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Full text of "Die Kastrationsangst des Weibes"

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ELLÄLIBROJDE 
DRFRIEDRBESOLD 



SANDOR RADO 
DIE KASTRATIONSANGST DES WEIBES 



Dr. med. F. Besöld 

Fochctrzt iör PraueoJeiden 
und Gebortshftfa 

Berlin 0t7,6r.fre«ikfu<i rSir. ! :. ; 

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DIE RASTRATIONSANGST 
DES WEIBES 



VON 

SANDOR RADO 

NEW YORK 



1934 
INTERNATIONALER 

PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

WIEN 






ALLE RECHTE, 

INSBESONDERE DIE DER ÜBERSETZUNG, 

VO RBEHALTEN 






COPYRIGHT 1954 

BY INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER 

VERLAG, WIEN I 












DRUCK: CHRISTOPH REISSE R'S SÖHNE, WIEN V 



Die Leitgedanken der vorliegenden Studie habe ich 
zuerst in einem Vortrag in der „American Psychoanalytic 
Association" in New York am 29. Dezember 1931 mit- 
geteilt. Dem folgte eine ausführliche Behandlung des 
Themas in einem achtstündigen Vortragszyklus im Januar- 
März 1933 am „New York Psychoanalytic Institute". Es 
wäre ein hoffnungsloses Unterfangen, den weitverzweigten 
Stoff durch Krankengeschichten belegen zu wollen; das 
behandelte klinische Material ist ohnehin jedem ausübenden 
Analytiker zugänglich. Ich darf dafür versichern, daß jede 
Behauptung, die auf den folgenden Blättern enthalten ist, 
aus wiederholter und eindringlicher Krankenbeobachtung 
herrührt. 



New York, im November 1953. 

Q TJ 

Psychoanalytisches Institut. 



Inhalt 

Seite 

Einleitung 

I. Der Wunschpenis l 5 

n. Die masochistische Deformierung des Genitaltriebs 20 

III. Die Abwandlungen der Kastrationsangst 55 

IV. Der Gestaltungsprozeß der Neurose 45 

1 . Die Flucht 44 

— Das Angstproblem 5 

2 . Der Kampf *> 

— Der Ödipuskomplex 7 

3. Die Wahl des kleineren Übels 7 8 

V. Schlußfolgerungen 5 



EINLEITUNG 

Der Ausdruck „Kastrationskomplex", der es zu einer 
gewissen Popularität gebracht hat, ist von der Psycho- 
analyse geprägt worden. Seine Anwendung war im Anfang 
auf das männliche Geschlecht beschränkt, er diente als 
Sammelbezeichnung für eine bedeutungsvolle Gruppe von 
Phänomenen, welche die Psychoanalyse im Seelenleben 
des Mannes aufgedeckt hatte. Die am Mann gewonnenen 
Einsichten schärften das Auge für die analytische Be- 
obachtung der Frau. Es zeigte sich bald, daß es vorteil- 
haft sei, den neuen Terminus in die Psychologie des 
Weibes zu übernehmen. Das reiche Material, das ein 
solches Vorgehen rechtfertigt, ist im Jahre 1921 von 
Karl Abraham in seiner klassischen Studie „Äußerungs- 
formen des weiblichen Kastrationskomplexes" l zusammen- 
fassend dargestellt worden und braucht hier nicht wieder- 
holt zu werden. Es handelt sich dabei um Gedanken- und 
Phantasiegebilde von starker Gefühlsbetontheit, die sich 
auf den Besitz oder Nichtbesitz des Penis, auf das Be- 
nachteiligtsein als Weib, auf die Sehnsucht nach Männ- 
lichkeit, auf akt ive und passive Verstümmelungserleb- 

1) IZfPsA VII 1921. — Aus der früheren Literatur siehe ins- 
besondere J.H.W. van Ophui j sen: „Beiträge zum Männlichkeitskom - 
plex der Frau". IZfPsA., IV., 191 6/1 7. 






10 DIE KASTRATIONSANGST DES WEIBES 

nisse u. dgl. beziehen. Die Übereinstimmung mit ge- 
wissen Inhalten des Kastrationskomplexes beim Manne 
ist unverkennbar. 

Die Schwierigkeiten beginnen, wenn man sich nicht 
mehr mit der Beschreibung der empirischen Funde 
begnügt, sondern, wie es unsere Wissenschaft immer 
eindringlicher anstrebt, zu ihrem Verständnis fortschreiten 
will. 

Beim Mann war die Aufgabe leicht zu lösen. Für 
seine Genitalität sind zwei Züge charakteristisch, die 
narzißtische Hochschätzung des eigenen Organs und die 
durch frühe Erfahrungen geweckte Befürchtung, daß 
er an diesem wertvollen Körperteil Schaden leiden könnte. 
Aus diesen zwei Tatsachen lassen sich alle Erscheinungen 
seines Kastrationskomplexes ableiten. Aber im Seelen- 
leben der Frau sind diese Elemente nicht vorhanden. 
Da sie keinen Penis besitzt, muß ihr das Erlebnis einer 
Kastrationsgefahr, auf das man ihren Kastrationskomplex 
zurückführen könnte, fremd bleiben. Hier liegt offen- 
kundig ein logischer Widerspruch vor, der im Grunde 
die Unklarheiten verschuldet, die man in der sonst so 
wertvollen und reichhaltigen analytischen Literatur des 
Gegenstandes antrifft. 

Tatsächlich hat erst die im Jahre 1925 veröffent- 
lichte Studie Freuds „Einige psychische Folgen des 
anatomischen Geschlechtsunterschieds"' den Ausweg aus 

1) Ges. Schriften, Bd. XI. 



L 



EINLEITUNG 1 1 



dieser Verlegenheit gezeigt. Freud geht von dem Ein- 
druck aus, den die Entdeckung der Genitalien des anderen 
Geschlechts im Kinde hinterläßt, und vergleicht das 
Verhalten der beiden Geschlechter. Der Knabe erblickt 
im „entmannten" weiblichen Körper einen Beweis für 
den Ernst der Kastrationsdrohung. Er verfällt der Ka- 
strationsangst und wird später Mühe haben, seine Männ- 
lichkeit von ihrem hemmenden Einfluß zu befreien. 
Das kleine Mädchen sieht im Penis den großartigen 
Mehrbesitz, den der Knabe ihr voraus hat. Sie fühlt 
sich im Vergleich zum Knaben wie gekürzt — kastriert — , 
entwickelt den Penisneid und verschreibt sich der Hoff- 
nung, doch so zu sein oder zu werden wie er. Für ihr 
Schicksal als Weib wird viel davon abhängen, in welcher 
Weise sie hernach diese leidenschaftliche Regung be- 
wältigt. 

Die spezifische Reaktion auf das anatomische Erlebnis 
enthüllt nach Freud den Unterschied im Kastrations- 
komplex der beiden Geschlechter: Im Komplex des Mannes 
ist die Kastrationsangst die leitende Regung, im Komplex 
des Weibes steht an analoger Stelle der Penisneid. Die 
Kastrationsangst ist eine Warnung, die in der Sicher- 
stellung der bedrohten Männlichkeit ihr Ziel erreicht. 
Der Penisneid ist ein Versuch des kleinen Mädchens, 
sich gegen ihr anatomisch verbürgtes „Kastriertsein" zu 
erheben und in ihrer vermeintlichen Männlichkeit zu 
beharren. Falls sie sich rechtzeitig ihrer anatomischen 
Beschaffenheit fügt, wird die antagonistische Triebkraft 



12 DIE KASTRATIONSANGST DES "WEIBES 

des Penisneides in den biologisch vorgezeichneten Wunsch 
nach dem Kinde übergeführt und ihrer Entwicklung zum 
Weibsein dienstbar gemacht. 

Bei Freud erhält, wie ersichtlich, der Kastrations- 
komplex des Weibes einen klaren theoretischen Aufbau. 
Seine Konzeption machte es möglich, das zunächst hoff- 
nungslos zusammengewürfelte Material unserer Beobach- 
tungen in einen festgefügten Zusammenhang einzuordnen. 
Sie hätte auch den erwähnten logischen Widerspruch 
beseitigt, wenn man aus ihr die Folgerung hätte ab- 
leiten dürfen, daß es eine Kastrationsangst beim Weibe 
nicht gäbe, nur den Penisneid. Aber diesen Rückschluß 
kann man nicht ziehen, weil ihm die analytische Em- 
pirie entschieden widerspricht. Die Neurosen des Weibes 
weisen mit überraschender Häufigkeit charakteristische 
Angsterscheinungen und Hemmungen auf, wie etwa — 
um nur die einfachsten Beispiele anzuführen — Angst 
vor ärztlichen und zahnärztlichen Eingriffen, vor Haar- 
und Nagelschneiden, exzessive Überempfindlichkeit ge- 
wisser Körperstellen und Organe usw., die wir, wenn 
sie beim Manne vorkommen, als Verschiebungsformen 
der Kastrationsangst interpretieren. Es ist uns längst ge- 
läufig geworden, beim Weibe dieselbe Deutung anzu- 
wenden, weil sie sich durch den klinischen Zusammenhang 
rechtfertigt. Diese Beispiele sollen nicht den Eindruck 
erwecken, daß es sich hier um geringfügige Vorkommnisse 
handelt. Die Angst kann zu kaum erträglichen Stärke- 
graden gesteigert sein, groteske und quälende Abwehr- 






EINLEITUNG 1 3 

Symptome hervorrufen und leistet der therapeutischen 
Bemühung nur allzuoft hartnäckigen Widerstand. Wir 
werden so von beiden Seiten, von unserem praktischen 
wie von unserem theoretischen Interesse her dazu ge- 
drängt, das Rätsel der Kastrationsangst des Weibes zu 
untersuchen. 

Wir müssen fragen: Wie kommt es, daß bei der Frau 
Abkömmlinge der Kastrationsangst auftreten, obwohl sie 
diese Angst in ihrer ursprünglichen Form nie erlebt 
haben kann? Wir stehen hier vor derselben logischen 
Schwierigkeit, die bereits überwunden schien. Wir haben 
verstanden, daß im Kastrationskomplex des Weibes der 
Penisneid der Kern ist, aber diese Einsicht wirft auf 
die Kastrationsangst kein Licht. Man könnte höchstens 
folgern, daß sich die beiden Erscheinungen gegenseitig 
ausschließen; denn der Penisneid beruht auf der bereits 
vollzogenen, erkannten, die Kastrationsangst auf der erst 
drohenden, erwarteten Kastration. Es wäre verfehlt, sich 
auf diese Schlußfolgerung zu verlassen und zu urteilen, 
daß die Freudsche Konstruktion falsch sein müsse. Die 
von ihr erfaßten Zusammenhänge sind ja klinisch er- 
wiesen, es stehen hier zwei Gruppen von Tatsachen 
einander gegenüber. Es müßte daher möglich sein, das 
Freudsche Schema so zu erweitern, daß in ihm auch 
die Kastrationsangt des Weibes Platz und Erklärung findet. 

Ich habe dieses Problem seit dem Erscheinen der 
Freudschen Arbeit (1925) nicht aus dem Auge verloren 
und zu seinem Studium außer den von mir analysierten 



M 



DIE KASTRATIONSANGST DES WEIBES 



und beaufsichtigten Fällen auch das reiche klinische 
Material meines „Technischen Seminars" (an den Ber- 
liner und New Yorker Psychoanalytischen Instituten) ver- 
wertet. Ich möchte jetzt mitteilen, zu welchen Ergeb- 
nissen ich gekommen bin. 



I. DER WUNSCHPENIS 

Die Analyse der Kastrationsangst des Weibes führt uns 
in die Zeit der infantilen Penisbeobachtung und des durch 
sie geweckten Penisneides zurück. Wir gewinnen die 
nächste Einsicht aus den Fällen, die auf der Basis des 
Penisneides einen energischen Männlichkeitskomplex ent- 
wickelt haben. Das kleine Mädchen versteift sich auf den 
Glauben, ein Knabe zu sein; sie ignoriert das Zeugnis 
ihrer Sinne und lebt in der Einbildung, daß sie einen 
Penis hat. Wir müssen uns mit dieser Illusion näher 
beschäftigen. Nennen wir das Organ, welches das Mäd- 
chen sich in der Phantasie zulegt, ihren „Wunschpenis"; 
an ihm hängt die befriedigende Gefühlswirkung. Ich ver- 
füge leider über keine direkten Kinderbeobachtungen, 
muß aber aus dem Material der späteren „Wiederholungs- 
träume" den Schluß ziehen, daß die Form, in der sich 
der Wunschpenis im Seelenleben durchsetzt, eine am 
eigenen Körper an der richtigen Stelle angesetzte hallu- 
zinatorische Reproduktion des beobachteten männlichen 
Gliedes ist. Jedenfalls ist diese Frühgestalt des Wunsch- 
penis von flüchtiger Lebensdauer; sie muß einmal fallen, 
weil sie sich gegen den Widerspruch der Tatsachen nicht 
halten läßt. In einer Gruppe von Fällen gibt das Mäd- 
chen den Wunschpenis aus diesem Grunde allmählich 






DIE KASTRATIONSANGST DES WEIBES 



ganz auf oder sie trachtet, ihre Illusion auf eine andere 
Weise zu erneuern. Jene Fälle, die wir im Auge haben, 
zeigen einen anderen Verlauf. Hier ist der Wunschpenis 
offenbar zu wertvoll, als daß ihn das Mädchen entbehren 
könnte. Sie verzichtet auf die Halluzination und flüchtet 
sich mit ihrem Wunschpenis in das Reich ihrer unbe- 
wußten Phantasien, wo ihr die Realitätsprüfung den Besitz 
nicht so leicht streitig machen kann. Der Wunschpenis 
ist jetzt ihrer Wahrnehmungssphäre entrückt, aber es ist 
unverkennbar, daß er an irgendeiner Stelle der Körper- 
oberfläche, Nase, Auge usw., die sich durch anlagegemäßes 
Entgegenkommen oder akzidentelles Erleben zu dieser 
Rolle empfiehlt, eine Vertretung zurückgelassen hat. Dies 
sonst neutrale Organ ist jetzt vom Unbewußten her mit 
einer zusätzlichen, ihm nicht angemessenen Funktion be- 
traut und gebärdet sich dank dieser unbewußten Über- 
besetzung als der „symbolische Ersatz" des bewußtseins- 
unfähig gewordenen Wunschpenis. Wir dürfen dann aus- 
sagen, die betreffende Körperstelle sei neurotisch affiziert, 
sei der Schauplatz einer konversionshysterischen Symptom- 
bildung geworden. 

In der Bewältigung des Penisneides sind also zwei 
Etappen zu erkennen: eine frühere der offenen, hallu- 
zinatorischen Wunscherfüllung und eine — durch den 
Druck der Tatsachen erzwungene — spätere, in der die 
Befriedigung verkappt durch Bildung eines Konversions- 
symptoms erfolgt. Es fällt nicht schwer, eine solche 
neurotisch veränderte Stelle zu agnoszieren. Sie verrät sich 






DER WUNSCHPENIS J 7 



durch Überempfindlichkeit und Angstbereitechart, die zu 
ihrem Schutze entwickelt werden. Man merkt dann, daß 
die Verbindung zwischen dem unbewußten Wunschpenis 
und seinem Oberflächenersatz keine starre ist. Die un- 
bewußte Besetzung ist der Oberfläche entlang leicht ver- 
schiebbar; es treten neue Ersatzbildungen auf, die einander 
ablösen oder — weit häufiger — nebeneinander bestehen 
bleiben. Die Vertretung kann auch der ganzen Körperober- 
fläche übertragen werden, deren Eignung zum narzißtischen 
Penisersatz Härnik aufgezeigt hat. 1 Eine fernere Station 
ist die Inanspruchnahme des Intellekts als Penissurrogat, 
die __ echte oder vermeintliche — Vermännlichung der 
geistigen Haltung; sie mag ein Symptom bleiben oder 
zurSublimierung führen. Wir erschließen diese Zusammen- 
hänge aus den Traumproduktionen der Kranken, die uns 
den Sinn ihrer aufflackernden, umherwandernden, örtlichen 
Überempfindlichkeit und Angstbereitschaft enthüllen. 

Die Angst, die hier auftritt, trägt die typischen Charaktere 
der „verschobenen" Kastrationsangst an sich. Forscht man 
ihrer Herkunft nach, so ergeben sich als die Anlässe zu 
ihrer Entfachung banale Erlebnisse mitVerletzungen u. dgl., 
ferner nicht selten auch die Tatsache, daß das kleine 
Mädchen die an den Knaben gerichtete Kastrationsdrohung 
miterlebt oder von ihr erfahren hat. Angesichts solcher 



J. Harnik: ,.Schicksale des Narzißmus bei Mann und Weib. 
IZfPsA IX., 1925. — Weitere Bestätigungen und Ergänzungen dazu 
brachte' die Arbeit von Bertram D. Lewin: „The Body as Phallus. 
Psychoanalytic Quarterly, IL, 1935- 

Rado. Die Kastrationsangst des Weibes. 



18 DIE KASTRATIONSANGST DES WEIBES 

Beobachtungen gerät man in Versuchung, die Kastrations- 
angst des Mädchens als eine vom Knaben entlehnte auf- 
zufassen; sie hat ihm den Penis abgeguckt und kopiert 
folgerichtig auch die dazugehörende Angst. 

Unterzieht man dies magere Ergebnis einer kritischen 
Prüfung, so zeigt sich, daß es weit davon entfernt ist, unsere 
theoretischen Erwartungen zu erfüllen. Unser Resultat 
ist so ausgefallen, als würde es keinen Unterschied machen, 
ob man ein Organ wirklich besitzt oder sich seinen Besitz 
nur einbildet. Das kann kaum stimmen. Der Penis liefert 
die intensivste Organlust und ist überdies das Mittel zur 
Befriedigung einer Reihe von Partialtrieben, die Karen 
Horney in einer früheren Arbeit sorgfältig beschrieben 
hat. 1 Aus dem Wunschpenis kann das Mädchen keinerlei 
Lustsensationen gewinnen, wogegen sie doch an ihrem 
realen Organ tatsächlich eine Reihe von Befriedigungen 
erlebt. Es läge nahe, den Wunschpenis mit den Lust- 
erlebnissen an der Klitoris in Beziehung zu setzen und 
anzunehmen, er richte sich irgendwie auf die Erhaltung 
und Sicherung dieser Lustquelle. Aber diese Vermutung 
ist nicht haltbar. Es ereignet sich nämlich regelmäßig, daß 
das Mädchen nach ihrer Zuwendung zur Penisillusion ihr 
Interesse ihrem realen Genitale und der masturbatorischen 
Betätigung plötzlich entzieht. Sie ist offenbar gezwungen, 
die Onanie dem Wunschpenis zu opfern. Wir verstehen 
diese Haltung: das Ich hat in der Phantasie ein pein- 






1) Karen Horney: „Zur Genese des weiblichen Kastrations- 
komplexes." IZfPsA., IX., 1923. 



DER WUNSCHPENIS 19 

liches Stück Realität korrigiert und muß in der Folge 
der Begegnung mit ihm ausweichen. Demnach bleibt die 
einzige Regung, die man für den Wunschpenis verant- 
wortlich machen kann, die ihn geschaffen hat und in ihm 
Genüge findet, der bloße Neid, oder genauer, die gekränkte 
Selbstliebe, die sich im Neid kundtut. Unser Verdacht war 
also berechtigt, auf dieser schmalen Befriedigungsbasis 
kann man dem Wunschpenis nicht den Affektwert zu- 
schreiben, der dem realen Organ zukommt. Man darf 
auch nicht vergessen, daß der narzißtische Penisstolz des 
Knaben die Biologie für sich hat, die narzißtische Penis- 
illusion des Mädchens gegen sich. 

Diese langwierige Überlegung gestattet uns, die Dis- 
kussion des Angstproblems um so kürzer zu erledigen. 
Wenn hinter dem Interesse am Wunschpenis kein anderer 
Antrieb als der zur narzißtischen Neidbeschwichtigung 
steckt, dann ist die überwältigende Intensität der Kastra- 
tionsangst, mit der die Frau auf die Gefährdung ihres 
Wunschpenis reagiert, unverständlich, ein psychologi- 
sches Rätsel. Es bleibt unabweisbar, daß die Theorie des 
Wunschpenis die Tatsachen der Beobachtung richtig 
wiedergibt, aber das ökonomische Problem der Kastrations- 
angst beim Weibe vermag sie nicht zu lösen. 



II. DIE MASOCHISTISCHE DEFORMIERUNG 
DES GENITALTRIEBS 

Die Aufklärung, die wir brauchen, ist offenbar in einer 
anderen Richtung zu suchen. Frauen, in deren Neurose die 
Kastrationsangst scharf hervortritt, scheuen sich meistens 
vor dem Anblick offener Wunden. Es ist dann ein wieder- 
kehrendes Motiv ihrer Phantasien und Träume, daß sie 
etwas Schreckliches erleben müssen, sich blutige Ver- 
letzungen, grausame Verstümmelungen zuziehen u. dgl. 
Die Analyse weist mit ermüdender Eintönigkeit nach, daß 
diese psychischen Produktionen „Neuauflagen" von Phan- 
tasien sind, deren Ursprünge in die Zeit der ersten Men- 
struation und noch früher in die Blütezeit der infantilen 
Sexualität zurückreichen. Damit ist ihre genitale Herkunft 
über jeden Zweifel sichergestellt, die Deutung „verschobene 
Kastrationsangst" gerechtfertigt und das Problem der Ka- 
strationsangst beim Weibe von neuem aufgerollt. 

Die analytische Literatur stellte die selbstbestrafende 
Absicht der Kastrationsphantasien in den Vordergrund und 
suchte ihre Wurzel im Schuldgefühl wegen der infantilen 
Onanie. Es ist das Verdienst von Helene Deutsch, 1 die 

1) Helene Deutsch: „Der feminine Masochismus und seine Be- 
ziehung zur Frigidität." IZfPsA., XV., 1930. 



DIE MASOCHISTISCHE DEFORMIERUNG DES GENITALTRIEBS 21 

Mängel dieser Auffassung durchschaut zu haben. Sie hält 
die Motivierung „Strafe" für eine sekundäre und findet 
die eigentliche Quelle dieser Phantasien im masochistischen 
Triebanspruch, der ihrer Ansicht nach bereits in den 
Kinderjahren in das Ensemble der weiblichen Sexualität 
eintritt, um es von da an nicht mehr zu verlassen. Ich habe 
aus meinen Beobachtungen eine Auffassung entwickelt, 
die sich in der Interpretation der Kastrationsphantasien mit 
der Auffassung von Helene Deutsch deckt, sehe aber sonst 
die Zusammenhänge anders als sie. Dies mag daher 
kommen, daß Frau Deutsch das Problem der Kastrations- 
angst nicht aufrollt und das Pathologische vom Normalen 

nicht scharf trennt. 

Zur Erforschung der Kastrationsphantasien hat man 
einen festen Anhaltspunkt. Dem kleinen Mädchen kann 
es nicht einfallen, sich für kastriert zu halten, bevor sie 
weiß, daß an ihrem Körper der Penis fehlt. Dieses Wissen 
kann sie sich nur aus dem Vergleich mit einem Knaben 
geholt haben. Vor der Entdeckung des Penis kann es 
keine Kastrationsphantasien geben. Diese Entdeckung bleibt 
gewiß keinem Mädchen erspart, aber nicht alle werden 
hernach von Kastrationsphantasien gepeinigt. Das intensive 
Verweilen bei dieser Phantasiebetätigung, das später so 
schwere Folgen zeitigt, muß an besondere Bedingungen 
geknüpft sein. Es ist mir nach langem Bemühen gelungen, 
das nächste veranlassende Moment zu ermitteln: Für diese 
Mädchen war das anatomische Erlebnis ein psychisches 
Trauma. Die Beobachtung des Penis hat ihr Selbstgefühl 



22 DIE KASTRATIONSANGST DES WEIBES 

verletzt, ihr G >müt stark erschüttert, und das Auftreten 
der blutigen Kastrationsphantasien ist eine Folge des nar- 
zißtischen Schocks. 

Eine solche Begebenheit entzieht sich der direkten Be- 
obachtung. Ich schlug daher einen indirekten Weg ein. 
Andere, harmlosere Überraschungs- und Enttäuschungs- 
erlebnisse lassen sich bei Kindern bequem belauschen. 
Ich sah mir ihre Reaktionen genau an und kombinierte 
die durch Einfühlung gewonnenen Eindrücke mit den 
Schlußfolgerungen, die ich aus den Analysen erwachsener 
Patientinnen gezogen habe. Auf diese Weise kann man 
sich vom Verlauf der supponierten Szene das folgende 
Bild entwerfen: 

Das kleine Mädchen erblickt plötzlich den Penis; 
sie ist aufgestört und fasziniert. (Sie wird den Eindruck 
dieser ersten Begegnung später, in ihrer Neurose, beim 
unvermittelten Auftauchen von Mäusen, Schlangen und 
anderen „Penis-Symbolen" noch oftmals als Schreck- 
reaktion wiederholen.) Ihr Blick ist auf den Penis wie 
festgenagelt, ihr Gesichtsfeld auf diese eine Wahrneh- 
mung eingeengt. (Dies wahrscheinlich die Herkunft der 
konzentrischen Gesichtsfeldeinengung, die, als eines der 
hysterischen Stigmata, in voranalytischen Zeiten in der 
klinischen Diagnose dieser Affektion eine so große Rolle 
gespielt hat. 1 ) Aus dem Chaos ihrer Gefühle schnellt 

1) Diese Vermutung fand in einer Krankengeschichte, die Dr. Walter 
Briehl in meinem „ Technischen Seminar" am New Yorker Psycho- 






DIE MASOCHISTISCHE DEFORMIERUNG DES GENITALTRIEBS 23 

die Begierde empor: „Ich will es haben", die sich 
in die Idee fortsetzt: „Ich habe es." Dem folgt die 
demütigende Besinnung: „Nein, ich habe es nicht." 
Diese Erkenntnis löst einen heftigen seelischen Schmerz 
aus, der in einer Art Gefühlslähmung endet. 

Der narzißtische Schock hemmt augenblicklich den 
aktiv gerichteten Befriedigungsdrang des Mädchens, der 
sich bisher in Masturbation entlud. Aber der heftige 
seelische Schmerz, den sie erlitt, hatte sie libidinös erregt 
und ihr eine „Ersatzbefriedigung" gewährt. Dies Gefühls- 
erlebnis weist ihrem, im Trauma gescheiterten Luststreben 
ein neues Ziel: die passive Schmerzlust! Es setzt eine 
Periode intensiver psychischer Onanie ein, die das Leidens- 
gefühl durch Phantasieren anfacht. Es tauchen die Er- 
innerungen an frühere Schmerzerlebnisse auf, die Ein- 
drücke der „Urszene", — darunter vielleicht auch die 
Erinnerung an eine schattenhafte, damals unverstanden 
gebliebene Penisbeobachtung. Im Mittelpunkt steht die 
Vorstellung des eigenen, blutig verwundeten (verstüm- 
melten) Genitalorgans ; die Entdeckung dieser „Wunde" 
hatte ja die erste entscheidende Schmerzlust erregt. Es 
schmerzt jetzt aus der narzißtischen Wunde, — aber siehe 

analytischen Institut vortrug, eine bis ins einzelne gehende Be- 
stätigung. Seine Patientin litt an einer klassischen, konzentrischen 
Gesichtsfeldeinengung; ferner litt sie an dem zwanghaften Impuls, 
bei jedem Mann, den sie irgendwo sah, sofort auf den Penis starren 
zu müssen. Ihre Fixierung an das Trauma der infantilen Penis- 
beobachtung war noch durch viele andere Symptome belegt. 



24 D1K KASTRATIONSANGST DES WEIBES 

da, auch der Schmerz kann auf seine Weise begehrens- 
wert sein. 

Es ist offenbar nicht gleichgültig, wann die Entdeckung 
des Penis erfolgt. Fällt dieses Ereignis in eine Periode 
genitaler Latenz, so wird es wahrscheinlich anders ver- 
arbeitet. Fällt es dagegen in eine Zeit, in der das Mädchen 
masturbiert, dann ist die Schockwirkung nicht aufzu- 
halten. Wir beziehen diese Masturbation auf die „phalli- 
sche Phase", — sollten aber bedenken, daß diese Be- 
zeichnung vom subjektiven Standpunkt des Mädchens 
nicht einwandfrei ist. Vor der Penisentdeckung hat ja 
der Gegensatz Mann — Weib für sie noch keinen ge- 
nitalen Inhalt. Ebenso fehlt ihr jede Vorstellung von der 
zweifachen erotogenetischen Gliederung ihrer Genital- 
region, einerlei ob sie klitoral oder vaginal masturbiert. Es 
scheint mir daher vorsichtiger, diese Stufe in der psycho- 
sexuellen Entwicklung des Mädchens als die „amorphe 
Genitalphase des Ichs" zu bezeichnen. Erst ihr anatomi- 
sches Erlebnis zwingt dem Mädchen die Differenzierung: 
Penisträger (männlich) — penislos (weiblich) mit drasti- 
scher Eindringlichkeit auf. Sie sieht jetzt, daß an der 
nämlichen Körperstelle, die ihr selbst so viel Lust spendet, 
das andere Kind um so viel mehr hat als sie. Ihr pri- 
mitives, am Gegenständlichen haftendes Denken zieht 
daraus den (falschen) Schluß, daß dem Knaben das größere 
Instrument auch eine großartigere Lustausbeute gewähr- 
leistet. Ihre tief gekränkte Selbstliebe regt sie zum Grübeln 
über ihren benachteiligten Zustand an. „Ich bin ver- 



DIE MASOCHISTISCHE DEFORMIERUNG DES GENITALTRIEBS 25 

wundet ... es muß mir ... im Schlaf . . . weggeschnitten 
worden sein." Sie gelangt zu den schmerzlichen Kastrations- 
phantasien, die ihr geknicktes Luststreben zur Leidens- 
lust ausbeutet. 

Die traumatische Wirkung der Penisentdeckung ist also 
die, daß sie die „amorphe Genital phase des Ichs" abrupt 
beendet und das Mädchen zum überhasteten und vor- 
eiligen Ausbau einer geschlechtlich differenzierten, „weib- 
lichen" Genitalposition nötigt. In ihrer Sexualkonstitution 
findet sie nur einen Baustein vor, die Fähigkeit des in 
seinen lustvollen Aktivitäten behinderten Organismus, zur 
Not auch aus der Schmerzerregung Lust herauszuholen 
und aus diesem Grunde die sonst gemiedenen Leidens- 
zustände anzustreben, mit anderen Worten, den von Freud 
so benannten „erogenen" Masochismus. 1 Die neue Genital- 
position, die sie aus diesem Material aufbaut, ist die Lust 
am Kastriertwerden oder -sein. Wir erkennen in ihr den 
Wortlaut, den Freud als den ersten Inhalt des „femininen 
Masochismus" beschreibt. 

Greifen wir zurück, um nochmals hervorzuheben, eine 
wie entscheidende Rolle die masturbatorische Aktivität der 
„amorphen Genitalphase" in diesen Entwicklungen spielt. 
Das auffallend häufige Zusammentreffen der Penisent- 
deckung mit dieser Masturbation ist keineswegs eine Sache 
des Zufalls. Das kleine Mädchen mag zunächst oftmals 
an der Entdeckung des Penis vorbeigehen, obwohl er 

1) Freud: „Das ökonomische Problem des Masochismus." Ges. 
Sehr. Bd.V. 



26 DIE KASTRATIONSANGST DES WEIBES 






ihrem Blick exponiert ist. Eine „Entdeckung" beruht auf 
der differenzierenden Wahrnehmung und der aktiven 
Denkverarbeitung (Assimilation) des durch die Differen- 
zierung gewonnenen neuen Inhalts. Das Mädchen kann 
den Penis erst entdecken, wenn sie die Bereitschaft, den 
Impuls zu seiner Entdeckung hat. Diese Bereitschaft wird 
allem voran durch ihre masturbatorische Beschäftigung mit 
ihrer eigenen Genitalgegend hergestellt oder gefördert. 
Auf einer gewissen Reifestufe wird sie den Penis, wenn 
sie ihn zu sehen bekommt, selbstverständlich auch ohne 
dieses genitale Lustmotiv auf andere Motive hin ent- 
decken. Aber wie anders sind dann die Folgen! Sie erlebt 
keine genital-narzißtische, nur eine narzißtische Kränkung. 
Das heißt: Sie fühlt sich zwar „gekürzt", aber es ent- 
fällt der Eindruck, daß sie um das Lustinstrument ge- 
kürzt ist 5 es entfällt die Überschätzung des Penis als des 
größeren Lustinstruments; es entfällt die stärkste — die 
genitale — Triebkraft hinter der narzißtischen Grübelei 
und damit auch die Ausartung dieser Grübelei in Genital- 
masochismus. Wir erfassen hier eine Bedingung der Ent- 
wicklung zur Normalität: die Penisentdeckung soll nicht 
in der „amorphen Genitalphase", also in einer Phase 
genitaler Aktivität, sie soll in einer genitalen Latenzphase 
erfolgen. Für die pathologische Entwicklung steht es dann 
fest, daß es die Triebbetätigung der „amorphen Genital- 
phase ist, die nach der Penisentdeckung die sofortige 
genitale Neuorientierung erzwingt; das durch die Mastur- 
bation lebendig gehaltene genitale Luststreben setzt sich 



DIE MASOCHISTISCHE DEFORMIERUNG DES GENITALTRIEBS 27 

hernach zwangsläufig in der Leidlustbetätigung des Ge- 
nitalmasochismus fort. 

Aber aus der neuerschlossenen Lustquelle des Genital- 
masochismus kann die onanistische Träumerei niemals 
eine richtige Befriedigung herausholen, selbst wenn sie 
bis zur Erschöpfung fortgesetzt wird. Es ist leicht ein- 
zusehen, warum. Das kleine Mädchen wurde durch ein 
Erlebnis zum „Weib" gemacht, das ihrer Selbstliebe eine 
schwere Kränkung zufügte. Diese Vorgeschichte belastet 
die Genitalität des Weibes mit einer „narzißtischen Ab- 
hängigkeit", die der Genitalität des Mannes fremd ist. Was 
sich in der Folge als voll befriedigende weibliche Geni- 
talität bewähren soll, muß eine Entschädigung für diese 
narzißtische Kränkung in sich einschließen. Der Genital- 
masochismus erfüllt diese Bedingung nicht; im Gegenteil, 
er verschlimmert das narzißtische Unbehagen des auf sein 
Lustprinzip bedachten Ichs, das nicht, die Schmerzlust, 
sondern die Lust ohne Schmerz begehrt. Es ist jetzt un- 
verkennbar, daß das Auftreten des Genitalmasochismus 
im Ich nicht eine Stufe der normalen Entwicklung ist, 
sondern der folgenschwere Beginn einer pathologischen, 
einer masochistisch deformierten Weiblichkeit. 

Die Ausschweifungen der Leidenslust gefährden die 
Selbstbewahrung und treiben das Ich zur Verzweiflung. 
Die Grenzen seiner Duldsamkeit sind überschritten, es 
holt zu einer radikalen Abwehraktion aus. Es war genug 
von der Qual, jetzt muß sein tief darniederliegender Nar- 
zißmus wieder aufgerichtet werden. Das Ich unterdrückt 






28 DIE KASTRATIONSANGST ÜES WEIBES 

den genitalmasochistischen Antrieb, verdrängt die blutigen 
Phantasien und legt sich in einem halluzinatorischen Akt 
den Wunschpenis zu. 

Dieser Weg der Abwehr ist durch die Erlebnisse und 
durch die infantile Hilflosigkeit des Ichs eindeutig fest- 
gelegt. Es war eine Folge der Penisentdeckung, daß die 
natürliche Genitalerregung des Mädchens in die Kom- 
bination von Genital- und Schmerzerregung ausartete, die 
wir Genitalmasochismus nennen. Sie kommt seither von 
der Vorstellung ihrer „Genitalwunde" nicht los und ist 
unfähig, den Schmerz, den sie über diese Wunde emp- 
findet, von ihrer Genitalerregung fernzuhalten. Die Ge- 
nitalerregung ist jetzt entweder selbst das Produkt der 
(erogenen) Schmerzerregung, oder sie löst ihrerseits (asso- 
ziativ) die Schmerzmiterregung aus. So oder so: das Er- 
gebnis kann nur eine masochistische Zerrform der Genital- 
erregung sein, die — und das ist das Entscheidende — 
vollends von der Idee des vermißten Penis, des „Kastriert- 
seins", beherrscht wird. Das unreife Ich kann sich gegen 
das Übel nur durch die Verleugnung seiner Penislosig- 
keit (seines „Kastriertseins") schützen. Das Mädchen hat 
keine Wahl ; sie muß zur Illusion, daß sie einen Penis 
besitzt, — also zum Wunschpenis, — Zuflucht nehmen. 

Aber wie sollte sich, wird man da erstaunt einwenden, 
eine so ungeheuerliche seelische Umstellung vollziehen? 
Die einfache Antwort lautet: Im Schlaf, durch einen 
Traum. Dieser Traum, in dem die gepeinigte Seele des 
Kindes endlich ihre Ruhe wiederfindet, muß ein nach- 



DIE MASOCHISTISCHE DEFORMIERUNG DES GENITALTRIEBS 2g 

haltiges Wirklichkeitsgefühl hinterlassen, — es steht ja 
das reale Erlebnis der Penisbeobachtung dahinter. Das 
Mädchen hat geträumt, daß sie an ihrem Leib einen 
Penis hat und wird hernach im Wachleben von dieser 
Traumhalluzination gegängelt. Später einmal muß sie 
dann wie wir gesehen haben, die offene Penisillusion 
durch ein Konversionssymptom ersetzen. 

Ich möchte an einem Beispiel zeigen, wie sich dieses 
Ereignis der Vorzeit während der analytischen Behandlung 
im Traumleben der Kranken reproduziert. Sie träumt: 
„Ich sehe ein verkrüppeltes Kind und noch ein Kind. 
Dieses zweite Kind verwandelt sich in AI. Smith, hat 
einen Derby hut auf und besteigt ein feuriges Reitpferd." 
Sie beginnt die Deutung mit der alles sagenden Be- 
merkung: „Das Kind, das sich in AI. Smith verwandelt, 
bin ich." Als ich ihr die phallische Bedeutung des Derby- 
hutes (in den deutschsprachigen Ländern unter dem Namen 
Melone" bekannt) auseinandersetze, ruft sie mit hellem 
Gelächter aus: „Richtig, AI. Smith (früherer Gouverneur 
von New York) ist ja der Bauherr des Empire State 
Building, des höchsten Turmhauses der Welt!" — Die 
unverkennbar phallische Architektur dieses Bauwerks mit 
seiner glansförmigen Kuppel ist auch dem Mutterwitz 
des Volkes nicht entgangen, man nennt es „AI. Smith's 
latest erection li . (Eine fröhliche, ins Deutsche nicht über- 
tragbare Wortzweideutigkeit.) Das verkrüppelte Kind, das 
natürlich auch sie selbst ist, erinnert sie an das schwer 



50 DIE KASTRATIONSANGST DES WEIBES 

leidende verkrüppelte Kind im Roman „Hiob" von Joseph 
Roth 5 vom Roman geht sie auf düstere Szenen ihrer 
eigenen Kindheit über. — Der Traum war die Reaktion 
der Patientin auf einen mit großer Anstrengung unter- 
nommenen, aber mißglückten Versuch, den Sexualverkehr 
zuzulassen und in ihm Befriedigung zu finden. Er drückt 
die Flucht aus der masochistisch deformierten Weiblich- 
keit („Krüppel") in die phallische Männlichkeit mit einer 
Häufung der überschwänglichsten Symbolik aus. 

Es bereitet uns keine Schwierigkeit mehr, die groß- 
artige Gefühlsbesetzung des Wunschpenis zu verstehen. 
Der Wunschpenis ist kein einfaches Erzeugnis des Penis- 
neids, sondern eine narzißtische Reaktionsbildung des 
Ichs, sein Bollwerk gegen die abgewiesenen genitalmaso- 
chistischen Regungen, dessen Stärke dem Ansturm dieser 
Impulse gewachsen sein muß. Und damit ist auch das 
ökonomische Problem der Angst gelöst: Die Kastrations- 
angst des Weibes ist die Angst vor der Wiederkehr des 
verdrängten Genitalmasochismus; sie signalisiert keine 
äußere Gefahr, sondern die genitalmasochistische Trieb- 
gefahr. 

Wir müssen bei der Situation verweilen, die das Auf- 
treten des halluzinatorischen Wunschpenis im Triebleben 
des Mädchens geschaffen hat. Ihr vorher durch keine 
differenzierten Geschlechtsvorstellungen geleitetes genitales 
Luststreben ist jetzt in zwei geschlechtlich differenzierte 
Tendenzen gespalten, aber der Weg zur Exekutive ist 



DIE MASOCHISTISCHE DEFORMIERUNG DES GENITALTRIEBS 31 

für beide gesperrt. Ihren Genitalmasochismus mußte sie 
als widerwärtig verdrängen. Und mit ihrer genitalen 
Männlichkeit ist nichts anzufangen: sie muß jetzt die 
Stelle, an der sie den Wunschpenis angelegt hat, meiden, 
um ihre Illusion vor der Entlarvung zu schützen. Ihre 
masochistische Weiblichkeit scheitert am Lustprinzip, ihre 
phallische Männlichkeit an den anatomischen Tatsachen. 
Die narzißtische Wunde ist jetzt geheilt, das Mädchen 
hat sich, wie ich es ausdrücken möchte, autoplastisch 
(phallisch) komplettiert, aber ihr Genitaltrieb ist ihren 
narzißtischen Interessen zum Opfer gefallen. Das Ich muß 
sich in der Folge mit den beiden fehlgenitalen Stre- 
bungen herumschlagen und kann die eine organgerechte 
Einstellung zur Genitalität nicht erwerben. Möglicher- 
weise sind es die aus dieser Situation ausstrahlenden klini- 
schen Eindrücke, die Ernest Jones auf den Gedanken der 
„Aphanisis" gebracht haben. 1 

Ein kritisches Bedenken veranlaßt uns, auf einen bisher 
nicht berührten Punkt einzugehen. Wenn man von der 
Kastrationsangst etwas erfahren wollte, so war es ange- 
zeigt, von ihrer narzißtischen Bedingtheit auszugehen. 
Aber — wird man uns entgegenhalten — wir hätten 
uns dann auf diese Blickrichtung festgelegt. Sollten die 
Gefühlsbeziehungen des Mädchens zu ihren Nächsten, 
ihre Sehnsucht, ihr Glück und ihre Enttäuschungen, 

1) Ernest Jones: „Die erste Entwicklung der weiblichen Se- 
xualität." IZfPsA., XIV., 1928. 



3 2 



DIE KASTRATIONSANGST DES WEIBES 



nichts mit ihrer Angst zu tun haben? Dieser Ein- 
wand ist zutreffend. Die Antwort lautet, daß unsere 
Einseitigkeit eine absichtliche und unvermeidliche ist. 
Wer ein kompliziertes Netzwerk durchschauen will, muß 
es erst in Fäden zerlegen. Wir müssen uns bescheiden, 
einzelne Gesichtspunkte durch das Material folgerichtig 
durchzuführen, wenn wir am Ende zu einer brauch- 
baren Synthese kommen wollen. Man muß natürlich 
vorsichtig sein und von Zeit zu Zeit Ausschau halten, 
um die Knotenpunkte nicht zu verfehlen. Das gedenken 
wir jetzt zu tun, indem wir fragen: Auf wen richten 
sich eigentlich die sinnlichen Gelüste des Mädchens, die 
sich in ihrer masochistischen Onanie entladen? Ich er- 
wähnte bereits, daß diese Masturbation eine vorwiegend 
psychische ist, 1 und wies auch auf ihren Zusammenhang 
mit der Urszene hin. Man darf daraus nicht folgern, 
daß sich die Onanie aus dem Verlangen nach dem Vater 
und der Identifizierung mit der Mutter herleite. Diese Ver- 
mutung wäre ebenso verfehlt wie die einer umgekehrten 
Verteilung der Rollen. Diese Onanie wird durch kein 
sinnliches Liebesbegehren, sondern durch die narzißti- 
schen Nöte des kleinen Mädchens angetrieben; sie ist 
ein par excellence autoerotisches Phänomen. Wir finden 
das Mädchen zu dieser Zeit in sich gekehrt, vereinsamt, 
mit ihrer Umgebung und der Welt entzweit. Sie ist 

1) Die genitalmasochistischen Onaniephantasien werden häufig 
von typischen abgelenkten genitalmasochistischen Betätigungen — 
Nägelbeißen, Haarauszupfen u. dgl. — begleitet. 



DIE MASOCHISTISCHE DEFORMIERUNG DES GENITALTRIEBS 33 

zwar bereit — wie unbemerkt — viel Zärtlichkeit auf- 
zunehmen, verspürt aber keinen Drang, sie zu erwidern. 
Ihren genitalmasochistischen Phantasien kommt es mehr 
darauf an, daß sie leidet, als darauf, wer sie leiden ge- 
macht hat. Sie hat jetzt ihre — wie man es nennen 
darf — „anatomische Verstimmung", 1 die sie später in 
ihrer Neurose als „menstruelle Depression" wiederholen 
wird. Mit der phallischen Komplettierung schlägt ihre 
Stimmung in eine Art forcierter Heiterkeit um, sie gibt - 
wie wir gehört haben - die Onanie auf und wird jetzt 
erst recht keine sinnlichen Liebeserwartungen mehr ent- 

wickeln. 

Die Erwähnung der Elternbeziehung mahnt uns, ein 
weiteres Detail nachzutragen, obwohl seine Tragweite 
hier nicht gezeigt werden kann. Man erfährt zunächst 
aus den Wiederholungsträumen, daß sich das Mädchen 
den Wunschpenis vom Vater (bzw. Bruder) verschafft. 
(So auch im oben mitgeteilten Traum.) Diese Lösung 
erscheint so einleuchtend, daß man gar nicht auf den 



O Die Tatsache einer solchen frühen Verstimmung war schon 
Abraham bekannt; er hat sie als „Urverstimmung ^schrieben. 
fvAseinen „Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido , 
pfa Verlag, 924.) Er hat auch erkannt, daß dieser Verstimmung 
dl glekWige Entzweiung mit beiden Eltern zugrunde hegt Wir 
T g L hinzu- Bei der „anatomischen Verstimmung ist die 
? ge \e EnUweTun« auf das anatomische Erlebnis des Mädchens 
ÄuiLZ d^ ihre Liebe von ihrer Umwelt plötzlich auf 
ihre eigene Person zurücklenkt. Es handelt sich hier um jene 
schwere Form von Verstimmung, die in offene masochistische Be- 
friedigung ausartet. 

Raäo, Die Kastrationsangst des Weibes. 3 



34 DIE KASTRATIONSANGST DES WEIBES 

Gedanken kommt, an seiner Ursprünglichkeit zu zweifeln. 

Ich habe dann in einem anderen Zusammenhang 

beim Studium der zyklothymen Phänomene — die Ent- 
deckung gemacht, daß der Vater erst sekundär nach 
einer folgenschweren Enttäuschung des Mädchens in die 
Problematik des Wunschpenis eintritt. In der Urphantasie 
holt sich das Mädchen den Penis bei der Mutter; sie 
verschlingt in dieser Absicht die Mutterbrust! Die Über- 
raschung schwindet, wenn man sich überlegt, daß ja in 
diesem Alter die Mutter auch sonst die selbstverständliche 
Bezugsquelle für alles Gute und Begehrenswerte ist. Wer 
könnte eher dem Penismangel abhelfen als sie? Die ein- 
fache Kinderfrau schöpft aus den Tiefen ihres Gemüts, 
wenn sie die Kleinen davor warnt, Obstkerne zu ver- 
schlucken, weil ihnen sonst ein Baum aus dem Bauche 
herauswachse. Daß Obst ein Symbol für die Brüste, Baum 
ein Symbol für den Penis ist, hat die Psychoanalyse längst 
gezeigt. 

Wir dürfen jetzt unsere Auffassung in eine Formel 
zusammenfassen : 

Anatomisches Erlebnis -* Untergang der amorphen 
Genitalphase des Ichs -* Herrschaft des Genitalmaso- 
chismus über das Ich ^ Narzißtische Abwehrreaktion 
des Ichs: phallische Komplettierung -*■ Kastrationsangst 
im Ich als Signal der genitalmasochistischen Triebgefahr. 



UI. DIE ABWANDLUNGEN DER 
KASTRATIONSANGST 

Die Kastrationsangst des Weibes ist das Produkt einer 
Störung, die in der infantilen Bildungsphase der Genitalität 
vorfiel. Greift in den folgenden Jahren kein restaurieren- 
der Vorgang ein, so wird sich die erlittene Deformation 
in einer dauernden Schädigung der weiblichen Sexual- 
funktion auswirken. Die Verdrängung des Genitalmaso- 
chismus vereitelt die Erwerbung der normalen weiblichen 
Genitalhaltung; der Genitaltrieb findet im Psychischen 
keinen angemessenen Ausdruck, sein Drang bleibt auf 
die beiden einander widersprechenden Strebungen — auf 
die genitalmasochistische und auf die illusionistische phäni- 
sche Strebung — verteilt. Die Kastrationsangst bleibt als 
untrügliches Zeichen des ungünstigen Verlaufs bestehen 
und tritt uns in der Neurose der herangereiften Frau 
als das zentrale pathologische Phänomen entgegen. Mag 
sich uns die Neurose des Weibes in noch so verworrenen 
klinischen Bildern präsentieren, nach einiger Bemühung 
gelingt es immer, aus dem Durcheinander den folgenden 
einfachen Sachverhalt herauszuschälen: 

Seit der Pubertät brachte der in seinen somatischen 
Quellen verstärkte Genitaltrieb seinen Anspruch auf Be- 
friedigung immer gebieterischer zur Geltung. Auch die 

3* 



36 DIE KASTRATIONSANGST DES WEIBES 

Idealbildung des Mädchens vollzog sich unter dem Druck 
einer Gemeinschaft, die von ihr die Erfüllung ihrer weib- 
lichen Bestimmung erwartet. Die Herangewachsene ver- 
sucht es verzweifelt, sich in die ihr vorgeschriebene Rolle 
zu fügen oder zumindest eine annehmbare Kompromiß- 
lösung zu finden, aber es will und will ihr nicht gelingen. 
Wir verstehen es jetzt gut, warum nicht. Was sich ihr 
von innen her als ihr „weibliches" Sexualbegehren auf- 
drängt, ist die befremdende Forderung, sich qualvollen, 
blutigen Peinigungen auszuliefern, um das eigene Leid 
in Lust zu genießen. Das Ich reagiert mit. Kastrations- 
angst auf diese Zumutung und verstärkt die Besetzung 
des Wunschpenis, die um diese Zeit auf jene Stellen ver- 
teilt ist, an denen das Ich den Durchbruch des Genital- 
masochismus am meisten befürchtet. An jedem gefähr- 
deten Posten ist als Wächter ein Wunschpenis (eine 
männliche Pose) untergebracht.' Die spontanen Attacken 



1) So drückt z. B. der oben mitgeteilte Traum durch jedes ein- 
zelne phallische Symbol die Abwehr einer besonderen masochisti- 
schen Einstellung der Träumerin aus. Das „feurige Pferd" ist das 
Gegenstück zu ihrer masochistischen Onaniephantasie, an der sie seit 
ihrer Kindheit unverändert festhält; die Phantasie behandelt die 
„Leiden eines Pferdes", deren Schilderung sie seinerzeit einem 
Roman („Black Beauty, the Autobiography of a Horse") ent- 
nommen hatte. Der „Derby-Hut" spielt auf die schweren maso- 
chistischen Denkhemmungen der Träumerin an, deren sie sich immer 
wieder durch Aufwallungen von geistiger Männlichkeit zu erwehren 
sucht. (Vgl. dazu weiter unten die Ausführungen über Pseudo- 
debilität.) Die Identifizierung mit dem Vater (der „Gouverneur"), 
der sein Leben in einer Art selbstherrlicher Absonderung von der 
Familie verbringt, verleugnet die schwere masoclustische Fixierung 



DIE ABWANDLUNGEN DER KASTRATIONSANGST 37 

des Genitaltriebes oder die schüchternen Versuche des 
Ichs, seine Weiblichkeit auszuprobieren, lösen sofort neue 
Angstanfälle aus. Was jetzt folgt, ist eine nicht enden 
wollende Bemühung des Ichs, sich mit der durch die 
Kastrationsangst angezeigten genitalmasochistischen Trieb- 
gefahr auseinanderzusetzen. Dabei gelangen einige wenige, 
uns hinlänglich bekannte psychische Mechanismen zur 
Anwendung. Das Ich vertraut sich bald diesem, bald jenem 
Verfahren an, kombiniert sie oder baut sie zu langwierigen 
Unternehmungen aus, in deren Verlauf sich die näm- 
lichen Konstellationen wiederholen. Es kämpft an den 
verschiedensten Punkten, aber immer um dasselbe nicht 
erreichbare Ziel: im eigenen Selbst eine der Reichweite 
des Genitalmasochismus entrückte Schonung zu finden, 
in der es ihm gegönnt sein würde, sich von der auf- 
zehrenden Angstbereitschaft zu entlasten und in einer 
bescheidenen Lust zu befrieden. 

Um die Stichhaltigkeit dieser Schilderung zu erweisen, 
müssen wir uns den erwähnten Mechanismen der Neurose 
zuwenden. ^ 

der Träumerin an ihre Mutter. Das „Empire State Building" im 
latenten Traummaterial ist ein Symbol der frechen phallischen 
Exhibition, welche die frühere ängstlich schüchterne Verbergung des 
Penismangels ablöst. Beide Haltungen, das ängstliche Sich- Verbergen 
und die Entblößungstendenz äußern sich im Leben der Träumerin 
in je einer Reihe von überaus charakteristischen Erscheinungen 
die sich jedoch der Mitteilung entziehen. Ich darf versichern, daß 
dieser phallische Traum durch seine „Symbolwahl" alle ent- 
scheidenden masochistischen Tendenzen verrät, die das Leben 
der Träumerin gestaltet haben. 



38 DIE KASTRATIONSANGST DES WEIBES 

Machen wir uns zunächst mit jener Verschiebung oder 
Abwandlung der Kastrationsangst, von der schon wieder- 
holt die Rede war, näher vertraut. Wie ist dieser Vor- 
gang zu charakterisieren, welche Rolle spielt in ihm der 
Genitalmasochismus und welche das Ich, das die Angst 
erlebt und als Warnung befolgt? Als Ausgangspunkt soll 
uns die banale Verletzungsangst unserer Patientinnen 
dienen. Was das Ich hier befürchtet — die körperliche 
(oder psychische) Verletzung — ist genau das, wonach 
sich der von seinem ursprünglichen Angriffsort abgelenkte 
Genitalmasochismus im geheimen sehnt; der Genital- 
masochismus begehrt ja den (körperlichen oder seelischen) 
Schmerz, um aus der Schmerzerregung Lust herauszu- 
schlagen. Hinter jeder Befürchtung des Ichs steckt eine 
gleichlautende, latente Befriedigungsabsicht des Genital- 
masochismus. Im Grunde ängstigt sich also das Ich — 
und dies mit vollem Recht — vor den Wünschen seines 
eigenen verdrängten Genitalmasochismus. Als ob es ahnen 
würde, was in seinem Innern gegen seine besseren Inter- 
essen geplant wird. Es fällt allerdings schwer, dem Ich 
eine solche Einsicht zuzutrauen, wenn man in der analyti- 
schen Behandlung sieht, daß die Kranke diese Einsicht 
ablehnt, wenn man sie ihr vorhält. Aber wir brauchen 
uns nicht auf fragwürdige Vermutungen einzulassen. Die 
sorgfaltige Beobachtung zeigt deutlich, was im Ich vor- 
geht: unter dem anhaltenden Druck des Masochismus 
verschärft sich mehr und mehr die Empfindlichkeit und 
dementsprechend auch die Wachsamkeit des Ichs gegen 



. 



DIE ABWANDLUNGEN DER KASTRATIONSANGST 39 

Unlust. Da sich das Ich vor masochistischen Erlebnissen 
schützen will, ist es nun gezwungen, seine Erlebniswelt 
selbst auf die entferntesten Unlustmöglichkeiten hin ab- 
zusuchen. Damit leistet es — völlig ahnungslos — einen 
vortrefflichen Aufklärungsdienst für den Masochismus. 
Dieser bemächtigt sich der neuen Leidensmöglichkeit, 
die das Ich ausfindig gemacht hat, und drängt fortab 
auf ihre Verwirklichung. Das Ich verspürt die masochisti- 
sche Besetzung als gesteigerte innere Spannung und 
empfindet vor der Situation, auf die es der Masochismus 
absieht, Angst. 1 Die Aufmerksamkeit des Ichs ist von den 
Vorgängen in seinem Innern ganz auf die Außenwelt 
abgelenkt, wo es die Motivierung seiner Ängste sucht 
und findet. So wird die masochistische Bedingtheit der 
Angst durch ihre realistische Einordnung verdeckt. 
Wir sind jetzt gerüstet, die Abwan dlungen und Ver- 

a) Die Mühe, neue Unlustmöglichkeiten zu entdecken, wird dem 
masochistisch sensibilisierten Ich in der Kindheit regelmäßig, aber 
auch später noch häufig genug durch andere Personen (Eltern, Vor- 
gesetzte, Freunde) abgenommen. Es ist lehrreich, seine Haltung mit 
der des normalen Ichs zu vergleichen. Das gesunde Kind wird oft 
erst durch eine ungeschickt vorgebrachte Warnung des Erziehers 
auf die Idee einer neuen Lustmöglichkeit gebracht, die es hernach 
im geheimen schleunigst ausprobiert. Das gesunde Ich wittert auch 
später noch hinter jeder Warnung (jedem Verbot), die von der 
Autorität kommt, eine geheime Lustmöglichkeit, die nur ihm vor- 
enthalten werden soU. Es reagiert folgerichtig mit emer Ver- 
suchung zur Auflehnung. Das masochistisch voreingenommene 
Ich hat diesen gesunden Spürsinn für Lustmöglichkeiten eingebüßt. 
Es wird durch die Warnung (das Verbot) nur auf die Idee einer 
neuen Unlustmöglichkeit gebracht; es gerät in eine masochisti- 
sche Versuchung, unterdrückt sie und reagiert mit Angst. 



40 DIE KASTRATTONSANGST DES WEIBES 

Schiebungen der Kastrationsangst im einzelnen ins Auge 
zu fassen. Ihre Hauptformen entstammen den großen 
biologischen Ereignissen der weiblichen Sexualfunktion. 
Das durch masochistische Erfahrungen gewitzigte Ich muß 
die Leidenslust der ersten Menstruation verleugnen und 
die Blutung als das Ergebnis eines Gewaltaktes hinstellen, 
dem es irgendwie — im Schlaf — zum Opfer fiel. Diese 
Interpretation, die das Mädchen in Träumen und Tag- 
träumen ausspielt, wandelt in den Bahnen jener Vor- 
stellung, daß sie schon einmal einen ähnlichen Gewaltakt, 
die Kastration, erlitten hat. Hier findet der Genitalmaso- 
chismus seinen zweiten Inhalt: den Wunsch, vergewaltigt 
zu werden. Das Ich reagiert mit der Abwandlung seiner 
Kastrationsangst in die Angst vor Vergewaltigung. Hat 
sich die Phantasie des Mädchens der Menstruation schon 
vorher bemächtigt, so ergeben sich die nämlichen Folgen, 
die dann das reale Erlebnis befestigt. Ähnlich behandelt 
das masochistisch sensibilisierte Ich die Frage des Gebarens: 
da soll ihm schon wieder ein Stück des eigenen Leibes 
entrissen werden. Dies liefert den dritten Inhalt des Ge- 
nitalmasochismus : den Wunsch, mit Gewalt der Leibes- 
frucht entbunden zu werden. Die entsprechende Abwand- 
lung der Kastrationsangst ist die Angst vor dem Gebären. 
Wir haben nun alle drei Erscheinungsformen des Ge- 
nitalmasochismus beisammen, die Freud als „femininen 
Masochismus" beschrieben und Helene Deutsch als die 
„masochistische Trias" des normalen weiblichen Sexual- 
lebens gewürdigt hat: die leidenslüsternen Wünsche, 



DIE ABWANDLUNGEN DER KASTRATIONSANGST 41 

kastriert, vergewaltigt und zum Gebären genötigt zu werden. 
Wir sehen, daß sich in der masochistischen Trias die 
Wunschziele einer pathologisch entstellten, masochistisch 
deformierten Weiblichkeit äußern, gegen die sich das ent- 
setzte Ich durch eine korrespondierende Angst-Trias er- 
wehrt: durch Kastrationsangst, Vergewaltigungsangst und 
Gebärangst. Die Leidenslust des Gebarens ist dann nicht, 
wie Helene Deutsch und Georg Groddeck vermutet 
haben, der „Orgasmus" des Weibes, sondern höchstens 
die Erfüllung des genitalmasochistischen Weibes. 

Dem Vordringen des Genitalmasochismus in abgeleitete 
— genitale und extragenitale — Positionen folgt die 
Angst des Ichs überall nach, aus der Angst-Trias nehmen 
eine Reihe weiterer Abwandlungen ihren Ausgang. Die 
Vergewaltigungsangst lebt mit nur geringer Modifikation 
fort als Angst vor der Defloration, beziehungsweise als Angst 
vor dem Sexualverkehr überhaupt. Die Gebärangst steigert 
sich zur Todesangst: „Ich muß beim Gebären sterben." 
Von ihrer genitalen Ursprungsstätte breiten sich schließlich 
diese Ängste auf andere Arten von Vergewaltigung, Er- 
zwingung, Schädigung usw. aus; aus den Wandlungen 
der Angst läßt sich der ganze Wanderungsweg des orts- 
abgelenkten Genitalmasochismus mühelos rekonstruieren. 
Die ursprüngliche Reaktionsbildung des Ichs gegen den 
Genitalmasochismus, der narzißtische Wunschpenis, bleibt 
während dieser pathologischen Entwicklungen erhalten 
und ist für unsere Analyse an den Stellen der Angst- 
bereitschaft im Ich agnoszierbar. Für eine andere Re- 



42 



DIE KASTRATIONSANGST DES WEIBES 



aktionsbildung, die sich nach meinen Befunden im Ich 
herstellt und dort die narzißtische Besetzung und Abwehr- 
rolle des Wunschpenis ganz oder zum Teil übernimmt, habe 
ich mir die Bezeichnung „Wunschfötus" zurechtgelegt. Die 
Kenntnis dieses Phantasiegebildes erschließt uns den Pro- 
blemkreis der hysterischen Schwangerschaftsphantasien, der 
an Erscheinungen ebenso reich ist wie an Überraschungen. 
Da es mir hier auf eine Darstellung der primären Neu- 
rosendynamik ankommt, sehe ich im folgenden von diesen 
Verwicklungen — und dementsprechend vom ganzen 
Thema „Kind" — vorsätzlich ab. Das hier Vernachlässigte 
soll später gesondert behandelt werden. 






IV. DER GESTALTUNGSPROZRSS 
DER NEUROSE 

Dieser Überblick über die Wandlungen der Kastrations- 
angst bekräftigt die Auffassung, die wir uns von der 
Haltung des Ichs gebildet haben. Sooft das Ich die maso- 
chistische Triebgefahr erkennen sollte, entdeckt es eine 
äußere Gefahr und glaubt dann, daß es sich vor dieser 
ängstigt. Seine Anstrengung bleibt auch folgerichtig auf 
die Aufgabe konzentriert, sich gegen die vermeintliche 
äußere Gefahr zu schützen. Die zentrale „Gefahrenquelle" 
im Leben der genitalmasochistischen Frau ist der Mann; 
gegen ihn wird sich das Verteidigungswerk ihrer Neu- 
rose richten. 

Dem Ich, das sich in Gefahr befindet oder wähnt, 
stehen dreierlei Arten von Abwehr zur Verfügung: 1) die 
Flucht, 2) der Kampf und 3) die Wahl des kleineren Übels. 

Je nachdem, welchen dieser drei Wege die Neurose be- 
vorzugt, ergeben sich besondere nosologische und charak- 
terologische Typen, die man auch in reiner Ausführung, 
noch häufiger freilich in allen Abstufungen und Mi- 
schungen, antrifft. Wir wollen uns hier auf jene Typen 
beschränken, die dem Analytiker aus der täglichen Arbeit 
und der Literatur am besten bekannt sind. Es soll gezeigt 
werden, wie man unter Zugrundelegung unserer Gesichts- 



44 



DIE KASTRATIONSANGST DES WEIBES 



punkte den psychopathologischen Aufbau dieser Typen 
durchleuchten, von schwankenden oder noch fehlenden 
Deutungen zu gefestigten Einsichten vordringen und da- 
rüber hinaus für das ganze Gebiet zu einem einheitlichen 
klassifikatorischen System gelangen kann. Da uns nur eine 
Beweisführung vorschwebt, streben wir keine mono- 
graphische Vollständigkeit an. Wir haben auch durch den 
Ausschluß der Problematik „Kind" das Material begrenzt. 

i) Die Flucht 
Betrachten wir die Mechanismen der Flucht. 

a) Die äußerste Leistung der Flucht vor dem Manne 
ist die weibliche Homosexualität. Sie findet nach einer 
Initialperiode schwärmerisch übersteigerter Zärtlichkeit 
regelmäßig den Weg zur Klitorislust. Der Befriedigung 
liegen zwei Motive zugrunde: Das geglückte Ausweichen 
vor dem gefährlichen Mann und die „Realisierung" der 
durch den Wunschpenis inaugurierten Männlichkeit. Die 
der weiblichen Homosexualität eigene Störung ist das Schuld- 
gefühl, dessen eingestandene Begründung die Perversion 
selbst, das Ausgeschlossensein aus der Masse ist; daher die 
Tendenz dieser Frauen, ihre Position durch Zusammen- 
schluß zu stärken. An der Quelle dieses Schuldgefühls sitzt 
ein quälendes Minderwertigkeitsgefühl, die Unruhe, als 
unzulänglich entlarvt zu werden, die Angst vor Blamage. 
Der geheime Inhalt dieser Angst ist die Angst vor der 
Entlarvung des Penismangels, die sich der Genitalmaso- 



DER GESTALTUNGSPROZESS DER NEUROSE 45 

chismus sofort zunutze machen würde. Die Angst vor 
Blamage ist demnach eine Abwandlung der Kastrations- 
angst, deren Fortbestehen in der phallischen Genital- 
organisation der Homosexuellen uns beweist, daß diese 
Lösung nicht imstande ist, das Weib von dem Druck 
seines Genitalmasochismus zu befreien. 

b) Eine andere Form der Flucht vor dem Manne ist 
nach außen hin wenig auffällig; das ist die Frigidität. 
Die Frau läßt sich zwar auf ein Sexualleben mit dem 
Manne ein, aber es bedeutet ihr nichts ; sie liefert ihr 
Genitale dem Manne aus, zieht sich aber selbst von ihrem 
Genitale zurück. Im Sexualverkehr existiert ihr Organ 
für sie nicht, es ist daher unerregbar und liefert keine 
Gefühle, weder Lust noch Schmerz. Bleibt die Schmerz- 
empfindlichkeit erhalten oder stellt sie sich später ein, 
dann beginnt sich die Frau sofort mit allen Mitteln — ein- 
schließlich des hysterischen Angstanfalls, des Vaginismus, 
usw. — g e g en den Verkehr zu sträuben. Die frigide Frau 
holt sich dann aus einer forcierten intellektuellen, beruf- 
lichen, sozialen oder häuslichen Betätigung oder auch 
anderswoher ihren Befriedigungsersatz. Der erstere Fall, 
die auf die geistige Haltung abgelenkte Männlichkeit, ist 
die immer mehr bevorzugte Lösung unserer Tage. Die 
geistig vermännlichte Frau stößt in dieser Sphäre wieder 
auf den Feind Mann, dem sie in der Sexualität entronnen 
ist. Das zehrende Unsicherheitsgefühl, die ewige Angst 
vor der Blamage, die sie auf dem intellektuellen oder 



4.6 DIE KASTRATIONSANGST DE6 WEIBES 

beruflichen Feld entwickelt, geht auch hier auf die Angst 
vor der Entlarvung des Penismangels, auf die Angst vor 
dem Genitalmasochismus zurück. Joan Ri viere 1 hat uns 
in einer feinsinnigen Arbeit gezeigt, daß solche Frauen 
ihre Männlichkeit oft hinter einer weiblichen „Maske'* 
verbergen; sie bestechen den Mann durch ihren Liebreiz 
und machen ihn so auch in der intellektuellen Sphäre 
unschädlich. Allerdings gehört diese Haltung schon in das 
Kapitel „Kampf". 

Der Antrieb zur Stärkung der phallischen Position durch 
Vermännlichung des Intellekts kann namentlich bei be- 
gabten Mädchen schon in den Schuljahren einsetzen und 
— an den verschiedensten Konflikten — ebenso früh 
auch scheitern. Eine schwere Belastungsprobe ist die 
Pubertät. Ein früher Fehlschlag dieser Bestrebung kann 
ernste Folgen nach sich ziehen. Wie immer, wenn der 
Wunschpenis zusammenbricht, wird die Stelle, die durch 
ihn hätte beschützt werden sollen, dem Masochismus aus- 
geliefert; dieser kann sich jetzt dort einnisten. Das Mädchen 
fängt an, sich aus Trotz dumm zu stellen. Der Vorgang 
greift von der ursprünglichen Konfliktstelle erst auf diesen, 
dann auf jenen Punkt über und endet in einer blei- 
benden, masochistischen Beeinträchtigung der intellek- 
tuellen Funktion, unter ungünstigen Umständen in einer 
Pseudodebilität 2 . In jedem derartigen Falle, in den ich 

1) Joan Riviere: „Weiblichkeit als Maske." IZfPsA., XV., 1929. 

2) Vgl. Berta Bornstein: „Zur Psychogenese der Pseudodebilität." 
IZfPsA., XVI., 1930. 



DER GESTALTUNGSPROZESS DER NEUROSE 47 

Einblick nehmen konnte, ist die Kranke ursprünglich ein 
überdurchschnittlich intelligentes Kind gewesen. Es klingt 
paradox, ist aber richtig, daß gerade das begabte Kind 
Fehlschlägen in der intellektuellen Sphäre ausgesetzt ist, 
die der Einfaltige nicht kennt. Auf derartige, den Maso- 
chismus heranziehende Erlebnisse folgt zwangsläufig die 
Ausnützung der intellektuellen Befähigung für die Zwecke 
der phallischen Abwehr und nach dem Zusammenbruch 
dieser Aktion die masochistische Lähmung des Intellekts. 

c) Frauen mit vermännlichtem Ehrgeiz befolgen oft 
eine andere Taktik, um der befürchteten Entlarvung ihrer 
„Unfähigkeit" (ihres Penismangels) zu entgehen. Sie 
weichen der Konkurrenz mit dem Manne aus und be- 
geben sich mit ihrer kulturellen Betätigung auf ein weib- 
liches Arbeitsfeld. Dort gebärden sie sich dann männlicher 
als der Mann. Diese Art Ausweichens hat eine infantile 
Vorgeschichte. Das kleine Mädchen, das ihren Wunsch- 
penis vor der Entlarvung beschützen muß, wendet sich 
von ihrer Genitalgegend ab und stellt die Onanie ein. 
Aber das genügt nicht, beim Urinieren schwebt sie in der- 
selben Gefahr. Sie zögert nicht, auch ihren Urindrang 
zu unterdrücken, und zieht sich so eine hartnäckige, 
gelegentlich sogar bedrohliche Urinretention zu. Gibt 
sie endlich nach, dann uriniert sie natürlich wie der 
Knabe. Sie hat auch die Wahl, ihre Verrichtung in den 
Schlaf zustand zu verlegen, dort kann sie mit ihrem 
Wunschpenis urinieren (Enuresis nocturna). Ich ver- 



4 g DIR KASTRATIONSANGST DES WEIHES 

mute, daß diese imponierende Leistung — das Urinieren 
mit dem Wunschpenis — die spätere Neigung der kleinen 
Heldin zur Prahlerei und Phantasielüge begründet. 
Insofern sie dann als Reaktion eine Zwangsneurose ent- 
wickelt, so wird sie diese Vergangenheit mit ihrem Wahr- 
heitsfanatismus verleugnen müssen. 

d) Das infantile Ausweichen vor der Harnentleerung 
ist auch die Wurzel eines anderen Konversionssymptoms, 
das sich mit leicht abgewandelter Motivierung in die 
Reifejahre fortsetzt. Ich meine das Erröten und die 
mit ihm verknüpfte Angst vor dem Erröten, die Ery- 
throphobie. Das Erröten führt uns die Folgen einer 
mißglückten Flucht vor: „Wenn ich jetzt urinieren müßte 
— denkt sich das durch ihr Bedürfnis bedrängte Mäd- 
chen — würde sich alles herausstellen." Das ist bereits 
ein masochistischer Einfall; das wankend gewordene Ich 
muß sich in der Folge eine offene Beschämung durch 
den Genitalmasochismus gefallen lassen. Das Mädchen 
errötet und gesteht damit unfreiwillig ihre Penislosigkeit 
ein. Es ist richtig, daß ihr die unterdrückte urethral- 
erotische Erregung „in den Kopf steigt" und dort zur 
Beschwichtigung eine Art Erektion produziert. Aber diese 
Deutung klärt das Erröten noch nicht auf. Es kann dabei 
auch ein heftiger Kopfschmerz entstehen, was häufig 
genug vorkommt. Die Konzentrierung der Erregung an 
der entblößten Gesichtspartie zeigt an, daß hier der Vor- 
gang nicht in einer geglückten phallischen Reaktions- 












DER GESTALTUNGSPROZESS DER NEUROSE 49 

bildung, sondern mit einem Triumph des Masochismus 
endet. Die Angst der Erythrophobie ist die reine Kastra- 
tionsangst. Später schiebt sich in der Dynamik des Er- 
rötens und der Errötungsangst an die Stelle der urethralen 
die genitale Erregung ein. Die Genitalerregung sollte wegen 
ihrer masochistischen Entartung unterdrückt werden, aber 
der Masochismus gewinnt die Oberhand und liefert die 
Frau, die ängstlich fliehen wollte, durch ihre verräteri- 
sche, erotisch übertonte Schamreaktion erst recht dem 
Angriff des Mannes aus. 1 

1) Wenn ich nach einigen, leider unvollständigen Beobachtungen 
urteilen darf, dürfte auch die rätselhafte Psoriasis, die in psycho- 
logischer Hinsicht als ein generalisiertes Dauererröten zu charak- 
terisieren ist, auf derselben masochistischen Triebgrundlage be- 
ruhen. — Ich bin schon seit langem bemüht, die libidinösen Eigen- 
schaften der Körperoberfläche — der Hautdecke — genauer zu er- 
mitteln. Vor mehr als zehn Jahren verfiel ich auf die — nur im Freun- 
deskreise — geäußerte Annahme einer frühesten taktilen Organisa- 
tionsphase der Libido, die man unter Heranziehung phylogeneti- 
scher Erwägungen in die pränatale Existenz verlegen mußte. Ich gab 
aber diese Annahme als inhaltsleer bald wieder auf. Heute glaube ich 
die Ansicht vertreten zu dürfen, daß die Hautdecke nicht nur die 
narzißtische Schale des Ichs, sondern zugleich und in vollem 
Gegensatz dazu auch eine imposante Ansiedlungsstätte des Maso- 
chismus ist. Die Hautdecke besorgt ein gutes Stück des „Reiz- 
schutzes" (Freud), sie ist in ihrer exponierten Lage nicht nur den 
verschiedensten (thermischen, chemischen, mechanischen usw.) Insulten 
ausgesetzt, sondern zugleich auch der Ort, an dem sich die unmittel- 
baren Abwehr- und Heilreaktionen des Organismus abspielen. Beide 
Vorgänge — Schädigung und Heilung — sind regelmäßig mit 
Schmerz verbunden, den der Masochismus leicht zur Leidenslust 
ausbeutet. So stellt sich eine intime Verbindung zwischen Hautdecke 
und Masochismus her, deren Ansätze in die dunklen Vorzeiten der 
Phylogenese zurückreichen. (Die Phylogenese darf man bei derartigen 

Rado, Die Kastrationsangst des Weibes. 4 



50 DIE KASTRATIONSANGST DES WEIBES 

Ich habe bei einigen genitalmasochistischen Frauen 
längere Zeit hindurch beobachtet, daß sie sich zur Zeit 
ihrer Menstruation mit Vorliebe rote Kleider oder rote 
Kleidungsstücke (Hut, Gürtel, Krawatte, Handtasche usw.) 
anlegen. Hält man ihnen bei Gelegenheit diesen Sach- 
verhalt vor, so sind sie überrascht, amüsiert, versuchen 
zu widersprechen — um dann einmütig zuzugeben, daß 
sie sich ihrer Gepflogenheit nicht bewußt waren. Die 
Anlehnung an das Vorbild des Errötens, die unbewußte 
Absicht zur Provokation und die Herkunft des Antriebs 
aus dem sexuell, d. h. genitalmasochistisch erregenden 
„Kastrationserlebnis" sind offenkundig. 

e) Die Genitalflucht der Frigidität ist in ihrem Sinne 
erfolgreich} an der vom Ich verlassenen Genitalstelle kann 
der Genitalmasochismus nicht zur Geltung kommen. (Es 
sei denn, daß ihm Ereignisse, wie Geburten, Genital- 
Fragen nicht aus dem Auge verlieren.) Es wäre nicht im mindesten 
verwunderlich, wenn diese Zusammenhänge auch in der Psychopatho- 
logie der Hauterkrankungen und der großen infektiösen Exantheme, 
einschließlich der Syphilis, eine Rolle spielen würden. — Von hier 
aus erfaßt man endlich auch den Lustmechanismus des zärtlichen 
Streicheins, das im Liebesleben genitalmasochistischer Frauen 
oft eine große Rolle spielt. Das Streicheln erreicht sein erotisches Ziel, 
indem es in der gestreichelten Frau die masochistische Triebgefahr 
spielerisch heraufbeschwört, um sie dann durch die vollkommene 
Schmerzlosigkeit der gebotenen Befriedigung um so mehr zu ent- 
zücken. Es ist eine glanzvolle Veranstaltung zu Gunsten des narziß- 
tischen Ichs: Das Ich darf dabei immer wieder den Triumph des 
Lustprinzips über die masochistische Versuchung genießen. Seine 
Befriedigung wird natürlich der genitalmasochistischen Triebgefahr 
proportional sein. 



DER GESTALTUNGSPROZESS DER NEUROSE 51 

infektionen usw. neue Möglichkeiten eröffnen.) Er findet 
dann den Ausweg, zwischen seinem — jetzt nicht mehr 
realisierbaren — harmvollen Genitalziel und irgend- 
einer sonst harmlosen, banalen Lebenssituation eine ge- 
heime inhaltliche Beziehung herzustellen. Solche Ver- 
bindungsbrücken werden in der Regel bereits in der 
Kindheit errichtet und liegen später gebrauchsfertig vor. 
Überdies gibt das Ich mit seiner zweideutigen, ängstlich- 
lüsternen Wachsamkeit, daß ihm ja nirgends und ja nichts 
passiere, dem Genitalmasochismus stets den richtigen 
Fingerzeig. Die vorher harmlose Situation hat jetzt einen 
sexuellen, d. h. genitalmasochistischen Sinn. Sobald sich 
das Ich der genitalmasochistisch erregenden Situation 
nähert, wird es von Angst überfallen ; die Kranke läuft 
davon und muß in der Folge die Situation als gefährlich 
meiden. Sie leidet jetzt an einer hysterischen Situa- 
tionsphobie. Die Flucht der Phobie wiederholt die 
Genitalflucht an der neuen Stelle, die der abgelenkte 
Genitalmasochismus mit der Genitalität in Verbindung 
gebracht hat. 

Einige Beispiele sollen diese Analyse veranschaulichen. 

Wir beginnen mit der Höhenphobie. Bei dieser Phobie 
hat Freud in einer knappen Bemerkung bereits auf die Her- 
kunft aus einer „feminin-masochistischen" Versuchungs- 
angst hingewiesen. 1 Wir setzen bestätigend fort: Die 
masochistische Versuchung ist hier offenbar, sich in die 

1) Freud: „Hemmung, Symptom und Angst", Ges. Sehr. Bd. XL, 
S. 121, Fußnote. 



5* 



DIE KASTRATIONSANGST DES WEIBES 



Tiefe zu stürzen, also „niederzukommen", und die Angst 
des Ichs eine verstärkte Gebärangst, d. h. Todesangst. 

Die zahlreichen Reptilien- und Kleintierphobien 
gehen auf das erste Auftauchen der „Schlange" Penis 
zurück. Die Reaktion des Mädchens war damals die 
masochistische Masturbation. Das Wiederauftauchen der 
„Schlange" reizt zur masochistischen Masturbation, — 
später zum Sexual verkehr mit dem masochistischen Wunsch- 
ziel, vergewaltigt zu werden. Die Angst des entsetzt zu- 
rückweichenden Ichs ist eine verkappte Vergewaltigungs- 
angst. 

In den verschiedenen Reisephobien (Eisenbahn-, 
Automobilangst usw.) ist der Sachverhalt um einen so- 
matischen Faktor bereichert: die mechanische Erschütterung 
löst bei masochistisch sensibilisierten Personen eine genital- 
masochistische Erregung aus. Die somatische Reizung 
peitscht den verdrängten Genitalmasochismus und die 
korrespondierende Angst des Ichs auf. Die Kranke, die 
sich ahnungslos über ihre Reisebefürchtungen ausbreitet, 
gibt eine genaue Schilderung ihrer latenten, genital- 
masochistischen Reisewünsche. Die Analyse zeigt dann, 
daß die masochistische Verarbeitung der Reisesituation 
an den großen genitalmasochistischen Erlebnissen der 
Kindheit, Urszene, Geburt von Geschwistern usw., an- 
knüpft. Entsprechend der Vielfältigkeit der Reisegefahr 
und ihrer masochistischen Auslegung gibt es kaum eine 
Variante der Kastrationsangst, die nicht als Reiseangst auf- 
treten würde: Angst vor Zusammenstoß, vor Verstumme- 



DER GESTALTUNGSPROZESS DER NEUROSE 53 

lung, vor dem Narkotisiert- und Beraubtwerden, vor der 
sexuellen Vergewaltigung, vor dem Tod — bei früheren 
Enuretikern vor Feuersbrunst und Verbrennen u. dgl. 

Die Straßenangst wurde von analytischen Autoren 
wiederholt behandelt. Alexander hatte — in Anlehnung 
an Freud — richtig ausgeführt, daß die eigentliche Ge- 
fahr der Straße die geheime Dirnenversuchung ist. 1 
Später konnte Helene Deutsch 2 in überzeugender Weise 
demonstrieren, eine wie große Rolle der Masochismus 
in dieser Erkrankung spielt; aber sie brachte den Ma- 
sochismus nicht mit der Genitalität und dem Narzißmus, 
sondern mit der Aggression in Zusammenhang und ging 
so an der von uns vertretenen Lösung knapp vorbei. 
Es ist nur zu deutlich, daß die Prostitution ein Wunsch- 
ziel des Genitalmasochismus ist. Sie knüpft die Be- 
friedigung an eine moralische Demütigung, die für das 
Ich ebenso unerträglich ist wie die körperliche Schädi- 
gung. Übrigens ist die latente Prostitutionsphantasie nicht 
der einzige und gewiß nicht der ursprüngliche genital- 
masochistische Inhalt der Straßenangst. Nach meinen Be- 
obachtungen ist die entscheidende Fixierungsstelle dieser 
Erkrankung die Urszene, deren Eindrücke nach der Penis- 
entdeckung die masochistische Onanie stimuliert hatten. 



1) Freud: „Hemmung, Symptom und Angst". Ges. Sehr. Bd. XL 
— Franz Alexander: „Psychoanalyse der Gesamtpersönlichkeit. 
IPsa. Verlag, 1927. 

2) Helene Deutsch: „Zur Psychogenese der Straßenangst. 

IZfPsA., XIV., 1928. 



54 DIE KASTRATIONSANGST DES WEIBES 

Wie weit diese Fixierung an die Urszene auf einer in 
ihr enthaltenen erneuerten Penisbeobachtung beruht, 
wage ich nicht zu entscheiden. Hernach besteht jeden- 
falls die Gefahr, daß die Wiederholung der Koitusbeob- 
achtung sofort den Antrieb zur masochistischen Onanie 
aktiviert. Das Ich reagiert mit einer spezifischen Empfind- 
lichkeit gegen die Beobachtung des Sexualverkehrs und 
überträgt dann diese Empfindlichkeit auf den Straßen- 
verkehr. Der Verschiebungsvorgang kann sich auch auf 
andere, verwandte Wortbrücken stützen und dürfte über- 
dies die Identität gewisser Wahrnehmungsinhalte („Be- 
wegtheit", „Geräusch") verwerten. Die Straßensituation 
aktiviert die Vorstellung des elterlichen Verkehrs, die den 
Antrieb zur masochistischen Onanie (später zum masochisti- 
schen Sexualverkehr) erregt. Das Ich reagiert mit Ka- 
strationsangst, die Kranke flieht in Verzweiflung und 
weigert sich in der Folge, auf die Straße zu gehen. Damit 
ist der im engeren Sinne genommene phobische Mecha- 
nismus abgeschlossen. Die Mitnahme einer Begleitperson, 
deren Anwesenheit die Kranke vor der Angst beschützt, 
ist dann ein Akt der Vorbeugung. Es ist richtig, daß 
sich die Kranke hier zur Abwehr gegen die genital- 
masochistische Versuchung in die Obhut einer vertrauten 
Autoritätsperson flüchtet. In einigen Fällen, die ich sah, 
ging jedoch die geheime Absicht des Symptoms darüber 
hinaus. Nimmt das Mädchen beim Ausgang die Mutter 
(später: eine Ersatzperson) mit, dann sind die Eltern von- 
einander getrennt, es kann nichts zwischen ihnen vor- 



DER GESTALTUNGSPROZESS DER NEUROSE 55 

fallen. Das Symptom ist keine Flucht mehr, sondern ein 
„vorbeugender Gegenangriff" 5 die dabei auftretende Ag- 
gression gehört dann nicht zu den Voraussetzungen des 
pathogenen Konflikts, sondern zu seinen Folgen. Manche 
Krankengeschichten zeigen die von Frau Deutsch hervor- 
gehobene Variante, daß das allein zu Hause gebliebene 
Mädchen von Angst befallen wird, während die Mutter 
ausgeht. Es sieht dann so aus, als würde sie sich mit 
der auf der Straße befindlichen Mutter identifizieren und 
gleichsam für diese die passende Straßenangst produzieren. 
Tatsächlich geht es viel einfacher zu. Das Mädchen hat 
den Verdacht geschöpft, daß sich die allein ausgehende 
Mutter mit einem Liebhaber trifft. Obwohl sie zu Hause 
weilt, wird sie so doch von dem nämlichen sexuellen 
Eindruck betroffen, der bei ihr die genitalmasochistische 
Erregung auslöst; das Alleinsein steigert dann die maso- 
chistische Onanieversuchung und mit ihr die Angst. Ihre 
maßlose (bewußte oder unbewußte) Empörung gegen die 
Mutter ist dann wieder nicht die Ursache, sondern die 
Folge der Angst, d. h. der genitalmasochistischen Reiz- 
barkeit. 

Wie schon aus dieser kleinen Auswahl hervorgeht, 
sind die Verschiebungsmechanismen der Phobien zahl- 
reich. Sie sind noch lange nicht alle richtig verstanden, 
aber bei Kenntnis der Grundstruktur der Phobie kommt 
es kaum vor, daß ihre Auflösung auf größere Schwierig- 
keiten stößt. Die Aufgabe ist immer die gleiche: Es gilt 
aus der phobischen Situation jenes infantile Erlebnis- 



56 DIE KASTRATIONSANGST DES WEIBES 

moment herauszuschälen, das bei der Kranken zwangs- 
läufig die genitalmasochistische Erregung auslöst. Dies 
spezifische Erlebnismoment war in den angeführten Bei- 
spielen: das (Wieder-) Auftauchen der Wunde (Tiefe), das 
(Wieder-)Auftauchen des Penis, die mechanische Er- 
schütterung der passiven Bewegung und die (Wieder- 
holung der) Koitusbeobachtung. Der Genitalmasochismus 
erwirbt offenbar durch die infantile Fixierung diese 
spezifische Empfindlichkeit gegen ein bestimmtes Reiz- 
erlebnis, die dann die „Situationswahl" der Situations- 
phobie determiniert. 

— Das Angstproblem 

Das eigentliche Problem der Phobien erhebt sich für 
uns an einer anderen Stelle. Wir haben von Freud 
gelernt, daß die Angst ein Gefahrsignal ist 5 die sogenannte 
Realangst kündigt eine äußere (reale) Gefahr an, die 
neurotische Angst eine (unbekannte) Triebgefahr. 1 Wir 
haben auf dieser Grundlage weitergebaut und festgestellt, 
daß die Kastrationsangst des Weibes das Signal der genital- 
masochistischen Triebgefahr ist; mit diesem Punkte steht 
und fallt unsere ganze Untersuchung. Nun führen uns 
die Phobien — und die anderen Arten von Angsthysterie, 
die keinen phobischen Mechanismus entwickeln, — die 
stürmischsten Angsterscheinungen vor; ihre Höchstleistung 
ist der große hysterische Angstanfall, der die Kranken 

1) Freud: „Hemmung, Symptom und Angst." Ges. Schriften, 
Bd. XI. 



DER GESTALTUNGSPROZESS DER NEUROSE 57 

für Stunden und Tage niederwirft und sich so oft gegen 
alle Vorkehrungen der Phobie als resistent erweist. Diese 
Tatsachen lassen sich mit der Interpretation der Angst 
als Gefahrsignal nicht vereinen. Sollte unsere Theorie 
an der Stelle versagen, an der die Angst das Krankheits- 
bild beherrscht? Das können wir nicht glauben, dazu ist 
sie viel zu tief in den Tatsachen verankert. Dann muß 
in unserer Kenntnis des Angstphänomens eine Lücke 
sein. Der große Fortschritt, den Freuds neue Angst- 
theorie brachte, war die Einbeziehung der Gefahrsituation 
in das Problem. Die fruchtbare neue Betrachtungsweise 
drängte allerdings zur Annahme, daß das Ich selbst der 
Urheber seiner Angst sei. Das ist eine schwierige theo- 
retische Position, da ihr die Introspektion widerspricht. 
Auch die Sprache weist der Angst die aktive, dem Ich 
die passive Rolle zu. Wir beschreiben das Angsterlebnis 
in Ausdrücken, welche die ursprüngliche Ichfremdheit 
der Angst betonen: wir werden von Angst befallen, 
überrascht, heimgesucht, gequält, es schüttelt uns vor 
Angst usw. Eis wollte sich auch nicht ergeben, auf welche 
Weise das Ich die Angst produzieren sollte 5 ob durch 
„Vergärung der Libido" oder wie sonst? Hier ist die 
Lücke. Es ist unvermeidlich, in die Diskussion des Angst- 
problems einzutreten. 

Bewahren wir unsere klinische Einstellung und fragen: 
Wodurch wirkt die Signalangst? Kein Zweifel, durch eine 
flüchtige Beklemmung der Atmung, also durch eine 
minimale passagere Lähmung, der sich sofort eine re- 



58 DIE KASTRATIONSANGST DES WEIBES 

parierende Herzbeschleunigung anschließt. Die akzessori- 
schen Inhalte des Affektbildes können wir ruhig beiseite 
lassen ; der Kern des Angsterlebnisses ist die Lähmung 
und diese kann nur das Werk des Masochismus sein. 
Das narzißtische Ich, das sonst nichts vom Masochismus 
wissen will, gibt hier seinem Erzfeind für einen Augen- 
blick freie Hand, um ihn als Instrument seiner Selbst- 
bewahrung zu benützen. Der Masochismus fügt dem 
eigenen Leib den winzigen Schaden (die flüchtige Läh- 
mung) zu, der dem Ich das Herannahen von Gefahr an- 
zeigt! Freud äußerte die geniale Vermutung, daß die 
Angst eine drohende Schädigung en miniature vorweg- 
nimmt ; aber dieser Mechanismus ließ sich durch das 
Zurückgreifen auf die Geburtsangst nicht erweisen $ die 
Einsichtnahme in die masochistische Natur der Angst 
legt ihn klar zu Tage. Das Ich befolgt die Warnung, 
die ihm der Masochismus erteilt. Es spannt — wie es 
Freud beschrieben hat — seine Aufmerksamkeit an, und 
erwartet in voller Aktions- (Abwehr-) Bereitschaft die Ge- 
fahr. Im Falle der neurotischen, der Kastrationsangst, ist 
das Signalisierungswerk noch viel einfacher. Hier ist die 
Gefahrenquelle, aus der allein eine Schädigung droht, der 
Masochismus selbst und das Angstsignal eine genuine 
Kostprobe aus dem, was dem Ich bevorsteht. Die Un- 
wissenheit des Ichs in bezug auf diese innere Gefahren- 
quelle verschuldet die Unzulänglichkeit seiner nun fol- 
genden Haltung: Es benimmt sich in seinem Sinne kon- 
sequent, es richtet auch hier seine durch das Angstsignal 



DER GESTALTUNGSPROZESS DER NEUROSE 59 

aufgestörte Aufmerksamkeit auf die Außenwelt. Soweit 
ist das Angstphänomen nichts anderes als ein wunder- 
barer biologischer Signaldienst. An den kleineren Angst- 
anfällen sieht man dann, wie diese Zweckleistung zu 
versagen beginnt, und an der großen Angstattacke, daß 
sie ganz zusammenbricht. Das Ich verliert hier die Ge- 
walt über den Masochismus, den es für seine Zwecke 
nützen wollte; der Masochismus dringt tief in die vital- 
motorische Sphäre des Ichs ein und entfaltet dort seine 
lähmenden Wirkungen, die so intensiv sind und so aus- 
gedehnt, daß sie das Ich — zum Schaden seiner Selbst- 
bewahrung — für eine Weile aktions(abwehr)unfähig 
machen. Der Angstanfall ist eine explosive Entladung 
des Masochismus im psychosomatischen Funktionsbereich 
des Ichs 5 seine Angst ist kein zweckbezogenes Signal 
mehr, sondern ein schweres Leidenssymptom. Das Ich 
kann es hier nicht mehr verhindern, daß die leidlust- 
begierige Selbstschädigungstendenz des Masochismus Leid 
anrichte; aber sein Widerstreben vereitelt die Leidlust. 
Bricht der Masochismus in das Ich ein — einerlei ob 
als Angstanfall oder in einer anderen Form — so be- 
kommt das Ich zunächst immer nur bloßes Leid ohne 
Lust zu spüren. Erst wenn sich das Ich mit seinen Angst- 
anfällen — oder sonstigen masochistischen Zwangserleb- 
nissen — abfindet, kann es aus dem masochistischen 
Erlebnis Leidlust — hier „Angstlust" — schöpfen. 

Der hysterische Angstanfall beruht auf einer tief- 
sitzenden Störung der Sexualfunktion, die dem Macht- 



60 DIE KASTRATIONSANGST DBS WEIBES 

bereich des Ichs entzogen ist. Wie steht es aber mit den 
Angsterscheinungen der „Aktualneurosen", deren Stu- 
dium Freud seinerzeit auf den einzigartig fruchtbaren 
Gedanken gebracht hatte, daß die Angst aus der gestauten 
Genitalerregung hervorgeht? Hier ist die Genitalorgani- 
sation des Individuums an sich funktionstüchtig, sie wird 
nur vom Ich mißbräuchlich gehandhabt. Ich meine, wir 
haben in die klassische Beschreibung Freuds nur das 
Zwischenglied „Masochismus" einzuschalten, um den Sach- 
verhalt aufzuklären. Der Sexualmißbrauch des Ichs ist der, 
daß es das Zustandekommen einer Genitalerregung zwar 
zuläßt, dann aber diese Erregung unterdrückt beziehungs- 
weise ihre volle Entfaltung und Abfuhr verhindert. Die 
Hemmung einer lustbringenden Aktivität entfesselt immer 
reaktiv den Masochismus; je größer die Spannung, die 
eine verkümmerte Lustaktion unerledigt zurückläßt, um 
so eiliger und um so unaufhaltsamer muß sich das ver- 
eitelte Luststreben auf die Ausbeutung der Leidenslust 
stürzen. Dem inmitten einer Genitalaktion bremsenden 
(oder vom Gegenspieler im Stich gelassenen) Ich fällt der 
Masochismus sofort in den Rücken. In der Aktualneurose 
setzt sich also die unterdrückte Genitalerregung nicht 
direkt in Angst, sondern in Masochismus um; als Angst 
wird dann die nicht mehr aufzuhaltende Erregung des 
Masochismus abgeführt. Es ist unbestreitbar, daß diese 
Angst lediglich durch den aktuellen Sexualmißbrauch und 
nicht durch eine bereits in der Kindheit erlittene Schädi- 
gung der Genitalfunktion bedingt ist; die Aktualneurose 



DER GESTALTUNGSPROZESS DER NEUROSE 6l 

führt ihren Namen mit gutem Recht. So lösen sich einige 
Rätsel der Angst, die uns seit langem bedrücken, in be- 
friedigender Weise auf. Und der Angstanfall, der unsere 
Theorie zu stürzen drohte, wird jetzt zu ihrem stärksten 
Tragpfeiler. 

Hier darf man eine bioanalytische Spekulation — im 
Sinne Ferenczis — wagen, die uns über die Phylogenese 
der Signaleinrichtung „Angst" Auskunft geben soll. Gehen 
wir von dem primitiven Lebewesen aus, das noch kein 
solches Gefahrsignal entwickelt hat und daher häufig 
äußeren Schädigungen ausgesetzt ist. Die Verwundung 
schränkt jedesmal die Bewegungsfreiheit des Tieres ein, 
verringert oder vereitelt seine lustbringenden Aktionen 
und nötigt so die Lustfunktion, sich auf die Leidenslust 
umzustellen. Anders gesagt: die Verwundung wird vom 
Ich masochistisch verarbeitet. Das ist ein Sachverhalt, den 
wir beim kleinen Mädchen — in ihren Reaktionen auf 
das anatomische Erlebnis — eben eingehend studiert 
haben. Gewiß, beim Tier handelt es sich um eine leib- 
liche, beim Mädchen um eine psychische Verletzung. 
Aber beiden ist gemeinsam, daß sie die Selbstliebe kränken, 
beide sind narzißtische Verletzungen. Wer weiß, ob nicht 
auch bei der körperlichen Verletzung des Tieres erst die 
Mitverletzung des Narzißmus die masochistische Reaktion 
einleitet? Dann wäre der Abstand zwischen den beiden 
Fällen noch geringer. Im Rahmen einer bioanalytischen 
Spekulation reicht das für einen Analogieschluß aus. Wir 
haben gesehen, daß beim Mädchen jede Wiedererweckung 



62 DIE KASTRATIONSANGST DES WEIBES 

jenes verletzenden Eindrucks eine unbändige masochisti- 
sche Erregung auslöst. Der phobische Angstanfall, in dem 
nach unserer Einsicht diese Reaktion fortlebt, bezeugt 
uns ihre Gewalt und Beharrlichkeit. Soll man nicht auch 
für das masochistisch sensibilisierte Tier annehmen dürfen, 
daß es auf das Herannahen einer neuen Verletzung mit 
einem masochistischen Lähmungsanfall — also einer Art 
hypnotischer Faszination — reagiert? 1 Das Ich bekämpft 
diese Anfälle von masochistischer Lähmung, lernt — im 
Laufe ungezählter Generationen — ihre Intensität und 
Dauer so weitgehend zu mäßigen, bis sie schließlich nur 
noch in Andeutung auftreten. Damit ist die allmähliche 
Umbildung des schädlichen Lähmungsvorgangs in eine 
nützliche Einrichtung zur Signalisierung der Gefahr voll- 
zogen. Wie dies Gefahrsignal zunächst beschaffen war, 
welche Wandlungen es durchlief, ehe es die Gestalt 
unseres Angstaffekts annahm, das sind Fragen, für deren 
Behandlung der Biologe zuständig ist. Unsere analytische 
Forschung liefert ihm die Erwartung, daß das Gefahr- 
signal von seinen Anfängen an ein passagerer Lähmungs- 
vorgang sein dürfte, der an einer vitalen Körperfunktion 
angreift und von der masochistischen Triebkraft im 
Organismus herrührt. Es könnte sein, daß die vom Ma- 

1) Vgl. dazu das „Sich-tot-stellen" der Tiere bei Gefahr. Nach 
unserer Vermutung stellt sich das Tier nicht tot, sondern erleidet 
einen Anfall von masochistischer Gelähmtheit. Der fragwürdige 
Vorteil, der sich aus dem scheinbaren Totsein für die Selbstver- 
teidigung ergibt, ist ein „sekundärer Krankheitsgewinn". 



DER GESTALTUNGSPROZESS DER NEUROSE 63 

sochismus angegriffene Funktion allemal die Atmung ist. 
Mit solchen Vermutungen muß man allerdings sehr vor- 
sichtig sein; wir wissen ja nicht einmal genau, wie sich 
z. B. bei der Angina pectoris die organische Störung der 
Herzfunktion zum masochistischen Angstausbruch ver- 
hält. Fürs nächste liefert uns die „Bioanalyse" die Auf- 
fassung, daß die Angst nicht das Produkt, nur das 
Zähmungsprodukt des Ichs ist. Es drängt sich der Ver- 
gleich mit dem weisen Bauern auf, dem es geglückt ist, 
seinen quälenden Rheumatismus bis auf eine winzige 
Spur zu bezwingen; dies Spürchen des Übels behält er 
sich bei, um rechtzeitig vor schlechtem Wetter gewarnt 
zu werden. 

2) Der Kampf 

Ganz andere Symptombilder gestaltet die zweite Ab- 
wehrmethode, der Kampf. Sein Mittel ist der am besten 
vorbeugende Gegenangriff, sein Ziel die Unschädlich- 
machung und die Rache. 

a) So die Frau, die den Mann einschüchtert, den 
Schwächling heiratet, seine Potenz untergräbt, um her- 
nach für ihr Unglück ihn verantwortlich zu machen. Diese 
„maskulin-sadistische" Haltung bietet zur Verleugnung 
und Niederhaltung der eigenen genitalmasochistischen 
Impulse die günstigsten Aussichten. Die „kastrierende Frau" 
ist uns seit den glänzenden Beobachtungen Abrahams 
analytisch vertraut; er hat sie, wie erinnerlich, als den 



64 DIE KASTRATIONSANGST DES WEIBES 

„Rachetypus" bezeichnet. Ich muß in unserem Zusammen- 
hang den Schutz vor dem Feind, die Herbeiführung seiner 
Kampfunfähigkeit als die primäre Tendenz dieser Haltung 
ansehen. Ihre Abwandlung zur Rache richtet sich dann 
in der Regel gegen den ersten Überwinder, der die 
Defloration vollzogen hat. Die Riten und Bräuche einer 
heiligen vorehelichen Entjungferung, die wir bei manchen 
Primitiven, aber auch noch in der Antike, vorfinden, 
wurden bekanntlich von Freud durch Zurückführung 
auf dieses Motiv gedeutet. 1 

b) Die Kampflust der Frau, die sie aus Anlaß ihrer 
genitalen Verteidigung entwickelt, kann sich nach ver- 
schiedenen Richtungen hin differenzieren; bei der Klep- 
tomanen tritt sie als Entwendungslust, beim sogenannten 
„Vamp" als Ausbeutungslust in Erscheinung. 

Die echte Kleptomane — man darf sie nicht mit der 
Gelegenheitsdiebin verwechseln, die sich als Kleptomane 
aufspielt — verübt in ungeheurer genitalmasochistischer 
Erregung den Diebstahl und bringt der — für sie meist 
wertlosen — Beute eine extreme Gefühlsbewertung ent- 
gegen. Sie holt sich den Penis, 2 um ihre wankende 
phallische Position zu stärken. Diesem Verzweiflungs- 

1) Freud: „Das Tabu der Virginität." Ges. Schriften, Bd. V. 

2) Die erste analytische Aufklärung der Kleptomanie verdanken 
wir Elisabeth Revesz. Sie hatte bereits im Jahre 1919 in einem 
(ungedruckt gebliebenen) Vortrag in der „Ungarischen Psycho- 
analytischen Vereinigung ' an Hand eines mustergültig analysierten 
Falles gezeigt, daß die kleptomane Impulshandlung ein verschleierter 
Penis- (beziehungsweise Kindes-) Raub ist. 



DER GESTALTUNGSPROZESS DER NEUROSE 65 

schritt des Ichs geht jedesmal eine schwere genital- 
masochistische Versuchung voraus, zu der eine Gefähr- 
dung des Wunschpenis den Auftakt gegeben hat. Dieser 
Punkt läßt sich nur aus den analen Schicksalen des ab- 
gelenkten Genitalmasochismus aufklären, die wir hier 
nicht aufrollen können. Dafür sind die nächsten Punkte 
augenfällig: das Festhalten an diesem Wunschpenis wird 
der Frau bald durch schwere Kastrationsangst verleidet, 
die sie als eine wohlbegründete „Angst vor den Folgen" 
verspürt. Die Kräfte sind zu ungleich, der Genitalmaso- 
chismus ist der stärkere. Die Frau stößt die Beute bald 
wieder ab, verrät sich und befriedigt schließlich ihren Ma- 
sochismus — im Gefängnis. Der Masochismus wird jetzt 
vom Ich akzeptiert, weil er sich hinter der moralisierenden 
Motivierung „Sühne" verbirgt. 1 

Der „Vamp" ist bestimmt keine leere Erfindung der 
Filmindustrie, obwohl diese viel zu seiner Popularisierung 
beigetragen hat. Ich habe noch nie einen professionellen 
Vamp analytisch studieren können, wohl aber manche 
Amateure. Es war keine Überraschung, zu finden, daß 
auch die vampyrhafte Haltung es in erster Linie auf 
die Erbeutung des Penis abgesehen hat. Die Trophäe 
Geld (= Penis) verbürgt der Frau, daß sie den Feind 
besiegt und sich seine Kraft angeeignet hat. Jetzt ist es 
doch sicher, — so fühlt sie, — daß sie den Penis hat 
und nichts Schlimmes mehr zu befürchten braucht. Dann 

1) Vgl. dazu weiter unten die Bemerkungen über den morali- 
sierenden Genitalmasochismus. 

Rado, Die Kastrationsangst des Weibes. 5 



66 DIE KASTRATIONSANGST DES WEIBES 

erscheint der Rohling (im Film der Kriminelle, den die 
Frau aus Liebe retten will) — und plündert sie aus. 
Dem Genitalmasochismus ist auch auf diesem Wege nicht 
beizukommen. 

So weit fiel kein Licht auf den Namen „Vamp", den 
dieser Typ vom Volksmund bekommen hat." Es ist 
tatsächlich offenkundig, daß diese Frauen den Mann mit 
den kindlichsten Vorspiegelungen und Schmeicheleien 
betören, ihn gleichsam „aussaugen", — genau so, wie es 
das Kind bei der Mutter zu tun pflegt. Hier wäre ein Bei- 
spiel für die Tatsache, der die neuere analytische Literatur 
so große Bedeutung beimißt, daß die Frau in ihr späteres 
Verhältnis zum Mann Haltungen aus ihrer frühkindlichen 
Mutterbeziehung hineinträgt. 2 Ich teile allerdings nicht 
die Ansicht der Autoren, daß sich das kleine Mädchen 
von Anfang an als Knabe fühlt, daß sie ihre „phallischen" 
Genitalimpulse auf die Mutter richtet und daß sie einen 
genital zu verstehenden „negativen Ödipuskomplex" 
durchläuft, ehe ihre weibliche Genitalentwicklung ein- 
setzt. Das kleine Mädchen verknüpft mit ihrer Geschlechts- 
zugehörigkeit zunächst keinerlei genitale Vorstellungen; 
ihrer frühen Onanie liegen keine geschlechtlich differen- 

1) Ich verdanke Dr. Bertram D. Lewin den Hinweis, daß die 
Benennung „Vampyr", den der Volksmund dann in „Vamp ab- 
gekürzt hat, vom gleichnamigen Gedicht von Rudyard Kipling 
herrührt. 

2) Siehe dazu Freud: „Neue Folge der Vorlesungen zur Ein- 
führung in die Psychoanalyse. " (IPsa. Verlag, Wien 1933) und die 
dort angeführten Arbeiten von J. Lampl-de Groot u. a. 



DER GESTALTUNGSPROZESS DER NEUROSE 67 

zierten Inhalte und Bestrebungen zugrunde ; sie weiß, 
daß ihr diese Körperstelle viel Freude macht, sie mag 
in diese Freude allerlei mithineinverweben — aber das 
ist alles. Erst die Penisentdeckung lüftet den Schleier 
der Geschlechtlichkeit; jetzt erfährt sie, daß sie „kastriert" 
ist. Sie gerät in das Elend der genitalmasochistischen 
„Weiblichkeit" und rettet sich notgedrungen in den 
Wunsch, ein Penisträger (Knabe) zu sein. Sie hat bisher 
an ihrer Mutter in einer „prägenitalen Bindung" ge- 
hangen ; jetzt wendet sie sich mit einem stürmischen 
„Genital "-Bedürfnis an die Mutter, sie hofft, mit ihrer 
Hilfe den Penis (wieder) zu erlangen. Man hat ihr so 
oft gesagt, sie müsse essen um zu wachsen; man hat ihr 
auch erzählt, sie habe ihre erste Nahrung von der Mutter- 
brust bezogen. Jetzt will sie wieder an der Mutterbrust 
saugen, ja die ganze Brust verschlingen, nur damit ihr 
der Penis nachwächst — was dann im Traume auch 
geschieht. Das ist das Geheimnis der Kunst, die der 
„Vamp" beim Manne anwendet. 

— Der Ödipuskomplex 

Die erwähnte Strömung in der jüngsten analytischen 
Literatur veranlaßt mich zu einigen Ausführungen, die 
ich hier sonst nicht aufgenommen hätte. Ich möchte an 
einem Analysenfragment zeigen, wie das Organproblem 
des Mädchens in ihre Elternbeziehung Eingang findet, 
welchen Wandel es dort herbeiführt und welchen Wand- 
lungen es dabei selbst unterliegt. 

5* 



68 DIE KASTRATIONSANGST DES WEIBES 

Die Patientin erzählt ihren Traum: „Ich war mit 
meiner Mutter in einem Zimmer. Ich ging mit ihr ins 
Bett und koitierte sie. Ich glaube, ich lag oben und sie 
unten, denn ich konnte ihren Gesichtsausdruck gut be- 
obachten. Ich fühlte mich sehr befriedigt, verspürte aber 
keine genitalen Sensationen. Auch Mutter war zufrieden, 
sie machte nur ein fassungslos verlegenes (puzzled and 
sheepish) Gesicht. Ich ging nachher im Zimmer auf und 
ab und bekam ein heftiges Schuldgefühl. Schrecklich, 
dachte ich, Ihnen das erzählen zu müssen. Eine Witt 
packte mich gegen die Mutter: warum hat sie mich so 
unterdrückt, sie ist an allem schuld! 11 Sie fügt hinzu: 
„Ich weiß nicht, ob mir diese letzteren Gedanken nicht 
erst beim Erwachen gekommen sind. Ich bin durch den 
Traum ganz verstört, ich traue mich gar nicht, mit der 
Mutter zusammenzukommen." 

Ihre ersten Einfälle: „Gestern kam, während ich weg 
war, meine Mutter zu uns, um die Kinder zu sehen. Sie 
machte sich dabei an der Pflanze zu schaffen, die ich 
in einer Schale ziehe. Sie sagte zum Mädchen, sie hätte 
das Wasser erneuert, weil die Pflanze sonst eingegangen 
wäre. Das hat mich ganz aus der Fassung gebracht. Zum 
Diner waren meine Mutter und mein Bruder da. Mutter 
sprach viel und machte Bemerkungen, die ich auf mich 
beziehen mußte. Ich war eingeschüchtert und sehr er- 
regt. Ich begreife nicht, wie ich hernach so was träumen 
konnte. — Vielleicht wollte ich Mutter trösten, sie ist ja 
Witwe und hat keinen Mann." 



DER GESTALTUNGSPROZESS DER NEUROSE 6g 

Die analytische Situation: Die Patientin ist auf dem 
Höhepunkt der sinnlichen Übertragung. Sie ist wegen 
der Erfolglosigkeit ihrer Wertungen schwer gekränkt, 
verstimmt, nimmt sich aber zusammen. 

Unter Heranziehung weiteren Materials, das die Be- 
handlung der Patientin ans Licht brachte, ergab sich fol- 
gende Deutung und Rekonstruktion: 

Die Patientin hatte seinerzeit bei jenem Bruder die 
Penisentdeckung gemacht. Sie flüchtete sich hernach in die 
Hoffnung, die Mutter werde dafür sorgen, daß ihr der 
Penis nachwachse. So scheint es auch in ihren Träumen 
gekommen zu sein, aber die Traumillusion war nicht zu 
halten. Um den Wunschpenis ihrer Tochter hatte sich also 
die Mutter nicht gekümmert, aber auf das grüne Zeug da 
paßt sie jetzt auf, damit es nicht eingehe! Unsere Theorie 
läßt uns vermuten, daß beim Mädchen damals nach dem 
Kollaps ihres Wunschpenis ein Durchbruch des Genital- 
masochismus erfolgt ist. Diese Vermutung ließ sich nur 
indirekt bestätigen. Es ereignete sich später dreimal im 
Leben der Patientin, daß sie sich eine wochenlange 
Pollakisurie zuzog. Der organische Befund war jedesmal 
negativ. Sie hatte auch keine körperlichen Beschwerden, 
sie mußte nur in ganz kurzen Abständen immer wieder 
ihr Bedürfnis verrichten und fühlte sich dadurch sehr 
beschämt und gequält. Die Erkrankungen traten un- 
mittelbar nach ihrer ersten Menstruation und nach ihren 
beiden Geburten auf. Bei allen drei Anlässen ging ihr 
Wunschpenis zugrunde und der durchbrechende Genital- 



70 DIE KASTRATIONSANGST DES WEIBES 

masochismus hat sich — nicht wie erwartet, in einer maso- 
chistischen Onanie, sondern — in einer masochistischen 
Pollakisurie entladen. Sie konnte damals nicht richtig 
urinieren, nicht richtig „begießen" — und jetzt erscheint 
die Mutter und begießt an ihrer Stelle die Pflanze! Man 
sieht jetzt, wieso dieser unscheinbare Vorfall die Patientin 
so erregt hat. Sie fühlte sich durch die Geste der Mutter 
an einem empfindlichen Punkt zweifach getroffen. Beim 
Diner hatte sie dann den Eindruck, daß sie von der 
Mutter — dem Bruder zuliebe — zurückgesetzt wird. 
Diese Überempfindlichkeit der Patientin und ihre inten- 
sive Gefühlsreaktion verraten, daß sie ein kritisches Er- 
lebnis aus ihrer Kindheit wiederholt: Sie muß es seiner- 
zeit der Mutter als Feindseligkeit ausgelegt haben, daß 
es die Mutter versäumt hatte, ihre Peniserwartung zu 
erfüllen. Sie wandte sich, daran ist kein Zweifel, aus 
diesem Grunde erbittert von der Mutter ab und wahr- 
scheinlich sofort dem Vater zu; nun sollte er es schaffen, 
daß ihr der Penis nachwachse. Die an der Mutter er- 
lebte Enttäuschung riß sie jedenfalls aus ihren Grübeleien 
heraus und trieb sie zur Sexualforschung. Der Erfolg blieb 
nicht aus 5 sie entdeckte oder verstand plötzlich, was 
zwischen Vater und Mutter vorgeht (Urszene). Es kam 
wie eine Erleuchtung über sie, daß nur der Vater einen 
Penis hat, — die Mutter nicht. Diese Erkenntnis wirkte 
wie ein Elixier auf ihren Narzißmus und gab ihr den 
Mut zu sich selbst zurück. Sie braucht sich nicht mehr 
wegen ihres Defekts durch schmerzhafte Phantasien Leid 



DER GESTALTUNGSPROZESS DER NEUROSE 71 

zuzufügen, sie blickt jetzt auf die Mutter mit einer durch 
Mitleid gemäßigten Verachtung herab. Sie kann auch 
auf den Wunsch verzichten, selbst einen Penis zu haben, 
sie will jetzt den Penis des Vaters für sich haben, — 
also das, was die Mutter hat. Die Entdeckung der eigenen 
Penislosigkeit hatte sie zum masochistischen Weib ge- 
macht und sie zur phallischen Komplettierung getrieben. 
Die Entdeckung der Penislosigkeit der Mutter macht sie 
zum echten Weib und leitet ihr normales Ödipusver- 
langen nach dem Vater ein. Ein Vorgang dieser Art ver- 
dient den Namen „restaurierender Entwicklungsschritt". 
Die Erwartung, der Vater werde sich auf ihre Werbungen 
hin mit seinem Penis ihr zuwenden, endete nachher in 
einer schmerzlichen Enttäuschung. Diese Erwartung und 
diese Enttäuschung wiederholt jetzt die Patientin in der 
Übertragung. 

Hier die beiden Anlässe des Traumes. Die Analyse hieß 
die Patientin die alte Enttäuschung am Vater neu zu 
erleben ; ein Zufall reaktivierte dazu den Eindruck jener 
noch älteren Kränkung, die sie von der Mutter erlitten 
hatte. Der Traum zeigt dann, wie sie mit dieser Situation 
fertig wird. Sie tötet den Vater, raubt ihm den Penis, 
tritt als Mann auf — und begattet die „Witwe". Daher 
die Angst im Traume, dem Analytiker einzugestehen, 
was sie dem Vater antat (dem Analytiker antun möchte). 
Ihre Rache am Vater läßt an Gründlichkeit nichts zu 
wünschen übrig. Aber sie rächt sich in einem auch an 
der Mutter: Die Mutter hat ihr den Penis nicht gegönnt, 



7a DIE KASTRATIONSANGST DES WEIBES 

ihre Penislosigkeit bespöttelt; nun hat sie es doch zu 
einem Penis gebracht, und siehe da, sie geht und be- 
friedigt damit — die Mutter. Ihre Großzügigkeit versetzt 
die Mutter, deren eigene Penislosigkeit dadurch bloß- 
gestellt wird, in „fassungslose Verlegenheit". Das ist 
immerhin eine raffinierte Art von Rache. Offenbar hat 
die alte Zärtlichkeit für die Mutter die Aggression gegen 
sie gebändigt; es ist dann die Überheblichkeit des Kindes, 
die in der Rache triumphiert. Man wird vom Traum- 
vorgang her zwangsläufig in die Kindheit der Patientin 
zurückversetzt und glaubt es belauscht zu haben, wie 
einst das erregte Mädchen vor sich hinphantasierte: 
„Warte mal, du böser Vater, ich werde dich töten, dir 
den Penis rauben und bin dann selber ein Mann. Und 
du, böse Mutter, du sollst dann sehen, wenn ich erst 
den Penis habe, wie ich mich zu dir benehmen werde." 
Diese infantile Phantasie ist die Grundlage des Traumes. 
Der phallische Sexualakt des Mädchens ist jetzt hin- 
länglich aufgeklärt. Diese Koitusphantasie befriedigt nicht 
ihren Genitaltrieb, sondern ihre narzißtische Überheb- 
lichkeit und Rachsucht. Die spontane Äußerung der 
Patientin, daß sie im Traume zwar eine Befriedigung 
(Genugtuung), aber keine Spur einer Genitalsensation 
empfunden hat, beruht auf einer korrekten Selbst- 
beobachtung. Ihre narzißtischen Racheimpulse sind geni- 
talen Motivierungen entsprungen und wurden daher mit 
der (narzißtischen) Waffe der Geschlechtlichkeit aus- 
getragen. Das Triumphgefühl ist übrigens bald vorbei. 



DER GESTALTUNGSPROZESS DER NEUROSE 73 

Nur allzu rasch beginnt der Träumerin vor ihrer eigenen 
Gottähnlichkeit bange zu werden. Das Schuldgefühl, das 
die Erwachende befällt, kündigt bereits die Wiederkehr 
des Masochismus an. Die narzißtische Gegenposition muß 
schleunigst durch eine energischere Agressionsentfaltung 
verstärkt werden. So geschieht es auch; die Frau beschützt 
sich — noch im Halbschlaf — gegen ihre nahenden 
masochistischen Selbstvorwürfe durch den Vorwurf gegen 
die Mutter: „Du bist an allem schuld." Tagsüber ist sie 
dann noch mehr bedrückt, noch mehr masochistisch wie 
zuvor. Die Traumbefriedigung war ein prachtvolles Feuer- 
werk, das der gequälten Frau den Schlaf verschönert, und 
der Analyse den Weg in die Tiefe beleuchtet hat. 

Die vielen Anspielungen des Traumes auf die infantile 
Koitusbeobachtung können hier unerörtert bleiben. Dafür 
ist zu vermerken, daß in der Analyse der Patientin vor 
diesem Traum niemals davon die Rede war, daß in den 
Schicksalen ihres Peniswunsches einmal auch die Mutter 
eine Rolle gespielt hatte. Offensichtlich hat erst der 
akzidentelle Vorfall mit der Pflanze das Material aus der 
Verdrängung gehoben 5 deshalb ist auch die infantile 
Dokumentierung zunächst noch lückenhaft geblieben. 

Zur Diskussion: 

Der hier geschilderte „restaurierende" Entwicklungs- 
gang ist mit dem normalen nicht identisch; er bleibt 
durch den Genitalmasochismus unterminiert. Auf Ent- 
täuschungen hin, die das Mädchen in der eben erreichten 
„normalen" Einstellung erlebt, kann sie, wie man sieht, 






74 DIE KASTRATIONSANGST DES WEIBES 

nur allzu leicht auf den Genitalmasochismus beziehungs- 
weise auf die phallische Männlichkeilsillusion regredieren. 
Es ist mir gelungen, in einige Varianten der restau- 
rierenden (und normalen) Entwicklung Einblick zu 
nehmen. Diesmal möchte ich mich darauf beschränken, 
aus dem hier geschilderten Hergang die Punkte hervor- 
zuheben, die in allen Varianten konstant bleiben. 

Das eigentliche Genitalinteresse des Mädchens hebt 
mit der Penisentdeckung als ein narzißtisches Organ- 
problem an. Der Fortschritt zum genitalen Objekt- 
bedürfnis, der sich in Koitusphantasien äußert, kann erst 
erfolgen, wenn das Mädchen die weitere Entdeckung 
macht, daß es den Koitus, d. h. eine Aktivität, gibt, die 
auf der Verschiedenheit der Genitalien beruht. Es ist 
denkbar, daß das Mädchen beide Entdeckungen — die 
der Organe und die der Funktion — auf einmal macht. 
Meinen Erfahrungen entspricht es allerdings nicht. Es 
ereignet sich oft, daß Koitusbeobachtungen der Penis- 
entdeckung zeitlich vorangehen, aber die Kleine erfaßt 
es dann eben nicht, daß es sich um einen Genitalvor- 
gang handelt, und legt sich andere Interpretationen zu- 
recht. Erst die genaue Penisbeobachtung, also die Penis- 
entdeckung, rüstet sie intellektuell dazu aus, vorher oder 
später Erlebtes (annähernd) richtig auszulegen. Der Koitus- 
wunsch des Mädchens wird also durch die Einsicht ein- 
geleitet und ermöglicht, daß nur der Vater einen Penis 
hat, aber weder sie selber noch die Mutter. Daraus 
folgt, daß sich der erste Koituswunsch des Mädchens auf 






DER GESTALTUNGSPROZESS DER NEUROSE 75 

den Vater richtet. Sie kann aus dieser normalen Genital- 
einstellung zum Vater durch Enttäuschungen (Kastrations- 
angst) auf die frühere Stufe des Wunschpenis zurück- 
geworfen werden. Das ist dann nicht mehr der alte 
Wunschpenis: Das Mädchen nimmt in ihre Illusion den 
phallischen Koitus- (Objekt-) Impuls mit auf, den sie eben 
beim Vater erkannt hat. So erwirbt das Mädchen den 
phallischen Koitusantrieb, den sie der Mutter zuwendet. 
Jeder Versuch, die Entwicklungsdynamik anders zu kon- 
struieren, führt zu unmöglichen Widersprüchen und 
scheitert schließlich an den feineren Einzelheiten des 
Materials. 

Es bleibt das Verdienst von Jeanne Lampl-de Groot, 
daß sie beim Mädchen auf das Vorkommen einer auf 
die Mutter gerichteten phallischen Koitusphantasie auf- 
merksam gemacht hat, aber die Interpretation und Ein- 
ordnung dieses Phänomens ist anders vorzunehmen. Auch 
die von mehreren Seiten geäußerte Vermutung ist zu- 
treffend, daß das Mädchen in ihre ursprüngliche Mutter- 
beziehung ein Genitalbegehren hineinträgt: aber was sie 
von der Mutter begehrt, ist nur die Korrektur ihres 
Organdefekts, also ihr Wunschpenis. Der negative Ödipus- 
komplex ist dann eine sekundäre Bildung, die Reaktion 
auf das Scheitern der genitalen Vaterbeziehung. Es muß 
auch klargestellt werden, daß der negative Ödipuskomplex 
des Mädchens mit dem positiven Ödipuskomplex des 
Knaben außer der durch unsere wissenschaftliche Tra- 
dition fixierten Benennung nicht viel gemeinsam hat. 



76 DIE KASTRATIONSANGST DES WEIBES 

Der Knabe haßt den Vater, weil er fürchtet, daß ihm 
der Vater den Penis wegnehmen will. Das Mädchen haßt 
den Vater, weil sie fürchtet, daß ihr der Vater den Penis 
nicht geben wird. Und von dem urwüchsigen Genital- 
verlangen des Knaben nach der Mutter ist beim Mädchen 
nichts zu sehen. Ihr phantasierter phallischer Koitus mit der 
Mutter ist ein Anschlag auf die Mutter, der ihre narziß- 
tische Überheblichkeit und Rachsucht befriedigt und nicht 
ihre sinnliche Liebe. Erst später, nach der Pubertät, wird 
bei manchen Frauen diese Phantasie mit sinnlichem Inhalt 
erfüllt und dient dann als Unterlage für die Errichtung 
einer homosexuellen Einstellung. 

Eine Schlußbemerkung soll uns zum „Vamp" zurück- 
führen, an dem ein Zug noch unverstanden blieb. Jenes 
Saugen an der Mutterbrust, von dem das Mädchen seiner- 
zeit das Nachwachsen ihres Penis erwartete, war eine 
von Vertrauen getragene Wunschphantasie. Erst die damals 
erlebte Enttäuschung stellt die rachsüchtige Aus- 
beutungsgier her, die das Weib, das ein „Vamp" ge- 
worden ist, am Manne sättigt. 



c) Der durch die Reaktionsbildung „Kastrierende Frau" 
so vortrefflich abgewehrte Genitalmasochismus findet einen 
guten Schlupfwinkel in der masochistisch vorbelasteten 
Analität 1 . Seine Schicksale dort sind zu mannigfaltig, 

1) Der Einbruch des Masochismus in das Ichgetriebe ist ein 
schwer faßbares Ereignis der frühesten Kindheit. Er besetzt dort 



DER GESTALTUNGSPROZESS DER NEUROSE 77 

um sie hier ausführlicher behandeln zu können. Ich er- 
wähne nur die Grundposition, die sich der abwandernde 
Genitalmasochismus in dem analen Funktionsbereich er- 
richtet. Das ist das „genitalisierte" Streben nach Leidens- 
lust durch die blutig-schmerzhafte Stuhlentleerung. Die 
Zurückhaltung der Kotmassen, die in dieser Absicht er- 
folgt, wird vom Ich infolge einer völlig verkehrten Ab- 
wehrstrategie noch unterstützt. Dem Ich steht ja gegen 
direkte Angriffe des Masochismus kein anderes Mittel 
zur Verfügung, als in der Gefahrzone seine narzißtische 
Reaktionsbildung, den Wunschpenis, unterzubringen; das 
Ich entwickelt einen „Kotpenis", damit dieser es gegen 
den — genitalisierten — analen Masochismus beschütze! 
So wirken beide Vorgänge, der bekämpfte Masochismus 
und die narzißtische Abwehraktion des Ichs, zum selben 
Erfolg, zur Zurückhaltung der Kotmassen, zusammen, was 
uns die besondere Hartnäckigkeit dieses Symptoms erklärt. 
Erst wenn die Umgebung, wie das beim Kinde regelmäßig 
der Fall ist, gegen die chronische Verstopfung mit lokalen 
Maßnahmen (Einlaufe) einschreitet, kann sich die Ab- 
wehr des Ichs auf den jetzt von außen drohenden An- 
griff stürzen. Es erwartet die bevorstehende Darmein- 
gießung in größter (Kastrations-) Angst und versucht, sie 
mit allen Mitteln zu vereiteln. Hernach reagiert es mit 

sicherlich mehr als eine Station, ehe er in das genitale Trieb- 
geschehen eindringt und sich als Genitalmasochismus organisiert. 
Es liegt nicht im Plan der Darstellung, diesen Zusammenhängen 
zu folgen. 



78 DIR KASTRATIONSANGST DES WEIBES 

einem Wutausbruch und entwickelt eine tiefsitzende 
Rachetendenz gegen die Pflegeperson, die das Attentat 
doch verübt hat. 

d) In der gekoppelten Ersatzeinstellung — Aggressions- 
lust nach außen, masochistische Befriedigung aus Vor- 
gängen am eigenen Leib — erscheint der Kampf, den das 
Weib gegen den Genitalmasochismus führt, bereits auf das 
Gebiet der sadistischen und analen Antriebe abgedrängt. 
Gegen die hier einsetzende Erneuerung frühinfantiler Trieb- 
ziele, insbesondere gegen die Steigerung der aggressiven 
Tendenzen zum Mordimpuls muß das Ich bald ein- 
schreiten. Es handelt aus Gewissensangst; das bedeutet hier : 
Angst vor Strafe, Angst vor der masochistischen Aus- 
beutung der Strafe, also Kastrationsangst. Schlägt seine 
Abwehr fehl, dann setzt sich der Kampf — der näm- 
liche Kampf — in der höheren Sphäre der Zwangs- 
neurose fort. Es wäre vermessen, hier die Diskussion 
dieses Riesenbereichs anzuschneiden. Ich wollte nur den 
Weg andeuten, der von der masochistischen Deformation 
der Genitalität zur Zwangsneurose führt. 

5. Die Wahl des kleineren Übels 

Die dritte Art von Abwehr, die Wahl des kleineren 
Übels, ist die folgenschwerste; wir betreten mit ihrer 
Würdigung ein dunkles, noch kaum erforschtes Gebiet. 

Wenn das Ich weder fliehen noch kämpfen kann, 
dann vollstreckt es selbst das drohende Unheil oder geht 



DER GESTALTUNGSPROZESS DER NEUROSE yg 

ihm auf halbem Wege entgegen. Es tut diesen Ver- 
zweiflungsschritt in der Hoffnung, dadurch die zu er- 
leidende Schädigung mildern und das größere Übel ver- 
hüten zu können. Auf eine derartige Haltung des Ichs 
hat Freud in seiner Interpretation des Angstphänomens 
aufmerksam gemacht 1 - ihr Auftreten im Gestaltungs- 
prozeß der Neurose ist noch nicht beschrieben worden. 
Der Wahl des kleineren Übels gehen in der Regel be- 
drohliche Anzeichen voraus. Eine Kränkung des Selbst- 
gefühls leitet den Hergang ein. Die Kranke verliert eine 
bescheidene Befriedigungsmöglichkeit, die sie noch besaß. 
Dahinter verbirgt sich eine Verletzung des narzißtischen 
Wunschpenis. Oder — noch deutlicher — im Leben der 
Kranken naht ein unabwendbares (sexuelles) Ereignis 
heran, das sie als Vergewaltigung empfindet. Der Genital- 
masochismus ist gereizt und tritt in Aktion. Im Erleben der 
Kranken nehmen wilde Befürchtungen und Schreckens- 
phantasien einen immer breiteren Raum ein. Die innere 
Spannung wächst zu einem unerträglichen Grad an und 
beraubt die Frau des letzten Restes ihrer Ruhe. In diesem 
Zustand exaltierter Verstimmung erfolgt die Impuls- 
handlung, durch die sich die Frau selbst schädigt oder 
schädigen läßt. Im Vergleich zu den Schrecknissen, die 
sie als unentrinnbar befürchtet, erscheint ihr das, was 
sie sich antut oder antun läßt, geradezu als eine Er- 
lösung. Hinter dieser rationalistischen Haltung des Ichs 



1) Freud: „Hemmung, Symptom und Angst." Ges. Sehr., Bd. XI. 



80 DIE KASTRATIONSANGST DES WEIBES 

ist als Vorbild jene frühe genitalnarzißtische Kränkung 
erkenntlich, die seinerzeit in die Selbstschädigung der 
masochistischen Onanie ausging. Es ist für die Wahl des 
kleineren Übels kennzeichnend, daß die Kranke den Ver- 
zweiflungsakt immer in einer Art Selbstbetäubung aus- 
führt. Das Ich ist blind gegen die Schädigung, die es an 
sich vollzieht (vollziehen läßt), oder es täuscht sich über 
ihren Sinn und Tragweite durch allerlei Rationalisie- 
rungen hinweg. Diese Haltung des Ichs macht uns die 
Beurteilung der Situation nicht leicht. Man zögert, 
namentlich in Fällen, die in extremer Selbstschädigung 
enden, dem Ich noch etwas wie eine abwägende Be- 
sinnung zuzumuten. Man beschreibt dann den Sach- 
verhalt zutreffender als den Durchbruch der über- 
mächtigen genitalmasochistischen Strebung 5 das über- 
rumpelte Ich unterwirft sich dem Masochismus und muß 
sich in seiner Ohnmacht bescheiden, gegenüber seinem 
eigenen, unfreiwilligen Tun oder Lassen eine Vogel- 
Strauß-Politik zu betreiben. Die beiden Auffassungen 
unterscheiden sich nur in einer ich-psychologischen 
Nuance: für die Symptombildung machen sie überein- 
stimmend den Sieg des Genitalmasochismus über das Ich 
ver ant w ortlich . 

Die Wahl des kleineren Übels produziert nicht nur 
stürmische Einzelvorfälle in der Neurose, sondern auch 
chronisch verlaufende Entwicklungen. Das Selbstgefühl 
der Kranken sinkt allmählich infolge einer Reihe von 
narzißtischen Kränkungen; der empfindliche Punkt, an 



DER GESTALTUNGSPROZESS DER NEUROSE 8l 

dem sie allemal getroffen wird, ist die phallische Reaktions- 
bildung, die im Ich gegen den Genitalmasochismus die 
Wache hält. Entsprechend geht die Eroberung des Ichs 
durch den Masochismus als eine „penetration pacifique" 
vor sich: die Kranke wählt immer wieder das kleinere 
Übel, ihr Leben ist mehr und mehr nur noch durch 
Entsagungen ausgefüllt. 

a) Die nächste Gelegenheit zur Wahl des kleineren 
Übels ist die Selbstdefloration. Sie ist meistens das 
Werk der (nach der Pubertät) oft so brutal gehandhabten 
masochistischen Onanie. Neuerdings mehren sich jedoch 
die Fälle, — ich verweise z. B. auf die von Joan Ri viere 1 
beobachtete Serie, — in denen die Frau ihre selbstver- 
fugte Defloration vor der Eheschließung operativ durch 
den Arzt vollziehen läßt. Dieser Entschluß läßt freilich 
auch die weitere Motivierung zu, daß sie ihrem künf- 
tigen Gatten die Defloration, also sich selbst die rach- 
süchtige Aggression gegen ihn ersparen will, um sich 
hernach die Durchführung eines desexualisierten Sexual- 
lebens mit ihm zu erleichtern. So wäre die moderne 
Neurose beim obenerwähnten Ritus der Vorfahren an- 
gelangt. 

b) Mit grausameren Mitteln arbeitet eine andere Me- 
thode, in die der Genitalmasochismus das Ich hinein- 

1) Joan Riviere: „Weiblichkeit als Maske." IZfPsA., XV, 1929. 

Rado, Die Kastrationsangst des Weibes. 6 



82 DIE KASTRATIONSANGST DES WEIBES 

treibt. Mädchen, die den Werbungen geachteter Männer 
aus Kastrationsangst immer wieder ausgewichen sind oder 
zur Verbergung ihrer Angst stets nur solche Liebeswahlen 
getroffen haben, deren Aussichtslosigkeit im voraus offen- 
kundig war, bringen es fertig, sich schließlich durch den 
Erstenbesten deflorieren zu lassen, der ihnen gerade über 
den Weg läuft. Solche Begebenheiten gehen gewöhnlich 
im Alkoholrausch, nur zu oft unter besonders entwürdi- 
genden Umständen vor sich. Das klinisch augenfällige 
Motiv dieses „Sichwegwerfens" ist bekanntlich die Scheu 
vor dem Vaterinzest beziehungsweise die Rache am Vater: 
„Ist es nicht der Vater, dann kann es ein jeder sein." 
Aber erst die Wahl des kleineren Übels, also das Über- 
handnehmen des Genitalmasochismus, erklärt uns die 
befremdende Selbstschädigung, die sich in dieser Reaktion 
des Weibes auf ihre ungelöste Vaterbindung durchsetzt. 
Die extremste Leistung der genitalmasochistischen Selbst- 
erniedrigung ist die — phantasierte oder reale — Pro- 
stitution. 

c) In ihren Konsequenzen gleich ernst sind auch die 
Schädigungen, die sich Frauen, von ihrem Genitalmaso- 
chismus getrieben, auf extragenitalem Gebiet zufügen. 
Ich habe Fälle kennengelernt, in denen der heroische 
Entschluß der Frau, sich die Annäherung eines Mannes 
gefallen zu lassen, immer wieder an ihrer unbezwing- 
baren Kastrationsangst gescheitert istj hernach erlitt sie 
jedesmal prompt einen Unfall oder provozierte eine un- 



DER GESTALTUNGSPROZESS DER NEUROSE 85 

» 

nütze ärztliche Operation. In den schwersten Fällen folgen 
offene oder verkappte Selbstmordversuche, bis schließlich 
ein Versuch sein Ziel erreicht. 

d) Gelingt es dem Ich, den überstarken Genitalmaso- 
chismus von der sexuell-körperlichen Sphäre auf die der 
Lebenshaltung abzulenken, dann kann es die unvermeid- 
bare Selbstschädigung in der Form eines seelischen Leids 
auf sich nehmen. Das Ich akzeptiert das Leiden mit der 
Motivierung, daß es aus Pflicht geschehe. Dies ist die Ein- 
stellung des moralisierten Genitalmasochismus. 1 Die 
Frau sättigt nun ihren Masochismus, vor dem sie keine 
Angst mehr beschützt, an ihrem Mann oder an ihren 
Kindern in der phantasierten Rolle der „Mater dolorosa". 
Sie hat ihr Schicksal, in der Genitalrolle leiden zu sollen, 
mit der generellen Leidensrolle als Gattin und Mutter 
vertauscht. Die Duldsamkeit des Ichs ist allerdings durch 
das Lustprinzip auch hier noch enger begrenzt, als man 
vielleicht meinen würde; es lehnt sich sehr bald gegen 
die Übersteigerung der Leidensrolle auf. Die Dulderin 
beginnt dann, — ständig in Angst um Mann und Kind, — 
das Leben ihrer Liebsten durch „Schutz- und Vorsichts- 
maßnahmen" zu regeln, die praktisch sinnlos und den 
Beschützten eine Qual sind. Unter dem heiligen Vor- 
wand der Pflichterfüllung rächt sie sich jetzt für ihre 

1) Vgl. dazu Freuds Ausführungen über den „moralischen 
Masochismus" in seiner Arbeit: „Das ökonomische Problem des 
Masochismus", Ges. Schriften, Bd. V. 

6* 



84 DIE KASTRATIONSANGST DES WEIBES 

Leiden an Mann und Kind. 1 Wagt es jemand, ihr Vor- 
haltungen zu machen, so bricht sie in Schuldgefühl 
zusammen: „Ich lebe ja doch nur für Euch." Nicht nur 
die Sexualität, auch die Moral ist übel daran, wenn sie in 
die Knechtschaft des Masochismus gerät. 

e) Das Ich kann schließlich den Genitalmasochismus 
auch als offene sexuelle Perversion akzeptieren. Dies 
ist meistens der Erfolg eines gewandten Verführers, dem 
es auf diese Weise gelingt, Frauen, die in Abwehr gegen 
ihre masochistisch deformierte Genitalität frigid sind, zum 
„Genuß" des Sexualaktes zu bringen. 

Der Konflikt, den das anatomische Problem im Ich 
entfachte, wird durch das Auftauchen des Problems „Kind" 
erneuert. Dabei gibt es, wie ich später zu zeigen hoffe, 
eine Chance, daß die Entwicklung zur normalen Bahn 
zurückfindet. Andernfalls sprießt eine Saat von Sym- 
ptomen auf, die zwar ihr eigenes klinisches Gepräge haben, 
aber aus denselben Antrieben gespeist werden, die der 
ursprüngliche, der Organkonflikt inauguriert hatte. 



1) Ich habe diesen Mechanismus als eine „narzißtische Sicherung" 
beschrieben. Vgl. meine Arbeit „Eine ängstliche Mutter". IZfPsA., 
XIII, 1927. 



V. SCHLUSSFOLGERUNGEN 

Die skizzierten klinischen Bilder sollten den Beweis 
erbringen, daß der Gestaltungsprozeß der Neurose einige 
stereotype Mechanismen verwendet und auf einer kon- 
stanten Beziehung zwischen Genitalmasochismus, Ich und 
Kastrationsangst beruht, die sich ihrerseits auf ein tragi- 
sches Dilemma des um seine Geschlechtsfindung bemühten 
Ichs zurückführen läßt. Es konnte nur andeutungsweise 
gezeigt werden, wie das Mädchen ihr verhängnisvolles 
„Geschlechtsdilemma" beziehungsweise die daraus resul- 
tierenden Fehlbestrebungen in alle Gefühlsbindungen 
hineinträgt, die sie mit ihrer Umwelt herstellt. Ich meine, 
daß die frühinfantile Elternbeziehung mit ihren längst 
als ubiquitär und unabwendbar erkannten Konfliktstoffen 
erst durch das Hinzutreten dieser ominösen Überbelastung 
ihre überragende pathogenetische Rolle in der Ätiologie 
der Neurosen erlangt. Dieselbe Erbschaft überträgt sich 
auf die späteren Objektbeziehungen, welche die Frau, 
den infantilen Vorbildern folgend, im Leben eingeht. Ob 
es auch beim Knaben eine Art „Geschlechtsdilemma des 
Ichs' gibt, oder wie sonst sich bei ihm die genital- 
masochistische Triebgefahr herstellt, die über die Patho- 
geneität der Ödipuskonflikte und damit über Gesundheit 
und Neurose entscheidet, das ist eine Frage, die ich in 



I 



86 DIE KASTRATIONSANGST DES WEIBES 

einer anderen Studie behandeln werde.' Es ist nicht an- 
zunehmen, daß sich die hier erkannte Rolle des Genital- 
masochismus und der Angst auf die Neurosen des Weibes 
beschränkt. Vorderhand dürfen wir uns sagen, daß wir 
das Werden der Neurose jetzt beim weiblichen Geschlecht 
besser durchschauen. 

Die Gegenüberstellung von Normalität und Neurose 
soll die Zusammenfassung unserer Ergebnisse erleichtern. 
Die funktionstüchtige Genitalorganisation des Erwachsenen 
setzt sich aus zwei Faktoren zusammen: erstens aus dem 
gegebenen somatischen Apparat, der sich dem Ich durch 
einen eigenen Triebdrang anzeigt und zur Inanspruch- 
nahme empfiehlt; und zweitens aus der Bereitschaft und 
Fähigkeit des Ichs, von diesem Lustangebot Gebrauch 
zu machen. Diese „genitalfreudige" Einstellung des Ichs 
ist nicht in dem Sinne angeboren wie der somatische 
Apparat. Sie muß, wie so viele andere biologisch geforderte 
Einstellungen, während der langen infantilen Entwick- 
lungszeit des Ichs erworben werden. In der Erfüllung 
dieser Aufgabe wird das Ich durch manche äußere Ein- 
flüsse gefördert, durch viele andere, kulturell motivierte 
Einschränkungen behindert. Eine weitere Schwierigkeit 
ist durch den biologischen Entwicklungsplan selbst be- 
dingt. Im Lustumsatz des Organismus bilden zunächst 



1) Ansätze dazu siehe in meiner Arbeit: „Die Psychoanalyse 
der Pharmakothymie" (Rauschgiftsucht) . IZfPsA., XX, 1934. In 
englischer Sprache erschienen in Psychoanalytic Quaterly, II, 1933- 



SCHLUSSFOLGERUNGEN 87 

die Lustbeiträge der außergenitalen Organbetätigungen 
den Hauptposten 5 erst auf einer vorgerückteren Ent- 
wicklungsstufe der Lustfunktion wird die Genitalbetäti- 
gung zur weitaus ergiebigsten Lustquelle. Der Aufbau- 
prozeß der Lustorganisation kann aus äußeren oder inneren 
Gründen gestört werden 5 durch derartige Störungen wird 
zwar die Wucht des Genitaltriebs nicht geschmälert, wohl 
aber sein psychischer Ausdruck entstellt, seine Lustan- 
zeige verdunkelt und das Luststreben des Ichs auf andere 
Organbetätigungen abgelenkt. Bei der neurotischen Frau 
hat die infantile Sexualentwicklung das Ziel, dem Ich 
eine funktionstüchtige Genitalorganisation zu geben, ver- 
fehlt. Das frühe Auftreten des Genitaltriebs, die Un- 
reife des erst in Entfaltung begriffenen Ichs und ein 
— unter diesen Umständen — erschütterndes Erlebnis 
haben zur Folge, daß der Genitaltrieb zum Genital- 
masochismus deformiert wird. Das durch diesen Trieb- 
anspruch entsetzte Ich sucht in der phallischen Kom- 
plettierung Zuflucht und versucht, aus dem fingierten 
Organbesitz geeignetere Genitalstrebungen herzuleiten. 
Die zum Genitalmasochismus degradierte „weibliche Ein- 
stellung" mußte verdrängt werden, weil sie ichwidrig 
ist; die auf den Wunschpenis begründete „männliche 
Einstellung" scheitert, weil sie organ widrig ist. Die 
Impulse, die der Genitaltrieb von seinen organischen 
Quellen her ins Psychische trägt, fließen jetzt dem Ma- 
sochismus zu und verstärken seinen Druck auf das Ich. 
Die zweifache erotogenetische Gliederung des weiblichen 



88 DIE KASTRATIONSANGST DES WEIBES 

Genitalorgans macht es zwar dem Ich möglich, einiges 
aus dem organischen Triebdrang für seine phallische Ein- 
stellung abzufangen und in verselbständigter Klitorislust 
abzuführen; aber das verschafft nur selten Abhilfe. Die 
stärkere Triebkraft steckt im unterdrückten Genital- 
masochismus, dessen Durchbruch das Ich ständig be- 
fürchten muß; das bedrängte Ich klammert sich an den 
fiktiven Penisbesitz und stattet dadurch seine Angst mit 
den psychischen Charakteren einer Kastrationsangst aus. 
Der sich aus seinen organischen Quellen periodisch er- 
neuernde Drang des Genitaltriebs und von der anderen 
Seite her der soziale Druck der Umwelt zwingen dann 
die Frau, für und wider Impulse zu kämpfen, deren 
Bedingtheit sie nicht ahnt, die sie gleichsam aus dem 
Hinterhalt überfallen. Diese Kämpfe, einschließlich des 
oftmals wiederholten Versuchs, die für die Frau organisch 
vorgesehene Genitalität zu erlangen, bilden den Kern 
ihrer Neurose. Auch die oft so weit abliegenden Krank- 
heitsprodukte, die anscheinend schon gar nichts mehr 
mit Genitalität zu tun haben, sind nur Metastasen aus 
diesem einen Herd. 1 Anders gesagt: Das Grundphänomen 
der Neurose ist die Deformation des icheigenen Genital- 
triebs zum ichwidrigen Genitalmasochismus, ihr Wesen 
die unentrinnbare Auseinandersetzung des Ichs mit der 
Leidens- (Todes-) Gefahr, die der lebensfeindliche Maso- 
chismus heraufbeschworen hat 5 der Symptomreichtum 

1) Die zentrale Bedeutung der Genitalstörung für die Entstehung 
der Neurose wird in den Schriften von Wilhelm Reich betont. 



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SCHLUSSFOLGERUNGEN 89 

der Neurose beruht auf der Mannigfaltigkeit der (ortho- 
und heterotopischen) Auswirkungen des Genitalmaso- 
chismus und auf der Mannigfaltigkeit der korrespon- 
dierenden Abwehr- (Anpassungs-) Maßnahmen des Ichs. 
Solange das Ich von den wahren Stützpunkten der inneren 
Orientierung abgeschnitten ist und mit einem falschen 
Kompaß steuert, müssen seine Bemühungen erfolglos 
bleiben. Was sich in der Neurose siegreich durchsetzt, 
ist dann doch nur die masochistische Travestie der Weib- 
lichkeit oder ihr Widerpart, die biologisch verfehlte Ver- 
legenheitslösung des Ichs: der Wunschpenis. 



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SANDOR RADO 

DIE KASTRATIONSANGST 
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