen durch Gewährung jedes Wunsches
verwöhnen. Das schließliche Ergebnis ist dann eine außer-
ordentliche Schwierigkeit der Entwöhnung des Kindes, die
nicht selten erst nach Jahren gelingt. In einzelnen Fällen beharrt
das Kind auf der saugenden Nahrungsaufnahme aus der Flasche
bis ins fast erwachsene Alter.
Ob nun das Kind in dieser frühesten Lebensperiode Lust
entbehren mußte oder durch ein Obermaß an Lust verwöhnt
wurde — die Wirkung ist in beiden Fällen die gleiche. Das
Kind nimmt unter erschwerten Verhältnissen Abschied vom
Stadium des Saugens. Da sein Lustbedürfnis entweder nicht
genügend gestillt wurde oder zu anspruchsvoll geworden ist,
so stürzt sich sein Begehren mit besonderer Intensität auf die
Lustmöglichkeiten des nächsten Stadiums. Dabei befindet es
sich in steter Gefahr neuer Enttäuschung, auf welche es mit
einer verstärkten Neigung zur Regression ins frühere Stadium
reagieren wird. Mit anderen Worten : Bei dem Kinde, welches
im Saugestadium enttäuscht oder verwöhnt wurde, wird die
Lust des Beißens, also zugleich die primitivste Form des
Sadismus, besonders betont sein. Somit vollzieht sich der
Anfang der Charakterbildung bei einem solchen Kinde im
Zeichen einer abnorm betonten Ambivalenz. Praktisch wird
sich eine solche Störung der Charakterentwicklung darin
äußern, daß feindselige und mißgünstige Züge sich besonders
ausprägen. Die häufige abnorme Betonung des Neides findet
hier ihre Erklärung. Auf die Herkunft dieses Charakterzuges
aus oraler Quelle ist bereits von Eisler 1 hingewiesen worden;
ich kann seiner Anschauung nur beipflichten, möchte aber die
Beziehung zur späteren oralen Entwicklungsstufe unterstreichen.
In vielen Fällen befindet ein älteres Kind sich bereits im Stadium
der Nahrungsaufnahme durch Beißen und Kauen, während es
i) Internation. Zschr. f. PsA., VII (1921) S. 171.
Beiträge der Oralerotik zur Charakterbildung 41
Gelegenheit hat, ein jüngeres Kind beim Saugen zu beob-
achten. In solchen Fällen erfährt der Neid eine besondere
Förderung. In manchen Fällen gelingt späterhin eine unvoll-
kommene Überwindung dieses Charakterzuges auf dem Wege
der Verkehrung ins Gegenteil; der ursprüngliche Neid läßt
sich alsdann jedoch unschwer in allerhand Verhüllungen
wiedererkennen.
Weicht das Kind dieser Gefahr aus, so droht doch neben
der Scylla eine Charybdis. Das Kind versucht das aufgegebene
Saugen in veränderter Form und an einer anderen Lokalität
wieder aufzunehmen. Es war bereits die Rede von der saugen-
den Tätigkeit der Schließmuskeln an den Ausfuhrstellen des
Körpers. In enger Beziehung zu diesem Vorgange lernten wir
die Besitzgier, namentlich in Form der abnormen Sparsamkeit
und des Geizes, kennen. Diese zu den klinischen
Erscheinungen des analen Charakters gehörigen
Züge bauen sich somit auf den Trümmern einer
in ihrer Entwicklung verunglückten oralen
Erotik auf. An dieser Stelle soll nur dieser eine Weg
fehlerhafter Entwicklung beschrieben werden. Die vorstehende
Schilderung genügt, um zu zeigen, wie unser Verständnis des
analen Charakters abhängig ist von einer ausreichenden Kenntnis
der vorhergehenden Entwicklungsstadien.
Ein Beispiel aus der alltäglichen psychoanalytischen Beob-
achtung mag uns nun hinüberleiten zu den Beiträgen, welche
die Oralerotik unmittelbar zur Bildung des Charakters leistet.
Mit der neurotischen Sparsamkeit, beziehungsweise ihrer
Steigerung zum Geiz ist oftmals eine ausgesprochene Erwerbs-
hemmung verbunden, welche aus den analen Quellen der
Charakterbildung nicht zu erklären ist. Es handelt sich hier
um eine Hemmung des Begehrens nach den Objekten, die uns
von einem besonderen Schicksal der Libido erzählt. Die Lust
42 Dr. Karl Abraham
am Erlangen begehrter Objekte erscheint hier verdrängt
zugunsten der Lust am Festhalten vorhandenen Besitzes.
Personen, bei welchen wir eine derartige Hemmung vorfinden,
sind regelmäßig mit einer ausgeprägten Angst behaftet, daß
sie auch nur das Geringste von ihrem Besitz verlieren könnten.
Die Angst vor solchen Verlusten hindert sie, sich dem Erwerb
zuzuwenden und macht sie vielfach hilflos dem praktischen
Leben gegenüber. Eine derartige Charakterbildung wird uns
noch besser verständlich, wenn wir verwandte Erscheinungen
zum Vergleich heranziehen.
In gewissen anderen Fällen steht nämlich die gesamte
Charakterbildung unter oralem Einfluß, welcher
freilich erst durch eingehende Psychoanalyse nachgewiesen
werden muß. Nach meinen Erfahrungen handelt es sich in den
hier zu besprechenden Fällen um Personen, deren Säuglings-
zeit ungestört und lustreich verlaufen ist. Sie haben aus dieser
glücklichen Lebenszeit eine tief in ihnen wurzelnde Über-
zeugung mitgebracht, es müsse ihnen immer gut gehen. So
stehen sie dem Leben mit unerschütterlichem Optimismus gegen-
über, der ihnen oftmals zur tatsächlichen Erreichung praktischer
Ziele behilflich ist. Auch hier gibt es weniger günstige Spiel-
arten der Entwicklung. Manche Personen sind von der Erwartung
beherrscht, daß stets eine gütige, fürsorgende Person, also eine
Vertreterin der Mutter, vorhanden sein müsse, von der sie
alles zum Leben Notwendige empfangen würden. Dieser optimi-
stische Schicksalsglaube verurteilt sie zur Untätigkeit. Wir
erkennen in ihnen diejenigen wieder, die in der Saugeperiode
verwöhnt wurden. Ihr gesamtes Verhalten zum Leben läßt die
Erwartung erkennen, daß ihnen sozusagen ewig die Mutter-
brust fließen werde. Derartige Personen muten sich keinerlei
Anstrengung zu; in manchen Fällen verschmähen sie geradezu
jeden eigenen Erwerb.
Beiträge der Oralerotik zur Charakterbildung 43
Der geschilderte Optimismus, sowohl in Verbindung mit
tatkräftigem Verhalten als auch in der zuletzt erwähnten
Spielart, die sich mit weltfremder Sorglosigkeit verbindet, steht
in einem bemerkenswerten Gegensatz zu einer bisher nicht
genügend gewürdigten Erscheinung des analen Charakters. Ich
meine den schwerblütigen Ernst, der in ausgeprägten Pessi-
mismus hinüberspielt. Ich muß aber darauf hinweisen, daß
dieser Zug großenteils nicht unmittelbar analer Herkunft ist,
sondern aus der Enttäuschung der oralen Wünsche des
frühesten Alters entstand. Den oben geschilderten optimi-
stischen Glauben an ein gütiges Schicksal vermissen wir hier
gänzlich. Im Gegenteil finden wir bei solchen Personen eine
dauernd sorgenvolle Einstellung zum Leben, zu welcher sich
noch die Neigung hinzugesellt, „es sich sauer werden zu lassen"
und selbst einfachste Vorgänge des Lebens über Gebühr zu
erschweren.
Der Einfluß solcher in der Oralerotik wurzelnder Charakter-
bildung macht sich im gesamten sozialen Verhalten des Men-
schen bemerkbar und spielt bis in die Wahl des Berufes, der
Neigungen und Liebhabereien hinein. Zu erwähnen ist hier
beispielsweise der Typus des neurotischen Beamten, der nur
unter ganz bestimmten, ein für allemal geregelten Verhält-
nissen zu existieren vermag. Seine Lebensbedingung besteht
darin, daß ihm bis zum Tode die Subsistenzmittel gewährleistet
sind. Er verzichtet auf jede Möglichkeit persönlicher Expansion
zugunsten einer sicher und regelmäßig fließenden Quelle des
Einkommens.
Lernten wir im Vorstehenden gewisse Personen kennen,
deren gesamte Charakterbildung aus dem befriedigten Zustand
ihrer Libido im oralen Entwicklungsstadium der frühen Kind-
heit zu erklären war, so beobachten wir in der psychoanaly-
tischen Arbeit andere Menschen, welche die Nachwirkungen
44 Dr. Karl Abraham
einer unbefriedigenden Saugeperiode durchs ganze Leben mit
sich schleppen. Im Charakter dieser Personen lassen sich die
Spuren einer solchen Entwicklung nicht zum wenigsten nach-
weisen.
Im sozialen Verhalten dieser Menschen tritt etwas ständig
Verlangendes hervor, das sich bald mehr in der Form des
Bittens, bald mehr in derjenigen des Forderns äußert. Die Art,
in welcher sie Wünsche vorbringen, hat etwas beharrlich
Saugendes an sich; sie lassen sich ebensowenig durch die
Sprache der Tatsachen, wie durch sachliche Einwände abweisen,
sondern fahren fort zu drängen und zu insistieren. Sie neigen
dazu, sich an andere Personen förmlich festzusaugen. Besonders
empfindlich sind sie gegen jedes Alleinsein, auch wenn es
nur kurze Zeit währt. In ganz besonderem Maße tritt die
Ungeduld bei ihnen hervor. Bei gewissen Personen müssen wir
auf Grund der psychoanalytischen Befunde eine Regression
vom oral-sadistischen Stadium zum saugenden annehmen; bei
ihnen findet sich dem geschilderten Verhalten ein grausamer
Zug beigemischt, der ihrer Einstellung zu den anderen Men-
schen etwas Vampyrhaftes verleiht.
Bei den nämlichen Personen begegnen wir bestimmten
Charakterzügen, welche wir auf eine eigentümliche Ver-
schiebung innerhalb des oralen Gebietes zurückführen müssen.
Das Verlangen, auf dem Wege des Saugens Befriedigung zu
erlangen, hat sich bei ihnen in das Bedürfnis verwandelt, auf
dem Wege des Mundes zu geben. Wir finden daher neben
dem ständigen Verlangen, alles zu bekommen, einen dauern-
den Drang, sich den anderen Menschen auf oralem Wege mit-
zuteilen. Daraus geht ein hartnäckiger Rededrang hervor. Mit
ihm verbindet sich in den meisten Fällen ein Gefühl des Über-
strömens; derartige Personen stehen unter dem Eindruck, uner-
schöpflich an Gedanken zu sein, und schreiben ihren sprach-
Beiträge der Oralerotik zur Charakterbildung 45
liehen Äußerungen einen besonderen Einfluß oder sonstigen
außergewöhnlichen Wert zu. In solchen Fällen wird die haupt-
sächlichste Beziehung zu anderen Menschen auf dem Wege
der oralen Ausfuhr bewerkstelligt. Das oben beschriebene
hartnäckige Insistieren geschieht naturgemäß hauptsächlich auf
dem Wege des Sprechens; die nämliche Funktion aber dient
zugleich dem Geben. Regelmäßig konnte ich bei solchen Indi-
viduen feststellen, daß sie außer auf sprachlichem Gebiet auch
auf anderen Gebieten außerstande waren, an sich zu halten.
So findet man bei ihnen vielfach einen neurotisch gesteigerten
Drang zur Urinentleerung, der sich oft gleichzeitig mit einem
Redeausbruch oder unmittelbar nach einem solchen bemerk-
bar macht.
Auch in denjenigen Erscheinungen der Charakterbildung,
welche der oral-sadistischen Stufe angehören, übernimmt das
Sprechen die Vertretung anderweitiger verdrängter Impulse.
Bei gewissen Neurotischen ist die feindselige Tendenz des
Redens besonders auffällig; es dient hier der unbewußten
Absicht, den Gegner zu töten. Der Psychoanalyse gelingt in
solchen Fällen der Nachweis, daß an Stelle des Beißens und
Verschlingens eine mildere Form des Angriffs getreten ist, die
immer noch vom Munde als Organ der Aggression Gebrauch
macht. Bei gewissen Neurotischen wird das Sprechen zum
Ausdruck sämtlicher Triebregungen, seien sie freundlich oder
feindlich, sozial oder unsozial, und ohne Rücksicht darauf,
welchem Triebgebiet sie ursprünglich angehörten. Bei diesen
Personen bedeutet der Rededrang ebensowohl Begehren als
Angreifen und Töten oder Vernichten, zugleich aber jede Art
der körperlichen Entleerung einschließlich der Befruchtung.
Die Rede unterliegt in der Phantasietätigkeit dieser Personen
der narzißtischen Bewertung, wie sie im Unbewußten allen
körperlichen und psychischen Produktionen zuteil wird. Das
46 Dr. Karl Abraham
gesamte geschilderte Verhalten aber stellt solche Personen in
einen besonders auffälligen Gegensatz zu den verschlossenen
Menschen mit analer Charakterbildung.
Derartige Beobachtungen machen uns mit größtem Nachdruck
darauf aufmerksam, welche Spielarten und Unterschiede im
Bereich der oralen Charakterbildung bestehen. Das uns
beschäftigende Gebiet ist also alles andere als eng umgrenzt
oder arm an Variationen. Die wichtigsten Unterschiede aber
sind davon abhängig, ob eine Charaktererscheinung sich auf
der Grundlage der früheren oder der späteren oralen Stufe
entwickelt hat, ob sie — mit anderen Worten — der Ausdruck
einer unbewußten Tendenz zum Saugen oder Beißen ist. Im
letzteren Falle werden wir in Verbindung mit einem solchen
Charakterzug die stärksten Erscheinungen der Ambivalenz,
positive und negative Äußerungen des triebmäßigen Ver-
langens, feindliche und freundliche Tendenzen auffinden,
während wir auf Grund unserer Erfahrung annehmen dürfen,
daß die vom Saugestadium herzuleitenden Charakterzüge der
Ambivalenz noch nicht unterworfen sind. Dieser grundlegende
Unterschied greift nach meinen Beobachtungen selbst auf die
geringfügigsten Einzelheiten der Lebensführung über. In einer
Sitzung der Britischen Medizinisch-Psychologischen Gesellschaft
hat kürzlich Dr. Edward Glover einen Vortrag gehalten, in
welchem er diese Gegensätze besonders berücksichtigte. 1
Bedeutungsvolle Gegensätze in der Charakterbildung ver-
schiedener Menschen lassen sich psychoanalytisch davon
ableiten, daß die entscheidenden Einflüsse auf den Bildungs-
prozeß im einen Falle oraler, im anderen Falle analer Herkunft
waren. Von ebenso erheblicher Bedeutung ist die Verbindung
i) Nach beendeter Drucklegung des vorliegenden Aufsatzes erschien
der Vortrag von Dr. E. Glover („The significance of the mouth in Psycho-
Analysis") im British Journal of Medical Psychology, Vol. IV, part 2. 1924.
Beiträge der Oralerotik zur Charakterbildung 47
sadistischer Triebelemente mit den Äußerungen der Libido,
welche den erogenen Zonen angehören. Einige Beispiele, welche
nur der Illustration dienen sollen, nicht aber Vollständigkeit
anstreben, mögen dies belegen.
Von der primären oralen Stufe vermögen wir in unseren
Psychoanalysen Erscheinungen des intensivsten Begehrens und
Strebens herzuleiten; es bedarf kaum der Erwähnung, daß
damit die Beteiligung anderer Triebquellen in keiner Weise
übersehen werden soll. Die Wunschtendenzen, welche sich von
jener frühesten Stufe herleiten, sind aber noch frei von der
objektzerstörenden Wirkung, welche den Triebregungen der
nächsten Stufe eignet.
Den habsüchtigen Antrieben, welche sich von der zweiten
oralen Stufe herleiten, steht die Anspruchslosigkeit gegenüber,
welche uns so häufig als Erscheinung des analen Charakters
begegnet. Allerdings werden hier die schwachen Antriebe zum
Erwerben und Gewinnen ausgeglichen durch die schon
erwähnte Hartnäckigkeit im Festhalten am Besitz.
Ebenso bezeichnend sind die Unterschiede in der Neigung,
anderen vom eigenen Besitz mitzuteilen. Als oraler Charakter-
zug findet sich häufig die Freigebigkeit; in ihr identifiziert sich
der oral Befriedigte mit der spendenden Mutter. Anders auf
der nächsten, oral-sadistischen Stufe, wo Neid, Mißgunst und
Eifersucht ein derartiges Verhalten unmöglich machen. Leitet
sich also in' vielen Fällen freigebiges oder neidisches Ver-
halten von einer der beiden oralen Entwicklungsstufen her, so
entspricht dem auf der folgenden, anal-sadistischen Entwicklungs-
stufe des Charakters die uns bereits bekannte Neigung zum
Geiz.
Im sozialen Verhalten bestehen ebenfalls bemerkenswerte
Unterschiede je nach der Entwicklungsstufe der Libido, von
welcher sich die Charakterbildung herleitet. Die im frühesten
48 Dr. Karl Abraham
Stadium Befriedigten zeigen sich heiter und umgänglich, die
auf der oral-sadistischen Stufe Fixierten feindselig und bissig,
während mit dem analen Charakter ein mürrisches, unzugäng-
liches, verschlossenes Wesen einherzugehen pflegt.
Des Weiteren sind Personen mit oraler Charakterbildung dem
Neuen zugänglich, im guten wie im ungünstigen Sinne, während
zum analen Charakter ein konservatives, allen Neuerungen
feindliches Verhalten gehört, das freilich auch am voreiligen
Aufgeben des Bewährten hindert.
Ein ähnlicher Gegensatz besteht zwischen dem ungeduldigen
Drängen, der Hast und Ruhelosigkeit der Menschen mit oraler
Charakterbildung und der Beharrlichkeit und Ausdauer des
analen Charakters, der andererseits freilich auch zum Hinaus-
schieben und Zögern neigt.
Der Charakterzug des Ehrgeizes, dem wir in unseren Psycho-
analysen so häufig begegnen, wurde bereits vor langer Zeit
von Freud 1 aus der Urethralerotik hergeleitet. Diese
Erklärung scheint aber nicht zu den ursprünglichsten Quellen
hinabzusteigen. Nach meinen Erfahrungen, denen sich auch
diejenigen von Dr. E. Glover anreihen, handelt es sich viel-
mehr um einen Charakterzug von oraler Herkunft, welcher
späterhin aus anderen Quellen eine Verstärkung findet; unter
diesen ist die urethrale besonders zu erwähnen.
Zu betonen ist noch, daß gewisse, der frühesten oralen Stufe und
manche der endgültigen genitalen Stufe entstammende Beiträge
zur Charakterbildung in wichtigen Beziehungen zusammen-
fallen, was wohl aus der Tatsache zu erklären ist, daß die
Libido auf beiden Stufen von den störenden Einflüssen der
Ambivalenz am wenigsten bedroht ist.
Bei vielen Personen finden wir neben den geschilderten
oralen Charakterzügen andere psychologische Erscheinungen,
i) „Charakter und Analerotik" 1908. (Ges. Schriften, Bd. V.)
Beiträge der Oralerotik zur Charakterbildung 49
die wir aus den gleichen Triebquellen herleiten müssen. Es
handelt sich zum Teil um Antriebe, welche sich jeder sozialen
Umwandlung entzogen haben. Besonders sind zu erwähnen die
krankhaft gesteigerte Eßgier und die Neigung zu den ver-
schiedenartigen oralen Perversionen. Weiter begegnen uns
vielerlei neurotische Symptome mit oraler Determinierung,
endlich aber auch Erscheinungen, welche auf dem Wege der
Sublimierung entstanden sind. Diese letzteren Produkte ver-
dienen eine gesonderte Untersuchung, welche aber den Rahmen
dieses Vortrages überschreiten würde. Es sei daher nur ein
einziges Beispiel kurz erörtert.
Von großer praktischer Bedeutung ist die Verschiebung der
kindlichen Saugelust auf das intellektuelle Gebiet. Die Wiß-
begierde, die Lust am Beobachten erfährt aus dieser Quelle
bedeutende Zuschüsse, und dies nicht nur im Kindesalter,
sondern während des ganzen Lebens. Bei Personen mit
besonderer Neigung zur Beobachtung der Natur und zu vielen
Zweigen der wissenschaftlichen Forschung ergibt die Psycho-
analyse einen engen Zusammenhang dieser Antriebe mit dem
verdrängten oralen Begehren.
Ein Blick in die Werkstatt wissenschaftlicher Forschung läßt
uns erkennen, wie Impulse aus dem Bereich der verschiedenen
erogenen Zonen einander unterstützen und ergänzen müssen
damit möglichst günstige Resultate zustande kommen. Ein
Optimum wird sich ergeben, wenn sich mit dem intensiven
Einsaugen der Beobachtungen ein ausreichendes Festhalten,
„Verdauen" des Aufgenommenen und ein genügender Antrieb
zum Wiederherausgeben verbindet, sofern letzteres ohne Über-
stürzung geschieht. Die psychoanalytische Praxis lehrt uns
verschiedenartige Abweichungen von diesem Optimum kennen.
So gibt es Menschen mit intensivem geistigem Einsaugungs-
vermögen, die aber in der Produktion gehemmt sind. Andere
50 Dr. Karl Abraham
wieder produzieren in überstürztem Tempo. Es ist mehr als
ein bloßes Wortspiel, wenn man von solchen Personen aus-
sagt, daß das kaum Aufgenommene ihnen sogleich wieder zum
Munde herauskommt. In der Psychoanalyse ergibt sich oft, daß
die nämlichen Personen dazu neigen, die soeben aufgenommene
Nahrung wieder zu erbrechen. Es sind dies Personen mit
äußerster neurotischer Ungeduld; in ihrer Charakterbildung
fehlt eine günstige Kombination der vorwärtsdrängenden oralen
mit den verlangsamenden analen Impulsen.
Es erscheint mir besonders wichtig, zum Schluß noch ein-
mal auf die Bedeutung solcher Kombinationen hinzuweisen. In
der normalen Charakterbildung werden wir stets Abkömmlinge
aus allen Quellgebieten vorfinden, die sich in glücklicher Weise
miteinander verbunden haben.
Die Beachtung der vielfachen Möglichkeiten solcher Kom-
bination ist aber auch deswegen von Wichtigkeit, weil sie uns
daran hindert, irgendeinen einzelnen, wenn auch wichtigen
Gesichtspunkt zu überschätzen. Betrachten wir die Probleme
der Charakterbildung von einem großen, einigenden Gesichts-
punkt aus, den uns die Psychoanalyse gewährt, nämlich von
demjenigen der infantilen Sexualität, so wird uns auch
auf charakterologischem Gebiet offenbar, „wie alles sich zum
Ganzen webt." Das Bereich der infantilen Sexualität erstreckt
sich nach ganz entgegengesetzten Seiten. Es umfaßt das
gesamte unbewußte Triebleben des reifen Menschen.
Ebenso aber ist es der Schauplatz der wichtigsten psychischen
Eindrücke der frühesten Zeit, zu welchen wir auch
die pränatalen Einflüsse rechnen müssen. Gelegentlich mag uns
ein Zagen ergreifen angesichts der verwirrenden Fülle der
Erscheinungen, die uns im weiten Umkreis des menschlichen
Seelenlebens entgegentreten, vom kindlichen Spiel und den
anderen typischen Erzeugnissen der frühen Phantasietätigkeit,
Beiträge der Oralerotik zur Charakterbildung 51
von den werdenden Interessen und Begabungen bis zu den
höchstbewerteten Leistungen des gereiften Menschen und den
äußersten Differenzierungen der Einzelwesen. Aber dann
erinnern wir uns desjenigen, der uns das Forschungsinstrument
der Psychoanalyse gegeben hat und uns damit den Zugang
eröffnete zur Sexualität des Kindes, dieser lebendigen Quelle
des Lebens.
III
Zur Charakterbildung auf der „genitalen"
Entwicklungsstufe 1
Wir durften in den beiden bisher behandelten Entwicklungs-
stadien archaische Formen der Charakterbildung
erkennen. Sie stellen im Leben des Einzelwesens eine
Wiederholung primitiver Verhältnisse dar, welche die Art als
Stufen ihrer Entwicklung durchlaufen hat. Wie im gesamten
organischen Leben, bestätigt sich auch hier die Erfahrung, daß
die Entwicklung des Einzelwesens diejenige seiner Vorfahren
in abgekürzter Form wiederholt. So werden jene frühen
Stadien der Charakterbildung unter normalen Umständen in
einem verhältnismäßig kurzen Zeitraum durchlaufen. Wie sich
auf dieser Grundlage der definitive Charakter des Menschen
aufbaut, soll hier nur in großen Umrissen dargestellt werden.
Die herkömmliche Definition des Charakters besagt, er stelle
die dem Menschen gewohnte Richtung seiner Willensimpulse
dar. Es liegt nicht in der Absicht dieser Untersuchung, längere
Zeit bei der Begriffsbestimmung zu verweilen. Es wird sich
aber für unsere Zwecke empfehlen, die „Gewohnheit", den
Willensantrieben eine "bestimmte Richtung zu geben, nicht
allzusehr zu betonen. Denn schon die voraufgehenden Betrach-
tungen haben uns die Wandelbarkeit des Charakters dargetan.
Wir werden also besser daran tun, die Dauer von Eigen-
i) Bisher nicht veröffentlicht.
Zur Charakterbildung auf der „genitalen" Entwicklungsstufe 53
Schäften des Charakters nicht zu einem wesentlichen Kenn-
zeichen zu erheben. Es genügt uns, vom Charakter auszusagen,
er umfasse die Gesamtheit der triebhaften Reaktionen des
Einzelnen auf das Gemeinschaftsleben.
Wir haben erfahren, daß das Kind in früher Lebenszeit auf
die Außenwelt in einer rein triebhaften Weise reagiert. Erst all-
mählich überwindet es einen Teil seiner egoistischen Antriebe
und seines Narzißmus und schreitet zur Objektliebe vor. Wie
bekannt, fällt die Erreichung dieses Entwicklungszieles mit
einem zweiten bedeutungsvollen Vorgang zusammen, nämlich
mit der Erreichung der höchsten Organisationsstufe der Libido,
welche wir als genitale Stufe bezeichnen. Betonen wir immer
wieder die Herkunft der menschlichen Charakterzüge aus
bestimmten Quellgebieten dös Trieblebens, so werden wir von
vornherein erwarten, daß der Abschluß der Charakterbildung
erst dann wird erfolgen können, wenn die Libido zu ihrer
höchsten Organisationsstufe und zur Aufrichtung der Objekt-
liebe vorgeschritten ist. Und wirklich finden wir Freuds
Lehre, das sexuelle Verhalten des Individuums sei für sein
gesamtes psychisches Verhalten vorbildlich, auch hier durch
alle Tatsachen bestätigt.
Bereits in dem ersten der drei vorliegenden Aufsätze wurde
eingehend erwiesen, daß eine vollkommene Einordnung des
Individuums in den Interessenkreis der Gesamtheit nur mög-
lich sei, wenn die genitale Stufe der Libidoentwicklung erreicht
wurde. Der Prozeß aber, welcher den Übergang von der
zweiten zur definitiven Stufe der Charakterbildung in sich
begreift, wurde noch keiner gesonderten Darstellung unterzogen.
Der Beitrag der dritten Stufe zur Bildung des Charakters
besteht naturgemäß zunächst darin, die Überreste der primi-
tiveren Entwicklungsstadien, soweit sie dem sozialen Verhalten
ungünstig sind, zu überwinden. Beispielsweise wird eine duld-
54 Dr. Karl Abraham
same, den Interessen anderer Menschen gerecht werdende
soziale Einstellung erst dann Platz greifen können, wenn die
destruktiven, objektfeindlichen Antriebe aus sadistischer Quelle
oder die Regungen von Geiz und Mißgunst aus analer Quelle
bewältigt sind. Der Umwandlungsprozeß, mit dessen Hilfe dies
gelingt, wird also unser Interesse auf sich ziehen.
Eine schier unendliche Fülle von Beobachtungen wendet
unsere Aufmerksamkeit denjenigen psychischen Vorgängen zu,
welche wir gewohnt sind unter der gemeinsamen Bezeichnung
des Ödipuskomplexes zusammenzufassen. Beschränken wir uns
auf das Verhalten des Knaben, so bilden sein erotisches
Begehren nach der Mutter und seine auf Beseitigung des Vaters
hindrängenden Wunschregungen die mächtigsten Affektquellen
seiner Kindheit. Eng mit diesen Erscheinungen verknüpft sind
die Kastrationsvorstellungen des Knaben. Eine geglückte
Bewältigung der hieher gehörigen Antriebe ist von ein-
schneidender Bedeutung für die Gestaltung des Charakters.
Ich kann mich hier auf eine knappe Darstellung beschränken,
indem ich auf die früheren Ausführungen von Alexander
(Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse 1922) über die
Beziehungen zwischen Kastrationskomplex und Charakter ver-
weise. Allgemein darf man sagen, die Bewältigung des Ödipus-
komplexes in allen seinen Teilen bedeute den wichtigsten
Schritt zur Überwindung des ursprünglichen Narzißmus und
der objektfeindlichen Tendenzen im Kinde, zugleich aber ein
Brechen mit der vorwaltenden Herrschaft des Lustprinzips im
Leben des Individuums.
Etwas eingehender sei hier auf einen bestimmten Anteil
dieses Umwandlungsvorganges verwiesen, weil seine Bedeutung
für die Charakterbildung bisher kaum beachtet wurde.
Einer weitgehenden Veränderung unterliegt die Einstellung
des Knaben zum Körper des anderen Geschlechts, das heißt
Zur Charakterbildung auf der „genitalen" Entwicklungsstufe 55
zunächst zu demjenigen der Mutter. War dieser anfänglich
der Gegenstand gleichzeitiger Neugierde und Angst, also einer
ambivalenten Gefühlseinstellung, so wird allmählich das Liebes-
objekt in seiner Gesamtheit, also mit Einschluß dessen, was
vorher jene widersprechenden Regungen hervorrief, von der
Libido besetzt. Gelingt diese Umwandlung, so bilden sich im
Verhältnis des Kindes zum Liebesobjekt neben dem unmittel-
baren erotischen Begehren die „zielgehemmten" Äußerungen
der Libido, d. h. Zärtlichkeit, Anhänglichkeit usw. heraus, ja,
diese gewinnen für die Dauer der Latenzperiode eine die
„sinnlichen" Regungen überwiegende Bedeutung. Haben sich
solche Empfindungen gegenüber der Mutter eingestellt, so
pflegen sie sich — einen normalen Gang der Entwicklung
vorausgesetzt — weiterhin auch auf den Vater zu übertragen.
Allmählich strömen sie als freundliche, sympathische Regungen
auf einen weiteren Personenkreis und endlich auf die Gesamt-
heit über. In diesem Vorgang müssen wir eine wichtige
Grundlage der definitiven Charakterbildung erkennen. Er fällt
zeitlich zusammen mit der Oberwindung derjenigen Entwick-
lungsstufe der Libido, welche von Freud als die „phallische"
bezeichnet worden ist. Er bedeutet das Erreichen einer Stufe
der Objektrelationen, auf welcher das Genitalorgan des
anderen Geschlechtes nicht mehr Gegenstand einer ambi-
valenten Affekteinstellung ist, sondern bereits als Bestandteil
einer als Ganzes geliebten Person anerkannt wird.
Während auf den früher geschilderten Stufen der Charakter-
entwicklung das Interesse des Individuums und dasjenige der
Gesamtheit einander zuwiderliefen, ergibt sich nunmehr auf
genitaler Stufe ein Zustand, in welchem beider Interessen
innerhalb gewisser Grenzen zusammenfallen.
Wir werden so zu dem Ergebnis geführt, daß die definitive
Gestaltung des Charakters bei jedem Individuum abhängig ist
56 Dr. Karl Abraham
von den Schicksalen des Ödipuskomplexes, insbesondere aber
von der erreichten Fähigkeit, Sympathiegefühle auf andere
Personen oder auf die Gesamtheit zu übertragen. Bleibt dieses
Ergebnis der Entwicklung aus, kommt es also nicht zur
genügenden Ausbildung der sozialen Gefühle, so ist eine
empfindliche Störung der Charakterbildung die unmittelbare
Folge. Unter den Patienten, deren Seelenleben wir in der
psychoanalytischen Behandlung allseitig kennen lernen, befinden
sich viele mit derartigen Störungen höheren oder geringeren
Grades. Regelmäßig erfahren wir aus der Geschichte ihrer
frühen Kindheit, daß bestimmte Umstände die Entwicklung
jener Gefühle verhinderten. Wir können bei diesen Personen
regelmäßig feststellen, daß ihre sexuellen Regungen von keinerlei
zärtlichen Bedürfnissen begleitet sind, wie denn diese Personen
auch im alltäglichen Leben Schwierigkeiten haben, mit anderen
Menschen zu einem rechten Gefühlskontakt zu gelangen. Die
Abhängigkeit eines sozial günstigen Abschlusses der Charakter-
entwicklung von jener Ausbildung der „zärtlichen" Trieb-
komponente offenbart sich uns am stärksten bei einer Gruppe
von Menschen, deren Kindheit in besonderem Maße im Zeichen
ihrer Herkunft stand. Es sind die außerehelich Geborenen,
in deren Lebensumständen seit frühester Zeit der Mangel
sympathischer oder zärtlicher Gefühle seitens der Umgebung
hervortrat. Das Kind, dem ein Vorbild der Liebe fehlt, wird
auch seinerseits in der Produktion solcher Gefühle behindert
sein, außerdem aber auch jene primitiven Trieb regungen,
welche sich gegen die Objektwelt richteten, nicht erfolgreich
ausschalten können und somit leicht einem unsozialen Verhalten
verfallen. Ähnlichen Erscheinungen begegnen wir oft bei solchen
Neurotischen, die zwar unter den üblichen bürgerlichen Ver-
hältnissen aufwuchsen, sich aber ungeliebt fühlten, sich
als „Aschenbrödel" vorkamen.
Zur Charakterbildung auf der „genitalen" Entwicklungsstufe 57
Wenn hier von der definitiven Ausbildungsstufe des
Charakters die Rede ist, so mag es nicht überflüssig sein,
einem möglichen Mißverständnis entgegenzutreten. Es ist nicht
beabsichtigt, einen „normalen" Charakter streng abzugrenzen.
Die Psychoanalyse hat niemals derartige Normen aufgestellt,
sondern sie beschränkt sich darauf, psychologische Tatbestände
zu ermitteln. Sie stellt fest, bis zu welchem Grade es dem
Einzelwesen oder auch einer Gruppe von Personen gelungen
ist, auf der Entwicklungslinie von der frühesten bis zu einer
abschließenden Bildungsform vorzurücken. Gerade die psycho-
analytische Erfahrung lehrt, daß auch die im sozialen Sinne voll-
kommenste Entwicklung des Charakters nur eine relative
Überwindung der primitiven Bildungsformen bedeutet, und
daß es von individuellen Umetänden innerer und äußerer Art
abhängt, bis zu welchem Grade das Ziel erreicht wird oder
das Erreichte erhalten bleibt.
Freud hat im Jahre 1913 zum erstenmal auf Rück-
bildungserscheinungen am Charakter aufmerksam gemacht, die
sich bei einer Patientin im Klimakterium gleichzeitig mit neu-
rotischer Symptombildung abspielten. 1 Die letztere gilt uns ja
als ein Produkt der Regression auf psychosexuellem Gebiet.
Das Zusammentreffen der Bildung neurotischer Symptome mit
einer Veränderung des Charakters wurde uns durch Freuds
Untersuchung unter dem gemeinsamen Gesichtspunkt der
Regression verständlich. Die erwähnte Beobachtung wurde seit-
her vielfach bestätigt. Aber die Abhängigkeit der Charakter-
eigenschaften vom Gesamtschicksal der Libido beschränkt sich
nicht auf ein einzelnes Lebensalter, sondern hat allgemeine
Gültigkeit für das ganze Leben. Wenn das Sprichwort sagt:
Jugend kennt keine Tugend, so stellt es damit die Unfertigkeit
1) „Die Disposition zur Zwangsneurose". Internat. Zeitschrift f. Psycho-
analyse, Bd. I.
Dr. Karl Abraham
und die mangelnde Festigkeit des Charakters im unreifen
Alter fest. Wir sollten aber die Stabilität des Charakters auch
in den späteren Lebensaltern nicht überschätzen, uns vielmehr
gewisse psychologische Tatsachen stets vor Augen halten, die
hier eine kurze Erwähnung finden mögen.
Wir verdanken Freud den Hinweis, daß wichtige Ver-
änderungen in der seelischen Konstitution des Individuums zu
jeder Zeit auf dem Wege der Introjektion stattfinden können.
Besonders ist es der Frau eigentümlich, daß sie ihren
Charakter demjenigen des Mannes angleicht, mit welchem sie
lebt. Mit dem Wechsel des Liebesobjekts kann dann auch eine,
erneute Änderung des Charakters verbunden sein. Bemerkens-
wert ist ferner die gegenseitige Angleichung des Charakters
bei Eheleuten im Laufe eines langdauernden Zusammenlebens.
Daß der Ausbruch einer Neurose für das Individuum auch
eine regressive Umwandlung des Charakters mit sich bringen
kann, ist dem Psychoanalytiker geläufig; ebenso die Tatsache,
daß die Besserung einer Neurose auch Veränderungen des
Charakters im Sinne der Progression mit sich bringen kann.
Ich habe vor einiger Zeit darauf verwiesen, daß sich bei
zyklisch Geisteskranken im freien Intervall eine dem Zwangs-
charakter ähnliche Charakterbildung nachweisen läßt, die nach
unserer Auffassung einer Progression von der oralen zur anal-
sadistischen Stufe entspricht.
Eine Norm der Charakterbildung aufzustellen, ist aber auch
aus anderen Gründen nicht angängig. Es bestehen, wie
bekannt, außerordentliche Variationen des Charakters nach
sozialer Schicht, Nationalität und Rasse. Man braucht nur daran
zu denken, in wie verschiedenem Maße bei verschiedenen
Völkern oder sonstigen Menschengruppen Ordnungssinn, Wahr-
heitsliebe, Arbeitsamkeit und andere Züge ausgeprägt sind.
Aber auch das Verhalten einer bestimmten Mensch engruppe
Zur Charakterbildung auf der „genitalen" Entwicklungsstufe 59
variiert im Laufe der Zeit. Beispielsweise haben die Begriffe von
Reinlichkeit, Sparsamkeit, Rechtlichkeit und dergleichen im Laufe
der Zeit innerhalb eines Volkes oftmals gewechselt. Die Erfahrung
lehrt ferner, daß Veränderungen in den Lebensbedingungen
eines Volkes, Standes usw. weitgehende Umwälzungen der
herrschenden Charakterbildung herbeiführen können; die
Wirkungen des Weltkrieges in dieser Hinsicht sind noch in
frischer Erinnerung. Wir sehen also bei einer Gesamtheit von
Menschen die gleiche Wandelbarkeit des Charakters wie beini
Einzelwesen hervortreten, wenn entsprechende innere oder
äußere Umwälzungen stattgefunden haben.
In den beiden vorausgegangenen Untersuchungen wurde
bereits gezeigt, wie sich die Spätform des Charakters auf die
früheren Entwicklungsstufen gründet und wesentliche Bestand-
teile dieser in sich aufnimmt. Besondere Bedeutung mußten
wir den verschiedenartigen Schicksalen des Ödipuskomplexes
für die Charakterbildung beilegen. Es würde demnach sowohl
die von uns erkannte Variabilität des Charakters als auch
unser Wissen um die Entstehung der Variationen verleugnen
heißen, wollten wir unter solchen Umständen eine feste Norm
des Charakters aufstellen.
Als normal im sozialen Sinne dürfen wir eine Person
betrachten, die nicht durch besondere, extreme Ausprägung
bestimmter Charakterzüge daran gehindert wird, sich den
Interessen der Gesamtheit anzupassen. Die hier gezogenen
Grenzen aber sind dehnbar und geben einer großen Zahl von
Variationen Raum. Vom sozialen Gesichtspunkt ist nur zu
fordern, daß die einzelnen Charakterzüge des Individuums nicht
allzuweit ins Extrem gehen, daß beispielsweise zwischen den
Extremen von Grausamkeit und Übergüte, von Geiz und Ver-
schwendungssucht usw. irgendwie eine mittlere Linie gefunden
wird. Der Fehler, vor welchem man sich hüten soll, ist vor
6o Dr. Karl Abraham
allen Dingen die Aufstellung einer Norm hinsichtlich des
Mischungsverhältnisses der verschiedenen Charakter-
züge. Daß damit nicht kurzerhand das Ideal der „goldenen
Mittelstraße" in allen Beziehungen des Menschen zu seiner
Umgebung ausgerufen werden soll, bedarf wohl kaum der
Erwähnung.
Aus dem Gesagten geht mit Deutlichkeit hervor, daß zwischen
den verschiedenen Formen der Charakterbildung keine absoluten
Grenzen bestehen. Dennoch ergeben sich in praxi ohne
Schwierigkeit gewisse Grenzlinien.
Die geeignetsten Studienobjekte bilden in der psycho-
analytischen Praxis diejenigen Patienten, welche zu gewissen
Zeiten unter den Augen des behandelnden Arztes bestimmte
Charakterzüge gegen andere vertauschen. Ich kann z. B.
von einem jüngeren Manne berichten, dessen anfängliches
soziales Verhalten sich unter der Wirkung der Behandlung all-
mählich so weit änderte, daß bestimmte, ausgeprägt unsoziale
Charakterzüge verschwanden. Vorher unfreundlich, mißgünstig,
überheblich, habgierig, kurzum mit einer ganzen Anzahl oraler
und analer Charakterzüge ausgestattet, wechselte er sein
soziales Verhalten im Laufe der Zeit mehr und mehr. In
unregelmäßigen Abständen aber traten heftige Widerstände
hervor, welche jeweils einen Rückschlag zu der bereits teil-
weise aufgegebenen archaischen Bildungsstufe seines Charakters
mit sich brachten.' Sein Verhalten wurde dann jedesmal
gehässig, feindselig, seine Redeweise überheblich und höhnisch ;
an Stelle eines liebenswürdigen und höflichen Benehmens trat
Mißtrauen und Gereiztheit. Er gab alle freundlichen Gefühls-
beziehungen zu Menschen, den Arzt inbegriffen, für die Dauer
dieses Widerstandes auf und stellte eine völlig entgegen-
gesetzte Art von Beziehungen zwischen sich und der Außen-
welt her. Während er auf Personen in ablehnender und
Zur Charakterbildung auf der „genitalen" Entwicklungsstufe 6l
gehässiger Form reagierte, wandte sich sein Begehren in
schrankenloser Weise den leblosen Objekten zu. Sein ganzes
Interesse galt dem Kaufen von Gegenständen. Er stellte somit
zwischen sich und der Objektwelt in möglichst vielen Einzel-
fällen ein Verhältnis des Besitzes her. Zu gleicher Zeit war er
von einer Angst erfüllt, ihm könne irgendein Besitz verloren
gehen oder geraubt werden. Sein gesamtes Verhältnis zur
Objektwelt war also beherrscht von der Frage des Besitzes,
des Erwerbes und des möglichen Verlustes. Sobald der Wider-
stand des Patienten im Rückgang war, trat jeweils der orale
Zug der Habgier und der anale Zug des Festhaltens am
Besitz mehr und mehr zurück, und es stellten sich zunehmend
persönliche, mit normalen Gefühlen verknüpfte Beziehungen zu
anderen Personen her. *
Beobachtungen dieser Art sind besonders instruktiv, weil sie
nicht nur den Zusammenhang bestimmter Charakterzüge mit
der einen oder anderen Organisationsstufe der Libido zeigen,
sondern auch die Wandelbarkeit des Charakters, das heißt sein
gelegentliches Aufsteigen zu einer höheren und sein Absteigen
zu einer niederen Entwicklungsstufe uns greifbar vor Augen
führen.
Die endgültige Stufe der Charakterbildung läßt überall
Beziehungen zu den voraufgegangenen Phasen erkennen. Sie
entnimmt aus ihnen dasjenige, was für eine günstige Ein-
stellung zu den Objekten notwendig ist. Von der frühen oralen
Stufe entlehnt sie die vorwärtsstrebende Energie, aus der
analen Quelle Ausdauer, Beharrlichkeit und andere Züge, aus
der Quelle des Sadismus die zum Lebenskampf nötigen
Energien. Im Falle einer günstigen Entwicklung gelingt es
dann dem Individuum, krankhafte Übertreibungen sowohl nach
der positiven als nach der negativen Seite zu vermeiden. Es
gelingt ihm, seine Impulse zu beherrschen, ohne in die angst-
62 Dr. Kar] Abraham
volle Trieb Verneinung des Zwangsneurotikers zu verfallen.
Als Beispiel diene das Gerechtigkeitsgefühl, das bei günstiger
Charakterentwicklung nicht in Überkorrektheit ausartet und
sich daher nicht in Demonstrationen bei unbedeutenden
Anlässen zu äußern braucht. Man denke etwa an die
vielfachen Handlungen der Zwangsneurotiker im Sinne des
„gerechten Ausgleichs". Hat die rechte Hand eine Bewegung
gemacht oder einen Gegenstand berührt, so muß das gleiche
mit der linken geschehen. Erwähnt wurde bereits, daß menschen-
freundliche Regungen sich von den Übertreibungen der neuro-
tischen Übergüte fernhalten. Ebenso wird es gelingen, zwischen
krankhaftem Zögern und Übereilung, zwischen pathologischem
Eigensinn und übergroßer Nachgiebigkeit die Mitte zu halten.
Das Verhältnis zum Besitz regelt sich in dem Sinne, daß die
Interessen anderer innerhalb gewisser Grenzen Berücksichtigung
erfahren, die Existenz des Individuums selbst aber gewahrt
bleibt. Die zur Erhaltung des Lebens notwendigen aggressiven
Antriebe werden in gewissem Umfang konserviert. Ein erheb-
licher Teil der sadistischen Triebenergien findet eine nicht
mehr destruktive, sondern aufbauende Verwendung.
In der gesamten Veränderung des Charakterbildes, wie sie
hier in einigen Andeutungen geschildert wurde, kommt die
fortschreitende Überwindung des Narzißmus zum Ausdruck.
Die früheren Stufen der Charakterbildung standen noch großen-
teils unter der Herrschaft narzißtischer Antriebe. In seiner
definitiven Ausbildung trägt der menschliche Charakter freilich
auch noch derartige Bestandteile in sich. Die Erfahrung lehrt
uns ja, daß keine Phase der Entwicklung auf organischem
Gebiet absolut überwunden wird oder spurlos verschwindet.
Im Gegenteil trägt jedes neue Produkt der Entwicklung Zeichen
an sich, welche seinen Vorstufen entstammen. Wenn aber die
primitiven Erscheinungen der Selbstliebe auch zu einem
Zur Charakterbildung auf der „genitalen" Entwicklungsstufe 63
Teil erhalten bleiben, so dürfen wir doch von der defi-
nitiven Bildungsstufe des Charakters sagen, sie sei relativ
unnarzißtisch.
Von größter Bedeutung ist sodann die — wiederum nur
relative — Überwindung der Ambivalenz in der Charakter-
bildung. Es wurde bereits an verschiedenen Beispielen gezeigt,
in welchem Sinne der Charakter sich nach Erreichung seiner
endgültigen Entwicklungsstufe von den beiderseitigen Extremen
fernhält. Hier sei noch darauf verwiesen, daß der Fortbestand
eines starken Ambivalenzkonfliktes im Charakter sowohl für
das Individuum selbst als auch für seine Umgebung die fort-
dauernde Gefahr eines Umschlages vom einen Extrem zum
anderen in sich birgt.
Eine relativ vollkommene ^Entwicklung des Charakters bis
zu der von uns angenommenen höchsten Entwicklungsstufe hat
demnach zur Voraussetzung einen genügenden Grad freundlich-
zärtlicher Gefühlsregungen. Sie geht einher mit relativer Über-
windung des Narzißmus und der Ambivalenz.
Wir hatten gesehen, daß die herkömmliche Betrachtungs-
weise der Charakterbildung keinen genügenden Einblick in die
Quellen des gesamten Entwicklungsvorganges gibt. Zum Unter-
schied von diesen Auffassungen erweist die Psychoanalyse auf
Grund empirischer Forschung die engen Beziehungen der
Charakterbildung zur psychosexuellen Entwicklung des Kindes,
insbesondere zu den Organisationsstufen der Libido und zur
Entwicklung der libidinösen Objektbeziehungen. Überdies läßt
die Psychoanalyse uns erkennen, daß auch nach Ablauf der
Kindheit sich Bildungs- und Rückbildungsvorgänge am mensch-
lichen Charakter abspielen.
Die Betrachtung des Charakters in ständiger und engster
Verbindung mit allen übrigen Erscheinungen der Psycho-
sexualität sowie die Tatsache der Wandelbarkeit des Charakters
64
Dr. Karl Abraham
auch jenseits des kindlichen Alters bilden die Grundlage, von
der aus eine Regulierung abnormer Charakter-
bildungen auf psychoanalytischem Wege möglich wird. Die
Praxis stellt uns keineswegs bloß vor die Aufgabe, neurotische
Krankheitserscheinungen im engeren Sinne zu behandeln. Oft
genug haben wir neben diesen öder sogar in erster Linie
krankhafte Spielarten der Charakterbildung zu behandeln.
Die bisherigen Erfahrungen auf diesem Gebiet dürfen wir
dahin zusammenfassen, daß die „ Charakteranalyse " zu den
schwierigsten Leistungen gehört, die vom Psychoanalytiker
gefordert werden, sicher aber auch in einem Teil der Fälle zu
den dankbarsten. Ein allgemeines Urteil über die thera-
peutischen Wirkungen der Charakteranalyse steht uns gegen-
wärtig noch nicht zu und mag daher späteren Untersuchungen
vorbehalten bleiben.
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