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Full text of "Tagebuch eines halbwüchsigen Mädchens [2. Auflage]"

TAaEBUCH 

EINES 

HALB-WÜCHSIGEK 

\MADCHEjSrS 



* 



Internationaler 
P5ych.oanaLytischer"^rlag /Ses-m-b-H 



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Tagebuch eines 
halbwüchsigen Mädchens 



sämtliche Rechte, insbesondere das der Übersetzung In alle Sprachen, vorbehalten. 
Copyright 1921 by Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Ges. m. b. H, Wien, I. 



QUELLENSCHRIFTEN ZUR SEELISCHEN ENTWICKLUNG 

Nr. I 



TageSudi eines 
halWüdisigen Mäddiens 

(Von 11 bis 14V. Jahren) 



Zweite Auflage 
(3. — 5. Tausend) 




Internationaler PsydhoanalytisAer Verlag Ges. tn. b. R 
LcipziÄ-Wicn-ZüriA 1921. 



Geleitwort 



In den vorliegenden Blättern gelangen die Aufzeichnungen eines halb- 
flüggen Mädchens aus vornehm-bürgeriichei Familie 2ur Veröffentlichung. Ich 
weiß ihnen kein schöneres Geleite zu geben als die Worte, in die Herr 
Professor Dr. Freud ihren Wert als Kulturdenkmal unserer Zeit in seinem 
Brief an mich vom 27. April 1915 faßte: 

„Das Tagebadi ist ein kleines Juwel. Wirklldi. ich glaube, noch 
niemals hat man in solcher Klarheit und Wahrhaftigkeit in die Seelen- 
regungen hineinblicken können, welche die Entwicklung des Mädchens 
unserer Gesellschafts- und Kaitarstufe in den Jahren der Vorpubertät 
kennzeichnen. Wie die Gefühle aus dem kindlich Egoistischen hervor- 
wadisen, bis sie die sociale Reife erreichen, wie die Beziehungen zu 
Eltern und Geschwistern zuerst aussehen und dann allmählich an Ernst 
und Innigkeit gewinnen, wie Freundschaften angesponnen und 
verlassen werden, die Zärtlichkeit nadt ihren ersten Objekten tastet, 
und vor allem, wie das Geheimnis des Geschlechtslebens erst ver. 
schwömmen aUftaudit, um dann von der kindlichen Seele ganz Besitz 
zu nehmen, wie dieses Kind unter dem Bewußtsein seines geheimen 
Wissens Schaden leidet und ihn allmählich überwindet, das ist so 
reizend, natilrlich und doch so ernsthaft in diesen kunstlosen Auf- 
Zeichnungen zum Ausdruck gekommen, daß es Erziehern und Psycho- 
logen das hödiste Interesse einflößen muß. 

. . . Ich meine. Sie sind verpfliddei, das Tagebudi der Öffent- 
lichkeit zu übergeben. Meine Leser werden Ihnen dafür dankbar 
sein ..." 

Bei der Herausgabe dieser Blätter wurde nichts beschönigt, nichts dazu- 
getan oder weggelassen. Die Änderungen beziehen sich einzig auf die 
Unkenntlichmachung der Personen durch die Wahl anderer Orts-, Familien- 

' 1 



1 



I 



und Vornamen, durch die Verwischung all dessen, was Eingeweihte auf die 
Spur der Schreiberin führen könnte. Damit erfülle ich den Wunsch der 
Eignerin des Tagebuches, die mir diese Aufzeichnungen zu freier Verwendung 
im Dienste der Wissenschaft überließ. 

Es wurden auch die kleinen Unebenheiten des Stiles und Verstöße 
gegen die Rechtschreibung beibehalten. Denn sie sind zum überwiegenden 
Teil nicht als Ausdruck kindlicher UnbeholfenheJt in der Beherrschung des 
Wortes zu betrachten, sondern als Äußerungen affektuöser Strömungen, als 
echte Fehlleistungen aus dem Wirken des Unbewußten zu werten. 

Wien, im Herbst 1919. 

Die Herausgeberin. 



I.Jahr. 

(Von 11—12 Jahren.) 

12. Juii 19. .: Die Hella und ich schreiben jetzt ein Tagebuch. 
Wir haben uns vorgenommen, wenn wir ins Lyzeum aufgenommen 
werden, alle Tage ein Tagebuch zu führen. Die Dora schreibt auch 
ein Tagebuch, aber sie ärgert sich furchtbar, wenn ich es sehe. Ich 
nenne die Helene Hella und sie nennt mich Rita; Helene und 
Grefe ist so furchtbar gewöhnlich. Die Dora nennt sich seit neuestem 
Thea; ich sage aber doch wie immer Dora. Sie behauptet für so 
kleine Kinder (damif meint sie mich und die Hella) paßt überhaupt 
noch gar kein Tagebuch. Und was da für Unsinn drin stehen wird. 
Auch nicht mehr als in den ihren und Lizzi ihrem. 

13. Juli: Eigentlich sollten wir erst nach die Ferien anfangen zu 
schreiben, aber weil wir beide wegfahren, so beginnen wir schon 
jetzt. Damit wir wissen, was wir in die Ferien erlebt haben. 

Also vorgestern haben wir Aufnahmsprüfung gemacht, es war 
sehr leicht, im Diktat habe ich nur 1 Fehler gemacht in ohne h. 
Das Fraulein hat gesagt, das macht nichts, ich hab mich nur geirrt. 
Das ist auch wahr, denn ich weiß recht gut, daß man ihn mit h 
schreibt. Wir waren beide weiß angezogen mit den rosa Maschen und 
alle haben geglaubt, wir sind Schwestern oder wenigstens Kusinen. 
So eine Kusine ließ ich mir schon gefallen. Aber als Freundin ist es 
noch besser, der kann man alles anvertrauen. 

U. Juli: Unser Fräulein war sehr lieb. Wegen ihr ist mir und 
der Hella eigentlich leid, daß wir nicht in die Bürgerschule gehen. 
Denn da hätten wir alle Tage vor der Schule zu ihr in die Klasse 
hinunter gehen können. Wegen der anderen Kinder ist es uns aber 
recht. Man ist doch mehr, wenn man ins Lyzeum geht als bloß in die 
Bürgerschule. Und darum ärgern sich auch die Kinder furchtbar. Sie 
bersten vor Neid, (das sagt meine Schwester von mir und der 



Hella, aber es ist nicht wahr.) Unsere beiden Studentinnen 
hat das Fräulein gesagt, wie wir uns verabschiedet haben. Wir sollen 
ihr bestimmt schreiben am Land. Ich tue es auch. 

15 Juli: Die Lizzi, der Hella ihre Schwester, ist nie so gemein 
wie die Dora. die ist immer so nett! Heute schenkte sie uns jeder 
mindestens zehn Pralin^. Die Hella sagt zwar oft zu mir: „Du kennst 
sie nicht wie sie sein kann. Zu mir ist Deine Schwester auch 
gewöhnlich sehr lieb.« Natürlich, das ist sehr lieb, wenn sie immer 
von uns die Kleinen oder die Kinder sagt, als ob sie nie ein 
Kind gewesen wäre, und zwar noch ein viel kleineres, als wir jetzt 
sind. Übrigens jetzt sind wir dasselbe wie sie. Sie geht halt in die 
Vierte Klasse und wir in die Erste. 

Morgen fahren wir nach Tirol, nach Kaltenbach. Ich freue mich 
schon riesig. Die Hella ist heute gefahren, nach Ungarn zu ihrem 
Onkel und ihrer Tante mit ihrer Mama und der Lizzi. Und ihr Papa 

ist in die Manöver. 

19 Juli: In die Ferien ist es sehr schwer, alle Tage zu 
schreiben Es ist einem alles so neu und man hat keine Ruhe zum 
schreiben Wir wohnen in einer großartigen Villa im Wald. Aber den 
Platz vor dem Haus, den hat die Dora gleich für sich genommen 
zum schreiben. Und rückwärts sind so gräßlich viele ganz kleine 
Fliegen • da ist alles schwarz vor Fliegen. Vor Fliegen und solchen 
Tieren grausfs mir. Wegen des vorderen Platzes lasse ich mir diese 
Verdrängung auf keinen Fall gefallen. Das gibfs nicht, das hat auch 
der Papa gesagt: „Kinder, streitet nicht!" (K inder auch zu ihr!!) 
Das ist schon recht, weil sie sich gar so viel einbildet, daß sie im 
Oktober vierzehn wird. „Die Plätze gehören ja allen und jedem, ha 
der Papa gesagt. Das ist wahr, der Papa ist immer gerecht, nie gibt 
er der Dora Recht, während die Mama schon öfters die Dora 
bevorzugt. Heute schreibe ich an die Hella. Sie hat mir übrigens 
auch noch nicht geschrieben. 

21 Juli- Die Hella hat mir geschrieben, 4 Seiten lang und so 
lieb Wenn ich sie nicht hätte! Vielleicht kommt sie im August zu , 
mir oder ich zu ihr, das wäre beinahe besser. Ich mache gern Besuche 
auf lange. Der Papa hat gesagt: „Na, wir werden schon sehen", also 
da erlaubt er es bestimmt. Wenn die Eltern sagen, wir werden schon 
' sehen, heißt das immer ja; aber sie wollen es nicht direkt sagen. 



damit, wenn es doch nicht geht, die Kinder ihnen keinen Vorwurf 
machen können, daß sie ihr Wort nicht hallen. Der Papa täte 
überhaupt alles erlauben, aber die Mama. Na, wenn ich Öfters Klavier 
übe, wird sie es vielleicht schon erlauben. Ich muß spazieren gehen. 

22. Juli: Ich muß mich zwingen, hat die Hella geschrieben, 
jeden Tag zu schreiben, denn einen Schwur muß man halten und wir 
haben es geschworen, jeden Tag zu schreiben. Ich 

23. Juli: Es ist gräßlich, man hat keine Ruhe. Gestern wie ich 
schreiben will, wird aufgeräumt und in der Laube war die D . . . vor 
der schreib ich absolut nicht und am offenen Platz vorn sind mir 
die Blätter weggeflogen. Wir schreiben nämlich auf lose Blätter. Die 
Hella meint, es ist besser, weil man nichts herausreißen braucht. 
Aber wir haben einander geschworen, daß wir nichts wegwerfen und 
zerreißen. Und warum denn? Vor einer Freundin kann man alles 
sagen. Das wäre eine schöne Freundschaft. Wie ich gestern zuerst 
doch in die Laube komme, schaut die Dora mich mit einem infamen 
Blick an und fragt: Du wünschest? Als ob die Laube ihr allein 
gehörte, überhaupt, wo sie zuerst den Platz vorn wollte. Das ist 
wirklich eine Gemeinheit. 

Gestern nachmittags waren wir auf dem Kobler-Kogel. Es war 
sehr schön. Denn der Papa war sehr lustig und wir haben uns mit 
Tannenzapfen beworfen. Das war lustig. Der Dora habe ich einen auf 
ihren ausgestopften B . . . . geworfen, da hat sie furchtbar aufgeschrien 
und ich habe ganz laut gesagt: Das spürst du ja gar nicht. Im 
Vorbeigehen hat sie gesagt: Fratz! Aber das macht nichts, wenigstens 
weiß ich, daß sie es verstanden hat und daß es wahr ist. Ich möchte 
wissen, was sie alle Tage der Erika zu schreiben hat und was sie 
eigentlich in ihr Tagebuch schreibt. Der Mama war nicht gut und da 
ist sie zuhaus geblieben. 

24. Juli: Heule ist Sonntag. Den Sonntag habe ich besonders 
gern. Der Papa sagt zwar: Kinder, ihr habt ja alle Tage Sonntag. In 
den Ferien ist es wahr, aber sonst haben wir gar nicht alle Tage 
Sonntag. Die Bauern sind alle in ihren Kostümen und die Bäuerinnen 
und Kinder auch, ganz so wie im Theater. Wir haben heute die 
weißen Kleider an und ich habe mir einen großen Kirschenfleck 
hineingemacht, aber unabsichtlich, weil ich mich auf verfaulte Kirschen 
gesetzt habe. Jetzt muß ich nachmittags zum Spazierengehen doch 



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i 

■ 

das Tosa Kleid anziehen. Das ist mir ganz recht, ich habe nicht gerne ', 

dasselbe Kleid an, wie die Dora. Niemand braucht gleich wissen, daß ; 

wir Schwestern sind. So kann man glauben, wir sind bloß Kusinen. J. 

Sie kann es übrigens auch nicht leiden, warum, möchte ich wissen? ^ 

In 8 Tagen kommt der Oswald, da freue ich mich schon riesig. Der 
ist doch noch älter als die Dora, aber mit ihm vertrage ich mich 
immer. Die Hella hat mir geschrieben, daß sie sich langweilt ohne 
mich; ich mich auch. j 

25. Juli: Heute schrieb ich an das Fräulein Prückl. Sie ist in ' 
Achensee. Ich möchte sie sehr gerne sehen. Nachmittag gehen wir 

alle Tage kalt baden und spazieren. Aber heute regnet es schon den • 

ganzen Tag. Das ist fad. Ich habe meine Farben zum Malen vergessen 
und lesen darf ich nicht den ganzen Tag. Die Mama sagt, wenn du 
jetzt alles verschlingst, hast du dann gar nichts mehr, Dasjst wahr, 
aber nicht einmal schaukeln kann ich gehen. ! 

Nachmittag: Das muß ich extra schreiben. Ich habe einen 
furchtbaren Streit mit der Dora gehabt Sie behauptet, ich stöbere 
in ihren Sachen herum. Weil sie keine Ordnung hat. Ich möchte 
wissen, was mich ihre Sachen interessieren sollen. Ihren Brief an 
die Erika hat sie gestern selber am Tisch liegen lassen und da habe 
ich weiter nichts gelesen, als: Er ist göttlich schön. Wer, das weiß 
ich nicht einmal. Aber da kam sie schon bei der Tür herein. 
Wahrscheinlich der Krail Rudi, ihr Partner beim Tennisspielen, mit 
dem macht sie furchtbare Geschichten. Aber schön, na Geschmack- 
sache ! [ 

26. Juli: Es ist doch ganz gut, daß ich mir den Puppenkoffer 
mitgenommen habe. Eigentlich hat die Mama gesagt: Nimm ihn nur 
für Regenwetter. Also spielen tu ich ja natürlich längst nicht mehr; 
aber schließlich Kleider nähen, das kann man schon tun mit 11 Jahren; 
man lernt ja auch gleich dabei etwas. Und wenn etwas fertig ist, raachts 
mir riesige Freude. Die Mama schneidet mir die Sachen zu und ich 
nähe sie ganz leicht zusammen. Da Itommt die Dora ins Zimmer und ; 
sagt: Ach, die Kleine näht Puppensachen. Eine solche Frechheit, als ) 
ob sie nie mit Puppen gespielt hätte. Und dann von Spielen ist bei i 
mir doch überhaupt keine Rede. Wie sie sich neben mich niedersetzl, 
fahre ich mit der Nadel so stark aus, daß ich ihr einen Riesenkratzer 
auf der Hand mache und sage: Pardon, du bist mir leider zu nahe 



gekommen. Den Sinn wird sie hoffentlich verstanden haben. NatürHch 
wird sie es der Mama klatschen. Soll sie. Was hat sie mich denn 
Kleine zu nennen. Und den roten Kratzer hat sie docli, noch dazu 
auf der rechten Hand, wo ihn jedes sieht. 

27. Juli: Wir haben hier sehr viel Obst. Den ganzen Tag sitz 
ich bei den Stachelbeeren und Himbeeren und die Mama sagt, darum 
esse ich nichts zu Mittag. Der Doktor Klein sagt doch immer, Obst 
ist so gesund; also warum denn auf einmal nicht? Die Hella sagt 
auch immer, das, was man gern tut und hat, da drüber wird so lange 
geschimpft, bis es einem zuwider wird. Und die Hella ärgert sich 
auch oft furchtbar Über ihre Mama und ihre Mama sagt: Da opfert 
man sich auf für seine Kinder und die lohnen es mit Undank. Na 
also aufopfern, ich möchte wissen, wieso. Eher müssen die Kinder 
sich opfern. Denn wenn ich Stachelbeeren essen will und nicht darf, 
so ist das ein Opfer von mir und nicht von der Mama. Ich habe 
das auch der Hella geschrieben. Das Fräulein Prückl hat mir geschrieben. 
Gott wie süß, die Adresse Fräulein Grefe Lainer, Lyzealschülerin. Die 
Dora weiß es natürlich schon wieder besser und sagt, in den oberen 
Klassen von der vierten an (weil sie nämlich in die vierte kommt), 
schreibt man Lyzeistin. „Und in den Ferien vor der ersten Lyzeums- 
klasse ist man überhaupt nocli keine Lyzealschülerin." Da ist der 
Papa dazugekommen und hat gesagt, wir (ich habe nicht angefangen) 
sollen mit diesem ewigen Wortgeplänkel aufhören; er will das nicht 
hören. Da hat er sehr recht; aber es wird leider nichts nützen, denn 
die Dora hört ja doch nicht auf. Das Fräulein Prückl hat mir 
geschrieben, sie hat sich sehr gefreut, daß ich ihr geschrieben habe. 
Und wenn ich wieder einmal Zeit habe, so soll ich ihr wieder 
schreiben. Gott! für sie habe ich immer Zeit. Ich schreibe ihr noch 
heute nach dem Nachtmahl, damit sie nicht umsonst wartet. 

29. Juli: Gestern war es mir unmöglich zuschreiben. Die Wartb 
sind angekommen und ich war den ganzen Tag bei der Erna und 
Liesel, obwohl es den ganzen Tag geregnet hat. Wir haben uns 
großartig unterhaUen. Sie haben eine Menge Gesellschaftsspiele mit 
und wir haben um Zuckerln gespielt. Ich habe 47 gewonnen, fünf 
habe ich dann der Dora gegeben. Der Robert ist schon um mehr als 
einen Kopf größer als wir, nämlich als die Liesel und ich ; ich glaube 
er ist fünfzehn. Er sagt Fräulein Grefe und hat mir den Mantel 



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getragen, den mir die Mama geschickt hat wegen dem Regen und er 
hat mich nach dem Nachtmahl bis nachhaus begleitet. 

Morgen ist mein Geburtstag, da sind alle eingeladen und die 
Mama macht Erdbeerschnee und Waffeln. Das ist fein. 

30. Juli: Heute ist mein Geburtstag; ich habe einen wunder- 
baren Sonnenschirm mit eingewebter Bordüre bekommen vom Papa 
und Malsachen und von der Mama ein riesiges Postkarte nalb um für 
800 Stück und Erzählungen für Backfische und die es bald sind, von 
der Dora hochfeine Billets de Corresp. und die Mama hat eine^ 
Chokoladecremetorte gemacht für heute nachmittags neben der Erdbeer- 
creme. Von den Warth habe ich in aller Frühe drei Geburtstagskarten 
bekommen. Und der Robert hat auf seine geschrieben: In aufrichtigster 
Verehrung Ihr treuer R. Geburtstag haben ist herrlich, alle sind 
so nett, sogar die Dora. Vom Oswald habe ich ein Holzmesser zum 
Bticheraufschneiden bekommen, der Griff ist ein Drache, der statt des 
Feuers die Klinge speit; oder die Klinge kann auch die Zunge sein, 
das sieht man nicht so genau. An meinem Geburtstag hat es noch 
nie geregnet. Der Papa sagt, ich bin ein Glückspilz. O, das ist mir 
schon recht, das kann ich sehr gut brauchen. 

31. Juli : Gestern war es himmlisch. Wir kugelten uns vor Lachen 
beim Sekretärspiel. Immer kam ich mit dem Robert zusammen und 
was wir alles getan haben, nämlich nicht wirklich, sondern nur 
aufgeschrieben : geküßt umarmt, im Walde verirrt, mitsammen ins Bad 
gegangen; na also, das täte ich wohl nicht! miteinander gestritten. 
Nein, das wird nicht vorkommen, das ist ganz unmöglich ! Und dann 
haben wir auf meine Gesundheit angestoßen mit 5 Kracherln und der 
Robert hat durchaus einen Wein holen wollen, aber die Dora hat 
gesagt, nein, das wäre äußerst taktlos! Also in Wirklichkeit war es- 
von ihr ganz etwas anderes. Sie ärgert sich nämlich immer sehr, wenn ich 
je einmal die Hauptperson bin, und die war ich gestern unbedingt. 

Jetzt noch schnell von heute. Es war herrlich. Wir waren mit 
Warth im Tiefen Graben, wo furchtbar viel Erdbeeren wachsen. Die 
schönsten pflückte der Robert für mich, zum riesigen Ärger der Dora,' 
die sich alle selber suchen mußte. Eigentlich suche ich ja auch gerne 
selber, aber wenn wer anderer aus Liebe (so sagte nämlich der 
Robert direkt) für einen pflückt, so verzichtet man gerne auf das 
Selbersuchen. Übrigens habe ich nebenbei auch selber gesucht und 

8 



gab die meinen dem Papa und einige auch der Mama. Bei der Jause 
in Flischberg saß ich leider neben der Erna und nicht dem Robert. 
Die Erna ist eigentlich die Fadeste. Die Mama sagt, sie ist bleich- 
süchtig; das ist furchtbar interessant, aber ich weiß eigentlich nicht 
genau wie das ist. Die Dora behauptet auch immer, sie ist bleich- 
süchtig, aber es ist natürlich nicht wahr. Und der Papa sagt immer: 
^Red dich nicht hinein in solche Faxen ; du bist pumperlgesund." Das 
ärgert sie furchtbar. Die Lizzi war voriges Jahr wirklich bleichsüchtig, 
da hat es der Arzt gesagt, sie hatte immer Herzklopfen und mußte 
Eisen nehmen und Rotwein trinken. Mir scheint darauf hat es die 
gute Dora abgesehen. 

I. August: Die Hella ist ein bißchen beleidigt, weil ich ihr 
geschrieben habe, daß ich den ganzen Tag bei den W. bin. Deswegen 
ist sie doch meine einzige Freundin, sonst würde ich ihr das doch 
nicht schreiben. Sie hat ja auch am Land jedes Jahr eine andere 
Freundin, aber deshalb bin ich doch nicht beleidigt. Warum ihr 
übrigens der Robert nicht gefällt, weiß ich nicht; sie kennt ihn ja 
gar nicht, außer von dem, was ich ihr geschrieben habe und das 
war doch sicher nur lauter Gutes. Das heißt sie kennt ihn, weil er 
zu den Sering verwandt ist und weil sie ihn dort einmal getroffen 
hat. Aber von einmal kennt man doch einen Menschen noch nicht. 
Und jedenfalls kennt sie ihn nicht so, wie ich. Gestern war ich den 
ganzen Tag bei den W. Wir spielten .Platz dem König" und da erwischte 
mich Robert und ich mußte ihm ein Bussel geben. Und da sagte die 
Erna, das gilt nicht, ich habe mich absichtlich fangen lassen. Da ist 
der Robert furchtbar wild geworden und hat gesagt: Die Erna ist 
eine fade Nocken, die verdirbt jedem seine Freude. Da hat er Recht, 
übrigens ist jemand anderer genau so. Hoffentlich hat die Erna nichts 
der Dora wegen des Bussels gesagt. Denn dann wissen es gleich 
alle und das ist doch nicht nötig. Ich habe der Erna mit den Bonbons 
aufgewartet, die uns Tante Dora geschickt hat. Die anderen haben ich 
und der Robett und die Liese! aufgegessen. Sie waren sehr fein und 
beinahe lauter große. Der Robert hat sich zuerst ein ganz kleines 
nehmen wollen, aber ich habe gesagt, er soll nur ein großes nehmen. 
Und dann hat er sich immer große ausgesucht. Wie ich abends mit 
der leeren Schachtel nachhause gekommen bin, hat der Papa gelacht 
und gesagt: Ein Neidhammel ist unsere Grefel nicht. Übrigens hat 



die Mama noch eine ganze Schachtel voll ; ob die Dora noch viel 
hat, habe ich keine Idee ; aber wahrscheinlich. 

2. August: Heute nachmittags um 5 Uhr ist der Oswald , 
gekommen. Er ist furchtbar fesch ; er bekommt schon beinahe einen 
Schnurrbart. Am Abend ist er mit dem Papa ins Gasthaus gegangen, 
sich bei den Herren vorzustellen. Er sagt, das ist ihm gräulich, aber er 
wird sicher allen sehr gut gefallen, besonders mit seinem neuen 
Touristenanzug und der echten Lederhose. Die Großmama und der 
Großpapa lassen alle schön grüßen. Ich kenne sie aber gar nicht. 
Und sie haben uns eine Menge Bäckerei geschickt und der Oswald 
hat riesig geschimpft, daß er es hat mitschleppen müssen. Der Oswald 
raucht furchtbar viel Zigaretten und der Papa hat zu ihm gesagt; 
Komm Alter, wir gehen ins Gasthaus, dein Zeugnis begießen. Also, 
das finde- ich komisch; bei der Dora und bei mir wird nichts begossen, 
höchstens bekommen wir etwas. Der Oswald hat lauter Zweier und 
Dreier und ganz wenige Einser und in Griechisch sogar genügend, 
ich habe aber lauter Einser. Er hat zum Papa etwas Lateinisches 
gesagt und der Papa hat sehr gelacht und auch etwas gesagt, was 
ich nicht verstanden habe. Ich glaube, es war nicht lateinisch, 
sondern eher ungarisch oder englisch. Der Papa kann fast alle 
Sprachen, sogar böhmisch, aber das spricht er Gott sei Dank nicht, 
außer wenn er uns ärgern will. Wie damals am Bahnhof, wo ich und 
die Dora uns so geniert haben. Böhmisch ist gräßlich, das sagt 
auch die Mama. Wenn der Robert böhmisch nachmacht, muß man 

sich kugeln vor Lachen. 

3. August: Neulich war ich zu lange im kalten Bade und habe 
mich verkühlt, deshalb darf ich jetzt ein paar Tage nicht baden 
gehen. Da bleibt der Robert immer ganz allein bei mir und erzählt 
mir alles Mögliche. Und dann schaukelt er mich so hoch, daß ich 
furchtbar schreie. Heute hat er mich eigentlich beleidigt, er sagt, der 
Oswald ist ein öder Pimpf. Ich habe gesagt, das ist nicht wahr, die 
Buben können sich immer gegenseitig nicht leiden. Und daß er beim 
Reden anstößt, ist wirklich nicht wahr. Überhaupt ist mir der Oswald 
viel lieber als die Dora, die immer die Kinder sagt, wenn sie von 
mir und von der Hella und sogar vom Robert spricht. Da hat er 
gesagt: Die Dora ist grad so eine Gans, wie die Erna. Da hat er 
wirklich Recht. Der Robert sagt, er wird nie rauchen, das ist furchtbar 

10 



ordinär, wirklich feine Herren rauchen nicht. Na also bitte, und mein 
Papa? Und er sagt auch, er wird auchnie einen Bart tragen, sondern 
er wird sich alle Tage rasieren und seine Frau muß ihm alles 
herrichten. Also dem Papa steht sein Bart sehr gut, ich kann ihn mir 
gar nicht vorstellen ohne Bart. Ich heirate jedenfalls keinen Mann, 
der keinen Bart hat. 

5. August: Wir gehen alle Tage auf den Tennisplatz. Wie wir 
gestern gehen, der Robert und ich und die Liesel, die Erna und der 
Rene, ruft uns die Dora nach : Das Brautpaar in spee. Das hat sie 
nämlich vom Oswald und das heißt, glaube ich, in hundert Jahren. 
Na, so lange wartet vielleicht sie, aber wir nicht. Die Mama hat sie 
deswegen ordentlich ausgezankt und gesagt, sie soli nicht so blöde 
Sachen reden. Das war schon recht; in spee, in spee. Wir nennen sie 
jetzt nur mehr Inspee, da weiß niemand, von wem wir reden. 

6. August: Die Hella kann nicht hieher kommen, denn sie fährt 
mit ihrer Mama nach Kiausenburg zu ihrem anderen Onkel, "der ist 
dort Bezirksrichler oder wie das in Ungarn heißt. Jeden Bezirksrichter 
stelle ich mir so vor, wie den Bezirksrichter Th . . . den wir kennen, 
so eckelhaft. Die Nase und dabei ist seine Frau so schön ; aber sie 
wurde gezwungen zum Heiraten von ihren Eltern. Zu so etwas ließe 
ich mich nie zwingen, da heirate ich lieber gar nicht, sie ist auch 
sehr unglücklicli. 

7. August: Es ist ein greulicher Skandal bei uns wegen der 
Dora. Der Oswald hat dem Papa gesagt, daß sie beim Tennisspielen 
furchtbar kokettiert und das kann er nicht dulden. Der Papa hat 
wahnsinnig geschimpft und jetzt dürfen wir nicht mehr Tennisspielen 
gehen. Und am meisten hat sie geärgert, daß der Papa vor mir 
gesagt hat: So ein Fratz von 14 Jahren fängt schon an, sich den 
Hof machen zu lassen. Sie hat ganz rot geschwollene Augen und hat 
am Abend nichts gegessen vor Kopfweh!! Also dieses Kopfweh 
kennt man schon. Aber wie ich dazu komme, daß ich nicht gehen 
darf, das sehe ich nicht ein. 

S.August: Der Oswald sagt, der Student hat sich ganz fer 
benommen, die Schuld liegt nur an der Dora. Also das weiß ich am 
besten; wenn ich nur denke, damals auf der Südbahn. Also ich darf 
richtig auch nicht Tennisspielen gehen, obwohl ich die Mama riesig 
gebeten habe, sie soll beim Papa für mich sprechen. Aber sie sagt, 

• 11 



das nützt nichts, der Papa ist furchtbar böse und ich darf auch nicht | 

mehr ganze Tage bei den Warth sein. Ganze Tage, ich möchte wissen, . 
wann ich einen ganzen Tag dort war. Da hätte ich doch dort 
mindestens zu Mittag essen müssen. Was kann denn ich dafür, daß 

die Dora sich den Hof machen läßt. Das ist doch lächerlich. Aber ; 

immer sind die Eltern so. Wenn eins was tut, müssen die andern ; 

mitleiden. \ 

9. August : Gott sei dank, ich kann wieder auf den Tennisplatz 
gehen; ich habe den Papa so lange gebettelt, bis er es mir erlaubte. 
Die Dora behauptet, sie verlange es sich ohnehin nicht! Na also, das 
kennt man schon, das ist der Fuchs mit den rauern Trauben. Sie 
spielt sich seit neuestem auf die Kranke hinaus, geht nicht ins kalte 
Bad und bleibt womöglich von den Spaziergängen zuhause. Ich 
möchte wissen, was ihr fehlen sollte. Mich wundert nur, daß der 
Papa es erlaubt, denn die Mama ist immer sehr, aber schon sehr 
■ nachsichtig gegen die Dora; sie ist entschieden ihr Liebling, 
besonders wenn der Oswald nicht da ist. Daß man den Oswald zum 
Liebling hat, kann ich begreifen, aber die Dora? — Überhaupt der 
Papa sagt immer, Eltern haben keinen Liebling, alle Kinder sind 
ihnen gleich. Ja, vom Papa ist das auch wahr, obwohl die Dora 
behauptet, ich sei der Liebling vom Papa; aber das bildet sie sich 
wirklich nur ein. Wir bekommen zu Weihnachten und auch sonst 
immer gleich viel und das ist doch das sicherste Merkmal Die Rosa 
Plank bekommt immer dreimal so viel als ihre Geschwister, das heißt 

ein Liebling sein. 

12. August: Ich kann nicht alle Tage schreiben, denn ich bin 
meistens mit Warth zusammen, Der Oswald kann den Robert nicht 
leiden, er sagt, er ist ein Lausbub und noch naß hinter den Ohren. 
Eine solche Gemeinheit. Ich rede seit drei Tagen nichts mit ihm, das 
heißt nur das Notwendige. Die Erna und die Liesel, denen ich das 
erzählte, sagen: alle Brüder sind so impertinent gegen ihre Schwestern. 
Ich möchte wissen, warum? Übrigens der Robert ist im allgemeiiien 
sehr nett zu seinen Schwestern. Sie sagen: Ja vor dir, weil er sich 
vor dir scheniert. Gestern haben wir uns gekugelt vor Lachen, was 
er uns erzählt hat, wie sich die Buben über ihre Professoren lustig 
machen. Das mit den Zigarettenstumpferln war zum Totlachen. Und 
sie haben einen Verein, der heißt T. Au. M., d. h. nämlich auf 

12 



Lateinisch Schweig oder stirb, in den Anfangsbuchstaben. Keiner darf 
etwas verraten und wenn einer neu aufgenommen wird, muß er sich 
ganz ausziehen und er muß sich so hinlegen und jeder spuckt ihm 
auf die Brust und verreibt es und sagt: So sei der Unsere, aber 
alles auf Lateinisch. Und dann muß er zum Ältesten und Größten 
gehen und bekommt von ihm mit einer Rute ein paar auf den P . . , 
und muß schwören, daß er nie einen verrät. Und dann raucht jeder 
eine Zigarre an und tupft ihn mit dem brennenden Ende auf den 
Arm oder sonst wohin und sagt: Jeder Verrat soll dich so brennen. 
Und dann ritzt ihm der Älteste, der einen besonderen Namen hat, 
den ich mir aber nicht gemerkt habe, das Wort Taum, d. h. eben 
Schweig oder stirb ein und ein Herz mit dem Namen von einem 
Mädchen. Der Robert sagt, wenn er mich früher kennen gelernt hätte, 
so hätte er Gretchen gewählt. Ich fragte ihn, was für einen Namen 
er eingeritzt habe, da sagte er, das dürfe er nicht verraten. Aber ich 
werde dem Oswald sagen, er soll im Bade schauen und es mir dann 
sagen. In diesem Verein schimpfen sie furchtbar über die Professoren 
und wer die besten Streiche ausdenkt, wird in die Rohon gewählt; 
ein Rohon sein, ist eine Auszeichnung und die anderen müssen ihm 
unbedingt folgen. Und manches kann er mir nicht einmal erzählen, 
sagte er, weil es zu arg ist. Und dann mußte ich ihm schwören, daß 
ich das alles vom Verein niemandem sage und er wollte, ich soll mich 
zum Schwören niederknien, aber das habe ich nicht tun wollen und 
da hat er mich beinahe umgeworfen. Und schließlich mußte ich ihm 
die Hand drauf geben und ein Bussel. Das habe ich ihm schon eher 
gegeben, denn an einem Bussel ist nichts dabei, aber niederknien, 
nein das tue ich absolut nicht. Aber ich habe mich schrecklich 
gefürchtet, weil wir ganz allein im Garten waren und weil er mich 
so beim Hals packte und niederdrückte. Das vom Verein hat er 
mir nämlich ganz allein erzählt, weil er sagte : Deinen Namen darf 
ich nicht mehr einritzen, denn zwei Namen geht gegen unsere 
Gesetze, aber dafür sollst du gegen deinen Schwur wissen, was ich 
im geheimen bin und denke. 

Ich habe die ganze Nacht nicht schlafen können, weil mir immer 
von dem Verein träumte. Ob es im Lyzeum auch solche Vereine gibt 
und ob die Dora auch bei einem ist und einen Namen eingeritzt hat. 
Aber ganz ausziehen ist doch gräßlich, noch dazu vor seinen 

13 



Mitschalerinnen. Vielleicht ist das bei den Vereinen der Lyzeal- 
schülerinnen weggelassen. Aber ich würde auch nicht sagen, daß ich 
mir den Namen Robert einritzen will. 

15. August: Gestern erzählte mir der Robert, daß es auch 
Vereine von Buben gibt, wo sehr unanständige Sachen geschehen. 
aber bei ihnen darf das nicht sein. Aber er sagte nicht was. Ich 
sagte, ich finde das Ganzausziehen schrecklich ; aber er sagte, das ist 
gar nichts, das muß sein, wenn einer dem anderen vertrauen soll, 
wenn nur nichts Unanständiges geschieht. Ich möchte sehr gerne 
wissen, was. Ob der Oswald es weiß, und ob er bei einem solchen 
Vereine oder einem anständigen ist und ob der Papa dabei war. 
Wenn ich nur draufkommen könnte. Aber fragen darf ich nicht, weil 
ich sonst den Robert verrate. Wenn er mich sieht, preßt er mir immer 
so das linke Handgelenk, ohne daß es wer sieht. Er sagte, das ist 
die Mahnung, daß ich schweigen muß. Aber es wäre wirklich nicht 
notwendig, denn ich verrate ihn auf keinen Fall. Er sagte: Der 
Schmerz soll dich an mich binden. Wenn er das sagt, so werden 
seine Augen ganz dunkel, förmlich schwarz, obwohl er eigentlich 
graue Augen hat und riesig groß. Besonders am Abend, wenn wir 
auseinander gehen, schaut das gräßlich aus. Mir träumt immer 
von ihm. 

18. August: Gestern abends war ein herrliches Kaiserfest mit 
Illumination. Wir kamen erst um Vi^ Uhr nachhause. Zuerst gingen 
mir zum Parkkonzert und zur Beleuchtung. Von den Höhen schössen 
sie herunter und Höhenfeuer brannten überall; es war förmlich 
schaurig, obwohl es wunderbar war. Mir schnapperten ein paarmal 
die Zähne, ich weiß nicht aus Angst, daß etwas geschieht, oder was. 
Dann kam der R. zu mir und erzählte mir riesig viel. Er will 
unbedingt Offizier werden. Aber da braucht er eigentlich gar nicht so 
viel lernen, da lernt er alles jetzt umsonst. Er sagt, das macht nichts, 
das gibt ein riesiges Übergewicht. Ich finde nicht, daß er etwas blöd 
ausschaut, das sagt der Oswald nur, damit ich mich recht ärgere. 
Auf einmal waren wir von den anderen ganz getrennt und da 
setzten wir uns auf eine Bank und warteten auf sie. Derweil fragte 
ich den R. nochmals wegen der anderen Vereine, bei denen so 
unanständige Sachen eingeführt sind. Aber er sagte es nicht, er sagte, 
er wolle mir nicht meine Unschuld rauben. Das finde ich sehr blöd; 

t4 



vielleicht weiß er es selber nicht und tut nur so. Nur das sagte er, 
. daß jeder beim Eintritt in den Verein so lang gekitzelt wird, bis er 
es nicht mehr aushalten kann. Und einmal " hat einer Veitstanz 
bekommen, das sind schreckliche Krämpfe und da wäre bald alles 
aufgekommen. Und seither dürften sie in ihrem Verein nicht mehr 
kitzeln? Soll ich dich auch ein bissei kitzeln? Untersteh dich nicht, 
sag ich, und überhaupt du traust dich auch gar nicht. 

Er lacht riesig und auf einmal packt ei mich am Arm und 
kitzelt mich unter der Achsel. Ich habe schrecklich lachen müssen, 
aber ich habe es verbissen, weil doch manchmal Leute vorbei- 
gegangen sind. Drum ließ er mich auch aus und kitzelte mich in der 
Hand. Das war zuerst ganz angenehm, aber später ärgerte ich mich 
schon und riß ihm die Hand weg. Da kam gerade die Inspee mit 
zwei anderen Mädchen und wie sie vorbei waren, gingen wir schnell 
hinter ihnen, als ob wir immer so gegangen waren. Dadurch habe 
ich mir einen Putzer von der Mama erspart, die immer will, daß alle 
beisammen sind. Beim Weggehen sagt der R. : Paß auf Gretel, einmal 
kitzel ich dich so, daß du schreist. — Lächerlich, das lasse ich mir 
nicht gefallen, da gehören doch zwei dazu. 

Richtig, bei der Juxtombola habe ich eine Vase mit 2 Turtel- 
täubchen und ein Sackerl mit Bonbons gewonnen und der R ein 
Eßbesteck. Das hat ihn furchtbar geärgert. Die Inspee hat eine 
Füllfeder gewonnen, wie ich sie mir wünsche und einen Spiegel, in 
dem man furchtbar häßlich ausschaut. Das gönne ich ihr, weil' sie 
sich so viel einbildet. 

29. August: Gotteswillen, es ist mir etwas Gräßliches passiert 
Ich habe Seite 30 bis 34 verloren vom Tagebuch. Ich muß es 
entweder im Garten oder auf der Louisenhöhe liegen gelassen haben 
Das ist furchtbar. Wenn das wer findel. Und ich weiß nicht einmal 
genau, was gerade auf diesen Seiten steht. Ich bin rein zum Unglück 
geboren. Wenn ich nicht der Hella geschworen hätte, alle Tage 
Tagebuch zu schreiben, so tat ich am liebsten ganz aufhören. Wenn 
die Mama oder gar der Papa etwas erfährt. Und heute regnet es so 
greulich, daß ich nicht einmal in den Garten gehen kann, und auf 
die Louisenhöhe schon gar nicht, überhaupt nicht allein. Ich muß es 
vorgestern verloren haben, denn gestern und vorgestern habe ich 
nicht geschrieben. Wenn es nur niemand findet, das wäre gräßlich. 



15 



Ich bin so aufgeregt, daß ich zu Mittag gar nichts essen konnte, 
obwohl wir meine Leibspeise Moor im Hemd hatten. Und ich bin 
auch so unglücklich, denn der Papa war so besorgt und die Mama 
auch und sie fragten in einer Tojir, was mir fehlt und ich konnte 
kaum das Weinen verbeißen vor allen Leuten. Wir waren nämlich 
heute im Hotel, weil die Resi für 2 Tage weggefahren ist. Und dann 
im Zimmer bei den Eltern durfte ich auch nicht weinen, weil ich 
mich sonst verraten hätte. Ich habe nur eine Hoffnung, daß niemand 
weiß, daß die Blätter von mir sind, weil wir die Hella und ich im 
Tagebuch steil schreiben, erstens, damit niemand unsere Schrift 
erkennt und zweitens weil man mehr Papier erspart als beim 
gewöhnlichen Schreiben. Wenn es nur morgen schön wäre, daß ich 
gleich in der Frühe in den Garten suchen gehen könnte. Heute freut' 
mich gar nichts und ich habe mich nicht einmal sehr geärgert, wie die 
Inspee sagte: O, vielleicht einen Streit gehabt mit dem Herrn Bräutigam? 
30. August : Im Garten ist es nicht. Ich habe die Mama gebeten, 
daß wir nachmittag unbedingt zur Louisenhütte gehen. Die Mama 
war furchtbar lieb und fragte, warum ich so aufgeregt bin, ob mir 
etwas geschehen ist. Und da konnte ich mich nicht mehr zurückhalten 
und weinte gräßlich. Und sagte der Mama, ich habe etwas verloren, 
was mir schrecklich ist. Die Mama glaubte den Brief der Hella, den 
sie mir am Dienstag schickte und da sagte ich: Nein etwas viel 
Ärgeres, mein Tagebuch. Da sagte die Mama: Nun das ist doch 
hoffentlich nicht so arg und das wird doch niemanden interessieren. 
O ja, sage ich, weil alles vom R. seinem Verein drin steht. Und da 
sagt die Mama: Schau Gretel, weil du schon vom R. sprichst; ich 
sehe wirklich nicht gern, daß du immer bei Warth bist; sie passen 
wirklich nicht zu uns und der R. ist keine Gesellschaft für dich; du 
bist jetzt, wo du ins Lyzeum kommst, kein kleines Kind. Versprich 
mir, daß' du nicht ewig mit ihnen bist. — „Ja Mama, ich werde mich 
unauffällig zurückziehen." Da hat sie furchtbar gelacht und mich auf 
beide Wangen geküßt und hat mir versprochen, daß sie der Inspee 
nichts sagt vom Tagebuch, denn die braucht nicht alles wissen. Gott 
die Mama ist so entzückend. Noch 3 Stunden und vielleicht liegen 

die Blätter noch dort. 

Am Abend: Gott sei Dank! Vor der Hütte lagen 2 Blätter ganz 
zerweicht vom Regen und verwischt und ein Blatt lag auf dem 

16 



[ 



Fußboden das war ganz zerrissen. Da muß einer mit dem Absatz 
darauf gestanden se.n und 2 Blätter waren zu einem Fidibuß gerollt 
und etwas verbrannt. Also hat niemand etwas gelesen. Ich bin so 
glückhch und beim Naclrtessen sagte der Papa: nun was leuThten 
denn deine Augen so überglücklich? Hast du das große Los gezogen? 
und da habe ich die Mama auf den Fuß getreten, daß sie mich nicht 
verrat und der Papa hat furchtbar gelacht und gesagt: So, mir 
schemt, da wird in meinem eigenen Hause eine Verschwörung 
angezettelt und ich sag schnell: Wir sind zum Glück nicht im 
eigenen Haus, sondern im Hotel und alle lachen und jetzt ist Gott 
sei dank alles vorüber. Aber durch Schaden wird man klug. Das 
passiert mir kein zweitesmal. 

31. August: Ich gehe wirklich weniger mit W. und mit dem R 

wL.ff H '.'L''"""'"'^'- "'"'' nachmittag, wie ich zur Jause 
hinaufgehe, faßt er mich beim Handgelenk und sagt: Dein Vater hat 

Gemein h!-, ,1, Tt "f "°'"' """^ '"'" kuranzen". Das ist eine 
?abT ch de '? "'''' "'"^^"^ '"^'" g^^™«*. *^^ kuranzen hei6t. Da 
ich das habe nf' ^f"^! ""'' " ''^' ">"'' "«ärt und gefragt woher 
gehör Etnthch'hf ' h "',•""' ^s im Vorbeigehen von 2 Herren 
genort. tigentlich habe ich geglaubt kuranzen heißt kitzeln Aber es 
geht mir furchtbar ab, wenn ich niemanden zu Reden habe De 
meisten Leute sind schon fort und wir fahren auch heute 8 Tag 
Wegen dem Kuranzen ist das so. Den Papa lüge ich nicht gerne fn 

id ih? auf einf ,"° T ""'''' """ '"'' '''"' "'='' '"•■""■ -enn 
ich Ihr auf eme Luge komme, nämlich ihre Lügen sind so 

S"v Starv'd "^"*%"'\^^^PP'- Nur einmal, damals' wie dfeFra: 
Oberst V. Stary da war, da hat der Papa etwas gemerkt, weil er dann 
sagte : Du Schlaucherl, du abgedrehtes. 

3. Septernber: Eine solche GeraeinheitI Ich rede mit dem R nie 
mehr ein Wort. Der Oswald hat wirklich recht, wenn er sag" er^ t " 
ein Lausbub. Wenn ich wirklich aus der Schaukel ge^al en wte h 
ich mir den Fuß brechen können, 4 Tage vor dem^ WegfahTen und 

Frerhh'.if H -Tu t\ "''''"" '''■ ^° ''"^^'" '^' ' ''l^lich eine 
Frechheit und ich hab ihm ein ordentliches mit dem Absatz hinein- 
gehaut. Mir scheint auf die Nase oder den Mund. Und dann 

17 



untersteht er sich zu sagen; Eigentlich geschieht mir recht das l^oinmt 
davon, wenn man sich mit solchen Fratzen, mit solchen W.ckel- 
kindern abgibt. Der hafs notwendig, er ist selber noch n.chi ganz 
vierzehn. Das war bloß geschwindelt mit den fünfzehn Jahren und er 
soll einer der schlechtesten Schüler im Gym. sein, lauter genügend 
hat er und er kommt nicht in die Fünfte, sondern erst m die Vierte. 
Also jedenfalls haben wir ausgeredet, mein Herr. So em Frechdachs^ 
ich werde das nie jemanden erzählen, es ist mein erstes und hoffentlich 
mein einziges Geheimnis vor der Hella. 

6 September: Morgen fahren wir weg. Die letzten Tage waren 
cckelhaft fad. Ein paar mal sah ich den R. aber ich drehte den Kopf 
weg. Der Papa fragte, was ich mit den Warth und dem R^ gehabt 
habe daß auf einmal die dicke Freundschaft entzwei ist. Natürlich 
mußte ich lügen, denn die Wahrheit konnte ich unniöglich sagen 
ich sagte, der R. schimpft über alles, was ich tue, über meine Schrift 
und daß ich nicht ordentlich vorlesen kann. (Das ist nämlich wirklich 
wahr, das hat er einmal gesagt) und der Papa sagte: Na morgen 
beim Abschied werdet ihr euch schon wieder aussöhnen. O, da irrt 
sich der Papa sehr. Mit so einem Menschen rede ich überhaupt kein 

°" Die Dora bekommt einen tegetthoffblauen, seidenen Staubmantel 
im voraus zu ihrem Geburtstag. Ich finde das P''\^;g=""'f . ""I^]; 
nicht für sie und dann ist sie auch für einen Staubmantel viel 

'" "irseptember: Vorgestern ist die Hella gekommen. Sie schaut 
großartig aus und sagte mir dasselbe. Ich bin so froh, daß sie wieder 
Sa ist. Ich habe doch der Hella das erzählt vom R- Sie ist empört 
und sagt, ich hätte ihm 2 geben sollen; eins für das Kitzeln und 
dns fü? das Wickelkind und eins für die Fratzen Wenn wir 
Tn nur einmal begegnen würden, da werden wir ihn beide ordentlich 

''"'*ir"se6tember: Die Inspee hat richtig den seidenen Staubmantel 
bekommen aber die Kapuze aus schottischer Seide finde ich etwas 
k ndiTch Ver ich habe' nichts gesagt, sondern daß ihr der Mantel 
Sgu steht. Sie hat ihn wenigstens schon fünfmal probiert. Ob der 
Papa das im Ernst gemeint hat, daß sie wie eine Dame aussieht, 
oder ob er sie zum Narren gehalten hat. Ich glaube das letztere. 



18 



?. ZZ M-%^'r '"''"* sie wirklich nicht aus. Natürlich, sie wird 

M M '.^ "^'"^ '^'* ^^ ^^^^^- ^^st^^" nachmittag wären eine 

Menge Mädeln emgeladen, natürlich für mich die Hella und wi 
haben uns großart:g unterhalten. Aber die meisten haben gräßlich 
aufgeschmtten vom Land, wo sie überall angeblich waren" 
waren 9 Mädeln, aber die liebste ist mir die Hella. 

21. September: Morgen fängt die Schule an. Das heißt wir 
haben verabredet, daß wir immer Liz sagen und nie Schule. Ich bin 
schon furchtbar neugierig. 

22. September 19..: Heute hat die Schule angefangen. Die 
Heila hat mich abgeholt und wir sind miteinander gegangen Die 

nspee hat bei der Mama geklatscht, daß wir ihr davongelaufen sind 
Wir brauchen doch keine Gouvernante. Wir sind 34 in der Klasse 
Als Klassenvorstand haben wir eine Frau Doktor, dann 2 Fräulein' 

1 Professor und ich glaube noch ein Fräulein im Zeichnen. Die Frau' 
Doktor hat Deutsch und Schönschreiben. Sie hat uns nebeneinander 
gesetzt m die 3. Bank. Dann hat sie eine Anrede gehalten, dann 
smd d.e Bücher diktiert worden, aber wir sollen noch warten mit 

9?,r rn" ^' ''°"*'^- ^''^ '^'^" 2 mal Pause, eine lange und 

2 kurze. Die lange gehört zum Spielen, die kurzen zum Hinausgehen 

J' n"'" m'"*^'" '" ^'^ Volksschule und jetzt gehe ich schon gar 
nicht. Die Mama sagt auch immer, das ist nur eine schlechte 
Gewohnheit. Die meisten Kinder waren draußen, sogar unter der 
Stunde. Heute haben wir keinen eigentlichen Unterricht gehabt 

TacSse'^*""* ''' ^^^' ^''' "''''"" "''^* ^^^- ^'"" S^"^'" ^'^ 
23. September: Heute haben wir das Fräulein von Geographie 
und Geschichte gehabt, das ist keine Doktorin. Die Inspee sfgt sie 
haben sie voriges Jahr gehabt, aber sie haben sie nicht leiden können 
sie ist gar nicht schön. Der Papa hat geschimpft und hat zur Inspee 
gesagt: Du dummes Ding, setz ihr nur so dummes Zeug in den 
Kopf. Da zeig deine Auktorität als Große. Bei jeder Lehrerin und 
jedem Lehrer kann man etwas lernen, wenn man nur will. Aber uns 
gefällt das Frl. Vischer wirklich nicht und Geographie nnd Geschichte 
ist so nicht meine Leibspeise. Übrigens lerne ich ja nicht für sie 
sondern für mich. Die Frau Dr. Mallburg ist furchtbar Heb und schön! 
Wir werden immer nur Frau Dr. M. schreiben von ihr. Wenn sie 

19 



lacht hat sie zwei Grüberln und eine Goldplombe^^Sie j^t -^ an^- 
Anstalt Ich weiß nicht ob wir auch Gesang haben. In ^'•^"^os^sc^ 

SilS, .« d« K.«..IWl..n „6 d.™ gl.«« -. "■ °« "•"" '■• 

\ -.h „a«r«r+pi dcF Heri Pastor war namlich nicht da. 
"' " f lepTmberfw" haben geglaubt, die Buchhandlungen sind 
heute ausnatsweise offen, aber wir haben "- geirrt D>e Mama^von 
aTt Hella hat gesagt, natürlich das kommt davon, wenn die Küken 
ff, L luen als die Hennen. Nachmittag war die Hella bei mir 

Äe nspee wa'rti f^ "nge.aden. Dort gehe ich nicht mit, weH 
es rnfzu fad ist, den ganzen Tag wird Klavier gespielt. Ich habe 
s h^nvon den Klavierstunden genug. Sie fangen erst an wenn der 
Stundenplan fix ist. Vielleicht am 1. Oktober, dann muß ich an die 
mu B chreben, eigenhändig, hat sie gesagt. Das verlangt sie von 
1 Thr^n Schülerinnen Die Lehrerin von der Hella war mir lieber. 
aI« hat keine ZeTund ist auch teurer, glaub ich. Aber wenigstens 
• Aber sie hat ;^^'"6 "" ^ P^^^l.in ßora als Muster vorhalten. 

1^'""T Z "Ih td^^o tnuTikal ch wie das Frl. Dora. Abends hat 
Es ist eben nicht jeder so m .^ ^.^^^ dicken Buch gelesen, 

^d dtei g h^u". Das hat Sie geleugnet, aber ich hab's gehört und 
sie hat auch gar nicht reden können. Sie sagt, sie hat Schnupfen, 

die Lügner, ^^^^^^^ ^^^^^^ ^^^en wir einen proffesorischen Stunden- 
„lan bekommen, aber er bleibt nicht, bis die Professoren von 
Gvmnasium genau wissen, wann sie kommen können. Unsere Frau 
Doktor könnte auch in einem Gymnasium sein, aber weil nur eines 
1,1 so ist sie bei uns. Wir haben für morgen eine mündliche Rede- 
übung: Unsere Ferien. Höchstens 8 oder 10 Sätze, ™ »«"^^/^""f" 
wir es niederschreiben, aber in der Schule dürfen -'^"f * J"f "" 
Tchauen. Ich habe es schon gemacht. Aber vom Rober habe ich 
Sts geschrieben. Der verdient nicht einmal daB ich an ihn denke. 
Ich habe auch der Hella gar nicht alles gesagt. 



20 



n w \ PV *'^ ^^' ^'^" ^^* ^^^ Redeübung und die Frau 
Doktor hat gesagt, sehr gut, wie heißt du? Grete Lainer hab ich 
gesag und s.e hat gesagt: Und das ist deine gute Freundin neben 
dir? Jetzt soll sie uns sagen, wie sie ihre Ferien verlebt hat. Die 
Hella hat es auch sehr gut gekonnt und die Frau Doktor sagte auch 
sehr gut. Dann hat es geleutet. In der großen Pause hat die Frau' 
Doktor mit uns gespielt: Reih um. Das war sehr lustig. Ich kam 6mal 
dran. In den kleinen Pausen waren wir ganz allein, weil die Lehr- 
kräfte alle so viel zu tun haben wegen dem Stundenplan. Eine 
Repetentin aus dem Lyzeum F. ist bei uns. Sie sitzt in der letzten 
Bank, denn sie ist sehr groß. So groß wie die Frau Doktor. 

26. September: Heule haben wir zum ersten mal den Professor 
Riegl gehabt in Naturgeschichte. Er trägt einen Zwicker und schaut 
einen nie an. Und im Französisch hat die Madame A. gesagt daß 
ich die beste Aussprache habe. Wir haben sehr viel auf und ich weiß 
nicht, ob ich alle Tage zum Schreiben komme. Die Kinder sagen der 
Professor Igel statt Riegel und die Weinmann hat gesagt Nikel 

30 September: Ich habe gar kpine Zeit zum schreiben gehabt 
Die Hella schreibt schon seit dem 24. nicht. Heute muß ich aber 
schreiben, denn ich bin dem Robert begegnet in der Schottengasse. 
Guten Tag mem Fräulein, nur nicht so stolz, hat er im Vorbeiiehen 
gesagt Und wie ich mich umgedreht habe, war er schon vorbei 
sonst hatt ich ihm was ordentliches gesagt. Ich muß zum Nachtmahl' 
1. Oktober: Ich kann nicht schreiben, der Oswald ist aus S 
gekommen, er hat sich den Fuß verstaucht, aber ich weiß nicht er 
kann dabei herumgehen. Er ist furchtbar blaß und redet kein Wort 
vor Schmerzen. 

4. Oktober: Heute haben wir frei, weil der Geburtstag des 

nTZl H f 'If" Ü" ■"" "'^ "^^^^ ^'^'^ G^äBlicIres erzählt^ De 
Oswald darf nicht mehr nach S. zurück. Er hat etwas angestellt, was 
we,ß d,e Res. mcht sie sagt etwas sehr Unanständiges ich möchte 
wissen, was, vielleicht etwas am Klosett. Er bleibt Lmer so lange 
draußen, das habe ich schon am Lande bemerkt. Oder am Ende war 

«T,t n"i,frr-^V''"t °" '"'P^' '"'' ^'^ o" ^'^ ^^ ^üßt^. aber 
es .st natürlich nicht wahr, sie weiß gar nichts. Der Papa ist wütend 

und die Mama hat ganz verweinte Augen. Zu Mittag redet kein 

Mensch ein Wort. Wenn ich nur wüßte, was er getan hat. Der Papa 



21 



hat gestern furchtbat geschrieen mit ihm und da ^^^^en wir die 
Dora%nd ich gehört, wie er gesagt hat: So em La-bu^ ha es 
notwendig. (Jetzt haben wir etwas nicht ^'erstanden) und dann hat er 
gesagt, du schau in Deine Schulbücheln und nicht auf die Mädeln 
und die verheirateten Frauen, du Lausbub du. Und die Dora sagt t 
Ah jetzt versteh ich und ich sag: Ich bitt dich, sag mir, was denn 
es ist doch mein Bruder so gut wie deiner. Aber ^le sagt Das 
verstehst du nicht, das paßt nicht für so junge Ohren.« Das is eine | 
Gemeinheit, für ihre Ohren aber paßt es und sie is doch nur um 
nicht einmal ganz drei Jahre älter als ich. Aber weil sie ^^^ ^^^^ _ 
Kleid halblang bekommen hat, bildet sie sich so viel ein und glaubt 
sie ist eine Dame. So schauen sie aus, die Damen und dann wascht 
sie Kompott, daß sie den Mund ganz voll hat und gar nicht reden 
kann. Wenn ich so etwas merke, rede ich immer auf sie, daß sie 
antworten muß. Das ärgert sie furchtbar. 

9 Oktober: Jetzt weiß ich alles!!! Also daher kommen die 
kleinen Kinder. Und das hat am Ende der Robert damals gemeint. 
Nein das tue ich nie. ich heirate einfach nicht. Denn dann muß man 
es tun- es tut furchtbar weh und doch muß man. Wie gut, daß icn 
es schon weiß. Aber ich möcht nur wissen, wie, die Hella sagt, das 
weiß sie auch nicht genau. Aber vielleicht sagt es ihr ihre Kousine» 
die weiß nämlich wirklich alles. Und neun Monate dauert es, bis man 
das Kind kriegt und dabei sterben sehr viele Frauen. O, das _ ist 
gräßlich. Die Hella weiß es schon lang, aber sie hat sich nicht 
getraut, mir was zu sagen. Ihr hats heuer am Lande ein Mädel 
gesagt Und sie hat es der Lizzi, ihrer Schwester sagen wollen 
eigentlich sie hat sie nur fragen wollen, ob das alles wahr ist und 
die Lizzi rennt zu ihrer Mama und sagt ihr, was die Hella gesagt 
hat Und ihre Mama sagt: „Das ist schrecklich mit die Kmder, so 
eine verdorbene Geration, daß du dich nicht unterstehst, einem 
anderen Kind das zu sagen, vielleicht zu der Grefe Lainer" und gibt 
ihr ein paar Ohrteigen. Als ob sie was dafür könnte! Darum hat sie 
mir so lange nicüt geschrieben. Die Arme, nein die Ärmste, aber 
jetzt kann sie mir alles sagen und wir werden eine die andere nicht 
verraten. Und die Inspee, die falsche Katze, weiß das natürlich langst 
und ^1 es nur nicM sagen. Aber das weiß ich doch nicht, warum 
der Robert damals bei der Schaukel gesagt hat: Du Närrin, davon 



22 



kriegt man noch lang kein Kind. Vielleicht weiß es die Hella. Wenn 
ich nachmittag ins Turnen gehe, gehe ich vorher zu ihr und frag 
sie. Gott ich bin so neugierig. 

10. Oktober: Ich habe eine gräßliche Angst, ich war gestern 
nicht in der Turnstunde. Ich war bei Hella oben und da habe ich 
mich ohne Absicht so verspätet, daß ich mich dann nicht getraut 
habe hinzugehen ins Turnen. Und die Hella hat gesagt, ich soll nur 
bei ihr bleiben, wir sagen die Rechenaufgabe war so schwer, wir 
haben sie solange nicht können. Zum Glück haben wir wirklich eine. 
Aber ich habe zuhause gar nichts gesagt, weil morgen der Oswald 
wegkommt nach G. zum Herrn Dir. S, Jetzt habe ich geglaubt, ich 
weiß schon alles und jetzt hat mir die Hella erst wirklich alles 

gesagt. Das ist gräßlich mit der P Ich kanns gar nicht weiter 

schreiben. Sie sagt, natürlich hats die Inspee schon, schon damals 
wie ich geschrieben habe, die Inspee braucht nicht baden gehn, wenn 
sie nicht will; da hat sie es bekommen. Und wie das nur sein muß, 
da muß man doch immer Angst haben. Ströme vonBiut sagt 

die Hella. Aber da wird ja alles ganz bl Und darum hat die 

Inspee immer das Licht abgedreht am Land, wenn sie noch gar nicht 
ausgezogen war, damit ich nichts sehe. Pfui Teufel, ich hätte auf 
keinen Fall hingeschaut. Mit 14 Jahre bekommt man es und es dauert 
bis 20 Jahre. Die Hella sagt, die Franke Berta in unserer Klasse 
weiß alles. Sie bat ihr in der Rechenstunde auf den Faulenzer 

geschrieben : Weist du was P bedeutet ? Und die Hella hat 

darunter geschrieben, natürlich schon längst. Und dann hat die Franke 
um 12 Uhr auf sie gewartet, wie die Katholischen Religionsstunde 
gehabt haben und sie sind damals mit einander nachhause gegangen. 
Ich erinnere mich noch ganz gut, ich habe mich sehr geärgert, weil 
das keine Freundschaft ist. Am Dienstag gehen wir mit der Franke, 
die Hella hat ihr schon geschrieben unter der Stunde, daß ich alles 
weiß und sie braucht sich nicht schenieren. Die Inspee ahnt etwas, 
sie schaut immer herüber und lacht höhnisch, sie glaubt wahrscheinlich, 
nur sie kann es wissen. 

16. Oktober: Morgen ist der Geburtstag vom Papa und von der 
Dora. Ich ärgere mich jedes Jahr, daß die Dora gerade mit dem Papa 
zusammen Geburtstag hat. Am meisten ärgert mich eigentlich, daß sie sich 
soviel darauf einbildet, denn es ist ja wirklich ein bloßer Zufall, wie der 



23 



Papa immer sagt. Und ich glaube, ihm ist es nicht einmal besonders 
angenehm. Jeder will doch seinen Geburtstag an einem eigenen Tag 
haben, nicht mit jemanden anderen zusammen. Und diese Einbildung, 
die ist schon nimmermehr schön. Übrigens heuer ist es so nictits mit 
einer ordentlichen Geburtstagsfeier wegen der Geschichte mit dem 
Oswald. Der Papa ist wütend und er hat sich auf 2 Tage im Bureau 
frei gemacht, weil er nach G. gefahren ist, wohin der Oswald 

kommen soll. 

17. Oktober: -Es war doch schöner heute, als ich geglaubt habe. 
Die ganze Familie Brückner war da und da ist natürlich vom Oswald 
nicht viel geredet worden, nur daß er einen verstauchten Fuß hat, 
(das ist aber nicht wahr, daß weiß ich jetzt bestimmt) und daß er 
wahrscheinlich nach G. kommt. Und der Oberst B. hat gesagt: Das 
beste für einen Bub ist die Militäranstalt, da muß er parieren. Und 
am Abend hat der Oswald gesagt: Das ist ein Stuß, was der Hella 
ihr Papa gesagt hat, denn in der Militäranstalt kann man ebenso gut 
herausgeschmissen werden, wie aus dem Gymnasium. Das sieht man 
doch am Edgar Groller. Damit hat er sich aber verraten und die 
Dora hat auch gleich gesagt: Ah so, herausgeschmissen bist du 
worden, und wir haben geglaubt, du hast den Fuß verstaucht. Da 
hat er sich furchtbar geärgert und hat gesagt; Euch Görn, wird man 
nicht alles auf eure frechen Nasen binden und hat die Tür zugehaut, 
weil die Mama gerade nicht im Salon war. 

19. Oktober; Wenn wir nur. erfahren könnten, was eigentlich 
mit dem Oswald war. Mit einem Mädchen muß es etwas sein. Aber 
was der Papa dann von einer verheirateten Frau gesagt hat, das 
wissen wir nicht. Wahrscheinlich hat ihn eine verheiratete Frau beim 
Direktor oder beim Klassenvorstand angezeigt und so ist dann alles 
herausgekommen. Es tut mir eigentlich furchtbar leid: denn ich denke 
mir, wie es mir gewesen wäre, wenn alles herausgekommen wäre voni 
Robert und mir. Jetzt ist es mir ja alles eins. Aber damals im Sommer 
wäre es mir furchtbar gewesen. Der Oswald spricht fast kein Wort, 
höchstens noch mit der Mama. Er tut immer, als ob erlesen würde, aber 
lächerlich, mit einem solchen Liebeskummer liest man doch nicht 
wirklich. Ich habe der Franke nichts näheres erzählt, nur daß mein 
Bruder eine unglückliche Liebe hat und deswegen hier in Wien ist. 
Und da hat sie uns erzählt, daß sich heuer im Sommer ein Kusin 

24 



von ihr wegen ihr erschossen hat. In der Zeitung ist gestanden wegen 
einer Schauspielerin, aber das ist nicht wahr, es war wegen ihr Sie 
wird nämlich schon 14 Jahre. 

20. Oktober: Wir gehen jetzt meistens mit der Franke. Sie sagt, sie 
hat schon xvahnsinnig viel erlebt, aber sie kann es uns jetzt noch 
nicht erzählen, weil wir uns nocht nicht gut genug kennen. Bis später 
einmal. Wahrscheinlich fürchtet sie sich, wir könnten sie verraten. Sie 
will längstens mit 16 Jahren heiraten. Also in zwei Jahren. Da macht 
sie natürlich das Lyzeum nicht fertig, sondern tritt schon aus der 
3. Klasse aus. Sie hat drei Verehrer, aber sie weiß noch nicht wem 

-sie wählen wird. Die Hella sagt, ich solle doch nicht alles glauben, 
das mit den drei Verehrern auf einmal ist bestimmt aufgeschnitten. 

21. Oktober: Die Franke sagt, wenn man blaue Ringe hat, dann 
hat man es und wenn man ein Kind bekommt, dann hat man es nicht 
mehr, bis man wieder eins bekommt. Und sie hat uns auch erzählt, 
wie man es bekommt, aber das glaube ich nicht recht, mir scheint! 
das weiß sie selber nicht ganz genau. Da ist sie sehr böse geworden 
und liat gesagt: „Gut, so red ich gar nichts mehr. Wenn ich es so 
nicht weiß." Aber das von Mann und Frau, das versteh ich nicht 
Sie sagt, es muß jeden Abend geschehen, sonst bekommen sie kein 
Kmd; wenn sie einen Abend vergessen, so bekommen sie kein Kind. 
Und darum stehen die Betten ganz nebeneinander. Das nennt man 
Ehebetten!!! Und es tut so weh, daß man es kaum aushalten 
kann. Aber man muß, denn der Mann kann einen dazu zwingen. 
Wieso zwingen, das möchte ich gerne wissen. Aber ich hab nicht 
gefragt, weil sie sonst geglaubt hätte, ich mache mich lächerlich über 
sie. Und die Männer haben es auch, aber nur sehr selten. Wir gehen 
jetzt immer mit der Franke Berta, sie ist ein sehr liebes Mädel, 
vielleicht darf ich sie am nächsten Sonntag einladen. 

23. Oktober; Heute ist der Papa mit dem Oswatd weggefahren. 
Die Mama hat sehr geweint. Ich habe zum Oswald beim Wegfahren 
noch schnell gesagt: Ich verstehe, was du leidest. Aber er hat mich 
nicht verstanden, denn er sagte: Dumme Kröte. Vielleicht hat er es 
auch nur wegen dem Papa gesagt, der mit einem fürchterlichen Gesicht 
daneben gestanden ist. 

27. Oktober: Gott, es ist alles wie verhext. Gestern hab ich 
migenügend in Geschichte bekommen und heute habe ich in der 

25 



^ 



Rechenschularbeit gar keine Rechnung richtig. Und wir haben gesterr^ 
noch solange geübt; Ich sag vorläufig nichts zuhause. Aber wegen 
der Turnstunde neulich, habe ich doch Angst. Wenn mir nur die 
Mama morgen das Geld mitgibt und nicht selber geht, denn dann 

erfährt sie es sicher, . \ , - ■„„!,„ 

. 28 Oktober- Heute war die Frau Direktor m der franzosischen 
Stunde "da und hat mich sehr gelobt. Sie sagt, im Französischen 
könnte ich in der dritten sein und dann fragt sie mich, ob ich m den 
anderen Gegenständen auch so gut beschlagen sei. Ich habe nicht 
saeen wollen. Ja und auch nicht Nein, und da haben alle Kmder 
gesagt Ja, sie kann überall alles. Und da hat mir die Frau Direktor auf 
die Schulter geklopft und hat gesagt: Das hör ich gern. Und wie sie 
draußen war, habe ich gräßlich geweint und die Madame Arnau hat 
gefragt- Ja was hast du denn? und die Kinder haben gesagt: In der 
Rechenschularbeit hat sie Ungenügend und sie kann doch so gut 
rechnen. Und da die Madame hat gesagt: „Du wirst dir das Ungenügend 
schon wieder verbessern". 

30. Oktober: Heute habe ich einen furchtbaren Verdruß gehabt 
mit dem Fräulein Vischer aus Geschichte. Gestern wie ich mit der 
Mama in die Elektrische einsteige, sitzt die V. drin. Ich schau weg^ 
damit die Mama sie nicht sieht und sie ihr nicht am Ende sagt, daß 
ich die dummen Sagen nicht können habe. Und heute wie sie herein- 
kommt sagte sie: Lainer, kennst du die Schulordnung? Ich weiß 
gleich was sie meint und sage: „Ich habe Fräulein gegrüßt in der 
Elektrischen, aber Fräulein haben gerad nicht hergeschaut". «Das ist 
sehr schön, ein Vergehen durch eine Lüge beschönigen zu wollen. 
Setz dich!" Ich habe mich sehr geniert, weil mich alle Kinder 
angesehen haben. Und um 11 Uhr hat die Franke gesagt zu mir: 
Mach dir nichts draus, sie hat dich auf den Zug und da wird sie 
immer was finden. Und sie muß es der Frau Doktor M. gesagt haben, 
weil sie in der Deutschstunde als freie Redeübung vom Grüßen 
aufgegeben hat. Und alle Kinder schauten mich wieder an. Sonst hat 
sie nichts gesagt. Sie ist überhaupt ein Engel, meine süße E. M., 
sie heißt nämlich Elisabeth; aber Namenstag feiert sie keinen, 
weil sie protestantisch ist ; das ist riesig schade wegen dem 19. November. 
31 Oktober: Ich habe doch ein Glück. Mit der Turnstunde ist 
nichts herausgekommen, obwohl die Mama selbst dort war. Und 

26 



=^ 



mündlich habe ich heute im Rechnen Eins bekommen. Das Fräulein 
Steiner ist auch sehr lieb und hat gesagt : Ja L. was war denn das 
bei der Schularbeit, du rechnest ja sonst so gut? Ich habe mir nicht 
anders helfen können und hab gesagt: Ich hatte neuHch solche Kopf- 
schmerzen. Da lacht die Franke beinahe heraus, das war nicht schön 
von ihr; ich glaube überhaupt, man darf ihr nicht ganz vertrauen; 
sie ist vielleicht etwas falsch. Nach der Stunde hat sie zwar gesagt^ 
sie hat gelacht, weil „Kopfschmerzen" ganz etwas anderes bedeutet. 
1. November: Heute fangen wir den Schreibtischteppich zu 
Weihnachten für den Papa an. Natürlich hat sich die Inspee die rechte 
Hälfte genommen, weil die leichter gehl und ich muß die linke Hälfte 
machen, wo man immer den ganzen Binkel in der Hand hat. Für die Mama 
mach ich eine gestickte Buchtasche aus Leder mit Seide und Malerei; 
die Malerei darf ich in der Schule machen beim Fräulein H., die hab 
ich auch sehr gern. Aber am liebsten habe ich die Frau Doktor M. 
Ich lade die Franke nicht ein, weil sie gestern so gelacht hat und 
die Mama will auch nicht, daß ganz fremde Mädeln kommen. 

2. November: Ich weiI3 noch immer nicht altes. Die Hella weiß 

viel mehr. Wir haben gesagt, wir prüfen uns in Naturgeschichte und 

sind hinüber in den Salon und dort hat sie mir noch sehr viel 

anvertraut. Und dann ist die Mali, unser neues Dienstmädel hinein- 

gekommmen und die hat uns etwas Gräßliches gesagt. Die Resi ist nämlich 

im Spital, weil sie krank ist. Nämlich alle Juden müssen als ganz 

Kleiner eine furchtbar gefährliche Operation durchmachen; es tut 

schrecklich weh und davon sind sie so grausam. Sie müssen das tun, 

damit sie mehr Kinder bekommen; aber nur die kleinen Buben, die 

Mäderln nicht. Das ist gräßlich und ich möchte keinen Juden heiraten. 

Wir haben die Mali auch gefragt, ob es wahr ist, daß das so 

schrecklich weh tut und da hat sie gelacht und gesagt: Es wird nicht 

gar so arg sein, sonst täten's nicht alle. Und die Hella hat gefragt: 

Haben Sie es denn auch schon getan, Sie haben ja gar keinen Mann? 

Und da hat sie gesagt: Gehn's Fräulein, so was redt man nicht, 

das ist nicht schön. Und wir haben uns sehr geniert und haben 

sie gebeten, daß sie nichts der Mama sagt. Und sie hat es uns 

geschworen. 

5. November: Mit dem dummen Gürtel ist alles herausgekommen. 
Vorgestern räum ich meinen Kasten aus und will Ordnung machen, 

27 




da kommt die Mali die Betten herrichten und sieht den Gürtel mit 
den Fransen. „Jö, sagt sie, der ist schön 1" Sie können ihn schon 
haben, ich trag ihn so nicht mehr, sag ich. Und gestern zu Mittag 
schaut die Mama auf einmal die Mali an und ich spür', daß ich ganz 
TOt werde. Und nach dem Essen sagt die Mama, du Gretel, hast du 
der Mali den Gürtel geschenkt? Ja, sag ich, sie hat mich gebeten. 
Da kommt sie grad herein das Wasser hinaustragen und sagt: „Nein, 
ich hab nicht bitt drum, die Fräuln Grete hat mir'n von selber geben." 
Und ich weiß nicht wie das war, ich war schon in unserem Zimmer, 
da kommt die Mama und sagt: Eine rechte Freude erlebt man an 
seinen Kindern. Die Mali hat mir gesagt, was für schöne Sachen du 
und die Hella redet. Ich renn gleich in die Küche und sag zur Mali: 
Wie können Sie einen solchen Tratsch machen? Sie haben sich in 
unser Gespräcii gemischt. Das ist eine Gemeinheit und zwar eine 
kolossale. Am Abend beschwert sie sich beim Papa über mich und 
der Papa schimpft greulich und sagt: Nette Rangen hab ich, das 
muß man sagen. Der Verkehr mit der Hella wird eingeschränkt, 
verslanden? 

6. November: Das ist das Schönste, jetzt bin ich eine dummq 
Gans. Wie ich aber der Hella einen Stoß gegeben habe, sie soll vor 
der Mali nichts reden, da hat sie gelacht und gesagt: Was glaubst 
du denn, die Mali weiß doch so alles; vielleicht besser als wir zwei 
zusammen. Und dann erst hat die Mali das von den Juden gesagt. 
Und jetzt bin ich die dumme Gans. Also weiß ich wenigstens, was 
ich bin, eine dumme Gans. Und das sagt einem die beste Freundin, 
die man hat. 

7. November: Die Hella und ich sind sehr kühl zusammen. Wir 
gehen miteinander, aber wir reden nur das ganz Gewöhnliche von der 
Schule und vom Lernen, sonst nichts. Seit heute gehen wir aufs Eis, 
so oft wir Zeit haben, das ist leider nicht sehr oft. Die Mama arbeitet 
für uns an dem Teppich. Es ist eine greuliche Arbeit, aber sie hat 
doch weniger zu tun als wir. 

8. November: Aufs Eis kommt ein wunderbares Fräulein; sie 
läuft großartig Bogen, Achter und Figuren. Ich bin hinter ihr gelaufen. 
Wie sie in die Garderobe ging, duftete es um ihr riesig. Ob sie bald 
heiraten wird und ob sie das alles weiß? Sie ist so schön und 
streicht sich immer die Haare aus der Stirn, wenn sie ihr herein- 



28 



fallen. So schön möchte ich auch sein; dann wäre ich glücklich. Aber 
leider bin ich schwarz und sie ist blond. Wenn ich nur erfahren 
könnte, wie sie heißt und wo sie wohnt. Morgen muß ich wieder 
aufs Eis; lieber lern ich in der Nacht. 

9. November: Ich bin ganz aufgeregt; sie war nicht am Eis. 
Vielleicht ist sie krank. 

10. November: Heute auch nicht. Ich bin zwei Stunden dort 
geblieben, aber leider umsonst. 

11. November: Endlich! heute kam sie. Gott, sie ist so schön. 

12. November: Sie hat mich angeredet, Ich stehe neben der Tür 
und auf einmal hör ich hinter mir lachen und da hab ich gleich 
gewußt: Das ist sie! Und richtig, da kommt sie und sagt: Wollen 
wir zusammen laufen? Oh bitte, wenn Sie es gestatten, sag ich und 
wir machen Gitter und laufen mit einander. Mir schlug das Herz bis 
zum Halse, und ich möchte immer was reden, aber mir fällt gar nichts 
Vernünftiges ein. Und wie wir zur Tür kommen, steht schon ein Herr 
da und grüßt sie und sie grüßt auch, und zu mir sagt sie: Auf Wieder- 
sehen. Da frag ich noch schnell: Wann, morgen? Ja, vielleicht, ruft 

Sie. Nur vielleicht, vielleicht, wenn es nur schon morgen 

wäre. 

13. November: Die Inspee behauptet, sie heißt Anastasia 
Klastoschek. Aber das ist nicht wahr, sie kann keinen solchen Namen 
haben, eher kann sie Eugenie oder Seraphine oder Laura heißen, aber 
Anastasia, das ist sicher nicht wahr. Wozu es so häßliche Namen 
gibt. Wenn sie wirklich so heißt? Und dann Klastoschek, so einen 
böhmischen Namen, und sie soll aus Mähren sein und schon 26 Jahre; 
lächerbar, 26 Jahre, sie ist vielleicht höchstens 18 Jahre, aber nein, 
so alt ist sie bestimmt nicht. Die Dora behauptet, sie wohnt in der 
Phorusgasse und sie sagt, gar so schön ist sie nicht. Das ist natürlich 
der bure Neid; die Dora findet keine schön außer sich selbst. 

14. November: Ich habe das Fräulein an der Kassa gefragt, sie 
heißt wirklich Anastasia Klastoschek und wohnt in der Phorusgasse; 
aber wie alt sie ist, weiß das Fräulein nicht. Zuerst hat sie es mir 
nicht sagen wollen und hat gefragt, wozu ich es wissen will und wer 
mich fragen schickt. Erst als ich sagte, ich möchte es nur für mich 
wissen, schaut sie im Buch nach, weil ich nämlich die Nummer von 
ihrem Garderobekasten weiß; 36, das ist eine so schöne feine Zahl, 



29 



die habe ich so gern, ich weiß eigentlich nicht warum, aber wenn 
man sie sagt, so ist es immer, als ob ein Eichhörnchen im Baum 
herumspringt. 

20. November: Ich kann absolut nicht alle Tage schreiben. Die 
Mama liegt im Bett und der Doktor kommt alle Tage, aber ich weiß 
eigentlich nicht, was ihr fehlt. Ich glaube, der Doktor weiß es auch 
nicht ganz bestimmt. Wenn die Mama krank ist, so ist es zu Haus so 
unheimlich und sie sagt auch immer: Nur nicht krank sein, das ist 
das Ärgste. Mir liegt nichts dran, wenn ich krank bin; ich bin so gar 
gern krank, dann sind alle so nett zu einem, der Papa setzt sich, 
wenn er nachhaus kommt zu einem ans Bett und sogar die Dora 
tut einem verschiedenes zu lieb; das heißt, sie muß es tun. Übrigens 
habe ich ihr, wie sie Diphteritis gehabt hat vor zwei Jahren, auch 
alles zu lieb getan, da wäre sie fast gestorben, sie hat 41-8 Fieber 
gehabt und die Mama war ganz verweint. Der Papa weint nie. Es 
muß komisch ausschauen, wenn ein Mann weint. Wie heuer mit dem 
Oswald der Skandal war, hat er schon geweint, ich glaube, der Papa 
hat ihm ein paar Ohrfeigen gegeben. Er hat zwar gesagt: O nein, 
aber ich glaube es doch; denn geweint hat er bestimmt, auch wenn 
er's leugnet. Es ist ja keine Schande und dann ist er doch so noch 
kein großer Mann. Wenn ich mich furchtbar ärgere, dann wein ich 
schon. Wegen einer Ohrfeige allerdings nicht. 

21. November: Heute in der Religionsstunde ist die Schrötter 
Lisel, das ist der Liebling vom Herrn-Katecheten, nein wir mtissen 
sagen Herr Professor, also sie ist der Liebling vom Herrn Professor 
mit der Bibel zu ihm gegangen und hat gefragt, was schwanger 
heißt. Bei der Maria steht das nämlich wirklich in der Bibel. Die 
Schrötter weiß nämlich noch gar nichts und die Kinder haben sie 
solang aufgehetzt, bis sie gegangen ist und gefragt hat. Der Herr 
Professor ist ganz rot geworden und hat gesagt: Wenn du es noch 
nicht weißt, so macht das nichts. Das lernen wir erst später, wir sind 
ja noch im alten Testament. Ich war nur froh, daß die Hella nicht 
neben mir sitzt in der Religion, weil sie protestantisch ist; sonst 
hätten wir bestimmt herausgeplatzt vor Lachen. Ein paar Kinder habeti 
sehr gelacht und da hat der Herr Professor zur Schrötter gesagt: Du 
bist ein braves Kind, kümmere dich nicht um die anderen. Und die 
Schrötter hat schrecklich geweint. Ich hätte absolut nicht gefragt. 



30 



auch wenn ich es wirklich nicht gewußt hätte. Übrigens ist schwanger 
ein dummes Wort, es heißt eigentUch gar nichts; nur, wenn man 
es weiß, 

22. November: Wie ich gestern nach der ReUgionsstunde mit 
der Franke gegangen bin, haben wir natürlich davon gesprochen. 
Sie sagt, dazu heiraten die Leute, nur dazu. Das glaube ich wohl 
nicht, daß die Leute nur deswegen heiraten. Es gibt doch viele 
Leute, die heiraten und dann doch keine Kinder kriegen. Das ist schon 
richtig, sagt die Franke, aber es ist doch ganz bestimmt so. Und 
dann erzählte sie mir noch vieles, was ich nicht alles aufschreiben 
kann. Es ist zu gräßlich und merken tue ich mirs sowieso. Wie ich 
heute bei der Mama auf dem Bett sitze, fällt mir auf einmal ein, daß 
wirklich das Bett vom Papa ganz neben dem von der Mama steht. 
Daran hab' ich eigentlich nie gedacht. Und jetzt ist es ja auch gar 
nicht mehr notwendig, weil wir alle doch schon groß sind. Dann 
bleiben halt die Sachen stehen wie früher. Was schaust du denn so 
herum, mein Kleines, fragt die Mama, Ich hab mir aber nichts merken 
lassen, sondern hab gesagt: Ich hab nur geschaut, wenn dein Bett 
zuerst stünde und dann der Waschkasten, so könntest du besser zum 
Lesen sehen, wenn du im Bett liegst. Das geht nicht wegen dem 
Spiegelhacken, da ist die Wand ganz zerklopft, sagt die Mama. Ich 
hab' weiter nichts gesagt und sie auch nicht. Ich schlafe überhaupt 
lieber auf einem Diwan als im Bett, weil man sich da so gut anpreßen 
kann an die Rückenwand. Ich bin froh, daß die Mama nichts gemerkt 
hat. Man muß furchtbar achtgeben, daß man sich nicht verrät, wenn 
man alles weiß. 

25. November: Ich habe jetzt eine herriiche Geschichte gelesen; 
sie heißt Ein treues Herz und handelt von einem Mädchen, der 
ihr Bräutigam fortgehen muß, weil er einen anderen erschossen hat, 
der ihm aufgepaßt hat. Und die Rosa bleibt ihm treu, bis er zurück- 
kommt nach zehn Jahren und dann heiraten sie. Es ist großartig und 
zuerst furchtbar traurig. Solche Bibliotheksbücher lasse ich mir 
gefallen, aber die wir in der Volksschule hatten, die habe ich alle 
schon gekannt und da hat das Fräulein nie gewußt, was sie mir und 
der Hella geben soll. Leider bekommen wir im Lyzeum nur alle vier 
Wochen ein Buch, weil die Frau Doktor sagt, wir haben so soviel zu 
tun, und wenn wir frei haben, sollen wir in die frische Luft gehen. 

31 



Ich komme nicht jeden Tag dazu, aufs Eis zu gehen. So gern ich die 
Goldfee habe, so hab ich sie getauft, aber ihr Name ist mir 
gräßlich. Wie sie gerufen wird, die Inspee sagt Stasi, aber das glaube 
ich natürlich nicht; eher vielleicht Anna, aber das ist so gewöhnlich. 
Gott sei Dank, daß mich die Hella immer Rita nennt, so sagen jetzt 
in der Schule alle Rita. Nur zuhause sagen alle leider Gretl. Neulich 
habe ich zur Inspee gesagt: Wenn du wünschest, daß ich Thea sagen 
soll, so bitte ich mir Rita zu sagen ; und Gretl verbiete ich mir über- 
haupt, so sagt man zu kleinen Kindern oder Bauernmädeln heißen so. 
Da sagte sie: Gott, wie D u mich nennst, ist mir ganz egal. Na also, 
dann bleibt es bei Dora, aber für immer. j; 

27. November: Der Papa ist Oberlandesgerichtsrat geworden. Er 
ist sehr froh und die Mama auch. Wir haben gestern abends drauf 
angestoßen. Jetzt kann er noch Präsident des Obersten Gerichtshofes 
werden, aber nicht gleich, sondern in ein paar Jahren erst. Wir werden 
wahrscheinlich im Mai ausziehen, weil wir eine größere Wohnung 
nehmen werden. Die Inspee hat zur Mama gesagt, sie möchte dann 
ihren eigenen Raum, wo sie ungestört ist. Lächerbar, wer stört 
sie denn, ich vielleicht? Eher wohl sie mich, wenn sie immer 
herschaut, wenn ich Tagebuch schreibe. Die Hella sagt auch immer: 
Ältere Schwestern sollt es nicht geben; da hat sie wohl sehr, sehr 
recht Leider kann man es nicht ändern. Die Mama sagt, zum Nikolo 
sind wir wirklich schon zu groß, aber ich sehe das nicht ein, dazu 
ist man nie zu groß. Und dann hat doch die Inspee auch noch 
voriges Jahr was vom Nikolo bekommen und war schon dreizehn und 
ich bin jetzt nicht einmal noch zwölf. Überhaupt wir kriegen ja so 
nur Chokolade und Zuckerln und Datteln und solche Sachen, das ist 
ja ohnehin kein eigentliches Geschenk. Die Kinder wollen der Frau 
Doktor einen großen Krampus hinstellen auf das Katheder. Aber ich 
finde das dumm. Einer Lehrkraft, die man gern hat, kann man doch 
keinen Krampus geben und bei einer, die wir nicht leiden können, 
ist schad um die Zuckerln und leer können wir ihn auch nicht 
hinstellen, das wäre eine Beleidigung. In der Hinsicht hat die Mama 
schon recht, daß der Krampus nur für die Kinder gehört. 

L Dezember: Wir geben allen Lehrkräften einen Krampus, jede 
gibt eine Krone, hoffentlich gibt mir der Papa die Krone extra. 
Vielleicht gibt er uns jetzt überhaupt mehr Taschengeld, wenigstens 



32 



um eine Krone mehr. Das wäre fein. Den Lehrkräften, die wir gern 
haben, geben wir einen großen und die wir weniger gern haben, 
einen kleinen. Nur beim Herrn Prof. J. da trauen wir uns nicht. Aber 
wenn nur er keinen bekommt, ist er vielleicht beleidigt. 

2. Dezember: Heule waren wir Krampus kaufen für die Lehr- 
kräfte. Die Frau Doktor M. bekoMmt den schönsten mit einer großen 
Butte und die Keller hat ganz kleine Bücherln, wo Schiller, Goethe 
und Märchen, daraufgeschrieben ist, die kommen oben drauf und 
drunter die Zucicerln. Das paßt ausgezeichnet für sie, weil die Frau 
Doktor doch Deutsch unterrichtet und diese Dichter lernt man in der 
Vierten in Deutsch. In der Vierten haben sie im November eine 
Schillerfeier gehabt und bei uns hat die Frau auch eine sehr schöne 
Rede gehalten und einige Kinder haben deklamiert. Die Hella hat mir 
übrigens ein furchtbares Gedicht gezeigt von Schiller. Da kommt vor: 
Ertappt ich sie im Bade, wie schrie sie da um Gnade, das Mädchen 
weiß, ich bin ein Mann. Und dann noch eine Stelle: ^Zn Gottes 
freien Ebenbild darf ich den Stempel zeigen, woraus das Leben 
quillt". Aber das steht nur in der großen Ausgabe von Schiller. 
Mir scheint, wir haben mehrere solche Bücher im Bücherkasten, weil 
wie die Inspee neulich so herausgekramt hat, hat die Mama aus dem 
anderen Zimmer gerufen: „Dora, was suchst du denn eigentlich im 
Bücherkasten? Ich werde dir sagen, wo es steht." Und sie hat gesagt: 
Nichts, ich hab nur etwas nachgeschaut, und hat schnell zugesperrt. 

4. Dezember : Die Kinder sind so blöd und haben einen 
schrecklichen Tratsch gemacht wegen der Krampusse für die Lehr- 
kräfte. Es geht nämlich mit dem Geld nicht zusammen und da hat 
die Keller gesagt, die Markus hat sich etwas genommen und dann 
hat sie gesagt, nein nicht genommen aber behalten. Und die Markus 
hat sich natürlich beschwert bei der Frau Doktor und ihr Papa ist 
zur Frau Direktorin gegangen und hat sich auch beschwert. Und die 
Frau Doktor hat gesagt, wir wissen doch, daß Geldsammlungen 
verboten sind und wir dürfen niemanden einen Krampus geben. Jetzt 
hat die Keller die fünf Krampusse und wir wissen nicht, was wir tun 
sollen. Die Mama hat gesagt, solche Sachen gehen nie gut aus, da 
kommt immer ein Streit heraus. 

5. Dezember: Wir fürchten uns schrecklich: Die Hella, ich und 
die Bergler Edith haben den Krampus, den wir für die Frau 



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Doktor M. gekauft haben, vor ihre Türe gestellt. Die Bergler weiß 
nämlich ihre Wohnung, weil sie alle Tage bei ihr vorbeigeht. Ob sie 
ahnen wird, von wem der Krampus ist. Ich hab gar nicht gewußt, 
daß die Bergler Edith so lieb ist, mir ist sie immer so falsch 
vorgekommen, weil sie Augengläser tragen muß. Aber sie ist bestimmt 
nicht falsch, da sieht man, wie man sich oft täuschen kann. Morgen 
haben wir Deutsch-Schularbeit. 

6. Dezember: Zuerst hat die Frau Doktor gar nichts gesagt. 
Und dann hat sie das Thema zur Schularbeit diktiert: .Warum 
ich einmal am Abend nicht einschlafen konnte". Die Kinder waren 
alle ganz erstaunt und da hat die Frau Doktor gesagt: Nun Kinder, 
das ist gar nicht so schwer. Der eine kann nicht einschlafen, weil er 
knapp vor einer Krankheit steht, der andere vor Aufregung entweder 
aus Freude oder aus Furcht. Ein anderer hat ein schlechtes Gewissen, 
weil er etwas getan hat, was ihm grad erst verboten wurde; nicht 
wahr, so etwas Ähnliches habt Ihr doch schon alle erlebt? Und dabei 
hat sie die Bergler Edith und uns zwei furchtbar lang angeschaut. 
Aber sonst hat sie nichts gesagt. Wir wissen also nicht bestimmt, ob 
sie es ahnt. Ich konnte gestern nicht aufs Eisfest gehen, weil ich so 
stark huste und die Dora auch nicht, weil sie Kopfschmerzen hatte i 
ich weiß nicht ob wirkliche oder die gewissen Kopfschmerzen; 
wahrscheinlich solche gewisse. - ■ : 

17. Dezember : Jetzt bin ich eine ganze Woche nicht 
zum Schreiben gekommen. Vorgestern bekamen wir Interiems- 
Zeugnisse: In Geschichte habe ich genügend, in Naturgeschichte 
gut und sonst lauter sehr gut. Wegen der dummen Vischer 
habe ich im Fleiß nur einen Zweier. Das hat den Papa sehr geärgert; 
er sagt im Fleiß kann jeder einen Einser haben. Das ist schon 
wahr, aber wenn man irgendwo genügend hat, kriegt man keinen 
Einser im Fleiß. Die Inspee hat natürlich lauter Einser, nur 
in Englisch einen Zweier. Sie büffelt aber auch sehr. Die Beste 
bei uns ist die Verb eno witsch, aber wir können sie alle nicht 
leiden, sie bildet sich wahnsinnig viel ein und die Franke sagt, 
sie ist nicht vertrauenswürdig. Die Franke läßt sich von 
ihrem Kusin, der geht in die 7., in die Schule begleiten; sie wird 
schon bald 14 und ist sehr schön. Sie sagt nicht, was für ein 
Zeugnis sie hat, ich glaube ein sehr schlechtes. 



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18. Dezember: Heute ist die Dora beim Nachtmahl ohnmächtig 
geworden, weil in ihrem weichen Ei schon ein kleines Henderl drin 
war, nämhch noch kein wirkliches, aber man hat schon die Flügel 
und den Kopf gesehen, aber nur angedeutet, hat der Papa gesagt. 
Was man aber deswegen ohnmächtig werden braucht, das sehe ich 
wirklich nicht ein. Nacher hat sie gesagt, es hat ihr so gegraust. Und 
sie kann nie mehr ein Ei essen. Zuerst war der Papa auch ganz 
erschrocken wie die Mama, aber dann hat er gelacht und gesagt: 
Solche Faxen! Sie hat sich dann gleich niederlegen müssen und ich 
bin noch sehr lange bei den Eltern aufgeblieben. Und wie ich dann 
in unser Zimmer kam, hat sie gelesen, d. h. ich habe den Lichtschein 
beim Türspalt gesehen; wie ich aber die Tür aufgemacht habe, war 
es schon finster und wie ich frage: Ah du liest ja noch, gibt sie 
keine Antwort und dann tut sie, als ob sie erst durch mein Licht- 
aufdrehn wäre wach geworden und fragt: Was ist denn? Solche 
Falschheiten kann ich nicht leiden und drum habe ich auch gleich 
gesagt: Geh bitl' dich, du weist recht gut, daß es 9 Uhr ist. Und 
weiter nichts. Heute auf dem Schulweg haben wir keine Silbe 
gesprochen. Glücklicher Weise hat sie dann eine aus ihrer Klasse 
getroffen. 

19. Dezember: Ich bin sehr neugierig, was 'ich zu Weihnachten 
bekomme. Gewünscht habe ich mir: Ein weißes Pelzwerk, nämlich 
Boa, Muff und ein Samtbarett mit dem gleichen Pelz verbrämt, 
Jackson-Schlittschuhe, weil die Meinen immer gleich locker werden, 
deutsche Heldensagen, nicht am Ende Griechische; da möchte ich 
mich bedanken, Haarbänder, durchbrochene Strümpfe und wenn 
möglich eine goldene Nadel wie die Hella sie zum Geburtstag be- 
kommen hat. Aber der Papa sagt, die wird unserem Christkindl wohl 
ein bißerl zu teuer sein. Die Inspee wünscht sich ein Frontmieder. 
Aber ich glaube, sie bekommt es nicht, weil es ungesund ist. Der 
Teppich für den Papa ist schon fertig und beim Scheren, das Buch- 
tascherl für die Mama noch nicht ganz. Der Dora gebe ich eine kleine 
Toilette. Ja und meinen Hauptwunsch hätte ich bald vergessen, eine 
Schatulle zum Versperren für mein Tagebuch. Die Dora wünscht sich 
auch Ajourstrümpfe und 3 Bände Kränzchen. Neulich ist mir etwas 
Furchtbares passiert. Ich habe ein Tagebuchblatt liegen lassen oder 
verstreut, das weiß ich nicht genau. Wie ich nachhaus komme, sagte 



8» 



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die Itispee: „das hast du verloren, nicht? Es sind wohl Notizen aus 
der Schule?" Ich merk' es nicht einmal gleich, aber dann seh ich's 
gleich am Format und sage: Ja, es sind Notizen. Hmm, sagt die 
Inspee, aber kaum aus der Schule. Danke Gott, wenn ich das nicht 
der Mama sage. Übrigens wenn man nicht einmal noch orthographisch 
schreiben kann, dann sollte man wirklich noch kein Tagebuch 
schreiben. Das ist eben nichts für Kinder. Ich war wütend. Dann auf 
dem Klosett habe ich geschaut, was ich für einen Fehler gemacht 
habe; na, wenn nicht mit doppel n und daß ohne scharfes ß, das 
ist weiter was. Ich war nur froh, daß gerade nichts von i h r drauf 
gestanden ist. Das doppel n und das scharfe ß streicht sie rot an, 
als ob sie eine Lehrerin wäre, das ist die höhere Frechheit! Am 
besten wäre eigentlich in ein Buch mit Schloß zu schreiben, das man 
immer zusperrt, dann kann niemand etwas lesen und gar Fehler rot 
anstreichen. Ich schreibe doch oft so schnell, da ist ein Fehler leicht 
leicht möglich. Ich möchte wissen, ob sie nie einen Fehler macht. Mich 
ärgert das Ganze wütend. Aber wegen der Mama kann ich weiter 
nichts sagen, höchstens auf dem Schulweg; aber nein, wenn ich gar 
nichts rede, ärgert sie sich am meisten. Wenn ich viel rede drüber, 
so fällt der Mama das wieder ein von den 5 Seiten am Land und 
das ist nicht unbedingt nötig. 

22. Dezember: Heute ist die Tante Dora gekommen. Sie wird 
jetzt ,einige Zeit bei uns bleiben, bis die Mama ganz gesund ist. Ich 
habe mich nicht mehr sehr gut erinnern können an sie, da war ich 
nämlich erst vier oder fünf Jahre, wie sie fort von Wien ist. Der liebe 
schwarze Käfer hat sie zu mir gesagt und hat mir ein Bußerl gegeben. 
Das schwarz höre ich nicht gerade sehr gern, aber die Hella sagt, 
es steht mir sehr gut, das ist pikant. Pikant sagen immer die 
Offiziere von ihrer Kusine in Krems, von der der Papa sagt, sie ist 
eine beautö, das heißt soviel als Schönheit und sie ist auch ganz 
dunkel. Aber ich möchte doch lieber blond sein, blond und dazu 
braune oder noch lieber blaugraue Augen. Ob ich auch so eine beautg 

werde? Hoffentlich ja!! 

23. Dezember: Ich freue mich schon furchtbar auf morgen. Was 
ich bekommen werde? Jetzt muß ich Christbaum aufputzen. Die Inspee 
fragt gerade: Heuer putzt die Gretel auch auf? Sie hat ja nie 
aufgeputzt! Ich möchte wissen, warum nicht. Aber die Tante drinnen 



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hat gleich meine Partei genommen. „Natürlich putzt sie auch auf; 
aber bitte nicht allzuviel ins Kröpfchen". „Wenn die Dora nichts ißt, 
ess ich auch nichts", sag ich gleich. 

Am Abend. Gestern haben wir die letzte Schule gehabt. Wir 
haben frei vom 23. bis zum 2. Jänner. Das ist herrlich. Da gehe ich 
jeden Tag aufs Eis. Heute und morgen habe ich natürlich keine Zeit. 
Ob ich der „Goldfee" eine Karte schicken soll. Wenn sie nur einen 
schöneren Namen hätte. Aber Anastasia Klastoschek; das ist gräßlich 
■ ordinär. Überhaupt alle böhmischen Namen sind so gräßlich 
ordinär. Der Papa kennt einen Grafen Wilczek, aber noch ärger ist 
schon Schafgotsch. Ich würde nie einen heiraten, der Schafgotsch oder 
Wilczek heißt und wenn er auch ein Graf und ein Millionär ist. 
Gestern haben wir allen Lehrkräften gratuliert, bei der Frau Dr. war 
ich und die Verbenowitsch, weil sie uns am liebsten hat, d. h. haben 
soll. Zum Professor Rigl, Igel, wir sagen immer Nickel, hat niemand 
gehen wollen, weil er beim Gratulieren immer sagt: „Is scho gut". 
Das ist doch eine Gemeinheit und so haben müssen die Klassen- 
ordnerinnen gratulieren gehen. Vor Weihnachten hat die Frau Doktor 
uns ermahnt, daß wir niemanden von den Lehrkräften etwas geben 
dürfen. „Ich bitl' Euch Kinder, haltet Euch darnach, es kommt nur 
Verdruß heraus dabei, Ihr wißt es ja vom Nikolo her. Und ins Haus 
dürft ihr den Lehrkräften auch nichts schicken und vor die Tür stellt 
ein feines Christkindl auch niemanden etwas". Und dabei hat sie 
mich und die Bergier Edith furchtbar angeschaut. Also weiß sie es 
doch vom Krampus. Ich bin so müde, daß mir die Augen zufallen. 
Ah bravo, morgen ist Weihnachten!!! 

24. Dezember: Der Weihnachtstag Nachmittag ist scheußlich. 
Man weiß nicht, was man tun soll, nichts freut einem mehr. Aufs Eis 
mag ich auch nicht, so schreibe ich jetzt lieber. Gestern ist der 
Oswald gekommen. Alle sagen, daß er gut aussieht; ich finde ihn 
schrecklich blaß und er hat auch ganz höhnisch gelächelt, wie alle 
seine gute Farbe lobten; natürlich, wie kann er denn gut aussehen, 
wenn er einen Liebesgram hat. Ich möchte ihm gern sagen, daß 
ich ihn ganz gut verstehe, aber er ist zu stolz, ein Mitleid anzunehmen. 
Er hat sich einen Armeerevolver zu Weihnachten gewünscht, aber ich 
glaube, er bekommt ihn nicht, weil Mittelschüler keine Waffen haben 
dürfen. Vor einiger Zeit hat im Gymnasium in Galizien ein Schüler 

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seinen Professor aus Rache erschossen; es hat geheißen wegen 
schlechten Fortgang, aber in Wirklichkeit war es wegen einem Mädchen, 
obwohl der Professor schon 36 Jahre alt war. Heute vorm. war ich 
mit dem Oswald in der Stadt, Einkäufe besorgen; wir haben die 

Warth begegnet, nämlich die Elli und den Robert. Der Oswald 

findet die Elli ganz passabel, aber der Robert ist ein grünes Scheusal, 
sagt er; und es paßt ihm nicht sagt er, daß er mich so anglozt. 
Wenn er erst das vom Sommer wüßte! Ich habe den Robert furchtbar 
von oben herunter behandelt und das hat ihn wütend geärgert, Wenn 
man Euch Mädeln nur behüten könnte vor all dem Traurigen, was 
die Welt „Liebe" heißt, sagte der Oswald am Nachhauseweg. Und 
wie ich anfangen will zu sagen „Ich weiß, daß Du unglücklich liebst 
und fühle mit Dir", biegt die Inspee mit ihrer guten Freundin um die 
Ecke der Bognergasse und es rennen ihnen 2 Offiziere nach, so daß 
sie uns gar nicht gesehen haben. „Saperment, die Frieda hat sich 
herausgemausert, das ist ein feiner Bissen", sagt der Oswald. Solche 
ordinäre Bemerkungen kann ich nicht ausstehen und ich habe auch den 
ganzen Weg nicht mehr geredet. Er hat es auch bemerkt und hat zur Mama 
gesagt: „Der Gretel ist vor Neid der Mund zugefroren". Weiter nichts. Das 
ist wirklich infam und ich weiß wenigstens, was ich zu tun habe. 

Gott, schnell noch ein paar Worte. Der ganze Weihnachtsabend 
ist verpatzt. Ein Dienstmann hat für die Dora ein Boukett abgegeben 
und der Papa ist wütend. Ich möchte nur wissen von wem? Am Ende 
gar von den 2 Offizieren heute? Die Inspee sagt natürlich, sie weiß 
nicht, von wem, Mich wundert nur, daß der Oswald nichts verraten 
hat Er sagte nur: Na, das ist auch ein GustoJ Aber der Papa hat 
ihn gleich recht angefahren: „Du halt das Maul und denk an deine 
Schweinereien". Das habe ich ihm gegönnt; ich finde ja auch die 
Dora, nicht so großartig, aber schließlich kann sie ja doch einem 
gefallen. Im Boukett war ein Gedicht, das hat die Dora schnell 
heimlich herausgerissen, ehe es der Papa gesehen hatte. Es ist sehr 
schön und als Unterschrift steht: Einer, dem Sie das Weihnachtsfest 
verschönern! Und als Überschrift: „Festzauber". Ich finde es geradezu 
heroisch, daß die Dora sich nicht verrät; sie behauptet auch zu mir, 
sie weiß es nicht; wenn das nicht eine ihrer Falschheiten ist. Ich 
glaube, eigentlich eher wird es von dem jungen Perathoner sein, der 
immer mit ihr läuft am Eis. 



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. 28, Dezember: Ich habe gar keine Zeit gehabt zum Schreiben. 
Ich habe alles bekommen, was ich mir gewünscht habe. Und von der 
Tante Dora haben wir jede einen Operngucker aus Perlmutter in 
Pelüschetäschchen bekommen. Wir werden nämlich in alle Schüler- 
vorstellungen gehen, wir haben von Papa die Anweisung bekommen; 
nämlich die hat er selbst geschrieben für alle Vorstellungen im Schul- 
jahr 19. . bis 19 .. Ich freue mich furchtbar, denn die Frau Dr. M. 
kommt auch. Wenn ich nur neben ihr sitzen könnte. 

31. Dezember: Ich habe heute alles durchlesen wollen, was ich 
geschrieben habe. Aber ich bin nicht dazugekommen. Aber im neuen 
Jahr muß ich wirklich alle Tage schreiben. 

1. Jänner 19..: Wenigstens ein paar Sätze muß ich schreiben. 
Nachmittags waren wir bei Rydbergs eingeladen und da waren auch 
die Warth Edle von Wernhoffü dort. Mit der Usel habe ich geredet 
wie gewöhnlich, aber mit dem R. kein Wort. Sic sind früher fort als 
wir, und da hat mich die Heddy getragt, was ich mit dem R. gehabt 
habe. Er hat von mir gesagt: Die schwarze Gans kann mir gestohlen 
werden. Und dann hat er gesagt, mir kann man alles aufbinden. Ich 
bin so dumm, daß ich alles glaube. Was das eigentlich heißen soll, 
weiß ich nicht; denn er hat mir nie etwas aufgebunden. Übrigens 
werde ich mir nicht den ersten Tag im Jahr, durch den verderben 
lassen. Aber da hat die Hella Recht, wenn man am 1. Jänner einen 
ordinären Menschen zuerst begegnet, so ist das schon ein schlechter 
Anfang. Ich begegnete nämlich in der Fiühe, wie ich aus dem Tore 
ging, unseren alten Briefträger, der immer so brummt wenn ihm nicht 
gleich aufgemacht wird. Ich schaute schnell weg und drüben ging 
gerade ein feiner junger Herr, aber das nützte nichts mehr, der ordinäre 
Briefträger war doch der erste. 

12. Jänner: Ich ärgere mich furchtbar. Wir dürfen nicht mehr 
auf Eis gehen, weil die Inspee wieder mit ihren dummen Ohren anfängt 
und die Mama bildet sich ein, sie hat sich im vorigen Jahr die Mittel- 
ohrentzündung am Eis geholt. Also gut. dann soll sie nicht gehen; 
aber ich? Was kann denn ich dafür, daß sie so empfindlich ist? 
Der Papa ist sonst wirklich die Gerechtigkeit selber, aber in diesem 
Falle verstehe ich ihn nicht. Das ist doch einfach lächerlich, das heißt 
es ist zu traurig, als daß man sagen kann lächerlich. Ich bin empört. 
Jedenfalls rede ich gar nichts. 

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12. Februar: Jetzt habe ich ein ganzes Monat nicht geschrieben, 
weil ich soviel lernen mußte. Und heute haben wir die Zeugnisse 
bekommen. Im Fleiß habe ich, trotzdem ich so gelernt habe in der 
letzten Zeit, wieder nur einen Zweier. Die Frau Dr. M. hat eine groß- 
artige Ansprache gehalten und hat gesagt: Wie die Saat, so die Ernte. 
Das ist aber nicht immer wahr. In Naturgeschichte habe ich zweimal 
nichts gekonnt und habe doch 1 bekommen und in Geschichte habe 
ich nur einmal nichts gekannt und habe Genügend bekommen. Allerdings 
kann mich das Fräulein V. nicht leiden, weil ich damals in der 
Elektrischen nicht gegrüßt habe. Und deshalb bat sie auch im Jänner, 
wie die Mama nachfragen war, gesagt: „Es fehlt ihr am richtigen 
Ernst". Und damals habe ich gehört, wie der Papa zur Mama gesagt 
hat: Mein Gott, sie ist doch noch ein Kind, aber heute hat er mir doch 
einen Skandal wegen dem Fleißzweier gemactit. Das hat er doch wissen 
können. Die Dora hat, wie sie behauptet, lauter Einser, aber sie 
zeigt das Zeugnis nicht. Und was ich nicht sehe, das glaube ich nicht. 
Und die Mama verrät sie einfach nicht. 

15. Februar: Der Papa ist wütend, weil der Oswald ein Nicht- 
genügend hat im Griechisch. Eigentlich ist das Griechisch ganz 
unnötig; denn niemand braucht es, außer die Leute in Griechenland 
und dorthin geht doch der Oswald ohnehin nie, wenn er auch aui 
den Landesgerichtsrat studiert wie der Papa. Die Dora lernt natürlich 
Latein; na, das tue ich mir nicht an. Die Hella hat keine besonderen 
Noten und ihr Papa tobte!!! Er verlangt, sie soll die Beste sein. 
Aber sie ist gar nicht so erpicht darauf und sagt: Man muß nicht 
alles haben. Wenn sie im zweiten Halbjahr nicht lauter Einser hat, 
darf sie nicht weiter gehen ins Lyz. Sie muß in die Bürgerschule 
gehen. Dann bringt sie sich um. Der Papa ist auch sehr komisch; 
Wozu hat man denn Geschichtenbücher, als daß man sie liest. Gestern 
lese ich im Töchteralbum und der Papa kommt herein und sagt: Du, 
lies lieber im Geschichtsbüchel als im Geschichtenbuch und schlägt 
mir das Buch zu. Ich habe einen solchen Zorn gehabt, daß ich mich 
schon um 7 Uhr ohne Nachtmahl ins Bett gelegt habe. 

20, Februar: Heute begegnete ich der Goldfee. Sie redete mich 
an und fragte, warum ich nicht aufs Eis komme. Das Kostümfest am 
am 14. sei großartig gewesen. Ich sagte: Denken Sie sich Fräulein, 
meine Schwester hatte im vorigen Jahr Mittelohrentzündung und 



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deshalb dürfen wir beide heuer nicht aufs Eis. Sie lachte furchtbar 
und sagte so entzückend süß: Ja, die böse Schwester. Sie ist einfach 
göttlich: Ein rehbraunes Kostüm mit feinem Pelz, ich glaube Zobel 
besetzt und einen riesigen braunen Kastorhut rtH Schinebändern, 
hochfein. Und dann diese Augen und der Mund. Ich glaube, sie wird 
den Herrn heiraten, der immer mit ihr gelaufen ist. Wenn wir im 
Herbst wieder neue Winterkleider bekommen, lasse ich mir ein 
rehbraunes mit Pelz machen, wir müssen doch nicht immer gleich 
angezogen sein. Die Hella und die Lizzi sind nie gleich angezogen. 

8. März: Mit der Franke spreche ich nie mehr ein Wort; eine 
solche Falschheit. Ich habe solche Kopfschmerzen, weil ich die ganze 
Stunde geweint habe. Sie schreibt der Hella und mir in der Rechen- 
stunde auf: Ein Verhältnis heißt ganz etwas anderes. Und das 
Fräulein schaut gerade her und sagt: Wem hast du zugenickt? Und 
sie sagt: Der Lainer. Weil sie gelacht hat über das Wort „Verhältnis". 
Das war aber wirklich nicht wahr. Ich habe zuerst an garnichts gedacht 
und erst wie ich den Zettel lese, fällt der Hella und mir ein, was 
Verhältnis heißt. Nach der Stunde ruft uns das Fräulein St. hinunter 
ins Professorenzimmer und sagt der Frau Dr. M., daß wir, die Franke 
und ich, so gelacht haben über das Wort „Verhältnis". Und die Frau 
Dr. M. sagt: Was gibt es denn da zu lachen; rechnet lieber ordentlich. 
Und das Fräulein sagt: Schämt Euch, in der ersten Klasse sollt Ihr 
solche Sachen gar nicht wissen. Ich werde mir Eure Mutter vorladen. 
In der Deutschstunde hat die Frau Dr. M. einen Spruch als Aufsatz 
gegeben: Rein das Herz und wahr das Wort, klar die Stirn und frei 
das Aug, das sei des Menschen Hort, oder so ähnlich; ich muß es 
mir von der Hella abschreiben, denn ich habe die ganze Stunde 
geweint. 

10. März: Heute hat sich die Franke herausreden wollen; aber 
die Hella und ich haben ihr gleich gesagt, wir reden nicht mehr mit 
ihr. Und sie soll nur dran denken, was für Sachen sie uns gesagt 
hat. Und da hat sie alles abgeleugnet und gesagt, wir haben ohnehin 
schon alles gewußt. Wir sollen uns nur nicht so verstellen. Das ist 
eine Gemeinheit. Wir haben eigentlich gar nichts gewußt und sie hat 
uns alles gesagt. Und schon oft hat die Hella zu mir gesagt, sie 
wollte, daß wir garnichts wüßten. Weil sie immer Angst hat, sich zu 
verraten. Und dann weil sie oft an so etwas denkt, wenn sie lernen 



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soll. Das ist bei mir gerade ebenso. Und manclimal träumen einem 
auch solciie Sachen, wenn man gerade Nachmittag davon geredet hat. 
Aber es ist doch besser, wenn man alles weiß. 

22. März: ich komme so selten zum Schreiben, erstens haben 
wir sehr viel zu lernen und zweitens freut es mich nicht mehr, seit 
der Papa das gesagt hat. Wie ich das letztemal geschrieben habe, das 
war an einem Samstag nachmittags, da kommt der Papa herein und 
sagt: Kommt Kinder, wir fahren nach Schönbrunn. Das ist Euch 
gesünder ais Tagebuchkritzeln, das Ihr dann höchstens irgendv/o liegen 
laßt. Also hat die Mama es doch dem Papa gesagt in den Ferien. 
Das hätte ich nie geglaubt von der Mama, denn ich hatte sie gebeten, 
sie soll mir schwören, daß sie's niemanden sagt. Und sie hat gesagt: 
Bei so etwas schwört man nicht; aber ich sage es auch so niemanden. 
Und jetzt muß sie es doch gesagt haben, obwohl sie es mir versprochen 
hatte, nichts zu sagen. Da ist ja die Falschheit von der Franke nichts 
dagegen, denn die kennen wir doch erst seit heuer, aber daß die 
Mama das tut, das hätte ich nie geglaubt. Ich habe es der Hella 
erzählt, wie wir aufs Tivoli jausneu gingen und sie sagte, sie würde 
auch ihrer Mama nicht ganz trauen, eher noch dem Papa. Aber der 
hätte ihr, wenn ihr das passiert wäre, das Tagebuch um die Ohren 
gehaut. Ich habe mir nichts anmerken lassen, aber am Abend habe 
ich der Mama nur ein ganz kleines Bußerl gegeben. Und sie hat 
gesagt: Was hast du denn, mein Kleines, ist dir etwas passiert? Und 
da habe ich mich nicht halten können und habe gräßlich geweint und 
gesagt: Du hast mich schmählich verraten. Und die Mama hat gesagt: 
„Ich?" Ja, du; du hast dem Papa das vom Tagebuch gesagt, obwohl 
du mir versprochen hast, nichts zu sagen. Zuerst erinnerte sich die 
Mama nicht einmal daran; aber dann erinnerte sie sich gleich und 
sagte: „Aber, Kindchen, der Papa darf doch alles wissen. Du hast 
doch nur nicht wollen, daß die Dora etwas erfährt". Das ist wohl 
wahr, das wäre schon gar schön gewesen; aber der Papa hätte es 
auch nicht wissen brauchen. Und die Mama war furchtbar lieb und 
nett und ich ging erst um 10 Uhr ins Bett. Aber sagen werde ich ihr 
doch auf keinen Fall mehr etwas und das ganze Tagebuch freut mich 
nicht mehr. Die Hella sagt: Das ist eine Dummheit; deswegen soll 
ich nur weiterschreiben; aber ein andermal soll ich nichts verlieren, 
und dann soll ich nicht gleich immer alles der Mama und dem Papa 



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klatschen. Sie sagt ihrer Mama gar nichts mehr, seit damals im Sommer, 
wo ihr ihre Mama eine Ohrfeige gegeben hat, weil ihr das fremde 
Mädchen alles gesagt hat. Es ist wahr, die Hella hat recht, ich bin 
sehr kindisch, daß ich mit allem gleich zur Mama renne und ihr alles 
erzähle. Und das ist vom Papa auch nicht schön, daß er mich so 
aufzieht mit dem Tagebuch; wahrscheinlich hat er selber nie eines 
gehabt. 

27. März: Juchu,- wir fahren zu Ostern nach Hainfeld; ich freue 
mich riesig. Die Freundin der Mama wohnt dort und ihr Mann ist 
dort Doktor, deshalb müssen sie jahraus, jahrein dort wohnen. Voriges 
Jahr im Winter war sie einmal mit der Ada auf drei Tage bei uns, 
weil sie augenleidend ist. Die Ada ist zwar beinahe so alt wie die 
Dora, aber die Dora sagt in ihrer Frechheit: „Nacii ihrem geistigen 
Niwo paßt sie entschieden besser zu dir." Die Dora glaubt nämlich, 
so gescheit wie sie, ist kein anderer Mensch, Und zwei Buben haben 
sie, aber die kenne ich nicht genau, weil sie erst 8 und 9 Jahre sind. 
Die Freundin der Mama war schon einmal im Irrenhaus, weil sie 
trübsinnig war, wie ihr kleines Kind mit zwei Jahren gestorben ist 
Ich kann mich gut erinnern, das muß vor zwei Jahren gewesen sein, 
da sagten die Eltern immer, die arme Anna, unter drei Tagen hat sie 
ihr Kind verloren. Und ich habe geglaubt, wirklich verloren, und habe 
einmal gefragt, ob sie es schon gefunden haben. Ich glaubte nämlich, 
im Wald verloren, weil bei Hainfeld soviel Wald ist. Und ich kann 
seither nicht leiden, wenn jemand sagt verloren statt, er ist gestorben, 
weil man sich dann nie auskennt, wie es gemeint ist. 

Am 8. April fangen die Osterferien an und wir fahren am 11., 
am Gründonnerstag. 

6. April: Ich weiß nicht, wie ich das machen soll mit dem Tage- 
buchsclireiben. Mitnehmen will ich es eigentlich nicht und mir alles 
merken und dann nachher alles schreiben, das weiß ich, das tue ich 
dann nicht. Die Hella meint, ich soll mir Schlagwörter, so sagt immer 
die Frau Dr. M., aufschreiben in Hainfeld und dann wenn ich zurück- 
komme, alles ordentlich aufschreiben, Sie macht es auch so. Sie fahren 
nämlich auf die Brionischen Inseln. Ich war noch nie am Meere. Die 
Hella sagt aber, es ist gar nicht so großartig, Sie war schon viermal. Aber 
sie ist nicht gar so vernarrt wie alle anderen Leute. Also muß es 
nicht so wunderbar sein. Und ich denke mir's auch ziemlich fad. 



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12. April: Gestern angekommen. Ada sehr lieb und die zwei 
Buben furchtbar ordinär. Der Ernstl sagt zur Ada: Ich geb dir ein 
Paar am A . . ., wennst nicht augenblicklich mein Revolver hergibst. 
Die Ada ist schon so groß wie ihre Mama. Sie reden alle etwas 
bäurisch. Auch der Herr Doktor. Er trinkt furchtbar viel Bier, ich 
glaube 81. 

14. April : Heute Papa nachgekommen. Hat den Herr Doktor 
riesig gern. Haben sich geküßt. Da hab ich furchtbar lachen müssen. 
Vormittag waren wir im Wald; aber es sind noch keine Veilchen, 
nur ganz wenig Schneeglöckchen, aber dafür riesig viel Nießwurz, 
ganz rote. 

15. April : Gestern um 4 Uhr Auferstehung. Wir waren nicht 
drinnen in der Kirche, weil die Mama Angst hatte, der Dora wird 
schlecht vom Weihrauch und vom Stiefelgeruch. Solche Faxen ! Es 
war sehr schön. Heute nachmittags fahren wir in die Ramsau, dort ist 
es sehr schön. 

16. April : Heute ist der Papa weggefahren. Morgen fahren wir. 
Zu Pfingsten wird die Ada von der Mama zur Firmung geführt. 'Da 
kommen alle zu uns. In der Ramsau bin ich im Sumpf stecken 
geblieben. Das war wirklich gräßlich. Aber der Herr Doktor hat mich" 
herausgehoben. Und dann haben wir furchtbar gelacht, wie meine 
Schuhe und die Strümpfe ausgeschaut haben. Zum Glück habe ich 
mich an einem Baumstumpf halten können, sonst wäre ich untergesunken. 

18. April: Die Hella sagt, es war großartig auf den Brionischen 
Inseln. Sie ist ganz dunkelbraun. Aber das habe ich nicht gern, und 
drum gehe ich nie in meinem Leben nach dem Süden. Die Hella 
sagt zwar, wenn man im Winter heiratet, muß man die Hochzeitsreise 
nach dem Süden machen. Aber ich sehe das gar nicht ein, ich 
verschiebe es einfach auf den Sommer. 

Die Ada ist erst dreizehn, nicht vierzehn wie die Dora, und 
der Herr Pfarrer schimpft furchtbar, daß sie noch nicht gefirmt ist. 
Die Mama führt sie heuer zur Firmung. Wir werden nicht gefirmt, 
weil die Eltern niemand bitten wollen. Aber ich möchte schon gefirmt 
werden, denn da muß man eine Uhr kriegen und kann sich zu 
Weihnachten etwas anderes wünschen. 

21. April: Wir haben wahnsinnig viel zu lernen. Denn der 
Herr Landesschulinspektor wird bald kommen. Das ist immer sehr 



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unangenehm. Die Mme. A. sagt zwar : die Inspektion gilt den 
Lehrkräften und nicht den Schülern. Aber trotzdem ist es auch für 
die Schülerin greulich. Erstens weil sie sich blamiert und zweitens die 
Geschichten, die die Lehrkraft dann hinterdrein macht. Die Dora 
sagt, eine ungünstige Inspektion kann einem die Note um zwei Grade 
verschlechtern. Da fällt mir gerade ein, daß ich noch gar nicht 
geschrieben, warum der Oswald zu Ostern nicht da war. Er durfte 
nämlich, obwohl er durchaus keine guten Noten hat, 
nach Pola zur Tante Alma fahren, weil der Richard heuer das 
letztemal in die Ferien kommt. Dann fährt er auf drei Jahre mit 
dem Dampfer Ozean nach dem Orient oder in die Türkei oder nach 
Persien, das weiß er noch nicht genau. Wenn der Oswald Lust hat, 
geht er auch zur Marine in zwei Jahren. 

9. Mai : Heute war der Herr Landesschulinspektor da, zuerst in 
Naturgeschichte, da kam ich, Gott sei Dank nicht dran, und dann 
in Deutsch; da kann ich dran, beim Lesen und bei der 
Inhaltsangabe der wandelnden Glocke. Gott sei Dank hab' ich 
alles können. 

14. Mai; Heute ist der Geburtstag von der Mama. Wir haben 
absolut keine Zeit gehabt, ihr etwas zu arbeiten, so haben wir eine 
wunderbare elektrische Lampe für den Nachttisch gekauft, der Knopf 
ist eine herabhängende Weintraube und der Ständer ist aus Messing. 
Sie hat eine große Freude gehabt. Gestern war die Frau v. R. da, 
das ist eine Freundin der Mama und von der Mama der Hella. Bei 
der Frau v, R. möchte ich sehr gern Klavierstunden haben, sie gibt 
nämlich welche, seit ihr Mann, der Major war, gestorben ist, obwohl 
sie reich ist. 

15. Mai: Das wegen der Inspektion muß doch wahr sein; der 
Prof. Igel-Nickel sagte heute in der Pause zum Herrn Religions- 
professor : Also jetzt kommt er noch die ganze Woche und dann sind 
wir für dieses Jahr sicher. Wir, das heißt natürlich die Lehrkräfte. 
Aber eigentlich können die Lehrkräfte nicht immer etwas dafür, wenn 
die Schüler nichts können. Der Oswald sagt zwar, ja es ist einzig 
und allein ihre Schuld. Ich bin auch froh, wenn die Inspektion 
vorüber ist. Die Lehrkräfte sind ganz anders, wenn der Herr Inspektor 
da ist, manche sind besser, manche sind strenger und die Mme. 
A. sagt: Es ist ihr immer ganz schlecht vor Angst. 



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29. Mai : Zu Pfingsten war die Frau Dr. Haslinger aus Hainfeld 
mit der Ada und den zwei Buben da wegen der Firmung. Am 
Pfingstsonntag ist auch der Herr Dr. gekommen und abends sind 
alle wieder gefahren. Die Ada ist sehr schön, aber sie sieht doch 
bäuerisch aus. Ich lasse mich auf keinen Fall firmen, wir mußten 
drei Stunden warten, obwohl der Freitag vor Pfingsten ein sehr feiner 
Tag ist. Die Dora war gar nicht mit; nur die Mama und ich und die 
Ada und ihre Mama. Alle Bandl-Frauen glaubten, ich sei anch ein 
Firmlfng, weil ich auch weiß angezogen war. Das hat die Ada auch 
ein bischen gefuchst. Am Samstag waren wir vor- und nachmittags 
in der Stadt, weil das der Ada lieber war als auf den Kahlenberg; 
Sonntag vormittags in Schönbrunii und nachmittags fuhren sie schon 
weg. Die Uhr, die Ada bekommen hat, war sehr schön, und von der 
Dora und mir extra ein goldenes Halskettchen. Sie hat sich sehr 
gefreut, nur hatte sie Sonntag nachmittags greulich Kopfweh. Weil 
sie den Stadtlärm nicht gewöhnt ist. 

31. Mai: Die Ada weiß auch schon Verschiedenes, aber nicht 
alles. Einiges habe ich ihr gesagt. Heuer im Winter hat sich ein 
Mädchen in H. ins Wasser gestürzt, weil sie ein Kind bekommen 
sollte. Da waren alle sehr aufgeregt und da hat ihre Mama einiges 
gesagt, aber eben nicht alles. Die Ada hat schon einmal gesehen, 
wie eine Hündin ihre Jungen bekommen hat, aber das hat sie ihrer 
Mama nicht gesagt; denn die wäre wahrscheinlich sehr böse darüber 
gewesen. Aber sie konnte nichts dafür, der Hund gehörte dem Herrn, 
der neben ihnen wohnt und da hat sie gerade in den Flur gesehen. 
Und die Ada erwartet e s täglich, da sie schon bald 14 Jahre 
wird. Jedes große Mädel in H. hat einen Verehrer. Die Ada sagt, 
sobald sie 14 Jahre ist, bekommt sie auch einen; sie weiß 
schon, wen. 

3. Juni: Heute hat die Ada geschrieben, bei der Mama hat sie 
sich für die Firmung bedankt und mir hat sie extra geschrieben. Es 
ist eigentlich komisch, daß sie nicht mit der Dora gute Freundin 
geworden ist, sondern mit mir. Aber ich glaube, die Dora redet nicht 
solche Sachen, höchstens mit ihren Freundinnen im Lyz. besonders 
mit der Frieda Ertl. Und drum hat die Ada -mit mir Freundschaft 
geschlossen, obwohl ich gerade um zwei Jahre jünger bin. Sie ist 
wirklich ein liebes Mädel. 

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19. Juni: In unserer Klasse kommt fortwährend etv^as weg, 
zuerst die Überschuhe 'der Fleischer, dann meine neuen Handschuhe 
und jetzt schon dreimal Geld und heute das neue Täschchen vom 
Fräulein Steiner. Es war eine große Untersuchung. Aber es ist nicht 
herausgekomraen. Wir glauben alle, es ist die Schmolka. Aber niemand 
will es sagen. Wir haben heute gar nicht aufgepaßt in der Stunde, 
besonders wie die Seh. um 72^2 hinausgegangen ist. 

20. Juni: Auf unserem Klosett hat die Schuldienerin abgefallene 
Perlen gefunden, aber da sie nichts wußte, hat sie sie auf den Mist 
geworfen. Ob wirklich die Seh.? das wäre furchtbar gemein. Das 
Frl. St. ist schrecklich aufgeregt, weil sie das Täschchen von ihrem 
Bräutigam zum Geburtstag bekommen hat und weil seine Photographie 
drin war. Eigentlich tut mir aber die Seh. doch leid. Niemand redet 
mit ihr, obwohl es gar nicht bewiesen ist. Sie ist furchtbar blaß und 
hat immer Tränen in den Augen. Und die Hella meint auch, sie ist es 
vielleicht doch nicht, denn sie ist einer von den Lieblingen vom 
Frl. St. und sie hat sie auch sehr gern. Sie trägt ihr immer die Hefte 
nach Hause. 

22. Juni: Unser Klosett war verstopft und wie der Schuldiener 
nachschschaute, fand er das Taschchen. Aber was hat das Fräulein 
davon; sie kann es doch unmöglich mehr brauchen. Wir haben die 
ganzen Stunden gelacht, so oft wir eins das andere anschauten und die 
Lehrkräfte haben furchtbar geschimpft. Nur die Frau Dr. M. sagte: 
„Ich bitt' Euch, jetzt lacht Euch offen aus über die in jeder 
Hinsicht unappetitliche Geschichte und dann basta." 

23. Juni : Heute war ein Skandal. Die Verbenowitsch sammelt 
die Deutschhefte ab und wie ihr die Seh. ihr Heft geben will, sagt 
sie: Bitte das Heft persönlich abzugeben; ich will mit (dann machte 
sie eine lange Pause) Ihnen nichts zu tun haben. Wir waren alle ganz 
entsetzt und die Seh. war so weiß wie die Wand. Um 10 Uhr bat sie, 
nachhausegehen zu dürfen, weil ihr schlecht sei. Morgen wird 
jedenfalls ihre Mama kommen. 

24. Juni: Die Mama der Seh. war nicht da. Die Verbenowitsch 
sagt : Natürlich nicht ! Die Seh. war auch nicht da. Die Hella sagt, 
sie würde so etwas nicht auf sich sitzen lassen, sie würde sich ins 
Wasser stürzen. Also, eigentlich ins Wasser stürzen, das tut man doch 
nur aus anderen Gründen. Aber ich würde es meinem Papa sagen, 



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damit er in die Schule geht. Die Franke sagt: Ja, das ist alles recht 
schön, weil Ihr es nicht getan habt; aber wenn eine es getan hat, 
dann traut sie sich garnichts zu sagen zu Hause. Übrigens ist der 
Vater der Seh. schwer krank, er ist ganz gelähmt und liegt schon 
seit zwei Jahren im Bett und kann nicht reden. 

27. Juni: Heute sind die Hella und ich mit der Frau Dr. M. 
gegangen. Eigentlich geht sie nie mit jemanden, aber die Hella ist 
auf einmal von mir weggerannt und zu der Frau Dr. hin und sagt s 
Bitte schön, Frau Dr. um Verzeihung, daß ich Sie auf der Gasse 
belästige; wir müssen Sie sprechen. Und sie war ganz rot dabei. 
Da sagt die Frau Dr.: „Was ist denn?" Und die Hella sagt: „Kann 
man nicht herausbekommen, wer das Täschchen genommen hat? 
Wenn es die Seh. doch nicht war, so kränkt sie sich zu Tod, wie 
die Kinder sie behandeln, und wenn sie es war, dann dulden wir sie 
nicht mehr unter uns." Die Hella war wirklich großartig und die 
Frau Dr. M. hat sich alles von uns erzählen lassen, auch das von 
der Verbenowitsch mit den Heften ; wir haben deutlich gesehen, sie 
hatte Tränen in den Augen, und sie sagte: „Das arme Kind! Kinder, 
ich werde mich ihrer annehmen, das verspreche ich Euch." Und wir 
küßten ihr beide die Hand und mir klopfte das Herz bis zum Hals. 
Und die Hella sagte: „Sie sind ein Engel." So etwas bringe ich 
nie heraus. 

28. Juni: Heute war die Seh. wieder da, aber die Frau Dr. M. 
hat nichts gesagt. Wir, die Hella und ich, haben sie fortwährend 
angeschaut und die Hella hat sich dreimal geräuspert und da hat 
die Frau Dr. gesagt: Brückner, höre doch auf mit deinem Räuspern; 
davon werden deine Halsschmerzen nur ärger. Aber mir scheint, sie 
hat dazu mit den Augen gezwinkert. Also vergessen hat sie nicht. Ich 
wollte zu der Seh. reden, aber die Hella sagte: Warte noch, wir 
dürfen der Frau Dr. nicht vorgreifen. Jetzt hat sie alles in die Hand 
genommen. Morgen vor neun gehen wir vor ihrem Hause auf- und 
ab, bis sie kommt. 

30. Juni: Gestern war leider Feiertag und heute hatte die 
Frau Dr. erst um 11 Uhr Unterricht. Aber sie hat schon mit der Seh. 
geredet, nur wissen wir nicht, wann und wo; in der Pause bestimmt 
nicht, und während der Stunde ist die Seh. nicht geholt 
worden. 

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1. Juli: Heute gingen wir mit ihr. Gott, sie ist so süß. Liebe 
Kinder, sagt sie, das ist eine so traurige Sache, in der man auf 
keinen Grund kommt. Die Seh. behauptet fest und steif, sie war es 
nicht und seht Kinder, ob sie es tat oder nicht, diese Tage brennen 
sich ihr unauslöschlich in die Seele ein und die Hella fragte : „Bitte 
Fr. Dr. geben Sie uns einen Rat, was sollen wir tun, mit ihr reden 
oder nicht?" Da sagte sie: Kinder, ich glaube, daß sie nach dieser 
Sache im nächsten Jahr nicht mehr zu uns kommen wird ; Ihr tut ein 
gutes Werk, wenn Ihr ihr die letzten Tage erträglich macht. Intim wart 
Ihr ja nie mit ihr, aber ein paar freundliche Worte schaden Euch 
nicht und können sie stützen. Und Ihr 2 habt ein großes Ansehen in 
der Klasse; Euer Beispiel wird gut wirken. Wir gingen bis zur Schule 
mit ihr und deshalb konnten wir ihr nicht die Hand küssen; aber 
die Hella sagte ganz laut : Gott, wie himmlisch süß ! Sie muß es 
gehört haben. Aber die Seh. war nicht in der Schule. Der Papa sagt, 
er ist froh, bis Schulschluß ist, denn ich bin schon ganz verrückt 
wegen der Geschichte. Aber er ist doch dafür, daß wir, ich 
und die Hella, etwas zur Seh. sprechen. Und die Mama auch. Nur 
die Dora sagte : Ja, es ist ganz recht, aber doch ein wenig reserviert. 

5. Juli : Die Seh. war nicht mehr in der Schule. Morgen 
bekommen wir die Zeugnisse. 

6. Juli: Wir haben furchtbar geweint, ich und die Hella und die 
Verbenowitsch, weil wir jetzt beinahe drei Monate die Frau Dr. M. nicht 
sehen werden. Ich habe nur in Geschichte und Naturgeschichte 2, sonst 
lauter 1. Die Franke sagt: Wer dem Professor Igel-Nigl nicht zu Gesicht 
sieht, kann lernen, daß er krumm und dumm wird und er kriegt doch 
keinen Einser, Der Papa ist sehr zufrieden. Die Dora hat natürlich lauter 
Einser und die Hella drei Zweier. Und die Lizzi, mir scheint, auch 
drei oder vier. Der Papa hat uns jeder ein 2 K-Stück geschenkt, die 
können wir verjuxen, hat er gesagt. Und von der Mama haben wir 
Spitzenkragen bekommen. 

9. Juli: Wir gehen heuer nach Hainfeld, das ist fein, ich freue ^ 
mich schon ; aber erst am 20., weil der Papa nicht früher Urlaub 
bekommt und die Mama mag den Pap'a nicht so lange allein lassen. 
Überhaupt wegen der paar Tage. Nur leider ist die Hella schon fort, 
heute früh nach Parsch bei Salzburg; das Wort ist so unangenehm 
und die Hella geniert sich auch sehr, es zu sagen; wie man einem 



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Ort einen so ordinären Namen geben kann. Sie haben eine ganze 
Villa gemietet. 

12. Juli : Es ist greulich fad. Fast jeden Tag habe ich einen 
Streit mit der Dora, weil sie sich so viel einbildet. Gestern kam der 
Oswald. Er ist furchtar fesch, beinahe so groß wie der Papa,^ das 
heißt um einen Viertelkopf Itleiner, aber der Papa ist eben riesig 
groß. Und dann hat er eine ganz tiefe Stimme, die hatte er früher 
nicht. Und die Haare hat er schief abgeteilt, das steht ihm sehr gut. 
Er behauptet, er bekommt schon einen Schnurrbart, aber das ist 
nicht wahr; den müßte man doch sehen; fünf Haare sind doch kein 
Schnurrbart. 

19. Juli : Gott sei Dank, übermorgen fahren wir endlich. Der 
Papa wollte, die Mama sollte mit uns vorausfahren, aber sie wollte 
nicht. Aber eigentlich wäre es ganz gut gewesen. 

24. Juli: Wir wohnen nur drei Häuser weit von H. entfernt. Die 
Ada und ich sind den ganzen Tag beisammen. Und von der Dora 
ist zufällig eine Schulkollegin da, die sie ganz gut leiden kann, die 
Rosa Tilofsky. Der Oswald sagt: Hainfeld ist zum Buckligwerden 
fad; er wird sich irgendwo von einem Freund einladen lassen. Hier 
bleibt er auf keinen Fall die ganzen Ferien. Von der Ada sagt er: 
„Ländliche Einfalt". Wenn er wüßte, wieviel die weiß. Und die Rosa T. 
nennt er einen Wimmerlkomplex, weil sie zwei oder drei Wimmerln 
hat. Überhaupt hat der Oswald an jedem etwas auszusetzen; Von der 
Dora sagt er : Sie ist ein grüner Frosch, weil sie immer so blaß ist 
und kalte Hände hat und von mir sagt er: Da kann man überhaupt 
noch gar nichts sagen: „Das ist noch ein ganz unreifer Embryo." 
Gott sei Dank, weiß ich aus der Naturgeschichte, was ein Embryo ist, 
nämlich ein kleiner Frosch. „Ich habe mich wütend geärgert und da 
hat der Papa gesagt : Trost' dich, er ist auch noch lange kein Mann, 
sonst wäre er höflicher gegen seine Schwestern und deren Freundinnen," 
Das hat ihn sehr geärgert und seither redet er kein Wort, wenn die 
Ada und die Rosa mit uns zusammen sind. Jetzt kommt bald mein 
Geburtstag, da werde ich, Gott sei Dank, zwölf, und dann noch zwei 
Jahre, dann bin ich 14; auf das freue ich mich riesig. Heute hat mir 
die Hella geschrieben zum zweiten Male. Sie fährt im August nach 
Ungarn zu ihrem Onkel, der hat ein großes Gut und dort lernt sie reiten. 



50 




2, Jahr. 

(Von 12—13 Jahren.) 



1. August: An meinem Geburtstag war es riesig lustig. Wir 
fuhren im Wagen nach Glashütte, wo es sehr schön ist; dort kochten 
wir selbst, weil die Wirtin krank war und die Köchin auch. An einem 
Geburtstag sind immer alle so nett zu einem. Am meisten freut mich 
der Künstler-Malkasten von Ebeseder, und das Buch ebenfalls. Aber 
ich komme leider gar nicht zum Lesen. Die Hella hat mir ein süßes 
Bild geschickt : Mutterglück, eine Dackelmutter mit zwei Jungen, 
entzückend fein. Ich werde es zuhaus neben die Tür über die Etagere 
hängen. Und von der Ada habe ich ein seidenes Geldbörschen 
bekommen, das sie eigens für mich gearbeitet hat. Und von der Tante 
Dora ein Tagebuch, aber das kann ich eigentlich nicht verwenden, 
weil ich doch lieber auf einzelne Blätter schreibe. Und die Großeltern 
aus B. haben eine Marzipaniorte geschickt, hochfein. Die Ada findet 
sie göttlich; sie kennt sie nämlich nicht. 

9. August : Die Ada ist im Schuljahr jetzt in St. Polten bei 
ihrer Tante und ihrem Onkel gewesen, weil die Schule in H. nicht 
so gut ist wie in St. P. Vielleicht kommt sie heuer nach Wien, da 
sie mit der Bürgerschule fertig ist und noch weiter lernen soll. Aber 
sie haben niemanden so nahe Verwandten in Wien, wo sie wohnen 
könnte. Eigentlich könnte sie ganz gut bei uns wohnen, die Dora 
bekäme das Kabinett für sich, wie sie so schon immer will, und die 
Ada und ich wären im Zimmer. Das wäre mir entschieden eine liebere 
Zimmergenossin als die Dora mit ihren Faxen. 

10. August : Das ist wirklich großartig. So ein Bursch setzt doch 
alles durch, was er will. Jet?t fährt der Oswald richtig auf 14 Tage 
nach Znaim zu seinem besten Freund; allein, natürlich. Ich möchte 



4.' 



51 



sehen, wenn die Dora oder ich irgendwohin fahren wollten. So ein 
Bub hat's gut. Und vor allem anderen ärgert mich die Ungerechtigkeit. 
Denn er hat kein gutes Zeugnis, das wissen wir bestimmt, wenn 
er es auch nicht sagt. Aber natürlich, das macht nichts. Uns wird 
jeder Zweier vorgehalten und er darf bei mehreren Genügend hinfahren, 
wo-er will. Überhaupt bester Freund; seit heuer kennt er den Max Rozny 
und das ist eine Freundschaft. Die Hella und ich sind seit der zweiten 
Volksschulklasse Freundinnen und die Dora und die Frieda Ertl seit dem 
Lyz. Aber das Über Freundschaft haben wir ihm beide tüchtig gesagt. Er 
lachte höhnisch und sagte: Ja ja, es ist schon recht, die Männer- 
freundschaften werden immer fester mit den Jahren, und Euer Mädel- 
freundschaften gehen in die ärgste Feindschaft über, wenn der erste 
Verehrer da ist. Das ist eine Frechheit. Überhaupt die Hella und ich 
warten unbedingt aufeinander mit der Hochzeit, denn wir wollen 
am selben Tag heiraten. Verloben natürlich wird sich ja wahrscheinlich 
eine früher, aber mit der Hochzeit muß sie warten. Das ist einfach 
Freundschaftspflicht. 

12. August : Gestern ist der Oswald weggefahren und richtig 
war vorher noch ein Verdruß, weil er verlangte, eine von uns soll ihn auf 
die Bahn begleiten und den Coupe-Korb tragen helfen. Als ob wir 
seine Dienstboten wären. Die Ada wollte sich anbieten zum Tragen, 
aber die Dora hat ihr einen Puff gegeben, den sie glücklicherweise 
gleich verstanden hat. Die Dora hat manchmal, aber wirklich nur 
manchmal ein bischen was wie die Hella, wenn sie über etwas empört 
ist. Sie findet, es ist besser, wenn der Oswald nicht da ist, weil sonst 
immer Streitigkeiten sind. Das heißt nämlich, weil sie dann immer 
den Kurzem zieht. Denn gescheiter ist er wirklich als sie. Und wenn 
er sie recht ärgern will, sagt er irgendetwas auf lateinisch, was sie 
nicht versteht. Ich glaube, sie lernt eigentlich deshalb Latein. Also 
das muß ich sagen, deshalb würde ich mich nicht so plagen. Das 
stände mir lange nicht dafür. 

15. August: Heute habe ich das Paket an die Hella abgeschickt, 
eine Uhrkette aus Silberdraht; in vier Tagen war ich damit fertig. 
Hoffentlich kommt sie richtig an, was man in Ungarn nie wissen kann. 

17. August : Wir haben wahnsinnig viel zu tun mit den Lampions 
und Tannenguirlanden. Die Honoratoren illuminieren und dekorieren 
ihre Häuser. Dabei hat mir die Ada einiges erzählt. Sie weiß mehr 

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als die Hella und ich, nämlich von ihrem Vater, weil er doch Arzt 
ist. Vieles erzählt er ihrer Mama und da hört die Ada manches, 
obwohl sie meistens zu reden aufhören, wenn sie dazu kommt. Die 
Ada möchte unbedingt Schauspielerin werden. Daran habe ich noch 
nie gedacht, obwohl ich schon oft im Theater war. 

22. August: Die Hella hat sich riesig gefreut über die Kette; 
sie trägt sie. Sie lernt wirklich reiten bei ihrem Kusin. Leider heißt 
er Lajos. Aber Ludwig ist auch nicht schöner. Er soll furchtbar nett 
und fesch sein. Aber leider ist er schon 22 Jahre alt. 

25. August: Die Ada schwärmt furchtbar vom Theater. Sie war 
öfters in St. Polten im Theater und ist in einen Schauspieler verliebt, 
in den alle Damen in St. Polten verliebt sind. Deshalb will sie zum 
Theater gehen und weil sie frei und ungebunden leben will 
Darum möchte sie so gerne nach Wien kommen. Wenn sie nur bei 
uns wohnen könnte. Sie sagt, sie verschmachtet in dem öden Nest, 
in H. Sie verträgt die engen Verhältnisse nicht ! ! In St, Polten 
hat sie ihr ganzes Taschengeld für Blumen für i h n ausgegeben. Und 
sie sagte immer, sie brauchen so viele Hefte und Sachen in der Schule. 
Insofern hat es eine gut, wenn sie nicht zuhause ist, da kommt die 
Mama nicht so leicht auf so etwas darauf. Bei uns ginge das nicht. 
Das Taschengeld wird einem ohnehin immer zu wenig und die Hefte 
können sich die Eltern jeden Monat zeigen lassen. Für ein paar 
Monate möchte ich ganz gern einmal weg von zuhause. Die Ada sagt, 
das ist sehr gut, da lernt man erst die Welt kennen ; zu Haus 
versumpft und verdumpft man nur. Wenn sie so spricht, da 
sieht sie wirklich wie eine Schauspielerin aus und Talent hat sie 
bestimmt; das sagt auch ihr Deutsch-Lehrer in der Schule. Sie durfte 
immer die längsten Gedichte deklamieren und die Kinder baten immer 
den Lehrer, daß sie aufsagen dürfe. 

30. August: Heute hat die Ada ein Gedicht von Geibel deklamiert, 
den Tod des Tieberius, aber wirklich großartig; sie ist die geborene 
Schauspielerin und es ist gräßlich, daß sie sich nicht ausbilden darf; 
sie soll französische Lehrerin werden oder Handarbeitslehrerin. Aber 
sie sagt, sie wird doch zum Theater gehen; eventuell geht sie durch. 

31. August: Die 14 Tage vom Oswald schauen schön aus; jetzt 
ist er noch nicht da und darf bis am 4. September ausbleiben. Wenn 
das die Dora oder ich wäre. Das hätt' schon längst einen Mordskrach 

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gegeben. Aber der Oswald darf alles tun. Die Ada sagt auch : Wir 
Mädchen müssen erzwingen, was uns die Welt nicht freiwillig gibt. 

5. September : Ich habe der Ada neulich im Walde versprochen, 
daß ich die Mama bitten werde, daß sie zu uns kommen kann, damit 
sie sich bei einem Schauspieler ausbilden kann. Heute habe ich die 
Mama gebeten, aber sie sagt, das geht absolut nicht. Die Eltern der 
Ada können das Studium nicht erschwingen. Wenn sie Talent dazu 
hat, so lernt man's eigentlich von selbst und braucht nur in eine 
Schauspielschule zu gehen, damit man leichter an ein gutes Theater 
kommt, sagt die Ada. Also gar so gräßlich teuer kann es nicht kommen. 
Die Ada tut mir furchtbar leid. 

10. September: Gott, wir sind alle so aufgeregt. Ich soll mein 
Tagebuch zum Einpacken hergeben, weil wir morgen wegfahren. Aber 
ich muß noch schnell schreiben. Seit drei Tagen sind Zigeuner da und' 
gestern kam eine durch das Hintertürl in den Garten und prophezeite 
uns, nämlich mir, der Ada und der Dora aus der Hand. Wir glauben 
es ja nicht, aber der Ada sagte sie eine große, aber kurze 
Zukunft nach vielen schweren Kämpfen voraus. Das stimmt ja doch 
vollkommen. Also bei mir hat sie sich gründlich blamiert: Wenn ich 
noch einmal so alt bin als jetzt, steht mir ein großes 
Glück bevor; eine große Leidenschaft und ein großer Reichtum. Das 
soll natürlich heißen, daß ich mit 24 Jahren heiraten werde. Mit 
24 Jahren ! das ist wirklich lächerlich. Die Dora sagt, ich sehe eben 
jünger als 12 aus und sie meinte deshalb mit 20 Jahren oder gar 
mit 18. Das ist ebenso lächerlich, denn sogar der Herr Dr. H., der 
doch Arzt ist und so viele Kinder kennt, sagt : Ich bin über meine 
Jahre entwickelt. Also kann die alte Zigeunerin doch nicht glauben, 
ich bin 10 oder gar erst 9 Jahre. Der Dora hat sie gewahrsagt, daß 
in wenigen Jahren ihr Schicksal in Trauer und dann in Freude 
besiegelt wird. Und der Ada sagte sie noch, ihre Lebenslinie sei geknickt ! ! 

14. September: Heute in der Frühe ist der Oswald weggefahren, 
der Papa hat ihn auf beide Wangen geküßt und hat ihm gesagt, er 
soll sich um Gotteswillen wacker halten heuer, im letzten Jahr. Er 
macht nämlich heuer Matura, die ist natürlich furchtbar schwer. Aber 
er sagt, mit der nötigen Frechheit haut sich einer schon durch. 
Frechheit nützt oft mehr als alles Stucken und Ochsen, Das ist wahr, 
das weiß ich am besten ; aber leider fällt mir im richtigen Moment 

54 ^ 



nie ein, was ich tun soll. Hinterdrein denke ich mir dann oft, das 
oder das hättest du sagen sollen. Und das bewundere ich wirklich an 
der Hella ; und auch die Franke, die eigentlich nicht besonders gescheit 
ist, weiß immer eine gute Antwort, mit der sie sich herausredet. Wenn 
nur die Hälfte von dem wahr ist, was der Oswald erzählt, daß er den 
Professoren sagt, dann kann ich nicht begreifen, daß er nicht aus jedem 
Gymnasium herausgeworfen wird, sagt die Mama. Der Oswald sagt: 
Wenn man es nur richtig anstellt, kann einem niemand was anhaben. 
Na also, das ist auch nicht immer wahr. 

16. September: Heute kommt die Hella. Darum schreibe ich 
vormittag, weil sie nachmittags zu uns kommt. Ich freue mich riesig. 
Ich habe die Mama gebettelt, daß sie eine Pralin6-Torte kauft, weil 
die Hella sie so gerne ißt und ich auch. 

20. September: Nur ein paar Worte. Heute hat die Schule wieder 
angefangen. Gott sei Dank, als Klassenvorstand haben wir wieder die 
Frau Dr. M. Das Frl. Steiner ist jetzt auch Doktorin, am Ende des 
Schuljahres hat sie das Doktorat gemacht. Dann haben wir eine neue 
Frau Dr. in Geschichte, wir wissen aber nicht, wie sie heißt. Die 
Vischer hat nämlich in den Ferien geheiratet!!! Das ist zum 
Kugeln, die!I! Die Dora sagt, der ihr Mann möchte sie nicht sein; 
wahrscheinlich läßt er sich bald wieder scheiden von ihr. Überhaupt 
Augengläser bei einer Frau. Einen Zwicker lasse ich mir gefallen, den 
kann man wenigstens weggeben. Aber Augengläser! Die Dora kann 
auch nicht begreifen, wie ein Mann eine mit Augengläsern heiraten 
kann. Und die Hella sagte oft, ihr wird zum Brechen, wenn die Vischer 
so mit ihren Augengläsern funkelt. In Naturgeschichte haben wir einen 
neuen Professor. Ich bin riesig froh, daß wir drei Doktorinnen und 
einen, eigentl. zwei Professoren, nämlich doch auch in Religion haben. 
In der III. haben sie bloß 1 Doktorin, das ärgert sie sehr, die Dora 
hat 2 Doktorinnen und 3 Professoren. 

25. September: Alle Kinder sind in den Prof, Wilke in Natur- 
geschichte vernarrt. Die Hella und ich sind heute den ganzen Weg 
hinter ihm gegangen. Er ist herrlich, so groß, daß er beinahe an die 
Lampe anstoßt, wenn er schnell aufsteht, und einen herrlichen Bart, 
blond und wenn die Sonne draufscheint wie Feuer; ein Sonnengott! 
Wir nennen ihn darnach S. G. da weiß niemand, was es ^bedeutet 
und wen wir meinen. 

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29. September: Die Schmolka ist richtig nicht mehr da, wahr- 
scheinlich wegen des Täschchens vom Frl. St. Es sind überhaupt ein 
paar Kinder ausgetreten und dafür drei neue gekommen, aber sie 
gefallen weder mir noch der Hella. 

1. Oktober: Heute war ich in Naturgeschichte dran. Ich habe 
wahnsinnig gelernt und Er war göttlich. Wir dürfen das ganze 
Semester die Bilder und die Tiere tragen. Herrlich! Ich und die 
Hella tragen immer die gleichen Haarmaschen und in derselben Farbe 
legen wir Seidenpapier auf den Tisch in der N.-St. Er wünscht, daß 
wir Notizbücher anlegen. Eigene Beobachtungen über die Natur. Wir 
haben sie in lila Papier gebunden, genau von derselben Farbe wie 
seine Kravatte. Am Dienstag und Freitag müssen wir wegen des Herrichtens 
schon um ^g^ Uhr in die Schule kommen, Gott, ich bin so glücklich. 

9. Oktober: Er ist ein Kousin von unserm Turnprofessor, 
herrlich ! Das war nämlich so. Wir, ich und die Hella gehen eigens 
immer bei Cafe Sick vorbei, weil Er dort immer jaust. Und wie wir 
am Donnerstag vor der Turnstunde vorbeigehen, sitzt unser Turn- 
. Professor bei ihm, Wir grüßten natürlich hinein und in der Turnstunde 
sagt der Professor Baar zu uns: Also, Sie beide werden von meinem 
Kousin in der Naturgeschichte gequält und sekkiert. „Sekkiert", sagen 
wir beide, o nein, es ist die schönste Stunde in der ganzen Woche. 
„So", sagt er, „ich werde es getreulich berichten". Also, wir haben 
ihn natürlich furchtbar gebeten, er soll uns nicht verraten; das wäre 
gräßlich. Hoffentlich tut er es. 

20. Oktober: Die Mama der Frau Dr. Steiner ist gestorben. Sie 
tut uns furchtbar leid. Einige von uns gehen zum Begräbnis, ich darf 
nicht gehen, die Mama sagt, es paßt nicht, und die Hella darf auch 
nicht gehen. Ob Er geht? Sicher, er muß ja eigentlich gehen. 

23. Oktober: Die Frau Dr. St. sieht schrecklich blaß aus. Die' 
Franke sagt, jetzt wird sie jedenfalls bald heiraten, weil sie jetzt gar 
keine Eltern mehr hat. Ihr Verlobter holt sie öfters aus dem Lyz. ab, 
das heißt, er wartet in der L . . . Straße. Der Hella gefällt er riesig, 
natürlich, weil er ein Offizier ist. Mir gefällt er nicht, mir ist er zu 
klein und zu dick. Er ist nur um ein ganz kleines Stückchen größer 
als das Frl. St. Mir gefällt, wenn der Mann beinahe um einen Kopf 
größer ist als seine Frau, oder um einen halben, so wie unser Papa 
und unsere Mama. 

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29. Oktober: Wir haben soviel zu lernen, daß wir heuer gar 
keine Saisonkarten nehmen, sondern jedesmal extra zahlen, wenn wir 
aufs Eis gehen. Wenn wir nur wüßten, ob und wohin Er Eislaufen 
geht, Die Hella meint, vielleicht können wir es mit aller Vorsicht von 
seinem Kousin in der Turnstunde erfahren. Sie sind sehr oft zusammen 
im Kaffeehaus. Ich möchte wissen, wovon sie da reden, weil sie immer 
so lachen. Besonders wenn wir vorbeigehen. 

31, Oktober : Die Ada hat mir geschrieben. Sie ist sehr 
unglücklich. Sie ist wieder in St P., in einer Fortbildungsschule. 
Aber der Schauspieler ist nicht mehr dort. Sie schreibt, sie sehnt sich 
hinaus aus ihren Fesseln, die ihre Seele niederdrücken. Die Ärmste. ' 
Niemand kann ihr helfen. Das heißt, ihre Mama könnte ihr schon 
helfen, aber die will nicht. Das muß schrecklich sein. Die Hella meint, 
ihre Eltern werden ihr solang verbieten, zum Theater zu gehen, bis 
sie sich etwas antut; dann wird es besser sein. Ja, das ist wahr, was 
hat ihre Mama davon, wenn sie weiß, die Ada ist entsetzlich unglücklich. 
Und schließlich, warum soll sie nicht zum Theater gehen, da sie doch 
ein solches Talent hat? Ihre Lehrerinnen und Lehrer in der Bürger- 
schule haben sie immer riesig gelobt beim Deklamieren und einer hat 
direkt gesagt, sie hat schauspielerisches Talent. Und die 
Lehrer schmeicheln einem wirklich nicht; außer....; aber Er ist 
erstens auch kein gewöhnlicher Lehrer, sondern Professor, und zweitens 
ist Er eben ganz, ganz anders als alle anderen, Wenn er seinen Bart 
so streicht, da wird mir immer ganz kalt und heiß vor Wonne. Und 
wie er den Rock in die Höhe nimmt, wenn er sich niedersetzt. 
Entzückend, zum Küssen. Die Hella und ich legen abwechselnd unsern 
Federstiel heraus auf den Tisch, damit Er ihn durch seine Hand 
heiligt beim Einschreiben. Und wenn ich dann in der Rechenstunde 
damit schreibe, schaue ich nur immer die Hella an und sie mich und 
wir wissen sofort, was die andere meint. 

15. November: Weil heuteFeiertagist, schreibe ich endlich wieder. Wir 
haben soviel zu tun, daß ich gar nicht dazu komme. Und dann ist auch 
die Mama öfters krank. Sie liegt wieder seit vier Tagen und da ist es 
schrecklich still und öde. Da hätte ich Zeit zum Schreiben, aber ich habe 
keine Lust zum Schreiben. Sobald die Mama gesund ist, geht sie ins Lyz., 
nachfragen, wie wir im Lernen stehen. Ich freue mich riesig 
wegen S.-G. 

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28. November : Heute war die Mama in der Schule, auch bei 
Ihm. Ich habe sie zu Ihm hingeführt und Er war himmlisch. Er sagte: 
Ich bin sehr zufrieden mit Ihrer Tochter; sie ist sehr eifrig und talentiert, 
dazu blätterte er im Katalog, als ob Er erst nachschauen müßte. Aber 
Er weiß es bestimmt auswendig, wie jede ist. Das heißt, wie jede 
ist, natürlich nicht. Das kann niemand verlangen bei sovielen 
Schülerinnen ; und dann ist er doch auch in der Realschule, wo er 
noch viel mehr Buben hat. 

5. Dezember: Heute habe ich auf dem Eis die Goldfee gesehen. 
Sie ist sehr hübsch, aber so schön, wie sie mir voriges Jahr vorkam, 
ist sie wirklich nicht. Die Hella sagt, sie hat nie gewußt, wo ich 
eigentlich meine Augen halte. „Du warst einfach blind verliebt, und du hast 
nicht bemerkt, daß sie entschieden eine böhmische Nase hat," sagte 
die Hella. Aber das ist natürlich nicht wahr, nur habe ich eben jetzt 
einen ganz anderen Geschmack. Ich grüßte sie aber doch und sie 
war sehr lieb. Beim Sprechen ist sie wirklich entzückend, und dann 
finde ich Goldplomben riesig fein. Die Frau Dr. M. hat auch zwei 
und beim Lachen ist das himmlisch. 

8. Dezember: Die Dora könnte auch ihre dummen Witze bei 
sich behalten. Heute wie die Trobisch alle da sind und von der Schule 
geredet wird, sagt sie: „Oh, die Gretel schwärmt jedes Jahr für 
jemanden andern; voriges Jahr für die Frau Dr. Malburg und heuer 
für den Prof. Wilke. Jetzt ist die, Frau Dr. Malburg aus der Gnade 
gefallen." Wenn ich hätte wollen, da hätte ich schon anfangen können 
von den zwei Srudenten am Eis. Aber ich bin eben nicht so und habe 
sie mit Verachtung angesehen und ihr unter dem Tisch einen Stoß 
gegeben. Und sie ist so frech und sagt: „Was ist denn? Ach so, so 
zarte Herzensgeheimnisse darf man nicht auskramen. Na, Gretel, bei 
dir macht's nichts, in deinen Jahren nimmt man das noch nicht so 
ernsthaft." Aber jetzt ist ihr recht geschehen: Die Frau v. Tr. und 
der Papa haben heilaut aufgelacht und die Frau v. Tr. hat gesagt: 
„O, du Großmama, hast du schon im Spiegel deine weißen Haare 
angeschaut?" Ich habe furchtbar gelacht und sie hat sich so geniert, 
daß sie blutrot war und am Abend sagte sie zu mir, ich bin ein 
ungezogener Fratz. Dafür habe ich ihr nicht gesagt, daß sie ihr 
Aufsatzheft am Tisch liegen ließ; und morgen muß sie es abgeben, 
aber mir ist das alleseins, dafür bin ich ein ungezogener Fratz. 

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9. Dezember: Gott, das ist schrecklich. Die Hella ist heute nach- 
mittags um 2 Uhr ins Sanatorium Low gebracht worden und ist 
sofort operiert worden. Eine Blinddarraoperation. Jetzt hat gerade ihre 
Mama teiephoniert, daß alles glücklich vorüber ist. Aber die Professoren 
sagten, zwei Stunden später wäre es zu spät gewesen. Mir zittern 
die Knie und die Hände, wie ich das schreibe. Sie liegt noch in der 
Narkose. 

10. Dezember: Die Hella ist furchtbar schwach; es darf niemand 
zu ihr als ihr Papa und ihre Mama, nicht einmal die Lizzi. Und zu 
Nikolo waren wir noch so lustig und haben so viel Zuckerln gegessen, 
daß uns der Mund ganz sauer war. Aber davon kann sie unmöglich 
die Blinddarmentzündung bekommen haben. Am Montag abends, wie 
wir vom Turnen weggingen, sagte sie, es sei ihr gar nicht gut und 
gestern kriegt sie in der Nacht eihen Schüttelfrost und der Arzt sagt 
in der Frühe, augenblicklich in ein Sanatorium zur Operation. 

11. Dezember: In der Schule sind alle Kinder furchtbar aufgeregt 
wegen der Hella und die Frau Dr. St. war so lieb und hat deswegen 
die Mathematik-Schularbeit verschoben auf nächsten Dienstag. Am 
Sonntag gehe ich zur Hella. Sie sehnt sich sehr nach mir und ich 
mich nach ihr. 

12. Dezember: Sie ist noch immer so schwach und es freut sie 
gar nichts; ich habe ihr durch ihre Mama Rosen und Veilchen geschickt, 
die freuten sie sehr. 

14. Dezember: Heute war ich nachmittag von 2 bis Vi* Uhr bei 
der Hella. Sie ist ganz blaß und wie ich hineingekommen bin, haben 
wir beide furchtbar geweint. Ich habe ihr wieder Blumen gebracht und 
habe ihr auch sofort gesagt, daß der Professor W. sich immer, wenn 
er mich sieht, nach ihr erkundigt. Und die anderen Lehrkräfte auch 
besonders die Frau Dr. M. Und die Kinder wollen sie besuchen, aber 
das erlaubt ihre Mama nicht. Wenn ein Mensch im Bett liegt, so 
sieht er ganz anders aus als sonst, förmlich fremd. Ich sagte das auch 
der Hella und sie sagte : Wir können uns nie fremd werden, 
auch im Tode nicht. Da weinte ich wieder furchtbar und unsere 
beiden Mamas sagten, ich muß fortgehen, weil sich die Hella 
zuviel aufregt, 

15. Dezember: Heute war ich wieder bei der Hella. Sie steckte 
mir ein Brieferl zu, darin bat sie mich, ich soll aus ihrem Kasten das 

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Paket mit der Schreibmappe für ihren Papa und das Schlüsselliörbchen 
für ihre Mama nehmen und es ihr bringen, weil die Sachen noch 
nicht fertig sind bis Weihnachten. 

16, Dezember: Heute geht es der Hella schon besser. Ich muß 
ihr die Schreibunterlage ftir ihren Papa fertig malen. Gott sei Dank, 
daß ich es kann. Das Schlüsselkörbchen macht sie selber fertig, da 
ist nichts dran. 

18. Dezember: Bei Brückner sind sie alle furchtbar unglücklich, 
das ist ja wirklich kein Weihnachtsfest, wenn die Hella noch im 
Sanatorium sein müßte am Heiligen Abend. Es geht ihr nämlich seit 
gestern weniger gut, die Ärzte wissen nicht, wieso sie auf einmal 
wieder Fieber hat. Denn sie hat nichts gesagt, daß ich ihr 
Pralines gebracht habe, weil sie einen solchen Gusto darauf hatte. 
Aber ich habe jetzt solche Angst, daß sie am Ende nochmals operiert 
werden muß. 

19. Dezember: Ich war heute gleich nach der Schule bei Hella, 
weil ich die ganze Nacht nicht schlafen konnte vor Angst. Gott sei 
Dank, es geht ihr wieder besser. Der eine Doktor sagt, wenn sie in 
Privatpflege wäre, würde er unbedingt auf einen Diätfehler schheßen; 
aber im Sanatorium ist so etwas ausgeschlossen. Also war es doch 
von den Pralines und den zwei Marzipanstangen. Die Hella glaubt, 
von den Marzipanstangen, weil es doch große zu 20 Heller waren 
und weil Mandeln schwer im Magen liegen. Sie hat auch schon 
Magendrücken gehabt, wie ich noch dort war, aber sie wollte nichts 
sagen, weil sie doch selber schuld war, daß ich sie ihr gebracht habe. 
Also jetzt kann sie betteln, wie sie will, ich bringe ihr nichts mehr 
außer Blumen und von diesen kann sie doch nicht krank werden. 
Das heißt, wenn das wahr wäre von der „Blumen Rache". Aber so 
etwas gibt es wohl kaum und dann bring ich keine gefährlich 
riechenden' Blumen. 

20. Dezember: O, wie ich mich freue, übermorgen oder am 
Dienstag darf die Hella nachhause, damit sie wenigstens beim Christbaum 
sein kann. Jetzt weiß ich, was ich ihr gebe, einen Streckfauteuil, 
der Papa hat es mir erlaubt, denn so viel Geld habe ich nicht 
allein, aber der Papa gibt mir drauf, soviel ich brauche. Oh, der 
Papa ist einzig! Morgen geht er mit mir auf die Währingerstraße 
einen kaufen. 

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21. Dezember: Heute war ich nur ganz kurz bei der Hella, weil 
mich der Papa bald abholte. Zuerst war sie etwas beleidigt, aber 
dann merkte sie, daß ein wichtiger Grund da sei und da sagte sie: 
Aber nur nichts aus Marzipan. Und da hätte sie uns bald alle beide 
verraten. Denn der Papa fragte mich auf der Gasse: Warum hat die 
Hella das wegen des Marzipans gesagt? Und da sagte ich schnei!: 
Seit sie krank ist, hat sie einen furchtbaren Ekel vor allem Süßen. 
Gott sei Dank, hat der Papa nichts gemerkt. Aber mir ist es immer 
sehr unangenehm, wenn ich ihn anlügen muß. Erstens habe ich immer 
das Gefühl, er merkt es, und zweitens lüge ich ihn überhaupt nicht 
gern an. Der Sessel ist hochfein, ein türkisches Muster mit langen 
Quasten an der Rolle. Der Papa hat ihn wollen ganz zahlen, aber ich 
habe gesagt: Nein, das ist dann kein Geschenk von mir, und so 
habe ich fünf Kronen gezahlt und der Papa 37. Morgen wird er gleich 
zu Brückner geschickt. 

22. Dezember: Also morgen kommt die Hella. Sie war schon 
ein bischen auf, aber sie ist noch so schwach, daß sie sich beim 
Gehen in jemanden einhängen muß. Sie ist glücklich, daß sie nach- 
hause kommt, denn sie sagt, in einem Sanatorium hat man immer 
das Gefühl, als ob man sterben müßte. Da hat sie wohl recht. Wie 
ich das erstemal zu ihr gekommen bin, mußte ich auf der Stiege die 
Tränen zurückhalten. Und dann haben wir ja wirklich beide furchtbar 
geweint. Ihre Mama weiß schon von dem Sessel, aber er 
ist noch nicht geschickt worden. Wenn sie nur nicht vergessen im 
Geschäft. 

23. Dezember: Heute ist die Hella nachhause gekommen. Ihr 
Papa hat sie über die Stiege getragen und ich habe sie an der Hand 
gehalten. Und die 2 Parteien im Mezzanin sind herausgekommen 
und haben ihr gratuliert und der alte Hofrat im 2. Stock und 
seine Frau haben einen blühenden Fliederstock heruntergeschickt. 
Aber dann war sie so müde, daß ich schon um fünf Uhr fortging, 
damit sie Ruhe hatte. Morgen bin ich zum Christbaura zuerst bei 
ihnen und dann bei uns. Wegen der Hella haben die 
Br. schon um fünf Uhr Christbescherung und wir wie gewöhnlich um 
sieben Uhr. 

26. Dezember: Gestern und vorgestern konnte ich absolut nicht 
schreiben. Es war herrlich bei uns und der Hella. Was ich bekommen 

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habe, schreibe ich gar nicht auf, weil ich keine Zeit habe und es 
ohnedies weiß. Die Hella hat sich über den Streckfauteuii riesig 
gefreut, ihr Papa hat sie hinein ins Zimmer getragen und auf den 
Sessel gelegt. Und ihre Mama hat geweint. Es war erhebend. Eine 
schwere Krankheit hinter sich haben, ist großartig, wie alle sich um 
einen sorgen, man ist unbestritten der Mittelpunkt. Ich gönne es der 
Hella. Sie ist so entzückend. Gestern war ich den ganzen Tag dort 
und nach dem Essen, wie sie schlafen sollte, sagte sie: Mach dort 
die Lade am Schreibtisch auf, die unterste rechts, da liegt mein 
Tagebuch, wenn du darin blättern willst. Das werde ich ihr nie 
vergessen! Wir haben es ja eigentlich verabredet, daß wir einander 
gegenseitig unsere Tagebücher lesen lassen, aber bisher haben wir es 
doch nie getan; man geniert sich doch ein bischen voreinander, 
und weil man auch nach längerer Zeit sich nicht mehr genau erinnert, 
was man alles geschrieben hat. Also, sie schreibt immer nur ganz 
kurz, höchstens eine halbe Seite, aber wie; gerade das Wichtigste. 
Natürlich konnte sie nicht schlafen, sondern ich mußte ihr Verschiedenes 
aus ihrem Tagebuch vorlesen, besonders aus den Ferien, wo sie 
immer in Ungarn ist. Dort wird sie gefeiert. Von zwei Kadetten 
und ihren zwei Kusins. Und dann lachten wir über verschiedene 
Stellen so wahnsinnig, daß der Hella schon alles weh tat und ich 
aufhören mußte zu lesen. 

29. Dezember; Gestern haben wir uns wahnsinnig geärgert. Das 
war so. Wir spielen doch beide längst nicht mehr mit Puppen und 
solchen Sachen, aber wie ich im Kasten der Hella herumräume, stoße 
ich auf die Puppensachen ; sie liegen ganz unten und die Hella schaut 
sie gar nie an. Da nehme ich das kleine Pariser Modell heraus und 
sie sagt: Gib her, und bring alle Sachen dazu. Ich räume alles 
heraus auf ihr Bett und wir probieren so Verschiedenes. Da kommt 
meine Mama und die Dora. Na also, wie die hereinkommen, schaut 
dieDora ganz hämisch und sagt: Ah, bei ihrer Lieblingsbeschäftigung. 
Schau, Lizzi, ganz rote Wangen haben sie vor lauter Eifer beim 
Spielen. Das ist doch impertinent. Wir und spielen! Und selbst wenn 
wir gespielt hätten, so hat sie sich nicht zu mokieren. Die Hella hat 
sich auch riesig geärgert und sagte heute: „Man ist nie vor Spionen 
sicher; ich bitte dich, räum' alles so in den Kasten, daß ich nichts 
mehr sehe davon !" Es ist zu dumm, warum einem gerade immer die 

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p 



i 



Puppen so vorgehalten werden, als ob das eine Schande wäre. 
Schließlich versteht man eigentlich erst später, wie schön die Sachen 
alle gemacht sind; mit 7 oder 8 Jahren oder gar als kleines Kind, 
wo man sie bekommt, versteht man nichts davon, ob es schön und 
fein ist oder nicht. Also wie gesagt, mit dem heutigen Tage ist endgültig 
abgeschlossen mit den Puppen. Das fällt ohnedies gerade gut, denn 
übermorgen ist Neujahr. 

Und am meisten ärgert mich diese Frechheit derDora; daß die 
Lizzi gesagt haben soll : „Wir waren auch einmal glücklich damit," 
habe ich ganz überhört vor Wut. Aber vom Christbaum die besten 
Sachen wegessen, und zwar heimlich!!!, das habe ich gesehen, das 
macht nichts. Das schickt sich mit 15 Jahren. Ich habe aber gestern 
nach dem Nachtmahl eigens gefragt: Wo hängt denn das zweite 
Sandwich aus Marzipan; es waren bestimmt zwei. Und ich schaute 
sie solange an, bis sie ganz rot wurde. Und nach einer Weile sagte 
ich: der große Gemüsekorb ist auch verschwunden. Da sagte sie: 
Ja, den hab ich genommen, ich werd' doch dich nicht fragen, was 
ich nehmen darf. Und das Sandwich hat der Oswald genommen. 
Ich habe mich furchtbar geärgert und da sagte der Papa : Komm, 
Hexer], spül deinen Ärger mit dem zweiten Sandwich und einem 
Schluck Liqueur hinunter. Der Papa hat nämlich vom Großpapa einen 
Liqueur geschickt bekommen. 

30. Dezember : Das ist ein schöner Jahresschluß. Mich freut die 
ganze Schule nicht mehr. Also Urscheln sind wir verliebte und 
zudringliche Fratzen. Das ist der Dank dafür, daß wir die ganze Zeit 
Dienstag und Freitag schon um V^^ Uhr ins Lyzeum kamen wegen 
des Herrichtens und Abstaubens der Lehrmittel und dann sagt er so 
etwas. Ich werde er niemehr mit großem E schreiben; das verdient 
er gar nicht. Und das muß ich alles allein hinunterwürgen, denn die 
Hella darf ich absolut nicht aufregen. Eigentlich habe ich mich 
geärgert, daß die Mama es mir gesagt hat, aber andrerseits ist es 
doch gut, wenigstens weiß ich, was ich zu tun habe. Die Schwester 

von unserm Turnprofessor, der am Lyzeum ist, war zufällig 

auch bei der Dame, wo die Mama gestern war und da erzählt sie. 
ihr Kusin, der Dr. W. ärgert sich so über die Zudringlichkeit der 
Mädeln im Lyzeum. Solche Urscheln und die kleinen Fratzen aus 
der ersten Klasse fangen auch schon an. Deswegen unter- 

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richtet er lieber bei den Buben, die haben ihn auch gern, aber sie 
sind nicht so ekeihaft lästig. Also das weiß ich, ich werde ihn 
nicht mehr belästigen. Am Freitag, wenn wir wieder Unterricht haben, 
gehe ich zwei Minuten vor neun Uhr hinüber und trag, ohne ein 
Wort zu reden, die Sachen in die Klasse. Und der Kalinsky werde 
ich es auch sagen, daß wir ihm so ekelhaft lästig sind. Überhaupt, 
als ob wir in der ersten Klasse wären ! 

1. Jänner 19 . .: Das mit dem Prof. W. ärgert mich wütend. Die 
Hella fragte gestern so oft, was ich habe, ich sei anders als sonst. 
Aber Gott sei Dank, ich verriet nichts. Das muß ich um ihrej: 
Gesundheit willen verschlucken, und wenn ich davon krank würde. 
Überhaupt was liegt mir denn jetzt am Leben. Wenn die Menschen 
so falsch sind. Ins Gesicht war er immer so lieb und nett, einfach 
entzückend; wenn ich denke, wie er sich immer um die Hella 
erkundigt hat und dabei diese Falschheit ! ! ! Wenn die Hella das 
wüßte. Also morgen! 

2. Jänner: Ich habe ihn furchtbar behandelt. Angeklopft — 
Guten Morgen, Herr Prof., bitte, was brauchen wir zur Stunde? Er 
sehr freundlich: Heute nichts besonders. Nun, wie war denn das 
Christkindel? — Ich: Danke, wie immer. — Er dreht sich um und 
schaut mich an: Scheint aber nicht so zu sein; nach Ihrer Miene zu 
urteilen. — Ich: Das hat andere Gründe. — Er: Ah, so. Er kann 
leicht Ah so, machen. Denn er hat keine Ahnung davon, daß ich 
weiß, wie er von uns redet. 

6. Jänner: Heute durfte die Hella zum erstenmal ausfahren. Es 
geht ihr schon sehr gut und Mitte Jänner will sie in die Schule 
kommen. Vorher muß ich es natürlich sagen, die wird Augen 
machen. Gestern fragte sie ohnehin schon: Fragt der S. G. jetzt 
nicht mehr nach mir? — O ja, lüge ich, aber nicht mehr so oft. Und 
sie sagt: Da sieht man, aus den Augen, aus dem Sinn. Wenn sie 
erst die Wahrheit erfährt. Jedenfalls sage ich es ihr erst, wenn sie 
schon ganz gesund ist. 

10. Jänner: Jetzt habe ich es der Hella doch sagen müssen, das 
war so: Sie schwärmt furchtbar vom S. 0. Und zuerst sage ich gar 
nichts; da sagt sie: Was machst denn du für ein Gesicht? Darfst da 
nicht mehr die Lehrmittel tragen? — Ich: Dürfen? Natürlich darf 
ich, aber ich will sie nicht mehr tragen. Ich habe nicht einmal der 

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Hella gesagt, wie ich mich kränke; denn ich habe ihn wahnsinnig 
geliebt. ^ 

12. Jänner: Die Hella muß ihn ebenfalls wahnsinnig geliebt 
haben, oder vielmehr noch immer lieben. Sie war am Sonntagabends 
so aufgeregt, daß ihre Mama geglaubt hat, sie wird rezitiv. Sie hatte 
nämhch Schmerzen und dabei Diarrö. Gott sei Dank, sie hat es 
ebenso überwunden wie ich. Sie sagte heute: Kränken wir uns nicht 
weiter. Wir haben unsere Gefühle (nicht Liebe!!) an einen Unwürdigen 
verschwendet. In solchen JVlomenten ist sie großartig, noch dazu 
jetzt, wo sie noch so blaß ist. Übrigens ist sie in den Ferien und 
jetzt in ihrer Krankheit riesig gewachsen. Früher war eher ich die 
Größere und jetzt ist sie um einen Viertelkopf größer als ich. Die 
Dora ärgert sich sehr, daß ich und sie beinahe gleich groß' sind. 
Dadurch sehe ich eben älter aus als I2V2 Jahre; Gott sei Dank. Die 
Hella darf nicht am 15. Jänner in die Schule gehen, sondern ihre 
Mama fährt mit ihr auf 14 Tage oder drei Wochen an die Riviera. 
18. Jänner: Das ist gräßlich öde, wenn die Hella nicht da ist 
Eigentlich merke ich das erst recht seit ihrer Krankheit. Mir ist es 
immer, als ob sie jetzt wieder krank wäre. Sie ist mit ihrer Mama 
nach Meran gefahren und kommt Anfangs Februar zurück. 

24. Jänner: Seit die Hella krank ist, d. h. eigentlich erst seit sie 
weggefahren ist, gehe ich immer mit der Hübner Fritzi. Die ist sehr 
nett, was ich voriges Jahr gar nicht wußte. Bis die Hella wieder 
kommt, sitzt sie neben mir. Denn Alleinsitzen in einer Bank ist 
furchtbar. Die Fritzi weiß schon ziemlich viel. Im Anfang wollte sie 
nichts davon reden, weil doch gewöhnlich ein Tratsch herauskommt. 
Ihr Bruder hat ihr alles gesagt. Er ist sehr fesch und heißt Paul. 

29. Jänner: Gestern war Eisfest und da durften wir gehen, ich 
und die Dora. Ich bin meistens mit der Fritzi und dein Paul gelaufen 
und habe zwei Preise bekommen, einmal mit dem Paul zusammen. 
Und einmal mit fünf anderen Mädchen, wo wir Wette liefen. Der 
Paul ist riesig gescheit, er sagt er geht zum Militär und wird Flieger. 
Das ist noch feiner als im Generalstab. Ihr Papa ist Major und er, 
der Paul, hätte eigentlich in die Militäranstalt kommen sollen, aber 
sein Großpapa hat es nicht erlaubt. Er soll sich einmal frei entscheiden. 
Aber natürlich wird er doch Offizier. Die meisten Buben werden das, 
was ihr Papa ist. Nur der Oswald geht vielleicht zur Marine. Ich 

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möchte übrigens wissen, was der Papa gemeint hat, wie er nämlich 
einmal zur Mama sagte: Mein Gott, mir ist's nicht darum zu tun. Ich 
tu's nur wegen dem Oswald. Die beiden Mädeln haben ja auch 
nicht viel davon. 

3. Februar; Jetzt lese ich gerade das vom Papa. Ich denke es 
mir übrigens schon, was es ist. Ich glaube, der Papa will entweder 
ein großes Los oder vielleicht ein Haus kauien. Aber davon haben ich 
und die Dora doch auch etwas, denn das gehört doch dann nicht 
dem Oswald allein. 

4. Februar: Gestern habe ich die Mama gefragt. Aber sie sagt, 
sie wisse von nichts; wenn es etwas ist, was uns betrifft, wird es 
uns der Papa schon sagen. Es muß doch etwas sein, denn sonst hätte 
die Mama nicht am Abend dem Papa erzählt, daß ich sie gefragt 
habe. Diese Heimlichkeiten kann ich nicht leiden. Warum sollen wir 
denn nicht wissen, daß der Papa ein Haus kaufen will. Der Großpapa 
der Fritzi hat in Brunn und in Iglau ein Haus. Aber die Fritzi ist 
sehr einfach angezogen und ihre Mama auch. 

9. Februar: Gott sei Dank, morgen kommt die Hella, gerade 
noch vor ihrem Geburtstag. Glücklicher Weise darf sie schon wieder 
alles essen und so bekommt sie von mir eine riesige Düte Bonbons 
vom Viktor Schmid mit einer silbernen Zuckerlzange. Ich und die 
Mama holen die Hella auf der Bahn ab. Sie kommen um 8 Uhr 20. 

10. Februar: Ich freue mich riesig, heute kommt die Hella. 
Beinahe hätte ich sie nicht abholen können, weil der Mama gerade 
heute nicht gut ist. Aber der Papa fährt mit mir. Die Fritzi wollte 
morgen nachmittags auch kommen, aber das geht nicht. Sie ist ja 
ein sehr liebes Mädel und ihr Bruder ist auch riesig lieb, aber am 
ersten Tag, wenn die Hella wieder da ist, müssen wir unbedingt 
allein sein. Das hat sie mir auch im letzten Brief ausdrücklich 
geschrieben. Sie war über drei Wochen fort. Das ist furchtbar lang. 
wenn man sich gern hat. 

15. Februar: Ich komme gar nicht zum Schreiben, weil die Hella 
und ich alle freie Zeit beisammen sind. Gestern bekamen wir die 
Semesterzeugnisse. Die Hella hat natürlich keines bekommen. Ich 
habe mit Ausnahme von Geographie und Geschichte lauter Eins, auch 
in Naturgeschichte, obwohl ich seit Neujahr keine Zeile mehr gelernt 
habe. Ich hasse die Naturgeschichte. Wenn die Hella im zweiten 

66 ^ 



Semester wieder in die Schule kommt, so werden wir den einstigen 
S.-G. ersuciien, uns von dem Tragen der Lehrmittel abzubestellen. 
Die Hella ist noch zu schwach dazu. Die Hella ist jetzt schon 13 
geworden und der Papa sagt, sie wird ein bildhübsches Mädel werden. 
Werden, sagt der Papa; sie ist es doch schon. Jetzt ist sie von 
der warmen Sonne im Süden ganz abgebrannt und es steht ihr, aber 
wirklich nur ihr, wunderbar. Denn sonst kann ich es nicht ausstehen, 
wenn eines so abgebrannt ist. Aber der Hella steht wirklich alles 
gut; wie sie im Sanatorium so blaß war, da war sie schön; und jetzt 
ist sie ebenfalls schön, nur ganz anders schön. Überhaupt da hat der 
Oswald recht, wenn er sagt; An dem Grade, in dem ein Mädel das 
Abbrennen verträgt, ohne in ihrer Schönheit zu leiden, kann man 
ihre Schönheit messen. Er hat das zwar immer gesagt, wenn er mich 
und die Dora ärgern wollte in den Ferien, aber Recht hat er ganz 
entschieden. 

20. Februar: Vorgestern hat das zweite Semester begonnen. Alle 
waren riesig nett zur Hella, und die Frau Dr. M. hat sie auf den 
Wangen gestreichelt und so lieb an sich gezogen. Und jetzt kommt 
die Hauptsache. Heut war Naturgeschichtsstunde. Wie wir anklopfen 
und ins Lehrmittelzimmer kommen, sagt der Prof. W.: Ah, Sie Brückner 
das ist schön; jetzt schauen Sie nur, daß Sie nicht mehr solche böse 
Geschichten machen. Wie geht es Ihnen? Und die Hella: „Ich danke, 
Herr Prof., es geht mir gut." Und wie ich sie anschaue, macht sie ein 
furchtbar ernstes Gesicht und er sagt: Mir scheint die schlechte Laune 
Ihrer Freundin hat Sie angesteckt? — Die Hella: „Herr Prof. sind 
zu gütig, aber wir wollen nicht lästig fallen. Was haben wir hinüber- 
zutragen? Und dann bitten wir auch um Enthebung von unserem 
Posten, weil ich mich dazu zu schwach fühle." Sie sagt das so 
militärisch, wie sie es von ihrem Papa gewöhnt ist. Und das klingt riesig 
vornehm. Er schaut uns an und sagt: Ist schon recht, es werden sie 
zwei andere Schülerinnen ablösen. „Wir wissen nicht, hat er es garnicht 
gemerkt, oder will er es nur nicht zeigen. Aber wie wir die Tür 
zumachten, war mir doch gräßlich leid; denn es war das letztemal, 
das allerletztemal. 

27. Februar : Heute habe ich in Naturgeschichte nicht 
genügend bekommen. Ich bin gar nicht geprüft worden, sondern 
wie dieKlaiber nichts gekonnt hat, habe ich gelacht und da sagt er: 

5* 

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Also Lainer korrigieren Sie diesen Unsinn. Weil ich aber gerade an 
etwas ganz anderes gedacht habe, so weiß ich nicht, wovon die Rede ist 
und bekomme gleich ein Nichtgenügend. Natürlich früher hätte das 
nichts gemacht; aber jetzt seit .... die Hella und die Franke haben 
mich riesig getröstet und gesagt: „Das gibt's nicht, das war keine 
Prüfung; er muß dich noch einmal ordentlich prüfen." Allerdings 
meint die Franke, wenn ich es noch so gut lerne, so kann ich froh 
sein, wenn er mir Genügend gibt. Eine solche Niederlage 
vergißt kein Professor. Wir haben ihr nämlich das von den Urscheln 
erzählt. Damals hat sie zwar gesagt, wir haben es zu auffallend 
getrieben. Das ist aber wirklich nicht wahr. Aber jetzt nimmt sie doch 
unsere Partei, weil sie einsieht, daß wir im Recht waren. Jetzt tragen 
die Verbenowitsch und die Bennari die Sachen. Ja, die sind viel 
besser dafür. Der Papa der Hella hat es ohnedies nicht gern gesehen; 
er sagt : dazu ist der Schuldiener oder die Schuldienerin da — den 
wir das ganze Jahr nie sehen, das ist köstlich. 

8. März; Heuer ist Ostern erst am 16. April. Ich fahre mit den 
Brückner nach Cilli, dort haben sie nämlich außerhalb der Stadt einen 
Weingarten mit einem Landhaus. Die Hella braucht notwendig eine 
Erholung. Ich freue mich riesig. Dort blüht schon im halben März 
alles, oder anfangs April. 

12. März: Die Hella ist nicht aufrichtig. Heute begegnen wir 
einen Herrn, sehr fein, rait einem goldenen Zwicker und blonden 
Schnurrbart. Die Hella wird blutrot und der Herr grüßt und sagt: 
Ah, Fräulein Helenchen, Sie sehen ja sehr gut aus. Wie geht es Ihnen? 
Mich schaut er nicht einmal an und wie er weg ist, sagt sie: „Das 
war der Dr. Fekete, der bei meiner Operation assistiert hat." — „Und 
das sagst du mir erst jetzt?" Das stellt sie sich ganz unschuldig und 
sagt: „Nun ja, natürlich, wir haben ihn ja vorher nie gesehen", da 
sage ich; »Also das meine ich nicht. Wenn du wüßtest, wie rot du 
geworden bist, würdest du nicht leugnen." Da sagt sie : „Was leugne 
ich denn? Glaubst du, ich bin verliebt in ihn? Keine Spur." — Also, 
wenn man nicht verliebt ist, braucht man doch nicht so rot werden. 
Ich werde jedenfalls auch nicht mehr alles sagen; ich kann auch 
schweigen. 

14. März: Wir haben gestern weniger geredet als sonst; besonders 
ich war schweigsam. Da läutet es heute um 5 Uhr, wie ich gerade 

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die Übersetzung mache und die Hella kommt und bittet mich um 
Verzeihung und bringt mir herrliche Veilchen. Also natürlich habe 
ich ihr verziehen. Das war eigentlich das erstemal, daß wir etwas 
böse waren. Erst wollte sie mir Bonbons bringen, aber dann entschied 
sie sich für Veilchen und ich finde das auch viel feiner und zarter. 
Zuckerln gibt man einen kleinen Kind, wenn's sich wehgetan oder 
zornig ist. Aber Blumen sind für Kinder nicht. 

19. März: Die Frieda Belay ist gestorben. Wir sind alle ganz 
aufgeregt. Wir haben ja nie näher verkehrt mit ihr, aber jetzt wo sie 
gestorben ist, denkt man doch, daß es eine Mitschülerin war. Sie ist 
an Herzschwäche infolge Gelenksrheumatismus und Muskelentzündung 
gestorben. Wir waren alle bei ihrem Begräbnis, nur die Hella durfte 
nicht. Die Mama der Belay hat furchtbar geweint und ihre Großmama 
noch mehr; und auch ihr Papa hat geweint. Wir haben einen 
Kranz mit weißen Rosen gegeben und einer schönen Inschrift : Der 
Tod hat dich in deiner schönsten Blüte entrissen — Deinen Kolleginnen. 

Ich habe heute zu nichts eine Lust. Ich habe die Belay nicht 
mehr gesehen, aber die Franke war gestern oben und hat sie im Sarg 
aufgebahrt gesehen. Und sie sagt, sie wird diesen Anblick nie 
vergessen, sie hat beinahe einen Herzkrampf bekommen. Und in der 
Kirche hat wirklich die Lampl einen Weinkrampf bekommen, weil ihre 
Mama erst vor 4 Wochen begraben wurde und da hat sie sich jetzt 
wieder an alles erinnert und sich schrecklich aufgeregt. Ich habe auch 
bei der Hella sehr geweint. Sie glaubt, weil ich gedacht habe, sie 
hätte auch im Dez. sterben können. Aber das war es nicht, an so 
etwas denke ich doch nicht. Aber wenn jemand stirbt, so ist das 
überhaupt so schrecklich traurig. 

24. März: Das ist doch unerhört! Ich kann nicht mit der Hella 
nach Cilli fahren. Ihre Mama war nämlich bei ihrer Kusine, und wie 
die hört, daß sie zu Ostern nach Cilli fahren, bittet sie sie, daß sie 
die Melanie mitnehmen. Das heißt, sie hat nicht direkt gebeten, aber 
so lange herumgeredet, bis die Mama der Hella gesagt hat: Laß die 
Melanie mit uns fahren, das wird ihr sehr gut tun nach ihrer heurigen 
Krankheit. Sie hatte nämlich im Winter einen Lungenspitzenkatharr. 
Die Hella und ich hassen sie, weil sie furchtbar spioniert und falsch 
ist. Und da fahre ich natürlich absolut nicht mit. Und die Hella sagt 
es auch, es tut ihr furchtbar leid, aber wenn d i e mit ist, können wir 

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so kein Wort reden ; da ärgern wir uns nur halb tot. Und sie ist ganz 
einverstanden, daß icti nicht fahre. Aber es ärgert mich sehr, denn 
erstens fahre ich furchtbar gerne mit der Hella zusammen und zweitens 
fahre ich überhaupt gerne zu Feiertagen weg, weil fast alle Kinder 
unserer Klasse fortfahren. Also ist es nichts damit. Denn wie die 
Mama der Hella meint, sie sieht nicht ein, warum wir nicht alle 3 
fahren können, das geht einfach nicht. Aber das können wir ihre nicht 
erklären. Die Hella ist so poetisch und da sagt sie: „Also ein schöner 
Traum zerstoben". 

An der Hella sind solche große Worte herrlich, an der Dora 
ärgern sie mich fürchterlich, weil sie ihr nicht vom Herzen kommen. 

26. März: Heute sind die Schüleryorstellungen geschlossen 
worden mit Des Meeres und der Liebe Wellen. Ich gehe sehr gern 
ins Theater, aber niederschrieben tue ich mir nie etwas davon. Denn 
das Stück ist ja ohnedies von einem Dichter, und da kann man es 
ja nachlesen, wenn man will und das übrige merkt man sich sowieso. 
Was die Dora immer nach dem Theater am nächsten Tag soviel zu 
kritzeln hat, begreife ich nicht. Wahrscheinlich ist sie in nirgend einen 
Schauspieler verliebt und schreibt deshalb so viel. Übrigens haben 
wir, die II. Kl. nicht für alle Vorstellungen Karten bekommen, sondern 
nur die Mädchen von der IV. aufwärts. Aber das machte mir nicht 
sehr viel, weil wir ja außerdem am Abend öfters gehen und Sonntag 
nachmittags. Abends darf ich nur leider gewöhnlich nicht mitgehen. 

29. März; Heute ist der Dora und mir etwas Gräßliches passiert. 
Ich kann es gar nicht niederschreiben. Sie war sehr nett und sagte: 
Vor zwei Jahren ist ihr in der Stadtbahn dasselbe passiert, wie sie 
mit der Mama einmal, es war am 15. Februar, das merkt sie sich 
ewig, zur Frau v. Martini nach Hietzing gefahren ist. Außer ihr und 
der Mama war nur noch ein Herr im Waggon, die Mama fährt 
nämlich immer il. Kl. Sie sitzen nebeneinander und der Herr steht 
im zweiten Teil, so daß Mama Jiicht hinsehen konnte. Und wie die 

Dora hinschaut, macht er den Mantel auf und ! also dasselbe 

wie heute der Herr unter dem Haustor. Und wie sie aussteigen, bleibt 
die Boa der Dora in der Tür stecken und sie dreht sich noch einmal 

um, obwohl sie garnicht wollte, und da sieht sie wieder ! Sie 

hat damals einen ganzen Monat nicht schlafen können. An das kann 
ich mich sehr gut erinnern, aber nur wußte ich nicht warum. Sie hat 

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es auch nie jemanden gesagt, außer der Erika und der war das auch 
schon passiert. Die Dora sagt, das passiert beinahe jedem Mädchen 
wenigstens einmal; und solche Männer sind „nicht normal". Ich 
weiß nicht recht, was das heißt, aber fragen wollt ich doch lieber 
nicht. Vielleicht weiß es die Hella. Ich habe natürlich nicht genau 
hingeschaut, aber die Dora hat sich geschüttelt und hat gesagt: Und 
das muß man ertragen. Und dann sagte sie zu mir im Gespräch, 
daß die Mama davon krank ist und weil sie fünf Kinder gehabt 
hat. Da war ich sehr dumm und fragte: „Ja, wieso davon?" Davon 
kriegt man doch nicht die Kinder? „Natürlich", sagte sie »ich habe 
geglaubt, du weißt das schon. Damals wie der Skandal mit der Mali 
war wegen des Gürtels, meinte ich, da hättet Ihr, du und die Hella 
alles erfahren." Und jetzt war ich wieder sehr dumm d. h. schon 
blöd; statt zu sagen, was ich wirklich weiß, sagte ich: „Jawohl, ich 
weiß alles, nur das nicht." Da lachte sie sehr und sagte: „Na, da ist 
es mit Euren Kenntnissen nicht weit her". Und sie machte endlich 
ein paar Andeutungen. Wenn das wirklich so ist, dann hat die 
Dora recht, wenn sie sagt, es ist besser, man heiratet nicht. Verlieben 
kann und muß man sich, aber man löst die Verlobung einfach wieder 
auf. Ja, das ist ein Ausweg, da kann niemand sagen, die hat keinen 
Mann bekommen. Wir sind so oft vor dem Lyzeum auf- und abgegangen, 
daß wir beinahe zu spät kamen, gerade erst beim Läuten. Beim 
Nachhausegehen erzählte ich der Hella die Gemeiniieit von diesem 
Manne. Sie weiß auch nicht, was das in dieserHin sieht eigentlich 
bedeutet: „Nicht normal". Wir nehmen es aber jetzt als Zeichen für 
etwas Greuliches. Da versteht uns niemand. Und dann erzählte mir 
die Hella von einem Betrunkenen, der in Nagy K . . . . so durch die 
Straßen des Ortes ging und vom Gendarmen eingeführt wurde. Sie 
sagt auch einen solchen Anblick vergißt man nie, nie mehr. 
Vielleicht war der heute früh auch betrunken, aber eigentlich sah er 
nicht so aus. Und wenn er das nicht getan hätte, hätte man ihn 
überhaupt für einen feinen Herren gehalten. Die Hella weiß das auch, 
daß man davon die Kinder bekommt. Sie hat mir alles erklärt, und 
jetzt kann ich wohl begreifen, daß man davon krank werden muli. 
Gestern war es schon nach 11 Uhr abends und so schreibe ich das 
alles erst heute zu Ende. Die Hella sagt: Das ist die Erbsünde und 
das haben auch Adam und Eva begangen, diese Sünde. Ich habe 

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bisher immer geglaubt, die Erbsünde ist etwas ganz anderes. Aber 
das ~ das. Ich bin seit gestern furchtbar aufgeregt, ich sehe das 
immer vor mir; eigentich hab ich gar nicht hingeschaut, aber ich 
muß es doch gesehen haben. 

30. März: Ich weiß nicht, wieso, heute in der Geschichtstunde 
fiel mir wieder alles das ein und was die Dora vom Papa gesagt hat. 
Aber ich kann mir das gar nicht vorstellen. Wegen des Papas ist es 
mir eigentlich unangenehm, daß ich das weiß. Vielleicht ist doch 
nicht alles so, wie die Dora und die Hella sagen. Im allgemeinen 
kann ich mich zwar auf die Hella verlassen, aber sie kann sich ja 
auch einmal irren. 

1. April: Heute hat mir die Dora viel erzählt. Sie ist jetzt ganz 

anders zu mir als früher. Man sagt nicht P , sondern M 

P sagen bloß die ordinären Leute oder man kann auch sagen, 

man ist entwickelt. Also die Dora hat die M schon seit 

vorigem Jahre im August und es ist greulich unangenehm, weil jeder 
Herr es einem anmerkt. Deshalb haben wir im Lyzeum auch nur 3 Herren 
als Professoren und sonst lauter Doktorinnen und Fräulein. Jetzt hat die 

Dora die M manchmal gar nicht, dann wieder sehr stark 

und das ist eben die Bleichsucht. Wenn alle Herren das wissen, dann 
ist das furchtbar interessant. 

4. April: Wir reden jetzt von solchen Dingen, die Dora weiß 
entschieden mehr als ich, d. h. nicht mehr, aber viel genauer. Aber 
ganz aufrichtigi ist sie doch nicht. Wie ich sie frage, von wem sie 
das alles weiß, ob von der Erika, oder der Frieda, sagt sie „Aber 
keine Idee; das reimt sich doch jedes selbst zusammen; man braucht 
nur die Augen aufmachen und die Ohren. Und ein bissei Verstand 
hat man doch auch". Also mit dem Schauen und Horchen ist wirklich 
nichts erreicht. Denn geschaut habe ich wirklich immer und gar so 
ohne Verstand bin ich doch auch nicht. Jemand muß es einem schon 
sagen, von selber kann man nicht draufkommen. 

6. April: Ich mache mir jetzt garnichts aus dem Besuchemachen. 
Sonst smd wir immer gern zu Richters gegangen, aber heute war es 
mir fad. Jetzt verstehe ich übrigens erst, warum die Dora nicht 11. Kl. 
Stadtbahn fahren will. Ich habe immer geglaubt, sie tut es mir justament, 
weil ich sehr gern II. Kl. fahre. Seit damals wo ihr das passiert ist, 
will sie nicht fahren. So tut man manchmal wirklich jemanden 

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Unrecht, der es gar nicht so meint. Aber warum hat sie mir nicht 
die Wahrheit gesagt? Sie sagt, weil ich damals noch ein Kind war. 
Nun ja, aber heuer im Winter, wo ich mich so ärgerte, daß wir nach 
Schönbrunn III, Kl. fuhren; da habe ich wirklich geglaubt, sie tut es 
mir zu Fleiß, denn daß sie sich immer fürchtet, in der II. Kl., wo 
man oft allein fährt, könnte einer plötzlich mit einem offenen Messer 
hervorfahren, das glaubte ich doch natürlich nicht. Aber jetzt verstehe 
ich sie recht gut, denn die Wahrheit konnte sie doch der Mama, oder gar 
dem Papa nicht sagen. Und im Winter und im Frühling fahren oft 
wirklich fast keine Leute in der Stadtbahn, besonders auf der Güdellinie. 

7. April: Die Mama sagt heute, wir, besonders ich, seien gestern 
schrecklich fad und blöd gewesen bei Richters. Warum wir immer 
Blicke gewechselt haben? Dies sei höchst unpassend. Ja, wenn sie 
wüßte, an was wir gedacht haben, wie die Frau Hofrätin Richter 
gesagt hat, heuer ist die Witterung entschieden^iicht normal; 
eine solche abnormale Wärme sei schon seit Jahren nicht gewesen. 
Und dann wie der Herr Hofrat nachhause kommt und von seinem 
Bruder erzählt, der den ganzen Winter am Hochschneeberg war und 
sagt: Ah, mein Bruder ist ja nicht normal, der hat ein Radi zuviel, 
da habe ich wirklich geglaubt, ich muß herausplatzen. Zum Glücke hat 
die Frau R. uns nochmals furchtbar viel Bäckerei herausgeladen und 
da habe ich mich recht tief über den Teller gebeugt. Und da sagt 
die Mama, ich habe so gierig gegessen, als ob ich zu hause nie eine 
Bäckerei bekäme. Also, da hat mir die Mama schon sehr unrecht 
getan, mir war's gar nicht um die Bäckerei zu tun. Die Dora sagt 
auch, ich muß mich besser verstellen, ich soll sie immer anschauen, 
von ihr kann ich es ausgezeichnet lernen. Ja, da hat sie wohl recht, 
aber warum denn eigentlich? Sollen die Leute nicht solche Worte 
gebrauchen, die ganz etwas anderes heißen, dann braucht der andere 
sich nicht verstellen. Also, lernen muß ich es auf jeden Fall. 

8. April: Wir sind heute furchtbar erschrocken; auf einmal wird 
um Va^ Uhr in der Frühe telephoniert aus dem Lyzeum, der Dora 
ist plötzlich in der Lateinslunde plötzlich sehr unwohl geworden, sie 
möchte mit Wagen geholt werden. Die Mama fährt gleich im Auto 
hin und ich mit ihr, weil ich ja ohnedies um 9 Uhr Stunde habe 
und die Dora Hegt in der Kanzlei auf dem Sopha und die Frau Direktorin, 
sitzt bei ihr und die Freundin der Frau Direktorin, die Frau Dr. Preisky, 

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die ist nämlicli Ärztin, und sie haben ilir die Kleider aufgemacht und 
einen Umschlag auf den Kopf gegeben, denn sie ist plötzlich in der 
Lateinstunde ohnmächtig geworden. Das ist im heurigen Jahr schon 
das drittemal, also muß es doch wahr sein, daß sie bleichsüchtig ist. 
Ich wollte mit nachhause fahren, aber die Mama und die Frau Dr. P. 
haben gesagt, ich soll nur in die Stunde gehen. Und dann hat noch 
die Frau Dr. R, wie ich hinausging, gesagt: „Das ist ein gesundes, 
kräftiges Mädchen, ein lieber Kerl." Das sagt man eigentlich nur von 
Buben und Herren, aber sie ist das wahrscheinlich so gewöhnt, weil 
sie doch immer mit lauter Herren zusammen ist. Wenn man Medizin 
studiert, muß man das alles lernen und anschauen. Das muß eigentlich 
gräßlich sein. 

Die Dora liegt heute im Bett und der Dr. hat auch bestätigt, 
daß sie bleichsüchtig ist. Morgen oder übermorgen geht die Mama 
mit ihr zum Professor. Die Dora sagt, ohnmächtig werden ist ein 
herrliches Gefühl. Auf einmal hört man nichts reden und man wird 
ganz schwach und dann weiß man überhaupt nichts mehr. Ob ich 

ich auch einmal ohnmächtig werde? Wahrscheinlich, wenn — 

Wir haben viel geredet von allem, was uns interessiert. Nachmittag 
war auch die Hella da, sich nach der Dora erkundigen und sie findet 
sie im Bett sehr schön, so leidend und dabei so fein und vornehm. 
Ja, das ist wahr, vornehm schauen wir alle aus. 

9. April: Heute ist der Hochzeitstag von Papa und Mama. 
Jetzt verstehe ich erst, was das eigentlich heißt. Die Dora sagt, daß 
es unmöglich wahr sein kann, daß das der schönste Tag ist, wie alle» 
besonders die Dichter immer behaupten. Sie meint, man muß sich doch 
gräßlich genieren, weil doch alle Leute wissen ... Das ist richtig 
und man braucht ja auch schließlich niemanden sagen, wann man 
seinen Hochzeitstag hat. Die Dora sagt, sie würde ihren Kindern nie 
sagen, wann ihr Hochzeitstag ist. Das wäre aber doch schade, wenn 
alle Eltern das so hielten, weil dann in jeder Familie um ein Fest 
weniger wäre. Und je mehr Feste, desto lustiger ist es. 

10. April: Morgen fahr' ich mit dem Papa nach Salzburg. Die 
Dora kann nicht mitfahren, weil man doch nicht weiß, ob sie nicht 
am Ende während der Fahrt ohnmächtig wird. Mir ist es ganz recht. 
obwohl ich ihr nichts Schlechtes wünsche und sie mir leid tut, aber 
am liebsten fahre ich mit dem Papa allein. In Salzburg war ich noch 

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nicht länger. Ich freue mich schon riesig. Unsere Frühjahrskostüme 
sind prachtvoll schön, dunkelgrün mit grün und goldbraun gestreiftem 
Seidenfutter und dazu hellbraune Stiohhüte mit Maßliebchen für den 
Frühling und später kommen Kirschen oder Rosen drauf. Mein Tage- 
buch nehme ich mit, damit ich mir alles aufschreiben kann, was 
mich interessiert. 

12. April: Die ganze Fahrt habe ich verschlafen. Der Papa sagt, 
ich habe gräulich geknistert und mich herumgeworfen; aber davon 
weiß ich nichts. Wir haben ein Coupe für uns allein gehabt, nur 
ein Herr ist zuerst noch mitgefahren. Die Hella ist nicht mitgefahren, 
weil ihre Tante, die im Fasching geheiratet hat, mit ihrem Mann auf 
Besuch kommt. Es ist mir eigentlich ganz recht, ich bin so gern mit 
dem Papa ganz allein. Heute nachmittag waren wir in Hellbrunn und 
im Felsentheater, Das ist wunderbar. 

13. April: Der Papa sagt immer zu mir: Mein Hexerl! Aber vor 
anderen Leuten habe ich es nicht gern. Heute waren wir auf dem 
Gaisberg. Es war herrlich schön, die Aussicht großartig. Wenn ich so 
eine weite Aussicht sehe, wird mir immer ganz traurig zumute. Daß 
es soviele Menschen gibt, die man gar nicht kennt und die vielleicht 
auch sehr nett sind. Ich möchte immerfort reisen; das wäre herrlich. 

14. April: Heute habe ich mich beinahe verirrt. Der Papa schrieb 
einen Brief an die Mama und ich durfte hinunter in die Salzachanlagcn 
gehen; ich weiß nicht, wie das kam, auf einmal war ich ganz weit 
draußen, wo ich mich nicht auskannte. Da hat mich ein alter Herr 
gefragt, was ich suche; weil ich nämlich dreimal an demselben Plalz 
vorbeikam. Da sagte ich, daß wir im Hotel „Zur Post" wohnen und 
ich wisse nicht, wie ich hinkomme. Da ging er mit mir und wie wir 
so reden, kommt heraus, daß er den Papa kennt noch von der 
Universität her. Da ging er gleich mit mir und der Papa freute sich 
sehr. Er ist Advokat in Salzburg, aber er hat schon einen grauen 
Bart. Und beim Weggehen sagte er leise zum Papa: Jch gratuliere 
dir zu deinem Töchterl; die wird was ganz Besonderes werden!" Er 
hat zwar ganz leise geflüstert aber ich habe es doch verstanden. Wir 
waren mit ihm am Kapuzinerberg den ganzen Nachmittag. Es war ein 
schönes Militärkonzert; zwei Jäger-Freiwillige, die am Tisch neben 
uns saßen, haben fortwährend herübergeschaut; der eine war besonders 
hübsch. Mein neues Straßenkostüm für den Sommer steht mir sehr 



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gut, sagen alle. Und der Papa sagt auch: „Ja, du bist ja schon bald 
eine junge Dame! Aber nur nicht zu früh!" Warum er das sagte, 
sehe ich eigentlich nicht recht ein; ich wollte, ich wäre schon ganz 
groß; aber leider dauert das noch lange. 

14. April: Heute regnet's den ganzen Tag. Das ist scheußlich. 
Man kann nirgends hingehen. Den ganzen Vormittag waren wir in 
der Stadt spazieren und haben uns einige Kirchen angesehen,, dann 
waren wir in der Konditorei, da habe ich 4 Indianer und 2 Stück 
Torte gegessen. Dafür konnte ich zu Mittag nichts essen. 

15. April: Gerade als ich gestern schrieb, kam der Bureaudiener 
vom Dr. Gratzl und lud uns für Nachmittag ein. Wir gingen hin, sie 
wohnen in der Hellbfunnerstraße. Er hat 4 Töchter und 2 Söhne, die 
Mama ist vor drei Jahren gestorben. Der eine Sohn studiert in Graz 
und der andere ist ein Oberleutnant; er hat eine Braut. Die Töchter 
sind schon alt; die eine ist 27 Jahre und ist verlobt. Das finde ich 
greulich. Die jüngste (!!!)ist 24 Jahre. Das ist so komisch, wenn man 
sagt .Die Jüngste" und dann ist sie 24 Jahre. Der Papa sagt, sie 
ist sehr hübsch und wird gewiß noch heiraten. Mit 24 Jahren!! Wenn 
sie nicht einmal verlobt ist; das glaube ich nicht. Sie haben einen 
großen Garten, 3 Hunde und 2 Katzen, die sich sehr gut vertragen 
Von einem Zimmer ins andere führt eine Stufe, das finde ich reizend 
und die Fenster sind alle ausgebaucht. Alles ist so altertümlich, auch 
die Einrichtung. Das gefällt mir sehr gut. Das Vorzimmer ist ganz 
rund wie eine Kirche. Nach der Jause hatten wir eingelegte Früchte, 
besonders Kürbisschnitten und ein feines Backwerk. Ich aß ein ganzes 
Glas voll Kürbisschnitten. Sie haben auch ein Grammophon und dann 
spielten wir Klavier, die Leni und ich. Wir wir weggingen, kam der 
Fritz, der Student; er ist ganz rot geworden und der Dr. Gratzl hat 
im Vorzimmer zu mir gesagt: „Heute haben Sie eine Eroberung 
gemacht." Das glaube ich eigentlich nicht, aber hören tu ich doch so 
etwas gern. Morgen fahren wir leider schon weg, weil wir uns 2 Tage 
in Linz aufhalten wollen beim Onkel Theodor, den ich gar nicht kenne. 

17. April: Der Onkel Tlieodor ist schon sechzig Jahre und die 
Tante Lina ist auch schon alt. Aber sie sind beide sehr lieb. Ich kannte 
sie nicht. Wir wohnen bei ihnen. Am Abend kam ihr Sohn und seine 
Frau, das ist mein Kusin und eine Kusine, mit ihrem Mäderl; von 
der bin ich eigentlich die Tante. Das ist furchtbar komisch, wenn man 

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mit 12V4 Jahren schon eine Tante ist und die Nichte ist 9 Jahre. 
Heute waren wir in den Donauanlagen spazieren, es regnete nur ganz 
leicht und nicht immer. 

18. April: Heute fahren wir wieder nachhause. Natürlich haben 
wir mehrere Ansichtsliarten an die Mama und die Dora und an die 
Hella geschickt; auch an den Oswald haben wir eine geschickt. Er ist 
über Ostern nachhause gekommen. Ich weiß nicht, ob er morgen noch 
da ist. 

22. April: Jetzt haben wir wieder Schule. Die Dora und ich gehen 
jetzt meist miteinander ins Lyzeum, weil sie nicht mehr in die Latein- 
stunde gehen darf, wegen der großen Anstrengung. Der Professor, 
bei dem die Mama mit ihr war, hat überhaupt wollen, sie soll mit 
dem Studieren aufhören, aber das tut sie absolut nicht. Übrigens habe 
ich mich sehr geärgert über sie; sie lernt nämlich heimlich Latein. 
Wie ich vorgestern ins Zimmer komme, schreibt sie gerade Vokabeln 
heraus und schlägt schnell das Buch zu, anstatt daß sie offen und 
ehrlich sagt: Rita, sage nichts den Eltern, daß ich abends immer noch 
lerne; »ich baue auf dein Wort." Sie könnte sich wirklich verlassen. 
Gott wenn ich reden wollte! Sie glaubt vielleicht, ich sehe nicht, daß 
der große blonde Herr immer hinter uns geht in der Frühe, Der Hella 
ist er auch schon aufgefallen, übrigens hat er eine fürchterliche Glatze 
und ist sicher schon dreißig Jahre. Und sie würde sicher nicht mit 
mir und der Hella soviel reden, wenn sie es nicht deshalb täte. 
Aber diese Falschheiten empören mich. Wir sind doch sonst jetzt sehr 
intim mit einander. 

24. April; Heute haben wir h. Beichte und Kommunion gehabt. 
Das Beichten ist mir greulich; übrigens ist mir noch nie so etwas 
passiert, wie manche Kinder, sogar in der 5. Kl. erzählt haben. 
Mich hat noch nie ein Geistlicher etwas gefragt wegen dem 6. Gebot; 
jeder fragt nur: In Worten, Gedanken oder Taten? Aber trotzdem gehe 
ich schrecklich ungern beichten, und die Dora auch. Da ist die Hella 
als Protestantin besser dran, da gibts keine Beichte. Und beim 
Kommunizieren habe ich immer die gräßliche Angst, mir fällt die h. 
Hostie aus dem Mund. Das wäre entsetzlich. Wahrscheinlich würde 
man sofort exkommuniert als Ketzer. Die Dora durfte diesmal nicht 
beichten und komm., weil der Papa es nicht erlaubte. Sie 
darf absolut nicht ohne Frühstück ausgehen. 

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26. April: In der iil. ist es richtig einer passiert, daß ihr die 
h. Hostie aas dem Munde gefallen ist. Es ist ein großer Verdruß 
deswegen. Sie sagt, sie kann nichts dafür, der geistl. Herr hat so 
mit der Hand gezittert. Das ist nämlich wahr, er war schon ein ganz 
alter Herr und da fürchte ich mich auch immer so. Bei einem jungen 
Geistlichen ist es viel besser, da passiert sicher nie etwas. Der Papa 
sagt, deswegen wird das Mädchen nicht exkommuniziert, und zum 
Glück hat sie einen hohen Geistlichen, einen Prälaien zum Onkel. 
Der ist auch ihr Vormund. Der wird ihr jedenfalls helfen. 

27. April: Heute haben wir dieses Mädchen kennengelernt in der 
Pause. Sie ist sehr nett und sagt, sie kann wirklich nichts dafür, denn 
sie ist riesig fromm und geht vielleicht einmal als Nonne ins Kloster. 
Ich bin auch fromm, wir gehen fast jeden Sonntag in die Kirche, aber 
in ein Kloster möchte ich doch nie gehen. Die Dora sagt, das tut 
man meistens aus unglücklicher Liebe, weil einem die Welt dann leer 
und verhaßt ist. Weil sie so sentimental drein schaute, sage ich: Mir 
scheint, da hast auch Lust dazu: Da sagte sie: „Nein ich habe 
Gott sei Dank keinen Grund dazu." Damit will sie natürlich sagen, 
daß sie nicht unglücklich, sondern glücklich verliebt ist. Jedenfalls in 
den großen Herrn in der Frühe. Ich schaute sie lange fest an und 
sagte: „Ich gönne dir dein Glück. Aber der Hella und mir gefällt seine 
Glatze nicht,- da sagte sie ganz erstaunt: „Glatze? Keine Idee, das 
ist eine herrliche hohe Denkerstirn." 

27. April: Heute war die Maderaoiselle zum erstenmale da. Das 
habe ich nämlich vergessen zu schreiben, die Dora muß täglich zwei 
Stünden in der Sonne sitzen und Spazierengehen." Und weil die Mama 
nicht ganz gesund ist und nicht viel gehen soll, haben wir die Mad . . . 
bekommen. Wenn ich Zeit habe, soll ich auch mitgehen, zum „Vorbeugen", 
sagt der Papa. Aber mir fällt das gar nicht ein, das ist mir viel zu 
fad; ich habe einfach keine Zeit. Die Mad. .. kommt 3 mal in der 
Woche, Montag, Mittwoch, Freitag, und am Montag, Donnerstag und 
Samstag habe ich Klaviersttinde, also kann ich gar nicht mitgehen; 
also Schluß mit Jubel! So sagt immer der Oswald am Jahresschluß 
und beim Semesterschluß. Sie ist übrigens sehr hübsch, blondes 
lockiges Haar und riesige graue Augen mit schwarzen Wimpern und 
Brauen, aber sie spricht so schnell, daß ich nicht alles verstehe. An 
den anderen 3 Tagen soll eine Engländerin kommen, aber wir haben 

78 



J 



noch keine, sie sind alle so teuer. Ich finde es eigentlich komisch fürs 
Spazierengehen mit erwachsenen Mädchen einen Gehalt 
bekommen, das ist doch eigentlich eine Unterhaltung. Mit rechten 
Fratzen, so wie wir die voriges Jahr ein paarmal im Rathauspark 
gesehen haben, das ist etwas anderes. Und wegen dem Französisch 
oder Englisch Reden! Wenn sie nicht reden wollen, so macht's auch 
nicht. Und dann was soll man dann auch immer auf Französisch oder 
Englisch reden, das ist doch fad. 

28. April: Heute waren die Richters bei uns und der älteste' 
Sohn, der Oberleutnant aus Lemberg; er ist herrlich und hat der 
Dora wahnsinnig den Hof gemacht; übrigens ist auch der Walter sehr 
nett, der ist in der Forstakademie in Mödling; der Oberleutnant bringt 
der Dora morgen ein Buch von Tolstoi, das sie lesen soll. Und dann 
werden sie zusammen musizieren, sie Klavier und er Violine; schade 
daß ich noch nicht so gut spiele wie die Dora. Zu Pfingsten koirmt 
der Walter auch und der Viktor (das heißt zu Deutsch Sieger) ist 
für ein halbes Jahr beurlaubt, weil er krank ist, oder vielmehr krank 
sein soll; denn so schaut man doch nicht aus, wenn man krank ist. 

4. Mai: Der Oberleutnant R. kommt bei jeder Gelegenheit, er 
niuß wirklich wahnsinnig verschossen sein in die Dora. Aber der Papa 
erlaubt es nicht. Er sagte heute zu Dora: „Du, den Bruder Leichtfuß 
schlag' dir aus dem Kopf; das ist nichts. Aber eine Uniform, und ihr 
Mädeln seid ganz außer Rand und Band. Eine Stunde oder zwei 
zusammen musizieren, ä la bonheur; aber dieses ewige Herauflaufen 
mit Büchern und Noten, das ist bloß ein Vorwand." 

6. Mai: Der Oberleutnant R. geht alle Tage in der Frühe mit uns, 
d. h. mit der Dora in die Schule. Er soll eigentlich sehr lang im Bett 
liegen am Morgen, denn er ist wirklich krank, aber um der Dora willen 
steht er schon furchtbar früh auf, und fährt von Hietzing herüber und wartet 
in der .... Gasse. Und ich gehe natürlich mit der Hella allein und in 
der ... . Straße treffen wir uns, damit im Lyzeum niemand etwas merkt. 

13. Mai; Morgen ist Mamas Geburtstag und da brachte ihr der 
Viktor (ich sage jetzt auch immer nur V . . . ., wenn ich mit der Dora 
von ihm spreche) herrliche Rosen und lud uns alle für den nächsten 
Sonntag ein. Und mich nannte er im Vorzimmer „Schutzgeist unserer 
Liebe". Ja, das bin ich und ich werde es immer bleiben; denn er 
verdient es unbedingt und die Dora ist ja auch ganz anders als 

79 



sie früher war. Die Hella sagt, da sieht man wirklich, daß die Liebe 
veredelt; sie hat es früher iminer für eine bloße Dichtung gehalten. 

15. Mai: Der Papa sagte: Ich bin von diesen Besuchen bei 
Richter, solange der Schwerenöter da ist, nicht sehr erbaut; aber 
wegen des Hofrates und ihr, der Mama kann man nicht absagen. Wir 
ziehen die grünen Kostüme mit den weißseidenen Blusen mit grünen 
Seidenblättchen an, weil die Dora nicht ganz weiß gehen' will, außer 
im Sommer. Und weil die Blusen Kleeblätter haben, also wegen 
ihrer Bedeutung, Wir freuen uns riesig. Hoffentlich ist der Mama bis 
dahin ganz gut, da sie heute liegen muß. Krank sein ist überhaupt 
unangenehm, aber wenn dadurch einem andern ein Vergnügen gestört 
wird, dann ist es gar gräßlich. 

16. Mai: Vorgestern war der Geburtstag der Mama; aber es war 
nicht so lustig wie sonst, weil der Mama öfters nicht ganz wohl ist; 
Ich habe ihr als Geburtstagsgeschenk eine Kasette gemalt mit einem 
Zweig Waldreben, was großartig apart aussieht. Von der Dora hat sie 
eine Buch-Enveloppe mit einem Zweig japanischer Kirschen in Nadel- 
malerei bekommen, vom Papa weiß ich nicht, was, ich glaube Geld, 
weil er ihr immer zum Geburts- und Namenstag ein Kuvert gibt. Weil 
aber die Mama nicht ganz gesund ist, so waren wir nicht sehr lustig 
und wie wir mittags auf ihre Gesundheit anstießen, hat sie sich 
heimlich die Augen gewischt. Aber so gefährlich ist es doch nicht; 
sie geht doch aus und schaut nicht schlecht aus. Ich finde, die Mama 
ist sehr fesch, sie sieht so fein aus, ob sie im Schlafrock oder in der 
Straßentoilette ist. Die Dora sagt, wenn sie durch einen Mann krank 
würde, würde sie ihn hassen und ihren Töchtern verbieten, zu heiraten. 
Das ist alles ganz richtig, aber erst müßte man doch bestimmt 
wissen, ob man davon krank geworden ist. Die Tante Dora solL 
deswegen den Papa nicht leiden können. Tatsächlich ist der Papa 
nicht so nett zu ihr gewesen wie sonst zu unsern Verwandten oder 
den Damen, die zur Mama kommen. Aber schließlich hat die Tante 
Dora doch kein Recht, dem Papa eine Szene zu machen, wie die 
Dora behauptet. Dazu hätte doch höchstens die Mama selber ein 
Recht. Die Dora fürchtet, daß die Mama sich am Ende gar operieren 
lassen muß. Ich ließe mich absolut nie operieren, das muß gräßlich 
sein, ich weiß es von der Hella bei der Blinddarmoperation. Die Dora 
meint zwar: „Ich bitte dich, wenn man fünf Kinder geboren hat^ 

80 



da ist man das doch schon gewöhnt". Ich werde alle Abende den 
lieben Gott bitten, daß die Mama ohne Operation wieder gesund 
wird. Heuer fahren wir wahrscheinlich zu Plingslen nicht weg, weil 
die Mama und die Dora wegfahren sollen, nämlich in ein Bad, vielleicht 
nach Franzensbad. 

18. Mai: Es war herrlich bei Richter; der Walter war aus Mödling 
da, er war riesig nett und sagte, ich sehe meiner Schwester zum 
Verwechseln ähnlich. Das ist absolut nicht wahr, aber ich weiß, was 
er damit sagen wollte. Er bläst großartig Flöte und die drei spielten 
ein Trio miteinander, daß ich mich wirklich ärgerte, daß ich früher 
nicht fleißiger geübt habe. Jedenfalls werde ich von morgen an 

■täglich 2 Stunden Klavierspielen, wenn ich halbwegs Zeit habe. 
Nächstes Jahr im Winter will der Viktor einen privaten Theaterklub 
gründen, also muß er doch länger als ein halbes Jahr in Wien bleiben 
wollen. Der Walter findet die Dora sehr interessant und wie ich sagte: 
„Nur leider ist sie im höchsten Grade bleichsüchtig", so sagte er: 
Das tut ihr in den Augen eines Mannes keinen Abbruch, wie Sie an 
meinem Bruder sehen können. Übrigens ist das eine Krankheit, die 
eigentlich keine ist, sondern ein junges Mädchen oft äußerst fesselnd 
macht, wie Sie an Ihrer Schwester sehen können. 

Vorgestern war die Miß das erstemal da; die könnte mir gestohlen 
werden. Miß Maggie Lundy heißt sie und falsche blonde Haare hat 
sie. Sie behauptet, sie ist verlobt, aber die Dora sagt, einmal gewesen. 

Ich glaube nicht einmal das. Der V ... . sagt, die Mad ist eine 

Schönheit ersten Ranges. Und da .fragte ich die Dora, ob sie nicht 
eifersüchtig ist, aber sie sagt, darüber ist sie erhaben, und sie ist 
seiner Liebe sicher. Er will vom Militär weggehen und in ein Ministerium 
eintreten, und dann wird er ja wahrscheinlich heiraten. Aber die Dora 
sagt, damit hat es schon noch Zeit, heimlich verlobt sein ist viel 
herrlicher. Da merkt sie erst, daß sie sich verschnappt hat und wird 
blutrot und sagt: das müßte doch jedenfalls zuerst kommen vor dem 
Heiraten, nicht. — Natürlich ist sie schon heimlich verlobt, aber sie 
will es nicht einmal mir eingestehen. Wozu bin ich denn dann der 
„Schutzgeist ihrer Uete"? Wenn er das wüßte. 

19. Mai: Eigentlich wollte ich Klavierüben, aber es ist mir heute 
unmöglich, erstens hatte ich ohnedies Stunde, und zweitens ist der 
Dora etwas Gräßliches passiert. Läßt die ihr Tagebuch in der Schule 

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liegen; und weil wir in der V. Klasse Religionsstunde haben, 
so sehe ich unter der dritten Bank ein grüngebundenes Buch 
liegen. Gott, denk ich mir, das schaut aus, wie das Tagebuch der 
Dora. Schnell gehe ich hin und lege mein Schulpaket drauf. In der 
Stunde ziehe ich's hervor und richtig ist es ihr Tagebuch. Wie ich 
nachhause kam um 1 Uhr, sage ich zuerst nichts. Nach dem Essen 
stöbert sie überall herum, aber ohne zu fragen, und da sage ich ganz 
ruhig: „Suchst Du vielleicht dein Tagebuch? Hier ist es; in der 
fünf— ten Kla— sse ist es un— ter der drit— ten Bank ge~]e— gen." 
(So hab ich nämlich beim Reden gezogen.) Sie ist ganz blaß geworden 
und sagt: „Du bist ein Engel. Wenn das jemand gefunden hätte, 

wäre ich hinausgeschmissen worden und die Mad müßte ins 

Wasser gehen." „Na. so arg ist es nicht", sage ich, denn das von 
der Mad ... . interessiert mich furchtbar. In der Stunde schaute ich 

mehr, was sie vom V geschrieben hatte. Aber ich konnte es 

nicht lesen, weil es ganz klein und eng geschrieben war und mehrere 
Seiten voll, aber das von der Mad ... . habe ich nicht einmal so 
genau angeschaut. „Hast du es gelesen?" Nein, nur wo es zufällig 
aufgegangen ist, weil eine Seite herausgerissen ist Vom V ? 
oder von der Mad....? „Ein Stückchen von der Mad....; aber 
sage mir alles; ich verrate nichts. Denn wenn ich das wollte, ich bitte 
dich, du weißt ja . . . ." Und da erzählte sie mir alles von der 
Mad ... . Aber ich mußte ihr schwören, daß ich es nicht einmal der 
Hella erzähle. Die Mad ... . hat heimlich einen Bräutigam, dem sie 
das „Äußerste der Liebe« geschenkt hat; das heißt nämlich, daß 
sie . . . . Sie hat ihn wahnsinnig gern und sie würden sofort heiraten, 
aber er is auch ein Oberleutnant, und sie haben beide nicht genug 
Geld zur Kaution. Sie sagt, wenn man einen Mann sehr gern hat 
dann erträgt man alles für ihn. Sie war schon mehrmals bei ihm und 
Sie gibt immer riesig acht, denn ihr Papa würde sie umbringen, wenn 
er es wußte. Die Dora hat den Oberleutnant schon gesehen und sagt 
er ist sehr hübsch, aber der V....ist entschieden schöner. Die 

Mad sagt, im allgemeinen könne man den Männern nicht vertrauen 

aber der Oberleutnant ist ganz anders; der ist treu wie Gold. Und 
der V ... . sicher auch. 

21. Mai; Wie heute die Mad gekommen ist, habe ich sie 

vor der Mama gar nicht ansehen können, und die Dora sagt, ich habe 

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mich furchtbar dumm benommen. Ich bin nämlich heute mitgegangen 
und wie wir einem feschen Offizier begegnet sind, räusperte ich mich 
und schaute die Dora an. Aber sie hat nicht verstanden, warum. Die 
Mad. ist die Tochter eines sehr hohen Militärbeamten und sie hat die 
französische Staatsprüfung nur gemacht, damit sie von der .Tyrannei" 
ihrer Mutter frei wird; die sekkiert sie greulich und früher, ehe sie 
Stunden hatte, durfte sie nie allein ausgehen. Die Dora sagt, sie 
spricht in äußerst gewählten Worten und besonders diese Dinge 
umschreibt sie immer sehr fein. Natürlich sagt sie das alles deutsch, 
denn französisch kann man es doch noch schwerer sagen und vielleicht 
würde es die Dora auch nicht verstehen und dann müßte es die 
■ Mad .... doch erst übersetzen. Sie heißt Sylvia und er nennt sie 
Sylvette. Wenn man einen Mann rasend liebt, so tut man alles, was 

er verlangt, sagt die Mad Aber das ist doch eigentlich nicht 

notwendig, da kann einer ja die dümmsten Sachen verlangen; da 
kann er ja auch verlangen, man soll ihm den Mond vom Himmel 
holen oder man soll sich seinetwegen einen Zahn ausreißen. Die Dora 
sagt, sie versteht das ganz gut, mir fehlt noch die Innerlichkeit 
der Auffassung und des Gefühls. Was soll denn das heißen, 
das ist ein Unsinn. Aber weil es schön klingt, habe ich es mir 
aufgeschrieben und kann es vielleicht einmal im Gespräch mit dem 
Walter brauchen. Die Mad .... hat nur immer schrecklich Angst, 
daß sie ein Kind bekommt. Dann würde ihr Papa sie unbedingt 
erwürgen. Der Oberleutnant ist Flieger und hofft, einen neuen Aeroplan 
zu konstruieren und wenn er den gut verkauft, dann heiratet er die 
Mad. Aber wenn etwas passiert und sie bekäme schon jetzt ein 
. Kind, das wäre gräßlich. 

22. Mai; Heute fragte mich die Dora, woher ich eigentlich alles 
wisse, ob von der Hella. Weil ich aber die Hella doch nicht verraten 
will, sagte ich so obenhin: „Gott, das kann man doch alles im Lexikon 
lesen." Da lachte die Dora und sagte: Da bist du schön auf dem 
Holzweg; im Lexikon steht nicht ein zehntel von allem und dann ist 
es überhaupt nicht so. In diesen Dingen kann man sich auf die 
Bücher absolut nicht verlassen." Und zuerst wollte sie mir nichts 
Näheres sagen, aber dann hat sie mir doch Verschiedenes gesagt, 
besonders die Namen gewisser Körperteile und das von der 
Befruchtung, und von dem migroskopisch kleinen Kind, das 

ä- 83 



eigentlich vom Mann ausgeht, und nicht, wie ich und die Heila 
glaubten, von der Frau. Und wovon man erkennt, ob eine Frau 
überhaupt fruchtbar ist. Das ist eigentlich ein schreckliches Wort. 
Überhaupt hat fast jedes Wort eine solche Bedeutung und die Dora 
sagt, darum muß man beim Reden riesig vorsichtig sein; das ist wohl 
wahr. Wenn man sa^t: Man ist so müde, daß man kein Glied rühren 
kann, so ist das furchtbar zweideutig, besonders wenn es ein Herr 
sagt. Die Dora meint, am besten wäre, man schriebe sich alle diese 
gewissen Wörter auf, aber es sind ebenso wahnsinnig viele, daß es 
nicht geht. Das einzige ist, daß man riesig vorsichtig ist; aber man 
gewöhnt sich das ziemlich bald an. Aber neulich ist doch der Dora 
passiert, daß sie zum V.... gesagt hat: Ich suche keinen Verkehr 
und das heißt soviel als das „Äußerste in der Liebe;" das hat ihr die 

Mad. gesagt. Aber der V war so fein, daß er getan hat, als ob 

er es gar nicht bemerkt hätte; der Dora ist es nämlich auch erst 
eingefallen, nachdem sie es schon gesagt hat. Es ist wirklich sehr 
blöd, daß jedes gewöhnliche Wort eine solche Bedeutung hat. Ich 
werde jetzt riesig achtgeben auf das, was ich rede, damit ich nicht 
am Ende auch so ein zweideutiges Wort sage. Das soll auch im 
Französischen so sein, sagt die Mad. Wie es im Englischen ist, wissen 
wir nicht und die Miß, das Scheusal, fragen, nein, das ist zum 
Totlachen. Die weiß vielleicht nicht. einmal das Einfachste. Jetzt weiß 
ich entschieden mehr als die Hella, aber ich kann es ihr nicht sagen, 

wegen des Verr':.tes an der Dora und der Mad Vielleicht kann 

ich nur andeuten, daß sie beim Reden sehr vorsichtig sein soll, damit 
sie kein zweideutiges Wort sagt. Das ist eigentlich meine Pflicht als 
Freundin. 

23. Mai: Das habe ich ganz vergessen. Vorige Woche hat der 
Oswald schriftliche Matura gehabt, er schrieb jeden Tag eine Karte 
und die Mama hat sich schrecklich aufgeregt, weil er immer so dumme 
Witze machte, daß man nicht wußte, ob er's können hat oder nicht. 
Die Dora und ich sind rasend glücklich, am nächsten Montag fahren 
wir mit der Frau Hofrätin und ihrer Nichte, die ins Konservatorium - 
geht, aufs Flugfeld. Der Oberleutnant Streinz wird auch fliegen. Wir 
fahren natürlich mit dem Auto, denn per Bahn ist es viel umständlicher. 
Der Viktor kommt natürlich auch hin, aber er fährt mit ein paar 
Offizieren. Das ist riesig schade, denn im Auto mit uns wäre es 

84 



herrlich gewesen. Ja richtig, heute habe ich die Klasse gerettet, der 
Herr Landesschulinsp. ist diese Woche da und war bei uns zuerst in 
Geschichte und dann in Deutsch, da war ich die Einzige, die alles 
gewußt hat, was uns die Frau Dr. M. über das Wesen der Fabel 
gesagt hat. Und der Herr Landessch. lobte mich sehr und die Frau 
Dr. M. sagte nachher: das ist wahr, auf die Lainer kann man sich 
verlassen; die hat ein sicheres Wissen. Und auf dem Gang war sie 
so riesig nett: „Weißt du, Lainer, daß ich dir feierlich Abbitte leisten 
muß?" Ich bin ganz perplex und die Hella fragt: Wofür denn? Da 
sagt sie: .Mir ist so vorgekommen,' als ob du dich heuer nicht mehr 
so für den Deutschunterricht interessieren würdest wie im vorigen 
Jahr; aber du bist glänzend rehabilitiert." Nachher sagt die 
Hella: Na weißt du, ganz unrecht hat die Frau Dr. M. nicht, wenn 
ich denke, was wir voriges Jahr alles gelesen haben, nur damit wir 
alles wissen in der Stunde und wie wir heuer sind!!! Du weißt 

ja . Also da hat die Hella ganz recht, aber deswegen 

kann man doch lernen, man kann doch nicht immer davon reden. 
Und dann für einen solchen Engel wie die Frau Dr. M. lernt man 
einfach immer. Die Hella .behauptet, ich sei krebsrot gewesen vor 
Stolz, daß ich alles mit den Worten der Fr. Dr. M. sagen konnte; 
aber dies ist nicht wahr, erstens habe ich mir gar nichts darauf 
eingebildet und zweitens weiß ich eigentlich selber nicht, wieso ich 
alles so sagen konnte. Ich habe nur das Gefühl gehabt, die Frau 
Dr. M. ärgert sich fürchterlich, wenn keine ein Zeichen gibt und so 
habe ich mich gemeldet. 

25. Mai : Gott, ich könnte mir eine Ohrfeige, nein hundert 
Ohrfeigen geben. Was mir passiert ist! Jetzt dürfen wir nicht aufs 
Flugfeld. Der Papa hat uns nämlich nur mitfahren lassen, weil der 
Viktor in Linz ist und der Papa glaubte, er bleibt noch 14 Tage dort. 
Und heute zu Mittag verschnappe ich mich und sage: „Zu fünf haben 
wir leider keinen Platz im Auto. Wenn aber das Fräulein Else nicht 
käme, könnte der Herr Obltnt. gleich mit uns fahren." Die Dora gibt 
mir unter dem Tisch einen Stoß und ich will rhich herausreden, aber 
der Papa ist furchtbar böse und sagt: „Wie, der Luflibus kommt hin? 
Nein, meine Lieben, da ist es nichts damit. Ich werde sofort der 
Hofrätin absagen. Das könnt ich brauchen, hab' ich nicht gesagt, ich 
verbitte mir den Verkehr mit dem Menschen." Das sagte er nämlich 

85 



zur Dora. Die Dora sagt gar nichts darauf, aber sie aß keine Mehl- 
speise und kein Obst nachher, wie wir in unserem Zimmer waren, 
fährt sie auf mich los: Du hast das absichtlich getan, du bist eine 
gemeine Person, nein d. h. ein unreifes Kind, mit dem ich mich hätte 
nie einlassen sollen, und so fort. Das ist wirklich zu arg, ich habe 
es absichtlich gesagt, als ob ich ihr es neidisch wäre. Und dann 
bin ich selber mitgestraft, denn ich habe ihn wirklich auch sehr gern, 
weil er keinen Unterschied zwischen uns macht und mit mir gerade 
so ist wie mit der Dora. Wir reden natürlich gar nichts miteinander, 
und am meisten hat mich geärgert, daß sie sagt, sie bereut jedes 
Wort, was sie in dieser Beziehung zu mir geredet hat; „das 
waren Perlen vor die Säue," Das ist doch die höchste Gemeinheit! 
Also ich bin eine S . . — aber wer hat dann das Mehrere erzählt, 
ich vielleicht? Also daß weiß ich, daß ich nie mehr mit ihr von so 
etwas rede. Ich habe ja Gott sei Dank die Hella. Überhaupt, die 
würde nie so etwas von mir sagen oder glauben. 

26. Mai: Wir haben die ganze Nacht nicht geschlafen; die Dora 
hat furchtbar geweint, ich habe es gehört, obwohl sie es unterdrücken 
wollte und ich habe auch geweint und dabei habe ich immer 
nachgedacht, wie ich es machen kann, daß der Viktor nichts Schlechtes 
von mir denkt. Denn das wäre mir gräßlich. Da ist mir ein Ausweg 
eingefallen und der Zufall, nein ich muß es schon ein Glück nennen, ^ 

hat mir geholfen. Der Viktor geht jetzt in der Frühe nicht mehr mit f 

uns, weil die Mädchen aus der V. uns schon mehrmals gesehen ( 

haben, sondern er holt die Dora nur um 1 Uhr ab. Und da habe ich \ 

in der Frühe schnell beim Automatentelefon an ihn telephoniert, denn ? 
zuhaus traute ich mich nicht. Der Dora war so schlecht, daß sie 
nicht in die Schule gehen konnte und da ging ich mit der Hella 
allein. Ich telephonierte so als wie wenn ein Freund ihn anrufe und 
zuerst kam das Stubenmädchen und dann er. Ich sagte ihm: Ich kann 
absolut nichts dafür, er soll ja nichts Schlechtes von mir glauben und 
ich muß ihn um 1 Uhr sprechen, da die Dora krank ist. Er soll bei 

der Ecke der gasse warten. Während des Unterrichts war ich so 

aufgeregt, daß ich gar nicht weiß, was wir aufhaben. Und um 1 Uhr 
stand er richtig da und ich erzählte ihm alles und er war so furchtbar 
lieb und tröstete mich; er mich. Das ist ein bißchen anders, als wie 
die Dora war. Ich war so aufgeregt, daß ich beinahe weinte, da zog 

86 



er mich in ein Haustor und nahm mich um die Mitte und 
wischte mir mit seinem Taschentuch die Tränen weg. Das verrate 
ich niemals der Dora. Er hat mich dann gebeten, ich soll lieb und 
gut zur Dora sein, denn sie hat viel zu tragen. Also, was sie zu 
tragen hat, weiß ich gerade nicht, aber um seinetwillen, weil er es 
wirklich verdient, habe ich ihr nach dem Essen einen Zettel auf den 
Schreibtisch gelegt, wo ich drau [geschrieben hatte. „V . . . . läßt dich 
vielmals grüßen und hofft, daß du Montag wieder gesund bist. 
Gleichzeitig besten Dank für das Buch." Den Zettel legte ich in 
Heidepeters Gabriel, den ich von ihr zum Lesen hatte und legte es 
recht auffällig hin. Beim Lesen wurde sie ganz rot und schluckte ein 
paarmal und sagte: „Du hast ihn gesehen? Wo und wann denn?" 
Da sagte ich ihr alles und sie war ganz gerührt und sagte: ,Du bist 
doch ein gutes Mädel, nur schrecklich unverläßlich. " Wieso unverläßlich? 
Da sagte sie: Jawohl unverläßlich, denn so verschnappen darf man 
sich einfach nicht; das gibt's nicht; übrigens will ich versuchen, deine 
Schuld zu vergessen. Hast du den Heidepeters Gabriel schon fertig 
gelesen? „Nein, sage ich, aber ich lese kein Buch, von jemanden, 
mit dem ich böse bin." Schließlich versöhnten wir uns, aber wir 
redeten natürlich weiter nichts und das mit dem Taschentuch sagte 
ich absolut nicht, 

29. Mai: Am 10. oder 12. Juni fährt die Mama und die Dora 
nach Franzensbad, weil beide die Moorbäder nehmen müssen. Und 
dann hat der Papa gesagt, da wird die Dora am ehesten auf andere 
Gedanken kommen und nicht den Kopf hängen lassen wie ein krankes 
Hendl. Heute erzählte mir die Dora etwas sehr Interessantes. Die 
Herren, die nicht verheiratet sind, haben Bücherln und mit denen 
können sie zu den „gewissen" Damen am Graben und in der Kärntner- 
straße gehen. Dort müssen sie, sagt die Dora, 10 fl. oder 10 K 
zahlen. In der Klasse der Dora ist ein Mädchen, deren Papa ist 
Polizeiarzt und bei dem müssen sie sich alle Monate untersuchen 
lassen, ob sie gesund sind, sonst dürfen sie nicht zu diesen „Damen" 
gehen. Und deswegen bleibt kein Stubenmädchen bei den Prcuß. 
Gestern habe ich im Bad zufällig bemerkt, daß ich die gewisse Linie 
habe, also daß ich fr.... bin; aber ich werde höchstens 1 oder 
2 Kinder bekommen, denn der Strich ist sehr schwach. Ich muß jetzt 
oft mitten beim Lernen an solche Sachen denken und dann lese ich 

87 



oft eine Seite fertig und blättere schon um und weiß gar nicht, was 

ich gelesen habe. Das ist sehr unangenehm, denn jetzt wird bald der 

andere Landessch.-Insp. für Math, und die anderen Fächer kommen 

und blamieren möchte ich mich doch nicht; besonders deswegen 

nicht, weil vielleicht die Inspektoren doch untereinander reden darüber, 

wer etwas kann und wer nicht. ^ * 

30. Mai: Das Konzert war großartig; wenn ich so große Musik 

höre, muß ich mich immer zusammen nehmen, daß ich nicht weine. 

Das ist wohl sehr dumm, aber mir fallen dann lauter traurige Sacheri 

ein; sogar bei einem Werkel. Die Dora spielt auch die Ungarischen 

Tänze von Brahms, aber da muß ich nie weinen. Da ärgere ich mich 

nur immer, daß ich es nicht so kann. Ich könnte schon, aber ich 

habe nicht die Geduld, so lange zu üben. Daß ich bei Musik immer 

weinen muß, sage ich keinem Menschen, nicht einmal der Hella, der 

ich doch alles sage, außer natürlich das von der Mad. Gestern 'habe 

ich mich blamiert; sagt wenigstens die Dora. Ich weiß nicht mehr 

wie das war, es war beim Nachtmahl von den Büchern die Rede und 

da sage ich: „Ach Gott, aus Büchern lernt man wirklich nichts- es 

ist ja doch alles anders, als wie es in den Büchern steht." Da war 

der Papa sehr ärgerlich und sagte: „Du Guck in die Welt, sei froh 

daß es Bücher gibt, aus denen du was lernen kannst. Wenn einer ein 

Buch nicht versteht, dann sagt er, es ist nichts wert." Die Dora warf 

mir schon einen Blick zu, aber ich wußte nicht, was sie meinte, und 

sagte: ,Ja, aber im Lexikon steht sehr viel Unrichtiges." „Was hast 

denn du im Lexikon herumzustöbern; da werden wir den Schlüssel in 

etwas sicherere Verwahrung nehmen." Gott sei Dank kam mir die 

Dora zuh.lfe und sagte: „Die Gretel hat etwas über das Alter der 

Eiephanten und Mammuts nachschauen wollen, aber im Lexikon steht 

etwas anderes, als was der Prof. Rigl voriges Jahr sagte." Da war ich 

gerettet. Aber verstellen kann sich die Dora großartig; das merke ich \ 

. übrigens auch bei anderen Gelegenheiten. Am Abend macht sie mir f 

einen Skandal und sagt: „Du dummer Fratz, du wirst nie gescheit 

werden; neulich die Blödheit wegen des Viktors und heute wieder 

das? Emmal habe ich dir herausgeholfen, aber ein zweitesmal nicht - 

und dann hat sie die ganze Zeit Brief geschrieben, natürlich an Ihn — ! 

Die Hella und ich haben neulich verschiedenes gelesen im Lex. . 

über Geburt und Schwangerschaft und ich allein über 

88 



"E 



fruchtabtr. . . , Mittel; wir haben nämlich zusammen bei Embryo und 
Leibesfrucht gelesen und da sagte ich weiter nichts, sondern merkte 
es mir nur durch einen Doppelknoten im Taschentuch und gestern 
suchte ich es dann auf. Da braucht eigentlich die Mad. . . gar keine 
Angst haben, wenn es wirklich so etwas gibt. Aber jeder Doktor 
erkennt es und man kann auch sehr leicht sterben daran. Ob die 

Mad das überhaupt weiß? Wir haben dann noch verschiedenes 

gesprochen über die Unterschiede zwischen Mann und Frau und 
da sind wir auch drauf gekommen, daß die Hella sich noch immer 
von der Anna, die schon zwölf Jahre bei ihnen ist, im Bad waschen 
läßt. Das täte ich absolut nicht, überhaupt ließe ich mich von 
niemanden waschen, höchstens von der Mama; von der Dora schon 
sicher nicht, denn die braucht doch nicht wissen, wie ich ausschaue. 
Die Wärterin im San. hat zur Hella gesagt, sie ist gewachsen wie 
eine kleine Nymphe so schön und ebenmäßig. Und die Hella meint, 
das ist nichts besonders, jedes Mädchen schaut so aus und der 
weibliche Körper ist überhaupt ein Kunstwerk der Natur. Also, 
das hat sie natürlich irgendwo gelesen, denn es heißt doch eigentlich 
nichts; überhaupt ein Kunstwerk der Natur; da müßte es wenigstens 
heißen: ein Kunstwerk von Mann und Frau!!! 

30. Mai: Die Dora und die Mama fahren schon am 6. Juni 
nach Franzensbad, gleich nach Pfingsten. Die Dora hat noch ein 
zweites neues Kostüm, grau mit blauen Streifen bekommen; gestern 
sind unsere weißen Strohhüte gekommen, er steht mir sehr gut, sagen 
die Hella und alle anderen, mit weiße Bänder und Heckenrosen. 
Neulich hätte können ein furchtbarer Tratsch entstehen: Wie ich 
telephonieren war, habe ich meinen Schirm von Weihnachten mit dem 
Griff aus Rosenquarz mit und lasse ihn im Automaten stehen; nach 
mir kommt das Frl. aus der Tabaktrafik und weil sie mich kennt, 
gibt sie den Schirm bei der Hausbesorgerin ab und die trägt ihn 
hinauf. Gott sei Dank, fällt mir gleich die Ausrede ein, ich habe in 
der Trafik Marken gekauft und habe ihn dort stehen lassen; es 
hat es niemand weiter beachtet. 

31. Mai: Ich soll auf den Monat, den die Mama und die Dora 
weg sind, zur Hella übersiedeln. Aber, so gerne ich sie habe, das tue 
ich nicht, ich bleibe unbedingt beim Papa. Was soll er denn ganz allein 
bei den Mahlzeiten sitzen und mit wem soll er denn am Abend reden? 

89 



Der Papa war wirklich gerührt über mich und hat mir die Haare so 
gestreichelt, wie nur er es macht. Nicht einmal die Mama kann es 
ebenso. Also ich bleibe jedenfalls zuhaus. Jetzt sind die Blumen schon 
sehr billig, da stelle ich jeden Tag andere auf den Tisch, da 
kaufe ich am Naschmarkt alle Tage ein kleines Boukett, damit sie 
immer frisch sind, Das wäre doch ein Unsinn, daß ich zu Br. gehe; 
wozu denn, die Resi ist doch so lange bei uns, die weiß doch alles 
auch ohne die Mama, und für alles andere kann ich ganz gut sorgen. 
Es wird dem Papa nichts abgehen. 

1. Juni; Gott, was wir heute erlebt haben! Das ist gräßlich; es 
ist also doch wahr, daß man sich ganz auszieht, wenn man jemanden 
rasend gern hat. Ich habe es nie recht geglaubt, und die Dora offenbar 
auch nicht, obwohl dieMad .... es ja angedeutet hat; aber es ist 
wahr.^ Wir haben uns mit eigenen Augen überzeugt. Ich 
sitze gerade und lese den Schimmelreiter von Storm und die Dora 
richtet sich Briefpapier her für Franzensbad, da kommt die Resi und 
sagt: Fräulein Dora, bitte auf einen Moment, etwas anschauen! An 
dem Ton merke ich gleich, daß etwas los ist und renne mit. Zuerst 
will die Resi nicht sagen was es ist, aber die Dora ist großmüthig 
und sagt: „Das macht nichts, vor meiner Schwester können sie alles 
sagen." Und da gingen wir ins Zimmer der Resi und schauten hinter 
dem Vorhang hinüber ins Mezzanin. Dort wohnt nämlich ein junges 
Ehepaar!!! Das heißt, die Resi sagt, die Leute sagen, sie sind gar 
nicht verheiratet, sie leben bloß mitsammenlü! Also was wir sahen, 
war gräßlich. Sie war wirklich ganz ausgezogen und lag im Bett nicht 
einmal zugedeckt, und er kniete vor ihr auch ganz n . . . . und er 
küßte sie am ganzen Körper ab, überall!!! Die Dora sagte nachher, 
deswegen ist ihr übel geworden. Und dann stand er auf und -- 
nein, das kann ich nicht schreiben das ist zu gräßlich, daß vergeß ich 
in meinem Leben nicht. Also so ist das. das ist einfach furchtbar. 
Das hätte ich nie geglaubt. Die Dora ist ganz schneeweiß geworden 
und hat so gezittert, daß die Resi schreckliche Angst bekam. Und ich 
habe vor Entsetzen beinahe geweint und doch habe ich auch lachen 
müssen. Ich habe mich wirklich gefürchtet, daß sie ersticken muß, weil 
er so groß und sie so klein war. Und die Resi sagte dann, er ist 
entschieden zu groß für sie, er zerreißt sie beinahe. Also zerreißen 
wohl nicht, aber erdrücken hätte er sie wirklich können. Die Dora 

90 



mußte sich vor Schrecken niedersetzen und die Resi brachte ihr schnell 
ein Glas Wasser, weil sie glaubte, sie würde ohnmächtig werden. So 
habe ich mir das nicht vorgestellt und die Dora offenbar auch nicht. 
Sonst hätte sie nicht so gezittert. Also schließlich, was sie deswegen 
zu zittern braucht, sehe ich wirklich nicht ein. Deswegen braucht man 
doch nicht zu zittern, man heiratet ganz einfach nicht, dann braucht 
man sich nie ausziehen, und Gott, die arme Mademoiselle, die ist 
auch nicht besonders groß und der Oberleutnant ist sehr groß. Aber 
erst wenn einer so dick ist wie der Herr Hofrat R. oder unser Hausherr. 
Also der Hofrat ist schon mindestens 50 Jahre alt, aber der Hausherr 
hat heuer im Jänner noch ein kleines Mäderl bekommen, da muß 
also etwas vorgefallen sein. Nein, am besten ist, man heiratet 
nicht, denn das ist zu gräßlich. Wir haben dann nicht mehr hinüber^ 
geschaut, denn jetzt kommt das Ärgste, auf einmal wird der Dora 
totübel zum Brechen, so daß sie kaum mehr ins Zimmer gehen 
konnte. Sonst wäre alles herausgekommen. Die Mama schickte schnell 
um den Doktor und er sagte die Dora ist enschieden überarbeitet; 
es ist gut daß sie in ein paar Tagen wegkommt von Wien. Kein 
Mädel sollte studieren, das taugt nichts. Und dann sagte er zu mir: 
„Und wie schaust denn du aus, was sind denn das für hohle Augen?" 
„Ich bin wegen der Dora so erschrocken", sag ich. „Larifari sagt der 
Herr Doktor, davon kriegt man nicht solche Ringe um die Augen." 
Also muß es doch wahr sein, daß man schlecht aussieht davon, wenn 
man immer an solche Sachen denken muß. Aber man kann eben 
nichts dafür und die Hella sagt: Ringe unter den Augen ist furchtbar 
interessant und die Herren wollen das an den Mädchen. 

Wir hätten morgen, da wir schon frei haben, eine Partie auf 
den Kahlenberg und Hermannskogel machen sollen, aber wahrscheinlich 
wird nichts daraus. Es ist schon gleich U Uhr und ich bin wahnsinnig 
müde vom Schreiben; ich muß schlafen gehen wenn ich nur schlafen 
kann aber 

3. Juni: Der Papa war mit mir und der Hella allein am 
Kahlenberg; wir haben uns wunderbar unterhalten. Nach dem Essen, 
wie der Papa Zeitung gelesen hat im Hotel, sind wir Blumen suchen 
gegangen und da habe ich der Hella alles erzählt vom Freitag. Sie 

war einfach sprachlos, umsomehr als sie das von der Mad doch 

nicht weiß, vom Ausziehen nämlich. Sie wird auch nicht heiraten, 

91 



^^ 



denn das ist zu unangenehm, nein gräßlich. — Der Doktor sagte noch : 
Das ewige Lernen ist Gift für junge Mädchen in der Entwicklung. 
Wenn er erst wüßte, was wir gesehen haben. Die Hella ärgert sich 
riesig, daß sie nicht dabei war. Sie soll lieber froh sein, den Anblick 
verlange ich mir kein zweitesmal und ich vergesse ihn auch mein 
ganzes Lebenlang nicht; da war ja das im Haustor nichts dagegen. 
Und dann machte die Hella noch Witze und sagt: „Denk dir, wenn 
es der Viktor gewesen wäre." „Hör auf, hör auf", schreie ich, und 
■der Papa glaubt wir streiten und sagt : „Was, ihr zwei habt auch 
Meinungsdifferenzen großen Stils?" Wenn er das gewußt hätte!!! 
Der Oswald ist seit Freitagabends hier, um ^/^ll Uhr ist er gekommen. 
Aber gestern ging er nicht mit auf die Partie, obwohl der Papa es 
gern gesehen hätte ; er sagte, es ist ihm viel zu fad, mit zwei solchen 
„Halberten" zu gehen; d. h. soll nämlich heißen, daß wir ihm nicht 
groß genug sind, und ist eine namenlose Frechheit; besonders gegen 
die Hella. Sie hat gesagt, sie wird ihn einfach ignorieren. Ich als 
Schwester kann das nicht tun, aber ich werde mich hüten, ihm alles 
zu holen und zu bringen, was er will. Beleidigen darf einer auch 
seine Schwester nicht. 

Jetzt gerade sagt die Dora zu mir: Es ist gräßlich, daß man so 

etwas (nämlich das gewisse !! ! ) ertragen muß, wenn man 

verheiratet ist. Die Resi hat ihr schon früher einrnal erzählt von den 
zwei und daß nur die Juden das so machen. Also die anderen Leute 
ziehen sich sicher nicht ganz aus und es ist vielleicht auch sonst 

anders, nämlich ! ! Aber die Mad hat es doch auch s o 

angedeutet, nur nichts vom Erdrücken; aber eben das ist die Grausamkeit 

der Juden infolge Ich fürchte mich jeden Abend, daß ich 

davon die ganze Nacht träume und die Dora hat auch schon geträumt 
davon. Sie sagt, überhaupt wenn sie die Augen zumacht, sieht sie 
alles haarklein vor sich. 

4. Juni: Jetzt verstehen wir auch, was der Papa meinte, wie er 
neulich vom Dr. Diller und seiner Frau sagte: „Aber die zwei passen 
ja gar nicht zusammen." Ich glaubte damals, weil es wirklich lächerlich 
aussieht, wenn eine so kleine Dame mit einem so großen, starken 
Herrn eingehängt geht. Aber das ist nur die Nebensache; die Haupt- 
sache ist eben ganz etwas anderes !I ! ! ich und die Hella schauen 
jetzt alle Leute, die per Arm gehen, daraufhin an und, wir haben 

92 ' - 



beim Nachhausegehen jetzt immer einen Riesenspaß, so daß wir gar 
nicht aus dem Lachen herauskommen. Obwohl es eigentlich gar nicht 
zum Lachen ist, besonders für die Frau. 

5. Juni: Heute vormittags war die Mama mit der Dora bei 
HoErat R. Abschiedsbesuch zu machen, aber es war niemand zuhaus, 
d. h. sie, die Frau Hofrätin war bestimmt zuhaus, aber sie ließ sich 
verleugnen, weil sie sehr beleidigt sind über unsern Papa. Nachmittags 
hatten wir, die Dora und ich, noch Verschiedenes zu besorgen und 
da trafen wir mit dem Viktor zusammen, absichtlich natürlich. Die 
Dora war dann ganz verweint; sie sind in die Minoritenkirche gegangen 
und ich bin derweil auf dem Kohlmarkt herumgegangen und in der 
Herrengasse. Er reist nach Amerika, Anfangs Juli, wo die Dora noch 

X nicht zurück ist. Er hat ihr ein sehr feines Briefpapier mit seinen 
Aufschlägen gemalt gegeben, auf dem sie nur ihm allein schreiben 
darf und ein Medaillon mit seinem Bild. Und sie schickt ihm morgen 
durch mich ihre Photographie. Ich freue mich schon. Überhaupt ist 
die Dora seit neulich viel netter zu mir. 

6. Juni: Also heute in der Frühe sind die Mama und die Dora 
abgereist. Da die Mama noch nie für länger von uns weggefahren ist, 
habe ich sehr geweint und sie auch. Die Dora hat auch geweint, 
aber ich weiß schon, wegen wem. Jetzt sind der Papa und ich allein. 
Er sagte zu mir zu Mittag: Meine kleine Hausfrau. Das ist doch 
entzückend. Es ist leider so still bei uns, weil zwei Personen doch 
nicht soviel reden wie vier. Es ist beinahe unheimlich. Ich habe heute 
mit der Resi Verschiedenes wegen neulich gesprochen. Das Ärgste 
finde ich nämlich, daß man von ihm die ganze Hinterfa(;on sah, das ist 
direkt infam; die Dora sagte neulich auch, daß sie das niederträchtig 
findet. Und die Resi sagte, wenigstens sollen sie die Jalousien 
herunterlassen, damit man nicht hineinsehen kann, das tun anständige 
Leute. Also anständige Leute ziehen sich überhaupt nicht ganz 
aus oder decken sich wenigstens anständiger Weise zu. Dann erzählte 
mir die Resi noch Verschiedenes von dem Bankbeamten vis-ä-vis und 
seiner Frau, d. h. nicht — Frau. Ob ihre Eltern etwas ahnen davon 
und was sie sagt, daß sie nicht zuhause wohnt. Sie ist keine Jüdin, 
nur er ist ejn Jude. Die Resi hat sich gewunden vor lauter Lachen, 
weil ich sagte: „Ah, und deshalb verlangt er, daß sie sich beide 
ganz ausziehen, während sich sonst nur die Frau nackt ausziehen 

93 



muß." Sie hat ja neulich selber gesagt, so ist es nur bei Juden und 
heute lacht sie, als ob ich den ärgsten Blödsinn reden würde. Sie weiß 
es ganz einfach selber nicht genau und das bemäntelt sie mit dem 
Gelächter, weil sie sich doch geniert, erstens daß sie es nicht weiß 
und dann sicher auch, weil eigentlich sie angefangen hat, davon 
zu reden. Das eine wundert mich, daß ich nie etwas träume davon. Ich 
möchte wissen, ob die Dora wirklich nie träupit davon, oder ob sie 
nur so tut. Also, daß die Hella vorgestern davon geträumt hat, das 
ist entschieden etwas aufgeschnitten, da sie ja gar nicht dabei war. 
Sie sagt, das war ein Glück, denn sie hätte aufgeschrien vor Lachen. 
Na, ich glaub, bei — dem Anblick wäre auch ihr das Lachen 
vergangen. 

7. Juni : Nach dem Essen ist es mir greulich fad und abends 
vor dem Schlafengehen, besonders da wir, die Dora und ich, in dem 
heurigen Jahr, seit der Geschichte unter dem Haustor immer etwas 
miteinander zu reden hatten, Das geht mir sehr ab. Es wäre doch 
sehr gut, wenn die Hella zu uns kommen dürfte auf die 4 Wochen. 
Aber das will sie doch auch nicht. Heute hat der Papa noch zu 
arbeiten und da bin ich jetzt allein und da möchte ich am liebsten 
weinen. 

9. Juni: Gerade wie ich vorgestern so traurig war, kommt die 
Resi mein Bett herrichten und da reden wir von dem Ehepaar 
vis ä vis und da erzählt sie mir gräßliche Sachen, von einem jungen 
Ehepaar, bei dem .sie einmal war und wo sie wegging, weil immer 
beide zugleich ins Bad gingen; sie sagt, da ist bestimmt etwas 
vorgefallen. Und dann erzählte sie rah von einem alten Herrn, 
der mit ihr etwas anfangen wollte; aber, sie wollte natürlich nicht; 
übrigens war er ohnehin verheiratet und ein Dienstmädchen hätte er 
doch auf keinen Fall geheiratet, denn er war ein Regierungsrat. Und 
gestern hat der Papa gesagt: Du mein armes Hexerl, du bist jetzt so 
einsam; aber schau, die Resi ist keine Gesellschaft für dich; wenn 
du plauschen willst, so komme nur zu mir. Und da war ich sehr 
dumm, ich fing schrecklich zu weinen an und sagte: „Papa, ich bitt 
dich, sei nicht böse, ich werde überhaupt nie mehr von solchen 
Sachen reden und nicht mehr dran denken." Und der Papa wußte 
zuerst gar nicht, was ich meinte, aber dann muß es ihm doch 
eingefallen sein, denn er war so furchtbar lieb und sagte: „Nein, 

94 




^ 



Gretel, verdirb dir deine Jugend nicht mit solchen Zeug und wenn 
du dich in etwas nicht zurechtfindest, dann frag die Mama, aber nicht 
die Dienstboten, ein Mädchen aus gutem Haus muß auf sich halten. 
Versprich mir das." Und dabei nahm er mich, obwohl ich doch schon 
so groß bin, auf den Schoß, wie ein kleines Kind, und streichelte 
mich, weil ich so weinte. „Sei ruhig, mein kleines Mauser!, du sollst 
mir nicht auch so nervös werden wie die Dora. Gib mir ein rechtes 
Kinderbusserl und jetzt gehe ich mit dir in Euer Zimmer und bleibe 
bei dir, bis du schläfst." Natürlich schlief ich absichtlich sehr lange 
nicht ein, bis y^ll Uhr. 

Und dann träumte mir, daß der Papa im Bett der Dora liege, 
so daß ich in der Frühe, wie icii aufwachte, wirklich hinüberschaute, 
ob es nicht am Ende wahr ist und er sich in ihr Bett gelegt hat. 
Aber natürlich habe ich es bloß geträumt. 

12. Juni: Morgen ist großer Schulausflug; ich freue mich riesig, 
einen ganzen Tag mit der Frau Dr. M,, und noch dazu ohne Lernen. 
Wir gehen aufs Eiserne Tor. Voriges Jahr war kein großer Ausflug, 
weil die IV. nicht auf den Anninger wollte, sondern auf den 
Hochschneeberg und das wollte die Frau Direktorin nicht. 

13. Juni : Es war herrlich auf dem Ausflug. Die Hella und ich 
sind den ganzen Tag bei der Frau Dr. M. gewesen ; die Franke hat dann 
am Nachmittag gesagt: Ich bitte Euch, was pickt ihr denn so an der 
Frau Dr.? Man kann 'ja kein vernünftiges Wort mit Euch reden. Und 
da gingen wir dann ein großes Stück durch den Wald mit der Franke 
und sie erzählte uns von einem Burschen, der jetzt in der VlII. geht 
und rasend in sie verliebt ist. Alle Burschen sind nämlich in sie 
verliebt, behauptet sie. Also, daß hat uns wenig interessiert, aber 
dann hat sie uns erzählt, daß die Frau Dr. M. heimlich verlobt ist 
mit einem Professor in Leipzig oder einer anderen Stadt in Deutschland. 
Ihre Kusine ist die Modistin der Frau Dr. und sie weiß es ganz 
bestimmt. Ihre Eltern sind dagegen, weil er ein Jude ist, aber sie 
liebt ihn rasend und er sie auch und sie werden doch heiraten. Und 
da fragten wir die Franke, da sie ja auch eine Jüdin ist, ob das 
alles wahr ist, was die Mali, die wir damals hatten, wie die Resi im 
Spital war, von den Juden gesagt hatte. Und die Franke : ,Wohl ist 
es wahr; das kann ich euch in jedem Punkte bestätigen. Aber das 
ist nicht so schreclilich mit der Grausamkeit, jeder Mann ist grausam, 

95 



besonders in diesem Fall." Dahat sie wohl recht, aber es ist doch 
entsetzlich zu denken, daß gerade die schöne, feine Frau Dr. M. einen 
grausamen Mann bekommen soll. Die Hella meinte, wenn es i h r 
recht ist, so brauche ich mich auch nicht aufregen. Aber vielleicht 

weiß sie nicht, daß Wie wir dann aus dem Wald kamen, 

sagt der Herr Religionsprofessor, der die Frau Dr. M. riesig gern 
hat: „Frau Dr. Sie haben ja Ihre zwei Trabanten verloren!" und alle 
lachten riesig, weil wir gerade wieder da waren. Der Papa holte mich 
und die Hella zusammen ab und weil es schon bald 11 Uhr war, so 
blieb die Hella bei uns über Nacht. Das war sehr nett, nur war mir 
auch gleichzeitig leid, daß ich dem Papa nichts mehr erzählen konnte. 
In der Frühe beim Aufstehen haben wir uns gegenseitig angespritzt 
und furchtbare Dummheiten gemacht, so daß wir beinahe zu spät in 
die Schule gekommen wären. Die Lehrkräfte waren noch so lustig, 
auch der Prof. Wilke, um den wir uns den ganzen Tag nicht 
gekümmert hatten; d. h. er war erst nachmittag nachgekommen und 
uns ein Stück über die Hauswiese hinaus entgegengekommen. Wir 
glauben, er ist auch in die Frau Dr. M. verliebt, denn er ging dann 
immer mit ihr und ist wahrscheinlich nur ihretwegen nachgekommen. 
Sonst war nämlich kein Professor mit, weil sie ja alle Schule hatten 
in den verschiedenen Gymnasien. 

14. Juni: Ich bin ganz aufgeregt. W'ie wir heute um 9 Uhr aus 
der Schule gehen, hören wir auf einmal furchtbar mit dem Säbel 
rasseln; d. h. die Hella hörte es, denn die hört so etwas immer zuerst 
und sagt: „Oje, da hat's ein O . . . eilig" und schaut sich um; „du, 
■ , der Viktor ist hinter uns" und richtig, derweil grüßt er schon und 
sagt: Fräulein Rita, darf ich Sie auf einen Augenblick bitten; pardon» ^ 
Fräulein Hella. Er nennt mich immer Rita und daß er den Namen 
meiner Freundin weiß, zeigt, was für ein netter feiner Mensch er ist. 
Die Hella sagt gleich: „Bitte Herr Oberleutnant, ich werde nicht 
stören, wenn es sich um so Wichtiges handelt" und geht auf die 
andere Seite. Er schaut ihr nach und sagt: „Ein feines vornehmes 
Mädchen, Ihre Freundin." Und dann rückt er mit der Hauptsache 
heraus. Er hat zwar schon 2 Briefe von der Dora, aber keine Antwort 
auf seinen Brief, weil sie ihn nicht von der Post abholen kann, 
nämlich poste restante. Und nun bat er mich riesig, ich möchte 
einen Brief von ihm in meinen einlegen und ihn der Dora schicken. 



96 



Weil aber die Mama doch meine Briefe natürlich liest, so sage ich 
ihm, das geht nicht so einfach; aber ich weiß einen königlichen 
Ausweg; ich schreibe zugleich auch an die Mama und an die 
Dora, damit sie indessen seinen Brief ruhig herausnehmen kann 
Da war der Viktor sehr glücklich und sagte: Sie sind ein Genie und- 
eine kleine Intrigantin ersten Ranges, und küßte mir die Hand. Also 
das „kleine- hätte er ruhig weglassen können; wenn man so klein 
ist, ist man wohl keine Intrigantin. Die Hella ist indessen auf der 
andern Seite gegangen und hat gesehen, wie er mir die Hand küßte. 
Und sie behauptet, ich habe sie durchaus nicht zurückgezogen, 
sondern wie eine große Dame hingehalten und im Gelenk gebogen! 
Sie sagt, so etwas tun wir Töchter aus feinen Familien instinktiv. 
Das ist möglich, denn absichtlich habe ich es bestimmt nicht getan. 
Nachmittag schrieb ich gleich die zwei Briefe, das heißt einen 
ordentlichen an die Mama und einen kurzen an die Dora, nur damit 
von mir etwas dabeiliegt, und trug es selbst auf die Post. 

16. Juni: Jetzt habe ich mich schon so eingewöhnt, daß ich 
mit dem Papa allein bin, daß mir gar nichts mehr abgeht Wir fahren 
oft in den Prater oder gehen abends in einen Park nachtmahlen die 
Hella natürlich mit uns. Ich bin schon furchtbar neugierig was' die 
Dora schreibt. Das habe ich neuhch vergessen zu schreiben.' Ich fragte 
nämlich den Viktor, ob er wirklich nach New-York geht. Aber er 
sagte, keine Idee, das sei nur ein Schreckschuß von seinem Alten 
gewesen. So nennt er nämlich seinen Papa, den Herrn Hofrat. Das 
finde ich nicht sehr fein und deswegen kann ihn wahrscheinlich der 
Papa nicht leiden. Der Papa kann überhaupt die Offiziere nicht 
besonders leiden, mit Ausnahme vom Papa der Hella, aber der ist ja 
auch ziemlich alt. Ujeh, das durfte die Hella wohl nicht lesen da 
wäre sie wütend; aber ihr Papa ist wirklich mindestens um 4 oder 
5 Jahre älter als unser Papa. 

17. Juni: Die Frau Dr. M, ist krank, aber wir wissen nicht was 
ihr fehlt. Es war schrecklich öde in der ganzen Schule. Die Frau 
Direktorin sublierte und in der Pause waren wir ohne Inspektion. Wenn 
sie nur keine Blinddarmentzündung hat, das wäre gräßlich. 

18. Juni: Sie ist noch nicht da. Die Frau Dr. Steiner sagte sie 
hat eine heftige Halsentzündung; sie wird eine ganze Woche nicht 
kommen. 



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19. Juni: Heute kam ein Brief von der Dora. Ich bin empört. 
Kein Wort von meiner Schwesterliebe, nur: „Besten Dank lür kleine 
Besorgung". Das ist doch unerhört; da ist er doch ganz anders ! ! Ich 
werde es mir jedenfalls merken für die Zukunft. Die Hella meint, sie 
hat es aus Vorsicht nur so angedeutet. Aber das ist nicht wahr, sie 
weiß sehr gut, daß der Papa nie unsere Briefe zu lesen verlangt. 
Aber sie glaubt einfach, das ist ganz selbstverständlich. Seit gestern 
bin ich zum erstenmale aus der Schule zuhaus, seit ich im Lyzeum 
bin; ich hatte in der Frühe so stark Halsschmerzen und Kopfweh, 
daß der Papa nicht erlaubte, daß ich in die Schule gehe. Über 
Tag wurde es besser, aber heute früh war mir wieder schlechter. Ich 
werde wahrscheinlich noch 2 oder 3 Tage zuhause bleiben. Der Papa 
wollte den Doktor holen lassen, aber das ist wirklich unnötig. 

20. Juni; Heute wollte die Resi beim Aufräumen wieder 
Verschiedenes reden, aber ich sagte, ich höre solche Dinge nicht 
besonders gern und da bat sie mich riesig, ich möchte nie der Mama 
und dem Papa etwas verraten von dem, was sie uns damals gesagt 
hat wegen des jungen Ehepaares; sie würde sofort den Platz verlieren 
und das wäre ihr schrecklich leid. 

21. Juni: Mir zittern noch die Knie, das hätte können einen 
schönen Skandal geben; zum Glück hatte der Papa Sitzung. Um 
7j7, wie die Hella und ich gerade so miteinander reden, läutet es 
zum Telefon. Die Resi war zum Glücke auch etwas holen und so gehe 
ich zum Telefon; und wer ist es? der Viktor! „Er muß mich morgen 
in der Frühe oder um 1 Uhr sprechen; er hat heute um 1 Uhr 
vergebens gewartet". Natürlich, weil ich doch krank war, d. h. 
ich noch krank bin. Also morgen muß iCh aber trotzdem in die Schule 
gehen. Aber wenn der Papa zuhause gewesen wäre oder selbst die 
Resi, die hätte doch was merken können. Und es wäre furchtbar 
unangenehm, wenn ich zu ihr sagen müßte, sie möchte mich nicht 
verraten. Und wie die Hella schon keck ist, nimmt sie mir den 
Schallbecher aus der Hand und sagt: .Bitte das nie mehr zu tun, 
das ist entsetzlich riskant für meine arme Freundin". Darüber habe 
ich mich eigentlich geärgert, aber die Hella sagt, diese Lektion hat 
er entschieden verdient. 

Morgen gehen wir ins Konzert, da ziehe ich das neue weiße 
Kleid an. Es schaut eigentlich doch gut aus, wenn Schwestern ganz 



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gleich gekleidet gehen. Ich trage jetzt „Schnecken-, der Papa sagt 
„Kuhfladen" ; aber alle Leute sagen, daß mir diese Frisur sehr gut steht. 

22. Juni; Er war entzückend, wie er auf uns zukam und sagte: 
nWird der reuige Sünder in Gnaden aufgenommen?" und uns jeder 
eine prachtvolle Rose gibt. Und dann gab er mir einen Brief und 
sagte: „Vor ihrer energischen Freundin brauchen wir ja kein Geheimnis 
zu machen, nicht wahr." Eigentlich hatte ich keinen Brief mehr über- 
nehmen wollen, aber neulich wußte ich nicht recht, wie ich es sagen 
sollte, ohne ihn zu beleidigen, da er für der Dora ihre Frechheit 
doch nichts kann, und heute wollte ich auch nichts sagen, 1. wegen 
der Rosen, und 2, weil die Hella dabei war. Es kann sich ja ohnehin 
nur um 2 oder 3mal handeln, da will ich jetzt nichts mehr sagen. 
Aber verdienen tut's die Dora wirklich nicht. Die Franke ist kein 
feines Mädel Sie hat uns neulich gesehen und hat dann am nächsten 
Tag gefragt: Was für einen schönen Marssohn habt denn Ihr euch 
aufgezwickt? Die Hella sagte gleich: „Gebrauche doch nicht so 
ordinäre Ausdrücke, wenn du vom Kusin der Rita sprichst". „So, ein 
Kusin, also ein Kussin, das kommt wohl von Kuß, nicht?" Seither 
sprechen wir nur das Notwendigste mit der Franke. Gar nicht reden 
ist zu gefährlich, man kann nie wissen; aber wenig reden, da kann 
sie nicht beleidigt sein. 

23. Juni : Gestern war der alte Herr Landesschulinsp. da, der 
immer in Math, kommt. Der ist so lieb und freundlich, daß immer 
alle Kinder alles können; er ist uns lieber als der, der in die Sprach- 
fächer kommt. Die Verbenowiisch hat sich furchtbar patzig gemacht, 
weil er sie sehr gelobt hat. Mein Gott, wie bin ich schon gelobt 
worden, aber darauf bilde ich mir wirklich nichts ein. Gestern war 
ich übrigens gar nicht dran, weil ich 4 Tage gefehlt habe. Die Frau 
Dr. M. ist heute auch wieder gekommen. Sie sieht schrecklich blaß 
und leidend aus, wer weiß, warum; daß ist so schade, daß sie auf 
der Gasse mit niemanden geht, außer voriges Jahr, wie diese Geschichte 
mit dem Perlentascherl vom Frl. St. war. Aber sonst dankt sie auf den 
Gruß riesig freundlich, aber gehen tut sie nie mit einer Schülerin, 
obwohl die Verbenowitsch gräßlich zudringlich ist und immer neben 
ihr daherrennt. 

26. Juni: Es ist wirklich blöd, was für eine entsetzliche Angst 
ich jetzt bei der heil. Kommunion habe wegen des Herausfallens der 



1* 



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h. Hostie. Mir war beinahe übel vor Angst. Die Hella sagt, das muß 
doch einen Grund haben, ich weiß aber wirklich keinen, außer daß 
ich durch das Malheur der Lutter aus der HI. noch mehr Angst habe. 
Die Hella sagt, ich kann ja zum Protestantismus übertreten, aber das 
tue ich auf keinen Fall; denn nach dem Empfang der h- Kommunion 
fühlt man sich doch so rein und so viel besser als früher. Aber leider 
hält es nicht so lange an, als es sein sollte. 

27. Juni: Also die Mama ist wirklich krank. Der Papa hat es 
mir gerade vorhin gesagt. Er war so furchtbar nett und sagte: Wenn 
Euch nur das Schicksal Eure gute Mutter erhalt. Es geht ihr nicht 
zum Besten. Da frag ich: Papa, was fehlt denn eigentlich der Mama? 
Und der Papa sagt: „Mein liebes Kind, das ist ein heimtückisches 
Leiden, das sich schon lange vorbereitet hat und dann plötzlich einmal 
zum Ausbruch kommt." „Muß sie sich also wirklich operieren lassen?* 
„Hoffen wir, daß das zu vermeiden ist. Aber ein Jammer ist es und 
bleibt es, daß die arme Mama krank ist." Und weil der Papa förmlich 
schlecht aussieht, wie er das sagt, so habe ich ihn getröstet und 
gesagt; „Die Moorbäder müssen sie doch gesund machen, wozu 
nimmt sie sie denn sonst?" Und der Papa sagt: „Ja, mein liebes 
Kind, wir wollen das Beste hoffen." Und dann haben wir noch lange 
miteinander geredet, daß die Mama sich riesig schonen muß und daß 
im Herbst vielleicht die Tante Dora zu uns kommt, die Wirtschaft zu 
führen. Und da fragte ich den Papa, „Ist es wahr, daß du die Tante 
Dora nicht besonders leiden kannst?" Aber der Papa sagte: „Keine 
Idee, wer hat denn dir das in den Kopf gesetzt?" Und da sag' ich: 
„Aber die Mama hast du doch viel lieber?" Da lachte der Papa und 
sagte: „Du Kindskopf, natürlich, sonst hätte ich die Tante Dora 
geheiratet und nicht die Mama". Ich hätte so riesig gern noch manches 
gewußt, aber das konnte ich doch den Papa nicht fragen, leider. Die 
Dora fehlt mir wirklich, besonders am Abend. 

2. Juli : Heute habe ich mich riesig geärgert in der Schule. Der 
Prof. W . . . . , der Verräter, war heute nicht da, weil er im Gymnasium 
h. Beichte und Kommunion hatte und die Frau Direktorin wußte 
nichts davon und so war niemand zum sublieren da. Da sublierte der 
Herr Religionsprofessor, der wegen des Unterschreibens der Zeugnisse 
früher gekommen war. Weil aber die Jüdinnen auch da waren, so 
war natürlich keine Religionsstunde, sondern der H. Rel. -Prof. plauderte 



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mit uns. Er fragte jede, wo sie im Sommer hingeht und wie ich sage, 
nach Rodaun, sagt die Weinberger: Gott, nur nach Rodaun? und 
ein paar andere Mädchen sagen auch gleich: Nur nach Rodaun; da 
fährt man ja nur mit der Dampftramway, Ich habe mich furchtbar 
geniert, weil wir doch sonst meistens nach Tirol oder Steiermark 
gefahren sind; das habe ich auch gleich gesagt und da sagt die 
Franke: Voriges Jahr wart Ihr, glaube ich, auch nur ganz in der 
Nähe von Wien, mir scheint in Hain .... und dann setzt sie ab und 
tut so, als ob sie noch nie etwas von Hainfeld gehört hätte. Das ist 
doch eine Falschheit; aber ich weiß, sie ist empört, weil wir nichts 
mit ihr reden seit damals vom Kussini Und jetzt sieht man, was 
eine echte Freundschaft ist. Während ich mich noch riesig ärgere, 
sagt die Hella: Die Mama der Rita ist derzeit im Weltkurort 
Franzensbad; sie ist nämlich leidend und da muß dann auch 
jede Woche wenigstens einmal Prof. Seh . . . hinkommen. Und der 
Herr Rel.-Prof. ist auch sehr lieb und sagt: In Rodaun ist es reizend 
schön und es hat eine prächtige Luft; das wird deiner Mama gewiß 
sehr gut tun, und das ist doch die Hauptsache, nicht wahr, Kinder. 
Der liebe Gott erhalte Euch nur recht lange Eure Eltern. Und wie 
der Herr Rel.-Prof. das sagt, so fängt die Lampel, deren Mama heuer 
im Winter gestorben ist, furchtbar zu weinen an, und ich auch, weil 
ich an mein Gespräch mit dem Papa dachte. Die Weinberger und die 
Franke haben aber geglaubt, ich weine, weil ich mich ärgere, daß 
wir bloß nach Rodaun gehen. Und in der Pause sagte die Franke: 
Das ist doch keine Schande, wenn man nur nach Rodaun geht, 
deswegen braucht man nicht zu weinen. Aber die Hella sagte: „Ich bitte 
dich, die Lainer können überall hingehen, die sind so vermögend, daß 
mancher sie beneiden könnte. Übrigens ist ihre Mama und ihre Schwester 
jetzt in Franzensbad, wo es riesig teuer ist und in Rodaun haben sie eine 
ganze Villa gemietet. Und geweint hat die Rita aus Kränkung wegen 
ihrer Mama, aber niclii wegen dir". Natürlich reden wir jetzt kein 
Wort mehr mit der Franke. Die Mama wollte es ohnedies nicht, sie 
hat ihr sehr mißfallen, als sie sie voriges Jahr kennen lernte. In solchen 
D'ngen hat die Mama wirklich immer das richtige Vorgeftihl. 

6. Juli: Heule ist Schulschluß gewesen. Ich habe lauter Sehrgut, 
mit Ausnahme von — Natugeschichte natürlich! das war nicht anders 
zu erwarten. Die Prophezeiung der ich mag den Namen 

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nicht schreiben, war vollkommen richtig. Der Frau Dr. M. und der 
Frau Dr. St. haben die meisten Schülerinnen, die noch da sind, Blumen 
gebracht zum Abschied. Und ausnahmsweise sind wir, ich und die 
Hella, mit der Frau Dr. M. bis zur Stadtbahn gegangen. Wenn wir 
ihr die Hand küssen, wird sie immer ganz rot, und wir tun es doch 
so gern. Sie macht im Sommer eine Reise nach Deutsch- 
land, natürlich; da hätte die Hella eigentlich gar nicht fragen brauchen; 
das ist doch selbstverständlich!!! 

8. Juli: Heute kommen die Mama und die Dora. Wir holen sie 
von der Bahn ab. Ja, richtig, das habe ich ganz vergessen. Neulich 
legte mir der Papa ein ganz neues 5 K-Stück unter die Serviette und 
wie ich die Serviette wegnehme, fällt es heraus und da sagte der Papa: 
Zur teilweisen Tilgung der Unkosten für den Blumenschmuck des 
Tisches. Gott, der Papa ist so gut, die paar Blumen haben doch keine 
5 K gekostet, höchstens 3, denn wenn sie noch sehr schön waren, 
habe ich nur jeden 2. Tag neue gekauft. Also jetzt kann ich der 
Mama Rosen kaufen, viele, und sie entweder auf den Bahnhof mitbringen 
oder auf ihren Tisch stellen. Einesteils freue ich mich riesig, daß die 
Mama wieder kommt, aber andernteils war ich doch sehr gern mit 
dem Papa ganz allein, weil er alles mit mir so besprochen hat, wie 
mit der Mama; und das hört jetzt wieder auf, 

10. Juli: Die Mama und die Dora schauen großartig aus; besonders 
von der Mama freut es mich; denn jetzt sieht man deutlich, daß sie 
wieder ganz gesund ist. Wenn wir nicht schon die Wohnung in Rodaun . 
hätten, hätten wir ganz gut nach Tirol fahren können. Denn feiner 
ist es sicher, das kann man nicht leugnen. Die Dora schaut ganz 
fremd aus. Das ist ja eigentlich lächerlich, in 1 Monat verändert man 
sich doch nicht, aber sie schaut wirklich ganz anders aus; sie trägt 
übrigens eine andere Frisur, das Haar gescheitelt über die Obren. 
Ich habe noch keine Gelegenheit gehabt, wegen der „kleinen Besorgung" 
etwas zu sagen und sie tut überhaupt nichts dergleichen. Sie muß im 
Herbst eine Aufnahmsprüfung maciien für die VI., weil sie um ein 
Monat früher wegging. Der Papa sagt, das ist nur proforma und sie 
darf keine Lehrbücher aufs Land mitnehmen. Am 9. ist die Hella weg- 
gefahren, zuerst gehen sie und ihre Mama und die Lizzi nach Gastein 
und dann nach Ungarn zu ihrem Onkel. Ohne Hella ist das Leben öde, 
viel ärger als ohne die Dora; da war's mir nur am Abend manchmal 



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langweilig, beim Schlafengehen. DieDora tut übrigens, als ob man sie in 
Franzensbad als wie eine Dame gebalten hätte. Das ist gewiß nicht wahr, 
denn das sieht man schon, daG sie noch lang keine ganz große Dame ist, 
11. Juli: Ich weiß nicht, was die Dora hat. Wenn sie ausgeht, 
geht sie allein und sagt nicht, wann und wohin, und sonst hat sie 
auch noch nichts vom Viktor gesprochen. Er muß doch wissen, daß 
sie da ist. Morgen fahren wir nach Rodaun, natürlich nicht mit der 
Dampftramway, sondern selbstverständlich mit der Eisenbahn. Und 
übermorgen, am 13., hat der Oswald mündlich Matura; er sagt immer 
Martura, weil die Professoren einen martern wollen. Er sagt auch, in jeder 
Klasse ist mindestens 1 oder auch mehrere S t r e b e r, so wie bei uns die 
Verbenowitsch; und die korumbieren die Professoren, sagt er, denn 
durch die Streber werden die Professoren den anderen Schülern aufsässig. 
Also, das kann ja im Gymnasium sein, aber bei uns ist es bestimmt 
nicht so. Denn soviel die Verb. . . . allen Lehrkräften nachläuft, kann 
sie doch niemand besonders leiden; sie bekommt ihre guten Noten, 
aber niemand hat sie besonders gern. Die Mama sagt der 13. ist ein 
Unglückstag und wenn nur dem Oswald nichts passiert. Sie war auch 
deshalb gestern im Hochamt und nicht in der 9 Uhr Messe wie meistens. 
Ich habe aber wirklich nicht dran gedacht, für den Oswald zu beten 
und ich glaube, er wird schon auf jeden Fall durchkommen. 

13. Juli: Gott sei Dank, der Oswald hat telegraphiert, er ist 
durchgekommen, d. h. er hat sein Ueblingswort telegraphiert: Schluß 
mit Jubel. Da hat sich die Mama wenigstens nicht aufregen brauchen, 
wie bei der schriftlichen Malura, wo er immer blöde Witze machte. 
Er kann aber erst am 17. kommen, da die Matura-Kneipe erst am 
15. ist. Der Papa ist auch riesig Iroh. Hier ist es ganz schön; eine 
ganze Villa für uns haben wir natürlich nicht, wie die Hella in der 
Schule absichtlich aufschnilt, sondern eine Wohnung im 1. Stock; 
im Hochparterre wohnt eine junge Frau, d. h. ein j u n ge s Eh epa a rl! 
Das ist auch ein Wort, das ich nicht hören kann, ohne daß ich mich 
schütteln muß vor Grausen und Lachen zugleich. Die Resi muß auch 
gleich gedacht haben dran, denn sie hat die Dora und mich sehr 
angeschaut, wie sie es erzählte. Sie haben übrigens schon ein Kind, 
also es ist kein gar so junges Ehepaar mehr. Der Hausherr, der neben 
uns wohnt, laßt mir eine Schaukel machen im Garten. Denn eine 
Landwohnung ohne Schaukel ist gräßlich. 

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16. Juli: Heute hat endlich die Dora etwas geredet vom Viktor, 
aber sehr kühl; es muß etwas gewesen sein. Sie könnte es mir schon 
sagen; nach dem, wie ich mich benommen habe, wäre sie eigentlich 
dazu verpflichtet. Ich habe ihn seit dem letzten Brief am 27. Juni 
nicht mehr gesehen; da muß eben etwas vorgefa . , . nein, das Wort 
bedeutet etwas ganz anderes, es mu6 etwas gewesen sein, aber was? 
Die Hella ist entzückt von Gastein, nur ich fehle ihr, schreibt sie. 
Das kann ich voll verstehen, denn sie fehlt mir ebenso. Vor Schluß 
des Schuljahres schrieb mir auch die Ada, ob wir heuer nicht nach 
H. kommen; sie hätte mir soviel zu erzählen und sie braucht 
meinen Rat. Ich werde ihr sehr gern raten, aber ich weiß eben 
nicht, um was es sich handelt. 

18. Juli: Etwas Großartiges, wir sind — aber nein, das 

muß ich der Reihe nach schreiben. Gestern kam der Oswald, er ist 
riesig lustig und hat zur Dora im Spaß gesagt, wenn sie nicht seine 
Schwester wäre, würde er sich vielleicht verlieben in sie, weil sie nämlich 
so gut ausschaut. Und wie wir bald zum Nachtessen gehen sollen, so 
ruft uns die Mama und ich ärgere mich noch, wie ich sehe, daß es 
erst 7^8 Uhr ist. Da kommt der Papa herein mit einem Akt, wie er 
sie immer aus dem Bureau bringt und sagt: „Mein lieber Oswald und 
Ihr beiden, ich habe Euch, spez. dem Oswald eine kleine Freude 
machen wollen zur Matura." Aha, denke ich mir, also doch ein großes 
Los! Da nimmt der Papa den Akt auseinander und sagt: „Ihr habt 
Euch als Kinder oft darüber gekränkt, daß wir nicht auch adelig sind 
wie die andern Lainers. Mein Großvater legte den Adel ab, und ich 
habe ihn für dich, Oswald, und auch für Euch wieder erworben. Wir 
heißen jetzt Lainer von Lainsheim wie die Tante Anna und die Onkels." 
Der Oswald war ganz starr und ich faßte mich zuerst und umarmte 
den Papa. Und vorher sagte er noch: „Macht dem Namen Ehre." Der 
Oswald räusperte sich furchtbar lange und sagte: Meinen Dank, Vater, 
ich werde den Namen immer hochhalten, und sie küßten sich. Der 
Oswald sagt meistens Va t e r anstatt Papa; er sagt, das ist unmännlich. 
Wir waren den ganzen Abend so feierlich, objvohl die Mama Back- 
hOhner hatte machen lassen und der Papa einen Champagner besorgt 
hatte. Ich bin riesig glücklich; es ist doch herrlich, adelig zu sein. 
Und was die Mädchen sagen werden und die Lehrkräfte! Ich freue 
mich riesig darauf. Ich muß es morgen sofort der Hella schreiben. 

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19. Juli: Das habe ich wunderbar gemacht. Ich wollte doch 
nicht so hinschreiben: Wir sind jetzt auch von Adel, so schrieb ich 
weiters gar nichts als Deine ewig treue Freundin Rita Lainer von 
Lainsheim. Der Resi habe ich es heute in der Frühe gesagt, aber der 
Papa zankte zu Mittag und sagte, das war sehr überflüssig; aber mir 
scheint der Adel zu Kopf gestiegen zu sein. Also, das ist nicht richtig» 
aber freuen tut sich jedes und die Dora hat auch auf einen ganzen 
Bogen Papier ihren Namen geübt. Der Papa sagt, wir sind deswegen 
auch nichts anderes als früher, aber das ist nicht wahr, sonst hätte 
er sich doch nicht adeln lassen. Er sagt, der Oswald findet ein leichteres 
Fortkommen, aber das ist es nicht allein. Der Hausherr hat es durch die 
Resi erfahren und hat uns nachmittags gratuliert und seine Frau auch. 

20. Juli: Der Oswald bleibt nicht hier, er sagt, es ist ihm viel 
zu fad, er maclit eine gröfiere Fußtour in die Alpen, auf den Großglockner 
und dann in die Karawanken. Er sagt auch vom Papa „Alter" und 
das linde ich entsetzlich ordinär. Die Dora sagt, es ist direkt frivol!!, 
na also, das bedeutet allerdings noch etwas ganz anderes! 

24. Juli: Heute ist die Antwort der Hella gekommen; sie gratuliert 
mir riesig und dann schreibt sie, zuerst war sie ganz baff und glaubte, 
ich sei übergeschnappt oder habe einen dummen Witz gemacht. Aber 
ihre Mama hat es schon von ihrem Papa gewußt, weil es schon in 
der Amtszeitung oder wo gestanden ist. Nun sind wir beide von Adel 
und das ist sehr angenehm. Ich habe mich früher wirklich manchmal 
geärgert, daß ich nicht adelig war und wohl sie. 

25. Juli : Heute ist der Oswald weggefahren. Er hat vom Papa 
300 K Reisegeld bekommen, und das alles wegen der Matura. Ich 
habe gesagt: „Da mach* ich gleich auch Matura" und der Oswald 
sagte: „Dazu muß manschen ein bisserl mehr Grütze im Kopf haben, 
als ihr Mädeln habt." Das ist eine Frechheit, die Frau Dr. M. hat 
doch auch Gymnasialmatura und die Frau Dr. Steiner hat sie gar 
extra nachgetragen und die Dora sagte ganz ruhig: Möglicherweise 
werde ich dir beweisen, daß auch deine Schwester das leisten kann ; 
übrigens sagst du doch selber immer, hauptsächlich kommt es auf die 
Frechheit an bei der Matura. Und da fällt mir auch etwas Köstliches 
ein und ich sage: Die Frechheit besitzen wir wohl nicht, aber dafür 
lernen wir, wenn wir eine Prüfung machen! Die Mama wollte uns 
versöhnen, aber wir ließen uns nicht versöhnen. Und abends sagte 

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die Dora zu mir: Der Oswald ist wahnsinnig arrogant, obwohl er 
eine Menge Genügend hat und gerade nur durchgekommen ist. Ja 
richtig, diese Blödheit vom Oswald; gleich nach dem Telegramm ; 
«Schluß mit Jubel« kommt noch eins, das eigentlich hätte zuerst 
kommen sollen, da es 4 Stunden früher aufgegeben war, mit nichts 
anderem als »Durch". Die Mama regte sich noch hinterdrein riesig 
auf, weil sie noch fürchtete, es heiße am Ende doch durchgefallen 
und das andere Telegramm sei nur Galgenhumor gewesen. Solche 
blöde Witze würde die Dora oder ich nie machen. Der Papa sagt 
zwar immer: Auf der Universität wird sich der Oswald schon die 
Hörner abstoßen, aber er hat heute erklärt, er geht nicht auf die 
Universität, sondern er wird Bergbau studieren und vielleicht nachher Jus. 

29. Juli: Es ist hier greulich fad. Ich weiß gar nicht, was ich 
tun soll; den ganzen Tag kann ich unmöglich lesen und schaukeln 
und die Dora ist wieder so fad wie früher; das heißt noch fader, denn 
streiten tut sie nicht, aber reden, das heißt nämlich von gewissen 
Dingen reden auch nicht. Sie ist nur ganz vernarrt in den kleinen 
Buben von der jungen Frau im Hochparterre; 10 Monate ist er alt 
und ich weiß nicht, was man an einem solchen kleinen Fratzen hat; 
sie schleppt ihn herum und vorgestern hat er sie ganz naß gemacht, 
das habe ich ihr vergönnt. Denn da hat ihr doch sehr gegraust, denn 
er hat sie angem . . . Hoffentlich ist sie jetzt kuriert. 

Gott sei Dank! morgen ist mein Geburtstag, das ist doch eine 
Abwechslung. Nachmittag gehen wir auf den Parapluie-Berg, hoffentlich 
ohne Parapluie. Der Papa kommt schon um 1 Uhr heraus, damit wir 
um 2 oder V23 Uhr weggehen können. Die Hella hat mir heute eine 
versperrbare Kasette für Briefe usw. ! ! ! geschickt, natürlich mit 
Bonbons gefüllt und einen riesig langen Brief, wie sie sich unterhält 
in Gastein. Aber sie bleiben nur 4 Wochen, weil es wahnsinnig teuer 
ist, eine Semmel 5 Kreuzer und 1 Flasche Bier eine Krone. Und die 
Semmeln so klein, daß man zum Frühstück und zur Jause eigentlich 
immer drei essen könnte. Aber im Hotel ist es großartig elegant, 
mehrere Grooms ; dann sind riesig viele Amerikaner und Engländer 
und sogar eine Konsulsfamilie aus Sidney in Australien dort. — Ich spiele 
fast den ganzen Tag mit zwei jungen Dackeln, die Max und Moritz heißen, 
obwohl eines natürlich ein Weibchen ist. Das soll man eigentlich nicht 
niederschreiben, denn es heißt etwas, nämlich in der Nebenbedeutung. 

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3. Jahr. 

(Von 13—14 Jahren.) 



31. Juli: Gestern war mein Geburtstag, der dreizehnte. Von der 
Mama bekam ich eine Radio-Uhr, wie ich sie mir für den Nachtkasten 
wünschte, mit selbstleuchtendem Zifferblatt. Das ist natürlich hauptsachlich 
für den Winter für die langen Nächte; gestickte hohe Halskragen; 
vom Papa das Tagebuch eines bösen Buben, das eine Wärterin der 
Hella borgte, während sie im San. war; es ist so köstlich, aber 
der Papa findet es blöd, weil ein Bub unmöglich das alles ansteilen 
kann, ein neues Racket mit einer ledernen Rackettasche, hochelegant, 
von Sirk, und Tennisbälle, von der Dora. Billets de Corr., mondlicht- 
farben mit Silberecken. Die Großeltern schickten einen Korb Kirschen, 
Weichsein und einen Johannisbeeren und Erdbeeren; die letzteren nur 
für mich zum Geburtstag. Von der Tante Dora bekam ich drei Krawatten 
aus Berlin für Winterblusen. Nachmitta£is waren wir auf dem Par.-Berg, 
es wäre ganz lustig gewesen, wenn die Mama auch mitgehen hätte 
können, oder wenn die Hella da wäre. 

1. August: Heute kam ein Brief von der Ada; sie gratuliert mir 
zum Geburtstag, da sie glaubt, er ist am 1. August und dann kommt 
das Wichtigste. Sie ist furchtbar unglücklich. Sie will aus den engen 
Verhältnissen ihrer Familie heraus, schreibt sie, sie hält es in der 
dumpfen Atmosphäre ihres Hauses nicht aus. Sie 

war in St. P bei dem Schauspieler, den sie so verehrt, und er 

hat sie geprüft und gesagt, sie hat entschieden schauspielerisches 
Talent; er würde sie ausbilden, abernur mit Einwilligung ihrer Eltern. 
Aber die bekommt sie natürlich nie. Sie schreibt, sie ist iniolgedessen 
so nervös, daß sie den ganzen Tag weinen oder toben möchte 
kurz sie hält ein solches ödes Leben nicht länger aus. Ich bin ihre 

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einzige Hilfe. Siemöclite, daß ich zu ihnen iiomme und noch lieber, 
daß sie zu uns kommen könnte auf 2 oder 3 Wochen und da würde 
sie meiner Mama alles vorstellen und erklären, und dann möchte sie 
aui 1 Jahr zu uns nach Wien kommen; der Herr G., der Schauspieler, 
soll nämlich im Herbst ins Raimundtheater kommen und da würde er 
sie unterrichten. Zum Schluß schreibt sie, sie überläßt es meiner 
Klugheit, und meinem Takt, sie zum glücklichsten Geschöpf unter der 
Sonne zu machen ! Ich weiß nicht recht, was ich machen soll. Jedenfalls 
habe ich schon die Einleitung gemacht; es sei mir so schrecklich fad. 
wenn nur die Hella da wäre oder wenigstens die Ada, oder sogar die 
Marina. Da sagte die Mama: die Marina ist doch in Feld in Kärnten 
und die Ada wird kaum herkommen können. Dem Papa tut es auch 
sehr leid, daß ich mich so langweile und so sagte er beim Nachtessen: 
Möchtest du wirklich, daß die Ada herkommt ; sie paßt ja im Alter 
eigentlich viei mehr zur Dora. Aber ich weiß, ihr zwei habt euch im 
Vorjahr besser vertragen. Und dann sagt er zur Mama: Sag Berta. 
geniert es dich, wenn die Ada kommt? Und die Mama sagt, „Aber 
keine Spur; wenn es der Gretel eine Freude macht; sie ist ja ohnehin 
leer ausgegangen, die Dora war mit mir in Franzensbad und der 
Oswald macht seine schöne Reise, mir unser Kleines hat nichts für 
sich bekommen; also willst du, Gretel?" „Natürlich Mama, will ich, 
ich schreibe sofort; ich habe kein Vergnügen dran, den kleinen Balg 
herumzuschleppen wie die Dora und so großartig das Tagebuch eines 
bösen Buben ist, so kann ich doch nicht den ganzen Tag lesen " 
Also ich schreib' der Ada sofort, so als ob ich es durchaus wollte 
daß sie kommt. Ich bin überglücklich, wenn alles gelingt und die Ada 
wirklich emmal eine so große Schauspielerin wird, wie die Mama es 
immer von der Wolter sagt, dann habe ich etwas dazu beigetragen, 
daß Wien eme große Künstlerin hat und daß die Ada aus dem 
unglücklichsten Geschöpf das glücklichste geworden ist. 

2. August: Ich habe der Ada nichts davon geschrieben, daß wir 
geadelt, od. wie die Dora sagt renobiliert, da die Familie ja 
längst adelig ist, also renobiliert worden sind; sie erfährt es noch 
immer früh genug, wenn sie zu uns kommt. Die Mama sagt immer: 
Nur nicht protzen, und am wenigsten mit etwas, was man sich nicht 
einmal selber verdient hat. Also, das ist nicht ganz richtig, denn wenn 
der Papa nicht so hohe Verdienste um die Gesetze oder die Verwaltung 

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hätte wo er vor 2 Jahren die ganzen Nächte geschrieben hat, wäre 
er vielleicht nicht renobiliert worden. Ich sehe übrigens nicht ein, 
warum die Eltern daraus so ein Geheimnis machen mußten im 
verflossenen Winter. Das hätten wir doch ruhig erfahren können. Aber 
wahrscheinlich wollte uns der Papa eine rechte Überraschung machen. 
Und das ist ihm gelungen ; das Gesicht von der Dora und wie sich 
der Oswald geräuspert hat!! Was für ein Gesicht ich eigentlich 
gemacht habe, darauf hat gar niemand achtgegeben, wie mir scheint. 
3. August: Also jetzt weiß ich, warum die Dora so anders ist 
zu mir als früher, d. h. warum sie wieder so ist, wie eben früher, 
vor dem heurigen Winter. Sie hat an der Mama eine wahre 
Freundin gefunden während der 4 Wochen in Fr.! Ich brachte 
heute das Gespräch auf den Viktor und da sagte sie zuerst nur: Ich 
korrespondiere nicht mehr mit ihm. Und wie ich frage: „Habt Ihr 
Euch gezankt und wer ist Schuld daran?" Da sagt sie: „O, nein, ich 
habe ihm abgeschrieben." «Wieso abgeschrieben, er geht doch 
gar nicht nach Amerika?" Da sagt sie: „Also liebe Rita, damit wir 
ins Reine kommen; ich habe ihn auf den berechtigten Wunsch unserer 
Mutter aufgegeben". Sie sagt jetzt übrigens meistens Mutter statt 
Mama, Also das muß ich sagen, ich habe die Mama wirklich sehr, 
sehr gern, aber als Freundin kann ich sie mir nicht vorstellen. 
Wie kann man denn mit seiner eigenen Mutter eine wahre 
Freundschaft haben ? Die Dora muß wirklich keinen Begriff davon 
haben, was eine wahreFreundschaft bedeutet. Zu seiner Mama 
kann man doch unmöglich von gewissen Dingen sprechen, ich könnte 
nicht einmal fragen: Weißt du, was das heißt, es ist etwas 
vorgefallen oder passiert? Und überhaupt, es ist die Frage, 
ob sie es wirklich weiß. Denn wie sie 13 oder 15, 16 Jahre war, hat 
man vielleicht ganz andere Ausdrücke gehabt und die modernen 
haben möglicher Weise damals gar nichts bedeutet. Und wie paßt es 
denn zu einer Freundschaft, daß dann die Mama doch zur Dora sagi: 
Jetzt darfst du nicht weggehen, das Gewitter kann jeden Moment 
losbrechen, und neulich abends: Dora, du mußt den Shawl 
mitnehmen. Eine Freundschaft zwischen einer Mutter und einer Tochter 
gibt es absolut nicht, sowenig wie zwischen einem Vater und seinem 
Sohn. Da dürfte vor allen anderen nichts mehr befohlen und verboten 
werden und dann das noch viel wichtigere, daß man absolut nicht 

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alles reden kann, was man gerade möchte. Ich habe "dann am Abend 
nur noch gesagt : , Natürlich hat dir die Mama verboten, mit mir von 
gewissen Dingen zu reden; und das nennst du eine Freundschaft?" 
Da sagte sie ganz sanft: „Nein, Rita, die Mutter hat mir nichts 
verboten, aber ich sehe ein, es war unüberlegt von mir, mit dir über 
diese Dinge zu sprechen ; man lernt den Ernst des Lebens früh genug 
kennen." Da lachte ich hellaut und sagte: „Das nennst du den 
Ernst des Lebens; weißt du nicht mehr, wie köstlich wir uns dabei 
unterhalten haben? Mir scheint, dein Gedächtnis hat gelitten in den 
Moorbädern," Drauf gab sie keine Antwort. Wenn nur wenigstens die 
Ada käme. Denn jetzt brauche ich sie ebenso wie sie mich. 

4. August: Also Gott sei Dank, die Ada kommt, aber leider 
erst am 8., weil sie am 5. Wäsche haben und da könnte niemand 
mit ihr herfahren. Ich bin riesig froh, nur tut mir leid, daß sie im 
Kabinett schläft und nicht lieber die Dora. Aber die Mama sagt, wir 
Schwestern sollen nur beisammen bleiben und die Ada kann die 
Tür ins Speisezimmer offen lassen, damit sie sich nicht am Ende 
fürchtet. 

7. August: Die Tage ziehen sich endlos. Die Dora ist so sanft 
und mild wie eine Klosterschwester, aber sie redet auch so wenig zu 
mir wie eine Nonne, und ist immer mit der Mama zusammen. Die 
zwei Dackeln sind nach Neulengbach verkauft und so ist es jetzt 
greulich fad für mich. Gott sei Dank, morgen kommt die Ada. Wir 
holen sie von der Bahn ab um 6 Uhr, der Papa und ich. 

8. August: Nur schnell ein paar Worte. Die Ada ist um mehr 

als einen Kopf größer als ich; der Papa sagte: Ja, du Longinus, wo 

Wächst du noch hin? Oder muß ich jetzt Sie sagen? Und die Ada 

sagte: „Aber nein, Herr Oberlandesgerichtsrat, sagen Sie nur Du, ich 

bin so glücklich, daß ich hier bin bei Ihnen." Und ihre Mama sagte: 

Ja, sie ist überall glücklicher als zu Haus, leider: „so ist die 

moderne Jugend." Der Papa half der Ada und sagte: „Gnädige 

Frau, in uns hat's auch einmal gegährt und geschäumt, aber es ist 

schon lange her, daß wir es schon vergessen haben." Und da seufzte 

die Frau Dr. H. absichtlich so lang und tief, als ob sie ersticken 

müßte, und die Ada nahm mich beim Arm und sagte leise: „Hast 

du jetzt einen Begriff von meinem Leben?" Ihre Mama bleibt 

heute über Nacht bei uns und lamentierte den ganzen Abend über 

110 



alles Mögliche (so sagte nämlich die Ada vorm Schlafengehen); aber 
ich habe gar nicht so darauf geachtet, denn ich brenne schon vor 
Neugierde auf das, was mir die Ada zu sagen hat. Also morgen, 
gleich nach dem Frühstück. 

12. August: Ich konnte drei Tage nicht schreiben, so viel 
erzählte mir die Ada. Ohne Kunst kann und will sie nicht leben, 
eher geht sie durch, bevor sie verzichtet. Jetzt hat sie noch 
ein Jahr Fortbildungsschule zu machen und dann den Französischen 
Kurs für die Staatsprüfung oder den Handarbeitskurs. Aber sie möchte 
das alles in Wien machen, damit sie nebenbei für das Theater 
studieren kann bei dem H. G. Sie sagt, sie ist gar nicht mehr in 
ihn verliebt, er ist ihr bloß Mittel zum Zweck. Sie würde alles 
opfern, um ihr Ziel zu erreichen. Erst verstand ich das alles gar 
nicht, aber sie sagte mir dann, was das heißt. Sie hat den Roman 
Elisabeth Kött von Bartsch gelesen, den auch die Mama hat, und 
noch viele andere Künstlerromane und überall steht, daß erst eine 
.große Liebe die Frau zur wahren Künstlerin macht. 
Etwas kann schon daran sein. Denn anders wird man wirklich 
durch eine große Liebe; das habe ich deutlich an der Dora 
gesehen ; wie sie so wahnsinnig vernarrt war in den Viktor, und wie 
sie jetzt wieder!! ist. Sie lernt auch wieder Latein, um alles Versäumte 
nachzuholen ! Mit ihr spricht die Ada nicht von ihren Plänen, weil 
der Dora das richtige Verständnis fehlt! Nur heute erwähnte 
sie vor ihr, daß sie um jeden Preis im Herbst nach Wien kommen 
möchte, damit sie recht oft ins Theater gehen könnte. Und die Dora 
sagte, Gott, du irrst dich, wenn man auch in Wien ist, gar so oft 
kommt man nicht ins Theater; denn erstens hat man nur wenig Zeit 
und zweitens bekommt man sehr oft keine Sitze; in der Provinz 
denkt man sich das alles viel schöner, als es wirklich ist. 

14. August: Nur schnell ein paar Worte. Heute, während die 
Ada im Bad war, sagte die Mama zu uns beiden: „Kinder, ich 
habe Euch etwas zu sagen ; ich möchte nicht, daß Ihr recht erschreckt 
in der Nacht. Die Mama der Ada sagte mir, daß die Ada sehr nervös 
ist und manchmal, im Schlafe aufsieht, ohne daß sie es weiß." „Gott", 
sag ich, „das ist furchtbar interessant, da ist sie ja mondsüchtig; 
das wird immer beim Vollmond sein." Da sagt die Mama: »Ja aber 
Gretel, sag nur, woher weißt du alle diese Sachen? Hat dir die 

m 



Ada schon davon erzählt?" „O nein, sag ich, die Franke haben ein 
mondsüchtiges Stubenmädchen gehabt und die hat es der Hella und 
mir erzählt." Und jetzt fällt mir gerade ein, daß die Mama sagt: 
Woher, weißt du alle diese Sachen? Also muß das davon abhängen. 
Ob ich die Ada fragen könnte oder ob sie am Ende beleidigt wäre- 
ich bin furchtbar neugierig, ob sie bei uns mondsüchtig wird. 

15. August: Heute hat mir die Hella geantwortet auf das, was 
ich ihr wegen der Freundschaft zwischen der Dora und der 
Mama schrieb. Sie glaubt es natürlich auch nicht, daß die Dora 
deswegen dem Viktor abgeschrieben hat, denn das ist doch 
kein Grund. Die Lizzi hatte nie eine besondere Freundschaft mit ihrer 
Mama und die Hella schreibt, sie könnte es auch gar nicht begreifen ; 
ich habe ganz Recht, man hat die Eltern sehr gern, aber von einer 
Freundschaft kann doch keine Rede sein. Und sie würde es sich 
auch sehr ausbitten, wenn ich auf einmal so die Freundschaft wechseln 
wollte. Die Dora wird wohl nie eine wahre Freundschaft gehabt haben 
und darum ist sie jetzt auf die Mama angewiesen. Die Brückners 
kommen schon am 19. zurück, weil es in Gastein so furchtbar teuer 
ist. \X'^ahrscheinlich fahren sie dann nach Ungarn zu ihrem Onkel, 
oder nach Fieberbrunn in Tirol. Ich habe der Hella zum Namenstag 
das Tagebuch eines bösen Buben geschickt, weil sie es sich auch 
wünschte. Jetzt haben wir es beide und können einander immer die 
besten Sachen schreiben, damit die andere es auch gleich liest. 

20. August: Also heute Nacht ist die Ada richtig 
aufgestanden, davon hätten wir wahrscheinlich gar nichts gemerkt^ 
aber sie hat den Monolog der Jungfrau von Orleans deklamiert und 
da sagt die Dora, die ihn sofort erkannte; ^Rita, ich bitte dich, 
jetzt ist die Ada richtig mondsüchtig geworden." Wir rührten 
uns gar nicht und sie ging ins Speisezimmer, aber dort war zugesperrt 
und der Schlüssel abgezogen, weil es direkt auf den Gang geht und 
dann stieß sie an den Streckfauteuil der Mama und da wachte sie 
auf. Es war gräßlich. Und dann irrte sie sich und ging in unser 
Zimmer anstatt ins Kabinett, aber sie war schon wach und bat uns 
vielmals um Entschuldigung und sagte, sie hätte das Kl. ... gesucht. 
Dann ging sie in ihr Kabinett. Die Dora sagte, wir dürfen nichts 
dergleichen tun, denn offenbar geniert sich die Ada sehr. Aber keine 
Idee, nach dem Frühstück sagte sie: Heute nacht habe ich Euch 

112 



gräßlich erschreckt; seid nicht böse, ich muß manchmal aufstehn in 
der Nacht, es leidet mich nicht im Bett. Die Mutter sagt immer, ich 
deklamiere dabei, ist das wahr? Habe ich etwas geredet? „Ja, sag 
ich, du hast den Monolog der J. v. O. deklamiert." „Wirklich", sagt 
sie, „ja das kommt daher, weil sie mich nicht zum Theater gehen 
lassen; ich werde jedenfalls irrsinnig werden ; Ihr wißt dann wenigstens 
den wahren Grund." Dieses Nachtwandeln ist ja sehr interessant, 
aber mir gruselt's doch ein bißchen vor der Ada und das ist auch 
wahr, was die Dora immer gesagt hat: Man weiß nie, wo die Ada 
eigentlich hinschaut. Wenn sie wirklich einmal irrsinnig würde, das 
wäre entsetzlich. Übrigens fällt mir gerade ein, daß ihre Mama doch 
schon einmal in einer Irrenanstalt war. Wenn sie nur nicht am Ende 
bei uns irrsinnig wird. 

21. August: Die Mama hat es auch gehört gestern Nacht. Sie 
ist froh, daß sie es uns schon vorher gesagt hat und die Dora sagt, 
wenn sie es nicht vorher gewußt hätte, hätte sie wahrscheinlich einen 
Herzkrampf bekommen. Und der Papa sagte: „Die Ada ist durch 
und durch hisferisch, das hat sie von ihrer Mutter". Die Lizzi fährt 
heuer im Herbst nach England und bleibt ein ganzes Jahr dort zur 
Ausbildung. So gern ich die Ada habe und so leid sie mir tut, ist 
sie mir doch jetzt unheimlich und ich bin eigentlich froh, daß sie 
am Dienstag schon wieder fortfährt. Heute sagte sie mir etwas 
Schreckliches: Der Alexander, das ist nämlich der Schauspieler, ist 
geschlechtskrank, weil er früher Offizier war; sie sagt, alle 
Offiziere sind geschlechtskrank, das ist selbstverständlich. Erst wollte 
ich mich nicht verraten, daß ich nicht sehr genau weiß, was einem 
da eigentlich fehlt, aber dann fragte ich doch und da sagte die Ada, 
eben das fehle einem, dieser Körperteil wird entweder immer 
kleiner und kleiner und ganz zerfressen, oder umgekehrt immer 
größer, weil er schreckhch angeschwollen ist; die letzlere Art ist 
noch die bessere, weil dann eine Operation nützt; ein pensionierter 
Oberst, der in H. ein Haus hat, ließ sich daran in Wien operieren; 
aber er ist trotzdem nicht gesund geworden. Es gibt nur eme 
Rettung, nämlich daß ein junges Mädchen sich einem geschlechts- 
kranken Mann hingibt! (so sagte auch manchmal die Mad.), dann 
bekommt sie die Krankheit und er wird gesund. Und daran hat die 
Ada erkannt, daß sie den A . . . nicht wirklich liebt, sondern nur, 

113 






weil er sie ausbilden würde; denn das täte sie nie und sie wüßte 
auch nicht, wie sie ihm das sagen sollte, selbst wenn sie wollte. 
Gewöhnlich verlangt es übrigens der betreffende Herr. Und wie ich 
sage: „Denk' dir nur, was tatest du dann, wenn du davon ein Kind 
beitämst", da sagt sie: »Keine Idee, wenn einer geschlechtskrank ist, 
ist es ausgeschlossen, daß man ein Kind bekommt. Und dann 
mußt du wissen, daß erst ein Kind einem die volle Weihe 
zur Künstlerin gibt." Also so etwas Ähnliches hat uns, der 
Hella und mir, auch die Franke gesagt, deren Kusine beim Theater 
ist; aber wir haben gedacht, die ist nur im Theater an der Wien, 
und da ist das schon möglich; aber in der Burg und in der 
Oper und selbst im deutschen Volkstheater wird das wahrscheinlich 
gar nicht sein dürfen. Ich erzählte das der Ada und die sagte: Gott, 
ich bin nur eine Provinzlerin, aber das weiß ich schon längst, daB 
jede Schauspielerin ein Kind hat. 

23. Die Ada ist wirklich die geborene Künstlerin, sie hat uns 
heute ein Stück aus einem großartigen Roman vorgelesen, aber wie I 
selbst die Dora sagt : »Ada, du bist phenommenal!" Da schleuderte sie 
das Buch weg und weinte und schluchzte schrecklich und sagte : 
„Meine Eltern versündigen sich an ihrem eigenen Fleisch und Blut ; 
aber sie werden es bereuen. Wißt Ihr noch, was die alte Zigeunerin 
mir voriges Jahr prophezeite: , Eine große, aber kurze Znkunft, 
nach langen schweren Kämpfen ; und meine Lebenslinie ist geknickt!" 
Das wird alles so eintreffen und meine Mutter kann dann das schöne 
Gedicht von Freiligrath oder Anastasius Grün oder von wem es ist, 
deklamieren. „O lieb', so lang du lieben kannst, lieb', so lang du 
lieben magst! Die Stunde kommt, die Stunde kommt, wo du an 
Gräbern stehst und klagst." Und dann deklamierte die Ada das ganze 
Gedicht und wenn ich mich abends niederlege, muß ich immer daran 
denken und kann nicht einschlafen. 

24. August : Heute habe ich die Ada doch gefragt wegen der 
Mondsucht und sie hat gesagt, ja, wenn sie aufsteht, so ist das immer 
zu dieser Zeit und zum Vollmond. Das erstemal, voriges Jahr, hat 
sie es absichtlich getan, um ihre Mutter zu erschrecken, wie sie ihr 
das erstemal verboten hat, zum Theater zu gehen. Ich finde das nicht 
jehr gescheit, denn damit wird sie nichts durchsetzen. Übermorgen 
wird sie abgeholt und deshalb weinte sie heute den ganzen Vormittag. 

114 • * 



25. August: Heute war die Hella mit ihrer Mama und der Lizzi 
bei uns. Die Hella hat sich in Gastein großartig unterhalten und sie 
hat mir etwas Wichtiges unter vier Augen mitzuteilen. Insofern war 
es unangenehm, daß die Ada noch da ist. Der Hella ist die Ada 
überhaupt unsympathisch, sie sagt auch, man weiß nie, wo sie 
eigentlich hinschaut, sie schaut immer durch einen durch. Wir konnten 
nicht eine Minute allein reden miteinander. Hoffentlich kann die 
Hella noch einmal herauskommen, ehe sie nach Ungarn fahren. Die 
letzte Woche waren sie in Fieberbrunn in Tirol, weil eine Jugend- 
freundin ihrer Mama aus Berlin dort ist. 

26. August: Heute ist die Ada weggefahren, ihr Papa hat sie 
abgeholt. Er sagt, sie hat ein Radi zu viel, nämlich weil sie zum 
Theater will. 

28. August: Heute war die Hella heraußen; sie ist allein gefahren 
und ich habe sie bei der Dampftramway abgeholt. Zuerst wollte sie 
mir nicht sagen, was das Wichtige sei, weil es für mich »nicht 
schmeichelhaft" sei; aber endlich rückte sie doch heraus. Die 
Familie Warth war in Gastein und da die Hella die Lisel vom Turnen 
kennt, so redeten sie miteinander und da sagte der Robert, der freche 
Mensch: Ist ihre Freundin noch immer ein solches Kind, wie damals 

in und da tat er, als ob nicht einmal mehr wüßte, wo; und 

Oberhaupt damals sagt er, als ob das vor 10 Jahren gewesen würe. 
Aber das Frechste kommt erst; er sagte, ich hätte ihn nicht Bob 
nennen wollen, weil ich da immer an einen gewissen Körperteil 
denken mußte; das habe ich nie gesagt, sondern nur, daß mir das 
Wort Bob lächerlich und ordinär vorkommt, und da sagte er noch, 
wie wir noch per Sie waren: „Ja, Fräulein Grete, aus Ihrem Munde 
bin ich lieber mit meinem vollen Männernamen genannt." Das weiß 
ich noch wie heute und ich könnte den Platz zeichnen, wo das war 
auf dem Weg zum Roten Kreuz. Die Hella sagte es ihm tüchtig; So, 
das kann alles sein, wir haben nie über solche Lappalien gesprochen, 
und damals waren wir ja »alle, wie wir da sind, noch rechte 

Kinder." Damit meinte sie auch den Ich schreibe gar nicht 

seinen Namen. Ich habe mich aber doch wütend geärgert und auch 
darüber, daß er sagte: Jetzt wird ihre Freundin ja wohl auch etwas 
mehr gleichsehen, aber damals war sie noch recht unentwickelt. Da 
sagte die Hella ganz kurz: »Das sind Ausdrücke, in denen man zu 



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jungen Damen nicht spricht" und redete nie mehr mit ihm. Das ist 
nämlich wirklich großartig, was geht es denn den an, ob ich 
entwickelt bin oder nicht! Die Hella behauptet, ich sei früher zu 
wenig wählerisch gewesen. Der Bob ist ja jetzt noch ein Bub. Das 
paßt ausgezeichnet, Bob — Bub; von jetzt an heißt er für uns nur 
Bub; d. h. wenn wir überhaupt von ihm redeten. Und einen, der uns 
unsympathisch ist, nennen wir einfach Bob, oder noch besser Be, 
weil ja Bob wirklich unangenehm zu sagen ist. 

31. August: Die heurigen Ferien sind so fad. Jetzt ist die Hella 
in Ungarn und mit der Dora rede ich sehr wenig, nämlich nichts 
Interessantes. Und die Briefe von der Ada handeln immer nur 
von meinem Versprechen wegen Wien. Das ist übrigens köstlich, ich 
habe ihr gar nichts versprochen, sondern bloß gesagt, ich werde es 
gelegentlich der Mama sagen. Und das habe ich auch schon getan, 
aber die Mama sagte : Davon ist gar keine Rede. 

1. September: Hallo, hussa! Morgen fahre ich mit dem Papa 

der Hella nach Ungarn nach K M Ich freue mich riesig. 

Die Hella ist ein Engel. Wie sie voriges Jahr zu Weihnachten krank 
war, hat ihr Papa gesagt: Sie soll sich wünschen, was sie will. Da 
sie aber gerade nichts Besonderes wußte und ohnehin Weihnachten 
kam, so sparte sie sich den Wunsch auf. Und jetzt schrieb sie ihrem 
Papa nach Krakau, wo er zu den Manövern war, wenn er ihr noch 
einen Hauptwunsch erfüllen will, so soll er, wenn er nach Wien 
kommt, mich nach K . . . . M . . . . mitnehmen; das ist der einzige 
größte Wunsch ihres Lebens!!! Und so war der Herr Oberst heute 
beim Papa im Bureau und zeigte ihm den Brief der Hella. Und 
morgen um 3 Uhr muß ich auf dem Staatsbahnhof sein. Leider ist 
das eine sehr unfeine Bahn. Die Westbahn ist entschieden feiner oder 
noch lieber wäre mir die Südbahn. 

2. September: Ich bin schon ganz aufgeregt; ich fahre allein 
hinein nach Wien und muß in Liesing umsteigen; hoffentlich steige 
ich in den richtigen Zug ein. Heute in der Frühe kam ein Brief von 
der Hella, in dem sie mir schreibt: „Vielleicht dauert es nur mehr 
Tage, bis wir vereint sind." Aber nichts weiter; wahrscheinlich weiß 
sie noch nicht, daß ich wirklich komme. Meine weißen Blusen muß 
mir die Mama nachschicken, weil sie bis auf eine schmutzig sind. 
Anziehen werde Ich das Kostüm und die rosa Bluse, Ich nehme mir 

116 ' ■ - 



20 Blätter Tagebuch mit, das wird genug sein; denn schreiben werde 
ich unbedingt, eventuell in der Frühe, weil die Hella in den Ferien 
sicher bis um 9 Uhr im Bett liegt; in Wien möchte sie immer an 
den Sonntagen solange liegen, aber ihr Papa erlaubt es nicht. Aber 
reiten lerne ich auf keinen Fall, weil es schrecklich sein muß, vor 
einem fremden Herrn herunterzufallen. Bei der Hella war das dadurch 
anders, daß der Jenö, der Lajos und der ErnÖ ihre Kusins sind, und 
da ritt immer einer ganz neben ihr und hielt sie um die Mitte: aber 
das geht bei mir nicht. 

6. September: Gott, hier ist es herrlich! Der Jenö gefällt mir 
am besten, er geht überall hin mit mir, zeigt mir alles; der Hella ist 
der Lajos am liebsten und auch der Ernö. Der hat aber viel zu lernen, 
weil er beinahe durchgefallen wäre. Der Lajos wird nächstes Jahr 
schon Leutnant und der Jenö kommt heuer in die Akademie, der 
Ernö hinkt etwas, aber nicht viel, und so konnte er nicht auch 
Offizier werden; er wird Brücken- und Eisenbahningenieur, aber nicht 
hier, sondern er geht dann später nach Amerika. 

Heute habe ich Zeit zum Schreiben, weil alle 4 nach S . . . 
fuhren per Rad und ich kann nicht Radfahren. 

Also auf der Fahrt war es herrlich ! Es ist wahr, mit einem 
Offizier, noch dazu mit einem Obersten fahren, ist großartig. Alle 
Stationsvorstände grüßten und die Kondukteure wissen gar nicht, was 
sie machen sollen vor Respekt. Natürlich glaubten alle, ich bin seine 
Tochter, da er noch von klein her Du zu mir sagt. Richtig, der Papa 
hat zur Ada immer Sie gesagt. In Forgacs oder Farkas oder wie es 
heißt, stiegen wir aus und der Papa der Hella nahm einen Wagen 
und wir fuhren 2 Stunden nach K . . . M . . . Er war riesig lustig. 
In F . . . aßen wir zu Nacht, obwohl es erst Va^ war. Es kamen gleich 
alle Kellner hergestürzt. Übrigens das ist auch beim Papa so, nur 
die Stationsvorstände grüßen nicht alle. Der Papa sieht ja auch riesig 
vornehm aus, nur das er eben nicht in Uniform ist. 

Etwas furchtbar Interessantes: Gestern war ein Herr v. Kraics 
da aus Radufalva, der hat das Gut Radufalva von seinem besten 
Freund geerbt zum Dank, weil er vor 8 Jahren auf seine Braut 
verzichtete, die den Freund liebte. Der Oberst Brückner sagt zwar, 
der K . . . ist ein widerwärtiger Waschlappen, aber ich finde das 
durchaus nicht; er sieht so feurig aus, ein echter, edler Ungar. Die 

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Hella sagt, er hat früher wahnsinnig viel Schulden gemacht, weil er 
jedes halbes Jahr ein anderes Verhältnis mit einer Dame hatte; 
und die vielen Geschenke haben ihn last an den Bettelstab 
gebracht. Also, wir können das nicht recht glauben, denn wenn 
eine Dame noch so iür Blumen und Bonbons schwärmt, so kann man 
dadurch doch nicht an den Bettelstab kommen. Und gestern erzählte 
mir die Hella vor dem Einschlafen, daß der Lajos schon etwas 
„angesteckt" ist; es gibt keinen Offizier, der nicht geschlechts- 
krank ist und das macht sie eben so furchtbar inleressant. Da erzählte 
ich ihr dann das, was mir die Ada vom Schauspieler in St. P. erzählt 
hat. Aber die Hella sagte: Es fragt sich, ob alles wahr ist; bei einem 
Schauspieler kann es ja allerdings eher wahr sein, besonders da er 
früher beim Militär war, aber im allgemeinen sind die Zivilisten 
furchtbar solid! ! ! Und das wäre ihr an ihrem Mann gräßlich. 
Jeder Offizier hat wahnsinnig gelebt; so sagt man nämlich in der 
Umschreibung für geschlechtskrank, und sie würde nie einen Mann 
heiraten, der nicht vorher gelebt hätte. Die meisten Mädchen, 
besonders wenn sie schon älter sind, verlangen gerade das Gegenteil! 
und da fiel mir plötzlich ein, daß das wahrscheinlich der wahre 
Grund ist, warum die Dora dem Herrn Obltnt R... 
abgeschrieben hat, und nicht die Freundschaft mit der 
Mama; das ist ja auch wirklich lächerlich und niemand wird ihr das 
glauben. Der Papa der Hella findet mich reizend; er ist übrigens 
auch großartig nett. Der Onkel von der Hella redet fast gar nichts 
und man versteht ihn beinahe nicht; der Papa der Hella sagt immer, 
seine Schwägerin hat die Hosen an. Das möchte ich nie haben; der 
Herr im Haus muß unbedingt der Mann sein. „Aber nicht zu viel-, 
sagt die Hella. Sie ärgert sich übrigens immer so, wenn ihr Papa 
das sagt, von den Hosen anhaben. Gestern bin ich schrecklicti 
erschrocken; wie wir auf die Veranda gehen wollen, weil wir die 
Burschen reden hörten, steht ein Rolistuhl da und drauf liegt der 
Großonkel der Hella, von dem sie mir einmal erzählte, daß er ganz 
verrückt ist; er ist nicht wirklich gelähmt, sondern er tut nur so. Die 
Hella fürchtet sich vor ihm entsetzlich, weil er sie einmal, wie sie 
9 oder 10 Jahre alt war, durchhauen wollte. Aber ihr Onkel kam 
dazu und da hat er sie gleich losgelassen. Sie sagt zwar immer; Er 
soll sich nur unterstehen, aber sie hat doch gräßliche Angst. Er ist 

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immer in seinem Zimmer und hat einen Pfleger, weil keine Pflegeria 
es aushalten kann bei ihm. Er sollte eigentlich in einer Irrenanstalt 
sein, aber in Ungarn gibt es keine feineren. 

' 9. September: Heute vormittag war ein furchtbarer Skandal; der 
Großonkel, die Leute nennen ihn Kutya mog oder wie das geschrieben 
wird und das heißt verrückter Hund, also der Großonkel stellt 
ans nach. Er kann nämlich mit dem Stock gehen, wenn er will 
und da stellte er sich vor unser Parterrefenster und schaute zu, wie 
die Hella sich wusch und ich gerade aufstand. Da kam der Papa der 
Hella dazu und machte einen wahnsinnigen Skandal und der Onkel 
schimpfte auch furchtbar auf Ungarisch. Und vor dem Essen hörten 
wir gerade noch, wie der Papa zur Tante Olga sagte: „Das wären 
gerade schöne Bissen für diesen alten Schweinigl, solche unschuldige 
Kinder, die kämen schön zum Handkuß«. Da mußten wir so furchtbar 
lachen,' wir und unschuldige Kinder! 1! was die Papas 
eigentlich glauben von uns; wir und unschuldig!!! Beim Essen 
durften wir einander gar nicht anschauen, sonst wären wir direkt 
herausgeplatzt vor Lachen. Und nachmittag sagte die Hella: „Du, 
weißt du, daß wir am selben Tag Namenstag haben?" Und wie ich 
sage: Wieso denn, mir scheint, du bist von heute vormiUag über- 
geschnappt«, da lacht sie furchtbar und sagt; Ja natürlich, am 
27 Dez am Tag der Unschuldigen Kinderl" Das ist zu köstlich. 
Sie weiß das nämlich, obwohl sie protestantisch ist, weil die Marma, 
die falsche Person, am 27. Dez. Geburtstag hat und wir sie deshalb 
in dem Brief damals .Unschuldiges Kind" amedeten und dabei hatte 
ich unabsichtlich ein so schlechtes K gemacht, daß es wie ein R 
aussah und also „Unschuldiges Rind" hieß, weswegen dann die Tante 
Alma den Riesenkrach machte. 

ich bin mit allen 3 Burschen per Du geworden, der Papa der 
Hella sagte gestern beim Nachtmahlessen zum Ernö: .Mir scheint 
gar ihr siezt euch noch, stoßt an auf Du und Du und seid keine 
Philister". Da stießen wir an und nachher sagte der Jenö, als wir in 
der Fensternische standen und den Mond bewunderten : Du Margit, 
das war kein richtiges Bruderschafttrinken, man muß sich dazu 
küssen; geschwind, so lang wir allein sind; und ehe ich sagen 
konnte: das geht doch nicht, gab er mir schon einen Kuß. Also bei 
Jenö macht es mir nichts, aber beim Lajos wäre es mir wegen der 

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Hella resp. der Ilonka, so nennen sie hier die Hella, schrecklich 
unangenehm. 

Gerade sagt mir die Hella, sie hat gesehen, wie wir uns küßten, 
und der Lajos sagte: „Schau Ilonka, sie geben uns ein gutes 
Beispiel". Wir sind liier riesig glücklich. Leider muß der JenÖ und 
der Lajos schon am 16. fort in die Anstalt, der Jenö in den ersten 
und der Lajos in den III. Jahrgang der Akademie; gerade der fadere, 
der Ernö bleibt bis Oktober hier. So ist es immer im Leben, das 
Schöne vergeht und das Fade bleibt. Wir fahren täglich Kahn, gestern 
und heute bei Mondenschein. Und die Burschen schaukeln so 
gräßlich, daß wir immer entsetzlich Angst haben, daß der Kahn 
umkippt. Und dann sagen sie immer: „Ihr habt Euer Schicksal in 
der Hand; kauft Euch los und Ihr seid sicher wie in Abrahams 
Schoß". 

12. September: Der Großonkel haßt uns seit neulich; wenn 
er uns sieht, droht er uns mit dem Stock und wenn wir uns auch 
nicht gerade fürchten, weil er uns ja nichts tun kann, so ist es 
uns doch furchtbar gruselig. Es fallen einem immer alle möglichen 
Sachen ein, die man gelesen hat und aus Märchen und Sagen weiß. 
Das ist der einzige Grund, warum ich nicht so gern hier bin. 
Übrigens fahren wir am 18. weg. Natürlich werden der Lajos und 
der Jenö sehr oft zu Brückners kommen; ich freue mich schon 
riesig. Ich weiß nicht, wie das kommt, ich glaubte immer, daß sie 
nur ungarisch können, aber das stimmt durchaus nicht, nur bei ihnen 
zuhaus, wenn keine Gäste da sind, wird immer ungarisch gesprochen. 
Heute hat mir die Hella erst eingestanden, daß die vielen Blumen, 
die einmal an einen Sonntag, wie sie im Sanatorium war, bei ihrem 
Bett standen, vom Lajos waren; sie wollte es nicht sagen, weil er es 
nicht wünschte. Eigentlich hat mich das geärgert, denn ich sehe, daS 
ich zu ihr viel aufrichtiger bin als sie zu mir. 

16. September: Heute sind die Burschen weggefahren und 
gestern waren wir bis 12 Uhr Mitternacht auf. Wir waren nämlich in 
N . . . . K . - . - die ungarischen Namen kann ich nicht schreiben und 
da kamen wir erst um 7.^12 Uhr zurück. Es war herrlich. Umso 
trauriger ist es heute, wo es noch dazu regnet. Zum erstenmale, seit 
wir da sind. Abschied nehmen ist gräßlich, besonders für die Hinter- 
bliebenen; denn die, die weggehen, haben sofort eine Abwechslung. 

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Aber wer dableibt, denn ist alles entsetzlich öd und still. Die Hella 
und ich gingen nachmittags in das Zimmer von Jenö und Lajos, da 
war noch nicht aufgeräumt und eine gräßliche Unordnung. Da 
schluchzte die Hella plötzlich -furchtbar und warf sich über das Bett 
des Lajos und küßte die Polster und die Decke. So liebt sie ihn! 
So liebt gewiß die Mad. den Oberleutnant, aber die Dora ist einer 
solchen Liebe gar nicht fähig und dann redet sie sich auf die 
wahre tief e Freundsch af t mit der Mama aus. Die Hella 
sagt, sie hat den Lajos immer schon geliebt, aber wenn sie mich und 
den Jenö so zusammengehen und reden sah, das hat ihr erst die 
Augen geöffnet. Seither liebte sie den Lajos für ewig. Nächstes 
Jahr wird er sich wahrscheinlich mit ihr verloben, denn vor 14 geht 
das nicht, weil die Eltern es nicht erlauben. Er geht auch ihretwegen 
zu den Husaren, weil ihr die Husaren am besten gefallen i sie leben 
alle furchtbar und sind riesig vornehm. 

21. September: Seit Samstag sind wir wieder in Wien und die 
Eltern und die Dora sind am Donnerstag von Rodaun gekommen. 
Die Dora ist köstlich; seit die Ada da war und mondsüchtig geworden 
ist, fürchtet sich die Dora, sie sei angesteckt. Sie scheint nicht zu 
wissen, was das Wort eigentlich bedeutet! Und während ich fort war, 
hat sie bei der Mama geschlafen und der Papa hat in unserm Zimmer 
geschlafen, weil sie, sich fürchtete, allein zu schlafen. Vom Alleinschlafen 
wird doch niemand mondsüchtig, aber das war nur der Vorwand; 
besonders mutig war die Dora nie, eher etwas feig und da hat sie sich 
einfach gefürchtet, allein im Zimmer zu schlafen. Wenn sich der Papa 
auch gefürchtet hätte, hätte ich vielleicht gar Standepete zurückfahren 
müssen und wenn ich mich auch gefürchtet hätte, allein zu fahren und 
es wäre niemand dagewesen, mich zu begleiten, na, das wäre reizend 
geworden. Der Papa hat über meine „Kombinationen" riesig 
gelacht und die Dora hat sich sehr geärgert. Sie ist wieder so fad und 
eingebildet wie vor ihrer Liebe. Also hat die Hella recht, wenn sie 
sagt: Die Liebe veredelt. Das war übrigens ein blöder Witz vom Ernö. 
Wie die Hella einmal das sagte, sagt er: „Du hast dich versprochen, 
du wolltest sagen: vereselt". Natürlich weil er niemanden liebt. 

22. September: Heute hat die Schule begonnen. Die Frau Dr. M. 
war entzückend, sie schaut großartig aus und machte uns im Gang 
dasselbe Kompliment. Gott sei Dank, sie ist wieder unser Klassen- 

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vorstand. In Französisch haben wir eine Frau Dr. Dunker, die ist sehr 
häßlich, voll Wimmerln, das ist mir das Greulichste an einem Menschen ; 
die Hella sagte, da müssen wir uns in achtnehmen, daß sie nie unser 
Buch in die Hand bekommt; denn sonst kriegen wir auch einen solchen 
Teint. In Math, und Physik haben wir ebenfalls eine neue 
Doktorin, die spricht so schnell, daß niemand sie versteht; aber sie 
sieht enorm geistreich aus, obwohl sie sehr klein ist Wir nennen sie 
.Nüßchen", weil sie einen so kleinen Kopf und so schöne licht- 
braune Augen hat. Sonst haben wir dieselben Lehrkräfte wie im vorigen 
Jahr und ein paar neue Schülerinnen sind auch gekommen und einige 
übersiedelt, aber lauter solche, mit denen wir nicht näher verkehrten. 
Die Franke geht heuer das letzte Jahr ins Lyzeum, sie wird im April 
schon 16 Jahre und ist wirklich riesig stark. Das muß ihr ärgster 
Feind sagen. Bei der Dora hat die Frau Direktorin Englisch und das 
ist ihr sehr angenehm, denn sie gehört zu ihren Lieblingen und das 
ist wegen der Matura doch sehr gut. 

25. September; Gestern und vorgestern war der Mama so schlecht, 
daß der Arzt noch um V2II Uhr in der Nacht kommen mußte. Heute 
ist ihr, Gott sei Dank, wieder besser. Aber an solchen Tagen kann 
ich absolut nicht ins Tagebuch schreiben; es kommt mir wie ein 
Verbrechen vor. Und solche Tage dauern endlos, weil niemand viel 
redet und die Mahlzeiten sind schrecklich. Heute lag die Mama schon 
wieder auf der Chaiselongue. 

29. September: Ich habe greulich Zahnschmerzen gehabt seit 
vorgestern. Die Dora behauptet, das sind bloß Schmerzen nach einer 
Goldplombe, wie die Frau Dr. M. sie hat. Das ist natürlich nicht wahr; 
erstens werde ich doch wissen, ob mir der Zahn weh tut oder nicht, 
und zweitens hat der Zahnarzt bestätigt, daß der Zahn ein kleines Loch 
hat. Ich muß jeden zweiten Tag hingehen und das ist gewiß kein 
Vergnügen. Noch dazu, wo wir heuer greulich viel zu lernen haben 
in der Schule. Das Nüßchen ist eigentlich sehr nett, wenn man sie nur 
besser verstände, aber sie redet sodaß schnell, die V. Kl-, wo sie auch 
unterrichtet, sie Wasserfall nennen. Der Frau Dr. M. hat noch nie jemand 
einen Spitznamen gegeben, auch nicht im guten Sinn. Man müßte sie 
höchstens Engel nennen und das könnte auch einen wirklichen Namen 
bedeuten, das hat keinen Sinn. Im Zeichnen werden wir Stilleben malen 
lernen und die allerbesten auch Tierstudien, da freue ich mich riesig. 

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4. Oktober: Gott, heule, wie wir von der Kaiserfeier nachhause 
gehen, begegnen wir auf der M . . . straße den Viktor ; leider hat er 
uns nicht bemerkt. Er war in Parade und ging mit drei anderen 
Offizieren, die wir aber, d. h. die Hella nicht kannten. Daß er uns 
nicht erkannte, hat uns beide riesig geärgert; die Hella meint, es kann 
nur sein, weil wir beide die neuen großen Herbsthüte aufhatten, die 
das Gesicht so beschatten. 

11. Oktober: Es ist ein wahnsinniger Skandal in der Zeichenstunde 
entstanden. Die Borovsky hat irgend einer ihrer Freundinnen auf einen 
Zettel geschrieben: „Die kleine Jüdin, die F . . . (das ist nämlich das 
Nüßchen) ist frisch aus Skandalizien importiert mit ihrem Roßhaarkopf 
mit oder ohne Einwohner". So ähnlich hat sie in dem Brief geschrieben 
und wie sie ihn der Fellner hinüberwirft, dreht sich grad das Fräulein 
Scholl um und fängt den Zettel ab; „Wer ist das, die F. . .?% fragt 
sie, aber niemand gibt eine Antwort. Das hat sie furchtbar geärgert 
und sie steckt den Brief in ihr Tascherl. Nach der Stunde um 1 geht 
die Borovsky zu ihr und bittet sie um den Brief. Da fragt sie wieder: 
,Wer ist die F...?'' Und die Fellner glaubt wahrscheinlich, der 
Borovsky damit zu helfen und sagt: „Sie hat vergessen die Frau 
Dr. Fuchs zu schreiben." Also jetzt geht es los. Das schreib ich gar 
nicht alles nieder, weil es zu lange dauert; die Borovsky wird natürlich 
ausgeschlossen. Sie hat furchtbar geweint und gebeten und hat gesagt, 
sie hat es nicht so gemeint, aber das Frl. SchöU wird den Brief der 
Frau Direktorin geben. 

12. Oktober: Heute Fortsetzung; die Frau Direktorin ist verkühlt 
und da gab das Frl. Scholl den Brief der Frau Dr. M.; das war gut 
und schlecht zugleich. Gut, weil die Borovsky vielleicht doch bleiben 
darf, und schlecht, weil sich die Frau Dr. M. furchtbar geärgert hat. 
Dann hielt sie eine großartige Ansprache über die wahre Vornehmheit 
der Gesinnung, einfach großartig. Und ich war froh, daß ich nicht in 
die Sache verwickelt war, denn sie hat die Borovsky und die Fellner 
greulich hingestellt. Es wird also doch wahr sein, daß ihr Bräutigam 
selber ein Jude ist. Es ist gräßlich, daß gerade s i e einen grausamen 
Mann bekommen soll ; wenn das nämlich alles wahr ist, was uns die 
Resi damals gesagt hat; aber etwas Wahres wird schon dran sein. 
Wir sind schon riesig neugierig, ob das Nüßchen etwas erfahren hat 
und wenn, was sie tut. 

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13. Oktober: Das Nüßchen schein! nichts zu wissen davon, sie 
war ganz wie gewöhnlich; die Hella meint und ich auch, daß sie sich 
nichts anmerken läßt, wenn selbst das Frl. SchöU ihr etwas erzählt 
hätte; übrigens wäre das eine Gemeinheit; so etwas erzählte man den 
Betreifenden doch nicht. Daß sie nichts erfahren hat, haben wir auch 
daraus entnommen, daß weder die Borovsky noch die Fellner 
gerufen wurden. . . 

14. Oktober: Heute hat die Stickerin die Taschentücher für die 
Dora gebracht; ihr Monogramm und die Krone, prachtvoll; ich wünsche 
mir zu Weihnachten auch solche. Und für die Mama hat sie 6 Kaprize- 
polster gestickt, auch mit der Krone ; nach und nach bekommen wir 
jetzt überall die Krone drauf. Ja richtig, das habe ich noch gar nicht 
geschrieben: Gleich in den ersten Schultagen hat uns der Papa jeder 
eine neue Visitkarte von ihm mit dem Adel mitgegeben, mir für die 
Frau Dr. M., und der Dora für die Frau Prof. Kreidl, wegen des 
Eintragens in den Katalog. Die Frau Prof. Kreidl hat gar nichts gesagt, 
aber die Frau Dr. M. war entzückend. Sie sagte: „So Lainer, da wirst 
du ja sehr zufrieden sein, mit dieser Standeserhöhung?" Und ich sagte: 
„O ja, es freut mich schon riesig, aber nur innerlich" und da sagte 
sie: Da hast du schon recht; „Religion, Namen und Geld machen nicht 
den Menschen aus." Gott, wie reizend. Ich mache auch das v. nur 
winzig klein vor meinem Namen; wer es weiß, sieht es schon. Gott 
wie schade, daß sie nicht von Adel ist ! Sie würde es wohl verdienen! ! 

15. Oktober: Heute ist der Oswald weggefahren nach Leoben, 
er studiert Bergbau, aber gegen den Willen des Papas. Aber Papa 
sagt, zu einem Beruf darf man niemand zwingen, sonst hat der andere 
sein Leben lang die Ausrede, er ist nur gezwungen das und das 
geworden. Die Dora sagte neulich abends, der Oswald hat nur deshalb 
den Bergbau gewählt, damit er nicht zuhause bleiben muß; wenn er 
Jus oder auch Bodenkultur studiert, könnte er nicht von Wien weg 
und das ist ihm die Hauptsache. Dann ist er auch etwas falsch; denn 
wie er nach der Matura von Graz zurückgekommen ist, hat er 
ausdrücklich gesagt: „Gott sei Dank, das man wieder einmal die Füße 
unter den eigenen Tisch setzt und die Atmosphäre der 
Familie atmet." Weil damals noch die Dora zu ihm sagte; „Na 
gar so heimisch scheinst du dich nicht zu fühlen, denn kaum bist du 
in die Ferien gekommen, so schmiedest du schon Reisepläne." Denn 

124 



sie ärgert sich auch, daß der Oswald so herumfahren darf, wie er will. 
Und da redet ernoch von einer »unleidlichen Beaufsichtigung"!! 
Was sollen denn da wir sagen? Er kann abends ausbleiben bis zehn 
und kommt nie zur Jause und tut überhaupt, was er will. Wenn ich 
mich einmal bei der Hella verspäte, beim Nachtmahl, ist gleich ein 
Ries'enverdruß. Und die Ausreden, die die Dora erfinden mußte, wenn 
der Viktor sie erwartete, das werd' ich nie vergessen. Sie leugnet zwar 
alles ab, aber ich weiß es doch, weil ich doch selber mitgeholfen 
habe; sonst hätte er mich nicht „Schutzgeisf genannt. Jetzt tut sie, 
als ob sie sich gar nicht mehr erinnern könnte und drum erinnere ich 
sie absichtlich so oft daran, wenn wir allein sind. Neulich sagte sie 
gar; „Ich bitte dich, Grefe (nicht Rita) sprich nicht mehr davon; 
diese Sache ist für mich ewig begiaben." Und wie ich sagte: Wieso 
denn begraben? Das gibt es doch nicht, daß man eine wahre Liebe 
einfach begräbt, da sagte sie: ,Es war eben nicht die wahre Liebe 
und damit Schluß." 

16. Oktober: Heute hatte ich eine wahnsinnige Angst in der 
Rechenstunde. Die Hella wurde auf einmal ganz dunkelrot und da 
dachte ich mir: „Ah, jetzt!" Und schreibe ihr auf den Faulenzer: 
Eingetreten??? Wir hatten nämlich verabredet, daß sie mir es sofort 
mitteilt, denn im Februar wird sie 14 und da wird es tatsächlich 
bald eintreten. Die Frau Dr. F. sagt: Lainer, was hast du der Br. 
hinübergeschoben ? und war schon bei der Bank und nimmt den 
Faulenzer. „Was soll das heißen: Eingetreten???" Vielleicht hat sie 
es wirklich nicht gewußt, aber mehrere Kinder, die es eben auch 
wissen, haben gelacht und ich habe mich schrecklich gefürchtet. Aber 
die Hella ist einfach großartig. „Entschuldigen Frau Dr., die Rita hat 
gefragt, ob schon Frost eingetreten ist, weil dann Natureis ist". „Und 
damit beschäftigt Ihr Euch in der Mathematikstunde?" Aber Gott sei 
Dank, damit war alles erledigt. Nur die Hella sagt in der Pause zu 
mir, ich sei manchmal urblöd. Wozu ich das aufschreiben mußte. 
Wenn es eintritt, so ist es einfach selbstverständlich, daß sie 
es mir sofort sagt. Es ist nämlich nicht eingetreten bei ihr. Übrigens 
haben wir verabredet, daß wir lieber „Endt" sagen werden; das heißt 
dann soviel als entwickelt 'und zugleich endlich. Das ist 
wirklich ausgezeichnet und die Hella sagt, das habe ich in emem 
lichten Moment gefunden. Das ist eigentlich eine Keckheit, aber 



125 



schließlich einer Freundin verzeiht man vieles. Übrigens hat sie mir 
direkt verboten, daß ich sie unter der Stunde immer so fixiere. Das 
tue ich nämlich wirklich, weil ich immer glaube: Na, also heute .... 
8. November: Am Geburtstage von Papa und der Dora ist der 
Mama so schlecht geworden, daß gar keine Feier war; ich fürchte 
mich entsetzlich, daß die Mama ernstlich krank wird oder am 
Ende — — — — —; nein, daran will ich nicht einmal 
denken; das darf man nicht einmal aussprechen, auch wenn 
man gar nicht abergläubisch ist. Die Tante Dora ist vorige 
Woche gekommen, um der Mama den Haushalt abzunehmen. 
Wir werden auch nicht aufs Eis gehen, weil man sich immer fürchtet, 
während man auf dem Eis ist, könnte es der Mama schlechter gehen. 
Sobald sie für längere Zeit aufstehen kann, fährt der Papa mit ihr 
zu einem Professor, nämlich einem Frauenarzt; also muß es doch 
wahr sein, daß die Krankheit der Mama daher kommt. 

16. November: Gott, das ist gräßlich, die Mama muß operiert 
werden; ich bin so aulgeregt, daß ich nicht schreiben kann. 

19. November: Die Mama ist so gut und lieb, sie will, wir sollen 
nur aufs Eis gehen, damit wir uns zerstreuen und nicht immer an 
die Operation denken. Aber die Dora sagt auch, das wäre 
unmenschlich, aufs Eis gehen, wenn in ein paar Tagen die Mutter 
operiert wird. Und der Papa sagt gestern abends zu uns: „Kinder, 
nehmt euch zusammen, jetzt heißt's die Zähne aufeinander beiöen 
und der armen Mama das Herz nicht noch schwerer machen." Aber 
ich kann nicht, ich muß weinen, so oft ich die Mama anschaue. 

23. November: Es ist so gräßlich bei uns, seit die Mama weg 
ist; wir mußten in die Schule gehen und glaubten, sie fahre erst 
nachmittags und indessen kam der Wagen schon vormittags. Die 
Dora sagt, das war abgekartet vom Papa, weil ich mich gar nicht 
beherrschen kann. Gott, wer kann denn das? Die Dora weint ja auch 
den ganzen Tag; und ich habe auch in der Schule so furchtbar 
geweint und die Hella auch. 

28. November: Gott sei Dank, es ist alles gut vorüber 
gegangen; in 14 Tagen ist die Mama wieder bei uns. Ich bin so 
glücklich; jetzt sehe ich erst, was für eine gräßliche Angst ich 
gehabt habe. Wir gehen jetzt alle Tage zur Mama ins Sanatorium ; 
am liebsten ginge ich allein, aber wir gehen leider immer alle 

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zusammen, d. h. entweder mit dem Papa oder mit der Tante Dora. 
Nämlich die Dora geht bestimmt allein zur Mama, Iieute hat sie sich 
verraten mit den Blumen, sie tut, als ob es nur ihre Mama wäre. 
Wie wir am Donnerstag das erstemal bei der Mama waren, haben 
alle nur geflüstert und die Mama hat geweint, obwohl sie durch die 
Operation wieder ganz gesund, wird. Gestern war leider die Tante 
Alma mit uns zugleich dort und da sagte der Papa, so viele Leute 
auf einmal regen die Mama zuviel auf, wir müssen fortgehen. 
Natürlich hat er in Wirklichkeit gemeint, die Tante Alma und die 
Marina sollen fortgehen, aber die Tante hat nicht kapiert oder nicht 
kapieren wollen. Wozu die Tante überhaupt gekommen ist? Wir 
kommen doch seit dem Verdruß wegen der Marina und dem Balg, 
dem Erwin, fast gar nicht zusammen, nur wenn Familienabend ist; 
der Oswald sagt statt Familienzusammenkunft, Familienauseinander- 
kunft, weil meist jemand beleidigt ist. 

30. November; Heute war ich doch allein bei der Mama. In 
der Schule habe ich gesagt, ich habe greulich Kopfschmerzen, ob ich 
aus der französischen Stunde weggehen kann ; das war nämlich auch 
wirklich wahr. Und zur Mama habe ich gesagt, die Frau Dr. Dunker 
war krank, wir hatten keine Stunde. Eigentlich soll man jemanden 
Kranken nicht anlügen, aber das war eine fromme Lüge, wie die 
Mama der Hella immer bei so etwas sagt, und herauskommen wird 
es auch nicht, weil die Frau Dr. Dunker in der IV. nichts zu tun hat, 
so kann es die Dora nicht erfahren. Die Mama war riesig erfreut, 
da6 ich auch einmal allein komme. Also damit war es direkt 
bewiesen, daß die Dora allein hingeht. Die Mama war so süß und 
die Schwester Klara sagte, sie sei ein Engel an Güte und Geduld. 
Da weinte ich furchtbar und die Mama mußte mich beruhigen. 
Zuhause wollte ich erst überhaupt nichts sagen, aber wie wir uns 
nach dem Essen anzogen, um zur Mama zu gehen, sagte ich so en 
passant: »Heute sehe ich die Mama schon zum zweitenmal." Und 
wie die Dora sagt: Wieso denn?, sag ich ganz kurz: «Eine Stunde 
entfiel und da benützte ich die Gelegenheit, um auch einmal die 
Mama allein zu besuchen." Da sagt sie noch: Haben sie dich den 
beim Portier so ohneweiters allein hineingehen lassen? Das wundert 
mich sehr, daß so sehr junge Mädchen, die fast noch Kinder sind, 
allein passieren dürfen. Zum Glück kam gerade die Tante herein und 

127 



sagte- Na, die Gretel hält niemand für ein so kleines Kind, und 
dann kennen Eucli doch jetzt schon alle im Sanatorium,« Am Weg 
haben wir nichts mitemander geredet. 

5 Dezember: Heute haben wir der Mama einen großen Nikolo 
mit Blumen in der Butte gebracht, und neben der Rute hing ein 
Zettel drauf hatte der Papa geschrieben: Kranksein wird bestraft als 
unerlaubte Handlung im Sinne des Paragraphen 7 des Mutter- und 
Hausfrauengesetzes. Das hat der Mama riesigen Spaß gemacht. Der 
Professor sagt, es geht sehr gut vorwärts und in einigen Tagen darf 

sie heraus. 

6 Dezember: Das war mir gräßlich heute. Abends wie wir aus 
dem Speisezimmer gehen, sagt der Papa: .Gretel, du hast etwas 
vergessen. Und wie ich zurückkomme, so nimmt er mich an der 
Hand und sagt: „Warum sagst du denn nicht, daß du so gern 
allein zur Mama gehst? Das brauchst du doch nicht verheimlichen.- 
Und da weinte ich furchtbar und sagte : ,Ja, vor dir nicht, aber die 
Dora braucht nicht alles wissen. Hat sie es dir gesagt von neulicti?" 
Aber das voa meinen angeblichen Kopfschmerzen weiß der Papa 
nicht, sondern nur, daß ich so gern allein zur Mama gehen wollte. 
Und er war so süß und küßte mich und> streichelte mich und sagte : 
.Du bist ein lieber Kerl, mein Hexerl, bleib nur immer so." Aber ich 
riß mich schnell los, weil ich mich so genierte, daß ich doch 
eigentlich eine Lügerei gemacht habe. Ohne die Dora würde ich 
überhaupt nie lügen. 

6. Dezember: Der Papa ist ein Engel. Er und ich gingen 
vormittags zur Mama und die Tante und die Dora nachmittags. Und 
weil der Papa noch ins Cafe gehen mußte, wo er sich mit einem 
Bekannten verabredet hatte, so ging ich erst allein zur Mama und er 
kam dann nach. Die Mama fragte mich nach meinem Weihnachls- 
wünschen; aber ich sagte ihr, ich wünsche mir nur eins, daß sie 
gesund wird und ewig lebt. Da war ich erst froh, daß die Dora nicht 
dabei war, denn das hätte ich nie herausgebracht vor ihr. Aber dann 
mußte ich doch meine Wünsche sagen und da wünschte ich mir 
Taschentücher mit .Monogramm und Krone", Visitkarten mit Edle 
von, eine Büchertasche, wie die meisten Mädchen in den Ober- 
klassen sie haben und den Roman Elisabeth Köti. Aber den letzteren 
bekomme ich nicht, da war die Mama ganz entsetzt und sagte: Aber 

128 



i 



liebes Kind, das ist nichts für dich ; wer hat dir denn das in den 
Kopf gesetzt; sicher die Ada? Das würde dir, wie ich deinen 
Geschmack kenne, wirklich nicht gefallen. Also darauf muß ich 
verzichten, aber fad wäre es mir sicher nicht. 

U. Dezember: Heute ist die Mama wieder nachhause gekommen- 
wir haben nicht gewußt, wann, nur daß sie heute bestimmt kommt! 
Und weil ich so froh war, daß die Mama wieder ganz gesund ist, 
habe ich gerade ein paar Lieder gesungen und da hat die Mama 
gesagt : Das ist ein gutes Vorzeichen, wenn man mit Gesang begrüßt 
wird. Da ärgerte sich die Dora, daß nicht sie gesungen hatte. Wir 
hatten alles mit Blumen garniert. 

15. Dezember: Ich sticke für die Mama einen Schlummerpolster 
und die Dora macht ein Fußbänkchen, damit sie beim Lesen recht 
bequem sitzt Für den Papa haben wir eine neue Aktentasche gekauft, 
weil die seine schon so schäbig ist, daß wir uns schon genieren ; aber 
er sagt immer: „Die tuts noch lange." Ich habe so lang nicht gewußt 
was ich der Tante Dora geben soll und jetzt haben wir uns endlich 
zu einem Spitzenfichü entschlossen; denn sie hat solche Spilzensachen 
sehr gern. Der Hella gebe ich ein Skizzenbuch und einen weichen 
Bleistiftbehälter; sie zeichnet großartig und wird sich vielleicht zur 
Malerin ausbilden, der Dora ein Handtäschchen und dem Oswald ein 
Zigarettenetui mit Pferdekopf, denn er ist furchtbar für Rennen und 
Turf eingenommen. 

16. Dezember: Durch die Krankheit der Mama habe ich gar 
keine Zeit gehabt, von der Schule etwas zu schreiben, obwohl schon 
manches zum Schreiben gewesen wäre, z. B. daß der Prof. W. 
wieder riesig freundlich tut, trotzdem er gar keine Stunde mehr bei uns 
hat und daß die meisten Mädchen das Nüßchen nicht leiden können, 
weil sie die Jüdinnen so bevorzugt. Das ist nämlich wirklich wahr, 
z. B. die Franke, die doch nie etwas kann, wird wahrscheinlich 
Lobenswert in Mathematik und Physik bekommen ; und die Weinberger 
darf alles tun, was sie will. Ich habe immer Vorzüglich auf jeder 
Schularbeit und Hausarbeit, also mir ist das egal, aber die Verbenowitsch 
ärgert sich furchtbar, weil sie nicht mehr der Liebling ist, wie bei der 
Frau Dr. St. Und neulich war etwas sehr Unangenehmes in der 
Mathematikstunde. Bei einer Rechnung kam zufällig Va heraus und 
da fragte das Nüßchen, wie Vs als Dezimalbruch heißt; und dann 

• 129 



redeten wir überhaupt von den periodischen Dezimalbrüchen und 
wie sie immer die Periode sagt, so lachen ein paar Mädchen, zum 
Glück auch ein paar Jüdinnnen, und da wird sie furchtbar wild und 
schreit uns gräßlich an. Bei der Frau Dr. St. in der Ersten haben 
damals auch ein paar Kinder gelacht und sie hat getan, als ob sie 
es gar nicht bemerkte, und dann sagte sie auch immer periodische 
Stellen und da denkt man wirklich nicht so an die wahre Bedeutung. 
Die Frau Dr. F. hat gesagt, sie wird sich bei der Frau Dr. M. 
beschweren über unser unpassendes Benehmen. Also, alle Mädchen 
haben wirklich nicht gelacht, z. B. ich und Hella haben nur einen 
einzigen Blick gewechselt, da haben wir uns ja ohnehin gleich 
verstanden. Das blöde Lachen kann ich auch nicht leiden. 

20. Dezember: Heute ist der Oswald gekommen; er ist einfach 
gottvoll. Es ist also doch wahr, daß er schon längst einen Schnurrbart 
hatte und daß sie nur im Gymnasium keinen tragen dürfen; und daß, 
wenn einer in einem Pensionat oder Konvikt ist, jeden Samstag der 
Raseur kommt und sie sich rasieren lassen müssen. Er sagte immer, 
im Gymnasium wird alles Männliche in einem erstickt. Gott sei Dank, 
daß ich kein Mann bin und nicht ins Gymnasium gehen muß. Also 
er hat einen wunderbaren Schnurrbart und die Hella ist ganz weg 
von ihm. Sie hat ihn zuerst gar nicht erkannt und ist zurückgeprallt, 
erst an der Stimme hat sie ihn erkannt. Wir haben ausgerechnet, daß 
sie ihn seit den vorvorigen Ostern nicht mehr gesehen hat. Er hat 
sie zuerst Fräulein angesprochen, aber ihre Mama hat gesagt, das 
ist ein Blödsinn. Na, also blödsinnig ist es gerade nicht, einfach 

sehr fein!! 

23. Dezember: Die Mama freut sich riesig, daß der Oswald da 
ist, und er ist auch riesig nett ; sie bekommt von ihm eine wunderbare 
Gruppe aus Eisenblüte, die ein Gebirge darstellt mit einem Wald und 
davor ein paar Rehe wie auf einer Wiese. 

25. Dezember; Nur schnell ein paar Worte. Der Mama war 
gestern sehr gut und das lange Aufbleiben hat ihr nichts geschadet. 
Ich bin glücklich, wir haben jede eine Krawattennadel mit einem 
Saphir und drei kleinen Brillanten bekommen, sie sind aus Ohrgehängen 
von der Mama gemacht, die sie nie trägt. Aber das ist eben das 
Andenken, daß es von ihren Ohrringen gemacht ist. Und die Bücher- 
tasche und die Erzählungen von Stifter freuen mich auch riesig und 

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die Taschentücher mit der Krone und allos andere. Und von der 
Hella den Ridikül mit meinem Monogramm und ebenfalls der Krone 
Vom Oswald haben wir ich und die Dora kleine Briefbeschwerer und 
der Papa einen großen bekommen aus einer Erzgruppe. Wir brauchen 
eigentlich zwei Schreibtische, aber die hätten keinen Platz im Zimmer 
Aber ich werde mir das Ecktischchen als Schreibtisch herrichten und 
dort alles hinstellen, was mir gehört. 

27. Dezember: Gestern bei Brückner, das war wirklich greulich 
Da hatte die Mama der Hella recht; wenn man so ausschaut, macht 
man keine Besuche, wenn man weiß, daß noch andere Leute auch 
kommen. Die Hella sagte mir schon vorgestern, daß man es ihrer 
Kusine greulich anmerkt, daß sie in a . . . U . . . ist! Ihre Mama hat 
sich auch wegen ihr schrecklich geniert und nicht wollen, daß die 
Emmy aufsteht. Wir waren einfach entsetzt und empört. Aber ihr Mann 
ist riesig zärtlich zu ihr; hübsch ist sie nicht, besonders die Wursteln 
unter den Augen sind ekelhaft. Viele Frauen sollen so aussehen 

wenn sie schw sind. Sie hat ein Umstandskleid, da sieht 

man erst recht alles 1 Die Hella sagt, daß manche Frauen wunderschön 
werden, wenn sie in a . . . U . . . sind, und wieder welche, die häßlich 
ausschauen. Hoffentlich gehöre ich zu den ersteren, falls ich über- 
haupt .... Nein, es ist doch greulich, auch wenn man dadurch schön 
wird; wenn ich nur an die Frau von Baldner denke, wie die 
ausgeschaut hat heuer im Sommer, und von der hat der Papa 
immer gesagt, sie ist bildschön. In a . . . U . . . ist überhaupt 
niemand schön. Wir sind dann bald nach der Jause ins Zimmer 
der Hella gegangen und sie sagte, lange hätte sie sich es nicht 
mehr ausgehalten, so hätte sie sich übergeben. Und da redeten wir 
noch so vieles, daß uns wirklich beiden beinahe schlecht wurde. Am 
Sonntag kommt die Emmy und ihr Mann zu Mittag zu Br. und da 
hat mich die Hella gebeten, ich möchte sie zu Mittag zu uns einladen, 
sonst wird ihr übel. Also natürlich kommt sie zu uns, da braucht ihr] 
Gott sei Dank, nicht übel werden. Und dann sagte sie noch, ich 
möchte aber ja nicht glauben, daß sie wegen des Oswald kommen 
will, sondern nur aus diesem einen Grund. Das begreife ich sehr 
gut und sie braucht sich überhaupt vor mir nicht zu entschuldigen. 
29. Heute war die Hella zu Mittag bei uns, sie hatte das neue 
pastellerdbeerfarbene Kleid an, das ihr großartig steht. Der Oswald 

9* 

131 



sagte am Abend: .in 2 bis 3 Jahren wird die Hella eine famose 
Erscheinung werden." So etwas ärgert mich immer gräßlich, immer 
dieses werden. Der Papa der Hella sagte von mir einfach, ich bin 
reizend, und nicht so blöd: ich werde reizend werden. Das hasse 
ich. dieses immer in die Zukunft reden. Übrigens war der Oswald 
riesig galant gegen die Hella. Und nachmittags, wie wir, ich und 
Hella miteinander über ihn redeten, wollte ich sie ein bischen mit 
dem Lajos aufziehen, aber da wurde sie ganz rot und sagte, er ist 
falsch sondersgleichen, denn seit Oktober war er ein einziges Mal an 
einem Sonntag bei ihnen und da mußten sie gerade ins Theater 
gehen Er sagte zwar, wenn er sie nicht allein für sich haben könne, 
dann pfeife er auf die Besuche. Sie will nicht einsehen, daß sich 
darin die Größe seiner Liebe zeigt. Ich verstehe das ganz gut Aber 
das ist wirklich unerhört, daß der Jenö nur ganz kurz nach mir gefragt 
hat damals. Und jetzt zu Weihnachten hätte es sich auch gehört, daß 
er eine Karte geschickt hätte. Aber so sind die Burschen. Für die 
paßt wirklich das Sprichwort: Aus den Augen, aus den Sinn. 

30. Dezember: Heute war die Frau Hofrätin Richter da, aber nur 
vormittags auf eine Viertelstunde. Kein Wort vom Viktor, obwohl ich 
deswegen eigens im Salon geblieben bin. Die Dora ließ sich nicht 
bücken, obwohl sie bestimmt zuhause war. Er sieht eigentlich riesig 
seiner Mama gleich, auch die schöne gerade Nase und den feinen 
schmalen Mund; nur ist er groß und sie sehr klein, um einen halben 
Kopf kleiner als die Mama. Wir möchten sie doch einmal besuchen, 
aber ich glaube nicht, daß wir hingehen. 

31. Dezember: Ich habe eigentlich keine Zeit, da heute Sylvester- 
abend ist, aber ich muß schreiben. Heute vormittag gehen wir, die 
Dora und ich, aufs Eis, da begegnen wir den Viktor; er wird ganz 
blaß bis in die Lippen und grüßt und spricht uns an; die Dora wül 
vorbeigehen, aber er hält sie zurück und sagt: sie muß ihm eine 
Aussprache gewähren und dann geht er mit uns aufs Eis, weil sie 
nicht in eine Konditorei gehen wollte. Also da hatte sie ganz Recht, 
sie wird doch nicht mit ihm in eine Konditorei gehen. Was sie geredet 
haben, weiß ich natürlich nicht, aber die Dora weinte nachmittags 
gräßlich und von mir hat sich der Viktor gar nicht verabschiedet; 
vergessen kann er unmöglich haben, sondern entweder war ich gerade 
zu weit weg oder die Dora hat es nicht wollen; wahrscheinlich das 

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letztere. Er tut mir wahnsinnig leid, denn er Hebt sie enorm. Aber sie 
wird erst zur Vernunft kommen, wenn es zu spät ist. Geredet hat sie 
kein Wort, ich glaube, auch nicht zur Mama. Nur nachmittags spielte 
sie lauter traurige Musilc und daran merkt man sofort, wie viel es 
geschlagen hat. 

2. Jänner: Gestern hatte ich keine Zeit zum Schreiben, weil wir 
Besuch hatten, allerdings ziemlich faden, die Liste und die Trobisch; 
die Julie Tr. ist ein ödes Wesen, ich glaube, die weiß die einfachsten 
Dinge in dieser Hinsicht nicht und die Annie ist überhaupt etwas 
blem-blem, höchstens die Lotte ist passabel. Aber da wir Gesellschafts- 
spiele mit Gewinsten spielten, so unterhielten wir uns sehr gut und 
der Fritz und der Rudi sind ganz nett. Am Abend war die Mama so 
ermüdet, daß der Papa sagte, die Einladerei müsse aufhören; na, aus 
dieser Einladerei mache ich mir wirklich nichts, besonders wenn 
die Dora immer von der Lektüre zu sprechen anfängt. Von den 
Büchern, das heifit nämlich von den fadesten Büchern wird immer 
geredet, wenn man nichts anderes reden kann. Heute hat der Unterricht 
wieder begonnen, Gott sei Dank mit einer Deutschstunde. Auf einen 
guten Anfang halte ich wirklich etwas, obwohl ich sonst absolut nicht 
abergläubisch bin. Übrigens haben wir in der Frühe zwei Rauchfang- 
kehrer begegnet, die, ohne daß wir es eigens einrichteten, links an 
uns vorbeigingen. Das soll Glück bedeuten. 

5. Jänner: Hochwichtig, bei der Hella seit gestern abends ... I 
Sie war gestern nicht in der Schule, da ihr schon vorgestern furchtbar 
schlecht war und ihre Mama schon glaubte, sie bekomme noch einmal 
Blinddarmentzündung, Statt dessen ! I ! Sie sieht so leidend und 
interessant aus, ich war den ganzen Nachmittag und Abend bei ihr; 
und zuerst wollte sie mir nicht recht sagen, wie und was. Aber wie 
ich sagte, ich gehe weg, wenn sie es mir nicht sagt, sagte sie: „Ja, 
aber du darfst dazu nicht so blöde Gesichter machen und darfst mich 
überhaupt nicht anschauen*. „Also gut", sag ich, „ich schau nicht, 
aber sag' mir alles ganz genau". Da sagte sie mir alles, daß ihr 
wahnsinnig schlecht war, als ob sie entzweigeschnitten würde, viel 
ärger als nach der Blinddarmoperation, und dabei hatte sie ein wahn- 
sinniges Fieber und fror doch dabei, den ganzen Freitag und gestern 

tableau ! ! Und dann sagte ihr ihre Mama das Wichtigste, 

was sie ohnehin schon wußte. Und früher am Freitag hatte schon ihr 

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Doktor gesagt: Warten wir ab, es kann auch andere ! ! Ursachen 
haben. Und dann flüsterte er zu ihrer Mama, aber die Hella verstand 
doch das Wort aufklären. Da wußte sie gleich, wieviel es geschlagen 
hatte. Vor ihrer Mama tat sie ganz unschuldig, als ob sie gar nichts 
wüßte und ihre Mama küßte sie und sagte, jetzt sei sie kein Kind 
wehr, jetzt gehöre sie zu den Erwachsenen. Lächerlich, also ich bin 
noch ein Kind! Also schließlich am 30. Juli werd ich auch U und 
wenigstens 1 Monat vorher wird es auch bei mir sein, also höchstens 
6 Monate bin ich noch ein Kind. Die Hella und ich haben furchtbar 
gelacht, aber ein bissei was bildet sie sich doch ein; sie gibt es zwar 
nicht zu, aber ich habe es recht gut gemerkt. Wirklich gar nichts hat 
sich bloß die Ada eingebildet. Wegen der Schule ist es der Hella 
schrecklich unangenehm und vor ihrem Papa. Aber ihre Mama hat 
ihr versprochen, sie sagt ihm nichts. Wenn es wahr ist ! ! ! 

7. Jänner: Die Hella war heute trotzdem in der Schule. Ich 
habe sie fortwährend angesehen, und in der Pause hat sie gesagt : 
„Ich hab dir schon einmal das blöde Fixieren verboten, und ich 
verbiete es dir heute zum zweitenmale. Mit solchen Dingen macht 
man keinen Spaß." Also da hört sich doch alles auf. Anschauen darf 
man einen nicht deswegen; gut, in der dritten Stunde setzte ich mich 
etwas verkehrt; da fängt sie auf einmal meinen Fuß mit dem ihren, 
daß ich beinahe laut auflachen muß und sagt: «Schau nur her, denn 
das ist noch blöder." Natürlich ermahnt uns die Dunker sofort, das 
heißt, sie ruft die Hella zum Weiterlesen, aber die Hella sagt gleich, 
es ist ihr sehr unwohl, sie hat zu mir gesagt, sie müsse um 12 Uhr 
weggehen. Alle Mädchen schauen einander an, weil doch jede weiß, 
was unwohl bedeutet, und die Frau Dr. Dunker will die Hella 
gleich entlassen, aber sie sagt auf Französisch — das hat die Dunker 
riesig gern — sie bleibt schon bis zum Ende der Stunde. Einfach 
göttlich I 

12. Jänner: Heute waren wir in der Nachmittagsvorstellung im 
Deutschen Voikslheater im Vierten Gebot. Es war herrlich, der Abschied 
von der Großmutter, da haben fast alle Leute geweint. Ich habe es 
verbissen, weil die Dora zu zweit neben mir saß, und die Hella 
ebenfalls wahrscheinlich aus demselben Grunde. Übrigens war sie 
ganz weg, weil in der großen Pause plötzlich der Lajos erscheint, der 
im Parterre unten war, und die Hella und ihre Mama begrüßen kam. Er 

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wollte nach der Vorstellung ohnehin zu ihnen kommen. Der JenÖ hat 
Mumps, das ist eine schrecklich unangenehme Krankheit, und ich 
würde das nie eingestehen, wenn ich ihn bekäme. Die ärgsten Krankheiten 
sind die, wo man geschwollen ist. Nächstnächsten Sonntag sind der 
Lajos und der Jenö und ich natürlich bei Br. eingeladen. Ich freue 
mich riesig. 

18. Jänner: Jetzt habe ich eine Woche nicht geschrieben, wir 
haben wahnsinnig viel zu lernen, besonders in Französisch, wo wir 
sehr zurück sein sollen, so behauptet wenigstens die Dunkerl! Sie 
kann die Madame Arnau nicht leiden, das sieht man deutlich. Also 
mir war die Mad. Arnau entschieden lieber, schon weil sie keine 
Wimmerln hat. Und in Geschichte beim Prof. Jordan ist es furchtbar 
schwer, weil man immer die Gründe selber finden muß; man muß 
verstandesmäßig! lernen, aber das ist bei der Geschichte sehr 
schwer. Niemand bekommt vorzüglich, höchstens die Verbenowitsch, 
aber die lernt auch aus einem Buch, aber nicht aus unserem, sondern 
dem, nach dem der Herr Prof. J. vorträgt. Und weil sie vorlernt, 
weiß sie natürlich immer schon alle Gründe der Kriege und die 
Folgen. Folgen haben, heißt übrigens etwas ganz anderes, und 
deshalb dürfen die Hella und ich einander gar nicht anschauen, wenn 
er beim Prüfen fragt: Welche Folgen hat dieses Ereignis gehabt? 
Neulich hat der Herr Prof. geglaubt, die Franke lacht ihn aus, aber 
sie hat nur wegen der Folgen gelacht; aber das konnte sie doch 
unmöglich sagen, noch dazu einem Herrn ! ! ! ! 

20. Jänner: Wie wir, die Dora und ich, heute vom Eis weggehen, 
begegnen wir die Mademoiselle und ich grüße sie gleich und frag 
sie, wie es ihr (aber sehr betont) geht und auf einmal merk ich, daß 
die Dora weitergegangen ist und die Mademoiselle sagt : „Ihre Schwester 
hat es so eilig, ich will sie nicht aufhalten." Und wie ich die Dora 
einhole und frage : Warum bist du weggerannt?", macht sie ein furchtbar 
hochmütiges Gesicht und sagt; „Dieser Verkehr paßt mir nicht." 
„Wieso denn, du hast doch die Mad. so gern gehabt und sie ist auch 
wirklich wunderschön." Ja, sagt sie, das schon; aber es war eine 
große Taktlosigkeit, daß sie mir das alles — du weißt sclion, was ~ 
erzählt hat. Aus einem solchen Verhältnis hinter dem Rücken der 
Eltern kann kein Glück erblühen. Da halte ich eine furchtbare 
Wut und sagte: „Geh ich bitt dich, tu nurnicht so. Vom Viktor haben 

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auch die Eltern nichts wissen dürfen und du warst doch riesig glücklich. 
Da sagte sie ganz sanft: „Liebe Grete, auch du wirst Deine Ansichten 
ändern", und dann redeten wir kein Wort mehr. Aber ich ärgerte 
mich furchtbar über diese Gemeinheit; erst läßt sie sich alles erzählen, 
obwohl die Mademoiselle eigentlich gar nicht wollte, und jetzt tut sie, 
als wenn sie nicht wollen hätte. Wenn ich nur wüßte, wo ich die 
Mademoiselle treffe, dann würde ich sie warnen. Jedenfalls schau ich, 
daß ich heut in 8 Tagen wieder um 7 Uhr durch die W . . . . Straße 
gehe, vielleicht treffe ich sie, da sie wahrscheinlich aus einer Privat- 
stunde kommt. 

24. Jänner: Heute ist der Mama wieder sehr schlecht, trotz 
der Operation. Ich habe mir vorgenommen, daß ich weder am Sonntag 
zu Br. gehe, wo doch der Jenö kommen soll, noch am Montag auf 
die Mademoiselle warten werde. Ich habe auch der Hella nichts davon 
gesagt, weil sie wahrscheinlich sagen würde, das ist ein Unsinn, aber 
ich tue es doch lieber so ; nicht weil die Dora schon zweimal so 
anzüglich von einem reinen Gewissen geredet hat, sondern weil 
mich nichts freut, wenn die Mama krank ist. 

26. Jänner: Die Mama ist ein Engel. Gestern fragte sie die 
Tante Dora: „Ich bitt' dich, Dora, hat die Gretel schon die frischen 
Spitzen in ihrem blauen Kleiderl eingenäht, weil sie morgen bei Br. 
eingeladen ist." Da sagte ich: „Mama, ich gehe nicht" und die Mama 
fragte: „Ja, warum denn nicht, doch nicht am Ende meinethalben?" 
Da stürzte ich zu ihr und sagte: „Es freut mich nichts, wenn du 
krank bist." Und da war die Mama furchtbar lieb und weinte und 
sagte: .Solche Augenblicke lassen einen alle Schmerzen und 
Sorgen vergessen. Aber nein, nein, das darfst du nicht, du mußt 
gehen, übrigens ist mir heute schon wieder bedeutend besser und 
'morgen ist wieder alles gut." Und da antwortete ich: „Ja, ich gehe, 
aber nur, wenn dir wirklich gut ist. Du mußt es mir aufrichtig 
sagen." Aber wegen der Mademoiselle gehe ich auf keinen Fall am 
Montag. 

28. Jänner: Heute war MathematikschularBeit und deswegen 
konnte ich gestern nicht schreiben. Wir haben uns himmlisch unter- 
halten am Sonntag. Wir haben so gelacht, daß uns alles weh tat und 
die Hella wäre bald erstickt vor lauter Lachen. Der Lajos ist aber 
auch zum Winden ; wie er die Frau vom Major Zoltan in der Akademie 

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nachmacht und den Hauptmann Riff], das ist köstlich. Ich kann gar 
nicht schreiben, so zittert mir die Feder in der Hand vor Lachen. Und 
dann sagte mir der Jenö, während die Hella und der Lajos miteinander 
Lieder sangen, daß Jeder Bursch in der Neustadt eine Geliebte hat, 
aber wirklich eine Geliebte. Meistens in Wien und einige 
auch in Wr.-Neustadt, aber das ist gefährlich wegen des Erwischt- 
werdens. Alle Offiziere wissen es, aber ertappen darf sich keiner lassen. 
Da erzählte ich ihm das vom Oswald, und da sagte er: „Da war der 
Oswald ein großer Esel, pardon, daß es dein Bruder ist, aber das hat 
er sehr blöd angestellt. Er ist eben immer Zivil gewesen, beim Militär 
ist das ganz anders." Aber da habe ich mich geärgert und habe gesagt; 
„Ich bitte dich Jenö, du bist doch auch noch kein Offizier, also kannst 
du es nicht wissen." Und deshalb sagte er dann zur Hella; „Du Ilona, 
du mußt deine Freundin besser in Korda halten, sie neigt zur Insub- 
ordination. " Sie soll jede Insubordination von mir aufschreiben 
und dann werde ich von ihm exemplarisch gestraft. Ja, aber da 
gehören zwei dazu ! 

30. Jänner: Ich möchte so gern wissen, ob die Mademoiselle am 
Montag wieder um 7 Uhr durch die W . . . gasse gegangen ist, weil 
sie neulich ausdrücklich sagte: A Revoir, ma cherie! Sie ist so schön 
und so blaß; wahrscheinlich kränkt sie sich doch auch, und fürchten 

wird sie sich gewiß auch wegen Das wäre entsetzlich. Ob 

sie von den gewissen Mitteln nichts weiß, aber sagen kann man ihr 
das absolut nicht. 

2. Februar: Jetzt ist mir ein wunderbarer Einfall gekommen 
und die Hella findet ihn einfach pyramidal. Wir schreiben der 
Mademoiselle anonym betreffs dieser Mittel und damit niemand 
meine Schrift erkennt, so schreibt die Hella. Es muß näraüch so 
etwas sein mit der Mademoiselle, weil ich neulich gerade dazu kam, 
wie die Mama zur Tante Dora sagte: „Wenn man das gewußt hätte, 
halten wir sie doch nicht für die Kinder engagiert; ihre Eltern können 
eine Freude haben." Und die Tante sagte: „Ja, das sind dann die 
Leute, die ihre Schande ins Wasser tragen." Also ist es klar, daß es 
so ist, denn die Schande, das bedeutet ein uneheliches Kind- 
Und das Ärgste ist, daß die Eltern dann wissen, daß die Betreffende 
das getan hat. Wir müssen ihr helfen, Gott, die Arme. Also darum 
ist die Dora auf einmal so entrüstet. Aber woher sie es weiß? anmerken 

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tut man der Mademoiselle gar nichts; ich hätte es bestimmt erkannt, 
die Hella sagt oft, ich habe ein Auge dafür. Und das ist wahr, bei 
dem Stubenmädchen vom Prof. Höfer habe ich es zu allererst gemerkt, 
nicht einmal der Papa hat es gekannt. 

4. Februar: Also wir haben ihr geschrieben, d. h. die Hella, 
daß es solche Mittel gibt und daß alles Genauere im Lexikon 
steht ; damit aber niemand versteht, was, falls am Ende ihre 
tyrannische Mutter den Brief aufmacht, so haben wir keinen 
Band und keine Seite, sondern nur Buchstabe F .... M ... . geschrieben. 
Und unterschrieben „Jemand, der Sie versteht." Leider können wir nie 
erfahren, ob sie den Brief bekommen hat, aber die Hauptsache ist, 
daß sie ihn bekommen hat. 

7. Februar: Also, was man wegen Briefen für eine Angst aussteht! 
Heute sagt die Schuldienerin in der Pause: „Bitt schön, Sie sind doch 
das Frl. Lainer aus der lll. ? Ein Brief ist für Ihnen da." Ich werde 
ganz rot, weil ich glaube, doch von der Mademoiselle, und die Frau 
Berger glaubt aber, es ist von einem Burschen und sagt: „Eigentlich 
soll ich ihn der Frau Direktorin geben ; ich darf keine Briefe an die 
Schülerinnen ausfolgen, aber bei Ihnen will ich eine Ausnahme machen. 
Aber, faitt schön, ein zweitesmal müßte ich ihn in die Kanzlei geben.* 
Da sage ich : „Frau Berger, er ist bestimmt von keinen Herrn, sondern 
von einem Fräulein," und wie sie ihn mir gibt, sehe ich gleich, daß 
er wirklich von keinem Herrn ist, sondern nur von der Ada ! Das ist 
doch zu blöd ! Zu Neujahr machte sie mir Vorwürfe, daß ich mein 
Versprechen treulos gebrochen, und jetzt bittet sie mich, ich soll mich 
im Raimundtheater oder eventuell im Deutschen Volkslheater erkundigen, 
ob der Herr G . . . dort ist; sie kann ohne ihn nicht leben in St. P. 
Dabei hat sie in den Ferien doch gesagt, sie liebt ihn nicht, er ist 
ihr bloß Mittel zum Zweck. Das weiß ich positiv, daß sie das 
gesagt hat. Ich gehe absolut nicht in die Theater ka nzl ei mich 
erkundigen und die Hella sagt auch, ein solches Ansinnen ist eine 
Frechheit ! Ich soll ihr einen ordentlichen Brief schreiben, in was für 
eine Verlegenheit sie mich in der Schule hätte bringen können. Die 
Ada hat wirklich ein Radi zuviel, scheint mir, wie ihr Papa immer sagt, 

10. Februar: Das ist doch unerhört! heute werde ich in die 
Kanzlei gerufen, die Schuldienerin hat sich beschwert, daß ich unten 
beim Eingang schon zweimal Orangenschalen weggeworfen habe. 

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Gestern war es wahr, da ist mir nämlich eine hinuntergefallen, aber 
ich habe sie ohnehin mit dem Fuß in die Ecke geschleudert, aber 
von zweimal weiß ich nichts. Aber ich weiß schon, woher der Wind 
weht. Die Frau Berger hat geglaubt, ich werde ihr für den Brief etwas 
geben; ich möchte wissen, für so einen Brief, das ist doch lächerlich, 
dafür werde ich doch nicht 20 Kreuzer hergeben. Aber seitdem hat 
sie eine furchtbare Wut, das habe ich schon Mittwoch beim Füße- 
abputzen gemerkt. Ich habe also der Frau Direktorin gesagt; „Es war 
nur einmal und da hab ich die Schalen in die Ecke geschleudert, wo 
niemand geht, aber zweimal war es bestimmt nicht, das kann die 
Brückner bezeugen." Da sagte die Frau Direktorin: „Aus einer solchen 
Sache machen wir keine Staatsaffaire, aber Hinkunft bück dich, wenn 
dir etwas hinunterfällt." Die Frau Berger hat sich wütend geärgert 
und unsere ganze Klasse hat sich vorgenommen, daß wir nicht gerade 
extra Mist machen, aber auch die Klasse nicht extra rein halten. Was 
an Papieren daliegt, bleibt eben liegen. Eine solche Frechheit, da 
hört sich schon alles auf! 

12. Februar: Heute haben wir die Zeugnisse bekommen. Ich 
habe kein einziges Befriedigend, lauter Lobenswert und Vorzüglich. 
Die Eltern haben sich riesig gefreut, und wir haben jede 2 K 
bekommen. Die Dora hat nämlich lauter Vorzüglich, nur drei Lobens- 
wert ; also sie lernt auch wahnsinnig und sie geht auch wieder in 
Latein bei der Frau Dr. M. Wenn sie nächstes Jahr wieder die 
Unterstufe hat, gehe ich auch, weil wir sie dadurch 3 Stunden mehr 
haben in der Woche. Richtig, die Franke hat tatsächlich Lobenswert 
in Math, und Physik, obwohl sie sehr wenig kann. Mir scheint 
überhaupt, daß das Nüßchen riesig gute Noten gegeben hat, denn die 
Hella hat doch 2mal Nicht genügend in der Math.-Schularbeit gehabt 
und hat doch Lobenswert bekommen. Bei der Frau Dr. M. muß man 
sich schon wirklich die Noten verdienen und voriges Jahr bei der 
Fr. Dr. St. ebenfalls. Am ärgsten ist es beim Herrn Prof. Jordan. Es 
hat wirklich niemand Vorzüglich bekommen außer der Verbenowitsch, 
der falschen Katze, Morgen ist bei Br. große Geburtstagsfeier wegen 
dem 14. Geburtstag der Hella. Der Lajos und der Jenö kommen und 
die beiden Ehrenfeld, weil die Hella sie sehr gern hat ; besonders 
die Trude, die ältere, d. h. um 2 Tage älter als die Kitty, denn sie 
sind Zwillinge!! Das ist gräßlich!!! Sie sind erst seit heuer bei 

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uns im Lyz. und die Hella trifft sie täglich am Eis, ich nicht, weil 
wir heuer lieine Saisonkarten haben, sondern von Fall zu Fall zahlen, 
wegen der Krankheit der Mama. Ich gebe der Hella eine elektr. 
Taschenlampe mit Riesenreflektor, daß wirklich das ganze Zimmer 
licht ist und eine Bernsteinkette für den Hals. 

14. Februar: Gut, daß wir heule und morgen noch Semester- 
ferien haben, daß ich Zeit habe, alles zu schreiben von gestern. Es 
war einfach phenommenal! Ich war schon vormittags bei der Hella 
und habe ihr gratuliert und zu Mittag waren ich und der Lajos und 
der Jenö eingeladen und nachmittags kamen die zwei Ehrenfeld und 
brachten eine Bonboniere und drei Kusinen von der Hella und noch 
2 Kusins, von denen der eine gräßlich blöd ist und kein Wort redet 
und mehrere Tanten und andere Damen, weil auch gleich bei den 
Großen Gesellschaft war. Aber wir haben uns gar nicht gekümmert 
um sie, das Speisezimmer, das Zimmer der Lizzi und das Kabinett 
der Hella waren für uns hergerichtet. Es waren soviel Blumen für 
die Hella gekommen, daß man beinahe Kopfweh bekam von dem 
Duft. Zu Mittag brachte der Lajos einen Toast auf die Hella aus und 
bei der Jause noch einen zweiten. Die Hella war grof3artig und sie 
sagte dann abends zu mir: „Tatsächlich, man ist mit 14 Jahren ein 
anderes Wesen!" der Lajos hatte nämlich in seinem Toast gesagt, 
alle 7 Jahre wechselt der Mensch sein ganzes Wesen und die Hella 
findet, daß das vollkommen richtig ist. Also Gott sei Dank, i n 
6V2 Monaten wechsle ich auch mein ganzes Wesen. Sie 
hatte wirklich förmlich etwas Fremdes und wie alle blasen mußten, 
daß die Lichter auf der Torte bis auf das Lebenslicht in der Mitte 
auslöschten, zum Zeichen, daß die anderen Jahre schon vergangen 
sind, da ist sie wirklich ganz blaß geworden, weil sie fürchtete, daß 
jemand aus Spaß oder aus Ungeschicklichkeit ihr Lebenslicht auslöscht. 
Aber Gott sei Dank, es ist nicht passiert. Ich habe eigentlich solche 
Sachen nicht sehr gern, weil ich mich auch immer fürchte, es könnte 
etwas passieren. Ich weiß ja auch, daß es nur ein Aberglauben ist, 
aber greulich unangenehm wäre es doch gewesen, wenn jemand das 
Lebenslicht ausgeblasen hätte. Der Lajos hat der Hella öffentlich!! 
eine große viereckige Bonboniere gegeben und heimlich!! einen 
silbernen Ring mit einem Herzanhängsel. Den soll sie immer tragen, 
bis er durch einen goldenen — nämlich den Ehe— ring ersetzt 

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wird. Aber das kann sie nicht wegen ihrer Ehern und so bat sie 
mich,- daß sie sagen könnte, sie hat ihn von mir, aber das geht 
wieder wegen meiner Eltern nicht. Diese Sachen sind so unangenehm 
und drum will kein Bursch zuhaus bleiben, weil immer um alles 
gefragt wird, was man hat und tut und trägt. Nach der Jause sangen 
wir: „War ich geblieben doch auf meiner stillen Heiden" und 
andere traurige Lieder, weil die die schönsten sind, und am Abend 
tanzten wir und der Papa der Hella spielte dazu; und dann tanzte 
die große Kusine, die Elwira und der Lajos Czardas, das war 
wunderbar. Überhaupt eine solche Geburtstagsfeier wie gestern habe 
ich noch nie erlebt. Das ist auch nur im Winter möglich ; bei mir, 
am 30. Juli, kann/das nie sein, weil gerade die Personen, die man 
liebt!! nicht an demselben Ort sind. Es sollte eigentlich niemand in 
den Ferienmonaten Geburtstag haben, sondern höchstens von Ende 
September bis Juni. Wenn ich nur auch schon 14 Jahre wäre, ich 
kann es gar nicht erwarten. Die Mama der Hella sagte auch zu ihr 
beim Gratulieren, sie ist jetzt kein Kind mehr, sondern eine 
Erwachsene; wenn ich es nur auch schon wäre!!! 

16. Februar: Wir haben eine neue Schülerin bekommen. Alle 
Mädchen und Lehrkräfte sind entzückt von ihr. Sie ist so klein wie 
zehn Jahre, aber reizend schön. Braune Locken (die Hella sagt 
Fuchsrot, aber das ist nicht wahr) bis zu den Schultern, große braune 
Augen und einen süßen Mund und einen Teint wie Milch und Blut. 
Sie ist die Tochter eines Bankdirektors in Hamburg; er hat sich 
erschossen, warum, das wissen wir nicht. Sie ist natürlich in Trauer 
und das steht ihr großartig. Sie spricht ganz Norddeutsch. Die Frau 
Dr. Fuchs ist ganz vernarrt in sie und die Frau Direktorin ist auch 

riesig lieb zu ihr. 

19. Februar: Heute sind wir mit der Anneliese nachiiause 
gegangen, die Hella und ich. Sie heißt Amneliese von Zerkwitz. ihre 
Mama kränkt sich so über den Tod ihres Papas, daß sie wahrscheinlch 
in ein Sanatorium kommen muß; deshalb sind sie nach Wien zu 
ihrem Onkel gekommen. Der ist ein Professor und sie wohnen auf 
der Wiedner Hauptstraße. Die Dora findet sie auch reizend, die ganze 
Schule ist verliebt in sie. Sie wird auch mit uns in die Turnschule 
gehen ; ich freue mich riesig. Sie wird zwar nicht neben mir und der 
Hella stehen, weil sie so klein ist; aber wir können sie doch immer 

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anschauen, ihr alles zeigen und ihr bei den Geräten helfen. Die HeUa 
ist ein bißchen eifersüchtig und sagte: „Die Anneliese hat mich, wie 
mir scheint, ganz ausgestochen bei dir". Ich sagte ihr, das sei 
bestimmt nicht wahr, aber ob die Anneliese nicht zum Verlieben sei? 
„Ja", sagte die Hella, „aber seine alten Freunde darf man deswegen 
nicht vernachläßigen". „Das tue ich auch garnicht ; aber die Anneliese 
braucht doch jemanden, der ihr alles sagt und zeigt". Und die Frau 
Direktorin und die Frau Dr. M. haben sie gerade vor mich gesetzt 
und zu uns gesagt: „Nehmt Euch ihrer ein wenig an". 

20. Februar: Wie schade, daß ich die Anneliese nicht einladen 
kann, da die Mama schon seit acht Tagen im Bett liegen muß. Aber 
am Sonntag ist sie bei der Hella eingeladen und da ich natürlich 
auch hinkomme, freue ich mich riesig. Aber lieber wäre es mir 
natürlich bei uns zuhause; wegen der Mama geht es leider jetzt 
nicht. Die Dora glaubt, die Mama müsse noch einmal operiert werden, 
das glaube ich nicht, denn eine solche Operation kann man nur 
einmal machen. Ich weiß nur nicht, wenn damals die Operation gut 
war, was jetzt der Mama wieder fehlt. Die Dora fürchtet, daß die 
Mama den Krebs hat, das wäre schrecklich ; ich glaube aber, daß 
dies nicht der Fall ist, denn am Krebs muß man sterben. 

23. Februar: Bei Brückner war es himmlisch! Die AnneHese 
kam erst um vier Uhr, weil sie erst um 3 Uhr mittagessen.-Sie hatte 
ein weißes gesticktes Kleidchen mit schwarzen Seidenmaschen an. 
Die Mama der Hella küßte sie auf die Wangen und hatte Tränen in 
den Augen. Ihre Mama ist nämlich tatsächlich im Sanatorium, weil 
sie nervenkrank ist. Jetzt ist die Anneliese bei ihrem Onkel und 
ihrer Tante. Aber sie weint oft um ihren Papa und um ihre Mama. 
Bei den Gesellschaftsspielen war sie aber ganz lustig, sie gewann 
gerade die schönsten Sachen, eine Taschentoilette, eine gefüllte 
Bonboniere, einen Jux-Elephanten, einen Neger mit einer Vase und 
noch anderes. Ich gewann einen Stehtintenwischer, eine Doppelvase, 
einen Goldkrayon, sehr viele Bonbons und ein Notizbuch. Die Hella 
gewann auch eine Menge und ihre zwei Kusinen und die Jenny 
ebenfalls. Dann wurde musiziert und die Anneliese sang die Wacht 
am Rhein und viele Volkslieder; sie hat eine so süße Stimme, wie 
sie selber ist. Sie wurde schon um 7 Uhr abgeholt, ich ging um 
8 Uhr fort. 



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1. März : Morgen sind die Hella und ich bei der Anneliese 
eingeladen. Ich freue mich so. Ich werde die Mama bettehi, daß ich 
meine neue Theaterbluse anziehen darf und das grüne Frühjahrs- 
kostüm. Wir haben ja 10° Wärme gehabt. 

3. März: Gestern waren wir bei der Anneliese. Sie wohnt mit 
ihrer Kusine zusammen; die ist erst 11 Jahre und geht nur in die 
Bürgerschule, aber sie ist ganz nett. Ich habe geglaubt, daß es beim 
Herrn Professor Arndt furchtbar elegant sein wird, doch ist dies nicht 
der Fall. Sie haben nur drei Zimmer und sind nicht besonders schön 
eingerichtet. Er ist schon in Pension und die Emmy ist ihre Enkelin, 
weil ihr Papa in Galizien ist, ich glaube Hauptmann oder Major. Es 
war nicht so unterhaltend wie bei der Hella. Gespielt wurde ohne 
Gewinnste und das ist fad; es liegt einem ja nichts an den 
Gewinnsten selber, aber wozu spielt man, wenn man nichts gewinnt? 
Dann wurde vorgelesen aus einem Geschichtenbuch. Aber was die 
Hella und ich empörend fanden, ist, daß der Onkel der Anneliese zu 
uns beiden „Du" sagt. Die Hella ist doch schon vierzehn und ich 
werde es in ein paar Monaten. Aber die Hella hatte ganz recht; im 
Gespräche sagte sie: „Bei uns im Lyzeum sagen nur die Damen Du 
2U uns, die ' Professoren müssen Sie sagen." Leider ist er bald 
fortgegangen, so daß wir nicht wissen, ob er's kapiert hat. Die Hella 
sagte auch, daß es nicht besonders unterhaltend war. 

9^ März: Gotteswillen, die Mama hat wirklich Krebs; der Papa 
will es natürlich nicht sagen, aber sie muß sich unbedingt noch 
einmal operieren lassen. Die Dora ist ganz verweint und mir zittern 
die Knie. Am Freitag kommt die Mama ins Sanatorium. Am 
Donnerstag kommt wieder die Tante Dora und bleibt bei uns, bis die 
Mama gesund ist. Gott, ich fürchte so die Operation und fast noch 
mehr das Wegfahren der Mama, Das ist schrecklich; aber es haben 
ja so viele Leute Krebs und sterben doch nicht. 

22. März: Morgen kommt die Mama wieder nachhause. ich 
bin so froh! Im Sanatorium ist alles so still und man getraut sich 
kaum zu reden auf den Gängen. Die Mama hat gesagt: »Länger 
bleibe ich nicht mehr herinnen, ich will zu meinen Kindern". Wir 
waren täglich bei der Mama im Sanatorium und brachten ihr Veilchen 
und andere Blumen, weil sie die ersten Tage nach der Operation 
nichts essen durfte. Aber jetzt, zuhause ist es doch ganz anders. Ich 



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wäre morgen gern von der Schule zuhaus geblieben, aber die Mama 
sagte : «Nein, Kinder, geht in die Schule, tut es mir zuliebe". 
Natürlich gehen wir, aber aufpassen kann ich unmöglich beim 
Unterricht. 

24. März: Jetzt schläft die Mama. Sie sieht sehr schlecht aus 
und hat noch immer Schmerzen. Die Ärzte müssen es doch nicht 
recht verstehen; denn wenn sie sie ordentlich operiert hätten, könnte 
sie doch nicht jetzt nach der zweiten Operation Schmerzen haben. 
Ich möchte wissen, was die Mama mit der Dora geredet hat, weil 
beide geweint haben. Obwohl die Dora und ich jetzt ganz gut mit 
einander sind, wollte sie es mir nicht sagen, sondern sagte, sie habe 
es Mama versprochen, nichts darüber zu reden. Daß die Mama der 
Dora ein Geheimnis anvertraut, glaube ich zwar nicht, aber 
vielleicht war es etwas wegen dem Heiraten. Weil die Dora nur 
sagte: »Übrigens hätte die Mama mir das gar nicht zu sagen 
gebraucht, da ich ohnehin lest dazu entschloßen bin". Solche Andeu- 
tungen hasse ich, da ist es besser, gar nichts zu sagen. Wenn die 
Mama wieder aufstehen darf, fährt sie zur Erholung nach Abbazia 
und wahrscheinlich fährt die Dora mit ihr. 

26. März: Nächste Woche soll die Mama mit der Dora nach 
Abazzia fahren. Die Dora glaubt, ich beneide sie wegen der Reise 
und sagte: Jch würde gern verzichten auf die Reise und das Meer, 
wenn lieber die Mama gesund wäre. Und heuer, wo ich Matura habe. 
verlange ich es mir schon gar nicht". Ich bin so traurig, daß ich 
absolut keine rote Masche ins Haar nehme, obwohl sie mir am 
besten steht. Ich trage jetzt meist eine schwarze, und seit gestern eine 
braune, weil die Mama sagt : »Geh. Gretel, gib die schwarze Masche 
aus dem Haar; das schaut so düster aus und das paßt gar nicht zu 
dir." Ich konnte doch der Mama nicht sagen, wie mir zumute ist, 
und da nahm ich also die braune und sagte, die rote sei schon ganz 
verknittert. 

12. April: Ich komme gar nicht zum Schreiben. Es ist so 
traurig bei uns, denn der Mama geht es sehr schlecht. Morgen 
kommt der Oswald in die Osterferien und die Mama freut sich riesig 
auf ihn. Ich sollte mit der Hella und ihrem Papa nach Maria-Zell 
fahren, weil sie vielleicht heuer in Mitterbach oder Mitterberg, das 
liegt bei Maria-Zell, eine Sommerwohnung nehmen werden. Aber ich 

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gehe nicht mit, weil ich nicht aufgelegt bin dazu, und ich glaube, es 
ist auch der Mama lieber; denn sie sagte: „Also werde ich zu 
Ostern alle meine drei Lieblinge beisammen sehen." Wie sie das 
sagt, mußte ich weinen und rannte schnell zur Tür hinaus, damit sie 
es nicht sehe. Aber sie muß es doch gesehen haben, denn nach Tisch 
sagte sie zu mir: „Gretel, wenn du gern mit Brückners fährst, so 
gehe nur; ich bin so froh, wenn ihr eine Freude habt. Im heurigen 
Winter habt ihr ohnehin nichts genossen". Und da konnte ich mich 
nicht zurückhalten und weinte sehr und sagte: „Nein, Mama, ich will 
absolut nicht wegfahren. Ich will nur, daß du wieder ganz gesund wirst" 
Und da weinte auch die Mama und sagte : ,Du liebes Kind, ganz gesund 
werde ich wohl nie mehr, aber bei euch bleiben möchteich sogern, bis ihr 
alle groß seid; dann braucht ihr mich nicht mehr so notwendig." Dann kam 
die Dora herein und als sie sah, daß die Mama weinte, sagte sie, der 
Papa habe mich gerufen. Das war aber nicht wahr, sondern am Abend 
sagte sie mir, daß es für die Mama keine Hilfe gebe, aber ich soll 
sie nicht aufregen und mir nichts anmerken lassen. Und dann weinten 
wir beide sehr und versprachen einander, daß wir immer beim Papa 

bleiben wollen. 

16. Mai: Am 24. April, gerade am Sonntag nach Ostern ist die 
Mama gestorben. Es ist schrecklich traurig bei uns. Bei Tisch redet 
fast keines ein Wort, nur der Papa redet so lieb zu uns. Die Tante 
Dora bleibt vielleicht für immer bei uns. Es ist nicht einmal noch 
drei Wochen, seit die Mama begraben wurde, aber uns ist es, als ob 
sie schon drei Jahre tot wäre, einerseits; und andererseits will man 
immer schnell in ihr Zimmer gehen, um sie um etwas zu fragen oder 
ihr etwas zu erzählen. Und abends, wenn wir uns niederlegen, da 
reden wir immer so lang von ihr und dann träume ich die ganze 
Nacht von ihr. Wozu die Menschen sterben müssen? Oder wenigstens 
nur die ganz alten Leute, die schon gar niemanden mehr haben. 
Aber eine Mama und ein Papa sollte nie sterben. In der 
Nacht, nachdem die Mama gestorben war, wollte die Hella, daß ich 
zu ihnen käme, aber ich blieb doch lieber zuhause; aber spät am 
Abend traute ich mich nicht ins Vorzimmer, da ging die Dora mit 
mir. Der Papa hat die Tür vom Salon, wo die Mama aufgebahrt war, 
abgesperrt, aber trotzdem war es so unheimlich. Sie haben mich am 
24. erst aufgeweckt, als die Mama schon tot war; ich hätte sie so 



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gern noch vorher gesehen. O Gott, daß man sterben muß ! Wenn ich 
nur wenigstens nach ihr Berta hieße; aber das wollte sie nicht, da& 
eine von uns nach ihr heiße und der Papa wollte es auch nicht 
beim Oswald. 

19. Mai: Etwas hat mich beim Begräbnis der Mama furchtbar 
geärgert von der Dora, eigentlich nicht geärgert, sondern gekränkt^ 
nämlich daß sie mit dem Papa in und aus der Kirche gegangen ist. 
Sonst gehe doch immer ich mit dem Papa und die Dora ist immer 
mit der Mama gegangen. Und wie die arme Mama im Sanatorium 
war, ist die Dora mit der Tante gegangen. Aber beim Begräbnis ist 
der Papa mit ihr gegangen und ich mußte mit der Tante Dora gehen. 
Nach ein paar Tagen habe ich es ihr gesagt und da sagte sie, das 
sei ganz natürlich, weil sie die ältere ist. Der Oswald hätte sollen 
mit mir gehen, das hätte sich gehört. Aber der ging allein. Und das 
ärgert mich auch ; wie die Tante Dora im Herbst zu uns gekommen 
ist, haben wir, ich und die Dora, uns beim Essen und beim 
Nachtmahl an eine Seite zusammengesetzt und die Tante saß, vis-ä-vis 
der Mama und wenn die Mama liegen mußte, blieb ihre Seite für die 
Teller frei. Nach ihrem Tod saß der Oswald an der vierten Seite und 
jetzt seit vielleicht 8 Tagen bat sich die Dora an den Platz der 
Mama gesetzt. Ich begreife nicht, daß der Papa das erlaubt! 

19. Mai: Heute zu Mittag hat niemand etwas gegessen. Wir 
hatten nämlich Kalbsbrust und die haben wir auch am Begräbnistage 
der armen Mama gehabt, und wie der Braten auf den Tisch kommt, 
schaue ich zufällig die Dora an und sehe, wie sie ganz rot ist und 
furchtbar schluckt. Da konnte ich mich nicht mehr zurückhalten und 
sagte: „Ich kann keine Kalbsbrust essen, denn am Begräbnistag — 

", da konnte ich gar nicht weiterreden und der Papa stand 

gleich auf und kam zu mir und die Dora und die Tante Dora weinten 
auch furchtbar. Und nach dem Essen versprach uns die Tante, daß 
wir nie wieder im Leben Kalbsbrust haben werden. Die Tante hat 
dann zur Jause einen Ulmerkuchen holen lassen, weil wir zu Mittag 
fast nichts gegessen hatten. 

26. Mai: Heute hat die Dora schriftliche Matura, den ersten Tag.. 
Der Papa wollte, daß sie austritt, weil sie sehr schlecht aussieht, aber 
sie sagte, nein, es sei ihr eine Zerstreuung und sie möchte schon das 
Lyzeum fertig machen. Denn nächstes Jahr will sie ins Reformlyzeum. 

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gehen und fürs Gymnasium weiterlernen. Eigentlich hätte sie sollen 
in eine Tanzsciiule gehen, weil sie doch schon 17 wird, aber wegen 
der Trauer ist das ganz unmöglich und überdies will sie selbst nicht; 
selbstverständlich. Die Frau Direktorin glaubte auch, die Dora wird 
am Ende austreten, weil sie so nervös ist, aber sie wollte durchaus nicht. 
Gott, die Lehrkräfte waren alle so lieb zu uns nach dem Tode der 
Mama, nämlich die Damen. Die Professoren kümmern sich nicht um 
unsere häuslichen Angelegenheiten, denn sie kommen immer nur auf 
1 oder 2 Stunden. Die Frau Dr. Steiner, die wir heuer nicht einmal 
haben, war großartig; ich sah deutlich, daß sie Tränen in den Augen 
hatte, und die Frau Dr. M., also mein Gott, die ist eben immer ein 
Engel ! Beim Frühlingsfest am 20. Mai waren wir nicht, obwohl der 
Papa es uns freistellte. Die Hella und die Anneliese haben mir 
furchtbar zugeredet; aber ich ging nicht und werde mich wohl nie 
mehr unterhalten. Für die andern soll es sehr lustig gewesen sein, 
aber für die Dora und mich wäre es entsetzlich gewesen. Oft denke 
ich mir am Abend, es ist gar nicht wahr, die Mama ist bloß in 
Franzensbad und kommt wieder. Und dann weine ich so lange, bis 
ich Kopfv/eh habe oder bis die Dora sagt: „Ich bitt dich, GretK 
hör auf, das ist schrecklich." Aber sie weint ja selber auch oft, ich 
höre es ganz gut, nur sage ich nie etwas. 

4. Juni: Also die Dora sieht den Tod der Mama als eine Strafe 
Gottes für den Papa an! Aber was können denn wir dafür? 
Sie sagt, o ja auch, denn wir haben manches getan, was wir hätten 
nicht tun dürfen und vor allem andern haben wir vor der Mama 
Heimlichkeiten gehabt. Und das ist jetzt die Strafe Gottes.. Das ist 
gräßlich und ich fürchte mich jetzt so, weil sie immer vom Auge und 
vom Finger Gottes redet, in ein finsteres Zimmer zu gehen, weil 
ich immer das Gefühl habe, es ist jemand drin, der mich furchtbar 
anschaut und mich anfassen will. 

8. Juni: Der Papa ist wütend über die Dora; ich habe nämlich 
unabsichtlich gestern abends, wie ich die Salontür aufmache und der 
Papa herauskommt, furchtbar aufgeschrien, und wie der Papa fragt, 
was ich habe, habe ich ihm das von der Strafe Gottes erzählt ; nur 
das von ihm habe ich nicht gesagt, sondern nur von der Dora und 
mir. Und da war der Papa furchtbar böse, zum erstenmal seit dem 
Tode der Mama, und hat zur Dora gesagt, sie soll nicht sich und 



lO* 



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mich krank machen mit ihren Hirngespinsten und da hat die Dora 
beinahe einen Herzkrampf bekommen, so daß der Doktor kommen 
mußte. Die Tante schlief bei uns im Zimmer und wir mußten beide 
Brompulver nehmen. Und heute war der Papa riesig lieb zu uns und 
sagte: „Kinder, Ihr habt euch keine Vorwürfe zu machen, ihr wart 
immer gute brave Mädeln und werdet es auch hoffentlich bleiben." 
Ja, das will ich wohl, denn das Auge der JVlama wacht über uns. 
Die Hella findet, daß ich elend aussehe und sie fragte mich heute, 

ob vielleicht ?? Aber ich sagte ihr, ich will von solchen Sachen 

nichts mehr reden, das bin ich dem Andenken meiner Mama schuldig. 
Sie wollte noch etwas sagen, aber ich sagte: „Nein, Hella, davon 
rede ich absolut nicht mehr. Das kannst du nicht verstehen, weil du 
eben deine Mama noch hast." 

12. Juni: Gott, das ist gräßlich; jetzt wollte ich nie mehr an 
solche Dinge denken und jetzt kommt eine solche Affäre ! jetzt sitz 
ich uuschuldig drin in der Patsche. Heute gleich nach 9 kommt eine 
aus der II. in die Mathematikstunde und sagt: „Die Frau Direktorin 
läßt bitten, die Lainer, die Brückner und die Franke sollen sofort in 
die Kanzlei kommen. Alle Mädchen schauen uns an, aber wir wissen 
nicht, warum. Wie wir in die Kanzlei kommen, ist die Tür von der 
Frau Dir. zu und das Fräulein N, sagt, wir sollen warten. Dann 
kommt die Frau Dir. hinaus und ruft mich hinein. Drin sitzt eine 
Dame, die schaut mich mit dem Lorgnon an. „Gehst du öfters mit 
der Zerkwitz?« fragt die Frau Direktorin. Ja, sag ich, und es ahnt 
mir gleich nichts Gutes. „Diese Dame ist die Mama der Zerkwitz, sie 
beschwert sich darüber, daß du mit ihrer Tochter sehr unpassende 
Sachen redest; ist dies so?" „Wir, die Hella und ich, haben ihr nie 
etwas sagen wollen ; aber sie hat uns sehr gebeten und dann glaubten 
wir auch, sie wisse es ohnehin schon und stellt sich nnr so." .Was 
soll sie wissen und was habt ihr gesprochen?" fährt die Mama von 
der Anneliese los. „Bitte", sagt die Direktorin, .ich werde die Mädchen 
verhören; also die Brückner war auch dabei?" „Nur ganz selten", 
sage ich. „Ja, die Hauptschuldige ist die Lainer, deren Mama erst 
vor kurzem gestorben ist." Da habe ich die Tränen verbissen 
und gesagt: „Wenn die Anneliese nicht immer wieder angefangen hätte, 
hätten wir kein Wort von diesen Sachen geredet." Und dann habe 
ich überhaupt keine Antwort mehr gegeben. Jetzt mußte die Hella 

148 



hereinkommen. Sie hat mir dann gesagt, wie sie mich angeschaut 
hat, hat sie gleich gewußt, wieviel es geschlagen hat. „Was habt ihr 
mit der Zerkwitz geredet?" Zuerst wollte die Hella nichts sagen, aber 
dann sagte sie ganz kurz: „Vom Kinderkriegen und von dem 
Verheiratetsein!" „Gott im Himmel, solche Küken und sprechen von 
solchen Dingen", sagte die Mama von der Anneliese. „Solche 
verdorbene Geschöpfe." „Wir haben nicht geglaubt, daß die Anneliese 
wirklich nichts weiß, sonst hätten wir nichts mit ihr geredet", 
sagte auch Hella; sie war großartig. „Was den Alfred betrifft, so sind 
wir ganz unbeteiligt und wir haben ihr oft abgeraten, sich von der 
Schule abholen zu lassen ; aber sie hörte nicht auf unsern guten Rat." 
,Ich spreche jetzt von euren Gesprächen, durch die ihr das arme 
unschuldige Kind verdorben habt", sagte die Frau v. Zerkwitz. „Sie 
muß unbedingt schon etwas gewußt haben, sonst wäre sie nicht mit 
dem Alfred gegangen und auch nicht mit uns", sagte die Hella. „Ach, 
du himmlischer Vater, das ist ja die weit Ärgere; eine solche 
Verdorbenheit!" Dann mußten wir hinausgehen. Draußen hat die Hella 
furchtbar geweint und ich auch, weil wir uns fürchten wegen zuhause. 
Wir konnten gar nicht in die Mathematikstunde gehen, weil wir ganz 
verweint waren. In der Pause ging die Hella an der Anneliese vorbei 
und sagte ganz laut: „Verräterin" und spuckte vor ihr aus. Deswegen 
mußte sie aus der Reihe treten. Ich trat auch aus der Reihe und wie 
die Frau Professor Kreindl sagte: „Du Lainer nicht, gehe nur weiter", 
sagte ich: „Bitte, ich habe auch ausgespuckt" und stellte mich neben 
die Hella. Alle Mädchen schauten uns an. Die Frau Prof. Kreindl 
weiß offenbar schon alles, denn sie sagte nichts weiter. In der Deutsch- 
stunde von 11 — 12 sagte die Frau Dr. M.i „Kinder, könnt ihr denn keinen 
Frieden halten? Diese ewigen Anstände sind entsetzlich und dabei 
kommt nichts heraus als Aufregungen für euch und eure Eltern und 
uns". Knapp vor 12 Uhr wurde ich nochmals mit der Hella zur Frau 
Direktorin gerufen. „Mädchen", sagte sie, „was habt ihr für abscheuliche 
Sachen? Was müßt ihr denn das, was eure Phantasie vorzeitig 
vergiftet, andern auch noch sagen? Und du Lainer, schämst du dich 
nicht, vor wenigen Wochen wurde deine Mama begraben, und jetzt 
hört man solche Dinge von dir?" „Bitte", sagt die Hella; „dies war 
alles schon im Frühling und noch im Winter; denn da sind wir noch 
aufs Eis gegangen. Da war die Mama der Rita noch ziemlich gesund. 

■ 149 



Und die Zerkwitz hat uns schrecklich sekkiert, ihr alles zu sagen. 
Ich habe die Rita oft gewarnt und gesagt : „Trau ihr nicht", aber sie 
war ganz vernarrt in die Zerkwitz. Bitte Frau Direktorin, sagen Sie 
nichts davon dem Papa der Rita; denn er würde sich sehr kränken." 

Die Hella war einfach großartig, ich werde ihr das nie vergessen. 
Sie will mich das nicht schreiben lassen; wir schreiben nämlich 
zusammen. Die Hella meint, wir müssen alles wörtlich niederschreiben, 
man kann nie wissen, wozu man es braucht. Die Hella ist eine 
Freundin, wie es keine zweite gibt, und dabei so mutig und gescheit. 
„Du bist geradeso gescheit", sagt sie zu mir, „aber nur bist du gleich 
so eingeschüchtert und dann bist noch von deiner Mama Ihrem Tod 
sehr nervös. Wenn nur dein Papa nichts erfährt," Die dumme Gans 
hat auch die alte Sauce von den zwei Studenten am Eis aufgewärmt, die 
langst vorüber ist. „Nur niemanden sich anvertrauen", sagt die Hella 
und da hat sie wirklich recht. Ich hätte das der Anneliese niemals 
zugetraut. Was niit der Franke war, wissen wir noch nicht. Wie sie 
heraufkam, legte sie Finger an die Lippen, daß sollte natürlich 
heißen: „Nichts verraten!" 

15. Juni: Heute war der Herr Landesschulinspektor da. Ich war 
grad in der MathematikstundR an der Tafel, da klopft es und herein 
kommt die Frau Direktorin und der Herr L.-I. Im ersten Moment 
glaubte ich, er komme deswegen und werde totenblaß [d. h. das 
haben dann alle Mädchen gesagt; die Hella sagt, ich habe wie eine 
trauernde Niobe ausgesehen). Gott sei Dank, die Rechnung war nicht 
schwer und dann kann ich ja immer alle Rechnungen; in Math, und 
Französisch bin ich ja die beste. Aber der Herr Insp. sah, daß ich 
Tränen in den Augen hatte und sagte etwas zur Direktorin; da sagte 
die Direktiorin: „Sie hat vor kurzem ihre Mama verloren". Da lobte 
mich der Herr Insp. und ich blödes Dinge fang zu heulen an. Die 
Direktorin sagt : „Setz dich nur, L.,« und streicht mir über die Haare. 
Sie ist so lieb und ich hoffe, • daß sie und die Frau Dr. M. in der 
Konferenz für mich reden werden. Und daß der Papa nichts erfährt; 
denn er würde mir natürlich auch schreckliche Vorwürfe machen, weil 
dies alles so knapp nach dem Tode der Mama kam. Aber eigentlich 
war ja alles schon viel früher. Herausgekommen ist es ja nur, weil 
die Mama der Hella zu ihrer verheirateten Nichte, zu der Emmy fuhr, 
die ihr erstes Kind bekam. Und da sagten wir eben dem „reinen 

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I 

Kind" (so nennen wir jetzt die Falsche) alles. Die Hella ist noch 
immer der Meinung, daß sich das „reine Kind" verstellt hat. Das ist 
schon möglich, denn schließlich ist sie auch schon bald vierzehn 
Jahre; und mit 14 weiß man bestimmt schon sehr vieles; das gibt 
€s nicht, daß man da noch an den Storch glaubt, wie die Anneliese 
es angeblich ! ! ! getan hat. Die Hella meint, ich werde jetzt auch 
bald „entwickelt" sein, weil ich immer so blaue Ringe unter den 
Augen habe, Daß die Frau v. Zerkwitz gesagt hat, „solche Fratzen«, 
habe ich ganz überhört; aber die Hella sagt, die Frau Direktorin 
habe es durch ein Räuspern zurückgewiesen. Über den 
Ausdruck „solche Küken« hat sich die Hella gewunden vor Lachen, 
weil ihre Mama bei solchen Sachen auch immer sagt: „Ihr 
Küken, das geht euch noch nichts an," Gott, wann soll man denn 
alles erfahren, als wenn man bald 14 ist! Wir beide, die Hella und 
ich haben eigentlich diese Sachen sehr früh erfahren und geschadet 
hat es uns gar nicht. Die Mama der Hella sagt immer, wenn man 
solche Sachen schon zu früh weiß, bekommt man ein altes Gesicht; 
aber das ist natürlich nicht wahr. Aber warum die Mütter nicht wollen, 
daß wir es wissen? Sie müssen sich rein genieren, 

16. Juni: Gestern abends, wie wir schon im Bett liegen, sagt 
<lieDora: „Was hast du denn eigentlich mit der Z. oder wie sie 
heißt geredet? Die Frau Direktorin hat mich heute in die Kanzlei 
gerufen und hat mir gesagt, daß du so unpassende Sachen sprichst. 
ich solle auf dich aufpassen an Mut t ers S t el 1 e!" Na also, das 
könnte mir passen! Übrigens ist ja das alles gewesen, wie die Mama 
noch lebte. Das weiß ja nie eine Mutter, was die Kmder unter- 
einander reden. Die Dora glaubt, daß ich in der Konferenz erneu 
Tadelbrief bekomme. Das wäre mir schrecklich unangenehm wegen 
dem Papa; das gäbe wieder einmal einen Mortsskandal ; obwohl der 
Papa eigentlich jetzt immer nur sehr lieb ist; seit der Krankheit der 
Mama hab ich nicht ein einzigesmal einen Verdruß gehabt. Das ist 
wahr, der Tod macht die Menschen mild, aber warum? Eigentlich 
sollte man doch böse werden, weil man sich ja sehr kränkt. Vorige 
Woche ist der Grabstein aufgestellt worden und da waren wir alle 
draußen. Ich möchte sehr gern einmal allein am Friedhof gehen, 
weil man sich doch vor den andern sehr geniert zu weinen. 

18. Juni : Das „reine Kind" kommt nicht mehr ins 

151 



Turnen, wenigstens war sie seit damals nicht mehr da. Wir glauben, 
sie traut sich nicht, obwohl wir ohnehin nichts sagen würden. Wir 
strafen sie mit stummer Verachtung, das ist am fühbarsten. 
Und am Tennisplatz kommt sie, Gott sei Dank, nicht. Ein falscher 
Mensch, das ist das Ärgste, denn da weiß man nie, wie man dran 
ist. Wenn eine recht aufschneidet, so kann ich ihr wenigstens sagen: 
Geh, bitt dich, lüg nicht so dick aufgetragen ; ich bin ja auch nicht 
auf den Kopf gefallen. Aber gegen die Falschheit gibt es kein 
Mittel. Drum kann ich auch die Katzen nicht leiden. Wir nennen das 
„reine Kind- auch „rote Katze«, Ich glaube, sie weiß es. Übermorgen 
ist der Lyzeumsausflug nach Carnuntum. Ich freue mich riesig. Um 
halb 8 müssen wir an der Schiffsstation sein. 

21. Juni: Der Ausflug war riesig nett. Die Hella sollte mich 
abholen. Sie verspätete sich aber sehr und so nahm ihre Mama ein 
Auto und glücklicherweise hatte ich gewartet. Ich fahre für mein 
Leben gern im Auto. Die -Dora wollte nicht warten und fuhr schon 
um ■'IJ mit der Elektrischen. Um 7,8 Uhr kam die Hella mit dem 
Auto und gerade, ehe das Schiff die Anker lichtete (mir scheint das 
kann man nur von einem Segelschiff auf dem Meere sagen, aber das 
schadet nichts, ich bin ja nicht die Marina, die alles von der 
Marme weiß) also gerade zurecht kamen wir an. Es haben uns doch 
alle sehr angeschaut, wie wir mit dem Auto angerast kamen 
Beim Aussteigen fiel ich hin, das war dumm ; aber ich glaube es 
haben es nicht alle bemerkt Die Tante Dora hatte gesagt für den 
emen Tag sollen wir die Trauer ablegen und der Papa sagte es auch 
und so zogen wir die weißen gestickten Kleider an und die Tante 
Dora war so gut und machte uns schwarze Schärpen als Gürtel" das 
sieht riesig elegant aus und in Amerika soll man so Trauer trac^en 
Ich schwärme für Amerika, das Land der Freiheit. Dort gelien 
Knaben (d. h. junge Burschen) und Mädchen z u sam ra en Tn die 

Schulen Ja, also lieber vom Ausflug. Beim Fahren saßen 

wir im Schiffe neben der Frau Dr. M.; sie war kolossal nett; rechts 
die Hella, links ich, so nahe, daß sie sagte: „Kinder, ihr zerquetscht 
mich oder mindestens mein Kleid!" Sie hatte nämlich auch ein weißes 
Kleid an und um den Hals eine Korallenschnur, die ihr einfach 
großartig steht. Wie wir schon bald in Hainburg waren, ist der Hella 
der Hut in die Donau gefallen und alle Mädchen schrien auf, weil 

152 ' ■ 



sie meinten, ein Kind sei ins Wasser gestürzt. Aber es war Gott sei 
Dank nur der Hut. Wir gingen auf den Schloßberg und hatten eine 
sctiöne Aufsicht, d. h. ich habe nur die Frau Dr. M. angeschaut, 
weil sie so schön war; der Professor Wilke war auch mit und ist 
immer mit ihr gegangen. Alle Mädchen sagen, er wird sie wahrscheinlich 
heiraten, vielleicht schon in den Ferien. Gott, wenn das wahr wäre, 
das wäre entsetzlich. Die Hella meint zwar, das sei doch ganz 
ausgeschlossen wegen des deutschen Professors; sie müßte höchstens 
doch lieber den Professor W. heiraten als den andern, weil er ein 
Jude sein soll. ,Nun ja, aber all das Übrige, das drum und dran 
hängt, ist doch bei jedem gleich," sagte ich. „Das ist eben die 
Hauptsache, du Eserl", sagt die Hella, Und die Frau Dr. M. sao;t: 
,So, das läßt du dir gefallen von deiner Intima? Was ist denn die 
Hauptsache?" Ich will gerade sagen: „Das können wir nicht sagen," 
da merkt es die Hella und sagt: „Eben weil ich ihre Intima bin, 
darf ich es sagen ; von einer andern würde sie es sich nicht gefallen 
lassen." Dann gingen wir essen. Leider saßen wir nicht neben „Ihr". 
Wir ließen uns Schnitzel und viermal Schokoladetorte geben und der 
Herr Religionsproi. ging gerade vorbei und sagte: „Wie lange habt 
denn ihr euch schon ausgehungert?" Vor dem Essen gingen wir ins 
Museum, die Funde besichtigen. Die Frau Direktorin und das 
Fräulein V. erklärten alles. Wir haben unser Wissen sehr bereichert. 
Nachmittags gingen wir nach Deutsch-Altenburg. Bei der Jause war 
es riesig lustig. Da spielten wir Gesellschaftsspiele und alle Lehrkräfte 
mit, die fünfte Klasse hat ein lustiges Theaterstück von einer Schülerin 
einstudiert. Wir kugelten uns vor Lachen. Da kam auf einmal ein 
ganzer Trupp Offiziere vom Flugkorps, furchtbar fesch und einer 
setzte sich zum Klavier und spielte Tanzmusik. Und einer kam zur 
Frau Direktorin und bat, daß sie erlaube, daß die „Fräulein" tanzen 
dürfen. Die Direktorin wollte erst nicht, aber alle von der fünften 
und sechsten Klasse baten riesig und der Herr Rel.-Prof. sagte : .Aber, 
Frau Direktorin, lassen Sie ihnen die unschuldige Freude", und da 
durften sie richtig tanzen. Wir andern tanzten entweder miteinander 
oder wir sahen zu. Und auf einmal ctanden wir, die Hella und ich, 
ganz vorn und da kam ein herrlicher Leutnant und sagt: »Darf icH 
die beiden Freundinnen auf ein Tänzchen trennen?" „O bitte", sage 
ich, und schon flog ich mit ihm dahin. Mit einem Leutnant tanzen, 

1^ 



r 

ist herrlich. Dann tanzte derselbe Leutnant mit der Hella und sie 
sagte am Abend beim Nachhausefahren, daß der Leutnant eigentlich 
zuerst mit ihr tanzen wollte, aber ich habe gleich gesagt: ,0 bitte" 
und habe die Hand auf seine Schulter gelegt. Das ist natürlich nicht 
wahr, aber deshalb streitet man nipht mit seiner besten Freundin. 
Und schließlich hat er ja doch mit beiden getanzt. Leider durften wir 
nicht lange tanzen, weil wir so erhitzt waren. Ja, das hätte ich bald 
bald vergessen, ein Hauptmann mit einem schwarzen Schnurrbart 
begrüßte die Frau Dr. M., denn er kannte sie. Sie wurde feuerrot; 
also wird es wahrscheinlich der sein und nicht der Herr Prof. Wilke 
und nicht der jüdische Professor, den sie heiraten wird. Mir gefiele 
er auch entschieden besser. Gott, sie waren alle so fesch ! Bevor wir 
weggingen, brachte ein Oberleutnant einen ganzen Strauß Rosen und 
die Offiziere gaben jeder Lehrkraft, nämlich den Damen, eine. Und 
da passierte etwas sehr Komisches. In der Sechsten ist ein Mädchen, 
die schaut schon so alt aus, als ob sie 24 Jahre wäre und der gab 
.unser« Leutnant auch eine Rose. Da sagte sie: „Danke, ich bin 
keine Lehrkraft, ich gehe in die Sechste." Und da lachten alle 
furchtbar und sie genierte sich sehr, weil der Leutnant sie für eine 
Lehrkraft angesehen hatte. Und der Herr Rel.-Prof. sagte zu ihr: 
„Tschapperl, hättest sie schon nehmen können." Aber eigentlich hat 
sie ganz recht gehabt. Ich glaube, es waren mindestens 20 Offiziere. 
Die Hella hat dem Leutnant natürlich gesagt, daß sie eine Oberstens- 
tochter ist. Ob wir ihn je wiedersehen. 

Ich schreibe jetzt schon vier Tage an dem Ausflug. Gestern 

sagte mir die Dora, daß der Herr Rel.-Prof. zur Frau Direktorin, als 

ich in den Armen des Leutnants lag, sagte : „Da schauen Sie die 

kleine Lainer an; das ist ein Hakerl, die Augen, die sie machte- 

Wieso Augen macht? ich ich habe gar keine Augen gemacht, 

überhaupt was soll das heißen: Augen machen!! Natürlich habe ich 

sie nicht zugemacht; da war ich höchstens hingefallen und dann 

hätten alle gelacht. Aber auslachen lasse ich mich nicht gern. Die 

Dora habe ich eigentlich am ganzen Ausflug gar nicht gesehen und 

getanzt hat sie auch nicht. Sie sagte sehr anzüglich: «Natürlich nicht, 

da wir ja doch in Trauer sind, auch wenn wir weiße Kleider 

anhatten ; Du bist eben ein Kind, dem man so etwas nicht übel 

nimmt." So etwas, ich dürfte weiß Gott was getan haben! 

154 ' 



Deswegen habe ich die Mama doch lieb und vergesse sie nicht. Da 
war der Papa ganz anders; vorgestern abends sagt er: „So so, mein 
Hexerl hat eine Eroberung gemacht; na, du fängst ja schon früh an. 
Aber mit einem Offizier ist's nichts, mein Hexer!, die kosten viel 
Geld." Na, den Leutnant möchte ich schon, da würde ich mit ihm im 
Aeroplan in die Luft hinauf, hinauf fahren, bis uns beiden ganz 
schwindlig wird. Gestern in der Religionsstunde, wie der- Herr Prof. 
hereinkommt, lacht er riesig und sagt: „Na, Lainer, dreht sich noch 
die ganze Welt um dich ? Der Herr Leutnant kann gar nimmermehr 
schlafen.« Er muß ihn also kennen. Nämlich das weiß ich schon, 
daß er nicht meinethalben nicht schlafen kann, aber daß er sich ihn 
gemerkt hat. Wenn ich nur wüßte, wie er heißt, vielleicht Leo oder 
Romeo ; ja Romeo, das paßte herrlich für ihn ! 

26. Juni: Gerade, wie ich gestern im besten Schreiben war, 
kommt die Tante Alma mit der Marina und dem Balg, dem Erwin, 
der damals eigentlich Schuld war an dem Tratsch. Seit dem Tode der 
Mama verkehren wir nämlich wieder. Ich glaube, die Mama hat die 
Tante Alma nicht besonders mögen, und sie sie auch nicht. Gerade 
so wie der Papa und die Tante Dora einander nicht gerade innig 
lieben. Das ist übrigens in den meisten Familien so, der Vater mag 
die Schwestern und Brüder der Mutter nicht, und umgekehrt. Aber 
warum eigentlich? Ob Er eine Braut hat, wahrscheinlich, und wie sie 
aussieht? Ich möchte wissen, ob Er für Braun oder Blond oder Schwarz 
schwärmt. Ja also, der Besuch ! Wir waren natürlich sehr kühl gegen- 
einander, die Marina und ich. Sie bildet sich soviel darauf ein, daß 
sie in die Lehrerinnenanstalt geht. Als ob das so etwas Großartiges 
wäre ! Da ist das Lyzeum entschieden mehr, denn vom Lyzeum kommt 
man an die Universität, und nach der Lehrerinnenanstalt nicht; und 
sie lernen auch nicht Englisch und Französisch nicht ordentlich, nämlich 
nur wer will. Weil die Tante Alma weiß, daß es den Papa ärgert, 
wenn jemand sagt, wir sehen nicht gut aus, so sagte sie: «Gott, die 
Dora schaut aus, ganz überarbeitet; Gott sei Dank, daß sie bald fertig 
ist, eigentlich hat sie nicht viel davon, da ist es doch besser, wenn 
ein Mädchen Lehrerin wird." Der Erwin räkelte auf dem Sessel herum 
und sagte zu mir: „Glaubst du, ich traue mich auf den Teppich 
spucken; glaubst du es nicht?" „Ungezogen bist du genug dazu; ich 
begreife nur nicht, daß die Marina, die künftige Lehrerin, dir nicht 

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ein paar auf deinen kecken Schnabel gibt", sag' ich. Na und die Tante 
Alma: „Aber Kinder, was ist denn? Was treibt ihr denn für Spaß?- 
„Es ist gar kein Spaß; der Erwin will auf den Teppich spucken und 
das schaut ihm ganz gleich." Da sagte die Tante etwas auf Italienisch 
zu ihm und er machte mir dann hinter dem Rücken vom Papa eine 
lange Nase, was ich einfach ignorierte; so ein Fratz, das ist auch ein 
Kusin! Der Kamilio soll auch so frech gewesen sein als Bub. Aber der 
war noch nie bei uns, denn er ist seit zwei Jahren in Japan als 
Fähnrich. Der Marina steht die Trauer entschieden nicht gut; sie hat 
etwas Provinzlerisches und das wird sie absolut nicht los. Ihre Kleider 
sind zu lang und B ... . hat sie nicht die Spur, obwohl sie im 
Dezember schon 17 Jahre wurde; sie ist ekelhaft mager. 

27. Juni: Heute war der Herr L.-Sch.-Insp. bei uns, u. zw. im 
Französischen. Die Frau Dr. Dunker ist immer furchtbar aufgeregt 
und sie sagte zu Beginn der Stunde: „Kinder, heute kommt der Herr 
Inspektor; nehmt Euch zusammen; ich bitte Euch, laßt mich nicht im 
Stiche." Es muß also doch wahr sein, was der Oswald immer sagte. 
daß die Inspektoren wegen der Lehrer kommen und nicht wegen der 
Schüler. „Bei der Inspektion, sagte der Oswald oft, hat jeder Schüler 
den Professor in der Hand.- Als Erste kam natürlich ich dran und da 
fiel mir absolut nicht ein, was trotteur heißt. Trottel wollte ich nicht 
sagen und so sagte ich garnichts. Da drehte sich die Anneliese um 
und sagte es mir ein, aber ich sagte es natürlich nicht nach, sondern 
bheb stumm wie ein Fisch. Endlich sagte der Herr Inspektor: , Über- 
setzen Sie nur den Satz zu Ende, dann wird es Ihnen der Sinn 
ergeben." Aber ich finde, das ist nicht wahr; wenn ich ein Wort nicht 
weiß, so hat der Satz eben keinen Sinn, oder wenigstens nicht den 
Sinn, den er haben soll. Wenn die Hella nicht heute wegen — — 
gefehlt hätte, hätte ja vielleicht sie mir einsagen können. Nachher 
machte mir die Frau Dl". Dunker Vorwürfe, daß man sich auf niemanden 
verlassen könne und daß ich eigentlich keine Eins verdiene. ^Und 
das Dümmste war, daß du gelacht hast, wenn du schon ein so einfaches 
Vokabel nicht weißt." Ich konnte ihr doch nicht sagen, daß ich im 
ersten Moment „Trottel- übersetzen wollte. Das blöde aus dem 
Stegreifübersetzen ist eben zu schwer für uns. 

28. Juni: Heute ist die Abschlußkonferenz. Ich bin furchtbar 
aufgeregt, ob ich einen Tadel oder am Ende eine mindere Sittennote 

156 



bekomme. Das wäre gräßlich. Die Hella macht sich nicht soviel draus, 
weil ihr Papa jetzt gerade zu den Manövern nach Ungarn oder Bosnien 
fährt und da bleibt er so lange fort, daß indessen schon die Ferien 
begonnen haben und niemand mehr ans Zeugnis denkt. Also morgen 
erfahr' ichs. Nein, Herrgott, morgen ist Feiertag und übermorgen ist 
Sonntag, also noch 2V2 Tage muß ich „hangen und bangen in 
schwebender Pein", aber in einer anderen, als Goethe meint. 

30, Juni: Wegen der Matura der Dora, Martura sagte immer 
der Oswald, waren wir gestern und heute nachmittags zuhause. Die 
Brückner sind nach Breitenstein gefahren, eine Tante besuchen, die 
im Erholungsheim ist und deshalb konnte ich nicht mitfahren. Abends 
gingen wir in den Türkenschanzpark nachtmahlen, aber es war nichts 
los. Ja, das habe ich noch gar nicht geschrieben von dem „reinen 
Kind" beim Ausflug. Schon auf dem Schiff strich sie ein paarmal um 
die Hella und mich herum und wollte sich ins Gespräch mischen, 
indirekt natürlich! Aber es gelang ihr nicht; besonders die Hella ist 
großartig in dieser Hinsicht; sie schaut einfach über sie weg. Mir hat 
sie eigentlich leid getan, weil sie keine rechte Freundin hat außer uns 
beiden; aber die Hella sagte: „Hast du noch nicht genug? Willst du 
noch einmal in eine solche Sauce kommen?" Und wie der Hella der 
Hut ins Wasser fiel, stand auf einmal, wie wir noch dem Hut nach- 
schauen, und wahnsinnig lachen, die Anneliese hinter uns und bietet 
der Hella ein feines Spitzentuch an, das sie für den Abend mithatte, 
weil sie gleich immer Ohrenstechen bekommt. „Willst du vielleicht das 
Spitzentuch, damit du in Wien nicht ohne Hut gehen mußt?" „Bitte 
sich nicht zu bemühen, ich bin gewöhnt mit bloßem Kopf zu gehen", 
aber wie sie das sagte, wie eine Königin! Das muß ich von ihr 
lernen. Sie ist ja eher kleiner als ich, aber da schaut sie aus wie eine 
ganz erwachsene Dame. Ich sagte ihr das auch und sie erwiderte: 
„Liebste Rita, das läßt sich nicht lernen; das ist angeboren." 
Das hat mich eigentlich geärgert, daß sie immer glaubt, eine Offiziers- 
tochter ist etwas Besonderes. 

1. JuH: Gott sei Dank, es ist alles ohne Skandal abgelaufen. 
Die Frau Dr. M. sagte auf dem Gang zu mir: „Du Lainer, du bist 
hart an einer bösen Sache vorbeigerutscht. Wenn sich nicht Stimmen 

zu deinem Gunsten geltend gemacht hätten, dann weiß ich nicht • 

Da sagte ich: „Ich weiß es, Frau Dr., Sie allein haben mich vor der. 

157 



Sittennote bewahrt", und ich küßte ihr schnell die Hand. „Geh, du 
Kindskopf, auf der einen Seite wie ein Kind und auf der andern voller 
Gedanken, die in dem Alter mindestens überflüssig sind." 

Also schließlich, für seine Gedanken kann man doch wirklich 
nichts, und in Hinkunft werden wir uns die Leute besser anschauen, 
mit denen wir so etwas reden. Das habe ich noch nicht geschrieben 
vom Ausflug: Wie wir in Wien mit der Bahn ankommen, holten die 
meisten Eltern ihre Kinder ab; unser Papa war auch da und auch 
die Mama von dem „reinen Kind". Gott sei Dank, daß sie den Papa 
nicht kannte. Also wie wir aussteigen, ist ein großes Gedränge, weil 
alle zu ihren Eltern wollen und auf einmal höre ich die Stimme der 
Hella: „Nein, gnädige Frau, Ihr Kind befindet sich nicht in unserer 
schlechten Gesellschaft". Ich drehe mich gleich um und da steht die 
Hella vor der Frau v. Zerkwitz. Die fragte sie nämlich: „Ah, Sie, wo 
ist denn meine kleine Anneliese?" Die Antwort war herrlich; das 
brächte ich nie zusammen; mir fallen die guten Antworten immer erst 
hinterdrein ein. Drum hat auch damals der alte Herr im Theater, wie 
er die Hella fragte, ob sie allein da sei und sie ihn anschnauzte, 
gesagt: Frech wie eine Jüdin, oder freche Jüdin! Das ist zu blöd, 
erstens ist das nicht frech, wenn man eine gute Antwort weiß, und 
zweitens muß man dazu doch nicht eine Jüdin sein. Drum sagte damals 
auch die Hella drauf: ,Nein, Sie irren, Sie sind nicht an Ihresgleichen 
geraten." 

Am 6. ist schon Schluß ; aber wegen der Matura der Dora 
müssen wir bis zum 11. hierbleiben. Dann fahren wir nach Fieberbrunn 
in Tirol und werden heuer im Hotel wohnen, worauf ich mich riesig 
freue. Da hat sich die Hella voriges Jahr so großartig unterhalten. 

2. Juli : Gott, heute hab ich na, ich kann es nicht so 

hinschreiben. Mitten in der Physikstunde bei der Wiederholung, wie 
ich an gar nichts denke, kommt das Fräulein N. mit einem Akt herein 
zum Unterschreiben. Wie wir aufstehen, denk ich mir : Was ist den 
das? Und dann fällt mir gleich ein: Aha!! In der Pause fragt mich 
die Hella, warum ich so blutrot geworden bin in der Physikstunde,, 
ob ich Zuckerln mithatte. Ich wollte ihr doch nicht gleich den wahren 
Grund sagen und so sagte ich : „Nein, ich bin beinahe eingeschlafen 
vor Langeweile und wie das Fräulein N. hereinkam, bin ich zusammen- 
gefahren." Beim Nachhausegehen war ich sehr wortkarg und ging so 

158 



langsam, (man soll nämlich nicht schnell gehen, wenn ) da sagt 

die Hella: „Ja sag mir, was hast denn du heute, daß du so feierlich 
bist? Bist du ohne mein Wissen verliebt oder am Ende gar....?" 
Da sage ich: „Oder am Ende gar!" und sie sagt: „Na also, jetzt 
bist du mir wieder ebenbürtig" und gibt mir mitten auf der Straße 
ein Bussel. Da gehen gerade zwei Studenten vorbei und der eine 
sagte: „Mir auch eins". Und die Hella sagt: „Ja, eine auf die Wange, 
die brennt." Da sind sie schnell abgeschoben. Wir hätten sie auch 
wirklich nicht brauchen können; heute!! Die Hella wollte, ich solle- 
ihr alles genau sagen; aber ich hatte wirklich nichts zu sagen 
und doch glaubt sie, ich wollte nichts sagen. Es ist wirklich sehr 
unangenehm und dann muß ich heute abends beim Ausziehen riesig 
achtgeben vor der Dora. Aber der Tante muß ich es sagen, wegen 
einer Lunab .... Das ist mir greulich peinlich. Bei der Hella war das 
eben anders, erstens weil sie vorher solche greuliche Krämpfe hatte 
und ihre Mama dadurch schon alles wußte und zweitens, eben weil 
es ihre Mama ist. Der Dora sag ich's auf keinen Fall, da geniere 
ich mich noch mehr. Und eine Lunab .... würde ich mir nie selber 
kaufen und wenn ich 80 Jahre alt wäre. Und wenn der Papa das erst 
wüßte, das wäre entsetzlich. Ob die Männer das überhaupt wissen; 
von ihrer Frau eher, aber von den Töchtern doch absolut nicht. 

3. Juli: Jetzt weiß es die Dora doch. Ich drehte nämlich das 
Licht ab vor dem Ausziehen und da schimpfte die Dora: „Was sind 
das für blöde Witze, dreh sofort auf." „Fällt mir gar nicht ein." Da 
kommt sie herüber und will aufdrehen ; „Ich bitt dich, laß, bis ich im 
Bett liege." „Ah soooo", sagt die Dora, „warum sagst du denn das 

nicht gleich ; ich borg dir indessen meinen Billroth-B und du 

hast ja noch gar keine B . . . ." Und dann redeten wir noch sehr lang 
und viel miteinander und sie sagte mir, daß die Mama ihr aufgetragen 

habe, mir alles zu sagen, wenn Ihr hat es die Mama gesagt, 

aber sie sagte, am besten sagt es ein Mädl dem andern, weil man 
sich am wenigsten geniert. Die Mama wußte auch, daß die Hella 
schon im Jänner ...... Aber wieso? ich habe pie etwas davon 

verraten! Es war schon 12 Uhr, wie wir das Licht abdrehten. 

6. Juli: Gott, ich bin so unglücklich; heute wie wir die Zeugnisse 
bekommen und uns bei der Frau Dr. M. verabschieden, d. h. bedanken, 
ist sie furchtbar lieb und nett und zum Schluß sagt sie: .Ich hoffe, 

159 



daß Ihr mir bei meiner Nachfolgerin oder meinem Nachfolger nicht 
allzu viel Schande bereitet." Zuerst verstehen wir sie gar nicht gleich 
und meinen, sie meint, es sei doch immer unsicher, ob eine Lehrkraft 
eine Klasse behält, aber da sagt sie schon : „Ich scheide nämlich von 
der Anstalt, weil ich mich verheirate." Mir gab's einen Stich ins Herz 
und ich sagte: „Gott, das ist doch nicht möglich." „Ja, ja. Lainer, es 

■ ist doch so." Und alle Kinder drängten sich zu ihr und wollten ihr 
die Hand küssen. Und da war es einen Augenblick ganz still und da 
sagte die Hella: „Frau Doktor, darf ich um etwas fragen? Aber sind 
Sie ja nicht böse!" „Na, so frag nur!" „Ist es der Herr Hauptmann 
von Carnuntum?" Zuerst schaute sie ganz verwundert und dann 
lachte sie hellauf: „Nein, Brückner, der ist es nicht, der hat ja schon 
eine Frau." Und die Gilly, die doch nie gar so schwärmte wie die 
Hella und ich, sagte: „Bitte, sagen Sie uns Frau Doktor, wen Sie 
heiraten." „Das ist kein Geheimnis, ich heirate einen Professor nach 
Heidelberg," Und darum muß sie auch vom Lyzeum weg. Mir sind 
die ganzen Ferien verpatzt. Die Hella hat Prachtideen. Die Kinder 
wollten alle gar nicht weggehen und wollten die Frau Doktor nach- 
hause begleiten. Da sagte sie: «Liebe Kinder, das geht nicht, ich 
fahre ja nach Purkersdorf zu meinen Eltern." Und jetzt kommt die 
göttliche Idee der Hella. Alle sagen: »Bitte, wir begleiten Sie auf die 
Stadtbahn", und endlich erlaubt sie's. Die Hella aber sagt: „Komm'« 
und wir rennen auf die Stadtbahn voraus und nehmen uns Karten bis 
Hütteldorf, damit wir rechtzeitig zurückfahren können, und auf einmal 
wie wir schon am Perron warten, kommt sie und alle Kinder mit ihr 
bis zum Einlaß. Da stürzen wir auf sie zu und steigen in den Zug 
dn, der gerade kommt. Natürlich hatten wir Zweite Klasse-Karten, da 
die Hella als Offizierstochter nur Zweite Klasse fahren darf und die 

. Frau Doktor M. fährt auch immer Zweiter. Und wir setzen uns zu 
Dreien auf einen Zweiersitz, trotzdem es furchtbar heiß war. Sie war 
riesig nett; ich bat sie um eine Photographie und sie versprach uns 
eine zu schicken. Dann kam leider schon Hütteldorf, »Kinder, Ihr 
müßt jetzt aussteigen." Und dann weinten wir beide furchtbar und da 
küßte sie uns! Nie werde ich diesen Augenblick voll Seligkeit 
vergessen und diese göttliche Fahrt! Solang man den Zug noch 
gesehen hat, winkten wir in einer Tour und sie winkte ebenfalls! 
Als wir unsere Karten abgeben wollten beim Hinausgehen, suchte die 

160 



Hella überall ihr Portemonnaie und fand es nicht; sie muß es am 
[Schaher liegen gelassen haben. Glücklicher Weise hatte ich noch mein 
ganzes Taschengeld vom Juli und so mußte ich davon die Strafe 
zahlen. Und da war einmal ich die Klügere; ich sagte, wir seien 
Dritter gefahren und nur durch die zweite durchgegangen ; so haben 
wir nicht soviel Strafzahlen müssen; und es hat ja niemand was 
davon, so einen Betrug kann man sich schon erlauben. Natürlich 
fuhren wir zurück wirklich Dritter; obwohl die Hella sagte, das störe 
ihr sehr die Erinnerung. Mir macht das gar nichts, ich bin nicht so 
auf das „Milieu" wie die Hella. Wir kamen erst um Vi2 Uhr nach- 
hause und die Tante Dora zankte furchtbar. Ich sagte, ich hätte bei 
der Frau Dr. Bibliotheksbücher geordnet, aber die Dora war um 12 Uhr 
im Lyzeum nachfragen, und da war niemand da. Da seien wir gerade 
fortgegangen und hätten die Frau Dr. M. ein Stück begleitet, da sie 
wegen ihrer Verheiratung wegkommt. Da war die Dora ganz erstaunt 
und sagte: „Ah, jetzt versteh ich." Wie sie neulich ins Konferenz- 
zimmer kam, redeten die Lehrkräfte gerade von einer Verlobung und 
das Fräulein Thim sagte : „Jede hat nicht so ein Glück, daß sie 
einen Universitätsprofessor kriegt." Das ging auf Sie. Na, die Thira 
kriegt bestimmt keinen, nicht einmal einen Schuldiener. Heute, ich 
schreibe nämlich schon zwei Tage an dem, hatte ich eine wahnsinnige 
Freude; Sie schickte mir ihre Photographie, einfach himmlisch ! ! Der 
Papa sagt, am Bild ist sie schöner als in Wirklichkeit. Das ist aber 
nicht wahr, sie ist wunderbar, diese Augen und dieser seelenvolle 
,Biick! Die Hella hat natürlich auch eine Phot. bekommen. Wir lassen 
juns kleine Ledertäschchen mit Ausschnitt machen eigens für das 
Bild, damit wir es immer bei uns tragen können. Aber wir müssen 
damit bis nach den Ferien warten, weil ja die Hella ihr Geld verloren 
hat und ich das meine für die Strafzahlung beinahe ganz hergeben 
mußte. Und 3 K wird so ein Täschchen schon kosten. Aber der Papa 
hat durchsichtige unzerreißbare Kuverts und da bitte ich ihn um zwei 
und aus denen kleben wir uns „Notbehelfe". 

Morgen hat die Dora Matura, sie ist schon sehr aufgeregt, obwohl 
sie doch ohnehin alles kann. Aber sie meint, passieren kann einem 
immer etwas. Der Papa ist aber gar nicht aufgeregt, nur beim Oswald 
voriges Jahr, da war er wohl aufgeregt und die liebe arme Mama hat 
sich auch furchtbar gesorgt um ihn: „Pah", hat der Oswald gesagt, 

" • ■ 16. 



„ich werd ihnen's schon zeigen, daß sie mir nichts anhaben können; 
nur frech muß man sein bei der Martura, das ist der ganze Witz!" 
Und dann hat er nichts telegraphiert als „Durch" und die arme Mama 
hat immer noch Angst gehabt und gemeint, daß kann auch heißen 
Durchgefallen. Aber natürlich hieß es schon du rch gekommen, 
weil indessen doch das zweite Telegramm schon da war. Und damals 
hat der Papa zwei Flaschen echten Champagner mit nach Rodaun 
gebracht, wie der Oswald dann zurückkam. Nach der Dora ihrer 
Matura geht das nicht, weil die Mama nicht mehr da ist; o das ist 
so schrecklich, wenn ich so denke, noch vor 2V3 Monaten war sie da 

und jetzt — — — 

9. Juli : Heute vormittag, während die Dora Matura machte (sie 
hat Auszeichnung bekommen), war ich ganz allein am Friedhof. Zur 
Tante Dora sagte ich, ich gehe mit der Hella und ihrer Mama Einkäufe 
besorgen und zur Hella sagte ich, ich gehe mit der Tante fort und so 
bin ich nach Pötzleinsdorf hinausgefahren und dann auf den Friedhof 
gegangen. Es soll jeder immer nur allein auf den Friedhof gehen. 
Gar niemand war außer mir am Friedhof. Ich traute mich nicht, lange 
dort zu bleiben, damit ich nicht zu spät nachhause komme. Es ist so 
riesig weit nach Pötzleinsdorf, und wenn man allein fährt, kommt 
einem jeder Weg so lang vor. Und wie ich wegging, ging ich in die 
falsche Richtung und kam auf eine ganz öde Straße gegen die 
Türkenschanze. So etwas ist sehr unangenehm und zuerst war auch 
weit und breit niemand zu sehen, den ich hätte fragen können. Dann 
kam zum Glück eine alte Frau und die fragte ich um den Weg und da 
sagte sie mir, ich solle nur durch die nächste Gasse, die'' kommt, 
hinuntergehen, da komme ich zur Elektrischen. Und dies war auch 
richtig, da kam gerade ein Pötzleinsdorfer, in den stieg ich ein und 
kam noch lange vor der Dora nachhause. Aber am Nachmittag hätte 
mich die Hella bald unabsichtlich verraten. Aber weil alle nur von der 
Matura redeten, so konnte ich es verwischen. Jetzt, wo die Dora die 
Matura hinter sich hat, muß sie mir noch vieles in gewisser 
Hinsicht sagen. Das versprach sie mir. Vor der Matura war sie immer 
so müde von dem vielen Ochsen, aber das ist ja jetzt vorbei und ich 
lerne in den Ferien überhaupt nie etwas. Wozu sind die Ferien da! 
Die Frau Doktor Dunker hat mir richtig nur Befriedigend gegeben 
das ist wirklich eine Gemeinheit; und bei der muß man noch drei 

162 



Jahre lang lernen, pfui! Ich weiß bestimmt, daß ich mir jetzt gar keine 
Mühe nehmen werde im Französischen, denn einen Pik hat sie jetzt 
schon einmal auf mich, und wenn eine Lehrkraft ein Pik auf einen 
hat, nützt alles Lernen nichts. Wie anders war doch die Frau Dr. M.l! 
Jetzt habe ich solange ihr Bild angeschaut, daß mich die Augen 
greulich brennen ; aber das muß ich noch schreiben : Auch wenn man 
einmal oder zweimal nichts konnte, nie hat sie es einem nachgetragen, 
nie, nie, nie — ^ die Süße, Göttliche! 

10. Juli: Morgen fahren wir fort nach F.; ich freue mich schon 
sehr. Es ist gräßlich fad. heute, da die Hella gestern schon weggefahren 
ist nach Berchtesgaden für 6 Wochen, und auf der Rückfahrt kommen 
sie nach Salzburg und vielleicht fährt die Tante Dora für 2 Tage mit 
mir nach Salzburg, damit wir uns sehen können, ehe die Hella nach 
Ungarn fährt. Die Glückliche! Leider kann ich heuer nicht nach 
K . . . M . . . fahren, weil wir bis halben September in F. bleiben. 
Ich habe schon heute meine Namenstagsgeschenke bekommen, weil 
sie für die Reise gehörten: ein schwarzes Touristentäschchen mit 
schwarzen Ledergürtel und V2 Dutzend Trauertaschentücher mit ganz 
feinem schwarzen Rand und für Brandmalerei und eine große Düte 
Reisebonbons von der Hella. Ohne der Hella ist es greulich auf der 
Welt. Hoffentlich heiraten wir einmal am selben Tag; denn die Mama 
sagte immer: „Die besten Mädchen freundschaften gehen 
auseinander, wenn die eine heiratet." Wahrscheinlich, weil die andere 
sich doch ärgert, daß sie noch nicht heiratet. Wie das bei der Hochzeit 
von der Frau Dr. M. sein wird! Und ob sie alles schon weiß; 
wahrscheinlich und wenn nicht, so muß es ihr ihre Mama vorher sagen. 
Die Dora sagte gestern zu mir, daß die Mama zu ihr einmal sagte: 
„Ein Mädchen stellt sich immer alles falsch vor; in Wirklichkeit kommt 
es ganz anders.« Also bei uns ist das nicht so, denn wir wissen 
wirklich schon alles ganz genau, sogar das vom Nacktausziehen; 
o Gott, der Anblick damals! — Am 20. kommt der Oswald^ aber 
zuerst macht er einen Abstecher nach München. 

12. Juli: Hier ist es herrlich; Berge und Berge ringsherum und 
da werden wir überall hinaufsteigen; Gott, wie ich mich freue! Da 
kann ich unmöglich täglich Tagebuch schreiben; nun so wird's halt 
ein Wochenbuch. Denn der Hella muß ich unbedingt jeden zweiten 
Tag schreiben. Wir wohnen in der Pension Edelweiß; es sind ungefähr 



u* 



163 



40 Personen da, wenigstens haben wir's zu Mittag so gezählt. Im 
Vestibül ist eine Gast-Liste aufgehängt, die muß ich eingehend studieren. 
Von der Fahrt habe ich nichts gehabt, weil die Dora greulich Kopfweh 
gehabt hatte und da konnte man die ganze Nacht nichts reden. Die 
halbe Nacht stand ich im Gang. In einem Ort in Salzburg war ein 
furchtbares Feuer; aber es löschte niemand; es muß niemand etwas 
gewußt haben davon. Es ist sehr fein in der Pension, alles mit 
Teppichen belegt; in der Halle sind fünf oder sechs Gruppen arrangiert. 
Wir sind sehr zufrieden. Zu Mittag sind 4 Gänge, am Abend zwei. 
Auf jedem Tisch stehen Blumen. Der Papa sagt, man muß erst sehen, 
wie lange sie stehen. Der Papa hat einen neuen Touristenanzug, 
der ihm großartig steht, weil er so groß und aristokratisch aussieht. 
Wir haben ganz leichte schwarze Etaminkleider und schwarze Spitzen- 
blusen und auch weiße Blusen und die weißen Kleider mit und hell- 
graue Touristenkostüme. Denn da hat der Papa wohl recht: Die Trauer 
sitzt innen und nicht außen. Vorläufig gehen wir aber doch in 
Schwarz, nur für den Fall der großen Hitze haben wir die weißen 
Sachen mit. Heute haben wir gar nicht weit vom Haus auf einem 
Abhang ein ganzes Bouquet Alpenrosen gepflückt. Die Dora hat das 
Bild der Mama mitgenommen und die Blumen davor gestellt; ich habe 
leider meins vergessen. Ich möchte sehr gerne eine Hochtour machen 
auf das Wildeck oder sonst wo hin. Selber Edelweiß pflücken wäre 
herrlich. Aber der Papa sagt, das ist in unserem Alter nicht zuträglich. 
Das Bad soll hier immer sehr kalt sein, meist nur 10 höchstens 12*^. 
Der Herr Dr. Klein hat gesagt, wir sollen nur bei wirklich warmen 
Wasser baden gehen. Da wird nicht viel werden. Bekanntschaften 
haben wir noch keine gemacht; aber die zwei Mädchen am zweiten 
Tisch von uns mit den bosnischen Blusen gefallen mir sehr gut 
Vielleicht, daß wir uns kennen lernen. Etwas ist voriäufig zu Wasser 
geworden. Ich wollte die Dora am Abend noch mancheriei Wichtiges 
fragen, aber dadurch, daß die Tante Dora mit uns in einem Zimmer 
schlaft, geht das nicht. Und das ist auch dumm ; das Zimmer vom 
Papa hat einen herrlichen Balkon gerade auf die Promenade und unser 
Zimmer geht in einen Garten. Die Aussicht ist ja sehr schön, aber 
Papas Zimmer wäre mir entschieden Heber, aber für drei Personen 
wäre es viel zu klein ; es ist bloß ein Bett darinnen und eine Garnitur 
von anno dazumal. Solche Garnituren sind mir ein Greuel; die Dame, 

164 ' 



der die Pension gehört, nennt das Empire!! Die muß noch nie eine 
Empire-Einrichtung gesellen haben. 

15. Juli: Gestern hat mir die Dora beim Spaziergehen sehr viel 
von Tante Dora erzählt. Ich habe eigentlich nie recht gewußt, ob der 
Onkel Richard in der Irrenanstalt angestellt ist oder ob er selber drin 
ist; das letztere ist der Fall. Er ist rückenmarkleidend und ganz 
verblödet und manchmal hat er Tobsuchtsanfälle. Wie er noch heraußen 
war, hat er einmal die Tante Dora gewürgt und dann hat er sie in 
anderer Hinsicht ganz heruntergebracht!!! Ich weiß nicht 
recht wieso, denn Kinder hat die Tante Dora nie gehabt. Warum 
eigentlich das vom Onkel Richard so verheimlicht wird! und wenn 
ich so denke, hat auch nie jemand von der Krankeit der Mama reden 
wollen. Dieses Verheimlichen hat doch keinen Sinn, denn erstens denkt 
man erst recht darüber nach und zweitens erfährt man ja doch die 
Wahrheit. Zuletzt hat sich die Tante Dora so gefürchtet vor dem 
Onkel, daß sie alle Türen zu ihrem Zimmer absperrte. Einen tobsüchtigen 
Mann haben, muß wohl gräßlich sein. Der Papa sagte einmal zur 
Dora: Die Tante Dora kann einen schon tobsüchtig machen mit ihren 
Tücken und Nucken. Das war natürlich nur bildlich gemeint, aber ich 
muß doch aufpassen, was die Tante eigentlich tut, was einen so 
aufbringen kann. Höchstwahrscheinlich in dieser Hinsicht. Mir 
scheint, daß Tante Alma viel mehr Tücken und Nucken hat, und der 
Onkel Franz ist doch noch nicht lobsüchtig geworden. Die Dora sagt, 
der Onkel Richard kann noch 20 Jahre leben und ihr tut die Tante 
Dora sehr leid, daß sie an ein solches Ungeheuer gekettet ist. Wieso 
gekettet? Er ist doch im Irrenhaus und kann ihr nichts tun. Die Dora 
wußte das auch alles nicht, die Tante hat es ihr erst nach dem Tode 
der Mama erzählt. Die Dora meint, es ist am besten, man heiratet 
gar nicht, wenn man nichteinen Mann rasend liebt. Und dann nur 
mit Ehekontrakt!! Da ist nämlich das ausgeschlossen. Ich habe 
immer geglaubt, ein Ehekontrakt wird wegen der Mitgift und des 
Geldes überhaupt gemacht; aber daß das den Zweck hat, hätte ich 
nie geglaubt. Die Frau vom Oberförster Mayer, die wir vor zwei 
Jahren im Sommer kennen gelernt haben, hat ihren Mann nur unter 
dieser Bedingung geheiratet. Ich verstehe nur nicht, wenn das die 
Hauptsache ist beim Heiraten, worauf alle Männer brennen, so kann 
doch eigentlich keiner mit einem Ehekontrakt einverstanden sein. Das 



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muß doch anders sein, vielleicht ist das auch nur bei den Juden so 
denn die Mayers waren Juden. 

21. Juli: Nein, das hätte ich nie gedacht, daß die Hella in der 
Hinsicht Recht behält. Heute schrieb mir die Anneliese einen 8 Seiten 
langen Brief. Wie damals die Hella fünf Tage zuhausebleiben mußte, 
hat sie geglaubt, die Anneliese werde wieder anbandeln. Aber offenbar 
traute sie sich nicht. Also sie schrieb mir: Einzig geliebte Rita! Du 
bist die einzige Freundin meines Lebens; alle Mädchen und Leute 
haben mich gern, wohin ich komme und nur du hast dich in GroU 

von mir abgewendet. Was tat ich dir ? Na also, getan hat 

sie mir schon etwas; denn es hätte können eine schöne Geschichte 
entstehen, wenn nicht die Frau Dr. M. gewesen wäre, dieser Engel 
in Menschengestalt! Sie schreibt, sie ist so einsam und traurig; sie 
ist nämlich mit ihrer Mama in der Kaltwasserheilanstalt Grätsch bei 
Meran oder Bozen, das hab ich vergessen, da muß ich nachschauen, 
wenn ich ihr antworte. Denn ich habe der Hella auf mein Ehrenwort 
versprochen, daß Ich mich nie wieder mit dem „reinen Kind" aussöhne. 
Aber schließlich eine Antwort ist eine Höflichkeit und bedeutet noch 
lange keine Aussöhnung und am wenigsten eine Freundschaft. Dort 
in Grätsch sind gar keine jungen Mädchen, lauter Damen und alte 
Herren, der jüngste ist 32 Jahre! brr, das glaube ich. daß sie sich 
erbärmlich langweilt. Also schreiben werde ich jedenfalls, aber sehr, 
schon sehr kühl. Zum Schlüsse schreibt sie: Erhöre das Flehen einer 
Unglücklichen und laß dein Herz nicht von hartem Erz werden gegen 
die, die dich immer wahrhaft geliebt hat. Das ist eigentlich sehr schön 
und die Anneliese hatte auch immer die besten Aufsätze; die Frau 
Dr. M. lobte sie oft und ihren gewählten Stil, aber leiden hat sie sie 
dann später nicht können. Sie sagte ihr oft, sie solle nicht so affektiert 
sein, sonst verlernt sie noch das Reden vor lauter Affektation. Ich 
werde nicht augenblicklich schreiben, sondern erst nach ein paar 
Tagen, und wie gesagt sehr kühl. 

23. Juli : Heute bin ich mit den zwei Mädchen bekannt geworden, 
sie heißen Olga und Nelly, die eine ist 15, die andere 13 Jahre; 
ihren Zunamen weiß ich nicht, nur daß sie ein Lederwarengeschüft 
auf der Mariahilferstr. haben. Ihre Mama hat schon ganz graues Haar, 
ihr Papa kommt erst am 8. August. Wir haben einen Spaziergang für 
heute um 4 Uhr verabredet nach Brennfelden. 

166 



26. Juli: Ich habe mir vorgenommen, alle Tage vor dem Essen 
zu schreiben, denn nach dem Essen gehen wir alle mit unseren 
Hängematten in den Wald. Ich habe doch gleich vorvorgestern an die 
Anneliese geschrieben, damit sie weiß, wie sie dran ist. Der Hella 
schrieb ich noch nichts davon, weil ich doch nicht weiß, was die 
Anneliese antwortet. Die Hella unterhält sich in Innichen königlich; 
aber leider schrieb sie nicht, wieso königlich; sie schrieb auch nur 
knapp 3 Seiten mit dem Schluß, natürlich schrieb ich auch nicht 

soviel wie sonst. 

27. Juli: Der Dora gefallen die Weiner nicht besonders; sie 
findet sie furchtbar aufgeblasen. Am Lande trägt man keine goldenen 
Armbänder und Ketten und am wenigsten zu Dirndlkostümen. Da hat 
sie wohl recht, aber mir gefallen die zwei Mädeln ganz gut, besonders 
die kleinere, die Olga; die Nelly tut so großartig; sie gehen auch ins 
Lyzeum, aber ins Hietzinger Lyzeum; die Olga kommt aber erst in 
die zweite und die Nelly in die fünfte. Die Dora sagt, das Pulver 
haben beide nicht erfunden. Das ist auch garnicht notwendig, das hat 
zum Glück schon wer anderer erfunden. Wir haben uns gestern beim 
Spazierengehen sehr gut unterhalten. Heute gehe nur ich mit ihnen. Der 
Papa sagt''- „Nur nicht alle Tage beisammenstecken; der Schluß ist 
dann immer ein Verdruß." Na, aber mit den Weiners nicht, das glaube 

ich wohl nicht. ,„.,,., a 

29 Juli: Morgen ist mein Geburtstag. Was ich bekommen werde. 

Etwas habe ich schon in Wien bekommen, nämlich 3 Paar ü jour 

Strümpfe, von der Tante pickfein, da sieht der Fuß so elegant aus. 

Aber ich muß riesig sparen damit und achtgeben. Die Tante sagte: 

Da wirst du dir hoffentlich das Faltenziehen an den Strümpfen beim 

Lernen abgewöhnen." Als ob ich in den Ferien überhaupt lernen würde. 



167 



Letztes Halbjahr. 

(Von 14— W/, Jahren.) 

30. Juli: Also Gott sei Dank heute ist mein 14 ! ! ■ Geburtstap- 
die Olga hat geglaubt, ich bin schon 16 oder mindestens 15; aber icli 
sagte: Da Würde ich mich schön bedanken; a u ssch a uen wie 16 
das ist mir sehr angenehm, aber 16 sein möchte ich nicht, denn 

Zm\ VrZ"" ." "^''' '""^' '"'^'''"' 2-3 Jahre. Aber so ein 
fremde Gefühl w>e d>e Hella sagte, habe ich wirklich nicht; ich bin 
nur sehr froh, daß jetzt niemand, nicht einmal die Dora sagen kann 
.ch b.n e.n K.nd. Das Wort „Kmd" hasse ich furchtbar, a'ßer wenn 
d>e Mama sagte: .Du mein liebes Kind", aber da meint; sie es auch 
ganz anders. Der Ring von der Mama hat mich von allen Geburtstags 
geschenken am me.sten gefreut; ich werde ihn ewig tragen. Und w^ 
Ch wemen wollte, sagte der Papa so lieb : .Nicht weinen. Gretel, ^m 

mid v"om 1 ' 7" "''^^'.-'-'■' das wäre ein schiner Anfang 
nämhch vom Er wachsen sein! Außer dem Ring bekam ich vom 
Papa noch eme entzückende schwarze Perlenkette um den Hals dk 
ra.r wir l.ch wunderbar steht und dabei so kühl ist; dann von Teodör 
Storm. Immensee, von der Tante Dora die schwarzen Ajour SMe 
und schwarze lange Seidenhandschuhe und von der Dora ein sZrf 
arm and aus ganz dunkelgrauem Leder für die Uhr. Ab r das t^ 
ich erst in Wien ,n die Schule. Die Großeltern schickten wie immer 
Obst, aber vom Oswald ist nichts gekommen. Er kann doch unmögHch 
vergessen haben. Wahrscheinlich kommt es verspätet. Und vom Papa 
noch em K.stchen Konsumbonbons, die esse ich für mein Leben gern 
Zu Mittag halte die Tante Dora eigens meine Lieblingsmehlspe se 
.Mohr im Hemd" bestellt und alle sagten : Ja, was ist denn das, an 
einem Wochentag so eine Sonntagsspeise ? Und da kam es heraus, 

168 



daß ich Geburtstag hatte und die zwei Weiiier, die es schon wußten, 
sagten es den meisten Gästen und da gratulierten mir sehr viele. Die 
Olga und die Nelly hatten mir schon vormittag gratuliert und einen 
riesigen Strauß Feldblumen und einen aus Gartenblumen gegeben. 
Nachmittags gehen wir alle nach Flagg, dort ist es herrlich schön. 

Am Abend: ich muß noch schreiben. Wir konnten die Partie 
nicht machen, weil ein greuliches Gewitter war von 2—4 Uhr. Aber 
wir unterhielten uns großartig. Und jetzt noch ein Erlebnis : Wie ich 

aus dem Speisesaal hinausgehe, um aufs zu gehen, sagt eine 

Stimme: Darf ich Ihnen auch gratulieren, Fräulein? Ich drehe mich 
um und hinter mir steht der riesengroße goldblonde Student, der mir 
schon seit drei Tagen aufgefallen ist. ^Ich danke sehr, zu liebens- 
würdig", sag ich und will vorbei, denn ich mußte wirklich hinaus. 
Er fängt aber gleich zu sprechen an und sagt: „Das mit den 14 Jahren 
ist doch nur ein Witz? Fräulein sind heute wohl 16 geworden?" 
„Leider nein und zugleich Gott sei Dank", sag ich, „aber schließlich 
ist jeder so alt, als er aussieht. Pardon, ich muß dringend in mein 

Zimmer", sage ich noch schnell und renne davon, denn sonst !! 

Hoffentlich hat er die Wahrheit nicht geahnt. Das muß ich der Hella 
schreiben, die wird schön lachen. Sie schickte mir ein reizendes 
Schmuckdöschen mit einer Ansicht von Berchtesgaden, gefüllt mit 
meinen Lieblingen, Kognakbonbons. Im Briefe beklagt sie sich über 
die „Kürze meines letzten Schreibens." Ich muß ihr morgen sofort 
einen langen Brief schreiben. Beim Abendessen sah ich erst, wo der 
„Baidur" sitzt; so nenne ich ihn wegen seines herrlichen blonden 
Haares und weil ich nicht weiß, wie er heißt. Er ist mit einem alten 
Herrn und einer alten Dame und einem Fräulein, das ähnliches Haar 
hat wie er, aber seine Schwester kann sie unmöglich sein, dazu ist 
sie entschieden zu alt, 

31. Juli : Die Familie heißt Scharrer von Arneck und der Herr 
ist Oberbergrat in Pension. Das Fräulein ist richtig seine Schwester 
und ist eine Bürgerschullehrerin in Brunn. Ich habe das alles von 
dem Stubenmädchen erfahren. Aber ich war sehr schlau, ich wollte 
nicht direkt fragen und da sagte ich: Wer ist denn der alte Herr mit 
den weißen Locken, der sieht meinem Großpapa so ähnlich. (Ich 
kenne meinen Großpapa gar nicht, denn der vom Papa her ist schon 
seit 12 oder 15 Jahren gestorben und der Papa der Mama lebt gar 

169 



nicht in Wien, sondern in Berlin). Da sagt die Luise: „Ach, Fräulein, 

meinen den Herrn Oberbergrat Seh , von Seh Aber der 

Herr Großpapa von Fräulein wird wohl nicht so brummig sein," Da 
sag ich: „So, ist er brummig?" Und sie erwidert: „Na, und wie; da 
muß man fliegen, sonst ist es aus und geschehen!" Und dann gibt 
ein Wort das andere und sie er2ählt mir alles, was sie weiß ; das 
Fräulein ist schon 32 Jahre, sie heißt Hulda und ihr Papa läßt sie 
nicht heiraten und der j unge Herr ist aus dem Haus gegangen, 
weil sein Papa ihn so sekkiert. Er studiert in Prag und kommt nur 
in den Ferien nachhause. Das ist alles sehr traurig und sie schauen 
doch so vergnügt aus mit Ausnahme von dem Fräulein. Ja richtig, 
bei Weiner, das ist gräßlich ; die Olga ist doch schon 13 und 
die Nelly gar 15 und ihre Mama wird noch — — — — also 
das heißt, ihre Mama ist in a . . . U . . . . die beiden sind 
empört und die Nelly sagte heute zu mir : Es ist ein Skandal ; sie 
genieren sich so, mit ihrer Mama zu gehen. Aber ich habe noch 
nichts bemerkt; sie sagen aber, natürlich merkt man es schon längst; 
„im Oktober wird das sehr freudige Ereignis!! eintreten," 
sagte die Olga. Das ist wirklich sehr unangenehm und mir hat die 
Frau W. gleich nicht gefallen. Ich kann nur nicht begreifen, wie so 
etwas überhaupt sein kann, wenn man schon so alt ist. Ich bedaure 
die zwei Weiner sehr. Übrigens bei den Seh. muß es ja auch so ähnlich 
gewesen sein, denn die Luise sagte mir, der junge Herr ist 21 und 
das Fräulein ist nicht 32, sondern 35 Jahre, sie hat sich zuerst geirrt; 
also ist sie um 14 Jahre älter, greulich. Die tut mir riesig leid, daß 
ihr Papa sie nicht heiraten läßt, daß heißt nicht hat heiraten lassen. 
Unser Papa wird sich gewiß nie weigern, wenn einmal eine von uns 
beiden heiraten soll. Ich habe alles der Hella geschrieben; sie geht 
mir schrecklich ab, denn die zwei Weiners sind mir doch eigentlich 
ganz fremd und der Dora könnte ich nie meine Geheimnisse 
anvertrauen, obwohl wir jetzt ganz gut mit einander sind. Morgen 
kommt der Oswald. 

1. August: So ein Bursch hafs gut. Der kommt und geht, wann 
er will und wohin er will. Heute kommt ein Telegramm vom Oswald, 
daß er bis Mitte August ausbleibt: Königsee, Watzmanntouren herrlich, 
Brief folgt. Der Papa hat nicht viel gesagt, aber ich glaube, er ärgert 
sich auch sehr. Überhaupt jetzt nach dem Tode der armen Mama, da 

170 



könnte der Oswald doch nachhause kommen. Voriges Jahr nach der 
Matura war er so lang fort, ganz allein, und heuer wieder. So von 
einem Vergnügen zum andern paßt sich wirkllich nicht, wenn einem 
vor einem Vierteljahr die Mama gestorben ist. Am zweiten Tag, wie 
wir hier angekommen waren und noch gar niemanden kannten, ging 
ich ganz in der Frühe um ^2^ Uhr allein auf den Friedhof. Er liegt 
an einer Berglehne und hat uralte Grabsteine, manchmal kann man 
die Inschrift gar nicht mehr enträtseln, so verwischt ist sie ; eine von 
1798 noch mit römischen Ziffern. Dann habe ich mich auf eine kleine 
Bank gesetzt und an die arme Mama und all das Traurige gedacht 
und habe so schrecklich geweint, daß ich mir die Augen waschen 
mußte, damit niemand etwas merkt. Heute habe ich mich läbrigens 
auch greulich geärgert. Kommt ein Brief von der Tante Alma, sie 
wollen auch herkommen, wir sollen ihnen eine Wohnung suchen, ob 
wir etwas Passendes, das heißt bei der Tante Alma immer billig, 
finden, aber unbedingt privat; natürlich, denn in einer Pension käme 
es ihnen viel zu teuer, Hoffentlich finden wir nichts Passendes, heute 
haben wir wirklich nichts gefunden, da wir wegen einem drolienden 
Gewitter nicht weit kamen. Und morgen hoffentlich auch nichts, das 
ist mein sehnlichster Wunsch; denn die Marina, diese Spioniererin, 
die könnte ich brauchen. Gott sei Dank sind auch die Tante Dora 
und die Dora entschieden dagegen. Aber der Papa sagte: Kinder, das 
geht nicht, es ist doch die Tante und suchen muß man jedenfalls. 
Also gut, suchen kann man schon ; suchen und finden ist glücklicher- 
weise zweierlei. 

2. August: Heute in der Frühe gingen wir Wohnung suchen 
und weil die Dora immer etwas drein setzt, daß sie das Richtige 
findet, so stöbert sie richtig 2 iZimmer und Küche auf, allerdings nur 
in einem Bauernhaus. Die Sommerpartei, die hier wohnte, mußte 
wegen dem Tod der Großmama sofort nach Wien zurück und so gibt 
die Bäuerin die Wohnung sehr billig her. Die Dora schrieb gleich an 
die Tante und sie schrieb auch, daß wir uns alle sehr freuen, sie und 
alle zu sehen, was entschieden eine Falschheit ist. Und justament 
schrieb ich ein P. S., wo ich alle grüßte und bemerkte, daß die Reise 
schandbar teuer ist; vielleicht schreckt sie das doch ab. Durch dieses 
dumme Herumrennen um eine Wohnung habe ich weder gestern 
nachmittags noch heute vormittags die Weiners und natürlich auch 

171 



nicht Gott Baidur gesehen. Und zu Mittag sieht man nicht zum Tisch 
vom Oberbergrat, weil sie gerade einen Erkerplatz haben, da sie 
schon seit 9 Jahren herkommen. 

^ Ich bin zwar totmüde, aber das muß ich noch schreiben. 
Nachmittags waren wir und Weiners beim Kreindlbauer und da schloß 
sich der Siegfried Seh. an, da er die Weiner kennt, die auch schon 
3 Jahre herkommen. Er redete aber hauptsächlich mit der Dora und 
das ärgerte mich furchtbar. So redete ich einfach gar nichts, sondern 
ging ganz hinten. Und am Rückweg kommt er zu mir und sagt: „Nun 
Fräulein Grete, sind Sie immer so insichgekehrt? Dem widersprechen 
Ihre Augen." Ich sagte: „Das kommt ganz auf meine Stimmung an 
und vor allem andern dränge ich mich niemanden auf." „Könnten 
Sie nicht bei Tisch mit ihrer Mama Platz tauschen?" „Erstens ist das 
nicht meine Mama, die ist am 24. April gestorben, sondern meine 
Tante und zweitens warum sagen Sie das mir, das sollten Sie lieber 
meiner Schwester sagen!" „Oh eifersüchtig! Dazu ist kein Grund. 
Ich kann doch nicht mit Ihrer Schwester nicht reden, wenn ich schon 
bei der Gesellschaft bin; eifersüchtig dürfen Sie nicht sein, dazu 
haben Sie wirklich keine Ursache." Wenn ich nur wüßte, wie ich das 
mit dem Platzwechseln machen soll, aber ich sitze ja immer neben 
dem Papa; und gleich tue ich es auf keinen Fall; höchstens nächste 
Woche. Leb wohl, mein Recke Siegfried, schlaf süß und träume 
von — — — 

3. August: Die Anneliese schrieb mir: „Du goldiges Wesen, 

kannst du mir also meine Jugendsünde verzeihen? Die Welt strahlt 

mir in doppelt hellem Lichte, seit ich deinen Brief erhalten habe - 

Ich weiß nicht, gar so verzeiherisch habe ich nicht geschrieben, nur 

daß es mir sehr leid tut, daß sie in Grätsch so einsam ist, und daß 

das Geschehene sich nicht mehr ändern läßt, man müsse es also 

begraben. Sie gratuliert mir auch noch nachträglich zum Geburtstag 

(wir haben nämlich im Winter unsere Geburtstage gegenseitig notiert) 

und schickt mir ein gepreßtes großes Vergißmeinnicht Bis es gepreßt 

war, wartete sie mit dem Antworten. Ich weiß nun nicht, was ich tun 

soll. Der starke Siegfried wüßte mir wohl zu raten, aber dem kann 

ich doch die Sache nicht erzählen, weil ich ja dann auch sagen müßte, 

warum wir böse geworden sind und das wäre greulich. Ich werde 

doch, bevor ich antworte, der Hella schreiben. Aber das müßte ich 



172 



heute noch tun, denn bis die Antwort kommt, das dauert hin und 
her gut drei und bis die Anneliese dann den Brief bekommt wieder 
einen oder 2 Tage, also alles zusammen mindestens 5 Tage. Es 
regnet in Strömen und da ist es sehr fad, weil der Papa nicht erlaubt, 
daß wir allein in der Halle sitzen ; ich möchte wissen, warum nicht. 
Der Papa ist doch sonst wirklich sehr nett, ganz anders als andere 
Väter, aber in der Hinsicht ist er eckelhaft. Ich werde mich nach dem 
Essen auf den Streckfauteuil legen und Immensee lesen, denn ich bin 
noch immer nicht dazugekommen. 

6. August: Na also, heute ist die ganze Klerisei angekommen; 
die Marina mit einem staubgrauen Kostüm, das ihr greulich steht 
und der Erwin und der Ferdinand; der Ferdinand geht in die 
Neustädter Mii. -Akademie, in den Artiilerie-Kurs in Wien; der ist 
noch der fescheste von allen. Der Onkel in greulicher Stimmung 
schimpfte über die Fahrt, Über das Handgepäck, mir scheint, sie 
hatten aber auch vielleicht 8 oder 10 Stück, wenigstens mußte ich 
einen schweren Plaid schleppen und die Dora eine Handtasche, von 
der sie sagte, da sei der ganze Familientratsch von 10 Jahren drin. 
Und die Tante Alma schaute zum Kugeln aus, ein Touristenkleid so 
hoch geknöpft, daß man ihr beim Gehen die braunen Strümpfe sah 
und einen Hut, wie eine Vogelscheuche. Wenn ich denke, wie 
unsere Mama immer fein ausgesehen hat: sie war ja allerdings 
mindestens um 20 Jahre jünger als die Tante Alma, aber trotzdem, 
wenn die Mama 80 Jahre alt geworden wäre, s o hätte sie nie 
ausgeschaut. Gott sei Dank, daß wir in dem Aufzug niemanden und 
besonders nicht jemanden begegneten. Zum Mittagessen kamen 
alle ausnahmsweise in die Pension. Da wurden zwei Tische zusammen- 
gestellt und das benützte ich, um den Platz zu wechseln ; ich bot 
nämlich der Tante Alma den Platz neben dem Papa an und setzte 

mich, neben die holde Marina, gerade gegenüber ! Übrigens 

bei Tisch sah die Marina ganz gut aus, die weiße Bluse steht ihr 
sehr gut und dann hat sie einen wunderbaren Teint, so weiß und 
nur an den Wangen ein bißchen rosa. Das ist aber auch das einzige 
Schöne an ihr. Die Frisur ist gräßlich, ganz glatt abgeteilt und die 
Gretelfrisur. Die trage ich schon lange nicht mehr, obwohl alle 
sagten, daß sie mir sehr gut stand. Aber die Schnecken stehen mir 
bedeutend besser. Er hat die ganze Zeit herübergeschaut und die 



173 



Tante Alma sagte: „Ja die Grete, die blüht ja förmlich auf, da steckt 
doch hoffentlich nicht schon etwas Männliches dahinter." „O nein," 
sagt der Papa, „die Landluft tut ihr so gut, und wenn sich die 
Kinder unterhalten, so verbittere ich ihnen nicht jede unschuldige 
Freude." O mein herrlicher Papa, ich mußte mich zurückhalten, daß 
ich ihm nicht gleich ein ßusserl gab. Alle waren ganz still und jedes 
sah auf seinen Teller so angelegentlich, als ob er noch nie Rumpud- 
ding gegessen hätte. Nur der Ferdinand zwinkerte der Marina zu, 
aber die merkte natürlich nichts. Glücklicherweise hatten alle bald 
fertig gegessen und jedes nahm ein zweiiesmal und da wurde wieder 
geredet. Wie wir dann in die Zimmer gingen, klopfte ich beim Papa 
an und gab ihm das versprochene Busserl und sagte; „Papa, du bist 
ein Juwel von einem Vater." „Also sei auch du gefälligst ein Juwel 
von einer Tochter und halt Frieden mit der Marina und den andern." 
Da sagte ich: „Gott, ich kann sie nicht leiden, die Duckmäuserin!" 
«Na, ja," sagt der Papa, „seine Eltern und seine Verwandten kann 
man sich leider nicht aussuchen." „Meine Eltern hätte ich mir auch 
nicht anders ausgesucht, denn einen solchen Papa und auch eine 
solche Mama hätten wir gar nicht wieder finden können." Da hob 
mich der Papa in die Höhe, als wie wenn ich noch ein kleines 
Mäderl wäre, und sagte: „Du lieber Schatz du, mein Kleines", und 
wir küßten uns sehr ab. Den Papa hab ich doch eigentlich am liebsten 
von allen Menschen ; denn die Hella habe ich doch ganz anders 
gern, das ist eben meine Freundin, und die Dora ist meine Schwester; 
und die Tante Dora habe ich ja auch gern und den Oswald, wenn 
er endlich auf der Bildfläche erscheint. 

8. August: Ich bin wütend! Heute bekomme ich von der Hella 
eine Karte, auf der steht nichts als „Tu, was Du nicht lassen kannst", 
mit besten Grüßen Deine M. Auf offenen Karten schreiben wir uns 
nämlich in einer Geheimschrift, die niemand anderer lesen kann, so 
daß H = M ist. Zum Glück, daß es niemand lesen kann. Natürlich 
schrieb ich sofort der Anneliese und zwar sehr lieb und der Hella 
sandte ich eine Karte, da schrieb ich nichts als in unserer Schrift: Ist 
bereits geschehen. Mit besten Grüßen W. Nicht einmal Deine W. 
Ich bin neugierig, was sie tut. Der Recke Siegfried ist heute mit uns 
auf der Wiese im Heu gelegen und da sprach er großartig. Nur das 
finde ich nicht, daß alle Väter, ausnahmslos Tyrannen sind. Ich 

174 



sagte: „Mein Papa wirklich nicht!" Da antwortete er: „Noch nicht, 
Sie werden es schon auch erfahren. Aber wer einen Charakter hat, 
der läßt sich nicht unterdrücken. Ich habe einfach mit meinem Alten 
gebrochen und bin aus dem Haus; es gibt mehr technische Hoch- 
schulen als die in Brunn. Und weil Sie sagen nicht alle Väter; da 
schauen Sie die Hulda an; so oft sie eine Partie gefunden hat, hat 
der Alte sie ihr verpatzt, weil kein Mensch sich eine solche Bevor- 
mundung gefallen läßt." „Wieso Bevormundung", frag ich, aber da 
stehen gerade alle auf zum Weggehen. Also vielleicht morgen ; der 
arme Gequälte. 

9. August: Gott, das ist gräßlich, wenn das alles wirklich so ist, 
wie die Hella schreibt vom Angestecktwerden ; ein Ausschlag am 
ganzen Körper, das ist das Greulichste, was es gibt. Ich muß den 
Brief sofort zerreißen, und weil sie 8 Seiten -voll doch nicht in 
unserer Schrift schreiben konnte, muß ich ihn vernichten, 
damit niemand ihn in die Hand bekommt. Das ist besonders 

notwendig, jetzt wo die Marina da ist, wo man nie wissen kann 

Aber ich weiß mir zu helfen; ich schreibe mir den Brief hier ab, 
wenn ich auch ein paar Tage dazu brauche. Also sie schreibt: 

Inniggeliebte Rita, was hast Du zu meiner gestrigen Karte 
gesagt? Wenn Du dich geärgert hast, so sei mir nicht weiter böse. 
Du kannst umgehen und Briefe wechseln mit wem Du willst; aber 
alle Folgen hast Du Dir dann allein zuzuschreiben. Mein Papa sagt 
immer: Rote Haare, Gott bewahre! Und dabei bleibe ich, daß das 
„reine Kind" fuchsrote Haare hat. Also, wie du glaubst. 

Aber jetzt habe ich dir etwas viel Wichtigeres mitzuteilen. Aber 
versprich mir im vorhinein, daß Du diesen Brief augenblicklich 
zerreißt, sobald Du ihn gelesen hast. Sonst schicke ihn mir lieber 
u n gelesen zurück. 

Also denke Dir. Hier in B. wohnt eine junge Frau mit ihrer 
Mama und ihrer Kusine, die studiert Medizin; sie sind Polen, für die 
ich seit jeher schwärme. Die junge Frau ist geschieden^ denn 
sie ist von ihrem Mann in der Hochzeitsnacht angesteckt 
worden. Du weißt hoffentlich noch, was das heißt a nge st ec kt 
werden. Aber es ist in Wirklichkeit anders, als wir glaubten. Sie hat 
nämlich am ganzen Körper und im Gesicht einen furchtbaren 
Ausschlag bekommen davon und wahrscheinlich werden ihr alle 

175 



Haare ausfallen; das ist doch gräßlich. Die Studentin, ihre Kusine, 
die sehr arm sein soll, ist zu ihrer Pflege da. Das erzählte mir 
schon neulich unsere Rosa, die weiß es von dem Stubenmädchen in 
der Villa, welche diese Damen bewohnen. Mit der Lizzi kann man, 
wie Du sehr gut weißt, über so etwas nicht reden und so erfuhr ich 
weiter nichts ; nur daß ich neulich, wie ich um Ansichtskarten ging, 
die drei Damen begegnete. Die junge Frau hatte einen dichten 
Schleier um den Kopf und um das Gesicht gewunden, daß man 
nichts sehen konnte. Sie saßen dann auf einer Bank in ihrem 
Vorgarten und da grüßte ich im Vorbeigehen am Rückweg. Sie 
dankten alle drei sehr freundlich. Am nachmittag mußte ich mich 
niederlegen, weil mir sehr elend war infolge . . . ! ! Da höre ich auf 
einmal auf der Veranda, die sich um das ganze Haus zieht, gerade 
vor meinem Fenster reden. Hier ist nämlich immer zuerst Schatten 
und da setzen sich immer alle hierher. Ich erkenne gleich die weiche 
Stimme der polnischen Studentin und höre, wie sie zur Frau Bürger- 
meisterin aus J. sagt: „Ach, meine arme Kusine ist schrecklich 
hereingefallen", d. h. sie sagte chereingefallen, da sie alle h wie ch 
ausspricht, wie alle Polen. „Das kommt davon, wenn man junge 
Mädchen wie eine Ware verkauft, ohne daß sie gefragt werden und 
wissen, um was es sich chandelt." Da ziehe ich mich sofort an und 
setze mich ganz nahe zum Fenster hinter den Vorhang und höre zu. 
Die Frau Bürgermeisterin sagt: Ja, es ist gräßlich, was man alles 
erlebt, wenn man verheiratet ist. Also mein Mann ist nicht so, 

aber und dann verstand ich leider nicht, was sie weiter 

erzählte. Dieses Gespräch war am Donnerstag. Aber das ist noch 
nicht alles. Ich dachte mir gleich, wenn ich nur einmal mit ihr reden 
könnte; sie hatte nämlich auch vom Aufklären gesprochen, und 
wenn wir auch schon sehr aufgeklärt sind, so wird sie als 
Medizinstudentin doch noch vieles wissen, was wir nicht wissen. 
Etwas wird man schon noch erfahren können. Und da sie sagte, daß 
man die Mädchen nicht blind in die Ehe rennen lassen darf, 
so muß sie einem doch etwas sagen, wenn man vorsichtig fragt. 
Ein Wort nämlich, daß sie und die Bürgermeisterin 2mal sagten, 
nämlich segsuel, weiß ich nicht und Du, liebste Rita, gewiß ebenso 
wenig. Sie sagte etwas von segsuellen Verhältnissen; also 
wenn etwas von Verhältnissen geredet wird, so weiß man 

176 



schon, daß es eine Bedeutung hat, aber segsuel, das ist die 
Frage. Es muß einen Sinn haben, daß sie es zusammen mit 
Verhältnis brauchte. Also jetzt paß auf. Am Samstag war 
Unterhaltungsabend und da kommt dieses Fräulein auch immer, da 
lege ich meinen Sang und Klang aus den Alpen aufs Klavier 'und 
jemand nimmt sie in die Hand und blättert drin, und es heißt, wem 
sie gehören, der muß singen. Zuerst tue ich nichts dergleichen, gehe 
hinaus, komme wieder herein und sag: Ich suche meine Noten, ich 
habe sie neulich liegen lassen. Da geht ein Riesenhalloh an und alle 
sagen: Wem sie gehören, der muß singen. Nun wußte ich aber, daß 
das Fräulein Karwinska schon ein paarmal beim Singen begleitet hat. 
Also sag ich: Bitte, ich singe schon, aber ich möchte bitten, daß das 
Fräulein K . . . mich begleitet. Denn die Herren hauen für meine 
Stimme zu stark hinein. Großes Gelächter, und ich hatte erreicht, was 
ich wollte. Wir wurden gegenseitig vorgestellt und ich dachte mir : 
Die Bekanntschaft läßt du nicht mehr los. Am Sonntag stand ich 
ausnahmsweise schon um Vs^ Uhr früh auf, weil das Fräulein nur in 
der Frühe spazieren gehen kann, da sie den ganzen Tag bei ihrer 
Kusine ist. Sie sitzt bei der Luisenquelle und ich gehe auch hin mit 
einem Buch; und wie sie kommt, springe ich auf, grüße sie und 
sage: ^Pardon Fräulein, falls ich am Ende Ihre Bank besetzt habe? 
„O nein, sagt sie, was, am Sonntag lernen Sie gar?" „O, nein, ich 
lese nur", antworte ich und verstecke schnell das Buch unter meinem 
Sitz, weil ich in der Geschwindigkeit nicht wußte, was ich genommen 
hatte. Und denke Dir, das war mein Glück. Sie setzt sich zu mir 
und sagt: „Was lesen Sie denn, was Sie so ängstlich verbergen? 
Gewiß etwas, wovon die Mama nichts wissen darf." „O nein, sag ich, 
solche Bücher haben wir nicht mit am Land." „Also in der Stadt da 
naschen Sie manchmal davon?" „Gott, man muß doch auch endlich 
einmal etwas vom Leben erfahren ; sagen tut einem niemand was, so 
schaut man halt, daß man gelegentlich in einem Buch etwas findet." 
„Im Lexikon, nicht wahr?" „O nein, denn da drinnen steht durchaus 
nicht immer die Wahrheit." Da lachte sie furchtbar und sagte: „Was 
denn für eine Wahrheit?" „Na, das kann man sich schon denken, 
Fräulein werden schon wissen, was ich meine." Bei einer Medizin- 
studentin kann man schon deutlicher sein und sie war auch gar 
nicht entsetzt oder empört, sondern sagte: Ja ja, überall derselbe 

12 

177 



Kampf. Und da gebrauchte ich Dein Lieblingswort und sage: „Wieso 
Kampf? Ich möchte nur das eine wissen von dem Angestecktwerden. " 
Da wird sie ganz rot und sagt: „Ja, wer hat Ihnen denn das 
gesagt? Mir scheint, meine arme Kusine ist hier im Munde aller 
Leute. Wissen Sie, ich kann Ihnen das nicht sagen." Da sag ich: 
„Ja, aber wer denn, -Sie studieren doch Medizin und sehen und 
reden das alle Tage." „Nein, liebes Kind (das hat mich wütend 
geärgert, das kannst Du Dir denken), dazu sind Sie noch viel zu 
jung." Was sagst Du dazu, zu jung sind wir mit HVs Jahren, das 
ist einfach lächerlich. Wahrscheinlich ist sie noch nicht soweit im 
Studieren und will das nicht eingestehen. Ich stehe also auf und 
sage: „Ich will Fräulein nicht länger stören" und grtiße und gehe; 
aber gedacht habe ich mir: „Die kann mir gestohlen werden mit 
ihrem ganzen Studieren; das wird schon die richtige Doktorin 
werden !" 

Also was sagst Du dazu? Wir werden eben doch beim Lexikon 
bleiben, denn vieles wird schon richtig sein und das Meiste bis auf 
das Wort segsuel wissen wir zum Glück schon. Heuer im Winter 
wird das ja bei euch leichter gehen, daß wir zum Bücherkasten 
kommen können, als früher. Die dumme Gans grüße ich absolut 
- nicht mehr. 

Also wegen dem „reinen Kind" will ich dich, teure Rita, absolut 
nicht beeinflussen, und ich werde auch nie böse werden, auf dich, 
weil Du eine Unwürdige mir vorziehst ! ! ! 

Eine halbe Million Küsse sendet Dir, Ungetreue, trotzdem 

Deine 
unverbrüchlich treue Freundin H. 
' P. S. An dem Brief schreibe ich 4 Tage; , zerreiß ihn 
unbedingt!!! 

Jetzt wo ich den Brief abgeschrieben habe, sehe ich eigentlich 
nicht ein, warum die Hella verlangt, daß ich ihn zerreißen soll. Ich 
finde ihn nicht so arg. Nur das eine, das kann ich der Hella nicht 
tun, wegen des Nachschauens im Lexikon. Ich glaube, ich hätte 
immer das Gefühl, die Mama steht auf einmal hinter uns. Nein, das 
kann ich absolut nicht. 

13. August: Durch das dumme Abschreiben bin ich gar nicht 
zu m einer Angelegenheit gekommen, obwohl die weit wichtiger ist. 

178 



Am vorigen Mittwoch war nämlich ein großer Ausflug vom Verschön.- 
Verein nach Inner-Lahn auf Leiterwagen. Erst wollte die Dora nicht 
gehen, aber der Papa sagte, wenn es uns Vergnügen macht, so 
geht er gern mit und die Mama würde sich nur freuen, wenn sie 
sähe, daß' wir wieder an etwas Freude haben. Und zwei Tage vor 
dem Ausfluge entschied sich endlich die Dora, daß sie doch gehen 
wollte ; ich wußte sofort warum ; sie hatte geglaubt, bis dahin seien 
schon alle Plätze vergeben und es werde heißen: Leider schon alles 
eingeteilt und besetzt. Aber zum Glück hatte sie sich sehr geirrt 
Der Herr Sekretär sagte im Gegenteil: Sehr erfreut; bitte wieviele 
Personen darf ich vormerken? und da sagten wir: 7; nämlich den 
Papa, die Dora und ich, die Tante Alma (leider), die Marina (leider, 
leider) und die zwei Buben (ebenfalls leider). „Das erfordert einen 
Wagen mehr," sagte der Herr Sekretär und wir glaubten, wir' würden 
familienweise fahren. Aber das war nicht so : Neben der Dora saß ein 
Herr, den ich schon ein paarmal gesehen hatte und machte ihr riesig 
den Hof. Dann saßen 2 fremde Herren, die Frau Bang und ihre 
2 Töchter und ihr Sohn, der ein bissei blemblem ist; herüben der 
Recke Siegfried, ein Fräulein, die eine Schauspielerin sein soll, die 
zwei Weiners und ihre Mama (trotz!!!) dann ich, darnach die Marina 
der Papa, die Tante Alma und die zwei Buben vis-ä-vis. Wer auf dem 
zweiten und dritten Wagen saß, weiß ich nicht mehr. Um 6 Uhr früh 
versammelten wir uns beim Schulhaus, weil der Herr Oberlehrer die 
Führung übernahm. Ich wußte gar nicht, daß er zwei Töchter und einen 
Sohn hat, der heuer die Matura gemacht hat. Zuerst war große Vorstellung 
und die Herren tranken ein Stamperl und einige Damen auch; ich 
aber nicht, denn Liqueur brennt einen greulich im Hals und drum 
schneiden alle, mindestens die Mädeln und die Damen so Gesichter 
beim Trinken, deshalb trinke ich nie einen Likör. Also die Hinfahrt 
war mäßig, weil es recht kalt und windig war, die meisten hatten 
ganz rote Nasen und blaue Lippen; ich biß mir fortwährend auf die 
Lippen, damit sie rot blieben, denn solche weiße oder bläuliche Lippen 
entstellen einen furchtbar, das weiß ich von der Dora heuer im Winter 
am Eis. Der Papa ging nur unserthalben und die Tante Dora wieder 
blieb wegen der Tante Alma zuhause. Die Marina trägt jetzt Schnecken, 
die sieht zum Kugeln aus. Die Dora verträgt sich übrigens ganz gut 
mit ihr, was ich von mir nicht behaupten könnte. Beim Absteigen sah 

'^ . 179 



ich erst, daß neben der Schauspielschulelevin auch die Schwester vom 
Siegfried, das Fräulein Hulda saß. Sie ist sehr lieb und muß einmal, 
vor grauen Jahren sehr schön gewesen sein, sie hat so sanfte braune 
Augen und dazu das Haar ihres Bruders; aber der hat herrliche Blau- 
augen, die ganz schwarz werden, wenn er zornig ist, z. B. wie er 
mir von seinem Papa erzählte. Ich würde zittern vor ihm in seiner 
Wut. Ich gehe ihm nur etwas über die Schulter, so groß ist er. Der 
Papa nennt ihn den roten Bandwurm, aber damit tut er ihm wirklich 
unrecht. Er ist sehr breit, aber so schlank. In Unter-Toifen wurde 
Gabelfrühstück aus dem mitgebrachten Proviant gehalten, ungef. 
Va Stunde, dann trieb der Oberlehrer riesig zum Autbruch, weil wir 
gut 4 Stunden zu gehen hatten. Die zwei Buben schlössen sich an andere 
Buben an und wir fünf Mädeln, wir 2, die 2 Weiner und die Marina 
gingen zuerst miteinander. Die Tante Alma ging mit einer Pastorfrau 
aus Hildesheim oder wie es hieß und der Oberlehrerin. Es war zuerst 
sehr fad, so daß ich schon bereute, daß ich den Papa so gebettelt 
hatte, mitzugehen. Ungefähr nach 1 oder 2 Stunden kommt der Sohn 
vom Oberlehrer und drei fesche Burschen und gehen .mit uns. Da 
war's so lustig, daß wir vor Lachen gar nicht gehen konnten und die 
Großen uns immer antreiben mußten. Und die Marina war ganz 
ausgelassen, ich hätte nie gedacht, daß die so fesch sein könnte. Die 
eine Tochter vom Oberlehrer fiel hin und einer zog sie aus dem Bach, 
in den sie abgerutscht war vor Lachen. Wie wir nach Inner-Lahn 
kamen, weiß ich gar nicht, so gut unterhielten wir uns. Da war schon 
das Mittagessen bestellt, wir hatten alle einen wahnsinnigen Hunger. Wir 
lachten unaufhörlich, denn wir hatten uns so zusammengesetzt, wie 
wir gegangen waren, obwohl die Tante Alma das erst nicht wollte. 
Aber sie wurde überstimmt. Mir war es sehr recht, daß der Recke 
Siegfried sah, daß man sich auch ohne ihn unterhalten kann. Denn 
er 'pickte der Schauspielelevin am Halse, oder vielleicht sie ihm — daß 
weiß ich nicht; oder wenigstens wußte ich es damals noch nicht! 
Weil jedes wo anders saß, mußte jedes selber bezahlen und der Papa 
sagte am nächsten Tag, wir hätten ein Heidengeld verputzt; aber das 
war nicht im Gasthaus, sondern ist später geschehen, wie wir Andenken 
kaufen gingen. Und ich glaube, die Dora hat der Marina 3 K gegeben, 
damit sie auch Sachen kaufen konnte. Aber so etwas verrät die Dora 
nie. Überhaupt ihr Charakter gefällt mir immer besser; sie gleicht 

180 



darin sehr der Mama. Also, die eingekauften Sachen wurden alle in 
zwei oder drei Rucksäcke gegeben und gehörten für eine Tombola 
beim Zurückkommen in Unter-Toifen. Ich muß mindestens 7 K aus- 
gegeben haben, denn der Papa gab jeder von uns in der Frühe 5 K 
und dann hatte ich noch eine Menge Geld vom August-Taschengeld 
und jetzt habe ich nur mehr 40 h. Nach dem Essen und Einkaufen 
legten wir uns in den Wald oder gingen zu zweien herum. Wie ich 
so liege und schlafen will, kommt auf einmal jemand hinter mir und 
wie ich mich aufrichte, legt mir dieser Jemand die Hände über die 
Augen und sagt: „Der Berggeist". Und ich erkenne sofort seine 
Hände und sage: Recke Siegfried! Da lacht er riesig und setzt sich 
zu mir und sagt : Sie haben sich ja heute so gut unterhalten, daß Sie 
gar keinen Blick für andere hatten." „O, nur vice versa (das habe ich 
von der Dora), ich dränge mich niemanden auf und werfe mich 
niemanden an den Hals." Da will er mich um die Mitte nehmen (und 
wahrscheinlich küssen, höchst wahrscheinlich), aber ich springe schnell 
auf und rufe die Dora, d. h. Theo, denn wir haben vor den Herren 
ausgemacht, daß wir einander nur Theo und Rita nennen. Der Papa 
sagt zwar, das sei ein Blödsinn, der für die Dora gar nicht mehr paßt 
(aber für mich natürlich ja !), aber wir sind bei unserer Abmachung 
geblieben. Da hält er mir die Hand auf den Mund und sagt : „Nicht 
rufen !" Aber indessen kamen schon die Dora, der Herr mit dem 
Zwicker, der ein Dr. jur. ist beim Bezirksgericht in Innsbruck, und die 
Marina und ein Bursch und da frage ich: „Was ist los, wann wird 
gejaust?" „Die hat schon wieder Hunger, so etwas" sagen alle und 
lachen furchtbar. Und die Dora schaute sehr glücklich aus. Auch 
hatte sie ein Edelweißbukett vorgesteckt, das sie früher nicht hatte; 
am Abend sagte sie mir, sie habe es vom Herrn Dr. P . . . bekommen. 
Er ist womöglich noch größer als der Recke Siegfried, denn die Dora 
ist etwas größer als ich und geht ihm nur bis zum Ohrrand. Um drei 
Uhr ging noch die letzte Partie auf die Aussichtswarte, wir waren 
schon früher gewesen. Die Aussicht war herrlich. Aber eine schöne 
Aussicht und überhaupt eine schöne Gegend schaue ich mir lieber 
allein, d. h. mit dem Papa, oder ganz wenigen Personen an; mit so 
vielen hat man nichts; es nimmt förmlich ein jeder ein Stückerl weg. 
In einer schönen Gegend und am Friedhof muß m,an allein sein. 
Denn eine schöne Aussicht stimmt einen auch meist furchtbar traurig, 



181 



und da kann man doch nicht unmittelbar vorher gelacht haben oder 
gleich darnach wieder lachen. Wenn ich in Inner-Lahn allein wäre, 
würde ich unbedingt melancholisch, so herrlich schön ist's dort. 

Um vier Uhr nach der Jause stiegen wir ab, der Herr Oberlehrer 
hatte geglaubt, der Abstieg dauert höciistens zweieinhalb Stunden, 
aber vi^ir brauchten mehr als drei. Denn alle waren sehr müde und 
vielen taten die Füße weh, z. B. der Tante Alma ! Wir hatten das gleich 
gesagt, daß das für die Tante nichts ist; aber daß nur ja der Marina 
nichts geschieht, mußte sie mitgehen, und die Marina hat sich 
doch sehr gut unterhalten mit einem Herrn Furtner, der Bergbau 
studiert wie der Oswald, aber nicht in Leoben, sondern in Deutschland. 
Wie eigentlich ein Mädel ist, sieht man immer erst, wenn sie sich 
mit einem Herrn unterhält oder bei gewissen Gesprächen; also 
die letzten sind natürlich unmöglich mit der Marina seit der 
Erfahrung, die wir gemacht. Aber jedenfalls ist sie netter, als man 
auf den ersten Blick meint. Beim Nachhausegeben war es riesig nett. 
Auf der Fahrt von Unter-Toifen nachhause saßen wir ganz anders, als 
beim Hinfahren. ^ 

Statt den Weiners saßen in unserem Wagen drei Burschen aus 
München, die waren riesig nett, da sangen wir alle möglichen Lieder, 
die wir wußten; besonders „Hoch vom Dachstein, wo der Aar nur. 
haust" und die „Forelle" und „Wo mei Schatz is . . . ." waren herrlich, 
da sangen die Leute von zwei Wagen mit. Und dann sangen einige 
Alphornlieder mit Jodeln, daß die Berge hallten. Ein paar Herren 
vom dritten Wagen hatten einen Schwips und dabei war auch der 
Recke Siegfried!! Die Tante Alma hatte fürchterlich Kopf- 
schmerzen; das ist eben ein Unsinn, daß sie mitgegangen war und 
da wußten wir nicht einmal noch, was nachkommt. Bei jedem Haus, 
wo junge Mädeln abgesetzt wurden, wurde ein Ständchen gebracht. 
Und am nächsten Abend sollte große Tombola sein mit den gekauften 
Andenken, aber da durften wir nicht mehr hingehen. 

14. August : Es ist greulich fad, ich weiß gar nicht, was ich 
eigentlich tun soll, so schreibe ich Tagebuch. Übrigens habe ich ja 
den Skandal noch nicht geschrieben. Am nächsten Tag Nachmittag 
kommt die Tante Alma, gerade wie wir weggehen wollen und sagt 
zum Papa: Ernst, ich bitte auf ein Wort. Nun dieses auf ein Wort 
der Tante Alma kennen wir schon, d. h. zu deutsch : ich mache Euch 

182 




eine Szene. Also fängt sie an : „Ernst, du weißt, ich war nie eingenommen 
für diese gemeinsamen Partien, denn es schaut nichts heraus dabei. 
Aber um der Kinder willen, hauptsächlich um Deiner mutter- 
losen Kinder entschloß ich mich, mitzugehen. (Es hat sie gar niemand 
gebeten ; und wegen ihr ist die Tante Dora zuhausgeblieben.) Weißt 
du, mit was für Leuten wir in einer Gesellschaft waren ? Dieser freche 
junge Bursch, dem die Gretel so nachrennt, (das ist eine Gemeinheit! 
ich möchte wissen, wann ich ihm nachrenne ; im Wald, da habe 
vielleicht ich ihn um die Mitte genommen, und damals an meinem 
Geburtstage habe vielleicht auch ich angefangen), und die junge 
Schauspieleievin sind die halbe Nacht nach dem Ausflug nicht nach- 
hausegekommen. Wo sie sich herumgetrieben haben, das wissen die 
Götter! Reiner sind sie nicht nachhausegekommen. (Natürlich, wie 
hätten sie sich denn waschen sollen.) Der Oberbergrat hat dem Laus- 
buben ordentlich den Standpunkt klar gemacht, aber die Mutter dieser 
Schauspielerin nimmt natürlich das Mädchen in Schutz. Wenn ich 
denke, daß meine Marina so etvfas täte, das brächte mich ins 
Grab." Endlich kommt der Papa zu Wort: „Ja, also liebe Alma, und 
was hat das alles mit meinen Kindern zu tun? Soviel ich weiß, sind 
diese zwei Leute gar nicht auf unserem Wagen gewesen, nicht 
Kinder? Ich war froh, daß der Papa sich an uns wendete und sagte: 
Der Siegfried Seh. und die Schauspielelevin sind im vierten Wagen 
gesessen, ich habe sie aufsteigen gesehen; und mir war es auch toute 
meme chause, wo er fährt und mit wem er fährt." (Das ist zwar nicht 
' wahr, aber wegen der Tante sagte ich es.) „Dieses Mundwerk und 
diesen Ton gegen den eigenen Vater!" Kaum daß sie das sagt, daist 
der Papa wild geworden, wie ich ihn noch nie gesehen habe. „Meine 
liebe Alma, ich ersuche dich, dich in meine Erziehungsmethode 
nicht zu mischen, so wenig wie ich Dir ja ein Wort in Deine 
Sachen drein rede." Das sagte der Papa so leise und ruhig, aber dabei 
war er ganz weiß vor Wut, und die Dora sagte mir dann, daß ich auch 
ganz weiß gewesen bin, natürlich auch vor Wut. Die Tante Alma 
sagte noch: „Ich will keine böse Prophezeiungen sprechen, aber die 
Zukunft wird lehren, wer Recht hatte. Adieu.« Wie sie draußen war, 
stürzten die Dora und ich zum Papa und sagten : „Ich bitte dich, 
Papa, ärgere dich nicht so; es steht gar nicht dafür." Und der Papa 
war riesig lieb und nett zu uns und sagte : „Ich weiß schon, daß ich 

183 



I 

mich auf Euch verlassen kann; Ihr seid ja die Kinder meiner Berta « 
Und da konnte ich mich nicht zurückhalten und sagte: „Nein Papa 
ich habe wirklich kokettiert mit dem Siegfried, und im Wald hat er 
mich um die Mitte genommen; aber küssen habe ich mich nicht 
lassen, das schwöre ich dir. Und wenn du es nicht willst, so schwöre 
ich dir auch, daß ich kein Wort mehr mit ihm rede." Und der Papa 
sagte: ,Ja, ja Gretel, du hast schon noch Zeit mit solchen Sachen 
und wenn der Strick „der rothaarige", mit dir schön tut so 
macht er sich höchstens hinterdrein lächerlich. Und das will mein 
Mädel doch nicht, gelt Hexerl?" Da umarmte ich den Papa und schwor 
Ihm bei meinem Ehrenwort, daß ich mit dem Siegfried kein 
Wort mehr rede. Nämlich der Gedanke ärgert mich wirklich kolossal 
daß er sich lächerlich machen könnte; am Ende zu der Elevin die 
in der halben Nacht mit ihm spazieren geht ; eine solche Unverschämtheit ' 
Wir waren dann so aufgeregt, daß wir gar nicht spazierengingen 
und auch natürlich nicht zur Tombola. Aber um meine Sachen um 
7 K tuts mir riesig leid. Hoffentlich hat er nichts davon gewonnen 

pru i , "^?*" ^"' '^" P'^' ^^^*^- I" der Frühe, wie ich zum 
Frühstücke gehe, kommt mir auf dem Gang der S. (das ist gu* das 
kann seinen Vornamen und auch Strick bedeuten, wie der Papa ihn 
nannte) entgegen und sagt: „Guten Morgen, Fräulein Gretchen. Warum 
waren Sie neulich nicht bei der Tombola? Haben Sie nichts gestiftet > 
- „Oja, ich habe Sachen um 7 K gekauft daiür, aber es paßt einem 
mitunter die Gesellschaft nicht.« - - Wieso denn auf einmaP Es 
waren ja alle Leute von der Partie? ~-^ „Ja, eben deshalb/ 
mufil h^'^'Jk '' ^^"^ h-be ich's gut gegeben, denverstanden 

Uli f . '^'"- °'"^ ™"^ '""^ ^^^ P^P^ ^^^hl gegeben, daß 

e nicht fem ist, zu fremden Leuten über seine Eltern schimpfen wie 

e./V '?^ *"' ^'' '^'""^^ "^^^^ ^°^* S^g^" ^-'"e Elter; zu 
emanden andern sagen, obwohl ich mich ja auch manchmal wütend 

ärgere; also über die Mama schon deshalb nicht, weil sie tot ist. Aber 

auch über den Papa nicht; lieber würge ich das ärgste Unrecht 

hinunter. Denn damals in dem Verdruß mit der Tante Alma wegen der 

Marina, da war ich wirklich unschuldig und er schimpfte mich so aus 

noch dazu vor der Tante Alma, das werde ich nie vergessen. Aber 

trotzdem, zu jemandem Fremden, den ich gerade erst kennen lernte. 

wurde ich nie etwas gegen irgendwen von unserer Familie sagen;' 



184 



nicht einmal gegen die Dora, mit der ich früher doch gar nicht gut 
stand, habe ich nicht einmal zur Hella besonders viel geschimpft; 
höchstens daß sie falsch ist, und das war früher wirklich der Fall,* 
während jetzt nur äußerst selten. 

19. August: Es ist scheußlich fad; ich kann das Wort scheußlich 
nicht vertragen, aber für hier paßt es einzig. Heute abends kommt 
endlich der Oswald, Gott sei Dank. Der S. hat schon mehrmals 
Annäherungsversuche gemacht, die ich aber ignorierte. 
Er soll nur bei seiner Schauspielerin bleiben, die die halbe Nacht mit 
ihm Spazierengehen darf. Wo sie übrigens waren, würde mich sehr 
interessieren. In der Nacht, es ist unerhört ! ! ! Die Dora sagt, sie hat 

gleich eine Antipathie gegen den S. gehabt, weil er 

also das ist eine Lüge! Schweißhände! hat. Das ist absolut 

nicht wahr, im Gegenteil, er hat so entzückend kühle Hände, das muß 
ich doch besser wissen als die Dora. Aber das weiß ich seit jeher, 
wenn m i r jemand den Hof macht, der ist der Dora unsympathisch, 
natürlich. Ja; richtig, neulich am Sonntag hat mir die Annelise einen 
reizenden Brief geschrieben. Ich muß ihr heute noch antworten. 

22. August : Der Oswald ist zu nett. Er hat nicht auf meinen 
Geburtstag vergessen, aber er sagte, damals war ihm grad das Moos, 
das heißt in der Studentensprache das Geld ausgegangen und dann 
fand er nichts Passendes, aber sobald wir nach Wien kommen, macht 
er seinen Fehler gut. Ich weiß aber nicht, was ich mir wünschen soll. 
Jetzt bleibt der Oswald hier, bis wir alle nach Wien fahren und da 
machen wir allein einige Partien. Das ist wirklich am besten. Mit 
den Weiners gehe ich jetzt auch nicht mehr so viel, weil sie sich auch 
auf der gemeinsamen Partie geärgert haben. Die Nelly findet den 
Oswald äußerst fesch und deswegen war sie heute zweimal bei 
unserem Tisch, einmal wegen des Roseggers, den wir ihr geliehen 
haben und dann wegen des Spaziergangs. 

24. August: Es ist ja eigentlich lächerlich, daß einen so etwas 
so freut von einem Bruder; aber wenn er es findet, so ist es sicher 
wahr. Der Oswald sagt heut zu mir: „Mädel, fesch wirst du zum 
Anbeißen. Du machst dich gehörig heraus." Ich sagte zwar: „Na, das 
Anbeißen möchf ich keinem raten", und er sagte : „Ich auch nicht", 
aber es hat mich doch riesig gefreut, obwohl er nur mein Bruder ist. 
Die Marina findet er scheußlich und die Dora ist ihm als Mann zu 



185 



"fad; da hat er wohl Recht. Ich begreife auch den Dr. P. nicht, daß 
der immer mit der Dora redet. Mit mir hat er übrigens noch keine 
10 Worte gesprochen. Also ich kränke mich nicht darüber. 

'27. August: Wir waren gestern am Matscherkogel, wo eine 
herrliche Aussicht war. Die beiden Buben waren mit, sie hatten dem 
Papa eigens gebeten; aber die Tante Alma und die Marina natürlich 
nicht. Der Oswald nennt die Tante Alma immer Nadelpolster 
ohne Rundung, aber nur wenn der Papa nicht dabei ist, weil sie 
ja doch seine Schwester ist. Die Weiners wollten mitgehen, aber ich 
sagte, mein Bruder bleibt nur noch wenige Tage hier und das ist eine 
Abschiedspartie en familie." Da waren sie etwas beleidigt, aber 
mich hat das riesig geärgert, daß sie immer wieder absichtlich vor 
mir erzählten, daß der S. sich mit der Schauspielelevin gegen den 
Willen seines Papas verlobt hat oder verloben wird. Mir liegt daran 
doch wirklich nichts. Aber sie haben einander immer Blicke zugeworfen, 
wenn sie davon redeten, besonders die Olga, die wirklich nicht sehr 
geistreich ist. Ich bin jetzt manchmal so traurig, daß ich gar nicht 
begreifen kann, wie ich mich eigentlich auf dem gemeinsamen Ausflug 
so gut unterhalten habe. Ich denke so oft an die arme Mama und 
ich bin auch oft Schwarz gekleidet. Das paßt am besten zu meiner 
Stimmung. 

30. August : Morgen scheinen die Seh wegzufahren. Wenigstens 

hat der alte Herr vorgestern zum Papa gesagt; „Gott sei Dank, wenn 
man wieder bald in seine vier Wände und seine Bequemlichkeit 
kommt." Das sagt auch die Großmama der Hella immer vor der 
Abreise vom Land. Und dann standen heute 2 große Reisekörbe auf 
dem Gang, in der Nähe der Zimmer des Herrn Oberbergrats. Der 
Oswald findet den alten Herrn charmant; na also, Geschmacksache. 
Mit dem S. hat er, glaube ich, nie geredet, obwohl er auch deutsch- 
national ist, aber von einem andern Verband; der Oswald gehört zur 
Südmark, und der S. hat einmal riesig geschimpft über die Südmark, 
als ich ihm erzählte, daß der Oswald bei der Südmark ist. 

31. August: Heute ist er richtig weggefahren, d. h, die ganze 
Familie. Sie haben sich bei uns verabschiedet nach dem Nachtmahl 
gestern abends und heute sind sie mit. dem 9 Uhr Zug nach Innsbruck 
gefahren. Also Schweißhände hat er nicht, ich habe eigens aufgepaßt; 
das ist eine reine Einbildung von der Dora. Er und der Oswald 

186 



begrüßten sich mit Heil ! Das ist ein großartiger Gruß und ich werde 
das zwischen der Hella und mir auch einführen. 

2. September: Heute sind auch die Weiners weg, weü man es 
ihrer Mama schon zu stark anmerkt. Die Olga sagte beim Abschied, 
es ist ihr gräßlich peinlich, mit ihrer Mama zu fahren, sie wird wenn- 
möglich immer etwas zurückbleiben, damit man nicht gleich weiß, daß 
sie zusammengehören. 

4. September: Das ist doch unerhört ! ! Der S. ist wieder da, 
allein natürlich ; alle Leute sind empört, denn er ist nur wegen des 
Fräuleins A., der Schauspielelevin zurückgekommen. Aber der Oswald 
hat ihn riesig in Schutz genommen, wie nachmittags die Frau Lunda 
zur Tante Dora sagte: „Das ist ein Skandal und seine Eltern hätten 
es ihm nicht erlauben sollen, wenn schon die Mutter der Elevin nicht 
weiß, was sich gehört". Da sagte der Oswald: „Pardon, gnädige 
Frau, der junge Seh. ist doch kein Schulbub, der den Eltern am 
Rockschössel hängt; eine solche Bevormundung wäre wirklich eines 
deutschen Mannes unwürdig." Der Frau L. habe ich das eigentlich 
gegönnt, denn die durchbohrt einen immer mit den Blicken und ist 
wahnsinnig neugierig. Und das Wort Bevormundung ist echt- 
deutsch, das hat auch der S. einmal gesagt, wie er von seiner Schwester 
redete und warum sie nicht geheiratet hat. Die Frau L. hat sich wütend 
geärgert und hat zur Tante Dora gewendet gesagt : „Natürlich, die 
jungen Herren halten fest zusammen, bis sie selber einmal Väter sind, 
da denken sie schon anders.** 

8. September : Gott sei Dank, übermorgen fahren wir auch weg. 
Eigentlich war es ziemlich fad hier, jedenfalls kann ich in das Loblied 
der Hella vom vorigen Jahr nicht einstimmen; sie wohnten allerdings 
nicht in der Pension Edelweiß, sondern im Hotel Kaiser von Österreich. 
Das macht sehr viel aus, wo man wohnt. Richtig, da fällt mir gerade 
ein. Die junge Frau mit dem Ausschlag infolge Ansteckung muß 
doch nicht geschieden sein, wie mir die Hella vorvorige Woche schrieb; 
denn ihr Mann war zu Besuch dort, ein Schauspieler vom Königl. 
Schauspielhaus in München. Also scheinen die Schauspieler wirklich 
auch alle angesteckt zu sein; und die Hella behauptete immer, 
nur die Offiziere! In dem Punkt ist sie wirklich etwas übertrieben. 

14. September: Seit U. sind wir schon in Wien, aber ich 
konnte absolut nicht schreiben, obwohl genug Grund dazu wäre. 

187 



Denn die erste Person, die ich begegnete, als ich am H. Kaltao 
holte, den die Resi vergessen hatte mitzunehmen, war der 
Oberleutnant R., nämlich der Sieger, der Viktor!! Er erkannte mich 
natürlich sofort und war riesig liebenswürdig und begleitete 
mich ein Stück. So nebenbei fragte er nach der Dora, aber 
ich sah deutlich, daß er sie nicht mehr liebt. Das ist übrigens 
köstlich, daß er nicht wußte, daß die Dora heuer die Matura gemacht 
hat und daher nicht mehr ins Lyzeum geht. Daß sie durchaus weiter 
studieren will, sagte ich ihm nicht, weil es doch absolut noch nicht 
sicher ist. 

16. September: Gestern ist die Hella gekommen; ich bin 
glücklich; ich begrüßte sie mit Heil! aber sie sagte, „mach keine 
Dummheiten", überdies paßt das nicht für eine österreichische 
Offizierstochter!!! Also darüber werden wir uns nach 2monatlicher 
Trennung nicht zerzanken und Servus ist auch sehr fesch, nur 
nicht so fein. Sie erzählte mir noch wahnsinnig viel von dieser jungen 
Frau; ihre Kusine soll in ihren Mann verliebt sein, sagten einige 
Damen in B. Das wäre greulich, denn dann würde sie ja auch 
angesteckt; aber die Hella sagt, sie hat nie etwas bemerkt, obwohl 
sie die 14 Tage, die er da war, riesig aufgepaßt hat. Er hat bei 
2 Unterhaltungsabenden gesungen, aber sie hat nicht das Geringste 
bemerkt. Die Lizzi hat sich verl ob t, aber die Hella durfte nicht 
emmal mir etwas schreiben, weil die Verlobung erst jetzt in Wien 
offiziell gefeiert wird; mit einem Baron G. Er ist Gesandtschaftsattache 
in London und dort hat sie ihn bei einer Gesellschaft kennen gelernt 
Er liebt sie wahnsinnig. Im Sommer im Aug. kam er auf Urlaub 
nach B. und hielt um ihre Hand an; deshalb blieben sie den ganzen 
Sommer m B. und fuhren gar nicht nach Ungarn. Das waren die 
besonderen Umstände, die mir die Hella nicht schreiben 
konnte. Also das hätte sie mir ruhig schreiben können, ich hätte es 
niemanden verraten; denn schließlich ist die Lizzi doch schon 
I9V2 Jahre und da hätte sich niemand gar so gewundert, daß sie 
sich endlich verlobt. Ein großes Verlobungsfest kann nicht gefeiert 
werden, weil der Vater vom Baron G. heuer im Juli gestorben ist. Das 
ärgert die Hella riesig. Die Lizzi behauptet, sie macht sich nichts daraus. 

18, September: Heute ist die Verlobungsanzeige der Lizzi 
gekommen. Es muß herrlich sein, Verlobungskarten auszuschicken. 

188 



Die Dora ist ganz rot geworden vor Ärger, sie sagte zwar, wie ich 
fragte : „Was wirst du denn ganz rst, da "ist doch nichts zum 
Genieren, wenn sich jemand verlobt!" „Ich bitte dich, was soll 
ich mich denn genieren, ich bin bloß r i esig er s ta un t." Aber 
vom Erstaunen wird man nicht s o rot. 

19. September: Heute hat die Schule begonnen; leider, denn 
Sie ist nicht mehr bei uns. Und noch dazu ist die vorjährige III. 
heuer die IV. und das ist gräßlich, im selben Schulzimmer sitzen ohne 
Sie. Zum Glück haben wir wenigstens die Frau Dr. St. als Klassen- 
vorstand und wieder in Mathematik und Physik ; die Frau Dr. F., 
die wir Nüßchen und die V. Klasse Wasserfall nannten, ist nicht 
mehr bei uns, sondern an das Deutsche Lyz. in Lemberg angestellt 
worden. Wir mußten uns vorläufig so setzen, wie im Vorjahr, aber 
die Hella sagte, wir werden die Frau Dr. St. bitten, daß sie uns wo 
anders hinsetzt, denn die Erinnerung an die drei Jahre, wo wir die 
Frau Dr. M. hatten, würde uns in der Aufmerksamkeit stören. Das ist 
ein wunderbarer Einfall. In Deutsch haben wir einen Herrn, in 
Französisch leider wieder die Frau Dr. Dunker, deren Teint noch 
nicht schöner geworden ist, und in Englisch die Frau Direktorin. Das 
ist mir sehr angenehm, denn erstens ist sie sehr lieb und zweitens 
habe ich einen Stein im Brett bei ihr von der Dora her, die ihr 
Liebling war. In Latein gehe ich natürlich nicht, denn ohne Frau 
Dr. M. habe ich nichts davon. Richtig, einen neuen Religionsprofessor 
haben wir, der Herr Professor K. ist in Pension gegangen, da er 
schon 60 Jahre alt war. 

21. September: Es ist uns gelungen. Heute in der großen Pause 
sagte die Hella zur Frau Dr. St., die gerade Inspektion hatte: 
„Frau Dr., dürfen wir eine Bitte äußern?" Da sagte sie: „So, schon 
in der ersten Schulwoche; also was denn?" Und da sagten wir, sie 
möchte uns aus der dritten Bank Feusterseite wegsetzen, weil das 
unsere Plätze bei der Frau Dr. M. waren und das sei uns schrecklich." 
Zuerst wollte sie nicht recht, aber dann sagte sie: „Ich werde schon 
sehen, so könnt Ihr ohnehin nicht sitzen bleiben," Von 11—12 hatten 
wir Mathematik und nachdem die Frau Dr. Steiner sich niedergesetzt 
hatte, sagte sie: „Diese Sitzordnung war nur provisorisch. Ihr müßt 
doch etwas mehr nach der Größe sitzen". Und dann setzte sie alle 
und ich und die Hella kamen in die 5. Bank Fensterseite; an unseren 

189 



Plätzen sitzen die zwei Zwillinge, die Ehrenfelds und vor uns die 
Lohr und eine, neue, eine gewisse Hammer Friederike, deren Papa 
Konditor auf der Mariahilferstraße ist. Wir sind sehr froh, daß wir 
aus der entsetzlichen dritten Bank weggekommen sind, wo Sie so 
oft neben uns stand und die Hand auf die Bank legte. 

29. September: Heute war der Herr Prof. Fritsch, der Deutsch- 
professor, das erstemal da. Er räuspert sich in einenifort und trägt 
goldene Augengläser. Die Hella findet ihn erträglich nett, ich 
aber nicht. Daß ich in meinem Leben kein Vorzüglich mehr in 
Deutsch bekomme, das weiß ich ! Gestern war der neue Religions- 
professor das erstemal da, da saß ich allein, weil ja die Hella als 
Protestantin weggeht. Er sieht furchtbar schlecht aus und hat die 
Augen immer gesenkt, obwohl er brennend schwarze Augen hat. Das 
nächsteraal setze ich mich neben die Hammer, damit wir nicht so 
einzeln sitzen. 

2. Oktober: Heute hatten wir heil. Beichte und Kommunion, 
und weil die Lehrkräfte nicht erlauben, daß wir uns aussuchen, zu 
wem wir beichten gehen, mußte ich zum Herrn Professor Ruppy 
gehen. Das war mir gräßlich. Ich habe so leise geflüstert, daß er 
mich dreimal ermahnen mußte, lauter zu reden. Wie ich vom 
6, Gebot anfing, deckte er sich die Augen mit der Hand zu. Aber 
gefragt hat er, Gott sei Dank, weiter nichts. Die einzige Lehrkraft, 
die einem erlaubte, sich den geistlichen Herrn auszusuchen, war die 
Frau Dr. M. Das heißt, direkt erlaubt hat sie es auch nicht, aber 
wenn eine schnell zu einem andern Beichtstuhl rannte, so hat sie 
getan, als ob sie es nicht bemerkt hätte. Der Herr Rel.-Prof. gibt 
furchtbar lange Bußgebete auf; alle Mädchen, die bei ihm beichteten, 
verrichteten gräßlich lang ihre Buße. Hoffentlich ist er beim Prüfen 
nicht auch so streng, sonst bekomme ich Nichtgenügend; das 

' wäre greulich. 

3. Oktober: Heute war der Papa herrlich! Die Tante Dora muß 
ihm gesagt haben, daß ich sie neulich fragte, ob der Papa am Ende 
die Frau Rechnungsrat Riedl heiratet, weil ihr Mann fast zur selben 
Zeit gestorben ist wie unsere Mama, und weil der Papa der Vormund 
von den drei Kindern ist. Heute war sie mit dem Willi da, weil er 
jetzt in die Schule gekommen ist. Und da haben die Dora und ich 
darüber geredet und sie sagte, wenn der Papa das tut, geht sie aus 

190 ' 



dem Haus. Und am Abend, wie wir nach dem Nachtmahl sitzen, so 
sag ich: Wenn die Frau v. R. nur nicht so häßlich wäre. Findest du 
sie nicht auch schrecklich häßlich, Papa? Und der Papa lacht so lieb 
und sagt: „Du brauchst keine Angst haben, mein Hexerl, das tue ich 
Euch nicht an, daß ich euch eine Stiefmutter ins Haus setze." Und 
da war ich so froh und die Dora auch, daß wir den Papa riesig 
abküßten, und die Dora sagte: „Ich wußte das ohnehin, daß du 
deinen Schwur an die Mama nicht brechen wirst", und sie weinte 
furchtbar. Und der Papa sagte : „Nein Kinder, einen Schwur habe 
ich der Mama gar nicht geleistet, das hätte ihre vornehme Natur 
auch nie verlangt. Aber bei so großen Mädeln, wie Ihr seid, gehört 
keine Stiefmutter ins Haus." Und dann sagte ich dem Papa, daß die 
Dora aus dem Haus ginge, obwohl ich mich eigentlich furchtbar 
geärgert habe dartiber. Denn, wenn der Papa wirklich noch einmal 
heiraten würde, so müßte ich es ja auch ertragen; und daher 
die Dora ebenfalls. Aber der Papa sagte nochmals: „Habt keine 
Angst, ich heirate bestimmt kein zweitesmal." Und ich sagte: „Auch 

die Tante Dora nicht?" Und er sagte: „Na, die schon " und 

dann unterbrach er sich schnell und sagte: „Nein, nein, auch die 
Tante Dora nicht." Und jetzt gerade sagt mir die Dora, ich sei 
urblöd gewesen, denn ich weiß doch, daß der Papa nicht entzückt 
ist von der Tante. Und dann machte sie mir Vorwürfe, weil ich dem 
Papa gesagt habe, sie würde aus dem Hause gehen, wenn er doch 
heiratet. Ich bin ein Kind, dem man seine geheimsten Gedanken 
nicht anvertrauen dürfe!! So, jetzt haben wir mindestens ^4 Stunden 
gestritten und es ist dabei Vgl 2 Uhr geworden. Glücklicher Weise 
haben wir morgen frei, weil Kaisers Geburtstag ist. Aber ich bin 
doch sehr froh, daß wir es positiv wissen, daß der Papa die 
Frau V. R. nicht heiratet. Ich könnte mich mit keiner Stiefmama 

vertragen. 

9. Oktober: In Deutsch ist es heuer gräßlich schwer. Wir dürfen 
beim Aufsatz keinen Plan machen, sondern wir müssen ihn so nieder- 
schreiben und dann hinterdrein disponieren. Und das kann ich 
nicht. Der Prof. Fritsch ist sehr schön, aber alle Mädchen fürchten 
ihn entsetzlich, denn er ist gräßlich streng. Seine Frau ist im Irrenhaus 
und seine Kinder sind bei seiner Mama. Er hat sich von ihr scheiden 
lassen und da er zum Glück ein Protestant ist, kann er wieder heiraten, 

191 



wenn er will. Die Hella ist ganz verliebt in ihn, aber ich absolut 
nicht. Denn ich denke nur immer an den Prof. W. in der II. und da 
habe ich genug. In einen Professor verliebe ich mich absolut nicht 
mehr. In der Lehrerinnenbildungsanstalt, wo die Marina jetzt im 
4. Jahrgang ist, hat voriges Jahr ein Professor eine ehemalige 
Schülerin geheiratet. Aber das täte ich um keinen Preis, meinen alten 
Professor heiraten, der alle Fehler von einem weiß. Und dann muß 
er doch mindestens 12 oder 20 Jahre älter sein als das Mädchen; und 
das ist doch greulich, da kann eine gleich ihren eigenen Papa heiraten; 
der hat sie wenigstens sicher gern und sie weiß wenigstens, wie er 
alles haben will ; aber so einen alten Professor, nee, das ist ein 
Geschmack ! 

15. Oktober: Ich habe eine wahnsinnige Angst, daß die Hella 

rezitiv wird; sie sagt, ein zweitesmal, überhaupt jetzt, nachdem 

läßt sie sich absolut nicht operieren; da stirbt sie lieber. Gott, das 
wäre gräßlich ! Ich habe ihr riesig zugeredet, daß sie ihrer Mama 
sagt, daß sie solche Schmerzen hat; aber sie will nicht. 

19. Oktober: Der Papa der Hella wird im November General 
uhd kommt nach Krakau. Gott sei Dank, sie bleibt hier bei ihrer 
Großmama, bis sie mit dem Lyz. fertig ist. Nur zu Weihnachten und 
zu Ostern und in den Ferien fährt sie hin und sie freut sich schon 
wahnsinnig darauf. Vor lauter Freuden ist ihr wieder ganz gut. In der 
Schule sind alle sehr stolz drauf, daß in unserer Klasse eine Generals- 
tochter ist. In der III. Kl. ist auch eine, sogar von einem Feldmarschall- 
Leutnant, aber er ist schon in Pension. Und der Papa sagt immer, 
wenn einer in Pension ist, kräht kein Hahn mehr nach ihm. 

22. Oktober: Wir haben kaum Zeit zum Lernen vor Aufregung. 
Die Mama der Hella hat voriges Jahr zu Weihnachten mehrere Romane 
von Geyerstamm bekommen und neulich liegt einer auf dem Tisch 
und wie ihre Mama draußen ist, blättert die Hella schnell und liest 
den Titel Frauenmacht!!! Wie ihre Mama fertig war, schaut sie, 
wohin sie ihn im Bücherkasten stellt und jetzt lesen wir ihn. Einfach 
großartig! Ich kann die ganze Nacht nicht schlafen; die Signe, die er 
so liebt und die ihn doch betrügt. Wir haben so geweint, daß wir 
nicht weiterlesen konnten. Und das Mädchen, das Gretchen, das so 
an ihrem Papa hängt; ja, Ich kann das großartig begreifen, daß sie 
immer Angst hat, ihr Papa könnte diese eckelhafte Person, die Frau 

192 



Elise heiraten, die doch so schon einen Mann hat. Und wie sie dann 
stirbt, Gott, daß ist so gräßlich und so schön, daß wir es dreimal 
hintereinander lasen. Ich hatte neulich ganz rote Augen vor lauter 
Weinen, so daß die Tante dann sagte, ich dürfe nicht soviel lernen; 
sie glaubt nämlich, die Hella und ich lernen Literatur miteinander. 
Gott, das Lernen ist einem schrecklich, wenn man solche Bücher liest. 

24. Oktober: Wenn ich den Papa anschaue, muß ich immer 
an den Roman Frauenmacht denken; natürlich abgesehen von 
der Signe. Die Hella hofft noch etwas zu erwischen, aber es geht 
nicht so einfach, weil ihre Mama doch leicht draufkommen kann, da 
sie immer sehr vielen bekannten Damen Bücher leiht. Das gäbe einen 
Riesenskandal. Das Buch vom Brüderchen verlangen wir uns 
nicht, da wird nicht besonders viel drinstehen; aber ein Roman heißt 
Komödie der Ehe, das muß herrlich sein; den müssen wir 
unbedingt lesen. 

26. Oktober: Die Brückners bleiben in ihrer Wohnung und die 
Großmama übersiedelt zu ihnen; nur der Herr General!!! fährt 
nach K. und die Mama der Hella natürlich auch. Die Lizzi muß 
hierbleiben, denn sie geht zu den Schotten Kochen lernen, da sie im 
Fasching heiratet!!! 

31. Oktober: Heute sind die Eltern der Hella weggefahren; sie 
hat furchtbar geweint, weil sie riesig gern mitgefahren wäre. Die Lizzi 
macht sich nichts draus, weil sie schon verlobt ist und ihr Bräutigam, 
der Herr Baron, zu Weihnachten auf jeden Fall nach Wien oder 
Krakau kommt; das ist ihm einerlei. 

4. November: Heute haben wir, nämlich etliche in der Klasse, 
uns wütend geärgert in der Deutschstunde. Weil ein paar Mädchen 
nicht wissen, wo ein Beistrich gesetzt wird und wo nicht, hat der 
Professor nicht direkt, aber indirekt gesagt, wir haben in den verflossenen 
Jahren nichts gelernt. Wir haben sehr gut verstanden, daß das auf 
die Frau Dr. M. gegangen ist, bei der die Deutschstunden 10, nein 
lOOmal schöner waren als beim Professor F. Und gerade auf die 
Interpunktion hat die Frau Dr. M. riesig gehalten und uns viele 
Beispiele gesagt. Aber ob man einen Beistrich setzt oder nicht, 
davon hängt doch nicht der gute Stil ab! Und die zwei Ehrenfeld, 
die zuletzt auch sehr für die Frau Dr. M. schwärmten, sagten, 
wir, die Lieblinge der Frau Dr. M., sollten einmal bei einem bestimmten 



13 



193 



Aufsatz nicht einen einzigen Beistrich machen, ihm zum Justament. 
Das ist eine 'ausgezeichnete Idee, und wir, ich und die Hella, sind 
gleich dabei, wenn man sich nur auf die andern verlassen kann. 

6. November: Heuer müssen alle Klassen mindestens jeden 
Monat zwei Ausflüge, auch im Winter machen. Wenn das im Vorjahre 
bestimmt worden wäre, wie die Frau Dr. M. noch da war, wäre ich 
bestimmt jedesmal mitgegangen. Aber heuer, ohne sie, freut es uns 
nicht. Die Frau Dr. St, ist auch sehr lieb, aber so wie die Frau Dr. M. 
eben doch nicht. Überdies machen wir mit dem Papa heuer jeden 
Sonntag einen Tagesausflug, wo auch immer die Hella, und wenn sie 
will, die Lizzi mitgeht. Sobald Schnee ist, machen wir Rodelpartien 
von Hainfeld oder Lilienfeld aus. 

3. Dezember: Gott, fast einen Monat habe ich nichts geschrieben, 
aber dafür heute! Der Skandal in der Deutschstunde!! Wir haben 
nämlich die Aufsätze zurückbekommen, in denen die Hella und ich, 
.die 2 Ehrenfeld, die Brauner, die Bergler Edith, und die Kühnelt 
absolut keinen Beistrich gemacht haben. Und es wäre auch nichts 
herausgekommen, wenn nicht die dumme Person die Brauner, nach- 
träglich alle Beistriche, die sie schon gemacht hatte, wegradiert hätte. 
Wir hatten verabredet, falls der Prof. etwas merkt, zu sagen, wir 
wollten vor dem Unterricht gemeinsam besprechen, wo Beistriche zu 
setzen seien, und es sei aber zu spät gewesen. Jetzt hat diese alberne 
Person alles verpatzt. Er wird den Fall vor die Konferenz bringen! 
Aber schließlich können nicht 6 Schülerinnen von 25 eine mindere 
Sittennote bekommen; das darf überhaupt nicht einmal sein. 

4. Dezember: Heute war die Frau Direktorin in der Deutsch- 
stunde inspizieren. Nachher sagte sie, sie erwarte, daß wir die schönen 
Kenntnisse, die uns die Frau Dr. M. drei Jahre lang vermittelte, zum 
festen Unterbau unserer weiteren Ausbildung im Oberlyzeum machen. 
Und in der Englischstunde sprach sie über den beschränkteren Gebrauch 
der Satzzeichen im Englischen; und schließlich wurden wir 6 
Sünderinnen in die Kanzlei gerufen. Die ganze Schule weiß schon 
davon und bewundert unseren Mut, besonders die Unterklassen; die 
V. und VI. ärgern sich, daß wir aus der IV. uns das trauten. Die Frau 
Direktorin schimpfte uns fürchterlich zusammen, sie sagte, das ist eine 
unerhörte Frechheit und zugleich machen wir damit der Frau Dr. M. 
eine schöne Schande. Da meldet sich die Hella und sagt ganz 

194 



bescheiden : „Ich bitte, Frau Direktorin, darf ich ein Wort zu unserer 
Verteidigung sagen?" Und dann sagte sie, daß der Herr Prof. Fr it seh 
bei jeder Gelegenheit über die Frau Dr. M. eine Bemerkung macht, 
natürlich nur indirekt, aber so, daß wir es doch verstehen, und daß 
wir deshalb das getan haben. Da antwortete die Frau Direktorin, das 
ist wohl nicht richtig, niemals werde eine Lehrkraft gegen eine andere 
sprechen, da hätten wir den Herrn Prof. einfach mißverstanden! Na 
also, das kennt man schon ; auch das Nüßchen hat wie oft in der 
Mathematik gesagt : „Das wißt Ihrnicht? Das müßt Ihr doch gelernt 
haben." Aber die Betonung!!!!! Morgen ist Konferenz und wir 
sollen trachten, noch vor der Konferenz alles gutzumachen. Die 
2 Ehrenfeld wollten, daß wir die Arbeiten nochmals schreiben, mit den 
Beistrichen natürlich, und morgen in der Deutschstunde auf den Tisch 
legen, aber alle andern stimmten dagegen; denn wir sahen sehr gut, daß 
die Frau Direktorin ganz rot wurde, als die Hella das alles sagte. Die 
Korrekturen werden wir machen, aber wir fangen alle ein neues Heft an. 

8. Dezember: Jetzt sind schon 3 Tage seit der Konferenz, aber 
es wird kein Wort von unserer Affäre gesprochen, und gestern in der 
Deutschstunde gab der Prof. das Thema für die III. Hausarbeit, ohne 
daß er etwas Besonderes sagte. Ich glaube, er traut sich doch nicht. 
Die Hella hat uns entschieden gerettet, denn keine andere hätte 
sich getraut, das zu sagen, auch ich nicht. Die Hella sagte: 
«Meine liebe Rita, dafür bin ich eine Offizierstochter; wenn ich 
nicht Mut hätte, wer sollte ihn denn haben?" Alle Mädchen sehen 
uns in der Pause und beim Weggehen an. obwohl die Frau Direktorin 
in der Kanzlei zu uns sagte: „Ich wünsche, daß dieser Vorfall nicht 
in der ganzen Anstalt herumgetragen wird." Aber die Brauner hat 
eine Schwester in der II. und die Bergler Edith eine in der V. und 
dadurch haben es alle Klassen erfahren. Die Eltern werden offenbar 
nicht vorgeladen, denn sonst wäre es schon geschehen. Übrigens habe 
ich vorsichtshalber zuhaus schon Andeutungen gemacht. Und da die 
Dora, Gott sei Dank, nicht mehr ins Lyzeum geht, kann unmöglich 
eine Klatscherei herauskommen. Wir waren nur im 1. Moment 
aufgeregt, aber die Hella hat ganz Recht, wenn sie sagt: „Es geschieht 
uns bestimmt nichts, denn wir sind im Recht." 

15. Dezember: Begegnung mit Viktor!!! Ich und die Dora 
gingen Weihnachtseinkäufe machen und wie wir gerade in die Tuch- 



13* 



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lauben einbiegen, prallen wir aneinander. Die Dora ist doch blutrot 
geworden und beiden hat die Stimme gezittert. Er ist 
wunderbar; dieser schwarze Schnurrbart und diese Augen! Und die 
grünen Aufschläge stehen ihm herrlich. Er räusperte sich schnell, 
damit man nichts merken sollte und ging bis am Hohen Markt mit 
uns; er hat noch ein halbes Jahr Urlaub bekommen, da er ein Hals- j 
leiden hat; also kann die Dora ganz beruhigt sein, falls sie geglaubt 

hat . Beim' Abschied hat er uns beiden die Handl 

geklißt und so süß gelächelt, wehmütig und süß zugleich. Ich wollte 
dann ein paarmal die Rede auf ihn bringen, aber wenn die Dora 
nicht will, da kann man sich auf den Kopf stellen und es nützt 
nichts; so ein Dickschädel! So war sie schon als ganz kleines Kind, 
wo sie immer so blöd gesagt hat: Do nit! das sollte heißen: Dora 
will nicht; so ein Fratz! ein eigensinniger! 

17. Dezember: Gestern machten wir die erste Rodelpartie auf 
den Anninger ; es war herrlich, wir kugelten fortwährend im Schnee ; 
er lag ziemlich hoch, besonders dort, wo weniger Leute waren. Beim 
Nachhausegehen passierte der Hella etwas Köstliches; sie bheb an 
einer Wurzel hängen und riß sich die ganze Sohle von nagelneuen 
Delka-Schuhen ab. Sie mußte sich die Sohle mit Spagatschnuren 
festbinden und dabei hinkte sie, daß alle Leute glaubten, sie hätte 
sich beim Rodeln den Fuß verstaucht. Und ihre Großmama war ganz 
'außer sich und sagte: Das kommt von solchen unweiblichen 
Vergnügungen! Die Tante Dora ärgerte sich schrecklich darüber, weil 
sie doch auch dabei war, aber der Papa sagte: Die Großmama der 
Hella ist eine alte Dame und zu ihrer Zeit hatte man in dieser 
Hinsicht eben eine andere Auffassung. Ja, wirklich in dieser 
Hinsicht, das merkt die Hella jeden Tag ein Dutzendmal, was sie 
alles nicht reden und tun soll und was alles für solche junge 
Mädchen nicht paßt! Am liebsten würde ihre Großmama sie in einen 
Glassturz setzen; aber undurchsichtig, damit sie nicht heraussehen 
und niemand hineinsehen kann, (Die Hauptsache!) 

20. Dezember: Also heute war die letzte Deufschstunde vor 
Weihnachten und gar nichts ist in der Affaite weiter geschehen. Die 
Hella hat glänzend recht behalten. Gratuliert hat die elende Streberin, 
die Verbenowitsch, die sich bei jeder Lehrkraft einschmeichelt und 
die Hammer, die ja neu ist und die Frau Dr. M. nicht gekannt hat. 

196 



Richtig, neulich um 1 Uhr haben wir die Franke begegnet ; sie geht 
in eine Schauspielschule und sagt, da ist ein ganz anderer Ton, sie 
ist Iroh, daß sie die Schule los ist. Die Affaire mit dem Professor F. 
hat sie schon gewußt und hat uns zu unserer Charakterstärke 
gratuliert, besonders natürlich der Hella. Sie behauptet, in allen 
Lyzeen Wiens ist die Sache bekannt geworden, sie wenigstens hat es 
von einer Schülerin des Beamtentöchter-Lyzeums erfahren, deren 
Schwester mit ihr in die Schauspielschule geht. Sie ist sehr glücklich 
dort, nur daß man eine solche Anstalt auch Schule nennt, ärgert 
sie; denn von Schule keine Rede; wir würden staunen, welche 
Freiheit im Ton dort herrscht. Sie ist übrigens sehr hübsch und noch 
stärker als sie ohnehin schon war. Und sie spricht sehr hübsch, nur 
etwas zu laut, so daß sich alle Leute nach uns umgedreht haben. Sie 
hofft, uns in 1 Jahr zu ihrem ersten Debüt einladen zu können!!! 
Also das möchte^ ich nie, so vor lauter Fremden aui einer Bühne 
stehen, da brächte ich nicht 1 Wort heraus. 

21. Dezember: Die Hella ist furchtbar unglücklich. Vorgestern 
bekommt sie eine solche Influenza und Halsentzündung, daß sie nicht 
nach Krakau fahren kann. Sie sagt, sie ist nur zum Unglück geboren; 
jetzt schon die zweiten verpatzten Weihnachten, vor zwei Jahren die 
Blinddarmoperation und heuer diese elende Influenza. Hoffentlich 
kommt ihre Mama nach Wien, aber dann ist wieder ihr Papa ganz 
allein. Und was sollen erst wir sagen, Weihnachten ohne die Mama, 
das erste Weihnachten ohne die Mama, Ich darf gar nicht daran 
denken, sonst muß ich gleich weinen. Auch die Dora sagt, das sei 
gar kein rechtes Weihnachtsfest ohne die Mama. Was der Papa zu 
dem Bild der Mama sagen wird. Wenn nur der Rahmen wirklich 
morgen fertig ist. Die Hella ist hauptsächlich auch deshalb unglücklich, 
weil sie den Lajos nicht sehen kann. Übrigens ist sie zugleich in 
in einen Dragonerleutnant, den wir alle Tage begegnen und der ein 
Graf ist, sterblich verliebt und er in sie. Er weiß, daß ihr Papa 
General ist, denn wie ihr Papa zur Audienz zum Kaiser fuhr, hat die 
Hella ihn ein Stück im Auto begleiten dürfen und da haben sie den 
Leutnant begegnet. Und seither grüßt er sie auf der Gasse. Er ist 
riesig groß und sieht riesig aristokratisch aus. Nur das ärgert mich 
an der Hella, daß sie immer ableugnet, wenn sie in jemanden 
verliebt ist. Ich sage es ihr immer, oder wenn sie etwas merkt, so 



197 



leugne ich doch nicht. Was für einen Sinn hat das unter Freundinnen? 
z. B. voriges Jahr war sie doch bestimmt in den jungen Doktor im 
Sanatorium verliebt. Und wie wir damals im September mit dem 
herrlichen Leutnant vom Fliegerkorps aus Theben fuhren, habe ich 
doch nicht geleugnet, daß ich wahnsinnig verliebt bin. Aber sie 
glaubte es nicht und sagte : Das ist doch keine Liebe, wenn man 
sich monatelang nicht sieht und indessen mit anderen kokettiert. Das 
war auf den Recken Siegfried gemünzt. Gott, auf den!! das ist 
wirklich zum Lachen. 

22. Dezember: Ich habe eine riesige Freude, die Frau Dr. M., 
das heißt, jetzt heißt sie Frau' Professor Theyer hat mir geschrieben. 
Ich habe ihr nämlich zu Weihnachten gratuliert und da dankte sie 
mir, und gleich zu Neujahr, sie mir zuerst; das ist doch 
himmlisch! Ich habe mich wütend geärgert, daß die Dora sagt, sie 
hätte das getan, damit sie nicht noch einmal schreiben muß. Aber 
das ist bestimmt nicht wahr. Solche Sachen sagt die Dora nur, um 
mich zu ärgern. Aber der süße göttliche Brief, ich trage ihn mit 
Ihrer Photographie ewig bei mir. Der Hella schickte sie bloß eine 
Karte, natürlich, weil sie auch nur eine Karte schickte. Die Frau 
Dr. M. könnte ich mir ganz gut als Stiefmutter denken, das heißt, 
ganz gut nicht, aber am ehesten. Sie schrieb auch so lieb von unserer 
Mama und daß diese Weihnachten für mich nicht so fröhlich sein 
werden wie sonst. Da hat sie wohl recht. Es ist niemanden bei uns ' 
so zumute, als ob übermorgen Heiliger Abend wäre. Das Einzige, 
daß ich mich freue auf die Augen, die der Papa machen wird, wenn 
er das Bild sehen wird. Aber sonst sollte man im ersten Jahre nach 
emem solchen Todesfall überhaupt Weihnachten gar nicht feiern, denn 
an solchen Tagen ist man dann doppelt traurig. 

23. Dezember; Ich habe zwar noch furchtbar viel für Weihnachten 
zu tun, aber heute muß ich schreiben. Also heute vormittag vielleicht 
um V2I2 Uhr läutet es. Ich glaube, es ist die Hella, die mich abholen 
wollte, falls ihr wieder gut ist, und stürze hinaus, reiße die Tür auf 
und sage; „Habe die Ehre," und will gerade die Fortsetzung sagen, 
„Habe Diaroe", da bin ich einfach paff, steht ein Herr draußen und 
fragt; Sind die, Herrschaften zuhause? Im Moment erkenne ich ihn, 
es war der Dr. PruckmüUer von Fieberbr. Indessen macht schon die 
Dora die Tür vom Salon auf und jetzt kommt die große Falschheit: 

198 



Sie war nicht im mindesten überrascht, sondern sagt: „Ah, 
Herr Dr. das ist schön, daß Sie Wort gehalten haben," Also hat er 
ihr offenbar versprochen, daß er kommt und sie hat es wahrscheinlich 
gewußt, daß er heute kommt, denn sie hatte die schwarzseidene 
Zierschürze mit den Einsätzen umgebunden und die nehmen wir 
immer nur, wenn Besuch kommt. So eine Falschheit! Justament, ging 
auch ich in ,den Salon. Dann kam die Tante Dora und lud ihn für 
abends ein. Dann ging er fort. Dabei hat er zu mir kein Wort 
geredet, mir scheint, er hat nicht einmal gesehen, daß ich auch noch 
auf der Welt bin. Erst beim Weggehen sagte er: „Nun, wie geht es 
Ihnen, Fräulein?" „Mein Gott", sag ich, „wie es einem kurz nach 
einem Todesfall, noch dazu der Mama, gehen kann." Die Dora wird 
blutrot, denn sie hat verstanden. Wenn der mein Schwager wird, 
nun da weiß ich, wie ich mich zu stellen habe! Aber, bis dahin ist 
noch lange Zeit; denn er ist doch in Innsbruck und das wird der 
Papa wohl kaum erlauben, daß die Dora nach Innsbruck heiratet. Bei 
Tisch redete ich überhaupt kein Wort, weil ich empört war über 
diese Falschheit. Aber es kommt noch schöner. Also abends um 
7 Uhr oder wieviel es war, rückt der Herr Dr. an. Die Dora erscheint 
in einer weißen Bluse mit einer schwarzen Schleife, und war solange 
in ihrem Zimmer geblieben, damit ich nicht wissen sollte, was sie 
anzieht. Ich hatte nämlich tatsächlich geglaubt, sie zieht das schwarze 
Reformkleid mit den Einsätzen an, und zog es auch an. Na also, das 
war ja ganz egal. Bei Tisch redete er fortwährend mit der Dora und 
ich redete absichtlich mit dem Oswald, Dann sagte er, daß er mit 
dem 1. März nach Wien versetzt werde. Die Dora war wieder gar 
nicht erstaunt, also muß sie es gewußt haben! Aber jetzt 
erinnere ich mich ganz gut, im Oktober gab mir der Briefträger einen 
Brief an sie mit dem Poststempel Innsbruck. Also korrespondierte 
sie offenbar die ganze Zeit mit ihm, nicht einmal ein halbes 
Jahr nach dem Tode der Mama, das ist stark! Aber wie ich mich 
auf dem Land unterhielt, da stieß sie mich unterm Tisch an, ich 
sollte nicht so furchtbar lachen. Und wenn der Herr Schwager in 
spe, Gott, ich muß lachen, vor ein paar Jahren, mir scheint in 
Goisern, da nannten wir doch die Dora die Inspe, weil sie vom 
Robert Warth und mir gesagt hatte: Das Brautpaar in spe! Und jetzt 
ist sie an dieser Steile. Abends wie der Dr. wegging, zitterte ich 

199 



■:-v'5. 



schon, daß ihn der Papa zum Christbaum einlädt, aber Gott sei 
Danlt, wie der Papa fragte; „Und was machen Sie morgen", sagte 
er: „Morgen bin ich bei der Familie meiner Schwester, die auf der 
Wieden an einen Hauptmann verheiratet ist." Gott sei Danlf, das 
hätte gefehlt, wo wir so gar nicht in der Stimmung sind, Besuche zu 
empfangen, überhaupt heuer, das erste Weihnachten ohne Mama. Und 

wenn sie wüßte, Ich möche wirklich wissen, was mit der 

Seele eigentlich geschieht. An den Himmel glaube ich natürlich schon 
lange nicht mehr ; aber irgend wohin muß ja die Seele doch kommen. 
Es gibt soviele Rätsel, und die machen einen so traurig; in einem 
Zeitungsroman habe ich neulich als Überschrift eines Kapitels gelesen : 
Das Rätsel der Liebe. Also dieses Rätsel macht einen wohl 
nicht traurig, wie man an der Dora sieht. Übrigens scheinen alle 
Mädchen, d. h. alle älteren Schwestern in diesem PunlUe gleich zu 
sein. Denn wenn ich denke, was mir die Hella von der Verlobung 
der Lizzi erzählte. Allerdings, die hat ihn doch wenigstens in London 
kennen gelernt, und nicht bei ihrer Familie; aber die Falschheit war 
ja dieselbe. Was das nur heißen soll? Wäre es nicht viel gefühlvoller 
und vernünftiger, die Schwester alles zu sagen! Wie kann denn 

, dann jemand erwarten, daß man ein Verbündeter sein soll. Nun, m i r 
ist es recht, ich lasse mir dadurch das Weihnachtsfest nicht 
stören; wenn man überhaupt von einem Fest reden kann. Am 
Stephanitag, wo er für abends eingeladen ist, werde ich der Hella 
sagen, komme ich jedenfalls zu ihr und ihrer Großmama. Gut, daß 
sie doch in Wien geblieben ist. 

25. Dezember: Weihnachten war wirklich sehr traurig. Alle 
drei bekamen wir Mamas Bild in Lebensgröße in feinen grünen 
Rahmen für unsere Zimmer. Die Dora schluchzte laut auf und da 
wemte ich auch und ging zum Papa und umarmte ihn. Er hatte auch 
ganz nasse Augen; denn er hat die Mama rasend geliebt. Nur der 
Oswald weinte nicht direkt, aber er biß sich fortwährend auf die 
Lippen. Ich war nur froh, daß der Dr. P. nicht da war, denn vor 
fremden Leuten zu weinen, ist greulich unangenehm. Wir haben 
beide sehr feine weiße Guipierblusen, nicht Spitzenblusen bekommen, 
dann habe ich von der Tante ein Postkartenalbum für 500 Stück, 
sehr fein, bekommen, ferner eine Gedichtensammlung, die ich mir 

wünschte. Die Ungarischen Tänze vom Brahms, weil mir die Dora 

200 



die ihren im vorigen Jahr nicht leihen wollte, angeblich weil sie mir 
zu schwer sind; als ob sie das etwas anginge; das wird schon die 
Klavierlehrerin richtiger beurteilen; ferner Briefpapier mit meinem 
Monogramm, einen neuen Entoutcas mit Anhänger, Zopfbänder, und 
solche Kleinigkeiten. Der Papa hatte eine riesige Freude mit dem 
Bildchen der Mama; wir hatten nämlich gar nichts gewußt davon, 
daß er uns die Mama im Großen machen läßt, und haben ihm nach 
der letzten Photographie vom vorvorigen Winter ein ganz kleines 
Bild vom Herrn Milanowitz, der Maler ist und die Mama sehr gut 
kannte, malen fassen, in Farbe natürlich. Dazu einen entzückenden 
Rokokorahmen, zum Zusperren ; wenn er offen ist, sieht es aus, als 
ob die Mama zum Fenster herausschauen würde. Das war meine 
Idee und der Herr Milanowitz fand sie h öchst o riginel 1. Der 
Dora ist es sehr unangenehm, daß er kein Geld dafür annahm, aber 
dadurch konnten wir den Rahmen noch eleganter machen lassen. 
Nach Weihnachten, zu Neujahr schicken wir, aber von unserem 
Geld dem Herrn M. feine Zigarren, ich wollte zu Weihnachten, aber 
wir kennen uns mit Zigarren gar nicht aus und sagen wollten wir 
niemand etwas, weil man nie wissen kann, ob sie es nicht doch 
verraten, angeblich unabsichtlich; aber das ist nicht wahr, wenn man 
etwas verrät, hat man schon immer die Absicht im geheimen ; und 
man sagt dann nur, man habe sich verredet; aber das kennt man 
schon. Was die Dora extra bekommen hat, schreib ich nicht alles her, 
nur das eine: Um 7 Uhr, gerade wie der Papa den Baum anzündet, 
bringt ein Dienstmann wunderbare Rosen mit ein paar Mistelzweigen 

durchflochten und unten ein Veilchenbouquet natürlich vom 

Herrn Dr. P. mit einer Karte, aber die hat sie nicht lesen lassen. Sie 
sagte nur: Dr. P. läßt allseits angenehme Feiertage wünschen; mir 
scheint, er hat geschrieben: „Fröhliche Weihnachten", aber das 
hat sich die Dora doch nicht zu sagen getraut. Ja, von der Hella 
habe ich ein Perlentäschchen bekommen, und sie von mir ein 
Portemonnaie mit dem Doppeladler, sie wünschte sich nämlich ein 
solches militärisches Portemonnaie. So eine Militärschwärmerin wie 
die Hella habe ich noch nicht gesehen; ich finde ja auch die Offiziere 
riesig fesch, aber daß deswegen die anderen Herren gar nicht existieren 
für einen, das ist schon etwas übertrieben. Und lernen tun die 
anderen, z. B. die Doktoren und die Jus studieren oder selbst 

201 



Bergbau, wenn ich schon nichts von der Hochschule für Bodenkultur 
sage, die nehm' ich auch nicht für „vollwertig" (so sagt nämlich die 
Hella immer), lernen müssen also die alle entschieden mehr als die 
Offiziere; das will die Hella nie gelten lassen und führt dann immer 
die Generalstabsoffiziere an; als ob alle „Generalstäbler" wären! 
Wir haben schon oft deswegen gestritten. Ich gönne es ihr aber von 
Herzen, daß sie einmal einen Offizier bekommt, u. zw. einen, der 
selber die Kaution hat, denn sonst geht es ja nicht; denn die 
Brückner haben kein Vermögen, sagt der Papa. Er sagt das zwar 
auch immer von uns, aber das glaube ich nicht ; reich sind wir ja 
gerade nicht, aber daß jede von uns die Kaution haben könnte, das 
glaube ich wohl. Übrigens die Dora verzichtet ja freiwillig darauf, 
wenn sie wirklich den Dr. P. heiratet. 

27. Also gestern war ich richtig bis 9 Uhr bei der Hella und 
am ersten Feiertag war sie bei uns. Da sehe ich gerade, daß ich da 
oben schrieb, die B. hätten kein Vermögen; dies scheint entschieden 
anders zu sein. Wir bekommen doch immer sehr viele und schöne 
Sachen zu Weihnachten, zum Geburtstag und zum Namenstag (den 
haben allerdings die Protestanten nicht) aber so großartige Sachen 
wie bei B. scheoken wir einander nicht. Die Hella -hat einen rosa' 
Seidenstoff für ein Tanzstundenkleid bekommen, der mindestens 50 K 
kostet und einen Spitzenkragen mit Manschetten, von dem wir selber 
beim Feiner gesehen haben, daß er 24 K kostet, dann noch einen 
goldenen Ring mit einem Smaragd und eine Menge Kleinigkeiten, 
die sie gar nicht angeschaut hat. Und ihre Schwester, was die erst 
alles bekommen hat, lauter Sachen für ihre Au s s ta ttu n gi Und 
der Christbaum bei B. kostete 12 K und der unsere bloß 7 obwohl 
er ebenso schön ist. Also ich 'glaube wohl, daß die B. Geld haben 
und ich habe auch zur Hella gesagt: „Ihr müßt enorm reich sein." 
Und sie sagte: „Na, na, gar so arg isfs nicht; einen Generalstäbler 
darf ich mir einmal nicht aussuchen. Die Lizzi hat's entschieden gescheit 
gemacht, der Paul ist Baron und ist reich. Er ist eben wahnsinnig in 
sie verschossen ; Geschmacksverirrung, nicht?" Das finde ich auch, 
denn gar so schön ist die Lizzi gerade nicht, außer das wunderbare 
blonde Haar, aber sonst, vor allem andern ist sie so mager, keine 
Spur B .... da hat die Hella zehnmal mehr. Und wenn man bis 20 
keinen hat, bekommt man ihn auch nicht mehr. ^ 

202 



Etwas war köstlich heute. Die Hella fragt mich: „Du, wie heißt 
denn der Dr. deiner Schwester mit dem Vornamen?" Da fällt mir 
erst ein, daß er auf seiner Visitkarte bloß stehen hat Dr. jur. 
A. Pruckmüller, und dann erinnere ich mich, daß die Dora im 
Sommer, als wir ihn kennen lernten, sagte, er heiße leider August, 
das passe gar nicht für ihn. Na, wir lachten uns halb krank, weil die 
Hella natürlich gleich singt: „O, du lieber Augustin" und dann fällt 
mir ein: Der dumme August im Zirkus und dann redeten wir drüber, 
wie die Dora ihn einmal nennen wird. Gusti oder Gustel, oder Augi, 
mein lieber Augi, mein geliebter Gusterl, nein, es war zum Totlachen. 
Und dann besprachen wir, welchen Namen wir einmal möchten und 
ich sagte : Ewald oder Leo, und die Hella sagte : Nicht auch 
Siegfried? Aber da hielt ich ihr den Mund zu und sagte: „Du, 
damit kannst du mich ernstlich böse machen, das ist und muß 
vergessen bleiben." Und dann sagte sie, sie hätte am liebsten, wenn 
ihr Bräutigam einmal Peter oder Thamian oder Chrysostomus heiße ; 
dann würde sie ihn geliebter Dami oder Sosti nennen; aber dann 
sagte sie in allem Ernst, sie heirate nur einen Mann, der Egon, 
Alexander oder höchstens Georg heiße. Da kam gerade ihre Mama 
herein, um uns zur Jause zu rufen, und sagte gleich: „Was ist da 
mit dem Alexander und Georg? Ihr seid schreckliche Mädchen. Wie 
ihr zwei Minuten allein seid (ich bin schon um ^23 gekommen und 
um 4 Uhr jausnen die Brückners, das nennt die Mama der Hella 
2 Minuten), so hört man schon unpassende Sachen." Und weil die 
Hella Angst hatte, ihr Mama glaube, weiß Gott was, so sagt sie : 
Aber nein, Mama, wir haben nur darüber geredet, welchen Namen 
wir einmal für unsern Bräutigam am liebsten hätten." Ha, das war 
köstlich, wie ihre Mama auffährt. „Das ist es ja eben, daß Ihr mit 
kaum 15 Jahren (ich bin es nicht einmal noch) nichts als solche 
Sachen im Kopf habtl" Solche Sachen, zum Lachen wirklich. Bei 
der Jause war es ungefähr so fad, wie neulich bei uns am Abend; 
denn der Herr Baron war da, d. h. sie sagen jetzt schon alle Du zu 
einander, weil die Hochzeit schon im Februar sein wird, sobald es 
bestimmt ist, ob der Baron in London bleibt oder nach Berlin kommt. 
Das muß doch komisch sein, zu einem ganz fremden Herrn „Du" zu 
sagen. Die Hella sagt, sie war es gleich gewöhnt und der Paul gefällt 
ihr überhaupt ganz gut. Wenn er der Lizzi Bonbons bringt, wenn sie 

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ins Theater geht, bringt er auch immer ihr ein Extra-Sackerl voll. 
Das würden andere Leute gewiß nicht tun und n och an der e 
Leute würden es nicht nehmen! Wie ich heute nachhause kam, sagt 
der Papa: Na, ein andersmal schlaf gleich bei den Brückners, und 
da sagte ich: „Ich wollte nicht stören." Und der Oswald sagt: „Dem 
Schnabel gehört eine Ohrfeige," der Papa war aber zum Glück schon 
bei der Tür draul3en und so sag ich : „Deine Kinde r, wenn du 
überhaupt einmal welche hast, kannst du mit Ohrfeigen traktieren, 
daß sie grün und blau werden, aber über deine Schwestern hast du 
gar kein Recht, das hat dir der Papa schon einmal gesagt, in 
Fieberbrunn." „Ja, ja, der Papa hat euch zweien immer die Stange 
gehalten, das war von jeher so." „Bitte mich nicht hineinzuziehen in 
Euren Streit", sagt die Dora, als ob sie et\vas anders wäre als ich. 
Und dann sagt die Tante Dora: „Aber ich bitte Euch, streitet doch 
nicht in einemfort." „Ich habe nicht angefangen," sage ich noch und 
gehe dann ohne Gute Nacht sagen hinaus; d. h. zum Papa bin ich 
in sein Zimmer gegangen und die Tante Dora habe ich im Vorzimmer 
gesehen. Aber dem Oswald und der Dora habe ich nicht Gute 
Nacht gewünscht, denn ich brauche mir doch nicht alles gefallen 
zu lassen. Und jetzt ist es schon V2I2 Uhr, weil ich so lange 
geschrieben und so viel geweint habe, denn ich bin sehr unglücklich. 
Das weiß nicht einmal die Hella. Ich muß jetzt ins Bett gehen ; ob 
ich werde schlafen können, das ist eine andere Frage. Morgen gehe 
ich wieder allein auf den Friedhof, wenn es nur halbwegs 
möglich ist. 

3L Heute waren die Hella und ich auf dem Friedhof. Ihr Papa 
und ihre Mama sind gestern abends wieder weggefahren nach Krakau 
und da sagte sie zu ihrer Großmama, sie ist den ganzen Vormittag 
bei mir und ich sagte, ich bin bei ihr. Und so fuhren wir allein nach 
Pötzlemsdorf. Die Hella schaute sich den ganzen Friedhof an und 
ich ging indessen zum Grabe unserer lieben einzigen Mama. Ich bin 
so unglücklich ; die Hella tröstete mich zwar sehr, aber sie kann ja 
das doch nicht verstehen. 

L Jänner 19 . . ! Wir haben gestern natürlich keinen Sylvester- 
abend gefeiert, sondern waren ganz allein und es war sehr traurig. 
Heute vormittags kam der Herr Dr. P. mit einem Bouquet Rosen für 
die Dora und der Tante Dora und mir gab er sehr schöne Veilchen 

204 



beim Gratulieren. Da er am 4. wegfahren muß, so ist er für den 3. 
am Abend eingeladen. Ich bin nicht entzückt davon. Morgen fängt, 
Gott sei Dank, die Schule wieder an. Ich bin einem Mistwagen 
begegnet, das bedeutet Glück; der Papa sagt, es ist ein Skandal, daß 
bei uns in Wien noch immer der Mistbauer fährt und gar am 
Neujahrstag um 2 Uhr nachmittags. Aber schließlich, wenn er 
Glück bedeutet! 

2. Jänner: Also der Mistbauer hat nicht gelogen. Heute schon 
haben wir das Glück erlebt! In der großen Pause entsteht auf 
einmal im Vorraum ein ganzer Knäuel von Mädchen und plötzlich 
glaube ich, mir zerspringt das Herz. Die Frau Dr. M. d. h. die Frau 
Professor Theyer steht mitten unter den Mädchen und sieht uns 
gleich und gibt uns beiden die Hand, die wir sofort küssen. Sie ist 
zum Besuch ihrer Eltern da mit ihrem Mann, dem Herrn Professor; 
da sie nicht bestimmt wußte, ob sie dazukomme, in die Schule zu 
kommen, so schrieb sie weder mir noch der Hella etwas davon. Gott, 
sie ist so schön und so entzückend lieb. Wie schon die Pause 
abgeläutet ist und die Frau Dr, Dunker hereinkommt, sehe ich sie 
noch draußen stehen. Da halte ich mir schnell mein Taschentuch vor, 
als ob ich Nasenbluten hätte, und stürze hinaus zu ihr. Und weil ich 
ausrutschte und beinahe hinfiel, hielt sie mich mit beiden Armen auf. 
.Kaum bin ich bei ihr, kommt die Hella und sagt: „Ah, ich habe 
doch sofort verstanden; ich habe gesagt, dir ist furchtbar schlecht, 
ich muß nach Dir sehen." Da lachte die Frau Professor sehr und 
sagte: „Ihr seid ja ganz infame Komödiantinnen; ich werde Euch 
gleich hineinjagen." Aber natürlich tat sie es nicht, sondern war 
furchtbar reizend und endlich sagte sie : Wir müssen jetzt in die 
Klasse gehen. Da baten wir sie riesig, sie solle uns heraußen lassen 
bei ihr, aber sie sagt: „Nein, dabei kann ich als Eure einstige 
Lehrkraft Euch nicht unterstützen. Aber ich sag Euch etwas besseres. 
Besucht mich morgen auf ein Stündchen, wollt Ihr?" „Natürlich", 
riefen wir beide. Und sie sagte, sie wohne eigentlich im Hotel, aber 
damit wir nicht allein ins Hotel kommen müßten, so wird sie bei 
ihren Eltern in der Schwindgasse sein und dorthin sollen wir bis um 
4 oder Va^ Uhr kommen. Da küßten wir ihr beide Hände und waren 
so glücklich! Also morgen um 4 Uhr! Gott, noch eine ganze Nacht 
' und fast einen ganzen Tag müssen wir warten. „Wenn Eure Eltern 

205 



es erlauben," sagte sie: mein Gott, wenn der Papa oder sogar die 
Großmama der Hella das nicht erlauben wollten! Der Papa sagte 
nur: „Ich bitt' dich Gretel, verlier nur nicht noch vorher deinen 
Verstand, sonst findest du nicht einmal in die Schwindgasse. Ist die 
Hella auch so verrückt?" Natürlich, wie kann man da anders sein. 

3. Jänner: Noch 2 Stunden, es ist gräßlich, um Va4 Uhr holt 
mich die Hella ab. In der Schule schauten wir uns heute fortwährend 
an und die anderen Mädchen glaubten, es sei etwas mit einem Herrn. 
Gott, wo denken wir jetzt an einen Herrn! Wir hatten eine wunderbare 
Idee, wir machen I h r noch schnell ein Andenken, da sie erst am 5. 
am Abend wegfährt. Ich habe mir auf maisgelber Seide eine Buch- 
zeichen verdrucken lassen, Edelweiß und ihr Monogramm E. T. 
natürlich, das neue. Und die Hella malt in Intarsienimitation ein 
Papiermesser. Mir wäre so etwas auch lieber gewesen, aber ich habe 
keine Geduld dabei und da verpatze ich es sehr oft zum Schluß. Bei 
einer Stickerei kann man nichts verpatzen.- Aber leider bekomme ich 
es vom Vordrucken erst um ^l^A Uhr; also muß ich die ganze Nacht 
und morgen den ganzen Tag arbeiten. 

Abends: Gott sei Dank und leider Gott, wie mans nimmt, hat 
die dumme Person von Vordruckerin vergessen auf das Lesezeichen 
und ich bekomme es erst morgen in "der Frühe, Also kann ich jetzt 
schreiben: Es war himmlisch ! Wir mußten mindestens V" Stunde 
spazieren gehen vor Ihrem Haus, bis es endlich 5 Minuten" nach 4 
war. Gott, Sie war süß! Sie wollte uns Sie sagen, aber das duldeten 
wir absolut nicht, und so sagte sie wieder Du. Ich weiß gar nicht, 
was wir alles geredet haben, nur, daß ich plötzlich schrecklich weinte; 

und da zog sie mich an ihre B . nein so etwas schreibe ich 

nicht von ihr; sie zog mich an sich und da spürte ich Ihr Herz 
schlagen! und wurde fast verrückt. Die Hella behauptet, ich habe 
sie mit beiden Armen um den Hals genommen, aber das ist eine 
Embildungvon der Hella, das hätte ich mich nie getraut. Sie hat so 
entzückende Hände und der E h e r i n g glänzte so an ihrem göttlichen 
Rmgfmger. Wir redeten natürlich von der Schule und da fragte sie 
plötzlich: Was war denn das eigentlich mit diesen Aufsätzen, in denen 
die halbe Klasse absichtlich keine Satzzeichen setzte? .Gott,« sagen 
wir beide, „das ist eine gemeine Lüge, die halbe Klasse hat das 
nicht getan, sondern bloß 6, die Sie, Frau Doktor, immer besonders 

206 ' 



verehrten." Und dann erzählten wir ihr, wie alles war. Da lachte sie 
ein kleines Bißchen und sagte: „Na, Kinder, einen besonderen 
Liebesdienst habt Ihr mir damit nicht erwiesen. Das ganze war 
wirklich eine große Frechheit." Und da sag ich: „Und die Bemerkungen 
des Herrn Prof. Fritsch sind noch zehnmal frecher gewesen, denn sie 
bezogen sich auf eine Lehrkraft und noch dazu auf Sie." Da sagte 
sie: „Liebe Kinder, das ist schon einmal so im Leben, daß den 
Abwesenden immer eine üble Nachrede gehalten wird, berechtigt und 
unberechtigt; das ist leider in jedem Beruf so." Und die Hella sagte 
dann noch, daß die Frau Direktorin nicht so ist, denn sonst wäre ein 
Riesenskandal entstanden, da die Affäre in sämtlichen Lyzeen Wiens 
bekannt ist. Da sagte die Frau Dr. M.: „Ja, die Frau Direktorin ist 
ein wirklich vornehmer Charakter." Also jetzt kommt noch etwas 
Großartiges, eigentlich 2 großartige Dinge: 1.) wartete sie uns mit 
herrlichen Bonbons auf, wie ich sie noch nie gegessen habe. Das 
bestätigte auch die Hella und wir beide kennen uns in Zuckerln 
wirklich gut aus. Und das zweite, noch herrlichere, war Folgendes: 
Nachdem wir schon einige Zeit dort waren, klopft es und herein 
kommt I h r M a n n, der Herr Prof. und sagt : „Gruß Gott, mein Schatz" 
und zu uns „Guten Tag, meine jungen Damen." Und dann stellt 
sie uns vor und sagt: „Zwei meiner liebsten Schülerinnen und meine 
treuesten Anhängerinnen." Da lacht der Herr Prof. sehr und sagt: 
„Das kann man nicht von allen Schülern behaupten." Da sag ich 
schnell: „O bei der Frau Dr. schon, für die ginge die ganze Klasse 
heute noch durchs Feuer." Dann ging er wieder hinaus und sie sagte: 
Pardon, einen Augenblick und man hörte deutlich, daß er sie im 
Nebenzimmer küßte, denn sie sagte noch im Hereinkommen: „Aber 
geh, leb wohl, Karl." Leider heißt er nur Karl, das ist ein so prosaischer 
Name und er nennt sie Lise und wenn sie allein sind, wahrscheinlich 
Lieschen, da er ein Norddeutscher ist. Ich muß ins Bett gehen, es ist 
gleich V2I2. Morgen Fortsetzung. Schlafe wohl, mein süßer herrlicher 
wonniger goldener einziger Schatz ! Gott, ich bin so glücklich ! 

6. Jänner: Gott sei Dank, daß heute Feiertag ist und wir keine 
Rodelpartie machen können, weil die Dora verkühitÜ ist. Also am 
4. habe ich das Lesezeichen bekommen und habe den ganzen Tag 
und bis 12 Uhr in der Nacht gearbeitet und gestern stand ich schon 
um V2G Uhr auJ und arbeitete wieder den ganzen Vormittag und 

207 



nachmittag um 2 Uhr trugen wir die Andenken bin. So gern wir es 
selbst abgegeben hätten, so taten wir es doch nicht, sondern gaben 
es beim Stubenmädchen bloß ab. Sie fragte: Bitte, soll ich die Fräulein 
anmelden, aber die Hella sagte gleich: „Danke, nein, wir wollen nicht 
stören und unten sagte sie auf meine Vorwürfe: Nein, es ist besser 
so; Du bist ohnehin ganz aufgeregt, Du weißt, was Sie gesagt hat: 
„Aber liebes Kind, du wirst ja krank; das darfst du mir nicht antun!" 
Gott, ich muß so weinen, daß ich gar nicht schreiben kann, aber ich 
muß schreiben, denn es ist noch soviel Herrliches zu berichten, was 
ich nie, nie vergessen darf, und wenn ich 8 Tage dran schreiben muß. 
Was liegt daran; ich' lebe nur mehr dieser Erinnerung und ich will 
auch nichts anderes, als Sie einmal noch in meinem Leben wieder- 
sehen. Wir hatten ihr am Freitag natürlich Blumen gebracht, ich 
Maiglöckchen mit Veilchen und Tuberosen und die Hella langstielige 
Eisrosen. Sie bedankte sich riesig und holte sofort 2 Vasen, die ihre 
Mama hereinbrachte. Sie ist so klein wie die Frau Hofrätin R. und 
hat schon graue Haare, reizend; aber sie sieht eigentlich der Frau 
Dr. M, nicht ähnlich. Beim Abschied wartete sie uns noch einmal mit 
den Bonbons auf, aber weil wir beide beinahe schon weinten, so 
wollten wir nicht mehr nehmen und da wickelte sie uns beinahe die 
ganzen Bonbons ein und sagte: „Zum Trost in Eurem Leide." Bei 
jemanden andern würde einem so etwas wie eine Ironie vorkommen, 
aber bei ihr ist es einfach süß. Es waren 17 große Bonbons und die 
Hella gab mir durchaus 9 und sie nahm bloß 8. Ich esse täglich nur 
ein einziges, damit ich 9 Tage davon zehren kann. Von meinem 
Glück und meinem Leid!! Die Hella fühlt nicht ganz so diese 
Liebe wie ich und gestern sagte sie, allerdings nur im Spaß: „Mir 
scheint, die ganze Welt ist für dich versunken; ich muß dich heraus- 
reißen, sonst schnappst du noch über." Und dann sagte sie, wie ich 
so blöd sein konnte, und zu ihr das Wort Hochzeitsreise sagen 
konnte, obwohl sie sich räusperte. Das war ein Blödsinn ersten Ranges 
und die Frau Prof. ist auch ganz rot geworden dabei. Ich habe das 
gar nicht bemerkt, nur wie ihr Mann, der Herr Professor hereinkam, 
da wurde sie wirklich flammendrot. Wir redeten dann noch 
Verschiedenes in dieser Hinsicht, nämlich die Hella und 
ich. Ich hätte sie riesig gern gefragt, ob sie konfessionslos geworden 
ist, da der Herr Prof. doch ein Jude sein soll, obwohl er eigentlich 

208 



nicht jüdisch aussieht. Denn schließlich einen schwarzen Bart haben 
auch viele andere Herren. Aber ich getraute mich nicht zu fragen und 
die Hella meint, das sei sehr vernünftig gewesen, denn an solche 
Dinge rührt man nicht. Ob Sie ein Kind bekommt? Oott, 
das wäre gräßlich. Vielleicht hat sie überhaupt auch einen solchen 
Ehekontrakt abgeschlossen, das wäre das Allerbeste. Die Hella glaubt 
aber, daß der Professor auf so etwas nicht eingegangen wäre. Aber 
schließlich, wenn er sie wahnsinnig liebt . . . 

15. Jänner: Die Mädchen in unserer Klasse beneiden uns 
wahnsinnig. Wir haben es nicht direkt gesagt, daß wir bei Ihr, der 
Einzigen, eingeladen waren, aber die Hella hatte ein Bonbon von 
ihrer Hand mit und sagte in der Pause: Das muß man mit Andacht 
essen und schnitt es auseinander, um mir die Hälfte zu geben. Die 
Ehrenfeids glaubten, es sei von einer Eisbekannschalt und die Trude 
sagte: „Ah, doppelt süß, von Chokolade und Liebe." „Ja." sag ich, 
„aber nicht in dem Sinn, wie D u es meinst." Und wie sie sagte: 
„Na, das weiß man schon, aber ich will nicht indiskret sein," sagt 
die Hella: »Also, damit du es weißt, dieses Bont>on und noch viele 
andere haben wir von der Frau Dr. M. d. h. der verheirateten 
Frau Prof. Theyer bekommen, da wir eingeladen waren. Da waren 
alle ganz paff und sagten: .Gott, die Glücklichen; ja, Ihr wart immer 
die ausgesprochenen Lieblinge der Frau Dr. M., besonders die Lainer. 
Aber die hat es auch immer schrecklich getrieben mit der Frau Dr. M." 

17. Jänner: Die ganze Schule weiß von unserer Einladung bei 
Ihr, der Göttlichen ! Jetzt lese ich gerade alles noch einmal und sehe, 
daß ich noch riesig Vieles gar nicht geschrieben habe, nämlich das 
von ihrem Papa. Wie wir weggingen, weinten wir unter beim Haustor 
furchtbar, weil ich beim Toraufmachen sagte: Zum letztenmal! Da 
kommt ein alter Herr beim Tor herein und wie er sieht, daß wir 
weinen, obwohl wir ganz im Dunkeln standen, kam er auf uns zu 
und fragte, was mit uns sei. Da sagte die Hella: .Wir haben unsere 
beste Freundin verloren." Da schaut uns der alte Herr riesig lang an 
und sagt: „Sind Sie nicht am Ende die beiden glühenden Verehrerinnen 
der Frau Dr. Mallburg? das ist meine Tochter I Und dann sagte er: 
Aber so in Tränen gebadet können Sie unmöglich auf die Gasse 
gehen. Kommen Sie nur noch einmal mit mir hinauf, meine Tochter 
wird Sie schon trösten." Und richtig gingen wir nochmals hinauf und 

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sie war einzig. Ihr Papa machte die Tür auf und rief: „Lieserl, deine 
Verehrerinnen können sich von Dir nicht trennen und wollen sich in 
Tränenbächlein auflösen." Da kam sie hinaus und hatte einen rosa 
Schlafrock! ! I an zum Küssen. Und sie zog uns ins Zimmer hinein 
und sagte: „Kinder, schaut mich nicht an in dem alten Kittel, der 
zum Wegwerfen ist." Am liebsten hätte ich gesagt: „Schenken Sie 
ihn mir." Aber das konnte ich doch nicht sagen. Und wie wir dann 
weggingen für ewig, ewig vielleicht, da küßte sie uns jede 
zweimal und sagte: Kinder, ich wünsche Euch, daß Ihr recht, recht 
glücklich werdet! 

18. Jänner: Die Hella hat mich für heute nachmittags eingeladen» 
da der Lajos und der Jenö kommen. Aber ich gehe nicht, denn mir 
liegt nicht das Mindeste am Jenö. Das war nie eine echte Liebe. 
Ich mache mir aus niemanden auf der ganzen Welt etwas, außer Ihr, 
meiner Einzigen ! Das versteht eben die Hella nicht und das nennt 
sie dann übergeschnappt sein. Auch der Papa wollte, daß ich zur 
Großmama der Hella gehe, damit ich auf andere Gedanken 
komme. Mein Gott, ich rede ohnehin schon kein Wort mehr von Ihr, 
weil mich niemand versteht. Aber daß auch der Papa so ist wie die 
anderen, das hätte ich nie geglaubt. Übrigens daß ist Tatsache, daß 
ich abmagere. Ich bin ganz froh, daß wir heute auch keine Rodelpartie 
machen, da die Dora verkühlt ist, nämlich diesmal wirklich verkühlt. 
Da gehe ich nach der Kirche in die Schwindgasse und gehe vor 
ihrem Haus auf und ab ; vielleicht treffe ich einmal ihren Papa oder 
ihre Mama. Vorgestern habe ich ihr geschrieben. 

24. Jänner: Ich bin glücklich. Sie hat mir postwendend 
geantwortet. Das ist der zweite Brief von Ihr! Der Papa sagte heute 
zu Mittag: „Na Gretel, was machst denn du heute für ein beglücktes 
Gesicht; so sonnige Augen habe ich schon lange nicht an dir gesehen." 
Und da sagte ich nur ganz kurz: „Nach Tisch werde ich Dir den 
Grund sagen." Denn die anderen brauchen es nicht zu wissen. Und 
wie ich dann dem Papa ganz im allgemeinen sagte, daß mir die Frau 
Professor Th. geschrieben hat, sagte der Papa: „Also darüber hast 
du dich so gefreut. Aber ich habe auch etwas in petto, was dich 
freuen wird. Der 1. u. 2. Febr. sind ein Sonnlag und Montag, da 
hast du 2 Tage frei und wenn du und die Hella für Samstag in der 
Schule dispensiert werdet, so könnten wir eine Partie nach Mariazeil 

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machen. Was meinst du?" Also das ist herrlich, wenn nur die Hella 
mitfahren darf, denn ihre Großmama bildet sich ein, die Halsentzündung 
vor Weihnachten hat sie sich auf der Rodelpartie am Anninger geholt, 
wo ihr die Schuhsohle abriß! Als ob wir dafür könnten. Also hoffentlich 
hat sie es schon vergessen ; sie ist ja doch schon 63 Jahre, da vergißt 
man schon ziemlich viel, 

Abends: Also, die Hella darf mit; es wird herrlich! vielleicht 
probieren wir auch ein bischen Skilaufen. Übrigens ist die Hella ein 
greulicher Fratz; sagt sie: „Ja, ich geh mit, wenn du mir schwörst, 
daß du nicht in einemfort von der Frau Professor Th. schwärmst. Ich 
habe sie ja auch riesig gern, aber du bist einfach verrückt." Das ist 
unerhört und ich werde Ihren Namen nie mehr zu den anderen aus- 
sprechen. Auf die Rodelpartie in Mariazeil freue ich mich riesig. So 
eine große Winterpartie haben wir noch nicht gemacht. Juchhu, das 
wird feini Gott, wenn nur schon der 31. Jänner da wäre; ich freue 
mich wahnsinnig. 



14« 



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Zum Ausgang. 



Das frohe Hoffen der jungen Rita, in glitzernder Winterpracht 
auf der sausenden Rodel hinzujagen, blieb unerfüllt. Mit rauher Hand 
griff das Schicksal in das Leben der Geschwister ein. Am 29. Jänner 
brachte die Rettungsgesellschaft den Vater, vom Schlage getroffen, 
seinen ahnungslosen Töchtern ins Haus, wo er, ohne das Bewußtsein 
wiederzuerlangen, nach wenigen Stunden starb. 

Aus der sorgenden, liebewarmen Atmosphäre der Familie gerissen, 
von der Freundin getrennt, rang bei Verwandten in einer Provinzstadt 
das entsetzte Seelchen der jungen Waise um seinen Frieden 



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