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Full text of "Vom dichterischen Schaffen der Jugend. Neue Beiträge zur Jugendforschung [Quellenschriften zur seelischen Entwicklung Band III.]"

•MF 







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Quellenschriften zur seelischen Entwicklung 

Band HI 



Vom dichterischen Schaffen 
der Jugend 

Neue Beiträge zur Jugendforschung 



von 



Dr. Siegfried Bernfeld 



1924 

Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Leipzig / Wien / Zürich 



Alle Rechte, 
insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten 

Copyright 1924 
by .Internationaler Psychoanalytischer 
Verlag, Ges. m. b. H.°, Wien 







INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Gesellschaft für graphische Industrie, Wien, DL, Rüdengasse n 



INHALT: 



Die psychologische Literatur über das dichterische Schaffen der Jugendlichen (1924) 1 
Das Dichten eines Jugendlichen dargestellt nach dessen Selbstzeugnissen (1915) 10 
Phantasie und Realität im Gedicht eines Siebzehnjährigen (1916 und 1920) ... 58 

Über Novellen jugendlicher Dichter (1922) 97 

Über ein Motiv zur Produktion einiger satirischer Gedichte (1922) 215 

Das Erstlingswerk nach Selbstzeugnissen (1922) 220 

Phantasiespiele der Kinder und ihre Beziehung zur dichterischen Produktivität. 

Von Dr. Wilhelm Hoffer 238 

Ergebnis und Aufgaben (1924) . 257 

Verzeichnis der zitierten Schriften 284 



Die psychologische Literatur über das dichterische Schaffen 

der Jugendlichen. 

Mit der Tatsache des dichterischen Schaffens der Jugendlichen hat 
sich die Wissenschaft bisher noch sehr wenig befaßt. 1 Und das hat seinen 
Grund darin, daß sie weder für die experimentelle Psychologie noch auch 
für die experimentelle Pädagogik ein irgendwie belangvolles Problem dar- 
stellt. Die Kinderpsychologie hat nur die Möglichkeit, die Vorstufen zu 
betrachten; auch davon ist freilich wenig Gebrauch gemacht worden; die 
Psychologie der Pubertät aber wurde bisher im ganzen recht vernachlässigt. 
In der pädagogischen Literatur, die sich mit dem Aufsatzunterricht beschäftigt, 
ist zuweilen — im Zusammenhang mit den Bestrebungen, diesen Unterricht 
gänzlich frei zu gestalten — auch vom freien außerschulmäßigen dichterischen 
Schaffen die Rede, aber ganz beiläufig. Die Literaturwissenschaft schließlich, 
soweit sie überhaupt psychologischer Methode sich bedient, hat wenig Anlaß, sich 
mit dem Kunstschaffen der Jugend, das ja gerade in den für das Künstlerische 
bezeichnenden Momenten unvollkommen und uninteressant ist, ausführlich 
zu befassen. Zu diesem Mangel an Interesse kommt noch die Schwierigkeit, 
das Material zu beschaffen. Man kann nicht sagen, daß es sich dem Forscher 
geradezu aufdränge. Vielmehr müssen eine ganze Anzahl von Bedingungen 
— teils recht zufälliger Natur — zusammenwirken, ehe eine größere 
Sammlung davon wissenschaftlicher Bearbeitung zugänglich wird. 

Doch schien es mir wünschenswert, daß auch dieses Gebiet eingehend 
studiert werde. Man ist nur zu gern bereit, die Bedeutsamkeit eines Themas 
zu überschätzen, dem man eine geraume Zeit lang Arbeit gewidmet hat. 
Darum sei vorweggenommen: es gibt gewiß dringendere und lohnendere 
Forschungsaufgaben. Dennoch dürfte sich unser Thema als ein nicht völlig 
vernachlässigüngswürdiges erweisen lassen. Ein ernsthaftes Studium der 

1 Die bibliographischen Angaben finden sich im Literaturverzeichnis am Ende 
des Bandes. 






2 Die psychologische Literatur über das dichterische Schaffen der Jugendlichen 



Jugendpsychologie verlangt die Beachtung des dichterischen Schaffens schon 
aus einfachen systematischen Gründen. Hier liegt eine Erscheinung vor, die 
ein Typus Jugend — und ein nicht gerade seltener — aufweist. Motiv 
genug, sie erforschen zu wollen. Aber darüber hinaus kann diese Form 
des Phantasielebens unmöglich die einzige unwichtige sein, und für die 
Psychologie des Dichters kann es nicht ohne Erkenntniswert sein, die Art 
und die Ursachen der Vorstufen studiert zu haben. Das Dichten der Jugend- 
lichen ist aber nicht allein eine Art Phantasietätigkeit, es ist zugleich auch 
eine Art schöpferischer Tätigkeit — einerlei wie man es im einzelnen und 
allgemein bewerten möchte — und die Erforschung der Schaffensprozesse 
ist ohne Zweifel eine wichtige und dringende Aufgabe psychologischer 
Forschung. 

Diese Erwägungen waren es auch, die mich 1913 zum Entschluß 
veranlaßten, Material zu dieser Frage zu sammeln und zu bearbeiten. 
Vermutlich waren es ähnliche Erwägungen, die ungefähr um die gleiche 
Zeit auch andere zu gleichem Versuch anregten. Soweit ich sehe, waren 
dies Aloys Fischer, Stern und dessen Schüler Giese und Bobertag. 
Schon 1906 hatte Emil Fischer denselben Gedanken angedeutet. Welchen 
Erfolg diese Sammelversuche hatten, darüber fehlen Mitteilungen, doch waren 
Materialien dieser Art auf einigen Kongressen ausgestellt. Meine eigenen 
Sammlungen haben derzeit einen Umfang von etwa 60.000 Nummern; ein 
schwaches Drittel ungefähr sind dichterische Produktionen Jugendlicher; 
das Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht, Berlin, das Institut für 
angewandte Psychologie, Berlin und das Institut für Kinderforschung in 
Budapest berichten über den Besitz von Materialien der in Rede stehenden Art. 

Die erste umfangreichere Untersuchung über unser Gebiet hat Dyroff 
seinem Buch über das Seelenleben des Kindes eingefügt. Vorher ist die 
Tatsache der poetischen Produktion der Jugendlichen — und das nur selten 
— von einigen gerade noch erwähnt worden. Verwunderlich ist dies nicht, 
da ja die Pubertät in keiner ihrer Äußerungsformen, bis vor wenigen 
Jahren, eine mehr als flüchtige, beiläufige Behandlung erfahren hat. Eine 
Ausnahme machte nur Stanley Hall, der der Psychologie der Jugend 
ein sehr umfassendes und gründliches Werk gewidmet hatte. Doch räumt 
er der schriftstellerischen Produktion der Jugend nur wenige Seiten ein. 
Bezeichnenderweise im Kapitel: Adolescence in literature and biography 
stellt er nebenbei aus Selbstbiographien eine Anzahl von Daten über die 






, 



Die psychologische Literatur über das dichterische Schaffen der Jugendlichen 3 

Produktivität in der Pubertät zusammen und fügt einige pädagogische 
Bemerkungen hinzu, ohne das Tatsachengebiet als solches auch nur abzu- 
grenzen und die psychologische Betrachtung auch nur zu empfehlen. 

Dyroff verarbeitet in erster Linie die poetische Produktion dreier 
Mädchen von ihrem zweieinhalbten bis fünfzehnten Jahr und eines Knaben 
bis in sein vierzehntes Jahr und ergänzt diese Längsschnitte durch 
Querschnitte aus verschiedenen Jahren mehrerer Kinder vom achten bis zum 
sechzehnten Lebensjahre. Proben werden reichlich geboten. Dyroff zeigt, 
daß das poetische Schaffen dieser Kinder in voneinander sonderbaren 
Perioden verläuft. Die erste wäre vom dritten bis sechsten Jahre anzusetzen. 
In dieser Zeit wird „jedes geistig normale Kind" „poetische Spielereien 
irgendwelcher Art treiben können, sofern ein Beispiel auf es Einfluß zu 
üben vermag . . . Nachahmungs- und Spieltrieb erzeugen zuerst jene bald 
sinnvollen, kaum aber in allen Teilen verstandenen, bald sinnlosen Verse, 
die anfänglich mit Gesang, bald aber auch ohne Gesang erschallen. Freude 
am bloßen Wortklang, am Neuen, d. h. eben erst Beachteten, das imponiert, 
hat einen starken Anteil an ihnen. Das Wesentliche ist ursprünglich das 
Musikalische. Aber die mit der Zeit grassierende, durch ein bekanntes 
Gesetz des Gedächtnisses mögliche Reimwut und die Manier der Prosa- 
erzählungen fördern die Loslösung der gehobenen Wortrhythmik von der 
Tonrhythmik. Der Rhythmus ist überhaupt von den Melodien leicht lösbar 
und auf anderes zu übertragen. Er hat, anfangs in trochäischer, später auch 
gerne in jambischer, immer aber in möglichst einfacher Form, die führende 
Rolle; später weicht er unter der fortschreitenden Übermacht teils des 
Denkens, teils des allmählich einsetzenden Lernens fester Verse, bei 
nachlassender Versfreude und spärlicheren Versübungen zurück und läßt 
den Sinn mehr und mehr zur Herrschaft gelangen ; dann drängen sich 
auch laxere Rhythmen ein. Wird nach Überwindung der kurzen La-Periode 
alles zum Vers, was im Augenblick in den Kopf kommt, überwiegen da 
die Mächte des Gedächtnisses, so bestimmt später mehr die augenblickliche 
objektive Wahrnehmung den Inhalt der Gedichte, die als etwas Wert- 
volles erkannt, aber noch nicht mit wertvollem Inhalt gefüllt werden. Stehen 
anfänglich Dinge im Vordergrund, die auf das Gefühl stärkeren Eindruck 
gemacht hatten, so kommen mit dem fünften bis sechsten Jahre auch reale 
Interessen an die Reihe. In der ersten Zeit scheint zwischen dem ersten starken 
Gefühlseindruck, den ein Ding verursacht und seiner dichterischen Verarbeitung 



4 Die psychologische Literatur über da s dichterische Schaffen der Jugendlichen 

in der Regel eine Zeit zu liegen, in der das beliebte Ding weniger 
beachtet wurde (Latenzzeit) ... Die Verbindung von Mimik (Tanz) einer- 
seits und Musik wie Poesie andererseits löst sich mit der Zeit fast ganz. 
Auch der spielhafte Charakter der ersten Versübungen ist mit dem fünften 
Jahre dem Verschwinden nahe." 

Weit verbreitet findet Dyroff die Lust am Dichten in der Zeit von 
neun bis sechzehn Jahren; um das vierzehnte Jahr scheint sie mächtig zu 
wachsen. Aus seinem Material glaubt er schließen zu dürfen: „Alle 
bekannten Dichter aller Zeiten müssen im dritten bis fünften Jahre Übungen 
ähnlicher Art durchgemacht haben, wie sie hier verzeichnet sind. Ob der 
Dichter Homer oder Schiller heiße, ob das Versmaß dies oder jenes ist, ist 
gleichgültig. Die poetische Kraft bricht nicht erst im „reiferen" Alter mit 
einem Male auf. Auch sie fügt sich dem Gesetze des geistigen Wachstums 
und erfordert eine lange stetig aufsteigende Entwicklung." 

Und seine Untersuchung zusammenfassend, sagt Dyroff: „Vor allem 
tritt als Kurs der stetigen Entfaltung des poetischen Interesses hervor, daß 
das Formale während der Kindheit durchwegs und während der Zeit vom 
elften bis sechzehnten Jahre trotz scheinbaren Rückganges der Fertigkeit 
im Vordergrunde steht. Zuerst setzt sich der Takt für einfachen Rhythmus 
fest. Daktylen und Anapäste sind nur wie verirrte Bruchstücke, in Wahrheit 
Erzeugnisse der Not. Durchgeführte Daktylen und Anapäste können nur 
künstlich entstanden sein. Wenn größere Selbständigkeit im Stoff der 
Dichtung angestrebt wird, geht oft die erworbene Formenreinheit wieder 
verloren. Die Reimereien der ersten Zeit (drittes Jahr und die folgenden) 
sind wesentlich Reimspiele, die des zehnten und elften Jahres schlechte 
Angewohnheiten. Der Unterricht stößt um das dreizehnte Jahr auf Sinn und 
Vermögen für mannigfachere Versarten. Die Stoffe der Kindergedichte sind 
den Altersinteressen entsprechend. In ihnen spiegelt sich nur der allgemeine 
geistige Stand. Zwischen dem zehnten und dem zwölften Jahre scheint bei 
Mädchen besonders das Religiöse anzusprechen. Der erste Schritt aus der 
bloßen Nachahmung der ersten Jahre heraus scheint durch ein Studium 
nüchtern prosaischer, oft stark materieller Realistik zu gehen, wenigstens 
bei Knaben (um das achte bis elfte Jahr?). Dann aber — und in besonderem 
Maße um das vierzehnte Jahr — löst sich teils in größerer Freiheit der 
Phantasie, teils in feinerer Stimmung das formale Talent von so sprödem 
Boden los und sucht ideale Reiche jenseits vom gegenwärtigen Augenblick 






Die psychologische Literatur über das dichterische Schaffen der Jugendlichen 5 



zu erobern. Auch das Kompositionstalent ist nun geworden: Die breite 
Geschwätzigkeit geht zurück und wahre Abrundung und Geschlossenheit, 
bessere Auswahl und strengere Zucht der Vorstellungen wird erreicht. 
Niemand kann übersehen, wie innig der poetische Fortschritt mit dem 
intellektuellen Hand in Hand geht. Wie den ersten Nachahmungen ein Ver- 
stehen vorauseilt, so hat die Reife des Selbstbewußtseins, die zunehmende 
Erkenntnis des Menschen davon, daß er in der Welt steht, gegen sie und 
doch verflochten mit ihr, die Intuition von den Gefühlswirkungen äußerer 
Ereignisse das Erstarken des Stimmungsgehaltes in den Gedichten zur Folge. 
Ein innerlich vollkommen ansprechendes originales Gedicht ist vor dem 
vierzehnten Jahre kaum so recht denkbar. Kindergedichte pflegen arm an 
poetischen Wendungen, reicher an logischen Gefügen zu sein. Auch das 
poetische Verständnis erwacht eher als die poetische Kraft. Äußerungen der 
Selbstkritik, wie „das ist nur dummes Zeug", bergen trotz der Koketterie, 
die dahinter lauern mag, doch die Befürchtung, hier könne etwas nicht in 
Ordnung sein; sie sind vom zehnten Jahre an zu beobachten. Der Siebzehn- 
jährige muß das Dichten sozusagen von neuem lernen. Man dichtet nur in 
einer Art von Einsamkeit. Auch das Kind hält sich beim Dichten zurück, 
um so mehr, je älter es wird, je weniger demnach das Dichten Plaudern 
und Vorstellungsdrang ist. Ein Knabe pflegte sich im Zimmer beim Dichten 
auf den Boden zu werfen und, mit Händen und Füßen um sich schlagend, 
unter heftigem Stöhnen zu arbeiten. Andere liegen sinnend im stillen Gras 
oder auf der Gartenbank. Bei Mädchen sind Formgefühl und zarte Stimmung 
eher vervollkommnet als bei Knaben. Der Knabe bleibt eherner, schwer- 
fälliger; dafür dringt er unaufhaltsam zu größerer Originalität vor. Wie naiv 
trotz allem das jugendliche Dichten noch bleibt, das geht aus der Tatsache 
hervor, daß die Jugend nicht sieht, wie abhängig sie von anregenden Vor- 
lagen ist." 

Die zweite umfangreiche Untersuchung hat Fritz Giese zum Ver- 
fasser. Sie ist an einem mehrere Tausende von Gedichten, Skizzen und anderen 
Produktionen umfassenden Material vorgenommen; sie berücksichtigt das 
Alter von sechs bis neunzehn Jahren, vorwiegend aber den Lebensabschnitt 
der Pubertät im weiteren Sinne des Wortes. Giese fügt seiner Abhandlung 
500 Proben bei, bisher die umfangreichste Publikation kindlicher und 
jugendlicher Produktionen vom psychologischen Gesichtspunkt aus geordnet. 
Giese bestätigt Dyroffs Ansicht von der außerordentlich weiten Ver- 












6 Die psychologische Literatur über das dichterische Schaffen der J ugendlichen 

breitung poetischer Betätigung der Kinder und Jugendlichen. Ohne daß er es 
ausführlich formulieren würde, erweist sein Material, daß diese Produktivität 
in der Jugendzeit einen besonderen Aufschwung nimmt, quantitativ und 
intensiv ebenso gut wie in Bezug auf Form und Inhalt der Produkte. „Alle 
Werke, Dichtungen wie Prosa, sind im ganzen viel einheitlicher in der 
Möglichkeit der Produktion als man meint. Es herrscht bei der Jugend eine 
Wiederkehr des Ähnlichen, eine Art Gleichförmigkeit des psychischen 
Geschehens. Daher läßt sich die Jugenddichtung leicht schematisieren. 
Formen der Poesie sind der Jambus, die Reime aa, ab ab und der Vier- 
zeiler. In der Prosa herrschen gleichmäßig Bericht, Erzählung und Märchen. 
Lektüre und Milieu spielen bei den Jugenddichtungen eine große Rolle. Die 
Lektüre bei allen, das Milieu bei den Ungebildeten. Rasse und Religion 
spielen eine untergeordnete Rolle. Es findet während der verschiedenen 
Altersstufen ein gewisser Wechsel der Formen und Inhalte statt. Ein- 
schneidend wirkt die Pubertät, die vor allem nachwirkend die Erotik in den 
Vordergrund stellt und auch indirekt Religion, Natur und Philosophie in 
den Bann ihrer Wirkung schlägt. Das bewußte Dichten beginnt erst dort 
und dürfte für die Jugend den Höhepunkt bedeuten. Bei den meisten ist 
damit überhaupt der dichterische Kulminationspunkt gegeben. Die Erkenntnis 
der Jugend über ihr Dichten ist klarer als man meint. Im allgemeinen sind 
sich alle ihrer Unvollkommenheit deutlich bewußt, wie die Kritik des eigenen 
und des fremden Werkes oft genug zeigt. Die Frage, ob als Erlebnis die 
Jugenddichtung dem Dichten des Erwachsen gleicht, wird zu bejahen sein. 
Zumal männliche Autoren schaffen, wie Formen und Inhalte dartun, bewußt 
Kunstwerke. " 

D y r o f f stellte Unterschiede im Dichten zwischen Knaben und Mädchen 
fest. G i e s e folgt dieser Frage, mit besonderem Interesse und faßt die 
Ergebnisse so zusammen: „Die Dichtung von Knaben und Mädchen ist 
formal wie inhaltlich verschieden. Der Knabe dichtet mehr Poesie, das 
Mädchen eher Prosa. Der Knabe hat durchschnittlich eine größere Silben- 
länge in seinen Beiträgen als das Mädchen. Haupttendenz inhaltlicher Art 
sind beim Knaben und beim männlichen Jugendlichen alle philosophischen, 
alle logischen Momente. Daher ist er kritischen und satirisch-ironischen 
Beiträgen nicht abgeneigt. Das Mädchen ist viel mehr für das Emotionale 
eingenommen. Daher kennt es auch intensiver religiöse und soziale Probleme. 
Das Schaffen der männlichen Dichtung ist poetische Produktion, Originalität, 



Die psychologische Literatur über das dichterische Schaffen der Jugendlichen 7 



Schaffen aus dem Erleben. Die der weiblichen Autoren ist vorzüglich Anhäng- 
lichkeit an das Traditionelle in Inhalt wie Form und Schaffen bei Gelegen- 
heit. Hauptgrundzug der Stimmung ist bei den männlichen Autoren das 
Ernste, die ruhige Würde. Bei den Mädchen herrscht Heiterkeit vor. Haupt- 
themata der männlichen Dichtung sind Philosophie, dann Erotik und Natur. 
Bei den Mädchen Natur, Erotik, besondere Gelegenheit und Religion. In 
der Prosa des männlichen Verfassers herrscht Selbsterlebnis und Märchen- 
welt. Das Mädchen gleicht ihm hierin völlig. Doch muß hervorgehoben 
werden, daß allgemein genommen der männliche Autor zur inhaltlichen 
Differenzierung eher neigt als das Mädchen, weil dieses nicht so zahlreiche 
Themen bearbeitet wie der männliche Jugendliche. Der Knabe dichtet; das 

Mädchen schreibt." 

G i e s e s Arbeit wird von den Autoren, die zusammenfassend über 
Pubertät schreiben, erwähnt und referiert; das dichterische Schaffen wird 
gelegentlich als besonderer Abschnitt einer Psychologie der Pubertät gefordert 
oder anerkannt, so bei Tumlirz und Grunwald. Seinem Ergebnis fügen 
sie weder kritisch noch positiv etwas hinzu. 

Von den speziellen Fragen haben einige wenige bei einigen Autoren 
ein erstes Interesse gefunden. Auf die eigenartige Gruppe von Produktionen 
Jugendlicher, die durch die Worte , Kneipzeitungen, Schülerzeitschriften u 
bezeichnet ist, macht Ernst Wyneken aufmerksam. Zum selben Thema 
bringt G i e s e eine Bibliographie, in der er eine Anzahl der vom Archiv 
für Jugendkultur gesammelten Zeitschriften nennt und kurz beschreibt. 
Einige Proben von Tertianerpoesie gibt Schlemmer, mit allgemeinem 
Hinweis auf das dichterische Schaffen dieses Alters. Aus Bondys Buch 
kann man entnehmen, daß auch der proletarischen Jugend dichterisches 
Produzieren naheliegt. Und schließlich hat Stern eine kleine Sammlung 
von Kriegsgedichten bearbeitet, ohne zu allgemeinen Ergebnissen zu 
gelangen. Den allermeisten Erzeugnissen dieser Art fehlt die volle Spon- 
taneität, sie sagen mehr über die Wirkungen des Milieus auf das Kind und 
den Jugendlichen als über deren dichterische Prozesse. Immerhin ist manches 
aus Sterns Aufzeichnungen über die Details von Anregung und Produk- 
tion im II. Teil der Arbeit als Material von Wert. 

Das Phänomen des frühzeitigen Auftretens poetischer Produktion hat 
natürlicherweise nicht nur in den genannten Arbeiten, sondern in den 
mannigfaltigsten Zusammenhängen Erwähnung der Forscher gefunden. Aber 



8 Die psychologische Literatur über das dichterische Schaff en der Jugendlichen 

eben bloß Erwähnung- So z. B. im psychologischen Zusammenhang von 
B o o d s t e i n, der einige bezügliche Daten gesammelt hat. Ausführlicher 
ist die Zusammenstellung von Daten bei Rev6sz. Er unternimmt sie, um 
Antwort zu erhalten auf die „grundlegenden Fragen: In welchem Alter 
treten die besonderen Begabungen und Anlagen auf und wann entfalten sie 
sich?" Für beide Fragen gilt, daß „ der Wendepunkt selbst der am frühesten 
entwickelten Künstler (Schriftsteller und Dichter), der die primitiven künst- 
lerischen Versuche des Kindes von der wirklichen Kunst trennt, in das Ende 
der Pubertätszeit und den Beginn der zweiten Hälfte des Jünglingsalters 
fällt, also in das Alter zwischen 17 und 20 Jahren". Es „zeigt sich die 
dichterische Begabung gar nicht selten in der zweiten Hälfte der Jünglings- 
zeit, wenngleich durchaus nicht so allgemein wie in der Musik, man kann 
also aus ihrem verzögerten Auftreten durchaus nicht auf das Fehlen der 
künstlerischen Qualitäten schließen." 

Die Behandlung unseres Themas von Autoren, die sich der psycho- 
analytischen Methode bedienen, wird in dem Schlußaufsatz dieses Buches 
besprochen werden, hier genügt die Erwähnung, daß Rank, Hitschmann, 
Anna Freud und ich hierhergehörige Arbeiten publiziert haben. 

Diese kurze Übersicht der vorhandenen psychologischen Literatur über 
das Thema dieses Buches rechtfertigt, so scheint mir, völlig seine Ver- 
öffentlichung. Denn mehr ist über das dichterische Schaffen der Jugend 
noch kaum wissenschaftlich erfaßt, als daß es eine weitverbreitete Tatsache 
ist; daß es den Altersperioden und dem Geschlecht nach gewisse Differen- 
zierungen aufweist und die Natur dieser Differenzen vage umschrieben ist. 
Weder über die Psychologie des poetischen Produzierens, noch über seinen 
Zusammenhang mit der psychischen Gesamtentwicklung, geschweige denn 
über die psychische Funktion der Tatsache im allgemeinen und ihrer diffe- 
renten Erscheinungsformen im besonderen ist irgend Beträchtliches und 
Fundiertes bekannt. Die nun folgenden Untersuchungen leisten gewiß keine 
Lösung dieser Fragen, aber sie versuchen unser Wissen über einige Punkte 
zu vermehren und einige Tatsachen, die von gewissem Belang für das 
Thema sind, festzustellen. Um uns dem Thema von verschiedenen Seiten her 
zu nähern, haben wir unsere Untersuchungen von differenten Gesichtspunkten 
aus unternommen. Die erste Arbeit bringt einen Längsschnitt; sie stellt die 
Formen, Motive und Absichten des dichterischen Schaffens eines Jugend- 
lichen von seinem 14. bis zu seinem 20. Lebensjahr dar, und zwar an 



Hand seiner eigenen Aufzeichnungen. Die zweite Arbeit untersucht ein ein- 
zelnes Gedicht eines Siebzehnjährigen, indem sie, soweit die Protokolle über 
freie Assoziationsstunden erlauben mochten, den Determinanten der in diesem 
einen Gedicht niedergelegten Phantasie nachgeht, insbesondere die Frage 
beachtend, wie sich das reale Erleben in der Phantasie, der Dichtung 
widerspiegelt. Im Gegensatz zu diesen beiden Untersuchungen berücksich- 
tigt die dritte nicht einen Autor, sondern eine bestimmte Gruppe von Pro- 
duktionen, die Novellen jugendlicher Dichter; und versucht die Frage zu 
stellen, ob es nicht eine bestimmte psychische Situation ist, die in so ver- 
schiedenen Persönlichkeiten die Bedingung zur Produktion einer Dichtung 
dieser bestimmten novellenartigen Form schafft. Die zwei folgenden kleinen 
Mitteilungen bestätigen einige in den früheren Aufsätzen gewonnene 
Resultate an zufällig vorliegendem Material (als Nebenprodukt einer Ana- 
lyse; aus einer Publikation zur Literaturgeschichte). Die letzte Arbeit schließ- 
lich, die mir Herr Dr. Wilhelm Hoff er freundlichst zur Publikation überließ, 
stellt in einem Punkt den Anschluß an die Vorpubertät her; sie zeigt, wie 
gewisse psychische Phänomene der Vorpubertät eine sehr nahe Verwandt- 
schaft mit den Vorgängen des Dichtens in der Pubertät haben. 



Das Dichten eines Jugendlichen 

dargestellt nach dessen Selbstzeugnissen. 
I. Die Selbstaussagen und Proben. 

Walter R. hat, so wie viele junge Leute, dem „Archiv für 
Jugendkultur" (jetzt in meinem Privatbesitz) seine Tagebücher, seine und 
seiner Freunde Briefe und seine sehr umfangreiche literarische Produktion 
zur wissenschaftlichen Bearbeitung übergeben. 

Dieses Material umfaßt alles, was an Schriftstücken aus seinem vier- 
zehnten bis zwanzigsten Lebensjahr erhalten ist. Im folgenden stelle 
ich aus diesem Material zunächst chronologisch die Stellen zusammen, 
in denen sich Walter über sein eigenes Dichten äußert und füge dabei 
erwähnte Dichtungen, soweit es der Umfang gestattet, ein. Die Äußerungen 
über den Anlaß zum Dichten sind fast vollzählig mitgeteilt, vom übrigen sind 
zahlreiche Wiederholungen ausgelassen; ferner blieb alles ausgeschlossen, was 
sich nicht auf die poetische Produktion im engeren Sinn, sondern auf technische, 
wissenschaftliche und ähnliche Arbeiten bezog. (Auslassungen, die aus Rück- 
sicht auf Walter R. vorgenommen werden mußten, sind ebenso wie die aus 
technischen Gründen durch . . . bezeichnet. Entstellungen wurden prinzipiell 
vermieden, nur die Vornamen wurden durch frei erfundene ersetzt, die 
Familiennamen durch willkürlich gewählte Buchstaben angedeutet.) 

Einige psychographische Daten über Walter R. Walters Vater: wohlhabender 
Kaufmann, Selfmademan und Autodiktat. Walter wurde geboren in einer österreichischen 
Großstadt, leble vom neunten Jahre an in der Gartenvorstadt seines Geburtsortes, 
vorher zweieinhalb Jahre in einem Dorfe in dessen Nähe. Schulbildung: Von sechs 
bis zehn, teils zu Hause unterrichtet, teils an fünfklassiger Koedukations-Dorfschule. 
Von zehn bis neunzehn, Gymnasium, teils zu Hause, teils öffentlich; V. (Uli) repetiert; 
bis zur VI. (O II) sehr schlechter Schüler; von da an mittelgut. Mit neunzehn 
Universität: Naturwissenschaften, vornehmlich Biologie. Körperkonstitution : schwächlich; 
längere Aufenthalte in Sanatorien in der Zeit von vlerzehneinhalb bis sechzehn. 
Nationalität: jüdisch. Geschwister: zwei jüngere, Schwester und Bruder. 

Erklärungen zu den Exzerpten. Die Walters Schriften wörtlich entnommenen 
Stücke sind eingerückt gesetzt. Die kleineren Ziffern, die am Rande in Klammern 



Das Dichten eines Jugendlichen 11 

stehen, beziehen sich auf die Ordnung des Materials im II. Abschnitt. Die größeren 
Ziffern am Rande geben das Alter Walters zur Zeit der Niederschrift der betreffenden 
Stelle in Jahren und Monaten an. Sperrungen, Abkürzungen usw. sind genau wie im 
Original; nur gleichgültige orthographische und Schreibfehler sind verbessert. Verse 
sind aus Raumersparnis unabgeteilt gesetzt, wobei / eine Verszeile, // eine Strophe 
bedeutet. Bemerkungen in eckigen Klammern sind vom Herausgeber. 

14, 4; Tagebuch. 

24. September. Vor Monaten ging ich einmal an dem . . . fluß, der damals 

(7) sehr angeschwollen war, allein spazieren. Da fiel mir ein: Ein Knabe geht mit 
seinem Vater. Da sehen sie eine Menschenmenge sich vor einer Brücke stauen. 

(8) Sie treten hinzu: der Fluß ist angeschwollen und donnernd brandet er sich an 
dem starken Brückenpfeiler. Plötzlich schreit der Knabe auf und sagt, er sehe 
eine Nixe, die ihn locke etc. Der Vater halt ihn für fieberkrank und beobachtet 
ihn gut. Nächsten Tag ist er aus der Wohnung ausgebrochen — man findet 
seinen Leichnam im Flusse. Einige Zeit beschäftigte ich mich wieder mit dem 
Stoff und änderte ihn um; Ein Jüngling sieht in einem Fluß eine Nixe, die 

(6) ihn dazu bewegt, daß er ins Wasser springe.. Ich hatte schon die Disposition 
genau ausgearbeitet, die erste Strophe in Versen abgefaßt, da ließ ich es fallen. 
Heute lasen wir in der Schule .der Fischer* von Goethe. Ich war sehr freudig 
berührt, daß ein Mann wie Goethe denselben Gedanken hatte wie ich, und 

(12) es befiel mich aul wenige Stunden ein .Größenwahn". Dies geschieht bei mir 
sehr oft. Manchesmal, wie heute, dauert er kurze Zeit, oft aber, leider, Tage. 

(7)(1) An solchen Tagen schreibe ich .Gedichte", die von allen, denen ich sie gebe, 
gut genannt werden, von denen ich aber nichts halte. Nichtsdestoweniger 

(5) bewahre ich sie auf, um mich einmal in meinen späteren Jahren an meinen 

(3) Jugenddummheiten zu ergötzen. 

[Diese Bemerkung bezieht sich auf ein Heft Erste Gedichte, das in sorgfältigster 
Reinschrift bis zum obigen Datum, beginnend mit dem dreizehnten Geburtstag, zwölf 
Stücke enthält, die fast durchwegs ihre Stoffe dem Gebiet der Schule entnehmen. Als 
Probe sei angeführt]: 

13, 4; Die Gründung von Karlsbad. II König Karl zog einstens 

(8) aus, / Dem Waidwerk, dem schönen, / Dem edlen zu fröhnen. / Er jagte 
hinaus / Ins weite Waldrevier. / Schon hat er der Hirsche vier / Erleget 
mit zehen Enden // Da tauchte einer mit sechzehn / Auf. Ein prächtig 
stolzes Tier / Viel schöner als zusammen die andern vier. / Schon hats den 
König gesehen. / Bevor er den Bogen gespannt, / Staunt es und ist fort- 
gerannt. / Doch die Meute mit vielem Gekläff, // Verfolget ihn kühn. / 
Der Liebling Karls allen voraus, / Sprang auf die Lichtung hinaus. / Hier 
hindert eine Pfütze ihn. / Der Hirsch war klug und umging sie scheu, / 
Der Hund wollt klüger sein und sprang wie ein Leu, / Ins siedende Wasser 
hinein. // . . . [Es folgen vier ähnliche Strophen.] 



12 



Das Dichten eines Jugendlichen 



13, 9; An viele Schüler. I Er hat den Tag verträumt, / Schließt's Buch und 

(8) meint / Er hat erlernt, / Was er in einem Mond versäumt, / Und spricht 
zu sich: Gelingt mirs morgen nicht, / So hol' der Teufel dich! / Natürlich: 
Es mißglückt. / Daheim: / Nein, Nein! / So kanns nicht länger sein! / 
Da fällt ihm ein sein gestrig Wort; / Der gute Geist war weg — weit fort. 
/ Du fragst erstaunt, wer so ist? / Du! entsetzt sprichst: Oho! / Kannst 
du sagen, wenn Dus liest, / Ruhig: Ich tus niemals so. / Dann sei froh! 

14, 4; Tagebuch. 

(12) 26. September. Heute habe ich wieder einmal „Größenwahn in geringer 

Ausdehnung*. Nämlich ich beschäftigte mich wie so oft mit dem Stoff zu 

(7a) einem .Drama". Den Stoff entnahm ich einer Ballade Dahns „Die Königin von 
Aragon*, die ich das erstemal in der zweiten Klasse von einem Deklamator 
vortragen hörte. Sie machte einen sehr tiefen Eindruck auf mich und ich war 
sehr erfreut, als ich sie in Colshorns „Deutsche Balladen und Bilder", das ich 
zu meinem dreizehnten Geburtstag erhielt, wieder vorfand. Eigentümlicherweise 

(7) (6) bildet sich bei mir jedes Gedicht, jede Erzählung, kurz, alles was dazu geeignet 
ist, in ein Drama um, und bevor ich es recht selber weiß, ist in meinem 

(12) Gehirn bereits der Plan zu einem „Trauerspiele" etc. vorhanden; natürlich roh 
und sklavisch an die Vorlage, genug er ist da. So auch hier. Alle Phasen will 

(5) ich nicht aufschreiben : Sie sind es nicht wert. Kurz gesagt, ich habe aus dieser 
so kurzen Erzählung den Stoff zu einem regelrecht gebauten Drama, besser 
gesagt Trauerspiel von drei Akten. Hie und da kommt es über mich und ich 

(3)(12) schreibe in „Jamben" schwungvolle (!) Reden, für einzelne Helden; ja die erste 
Szene habe ich bereits in tadellosen Jamben— Anapästen in drei verschiedenen 

(5) Fassungen geschrieben. Derartige Ergüsse unterdrücke ich, denn ich glaube, es 
ist schädlich für mich: Es könnte mir eines schönen Tages einfallen: Du bist 
ein Dichter! Dann wäre es aus mit meinen naturwissenschaftlichen Studien. 
Nicht nur das, ich würde, ich kenne mich gut, unglaublich schwülstiges Zeug 

(12) schreiben, es vorlesen etc. und schließlich, wenn man mich verlachte, hielte 

(3) ich mich für ein unverstandenes Genie. Mag sein, daß ich ein Talent habe, 
und deshalb übe ich mich, aber nicht in Dramen, denn das allein halte ich 
für das Gefährlichste, weil für das Schwerste. Nein, habe ich Lust und Stoff, 

(12) so schreibe ich Aufsätze, „Gedichte" etc. Meine Ansicht ist ferner: Nicht nur 

(1) ungefährlich, sondern nützlich ist es, wenn ich mich mit Maß mit Stoffen 
beschäftige, trägt man ihn lange Jahre mit sich und denkt man darüber nach, 

(5) so schleift sich das Dumme, Absurde, Fehlerhafte ab, und mit zwanzig Jahren 
etwa wird, nachdem man lange Stil und Technik geübt, Auffassung geläutert 
und Wissen gesammelt hat, mit Lust und Liebe geschrieben, leicht, wenn man 

(12) Talent dazu hat, etwas Gutes. 

22. Oktober. Heute ging ich zum ersten Mal nach meiner Krankheit 

(7 a) spazieren. Das Wetter war herrlich. Es ergriffen mich dabei gar poetische 









Das Dichten eines Jugendlichen 



13 



(10) Gefühle, das heißt ich hatte ein Gedicht über den Herbst bereits im Kopfe, 
aber es auszusprechen wäre mir unmöglich gewesen, noch weniger es in 

(6) Verse zu bringen. Das ist aber leider bei mir so, ich kann das, was ich fühle, 
nicht aussprechen. 

November. Die Lust am Tagebuchschreiben verliere ich wieder einmal, 

weil ich gar so viel einzutragen vergesse, da mir alles das, was ich am Abend 

(8) im Bette denke und untersuche, — oft dauert es bis elf Uhr — am Morgen 

vollständig entschwunden ist. Sonst habe ich über mein Gedächtnis nicht zu 

klagen. 

//. November. Als ich aus der Stadt am Abend nach Hause kam, rief 
mir das Stubenmädchen zu, ein Freund, Karl V. oder so ähnlich, sei dagewesen 
und habe Einlaß in mein Zimmer gefordert. Nur mit Widerstreben habe sie ihn 
hineingeführt und er sei so frech gewesen und habe, nicht achtend auf ihren 
Redeschwall, den Schreibtisch aufgesperrt und darin herumgekramt. Als sie 
verzweifelt zum Telephon eilte, um mich anzurufen, sei er davon gegangen. 
Ich war empört. Er hieß zwar nicht Karl, aber doch Franz V., dieser gute 
Freund. Ich eilte die Treppe hinauf, denn mich faßte Angst um meine Heilig- 
tümer — Tagebuch, .Dramen*, .Gedichte*, Aufsätze, — die sich auch in der 
(4) Schreibtischlade befinden und verschiedenes enthalten, das nicht für fremde 
Augen ist. Richtig, das erste Heft fehlte. Darin befinden sich: ... Er hatte 
alles gesehen, meine Geheimnisse aufgedeckt, mit seinen tempelschänderischen 
Händen entweiht. Ich schäumte, doch bald gab dieses Gefühl einem anderen 
Raum, der Furcht, er erzählt es vielleicht morgen, ja er liest es vor, er wird 
sagen, daß ich Gedichte schreibe, daß ich meinen Mitschülern schändliche 
Denkmäler setze, man wird meiner spotten, es war furchtbar. Unbeschreiblich 
waren die Gefühle und Gedanken. 

12. November. V. sagte mir heute, er habe wirklich das Heft genommen, 
versprach mir aber, weder irgend jemand etwas davon zu sagen, noch über- 
haupt die Sache je zu erwähnen und morgen das Heft mitzubringen. Ich bin 
sehr froh, daß es so ablief. 

ij. November. Da mir V. heute das Heft nicht brachte, empfing ich ihn 
mit einer Ohrfeige. Er verlangte von mir noch das Tagebuch, sonst würde er 
mir die „Dramen" nicht zurückgeben. Ich sagte ihm nichts zu und schlug nichts 
ab. Nachmittag brachte er es mir endlich. Ich bin sehr froh, daß die Sache 
so ablief. 
(1) ij. November. Es treibt mich, ein Gedicht, das heißt eine Ballade zu 

schreiben, es brennt mich in den Fingern und ich fühle, jetzt habe ich Kraft 
dazu und nun fehlt mir ein Stoff. 

(1 1) 17. November. Dichten können heißt, die Fähigkeit haben jedes Gefühl, 
jeden Gedanken in gebundener Rede mit gewählten Worten, womöglich, 
allegorisch ausdrücken zu können. 



14 Das Dichten eines Jugendlichen 

21. November. Endlich habe ich Stoffe. Im Livius I, 11 ab urbe condita, 
(7a) ist der Sage von der Tarpeia Erwähnung getan. Ich will sie zu einer Ballade, 
(6) besser gesagt poetischen Erzählung verwenden. Allerdings muß Ich die Sage 
ummodeln — licentia poetica — und zwar so, daß Tarpeia wirklich unschuldig 
ist, mit dem .Was ihr an dem linken Arm tragt" meint sie die Waffen, will 
die Sabiner in den Hinterhalt locken, bedingt aber, daß nur 15 Soldaten ein- 
dringen dürfen. Diese will sie den Römern überliefern, allein die Sabiner kommen 
in Haufen und töten sie. Ich möchte dies in zwei bis drei unabhängigen 
Gedichten machen. Ob es gehen wird? 
(6) 22. November. Ich begann die „Tarpeia". Versmaß — - — -^ — •_ _ w _ ^_ 

mit Anapästen gemischt; Reimstellung abxbay, in zwei Abteilungen. Besondere 
Fähigkeiten scheine ich nicht zu haben, da ich nachdenken muß und mehrmals 
eine Strophe beginne, auch kann ich das, was ich sagen will, nicht genügend kurz 
(1) geben. Ich hätte nie begonnen, wenn ich nicht einen so unwiderstehlichen 
(12) Drang gehabt hätte und leider bin ich zu schwach, einem Drang nicht nach- 
zugeben. Leider. 

2j. November. Der Ballade erster Teil Ist vollendet. Ein Ungetüm von 
(12) sechs sechszeiligen Strophen. Vier hatte ich machen wollen und sechs sind 
(5) geworden. Haha! Übrigens finde ich das Ganze blöd; der Vollständigkeit halber 
(3) hebe ich es auf. 

Erste Gedichte. 

(8) 2j. November. Tarpeia I. Gar lieblich blüht's und knospet's überall; / 

In allen Zweigen, in allen Hecken / Erwachend zwitschern die Vöglein 
munter; / Der Falter gauckelt aus sichern Verstecken; / Der Lenz, der Lenz 
einzieht in das Tal, / Der Lenz, Gott Mavors heiliger Monat. // Doch statt 
zu freuen sich der schönen, / Der herrlichen Zeit, nur ernst und düster / 
Sind Romas Bürger, denn der Sabiner / Gewalt'ges Heer, es naht beim 
Geflüster, / Bei kommenden Lenzes melodischen Tönen. / Und siehst du 
das Mägdlein dort in der Unschuld / Gewand des Spurius Tochter Tarpeia, / 
Die liebliche Priesterin? Das Wasser zu holen / Für der zürnenden Gottheit 
Opfer, Tarpeia / Hinschritt zum fröhlichen Bach, mit Geduld / Der Krüge 
schwere Lasten tragend. / Mit eilendem Schritt erreicht sie das Bächlein, / 
Erfüllt ihre Pflicht; zur Erde nieder / Dann Blumen zu winden zum Kranze 
sich, / Die weißen Arme sie senkt, und wieder / Erhebend mit dem Kranze 
klein / Ihr Händchen, betrachtet sie lang ihn und stumm.// Darauf sie sprach: 
»Nicht ziemt der Priesterin, / Der ernsten, tändelnd Kränze zu flechten, / 
Die ruhmvollen Männern, liebenden Bräuten, / Nicht ihr sind bestimmt. Doch 
darf ich nicht rechten / Mit dem Geschick. Und sie warf in die Flut ihn: / 
„So will es die Göttin, drum fahre du hin!* // Da entstürzt dem Dickicht ein 
Sabiner, / Er faßt der Jungfrau Leib und reißt / Sie fort : .Auch mir die Tochter 
stahl man. / Die dort" und wütend gen Roma er weiset, / .Sie sollens büßen! 
Jetzt raubt euch der / Sabiner die Röm'rin! Tatius. Frohlock!" 






— . 



Das Dichten eines Jugendlichen 15 

Tagebuch. 

(4) aj. November. Ernst las ich .Tarpeia" vor. Er tadelte daran, daß die Sätze 
zu wenig mit den Versenden abschließen und daher der Reim nicht hervortritt. 

(5) Der Mann hat recht. 

/. Dezember. So oft ich an die „Tarpeia" denke, muß ich mich über 

(5) meine Dummheit ärgern, die ich beging, als ich sie schrieb, denn jetzt kann 
(7) (1) ich sie nicht vollenden und wahrscheinlich auch nicht in nächster Zeit. .Dichten* 
(12) kann ich nur an Tagen, an denen mein Trieb so groß ist, daß er alle Bedenken 

und das Gefühl der Ohnmacht zu zerstören imstande ist, was selten der Fall 
ist; und doch muß ich es vollenden, denn nichts ist mir unangenehmer, als 
eine unvollendete Arbeit dieser Art, — sonst mache ich alles gerne nur halb 
— trotzdem wage ich es nicht. 

(10) 8. Dezember. Ich habe wirklich poetische, das heißt lyrische Gedanken. 

(7) (1) Doch nicht nur verworren und unklar, nein, ich bin mir ihrer ganz bewußt. 

(2) Plötzlich taucht er auf und das Gedichtchen ist fertig — ohne Vers und Reim. 

(6) Niederschreiben kann ich es nicht so ohne weiteres. Da muß ich erst nachdenken, 

(5) Verse zählen, Reime suchen. Ich denke, man nennt das: Poetisches Gemüt ohne 
dichterische Gestaltungskraft. Auch recht! So besitze ich auch etwas, was nur 
jeder Zehnte vielleicht besitzt. 

14, 10; Tagebuch. 

io. April. Im . . . Sanatorium lag ich einmal auf der Liegehalle bei 

(10) Sturm und Regen. Die Wolkenfetzen jagten am Himmel und verdunkelten die 

(7) Sterne, die beim Fenster hineinschienen. Endlich wurde es klar. Ich sah ein 

(6) Sternlein, da tauchte bei mir die erste Strophe des Gedichtes .Trost" auf. In 
(5) wenigen Stunden hatte ich die zweite. Das ist — sozusagen — Inspiration. 

(11) Dieses Gedicht ist wirklich gut, finde ich, auch Ernst und Hanna sagen es. 
Lyrik will empfunden sein, darum finde ich einen großen Teil dieser Gedichte 
nicht besonders schön; nur die, die ich versiehe und nur soweit ich sie verstehe, 
gefallen mir. Während Balladen etc. .gemacht" sind; also Inhalt, Form etc. Ein- 
druck machen. 

Erste Gedichte. 

(10) 4. Mars. Trost. Ich sah ein Sternlein flimmern / In mondlos dunkler 

Nacht; / Durch Wolken sah ichs schimmern, / Das hat mir Trost gebracht. // 
Denn mags auch noch so toben, / Und mags auch finster sein, / Es zeigt 
sich endlich droben / Ein Stern, wenn auch nur klein. 

Tagebuch. 

28. April. Die letzte Woche war produktionsreich. Ich schrieb ein .Sinn- 
(5) gedieht", da.s nicht gerade miserabel genannt werden kann, womit nicht 

(12) gesagt werden will, daß es auch nur .ganz gut" ist, was bekanntlich soviel als 
.schlecht genug" heißt; ich glaube sogar noch einen Grad tiefer. Ferner den 



16 Das Dichten eines Jugendlichen 



Plan zu einem drei- bis vierteiligen Gedicht „Kulturfortschritt*, das auf die 
Pseudokultur (Krieg, Verhalten gegen „Wilde") Europas gemünzt ist. Dagegen 
habe ich seit dem 18. April, wie aus meinem Merkbuch zu ersehen ist, 
nichts gelesen. 

Erste Gedichte. 

24. April. Herz und Vernunft. Das Herz kann Vernunft nicht regieren, / 
Doch die Vernunft das Herz verführen, / Drum brauche getrennt die beiden ! / 
Dem Herzen das Schöne, / Das Weise der Vernunft! / So wirst du nimmer 
Schaden leiden. 

Tagebuch. 

(12) 29. April. Oft schon wollte ich meine „Unsterblichkeitshefte" insgesamt 

(5) verbrennen, noch nie tat ich es jedoch, und ich will es auch jetzt nicht Aber 

(3) nicht aus Schwäche, sondern lediglich darum, weil ich später einmal ein 

lustiges Stündchen haben möchte, was bei Gedichten und Aufsätzen zudem 

auch noch harmlos ist. Dagegen übergab ich heute den letzten Rest meiner 

(12) „Trauerspiele", „Schauspiele", soweit sie ausgeführt waren, nebst einem Teil 

der Pläne dazu den Flammen. Ha, wie sich die Kohlen freuten! 

(5) /. Mai. Ich verbrannte heute meine Aufsätze, Übersetzungen usw., denn 

die sind ganz wertlos für mich, während „Dramen", „Gedichte" und das 
(3) Tagebuch wenigstens einen historischen Wert besitzen. 

3. Mai. Die gedachte Idee ist riesig, spricht man sie aus, so hat sie 
(2) auch schon verloren, doch das Feuer der Augen, die begeisterte Rede erhebt 
(9) sie noch hoch — allein das kalte geschriebene Wort, es ist das steinerne Herz 
der Wassernixe ohne deren bestrickenden Leib. 

6. Mai. Ernst hat mein Gedicht „Herz und Vernunft" falsch aufgefaßt. 
Er meint, ich spreche hier der unbegrenzten Leidenschaft das Wort, was 
natürlich nicht der Sinn ist. Ich wollte nur sagen, man solle das „Schöne" im 
künstlerischen Sinne voll und ganz genießen und sich nicht durch Nörglerel 
daran das Schöne verbittern. Hinwieder bei der Wissenschaft soll jede Regung 
des Gefühls unterdrückt werden. Keine Parteiungen in der Gelehrtenrepublik \ 
nämlich persönliche Gehässigkeiten. 

12. Juni. Ich machte drei Gedichte. Eines, „Lehre" benannt, halte ich i n 
(5)(12)jeder Beziehung für gut (3—4); Das beste daran ist, es ist empfunden, wirklich 
(9) aus dem Innern geflossen, es ist nicht erdacht und erlogen. Das zweite sind 
eigentlich drei, sie gehören aber inhaltlich zusammen, bilden eine Steigerung. 
(9) Den Plan dazu habe ich schon früher einmal gefaßt, und auch, wenn ich nicht 
irre, da irgendwo hineingeschrieben. Titel fiel mir gerade keiner ein, drum 
(5) ließ ich das Kind ungetauft, denn ich will nicht einmal Titel dichten. Inhalt- 
lich finde ich es gut; die Form läßt viel zu wünschen übrig. Auch dieses ist 



Das Dichten eines Jugendlichen 



17 



(7) nicht „gemacht'. Nun zum dritten, „Begegnung" genannt. Bei einem Spazier- 
gang traf ich Melitta (Wie ich .Sie" von nun ab heißen will, weil mir dieser 
Name ausnehmend gut gefällt) mit ihren Eltern. Ich konnte leider nur 
wenige Worte mit ihr wechseln, denn ihre Eltern hinderten mich daran, da sie 
das und das zu fragen hatten, und wie gesagt, ich kann sie sehr gut 

(9) leiden. — Dächte sie das gleiche nur von mir! — Darüber war ich sehr bös. 

(6) Beim weiteren Verfolg fiel mir der Inhalt ein, aber nicht in Prosa, sondern 
gleich in Versen; ich hatte keinen Bleistift und fünf Minuten später zu Hause 

(2)(12)war es mir entfallen. Ich improvisierte es jedoch wieder, und zwar mit Ver- 
besserungen (?) und änderte auch beim Abschreiben einiges. Das ist also mehr 

(5) oder weniger .gemacht', deshalb auch gehörig holprig. Trotz meines Rhythmus- 
gefühls ist da noch mancher Bock drin. 



Erste Gedichte. 



(10) 



(8) 



(8) 






6. Mai. Lehre. Ich sitz im Wald auf weichem Moos / Und blicke in die 
Ferne, ins Blaue. / Da bin ich aller Sorgen los; / Hell wird die Theorie, die 
graue. // Ich hör die Vöglein singen / Und seh die Mücken tanzen; / Da 
scheint es leis zu klingen / Wie Lehren vom Weltganzen. // Ich lausche und 
bin still / Und flüsternd hör ichs sagen: / .Wer was erreichen will, / Der 
muß sich mühn und plagen!" 

4. Mai. 1. In eines Strauches Zweigen / Hat eine Spinne ihr Netz; / 
Auf der Mücke Reigen / Lauert sie lüsternen Augs. // Hat die Fliege gefangen / 
Sich im Faden fein, / Wird sie tückisch gefressen. / Muß sie Nahrung sein. 

29. Mai. 2. In der Oase saftigem Grün / Da schleicht der Wüste Sohn: / 
Zum Zelte will er hin: / Dort schläft seines Vaters Mörder. // „Ha Schurke, 
Räuber, nun steh mir" / Er ruft es laut ihm zu / .Sieh, Vater, den tot' ich 
dir" / Und zielt auf seinen Feind. 

2. Juni. 3. Brennend durchziehen Landsknechte / Mordend, Plündernd 
das Land: / Krieg kennt keine Rechte; / Krieger dürfen rauben // Aschen- 
haufen, Leichen / zeigen den Weg des Heers, der / Vaterlandsretter, Schützer. / 
Das sind Kulturwahrzeichen. 

9. /»««'.Begegnung. Am Sonntag geh ich gern spazieren; / Da kann man 
manches hören und sehen. / Fast niemand gehet dann allein, / Noch weniger 
sieht man zu vieren, / Denn alle sind sie ja zu zwein. / Ein Männlein stets 
mit einem Weiblein, / Wies In der Bibel steht geschrieben. / Auch ich bin 
nicht ganz einsam hier, / Denn meinen Stock, den führ ich mit. / Doch 
lieber war ich noch zu dritt, / Versteht sich samt meinem Stock. / Ich biege 
um die Eck. .Potz Blitz, / Das ist ja die Gustel von Blasewitz ! € / Doch 
weils ohne Dornen nicht Rosen gibt, / So folgt wie ein Schatten das Eltern- 
paar. / O warum bist du nicht Peter Schlemihl?! / Mir liegt an diesem 
Schatten nicht viel. / Zum Teufel nun kann ich erst recht sie nicht sprechen! 

2 







18 Das Dichten eines Jugendlichen 






// .0 küß die Hand, gnä Frau! Guten Tag / Mein Herr!* (Der Kuckuck 
soll euch holen)... / Da fragte sie mich nun: .Und ihre / Schwester, ist 
sie nicht zu Hause? Ja?" / Wie lieblich ihre Stimme Ist! drauf: / »Nein 
leider ist sie fortgegangen, / Doch wenn sie sie besuchen wollen — • / 
(So wUrd ich, bis sie kommt, belustgen dich.) / .Ich will sie länger," die 
Alte spricht, / .nicht stören." .Aber nein, sie tuns ja nicht!" / (Hätt euch 
der Satan, sollts mich freun) . . . / Nach mehr als einer Woche sah ich / Sie 
zum erstenmal und ich / Könnt nicht drei Worte mit ihr sprechen ! / Es ist 
um aus der Haut zu brechen! / Wozu nur sind die Eltern da? / O dieser 
Mädchen Mütter, Väter? 

Tagebuch. 

29. Oktober. Ich möchte wohl wissen wie ein Gedicht zustande kommt. Doch 
halt! Ich weiß es ja. Wenn meine Erzeugnisse auch nichts wert sind, so sind 

(5) es doch Geistesprodukte und zwar selbständige ; denn ich habe niemals bewußt 
abgeschrieben. Doch zweifle ich nicht, daß meine .Gedichte" nur etwas besser 
schon irgendwo in meinen Büchern abgedruckt sind. Wer sie mir zeigen könnte! 
— Nun bei mir ist der Vorgang sehr einfach. Ich könnte ihn .poetische 
Schnackerln" nennen. Z. B. Am 10. dieses Monats saß ich in meinem Zimmer 

(7) dem westlichen Fenster gegenüber und las Hörnes .Urgeschichte des Menschen.« 
Die Sonne ging unter. Der Himmel war wundervoll gefärbt. Da summte ich 
vor mich hin: Kürzer werden schon die Tage, / Alles wirft nun längern 

(2) Schatten!// So etwa lautete es; mag sein, daß ein und das andere Wort nicht 
so gestellt war. Da Ich Papier und Blei bei der Hand hatte, schrieb ich es i n 

(6) der bequemsten Lage gleich nieder und siehe da, es sind Trochäen! Ha! 
sagte ich, vorwärts! Auf Schatten reimt sich Satten, doch das ist blöd! Ich 
habs! Bunter werden jetzt die Wälder/ schrieb ich welter und konnte auch im 
selben Augenblick weiter sagen: öder Wiesen, Fluren, Matten. / Von nun ab 

(12) wards komplizierter. Vielleicht entsinne ich mich. Ich sprach: das ist regel- 
rechter Anfang zu einem Herbstkarmen.Noch vom Abfallen der Blätter, Erinnerung 
an den Tod, Absterben der Natur, Hoffnung auf den Lenz, den Wonnemonat, 
und der Schwefel ist fertig. Nein ich will ein wissenschaftlich richtiges Gedicht 

(5) machen und ich schrieb eine ziemlich unbeholfene Strophe, in der vom 
geheimen Schwellen und Anlegen für den Frühling, von der Vorsorge der 
Natur die Rede war. Und der Schluß war: Früchte reifen erst zu Ende / Bei 
des Herbstes kalten Wettern. / Wie mir der Gedanke kam, weiß ich nicht, 

(5) genug er war da. Zu so einem halbwegs guten Gedanken, dachte ich, brauch 
ich aber keinen .schwellenden Schwefel" und ich schrieb binnen wenigen 
Sekunden als zweite Strophe: Blumen sterben vor des Herbstes / Kaltem, 
starren, Nordeshauch / Zahlreiche Früchte prangen: / Äpfel, Birnen, Trauben 
auch. / Und als Schluß: Welkten zwar des Sommers zarte / Kinder, Blüten hin 
und Blätter, / Reifen Früchte doch zu Ende / Erst bei stürm'schen Herbstes 
Wetter. / Eine halbe Stunde später las ichs wieder und änderte einige Kleinig. 










Das Dichten eines Jugendlichen 19 

keiten so wurde aus: „der Sonne Kinder" „des Sommers Kinder", aus .zahl- 
reiche Früchte aber prangen" „Früchte aber zahlreich prangen" . . . Das Gedicht 

(5) (7) vom 21. September „verdankt" (?) einem lieblichen Erlebnis sein Entstehen: 
Einige Tage vorher saß ich auf einem Hügel am ... ; eine arme Frau mit ihren 

(10) (9) Kindern kam hinauf. Die Alte setzte sich unweit von mir ins Gras, die Kinder tollten 
herum. Da kam ein reizendes Mädchen von etwa sieben Jahren mit einer 
Handvoll Herbstzeitlosen. Seine Augen blitzten vor Freude, als es „himmelhoch- 
jauchzend" der Mutter die Blumen zeigte. Die verwies es mit dem Bedeuten, 
sie seien Giftpflanzen. „Zutodebetrübt" mit Tränen in den Augen fragte es: 
„Warum ist denn gerade diese schöne, schöne Blume so giftig", und erschrocken 
und doch mitleidig warf sie die Blumen weg, mit einem so traurigen Gesicht, 
daß ich unendlich gerührt ward. Hätte Andersen das gesehen, er hätte eine 

(5)(12) schöne Skizze mehr in sein Bilderbuch gemacht. Ein paar Tage fiel mir diese 
Begebenheit ein und angesichts des. . . Bergs verbrach ich das „Gedicht" (?) 



Erste Gedichte. 
(10) 2/. September. „Mutter, sich die schöne, prächtge / Bunte Blume, die ich 

fand!" — / „Lieschen, die ist sehr, sehr giftig: / Nimm sie nie mehr in die 
Hand." / „Warum ist die schönste grade / Giftig, von so garstgen diese, / 
Hübscher als die andern alle?" — / Fragt betrübt die kleine Liese. / 

Tagebuch. 

ß. Dezember. Vor meiner Abreise schrieb ich ein Gedicht. Riecht sehr nach 
einer gewissen Heineschen Lotusblume, die sich vor einem gewissen Licht 
fürchtet. Aber mir gänzlich unbewußt. 

Erste Gedicht e. 

//. November. Die Tulpe im Gartenbeet, die ist / Verliebt in der Sonne 
Licht / Und ohne den freundlichen, holden Strahl / Mag sie das Leben nicht, 
// Drum, wenn die Sonne abend scheidet, / Dann fängt sie den letzten Blick, / 
Schließt sorglich das süße Blütenköpfchen / Und läßt ihn nimmer zurück. 

Tagebuch. 

(6) (12) i 4 . November. Mein „Gedicht" (?!) hat gar keine Entstehungsgeschichte. 

(5) ... daß meine lyrischen Ergüsse nichts weiter sind als Schnackerln im wahren 

Sinne des Wortes. — Schnackerl hat in unserer Familie als Adjektiv die Bedeu- 
(7) tung „nichtssagend". — Und eine Stunde vorher war Melitta bei Hanna, ich 

hab' sie gehört, gesehen, gesprochen! 

Erste Gedichte. 

(10) . 12. November. Es ist die Brust mir zu enge; / Vor Freud' will das 

Herz mir zerspringen; / Hinaus in die Welt möchl' ich's jauchzen: Ich hab' 
sie wieder gesehen! 

2» 



15, 8; Tagebuch. 

8. Februar. Ach, ich bin so voll von allem möglichen ; ha, wie es siedet 

(8) (9) in mir — wenn ich das nur alles so mitteilen könnte, was ich fühle. O dieses 

(2) teilnahmslose Papier, diese kalte Feder, diese fürchterliche Tinte, die saugen 

das Gefühl, die Wärme weg, nichts bleibt — ein totes Gerippe, ein geschriebenes 

Wort, das nicht zündet! Das Gefäß geht über, der Kopf, die Brust springen, 

es ist zum Wahnsinnigwerden, ich muß aufhören! 

14. Februar. Ich selbst werde sehr von dem Plan zu einem einaktigen 

(12) Drama „Dionysios" gequält. Es drängt mich fast unwiderstehlich, dies zu 

schreiben, und wohl täglich zehnmal muß ich mich in Vernunftgründen baden 

wie unfähig ich zu einem Drama bin, wie das geradezu Wahnsinn ist usw., u m 

nicht wirklich anzufangen. Ich bin neugierig, wer siegen wird. — Auch zu 

(6) den Gedichten habe ich Pläne. Was mir aber nicht fertig in Vers und Reim 

(7) .aufstößt", führe ich nicht aus. Zu poetischen Schnackerln bedarf ich der 
Frühlingssonne, die noch nicht scheint. 

(12) 19. Mars. Ich bin hochgradig schwanger und hoffe, bald eines gesunden 

Gedichtes zu genesen; worüber, weiß ich nicht recht, ich fühle jedoch 

(7) daß was sozusagen in der Luft liegt. Der Winter, der hier heute von vorn 
begann, wird wohl die Geburt verzögern. 

(11) 13. Juni. Bei Kritisierung von Kunstwerken sollte man billig so vor- 

gehen: Es gibt zweierlei Gattungen von Kunstwerken. Die einen sind der Aus- 
druck irgendeiner Stimmung, Laune, Gemütsbewegung des Schaffenden und 
haben keinen anderen Zweck als den, dem Künstler — im weitesten Sinne — 
Befriedigung, besser Erleichterung zu bringen. Wenn sie das tun, haben sie 
ihren Zweck erfüllt; die Wirkung auf andere ist eine Nebenerscheinung. Ftu- 
diese Art von Kunstwerken gibt es keine feststehenden Regeln für Form und 
Inhalt, sie sind über jede allgemeine Kritik erhaben. Nur der ähnlich dem 
Künstler Fühlende wird sie verstehen und für ihn sind sie das vollkommenste 
Kunstwerk. Hierher gehören unter anderem die wirklich lyrischen Gedichte. 
Die zweite Gattung von Kunstwerken hat irgendeinen auf die übrigen Menschen 
berechneten Wert. Diese Werke natürlich unterstehen einer Kritik, denn bei 
ihnen läßt sich über den Zweck, über das Motiv, über den Inhalt, über die 
Form, über die Ausarbeitung so manches sagen. Diese Werke sind an die All- 
gemeinheit gerichtet, sie dürfen von allen beurteilt werden. Die erste Gattung 
ist persönlich, darf also höchstens persönlich abgeurteilt werden, das heißt der 
Kritiker darf höchstens sagen : mir gefällt das nicht, weil ich es wahrscheinlich 
nicht verstehe. — Hierher gehören Tendenzdramen, Romane usw. 

31. Juli. Endlich kann ich neben meinen vielen Plänen einmal das herz- 
erfreuende Wort „fertig" schreiben. Zwar nur eine Kleinigkeit, aber immerhin 
etwas vollendet. Ich habe meinen Briefwechsel mit Ernst eingerichtet. Das heißt 
ich korrigierte einige orthographische Fehler, aber nur solche, ordnete die 



Das Dichten eines Jugendlichen 



21 



Briefe und Karten chronologisch, numerierte die Seiten und machte einen 
„Einband*. Am 15. April ungefähr hatte ich diese Arbeit beschlossen gehabt! 
Es ist zwar kaum eine Arbeit zu nennen und dennoch tut's mir wohl, daß sie 
fertig ist. Seit drei Jahren, in denen ich die .Geographiestunde" schrieb, ist 
noch keine einzige Arbeit, mit Ausnahme von ganz kleinen Gedichten, zu 
Ende gediehen, kaum eine über den Anfang hinaus. 

(8) io. Oktober. Ich werde jetzt wieder einen .Traum mit wachen Augen* 
niederschreiben, weil er für meinen Charakter gar zu bezeichnend ist. Vor mir 
liegt die mir wohlbekannte Gegend bei der . . . Ich komme die Landstraße 
hinauf durch das . . ., da erblicke ich auf dem Wiesenplan eine Menschen- 
ansammlung. Ein Haufe Buben macht sich um ein Mädchen zu schaffen. Mit 
Knütteln bewaffnet, bedrohen sie es, und einige haben sich schon an sie 
herangeschlichen und beginnen ihr von rückwärts die Kleider vom Leib zu 
zerren. Ich trete hinzu, schlage meinen Mantel zurück und haue mit meinem 
gelben Bergstock in die Bande hinein. Die Burschen nehmen Reißaus, ich 
ergreife noch einen und schleudere ihn zu Boden. Dann wende ich mich um 
und warte, bis das Mädchen ihre Toilette wieder geordnet hat, dann grüße ich 
höflich mit tiefer Verbeugung und entschwinde. Bald darauf treffe ich sie mit 
ihrer Gouvernante, grüße und erröte tief. — .Ein Wechsel kam in meines 
Traumes Bild.* Ich sah mich auf einer Landungsbrücke, wie in der Erzählung 
.Vom Nordkap zur Sahara" geschildert ist. Diese Stelle las ich vor etwa sieben 
Jahren. Ich erblicke eine ertrinkende Person, springe nach, schwimme herzu 
und finde Melitta. Wie ich sie aber auf meine Arme nehmen will, merke ich, 
daß ich nicht kann. Nun beginnt ein fürchterliches Ringen mit den Wellen, das 
mit unser beider Tod endet. 

(9) 18. Oktober. Heute hatte ich wieder eine Begegnung mit Melitta : Ich 
stand, über ein Heft gebeugt, Im Zimmer meiner Schwester und korrigierte 
eben Beistriche. Da blickte ich unvermutet auf, sah auf der Wiese gegenüber 
mir jemanden laufen. Eine gestrickte weiße Jacke, ein blendend weißer Hut, 
ein blonder Zopf, im Wind flatternd, und noch einer: Melitta! jubelte es in 
mir. Wie gelähmt blieb ich aber stehen, ich fühlte, wie ich erbleichte. Ganz 
langsam ging ich ins nächste Zimmer, um etwa noch einen Blick zu genießen. 
Natürlich zu spät. Wie blaß ich bin! So sprach ich zu mir selbst und schlich 
in meine Bude. Verstohlen blickte ich in den Spiegel, konnte aber nichts 
bemerken. Hinaus! In die Luft! Mir wurde zu eng. Ich trat auf den Balkon, 
lehnte mich weit über die Brüstung — niemand zu sehen, doch ein weißer 

H u t langweilige Sonntagsbummler. Ich ging zurück ins Zimmer. In der 

Türscheibe sah ich mein Bild. Nun, es ist schon gut. Aber zu Hause halte 
ich's nicht aus. Rasch nehme ich den Kragen um und setze die Kappe auf. 
Fort! Mein Kollege und Nachbar X., der wird sich sicher wundern, daß ich 
bei solchem Wetter ausgehe. Wie warm es aber ist. Nicht einmal der Wind 

(8) weht schneidig. Doch trübe ist's . So. Nun gehe Ich da den Damm 

entlang. Da treffe ich sie vielleicht, gehe vorüber, grüße leise, sie lächelt mir 



22 Das Dichten eines Jugendlichen 



zu, fragt mich vielleicht — . Du wirst doch nicht ihr nachlaufen wollen. — So 
läßt du dich aus deinen Bahnen bringen? Nein, ich gehe um die Ecke, dort 

ist sie sicher nicht. Ich kann's, sicherlich, ich kann's .Na, das wäre 

traurig, wenn ich das nicht zuwege brächte . Wenn ich wollte, könnte 

ich einen anderen Weg gehen, aber ich will nicht, das ist es. Georg 

von Wergenthin, der hat auch nicht wollen . Nun friere ich fast .. 

Die Frau dort geht so leicht angezogen — — — . Was der Mann nur für 
schlechten Geschmack hat, mit der zu gehen. — Ha, dort ist Melitta, eingehängt 

in einen kleinen Herrn. Ja, ihr Vater sicher — . Das verfluchte Haus 

hier, mußten die auch gerade hierher bauen. Endlich ist es vorüber. Wo sind 

die jetzt? — Aha, sie kommen zurück, werden wohl nur auf und ab gehen . 

Daß sie mir der Vater aber auch ganz verstellen muß. Ich gehe hinüber, die 
. . . gasse hinunter, da muß ich ihr begegnen. Ja, die . . . häuser, wenn ich 
dort vorbeikomme, werde ich wieder ganz rot, die häßlichen Mädchen dort — . 
Ach, ich gehe lieber da die Gasse gleich hinunter, da sehe ich sie noch ein 
paar Minuten lang und am Rückweg sehe ich sie vielleicht in der . . . gasse. 
— Was mich nur der Vater anglotzt — . Aber ich schau doch nicht weg, just 
nicht . So jetzt ist's aus. 

Nach zwei Stunden war ich ganz beruhigt und jetzt ist's mir wieder 
als schiene Maiensonne. 

Dennoch kann ich so ruhig schreiben, als wäre nichts geschehen. Arthur 
Schnitzlers Roman .Weg ins Freie' hat mir sehr gut gefallen (siehe oben) 
. . . Meisterhaft die Monologe, in denen sich die Gedanken jagen. So wollte 
ich in meiner .Jugend" immer mehrmals Walter sprechen lassen. Oben habe 
ich's an mir selbst versucht, aber so erging es mir wirklich, fast genau so. 

Ein Aphorismus: Dichten heißt Erinnern. 

(11) 25. Oktober. Was heißt Dichten? Dichten heißt, seinen Stimmungen, 

inneren Spannungen, und seiner .Lust zu fabulieren* auf solche Weise Ausdruck 
verschaffen, daß viele andere Leute durch dieses Werk auf eine schöne Art 
in dieselben Stimmungen versetzt werden, daß ihre inneren Spannungen aus- 
geglichen werden und daß auch ihre Lust zu fabulieren befriedigt wird. 

/. November. Gibt es etwas schöneres als sich Erinnern? Alles Unerfreuliche 

(8) (9) verschwindet und versinket in tiefe Nacht, das Gleichgültige und das Angenehme 

erscheint in duftiger Ferne, in Abenddämmern als durchsichtiges, als hin- 
gehauchtes Stimmungsbild. 

(9) 4. November. . . . Dann aber packt mich von Zeit zu Zeit diese wahn- 
sinnige Sehnsucht, dann treibts mich unwiderstehlich, hinzueilen zu ihr, sie 
anzusehen und so Beruhigung für einige Tage zu gewinnen. Ich laufe auch 

(8) wirklich ins Freie. Dort aber ist alles sofort wieder gut; ich schlendere gemächlich 
auf den Wiesen umher .und führe meine Gedanken spazieren" zu Melitta, zu r 



I 



Das Dichten eines Jugendlichen 



23 



(9) 



Botanik, ... zu Gott und Darwin, zu Kunst und Dichtung, zu Melitta und 
endlich zu mir und bei mir bleiben sie dann lange Zeit. Hellste Sonne scheint 
dann in meinem Innern. 

18. November. Gestern sah ich wieder Melitta. Wieder wie immer zog 
in mein Inneres hellster Sonnenschein, und wie's uns am schönen Frühlings- 
morgen nicht im dumpfen Zimmer duldet und fieberhafte Ungeduld uns treibt, 
wer weiß wohin?, so trieb es mich als sie aus meinen Augen verschwunden 
war zurück, zu ihr und dennoch nicht zu ihr, weg und wieder her mit unsäglicher 
Hast, mit wonnig-bittrem Leidens-Glück. Als ich ihr Gesicht sah, wähnte ich 
Sonne läge in dem Blick, auf der Stirn. 

(9) 26. November. Über die öden Stoppelfelder streif ich, eile durch die 
(8) kahlen, leeren Wälder, auf verlassenen Wegen kehre ich wieder zurück und 

(10) hold umschwebt mich dein Bild. In alten Büchern les ich, trinke die tröstende, 
milde Wissenschaft, in der traulichen Dämmerung träum ich — und hold um- 
schwebt mich dein Bild. Rastlos treibts mich; nicht duldets mich länger im 
Zimmer; in den trüben, winterlichen Straßen irre ich einsam umher — und 
hold umschwebt mich dein Bild. Da faßt mich brennende Sehnsucht nach dir, 
nach dir! Deine Stimme zu hören, dein Antlitz zu schauen, ist mein verzehrender 
Wunsch. Und siehe, du kommst: es klopft mein Herz, es preßt mir das Blut 
aus den Wangen, es zittert die Hand; ich wünsche mich fort, fort, weit, weit 
fort von hier, von dir und leise schleich ich im Schatten mich weg. ^Und rastlos 
jagts mich zurück, wirft es mich hin und her, treibts mich ins Ungewisse — 
und wieder umschwebt mich dein Bild. 

(6) Das war meine Stimmung gestern. Was aber in mir klang, waren keine 

Verse, war kein Gedicht, wie schon so oft, sondern es war eben Obiges? — 



I Jugendgedichte. 
26. November. [Abschrift der Tagebuchnotiz vom 26. November mit 
geringfügigen Veränderungen in Verse geteilt.] 
Tagebuch. 

(5) 30. November. Meine Gedichte, überhaupt alles, was ich schreibe, sind 

Symbole; haben als solche Wert für mich und sonst für niemanden. 

/g\ j. Dezember. Ich bin heute so unruhig. Auch duldets mich nicht im 

Zimmer, und draußen behagts mir nicht. Wenn ich Melitta sähe, mir wärs 
gleich wohler. Mir träumte heut, sie sei gestorben, da wüßt ich gleich, das 
würde ich nicht so bald verwinden . . . Heuer habe ich nur sehr wenig Gedichte 
(2) (10) geschrieben und viele, sehr viele erlebt. Es kommt doch sehr selten vor, daß 
(1) sich eine Stimmung von selbst in Verse auflöst. Ich will einmal versuchen, ein 
Gedicht zu machen, versteht sich in der gehörigen Stimmung. 



24 Das Dichten eines Jugendlichen 

24. Dezember. Mein guter Geist hat mir gestern zur Nachtzeit mein 

Weihnachtsgeschenk gebracht: ich habe wieder was vollendet. Ungefähr einen 

Monat lang habe ich daran gearbeitet. Das Manuskript hat 12 Seiten klein 80. 

(6) Ich muß es noch korrigieren und reinschreiben, dann werde ich es an den 

„Kunstwart' senden, ob er es nicht irgendwo abdrucken möchte. 

[Es handelt sich um eine nicht-dichterische Arbeit.] 



16, 8; Tagebuch. 

10. Jänner. Also von was anderem. Der Brief an den Kunstwart ist fix 
und fertig. Fehlt nur noch die Marke, dann kann er nach München. — Ich 
habe heute einen Aufsatz fürs „Freie Wort' oder die „Ethische Kultur* 
begonnen: „Einteilung der Menschen." 

Iß. Jänner. Dafür habe ich schon eine Erklärung gefunden, weshalb ich 
für meine lyrischen Produktionen keine Sehnsucht nach Öffentlichkeit habe. 

(4) Das ist nämlich gar nicht wahr. Bloß dann verberge ich sie geflissentlich, wenn 
ich in Gefahr komme, mich dadurch zu blamieren oder zu kompromittieren 
Dies fürchte ich allerdings fast immer. Bei Ernst nicht; ihm lese ich sie auch 
vor. Auch meiner Schwester würde ich sie wohl gerne vorlesen, denn dabei 
wagte ich nichts, ich stiege nur bei ihr im Ansehen. Hier aber wird die Sache 
verwickelt. Sie ist mir gegenüber kritiklos; drum fürchte ich, sie hält alles f Ur 

(5) gut und daß dem nicht so ist, davon bin ich fest überzeugt . , . 

31. Jänner. Mit der „Einteilung" bin ich schon fertig. Vielleicht schicke 

(4) ich sie der „Ethischen Kultur' oder dem „Freien Wort" ein. Wie gerne sähe 
ich einen Aufsatz von mir in einer guten Zeitschrift gedruckt! Vom Kunstwart 
habe ich noch immer mein Manuskript nicht zurückbekommen, daß er es 

(12) angenommen habe, wage ich nicht zu denken. 

(10) 17. Februar. Wenn ich aufgelöst bin in Harmonie, dann muß ich ganz 
leise irgend eine schwermütige Melodie vor mich hinpfeifen, dann denke ich 
gar nichts und bin eins mit dem All. Das Ist nicht nur so gesagt; ich fühle 
das wirklich. Einmal mehr, das andere Mal weniger. Hätte ich Musik gelernt 
ich glaube, ich würde in solchen Stunden komponieren. 

(11) 20. Februar. Prosa ist das höhere und Verskunst ist das niedere. Denn 
die Prosa ist klarer, in ihr kann man alles besser ausdrücken — nur Gefühle 
nicht. Das müssen wir aber noch lernen. 

27. Februar. Ich bin darauf gekommen, daß ich selbst bei den Aus- 

(5) (6) drucksgedichten nicht zufrieden bin, wenn sie bloß meine Stimmung wieder- 
(11) geben, sondern auch verlange, daß sie schön seien. Schön nach meinem 

subjektiven Empfinden. Das ist die Ecke, wo, Ich meine so, meine 
Theorie von der Ausdrucksdichtung doch noch Geltung hat, wenn ich auch 
sonst Stück für Stück habe weichen müssen. Die Effektdichtung muß schön 







Das Dichten eines Jugendlichen 



25 






sein für das allgemeine Empfinden, die Ausdrucksdichtung braucht es bloß zu 
sein für das Subjektive. Drum kann diese auch bloß einen Kritiker haben: den 
Dichter. 

28. Februar. Ich schreibe oft Aphorismen, die gar nicht von mir sind. 
Vor langer Zeit habe ich sie gelesen, aber an dem Tag, unter dessen Datum 
ich sie niederschreibe, habe ich sie erlebt. 

(8) (10) 4. März. Kennst du jene Ruhe? Jene Ruhe, wo die Welt versunken, 

(9) wo gelöst der Widerspruch, wo, gelöst in Harmonie, schwebt die Seele über 
Streit und Haß und Hader? / Wo wie dunkle Bäche fließen lautlos leise die 
Gedanken, und auf ihnen schwimmt die Ruhe wie ein stiller Schifferkahn? / 
Wo verschollen all das Hasten, all das Treiben rings der Welt und nur wie 
durch festverschlossene Scheiben dringt das Schreien und das Toben? / 
Wo verlöscht sind all die Sonnen, all die stechend heißen Lichter und nur 
Dämmern hüllt in wohlgen Mantel Menschen, Dinge, Laute ein? /Wo Erinnerung 
schwebet um dich wie ein Bild in fremden Welten, und du ungerührt von 
deines Lebens, deiner Liebe Leid und Lust, wie im Weltenall du schwebest? / 
O, dann will ich einen Gott dich heißen, will verehren dich und deinen Namen, 
gibst mir eine Stunde du dieser großen, schönen Ruhe. / Eine Stunde nur, ach, 
nur eine Stunde von den tausend, tausend Stunden eines langen Menschen- 
lebens! Ach nur eine Stunde gib mir, wo ich nicht muß fühlen, denken, 
wollen; /nicht muß lieben oder hassen, loben oder tadeln muß, nicht empfinden 
muß mich selber, mich nur immer mich. Mich' in Gott und mich im Weltall, 
mich in Menschen, in Natur, / ach, nur eine Stunde gib mir, wo verstummet 
jene gier'ge, fragend zehrende Sphinx; jene Sphinx, die mir im Leibe, mir im 
Geiste gähnend sitzt und mich zwinget ihr zu schauen in den Schlund; weh 
mir, in den grausen Abgrund, den Unendlichkeit noch nicht erfüllt; jene Sphinx, 
die mich drohet zu verschlingen mit dem höllenschwarzen, tötlich leeren 
Mund. / Gib mir eine Stunde du dieser großen, schönen, großen Ruhe, 0, dann 
will ich einen Gott dich heißen, dich verehren und sterben. 

[Diese Tagebuchstelle findet sich stilistisch verbessert und verkürzt unter 
dem Datum vom 5. März in den „Jugendgedichten.* In der Novelle «Die 
Geschichte einer Jugend*, die einige Monate später geschrieben wurde, findet 
sie sich noch weiter gekürzt. Siehe die Arbeit über Novellen in diesem Band.] 

(6) 6. Mars. Es gibt Tage, an denen ich einen Drang habe, eine zwingende 

Notwendigkeit in mir liegt zu schaffen; was immer, aber schaffen. An anderen 
wieder, da bin ich kaum zu anderem fähig, als zum Verarbeiten der Eindrücke 
der vorhergegangenen Periode; zu diesen beiden Zeiten füllen sich die Seiten 
meiner Hefte. Dann folgt eine Zeit der Aufnahme, und schließlich eine, 
gewöhnlich sehr kurze, der Ermüdung, Erschlaffung. In diesen beiden bleiben 
meine Hefte leer. / Jetzt ist eine Zeit der Produktionsfähigkeit, was sich in 

(6) meinem Tagebuch offenbar zeigt. Und dann: Ich habe meine Novelle wirklich 
zu schreiben begonnen; ich beschäftige mich ziemlich viel mit dem „Dionysios". 






26 Das Dichten eines Jugendlichen 



(1) 

(9) 

(8) 



Ich weiß noch immer nicht recht, wozu das Dramenschreiben da ist, wenn ich 
auch schon viel klarer in diesem Punkt sehe, und trotzdem muß ich selbst 
eines schreiben; wenigstens dichten. 

aj. März. Durch das offene Fenster drang laues Dämmern eines Frühlings- 
tages, einer fernen Amsel Sang mengte sich in meinen leichten Schlaf. Und 
da hörte ich silbern klingend deine Stimme tönen, als in wildem Übermute 
singend du im weiten Garten tolltest, mit den kleinen Knaben spieltest, wie 
du einst so oft getan. Doch so fremd schien mir dein Antlitz, ach, so fremd 
und doch so wohlbekannt. Deine Kleidung war geliehen von Aspasiens* Wohl- 
gestalt, doch das Wesen, das war deines, überschäumend, wild und frech. Ich 
stand hinter dunkelster Gardine, zitternd, fiebernd, jubelnd in der freudig traurigen 
Ungeduld, und da hast du mich erblickt, angesehen mich mit jenem fragend 
stolzen Blicke, mit dem dunkelblauen Auge, blitzend voller Haß und Sehnsucht, 
unergründlich, unermeßlich wie die hohe Himmelskuppel bei Sommersonnen- 
untergang. Ach, mit jenem Blicke, der mich ließ erbeben und erschauern, als 
wir, Kinder noch wir beide, oft im blütenreichen Garten miteinander sprachen. 
Und im Traume fühlte ich wieder dieses Blickes bittersüße Wonne — und in 
(7) schmerzensreicher Freude bin entzückt ich aufgewacht. / Das habe ich morgens 

(1) erlebt und mußte es jetzt abend beschreiben, sonst — hätte ich wieder einen 

(2) Leereanfall bekommen. O du armes Papier! Mußt mir als Sicherheitsventil dienen. 
/ Ich hätte noch gar viel zu schreiben, allein es ist schon spät, und morgen 
ist ein Martertag. Geschichte! Griechisch! Latein! 

[Der erste Absatz findet sich mit leichten Veränderungen auch in den 
»Jugendgedichten".] 

(9) 26. April. Ich möchte tanzen, ein schönes, großes, schwarzes Mädchen im 

Arm möchte ich tanzen, rasend tanzen! Und zwar des Abends unten in meinem 
Garten, bei klarem Himmel, bei Windstille, und lauer ja warmer Luft! / Zum 
erstenmal in meinem Leben fühle ich solche Anwandlungen wie seit zwei 
Stunden, — und dabei sang ich fortwährend oder hörte ich es in mir singen: 
das ist der alte Märchenwald, es duftet die Lindenblüte. Dazu noch habe ich mir 
geleistet: Faust ließe sich wundervoll im Walzertakt tanzen. Das habe ich wahr- 

(9) haft gefühlt als ichs sagte. / Ich schreibe recht wacker an der .Jugend". Ha, 

(5) wie werden die Kritiker sich ärgern. 

Jugendgedichte. 

/. Mai. An mich. Was träumst du trübe / am lichten Tag? / Was wachst 
du sinnend / In dunkler Nacht? // Du fliehst der Freunde / Frohe Schar / Und 
wandelst einsam / Deinen Weg // Du leidest nicht mit der / Menschen Leid / 
Du freust dich nicht an / Menschenfreud // O grüble nimmer / Dem Guten 
nach! / Gar nie kannst du denken / Was Schönheit ist. // Nicht frage du 

* [Deckname in den Tagebüchern Ernsts für Walters Schwester Hanna.] 







Das Dichten eines Jugendlichen 



27 



woher, / Warum, wohin / Das Wechselspiel von / Lieb und Haß! // Zernichte 
nicht des / Werdens Götterlust! / Nur einmal fühle dich / Dann weißt du 
was du bist! / 

[Eine spätere Bleistiftanmerkung neben den ersten zwei Strophen lautet 
„Plagiat.'] 




(6) 
(2) 






(6) 
(5) 
(2) 



(6) 
(2) 



eb uch. 

2. Mai. .An mich" ist durchaus schlecht, schlecht auch als Ausdrucks- 
dichtung; denn es gibt nur mangelhaft, z. T. sogar falsch wieder, was ich fühlte 
und mir zurief in einer gehobenen Minute nach innigem Gespräch mit Ernst. 
Über den Wert als Effektdichtung spreche ich natürlich schon gar nicht. — 

6. Mai. Ich habe die Absicht mein . . .? Ich weiß nicht, welcher Kunst- 
gattung es zuzuzählen ist; am ehesten gar keiner (ausschließlich) so zu benennen: 

Tragödie einer Jugend — in Versen, Skizzen und Gesprächen dem Leben 

nachgedichtet — von . . . // Der o. ö. Prof. der Botanik, Dr. phil., med., rer. 
nat. Walter R. .dichtet' (unter Pseudonym) Haha! Hihi! 

7. Mai. Zu meiner Freude scheine ich mich wirklich ganz auf das eine, 
die .Jugend", zu konzentrieren, denn während des Monates Mai habe ich keinen 
Einfall, keine Beobachtung usw. notiert, auch sonst nichts geschrieben als bloß 
daran. Andererseits, wäre es mir lieber, wenn ich mich auf irgendeine wissen- 
schaftliche A?beit so konzentrierte. Doch ich tröste mich damit, daß ich noch 
zu wenig wisse; ferner, da ich alles das dilettantisch betreiben muß, experimentelle 
Untersuchungen sich das aber nicht gefallen lassen, so gelingt mir ganz natürlich 
nichts davon. 

8. Mai. Eine sonderbare Bemerkung habe ich gemacht. Während der letzten 
Tage war ich Feuer und Flamme für die .Jugend", ich dichtete, daß alles krachte, 
ja ich schrieb sogar fleißig nieder, denn es trieb mich dazu. Während dieser 
ganzen Zeit hatte ich nicht einen Fehler an allem auszubessern gehabt, ich war 
in mein Werk verliebt. Heute hatte ich wieder große Lust Insekten fangen zu 
gehen und ganz und gar keine zum Schreiben. Weiter gesponnen habe ich den 
Faden auch nicht. Als ich vor ein paar Minuten mein Manuskript durchsah — 
siehe da, ich bin entnüchtert, habe geflickt, Fehler gefunden, alles kommt mir 
kindisch vor. — 

ij. Mai. Ich dichte sehr viel an der .Jugend', schreibe aber auch so 
fleißig nieder, daß ich schon fast das Dichten eingeholt habe. Nun, heute ist 
wieder eine schöne Nacht, da wird es wohl wieder ein gut Stück fördern. Ich 
fürchte nur, daß sich Ungleichmäßigkeit in der Behandlung herausstellen wird. 
Der erste Teil, zwei Tage Walters umfaßend, wird die Hälfte des Ganzen ein- 
nehmen, das sich in mehreren Jahren abspielt. Logisch läßt sich das zwar 
motivieren, da ja der Charakter und das Milieu, kurz die Möglichkeit zu dieser 
Tragödie einer Jugend, gleich anfangs auseinander gelegt werden soll. Doch 



28 
(5) 



Das Dichten eines Jugendlichen 



ästhetisch wird es wohl als Mangel empfunden werden, daß der erste Teil 
aus ca. 14 Skizzen besteht, usw. durchwegs lyrischer Art, hingegen die andern 
zwei Teile aus ca. 20 Skizzen, größtenteils Handlung erzählend. Wie ich das 
ändern werde, ist mir noch nicht ganz klar. Im ersten Teile möchte ich nicht 
gerne streichen, eher im zweiten hinzufügen. 

(6) 17. Mai. Der erste Teil der „Jugend" wird wohl bald geschrieben sein, doch 

werde ich die Gespräche sehr sorgfältig durcharbeiten müssen. / Um Melitta 
loszuwerden — ich schäme mich: Drei Jahre!! — , wollte ich der Mama einfach 
beichten; ich dachte, so würde ich fertig. Darum nahm ich meine Gedichte, 
denn „niemand beichtet gern in Prosa" und begann ihr — ihrem oft geäußerten 
Wunsche nachgebend, vorzulesen, doch ließ ich alles, was sich auf Melitta 
bezieht, wie ich dann zu meinem Ärger, meiner Freude bemerkte, aus. 

(6) 7. Juni. Der erste Teil der „Jugend" ist vollendet; der zweite ist begonnen. 

Ich denke in 14 Tagen längstens damit fertig zu sein. Dann folgt der letzte 
Teil. Bis auf das Kapitel „Hingebung" des zweiten ist der dritte der schwierigste. 

(5) Übrigens bot auch der erste Teil genug Schwierigkeiten. Einige habe ich 
glücklich umschifft. 

(6) 8. Juni. Immer mehr Schwierigkeiten bei der „Jugend". Die Milieu- 
schilderungen scheinen tendenziös, weil sie einseitig sind. Tendenziös ist aber 
nicht schön. Ich will auch eines oder.'zwei einfügen, in denen die guten Seiten 
der Jugend, das gärende, sehnsuchtsvolle, stolze Moment zutage treten soll, 
nicht bloß das sinnliche, leere, geschwätzige, wie bisher. Ferner ist in W. 
Charakter die Seite des tiefen Denkens, des Grübelns nur einmal angedeutet 
und verschwindet gegenüber dem rein fühlenden, träumerischen. Beides kann 
höchstens in den folgenden Teilen nachgeholt werden. Der erste ist ohnehin 
schon fast zu lang. 17 Skizzen für zwei Tage. 

10. Juni. Genau vor einem Jahre beschäftigte ich mich, wie ich aus 
Notizen ersehe, intensiver mit der „Jugend*. Damals nahm es die Form einer 
Novelle an mit dem Titel Ideale. Wohl schon ein halbes Jahr, oder ein ganzes 
früher, notierte ich unter „Pläne": Tragödie eines Gymnasiasten. 

24. Juni. Die ersten zwei Szenen der „Jugend", 3. Teil, sind fertig. In den 
(6) letzten Tagen war die Lust, daran zu arbeiten auf ein Minimum gesunken. 
Z. B. mußte ich mich gestern dreimal zwingen, die 2. Szene, 3. Teil zu beginnen. 
Erst nach dem vierten Ansätze kam ich in Zug. Heute ist die Lust zu dichten 
und zu schreiben wieder sehr groß. Merkwürdigerweise habe ich zugleich In 
den letzten Tagen Multatuli gelesen, . . . Einfälle gehabt. 

(6) 29. Juni. Die „Jugend" ist sozusagen fertig, es fehlen noch: Korrekturen, 

Vorrede für die Leser des Manuskriptes, Widmung, Nachwort und ein paar 
Kleinigkeiten. Das denke ich in ein paar Tagen fertigzustellen; dann noch die 
ekelhafte Reinschreiberei und dann frisch an die „Grundlegung". Im großen 



~ 



Das Dichten eines Jugendlichen 29 

(5) ganzen bin ich mit der .Jugend" ziemlich zufrieden; doch gilt dieses Urteil 
nicht viel, da, ich ja noch drinnen stecke in der Komposition. Die letzten zwei 
Szenen sind hinter meiner Vorstellung zurückgeblieben. Ich hatte sie mir viel 
größer gedacht, doch es ist vielleicht besser so. Ich gedenke ins Deutsche zu 

(4) übertragen : Cyrano de Bergerac, Oeuvres comiques ; Voyage dans la Lune. 
Vielleicht finde ich auch einen Verleger dafür. 

6. Juli. Als belletristische Ferienarbeit ist die Cyrano-Übersetzung bereits 
in Angriff genommen, als wissenschaftliche Grenzfragen usw. Darin mache ich 
schon ziemliche Fortschritte. 

12. Juli. Wie schon so oft hatte ich auch heute in der Frühe das Bedürfnis 

(8) nach einer schönen Erinnerung, nach einem schönen Traum. Früher, wenn die 
Stimmung kam, da erinnerte ich mich ganz ohne mein Zutun Melittas oder ich 

(7) (1) dichtete von ihr. Heute aber blieb das aus ; natürlich, denn Melitta habe ich 
mir in meiner .Jugend" weggeschrieben. Ich mußte aber etwas schönes haben. 
Darum versuchte ich es willkürlich, Erinnerungen an sie heraufzubeschwören; 
es gelang. Aber wie sahen die aus, trocken und dürftig wie unser Geschichts- 

(9) Unterricht! Früher einmal, da waren sie wunderschön gewesen, von Goldglanz 
umgeben. Ich erinnerte mich . . . 

21. Juli. Die .Jugend" ist vollständig abgeschrieben; Ernst hat sie gelesen. 
(1) Er sagt, das Attribut .schön" könne er ihr als Ganzes nicht geben, wohl 
aber einzelnen Stellen. Der Zweck der Tragödie war aber, schön genannt zu 
werden. Schön als Bezeichnung für den obersten Grad des Lustgefühles, das 
ein Werk hervorrufen kann. Er setzt auch Fehler aus. Doch hat er sich vor- 
läufig nicht ganz geäußert. 

24. Juli. . . . Jetzt arbeite ich an der Übertragung der .Voyage dans la 

lune" von Cyrano. / Charakteristisch ist es, daß ich vor vier oder fünf Jahren 

etwa ein .Unsterblichkeitsheft" hatte, in das ich nicht nur meine Gedichte, 

Aufsätze, Rätsel — deren ich damals hunderte erzeugte — eintrug, sondern 

auch meine Briefe — und lateinische Kompositionen. Ich erinnere mich wohl, 

3) daß ich schwere Zweifel hegte, ob ich sie mit oder ohne Korrekturen des 

Professors eintragen sollte. So seien es doch denn so eigentlich nicht so ganz 

die Produkte meines Geistes. Anders aber wollte es meine Eitelkeit nicht 

(4) dulden. Man denke . . . sämtliche Werke (ich hatte dabei immer das Format 

(12) der X-schen Klassikerausgaben vor Augen, denn nur diese besaß ich) mit 

orthographischen und grammatikalischen Fehlern im lateinischen Text! Daran 

scheiterte schließlich die ganze Eintragung der späteren Kompositionen. 

(6) 2. August. Mein alter, alter Plan zu einem Dionysios ist gereift zu einem 
psychologischen Drama in drei Teilen, zu einem Entwicklungsdrama. 

(6) 14. August. .Jugend" ist verändert auf Betreiben Ernsts. Die Szene : 

Gespräch zwischen Robert und Vater bleibt als unnötig und geschmacklos fort- 
Alles nach Iphigeniens Tod wird weggestrichen. An Stelle dessen habe ich eine 



r 



30 Das Dichten eines Jugendlichen 



(5) neue Szene hinzugedichtet. Zufrieden bin ich mit der neuen Bearbeitung nicht; 
ist aber gleichgültig; es gefällt mir ohnehin nicht. Da ist nicht viel mehr zu 
machen. 

(1) 28. August. Mit meinem Dichtertraum ists wohl endgültig zu Ende. 

Er war ja nie dauernd stark und im Vordergrund, doch er war vorhanden, doch 

(7) glaube ich, jetzt ist er vorbei. Wie ich mich kenne, wird er noch einmal auf- 

(5) leben, vielleicht im Sommer, dann werde ich meinen Dionysios schreiben und 
auch verkrachen — wie die „Jugend" — und dann wird es ganz aus sein müssen, 
denn neues kommt schon lange nicht mehr und von den Plänen und Stoffen 
meiner Kindheit ist das der letzte der Mohikaner, der noch lebt, und noch wie! 
Dichter werde ich gewiß nicht werden. Um diese Chance bin ich ärmer geworden. 
Die .Jugend' gab mir die angenehme Sicherheit. Angenehm, weil ich zugleich 
der Qual der Wahl enthoben bin für diesen Punkt. Die Dichterhoffnung ist 
nicht die erste, die abgetan ist. Es gab auch eine Zeit, da fühlte ich lebhaft 
einen Schauspieler in mir. Auch darüber brauche ich nicht mehr nachzudenken. 
Auch das ist gewiß vorüber und es ist mir lieb. Die Entdeckung aber ist mir 
unlieb : ich tauge auch nicht zum Naturhistoriker. Habe ich keinen Beweis pro, 
so habe ich zwar auch keinen rechten Beweis contra; nur die Bemerkung, daß 
ich nur schlecht und oberflächlich beobachte und das Beobachtete mir auch gar 
nicht merke. Zum Beispiel weiß ich nicht die Haarfarbe Melittas. Gewiß ist 
mir bloß, daß ich meine Berufung noch nicht erkannt habe. Das ist allerdings 
für meine Berufswahl genau genommen sehr gleichgültig, weil ich ganz haltlos 

(5) bin; ein .Mensch ohne Kern'. Drum werde ich nie was rechtes leisten, nach 
außen wenigstens; deshalb ist es mir auch egal, was ich für Amt nach außen 
bekleide. 

ßo. August. Ich habe heute ganz wider Erwarten an einem fast vergessenen 
Plan gearbeitet. Die Geschichte scheint mir so interessant, daß ich sie ganz 

(7) genau beschreiben will. Ich saß an meinem Schreibtisch und sah mir an, wieviel 
Raum im .Wissen für Alle" der belletristischen Beilage überlassen ist, um die 
Chancen einer Annahme meiner Cyrano-Übersetzung auszuspekulieren. Sie fiel 

(8) ungünstig aus; mir kam der Gedanke, drum gebe ich es doch nicht auf; ich 
schicke das Manuskript an Reclam. Übrigens werde ich gewiß etwas drucken lassen, 

(4) wenn nicht das, so irgendeine Sache für Kinder. Mir fiel mein Märchen ein 
.Was die Kohle erzählte". Ich spann weiter, wie* ich es der „Österreichs deutscher 
Jugend" schicken werde. Ich stellte mir vor, meine Kollegen würden davon 
erfahren, wie ich ja möchte. Nasenrümpfen über die unfeine Zeitschrift. Es 
fällt mir aus Frey tags Journalisten ein : .Wer für uns schreibt, lobt uns." Eine 
Assoziation brachte mich auf den .Morgen" [eine von Walter damals heraus- 
gegebene Schülerzeitschrift]. Ja, darum würden wir auch nur wenig wahren 
Tadel hören müssen. Ich knüpfte wieder an das .unfein" an und dachte an den 
.Guten Kamerad". Ich stellte ihn mir vor, wie ich ihn immer beim Papierhändler 
sah. Wieder Nasenrümpfen der Kollegen. Ich verteidigte den „G.K." (Hier folgt 






Das Dichten eines Jugendlichen 31 

erst das von Freytags Journalisten und dem Morgen.) Oder in einer anderen 
Zeitschrift, Tante C. wird mir schon eine verschaffen. Zugleich habe ich eine 
dunkle Vorstellung von einem Aufsatz über .neue Gesellschaftsspiele" (auch ein 
alter Plan von mir). Ich habe zugleich die Vorstellung von ihn schreiben im 
Winter und vom Gedrucktsein im G. K. oder ,Ö. D. J.". Parallel läuft eine noch 
unklarere Idee von den Arbeiten am Morgen, Ablenkung von der Schule durch 
Schriftstellerisches. Der Name Tante C. ruft mir das Bild vor meine Augen: Ich 
überreiche ihr fein säuberlich abgeschrieben die Geschichte: Was die Kohle 
erzählte. Das Manuskript mit hellblauem Band schwebt mir vor in der Gestalt 
der Anthologie . . . Beim Überreichen denke ich mir, das ist wenigstens 
weniger kompromittierend als die „Jugend". Während dieses Gedankens sehe 
ich deullich die Frau Doktor E. (zugleich mit ihr das Bild ihres letzten Artikels 
in der . . . zeitung) und weiß, daß sie die Geschichte gelesen und wohlwollend 
gelesen hat. An die folgenden Bilder erinnere ich mich nicht mehr. Nur weiß 
ich daß ich bald darauf ins Nebenzimmer ging. Hanna saß beim Tisch vor dem 
Fenster, ich lehnte mich an die Kommode. Sie erzählte etwas, aber ich knüpfte 
an die vor einem Jahr geschriebenen ersten Zeilen des Märchens an — es war 
überhaupt nur der Einleitungssatz geschrieben worden — und dichtete in wenigen 
Minuten unter der Vorstellung, ich hätte den wohlbekannten Zettel, auf dem 
(6) der Anfang steht, vor mir, große Züge an der Geschichte fort. Ich sprach Hanna 

(5) davon. Sie munterte mich auf. Ich las ihr das bereits Geschriebene vor, sie wars 
zufrieden; ich weniger. Ein paar Minuten darauf hatte ich das Gefühl, als könnte 
ich stundenlang ohne Unterbrechung daran schreiben. Schließlich setzte ich mich 
hin und schrieb bis zur Stelle des homerischen Gelächters. Als ich diese schrieb, 
hatte ich eine so genaue und deutliche Vorstellung des lachenden Holzklotzes, 
daß ich hell auflachte./ Nachzufügen: Im Anfange und im weiteren Verlauf ist 

(4) bei jeder Erwähnung eines Gedrucktwerdens die Begleiterscheinung des Lust- 
gefühls der Eitelkeit zu denken. Einmal fragt es ganz deutlich in mir, ob ich 
nicht doch meinen Namen setzen sollte statt . . . , der mir vorschwebte, Melitta 
könnte es ja lesen. Dieser letzte Nachsatz von „Melitta könnte" war aber sehr 
schemenhaft. 

(6) (2) II' August. An der Geschichte wieder ein Stückchen geschrieben. Ich 

tue es mit einem Behagen, mit einer inneren Freude und Lustigkeit, mit 
Humor, wie ich ihn bei mir nicht kannte. Mir ist der Holzklotz wirklich ein 
lieber Bekannter; ich sehe ihn deutlich vor mir, wie er sich vor Lachen das 
Bäuchlein hält. Noch ein Neues: soweit ich mich erinnere, geschieht es zum 
(2) ersten Mal, daß ich ohne Nötigung auf das Papier dichte. Dichten und 
Schreiben waren für mich stets zweierlei. 

(1) /. September. Ich begreife es sehr gut, wie man von einer Seligkeit 

des Schaffens sprechen kann; wenn ich bedenke daß ich wie ausgewechselt 
bin, wenn ich nur ein paar Zeilen geschrieben habe (geschaffen). Nun erst 
das Genie! 



32 Das Dichten eines Jugendlichen 



(12) 23. November. Ich habe heute ein Gedicht verbrochen: Nächtliche Eisen- 

(5) bahnfahrt. Das, was ich mir dabei dachte, gibt es mir nicht voll wieder; es 
fehlt etwas Stimmung darin. Auf eine sehr eigentümliche Weise kam ich zu 
dem Gedicht. Schon seit mehreren Tagen treibt es mich zum Ausdruck für 

(1) dieses unbestimmte Gefühl: es ist schmerzhaft und dabei süß erfreulich zu 
sehen, wie alte Idole, Götter, Ideale fallen, wie man über sie hinweg weiter 
geht. (Wie mir eben einfällt, ist dieses Motiv schon in der .Jugend* verwertet; 
offenbar war es dadurch mir noch nicht fortgearbeitet.) Neu erweckt wurde 
dieses alte Gefühl beim Lesen des Briefes, den ich einst an G . . . schrieb. 
Zugleich sucht (auch ein Gefühl, das schon wenigstens zwei Jahre alt ist) das 

(8) Gefühl Ausdruck : Die Menschen gehen aneinander vorüber, sehen sich, verschwinden 

(7) wieder. Heute trat besonders das letzte Gefühl stärker auf und ich begann 
mit Absicht, mich darein zu konzentrieren, und ich sah die gelben Laternenpflöcke 

(6) in der dunklen Nacht, der Zug donnert vorüber, hell blitzen sie auf und ver- 
schwinden ins Dunkel. Das summte ich mir im Geiste vor, das heißt einiges 
daraus. Dazwischen fiel mir die letzte Strophe ein. Mir floß der richtige Ausdruck 
nicht, mit dem dieses Kommen und Gehen bezeichnet werden könnte. Mit Hasten 
und Wachsen, ist es nicht genug gesagt. Dann wurde ich unterbrochen. 
Französische Stunde, ... Ich legte mich wieder auf den Streckfauteuil und 

(2) sagte fast fließend die Strophen im Geiste her. Dann setzte ich mich her, sie 
zu schreiben. Das ging etwas langsam. Die erste schrieb ich in Prosaform 
nieder; die zweite zerfiel selbst in Verse, da machte ich kleine Änderungen in 
der ersten, daß sie der zweiten gliche. Dann folgte die dritte. 

Jugend ge dichte. 

(8) 2j. November. Nächtliche Eisenbahnfahrt. Aufblitzt bei 
dunkler Fahrt ganz fern ein Licht / Und wachsend hastet es an mir vorbei / 
Mit hellstem bunten Strahlenglanz / Zurück in tiefe nebelfeuchte Nacht // Und 
tausend Flammen erleuchtend kommen / Und tausend Flammen erlöschend 
fliehn / Aus ungekannter dunkler Ferne / Vorbei in tiefe nebelfeuchte Nacht // 
Im Osten weit ein Lichtstreif schimmert / Und wachset heller stets an mich 
heran; / Sinkt er auch bald mit hellstem Schein / Hinab in tiefe nebelfeuchte 
Nacht? 

Tagebuch. 

(1) iy. Dezember. Die Novelle ist fertig, und das gab dem Rest des Tages 

(5) eine ruhigzufriedene Stimmung. Ob ich sie für gut oder schlecht halte, weiß 
ich eigentlich noch nicht zu sagen. Das ist gewiß: Sie ist wohl ein Schritt 
weiter im Sinne einer objektiven Kunst, der Stil ist wohl eine Fortbildung des 
in der „Jugend einmal angeschlagenen. Die Novelle ist nicht eigentlich Ausdrucks- 
dichtung, ich habe sie nicht unbedingt schreiben müssen, es war mir aber 
immer angenehmer zu schreiben als nicht. Direkt von Spannungen habe ich 



Das Dichten eines Jugendlichen 33 

mich dadurch wohl kaum befreit. Als Autobiographie ist sie ganz und gar nicht 
aufzufassen, wenngleich vieles erlebt und das Ganze gelebt ist. Gerade der 
wesentlichste Teil daran, die Erklärung der einzelnen Zustände, ist Dichtung, 
aber eine Dichtung, die ich als eine Art Hypothese aufgefaßt haben möchte. 
Dann ist in der Überwindung, im letzten Teil, eine große Abweichung von der 
Wirklichkeit ... 

31. Dezember. Am 17. Dezember habe ich bei dem Gedicht .Nächtliche 

Eisenbahnfahrt" einen Fortschritt im Sinne einer objektiven Kunst bemerken 

(8) wollen. Es scheint das wirklich ein Prozeß zu sein, der bei mir fortschreitet. 

(7) Gestern zwei Stunden auf einen Zug wartend, dachte ich an einen Novellen- 
stoff, angeregt durch zwei Worte in der .Zeit*, der so war: Ein junger Mann 
erlebt einmal die Frage: Dürfen wir einem Kind das Leben geben? Er 
grübelt nach und findet als Antwort „nein*, und er verbohrt sich immer mehr 
in diese Idee und schwört, niemals zu zeugen. Dazwischen aber lebt er in 
freigeistigen, neuen sozialethischen Ideen. Er führt sie aus: Konfessionslos, 
freie Liebe, kein fester Beruf, Kampf gegen die Kirche. Schon nach einigen 
Monaten erkennt er, daß er ja gegen frühere Gelübde gehandelt hat. Der Sohn 
ist da; also muß ich ihm Bedingungen schaffen zu glücklichstem Dasein. Ich 
kann nicht verlangen, daß er in Entbehrungen lebe wie ich. Nun handelt er 
wider seine Überzeugungen, für seinen Sohn, er muß seine Schuld sühnen; 
heiratet, katholisch, betrügerischer Kaufmann. Wird sehr reich . . . Dann dachte 
ich noch an irgendeinen Zusammenbruch, daß etwa sein Sohn ein nieder- 
trächtiger Kerl wird. Dieses ist entschieden das objektivste, was ich je dachte. 
Nicht einmal mein Charakter ist darin gezeichnet; ja, die Hauptidee wäre 
nicht einmal eine, die ich verfechten könnte, denn ich glaube an die Erlaubnis, 
Kinder zu zeugen. Dies ist allerdings nicht das Problem; das liegt im Konse- 
quenzentragen und in der Tragik des Fehlschlusses. 

- 

17, 9; Briefe. 

[Aus dem Briefwechsel zwischen Walter und dem gleichaltrigen Ernst 
werden im Folgenden Walters Äußerungen, nach den Prinzipien der Material- 
proben, die oben erwähnt wurden, gebracht.] 

2/. Februar. . . . Schließlich bekam ich im Eisenbahnwagen neben dem 
blonden Mädel Platz. Da konnte ich aber nicht lange sitzen, denn je mehr ich 

(8) sie ansah, umsomehr wurde sie Melitta und ich fand mich schon ins schönste 
Gespräch mit Melitta vertieft, als ich fand, daß ich schon wieder verrückt sei. 

(l) Ich sagte mir: Dicht lieber den Dionysios! und ging auf den Gang. 

26. Februar. Ich dachtete [Bemerkenswerter Schreibfehler!] an Melitta; 
erdichtetes Gespräch mit ihr und ihrer Mutter im Stile . . . [des Vierzehnten- 
siebzehnten Lebensjahres], 

/. Mars. Das Diarium ist ja absichtlich äußerlich; aber wenn ich auch 
wollte, könnte ich keines meiner Seele führen. Zum Beispiel zwei Extreme von 



_ 



34 Das Dichten eines Jugendlichen 



Stimmungen: Hohes Gefühl der Freude und eine Welle warmen Kraftgefühls 
mit Maria und eine Stimmung wie sie ihren wirklich getreuen Ausdruck in den 
folgenden Versen gefunden hat: (Diese Stimmung aber kam mir mehrmals, 
(8) manchmal auch etwas stärker.) /. Mars. Ich bin erwacht aus einem schönen 
Traum, / Der mir mich selber zeigte / Von vielen guten Menschen tief geliebt, / 
Und freudig fragt ich nur: / Wodurch verdient ich das? / Aus diesem Traume 
bin ich heut erwacht / Und hab erkannt daß ich allein die Welt / Und 
Wahngebilde meines Ichs, / Was mir belebt erschien, / Und jedes Freundes 
Liebe / Betrug selbstschmeichelnden Gefühls. // [Dieses Gedicht ist gleich- 
lautend unter demselben Datum in den „Jugendgedichten " enthalten.] 

Natürlich kein philosophisches Bekenntnis . . . Der Dionysios wächst, 

(6) mir ist das Vorspiel ganz klar und deutlich bis auf ganz kleine Züge. Und 
der zweite Teil, der Lysander heißen wird, auch immer straffer. Ich weiß von 
keinem Drama, das sich eines so konsequent aus der Exposition sich ent- 
wickelnden Helden rühmen könnte, wie der Dionysios. Lysander, nämlich 
die Person, wird absichtlich scheinbare Inkonsequenzen aufweisen. Sehr viel 
verarbeite ich von meinem Denken und Wollen hinein. Das Vorspiel wird 
immer bedeutender: Lysander bedeutet jetzt eine historische Idee, den Frei- 
maurer, Sokratiker, dabei aber bleibt er, wie Dionysios, der Sophist usw. 
Individuum, voller, runder Charakter, nicht Schema, wie in den griechischen 
Tragödien . . . Außerdem habe ich 30 Verse geschrieben : Alpenglühen ; Phantasie. 
Ich schicke sie vielleicht nächstens. Und einen Ausdrucksbrief an die 

(8) ... zeitung über Schülerselbstmorde. Wird wohl gedruckt werden. Und glühende 
Liebesbriefe an Fräulein Melitta (nur im Geiste). Es war sehr spät nachts. Das 

(7) zur Entschuldigung. Und Ich hatte ein ihr sehr ähnliches Mädchen abends 
gesehen. 

(8) //. März. Ein lustiger Einfall z. B., Frl. Maria: Entschuldigen Sie, mein 
Herr, eben blieb meine Uhr stehen. Möchten Sie nicht die Güte haben, mir zu 
sagen, wie spät es ist? (Absichtlich so gespreizt, damit es länger dauert). Ich: 
Bitte, bitte, sehr gerne; einen Moment; es ist halb zehn Uhr. — Ich danke.— 
D. h. wenn meine Uhr richtig geht. — Sie glauben? — Ich werde gleich 
nachsehen, Fräulein, bitte einen Augenblick. — (Halte die Uhr ans Ohr.) Ja, 
sie geht, aber so ganz eigentümlich. — Zu schnell? — Nein, aber — Aber? 
— Sie spricht — Was heißt das? — Wirklich wahr, sie spricht. Aber wissen 
Sie, was sie mir gesagt hat? — Nein. — Sie hat gesagt, Sie würden mir nicht 
böse sein, wenn ich Sie jetzt bäte, mit mir spazieren zu gehen usw. 

12. Mars. . . . Aber heute nichts von Maria, denn gestern habe ich nur 
von ihr geschrieben und du glaubst sonst noch, daß ich überhaupt nur mehr 
an sie denke — dem ist aber nicht so, sondern wisse, daß ich z. B.'auf der 
7. Seite einer Abhandlung ... bin . . . Ich habe wieder einmal ein wirk- 

(6) liches Ausdrucksgedicht erlebt. Ich ging spazieren und sprach es vor mich 
hin. Da ich aber erst ein paar Stunden später niederschrieb, mußte ich dem 

(2) Rhythmus etwas nachhelfen. Ganz die Form von ,öde Stoppelfelder' . . . 



Das Dichten eines Jugendlichen 35 



Jugendgedichte. 2. Heft. 

(10) //. Mars. Dies ist die Zeit wo sie zu kommen pflegte, wenn sanft wie ein 

verhallter Ton der Tag zur Nacht verweht. / Ich stand am Felsenrand und 
blickte in den Wellenschaum und jeder neuen Woge Kamm zeigte ihr ernstes 
Angesicht. / Dann trat sie neben mich und schaute in die Weite als horchte 
sie auf jenes Wort, das ihr mein Aug verriet. / Nun ist sie fort. Ich weiß es 
nicht, wohin sie weggezogen, ich weiß es nicht, woher sie kam und nie wird 
ihr mein Mund gestehn, was ihr mein Blick nicht schon gesagt. / Und dennoch 
ist der Abend heute mild und sanft, als käme noch ein Hauch von ihrem 
Wesen her zu mir und machte stiller jeden Laut. 

Briefe. 

/Undatiert. Ende Juli./ Gestern habe ich einen feinen Prosahymnus 
(2) konzipiert: Kultur. Vielleicht führe ich ihn nächstens aus und schreibe ihn 
(6) nieder. / Den Dionysios habe ich wieder einmal zur Abwechslung aufgegeben. 
Dafür wuchs die Ameisengeschichte fort . . . 

18, 9; Tagebuch. 

ij. Februar. Die , . . ." sind fertiggestellt. Nun noch die Abschrift vom . . . 
[zwei veröffentlichte Anthologien für Kinder] und ich habe auch das hinter mir. 
(4) Es war eine recht angenehme Arbeit, denn ich hatte das Bewußtsein, etwas 
Positives damit zu leisten; denn ich bin gewiß, daß vielen Lesern dieses 
Büchleins eine rechte Freude daraus entspringen wird. Und wenn man ohnehin 
kaum fähig ist, zur Zeit etwas größeres zu machen, so ist das auch gut . . . 

Reisetagebuch. 

(8) 17. März. — [In der Eisenbahn] ... als die Dunkelheit hereinbrach, 

(9) träumte ich. Er saß an seinem Schreibtisch, die Lampe warf gedämpftes Licht 
auf viele Bogen beschriebenen Papiers; auf denen lag ihre schmale Hand, zur 
Faust geballt, dicht neben seiner, die die Feder hielt. Ihre hohe Gestalt ragte 
ins Dämmern des Zimmers, ganz nahe an seinen Sessel geschmiegt. Er fragt: 
.Weißt du auch, wie ich dich liebe? So wie ich dich . . ." [Der weitere Abdruck 
dieser Skizze ist mit Rücksicht auf ihren Autor nicht möglich.] 

Aus den Notizen zu Dionysios. 

(8) Vorspiel in Syrakus. I. (Vor Sonnenaufgang am Meer. Leander und 

Dionys.) L: Wie heißt du, Knabe? D: DIonys! L: Dionysios 1 Ein reicher Name, der 
hell von Sieg und Freude klingt, von wildem Tatensturm und heißem Drang, von 
tollem Willen, starkem Kampf, von Größe, die den Erdkreis zwang. D: Daran hab 
ich noch nie gedacht. L: Gleichgültig tönt der Name dir, dem niemals eine Kunde 

3 - 



in die Berge kam von dem, woran die schönen Silben Dionysios mich gemahnen. 
D: Woran? L: An Jubelfeste, ferne in Athen. An Mut und Übermut, an Pracht- 
gepränge, an wilden Zug von stürmenden Mänaden, an Chöre tanzend froher 
Knaben mit frischem grünen Lorbeerlaubgewind. Voran Gott Dionys mit Stab 
und Kranz, den Sieg verkündend seinem Land, der Jugend heilige Triumphe, 
-r Siehst du, dort liegt Athen, dort hinten weithin über das Meer. Siehst du 
dort die ersten Strahlen tausendfältig blitzen auf den Wogenkämmen? So glänzt 
von fern dem Schiffer Athene Parthenon. — Sonne, du bringst Grüße meiner 
Sehnsucht, Grüße aus der hohen Stadt und du gießest Purpurgold auf meine 
Locken, und es ist dieselbe Glut, die soeben spielte um die Tempel und die 
Götterbilder, um die breiten Mamorstufen. Morgenwinde, ihr bringt mir Luft, 
die um heilige Haine spielte und straffe Segel im Piräus schwellte und Atem, 
den die festen Mauern hauchten; der den Geist Athens gebar. — D: Athens? 
L: Athen, das ist der Ort der Freiheit und der Schönheit. In buntem Marmor 
lebet die Akropolis und frohes heiteres Volk strömt dort zusammen und grüßt 
mit Lachen und Gesang den Gott und die Archonten. Und Einer, der geht hoch 
und schlank und leicht hin, über den weiten Platz und seine braunen Locken 
nicken und ein Blick aus den leuchtenden Augen und ein Heben des Arms 
und es lauscht das Volk — und Stadt und Natur und Menschen und Bilder und 
Tempel und Götter sind eins. — D: Wie schön du bist! 

[Eine sehr umfangreiche Elegie, datiert vom 24.-28. September (18, 4) 
nur zum Teil ins Reine geschrieben, ist die letzte Eintragung in das Heft: 
Jugendgedichte. Mit diesem Datum hört die poetische Produktion von Walter R. 
überhaupt auf. Abgesehen von einem Zyklus kleiner lyrischer Gedichte aus dem 
März des folgenden Jahres, finden sich weder literarische Produktionen, noch 
Mitteilungen über solche in den Tagebüchern der nächsten drei Jahre. Statt 
dessen nimmt die naturwissenschaftliche und die philosophische Produktion einen 
beherrschenden Platz ein.] 



Schon die flüchtige Durchsicht dieser Auszüge und Proben läßt uns 
erkennen, daß Walter in den Jahren, aus denen wir Selbstaussagen über 
seine poetische Produktion besitzen, eine nicht unbedeutende Veränderung 
in den Motiven zum Dichten und in der Art seines Produzierens erlebt hat. 
Wir bekommen einen Vorgeschmack von der Zahl und der Kompliziertheit 
der Probleme, die in Angriff zu nehmen sind, um die allgemeine Frage 
nach dem Maß, der Art und der Funktion der poetischen Produktion der 
Jugendlichen zu beantworten. Im folgenden sollen nur einige kleine An- 
deutungen dieser Art gemacht werden, indem wir uns streng an den einen 
vorliegenden Fall halten. Wir wollen Walters Tagebuchaufzeichnungen so 
behandeln, als wären sie etwa die Antworten auf die Fragen, die ihm ein 
Psychologe stellte und wollen versuchen, aus diesen Antworten uns ein Bild 
von der poetischen Produktion Walters zu machen. 



Das Dichten eines Jugendlichen 37 

II. Die Morphologie von Walters Dichten. 

Wenn wir an unser Material die Frage „Warum dichtet Walter 
überhaupt?" (I) 1 heranbringen, so finden wir von ihm selbst zwei 
Kategorien von Motiven genannt. Das Dichten bringt ihm erstens 
„Erleichterung"; es „löst seine Spannungen"; es ist ihm „ein Sicherheits- 
ventil" für seine Konflikte; es ist der „Ausdruck seiner Gefühle", das 
„Symbol seiner Erlebnisse"; es läßt ihn „die Seligkeit des Schaffens 
kosten". In diese Kategorie der Motive paßt sehr gut die ständig hervor- 
gehobene Unbewußtheit, Unabsichtlichkeit des Vorganges; ein „unwidersteh- 
licher Zwang" ist in ihm zu dichten; „ganz von selbst bilden sich" ihm 
Balladen, Erzählungen, „kurz alles, was er hört oder sieht, in dramatische 
Entwürfe um"; „ein Gedichtchen stößt ihm auf, fertig sind Vers und Reim". 
Wir haben den Eindruck, als würde er bloß passiver Zuschauer sein, während 
es in ihm dichtet. Und so beantwortet er die Frage eigentlich nicht, 
warum er dichtet, denn er tut es nicht, sondern er läßt es geschehen, 
scheinbar wegen der Seligkeit des Schaffens, die damit verbunden ist. Aber 
andere Bemerkungen weisen uns in eine andere Richtung. Er will einmal 
„versuchen, ein Gedicht zu machen", er „arbeitet daran, daß seine 
Gedichte schön werden", zunächst für sein subjektives Empfinden, dann 
aber auch für das der anderen; er denkt oft an das Gedrucktwerden, an den 
Ruhm, den er so erlangen könnte, an die Freude, die er anderen machen 
wird, ' und er bemerkt ausdrücklich, daß er in diesem oder jenem Fall 
„nicht unbedingt hätte dichten müssen, es war ihm aber angenehmer 
gewesen, als es zu unterlassen". 

Walter nennt diese beiden Kategorien nicht regellos durch- oder 
nebeneinander, sondern er bewahrt vielmehr eine äußerst merkwürdige 
Aufeinanderfolge. Die Bemerkungen, die sich als zur zweiten Kategorie 
gehörig auffassen lassen, sind unvergleichlich viel seltener als die ersten. 
Zum erstenmal tritt eine solche Nennung mit 16,6 auf, zum zweitenmal mit 
17,2/17,3; um von da an einigemal aufzutauchen. Hat Walter bis zum 
16^6. Lebensjahr gedichtet, „wie der Vogel singt, der auf den Zweigen 
wohnt", völlig als Selbstzweck, aus einem unbewußten unwiderstehlichen 
Zwang, so beginnt er um diese Zeit mit bewußter künstlerischer Arbeit. Er 
fühlt sich offenbar als Dichter; mehr als das, als bedeutenden und revolutio- 
nierenden Dichter, er betont öfter die Neuartigkeit seiner freien Rhythmen, 
die noch nie dagewesene Idee eines Entwicklungsdramas, er freut sich auf 
den Ärger der Kritiker, also der Vertreter der traditionellen Formen, er 

i Die in Klammern gesetzten Ziffern im Text beziehen sich auf die ebenso 
geschriebenen Ziffern am Rande der Exzerpte im vorigen Abschnitt. 



i~ 



. 






38 Das Dichten eines Jugendlichen 

wünscht, seine Novelle „soll schön im höchsten Sinne werden", er glaubt, 
Fortschritte in der objektiven Kunst zu machen, usw. Es darf uns nicht 
beirren, wenn er schon mit 17,3 schreibt, sein Dichtertraum sei endgültig 
aus, denn es stört ihn selbst nicht im Fortfahren in seinen Arbeiten und in 
der Konzeption neuer. Auch beginnt er um diese Zeit größere Arbeiten 
und führt sie zum Teil zu Ende, während er bisher nur ganz kurze lyrische 
Gedichte schrieb, höchstens einmal einen kleinen Zyklus von dreien. 

Es kann kein Zweifel sein, daß Walters Dichtertraum so wenig wie 
der anderer unbekannter oder berühmter junger Leute rein altruistisch war. 
Er dachte gewiß nicht bloß an die erhabene Freude, die andere Menschen 
aus dem Anschauen der Schönheit und der vollendeten Kunst, die er schuf, 
schöpfen würden, sondern auch und vielleicht vor allem an die Ehre, die 
er dadurch erlangen, an die Bedeutung, die er in der Menschheit dadurch 
gewinnen würde. Und im Vorgefühl dieser Herrlichkeiten erwuchs ihm 
schon in der Gegenwart Stolz, Selbstvertrauen, Selbstgefühl. Dieses Gefühl 
der „Eitelkeit-, wie er es nicht ganz zutreffend immer nennt, muß in ihm 
sehr stark gewesen sein, denn er führt einen heftigen, einen wütenden 
Kampf dagegen in allen seinen Tagebüchern, fast auf jeder Seite, besonders 
bis ins 17. Jahr, dann scheint dies abzuflauen. Auch in den Auszügen, die 
wir oben gaben, ist zuweilen ein Reflex dieses Kampfes sichtbar. In der 
Zeit vor dem Dichtertraum, der bewußten künstlerischen Arbeit, erscheint 
die poetische Produktion als frei von ehrgeizigen Motiven. Erst um 16,5 
ergreifen sie jene und verwandeln sie von Grund auf, denn nicht nur die 
Motive zum Dichten, sondern dieses selbst und was damit zusammenhängt, 
erscheint verändert. Ich möchte die Periode, die der bewußt künstlerischen 
Produktion vorausging, die lyrische nennen. In ihr wird jede bewußte Ein- 
mischung in den Prozeß des Dichtens vermieden: „Nicht einmal Titel will 
ich dichten.« Und auch der Ehrgeiz fehlt. Im Gegenteil: Walter bescheidet 
sich damit, daß seine Gedichte niemandem etwas bieten können, da sie 
ja aus seinen persönlichsten Bedingungen heraus entstanden sind, Und er 
vermeidet, sie nach allgemeinen Bedürfnissen zu verändern. 

Die lyrische Periode steht aber nicht am Anfang seiner Produktion. 
Zwar reicht die vorlyrische Zeit nur mit ihren letzten Ausläufern in die uns 
vorliegenden Papiere hinein, aber sie ist deutlich festzustellen und auch 
einigermaßen zu bezeichnen. Walter spricht mit 14,4 von einem „Größen- 
wahn", der ihn „leider von Zeit zu Zeit befalle", und dann dichte er. Es 
ist nicht schwer zu erraten, daß er meint, er bilde sich ein, er könnte ein 
großer Mann, ein berühmter Dichter werden, er sei ein Genie. Er sagt es 
ausdrücklich, er fürchte, es möchte ihm eines Tages einfallen: Du bist ein 



L 



Das Dichten eines Jugendlichen 39 



Dichter! Wir können diese Furcht nicht anders verstehen, als daß ihm 
dieser Gedanke tatsächlich bereits gekommen ist, nur daß er ihn sich keines- 
wegs eingestehen will. So- erklärt es sich, daß er fortfährt, „mag sein, daß 
ich ein Talent habe, deshalb übe ich mich", und daß er seinen Drang zu 
dichten, nicht beherrscht, „leider", wie er einschaltet. Dieses Motiv des 
Größenwahnes wird in den ersten vorliegenden Notizen mehrmals angedeutet, 
aber immer unklarer und zuletzt mit 14,7. Von da ab spielt der Ehrgeiz 
in der poetischen Produktion keine merkliche Rolle mehr, bis er in der bewußt 
künstlerischen Periode wieder deutlich wird, bis in ihr jene Befürchtung des 
HVojährigen der 16V 2 jährige voll erfüllt, bis in ihm der Dichtertraum 
lebendig wird, um nach weiteren eineinhalb Jahren endgültig überwunden 
zu sein. Ähnelt das vorlyrische Stadium dem bewußt künstlerischen durch 
die teilweise Motivation des Dichtens durch den Ehrgeiz, so hat es mit 
dem lyrischen gemeinsam, daß auch in ihm das Dichten aus einem 
unbewußten Drang geschieht. Aber es fällt auf, daß der sprachlich gleiche 
Ausdruck zwei verschiedene psychische Phänomene bezeichnet, denn 
Walter sucht trotz des unbezwinglichen unbewußten Dranges nach 
Stoffen. Es brennt ihm auf den Fingern, erfühlt, heute könnte eres und 
nun hat er nichts zu besingen. Demgegenüber stellt die Notiz von 14,11, 
wo ihm abends auf einer Terrasse plötzlich ein kleines Lied „aufstößt", wo 
sich die Lust zum Dichten einstellt und mit ihr der Stoff, den er aus dem 
eigenen Erleben nimmt, eine wesentliche Veränderung dar, und mit 
Erstaunen mit Freude stellt er fest: „das war sozusagen Inspiration". Von 
da an fehlt es ihm nicht mehr an Stoffen. Im vorlyrischen Stadium bewegt 
ihn der Drang, überhaupt zu dichten, er möchte diese Tätigkeit ausüben, 
offenbar weil er glaubt, zu ihr berufen zu sein, weil er wünscht, ein 
großer Dichter zu werden. Dieser Wunsch ist sehr intensiv, triebhaft in 
ihm- er vermag zuweilen die Bedenken der Vernunft und die anderen 
Hemmungen von denen noch zu sprechen sein wird, zu überwinden. Im 
iyrischen Stadium bezieht sich das Triebhafte, Unbewußte auf den Einzel- 
fall er muß ein bestimmtes Gedicht, Stoff und Form, dichten, es bleibt ihm 
keine Wahl, weil es ihm „fertig aufstößt", oder es ist ihm doch eine 
für seine Gefühlsspannungen große Erleichterung, sich diesem Sinnen und 
Dichten hinzugeben, vielleicht so wie Heine sagt: „Aus meinen großen 
Schmerzen mach' ich die kleinen Lieder." So erscheint auch in dieser 
Beziehung das vorlyrische Stadium der bewußt künstlerischen Periode in 
einem gewissen Sinn näher als der lyrischen, denn auch in jenem scheint 
die Inspiration hinter dem bewußten Ausführen, das von ehrgeizigen Motiven 
mitbedingt ist, relativ zurückzubleiben. 



Für Walter ist Dichten und Schreiben zweierlei (2). Mit 17 Jahren notiert 
er das erstemal, daß es ihm ein Bedürfnis gewesen sei, ein Gedichtetes 
niederzuschreiben. Von da an geht das Schreiben zwar langsamer 
als das Dichten. Er muß zuweilen etwas nachhelfen, aber im allgemeinen 
macht es ihm anscheinend keine Schwierigkeiten, vielmehr Freude, denn er 
schreibt sogar ohne zwingende Nötigung. Sein Dichten und das Nieder- 
schreiben der Verse sind einander adäquat. Vorher ist es anders; er spürt 
eine schreiende Diskrepanz zwischen der Fülle seiner Ideen und Gefühle, 
deren Reichtum und ihrer Wärme und der Armut, Kälte und Dürftigkeit des 
Geschriebenen; er beklagt dieses in leidenschaftlichem Ton und in Gleich- 
nissen, zuerst mit 15, dann mit 15,8. Wir sehen hier gleichfalls die drei 
Stadien sich deutlich abheben, deren Wendepunkte um 14,11 und 16,7 liegen. 
In der vorlyrischen Periode Bemühungen, die poetischen Gedanken zu Papier 
zu bringen, was zwar nicht ohne weiteres, aber schließlich doch leidlich 
gelingt, in der lyrischen Zeit ein Ungenügen an den Ausdrucksmitteln und 
ihrer Beherrschung, im bewußt-künstlerischen Stadium ruhiges Bemühen, 
den schriftlichen Ausdruck zu gestalten. „Es ist zwar schwierig, wir müssen 
es aber lernen." 

Daß Walter in der lyrischen Periode mit der Niederschrift seiner 
Dichtungen nicht zufrieden ist, verstehen wir leicht, aber es konnte uns 
nicht deutlich werden, was ihn überhaupt dazu veranlaßt. Eher wäre zu 
erwarten, daß er sich begnügt, seine Lieder vor sich hinzumurmeln oder zu 
singen. Wir werden hier auf einen Widerspruch im Verhalten Walters 
gewiesen, der uns annehmen läßt, daß Kräfte und Absichten in ihm wirk- 
sam sind, die er nicht kennt oder sich nicht eingesteht. Wir müssen 
zunächst festhalten, auch in der lyrischen Periode besteht in ihm das 
Bedürfnis, seine Dichtungen zu fixieren und aufzuheben, so wie in den 
beiden anderen. Über die Gründe dieses Aufbewahrens (3) äußert 
sich Walter nur sehr wenig. Er tue es, Um sich später einmal an diesen 
Dummheiten zu ergötzen. Ausdrücklich lehnt er den möglichen Vorwurf, 
es geschehe aus „Schwäche", das kann in seiner Sprache nur heißen aus 
»Eitelkeit", ab. Zu diesem Motiv stimmt aber zweierlei gar wenig. Erstlich 
erwähnt er selbst einmal, das Aufheben sei gefährlich, es könne in ihm 
den Dichtertraum wecken, darum verbrennt er einen Teil seiner Papiere 
jene, die ihm vorzüglich gefährlich erscheinen; zweitens erzählt er, daß er 
in der vorlyrischen Periode, in einer Zeit, die vor 14,4 liegt, sich Unsterb- 
lichkeitshefte angelegt hatte, in denen er sorgfältig alles aufhob, was er 
schrieb, selbst lateinische Kompositionen und Rätsel. Wir halten dazu die 
Bemerkungen, daß er ein schlechtes Gedicht der „Vollständigkeit halber* 






Das Dichten eines Jugendlichen 41 

aufhebe und daß er seine Arbeiten gedruckt vor sich sehe, so wie die 
„ sämtlichen Werke der Klassiker". Dies legt uns nahe anzunehmen, daß 
er wenigstens in der vorlyrischen Zeit, — denn die meisten Notizen die 
hieher gehören, sind vor 15 geschrieben, aber bemerkenswerterweise 
tauchen immer wieder Andeutungen dieser Art auf, — sich intensiv mit 
dem Gedanken seiner eigenen künftigen sämtlichen Werke beschäftigt haben 
muß, und daß er daraus viele Hoffnungen für die Zukunft und viele 
Befriedigung seines Ehrgeizes in der Gegenwart gezogen haben muß. Dieses 
unfruchtbare Phantasieren scheint er um 14,11 aufzugeben, aber es scheint 
von ihm aus der Drang auch in der lyrischen Zeit übrig geblieben zu sein, 
die Gedichte sorgfältig niederzuschreiben und aufzuheben. 

Das Ehrgeizmotiv scheint in der lyrischen Periode völlig verschwunden 
zu sein, so sehr, daß Walter nicht einmal, wie doch andere Dichter tun, 
seine Verse bei jeder möglichen Gelegenheit vorliest (4). Schon 14,6 
hat er eine große Scheu, die anderen könnten seine Schriften zu Gesicht 
bekommen: es „ist in ihnen manches, was nicht für Fremde bestimmt ist", 
und der Diebstahl eines Heftes durch - einen Kollegen versetzt ihn einige 
Tage in äußerste Aufregung; diese Scheu hielt immer an; nur einem Freunde 
liest er alles vor ; später das eine und das andere noch einigen anderen 
Freunden. Einmal wird ihm selbst klar, daß diese Scheu im Grunde nichts 
anderes ist, als gesteigerte „Eitelkeit", denn er hält sein „Heiligtum" nur des- 
halb vor den anderen zurück, weil er fürchtet, sich vor ihnen zu blamieren. 
Nun müssen wir uns freilich hüten, solche „Erkenntnisse" Walters allzu 
hoch einzuschätzen, denn sie sind stets determiniert durch seine damalige 
Sucht, bei sich überall Eitelkeitsmotive nachzuweisen; aber wenn wir die 
interessanten Notizen von 17,2 und die von 17,3 berücksichtigen, so 
müssen wir zugeben, daß er vielleicht das Richtige getroffen hat, daß 
nämlich, ihm selbst meistenteils unbewußt, auch in der lyrischen Periode 
das Ehrgeizmotiv ein bestimmendes war. 

Auch die Urteile über seine Dichtungen (5) zeigen die- 
selbe Entwicklung in drei Stadien, wie alles bisher Betrachtete. Auch hier 
erweisen sich die Daten 14,11 und 16,6 als Wendepunkte. Bis 14,11 ist 
Walter tief unzufrieden mit seinen Produktionen; stürmisch verurteilt er sie 
ganz und gar; er findet so harte Urteile wie später nie wieder: „Das 
Ganze ist blöd." Mit 14,11 urteilt er von einem seiner Gedichte zum 
erstenmal: „Ich finde, es ist wirklich gut." Und von nun an zeigt sich 
deutlich eine gewisse Zufriedenheit mit seinen Werken. Zwar versucht er 
diese Zufriedenheit und Freude abzuschwächen, er wählt sehr merkwürdig 
geschraubte Ausdrücke, um sich selbst eu dämpfen, um sein Selbstgefühl 



42 Das Dichten eines Jugendlichen 



nicht klar zu Bewußtsein kommen zu lassen. Und so kommt eine gewisse 
Ironie in seine Urteile, die sein wahres Empfinden nur schlecht verhehlt. Mit 
17 ändert sich dies wieder plötzlich. Abermals kommt er zu energischer 
Ablehnung, er findet die Novelle „durchaus schlecht", die Ironie und Kritik 
wird wieder leidenschaftlich und gründlich. Nur zweimal erscheint in der 
Folgezeit ein günstiges Urteil. Er fällt es unter dem unmittelbaren Eindruck 
langandauernder konzentrierter Arbeit an einem Stück, noch ehe er die 
nötige Distanz gewonnen hat, die bei den wenigen Versen der Gedichte 
in der lyrischen Zeit sehr bald erreicht war und die trotzdem an seinem 
günstigen Urteil nichts zu ändern vermocht hatte. 

Trotzdem Walter das für die spätere Jugendzeit typische psychologische 
Interesse am eigenen Seelenleben besonders ausgeprägt zeigt, und zuweilen 
recht geschickte Analysen seines Zustandes versucht, genügt das von ihm 
Niedergeschriebene nicht völlig, um ein klares Bild vom Verlauf des 
poetischenProduzierensim Detail zu bekommen (6). Immerhin bestätigt 
und vertieft das Vorliegende die spärlichen Kenntnisse, über die die Psycho- 
logie auf diesem Gebiete verfügt. Wir vermögen den Prozeß der Konzeption 
deutlich von dem der Ausarbeitung zu unterscheiden. Im vorlyrischen Stadium 
sind diese beiden Prozesse sehr deutlich voneinander getrennt. Die Kon- 
zeption, dies meint Walter offenbar mit dem Ausdruck „Disposition", den 
er gebraucht, fällt ihm ein, taucht plötzlich auf, beim Anblick einer Land- 
schaft, bei der Lektüre einer Erzählung. Die Verarbeitung scheint zuweilen 
eine doppelte zu sein. Einmal wird die Idee selbst aus- und umgestaltet; 
die Konzeption scheint hier mehr in dem Gefühl zu bestehen, das könnte 
eine Ballade, ein Trauerspiel werden, und noch ehe er zur eigentlichen 
Ausarbeitung der Idee kommt, ist er absichtlich bemüht, sie zu verändern, 
„ein regelrechtes Drama in fünf Akten" daraus zu machen. Wo dies nicht 
der Fall ist, dort ist aber doch gewiß die zweite Richtung der Verarbeitung 
vorhanden: „die Disposition wird ausgeführt". Das heißt offenbar, der Inhalt 
des Gedichtes wird Wort für Wort erzählt; dabei versucht Walter die Worte 
so zu wählen und zu stellen, daß ein vorher bestimmtes Versmaß, eine 
vorher festgesetzte Zeilenzahl und Strophenart und der gewünschte Reim 
entstehe. Diese Tätigkeit macht ihm nicht geringe Mühe, scheint ziemlich 
lange zu dauern und vermag ihn jedenfalls nur kurze Zeit zu fesseln. Er 
kommt über Arbeiten von wenigen Strophen nicht hinaus. Bei dieser mühe- 
vollen handwerksmäßigen Ausführung erfährt die Konzeption eine freilich 
unbeabsichtigte Veränderung, die Ballade wird länger als er gewünscht 
hatte. Um das in bestimmter Form zu sagen, was er wollte, muß er mehr 
sagen, als er wollte, — um der Form zu genügen, um sie zu schließen. 

I 



Das Dichten eines Jugendlichen 43 

In der lyrischen Periode ist die strenge Scheidung zwischen 
Konzeption und Ausführung nicht zu machen; denn es scheint für 
sie charakteristisch zu sein, daß eine gewisse Form bereits zur 
Konzeption gehört, daß diese mit zur Konzeption gehört: wenigstens 
wird ausdrücklich mit Erstaunen und besonderer Freude bemerkt, daß 
ein Lied „fix und fertig auftauche", was „in ihm klang, waren Trochäen", 
usw. Erst beim Niederschreiben wird einiges gefeilt, gebessert, verändert; 
aber auch dann alles möglichst getreu aus dem Gedächtnis. Aus der von 
Walter versuchten Analyse eines speziellen Falles seines Dichtens gewinnt 
man freilich den Eindruck, daß auch hier an das plötzliche Auftauchen 
einer Idee, einer Stimmung das absichtliche Ausdrücken derselben sich 
abgesondert anschließt. Walter schreibt, er habe die Idee gehabt, daraus 
ließe sich ein Gedicht machen. Der Unterschied zu der vorlyrischen Periode, 
der aber trotzdem deutlich vorhanden ist, besteht vielleicht darin, daß die 
Determination durch die Absicht, „daraus ließe sich ein Gedicht machen", 
von Walter im allgemeinen nicht bemerkt wird, daß ferner der poetische 
Ausdruck leichter gelingt. Und dies scheint eine doppelte Ursache darin zu 
haben, daß einerseits Walter im sprachlichen Ausdruck bedeutende Fort- 
schritte gemacht hat und daß er andererseits nicht mehr vom Willen beherrscht 
wird, eine ganz gestimmte Form zu wählen, sondern, daß er als adäquate 
künstlerische Form jene empfindet, mit der ihm fast von selbst seine Gedichte 
fließen. Es kann aber nicht verheimlicht werden, daß dies Gesagte unzu- 
reichend ist, denn wir können uns vom eigentlichen Verlauf des Produ- 
zierens bei Walter keine klare Vorstellung machen; wir müssen ferner fragen, 
wie die plötzliche leichtere Beherrschung des sprachlichen Ausdruckes und 
das Genügen an der natürlichen Form entstand. 

Nach 16 6 bietet Walters poetisches Produzieren ein ganz und gar 
geändertes Bild. Völlig im Vordergrund steht das Schreiben, das ausdauernde 
konzentrierte Arbeiten, das Reflektieren, das Verändern, Umarbeiten, Ergänzen. 
Demgegenüber tritt das Konzipieren vollständig in den Hintergrund. Nur 
ein paarmal wird von einer neuen Konzeption gesprochen; und davon 
werden noch zwei als solche bezeichnet, die wohl über dieses Stadium nie 
hinauskommen würden. Wir haben uns auch für diese Zeit die Konzeption 
als Einfall vorzustellen: dies könnte eine Novelle, ein Drama geben. Daran 
schließt sich das Festhalten des Einfalles und das Ausführen, das seinerseits 
wieder eine Reihe von Einfällen, von bewußtem Denken und Arbeiten, 
unentwirrbar durcheinandergewachsen, ist. In dieser Periode werden umfang- 
reichere Produktionen fertig. In ihr erfüllt sich in gewissem Sinn, was in 
der vorlyrischen mit unzulänglichen Mitteln versucht oder auch nur phan- 



44 Das Dichten eines Jugendlichen 



tasiert wurde: er ist ein Dichter, oder um jede objektive Wertung seiner 
Produktion zu vermeiden, da wir unter Dichter den guten Dichter allein zu 
verstehen gewöhnt sind, er lebt wie ein Dichter, — von der Schule und 
der Bindung im Elternhaus müssen wir hier als von einem psychologisch 
Unwichtigen absehen, weil auch er in jeder Hinsicht davon abzusehen, es 
zu übersehen scheint. Wenn er allein und für sich ist, benimmt er 
sich wie ein Dichter: Er schreibt, er hat Kritiker, mit denen er kämpft, 
er hat ein Publikum, das er verachtet, er macht Reinschriften, Korrekturen, 
er hat große Pläne, er hat abgeschlossene Manuskripte, Tagebücher und 
Korrespondenzen, es fehlt ihm nur gedruckt zu sein,, und diesen Mangel 
an Realität ersetzt er durch Phantasien, oder er weiß sich durch 
Publikation nicht eigentlich poetischer Produktionen, die er selbst 
als belanglos verwirft, eine gewisse Realität zu verschaffen. Kein größerer 
Gegensatz ist zur lyrischen Periode denkbar, in der er ein Liebender 
war, dessen Gefühlsübermaß einen Ausdruck, eine Formung und Bändigung 
verlangte. 

Der fingierte Fragebogen, als dessen Beantwortung wir die Tagebücher 
Walters betrachtet haben, enthält noch die Rubrik: Aktuelle Anlässe (7), 
neben den bereits betrachteten: Warum dichten Sie überhaupt? (1), Wie 
verhalten sich Dichten und Schreiben? (2), Warum bewahren Sie Ihre 
Gedichte auf? (3), Warum lesen Sie dieselben vor ? (4), Wie beurteilen Sie 
Ihre einzelnen Gedichte? (5), Welches ist der Verlauf der Produktion im 
einzelnen? (6). Alle Antworten haben in auffälliger Übereinstimmung eine 
dreistufige Entwicklung gezeigt, deren phänomenale Erfassung einigermaßen 
gelungen ist. Die Aussagen Walters über die aktuellen Anlässe (7), aus denen 
die einzelnen Produktionen entstanden, fügen sich diesem Schema nicht. 
Sie lassen keinerlei Gesetzmäßigkeit erfassen. Zweimal wird eine Anregung 
aus der Literatur genannt; dreimal ist es die Geliebte, die unmittelbar vorher 
gesehen wurde, mehrmals regte die Stimmung der Landschaft, einmal ein 
schöner Spaziergang an und noch einige andere Anlässe werden ohne Regel 
genannt. Dies beweist die relative Unwichtigkeit des aktuellen Anlasses 
und zeigt, daß, bei Walter wenigstens, auch keine Kategorie von Anlässen 
vorhanden ist, die allein oder die immer poetische Produktionen hervorriefe. 
Aber — und dies ist die Kehrseite des Gesagten — um so eindringlicher 
wird uns klar gemacht, daß es mächtige und tiefverborgene seelische Kräfte 
sein müssen, die mit dem Prozeß des Dichtens zusammenhängen und daß 
von ihm und zu ihm ungezählte sichtbare und unsichtbare Fäden zu den 
wirklich bedeutsamen, zu den wirkenden Erlebnissen und Tatsachen 
der jugendlichen Seele führen. 



ä 



Das Dichten eines Jugendlichen 45 

Zusammenfassung: 

Es hat sich gezeigt, daß Walters Dichten in der Zeit vom 14. bis 
18,6. Lebensjahr morphologisch verschiedene Strukturen aufweist, die sich 
im großen und ganzen ziemlich klar voneinander abheben und charak- 
terisieren lassen. 

I. Die vorlyrische Periode: Sie endet zwischen den Monaten 
14,8 und 14,11, wahrscheinlich kurz vor 14,11. Es besteht der triebhafte 
Drang, irgend etwas zu dichten. An die Konzeption: „Das könnte eine 
Dichtung werden," schließt sich das Ausarbeiten der Idee, der „Disposition", 
die auch Beschlüsse über die speziellen poetischen Formen enthält (Versmaß, 
Reim). Das eigentliche Produzieren ist ein mühsames inhaltliches Erfüllen 
dieser Form. Die fertigen oder abgebrochenen Versuche werden sehr 
abfällig beurteilt; im ganzen besteht aber eine stärkere Tendenz, den Wert 
des Produzierens und der Produktion objektiv hoch einzuschätzen. Aus der 
Phantasie heraus, ein großer Dichter zu werden, wird alles sorgfältig 
abgeschrieben und aufbewahrt, oder aus Furcht vor diesem „Größenwahn" 

einiges verbrannt. 

II. Die lyrische Periode: Sie beginnt spätestens 14,11 und 
dauert bis um 16,7. Die Gedichte „tauchen fix und fertig auf", als „Aus- 
druck von Gefühlsspannungen". Sie werden aus denselben oder undeutlichen 
Gründen niedergeschrieben und wenig sorgfältig aufbewahrt. Die einzelnen 
Produktionen werden günstig beurteilt; die Bedeutung des Dichtens als 
objektiv wenig wertvoll, als subjektiv sehr bedeutsam aufgefaßt. 

III. Die bewußt künstlerische Periode: Sie beginnt um 
16,7 und dauert bis zum Versiegen der poetischen Produktion mit 18,7. 
Es' besteht der Drang, überhaupt zu dichten;, für die Stoffwahl ist ein sehr 
geringer Spielraum gegeben. Die Konzeption hat die Form: Das will ich 
als Novelle usw. behandeln, in ihr eingeschlossen ist eine gewisse all- 
gemeine Vorstellung der poetischen Form und des Aufbaues. Die Ausführung 
gelingt im allgemeinen leicht, nicht ohne mehrfache Ansätze, Bearbeitungen, 
Hemmungen und Fragmente. Die einzelnen Produktionen werden kritisch 
beurteilt. Im ganzen besteht der Wunsch, die Hoffnung, zuweilen die Über- 
zeugung, ein großer Dichter zu sein. Niederschrift und Aufbewahrung der 
vollendeten Stücke ist sehr sorgfältig mit ausgesprochener Absicht der 
Publikation. 

III. Träumerei und Stimmung als Elemente des Dichtens. 

Walter stellt sich selbst in seinen Dichtungen als Träumer dar. In 

den Tagebüchern ist an zahllosen Stellen davon die Rede; einmal verachtet 



46 



Das Dichten eines Jugendlichen 



er sich deswegen oder prophezeit sich ein übles Ende, ein andermal 
findet er sich wegen seiner Schwärmerei und Phantasterei als liebenswürdig, 
wertvoll und als Aspirant für eine große Zukunft. Auch intellektuell 
beschäftigt ihn das Problem 'des Träumens sehr; in Dichtungen, Abhand- 
lungen, Briefen und Tagebuchaufzeichnungen ist er mit viel Leidenschaft 
und Scharfsinn bemüht, sich klar zu werden über die Bedeutung des Träumers 
in der Kultur, über seine Stellung zum Tatmenschen und zum Philister : 
alle diese Erörterungen pflegen mit dem Triumph des Träumers oder mit 
der Apotheose seines tragischen Schicksals zu enden. Nur in selbstquäle- 
rischen Zeiten kann er sich nicht genug tun in der Herabsetzung dieses 
psychischen Typus. Aber auf jeden Fall identifiziert er sich mit ihm und 
fühlt sich völlig als typischen Träumer, manchmal mehr in der Variation 
des Dichters, manchmal mehr in der des spekulativen, „synthetischen" Natur- 
forschers. 

Im Zusammenhang der vorliegenden Untersuchung ist diese Tatsache 
wichtig, denn sie führt uns ein gutes Stück weiter in der Erkenntnis der 
Bedeutung der poetischen Produktion für Walters psychischen Gesamtzustand. 
Dichten und Träumen ist ihm eins. Und nicht nur für sein subjektives 
Empfinden ist dies der Fall, auch uns muß sich der gleiche Eindruck auf- 
drängen, wenn wir die Exzerpte lesen. Im Reisetagebuch erzählt Walter, er 
fahre in der Eisenbahn und träume. Die Erzählung dieses Traumes ist eine 
kurze Novelle, die so ziemlich den objektiven Höhepunkt seiner poetischen 
Produktion darstellt. Aufmerksam geworden, werden wir in sehr vielen Fällen 
diese direkte Entstehung von Poesien aus Träumereien (8) 
bemerken. Überdies noch muß jedem auffallen, daß sehr häufig mitten in 
bloß berichtender oder abhandelnder Darstellung einige Zeilen künstlerischen 
Ausdrucks auftauchen, wenn es gilt, von einer Träumerei, einem „Traum mit 
wachen Augen" zu berichten (9). 

Was ein Tagtraum ist, weiß jeder ungefähr. Die Psychologie hat sich 
aber mit diesem Thema kaum beschäftigt, darum ist es nötig, an dieser 
Stelle eine schärfere Bezeichnung dieser Erscheinung einzuschieben. Diese 
Arbeit könnte zwar nahezu überflüssig werden, wenn die gründliche Kenntnis 
der psychoanalytischen Literatur vorausgesetzt werden dürfte: denn in ihr 
ist dieses Thema vielfach — und auch von Meisterhand — behandelt 
worden. Aber es ist, als wäre die Psychoanalyse ein verdrängter Komplex 
der Psychologie. Sie führt ein unbewußtes Eigenleben in völliger Dis- 
soziation. Es führen keine assoziativen Bahnen von den Problemen und 
Resultaten der Psychoanalyse zu dieser. Darum werde ich im folgenden 
nicht zitieren, sondern ein für allemal bemerken, daß ich vieles davon 



Das Dichten eines Jugendlichen 47 



der Psychoanalyse verdanke und daß in ihren Kreisen das meiste bereits 

gesagt ist. 

Die Träumerei, das Tagträumen oder, wie Walter es nennt, „das 
Träumen mit wachen Augen", charakterisiert sich zunächst und am auf- 
fallendsten negativ, als Beschäftigungslosigkeit. Das unterscheidet diesen 
Zustand vom Spielen, im weitesten Sinn. Auch das Spiel ist eine Art 
Träumerei: einerlei, ob ein Kind mit Steinbaukasten oder Puppen spielt, 
ob der Knabe Indianer oder sonstige Kriegsspiele aufführt, oder ob der 
Jüngling Hamlet mimt oder Maschinen baut. Immer zeigen sich alle charak- 
teristischen Erscheinungen des Tagtraumes, mit Ausnahme der einen, des 
Fehlens der geordneten, zweckvollen physischen Bewegung. Der Träumer 
ist bewegungslos, er liegt im Walde, auf dem Sofa, er sitzt vor dem 
Schreibtisch, in der Schulbank und döst vor sich hin. Wo Bewegungen 
sichtbar sind, erscheinen sie als unwillkürliche, unkoordinierte, zwecklose, 
er mag mit dem Bleistift spielen, in den Sand zeichnen oder Papier biegen. 
Auch in sich zusammenhängende Bewegungen kommen vor, auf und ab 
gehen, rauchen, selbst zweckvolle und komplizierte Bewegungen können 
ausgeführt werden: ein bestimmter Weg zurückgelegt, eine gewisse mecha- 
nische Tätigkeit ausgeübt werden, aber dann ist kein innerer Zusammen- 
hang zwischen dieser Bewegung und der Träumerei, sie mögen sich hemmen 
oder fördern, keinesfalls bedingen sie einander. 

Die Beschäftigungslosigkeit hat das Tagträumen gemeinsam mit einigen 
anderen Zuständen. Wir nennen vor allem das Denken. Aber das Träumen 
ist nicht durch eine bestimmte Aufgabe determiniert. Dem Denken liegt 
immer ein Ausgangspunkt und ein Endpunkt zugrunde. Das Denken 
abstrahiert zuweilen von der Realität, es entfernt sich im Laufe des Prozesses 
unter Umständen beträchtlich von ihr, aber es geht von ihr aus und kehrt 
zu ihr zurück. Das Träumen führt in eine Welt, die von der Realität unab- 
hängig ist. Es kann von ihr ausgehen, es kann sich im Verlauf mit ihr 
berühren aber im wesentlichen entfernt es sich von ihr, ohne daß dies 
ein Mittel zum Zweck wäre, um so sicherer zurückzukehren. Überdies ist das 
Denken noch in einer zweiten Richtung durch die Realität determiniert: es ist 
bestimmt durch die logischen Kategorien wahr, falsch, wirklich, unwirklich. 
Während der Tagträumer diese Kategorie weder im Aufbau seiner Traum- 
gebilde unter allen Umständen berücksichtigt, noch überhaupt die Frage 
stellt, ob sie irgendeine Beziehung zu ihr haben. Ein sehr charakteristisches 
Merkmal des Träumens ist diese seine Inkommensurabilität mit der Realität. 

Dieser Charakter der Tagträumerei wird sehr deutlich, wenn wir sie 
mit dem einfachen Erinnern vergleichen. Die positive Beziehung ist klar; 






t- 






48 



Das Dichten eines Jugendlichen 



auch Walter hat sie bemerkt, wenn er schreibt : Dichten heißt erinnern. Der 
Unterschied liegt darin, daß die Erinnerung in enger Abhängigkeit zur Realität 
steht, die Träumerei über das Vergangene aber unabhängig von ihr ist. Wo 
die Erinnerung Korrekturen am wirklichen Erlebnis anbringt, geschieht dies 
normalerweise unbewußt und wird, erkannt, als Täuschung, als Gegen- 
erinnerung abgelehnt. Der Inhalt des Tagtraumes ist immer durchsetzt von 
Korrekturen an der Realität. Sowohl der Vorstellungsanteil als auch vor allem 
der Anteil, der die Erinnerung der realen Gefühle und affektiven Beziehungen 
enthält, ist verändert, trotzdem zu gleicher Zeit der Träumer latent den 
wahren Sachverhalt weiß. Außerdem ist für den Tagtraum — und nur für 
ihn — eine merkwürdige Zeitlosigkeit charakteristisch, die sich schwer 
beschreiben läßt. Auch wenn es sich um eine Erinnerung handelt, so wird 
sie nicht eigentlich in der Zeit lokalisiert. Der Träumer mag zwar wissen, 
dies spielte in der Vergangenheit realiter dann und dann, für seinen tag- 
träumerischen Zustand ist aber nicht dies wesentlich, sondern daß es in der 
Phantasie jetzt geschieht. Das gleiche gilt für das Träumen künftiger 
Geschehnisse. 

Der eigentliche Traum ist in dieser Beziehung dem Tagtraum sehr 
ähnlich. Aber es scheint, als bedeute er gewissermaßen ein Ideal der Ent- 
fernung von der Realität, das dieser kaum je erreicht. Die Fülle von 
Unlogischem, Unmöglichem, Zusammenhanglosem, diese völlige Hinweg- 
setzung über zeitliche und räumliche Gegebenheit, diese oft absolute Sinn- 
losigkeit des eigentlichen Traumes, scheint das wache Bewußtsein selbst 
beim Phantasieren nicht zu dulden. Die Übergänge sind hier freilich 
besonders unbestimmt, und die Tatsache, daß beide Arten von Träumerei 
im allgemeinen sogleich mit der tagesbewußten Einstellung verschwinden, 
häufig sehr schnell vergessen werden, andererseits aber auch beide zuweilen 
eine tiefe Nachwirkung ausüben und lange Zeit mit vielen Details in 
lebendiger Erinnerung bleiben, ist geeignet, sie noch mehr zu verwischen. 
Sehr häufig werden Tagträume romanhaft tage-, wochen- und zuweilen auch 
jahrelang fortgesetzt oder dieselben Phantasien mit geringen Variationen 
wiederholt. Beim Nachtträumen ist dies selten. Extrem visuelle Personen 
pflegen ausschließlich in Bildern zu phantasieren, die anderen phantasieren 
mit unanschaulichen Vorstellungen, untermischt mit deutlich visuellen und 
akustischen, mit „ Bewußtheiten", mit affektiven und motorischen „Intentionen" • 
im Nachttraum scheint durchschnittlich jede andere Art gegenüber der 
lebendig visuellen auch bei extrem avisuellen Personen zurückzutreten. Aber 
diese Unterschiede, die alle mehr quantitativ als qualitativ sind, vermögen 
den Eindruck nicht zu verwischen, als wären Phantasieren und eigentliches 






Das Dichten eines Jugendlichen 49 

Träumen wesensverwandte Vorgänge — wie es die Sprache andeutet — zu 
deren differenzieller Charakterisierung die Formel genüge, daß der Tagtraum 
die dem wachen Bewußtsein jeweils mögliche äußerste Entfernung von der 
Realität darstelle, während der Traum von der Realität bis auf die sehr 
eingeschränkte Gebundenheit an die Erscheinung in einer Art Raum völlig 
losgelöst ist. 

Zunächst stellt sich die Träumerei als vornehmlich intellektueller 
Prozeß dar. Ihr Stoff sind vorwiegend Vorstellungen oder deren Repräsen- 
tanten : Worte und deren Intentionen. Dies unterscheidet den Tagtraum scharf 
von der Stimmung, deren Stoff vornehmlich Wahrnehmungen und Gefühle 
sind. Die Stimmung ist durchaus an die Realität geknüpft, so sehr, daß es 
oft den Anschein hat, als wäre sie wesentlich die psychische Reaktion auf 
eine bestimmte Umgebung, auf ein bestimmtes reales Ereignis. Wir haben 
Gründe, diesen Anschein für bloßen Schein zu halten; wahrscheinlich ist 
kein tatsächlicher Zusammenhang zwischen der Außenwelt und einer bestimmten 
Stimmung, vielmehr ist sie die Ursache, daß jene „rosenrot" oder „schwarz" 
aufgefaßt wird. Es ist für den hier behandelten Zusammenhang wichtig, daß 
die Ursache einer Stimmung in der Außenwelt gesucht wird, daß auch tat- 
sächlich die Nuance der Stimmung von ihr bestimmt wird, daß auf alle 
Fälle eine bewußte, selbst aufdringliche Relation zur Realität besteht. Der 
Inhalt der Stimmung ist geradezu erschöpft durch ein meist sehr kompliziertes 
Gefühl und durch die Relation dieses Gefühles zu einer bestimmten Gruppe 
von Wahrnehmungen. So besteht z. B. die Stimmung Abendfrieden aus dem 
zugrunde liegenden, sehr deutlichen, aber sehr komplizierten Gefühl, aus 
der Wahrnehmung der Landschaft und aus der wechselseitig gerichteten 
Relation: Diese Landschaft erzeugt in mir das Gefühl des Friedens und 
meine innere Ruhe taucht diese Landschaft in Frieden. Diese Relation kommt 
beim Tagtraum nicht vor. Gefühle ähnlicher Art und Intensität wie bei der 
Stimmung mögen zuweilen auftreten. Häufig nimmt er von ihnen seinen 
Ausgang oder endet mit ihnen, einer intensiv heiteren oder ruhigen, einer 
elegischen oder grobsinnlichen Stimmung. Unter Umständen ist auch ein 
Bestandteil des Tagtrauminhaltes mit einem deutlichen Lust-, Unlust- oder 
komplizierteren Gefühl verbunden. Aber diese einfachen Beziehungen 
zwischen den Gefühlen und den anderen Inhalten sind nicht die bezeichnenden. 
So wie das Spiel eine Funktionslust und bei gewissen Hemmungen eine 
Funktionsunlust begleitet, so ist auch der Prozeß des Phantasierens von 
einem ununterbrochenen Gefühlsstrom begleitet ; es baut sich gewissermaßen 
auf ihm auf. Bemerkenswert ist nun dabei, daß erstlich dieser affektive 
Hintergrund im allgemeinen nicht sehr intensiv wahrgenommen zu werden 



50 Das Dichten eines Jugendlichen 



pflegt, sondern vielmehr vom Träumer meistens übersehen wird. Aus der 
Träumerei erwachend, wird er gewöhnlich über diese Gefühle keine Auskunft 
zu geben vermögen ; auch dann nicht, wenn ihm der intellektuelle Gehalt 
der Träumerei gegenwärtig geblieben ist. Zweitens sind diese Gefühle dem 
Inhalt des Tagtraumes nicht adäquat. Im extremsten Fall sind die Gefühle 
des Tagtraumes seinem Inhalt entgegengesetzt — ■ verglichen mit den 
Wertungen und affektiven Verhältnissen des normalen Lebens: der eigen 
Tod, der Verlust der Geliebten ist zuweilen von Freude, von Zufriedenheit 
und Wohlbehagen begleitet — sehnlichst erwünschter Besitz manchmal mit 
Angst, Gedrücktheit und Unlust verknüpft. Fehlen aber auch diese äußersten 
Unstimmigkeiten, so ist doch ganz allgemein zu bemerken, daß das affektiv 
Relief der Träumerei in keiner relativen Übereinstimmung mit ihrem Inhal 
sich befindet. Ein etwa zugrunde liegendes Behagen steigert oder vermindert 
sich nicht mit der Aufeinanderfolge von Vorstellungen, die im Tages- 
bewußtsein von verschieden intensiven Lustgefühlen begleitet wären 
Unwichtiges erhält den affektiven Hauptton, Wichtiges bleibt gefühlsmäßi 
indifferent. Nicht die Details des Gefühlsstromes und des Vorsteil ungs 
ablaufes scheinen einander zu determinieren, sondern beide determinieren 
einander nur im großen und ganzen entweder an der Ursprungsstelle oder 
beide sind von einem unbekannten Dritten konstelliert. Im allgemeinen ist 
nur eine oberflächliche Übereinstimmung hergestellt. 

Daß im Tagtraum Wünsche als erfüllt halluziniert werden, deren 
Befriedigung in der Realität dem Träumenden versagt ist, kann in zahl- 
reichen Fällen bemerkt werden. Wo dies nicht deutlich ist oder überhaupt 
nicht zu gelten scheint, sind andere charakteristische Beziehungen zu 
entdecken. Es gehört zweifellos zum Wesen des Wunsches, der nicht 
unmittelbar nach seinem Bewußtwerden durch völlige Befriedigung vernichtet 
wird, daß er in gewissem Maße die von der Zukunft real erhoffte Befriedigung 
in der Gegenwart durch „Halluzinationen" oder Vorstellungen vorwegnimmt. 

Sehr häufig tritt die Träumerei an Stelle der realen Befriedigun 
eines Wunsches. Ob mit diesem Satze eine schlechthin allgemeingültig 
Regel aufgestellt ist, läßt sich an dieser Stelle nicht untersuchen. Die groß 
Zahl von jahrelang immer wiederkehrenden habituellen Tagträumen 
läßt dies vielleicht als unwahrscheinlich und die Tatsache, daß der Inhalt 
vieler Tagträume eine Besorgnis darstellt, unmöglich erscheinen. Der erste 
Einwand dürfte aber hinfällig werden durch den Hinweis auf habituelle 
Wünsche. „Entbehren sollst du, sollst entbehren," dies gilt bekanntlich fQ r 
jeden Menschen seit seiner frühesten Kindheit in jeder Stunde. Jede 
Befriedigung eines Wunsches, Bedürfnisses, Triebes, verlangt irgendeine 






■■ 



Das Dichten eines Jugendlichen 51 



Veränderung der physischen Realität und wäre es auch nur die Ausführung 
einer einfachen Bewegung. Das Ausmaß und die Art der Veränderung der 
Realität, das den Verschiedenen physisch möglich ist, mag verschieden sein, 
immer ist es beschränkt. Überdies wird von jedem Menschen der Bereich seiner 
physischen Möglichkeiten aus individuellen und sozialen psychischen 
Ursachen nicht unbedeutend eingeschränkt. Niemand gesteht sich alle 
Wünsche ein, niemand gewährt allen eingestandenen die volle Befriedigung. 
So häuft Sich gewissermaßen in jedem Menschen ein Bodensatz von 
unerfüllten, selbst uneingestandenen Wünschen an. Einige von ihnen könnten 
längere Zeit, manche vielleicht dauernd wirksam bleiben, indem sie, immer 
wieder aus der Latenz reaktiviert, zwar keine Handlungen, wohl aber 
Träumereien, u. zw. eben jene stereotypen und habituellen Tagträume oder 
Zyklen von Tagträumen erzeugen. Der zweite Einwand verliert viel von 
seiner Kraft durch die Erinnerung an das oben von der affektiven Eigenart 
der Tagträume Gesagte. Dazu kommt, daß sich vielfach der Inhalt einer 
im Tagtraum auftretenden Besorgnis als uneingestandener, abgelehnter oder 
verdrängter Wunsch erweisen läßt. Der Träumer spielt mit dem Gedanken 
an seinen Tod, der vielleicht ein so intensiver Wunsch von ihm ist, daß. 
er sich einen Revolver oder ein Päckchen Gift angeschafft hatte, ohne daß 
die Hemmungen gewichen wären, die ihn vom tatsächlichen Selbstmord 
zurückhalten. Unter Berücksichtigung dieser Erörterungen dürften wir viel- 
leicht allgemein formulieren — ohne die Möglichkeit von Ausnahmen aus- 
zuschließen, freilich auch ohne Erfahrung von solchen — Träumereien 
folgen auf Wünsche, wenn die Veränderung der Realität die zu ihrer 
Befriedigung nötig wäre, unmöglich ist oder als gegenwärtig unmöglich, 
nicht wünschenswert oder erlaubt erscheint. 

Dieser Versuch einer Charakteristik des Tagträumens ist vielleicht 
ausreichend, um uns die Erkennung von Tagträumen oder von ihren Elementen 
in den Tagebüchern Walters zu ermöglichen, obzwar er nicht hinreicht, das; 
Phänomen selbst zu erschöpfen. Und so können wir versuchen, der/ 
Beziehungen zwischen Tagtraum und Dichtung näher nachzugehen, die sich 
jedem bei der ersten Lektüre des Materials allgemein aufgedrängt haben mögen. 

Die Notiz von 18,10 unterscheidet sich von einer lyrischen Skizze, 
wie sie sich in literarischen Zeitschriften häufig finden, nur durch den 
Einleitungssatz: „Abends in der Eisenbahn träumte ich." (Von der Qualität 
dieser Dichtung, über die sich natürlich streiten ließe, sehe ich völlig 
ab.) Sie ist die Niederschrift einer tags zuvor erlebten Träumerei, 
und zwar einer in jeder Hinsicht typischen Tagträumerei. Das Problem 
Grefe zieht sich durch das ganze Reisetagebuch und durch alle Äußerungen 



52 



Das Dichten eines Jugendlichen 






dieses Jahres. Walter fühlt sich an ein Mädchen gebunden, von dem er 
sich zugleich abgestoßen fühlt. Er wünscht, sie möchte ihn lieben und 
fürchtet sich zugleich davor. Er spielt mit dem Gedanken, sie liebe ihn 
mehr, als er ihr erwidern kann, und fürchtet, als „ethischer Vollmensch " 
die seelischen Folgen, die dieser Konflikt für sie haben könnte. Er wünscht, 
daß er sich über die Intensität seiner eigenen Liebe täuschen möge. Die 
genannte Träumerei dreht sich völlig um diesen Punkt, aber sie stellt 
diesen Konflikt und eine mögliche Lösung desselben dar, ohne eine Beziehung 
zur Realität. Nicht Walter ist es, der so fühlt und handelt, sondern ein Er. 
Was in der Realität vergangen ist, was in der Realität möglicherweise 
zukünftig ist, wird hier in eins verschmolzen, aber nicht in eine reale 
Vergangenheit oder Zukunft, sondern in eine ganz unbestimmte poetische 
Zeit verlegt und so im Grunde aus der Zeit überhaupt herausgehoben. 
Offenbar war diese Träumerei nicht von starken Affekten begleitet, nicht von 
Affekten der gleichen Art und der gleichen Intensität begleitet, die auch 
der relativ gleichgültigste Bestandteil der Träumerei in der Realität erzeugt 
hätte. Die Erzählung dieser Träumerei muß daher alle Gefühle und Bewertungen 
fortlassen und „stellt bloß objektiv dar". Es ist fast gewiß: Wenn Walter 
um diese Zeit noch vom „Dichtertraum " beherrscht gewesen wäre und nicht 
statt dessen in ihm die Tendenz, sich als Naturwissenschafter zu fühlen 
bestimmend gewesen wäre und er dementsprechend sein Reisetagebuch nicht 
mit ethnographischen, kunsthistorischen und geologischen Beobachtungen 
gefüllt hätte, so hätte er diese Träumerei als Dichtung empfunden und 
behandelt, also etwa wie früher, sie aus dem Tagebuch herausgelöst und 
für sich aufbewahrt, poetisch gewertet, an eine Zeitschrift gesendet usw. 
Wahrscheinlich hätte er auch, anstatt im Tagebuch täglich das gleiche Thema 
isoliert in ähnlicher Weise kurz anzuspinnen, kontinuierlich die eine Fassung 
aus- und umgebildet und so eine neue Novelle geschrieben. 

Das Gedicht „Begegnung« mit 15,1 ist auch deutlich als Träumerei 
gekennzeichnet. Er sieht Melitta, spricht mit ihr kaum ein Wort, mit ihren 
Eltern ein paar belanglose und geht allein weiter und spinnt diese wenigen 
erlebten Augenblicke zu einem endlosen Gedicht aus; d. h. er träumt 
weiter von diesem Erlebnisse, empfindet diese Träumerei als Gedicht und 
schreibt sie daher in sein Gedichtheft ein, kritisiert sie usw. 

Es wäre ermüdend, alle hierhergehörigen Notizen ausführlich zu 
behandeln, sie sind im ersten Abschnitt mit (8) bezeichnet und ihr 
Studium macht wohl unzweifelhaft klar, daß ein Teil des 
Dichtens von Walter psychologisch als Tagträumerei 
aufzufassen ist. 






l 



Das Dichten eines Jugendlichen 53 

Allerdings nicht jede Träumerei ist eine Dichtung. Auch die malerische, 
die musikalische, die plastische Produktion beruht teilweise auf Träumereien; 
selbst für die technische, organisatorische und wissenschaftliche Produktion 
gilt dies bis zu einem gewissen Grad. Notwendig muß zur Träumerei hinzu- 
kommen die Mitteilung derselben in Worten und als Geschehnis, um sie 
zur Dichtung zu machen. Solange die Träumerei nicht mitgeteilt wird, ist 
sie ein Prozeß, ihre Darstellung erst macht sie zum Produkt, und nur die 
Darstellung in Worten macht sie zu einem Produkt der Gattung, der wir 
die Dichtungen in psychologischer Hinsicht subsumieren müssen. Wenn 
Walter in seinen Tagebüchern einen „Traum mit wachen Augen" oder eine 
Erinnerung erzählt, so geschieht dies immer in einer ganz besonderen stili- 
stischen Form, die wir an dieser Stelle unanalysiert lassen müssen, einer 
„poetischen". Auch dort, wo die Träumerei nicht zur Dichtung wurde, wo 
der Träumer auch nicht im entferntesten daran gedacht haben mag, ein 
Gedicht zu schreiben, entsteht zuweilen doch durch die bloße Mitteilung der 
Phantasie ein Gedichtkeim, ein poesieartiges Gebilde (9). 
Die Wahl dei Ausdrücke und der syntaktischen Formen, rhythmische, meta- 
phorische und symbolische Elemente machen den Unterschied zur rein 
berichtenden Prosa mehr oder minder auffällig, aber fast immer bemerkbar. 
Die charakteristischen Eigenarten der Träumerei, ihre Loslösung von der 
Realität, ihre eigentümliche Affektivität, ihre Mittelstellung zwischen wirk- 
licher Wahrnehmung und eigentlichem visuellen Traumbild, die rätselhafte 
Spontaneität ihres Auftretens und Verlaufes lassen sich so wenig direkt 
mitteilen als das Erlebnis Grün oder die Tatsache Bewußtsein. Das Bemühen, 
trotzdem die Träumerei gerade mit ihrem spezifischen Ton darzustellen, 
läßt den Träumer zu Mitteln greifen, durch die er indirekt andeutet, was 
sich geradezu nicht sagen läßt. Was man gewöhnlich poetische Ausdrucks- 
mittel nennt, läßt sich von hier, aus psychologisch vielleicht allgemein als 
Mittel der Darstellung des spezifischen Träumereicharakters auffassen. So 
dient etwa Vers und Rhythmus zugleich der Darstellung des affektiven 
Unterstromes und der Inkommensurabilität mit der Realität. Der Bericht der 
Phantasie, der eingeleitet ist mit „In der Eisenbahn träume ich", wird 
durch diese Einschaltung in einen Zusammenhang mit der Realität gestellt, 
darum muß vor allem sie wegfallen, soll aus dem poesieartigen Gebilde 
eine Dichtung werden. Oder ganz allgemein, die Träumerei muß überdies 
auch von der Person des Träumers losgelöst werden und muß als autonomes 
Geschehnis mit jenen Ausdrucksmitteln dargestellt werden. 

Jede Zeit hat neben gewissen allgemein gültigen ihre besonderen 
Konventionen für die poetischen Formen und Stoffe, deren Inbegriff ästhe- 






54 Das Dichten eines Jugendlichen 

tisch schön genannt wird. Soweit nun der Träumer fähig ist, eine bestimmte 
Auswahl aus seinen Phantasien dieser Konvention entsprechend mitzuteilen, 
so weit ist er ein Dichter im engeren Sinn ; ein ästhetischer Begriff, der 
mit dem psychologischen Begriff des Dichters niemals zusammenfällt, ihm 
aber auch meistens nicht einfach untergeordnet ist, denn nicht alles Dichten 
ist Träumen. 

Daß Walters Dichtungen zum großen Teil der eben bezeichneten 
psychologischen Gattung angehören, läßt sich durch Studium der Exzerpte 
leicht einsehen. Aber ohne den Tatsachen unnötigen Zwang anzutun, lassen 
sich alle von ihm erwähnten Dichtungen nicht hieherzählen. Gerade die 
ausführliche Analyse seines poetischen Produktionsprozesses (S. 18/19) 
läßt die meisten Charaktere der Träumerei vermissen. Vielleicht gelänge es 
mit einigen dialektischen Spitzfindigkeiten, auch hier eine scheinbare Ein- 
heitlichkeit zu beweisen. Aber in dieser vorliegenden vorbereitenden Arbeit 
wäre solch ein Verfahren besonders übel angebracht, denn die Erforschung 
der psychologischen Probleme, welche die Tatsache des Dichtens der 
Jugend bietet, kann nur vorbereitet werden durch eine Darstellung und 
Charakterisierung des Phänomenalen, die sich von allen theoretischen und 
synthetischen Versuchen fernzuhalten weiß. Unter dieser Voraussetzung 
betrachtet, erscheint Walters Gedicht „ Herbstgedanken " nicht als Darstellung 
des Spezifischen einer Träumerei, sondern vielmehr einer Stimmung, die 
wir als teilweise der Träumerei entgegengesetzt bezeichnet haben. Das 
Wesen des Erlebnisses Herbstgedanken — von seiner Darstellung sehen 
wir ab — ist kein phantasiertes, der Realität inkommensurables Geschehen, 
sondern umgekehrt die durch eine besondere affektive Konstellation eigen- 
artig aufgefaßte Realität selbst: die Herbstlandschaft. 

Mehr oder weniger deutlich wird der Prozeß des Dichtens öfter von 
Walter in dieser Weise beschrieben. Überaus zahlreich sind die Stellen, in 
denen sich Walter zwar völlig unzureichend ausdrückt, die aber nur so 
verständlich werden (10). Allen diesen Fällen scheint etwa der folgende 
Prozeß gemeinsam charakteristisch zu sein. Das Ausgangserlebnis ist ein 
lebhaftes Gefühl: innere Harmonie, Sehnsucht, Trauer, Unruhe, Freude. 
Walter gibt sich solchen auftauchenden Gefühlen gern passiv hin, er ver- 
sucht nicht, durch Denken oder andere zielbestimmte psychische Aktivität 
ihrer Herr zu werden, sondern widmet sich ihnen vielmehr, seine Arbeit, 
die Schulaufgaben oder seine privaten Interessen verschiebend, vernach- 
lässigend. Höchstens daß er eine gewisse motorische Aktivität äußert: er 
„nimmt Hut und Stock und geht möglichst einsam spazieren". Diese 
Gefühle scheinen ihm selbst meistens ohne äußere Motivation zu sein, 







«■i 



s 



Das Dichten eines Jugendlichen 55 



etwa wie Hebbel es ausspricht: „Da bluten wir und fühlen keine Wunden, 
da freun wir uns und freun uns ohne Grund." Sich solchen Gefühlen hin- 
geben, heißt nun aber nicht, einfach diesen Zustand erhalten, sondern einem 
merkwürdigen Prozeß keinen Einhalt tun, der sich aus einer noch unbekannten 
inneren Gesetzlichkeit heraus an die ungestörte Existenz eines solchen 
Gefühles, wie es scheint, ganz allgemein anzuschließen pflegt. Das Gefühl 
strömt über auf die umgebende Realität, es irradiiert. Und zwar in doppelter 
Weise. Erstens wird die Umgebung im weitesten Sinn, ich möchte hier 
die Vergangenheit und die als real möglich gedachte Zukunft miteinschließen, 
nach diesem Gefühl spezifisch gefärbt. Die Blumen scheinen sich mit- 
zufreuen, die Zukunft erscheint licht und frei, die Wolken weinen mit, die 
Vögel sind traurig, die Vergangenheit lastet mit drückender Schwere. 
Zweitens stellt sich im Laufe der Stimmung meistens der Versuch ein, ihre 
scheinbare Unmotiviertheit von außen her aufzuheben. Es finden sich 
Ursachen für die spezifische Gefühlslage in der Realität: „Ein Sternlein hat 
mir Trost gebracht"; das Verschwinden des Mondes hat traurig gestimmt. 
Bemerkenswerterweise wird nun beim Versuch, die Realität als Spiegel, 
Ursache oder Symbol des seelischen Zustandes mitzuteilen, ein Gedichtkeim. 
Das Bemühen, in Worten das Spezifische dieses Versuches, die möglichste 
Vollkommenheit des Symboles darzustellen, läßt aus dem Keim eine 
Dichtung werden. (Auch hier ist vom Problem der ästhetischen Normen 
und Bewertungen abgesehen.) 

In Walters Analyse der Entstehung seines Gedichtes „Herbstgedanken" 
fällt uns der Ausdruck, „wie mir der Gedanke kam, weiß ich nicht, genug, 
er war da. Zu so einem halbwegs guten Gedanken. . ," auf, und macht 
uns auf ein drittes Element des poetischen Produzieren aufmerksam, den 
Gedanken. Auch dieses erwähnt Walter nicht selten. Wir finden in manchen 
Gedichten deutlich seine Spuren; so in „Nächtliche Eisenbahnfahrt". Er 
selbst schreibt, „was ich mir dabei dachte, war folgendes". In dieser Arbeit 
möchte ich auf das dritte Element nur hingewiesen haben. Diesen Hinweis 
näher auszuführen, muß auf die Behandlung eines günstigeren Objektes zum 
Studium dieser Frage aufgeschoben werden. 

Mit 14,11 gelingt es Walter zum erstenmal, eine Stimmung im Gedicht 
auszudrücken; bis dahin erwähnt er zwar solche Stimmungen, aber es ist 
ihm unmöglich, sie adäquat mitzuteilen. Entweder kommt er über das 
„Gedachte" nicht hinaus, das heißt eigentlich überhaupt nicht über den 
Prozeß des Erlebens, denn offenbar gehört eine gewisse wörtliche Formu- 
lierung schon zum Erlebnis Stimmung, nämlich das Festhalten der sym- 
bolisierten Realität; oder er ist mit dem versuchten Bericht tief unzufrieden. 



56 



Das Dichten eines Jugendlichen 



Von 14,11 an aber ist diese Form der Produktion mit einigen wenigen 
Ausnahmen, deren erste in 15,1 fällt, die ausschließliche bis 16,10. Also 
genau in dem Zeitraum, den wir als lyrische Periode beschrieben haben 
dominiert unbestritten diese Form der dichterischen Produktion: Der adä- 
quate Ausdruck oder Bericht von Stimmungen. Von 16,10 an geht dies 
immer auch noch nebenher, aber es dominiert durchaus die andere Form 
der adäquate Bericht von Träumereien. Einzelne kurze Träumereien wurden 
bis 16,10 zuweilen im Tagebuch dargestellt, aber über Poesiekeime kam 
Walter in diesen Fällen nicht hinaus. Nun, von 16,10 an, beginnen sich 
die isolierten Träumereien zu langen zusammenhängenden und komplizierten 
Gebilden zu entwickeln, zu längeren Gedichten, Novellen und Dramen. Der 
Ausdruck von Stimmungen wird sehr häufig in diese Träumereien als Ein- 
lage oder als festgefügter Bestandteil eingewoben. 

Wenn wir oben sagten, der erste Versuch, eine Träumerei adäquat 
mitzuteilen, fand um 15,1 statt, so haben wir dies ein wenig zu korrigieren. 
Denn die poetische Produktion der vorlyrischen Periode nimmt keinesfalls 
von Stimmungserlebnissen oder Gedanken ihren Ausgang, soweit wir wenig- 
stens nach dem vorliegenden spärlichen Material urteilen können. Vielmehr 
erhalten wir, etwa aus der Notiz von 14,4 oder der Schilderung der Ent- 
stehung des Gedichtes Tarpeia, den Eindruck von typischen Träumereien 
die dem Dichten vorangehen oder es ausmachen. Aber manche dieser Träume- 
reien unterscheiden sich wesentlich von denen der späteren Periode. Es 
handelt sich bei ihnen vor allem um das Beschäftigtsein mit einem fremden 
Stoff. Walter vertieft sich in die Geschichte der Tarpeia, der römischen 
Könige usw., er schmückt sie mit eigenen Erfindungen aus, gliedert sie nach 
eigenem Ermessen, verleiht den Personen Gedanken und Worte, schildert 
deren Handlungen und Milieu. Er träumt gewissermaßen an einem Substrat 
entlang. In der lyrischen und bewußt-künstlerischen Periode kommt diese 
Form des Phantasierens so gut wie gar nicht vor. Natürlich nimmt er auch 
da Anregungen, wo er sie findet, aber nach 14,11 verarbeitet er diese i n 
seine eigenen erfundenen Träumereien, während er vorher, in der vorlyrischen 
Zeit, umgekehrt, Elemente eigener Erfindung, in das nachphantasierte 
Hauptthema hineingearbeitet hatte. Wo er einen Stoff aus früherer Zeit 
später wieder aufnimmt, verwandelt er ihn von Grund auf. So bleibt 
vom historischen Dionysios in den letzten Niederschriften nicht viel 
mehr als der Name und vom ursprünglichen Gerüst nur das, was ihm 
geeignet erscheint, die „Idee" darzustellen. Auch echte Träumereien erlebt 
Walter in der vorlyrischen Periode. Aber, und dies ist äußerst merkwürdig 
gerade diese bleiben als Gedichtkeime oder poetische Pläne unausgeführt' 



Das Dichten eines Jugendlichen 57 

während die uneigentlichen Träumereien an der Hand eines Stoffes zu 
längeren Gedichten weitergebildet und beendigt werden. Dasselbe gilt in 
dieser Zeit von den Stimmungen. Er sagt von sich selbst, er habe „poetisches 
Gemüt ohne dichterische Gestaltungskraft", erst mit 14,11 gelingt der erste 
Stimmungsausdruck, erst mit 15,1 entsteht das erstemal ein Gedicht aus 
einer echten Träumerei. Diese letzte Art der Produktion tritt freilich auch 
dann noch über ein Jahr lang gegenüber der aus Stimmungen völlig in 
den Hintergrund, um mit 16,10 zu dominierender Stellung zu gelangen, 
von dann an bloß mehr beiläufig vom Stimmungsausdruck begleitet. 

Zusammenfassung. 

Die verschiedenen Formen des Dichtens gehören bei Walter drei ver- 
schiedenen Kategorien von psychologischen Prozessen an: dem Tagträumen, 
dem Stimmungen-Hingegebensein und dem Poetische-Gedanken-Haben. (Vom 
letzten wurde in dieser Arbeit ganz abgesehen.) Seine Dichtungen sind 
Versuche, Träumereien oder Stimmungen in ihrem spezifischen Gehalt 
adäquat mitzuteilen. Träumerei und Stimmung können so als psychologische 
Elemente seines Dichtens bezeichnet werden. 

I. Vorlyrische Zeit (vor 14,11). Das Element der vollendeten oder 
wirklich begonnenen Gedichte ist ausschließlich die Träumerei, und zwar 
das träumerische Erfassen und Verändern vorgefundener Stoffe. Geplant, 
aber nicht ausgeführt, kaum begonnen, werden Dichtungen auch aus dem 
Element der Stimmung und aus originalen Träumereien. 

II. Lyrische Zeit (14,11 bis 16,10). Das Element des Dichtens ist 
weitaus überwiegend die Stimmung. Vereinzelte Träumereien werden poetisch 
verarbeitet; viele bleiben als Gedichtkeim unverwertet. 

III. Künstlerische Zeit (nach 16,10). Das Element des Dichtens ist 
weitaus überwiegend die originale Träumerei. Nebenher werden vereinzelt 
auch Stimmungen sowohl als selbständige Dichtungen wie auch als Teile 
von solchen verwendet. Sehr viele bleiben als Gedichtkeime unverwertet. 



i 



Phantasie und Realität 

im Gedicht eines Siebzehnjährigen. 

Die voranstehende Untersuchung ergab als eines ihrer Resultate, daß 
ein Typus der Dichtungen Jugendlicher mitgeteilte Tagträume sind. Die Tag- 
träume sind nun ihrerseits ganz allgemein als realisiert dargestellte Wünsche des 
Tagträumers oder Dichters aufzufassen, Wünsche, die auf Erlebnissen auf- 
gebaut, reales Material zu Phantasien umgestalten. Wir sind im ersten Beitrag 
den Inhalten der einzelnen Träumereien und Dichtungen nicht nachgegangen 
und haben darum auch den Zusammenhang zwischen den realen Erlebnissen 
und der Dichtung nicht aufgedeckt. Dies sei im folgenden an einem kon- 
kreten Beispiel nachgeholt. Wir dürfen davon manches nähere Detail zu den 
bereits gefundenen Aufhellungen (den eigenen und den fremden) erwarten 
und manchen Aufschluß, manche Anregung, die über diese Hoffnung hinaus- 
geht. Sollte diese Vermutung aber nicht zutreffen, so darf die folgende 
Psychoanalyse eines Gedichtes, die an ihrem Autor selbst vorgenommen 
wurde, auf jeden Fall ein gewisses Interesse erwarten, da unseres Wissen, 
bisher eine solche nicht publiziert wurde. 

Karl Kolm nennt sich der junge Verfasser der analysierten Epistel 
selbst, um vor seinen Verwandten, denen die losen Blätter, auf die er seine 
Verse niederzuschreiben pflegte, etwa in die Hand fallen könnten, unerkannt 
zu bleiben. Wir wollen das Pseudonym im Verlaufe unserer Darstellung 
als Eigennamen festhalten. Karl Kolm war siebzehnjährig, als er meinen 
Verkehr suchte, bei mir mannigfaltigen Rat erbat, Möglichkeit zu „Beichte* 
und Aussprache wünschte; ein Verkehr, der mir vielleicht schmeicheln mochte, 
den ich aber als zu zeitraubend in meinen damaligen Umständen hätte 
ablehnen müssen, hätten wir uns nicht geeinigt, daß er bereit sei, seine 
Mitteilungen der psychoanalytischen Grundregel zu unterwerfen, und mir zu 
gestatten, wörtlich mitzustenographieren und seine Mitteilungen als Material 
für meine wissenschaftlichen Bestrebungen zur Psychologie der Jugend zu 
verwenden. — Am Abend vor der vereinbarten ersten Sitzung erhielt ich 
die „Epistel" und einen Begleitbrief durch Boten zugestellt. Ich schlug Karl 
Kolm vor, zunächst die Analyse dieser Epistel vorzunehmen. Er war damit- 



= 






Phantasie und Realität 



59 



einverstanden. In fünfzehn aufeinanderfolgenden Sitzungen wurde nunmehr 
so verfahren, daß ich Zeile für Zeile des Gedichtes — als wären es Reizworte 
in einem Assoziationsversuch — vorsagte und seine Antworten mitsteno- 
graphierte. Er hatte den Auftrag, ohne jede Kritik alles zu sagen, was ihm 
einfiel. Hierauf wurden gewisse, immer wiederkehrende Symbole, Erinnerungen 
und dergleichen in derselben Weise behandelt. Zuletzt hat Karl selbst die 
Epistel vorgelesen, mit der Anweisung, alle Stellen zu bemerken, die einem 
realen Erlebnis entspringen. Der Versuch, ein knappes Bild von der 
Persönlichkeit Karl Kolms zu zeichnen, wird kaum nötig sein, es sei nur 
bemerkt, daß ganz offenbarerweise Karl dichterisch unbegabt und seine 
Epistel in allem Formalen für sein Alter wesentlich unreif ist, vielleicht für 
einen vierzehnjährigen Autor typisch — sowie sein ganzer psychischer 
Zustand gehemmt und seine geistige Entwicklung um volle zwei bis drei 
Jahre gegenüber dem Durchschnitt zurück war. 

Sie und Sie 
Epistel von Karl Kolm* 



/ Geduldig warte nur, 

2 Die Stunde kommt wo in Erfüllung 

geht Dein Wunsch, 

3 Der Wunsch, daß ich von Erden 

schwinde, 

4 Da ich ein Mensch, ein unverbesser- 

licher, bin, der nichts mehr zu 
suchen hat auf Erden. 

5 Doch wie sollt' ich den Wunsch 

erfüllen? 

6 Erfüllt muß er denn doch werden! 

7 Denn im Gesetz der Bibel steht es 

groß: 

8 Gehorsam ist des Sohnes ersfe Pflicht. 

9 Drum geh' ich morgen ins Haupt- 

quartier 
10 Und laß mich werben schier. 
// Drei Wochen noch das süße Leben, 
12 Drei Wochen noch das blendend weiße 

Sonnenlicht, 



1j Dann — kommt der schwarzeVetter Tod, 

14 Mäht mich und die Treuen nieder mit 

seiner großen Sichel, 

15 Er nimmt uns mit ins dunkle Haus, 

16 Ob gut, ob schlecht 'sist ihm alles 

eins. (Lauter schreiend) 

17 Ich bin nicht schlecht, 

18 Ich bin ein guter Kerl, 

19 Doch wenn ich an S i e denken muß 

20 So kann ich schier verzweifeln, 

21 Wohlan, so laß mich eilen. 

22 Schnell wie der Wind verschwinden 

Baum und Hecken 
2j In meinem Busen wird es heiß, 

24 Es schmilzt das harte Eis (zarter) 

25 Ich denk' an Sie, an Sie* der ich solang 

entbehrte 

26 Und an Sie** die alles in sich trägt. 

27 Vorbei fliegt Wien, die wunderschöne 

Kaiserstadt, 



* Die in Klammern gesetzten Bemerkungen sind stenographische Anweisungen 
des Verfassers an den Vorleser. An Stelle von * steht im Original als Anmerkung: 
Freundsdiaftliebe (Fr. L); an Stelle von ** : Ideal. 



i 



El 



60 



Phantasie und Realität 






28 Vorbei ist Baden und Vöslau 

29 Ich fahre weiter immer weiter, bis vor 

mir Rax und Schneegebirge liegen, 
jO Die Rax mit ihrem weißen langge- 
streckten Dach winken von ferne 
mir. 

jl Mein Starrsinn bricht ich denk' nun 
wiederum an sie* die ich entbehrte 
und an Sie**, die alles in sich 
trägt 

j2 Noch bin ich nicht gebunden, 

33 Verließ ich wohl in dunkler Nacht mein 

Vaterhaus! 

34 Was hielt mich drin noch fest? 
3$ Der Vater? nein! 

36 Die Mutter? verstieß mich doch! 
3! Doch meine Schwester? 

38 Ja, sie liebte ich, sowie den Bruder 

mein, doch keinen so wie Sie*. 

39 Noch ist die Landeshauptstadt von 

Tirol fern ab, 

40 Noch bin ich frei! 

41 Nah, Nah, aber sind wir von K . . . 

42 Wo sie* und sie** zusammen leben. 

43 Der Drang zum Leben wird in mir 

gestärkt, 

44 Ich fluche meinem Vaterhaus, das 

mich von dannen stieß, 

45 Von dannen wegen n'er Kleinigkeit 

46 Wehe, Wehe, dreimal Wehe dem, 

47 Der verbannt ist, fern ab von ihr* zu 

sein. 

48 Ich schwöre. Ja ich schwöre, 

Seh ich sie** nicht, sie in der vereint 
ist alles, 

50 Ideal und' Freundschaft, 

51 So schwöre ich zu ziehen in den 

Krieg. 

52 Doch seh' ich sie, so bin ich frei von 

jedweder Verpflichtung. 

53 Hier, muß sie stehen, hier — 

54 O weh! die Stirn! 

55 Das Fenster hab ich eingedrückt! 



56 Glas! Glas! gebrochen, das bringt 

Glück! 

57 Ja gebrochenes Glas bringt Glück. 

58 Sieh Auge, sehe besser, 

59 Dort ist sie**, dort an jenem Zaune 

angelehnt, steht sie**! 

60 Der Zug fährt schnell, bald wird sie 

mir entschwinden, weh! 

61 Ha! leben ich ja darf, 

62 Schwur ich nicht so: Seh ich sie** 

nicht, so zieh ich hin? 

63 Und ich sah sie. 

64 Doch halt, wie bleibt der Zug nur 

stehen ? 

65 Hier diesen Griff und stehen bleiben 

muß er, 

66 Er bremst! spring nun hinab! bevor 

du noch gesehen wirst. 

67 Hier in den Wald und weiter flieh! 

(mit einem Seufzer) 

68 So ists recht, regt Euch nur auf, indess 

bald sie*'** beid' umarme. 

69 Auch mein Begleiter, die Guitarre, 

kam heil aus diesem Zug, 

70 Der mich ins Schattenreich hätt führen 

sollen. (Mit einem Seufzer der Er- 
leichterung.) 

71 Das leichte ist vollbracht, 

72 Jetzt aber kommt das Schwerste, das 

Handeln! 
7j In diesem Walde muß sie** sein, 

74 Doch erst ich die Erholung nötig habe. 

75 Ha, welch ein freud'ger Schrecken, 

76 Aus dem Gebüsch hervortretend werd' 

ich Sie** gewahr, 

77 Sie** die alles in sich birgt, und die 

Lilli ich nennen will, 

(anderm Tonfall) 

78 Sinnend geht sie den einsamen Weg 

zum Kirchlein hinauf, 

79 Einer Königin gleich, schien sie mir. 

80 Eine Königin der Pflanzen und Tiere 

81 Ein kleiner Vogel sein Liedchen trällert 



Phantasie und Realität 



61 



82 Gleichsam, die Königin verherrlichend, 
8j Sie hob ihr niedliches Köpfchen 

84 Und begann ein Lied, 

85 Ein Lied mit einer Stimme, die mir 

noch heut' im Ohre klingt 

86 Ein Lied voll Schmerz und Kummer. 

87 Und als sie dies geendigt, schlug sie 

mit frischer Stimme, 

88 Ein neues, muntresWanderliedchen an. 

89 Und ich? ich riß vom Hals das 

Instrument, 

90 Und spielt den Takt dazu. 

91 Verwundert sie ihr Köpfchen drehte 

92 Und nickt mir freundlich zu, 
9j Gab mir die Hand die feine 

94 Die ich mit Inbrunst drückte. 

95 Wir schauten in die Augen uns, 

96 Bis tief, tief, in die Seele nein 

91 Was sie in meinen Augen las, 
verriet sie mir noch nicht 

98 Doch was i c h in den ihren 1 a s, 

soll hier nur angedeutet sein. 

99 Sie ist 'ne reine Seele, sie ist das, 

was i c h suchte. 

100 Sag't an, was führt Euch her? frug 

Lilli mich erstaunt. 

101 Es ist ein Ding, ich drauf erwiderte, 

ein Ding, daß ich hier suchte, und 
nun fand. 

102 Nicht nur ein Ding ich suchte 

hier, noch was anderes. 
10j Was ist's mit diesem Ding und mit 
dem Anderen, sie mich fragte? 

104 Das Ding, ich drauf erwiderte, ist 

die Liebe 2er Freunde und das 
Andere 'sind . . . sind ... sie Lilli! 

105 Ich? Ja sie, doch bitt' ich sie es 

falsch zu deuten nicht 

106 Doch dies zu deuten ist hier der 

richt'ge Ort nicht. 

107 Wo denn? wenn nicht hier wo 

alles still ist, wo 



108 Selbst der Wald uns sein Geheim- 

nis offenbart. 

109 Hört ihr nicht die Bäume rauschen? 

110 Hört ihr was sie von alten, hehren 

Zeiten uns erzählen, 
/// Hört ihrs? 
112 Wohl hör ich's doch habe ich Angst 

eben hier 
11} Mein Innerstes, ganz nackt, ganz 

unbekleidet aufzudecken. 

114 Ist denn ihr Innerstes so schlecht?? 

(erregt!) 

115 Nein! Nein nicht schlecht ist es, 

116 Gut ist es, keusch und unberührt 

liegt es im Körper drin, 

117 Beweisen will ich es, urteilen sie selbst. 

118 Verschone mich, oh lieber Leser, 

119 Zu wiederholen das, 

120 Was ich ihr sagte 

121 Glaube mir eine Qual war' es mir. 

122 Zu deinem Tröste sag' ich noch, 
12j Geschont hab ich mich nicht. 

124 Nun bin ich fertig mit der Beicht' 

sprich nun das Urteil selbst! war 
mein letzter Satz 

125 Bebend schaute ich auf die Lippen, 

die das Urteil mir verkünden 
sollten, 

126 Lange, allzulange überlegte sie für 

ein geplagtes Herz 

127 Endlich, klang, gleich einer Melodie, 

aus ihrem Munde der Freispruch 
also: 1 

128 Viele schwarze Flecken hat deine 

Seele wohl, 

129 Doch verschwindend klein ist ihre 

Zahl im Verhältnis zu dem Weißen. 
1j0 Drum vernehme was ich Dir zu sagen 
habe: 



1 Diese kommende Rede ist in 

diesem Stil so, weil K. K. sie wie eine 

Göttin verehrte. [Anmerkung von Karl 
Kolm.] 



,. 



62 



Phantasie und Realität 



1j1 Deine Bitte. . . sei erfüllt, und ich 

will... 
ij2 Hab Dank = Hab 10OO Dank, 

glücklich . . . 

1jj Unterbrich mich nicht und höre 

weiter. 
1j4 Nicht wie Freund und Freundin 

wollen wir ein Bündnis schließen. 
1j5 Nicht wie Mann und Frau, 
1j6 Sondern wie ein Bruder seine 

Schwester 

1j7 Und ne Schwester ihren Bruder 
lieben soll. 

1j8 Lilli! Ulli! hör ich recht? Wieder- 
hol ! 

1j9 Ich kann's nicht glauben. 



140 Wie ein Bruder seine Schwester und 

ne Schwester ihren Bruder lieben soll. 

141 Lilli ! Mein Herz ist voll, Du gabst 

mir mehr worum ich Dich bat, 

142 Und sei gewiß! 

14j Daß, d u von m i r getäuscht nicht 
werden wirst, 

144 Lilli! Ich bin der Glücklichste auf 

Erden 

145 Nicht umsonst, war die lange Warte- 

frist 

146 E n d I i c h hab i c h d i c h. 

147 Reine Fr. L. sei zwischen uns, 

wahrer Gedankenaustausch 

148 Und ein aufrichtiges Verhältnis 

149 Amen, Amen 

Kolm Karl. 



Offensichtlich ist diese Epistel ein Tagtraum oder vielmehr sind es 
mehrere ineinander geschobene und nur schlecht oder doch recht ungeschickt 
verknüpfte Tagträume von zweifellos typischer Struktur, die einem tiefer 
gehenden psychologischen Erkenntniswunsch manche Schwierigkeiten zu 
bieten versprechen. Es sei gestattet, eine bestimmte Reihenfolge in der 
Darstellung einzuhalten, die sich mit dem Verlaufe der Untersuchung nicht 
deckt, die aber nötig ist, um einen sicheren Weg durch die beträchtliche 
Zahl nicht ganz einfacher Probleme zu finden. 

Was an dieser Epistel ist Erlebnis, was umgestaltende und erweiternde 
Phantasie? muß die erste Frage sein. 

Karl Kolm verzeichnet selbst als erlebt die Zeilen: / — 3; 8; 18; 20- 
23—28; 30—31; 33—38; 44—45; 53; 59—60; 64—66; 73; 75; 78—79- 
81; 84—85; 99-101; 107—109; 121; 125; 134—137; 145-146; 
147—148. Zu 1—3 erklärt er: „Die Einleitung, wo ich da sage ,warte geduldig« 
ist mir eingegeben worden, wie die Mama das erstemal gesagt hat, daß ich 
eigentlich nichts auf der Welt zu suchen habe, weil ich so werden werde 
wie der Papa ist; damals ist mir das zum erstenmale in den Mund gekommen* 
aber ich habe es nicht aufgeschrieben; ich habe es oft gedacht, aber ohne' 
Zusammenfassung. Als die Mama es noch einmal sagte [einige Tage vor 
Beginn der Analyse] setzte es mich in Stand, das Gedicht fertig zu 
schreiben." Zu 4 bemerkt er: „Das war beinahe der Gedanke, die Art und 
Weise, der Ausdruck, wie es die Mama gesagt hat. Ich habe mir indessen 
sogleich gesagt: das kannst Du leicht haben. Wörtlich sagte die Mutter 



Phantasie und Realität 63 



etwa: daß ich lieber sterben soll, denn Du wirst so wie der Papa werden 
und das ist sehr schlecht. Schlecht; flegelhaft; das sagte sie oft, was mich 
aber nicht sehr störte . . ." Diese Situation wird noch einmal assoziiert, und 
zwar zu 36. Diese Mitteilungen bieten uns den Schlüssel zum Verständnis 
eines wesentlichen Faktors für den Aufbau der ganzen Epistel. Wir erkennen 
jetzt in / — 4 ein wichtiges Stück einer typischen Tagträumerei mancher 
Jugendtypen: Du wünschst mich fort! Gut, ich werde diesen Wunsch 
erfüllen; Du wirst schon sehen, wie es Dir dann sein wird, oder so ähnlich 
lautet der Gedanke, der solchen Todesphantasien Jugendlicher zugrunde 
liegt, sie in gewissem Sinne rechtfertigt. Die reale Situation der Verletzung 
durch die Mutter ist in der Epistel nicht enthalten; sondern die setzt als 
Reaktion auf dieses Erlebnis ein, wobei freilich nach Angabe Karls sein 
Gedanke: Warte nur, Dein Wunsch wird schon in Erfüllung gehen, mit zu 
jenem Erlebnis gehört hat. Zeile 5 erklärt Karl als Einschiebung, als Formel, 
denn er wußte ja sofort, worin die Erfüllung des Wunsches der Muttex 
bestehen würde. Die folgenden Zeilen 7, 8 erkennt Karl nicht als Erlebnis 
an. Bloß bei 8 bemerkt er: sie stünde im „Kampf mit dem Drachen", das 
hatte er aber erst gemerkt, als es auf dem Papier stand und zu 9 meinte 
er er wisse nicht genau, ob man solche Gedankengänge erlebt nennen 
könne, jedenfalls habe er sich beim Schreiben sehr lebhaft in die Situation 
hineingedacht und diese Stelle stark miterlebt. 19, 20 wird als Gefühl 
bezeichnet, das Karl regelmäßig hat, wenn er an sein Ideal, das Mädchen 
Ulli G., denkt und ihm dabei klar wird, er werde sein Ideal niemals 
erreichen können. 

23—26 ist das Gefühl, das er immer hat, und zwar „ganz stark" 
und seit einer bestimmten Zeit „immer und immer". Zu bemerken ist dabei 
vorwegnehmend, daß Freundschaftsliebe und Ideal sich auf dieselbe Person 
beziehen, eben auf „Sie", jenes Mädchen Lilli G., von der in dieser Analyse 
noch recht viel zu sprechen sein wird. Zeile 27 — 30 sind Reminiszenzen 
an zahlreiche Sportfahrten mit der Südbahn. „Wien die schöne Kaiserstadt" 
kommt in einem Lied vor, aus dem er es genommen zu haben sich bewußt 
ist. 31 bezeichnet er als in den Zusammenhang von 23 — 26 gehörig. — 
33—38 und dann 44 — 45 bezeichnet er als erlebt. Schon sehr oft habe er 
den Gedanken, das Gefühl und den Wunsch gehabt, von zu Hause zu 
entfliehen, wegzugehen. Zu 53 und 59—60 erinnert er: „Natürlich! wie 
oft habe ich doch auf der N .. . gasse gesagt: Hier muß ich sie sehen, 
wenn überhaupt. Manchmal sah ich sie, manchmal nicht. Oft habe ich mir 
auf der Tramway im Vorüberfahren gedacht : entweder sie ist noch da, oder 
sie kommt erst." Der Zaun in Zeile 59 ist dabei „mehr Phantasie". Der 









64 Phantasie und Realität 






Zaun erinnert ihn an eine bekannte Gegend im Wienerwald, doch er sah 
Lilli dort nicht am Zaune stehen, sondern sie gingen damals an ihm vorbei. — 
65 ist wieder ein oft gehabter Wunsch, das Notsignal im fahrenden Zug zu 
ziehen. — 66 wäre dann ebenfalls die oftgedachte Folge. — 73 und 75 
gehören in den oft gedachten Zusammenhang von 55. — Zeile 78, 79: 
Er sah Lilli einmal zum Kloster gehen, dessen Schülerin sie im Anfang 
ihrer Bekanntschaft war. — Zu 81 erinnert er sich, daß sein erstes Gedicht 
einer Lerche galt und daß ihn auf einem Wandervogel-Ausfluge einmal 
eine Lerche beschäftigte. — 84, 85: „Lilli singt oft, sie will Sängerin 
werden." Die Situation in diesen beiden Zeilen der Epistel entspricht einem 
Ausflug, auf dem sie Lieder vorsang in Karls Gegenwart. — Zu 99 ruft er 
lebhaft aus: „Selbstverständlich habe ich das oft gefühlt, immer!" - 

100 ist ein Gespräch, wie er „es höchstens mit sich selbst" geführt hat 

102 — 104 hat er „oft gefühlt, wenn ich allein im Walde ging". — 
121: „Gefühl, das immer war: die Sehnsucht kommt stärker, wenn ich 
dran rühre." — Zu 125: „Ich glaube, ich habe schon einmal jemand 
bebend auf die Lippen geschaut, der mir das Urteil verkünden sollte." — 
134 — 137: „Erklärung der Freundschaftsliebe, wie ich sie mir oft gedacht 
habe." — 143—146: „Oft gedacht."— 147, 148: „Was ich mir eigentlich 
so immer denke." 

Was sich schon beim ersten Lesen der Epistel jedem aufgedrängt haben 
dürfte, daß sie aus mehreren Stücken besteht, wird durch die Mitteilungen 
Karls nun ganz deutlich und wir sind in die Lage versetzt, diese einzelnen 
Bestandteile schärfer auseinander zu halten und zu bezeichnen. Es sind zwei 
Personen, um die sich die Phantasien schon vor der Niederschrift des 
Gedichtes in Karl Kolms Seele gruppiert hatten: die Mutter und Lilli Q. 
Die Mutter ist im Gedichte nur einmal, in Z. 3, genannt und niemand 
hätte bei bloßer Lektüre erraten, daß sich die Eingangszeilen auf sie 
beziehen. Auf wen sich das übrige bezieht, ist klar genug gesagt: auf Sie 
wenn auch ihr Name erst in Z. 77 genannt ist, übrigens in recht hyp - 
thetischer Form: „Die ich Lilli nennen will." (Der richtige Name des 
Mädchens wird in dieser Abhandlung natürlich nicht mitgeteilt, sondern 
immer als Lilli wiedergegeben, daher steht auch in der Epistel dort Lilli 
wo im Original des Mädchens wirklicher Name genannt wird.) Die Phantasie 
Mutter reicht bis Z. 42, freilich mit mancherlei Einschränkungen. Mit Z. 43 
setzen die Phantasien Lilli ein, freilich mit mancherlei Vorläufern. Die Phantasie 
Mutter, soweit sie in der Epistel mitgeteilt ist, besagt: da die Mutter meinen 
Tod wünscht, melde ich mich freiwillig zum Militär, nach drei Wochen 
Ausbildungszeit werde ich fallen. Sie befaßt sich mit den Details der Eisen- 






Phantasie und Realität 65 



. bahnreise nach Innsbruck und spielt mit der Möglichkeit, daß unterwegs ein 
Ereignis den Tod vermeidbar und ein Leben außerhalb des Vaterhauses 
möglich machen würde; dabei wird das Vaterhaus verflucht und festgestellt, 
daß es ohnehin seine affektive Bedeutung für Karl verloren habe. Die 
Phantasien Lilli besagen: Nach Verlassen des Vaterhauses, nach der Ab- 
rechnung mit ihm, findet Karl Sie, »die alles in sich trägt«, und sie schließen 
einen Liebesbund, so wie er ihn sich in idealster Weise vorstellt. Wir 
werden den einzelnen Bestandteilen dieser beiden Tagträumereien, oder 
besser Tagtraumkomplexen, nachgehen und versuchen, ihre Ineinanderfügung 
genauer zu erfassen, hier sei nur noch erwähnt, daß sich in Z. 64 bis 66 
eine Episode einfügt, die mit den beiden Phantasien an sich nichts zu tun 
hat, eine kurze Phantasie vom Notsignal, die in die Phantasie Lilli ein- 
geschoben ist; daß in 107 bis 109 eine selbständige Stimmung, in 125 
ein selbständiges Stück einer Erinnerung oder Phantasie eingeschoben ist. 

Von 19 an wird die Phantasie Mutter teilweise . überholt und durch- 
woben durch die Phantasie Lilli, und zwar von 19 bis 21 ein verstärkendes 
Motiv dem Verlauf der Phantasie Mutter hinzufügend; 23 bis 26 ästhe- 
tisch als Ausschmückung dieser Phantasie; 31 bis 32 sie aufzehrend, so 
daß 33 bis 38 bereits als Motivierung für die Phantasie Lilli dient, obzwar 
sie deutlich dem Eingangserlebnis mit der Mutter angehören, parallel der 
umgekehrten Funktion von 19 bis 20. 

Karl Kolm hat meine Fragen nach Bestandteilen realer Erlebnisse in 
seiner Epistel in einem präzisen psychologischen Sinne aufgefaßt und 
beantwortet und wir sind ihm darin mit gutem Grund und Erfolg gefolgt. 
Für ihn sind die Phantasien, die vor. der Konzeption der Epistel fertig 
waren, und aus denen gewisse zusammenhängende Stücke in sie über- 
nommen wurden, Erlebnisse, die außerhalb des eigentlichen Produktions- 
prozesses standen, der zur Dichtung „Sie und Sie" führte. Sie sind bei- 
nahe ebensolche mitverarbeitete und umgestaltete Fakta von einem bestimmten 
Gepräge, wie die Erinnerung an eine Landschaft. Die Epistel enthält aber 
auch außer den drei Phantasien Mutter, Lilli und Notsignal und dem 
Stimmungsbild Wald, die endopsychische Erlebnisse genannt werden könnten, 
einige, freilich recht wenige Reste exopsychischer, also im üblichen Sinne 
realer Erlebnisse. Sie gehören zum größten Teil einer der genannten Phan- 
tasien an. Um sie vollständig aufzuzählen: 1. Die Worte der Mutter (4). 
2. Die Reiseeindrücke, das vörüberfliegende Wien, Baden, Vöslau, die Rax 
(27 bis 30). 3. Der Zaun (59). 4. Das Notsignal (65). 5. Die Freude bei 
ihrem unerwarteten Anblick (75). 6. Lillis Gang zum Kloster (78). 7. Die 
Lerche (81). 8. Lilli singt auf dem Ausflug (84). 9. Urteilserwartung (125). 



66 



Phantasie und Realität 



Diese neun Reste realer exopsychischer Erlebnisse sind überaus geringfügig 
im Vergleich zu den beträchtlichen Stücken von dauernden Tagträumen und 
wären uns befremdlich, wenn nicht jeder, der nur einigermaßen umfang- 
reiches Material von Gedichten gesehen hat, bestätigen könnte, daß dieses 
Verhältnis zwischen dem Anteil der endo- und exopsychischen Erlebnisse, 
wenn auch nicht für alle jugendlichen Dichter, so doch für einige Gruppen 
typisch ist. Und darum erwächst uns hier ein Problem. 

Jede individualpsychologische Untersuchung — mit welcher Methode 
immer sie vorgenommen wurde — enthält mannigfache Schwierigkeiten der 
Darstellung, weil es schlechterdings unmöglich ist, auch nur einen beträcht- 
lichen Teil des Materials, das dem Autor vorlag, auch dem Leser zur 
Kenntnis zu bringen. Dadurch leidet die Evidenz der mitzuteilenden Ergeb- 
nisse und die Möglichkeit, sie strikte nachzuprüfen. Die aber etwa doch 
gewonnenen und übermittelten Einzelresultate zu einer selbst nur bescheidenen 
allgemeinen Bedeutung zu erheben, ist noch ungleich schwerer, weil sich 
diese dem Autor aus der Kenntnis des Materials zahlreicher ähnlicher Fälle 
ergibt, in die dem Leser nicht einmal andeutungsweise Einblick gewährt 
werden kann. Eine Situation, die für die Gewinnung von jugendkundlichen 
Erkenntnissen nicht wenig hemmend ist, da jeder einzelne verhältnismäßig 
gewiß recht wenig Material zu bearbeiten vermag und allem von anderen 
untersuchten als Leser gegenübersteht, der weiß, daß er auf völlige Evidenz 
und Beweise verzichten muß. Diese Bemerkung stehe hier als Einschränkung, 
wenn es nicht gelingen sollte, jede einzelne Mitteilung eines bis zu einem 
gewissen Grade gewonnenen Ergebnisses mit der nötigen Bescheidenheit 
und Vorsicht vorzubringen. 

Mit diesen Vorbehalten sei festgestellt: die allermeisten (aus Träumereien 
entstandenen) Dichtungen Jugendlicher sind arm an realen Erlebniselementen 
und zusammengesetzt aus mehr oder minder großen Stücken von fertig- 
geträumten, verhältnismäßig einfachen und typischen Phantasien. Insbesondere 
gilt dies für Dichtungen aus einem frühen Jugendstadium oder für Produk- 
tionen dichterisch unbegabter Personen. Ihr Charakteristikum ist eine damit 
zusammenhängende gewisse Dürftigkeit und Phantasielosigkeit, Nähte, Risse 
und widerspruchsvolle Komposition. Die bewußte künstlerische Arbeit kommt 
so gut wie gar nicht zur Geltung. Die Hauptarbeit ist zur Zeit der Konzeption 
der Niederschrift bereits getan. Es entspringen von hier auch zwei Charakteristika 
des Dichtens bei Jugendlichen, vor allem bei den jüngeren, die sehr weit- 
gehende Unabhängigkeit von Anlässen und Gelegenheiten (bis zur sehr häufigen 
völligen Unfähigkeit, sich irgendeinem Termin oder einem bestimmten Zweck 
unterzuordnen) und die Ergußartigkeit der Produktion. Diese letztere vollzieht 



Phantasie und Realität 67 



sich wie das Nachtträumen langer Romane während des Ablaufes weniger 
Sekunden. Beides ist möglich — ersteres regelmäßig — weil fertige Phantasien 
vorliegen, die nur der Auslösung bedürfen, um in Erscheinung zu treten. 
Wie weit hier Unterschiede, bezw. Parallelen und Identitäten zum 
Dichten Erwachsener vorliegen, bleibe einer späteren, ausschließlich dieser 
Frage gewidmeten Untersuchung vorbehalten. 

II 

Das bisher Mitgeteilte wurde ohne Anwendung einer besonderen 
Methode erreicht. Es ergab sich aus aufmerksamem Studium der Epistel und 
der Mitteilungen Karl Kolms. Wir wissen aber, daß der eigentliche Akt des 
Produzierens sich im Unbewußten vollzieht und die Phantasien und Verse 
fertig in Erscheinung treten, und daß der Dichter oder Tagträumer über die 
Genese seiner Einfälle und Träume nichts weiß. Was wir aber bisher von 
Karl Kolm erfahren haben, sind durchaus bewußte Vorgänge in ihm, wenn 
er auch das eine oder andere als Erinnerung reproduzierte, an die er seit 
längerem nicht gedacht hatte, oder als Erscheinung, die ihm zur Zeit des 
Erlebnisses nicht besonders aufgefallen war. Daher sind unsere Ergebnisse 
auch dürftig und wir können nicht erwarten, irgendwie tiefer einzudringen, 
solange wir uns auf die Untersuchung der bewußten Erscheinungen beim 
Dichten beschränken. Es ist vorweg anzunehmen, daß verdrängte Vor- 
stellungen, Erlebnisse, Wünsche eine sehr große Rolle bei der Bildung jener 
Phantasien spielen, aus deren Verknüpfung die Epistel entstanden ist. Und 
es ist gar kein Zweifel, daß erst die Aufdeckung der unbewußten Faktoren 
und Prozesse zu einer wirklichen Aufklärung über die Bildung von Phan- 
tasien und Dichtungen führen wird — bezw. wo sie vorgenommen 
wurde, auch geführt hat. Bei der Analyse Kolms wurde nur selten bis zu 
diesen Tiefen des Seelenlebens vorgedrungen, dennoch wäre einiges nicht 
Uninteressantes mitzuteilen. Ein vortrefflicher Beweis — wenn es eines 
solchen bedürfte — für die unbewußte Genese der Phantasien ist die 
Erfahrung, daß ein gut Stück Aufklärung derselben sofort erreicht wird, 
wenn nur die Mitteilungen über sie aus dem logisch-ethischen Zusammen- 
hang der bewußten Reflexion und Erzählung gelockert werden. Durch das 
freie Assoziieren wird eine lebendigere und weniger ängstlich vom Ich 
kontrollierte Aktivität erreicht, durch die manches ausgesprochen wird, was 
in den Zusammenhang der Phantasie gehört, das sonst unausgesprochen 
geblieben wäre, ohne daß es geradezu zum verdrängten Material gehört. In 
diesem Abschnitt wollen wir nunmehr versuchen, das Ergebnis des freien 
Assoziationsexperimentes darzustellen und zu sehen, was daraus für die 
Psychologie der jugendlichen Dichter gewonnen werden kann. 

5« 



68 



Phantasie und Realität 



Die Bearbeitung 1 des Stenogramms jenes Experimentes, das wir ein- 
gangs kurz beschrieben haben, ergab als Inhalt der Assoziationen: ll< 
erinnerte konkrete Situationen aus dem Leben Karl Kolms und 56 klar 
umschriebene Affekte, Gefühle; 23 Wünsche und 228 Vorstellungen. Vor 
den 228 Vorstellungen sind 33 im Verlauf des Experimentes wiederholt 
bei verschiedenen Zeilen reproduziert worden; davon zweimal = 6; dreimal 
= 7; viermal =6; fünfmal = 2; sechsmal = 2; siebenmal = 2; achtmal = l • 
neunmal = 1 ; zehnmal = 1 ; zwölfmal = 1 ; zwanzigmal = 1 ; vierundzwanzig- 
mal=l. Dies zeigt zunächst, daß off enbar auch die freie Assoziation — wie 
ja nicht anders erwartet werden konnte — bestimmten Determinationsgesetzen 
folgt, also jedenfalls tatsächlich mindestens ein großer Teil der Assoziationen 
in dem ganzen Komplex enthalten war, der mit der Epistel in Zusammen- 
hang steht. Welches sind nun diese oft wiederkehrenden Vorstellungen? 
Vierundzwanzigmal : mein Ideal ; zwanzigmal = Freundschaftsliebe; zwölf mal = 
Wald; zehnmal = Farbenwechsel; neunmal = Wahl zwischen gut und 
schlecht; achtmal = Bild der ineinandergeschlungenen Hände ; siebenmal 
Burgtheatervorhang und = ich laufe davon; sechsmal = Kornblumenblau 
und = Ameisenhaufen ; fünfmal = Lilli steht am Zaun und = Idylle mit Reh. 
Vermutlich haben diese Vorstellungen eine gewisse wichtige Rolle in den 
Phantasien Kolms, daher seien sie zunächst genauer betrachtet und ihrer 
Zusammenhang mit den entsprechenden Zeilen der Epistel nachgegangen. 
Ganz deutlich zur Phantasie Lilli gehören, an Verszeilen aus ihr zum ersten- 
mal anknüpfend: Ideal, Freundschaftsliebe, Farbenwechsel, ineinander- 
geschlungene Hände und Idylle mit Reh. Die Einfügung der anderen i« 
von vorneherein nicht so klar. 

Es sei demnach zunächst möglichst deutlich festgestellt, was für Karl 
Kolm den Vorstellungskomplex „mein Ideal" und „Freundschaftsliebe' 
charakterisiert. 

Aus seinen Einfällen ist deutlich zu entnehmen: er unterscheidet 
dreierlei. Die Person Lilli, das Ideal und die Freundschaftsliebe. Die Persoi 
Lilli ist „momentan" sein Ideal. Beide sind Eins. „Wenn ich den Namei 
Lilli sage, so ist es klar, daß ich das Ideal meine; sie ist das personifj. 
zierte Ideal." Dennoch unterscheidet er: „Wenn ich Ideal sage, so mein« 
ich eigentlich das Gefühl der Sehnsucht; nur wenn ich mich konzentriere 
und mir das Ideal vorstelle, bekommt es die Züge der Lilli. . ." Bei 7g 



1 Es sei mir gestattet, auch an dieser Stelle Herrn Dr. Otto Fenichel meinen 
herzlichen Dank dafür auszusprechen, daß er mir bei der mühevollen Arbeit behilfü 
war, das umfangreiche Stenogramm nach bestimmten Gesichtspunkten statistisch 2 i 
verarbeiten. 



Phantasie und Realität 69 

erklärt er, daß diese Königin Ulli selbst ist, nicht das Ideal. Er erwägt oft, 
ob Lilli wirklich sein Ideal ist, ob sie ihm entspricht. Er bemerkt manches 
an ihr, das dem zu widersprechen scheint, z. B. daß sie Schauspielerin 
werden will. Sein Grundgefühl ist sogar, daß er sein Ideal nicht finden 
wird, daß es Lilli demnach nicht ist. Und er ist im unklaren, ob er beim 
Schreiben des Gedichtes wirklich geglaubt hat, sein Ideal finden zu können. 
Wie er sehr deutlich zwischen Lilli und Ideal unterscheidet, zeigt die 
Äußerung (zu 1 07) „ das Ideal kann auch ein Bursch sein ..." (ähnlich mehr- 
fach wiederholt). 

„Irgend etwas ist's, wonach ich mich sehne; ich weiß aber nicht was. 
Die Lilli fehlt mir eben als Freundin, aber nicht wirklich die Lilli, sondern 
mein Ideal von Freundschaftsliebe. " „Ich weiß nicht, wieso sie gerade, 
Lilli nämlich, sich so sehr tief in mir eingewurzelt hat, daß ich sie mir als 
Ideal vorgestellt habe; ich meine auch so tief, daß mir auch buchstäblich 
kein Mädchen gefällt als nur sie; ein Typus wie sie. Ich kann mir das 
nicht erklären. Ich habe doch schon früher oder später mit Mädchen ver- 
kehrt und es muß doch ein Zufall gewesen sein, daß gerade sie es ist. 
Vielleicht war es ein Wendepunkt in meinem Leben, und daß es also eben 
jedes andere Mädchen hätte auch sein können... Ich war ja schon früher 
verliebt, in Alice, vielleicht noch früher in jemand. Aber bei Lilli ist ja 
wunderbar, daß ich für sie nicht momentan, sondern nach und nach fühlte; 
daß ich in sie nicht einen Moment verliebt war, sondern nur Freundschaft 
suche." Die Stärke dieses Sehnsuchtsgefühles — das er schlechthin das 
Ideal nennt — nach dem Ideal schildert er wiederholt, im allgemeinen 
etwa wie in der fünften Sitzung: „Ich war Sonntag allein zu Hause. Ich 
habe mich hingelegt. Das Gefühl war — wie ich es mir erklärt habe — 
wie wenn mein Inneres zu klein für dieses Gefühl wäre, so daß ich aus 
dem Bett herausgesprungen und wie verrückt im Zimmer herumgelaufen bin. 
Und noch immer habe ich das Gefühl, die Sehnsucht will und kann nicht 
heraus, ja, die unbefriedigte Sehnsucht." In der ersten Zeit der Analyse 
umschreibt er den Inhalt seines Ideals durch Äußerungen, wie die folgende : 
„Ich habe hier (135) einen Unterschied gemacht, nämlich wie sie da sagt: 
"nicht wie Mann und Frau'. Ich stelle mir noch etwas Höheres vor als Mann 
und Frau, und als zwischen Freund und Freundin, nämlich wie es der 
Bruder zur Schwester haben kann; das ist doch noch höher, die höchste 
Freundschaft." „Ich verlange nämlich, ganz genau wie ich es verlange, sehr 
viel. Ich glaube, daß das nicht die richtige Freundschaft ist, wenn sie 
meine Freundin ist, sondern ich muß auch ihr Freund sein. Ich könnte sie 
nicht eine Sekunde früher als Freundin ansehen, als ich nicht das Bewußt- 



70 



Phantasie und Realität 



sein habe, daß ich ihr Freund werden könnte. Das ist schon sehr viel ver- 
langt. Ich meine aber auf gegenseitiger Freundschaft beruht die Freundschaft. 
Nur dann — die größte Liebkosung, die man einem Menschen geben kann, 
ist „Freund" oder „Freundin", wenn man das wirklich so kennt. Mehr 
kann man doch nicht sagen". 1471148 erklärt er als die „Erklärung dessen, 
was er unter Freundschaftsliebe" versteht. Konkreter erfassen wir einzelne 
Züge seines Ideals, wenn er von Lilli mehrfach rühmt, daß sie in einem 
Kloster aufgezogen ist, also fromm sein dürfte, öder wenn er sagt: „Daß 
wahrscheinlich früher schon, wie ich sie das erstemal kennen gelernt habe, 
etwas ganz unbewußt mir an ihr Mißfallen erregt haben muß; daraus folgt, 
daß ich doch schon von Anfang an ganz kleine Zweifel hatte, daß sie nicht 
mein Ideal ist. Ich weiß momentan nicht — aber ich stelle mir vor — 
daß es vielleicht Bewegungen sind, unwillkürliche Kopf bewegungen; eigent- 
lich nichts anderes als eine Art Koketterie, also dieses Pflasteraufkleben 
[Schönheitspflästerchen, das sie gelegentlich trug] z. B. damals." Es hat 
ihn sehr ernüchtert, als er erfuhr, sie wolle Schauspielerin werden, und er 
gesteht, daß er beim Worte Schauspielerin immer an „kokettieren, flirten 
und so weiter" denken müsse. Im weiteren Verlaufe der Analyse bringt 
Karl Vergleiche, einen „Gedanken, wie er sich die Freundschaftsliebe und 
das Ideal* vorstellt. Beide werden mehrmals wiederholt, sehr verworren 
vorgebracht, und als Gipfelpunkte seines Denkens über dieses Thema dar- 
gestellt, erworben durch „langes Nachdenken". Er sieht die Freundschafts- 
liebe unter dem Bilde von ineinandergeschränkten Fingern, wobei es das 
Wichtige und so Seltene und Schwierige sei, daß sie ineinander passen; 
ferner so, als wäre aus einem Brett in seinem Inneren ein Stück mit 
unregelmäßigen Rändern ausgeschnitten worden, und es käme nun darauf 
an, die Partnerin zu finden, deren Ränder im Brett ihres Inneren genau i n 
seine paßten, (oder umgekehrt; das bleibt unklar). 

Die „drei Fragen wie, wann und wo?" sind das Zentrum in Karls 
Leben, Fühlen, Denken und Wollen. „Werde ich mein Ideal finden? Wann?« 
Dies quält und beschäftigt ihn noch mehr als der Zweifel, ob Lilli es sei 
oder nicht. Seine Grundstimmung ist zweifellos die Gewißheit, daß er diesen 
seinen sehnlichsten Wunsch nicht befriedigt finden werde. Aber oft genug 
belebt ihn auch Hoffnung. Jedenfalls erscheint ihm als das Schwerste, das 
ihm auferlegt sein mag, die Freundschaftsliebe zu erringen (72). Und seine 
Hoffnung ist um so schwächer, als ihm völlig deutlich wird, „wenn mir 
das Ideal unerreichbar ist, muß ich verzweifeln". Im Laufe der Analyse 
entfernt er sich immer mehr von Lilli als der Verwirklicherin seines Ideals. 
Er sagt bereits in der fünften Sitzung: „Die Person Lilli, nämlich in ein 



Phantasie und Realität 71 



näheres Verhältnis zu ihr zu treten, habe ich also aufgegeben. Die Person 
Ulli ist das Ideal noch lange nicht. Denn sie wird Schauspielerin." Dank- 
barkeit bleibt ihm ihr gegenüber, „denn ich habe mir durch sie mein Ideal 
gebildet". „Ich sehe jetzt die Lilli sehr oft bei Nacht, hauptsächlich seit 
[einigen Tagen]. Sie ist in meiner Zimmerecke. Ich glaube, das hängt 
momentan damit zusammen, daß sie für mich verschwindet, daß das Bild 
ganz verschleiert ist, wenn sie aus der Zimmerecke hervortritt." „Und über- 
haupt ist mir unangenehm, in welcher Verbindung auch immer, den Namen 
Lilli zu hören. Denn ich glaube, daß auch trotzdem sie ja für mich ver- 
loren ist, der Name Lilli für mich eine Bedeutung hat." Die Resignation 
auf Lilli mindert aber keineswegs seinen Drang, das Ideal zu finden, sie 
hat ihn eher gesteigert. „Es wird immer stärker, das Gefühl des Finden-Müssen. 
Es ist so ein Gefühl, ich kann es nicht anders sagen, es ist ein Finden-Müssen. 
Aber dieses Müssen hat noch einen Nachsatz, welchen ich nicht einmal 
weiß. Es wird doch immer stärker dadurch, daß ich weiß, ich werde es 
nicht finden, daß ich das weiß, alle Hoffnung aufgegeben habe, und trotz- 
dem sage, ich muß. Ich muß es finden, denn sonst ... Ich weiß nicht was 
sonst folgt, ich kann es nicht ausdrücken. Aber es ist so ein Müssen, dem 
sonst was folgt; ich habe schon oft versucht herauszubringen, was der 

Nachsatz sein könnte, dieses denn sonst aber ich weiß es nicht. 

Es schwebt mir als ein Beispiel vor: denn sonst müßte ich mich erschießen; 
aber es hängt mit etwas ganz anderem zusammen. Es wird verstärkt 
dadurch, daß ich positiv weiß, ich werde es nicht finden. Oft ist mir ein- 
gefallen, trifft es ein, ist es für alle gut, besonders für die, die nah um 
mich sind . . . Früher habe ich mir wenigstens noch sagen können, wonach 
ich mich sehne; habe ich wenigstens eine Person gehabt, und habe gewußt, 
warum. Ich habe wenigstens gehofft, sie zu sehen; das hat mir einen halben 
Tag genützt." Da es nun Lilli nicht ist, macht ihm das „Wie" eine neue, 
geeignetere Person finden, sehr beträchtliche, komplizierte Schwierigkeiten. 
Unter den ihm bekannten Mädchen ist die Neue nicht; andere lernt er nicht 
kennen, da er aus Gesundheitsrücksichten auf die weitere Teilnahme am 
Wandervogel verzichten muß. Und außer dieser ihm nun verschlossenen 
Möglichkeit wüßte er nur noch eine, aber „aus vielen Gründen werde ich 
nicht einmal daran denken, jemanden, der mir auf der Straße auf den ersten 
Blick gefällt, anzusprechen". Das Thema dieser Schwierigkeit, das Wie wird 
mannigfaltig, oft spitzfindig erörtert, wesentlich ist, daß er kein Kriterium 
weiß, aus dem untrüglich zu erkennen wäre, ob die Vermeintliche wahr- 
haftig die Richtige ist; und Versuche will er so wenig machen, wie seine 
Forderungen herabmindern. Es beherrscht ihn das Gefühl, es sei zu leicht 



72 



Phantasie und Realität 



möglich, sich zu irren, ja beinahe als müßte es so sein, als wäre die 
Richtige immer die „Andere". In diesem Sinn deutet er seinen Traum: 
„Heute träumte ich, daß ich sie natürlich fand. Auf sehr ulkige Weise: es 
waren da zwei fremde Mädchen, unbekannt; ich weiß nicht ob ich allein 
war, es war noch jemand da, mit der ersten und dann auch mit der anderen. 
Diese war mein Ideal, dann später. Es war nicht die, mit der ich zuerst 
gesprochen hatte, sondern die andere." Aus diesem Konflikt erwächst ihm 
bedeutende Verstärkung eines, wie wir noch sehen werden, aus anderen 
Quellen entstandenen triebhaften Wunsches: „Weg sein, meine ich, irgendwo. 
Und da hab ich genau dasselbe Gefühl, wie bei dem Gefühl, es finden zu 
müssen: ich muß absolut weg. Ganz genau dasselbe: ich muß weg. Nicht 
gerade in Städte; ich weiß ja nicht, wohin; vielleicht auf einer schönen 
Alm, wo man halt allein mit seinen Gedanken sein kann, nicht gestört.« 
Diese Auswahl charakteristischer Stellen aus den vierundzwanzig 
Nennungen der Vorstellung „Ideal" und den zwanzig der Vorstellung 
„Freundschaftsliebe" mögen genügen; einzelnes wird noch im weiteren 
Verlauf der Arbeit nachzuholen sein. Zur Methodik ergibt sich hier 
daß uns tatsächlich die freie Assoziation zu den zentralen Problemen geführt 
hat, die Karl in der Zeit der Niederschrift seines Gedichtes beschäftigt 
haben; daß es also nicht richtig ist, wenn immer wieder gehört werden 
muß, die freie Assoziation verbleibe im Peripheren. Und es ist auch keines- 
wegs so, daß wir aus anderer Quelle bereits gewußt hätten, was ihn 
bewegte, und daß wir, auf diese Kenntnis gestützt, nun solche Vorstellungen 
im Material der Analyse (des Assoziationsexperimentes) aufgesucht hätten, 
weil „man ja in ihm finden könne, was immer man wolle"; vielmehr haben 
wir nichts anderes getan, als zunächst den im Material öftest genannten 
Vorstellungen nachzugehen und sie übersichtlich nebeneinanderzustellen. Zu 
unseren Problemen ergibt sich schon daraus ein kleiner Schritt weiter in 
der Erkenntnis. Ganz klar und deutlich erweist sich die Epistel, soweit sie 
aus der Phantasie Lilli besteht, als Wunscherfüllung. Schon die erste Lektüre 
des Gedichtes mag den unbefangenen Leser das gelehrt haben, er mag 
bereits empfunden haben, daß offenbar der junge Autor ein Mädchen liebe 
und mit ihr in Freundschaftsliebe vereinigt zu sein wünsche und dies in 
seinem Gedicht als erfüllt darstelle. Aber erstlich hätte dies auch Erinnerung 
sein können, während wir nunmehr wissen, daß vielmehr diese Verse an 
Stelle einer Realität stehen, ja sogar für eine resignierte Realität eintreten, 
daß hier in der Phantasie (Träumerei, Gedicht) erfüllt dargestellt ist, was in 
der Wirklichkeit zu erleben bereits als völlig hoffnungslos oder doch sehr 
unwahrscheinlich erachtet wird. Zweitens erkennen wir, daß es nicht ein 






) • 



Phantasie und Realität 73 



peripherer, sondern ein zur Zeit das ganze bewußte Seelenleben des Autors 
umfassender Wunsch ist, der hier im Gedicht seine einzig mögliche, jedes- 
falls sichergestellte Verwirklichung findet. 

Wir können nunmehr versuchen, einige Details des Lilli-Anteiles in 
der Epistel mit solchen der Phantasie Lilli und des Erlebnisses Lilli zu 
vergleichen. 

Die Epistel ist sehr arm an gegenständlichen, bildhaften Elementen. 
Die auf Lilli bezüglichen sind folgende: sie wohnt in K . . . (41 bis 42); 
sie steht angelehnt an einen Zaun (59); sinnend geht sie den einsamen 
Weg zum Kirchlein hinauf (78), ihm offenbar den Rücken kehrend; sie hob 
ihr niedliches Köpfchen (83); sie singt zwei Lieder (84 bis 88); sieht sich 
um (97); nickt ihm freundlich zu (92), gibt ihm die Hand (93); sieht ihm 
in die Augen (95). Das ist alles, wenn wir davon absehen, daß sie 
sechsmal zu ihm spricht (WO, 107 bis ///, 114, 128 bis 131, 133 bis 

137, 140). 

Nun waren freilich die realen Erlebnisse mit ihr ebenfalls sehr gering; 
er sah sie überhaupt bloß sehr selten, sprach sie noch seltener, und wohl 
fast immer bloß die konventionellen Begrüßungsformeln, denn allein war er 
mit ihr ein-, höchstens zweimal. In der Analyse erinnert er folgende Kon- 
kreta: Vier Begegnungen mit Lilli, beim Hotel K . . ., beim Cafe" M . . . 
und in Schönbrunn. Beim Hotel K . . . sah er sie bloß, und zwar einmal; 
in Schönbrunn ging er mit ihr spazieren und die Begegnung bei Cafe 
M . . . dürfte zu diesem Spaziergang gehören; in Laab war er mit ihr und 
einer großen Gesellschaft zusammen. Die Begegnung bei Hotel K . . . wird 
sechsmal erinnert, die bei Cafe M . . . einmal, Schönbrunn zweimal, Laab 
einmal explizite, es spielt aber gerade dieses Beisammensein die bedeutendste 
Rolle. In Laab gingen sie alle an einem Zaun vorbei. Die Situation Lilli 
am Zaun wird sechsmal erinnert. In Laab hörte er sie singen, sie sang sehr gern 
und er kann ihren Gesang nicht vergessen. Ihre Kopfbewegungen erwähnt 
er mehrmals. Den Weg zum Kloster sah er sie einmal gehen, offenbar bei 
der Begegnung vor Hotel K . • . Daß er sie von rückwärts sah, erwähnt er 
ausdrücklich, und zwar in Laab; Händedruck, in die Augen sehen, zu ihm 
sprechen, sind selbstverständlich erlebte Details. Es enthält somit alles 
Gegenständliche an der Figur Lilli, in der Epistel nichts Phantasiertes und 
Erträumtes. Bis in die Einzelheiten ist alles dem realen Erleben entnommen. 
Die Korrekturen sind äußerst geringfügig. Nicht an dem Zaun, sondern vor 
Hotel K . • • sah er sie stehen, übrigens auch in der Realität an ihr (mit 
der elektrischen Straßenbahn) vorüberfahrend; weder in der Epistel, noch in 
Wirklichkeit sprach er sie dabei. Denn in der Dichtung springt er zwar aus 






74 Phantasie und Realität 



dem Zug, aber hier hat die Darstellung eine merkwürdige Lücke, denn Lilli 
scheint (in der Epistel) in diesem Augenblick verschwunden, und er spricht 
mit ihr erst in einer anderen Situation, nachdem sie gesungen hat (also wie 
in Laab). 

Von konkreten Erinnerungen an Lilli, die in der Epistel nicht enthalten 
sind, sprach er in der Analyse, und zwar, daß sie im Kloster erzogen wurde 
(zweimal); daß sie Schauspielerin werden will (zweimal), ihre Augen und 
Haare erwähnte er je einmal; ein „Schönheitspflästerchen an ihrer Wange"; 
daß er sie immer in einem schwarzen Kleid gesehen habe („vielleicht auch 
einmal in weißer Bluse") hebt er zweimal hervor; schließlich nennt er ein 
Bild von ihr, daß ihr Bruder Karl gezeichnet und ihm gezeigt hatte. 

Die Epistel enthält somit so gut wie alle konkreten Erlebnisse, die 
ihn beschäftigt hatten ; die Tatsache, daß sie im Kloster war, wird durch das 
Kirchlein wenigstens angedeutet: Augen und Haare sind implizite beschrieben; 
die Farbe des Kleides ist nicht bestimmt. Ausgelassen sind nur zwei Einzel- 
heiten: Das Schönheitspflästerchen und die Schauspielerin. Wir wissen, daß 
diese beiden ihn von ihr abstoßen, daß sie im Gedicht fehlen, gehört dem- 
nach zu seiner Wunscherfüllungsfunktion. Sie wird so tatsächlich die sinnende, 
fromme Jungfrau, und ist nicht die flirtende Kokette. Er ist eines schweren 
Zweifels über die wahre Lilli durch die Gestalt Lilli der Epistel überhoben. 
Die Epistel sagt auch: sie ist wirklich mein Ideal. Wesentlich ist nur eine 
Änderung: die Begegnungen in der Stadt, mindestens die vor dem Hotel 
K . . . sind ins Freie verlegt, dorthin, wo die wichtigsten Momente seiner 
realen Beziehung mit Lilli sich abspielten (Spaziergang in Schönbrunn, 
Laab). Und wenn es auch nicht gerade ausgesprochen Laab ist, wo er sie 
findet, so doch eine Gegend, die ihm von Wanderungen her lieb ist, K . . . 
(dort wohnte sie tatsächlich Sommers über) und vor allem im Wald, den er 
liebt. Die Verlegung des Erlebnisses Hotel K . . . in den Wald hat freilich 
noch eine tiefere Wurzel; und es wird sich zeigen, daß diese noch deut- 
licher beweist, daß wir auch schon in dieser Ebene der Untersuchung von 
dem Verhältnis der Details des Erlebens zu denen der Dichtung sagen 
können: jene werden in ihr im Sinne gewisser Wünsche des Dichters verändert. 

Die Assoziationen, die sich an die Phantasie Mutter knüpfen, sind 
wesentlich geringer an Zahl, als die von der Phantasie Lilli (Ideal und 
Freundschaftsliebe) ausgehenden. Sie enthalten auch keine besonders häufig 
erinnerten Bestandteile, sondern werden im großen und ganzen zwei-, drei- 
oder viermal, nicht wenige auch bloß an einer einzigen Stelle gestreift; 
trotzdem wird uns ihr Studium ein beträchtliches Stück weiter ins Verständnis 
der Epistel führen. 



Karl möchte von zu Hause weg, das ist ein Gedanke, der ihm oft 
gekommen war, nicht etwa bloß in jenem Augenblick, wo ihn die Mutter 
beleidigte. Er fühlt sich zu Hause keineswegs wohl; nichts hält ihn dort 
fest, ja die Mutter verstößt ihn sogar. „Man" neckt ihn zu Hause wegen 
seiner Beziehungen zu Mädchen; als er Alice liebte, machte man 
Anspielungen darauf; und „erinnerte mich, wie ich dort oft spazieren ging 
und an mein Ideal dachte und mich ärgerte, wenn man sagte, ich sei in 
Mädchen verliebt, weil ich oft mit ihr (Alice) gesprochen habe. Aber ich 
habe nur immer an Lilli gedacht". Bei der Erinnerung an einen Sanatoriums- 
aufenthalt assoziiert er: „Dr. A. — Tante B., Mama — Die ganze Rasse, 
alle diese Leute — Soll ich die nennen? (Ja) — Also — Papa — dann, 
wie, wie heißt sie nur, Frau Z, C, nein S, Frau D. Dann haben wir so 
gesprochen, wegen des Sommers. Papa fährt weg; Mama fährt weg; Fritzi 
(seine Schwester) auch. Ich weiß nicht,- wie ich es machen soll. Wenn die 
Mama will, nimmt mich der Papa sicher mit. Das will ich nicht. Mit der 
Mama will ich auch nicht . . . wie soll ich es machen, daß ich nicht weg- 
fahre, sonst habe ich nichts von dem Sommer . . . Mit den Eltern spazieren 
gehen, mag ich nicht." Sonst nennt er den Vater ausdrücklich nur fünfmal, 
er wirft ihm vor, daß er sich ihm gegenüber ungeduldig benommen habe, 
als er seinen ersten Herzkrampf hatte; daß er mit ihm über jede Kleinigkeit 
schimpfe; daß er ihm sein Lieblingsplätzchen im Garten weggenommen 
habe; erzählt die folgende typische Szene von ihm: „Am Samstag war 
Feiertag. Da haben wir einen Ausflug mit der Schule gemacht; für Sonntag 
habe ich mich schon seit langem verpflichtet gehabt, beim Wandervogel die 
Fahrt zu führen. Am Ausflug mit der Schule sollte man doch mitgehen. 
Jetzt habe ich gewußt, der Papa wird mir bestimmt nicht erlauben, Sonntag 
und Samstag zu gehen; höchstens zur Not einmal. Daraufhin, um eben 
beides durchzusetzen, sagte ich dem Papa, daß ich Samstag und Sonntag 
mit der Schule gehen werde. Auch so wollte er es nicht erlauben, erst als 
ihn die Mama bat, ließ er mich gehen. Nach zwei Stunden fragte die 
Mama, ob es wirklich wahr ist, und ich sag' ihr schließlich, neinl 
Mama verlangt, daß ich es dem Papa sage. Und er sagt darauf, das 
sind die Folgen des Wandervogels, als ich es schließlich ihm doch 
sagte. Darauf sagte ich ihm, das sind nicht die Folgen des Wander- 
vogels, sondern das sind die Folgen der Furcht, die ich vor dir haben muß, 
weil ich weiß, du wirst es nicht erlauben . . . Jetzt frage ich, mich selbst 
zu beruhigen, weil es mir gleich leid getan hat, ob es eine Notlüge war 
oder nicht. Wenn der Papa fragt, sage ich es ihm wieder, daß ich recht 
hatte." Und schließlich wird der Vater in folgendem Zusammenhange genannt : 



L 



76 



Phantasie und Realität 



„Ich weiß nicht, an was ich immer denke, aber ich muß an etwas denken, 
das mich befriedigt; ich fühle ein höheres Gefühl. Wenn ich nach Hause 
komme, so weiß ich, daß mir die Stimme von Papa weh tun wird . . . Also 
ich habe direkt gefürchtet, jetzt kommt der Papa, die Mama. Die Stimme 
wird mir direkt weh tun. Ich habe mich gefürchtet und wollte durchaus 
einschlafen ... Ich weiß nicht was das ist, es gibt Stimmen, die sind mir 
unangenehm; sie tun mir direkt weh." 

Der Mutter tut er kaum öfter Erwähnung als des Vaters, aber doch in 
anderem Tone. Auch ihr hat er dreimal eine konkrete Beleidigung vorzu- 
werfen. Von jenem Eingangserlebnis sprachen wir schon; einmal sagte sie 
ihm im Zorn Hund ; er fügt der Mitteilung aber hinzu, es sei bei ihr anders 
als beim Vater; sie sei bald ausgesöhnt, und es tue ihr selbst dann immer 
leid; dennoch kann er solche Beleidigungen weder vom Vater noch von 
der Mutter ertragen: „rachsüchtig bin ich nicht, ich tu mirs halt merken, 
ich bleib halt kalt; aber wenn das so weitergeht, so tue ich das Notwen- 
dige" (fortgehen, vermutlich). Als dritten Vorwurf gegen die Mutter erwähnt 
er: „Gestern hat sie mich so gekränkt, ich hätte beinahe geweint. Das heißt 
ich habe geweint, aber erst am Abend. Onkel hat Violine gespielt, da 
kommt so die Mama, hat gar nichts Schlechtes gemeint, klopft mir auf die 
Hand und sagt im Spaß, das hättest du auch haben können (wenn er 
nämlich ihrem Rat gefolgt und fleißiger Violine geübt hätte). Das hat mich 
furchtbar aufgeregt, nicht als etwas Schlechtes von der Mama, aber in meiner 
Stimmung ..." Sonst aber stellt er fest: „die Mama ist jetzt anders. 
Währenddem sie früher gesagt hat, ich habe nichts auf der Welt zu suchen, 
ist jetzt das genaue Gegenteil . . . Natürlich benehme ich mich nicht schlecht, 
aber immerhin kann ich nicht so herzlich sein, innerlich nicht und äußerlich 
auch nicht so, als man es vielleicht sollte." Und: „daß mir die Mama leid 
getan hat. Ich weiß nicht, es ist so merkwürdig, mit der Mama ; 'es scheint 
ihr leid zu tun, z. B. wenn sie, ich habe das beobachtet, einen Abend bös 
war, geschrien hat, geschimpft hat, — ich will nicht sagen, sie will es gut 
machen, weil sie manchmal recht hat; aber sie will es gut machen, trotzdem 
sie es gar nicht immer müßte. Ich weiß nicht warum, aber an jenem Tage 
war sie halb und halb bös, und am Samstag früh gerade das Gegenteil. 
Es war so, als wollte sie ihren verlorenen Sohn wieder gewinnen. Aber 
nicht nur damals, gewöhnlich. Ich habe eine Ahnung, daß die (Schulzensur-) 
Konferenz nicht gut ausfallen wird. Da tut mir die Mama momentan leid. 
Aber sonst denke ich nicht dran." 

Man sieht, die Beziehungen des siebzehnjährigen Karl zu seinen 
Eltern sind kaum schlimmer als es durchschnittlich der Fall sein dürfte. 



Es 



* 



Phantasie und Realität 77 



als sich wenigstens ergeben würde, wenn über diese Beziehungen von 
beiden Seiten mit jener Offenheit gesprochen würde, die sich beim psycho- 
analytischen Verfahren schon nach Wegfallen der oberflächlichen Hemmungen 
ergibt. Dennoch ist bei Karl der Drang, von zu Hause fortzugehen, schon 
ins Zwanghafte gesteigert, wie wir oben aus einer Bemerkung entnehmen 
konnten. Die Stärke dieses Wunsches ist ihm selbst nicht immer bewußt; 
sie äußert sich auch nicht immer manifest, sondern — auch für ihn — 
durchsichtig genug in Zuständen eines absenceartigen Schwebens in 
höheren Sphären: „Weg sein", „träumerisches Fortsein", aus dem er 
„aufgeschreckt" wird, „erwacht". Zum Beispiel: „Daß ich mich jetzt in 
einem anderen Sphärenkreis fühle, daß ich nicht mehr am Erdboden stehe, 
sondern darüber schwebe ... Oft wache ich plötzlich auf, am Tag und 
fühle mich unbequem, weil ich dann merke, wo ich eben bin: zu Hause, und 
mir das peinlich ist. Dann sperre ich mich in ein Zimmer, damit ich allein 
bin . . . Es ist zuviel, wenn ich sage Sehnsucht; es ist, wie soll ich sagen, 
Fremdheit . . . Drum ist es gut für mich, wenn ich Ausflüge mache, aber 
sie dürfen nicht in Wien sein. Dann erst, wenn ich weit von Wien bin, 
fühle ich erst mich ganz, dann bin ich angepaßt (der Umgebung)." Manches 
deutet darauf hin, daß auch die Anfälle nervöser, ohnmachtartiger Herz- 
schwäche mit diesem Wunsche, von zu Hause weg zu sein, zusammen- 
hängen. Zum Teil realisiert er in ihnen sehr radikal den Wunsch, denn 
während des Anfalles ist er tatsächlich weg. Den ersten Anfall hatte er in 
Anwesenheit des Vaters, als dieser ihn ungeduldig „wegen einer Kleinigkeit 
sekkierte". Während der Analyse befielen ihn einmal sehr heftige Herz- 
beschwerden, als er von einem ihm bekannten Mädchen erzählte, das gerade 
in diesen Tagen aus seinem Elternhaus entflohen war, um mit ihrem Geliebten 

sein zu können. 

Es zeigt sich uns demnach auch bei der Phantasie Mutter ganz 
ähnlich wie bei dem Lilli-Teil der Epistel, daß die Dichtung einen Wunsch, 
und zwar einen zentralen seines damaligen Seelenlebens als erfüllt darstellt: 
er ist von zu Hause entflohen, er ist weg, weit weg von Wien, und hat 
gar keinen Zusammenhang mehr mit seinem Vaterhaus, mit seinen Eltern, 
er ist „frei". 

An konkret Gegenständlichem, Bildhaftem enthält der erste (Mutter-)Teil 
der Epistel fast noch weniger als der zweite. Wenn von den gesprochenen 
Worten, deren Beziehung zum realen Leben wir bereits angemerkt haben, 
abgesehen wird, so bleiben die folgenden Details noch übrig: Hauptquartier 
(4) ist ein befremdlich konkretes Wort, das von den gehäuften symbolischen, 
oder wenigstens so gemeinten Ausdrücken absticht; er meldet sich freiwillig 



78 



Phantasie und Realität 



zum Heere (5); an Wien, Baden, Vöslau führt der Zug rasch vorbei (7, 8); 
er fährt bis an die Rax und an den Schneeberg (29) und sieht die Rax 
mit ihrem langgestreckten „Dach"; sein Reiseziel ist Innsbruck (39); er 
verließ in dunkler Nacht sein Vaterhaus (33); er fällt im Kriege (13 — 15), 
und zwar nach drei Wochen (// — 12). Auch diese Konkreta haben eine 
bestimmte Beziehung zur Realität. Weit weg von Wien zu sein, also über 
Baden und Vöslau hinaus, bedeutet ihm die Erfüllung eines ganz bestimmten 
Wunsches. Erinnerungen an solche Wanderungen — meistens lustbetonte 
— wurden in der Analyse vielfach reproduziert, nicht alle liegen an der 
Südbahnstrecke, aber einige; Rax .und Schneeberg hat er oft, immer mit 
dem Erfolg, sich erst da „selbst zu fühlen", besucht. Zu 8 erwähnt er, 
daß er von weitem das Schutzhaus als kleinen schwarzen Punkt wahrzu- 
nehmen vermag, was nicht jedem gelingt. Er hat Freude an dieser seiner 
Fähigkeit; daß der Rax so ausführlich gedacht wird, ist also eine Verstärkung 
des Lustcharakters dieser Reise — wir werden später sehen, daß hier ein 
Stück aus einer anderen Wunschregion, der ehrgeizigen, erfüllt in den 
Zusammenhang der übrigen Wunscherfüllungen hineinragt. Der Gedanke, 
sich zum Heer zu melden, war für ihn nicht fernliegend; er mußte erwarten, 
ohnehin bald einberufen zu werden; die freiwillige Meldung hätte mancherlei 
Vorteile für ihn gehabt, aber vor allem hätte sie ihn von Schule und 
Elternhaus befreit. Wie er von zu Hause dauernd weg könnte, war ihm ein 
schwieriges Problem, nicht minder als die Frage, wie werde ich Sie finden? 
Die Einberufung hätte es mit einem Schlage gelöst. Er war zu passiv, 
diese Situation herbeizuführen, trotzdem der Wunsch, zum Militär zu gehen, 
auch noch außer dem Fluchtzusammenhang mehrfach stark determiniert war. 
Die Epistel zeigt diesen Wunsch erfüllt, und überdies durch zwei unschein- 
bare Details in sehr vollkommener und vielseitiger Weise. Besonders lieb 
wäre es ihm gewesen, bei den Tiroler Landesschützen zu dienen, er meint 
aber als Jude auf diesen Lieblingswunsch resignieren zu müssen, da dieses 
Regiment keine Juden aufnimmt, oder ihnen doch keine Aussichten auf 
eine höhere Charge gewährt. Die Epistel zeigt ihn unterwegs nach Inns- 
bruck, er rückt also zu den Landesschützen ein. Schon als Kind wollte er 
Minister oder höherer Offizier werden, auch aktuelle Erwägungen führen 
ihn zu dem, freilich sehr flüchtigen, und aus vernünftigen Gründen ver- 
worfenen Gedanken, die Offizierskarriere einzuschlagen. In 9 sehen wir ihn 
nun, wenigstens in der Phantasie, geradewegs ins Hauptquartier einrücken. 
Der Fluchtweg durch den Krieg und den Tod ist aber weder der einzig 
mögliche, noch auch der einfachste und befriedigendste, am wenigsten, wenn 
seine anderen Wünsche (Ehrgeiz, Ideal) mit in Erwägung stehen; er könnte 



Phantasie und Realität * 79 



ja auch im tatsächlichen Wortsinn fliehen. Auch diese Möglichkeit ist in 

der Epistel als erfüllt angedeutet, wenn im Widerspruch zu dem legitimen 

Verlassen des Vaterhauses durch die Einrückung gesagt ist (33) : ich verließ 

in dunkler Nacht — also wohl heimlich — mein Vaterhans. Der Tod im 

Kriege ist ihm offenbar doch nicht ganz erwünscht, er entrinnt ihm in der 

Epistel in sehr erfreulicher Weise. (Die Zeilen // — 15 werden uns aber 

noch einmal intensiver zu beschäftigen haben.) 

Es zeigt sich demnach: die Konkreta der Epistel sind der Realität 

entnommen. Und zwar sind aus der schlechthin unendlichen Fülle der 

möglichen solche gewählt, die die Darstellung wichtiger, zentraler Wünsche 

als erfüllter in besonders vollkommener und deutlicher Weise ermöglichen, 

oder die verdichtet oder angedeutet kollaterale Wunschbefriedigung mit 

darzustellen gestatten. 

III 

Eine kleine Abänderung, die Karl an der Realität in Zeile 36 vornimmt, 
dürfte dem aufmerksamen Leser nicht entgangen sein. Karl weiß sehr wohl, 
daß seine Mutter jene beleidigende Äußerung nur in momentanem Zorn 
gemacht haben kann, daß sie es keineswegs so ernst nimmt, und er selbst 
ist ja eigentlich auch nicht geneigt, die Sache tragisch zu nehmen. Den- 
noch schreibt er: „Die Mutter verstieß mich", also jedenfalls eine für ihn 
unangenehmere Deutung der Realität, was nicht recht zu den übrigen 
Korrekturen stimmen will, die wir immer als im Sinne einer Annäherung 
an Wunscherfüllungen verlaufend, feststellten. 

Die Bedeutung dieser Stelle völlig einzusehen, müssen wir einige 
öfter wiederkehrende Vorstellungen näher betrachten, in denen zwar weder 
Lilli noch „Ideal" und „Freundschaftsliebe" oder die Eltern genannt sind, 
die aber in ihrem Auftauchen eine regelhafte Beziehung zu ihnen verraten. 

Da ist zunächst das Thema „Diebstahl". „Ich habe mich in den letzten 
Tagen einmal erinnert, daß ich am Weg von der Religionsstunde in die 
Konditorei X. hineinging, Wasser verlangte und inzwischen einen Krapfen 
nahm; öfter, bis ich erwischt wurde, ich hatte einmal meine Bücher darin 
vergessen und wie ich sie holte, sagte man mir's. Ich entschuldigte mich, 
daß ich es irrtümlich gemacht hatte. Dann, daß ich einmal eine Gießkanne 
genommen hatte, so eine kleine, in der Bonbons drin sind; es waren aber 
keine drin. Sie ist längere Zeit im Nähtisch gelegen. Dann (erinnere ich 
mich) an die Prügel ..." diese Erinnerung taucht viermal auf, dreimal in 
unmittelbarem, deutlichem Zusammenhang. Das Ereignis liegt fast zwei 
Jahre zurück. Er hatte trotz der erwähnten Prügel seine kleinen Diebstähle 
fortgesetzt und auch mehrmals kleine Geldbeträge aus der Börse der Mutter 



i 



80 



Phantasie und Realität 



gestohlen. In ihrer Sorge erzählte sie mir den Fall und bat mich, ihr zu 
helfen. Ich hatte damals mit Karl zwei Spaziergänge gemacht und in 
pädanalytischer Weise feststellen können: Karl fühlte sich von der Mutter 
vernachlässigt; die Süßigkeiten waren ihm Ersatz für die ausbleibende Liebe 
der Mutter; die Handlungen sollten seine Verzweiflung darstellen, in die 
ihn die Mutter durch ihr liebloses Verhalten treibt; er war überzeugt, daß 
das Sprüchlein, wer stiehlt, der betrügt usw. bis zum Galgen, auch für ihn 
eintreffen würde, und dachte sich dieses schmähliche Ende als Rache für 
die lieblose Mutter. Es hörten übrigens die Diebstähle nach den beiden 
Unterredungen auf. Er erinnert sich zuweilen unseres Gespräches, seinen 
Inhalt aber hat er vergessen. 

Es ist auffällig und deutlich, wie ähnlich jene Situation „Diebstahl" 
der Situation „Mutter" mit ihren Folgen in der Epistel ist. In beiden 
Situationen: von der Mutter verstoßen, zur Verzweiflung getrieben, dem 
gewaltsamen Tod nahegerückt. Dies erklärt uns zwei Einzelheiten deutlicher 
als bisher möglich war. Worin besteht das Verstoßensein durch die Mutter? 
Im Entzug ihrer Liebe. Und wenn er sagt, er würde in völlige Verzweiflung 
geraten, es würde etwas ganz Schreckliches eintreten, aber nicht, daß er 
sich erschöße (wenn er nämlich sein Ideal nicht finden kann), sondern 
etwas für seine nähere Umgebung Schreckliches, das er nicht kenne, so 
können wir hier ergänzen, „denn sonst tue ich aus Verzweiflung wieder 
etwas Schändliches". Worin dies Schändliche besteht, vermögen wir noch 
nicht zu vermuten. Aber wir verstehen von hier aus, was für die wunsch- 
erfüllende Funktion die starke Betonung des Todesmotivs bedeutet. Es ist 
sozusagen die Erfüllung des Gedankens: lieber tot als . . . schändlich, wie 
wir hier noch sagen müssen. Und die an sich als Wunscherfüllung aufzu- 
fassende Begegnung mit Lilli und ihr Ausgang wird in ihrer wunsch- 
erfüllenden Tendenz noch gestärkt, indem es kaum eine stärkere Bestätigung 
seiner Hoffnungen, dem Schändlichen zu entgehen gibt, als jene Darstellung, 
die ihn statt in Ausführung schändlicher Taten in reinem Liebesbund mit 
Lilli vereinigt zeigt. 

Über seinen eigenen Wert ist er sich recht im unklaren. Er hat die 
Meinung, daß er dumm ist, oder so doch von den anderen betrachtet wird; 
beim Verkehr mit Mädchen interessiert ihn die Frage, ob er klüger, „reifer" 
ist als sie; als Jude fühlt er sich vielfach zurückgesetzt; er zweifelt, ob er 
imstande sein wird, seinen Beruf ordentlich zu erfüllen, er kränkt sich 
darüber, daß ihn sein Gesundheitszustand hindert, seinem Wunsche nach, 
zu schwimmen, Hockey zu spielen und Ski zu fahren. Die hierauf bezüg- 
lichen Äußerungen in der Analyse sind gering an Zahl, aber aus der 



Phantasie und Realität 81 



Analyse einer seiner Novellen, die einige Wochen vor der Epistel geschrieben 
wurde, und deren Ergebnis in die folgende Arbeit verarbeitet werden soll, 
kann ich mitteilen, daß die Frage seines Wertes, vor allem seiner Berufs- 
fähigkeit ihn sehr beschäftigt, und daß er sie äußerst skeptisch beantwortet, 
daß er von sich nichts hält. Im Zusammenhange mit der Epistel aber sind 
es vielmehr die guten Seiten, die er hervorhebt, ist es viel deutlicher das 
Gefühl „ich bin nicht schlecht", das siegt. Es ist dies weniger eine 
Veränderung der Realität im Sinne der Wunscherfüllung — obzwar auch 
dies mitspielt, sondern vielmehr ein weniger Wichtigsein dieses Problems 
in der uns hier beschäftigenden Periode von Karls Entwicklung. Die Zahl 
der positiven Äußerungen über sich ist in unserem Material größer als die 
der negativen; doch haben diese sichtlich das größere affektive Gewicht. 
Er zeigt sich geistig interessiert an dem Schülerausschuß in seiner Schule, 
am Wandervogel, sehr affizierbar und erschüttert von Musik, er erzählt, 
daß er „gescheit" gesprochen habe, daß seine Novellen einen gewissen 
Wert haben; er freut sich an seiner Geschicklichkeit, an seinen sportlichen 
Fähigkeiten, seiner Unerschrockenheit. Er meint es zu vermögen, Menschen 
in seinem Umkreis „zu adeln", weil er selbst — durch Ulli — geadelt 
wurde; er sehnt sich, das Adeln als seinen Lebenszweck bezeichnen zu 
dürfen; möchte Ingenieur werden, würde es gerne wagen, Offizier zu 
werden: aber es müßte „eine sehr hohe Militärstelle sein", er möchte 
„beweisen, daß man beim Militär nicht so ein Leben führen muß" (das 
Luderleben der Offiziere) „oder ausprobieren, ob es so ein Leben sein 
muß; ich glaube nämlich, daß es nicht muß", aber all dies ist immer sehr 
schüchtern gesagt, sehr nebenbei, im Grunde halte er nämlich nichts, nicht 
viel von sich und er bemerkt selbst als sonderbar „. . . daß ich . . . so hie 
und da fühle, eigentlich will ich etwas Größeres werden, höhere Stellen 
bekleiden während ich doch eigentlich von mir nichts halte." Obzwar nun 
die Bedeutung des Ehrgeizmotivs für die Epistel gering zu sein scheint, 
werden wir doch ein und das andere Detail von ihm determiniert sehen. 
Karls Stellung zum Militär ist schwankend, er erwartet einerseits mit 
einer gewissen Ungeduld den Termin seiner Einberufung, da sie ihm jeden- 
falls die Entfernung vom Elternhaus ermöglicht, vielleicht aber auch Ehren, 
wenigstens Chargen bringen wird. Und doch will er „eigentlich nicht 
einrücken". Er konstatiert mit Genugtuung, daß er noch nicht gebunden 
sei, noch nicht einrücken müsse. Er weiß, daß die „Offiziere so ein Leben 
führen", wie er es für sich ablehnen muß, wie es gar nicht zu seinem 
Ideal paßt, er will nicht beim Militär sein, „bei der Gesellschaft". Es ist 
also nicht etwa Todesangst, die ihn schwanken läßt, sondern Abscheu vor 



i 



82 



Phantasie und Realität 



dem Sexualleben beim Militär. Ohne daß dies Wort von ihm ausgesprochen 
wird, ist doch kaum zweifelhaft, daß er vor den sexuellen Möglichkeiten, die 
Freiheit, Krieg, Uniform, kurz das ganze Milieu der Offiziersschule, der 
Kaserne, der Etappe bieten, zurückschreckt. Er weiß natürlich durch seine 
Kameraden, vor allem durch die schon eingerückten, welche Rolle 
Prostituierte und Bordelle bei ihnen spielen. Beides verabscheut Karl 
natürlich, möchte man sagen. Konnten wir oben darauf hinweisen, daß die 
Militärepisode in der Epistel eine Wunscherfüllungsfunktion erfüllt, so können 
wir von hier aus auch ein sehr unscheinbares Detail verstehen. In Zeile 
// — 12 ist von drei Wochen die Rede. Ist diese präzise Zahl schon auffällig, 
so um so mehr, daß sie noch eine Abweichung von der Realität enthält, 
denn die Ausbildungszeit dauerte damals zwei bis drei Monate. Zu // assoziiert 
er nun: „ich habe es zu kurz genommen — habe eigentlich acht Wochen 
gemeint — weil ich nicht beim Militär bleiben will, bei der Gesellschaft." 
Auch hier also eine scheinbar ganz geringfügige Korrektur an der Realität, als 
Erfüllung eines Wunsches determiniert. 

Wenn dies aber seine Stellung zum Militär ist, so wird unsere obige 
Ableitung recht zweifelhaft. Es war also gar nicht sein Wunsch einzurücken 
beziehungsweise es sind nur Details aus diesem Tatsachenkomplex, die 
wirklich als Wunsch bezeichnet werden könnten und es fragt sich, warum 
nicht eine Phantasie ausgesponnen wurde, die seine Entfernung vom Eltern- 
haus in befriedigenderer Weise darstellt, etwa die Andeutung von 38, die 
weder die Berührung des Todesthemas, noch die nach dem Gesagten kaum 
als Wunsch aufzufassende Einrückung herbeigeführt hätte. Daß die Einrückung 
real bevorstand, kann nicht als Erklärung angesehen werden, da wir ja 
zeigten, daß die Realität geradezu souverän im Sinne der Wünsche korrigiert 
wird. Die Betrachtung der Assoziationen zu zwei weiteren Themen wird 
uns vielleicht ein Stück der Aufklärung bringen. 

Vom Tod spricht er dreimal (von Todesgefahren öfter; es handelt sich 
immer um solche bei sportlichen Leistungen, die er überstand). Einmal 
sieht er sich im Schützengraben von einer Kugel getroffen hinsinken, und 
zwar zu 10, also anläßlich einer überstandenen Todesgefahr. An anderer 
Stelle sagt er: „der Tod sucht nicht aus, ob gut, ob schlecht, die Kugel 
trifft halt und alle werden wir begraben in ein Loch, und es wird nicht 
gewählt ob er gut oder schlecht war". Und schließlich: „Das Meer. Wie 
ich damals Boot gefahren bin und es so grün war. Es kommt mir jetzt so 
vor, als wäre mir damals eingefallen, als ob das Meer hier lockend spräche 
wie im , Fischer', daß, wenn man dabei untergeht, man vor Angst und 
Grauen dennoch hineingeht; es ist wirklich ein unheimliches Gefühl." Der 



Phantasie und Realität 83 






Tod löscht also zunächst alle Unterschiede aus; es gibt keine Guten und 
Schlechten mehr ; er ist auch nicht mehr schlecht. Zeile 13 — 16 besagt also 
im Grunde das gleiche wie 17. Wenn die Mutter ihn schlecht nannte — 
er selbst, Lilli und der Tod nennen ihn nicht so. 

Das Meer, das er zweimal sah, hatte ihm sehr tiefen Eindruck gemacht. 
Er nennt es immer „unheimlich". In seiner Nähe ergreift ihn Sehnsucht, 
einmal so stark, daß „ich geistesabwesend, aber kein Traum, aufstand und 
einem Phantasiebild nachging, welches ganz verschleierte Formen hatte; 
und dann durch einen Strandkorb aufgeweckt wurde". Es ist ihm belebt 
von Seejungfrauen und Nixen, die, wie wir noch sehen werden, eine ganz 
bestimmte Funktion bei ihm haben. Er verbindet jedenfalls mit dem Meer 
eine sexuelle Note, die ihre Steigerung beim Gedanken Tod im Meer, ver- 
lockt durch Seejungfrauen, findet. Solche Gedanken und Gefühle werden 
von ihm aber nur angedeutet, denn er hält sie für „schlecht", und er selbst 
ist es nicht. Das Wort „schlecht" hat bei ihm durchaus einen sexuellen 
Nebensinn. So sagt er sogar die gewiß ungebräuchliche Fügung: „Es ist 
der größte Blödsinn nach meiner Meinung, wenn irgend wer was sagt, wenn 
sich Bursch und Mädchen einhängen; ich finde das eigentlich nicht für so 

schlecht." 

In den Themen Tod, Militär, Meer, Gut oder Schlecht? streifen wir 
ein sexuelles Moment, das mit ihnen in einer offenbar nicht ganz ober- 
flächlichen Weise verknüpft ist. Doch ist der Zusammenhang noch keines- 
wegs klar. Nur soviel scheint sicher: sein Ausruf „ich bin nicht schlecht!" (77), 
ebenso wie die Erwägung in 16 beziehen sich auch auf seine Stellung zu 
diesen Fragen und konstatieren, daß er in sexueller Beziehung idealgemäß 
sei. Wobei zu beachten ist, daß andere konkrete Forderungen im ganzen 
Material nicht erwähnt werden. Ferner ist zweifellos, daß Beim-Militär-Sein 
für ihn heißt, auf alle Fälle mindestens sexuell in Gefahr sein, daher: „ich 
tue es erst, wenn ich muß". In der Epistel ist er dieser freien Entscheidung 
beraubt; seine Mutter hat ihn zum Militär getrieben, also ihn zwei Arten 
von Gefahren ausgesetzt, dem Tod und der sexuellen Verführung. Bei seiner 
rigorosen Bewertung der sexuellen Vorgänge ist leicht verständlich, daß er 
von diesen zwei realen Gefahren, denen er ja auch ohne Verstoßung durch 
seine Mutter, durch sein Alter und den Weltkrieg ausgesetzt ist, den Tod 
vorzieht, und wie in der Epistel erwähnt, ja so sogar schon als nach drei 
Wochen eintretend darstellt. Es ist dies durchaus eine den bisher als allgemein 
festgestellten Beziehungen zwischen der Epistel und der Realität entsprechende 
Auffassung und löst uns das Befremdliche, das wir auf Seite 79 zu dieser 
Stelle anmerkten. 

6* 



" 



^^- ^^^- 



84 



Phantasie und Realität 



Wenn wir die für Karl sehr innige Beziehung zwischen Militär und 
sexuellen Gefahren und seine energisch ablehnende Stellung zu jeder 
sexuellen Betätigung beachten, wird uns eine Parallele gänzlich verständlich, 
die sich uns auf Seite 80 aufdrängte, aber nur zum Teil erklärt werden 
konnte. Situation Diebstahl: Mutter entzieht Karl die Liebe — er tut etwas 
Schändliches aus Verzweiflung (Diebstahl). Situation Lilli: Er erreicht die 
Freundschaftsliebe Lillis nicht — er tut aus Verzweiflung etwas Furchtbares 
(schlimmer als der Tod). Situation Mutter: Mutter verstößt ihn (ist lieblos mit 
ihm) — er tut aus Verzweiflung etwas; geht zum Militär. Dabei dürfen wir 
für Militär einsetzen: sexuelle Betätigung, die schlimmer ist als der Tod, 
(In Parenthese: er äußert in der Analyse: dem Don Juan geschehe recht, 
daß er getötet werde.) 

So sehr durch die Betrachtung von Karls Einfällen zu einigen Themen 
etwas für das tiefere Verständnis gewonnen ist; es kann nicht geleugnet 
werden, daß wir von der Lösung der Eingangsfrage dieses Kapitels und 
der wunscherfüllenden Funktion der Militärphantasie nun erst recht abgerückt 
sind. Denn die Realität ist ja: die Mutter verstößt ihn nicht; er braucht 
also nicht einzurücken (sich sexuell zu betätigen). Diese beiden Tatsachen 
sind ja näher seinen Wünschen, als ihre angeblich wunscherfüllende Korrektur 
in der Epistel. Oder sollte es sein Wunsch sein, von der Mutter verstoßen, 
sich aus Verzweiflung in Ausschweifung zu stürzen? Wie stimmte dies mit 
dem zweiten Teil der Epistel überein, dessen wunscherfüllende Tendenz 
nun schon völlig gesichert erschien? 



IV 

An Stelle dieses Kapitels hat der ursprüngliche Entwurf dieser Arbeit (1916) 
eine Untersuchung über das vorliegende Material in experimenteller Manier, als wäre 
es nichts anderes als eines der üblichen Assoziationsexperimente mit einigen wenigen 
sinngemäßen Abänderungen. Daran schloß sich eine Erörterung, die einige der 
methodischen Eigentümlichkeiten der Psychoanalyse auf Grund der Ergebnisse dieser 
statistisch-experimentellen Untersuchung als theoretisch völlig berechtigt nachweist. 
Und erst nach diesem methodischen Zwischenspiel werden jene Ableitungen und 
Ergebnisse vorgebracht, die in der vorliegenden Fassung im folgenden dargestellt 
sind. Diese Streichung geschah, trotzdem ich auch heute noch der Meinung bin, daß 
von psychoanalytischer Seite zu wenig geschieht, um den Anschluß an die anderen 
psychologischen Forschungsrichtungen in Methode und Nomenklatur herzustellen, 
trotzdem ich meine, daß den Widerständen gegen die Psychoanalyse der Boden der 
Rationalisierung entzogen werden sollte durch eine teilweise Anpassung an die wohl 
berechtigten methodischen Forderungen der experimentellen, statistischen (differen- 
tiellen) u. s. w. Psychologie; nach wie vor sind in dieser Richtung meines Wissens keine 



Phantasie und Realität 85 



x- 



anderen Publikationen vorhanden als Jungs diagnostische Assoziationsexperimente 
(denn meine eigenen Publikationen in dieser Richtung 1 sind zu beiläufig, um irgendein 
Gewicht zu haben). Um wirklich fruchtbar zu sein, müßte aber das gedachte Kapitel 
den Umfang einer eigenen Arbeit erhalten und würde hier den Zusammenhang 
sprengen. Es soll demnächst in anderem Zusammenhang nachgeholt werden. Gewisse 
In analytischen Arbeiten sonst nicht übliche Formen und Wendungen in den ersten 
drei Abschnitten unserer jetzigen Untersuchung aber, die auf das nunmehr ausgeschaltete 
methodische Kapitel hinwiesen, lasse ich unverändert, sie werden die Darstellung und 
das Verständnis der später erscheinenden Arbeit erleichtern. Und es seien nun ohne 
methodische Begründung und Legitimierung im folgenden Betrachtungsweisen und 
Begriffe der Psychoanalyse, vor allem der des Unbewußten und der Libido, eingeführt, 
die bisher aus didaktischen Gründen vermieden wurden. 

Eine der auffälligsten, immer wiederkehrenden Assoziationen Karls ist 
der „Farbenwechsel". In der fünften Sitzung sagt er: „Ich sehe nur eine 
farbige Bluse, die Lilli anhat, die sich aber sofort, wie ich ihren Namen 
gesagt habe, von rot in blau, dunkelblau und sofort in die schöne Korn- 
blumenfarbe verwandelt hat. Das ist nämlich eine Farbe, die nach meiner 
Meinung das Auge ausruht." In der sechsten Sitzung: „Sehe die Lilli am 
Zaun, in dieser blauen Farbe, die ich schon gesagt habe. Wieder der 
Farbenwechsel, ein doppelter: rot, dann blau. Blau wechselt sehr schnell 
die Nuancen. Jetzt sehe ich mehrere Farben; schwarz, rot . . ." und „sehe 
die Lilli . . . blaue Farbe; es ist komisch, daß mir blau so angenehm 
ist . . ." und „dann die Plakate an der Kirchentüre, rot, blau, gelb blau, — 
so hat nämlich jetzt die Farbe gewechselt — : Frauen in Männerkleidern 
ist der Eintritt verboten." Siebente Sitzung: „Wo ich vorher die Lilli 
gesehen habe, wieder ein Farbenwechsel: blau, rot, blau, violett; grün, 
diesmal auch etwas." Und: „Lilli . . ., ich weiß nicht, wieso wieder diese 
Farben; die wieder mit ihr so zusammenhängen, denn so oft ich von ihr 
rede, fallen sie mir ein. Wo ich sie doch nur schwarz gesehen habe; sie 
hatte ein schwarzes Kleid, so oft ich sie sah. Es kann möglich sein, daß 
sie auch einmal eine weiße Bluse hatte, aber immer ein schwarzes Kleid, 
da sie doch in einem Kloster war; das ist die vorgeschriebene Tracht ..." 
„Lilli. Der Farbenwechsel. Ich weiß aber nicht, ob jetzt hier der Farben- 
wechsel mit ihr zusammenhängt, da ich vorhin sagte, so oft ich Lilli sage, 
ist der Farbenwechsel da. Aber bis dahin war es ganz sicher." Achte 
Sitzung: „Ich sehe sie wieder am Zaun. Der mir unerklärliche Farben- 



i Psychologie und Psychoanalyse ; Internationale Zeitschrift für ärztliche Psycho- 
analyse IL und: Zur Psychologie der Unmusikalischen; Archiv für die gesamte 
Psychologie XXXIV. 






86 



Phantasie und Realität 



Wechsel, der, ich glaube, ziemlich unbewußt wieder eingefallen ist. Von 
dem Blau, diese verschiedenen Blau wechseln, dann grün und gelb, dann 
wieder blau. Daß der Zug wieder langsam gefahren ist. Der Farbenwechsel, 
kann nicht sagen, ob bewußt, oder unbewußt. Ich sehe jetzt keine bestimmte 
Gestalt, sehe sie in Umrissen; momentan schwarz, dann ein Farbenwechsel, 
aber nur der vom Blau; nichts weiter." In neunter Sitzung: „. . . hier wieder 
ein bewußter Farbenwechsel." „Ich glaube, daß ich ganz weit, an den 
Farbenwechsel denke und so kommt er wieder; während, wenn ich ganz 
unbewußt ihn habe, kommt er plötzlich . . . jetzt war ein Farbenwechsel, 
unbewußt, von der roten Farbe, gelb, grün, u. s. w. durchgehend. Womit 
hängt das zusammen? Es kann doch unmöglich mit der Person zusammen- 
hängen, die ich garnicht kenne, an der ich das Blau zum erstenmal gesehen 
habe; ich habe die Person garnicht gesehen, sondern nur das Blau, das mir 
sehr gut gefallen hat, die kann es doch unmöglich sein; das kann doch 
unmöglich sein . . . Das Wasser bekam einen Farbenwechsel von ver- 
schiedenen Blau, dann bekam es die grüne Färbung, die mich in der Ost- 
see — direkt geschaudert hat es mich — wie es so schwarz war." 

Selbst wer zu behaupten geneigt ist, plötzlich auftauchende Vorstellungen 
seien zufällig, und hätten ihren Sinn, wenn sie überhaupt einen besitzen, 
nur in sich selbst, wird hier zugeben müssen, daß sichtlich das Auftreten 
dieses Farbenwechsels von anderer Kategorie ist, daß er etwas bedeutet, 
daß er Repräsentant von etwas, und zwar von etwas Unbewußtem ist, daß 
er etwas sagen will. In der Analyse Karls sind drei solche Symbole 
besonders deutlich, der Burgtheatervorhang, der Ameisenhaufen und der 
Farbenwechsel. Karl selbst erkennt einmal den Ameisenhaufen als Symbol, 
oder wie er sagt, als Gleichnis, als Sinnbild, und empfindet die zwei 
anderen Phänomene als ihm völlig gleichartig. Es ist unsere Aufgabe dieses 
Symbol „Farbenwechsel" aufzulösen, das heißt festzustellen, welche unbe- 
wußten Vorstellungen und Wünsche es im Bewußtsein Karls vertritt — auch 
wenn uns diese Untersuchung etwas zu weit von unserem eigentlichen 
Thema abzuführen scheinen mag. 

Eines ist unbestreitbar: der Farbenwechsel (und der Ameisenhaufen, 
von dem in dieser Arbeit nicht ausführlich gesprochen werden soll) gehört 
im Gegensatz zum Burgtheatervorhang ganz in den Zusammenhang der 
Phantasie Lilli. Er repräsentiert also unbewußte Strebungen, die sich auf 
Lilli beziehen. Sein manifester Inhalt ist einfach genug. Es sind zunächst 
Farben, um die es sich handelt, und zwar gehört ihm auf alle Fälle das 
Blau in verschiedenen Nuancen zu. Blau fehlt niemals. Konstant, aber nicht 
in dieser absoluten Ausschließlichkeit sind ferner: rot, gelb. Schwarz und 



Phantasie und Realität 87 

grün gehören offenbar dazu, werden aber seltener genannt. Es handelt sich 
aber nicht um diese Farben als solche, sondern um deren regelmäßigen 
Wechsel, um ihr Ineinander-Übergehen. Dieses findet entweder innerhalb der 
Nuancen von Blau statt oder nimmt eine bestimmte Richtung von einer 
Farbe zur anderen. Die Richtung ist deutlich genug: immer folgt blau auf 
rot, wenn rot genannt wird; (einmal wird zwar blau — rot genannt, aber auf 
dies rot folgt nun blau und der übrige Farbenwechsel; einmal wird blau 
nicht genannt, sondern „und so weiter" gesagt, worin es aber zweifellos 
mit gemeint ist.) Immer folgen Gelb und Grün dem Blau. Der wesentliche 
Farbenwechsel ist also rot— blau— gelb, grün. 

Die Farben selbst sind offensichtlich mit Stimmungen und Gefühlen 
im engeren Zusammenhang. Blau ist angenehm (sogar hervorragend ange- 
nehm); grün ist unheimlich, schaudererweckend. Der Farbenwechsel kommt 
zwar auch einmal dem Wasser, einmal einem Plakat zu; sonst aber ist er 
unkörperlich, nimmt aber seinen Ausgang gewöhnlich vom schwarzen Kleid 
Ullis oder allgemein Von ihrer Gestalt. 

Soviel vermögen wir zunächst aus den Analysenprotokollen zu ent- 
nehmen. Nach Abschluß der eigentlichen Assoziationen an die einzelnen 
Verszeilen der Epistel ließ ich Karl zu den Farben des Farbenwechsels 
assoziieren. Das Ergebnis dieses Versuches, der in der zwölften und drei- 
zehnten Sitzung vorgenommen wurde, ist: 

Auf meine allgemeine Vorfrage, welche Farben das Phänomen umfasse, 
antwortet er: „es ist verschieden, es ist nie alles drin, auf jeden Fall aber 
ist am Anfang gewöhnlich blau — jetzt wo ich das sage, kommt mir eine 
rote Farbe — und zwar jenes blau, von dem ich schon einmal redete. Man 
kann nicht immer sagen, daß es immer dasselbe Blau ist, es wechselt. Und 
dann kommen andere Farben, grün, rot, blau und andere Farben, die immer 
verschieden sind. Das ist nach meiner Meinung ein Beweis, daß es mit 
keiner Person zusammenhängen kann. Und ich weiß nicht, wieso die Farben 
wechseln und der Burgtheatervorhang so oft vorkommt." Diese Äußerung Karls 
ist sehr interessant, weil sie einfach unrichtig ist. Der Farbenwechsel beginnt 
niemals mit blau, sondern immer mit rot. Und als wollte ihn sein Unbewußtes 
Lügen strafen, fällt ihm gerade, als er dem Rot unrecht tun will, dieses ein. 
Zweitens die „anderen Farben" sind keineswegs so unbestimmt, als er es dar- 
stellen will. Es fehlt überhaupt nur das Gelb in jener Aufzählung, das er durch 
ein wiederholtes Blau und durch „andere Farben" ersetzt; aber für diese 
„anderen Farben" gibt es nur Gelb und einmal Violett, das übrigens einer 
Nuance von blau recht ähnlich ist. Also er hat die Tendenz Blau in den Vorder- 
grund zu schieben, rot als Ausgangspunkt und Gelb als existent zu leugnen. 






L 



88 



Phantasie und Realität 



Mit rot verbindet er folgende Einfälle: das rote Gesicht nach dem 
Laufen; das Gesicht nach dem Schminken; nach dem Biertrinken. Der 
Himmel vor dem Wind. Die Sonne im Auf- und Untergang. Beim zweiten- 
mal (sechs Tage später): beim Laufen; nach dem Schminken; rote Stoffe 
die momentan die Mama hat; das Erröten; ein rotes Kleid mit schwarzen 
Tupfen seiner Schwester; Lilli; die roten Bauernjacken zweier Freunde 
(einer ist der Bruder Lillis); Sonnenaufgänge. 

Mit gelb verbindet er folgende Einfälle: ein ganz schreiendes Gelb 
das einmal eine Dirne getragen hat, wie er abends vom Burgtheater ging; 
gelb mit blau gibt grün; verschiedene nicht zu grelle Nuancen von gelb.' 
Nach sechs Tagen wieder nur jene Prostituierte, und Bemerkungen, wie „so 
sehr mir das Gelb mißfällt, gefällt mir das Blau." 

Rot und gelb repräsentieren jedenfalls mindestens Teile der von ihm 
verdrängten Sexualität. Er spricht nur mit Abscheu von den Prostituierten 
und vom Schminken. Biertrinken lehnt er auch ab. Rot ist vermutlich 
sexuelle Erregung — gelb vermutlich sexueller Verkehr mit Prostituierten. 
Wir begreifen, warum er in jener Äußerung rot und gelb verdrängte. 

Zu blau gehören neben verschiedenen Schilderungen der Annehm- 
lichkeit dieser Farbe: Auslagen von Damenkonfektionsgeschäften, in denen 
Figuren mit blauen Kleidern stehen, namentlich Gerngroß und Leßner. 
»Leute tragen das Blau, Frauen, erwachsene Mädchen, Frauen, Mariahilfer- 
Straße, Kärntnerstraße, Graben; bei Hotel K . . .; zwei Damen, die ihm 
gefielen, zwei Damen, die ihm nicht gefielen. Jene Dame, bei der er es 
zuerst sah, auf der ... straße bei Hotel K . . .; Blaues Band am 
Hute zweier Mädchen, die er kennt und von denen es heißt, sie schminkten 
sich zuweilen. Die „blaue Elektrische" (der letzte Zug jeder Strecke trägt 
in Wien eine blaue Laterne, vom Burgtheater nach Hause fahrend, mußte 
er oft mit der „blauen Elektrischen" durch die Mariahilf erstraße an Gern- 
groß, Leßner und an Hotel K . . . vorbei). 

Grün, das auch zu den angenehmen Farben gehört, erweckt in ihm 
folgende Assoziationen: Hoffnung, Märchen, Seejungfern, Tang, „Nixen, 
(Frauen mit langen Haaren und Tang, hübschem Gesicht, Flossen statt 
Beinen)«; das Meer mit allen schon oben genannten Situationen; der 
„Fischer" von Goethe und unmittelbar daran anschließend, scheinbar völlig 
unmotiviert, daß man in einem Witzwort für Amsel (Wienerisch Amschel) 
Am Schädel sagt. 

Ich habe die Assoziationen zu den Farben in dieser vielleicht ermüdenden 
Vollzähligkeit gebracht, um auch dem analytisch ungeschulten Leser einen 
deutlichen Begriff davon zu geben, daß ganz unzweifelbar dieser Farben- 




^ 



Phantasie und Realität 89 






Wechsel die Stelle ist, hinter der sich das sexuelle Material, das natürlich 
in einer Analyse jedes Jugendlichen zutage treten muß, verbirgt. Während 
Karl sonst sexuelle Themen so gut wie nie berührte, ja sie selbst in diesem 
Stück der Analyse kaum ausdrücklich und immer mit einem gewissen 
Abscheu nennt, ist alles, was mit dem Farbenwechsel zusammenhängt, durch- 
setzt von Anspielungen auf das Sexuelle. Bei dem mehr oder weniger 
verdrängten Rot und Gelb nimmt dies wenig Wunder. Es sei aber festgestellt, 
daß auch die „braven" Farben, Grün und selbst das „heilige" Blau mit 
sexuellen Vorgängen in engster Beziehung stehen. Um dies auch dem mit 
den Wiener Verhältnissen nicht Vertrauten völlig deutlich zu machen, sei 
erwähnt, daß die drei ausschließlich von Karl genannten Straßen, insbesondere 
in der Zusammenstellung Mariahilferstraße, Kärntnerstraße, Graben, jeden 
Zweifel daran ausschließen, daß es sich um Prostituierte handelt; auch die 
drei von ihm genannten Lokalitäten Gerngroß, Leßner, Hotel K . . . lassen 
keinen Zweifel darüber, welche „Damen" es sind, die er dort von der 
blauen Elektrischen aus gesehen hat. 

Die manchem vielleicht ein wenig befremdliche Tatsache scheint 
hiermit sicher festgestellt, daß der Farbenwechsel für Karls Unbewußtes 
gewisse Beziehungen zwischen Ulli und den Prostituierten jener Straßen 
hergestellt hat. Einige Details, die dem Analytiker so oft die wertvollsten 
Beweisstücke erbringen, mögen dies noch zum Überfluß erhärten. Über 
jene Dame, die vermutlich eine Prostituierte war, oder doch mit einer solchen 
im Unbewußten zusammengedacht wird, deren Blau ihm so gut gefallen 
hatte, sagt er, daß er sie von hinten gesehen habe, ihr Gesicht konnte er 
nicht' sehen, sie ist rasch gegangen. Ob sie ihm gefallen habe, könne er 
nicht sagen, es kommt ihm nur der moderne Schnitt ihres Kleides ins 
Gedächtnis, an ihre Gestalt kann er sich nicht erinnern. Es fällt ihm Ulli 
ein, beim Hotel K . • .; „Merkwürdigerweise, denn sie ist jener Dame gar 
nicht ähnlich". Nun ist dies genau die Situation der Zeile, wo er Ulli von 
rückwärts sieht. In der Epistel und in den Einfällen ist von Ullis Gestalt 
nicht die Rede, nur von ihrem Gesicht und ihren (koketten) Kopfbewegungen. 
Im Farbenwechsel ist nur von Kleidern, Kleiderschnitten, Gestalten und 
Seejungfrauen (ihren Leibern) die Rede. Aber sie gehören offenbar zusammen 
und es ist ein Ergebnis der Verdrängung, wenn er bei Lilli nicht an 
Gestalt und Kleider denkt, schon gar nicht davon reden darf, sondern 
* diesbezügliche Gedanken und Wünsche in Farben symbolisieren muß. — 
In 14 befindet sich eine kleine Korrektur. Statt »Mäht mich ..." stand 
ursprünglich „nimmt mich ..." Wir wissen, daß er nicht eigentlich den 
Tod im Felde meinte, sondern jenen Tod des »Fischers" in den Armen 



der Seejungfrau. Der Tod ist nicht das Gerippe, sondern der sexuelle Ver- 
führer, der ihn beim Militär zwar nicht niedermähen, aber mitnehmen wird, 
zwar nicht in den Hades, wohl aber in ein „dunkles Haus". — Die 
Situation in 59 ff. hat ebenfalls eine bis ins Detail gehende Parallele in den 
hinter dem Farbenwechsel stehenden unbewußten Gedanken und Wünschen: er 
fährt mit der blauen Elektrischen vom Theater nach Hause, sieht bei Hotel K. 
eine Prostituierte stehen, die ihm gefällt, möchte ausspringen und mit ihr gehen. 

Wir fassen demnach zusammen: zu den bewußten Phantasien können 
wir zwei unbewußte als in Karl zur Zeit der Verfassung der Epistel lebhaft 
vorhanden, konstatieren: die Prostituiertenphantasie und die vom Tod 
(vom Militär) als Sexualverführer. Den Wechsel der Farben können wir 
in seiner Bedeutung nicht in gleicher Weise aus unserem Material fest- 
stellen, aber es liegt mehr als deutlich zutage, was er besagen mag: Rot 
ist die sexuelle Erregung, blau ist die sexuelle Vereinigung mit dem 
geliebten Mädchen, grün und gelb der Sexualverkehr mit den Prostituierten. 
Und so mag er zweierlei besagen: 1. (Farbenwechsel in blau): es gibt 
allerhand Prostituierte, manche sind sehr hübsch und lieb; 2. (allgemeiner 
Farbenwechsel): wenn meine sexuelle Erregung nicht in Lilli ihre 
Befriedigung findet, so gehe ich zur Prostituierten und wäre es die 
gemeinste Dirne. Vielleicht besagt er noch 3.: wäre doch Lilli eine 
Prostituierte vor Hotel K . . ., dann wäre das Handeln leichter! 

Zwei Reihen von Phantasien laufen nebeneinander, eine im Bewußten, 
die erlaubte, die des Adelmenschen Karl, der General werden möchte, das 
Luderleben der Offiziere, Prostituierte, Alkohol, Schminke, Großstadt 
verachtet ; eine entsprechende im Unbewußten, die verdrängte sexuelle. 
Daß diese beiden Reihen nicht voneinander unabhängig sind, ist von vorne- 
herein wahrscheinlich, weil sie das gleiche Thema: Verhalten zum Eltern- 
haus, Militär, Lilli, behandeln, aber in zwei Dialekten sozusagen, im 
asexuellen des Bewußtseins, und im bloß sexuellen des Unbewußten. Aber 
mehr noch: wir haben gesehen, daß viele Details der bewußten Phantasien 
bedingt sind durch die unbewußten. Wollten wir versuchen, die unbewußten 
Phantasien in bewußte Sprache zu übersetzen, so würden sie etwa lauten : 
Aus Verzweiflung über das Verhalten meiner Mutter zu mir, möchte ich 
mich wegwerfen und mit Prostituierten verkehren; wäre doch Lilli eine 
solche, so könnte ich in ihr beides vereinigen; ich müßte mich nicht weg- 
werfen, und könnte doch meinen Trieb befriedigen. Jenes tue ich bestimmt 
wenn ich zu Militär komme; dieses wäre noch schöner. 

Die Epistel zeigt auch diese Wünsche befriedigt. Und zwar gelingt 
dies durch ein Zusammenarbeiten mehrerer Tendenzen. Die unbewußte 



Phantasie und Realität 91 



Phantasie wird in die asexuelle Sprache übersetzt und ergibt nun eine 
Anzahl von bewußten Phantasien ; diese werden als erfüllt dargestellt, wobei 
alle Korrekturen, die an der Realität (an der exopsychischen) vorgenommen 
werden, ja schon die Einbeziehung von Momenten der Realität, den Sinn und 
den Erfolg haben, die wunscherfüllende Funktion der Epistel zu vertiefen, 
zu unterstützen. Es scheint aber, als bestünde auch eine deutliche 
Beziehung zwischen unbewußter Phantasie und Realität, als würde sie 
jenen Ausleseprozeß, den die bewußte Phantasie an den realen Erlebnissen 
vornimmt, in ihrem Sinn unterstützen. Die Epistel ist gewissermaßen eine 
mittlere Ebene, auf der die beiden extremen Ebenen des Unbewußten und 
der Realität in jenem Gewände erscheinen, das allein der bewußten 
Phantasieebene entspricht. Unbewußte Elemente und Realitätsdetails finden 
sich in ihr einerseits so weit, als durch sie die Erfüllung der bewußten 
Phantasiewünsche vollkommener dargestellt werden kann; andererseits, um 
in den bewußten Phantasien die unbewußte Phantasie ihre phantasierte 
Erfüllung zugleich miterreichen zu lassen. Das heißt der Mechanismus, 
nach dem sich Realitätsbestandteile, treu oder verändert, in der Phantasie 
vorfinden, aus der die Epistel besteht, ist dem völlig gleich, der von Freud 
bei der Verwendung von Tagresten in Träumen festgestellt wurde. 

V 

Soweit es uns das Material gestatten mochte, sind wir im Voran- 
stehenden den Beziehungen zwischen Erlebnis und Dichtung bei Karl 
Kolms Epistel nachgegangen. Ich glaube, die Ergeb nisse sind aufschlußreich 
genug, so daß es unnötig ist, nun zu versuchen, durch mehr oder weniger 
wohl begründete Vermutungen und Heranziehung von allerhand anderem 
Material noch weiter zu reichen. Eine Arbeit wie die vorliegende, hat ihre 
Aufgabe völlig befriedigend gelöst, wenn sie für ein begrenztes Thema und 
für einen bestimmten Fall ein Stück Aufklärung zu bringen vermag. Das 
ganze Gebiet der jugendlichen Produktivität zu umschreiten und auf ihm 
zu zusammenfassenden Ergebnissen zu kommen, das soll die Reihe von 
Spezialarbeiten als Ganzes unternehmen, mit denen in diesem Band ein 
erster Anfang gemacht ist. Aber gerade um den Anschluß mit der früheren 
und den folgenden Untersuchungen herzustellen, seien noch einige fragmen- 
tarische Nachträge hier lose aneinandergereiht. Es wird sich dabei noch eine, 
bisher offen gelassene Detailfrage lösen. 

Wir haben oben 1 festgestellt, daß die Elemente des jugendlichen 
Dichtens Träumerei, Stimmung und Gedanken sind. Dies trifft auch für die 

i Das Dichten eines Jugendlichen. 



92 Phantasie und Realität 



Epistel zu. Ihr Hauptelement ist freilich die Träumerei. Stimmungsmäßig, 
Elemente sind nur sehr spärlich in sie eingefügt und durchaus beiläufig, 
zudem im Grunde auch nicht als Quelle des Dichterischen. Denn es handelt 
sich bei den Stimmungen in der Epistel, vielleicht mit Ausnahme der 
Stimmung „Wald", nicht um deren Ausdruck, deren adäquate Mitteilung zu 
den oben angenommenen Zwecken, sondern vielmehr um deren Erwähnung; sie 
stehen offenbar ganz im Dienste der Funktionen, die durch die mitgeteilte 
Tagträumerei erfüllt werden sollen. Das Element der Gedanken, das bei 
Walter nur gerade als auch vorhanden festgestellt werden konnte, nimmt 
bei Karl einen viel größeren und wichtigeren Raum ein. Als solche Gedanken 
wären anzusprechen: „Dein Todeswunsch gegen mich wird in Erfüllung 
gehen« (Z. 2, 3); „Beim Militär werde ich sterben — sexuell verkehren" 
(13, 14); „Wenn ich sie nicht finde, werde ich verzweifeln" (19, 20)- 
„Sehe ich sie nicht, so gehe ich in den Krieg, sehe ich sie, so bin ich 
frei" (48 bis 52); dazu käme noch aus der Analyse: „Hier bei Hotel K .. . 
muß ich sie treffen"; „wenn ich sie sehe, springe ich von der Tram ab". Das 
vorliegende Material gestattet auch im Fall Karl nicht ein zureichendes 
Verständnis dieses Elementes. Nur in einem kurzen Hinweis können wi 
einen Schritt weiter tun: die Gedanken, die beim Dichten der Jugendlicheu 
eine offenbar nicht ganz nebensächliche Rolle spielen, sind in wesentlichen 
Stücken den Zwangsgedanken mancher Neurotiker sehr ähnlich. Ein typischer 
Zwangsgedanke dieser Art ist jener, der uns bereits ausführlich beschäftigt 
hat, es werde etwas Furchtbares mit ihm geschehen. Und jenen Diebstahl 
dürfen wir wohl in die Kategorie der Zwangshandlungen einreihen. 

Nach allem, was wir bisher über Karls Seelenleben erfahren haben 
steht er im Stadium der Pubertäts-Objektwahl. Er will sich den 
Bindungen der Familie entziehen, sein Vaterhaus verlassen und neue 
Bindungen vornehmen. Er erschien bisher als bereits eindeutig gebunden- 
er liebt Lilli und diese Liebe zielt durchaus auf Vereinigung unter dem 
Primat der Genitalzone, wenn auch das letztere völlig, das erstere bis auf 
Reste verdrängt ist, oder, um hier jedes Mißverständnis auszuschließen, noch 
nicht bewußtseinsfähig wurde. Ein genaueres Studium des Mitgeteilten zeigt 
aber, daß die Bindung an Lilli noch nicht gelungen ist. Er zweifelt, ob sie 
wirklich sein Ideal ist, sein kann, er bemerkt manches, das ihn ihr gegen- 
über hemmt; er hat aus ihr eine unantastbare, keusche, fromme Idealfigur 
gemacht, der gegenüber jeder sexuelle Gedanke ausgeschlossen ist. Er 
erwähnt überdies öfter auch andere Mädchen, macht Versuche, ihnen zu 
imponieren, stellt fest, daß sie ihn erregen. Seine wiederholte Äußerung 
das Ideal könnte auch ein Bursch sein, macht uns auf seine homoerotische 








Phantasie und Realität 93 



Komponente aufmerksam, die im Material zwar verhältnismäßig untergeordnet, 
aber doch deutlich bemerkbar ist. Er ringt also noch um die heterosexuelle 
Objektfindung. Von hier aus ergibt sich uns eine neue Determinante der 
ganzen Epistel: sie zeigt die Objektwahl völlig geglückt. Die bisherige 
Fixierung, der jene Hemmungen entspringen, gilt nach den Feststellungen 
der Psychoanalyse der Mutter — und für Karl vielleicht in sehr starkem 
Maße, aber durchaus unbewußt dem Vater. Sie sind in der Epistel völlig 
überwunden. In der Realität ist dies nicht der Fall, wie uns — wieder — 
ein Detail einleuchtend beweist. In 36 heißt es: „die Mutter verstieß mich 
ja." Wir haben darauf hingewiesen, daß dies eine recht merkwürdige Ver- 
änderung der Realität sei, deren Wunschcharakter unerfindlich sei. Nun wird 
dies verständlich, freilich indirekt. Das Wie der beiden entscheidenden Auf- 
gaben, sich des Elternhauses zu entledigen und sich mit Lilli zu vereinigen, 
oder genauer, überhaupt sein Objekt zu finden, macht ihm beträchtliche 
Schwierigkeiten, weil ihn eine starke unbewußte Strömung im Elternhause 
festhält. Er verzweifelt geradezu daran, spontan diese Bindung lockern zu 
können, er glaubt, er werde sein Ideal nie finden. Befreiung aus dieser 
Situation wäre, wenn er gewaltsam befreit würde, wenn ihn seine Muttei 
selbst verstieße. Diese Situation ist in der Epistel hergestellt; sie ist so wohl 
affektiv wie logisch die notwendige Voraussetzung für alles, was in ihr und 
in den Phantasien folgt. 

Einige kurze Bemerkungen verdient auch die Frage der psychischen 
Funktion der Epistel. Denn wir verstehen nun einigermaßen den Weg vom 
Erlebnis zur Dichtung, wir verstehen wenigstens fragmentarisch den Anteil 
des Unbewußten an diesem Wege und die Details, die sich daraus ergeben, 
warum aber Karl seine so entstandene Tagträumerei niederschreibt, ein Gedicht 
nennt und als solches behandelt, selbst behandelt sehen möchte, das blieb 
bisher völlig unerörtert. Wir können dem aus den Selbstzeugnissen Walters 
Geschöpften oder Erschlossenen nur wenig hinzufügen. Auf die Frage, warum 
er dichte, antwortet er, weil es ihm Spaß mache, weil er sich später einmal 
an diesem Unsinn freuen werde — also ganz ähnlich wie Walter in der 
ersten Periode. Warum er es Epistel nannte? „weil es eigentlich keine 
Reime sind; eine Art Gedicht ist es aber doch immerhin. Epistel ist zwar 
Brief, aber doch mehr in Zeilen, in Strophen geschrieben und weil es eine 
Erzählung ist, die man im Brief schreiben könnte, darum habe ich es 
Epistel genannt.- Auf die Frage, an wen der „Brief gerichtet sei, meint 
er, an die Mutter, an Lilli, an sich, an mich (den Analytiker), an niemand, 
dem Feuer." An die Mutter, „insoferne, als ich es doch, so, den ersten 
Teil, das erste Stück — da ich doch durch sie auf den ersten Teil 






94 



Phantasie und Realität 



gekommen bin. ' Man kann nicht sagen, gerichtet — angeregt." An sich 
selbst, „weil ich selbst es geschrieben habe; mich selbst habe ich 
geschrieben." An Lilli, „man kann nicht sagen, es ist gerichtet, eigentlich 
gemeint habe ich: angeregt." An mich, „auch das, so halb und halb. Wie 
soll ich das sagen, angeregt — wie soll ich das sagen?" Es ist auch bei 
Karl die deutliche Tendenz vorhanden, sich und anderen die Motive und 
Wertungen seines Dichtens nicht einzugestehen ; daher seine Äußerungen 
so inhaltslos oder immer ein eben Entschlüpftes zurücknehmend. Aber ich glaub« 
wir gehen nicht fehl, wenn wir ihn beim Worte nehmen: die Epistel ist 
tatsächlich zwar kein Brief, aber doch eine Kundgebung des Unbewußter 
an ihn selbst, an Mutter und Lilli (von mir sei hier nicht gesprochen, weil 
damit ein Thema berührt werden müßte, das eine gewisse Ausführlichkeit 
verlangte, für die Zusammenhänge dieser Arbeit aber nichts böte). Alle dre 
sollen wissen, was er eigentlich will. Die Mutter als Drohung, Lilli al 
Liebesversprechen — im manifesten Teil; im Unbewußten ist es eher du 
Feststellung, daß er an die Mutter gebunden, Lilli nur als Prostituierte zi 
ertragen vermöchte. (Hierher gehörte auch die Analyse des „Sie und Sie* 
Mutter und Lilli, Lilli und Prostituierte, Mutter und Prostituierte, „Sie, h 
der vereint ist alles . ..") Die Bewertung des Gedichtes vollzieht er eben- 
falls in Widersprüchen: „Es ist das Beste, was ich bisher geschrieben habe", 
was nicht einmal objektiv richtig ist — und es sei völlig wertlos, dem 
Feuer bestimmt. Bisher hatte er nur „Erzählungen" geschrieben, dies 
sein erstes Gedicht in Versen; daß es keine Reime habe, bemerkte er erst 
während des Schreibens, er wollte es aber nicht ändern. Dies ist nicht 
richtig, denn er selbst erwähnt in anderem Zusammenhang ein Gedicht über 
die Lerche, und es lagen mir auch noch zwei Gedichte aus seiner früheren 
Zeit vor. Jedenfalls aber war es ihm recht, daß ihm auch Verse gelangen 
denn er beurteilt die Epistel als gelungen — und mit Recht, denn psycho- 
logisch ist sie allerdings recht gut gelungen. Trotzdem er also ganz allgemein 
um diese Zeit Verse machen wollte, ist es keineswegs Zufall oder bewußt« 
Absicht, daß nun gerade diese Mitteilung einer Tagträumerei in Verser 
geschah, oder was er eben als solche empfand. Zu 79, 80 bemerkt er 
zweimal, er schreibe so und lasse sie selbst so sprechen, um ihren Abstand 
ihre Hoheit anzudeuten. Wir wissen, daß die Epistel voll von Symbolen ist' 
wir konnten eines und das andere Individuelle auflösen, die allgemein 
menschlichen brauchten wir nicht heranzuziehen, es gelang uns vielleicht zu 
sagen was wir fanden, ohne so starke Zumutungen dem nicht analytischen 
Leser zu stellen. Die fünf Symbole, die in den Versen 79 bis 81 enthalten 
sind, wollen wir aber — entsprechend dem methodisch freieren Verfahren 



Phantasie und Realität 95 



das diesen Nachtragsaphorismen zukommt — kurzerhand lösen. Pflanzen 
sind ihm, einwandfrei aus den Assoziationen sich ergebend, Tange, sie 
gehören den Seejungfrauen zu. Beim Tier ist wohl naheliegend genug an 
seine Begierden zu denken. Sie ist also harmlos die Königin der Pflanzen 
und Tiere für sein dichtendes Bewußtsein; sein Unbewußtes ist sehr ein- 
verstanden mit diesem Satz, denn es denkt an die Beherrscherin der See- 
jungfrauen und sexuellen Triebe, sie ist ihm Königin der Prostituierten. 
Königin hat für ihn eine innige Beziehung zu den Ameisen, sie ist Ameisen- 
königin, also unbändige Sexual-Phryne. Und zu allem Überfluß trällert noch 
ein Vögelchen sein, kleines Liedchen. Hier war der Durchbruch des Ver- 
drängten sehr nahe — die Verse legten eine mächtige Distanz zwischen 
Bewußtsein und Unbewußtsein. Er erhebt sich zu höchstem dichterischem 
Schwung — nach seinem, dem allein hier maßgebenden Empfinden — weil 
hier nur durch eine dichterische Hochleistung das Kompromiß, die gleich- 
zeitige Wunscherfüllung beider Sphären gerettet werden konnte. 

Sehr auffällig ist, daß Karl dem Titel der Epistel seinen „Dichter- 
namen" Karl Kolm beifügt. Die Assoziationen, die sich an diesen Namen 
reihen, sind stereotyp und werden in ihren Details erst verständlich aus der 
Analyse von Karls Erzählungen, deren Text wir im folgenden Aufsatz 
bringen. Hier nur so viel : an Karl assoziiert sich der Bruder Ullis, den 
Karl Kolm sehr liebte und verehrte; zirka acht Jahre älter als Kolm, war 
er eine führende Persönlichkeit in der Jugendbewegung, der Kolm, freilich 
nur peripher, angehörte. Sie kannten aber einander schon seit mehreren 
Jahren, da Ullis Bruder Karl mit den (älteren) Geschwistern Kolms in jahre- 
langem freundschaftlichem Verkehrstand. „Kolm" ist immer wieder mit dem 
Burgtheatervorhang, mit Kolben (Dampfmaschine) und mit seinem Wunsch, 
Ingenieur zu werden, verknüpft. Das Pseudonym sagt — was hier nicht 
begründet werden kann — : ich möchte im Berufsleben so tüchtig werden 
wie mein Vater, und eine glücklichere Ehe führen als er (die Frau mehr 
lieben, mehr befriedigen); ich hoffe als Dichter berühmt zu werden; ich bin 
so klug und schöpferisch wie andere auch. Hier sind starke ichtriebhafte 
Wünsche, die Ausdruck erlangen und die nur hinter dem Pseudonym zur 
Geltung kommen dürfen, denn unter der Herrschaft einer starken Verdrän- 
gung, die aus dem Kastrationskomplex entspringt, erscheint er sich und den 
anderen auch in geistiger und sozialer Hinsicht als „minderwertig". 

Wir dürfen also hypothetisch die psychische Funktion dieser Epistel 
so formulieren: I. Unbewußte (verdrängte) Wünsche verwenden II. die vor- 
bewußten Wünsche so, daß deren tagträumerische, halluzinatorische Erfüllung 
zugleich die Erfüllung jener wird. So entstehen IN. eine Anzahl von Phan- 



96 



Phantasie und Realität 



tasien, in die Realitätsbestandteile — immer die Wunscherfüllungsfunktion 
fördernd — eingegliedert sind. Ein aktuelles Ereignis (Beleidigung durch 
die Mutter) veranlaßt das Zusammendenken, Zusammendichten dieser Phan- 
tasien in IV: ein in oberflächlichem logischem Zusammenhang stehendes 
Phantasiegebilde, das V. durch endopsychische Ursachen die Form eines 
Gedichtes annimmt. — Vom Ichtrieb her — wenigstens vom Narzißmus 
— besteht der Wunsch, etwas zu leisten, zu schaffen (A). Durch eigenes 
Erleben kennt er die befreiende Wirkung der Kunst, und versteht die hohe 
Wertung, die Dichter als „große Männer" (in der Schule z. B.) erfahren (B). 
(B) und seine eigenen Phantasien der Stufe V, von »ihm nebeneinander 
gehalten, ergeben ihm den Eindruck: ich kann das auch — ich möchte ein 
Dichter sein — ich bin ein Dichter. Von hier aus wird VI. diese Phantasie 
ein Gedicht genannt, als solches aufgeschrieben, mit Titel, Name des 
Dichters versehen, vorgelesen und dergleichen. Wobei die Reihe (A) bis (B) 
als noch nicht untersucht, unvollkommen andeutend aufgestellt ist. 



Über Novellen jugendlicher Dichter. 

Unter den Problemen, die das dichterische Schaffen der Jugendlichen 
dem Psychologen bietet, ist das der spezifischen Motivation der Wahl der 
literarischen Gattung eines der aufdringlichsten. Wir meinen die Frage: 
warum schreibt A ausschließlich lyrische Gedichte, B Dramen, C einmal eine 
Novelle, ein andermal ein dramatisches Gedicht. Denn offenbar ist diese 
Wahl zum guten Teil psychologisch bedingt; wenn auch nicht vergessen 
sein soll, daß diese verschiedenen Dichtungsarten verschieden hohe Ansprüche 
an technische Fähigkeiten und allgemeine Eigenschaften, wie etwa Konzen- 
tration, stellen, und wenn auch berücksichtigt sein will, daß gerade hier 
äußere Anregungen nicht wenig mitwirken mögen. Aber die Reaktion selbst 
auf solche Anregungen ist psychisch bedingt, und unter dem Begriff der 
technischen Fähigkeiten denken wir psychische Faktoren in Fülle mit. Es 
war in den voranstehenden Arbeiten Gelegenheit, zuweilen diese Frage zu 
streifen. Und für eine Gattung der poetischen Produktion ergibt sich 
verhältnismäßig einfach ein gewisser innerer Zusammenhang zwischen der 
psychischen Situation und der in ihr geschaffenen Dichtung. Es zeigt sich, 
daß lyrische Gedichte, so weit sie aus Stimmungen fließen, in ihrem Wesen 
eine enge Beziehung zur Tatsache der Stimmung selbst haben. Es verlohnt 
aber wohl, diesem Problem ein wenig näher zu treten. Wir wählen dazu 
eine Gattung, bei der die gesuchte Beziehung auch nicht zum Teil deutlich 
offen liegt: die Novellen, und wollen uns genauer mit dieser Gattung 
jugendlichen Schaffens befassen, ohne dabei unsere Frage ausschließlich zu 
verfolgen, aber auch ohne sie völlig aus unserem Gesichtskreis schwinden 
zu lassen; hoffend, daß bei dem vergleichenden Studium von Produktionen 
der gleichen Gattung, die von verschiedenen Autoren herrühren, sich uns 
ein erster Beitrag zur gestellten Frage ergeben wird, neben dem selbst- 
verständlichen Materialwert einer solchen Untersuchung. 

I 
In meinem Material von dichterischen Produktionen Jugendlicher 
befinden sich achtzehn Stücke, die als Novellen zu bezeichnen wären — 

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Über Novellen jugendlicher Dichter 



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Gruppe 



Über Novellen jugendlicher Dichter 99 






den Begriff einigermaßen weit gefaßt. Eine Auswahl habe ich nicht vorge- 
nommen, sondern die genannten Novellen stellen das ganze mir derzeit 
zugängliche einschlägige Material meiner Sammlungen dar. Diese Stücke 
haben acht Verfasser, von denen einer weiblich ist. Die Tabelle (S. 98) gibt 
eine Übersicht der Daten. Ich werde im folgenden die einzelnen Novellen mit 
ihrer Nummer in Klammer, gegebenenfalls mit gekürztem Titel und Nummern- 
hinweis, die Autoren mit den in der Tabelle gewählten Namenssymbolen 
zitieren. Alle Eigennamen sind selbstverständlich unkenntlich entstellt, oder 
frei erfunden; es war zuweilen unvermeidlich auch im Titel der Novellen 
leichte Veränderungen vorzunehmen. Andere Änderungen sind grundsätzlich 
vermieden worden ; wo sie nötig gewesen wären, habe ich mich entschlossen 
Auslassungen vorzunehmen, die ebenso wie die aus technischen Gründen 
vorgenommenen durch . . . regelmäßig angedeutet sind. 

Unter den Prinzipien, nach denen dieses Material vorläufig zu ordnen 
möglich wäre, wählen wir das psychologische der Beziehung zwischen Stoff 
und persönlichem Erleben des Autors. Danach ergeben sich drei Gruppen. 
In der I. Gruppe scheint der Stoff völlig unabhängig vom Erleben des 
Autors erfunden oder gewählt zu sein, auch in seiner Durchführung, in 
Charakteren, Episoden, Erzählungsform ist nichts oder sehr wenig merklich 
dem Erlebniskreis des Autors entnommen. Die III. Gruppe faßt jene Arbeiten 
zusammen, in denen offenbar des Autors Leben oder Erleben der Stoff 
der Novelle ist; gewiß mit mancherlei Veränderungen, Auslassungen, Zutaten 
aber doch im wesentlichen des Autors eigenes Leben — das innere oder 
äußere — erzählt ist. Gruppe II hält zwischen I und III die Mitte. Diese . 
Gruppierung ist nach dem manifesten Inhalt der Novelle vorgenommen, 
was wohl zu beachten ist; also ohne analytische Kenntnis der psychischen 
Struktur des Verfassers und ohne Reduzierung der Gestalten und Vorgänge 
der Novelle auf ihren unbewußten Gehalt. 

Unser Material ordnet sich auf diese Weise sehr leicht. Der Gruppe III 
ist zuzuweisen: (1), (2), (3), (5), (8), (9), (10), (11), (15), (16), (18); 
Gruppe II gehört an: (17), (13); Gruppe I: (4), (12), (14). Zweifelhaft 
bleibt (6), das dem manifesten Inhalt nach (das Wort pedantisch genommen) 
gewiß zu Gruppe I zu zählen ist, bei dem aber kaum mehr als ein paar 
Fragen an den Autor nötig wären, um in Gruppe II zu rangieren, was wir 
versuchsweise tun. 

II 

Es sei nun zunächst das Material selbst gegeben. Der Raum verbietet 
es, die achtzehn Arbeiten in extenso mitzuteilen; eine Anzahl von Erwägungen 
bestimmt uns aber, uns bei der Publikation nicht ausschließlich auf jene 






7* 






!00 Über Novellen jugendlicher Dichter 

Stellen oder Stücke des Materials zu beschränken, die für die Darstellung 
der Ergebnisse dieser Arbeit nötig sind. Vor allem: Besteht schon ein 
Mangel an Publikationen Erzeugnisse von des Schaffens Jugendlicher, so 
gilt dies insbesondere von den längeren Prosaarbeiten, die bisher so gut 
wie gänzlich vernachlässigt wurden. Eine Unterlassung, die um so empfind- 
licher ist, als ausreichende Proben vom novellistischen Produzieren der 
Jugend keineswegs für das Studium des jugendlichen Dichtens allein, 
sondern auch zum Studium der Liebe der Jugendlichen, ja der Pubertät 
überhaupt von großem Nutzen sein könnten. Dem Rahmen unserer Beiträge 
entsprechend, die mehr als ein Materialarchiv, denn als eine Folge von 
allseitig durchgeführten Untersuchungen gedacht sind, seien demnach die 
Proben im folgenden nicht nach den Bedürfnissen der Spezialarbeit, in 
deren Zusammenhang sie erscheinen, allein, sondern auch in Hinblick darauf, 
ob sie für umfassendere Studien interessant oder für einen Typus von 
Unerwachsenheit charakteristisch sind, ausgewählt. Die Reihenfolge der 
Proben ergibt sich aus unserer Gruppierung; innerhalb der Gruppe nach 
dem Alter des Autors. 

Nr. (12) 

Das Manuskript besteht aus zwei Blatt doppelseitig beschriebenem Konzeptpapier. Sorgfältige 
Reinschrift; sorgfältige (wenige) Korrekturen. Nach dem Titel der Permerk: lieg. 22. V. . . . beendet 
16. Juni . . ■ 

David Lichtenberg. 

Um das Jahr 18 . . lebte in H., einem kleinen Städtchen an der westfälischen 
Grenze, eine Familie Lichtenberg. Der Großvater, ein polnischer Jude, war vor ungefähr 
fünfzig Jahren eingewandert. Er War dann bald gestorben und sein Sohn suchte sich 
redlich durch einen kleinen Hausierhandel zu ernähren. Er heiratete ein armes Mädchen, 
in dessen Hände später die ganze Arbeit überging, denn David Lichtenberg ergab 
sich dem Trunk. Seine Frau war zart und von sehr kleinem Wuchs, und man ahnte 
nicht die Energie, die in ihr steckte. Diese offenbarte sich ganz nach der Geburt 
eines Sohnes. Er war ihre einzige Freude und für ihn lief sie Tag um Tag durch die 
Gassen der Stadt, für ihn Heß sie sich abweisen und beleidigen. Als David sechs 
Jahre alt war, brachte ihn seine Mutter zur Schule und widerstand ihrem Manne, der 
erklärte, David sei jetzt alt genug um Geld verdienen zu können. 

David ging nicht gern zur Schule. Er war wissensdurstig und lernbegierig, 
doch verachteten ihn seine Lehrer, und seine Kameraden verhöhnten ihn. Ein offener 
Haß wäre ihm lieber gewesen, Hohn und Spott war ihm unerträglich. Er litt viel und 
verwünschte oft seinen kleinen Wuchs, den er von seiner Mutter geerbt hatte, und 
sein Judentum, um dessentwillen er leiden mußte. Er hatte doppelt so viel zu arbeiten 
als die anderen Schüler, denn seine Bücher waren alt und oft fehlten ihnen auch 
Seiten. Doch er klagte nie, auch nicht seiner Mutter gegenüber, um sie nicht zu 
betrüben, denn es wurde ihr ja so schwer, das Schulgeld für ihn zu entrichten. Spät 



Über Novellen jugendlicher Dichter 



101 



am Abend kam die Mutter ins Haus zurück. Sie setzte sich dann zu ihrem Sohne und 
unterhielt sich mit ihm. Das waren ihre und auch Davids schönste Stunden am Tag. 
Als David in der Schule fremde Sprachen lernte, unterrichtete er seine Mutter, und 
diese war immer eine eifrige und gelehrige Schülerin. Sein Vater störte nie diese Stunden, 
er saß im Wirtshaus oder trieb sich mit seinen Freunden in den Gassen umher. 

In seinen Mußestunden las David die Werke Schillers oder die einiger jüdischer 
Dichter, die sich im Hause befanden. Er schrieb auch selbst schon seit seinem achten 
Lebensjahr Gedichte, er schilderte sein ganzes Leben und Leiden in Versen. Seine 
Dichtungen waren schön, und man konnte sie nur mit Rührung lesen. Ach, hätte 
David weitergelebt, er wäre der größte Dichter der Menschheit geworden. 

Ihr glaubt mir nicht? Und doch wäre es so gewesen. Die Dichter unserer Zeit 
schildern das innerste Seelenleben ihrer Helden. Innerste Gedanken, die man nicht 
erraten, die man nur erdichten kann. Sie erzählen, sie prophezeien uns den Ausgang 
eines Konfliktes, den wahrscheinlichen oder gewissen Ausgang eines Geschehnisses. 
Und ich sage euch, David Lichtenberg wäre der größte Dichter geworden, weil er 
ein großer Dichter schon mit acht Jahren war, und ihr glaubt mir nicht? Und ich 
schwöre euch, es gab einen David Lichtenberg, wenn auch vielleicht nicht im vorigen 
Jahrhundeit. Er hätte euch aufgeklärt über alle Geheimnisse der Natur, er hätte euch 
hinaufgeführt zu den höchsten Höhen, wenn . . . 

Eines Tages, es war mitten im Winter, machte der Lehrer mit seiner Klasse 
einen Ausflug in die hügelige Umgebung der Stadt. Am Miüag machten die Schüler 
auf einer Bergspitze halt. Der Lehrer zog sich mit einigen guten Freunden zurück 
und die Klasse war sich selbst überlassen. Einer unter den Jungen war der Todfeind 
Davids. Unter Schülern ist die Todfeindschaft wie auch die Freundschaft öfter als 
unter Männern, weil die Knaben ihre Gefühle nicht verstecken können und ihre 
Meinung vor einander gerade heraus sagen. Hier war aber die Todfeindschaft eigent- 
lich nur auf Davids Seite. Sein Feind war eben der, der ihn am meisten verfolgte der 
ihn aber als Spielzeug ansah, und ihn viel zu sehr verachtete, um ihn hassen zu können. 

Auch diesmal wieder verspottete er ihn und schlug ihn zuletzt. Das ertrug 
David nicht länger, er sprang auf und seine Faust traf seinen Feind mitten ins 
Gesicht. Seine schwarzen Augen leuchteten und seinem Gegner wurde es wohl 
unheimlich unter ihren Blitzen zumute. Es duckte sich schnell, doch in diesem Augen- 
blicke kam ihm Hilfe. Seine Kameraden kamen heran und drängten die Kämpfer bis 
an den Rand des Gipfels. Plötzlich hob der Stärkste von ihnen die Hand und stieß 
David zurück, daß er den Fels hinabrutschte und in der Tiefe auf den weichen Schnee 
fiel. Er war nicht verletzt und wollte sich schnell erheben, da sah er eine große 
Schneemasse auf sich zutreiben, er war bald überdeckt und erstickte fast, doch es gelang 
ihm sich wieder herauszuarbeiten. Aber immer neue Lawinen stürzten auf ihn zu, 
seine Schulkameraden auf dem Berge stießen den Schnee den Berg hinunter, der 
alles mit sich riß, und immer wenn David nicht mehr zu sehen war, erscholl ein 
Gelächter, das in den tiefen Tälern laut widerhallte. Zum Glück wurden die Schüler bald 
dieses Spieles müde und zogen sich zurück. Es war auch bereits spät und man 
mußte an den Heimweg denken. 



102 Über Novellen jugendlicher Dichter 

Die Sonne stand schon am Horizonte und färbte den Schnee blutigrot. Ihre 
Strahlen fielen auf eine Gestalt, die sich scharf von dem weiten Schneefelde abhob; 
es war David Lichtenberg. Er stand aufrecht da, seine schwarzen Haare fielen ihm 
über sein glühendes Gesicht und seine Hand ballte sich zusammen. Dann streckte er 
sie langsam gegen den Berg aus und hob seinen Blick empor. In diesem Blick lag 
alles ausgedrückt, was er in diesem Augenblicke empfand: sein Haß, seine ohnmächtige 
Wut, sein Gebet. Alle Weisheit der Welt war vor diesem Blicke ein Nichts. Die Sonne 
ging langsam unter, sie ließ nur einen fahlen Schein zurück, doch der glänzende 
schimmernde Schnee ließ alle Dinge erkennen. David raffte sich auf und erkletterte 
den Berg. Die Einsamkeit und der Schrecken beschleunigten seine Schritte, und er 
kämpfte gegen die Müdigkeit an. Nach einer Stunde Weges sah er den Kirchturm 
der Stadt. Er schlich durch die Gassen, doch bald machte er Halt und rieb seine 
Stirn mit Schnee, denn sie glühte und brannte. Dann setzte er seinen Weg fort. Als 
er zu Hause angekommen war, legte er sich sofort ins Bett. Er zitterte vor Kälte und 
dann wieder überlief es Ihn heiß. Er drehte sein Kissen auf die andere Seite um 
Kühlung zu finden, doch er fand sie nicht. Er sah wüste Gestalten auf das Bett 
zutreten, und er wußte nicht ob er wache oder schlafe. Dann wieder war es ihm, als 
ob er unter Schnee- und Steinmassen vergraben liege, und er fürchtete sich sehr. 

Nach einiger Zeit kam seine Mutter nach Hause. Sie legte ihren schweren Pack 
ab. Da war es ihr, als ob sie Stöhnen aus Davids Kammer höre. Sie stürzte die 
Treppe hinauf, denn David hatte eine kleine Stube unter dem Dache. Sie trat leise 
ein. David streckte ihr seine Arme entgegen und flüsterte: .Mutter! — Mutter!«, 
dann fiel er in seine Kissen zurück. Weinend warf sich die Mutter über ihn, sie faßte 
seine Hände, sie waren kalt und starr — David war tot. In diesem Augenblick 
schlugen Regentropfen gegen das Fenster, ein schwerer Platzregen hatte eingesetzt, 
der Himmel weinte . . . Lange lag die Mutter über dem Leichnam ihres Sohnes. Er 
war ihr Lebensziel, ihr Lebensglück, ihn hatte sie verloren. 

Nach einigen Tagen fand sie ein kleines Heft in Davids Kammer. Sie schlug 
es auf. Auf der ersten Seite stand in großen Buchstaben: „Meiner Mutter*, es waren 
Davids Verse. Dies Buch ließ die Mutter nie von sich und zuletzt war die Schrift 
fast von ihren Tränen verwischt. Arme Mutter, du verlorst deinen Sohn, armes 
Deutschland, du verlorst deinen größten Dichter! Armer, armer David Lichtenberg! 

Nr. (14). 

Manuskript: Folio, einseitig beschrieben mit breitem Rand; 5 Blatt lose in Umschlagliogen 
eingelegt. Tüelblatt freigelassen, rechts oben in der Ecke spätere Notiz: „Erlösung" (Novelle). Bl. 2 untere 
Hälfte abgetrennt. Sorgfältige Niederschr-ift, mehrmals nicht geringfügig durchkorrigiert. Korrekturen 
ebenfalls sorgfältig, bis auf eine, die an melireren Stellen (mit Bleistift) weniger sorgfällig. 

Erlösung. 

Langsam schlenderte Graf Rodrigo durch die nachtstillen und mondbeschienenen 
Gassen, über hartgepflasterte Plätze, an schlafenden Häusern vorbei, vorbei an den 
Silhouetten der Dome und Paläste oder über ihre scharfumrissenen Schatten, dann 
wieder fast übermütig im hellsten Mondlicht seinen eigenen Schatten suchend. Vor 



Über Novellen jugendlicher Dichter 103 

dem Denkmale eines Kaisers lüftete er freundlich den Hut und dachte, um wieviel 
freier der Mann gewesen sein mochte, als er noch nicht in Erz gebannt auf dem 
langweiligen Rosse hing. Irgendwo ließ er ein Geldstück fallen, in der Hoffnung, daß 
es ein Armer finden möge. Denn die Armen leben vom Zufall und sind darum freier, 
weil sie von der Hand zum Munde meist nichts zu verlieren haben. Das Gegenteil 
ist's, woran die Gesellschaft krankt. 

Der junge Graf war das einzige Kind begüterter Eltern, die fern auf einem 
Landgute vereinsamten. Vielleicht waren es die Leichtigkeit und Mühelosigkeit, mit 
denen sich seinem Namen alle Wege öffneten und die ihn selbst zur Untätigkeit im 
Lebenskampfe verbannten, was ihn gereizt und grüblerisch machte. In Mädchen- 
kreisen, in denen er verkehrte, ging das Gerücht, man habe ihn niemals lachen 
gesehen. Möglich, daß das übertrieben war. Auf jeden Fall begegnete man ihm nur 
selten in Gesellschaft und es war bekannt, daß er Familien seines Standes, soweit es 
ihn nicht dem Rufe der Unerzogenheit aussetzte, mied. 

So schien er der Welt ein Sonderling, der es freilich entging, daß seine Sonder- 
barkeiten weniger in seiner Natur begründet waren, als in dem Drange nach selbst- 
tätiger Entfaltung seines eingeengten Wollens. Und darum arbeitete sein Geist Tag 
und Nacht dem erlösenden Auswege zu, immer wieder eingeschüchtert durch das 
monotone Durcheinander einer nichtssagenden Alltäglichkeit. 

Heute war ihm wohler. Die Stille der späten Nachtstunde, in die es ihn gezogen 
hatte, legte sich beruhigend auf seine Nerven. Er kannte ihre Wirkung. Losgelöst von 
quälenden Gedankengängen, die ihm den Schlaf vertrieben, fühlte er sich frei und 
glücklich in Gesellschaft der stummen körperlosen Schatten. Sie hatten nichts 
Zudringliches wie Menschen am Tage und blieben ungerührt, wenn er ihr Mitleid 
anrief. So träumte er sich an ihnen vorbei, bis ihn Morgenkühle oder Müdigkeit zur 

Rückkehr zwangen. 

Diesmal kam er fast unbewußt in jene Vorstadtteile, deren verkommenes Aus- 
sehen ihrem Rufe um nichts nachsteht. Die niedrigen, bröckelnden, oft zerfallenen 
Häuser sind zum Teile unbewohnt, zum Teile bieten sie brotlosem oder lichtscheuem 
Gesindel willkommenen Unterschlupf. Sie fehlen in keiner Stadt und ihre engen und 
spärlich beleuchteten Gassen sind es, aus denen von Zeit zu Zeit die Kunde jener 
geheimnisvollen Greuel dringt, die jedem Städter bekannt sind und deren Urheber 
und Zusammenhänge meist für immer verborgen bleiben. 

Dem äußeren Ansehen nach schloß Rodrigo auf die Lage der langen und 
schmalen Gasse, in die er jetzt einlenkte. Anfangs kam er, ohne einem Menschen zu 
begegnen, an einigen erleuchteten Schenken und Bordellen vorbei. Sie hörten bald 
auf. Doch schien das hochstehende Mondlicht ziemlich hell gegen die eine Häuserwand i 
so daß sich der Graf, der seine Schritte möglichst unhörbar machte, vorsehen konnte. 

In Rodrigo regte sich nichts von jenem verhaltenen Angstgefühle, das uns in 
gleichen Lagen fast jedesmal befällt. Er war überrascht von dem Eindrucke, dessen 
unerwartetem Anstürme er nichts entgegenzusetzen hatte, und ließ sich von ihm 
fortreißen, ohne ihm zu erliegen. Doch als nichts geschehen wollte, wurde er auch 
darin sorgloser und gab sich dem Neuen mit einem gewissen Wohlbehagen hin. 









104 



Über Novellen jugendlicher Dichter 



Hier war er noch niemals gewesen. Er kannte dies alles nur vom Hörensagen 
und freute sich, es so unerwartet von Angesicht schauen zu können. Dabei fühlte er 
sich nirgends allein. In seiner Phantasie vcrwob sich all das zufällig Aufgegriffene 
was sich um diese Orte spann, mit der Wirklichkeit und so kam es, daß er keine der 
dunkel klaffenden Fenster und Türen leer sah und die Räume, in die das volle Mond- 
licht fiel, abenteuerlich belebt. Hungergestalten spähten dem Eilenden nach, einige 
fletschten gelbe Zähne hinter ihm her und schüttelten Fäuste mit blinkenden Messern 
noch andere schienen ihn um eine Gabe anzugehen, so daß er nochmals in die Tasche 
griff und ein Geldstück hervorzog, das klirrend zu Boden fiel. 

Rodrigo ging weiter. Irgendein schriller Laut schlug an sein Ohr. Er achtete 
seiner nicht. Ihm schlug alles mit dem Spuke zusammen, der ihn gleichgültig umgab. 
Zugleich zeigte ihm der Schimmer einer Gaslaterne, daß er wieder bewohnteren 
Teilen zustrebte. 

Aber sein Gang wurde schwerfällig und stockte. Er dachte angestrengt nach, 
fand sich aber im Chaos seiner Empfindungen nicht zurecht. Da hörte er einen Schrei, 
undeutlich, dann noch einen, laut, gedehnt, vibrierend. Er horchte auf. Ihm fiel etwas 
ein, unklar, aber lebhaft genug, um ihn den Zusammenhang vermuten zu lassen. Die 
Rufe wiederholten sich. Eine drückende Angst befiel ihn, ein Grauen vor dem Unbe- 
kannten, das sich dort zutrug. Ihm war, als geschähe dort etwas Verdammenswertes, 
das er verhindern könne, irgendein Ereignis, an dem er nicht achtlos vorbei durfte! 
Er stand gespannt und unschlüssig. Aber seine Empfindsamkeit siegte über den 
Widerstand seiner Vernunft, er machte kehrt und lief wie gehetzt die Strecke zurück 
die er gekommen war. 

Es war seltsam, wie der Mann, der frühgereift verlernt hatte, sich den Anfor- 
derungen einer, wie er meinte, absurden Lebensgemeinschaft zu fügen, in dem 
Momente seinen bewußten Eigensinn verlor, In dem eine geringfügige Veranlassung 
sein krankhaft gesteigertes Auffassungsvermögen reizte. Keuchend stürmte er vorwärts, 
in immer wachsender Erregung, von sinnlosem Mitleid getrieben, von Schauer 
geschüttelt, einem Ziele zu, das er nicht kannte; immer angstbefangener vorwärts, i n 
immer wachsender Erregung. Seine Instinkte schienen ihm zuzuflüstern, wovon seine 
Sinne nichts wußten, wie einem Tiere, das seiner Beute folgt, die unsichtbar vor ihm 
herfliegt und an die seine Begierde willenlos gebannt ist. 

Ein leises Wimmern peitschte seine Nerven mit exstatischer Gewalt. Aber 
zugleich fühlte er die Wohltat jener stillen Aufklärung, die ihn selten verließ und ihn 
über alles mit dem Auge überlegener Einsicht hinwegsehen half. Was ging ihn 
anderes an! Er war kein Geheimpolizist und kannte aus sich nicht das Bedürfnis 
sich der anderen anzunehmen, die ihm so ferne standen wie die Planeten des Welt- 
gebäudes. 

Und doch, was verstand sein hochfahrender Geist von dem, was Leben ist? 
Wenn er auf die vielen herabsah, stieg in ihm eine Ahnung auf, als sei er lebens- 
ärmer als sie alle. Was tat es, wenn er verloren ging? Kaum eine Lücke risse er wie 
der elendste Bettler. Und nach seinen Weisheiten — wer fragte nach ihnen? Wer 
würde ihn missen? Und das große Leben ging weiter auch ohne ihn. 



Über Novellen jugendlicher Dichter 105 

Entschlossen griff er nach der Schußwaffe und folgte seinem Drange, vorsichtig 
und lautlos. Mit einem Male war es ganz still geworden. Durch einen schmalen Gang 
gelangte er in einen Hof, dessen Schutthaufen das untergehende Mondlicht mit den 
letzten Strahlen streifte. Er setzte sich auf einen Stein und lauschte angestrengt in 
die zunehmende Nacht. 

Er vernahm seinen Atem. Die Finger spielten nervös mit der kleinen Waffe 
unruhig wartete er, wie der Mond hinter einem der Dächer unterging. Als er endlich 
verschwunden war, schwamm im tiefen Schwarz des Bodens ein matter Schimmer, 
der quer über den Hof fiel. 

Die Waffe umklammernd ging Rodrigo dem Ursprünge des Scheines nach und 
fand ihn in einer im Mauerwerke verborgenen Kellerluke. Er kniete nieder und beugte 
sich tief in einen kleinen, kahlen, von einer russenden Flamme nur unvollkommen 
erleuchteten Raum. 

Doch schon im nächsten Augenblicke hatte er sich jäh erblassend hinab- 
geschwungen und hielt die Waffe mit einer fürchterlichen Gebärde dem Manne ent- 
gegen, der tat, was in Worte zu kleiden sich der Natur widersetzen hieße. Er verdeckte 
mit seinem gedunsenen Fleische den Leib eines halbwüchsigen Mädchens, das mit 
Stricken aufrecht an einen Pfahl gebunden, in seiner Schlankheit und Weiße wunderbar 
gegen, seinen Peiniger abstach. 

Der Mann schien in seiner Versunkenheit außerstande, Rodrigos drohende 
Haltung zu begreifen. Während des Mädchens entsetzte Augen ihn hilfesuchend 
streiften, spielte um seinen Mund ein blasses Lächeln der Lust. Er atmete schwer. 
Alles in ihm sträubte sich gegen die fürchterliche Wahrheit, deren Eingreifen in sein 
hohes und geistig reines Fühlen ihn noch nie zu überzeugen vermochte. Er war 
von seinem Glauben so unerschütterlich durchdrungen, daß er einer Tatsache noch 
zweifelnd gegenüberstand, deren plötzlicher Eindruck seine Seele zu vernichten 
drohte. Er fuhr ungläubig nach dem Kopf und stieß dem Manne die geballte Faust 
in den Nacken. 

Der rührte sich nicht. Nur sein Blick stierte ihn blöde und bösartig an. 

Da hob Rodrigo langsam die Waffe und in gleichem Maße, wie sie sich der 
Biust des Mannes näherte, lösten sich dessen gekrümmte Finger, wich sein zuckender 
Körper zurück und sank tiefer und tiefer. Unter der Luke machte er halt. Sein bärtiger 
Mund verzog sich zu einem häßlichen Grinsen. Mit einem Satze schnellte er empor 
und verschwand in der tiefschwarzen Nacht. 

Hier hatte er nichts mehr zu schaffen. Rodrigo durchschnitt mechanisch die 
Stricke, die das Mädchen an dem Pfahle festhielten. Es sank wimmernd zu Boden. 

Der Graf sah den mißhandelten Körper, und ein quälendes Mitleid zwang ihn 
zu ihm nieder. Er richtete ihn auf und betastete die wunden Stellen. Er fand Kleider 
am Boden verstreut, suchte sie zusammen und legte sie ihm sorgsam an, wie ein 
Vater seinem kranken Kinde. Schließlich nahm er es auf den Arm, hob es aus dem 
qualmigen und übelriechenden Gemache und trug es in den dunklen Hof. 

In der kühlen Nachtluft kam das Mädchen zu sich. Es rief einen Namen, den 
Rodrigo nicht verstand. 



106 Über Novellen jugendlicher Dichter 



Er ließ sich auf dem Steine nieder. Das Mädchen umschlang seinen Hals und 
flüsterte: „Ich bin Dir so dankbar!" 

Rodrigo sah es scharf an, konnte aber nur die schwarzen Umrisse des Gesichtes 
erkennen. Er kannte das Kind nicht. Er hatte es aufgelesen, einer Laune des Zufalls 
folgend und hoffte mehr Reinheit und Zärtlichkeit zu finden, als ihn der erste 
Augenblick erwarten ließ. Er fand sich enttäuscht. Die Konzentration aller jener 
Instinkte, die geschaffen sind, das Glück zerbrechlich zu machen (und wer hätte es 
je anders gesehen!) genügte nicht, um eine Seele mit den Feinheiten auszustatten, 
wie sie dem Weibe eigen sind, Feinheiten, die es zum Genie stempeln müßten, 
wenn sie nicht eine notwendige Reaktion seines Wesens wären. Er fühlte mehr als 
er sah, und ihm graute vor dem bitteren Nachgeschmack, der dumpfen Kraftlosigkeit 
dieses Zustandes. 

„Du lächelst," sagte er mit eisiger Stimme. 

Sie sah ihn erstaunt und verständnislos an. Aber weil sie sich über Seltsames 
keine Gedanken machen konnte, erwiderte sie aufrichtig: .Ich bin so glücklich, weil 
ich bei Dir bin, meinem Retter!* 

Er erhob sich schwerfällig. Noch einmal stürmten die Phasen beginnender 
Enttäuschung auf ihn ein und machten ihn schlaff und erbärmlich. Er sah das Kind 
in eines Anderen Arm und wieder eines Anderen, bis es in einer Gosse irgendwo 
elend verendete. Dafür hatte er kein Mitleid, denn er wußte, daß es die Buße für 
ein zu reich genossenes Leben sei. Aber daß es dasselbe Geschöpf war, das er in 
seinen Armen hielt, stimmte ihn traurig. Die Schuld, jener eingebildete Skrupel eines 
überfeinerten, auf dem Boden einer sozialen Weltanschauung unselbständig vegetierenden 
Verantwortungsgefühls, war seinem freien Geiste zu fremd, als daß sie durch die 
Erkenntnis seiner planlos eingeengten Persönlichkeit Macht über ihn gewonnen hätte 
Und während sich sein befangener Sinn am eigenen Glauben erschöpfte, rief es aus 
ihm mit der Angst der letzten Verzweiflung: .Was lachst Du? Was willst Du 
Unersättliche? Hast Du noch immer nicht genug der genossenen Lust? Suchst Di 
noch immer mehr, mehr ..." 

„Mehr" kam es zögernd wie sein Echo zurück; und „Mehr und bei Dir" 
jauchzte es ganz nahe seinem Munde . . . 

Die Nacht wurde dunkler um ihn. In seinem Gehirn brauste es. Er fühlte nur 
mehr den ungeheuren Druck des Entsetzens, das in ihm aufgegangen war. Seine 
Züge verzerrten sich. Er warf beide Arme in die Luft. Der eine fiel schwer in des 
Mädchens Haar. Er zerrte es an sich. In ihm brannte das wahnsinnige Verlangen 
nach Vergeltung. 

.Also erwürge sie!" schrie es in ihm! 

.Wozu sie quälen? Laß sie doch! Sic ist nicht die einzige." 

„Aber fort muß sie!" 

Mit plötzlichem Entschlüsse zog er den Revolver und hielt ihr die Mündung 
an die Stirn. Der Schuß krachte. Der Körper schlug dumpf auf die Steine. 

Er atmete auf. Einen Augenblick wartete er. Dann tastete er mechanisch über 
die Leiche hinweg dem Ausgange zu. 



Über Novellen jugendlicher Dichter 107 

Am folgenden Tage flog durch die Blätter die Nachricht von einer geheimnis- 
vollen Mordtat in dem verrufensten Viertel der Stadt. Man erging sich, wie dies in 
solchen Fällen üblich ist, in die weitgehendsten Vermutungen, hatte aber weder 
einen Anhaltspunkt für den Täter noch kannte man die Getötete. 

Gleichgültig legte Graf Rodrigo das Blatt zur Seite und bereitete sich zu einem 
kurzen Spaziergange, wie er ihn einsam liebte. Einem Freunde, dem er begegnete, 
sagte er, er habe gestern einen Mord begangen. 

Nr. (4). 

Diese Arbeit liegt gedruckt vor. Titelblatt : C . . . M . . .' Der Gnom. In der D . . ? I9t7- 
Vortitel : Das erste Buch der D . . .' fVidmungsblatt : Für T . . . H . . .' geschrieben. Schhtßvermcrk : 
Zeichnungen von J. W . . .' Gedruckt in der D . . .- Nr. 54 (handschriftlich). Mit Sorgfalt, aber 
unbeholfen und mit vielen Ungleichmäßigkeiten gedruckt. Umschlagblatt mit Zeichnung, den Gnom 
darstellend (Holzschnitt). Drei ganzseitige Holzschnitte beigegeben. Blattweise (unpaginiert) mit 
Bindfaden zusammengebunden. Auf einer Handpresse vom Verfasser selbst gedruckt. — Der folgende 
Auszug, ganz in den Worten des Verfassers, kürzt das Original auf etwa %. 

Der Gnom. 

Er hieß Stefan. Mit vierzehn Jahren wurde er so voll Neugier über sich, 
plötzlich über Nacht, in der ihn eine Stimme herrisch wiederholt .König" gerufen 
hatte, daß er allen Spuren nachging, die auf seine Herkunft führen mußten. Seine 
umgepflügte Phantasie nahm fiebrig die hingeworfenen, rascherdachten Lügen ein, 
mit denen die Hausleute die eitle Häßlichkeit füttern zu müssen glaubten, . . .: Er 
sei ursprünglich ein verschnürter Karton gewesen, im Hausflur ... die Polizei habe 
um die fragliche Zeit ein grünes Auto festgestellt, an der Laterne bei Nr. 28 . . . mit 
einer Dame, die einen Reiher und rote Handschuhe trug. Und so weiter. Man log 

salopp . . . 

Aber seine Mutter, eine heute verhutzelte Konfektionneuse, hatte ihn wirklich 
geboren im siebten Jahre ihrer sehr legitimen Ehe mit dem Bureauchef 

Grabloff . . . 

Seine Mutter war dem Beischlaf ihres Mannes ausgewichen, wie einem Gifte 
später, zuerst wie einer Sache, die sie nicht begriff und ihrer Vorstellungswelt fern 
blieb. Sie setzte zwei Puppen in die Ecken des Sofas, ... Sie behandelte diese 
Wesen ganz wie Freundinnen, ... Der Mann, der sie dafür schlug, voll Wut über 
den entzogenen Genuß, ... ihr Mann erhielt ausreichend genug geschickt zubereitete 
Speisen, . . . gerade wie die stets aufgekehrte Wohnung. Das ertrug er stumm, . . . 
Als er nichts mehr erhoffte, hatte die Frau plötzlich — er ergründete nie diese Wandlung — 
den Erschreckten zag an sich gezogen zu tiefer Hingabe. Während ihrer Schwanger- 
schaft . . . träumte er von einem Sprößling, der ideal militärtauglich . . . 

Dem Gnom blieb dies alles unbekannt. Sein Vater hatte, wie er am ersten 
Tage dieses ungewöhnliche Gebilde in der Hand hielt, ohne Hader über die 
Enttäuschung den Kopf gewiegt, ihn selber nie den Schmerz fühlen lassen, wenn 



1 Im Original vollständige Namen. 

2 Name des Verlages. 




108 



Über Novellen jugendlicher Dichter 



die Blicke der Spaziergänger an milden Sonntagnachmittagen voll Staunen groß 
wurden, anhielten, und — er spürte es — noch lange umgedreht mitgingen. 

Der Gnom sah davon nichts. Er lag vor seinem Baukasten und rutschte mit 
einer Eisenbahn durch die Stuben, bis eines Tages er mitten in sinnlos lallendem 
Singen abbrach, als ihn vom Spiegel sein Bild anblickte. Für Sekunden stand er 
staunend, dann lief er weg, kehrte zurück, rückte einen Siuhl heran und kletterte 
hinauf. Er war maßlos gefesselt. Verglich seine Statur mit den Figuren der Straßen, 
den Knaben des Hauses und dem Vater ... Als die Mutter ihn, der auf Bewunderung 
gerechnet hatte, gleichgültig übersah, zog er enttäuscht ab. 

In der Nacht war es nun auch geschehen, daß eine eindringliche Stimme ihn 
wiederholt .König" genannt hatte. Damit stand ihm seine Bestimmung zu Höherem 
fest. Die Auskunft der Anwohner paßte zu seinen Vermutungen. Verwundert gab der 
Vater, gefragt, ob er sein Sohn sei, keine Antwort ... Er entzog sich dem Umgang, 
der ihm nicht gemäß erschien, kroch hinter Bücher, die seine Einbildung steigerten. 
Er fand in ihnen eine Reihe ihm ähnlich gebildeter Menschen, die in dem verfingerten 
Papier der Leihbände ein großes Leben führten. Er bezweifelte nicht ihre 
Existenz, . . . Der Gnom, in der Eingezogenheit über solchen Beispielen von Ehrgeiz 
mächtig geschwollen, baute den großen Ahnen ergebungsvoll einen Tempel . . . 
Verglich er sich mit den angezeichneten Kapiteln, war er aber sofort von der eigenen 
Mission erfüllt und der Gedanke ungeheurer Leistung blähte sich wieder. Jenen 
gleichzukommen, war er sicher, bewies doch die körperliche Verwandtschaft, der 
Spiegel untrügliches Argument. 

So verbrachte er vier Jahre mit der Vorbereitung . . . 

Am achzehnten Geburtstag maß der Gnom einen Meter vierunddreißig . . . Gab 
der Mutter den Befehl, die Bügelfalte peinlicher als je in die Hose zu legen und 
verließ das Haus . . . fühlte er voll Ärger, daß er vergessen hatte, die in den stummen 
Jahren nie gehörte Stimme königlicher zu regulieren. Sie brach den vollkommenen 
Strahl seiner Würde. Er kehrte zurück und begann die Arbeit . . . Binnen kurzem 
fistelte er nur noch in schwachen Stunden. 

Dann verließ der Gnom zum zweiten Mal ohne Abschied das Haus, sehr 
geschwellt, . . . und besser vorbereitet als am Geburtstag. Die Nelke fehlte nicht 
und die gesprenkelte Hose fiel glatt wie ein Vorhang um das dürftige Bein. Dazu 
schwang er lebhaft zwischen zwei Fingern einen Stock von Malaka, von dessen 
goldener Zwinge er viel Wirkung erhoffte. Geradewegs ging er nach dem Verkehr 
des Zentrums, fest im Glauben, die nächste Stunde schon müsse die großen Wende- 
punkte im Schoß haben, an denen er auf dem Schild über die Köpfe aller hinaus- 
gehoben werden sollte . . . 

. . . Gegen Mitternacht kam der Gnom das schallende Asphalt der einsam 
gewordenen Straße herauf und trat unter die Laterne gegenüber dem Schutzmann — 
diesmal mit einem Herrn — und schrieb in dem flackernden Licht die sehr gefaßten 
Worte: Ich bin entschlossen, Euch von mir zu entlasten — als hätten die Eltern Ihn 
jemals in die Ecke gedrückt oder vor Besuch verheimlicht. Liebe und mütterliche 
Besorgnis? Jetzt ging es nach Ruhm und Verewigung in gedrucktem Papier. 



Über Novellen jugendlicher Dichter 109 



Der Herr führte ihn zu einem Bett in der Garderobe des bereits verdunkelten 
Zirkus Charles Pierre, für den er gewonnen war . . . 

Von da ab erschien der Gnom allabendlich vor der schwirrenden von zwei 
Glaskugeln kaum erhellten Arena. Von da ab hörte er allabendlich das schurrende 
Geräusch der Pferde an den Raufen durch die leinene Wand und sank unter der 
pestilenzischen Ausdünstung der Panther in exotische Träume. Von da ab trat er mit 
dem Glockenschlag in die Sandbahn, die aufstaubte, die Knochen eng in Scharlach 
genäht und trug um die Schultern eine Pelerine aus dunklerem Purpur ... und bot 
wie das Programm vorschrieb, gegen das letzte Drittel zu einen Tanz, den man für 
ihn ersonnen hatte. Er schaukelte in großen Kreisen, schlug die Arme um und um, 
wirbelte sich zu breiten Verzerrungen. Aber er tanzte verächtlich. Immer blieb sein 
Gesicht ohne Lächeln. Denn er bestaunte im Stillen die Triks und Muskeln der 
Athleten . . Hier stand er, gewärtig jeden Moment durch einen Blitz des Gedankens, 
und der mußte kommen! ganz sich als Heros zu zeigen, vor der Menge, die auch 
so schon, wie zu spüren war, seine oft nur stumme Anwesenheit mit Applaus 
bekränzte, den er sehr herablassend quittierte . . . 

So wenig der Gnom also wirklich darzubieten hatte, kamen doch die Besucher 
um seinetwillen. Sie lagen erschauernd im Banne dieser schrecklichen dämonischen 

Gestalt ... „ 

Abend für Abend verging . . . aber die Sehnsucht des Gnom war noch uner- 
füllt, nur ungeheuer gewachsen. Seine Träume wucherten. 

In der Stadt, die sie Ende Januar betraten, brauchte das Zelt nicht aufgebaut 
zu werden Sie bezogen ein steinernes Haus und klatschten eilfertig gleich die 
giftigen Plakate an die Ecken, die protzig und breit aus der Mitte Stefans Sensation heraus- 
schrieen Nach Mittag zog die Truppe im Umzug durch die Hauptstraßen, ... in der 
letzten Kutsche wie zur Krönung der Gnom an dem Busen von Frau Charles Pierre, 
die ihn von Zeit zu Zeit in den Hüften über den Schlag hebend den Hassern empor- 
zeigte. Schon da begann in lebhaftem Bravo sich die Hitze der Begeisterung anzu- 
künden... Der Gnom war in toller Erregung. Heute war die Stunde da! Er fühlt's, die 
Stunde war da; nie war eine reifer gewesen. Heute mußte unter seinen Händen die 
ungeheure, alles umwälzende Tat entstehen, die ihn in brennendes Licht stellte. 

Er zerpreßte sein Hirn, schwenkte über den Gang. Aber was sollte er bringen, 
das fabelhaft und unerhört wäre? Ein Einfall, eine Idee! — 

Nichts. Tränen der Wut. Verzweiflung. Händeringen. 

... Er war nahezu irrsinnig. 

Längst war der Gong, mystische Aufforderung an die Versammlung, verhallt, als 
es dem Direktor gelang, ihn an der Schulter vor den Vorhang zu stoßen. Er stolperte, 
raffte sich auf und lief in rasendem Tempo seine Bahn ab. Sah nichts mehr . . . 

Als die Reihe an ihn kam, war er dem Tode nahe vor Erschöpfung. Aber kein 
Einfall. Der Trikot troff vor Schweiß. Er begann. Nervöser als je war der Tanz . . . 

Dann brach er ab, plötzlich, von der, wie er glaubte, ganz großen Idee gepackt. 
Und wie auch die Kapelle verstummte, krähte er heiser durch die aufhorchende Stille: 
„Napoleon!* 



110 Über Novellen jugendlicher Dichter 

Ein Zeichen, eine Fanfare stieg in die Halle, versank. Da stand er in der Pose 
des Korsen, Füße verschoben, Hand in der Weste. Stand so minutenlang starr. Ein 
Läufer unbeschreiblicher Verblüffung zischte über die Gesichter. 

Schrie dann heiser: .Schiller" und gab nach der Fanfare mit wirr hochge- 
stülptem Haar und flatternden Armen ein Bildnis des Dichters nach seiner Ansicht. 

Zum dritten Mal brüllte er. Aber überschnappend preßte sich nur aus der Kehle 

ein Mißlaut: „Je ". Fanfare. Und legte, was er meinte, blieb unklar, die Hand auf 

die vorgebeugte Stirn. 

Aber dann brach mit versammelter Wut aus den zersprungenen Stimmbändern 
ein überschriller Klang: „Ich bin Stefan Grabloff!" 

... Der Körper reckte sich, wuchs riesengroß schien es ihm . . . nahm das 
Gebrüll der wütenden Ränge für Beifall und den erträumten Siegerlohn. Die Masse 
tobte. Sie wollte ihn entfernt wissen. Denn sie hielten ihn für wahnsinnig . . . 

Danach blieb die Seele des Gnom so ungeheuer erhoben. Erdenfern, ent. 
schwunden, schwebte sie herrlich angefüllt von dem Gefühl des enormen Erfolges 
durch alle Stadien der Entzücktheit ... Nie baute sich ein Phantast ein Reich wirk- 
licher auf wie hier der Gnom. 

... O! Purzelbäume schlagen, den Körper kugeln lassen, beschwingt auf- 
springen, im Salto die Arme zur Decke werfen, unbändig umarmen, pressen was es 
nicht gab, nur um den Schwung, den rasenden Takt des entzündeten Blutes hell 
hinauszuschreien. Die Himmel erdonnern lassen. Vorstädte mit einem Knick des 
Ellenbogens in Schutt legen, den Dom erklettern und auf seiner Spitze balancieren 
hinschwebend engelgleich ... Der Skandal bei Pierre war vergessen. Hatte erregte 
Notizen gezeitigt, eine Zeitlang auch beschäftigt, aber ganz anders als der Gnom 
aussichtsvoll phantasierte, dann war man weiter gesaust ... 

Es geschah in dieser Zeit, daß der Gnom die Schönheit des Fräulein Rejähe 
erblickte. Sie ritt die hohe Schule, straff und elegant, mit zierlicher Muskelkraft trieb 
sie die feinnervige Stute voran, die tänzelte mit verhaltener Lust in den Flanken. . 
Da drehte sich die entfesselte Strömung seines Blutes ganz ihr zu, ihrem Besitz. In 
die Ecke der Stalltür gedrückt, betastete er mit den Fingerspitzen, in die alle 
Empfindung und der erweckte Trieb schoß, ihre papierdünne Haut, umfuhr die 
unspurbare Kurve der mageren Brüste, knetete das Haar, riß ihren Kopf zurück um 
mit Anlauf in das Wehen ihrer aufgerollten Lippen zu stürzen, heftig sich festsaugend 
Alle Sinne berauscht, vergewaltigen in der Umklammerung die tobenden Glieder 
ihren ganzen Leib und pressen ihn und entzwingen den schmerzlichen Aufschrei 
verzückender Hingabe. Aber sie stand herrisch unter den Stallknechten, klatschte dem 
aufzuckenden Gaul die Gerte auf die Kruppe und verschwand . . . Hitzig folgte der 
Gnom. Festgewurzelt wuchs aus ihm der Wille nach ihr . . . 

Sieghaft, wie er sich sah, wollte er in einer Beugung der Kniee alles ihr dar- 
bieten. Unbedingt müsse sie rasch die ungeahnte Karriere erfassen und ihn lieben 
den die Macht aller Welt bekleidete ... Jäh brach er in ihr Zimmer ein . . . Reja 
lag, die bleichen Arme ausgelegt und in das triefende Haar verschränkt, schlafend. 
Der Gnom sank auf den Teppich. Blickte zum Bett, zum Fenster, zuckte zurück, stiert! 



Über Novellen jugendlicher Dichter 111 

Demütig winselnd kroch er heran und hielt. Dann hob er den entsetzlichen Kopf 
roch sie — und sauste hoch. Bohrte die Arme von beiden Seiten unter den unbeweg- 
lichen Körper in die ausweichenden Polster und wollte ihn über die Schulter werfend 
durch das Fenster entspringen. 

Da war das Mädchen längst erwacht. Sie begriff nicht den mörderischen 
Überfall, sah nur das verzerrte Gesicht und das Entmenschte und schrie im höchsten 
Diskant. Der Gnom packte zu. Kraft ging gegen Gewalt. Er keuchte. Vor Anstren- 
gung wogte sein Buckel. Er kroch auf den Bettrand. Fegte mit schwülstiger Lippe 
ihre Menge. Eingeengt entwich sie knapp. Nun saß sie auf. Der Kampf streifte die 
Decke ab. Die entblößten Glieder potenzierten die Raserei. Er fiel über sie her und 
ihre Hände umklammernd grub er das häßliche Maul tief in die zarte Bauchhöhle. 
Da schleuderte sie mit letzter Gewalt den Druck der dürren Finger und das lächer- 
liche Gewicht weithin weg. Das Hemd zerriß, im Bogen das Leinen fest Im Gebiß, 
dröhnte der Gnom mit dem Buckel gegen die Kommode. Aufstöhnend hockte er 
in der Ecke, ein winziges Bündel. 

Als sie sich wieder erhob, war höchste Wut in ihrem Gesicht und mit 

unsäglicher Verachtung keuchte sie. 

„Mich berühren — mich - buckliger, du Teufel, deine Katzenfinger - mich 
berühre'n — Ausgeburt, Zwerg — weg!" und spie ihm nach. Der Gnom, der noch 
gurgelte: O — liebe — mich! was der Wortschwall verschlang, war tief getroffen 
von der giftigen Beschimpfung und herabgerissen von dem kolossalen Gipfel seines 
Selbstbewußtseins... Er erkannte seine Mißgeburt und fühlte niederschmetternd 
jählings, wie ihn, was er für groß und ausgezeichnet gehalten, unerbittlich verurteilte 
zur Ausstoßung aus dem Kreis der Menschen . . . 

Hinschwanden Berufung, Aufgabe und hohe Sendung. Alle Kraft sammelte er 
hinter dem Gaumen und bewarf das neu verfaßte Bild mit dem eigenen Speichel. Wie 
er ihn ganz bedeckt hatte, war ein Teil der Hinrichtung vollstreckt. Ein Leben, das 
schon so unwirkliche Höhen erstiegen hatte, konnte nicht im Mittelmaß verlaufen . . . 

Dann begann ein Wüten gegen die eigene Seele ... Da zerplatzte seine Seele, die 
so maßlos gebläht war von Ehrgeiz, und sank zerfetzt wie eine Ballonhülle zusammen. 

Er wollte hinuntergehen, den wunden Rücken an den Rippen der hellauf- 
wiehernden Stute reiben und den dumpfen Schmerz in der Umarmung ihres weichen 

Felles ausweinen. 

Als er mühsam die Treppe hinabkletterte, hub jemand in einem entfernten 
Zimmer den melancholischen Walzer von Chopin in a-moll an. Da bekam der Leib 
das Übergewicht und rollte die Stufen hinab. Es war, wie man sieht, kein Selbst- 
mord, eher der sanfte Finger eines Schicksals, der ihn umstieß. Das ganze stille 
kahle Haus durchdrangen die monotonen Klänge des Klaviers, als auf dem Teppich 
der entseelte Körper anhielt, der nicht größer war als der Leichnam eines Hundes. 

Es kann nicht bezweifelt werden, daß diese drei Novellen auch 
Erlebnisse der Autoren mitverarbeiten, wir werden sogar zu zeigen haben, 
wie weitgehend sich dies erweist, wenn das Unbewußte aufgedeckt ist — 



112 Über Novellen jugendlicher Dichter 

ihr manifester Inhalt aber zeigte keinen im engeren Sinn eigenes Erleben 
verratenden Zug. Ein Vergleich mit den drei folgenden läßt uns leicht zwei 
Gruppen bilden. 

Nr. (13). 

Das Manuskript besteht aus fünf ineinandergestecktcn Foliobogen. Sorgfältige Reinschrift ; doppe 
seitig beschrieben, is Seiten. Blatt 9 sorgfältig ausgeschnitten; Blatt 10 frcigcblicbcn. Obere Hälfte de 
ersten Seite ausgefüllt durch reich verziert geschriebenen Titel und Namen. Sorgfältig — anscltein 
zweimal — durchkorrigiert. Stark gekürzt. 

Aus dem dichten Kugelregen 

oder 

Sein Ziel 

von Rosa A. 

I. Teil. 

Im Juli 1916. Auf der schlechten bergigen Straße in den Karpathen bewege 
sich langsam acht bis zehn Fuhrwerke. Es sind Flüchtlinge. Die Hitze ist schie 
unerträglich. Man muß ein wenig ausruhen. Jeder sucht sich ein kühles Plätzchen. 

Auf einem Hügel, im Schatten einer schlanken Tanne, sitzt ein junges Mädchen. 
Ihre schwarzen Augen schauen sehnsüchtig in die weite Ferne. Weit, weit von hi« 
ist ihr lieber Heimatsort. Dort war sie so glücklich . . . Dann kam der Krieg. Ihre 
heißgeliebte Mutter wurde krank. Stundenlang saß sie an ihrem Lager und wenn die 
Kranke in einen kurzen Schlaf verfiel, so weinte sie. Nein, nein, es war nicht mög- 
lich. Dieses weiche Herz, dieser helle Verstand, diese Hoheit und Würde — nein, 
sie durfte nicht sterben. 

Eines Tages kam der Arzt. Gerade damals ließ die Krankheit etwas nach. Der 
Arzt sagte: In zwei Wochen wird sie das Bett verlassen können. Dann wird sie in 
einen Kurort fahren, um sich zu erholen. Berta Rosenfeld — so hieß das junge 
Mädchen — atmete erleichtert auf. Welch eine schöne Zukunft verbreitete sich da 
vor ihren Augen! Die Mama wird gesund werden und in einen Kurort fahren, sie 
wird sie selbstverständlich begleiten. Dann wird der Krieg ein Ende nehmen und es 
wird sein alles wie zuvor. — 

Die Ärmste, wie sehr täuschte sie sich ! Der Zustand der Kranken wurde mit 
jedem Tage ärger. Berta betete: 

„Vater im Himmel, laß mich sterben anstatt der Mama!* 

Furchtbar war es zuzusehen, wie ihre arme Mutter litt. 

Es war ihr so schwer ums Herz und sie hätte am liebsten geweint, aber sie 
konnte nicht. Sie konnte nicht mehr weinen, nur beten konnte sie noch. — Und 
täglich betete sie: 

„Vater im Himmel, laß mich sterben anstatt der Mama!" 

Aber es half nichts. Zwei Tage vor ihrem Tode ließ sie Berta zu sich herein- 
rufen und küßte sie auf beide Wangen. „Wirst du nicht vergessen den letzten Kuß?« 
hatte sie gefragt . . . Weinend stürzte Berta aus dem Krankenzimmer heraus. 

Ihr Vater versuchte sie zu trösten. 






/ 



Über Novellen jugendlicher Dichter 113 

.Weine nicht, Kind" — sagte er — .Gott wird uns helfen . . ." 

.Nein Papa, jetzt habe ich die Hoffnung verloren . . .* 

Und dann kamen die Russen ins Land. Damals mußte sie zusehen, wie ihr 
teurer Vater eines Tages blutig zerschlagen nach Hause getragen wurde. Stundenlang 
saß sie an seinem Lager. Er erholte sich aber von dem schweren Schlag nicht mehr 
und kurz darauf folgte er der geliebten Gattin ins Grab. — 

Jetzt war Berta und ihr älterer Bruder Hermann ganz allein. Sie hatte eine 
Tante, deren Sohn Fritz zusammen mit Hermann studierte. Als jetzt die Russen ihr 
Haus verbrannten, übersiedelte sie (die Tante) zu ihr. Dann wurden die Russen aus 
Galizien herausgejagt, ihr Bruder aber und ihr Cousin rückten als Einjährig-Freiwillige 
ein. Sie kamen beide sehr oft in Urlaub. Fritz war immer sehr lustig und versuchte 
Berta zu zerstreuen. Und langsam legte sich der Schmerz des schwergeprüften 
Mädchens und verwandelte sich in leise Melancholie. Zuweilen vergaß sie ihr Leid 
und dann lachte sie wieder übermütig wie früher. Fritz war dann überglücklich. Und 
jetzt mußte sie flüchten. Jetzt mußte sie das Haus, in dem sie geboren und in dem 
sie so glücklich, verlassen. 

Schon einen ganzen Tag lang fuhren sie hier in diesen wilden Karpathen. Doch 
halt, sagte vorher nicht ein Mann: .Es scheint, daß die Russen dort oben unsere 
Stellungen durchgebrochen haben und es ist leicht möglich, daß sie die Flüchtlinge 
jetzt erwischen.* Wenn das wirklich wahr ist, was der Mann erzählte, so wird sie 
wiederum all die Greuel mit eigenen Augen sehen müssen. Vielleicht gar um ihr 
Leben bitten müssen. 

„Nein, eher stoße ich mir ein Messer in die Brust!* rief sie leidenschaftlich 
und stand auf. 

„Berta, Berta!" rief unten eine Soldatenstimme. 

Berta war es als erwache sie aus einem wüsten Traum. „Fort, ihr düsteren 
Gedanken," rief sie und lief leichtfüßig den Hügel herunter. 

Auf der Straße stand ihr Bruder, ein schlanker Leutnant. „Jetzt fahren wir 
weiter, Berta," sagte er, „bitte setz dich." 

Jetzt saß er im Sattel und betrachtete wehmütig seine Schwester. Sie weinte 
leise. Er konnte den Anblick des weinenden Mädchens nicht ertragen und wendete 
sein Pferd um. Weit, weit von hier ist sein lieber Heimatsort. — „Lieber Heimats- 
ort," wiederholte er, während ein verächtliches Lächeln um seinen Mund irrte. Er 
hatte ihn ja lieb, sehr lieb seinen Heimatsort. Aber verdiente der Heimatsort seine 
Liebe? Dort wohnten ja meistenteils Ruthenen und Polen, nur wenige Juden. Und 
die Juden werden ja in Galizien überall gehaßt, ja sogar verachtet. Warum? Vielleicht 
deshalb, weil sie sich alles so gefallen lassen. — Nein, nicht nach dem Dorfe, sondern 
nach dem stillen Haus, in dem er seine Kindheit verbrachte, sehnte er sich. — Jeder 
Gegenstand hatte ja für ihn dort eine süße Erinnerung . . . „Arme Berta," dachte er, 
.du kanntest deine Mama nicht so gut wie ich. Sie starb zu früh und du weißt nicht, 
was für ein Kleinod du verloren hast . . ." 

Der junge Leutnant fuhr sich mit der Hand über die Augen ; die Augen 
waren naß. — i 

8 









114 Über Novellen jugendlicher Dichter 



„Eigentlich sollte es mich nicht wundern, daß die Kleine dort weint," sagte er 
halblaut. Fest drückte er dem Pferde die Sporen in die Weichen, so daß es sich wild 
aufbäumte. Dann ging es in scharfem Trabe über die schlechte, bergige Straße, weit 
hinein in die wilden Karpathen. — 

Sein Cousin Falkenried — ebenfalls beritten — sah ihm eine Weile nach. 
Dann näherte er sich Beria. 

„Nicht weinen, Cousinchen, * bat er. „Du bist ja nicht die einzige, es haben 
ja so viele flüchten müssen. Und was die Russen anbelangt, so weißt du ja, daß 
sie nur plündern, aber nicht kämpfen können. Binnen vier Wochen jagen wir sie 
hinaus ! " 

Sie sah ihn mit ihren großen schwarzen Augen an. 

.Vielleicht hast du recht, Fritz. Ich kann das aber nicht ertragen. So viel 
Unglücksfälle auf einmal — nein, nein, es ist doch zuviel!* 

Er suchte vergebens nach Trostesworten — er fand keine. 

Der Wagen fuhr langsam vorbei. Das Pferd blieb stehen. Verträumt betrachtete 
er die herrliche Gegend. 

,So schön ist es hier, so herrlich schön. Wie schade, daß die Zeiten nicht 
schöner sind!" 

Es wehte ein sanfter Wind. Die Tannen rauschten, in der Nähe tobte ein 
Wildbach. Berauscht schloß der Leutnant die Augen. Die stolzen Tannen aber schienen 
zu flüstern: 

.Träume, Jude, träume von deines Stammes Herrlichkeit, 
Die einst geblüht, die einst wird wieder blüh'n" . . . 

II. Kapitel. 

Zwei Monate später finden wir Berta und ihre Tante in einem kleinen böhmi- 
schen Dorfe. Es ist ein herrlicher Sommerabend. Bcrta sitzt auf einer Gartenbank; das 
dunkle Lockenköpfchen ein wenig zur Seite geneigt, träumt sic.von der fernen Heimat, 
von den fernen Lieben . . . und von ihrem Volke: Armes Volk, wenn ich dir helfen 
könnte . . . Dann fliegen ihre Gedanken über weite, blutgetränkte Felder zu Fritz und 
Hermann. Hermann war erst vor ein paar Tagen in Urlaub und da ging es sehr 
lustig zu. Von Fritz aber hatten sie seit acht Tagen kein Schreiben . . . Tante und 
Nichte hielten sich innig umschlungen und beider Tränen flössen um den Einen. — 

III. Kapitel. 

„Ich komme morgen um 2 Uhr nach R. Fritz." 

So lautete die Depesche, welche Berta paar Tage später freudestrahlend in den 
Händen hielt 

Und der Heißersehnte kam. Nicht übermütig lachend wie im vorigen Jahre, als 
er nach Hause in Urlaub kam, sondern ein milder Ernst beschattete sein jugendliches 
Gesicht ... Er erzählte von seinen Kriegserlebnissen. Begeistert lauschte Berta seinen. 
Worten ... 






Ober Novellen jugendlicher Dichter 115 

IV. Kapitel. 

„Erinnerst du dich, Fritz," sagte eines Tages Berta, „dort in den Karpathen, 
Da sagtest du mir, daß binnen vier Wochen, da jagen wir die Russen aus Galizien 
heraus. Jetzt sind schon mehr als vier Wochen verstrichen, und die Russen sind 
noch immer in Galizien!" 

„Das ist doch etwas selbstverständliches, Cousinchen," entgegnete Fritz. „Ich 
war bis jetzt in Russisch-Polen und da hat man nicht können die Russen hinausjagen 
ohne mich. Jetzt bin ich nach Galizien kommandiert worden und es ist leicht möglich, 
daß das Land jetzt befreit wird. Wann aber, kann ich dir momentan nicht sagen. 
Verstanden?" 

Sie stand auf und salutierte stramm. 

.Zu Befehl, Herr Oberleutnant!" 

„So? Kannst du noch salutieren? Zeig mal her! Eins, zwei, drei! Rechts 
geschaut! Links geschaut!" 

So vergnügt waren die beiden, daß sie alles um sich her vergaßen. Er vergaß, 
daß es Krieg ist und daß draußen die wilde Schlacht tobte, und sie vergaß, daß sie 
ein Flüchtling ist. Helles Lachen ertönte. Frau Falkenried stand in einer Seite und 
betrachtete die zwei .Kinder", wie sie sie nannte. Plötzlich brach sie in krampfhaftes 
Schluchzen aus und sagte leise wie nur für sich: „Nein, nein, es ist nicht möglich! 
Mein herrlicher, mein strahlender Junge, er darf nicht auf dem Schlachtfeld sterben, 
er muß leben!" 

V. Kapitel. 

Es nahte die schwere Abschiedsstunde. Frau Falkenried weinte, Berta aber 
nicht. Als Hermann jetzt in Urlaub war und er dann Abschied nehmen mußte, da 
weinte sie. Hermann aber sagte vorwurfsvoll: 

„Siehst du, Berta, du sagst immer, du möchtest Soldat sein. Das wäre mir ein 
schöner Soldat, der bei jeder Gelegenheit weint!" 

Berta wischte sich die Tränen aus den Augen. 

„Ich weine nicht mehr, Hermann, mein Wort darauf!" 

Er reichte ihr die Hand. 

.Brav, mein tapferes Schwesterchen!" 

.Lebewohl, Bruder" — sagte sie mit' fester Stimme — .kehre gesund heim!" 

Jetzt war ihr so schwer ums Herz und sie hätte am liebsten geweint. Aber 
nein, Fritz sollte nicht auch sagen, daß sie weint bei jeder Gelegenheit 

Jetzt ließ sich seine Stimme vernehmen: 

.Es ist schon Zeit, meine Lieben. Ich muß Abschied nehmen, sonst verspäte 
ich den Zug." 

Er umarmte und küßte seine Mutter und reichte jetzt Berta die Hand. Siestand 
einer Bildsäule gleich. Das Wort .Lebewohl" wollte nicht über ihre Lippen kommen. Sie 
wußte, wenn sie .lebewohl" sagte, so mußte sie weinen, und weinen wollte sie nicht. — 

„Leb" wohl, Kleine," sagte er und versuchte einen muntern Ton anzuschlagen, 
aber es gelang ihm nicht. Und fort war er. — 

8* 



L 



116 



Über Novellen jugendlicher Dichter 



VI. Kapitel. 

Wir befinden uns in einem kleinen galizischen Dorfe, nicht weit entfernt von 
der Front. Am Gang eines stattlichen Hauses sitzen zwei Olfiziere. Aus ihren 
Gesprächen erkennen wir, daß es unsere zwei Freunde Rosental und Falkenried 
sind . . . 

[Hermann erzählt ausführlich, wie er durch .List" seines tüchtigen Feldwebels 
Westheim mit vier Mann dreißig bis vierzig Kosaken fing und ein Mädchen aus 
Russengefahr rettete.] . . . 

.Wie heißt dieses Fräulein?" fragte Falkenried. 

.Rosa Blumenfeld." 

.Es freut mich sehr, lieber Hermann, daß das Dorf wieder in unserm Besitz 
ist. Jetzt kannst du mich Herrn oder besser gesagt Fräulein Blumenfeld vorstellen." 

.Daraus wird natürlich nichts!" 

.Es macht nichts. Ich wußte ja im vorhinein, daß du ein großer Damen- 
freund bist." 

.Ich? O nein! Mir gefällt nur deine Schwester, sonst niemand!" 

.Du hast aber einen feinen Geschmack, Fritz," neckte Hermann. 

.Nicht wahr?" rief jener begeistert. .Lieb ist sie, herzig, Zionistin mit Leib 
und Seele — und ob sie mich liebt?" 

Hermann erwiderte nichts. Im Geiste sah er ein blasses Judenmädchen, mit 
schwarzen trotzigen Augen und hörte die Worte: .Hilfe, Rettung! ..." 

Kommt, kommt ihr Brüder! Hand in Hand 

Ziehn wir nach unserm Vaterland! 

Hier lassen wir die bösen Feinde 

Dort warten uns die Freunde! 

II. Teil. 

I. Kapitel. 

Dem unruhigen Sommer an der Ostfront folgte ein ruhiger Winter. [Kurze 
Mitteilung des Ost-Krlegsverlaufs mit Erwähnung Kerenskis und seiner Juden- 
emanzipation.] . . . Die russischen Stellungen bei Zloczow wurden durchbrochen. 
Geschlagen fluteten sie zurück, nur hier und da verzweifelnd sich wehrend. 



II. Kapitel. 

Es tobt eine heiße Schlacht. Oberleutnant Rosental sinkt, von einer Kugel 
getroffen, nieder. Sein Freund Falkenried sieht es. Er kann ihm aber nicht helfen. 
Denn er Ist etwas weiter entfernt. Er wirft ihm einen mitleidigen Blick zu, dann geht 
es unter lautem Hurrarufen vorwärts. — 

Der Verwundete liegt und rings um ihn schwirren die Kugeln . . . 

Da nähert sich ihm mit raschen Schritten Fähnrich Westheim. Die Kugeln und 
Granaten reden eine nur zu deutliche Sprache. Zurück, du Tollkühner! Du rettest den 






Über Novellen jugendlicher Dichter • 117 

Verwundeten nicht, stürzt dich aber selber ins Verderben ! — Der Tapfere aber achtet 
nicht darauf. Mit starken Armen hebt er den Verwundeten empor und trägt ihn zu 
einem verlassenen Schützengraben. Er schaut sich um — dort sind sie ganz geschützt . . . 
[Der Oberleutnant hält sich für totkrank, denkt an seine .Lieben" und sein „armes 
Volk". Zuspruch des Fähnrichs aber hilft ihm wieder auf die Beine, er ruft aus]: .Jetzt 
aber schnell zum Verbandplatz.* „Bitte sich auf mich stützen, Herr Oberleutnant!" 

Dankbar sah er ihn an. 

.Sie haben mir das Leben gerettet, Herr Fähnrich, das vergesse ich Ihnen nie!" 
Nach einer Weile ruft er: .Willst du mein Freund sein?" 

.Dein, für immer und ewig!" — Beide Freunde umarmten sich. — Endlich 
waren sie beim Verbandplatz angelangt. Der Arzt sagte, daß die Verwundung bloß 
eine leichte sei. Zwar habe der Herr Oberleutnant etwas Fieber, das macht aber nichts. 
In paar Tagen wird er das Bett verlassen können. 

III. Kapitel. 

Unsere Truppen zogen inzwischen unter lautem Jubel der Bevölkerung in die 
heißumstrittene Stadt ein. Westheim bestieg ein Pferd und ritt schnell dahin. Dort 
angekommen, suchte er Oberleutnant Falkenried auf. Der Oberleutnant ging in seinem 
Zimmer unruhig auf und ab. Als er den Fähnrich erblickte, sprang er ihm entgegen 
und erfaßte seine Hände. 

.Was macht mein Freund?" stieß er heiser zwischen den Zähnen hervor. 

.Die Verwundung ist eine leichte, Herr Oberleutnant. In paar Tagen wird er 
das Bett verlassen können." 

.Gott sei Dank!" Noch stieg kein Wort so innig zum Himmel. — 

Dann deutete er auf einen Stuhl. 

.Bitte, nehmen Sie Platz, Herr Fähnrich, und erzählen Sie mir, wie sich alles 

zugetragen hat." . . . 

.Sie haben meinem Freunde das Leben gerettet, Herr Fähnrich", sagte der 
Oberleutnant. .Das vergesse ich Ihnen nie. Doch was ist Ihnen?" unterbrach er sich 
— .Sie bluten ? Sind Sie verwundet?" 

.Das ist nichts. Ein ganz gewöhnlicher Streifschuß. Ich bekam ihn, als ich dem 
Herrn Oberleutnant zu Hilfe eilte. — Doch jetzt gestatten Sie, Herr Oberleutnant, 
daß ich mich verabschiede. Ich muß zu meinen Untergebenen. Sie sahen den Herrn 
Oberleutnannt fallen und werden unruhig sein." 

.So haben sie alle meinen Freund so gern?" fragte der Oberleutnant mit 
leuchtenden Augen. 

.Das ganze Regiment schätzt und verehrt die Herren Oberleutnants Rosental 
und Falkenried!" 

Der junge Oberleutnant aber hörte das nicht. Mit einem Sprung war er draußen 
und kehrte dann mit einem Arzt zurück. 

.Siehst du, Max," — sagte er — .hier steht der tapfere Lebensretter meines 
besten Freundes" . . . 



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rr 



118 



Über Novellen jugendlicher Dichter 



Jetzt erst schaute der Arzt den Fähnrich genauer an. Mit einem Jubelruf wa 
er sich ihm in die Arme. 

.Karl!* rief er. 

.Max!* Beide Freunde lagen sich in den Armen. So hielten sie sich beide 
umschlungen, erst nach ein paar Minuten machte sich der Arzt sanft aus Westheims 
Armen frei. 

.Siehst du, Fritz" — sagte er — »das hier ist mein bester Freund. Wir 
studierten beide zusammen. Zuerst rückte ich ein zum Militär und paar Monate später 
er. Seit damals sahen wir uns nicht." 

,Es freut mich sehr, lieber Max, daß Du Deinen Freund wiedergefunden hast.* 

Jetzt machte sich der Arzt um die Wunde zu schaffen . . . 



IV. Kapitel. 

In der eroberten Stadt flatterten die Siegesfahnen. Die Bevölkerung jubelte. Im 
Lazarett lag ein blasser Offizier, der leise vor sich hin sagte: .Jetzt, gerade jetzt ha 
mich müssen die feindliche Kugel erreichen. Ich werde also den Siegeszug unserer 
Truppen nicht mitmachen. Und ich habe es mir so schön vorgestellt, als Sieger in 
meinen Heimatsort einzuziehen ..." 

Er schloß die Augen und schlief ein. Auch im Schlaf verließ ihn nicht derGedanke 
an sein Volk . . . [Hofft, daß Gott .doch von der Schmach erlöst" sein .armes Volk 
in Versen, als Fiebertraum.j 

V. Kapitel. 

Berta las mit fiebernder Spannung die Berichte vom östlichen Kriegsschau- 
platz. Jeder Tag brachte neue Siege. Endlich war fast ganz Galizien und Bukowina 
vom Feinde gesäubert. 

Es war ein herrlicher Sommerabend. Berta saß auf der Gartenbank und betrachtete 
den sternbesäten Himmel. Eine unbeschreibliche Sehnsucht nach der fernen Heimat 
nach den fernen Lieben bemächtigte sich ihrer. Leise deklamierte sie : . . . [Ein eigenes 
Gedicht an die Heimat mit der Hoffnung bald .nicht nur ein Flüchtling* zu sein . . .] 

Da plötzlich fühlt sie sich von zwei Armen umschlungen und in die Höhe 
gehoben. Sie schaut sich um — ihr Bruder hält sie in den Armen, Fritz steht 
daneben, übermütig lachend, und etwas weiter steht stramm salutierend ein Fähnrich. 

.Hurra, Berta, wir fahren nach Haus", rief Hermann. 

.Wir haben schon Pässe für euch mitgebracht I" beeilte sich Fritz ihn zu 
unterbrechen. .Binnen vier Tagen können wir fahren." 

.Hurra" rief Berta, dann sang sie: 

.Die Vöglein im Walde 

Die sangen so wunderwunderschön* — 

Die Offiziere aber vollendeten: 

„In der Heimat, in der Heimat, 

Da gibts ein Wieder-Wiederwiedersehn!" 



Über Novellen jugendlicher Dichter 119 

,Wo ist die Mama?" fragte Fritz. 
.Sie kommt gleich.' 

Hermann nahm jetzt den Fähnrich beim Arm. .Hier Berta, stelle ich Dir vor 
meinen Freund und Lebensretter, Herrn Fähnrich Westheim." 
.Lebensretter? Was war mit Dir, Hermann?* 
.Mein Leben war in Gefahr, Kind. Aber davon ein andersmal." 

Berta reichte dem Fähnrich die Hand. .Wie soll ich Ihnen nur danken, Sie 
edler Retter meines Bruders," sagte sie bewegt. 

.Ich tat nur meine Pflicht, Fräulein Rosental," antwortete der Fähnrich. 
Inzwischen war Frau Falkenried angekommen. Nach der ersten Begrüßung stellte 
Hermann Fähnrich Westheim vor. ,Er trug mich mit Gefahr seines eigenen Lebens 
aus dem dichten Kugelregen und wurde dabei verwundet. Wenn nicht er, wer weiß, 
wer weiß, ob ich noch jetzt so vor Dir stehen möchte, Tantchen." 

Frau Falkenried schauerte leise zusammen. Dann preßte sie die Hand ihres 
Neffen zärtlich an ihre Brust ... Sie wandte sich an den Fähnrich. .Sie haben 
meinem Neffen das Leben gerettet, das vergesse ich Ihnen nie!" 

[Der Fähnrich verspricht einige Tage bei ihnen zu bleiben.l 

VI. Kapitel. 

Der Tag der Abreise brach heran. Hochklopfenden Herzens bestlegen unsere 
Freunde den der Heimat entgegendampfenden Zug. Die Reise dauerte acht Tage . . . 

Traurig betrachtete Berta die Umgebung. So blühend, so schön war sie, als sie 
sie im Juni 1916 verlassen mußte. — Jetzt war sie noch auch schön, aber wie ver- 
ändert! Längs der Straße Heldengräber, die Häuser verwüstet, zerstört. — 

Ähnliche Gedanken beschäftigten die zwei Offiziere . . . 

[Sie denken an den Tod des Arztes Max, der inzwischen an einer Verwundung 
in Fritzens Armen auf dem Schlachtfeld gestorben war, sein Vermögen — 1000 Kronen 
_ .nationalen Zwecken widmend".] 

Aber auch fröhlichere Erinnerungen knüpften sich an die traurige Gegend. 
Hier zog er als stolzer Sieger ein! . . .Jetzt tauchten die ersten Häuser des Dorfes auf. 
Verwüstet, zerstört. — Paar Minuten später hielt der Wagen vor einem stattlichen 
Hause. Beide Offiziere und Berta waren mit einem Sprung unten, jetzt stieg auch 
Frau Falkenried aus. 

.Wieder in der Heimat," jubelten sie auf. Schnell betraten sie das einsame Haus. 
Wie verändert war hier alles ! Die Zimmer leer, die Möbel ruiniert. Das kümmerte 
aber die Glücklichen nicht. Sie waren ja wieder zu Haus und Einrichtungen kann man 
sich neue anschaffen! Berta deklamierte: 

»Sei mir gegrüßt tausendfach 
Du mein lieber Heimatsort..." 

.Dank Dir, großer Gott!" kam es wie aus einem Munde. 



120 



Über Novellen jugendlicher Dichter 



VII. Kapitel. 

[Die Offiziere müssen wieder einrücken. Abschiedsfest, zu dem auch Westheim 
gekommen ist. Die Männer sind fröhlich. Berta hat bittere Gedanken wegen des 
Undanks, mit dem den tapferen jüdischen Offizieren gelohnt wird.] 

Berta schaute sie an. Wie sie so lustig waren! Nein, sie wollte sich nicht mehr 
diesen kleinlichen Gedanken hingeben, sie wollte sich dieser ihrer Lieben würdig zeigen. 
Keine Muskel ihres Gesichtes zuckte, nichts verriet den Schmerz, den sie empfand, 
als sie scheinbar ruhig sagte: .Lebt wohl, Ihr Lieben! Kehret gesund wieder heim!" 

Als sie draußen waren, blickten sie noch einmal auf das nun vereinsamte 
Haus zurück. .Lebt wohl, Ihr kindlichen Träume!* sagte leise, kaum vernehmbar, 
Hermann, während Fritz nur Augen für Berta hatte. War das Berta, seine lustige, 
leichtsinnige Berta? Sie stand einer Bildsäule gleich, die stets lachenden Augen 
blickten ernst und wehmütig . . . 

.Lebt wohl, lebt wohl, Ihr Lieben!* 

.Aufs Wiedersehn!" 

Noch ein Kuß, noch ein Händedruck . . . 

Schnell bestiegen sie den Wagen, die Peitsche knallte, die Räder setzten sich 
in Bewegung und die drei Krieger waren den Blicken ihrer Lieben entschwunden. 

Es wehte ein leiser Wind und küßte sanft die Stirn der jungen Helden. Und 
plötzlich heiterten sich die finsteren Gesichter auf, die trotzigen Augen blickten voll 
Siegeszuversicht, und leise sagte einer: 

Wir haben viele Opfer gebracht 

Und müssen noch viele bringen, 

Bis wir sich vereint zu einer Macht, 

Dann können auch wir Freiheitslieder singen! 



Nr. (7). 

In einem Schreibheft als zweites und letztes Stück unmittelbar anschließend an Nr. 6. Besondere 
Titelseite, breiter Rand, sorgfältige Raumausfüllung, keinerlei Verbesserungen; anscheinend aber nicht 
abgeschrieben, sondern Konzept. Gegen Ende zunehmend flüchtiger werdend. Das Heft trägt weder Titel 
noch Namen. Doppelseitig geschrieben; ij Seiten. 

Die Stadt. 

Wie waren deine Augen blau, als ich dich zum erstenmal sah, Frltzl. Wie 
lockten deine Haare in dem Feuer deiner Gazellennächte. O, was war das für eine 
Liebe. Wenn im Morgentau wir auf tanzenden Pferden neben den Vorortbahnen hin- 
schäumten, ging die Sonne strahlend auf. Echos warfen wir weit die Waldtäler hinauf 
und verfolgten uns durch Obststlicke und über Bergabhänge. 

Dort drüben Fritzl war es, wo die Menge lustbeschwingt an die Ufer brandet, 
als zuletzt du entschwandest. Dann fraß dich der schwarze Tod. — Mädchen, ich 
habe dir nie gesagt, daß du mir dasselbe wie viele vor dir warst . . . 

O, wie habe ich diesen Frühling, unheimlich und unsagbar vergessen bei dir. 
Einzigmal, wo ich sein Heraufsteigen verlieren konnte. Warst du doch von solcher 



Über Novellen jugendlicher Dichter 121 

Keuschheit, daß dein Kommen fassungslos mein Weinen in die Kissen zwang. Wie 
ist dies alles voll Taumel. 

Abends fielen Amsellieder um unser einsam Gemach. Ein Knabe fütterte Vögel 
auf einem feuchten Parkweg wo ich lange saß. Ferne noch lenkten meine Schritte 
einen Bogen um seine traurigen Locken. 

In einem Teich liefen viele Rudel Fische lautlos aneinander vorbei. Ein Sturm 
hätte damals kommen müssen, ein solches Zittern war um mich. Aber ich ging doch 
ruhig und voll Demut zurück, wo kleine Beschämung wartete. Lange arbeitete 
schweigsam ein Gärtner in unserem Garten. — 

Einmal nahm mich blauer Himmel auf das Dach. Hinter der Stadt verlor sich die 
Sonne. Dämmerung schenkte mir drei Sterne Einsam war ich über tiefem Geflüster. 
Aber ich fand keinen Zusammenhang. Hinter mir trug ein Knabe die Sehnsüchte 
meiner Jugend. Sein Gesicht schloß sich nach innen. O Reden überall und in jedem 
zu sich, grausam und wollüstig das Lauschen im Walde. 

Nicht lange ist es (wie bin ich beschämt), daß ich gleichgültig und nebenher 
einer Dirne von dem tiefem Empfinden der Knospen vor ihrem Aufbrechen redete, 
was mich vor Jahren nicht schlafen ließ. Heute schmerzt mich, daß ich solches 
preisgeben konnte. 

Dies ist alles, was mir Frucht dieser Monate bedeutet. 

Da warf eine Nacht die Stadt mit Schnee zu. Morgens stand der Himmel auf- 
gewühlt über verschütteten Straßen. O Ski, Fritzi, Rodelbahn war es mir. — Bis zum 
Mittag verschluckte Sonne das empörte Gewölk und nahm allen Schnee von der 
Stadt . . . O Frühling, Frühling, grün überrauscht standen Bäume da. — 

Wer kann die verlorene Sehnsucht wiederbringen? Und du bist fort, Fritzi. 
Warum kommst du nicht und sagst, daß es Lüge sei? 

Mit ihr drüben auf dem Jahrmarkt sein, wie ist mir dies alles vertraut. Strudel, 
Karussels und Luftballone und Gesang von Orgeln. Am Schautheater ruft Trompeten- 
schrei entblößte Mädchen heraus. Immerfort schaut von der Kinderkarussel ein win- 
ziger Clown herab. Seine Hüften sind inbrünstiger gebeugt als bei den Heiligen in 
der gotischen Kirche. 

Kinder warten voll Sehnsucht im Theater, daß der Prinz auf die Bühne kommt. 
Aber du schlägst den Vorhang zurück, weil das Geschrei des Ausrufers nach dir 
verlangt. 

Bebend ist dein Schritt auf den Brettern, wenn du weit vortrittst. Dann tönt 
das Hörn und die Menge sammelt sich zu deinen Füßen. 

Wenn sie deine schönen Beine betrachten, hast du Tränen in den Augen. Da 
dein Blick traurig sich zu mir herabneigt, verschenke ich mich an dich. (Wie mußt 
du einsam sein!) Ich will auf dich warten, bis du fertig bist. 

Mein ganzes Geld werde ich dir heute Nacht geben. Dann wollen wir alles 
vergessen und daß du den ganzen Nachmittag auf den Brettern stehst und Aschen- 
brödel spielst. Wir werden heute Nacht nicht traurig sein. 

Meine blonde Wirtin in der südlichen Stadt hat dasselbe Kopftuch wie du. 
Meine Erinnerung an dort ist trübe, aber wenn ich daran denke, kommt ihr weißes 






122 



Über Novellen jugendlicher Dichter 



Lächeln zu mir. Ich weiß, daß sie gelbe Strümpfe hatte (wie blieb das In mir) und 
von ihrem Manne erzählte sie nie. 

Morgens wenn sie zu mir heraufkam, war sie mir unendlich ferne. Aber sie 
hatte kecke Worte und einen Mund voll süßen Spottes, der alles Trennende über- 
rannte. Doch las sie Ullsteinbücher und nahm mich oft in schmierige Operetten. — 

In einer Woche des Sommers, die schwer und zitternd war vom Blau des Himmels, 
hatte sie das letzte übersprungen und war mit mir geflohen. Dort gab es Wiese, 
Wald und Himmel und Tage, die wie heiße Winde über uns strichen. 

Aber nach einer Zeit toller Wildheit ergriff jäh und unverwandt mich das 
Gefühl von Straßenbahnen und Konzerten. Noch in derselben Nacht verließ ich sie, 
die schlief, in rasendem Verlangen nach solchem, das verzehrender war als das donnernd« 
Uhrwerk der Einsamkeit und mehr voll Überstürzung und Unvorhergesehenem. 

Dann kam die Stadt verquellend vor Buntheit und brünstigem Drang. O Schrei 
vor Bahnhof, Park und Hebekran, Mördern und Kindern, die in Winkeln hungern und 
Männern, die nach Freudenhäusern taumeln, Stadt, wo ich dich fand und wir uns 
verströmten. 

Man wird das folgende Stück, das wir in die II. Gruppe reihen, 
vielleicht noch weniger als Novelle gelten lassen, als manches der anderen 
so bezeichneten Stücke. An anderer Stelle wird noch zu rechtfertigen sein, 
von welchem Gesichtspunkte aus wir die Dichtungen der Jugendlichen 
abzugrenzen versuchen. Hier sei nur wiederholt, daß wir das Wort Novelle 
so weit als möglich gebrauchen, um eine vorläufige Ordnung zu ermög- 
lichen, und bemerkt, daß es unmöglich ist, die Expressionen der Kindheit 
und Jugend nach literaturgeschichtlichen und ästhetischen (oder der Poetik 
entnommenen) Kategorien irgend befriedigend zu bezeichnen oder einzuteilen. 



Nr. (6). 

Manuskript wie ZVr. y, im selben Heft vor 7 stehend. 12 Seiten. Ungekürzt. 

Der Hellige. 

Das Erwachen seines Bewußtseins geschah im Zeichen einer Hure. Als er jäh 
vorstoßend den Traum der Knabenjahre durchbrach, fiel er so In die Flut des Lebens, 
daß umsinkend er die Macht der Sinne für Tage verlor. Genesen begehrte er das 
Leben, das ihn mit solcher Glut umarmt hatte, wieder zu verlassen. Aber so hatte 
sich die Welt in ihn gesaugt, daß schon im Begriff sich den Tod zu geben ihm tief 
aus dem Innern aufsteigender Wille die Waffe ablenkte und die Kugel das Herz nur 
streifte. 

In dreimonatigem Krankenlager warf ihn das Fieber in Weinen und Entfachung. 
Nach Leben und Tod schrie er zugleich mit gleicher Wut, während seine Hand mit 
ungezügelter Sinnlichkeit einen Frauenkörper abzutasten schien. Dann schüttelte er 
den Tod ab, der ihn schon in seiner Gewalt glaubte. Aber obwohl sein Herz tönend 



Über Novellen jugendlicher Dichter 123 

war von der Rundung der Welt, die ihn über den Tod getragen hatte, wagte er doch 
nur am Rand zu schleichen, glühend die Augen vor Marter und geil nach Blendung, 
Denn so sehr tosten seine Sinne, daß sein Atem die Tätigkeit vergaß und er zu 
ersticken drohte. 

Da entschied eine Frau, die seinen Weg kreuzte (was sein qualvolles Hoffen 
war) und riß ihn zum zweitenmal in die aufflammende Welt. Er folgte ihr, die seinen 
Blick im Gefühl seiner Qual annahm. Sie trug zierliche Schuhe und hatte straffe 
Knöchel von der Munterkeit des Windspiels, das sie begleitete. Ihre Beine aber in 
prachtvoller Rundung führten mit solcher Buchtung auffordernd zum Körper hinauf, 
wenn sie einmal Halt machte. 

Das schien ihm das Hirn vor Süßigkeit zerfressen zu wollen. 

Sie ging nach ihrem Landhaus, wohin er folgte. Beide saßen lange einander 
gegenüber. Sie gab ihm vielen Zulaß. Er aber war wie hohles Gefäß. So sehr 
staute sich das Ungeheure in ihm. Aber sie rundete den Mund und warf spitzeres zu 
ihm hinüber. Da sagte er zweimal: Du bist wunderschön... und zitterte. Dann aber 
nahm er sie heiß. 

Er. darauf, noch entfachter, verließ, die seiner Vehemenz nicht standhielt. Sie 
habe zwar einen schönen Körper, sei aber von der Trägheit einer Mulattin. Wo in 
aller Welt gäbe es eine Frau, die in seinem Bette gleichgültig sei. Verachtung 
kräuselte seinen Mund, der sich schon wilder spannte. Denn er, entfesselt, erschnob 
alles, was entfernter war und sich überbot. Das Große war morgen klein. 

Viel zu glühend, um Gewöhnliches zu sehen, blieb ihm das Flache unbekannt. 
Er trat eine Gasse in die Welt stark von ihrem Blute. Er fing Menschen, die er 
schlachtete, damit ihr Todesgelächter ihn ergötze. Seine Sinne zu kühlen, ließ er 
Frauen rauben und Mädchen, damit das Zurückgehaltene der Jugend befreit würde. 
Doch war dies nur Fädieln. Brand stachelte stets unerbittlicher. Ihn zerrte er mit 
solcher Macht, daß er, der keinen Ausweg wußte, sich peitschen ließ, um Linderung 
zu haben. 

Da hob das Unendliche seines Dranges ihn über den Körper hinaus und stieß 
sein Gesicht in andere Richtung. Sich fühlte er, Orchidee im Urwald, voll Brunst nach 
Entfernterm aufblühen aus dem niederen Leben der Anderen. weit die Arme aus- 
zubreiten und die Sehnsucht der Sonne zutrinken. 

Ihm, der bisher Befriedigung des Leibes erwühlte, erwuchs die Größe kos- 
mischen Geschehens. Aber indem sein Wunsch sich stets dahin wandte, wo er das 
Weltall inständiger fassen könnte, widerstand ihm Unmögliches. Er darauf, der Wider- 
stand nicht kannte, schwur solches zu tun, das die Himmel aus dem Gleise 
brächte. 

Räuberbanden, die ihm gefügig waren, warfen nach seinem Wunsche Städte in 
Brand, denn er wollte, daß von den Flammen das Himmelsgewölbe ergriffen würde. 

Sehend, daß ihm dies nicht gelänge, ließ er gesiaute Meere in die lodernden 
Städte stürzen. Denn so fühlte er sich durchdrungen von Scham über seine Ohnmacht, 
daß er glaubte, den triumphierenden Himmel durch den schwelenden Rauch der 
Städte seinem Belieben entziehen zu müssen. 



124 Über Novellen jugendlicher Dichter 

Da versuchte er ein letztes. Man errichtete einen Berg, auf dem er in den 
Himmel einbrechen wollte. 

Aber als er eines Tages sich hinaufbegeben hatte In wildem Drange, wich dieser 
langsam von ihm. Niederfallend fühlte er eine ungeheure Stille ihn umkreisen. Dann 
wuchs eine Stimme aus der Unendlichkeit und schwoll zum Donner an . . . 

— Und Gott trat in Ihn ein . . . 

Er aber erhob sich, gefüllt mit unendlicher Ruhe und der Gnade Gottes, sah 
das Blau des Himmels und die Schluchten der Erde, stieg hinab und begann seine 
Wanderung. 

Die nun folgenden Stücke (in unsere Gruppe III zusammengefaßt) 
enthalten manifest eine ganze Fülle eigenen Erlebens, sind zum Teil Auto- 
biographien. Die nähere Untersuchung wird sie in gewissem Sinn ganz als 
solche erweisen. 

Nr. (8). 

Düse Novelle lügt mir in zwei Fassungen vor: der Reinschrift (8) und dem Konzept (8a). 
Von (8a) wird später zu sprechen sein. Die Reinschrift besteht aus i) Bogen Folio kariertem Schreilt- 
papier, geheftet. Sorgfältig, aber unbeholfen und ungleichmäßig, am Anfang und Ende geduldiger, in der 
MUte sowohl im ganzen als auch innerhalb jedes Kapitels, ßücliliger, und nachlässiger geschrUbcn ■ 
paginiert. Kapitel, Absätze hergestellt. Einseitig bcsclirübcn; Überschriften deutlich, oft verzürt. Eüt 
vom Autor erfundenes zirkelälmliches Symbol (hier durch O ausgedrückt) ist im Manuskript elfmal 
angebracht. - Titelblatt: Obere Hälfte: Aus meinem - O - Leben. Links unten: Gewidmet meinem 
Bruder Rudolf Kolm (der richtige Name, nicht das Pseudonym) am . . . Rechts unten: Karl Kolm 
(der richtige Name, nicht das Pseudonym). 2. Blatt, i. Seite: in der Mitte: i. Teil, Skizze des Romanes 
,Aus meinem Leben". Ausarbeitung folgt, a. Seite in der Mitte: 

„Mögen alle anderen glücklicher 

Und zufriedener und weniger begehrend sein 

Als ich es war, dann werden sü weniger begehrend sein. 

Motto von Karl Kolm im Jalire 191$ gemacht." 

Der Tüel des 2. Teiles nimmt ebenfalls ein eigenes Blatt ein. KorrigUrt. Beträchtlich gekürzt 

I 

Es ist der Monat Mal. Die Bäume werden grün, die Pflanzen beginnen auf- 
zublühn, die Natur duftet, es ist ein herrliches Bild; heute draußen zu wandern und 
die, von Blumen durchtränkte Luft zu genießen, muß eine der schönsten Vergnügungen 
sein. Die Sonne scheint prachtvoll. Wenn wir uns den Menschen als einen Schnee- 
mann vorstellen, dessen äußere Schichte aus Schnee besteht, die innere aus kaltem 
Fleisch, so werden wir bald sehen, wie die Schneehülle schmilzt und das kalte Fleisch 
weich und dehnbar wird. Kurz gesagt, der Mensch beginnt aufzuleben. 

So auch im folgenden Stück, nur hier will ich zeigen, daß der Mensch auf- 
tauen und geschmeidig sein kann, auch innerlich ganz zerrüttet und verbittert 
sein kann. 

Beim offenen Fenster steht Karl Georg, ein Bursch von etwa siebzehn Jahren, 
stramm, aber kein sehr hübsches Gesicht, und schaut mit Vergnügen in die Ferne. 

Das Telephon klingelt — Karl wird zum Telephon gerufen — Hallo 1 wer dort? 
Ah, Grüß dich Gott, Hermann (Bächer), was willst du? Nein, Else kannst du nicht 






Über Novellen jugendlicher Dichter 125 



sprechen, sie ging heute ins Konzerthaus! So, du gehst auch hin? Dann wirst du sie 
treffen. Hallo, Hermann, machen wir morgen einen Ausflug? Und wann? Also um 
acht Uhr in Liesing, ich kann es dir nicht ganz bestimmt versprechen, weil ich 
eigentlich von Purkersdorf Führung habe. Wir werden noch sehen. Aber auf jeden 
Fall treffen wir uns in Laab. Servus Hermann, grüße mir bitte Else im Konzert. 

Minna, bitte, wenn Fräulein Else nach Hause kommt, ihr zu sagen, daß sie 
Herr Bächer um acht Uhr in Liesing erwartet. Sie wird es wahrscheinlich schon 
wissen. Aber sicher ist sicher. Werden sie nicht vergessen es auszurichten? Nein, 
Herr Karl, ich werde es ausrichten. Gute Nacht, Herr Karl. Gute Nacht, Minna. 

II 
Es ist sechs Uhr früh, das Zimmer Karls ist von der Sonne ganz golden 
beleuchtet. — Minna tritt ein und weckt Karl. — Er fährt aus seinen schönsten 
Träumen geschreckt auf und steht auf. Mit dem rechten Fuß zuerst, damit ihm kein 
Unglück im Laufe des Tages widerfährt. Nachdem er sich fertig angezogen und 
gewaschen hat, klopft er beim Zimmer Elses an — nach dem Worte herein öffnet er 
die Türe und sagt Elsen seinen Guten Morgengruß. Else, ein Mädchen von zwanzig 
Jahren, hübsch und schlank, erwidert seinen Guten Morgengruß. — . . . Kaum waren 
sie, nach Lösung zweier Karten, am Bahnsteig angelangt, als der Zug angebraust kam. 
Der Zug war gesteckt voll. Man sah Leute verschiedener Arten nebeneinander sitzen. 
Neben dem Mittelstand saßen Arbeiter mit ihrem Arbeitskittel, dann sah man auch 
auffällig aufgeputzte Mädchen neben einem oder einer Arbeiterin sitzen. Wie lächer- 
lich nahm sich so ein Bild aus. Neben einem Mädchen (einer Arbeiterin) in einfachem 
Kleide, bestehend aus einem Waschstoff und einer einfachen Bluse, die Füße waren 
mit dicken Strümpfen bedeckt und sie trugen feste Schuhe, mit einem einfachen 
Schal deckte sie ihre Bluse, am Haupte trug sie einen Schal, saß ein Mädchen oder 
eine Frau, mit einem Seidenkleid oder sonst einem teuren Stoff, statt der festen 
Strümpfe durchwirkte Seidenstrümpfe mit Lackhalbschuhen, eine andere Bekleidung 
könnte einer solchen Frau wohl schaden; könnte sie nicht das Geld unter Armen 
verteilen? Nein! eine solche Zumutung! Mit diesen Gedanken beschäftigt, suchte Karl 
Hermann. Was war das? Inmitten dieser eben beschriebenen Menge fiel ihm ein 
schönes Mädchen auf, von etwa siebzehn Jahren, sie war in ein einfaches Kleid 
gehüllt und man sah ihr sofort an, daß sie zu der besseren Schicht gehöre. Warum 
kann nicht jedes Mädchen so einfach angezogen sein? dachte sich Karl. 

Inzwischen kam Else auch hinzu und sie sahen Hermann dem Mädchen gegen- 
über sitzen. Grüß dich Gott, Hermann, wie geht es Dir? Oh, ihr seid schon da? 
Servus Else! Servus Karl! Hermann, ein fescher und hübscher Bursch, sagte die 
letzten Worte. Gestatte, daß ich dir meine Schwester Hildegard vorstelle (Hildegard 
war eben jenes Mädchen, die auf Karl einen so tiefen Eindruck gemacht hatte). Deine 
Schwester? fragte Karl ganz erstaunt, freut mich außerordentlich, mit ihrer Bekannt- 
schaft ausgezeichnet zu werden. — Mich nicht! sagte Hildegard schnippisch als Antwort. 

Während Eise und Hermann sich unterhalten, konnte Karl mit Hildegard kaum 
ins Geleise kommen, so sehr war er von ihr eingenommen. Sagen sie mir bitte, 



126 



Über Novellen jugendlicher Dichter 



Georg — Hildegard wurde aber von Hermann und vom Schaffner, die Liesing riefen, 
unterbrochen . . . 

Karl gelang es nicht, mit Hildegard ein längeres Gespräch anzuknüpfen. Daher 
sprach er mit einigen Teilnehmern, welche teils mitgefahren sind, teils in Liesing auf 
Hermann gewartet haben. Nach einem Marsch von zwei Stunden kamen sie in Laab 
an. Laab ist ein schöner im Walde gelegener Ort. Dorten wurden sie von einigen 
Anwesenden herzlichst empfangen. Sagen sie Karl, warum gingen sie nicht von 
Purkersdorf, sie hatten doch Führung? Ja, das stimmt, die Führung übergab ich 
Fritzen, da ich lieber mit Hermann ging. Ich bereue es nicht, da ich sogar die 
Bekanntschaft mit seiner Schwester machte. Ein hübsches Dingerl, nicht wahr, sagte 
der Sprecher Ernst. Ganz nett, antwortete Karl. Wollen wir uns nicht unterhalten, 
Ernst? ... [Es beginnt plötzlich zu regnen. Exkurs über Menschenkenntnis, am Beispiel 
der Wolken erläutert.] . . . 

Wir 1 flüchten uns in die herumliegenden Scheunen, um nicht naß zu werden, 
denn es beginnt schon zu tropfen. Ich mit noch einigen verkriechen uns in eine' 
Scheune, in welcher ein verlassener Postwagen steht. Wer war glücklicher als ich, als 
auf meine Seite — Hildegard kam und mir gegenüber Hermann, Max und Fritz. — 
Kaum saßen wir im Trockenen, als es auch zu gießen anfing. Wir unterhielten uns 
sehr gut. Ein Erlebnis muß ich erwähnen, welches sich im Postwagen abspielte, weil 
es in der Entwicklung von Karls Leben eine ziemlich große Rolle spielen wird, 
nämlich als Hildegard mir ein schwarzes Pflaster auf die Stirn klebte. Ich kam zu 
diesem Pflaster auf folgende Weise: 

Hildegard trug auf der rechten Wange ein schwarzes Pflaster, weil sie in der 
Schule ein englisches Buch lasen, in dem ein Pensionat vorkam, wo alle Mädchen 
ein schwarzes Pflaster trugen. So auch dies nicht nur sie, sondern auch ihre Kolleginnen 
— der Mensch kann seine Abstammung nicht verleugnen. — Sie wurde darüber sehr 
gefrozelt und wurde von allen Anwesenden um eins gebeten, sie gab auch allen eines 
Nur ich schlug ihr es auf ihre Frage ab, das half aber bei ihr nichts. Sie nahm das 
Pflaster und klebte es mir auf die Stirne. Erst nach längerem Suchen konnte ich es 
herunterbekommen. Eine Stunde saßen wir so im Wagen, bis endlich der Regen 
nachließ. Hermann mußte nach Hause gehen. Hildegard wäre ungern mitgegangen, 
da sie aber ohne Hermann am Ausflug nicht bleiben durfte, versprach ihr Hermann 
eine Ausrede zu Hause zu sagen, so daß sie blieb. Wer war froher, sie oder ich? 
Ich glaube niemand! Aber jeder leider aus anderen Gründen! - Else und Hermann 
gingen heim, — um etwas beneidete ich Otto (ein Mann von zirka 35 Jahren) 
sehr, daß er nämlich mit Hildegard Duzfreundschaft schloß — Ich weiß nicht, was 
ich hergegeben hätte, wenn es mir ebenfalls geblüht hätte . . . Hildegard sang den 
ganzen Weg. Ich wollte mit Ihr sprechen — ich konnte nicht - ich fühlte mich 
zu ihr hingezogen — ich war ganz befangen — ich — ich liebte sie. — 

(Wie ich diese Liebe zu ihr verstehe, will ich bald erklären.) Sie sang und ich 
staunte und schaute sie an. Singend kamen wir in Wien an. — Nicht einmal die 

1 Man beachte den plötzlichen Übergang der Darstellung zur ersten Person. 
Von Karl auch bei der Korrektur nicht bemerkt. 



Über Novellen jugendlicher Dichter 127 

Hand, ihre liebe kleine Hand reichte sie mir, aus Stolz? Nein! wir waren zu viele, 
so daß sie Karl übersah. — Mit noch einem Blick verschlang Karl die schöne 
Gestalt, dann war sie ihm aus seinem Gesichtskreis entschwunden, von der Straßen- 
bahn entführt. Ach! wie öde war die Stelle, wo sie eben stand. Karl ging nach Hause 
und dachte an Hildegard. 

Wie einsam er sich fühlte, ach wie einsam weiß nur ich. Wo ich mich wendete, 
stand sie vor mir und schaute mich an. 

III 

Karl glaubte, daß er sie vergessen werde, doch er täuschte sich, denn e r 
dachte Tag und Nacht an sie, an sie, nämlich an Hildegard. Es war schon eine Woche 
verflossen, als ihn in einer Nacht folgendes Gedicht in den Kopf: 

Hildegard mein Lieb, Hildegard mein Lieb 

So tönt es Tag und Nacht 

Werd ich dich wiedersehen? 

Werd ich dich sprechen können? 

Oder bist du so unerreichbar wie die Sterne am Himmel? 

Nur an dich, dich, Hildegard denke ich! 

Der Gedanke an dich ! läßt mich nicht schlafen ! 

Ich habe nur einen Wunsch, mit dir zusammen zu sein 

Hildegard, Hildegard, dich liebe ich! — 

Nein, nicht Liebe ist es, was mich zu dir zieht 

Sehnsucht nennt sich das 

Sehnsucht nach einem Menschen 

Den man lieben darf, und weiß 

Daß man wiedergeliebt wird — 

Nein, nicht die Liebe zweier Brautleute soll es sein 

Nein, es soll die Liebe zweier Freunde sein — 

Wenn dies einmal eintreten sollte 

Weiß ich 

Warum ich geboren worden bin 

Und werde glücklich sein 

Früher nicht. — 

Mit diesen Gedanken schlief Karl spät am Abend ein. 

Als Karl am anderen Morgen zeitlich aufstand, setzte sich Karl sofort zum 
Schreibpult und schrieb das eben erwähnte Gedicht nieder. Doch er hatte recht, als 
er in seinem Gedichte sagte: .Hildegard, du bist so unerreichbar wie die Sterne am 
Himmel." Das Wetter war an diesem Tage regnerisch, trübe und stürmisch . . . — 

Es war zwei Uhr, als Karl sich nach dem Mittagessen in sein kleines Zimmerl 
zurückzieht, sich hinsetzte und über das Problem »Liebe" nachdachte. 

Wie, oder besser gesagt, die Frucht dieses Nachdenkens will ich im folgenden 
wiederzugeben suchen. — 















128 



Über Novellen jugendlicher Dichter 



1) Wie teile ich die Liebe im allgemeinen ein? 
In Freundschafts- und in geschlechtliche Liebe! 

2) Wann spreche ich von Freundschafts- und wann von geschlechtlicher 
Liebe? . . . 

[Lange ausführliche unbeholfene Grübelei mit einem .Beispiel aus der Natur", 
im Sinne der von Seite 69 ff. her bekannten Gedankengänge.) 

. . . Karl konnte diesen Gedankengang nicht mehr fortsetzen, da er weggerufen 
wurde. Als er sich wieder an die Arbeit setzen wollte, hatte er den Faden ganz ver- 
loren und war nicht mehr imstande, diese letzte Frage (4. wann würde ich sagen ein 
oder zwei Menschen [verschiedenen Geschlechts] sind verliebt?) weiter auszuführen. 
(Wenn mir der Leser diese Frage lösen würde, würde ich dankbar sein.) 

IV 

In dem Zustand der Sehnsucht verbrachte Karl die Monate bis zum schönen 
heißen Wonnemonat .Juli*. In dieser Zeit schrieb er ein Gedicht: 

Hildegard, Hildegard du mein Lieb 
Wann werd ich dich wiederschn? 



Nach zirka einer Woche schrieb er wieder: 

Ich bin der Verzweiflung nahe, äußerlich zeig ich es nicht, aber innerlich bin 
ich ganz morsch, täglich bricht ein Balken in mir zusammen. 

Nach vierzehn Tagen: 

Heute ist der letzte Balken in mir gebrochen, ich muß ganz gebückt gehen, 
da doch der einzige Balken, den ich noch besaß, „Ihr" zum Opfer fiel. — An was 
soll ich mich klammern? — Ha, ein Blitzstrahl zuckt durch mein Gehirn und dieser 
Funke sagt mir (der Begriff .Balken" wird erklärt): Bald, bald wird es dir besser 
gehen, du wirst bald wegfahren, weit, weit von Ihr, du wirst sie vergessen, wenn du 
unter andere Menschen kommst. Drum frisch auf und nicht verzagt ! — 

Und wirklich Mitte Juli hieß es, Karl den Rucksack auf den Rücken und hin- 
aus in die Ferne, ans Meer, ans schöne blaue Meer, hinaus in die Ferne, wo Wasser 
und Himmel sich vereinigen. Wer freute sich mehr als ich? Denn ich hoffte, auf 
meinen Gedanken vertrauend, hier ein neues Leben zu beginnen zu können und .Sie", 
nach der ich mich sehnte, zu vergessen. — Doch umsonst. 

Schon glaubte ich, daß ich Hildegard vergessen habe, weil ich mich wohl 
fühlte und ruhig denken konnte Doch eben dieses Denken war mein Verderben. 
Hier nämlich bei der schönen Gegend begann meine gequälte Seele aufzuatmen, ich 
begann zu .denken", zu denken mit der tiefsten Bedeutung des Wortes. Ja, wenn ich 
nicht gedacht hätte, wäre .Sie" mir wahrscheinlich ganz aus dem Gesichtskreis 
entrückt. — Von den Eindrücken, die ich hier empfing und behielt, und wie mein 
erster Gedanke wieder auf sie gerichtet war, will ich im folgenden Abschnitt 
beschreiben . . . 






Über Novellen jugendlicher Dichter 129 

[Erzählt die äußeren Ereignisse bei der Ankunft. Sieht erst am zweiten Tag 
das Meer.] . . . Als ich diese Majestät des Meeres und das wunderbare Naturspiel sah, 
denn die ganze Umgebung wurde anders, vertrauenerweckend, sie erinnerte mich an 
meine Heimat und daher auch an Hildegard, sank ich nieder und sagte andachtsvoll : 
„Die Natur ist Gott." 

Hierauf legte ich mich in den Sand nieder und schloß die Augen und — 
schlief ein. — 

Wie das kam weiß ich nicht zu erklären, es beschlich mich ein Wehmuts- 
gefühl. — , 

Im Traume öffnete ich die Augen, mein Blick wurde starrer, er war nach 
einem Punkt gerichtet. Draußen am Horizont erschien mir Hildegard; sie winkte mir 
ich folgte ihr und stand auf und ging ihr mit offenen Armen entgegen. — 

Doch ein harter Schlag weckte ihn aus der Träumerei. Karl war auf einen der 
Strandkörbe geraten, welche verstreut am Strande lagen. Jetzt wachte ich ganz auf 
und ein einziger Laut war auf seinen Lippen! Hildegard warst Du es oder war es nur 
ein Traum ... Seit dieser Zeit umgab sie mich wieder wie ein Geist. — ... Hildegard 
wurde mein Schutzengel. 

Wie und auf welche Weise will ich im folgenden Kapitel erörtern. 

V 

Hildegard wurde sein Schutzengel. Es wird mich jeder fragen, wieso kam dies? 
Ich will es in einigen Worten erklären und dann über das Innere des Menschen 
sprechen. 

Karl stellte sich vor, daß jede Handlung, ob gut oder schlecht, vor die Ohren 
Hildegards kommen werde und daher war er bemüßigt nur gute Dinge zu tun. Jeden 
Schritt, den er machte, überlegte er, ob er gut sei, und käme dies vor die Ohren 
Hildegards, fragte er sich, würde sie das billigen? Wenn er glaubte, sie würde es 
mißbilligen, unterließ er dies. Ja, Karl verehrte Hildegard so weit, daß er sich einen 
„Talisman' anfertigte, den er aber nach kurzer Zeit wegwerfen mußte, sonst wäre man 
ihm daraufgekommen. Er bestand aus einem Blechstreifen mit ihrem Namen. Kurz 
gesagt er verehrte sie wie eine Göttin. Ich verstehe natürlich nur, daß er sich in 
höchster Verzweiflung an sie wandte und sie um Rat fragte. 

Karl machte mit einem Mädchen Bekanntschaft. Doch man darf ja nicht 
glauben, daß jenes Mädchen ihm dies ersetzen konnte, was er suchte. Er verglich 
Zug um Zug mit denen Hildegards, er fand, daß Hildegard viel edlere, reinere und 
schönere Gesichtszüge besäße als dieses Mädchen. Wahrscheinlich war auch dieses 
Mädchen für den Blick eines „Neutralen" schön. Doch für mich nicht. — Hier kam 
Karl ein rettender Gedanke: Wie wenn er seine Erlebnisse in Form eines Theater- 
stückes niederschriebe? 

Während die anderen sich unterhielten, blieb Karl einsam in seinem Zimmer 
eingesperrt, wo er das Theaterstück überdachte und schrieb. Dieses Stück nahte der 
Vollendung, ein Gedanke fehlte ihm, auszuarbeiten, damit er sagen könne .er sei 
fertig". Er konnte den Gedanken nicht finden, und nicht zusammenreimen mit den 

9 



130 



Über Novellen jugendlicher Dichter 



anderen. Als er sich eines Tages, eben wegen dieses Gedanken das Hirn zermarterte 
und nicht fertig werden konnte, verließ ihn die .Selbstbeherrschung", 
er zerriß das Konzept und warf es ins Feuer. 
[Der Krieg zwingt alle zur Abreise.] 



Dann atmete er auf. — 



VI 

Ich möchte in diesem Kapitel über das Innere des Menschen sprechen und 
zeigen, daß der schon fast gebrochene Mensch auch wiederhergestellt werden kann, 
wenn die Hilfe nicht zu spät kommt. 

Ich denke mir den menschlichen Körper in zwei Teile eingeteilt in einen für 
Gefühle empfindbaren Teil (den inneren Teil) und in einen für Gefühle unempfind- 
baren Teil, sondern nur für ein Empfinden empfindbar. Unter Gefühlen rechne 
ich Liebe und Haß. [Grübelei über den Begriff des .Balken", der im Inneren zusammen- 
stürzt]. 

So war es auch bei Karl, nur daß Karl ganz gebrochen war und daß er kaum 
wiederhergestellt werden könne, wenn nicht bald Hilfe komme. Der seelische 
Zusammensturz wird zwar auf einige Zeit hinausgeschoben, da er des öfteren 
Hildegard sah, aber nicht sprechen konnte. 

In der Zeit des seelischen Zusammenbruches schrieb Karl folgendes (wörtlich 
aus dem Tagebuche aus der Zeit Nov. 14). 

Es war im Monat Mai, als ich ein Mädchen mit Namen Hildegard kennen 
lernte. Ihr Äußeres gefiel mir außerordentlich, gesprochen habe ich mit ihr fast gar 
nichts. Seit dieser Zeit umgibt sie mich wie ein Schleier, wohin ich gehe, wohin ich 
mich wende steht sie vor meinen Augen. Daß ich ihr näher trete Ist unmöglich. Oft 
wenn ich allein gehe, denke ich sie an meiner Seite und führe vielleicht ein 
Gespräch. Der Leser darf nicht meinen, daß ich in Hildegard vielleicht verliebt wäre, 
nein eine Freundin soll sie mir sein nicht mehr und nicht weniger. 

Es kam der Juli [Ende des Schuljahres). Ich dachte jetzt wird es am Lande 
mir besser gehen. Meine Stimmung wurde nicht besser, vielleicht schlechter. Wohl 
lernte ich im Seebad ein Mädchen kennen, doch sie konnte mir dies nicht ersetzen, 
was ich brauchte; wie oft schloß ich mich in mein Zimmer ein, um ein Theaterstück 
zu überdenken, welches mit meinem Leben in Zusammenhang stehen sollte. Nachher 
wurde ich wohl etwas ruhiger, aber diese Wirkung hielt nicht viel länger als eine 
Stunde aus. Daraus erklärt sich auch mein Verhalten gegen meine Mitmenschen. — 
Je länger ich nachdachte, desto wahrscheinlicher klangen die Worte: 

.O Hildegard du bist so unerreichbar wie die Sterne da droben am Himmel" 

in den Ohren. 

Wenn ich am Meeresstrande lag, flogen meine Gedanken weit, weit übers 
Meer zu .Ihr hin*. Jetzt ist es schon November und ich werde von Tag zu Tag 
trauriger. 

Doch bald sollte sich sein Gemüt auf einige Tage aufheitern. 



Über Novellen jugendlicher Dichter 131 



VII 

Hermann wurde infolge eines Sturzes bettlägerig, infolgedessen bekam Else vom 
Postboten einen Brief, in dem er Else und Karl bat, ihn demnächst zu besuchen - 

Heute Nachmittag gingen Else und Karl zu Hermann hin . . . 

Im Zimmer saßen außer Hermann noch Hildegard und noch ein Freund von 
Hermann. Welche Empfindungen Karl dabei empfand, als nämlich Hildegard neben 
ihm zu sitzen kam, kann ich nicht sagen. Karl hatte das Gefühl ihr zu Füßen fallen 
können und Hildegard um ihre Freundschaft zu bitten, wenn niemand dabei gewesen 
wäre. Doch nicht einmal sprechen konnte ich mit ihr, Karls Worte erstarben ihm im 
Munde, so sehr war er von ihr eingenommen. Nur hier und da getraute Karl sich 
Hildegard verstohlen anzuschaun und sich an ihren ernsten Zügen zu ergötzen. 

Nach kurzer Zeit brachen sie auf. Als sich Karl von Hildegard verabschiedete, 
schaute sie ihn an, nickte ihm zu, ja lächelte zu Karl hinüber. In seiner erregten 
Phantasie bildete sich Karl sogar ein, daß — das will ich lieber später schreiben. 

Das war sein glücklichster Tag. Doch die Wirkung des eben geschilderten 
Tages hielt nicht lange an . . . Die letzten Tage der Sommerferien brachte Karl schon 
ganz gebrochen zu. Er fragte sich oft wie er denn eigentlich lernen und seine 
Gedanken auf einen Punkt richten werde können.. Seine Antwort war .Durch Selbst- 
beherrschung . Und wirklich es gelang auch Karl sich halbwegs auf die Schule kon- 
zentrieren zu können. 

VIII 

[Auf einem Schulausflug ist er so völlig in Träumerei an Hildegard versunken, 
daß er laut vor sich hinspricht und das Opfer eines Scherzes seiner Mitschüler wird'. 
Er eilt nach Hause] . . . Schwankend erreichte er seine Wohnung, kaum war er in sein 
Zimmer angelangt, als er mit dem Worte .Hildegard" ohnmächtig zusammenbrach. 

Das war der Anfang einer sehr schweren und langwierigen Krankheit. 

Dank seiner körperlichen Gesundheit überstand er auch die Krank- 
heit ... 

... Als seine Gedanken heller wurden, dachte er an Hildegard, erdachte von der Zeit 
der Bekanntschaft bis zum heutigen Tag. Da fiel ihm vieles ein, unter anderem: Das 
schwarze Pflaster von Laab, den Blick den sie ihm zuwarf, hatte er vielleicht einen 
günstigen Eindruck hinterlassen? - Oh wenn das wäre — denkt sie vielleicht auch 
an mich und hat dieselbe Sehnsucht als ich, und wünscht sie sich vielleicht dasselbe, 
nämlich, daß ich an die denken möchte. — Sicher nicht, sie hat mich ganz gewiß 
vergessen, wie könnte ich mir auch so etwas bloß einbilden? Plötzlich schoß ihm 
der Gedanke durch den Kopf, ist sie es vielleicht nicht wert? daß ich soviel an sie denke? 
Nein, das kann nicht sein, hinweg mit den Gedanken. Wie er so weiter sann, erinnerte 
er sich des Talismans, den er einst hatte, und er nahm sich vor einen neuen 
zusammenzustellen, welches er auch nach seiner Genesung ausführte. Er bestand aus 
einem Stück Papier, in dessen Mitte ein Herz gezeichnet war und In dessen Mitte 
klebte ein schwarzes Pflaster, weiter ist noch ein Ring eingewickelt und die Anfangs- 
buchstaben ihres Namen: ,B H". Das ganze Papier ist eingepackt, zusammengebunden 

9* 






132 



Über Novellen jugendlicher Dichter 



und versiegelt. Den Zweck hatte es, um Karl wenn er eine böse Tat vollbringen 

will, ihn zu mahnen ... .« •_'«.*. - i. 

Von den Folgen der Krankheit genas er wohl, aber von der Sehnsucht nach 
ihr nicht. - So vergingen Monate und Jahre ohne daß er sie sah, vielleicht war es 
gut, vielleicht war es schlecht, wer kann das wissen; Ich nicht. 



II. Teil. 



16 Jahre spater! 

(Kurze Skizze über die mittleren und 

über die letzten Jahre Karl Georg.) 



I 



Sechzehn Jahre später, was konnte man da nicht alles erleben? Wieviel 
Menschen sterben in diesem unendlichen Zeitraum, wieviel Kinder sterben, kommen 
auf die Welt? Unendlich viele! Wieviel Leiden kann man in diesen sechzehn Jahren 
erlitten haben? So auch Karl. 

Karl war Lehrjunge in einer kleinen Fabrik in Böhmen, um das Weben von 
Grund auf kennen zu lernen. Nach Ablauf von zwei Jahren bereiste er das Ausland, 
England, Amerika und Australien. Da er auch in jedem dieser Länder angestellt war, 
brauchte er zirka vier Jahre, um die Reise zu beenden. Als er nach Wien zurückkam, 
hatte er Zelt, sich nach einer passenden Stelle umzusehen. Es gelang ihm auch bald 
in einer großen Fabrik in Deutschland eine Stelle als Buchhalter zu bekommen. An 
vielen Erfahrungen und Kenntnissen reich versehen, gelang es ihm die Zufriedenheit 
seines Chefs und Vorgesetzten zu erringen. Auch durch seine Webkenntnisse leistete 
er der Fabrik große Dienste. Karl stieg von Stufe zu Stufe, als er schließlich im 
34. Lebensjahre erster Direktor ward. Er wurde sogar Teilhaber, da ihn des Fabriks- 
herrn Töchterlein liebte. 

Karl liebte sie gar nicht, er dachte noch immer nur an Hildegard. Als ihm 
Anni, so hieß des Fabriksbesitzers Töchterlein, ihre Liebe zu ihm offenbarte, wehrte 
er sie ab, indem er sagte: .Ich will sie nicht heiraten, da Ich sie nicht unglücklich 
machen will." Da sie aber nicht nachließ und ihn beschwor, daß er sie nicht unglück- 
lich machen solle, sie brauche seine Liebe nicht, sie möchte bloß mit ihm dieselbe 
Luft einatmen. Der Grund, warum Karl doch nachgab, war folgender: Als nämlich 
Anni zu ihm sprach, erinnerte er sich seiner Jugend. Er erinneite sich, daß er doch 
auch nur wegen eines Mädchens unglücklich sei, und sollte es noch einen unglück- 
lichen Menschen mehr geben, nein, das darf nicht sein. Das war der eigentliche 
Grund, warum Karl zusagte. Er hielt um die Hand Annis an, welche ihm auch bereit- 
willig gegeben wurde. Die Hochzeit wurde mit großem Pomp gefeiert. Äußerlich 
zeigte sich Karl fröhlich. Aber innerlich war es ganz schwarz. 

Zwei Jahre waren seit der Hochzeit verflossen und Anni sah, daß er die 
Liebe zu Hildegard noch immer nicht vergessen konnte, ja mit ihrem Spürsinn fand 
sie sogar, daß sie ihn durch ihre Anwesenheit störe. Man darf Karl keine Schuld 
zukommen lassen, daß er vielleicht gegen die Höflichkeit verstieß, nein, er behandelte 
sie sogar sehr aufmerksam. Da sie noch keine Kinder hatten, ließen sie sich scheiden. 



Über Novellen jugendlicher Dichter 133 

Infolge der Scheidung mußte Karl die Fabrik, welche doch seinem Schwiegervater 
gehörte, verlassen, auch sein Gut verließ er und vermachte es seiner gewesenen Frau. 

Karl verließ Deutschland, um nach Wien zu fahren. Er hatte die Absicht zu 
Hildegard zu gehen und sich mit ihr auszusprechen. Doch zu spät sollte er den Mut 
gefunden haben, mit ihr zu sprechen. 

Nach der Ankunft in Wien war Karls erster Weg zu Hildegard. Klopfenden 
Herzens zog er die Glocke. Niemand kam — wieder und wieder läutete er, aber 
niemand öffnete. Voller Zorn ging er zur Hausbesorgerin um sie zu fragen, wann und 
ob die Herrschaften zu sprechen seien. „Oh Jeses, die Herrschaften sind schon vor 
aner Wochen übers Wasser weggefahren. Jo, mit d' Frau Hildegard ihr Mann," ant- 
wortete die Hausbesorgerin. 

Als Karl dies hörte, wurde er leichenblaß und wiederholte die letzten Worte 
der Hausbesorgerin: also nach Amerika sind sie gefahren! Das war eine große 
Erschütterung in seiner Gesundheit, er verfiel in dieselbe Krankheit, wie ehemals, als 
er noch ein Jüngling von siebzehn Jahren. Die Ärzte gaben Karl schon auf, denn sie 
glaubten nicht, einen schon so gebrochenen Mann erhalten zu können. Durch Zufall 
erfuhr Anni von seiner Erkrankung, sie fuhr nach Wien, und ihrer aufopfernden Pflege 
und Liebe gelang es, ihn zu heilen. 

Nach der Krankheit erkannte Karl erst, mit welcher Liebe Anni an ihm hing. 
Er bat sie um Verzeihung und sie heirateten wieder. Seine seelische Verfassung 
konnte sie nicht aufrichten, weil die Unterstützung zu spät kam. 

II 

In dem großen Hause, in welchem Karl Georg wohnte, war es ganz still. Vorüber- 
gehende fragten, wie es dem Herrn ginge. Die Antwort des Dieners war traurig: 
„Mein Herr liegt im Sterben." 

Oben im Sterbezimmer war alles ruhig, nur der Arzt und Anni, welche leise 
vor sich hin weinte, waren im Zimmer. Karl lag ruhig im Bette und atmete schwer. 
Den Vogel des Todes spürte er an seiner Seele nagen. 

Da plötzlich ein Schrei durchbebte die Luft: .Hildegard, Hildegard, bist du 
noch so unerreichbar wie die Sterne am Himmel (er schöpft Atem) oder — werd' ich 
dich im Hi— mm— el wie— der— sehen, Hildegard" — mit diesen Worten hauchte 
Karl im fünfzigsten Lebensjahr seine Seele aus. 

Auf geistigem Gebiete und auf dem Gebiete der Industrie leistete Karl Georg, 
der an sich selber zweifelte, sehr viel. 

Einen Auszug aus seinem Testament will ich auf der anderen Seite auf- 
schreiben. 

Meine treue Pflegerin und Wärterin Anni Georg setze ich als Universalerbin 
meines Vermögens ein, bis auf Kronen zehntausend (10.000—), die ich der Wohl- 
tätigkeit zur Verfügung stelle. Karl Georg. 1 

1 Über dem Namen Karl Georg steht radiert, aber erkennbar Karl Kolms wirk- 
licher Name in Form seiner üblichen Unterschrift! 



134 



Über Novellen jugendlicher Dichter 



Am Ende des Testaments stand noch: 

Mögen meine Kinder glücklicher und zufriedener und weniger begehrend sein 
als ich es war, 

dann werden sie glücklich und zufriedener sein. 



Beim Testament ist zu beachten, daß er Pflegerin und Wärterin und nicht 
Frau schrieb. Wie teuer ihm Hildegard gewesen sein muß, sieht man, daß er sogar 
im letzten Augenblick an sie dachte und mit ihrem Namen im Munde starb. 

Vielleicht ist es sogar besser, daß er sie nicht kennen lernte, weil wenn er 
gesehen hätte, daß er sich täusche, hätte er gewiß ein verbittertes Leben geführt. 

Ich muß mich an das Sprichwort erinnern: 

.Keine Menschen ohne Qualen." 

Eine Fortsetzung zu diesem Roman wird der Roman das Leben unter 
den Menschen bilden. 

Nr. (9). 

Diese Arbeit ist die erste von mehreren, die sich in einem dicken karrierten Schreibheft in Wachs- 
leinwand geheftet befinden. Sie ist mit Bleistift teilweise, mit Tintenstift flüchtig und ohne irgendeine 
Rücksicht auf Gefälligkeit der Form geschrieben, nimmt 62 Seiten des Heftes ein, von denen aber 
zwisclumdurch einige frei geblieben sind, andere mit Notizen heterogener Art, zum Teil stenographisch 
oder mit Kritzeleien gefüllt sind. Das Titelblatt enthält keinen eigentlichen Titel, sondern oben die 
Eintragung : 

Motto : Mögen alle Menschen 

Bescheidener und weniger begehrnd sein 

Als ieh es war und bin, 

Dann werden sie glücklich sein. 

K. Kolm (wirklicher Name als Unterschrift), links unten : Meinem Beichtvater gew. 10. Nov. 19x5. — 
DU zweite Seite des Titelblattes trägt die Eintragung: Die roten Striche bedeuten nichts. Sic rüJiren 
von einer Analyse mit . . . ha: Juni igt 6. KK (als Monogramm). Diese Bemerkung bezieht sich darauf, 
daß ich diese Novelle Phantasien, ebenso wie Kolms Epistel (s. S. 5*), als Grundlage zu Assoziationen 
verwendete und die als Stichworte verwendeten Sätze mit rotem Stift angezeiclmct hatte. Stark gekürzt. 

Pha n t a si en! 

I. Kapitel. 

Du kommst also morgen zu mir, Egon. Ja, aber — kein aber, du kommst 
morgen zu mir. Ich komme, entgegnete der mit Egon Angesprochene. Egon und Karl 
der Sprechende sind junge fesche Leute. Karl ist verheiratet und 32 Jahre alt, wahrend 
Egon an 20 Jahre alt ist. Die beiden Freunde verabredeten sich vor der eleganten 
Villa Karl Kolms. Servus, Karl! — Servus! 

Karl tritt in ein traulich elegant eingerichtetes Zimmer ein. Grüß Gott, Grete! 
Die mit Grete angesprochene Dame ist bildschön und die Gattin Karls. Ah, Servus, 
Karl, bist du auch schon da? Bekomm' ich heute keinen Kuß? Aber so viel du 
willst, mein Schatz, auch zwei, entgegnete Karl, da sind sie! Wann kommen heute 
unsere Kinder aus der Schule? fragte Karl. Fritz und Franz müssen in einer kleinen 
halben Stunde zurück sein. Gut, entgegnete Karl, dann sind wir noch allein. Grete 
setzt sich auf einen Schemel Karl zu Füßen nieder. Hier bei diesem Kamin ist es 






Über Novellen jugendlicher Dichter 135 

sehr warm. Ja, mein Kind, wenn es nicht mittag wäre, sondern Abend, so würde ich 
sagen, im Dunkeln läßt sich gut munkeln. Aber da — na was hast du denn, Grete, du 
machst so ein bittendes Gesicht. Ja, weißt du, Karl — ich — ich möchte — ich 
möchte mit dir in die Fabrik gehen. In die Fabrik? Was dir nicht einfällt. Sie schaute 
mich bittend an und sagte: Bitte, lieber Karl, nimm mich mit, nur bis zum Tor. Gut, 
wenn ich dir damit so eine Freude mache, aber Autofahren gibt es nicht. Das ist ja 
viel besser, so können wir bis in die Fabrik gehen. Was willst du eigentlich von 
mir? fragte verwundert Karl. Mit dir zusammen sein. Der Abend genügt dir nicht und 
die Mittagspause, sagte Karl. — Nein, Karl, Mittag hab ich dich bloß eine kleine, ganz 
kleine Stunde, und am Abend — no, am Abend schreibst du über Religion oder wie 
das Buch heißt. — Grete! Grete! sei mir nicht bös, noch zwei Abende bis vier, dann 
ist mein Manuskript fertig und ich gehöre ganz, ganz dir, mein süßes Weib. O, Karl, der — 
Hörst du die Kleinen kommen, unterbrach Karl Grete. Ja — die Türe wird aufgerissen 
und herein stürmt ein strammer, etwa achtjähriger Knabe, hinter ihm sein sechs- 
jähriger Bruder, jeder mit einem Zettel bewaffnet. Küss' die Hand, Mama und Papa! 
Ja was bringt ihr denn heute mit, fragt Karl. — Die Zeugnisse, antwortete Fritz, der 
ältere . . . [die Kinder werden belobtj ... Es ist angerichtet, gnädige Frau, sagte eine 
eben hereintretende Magd. Zu Tisch, meine Lieben, rief Grete. Auch das Speise- 
zimmer war wie das Wohnzimmer elegant eingerichtet. Bei Tisch wurde wenig 
gesprochen, nur wenn die Kinder etwas besonderes zu erzählen hatten. Vater? Was 
denn? Die Kathl hat uns gestern gesagt, daß die Kinder nicht der Storch, sondern 
ein Wagen die Kinder bringt, ist das wahr? — Karl lächelte. — Nein, Fritz, keines 
von beiden ist wahr, die Mutter hat dich mir geschenkt, wie, das werde ich dir 
vielleicht in fünf Jahren sagen können, wenn du erwachsen bist. Warum jetzt nicht ? 
Weil du zu jung bist, Fritz. Inzwischen war die Mahlzeit beendet und durch das 
Wort „Mahlzeit" hob Grete den Tisch auf. Mahlzeit wiederholten alle im Kreise. Karl 
ging sich indessen seinen Überrock holen und bringt auch Grete alles mit zum Anziehen. 
Du gehst mit dem Vater? fragten die Kinder, du versprachst uns ja in den zoologischen 
Garten zu gehen. In ein bis zwei Stunden bin ich zurück, dann können wir gehen. 
Macht inzwischen die Aufgaben für morgen. Adieu Kinder, adieu Kinder. — Küss' die 
Hand, Mutter. Küss' die Hand, Vater. Küß' die Hand, rief der kleine Fritz nach. 

Grete und Karl gingen durch die Linden, die Königstraße den äußeren 
Bezirken Berlins zu. Sie sprachen über ganz nichtige Dinge, bis Karl, nachdem er 
einen vorübergehenden Mann von 42 Jahren gegrüßt hatte, so nachdenklich wurde, 
daß es Grete auffiel. Was hast du plötzlich Karl — Nichts! doch, sage mir, was ist 
dir. Oh Grete, die Wunde der Erinnerung hat sich geöffnet. Was ist dir Karl? darf 
ich's, dein liebes Weib, nicht wissen? Sie schmiegte sich fest an mich. Gut Grete, 
ich werde es dir erzählen, so höre : Doch vorher einen Kuß Grete. Wenn du wüßtest 
wie ich dich liebe, wie ich mein Leben für das Deinige hingeben würde, du würdest 
mich — mir meinen Mund mit Küssen bedeckend unterbrach Grete den Ausruf Karls 
— Erzähl' mir doch schon! 

»Der Beginn der Erzählung, fing Karl an, fiel in mein 15. Lebensjahr. Zu 
dieser Zeit war nichts da, was mich hätte interessieren können. Beim Wander- 



13 6 Über Novellen jugendlicher Dichter 






vogel . . . [kurze Erklärung, was Wandervogel ist] . . . lernte ich ein Mädchen kennen. 
Mit dem Mädchen, welches Grete hieß, — so wie ich? Ja genau so und schwarze 
Haare und Augen hatte wie du, sprach ich nur wenig, aber einen um so größeren 
Eindruck machte sie auf mich, nicht i h r e Person, sondern ihr Wesen. Sie, näm- 
lich ihr Wesen, wurde mein Ideal. Umsonst suchte ich während der Zeit von 16 Jahren 
bis 22 Jahren nach meinem Ideal. In Wien fand ich es auch nicht. Ich kam in die 
Fabrik deines Onkel nach Berlin, dort lernte ich dich kennen, erst sah ich dich und 
als ich dich sah, wurde mir klar, daß ich deine Liebe gewinnen müßte. Und es gelang 
dir auch, unterbrach Gtete. Ja und ich bin glücklich darob. In der Zeit von 16 bis 22 hatte 
ich viel zu leiden, ich sehnte mich nach Freundschaftslicbe und fand sie nicht, da ich 
mein Ideal nicht fand, und siehst du, dieser, den ich früher grüßte, war ihr Bruder, 
darum meine Traurigkeit, die aber schon wieder weg ist . . . [Indessen er den Begriff 
Freundschaftslicbe erklärt, kommen sie bei der Fabrik an) . . . und Grete fuhr mit 
meinem Auto nach Hause . . . 

II. Kapitel. 

Grete Du? Wieso kommst du zu mir ins Comptoär? Karl, Karl, komm. Grete, was 
ist denn los? Du siehst ja ganz verstört aus. Grete bricht in Tränen aus. Karl, komm 
schnell, Franz ist krank, er hat sehr hohes Fieber — komm, verständigen wir den Arzt. — 

Karl kommt mit dem Arzt aus dem Krankenzimmer . . . [Das Kind hat Scharlach, 
Grete pflegt es aufopfernd gesund] ... — Auch sie verfiel dann in einen langen, 
langen Schlaf, aus dem sie aber nicht mehr erwachte. Sie starb in meinen Armen, 
mir noch einen Kuß auf die Lippen drückend, vor Ermüdung. Zum zweitenmal 
verlor ich mein Ideal, mein Glück, nur noch viel, viel schmerzhafter als das erstemal. 
Kann es jemanden wundern, wenn ich einige Zeit schwermütig wurde, und seelisch 
zerbrach, ja seelisch. Umsonst war das Trösten meiner Kinder, umsonst 
das Ermahnen meines Onkels in die Fabrik zu gehen, umsonst waren meine eigenen 
Ermahnungen, ich blieb kalt gegen alles, ein drei viertel Jahr mußte der Onkel die 
Leitung der Fabrik übernehmen, ein drei viertel Jahr entbehrte ich meiner Kinder, ich 
ging weit weg von der Großstadt, wo ich all das erlebte, weit weg von allen Leuten, 
die mich an das Alte erinnern. 

Was ich in diesen drei viertel Jahr tat und arbeitete, will ich hier erzählen. 
Ich erwähnte vorher, daß ich seelisch gebrochen war und es heute noch bin. Man 
stelle sich bloß einen Menschen vor, der seit seiner Jugend sein Ideal suchte, seine 
Knabenjahre waren durch die Sehnsucht ganz verdorben und als er endlich sein Glück 
und sein Ideal fand, mußte er nach neunjährigem Glück eines Kindes wegen sein 
einziges Glück, seinen einzigen Halt verlieren?... [Schildert noch einmal den 
seelischen Zusammenbruch. Unvermittelte lange Grübelei über .Das Seelenleben des 
Einzelnen hat Einfluß auf seine Mitmenschen*] . . . 

Wenn du lieber Leser bis hier gekommen bist, wirst du sagen, von seelischem 
Niedergang? für diese paar blöde Gedanken. Wenn nur die Gedanken es wären, 
welche mich in der Einöde quälten, wäre es nicht so schlimm, aber bedenke, so mit 
Gedanken verbrachte ich den Tag, aber die Nacht, die lange, schwarze Nacht, vergißt 
du ganz. Meine Qualen heraus zu greifen, die ich in so einer Nacht hatte, wäre 






Über Novellen jugendlicher Dichter 137 



überflüssig, darum will ich einige besondere Nächte meinem Tagebuch entnehmen, damit 
ihr mich verstehen lernt. Unter ihr versteh' ich nicht mehrere Personen, sondern eure 
Empfindungen und eure Gefühle sollen mich kennen lernen, ja die sollen mich ver- 
stehen, nur die . . . Folgendes ist meinem Tagebuch entnommen, welches ich während 
dieses' drei viertel Jahr führte, aur>will ich mir die Daten anzugeben schenken. 

Es war Nacht, finstere Nacht, der Wind heulte draußen im Freien furcht- 
erregend. Ich lag auf meinem Lager, als ich auf meiner Glasscheibe ein Klopfen und 
ein Rufen meines Namens wahrzunehmen glaubte. Ich glaubte, es wäre Grefe, die 
aus dem Tode aufgewacht war. — Ich stand auf — doch nicht Grete war es, die 
klopfte und die mich gerufen hatte, sondern das Pfeifen und das Anschlagen des 
Windes war es gewesen. Wie groß die Enttäuschung war, kann man sich wohl 
denken. Dadurch wurde die Erinnerung an sie wieder lebendiger, so daß ich im Ein- 
schlafen von ihr, die ich nie vergessen werde eingeschlafen bin und von ihr träumte. 
Keine Nacht war ich ruhig, immer denke ich an dich, Grete. Grete, hatte ich nicht 
recht als ich dir einmal sagte: Daß das Glück, das Ideal des Menschen einem gleich 
einem Aal zwischen die Hände durchgleitet. Ich glaubte dich schon fest und du 
entschlüpftest mir dennoch — Grete, Grete, gib mir Lethe zu trinken, damit ich 
vergesse die schreckliche Qual. Schrecklich, schrecklich ist es, heute erschienst du mir 
Grete in einem schönen Traum : warum konnte dies nicht Wirklichkeit sein, daß ich 
mit dir durch die Stadt ging und wir wie jedes. Jahr für unsere Kinder Geschenke 
kauften. Grete? warte auf mich und bleib mir treu, bald, bald treffen sich unsere 
Seelen wieder. Es können vielleicht diese Träume schuld sein, daß ich mit Gott ganz 
uneinig werde und meine Religion innerlich ablege ... Ich begann zwar schon zu 
Grefes Lebzeiten über Religion zu schreiben, aber ich war doch nicht so sicher wie 
ich es heute bin. Das hier angeführte entnehme ich dem ersten Teil eines von mir 
zu Lebzeiten Grefes geschriebenen Romanes .das Mädchen". Dieser Roman behandelt 
zwei Charaktere, einen Mann, der das Leben in vollen Zügen genießen will und 
genießt, und ein Mädchen, welches auf Putz und Geld schaut. Eigentlich ist diese 

Schrift eine Beobachtung . . . 

[Gedanken, Überlegungen und. Grübeleien über Religion, Gott; gipfelnd in dem 
Satz: Wer nicht an Gott denkt, kommt viel weiter als der andere.] 

Wieder so einsam? Warum machst du denn kein Licht? Dein Kämmerlein ist 
dunkel. So, jetzt ist es hell! Schau doch wie schön diese Lampe brennt, das weiße 
Licht, das aus der Birne dringt, das Licht des Lebens, der Weisheit. Sag' mir mal 
was hast du? Ist dir nicht gut, hast du Influenza? Nein, Mutter, keine Influenza, 
Kopfweh habe ich, bitte lösch das Licht aus, es tut meinen Augen so weh, bitte 
Mutter laß mich allein, ich möchte schlafen. Gute Nacht! Gute Nacht, gute Besserung. 
Die Tür fiel ins Schloß. 

Ha, ha, Kopfweh habe ich nicht, sondern Sehnsucht, Sehnsucht nach — nach 

— meinem j— de-al. Und ich träumte einen langen Traum, der meinen ganzen 

vergangenen Lebensabschnitt bildete. Nach einer Stunde und einer drei Viertel wurde 

ich leider, oder besser gesagt, .Gott sei Dank*, durch ein ich will es noch 

nicht verraten, später, lieber Leser, wirst du es selbst lesen. 




138 Über Novellen jugendlicher Dichter 

Schon wieder zwei schlechte Noten in einem Zeugnis ! Jetzt habe ich schon 
lange genug gewartet, es bleibt ja nichts anderes übrig, als dich in die Lehre zu 
geben. Nicht einmal in mein Geschäft kann ich dich eintreten lassen. Ein Bursch, der 
so blöd ist, der — Aber, Johann, unterbrach meine Mutter den Vater. Ihm wird der 
Knopf einige Zeit später aufgehen, versuch es noch einmal mit ihm. Immer dieselben 
Worte, versuch es, versuch es noch einmal. Jetzt ist Schluß mit den Versuchen, er 
kommt in die Lehre und damit Schluß. Vielleicht doch, Johann, er wird sich zusammen- 
nehmen. Nein! Nein! er kommt In die Lehre. Am nächsten Tage war es wahr- 
scheinlich, als Mutter zu mir kam und mir sagte, daß mir Vater doch erlauben werde, 
die Schule zu besuchen, wenn ich ihn nur bäte. Das Telephon klingelte, ich wurde 
zum Apparat gerufen. Es ist Hermann, der mich anrief, ob wir, das heißt meine 
Schwester und ich, nicht morgen auf den Jugendtag kommen möchten. Mit Freuden 
sagte ich ja und mußte sogar eine Führung annehmen. Den Weg auf den Platz, wo 
der Jugendtag abgehalten wurde, übersprang ich im Schlafe. Von dem weiteren 
träumte ich auch bloß Umrisse. Wir kommen oben an; der Himmel öffnete seine 
Schleusen. Wir setzten uns in den Postwagen, ein Mädchen mit Namen Hildegard 
begann zu singen und klebte uns allen ein Pflaster auf die Stirn. Der Regen ließ 
nach und wir gingen ihrer singenden Stimme folgend nach Hause. Bald entführte mir 
die Straßenbahn meine Kameraden. Ein Gewitter erhob sich, ein Donner, ein Blitz 
und getroffen — ich wachte auf, der Donner war ein von mir umgeworfener Sessel. 
Schade, daß ich aufwachte, es wäre zu schön gewesen, mein Leben fertig zu träumen. 
Durch diesen Traum angeregt, bemühte ich mich, wachend den Traum weiter zu 
träumen. Einige Tage sind seit dem oben erwähnten Vorgang vergangen. In meinem 
Innern begann sich ein neues, mir bisher unbekanntes Gefühl zu regen, ich fühlte 
eine Beklemmung, ein Unbehagen, ein nicht beschreibliches Gefühl. Was Ist es, was 
sich da drinnen regt. Oft mußte Ich mir die Frage negativ beantworten, endlich aber 
konnte ich mir sagen, daß es Sehnsucht ist. Sehnsucht nach wem? Nach einer 
Stimme, nach einem Wesen, nach einem Mädchen, nach Freundschaftsliebe. Und dieses 
Wesen, dieses Ideal, das ich suchte, finde ich in Hildegard, der Schwester Hermanns. 
Doch diese Sehnsucht wurde nicht gestillt, doch wisse, Hildegard, auch wenn d u 
nicht d i e bist, die Ich suche, bist d u doch d i e gewesen, die mir den Anstoß 
zur Bildung eines Ideals gab, du warst die, die mir das Leben von einer anderen 
Seite zeigtest . . . 

Vierzehn Tage lernte ich bis zur Bewußtlosigkeit, vierzehn Tage konnte ich an 
sie, die ich wie eine Göttin verehre, nicht denken, doch umsonst, ich konnte nicht an 
sie denken, denn kaum ich ihren Namen aussprach, war ich in den Armen des Orpheus. 

Eine Prüfung trieb die andere, endlich war ich fertig und der Tag der Weih- 
nachtszensur kam. Meine Zensur fiel zwar gut aus, aber in der Spannung, in der ich 
während dieser vierzehn Tage lebte, habe ich, Gott sei Dank, überstanden^ Manche 
Erwachsene halten es wohl für besser zu lernen, als sich ein Ideal grübelnd zurecht- 
zuzimmern. Wohl ist dieses .Zimmern" eine seelische Anstrengung, vielleicht aber 
ist es besser, als zu lernen, denkt man doch ganz anders und lenkt sein Gehirn auf 
eine ganz andere Seite . . . 



Über Novellen jugendlicher Dichter 139 



Und wirklich, frisch gestärkt und munter, erwachte ich von den Strahlen der 
goldenen Sonne geküßt auf. Konnte ein Sterblicher was schöneres träumen als ich? 
Ich werde euch in kurzen Umrissen schildern, was ich träumte: Es war der schöne, 
warme Sommermonat Mai, die Bäume sprießten infolge der Wärme kleine Blättchen. 
Sinnend ging ich neben meiner Schwester durch die belebten Straßen Wiens. Wir 
begegneten Hermann und Hildegard. Ich ging mit H i, während meine Schwester mit 
H e r ging. Es wurde plötzlich Abend, ich ging mit H i allein. Sie legte ihren Arm 
in den meinigen und bat mich, ihr Freund zu sein. Mit Freuden nahm ich es an. War 
es Wunder zu nehmen, daß ich froh und munter war? Doch nicht allzu lange konnte 
ich mich meines Traumes freuen, allzu bald für die kurzen Freuden war ich der 
Sklave der Launen meines Vaters. Was ich an diesem Tage von ihm verlangte, wurde 
mir versagt. Getröstet habe ich mich mit dem schönen, leider unerfüllbaren Traum. 
An diesem Tage, wo mir scheinbar alles verboten wurde, dachte ich nach. 
Alles konnte man mir verbieten zu tun, nur nicht das Denken und Grübeln . . . 

[Ausführlich erzählte Episode einer telephonischen Verabredung, mit Kernhoff 
einen Ausflug auf den Semmering zu machen, wo Karl an Hildegard denkt, Kernhoff 
andeutend seine Liebe zu einem Mädchen gesteht] 

... Es war schon ziemlich spät, als wir vom Semmering abfuhren. Schnell und 
lärmend' fraß unser Zug die Kilometer. Wie seltsam war es, als der lärmende Zug 
plötzlich in der Station K . . . ganz leise fuhr, gleichsam ein Geräusch zu vermeiden, 
das mir vielleicht Hi aus ihrem sanften Schlummer stören könnte. Von der Schönheit 
der Fahrt war ich so hingerissen, daß ich gar keine Zeit hatte, an sie» zu denken, als 
aber der Zug behutsam in der Station K . . . vorbeifuhr, wurde ich, wie schon erwähnt, 
an sie erinnert und ein Gefühl beschlich mich, ein Gefühl der Scham, daß ich nur 
im „Unglück" an sie denke, ein Gefühl, das ich noch einige Zeit in Wien verspürte. 
Vielleicht ist es das Gefühl, das ich dem „Unglücklichfühlen" zuschreiben kann. Dem 
Gefühl der unlöschbaren Sehnsucht. Denn nur einen Moment muß ich an dich denken 
und jedes Mädchen ist mir gleichgültig, jedes schöne Gesicht läßt mich kalt, mir kann 
nicht früher ein Mädchen gefallen, ehe es nicht ein Ebenbild deiner selbst ist. Und 
doch, wenn ich so zurückdenke, muß ich sagen : Zu kurz sind die Momente, die ich 
n i c h t an dich denke. Noch eins, Ludwig Kernhoff schwieg über seine Liebe zu jeder- 
mann, so daß er heute schwerkrank darniederliegt. 

Und ich denke weiter, fast drei Jahre mit blutendem Herzen an mein Ideal. 

Finis. 

Nr. (1). 

Düse Novelle lügt in zwei Ausführungen vor: als Reinschrift (1) und als Konzept (la). Von 
Ja wird später zu berichten sein. Die Reuischrift ist ganz als Buch gestaltet. Sehr sorgfältig auf S 7 lose 
Blätter, paginiert, einseitig geschrieben. Diesen vorangestellt zwei lose Blätter, römisch paginiert : For- 
bemerkung für Leser des Manuskriptes; und ein Widmungsblatt (unpagmurt): Meinem Freunde 
Ernst K. widme ich dieses Buch. Robert Walter (wirklicher Name als Unterschrift). Die untere ■ Hai] U 
des Blattes ist von einer Zeiclmung Ernsts gefüllt, darstellend viereckige Votivtafel auf Stufen mit 
Nüclie, in der ein Aschenkrug steht. Diese S7 , II, I Blätter sind in einem von Ernst gcsclriebenen, 
verzierten und signierten Umschlag vereinigt, dessen erste Seite lautet . . ■ Geschichte einer Jugend . . . von 
Robert Walter (wirkliclier Name), geschildert in den Spätfrühlingsmonaten der Jahre . . . und . . . 
Wien, Juli. Gekürzt. 



140 Über Novellen jugendlicher Dichter 



Falls jemand diesen Manuskriptband lesen will, ohne ihn von mir selbst in die 
Hand bekommen zu haben, so ersuche ich ihn, wenigstens das Folgende zu bemerken: 

Diese Tragödie einer Jugend ist ohne eine Tendenz, ohne irgendwelche Rück- 
sicht auf irgendeinen anderen Leser als auf mich und meinen Freund gedichtet und 
geschrieben. 

Ich kann nur dringend davor warnen, eine Figur der Dichtung mit Personen 
meiner Umgebung oder mit mir selbst identifizieren zu wollen. Es mögen einzelne 
Züge stimmen — keine einzige Gestalt aber lebt so unter meinen Bekannten. Es 
wäre eine ganz fruchtlose Arbeit, die Modelle zu meinen Charakteren zu suchen. Sie 
sind aus unzähligen kleinen und kleinsten Strichen den verschiedensten Menschen, die 
ich kennen zu lernen Gelegenheit hatte, dem Leben nachgedichtet. Nicht nur fruchtlos 
wäre die Arbeit, sondern sie raubte auch dem Leser jeden etwaigen Genuß und brächte 
dem Dichter ungeheuren Verdruß, wenn er von den zudringlichen Fragen der Ver- 
wandten, Bekannten usw. gequält würde, den Wahrheitsgehalt seiner Phantasiegebilde 
anzugeben. Niemand läßt sich gerne in die Karten sehen, am wenigsten der Dichter, 
dessen Werkstätte sein geheimstes Inneres selbst ist. 

Die Ausstattung des Buches, das hier von mir in meiner ohnehin schmierigen 
Schrift in größter Eile abgeschrieben wurde, war gedacht: mit reinen Lateinlettern auf 
rohes, gelbliches Velinpapier gedruckt. Die Schlußzeichen — einfacher ornamentaler 
Schmuck — zeigen durch ihre Größe die Zusammengehörigkeit der einzelnen 
Abschnitte an. 

Den Namen .lphigenie" spreche ich: „I-ph-i-gö-nie" aus. 



Schrill gab die Glocke des Schuldieners das Schlußzeichen. Eine dumpfe Stille 
herrschte auf dem Gange des Gymnasiums. Wie erwartungsvoll standen die Kleider- 
kasten, die Pfeiler, das Stiegengeländer, die Marmortafeln der weiten Halle, die Büste 
des greisen Kaisers. — 

Knarrend wurde eine Klassentüre geöffnet, leises verhaltenes Murmeln drang 
hervor. Der Professor trat heraus, die Brille auf der Nase, die Bücher unterm Arm. 
Kaum war die Schwelle überschritten, hallte von innen das Getöse der befreiten 
Schüler: Pulte klappten auf und zu, Bücher und Hefte wurden geschoben, zusammen- 
gerafft, und da hasteten auch schon die ersten aus dem Zimmer. Auch die anderen 
Klassen leerten sich. Zuerst die ganz Großen, die schon gelernt hatten, die Bücher 
einzupacken, noch ehe der Lehrer das Zimmer verließ. Abgemüdet, abgespannt, 
eilten sie, möglichst bald das graue Haus zu verlassen, wo sie eben vier Stunden 
lang gequält und gelangweilt worden. Dann folgten die Kleineren ; je kleiner desto 
lärmender, lustiger, fröhlicher. In kurzer Zeit waren die Gänge verlassen, nur noch 
ein paar Nachzügler kamen die Stiegen hinunter. 



Vor dem Tore standen die Schüler in Gruppen zerstreut, schwatzend, sprechend, 
schreiend, lachend, raufend, auf ihre Kollegen wartend. — 

Die Gemeinheit! sagte einer, natürlich hab ich einen .Fünfer" gekriegt I 



Über Novellen jugendlicher Dichter 141 



Wieviel Fehler hast du denn? war die Antwort seines Kameraden mit dem 

struppigen roten Haar. 

Ah was: sechs. 

Haha, da hab ich ja Glück gehabt. Der Bompe, der hat mir einen Zettel gegeben 
Und wie ich ihn vergleiche, find ich zehn grobe Fehler bei mir; jetzt krieg ich natürlich 
sehr gut'. So wie bei der letzten Arbeit, haha. - Servus Bompchen, wohin gehst du? 
" Ich lauf jetzt hintern Park; dort kommt bald meine Flamme vorbei. Gehst mit? 

Puh, die Rothaarige? ,, , ,. n . -. 

Ach woher denn! Die ist doch schon lang gespritzt. Kennst du die Paoly? 

Komm schnell, sonst wird es zu spät. 

Du gehst doch auch geliebte Stange? wandte sich Bompe an Robert Walter. 
Nein, ich gehe mit dem Bauer gab Robert Walter zur Antwort. 

SaTeln^Au^ufschtag. der seine Verzweiflung hätte andeuten sollen, eilte 

BOm? U^^Z^!^,ä fragte ein junger Mann in blasiertem näselndem 

Ton seinen Kollegen: 

Also um halb drei im Cafe? 

Bestimmt, versicherte der. 

No Spinoza war Asket, das ist doch klar wie Stiefelwichse^ 

EMrig gestikulierend schrie diese seine neueste These Fritz We.se seinem 

FreUnd j e a 'freilich, glaub es gern; (überlegen lächelnd): mir gibst du dann auch zu, 

d3ß 'C £ tch"tt. Freilich, die kritiklose Bande, das geistige Bildungs 
OÖD el die natürlich, indem sie irgendwo einmal wer weiß in welcher Scharteke oder 
bei welchem schafsköpfigen Universitätsprofessor oder bei welchem gottverlassenen 

» äK t&££fi£ 7nd sah stumpf vor sich hin - Egon r Hk 

trat zu ihm. Die fliegende Röte, die tiefumränderten Augen mit dem stumpfen Blick 
redeten eine deutliche Sprache. 

Walter hast du schon den neuesten Witz gehört? 

Nein. 

Haha, was ist die Schuld der Jungfrau von Orleans? 

Weiß ich's? 

Haha, daß sie einem Engländer das Leben schenkte, haha, hana. 

Ach laß mich doch in Ruhe! sagte Robert Walter flehend. 

Haha, was ist dir über die Leber gelaufen? Ah so, der Doktor Schwerlich. Da 

wArst du aber im Recht. — , ... , . _„ 

Indessen war Karl Bauer die Stiegen herabgekommen und schritt auf sie zu. 
Daß du kommst Karl! Es war Zeit, rief ihm Robert zu 



142 Über Novellen jugendlicher Dichter 



Schweigend gingen die Beiden Karl Bauer und Robert Walter nebeneinander. 
Als sie die schreiende Menge hinter sich hatten, fragte Karl: Warum so schweigsam 
heute? Was ist denn los? 

Ach es ist ja welter nichts, Ich bin nur ein wenig schlecht gelaunt. 

Wie das bei dir schon so zu sein pflegt, von Zeit zu Zeit. Nun, ich kenne das. 
Übrigens ich habe dir verschiedenes zu erzählen . . . 

[Gespräch über Kunst. Robert ist übelgelaunt wegen des Dr. Schwerlich, mit 
dem er einen Zusammenstoß hatte.] 



Robert Walter trat in sein Zimmer. Ganz leise schloß er die Türe. Nun war es 
ihm gleich wohler. So freundlich sahen die vier Wände ihn an, geschmückt mit seinen 
Bildern, seinen Büchern. Freundlich nickte Goethe ihm vom Bücherschrank herab, vom 
Fenster blinkte das Aquarium ihm zu. Lautlos schritt er auf dem weichen Teppich an 
den Schreibtisch und sank in den großen ledernen Lehnstuhl. Des Fensters herab- 
gezogener Vorhang tauchte in laues Dämmern das grüne Tuch mit dem Schreibzeug 
der Mappe, mit all dem vielen Papier und den Heften, Büchern und Broschüren. 
Stille war im Zimmer. Man hätte können die Stäubchen fallen hören. 

Dann wirds in unserm Busen helle 
Im Herzen das sich selber kennt. 
Vernunft fängt wieder an zu sprechen 
Und Hoffnung wieder an zu blühn 

kam es leise über Roberts Lippen; langsam, lechzend, trinkend sprach er jede Silbe 
Dann lehnte er sich zurück und dachte nichts und fühlte nichts. Er sog das Ruhen 
ein durch jede Pore. — 

„Träumst du? Schwärmer I Wie lange willst du noch so hindösen? Auf» 
arbeite, tue etwas! Du hast noch nichts geleistet und du weißt Ja wie bald du 
sterben wirst!« 

H J°, ? Ch0U " ihm in den 0hren - Ein Zucken 8 in 8 durch seI "cn Körper und 
matt blickte er umher. Ach, was weckst du mich ; laß mich ruhen, ruhen. 

Laß mir diese Ruhe, wo die Welt versunken, wo gelöst der Widerspruch, wo 
in Harmonie zerflossen schwebt die Seele über Sheit und Haß und Hader und wie 
dunkle Bäche fließen lautlos leise die Gedanken und auf ihnen schwimmt die Ruhe 
wie ein stiller Schifferkahn . . . 

[Gekürzte Wiedergabe der Tagebuchnotiz S. 25.1 



... Es winken gelbe und blaue Blumen aus dem kurzen Gras . . . [Kurze Land- 
schaftsschilderungj . . . Einem Frühlingsliede gleicht die Landschaft. 

Robert schritt mit seinem Freunde den schmalen Feldsteig hinan. 

Wie herrlich es heute Ist! rief Ernst aus. 

Heute ist ein Tag so reich wie ich nur wenige hatte. Nicht ohne Ärgernis und 
auch nicht mit den schönsten reinsten Stimmungen, die mir geschenkt waren, aber 
reich an Erlebnissen; an innerem Zuwachs. 



Über Novellen jugendlicher Dichter 143 

Ein Abenteuer, zwei Einfälle, drei Ideen, vier Gedanken, fünf Stimmungen, 
sechs Gedichte, sieben Gespräche, usw., das hast du schon gestanden. Wahrscheinlich 
auch noch zehn Erinnerungen an Hella. 
Du hast leicht lachen Spötter! 

Robert blickte sich scheu um, dann gingen sie eine Weile stumm neben- 
einander. 

Ich bitte dich, fing Robert wieder an, nenne sie nie bei ihrem Namen. Wir 
hatten es doch ausgemacht: Hero soll sie unter uns heißen. — Ich hatte es vergessen. 
Übrigens was liegt daran? — Es könnte uns jemand hören. — Und? — Und das 
könnte ihr Unannehmlichkeiten bereiten. Man weiß es nie, woraus nicht noch ein 
Übles entsteht. — Schwersinn! murmelte Ernst lächelnd. 

Meine Kollegen verstehe ich nicht. Sie sprechen so unbesorgt, als wäre es gar 
nichts, von ihrer .Flamme", von .Ihr"., von ihrer .Liebe" und weiß ich wie sie es 
noch nennen. Sie protzen mit mehr oder minder wahren Liebesabenteuern. Dazu 
lügen sie noch so plump, so geschmacklos. Nun erst die Verse! Das Intimste kann 
man von ihnen zu hören bekommen, wenn nicht in Prosa, so doch in Versen. 
Von dir auch mein Freund. 

Ja dir, dir sage ich freilich alles. Aber das äst etwas anderes. 
Natürlich! ich hatte bloß gescherzt. y 

Einer deiner berühmten Trockenwitze. — Um zurückzukommen. Das schwätzt 
drauf los, sagt volle Namen und bedenkt nichts. 

Auch mir gefällt das Treiben nicht. Doch sage, was ist denn so Arges, wenn 
ein junger Mensch eine noch jüngere Menschin anschwärmt? 

Daran ist gar nichts Arges. Ganz im Gegenteil, das ist wunderschön. 
Aha, spöttelte Ernst. Und wenn's die Anderen auch wissen, kommt sie gleich 
um ihre Ehre, um den guten Ruf? Ich glaube es macht den Mädels Freude. Die 
Jungen protzen, wie oft ihr Herz gebrochen, die Mädchen wieviel sie brachen. 

Du bist heute wieder einmal unangenehm gut aufgelegt. — Stimmt auffallend. — 
Wenn ich dich nicht so gut kennte, wenn ich nicht wüßte, daß du die fadesten 
Witze machen mußt, wenn dir wohl ist, würde ich mir überlegen heute weiter zu 
sprechen so aber sage ich getrost meine Gedanken. Du meinst es mache den 
Mädchen Freude? Es zu wissen? ja; aber es auszuposaunen? nein. Weißt du, dieses 
.Anschwärmen", wie du es nennst, das ist — zumindest bei mir — so wunderfein, 
so zart, so hingehaucht wie Veilchenduft . . . wenn du dir dessen auch nur bewußt 
wirst, ist es fort. Ganz fort. Es duldet kein Anschauen, nicht einmal Fühlen, nur 
Empfinden, nur empfinden. Sonst ist es, fort. 

Ich dachte, du könntest das gar nicht mehr, du seist stets bewußt. 
Leider ist es so. Nur wenige geheiligte Augenblicke lang, da kann ich's In 
mich saugen ohne Denken, das Erinnern. Bald aber kommt das Denken wieder und 
dann freilich ist es aus. 

In langsam getragenem Schweben wallte ein großer dunkler Falter an ihnen 
vorbei. Sinnend blickten ihm beide nach, bis er verschwand. — Da fragte Robert 
unvermutet: 



. 



144 



Über Novellen jugendlicher Dichter 




Glaubst du nicht auch, daß es verpflichtet, das es heilig ist, Ernst? 

Was? 

Nun, das, das .Schwärmen*, wie du es nennst, natürlich. 

Ich verstehe nicht wie du das meinst. 

Sieh, wenn ich mich so an sie erinnere, wenn ich sie vor mir sehe und jede 
Bewegung nochmals erlebe, wenn ich den Klang, den silberhellen Klang ihres Lachens 
höre, wenn ich ihre Hände nochmals fühle und ihre Augen sehe, wenn sie so um 
mich schwebt in jedem Leid und in Stunden der Andacht, im Walde, bei meinen 
Büchern, sag ist das nicht das Innigste, das Reinste und das Schönste? Ist das nicht 
heilig? —Und wenn ich denke, das sollte ich einem Dritten sagen — mir wäre es als 
hätte ich sie ermordet. — 

Der wunderherrlichstc Frühlingstag geht zu Ende . . . [Rhythmische Schilderung 
des Sonnenunterganges] ... die Gefilde und nun ruhen sie wie ein ungeschriebenes 
Gedicht. 

Auf dem Gipfel des Hügels standen die Beiden und waren in den Anblick des 
Sonnenunterganges versunken. Robert sagte: 

Wie schön nehmen sich die Villen hier unten aus; die lichten Wände und 
kleinen Dächer zwischen dem Grün der Gärten; Jetzt alles in diesen unaussprech- 
lichen Farbenton getaucht, wie schön. 

Und daneben Fabriken und schmutzige Arbeitskasernen, erwiderte Ernst .. . 
[Gespräch über die soziale Frage; gipfelnd:] Wir, wir wollen handeln. Hier an diesem 
Orte schlössen wir einst einen Bund der Duldsamkeit und Menschlichkeit. Heute 
heben wir als drittes auf unsern Schild die Tat! 

Die reife Tat, — Wenn wir erst Männer sind! 



[Es folgt eine Skizze, die seine Phantasien vor dem Einschlafen erzählt, in 
denen er Hero .befleckt".] 



... Servus Walter! Guten Morgen! Grüß dichl Carissime, Teuerster! schallte 
es Robert von allen Seiten entgegen, als er am nächsten Tage das Schulzimmer 
betrat. 

Guten Morgen! rief er und warf Uberlustig die Bücher über vier Bänke weg 
bis an seinen Platz. Wie gehts, wie stehts? Nun Bompchen, wie geht es ihr? . . . 

[Schülergespräche vor Beginn der Stunde] ... Da mengte sich Robert auch in 
das Gespräch: 

Ihr sollt mir den Maler nicht schelten! Glaubt ihr etwa, weil er wirklich denkt 
und nicht bloß schwätzt wie ihr könne er euch zum Spott dienen? Freilich ihr mit 
euren rohen Sinnen wißt es nicht wie tief ihr ihm wehe tun könnt. 

Das wollt ich nicht. Ich nehm's zurück. 

Bravo, da zeigst du dich wieder, Bompchen. — Übrigens Kinder, heute muß 
etwas geschehen. Ich schäume über vor Frohsinn ... ich könnte euch ermorden vor 
Freude . . . 



Über Novellen jugendlicher Dichter 145 

Worüber denn? 

Weiß ich nicht. Das ist nun so: gestern war ich sentimental wie ein mond- 
süchtiger Backfisch und heute ist mir so kannibalisch wohl als wie fünfhundert 
Säuen. 

Die andern schrieen im Chorus mit, hieben auf die Pulte und stampften mit 
den Füßen. 

Doktor Schwerlich trat ein. Mit Donnerstimme schrie er: Bande, was für Lärm 
machen Sie da? Sie benehmen sich wie die Lausbuben. 

Selbst einer, murmelte Bompe. 

Robert raunte ihm zu: Du dem jungen Laffen versetze ich heute eins, wie wir 
es noch nie erlebten . . . 



... Dr. Schwerlich prüfte aus dem Vergil. Er verstand es, seine Schüler mit 
ausgesuchtester Langeweile zu quälen. Nur bei Robert Walter und seinem Nachbarn 
mißlang es ihm; die zwei konnten sich nicht langweilen. 

Bompe nahm lilafarbenes Briefpapier und schrieb einen feurigen Brief an seine 

Geliebte. 

Robert stützte den Kopf in die Hand und führte seine Gedanken spazieren. Er 
führte sie zum Fenster hinaus auf das rote Ziegeldach des Nachbarhauses, die Rinne 
entlang, bis zum nächsten Haus; von da an gingen sie allein ihren Weg. Hurtig 
kletterten sie über Ziegel und Schiefer, Wetterfahnen und Blitzableiter, über Giebel 
und Schornsteine, mit dem ringelnden Rauche schwebten sie zu den Wolken und 
eilten fort, fort aus der Stadt. In die Wälder und Auen, auf die blumenreiche Wiese, 
hin zum niedern Hügel, wo sie so oft die schönsten Stunden mit Erinnerungen 
zugebracht an Hero. Hero? — erbebte es in Roberts Seele und leise zitterte es nach, 
j-j er0 _ Hero — und tastend und fragend zuckte es: Hero? — Da schrie es auf in 
ihm: Entehrt hast du sie gestern! In ihm wehrte es sich flehend: zum erstenmal. 
Hohnlachend kam die Antwort: zum letztenmal? Und gellend heulte es: sie hast du 
gemordet! Da raffte er sich auf: Pah, in Gedanken, nur in Gedanken, und er atmete 
erleichtert. Nur in Gedanken? tobte es rasend. Wie willst du sonst Gedanken töten? 
Gedanken sind Wahrheit, Wahrheit ist Gedanke. Hella ist deine Hero nicht. Hero ist 
dein, sie war dein, dein Gedanke, du hast sie getötet, entehrt? — Robert seufzte 
tief auf. 

Sollen wir die Rettungsgesellschaft holen lassen, Walter? fragte Dr. Schwerlich 
und in rohem Gelächter erklang das Zimmer. 

Robert blieb sitzen und starrte vor sich hin. Weiter ging das Geplätscher der 
Rede des Dr. Schwerlich. Robert wurde es dumpf. Das muß anders werden! Im 
Grunde genommen bin ich heute gut gelaunt, ich muß gut gelaunt sein, ich will 
es. Das vorhin war eine Dummheit. Ich bin fröhlich und heute muß etwas geschehen; 
es muß heute etwas geschehen! 

Dr. Schwerlich donnerte einen Schüler an, der eben beim Lesen eines Romans 
ertappt wurde. Sie müssen aufmerken. Wen's nicht interessiert, der soll weggehen, 
aber nicht stören. 

10 



. 



146 Über Novellen jugendlicher Dichter 



Jetzt muß es geschehen, dachte Robert. Er stand auf und ging zur Tür. 

Bebend schrie Dr. Schwerlich: Was tun Sie? 

Ich befolge Ihr Gebot, Herr Doktor; Ihre Vortragsweise langweilt mich, ich 
gehe weg, war die ruhige Antwort. 

Sie bleiben hier! preßte Dr. Schwerlich hervor, schäumend vor Wut. 

Es ist mir neu, daß Lehrer alle zwei Minuten Ihre Verordnungen ändern. 
Ich gehe. Und Robert verließ das Zimmer. / 



hastig mit zitternder Hand erbrach er das Kouvert. 



Vor dem Gymnasium standen einige junge Leute in eifrigem Gespräch. Karl 
Bauer mit den Streberaugen und Josef Maler mit dem dunklen tiefen Blick, 
Friedrich Sageberg, der lange Blonde und Robert Walter. Eben sprach Sageberg: 

Das Deutschtum in der Ostmark steht in Gefahr . . . [Gespräch über die 
nationale Frage, in dem Robert den Menschheitsgedanken vertritt, mit den Sätzen 
endend : ... das ist ein Schwindel, nicht aus Gefühl bist du national. Aus Eitelkeit 
bist du es. Deiner Eitelkeit schmeichelt es .das Deutschtum zu wahren*. So ist es, 
nicht anders. — Schade, daß ich eben jetzt fort muß. Doch ich werde erwartet. Auf 
Wiedersehen, ihr alle! 

Robert bog in eine Seitengasse ein. Hier ist es wenigstens ruhig; keine Auto- 
mobile, keine Elektrischen, kein Stoßen, Rennen, Hasten, Schreien, sondern Ruhe, Ein- 
samkeit. Und immer weiter entfernte er sich von der Hauptstraße. Zwar der 

Stadtpark liegt an ihr und der Umweg ist bedeutend, . . . doch dort in dem 

Eckhaus wohnt Hero. — Ach, Unsinn, deshalb ging er nicht hin, ach nein, wegen 

der Allee, dann ist hier weniger Staub, auch die Häuser sind schöner hier. 

Hier wohnt sie. — Und langsam ging er vorüber, mit einem langen Blick die Fenster- 
reihen streifend. Niemand, murmelte er; ihm war's wie eine getäuschte 

Hoffnung. 






Lächelnd schlenderte Robert aus dem Gymnasium. Nun, das war schon etwas, 
das Abenteuer mit Dr. Schwerlich, aber noch lange nicht genug. Zu wenig! Ich 
brauche noch mehr. Abwechslung muß ich haben . . . 

Auf Umwegen kam er nach Hause. In seinem Zimmer lag ein Brief. Robert 
nahm ihn in die Hand, ihn aufzureißen . . . 

Wie, wenn er Trauriges enthielte wie jener Brief mit der schrecklichen Todes- 
nachricht der Schwester? Er zögerte zu öffnen. Oder wie jener Brief von Ernst mit 
jener schmerzlichen Verleumdung? — Warum soll er Böses .tenthalten? Vielleicht ist es 
einer von den schönen, die wir wieder und wieder lesen, die Sonnenschein über 
Tage gießen, wenn wir in der Fremde sind. Vielleicht ist er so wie jene, die er am 
Meer von Ernst erhielt, von seiner Schwester. Vielleicht bringt er noch einmal die 
jubelnde Seligkeit wie jener Einzige, den er von Heros Hand erhalten hatte. — Und 



Über Novellen jugendlicher Dichter 147 

Da weckte ihn ein lautes „Servus!" aus seinen Gedanken. Es war Bompe, der 
ihn fragte: Wohin gehst du? — Auf Abenteuer. — Ha, da geh ich mit. — Danke, 
ich habe Geschäfte, die man allein abtun kann. — Soweit bist du schon? da gratuliere 
ich. — Nein, im Gegenteil, ganz im Anfang erst. 

Ah so; na, übrigens, die Extreme berühren sich. Wo ist also das 
Rendez- Vous? 

Nicht dort, wo du die deinen hast. 

Nicht im Vorpark? Schade, dort kenne ich mich aus. — Halt, Donnerwetter, das dort 
ist meine Flamme. Komm, gehen wir hier in die Nebengasse, um ihr vorzukommen; 
dann begleite ich sie. Du, ich sage dir, das ist ein reizendes Mädchen! Reizend in 
der Urbedeutung des Wortes. Haha, die Füßchen ! . . . Und gestern saß ich auf der 
Bank ihr gegenüber. Sie versteht's ein Kleid zu halten, ah — die Strümpfe wie 

Spinnweb. 

Leider habe ich keine Zeit weiter mit dir zu gehen. Verzeihe. Adieu. 

Was für ein geiler Mensch ist das! Mir wurde es wieder ganz dumpf als ich 
ihn sprechen hörte . . . 

Ha, ist das nicht Hero dort? fragte er sich freudig-bang. Ja, Hero, Hero, 
Hero, sang es in ihm. Sie wird vorübergehen, ich werde grüßen, sie wird lächelnd 
nicken, so wie sonst. Wie sonst. Wie sonst ist's heute nicht mehr. — 

Sie näherte sich, seine Kniee wollten nicht mehr tragen, er mußte ganz lang- 
sam gehen. Sie ging an ihm vorbei und hastig grüßte er. Die Hände mochte er ihr 
küssen und „Verzeihung!" bitten. — Fort ist sie. — Hat sie gelächelt? Blitzte nicht 
die Freude in ihren Augen? Er wußte es nicht; er wußte nicht einmal, ob sie schön 
war oder häßlich; er wußte gar nichts. Glückseligkeit und Scham hatten einen 
Schleier vor seine Augen gebreitet. Glückseligkeit sie zu sehen, und Scham wegen 
des häßlichen Traumes. 

Langsam ging Robert dem Stadtpark zu. 

Ich bin doch neugierig, wer das wohl ist, die mir geschrieben hat. Ich bin 
nur froh, daß sich mir das zuträgt. Es war mir wirklich schon zu öde. Zwar diese 
Art ist häßlich jemand kennen lernen zu wollen. Einen Unbekannten sich hinbestellen 
zu bestimmter Zeit, um mit ihm zu sprechen, das ist so, so, so dirnenhaft. Das 
könnte ich nie. Weiß Gott, wer der Mensch ist, und ihn mir auf den Hals binden, 
brr. — Niemals wäre ich einer solchen Einladung gefolgt, doch Abwechslung — ah 
die Blumenhandlung. Ich nehme mir eine Knospe fürs Knopfloch . . . 

Da wäre ich ja. Hier ist der Wintergarten, hier der Teich, dort das Erlen- 
gebüsch, dort muß auch die Bank sein. Ah dort sitzt sie ja. Hero? Hero! 

Die Freude peitschte seinen Atem, das Blatt der Rose entglitt seiner Hand. 

Hero, endlich endlich kann ich sie sprechen, frei und offen und lang; dort auf 
der Bank werden wir sitzen und sie wird erzählen. Sie wird mir scherzen und lachen 
und ich, ich werde Seligkeit von ihren Lippen nippen. Sie liebt mich! Mehr als ich 
geahnt! Rasch, rasch, wer weiß, wie lange sie wartet. 

Das Blatt der Rose streifte raschelnd den Kies. 

10* 






■ 



148 



Über Novellen jugendlicher Dichter 



Wartet? Sie wartet. Sie hat mich herbestellt. Wenn sie das bei anderen — bei 
Gewissenloseren — 

Er wagte nicht es auszudenken. 

Das habe ich gehört, schon oft gehört, von dem und von jenem: Hella Garsten 
ist ein leichtfertiges Ding. Hella Garsten verkehrt mit vielen. Mir ward es niemals 
klar, daß Hella Garsten Hero ist! Ich hab es nie geglaubt. Und jetzt? — 

Eilend ging er an ihr vorüber. Sie lächelte, zu grüßen bereit. Da sah er wieder 
jenen Zug um ihren Mund, der ihm immer so bekannt schien, und der bei ihr ihn 
immer angezogen, und jetzt wußte er bei welchen Weibern er ihn gesehen hatte. Und 
jetzt verstand er jenen Blick, der ihn den ganzen Abgrund des Menschendaseins 
ahnen lassen, als sie noch beide Kinder waren. Er sah sie an mit dem Blick eines 
Sterbenden und grüßte nicht. 

Dann blieb er stehen und sah sie aus der Ferne nochmals an. So schaut man, 
wenn man Gott fallen sieht. 

Müde setzte sich Robert unter eine uralte Platane. Ach, ihr Gedanken, laßt 
mich doch, flehte er matt. Was heult ihr stets; das ist deine Hero, deine, haha! Ach 
laßt mich! ich hab es längst gewußt, doch glauben konnte ich es nicht. Und ich 
glaub's noch immer nicht. 

Seine Augen irrten umher. 

Dem dort am Arme seiner Geliebten ist es wohl leichter als mir. Hochberg — 
und Hero! Mit diesem hohlen Menschen . . . 





Da steht sie vor ihm, so wie er vor drei Jahren sie zum erstenmale sah im 
weißen Frühlingskleid mit blauer Atlasschleife, die Augen voller Lust und Übermut, 
mit den jubelnden blonden Zöpfen. Er fühlt wieder die neue fremde Seligkeit des 
schwermütigen Knabenherzens. Dann jener Spaziergang mit ihr; wie sie den steifen 
Knaben belebte! Wie sie sprang und sang und lachte. Ihm war's so wohl in ihrer 
Gegenwart wie im Frühlingssonnenschein. Er wagte nie sie anzusprechen, sie immer 
sprach das erste Wort. Er sah sie oft und jedesmal entwuchs er mehr dem Erdenleid. 
Dann fuhr sie fort. Nun wußte er, daß er sie liebte. Das war der längste Sommer 
seines Lebens. Endlich kam sie wieder. Jauchzend im Herzen kam er ihr entgegen. 
Sie reichte ihre Hand und drückte kurz die seine: ein Strahl der Wonne ließ seine 
Seele tief erbeben. Und dann der'Nachmittag, an dem sie zu seiner Schwester kam 
und nach ihm fragte und wie sie dann .Maria Stuart" lasen. Er hörte ihrer Stimme 
silberhellen Klang; was er gelesen, wie, das wüßt er kaum zu sagen. Als sie dann 
lächelnd „danke" sagte, da schwanden ihm die Sinne fast. Das alles sieht er klar und 
deutlich vor sich schweben und nochmals fühlt er das Glück, das er damals fühlte, 
als sie so innig ihm zu seiner Prüfung nur das Beste wünschte. Aber bittre Gegen- 
wart mengt sich dazwischen. Dann sieht er sie wie sie Abschied nahmen. Im Winter 
war es. Eine braune Kapuze umrahmte ihr Gesicht, die blonden Haare fielen in die 
Stirne, von feinen silbernen Kriställchen dicht besät. Sie sah ihn an mit einem Blicke 
voller Haß und Liebe, fragend und erweckend, unergründlich wie die Himmelskuppel 
bei Sommersonnenuntergang. So lebte ihr Büd in ihm die ganze lange sehnsuchts- 



r 



Über Novellen jugendlicher Dichter 149 



volle Zeit der Trennung lang. Spät erst sahen sie sich wieder. Wie hatte er auf diesen 
Augenblick geharrt. Er kam — sie waren nicht mehr unbefangen und sprachen keine 
Silbe: sie waren reif geworden. Wenn sie von damals an an seinem Hause vorüber- 
ging, stand er hinter den Gardinen und blickte ihr nach, bis sie verschwand. Vor 
Sehnsucht ward er krank; wenn er sie sah, so floh er sie. Noch immer tats ihm wie 
Maiensonne wohl, wenn er sie sah, wenn er ihrer dachte, doch floh er sie. Und 

heute 

Schwer seufzend stand er auf und schritt langsam, dumpf durch den Park. 



[Abendstimmung] . . . Dort stand ein Mädchen, unbeweglich, schön, als hätte 
eben erst das Abenddämmern sie geboren. Träumerisch blickte sie nach Westen, als 
suchte sie das ferne Land der Griechen wie einst Iphigenie. 

Gebannt blieb Robert stehen und sog das Bild in sich. Das Mädchen sah ihn 

an mit einem ruhigen, mit einem sanften Blick. Da grüßte er sie er wußte 

nicht warum, er mußte so — er grüßte sie, wie ein frommer Mann den Tempel 
Gottes grüßt. 

Einen Monat später schrieb Robert in sein Tagebuch: 

Ich bin der Sturm, der heulend braust durch Wald und Tal und Meer und 
Land; ich bin der West, der pfeifend tost in Dorf und Stadt und Haus; ich bin das 
Meer, das ohne Rast und ewig wogt; ich bin die Flut, die stets umsonst am Fels 
anprallt und seewärts flieht. 

Du bist das linde Luftgekräusel, das Wies und Flur und Hag durchkreist, du 
bist des Walds Geflüster, das kosend um die Blumen spielt; du bist das Licht, das 
ewig hehr das AU durchdringt, du bist der Frühlingsstrahl, der neues Leben weckt. 

Wann o wann flaut ab der wilde Sturm zum milden Maienwind? Wann o wann 
wird einst dem dunklen Meer das fremde Licht zum Trost? 



Hingestreckt in das hohe weiche Gras lag Robert am Waldessaum, summte 
fröhlich vor sich hin, mit den Fingern den Takt schlagend und sah die Wolken 
eilends ziehen. 

Stumpfsinn! Stumpfsinn! sang es aus dem Walde. 

Jubelnd sprang Robert auf. Ernst! Ernst! Wie herrlich, daß du gekommen bist. 

Warum? — Weil ich glücklich bin, glücklich! Und nicht allein glücklich sein 
kann! — Nun so komm. Setzen wir uns nieder und du, Glücklicher, teile mit mir. — 
Ich möchte den Himmel küssen und den lieben Gott umarmen ... — Was ist dir 
denn geschehen? Mache mich nicht neugierig. — Gar nichts Neues hat sich ereignet. 
Nur was ich schon weiß, was du schon weißt: ich Hebe sie so unaussprechlich und 
sie liebt mich. — Berta, Pardon, Iphigenie? — Und heute werde ich sie wieder 
sprechen. Sie kommt wieder zu mir. So wie die letzten Male, du weißt es ja. — 
Und ihr werdet wieder so gelehrt sprechen. — Nicht gelehrt, aber innig und herzlich . . . 



150 Über Novellen jugendlicher Dichter 



Hand in Hand ging Robert mit Iphigenie auf dem weichen Moos des Waldes. 
Über ihnen wölbte sich hoch die grüne Kuppel ... Um sie zitterte der Schein reiner 

Menschlichkeit. 

Ihr in das tiefe Auge blickend, fragte Robert: Und glaubst du, daß sie kommen 

werden, deine neuen Menschen? 

Lebhaft rief sie aus: Ja sie werden kommen, sie müssen kommen ... [Gespräch 

über die neuen Menschen.] 

Ernst saß ein paar Wochen darauf die Beine übereinandergeschlagen im bequemen 
Lehnstuhl in Roberts Zimmer und rauchte eine Zigarette. Robert blätterte ungeduldig 
in einem dicken Bande : 

Ich kann's nicht finden; ich suche nun schon lange genug und schlage immer 

dieselben Seiten auf. 

Mensch, es gibt auch Register auf der Welt! 

Robert sah ihn an, als hörte er dasWort zum erstenmal. Dann lachten sie beide hellauf. 
Ja ja, das kommt davon, wenn man verliebt ist, teurer Freund, sprach Ernst. 
Halt, da ich mich eben erinnere. Ich wollte dich schon seit langem etwas fragen. Wie 
kommts, daß du mit Iphigenie verkehrst? 

Das weißt du doch, wie ich sie im Stadtpark zum erstenmal sah . . . 
Ja, und dann die Geschichte mit dem Lied, durch das ihr zusammenkamt. So 
war meine Frage nicht gemeint. Du hast mir irgendwann einmal gesagt, du verkehrest 
nicht mit Mädchen, weil du jetzt kein Verhältnis zu Ende führen kannst, so wie du 
es dir denkst. Und ist denn das bei Iphigenie der Fall? 

Es wird es werden. Um aber die Wahrheit zu sagen, ich weiß es erst seit 
kurzer Zeit. Ich habe also einige Monate lang mit ihr verkehrt, ohne daß sie meiner 
Theorie entsprochen hätte. 

Bei dir ist man das nicht gerade gewohnt. 
Daß ich nicht entgegen meinen Idealen lebe, wohl, doch meinen Theorien? 
Und Iphigenie mag vielleicht meinen trockenen Theorien zuwider gewesen sein, nie 
meinen hohen Gedanken. Mein Ideal war stets ein Verhältnis zu einem schönen 
Mädchen, so wie ich es zu dir habe. 

Wenn es genau unserem entsprechen sollte, wozu dann mit einem Mädchen? 
Hast du an einem nicht genug? 

So wie ich es zu dir habe; nur so weit verändert, als es die gesunde Natur 
verlangt; zu dem idealen Freundschaftsbund, zur reinen Ergänzung des Geistes die 
reine Ergänzung des Körpers. Das erst gibt die volle Einheit. 

IHymne an Schneesturm, Kampf, Iphigenie] . . . Fürwahr Iphigenie, niemals ist 
für ewig Menschlichkeit unterlegen und mögen sie wüten, die Lügner, die Hasser, 
die Schlechten, es kommen, gewiß es kommen die Freien und bringen uns Wahrheit 
und Liebe und Güte. Du harrst aus, o du Starke, du Große. Sieh, ich, den du 
stützest, den du erhobest, den du erstärktest, sieh ich, der Zage, der Schwache, 
der Träumer, sieh ich kämpfe mit Sturm und mit Winter und Unglück . . . 









[Die nächsten zwei Skizzen behandeln die Berufsfrage, erst Walter mit Maler 
sehr ernst, dann beide mit einem Rudel Klassenkollegen, ernsthaft und scherzend. 
Robert will nach dem Abitur Schullehrer für Naturgeschichte werden.] 

Das große Tor des Gymnasiums fiel dumpf hinter Robert zu. Zum letztenmale, 
murmelte er aufatmend. Im nächsten Augenblick war er auch schon umringt von 
Freunden, Kollegen und Bekannten. Ein Durcheinander von Stimmen vernahm er. 
Reif, sagte er ihnen und griff sich an den Kopf, wie um die Betäubung wegzu- 
wischen. Nun wurde er stürmisch beglückwünscht und die Hände wurden ihm 
geschüttelt; ihm war es wie ein Traum. Wie im Schlafe ging er durch die grauen 

Straßen und murmelte reif, reif. Endlich Grün und Waldesschatten. Der Wind, 

der hier immer weht, umfächelte ihn, so kam er nach und nach zu sich. 

Also bin ich wirklich reif erklärt? Darf ich frei sein? Endlich, endlich! Nahmen 
die acht Jahre doch ein Ende? Denn trotz allem, was ich unlängst zu Maler sagte 
es war doch- eine Qual; ich wurde genug geplagt und gelangweilt, unterdrückt. . . 
Und das ist jetzt vorbei? Ich kann's nicht ganz begreifen: frei! Arbeiten, Lernen, 
Ruhen Dichten, wann ich will, wieviel ich will, was ich will! Und ich darf auch 
sonst tun nach meinem Belieben. Bin nicht mehr gehindert von Pedanten, die mich 
nicht verstehen, darf meine eigene Meinung haben und darf sie sagen, darf sie 

drucken lassen. Ich begreife fast. Da schrie es frohlockend in ihm auf: Ich 

darf jetzt Iphigenie lieben ! — Hin zu ihr, daß sie mit mir glücklich sei. — 

Leicht auf den langen Bergstock gestützt, stieg Robert den steilen steinigen 
Weg hinauf. In tiefem Schatten lag der Geröllhang, über den sein Weg führte. Drüben 
auf den Höhen und den Abhängen war schimmernder Glanz; eingewoben in Sonnen- 
gold ruhte das Dorf und die Kesselwiese. Und auch in Robert war es hellster Sonnen- 
schein. Frei im freien Hochgebirge. 

Höher hinauf führte sein Weg über unzählige Windungen um riesige Felsen- 
blöcke an steilen Wänden, von Flechten grün gezeichnet, vorbei, dem singenden 
springenden Bach entgegen, mitten durch dichtes Knieholzgestrüpp, gerade in die 
dunkelsten Wolken hinein. Grau war alles rings um ihn; in ihm wars golden und 
aus den Steinen blickten zu ihm hinauf die kleinen Blumen mit ihren reizend- 
zudringlichen Blüten. 

Ein Sonnenblick durch die zerrissenen Wolkenmassen. Wie sie erglänzten in 
Myriaden Farbentröpfchen, wie sie sich gestalteten, tausendfältig und zwischendurch 
tiefschwarzer Himmel und braune Bergabhänge und graue Felsenwände und satte 
Weide. Die Kehle schnürte es ihm zu; er hätte vor Wonne sterben mögen. 

Höher noch stieg er empor. Unter ihm blieben die Wolken, über ihm seine 
Seele allein mit der unendlichen Natur. — Er war oben. Da stand er nun mitten im 
vielgestaltigen Meere der Täler und Höhen, Bergketten und Kuppen und Gipfel. Wie 
fühlte er sich klein, er der Mensch, der in der engen Stadt der Herr der Welt zu 
sein sich dünkt. Und diese riesengewaltigen Berge sind feine Runzeln bloß am Leibe 
des Erdballs. Und die ungeheure Erde, sie ist ein winzigstes Stäubchen Im All . . . 









152 Über Novellen jugendlicher Dichter 



— Einen Augenblick lang begriff er das Unbegreifliche, die Unendlichkeif. Damals 
als er vor zehn Jahren zum erstenmal hier oben stand, da hatte er einen Augenblick 
lang des Alls Uncndlichelt geahnt, gefühlt. — 

Es wollte Abend werden, darum stieg er hinunter, dem kleinen Dorfe zu, an 
dem herrlichen ruhigen See. 

Matter Schein der Abendsonne, / golden wölket jede Höh' / wie gemalt die 
Landschaft lieget, / dunkler Wald und starrer See. // Und von oben niederschwebet / 
wie verlorner Sphärenklang / mir dein Name und erschauernd / horcht die Seele 
zitternd, bang. // 

Wie bin ich glücklich, Robert, daß ich bei dir bin; wie habe ich mich nach 
dir gesehnt. Deine Briefe, so innig, so glühend, so tief! Ich hielt es nicht mehr aus, 
|pb mußte zu dir. — 

Sie schlang ihren Arm um seinen Nacken. Unsäglich selige Wonne durchbebte 
seinen Leib und ganz leise, andächtig, streichelten seine Finger ihr weiches 
dunkles Haar. 

Iphigenie. — 

Schweigend schritten, schwebten sie weiter. 

Warum bist du heute so kalt? 

Ich, kalt? Liebe. — 

Nicht kalt, doch schweigsam; sonst hast du doch so schön gesprochen, so 
wunderherrlich geschrieben, gedichtet. Und heute? 

Ich bebe vor Freude und Glück und Seligkeit. — So kann Ich nicht sprechen, 
Der Hochwald. — Meine Heimat, meine langersehnte, durchstreif ich wieder. — 
Diese berauschende Sommerluft. — Der reife Duft von Früchten — und das alles 
neben dir. — Iphigenie . . . Iphigenie, kannst du — meine Gattin sein? 

Robert?! 

Sieh, Robert, den großen Ameisenhaufen! . . . 

Robert! Schau die zwei Kinder dort! In ihnen liegt der Keim zu allem Ver- 
derben — zu allem Siege. 

Das hab ich mir schon oft gesagt, darum wurde Ich Lehrer. Aber mehr als 
der Lehrer — 

Kann der Vater willst du sagen? Ja, der Vater und die Mutter. 

Iphigenie — Du wolltest? 

Ich will, mein Robert. Und dieser Wald soll unser Trauzeuge sein. 

O Iphigenie. — Leg deine Hand in meine Hände. — Und wir wollen zusammen- 
halten in Wahrheit und Vertrauen. — 

In Liebe und herzlichem Verstehen. 

Ein Kuß, der erste Kuß, besiegle diesen Bund. 

Sie legte ihr Gesicht ganz leicht an ihn. So wird mein schönster langersehnter 
Traum erfüllt. 

Das Ideal von neuem Menschentum. 



Über Novellen jugendlicher Dichter 153 

Es hauchte die Waldeslichtung feierliche ruhige laue Wärme aus. Die Blumen 
mit den großen weißen und mit den großen blauen und den gelben Köpfen neigten 
sich ganz leise nur; am Waldessaum die Pilze horchten aufgespannt und Käfer und 
Bienen und Grillen und Zikaden lauschten, der Kuckuck selbst war still, das Gras 
hielt seinen Atem an, die Bäume schwiegen: Eros schwebte durch den Wald, im 
sanften Äthermantel und mit ihm zwei lächelnd selige Schatten: Lionardo und Sokrates. 






Einige Jahre später. Robert saß an seinem Schreibtisch und arbeitete, er ordnete 
Notizen. Da klopfte es... [Ernst kommt zu Besuch; aus ihrem Gespräch erfahren 
wir: Roberts vortreffliche Preisschrift wurde nicht gekrönt, weil er .noch nicht amt- 
lich zum Gelehrten gestempelt ist", er lebt selbständig von seinen Eltern und mit 
Iphigenie „freiwillig verbunden, kein Pfaff und kein Staatsanwalt weiß davon', sie 
haben aber getrennte Wohnungen, denn nur, „wenn wir nicht immer beisammen sind, 
kann unser Verhältnis so ungetrübt bleiben, wie es ist"; über die Meinung der Mit- 
menschen können sie sich meistens hinwegsetzen.] Manchmal aber meldet sich der 
Naturmensch in uns, in mir und bereitet Unruhe, da gilt es ihn zu unterjochen und, 
Ernst, es gelingt mir meist. 

Also hinausgeworfen. — Hinausgebeten mit allen Regeln der Höflichkeit. 

Und doch hinausgeworfen. Wir hätten zwar, aber es ist doch — Wenn nicht, so 

gewiß — Zwar nur außerordentlich ungern, leider aber doch usw., usw. — 

Das erstemal; auch das letzte? — Das kann mich nicht hindern, das »Verbrechen" 
noch einmal zu begehen, und immer wieder. Ich kann nicht anders. Ich kann nicht 
zuschauen wie ein Kind in Lüge stirbt. — Wie es verkommt und mit sich ringt und 
wenn es bange fragt, so kann ich nicht lügen. — Offenheit und Wahrheit ist das 
Beste. Ich kann nur tun, was mir das Beste scheint. — — Ist aber das auch in 
Wirklichkeit gut? Weiß ich, das Wahre? Hab ich es schon erkannt? Kann ich das 
Gute wollen? Kann ich das Gute tun? Wie wenn es schlecht wäre? — Es kann 
nicht sein, es ist unmöglich. — Alles was ich tat, war umsonst, was ich dachte, war 
unwahr? Was ich lehrte war falsch? Schlecht habe ich meine Schüler gemacht? Schlecht 
werde ich die vielen machen, die zu mir kommen um das Gute zu lernen 

Robert schauderte es. 

Nein, rief er, nein, unmöglich, unmöglich! Das ist nicht wahr! — Was ist 
wahr, was ist falsch? Was ist gut und was ist schlecht? — mein Kopf, mein 
armer Kopf! 

Verzweifelnd streckte er die Arme weit. 

Wahrheit, komm o Wahrheit! Wissen, Wissen, Erkennen; all das Verstehen... 

Erschöpft sank er auf einen Felsblock. 

So alter Tümpel, sehe ich dich wieder. Fragend, wahrheitdürstend, hoffnungs- 
los — hoffnungslos. Nicht freudig, hoffend, harrend, wie damals, als ich das erste- 
mal in dein Wasser blickte, das ich von Tieren reich belebt sah. Damals hatte ich so 
gerne wissen wollen, warum die Tiere nicht ertränken, ob sie denn freiwillig im Wasser 
blieben oder ob der liebe Gott jeden bestrafe, der es verlasse, wie die Badefrau den 
kleinen Robert. In der Schule, hoffte ich, in der Schule wirst du alles schon lernen. — 






J54 Über Novellen jugendlicher Dichter 






Die Schulzeit kam. Der Kindheit Fragen waren kaum beantwortet, da kam ich wieder 
zu dir, alter Teich, wie warst du riesengroß geworden, wieviel Myriaden Tropfen 
zähltest du, in jedem Tropfen wieviel Myriaden Lebewesen. O wer die alle kennte, 
die Namen nennen könnte und wüßte wie sie leben! Am Gymnasium, hoffte ich, 
wirst du es lernen. Und ich lernte Jahre, da kam ich noch einmal zu dir, alter Teich ; 
ich kannte alle Tiere, alle Pflanzen, alle Tropfen. Bei Namen konnte ich sie nennen, 
ich wußte, wie sie leben. Und ich sah in deine wimmelnde Tiefe, alter Teich, und 
sah die Myriaden geboren werden, ich sah sie freuen, leben, lieben, zeugen, sterben 
und wieder geboren werden, ein ewiger, unendlicher, sinnloser Kreislauf. Warum? 
Warum all dies, fragte ich. Auf der Universität hoffte ich, wirst du es lernen. — Ich 
bin auf die Universität gegangen, ich habe viel gelernt, ich bin ein Gelehrter geworden, 
ein Doktor der Wissenschaften der Natur . . . Alter Teich, verzweifelt frage ich noch 
immer dich: Warum? Wozu? 

Bleich und verstört trat Robert Wochen darauf in Bertas Zimmer. 

Robert, was ist dir geschehen? 

Arme Iphigenie, murmelte er. 

Was ist es, mein Robert, was ist dir? — Komm, setze dich her und sei gefaßt. 
Iphigenie, du bist betrogen. — Von wem? — Höre zu: du bist betrogen von mir, 
denn ich bin nicht wie du glaubst. — Du kannst nicht schlechter sein als ich dich 
kenne. — O, ich bin anders, als du glaubst, anders als ich glaubte. O Iphigenie, alles 
war nicht wahr. Ich bin ein Menschentier, weniger, weniger als das: ich habe mich 
höher gedünkt. Wie das schmerzt, diese Erkenntnis, Iphigenie. Daß du mit enttäuscht 
werden mußt, das schmerzt mich noch mehr. — Erzähle doch; ich kann dich nicht 
verstehen. Welche Erkenntnis schmerzt dich so? Worin bin ich getäuscht? — In allem, 
Iphigenie. Es kann keine ganzen Menschen geben. Es gibt keine. Es darf keine geben. — • 
Warum nicht? — Es darf nicht, sage ich. Dann teile ich allgemeines Los. Sonst aber, 

sonst Liebster, ich verstehe kein Wort. Fasse dich, Robert, und sprich der Reihe 

nach. — Hella ist tot. — Wer? — Hella; Hella Garsten. — Wer ist die? — Habe 
ich dir nicht von ihr erzählt? — Niemals. — Wirklich? Niemals? Niemals?! Auch 
das noch, ha. Nein, es ist nicht möglich, Iphigenie. Ich habe es dir erzählt, gewiß, 
entsinne dich. —Wer war Hella — Garsten? — Meine erste Liebe. — Hero? —Wie 

bin ich froh, nicht auch noch diese Lüge gesagt zu haben Geschwiegen zu 

haben vor mir? Nein, Robert, das tat's du nie. — Und sie ist tot. Was bin ich für 
ein Mensch! Ich bin ja gar kein Mensch. Ich bin schuld an ihrem Tod, an ihrem 
verpfuschten Leben. — Robert? Wieso? — Ich weiß jetzt alles. Sie hat mich so feurig 
geliebt, als ein junges Mädchen lieben kann; weil ich nicht anfing, hat sie mir 
geschrieben. Von mir mißachtet — du weißt ja von jener Zusammenkunft — fing sie 
mit jenem hohlen Hochberg an, um mich zu ärgern. Der hat sie seelisch vernichtet, 
seine Nachfolger haben sie in den Tod gejagt. Ich war die Ursache, ich muß die 
Folgen tragen . . . 

[Sie richtet ihn auf.] Und diese Worte, Robert, kann nur ein freier Mensch 
jemals so stolz aussprechen, wie du es eben tatst. 



Über Novellen jugendlicher Dichter 155 



Die Jalusien der Fenster waren herabgelassen; im Zimmer herrschte die 
Ruhe einer Krankenstube. Leise sprachen die beiden Ärzte: Ernst und der 
Professor. Robert saß neben ihnen. Ein Wort hörte er in seinen Ohren immer 
und immer wieder; unheilbar. Dazwischen mischten sich, wie von einem fernen 
Planeten, unverständlich geheimnisvoll die Stimmen der Ärzte. Sie sprachen über 
Bertas langwierige Krankheit, doch Robert verstand sie nicht, er hörte nur das eine 

Wort: unheilbar. . 

Da hörte er plötzlich ganz leise verhallend »Robert« rufen. Aus dem unend- 
lichen Raum schien die Stimme zu kommen. Und nochmals: Robert! 

Robert, hörte er Iphigenien rufen. 

Er stand auf und ging an ihr Bett. - Die Ärzte waren fort . . . 

[Berta bittet Robert um den großen Liebesdienst, ihr das unvermeidliche 
Leiden zu ersparen. Robert reicht ihr das Morphiumfläschchen. Sie stirbt in seinen 
Armen.] 

Robert stand versunken im Anschauen vor dem neuen Grabmal Iphigeniens. 
Auf grünem Rasenplatz eine blendend weiße Marmornische, in ihr ein dunkler 
Aschenkrug. Eine uralte Platane beschattete den Ort. 

Leise trat Ernst zu ihm und sprach gedämpft: Störe ich dich, Robert? 

Mein. Es ist gut, daß du kommst. Ich möchte noch die letzten Stunden vor 
deiner Abreise mit dir verbringen. — 

Und was willst du dann beginnen? 

Ich werde wieder forschen und lehren. Lang genug habe ich in meiner Unter- 
suchung ausgesetzt. 

Wirst du arbeiten können? 

Gewiß. Jetzt bin ich wieder stark. Ich fühle wieder meinen Wert. Hella 
Garstens Tod hatte mich an mir selbst zweifeln lassen. Iphigeniens Lösung hat mich 
aufgerichtet. Wer das meist eingewurzelte, das stärkste Aberurteil zu brechen vermag, 
die Angst vor dem Tode, ist frei. 

Wohl du fühlst dich frei; du bist es auch; selbst das Gericht hat dich frei- 
gesprochen — aber deine Mitbürger verstehen dich hier nicht 

Ich bin mir selbst genug. 

Nein, Robert, so ist es nicht. Du vergißt deiner Ziele. Du willst 
und sollst ja lehren. Und das kannst du hier nicht mehr. Hier graut den 
Leuten vor dir. Sie verstehen dich nicht. Sie trauen dir nicht mehr. So hast du 
keinen Einfluß. 

Soll ich vielleicht davonlaufen? 

Nein, doch suche dir einen neuen Wirkungskreis. - Komm mit mir in die 
Hauptstadt. Dort gibt es viele, die dich verstehen. Man kennt auch deine Arbeiten 
und schätzt und ehrt dich. — 

Ja, ich gehe mit dir. In der Hauptstadt will ich lehren und wirken und neue 
Menschen bilden. Und Trost und Hilfe gibt mir Iphigenie. 






156 Über Novellen jugendlicher Dichter 

Nr. (la). 

Das Konzept zu frj, das oben crwälmt wurde, enthält einige ausgelassene und völlig 
veränderte Skizzen, die nicht nur wegen der folgenden Untersuchung, sondern auch aus den allgemeinen 
Erwägungen heraus, die bei der Auswahl der Materialpublikation uns leiten, hier mitgeteilt seien. Eine 
Skizze, die auf S. i$) einzufügen ist, fehlt in der Reinschrift, bis auf die letzten Zeilen, die den Anfang 
von S. 156, Abs. 2 ausmachen und durchgestrichen sind. Diese Skizze wurde also erst aus der Reinschrift 
herauskorrigiert. 

Ein Gespräch zwischen Walter und seinem Vater. 

Ich störe Sie wohl, Herr „Professor", in Ihren tiefen Studien? — Guten Morgen, 
Vater. — Schon gut. Ich komme um mit dir ein ernstes Wort zu reden. — Soeben 
war ich im Begriffe deswegen dich aufzusuchen. — Das muß allerdings etwas außer- 
ordentliches sein, das dich bewegen könnte zu mir zu kommen. — Nichts wichtigeres 
wohl, als nötig war dich zu mir zu führen. — Ich will nicht mit Worten spielen. 
Wozu ich hier bin weißt du? — Ja, wegen meines Studiums. — Ganz recht. Und ich — 
Bitte laß mich zuerst reden. Du wirst dir dann viele Worte ersparen. Als wir uns das 
letztemal sahen, da hast du mir zu verstehen gegeben, daß du nicht mehr geneigt 
seiest mich zu füttern. Du in meinem Alter habest schon Geld verdient usw., usw., 
was man in solchen Fällen noch mehr sagt. — Ich muß dich ersuchen einen respekt- 
volleren Ton anzuschlagen, sonst — Keine Drohungen, die du nicht ausführen kannst. 
Achtung wem Achtung gebührt! — Robert! — Vater? — Hüte deine Zunge! Dein 
Achselzucken macht mich rasend! Undankbarer. — Dank kannst du haben, denn wenn 
du nicht wärst, stände ich nicht hier, aber Achtung verlange nicht, solange du trinkst. — 
Robert! — Doch das gehört nicht hierher. Also: ich könnte dich gerichtlich zwingen 
lassen mich noch ein Jahr lang zu füttern. Ich tu' es natürlich nicht. — Sehr gütig. 
Meine Hochachtung. — Ich brauche dein Gnadenbrot nicht. 16 es selbst, wenn dir 
nicht graut, es schimmelt. — Doch hat es dem jungen Herrn bis jetzt ganz gut 

geschmeckt, der verzehrten Quantität nach zu schließen Wie es geschmeckt 

hat, kannst du am wenigsten entscheiden. Genug, ich werde es nicht mehr essen. 
In kürzester Zeit bist du von meinem Anblick befreit. Gib mir mein Geld ! 
Der Alte erbleichte. 

Dein Geld? — Gewiß, mein Erbteil von der Mutter. — Das hast du schon 
längst aufgegessen. — Wie? — Glaubst du vielleicht, du könntest das je in deinem 
Leben ersetzen, was du mich gekostet hast? Bursche. Und jetzt machst du mir solche 
Geschichten. Ich hätte dich zwingen sollen Kaufmann zu werden, aber meine ver- 
fluchte Güte — Ich will mein Erbe haben; dann bist du erlöst von mir und ich von 
dir. Nicht genug, daß du mir in meinem Hause herumlungerst — Laß mich fort! — 
Und mich arm ißt — Erkläre mich großjährig. — Nicht genug damit, daß du dich 
mit einer Dirne — Vater!! — Glaubst du ich bin blind? Mit meinem Gelde aber — 

Vater!! — Schweig! Mit meinem Gelde sollst du sie nicht zahlen. — Vater. 

Vater. Kein Wort weiter! 

Ich rede wann ich will. Nicht genug daran: ich habe gehört du willst dich 
konfessionslos erklären. 

Ich werde es sehr bald tun. 

Du wirst es nicht tun! 

Wer will mich hindern? 









Über Novellen jugendlicher Dichter 157 

Ich. Und ich sage dir, wenn ich über alles wegsehe, ich bin reich, ich halte 
es aus, wenn du zehn Jahre noch faulenzest, auch Mätressen magst du halten. — 
Beiß dir nur deine Lippen blutig, mich schmerzt es nicht. — 

Aber das dulde ich nicht. Der Name meiner Familie muß rein bleiben. Wir 
sind bekannt als fromme Christen. — Du kannst es für dich halten wie du willst — 
aber wenn du öffentlich abfällst, wenn du meinem Namen die Schande antust, dann 
will ich nichts mehr von dir wissen! 

Und ich erkläre dir mit aller Bestimmtheit: ich werde es tun. 

Dann — 

Erkläre mich großjährig! 

Ja, ich werde es tun, aber vorerst jage ich dich mit Schimpf und Schande 
aus meinem Hause, du Bastard! 

Bastard ? 

Ja ich habe lange genug geschwiegen. Ein Eid für Tote gilt nicht recht. 
Deine Mutter hat mir die Ehe gebrochen — und ich habe ihr verziehen. 

Nicht dieser Säufer hat mich gezeugt? Himmel, welches Glück. — 

Auf S. iss wi — cbenfdUs erst nach der Reinschrift — eine ausführliche Verteidigungsrede 
Roberts vor Gericht aufgefallen. Die letzte Skizze lautet im Konzept völlig anders als in (i). Robert ist 
zum Tode verurteilt. Ernst ist bei ihm. 

Herr Dr. Walter, hier bringe ich das Gnadengesuch. Ich habe große Hoffnungen, 
daß es erfüllt wird. 

Und wenn nicht? 

Dann — — 

Dann weiß ihr Recht keinen Weg mehr zur Erlangung der Gerechtigkeit? 

Allerdings, keinen mehr, aber ich hoffe zuversichtlich, sie werden begnadigt 

werden. 

Begnadigt? Nicht freigesprochen? 

Freigesprochen — ? Nein, begnadigt auf lebenslängliche Haft. 

Anderes ist ausgeschlossen, nur lebenslängliche Haft? 

Allerdings, etwas anderes ist ausgeschlossen. 

So. Ich bitte, geben sie mir das Gesuch. Meinen besten Dank für Ihre Mühe, 
Herr Doktor. 

Aber ich bitte, bitte. 

Dessen bedarf ich nicht. 

Er faßte das Gesuch und riß es mitten entzwei. 

Um Gotteswillen! rief der Doktor. 

Robert? sagte fragend Ernst. 

Soll ich vielleicht mein Leben lang als ein Verbrecher behandelt werden? — 
Ich sterbe morgen als ein freier Mann. 

Achselzuckend entfernte sich der Advokat. 

Robert, endlich höre ich wieder dich: den stolzbewußten Edelmenschen. 

Hella Garstens Tod hat mich an mir selbst zweifeln lassen. Ich glaubte nicht, 
daß ich die niederen menschlichen Vorurteile schon bezwungen hatte, ich zweifelte 















L 



158 



Über Novellen jugendlicher Dichter 



an meiner Liebe zu Iphigenie. Ihr Tod war die Feuerprobe unserer Liebe, sie ward 
überstanden. Ihre Lösung hatte mich mir selbst zurückgegeben, denn wer den tief- 
eingewurzelten Trieb, das älteste stärkste Vorurteil zu brechen vermag, den Selbst- 
erhaltungstrieb, wer die Angst vor dem Tode besiegen kann, ist frei. So werde ich's 
vermögen vor dem Henker hinzutreten in Ruhe, mein letzter Wunsch wird ein 
Schierlingsbecher sein, ihn werde ich lächelnd leeren und nach meinem Willen sterben, 
schön und frei wie sie. 

Von einem geplanten Nachwort findet sich in (t a) folgender Anfang, der nicht ohne Interesse ist. 

Nachwort. 

Der Autor bittet, das Nachwort als Vorwort zu lesen. 

Vorreden zu schreiben ist nicht mehr modern und vergißt sich einmal ein 
Autor so weit eine zu schreiben, so strafen ihn die Leser, indem sie es einfach nicht 
lesen. Das wäre für den, der bloß liest, gar kein Unglück. Wer jedes Buch nur mit 
der Absicht liest, Schönheit zu genießen, der kann jeder Vorrede entraten. Ihm können 
die Absichten, Entschuldigungen usw. des Autors gleichgültig sein. Er sucht Schön- 
heit und urteilt nicht. Höchstens sagt er, dies ist schön und dieses nicht. Solcher 
Leser aber gibt es nur sehr wenige, — gar keine? — Meist ist der Leser gleichzeitig 
Kritiker (ich meine nicht gerade Rezensent einer Tageszeitung) und noch dazu 
schlechter Kritiker, denn er gibt den rein persönlichen Eindruck, den das Buch auf 
ihn machte, als die unfehlbare Kritik, als giltiges Urteil ab. Wer verbürgt, daß sein 
Eindruck der richtige war? Die Hauptsache ist ja gerade, zu untersuchen, ob der 
Autor seine Absicht erreicht hat. Vielleicht wollte er unklar, weitschweifig sein, weiß 
Gott aus welchen Gründen. Darum glaube ich, sollte jeder Autor seinem Buche 
hinzufügen ob und was er damit wollte. Des Kritikers Aufgabe wäre es dann zu 
untersuchen, wie jener sein Ziel erreichte. 

Aus diesen Gründen habe ich dieses Nachwort geschrieben, darum liegt mir 
daran, daß es gelesen werde. 

Nr. (3). 

Auch diese Novelle liegt in Reinschrift und im Konzept /} a) vor. Die Reinschrift" ist schreib- 
maschiniert ; acht Bogen einseitig beschrieben; und zwar ein Durchschlag. Paginiert. Das Titelblatt 
fehlt, desgleichen die letzte Seite. Das Scliriftstiick ist nicht korrigiert. Die Notizen, Fragmente, 
Varianten usw., die (3 a) enthält, blieben unberücksichtigt. 

Es lebte ein Knabe, der war sehr still und blaß und mager; nur zwei blitzende 
Augen verrieten das Leben in ihm. Er war kaum 14 Jahre alt, aber er war frühreif 
und in seinem Hirne hämmerten Tag und Nacht die Gedanken. Er kannte noch nicht 
das Wort Atheist und hatte doch schon lange mit seinem Gott gebrochen. Er hatte 
schon geliebt und fragte grübelnd, was heißt Liebe? Vor Langem schon hatte ein 
Freund in ihm das Geschlecht geweckt, er genoß der Wollust und wußte nicht was 
es war. Von seinem Traumdenken sagte er Niemandem, weil er es nicht ausdrücken 
konnte und er glaubte er würde sterben, wenn er von seinem Gefühl redete. Doch 
seine klaren Gedanken von denen sprach er, und er hatte eine überraschende, eine 
reiche Logik. Die Leute sagten ihm er sei gescheidt. Er aber glaubte es nie und mit 









Über Novellen jugendlicher Dichter 159 



Bewunderung sah er zu den anderen empor, die so leicht von allem sprachen und 
taten als wüßten sie alles. Er glaubte es ihnen, daß sie alles verstünden, darum war 
er überzeugt von seiner eigenen Nichtigkeit, denn er verstand nichts ; er verstand die 
Menschen nicht, und die Welt nicht und sich selbst nicht. Die Leute sagten er sei 
schön. Auch das konnte er nicht glauben. Einmal nur hatte er etwas Schönes gesehen: 
Ein Mädchen mit unendlich rührenden Augen, groß und fragend und einem leidenden 
Mund. Lange hatte er sie angeschaut, darum konnte er nicht schön sein; denn er 
wußte, daß Schönes nur auf Häßliches so wirken kann. Über seine Träume hatten die 
Menschen gelacht, darum verschwieg er sie; häßlich und tölpelhaft glaubte er sich, 
weil er das Schöne zu tief empfunden hatte; an seinem Verstände zweifelte er, weil 
er über allen war; von einem Fühlen bei sich wußte er nichts, denn er erlebte kein 
anderes als das Fühlen und Drängen des keimenden Geschlechtes in ihm und von 
solchem hörte er niemals sprechen: So verschloß er sich vor allen. Sein sprühender 
Geist und seine funkelnden Augen, die aber verrieten ihn. Die Leute sahen nur 
seinen Geist und was sie nicht sahen das waren sie zu träge zu suchen, darum ver- 
standen sie ihn nicht und verletzten ihn. In sich fand er nichts Verletzendes und 
Schlechtes und außer sich kannte er nichts, darum hielt er die Menschen für gut, wie 
er es war, und er schrieb sich selbst die Schuld zu an seinem Leiden und er glaubte 
er füge Leiden auch den anderen zu. Da bekam er Furcht vor den fremden Menschen 
und den fremden Dingen. Die Leute sagten er sei schüchtern geworden. 

Sein Gemüt war liebevoll und von keimender Mannheit schwankend, er wußte 
das nicht und mißtraute sich selbst; sein Geist war haltlos, gärend reich, doch von 
ihm selber nicht geschätzt, zweifelnd und verzweifelt: so war sein Zustand als in sein 
Leben, nach außen endlos gleichartig, innen wechselnd wild, ein Mädchen trat. 

Nicht schöner war das Mädchen als viele andere sind. Sie hatte für andere 
Menschen kaum etwas eigenes. Wohl aber ihm. Sonst wenn er ein Mädchen sah, 
wurde es in seiner Seele dumpf und wenn er dann allein war, hatte er häßliche 
Träume. Er haßte diese Träume, so süß sie waren. Darum scheute er die Mädchen; 
an manchen Tagen aber suchte er sie. Als er Blanka zum erstenmale sehen sollte, da 
hatte er Angst, daß er zitterte und rot ward. Doch ihm wurde nicht dumpf, sondern 
eine Freude gebende Erregtheit überkam ihn, die seiner Seele Ruhe war, und als 
er dann allein war, da kamen auch Träume, aber sie waren nicht häßlich: ein 
glänzendes Auge sah er und die goldenen blonden Haare und ihre klingend silberne 
Stimme hörte er. Diese Träume liebte er und er lebte in ihnen. Blanka war fröhlich 
und jubelnd sang und lachte sie mit ihm. Und ihn bezauberte dieses Lachen.Wenn sie 
lachte, zog in sein Denken Frieden ein. Nicht die matte fließende Ruhe der Träume, 
die niemals häßlich wurden, sondern der Frieden gelöster Zweifel und er verstand 
die Fragen über die er Jahre lang gegrübelt hatte, wenn sie bei ihm war. Blankas 
überquellendes Jugendgefühl war seinem Wesen fremd. Er lauschte ihr und staunte 
sie an, aber er war ihrem Wesen fremd. Der Geist Beider nur war sich nah verwandt: 
lebhaft und regsam, wachend und schauend. In allem anderen waren ihre Naturen 
gegensätzlich: leichten Sinns und schweren Bluts. So äußerten sich ihre Leben und 
jeder hielt für volle Wirklichkeit was er sah; ganz den anderen zu verstehen, waren 



PI 



160 Über Novellen jugendlicher Dichter 

sie nicht vermögend, sie war zu leicht und er zu schwer und beide waren sie zu 
jung. Sie lebten in der Zeit des reichsten Innern und fanden darum nur sich allein, 
so mißverstanden sie einander: sie wußte nichts von seinem wahren Fühlen und hielt 
sich an seine Worte, die aber schienen dürr, mißachtend flüchtig, denn er lebte nur 
In seiner Liebe und dachte kaum an sie und ihre Liebe. Seine Liebe aber war reines 
Schauen und Bewundern dessen, was sie besaß und ihm als Ziel im unbewußten 
schwebte: Weiblichkeit, Leichtsinn und Frohmut. Doch weil sie seinem Wesen 
fremd in vielen Dingen war, so blieb er stets in Furcht vor ihr, verschlossen und 
schüchtern wie vor allen Mädchen. Aber sie anzuschauen, ihrer zu denken, war ihm 
höchste Glückseligkeit. 

Er sah sie Woche für Woche. Sie suchte ihn und sprach mit ihm, sie reichte 
ihm die Hand und zog ihn allen vor. Er aber merkte nichts und scheute sich vor 
ihr, er liebte sie und tat als haßte er sie, denn er fürchtete man könnte es bemerken, 
seiner spotten und ihn mißachten. Und es gelang ihm: niemand ahnte etwas, nicht 
einmal Blanka selbst. 

So lebte er ein Jahr lang. Seine Träume von ihr gaben ihm die höchste Lust 
sie wurde ihm schöner und reiner als sie war und sah er sie, erlebte er den höchsten 
Schmerz: es sank das erdichtete Idol vor ihrem Blick, und höchste Lust zugleich: 
er fühlte des schönen Mädchens Gegenwart. In diesen Kämpfen zwischen Ideal und 
der Natur wuchs seine Seele riesenhaft, empfindlich wurde sie für die Gewalt des 
Schönen, mehr noch als sie war. Er fand die Schönheit überall, in den Menschen, in 
der Welt, in sich. Doch das Häßliche fand er auch in den Menschen, in der Welt, i n 
sich. Und er begann auch hier zu kämpfen. Das Ringen seiner Seele wurde ungeheuer 
da fand er endlich einen Ausdruck für sein Kämpfen. Seine Hoffnungen lösten sich 
in Lieder. Denn höchstes Hoffen war in diesem Kampf; er wußte, daß er siegen 
würde und er wußte daß es in ihrem Zeichen werde geschehen müssen. 

Dann aber kam eine Zeit langer Trennung. Er weilte in .einem fernen Lande 
bei fremden Leuten und fremden Dingen. Anfangs lebte er still für sich und rang auf 
fremdem Boden weiter mit sich und den Resten der alten Unkultur seiner Ahnen in 
ihm. Wenn er unterlag, der sonst siegende Kämpfer, dann schwebte in seinem Geiste 
Blankas Bild auf, wie er sie das letztemal gesehen hatte ; ihre Augen sah er, den 
träumerischen liebevollen Blick, dessen glühender Schein nur über ihn sich so ergoß. 
Das aber hatte er nie geahnt und auch damals wagte er es nicht. Er lernte lieben die 
spanischen Romanzen, die Geschichten von Donna Blanka und Don Pedro, denn wenn 
er sie sang, durfte er ihren Namen aussprechen und er liebkoste jeden Laut ihres 
Namens. Dann kam er unter Menschen. Mit vielen Männern mußte er sprechen und 
mit vielen Mädchen. Er dachte nur an sie und darum tänpelte er niemals und sprach 
nie ein schmeichelndes Wort. Dennoch liebten die Mädchen ihn alle. Er erwiederte 
keiner die Liebe, er merkte sie kaum. Doch floß aus seinem Tun ein Strom wohl- 
wollender Menschlichkeit, darum liebten ihn sogar die Männer. Die Männer waren 
leichtfertig und konnten nicht glauben, daß eine Gestalt seine Seele erfüllen könne 
und sagten von ihm, er sei Verstandesmensch und Weiberfeind. Er schämte sich seines 
reinen großen Gefühls und nahm willig diese Maske vor. 



~ 



Über Novellen jugendlicher Dichter 161 



So kam er von seiner Reise zurück, ein Sieger im Kampfe mit seinem Innern 
aber abhängig geworden von der Meinung der Leute und darum von entstellender 
Maske umgeben. Und beide sahen einander wieder. Sie aber war um sieben Monate 
reifer geworden, man hatte sie befangen gemacht, darum sprach sie nicht mehr das 
erste Wort. Er verbarg sich hinter seiner Maske und tat als sehe er sie nicht, indeß 
sein Blut hämmernd drängte. Von da an sah er sie selten. Wenn er mit anderen 
war, verriet er sie, wenn er allein war floh er sie, denn er fürchtete sein Geheimnis 
preiszugeben und auch von der Scheu der werdenden Mannesseele war etwas darin, 
doch beides war ihm unbewußt. So ward er unglücklich, wenn er sie sah und er 
blieb ihr wochenlang fern. 

Und er vergaß ihrer.— 

Es folgten Monate der Ruhe, der Sammlung und tausendfältiger Eindrücke. 
Dann aber brach eine neue Gärung in ihm aus. Er begann von Neuem zu zweifeln. 
An allem zweifelte er: An seinem Denken, am Denken der Menschheit. Und weil er 
fand, daß er falsch gedacht hatte, so glaubte er, denken überhaupt sei ihm versagt. 
Der alte Glaube von seiner Häßlichkeit und seinem schlechten Charakter erstand ihm 
wieder neu. Er wußte nicht mehr, ob er wert sei zu leben und er hätte gerne gelebt, 
doch nicht umsonst. Er verzweifelte daran, daß irgend jemand ihn lieben könne und 
er hätte so gerne vielen lieb sein wollen. So war er sehnsüchtig nach der Liebe der 
anderen, doch scharfe Selbstbeobachtung zeigte ihm, daß er ihrer nicht wert sei. Er 
fand in sich keine Kraft und weil er sich keine zutraute so hatte er sie auch nicht 
und er ließ sich gehen im schlaffen Nachgeben allen kleinen und kleinlichen 
Gefühlen. Er hörte auf zu denken, und begann nur auf sich selbst zu achten, sich 
selbst zu quälen und gegen sich zu wüten, weil er gefunden hatte, daß er nichtig 
sei. So begann er auch die Pflichten des Tages lästig zu finden, weil er sich keines 
großen Zieles mehr bewußt war und er litt daran. Er wurde sich bewußt der Unnatur 
seiner Maske. Er wurde sich aller kleinen Regungen bewußt und er suchte so lang 
Schlechtes in sich bis er sein Bestes selbst mit niederen Namen nennen konnte. Die 
natürliche Empfindlichkeit und Trauer seiner Seele vermehrte er grausam. In junger 
Selbstbewußtheit lauerte er auf sich selbst, er war verzweifelt an sich, darum spähte 
er nach einem Zeichen der Liebe anderer für ihn, doch er konnte sie nicht finden, 
weil er jede Hoffnung selbst zerstörte. So war sein Zustand als zum zweitenmale 
Blanka in sein Leben trat. 

Sie war schön, er grüßte sie und sah in ihren Augen Freude glänzen. Dann 
sah er sie wieder Wochenlang nicht. 

Er glaubte der Blick habe ihm gegolten und glaubte sie liebe ihn. Da ergriff 
ihn eine jubelnde Fröhlichkeit, denn es gab einen Menschen, dem er nicht gleich- 
giltig war. Drei Tage lang verließ ihn diese Freude nicht. In seiner Seele sang es 
drei Tage lang. Er lebte in einem Taumel und wußte nicht mehr von sich als daß 
es ihm wohl sei. Dann aber kam die Selbstbewußtheit wieder und mit ihr sein 
Leiden. Er gedachte der letzten Tage voll Lust und Leben und Freude und er sehnte 
sich nach ihr, denn er hoffte mit ihrem Anblick werde die Freude wiederkommen. 
Und er erinnerte sich an die wunderschöne Zeit, als er sie vor zwei Jahren zuerst 

11 






^ Über Novellen jugendlicher Dichter 



gesprochen hatte und es wuchs seine Sehnsucht nach ihr und es war sein Wunsch 
sie zu sprechen. Schon lange dachte er nicht mehr, und handelte er nicht mehr, 
drum tat er nichts gegen diese Sehnsucht und nichts zu ihrer Erfüllung, sondern er 
verfolgte jede kleinste Regung und machte sie wichtig und verstärkte sie; und er 
träumte den ganzen Tag von Blanka. Weil er aber zu schüchtern war, so konnte er 
sie nicht sprechen. Das wollte er sich nicht eingestehen, drum sagte er, er spreche 
sie nicht, weil sie ihn nicht liebe. Und er war bald überzeugt davon, daß sie ihn 
nicht Hebe und daß er sie überhaupt nur sehen wolle. Und es wuchs seine Sehnsucht 
ins Ungemessene. Sein Sehnen verschlang alles: er kannte keinen Gedanken und 
keinen Traum, der nicht von Blanka sprach. 

Wenn er sie aber sah, so wurde doch das Drängen seiner Seele nicht gestillt. 
Er war verwundert darüber, denn er hatte vergessen, daß im Grunde seiner Seele 
der Wunsch lebte, sie zu sprechen, mit ihr zu leben. Und weil er sich wunderte, so 
wandte er sich noch mehr allein seiner Sehnsucht zu und so konnte sie nicht 
geringer werden. Da hörte er die Leute von Blanka sprechen. Die Leute sagten : 
Blanka ist charakterlos, Blanka ist ein leichtsinniges Ding, Blanka schwärmt wöchentlich 
mit einem anderen. Und er glaubte den Leuten, well er wußte, daß Blanka Immer 
leichten Blutes war. So geriet er zum erstenmal in Zweifel über sie. Er aber Heß 
seine Zweifel gehen und seine Träume wollten ihre Schuld. Denn in seinen Träumen 
gefiel er sich in erdichtetem Konflikt. So wurde er überzeugt davon: ein flatterhaftes 
Mädchen hält ihn dämonisch fest, ihn den strengen Ethiker. 

Dann sah er sie häufig. Er sah sie mit anderen sich belustigen und weil er 
sie häßlich wollte, so sah er an Ihr Häßlichstes. All dies berührte seine Seele nicht 
sehr tief, weil es ganz bewußt war und dennoch verließ es ihn nicht, eben weil es 
bewußt war. Er gefiel sich im Wechsel dieser Stimmungen, drum blieb er viele 
Wochen lang darin befangen. So war er In das Denken, Fühlen seines Fühlens 
verstrickt und das gab ihm keine frohe Stunde. 

Einmal aber tauchte in ihm der Gedanke auf, von der Lächerlichkeit seiner 
Träume. Und seine Träume waren sein Leben. Von da an verließ dieser Gedanke 
i ihn nicht mehr. Er erkannte die Lächerlichkeit einer Sehnsucht nach einem Mädchen 
das er nicht mehr kannte, den Widerspruch zwischen Traum und Tat, wenn ihn die 
Sehnsucht nach ihr trieb, er aber floh, wenn sie dann kam, den Zwiespalt zwischen 
seiner Neigung und ihrem Wesen. Er wurde sich bewußt, daß er sie nicht liebe, 
sondern einen Schatten, daß er nicht fühle, sondern träume. Und weil er unter diesen 
Erkenntnissen litt, so wendete er seinen Geist von ihnen ab und er verweilte bei 
der Erinnerung der vergangenen Jahre. Die Erinnerungen waren wunderschön, weil 
sie ruhig waren und traurig weil sie bloß Erinnern waren. In dieser Traurigkeit war 
aber etwas Süßes, darum suchte er diesen Schimmer von Traurigkeit auch wo er 
nicht war. Die Leute sagten er sei melancholisch geworden. Weil aber sein Erinnern 
bewußt war, so fehlte der Melancholie die Größe, darum sagten andere Leute er sei 
sentimental geworden. Der Erinnerungen verflogener Stimmungen aber wurden immer 
mehr und mehr es wurde ihrer eine erdrückende Menge und so Heb Ihm jede einzelne 
war alle zusammen hatten sie etwas beängstigendes. Und es trieb ihn sie nieder- 






^. 



Über Novellen jugendlicher Dichter 163 

zuschreiben. Und er schrieb eine lange traurige Geschichte. Noch während er sie 
schrieb ging eine Änderung in seinem Wesen vor: Kräfte wurden frei in seiner 
Seele, Kräfte begannen zu spielen in ihm; neue Kräfte wuchsen bei der Arbeit. Und 
so kraftlos seine Geschichte wurde, so kraftvoll wurde seine Seele. 

Und Blanka vergaß er. — 

Und die neuen Kräfte in ihm trieben und drängten und er begann wieder zu 
denken. Drei Wochen lang dachte er ernst und streng an einer großen Frage und 
dann ersann er einen großen Plan. Und zum erstenmal in seinem Leben fühlte er die 
Kraft, auszuführen seinen Plan. Bei der Ausführung fand er nie geahnte Fähigkeit in 
sich und er lernte Menschen kennen und sah sich nicht schlechter als die anderen 
waren und er fand viele, die ihn ehrten, und er fand viele, die ihn liebten. Auf sich 
selbst vertrauend, nur nach dem Guten den Blick gerichtet, sich und seine Kräfte 
fühlend, durch Arbeit gestärkt, durch Mißerfolge geläutert, durch Erfolge erhoben, so 
war sein Zustand, als zum drittenmal Blanka in sein Leben trat. 

Er las in seinen Tagebüchern und die vergangene Zeit wurde ihm lebendig. 
Aber er war weit über sie hinaus, drum sah er seine Entwicklung, wie man das 
Irren eines anderen sieht. Und es wurde ihm klar, daß Blanka ihm damals geneigt 
gewesen war. Dessen freute er sich und es kamen wieder Gedanken an sie. Wieder 
hörte er die Leute von ihr sprechen und wieder sagten sie Schlechtes von ihr. Da 
blitzte es in ihm auf, er schauderte vor sich selbst, denn er fühlte sich schuldig. Er 
sagte: sie hat mich geliebt und ich habe immer getan, als mißachte ich sie. Dadurch 
habe ich sie verletzt und noch immer verletze ich sie und noch immer verrate ich 
sie, so oft ich sie sehe. Sie fühlte in sich vielleicht das Bedürfnis, geliebt und geehrt 
zu werden, und alle verehrten und liebten sie, aber der erste, dem sie geneigt war, 
der mißachtete sie und verletzte sie. Das hat sie tief gekränkt in ihrem Stolz, drum 
hat sie Trost gesucht in dem Verehrtwerden von vielen. Diese Möglichkeit schon ließ 
ihn erbeben. Er dachte ihr nach und überzeugte sich von ihrer Wahrheit. Und ihn 
drückte die Schuld nieder: die Seele eines Menschen verdorben zu haben. Er suchte 
nicht Ausflüchte, ihm galt es gleich, ob er bewußt oder unbewußt gefrevelt hatte. 
Auch in Melancholie verfiel er nicht und er wurde auch nicht sentimental, sondern er 
sagte sich klar, ich muß die Folgen tragen. Oft kam ihm die Hoffnung, daß er sich 
täusche. Aber er entzog sich nicht durch diese Hoffnungen seiner Pflicht. Seine Pflicht 
war: sich Klarheit schaffen, ob er schuldig oder nicht. Und wenn er Schuld trug, sie 
zu sühnen. Das aber konnte nur sie allein ihm sagen, deshalb beschloß er, mit ihr 
zu sprechen. Diesem Willen aber widersetzte sich seine Schüchternheit und seine 
Furcht vor der Rede der Leute. Doch er begann mächtig zu kämpfen mit seinen 
Trieben und er wußte, daß er siegen werde. 

Nr. (5). 

Das Manuskript ist eine Rcinsclvift auf acht Oktavbogen, doppelseitig sorgfältig geschrieben. 
Ohne Korrekturen. Paginiert i—i 4 . Eingeschlossen in zwei weiße Bogen, i. Blatt Titel. 2. Blatt 
Widmung. ). und 4. Blatt leer. Das ganze eingeheftet in einen Heftdeckel, dessen Außenseiten mit 
Wasserfarben gelb und blau marmoriert mit der Hand bemalt sind, mit scliwarzer Schrift : Agnolos 
Anbruch. 

11* 



164 



Über Novellen jugendlicher Dichter 



Er stand bewegungslos im Rahmen des kleinen Giebelfensters . . . 

Agnolo wußte es wesenlos irgendwo. Er suchte etwas. Vielleicht sich selbst. Worte 
waren vorausgegangen. Er zitterte beim Empfinden ihres Entschwindens. Sie mußte 
noch im Raum sein. Wenn er sie nicht mehr fand? Und so. — Der Türrahmen schien 
verwechselt. Vielleicht war der innere Teil neu. Wer die Schuld daran trug? 

Dann empfand er hinter sich die stürzende Tiefe. Wenn die Fensterbank plötz- 
lich brach? . . . 

Wie Stille zerbrach: — 

.Sie zweifeln?* 

Flut wirbelte rings. Riß ihn zur Seite. Jetzt kam es. 

Noch bebend vor Aufregung des Suchens: 

„Ja", sagte er und warf Überlegenheit hinüber. 

Aber da es ihn drängte zu triumphieren, fühlte er das Erneute ihres Zweifels. 
Es zwang ihn zum Wort. „Mimi" (sprach er) „es ist unmöglich. Niemals war ich wie 
andere. Sein ist nicht gekettet an Weib. Ich verachte ..." 

Sein Gesicht verzerrte sich. Einen Augenblick. Denn es bedrängte ihn die 
Größe seiner Unwahrheit. Gleichgültigkeit dagegen stieg in ihm auf und er bebte in 
der Wollust des Widerspruches. Erfolg wellte ihn an; nickte ihm Befreiung. Eine 
Zeit lang atmete er in der Ahnung des Vorhergehenden. Das Unterdrückte seines 
Körpers ließ ihn wieder zu sich kommen. Hieß ihn Umschau halten. 

Mimi rekelte sich. Ihr Kinn ruhte auf dem Bein, das sie in die Bucht der 
Brüste schmiegte. Das andere baumelte über einer Stuhllehne . . . 

„Agnolo", kam es und legte ihren Blick nach unten, „Sie entsagen, Sie ent- 
behren? Wie ist das? Ich verstehe nicht. Sie wissen nicht . . ." 

Ein Blick lud ihn ein. Hastig unter schwarzen Wimpern. 

Er sah mir hin. 

Aber sie erregter: „Ich habe viel Männer besessen. Jeder Art . . . Allen war 
dies gemeinsam. Dies eine. Ich war ihnen Werkzeug der Sinne; notwendig wie 
Nahrung zum Leben. Mein Leib diente ihnen. Die Erfüllung der Natur. ... Es muß 
sein. So." Sie redete sich in Leidenschaft. Sie zitterte. Dann ruhiger (und ihr Bein 
schaukelte nicht): „Ich war noch jung. Fühlte Drang. Und Furcht. Zwang schien das 
Beste. Ich folgte. Bis alles überschäumte. Flut über Vernunft stieg. Mich fortriß und 
wild in den Arm des ersten Mannes warf. O süßer Taumel. Ich gab mich ohne 
Bedenken. Und wurde genommen. Wie immer, heute und morgen." 

Sie legte sich darbietend. Ihr Körper erwartete ihn. Fiebernd im Gedanken 
des Kommenden. 

Er stand regungslos. Sah nichts. Wenn nicht fern in einer Vision eine winzige 
Bewegung. Unbestimmtes wühlte in ihm. Wenn er zufassen wollte, entschwand es. 
Es jagte ihn hin und her und war doch unerreichbar. Er fühlte sich zerbrochen und 
elend. Ahnte nur die Worte und daß er da war. Er ging. Aber er wußte, daß er sich 
mit dieser Stunde auseinandersetzen würde. Und daß jedes Wort wieder auferstand. 
Und daß es sich In ihn krallte und ihn nicht mehr losließ. Nicht mehr. — 






Über Novellen jugendlicher Dichter 165 



Als er an der Türe stand, gefiel ihm die Inbrunst ihrer gespannten Arme. Er 
erinnerte sich an ein Bild. Beim Abschied küßte er ihr verschwommen die Hand. 

Er hatte sich aus dem Gewimmel der Bahnsteige in die stille Verhaltenheit 
eines Abteils geflüchtet und glaubte sich in einem anderen Element. Denn das Über- 
maß des Gewühls verlief sich erst langsam in ihm. 

Draußen hatte man sich gestritten. Es war unerträglich. Ein Kind hatte geweint. 
Der Beamte war grob. 

Agnolo dachte an das Kind. 

Allmählich sank auch dies in ihm unter. Dann wuchs er in die Zeit hinein. 
Bedrängendes bröckelte von ihm ab. Doch war noch genug, um Vorlautes zu wehren. 
Es war wie endloses Fallen oder aufwogendes Schweben dieses Ruhen. Man müßte 
auf der Heide liegen und in der Nähe ein Meer wissen. Das Summen der Bienen 
war fortwährend. Manchmal kamen Windstöße, die den Zauber lockerten. Eine Biene 
würde vielleicht über mich fliegen. Es würde wie eine Lähmung sein. Und dann 
würde man hinüberdämmern. 

Er fuhr zusammen. Es schrie ihn etwas in wahnsinnige Hast .... 

Es trieb ihn, das Unerklärliche zu erklären. Flucht wehrte mit angstvoll gedrehtem 
Antlitz. Spannung stieg ins Ungeheure. Bis sie überrollte und die Lider aufstieß. 

Aber gedröhnt vor der Freude dieser Sekunde wurde das geöffnete Gesicht 
wieder zugeworfen. Denn er stürzte in Klüfte und sah sich sorglos jauchzend durch 
blumige Wiesen flattern . . . 

Dann überdachte er alles. 

Ist es nicht lächerlich (spöttelte er). Ein Mädchen sitzt mir gegenüber. Das ist 
das Ganze, und darum bin ich bewegt. Wie mich das in Schwingung bringen konnte. 
Ich verstehe mich nicht . . . 

.Mädchen", sagte er, .ich wußte dich hier ohne dein Gesicht. Nicht der Teil 
zog hin. Das Ganze kam zu mir in seiner gerafften Unfaßbarkeit namenlos. Du heißt 
mir sein." 

Und da in ihm die Wonne des entgegenkommenden Geschlechts aufstieg, hüllte 
er sie in seinen leuchtenden Blick ein. Wie ein köstlicher Gral schmiegte die Liebe 
ihre schlanken Füße empor. Ein rosiger Kelch ließ er Wein rubinvoll hindurchriechen. 
Oh, der Süßigkeit, dieser Süßigkeit! Auf den Knien stand locker gespreiztes Gewand. 
Aus der Zusammenraffung der Hüfte (wie begehrte sie den Arm) entfaltete sich 
mannigfach üppevoll wie ein Strauß überliegend die Vollendung der Brüste. 

Und plötzlich überschüttete ihn der Hagel der Begehr. Mit Peitschenhieben 
warfen sich alle Entflammungen seines Lebens auf ihn. Es zerrte ihn in den nach 
vorn geöffneten Rhythmus ihrer Arme, die in ihrer wahnwitzigen Unbegreiflichkeit 
Göttliches in sich trugen. Er schrie irgendwie nach dem Genuß ihrer Füsse. Liegend 
bedeckte er sie in Ringen von Küssen. Er saugte sich an ihrem Mund fest, daß das 
Blut heraustrat. Dann blitzte der Gedanke, sich wie Band um ihren Hals zu legen. 
Dann riß er sich zurück, jagend nach höherem Genuß. So war noch keine Linderung. 
Und da er, um ihr weißes Fleisch klopfen zu sehen, ihr Kleid geöffnet hatte, warf 
er seinen Mund auf ihren Busen. Das Stammeln seiner Seele küßte er dort nieder. 



i 



]g5 Über Novellen jugendlicher Dichter 






„Du, du Sonne deines blumigen Kleides, Sommer, klaffend Blau des Himmels, 
du warst es ... O Tollwut meiner Sehnsucht, gib Ende. Du . . .* 

Er verstammelte das andere in der Woge des Herankommenden. Maßlose 
Leidenschaft, zum Turm gereckt, zerrte ihn weg und zertrat das Geringe einer vor- 
herigen Linderung. Sie schrie nach der Erfüllung des Ganzen und Letzten. Als er 
schon Gehör gebend Anlauf nahm, stand Stimme scharf Erfüllung ausschließend. Er 
wußte nicht, woher sie kam, noch wer sie war. 

Sie stand und schloß. 

Möchte es das wahnsinnigste Erzittern vor der Erfüllung des Letzten sein und 
war dies Geheimnis so furchtbar, daß es die Besinnung noch an der Schwelle herbei- 
rief? Hätte man nicht aus dem Taumel erwachend alles hinter sich gehabt? 

So war alles umsonst. 

Der ungeheuerste Schrei klaffte auf in wilder Begehr. Sie wurde hart ein- 
gedämmt. Irrsinnige Aufbegehr 

Seine Augen standen in Blut. Die Finger spreizten sich und knücherten kraft- 
los zusammen . . . Dann lag er ohnmächtig 

Draußen fiel Regen vom Himmel. Es gab keinen Laut. Wie Fäden hing es 
herab. Der Zug jagte ohne Unterlaß darunter hin. 

Zu seiner Erinnerung erwachte dann wieder jenes Haus in der gemiedenen 
Straße. Es war mit Putten und Girlanden bemalt. Als er einmal vorüberging, hatte 
sich betörend die Melodie eines Klaviers durch die Fenster verlaufen. Sie biß sich in 
sein Hirn und stand verachtend, Rücken gegen das Übrige. Es war nur dies Eine. Die 
Melodie, die schon morgens sang, sie endete stets dort: Es sei kein Anfang ohne 
Erkenntnis. Warum sich nicht Erkenntnis in jenem Hause holen? — Und er dachte 
an Mimi. Sie hatte recht. Er habe ja nur mit Überlegenheit gespielt, da er wider- 
redete. Man mußte sich selbst bewundern, wenn man anders schien, mit Erfolg Pose 
anlegte. Aber endlich woher kam das Recht, Erfahrung aufzuspielen? Wie konnte 
man jetzt selbstgefällig zurückschauen, wo man doch kaum weiter war! Denn jene 
Aufpeitschung hatte vor dem Ganzen gescheut. 

Es gab ja noch eine Polizei im Körper, die erschien, wenn man daran war, 
sich zu vergessen. Und man war angelegt zum Gehorchen. Auch wenn der Körper 
dabei zersprang. War da keine Rettung? Wohl, so man Erziehung herausriß. Man 
mußte sich auf dem Umwege über den Verstand zur Ursprünglichkeit zurückbringen. 

Aber hier wehrte Unmögliches : Er hatte gekostet und der Rest stand noch 
aus. Man konnte nicht an Neues denken, bevor man mit dem alten fertig war. So 
blieb denn nur ein höchst Verstandesmäßiges: Es muß durchgekostet werden. Ich 
komme anders nie über das Begehren hinaus oder das Geheimnisvolle. Aber wenn 
ich zur Tat schreite, bin ich stets gestillt. Nur dies eine Mal soll Gedanke zur 
Erkenntnis treiben. Es ist nur diese Wahl. 

Wie er sich bis zur Türe gezwungen hatte, wußte er nicht mehr. Verhaltene 
Angst riß hier nochmals alles zusammen. Sie schien ihm die Kehle zudrücken zu 
wollen. Aber er schüttelte sie mit einer energischen Gebärde ab, wobei er an die 
Pose eines Tennisspielers dachte. — Die Treppe war mit Samt ausgeschlagen und es 






f 



Über Novellen jugendlicher Dichter 167 



gab einen schürfenden Ton, wenn man hinaufstieg. Es flog ihm ein Duft von Blumen 
entgegen, die er einmal im Traum gerochen zu haben sich erinnerte. — 

Als er dann in sie sank, schlugen über ihm die Wogen zusammen. Er hörte ein 
Plätschern. Von dem Zucken zweier Körper wußte er nichts. Es war ein leichtgehügeltes 
Meer voll gespenstiger Stille . . . Zuletzt erlosch alles in Frost. 

Endlich verlassend lag Ekel und Trug hinter ihm. Er ging leicht dahin. Es 
kam ein Gewitter und kühlte die Stadt. In den Donner schrie er geschwellt jubelnde 
Hymnen. Aufleuchteten Straßen wie Laternenreihen am Abend sich entzündende. Anders 
rochen Blumen. Aufgehende Sonne regte alles. Denn es trübte kein Bedenken. 

Aber maßlose Verachtung stieg in sein Gesicht, als die käufliche Leidenschaft 
des Mädchens in ihm zum letztenmal die Augen öffnete. 

Nr. (16). 

Aus einem Schulheft ausgerissene Seiten, in ein Blatt eingeschlagen. Das j. Kapitel sorgfältig mit 

TV 1 aas 2 flüchtig mit Bleistift geschrieben (doppelseitig). Vielfach und ohne Sorgfalt teils mit Tinte, 

■1 mit Bleistift korrigiert. Das Einschlagblatt kalligraphisch mit dem Titel verschen: Geschichten 

Franz D. Späterer Zusatz mit Bleistift : nach einem Erlebnis. Die Geschichte ist unvollendet. 

Der erste Kuß. 

Humoreske von Franz D. 

I. Kapitel. 

Gelangweilt ging Erwin neben seinem jüngeren Bruder her. Oh, wie hatte er 
sich auf diese Ferien gefreut! Langsam, ganz langsam waren sie immer näher gerückt 
und nun waren sie da. Jetzt hatte er gehofft, endlich in seinem Homer studieren zu 
können^ endlich in seinem Griechisch schwelgen zu können, ohne auf die Launen 
eines pedantischen Professors achten, ohne hundert andere Dinge verrichten zu 
müssen. Aber welche Enttäuschung wartete seiner ... So ging man denn auf 
das „Bergli" und nachdem man stundenlang einen steilen, sonnigen Fußpfad gegangen 
war " hörte dieser plötzlich auf und man sah nichts als den Gipfel des Berges hoch 
über sich nur über eine unerklimmbar steile Rasenfläche erreichbar. Die Eltern 
beschlossen daher, sich niederzusetzen und zu warten, bis jemand kommen werde, 
um ihnen hinunter zu helfen; Rudi, Erwins Bruder, dem die Lage gar nicht so ernst 
vorkam, fing an zu lachen über den .leichten Weg" und die „halbe Stunde', wurde 
aber mit einem Klaps bestraft für seine Respektlosigkeit. Und der dicke Erwin brach 
erschöpft zusammen und verfiel in ein tiefsinniges Nachdenken, um wieviel nützlicher, 
gefahrloser und fruchtbringender es ist, Homer zu studieren, als auf .Bergli" zu 
gehen. Und dieses Nachdenken war so tief, daß er gar nicht merkte, wie er langsam 
auf der steilen Bergwiese zu rutschen begann und wie es immer schneller wurde und 
erst wie er unten einigermaßen unsanft in den Bach geworfen wurde, schreckte er 
heftig auf und gelangte nach einigen vergeblichen Versuchen, wenngleich vollkommen 
durchnäßt und mit zerrissener Hose und Jacke, aus dem Bade. Schaudernd vor 
Entsetzen hatten die anderen es gesehen und hielten sich nun krampfhaft an das 
hohe Gras fest, damit ihnen nicht ein ähnliches passiere. Rudi weinte, anstatt zu 






_. 



168 



Über Novellen jugendlicher Dichter 



lachen, und alle zusammen schrien, so laut sie konnten. Endlich kam ein Bauer, der 
sie aus ihrer .Lebensgefahr" rettete . . . Erwin kleidete sich um und kam mit 
noch schlotternden Knien in den Speisesaal hinunter. Unten grüßte ihn das unter 
dem Namen .die hübsche Kellnerin' bekannte Mädchen besonders freundlich, erkundigte 
sich nach dem Vorfalle und sprach ihm ihr Beileid aus. Was mochte sie dazu 
bewogen haben? Sein Äußeres gewiß nicht. Aber er hatte sie durch seine Erzählung 
des Vorfalles so zum Lachen gebracht, daß sie sich ganz von selbst mit ihm 
beschäftigte und dann mag sie an ihm jenen Zug innerer Herzensgute gefunden 
haben, den äußerlich ungeschickte und schwerfällige Menschen so oft haben. Er 
dachte nicht weiter darüber nach, zumal er gar nicht merkte, daß sie besonders 
freundlich zu ihm sei, und ging bald zu Bette. 



2. Kapitel. 

Nächsten Morgen wachte Erwin infolge seines frühen Zubettegehens auch früh 
auf, kleidete sich rasch an und ging, mit seinem Homer bewaffnet, hinunter. Da traf 
er schon seine Bekannte von gestern frühstücken. Er setzte sich hin, aber sie schien 
nicht dazu aufgelegt, ihn lesen zu lassen. .Was haben Sie da für ein Buch?" fragte 
sie ihn, und als er erwiderte .Den Homer*, sagte sie, das müsse entweder ein ganz 
moderner oder ein sehr unbekannter Schriftsteller sein, well sie alle anderen Autoren 
kenne. Er war empört. Also so ungebildet war sie? Nicht einmal, wer der Homer ist, 
weiß sie? Er erklärte, wer es sei. .Ach so', sagte sie, .ich glaube mich zu erinnern, 
seinen Namen einmal gehört zu haben. Also Sie arbeiten? Ich dachte Sie lesen zu 
Ihrem Vergnügen.* „Das tu* ich auch', gab er unwirsch zurück, „ich kenne kein 
größeres Vergnügen als Homer zu lesen." „Und so ein alter griechischer Kerl, bei dem 
man erst jedes Wort übersetzen muß, gefällt Ihnen besser, als Goethe oder 
Schiller?" 

.Ich kenne Goethe und Schiller nur dem Namen nach." 

.Sie haben nichts von den beiden größten deutschen Dichtern gelesen?" 

.Nein, nichts." 

.Ich habe zufällig ein Stück Goethes, «Götz von Berlichingen", bei mir, bitte 
lesen Sie es mir zuliebe.* Damit reichte sie ihm das Buch und ging mit einem 
freundlichen ,Auf Wiedersehen' hinaus. 

Er wußte nicht, wie Ihm war. Das Buch hatte er In der Hand, sie war nicht 
mehr da, und unhöflich wollte er nicht gegen sie sein. Also mußte er es auf Wohl 
oder Übel lesen. Um es bald hinter sich zu haben, begann er sofort. Es gefiel 
ihm besser, als er erwartet hatte, aber mit Homer war es doch nicht zu ver- 
gleichen. 

Doch je welter er kam, desto besser gefiel es Ihm; er las den ganzen Tag; 
abends, wie er fertig war, dachte er darüber nach, wodurch es sich denn von Homer 
unterschiede. Je mehr er darüber nachdachte, desto mehr gefiel ihm .Götz von 
Berlichingen" und er schlief mit dem Entschluß ein, das Buch morgen noch einmal 
zu lesen. 






Über Novellen jugendlicher Dichter 169 

Nr. (15). 

Diese Arbeit besteht aus drei Teilen. Der erste Teil liegt in 'Reinschrift und Konzept (15 a) 
vor; der zweite Teil bloß in der Reinschrift; der dritte Teil in einem nicht vollständig erhaltenen 
Konzept. Wir werden im folgenden bloß Teil I und II berücksichtigen (is). Von Teil III wird eine 
kurze Probe genügen. (15) besteht aus }6 paginierten Blättern, sorgfältig doppelseitig geschrieben, gleich- 
mäßig von Anfang bis Ende. Blatt r— ja ein übliches Schulheft ohne Umschlag. Blatt 3) — 36 lose 
Blätter aus einem solchen. Wenige sorgfältige Korrekturen. Jedes Kapitel beginnt mit einer neuen 
Seite; Größere Abschnitte mit einem neuen Blatt. 

I. T e i 1 : Werden. 
1. 

Die erste Nach t: Am Abend hatte er viel gelesen von Liebesleben undFrauen- 
schönheit. Und dann war er ganz sachte hinübergeglitten aus dem Wachen ins Land 
des Traumes. Die Augen waren ihm zugefallen über dem Buch und nun spannen 
Gestalten und Gefühle in seinem Kopfe weiter. 

Ein tiefblauer See. Es ist abends — rot leuchten die Wolken und der Himmel 
ist noch verklärt vom Untergange der Sonne. Der See spiegelt rot wieder, und im 
weiten Umkreis ist das Land still und offen und liegt träumend weich und ausge- 
breitet da. Alles ist so ruhig, — so endlos ruhig, und eine große Ruhe breitet sich 
über mich. Ich sitze auf einer Landungsbrücke, weit draußen am See, und höre die 
Wellen leise, leise plätschern. Dann wird's dunkler und dunkler, das Rot der Sonne 
verschwindet, auf schwarzem Himmel stehen tausend Sterne, und tausend Sterne 
spiegeln sich weithin im schwarzen See. Unter mir aber ist das Wasser ganz tief- 
schwarz. — Die tiefe Ruhe, die mich umfangen hatte, weicht und ein unendliches 
Sehnen tritt an mich heran. Sehnen — wonach? O — nach nichts — und nach 
allem — nach dem Glück und nach Liebe. — Die Wasser plätschern leise ans Ufer, 
sonst ist's still. 

Ein lichtes Ding naht sich über den See. Es kommt näher, lautlos. Es ist ein 
Kahn. Drinnen sitzt ein weißes Mädchen. Sie fährt ganz nahe an mir vorbei — ich 
kann sie sehen — noch nie war mir ein Mädchen so schön erschienen. Aus ihren 
Augen blickt die endlose Sehnsucht, die auch ich empfand, und träumend sah sie in 
die Nacht. Ihr Leib schauerte hie und da zusammen und glühte nach Liebe, nach 
Wärme, nach Wonne. 

Sie fuhr lautlos an mir vorbei. Ich aber sprang Ins Wasser und schwamm dem 
Boot nach und schwamm weit, weit in den See hinaus und wagte doch nicht, sie zu 
rufen, denn ich wollte sie nicht stören. Endlich aber rief ich ihr zu — und sie hörte 
mich und hielt das Boot an und ich sprang hinein und nun stand ich neben ihr und 
ihre großen Augen bickten mich sehnsuchtsvoll an. 

Und dann erwachte er und suchte sie den ganzen Tag. Der Tag war heiß und 
voller Sonnenglut und er suchte und suchte sie und konnte sie nicht finden. Und er 
dachte den ganzen Tag an nichts anderes als an sie. Des Abends sank er müde hin und 
wünschte sich nur, von ihr zu träumen. 

Die zweite Nacht:Es war ein lachender Sonntag, ich aber ging unruhig 
vor einem Hause auf und ab. Ich wußte nur, daß sie in diesem Hause wohne. Hinter 
dem Hause aber stiegen gleich wilde Berge in die Höhe, die heute von Sonnenglut 






_.- * — ^- 



j7o Über Novellen jugendlicher Dichter 



durchtränkt waren. Und auf einmal sah ich sie, mir von oben aus zuwinken. Ich 
stürmte den Berg hinauf, so rasch ich konnte. Sie lag auf einer kleinen Bergwiese 
und winkte mir immerfort zu, und wie sie sah, daß ich hinaufkam, begann sie Zu 
lächeln. Ich aber lief aufwärts, was ich konnte; und dann kam ich zur Wiese und war 
bei ihr. Und ich kniete zu ihren Füßen nieder und sah sie lange an und sie blickte 
mir tief und flehentlich in die Augen. Da wagte ich's langsam näher zu kommen und 
beugte mich über sie, und wie ich in die Nähe ihres Leibes kam, da fühlte ich mich 
so selig und ein Glück durchströmte mich, wie ich es nie gekannt. Und dann wollte 
ich ihr einen leisen Kuß auf die Stirne geben. 

Und wieder erwachte er. Und von neuem machte er sich auf die Suche nach 
ihr, den ganzen Tag. Des Abends aber fand er das Häuschen, von dem er geträumt, 
und er erkannte es genau wieder, und die Berge, die dahinter in die Höhe ragten. 
Da klopfte sein Herz vor Freude, er stürmte in die Berge hinauf und kam zu der 
Wiese, wo er sie gesehen. Und dort setzte er sich nieder und dachte an sie. 

Die dritte Nacht: Und wie er noch da saß und an sie dachte, siehe, da 
kam sie wirklich. Und dieses Mal kam sie von selbst auf mich zu, — und ich eilte 
ihr entgegen — und dann standen wir beide und sahen uns lange an. Und plötzlich 
sank ich auf die Knie vor sie hin und sie ergriff meinen Kopf mit ihren Händen 
und zog mich zu sich hinauf, und dann umschlang Ich sie mit meinen Armen, und 
dieses Mal entschwand sie mir nicht. Und da standen wir beide lange so da und ich 
war so froh und so endlos glücklich und unsere Leiber schmiegten sich warm 
aneinander. Meine unendliche Sehnsucht war gewichen und ich hatte wieder Ruhe 
gefunden, tiefe, stille, glückliche Ruhe. Und ich drückte meine Lippen auf ihre — und 
umarmte und umschlang sie und es war so herrlich. 

Und dann sagte sie, sie müsse jetzt gehen und machte sich sanft von mir los 
und gab mir noch einen Kuß, und dann sagte sie, morgen käme sie wieder. Kaum 
aber war sie weg, da wurde mir so verlassen, so entsetzlich einsam und traurig 
zumute, daß ich sie zurückrufen wollte. 

Und da erwachte er und fand sich allein auf der Bergwiese sitzend und <j a 
merkte er, daß er wieder nur geträumt habe. Aber ihn packte eine unendliche Sehn- 
sucht — und er glaubte mit seinem ganzen Glauben daran, daß sie lebe und daß er 
sie finden werde. Und so ging er sie den ganzen nächsten Tag von neuem suchen 
— und fand sie wieder nicht. In der vierten Nacht aber erschien sie ihm auch l m 
Traume nicht mehr. Und von da an war es sein Lebenswerk, sie zu suchen. 

Nun suchte er sie durch lange Jahre seines Lebens. Er sah viele weiße 
Mädchen, und in jedes Mädchen Blick glaubte er sie zu erkennen. Und jedes Mal 
schlug sein Herz und kein Mal war sie es. Und auch in der Nacht träumte er nimmer 
von ihr. Doch er blieb ihr treu und suchte so manches Jahr noch weiter. Die Menschen 
verlachten ihn und meinten, es sei besser, wirklich zu küssen und zu umarmen, als 
stets zu suchen. 

Endlich aber wurde er hart gegen sich selbst. Und er sagte sich, daß sie Wohl 
gar nicht lebe und daß er sich seinen Glauben aus dem Kopfe setzen müsse. Das 
wollte ihm anfangs nicht gelingen, doch nachdem er einmal wollte, mußte er's auch 



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Über Novellen jugendlicher Dichter 171 



durchsetzen. Eines Abends feierte er denn den Abschied von ihr. Er dichtete ihr ein 
Lied und sang es ihr: 

Vergang'ne Stunden, die gewesen — / So wehmutsvoll — so traurig ist der 
Klang — . . . / Es stimmt so weich mich — Tränen möcht ich weinen — / Es war 
ein Teil von mir ! — Es ist nicht mehr — — / Verfloss'ne Tage, Stunden, die 
gewesen, — Vergangnes Glück — ach, kommt! kommt wieder her! 

Und dann weinte er die halbe Nacht — und endlich schlief er ein. Des Morgens 
aber — es war ein kalter, schneidender Wintermorgen — da sah er die Welt mit 
nüchternen Augen an und Heß alles, was mit Glück und Liebe zusammenhängt, weit 
hinter sich. Und nun dachte er, etwas Praktisches zu leisten. 

2. 
Da sah er sich denn zum erstenmal in der Welt um, wie sie war, außerhalb 
seiner unter den Menschen. Und er achtete darauf, was die Menschen taten. Und er 
merkte wohl, daß das ein klägliches Gemisch war. Keiner getraute sich, ganz seiner 
Innenwelt zu leben, wie er es getan hatte, und keiner getraute sich ganz der Außen- 
welt zu leben. Alle wollten beides haben und alle wollten sich und den anderen recht 
gut gefallen und möglichst viel Glück für sich in Besitz nehmen, und mit dem gingen 
sie dann sehr sparsam um, wie sie es auch mit dem Gelde taten. Und dann merkte 
er wohl bald eines, daß ihr Glück ein anderes war: Sie waren glücklich, wenn sie 
sich nach dem Essen auf die warme Ofenbank legen konnten, und waren glücklich, 
wenn man ihnen ein Lob gesagt hatte - wiewohl sie wußten, daß man nach zehn 
Minuten hinter ihrem Rücken ausspucken würde. Und vor allem: sie waren glücklich, 
wann ihr Denken es ihnen gestattete, und nicht, wann sie es waren. Sie wollten 
glücklich sein und meinten, mit diesem Willen das Glück heraufbeschwören zu 
können. Und kam einmal als Gnadenstrahl eines Gottes das Glück wirklich über sie, 
dann streckten sie ihre Hände krampfhaft und gierig darnach aus und wollten es 
fassen und fangen. Niemals aber fanden es ihre unheiligen Sinne, ihre stets denkenden 
und trachtenden, dort, wo es schönen und ehrfürchtigen Seelen von selbst zufließt. Im 
Walde draußen, wo es durch das Laub säuselt und über die Wege huscht, wo es mit 
jedem Sonnenstrahl goldene Flecken auf den Boden malt und an jedem Blatt zittert. — 
Doch nachdem er sich vorgenommen hatte, etwas zu leisten, beschloß er denn 
sich ganz auf den Erwerb zu legen... [Nach .etlichen Jahren" hatte er .eine 
gewaltige Summe Geldes".] 

Denn e r konnte nicht glücklich sein, wann er es wollte. Und das, was er 
sich von seinem Gelde kaufen konnte? Die Liebe von Dirnen oder, was dem gleich- 
kam, eine schöne Frau, die er nicht liebte? Eine Aufpeitschung müder und lässiger 
Sinne war ihm dies, ein Beschmutzen und Besudeln des Geistes, der noch in ihm 
lebte. - Und mit kostbarer Speise und berauschendem Trank war es dasselbe . . . 
[Theater und Musik fruchtete ihm auch nichts mehr.] 

Aber wie konnte auch Glück sein, wo es nicht war? Wo nichts war als die 
äußere Möglichkeit dazu, wo das Glück aber fehlte?- Und dieses hatte er verbannt, 
zugleich mit seinem Innenleben. Nun kehrte es nicht wieder. 



172 



Über Novellen jugendlicher Dichter 



Er saß lange da, wollte an sie denken. Doch ihr Bild erschien ihm nicht und 
es wäre ihm auch als Entweihung vorgekommen, jetzt an sie zu denken. Und darum 
versuchte er, ob er noch weinen könne, aber aus seinen Augen flößen keine Tränen 
— und dann legte er sich zu Bett und schlief einen traumlosen Schlaf, und am 
nächsten Morgen erwachte er und fühlte sich ganz leer und sah kein Ziel und kein 
Ende. Auch konnte und wollte er gar nicht denken, was nun werden solle und lebte 
einige Zeit weiter, mechanisch, gewohnheitsmäßig und merkte keine Veränderung und 
keine Bewegung Er war auf dem besten Wege, ein alter Mann zu werden. 

Eines Abends fiel ihm zufällig eine Rolle Papier in die Hände. Er öffnete sie 
und da fand er die Aufzeichnungen aus seinem früheren Leben, seine Träume und 
sein Abschiedslied. Und er las sie und dann sang er das Abschiedslied leise vor sich 
hin — und etwas wie Erinnerung an jenen heiligen Abend stieg in ihm auf; und 
dann fühlte er's heiß werden und plötzlich brachen die Tränen hervor, stark und 
gewaltsam, und schluchzend kniete er sich auf den Boden und barg seinen Kopf in den 
Polstern des Lehnstuhles. In dieser Stellung blieb er lange, lange Zeit, ohne sich zu 
rühren, und immer noch flössen die Tränen 

Am Morgen aber, als die Sonne hereinleuchtete, da stand er auf. Fest und 
sicher stand er am Boden und mit klarer Stimme sang er ein Lied, und dies war 
dann das Hohe Lied: 

Die Seele lag in Ketten mir verschlossen . . . / Ich bin befreit, die Menschheit 
zu befrei'nü 

3. 

Ja, die große Befreiung war über ihn gekommen. Er hatte gesehen: es gibt 
eine äußere Welt von Dingen, die hart und kalt sind und dich erschauern lassen. An 
ihrer Härtegehstdu zugrunde. Aber es gibtauch eine innere Welt; da tief drinnen in unserer 
Seele, da wird erst die Welt unser eigen; da ist ein Leben und Wogen, eine Wärme und 
Weichheit; da liegt so unendlich viel Schönes aufgespeichert, nur mußt du es finden 
und verstehen. Heil dir, wenn du den Gegensatz vernichtet hast zwischen der äußeren 
Welt und deiner Welt. Heil dir, wenn's für dich nur eine Welt gibt,, nur die des 
Schönen, deine Welt. Heil dir, wenn all deine Erlebnisse, all das Äußere um dich 
her Teil wird deines Inneren oder nicht besteht für dich. Heil dir, wenn du"s in deiner 
Seele rauschen hörst bei jedes Baches Rauschen, wenn dus in deinem Innern klingen 
hörst bei jedem Glockenklangc, wenn du In deinem Herzen heilige Liebe fühlst beim 
Kuß eines schönen Mädchens. Und Heil dir, wenn du das Rauschen des Baches 
überhörst, der nicht mitrauscht in deiner Seele ... Er hatte dies begriffen und 
erfaßt und nun mußte er die Welt befrei'n. Denn in ihr war's anders. Keiner wußte 
von dem Innenleben. Keiner hörte auf sein Wollen und Walten . . . 

Und so schrieb er denn Bücher und hielt Vorträge und bald wurde sein Name 
bekannt und viele Jünger scharten sich um ihn. Und er lehrte sie sein Glaubens- 
bekenntnis: .Heil euch, wenn ihr euer Inneres gefunden habt!" Und sein Einfluß 
und die Zahl seiner Jünger wurde größer und größer. Durch die ganze Jugend 
ging ein begeistertes Schwärmen für das Innenleben, sie predigten es weiter, und die, 
denen sie's predigten, die predigten es wieder weiter. Und im Mittelpunkt stand er 



Über Novellen jugendlicher Dichter 173 


und wartete, daß nun ein neues Leben anfangen werde. Ein Leben, wo keine Lüge 
mehr herrsche und niemand sich zu Falschem bekenne. Wo's keine Phrasen gibt von 
hohen Zielen, die man nie verfolgt, von großem Glück, das man nie besessen, von 



erhabenen Pflichten, die man nie in sich gefühlt hat. Eine Welt, wo die Menschen 



einander entweder wirklich lieben oder sich meiden, wo's keine Pflicht gibt, die einen 
zwingt, etwas zu fühlen; wo nur ein jeder seinem Trieb folgen darf, wo jeder dort 
schenkt, wo er schenken will, dort liebt, wo er lieben muß, das tut, was zu tun ihn 
treibt. — Er wartete und wartete, und alles blieb beim Alten, während seine Jünger 
sich bemühten, möglichst viele Anhänger für ihre Partei zu werben. Nachdem er so 
des Wartens müde geworden war, ging er eines Abends mit sich zu Rate. Und hielt 
Zwiesprach mit sich selbst. 

.Was ist es doch, daß dich auszeichnen sollte vor den Menschen und dir den 
Mut gab, dich in ihren Mittelpunkt zu stellen und hervorzutreten mit deiner 

Wahrheit?' 

.Daß es mir eine heilige Wahrheit gewesen, die ich nicht erdachte, sondern 
die mein ganzes Innere erfüllte, wie ein Strom sein Bett.* 

Wohl war sie dir eine heilige Wahrheit, die dich erfüllte und dich erglühen 
macn t e " _ Doch, was ist sie dir geworden? — Ich sehe, du verstummst Oh, ich 
durchschaue dich, der du mich so lange getäuscht. Entheiligt ist dir deine heiligste 
Wahrheit, Wort ist sie geworden und leerer Schall und Ton. Versiegt ist der 
rauschende Strom, verloschen die heilige Glut, und nichts mehr blieb übrig als das 
trockene Bett und dürre Asche." 

.Der Masse wolltest du dein Großes geben und da ward es klein. Was weißt 
du noch von Leben und Erleben, von Wahrheit und Wahrhaftigkeit, vom heiligen 
Lichte 2 Nichts weißt du als Worte davon zu machen! Worte sind Gleichnisse. Dir 
aber wurden sie Schall ohne Sinn, ohne Gleiches. Oh, ich durchschaue dich: du bist 
dem Dämon Lüge in die Hand gefallen!' 

Und nun sah er seine Seele klar vor sich in einem Bilde : Ein großer, schwarzer, 
häßlicher Dämon saß darin . . . [Die Lüge; Gespräche mit seinen besten Jüngern 
zeigen ihm, daß er von Grund auf mißverstanden wurde.] 

Da drehte er sich denn um und schritt gebeugten Ganges davon. Nirgends 
hatte er heilige Glut gefunden, an der er seine Asche hätte entzünden können. Einige 
seiner Jünger eilten ihm nach. Doch seine Augen blickten starr und mit der Hand 

wies er sie zurück. 

4. 

Mühsam schleppte er sich fort. Sein Kopf pochte und hämmerte, er sah nichts 
und hörte nichts und schlich so stundenlang hin . . . [Tagelang wanderte er .ohne 
einen bewußten Gedanken*.] . . . Es war gerade, als ob sein Bewußtsein schliefe. — 

Dann war langsam und leise eine Ruhe über ihn gekommen, milde und fried- 
lich . . . Dann stieg er das Gebirge hinan und kam bald in ein sonniges Tal, umrandet 
von waldigen Bergen. Da verweilte er denn Tage um Tage und immer mehr legte 
Ruhe und Glück sich über ihn. Und eines Mittags sprach er halb unbewußt das 
Gedicht vor sich hin: 



174 Über Novellen jugendlicher Dichter 



Und wenn dann über die Saaten / Wie weiche Wellen sich's legt / Und duftige 
Schatten verraten, / Daß Sommer über uns schwebt — // Wenn goldene Fäden 
locken / Und lachen und spielen im Wind / Und am Himmel in zartesten Flocken / 
Die Wölkchen zerstreuet sind — // Wenn dann das Streben und Hasten / Der 
Menschen mir fern ist und weit / Und einsam ich kann rasten / Ohne Ziel, ohne 
Zweck, ohne Zeit —//.., Wenn ich mich dann eingesponnen / In luftige Träumerei'n / 
Und sonnige Märchen ersonnen / Voll leuchtendem freudigem Schein — // Und 
wenn ich so Tage gesessen / Im lächtglanzdurchfluteten Tal, / Und alles Leid hab' 
vergessen, / Allen Schmerz, allen Kampf und Qual, — // Dann dringt so unendliche 
Helle / Und Ruhe in meine Brust / Und ich sehe wie Welle auf Welle / Dahinrauscht 
ungewußt — // Und dann über blumige Wiesen / Seh' ich gleiten den Fluß talab — / 
Und Welle auf Welle sie fließen / Ins endlose Meer hinab. // So sicher und deutlich 
schließet / Das Leben sich vor mir auf — / Und mein eigenes Wasser fließet / So 
sicher seinen Lauf. 

5. 

Doch kaum hatte er die letzten Worte gesprochen, da sprang er auf und ver- 
ließ das einsame Tal mit seiner lichten Schönheit. Die Ruhe und das Glück, die er 
gerade noch empfunden hatte, waren verschwunden und ein unbestimmter Trieb sagte 
ihm: fort, fort, — weiter — weg! Und er wanderte weiter und wußte nicht wohin . . . 
[Rastlos irrt er durch die Gebirge und „erlebte die große Gefahr des Einsamen, die Leere*.] 

Und eines Tages, auf seiner Irrfahrt, hörte er kräftige Mannesschritte tönen 
durch den Wald hin. Und er blieb stehen. 

Siehe, da bogen sich die Bäume auseinander und ein Mann stand vor ihm, 
Stärke und Liebe im Antlitz tragend, 

.Heil dir," grüßte er den Mann, .heil dir, der du hoch heraufstiegst in die 
Berge und kühn zur Höhe strebtest und doch dir den fröhlichen Mut bewahrtest und 
die herrliche Kraft des Einsamen I" 

.Heil auch dir," erwiderte der Mann, .denn auch du stiegst hoch herauf und 
strebtest kühn zur Höhe!* 

.Wohl tat ich dies, aber die Kraft verließ mich, die herrliche, die den Ein- 
samen umgürtet und groß macht.* 

,Oh, ich erkenne wohl dein Leiden. In deiner Seele wohnt ein Held. Und der 
trieb dich aufwärts. Doch hast du den rechten Weg übersehen und begnügtest dich 
einen Weg einzuschlagen, der überhaupt ins Gebirge führte. Aber es war ein Irrweg. 
Wohl führte er dich hoch in die Höhe, aber nun endet er und du stehst vor undurch- 
dringlicher Wildnis. Nicht weißt du vorwärts, noch rechts, noch links und zurück läßt 
dich nicht der Held in deiner Seele.* 

.Wahrlich, du erkanntest mich," erwiderte er darauf, .wie nicht ich mich je 
erkannte. Ja, auf Irr- und Sackwegen ging ich bis jetzt mein Leben. Doch du scheinst 
vertraut mit Weg und Steg, willst du mir nicht den richtigen weisen?' 

.Nicht den Weg kann ich dir weisen,* sagte darauf der Mann, „wohl aber die 
Richtung, in der du schreiten magst. Den Weg aber mußt du dir erst suchen und 
graben und sprengen durch Wald und Fels. So will es der Held in deiner Seele. — 



Über Novellen jugendlicher Dichter 175 

Du schrittest bis hierher den Pfad des Glückes. Der aber endet hier einsam 
im dunklen Wald. Du aber schreite den Weg des Schaffens und Wirkens, den Weg 
des Mannes! So will es der Held in deiner Seele. Ein Schaffender und Wirkender 
sollst du sein, ein Schenkender und Überreicher! So will es der Held in deiner Seele: 
Neue Werte sollst du schaffen, neues Leben sollst du wirken, deinen Weg sollst du 
stolz gehen ! Und so will es der Held in deiner Seele: Wenn du angelangt bist im Mittag 
deines Lebens und deines Weges, dann sollst du unter die Menschen treten und 
geben und schenken und dein Reichtum soll noch wachsen dadurch. Also will es 
der Held in deiner Seele!" 

Und da stand er und auf einmal durchströmte ihn ein glühender Wille. Und 

er sprach: 

„Du Großer, der du mir die Richtung wiesest und mir den Helden zeigtest in 

meiner Brust, was ist doch dein Name?" 

.Zarathustra bin ich," erwiderte der Mann. Dann streckte er ihm die Hand 
hin und hielt sie lange in der seinen. Dann aber wies er mit dem Arm dorthin, wo 
der Wald am steilsten anstieg und wo der höchste Gipfel lag und sprach : 

Dorthin geht deine Richtung. Schreite stark und fest, von wannen ich komme!" 

Und dann bog er die Bäume auseinander und schritt abwärts zu den Menschen, 
ein Überreicher, ein Schenkender. 

Er aber stürmte hinauf in der gezeigten Richtung, voll heiligem, heißem 
Wollen. Denn so wollte es der Held in seiner Seele . . . 

Doch als es Mittag ward, da begann er zu tanzen, nackt und groß, wie ein 
Gott auf dem Gipfel; leicht und licht, wie der Strahl der Sonne auf der höchsten 
Bergesspitze; stark und gewaltig, wie einer, dem alle Furcht fremd ist. 

Und dann sang er in die Winde mit tönender Stimme, daß es den Menschen 
im Tal wie das Heulen des Sturmes vorkam und wie Gesang der Sphären. 

Und er sang: Bis jetzt bin ich geworden. Doch jetzt bin ich! . . . Bis jetzt 
habe ich genommen. Doch jetzt kann ich geben und schenken, endlos und allen! . . . 
[Die Menschen wollen von ihm auf mannigfache Weise nichts wissen. Und er erkennt:] 
Heil denn und Sieg! Jetzt beginnt der Weg des Mannes!« 

II. Teil: Wirken. 
1. 

Geben wollte ich und schenken, austeilen meinen Reichtum und meine 
Erkenntnis. . 

Und ich schritt hinunter zu den Menschen. Doch die machten ihre Ohren taub 
und ihre Augen blind und so verstanden sie mich nicht. 

Dafür aber spotteten sie meiner; ... da fand ich auch die Gründe, warum 
mich die Menge verspottet hatte: Mit Dünkel und Überlegenheit war ich an sie 
herangetreten. 

Doch nun beugte ich meinen Nacken zu dem schwersten Joch: Mich zu über- 
winden und zu sprechen mit ihnen; daß sie mich verstehen können. 

Und da kam mir die Liebe zu den Menschen ... 






176 Über Novellen jugendlicher Dichter 

2. 

Doch noch könnt ihr mich nicht verstehen. Ich aber will, daß Ihr mich 
verstehen müßt. 

Eine große Lüge herrscht in der Menschheit ... Die große Lüge heißt 

Verstand . . . 

3. 

Den Trieb verlort ihr und setztet dafür den Verstand ein . . . Ihr verlerntet die 
wirkliche Welt ... 

Nicht nur, daß ihr wertet, wie euer Wesen niemals werten kann, nicht nur, 
daß ihr euch vorlügt, so zu sein, wie euer Verstand es will, daß ihr euch vorlügt* 
dies sei eure Pflicht und euer wahres Wesen. Ihr lügt euch zuletzt auch noch vor' 
daß das euer Trieb sei und gesteht euch nicht einmal, daß ihr das tut, um Gefallen 
an euch zu finden. Und dann nennt ihr all dies — Leben. 

Doch zuerst will ich euch zeigen, wie sehr ihr gefallsüchtig seid und wie sehr 
ihr all dies nur tut, um Gefallen zu finden an euch . . . 

Nicht eurem Trieb heiße ich euch folgen, der euch treibt zu Fleisch und Tier. 
Denn dies ist nicht euer Trieb, wie ich ihn erkannte. Dies lügt euch wieder euer 
Verstand. Denn er will den Trieb verleumden. 

Euer stärkster Trieb aber ist der, der euch heißt, Edle zu sein und Schaffende 
und hinaufzusteigen zu Gott. 

Wahrlich, weg will der Trieb vom Tier, überwinden will er den Hang zum 
Tier, der noch wohnt im Menschen ... 

4. 
.Kultur" nennt ihr euer Leben, eure Verstandeswelt. Und seid stolz darauf 
diese Welt auch erobert zu haben. Ich aber sagte und sage euch, daß diese Welt 
nichts Ist als die große Lüge ... 

5. 
Doch wohl gibt es eine große Erlösung — eine wunderbare. Erst von da 
an beginnt der Weg des Mannes, des schaffenden. Und bis dorthin muß jeder 
sich ringen. 

... Ich aber bin ein überlebender Held. Und ich weise euch den Weg z ur 
neunfachen Auferstehung. 

6. 

Noch nicht sprach Ich euch über die Menschen, die nur aus Verstand bestehen. 
Und da gibt es zweierlei : Philosophen und Handelsleute . . . 

7. 

[Vom Bauern.) . . . Und doch sind sie nicht Freie und Aufrechte. Denn 
sie verachten den fremden Weg. Und die meisten unter ihnen fanden sich den 
gleichen Weg . . . 

Und doch kann es nur eine Wohnstatte geben für freie und befreite Menschen : 
das weite Land. 



1 



Über Novellen jugendlicher Dichter 177 

Und nur eine Arbeit: die Arbeit der Bauern. 

Frei müssen wir werden von unseren tausend kleinen Bedürfnissen und frei 
von allen Maschinen, die unsere tausend kleinen Bedürfnisse befriedigen helfen, frei 
vor allem von den Menschenmaschinen. Und frei von den großen Städten! 

■ 8. 

Ihr aber sollt frei sein von Verachtung und frei von der großen Lüge. Eure 
Wege sollt Ihr gehen! 

Noch einmal will ich es euch sagen: 

Euer Leben ist ein krampfhaft gewolltes und keiner lebt in Einklang mit sich. 
Keiner von euch hat sich gefunden ... 

Oder fragt ihr mich gar: .Was aber sollen wir tun?' — Soll ich sagen, was 

ihr tun sollt?! 

Oh wenn ihr euch einmal gefunden habt, euch und euren Trieb, dann werdet 

ihr des keinen Zweifel mehr tragen. 

Jeder Mensch ist ein Fluß. Und jeder Fluß hat sein eigenes Tal und seinen 
eigenen Weg. Doch allen ist ein gemeinsamer Trieb: zum Meere. Und eine 
gemeinsame Erlösung: das Meer selbst, das grenzenlose, sich verlierende. 

Ich aber zeigte euch den gemeinsamen Trieb: Nach aufwärts, in den grenzen- 
losen Himmel . . . 

Wohl weiß ich, daß ich nur wenige von euch befreit habe — und keinen 
Alten. Noch ist meine Kraft zu gering. Nur wenige Junge sind mir Verstehende 
geworden und Teilende und Freunde. 

Ich aber bin müde und verlange nach Ruhe und Freude und Spiel. — Und so 
verlasse ich euch denn. 

Eines aber ahnt mir: Wiederkommen werde ich, neunmal so stark. Denn ich 
will, daß ihr alle mich noch verstehen müßt! 

Und dann werde ich das Wort gefunden haben, das befreiende, das große. 
Dann werdet ihr alle, alle Verstehende werden und Teilende und Freunde! 

Denn das Große ist dann wohl e i n Wort, ein schlichtes, einfaches und nicht 
viele und lange und schwerfällige Sätze, wie ich sie euch jetzt sprach. 

Nicht tief" wird es sein und gewichtig ausgesprochen und feierlich. Das 
Natürlichste wird es sein und nichts Überraschendes und wird mir kommen einmal 
mitten im Sprechen, ohne daß ich's ahne. 

Und doch soll sich alle Tiefe und Kraft des Lebens bergen in diesem einen 
Worte ! 

III. Teil: Spielen. 

1. 

Also zog er sich mit seinen Freunden von den Menschen zurück. Sie gingen 
in einsame Wälder und bauten sich ein Heim aus Sonnenstrahlen und Freiheit. 

Eine Liebe hielt sie umsponnen, eine Freundschaft, e i n Aufwärtssteigen. 
Da war nichts, gar nichts, dessen Knecht sie gewesen wären. Ihre Augen blickten 
rein und ruhig und freudig in die Welt — wie Kinderaugen. 

12 



L 



178 



Über Novellen jugendlicher Dichter 



Spielen hatte er wollen . . ., ohne auf anderes zu achten. Spiel sollte ihm das 
Leben werden, leicht und licht, frei und froh. 

Und bei allem, was er tat, wußte er doch: es führt mich bergauf! Nicht mehr 
suchte er den Berg und den Weg. Er glitt aufwärts, wie der Fluß abwärts gleitet, 
der sein Bett sich gegraben hat. 

Da war nicht e i n Trübsinn und nicht eine Traurigkeit. Kein Zagen und 
Zögern, kein Nichtkönnen und Nichtdürfen. 

Oh, junge Menschen waren es, die hinauszogen. Voll Schönheit und Kraft, 
voll Mut und Übermut, voll Vorwärtswollen und Vorvvärtskönnen. 

Über alle hatte sich Freude und Wonne gegossen, über allen leuchtete eine Sonne 
und auf alle blickte ein offener Nachthimmel, klar und rein, wie sie selbst es waren. Krampf 
und Kampf waren ihnen fremd, Häßlichkeit und Schmerz wichen zurück, wohin sie traten. 
So zogen sie in den einsamen Wald. 

in 

Eines Morgens ging leuchtend die Sonne empor. Er saß da, sinnend und träumend. 
Seine früheste Jugend war vor ihm aufgetaucht. Duftige Bilder und Gefühle waren es. 

Und da überkam ihn plötzlich eine heftige Liebe zu einer seiner Freundinnen. 
Er war ihr so nah gekommen — er hatte sie so lieb gewonnen. Und er wollte ihr 
auch wirklich nah sein. 

Er trat zu ihr hin und küßte sie herzlich auf den Mund und umarmte sie 
innig. Und dann schritten die beiden eng umschlungen in den morgengrünen Wald 
hinein — fröhlich und scherzend. 

Als sie zu einem grünen Rasenplatz gekommen waren, setzten sie sich und er 
sprach: »Das ist also eines von den Dingen, die die Menschen strenge verpönen, und 
nur in der Nacht tief heimlich wagen sie's zu tun. Oh, über die Toren!" 

Da sitzen wehl auch viele über meinen Reden, die sie sorgfältig abgedruckt 
haben und lesen: „Hinauf sollt ihr, weg vom Tier!" wie ich's so lehrte. Und da 
werden sie wohl ihre gierigen Sinne zurückhalten, mit Mühe und Schweiß, und sich 
abgrämen und plagen. Oh, über die Toren!" 

Zu Knechten sind sie wohl bestimmt von ihrer Natur. Und wie wenige 
wissen, was Freiheit heißt! 

Auch sind sie zu Verstand und Pflicht verdammt — laß sie verdammt sein! 

Und wie all, all die Menschen nichts wissen von der Herrlichkeit einer 
Berührung, nichts wissen von der Reinheit bei Sinnlichkeit, nichts wissen davon, 
wie schön das ist und wie natürlich und selbstverständlich, so selbstverständlich wie 
jedes Schenken und Nehmen . . . 

Wir werden im folgenden den nahen Zusammenhang aufzudecken 
haben, der zwischen der Autobiographie und der Novelle — beim jugend- 
lichen Dichter wenigstens — besteht. Daher sind zwei Stücke mit zu den 
Novellen gerechnet, die autobiographischen Charakter haben, aber doch nicht 
reine Autobiographien sind. Beide Stücke sind kurze Fragmente und nach 
mancher Richtung hin interessant, sie seien daher annähernd in extenso mitgeteilt. 



Über Novellen jugendlicher Dichter 179 

Nr. (18.) 

Konzept. Oltnc sichtbare Sorgfalt auf fünf Seiten Folio geschrieben mit wenigen Korrekturen. 

Samstag, 17. Oktober, %10 Uhr abends. 

Ich will erzählen, wie alles gekommen ist und wie ich jetzt bin, ich will es 
dir erzählen, meine liebe Grete, und euch allen, die ich alle so liebe — so sehr, so 
umfassend! Bald mehr den einen, bald mehr so den anderen, aber immer alle! Ihr 
— die ihr mir einmal Freund geworden seid und mein Leben und Wirken wißt und 
teilt und liebt! Und so hört denn! und höre du, Grete: # 

Nachdem ich dich vergangenes Jahr zum letztenmal gesehen hatte, draußen 
in . . . und das innere Bewußtsein hatte, daß nun alles vorbei sei, da begann eine 
Zeit für mich, die ich mir geflissentlich schwer machte. Ich wollte unglücklich sein 

und solange, bis ich eines Tages wieder glücklich sein wollte. — Denn das 

Unglück ist nicht für mich geschaffen und wenn ich das damals auch noch nicht 
wußte, so fühlte ich es schon. 

Und ich wurde gut mit Käthchen. Es war eine Zeit, schön und doch nicht 
schön in der Erinnerung. Ich lebte auf der Jagd nach dem Glück, das eigentlich 
keines ist. Ich war sentimental — weichherzig — gemütvoll. — Und dann wieder 
war viel echter und reiner Trieb in mir und nachdem ich mir endlich die Erotik 
gestattete, fehlte nicht viel zu einem vollkommenen Glück. — Und dann kamen ein 
paar herrliche Tage zu Weihnachten. Wir waren beide draußen in . . . und gingen 
durch die schneereiche Landschaft bis in die Dunkelheit hinein auf einsamen Wegen, 
eng umschlungen. Der Schnee lag auf Bäumen und Sträuchern, auf den Wiesen oft 
meterhoch — und wir wandelten hinein in das winterliche Land, träumend, liebend, 
lachend, dann wieder weinen wollend 

Und dann kam das Ende dieser Tage, und in Wien war's häßlich und trübe 
und unfreundlich. Und eines Tages fanden Käthchen und ich, daß wir uns nicht 
mehr liebten. Wir entdeckten, daß wir nur mehr aus Gewohnheit zusammenkamen, 
und wir wußten damals nicht, daß das immer ist, wenn zwei sich jeden Tagen sehen, 
und dann glaubten wir, Liebe dürfe keine Sinnlichkeit sein — und anderes mehr. 
Und wir beschlossen uns zu trennen. 

Käthchen hatte mir in einer der letzten Stunden meine Zukunft vorausgesagt : 
„Du wirst bald eine andere lieben — und dann wieder eine — und ich werde eine 
von vielen in der langen Kette gewesen sein! — Ich kenne dich: du bist glühend 
und feurig und wirst nicht lange ohne Liebe bleiben!" Eigentlich war mir das ganz 
recht. Denn ich war eben doch noch gesund und nicht irgendwie überspannt, und 
wenn ich's auch nicht sagte, ja, nicht zu denken wagte, ich ahnte es doch: Liebe 
kommt und geht — heilig und rein — glühend und heiß — und immer ist sie 
schön — das heißt bei mir. Und man hat keine .Geliebte", die dann ein für allemal 
bleibt. Aber man kann Menschen haben, die man immer gern haben wird, immer 
Heben witd, durchs ganze Leben. Nicht im Moment, nicht in jedem Moment Hebt 
man sie. Aber sie haben dich einmal verstanden und werden dich immer verstehen, 
werden deinen Weg immer begleiten. Und all die Menschen, die habe ich so 

12* 



180 



Über Novellen jugendlicher Dichter 



unendlich lieb — so riesig! Ich kann nichts anderes sagen — und sieh, Grete — 
ich weiß es: Du gehörst auch zu denen und auch dich hab' ich so lieb. — Oft und 
oft habe ich an dich gedacht und nie mit Bitterkeit oder Trauer. Denn ich fühlte 
es: Das ist kein Ende gewesen, sondern eher ein Anfang! 

Doch ich will fortfahren. — Es sollte anders kommen, als Käthchen es 
prophezeit hatte. — Zuerst war eine Zeit, da ich ziemlich leer war. Aber nur ganz 
kurz. Vielleicht acht Tage. Und dann, dann erfüllte mich mit ganzem Feuer und 
ganzer Inbrunst ein Glaube — eine Religion, wenn man's so nennen will. 

Dr. Wynelten kam nach Wien (das ist einer, der im Alter jung geblieben ist 
und der der Jugend eine Religion geschenkt hat) und kurz vorher las ich seine 
Werke. Und van Eeden hatte zu uns allen gesprochen (das ist ein holländischer 
Dichter, auch einer, der im Alter jung geblieben ist). Ich erinnere mich noch, wie 
ich damals zuhörte. Er sagte: »Ja, für eine Sache begeistert sein, das ist schön, aber 
nicht schwer. Und für eine Sache In den Tod gehen, das ist auch schön, aber auch 
nicht schwer. Aber für eine Sache leben! Meine lieben jungen Freunde — Tag für 
Tag ausgelacht werden, verspottet werden! Tag für Tag kämpfen — das Recht auf 
seiner Seite haben und die Kraft und die Liebe — und doch unterliegen! Wißt ihr 
auch, was das heißt? Das ist Heldentum!* 

Ich war feuerrot geworden. Und dann plötzlich wußte ich es: Ich werde fü r 
die Sache der Jugend leben! Und dann las ich Wynekens Schriften. Und da wußte 
ich auch, wofür leben: um meinem Gott zu dienen — dem Gott der Kraft und des 
Adels — dem Geiste — dem Licht! — der Schönheit! — der Freude! — der Kraft! 
— Dem Leben! — Das war damals eine Aufwallung in mir, die mir Stärke gab und 
Inhalt, daß ich mir unbegrenzt vorkam! Und wenn ich auch jetzt weiß, daß vieles 
noch sehr unecht gewesen ist — erdacht und erklügelt — das Ganze war unerhört 
gewaltig und schwemmte mich mit sich fort. Ich hatte mich gefunden, indem ich mich 
aufgab! Das Hingeben an ein Größeres, an ein Herrliches — das schien mir ich selbst 
zu sein. Und das Herrliche und Große, das ich damals geleistet hatte, das war eben 
daß ich mir meinen Gott schuf, daß ich mein eigenes, das was in meiner Seele 
größer und herrlicher ist als Alltag, abstaubte und vor mir aufstellte als Gott und Religion. 
I c h war meine Religion — das Unsterbliche in mir — nur wußte ich das nicht. — — 
Zu gleicher Zeit hatte aber etwas anderes begonnen: Der Kampf um Liesls 
Seele. — Ich kam zufällig einmal am Eis mit ihr mehr zum Sprechen und dann zog 
ich sie fort mit mir, wider ihren Willen aniangs — aber mein Ich war stärker. Ich 
wollte sie auf lichte Höhen führen — meine Streitkameradin sollte sie werden. Und 
ich dachte nicht, daß ihre lichten Höhen andere seien als meine — und daß sie selbst 
sie suchen sollte. Und sie folgte mir. — Vielleicht hab' ich sie dadurch unglücklich 
gemacht — ich weiß es nicht. Aber ich kann Menschen auch glücklich machen — i cn 
hab' sie sicher auch sehr sehr glücklich gemacht — und sie wird 's auch weiter sein. 
Überhaupt war damals eine Zeit, wo ich auf alle Menschen wirken konnte — und 
ich tat's auch. — Alles Erkennen wurde mir zum schönsten und hehrsten Erlebnis — . — 
Aber in mir war noch ein Unreines. Und das zeigte sich auch bald. Denn ich 
kehrte mich bald vom Leben ab — vom Zusammenhang mit dem inneren Sein. l cn 



Über Novellen jugendlicher Dichter 181 



ließ den Verstand überwuchern — und er führte mich auf Abwege. Ich merkte es 
nicht, daß aus meiner lebendigen Religion ein starres oder unwahres System ent- 
standen war. — Und das rächte sich bald genug. Ich hatte viel Unlust — wollte 
nicht mehr leisten und schaffen, denn ein Lebenszerstörendes hatte mich in seine 
Hände bekommen: mein kleiner Verstand. 

Es blieb mir nichts mehr übrig, als den Trieb zu entdecken. Ich weiß, wie es 
angefangen hat. Ich hatte Liesl sehr lange nicht gesehen. Sie war krank und ich war 
schon die ganze Zeit halb verrückt. Eines Tages ging ich trotzdem zu ihr — sie lag im 
Bett — wir sprachen fast gar nichts. Doch wie ich ging, war ich froh und zuver- 
sichtlich. (Ich höre jetzt auf zu schreiben. Es ist schon sehr spät. Morgen weiter.) 

Donnerstag, 22. Oktober, '/« 2 Uhr nachmittags. 

Als ich damals nach Hause kam, da schrieb ich etwas. Anfangen tat's wie ein 
ganz gewöhnlicher Brief und herauskam eine Weltanschauung. Und eine Dichtung 
noch obendrein. — Mit einem Schlag hatte ich dieses erkannt: es ist eine Dummheit 
zu reden und nachzudenken darüber, wie man sein soll — aus ethischen, ästhetischen 
sozialen usw. Gründen. Man muß nur so sein, wie man ist! 

Damals war eine Periode ziemlich reichen Schaffens. 20 Dinge hab ich ange- 
fangen—ein großes Mythos — viele Gedichte, auch der Anfang meiner Geschichte stammt 
daher — dann schrieb ich damals Briefe, die wirklich schön und inhaltsreich waren: 
Alles in mir war in Regung und Erregung. — Die höchste Steigerung dieses Kämpfens 
und Siegens in mir kam dann, wie die Erotik zu mir kam und mich aufforderte: 
.Sei so wie du bist!".— Ich hatte zu kämpfen gegen angewöhnte Anschauungen, 
gegen Sitte und äußere Umstände ; dann gegen mein eigenes Denken und den 
Zwang, den es mir auferlegte; gegen die ganze Unfreiheit, die noch in mir steckte. 
Und eines Tages, auf der glühend heißen . . . straße, da sagte ich dann der Liesl 
meinen Sieg: .Soviel Menschen es gibt, so vielerlei Arten der Liebe gibt es. Da ist 
auch keine einzige, die schlechter zu werten ist, als irgend eine andere. Denn für 
einen wird Liebe n u r Sinnlichkeit sein — und ist doch für ihn groß und rein und 
heilig! Nur eines: Uns selbst wollen wir treu bleiben, der Liebe, wie du und ich 
sie einzig und allein empfinden können. Wir wollen uns nicht scheuen, sinnlich zu 
sein, wenn wir's sind. Und wir wollen nicht beschließen : ,Du bist mein Freund* 
oder .mein Geliebter' — wir können uns geben, was wir uns geben können, und 
andern das, was wir andern geben können.' — Das war wunderschön, aber leider 
vorläufig bloß Theorie. Und Liesl wurde und war schon damals, doch „meine Freun- 
din' — »meine Geliebte'. 

Nun kamen ein paar qualvolle Wochen, in denen wir nach der Tat rangen, 
nach dem erlösenden Anfang. Und er kam. Doch dazu muß ich dir erst jemanden 
andern vorstellen: Gustl. 

Sie ist eine Klassenkollegin Liesls und war deren Freundin, zur Zeit als Otto 
mit ihr sehr gut stand. Naturgemäß wurde ich damals durch die äußeren Umstände 
sehr zu Gustl gedrängt. Denn wir vier, Otto, Liesl, Gustl und ich, kamen immer am 
Eis zusammen, und nachdem Otto mit Liesl allein sein wollte, lief ich fast immer mit 






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Über "Novellen jugendlicher Dichter 



Gustl. Sie war damals sehr verschlossen, doch wir gewannen und gegenseitig unbe- 
wußt sehr lieb. 

Sie ist das Mädchen, an das ich jenes Gedicht machte: .Du fragst mich, 
warum man leben soll, — und was denn Leben heißt " erinnerst du dich? 

Nun, ich verkehrte viel mit Gustl am Anfang des Jahres. Dann später aber, 
wie ich mit Käthchen gut wurde, ließ es nach. In der Zeit, von der ich eben schrieb, 
stand Otto in einem Verhältnis zu Gustl, wie es schöner, reiner, kaum gedacht 
werden kann. Und er fand damals — vielleicht das einzige Mal In seinem Leben 
bisher — Befriedigung und Frieden 

Es war ein schöner Sommernachmittag — Liesl, Gustl und ich waren Tennis 
spielen. Nachher gingen wir alle auf einen Sprung zu Gustl. Viel Zeit hatten wir 
nicht — Liesl sollte zu einer Freundin, ich zu einer „Wandervogel-Führersitzung". 
Doch wir blieben immer länger, und endlich entschloß sich Lies!, ihrer Freundin zu 
telephonieren, daß sie nicht komme. Ich ging eben einfach nicht in meine Sitzung. 

Ich begleitete Liesl hinunter zu einem Bäcker zum Telephonieren. Wie wir 
zurückkamen, saß Gustl in einem Hinterzimmer und spielte Klavier. Wir wollten 
zuhören und stahlen uns beide hinein und setzten uns aufs Sofa nebeneinander. Ich 
weiß nur nur noch, daß ich mein Herz wirklich klopfen spürte und daß Ich sehr 
aufgeregt war. Und dann legte Liesl ihren Arm auf meinen Schoß und dann drückten 
wir uns ganz aneinander und ich hielt sie mit meinem rechten Arm umschlungen. 
Und so saßen wir ganz, ganz stUl da, lange, lange. — Dann kam Gustl herein — 
und auf einmal fühlten wir sicher und deutlich und groß und rein und schön: Wir 
drei waren Geschwister geworden an diesem Nachmittag — liebende, milde, gute 
Brüder und Schwestern. 

Liesl, ich, wir blieben noch lange in derselben Stellung — und Liesl flüsterte 
mir zu: „Lust — tiefer noch als Herzeleid!" Das aber ist aus einem der größten 
Gedichte, die es gibt: Zarathustras Nachtgesang von Nietzsche. 

Und an jenem Abend klang dies Lied in uns beiden auf, wie ein Bergstrom: 

O Mensch gib acht! Was spricht die tiefe Mitternacht? . . . 

Am nächsten Tag war Jugendtag, draußen auf freier Wiese, da tummelten wir 
uns herum, wir von der Jugendbewegung. Ich ging von meiner Wohnung zu Fuß 
nach L . . ., zusammen mit Fritz V . . ., einem Freunde. Ich war ganz selig und sprach 
den ganzen Weg, oder einen großen Teil davon. Draußen aber, unter den vielen 
Menschen, wenngleich alle jung und /meine Kameraden waren, fühlte ich mich zum 
erstenmal unwohl und sehnte mich weg 

Um diese Zeit trat ein Ereignis ein, das uns alle aufs tiefste erschütterte: Jeder 
Verkehr zwischen Otto und Gustl wurde von deren Eltern verboten und einfach 
unmöglich gemacht. — Es waren damals lange und ekelhafte Szenen, die unwichtig 
sind. Was uns alle aber fast rasend machte; das war der Gedanke: Menschenmacht 
— überhaupt Macht und Zwang können in ein Menschenleben entscheidend ein- 
greifen! Können zerstören, was ist! — Wir glaubten nicht daran. Und es war auch 
wunderbar, wie Otto und Gustl das ganze trugen: Die ersten Tage sehr unglücklich, 
dann aber sicher und fest und in Liebe zueinander und im Glauben aneinander stark! 



_ 



Über Novellen jugendlicher Dichter 183 






Und ihr Verhältnis hörte auch nicht früher auf, als bis es aufhören mußte — so 

oder so. 

Von der kommenden Zeit bis zum Sommer will ich nur ein paar Tage 
beschreiben, die gerade wichtig sind als große Brücken. 

Ungefähr vier Wochen später war ein neuer Jugendtag. Und Gustl hatte die 
außerordentliche Erlaubnis, mitzugehen, samt Lilli. Das ist ihre Freundin. 

Wir zogen in großen Scharen hinaus, und vor dem Ziel sonderten Gustl, Lilli 
und ich uns ab und lagerten uns irgendwohin in einen lichten Wald. Neben uns der 

We „ f as t unbegangen — jenseits desselben ein kleiner, der sich ein tiefes Tal 

gegraben hatte. — Die Sonne lugte durch die Räume zwischen den Bäumen und 
es war still und froh und fröhlich um uns. Und war sehr schön. 

Dann gingen wir den andern nach, und ich spielte Grenzball wie ein Wilder. 

Nr. (2). 

■ 

Konzept 11 Klcin-Oktavseiten mit Bleistift, offenbar eilig, mit zahlreichen Korrekturen 
eesclirübcn. In Umschlag mit Zeichnungen von Protozoen, Radiolarien und Diatomeen und von einem 
IFohnungsgrundriß. Titelseite enthält nebst Notizen zur Disposition des nicht geschriebenen Teils die 
Aufschrift : Die Geschichte meines Gymnasialstudiums. Wien 191 r. . . Am i 9 . März, mit Willen unvollendet 
gelassen. 

Ich werde in dieser meiner Geschichte erzählen, wie es mir im Gymnasium 
ergangen ist, wie das Gymnasium auf meine geistige Entwicklung, während der acht 
Jahre 1 , die ich es besuchte, gewirkt hat, .fördernd und hemmend. Ich werde nicht 
urteilen, denn das kann ich als Gymnasiast nicht wagen, da ich ja mitten in den 
Kalamitäten stehe, die unzähligen Faktoren also nicht gegeneinander abwägen kann, 
die hier mitwirken, und ungerecht einseitige „Anklagen" will ich nicht erheben. Ich 
habe eine Ahnung von der unendlichen Kompliziertheit jener Kulturinstitution, die 
wir als Gymnasium kennen; ich habe darum eine Ehrfurcht davor, die mich hindert, 
vorschnell zu urteilen, ehe ich über der Materie stehe. Ich will einfach erzählen und 
ich bin überzeugt, es werden manche Dinge dabei klar werden, mehr neue Perspek- 
tiven sich zeigen als wenn ich „anklagte". — 

Ich habe die dritte und vierte Volksschulklasse in einer ländlichen Schule mit 
.Koedukationsprinzip" besucht. Wir waren höchstens unser zwei in der Klasse, deren 
Eltern „hochdeutsch" sprachen, die übrigen waren Kinder von kleinsten Gewerbeleuten und 
von Landleuten. Es kann daher nur wenig wundernehmen, daß ich in meinen Schulerfolgen 
meinen Kollegen weit überlegen war und daß mich mein Lehrer als seinen begabtesten 
Schüler bezeichnete. Meine Eltern waren - das ist auch begreiflich — leicht davon 
zu überzeugen — und sie beschlossen beide bei sich, mich studieren zu lassen; bei 
meinem Vater spielte wohl auch die Erwägung mit, daß er als Kaufmann mit großen 
Verbindungen einem jungen Juristen wohl manche verlockende Lebensaussichten 
gewähren könne. Man sprach auch zuweilen — scherzhaft vor Gästen zum Beispiel 
— davon, ich hätte zu nichts Eignung, als zum Advokaten, was schon daraus erhelle, 

1 Robert Walter hat eine Klasse repetiert; befindet sich also zur Zeit der 
Niederschrift in der achten Klasse. 






daß ich ganze Tage lang ohne Unterbrechung zu reden imstande wäre. Von anderen 
Berufen wußte ich übrigens ebensowenig als von dem des Advokaten; so setzte sich 
in mir der Glaube fest, ich wollte Advokat werden. Und als ich die vierte Klasse 
der Volksschule mit Vorzug bestanden hatte, legte man meine Zukunft mir in meine 
Hände und ich zog mein Los, ich wollte Advokat werden. Gut. Ich sollte daher noch 
im selben Herbst aufs Gymnasium. Mein Freund hatte nicht die Gabe des flüssigen 
Ausdruckes, wie ich vielleicht, seine deutschen Aufsätze waren nicht auf 1, wie meine, 
und mit der Orthographie stand er auf Kriegsfuß. Daß er als „Dummkopf nicht 
aufs Gymnasium würde gehen können, das war klar, was aber tun mit dem Jungen? 
Bürgerschule? Ausgeschlossen; das ist bloß für die unteren Klassen. — Also Real- 
schule. Dabei blieb es, er kam in die Realschule, freilich erst ein Jahr später als ich 
in das Gymnasium, da er noch die fünfte Klasse machen mußte. 

Ich war um diese Zeit das, was man ein „aufgewecktes Kind" zu nennen 
pflegt. Meine Aufmerksamkeit war eifrig auf die Dinge in der freien Natur gerichtet, 
ich hatte Interesse für alles, was in ihr vorging, die Einrichtungen, Arten und Weisen 
des menschlichen, staatlichen und persönlichen Lebens. Sonderbar stach ab von diesem 
Interesse und ich kann wohl sagen frühreifen Verständnis für die natürlichen Dinge 
und Verhältnisse der Wirklichkeit eine sehr lebhafte und üppige Phantasietätigkeit, 
ja geradezu Phantasterei. Diese beiden Eigenschaften durchdrangen einander auf eine 
merkwürdige Weise: wenn ich mir nicht genug tun konnte in der abenteuerlichen, 
träumerischen, umfassenden Weite des Rahmens für die Phantasie meiner Wünsche] 
so waren alle Details innerhalb dieses Makrokosmos von einer scharfen, fast welt- 
klugen Realistik. Als Beispiel ein Traum, der mich seit dieser Zeit manches Jahr 
beschäftigt hat, ein Kügclchen zu besitzen, nicht größer als meine Handfläche, das 
aber in sich die ganze Welt umschlösse, die ganze; und dazu die Fähigkeit, durch 
ein Wörtchen jeden beliebigen beschränkten oder unbegrenzten Teil von ihr vergrößern 
zu können, und dann zusehen zu dürfen, wie's lebte und was es enthielt. Und in 
diesem Rahmen, den Ich mannigfaltig auszuschmücken bestrebt war, eine bis ins 
geringste gehende Kleinmalerei all der Dinge, die ich würde dann sehen und vor 
allem tun, denn auch für die wirkliche Welt war verbindlich, was ich an meiner zu 

ändern fand. Dazu kam ein nachdenkliches Wesen, das aber niemals zu Grübelei 

werden konnte, weil ich viel zu leicht abgelenkt werden konnte, ja eigentlich stets 
abgelenkt war; mein Gemüt war frei von Bosheit, wenn ihm natürlich all die großen und 
kleinen Fehler der großen und kleinen Menschen nicht fehlten; Bosheit war nie darunter 
Aus der leichteren Beweglichkeit des Gemütes entsprang häufig Zorn, aus der des Geistes 
eine pathetische emphatische Vielredenheit. Einen Willen hatte ich nicht, bisher hatte 
Ich keine Gelegenheit gehabt, ihn auszubilden, und gerade um jene Zeit begann 
man ihn fast systematisch zu unterdrücken. Daraus entsprang sehr bald eine widerliche 
Herrschbegier. Ich war schon damals geschlechtlich erregbar und erregt, ohne zu 
wissen, was es war, und zuweilen ausschweifend, ohne zu wissen, was ich tat. 

Dieses ungefähr war mein geistiger Zustand zur Zeit als ich ins Gymnasium 
eintrat. Ich habe ihn schildern müssen, weil ich glaube, daß er notwendig ist zum 
Verständnis des Folgenden . . . 



-. 






Über Novellen jugendlicher Dichter 185 

Bis zur ersten lateinischen Schularbeit ging es mir sehr gut in der Schule. 
Latein war mir neu und fesselte mich darum während der Stunden und meine 
Aufgaben machte ich pünktlich und sorgfältig, denn so oft ich ein Heft in die Hand 
nahm, durfte ich lesen: I. Klasse Gymnasium und das erfüllte mich mit Stolz und 
ich fühlte mich beim Lernen. Freilich konnte das nicht lang anhalten, gar bald waren 
mir die lateinischen und mathematischen Aufgaben so gleichgültig, daß ich mich 
nicht entschließen mochte, zu lernen. Ich spielte lieber im Garten, sägte und bastelte 
und las sehr viel und sehr gern. In der Schule merkte ich ziemlich auf — ich war 
ja gezwungen dazu — und so zeigte erst die Schularbeit klar, daß meine Kenntnisse 
nichtgenügende waren. Von da an hatte ich so manchen trüben Tag. Meine Eltern 
zwangen mich zum Lernen nachmittags; und so saß ich meist ein oder zwei Stunden 
stumpfsinnig über meinen Büchern. Nach dem ersten .Nichtgenügend* nahm ich 
mir vor, besser zu lernen. Und ich begann es auch, veranlaßt durch den gütigen 
Zuspruch meiner Mutter. Freilich wußte ich eigentlich nicht, was das heiße: lernen. 
Man hatte mir zwar oft genug gesagt: Sei nicht zerstreut! Paß auf! Denke nach! usw., 
wie das aber anzufangen sei, hatte mir keiner meiner Professoren auch nur ange- 
deutet. Die zweite Arbeit war wieder nichtgenügend. Wir hatten jede Woche 
Donnerstag Schularbeit. Ich hatte nach jeder das Bewußtsein, sie sei verhaut und war 
diesen Tag betrübt — später, als mir meine Nichtgenügend und Ganz-ungenügend ziemlich 
selbstverständlich geworden waren, war ich zwar kaum mehr wirklich betrübt, aber 
ich fühlte die Verpflichtung, nicht zu lachen, zu spielen usw., sondern .betrübt" zu 

se i n besorgt und in Angst, Freitag bekamen wir sie meistens zurück, diesen Tag 

verweinte ich. Samstag machte ich verzweifelte Anstrengung, zu lernen. Sonntag 
versagte man mir gewöhnlich ein Vergnügen, weil ich : — Montag und Dienstag war 
ich frei und vergnügt. Mittwoch lernte ich verzweifelt. Das mag so zwei Monate fort- 
gegangen sein. Der Klassenvorstand legte meinem Vater ans Herz, er möge mich aus 
dem Gymnasium entfernen, ich gehöre nicht hinein. Daß mein Vater sich solche 
Enttäuschungen nicht hatte träumen lassen von seinem .so begabten* Sohn, hielt 
er mir nach jedem Mißerfolg vor; zwar er prügelte nie, aber er hielt mir feierlich 
und rührend eine Strafpredigt. Ich fluchte meiner angeblichen Begabung und sagte 
und glaubte es auch, ich müsse offenbar dumm sein. Ich konnte es nicht begreifen, 
woher ein Professor die Erlaubnis nehme, so in mein Glück einzugreifen. Und ich 
war von der Ungerechtigkeit um so überzeugter, als ich ja gelernt hatte. Das war 
der Erfolg der allwöchentlichen nichtgenügenden Schularbeiten. Auch in der zweiten 
und dritten Klasse gab es solche Monate, und zwar eine stattliche Reihe, denn ich 
stand von Dezember bis Februar und von Mai bis Juli nun sehr schlecht. Und diese 
Depressionen waren wohl von tiefem Einfluß für mich und es wird vielleicht noch 
viele Jahre dauern, bis ihre Wirkungen aus meiner Seele gewischt sein werden. 

Wie sich dieser Einfluß nach und nach gestaltete und was wohl noch für 
Faktoren mitgewirkt haben, kann ich nicht sagen. Aber wenn ich mich meines Seins 
vor dem Gymnasium erinnere, so weiß ich klar, daß ich, von keckem Selbstvertrauen 
und Stolz durchdrungen, mir viel zutraute und ich auch manches konnte. Schon am 
Ende des ersten Gymnasiumsjahres ist das anders geworden. Ich hielt mich für ein 



]85 Über Novellen jugendlicher Dichter 






geistig minderwertiges Subjekt, ohne Begabung und Fähigkeit. Mein Mißtrauen gegen 
mich ist absolut und fast krankhaft geworden — ebenso meine Scheu, meine 
Schüchternheit, etwas von meinen geistigen Gedanken zu erzählen. Wenn meine 
Kollegen während der Pausen sprachen und sich gar sehr klug dünkten und auch so 
schienen, mit geborgten Phrasen über alles redeten, was sie nicht verstanden, so 
stand ich schweigend dabei, hielt jene für Genies — sie waren mir auch wirklich in 
vielem vor, denn sie waren Großstadtkinder und ich war eigentlich .vom Land-, 
wenn ich auch in Wien lebte — und verlernte dabei das Reden. Das ist ein 
Versäumnis, das ich jetzt erst und nur mühsam hereinbringe, wäre nicht mein Freund 
gewesen und manches andere Erlebnis außerhalb der Schule, so könnte ich's wohl 
überhaupt nicht. Noch heute, wenn ich am Gespräch mich beteiligen soll, taucht mir 
zuweilen halb unbewußt ein Gedanke an meine „Dummheit* auf, der mich dann 
freilich am weiteren Sprechen hindert. Und immer schwebt in meinem Geiste die 
Erinnerung an die Unbeholfenheit, Scham und Verlegenheit auf aus jener Zeit, wo 
solche Gedanken mich beherrschten und hemmt den Fluß der Rede und Gedanken. 
Daß diese Geistesverfassung meines elften bis fünfzehnten Lebensjahres bloß von 
den Erlebnissen in den unteren Gymnasialklassen verursacht ist, wage ich freilich 
nicht zu behaupten, trotzdem in meiner Erinnerung nichts ist, das noch auf andere 
Gründe schließen ließe, die mitgewirkt haben könnten vor meinem fünfzehnten Jahr. 
Dann freilich begannen neue Erlebnisse, die allerdings jene Gedanken und Empfin- 
dungen ins Krankhafte steigerten. 

Nach mehreren ganz ungenügenden Leistungen von mir, beschlossen meine 
Eltern, mir einen Hauslehrer aufzunehmen. Es fiel die Wahl auf einen jungen Juristen. 
Man könnte genau so gut sagen, der Zufall entschied für jenen Juristen. Und er kam 
täglich — ich glaube für zwei Stunden — . Einen Hauslerher haben zu müssen, wurde 
mir als der Inbegriff von Faulheit und Schandbarkeit bezeichnet. Meine Tages- 
einteilung war (im Mai) etwa diese: acht bis zwölf Uhr Schule, ein Uhr Mittag, zwei 
bis drei; Aufgaben für den Lehrer, drei bis fünf: Lehrer, fünf bis sechs (eventuell 
sieben): Aufgaben für die Schule, halb acht Uhr Nachtmahl, acht bis neun Uhr Lesen. 
Nach Schularbeiten und Mißerfolgen und anderen strafwürdigen Ereignissen wurde 
mir die Lektüre entzogen; dieses hat mich manche Stunde lang unglücklich gemacht 
und meinen Widerwillen gegen Latein und alles, was damit zusammenhängt, vermehrt, 
denn ich las damals leidenschaftlich gern. Übrigens nahm ich diese Einteilung nie 
gar zu tragisch, oft stahl ich mir eine Stunde oder zwei, um im Garten zu spielen, 
zu sinnen oder zu basteln. Ich wußte, daß ich Pflichtversäumnisse beging und Betrug 
und Lüge entsprangen mannigfaltig daraus. Meine Seele sträubte sich dagegen heftig 
und lange, aber es scheint mir nur zu begreiflich zu sein, daß ein unerzogenes 
Gewissen — wenn es auch fein war, — ein ungebildeter Willen solchen Verlockungen 
unterlagen. 

Es scheint im übrigen mein Lehrer ein tüchtiger Mensch gewesen zu sein, 
denn zu Ende des Jahres bekam ich sehr gut auf die Schularbeit — und kam durch. 
Was ich aber auch bei ihm nicht erlernte, das war ein Funken Interesse für Latein 
und Mathematik; und auch das erlernte ich nicht, was das nämlich heiße .denken* 



- 






Über Novellen jugendlicher Dichter 187 

und „lernen" und wie man es anzufangen habe, um Jahreszahlen und Vokabeln sich 
zu merken. Darum waren mir die Monate seines Unterrichts von keinem ■* dauernden 
Gewinn gewesen. Im nächsten Schuljahr hatte ich zu Weihnachten wieder ver- 
zweifelt schlechte Noten. — Die. übrigen Gegenstände des Unterrichts boten mir so 
manche Anregung, brachten so manche Befriedigung für meine Wißbegier. Die 
Geographie weitete meinen Horizont; die Naturgeschichte lehrte mich Kenntnisse, 
nach denen ich Sehnsucht hatte; die wichtigste Frucht des Deutschunterrichts war 
für mich die Anregung zu deklamieren. Auch die Schulbibliothek hat mich in jenen 
ersten Jahren sehr gefördert. 

Aber von viel größerer Bedeutung als dieses war ein anderes; mein Lehrer 
der Naturgeschichte. Dieser Mann lehrte mich zum erstenmal die Würde des Menschen 
kennen* er lehrte mich — durch kein größeres Mittel als durch seine ganze Persön- 
lichkeit — Ehrfurcht. Die tief innerliche unauslöschliche Liebe des Schülers zum 
Lehrer. Er hat mir die Begeisterung des Greises gezeigt und die Liebe zur Natur 
unumstößlich gefestigt. Freilich, das war eine Wirkung aus der Ferne, und wie tief 
sie war, sie hätte viel, viel tiefer sein können. Und meine Seele hatte Sehnsucht 
danach,' daß sie viel, viel tiefer sei. Der Lehrplan, die große Anzahl seiner Schüler, 
kurz die Organisation des Gymnasiums hat es verhindert, daß diese Liebe in mir sich 
bis an ihre inneren Grenzen ausweiten konnte, sie ist eigentlich ein Krüppel geblieben 
und hat wohl auch ein Teil zu den Verwirrungen in meiner geistigen Entwicklung 
beigetragen, an denen ich heute noch leide. Näheres darüber zu sagen verbietet der 
Rahmen, den ich mir für diesen Aufsatz vorgezeichnet und es ist wohl auch meine 
Ausdrucksfähigkeit noch zu gering, um so verwickelte Dinge halbwegs klar darstellen 
zu können. 

Es ging mir in den ersten drei Jahren im allgemeinen so: zum größeren Teil 
waren mir die Schulgegenstände uninteressant, was mich etwa doch an ihnen inter- 
essiert hätte, wurde immer bloß hie und da einmal gestreift. Da ich geistig sehr rege 
war und mich mit vielen Plänen zu verschiedenen Arbeiten trug, war ich von mir 
selbst aus völlig beschäftigt; da ich auch Freunde und Nachbarskinder in der Nähe 
hatte mit ihnen zu spielen, da ich endlich sehr gerne las, fiel es mir meistens tags, 
über gar nicht ein für die Schule zu lernen. Raffte ich mich ja einmal auf, so wollte 
ich möglichst gründlich sein und begann zunächst zu wiederholen. Und ich wieder- 
holte von Anfang an; das machte mir meistens Freude, weil ich ja häufig etwas 
wußte und ich triebs so ein paar Tage lang, dann wurde ich wieder geprüft, natürlich 
aus dem neuen, also ungelernten Teil; es ist selbstverständlich, daß ich nichts 
konnte. Das deprimierte mich stets so, daß ich stets mehr zu glauben begann, ich 
könne gar nicht lernen. Und ich konnte es auch wirklich nicht, wie ich schon früher 
gezeigt hatte. Und ich habe es auch heute nicht erlernt. Trotz aller Mahnungen, 
Tadeln, Gewissensbisse, Leiden und Sorgen — es waren all meine Interessen zu 
mächtig, sie zogen mich ab, sie beschäftigten mich auch dann völlig, wenn ich mich 
redlich bemühte zu lernen. Ich konnte nicht an das denken, woran ich denken 
sollte. Ich war immer zerstreut. Und das konnte auch kein Lehrer besser machen. 
Der fand sich alle Jahre gegen April, manchmal auch schon gegen Februar ein und 



L 



188 Über Novellen jugendlicher Dichter 



hatte die Aufgabe, mich durchzubringen. Das heißt, er mußte darauf sehen, mir in 
Latein und Mathemathik — in den späteren Jahren auch Griechisch und Physik — 
genügende Kenntnisse beizubringen. Da ich aktiv nicht lernen konnte, mußte das 
passiv geschehen, er mußte die Dinge so oft wiederholen, bis ich sie mir — und 
wäre es auch für eine Woche — gemerkt. Eigentlich erlernt habe ich dabei gar nichts. 
Es war nur gerade genug um durchzukommen. Weil aber diese Methode zeitraubend 
war, konnte der Lehrer auch gar nicht weiter auf mich wirken. Ich blieb ohne Interesse 
für die Schumacher; und mein Wille blieb völlig ungeübt; denn ich lernte ja passiv; 
beim Lernen war mein Wille ausgeschaltet, und meinen Willen in irgend einer 
Beschäftigung zu üben und zu bilden, hintertrieb man mit der Mahnung: Lerne, was 
für mich hieß: höre das so oft, bist dus halt auswendig weißt. 

Trotzdem ging ich sehr gerne in die Schule. Das hatte folgende Gründe: Vor 
allem mein Naturgeschichtslehrer. Ein Tag, an dem ich eine Stunde bei ihm gehabt 
hatte, war kein verlorener mehr für mich. — Dann gab es von Zeit zu Zeit freiere 
Hausarbeiten, die mich für viel entschädigten. Und dann meine Mitschüler. Ich war 
körperlich schwach und wurde deshalb von ihnen geprügelt; ich hielt mich für 
grenzenlos dumm — warum, wird man begreifen, wenn man bedenkt, was man mir 
in der Volksschule gesagt hatte, und was ich im Gymnasium zu hören bekam — und 
sie für grenzenlos gescheit; sie wußten zu sprechen und ich nicht; sie gaben es mir 
zu merken und fühlen und trotzdem zogen sie mich geheimnisvoll an. Nicht alle waren 
es, aber die wenigen dafür um so intensiver. Und sie lehrten mich, was sie wußten: 
ins Theater gehen und darüber reden; geschlechtliche Unreinlichkeiten, flüssig schreiben 
und Bewunderung. Ich habe durch sie gelernt neidlos bewundern und fremdes Ver- 
dienst anzuerkennen. Sie gaben mir auch Bücher und vielfache Anregungen. Ich ver- 
danke ihnen sehr viel; wenn das was ich jetzt bin was dankenswertes ist. Aber 
Freundschaft und Liebe haben sie mir so wenig wie meine Lehrer und Professoren 
gegeben. 

So kam ich in die vierte Klasse. Mein Leben ging weiter wie bisher, nur daß 
ich in allem tiefer wurde. Meine Gedanken, meine Gefühle wurden umfassender, mein 
Gesichtskreis weiter, ohne daß die Schule etwas beträchtliches dazu getan hätte. 
Zugleich wurde mein Wille immer schlaffer. Wieviel von dieser Schwäche mir ange- 
boren ist, das weiß ich nicht, und ob es je gelungen wäre aus mir einen Napoleon 
zu machen, weiß ich auch nicht; aber das weiß ich, daß ich damals nach einer 
Leitung dürstete; daß Ich mich dem Lehrer völlig hingegeben hätte, der mit Kraft 
bestimmend auf mich hätte einzuwirken versucht. Ansätze dazu hätte er in mir genug 
gefunden. Denn in diesem und im nächsten Jahre begann in mir die Liebe zu 
erwachen; mit ihr das unbestimmte unruhige Sehnen und nie gestillte Ausgreifen 
des Geistes, das in mir Gestalt gewann in intensiver Deklamationstätigkeit, in einem 
Sammeleifer, in beginnender poetischer Produktion und erwachenden ethischen 
Gefühlen und Gedanken. Die Schule aber kümmerte sich um all das gar nicht. Sie 
hinderte aber diese meine Bestrebungen. So mußte ich gegen sie — je mehr meine 
Interessen wuchsen in Tiefe und Breite — arbeiten. So wurde ich einfach aus einem 
schlechten Schüler ein sehr schlechter Schüler, ich fiel in der vierten Klasse durch. 






Über Novellen jugendlicher Dichter 189 

Eine Nachprüfung wurde mir bewilligt, so kam ich in die fünfte Klasse. Im Februar 
zeigte sich, daß meine Kenntnisse in Latein und Mathematik nicht genügende 
waren. 

Meine Lässigkeit nahm immer mehr zu. Für die Schule arbeitete ich 
gar nichts, denn das Lernen mit meinen Hauslehrern konnte kein Arbeiten genannt 
werden . . . 

Was ich für mich arbeitete, wurde auch zerstreut durch die Vielfältigkeit, 
zerrissen durch den Schulbesuch und getrübt durch das Bewußtsein einer Schuld, 
getan; ohne Leitung, Ziel und Stetigkeit, ich machte kaum bemerkenswerte Fort- 
schritte — ich bin heute in der Kenntnis der Pflanzen nicht viel weiter als vor vier 
Jahren — und lernte auch dabei nicht: Arbeit und Selbstbeherrschung. 

Zusammenfassung: was ich im Gymnasium nicht erlernte, war; Lernen, 
das Gymnasium hat nur sehr wenig dazu beigetragen, in mir ethische und soziale Gefühle 
zu wecken; mich zu festigen; und dieses wenige bloß zufällig, unbeabsichtigt. Das 
Gymnasium ist ganz und gar ohne Berücksichtigung meiner inneren Entwicklung an 
ihr vorbeigegangen. Es hat sich nicht einmal Mühe gegeben mich zu verstehen. 
Daher tat es ganz willkürliche Eingriffe in das Leben meiner Psyche. Es hat mich 
vollkommen zufällig erzogen (Keime geweckt, gefördert, unterdrückt), das heißt über- 
haupt nicht erzogen. Sein Einfluß auf mich war aber sehr groß. Es ließ auch meinen 
Eltern, meinen Privatlehrern und mir selbst viel zu wenig Zeit und Gelegenheit zur 
Erziehung. Ich hätte daher überhaupt keine gehabt, hätte ich sie mir nicht 
gestohlen. 

Einen Übergang von der Novelle zur Erzählung stellt die Skizze dar. 
An Skizzen ist mein Material sehr reich. Sie werden aber besser gesondert 

vielleicht in einem späteren Zeitpunkt — behandelt. Hier stehe nur eine 

für einen guten Teil solcher Produktionen typische, die der Novelle noch 
nahe steht, wie zu zeigen sein wird. 

Nr. (17) 

Skizze von Franz D. 

Im Winter 19 . . . 

11 Uhr nachts. Ein gröhlender Schrei einer Männerstimme, ein angstbebender, 

schriller Hilfruf eines Frauenzimmers — ein paar schwere Tritte — dann ein wirres 

Durcheinander von Stimmen, Schritten, — etwas, wie ein dumpfer Fall. 

Ich reiße das Fenster auf: große Verwirrung — zwei Schutzmänner schleppen 
eine rasend sich wehrende Person — es ist ein Mann — auf der Straße liegt eine 

bewußtlose Frau. Andere Schutzleute treiben die angesammelten Menschen 

auseinander — die Frau wird weggeschaffen — es wird ruhiger — immer ruhiger — 
eine Tramway fährt vorbei — ganz still, wie zuvor — kein Mensch mehr — 



190 



Über Novellen jugendlicher Dichter 



Es ist Sonntag — acht Uhr abends — Vorstadtschenke. Kleines Lokal — Rauch 
— Biergeruch — Gitarrespiel — Gejohle und Gekreisch — Betrunkene. — 

.Laß mich endlich in Ruh!" — „Du, liebst Du mich denn gar nicht ein 

bißchen?' — Sie rückt näher an ihn. — „Laß mich !" 

Sie umschlingt seine Schultern mit dem Arm und will den Kopf auf seine 
Schulter legen. — — Ein wildes Schütteln. 

„Ich will nichts wissen von Dir! Gib mir Frieden, sonst — — — ■ — 
„Stoß an mit mir!" — Keine Antwort. 

Sie füllt ein Glas und nippt. Dann gibt sie's ihm in die Hand: 
„Trink auf mein Wohl". — Er stellt das Glas auf den Tisch. — Sie schmiegt 
sich an seine Seite: „Trinks auf mein Wohl! Bitte!" — Ohne ein Wort zu sagen 
nimmt er das Glas und trinkt es aus. — Sie schmiegt sich fest an seine Seite. 

Er rückt zurück, sie rückt ihm nach. Ihr ganzer Körper berührt den seinen. Sie 
faßt mit der Hand nach seinem Kinn und stützt ihren Kopf auf seine Brust: 
„Du, sei nicht so entsetzlich kalt — schau — ich lieb Dich!" 
Ein Schauer erfaßt ihn. Was geht mich dieses Weib an! Er springt auf. Er 
ballt die Faust — sie weicht erschrocken zurück. Er schlägt auf den Tisch, daß es 
klirrt und dröhnt. „Komm mir nicht mehr nah! Oder Du bekommst einen Fußtritt 

daß " — Es setzt sich. Sie bleibt entfernt. Sie beginnt zu weinen: „Ich halts 

nicht aus ohne Dich! Sei wieder gut! Ich kann nicht. * 

Er hört nichts. — 

Langsam rückt sie näher, immer näher. „Schau mich doch'an!" Er hört nichts. — 

Sie ist wieder bei ihm. Leise berührt sie seinen Körper. 

Er fühlt die Berührung — er will aufbrausen — er kann nicht mehr. \ 

Sein Blut wird warm, siedend heiß. 

Sie schmiegt sich fest an ihn. Sein Blut kocht er stürzt ein paar Gläser 

Wein hinunter — er durchbohrt sie mit einem sinnlichen, gierigen Blick — wie ein 

Raubtier noch hält er sich zurück. 

Sie siehts ihm an: Sie hat gesiegt. Und in ihrem Blick liegt das Häßliche, das 

Gemeine, das Triumphierende das Weib! 

Sie drückt sich an ihn. 

Er spürt ihren warmen Leib an seiner Seite, er fühlt, wie sein Blut wallt, 
siedet, er zittert, alle Fibern sind wild erregt — eine Gier erfaßt ihn — eine wilde 

Gier, zu genießen er kann nicht mehr widerstehen — sein Blick ist umflort 

von einem tierischen Verlangen — er kann nicht mehr. 

In dem Moment reißt sie sich los von ihm und stürzt auf die Gasse — er Ihr 

nach — er erreicht sie — preßt sie an sich. Er kann der Reizung nicht länger 

widerstehen — er muß sie besitzen — besitzen!! — Er drückt sie wahnsinnig an 

sich — gierig er küßt sie wild — er will ihr die Bluse aufreißen. — 

Da erfaßt sie die Angst, — sie reißt sich los, stürzt davon — er nach. — — 
Ein gröhlender Schrei einer Männerstimme — ein angstbebender, schriller Hilfe- 

ruf eines Frauenzimmers ein dumpfer Fall er wird von der 

Polizei abgeführt. 






Über Novellen jugendlicher Dichter 191 

Nr. (10) und Nr. (11) 
bieten nur wenig, was über die bereits bekannten Publikationen des Autors hinaus- 
ginge. Soweit die Untersuchung ihrer bedarf, werden sie durch Zitierung einzelner 
Stellen herangezogen werden. 

III 

Bei der Lektüre einiger der mitgeteilten Novellen ist der Eindruck unmittel- 
bar und zwingend, daß der Autor sein eigenes Leben erzählt, während 
umgekehrt den autobiographischen Fragmenten ein Imponderabile anhaftet, 
das wir als Absicht des Autors empfinden, sein Leben ins Niveau des 
Dichterischen zu erheben. Folgen wir diesem Eindruck zunächst und ver- 
suchen wir, was uns vom Leben der Autoren bekannt ist, mit ihren Dichtungen 
zu vergleichen. 

Über Karl Kolms Leben sind wir wohl unterrichtet. In der voran- 
stehenden Arbeit ist ausreichendes über ihn gesagt und es hat sich gezeigt, 
daß wesentliche Stücke der Epistel der Realität entnommen sind. Alles 
Biographische aus der Epistel kehrt in (8) wieder, mit Ausnahme des hinter 
der°Epistel stehenden aktuellen Konfliktes mit der Mutter. Aber auch zahl- 
reiche größere und kleinere Details der Realität, die in der Realität nicht 
enthalten sind, finden in (8) ihre Darstellung. Karls erste Begegnung mit 
Hildegard, wie er Lilli G. in der Novelle (8) nennt, fand im Mai statt, und 
zwar auf einem Ausflug, den er auf Veranlassung des Bruders von Hildegard 
(der ein Freund von Karls Schwester ist) machte. Ort, Wetter, alle mit- 
geteilten Umstände des Ausfluges sind biographisch treu. Das Telephon, dem 
eine gewisse aufdringliche Rolle im ersten Kapitel zukommt, mag gleich- 
falls in Wirklichkeit die Vermittlung hergestellt haben; sicher war dies in 
zahlreichen Fällen sonst so gewesen. Und was für die einleitenden Sätze 
gilt, ist für die ersten sieben Kapitel maßgebend: es ist in ihnen über- 
haupt nichts, auch nicht das geringste Detail, erfunden. Eine Ausnahme von 
dieser Feststellung macht lediglich der Satz auf Seite 129. Das genannte 
Drama war kaum begonnen gewesen. Pointierungen des Sachverhaltes, wie 
diese, mögen zuweilen in geringerem Maße mit unterlaufen sein, doch sind 
sie nicht nur unauffällig, sondern geradezu subtil. Auch die Reihenfolge der 
in (8) erwähnten Ereignisse und alle Zeitangaben stimmen mit der Realität, 
wenigstens mit Karls Erinnerungen von ihr, völlig überein. Lediglich die 
Einfügung seiner Gedanken und Überlegungen ist nicht immer historisch 
treu. Aber auch sie gehören nicht der Zeit des Dichtens von (8) an, sondern 
dem in der Novelle behandelten Lebensabschnitt. Kapitel VIII unterscheidet 
sich in dieser Beziehung recht beträchtlich von allen Vorausgehenden. Die 
sehr schwere und langwierige Krankheit Karls, von der in ihm die Rede ist, 



292 Über Novellen jugendlicher Dichter 



übertreibt ein reales Ereignis so stark, daß wir von einer Erfindung sprechen 
können. Das gleiche gilt von den Schlußsätzen des Kapitels. Er war öfter 
krank gewesen, und einige Details aus diesen Krankheiten kehren in 
Kapitel VIII wieder, niemals aber war er schwer und lang erkrankt. Auch 
der Krankheitsausbruch, der mit vielen Details gegeben ist, gehört zu den 
Erfindungen. Die reale Basis sind die Anfälle von Absenzen, deren er eine 
Anzahl zur Zeit der Niederschrift der Novelle hinter sich hatte. „So ver- 
gingen Monate und Jahre" ist gleichfalls eine Abweichung von der Realität; 
denn es waren allerdings Wochen seit seiner Zusammenkunft mit Hildegard 
an ihres Bruders Krankenbett vergangen, aber er stand noch mitten drin im 
Erlebnis, als er diese Schlußzeilen schrieb. Der zweite Teil der Novelle ist 
— selbstverständlich — Phantasie. Aber es setzt in Erstaunen, daß auch 
kein Detail in ihr Mitteilung von real Erlebtem enthält. 

Der weit überwiegende Teil der Novelle (8) ist also Reproduktion von 
Ausschnitten aus dem Leben ihres Verfassers, wie bereits der Titel andeutet: 
„Aus meinem Leben," und das merkwürdige Schwanken zwischen der ersten 
und dritten Person, das sich durch die ganze Arbeit — auch durch die 
Reinschrift! — hinzieht. Das ist eigentlich erstaunlich. Wir konnten von 
vornherein erwarten, in den Novellen der Jugendlichen einzelne Züge ihres 
Lebens reproduziert zu finden, aber es stand doch zu vermuten, daß ihr 
extensiv bedeutendster Anteil aus Tagträumereien, Phantasien, Erfindungen 
bestehen würde, in denen die reale Grundlage aufzudecken vielleicht erst 
nach mühsamer und scharfsinniger Analyse gelingen könnte. Dies war aus 
zwei Gründen naheliegend. Wir stellen uns vor, und nicht ohne Grund, nicht 
ohne empirische Grundlage, von der literarhistorischen Forschung so gut 
wie von der psychologischen geboten, daß der erwachsene Dichter seine 
Novellen frei erfindet, gewiß nicht unbeeinflußt von den Erinnerungen an 
sein eigenes Leben und weitgehend gebunden an seine bewußten und 
unbewußten Konflikte, Probleme, Wünsche, aber doch im manifesten Gehalt 
fast undurchsichtig weit entfernt von ihnen. Und es spricht viel dafür, im Dichten 
der Jugendlichen soweit keinen vom Dichten der Erwachsenen prinzipiell 
verschiedenen Prozeß zu vermuten, als es sich um den psychologisch erfaß- 
baren Tatbestand handelt. Zweitens schien selbstverständlich die Novellen 
dem Dichten aus Tagträumereien unterzuordnen, wenn die Unterscheidungen, 
die wir auf Seite 46 machten, einmal angenommen waren. Und nun finden 
wir uns ziemlich enttäuscht, und stehen vor mehreren Fragen auf einmal. 

Freilich liegen Einwände genug bereit, die unser Erstaunen und Ent- 
täuschtsein als unbegründet hinstellen wollen. Ehe wir aber diesen gewiß 
berechtigten Einschränkungen Raum geben, formulieren wir so vorsichtig als 






^ 



Über Novellen jugendlicher Dichter 193 

nötig: beim Novellendichten der Jugendlichen kann eine Tendenz zur 
manifesten Reproduktion des eigenen Lebens eine beträchtliche Rolle spielen 
— und sehen, wieviel von dieser Reproduktionstendenz wir in den anderen 
Stücken unseres Materials wirksam finden. 

Der Vergleich der Stücke Robert Walters untereinander und mit den 
früher (S. 11 ff.) mitgeteilten Materialien läßt ohne weitere Detailnach- 
prüfung erkennen, daß ein beträchtlicher Teil von Walters Novellendichten 
Reproduktion ist. (2) gibt sich offen als autobiographisch ; (3) ist im Konzept 
von Auszügen aus den Tagebüchern begleitet, aus denen wir sehen, daß 
diese Novelle geradezu mit dem Bemüheh nach historischer und dokumen- 
tarischer Treue geschrieben ist. Die Nachprüfung stellt fest, daß Walter 
offenbar sehr gewissenhaft arbeitete. Was er von Biancas (Hellas) und 
anderer Menschen Gefühle und unausgesprochenen Meinungen sagt, ist 
natürlich uns so wenig wie ihm nachprüfbar; auch die Pointierungen aller 
Geschehnisse, die Reproduktion der Stimmungen und Gedanken in ihrer 
genauen zeitlichen Bestimmung mag manche leichte Abweichung von der 
Realität bringen, wahrscheinlich sogar stärkere, als wir sie bei Karls (8) 
fanden. Im übrigen aber ist (3) unbezweifelbare Reproduktion. Bemerkens- 
wert ist das Verzeichnis der Abweichungen von der Realität, das wir 
zusammenstellten: Seite 160: er dichtete schon früher. Seite 160: er war in 
keinem fernen Lande, sondern eine Bahnstunde von seinem und Biancas 
Wohnort entfernt. Die Leichtfertigen, von denen er spricht, waren zum 
geringsten Teil „Männer", zum größeren seine Altersgenossen. Seite 162: 
da hörte er die Leute von Bianca sprechen . . . und geriet zum erstenmal 
in Zweifel über sie, dürfte kaum richtig sein, obzwar ihm das Tagebuch 
wohl recht gibt es so darzustellen. Seite 163: der große Plan, die Gründung 
einer Schülerzeitschrift, datiert ein Jahr zurück, freilich ist dessen 
Durchführungsdatum richtig angegeben. Man sieht: es ist sehr wenig, was 
sich zusammentragen läßt. 

Walters andere Novelle (1) ist nichts weniger als historische Dar- 
stellung des eigenen Lebens, aber auch sie ist durchzogen von Reproduktion. 
Der erste Tag des Helden, mag im Stimmungsgehalt, in den äußeren 
Umständen, im Inhalt der wiedergegebenen Gespräche und Situationen, in 
allem Wesentlichen, selbst den Details, dem eigenen Leben entnommen sein, 
dennoch sind die Einzelheiten und die Gesamtkomposition keine Repro- 
duktion. Wirkliche Abweichungen von der Realität sind trotz der Freiheit, 
die sich Walter im Darstellen und Dichten gab, selten und geringfügig: die 
Spannung zwischen ihm und seinem Lehrer hat nicht zu dem in der Novelle 
geschilderten akuten und offenen Konflikt geführt; Ernst ist nicht sein älterer 

13 



1 



]g4 Über Novellen jugendlicher Dichter 



Lehrer und Freund, sondern ihm gleichaltrig, ja eigentlich in den wichtigsten 
geistigen Belangen von ihm geführt. Der zweite Tag Walters, mit dessen 
Ende der erste Teil der Novelle schließt, ist wie der erste in der über- 
wiegenden Menge der Details zwar frei gestaltete, aber doch Reproduktion, 
jedoch sein Gerippe, die Fabel, die Handlung dieses Tages, ist völlig 
erfunden. Weder hat er von Hella je einen Rendezvousbrief erhalten, noch 
sah er sie am Arm eines anderen in dem dunklen Teil des Parkes ver- 
schwinden, noch traf er seine Iphigenie. Hingegen ist bemerkenswerterweise 
der Abschnitt, in dem er seine Liebe zu Hella rückblickend erzählt, bio- 
graphisch treu. Der ganze zweite Teil ist, was die Handlung betrifft, völlig^ 
was die Einzelheiten betrifft, zum großen Teil erfunden; jedoch von mancher 
Reproduktion durchbrochen. Es wäre unfruchtbar, hier den ganzen Katalog 
der Reproduktionen und Abweichungen mitzuteilen. Nur auf einiges sei 
hingewiesen: die Gespräche mit Ernst, zum Teil auch die mit Iphigenie, 
sind ihrem Inhalt und der Charakterisierung der Personen nach seinem 
Verkehr mit Ernst entnommen, wie Tagebücher und Briefwechsel deutlich 
zeigen; ähnliches gilt für die Gespräche mit den Kollegen. Daß die 
Stimmungen und Hymnen zum guten Teil den Tagebüchern und Gedicht- 
heften entnommen sind, ist fast selbstverständlich. 

So sehr Walters Geschichte (1) und Karls (8) in mannigfachen 
Belangen geradezu als Gegenstücke zu bezeichnen wären, in der Relation 
von Phantasie zu Reproduktion stellen sie das nämliche Prinzip dar. I n 
beiden spielt die Reproduktion eine große Rolle; und in beiden ist die 
Phantasie in der gleichen Weise mit der Reproduktion verknüpft: die 
Phantasie bezieht sich auf die Zukunft, und die Reproduktion auf die Ver- 
gangenheit des Autors. Das letztere ist nun freilich selbstverständlich; es 
ist im Begriff der Reproduktion enthalten. Aber es ist nicht selbstverständ- 
lich, daß gerade die Vergangenheit des Helden in reproduzierender Weise 
dargestellt wird. Das ist aber der Fall. Und dadurch wird das phantasierte 
Stück des Heldenschicksals auch zur phantasierten Zukunft des Autors. Die 
Stelle, an der die vorwiegende (oder auch wie bei (8) die ausschließliche) 
Reproduktion von der vorwiegenden Phantasie abgelöst wird, ist die Gegen- 
wart des Autors. Das Schema dieses Typus von Novellen ist demnach: im 
ersten Teil gibt der Autor eine Reproduktion seines bisherigen Lebens, im 
zweiten Teil schließt er daran die Phantasie von seinem künftigen Leben. 
Der erste Teil kann in verschiedenem Grade treu, der zweite Teil in ver- 
schiedenem Maße ausführlich sein. Um dies an den bisher erörterten Arbeiten 
zu exemplifizieren: (8) ist im ersten Teil dokumentarisch treu, (3) beträcht- 
lich richtig und genau; (1) weitgehend frei gestaltet. Der zweite Teil von (1) 



_ 



Über Novellen jugendlicher Dichter 195 

ist ausführlich und reich (in der ersten Fassung noch reichhaltiger und im 
Ausgang wesentlich anders gestimmt); von (8) kurz und dürftig, doch 
deutlich angelegt; während er in (3) durch einen Satz kaum angedeutet ist: 
„und er wußte, daß er siegen werde". 

Dieses Ergebnis ist so einfach und einleuchtend und scheint das 
Verständnis der Jugenddichtung so zu fördern, daß es sich vielleicht verlohnt, 
die anderen Novellen nicht nur nach der Reproduktionstendenz durchzusehen, 
sondern zugleich auch nach deren Relation zur Phantasie. Franz D's „Werden" 
(15) ist keine Novelle im literarhistorischen Sinne des Wortes, vielmehr eine 
Art philosophischer Hymnus, eingestandener Massen sehr stark von Nietzsches 
Zarathustra beeinflußt. Und doch kann auch dieses Stück zu den Novellen 
gerechnet werden. Freilich enthält es wenig Handlung, Geschichte, dafür 
viel Stimmung und noch mehr Philosophie. Man muß sich aber bloß ver- 
gegenwärtigen, daß Stil und Darstellung bewußt, vielleicht absichtlich 
symbolisch gestaltet wurde, um einen zwar kurzen, aber inhaltsreichen Gang 
einer Handlung in dem Hymnischen und Symbolischen sichtbar zu machen. 
Die Geschichte einer Sehnsucht in den Träumen, Enttäuschung, Versuch 
sich in der üblichen Weise in die Welt zu fügen, inneres Versagen bei 
dieser Haltung, neuer Aufschwung des Idealen und der Ideale, Verbreitung 
einer eigenen Idee, Gewinnung von Anhängern, Enttäuschung an sich selbst 
und ihnen, Flucht, Begegnung mit einem Führer, neue Ideen, Verwirk- 
lichung — so etwa ließe sich die Handlung in Schlagworte fassen. Und 
dies ist tatsächlich Darstellung von des Autors eigenem Werdegang und 
dessen erhoffter Zukunft. Die Kenntnis der Details seines Lebens ermöglicht 
es eine Fülle von Symbolen einfach aufzulösen. Wir müssen uns mit zwei 
Beispielen begnügen. Der Berggeist — Zarathustra — der des Helden 
Umkehr bewirkt, ist die Verdichtung der in der Autobiographie (18) 
genannten zwei Männer (Wyneken und van Eeden) und eines dritten, in 
der Biographie nicht genannten; die Tatsache, daß er in der Schule fleißig 
zu lernen begann und es zum Vorzugsschüler brachte, ist symbolisiert als 
Geldverdienen und Reichtum. Die Sehnsucht, die Verzweiflung, der neue 
Aufschwung, ist Reproduktion von eigenen Lebensabschnitten. Er kam in 
die Jugendbewegung, vertrat dort eigene Gedanken und hatte bald eine 
angesehene Führerstellung. Die Enttäuschung an sich und seinen „Jüngern" 
ist ebenso biographisch richtig erzählt wie die Tatsache, daß er sich eine 
gewisse Zeit lang von der Bewegung fernhielt, und daß er mit neuen 
Gedanken und mit neuer Festigung in sie zurückkehrte. Er war im Begriff 
einen neuen vergrößerten Kreis um sich zu sammeln, als er die Novelle 
schrieb. Wir sehen demnach in den Teilen Werden und Wirken, reichlich 

13* 



196 Über Novellen jugendlicher Dichter 



von Phantasien, Gedanken, Symbolisierungen umwoben, als Kern die 
Reproduktion, und zwar wenn wir uns, wie wir dürfen und selbst müssen, 
lediglich an die Fabel halten, die Reproduktion in allen wesentlichen 
Belangen treu und chronologisch richtig. Wer das autobiographische Fragment 
(18) mit (15) vergleicht, wird bemerken können, daß diese beiden sonst 
einander diametral entgegengesetzten Leistungen in zahlreichen Begriffen, 
Wendungen und Aufeinanderfolgen identisch sind. Phantasie ist der dritte 
Teil: Spielen. Franz rang heftiger vielleicht als ohnehin der genialischen 
Pubertät 1 zukommt, mit dem sexuellen Problem. Von der natürlichen, selbst- 
verständlichen Leichtigkeit des Verkehres der Geschlechter, vom Spiel, das 
die Probe aus dem dritten Teil andeutet, war er zeitlebens — er starb im 
Alter von 21 Jahren an den Folgen eines Suizidversuches — sehr weit 
entfernt, mit 17 Jahren vielleicht weiter als je, so daß sich der Teil Spielen 
als phantasierte Fortsetzung seines Lebens darstellt. 

Die Geschichte (16) ist treue Reproduktion. Sie blieb unvollendet. 
Die Bemerkung „nach einem Erlebnis" läßt vermuten, daß ihre Fortsetzung 
erst Phantasieleistungen gebracht hätte. 

Von (10) ist nur das erste Kapitel annähernd vollendet. Es schildert 
einen Abend im Konzerthaus, an dem Kurt Römer teilnimmt. Das Manuskript 
hat eine Lücke, auf die Karls Anmerkung hinweist: „Personsbeschreibung 
des jungen Mannes!" Dieses erste Kapitel ist verdichtende Reproduktion 
seiner eigenen Konzert- und Musikerlebnisse, insbesondere jenes Abends 
an dem ihm — wie Kurt Römer in der Novelle — zum erstenmal das 
Wesen Beethovenscher Musik aufging. Vom zweiten Kapitel enthält das 
Heft nur einige Zeilen und Hinweise auf ein anderes Heft, das uns nicht 
erhalten ist, und eine Anmerkung, aus der zu entnehmen ist, daß er seine 
Schilderung der Schönheit des Meeres aus (8) oder (9) in diese Novelle 
übernehmen wollte. Der für uns wichtigste Satz lautet: „Kurt Römer freute 
sich sehr auf die Zukunft, da es wieder dem Meere zugehen soll, dorthin, 
wo er Grete Wilson oft im Traume". Hier bricht das zweite Kapitel ab; es 
ist kein Zweifel, daß nun die Reproduktion seiner Erlebnisse, wie sie (8) 
und (9) bringen, wiederholt werden sollten. Vom dritten Kapitel ist nicht 
mehr geschrieben worden, als die sorgfältig verzierte Überschrift. 

Karl Kolms „Schwarze Stunden" (11) zeigen die weiteste Entfernung 
von der Realität, die wir bisher beobachteten. Er ist Dr. com. (der Handels- 
wissenschaften), glücklicher Gatte und Familienvater und erzählt die Geschichte 
seiner Liebe und Ehe. Im Mädchen Anita von Wengraf, seiner späteren 



Bernfeld, Über eine typische Form der männlichen Pubertät. Imago, 1923. 



Über Novellen jugendlicher Dichter 197 

Frau, erkennen wir leicht Grete, Hildegard, Lilli wieder, ihr Bruder Karl 
fehlt auch nicht. Aber außer diesen Gestalten, der Figur des Helden, Karl 
Keller, und seinen Stimmungen, ist alles erfunden, so fern von biographischer 
Realität, daß die Stimmungen Karls (und Kurts) die im Titel symbolisiert 
sind, in krassem Widerspruch zum Erzählten stehen. Unsere oben gegebene 
schematische Formulierung des Aufbaues der Novellen will hier kaum 
anwendbar erscheinen; wenn wir nicht diese Novelle als Gegenstück zur 
Novelle (3) auffassen wollen. Ist in Walters Novelle der II. Teil in einen 
einzigen Schlußsatz zusammengezogen, so ist in der Karls der I. Teil fast 
allein durch die Titelüberschrift und die Grundstimmung der ersten Seiten 
angedeutet. 

Über X Y, den Verfasser von (5) wissen wir nichts, was dienlich wäre 
auch an dieser Novelle dieselben Untersuchungen anzustellen, wie an den 
bisherigen. Wir sind auf den Eindruck angewiesen, den das Schriftstück 
uns macht. Dieser zusammen mit der Widmung legt uns nahe, in (5) die 
Reproduktion aus Lebensepisoden des Autors anzunehmen. Nichts in ihr 
spricht dagegen, daß sie bis in die Details treue Reproduktion ist; freilich 
nicht des ganzen bisherigen Lebens auch nicht in summarischester Form, 
sondern bloß einer, allerdings einer dem Autor überaus wichtig und 
entscheidend erscheinenden Episode, eines Wendetages. Phantasien über die 
Zukunft des Autors bringt dieses Stück kaum, doch scheint Titel und 
Widmung auf eine optimistische Auffassung seiner künftigen Haltung 

hinzuweisen. 

IV 

Haben sich die bisher behandelten Novellen — die wir eingangs zur 
I. Gruppe zusammengefaßt — als verschiedene Unterformen oder Grade 
desselben Strukturprinzips erwiesen, so haben wir in Gruppe II anders 
gebaute Produktionen vor uns. 

Bedauerlicherweise haben wir über deren Autoren keine oder nur 
geringfügige Kenntnisse. Darum können wir nicht hoffen, besonders tiefe 
Aufschlüsse zu erhalten und müssen uns vergleichsweise kurz mit ihnen 

befassen. 

In (13) ist offenbar eine Fülle von Details Reproduktion. Dazu 
rechnen wir die im einzelnen recht dürftigen im ganzen aber ziemlich 
umfarlgreichen Milieuschilderungen oder besser -Andeutungen; ebenso die 
Gefühle des Kriegsflüchtlings; die nationalen, zum Teil nationalistischen 
Gedanken, die die Verfasserin Berta und den jungen Offizieren in den 
Mund legt; die Situationen von Urlaubsantritt, Abschied und die dabei 
geführten Gespräche. Was im Einzelnen an der Novelle diesem Kern von 



198 Über Novellen jugendlicher Dichter 



Reproduktion phantasierend hinzugefügt wurde, läßt sich nicht entscheiden. 
Ein gut Stück des Phantasieanteils aber ist anscheinend auch nicht Original, 
sondern aus Zeitungsberichten, Kriegsromanen und vielleicht mündlichen 
und brieflichen Mitteilungen verdichtet. Es ist gewiß nicht unmöglich, daß 
sich auch diese Novelle ganz als biographische, beziehungsweise als 
phantasierte erwiese, wenn wir über die Lebensumstände der Verfasserin 
mehr wüßten. So wie sie vorliegt aber sind wir nicht berechtigt sie zur 
dritten Gruppe zu rechnen. Vielmehr müssen wir darauf verzichten auch 
hier der Relation Reproduktion — Phantasie nachzugehen und wenden 
unsere Aufmerksamkeit einem Charakter zu, der gerade diesem Stücke 
besonders deutlich anhaftet: der Tendenz. Sie ist offenbar für die Verfasserin 
die Hauptsache gewesen. Nicht allein der Untertitel „Sein Ziel" spricht 
dafür, sondern auch die Tatsache, daß die Verfasserin ihre Arbeit einer 
zionistischen Zeitschrift der Jugend einsandte, welche keine literarischen 
Arbeiten, wohl aber tendenziöse Essays brachte. Sie versäumt auch niemals 
im Laufe der Darstellung mehr oder minder geschickt ihrer Tendenz Ausdruck 
zu geben, wenn es ihr nur irgend möglich erschien. Ein gut Teil des 
zweifellos Erfundenen ist nicht allein tendenziös durchsetzt, sondern 
anscheinend geradezu im Dienste der Tendenz erfunden oder nacherfunden. 
Es will scheinen, als könnte man auch an dieser Novelle zwei Teile unter- 
scheiden: einen — den ersten — in dem die Reproduktion die Hauptrolle 
spielt, einen anderen — den zweiten — in dem die Phantasie vorherrscht 
und zwar zum guten Teil im Dienste der Tendenz. Daß diese Tendenz: 
die Apologie des Judentums und die Propaganda des Zionismus, eine 
egoistische, genauer eine narzißtische Wurzel hat, sei gerade nur erwähnt. 

(6) und (7) stellen sich manifest als nicht unbeträchtlich reproduzierend 
dar. In beiden finden wir Anklänge an (5). Zuweilen hat man den Eindruck 
als wären (6) und (7) Variationen auf (5). Biographisch treu sind aber wohl 
beide nicht, obzwar sich vielleicht (6) als symbolisch, ganz im Sinne von 
(15) erwiese, wenn wir den Autor befragen könnten. Kaum aber sind sie 
biographisch nach der Formel, die sich für die Gruppe I fand, sondern sie 
stellen, unbestimmt viel und genau reproduzierend, eine Episode oder eine 
Stimmung dar. Und zwar haben wir keinen Grund anzunehmen, daß der 
Autor gerade dieser Episode oder Stimmung das Gewicht einer schlechthin 
entscheidenden zuspräche (wie wir es bei „Agnolos Anbruch" (5) ver- 
muteten). 

So gibt uns diese Gruppe keine Verallgemeinerung der oben gefundenen 
Struktur, sie zeigt uns aber auch keine prinzipiell neue. Vielleicht lehrt sie 
nichts anderes, als daß ohne Kenntnis des latenten Inhalts der Novelle die 






Über Novellen jugendlicher Dichter 199 



des manifesten zur Aufklärung unserer Probleme nichts nützt. Immerhin 
wollen wir feststellen, daß eine Anzahl von Novellen Jugendlicher einzelne 
Episoden aus dem Leben der Verfasser darstellen und wollen diese episodische 
im Gegensatze zu den biographischen nennen. Auf Grund der bloßen 
Kenntnis des manifesten Inhalts läßt sich die Einordnung eines bestimmten 
Stückes weder in die Gruppe der episodischen, noch in die der biogra- 
phischen mit Sicherheit vornehmen. Schließlich: der Phantasieanteil einer 
biographischen oder auch einer episodischen Novelle kann in verschiedenem 
Ausmaße im Dienste einer bewußten Tendenz produziert sein. 

V 

Die Arbeiten (4), (12) und (14) kommen dem literarhistorischen Begriffe 
der Novelle am nächsten. Gundolf, um als Beispiel den bedeutendsten 
unter den neuen Literarhistorikern zu nennen, formuliert das Wesentliche 
der Novelle als „Bericht von beklemmenden und erschreckenden Vorgängen, 
seien es ungeheuerliche Menschentaten oder wundersame Ereignisse." 1 Wir 
werden auf den Unterschied zwischen der psychologischen Definition der 
Dichtungsgattungen, die allein bei der Dichtung von Jugendlichen anzu- 
wenden ist, und der literarhistorischen an späterer Stelle kurz zurückkommen. 
Bei einigen Produktionen Jugendlicher trifft aber, wie unsere Gruppe I 
zeigt, auch der literarhistorische Begriff ein wesentliches Merkmal. Daß es 
sich in diesen Stücken weder um biographische noch auch um episodische 
Novellen handeln kann, ist mindestens bei (4) und (14) von vornherein 

k j ar s0 S ehr Erinnerungen, Reproduktionen in die Phantasien mitverwoben 

sein mögen. Die Kenntnis der Lebensumstände von Hans erweist, daß 
Gleiches für (12) gilt. Kaum ist ein weiterer Abstand denkbar als der 
zwischen Hansens Leben und dem des kleinen David Lichtenberg. Hans 
ist das Kind sehr wohlhabender Eltern, hat ein gepflegtes Elternhaus. Vater 
und Mutter sind sorglich um ihn bemüht. Er ist nicht einsam mit seiner 
Mutter, sondern der älteste Bruder von vier Geschwistern. Seine Schul- 
kameraden schätzen ihn allgemein; einige lieben ihn als Freund. Die 
Geschichte von David Lichtenberg ist demnach völlig Tagträumerei (bemerkt 
sei daß der wirkliche Vorname von Hans ein germanischer, der Familien- 
name nicht prononciert jüdisch ist, während der Held seiner Novelle einen 
betont jüdischen Namen trägt; so war es wenigstens vom Verfasser empfunden 
worden). Bloß in diesen Novellen finden wir demnach die wenigstens 
manifest vom realen Leben weit entfernte Träumerei, die man gewohnt ist 
bei den Novellen der Erwachsenen als die typische Form anzutreffen. 

i Friedrich Gundolf: Heinrich von Kleist, Georg Bondi, Berlin 1922. 



200 Über Novellen jugendlicher Dichter 

Daß sich die Tagträumerei (12), trotzdem sie manifest das Gegenteil 
darstellt, in der Analyse als entstellte Wunscherfüllung erwiesen hat, kann 
nicht verwundern. Da nicht dies nachzuweisen unsere Aufgabe in der 
vorliegenden Untersuchung ist, deuten wir das Ergebnis der Analyse nur 
so weit an, als für das Verständnis des Weiteren nötig erscheint. Hans war 
bei mir acht Monate lang in pädagogischer Analyse, und zwar in seinem 
neunzehnten Lebensjahr. Die analytische Kenntnis seiner psychischen 
Struktur hätte genügt (12) unmittelbar zu verstehen. Zur Sicherheit habe 
ich aber das Stück selbst zum Ausgange analytischer Forschung genommen. 
Es erwies sich, daß er, vom Vater und den Geschwistern befreit, mit 
der Mutter allein sein wollte; daß nicht die Schulkollegen, sondern der 
Vater und die Geschwister seine „Mörder" sind, daß die Wahl des Themas 
und die Determination der meisten Details sich aus dem Ödipus- und 
Kastrationskomplex ergab. Und so stellt die merkwürdige Tagträumeret (in 
der oberen psychischen Schichte, die uns hier allein beschäftigt) eine Rache- 
phantasie dar: Ihr behandelt mich so — ihr werdet schon sehen — und 
Deutschland wird seinen größten Dichter verloren haben! Ganz ähnlich war 
der Befund bei Karls Epistel (S. 59). 

Untersuchen wir den Phantasieanteil bei allen unseren Novellen, so 
ergibt sich überall das gleiche: sie sind Tagträumereien, die vor- und 
unbewußte Wünsche als erfüllt darstellen, zuweilen ohne Verhüllung, 
zuweilen entstellt nach den Freudschen Regeln der Traumarbeit; auch deren 
spezielle Ergänzungen für das vorbewußte phantasierende Denken, die 
Varendonck 1 brachte, lassen sich in ihnen zum Teile deutlich nachweisen. 
Dies gilt für jene Fälle, deren Autoren psychoanalytisch behandelt oder 
befragt wurden, und für jene, von denen so ausführliches Material vorliegt, 
daß ihre vor- und unbewußten Wünsche zum nötigen Teil stringent 
erschlossen werden konnten. Bei den anderen läßt sich das gleiche mit 
Sicherheit vermuten. Der Gnom, die Erlösung, so gut wie die Stücke aus 
zweiter und dritter Gruppe bieten eine reiche Zahl von typischen Träumereien, 
die der Psychoanalyse wohlbekannt und hinreichend verständlich sind. 
Aber wir wollen dieser Frage keine weitere Beachtung in vorliegender 
Untersuchung schenken. Andere Beiträge dieses Bandes haben — so scheint 
mir — einwandfrei nachweisen können, daß die Freudschen Entdeckungen 
und Aufstellungen auch für die Jugenddichtungen zutreffen. Und eine 
psychologische Feststellung von der Art der Freudschen über die Technik 
und Funktion des Traumes und Tagtraumes bedarf nicht mehr der Nach- 

1 Varendonck: Das vorbewußte phantasierende Denken. Internationaler psycho- 
analytischer Verlag 1921. 



Über Novellen jugendlicher Dichter 201 

prüfung an jedem einzelnen Fall; vielmehr werden wir jeden Fall so 
lange als in die Kategorie der erklärten fallend zählen, bis nicht nach- 
gewiesen ist, daß die aufgestellten Gesetze für ihn nicht zutreffen. 1 

Uns interessiert die Bemerkung, daß Hansens Stück (12) eine Adresse 
hat. Daß diese Novelle an jemanden gerichtet, ist und zwar an Vater, 
Geschwister, Welt. Wir haben ganz denselben Tatbestand bei Karls Epistel 
gefunden, und es fragt sich für uns, ob diese Adresse ein charakteristischer, 
wenn schon wahrscheinlich nicht allgemein gültiger Zug der Novellen 
jugendlicher Dichter ist. Tatsächlich ist die Zahl der Novellen mit aus- 
gesprochener Widmung nicht gering. Eine Widmung, wie wir sie häufig 
genug bei den Werken der Dichter finden, setzen unsere Autoren vor die 
Stücke: (1), (4), (5), (8), (9). Die Tendenznovelle (13) hat selbstverständ- 
lich implizite jemanden fingiert, an den sie gerichtet ist. Von (12) erwies 
es die Analyse. (2) richtet sich ausgesprochenermaßen an die Schulgewaltigen 
und Schulreformer. Die Einleitungssätze von (11) lauten: 

Von meiner Kindheit, meinen Knabenjahren, habe ich nichts zu erwähnen und 
wende mich gleich dem Anfang der Jünglingsjahre zu. Jener Zeit, in der die Wunder- 
träume des Knaben langsam verschwinden, die Folgen meines Tuns von mir berechnet 
werden, mit einem Wort den mittleren zwanziger Jahren, 

Was war ich zu jener Zeit? Ein verbitteter in seiner Hoffnung getäuschter 
Mensch ohne Ehrgeiz, ohne Sorge für den kommenden Tag. Ich atmete, aß und trank. 
Und warum dies alles? Wenn du es wissen willst, lieber Freund, lies meine Zeilen 
mit Verständnis, mach dir meinen Kummer, meinen Gram zu den deinen, denk dich 
in mich hineinversetzt, dann wirst du mich vielleicht verstehen. 

Ich will meine Erzählung bis an den Tag zurückgreifen, als ich meinem 
Namen Kurt Keller das Dr. com. hinzufügen durfte und das Recht hatte mir Geld 
und Ruhm zu erwerben, indem ich mich bemühte, das Wissen meiner Mitmenschen 

zu fördern. 

Ich werde euch das Mädchen zeigen das ich liebe, ich werde euch Anita 
Wengraf zeigen. Nein, ihr werdet sie nicht sehen können, nur ich allein kann sie so 
sehen wie sie wirklich ist. Oh Gott, wie schön war sie in der Pracht ihrer dunklen 
Herrlichkeit, ihre Schönheit verdankte sie ihrem Vater, den sie aber kaum kannte. 
Anita war eine Österreicherin, während ihre Mutter eine Polin war. 

Du wirst fragen, wann ich anfing sie zu lieben, aber auf diese Frage könnte 
ich dir, lieber Freund, keine Antwort geben, du würdest mich besser fragen, wann 
ich ihr zuerst begegnet bin, denn in dem Momente, als dies geschah . . . 

Hier ist nicht nur ein Freund fingiert, an den das Ganze gerichtet 
wurde, sondern es wird auch angenommen, daß er wissen möchte, warum 

1 Was Freud in gewisser Weise für die Träume der traumatischen Neurose tat. 
.Jenseits des Lustprinzips. ' 






202 Über Novellen jugendlicher Dichter 



der Verfasser und Held litt. Beachtet sei, daß des weiteren auf diese Ein- 
leitungssätze nicht mehr zurückgekommen wird; die Figur des „Freundes" 
erscheint nicht mehr. (18) wird „seiner lieben Elsa" und allen lieben 
Freunden erzählt. Nun soll gewiß nicht übersehen sein, daß die Person, der 
ein Heft Novellen gewidmet wurde, nicht dieselbe sein muß wie jene, an 
die der latente Inhalt der Novelle gerichtet ist, daß überhaupt die ein- 
getragene Widmung nicht denselben Sinn haben muß wie die unbewußte 
oder unausgesprochene Widmung. Ja, wir haben im Falle der Epistel 
gesehen, daß die ausgesprochene Widmung, die dem Analytiker galt, zwei 
wichtigere Namen — Mutter und Geliebte — ersetzte, und daß (12) — 
eine exquisit „gewidmete Dichtung" — überhaupt keinen Widmungsvermerk 
trägt. Dem Autor selbst bleibt vielfach unbewußt, an wen sich seine Dichtung 
wendet. Ein unbestimmtes Gefühl aber mag ihn veranlassen, doch jemand 
als Empfänger, als Publikum wenigstens zu nennen, und da mag es leicht 
sein, daß der Freund, der Analytiker, der „Beichtvater", die Geliebte, für 
die ohnehin — von anderen Motivierungen her — ein „Geschenk" fällig 
ist, zur Ersatzperson für die unbewußte Adresse wird. Man könnte versucht 
sein, die Widmungen als bloße Nachahmungen aufzufassen. Bei den eigenen 
Widmungsblättern in Reinschriften mag das oberflächlich mitwirken. Die 
Widmung ist aber für das Buch des Dichters zu wenig bezeichnend, um als 
Anregung auszureichen. Überdies finden sich auch ausgesprochene Widmungen 
in den Konzepten der Jugendlichen und in einer für das gedruckte Buch 
ungewöhnlichen Form. 

Das Wesentliche, das mit diesen Erörterungen gesagt sein soll, ist: 
Der jugendliche Dichter will mit seiner Novelle etwas von jemandem. Sie 
ist, anders wie die Stimmungslyrik, nicht bloß das Produkt gewisser 
Stimmungen und Träumereien und der psychischen Prozesse, die hinter 
ihnen stehen, sondern überdies das Werk einer bestimmten Absicht, der 
Wünsche, Triebe, psychischen Prozesse, die sie erzeugten und der Mittel, 
die sie zur Verfügung stellt. 

Ich habe bereits mehrfach darauf hingewiesen 1 , daß die Dichtung nicht 
identisch ist mit den Elementen, aus denen sie besteht, sondern daß aus 
ihnen erst dann eine Dichtung — das Wort natürlich rein beschreibend, in 
nichts wertend gebraucht — wird, wenn sie in einer bestimmten Art 
bearbeitet werden. Diese Bearbeitung habe ich die tertiäre genannt, zum 
Unterschied von der sekundären Bearbeitung, die das vorbewußte Material 
bei seiner Umbildung in bewußte Tagträumereien erfährt. Die tertiäre 
Bearbeitung ist demnach eine unter bestimmten Voraussetzungen einsetzende 



Bernfeld, Bemerkungen über Sublimicrung. Imago. 




Über Novellen jugendlicher Dichter 203 

Fortführung der sekundären Bearbeitung. Dieser Unterscheidung müssen wir 
uns erinnern, wenn wir von der Tendenz, von der „Adresse" einer Novelle 
sprechen. Theoretisch sind hier verschiedene Fälle möglich: die Tagträumerei 
allein kann eine Tendenz haben, oder die Novelle allein, oder aber beiden 
kann sie zukommen. Die analysierten Stücke haben uns nur das letztere 
deutlich und allemal gezeigt; ohne daß die gemeinte Person in allen Teilen 
der Träumereien dieselbe und mit der von der Novelle gemeinten identisch 

sein müßte. 

IV 

Wir haben nunmehr zu fragen, was will der Jugendliche mit seiner 
Novelle, und von wem will er dies Unbekannte? 

In der ersten Arbeit dieses Bandes ist dies Thema, wenn auch viel 
allgemeiner gestellt, kurz gestreift worden. Die Proben, die dort gegeben 
wurden, mit den hier gebrachten zusammengehalten, belehren, daß nicht 
allein für Walter gilt, daß der Held der Dichtung als liebenswürdig, sein 
Schicksal als bemitleidenswert hingestellt wird. Vielmehr scheint dies ein 
durchgehendes Charakteristikum der jugendlichen Novelle zu sein. Es 
bedarf keines Nachweises, daß diesen rein phänomenologischen Be- 
schreibungen der dynamische Begriff des Narzißmus entspricht. Wir stellten 
oben fest: die Abänderungen, welche die Tagträumereien an der Realität 
vornehmen, sind entstellte Wunscherfüllungen des Unbewußten, dynamisch 
näher bezeichnet des Verdrängten. Diese entstellten, sekundär bearbeiteten 
Wiederkehren des Verdrängten sahen wir mit Reproduktionen einzelner 
Episoden oder der Summe des Lebens nach gewissen Prinzipien zusammen- 
gefügt. Nunmehr liegt es uns nahe genug auch für dieses Kompositions- 
prinzip eine Andeutung zu suchen, und wir versuchen zu sagen, die 
Gesamtkomposition befriedigt den Narzißmus des Verfassers. Die tertiäre 
Bearbeitung geschieht im Dienste des Narzißmus — wie wir vorläufig 
und absichtlich ungenau sagen müssen. Der Verfasser der Novelle gibt 
Mitteilung von seinem Leben, einer Episode seines Lebens, oder irgend- 
einem Stück, einer Seite von sich; und zwar in einer Weise, die sich von 
der Realität im Sinne seines Narzißmus unterscheidet. 

Es sind nur verschiedene Standpunkte, von denen aus wir in den 
letzten Sätzen den gleichen Tatbestand beschrieben haben. Und es wird nun 
Zeit, daß wir an unserem Material diese Sätze nachweisen. Zunächst ist 
nachzutragen, daß auch die treueste Reproduktion, die wir in einem Stück 
fanden, nicht die Realität als solche darstellt, daß sie auch beim. Anschein 
äußerster Objektivität subjektiv bleibt. Auf die Imponderabilia der Darstellung 
und auf die Pointierung der Ereignisse wurde hingewiesen. Darüber hinaus 









204 Über Novellen jugendlicher Dichter 

aber ist die Reproduktion selbstverständlich eine ausgewählte. Man braucht 
kein unwahres Wort zu sagen und kann doch von Grund auf lügen durch 
Verschweigen. Und dies ist auch das hauptsächlichste technische Mittel, 
dessen sich der jugendliche Autor bedient, um im reproduzierenden Teil die 
angenommene narzißtische Befriedigung zu erreichen. Von solchen Aus- 
lassungen sind einige — nicht allgemein gültig, aber: — häufig und auf- 
fallend: Die Schule fehlt so gut wie ganz, außer in (1), und natürlich in 
(2); die Eltern erscheinen meistens überhaupt nicht; oder, in (1), nebenbei, 
und, in (5), entstellt — wobei zu beachten ist, daß beide Eltern aller unserer 
Autoren — soweit wir von ihnen überhaupt Nachricht haben — zur Zeit 
ihres Dichtens lebten; Robert hat 2 Geschwister, Karl 2, Hans 3, Franz 1 
— in ihren Novellen fehlen sie gänzlich oder sie sind völlig als Neben- 
personen erwähnt. (Von Rosa wissen wir nichts; es würde sehr gut zum 
angenommenen Mechanismus des Novellendichters passen, wenn gerade sie, 
die Bruder und Cousin auftreten und sogar eine Hauptrolle spielen läßt, 
überhaupt keine Geschwister hätte.) Die Folge dieser Auslassungen ist, daß 
die Aufmerksamkeit von allen in der Realität störenden konkurrierenden 
Personen abgelenkt und voll auf den Helden konzentriert ist. Dazu stimmt 
sehr wohl, daß (1) und (13) ausgenommen, der Held die einzige Person 
von irgendwelchem affektiven Belang in der Novelle ist. Und selbst die 
beiden Ausnahmen sind es bloß relativ, denn es kann keine Frage sein, 
daß bei (1) Walter allein wichtig ist und bei (13) liegt die Sache nur ein 
wenig verwickelt, aber keineswegs widerlegend. Hier soll dem Titel nach 
einer der Männer der Held sein, der Autorin gelingt es aber nicht ihre 
Absicht durchzusetzen, sie selbst, Berta, tritt so sehr in den Vordergrund, 
daß wir nur die Wahl haben, ob wir sie selbst oder einen der beiden 
Offiziere als Helden ansehen wollen. Diese Tatsache der beinahe restlosen 
Affektkonzentration auf den Helden läßt sich auch so formulieren: der 
wesentliche Inhalt der Novelle Jugendlicher ist die Selbstdarstellung. 

Sollte jemand einwenden, es sei noch gar nicht ausgemacht, daß der 
Held der Novelle mit dem Verfasser allemal auch identisch ist, so muß 
zugegeben werden: der Fall ist denkbar, in dem es sich nicht so verhält. Und 
es wird darüber noch ein Wort zu sagen sein. Aber es kann kein bloßer 
Zufall sein, wenn unter unserem Material ein Zweifel über die Identität nur 
bei drei Stücken, und zwar nur bei solchen möglich ist, von deren Autoren 
wir gar keine Mitteilungen haben (die in der Tabelle genannten Daten 
abgesehen). Und auch diese Stücke enthalten überdies nichts, was verböte, 
die Befunde von allen anderen auch auf sie zu verallgemeinern. Die Probleme 
des Gnoms sind völlig typische Vorpubertäts- und Pubertätskonflikte. Die 






. 



Stimmungen, Ängste, Hoffnungen des Gnoms sind ebenso für die Pubertät 
bezeichnend, man muß sie nur der ironisch-grotesken Verhüllung entkleiden. 
In der Erlösung ist ein Pubertätserlebnis, eine Pubertätsträumerei nur allzu 
leicht durch die Entstellungen und Übertreibungen hindurch zu sehen. Und 
daß ein Mädchen im Beginn der Pubertät sich mit einem jungen Offizier 
identifiziert, ist gewiß kein unerhörtes Novum. Es ist aber gar nicht nötig, 
diese naheliegenden Annahmen zu vollziehen. In dieser Arbeit, so wie in 
dem ganzen Band, ist nirgends beabsichtigt, schlechthin Allgemeingültiges 
aufzuzeigen. Wir gehen von einem bestimmten Material aus, und wo es am 
reichlichsten oder deutlichsten ist, gehen wir am tiefsten; an anderen Stellen 
bleiben wir oberflächlich, und von den Dingen, die im jeweiligen Material 
nicht enthalten sind, sprechen wir überhaupt nicht. Ob eine Aufstellung bloß 
einen Einzelfall deckt, ob sie für irgendeine Gruppe typisch ist, ob sie 
allgemeingültig ist, das können nur spätere Untersuchungen erweisen. 

Solche Selbstdarstellung an sich ist narzißtisch. Es läßt sich aber zeigen, 
daß der narzißtische Anteil am Dichten von Novellen noch größer und 
differenzierter ist. Wie stellt sich der Jugendliche dar? Karl liebt in unermüd- 
licher Treue seine erste Liebe oder ihr Ebenbild unter Leiden auf alle Fälle, 
einmal mit glücklichem, ein andermal mit unglücklichem Ende. Seine Liebe 
ist rein. Er bringt es in irgendeiner Weise — in der Liebe glücklich oder 
unglücklich — zu Wohlstand oder Ansehen und einem beträchtlichen Alter, 
seine Liebe überlebend. Walter ist edel, frei, freigeistig und hat eine Schuld 
zu sühnen; leidet an der Liebe, an der Umwelt, wird (in der Fassung [la]) 
von ihr gefällt. David, ein liebenswürdiger Knabe und genialer Dichter, geht 
an der kleinlichen Bosheit seiner Kameraden unter. Kämpfe, die der Held 
in seiner Brust herausfordert und gewinnt, sind Franz' Wesen und Inhalt. 
Der Graf Rodrigo wird halb aus Neugier, halb aus dumpfen Drang eines 
Mordes schuldig und ist doch unschuldig. Des Gnoms sinnlosen Größen- 
wahn lernen wir aus seinen Gebrechen und der stupiden Umwelt verstehen 
und er wird beinahe liebenswürdig. Usw. (Die Einschaltung wird hier wohl 
längst fällig sein, daß wir das Wollen der Autoren immer auch für ihr 
Können nehmen, alle technischen Mängel, Unfähigkeit des Ausdruckes, selbst 
alle poetische Talentlosigkeit kümmert uns nicht. Wir stellen nur dokumen- 
tarisch oder einfühlend fest, was gewollt wurde.) 

Die Selbstdarstellung erfolgt als verwirklichtes Ichideal oder wenigstens 
im Sinne des Ichideals. Das schließt keineswegs die Forderung in sich 
ein, daß der Held fleckenlos rein sein müsse — wie etwa die Hauptfiguren 
der Hansschen Geschichte sind. Die Spannung zwischen Realich und Ichideal 
kann unter Umständen verlangen, daß der Held schuldig wird, und es kann 



206 



Über Novellen jugendlicher Dichter 






gegebenenfalls der Mord ichidealgemäß erscheinen — zu schweigen von 
den Komplikationen, die sich zuweilen aus dem Gegensatz latent — mani- 
fest ergeben. Das Ichideal übt gegenüber der tertiären Bearbeitung beim 
Novellendichter die Funktion aus, welche gegenüber der sekundären 
Bearbeitung beim Träumen und Tagträumen die Zensur innehat. 

Was der jugendliche Novellenautor „will" läßt sich nunmehr vielleicht 
nicht ganz unbefriedigend formulieren: Sein vergangenes und zukünftiges 
Leben, sich selbst, so darstellen, daß die Realität in der Weise korrigiert 
erscheint, die dem Ichideal schlechthin, oder den vom Ichideal gestatteten 
aktuellen Tendenzen, zum Beispiel entstellten oder offenen Wünschen, 
gemäß ist. Zugleich erhält eine Anzahl verdrängter oder auch nur zurück- 
gedrängter Partialtriebe oder infantiler Wünsche mehr oder weniger entstellte 
Phantasieverwirklichung. 

Wem sich der Autor in dieser veränderten Gestalt, eben als Held, 
darstellen will, ist nicht leicht zu sagen. In dieser Arbeit mindestens ohne 
Nachweis und Schlüssigkeit bloß als Vermutung hinzustellen. Zunächst wendet 
sich der Autor offenbar an die Freunde. Das ist wohl verständlich, denn 
im Freund wird ein Ichideal vorausgesetzt, dem ähnlich, das die Novelle im 
Entstehen beaufsichtigt hat. Der Freund soll ihn sehen, wie er „ist", er 
soll ihn verstehen lernen und ihn liebenswert finden; soll ihn auch als 
Dichter anerkennen. Dann ist es wohl das Publikum, das im Autor den 
Helden, den Autor als Helden kennen lernen soll. Diese beiden mögen 
die manifesten „Adressen" der Novelle sein. Latent richtet sich, wie wir 
gesehen haben, möglicherweise jedes Stück der Novelle an eine andere 
Person, offenbar an die alten Liebesobjekte, an die Mutter, ihre Familien- 
imagines, etwa die Schwester, und an das Neue: die Geliebte. Aber es 
will uns scheinen, als würden die überraschend großen Ähnlichkeiten in der 
Struktur der Novellen unterschiedlicher Autoren auch hier einen einheitlichen 
Aufbau verlangen. Und wir wagen zu vermuten, daß der primäre Adressat 
der Novelle im allgemeinen der Vater ist. 

Einige Hinweise mögen diese vielleicht befremdliche und erstaunliche 
Annahme stützen. In den meisten Stücken erscheint der Vater überhaupt 
nicht (2, 3, 5, 6, 7, 8, 10, 11, 14, 15, 18). (Die eine weibliche Novelle 
(13) lassen wir bei diesen Erörterungen aus.) In den übrigen (1, 4, 9, 12, 
16) wird er ganz kurz erwähnt. Einzig in (1 a) ist ihm eine ganze Skizze 
gewidmet, deren Höhepunkt die Feststellung ist, daß er gar nicht Walters 
wirklicher Vater ist. Die Erwähnungen in den genannten fünf Stücken sind 
nicht allein kurz und völlig nebensächlich, sondern ihn herabsetzend; 
beliebt ist die Erledigung des Vaters als Trunkenbold oder Dummkopf. 



1 



' 



Über Novellen jugendlicher Dichter 207 

Kurz der Vater ist in den Novellen überhaupt nicht vorhanden. Manifest 
gilt ein ähnliches für die Mutter; aber es bedarf keines besonderen psycho- 
analytischen Spürsinns, um die Mutter in allerhand Imagines zu erkennen. 
Der Vater hingegen ist nicht allein aus dem manifesten Inhalt entfernt, es 
nimmt auch keine andere Person, keine Vaterimago seine Stelle ein. Hie und 
da freilich gibt es Anklänge solcher Art, so Dr. Schwerlich und Ernst in 
(1), der Berggeist oder -gott in (15). Diese Figuren sind aber entweder 
sehr nebensächlich (Dr. Schwerlich) oder ihre Vaterrolle ist bereits in 
früherer Zeit zu Ende gespielt worden (Ernst), oder aber es handelt sich 
um ein symbolisiertes biographisches Detail, das seine Bedeutung nur der 
Fähigkeit verdankt, ein einfaches und bequemes Substrat für die Symbolisierung 
eines komplizierten Tatbestandes (der Berggeist — Wyneken — Eeden) 

zu sein. 

Wenn wir sagten der Vater ist auch durch niemanden ersetzt, so stimmt 
das nicht für alle Fälle ganz. Im Phantasieteil von (9), (11) und in (15) 
ist eine typische Idealvaterfigur enthalten — es ist der Held selbst. Er ist 
an des Vaters Stelle gesetzt. Bei Karl handelt es sich — wie die Analyse 
deutlich zeigte — um entstellten phantasierten Inzest. Ödipus hat gesiegt: 
der Vater ist beseitigt, die Mutter gewonnen. Auch (12) zeigt — nach 
dem Ergebnis der Analyse — David mit seiner Mutter lebend: der Vater 
ist beseitigt. Walters Lieben war nicht minder inzestuös; die Analyse deckt 
Berta als Schwesterimago auf. Die Novelle zeigt Walter im Besitze seiner 
Schwester, nachdem der Vater beseitigt wurde. Das Thema von (5) und (7) 
ist gleichfalls die Erringung des väterlichen Monopols: der Besitz der Frau. 
Auch hier der Vater, durch Ignorierung, beiseite gebracht. Und schließlich 
in (4), (6) und (14): der Held begeht, phantasiert oder versucht das Verbrechen 
an einer Frau oder dem Weiblich-sexuellen, von keinem Vater gestört. 
Der phantasierte Teil der Novelle zeigt den Helden — siegend oder zu- 
grunde gehend — nach dem Vatermord. 1 Dieser selbst ist nirgends in der 
Novelle dargestellt. In (la) wird dies Thema berührt, aber das Kapitel 
später als „überflüssig und geschmacklos", tatsächlich ohne irgend den 
Gang der Novelle zu stören, wieder eleminiert. Aber nicht der ganze Inhalt 
aller Novellen zeigt den Helden nach dem Vatermord. Einige zeigen den 
Helden vor diesem psychischen Moment; es sind die biographischen in 
ihrem reproduzierenden Teil. In den nicht dargestellten Tagen oder Jahren, 
die bei ihnen zwischen dem ersten und zweiten Teil, einfach als verflossen 



1 Selbstverständlich meint .Vatermord* weder einen juristischen, noch einen 
phänomenologischen Tatbestand, sondern ist ein psychoanalytischer Terminus, der 
eine bestimmte Triebkonstellation des UBW bezeichnet. 




208 



Über Novellen jugendlicher Dichter 






mitgeteilt werden, ist die Tat geschehen. Der Autor steht noch vor ihr und 
phantasiert bereits seine Zukunft nach ihr. 

Ich möchte hier die Bemerkung nicht ganz unterdrücken, daß in 
diesem Verhalten der typische Unterschied zwischen der Novelle und dem 
Drama der jugendlichen Dichter liegt: in ihm wird gerade der Vatermord 
dargestellt, und oft das Nachher der Phantasie des Lesers überlassen, oder 
dem Helden widerfährt tragisches Schicksal. 

Es ist als ob der einzelne jugendliche Dichter den Vorgang als 
Novellenschreiber wiederholte, ' der in der Menschheit nach Freuds 1 (und 
Ranks) Bemerkung zum Mythos geführt hat: 

»Dazu müssen wir wieder kurz auf den wissenschaftlichen Mythus vom Vater 
der Urhorde zurückgreifen. Er wurde später zum Weltenschöpfer erhöht, mit Recht, 
denn er hatte alle die Söhne gezeugt, welche die erste Masse zusammensetzten. Er 
war das Ideal jedes einzelnen von Ihnen, gleichzeitig gefürchtet und verehrt, was für 
später den Begriff des Tabu ergab. Diese Mehrheit faßte sich einmal zusammen, 
tötete und zerstückelte ihn. Keiner der Massensieger konnte sich an seine Stelle setzen, 
oder wenn es einer tat, erneuerten sich die Kämpfe, bis sie einsahen, daß sie alle auf 
die Erbschaft des Vaters verzichten müßten. Sie bildeten dann die totemistische 
Brüdergemeinschaft, alle mit gleichem Rechte und durch die Totemverbote gebunden 
die das Andenken der Mordtat erhalten, und sühnen sollten. Aber die Unzufriedenheit 
mit dem Erreichten blieb und wurde die Quelle neuer Entwicklungen. Allmählich 
näherten sich die zur Brudermasse Verbundenen einer Herstellung des alten Zustandes 
auf neuem Niveau, der Mann wurde wiederum Oberhaupt der Familie und brach die 
Vorrechte der Frauenheirschaft, die sich in der vaterlosen Zelt festgesetzt hatte. Zur 
Entschädigung mag er damals die Muttergottheiten anerkannt haben, deren Priester 
kastriert wurden zur Sicherung der Mutter nach dem Beispiel, das der Vater der 
Urhorde gegeben hatte; doch war die neue Familie nur ein Schatten der alten, der 
Väter waren viele und jeder durch die Rechte des anderen beschränkt. 

Damals mag die sehnsüchtige Entbehrung einen einzelnen bewogen haben, 
sich von der Masse loszulösen und sich in die Rolle des Vaters zu versetzen. Wer 
dies tat, war der erste epische Dichter, der Fortschritt wurde in seiner Phantasie 
vollzogen. Dieser Dichter log die Wirklichkeit um im Sinne seiner Sehnsucht. Er erfand 
den heroischen Mythus. Heros war, wer allein den Vater erschlagen hatte, der im 
Mythus noch als totemistisches Ungeheuer erschien. Wie der Vater das erste Ideal 
des Knaben gewesen war, so schuf jetzt der Dichter im Heros, der den Vater ersetzen 
will, das erste Ichideal. Die Anknüpfung an den Heros bot wahrscheinlich der jüngste 
Sohn, der Liebling der Mutter, den sie vor der väterlichen Eifersucht beschützt hatte, 
und der in Urhordenzeit der Nachfolger des Vaters geworden war. In der lügenhaften 
Umdichtung der Urzeit wurde das Weib, das der Kampfpreis und die Verlockung des 
Mordes gewesen war, wahrscheinlich zur Verführerin und Anstifterin der Untat. 

1 Freud, Massenpsychologie und Ich-Analyse. 






Über Novellen jugendlicher Dichter 209 

Der Heros will die Tat allein vollbracht haben, deren sich gewiß nur die Horde 
als Ganzes getraut hatte. Doch hat nach einer Bemerkung von Rank das Märchen 
deutliche Spuren des verleugneten Sachverhaltes bewahrt. Denn dort kommt es häufig 
vor, daß der Held, der eine schwierige Aufgabe zu lösen hat — meist ein jüngster 
Sohn, nicht selten einer, der sich vor dem Vatersurrogat dumm, das heißt ungefährlich 
gestellt hat — diese Aufgabe doch nur mit Hilfe einer Schar von kleinen Tieren 
(Bienen, Ameisen) lösen kann. Dies wären die Brüder der Urhorde, wie ja auch in 
der Traumsymbolik Insekten, Ungeziefer die Geschwister (verächtlich: als kleine Kinder) 
bedeuten. Jede der Aufgaben in Mythus und Märchen ist überdies leicht als Ersatz 
der heroischen Tat zu erkennen. 

Der Mythus ist also der Schritt, mit dem der einzelne aus der Massenpsycho- 
logie austritt. Der erste Mythus war sicherlich der psychologische, der Heroen mythus; 
der erklärende Naturmythus muß weit später aufgekommen sein. Der Dichter, der 
diesen Schritt getan und sich so in der Phantasie von der Masse gelöst hatte, weiß 
nach einer weiteren Bemerkung von Rank doch in der Wirklichkeit die Rückkehr 
zu ihr zu finden. Denn er geht hin und erzählt dieser Masse die Taten seines Helden, 
die er erfunden. Dieser Held ist im Grunde kein anderer als er selbst. Er senkt sich 
somit zur Realität herab und hebt seine Hörer zur Phantasie empor. Die Hörer aber 
verstehen den Dichter, sie können sich auf Grund der nämlichen sehnsüchtigen 
Beziehung zum Urvater mit dem Heros identifizieren. 

Freud nennt solche Konstruktion „wissenschaftlichen Mythos". Gewiß 
mit Recht. Was aber für die Menschheit Mythos ist, läßt sich als reales 
Erlebnis des einzelnen empirisch nachweisen. Wir halten den Nachweis für 
einzelne Fälle als erbracht, ohne ihn schlüssig in dieser Arbeit zur Nach- 
prüfung den anderen vorlegen zu können. Und sprechen hier bloß eine 
Annahme aus; und diese nicht als generelle, sondern als typische gedacht. 
Merkwürdig bloß, daß sie sich in unseren analysierten und deutbaren Fällen 
immer ergab, und bei den anderen Stücken unseres Materials deutlich 
genug aufdrängte. 

VII 

Die Autoren unserer Novellen gehören zweifellos jener Form von 
Pubertät an, die ich die gestreckte nannte, 1 und in ihr wohl dem Typus, 
den ich den genialischen nannte (ohne daß in dem Wort irgendeine Wertung 
induziert wäre!). Für jene, über die wir einiges wissen, ist das zweifelsfrei, 
bei den anderen spricht alles dafür, und kaum etwas dagegen. Doch lassen 
wir dies immerhin unentschieden. Dieser Typus ist unter anderem gekenn- 
zeichnet durch ein starkes Ideal ich, das heißt ein großer Teil der Objekt- 
libido wird aus inneren Konflikten, die zumeist dem Inzestkonflikt entspringen, 
in narzißtische verwandelt, indem sie sich auf das Ich wendet. In diesem 



1 Bernfeld, Eine typische Form der männlichen Pubertät. Imago 1923. 

14 




210 Über Novellen jugendlicher Dichter 



hat sich schon zur Zeit der Vorpubertät ein Ichideal deutlich entwickelt und 
dieses zieht nun die anfangs dem Realich zugewendete verstärkte narziß- 
tische Libido stark an sich. Und es entsteht ein deutlicher Wille, das Real- 
ich den Forderungen des Ichideals anzupassen. Scharfe Verurteilung des 
Realichs — insbesondere seines objektlibidinösen Verhaltens — ist nun 
zugleich verbunden mit einer Idealisierung des Ichs. Ein Zustand, der sich 
— unterstützt von anderen Komponenten — in dem Schwanken der Pubertät 
zwischen Selbstverachtung und Selbstverherrlichung äußert. Alle diese Auf- 
stellungen kann man deutlich an den Novellen studieren. Da es aber hier 
nicht unsere Aufgabe ist, die Psychologie der Pubertät überhaupt zu unter- 
suchen, genüge der Hinweis. Um jedoch die psychische Situation zu ver- 
stehen, in der dem Jugendlichen die Idee kommt, eine Novelle zu schreiben, 
muß noch ein Umstand beachtet werden. Der Typus, der uns vorliegt, 
befindet sich in einer weiteren charakteristischen Situation, die ich im 
zitierten Aufsatz gerade nur angedeutet habe, und die an dieser Stelle einer 
kurzen erweiternden Bemerkung bedarf. Unsere Autoren — natürlich wissen 

wir es nur von der Gruppe der analysierten, beziehungsweise deutbaren 

haben alle ein reiches Phantasieleben bereits in der Vorpubertät gehabt 
etwa vom zehnten Lebensjahre angefangen. Diese Vorpubertätsphantasien 
hatten keinen dichterischen Ausdruck gesucht, wenigstens keinen gefunden 
In manchen Fällen haben sie immerhin zu einer gewissen Produktivität 
geführt, so hat, um ein Beispiel zu nennen, Franz D. Hunderte von Zeichen- 
blättern mit Landkartenzeichnungen gefüllt. Eine — gewiß nicht selten 
anzutreffende — Form der Äußerungen von Pubertätsphantasien bringt 
Dr. Hoffers Arbeit in diesem Band. Bezeichnend für unsere Autoren ist nun 
in auffallender Weise, daß ein großer Teil der Vorpubertätsphantasien exquisit 
ehrgeizig, ruhmgeizig könnte man vielleicht noch besser sagen, waren. Es 
ging ihnen darum, gesellschaftliche Macht zu erlangen, und sie als sicht- 
bare, gekannte, persönliche Träger auszuüben. Die Ziele mögen ganz ver- 
schieden sein, so ging es Karl darum, Offizier, General, später Ingenieur, 
Großindustrieller zu werden, während Walter schon frühe Dichter werden 
wollte. Mit einsetzender Pubertät verschwindet diese Phantasietätigkeit mehr 
oder weniger, und das ihr zugehörige Ideal erscheint mindestens sehr in 
den Hintergrund gedrängt gegenüber dem durchbrechenden Sexualziel. Der 
erste Abschnitt der Pubertät gehört — wir sprechen natürlich schematisch 
und unter ausschließlicher Berücksichtigung des Hierhergehörigen — dem 
Sexualziel, dem Versuch der neuerlichen Objektwahl. Dann erst setzt die 
Enttäuschung, Resignation, oder wie immer sich der Vorgang manifest äußert, 
ein, die wir als Rückverwandlung eines Stückes Objektlibido in narzißtische 



Über Novellen jugendlicher Dichter 211 

andeuten. Und damit ist eine außerordentliche Intensivierung des Ichideals 
gegeben ; manchmal ist es das gleiche, das schon in der Vorpubertät verfolgt 
wurde, nicht selten ist es ein neues ; bei der Gruppe, die wir betrachten, ist 
es jedenfalls das des Dichters; freilich nicht gerade selten dies nur neben 
anderen. Der Zeitpunkt, an dem diese Situation reif ist, läßt sich natürlich 
nicht genau datieren. Aber die Zusammenstellung auf Seite 98 zeigt, daß 
das sechzehnte Lebensjahr, das sich auch sonst aus vielen Symptomen als 
ein ungefährer Wendepunkt erkennen läßt, hier ebenfalls eine gewisse Grenze 
bedeutet. Denn wir sehen hier die biographischen Novellen mit sechzehn 
etwa beginnen. Die episodischen scheinen schon früher geschrieben zu 
werden. Bei ihnen aber ist die Abgrenzung zu den Skizzen, von denen 
noch zu sprechen sein wird, ohne Analyse nicht sicher zu ziehen. 

Die Novelle ist niemals das erste dichterische Produkt eines Autors. 
Mir ist ein solcher Fall nicht bekannt geworden; er wäre auch theoretisch 
höchst unwahrscheinlich. Vielmehr schreibt eine Novelle nur der Jugendliche, 
zu dessen Ichzielen der Dichter bereits gehört, oder der versuchen will, ob 
er dies in seine Ichziele mit aufnehmen kann. Daß ihm dichtungsähnliches 
aber überhaupt gelingt, hat er bereits an anderen Versuchen erfahren. Dies 
Ziel ist aber bereits vorhanden. Woher es stammt, soll nicht entschieden 
werden. Die Tendenz, es festzuhalten, erweist sich als ökonomisch wohl- 
verständlich. Die Libidoabziehung vom Sexualobjekt ist bei unseren Typen 
niemals vollständig, es bleibt eine Fixierung, die sich immer wiederholende 
Reproduktionen der mit ihm erlebten oder phantasierten Situationen erzeugt. 
Das Verdrängte, insbesondere der Ödipuskomplex, erzeugt Phantasien, Tag- 
träumereien; die wahrscheinlich immer, gewiß im Falle, daß sie reich, mannig- 
faltig und dennoch stereotyp sind, unmittelbar auf frühinfantile Phantasien 
zurückgehen. 1 Das erstarkte Ichideal hat die Tendenz, das ganze Ich zu 
erfassen, einheitlich zu organisieren, eine Tendenz, der die wuchernden 
Phantasien Widerstand entgegensetzen. Das Ich mag mancherlei Versuche 
unternehmen, sich dieser Fremdkörper zu bemächtigen — wie einige Stellen 
in den Novellen sehr schön beschreiben — ohne daß es ihm gelingt, bis 
sie in ein Werk komponiert werden, das heißt in eine Leistung, des sich 
organisierenden Ichs. Mit dieser Leistung ist ein Kompromiß gewonnen: Auf 
Seite des Ichs: Erfüllung eines Ichzieles, Annäherung an das Ichideal; auf 
Seite des Verdrängten: Legitimierung seiner Wiederkehren; auf Seite der 
Sexualziele: Festhaltung der Fixierung und mannigfaltige Triebbefriedigung, 
wenn auch am entstellten und abgelenkten Objekt. 

i Wie neulich Anna Freud nachgewiesen: Schlagephantasien u. Tagtraum. 
Imago 1922. 

14» 






212 



Über Novellen jugendlicher Dichter 



Dies ungefähr dürfte der ökonomische Sinn der tertiären Bearbeitung 
sein. Die Triebenergie, mit der sie vollzogen wird, ist wahrscheinlich zum 
großen Teil sublimierte. 1 Schließlich spielt in nicht näher aufgeklärtem 
Maße, aber zweifellos der Gesichtspunkt auch beim Novellendichten der 
Jugendlichen mit, den Freud für das Dichten ganz allgemein formulierte. 2 

Hat sich dieser Mechanismus einmal bewährt, so pflegt der Versuch 
unternommen zu werden, ihn zu wiederholen — vorausgesetzt, daß die 
psychische Situation es weiter fordert und ermöglicht. An Walter und Karl 
ist dieser Tatbestand zu studieren. Für beide ist die Novelle von weiteren 
gefolgt. Und bei beiden ist die gleiche Tendenz wirksam: die Entstellung 
des Materials wird immer größer oder was dasselbe leistet, die Objektivität 
der Darstellung wird größer. Es ist Distanz zwischen den Dichter und den 
Erlebenden gelegt; die Fixierung wird gelockert. Der nächste Schritt wäre, 
daß die Phantasie sich von den Reproduktionen nahezu völlig frei machen 
könnte, was diesen beiden aber nicht gelungen ist. Sie haben vorher das 
Dichten überhaupt eingestellt. 

VIII 

Der Leser dürfte öfter den Eindruck gehabt haben, daß erstens der 
Begriff der Novelle in dieser Arbeit sehr willkürlich und ungewohnt gebraucht 
wurde, und daß zweitens ein Teil der Aufstellungen völlig nur für eine 
Anzahl der mitgeteilten Arbeiten gilt, nämlich für die biographischen. Und 
tatsächlich scheint mir die biographische Novelle die psychologisch einfachste 
und ursprünglichste zu sein. Das soll natürlich nicht besagen, daß jeder 
Jugendliche — soweit er überhaupt Novellen schreibt — erst mit der 
biographischen beginnt und dann zur episodischen vorschreitet. Vielmehr 
dürfte dieser Fall der seltenere sein, wie jeder vollständige und ungestörte 
Ablauf psychischer Erscheinungen. Die episodischen Novellen, die unser 
Material enthält, erscheinen durchwegs künstlerischer als die meisten 
biographischen. Sie nähern sich, von allem Wertenden abgesehen, dem, was 
wir in der Dichtung der Erwachsenen als Novelle zu bezeichnen gewohnt 
sind. Das heißt die tertiäre Bearbeitung an ihnen war intensiver und stärker 
unter der Tendenz etwas formal vollkommenes, etwas, der Erwachsenen- 
novelle ähnliches zu leisten. Daher finden wir an ihnen — trotz vieler 
Unbeholfenheit in allem Technischen — mehr von der Entstellung und 
Distanz, Objektivität, die den späteren Versuchen von Karl und Walter 
anhaften. Theoretisch sind alle diese episodischen Novellen keine Erstlings- 
arbeiten; daß sie es auch empirisch nicht sind, läßt sich bloß bei (12) 

1 Bernfeld, Bemerkungen über Sublimierung. Imago 1922. 

2 Freud, Der Dichter und das Phantasieren. Ges. Schriften, Bd. X, S. 229. 



Über Novellen jugendlicher Dichter 213 

nachweisen. Hans hat vorher bereits eine Anzahl von ähnlichen Arbeiten 
geschrieben, die uns aber nicht vorlagen. Jedenfalls verlangt eine episodische 
Novelle, besonders wenn ihr Reproduktionsanteil gering ist, eine Intensität 
der tertiären Bearbeitung, die erstlich gelernt sein will, die zweitens nur 
dann ökonomisch verständlich ist, wenn sie im Dienste eines stark besetzten 
Zieles Dichter zu sein steht. Beides ist eher möglich, wenn biographische 
Novellenversuche vorangegangen sind. Doch soll dies nicht etwa apodiktisch 
behauptet werden, zumal auch eine andere Konzentrationsleistung, etwa ein 
Drama oder Epos den episodischen Novellen vorangegangen sein kann. 

Überdies gibt es in der Dichtung Jugendlicher eine Gattung, die 
nach dem manifesten Gehalt leicht zu den Novellen gezählt werden kann, 
die Skizze. Wir bringen als Beispiel einer solchen, einer ganz kurzen 
Novelle sehr nahestehenden, die Skizze (17). Hier kann die Gattung Skizze 
nicht behandelt werden; sie ist ein Thema für sich, dessen Bearbeitung so 
viel ich sehe nachweisen würde, daß die Skizze einen fremden Stoff, 
einerlei ob er aus der Lektüre oder aus dem affektfreien Beobachten 
gewonnen wurde, behandelt, und zwar lediglich als künstlerische Aufgabe 
oder als Ichleistungsprobe. Seltener sind es Phantasien, die in gleicher 
Weise behandelt werden, dann aber allemal solche, die im Vergleich zum 
affektiven Zentrum (Ödipus z. B.) peripher gelegen sind. Ein Autor, der 
viel Skizzen verfaßte, mag unter Umständen mit Umgehung der biographischen 
Novelle gleich an die Leistung einer beträchtlich distanzierten episodischen 
Novelle gehen. Das theoretische Schema aber wäre: nachdem der Autor 
eine * Zeitlang Gedichte und Skizzen verschiedener Art gemacht hat, 
entschließt er sich — nicht immer nach Erwägungen expressis verbis, aber 
nie so unbewußt und spontan wie bei einer gewissen Gruppe lyrischer 
Gedichte — sein Leben als Novelle darzustellen. Diese Novelle hat zwei 
Teile, einer schildert das bisherige, ein anderer das künftige Leben des 
Verfassers. Schreibt der Verfasser weiter Novellen, so wird er — je nach- 
dem unter Überspringung einzelner Stufen oder allmählich — dasselbe Thema, 
ganz oder bruchstückweise wiederholt behandeln, immer distanzierter von der 
Realität und sich selbst, mit immer mehr Sorgfalt und Kraft der tertiären 
Bearbeitung, der eigentlichen künstlerischen Leistung. Bis er ein „erwachsener" 
Dichter wird, oder das Dichten mit einer anderen Tätigkeit vertauscht. 

Schon Gieses 1 Untersuchungen haben ergeben, daß die Mannigfaltigkeit 
der Formen bei der Dichtung der Jugendlichen geringer ist, als bei der 
Erwachsener. Wir können ganz die gleiche Bemerkung machen; sie ist uns 
mehrmals als Schwierigkeit erschienen, mit dem Sprachgebrauch der Literatur- 

1 Fritz Giese, Das freie dichterische Schaffen der Jugendlichen. 



214 Über Novellen jugendlicher Dichter 



geschichte in Übereinstimmung zu kommen. Die literarhistorischen und 
ästhetischen Gattungen sind nach formalen Prinzipien geschaffen. Beim 
Jugendlichen scheint aber das Formale sekundär zu sein. Eine bedeutsame 
Rolle spielt es im Beginn des dichterischen Schaffens, in der frühen 
Pubertät, oder auch schon in der Vorpubertät, was wir im Falle Walter 
als vorlyrische Periode beschrieben; hier ist der Autor noch weitgehend 
Nachahmer. Er hat aus irgendwelchen Motiven vor, eine Ballade usw. zu 
schreiben und versucht dies, indem er sich an die Muster hält. Im Ausgang 
der Pubertät mag zuweilen derselbe Prozeß wieder — auf einem anderen 
Niveau freilich — statthaben. Hier können es wieder formale Probleme 
oder auch der Wunsch, sein eigenes Leben bestimmten Formen und Mustern 
anzupassen, sein, die eine Annäherung des Schaffens an das der 
Erwachsenen herbeiführen. Und damit an die Schemata der Literaturgeschichte, 
die ja nach den bezeichnenden Schöpfungen der Dichter gebildet sind. 
Zudem ist die Einteilung der Jugendproduktionen nach formalen Prinzipien 
nicht gut möglich, weil der Jugendliche nicht immer die Form erreicht, 
die ihm vorschwebt. 

Deshalb müßte der Versuch gemacht werden die Dichtungen der 
Jugendlichen nach psychologischen Kriterien zu gruppieren. An sich gewiß 
kaum eine wichtige Aufgabe, die aber ein gewisses Gewicht nicht allein 
deshalb erhält, weil solche Einteilungen notwendige Vorarbeit für wissen- 
schaftliche Darstellung eines Gebietes sind, sondern vor allem weil es für 
die Erforschung der Dichtung überhaupt von gewissem Nutzen sein kann. 
Wenn wir nämlich die nach psychologischen Kriterien geordnete Gruppe 
Novellen betrachten, so bleibt trotz aller Abweichungen von der literar- 
historischen Gruppe Novellen doch auffällig, wie viel Ähnlichkeit im Grunde 
zwischen beiden besteht. Wollte man nicht annehmen, daß dies Täuschung 
oder Zufall ist, so ergäbe sich daraus, daß- die Novelle überhaupt, nicht 
nur die Jugendnovelle, aus einer bestimmten dynamisch-ökonomischen 
Situation als adäquates Befriedigungsmittel sich ergibt. Und auch ein 
Problem ergäbe sich daraus, die Frage welche formalen Eigenschaften es 
sind, denen diese Befriedigung verdankt wird, also die Ableitung der formalen 
Qualitäten einer Dichtung aus der psychischen Situation in der sie entstand. 

Als solche psychologisch gebildete Gruppe haben wir im ersten 
Aufsatz dieses Bandes das lyrische Gedicht erkannt. Fügen wir das 
Drama hinzu, für dessen psychologische Begriffsbildung wir oben eine 
vermutende Andeutung gaben, so haben wir zusammen mit der Novelle 
wohl die Grundformen der Dichtung Jugendlicher genannt. 



Ober ein Motiv zur Produktion einiger satirischer Gedichte. 1 

Unsere Publikationsreihe „Beiträge zur Jugendforschung" vereinigt 
Aufsätze, die nicht allein durch Beibringung von bisher unveröffentlichtem 
Material und dessen teilweiser Behandlung die Jugendforschung ein Stückchen 
fördern möchten, sondern auch durch Einfügung der Psychoanalyse in die 
Methode der Jugendforschung erweiternd und anregend werden wollen — 
wie hier einleitend aus meinem Aufsatz: „ Die Psychoanalyse in der Jugend- 
forschung" 2 wiederholt sei. Dabei bemühen sich die Autoren grundsätzlich, 
dem Leser, der nicht von der Wissenschaftlichkeit der Psychoanalyse über- 
zeugt ist, nicht mehr zuzumuten, als aus dem mitgeteilten Material selbst 
folgt, oder wo dies nicht möglich ist, Schlußfolgerungen, die aus anderwärts 
gewonnenen psychoanalytischen Erkenntnissen folgen, nur anhangsweise zu 
bringen. So daß immerhin selbst von diesen, freilich oft von den wichtigsten 
und aufklärendsten Bemerkungen abgesehen, eine gewisse Menge Material 
und einige Schritte der Untersuchung allgemein gültig erscheinen müssen. 
Diese Rücksicht auf den analysefeindlichen oder -unkundigen Leser darf 
genommen werden, weil dadurch höchstens Vermutungen oder mögliche 
Zusammenhänge, die dem Autor einfielen, unterdrückt werden — solange 
es sich nicht um die Mitteilung von Resultaten aus durchgeführten Psycho- 
analysen handelt. Das Ergebnis einer Psychoanalyse aber zugleich auch 
nach didaktischen Rücksichten für denjenigen darzustellen, der eine solche 
niemals gemacht oder erfahren hat und den Vorgang als solchen für methodisch 
unberechtigt und daher dessen Ergebnisse für falsch, irrelevant oder vielleicht 
bloß entbehrlich hält — ist gänzlich unmöglich. Wäre daher jene Rücksicht das 
ausschlaggebende Motiv, so müßten Arbeiten, die auf Psychoanalysen 
beruhen, von der Publikation in unseren Beiträgen ausgeschlossen werden. 
Uns aber handelt es sich um Förderung des Wissens der Jugendforschung 
und wir üben Rücksicht nur dort, wo sie zugleich eine Sicherung dieses 

i Mitgeteilt in der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung; Sitzung vom 

7. April 1922. 

2 Vom Gemeinschaftsleben der Jugend. Beiträge zur Jugendforschung, Bd. I. 
Int. Psychoanalytischer Verlag. Leipzig, Wien, Zürich 1922. 



216 Über ein Motiv zur Produktion einiger satirischer Gedichte 

Wissens ist. Eine Psychoanalyse aber enthält nach unserer Überzeugung so 
viele Kautelen für die Richtigkeit einer Deutung in sich selbst, daß es 
hieße auf die sicherste Erkenntnisquelle verzichten — und wem zu Liebe? 
Einer immer geringer werdenden Zahl von Forschern, die, aus welchen 
Gründen bleibe unerörtert, belieben im Namen der Wissenschaft eine 
Methode, die sie selbst nicht erprobt haben und die zu erproben sie auch 
niemals gelernt haben, als unwissenschaftlich zu verwerfen. 

Diese lange Vorbemerkung zu der folgenden kleinen Arbeit erschien 
nicht unnötig, weil in ihr keinerlei andere Möglichkeit zur Kontrolle dem 
Leser gegeben ist, als der Vergleich mit den Ergebnissen und Vorgängen 
in anderen Psychoanalysen; während sonst in diesen Beiträgen das Material 
selbst wenigstens eine gewisse Möglichkeit bot, sich aus ihm die gleichen 
Einsichten zu holen, die der Autor aus ihm gewann oder sie aus dem 
Material anzuzweifeln oder zu widerlegen. 

Hans C, der uns aus der Arbeit über Novellen (S. 98) bereits bekannt 
ist, brachte in die Analyse, als sie ein bestimmtes Stadium erreicht hatte, eine 
Anzahl von poetischen Gelegenheitsproduktionen, die er als satirische 
bezeichnete, die auch kaum anders als so bezeichenbar und zum Teil auch 
objektiv gelungene Spottgedichte gegen Familienmitglieder waren. Wie die 
Analyse ergab, waren einige auch gegen den Analytiker gerichtet. Den 
Abschluß dieses Stadiums der Analyse bildete ein tagszuvor gedichtetes 
Stück, das zum Geburtstag der jüngsten — um zwölf Jahre jüngeren — . 
Schwester verfaßt und an sie sogleich abgesendet worden war. Hans befand 
sich während der Analyse fast zwei Eisenbahntagereisen von seinem Eltern- 
haus entfernt. Dieses Gedicht ist nun eigentlich kein satirisches, war aber 
von ihm ganz in der Reihe der anderen empfunden worden und enthielt 
nach seiner Mitteilung manifest einige scherzhafte Bosheiten. Es lautet 
folgendermaßen, nach der Abschrift, die Hans für jene Analysenstunde 
mitbrachte: 

7. Dulioeh! ich bin jetzt eine Stimme 8. heute klapper' ich mit fremden 

2. aus der Ferne und auch aus der Nähe, Knochen. 

3. Dulioeh! wenn ich euch auch nicht 9. Morgen wag' ich meine Knochen selber 
' f ehe 10. im Gebirge -über Gletscherfelder, 

4. hört ihr mich doch, wie ich euch IL feige bin ich nicht — vom Fels ich 
verstehe. springe 

5. Ich bin nicht in Wien, nicht Hans, 12. dir in den Geburtstagsschoß und 
nicht Suse singe: 

6. ich bin überall — in Hellas Bluse, 13. Dulioeh, du schöne Heimat! 

7. im Klavier — ich spiel' mit Emmi 14. Dulioeh, du schöne Heimat! 
kochen, 



Über ein Motiv zur Produktion einiger satirischer Gedichte 217 

Ich lasse im allgemeinen Produktionen, die in die Analyse mitgebracht 
werden, so wie Träume behandeln. Die Assoziationen waren aber dürftig: 

I — Dulioeh — erinnert an Jodler — an die Militärzeit — Reproduktion 
der oft, fast immer mit ihr verbundenen analen Situationen (Latrine usw.). 

1, 2 — erkläre sich aus der Sehnsucht nach Hause. 

5 — desgleichen, „und bin nicht mehr in Analyse". 

6 — Hellas Bluse — sehr schmutziges Dienstmädchen — alt — häßlich 
— mit schmutziger Bluse — großem Busen — gräßlicher Gedanke da drin 
zu stecken. 

8 — im Seziersaal (Hans studiert Medizin). 
9, 10 — die geplante Skifahrt ins Gebirge. 

II — (die Skifahrt ist mit einem geliebten Mädchen geplant, soll die 
Entscheidung bringen; Hans plant, alle seine Schüchternheit und Angst vor 
der Sexualität zu überwinden und mit ihr im Gebirge ein Verhältnis zu 
beginnen) — er ist nicht feige, weil er mit ihr allein ins Gebirge 
fahren will. 

12 — „dir" : das Geburtstagskind — als wäre er eine Geburtstags- 
überraschung. 

13 ( 14 — Sehnsucht — Militär. 

Die gleiche Stunde brachte noch wiederholte Erinnerung an das Schlaf- 
zimmer, das Hans als kleines Kind bewohnte, neben den Eltern; und 
an infantile Grübeleien über Nachttopf, Defäkation, so als wäre dies mit 
3 — 4 verknüpft. Und die wiederholte Versicherung, hinter dem Worte 
Dulioeh, das doch kein Jodler sei, müsse viel stecken. 

Hans befand sich in diesen Stunden in heftigstem Widerstand, er war 
trotzig und beleidigt (8. Monat der Analyse) und wunderte sich selbst, daß 
er mir gerade jetzt Geschenke bringe, die „schönen satirischen Gedichte". 
Zunächst löste sich dieser Widerstand, anknüpfend an zwei verschiedene 
Ausgangspunkte: 1. Eine Phantasie von einem Mann mit zwei Gesichtern, 
der dem Analytiker ähnelt, führte sich auf das „zweite Gesicht" (Anus), das 
er dem Analytiker aus Wut zeigen will und das des Analytikers einziges 
sei, zurück. 2. Die Impulse, dem Analytiker etwas zu schenken, hoben 
vergessene Erinnerungen aus früher Kindheit: Die Koffer und Kisten der 
Eltern waren auf dem Boden, wahrscheinlich von Hausbesorgerskindern, 
ausgeräumt oder doch bestohlen worden und in oder vor ihnen fanden sich 
anale Gastgeschenke der Diebe. Von hier aus ergab sich der Widerstand 
als Wunsch dem Analytiker ein Gastgeschenk, wie das der Hausbesorgers- 
kinder war, auf den Teppich zu produzieren, nachdem dessen Bibliothek 
bestohlen worden war. Die Linien Analytiker — Vater; Bücher — Prosti- 



L 



218 Über ein Motiv zur Produktion einiger satirischer Gedichte 

tuierte führten tiefer. Hier aber sei natürlich nur mitgeteilt, was unmittelbar 
nötig ist. 

Dieses Analysenstück beseitigte für eine Zeit den Widerstand und 
Hans begann spontan das Geburtstagsgedicht aufzulösen. Die Einfälle 
kamen schubweise in aufeinanderfolgenden Stunden. 3 — 4 deutete sich durch 
eine Fülle von vergessenen (zum Teil verdrängten) Erinnerungen aus jenem 
Schlafzimmer. Das Kind (etwa 5 Jahre) hörte aus dem Schlafzimmer der 
Eltern die Geräusche, die das Urinieren in den Nachttopf erzeugte, 
phantasierte und ergrübelte einen Zusammenhang zwischen ihnen und den 
Mysterien der elterlichen Sexualbeziehungen, und versuchte es in seinem Zimmer 
ebenso laut und „schön zu machen". Bei diesen Erinnerungen blieb das Gefühl, 
daß auch die Defäkation etwas damit zu tun habe. Hellas Busen assoziierte sich 
mit Phantasien: Busen — Nates — Schmutz — Kot; und verknüpfte 
sich mit schon viel früher erinnerten Phantasien über Geburt per anum, 
und daß die Eltern nicht seine wirklichen seien. Zuletzt wurde die „Stimme" 
mit dem „anderen Gesicht" in eine, eine Zeitlang unverstandene, aber sich 
aufdrängende, Verbindung gebracht, bis sich nach nicht unbeträchtlichen 
Hemmungen die Stimme als Flatus ergab, und Dulioeh als aus frühester 
Kindheit (zirka 3 Jahre) stammender Versuch erkannt wurde, onomatopoetisch 

— wohl mit magischen Ideen verknüpft — den Flatus bei der Defäkation 
auf dem Töpfchen darzustellen. Nun hat der manifest ziemlich unsinnige 
Inhalt des Gedichtchens, der rational damit begründet wurde, daß er ein 
Gebilde in der Art der Kinderreime und -liedchen kopieren sollte, seinen 
guten latenten Sinn gefunden. Und es wird auch verständlich, was dies als 
Geschenk bedeutet. Es ist das Kompromiß aus dem Wunsch, das Schwesterchen 
durch ein Geschenk zu erfreuen — das aber nebenbei zugleich als Ausdruck 
der Liebe und des Geizes, kein gekauftes, sondern ein selbstgemachtes 
sein sollte — und der analsadistischen Verhöhnungs- und Beschmutzungs- 
tendenzen gegen die Eltern. Deren Vorhandensein ergab sich früher und 
neuerlich in diesem Stück der Analyse, wurde aber als zu weitführend 
hier nicht ausdrücklich mitgeteilt. Nunmehr konnte die gleiche unbewußte 
Absicht in allen satirischen Gedichten, auch in weit zurückliegenden, dieses 
Autors leicht nachgewiesen werden. Aber auch eine Anzahl karikaturistischer 
Zeichnungen, die Hans seinem Vater geschenkt hatte, und eine Anzahl von 

— scheinbar sehr wohlgemeinten — scherzhaften Briefen an die Eltern 
erklärten sich zum Teil in gleicher Weise. Und Hans vermutete, daß der 
Arger, mit dem die Familie auf ein sehr frühes Geburtstagsgedicht, das er 
wohlmeinend, aber leicht scherzhaft seiner Großmutter übergab, reagierte 
aus einem gewissen instinktiven Verständnis der Tendenz geflossen sein 



Über ein Motiv zur Produktion einiger satirischer Gedichte 219 

mag. Wir würden vom unbewußten Verstehen einer unbewußten Tendenz 
sprechen. 

Es soll nicht behauptet werden, daß hiermit alle Motive aller satirischen 
Dichtungen, der scherzhaften Gelegenheitsgedichte und karikaturistischen 
Produktionen ganz allgemein aufgedeckt sind. Vielmehr gilt das Gesagte 
zunächst nur für den beschriebenen Fall; aber daß diesen Gattungen des 
dichterischen Produzierens eine gewisse anal-sadistische Komponente 
allgemein zugrunde liegt, ist ein Eindruck, der sich nicht leicht ab- 
weisen läßt. 



/ 









Das Erstlingswerk nach Selbstzeugnissen. 

Im Jahre 1894 faßte Karl Emil Franzos eine Anzahl autobiographischer 
Skizzen, die seit 1891 in der von ihm herausgegebenen „Deutschen Dich- 
tung" erschienen waren, unter dem Titel „Die Geschichte des Erstlings- 
werkes" als Buch zusammen. Seine Absicht war, die zeitgenössischen Dichter 
zu Mitteilungen über das Werden ihres Erstlingswerkes zu veranlassen. 
Dabei sollte als Erstlingswerk „nicht etwa die erste Schreib- und Dicht- 
übung des künftigen Schriftstellers verstanden werden, sondern eben sein 
erstes größeres Werk, mit dem er in die Öffentlichkeit getreten." 1 Die Mit- 
arbeiter haben sich freilich nicht immer an diese Begriffstimmung gehalten- 
und manche berichten ziemlich ausführlich über ihre Knabendichtungen; was' 
vom Standpunkt des Jugendpsychologen gewiß kein Fehler des Buche's ist' 

Das Buch scheint keinen besonderen Erfolg gehabt zu haben. Uns 
aber ist es in verschiedenen Belangen von Interesse. Es ist in ihm eine 
gewisse Menge von 'Material bequem zu studieren, das sonst nur nach 
Leistung einer beträchtlichen Such- und Lesearbeit zusammenzutragen wäre 
Die Betrachtung desselben Gegenstandes durch fast zwanzig Autoren im 
engen Rahmen drängt dem Leser Gemeinsamkeiten und Eigenartigkeiten 
lebhaft auf. Ich hatte beim ersten Lesen den deutlichen Eindruck, als wären 
hier manche meiner — und der Psychologie, beziehungsweise Psychoana- 
lyse — Vermutungen und Aufstellungen durch gewiß einwandfreie Zeug- 
nisse bestätigt. Und es lohnt wohl diese Quelle einem etwas eingehenderen 
Studium zugrunde zu legen. 

I. 
Die Autoren der selbstbiographischen Aufsätze sind: Rudolf Baum- 
bach, Felix Dahn, Georg Ebers, Marie von Ebner-Eschenbach, Ernst Eck- 
stein, Theodor Fontane, Karl Emil Franzos, Ludwig Fulda, Paul Heyse, 
Hans Hopfen, Wilhelm Jensen, Hermann Lingg, Conrad Ferdinand Meyer| 
Ossip Schubin, Friedrich Spielhagen, Hermann Sudermann, Richard Voß,' 
Ernst Wiehert und Julius Wolff. Dazu kommt noch die Einleitung zum 

1 K- E. Franzos. Das Erstlingswerk. Concordia, Berlin. S. IX. 









Das Erstlingswerk nach Selbstzeugnissen 221 

ganzen Buch, die Karl Emil Franzos schrieb, und die auch einige Stellen 
enthält, welche für uns von Interesse sind. Freilich fiel das Erstlingswerk 
mancher Autoren — zumindest das von ihnen besprochene — in ein Alter, 
das wir nicht mehr zur Jugend rechnen können, so daß diese Arbeiten für 
uns nichts oder nur wenige Anmerkungen enthalten. Das betrifft die Auf- 
sätze von Lingg, C. F. Meyer, Spielhagen, Ebner-Eschenbach, Wolff, 
Jensen, Baumbach und Eckstein. Die anderen behandeln ausschließlich oder 
doch ausführlich genug Produktionen, die vor dem 20. Lebensjahr geschaffen 
wurden. 

Die Tatsache, daß so viele Autoren ihr Erstlingswerk vor dem 
20. Lebensjahr geschaffen, oder wenigstens dessen Vorläufer bis in die 
Knabenzeit zurückverfolgen können, ist wenig erstaunlich. Man erwartet dies 
als selbstverständliches Resultat einer genauen Untersuchung, die freilich — 
so viel ich sehe — bisher nicht in genügendem Umfange vorgenommen 
wurde. Wir wollen zunächst eine knappe Übersicht über die durchgängige 
Gültigkeit für unser Material geben. 

Fontane will als sein Erstlingswerk den Schulaufsatz „Das Schlachtfeld von 
Großbeeren" betrachten, den er in Untertertia (also wohl etwa 13 Jahre alt) schrieb. 
Er erinnert sich aber auch an frühere Dichtversuche. Diese Erinnerung ist so liebens- 
würdig abgefaßt, daß diese Stelle ganz hierstehe: 

Es ist schwer, die erste Liebe festzustellen ; hat man sie, oder glaubt man sie 
zu haben, so findet sich in der Regel, daß es noch eine allererste gab. Ein ver- 
storbener Freund von mir war denn auch wirklich bei dieser retrospektiven Unter- 
suchung bis an sein viertes Lebensjahr zurückgeraten. 

Mit der ersten literarischen Arbeit verhält es sich ähnlich. Wenn man eben 
seinen Erstgeborenen in einem auf liniertem Papier geschriebenen Geburtstagskarmen 
entdeckt zu haben glaubt, ergibt sich plötzlich, daß man schon anderthalb Jahre vor- 
her zu einer Wilhelm- Tell-Puppentheatervorstellung einen Prolog gedichtet hat, drin 
unter mehr oder weniger deutlichen Anspielungen auf Klassenlehrer, Tyrannenmord 
als einziges Rettungsmittel gepredigt wird. Wirklich, es ist schwer, seinem ersten 
literarischen Sündenfall ein präzises Datum zu geben." 

Spielhagen nennt sein .wirklich erstes Werk" die „Problematischen 
Naturen", mit denen er sich im 22. Lebensjahr zu beschäftigen begann. Aber es sind 
doch .im Katalog meiner Schriften einige frühere Nummern zu verzeichnen". 

Heyse erwähnt recht ausführlich ein Stück, das den Titel .Der dankbare 
Räuber" führte, .... in meinem zwölften Jahre in ein kleines Oktavschulheft 
geschrieben, in dem es sechs ganze Seiten füllte." Die Märchen, die in seinem 
ersten Buch publiziert werden, reichen zum Teil in seine Primanerzeit (zirka sechzehn 
Jahre), zum Teil ins siebzehnte Lebensjahr zurück. Mit siebzehn und achtzehn Jahren 
sieht er schon einige seiner Gedichte gedruckt. Und für diese Zeit, vielleicht auch 
für eine frühere bereits, gilt: .In leidenschaftlichem Drange regte sich der drama- 






222 Das Erstlingswerk nach Selbstzetignissen 



tische Trieb, die ersten Novellen in Prosa und in Versen entstanden, eine unermeß- 
liche lyrische Produktion grünte und blühte zwischendurch." Das Trauerspiel „Fran- 
cesca von Rimini*. das Heyse im .eigentlichen Sinne" als sein Erstlingswerk betrach- 
tet, ist bereits in seinem 21. Lebensjahr gedruckt erschienen. 

Marie von Ebner-Eschenbach berichtet aus ihrer Kindheit (etwa 8. bis 
9. Jahr) .Reflexerscheinungen*, die die Lektüre von Grüns .Letztem Ritter" hervor- 
rief: „Eine Reihe von Improvisationen entstand, die ich mit großem Entzücken und 
fürchterlicher Ausdauer vor mich her sang." Bis zum 20. Lebensjahr war eine Fülle 
von Produktionen entstanden. Der Zeitpunkt des Beginns dieser Produktionen ist nicht 
genau angegeben, fällt aber vor das vierzehnte Jahr. „Da entstand ein Epos aus der 
römischen Geschichte, es entstanden Lust- und Trauerspiele, Novellen und zahllose 
Gedichte." 

Wiehert zählt eine ganze Reihe von Produktionen auf, die vor dem 
20. Lebensjahr entstanden. .Etwas in dialogischer Form aufzuschreiben, habe ich erst 
versucht, als ich in Quarta und Tertia des . . . Gymnasiums saß, und zwar reizten 
mich zuerst Märchen zur Dramatisierung, später griechische und römische Geschichten" 
(also zirka zwölf bis vierzehn Jahre alt). Noch auf der Schule entsteht ein Drama 
Georg Washington; als Student, mit neunzehn Jahren, schreibt er sein Drama 
.Johann Huß". 

Felix Dahns erste lyrische Dichtungen, .des vierzehnjährigen Knaben . 
wurden durch Lenz' ,Liebe' (!) und die Begeisterung für Aufrichtung eines einigen 
und freien Vaterlandes hervorgerufen." Schon vorher war ein Schauspiel .Die Ent- 
führung der Persephone" entstanden. Mit fünfzehn Jahren brachte er ein 
Heldengedicht in Hexametern zusammen: „Die bezauberte Rose". Seine erste ver- 
öffentlichte Dichtung, die Erzählung in Versen „Harald und Theano" wurde in seinem 
20. Lebensjahr publiziert. Theatcrartige Kampfspiele mit erfundenen Reden und 
Ansprachen erfüllten die Latenzzeit und erste Pubertät (neuntes bis sechzehntes Jahr). 

Julius W o 1 f f hat mit dem „Verseschmieden . . . sehr früh angefangen, denn 
wenig über zwölf Jahre alt, verfaßte ich mein erstes Gedicht." „In den nächsten 
Jahren entstanden eine Menge kleiner und größerer Gelegenheitsgedichte von ver- 
schiedentlichem Inhalt und wechselnder Form." 

Hans Hopfens Erstling, Verse gegen Windischgrätz, entstanden in seinem 
dreizehnten Lebensjahr. Mit sechzehn Jahren rührte ihn die Liebe und .tags darauf 
war ich ein Dichter". Von da an produzierte er in ununterbrochener Folge. 

Wilhelm Jensens Erstling fällt in sein 30. Jahr, denn seine „Jugendmanu- 
skripte" will er nur als „Adoptivkinder" anerkennen. Er hatte deren „einen hübschen 
Stoß von Tragödien, Schauspielen, epischen Dichtungen in Stanzen und Blankversen 
lyrischen Gedichtsübungen, Novellen, umfänglichen Prosaschriften." 

Georg Ebers spricht von Gedichten, „zu denen schon den Knaben mancherlei 
begeisterte", aber er kann sich keine Vorstellung mehr von diesen „längst verlorenen 
Opuscula" machen; erhalten ist nur eine poetische Erzählung, die vor dem Abiturienten- 
examen entstand, und ein „noch früher entstandenes Heldengedicht: Heinrich der 
Städtebauer." 






Das Erstlingswerk nach Selbstzeugnissen 223 

Karl Emil Franzos schrieb mit zehn Jahren ein „Original-Lustspiel": „Der 
tanzende Leutnant" ; mit fünfzehn Jahren sein erstes Gedicht, eine Romanze „Im 
Walde", ungefähr um die gleiche Zeit „Sagen aus der Bukowina*; im 20. Jahr die 
erste seiner Ghettonovellen. 

Richard Voß hat mit neun Jahren einen neuen „Uriel Acosta" geschrieben 
unter dem gewaltigen Eindruck der Theateraufführung des Gutzkow'schen. Er berichtet 
von Aufsätzen, die er als Knabe dichtete; die Niedershrift seines publizierten Erst- 
lings .Visionen eines deutschen Patrioten" wurde im 20. Lebensjahr vollendet, das 
Dichten selbst liegt etwas weiter zurück. 

Ossip S c h u b i n s erste Novelle wurde mit fünfzehn Jahren geschrieben, und 
von da ab bis zum 25. Jahr entstand „eine ganze Reihe teils von Entwürfen, teils 
von ausgeführten Erzählungen." 

Hermann Sudermanns erstes Drama „Die Tochter des Glücks" wurde im 
achzehnten Lebensjahr gedichtet und geschrieben, seine Geschichte aber reicht bis 
in die Tertianerzeit zurück. 

Ludwig Fulda „machte bereits Verse in jenem zarten Kindesalter, in welchem 
andere geistreiche Knäblein sich ihre Zukunft lediglich in der Gestalt eines Zucker- 
bäckers vorzustellen vermögen, der seine sämtlichen Erzeugnisse selbst aufißt", näm- 
lich in seinem siebenten Jahre. Im vollendeten zehnten Jahr „gestattete er sich als 
erste größere Konzeption ein Lustspiel in gereimten Versen: sämtliche handelnde 
Personen sind — Blumen, und als Ort der Handlung schreibe ich vor: das Blumen- 
reich." In den „schaffensfreudigen Jahren zwischen Untertertia und Oberprima 
(etwa dreizehn bis achtzehn) dichtete ich eine Reihe von historischen Tragödien." 
Der erste von ihm selbst ernst genommene Versuch war das mit ' neunzehn Jahren 
gedichtete Drama „Christian Günther." Mit 20 Jahren sah er sein kleines Lustspiel in 
gereimten Versen „Die Aufrichtigen" auf dem Theater seiner Heimatstadt aufgeführt. 

Von allen Mitarbeitern sind es bloß vier, die keine Werke aus ihrer 
Knabenzeit und Pubertät erwähnen. Freilich spricht Lingg von Arbeiten aus 
den Studentenjahren, Meyer von Gedichten, die aus Jugendkämpfen ent- 
standen, die Angaben reichen aber zu genauerer Datierung nicht hin. Eck- 
stein und Baumbach halten sich streng an die Erzählung der Geschichte 
ihres gedruckten Erstlingswerkes, und erwähnen die Zeit vor ihm über- 
haupt nicht. 

Bei allen anderen ist deutlich zu sehen, wie ihr Dichten schon früher, 
bei manchen sehr frühe, begann. Vier Termine drängen sich auf, als immer 
wiederkehrend: das neunte bis zehnte Jahr; das dreizehnte bis vierzehnte; 
das sechzehnte und das achtzehnte bis neunzehnte. Es ist als ob sich hier 
übrigens in guter Übereinstimmung mit dem, was uns nunmehr sonst 
bekannt ist — verschiedene Epochen der Jugenddichtung andeuteten: die 
endende Latenzperiode; die Vorpubertät; der Beginn der „genialischen 



I 



224 Das Erstlingswerk nach Selbstzeugnissen 

Pubertät"; 1 die Stabilisierung oder Beendigung der verlängerten Pubertät. 
Bei manchen ist noch eine Vorepoche zu bemerken, die der beginnenden 
Latenzperiode. Wahrscheinlich ist es nicht nötig, daß das Dichten bei jedem 
Autor alle vier (oder auch fünf) Epochen durchmacht; es mag bei manchen 
erst in der Vorpubertät, oder vielleicht gar zu Beginn oder im Verlauf der 
verlängerten Pubertät einsetzen; der häufigste Fall scheint es nicht zu sein. 
Diagnostisch scheint wichtig zu sein, daß das Dichten, in einer bestimmten 
Epoche, auftretend, dann nicht durch alle weiteren sich fortsetzen muß. 
Denn diese Beginnstermine für dichterisches Schaffen sind zugleich für viele 
Typen die Endigungstermine. So endet um sechzehn bei gewissen Typen 
das Pubertätsdichten, das durch die ganze Pubertät und vielleicht schon in 
der Latenzperiode bestanden hatte, während es bei anderen Typen nun erst 
richtig beginnt. 

II. 

Es wird uns nach dieser Übersicht über den Zeitpunkt des Produktions- 
beginnes interessieren, gemeinsamen und individuellen Zügen in den 
Motiven nachzugehen, die einen Autor als Kind oder Jugendlichen zum 
Dichten veranlaßt haben mögen. Aber wir finden uns bald enttäuscht. 
Es ist recht wenig, was wir expressis verbis von den Selbstbiographen 
erfahren. 

Fontane wollte sich (in Untertertia) all seiner Schulsorgen, unter 
denen ein freier Schulaufsatz mit selbstgewähltem Thema voranstand, durch 
einen Fußmarsch entschlagen; kam von seiner Wanderung über das Schlacht- 
feld von Großbeeren, wo ihn allerhand Gedanken und Phantasien beschäftigt 
hatten, in die Zwischen-Nächtigungsstation, und als er sich „eine Stunde 
danach behaglich im Bette streckte, kam mir die Frage: ,wäre das nicht 
ein Stoff?" Nach Hause zurückgekehrt, schrieb er den Aufsatz, „Ein phanta- 
stisches Skriptum", im Fluge nieder. 

Auch Richard Voß nennt die Schule als Anregung einer Produktion, 
die er unter seinen Erstlingswerken erwähnt. Und bei Hans Hopf en spielt 
sie wenigstens eine indirekt anregende Rolle. Hopfens Schilderung ist in 
mancher Hinsicht so interessant und ausführlich, daß wir sie hier ganz 
bringen wollen, obzwar sie an anderen Stellen zu behandeln sein wird: 

»Wen Anekdotenkram ergötzt, der mag mit mir darüber lachen, daß, als ich 
in jenem Werke den Namen des Fürsten Windischgrätz las, mir einfiel, wie es 
dieser damals arg verlästerte Heerführer gewesen ist, der mich zu meinen ersten 

1 Dr. Siegfried Be rnf e Id. Über eine typische Form der männlichen Pubertät 
Imago 1923. 



Das Erstlingswerk nach Selbstzeugnissen 225 



Versen begeistert hat, und daß demnach diese meine erste, gutgemeinte, nichts- 
würdig durchgeführte Kunstleistung Ende Oktober oder Anfang November 1848 

entstanden sein muß. 

Ich glaube nicht, daß die Feststellung dieser Tatsache ein Gewinn für die 
neueste Literaturgeschichte ist, aber sie gehört nun einmal zur Historie des 
Erstlingswerkes. 

Ich war also dreizehn Jahre alt, in den ersten Wochen Tertianer und wie es 
sich für ein solches Alter, solche politische Erfahrung und die damalige Zeitstimmung 
nicht anders schickte, von der einzigen Vortrefflichkeit republikanischer Staatsform 
durchdrungen. Gegen einen absolutistischen Pazifikator der in heller Empörung 
niederbrechenden Hauptstadt Wien, der die Abgesandten der deutschen National- 
versammlung standrechtlich in der Brigittenau erschießen ließ, erfüllte mich flammende 

Entrüstung. 

Ich weiß nicht, ob diese patriotische Glut sich ohne ein persönlich betrübendes 
Privatereignis künstlerisch entbunden hätte. Da mich die Götter einmal zum Poeten 
bestimmt hatten und wahrscheinlich auf die erste überraschende Äußerung meiner 
ahnungsvoll bebenden Muse nicht länger warten wollten, so sorgten sie auch für den 
erschütternden Anlaß im individuellen Leben, der mir Herz und Stimme für das 
allgemeine Wohl und Wehe klingend lösen sollte. 

Das kam so. Je jünger ich war, desto mehr rühmten die Mitmenschen an 
mir eine fröhliche Lust mich anderen mitzuteilen, was man so an gemeineren 
Naturen Unterhaltungsgabe nennt. Mit den Jahren verliert sich das, was, wie ich 
fürchte, der gütige Leser aus dieser Geschichte des Erstlingswerkes nur allzubald 

ersehen wird. . 

Damals aber, am Ende unserer Revolutionsepoche und im Beginn meiner 
Untertertia, war ich ein leidlich belustigender Zeitgenosse und liebte es durchaus 
nicht mein Licht unter den Scheffel zu stellen, weniger aus republikanischer Unab- 
hängigkeitsüberzeugung als aus mangelnder Selbstbeherrschung. 

Das Unabhängigkeitsgefühl des freien Bürgers war überhaupt von unseren 
damaligen Lehrern — ein paar rote Wochen im seligen März etwa ausgenommen — 
nichts weniger als geachtet. Vollends jetzt, da die Reaktion auf allen Gebieten mit 
verstärkter Macht und gedoppelter Wut siegesüppig zurückkehrte, schien jeder Sinn 
für Duldung, Fortschritt und Nachsicht verbraucht zu sein. Man verlangte genau die 
vordem gewohnte Hochachtung für die ach so veralteten Klassiker, wie in den 
finstersten Schulzeiten vor achtundvierzig, man dachte nicht daran, den langweiligen 
Julius Caesar und den noch langweiligeren Xenophon durch leichter faßliche, unter- 
haltendere moderne Reisebeschreibungen zu ersetzen, man überwachte nach 
Möglichkeit die häusliche Lektüre, das spanische Rohr war noch für ein Jahr — bis 
zum Übertritt in das eigentliche Gymnasium — in leichtfaßlicher Übung, man duzte 
uns auch bis dahin wie Rekruten und, hielt es einer der schwarzen Herren für 
angemessen, so befahl er dem halbwüchsigen citoyen, aus der Bank zu kommen und 
den Rest der Stunde stehend oder gar auf den Knien zuzubringen ... Und das 
nannte man das Jahr achtundvierzig! 

15 



^ 



226 Das Erstlingswerk nach Selbstzeugnissen 

Dieser Zustände vollbewußt, mit heiligem Respekt vor Herrn Pater Benedikt, 
unserem Ordinarius, spitzten wir in der Klasse unsere Ohren; allein die wundersame 
Elastizität der Jugend sorgte dafür, daß diese Spitze doch nicht immer nach dem 
Munde des Lehrers gerichtet war. 

Ach, durchaus nicht. Und ich mit meinem Wetterfahnenkopf schon gar! Ich 
war — vor meinem Spiegel sei's gestanden — ein nichtswürdiger Schulbube. 

Mein Nachbar in der Bank — es war die erste keineswegs — war ein artiger 
Junge. Ich meine, daß ich mich seiner erinnere, ich seh' ihn neben mir sitzen mit 
seinem Borsdorfer Apfelgesichtchen über dem breiten, steifgestärkten schlohweißen 
Umschlagkragen. Er hatte eine einschmeichelnde, aufmunternde Art, mit seinen 
blitzenden Augen einen anzusehen und war ein guter Zuhörer — besonders mir. 

Ich erinnere mich, er trug den reinlichen Namen Sauber, was wir in unserer 
bübischen Nichtswürdigkeit dadurch, daß wir die beiden Silben niemals ohne 
empfindlichen Trennungsstrich aussprachen, konsequent ins höhnische Gegenteil 
umkehrten. 

Ich saß also in meiner Sünden Maienblüte neben besagtem Sauber und, da 
mich, was ich gestern Abend heimlich für mich gelesen hatte, weit mehr beschäftigte, 
als was der schwarze Pater, langsam zwischen den Bänken auf und niederwandelnd' 
vor etwa vierzig unfreiwilligen Zuhörern wiederholt versicherte, so ließ ich meinen 
Nachbar an meiner Freude teilnehmen und plapperte mit aller Vorsicht mezza voce 
drauf los, daß jener sich immer besser unterhielt. 

Leider beherrschte nun Kamerad Sauber seine Lachmuskeln so wenig wie 
ich meine Sprechwerkzeuge, und nach einigen Versuchen, die aufsteigende Heiterkeit 
zu verschlucken, platzte der Unselige zischend los und hielt sich wiehernd 
die Seiten. 

Das strafende Verhängnis hatte uns In der nächsten Minute beim Wickel 
Mein Nachbar konnte sich fein säuberlich aus aller Schuld herausreden. Er hatte ja 
nur unwillkürlich darüber lachen müssen, was ich eigenmächtig vorgetragen hatte 
Und so entlud sich Pater Benedikts gerechter Zorn auf mich. Zum allgemeinen Gaudium 
— denn Schadenfreude ist ein wonnig Labsal für kindliche Gemüter — mußte ich, der 
die Schulbank mit profanem Geschwätz entweiht hatte, „herausknien-. Das Weitere 
werde sich nach dem Unterricht finden. 

Ich weiß heute nicht mehr worin das .Weitere* bestand. Ich weiß nur daß 
ich die nächsten dreiviertel Stunden auf den Knien lag . . . auf den Knien vor 
meiner Muse. 

Ich war's mir gar nicht gleich bewußt. Daß ich, hart gemaßregelt, nicht daran 
dachte, dem Unterricht des Lehrers zu folgen, der einen im glorreichen Jahr der 
Revolution also despotisch nffBhandelte, verstand sich von selbst. Ich drückte die 
nassen Augen und die glühenden Wangen in meine flachen Hände und die Hände 
auf mein Büchlein, das auf dem Banksitz lag, und wie ich also Schmerz und Scham 
und Wut verbiß, kamen mir Verse ... 

Verse gegen jenen fürstlichen Generalissimus, dem sie in Prag Weib und Kind 
durchs Fenster erschossen hatten, und der nun, ein schmerzgeplagter Tyrann, die 



I 



__ 



Das Erstlingswerk nach Selbstzeugnissen 227 

schöne Wienerstadt mit Schmach und Blut und Tränen füllte, wie ichs in den 
Zeitungen gelesen hatte. Wutschnaubende freiheitsdurstige Zeilen, wie sie meiner 
augenblicklichen Stimmung entsprachen. 

Ich nahm die Feder und schrieb und schrieb, Vers auf Vers und Reim auf 
Reim. Ungleiche, holprige, hinkende Verse und falsche Reime, unsinnige Vorwürfe 
und Gelöbnisse ebenso unmöglicher wie ungerechter Rache . . . blankes Blech. 

Aber mein Erstling war geboren. 

Er sollte kein langes Leben fristen. 

Pater Benediktus, der mehr als einmal, ohne es zu wissen, auf meine 
literarische Laufbahn im Beginn heilsamen Einfluß geübt hatte, wunderte sich wohl 
schon eine Weile darüber, was ich über meinem Xenophon so eifrig mit der Feder 
zu kritzeln hatte, er mochte jedoch in pädagogischer Klugheit nicht gleich wieder 
Strafe auf Strafe folgen lassen. Je näher aber die Lektion ihrem Ende zuneigte, desto 
schärfer faßte der schwarze Mann aus Kathederferne mich ins Auge. 

Ich kannte den Blick, wenn der Herr Professor so gewiß die Stimme senkte 
und kaum merklich die Brauen über den weitaussehenden Pupillen zusammenzog. 
Ich fühlte, wie einen elektrischen Funken, das Bewußtsein von ihm zu mir durch die 
lange Klasse herüberspringen: nun gilt es wieder einmal dir. Ich duckte mein 
verbrecherisch Haupt hinter das Pult vor meiner Bank, das die Rücklehne der 
vorderen abgab, und zerriß mein opus Eins, da es zum Teil noch feuchter Tinte war, 
in kleine Fetzen. Den einen Teil warf ich mit der rechten Hand unter die Füße 
meiner Vordermänner, den anderen steckt ich mit der linken in meine Hosentasche, 
den dritten und kleinsten zerkaute ich und verschluckte ich, dem Drang gebieterischer 
Keuschheit des Gedankens folgend. Kein Menschenauge sollte meine ersten Verse 
sehen, kein pfäffischer Schulmeister sie zensieren, keine Bande roher Schulbuben 

über sie lachen. 

Als der Lehrer, sowie die Stunde schlug, zu mir trat und mich fragte, was 
ich geschrieben hätte, fand er davon nichts mehr und schalt ohne rechte Veranlassung 
ins Blaue hinein, während ich meine vernichteten Verse im Gedächtnis wiederholte, 
um sie auch ohne Niederschrift nicht zu vergessen. 

Einige davon weiß ich noch heute. Sie sind niederträchtig und nicht weiter 

der Rede wert. 

Aber während ich mir ihre Entstehungsart aus meiner Knabenzeit jetzt mit 
der Feder in der Hand wieder einmal vergegenwärtigte, fiel mir auf, daß die äußere 
Pose des Menschen, in der meine ersten Reime niedergeschrieben worden waren, 
unbewußt auch in späteren Jahren manchmal angenommen wurde. Ich habe unter 
verschiedensten Umständen meine Verse ausgesonnen, die meisten unter Gottes 
freiem Himmel, nicht wenige im Sattel auf Rosses Rücken. Aber oft wenn in stiller 
Stube der Ansturm ungefüger Gedanken sich nicht glätten und geben wollte, bin ich 
wie in brünstigem Gebet auf die Knie gesunken, habe das Gesicht in die flächen 
Hände und die Hände auf einen Stuhlsitz gedrückt und also mit der Muse 
gerungen, bis Sinn und Melodie in Eines fließend sich festigen ließen in 
bildender Hand. 

15* 






228 Das Erstlingswerk nach Selbstzcugnissen 

Ich habe nie darauf geachtet. Heute aber, da ich dies niederschreibe mutet's 
mich wunderlich an, weil ich finde, daß es dieselbe Stellung gewesen ist, in der ich 
meine allerersten Verse verbrochen habe. 

Wenn nun der gütige Leser dieser Geschichte mich aufs "Gewissen fragt, ob 
ich mich denn damals schon für einen Dichter gehalten habe, so antworte ich mit 
vernehmlicher Stimme: Nein.* 

Häufiger wird als Motiv der Produktion das Drama, ein poetisches 
Vorbild oder ein Musikstück genannt. Das Kind war durch einen Theater- 
besuch in nachhaltigste Erregung versetzt worden und versuchte das 
Gehörte ganz oder zum Teil noch einmal zu schaffen, oder Ähnliches selbst 
zu produzieren; oder solcher Eindruck ging von einem Dichtwerk oder 
Musikstück aus. Solches berichten Marie Ebner-Eschenbach, Wiehert, Dahn 
Franzos, Voß, Schubin und Sudermann. Bezeichnendes für diese Gruppe 
findet sich bei K. E. Franzos : 

»Dieser mein erster Theaterabend ist mir in unauslöschlicher Erinnerung 
Gegeben wurde Mosenthals »Deborah*. In fieberhafter Aufregung folgte ich der 
Aufführung. Theater ! . . . Aber für mich trat die tragische Katastrophe leider schon 
am Schluß des zweiten Aktes ein . . . Es gab einen Tumult, . . . mich aber traf die 
für mich furchtbarste Strafe : der entrüstete Apotheker setzte mich eigenhändig vor die 
Thüre . . . Am nächsten Morgen schrieb ich auf, was ich noch davon wußte, und 
wollte es in meiner Art fertig bringen, damit kam ich nicht weit, aber ... so ließen 
mich die Eltern ... zu einer anderen Vorstellung gehen ; gegeben wurde Kotzebues 
.Schneider Fips" und „Das Landhaus an der Heerstraße". Das war nicht so schön 
wie .Deborah*, aber doch auch ganz herrlich; namentlich das Meckern des Schneiders 
entflammte . . . mich zu dem Entschlüsse, das Stück selbst aufzuführen. Ich dichtete 
es zu diesem Zwecke etwas frei nach und fühlte mich durch das Gelingen zu einem 
Original-Lustspiel ermutigt: .Der tanzende Lieutenant". Der Lieutenant war ein 
Geck, — natürlich meckerte er auch — zum Schlüsse riefen Alle : .Nieder mit der 
Tyrannei!" 

Die meisten Bemerkungen aber beziehen sich auf einen Drang, eine 
Begierde, den Trieb, zu schaffen. „In leidenschaftlichem Drange regte sich 
der dramatische Trieb" bei Heyse, oder er fühlt „ein unwiderstehliches 
Verlangen", ein bestimmtes Werk zu schaffen; Wiehert ist es geradezu 
ein Wesenszug, „auszuschauen, wo sich in der Geschichte ein Held finden 
ließe, ... der dramatisch verwertbar. wäre." Julius Wolff spricht davon, 
daß seine „poetische Ader" „sich ungezwungen und fast unaufhörlich regte" 
und daß ihm das Dichten Freude machte, als hätte er sich „in leicht- 
füßigen Versen etwas von der Seele heruntergeschrieben", was ihn „unwill- 
kürlich zum Aussprechen gedrängt hatte". Georg Ebers „trieb es an" 
„manche Begebenheit, die mir das Herz hob und deren Hergang sich recht 






Das Erstlingswerk nach Selbstzeugnissen 229 

treu auf der Netzhaut meines inneren Auges abspiegelte, dichterisch nach- 
zugestalten." K. E. Franzos schrieb „seine ersten Blätter im heißen 
Drange, mir die Brust zu entlasten und gleichsam mit mir selbst ins Klare 
zu kommen". Ganz ähnlich Richard Voß: „Die Erinnerung an das 
Erlebte, das ich oft wie in Visionen wieder vor mir sah, lag wie Alpdruck 
auf mir. Ich mußte versuchen, ihn von mir abzuwälzen, um wieder friedliche 
Nächte zu haben. So begann ich zu schreiben — nur für mich selbst, um 
mich zu befreien." 

Und ähnlicherweise äußern sich die allermeisten, in fast ermüdender 
Gleichförmigkeit. Man sieht, Walters und Karls Äußerungen haben typischen 
Charakter und es macht für die allgemeine Struktur des jugendlichen 
dichterischen Schaffens nichts aus, ob ein künftiger Dichter produziert, oder 
einer, der später diese Schaffensform oder auch jede aufgeben wird. Aber 
das gleiche, das wir zu Walters Selbstzeugnissen bemerken mußten, gilt 
darum auch für diese; sie können nicht die wahren, jedenfalls nicht die 
einzigen Motive der Produktion sein. Sie sind überhaupt keine 
Motive sondern Schilderungen des Produktionsprozesses, vielfach 
nicht einmal das, sondern die Darstellung des zwang- und triebhaften 
Charakters der Reproduktionen, der Phantasien, der mannigfaltigen Wieder- 
kehren des Verdrängten — also der Elemente auf denen der eigentliche 
Produktionsprozeß, die tertiäre Bearbeitung, von der wir früher sprachen, 
sich aufbaut. Was das Ich veranlaßt, aus diesen Phantasien und den anderen 
Elementen mit Aufwand von psychischer Energie Dichtungen zu schaffen, 
ist in diesen Beschreibungen und Mitteilungen nicht enthalten oder nur 
verborgen angedeutet. 

Freilich ist mit der bisherigen Aufzählung auch die Zahl der Stellen 
des Buches nicht erschöpft, die man sich anmerkt, wenn man es, unsere 
Fragestellung im Geist, durchliest. Es ist noch eine nicht ganz unbeträchtliche 
Gruppe übrig. Zu ihr zählen wir Spielhagens Bemerkung, der von 
seiner Novelle „Clara vere" sagt, sie sei „eine Probeschrift zu eigenem 
Gebrauch, mir selbst darüber klar zu werden, wie weit ich es in der 
Einsicht des Weltgetriebes und der Darstellung von Menschen ungefähr 
gebracht." Oder Heyses beiläufige Anmerkung, der Zauber der Clemens 
Brentanoschen Märchenwelt mag ihn, „den jungen Berliner verführt haben, 
auf seine Manier ähnliches zu wagen." Heyse ist es auch, der mitteilt, 
nachdem sein Erstlingswerk, das er nicht voll ernst nahm, gegen seinen 
Wunsch erschienen war, habe er „ein unwiderstehliches Verlangen, ja eine 
Art moralischer Verpflichtung gefühlt, ein Werk folgen zu lassen, zu dem, 
so jugendlich unvollkommen es sein mochte, er sich voll bekennen durfte." 






230 Das Erstlingswerk nach Selbstzeugnissen 

Diese und manche ähnliche Äußerungen sind nur unter der Annahme 
verständlich, daß hinter ihnen der Wunsch steht, ein Dichter zu werden, 
die Hoffnung ein Dichter zu sein. Dies wird auch ausdrücklich von einigen 
erwähnt, aber erstaunlich selten. So spricht Hopfen von der „Poeten- 
natur ", die in ihm steckte; der kleinen Eschenbach, wenn sie im 
Theater saß, „brannte der Kopf, glühten die Wangen, ein kalter Schauer 
nach dem anderen lief ihr über den Rücken und sie dachte: über kurz 
oder lang werden deine Stücke hier aufgeführt und deine Werke werden 
von der Bühne wie Funken herunterprasseln. " Wiehert „sann damals viel 
um die Frage herum, wie wir Deutschen zu einem nationalen Drama 
gelangen könnten und blickte zu diesem Zwecke nach unserem nationalen 
Epos aus, das den Stoff hergeben müßte." Hopfen, der mit sechzehn 
Jahren „wenigstens selbst glaubte", er sei ein Dichter, sagt: 

.Ich glaubte es; aber ich behielt nach einigen kurzen Versuchen jugendlicher 
Mitteilsamkeit meinen Glauben für mich. Ich hatte die klare Überzeugung, daß man 
reif geworden sein müßte, um mit seiner Kunst vors Publikum zu treten, und das 
instinktive gebieterische Gefühl, daß dies Heranreifen durch anderer Zugucken nur 
beirrt werde, und daß, was aus dem Allerinnersten sich entwickeln sollte, in seinem 
Werdegang nicht immer aufgezeigt werden dürfte. So schwieg ich über das, was 
mich vor allem bewegte, ziemlich zehn Jahre lang. Als ich mich aber dann reif 
fühlte, wollte ich in die Literatur mit wünschenswerter Entschiedenheit treten." 

Ein halbes Jahr nach der Niederschrift seiner ersten Ghettonovellen 
„dämmerte es" in Karl Emil Franzos auf: „Wie wenn das wirklich 
eine Novelle wäre, und wenn du deren mehr schreiben könntest? 
Bessere, klarere . . . dann stündest du als deutscher Schriftsteller in der 
großen Gemeinschaft" Sudermann berichtet aus seinem dreizehnten 
Lebensjahr : 

„Als Valentine sah ich (die Schauspielerin Hermine Claar-Delia) und beschloß 
nicht eher zu rasten und zu ruhen, bis ich etwas ähnlich Großes geschaffen haben 
würde, das ich ihr ehrfurchtsvoll zu Füßen legen könnte. 

Neben dem Hause meiner Tante befand sich ein Holzstapel. Auf diesem Stapel 
kletterte ich am folgenden Nachmittage wie ein Verrückter umher und legte mir 
Tränen der Erregung hinunterschluckend, den Schwur ab, ein Dramendichter zu werden! 

Jahre vergingen, ehe ich daran denken konnte ihn einzulösen. 

Ich hatte die Schule verlassen, war Apotheker geworden und wieder zur 
Schule zurückgekehrt, hatte als Student die höchste Staffel kindlichen Ehrgeizes 
erklommen und fühlte mich mit meinen achtzehn Jahren überreif, mir die Unsterb- 
lichkeit zu erobern. .. Das waren glückliche Nächte des Schaffens! Mit brennendem 
Kopfe aus der Kneipe heimgekehrt und keck darauf losgeschrieben bis zum hellen 
Morgen!" 



Ludwig Fulda behandelt, neunzehnjährig, den Konflikt zwischen 
dem Wunsch Dichter zu werden und der Nötigung einen Brotberuf zu 
studieren als Thema seiner Dichtertragödie „Christian Günther". 

Der Wille, Dichter zu werden, wird ergänzt durch das Motiv „Ruhm" 
— aber nur an drei Stellen mit ausdrücklichem Hinweis. Zudem an einer, 
von Fulda, ironisch behandelt: „Der Weltruf, den dieser erste dramatische 
Versuch im Kreise meiner engsten Familie errang, ermutigte mich auf der 
so glücklich eingeschlagenen Bahn unentwegt weiter zu schreiten ..." Die 
Ebner-Eschenbach gab in ihrem vierzehnten Lebensjahr den festen 
Entschluß kund (in einem Briefe an ihre geliebte Lehrerin), „entweder 
nicht zu leben oder die größte Schriftstellerin aller Völker und Zeiten zjj 
werden": Und „es gibt auch kein Pförtchen, das zu schriftstellerischem 
Ruhme führen kann, an das ich nicht gepocht hätte. " Man dürfte dazu noch 
jene Stellen rechnen, in denen der Erfolg einer Dichtung, oder auch nur 
eines Schulaufsatzes, sorgfältig, zuweilen ironisierend, vermerkt wird. Dies 
ist nicht selten der Fall, aber wir haben zunächst kein Recht, solche 
Notizen zu den Motiven zu zählen; und müssen feststellen, daß wir somit 
über die Motive aus den Selbstzeugnissen so gut wie nichts erfahren 
haben; wenn wir nicht das Verschweigen selbst als beredtes Symptom 
ansprechen wollen. 

III. 

Wir haben eben bemerkt, daß zuweilen die Autoren eine ironisierende 
Darstellungsform wählen. Dies wurde in den bisher gebrachten Zitaten nicht 
deutlich, weil wir die charakteristischen Stellen für eine gesonderte 
Zusammenstellung aufsparten, die nunmehr den Gang unserer Erörterung 
unterbrechen soll. Denn es ist überaus auffällig, daß die Ironie, die Gänse- 
füßchen, der Scherz, allerhand Entwertungsversuche und -äußerungen gewisse 
Partien der autobiographischen Mitteilungen, besonders einiger Autoren, 
durchziehen. Es sind ganz bestimmte Themen, die so behandelt werden: 
die ersten Versuche dichterischen Schaffens oder auch alles, was vor dem 
Erstlingswerk produziert wurde; alles, was mit Erfolg und Ruhm, mit 
Publikum und Kritik zu tun hat; die „berüchtigte Eitelkeit der Künstler" 
und schließlich die Aufgabe, über sich selbst, das eigene Schaffen überhaupt 

zu schreiben. 

Nicht alle Mitarbeiter an dem Buc'.i verhalten sich gleichartig, manche 
behandeln die Aufgabe durchwegs mit Ernst, manche völlig in spöttischem, 
lustigem oder sonst entwertendem Ton; einige bringen fast im selben Satz 
den Ausdruck beider Einstellungen. 






232 Das Erstlingswerk nach Selbstzeugnissen 

Franz os gehört zu den völlig ernsten. Er schreibt in der Einleitung: 
.Die erste Höhe, die man erstiegen, die erste Schlacht, die man geschlagen 
hat — um wie vieles Frühere und Spätere sich die Schatten des Vergessens breiten 
mögen, dies leuchtet fort. Es war ja vielleicht nur eben die erste Schlacht und 
nicht der erste Sieg, noch weniger der schönste, den man davongetragen hat, und 
doch, welchem Dichter wird nicht die Zeit, wo er seinen Erstling schrieb, als ein 
Unvergeßliches, in seiner Art Einziges und Höchstes im Gemüte fortleben? Und dann 
— man setzt ja auch später seine volle Kraft ein, leistet Besseres und Reiferes, aber 
was schafft man unter ähnlichen Stürmen der Seele, mit dem gleichen heißen Drang, 
sein Inneres auszuströmen? Vielleicht gelingt es nicht und man stammelt nur für 
weniger Leute Ohren, wo man herrlich zu allem Volke zu reden vermeint, aber wie 
bezeichnend für des Dichters Wesen, geradezu der Schlüssel zu seinem Schaffen 
bleibt dies erste Buch, ob es nun ein Reden oder Stammeln ist!" 

Und trotzdem findet er es nötig, eine sechzehn Seiten lange Motivierung 
seines Unternehmens diesem selbst voranzuschicken. Franzos selbst bemerkt 
das merkwürdige Verhalten einiger seiner Mitarbeiter: „Bedenken gegen die 
Beteiligung wurden allerdings in einigen wenigen Fällen geäußert, aber nicht 
brieflich, sondern — im Aufsatz; nur einmal kam zuerst ein Brief, dann 
aber auch der Aufsatz. So durfte ich diese Bedenken nicht allzu schwer 
nehmen: beteiligten sich die Dichter doch, so konnten sie ihnen selbst 
nicht triftig erscheinen." 

Die „Bedenken" sind nun einfach und durchsichtig genug. Heyse 
mag für einige stehen. 

Er verhehlt nicht, daß er „zu so einem bedenklichen Unternehmen durchaus 
keine Neigung verspürte . . . War es doch selbst von unseren Klassikern nur den 
größten vergönnt, gleich bei ihrem ersten Schritt in die Öffentlichkeit den Platz zu 
bezeichnen, von dem aus sie ihre Welt bewegen sollten." Trotzdem würden wir uns 
nicht »einer gewissen Verwunderung erwehren können, wenn diese Männer es der 
Mühe wert gehalten hätten, sich selbst den zweifelhaften Liebesdienst zu erweisen 
mit psychologisch-historischer Gewissenhaftigkeit ihren Werdegang zu beleuchten . . ' 
(es) wären . . . dergleichen vereinzelte Studien über dichterische Produktionen, die 
nur den Wert von Vorübungen haben, dem Vorwurf der Selbstgefälligkeit kaum 
entgangen. 

Und nun wir Heutigen, wenn wir uns auch eingestehen dürfen, redlich das 
unsere getan und das Erbe der Väter nicht bloß genossen, sondern in mancherlei 
Weise gemehrt zu haben — sollen wir uns wichtiger dünken als Jene? Glauben, es 
sei der Literaturgeschichte oder der Ästhetik sonderlich damit gedient, wenn wir es 
der Welt nicht vorenthalten, wie uns zumute war, als wir zum erstenmal mit in die 
Schranken traten, wer uns die Waffen geliehen oder uns mit seinem Beispiel 
vorgeleuchtet habe? 

Doch jene Werke, auch wenn sie erst mit scheuem Flügelschlage die künftigen 
hohen Flüge vordeuten, entzücken uns heute noch. Von ersten Produktionen aber 




Das Erstlingswerk nach Selbstzeugnissen 233 

die schon heute, bei Lebzeiten ihrer Urheber, vergessen sind und deren Entstehung 
nur diesen selbst und ihren nächsten Freunden von Interesse sein kann, mit einer 
fast wissenschaftlichen Chronistenmiene zu reden, scheint alles andere als Dank zu 
verdienen. Wohl heißt es: .frisch auf die Zäune, dann trocknen die Windeln" und 
wer, zum Manne gereift, sich sagen darf: Anch'io sono pittore — in derbem Deutsch: 
Am Ende bin ich doch auch kein Hund! — wird sich selbst die Übereilung nicht 
zu schwer anrechnen, mit der er seine Erstlinge allen Winden der Kritik preis- 
gegeben hat. Aber soviel Wesens davon zu machen und selbst die Welt darüber 

aufzuklären, daß 

Die Raupe schon, die Chrysalide deutet 

Den künftigen bunten Schmetterling — 
schien mir eher den Spott als den Beifall der verehrlichen Mit- und Nachwelt 
herauszufordern.* 

Und dennoch schreibt er recht ausführlich. 

Ähnlich Hopfen: 

„Le moi est odieux und wir Künstler sind ein eitles Volk . . . wessen Leben 
aber an sich nicht schon hohen Reiz für jeden begabten Erzähler hat, daß er sein 
Leben wie einen fesselnden Ichroman niederschreiben kann, der lasse die Hand von 
einer Selbstbiographie. In jedes Dichters Werken ist so viel Selbsterlebtes verarbeitet, 
daß ihn nur selten die Lust anwandeln wird, aus den mit seiner Erfahrung verquickten 
und zusammengewachsenen Phantasiegestalten die quellenmäßige pragmatische Empirie 
seines Erdenwallens, zur Belehrung des verehrten Publikums, noch einmal heraus- 
zuschälen und zurückzudestillieren." 

Man fühlt aus solchen Bemerkungen unmittelbar, um was es sich handelt : 
eben d a s Gefühl ist stark vorhanden, das als nicht existent dargestellt werden 
soll. Der Drang von sich und seinen Versuchen, über „die man doch nicht 
ganz so schlecht denkt" zu sprechen, ist so groß, daß er dem Ich unanständig 
scheint; die Meinung von sich selbst ist so gut, daß sie entwertet werden 
muß, um ausgesprochen zu werden. Und das heißt, daß etwas mit der Produktion 
selbst irgend eng Zusammenhängendes im Dichter verdrängt, zurückgedrängt 
ist: die Beziehung zum Publikum, der Ruhmwunsch, Ehrgeiz, die Selbstein- 
schätzung. Und von hier aus finden wir das Recht, jene Gruppe von Motiven, 
die zwar vorgebracht werden, aber zu selten für unsere Erwartungen, durch 
diese indirekten Mitteilungen zu ergänzen und zu erweitern. 

Hierher gehört auch die Tatsache, welche von einer Anzahl der 
Autoren erwähnt wird, daß die Frage: Bin ich ein Dichter? eine Zeitlang 
dem Jugendlichen ein mehr minder quälendes Problem war. Für Dahn und 
Hopfen war dies eine entscheidend wichtige Frage, sie verknüpften sie mit 
ihrer Berufsfrage und lösten sie, indem sie das Urteil (»Gottesurteil" sagt 






234 Das Erstlingswerk nach Selbstzeugnissen 



Dahn) eines verehrten Meisters (Rückert und Geibel) einholten, fest 
entschlossen, wenn er sie verwürfe, keine Zeile mehr zu dichten. Das 
Dichtersein ist dem Dichter wichtig. Er will die Bestätigung vom Publikum 
oder wenigstens von Autoritäten. Die sichtbaren Zeichen dieser Bestätigung 
sind Kritik, Absatz, Ruhm; das Mittel, diese Bestätigung zu erlangen ist die 
Publikation, die Aufführung. Die Bestätigung hat aber bloß einen Sinn 
wenn ihr der eigene Glaube vorausgeht. Dieser mag erschüttert oder von 
Anfang an schwach sein, dann tritt an seine Stelle die Hoffnung. 

Es ist wohl bloß Selbstverständliches mit diesen Bemerkungen gesagt. 
Aber ein Selbstverständliches, das uns zu betonen für die Systematik der 
Motive nicht unwichtig erscheint. Denn es zeigt uns, daß dem Ichideal des 
Dichters der Wunsch, Dichter zu sein, angehört, und ermöglicht uns, diesen 
vagen Ausdruck psychologisch ein wenig tiefer zu fassen. Der Jugendliche, 
der den psychischen Aufwand macht, der zur künstlerischen (tertiären) 
Bearbeitung und Verwendung seiner Phantasien nötig ist, hat den Glauben 
an besondere Fähigkeiten seines Ichs, auf Menschen (und die Menschheit) 
in besonderer Weise zu wirken. Sie zu „adeln", heißt es bei Karl, Walter 
spricht von der Fähigkeit, den Menschen „Schönheit" zu geben. Das 
Vorbild mag er in der Wirkung gefunden haben, die Dichtungen frühzeitig 
auf ihn selbst ausgeübt hatten. Solcher Glaube ist narzißtisch, setzt ich- 
libidinöse Besetzungen voraus, wird aber auch in den Kampf zwischen 
Realich und Ichideal der verlängerten Pubertät hineingezogen und ist nach 
Ranks 1 schönem Vergleich in Gefahr, Wahn zu werden; lediglich die 
Anerkennung durch die anderen kann aus dem Wahn Realität machen (Rank) 
Daß hier die Stelle wäre, um die seit Freud immer wieder gesehene Tat- 
sache einzugliedern, daß die Phantasien und Werke ihrerseits ichlibidinös 
besetzt werden, sei bloß angedeutet. 

Darum ist die Frage des Publikums und der Kritik für den Dichter 
allemal eine heikle und für den jugendlichen insbesondere. Bei ihm bleibt die 
Anerkennung in den allermeisten Fällen notwendigerweise — bis zu einem 
gewissen Alter— aus. Er hat drei Wege offen, sich damit abzufinden: zu hoffen 
daß vermehrte Leistung und verrinnende Zeit seinen „Wahn" bestätigen wird- 
oder seinen Wahn zu verstärken und die Welt, Publikum, Menschen zu verachten 
und zu hassen; oder sich mit der Realität zu identifizieren und die Produktion 
aufzugeben. Welchen der Wege er beschreitet, und wie ihm die Entscheidung 
bekommt, wird von seinen Konflikten, von der Libidosituation, insbesondere 
aber von den ichlibidinösen Besetzungsverhältnissen abhängen. 

1 Otto Rank, Der Künstler. 



Das Erstlingswerk nach Selbstzeugnissen 235 

IV. 

Das Material des Buches erlaubt einige Bestätigungen und Belege für 
die Auseinandersetzungen beizubringen, die wir in der Arbeit über Novellen 
vorgenommen haben. 

Spielhagen bemerkt: „Eines wahren Dichters Erstlingswerk wird 
immer eine Beichte sein" und äußert sich des weiteren sehr emphatisch 
über das Wesen dieser dichterischen Beichte. Für uns ist dies wohl verständlich, 
wenn wir statt Beichte autobiographische Novelle einsetzen; denn im Grunde 
sind ja beide ein und dasselbe. Spielhagens Beichte sind die „Proble- 
matischen Naturen", die er erst um dreißig schrieb; aber schon mit 
zweiundzwanzig Jahren erzählte er seiner Schwester einen Roman, der im 
wesentlichen mit dem späteren identisch war: 

Die Hauptsache, vielmehr die Hauptperson war da; der Held, der, wenn 
er sich'nicht mein Spiegelbild nennen durfte, doch mit dem Erzähler eine ausgeprägte 
Familienähnlichkeit aufwies. Und nicht er allein erschien mit voller Deutlichkeit auf 
der Bildfläche. In seinem Gefolge befanden sich verschiedene Gestalten, schon nicht 
mehr schwankend, vielmehr in klaren scharfen Umrissen — die Gestalten derjenigen 
meiner Freunde, welchen ich den stärksten Einfluß auf den Gang meiner Entwicklung 
zusprechen mußte, und die denn auch, wie sie damals fest vor meines Geistes Auge 
standen, in den Roman übergegangen sind.' 

Von dem eigentlichen Roman nun sagt Spielhagen einiges, das recht 
interessant ist und uns sehr bekannt klingt: 

Diesen ausgeprägten Stempel der Ichheit aber muß meiner Ansicht nach jedes 
Erstlingswerk, das so genannt zu werden verdient, an der Stirn tragen, wenn der 
Autor sich auch in den wenigsten Fällen mit seinem Ich hervorwagt, sondern sich 
etwa hinter einem Jüngling versteckt, den er Werther nennt, oder unter dem Pseudonym 
Karl Moor in die böhmischen Wälder zieht. Ich traue dem dichterischen Genius der 
Leute nicht die, um sich selbst zu finden, in ein fremdes Land, womöglich in eine 
ferne Zeit nach einem Erstlingshelden suchen gehen müssen ... ich kann ihnen 
höchstens den Rang eines vortrefflichen Schriftstellers zubilligen, eines Dichters nicht. 
Eines wahren Dichters Erstlingswerk wird immer eine Beichte sein. Eine Beichte, 
auch wenn man sie dem Publikum ablegt, ist zweifellos eine intime Angelegenheit, 
vorausgesetzt, daß der Beichtende die Sache „nicht nur so mitmacht", weil „es 
einmal dazu gehört", sondern ihm etwas auf dem Herzen drückt, das er herunter 
haben muß, wenn er wieder frei soll atmen und ruhig schlafen können . . .« Von 
seiner eigenen Beichte, den .Problematischen Naturen", sagt er: „Eine achtbändige 
Beichte, in der zehn Jahre meines Lebens steckten! Und das ist noch zu wenig 
gesagt: die Quintessenz meines ganzen bisherigen Lebens! Allerdings wirklich nur 
die Quintessenz. Von meinen thatsächlichen Erlebnissen waren nichts als Fragmente 



236 Das Erstlingswerk nach Selbstzeugnissen 

in dem Roman verarbeitet ... und auch ihrer waren, je länger ich mich mit dem 
Stoff trug . . . immer weniger geworden . . . Allmählich wurde mir klar, daß dabei 
bestenfalls eine Selbstbiographie herauskäme, nimmermehr ein Roman. So mußte denn 
gestrichen werden. Erklärlicherwelse trafen die Striche besonders hart die ersten Kapitel 

meines Lebens . . . Dann kommt eine Partie — und mit ihr setzt der Roman ein in 

welcher die Anleihen, die ich bei meinen wirklichen Erlebnissen mache, sehr stark sind, ja 
wo der Held des Romanes, und was ihm begegnet, mit der Person des Autors zu einem 
korinthischen Erz zusammenschmelzen. Das gilt, wenn man es nicht zu streng 
nehmen will . . . von der ganzen ersten Abteilung. Von der zweiten gilt es nicht 
mehr; oder doch in sehr viel eingeschränkterem Maße. Denn hier trennen sich die 
Wege des Autors und des Helden und gehen bis zum Schluß immer weiter 
auseinander . . ." 

Es ist hier deutlich alles Wesentliche enthalten, was wir als typisch 
für die Beziehung zwischen der Realität und dem Inhalt der Novelle bei 
Jugendlichen fanden. Auch Spielhagens Roman enthält im zweiten Teil 
mehr Abweichungen von der Realität als im ersten; der Held ist er selbst 
und doch nicht er selbst, jedenfalls aber ist es ein Stück seines Ichs, das 
narzißtisch besetzt ist. Und gerade die Abweichungen von der Realität sind die 
narzißtisch determinierten. Das wird deutlich aus Spielhagens weiteren Aus- 
führungen. Er bespricht die wesentlichen Ziele seines Lebens und setzt sie 
in Vergleich mit der Art und dem Schicksal seines Helden: 

.Dies war das eine: mein Leben sollte so groß und mächtig sein, wie ich es 
irgend machen könnte. Sodann ein anderes Verlangen, nicht minder brünstig als 
jenes : es sollte schön sein ; sollte für mich erraffen, was es an Schönem, in welcher 
Form immer, zu erraffen vermöchte . . . Aber der Kampf mit den unholden Mächten 
die dem Schwärmer für Freiheit und Schönheit sich von außen entgegentürmen oder 
ihm aus seinem Innern neckend und schreckend erwachsen, ist mir nicht erspart 
geblieben, und nicht das Grausen vor dem Abgrund, an dessen Rand ich wandle • 
und nicht die schaudervolle Gewißheit, daß, wer sein Freiheits- und Schönheitspathos 
zum seelen- und körperzerrüttenden Rausch ausarten läßt, unfehlbar in den Schlund 
hinabstürzt. Die .Problematischen Naturen' sind die Geschichte eines solchen 
Unglücklichen. Armer Halbbruder! Ich konnte mit dir in vollen Zügen den herben 
Atem des Meeres trinken und die balsamische Luft, die über blühende Gärten weht- 
und den Würzduft, der aus frischumpflügten Ackerbreiten steigt; mich im Waldes- 
schatten am Rand des schilfumflüsterten Sees mit dir einspinnen in bunte Märchen- 
träumc von der blauen Blume, die im stillverborgenen Felsentale wächst, und 
schönen Frauen, die den schäumenden Renner zügeln, dir gütig lächelnd die schlanke 
Hand zu reichen; konnte mit dir sinnen und dichten, grübeln und philosophieren, 
scherzen und spotten — spotten der Dichterlinge und ihrer Gesellinnen; der augen- 
verdrehenden Pfaffen und ihres Gelichters; der sporenklirrenden Junker und ihrer 
hochnäsigen Weiber. Und mit dir trauern um einen edlen Geist, der sich selbst 
zerstört; einen herrlichen Knabenjüngling, vom herben Geschick dahingerafft in 



Das Erstlingswerk nach Selbstzeugnissen 237 

seiner Maienblüte. Und aus voller Seele mit dir hassen alles, was in Staat und 
Gesellschaft sich übermütig spreizt und bläht und gierig von dem Schweiß der 
vielen mästet, deren Nähe es doch, wie die Pest, flieht; und Sonderrechte arrogiert, 
die ihm die Gnade eines Gottes zugeteilt haben soll, den es sich nach seinem 
schnöden Ebenbilde machte. Das konnte ich und hab's redlich getan — weiß 
es Gott!' 

Inhalt und Diktion zeigen hier mit aller wünschenswerten Deutlichkeit 
die Genese des Romanhelden aus dem Ichideal des Autors und den 
entscheidenden Einfluß der ichlibidinösen Besetzungen. 






Phantasiespiele der Kinder und ihre Beziehung zur dichterischen 

^Produktivität. 

Von Dr. Wilhelm Hoffer. 

Es gehört zum Wesen einer jeden Spielbetrachtung und Spieltheorie, 
auf den Zusammenhang der seelischen Manifestationen im Spiele mit jenen 
eigenartigen Vorgängen zu verweisen, die wir im künstlerischen Genießen 
wie im künstlerisch-produktiven Schaffen zu sehen vermeinen. Die bisherige 
spekulative — wenn darum auch nicht unfruchtbare — Betrachtungsweise 
(sie erscheint in der jüngeren Spielliteratur mit dem Namen Konrad Lange 
aufs engste verknüpft) muß heute freilich jenen exakteren Methoden weichen 
die den gegenwärtigen Aufgaben der psychologischen Wissenschaft mehr 
entsprechen. Als eine derselben haben wir die psychoanalytische in das 
Inventarium der jugendkundlichen Forschungsmethoden aufgenommen und 
wir müssen ihr in der vorliegenden Arbeit einen zentraleren Platz einräumen 
denn je. Denn abgesehen von allem Nutzen, den sie uns — wie noch 
dargestellt werden soll — bei der Materialgewinnung und -bearbeitung 
bieten konnte, wurde sie bereits früher von Freud und (nachher) von 
Rank mit solchem Erfolg auf einem dem unseren sehr verwandten 
Forschungsgebiet angewendet, daß die Verwertung dieser Ergebnisse 1 allein 
schon zur Beibehaltung der von diesen Autoren eingeschlagenen Forschungs- 
richtung zwingen mußte. 

Die Bedeutung der psychoanalytischen Methode und Theorie für 
die Bearbeitung von Themen, die bisher dem Literarhistoriker und 
-kritiker vorbehalten waren, darzustellen, kann natürlich nicht die 
Aufgabe dieser Arbeit sein. Vielleicht ist die Mitteilung unseres 
Materials und einige Ergebnisse, die wir vorlegen, ein Beleg dafür, wie 
fruchtbar sich die von uns gebrauchte Methode in der Jugendforschung 
erweisen kann. 



1 Freud: Der Dichter und das Phantasieren. (Gesammelte Schriften, Bd. X.) — 
Rank: Der Künstler. — Rank: Das Inzestmotiv in Dichtung und Sage. 



Phantasiespiele der Kinder 239 



I 

Unter „ Phantasiespiel ■ sei in der vorliegenden Arbeit ein Spiel 
verstanden, das folgende Charakteristika aufweist: Es hat eine Kinder- 
gruppe zur Voraussetzung ; es wird wiederholt ausgeführt und hat 
die Darstellung und Ausschmückung eines Tagtraumes oder einer Phantasie 
zum Inhalt; von den Kindern selbst wird es als „Spiel" bezeichnet. Die 
Darstellung der Phantasien wird ausschließlich mit Hilfe der Sprache vor- 
genommen; die für das Kinderspiel sonst charakteristischen Handl ungen, 
auch die Verwendung unbelebter Gegenstände fällt weg; dadurch unter- 
scheidet sich die von uns beschriebene Spielform sehr wesentlich von der, 
die wir im Illusionsspiel zu sehen gewohnt sind. Denn wenn auch hier wie 
dort der Anteil der Phantasie mit Recht als das Charakteristische beschrieben 
wird, so wird der Wegfall der illustrierenden Handlungen unter Anlehnung 
an Gegenstände, die Illusionen wecken oder ermöglichen, bei unserer Spiel- 
form eine Sonderstellung gerechtfertigt erscheinen lassen. Vorläufig fehlt 
uns noch der Einblick in die Dynamik und Ökonomik dieser beiden Spiel- 
gattungen, die auch sonst in der Literatur nicht getrennt erscheinen; wir 
bescheiden uns also mit der Einteilung, die uns die Beobachtung aufdrängt; 
für sie ist der Wegfall der Handlung ein entscheidendes Charakteristikum. 



Diese Arbeit stützt sich auf die Spielerinnerungen eines Studenten, 
Raimund R., die von ihm schriftlich niedergelegt und einige Wochen 
nachher noch mündlich kommentiert wurden. Die Protokollierung dieser 
mündlichen Erläuterungen nahm 6 einstündige Sitzungen in Anspruch. Kurz 
darauf unterzog sich Raimund aus didaktischen Gründen der psycho- 
analytischen Behandlung. Erst dadurch war es möglich, in das Spiel tieferen 
Einblick zu erlangen; ich bin Herrn Dr. med. Hermann Nunberg sehr 
zu Dank verpflichtet, daß er durch verschiedene Mitteilungen aus der 
Analyse 1 die Erweiterung des Materials zu jener Fülle ermöglichte, die mir 
zu einer gründlichen Verarbeitung nötig schien. 

Die Materialgewinnung umfaßt also drei Phasen, auf die hier kurz 
eingegangen sei, weil sie sich methodisch wertvoll erwiesen haben. 
1. Die autobiographische Darstellung des Materials: sie stellt in 
diesem Fall sozusagen das einzige Dokument dar, eine manchmal äußerst 
wertvolle Illustration der späteren Aussagen. 2. Die hier zur Anwendung 
gelangte Aussage- und Fragemethode bedürfte gewiß einer weitläufigen 



1 Dies selbstverständlich mit Wissen und Einverständnis Raimunds. 



Il 



240 



Phantasiespiele der Kinder 



Rechtfertigung vor dem, der unter allen Umständen die Methode über 
die Ergebnisse stellt. Hier kann nur angedeutet werden: Die von uns 
geübte Methode ist eine Kombination der auf die Jugendkunde angewendeten 
Forschungsmethoden von Stern und Freud, wobei wir vor allem daran 
denken, daß der erstere uns zeigte, durch welche Handgriffe jede zu 
vermeidende Suggestion durch belebte oder unbelebte Umwelt, durch die 
Vorbereitung des Experimentes oder durch das Spiel der Worte vermieden 
werden kann, während wir es der Lehre des letzteren verdanken, den auch 
dann noch unvermeidlichen Rest von zufälliger Beeinflussung und Entstellung 
richtigzustellen, zu mindern oder auszuscheiden. Im Konkreten sieht eine 
Aussage etwa so aus: Die in ruhender oder sitzender Stellung vom 
Beobachter abgewandt sitzende Vp. 1 wird aufgefordert, den Inhalt des Spieles 
mit allen Details wiederzugeben. Die Erzählung wird wörtlich mitgeschrieben, 
desgleichen alle die Fragen, die der Beobachter (der zugleich Schreiber ist) 
unterbrechend gestellt hat. Die Zweckmäßigkeit dieser oder jener Frage kann 
nachher an der Hand des Stenogrammes nachgeprüft werden. An die 
zusammenhängende Darstellung schließen sich Fragen an. Die Fragen 
können, da die Sitzungen zumeist nach eintägiger Pause wiederholt werden 
gut vorbereitet sein. Dem geschulten Analytiker mag diese Vorbereitung 
überflüssig erscheinen; darum sei daran erinnert, daß es die Aufgabe des 
Esperimentes ist, in kürzester Zeit möglichst viel Material zu erhalten 
dessen Verarbeitung und Deutung der Vp. frühestens bei der Publizierung 
bekannt wird. Der Beobachter ist also bestrebt, durch viele Fragen viel 
manifestes Material zu erhalten. 3. Die Psychoanalyse. Sie ist gewiß die 
aufschlußreichste und sicherste Methode. 

Raimund R. hat nun sein Material in allen drei Phasen geboten und 
es konnte an der objektiven Richtigkeit des dargestellten Sachverhaltes 
in keiner Weise mehr gezweifelt werden. 

Die Untersuchung eines Spielinhaltes kann sich natürlich nicht auf 
die Aussagen eines einzelnen Gespielen — selbst wenn er im Spiel die 
Hauptperson ist — stützen, und es war eine wesentliche Förderung, als ich 
Gelegenheit hatte, den jetzt 26jährigen Buchdrucker Josef G. zu hören. 

Der Gefahr, einen Einzelfall voreilig zu generalisieren, konnte durch 
die Verarbeitung oder Berücksichtigung weiterer Quellen vorgebeugt werden- 
ich benützte: 

1. die „Spielerinnerungen zweier Schwestern, mitgeteilt von der jüngeren", 
welche ein Phantasiespiel enthielten. 



Versuchsperson. 



■ 



2. Das autobiographische Buch der Tänzerin Grete Wiesenthal 
„Der Aufstieg", aus dem Leben einer Tänzerin 1 , bot eine Fülle wertvoller 
Erinnerungen, die sich direkt auf unser Thema beziehen. Sie wurden 
durch einige mündliche Mitteilungen von Frau Martha Liebl-Wiesenthal 
erweitert. 

3. Schließlich sei erwähnt, daß auf eine von mir redigierte Anfrage an 
die Leser des „Korrespondenzblattes des jüdischen Instituts für Jugend- 
forschung und Erziehung" (Nr. 7) 10 Beschreibungen von Spielen einliefen, 
von denen 6 zu dieser Arbeit herangezogen wurden. 

Es wurde gleich einleitend betont, daß in der vorliegenden Arbeit 
die psychoanalytische Methode fast ausschließlich zur Anwendung kam, und 
es scheint notwendig, die hier gewählte Darstellung der Anwendung dieser 
Methode kurz zu begründen: Das Verhältnis der deutschen jugendkundlichen 
und pädagogischen Forschung zur Psychoanalyse zwingt eine nur mehr in 
speziellen Fällen, sonst aber längst überflüssige Darstellungsart auch hier 
anzuwenden. So sind wir genötigt, längst Bewiesenes und Erwiesenes immer 
wieder in einer weitläufigen Form darzustellen, damit das von der Psycho- 
analyse durchdrungene jugendkundliche Forschungsgebiet weiteren Kreisen 
zugänglich gemacht werde. Manche gerade dem Analytiker interessante und 
fördernde Betrachtung mußte andererseits unterlassen oder nur angedeutet 
werden. 

II 

Raimund ist Schüler der 4. Volksschulklasse, 9V 2 Jahre alt, ein- 
ziges Kind von Kaufleuten in einer Provinzstadt (Österreichs). Eines Sonn- 
tags, bei einem Spaziergang mit den Eltern, sieht er zum erstenmal in 
seinem Leben ein Ziegenbockgespann; dieses gehört dem Sohn eines 
Fabrikanten im Orte. Das überaus lebhafte Interesse Raimunds für dieses 
Gespann veranlaßt den Vater, mit der Mutter den Ankauf zu erwägen. 
Vorläufig muß sich Raimund mit einem unverbindlichen Versprechen abfinden. 
Vom selben Spaziergang noch bringt er Klee mit nach Hause, den er auf 
Aufforderung des Vaters für den Ziegenbock gepflückt hat. 

Raimund teilt am nächsten Tag alles seinem Mitschüler Josef G. mit 
und bespricht mit ihm nachmittags in dessen Wohnung („weil es dort am 
stillsten war") alles das genauestens, was mit dem Ziegenbockgespann im 
Zusammenhang stand. Die Wiederholung dieses Gespräches wurde zum 
„Spiel mit dem Ziegenbock". Josef, 10V 2 , ein Jahr älter als Raimund, ist 



i Berlin 1919. 

16 






242 Phantasiespiele der Kinder 



der Sohn von Taglöhnern, mit seiner um 2 Jahre jüngeren (8V 2 ) Schwester 
Paula tagsüber meist allein zu Hause, während der ältere Bruder als Lehr- 
ling, die Eltern als Taglöhner in Arbeit sind. 

Die Zusammenkünfte fanden nunmehr in Josefs Wohnung so oft 
statt, als Josef nachmittags nicht seinen Eltern das Essen zum Arbeitsplatz 
nachtragen mußte (etwa dreimal wöchentlich). An dem Spiel mit dem 
Ziegenbock nahmen vorerst nur die beiden Knaben teil. Das Spiel begann 
jeweils mit der Frage Raimunds: „Also wie machen wir es mit dem 
Ziegenbock?" Darauf folgte die Erzählung — anfangs nur die Raimunds. 
(Wiedergabe aus dem Protokoll:) „Also zuerst holen wir ihn ab, du hältst 
ihn am Halfter, ich sitze am Bock und bremse (die Fahrt geht nämlich 
eine Straße bergab). Dann machen wir das Haustor auf, führen ihn hinten 
in den Hof, spannen ihn aus, aber so« (folgt ausführliche Beschreibung 
jedes Handgriffes beim Ausspannen), „dann führst du ihn in den Stall, das 
Geschirr aufhängen, füttern- (der Ort dafür wurde genau bezeichnet). Dann 
folgen ausführliche Sätze über das „Ausfahren«. Es wird bestimmt, wer 
am Bock sitzt und kutschiert, knallt und bremst und wer am Herrensitz 
sitzen wird. Die Fütterung und Stallreinigung wird besprochen, ebenso das 
Putzen des Geschirres. Alle befreundeten Kinder wurden auf ihre Würdig 
keit, „ausgefahren« zu werden, geprüft (selbstverständlich nur im Gespräch 
der Knaben). Das Knallen mit der Peitsche — ein beliebtes Spiel der 
Kutscher — wird besprochen. So fanden sich die beiden Knaben durch 3 bis 
4 Wochen zu ihrem „Spielen mit dem Ziegenbock« zusammen, Raimund 
führte meist allein das Wort. Manchmal wiederholte Josef einzelne Partien 
der Erzählung, offenbar um zu zeigen, „wie gut er es schon kann« 
(Äußerung Raimunds). - Nach dieser Zeit tritt „eine kleine Ver 
anderung- ein. Als Ort der Handlung (in der die Erzählung spieltet 
wurde nicht mehr das Vaterhaus Raimunds bestimmt, sondern daa seiner 
Großmutter, das von der Wohnung Josefs nicht weit entfernt war. Josef der 
nunmehr öfter die Erzählung leitete, schlägt vor, den Ziegenbock zu melken 
aus der Milch Käse zu bereiten. Nunmehr wird auch Josefs Schwester zum' 
Spiel herangezogen, sie darf zuhören, also „mitspielen" und wird im Spiel 
Inhalt dargestellt. Sie melkt in den Erzählungen der Knaben den Ziegen- 
bock und verrichtet einen Teil der Arbeiten bei der „Käsefabrik«. Einer 
der Knaben soll immer im Stall schlafen, der Dünger, die Milch, der Käse 
wird verkauft und schließlich wird sehr eingehend die Übernahme von 
Speditionen für die Kaufleute des Ortes besprochen. In dieser Weise wurde 
das „Spiel« durch zwei Monate wiederholt. Ob und welche Abänderungen 
es in dieser Zeit erfahren hat, konnte nicht festgestellt werden. 



Phantasiespiele der Kinder 243 



Wir wenden uns bei der Zergliederung und analytischen Durcharbeitung 
des oben mitgeteilten Spieles zuerst dem Spiel in halt zu; die besondere 
(typische) Spiel form soll erst im zweiten Teil der Arbeit erörtert werden. 

Schon die erste Darstellung Raimunds hätte die obige Wiedergabe 
ermöglicht, mit solcher Erinnerungsfrische wurde sie gebracht. Zwei Spiel- 
phasen treten deutlich hervor. Die erste Phase kennzeichnen: 2 Personen 
gleichen Geschlechtes, gleicher Schulklasse als Spieler, die Darstellung vor- 
wiegend in der „Wir"-Person („wir machen das und das"); Rollen- 
teilung findet nicht statt, dagegen Ro 1 1 en w echs el. Sämtliche Details 
des Spielinhaltes sind der Wirklichkeit nachgebildet; sie sind sprachliche 
Kopien optischer Bilder. Die Kombination des Haus-Hof-Stallbildes (das der 
Wirklichkeit entnommen ist) mit dem Ziegenbockgespann (das gleichfalls 
gesehen wurde), wird naturgetreu vorgenommen. Es handelt sich dabei um 
Analogiebildungen; die Knaben hatten mit Pferde- und Rindergespannen oft 
zu tun; jede der detaillierten Phantasien ließ sich auf eine frühere Erfah- 
rung zurückführen. Als originell wäre nur die gelungene Kombination zu 
bezeichnen, da ihr keine analoge Erfahrung zugrunde lag; darum können wir auch 
in einem deskriptiv exakten Sinne von Phantasievorstellungen und nicht 
von Reproduktionen sprechen. Deren Sinn ist vollkommen klar: Die Phan- 
tasien stellen Vorwegnehmen der tatsächlichen Erfüllung eines Wunsches 
und eines Versprechens dar. Diese Spielphase ist eine Wunscherfüllung und 
zeigt keine Unterschiede zwischen bewußten (vbw.) und unbewußten Phan- 
tasien analog den von Freud beschriebenen Kinderträumen. Dies sei 
vorläufig als Charakteristikum der ersten Spielphase angesehen. 

Die Veränderung, die das Spiel nach 3 — 4 Wochen erfuhr und die 
uns Anlaß gibt, von einer 2. Phase zu sprechen, ist in erster Linie eine 
örtliche. Das gesamte Inventar, Ziegenbock und Wagen, befinden sich nun 
im Garten von Raimunds Großmutter. Der gute Stall in Raimunds 
Vaterhaus wird gegen eine verfallende Gartenlaube vertauscht; der Augenschein 
ergab, daß darin gerade für den Bock, nicht für den Wagen Platz gewesen 
wäre; auch der Eingang in den Garten würde nicht die nötige Breite 
gehabt haben. Doch spielt das Spiel bedenkenlos an diesem Orte. Trotzdem 
früher die Knaben, auch Josef, oft im Garten der Großmutter R.'s gespielt 
hatten, bleiben diese Erfahrungen unberücksichtigt. Neben dieser Vernach- 
lässigung der örtlichen Gegebenheiten fallen als weitere Momente auf: Das 
Melken des Bockes, das Paula, Josefs Schwester, übertragen wird ; dadurch 
wird Paula Teilnehmerin am Spiel ; die geschenkweise Verteilung der Milch 
an Raimunds und Josefs Eltern („an die Mutter", wie es in der Wieder- 
gabe heißt). Auch wird Milch verkauft und zu Käse verarbeitet. Die Käse- 

16» 



, 



244 Phantasiespiele der Kinder 



fabrikation erklärte wiederholt ausführlichst Josef. Der Erlös aus dem Milch- 
und Käseverkauf wird berechnet. Die Verpackung der Käse — die Stangen- 
form haben — wird von Josef erklärt. Über den Verkauf des Düngers und 
die Speditionen spricht Raimund, auch Paula spricht manches. — Die 
Rollenteilung ist nunmehr vollkommen durchgeführt. Während in der ersten 
Spielphase jede Handlung genauestens beschrieben wurde (wobei bei 
Raimund offenbar endopsychisch Bewegungsvorstellungen und deren 
Umschreibung eine Rolle spielten), überspringt die Darstellung in der 
2. Phase wichtige Details. Sie ist von realitätsfremden, ja absurden Vor- 
stellungen (etwa das Melken des Bockes, die Quantitäten der erhaltenen 
Milch) durchsetzt, ja beherrscht und ist im Gegensatz zur 1. Phase, die 
realitätstreu war, als realitätsfremd zu bezeichnen. 

Neben diesen für die inhaltliche Darstellung des ganzen Spieles 
charakteristischen Merkmalen fällt uns ein weiteres auf : Die Beschreibung 
der einzelnen Verrichtungen in der 1. Spielphase (Ausfahren, Kutschieren, 
Reinigung usw.) ist logisch gut fundiert, es gibt keine Widersprüche, und 
die Kausalität ist von den Kindern wohl beachtet. Anders die 2. Phase: Die 
mit der Milchbewirtschaftung zusammenhängenden Phantasien sind zum 
Teil Raimunds, zum Teil Josefs Erfahrungskreis entnommen, zum Teil geradezu 
Falschdeutungen (wie etwa der Glauben, der Ziegenbock gäbe Milch). Die 
einzelnen Phantasien werden in der Erzählung ohne Rücksicht auf Wider- 
sprüche, mit Vernachlässigung aller örtlichen Bedingungen und kausalen 
Zusammenhänge dargestellt. Diese Darstellung trifft aber nicht bloß die 
Umwelt, sondern die Spielenden selbst. So trinkt Raimund zum Beispiel 
im Spiel Milch, während er in Wirklichkeit Milch nie trinken mochte. 

Diese Wandlung des Spielinhaltes bei gleicher Spielform, — es wurde 
auch in der 2. Phase nur gesprochen — so unscheinbar sie an und für 
sich sein mag, müßte natürlich in ihren psychischen Gründen verständlich 
werden können. Trotzdem sich die nichtpsychoanalytische Psychologie mit 
den Problemen der Phantasie vielfach beschäftigt hat, ist es nicht möglich, 
deren Ergebnisse hier heranzuziehen, denn diese Forschung ist ausschließ- 
lich auf generelle Erscheinungen eingestellt und selbst wenn ihre Resultate 
richtig sind und vollständiger wären, sind sie- völlig ungeeignet, auch nur 
in weitestem Rahmen für einen individuellen Fall eines Phantasiewechsels, 
der sich innerhalb weniger Monate vollzog, eine Erklärung zu geben. 

Die Aussagen Raimunds und , Josefs über den Wandel des Spiel- 
inhaltes waren negativ; der Autor war nahe daran, sich mit einer fragmen- 
tarischen Spielerklärung abzufinden. Da setzte Raimunds Analyse ein; eine 
weitere Aufklärung des Spieles war zu erhoffen. So blieb nach der Aussage- 



Phantasiespiele der Kinder 245 

und Fragemethode die psychoanalytische fcicht mehr als ein e, sondern als 
d i e Methode übrig, welche ein weiteres Stück des Spielinhaltes und seines 
tieferen Sinnes zu liefern hatte. 

Das Spiel mit dem Ziegenbock soll im Laufe der Analyse einigemal 
erwähnt worden sein. Raimund richtet sein Interesse — angeregt durch 
meine früheren Fragen — auf jenen Punkt, der bereits bei der Protokollierung 
mein Interesse weckte: den Übergang von der 1. zur 2. Spielphase. Erstellt 
sich die Frage: „Warum hat sich das Spiel überhaupt geändert?" Seine 
Einfälle gehen von der ersten Begegnung mit dem Ziegenbock aus, gelangen 
zum Versprechen des Vaters. R. war gewohnt, daß jedes Versprechen auch 
gehalten wurde, andererseits war es ihm ein leichtes, sich in Phantasien 
einen Ersatz für äußere Versagungen zu schaffen. Die Phantasien mit dem 
Ziegenbock sind nun zweifellos eine Vorwegnahme der tatsächlichen Wunsch- 
erfüllung. Daß die Erfüllung des Wunsches schließlich vom Vater abhängig 
ist, wußte R. sehr wohl, er glaubte fest an das Versprechen, pflückte Klee 
auf Aufforderung des Vaters, war also auf reales Handeln eingestellt. Die 
Erwartungsphantasien tragen also den Stempel einer exakten Realitätsprüfung, 
die ja für Kinder dieses Alters und dieser gesellschaftlichen Klasse 1 charak- 
teristisch ist. Obwohl die Anpassung an realitätstreues Denken 2 als eine 
Erwerbung der früheren Kindheit aufgefaßt werden muß, scheint sie doch 
für diese Entwicklungsstufe besonders bezeichnend, was später noch begründet 
werden soll. In der Pubertät können sehr oft wesentlich veränderte Verhält- 
nisse beobachtet werden. Der Fall, der uns hier beschäftigt, läßt sich nun 
aus der Vatereinstellung Raimunds sehr gut erklären. Sie bedingt eine 
Verknüpfung der Darstellung (realitätstreu) mit den Phantasieinhalten 
•(Versprechen des Vaters). R. hat es unter Mithilfe des Vaters gelernt, seine 
Wünsche der Realität anzupassen und kann sich hier dieser Zensuren auch 
in den Phantasien nicht erwehren. Ein Abweichen von der Realität, das 
heißt eine Veränderung der Gegebenheiten, ist durch den starken Glauben 
an das Versprechen überflüssig. 

■ Das infantile Material Raimunds ist sehr reichhaltig. R.'s Vater ist 
ein Pferdeliebhaber und als Herrenfahrer routiniert. Starke Eindrücke aus 
R.'s Kindheit sprechen auch hierin für die Wahl des Vaters zum Ichideal 
und im vorliegenden Spiel kommt es zur Verwirklichung. R. identifiziert 
sich mit seinem Vater — vorläufig wenigstens im realitätstreuen Denken. 



i Bühl er meint, daß bei Kindern des Proletariats andere Verhältnisse zu 
beobachten wären. K. Bühl er: Die geistige Entwicklung des Kindes. Jena, 1921. 
2 Vergl. Ferenczi: Stufen des Wirklichkeitssinnes. 



246 Phantasiespiele der Kinder 



Noch bevor R. in der Analyse den obigen Sachverhalt erkannte, stellt 
er sich wiederum die Frage: „Ja, warum hat es überhaupt eine Änderung 
gegeben?" und kurz darauf: „Ja, warum hat mir der Vater den Ziegenbock 
nicht auch gekauft?" Und mit dieser zweiten Frage war die Analyse des 
weiteren Anteiles R.'s am Spiel gegeben. 

R. hat den Ziegenbock nicht erhalten; das Interesse, das er nach der " 
ersten Begegnung zeigte, ließ nach einiger Zeit nach, als R. trotz seiner 
Bemühungen das Gespann nicht mehr zu Gesicht bekommen konnte. (Unsere 
Erkundigung ergab, daß es bald in einen anderen Ort weiterverkauft 
worden war). Und so wurde die 2. Spielphase zur Rache an dem Vater: 
Auszug aus dem Elternhaus in Form der Übersiedlung zur Großmutter," 
Deklassierung (R. wird Spediteur, Bauer, Taglöhner, „Käsehändler"); R. macht 
sich materiell unabhängig. 

Die Versagung, die R.'s Wunsch erfährt, wird von ihm offenbar 
als Libidoentzug des Vaters gedeutet und mit gleichen Mitteln 
beantwortet. Die Abwendung vom Vater aber verleiht ihm viel Selb- 
ständigkeit (Rückfließen der freigewordenen Libido ins Ich), so daß er 
sich von der versagenden Umwelt, den Objekten, frei macht Die 
Übersiedlung gerade ins Haus der Großmutter verrät ein Stück Reser- 
vation gegenüber dem eigenen Entschluß (in dieser Wahl spiegelt 
sich natürlich auch ein Stück Familienschicksal wieder, auf das hier nicht 
eingegangen werden kann). 

Die Einsicht in alle Details des Überganges von der 1 zur 2 Phase 
blieb uns leider versagt. Doch meinen wir, daß die Kenntnis der Motive 
zur Wandlung des Spielinhaltes allein schon ein gut Stück Förderung 
unserer Arbeit bedeutet. Denn nunmehr ist es möglich, auch in die 2. Spiel- 
phase einzudringen. Allerdings ist noch ein bedeutendes Stück der 1 Phase 
unaufgeklärt: Wieso kam es, daß ein individuelles Schicksal von anderen 
erfa'hrerT? Leitm ° tiV akze P tiert wur de? Hat es dadurch Veränderungen 

Die landläufigen Erklärungen der Spielgruppen der Kinder, die teils 
unzulässige, teils unnötige Hypostasierungen eines Spieltriebes, Gesellungs- 
triebes usw. erfordern, versagen bei der Erklärung der Gruppen, die sich in 
so ephemeren Erscheinungen, wie es ein Phantasiespiel ist, zeigen. 

Es konnte oben gezeigt werden, daß die Spielerinnerungen R 's 
vervollständigt und vertieft durch die Analyse, fast alle Inhalte des Spieles 
erklären konnten, so daß sich der Spielinhalt selbst als Spiegelbild des 
individuellen Schicksals R.'s darstellte. Die Anteilnahme zweier anderer 
fremder Kinder erfordert eine weitere Erklärung. Es liegt die Annahme nahe, 



Phantasiespiele der Kinder 247 



daß eine gleiche aktuelle Versagung (wie sie R. erlebte) bei den Mitgespielen 
eine gleiche Reaktion hervorruft und damit die Identität der Teilinhalte und 
deren Determinanten eine Identität der Resultate zur Folge hätte. Von dieser 
einfachen, etwa bei zwei Geschwistern denkbaren Möglichkeit kann hier nicht 
die Rede sein. Denn abgesehen von der familiär und gesellschaftlich ganz 
anderen Struktur des Kreises, aus dem Josef und seine Schwester stammten, 
ließ auch nicht eine Äußerung bei der Einvernahme, nicht eine Beobachtung 

Ähnliches vermuten. 

Josefs Teilnahme an den Phantasien R.'s, dessen Wünschen nach dem 
Ziegenbock und deren spielerischer Einkleidung kann also bestimmt nicht, 
als Resultat ebenderselben Situation angesehen werden, die wir oben bei R. 
als maßgebend erkannt haben. Vielmehr sind wir genötigt, andere Determinanten 
für das Spielinteresse J.'s zu suchen. 

J.'s Eltern sind Taglöhner, bewohnen eine finstere Küche und Stube; 
R.'s Eltern sind wohlhabende Kaufleute. R.'s Mutter gab mir auf eine bei- 
läufige Frage (zur Zeit, als ich R.'s Erinnerungen protokollierte), was die 
Freundschaft zwischen R. und J. so gefördert haben mag, annähernd die 
Antwort: „J.'s Eltern kauften bei uns ein; oft blieben sie das Geld schuldig 
und zahlten in Raten ab. Ein gutes Einvernehmen zwischen den Kindern ist 
bei den Eltern J.'s gern gesehen." Als ich J. gehört hatte und meine Über- 
raschung über dessen Entgegenkommen R.'s Mutter nicht verhehlte, meinte 
sie: „Ja, der ist jetzt in X (einer großen Stadt) und jetzt nur auf Urlaub 
hier; "er ist uns noch Geld schuldig und da will er gefällig sein." Wir 
möchten die Beweiskraft dieser Äußerungen von R.'s Mutter, die sich oft 
Sorgen über die Zahlungsfähigkeit ihrer Schuldner machen soll, nicht zu 
stark in Anspruch nehmen; es ist aber nicht ausgeschlossen, daß wir aus 
ihnen ein tatsächlich vorhandenes Motiv zur Annäherung J.'s und seiner 
Schwester an R. lesen können. Einige Äußerungen R.'s und Beobachtungen 
allgemeiner Natur veranlassen uns, tatsächlich dieses egoistische, vielleicht 
zum Teil von den Eltern angeregte Motiv als das treibende für J. anzusehen. 
Die Freundschaften proletarischer Kinder zu bürgerlichen gelten sehr oft 
weniger den Personen als den durch sie symbolisierten materiellen Mitteln. 
Den bürgerlichen Kindern sind ebenso häufig die proletarischen ein will- 
kommenes und gefügiges Objekt, an dem die Phantasien von Reichtum und 
Macht zur Abfuhr gebracht werden können. Dieser Beziehung, die natürlich 
nur eine von vielen möglichen darstellt, entspricht die R.'s zu J. (und 

umgekehrt). 

Die einzelnen Elemente des Spielinhaltes haben sich für J. als 
unwesentlich, als nicht aus seinen Stimmungen ableitbar erwiesen. Das 






I 



248 Phantasiespiele der Kinder 



Motiv, R.'s Phantasien mitzumachen, mußte also an anderer Stelle zu suchen 
sein. Das Spiel ist somit nur als Mittel anzusehen, dessen sich J. bedient, 
um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Setzen wir als solches den Wunsch 
ein, reich zu sein, das heißt wie ein Kind der Reichen, noch genauer, wie 
R. zu leben, so wird uns J.'s Verhalten klar. R.'s Erzählung und „ Spiel" 
sind willkommene Gelegenheit, diese Wünsche dem Bewußtsein zuzuführen 
und halluzinatorisch zu befriedigen. In der 1. Spielphase ist das verhältnis- 
mäßig schwer, die Distanz zur Realität sehr groß; die Identifikation Josefs 
mit Raimund gelingt nur mangelhaft; man hilft sich durch abwechselnde 
Übernahme der Rollen. So ist einmal R. Kutscher und J. „Herr-, ein 
andermal ist es umgekehrt. J. ist schweigsamer; ohne Initiative. Er 
phantasiert mit, kann aber nicht sprechen, weil vielleicht die Phantasien 
seiner Zensur (Realitätsprüfung) nicht standhalten; sie sind daher vom 
sprechmotorischen System ausgeschaltet. Vielleicht macht die relativ 
seltene Eignung solcher unverdeckter Inhalte zur sprachlichen Wieder- 
gabe im Phantasiespiel dieses zu einer so ephemeren Erscheinung; 
vielleicht wäre auch dieses „Spiel" nach kurzer Zeit untergegangen, wenn 
nicht ein Ereignis die Bedingungen, unter denen die Spielgruppe 
entstanden war, bedeutend erleichtert hätte: Die Reaktion R.'s auf die 
Versagung des Vaters. Jetzt erst war für J. die Annäherung ermöglicht, 
die keine übermäßigen Anforderungen an die Fähigkeit zu halluzinieren 
stellte, denn jetzt spielt. R. den Armen, Verlassenen, den es selbst 
zu J. und seiner Familie hinzieht. Dadurch ist für J. die Basis für 
die erleichterte Identifizierung geschaffen. Die tief in der frühkindlichen 
Entwicklung Raimunds begründete Tendenz 1 zur Flucht aus dem Eltern- 
haus findet hier in der Gruppe einen günstigen Nährboden. Vielleicht 
hat diese günstige Konstellation miteinander korrespondierender Wünsche 
die „spielerische Entladung einer psychischen Spannung" bedingt und 
so dem seelischen Apparat weitere komplizierte Aufwände erspart. Der 
biologische Wert des Spieles wird auch durch diese Betrachtungsweise 
wiederum bewiesen, die teilweise oder vollkommene Spielentsagung kranker 
Kinder findet dadurch gleichfalls eine Erklärung. 

1 Die Äußerungen Raimunds haben mich schon seinerzeit auf die Wichtigkeit 
des Elternwechsels aufmerksam gemacht. Die Analyse hat dies nun als eine typische 
Reaktion R.'s auf seinen Vater aufgedeckt. So übersiedelte er z. B. als 4jähriger 
spontan nach einem Auftritt in das Haus der Großmutter. — Das Verhältnis 
R.'s zur Mutter charakterisiert in toto folgende Anekdote: R. wird als 3jähriger vom 
Vater an den Haaren gezerrt. Weinend sagt er zur tröstenden Mutter: .Ach, wem 
wir ihn nur nicht geheiratet hätten!* 



Phantasiespiele der Kinder 249 



III 

Das geringe, in seinen Ergebnissen aber überraschend einheitliche 
Material, das uns zur Verfügung steht, zwingt uns zur Annahme, daß der 
von Freud als Latenzperiode bezeichnete Entwicklungsabschnitt (das 
6. bis 13. Lebensjahr) besonders günstige Bedingungen zur Produktion von 
Phantasiespielen bietet. Natürlich können wir bereits viel früher Phantasien 
beobachten, fast immer sind sie dann aber von Handlungen begleitet, selten 
werden sie als Spiele bezeichnet. 

Nach der Freudschen Darstellung ist die Latenz als eine Periode des 
Überbauens der frühkindlichen Sexualregungen aufzufassen, als deren bio- 
logisches Movens die Zeugungsunfähigkeit angegeben wird. Als wichtigster 
Mechanismus, diesen Überbau zu bewerkstelligen, hat sich die Verdrängung 
erwiesen. Wenigstens konnten die anderen möglichen Triebschicksale — etwa 
die Sublimierung — nicht annähernd in gleichem Maße nachgewiesen 
werden. Ekel und Scham haben sich als die wichtigsten Reaktionsbildungen 
gezeigt, die den kindlichen Exhibitionisten, Voyeur und Koprophilen vor 
den eigenen Triebanfechtungen schützen und ihn sozial erträglich machen. 
Eine in anderer Ebene zu betrachtende Möglichkeit, den Trieb zu befriedigen, 
ist die Abkehr von der Realität und die Flucht (oder Fixierung) in die 
Phantasie. Diese Triebbefriedigung kann das Individuum von allen Hinder- 
nissen befreien und es ist dem Belieben des Phantasierenden (der Stärke 
der Realitätsprüfung) überlassen, Hindernisse mitzuphantasieren, zu über- 
winden oder zu umgehen. Aus der Quantität der realitätstreuen und realitäts- 
fremden Elemente kann so unter Umständen die auch innerhalb der 
Phantasien wirksame Realitätsprüfung bestimmt werden. 

Zweifellos ergeben sich daraus die Etappen für die Rückkehr aus 
dem Phantasieleben zur Realität, vom Autismus zum Sozialen. 1 Es besteht 
aber auch die Möglichkeit, die mißlungenen oder frühinfantilen Verdrän- 
gungen zu erleichtern und mittels der Phantasie zu erledigen, während die 
aktuellen Verdrängungen dieser Lebensperiode konsequent durchgeführt werden 
(Ekel, Scham). Als eine typische, mißlungene Verdrängung aus der frühesten 
Kindheit zeigt sich in allen von uns untersuchten Phantasiespielen der 
kindliche Größenwahn, die Allmacht des Wortes und sonstige Merkmale der 
narzißtisch-animistischen Stufe. Es ist bekannt, daß die dauernd lustvolle 
Gestaltung der ersten kindlichen Liebesbeziehung einen Verzicht auf 
bestimmte persönliche Neigungen in sich schließt, das heißt, daß die Objekt- 
libido von der Ichlibido Opfer fordert. Dieses Opfer besteht — schematisiert 



1 Vergl. Anna Freud, Schlagephantasie und Tagtraum. Imago VIII, Heft 3. 



250 Phantasiespiele der Kinder 



— darin, daß das Kind auf eine Reihe eigener Wünsche verzichtet und 
dafür durch die Zuneigung, den Dank der geliebten Person entschädigt 
wird. Eine freiwillige Verarmung des Ich steht hier im Dienste der Objekt- 
gewinnung. In den Phantasiespielen erscheinen nunmehr eine Reihe solcher 
Verzichte wiederum rückgängig gemacht, ja, sie werden durch die Tendenz 
der Spielenden, einander zu imponieren, große Taten zu vollbringen, 
charakterisiert. Natürlich verraten andere Spiele diesselbe Tendenz; in den 
Phantasiespielen aber scheint sich — wie zu zeigen ist — das Problem 
zuzuspitzen. 

Wir geben hier vorerst die Spielbeschreibung von Grefe Wiesen thal 1 
wieder: „Aber noch bemerkenswerter schien mir ein anderes der Zimmer, 
weil es einen in die Mauer eingebauten Kleiderschrank hatte und dieser 
der Ausgang aller meiner Träume von unterirdischen Schlössern wurde. 

Bis dahin hatte ich nur Türen gekannt, die in andere Zimmer führten. 
Aber eine Türe, die sich öffnet und hinter der sich kein Zimmer, sondern 
eine halbdunkle, mysteriöse Nische erschließt, das hatte ich noch nie 
gesehen. In meiner Phantasie nahm ich Besitz von diesem Mauerschrank 
und er wurde für mich der Eingang in ein unterirdisches Schloß, zu dem 
eine geheimnisvolle Tür hinunterführte, die nur ich kannte. Dort, in diesem 
wundervollen Schloß, hatte ich die schönsten Spielereien, die mein Spiel- 
wünsch sich nur ausdenken konnte. — Dabei fiel mir auch ein, den 
Schwestern zu erzählen, daß ich gar nicht das richtige Kind meiner Eltern 
sei, sondern von einer Fee hergebracht und mein wirklicher Heimatsort das 
unterirdische Schloß sei. Meine Geschwister hörten mit Spannung diese 
Erzählungen an, waren mit allem einverstanden und wußten auch nicht 
mehr, was daran wahr sei und was nicht, wie ich selbst. Nur meine im 
Alter mir nächste Schwester, mit der ich sehr vertraut war, glaube ich 
meinte eigentlich, es wäre etwas zu viel, daß ich nicht ihre rechte Schwester 
sein sollte und ich legte künftig auf diesen Teil der Geschichte nicht zuviel 
Wert. Es war ja viel wichtiger, daß wir uns sonst im Fabulieren nicht störten. - 

Auf mein Ersuchen äußerte Frau M a r t h a W i e s e n t h a 1, daß ein 
ähnliches Spiel später auch folgende Variation erhielt: „Jede der Schwestern 
kroch unter ein Bett und erzählte dort von dem Schloß, das sie besitzt; 
dadurch entstand zwischen den Schwestern eine große Konkurrenz und die 
eine versuchte die anderen in den Phantasien zu übertrumpfen." Wenn das 
Gelingen dieser Phantasien eine Erhebung bedeutet, so das Scheitern oder 
ein Mißverstehen der Mitspielenden eine Kränkung: wie überhaupt jede 

1 Vergl. Seite 240. 



Phantasiespiele der Kinder 251 



Kritik der Umwelt, durch die ja die bloß halluzinierte Macht der Phantasie- 
renden gestört wird, eine persönliche Kränkung darstellt; dadurch können 
aber auch Schuldgefühle aktualisiert werden, die ihrerseits wieder zensurierend 
auf das Spiel einwirken, ja es verschwinden lassen können. 

Auch hier bietet Grete Wiesenthals Autobiographie einen wertvollen 
Beleg: „Eines Tages, als ich gerade mit meiner Schwester auf einem Sessel, 
der ein Klavier vorstellen sollte, ganz hingegeben vierhändig Klavier spielte, 
öffnete sich die Tür und herein kam eine Freundin meiner Mutter und trat 
aufgebracht und zornig zu mir. In ihrer Frisur nickte ein Fliederzweig als 
Begleitung zu ihren wütenden Kopfbewegungen, auf den ich fasziniert 
blicken mußte während der ganzen Rede, die sie an mich hielt. Sie sprach: 
Nun, Gretel, das sind ja recht schöne Sachen, die man von dir hören 
muß. Was erzählst du meiner Köchin für Lügen? Daß du nur einen Prinzen 
heiraten wirst. Du Schulmädel, du dummes, daß du Diamanten und Perlen 
hast? Du Lügnerin? Daß du nur im Fiaker fahren wirst? Du eitler Fratz, 
das geht nicht so weiter! Was soll denn aus dir werden?' Diese Anschul- 
digungen gingen über in ein Donnerwetter meiner Eltern. 

Auch diesmal spürte ich nicht meine Schuld und das Merkwürdige 
war daß ich bei dieser Strafpredigt tief schamvoll die Nacktheit meiner 
Füße empfand. Und doch hatte ich mich vorher so gefreut, bloßfüßig zu 
gehen, wie so manche meiner Schulkameradinnen. Von diesem Tage an- 
wußte ich, daß es gefahrvoll ist, seine Träume anderen anzuvertrauen." 

Es soll später dargestellt werden, inwiefern die Darstellungen der 
Phantasien als „Spiele" den Zensuren der Erwachsenen und der Kinder 
seltener verfallen, als wenn den Phantasien der Realitätswert ausdrücklich 
zugesprochen wird (Pseudologien). Vorläufig steht aber die inhaltliche Analyse 
noch im Vordergrund der Betrachtung. 

Wenn wir auf das Überwiegen von Wünschen narzißtischer Natur 
verweisen, so betonen wir natürlich nur ein Merkmal aller Spiele dieses 
Entwicklungsabschnittes, allerdings etwas mehr, als es bisher geschehen 
ist. Die Phantasiespiele sind nun gerade solche Spiele, in denen die 
narzißtische Libidofixierung des Individuums konfliktlos zu bestehen versucht 
und meistens wohl auch bestehen kann. Dies soll durch die ökonomische 
Betrachtungsweise klar werden: Da während der Latenz „die seelischen 
Mächte aufgebaut werden, die später dem Sexualtrieb als Hemmnisse in den 
Weg treten und gleich wie Dämme seine Richtung beengen werden (der 
Ekel, das Schamgefühl, die ästhetischen und moralischen Idealforderungen)", 1 



Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie (Gesammelte Schriften, Bd. V). 



252 Phantasiespiele der Kinder 



so sind die Anforderungen an das Ich, den Initiator der Verdrängung, 1 
überaus große. Die ganze Latenzperiode hindurch sind Kräfte am Werke, 
dem Ich diese Arbeit zu erleichtern (Erziehung usw.). So werden auch 
frühere, bei Überwindung der animistisch-narzißtischen Stufe vorgenommene 
Verdrängungen gelockert oder gar rückgängig gemacht. Der Verzicht auf die 
Objekte hat vorerst eine Erhöhung des Ich zur Bedingung, wenn der Prozeß 
ohne merkbare Störungen abläuft. So wird nicht nur durch die Verminderung 
früherer Verdrängungen der allgemeine Verdrängungsdruck reduziert, sondern 
zum Gegendruck in den Dienst der neuen Verdrängungsschübe gestellt. 

Es scheint, daß gerade in den Phantasiespielen mit ihren deutlichen, 
auf das Ich bezüglichen Wunscherfüllungen sozusagen die letzten Reserven 
am Ende der Latenz ins Treffen geführt werden. Jedenfalls zeigen die 
unentstellten Wünsche, da sie unentstellt sind, am deutlichsten, daß sie dem 
seelischen Gleichgewicht gegenwärtig am wenigsten schaden. Sie stützen ja 
nur die Schranken, die die Latenz gegen den aktuellen Partner, den Sexual- 
trieb, aufrichtet. 

Wenn es gelungen ist, den Sinn der Phantasien und den Zeitpunkt 
ihres Erscheinens im Phantasiespiel im Umriß aufzuzeigen, so muß nunmehr 
die Frage erörtert werden, welcher Einwirkungen es bedurfte, um die 
Phantasien in eine typische Darstellungsform, die spielerische, zu drängen. 

IV 
Wie erwartet, können die aussagenden Personen keinen Grund angeben 
weshalb die Zusammenkünfte zum Phantasieren von ihnen selbst als „Spiel" 
bezeichnet wurden; wenigstens erschöpfen sich die Angaben im Hinweis auf 
die Wiederkehr zu verabredeten Zeiten, „weil es eben schön war". Wir 
nehmen also an, daß die Kenntnis von den Motivationen, ein Phantasiespiel 
zu spielen, anderswo zu suchen ist, als in den Äußerungen der Spielenden. 
Wir lenken vorerst die Aufmerksamkeit auf den Spielort. Sämtliche Äuße- 
rungen besagen, daß der Spielort absichtlich von den Erwachsenen und 
fremden Kindern sorgfältig getrennt und ungestört ausgewählt wurde. Eine 
der Aussagenden (Vergl. S. 240) erwähnt ausdrücklich: „Julie hat mir das 
erzählt und auf einmal hat jemand an der Tür geklopft. 2 Da haben wir vor 
dem Offnen die Puppe rasch zu uns genommen, um zu verschleiern, daß 
wir Phantasie spielen." Das Spiel „Ziegenbock" wird in einer dunklen Stube 
gespielt; Frau M arth a Wi esent hal erzählt, daß jede der Spielenden 
unter ein Bett kroch usw. 



1 Freud: Zur Einführung des Narzißmus (Gesammelte Schriften, Bd. VI). 

2 Die Türe wurde bei Beginn des Spieles versperrt. 



Phantasiespiele der Kinder 



253 







Für diese Scheu der „Phantasie" Spielenden vor der Umwelt können 
Jt zwei verschiedene Gründe annehmen: 1. In Anlehnung an eine Gruppe 
r -on Spielen, die bisher als „Geheime Spiele" bekannt wurden, dürfte der 
nhalt der Phantasien verpönt sein oder wenigstens einzelne solcher ver- 
pönter Elemente enthalten; oder 2. die illusionierte Wirklichkeit ist in 
.efahr, von den Erwachsenen gestört zu werden. Für die erste Annahme 
etet unser Material nur wenige Anhaltspunkte. Nur eine Andeutung ver- 
pönter Darstellung bringt eine Spielgruppe: „Zwei Schwestern fahren auf 
•tnem Schiff. Das Schiff scheitert und die Schwestern schwimmen auf eine 

sei. Sie bekommen ein Kind und suchen Kokosnüsse da kommen 

eger und wollen sie nicht weglassen." Später: „Drei alte Fräulein (zu 
den zwei spielenden Schwestern kam zu diesem Spiel noch eine Freundin 
dazu) bekommen — nein finden — ein Kind. Karl heißt es und jetzt 
erziehen sie es. Wie er ungefähr zwei Jahre alt ist, hat er noch immer 
in die Hosen gemacht; das ist sehr schlecht, wir zwingen es, daß es ins 
Töpfchen macht — — ." Es muß gesagt werden, daß im Verhältnis 
zu anderen Spielen solche unverhüllte Darstellungen im Phantasiespiel 

zurücktreten. 

Von hier führt dann auch der Weg zu unserer 2. Annahme, die die 
Geheimhaltung der Phantasiespiele noch eingehender erklären soll. Wenn 
die Phantasien eine Ersatzleistung für Versagungen darstellen, so müssen 
sie nicht zuletzt in eine Relation zu dem gebracht werden, was die Ver- 
sagung veranlaßt oder anregt. Als solche Anreger kommen, neben dem Ich, 
vor allem die Eltern, Erzieher, die Umwelt des Kindes in Betracht. 1 Alle 
Verdrängungen werden von ihnen mitbestimmt, alle Entstellungen von ihnen 
geprüft. Im Phantasiespiel bedient sich das Ich bereits früher abgelehnter 
fchtriebregungen, ohne immer für ihre völlige Entstellung jene Sorgfalt ver- 
wenden zu können, welche es gerade jetzt bei Bewältigung der kindlichen 
Sexual triebregungen aufbringen muß. Es ist weniger bemüht, die Kräfte zu 
verschleiern, mit denen es den Endkampf besteht, als den Feind, gegen 
de n es diese ins Feld führt — eben die Sexualregungen. 

Zur Bewältigung der Sexualverdrängung in der Latenzperiode bedarf 

. eines starken Ichs. Um dieses zu erreichen (so können wir es uns vor- 
stellen) erscheinen die narzißtischen Positionen, die mit Beginn der Latenz- 

er iode verlassen wurden, in deren Verlauf als immer wichtiger und werden 
Jegen Ende der Latenz sehr energisch wieder bezogen. Dadurch entsteht 

in Zustand, den wir schon oben angedeutet haben, indem wir darauf hin- 



i Vergl. Freud, Zur Einführung des Narzißmus. 



254 . Phantasicspiele der Kinder 

wiesen, daß die infantilen Verdrängungen (Narzißmus) zugunsten der 
aktuellen Verdrängungsaufgaben erleichtert werden. Innerhalb der Phantasie- 
spiele sehen wir diese Erleichterung sehr deutlich. Daß sie vor der 
Außenwelt (exklusive die Mitspielenden) verborgen werden, ermöglicht ihre 
Festhaltung, denn zu dieser Zeit ist die Realitätsprüfung geschärft genug, 
um im Ernstfall, also etwa gegenüber den Erwachsenen, den Phantasie- 
charakter einzusehen. Diese Einsicht wäre aber eine Verschlechterung der 
Position des Ich gegenüber seiner Verdrängungsaufgabe. — Das Verbergen 
der Phantasien scheint aber nicht das einzige Mittel zu sein, das das Kind 
ergreift, um vor sich und der Außenwelt zu bestehen. Die Phantasien 
erhalten, um wenigstens in der Gruppe bestehen zu können, einen ver- 
harmlosenden Namen, nämlich „Spiel". An anderer Stelle konnte aus- 
geführt werden, daß die Kriterien für die Unterscheidung des Spiel- und 
Arbeitsprozesses keineswegs ausschließlich psychologische sind; es sind hier 
zweifellos andere, bewertende Maßstäbe in der Urzeit der Menschheit 
angelegt worden, als Spiel von Arbeit begrifflich und sprachlich getrennt 
wurde. So wie es Fälle gibt, daß Kinder den onanistischen Akt mit der 
Äußerung „ich hab ja nur gespielt" entschuldigen, so garantiert die Dekla- 
rierung als „Spiel" die Möglichkeit, in der Gruppe die Hemmungen zu 
beseitigen, welche den orgiastischen Größenwahn des Kindes an der Ent- 
spannung hindern. Das Kind bedient sich somit aller Mittel, um das wesent- 
lichste Vorrecht der Kindheit, das Phantasieren, zu behaupten, macht aber 
auch hier, wie wir sehen, der Welt der Erwachsenen Konzessionen, indem 
es seiner ernsten Phantasiewelt den Stempel erwachsener Bewertung auf- 
drückt: es ist „Spiel". — Es kann nicht behauptet werden, daß in einigen 
anderen Äußerungen von Kindern dieses Alters nicht die gleichen gestal- 
tenden Bedingungen vorherrschen, wie etwa beim Theaterspielen der Kinder 
Gewiß sind diese in der Rolle der Spielenden und der Intensität, mit der 
gespielt wird, zu suchen. Die Phantasiespiele bedienen sich einer ganz 
unverhüllten Darstellung der Spielenden als Hauptpersonen; diese verzichten 
auf Namen, Verkleidung und ähnliche Techniken. Dadurch verlieren sie an 
Realitätswert und können nur im Kreise weniger Vertrauter bestehen. 

Daß die Phantasien als Lügen gedeutet werden, konnte den Mit- 
teilungen Grete Wiesenthals entnommen werden. Die Erörterung der dyna- 
mischen Verwandtschaft von Tagtraum, Produktion und Pseudologia phan- 
tastica (von der allein hier die Rede sein kann) hat erst vor kurzem 
Dr. Helene Deutsch erfolgreich angebahnt: 1 „Die Wachträume werden 

1 Dr; Helene Deutsch: Über die pathologische Lüge. Zeitschrift für Psycho- 
analyse. 1922. 



geheim gehalten, weil dem Träumer der Gegensatz zur Realität jederzeit 
bewußt ist." In der dichterischen Schöpfung hingegen wird die Form 
gefunden, in der „die Schranken zwischen seinem Ich und dem der anderen" 
überbrückt werden. „So seine eigenen seelischen Spannungen befreiend, 
rüttelt er auch an den unseren und verschafft uns auf diesem Wege den 
Mitgenuß seines dichterischen Tagtraumes. Diese Bedingung des ästhetischen 
Genusses fehlt der Pseudologie wie dem gewöhnlichen Wachtraum. Die 
Tatsache, daß die Pseudologie den Widerspruch zwischen ihrem Inhalt und 
der Realität nivelliert, indem sie sich den Realitätswert zuspricht, ermöglicht 
ihr nun den Kontakt mit der Realität." „Wohl ist auch der Wächträumer 
geneigt, seine Phantasie für wahr zu halten, und dies ist auch die Bedin- 
gung des Genusses, doch scheint der Pseudologie dieses Realitätsgefühl viel 
prinzipieller, intensiver, viel verlockender zu sein und so die Kraft zu 
besitzen, die Phantasieprodukte auch den anderen als Wahrheit darzustellen." 
In diesem Sinne kann das Phantasiespiel als eine Pseudologie aufgefaßt 
werden, welche nur in einem kleinen Kreise von Gleichgesinnten den 
Realitätswert zugesprochen erhielt. — Die Macht der Innen- über die 
Außenwelt, die den Pseudologisten charakterisieren mag, hat in den Phan- 
tasiespielen nicht eine gleiche Stärke erreicht; wahrscheinlich deshalb, weil 
aus den Phantasien noch ein Betrag objektlibidinöser Befriedigung heraus- 
geholt werden muß, was daraus ersichtlich ist, daß die Phantasien durch 
die Außenwelt, die Objekte, noch gehemmt werden können. 

V 

Die vorstehenden Bemerkungen über eine ephemere, darum aber doch 
einen Typus kennzeichnende Erscheinung der späten Latenz haben auf 
manche dynamische Verwandtschaft mit den dichterischen Produktionen der 
Kinder und Jugendlichen hingedeutet. 

Freud bezeichnet als einen wesentlichen Grundsatz zwischen Dichtung 
und Tagtraum die Geheimhaltung des letzteren. Die Dichtung wird immer, 
wenn auch verborgen, mit der Absicht konzipiert, daß sie anderen Menschen, 
wenn auch nur einem einzelnen, dem Freunde, der Geliebten, zur Kenntnis 
gelangt. Das Phantasiespiel nimmt zwischen beiden Extremen eine Mittel- 
stellung ein. Es gelangt zwar in die Gruppe, wird Geheimnis mehrerer; 
zugleich wird aber auch ein beträchtlicher Aufwand geleistet, den Spiel- 
inhalt geheim zu halten. Wir sind geneigt, diesen Aufwand als die gelun- 
gene Reaktionsbildung auf die mächtigen Wünsche nach Ansehen und Hand- 
lungsfreiheit anzusehen. Handelt es sich doch in unseren Spielen um solche 
egoistische und narzißtische Tendenzen, die dem Ich zwar wertvolle Dienste 



256 



Phantasiespiele der Kinder 



leisten, vor der Umwelt und ihren Zensuren aber nur in Verkleidung — als 
Spiele, Dichtungen 1 — erscheinen dürfen. Die Wünsche erscheinen fast 
unentstellt, fast immer wird in der „Ich-Person" erzählt, auf gemilderte Dar- 
stellung, auf Zensurierung der egoistischen Wünsche wird noch verzichtet. 
Nähere Untersuchung — wir stützen uns hier auf Raimunds Ziegenbock- 
spiel — ergibt, daß die gleichen Phantasien, die im Spiel erscheinen, vor- 
her als Tagtraum erlebt wurden. Die individuellen Tagträume werden zum 
Tagtraum der Spielgruppe. Was Bernfeld als das psychologisch Wesent- 
liche des Dichtungsprozesses — die tertiäre Bearbeitung — bezeichnet, 
fehlt hier. Für die Wiedergabe in einer verhüllten und entstellten Form 
sind jene Maßstäbe und Voraussetzungen noch nicht vorhanden, die bei den 
Produktionen Jugendlicher und der Dichter gelten. Es sei nicht unerwähnt, 
daß keine unserer Gewährspersonen auf irgendwelche dichterischen Produk- 
tionen verweisen konnte. Andererseits kann eine inhaltliche Verwandtschaft 
zwischen Phantasiespiel und Kinderdichtung nicht übersehen werden: in 
beiden handelt es sich vorwiegend um die Befriedigung ehrgeiziger und 
eigennütziger Triebregungen. Die Frage, was die Wahl der einen, was die 
der anderen bedingt, fördert oder hemmt, muß zu den vielen späteren Auf- 
gaben der Forschung gezählt werden. 

Wir müssen schließlich auch darauf verweisen, daß das besondere 
Charakteristikum der Phantasiespiele, die sprachliche Wiedergabe von Phan- 
tasien, auf das Problem der dramatischen Darbietung hinüberleitet. Arbeiten 
die sich damit befassen, werden, was hier unterbleiben mußte, den Anteil 
der sprachlichen Äußerung an Spiel und Dichtung, deren Verdichtungen in 
der Gruppe, behandeln können. 



\ 



1 Gemeint sind hier einzelne Kinderdichtungen. 



Ergebnis und Aufgaben. 

Die Einzelresultate der voranstehenden kleinen Untersuchungen nun 
abschließend der Reihe nach zusammenzufassen, erübrigt sich, da diese, an 
Einzelfällen gewonnen, nicht ohne eine verborgen zugrunde liegende Theorie 
verallgemeinert werden könnten; da sie zwar einzelne unzusammenhängende 
Ergebnisse, aber kein Ergebnis darstellen. Ihre Absicht war, Material bekannt- 
zumachen, und so weit es das Material des Einzelfalles gestatten mochte, 
bald in die Grundlagen, bald in die Motive, bald in die Mechanismen des 
Phänomens einen ersten Einblick zu gewinnen. Es wird noch recht zahl- 
reicher solcher mühevoller und wenig dankbarer Untersuchungen bedürfen, 
ehe ihre Ergebnisse sich zu einem zwingenden Gesamtbild werden zusammen- 
setzen lassen. Aber ich möchte auf diesen letzten Seiten versuchen, die 
Eindrücke, Einfälle, Vorstellungen, die sich aus der Beschäftigung mit der 
Materie ergaben, vorläufig zu ordnen, eine Gesamtanschauung zu konstruieren, 
wo die Gesamteinsicht noch fehlt. Dies ist nicht möglich, ohne das Phänomen 
dichterischer Produktion in die Psychologie der Jugend einzubauen. Diese 
selbst aber gibt es noch so wenig wie eine Psychologie des dichterischen 
Schaffens; und es kann nicht gewagt werden, sie in diesem Zusammenhang 
nebenbei zu konstruieren. Ich muß es daher auf mich nehmen, über die 
Psychologie der Jugend gelegentlich einiges zu behaupten, das ich in dieser 
Arbeit noch weniger rechtfertigen, belegen kann, als die Auslassungen über 
das Dichten dieser Jugend. Es bleibt dabei nichts übrig, als den Leser zu 
bitten, er möge das Vorgetragene als das nehmen, was es sein will und 
allein sein könnte: Anregung zu sorgfältiger Detailarbeit. Nicht ein Bild, das 
Wissen vortäuscht, welches nicht vorhanden ist, sondern das die Lücken 
deutlich zeigt, damit sie in Zukunft ausgefüllt werden. 

Es empfiehlt sich von vornherein zu betonen, daß die Zahl der Jugend- 
lichen, die nie gedichtet haben, auch nicht ein kleines Gedicht, ja selbst 
keinerlei Gedichtkeime in Briefen oder Tagebüchern produziert haben, sehr 
beträchtlich ist. Diese negative Tatsache muß bei aller ihrer Selbstverständ- 
lichkeit unterstrichen werden, damit wir nicht versucht sind, das Dichten 
als ein Symptom der Pubertät schlechthin aufzustellen. Die Pubertät verläuft 

17 



i 



258 Ergebnis und Aufgaben 



— durchaus in der Breite des Normalen — in sehr mannigfaltigen Formen. 
Es mag psychische Prozesse geben, die diesem Alter, die allen differenten 
Pubertätsformen gemeinsam sind; das Dichten gehört nicht zu ihnen. Man 
dürfte auch kaum sagen können, daß es einen Typus Jugendlicher gäbe, die 
Nicht-Dichter sind. Vielmehr sind es eine ganze Anzahl von Typen, die nicht 
dichten und nicht schreiben, die es nicht versucht haben, nicht entbehren, 
nicht daran denken. Das dichterische Schaffen eignet sich nicht zum typen- 
bildenden Kriterium. Spricht man aber von ihm, und will man die Jugend- 
lichen nach ihrer Relation zu ihm einteilen, so gebührt der erste Platz jener 
Gruppe, die keine Relation zu dieser Form des Produzierens hat. 

Eine zweite Gruppe bilden jene, die im Verlaufe der Pubertät 
gelegentlich dichten. Ich meine den Ausdruck wörtlich: solche, die zu 
bestimmten Gelegenheiten dichten. Zu Festen, Familien- oder Schulfeiern, 
für Kneipzeitungen schreiben sie, liefern auf Bestellung Liebesgedichte 
ihren Freunden oder dichten auch angeregt durch Opera von Kameraden, 
um mit ihnen in Wettbewerb zu treten. Ihre Produkte sind keineswegs aus- 
schließlich humoristischer, satirischer Natur, obzwar diese Gattung bei weitem 
überwiegt, und bestehen auch nicht bloß aus kleinen Versefolgen oder Pro- 
logen, sondern sie können auch umfangreiche Erzählungen und Theaterstücke 
leisten. Nicht das Produkt sei für sie bezeichnend, sondern daß es nicht 
spontan entsteht, daß es regelmäßig der Aufforderung bedarf, es entstehen 
zu lassen. Sie treten mit ihrer Fertigkeit ein, wenn sich ein Bedarf nach 
Gestaltetem in ihrer Außenwelt zeigt. Ein und der andere zieht auch Geld- 
vorteile aus seiner Tätigkeit; dann kann gelegentlich der Verdienstwunsch 
zum Anreger werden. Es gibt Spezialisten in dieser Gruppe und vielseitige 
Naturen. Manche bringen diese Fertigkeit und Übung bereits aus der 
Kindheit mit und behalten sie weit über die Pubertät hinaus. Bei anderen 
entsteht sie oder entdeckt sie sich irgendwann und hält eine Zeitlang an. 
Sie löscht zuweilen plötzlich aus, „man kann das nicht mehr". 

Prinzipiell, nicht aber personell, ist von diesen Gelegenheitsdichtern 
die Gruppe der spontan produzierenden geschieden. Sie müssen nicht von 
Anlässen und Anregungen allemal unabhängig sein; noch weniger ist für 
sie wesentlich bezeichnend, daß sie „unbewußt", „unwillkürlich" dichten, 
aber sie sehen sich veranlaßt, eine dichterische Produktion zu schaffen, ohne 
daß ein äußerer objektiver Bedarf gerade nach einer solchen vorhanden wäre. 
Man kann ein Gedicht zu Mutters Geburtstag schreiben, auch ohne daß es 
Sitte ist in der Familie, die Mutter auf diese Weise zu beglückwünschen, 
es braucht nun nicht gerade innerer Drang gewesen zu sein, dem das Gedicht 
unwillkürlich entsprang. Ich würde einen Knaben schon in diese dritte Gruppe 



Ergebnis und Aufgaben 259 



reihen, der für diese Gelegenheit in seinem Kreis als Novum auf den Gedanken 
kam: ich will für Mutter ein Gedicht machen. Auch ein solches Gedicht wäre 
kein Gelegenheitsgedicht im Sinne der Bestellung, der objektiven Bedarfs- 
befriedigung wie sein Gegenstück der zweiten Gruppe. Diese Unterscheidung 
zielt auf das Motiv der dichterischen Produktion. Im ersten Fall ist es ein- 
fach, heteronom sozusagen: weil der Jugendliche die Fähigkeit hat, jenes 
Bedürfnis zu befriedigen, tut er es. Im zweiten Fall ist es kompliziert, eines 
unserer hauptsächlichsten Probleme. Hier entsteht das Motiv aus psychischen 
Bedingungen, die undurchsichtig sind. Und ganz rätselhaft wird es, wenn die 
Fähigkeit fehlt. Denn in diese dritte Gruppe gehören auch jene, die versuchen 
zu dichten, und zwar spontan (in unserem Sinn), nach einem oder auch nach 
jahrelangen Bemühungen aber finden, daß sie es nicht können. 1 

Diese dritte Gruppe sind die eigentlichen Dichter, das heißt, sie gehören 
ausschließlich ihr an. Im übrigen aber ist sie zu vielgestaltig, als daß wir 
sie einen Typus nennen dürften. Ich sehe jedoch auch keine Möglichkeit für die 
Aufstellung deutlicher Typen in ihr. Aufdringlich ist vielmehr stetiges In- 
einanderübergehen differenter Verhaltungsweisen. Solche, die dieses Produktions- 
motiv zu Anfang der Pubertät hie und da, vielleicht auch nur ein einziges 
Mal erleben, und solche, die während ihrer ganzen Jugendzeit regelmäßig 
und andauernd dichterisch produzieren, sich dazu veranlaßt, versucht fühlen 
sind die Enden einer kontinuierlichen Reihe, die auch noch in die Kindheit 
zurück und in die Erwachsenheit hinaus verfolgt werden kann. Solche, die 
nur unter bestimmten, bezeichenbaren, zuweilen von ihnen selbst bewußt 
erkannten Bedingungen produzieren, in bestimmten Stimmungen, zum 
Beispiel in der Trauer, in gewissen Allgemeinsituationen, zum Beispiel 
unglücklich verliebt, in enger Abhängigkeit von außerpsychischer Gegebenheit, 
bei Sturm und Regen etwa; solche, deren Produktion völlig rätselhaft spontan 
ist, gänzlich unabhängig von irgendeiner habituellen, erkennbaren Konstellation, 
sind die Enden einer anderen Reihe, die sich mit der ersten in mannig- 
faltigster Weise verschlingt. Es gibt jugendliche Dichter, die mit absoluter 
Ausschließlichkeit eine Gattung pflegen, am öftesten die Lyrik ; andere, die 
in ihrem Gesamtwerk keine Form, keine Gattung, keine Weise vermissen 
lassen. Manchen ist ihr Dichten die zentrale Angelegenheit, sie fühlen sich 
als Dichter, als künftige Dichter, wie sie bescheiden sagen mögen; viele dichten 
und schreiben und bemerken es kaum, dieses Tun ist ihnen völlig peripher. 
Und nicht allein, daß jede dieser Reihen kontinuierlich ist, und derselbe 

1 Vielleicht ist es nicht überflüssig, ausdrücklich zu bemerken, daß in allen 
diesen Erörterungen die Wertfrage nicht unausgesprochen mitspielt. Sie wird uns an 
ihrer Stelle als Problem zu beschäftigen haben. 

17* 



260 Ergebnis und Aufgaben 



Jugendliche zur gleichen Zeit an einander inkongruenten Punkten der ver- 
schiedenen Reihen stehen kann, in der ersten linker Flügel, in der dritten 
Zentrum und in der vierten weit gegen rechts, ändern manche ihren Standort 
während der Pubertät mehrfach, langsam sich entwickelnd, oder sprunghaft, 
während andere ihn die ganze Zeit hindurch zähe festhalten. 

Daß es kaum gelingen will, diese Fülle in einige Typen zu ordnen, liegt 
nicht daran, daß wir sie noch gar nicht kennen, wenigstens nicht in ihren 
Details und deren statistischen Merkmalen. Die Bereicherung unseres Wissens 
in dieser Beziehung wird uns wohl nur ermöglichen, eine größere Zahl von 
Beispielen scharf zu beschreiben, denen eine gewisse empirische Häufigkeit 
genauer zugeschrieben wird werden können. Die verständlichen Zusammen- 
hänge liegen beim komplexen Psychischen nicht in der Sphäre des Phäno- 
menalen. Phänomenal Ähnliches hat psychologisch ganz verschiedenen Wert; 
völlig Gegensätzliches ist psychologisch identisch. (Es ist wie mit den 
Begriffen homolog und analog in der Entwicklungslehre des Tierkörpers.) 
Die Psychologie der Pubertät muß uns nicht Typen des dichterischen 
Schaffens bringen, um uns zu befriedigen. Aber sie muß uns Dynamik, 
Ökonomie und Entwicklung des Phänomens nach drei unterschiedlichen 
Gesichtspunkten aufdecken : wir müssen den einzelnen Akt des Produzierens, 
das einzelne Produkt und das dichterische Produzieren als Verhalten in 
dieser Weise verstehen. 

Jedes einzelne poetische Produkt, das Dichtwerk, hat ein Doppel- 
gesicht : entstanden als psychische Leistung seines Schöpfers, gehört es in 
dessen seelischen Zusammenhang; aber einmal entstanden, reiht es sich in 
die objektive Sphäre ein, es ist ein Bestandteil der Dichtung geworden, 
gehört in den Zusammenhang des Sozialen, Objektiven. Was immer nun 
an dem Produkt auf die psychischen Zusammenhänge seines Schöpfers 
hinweist, bedarf der psychologischen Erfassung. Das kann nicht strittig sein. 
Ebensowenig, daß alles, was auf das Objektive hinweist, außerpsychologisch 
erfaßt werden kann : Wir verstehen die Worte des Dichtwerks, also dieses 
selbst in ihrem Sinnzusammenhang, wir können es sprachwissenschaftlich, 
literarhistorisch, soziologisch studieren und verstehen. Schwierig aber und 
verwickelt ist die Aufgabe auch an diesem Aspekt des Dichtwerks die 
Hinweise aufzufinden, die der Psychologie bedürfen. 

Der Inhalt des Dichtwerks ist der Schnittpunkt der beiden Sphären: 
an ihm sind die nach den beiden Richtungen divergierenden Aspekte ver- 
hältnismäßig deutlich auseinanderzuhalten. Der Inhalt entsteht allemal aus 
einer psychischen Leistung, und zwar im allgemeinen in einem besonderen 
Prozeß, dem Phantasieren, und zumeist ohne Relation zur objektiven Sphäre. 



Ergebnis und Aufgaben 261 



Der Dichter findet sich, mit Interesse irgend einen Stoff festhaltend und 
führt ihn jenen Umwandlungen, Erweiterungen zu, die schließlich ein 
bestimmtes, mehr oder weniger scharf umschriebenes Phantasiegebilde 
erzeugen. Der Stoff mag dem eigenen Erleben entnommen sein oder auch 
der Dichtung. Im letzteren Fall findet schon hier ein Einschlag aus dem 
Objektiven her statt. Die Umwandlungen aber, das Phantasieren um diesen 
Stoff wird determiniert sein von den psychischen Bedingungen des Autors 
her und von gewissen Anforderungen, die objektiv, sozial an ein Dichtwerk 
gestellt werden. Beide Determinationen sind dem Dichter gewöhnlich unbe- 
wußt; er wird die erste als einen Zwang erleben, gewisse Vorstellungen, 
Gestalten, Aufeinanderfolgen zu bilden und festzuhalten, die zweite als 
eine mitschwingende, korrigierende Wertung durch seinen ästhetischen Sinn. Es 
kann aber, insbesondere bei den jugendlichen Dichtern, gerade die Relation 
zum Objektiven sehr deutlich werden, indem sie etwa Gedanken folgen, 
wie: für ein richtiges Drama brauche ich noch das oder jenes in 
meinem Stoff. 

Dieser Inhalt nimmt nun Gestalt an, oder erhält sie auch durch absicht- 
liche Lenkung des Autors; er spinnt sich etwa zu einer Erzählung mit Dialogen, 
einem bestimmten Aufbau, Episoden, Verwicklungen aus. Das Dichtwerk 
wird schließlich fertig, indem es eine gewisse Form erhält: Rhythmus, 
Diktion, Ausdruck, Bild. Es wird fixiert, im Gedächtnis oder schriftlich. 
Es wird endlich verbreitet: vorgelesen, gedruckt. Dem Jugendlichen gelingt 
die Verbreitung häufig genug nicht ; er muß sich begnügen, das Opus 
reinzuschreiben, druckfertig zu machen. Gestaltung, Formung, Fixierung, 
Verbreitung sind Etappen, in denen die objektive Relation zunehmend 
wächst, ihr gegenüber tritt der psychische Zusammenhang, natürlich 
ohne daß er je völlig zerrisse, immer deutlicher in den Hintergrund. 
Bei der Gestaltung und Formung scheint dies am wenigsten selbst- 
verständlich. Wir betrachten daher zunächst den Fall, für den es offenbar 
nicht zutrifft: 

Das lyrische Gedicht. Bei jeder Dichtungsgattung kann die Aufein- 
anderfolge der Etappen sich verwischen, indem durch eine plötzliche Intuition 
Inhalt in Gestalt und Form unauslöschlich fixiert oder während der schrift- 
lichen Fixierung ins Bewußtsein tritt. Der Fall ist gewiß nicht selten. Beim 
lyrischen Gedicht des Jugendlichen ist er aber durchaus die Regel. Es hat 
ohnehin eine Sonderstellung in der Dichtung der Jugend : es ist weitaus 
das häufigste Produkt jugendlichen Dichtens und zahlreiche Dichter produ- 
zieren ausschließlich, die meisten vorwiegend lyrische Gedichte. Das lyrische 
Gedicht hat nun keinen Inhalt, es ist überhaupt nur als Form ein Produkt. 



,.\ 



262 Ergebnis und Aufgaben 



„Ich bin verliebt" ist eine triviale Mitteilung wie der Satz „ich bin hungrig". 
Erst dadurch, daß diese triviale Mitteilung in einer bestimmten Form gesagt 
wird, wird sie eine Dichtung. Das hieße aber, das lyrische Gedicht existiere 
mit seinem wesentlichen, mit seinem ganzen Inhalt in der objektiven Sphäre 
— während es doch exquisit subjektiv ist. Und der Hauptanteil der jugend- 
lichen Dichtung habe eine objektive Relation, was allem Anschein wider- 
spricht. Wir stünden vor der Paradoxie, daß das höchst Subjektive zugleich 
eben das Allgemeine, Objektive wäre. Man dürfte zufrieden sein, wenn sie 
sich erwiese und verständlich machen ließe. Eigentlich befindet sich ja der 
Liebende immer im gleichen Fall. Dem Befallenen erscheint sie als privateste, 
eigenartigste Angelegenheit seines persönlichen Erlebens. Der unbeteiligte 
Beobachter findet die Liebenden lächerlich unpersönlich und stereotyp. 

Und die Lyrik hat jedenfalls eine enge Beziehung zur Liebe, keines- 
wegs so, als wäre alle Lyrik der Pubertät Liebeslyrik ; es gibt religiöse, 
philosophische, Naturlyrik aller Art, gewiß auch vor allem eigentliche 
Liebeslyrik. Noch weniger aber so, als wäre die Lyrik ein notwendiger 
Bestandteil jeder oder auch nur der Pubertätsliebe. Millionen lieben, ohne 
eine Zeile Lyrik zu dichten oder zu genießen. Aber die Liebe erzeugt 
unter gewissen — sehr häufigen — Bedingungen Stimmungen. Und alle 
Lyrik entsteht aus Stimmungen. Die Stimmung als solche ist bereits ein 
der Dichtung sehr verwandter Zustand. Wessen Liebe Stimmungen erzeugt, 
steht der lyrischen Dichtung sehr nahe. Die Pubertät ist besonders reich an 
wechselvollen, deutlichen Stimmungen. In zahlreichen Pubertätsformen wird 
die Stimmung zum vordringlichen Erlebnis. Diese haben dann eine gewisse 
Affinität zum Lyrischen. Ob diese sich zum Lesen oder Rezitieren von 
Dichtungen erhebt, kann von äußeren Umständen abhängen, das Erleben 
aber wird lyrisch gefärbt und damit die Möglichkeit zum Verständnis der 
Lyrik gegeben sein. Ob das lyrische Erleben einen Ausdruck in Produkten 
findet, wird von inneren, ob diese Produkte die konventionelle Form und Gestalt, 
des Gedichtes haben vielleicht mehr von äußeren, aber auch von inneren Gründen 
abhängen. Unter den erwähnten äußeren Bedingungen wird die Bildung eine 
große Rolle spielen: ob der Jugendliche überhaupt Kenntnis von Gedichten 
hat und ob das Milieu, in dem er lebt, eine positive Bewertung der Gedichte 
ermöglicht. Denn soll er sie lesen, genießen, ihre Gestalt und Form 
schöpferisch wiederholen, dazu ist nicht allein Kenntnis, sondern bejahende 
Kenntnis, affektive Kenntnisnahme nötig. 

Was eine Stimmung ist, hat die Psychologie noch nicht allgemein 
formuliert. Wir müssen uns daher begnügen, einiges anzudeuten, was 
unmittelbar zur Sache gehört, wobei ich meine — hier nicht näher zu 



Ergebnis und Aufgaben 263 



belegenden — Anschauungen gebe. Ein affektiver Prozeß, der eine Tendenz 
hat, sich auszubreiten, dessen Ursachen unbewußt sind und unbewußt bleiben 
sollen und der eine Libidoverschiebung begleitet oder auch vielleicht 
beinhaltet, wird als Stimmung erlebt. Die Stimmung ist Symptom einer sich 
vollziehenden Verschiebung, die aus Verdrängung entstand und selbst eine 
fortschreitende Verdrängung oder wenigstens Zurückdrängung darstellt. Doch 
scheinen die Stimmungen im engeren Sinne, die uns als Grundlage poetischer 
Produktion beschäftigen, noch durch einen Faktor kompliziert zu sein. Sie 
sind nämlich nie ganz ernst, es haftet ihnen etwas Ermäßigtes, etwas 
Spielerisches an. Auf dem Grund jener tieferen unbewußten Umsetzungen 
baut sich oberflächlich, von ihnen hervorgerufen, sie zugleich fördernd, an 
bewußtem Material verlaufend, eine gleichgerichtete Strömung, Verschiebung 
auf. Sie ist die eigentlich produktive Stimmung. Ihr bewußter Aspekt ist 
nicht absolut bedrohlich, läßt dem Ich, Kraft und Behauptungsmöglichkeit 
um zu leisten, hat aber eine tiefe Beziehung, deutet auf etwas Tiefereres, 
Unbekanntes, eben auf ihre eigenen unbewußten Grundlagen. Solche Stimmung 
wird die Liebe erzeugen, wenn sie Hemmungen erfährt. Es sind hier drei 
Kategorien von Hemmungen allgemein und wichtig. 1 . Auf das Liebesobjekt 
ist mehr Libido gerichtet, als sich sättigen kann. Dies wird der Fall sein, 
wenn das Liebesobjekt fern ist; wenn die Liebe im Anfangsstadium sich 
befindet und die Fülle der Wünsche noch nicht befriedigt, vielleicht noch 
nicht einmal ganz bewußt werden kann; und insbesondere, wenn — wie 
überaus häufig in der Pubertät — die Libido, noch gar nicht an ein 
bestimmtes Objekt gebunden, drängt. 2. Die Hemmung liegt an der Ver- 
drängung des Objektes; wenn sich also inzestuöse oder auch andere, freilich 
zuletzt immer im Inzestuösen wurzelnde Strebungen, geltend machen 
wollen, abgewehrt werden, und sich nun in maßvollem Grad an Ersatz- 
objekten zu befriedigen streben. Freilich ist hier gewöhnlich, das heißt im 
einfachen Fall, ein gewisses Gleichgewicht zwischen den konträren Kräften 
nötig, soll die produktiv günstige Stimmung entstehen. 3. Das Ich verwehrt 
eine volle Liebe. Liebe ist allemal Ichaufopferung. Niemand — kein 
Gesunder — ist jederzeit und andauernd solcher Aufopferung des Ichs 
fähig. Viele können es nie restlos, wenn wir als restlos den optimalen 
Zustand verstehen, denn die 1 völlige Auflösung des Ichs ist ohne Verlust 
der geistigen Gesundheit nicht möglich — und „Liebeswahnsinn, Pleonasmus, 
Liebe ist ja selbst ein Wahnsinn", sagt der Dichter. Die Liebe dieser Vielen 
hat eine narzißtische Grenze. Insbesondere der jugendliche Liebende findet 
eine baldige Hemmung seiner Liebe in den narzißtischen Kräften seiner 
jungen — sich aufbauenden Persönlichkeit. Die so gehemmte Libido ist eine 



264 Ergebnis und Aufgaben 



exquisite Grundlage für die lyrische Stimmung. Denn die lyrische Stimmung 
weist über ihren manifesten Gehalt nicht nur auf das Tiefe des Unbewußten 
hinaus, sondern auch auf das Ich, das in diesem Gefühlswirbel intakt über ihm 
steht, ihn beobachtend, schildernd, trotz seiner produzierend. 

Die Pubertät, und die Liebe in der Pubertät erst recht, enthält reichlich 
die Bedingungen zum häufigen Entstehen nicht nur von Stimmungen über- 
haupt, sondern auch von lyrischen (produktiven) Stimmungen im besonderen. 
Denn drängender Libido ist dieses Alter reich genug; und ihr stehen jene 
Hemmungen: die aktuelle Versagung, die Inzestschranke und die narzißtische 
Hemmung, aus äußeren Gründen und aus den psychologischen Bedingungen 
der Pubertät, nicht weniger reichlich entgegen. Wir sehen das Motiv zur 
Produktion in den Bedingungen der lyrischen Stimmung selbst mitenthalten, 
wenn sie aus der narzißtischen Hemmung entspringt. Diese ist kein aus- 
schließlicher Besitz der Pubertät, aber ein für die Pubertät überaus charak- 
teristischer. Man darf vermuten, daß sich in der Pubertät diese Hemmung 
regelmäßig anderen eingetretenen hinzugesellen wird. Sehr häufig wird, meine 
ich, die Stimmung von dieser Quelle her tingiert werden. Häufiger jeden- 
falls als beim erwachsenen Menschen, der zwar auch bei aktueller Versagung, 
oder im Anfangsstadium einer neuen Liebe lyrische Stimmungen erleben 
wird, die sonst seinem Fühlen längst fremd geworden sind, dem aber die 
narzißtische Liebeshemmung fehlen mag, so daß diese Stimmung nicht in 
einer Leistung, dem Gedicht, objektiviert wird. Im allgemeinen bleibt dies Ver- 
halten zeitlebens nur dem Künstler. Wenn aber irgendjemand, so ist der 
Künstler bezeichnet durch die narzißtische Liebesgehemmtheit. 

Die Stimmung ist ein Prozeß, der eine Dauer hat. Man erlebt auch 
die Stimmung als einen sich entwickelnden Verlauf, man muß sich ihr 
hingeben; durchaus dem Wesen der Stimmung als einem Libidoverschiebungs- 
prozeß entsprechend. Der ichgemäße Verlauf hat eine bestimmte Richtung, 
die man kurz bezeichnen kann: Weg vom Verdrängten! Die Einhaltung 
dieser Richtung wird gefördert durch das Wort. Es bindet. Wenn Walter 
etwa bei seinem ersten lyrischen Gedicht (S. 15) vor sicTi hinsagt: Ich sah 
ein Sternlein flimmern, das hat mir Trost gebracht, so ist diese Bindung 
durch das Wort gut zu studieren. Eine der grundlos — dem Bewußtsein 
grundlos — auftauchenden elegischen Liebesstimmungen wandelt sich ebenso 
grundlos in eine gewisse hoffnungsvolle, freudige Erregtheit. Die wörtliche 
Formulierung gibt der Stimmung einen rationalen, verständlichen und 
erlaubten Grund; fixiert die Symbolisierung, als die jenes Hindeuten erlebt 
wird; gibt der Verschiebung Objekte und der — narzißtisch nötigen — 
Distanzierung des Ichs ein Mittel, Präzision und Dauer. So gehört wörtliche 



Ergebnis und Aufgaben 265 



Formulierung vielfach zum Erlebnis der Stimmung selbst. Finden sich keine 
bezeichnenden, fördernden, eigenen Worte, so stellen sich fremde ein; ein 
Vers, eine Melodie, ein Ausdruck fällt ein und wird — innerlich — aus- 
gesprochen. Die Stimmung verlangt einen Ausdruck, gewöhnlich einen wört- 
lichen. So bietet sich der Vorgang phänomenal. Funktional versteht er sich 
eigentlich als Geburt, als Tingierung, Fixierung der Stimmung in der ich- 
gemäßen Richtung. 

Hat aber so das Wort eine Funktion im Prozeß der Stimmung, ist es 
also unter gewissen Bedingungen die unmittelbare mit der Stimmung selbst 
eintretende Folge einer psychischen Situation, so ist ein Stück der Gestalt 
des Produktes: lyrisches Gedicht aus den subjektiven Bedingungen ver- 
standen. Die Objektivität der lyrischen Gestalt ergäbe sich daraus, daß die 
lyrische Stimmung in jedem einzelnen Fall aus sich selbst ihre eigenen, 
und zwar immer die gleichen Ausdrucksmittel verlangt: die Fixierung durch 
symbolisierende — vom eigentlichen, dem Unbekannten, hinwegdeutende 
und es doch mitmeinende — Worte. 

Inhalt und Gestalt des lyrischen Produktes, die ja weitgehend identisch 
sind, gehören der subjektiven Sphäre an; sie sind durch die psychischen 
Bedingungen des Dichters determiniert. Nicht restlos, scheint mir. Es gibt 
eine große Anzahl von lyrischen Themen, die objektiv sind, aus der subjek- 
tiven Spare nicht im einzelnen determinierbar. Nicht die Leistung von 
Walter ist es, wenn er die Sterne besingt, wenn er die lyrische Symbolik gerade 
an sie knüpft. Wir stehen hier vor dem gleichen Rätsel, das uns die 
Symbolbildung überhaupt, auch bei den Symbolen im engeren Sinn, den 
Sexualsymbolen, aufgibt. Es ist aus dem individuellen Erleben nicht 
restlos, nicht voll befriedigend zu erklären, wie die Schlange, die Spinne, 
die Sonne, das Zimmer etwa zu ihrer allgemein gültigen Symbolbedeutung, 
auch im individuellen psychischen Leben, z. B. im Traume, gelangen. Wir 
müssen dies vorläufig als Faktum hinnehmen. Und werden uns gern bescheiden, 
das gleiche bei der Lyrik zu tun. Wobei wir in ihrem Fall noch die wohl- 
begründete Hoffnung hegen, manches der scheinbar allgemein gültigen 
lyrischen Symbole werde sich als Konvention erweisen, in das Dichten 
der Jugendlichen durch Kenntnisnahme der zeitgenössischen Dichtung 
gelangt. 

Die Form des lyrischen Gedichtes, Strophenbau, Vers, Reim, Rhythmus 
ist zum großen Teil Konvention, Einwirkung des Objektiven auf das Indivi- 
duum. Die Lyrik der Jugendlichen weist sehr häufig, und je mehr das 
Gedicht unwillkürlich aus der Stimmung floß, um so regelmäßiger beträcht- 
liche Formfehler auf. Sie entstehen nicht allein durch das geringere Ver- 






266 Ergebnis und Aufgaben 






mögen des jugendlichen Dichters, sondern auch durch seine Unkenntnis der 
Konventionen. Er weiß nicht, daß dieser und jener Formbestandteil zum 
lyrischen Gedicht „gehört". Nicht selten auch beharrt er bei dem „Fehler", 
der Unvollkommenheit, trotzdem er ihn erkennt, erkennen könnte, weil sein 
Gedicht rein subjektiv determiniert ist. Die Funktion des Gedichtes war die 
Lenkung und Fixierung der Stimmung, die Distanzierung des Ich (phäno- 
menal : der Ausdruck der Stimmung). Dazu bedarf es der Einhaltung der 
Konvention nicht. Denn diese hat die Richtung auf ein Publikum. Sie bildet 
sich offenbar aus den optimalen Bedingungen für den ästhetischen Genuß. 
(Ein Problem, das uns hier nicht beschäftigen muß.) Soweit das Motiv zum 
Dichten ausschließlich in der Stimmungsbewältigung liegt, wird die Form 
nicht oder nicht ganz „kunstgerecht" sein. Nur soweit der jugendliche 
Dichtende ein Publikum intendiert, wird er die Form zur optimalen, zur 
konventionalen schließen. Aus jenen „Unvollkommenheiten" kann sich eine 
neue Kunstrichtung, die Ausbildung einer neuen Norm und Konvention 
entwickeln. Gewiß aber nicht durch diejenigen jugendlichen Dichter, die ohne 
Publikumsbeziehung schaffen. 

Ein sorgfältiges Studium der Form solcher rein subjektiver Lyrik der 
Jugendlichen müßte uns Einbjick in die Psychogenese der lyrischen Form 
gewähren. Es verlangte ein vergleichendes Studium der Geschichte der Lyrik. 
Wir können es nicht, am wenigsten hier, leisten; aber müssen darauf hin- 
weisen, daß Vers und Reim zu den häufigsten Gegebenheiten auch der 
völlig subjektiven und der primitivsten Jugendlyrik gehören. Trotzdem ist 
es recht fraglich, ob diese Formelemente die gleiche Funktion im Stimmungs- 
prozeß haben, wie die bisher besprochenen inhaltlichen und Gestalts- 
momente. Wenn dem Jugendlichen Verse und Reime kommen oder er, sie 
im Stimmungsverlauf entbehrend, versucht sie zu machen, wiederholt er 
ein lange nicht geübtes, frühkindliches Spiel. Das Reimen, Rhythmisieren, 
gehört einer Kindheitsperiode an, die jeder durchläuft. Es sind Spiele, die 
wohl jedes Kind eine Zeitlang, manches sehr lange und begeistert, spielte'. Sie 
gehören in den Zusammenhang des Arbeitens an Worten (Umstellen, Ver- 
drehen, Neuschaffen, Umdeuten usw.). Gewiß sind diese Spiele noch' recht 
wenig verstanden, aber sie reichen tief in die Zeiten der frühesten Sprachanfänge 
zurück, in die animistisch-magische Periode des Seelenlebens und sind selbst 
Übungen der Schöpferfreude, der Lust, etwas zu machen, „Ursache zu sein" 
(Stern). Dynamisch ist die Wiederaufnahme dieses Spiels — auf neuer Ebene 
— in dem Dichten der Pubertät als Regression zu beschreiben. Es ist 
bezeichnenderweise Regression in eine Zeit und Tätigkeit des exquisiten 
Narzißmus. Dies stimmt sehr wohl zur narzißtischen Funktion der lyrischen 












Ergebnis und Aufgaben 267 

Stimmung, zu dem narzißtischen Moiiv der lyrischen Produktion. Aber 
mehr als diesen Anschluß an ein Gesagtes vermögen wir nicht zu geben. 
Man wird schließen dürfen, daß dort, wo eine besondere Fähigkeit und ein 
besonderes Interesse für diese Formelemente vorhanden ist, der reinen 
Ausdrucksfunktion des lyrischen Produktes sich ein anderes angeschlossen 
hat, das in dieser Stärke mindestens nicht eigentlich zu ihr gehört. Tat- 
sächlich findet man Formvollendetheit und intensives Formbestreben bei 
jugendlichen Dichtern, die ein Publikum intendieren, oder auch bei solchen, 
die ihre Produktion nicht erst in der Pubertät beginnen, sondern sie seit 
früherer Kindheit üben, und ihr in der Pubertät nur eine neue Wendung, 
einen neuen Gehalt geben. 

Erfindung, Gestaltung, Formgebung sind beim lyrischen Dichten sehr 
häufig nicht voneinander trennbare Prozesse. Sie entstehen zugleich, ein- 
ander gegenseitig bedingend, aus der psychischen Situation, der Stimmung, 
besser dem einer Stimmung Sich-Hingeben. Sie haben die Funktion, diese 
Stimmung ichgemäß zu richten, fördern, fixieren, stehen im Dienste der 
Bewältigung libidinöser Strebungen, ihrer Verdrängung oder zeitweiligen 
zielgehemmten (objektfernen) Verwendung. Phänomenal ist dieser Prozeß als 
Drang zum Stimmungsausdruck, das Produkt als Stimmungsausdruck gegeben 

so mannigfaltig er auch im einzelnen und im Einzelfall beschrieben 

werden mag. Das Produkt ist nicht völlig restlos aus den subjektiven 
Bedingungen verständlich. Es hat einen, vielleicht nicht sehr großen, Anteil, 
der aus objektiven Normen, Konventionen sich herleitet. Diesen gegenüber 
wäre zu fragen, was den jugendlichen Dichter veranlaßt, sie zu übernehmen. 
Ein Motiv für diese Übernahme folgt aus der genannten Situation : die 
übernommenen Elemente sind im Sinne der Förderung, Erleichterung der 
Funktion. Diesem Motiv schließen sich — je umfangreicher und wichtiger 
die Übernahmen sind, um so mehr — andere, an dieser Stelle noch nicht 

erfaßte, an. 

Als eine zweite Gruppe wären neben die Produktionen, die Stimmungs- 
ausdruck sind, jene zusammengefaßt zu stellen, die eine Relation zur Tag- 
träumerei haben, so mannigfaltig auch ihre formalen Eigenschaften sein 
mögen. Die nahe Verwandtschaft zwischen Dichten und Phantasieren, ja, die 
Identität beider, ist seit langem immer wieder betont worden; sehr ein- 
dringlich und in vielen wesentlichen Punkten in voller Übereinstimmung 
mit den späteren Freudschen Lehren von D i 1 1 h e y. Die Tagträumerei ver- 
dankt ihre Existenz dem unbewußten Wirken verdrängter, im wesentlichen 
der Ödipussituation entstammender, also inzestuöser, infantiler Phantasien. 
Ihre Dynamik und Ökonomie entspricht im wesentlichen den Verhältnissen 



268 Ergebnis und Aufgaben 



beim Traum. Doch waltet die Zensur strenger ihres Amtes, die Tagträumerei 
ist der Realität näher als der Nachttraum. Die Pubertät als Zeit der Neu- 
belebung alter inzestuöser Wünsche bietet auch der Tagträumerei optimale 
Entfaltungsbedingungen. Aber ganz allgemein wird eine Versagung in der 
Realität die Tendenz in sich schließen, die Phantasiewelt intensiver zu 
beleben. Für den Dichter ist es bezeichnend, daß er ein sehr beträchtliches 
Stück seiner libidinösen Befriedigung in den Tagträumereien, also in einer 
Abkehr von der Realität sucht. Indem er aber aus seinen Phantasien sozial 
wertvolle Produkte schafft, seine Dichtungen, gewinnt er auf einem Umweg 
wieder den Kontakt mit der Realität und bleibt vor der weitgehenden 
psychischen Zerstörung bewahrt, die Folge des völligen Abziehens aller 
Libido von der Realität wäre. Diese Anschauungen Freuds wurden in den 
psychoanalytischen Untersuchungen von Hitschmann, Rank, Anna 
Freud, Sachs für einzelne Fragen aus dem Umkreis unseres Problems 
nachgewiesen. Rank zeigt, wie die Jugenddramen sich ausnahmslos und 
offen mit dem Inzestproblem befassen. Er macht für den Abbruch der 
dichterischen Produktion, der sehr häufig gegen Ende der Jugendzeit plötz- 
lich vorgenommen wird, die Unfähigkeit, den Inzestkonflikt zu bewältigen, 
verantwortlich, was Sachs des näheren belegt. Anna Freud zeigt 
ausführlich die Beziehung zwischen Tagträumerei und Romandichtung in 
einem bestimmten Fall und führt die romanhafte Träumerei, die der Produk- 
tion zugrunde liegt, auf eine typische — dem Ödipuskomplex ent- 
stammende — infantile Phantasie, die von Freud so genannte Schlagephantasie 
zurück. 

Man darf, so glaube ich, vorläufig diese Beziehung als gesichert 
ansehen und zu den zahlreichen Fragen übergehen, die sich im einzelnen 
aus dieser Erkenntnis ergeben. Die Produkte, die dieser Gruppe angehören, 
haben nach Inhalt und Form große Ähnlichkeit mit den literarhistorischen 
Gattungen des epischen Gedichtes; der Skizzen, Novellen, Romane; der 
Dramen. Viele von ihnen sind Produktionen dieser Gattung. Andere wären, 
wenn man bei der literarhistorischen Nomenklatur bliebe, sehr schlechte, ja 
miserable, aber doch Angehörige dieser Gattung. Je jünger der Autor 'ist, 
um so geringer pflegen die Ähnlichkeiten zwischen seinem Opus und einem 
Roman, einem Drama zu sein. So besteht ein sehr häufiger Typ von Kinder- 
dramen aus zwei, drei kurzen, oft untereinander gar nicht zusammen- 
hängenden Dialogen einiger, meist zweier Personen, die als Akte bezeichnet 
werden und die unter einem Titel als Drama zusammengefaßt sind. Solche 
Produktionen haben tatsächlich nur eine gewisse äußere Ähnlichkeit mit 
einem Drama, sie sind aber als solches gemeint. Auch bei Autoren der 



Ergebnis und Aufgaben 269 



eigentlichen Pubertätszeit findet man — und zwar gar nicht selten — ganz 
ähnliche Verhältnisse. So ist Karl Kolms Elegie weder das, noch überhaupt 
ein Gedicht, auch ohne -Wertung seiner Qualität. Hier von schlechten 
Gedichten oder Dramen zu sprechen, ist nicht immer am Platz. Es gibt 
Produktionen, die dramaähnlich sind, aber keines sein wollen, daher auch 
kein schlechtes Drama sind. 

Die Erfindung des Inhalts und seine Gestaltung sind in dieser Gruppe 
zwei differente, allemal voneinander scheidbare Prozesse. Ob der Autor 
seinem Stoffe die Gestalt eines Dramas, einer Ballade, einer Novelle gibt, 
mag von welchen Motiven und Bedingungen immer abhängen, anders als 
beim lyrischen Gedicht ist dies eine Angelegenheit der Entscheidung. Die 
ästhetischen Gründe, die einen Stoff ausschließlich etwa zur dramatischen 
Bearbeitung geeignet machen können, gelten für den jugendlichen Autor 
noch weniger als für den reifen Dichter. Manche produzieren nur in einer 
Gattung, andere in allen erdenklichen. Aber nicht die Stoffe als solche 
sind maßgebend. Als weiterer Gegensatz zur lyrischen Dichtung wäre 
festzuhalten, daß in den Produkten dieser Gruppe der Inhalt an 
Bedeutung die Form weit überwiegt. Das Produkt ist also weitergehend aus 
dem individuellen Erleben des Autors determiniert. Die aus ihm nicht völlig 
verständlichen Einschläge der objektiven Sphäre sind gering. 

Der Inhalt aller dieser Dichtungen erweist sich ganz und gar als 
Tagträumerei; er ist allemal analysierbar, ganz so wie jede Phantasie, wie der 
Traum. Er enthält Bestandteile, die Reproduktion eigener Erlebnisse und 
solche, die Reminiszenzen aus der Lektüre sind. Die Verarbeitung, die diese 
Bestandteile erfahren haben, ihre Einarbeitung in das Ganze erfolgt als 
Erfüllung verdrängter infantiler Wünsche, an die sich im Laufe des Lebens 
Ersatzwünsche gebaut haben, die häufig überdeckt sind von Selbstbestrafungs- 
tendenzen, welche dem Schuldgefühl entspringen. Typische Phantasien aus 
dem Kreis des Ödipuskomplexes, im einzelnen noch wenig erforscht, sind 
wohl der zentrale Kern dieser Tagträumereien, die den Inhalt der jugend- 
lichen Produktionen ausmachen. Wo der Inhalt oder einzelne seiner Elemente 
aus der Lektüre — oder sonst aus dem Objektiven — genommen ist, wird 
die Auswahl auf Grund der psychischen Konstellation verständlich. Sie 
geschah nach der Affinität, die der unbewußte Gehalt des übernommenen 
Stoffes zu den eigenen Wünschen hat. 

Aber diese Tagträumereien sind keine Dichtungen. Sie sind deren 
Rohstoff. Sie können zum Rohstoff von Dichtungen werden. Sie bedürfen 
einer bestimmten Bearbeitung; und der Jugendliche bedarf eines besonderen 
Motivs, um diese Bearbeitung vorzunehmen. Die Phantasie ist ein Resultat 



270 Ergebnis und Aufgaben 

stattgehabter Verdrängungen und Libidobindungen. Aus ihr und an ihr 
bezieht das Ich gewisse Befriedigungslust. Solange dies der Fall ist, bleibt 
die Phantasie stabil. Erst neue Ichanforderungen, meist ein neuer Schub von 
Schuldgefühl, verbieten die weitere Befriedigung an der nunmehr verpönten 
Phantasie. Sie erfährt eine Umgestaltung, die den alten Triebzielen eine 
den neuen Zensurverhältnissen angepaßte Befriedigung gestatten soll. Jede 
Verstärkung der phantasiebildenden Wünsche, jede Versagung in der Außen- 
welt wird eine neue Belebung und Wandlung der Phantasien herbeiführen. 
Je mehr, je stärkere Wünsche in die Phantasiewelt eingehen, um so lebhafter, 
mannigfaltiger, andauernder werden die Phantasien sein. Die Phantasien sind 
immer auch narzißtisch; treten sie in innigen Kontakt mit dem Idealich, so 
wird die Phantasiewelt zusammenhängend und vollbewußt gestaltet werden. 
Meist ist dies nicht der Fall; sondern ein großer Teil der Phantasien bleibt 
unbewußt, oder ist durch sehr geringe Assoziationsbande an das Ich geknüpft, 
so daß die Phantasien ein Halbdunkelleben führen. Sie werden ganz all- 
gemein geheim gehalten. 

Die Analyse des Inhaltes einer Produktion wird ganz regelmäßig auf 
diese Phantasien führen, manches von ihm ist durch sie determiniert, an 
einigen Stellen sind Elemente aus ihnen unverändert in den Inhalt 'ein- 
gegangen. Es werden das meistens gerade solche Elemente sein, die im 
Schaffen dieses Autors immer wieder in der gleichen, gelegentlich stereo- 
typen Weise wiederkehren, für ihn bezeichnende Situationen, Gestalten, 
Formeln, Wendungen, Abläufe. Aber all dies werden nur Beimengungen 
sein. Der eigentliche Inhalt besteht nicht aus diesen Phantasien, sondern 
aus deren Verarbeitung. Denn die Erfindung unterscheidet sich vom Phan- 
tasieren darin, daß sie bewußt ist, unter Icherlaubnis steht ; die poetische Phan- 
tasie unterscheidet sich von der funktionellen sozusagen, daß sie nicht geheim 
ist, sondern mitgeteilt wird. 

Das will festgehalten und verstanden sein : soweit eine Dichtung Tag- 
träumerei ist, ist sie mitgeteilte Tagträumerei. Anders als beim lyrischen 
Gedicht gehört die Mitteilung bei der Tagträumerei nicht zum Prozeß selbst, 
sondern ist einer für sich, der zur Tagträumerei hinzukommt. Die Phan- 
tasien, die der Urstoff der Dichtungen sind, brauchen der wörtlichen 
Formulierung nicht für ihre eigene Entwicklung, obzwar gelegentlich solche 
Phantasien sich auch in das Gewand einer Erzählung kleiden können, die 
der Träumer sich selbst erzählt, und sie widerstreben jeder Fixierung und 
Mitteilung. Soviel ich sehe, sind es zwei Bedingungen, unter denen sich 
dies Verhalten verändert. 1. Die Phantasien erhalten eine Adresse. Dies ist 
insbesondere bei den Rache- (Straf-) Phantasien und Werbungsphantasien der 



Ergebnis und Aufgaben 271 



Fall. Sie sind an jemanden Bestimmten gerichtet; aber der eigentliche 
Adressat bleibt unbewußt, er ist eine Person aus der individuellen Ödipus- 
tragödie. Sehr oft ist auch keine Ersatzperson bewußt gegeben, sondern 
bloß ein unbestimmter Mitteilungsdrang; — so wie wir gelegentlich den Drang 
verspüren, uns einen bestimmten (Nacht-)Traum zu merken, ihn einer 
bestimmten Person, oder auch der ersten besten, jedermann zu erzählen, 
während wir sonst unsere Träume rasch und gern vergessen, sie jedenfalls 
nicht für mitteilenswürdig halten. Wir werden in diesem Ausnahmsfall finden, 
der Traum sei besonders lebhaft, aufregend, komisch, schön gewesen und 
unseren Mitteilungsdrang damit rechtfertigen. 2. Wenn das Ich mit ver- 
botenen Phantasien und ihrem Genießen schwer zu kämpfen hat, so kann 
es eine bestimmte Phantasie wegen der in ihr besonders gelungenen Ent- 
stellung des Verpönten bevorzugen, herausheben, als „schöne Geschichte" — 
im Fall, den Anna Freud publizierte — fixieren und sie sozusagen als 
Kampfmittel gegen die ichfeindlichen Tendenzen verwenden. Durch die 
Produktion, Fixierung, Mitteilung solch schöner Geschichten beschwichtigt 
der Autor das Schuldgefühl, das seine anderen, weniger schönen Geschichten 
ihm erwecken. In diesen beiden Fällen gehört die Mitteilung funktionell zur 
Träumerei, so wie der Ausdruck zur Stimmung. 

Bei dieser Konstellation entstehen die „schönen Geschichten", die 
poetischen Phantasien. Sie enthalten bereits — funktionell verständlich — 
eine Anzahl von Gestalts- und Formelementen. Sie werden nämlich eine der 
epischen Dichtung, Ballade, Elegie, Novelle, dem Roman ähnliche Gestalt haben. 
Und eine Reihe Charakteristika der poetischen Form dieser Dichtungs- 
gattungen wird dadurch gegeben sein, daß die Phantasie als solche mit 
ihren spezifischen Eigenschaften mitgeteilt werden soll. Was bei der Mit- 
teilung eines Schlaftraumes die Einleitungsformel „Heute habe ich folgenden 
sonderbaren Traum gehabt" leistet: phänomenal die Differenzierung von diesem 
Gebilde als einem Fremdartigen, als einer Nicht-Ichleistung, unbewußt die 
Identifizierung mit den treibenden Wünschen, das ist durch die poetische 
Form erreicht, die dieselbe Distanzierung — Verbannung in eine Phantasie- 
welt — und Identifizierung — als persönliche Leistung — erreicht. Es würde 
sich wohl lohnen, einmal die poetische Form daraufhin zu untersuchen, wie 
weit sie Mitteilung des spezifischen Phantasie-, Träumereicharakters ist — 
hier muß die Andeutung genügen. 

Ein sehr beträchtliches Kontingent der epischen Jugenddichtungen 
gehört hierher. In erster Linie der Roman, die Novelle. Er besteht aus 
solchen schönen Phantasien, die ihr Zentrum durch den Helden erhalten. 
Der Held der Jugendnovelle (Roman) ist der Autor selbst, im Sinne seines 



i 



272 Ergebnis und Aufgaben 



Idealichs dargestellt. Insoweit gehört die Novelle zu den Werbungsphan- 
tasien. Der Autor wirbt für sein Idealich, für sich selbst demnach, um Mitleid, 
Sympathie, Achtung, Liebe. Die Fixierung und Mitteilung ergibt sich aus 
der Phantasie selbst. Gerade die spätere Pubertät, in der die Errichtung des 
Idealichs und der Kampf zwischen ihm und dem Ich die zentrale Rolle 
spielt, wird reichliche Motive und optimale Bedingungen für Produktionen 
dieser Art bieten. Sie werden nicht selten, gemessen an den Normen der 
poetischen Gattungen, denen sie ähnlich sind, erstaunlich unvollkommen 
sein. Es liegt das vielleicht weniger an der Unfähigkeit des jugendlichen 
Autors, als an seiner Interesselosigkeit, seinem Unverständnis für die Form- 
notwendigkeiten, so weit sie über das Funktionelle hinausgehen. 

Nicht leicht dürfte eine epische Dichtung Jugendlicher zu finden sein, 
bei der die funktionellen Momente nicht mitbeteiligt sind. Aber ebenso- 
wenig dürfte eine ganz aus ihnen verständlich sein. Die Fixierung und 
Mitteilung (Verbreitung) verlangt bei dieser Gattung ein gewisses Maß von 
Arbeit, das im allgemeinen, soll es geleistet werden, eines besonderen 
Motivs bedarf. Dieses ist in dem Wunsch zu schaffen, Dichter zu sein, 
fast immer beigestellt. Und einmal mitwirkend, determiniert dieses Motiv 
nicht nur die Verbreitung (Mitteilung) und Fixierung, sondern auch Formung 
und Gestaltung, ja, gelegentlich die Erfindung. 

Der Wunsch zu schaffen entsteht nicht in der Pubertät. Er reicht in 
die früheste Kinderzeit zurück, in die narzißtischen, magischen, analen Ein- 
stellungen vor der Ödipuszeit; hat sich in ihr zum Wunsch ein Kind zu 
produzieren konzentriert, und nach dem Untergang des Ödipuskomplexes 
in die zahllosen Aktivitäten und Phantasien der Latenzperiode aufgesplittert, 
am reinsten, primitivsten, den unbewußten Ursprüngen am nächsten, im Spiel 
und den spielerischen Tätigkeiten, die eine gewisse Verwandtschaft zu den 
Künsten — vom Tanz bis zur bildenden Kunst — aufzeigen. In der Pubertät, 
die ganz allgemein Umbau auf Grund von Regressionen ist, erfährt auch 
dieser Wunsch seine Neubelebung, seine neue Einordnung. Der mit dem 
Ödipuskomplex untergegangene Wunsch zu zeugen (zu gebären) sollte, nach 
biologischer Norm und sozialer Forderung, nun mit der beginnenden Sexual- 
reife wieder — und wäre es auch recht allmählich — erweckt werden. Jenen 
komplizierten Pubertätsformen, die uns allein hier beschäftigen, weil sie allein 
Produktivität entfalten, pflegt aber eine so gründliche Verdrängung der 
frühinfantilen Wünsche, ein so mächtiger Schutzbau gegen sie voraufgegangen 
zu sein, daß mit dem Fortschreiten der Pubertät eine stetig zunehmende Ent- 
fernung von den nun auf neuem Niveau zu bejahenden Kindheitswünschen 
eintritt. Kam die Katastrophe in der frühen Kindheit, weil das Kind psychisch 



Ergebnis und Aufgaben 273 



seinem sozialen, physischen Vermögen weit vorausgeeilt war, so treten die 
Wirrungen der Pubertät ein, weil der Jugendliche nicht konform seiner 
physischen (und sozialen) Reife psychisch vorschreiten will. Er ist indessen 
unfähig geworden, die alten Kinderwünsche zu realisieren. Er hat Angst vor 
dem Zeugen (Gebären) und will schaffen. Das kindliche Schaffen (Spielen) 
kann aber nicht fortgesetzt werden oder nur dann, nur so weit, als es den 
beginnenden, das ganze Ich organisierenden Persönlichkeitsforderungen ent- 
spricht. Die Kinderspiele werden abgebrochen, wenn sie nicht in einen neuen 
Ernstzusammenhang eingereiht werden können. Die Kinderphantasien werden 
verdrängt oder bekämpft, wenn sie nicht den neuen Ichfunktionen sich ein- 
gliedern können, wenn sie nicht in den Dienst der Idealichansprüche treten 
können. Zugleich sind die Bedingungen günstig für das Wuchern von Phan- 
tasien und Stimmungen, und die Regressionen ins Narzißtische, Animistische, 
Anale beleben die Bedeutung des Wortes, des Bildes, des Gedankens, die 
Neigung mit ihnen zu „spielen". Das Spiel wird zum Schaffen und Leisten, 
wenn es in das Ziel: Dichter eingereiht wird. Das ist einer der entscheidenden 
Gründe, warum der Dichter ein bevorzugtes Ichziel der Pubertät, wenigstens 
der gestreckten, genialischen, ist. 

Ist das Ziel, Dichter zu werden, in das Ichideal (oder ins Ich) auf- 
genommen, so kann sich die Erfindung reichlich und intensiv an den eigenen 
Erlebnissen, den vorgefundenen Stoffen und den eigenen Phantasien betätigen. 
Sie hat Raum gewonnen, es stehen ihr Interesse und Kräfte in beträchtlicherem 
Maße zur Verfügung. Gestaltung und Formung wird nun Erfindungen gewährt, 
die funktionell nicht zur Mitteilung, nicht zur Gestaltung und Formung drängen. 
Der Wunsch zu schaffen, und die ihm zur Verfügung stehenden libidinösen 
Kräfte — durch die Pubertätsregressionen verstärkt und vertieft — suchen 
ihre Befriedigung an poetischen Objekten unter der Patronanz des Ichziels. 
Und es werden nun Dichtungen gemacht, geschaffen. Jugendliche Autoren 
gibt es, bei denen dieses Verhältnis besonders deutlich zu studieren ist: 
sie verhalten sich wie die Dichter unter den Kindern in der Vorpubertät 
oder späten Latenz. Sei es, daß ihr spontanes Phantasieleben sehr arm ist, 
oder daß es unter starkem Verdrängungsdruck steht, — sie verwenden nicht 
ihre eigenen Erlebnisse und ihre Phantasien zu Dichtungen, sondern sie 
suchen Stoffe in der Geschichte und Literatur, gegebenenfalls auch im Leben 
der sie umgebenden Menschen, um daraus Dichtungen zu machen. Hier ist 
die Funktion der Tagträumerei und die mit ihr gegebene Gestalt und Form 
vom Dichten getrennt. Am häufigsten ist dies in der Vorpubertätsdichtung der 
Fall ; ist aber nicht vom Alter, sondern von einer — freilich vom Alter meist 
abhängigen — Gesamtsituation determiniert. So weit der Wunsch zu schaffen 

18 



274 Ergebnis und Aufgaben 



den Produktionsprozeß determiniert, wird der Autor der Gestalt und Form 
seines Produktes ein starkes Interesse und ein gewisses Bemühen widmen. 
Er wird je nach den anderen Gegebenheiten seiner Person Vorbilder nach- 
ahmen oder sich mit den ästhetischen Normen identifizieren, die er an den 
Dichtungen der objektiven Sphäre wahrnimmt. Er wird seine Produkte so 
gestalten und formen, daß sie geeignet sind, neben die ihm bekannten 
Dichtungen in die objektive Welt der Dichtung einzutreten. In vielen Fällen 
verknüpft sich das gerichtete Dichten innig mit dem funktionellen ; dann wird 
dieses mannigfaltiger und umfangreicher; die funktionell adressierten Erfin- 
dungen werden an einen allgemeineren Adressaten gerichtet: das Publikum, 
die Leser, die Menschheit. Phantasien und Erfindungen, die funktionell nicht 
zur Mitteilung drängen, werden nun trotzdem durch Gestaltung und Formung 
für die Mitteilung geeignet gemacht. Und vor allem das Produkt als solches 
wird libidinös besetzt, das Werdende sowohl wie' das Fertige. Es wird zum 
Liebesobjekt, kann man in extremen Fällen sagen ; aber in keinem Fall 
werden Spuren solchen Verhaltens zu vermissen sein. Sorge, Sorgfalt, Liebe, 
Hingebung, Arbeit, Phantasien knüpfen sich an das Produkt ; es erhält Wert, 
Bedeutung, wird geschätzt, ja überschätzt, wie jedes Liebesobjekt. Die Scham, 
die dieses Verhalten oft überkleidet, die Bemühung, diese Liebe zu ver- 
drängen, der Haß, der oft dem Produkt gewidmet wird, die Gleichgültigkeit, 
durch die es im Bewußtsein repräsentiert ist, das alles kann diesen Tatbestand 
nicht verdunkeln, im Gegenteil, es macht ihn erst recht hell und deutlich. 
Das Produkt ist des Autors wahres Geisteskind. Sein Kind, sein Gemachtes, 
Geborenes, für sein Unbewußtes. Alle narzißtische Liebe — Stolz — und alle 
Folgen des Schuldgefühls, die mit dieser Geburt (Zeugung) verknüpft sind, 
richten sich auf das Produkt, gehen von ihm aus. Manches paradoxe Ver- 
halten wird von hier aus verständlich. Zahlreiche, nicht selten schwere 
Konflikte entspringen diesen komplizierten Verhältnissen. 

Das Schwergewicht muß aber nicht auf dem Wunsch zu schaffen liegen, 
es kann auch im eigentlichen Sinn des Wortes dem Wunsch Dichter (Schrift- 
steller) zu sein zukommen. Dann wird dem Fixieren und Verbreiten eine 
besonders wichtige Rolle zukommen. Publikation, Reinschrift, Vorlesen, 
Anerkennung, Ruhm, Kritik in Lob und Tadel, Replik und all dergleichen 
mehr wird einen beträchtlichen Raum im Leben eines solchen Autors ein- 
nehmen. Auch dieser Typus kommt zuweilen in extremer Ausprägung vor. 
Ihm ist das Schreiben, Gedruckt-, Gelesensein wichtiger als das Erfinden, 
Gestalten und Formen. Manche von diesen sind hart ans Psychotische 
grenzende Vielschreiber und sind in argem Widerspruch mit der Umwelt, 
was den Wert ihres Tuns und ihrer Leistung angeht ; sie helfen sich leicht durch 



Ergebnis und Aufgaben 275 



eine Schwäche der Realitätsprüfung. Man muß sich die Beziehung zwischen 
dem Ichziel und dem tatsächlichen Tun beim Jugendlichen nicht als gar 
zu eng vorstellen. Das Ziel, Dichter zu werden, kann in ganz loser 
Beziehung zu dem Wunsch zu schaffen stehen ; tatsächlich nur darin z. B., daß 
jenes diesem Freiheit gewährt, ohne daß sonst irgend ein Bemühen bemerkbar 
würde, es darüber hinaus zu realisieren. Und es kann auch umgekehrt 
jenes Ziel für sich, beinahe selbständig gemacht, versuchen, sich halluzinatorisch 
wunschphantastisch oder illusionistisch zu realisieren, indem es Hefte mit 
„ Sämtlichen Werken" vollschreibt. Trotzdem aber pflegt ein starker Wunsch zu 
schaffen, wenn er einmal auf die Produktion von „poetischen Kindern" gelenkt 
ist, das Dichterideal zu mehr zu beleben als zu einer patronisierenden Instanz. 
Vor allem dürfte dafür eben jene narzißtische Besetzung des Produktes ver- 
antwortlich zu machen sein. Denn das hochgeschätzte (überschätzte) Produkt 
strahlt auf seinen Schöpfer zurück. Der Autor der bedeutenden Dichtung 
erscheint sich selbst als sehr bedeutend. Die starke Besetzung des Ichs und 
seiner Leistung neigt zu Wahnbildungen, Größenideen. Ist die Realitäts- 
prüfung aber intakt, soll sie ungeschädigt bleiben, so muß dieser Wahn 
durch eine Bestätigung von seiten der Welt, deren Repräsentanten die 
beurteilenden Leser sind, gerechtfertigt werden. 1 Dieser Wunsch nach Anerken- 
nung findet seinen sozial zulässigsten Ausdruck im Ziel, Dichter zu werden, 
was ja auch heißt, als Dichter anerkannt zu werden. 

Ich bin weit entfernt davon, die Psychogenese des Dichterideals im 
Jugendlichen aufklären zu können. Wir gelangen hier wieder an die Grenze 
unseres heutigen psychologischen Wissens, indem wir, wie so oft, bei dem in 
Rede stehenden Thema, die Frage nach den Berührungen zwischen den kollektiven 
Normen, Idealen — der objektiven Sphäre — und dem individuellen Erleben 
streifen. Der Dichter erfüllt eine bestimmte soziale Funktion und erfreut 
sich — als Abstraktum — einer bestimmten Art Wertschätzung in der Gesell- 
schaft. Und diese Wertschätzung überträgt sich auf das heranwachsende 
Individuum, ohne daß wir im einzelnen sagen könnten, auf welchem Weg, 
ohne daß uns auch die Individualanalyse eines einzelnen Mitgliedes dieser 
so wertschätzenden Gesellschaft ausreichende Einsicht in die Entstehung und 
Entwicklung dieser Schätzung böte. In den psychischen Bedingungen des 
Einzelnen, in den konkreten Wirkungen der ihn beeinflussenden Menschen, 
Bücher, Institutionen ist ein Kern sichtbar, um den sich auf noch nicht 
näher analysiertem Wege das psychische Gebilde von Konventionen, Tradi- 
tionen, allgemeinen Verhaltungsweisen, Anschauungen aufbaut. Das Kind 



» Rank, Der Künstler. 

18* 






276 Ergebnis und Aufgaben 



wächst in diese objektive Sphäre hinein, nicht nur in ihr auf, es nimmt sie 
in sich auf. Von der Psychogenese dieses individuellen Kernes des Dichter- 
ideals (Wunsches, ein Dichter zu werden) haben wir bereits einiges auch erwähnt. 
Man wird noch mehrere Faktoren hinzufügen dürfen : die Schule vor allem, 
in der das Kind eigentlich erst erfährt (wenn nicht seine Eltern den Gebildeten 
angehören), daß Geschichten, Lieder, Bücher ihren Verfasser haben und eine 
gewisse hohe Schätzung für die Person einiger solcher Verfasser wenigstens 
übermittelt wird. Wichtiger ist aber vielleicht das Erlebnis des Kunstgenusses. 
(Wir wollen nicht penibel sein, und Karl May und auch die schlechtere 
Literatur noch zur Kunst und Dichtung zählen, wir müssen dies wohl in 
einem Zusammenhang, in dem wir die unbegabteste Reimerei eines Kindes 
als Dichtung bezeichnen.) Das Kind pflegt sich nicht um den Autor zu 
kümmern. Ihm wird der Held imponieren, mit ihm wird es sich identifizieren 
wollen und nicht mit dem Autor. Trotzdem kann — und wird wohl recht 
häufig — schon vor der Pubertät eine Beziehung zum Autor' hergestellt 
werden. Am ehesten beim Theaterstück. Hier ist dem Kinde, aber 
auch noch dem Jugendlichen, Held, Schauspieler und Autor eins. Insbesondere 
zwischen Autor und Schauspieler wird es wohl nicht scharf unterscheiden. Es 
erlebt eine Erschütterung, es will das auch machen und wird oft genug so 
Held, Schauspieler und Autor in einem. Schauspieler ist nicht weniger als 
Dichter, ein Ideal des Pubertätsichs, und der dramatischen Produktion des 
Jugendlichen bleibt meistens dauernd ein aktivistischer Zug. Das gedichtete 
Drama ist ein, faute de mieux, in die Phantasie verschobenes Tun. Neben 
dem Theater aber ist es der Abenteurerroman vom Robinson bis zum May, 
bei dem die Identifikation mit dem Helden schnell und leicht zur Identifi- 
kation mit dem Autor wird. Denn nur selten vergißt der kindliche und 
jugendliche Leser, daß dies Gelesene kein Wirkliches ist. Dem Autor kommt 
ein Sück des Heldenhaften, dem Helden eine Nuance des Bloß-Erdachten zu. 
Und eine intensive, über die Lektüre hinausdauernde Identifizierung mit dem 
Helden macht den kleinen Helden zum Autor. Er wird nicht selten beginnen, 
solche Geschichten von sich selbst seinen Freunden zu erzählen und ist 
dann Held und Autor geworden. So mag häufig genug schon die Vor- 
pubertät, die noch kein ästhetisches, historisches oder sonstiges intellektuelles 
Interesse für den Dichter hat, zu einer affektiven Wertschätzung des Dichters 
gelangen. Der Dichter wird zum Helden. In einem gewissen Grad hat 
tatsächlich die Dichterverehrung der Gesellschaft etwas von Heldenverehrung 
an sich. Erwacht dann in der Pubertät das Verständnis für die Dichtung im 
engeren Sinn, indem Lyrik, das große Drama und der literarische Roman zu 
Erlebnissen für den Jugendlichen werden, erweitert sich diese vorbereitete 









Ergebnis und Aufgaben 



277 



Vorstellung vom Dichter als einem Helden. Sie korrigiert sich, ohne ganz 
verloren zu gehen. Ja, sie kann sich nunmehr erst recht bilden. Denn 
was das Unbewußte des Lesers in der Dichtung anspricht, ist ihr 
unbewußter Gehalt. Die — im Inzestuösen — wurzelnden Konflikte des 
Lesers sind hier, in irgend einer Weise, gelöst. Und die Lieblings- 
dichtungen der Pubertät sind Sturm- und Drangwerke : Vatermord-Epopöen, 
Inzestdramen. Ihre Dichter sind die gewaltigen Befreier und Täter: 
Helden. In der Literatur findet der Jugendliche auch seine Waffen für den 
geistigen Kampf gegen die Eltern, die Elterngeneration. In der Dichtung 
schließlich findet er Trost; sie erzeugt die lyrischen Stimmungen, die 
nicht spontan auftreten wollen, fördert und vertieft die schwachen. Der 
Dichter wird so dem Jugendlichen zum mütterlichen Tröster. 

Das Dichterideal bedeutet also den gewaltigen, gewalttätigen Täter 
ebenso wie den zarten, feinen, empfindsamen, liebevollen Tröster. Beides 
zusammen kann in das Ideal des Jugendlichen eingehen, oder auch nur 
eines der beiden Elemente. Ein Unterschied, der sich an vielen Punkten 
des Dichtens deutlich bemerkbar machen dürfte. Die weibliche Seite des 
Ideals ist, so scheint mir, zu wenig beachtet. Darum, nicht weil ich sie 
überschätze, will ich noch darauf hinweisen, daß viele, und zwar sehr 
bedeutende Dichter, von sich wie Goethe sagen könnten, sie hätten vom „Mütter- 
lein die Lust zu fabulieren." Und auch die früheste Bekanntschaft, die das 
Kind mit der Dichtung macht, wird ihm vorzugsweise durch die Frau ver- 
mittelt: das Märchen. Sollte es ein Zufall sein, daß bei vielen Völkern die 
Märchenerzählerin katexochen Mutter, Großmutter ist? Sicher aber lernen 
unsere Kinder das Märchen als eine Schöpfung der Frau kennen, der 
Mutter, Amme usw. Und wenn das Kind beginnt, selbst Märchen zu 
phantasieren, so setzt es sich an Mutters Stelle, produziert, was sie vor- 
her, wie sie vorher schuf. Für das Unbewußte behält alles Schaffen zeit- 
lebens den Nebensinn des Gebarens, der weiblichen Funktion. Der Konflikt 
um die Mutteridentifizierung ist ein sehr bedeutsames Merkmal jener 
Pubertätsformen, die optimale Bedingungen für die dichterische Betätigung 
bieten. 

Die Existenz einer Produktion, die aus dem funktionellen Dichten 
nicht verständlich zu machen war, kann aus den Motiven, Wunsch zu 
schaffen und Dichterideal, erklärt werden. Für die konkrete Form aber solcher 
Produktionen sind diese Motive keine speziellen Determinanten. Sie vermögen 
uns nur aufzuklären, warum der Autor seinem Werk überhaupt eine Form 
gegeben hat, und warum seine Formgebung sich mehr weniger den kon- 
ventionellen poetischen Formen anschließt. Die speziellen Determinanten 



278 Ergebnis und Aufgaben 



der poetischen Form sind noch nicht zu geben. Für die Gestalt der 
Dichtung, im weiteren Sinn des Wortes auch ein Formmerkmal, habe ich 
allerdings versucht, eine Determinante aufzuweisen. Die Wahl der poetischen 
Gattung scheint darnach beeinflußt zu sein durch die — im übrigen noch 
nicht klarzulegende — Affinität, die das Drama für den Jugendlichen 
wenigstens zum Vatermord als Tat hat, während die Novelle (der Roman) 
vorzugsweise — vom Jugendlichen spreche ich hier — gewählt wird, wenn es 
gilt, den Zustand vor und nach der Tat, unter Vermeidung der Darstellung 
ihrer selbst, zu erzählen. Zu erwähnen wäre dann noch etwa der Eindruck, 
als eignete sich Lyrik und Novelle besser als das Drama für Werbungs- 
tendenzen. Sie stellen den Autor dem Liebesobjekt als ichidealgemäßes 
Objekt werbend dar. Dieses sei nun Mutter, Geliebte, Freund und dessen 
und deren aller Verallgemeinerung: Publikum. Während das Drama, der 
Aktion näher, als unbewußten Adressaten den Vater haben mag. Das 
lyrische Gedicht soll gefallen; das Drama soll erschüttern, vernichten. Die 
Epik steht mitten drin, im Roman der Lyrik, in der Novelle dem Drama 
näher. So wäre ich versucht, heuristisch zu formulieren. 

Der Ausgangspunkt der bisherigen Betrachtung war das Produkt. Sie 
hat uns aber selbstverständlich immer wieder zum Produktionsakt geführt. 
Und es wurde so über dessen Motive und Mittel eine gewisse Übersicht 
gewonnen. So viel als im Rahmen einer Psychologie des dichterischen 
Schaffens vielleicht angebracht ist; denn diese mündet natürlich in die 
Psychologie der Phantasie. Heute noch Aufgabe der Wissenschaft, deren 
Resultate nicht nebenbei vorweggenommen werden können. Zwei Ergänzungen 
zum Bisherigen sind von den vielen nötigen möglich: 1) Welche Triebe 
sind am dichterischen Produzieren beteiligt, und welches sind ihre Schick- 
sale? Wenn die hier zusammengefaßt vorgetragenen Annahmen, meine 
eigenen und die der anderen, richtig sind, so bietet die Antwort keine 
Schwierigkeit. Das funktionelle Dichten ist Sexualtriebbetätigung. Die Stimmung 
so gut wie die Träumerei ist Folge von Zurückdrängung und Verdrängung, die 
Sexualtriebkomponenten erfahren (Stimmung), oder erfahren haben (Träumereien). 
In beiden Fällen ist der Stoff entstellte Wiederkehr des Verdrängten. 
Erfindung, Gestaltung, Formung, Fixierung und Vertreibung, soweit sie 
sich rein funktionell ergeben, sind Leistungen, die dem Sexualtrieb durch 
die Zensuren des Ich abgezwungen werden. Es sind Ersatzbefriedigungen, 
die verdrängte Sexualtriebkomponenten sich suchen. Der Befriedigung, die daher 
stammt, gesellt sich wohl im einfachsten Fall ein Stück narzißtischer Lust 
am Produkt und an dem Ichsieg, der mit der gelungenen Verdrängung 
errungen wurde. Je mehr aber Elemente des gerichteten Dichtens sich bei- 



Ergebnis und Aufgaben 



279 



mischen, um so mehr Ichkräfte sind am Produktionsakt beteiligt. Die 
Bearbeitung, die die Phantasien in Erfindung, Gestaltung, Formung erfahren, 
wenn diese unter dem Wunsch, Dichter zu sein, geschehen, beansprucht Ichkräfte; 
die Lust, die sie bietet, ist zum guten Teil narzißtisch. Ich habe die 
Bearbeitung, wenn sie unter dieser Bedingung geschieht, die tertiäre 
genannt, um sie von der sekundären Bearbeitung zu unterscheiden, die 
.lach Freud nötig war, um die Phantasien als solche bewußtseinsfähig zu 
machen. Die tertiäre Bearbeitung macht die bewußtseinsfähigen Phantasien 
zu poetischen, zu Produktionen. Zur Bewältigung dieser Aufgabe mag 
regelmäßig eine Anzahl von unverdrängten Sexualtriebkomponenten heran- 
gezogen werden, die im Dienste des Ichtriebes sich an einem abgelenkten 
Ziel (dem entstehenden und fertigen Produkt) betätigen. Soweit fände auch 
Sublimierung — im engsten Wortsinn — beim Produktionsprozeß statt. 
All diese mannigfaltigen Befriedigungen von Sexualtriebzielen und Ich- 
wünschen unter Zustimmung des Idealichs im Sinne der Gesamtentwicklung 
der Pubertät werden bei ungestörtem Ablauf gewonnen und phänomenal als 
„Glückseligkeit des Schaffens" erlebt, von der leichten Entspannung und Er- 
regungserleichterung bis zum Taumel, der an das Manische grenzt. Jede Störung 
in diesem komplizierten Aufbau wird als Produktionshemmung erfahren, als 
Lustlosigkeit, von der leichten Mißstimmung bis zur tiefen Depression, die an 
die Melancholie grenzt. 

Nicht unwichtig ist, die Aufgabe. 2.) neben, über dem einzelnen Produkt, 
dem einzelnen Produktionsakt, das dichterische Verhalten als Ganzes im 
Zusammenhang des gesamten psychischen Verhaltens zu studieren. Ich muß 
mich begnügen, die Aufgabe zu stellen; denn wo die empirischen Grund- 
lagen nahezu völlig fehlen, hat die hypothetische Konstruktion keinen Wert, 
wenn sie reich an Details sein will. Und darauf käme es hier an, wo es 
sich um eine charakterologische Aufgabe handelt. Wie fügt sich das 
dichterische Verhalten in den Charakter ein, wird er durch diese Tätigkeit, 
durch die Fähigkeiten, die ihr zugrunde liegen, mitgestaltet? Wie färbt 
andererseits eine bestimmte charakterologische Struktur auf die poetische 
Produktion ab? Sinnvoll sind solche Fragen nur, wenn die poetische 
Produktion nicht nur durch Summierung isolierter Akte zustande kommt, 
sondern sich auch im Gesamtverhalten des Individuums ausprägt. Ich möchte 
nachdrücklich darauf hinweisen, daß dem so ist. Nicht der jugendliche 
Gelegenheitsdichter, wohl aber der funktionell Dichtende, und in höchstem 
Maße der gerichtet Dichtende erlebt vieles, im extremen Fall, alles anders 
als der nicht Dichtende. Die poetische Stimmung, die poetische Phantasie ist 
in vielen Situationen auch gegeben, die nicht zur Gestaltung führen. Es gibt 



280 Ergebnis und Aufgaben 



Jugendliche, die immer oder in einem frühen Zeitpunkt auf alles Schaffen, 
und auch solche, die selbst auf alles Erfinden, Gestalten und Formen, 
soweit es sich aus dem Schaffenswunsch ergibt, verzichtet haben, die aber 
in ihrem Fühlen und Erleben optimale Produktionsbedingungen besitzen. 
Dieser Verzicht kann auch einmal bewußt, absichtlich beschlossen worden 
sein, meist wird er phänomenal nicht als Verzicht, sondern als Unfähigkeit 
oder auch gar nicht gegeben sein. Es fällt diesem letzteren gar nicht ein, 
selbst zu schaffen. Er befriedigt sich an der Kunst, die die anderen schufen. 
Ein extremer Gegentypus produziert, ohne daß sein Erleben außerhalb der 
Sphäre seines Produzierens irgend etwas von poetischer Stimmung und Träumerei 
aufwiese. Sogar ein Teil seiner Produktionen kann ohne diese — im 
engeren Sinne des Wortes — entstehen. Es wäre reizvoll, diesen manchmal 
recht subtilen Spezifizis des Erlebens nachzugehen, und ihre dynamisch- 
ökonomischen Differenzen aufzudecken. Wir müssen uns in dieser Skizze 
solche Feinheiten verwehren. Sie erhalten erst Wert und Überzeugungskraft, 
wenn sie am Material aufgewiesen werden können. 

In diesem charakterologischen Zusammenhang wäre ferner von der 
Bedeutung zu sprechen, die in sehr verschiedenem Grad dem dichterischen 
Schaffen von differenten Typen in ihrer eigenen Bewertung beigemessen 
wird. Wird man ein tieferes und sichereres Kriterium für die Abschätzung 
dieser Bedeutung suchen, als in den beurteilenden Selbstzeugnissen der 
Autoren vorliegt, so dürfte sich als Maßstab die Größe der Opfer anbieten 
die einer für sein Dichten bringt. Es sind hier materielle Opfer so gut' 
wie der Kampf gegen die Eltern zum Beispiel, die in Betracht kämen 
Aber auch die — meist unbewußten — Gleichungen, die vorgenommen 
wurden, etwa von der Art: Entweder ich schaffe ein großes Werk — oder 
ich heirate, werde Philister und zeuge; oder auch: meine Geliebte ist mein 
Gedichtheft, werden aufschlußreich sein. Zweifellos wird sich in nicht 
seltenen Fällen zeigen, daß die Dichtung an Stelle der realen Liebeswelt 
steht, der Dichter in seiner realen Liebesfähigkeit herabgesetzt ist, so sehr 
man dies vielleicht als paradox empfindet, da doch gerade die Dichter 
nicht müde werden, und die jugendlichen am wenigsten, von der Tiefe und 
Leidenschaft ihrer Liebe zu sprechen. Wir wissen, daß sie werbend von 
ihrem Idealich sprechen, nicht von ihrem realen, und daß sie doch die volle 
Wahrheit aussprechen, weil sie ihre inzestuöse Liebe meinen. Die Ver- 
ankerung narzißtischer Einstellung im Schaffen, der Anspruch auf Ruhm, 
Glauben, Liebe, der auf die Leistung gegründet wird, unbewußt gespeist 
aus infantil narzißtischen Quellen, ist für manchen Typus jugendlicher 
Dichter bezeichnend und bildet eine unübersehbare Fülle verschiedener 



Formen, je nach den Verarbeitungen, die diese triebhaften Einstellungen 
durch das Ich erfahren haben. Daß auch charakterologische Eigenheiten, wie 
zum Beispiel Geiz und Verschwendungssucht, dem produktiven Verhalten 
ein gewisses Gepräge geben werden, ist von vornherein zu erwarten ; sind 
diese Eigenschaften des Charakters doch Niederschläge der Libidoschicksale, 
die sich an der gleichen Libido auch zeigen dürften, wenn sie am abge- 
lenkten Objekt sich betätigt. 

Eingangs habe ich die Möglichkeit einer Typik in Frage gestellt. 
Nun ist wohl deren Unmöglichkeit auf unserem jetzigen Wissensniveau zum 
mindesten außer Frage gestellt. Wir wollen aber versuchen, durch ein 
anderes Ordnungsprinzip die verwirrende Fülle in eine Art Notübersicht 
zu bringen, und wäre es auch auf Kosten der Lebensnähe, also schematisch. 
Als solches Prinzip böte sich sehr geschickt die Chronologie der Psycho- 
genese aller einzelnen Faktoren und Elemente dieses Ganzen — wenn 
man nur nicht vergessen wollte, daß die konkrete Wirklichkeit sich oft 
erlaubt, manche Stufe zu überspringen, gelegentlich sogar das Oberste 
zu unterst kehrt und insbesondere die nur sehr annähernd geltende Zuordnung 
psychischer Entwicklungsstufen zu bestimmten Lebensjahren beachtete. 
Immerhin, es führt eine Art Treppe von den frühesten, den primitivsten, 
das ist den undifferenziertesten, Leistungen zu den spätesten, den kompli- 
ziertesten, das ist differenziertesten, Leistungen. Man kann die Treppe 
ordentlich und langsam Stufe für Stufe hinaufgehen, man kann sie in den 
wunderlichsten Sprüngen und Tempis nehmen, aber man muß doch diese 
Stufe zuerst und jene zuletzt berühren. 

Unsere Treppe beginnt sehr tief unten. . Das Sprechenlernen mit all 
seinen Wortspielen und -Schöpfungen, mit den Urkeimen der poetischen 
Formen (Rhythmus, Reim, Refrain) wäre die erste Stufe. Auf ihr werden 
formale Vorbedingungen alles Dichtens erworben und Elemente geschaffen, 
die bis in die höchsten Formen der Dichtung und dem Dichten unverloren 
bleiben. Es ist die Stufe des isolierten Wortzaubers, könnte man sagen, der 
isolierten Formelement-Bildung, -Freude). Es folgte als zweite Stufe die 
Entwicklung der Märchenphantasie: Die Verdichtung der Ansprüche der 
untergehenden analen, magisch - narzißtischen Welt des kleinen Kindes 
mit den Ansprüchen der aufziehenden Ödipussituation in Phantasien vom 
Märchentypus. Wobei es völlig gleichgültig ist, ob diese Phantasien, wie 
wohl meistens, vor allem reproduktiv, oder, wie sicher zuweilen, eigentlich 
produktiv sind. Die Erwerbungen dieser beiden Stufen können drittens — 
als Symptome der verdrängenden Bearbeitungen am Ödipuskomplex — zu einer 
ersten richtigen Periode poetischer Produktion zusammengefaßt werden. Es ent- 



j 



282 Ergebnis und Aufgaben 



stehen geformte Phantasiegebilde im 3. — 5. Lebensjahr. Vielleicht mußte der 
kleine Antäus sich die Kraft dazu durch eine verfrühte kurze Berührung 
des Bodens der vierten Stufe holen. Hier wird der Kind-(Gebär-) Wunsch unter 
dem Druck des untergehenden Ödipuskomplexes, der aufkeimenden Kastrations- 
angst, vielfältig zielabgelenkt in differente spielerische Tätigkeiten getrieben. 
Schaffensspiele und wuchernde originale (funktionelle) Phantasien wachsen. 
Dies ist für die Vorlatenz, 4.-6. Jahr etwa, bezeichnend. Fünf tens. DieLatenz- 
periode bringt ein Erstarken des Ichs ; erste Ansätze, alles Tun vom Ich 
her zu organisieren; erste Ichziele. Dies Erstarken geschieht durch Identifi- 
kation mit Erwachsenen. Die Realitätsprüfung schafft eine gesonderte Spiel weit, 
in die Phantasie und Produktion gebannt werden. Aber gerade die Neigung zu 
Identifikationen gibt Gelegenheit zu einer Art poetischen Produzierens : 
gelegentlich verfällt ein Kind darauf, eine Zeitlang zu dichten, zu schreiben, 
gar eine Zeitung zu machen oder Theater zu spielen. Im Ganzen aber 
dienen diese Jahre dem Erwerb von Kenntnissen — und bereiten so eine 
breitere Basis für künftige Produktion vor und schaffen die Grenze zwischen 
Ernst und Spiel, an der sich später Wirklichkeit und Phantasie scheiden 
werden. Obzwar sich dieser Fortschritt nicht eigentlich an der Phantasie, sondern 
an deren motorischen Äußerungen, dem Spiel, erwirbt, wird auf dieser Stufe 
das Spezifikum der Phantasiewelt ausgebildet : der Ichbezirk polar der wirklichen 
Welt entgegengesetzt. Sechstens. Die Vorpubertät ist durch narzißtische 
Besetzung des Ichs, durch gesteigerte abgelenkte anal-sadistische Tendenzen 
bezeichnet. Ehrgeizige, machtgeizige Phantasien wachsen. Das Ich stellt ernstere 
Ziele auf, weil es durch stärkere Kräfte bedroht wird ; die bisherigen Verdrängungen 
erweisen sich als zu schwach. Das Ich erwehrt sich ihrer, indem es versucht, 
die freiwerdenden Sexualkräfte in seinen Dienst zu stellen, auf sich selbst 
zu lenken. Wenn die Vorpubertät in dieser Verlaufsform deutlich ist, wird 
auf dieser Stufe ein reicher Schatz von bewußtseinsfähigen Phantasien, durch 
Umarbeitung der frühinfantilen auf „sadistisch-sublimierte", wenn solche Aus- 
drucksweise erlaubt wäre, geschaffen, der dem späteren Schaffen zur Ver- 
fügung stehen wird. Gegebenenfalls bildet sich hier auch das Dichter- 
Heldenideal und versucht, sich durch Nachahmung von Dichtungsformen 
(besonders Dramen) zu realisieren. S i e b en t e n s. Die einbrechende Pubertät bringt 
die poetische Stimmung und funktionell das lyrische Gedicht. Achtens. Im 
Verlauf der ersten Phase der Pubertät tritt die poetische Träumerei und funktionelle 
Ansätze zu epischem Schaffen hinzu. Neuntens. Entscheidend für die weitere Ent- 
wicklung ist nun, ob die Pubertät, die physisch zu Ende geht, auch psychisch 
liquidiert wird. Ist dies nicht der Fall, so kann der Schaffensdrang sich des 
funktionellen Dichtens bemächtigen. Er ist auf das Produkt gerichtet, und 



Ergebnis und Aufgaben 



283 






das Dichten wird nun selbst auf das Produkt eingerichtet, und zwar 
soll das Produkt so beschaffen sein, daß es die narzißtischen Wünsche des 
Ich und des Idealich befriedigt. Z e h n t e n s. Die oberste Stufe endlich ist erreicht, 
wenn das Produkt nicht allein diese Wünsche, sondern auch objektlibidinöse 
des Ich berücksichtigt werden müssen, wenn das Dichten nicht allein auf 
das Produkt, sondern auf das Publikum gerichtet wird, dies Wort in einem 
oben näher besprochenen Sinn gemeint. Dies wird der Fall sein, wenn 
das produkt-gerichtete Dichten in den Dienst des Dichterideals gestellt wurde. 
Schmerzlich vermissen wir in diesem Stufenbau jedes Verständnis für 
die entscheidenden Kräfte, die das Kind und den Jugendlichen die Treppe 
hinauftreiben, die sie veranlassen, gerade diese Treppe zu besteigen. Aber 
wir sehen, daß jede Stufe die letzte sein kann, daß nur wenige diesen 
Weg zu Ende gehen; weil von jeder Stufe Seitenwege nach allen 
Richtungen führen. Was solche Fixierung, solchen Abbruch veranlaßt, können 
wir ebensowenig allgemein sagen, wie angeben, was vorwärts treibt. Doch 
liegt uns nahe, die Gründe für beides außerhalb des engen Kreises der poetischen 
Produktivität zu erwarten. Und da wir bei der Aufzählung der Lücken, also 
der Aufgaben, sind, so sei auch nicht vergessen die Frage nach dem 
Spezifikum der Jugenddichtung. Sie ist aber eigentlich eine Frage der 
Bewertung, des Kunstgenießens. Denn sie formuliert ja nur den Eindruck, 
daß die dichterischen Produktionen der Kinder und Jugendlichen uns nicht 
als Dichtungen erfreuen, ergreifen, erschüttern, daß wir daher sie als solche nicht 
bewerten können. Das ist aber keine Altersangelegenheit. Wenn unter den 
Produktionen der Jugendlichen so viel seltener als unter denen der 
Erwachsenen eine ist, die wir als Dichtung nicht nur bezeichnen, sondern 
bewerten, so liegt das gewiß bloß daran, daß die erwachsenen Dichter eine 
Auslese aus den jugendlichen darstellen. Was immer die auslesenden 
Faktoren sein mögen, einer unter ihnen ist die Fähigkeit, etwas zu schaffen, 
das einem Kreis von Lesern als Dichtung und lesenswert erscheint. Die 
Frage nach dem Spezifikum der Jugenddichtung mündet bald in die nach 
dem Unterschied zwischen großer, bedeutender, guter Dichtung und 
minderem Schrifttum. Ihre Beantwortung überschreitet gewiß den Rahmen 
dieses Versuches, künftigen Forschungen eine Art Ergebnis vorwegzunehmen, 
nicht um dies Ergebnis zu erweisen, sondern um solcher künftigen Arbeit 
einige Aufgaben deutlicher zu zeigen, als die Lücken an sich könnten. 



Verzeichnis der zitierten Schriften. 



Bernfeld, Siegfried. Das Archiv für Jugendkultur. Der Anfang. I. 1913. 

— Ein Archiv für Jugendkultur. Z. f. angew. Psych. VIII. 1914. 

— Ein Institut für Psychologie und Soziologie der Jugend. Annalen f. Natur- u 
Kulturphilos. XIII. 

— Psychoanalyse und Psychologie. Int. Z. f. ärztl. Psychoanalyse. II. 1914. 

— Zur Psychologie der Unmusikalischen. Arch. f. d. ges. Psych. XXXIV. 1915. 

— Bemerkungen über Sublimierung. Imago. VIII. 1922. 

— Vom Gemeinschaftsleben der Jugend. Beiträge zur Jugendforschung. Int Psycho- 
analyt. Verl. Lpzg. Wien. Zürich. 1922. 

— Über eine typische Form der männlichen Pubertät. Imago. IX. 1923. 
Bober tag, Otto. Bericht über die Ausstellung .Schule und Krieg" im Zentral- 
institut für Erziehung und Unterricht. Berlin. In: Jugendl. Seelenl u Kriee 
Barth. Lpzg. 1915. s ' 

Bondy, Curt. Die proletarische Jugendbewegung in Deutschland. Saal. Lauenburg. 

^^folo'"' 0tt °* FrÜhrdfe Kinder " Ps y chol °g ische Studi e- Beyer. Langensalza. 
Bühl er, Karl. Die geistige Entwicklung des Kindes. 2. Aufl. Fischer Jena 1921 
Vm h, 19 H 22 ene ' Ubet ^ path ° l0giSChe Lüge " lntZ f - ärztl - Psychoanalyse! 
Dilthey, Wilhelm. Erlebnis und Dichtung. 8. Aufl. Teubner. Leipzig 1922 
Dyro ff, Adolf. Über das Seelenleben des Kindes. 2. Aufl. Haustein. Bonn 1911 
Ferenczi, S. Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinns. Int. Z. f. ärztl Psycho- 
analyse. I. 1913. J 

Fischer, Aloys. Die Bedeutung pädagogischer Sammlungen und die Gesichtspunkte 
für eine Sammlung von Kinderdokumenten. Beyer. Langensalza. 1915 

Fischer, Emil. Orientierende Mitteilung über die Ausstellung. Kongr. f. Kinder- 
forschung u. Jugendfürsorge. Berlin. 1906. Bericht. Beyer. Langensalza. 1907. 

Franzos, Karl Emil. Die Geschichte des Erstlingswerks. Concordia. Berlin. [1894.] 

Freud, Anna. Schlagephantasie und Tagträume. Imago. VIII. 1922. 

Freud, Sigm. Der Dichter und das Phantasieren. Ges. Schriften Bd. X. 

— Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. Ges. Schriften Bd. V. 

— Zur Einführung des Narzißmus. Ges. Schriften Bd. VI. 






Verzeichnis der zitierten Schriften 



285 



reud, Sigm. Jenseits des Lustprinzips. Ges. Schriften Bd. VI. 

— Massenpsychologie und Ichanalyse. Ges. Schriften Bd. VI. 

Giese, Fritz. Das freie literarische Schaffen bei Kindern und Jugendlichen. Barth. 
Lpzg. 1914. 

— Bibliographie der Jugendliteratur. Säemann. 1914. 
Grünwald, Georg. Pädagogische Psychologie. Dümmler. Berlin. 1921. 
Gundolf, Friedrich. Heinrich von Kleist. Bondi. Berlin. 1922. 

Hall, G. Stanley. Adolescense, its Psychology usw. 2. Aufl. Apleton. New York. 

London. 1918. 

Hitschmann, Eduard. Zum Werden des Romandichters. Imago. I. 1912. 
Hug-Hellmuth, Hermine. Aus dem Seelenleben des Kindes. 2. Aufl. Deuticke. 
' Lpzg. Wien. 1921. 
artinak. Wesen und Aufgabe einer Schülerkunde. Bericht d. Kongr. f. Kinder- 
forschung und Jugendfürs., Berlin, 1906. Beyer. Langensalza, 1907. 
a n k, Otto. Das Inzestmotiv in Dichtung und Sage. Deuticke. Lpzg. Wien. 1912. 

— Der Künstler. 2. Aufl. Wien. 1918. 

R 6 v 6 s z, Geza. Das frühzeitige Auftreten der Begabung und ihre Erkennung. Z. f. 

angew. Psychol. XV. 1921. 
Sachs, Hans. Gemeinsame Tagträume. Int. Psychoanalyt. Verl. Lpzg. Wien. Zürich. 

1924. 

Schlemmer, Hans. Tertianerpoesie. Säemann. 1913. 
Stern, William. Psychologie der frühen Kindheit. 3. Aufl. Quelle & Meyer. Lpzg. 

1923. 

- Die Ausstellung zur vergleichenden Jugendkunde der Geschlechter. III. deutscher 
Kongr. f. Jugendk. u. Jugendbild. Teubner. Lpzg. Berlin. 1913. 

- Kriegsgedichte von Kindern und Jugendlichen. In : Jugendl. Seelenl. u. Krieg. 
Barth. Lpzg. 1915. 

- Die Jugendkunde als Kulturforderung. Quelle & Meyer. Lpzg. 1916. 
Tumlirz, Otto. Die Reifejahre. Klinkhardt. Lpzg. 1924. 

Varendonck, J. Über das vorbewußte phantasierende Denken. Int. Psychoanalyt. 

Verl. Lpzg. Wien. Zürich. 1922. 
Wiesenthal, Grete. Der Aufstieg. Aus dem Leben einer Tänzerin. Berlin. 1919. 
yneken, Ernst. Schülerschaft und Schulreform. Freie Schulgemeinde. II. 1911. 



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Von Dr. Siegfried Bernfeld ist außerdem in Buchform erschienen: 

Die neue Jugend und die Frauen. Wien, Leipzig 1014. 

Das jüdische Volk und seine Jugend. Viertes bis achtes Tausend. Wien, 
Berlin 1920. 

Kinderheim Baumgarten. Ein Bericht über einen ernsthaften Versuch mit 
neuer Erziehung. Berlin I02L 

Erziehung zur Arbeit und Gemeinschaft. Verzeichnis empfehlenswerter 
Schriften zur Einführung in die neue Pädagogik. Wien I02I. 

Vom Gemeinschaftsleben der Jugend. Beiträge zur Jugendforschung. Leipzig 
Wien, Zürich 1022. 



Internationaler Psy ckoan aly tischer Verlag 

Wien VII. AnJreaiga«se 3 



Quellenschriften zur seelischen Entwicklung 



Ta geoucn eines nalp-wüchsigen Mädchens 

(Von n bis 14% Jahren) 
Herausgegeben von Dr. H. Hug~HelLnuth 



Prof. Freud in einem Briefe an die Herausgeberin: Da» 
Tagebuch ist ein kleines Juwel. Wirklich, ich glaube, noch 
niemals hat man in solcher Klarheit und Wahrhaftigkeit in 
die Seelenregungen hineinblicken können, welche die Ent- 
wicklung des Mädchens uuserer Gesellschafts- und Kultur- 
stufe in den Jahren der Vorpubertät kennzeichnen. Wie die 
Gefühle aus dem Kindisch-Egoistischen hervorwachsen, bis 
sie die soziale Reife erreichen, wie die Beziehungen zu Eltern 
und Geschwistern zuerst aussehen, und dann allmählich an 
Ernst und Innigkeit gewinnen, wie Freundschaften ange- 
sponnen und verlassen werden, die Zärtlichkeit nach ihren 
ersten Objekten tastet, und vor allem, wie das Geheimnis 
des Geschlechtslebens erst verschwommen auftaucht, um 
dann von der kindlichen Seele ganz Besitz zu nehmen, wie 
dieses Kind unter dem Bewußtsein seines geheimen Wissens 
Schaden leidet und ihn allmählich überwindet, das ist so 
reizend, natürlich und doch so ernsthaft in diesen kunst- 
losen Aufzeichnungen zum Ausdruck gekommen, daß es Er- 
ziehern und Psychologen das höchste Interesse einflößen muß. 

„Literarisches Echo": Weibliche Wesen der bürger- 
lichen Welt werden sich beim Tagebuch Seite um Seite zu- 
rückversetzt fühlen in ihr Einst; männlichen Wesen wird 
es statt dessen manche Kleinigkeit mitteilen, die sie noch 
nicht wußten. Lou Andreas -Salome. 

„Vossische Zeitung": Denkt euch, Wedekinds kleine 
Wendla, die an „Frühlings-Erwachen" so tragisch zugrunde 
geht, habe ihre Erlebnisse aufgezeichnet, denkt sie euch in 
Gehcimratskreise und auf Wiener Boden versetzt, — so habt 
ihr das Tagebuch eines halbwüchsigen Mädchens". 

Neue Freie Presse": Hier, wie vielleicht in jedem auf- 
richtigen Tagebuche einer Halbwüchsigen, ist natürlich der 
Brennpunkt des Interesses die Sexualität Die Sexualität, 



nicht die Erotik. Denn hier kommt die Neugier noch aus 
dem Intellektuellen, aus dem wachen Gehirn eines noch un- 
entwickelten Körpers, und die Unruhe quillt aus dem Ver- 
stand, nicht aus den noch dumpfen Zonen körperlichen 
Gefühls. Nirgends reagiert hier wirkliche Befriedigung auf 
Erkenntnis, im Gegenteil : der erste zufällige Einblick wird 
für das scheue Kind zum seelischen Schock ... Es ist 
immer gut, Menschliches zu verstehen, und zu diesem Ver- 
ständnis der Kinderseele scheint mir dieses Buch eines der 
kostbarsten, das je die Wissenschaft Hand in Hand mit 
dem Zufall dargeboten. Stefan Zweig. 

Zum Zensurverbot in England 
»Frankfurter Zeitung": Das Aufsehen, das A Young 
Girls Diary in England verursacht, hat eine große Sittlich- 
keitskampagne zur Folge . . . Lord Alfred Douglas (der- 
selbe, der in seinen jüngeren Jahren wegen seiner gerichts- 
notorisch gewordenen Beziehungen zu Oskar Wilde viel ge- 
nannt worden ist) hat öffentlich einen großen Eid ge- 
schworen, die Psychoanalyse in England auszurotten. Als 
erstes Objekt seiner Purifizierungswut ist das Tagebuch 
der kleinen Gretl Lainer auserkoren worden . . . Der Lon- 
doner Zensor ist sicher der Meinung, es komme ausschließ- 
lich in Wien oder höchstens noch bei sonstigen Hunnen 

vor, daß x. B. das Denken und Fühlen junger Mädchen durch 

bevorstehende physiologische Erscheinungen lebhaft be- 
schäftigt wird. In der Kontinentalrasse liegt die Schweinerei 

„TheNewStatesman": Gretl Lainer (the name chosen 
by the Psycho-Analytieal Society) belongs to the Casanova 
type of autobiographer rather than to that of Rousseau and 
Marie Baskirlscheff ; she is singularly little troubled with her 
own personality. She writes from a breathless interest in the 
world around rather than from any morbid taste for intro- 
spection or self-explanation. 



II 

Vom Gemeinschaftsleben der Jugend 

Beiträge zur Jugendforschung, herausgegeben von 

Dr. Siegfried Bernfelo 

Inhalt: Die Psychoanalyse in der Jugendforschung. Von Dr. S. Bernfeld. — Ein Freundinnenkreis. Von Dr. S. Bernfeld 
Ein Schülerverein. Von Gerhard Fuchs. — Ein Knabenbund in einer Schulgemeinde. Von Wilhelm Hof f er. — „Knurrland." 
Analyse eines Kinderspieles. Von Gerhard Fuchs. — Die Initiationsriten der historischen Berufsstände. Von Erwin K o h n. 



V om dichterisch 



en 



III 
Ochafien 



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Neue Beiträge zur Jugendforschung von 

Dr. Siegfried Bernfeld 

Inhalt: Die psychologische Litcrctur über das dichterische Schaffen der Jugendlichen. — Das Dichten einer Jugendlichen.— 

Phantasie und Realität im Gedicht einer 17 jährigen. — Novellen jugendlicher Dichter. — Über ein Motiv zur Produktion 

satirischer Gedichte. — Das Erstlingswerk nach Selbstzeugnissen. — Phantasiespiele der Kinder. — Ergebnisse. 



Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Wien VII. Andreasgasse 3 



I MAGO 

ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG DER PSYCHO- 
ANALYSE AUF DIE GEISTESWISSENSCHAFTEN 

HERAUSGEGEBEN VON 

Prof. Dr. SIGM. FREUD 



SONDERHEFTE 
Soziologisches Heft 

(VIII. Band, 1922, Heft 2) 

WO&SÄ^S; ^w- 6 "^^ deS W» ?• die Sozialpsychologie / Dr. 0. Rank: Die Don 
Juan Gestalt Zur sozialen 1-unktion der Dichtkunst / Aurel Kolnai: Zur psychoanalyt. Soziologie/ usw. 

Religionspsychologisches Heft 

(IX. Band, 1923, Heft 1) 
Psychoanalyse der schwarzen Messen / Ge M M&Z&i^Jif^^?™™ *" 

Pädagogisch-jugendpsychologisches Heft 

(IX. Band, 1923, Heft 2) 

Philosophisches Heft 

(IX. Band, 1923, Heft 3) 
G. Ber g er: Zur Theorie der «-Ä^ 

Ästhetisdi-kunstpsychologisches Heft 

(IX. Band, 1923, Heft 4) 

&•&«£&£ A I i Ce c^^ lin V n ^ ie « :dk ? nischeKric e shicr °elypheatl-tlachinoUi / p. C van der Wölk- 

Der Tanz der Ciwa / Dr. Sigmund Pf cl ff er: Musikpsychologische Probleme / A. v a n d e r C h ij. fln/oLEm 

an der Malerei / Aurel Kolnai: Gontscharows „Oblomow" / usw , 1J0 - irUantli "°"" 

Ethnologisches Heft 

(X. Band, 1924, Doppelheft 2 u. 3) 

v£jT c S2Äi F™? Jones: f!?' c li ; 1 " aIy5e "?. d Anthropologie / B. Malinowski: Eine mutterrechtliche 
Form des Familicnkernkomplexes / G. Köheim: Die Sednasage / Hans Zulliger- Zur Psychologie der Trauer- 
nd Bestattungsgebrauche / Beate Rank: Zur Rolle der Frau i„ d„ '^USuSS fd5 »SÄ£ 
Gesellschaft / Flora Kraufl: Die Frauensprache bei primitiven Völkern / A. Arndt: Tabu u. Mystik / usw. 









„Imago" erscheint 4 mal jährlich, im Gesamtumfang von ca. 500 Seiten 





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