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Full text of "Grundzüge einer Genetischen Psychologie auf Grund der Psychoanalyse der Ichstruktur I."

6 



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Grundzüge 



einer 



Genetischen Psychologie 



Auf Grund der Psychoanalyse der Ichstruktur 



Von 



Dr. Otto Rank 



I. Teil 



4/ 



Leipzig und Wien 
Franz Deuticke 

1927 



Verlags-Nr. 3179 



Der 11. Teil, der den synthetischen und konstruktiven Teil 
enthalten wird, erscheint Ende des Jahres 



Von Dr. Otto Rank sind i 



n meinem Verlag erschienen: 



Das Inzest-Motiv 
in Dichtung und Sage 

Grundzüge einer Psychologie des dichterischen Schaffens 

„Das kranke Innerste eines Dichters verrät sich nirgends mehr 
als durch seinen Helden, welchen er immer mit den geheimen 
Gebrechen seiner Natur wider Willen befleckt." Jean Paul 

Zweite, wesentlich vermehrte und verbesserte Auflage 

(mit ausführlichem Register) 

VIII und 652 Seiten / Preis M 30—, gebunden M 33.— 



Technik der Psychoanalyse 

I. Die analytische Situation 

1926. Preis geh. M 7.—, geb. M 9.— 
IL Die konstruktiven Elemente. In Vorbereitung 
HI. Die Analyse des Analytikers. In Vorbereitung 



Der Mythus von der Geburt des Helden 

Versuch einer psychologischen Mythendeutung 

Zweite, wesentlich erweiterte Auflage. 1922 

Preis M 2.50 

(Schriften zur angewandten Seelenkunde, 5. Heft) 



Die Lohengrinsage 

Ein Beitrag zu ihrer Motivgestaltung und Deutung 

1911. Preis M 4.— 
(Schriften zur angewandten Seelenkunde, 13. Heft) 

Der Verfasser, einer der scharfsinnigsten Schüler Freuds, verfolgt die psychisch 
bedingten Umbildungen des Stoffes, indem er sich auf ein ungeheures Material stützt 
von der altfranzösischen Sage von Chevalier au cygne an bis zu Wagners Musikdrama 
Besonders interessant ist die Verbindung zwischen den in der Sage lebenden Vor- 
stellungen und dem aus dem Seelenleben der Ncurotiker Erschlossenen. 

(Wiener Klin. Rundschau) 









Grundzüge 



einer 



Genetischen Psychologie 



Auf Grund der Psychoanalyse der Ichstruktur 



Von 



Dr. Otto Rank 



I. Teil 



Leipzig und Wien 
Franz Deuticke 

1927 







Alle Rechte, besonders das der Übersetzung in fremde Sprachen, vorbehalten 
Copyright 1927 by Franz Deuticke, Leipzig und Wien 



Verlags-Nr. 3179 



Manzsche Biichdruckerei, Wien IX. S208 



*- 



% 









Vorwort. 

Dieses Buch ist eine direkte Fortsetzung, Ausgestaltung und 
Weiterführung meiner in den letzten Jahren begonnenen Neu- 
orientierung in Fragen der psychoanalytischen Theorie und 
Therapie, die zuletzt im „Trauma der Geburt" (1923) einen vor- 
läufigen Abschluß in einer bestimmten Richtung gefunden hatte. 
Ist doch im „Trauma der Geburt" die Libidoentwicklung einer- 
seits bis zu ihrem ontogenetischen Ursprung in der intrauterinen 
Situation zurückverfolgt, anderseits in ihren extremsten gefühls- 
und verstandesmäßigen Auswirkungen durch die Kultur- und 
Menschheitsentwicklung hindurch bis zur psychoanalytischen 
Erkenntnis ihrer selbst geführt. 

So beschämend es nun auch ist, daß gerade die Vertreter 
der Psychoanalyse, auf deren Boden meine Auffassung ja er- 
wachsen war, ihr mit affektiv bedingter Einstellung gegenüber- 
traten, so wenig konnte es mich enttäuschen oder an der konse- 
quenten Weiterarbeit irremachen. Ich habe es vorgezogen, den 
unfruchtbaren Polemiken die Weiterentwicklung meiner Ein- 
sichten entgegenzuhalten, die ich in diesem Buche synthetisch 
darzustellen versuche, wie sie sich mir aus analytischen Erfah- 
rungen der letzten Jahre herauskristallisiert haben. 

Bereits vor dem „Trauma der Geburt" habe ich in verein- 
zelten kleineren Arbeiten, die ziemlich unbeachtet geblieben sind 
und die ich darum jetzt gesammelt herausgebe, 1 Ansätze zur 
Weiterentwicklung der Libidotheorie in die Ich-Psychologie ge- 
macht. Im „Trauma der Geburt" habe ich dann, wie bereits 
erwähnt, die Libido genetisch von ihrem biologischen Ursprung 
bis in ihre höchsten Sublimierungsformen verfolgt und dabei 
immer wieder als den einen großen hemmenden Faktor die Angst 

1 „Sexualität und Schuldgefühl. Psychoanalytische Studien". (1912—1923.) 
Internat. Psychoanalytischer Verlag (1926). 



IV 

betont, die — im Geburtsakt erlebt — sich jeder Wiederher- 
stellung der paradiesischen Urbefriedigung entgegenstellt. Ich 
hatte dann, wie ich in meinem Homburger Kongreßvortrag 
(September 1925) i mitteilte, die Absicht gehabt, „eine Art ergän- 
zendes Gegenstück zu schreiben, welches die in ,Trauma der 
Geburt' von der Libidoseite bearbeiteten Probleme, hauptsächlich 
das Angstproblem, von der Ichseite betrachten sollte". Bei 
der Weiterarbeit wurde mir immer deutlicher, daß die Bezie- 
hungen zu dem Früheren sich nicht herstellen ließen, ohne 
vieles, ja das meiste davon zu modifizieren oder aufzugeben, 
so daß ich mich entschloß, einfach von meinem neuen Stand- 
punkt aus weiterzuarbeiten und es anderen zu überlassen, die 
Konsequenzen in bezug auf das Bisherige zu ziehen. 2 

Inzwischen hatte ich bereits im Winter 1924/25 den ersten 
Versuch gemacht, die „Angst in ihrer Bedeutung für Theorie 
und Therapie der Neurosen" selbständig zu bearbeiten, bin aber 
wieder davon abgekommen, da ich die Unfruchtbarkeit einer 
auf das Neurosenproblem eingeschränkten Betrachtungsweise, wie 
schon im „Trauma der Geburt", wieder erkannte. Immerhin 
möchte ich den Ausgangspunkt meines damaligen Entwurfes, der 
ebenfalls auf analytischen Erfahrungen fußte, hier aufzeigen. 
Ich ging von der Freud sehen Theorie der Angst aus, die auf 
seine ersten Beobachtungen der sexuellen Ätiologie der soge- 
nannten „Aktualneurosen" zurückgeht und schrieb damals wört- 
lich (nicht publiziert): „Durch die vom therapeutischen Gesichts- 
punkt erschlossene sexuelle Ätiologie der Angstneurose wurde 
das Angstproblem von Anfang an zu einem Libidoproblem und 
ist es für die Psychoanalyse bis heute eigentlich immer noch 
geblieben, obzwar der damals supponierte Mechanismus der 
Verwandlung von Libido in Angst nie aufgeklärt wurde (Freud 
sagt nur in den Vorlesungen: Man sieht an Stelle von Libido 
Angst auftreten). Der Fehlschluß lag schon bei der Angstneurose: 
dadurch , daß Angst durch sexuelle Befriedigung verschwinden 

1 Publiziert unter dem Titel „Zur Genese der Genitalität". Internat 
Zeitschr. f. Psa., 1926, Nr. 1. 

2 Seither ist dies in radikaler Weise von Freud selbst geschehen, 
der auf Grund meiner Neuorientierung des Angstproblems eine gründliche 
Revision seiner bisherigen Anschauungen, namentlich in bezug auf seine 
Angst-Libido-Theorie vorgenommen hat. („Hemmung, Symptom und Angst", 1926.( 






kann, ist noch nicht bewiesen, daß sie aus verdrängter Sexual- 
libido entstanden ist. Das Verschwinden der Angst bei Sexual- 
befriedigung ist ein rein therapeutisches Moment, aus dem man 
sich hüten muß, voreilig theoretische Schlüsse zu ziehen, um 
so mehr, als es in seiner weiteren psychischen Bedeutung noch 
heute das Wesentliche der analytischen Therapie ausmacht, 
welche letzten Grades die Angst des Kranken durch die mit der 
Übertragung gewährte Libido zum (zeitweiligen) Verschwinden 
bringt. So kam Freud aus rein therapeutischen Gesichtspunkten 
dazu, die Angst als solche beiseite zu lassen und sich zunächst 
dem Studium der Libido zuzuwenden, wobei aber das Angst- 
problem an vielen Stellen umgangen werden mußte (nicht bloß 
in der ,Traumdeutung'). Später hat Freud allerdings dann 
vom Ichproblem aus die Angst betrachtet, ist aber nicht über 
die ,Kastrationsangst' hinausgekommen, die immer noch den 
ursprünglichen Zusammenhang mit der sexuellen Ätiologie — 
allerdings auf rein psychischem Gebiet — aufrechtzuerhalten 
sucht." 

Beim Versuch, außer den pathologischen Mechanismen der 
Angstabwehr, wie sie uns in den neurotischen Symptomen und 
Hemmungen entgegentreten, auch die normale Aufarbeitung der 
Angst im Ich (Charakter) zu studieren und spezifisch zu deter- 
minieren, bin ich nun wieder — und zwar diesmal von der Angst, 
nicht von der Libido — auf das Objekt und die Objektbeziehung ge- 
stoßen, welche ja die Angst ebenso voraussetzt wie die Libido. So 
kam ich zu einem genetischen Verständnis der Entwicklung der 
Objektbeziehung überhaupt und der damit parallel gehenden 
Ichentwicklung. Diesen entscheidenden Schritt tat ich im 
Sommer 1925, wo ich den „Entwurf einer genetischen Psycho- 
logie" skizzierte, den ich dann im Herbst und Winter 1925 
(teilweise in New York) ausarbeitete. In meinem Kongreß Vortrag 
(September 1925) „Zur Genese der Genitalität" hatte ich den 
ersten genetischen Teil als eine Art Resume der genetischen 
Psychologie dargestellt, die ich . im folgenden im Hinblick 
auf <jlie biologische Entwicklung wie die soziale Anpassung im 
Detail ausführe. In der vorliegenden Form wurden die folgenden 
Abhandlungen im Winter 1926 als Vorlesungskurs an der „New 
York School of Social Work" in New York vorgetragen. 



VI 

Die definitive Niederschrift dieser Arbeit hat also eine Ver- 
zögerung von mehr als einem Jahre erfahren, hauptsächlich des- 
halb, weil ich in der Zwischenzeit mit dem Sammeln des Materials 
aus meinen Analysen beschäftigt war, das ich zur Darstellung 
der durch den genetischen Standpunkt geänderten Technik der 
Psychoanalyse benötigte. Diese Weiterentwicklung der thera- 
peutischen Technik über das rein Analytische hinaus zum Kon- 
struktiven hat vorläufig in einem ersten Teile: „Die analytische 
Situation" (1926) Darstellung gefunden. Die weiteren Teile, die 
bald erscheinen sollen, werden noch enger den Zusammenhang 
der genetischen Psychologie und einer darauf begründeten Be- 
trachtungsweise mit der Notwendigkeit einer Neuorientierung 
in Fragen der Technik und Therapie zeigen. Gleichzeitig werde 
ich auch in einem zweiten vorläufig zurückgestellten Teil die 
synthetischen und konstruktiven Gesichtspunkte der 
„Genetischen Psychologie" herausarbeiten und in ihrer Be- 
ziehung zur bisherigen psychoanalytischen Betrachtungsweise 
würdigen. 

Die genetische Psychologie selbst hat eigentlich mehr kon- 
struktiven als historischen Charakter: Sie zeigt, wie die seelische 
Entwicklung geworden ist, und zwar genetisch-evolutionistisch 
nicht analytisch-historisch. Das Infantile, das analytisch retro- 
spektiv erschlossen war, wird konstruktiv-genetisch aufgebaut. Zu- 
gleich wird das Schwergewicht des Therapeutischen vom Infantilen 
und vom Objekt, das beides im Genetischen aufgeht, ins Aktuelle 
und ins Ich verlegt, das sich aus Objektbeziehungen genetisch 
aufbaut und sich in Objektbeziehungen aktuell spiegelt. 

Paris, Frühjahr 1926. 



Der Verfasser. 



Inhalt. 

Vorwort III 

I. Einleitung 1 

A. Psychoanalytische Probleme 3 

1. Methodisches 3 

2. Terminologisches g 

3. Spezielles 20 

Das Angstproblem 24 

B. Zur Begründung der genetischen Psychologie . 41 

1. Die biologische Grundlage 41 

2. Die soziale Anpassung 48 

3. Die Entwicklung des Ich 56 

II. Genetischer Teil 67 

1. Zur Genese der Genitalität 69 

2. Zur Genese des Schuldgefühles 90 

3. Zur Genese der Objektbeziehung HO 

III. Die psychischen Mechanismen und ihre Auswirkungen 123 

1. Projektion und Objektbeziehung 127 

2. Identifizierung und Ichaufbau 134 

3. Verleugnung und Realitätsanpassung 145 









I. Einleitung. 



„Wenn eine Wissenschaft zu stocken und, ohn- 
erachtet der Bemühung vieler tatiger Menschen, nicht 
vom Flecke zu rücken scheint, so läßt sich bemerken, 
daß die Schuld oft an einer gewissen Vorstellungs- 
art, nach welcher die Gegenstände herkömmlich be- 
trachtet werden, an einer einmal angenommenen Ter- 
minologie liege, welcher der große Haufe sich ohne 
weitere Bedingung unterwirft und nachfolgt und 
welcher denkende Menschen selbst sich nur einzeln 
und nur in einzelnen Fällen schüchtern entziehen." 

Goethe. 












Rank, Grundzüge einer genetischen Psychologie. 






A. Psychoanalytische Probleme. 

1. Methodisches. 

Unter psychoanalytischen Problemen kann man sowohl Pro- 
bleme verstehen, die sich innerhalb der psychoanalytischen 
Forschung selbst ergeben haben und dort der Lösung harren, 
als auch Probleme, die durch die Psychoanalyse aufgeworfen 
wurden, aber teils der Hinzuziehung anderer Forschungsmethoden 
zu ihrem vollen Verständnis, teils anderer, sozialer Maßnahmen 
zu ihrer praktischen Lösung bedürfen. 

Zunächst möchte ich einige fundamentale Probleme der 
psychoanalytischen Forschung selbst diskutieren, das heißt ge- 
wisse prinzipielle Fragen zu klären versuchen, die innerhalb der 
Psychoanalyse bereits aufgeworfen wurden, aber noch proble- 
matisch sind oder es im Lichte neuerer Erkenntnisse wieder 
wurden. 

Anschließend will ich versuchen, aus dem reichen Problemen- 
kreis, den die Psychoanalyse unserem Geistesleben erschlossen 
hat, die mir am wesentlichsten erscheinenden Probleme heraus- 
zuarbeiten, auch in der Absicht, die Grenzen der eigentlich 
psychoanalytischen Betrachtungs- und Behandlungsweise schärfer 
als bisher abzustecken. Anderseits aber auch die psychoanaly- 
tische Anschauungsweise so weit als heute möglich für das Ver- 
ständnis auch der Phänomene fruchtbar zu machen, die bereits 
jenseits der Grenzen liegen, welche wir als Konstitution und 
(soziales) Milieu außerhalb jeder individuellen analytischen Beein- 
flußung liegend anerkennen. Ich halte eine besondere Betonung 
dieser eigentlich selbstverständlichen Grenzen deshalb für wichtig, 
weil ich der Überzeugung bin, daß viel auch ehrlich gemeinte 
Mühe verschwendet wird, in dem wohlmeinenden Bestreben, 
psychoanalytische Gesichtspunkte sowohl zur Klärung theore- 
tischer Probleme als auch zur Lösung praktischer Fragen dort 



Einleitung" 



© 



heranzubringen, wo sie nicht oder nicht ausschließlich am 
Platze sind. 

Wenn es zu einer solchen Problemstellung der Probleme 
innerhalb der Psychoanalyse bis jetzt nicht recht eigentlich 
gekommen ist, so liegt dies an einer Schwierigkeit, die ich 
zwar nicht beseitigen, wohl aber formulieren kann, um damit 
den ersten Schritt zu ihrer Überwindung zu tun. Wollten wir 
nämlich die problematischen Punkte der psychoanalytischen 
Lehre, die ja unsere weitere Forschung lösen helfen soll, über- 
sichtlich demonstrieren, so wäre die Voraussetzung eine syste- 
matische Darstellung der Psychoanalyse, wobei man sozu- 
sagen automatisch auf alle Lücken, Unklarheiten und Unsicher- 
heiten stoßen würde. Eine solche systematische Darstellung ist 
aber bisher in dieser Absicht noch nicht versucht worden, eben 
weil unser psychoanalytisches Wissen bisher noch zu unvoll- 
ständig, aber auch zu unsicher war, worauf Freud selbst immer 
wieder mit der Warnung vor einer voreiligen Systemisierung hinge- 
wiesen hatte. Seine und seiner Schüler Arbeiten, die die psycho- 
analytische Lehre weiter entwickeln und ausgestalten halfen, sind 
denn auch ganz im Sinne des Fortschreitens der analytischen 
Technik und des Ausbaus der Methodik naturgemäß historisch 
gewesen. Das heißt, sie verfolgten bestimmte, in der Forschung 
auftauchende Themata, ähnlich wie in der individuellen Analyse, 
bis zu einem gewissen Punkte, um sie dann auf einen Anschluß 
warten zu lassen, der sich manchmal recht spät, manchmal gar 
nicht, manchmal endlich in ganz unerwarteter Weise ergab. Diese 
von Freud selbst bevorzugte empirische Arbeitsweise hatte den 
Vorteil, daß voreilige systematische Darstellungen vermieden 
wurden, aber den Nachteil, daß eine Reihe von Befunden uner- 
klärt bleiben mußte, die erst relativ spät, gelegentlich von Ver- 
suchen systematischer Darstellung, verständlich gemacht werden 
konnten. Es ist charakteristisch für Freuds Arbeitsweise, daß 
selbst seine systematischen Darstellungsversuche, wie wir sie in 
seinen letzten Arbeiten zur Ich-Psychologie vor uns haben, wenn 
man so sagen darf, „empirisch" konzipiert sind, das heißt, sich 
immer noch scheuen, das Ganze des psychoanalytischen Lehr- 
gebäudes umfassen zu wollen; vielmehr knüpfen sie meist ein- 
gestandenermaßen an früh aufgetauchte Einzelprobleme an, die 



Historische und systematische Betrachtung 5 

seither analytisch keine weitere Aufklärung gefunden hatten und 
erst durch die systematische Darstellung in einen „verständlichen 
Zusammenhang" eingereiht werden konnten. In einigen von diesen 
Arbeiten hebt Freud selbst das Befremdende dieser Tatsache 
hervor, indem er sich teils wundert, daß die Analyse nicht früher 
an diese aufdringlichen Probleme herangegangen sei, teils konsta- 
tiert, daß die letzten Lösungen zu simplen Tatbeständen führen, 
die man auf einfacherem Wege hätte finden können. 

Dieser allgemeine wissenschafts-psychologische Gegensatz 
zwischen der historischen und der systematischen Betrach- 
tungs- und Darstellungsweise, der sich irgendwie mit dem Gegen- 
satz von „empirisch" und „spekulativ" decken mag, führt uns 
mitten in eines der Hauptprobleme der psychoanalytischen For- 
schung selbst, die uns übrigens erst ein solches wissenschafts- 
historisches Problem psychologisch verstehen lehrt. Ohne daß 
wir hier einer Psychologie des Forschers und der Art, wie wissen- 
schaftliche Entdeckungen gemacht und ausgestaltet werden, 
nähertreten wollen, sei nur erwähnt, daß offenbar in der Summa- 
tion einer Reihe von Widerstandsfaktoren, die sowohl in der 
Spröde und Zufälligkeit des Materials als in der menschlichen 
und affektiven Einstellung der Persönlichkeit des Forschers be- 
gründet sind, der wesentliche Grund dafür zu suchen sein wird, 
warum die empirische Einstellung und historische Entwicklung 
notwendigerweise von Zeit zu Zeit durch Versuche systema- 
tischer Darstellung durchbrochen werden muß. Diese hat weniger 
den Weg, auf dem die Ergebnisse gefunden wurden, als deren 
Allgemeingültigkeit und heuristischen Wert eben mit Rücksicht 
auf eine mögliche Systembildung oder, wenn dies besser klingt, 
die Herstellung verständlicher Zusammenhänge festzustellen. Man 
kann freilich auf dem Standpunkt stehen, den Freud einzu- 
nehmen scheint, daß die empirische Darstellung die der wissen- 
schaftlichen Forschung einzig adäquate sei, und sich nur ungern 
zur systematischen Darstellung bequemen, die man dann etwas 
verächtlich als „Spekulation" bezeichnet. Aber es gibt wohl 
keine wissenschaftliche Darstellung, die nicht unwillkürlich das 
Empirische systemisierte, und so muß man sich über die Not- 
wendigkeit einer bewußten Systembildung klar werden, zu der 



6 Einleitung 

das menschliche Verstehenwollen eben neigt und die daher 
auch zum wirklichen Verstehen unerläßlich geworden ist. 

Der historische Standpunkt schließt Gefahren in sich, 
die theoretisch wie praktisch gleich folgenschwer werden können. 
Einerseits wird man immer dazu neigen, die jeweils später 
gewonnenen, also neueren Befunde und Entdeckungen zuun- 
gunsten des früheren Älteren zu überschätzen, was ja im ganzen 
den Fortschritt der Erkenntnis beim Forscher selbst und in der 
Wissenschaft ermöglicht, aber nicht allzu dogmatisch werden 
darf, wenn es diesen Zweck nicht verfehlen soll. Daß eine zweite 
Gefahr gerade umgekehrt von den konservativen Tendenzen 
unserer Einstellung droht, das bereits Bekannte und Verarbeitete 
festzuhalten und alles Neue abzuwehren, braucht wohl kaum 
erst hervorgehoben zu werden. Die einzige Möglichkeit eines 
wirklichen und allmählichen Fortschrittes scheint zu sein, das 
Neue widerstrebend aufzunehmen, indem man es an bereits 
Bekanntes anzugleichen sucht und so schließlich in kurzer Wieder- 
holung des ganzen Entwicklungsprozesses assimilieren kann. 
Aber all dies hat auch seine guten Seiten, indem das Alte, 
Erprobte nicht zu leicht verworfen, das Neue nicht blindlings 
überschätzt wird, und der Assimilierungsprozeß, indem er der 
einzige Weg der Verständigung und fruchtbaren Weiterarbeit 
zu sein scheint. 

Der systematische Standpunkt hat demgegenüber den 
Vorteil, daß er zunächst alle historischen Bedingtheiten und 
Wertigkeiten aufhebt und eine neue Rangordnung schafft, die 
nach anderen Kriterien gerichtet ist. Der Stoff wird sozusagen 
aus. der historischen Längendimension herausgehoben und auf 
ein Koordinatensystem bezogen, das eine andere Betrachtungs- 
weise erfordert und gestattet. Dieser Wechsel des Standpunktes 
wird im Verlauf der Entwicklung einer Wissenschaft mehrmals 
vollzogen, bis es gelungen ist, den Prozeß der Kristallisation allge- 
meingültiger und erkenntniskritisch objektiver Befunde aus einem 
zufälligen Material und der individuell-persönlichen Einstellung 
des Forschers zu einem wissenschaftlich befriedigenden Abschluß 
zu bringen. 

Bevor ich in der Beschreibung der hier aufgerollten psycho- 
analytischen Probleme weitergehe, möchte ich, meinen eigenen 



Synthetische Darstellung 7 

Standpunkt dazu präzisierend und meine Darstellung recht- 
fertigend, vorausschicken, daß ich weder beabsichtige, eine histo- 
rische noch eine systematische Darstellung der psychoanalyti- 
schen Forschung zu geben. Das erste ist oft genug geschehen und 
eigentlich auch in der Entwicklung der Psychoanalyse selbst 
gegeben, wie sie sich uns historisch darstellt. Eine systematische 
Darstellung der Psychoanalyse scheint mir aber nicht nur ver- 
früht, sondern überhaupt unmöglich, weil sie dem Wesen der 
psychoanalytischen Arbeits- und Betrachtungsweise zu sehr wider- 
spricht. Dies ist auch der Grund, warum die wenigen bisherigen 
Versuche einer synthetischen Darstellung, zu denen ich u. a. 
meinen „Künstler" (1907) und das „Trauma der Geburt" (1923) 
rechne, von den Analytikern als unanalytisch empfunden und 
auch nicht entsprechend gewürdigt werden konnten. Es erklärt 
aber auch, warum Freud selbst seine eigenen systematischen 
Versuche als „spekulativ" bezeichnet, als würde er sich quasi 
dieser unanalytischen Gedankengänge zu schämen haben, die 
tatsächlich auch von einigen seiner konservativsten Schüler nicht 
mitgemacht werden konnten. 

Ich hoffe durch meine weiteren Ausführungen zeigen zu 
können, daß eine systematische Verarbeitung der psychoanaly- 
tischen Befunde, die psychologisch und wissenschaftlich unbe- 
dingt notwendig ist, ihrer Natur nach, um nicht zu sagen unana- 
lytisch, aber doch synthetisch sein und methodisch, gedanklich 
und formal über das engere psychoanalytische Gebiet hinaus- 
gehen muß. 



2. Terminologisches. 

Es wurde oft gesagt, daß die Bezeichnung „Psychoanalyse" 
ursprünglich für die von Freud geschaffene Untersuchungs- 
methode des „freien Einfalles" und seine „Deutung" im Sinne 
einer unbewußten Zielvorstellung geprägt, später sowohl auf die 
darauf begründete Behandlungsmethode (Therapie) seelischer 
Störungen als auch auf die darauf aufgebaute Seelenlehre 
(Psychologie) ausgedehnt wurde. So berechtigt diese Ausdehnung 
innerhalb eines bestimmten Entwicklungsabschnittes der Psycho- 
analyse auch war, hat sie doch späterhin zu Verwechslungen, ja 
Mißverständnissen geführt, die es ratsam erscheinen lassen, den 
Namen Psychoanalyse weiterhin für die klassische Freudsche 
Forschungsmethode zu reservieren, die uns noch gute Dienste 
leisten mag, wenn wir imstande sind, die darin liegenden Fehler- 
quellen zu vermeiden. Für die Therapie, die sich immer mehr 
und mehr anschickt, die Ergebnisse dieser Untersuchungsmethode 
im Dienste der Behandlung gemütskranker, unangepaßter, kon- 
fliktbeladener Menschen fruchtbar zu machen, eine andere Be- 
zeichnung, etwa die der Psych agogik zu wählen, was auch 
die höchst überflüssige Diskussion der sogenannten „Laien- 
analyse" erledigen würde. Was endlich die aus den Ergebnissen 
der Psychoanalyse aufzubauende neue Psychologie betrifft, 
möchte ich vorschlagen, sie mit Rücksicht auf ihre leitenden 
Gesichtspunkte und Aspekte eine genetische zu nennen. Wir 
können uns dabei immer bewußt bleiben, daß diese Psychologie 
aus der analytischen Untersuchung des Seelenlebens Kranker 
gewonnen wurde, aber in ihrer systematischen Darstellung als 
allgemeine Normalpsychologie genetisch aufgebaut werden muß. 

Man wende nicht ein, daß dies rein terminologische 
Fragen seien, die mit den Inhalten des Dargestellten nichts zu 
tun hätten. Erstens glaube ich nicht, daß es rein terminologische 
Fragen überhaupt gibt, und Freud hatte recht, wenn er in Ver- 



Terminologisches 9 

teidigung seines Sexualitätsbegriffes erklärte, es gehe nicht bloß 
um die Benennung; gebe man erst im Worte nach, dann sei nur 
mehr ein kleiner Schritt zum Nachgeben in der Sache. Auch ich 
meine, daß eine Änderung der Nomenklatur im oben angedeuteten 
Sinne ein bißchen Nachgeben in der Sache zur Voraussetzung hat, 
das aber notwendig ist, um der psychoanalytischen Forschung 
eine fruchtbare Weiterentwicklung zu gestatten. Tut man das 
nicht, so zeigt sich bald, daß die unaufhaltsame Weiterentwick- 
lung sich ungeachtet aller Widerstände doch die neuen Worte 
und Begriffe schafft, die sich schließlich auch durchsetzen. In 
einem gewissen Stadium der Entwicklung einer neuen Wissen- 
schaft zeigt sich eben, daß der Terminologie, die ja das Mittel 
des Verständnisses und der Verständigung bildet, eine ganz bedeu- 
tende Rolle zukommt, daß sie aber den Fortgang einer Wissen- 
schaft ebenso hemmen als fördern kann. Hält man nämlich zu 
krampfhaft an einer einmal geprägten Terminologie fest, so kann 
es passieren, daß man neue Tatsachen, die sich erst im Laufe 
der Forschung ergeben, entweder verleugnen muß, weil es für 
sie keine Bezeichnung unter den bereits konventionell gewordenen 
Terminis gibt oder aber ihnen Gewalt antun muß, um sie doch 
in das Prokrustesbett der vorhandenen Terminologie zu spannen. 
Ich möchte es vermeiden, Beispiele dafür aus der analytischen 
Literatur anzuführen, aber es kommen da häufig monströse 
Formulierungen zustande, die nur als Ausdruck einer gegenüber 
neuen Einsichten krampfhaft festgehaltenen Terminologie ver- 
ständlich sind. Es zeigt sich hier in der wissenschaftlichen Arbeit 
die gleiche Fixierungstendenz, wie wir sie als wesentliche Eigen- 
schaft des Psychischen (man könnte sagen alles Organischen) 
finden und die nur sehr schwer und langsam zu überwinden ist. 
In der alten Terminologie wird so eine frühere Entwicklungsphase 
der psychoanalytischen Erkenntnis festgehalten, die de facto 
längst überholt, aber affektiv noch nicht überwunden ist. Die 
Terminologie, einst zweckmäßig für die Entwicklung, wird so 
zu einem „Fixierungssymptom" auf einer bestimmten Stufe der 
psychoanalytischen Entwicklung, welche auf Grund einer neuer- 
lichen systematischen Bearbeitung aufgehoben werden muß. Die 
neue Terminologie und ihre Akzeptierung folgt aber dem Ent- 



10 Einleitung: 

wicklungsschub einer wissenschaftlichen Erkenntnis erst lang- 
sam nach. 

Es wäre eine verdienstvolle aber auch notwendige Vorarbeit 
für eine systematische Darstellung, wenn man die Terminologie 
zum Ausgangspunkt nehmen würde. Ja, eine vollständige Er- 
klärung der analytischen Terminologie ergäbe wahrscheinlich 
schon an und für sich eine systematische Darstellung, da sie 
sich mit der Entwicklung und dem allmählichen Begriffswandel 
der psychoanalytischen Termini beschäftigen müßte. Ich beab- 
sichtige keine derartige Untersuchung, möchte nur sagen, daß 
mir folgende Gesichtspunkte dafür maßgebend scheinen: Man 
hätte vor allem zu unterscheiden, erstens Begriffe der voranaly- 
tischen Psychologie, wie z. B. das Bewußte, das Unbe- 
wußte usw.; zweitens Begriffe der voranalytischen (deskrip- 
tiven) Sexuologie, wie z. B. besonders die Bezeichnung der 
Perversionen (Homosexualität usw.); drittens Begriffe der vor- 
analytischen Psychiatrie, besonders die diagnostischen Krank- 
heitsbilder (Symptomatik usw.); viertens Begriffe der analy- 
tischen Forschung selbst und unter diesen einerseits indivi- 
dualpsychologische, wie z. B. die Verdrängung, anderseits phylo- 
genetische, z. B. die Kastration usw. Alle diese Begriffe, die in 
Wahrheit zusammen ein Begriffschaos bilden, sind verschiedener 
Herkunft, haben verschiedene Bedeutung, beziehen sich histo- 
risoh und genetisch auf verschiedene Schichten der seelischen 
Entwicklung und der wissenschaftlichen Forschung. Die vor- 
analytischen Begriffe repräsentieren wesentlich Tatbestände, sind 
deskriptiv viele von ihnen entsprechen einem bestimmten 
sozialen Standpunkt, keinem psychologischen; von den analy- 
tischen Begriffen sind einige phänomenologisch, andere dyna- 
misch. Einzelne von den voranalytischen Begriffen sind von der 
analytischen Forschung bereits so zersetzt, daß sie nur mehr 
als unbrauchbare entleerte Hülsen mitgeschleppt werden, ohne 
daß man sich entschließen kann, sie abzuwerfen und durch ent- 
sprechendere zu ersetzen. Andere sind bereits automatisch durch 
die Notwendigkeit ersetzt worden, ohne daß man es wahr- 
haben will. Von anderen endlich fühlt man ihre Unzulänglichkeit 
und kann sich aus Pietät nicht zum Aufgeben entschließen. 
Aber wie immer dem nun sein mag, sicher ist, daß die meisten 



Begriffsbildung uud Begriffswandlung 11 

psychoanalytischen Begriffe selbst beim weiteren Fortschreiten 
unserer Einsichten viel von ihrer ursprünglich „dynamischen" Be- 
deutung eingebüßt haben und heute vielfach nur mehr psycho- 
logische Tatbestände beschreiben, zu deren dynamischem Ver- 
ständnis wir neuer Termini bedürfen. 

Eine Darstellung der Entwicklung der psychoanalytischen 
Begriffsbildung und Begriffswandlung ergäbe eine außer- 
ordentlich aufschlußreiche systematische Selbstbesinnung. So ist 
z. B. der Komplexbegriff, der sich eine Zeitlang sehr brauchbar 
erwiesen hatte, zuerst überflüssig, dann sogar störend geworden, 
weil er feinere Zusammenhänge verdeckte. Trotzdem ist das, 
was der Begriff bezeichnete, nicht untergegangen, sondern lebt 
in anderer Form weiter. Hätte ich z. B. heute den Begriff des 
„Komplexes" zu definieren, so würde ich ihn als den Nieder- 
schlag eines bestimmten Traumas bezeichnen. Das „Trauma" 
selbst, das in der Geschichte der Psychoanalyse eine so bedeu- 
tende Rolle spielt, war ursprünglich ein zufälliges schädigendes 
Erlebnis (wie vorzeitige Verführung), während ich es heute zur 
Bezeichnung eines biologisch notwendigen Entwicklungsschubes 
verwende, der seiner Natur nach an sich nicht traumatisch ist, 
es aber unter Umständen in gewissen Folgeerscheinungen werden 
kann (Geburt, Entwöhnung, Pubertät usw.). Das Unbewußte, 
ein aus der philosophischen Psychologie übernommener Begriff, 
der eigentlich noch der Bewußtseins-Psychologie angehört, indem 
er als eine Art negativer Grenzbegriff alles Nichtbewußte zu- 
sammenfaßt, hat sich ebenfalls als überflüssig, ja störend er- 
wiesen und wurde de facto von Freud in seiner Darstellung 
„Das Ich und das Es" (1923) aufgegeben. Man braucht sich dort 
nur Freuds schematische Skizze (S. 26) anzusehen, um mit 
einem Blicke zu erkennen, daß für das Unbewußte im alten Sinne 
kein Platz mehr in der Psychoanalyse ist. Dann muß man sich 
aber auch entschließen, diesen mystischen Begriff, in welchem 
Freud seine verleugneten philosophischen Tendenzen unter- 
gebracht hat, dort aufzugeben, wo er Tatbestände verhüllt 
statt erklärt. Warum nicht einfach von gehemmten oder ver- 
drängten Triebimpulsen sprechen, wie ich es schon 1907 im 
„Künstler" getan hatte, wo zum ersten Male eindeutig der Ver- 
such gemacht ist, die Psychoanalyse als Trieblehre aufzufassen. 



12 Einleitung 

Ähnlich ist es dem sogenannten „erweiterten Sexualitäts- 
begriff" ergangen, der meiner Ansicht nach überhaupt nicht glück- 
lich gewählt war und nicht mit Unrecht zu heftigen Protesten Anlaß 
\ gegeben hat. Da der gewöhnliche Sprachgebrauch unter Sexua- 

lität bereits etwas ganz Bestimmtes verstand, mußte es konstant 
zu Mißverständnissen führen, wenn man Dinge, die dem erwei- 
terten Sexualitätsbegriff entsprachen, kurzweg als „sexuell" be- 
zeichnete. Man hat denn auch bald den Begriff der Libido für 
diesen erweiterten Sexualitätsbegriff einzusetzen sich ent- 
schlossen, aber es ist charakteristisch, daß bis heute selbst in 
analytischen Kreisen keine Klarheit über den Sinn dieses Be- 
griffes herrscht und auch der später von Freud in Anlehnung 
an Plato vorgeschlagene Erosbegriff sich nicht eingebürgert hat. 
Es zeigt sich, wie hier wieder die genetische Betrachtung klärend 
wirkt. Während man z. B. vom analytischen Standpunkt das 
Lutschen als „sexuell" bezeichnete, wird man vom genetischen 
Standpunkt sagen, daß in der Sexualität (nach dem gewöhnlichen 
Sprachgebrauch) ein großer Anteil oraler Libido wirksam ist. 

Ähnlich erging es mit dem Begriff der Verdrängung, dem 
vielleicht fruchtbarsten Gesichtspunkt der ganzen analytischen 
Psychologie. Auch hier bildete sich der Sprachgebrauch heraus, 
einfach jede Art der psychischen Abwehr als Verdrängung zu 
bezeichnen, was zu schweren Vernachlässigungen theoretischer 
und praktischer Natur führte. Und obwohl Freud selbst anfangs 
erklärt hatte, die Verdrängung sei nur eine der Formen, mittels 
deren sich das Ich unliebsamer Regungen erwehre, wendete er 
doch selbst fast ausschließlich den Begriff der Verdrängung an, 
auch dort, wo eine andere Form der Abwehr wirksam und daher 
eine Nuancierung des Begriffes am Platze war. Ich selbst habe 
beispielsweise schon von meinen frühesten Arbeiten (1911) an 
den Begriff der „Verleugnung" zur Beschreibung und zum Ver- 
ständnis gewisser psychischer Reaktionen verwendet. 1 Dieser Be- 
griff hat in der Psychoanalyse erst jüngst wieder Eingang ge- 
funden, als sie sich mehr den Ichproblemen zuwandte und 
konnte z. B. von Laforgue beim Studium der Schizophrenien 



1 Siehe die unter dem Titel „Sexualität und Schuldgefühl" gesammelten 
Arbeiten aus den Jahren 1911 bis 1923. Auch in meinen zahlreichen mytholo- 
gischen Arbeiten habe ich den Begriff der Verleugnung verwendet. 









Ödipus- und Kastrationskomplex 13 

herangezogen werden („scotomisation"). In der bereits vom 
„Trauma der Geburt" beeinflußten Arbeit Freuds „Der Unter- 
gang des Ödipuskomplexes" (1924) wird sogar neben der Ver- 
drängung einer Triebregung die Möglichkeit ihrer Vernichtung 
(„Untergang") in Erwägung gezogen. 

Damit gewinnen wir den Übergang zu den beiden wichtigsten 
Begriffen der Psychoanalyse, dem Ödipus- und dem Kastra- 
tionskomplex. Auch hier sehen wir dasselbe Schicksal sich 
vollziehen, aber hier vielleicht in der verhängnisvollsten Weise. 
Dies soll nur zum Teil eine Kritik bedeuten, zum Teile die Kon- 
statierung der Tatsache, daß diese Begriffe nur mit fortschreiten- 
der Erkenntnis geklärt werden konnten, daß sie aber eben dabei 
auch überspannt wurden. Die psychoanalytische Terminologie hat 
hier den Fortschritt über diese primitiv-mythologischen Be- 
griffe hinaus nur zum Teile mitgemacht. Wir brauchen nur zu 
bedenken, welch einfachen Tatbestand Freud ursprünglich mit 
dem Namen „Ödipuskomplex" bezeichnete, und was alles heute 
darunter verstanden werden muß, wenn es nicht mißverstanden 
werden soll. Die bloße exakte Darstellung dieses Begriffs- 
wandels, der jedoch kein wirklicher Begriffswandel, sondern eine 
Begriffsüberdehnung war, würde eine umfassende systematische 
Darstellung der ganzen Psychoanalyse erfordern. Ursprünglich 
den einfachen Tatbestand, wie ihn der Ödipusmythos ausspricht, 
umfassend, wurde bald auch das Verhältnis der Geschwister 
einfach dem Ödipuskomplex zugerechnet. Auf der anderen Seite 
versuchte Freud die ganze spätere Bildung des Über-Ich aus 
dem Ödipuskomplex abzuleiten, während man den Begriff nach 
der anderen Richtung bis zur Annahme einer „pränatalen Ödipus- 
situation" ausdehnte. Wenn so der Ödipuskomplex schließlich 
alles in sich faßte, so war es freilich leicht, ihn zum „Kern- 
komplex der Neurose" zu erklären. Diese ungeheure Begriffs- 
überspannung war aber nur möglich, solange man nicht erkannt 
hatte, daß die im Ödipusmythos zusammengefaßte Beziehung des 
Sohnes zu den Eltern eine komplizierte Verdichtung darstellte, 
während genetisch die Relation zu Vater und Mutter ganz 
verschiedenen Entwicklungsschichten angehört. Im „Trauma der 
Geburt" habe ich den Versuch gemacht, die primäre Beziehung 
zur Mutter zunächst getrennt von der sekundären Beziehung 



14 



Einleitung 



zum Vater darzustellen; ebenso die Beziehung der Geschwister 
zur Mutter wie untereinander als eine „Präödipussituation" 
von der letzten Stufe, für die allein der Begriff „Ödipussituation" 
berechtigt ist, zu trennen. Dabei erwies sich die Freudsche 
Konzeption des „Ödipuskomplexes" als eine erste Zusammen- 
fassung eines höchst komplizierten psychobiologischen und sozia- 
len Tatbestandes in einem mythologischen Bilde, das selbst erst 
analytisch durchleuchtet werden mußte. 

Noch ärger war es mit dem Begriff des Kastrations- 
komplexes, der ursprünglich — wie auch im Mythos, dem er 
gleichfalls entlehnt ist — der Ödipusschichte angehört, aber 
ebenfalls nach beiden Richtungen hin so ausgedehnt wurde, daß 
er heute bereits alles umfaßt, sogar den Ödipuskomplex selbst, 
im erweiterten Sinne des Begriffes. Außer der Kastration auf der 
(genitalen) Ödipusstufe bedeutet er das Aufgeben der Mutterbrust 
(Stärcke), ja die Geburt (Alexander), während Freud selbst 
ihn beinahe synonym mit Angst überhaupt gebraucht, was in der 
psychoanalytischen Literatur dazu führte, einen Angstzustand 
oder Anfall zu erklären, indem man einfach statt Angst „Kastra- 
tionsangst" sagte. Beim Kastrationskomplex kommt noch die 
Schwierigkeit hinzu, daß er nicht wie der Ödipuskomplex vom 
Kinde (das ja Eltern oder Stellvertreter haben muß) wirklich 
gefühlsmäßig erlebt wird. Sicher ist vielmehr, daß die Kastra- 
tionsdrohung bestimmt nicht in allen Fällen erfolgt und gewiß 
zumindest für die Hälfte der Menschheit, nämlich für die Frau, 
überhaupt nicht in Betracht kommt. Den entsprechenden „Männ- 
lichkeitswunsch" der Frau, der nach neueren Untersuchungen 1 
eine sekundäre Reaktionsbildung darstellt, hat man kurzweg 
auch als „Kastrationskomplex" bezeichnet, offenbar um die Be- 
deutung des Begriffs noch mehr zu verwischen, wenngleich 
Freud vom „Penisneid" gesprochen hatte. Die Ausschaltung der 
ich-psychologischen Gesichtspunkte führte dann dazu, daß die 
Kastrationsangst gleichbedeutend mit jeder Ich-Bedrohung (Ge- 
fahr) gesetzt und sogar die Angst vor Vernichtung des ganzen 
Ich, die Todesangst, als unreal gegenüber der Kastrationsangst 
aufgefaßt wurde. Meiner Ansicht kann ihre Erklärung, soweit sie 

1 K. Horney: „Flucht aus der Weiblichkeit". Internat. Zeitschr. f. Psa., 
Vol. 12, 1926, Nr. 3. 



Übertragung und Widerstand 15 

psychologisch überhaupt möglich ist, nur die der Reproduktion 
einer bereits erlebten Angst, wie ich glaube der Geburtsangst, 
sein, während die Kastrationsangst nicht wirklich erlebt wurde. 
Ihre Zurückführung auf eine phylogenetische Erfahrung ist aber 
ein Eingeständnis, daß man sie psychologisch nicht erklären kann. 

Aber auch der einzige neue Begriff, den Freud in den 
letzten Jahren in Anlehnung an Groddeck eingeführt hat, scheint 
mir weder glücklich gewählt noch dem Schicksal der Ver- 
wischung entgangen zu sein. Ich weiß nicht genau, ob Freud 
damit etwas über das Triebleben Hinausgehendes bezeichnen 
wollte. Wenn ja, dann hätte der Begriff des Es, der sozusagen 
einem biologischen Unbewußten entspricht, aber ebenso mystisch 
wie das alte Unbewußte anmutet, auch nur für dieses Jenseits 
des Trieblebens reserviert bleiben sollen, während es jetzt nicht 
nur das, sondern noch manches andere zusammenfaßt, was 
besser begrifflich getrennt würde. Konnte doch auf dem letzten 
psychoanalytischen Kongreß in Homburg (September 1925) ein 
witziger Kollege nach dem Vortrag Groddecks bemerken, daß 
das „Es" bereits zu einem „All-es" geworden sei. Ich sehe 
keinen Grund, warum die analytische Psychologie sich zur Be- 
schreibung und Bezeichnung solcher mythischer Personifikationen 
und mystischer Depersonalisationen bedienen muß, wo ihr ein- 
fachere und klarere Termini zur Verfügung stünden, ja sogar zur 
Erklärung verschiedener Probleme unerläßlich geworden sind. 
Die fundamentalen Tatbestände, deren Aufdeckung und termino- 
logische Erfassung Freuds großes Verdienst bleibt, erweisen sich 
bei fortschreitender analytischer Einsicht als viel komplizierter, 
zusammengesetzter, aber auch subtiler und zu ihrer feineren Be- 
schreibung reichen die ursprünglichen Termini nicht mehr aus. 

Wenden wir uns der therapeutischen Analyse zu, so finden 
wir dasselbe unbefriedigende Bild. Als Freud zuerst die persönliche 
Gefühlsbeziehung des Patienten zum Analytiker aufdeckte und 
„Übertragung" nannte, war dieser Terminus vollberechtigt und 
verständlich. Wenn man ausführen wollte, was heute in der 
Analyse unter Übertragung verstanden wird, müßte man ein 
Buch schreiben, das von der embryonalen Entwicklung des 
Patienten über sein Liebesleben bis zu seiner sozialen Über- 
Ichbildung reicht: denn der Patient nimmt den Analytiker im 



16 Einleitung 

primitivsten Sinne als Mutter, ferner als Liebesobjekt — im Sinne 
eines Mutterersatzes — und gleichzeitig (d. h. im Laufe der 
Analyse) als Vertreter der sozialen Forderungen. Ich habe auch 
hier die Nötigung verspürt, ein wesentliches Stück dieses Phäno- 
mens, das sich nicht mehr recht unter der alten Bezeichnung 
„Übertragung" subsumieren ließ, als „analytische Situation" 1 
zusammenzufassen. Ähnlich steht es mit dem „Widerstand", 
unter dem fast alles, was sich in der Analyse außer der Über- 
tragung ereignet, verstanden wird, ja sogar auch gewisse 
Phasen der Übertragung selbst („negative Übertragung"). Auch 
hier habe ich zuerst von „Ich-Widerständen" gesprochen und sie 
den Libidowiderständen gegenüber gestellt, eine vorläufige Unter- 
scheidung, die weiterer eingehender technischer Würdigung 
bedarf. 

Das Thema der Therapie ist eines der heikelsten in der 
ganzen Psychoanalyse. Wenn Freud sich noch immer sträubt, 
die Notwendigkeit einer von der Forschungsmethode abweichen- 
den therapeutischen Technik, wie ich sie seit Jahren auszu- 
gestalten versuche, anzuerkennen, so muß daran erinnert werden, 
daß die analytische Therapie, wie übrigens jede andere Therapie 
auch, von Anfang an „aktiv" war und es immer geblieben ist, 
so weit sie eben Therapie und nicht Forschung (Untersuchung) 
war. Schon der Ausgangspunkt von Freuds therapeutischen 
Bemühungen war rein aktiv: die Abstellung der von ihm als 
ätiologisch erkannten Schädlichkeiten bei den sogenannten Aktual- 
neurosen, ein Eingriff, der sich in nichts von der sonstigen ärzt- 
lichen Aktivität unterscheidet. Wären alle Neurosen durch die 
einfache therapeutische Regelung des Sexuallebens zu heilen 
gewesen, Freud wäre wahrscheinlich nie zu weiterer Forschung 
angeregt worden. Es ergab sich aber bei näherer Untersuchung, 
daß erst Hemmungen psychischer Natur, d. h. aber im Ich, weg- 
geräumt werden mußten. Auch dies erfolgte mittels eines Ein- 
griffes von so unerhörter Aktivität, daß man sie völlig übersehen 
konnte: nämlich indem man den Patienten der Übertragung, 
oder wie ich jetzt sagen möchte, der „analytischen Situation" 
aussetzte, die etwa einer kontinuierlich fortgesetzten Serum - 

1 „Entvvicklungsziele der Psychoanalyse". 1923. — „Technik der Psycho- 
analyse: I. Die analytische Situation". 1926. 



Die Deutung 17 

behandlung entspricht. Man führt dem Patienten täglich eine 
bestimmte Dosis Libido zu — auch wenn man sonst gar nichts 
täte, als ihn bloß kommen ließe — mittels deren man die 
Lösung seiner Hemmungen automatisch bewirkt (Ferenczis 
„Katalysator"). Das letzte und entscheidende Stück der Therapie, 
die Entwöhnung des Patienten von diesem Opiat, kann ebenfalls 
nur durch aktives Eingreifen erfolgen, wie ich meine durch die 
Terminsetzung, die ihm das Mittel nach einer bestimmten Zeit 
dauernd zu entziehen hat. 

Auf dem Gebiet der Therapie stoßen eine ganze Reihe von 
psychoanalytischen Problemen aufeinander. Es überschneidet sich 
hier das Problem von historischer und systematischer Betrachtung 
mit dem bereits früher von mir (und Ferenczi) behandelten der 
Theorie und Praxis, welches zugleich das Problem der Herstellung 
verständlicher Zusammenhänge und damit die wichtige Frage 
von kausaler und finaler Deutung in sich schließt. Das in 
der Forschung einzig mögliche historische Prinzip ist für die 
Therapie unbrauchbar und doch ist die Freud sehe Analyse 
historisch orientiert und auf die finale Deutung eingestellt. War 
es anfangs Aufgabe der Forschung, aus dem chaotischen Material 
das Allgemeine und Typische herauszuheben, so ist nunmehr 
die therapeutische Aufgabe, das individuelle Problem heraus- 
zugreifen und weniger historisch als konstruktiv zu arbeiten. 
Eine spätere analytische Erkenntnis kann im einzelnen Falle 
gleich anfangs nutzbringend angewendet werden und auch die 
theoretische Wichtigkeit eines Themas ist nicht zu verwechseln 
mit seiner praktischen Bedeutung im einzelnen Falle. War es 
Sache der Forschung, das Material möglichst vollständig zu 
sammeln und historisch zu sichten, um das Typische herauszu- 
finden, so ist es Aufgabe der Therapie, durch Beherrschung der 
analytischen Situation den Patienten zur psychischen Erledigung 
seines spezifischen aktuellen Konfliktes zu bringen, was eine 
andere als die historisch-finale Einstellung zum Material vor- 
aussetzt. 

Damit kommen wir zum wichtigen Problem der Deutung, das 
nicht bloß ein technisches Problem ist, sondern ein methodolo- 
gisches, insofern ja die Theoriebildung, jede Theoriebildung, 
bereits Deutung ist oder zumindest sie voraussetzt. Dement- 

Eank, Grandzüge einer genetischen Psychologie. s 



1 



18 Einleitung 

sprechend ist jede Erklärung, die wir dem Patienten geben, schon 
Deutung, insofern sie Vermittlung einer Theorie ist, die auf der 
„Deutung" der Beobachtung fußt. In diesem Sinne sind alle 
analytischen Deutungen final, nicht kausal gewesen. Eine kausale 
Deutung kann uns nur die genetische Betrachtungsweise ver- 
mitteln, in der für die finale Deutung kein Platz ist, weil sie mit 
Triebregungen operiert, die nicht als einmal gegebene und 
dauernd mit einem bestimmten Inhalt verknüpfte Größe figurieren 
(„Komplex"), sondern die sich selbst stets entwickeln und aus 
aktuellen Anlässen immer aufs neue frisch manifestieren. So ist 
z. B. die Eifersucht oder das Schuldgefühl, wie wir sie in der 
Ödipussituation vorfinden, nicht wie Freud meinte, dort ent- 
standen und von dorther abzuleiten (finale Deutung), sondern 
diese Reaktionen äußern sich nur besonders deutlich in dieser 
Situation. Verfolgen wir dann die Eifersucht weiter zurück, so 
finden wir, daß sie sich bereits auf der frühesten Säuglingsstufe 
in bezug auf die Mutter äußert, und die kausale Erklärung wird 
uns schließlich dazu führen, daß dies auch nur das erstemal ist, 
daß sich diese Regung manifestiert, die wir genetisch als eine 
Reaktion des Ich auf eine bestimmte Situation, die sich immer 
wieder herstellen kann, verstehen müssen. 

Besonders bei Anwendung der Symbolik kommt der wesent- 
liche Fehler aller analytischen Deutung zustande, der ihr auch 
den berechtigten Vorwurf der Einseitigkeit eingetragen hat, 
nämlich die Schematisierung. Nicht alle autoritativen Personen 
oder Figuren (z. B. im Traum) haben Vaterbedeutung, auch nicht 
letzten Endes (final). Für einen Patienten mag die Mutter die 
erste Autorität gewesen sein, ja vielleicht war sie es sogar für 
die meisten Menschen. Außerdem ist im einzelnen Falle 
zu erklären, warum die Autorität einmal durch dieses, 
ein andermal durch ein anderes Symbol dargestellt wird. 
Gerade diese individuellen und speziellen Bedingtheiten (aus der 
analytischen Situation) aufzuzeigen, unterscheidet die therapeu- 
tische Aufgabe von der Theoriebildung, die umgekehrt aussagt, 
daß diese oder jene Gruppe von Symbolen die Autorität repräsen- 
tiert. Oder nehmen wir das Symbol der Schlange, das gewiß nicht 
immer nur phallische Bedeutung hat. Sie kann auch das Weib 
repräsentieren, wie z. B. in der Paradiessage, oder die Wieder- 



Die Symbolik 19 

geburt (Häutung), oder die Nabelschnur usw. Aber auch wo sie 
phallische Bedeutung hat, ist es nicht schlechtweg eine ver- 
hüllende Darstellung, sondern die Schlange mag die Angst davor 
repräsentieren, ja sogar eine ganz bestimmte Angst, sei es die 
gebissen zu werden (auf oraler Stufe), sei es die geboren zu 
werden (auf früherer Stufe) usw. Aber nicht bloß innerhalb der 
Sexualsphäre selbst muß das Symbol in seiner individuellen 
spezifischen Bedingtheit aufgeklärt werden, sondern man darf auch 
die anderen bewußtseinsfähigen Bedeutungen nicht vernach- 
lässigen, einfach deswegen, weil sie eben auch vorhanden und 
wirksam sind. So ist z. B. das Symbol „Haus" nicht einfach als 
Weib zu übersetzen, sondern es hat die besondere Bedeutung 
als Schutz oder Besitz usw. Es muß jedesmal erklärt werden 
warum das Weib einmal als Objekt des Schutzes, ein andermal als 
Objekt des Besitzes oder als Objekt der Angst dargestellt wird. 
Ich weiß nicht, ob es sehr aufklärend klingt, wenn ich sage, die 
Deutung ist etwas, was sozusagen zwischen Inhalt und 
Form des Symbols eine Beziehung herzustellen hätte, an- 
statt sich lediglich an einen typischen Inhalt zu halten. Dann 
wird man auch imstande sein, den ganzen fein nuancierten Wort- 
schatz des Psychischen zu verstehen und sich nicht mit ein paar 
primitiven Wurzeln begnügen, die manchmal zur Not eine Verstän- 
digung ermöglichen, oft aber auch zum Mißverstehen führen. Die 
Deutung ist schließlich nur ein Mittel, um zur Bedeutung der 
Dinge zu gelangen, d. h. zu ihrer Wertung und Bewertung in 
der gegebenen Situation. 



3. Spezielles. 

Wir kommen nunmehr zur Krux der ganzen Psychoanalyse, 
nämlich zur Neurosenlehre im allgemeinen, wie auch in ihrer 
speziellen Formulierung als Problem der Neurosenwahl. Die Ent- 
wicklung der psychoanalytischen Forschung und Theoriebildung 
in dieser Beziehung ist oft beschrieben worden. Dennoch herrscht 
über diesen wichtigsten Punkt insofern keine Klarheit, als man 
immer wieder versucht ist, in einem neuen Befund oder einer 
neuen Betrachtungsweise die ätiologische Wurzel der Neurosen 
zu erblicken. Zuerst schienen es die eigentlichen Kindheits- 
traumen zu sein, bis sich herausstellte, daß sie teils phantasiert 
worden waren, anderseits in Wirklichkeit auch bei später nicht 
neurotisch gewordenen Menschen so allgemein sind, daß man 
ihnen ätiologische Bedeutung nicht zusprechen konnte. Später 
schienen es die von Jung sogenannten „Komplexe", bis Jung 
selbst durch seine Untersuchungen an Dementia Präcox-Kranken 
klar wurde, daß die Neurotiker (und Psychosen) an denselben 
Komplexen leiden (kranken), die der Gesunde ohne offensicht- 
lichen Schaden ertragen kann. Dann schien es eine Rangordnung 
unter den Komplexen selbst zu geben und eine Zeitlang galt der 
Ödipuskomplex als „Kernkomplex der Neurosen", was aber nur 
auf Grund der früher erwähnten Begriffsüberdehnung möglich 
war. Endlich wurde er vom Kastrationskomplex abgelöst, der 
heute noch — in seiner ausgedehnten Begriffsbestimmung — als 
ätiologischer Faktor ersten Ranges gilt. Allerdings beginnt 
Freud bereits unter dem Einfluß meiner Kritik der Bewertung des 
Kastrationskomplexes diesen als Teilsysmptom des großen Angst- 
problems aufzufassen, welches wieder nur ein allgemein mensch- 
liches, kein spezifisch neurotisches ist. Im „Trauma der Geburt" 
habe ich daher auch der Versuchung widerstanden, in der Ur- 
quelle der Angst, die ich mit Freud im Geburtsakt sehe, das 
spezifisch-ätiologische Moment der Neurosenbildung zu finden, 



Die „Neurose" 21 

indem ich ausdrücklich erklärte, daß es zwar sehr verlockend 
wäre, daß wir aber wieder nur ein Stück Normalpsychologie 
damit aufgedeckt hätten. Ich . komme dort zu dem Schlüsse, 
daß das psychologische Problem der Neurose teils ein quantita- 
tives, teils ein Formproblem sei. 

Es mag ja ein allgemein menschliches Bedürfnis sein, eine 
einfache und greifbare Ursache für alles Geschehen finden zu 
wollen, insbesondere auf dem Gebiet der Erkrankungen, weil 
ja damit der Weg zur Therapie einfach würde. Ich glaube aber, 
daß bei den Neurosen noch ein besonderes Moment hinzukommt, 
welches für das Mißglücken dieser Absicht verantwortlich ist. 
Das Suchen nach einer spezifischen Ursache für die Neurosen 
entspricht nämlich der rein medizinischen Einstellung, daß sie 
Erkrankungen der „Nerven" seien. Aber gerade die Psychoanalyse 
hatte den Nachweis erbracht, daß sie keine Krankheiten im ärzt- 
lichen Sinne, sondern im sozialen Sinne sind, also Fehlanpas- 
sungen entsprechen, und daher auch die analytische Behandlung 
keine kausale Therapie im medizinischen Sinne sein kann, 
sondern, wie Freud selbst immer betont hat, mehr einer Er- 
ziehung oder Nacherziehung gleichkommt. Eine kausale Therapie 
der Neurosen würde eine radikale Reform unseres Gesellschafts- 
und Kulturlebens bedeuten, die nicht nur sozial, sondern auch 
psychologisch unmöglich ist, weil wir ja selbst dieses soziale 
Milieu geschaffen haben. Gerade diese Erkenntnis ist eines der 
Hauptverdienste der psychoanalytischen Forschung, die uns so 
ihrer eigenen Natur nach niemals eine spezifische Ätiologie der 
sozialen Fehlanpassungen liefern kann, die wir noch immer mit 
dem alten medizinischen Terminus „Neurose" bezeichnen. Daher 
kann auch unser therapeutisches Bemühen mittels der analy- 
tischen Untersuchungstechnik gar nicht darauf ausgehen, die 
Menschen von einer Krankheit zu heilen, die nicht rein intern 
ist, sondern in der Unmöglichkeit besteht, sich den sozialen und 
kulturellen Forderungen anzupassen, die sie selbst geschaffen 
und aufgestellt haben. Die Nacherziehung des Patienten zur 
besseren Anpassung an sein Milieu besteht denn auch nicht so 
sehr darin, ihn auf das geforderte Niveau zu erheben, sondern 
ihn durch Aufzeigung der Allgemeinheit seines Problems und 
seines Leidens mit seinem Milieu auszusöhnen. Er wird sein 



22 Einleitung 

Schuldgefühl teilweise los, das aus dieser falschen Idealbildung 
resultiert, indem er einsieht, daß die anderen Menschen mit den- 
selben Problemen ringen, d. h. nicht besser sind als er, und kann 
sich so mit einer Anpassung begnügen, die so schlecht und recht 
wie die allgemeine ist, statt nach einem Ideal zu streben, von 
dem er immer nur die Unerreichbarkeit spürt, die sich als 
Minderwertigkeitsgefühl manifestiert. Man sollte daher auch von 
dem medizinischen Begriff der „Normalität" in der Analyse besser 
keinen Gebrauch machen und lieber von Durchschnitt und Durch- 
schnittsanpassung sprechen, was zwar auch eine — gewiß unver- 
meidliche — Wertung hineinbringt, mir aber immerhin weniger 
anspruchsvoll erscheint, als das medizinische Ideal einer „Norma- 
lität", die im besten Falle mühselig und mit Opfern aufrecht 
erhaltene Anpassung bedeutet. Aus diesen Erwägungen ergibt 
sich, daß wir besser täten, auch den Begriff der „Neurose" aufzu- 
geben, der ein Relikt aus der neurologischen Auffassung dieser 
Zustände ist und auf psychoanalytischem Boden keine Berech- 
tigung hat. Ob die gelegentlich vorgeschlagenen Benennungen 
(z. B. Stekels „Parapathie" u. a.) zweckentsprechender sind, 
scheint mir hier weniger wichtig als die Betonung des Stand- 
punktes, daß es sich dabei im wesentlichen um im Triebleben be- 
gründete Schwierigkeiten der Anpassung an ein gegebenes oder 
gefordertes soziales und kulturelles Milieu handelt. 

Dieser Gesichtspunkt führt uns, über das engere Problem 
der Neurosenwahl, zurück zum eigentlichen Thema dieser Arbeit, 
dem Aufbau einer genetischen Psychologie, welche das Verhältnis 
des Ich zum Milieu in seinen biologischen, psychologischen und 
sozialen Beziehungen umfaßt. Dieses fundamentale Problem der 
Relation des Ich zum Objekt ist uns zunächst im engeren Problem 
der Neurosenwahl entgegengetreten, d. h. der individuellen Art, 
in der das Ich bei der Anpassung an ein gegebenes Milieu 
scheitert. Dieses Problem der spezifischen Neurosenwahl scheint 
analytisch ebensowenig lösbar als das Problem der Neurosen- 
ätiologie überhaupt. Ich habe bereits im „Trauma der Geburt" 
Zweifel an der Theorie einzelner pathogener Fixierungsstellen 
geäußert, auf die dann in der spezifischen Neurosenform regre- 
diert werden soll. Die stufenweise Entwicklung der Libido in 
einzelnen Schüben war ein ganz brauchbares Schema für eine 



Das Ich and die Eealität 23 

erste Orientierung, wurde aber zuletzt von Freud selbst auf- 
gegeben, indem er zwei große Triebgruppen, die Lebens- und die 
Todestriebe unterschied. Ist aber diese Libidoorganisation ge- 
sprengt, wie Freud („Hemmung, Symptom und Angst", S. 64) 
zugibt, dann fällt auch die Ätiologie der Fixierungsstellen. Die 
Zwangsneurose z. B. regrediert dann nicht mehr auf die „sadi- 
stische Stufe", was eine ganz anschauliche Deskription war, 
sondern der ganze Mensch ist irgendwie auf dieser sadistischen 
Stufe aufgebaut. Dies geht letzten Endes zurück auf irgendeine 
(konstitutionelle) stark sadistische Anlage und entsprechend 
starke Hemmungen, ist also wieder nur ein Quantitätsproblem. 
Wie es keine spezifische Ätiologie gibt, so gibt es kaum mehr 
eine spezifische Symptomatik, wohl aber gibt es Mechanismen, 
die man in Ermanglung besserer Ausdrücke als „zwangsneuro- 
tisch" (Reaktionsbildung), „hysterisch" (Konversion), „paranoisch" 
(Projektion) usw. bezeichnen könnte, die sich aber im normalen 
Seelenleben ebenso als Hemmung, Affekt, Wahrnehmung usw. 
äußern und in den entsprechenden pathologischen Störungen nur 
dominieren. 

Das aus diesen Betrachtungen der Neurosen als Fehlanpas- 
sungen für die praktische Psychologie resultierende Problem 
ist das von Phantasie und Realität, von Innen und Außen, von 
Ich und Welt. Hatte man in der ursprünglichen Traumentheorie 
die Realität überschätzt, so stellt die nächste und wesentlichste 
Phase der analytischen Entwicklung eine deutliche Überschätzung 
des Phantasielebens dar, die mit dem Begriff der „psychischen 
Realität" gekennzeichnet ist. Ohne das große Verdienst der Ana- 
lyse in dieser Richtung zu unterschätzen, muß doch gesagt 
werden, daß man es sich damit ein bißchen zu leicht gemacht 
hatte und schließlich in einem nicht gerechtfertigten Übermaß 
die Zuflucht zur Phylogenese nahm. So kam Freud schließlich 
zu den „Urphantasien", mit denen man doch operierte, als wären 
sie Urrealitäten — eine phylogenetische Vergangenheit. Die 
noch nicht voll gewürdigte Bedeutung meiner im „Trauma der 
Geburt" vertretenen Auffassung lag unter anderem auch darin, 
daß sie sich bemühte, die sogenannten Urphantasien durch 
reale individuelle Erlebnisse zu ersetzen. So führte ich 
z. B. die Mutterleibsphantasie auf die physiologische Mutter- 



24 



Einleitung 



leibsexistenz, die nie erlebte Todes- oder Kastrationsangst auf 
die sicher erlebte Geburtsangst, die Wiedergeburtsphantasie auf 
die eigene Geburt zurück. Mit einem Wort, ich versuchte, den 
rein psychologischen Tatbeständen, welche die Analyse im Seelen- 
leben (Phantasie) aufgedeckt hatte, ein real erlebtes biologisches 
Korrelat zu geben, anstatt mich mit Rückprojektion psychischer 
Realitäten in historische oder prähistorische Vergangenheiten 
zu begnügen. 



Das Angstproblem. 

„Ich hatte schon im Mutterleibe solche Angst, 
daß man mich mit Zangen herausziehen mußte." 

Lessing (Brief). 

,,I and fear are born twins." 
Hobbes. 

Mit dem Neurosenproblem aufs engste verbunden, ja beinahe 
identisch damit, ist das Angstproblem, das noch am ehesten 
als Kernproblem der Neurose bezeichnet werden kann. Jedenfalls 
muß Freuds Versuch, die Neurose als ein Libidoproblem zu 
lösen, als unbefriedigend betrachtet werden. Nachdem Freud die 
neurotische Angst in den sogenannten „Aktualneurosen" als 
Ergebnis einer Libidoverdrängung aufgefaßt hatte und dabei 
schließlich zur „Kastrationstheorie" gekommen war, habe ich 
im „Trauma der Geburt", einen gelegentlichen Hinweis Freuds 
verwertend, den Angstaffekt genetisch aus dem Geburtserlebnis 
abzuleiten versucht. Der entscheidende Schritt, den ich dabei 
über Freud hinaus machte, war die Verknüpfung der physio- 
logischen Geburtsangst, die Freud allein damit im Auge hatte, 
mit der Trennung von der Mutter als einem Trauma von 
eminent psychologischer Bedeutung. Ich möchte nun zeigen, 
wie sich diese Auffassung sowohl historisch wie systematisch in 
den Entwicklungsgang der Psychoanalyse einreiht, zugleich damit 
die genetische Psychologie vorbereiten, die eine konsequente 
Weiterverarbeitung meiner dort begonnenen Neuorientierung dar- 
stellt, und endlich auch Freuds Auseinandersetzung mit meiner 
Angsttheorie in den folgenden Ausführungen diskutieren. 



Angst und Libido 25 

Schon in meiner seinerzeit geplanten monographischen Dar- 
stellung des Angstproblems, die ich einleitend erwähnte, bin ich 
von der Freudschen Feststellung ausgegangen, „daß man an 
Stelle von Libido unter Umständen Angst auftreten sieht, ja daß 
eigentlich an Stelle jedes verdrängten Affektes Angst auftreten 
kann". Es ist klar, daß die wichtigste Aufgabe darin besteht, zu 
erkennen und zu erklären, wie das vor sich geht und was dabei 
geschieht. Ich habe mir damals die heuristische Annahme zurecht- 
gelegt, daß nicht die Libido sich in Angst verwandelt, sondern 
daß die Libido (-Befriedigung) die Angst deckt; und wenn die 
Libido unterdrückt (versagt) wird, so kommt die Angst wieder 
zum Vorschein. Aber auch während oder mit der Libidobefriedi- 
gung verschwindet die Angst nie ganz bei Menschen, bei denen 
sie schon primär nicht gut im Ich verarbeitet, sondern nur „ver- 
deckt" war. Das beweist die Tatsache, daß in solchen Fällen 
die Libidobefriedigung selbst von Angst begleitet oder gefolgt 
sein kann (wie z. B. die neurasthenische Angst vor den Folgen 
der Masturbation oder die „aktualneuro tische" vor Ansteckung, 
Kindersegen, Ehebruch — moralische Konflikte — beim Koitus)' 
Wir wissen jetzt, daß diese Angst zwar unter den genannten 
Umständen auftritt, aber nicht primär dort entsteht, sondern 
sekundär damit verknüpft wird. Hierbei zeigt sich eben die 
(neurotische) Unzweckmäßigkeit eines solchen „Deckens" der 
Angst durch Libido an Stelle ihrer Aufarbeitung im Ich. 

In seinem Buche „Hemmung, Symptom und Angst" (1926) 
gibt Freud seine Theorie der Verwandlung von Libido in Angst 
auf, da er unter Berücksichtigung und teilweisen Anerkennung 
meiner Angsttheorie zugeben muß, daß die Angst nicht, wie er 
bisher annahm, bei der Verdrängung neu erzeugt, „sondern als 
Affektzustand nach einem vorhandenen Erinnerungsbild repro- 
duziert" wird (S. 15, 76). Und er greift auf seine frühere Be- 
merkung zurück, daß dies beim Menschen der Geburtsvorgang 
sei (S. 60). Was er nicht akzeptieren will, ist meine eigentliche 
Leistung, nämlich die Verknüpfung dieser Affektreproduktion 
mit der Trennung von der Mutter, obwohl er an einer Stelle 
(S. 103) „die Aufdeckung dieses großen Zusammenhanges" als 
„ein unbestrittenes Verdienst" anerkennt. Die widerspruchsvolle 
Darstellung Freuds erklärt sich daraus, daß es ihm vor allem 






■ 



26 Einleitung 






schwer wird, seine eigene Auffassung der Angst als Kastrationsangst 
aufzugeben bzw. mit der Geburtsangsttheorie in Einklang zu bringen. 
Zwar gibt er schon zu, „daß die Kastrationsangst nicht der 
einzige Motor der Verdrängung (oder Abwehr) ist" (S. 62) und 
er schränkt ihre pathogene Bedeutung bereits auf die Phobien 
ein, während bei der Hysterie der Liebesverlust, bei der Zwangs- 
neurose das Über-Ich die Angstbedingung darstellen. Anderseits 
führt seine kritische Diskussion seiner eigenen Fälle von Tier- 
phobien (der kleine Hans und der Wolfmann) zu dem Ergebnis, 
daß bei ihnen die „genitalen Regungen" (Zärtlichkeit und Angst) 
„in der Sprache der überwundenen Übergangsphase von der 
oralen zur sadistischen Libidoorganisation ausgedrückt werden" 
(S. 34). Freud versucht hier die Kastrationstheorie aufrecht- 
zuerhalten, indem er diese sadistisch-oralen Äußerungen als „Ent- 
stellungsersatz für den Inhalt, vom Vater kastriert zu werden" 
auffaßt. Mit welchem Rechte wird nicht gesagt, die Absicht aber, 
die Kastrationstheorie zu retten, ist ebenso unverkennbar wie 
mißglückt, da sie sich einer flächenhaften „Deutung" bedient. 
Hätte Freud beim Schreiben seiner Arbeit (Sommer 1925) meine 
genetische Genital theorie verwerten können, so hätte er nicht 
nur die primäre Beziehung der sadistisch-oralen „Sprache" zum 
Mutterobjekt erkennen, sondern auch die Kastrationsangst, die 
sich auf die spätere (genitale) Ödipusstufe bezieht, an die 
richtige Stelle setzen können. Indem Freud aber den gene- 
tischen Zusammenhang der (oralen) Mutterstufe mit der (geni- 
talen) Vaterstufe vernachlässigt, „deutet" er die eine als „Ent- 
stellungsersatz" der anderen und muß so zugleich seine neue 
Auffassung der Angst als einer Reproduktion aufgeben, um nach 
einer aktuellen Ursache für die Kastrationsangst auf der geni : 
talen Stufe zu suchen. Indem er sie auf eine „Realangst" zurück- 
führt, die „Angst vor einer wirklich drohenden oder als real 
beurteilten Gefahr" (S. 39), steigt wieder der Zweifel auf, ob die 
Angst nicht doch auch aus den ökonomischen Bedingungen der 
Situation neu erzeugt werden kann und nicht bloß als Affekt- 
signal der Gefahr in Reproduktion der Geburtssituation. So bleibt 
die große Frage offen, ob der Angstaffekt (oder Affekt überhaupt) 
jeweils neu produziert oder nur reproduziert wird, ein Problem, 
das Freud zu lösen versucht, indem er einen „Übergang von 






Die Trennung von der Mutter 27 

der automatisch ungewollten Neuentstehung der Angst zu ihrer 
beabsichtigten Reproduktion als Signal der Gefahr" annimmt 
(S. 83). Im allgemeinen scheint jedoch, daß immer beides der 
Fall ist: in gewissem Sinne sind alle Affekte Reproduktionen, 
ja das macht vielleicht, wie Freud selbst einmal andeutete, ihr 
eigentliches Wesen aus und erklärt, wie ich meine, ihre Inten- 
sität und Schmerzhaftigkeit. Ich möchte sagen, jeder Affekt ist 
eine „Reminiszenz", die aber nur auf Grund eines aktuellen 
Erlebnisses aufgefrischt, d. h. neu erzeugt wird. Diese „Remi- 
niszenz" geht aber letzten Endes auf den zuerst erlebten Geburts- 
angstaffekt zurück, wie auch Freud selbst wieder bei der Dis- 
kussion der Realangst (S. 72) andeutet: „Da es sich so oft um 
die Gefahr der Kastration handelt", erscheint die Angst „als die 
Reaktion auf einen Verlust, eine Trennung". Hiernach würde nun, 
entsprechend meiner im „Trauma der Geburt" vertretenen Auf- 
fassung die Geburt als erstes Angsterlebnis und Trennung von 
der Mutter das Urbild der Kastrationsangst sein. Da Freud aber 
die Kastrationstheorie als den Grundpfeiler der sexuellen Ätio- 
logie der Neurosen nicht aufgeben will, muß er die Trennung 
von der Mutter im Geburtsakt ihres traumatischen Charakters 
entkleiden und zerreißt so den von mir aufgedeckten „großen 
Zusammenhang" wieder, indem er behauptet, „daß ja die Geburt 
subjektiv nicht als Trennung von der Mutter erlebt wird, da diese 
als Objekt dem durchaus narzißtischen Fötus völlig unbekannt 
ist" (S. 73). 

Ich möchte nun demgegenüber auf Verschiedenes hinweisen, 
was mir doch geeignet erscheint, wenigstens die Schwierigkeiten 
einer solchen Entscheidung aufzuzeigen. Mit Recht betont Freud, 
daß wir im allgemeinen zu wenig über das Neugeborene und 
sein Empfindungsleben wissen, um daraus zwingende Schlüsse 
ziehen zu können. Dasselbe gilt aber — trotz vereinzelter Kinder- 
beobachtung und sogar Kinderanalysen — in weitem Ausmaß für 
das Kind, in das jedenfalls bisher viel zu viel Erwachsenes, insbe- 
sondere erwachsene Sexualität, hineinprojeziert wurde. Wie dem 
auch sei, Freuds Mahnung zur Vorsicht in bezug auf das 
Empfinden des Säuglings bleibt zu recht bestehen, gilt aber auch 
für seine Behauptung, daß die Mutter für das Neugeborene 
noch kein Objekt darstelle. Ich meine, das wissen wir nicht 



28 



Einleitung 






so genau, oder vielmehr es läuft auf eine Wortklauberei hinaus. 
Denn sicher ist, daß das Neugeborene etwas verliert, sobald es 
geboren ist, ja schon sobald die Geburt beginnt, etwas, was wir 
in unserer Sprache kaum anders denn als Objektverlust, oder 
wenn man besonders genau sein will, als Milieuverlust aus- 
drücken können. Es ist eben das Charakteristische des Geburts- 
aktes, daß er ein Übergangsphänomen kat exochen ist und 
vielleicht macht das seinen traumatischen Charakter aus. Mit 
Bezug auf das Objekt könnte man sagen, das Ich findet im 
Geburtsakt sein erstes Objekt, um es sofort wieder zu verlieren, 
und möglicherweise erklärt dies manche Eigenheit unseres Seelen- 
lebens. Ja, ich meine, ohne eine solche oder ähnliche Annahme 
wird man auch die spätere Kinderangst, wie Freud selbst 
zugibt (S. 81 ff.), nicht recht verstehen, denn nur aus der Repro- 
duktion der Geburtstrennung wird verständlich, warum das Kind, 
wenn es die Mutter vermißt, mit Angst reagiert und nicht wie 
der Erwachsene mit Sehnsucht auf den Objektverlust. Ebenso- 
wenig wird man auch die Mutterleibssehnsucht, die unzweifelhaft 
biologisch ist (und nicht bloß ein Fluchtversuch, was sie auch 
werden kann), nicht verstehen können, wenn man sie nicht im 
gleichen Sinne als Versuch der Wiederherstellung einer früher 
bestandenen „Objektbeziehung" auffaßt. Freuds Versuch, diesen 
einfachen biologischen Tatbestand im Sinne seiner Kastrations- 
theorie zu sexualisieren, wird auch durch die Berufung auf 
Ferenczis Genitaltheorie nicht plausibler. „Die Phantasie der 
Rückkehr in den Mutterleib als Koitusersatz des Impotenten 
(durch die Kastrationsdrohung Gehemmten)" (S. 85) zu deuten, 
mag vielleicht gelegentlich beim Kranken in der analyti- 
schen Situation gelten; aber als allgemein psychologisches 
Erklärungsprinzip der universalen Mutterleibssehnsucht, die sich 
auch bei Nichtimpotenten findet, ist es logisch, psychologisch 
und biologisch ungerechtfertigt. Daß der Penis ein Instrument 
zur völligen Besitzergreifung der Mutter auf genitaler Stufe ist, 
habe ich selbst behauptet, ebenso daß dementsprechend die Ka- 
stration eine Trennung von der Mutter im Sinne der Geburt 
bedeutet. Daß aber die Mutterleibssehnsucht, wie Freud will, 
ein Koitusersatz sein soll, widerspricht übrigens auch der 
F er enc zischen Auffassung, die in biologischer Vertiefung der 



Die Geburt als Angstquelle 29 

Jungschen und in Anschluß an meine Auffassung gerade das 
Umgekehrte behauptet: nämlich daß der Koitus ein (genitaler) 
Ersatz der biologischen Mutterleibssehnsucht ist. 

Im allgemeinen muß ich gegenüber der Freud sehen Kritik 
daran erinnern, daß ich in meiner Darstellung von der Freud- 
schen Auffassung der Geburtsangst als einer physiologischen 
Reaktion ausgegangen bin und sie auch in ihrer Eigenschaft als 
Reaktion auf eine Gefahr gewürdigt habe. Wenn Freud dieses 
Moment nun unterstreicht, so übersieht er, verblendet durch die 
Kastrationstheorie, daß die erste Gefahrsituation in der Geburt 
eine Gefahr für das Leben (Todesangst — Geburtsangst) und 
nicht für den Verlust des Penis bedeutet. Ich habe nur gemeint, 
daß diese physiologische (vom Objektverlust unabhängige) Angst 
im Geburtsakt, der eben höchst komplexer Natur ist, eine „psy- 
chische Verankerung" erfährt, die sich auf das Mutterobjekt und 
die Rückstrebungstendenz bezieht. Von dieser psychischen Ver- 
ankerung der Angst (oder einer ähnlichen Annahme) ist nun 
in Freuds Darstellung keine Rede, so daß ich eigentlich nicht 
recht sehen kann, wie er überhaupt von der Geburtsangst zum 
psychischen Angstproblem kommt. Er zieht denn auch den 
Schluß, „daß die frühesten Kindheitsphobien eine direkte Rück- 
führung auf den Eindruck des Geburtsaktes nicht zulassen und 
sich überhaupt bis jetzt der Erklärung entzogen haben" (S. 81). 
Freud gibt wohl zu, daß die (spätere) Angst aus Objektverlust 
„psychisch" sei, aber das heißt doch wieder nichts anderes, 
als daß der (physiologische) Geburtsangstaffekt irgendwie in 
bezug auf das Objekt psychisch wird. Ich verlege dies nur auch 
in den Geburtsakt selbst, was mir plausibler scheint, und verlege 
die psychische Angst, deren das Neugeborene auch nach Freuds 
Ansicht von Anfang an fähig ist, nicht erst in die Kleinkinderzeit, 
wo sie deutlich beim Vermissen der Mutter entsteht, also auf die 
erste Trennung von ihr zurückgeht. Freud gibt keine zureichende 
Erklärung, warum die Angst bei Objektverlust (psychische Angst) 
nicht ebenso gut im Geburtsakt entstehen könne wie beim 
Kleinkind, wo dieser Zusammenhang nur manifest wird. Aber es 
wird doch klar, warum er jetzt im Geburtsakt die Mutter als 
Objekt nicht gelten lassen will. Da er nämlich auf Grund meiner 
Geburtsangsttheorie seine Theorie der Angstentstehung aus 



30 Einleitung 

Libidoversagung aufgegeben hat, negiert er auch das Vorhanden- • 
sein eines Libidoobjektes im Geburtsakt. Er übersieht dabei, 
daß es gar nicht meine Voraussetzung war, die Angst im Geburts- 
akt aus dem Verlust des Libidoobjektes hervorgehen zu lassen 
(die Reaktion könnte ja nur Sehnsucht — Mutterleibssehnsucht 
— sein). Ich ließ sie vielmehr aus der physiologischen (Lebens-) 
Gefahr entstehen und nur „zufällig" mit dem Objektverlust ver- 
knüpft werden, eine Verbindung, die allerdings für die ganze 
menschliche Entwicklung, insbesondere für unser Seelenleben 
charakteristisch und bedeutungsvoll bleibt. Dabei war ja meine 
Voraussetzung, daß das Ich die Angststätte sei. Die Vorstellung 
der Verwandlung von Libido in Angst hatte ich de facto schon 
im „Trauma der Geburt" aufgegeben, indem ich eben die Angst 
nicht aus „unterdrückter Libido" (Objektverlust), sondern aus 
der (physiologischen) Geburtsangst herleitete. Während mich 
aber analytische Beobachtungen und Erfahrungen zur Einsicht 
gebracht hatten, daß (in der Analyse, beim Patienten) die Libido 
(Wunschregung) die Angst sozusagen deckt, d. h. daß die Angst 
zeitweilig verschwindet, weil die Libido befriedigt wird, nicht 
aber, weil eine Verwandlung stattfindet, zieht Freud aus der 
Akzeptierung der Geburtsangst als Angstquelle den logischen 
Schluß, daß dann die Annahme einer solchen Verwandlung nicht 
mehr nötig sei. Freud verlegt nun diese Zerreißung des von ihm 
selbst hergestellten Zusammenhanges zwischen Libido und Angst 
in den Geburtsakt, indem er sagt, schon dort wurde die Angst 
nicht aus Libido erzeugt, während sie überhaupt nicht daraus 
erzeugt, sondern, wie ich meine, nur bereits dort mit dem Objekt- 
verlust verknüpft, wie ich sagte, „psychisch verankert" wird. 

Da Freud in diesem Buche, vielleicht zum ersten Male, nicht 
auf Grund eigener analytischer Erfahrungen spricht, sondern 
meine Erfahrungen deduktiv und kritisch verwertet, kommt er 
auch zu keinem positiven Ergebnis, außer dem einen in bezug auf 
die Angst, das aber voranalytisch anmutet: nämlich daß die 
Angst als Reaktion auf eine Gefahrsituation, gewissermaßen als 
Signal, reproduziert wird. Wobei er erstens zugeben muß, daß 
die erste Gefahr und also das Vorbild jedes Angstaffektes doch 
die Geburt ist, anderseits nicht übersehen kann, daß gerade die 
neurotische Angst, die uns am meisten interessiert, „Angst vor 



Die „neurotische" Angst 31 

einer Gefahr ist, die wir nicht kennen. Die neurotische Gefahr 
muß also erst gesucht werden; die Analyse hat uns gelehrt, sie 
ist eine Triebgefahr. Indem wir diese dem Ich unbekannte Gefahr 
zum Bewußtsein bringen, verwischen wir den Unterschied 
zwischen Realangst und neurotischer Angst, können wir die 
letztere wie die erstere behandeln" (S. 125). Dagegen heißt es 
an anderer Stelle wieder, „der Triebanspruch ist ja nicht an sich 
eine Gefahr, sondern nur darum, weil er eine richtige äußere 
Gefahr, die der Kastration mit sich bringt" (S. 67), was wieder 
nur teilweise richtig ist, denn gerade in unserem Kulturmilieu, 
wo die Neurosen entstehen, ist die Kastration nichts weniger als 
eine äußere Gefahr. Diesem Dilemma weicht Freud aus, indem 
er schließlich formuliert: „Kein anderer Unterschied von der 
Realangst, die das Ich normalerweise in Gefahrsituationen äußert, 
als daß der Inhalt der Angst unbewußt bleibt und nur in einer 
Entstellung bewußt wird" (S. 67). Ich glaube, daß dieser Unter- 
schied gerade genügt, um die Realangst nach wie vor von der 
neurotischen scharf zu unterscheiden; außerdem haben wir auch 
zu erklären, warum sie unbewußt bleibt, ebenso wodurch und 
wieso sie entstellt wird. Dazu müßte man vielleicht auch den 
Angsttraum verstehen, dessen frühere Erklärung durch Freud 
mit dem Aufgeben der Verwandlung von Libido in Angst hin- 
fällig geworden ist und den Freud charakteristischerweise in 
seiner ganzen Darstellung mit keinem Wort erwähnt. Im Angst- 
traum handelt es sich sicherlich nicht um eine äußere Gefahr 
und doch ist die Angst quantitativ größer als meist in Wirk- 
lichkeit. 

Dies führt zu dem wichtigen Problem der Quantität und der 
damit verbundenen „therapeutischen" Idee des Abreagierens. 
In der allgemeinen Würdigung meiner Auffassung (S. 102 ff.) 
kann Freud das von mir betonte Quantitätsmoment (Stärke des 
Geburtstraumas) nicht anerkennen; dagegen findet er es an 
anderer Stelle (S. 17) „durchaus plausibel, daß quantitative 
Momente, wie die übergroße Stärke der Erregung und der Durch- 
bruch des Reizschutzes, die nächsten Anlässe der Urverdrän- 
gungen sind". Ebenso kommt er nach gründlicher Diskussion 
aller einschlägigen Probleme zu dem Schlüsse: „Es sind quanti- 
tative Relationen, nicht direkt aufzuzeigen, nur auf dem Wege des 



32 Einleitung 

Rückschlusses faßbar, die darüber entscheiden, ob die alten 
Gefahrsituationen festgehalten werden, ob die Verdrängungen 
des Ichs erhalten bleiben, ob die Kinderneurosen ihre Fort- 
setzung finden oder nicht." Also überall das unfaßbare Quanti- 
tätsmoment als der Weisheit letzter Schluß ! Nur bei dem Trauma, 
das am Anfang der individuellen Entwicklung steht, der Geburt, 
soll die Intensität nicht entscheidend oder zumindest meßbar 
und aufzeigbar sein. Derselbe scheinbare Widerspruch gegen 
mich besteht in bezug auf das Abreagieren des Traumas, das 
Freud nicht verstehen kann (S. 103). In weiterer Diskussion 
des Problems (S. 119 ff.), wo er von der Angstreaktion auf die 
Gefahrsituation rekurriert, kommt er schließlich zu dem Ergeb- 
nis: „Die Angst ist also einerseits Erwartung des Traumas, 
anderseits eine gemilderte Wiederholung desselben" (S. 127), 
also doch wieder zur Abreaktion in der Reproduktion, wodurch 
das Kind sucht, „seine Lebenseindrücke psychisch zu bewältigen. 
Wenn dies der Sinn eines ,Abreagierens des Traumas' sein soll, 
so kann man nichts mehr dagegen einwenden" (S. 128). 

So ist das Buch Freuds voll von Widersprüchen, die haupt- 
sächlich auf seine Widerstände zurückgehen, die Konsequenzen 
der von mir aufgeworfenen Problemstellung zu ziehen. Fällt doch 
die Hauptstütze seiner Libidotheorie, der rätselhafte Mechanismus 
der Verwandlung von Libido in Angst. Damit aber erfährt der 
wichtigste Mechanismus seiner Ich-Psychologie, nämlich die Ver- 
drängung, eine gewaltige Einschränkung, da sie nicht mehr, 
wie er früher annahm, die Angst verursacht, sondern umgekehrt 
eine Folge der Angst ist (S. 39 f.). Daher läßt Freud nunmehr 
den Mechanismus der Verdrängung nur noch in bezug auf die 
Genitalorganisation der Libido gelten (S. 65 und 124), während 
er für andere Phasen und Vorgänge, die er früher einfach der 
Verdrängung subsumierte, den alten Begriff der Abwehr wieder 
einsetzt. Aber dieser Begriff der Abwehr ist wieder zu all- 
gemein und tatsächlich sieht sich Freud genötigt, bei Dis- 
kussion dieses Themas (S. 121 ff.) auf spezielle Mechanismen, 
besonders auf die „Prozedur des Ungeschehenmachens" zu 
verweisen, ohne aber dabei die vorher von anderen vor- 
geschlagenen gleichsinnigen Termini zu erwähnen (ich habe 
dafür seit langem die Bezeichnung „Verleugnung" gebraucht). 



Der Quantitätsfaktor 33 

Wenn Freud es „fast beschämend" findet, „daß wir nach 
so langer Arbeit immer noch Schwierigkeiten in der Auf- 
fassung der fundamentalsten Verhältnisse finden" (S. 64), so ist 
daran zum Teil sein Widerstand gegen die Akzeptierung fremder 
Ideen, auch von seiten seiner Mitarbeiter schuld. Sieht er 
sich schließlich dazu genötigt, so ist er doch immer wieder ver- 
sucht, auf eigene frühere Standpunkte zurückzugreifen und daran 
festzuhalten. So erklärt sich ein großer Teil der Schwierigkeiten, 
die er noch im Angstproblem findet, daraus, daß er mein Ver- 
dienst nur darin sehen will, an seine Auffassung der Angst als 
Folge des Geburtsvorganges erinnert zu haben. „Die Rank sehe 
Mahnung, der Angstaffekt sei, wie ich selbst zuerst behauptete, 
eine Folge des Geburtsvorganges und eine Wiederholung der 
damals durchlebten Situation, nötigte zu einer neuerlichen Prü- 
fung des Angstproblems." Meine eigentliche Leistung, die Ver- 
knüpfung dieses Geburtsangstaffektes mit der Trennung von der 
Mutter, kann er nicht akzeptieren, trotzdem er ihre Bedeutung 
anerkennt und diese auch seine Auffassung wesentlich beein- 
flußt. Aber Freuds Bemerkung über den Geburtsangstaffekt als 
Vorbild späterer Angst lag an die zwanzig Jahre in einer Fußnote 
der „Traumdeutung", 2. Aufl., 1909, vergraben und hätte auch 
weiterhin zu keiner Revision des Angstproblems und damit der 

f ganzen psychoanalytischen Theorie geführt, wenn ich nicht im 

„Trauma der Geburt" versucht hätte, die Brücke von der Biologie 
zur Psychologie mit dem Hinweis auf die Mutterbindung zu 
schlagen. 

Wenn Freud meinen Lösungsversuch des Neurosenpro- 
blems als eines Angstproblems mit dem Adlers vergleicht, so 
vernachlässigt er dabei das entscheidendste Unterscheidungs- 
merkmal. Nämlich daß Adler in seiner Theorie von der Minder- 
wertigkeit nicht die Angst in den Mittelpunkt stellt, wie ich es 
tue, sondern das Organische, also eine Qualität, während ich ein 
Quantitätsmoment als ätiologisch entscheidenden Faktor ansehe. 
Das ist aber schließlich auch das Ergebnis, zu dem Freud 
kommt, indem er „quantitative Relationen" entscheidend sein 
läßt, deren Wirken ich nur mit der Geburt bereits beginnen 
lasse, während Freud sie als „nicht direkt aufzuzeigen, nur 
auf dem Wege des Rückschlusses faßbar" erklärt (1. c. S. 108). 

Rank, Grnndzuge einer genetischen Psychologie. 8 



34 



Einleitung 



So kommt also Freud in seinem letzten Buche zu demselben 
Schluß, den ich bereits im „Trauma der Geburt" gezogen habe, 
daß uns die Psychoanalyse keine spezifische Ätiologie der Neur- 
osen liefern kann. Im „Trauma der Geburt" habe ich sozusagen 
den experimentellen Nachweis dafür erbracht, indem ich ge- 
wissermaßen sagte: Wenn man so allgemein menschliche Er- 
fahrungen, wie den Ödipuskomplex, d. h. die Beziehung zu den 
Eltern, als Ursache der Neurose angesprochen hat, warum nicht 
gleich die Geburt, dieses allgemeinste Erlebnis. In diesem Sinne 
konnte ein Kritiker behaupten, ich hätte im „Trauma der Geburt" 
die Psychoanalyse ad absurdum geführt, insofern nämlich, als 
es sich um das vergebliche Suchen nach einer spezifischen 
Ursache der Neurosen handelt. Wenn Freud es als einen Vorteil 
gegenüber anderen verursachenden Faktoren hinstellt, daß das 
Geburtstrauma der direkten Beobachtung, ja sogar der statisti- 
schen Behandlung zugänglich sei, so hat er erstens nur in be- 
schränktem Umfang recht, außerdem aber glaube ich, daß wir 
uns die Arbeit und Mühe solcher Untersuchungen von vornherein 
ersparen können. Denn wir wissen ja im voraus, daß eine Reihe 
von Menschen geboren werden, die später nicht der Neurose 
verfallen. Ebenso sicher aber ist es, daß extreme Fälle der 
Geburt einen entscheidenden Einfluß auf die spätere Neurosen- 
bildung haben. 1 Dazwischen gibt es unzählige Übergangsstufen, 
entsprechend dem quantitativen Charakter dieses Faktors, die 
natürlich ebensowenig meßbar sind wie bei den anderen ätiolo- 
gischen Faktoren (Ödipuskomplex usw.). 

Was aber Freud in seiner Diskussion meiner Theorie nicht 
genug würdigt, ist die zweite wesentliche Hälfte. Denn ich 
habe ja hauptsächlich gezeigt, daß es nicht bloß die Intensität 
der in der Geburt erlebten Angst ist, sondern die psychische 
Verankerung dieses Affektes in der Mutter und der Verlust 
dieses für das Ich so wichtigen und unersetzlichen Libido- 
objektes. Da ich im „Trauma der Geburt" diese im Mutterobjekt 
verankerte Angst sozusagen als das Urpsychische auffasse, hätte 
es vielleicht sogar einen Sinn zu sagen, daß der eigentlich ätio- 
logische Faktor der Neurosen in der Tatsache besteht, daß wir 

1 Siehe z. B. Stefan Hollös: „Aus der Analyse einer Frühgeburt". 
Internat Zeitschr. f. Psa, X, 1924. 



Das Schuldgefühl 35 

ein Seelenleben haben und daß wir eben darin, wie in der 
Produktion der Neurosen, uns vom Tier unterscheiden, das der 
physiologischen Angst gleicherweise fähig ist. 

Hier ist nun der Punkt, eine andere, zu weit gehende Schluß- 
folgerung Freuds einzuschränken. War seine frühere Angst- 
theorie zu psychisch (verdrängte Libido), so ist seine jetzige 
Auffassung der Angst eine extrem biologische; denn das Auf- 
treten des Angstaffektes als Signal einer Gefahr ist vielleicht 
eine der primitivsten Reaktionen der Lebewesen, gewiß aber 
kein Gesichtspunkt, der uns beim Verständnis der Neurosen 
weiter helfen kann. Wollen wir diese doch einigermaßen ver- 
stehen, so müssen wir uns an die psychischen Repräsentanzen 
der Angst halten. Als eine derselben habe ich im „Trauma der 
Geburt" (und schon viel früher— 1911 1 ) das Schuldgefühl 
hingestellt, das früher ebenfalls aus der verdrängten Libido 
abgeleitet wurde, mit der es allerdings (später) verknüpft wird. 
Diese Verknüpfung der Angst mit Libido, die Freud jetzt 
ganz aufgibt, weil er die Theorie von der Verwandlung nicht 
mehr aufrecht erhalten kann, besteht tatsächlich und kann auch 
(teilweise) rückgängig gemacht werden, wenn man die gene- 
tische Entwicklung des Schuldgefühles aus dem primären Angst- 
affekt und der Triebhemmung verfolgt. Der Punkt jedoch, in dem 
Freud die Verknüpfung von Libido und Angst einzig noch auf- 
recht erhält, nämlich der Kastrationskomplex, scheint mir nur 
ein letzter Versuch, seine frühere Libidotheorie zu. retten. Denn 
die Kastrationstheorie besagt ja eigentlich immer noch, daß 
Angst aus unterdrückter (verbotener) Libido entsteht, ein Mecha- 
nismus, den Freud zu gleicher Zeit schon aufgegeben hat. 
Anderseits ist mit der Anerkennung der Geburtsangst als Angst- 
quelle ein tragendes Stück der Kastrationstheorie gefallen, denn 
die Kastrationsangst läßt sich weder auf eine reale Gefahrsitua- 
tion zurückführen, noch ist sie im Freud sehen Sinne eine Angst 
bei Objektverlust, sondern sie ist einfach Angst im Ich und um 
das Ich (einen Teil des Ich). Es ist sonderbar, wie Freud erst 
jetzt einsieht, daß die Kastrationsangsttheorie für das Weib keine 
Geltung hat, was den Kastrationskomplex als ätiologischen Faktor 

1 Sexualität und Schuldgefühl, S. 13. 

3» 



36 



Einleitung 



der Neurosenbildung nahezu ganz entwertet. Denn auch für den 
Mann hat die Kastrationsangst nur die Bedeutung einer „narziß- 
tischen" Bedrohung des Ich. Die in den neurotischen Sexual- 
störungen des Mannes wirksame Angst ist — ganz entsprechend 
den Verhältnissen bei der Frau — eine Angst vor dem (weib- 
lichen) Genitale, und zwar nicht weil es „kastriert" erscheint 
(was manchmal zur Motivierung dienen mag), sondern es ist 
einfach Angst — wie sie auch die neurotische Frau vor dem 
(männlichen) Genitale hat — , d. h. also Angst schlechthin, die 
sich an die Sexualorgane geheftet hat. Ich habe dann nur ver- 
sucht, diese Angst vor dem weiblichen Genitale, die keine Kastra- 
tionsangst ist, gleichfalls auf die Geburtsangst, die im weiblichen 
Genitale erlebt wurde, zurückzuführen. Ob wir uns vorstellen 
können, wie das zugeht oder nicht, scheint mir augenblicklich nicht 
so wichtig, ja nicht einmal ob dieser Erklärungsversuch richtig 
sein mag oder nicht. Er bezieht sich aber auf eine Tatsache, 
die man in den Analysen beobachten kann und die durch die 
Annahme der Geburtsurangst auch theoretisch verständlich wird, 
daß es eine Angst vor dem weiblichen Genitale gibt, die keine 
Kastrationsangst ist, und die ich aus der biologischen Zurück- 
strebungstendenz in den Mutterleib sowie ihrer Hemmung durch 
die bei der Geburt erlebte Angstreaktion erklärt habe. 

Wenn das „Trauma der Geburt" einen Fehler hat, so ist es 
gewiß nicht der, der dem Buch in analytischen Kreisen gemacht 
wurde, nämlich daß es zu radikal sei, indem es neue Auf- 
fassungen an Stelle der alten setzen wolle. Die Freudsche Dar- 
stellung enthält implizite den Vorwurf, daß ich zu wenig radikal 
gewesen sei, indem er sich nicht scheut, viel weitergehende 
Konsequenzen aus meinen Einsichten zu ziehen. Wenn Freud 
erklärt, mein Buch stehe auf analytischem, d. h. Freud schem 
Boden,' so hat er insofern recht, als ich mich noch bemühe, 
meine' eigenen Erfahrungen mit seiner Libidotheorie in Einklang 
zu halten. Ich habe mich dieses Rettungsversuches der Libido- 
theorie um so weniger zu schämen, als er mir nicht gelungen 
ist, wie die Kritik der konservativen Analytiker und die schließ- 
liche Frontänderung Freuds gezeigt hat, der jetzt meine Auf- 
fassung auf den psychoanalytischen Boden stellen will, den er 
selbst in konsequenter Weiterverfolgung meiner Anschauungen 



Kritik der Libidotheorie 37 

bereits verlassen hat. Diesen schwachen Punkt meiner Dar- 
stellung, das Rettenwollen der Libidotheorie, hat Freud richtig 
herausgespürt, aber diese Kritik hat ihn zugleich zum Auf- 
geben seiner Libidotheorie gezwungen, ein Schritt, dessen ich 
mich im „Trauma der Geburt" noch nicht voll getraute. 

Ein zweiter Punkt, in dem Freud bei Kritisierung meiner 
Auffassung zum Aufgeben seiner eigenen gezwungen wurde, ist 
die Verdrängungslehre. Wenn er mir vorwirft, daß ich bei Zurück- 
führung der Kinderangst auf das Geburtstrauma „je nach Be- 
dürfnis die Erinnerung an die glückliche intrauterine Existenz 
oder an deren traumatische Störung wirksam werden läßt, womit 
der Willkür in der Deutung Tür und Tor geöffnet wird" (S. 80), 
so scheint er zu übersehen, daß er damit nicht nur die Berech- 
tigung der „Deutung" überhaupt, sondern auch die Verdrängungs- 
lehre leugnet, auf der ja das ganze Deutungsprinzip beruht. Denn 
nach Freuds Formulierung macht das Wesen der Verdrängung 
die Affektverwandlung aus, die sich so häufig in der Darstellung 
des Gegenteils manifestiert und die wir eben durch die „Deutung" 
rückgängig machen. Wenn meine Deutung der Kinderangst, wie 
Freud meint, methodisch unberechtigt ist, dann fällt die Ver- 
drängungslehre und die darauf basierte Deutungstechnik in sich 
zusammen. Tatsächlich hat Freud in der ersten Arbeit, die er 
unter dem unmittelbaren Eindruck meines Geburtstraumas 
schrieb und die den ominösen Titel „Der Untergang des Ödipus- 
komplexes" (1924) führt, der Vermutung Raum gegeben, daß 
die alten Wunschregungen, die in der Wunscherfüllungstheorie 
eine so große Rolle gespielt hatten, nicht im Unbewußten fort- 
leben, sondern vernichtet werden („Hemmung, Symptom und 
Angst", S. 90, Note). 

Dies führt zu einem dritten, noch wichtigeren Punkt, der 
für die gesamte Libidotheorie und Neurosentherapie von so 
entscheidender Bedeutung ist, daß Freud ihn in seiner Dar- 
stellung kaum streift, während er ihn in Diskussionen mit mir 
als Einwand gebraucht hat. Ich habe alle positiven und negativen 
Gefühlsbeziehungen des Kindes als ursprünglich auf die Mutter 
gerichtet betrachtet und nehme an, daß sie später nur auf 
die Geschwister und den Vater (sowie andere Personen) ver- 
schoben werden. In Kritik dieser Auffassung greift Freud auf 



1 



38 



Einleitung 



seine frühere Behauptung zurück („Zur Einführung des Narziß- 
mus", 1914), daß alle libidinösen Objektbesetzungen immer frisch 
vom Ich ausgesendet und auch wieder ins Ich zurückgenommen 
werden. Ist dies richtig — und ich glaube, es ist in einem 
weiteren Umfang noch als Freud annimmt, indem es alle Affekt- 
regungen betrifft — , dann fällt auch die Übertragungslehre zu- 
sammen, was ich ja bereits in meinen technischen Arbeiten 
durch Betonung der „analytischen Situation" angedeutet habe. 
Ich habe dies dort mit dem allgemeineren Problem verknüpft, 
daß ganze Stücke der psychoanalytischen Theorie einfach Rück- 
projektionen aus der analytischen Situation in eine historische 
(eventuell sogar prähistorische) Vergangenheit sind. In seiner 
letzten „Selbstdarstellung" (1925) 1 entdeckt Freud, daß die 
Verführungsphantasien, welche die Patienten so häufig aus ihrer 
Kindheit berichteten und die er anfangs als wirklich vorge- 
fallen betrachtete, nur Äußerungen und Darstellungen des 
„Ödipuskomplexes" waren (S. 21 f.). Er sieht aber nicht ein, 
daß sie aus der analytischen Situation entstanden, sich auf ihn 
selbst bezogen, also vom Ich des in eine infantile Situation 
zurückversetzten Patienten frisch produziert und nicht „über- 
tragen" wurden. Diese Fehlerquelle suchte ich im „Trauma der 
Geburt" zu vermeiden, indem ich umgekehrt von der analy- 
tischen Situation ausging und sagte, daß sich in ihr bestimmte 
Geburtsangstreaktionen herstellen, von denen erst zu unter- 
suchen ist, wie weit sie historisch (als Reproduktionen) zu 
nehmen sind und wie weit sie durch die analytische Situation 
selbst hervorgebracht wurden. 

Man hat nun die theoretische und therapeutische Bedeutung 
des Geburtstraumas und der Mutterleibsregression dadurch zu 
entwerten gesucht, daß man es nur als eine Fluchttendenz gelten 
lassen wollte. Abgesehen davon, daß ich selbst den regressiven 
Charakter der Mutterleibssehnsucht betont und als therapeutische 
Aufgabe die Verhinderung bzw. Abschwächung der Geburts- 
reproduktion hingestellt habe, läßt sich dieser Einwand gegen 
alles in der Analyse auftauchende Material vorbringen. Ja, ich 
möchte sagen — und werde es anderwärts ausführen — , daß die 



„Die Medizin der Gegenwart in Selbstdarstellungen", Bd. IV. 



Die genetische Betrachtung 39 

ganze analytische Situation und Analyse als Regressionsphäno- 
mene aufgefaßt werden kann und muß. Ist nicht der „Ödipus- 
komplex" ein Flüchten vor der realen Sexualanpassung und die 
„Kastrationsangst" eine Flucht vor dem Ödipuskomplex? Ebenso 
kann die Geburtssituation, die man bereits glücklich überstanden 
hat, im Sinne des von mir hervorgehobenen Trostmechanismus 
(„Trauma der Geburt", S. 75) eine Flucht vor der „Kastration", 
ja vor jeder Anpassungsleistung (im Sinne Jungs) sein und die 
intrauterine Situation schließlich eine Flucht vor der peinlichen 
Geburtsgefahr! 

Man kann das Ganze aber auch von einem anderen Stand- 
punkt betrachten, nämlich vom genetischen, wobei sich andere 
auch für die Therapie fruchtbare Einsichten ergeben. Wenn auch 
in dem psychophysiologischen Knotenpunkt der Geburt die Be- 
griffe der Libido und Angst, von Objekt und Ich zusammen- 
fließen, so wollen wir uns doch davor hüten, auch alle diese 
Probleme, die wir bereits an diesem Ursprungsort vorfinden, 
auch dort lösen zu wollen. Es wird sich zeigen, daß wir nicht 
nur in Ermanglung von statistischen Untersuchungen an Neu- 
geborenen, sondern auch aus theoretischen Gründen wieder auf 
die Analyse des Erwachsenen zurückgreifen müssen, um mehr 
von seinem Trieb- und Seelenleben zu verstehen. Man hat Kinder 
lange genug auf das sorgfältigste beobachtet, ohne den „Ödipus- 
komplex", ja ohne selbst die deutlichen Äußerungen ihrer Sexua- 
lität zu erkennen. Um wie viel mehr gilt dies für die weniger 
deutlichen Äußerungen des Säuglings oder Neugeborenen. Die 
langjährigsten und sorgfältigsten Beobachtungen am Neuge- 
borenen würden uns nicht zur Entscheidung der Frage helfen, 
wann die Mutter zuerst als „Objekt" gewertet wird. Und selbst 
wenn wir Anhaltspunkte dafür finden würden, könnten sie uns 
wenig zum Verständnis der normalen Objektwahl des Erwach- 
senen oder der Schwierigkeiten in der Anpassung des Neuro- 
tikers helfen. 

Dagegen hoffe ich zeigen zu können, wie ein genetisches 
Studium der Objektwahl des Erwachsenen Licht auf die aller- 
ersten Anfänge der Objektbeziehung beim Neugeborenen wirft 
und daß wir eben genetisch arbeiten müssen, um die Objekt- 
beziehung überhaupt zu verstehen, die ursprünglich ein reines 



40 



Einleitung 



Problem des Ich und dessen erster Beziehung zur Mutter ist. 
Dieses Problem der Beziehung des Ich zum Objekt und zur 
Realität stellt das wesentliche Thema der genetischen Psycho- 
logie dar, die sich auf den Resultaten der analytischen For- 
schungsmethode aufbaut, welche sich selbst von der empirischen 
Untersuchung zur systematischen Darstellung, damit von der 
finalen Deutung zur kausalen Verständlichmachung, vom Ödipus- 
komplex zur Kastrationstheorie, d. h. aber von der Libido zur 
Angst oder vom Objekt zum Ich entwickelt hat. Diese Beziehung 
des Ichs zum Objekt entscheidet aber nicht nur Art und Grad 
der Anpassung, sondern letzten Endes auch über Gesundheit 
und Krankheit des Individuums, d. h. über Schwierigkeiten oder 
Unmöglichkeit der Anpassung. 



i 












B. Zur Begründung der genetischen Psychologie. 
1. Die biologische Grundlage. 

Die Psychoanalyse ist, wie schon der Name sagt, eine Me- 
thode zur Untersuchung seelischer Phänomene. Aber entsprechend 
dem komplizierten Aufbau des menschlichen Ich waren in ihren 
bisherigen Ergebnissen die biologischen, psychologischen und 
sozialen Faktoren nicht genügend voneinander gesondert. Wir 
wollen nun eine solche Sonderung, soweit sie heute schon 
möglich ist, versuchen, um die durch die psychoanalytische Unter- 
suchungsmethode gewonnenen Resultate zur Ausgestaltung einer 
wirksamen Therapie, zur Begründung einer neuen Soziologie, 
vor allem aber zum Aufbau einer genetischen Psychologie zu 
verwenden. 

Es war ein großer Vorteil, ja geradezu die Bedingung der 
Psychoanalyse, daß sie vom Pathologischen ausgehen mußte, 
von wo Freud jedoch sehr bald in die Normalpsychologie ge- 
langte, da alle analytischen Befunde immer wieder nur zum 
Verständnis des Allgemeinnormalen führten, ohne das eigentlich 
Pathogene aufzuklären. Der Nachteil war der, daß Freud auch 
als Forscher an der medizinisch-therapeutischen Einstellung 
festhalten mußte, während er es schon längst mit Phäno- 
menen zu tun hatte, die weit über das ärztliche Spezialgebiet 
hinausgingen. Die Schwierigkeit liegt darin, daß im Psychischen 
das eigentlich Pathogene nicht faßbar und demonstrierbar ist 
wie im Organischen, weil es kein qualitatives, sondern ein quanti- 
tatives Moment ist. Unser Seelenleben bildet sozusagen den ver- 
bindenden Faktor zwischen unseren biologischen Triebanlagen 
und ihren sozialen Einschränkungen (Milieu), die wir als An- 
passung bezeichnen. Es ist also gewissermaßen ein Mittel zur 
Anpassung des Biologischen an das Soziale und die pathogenen 
Fehlleistungen dieser Aufgabe wirken sich in Störungen biolo- 



42 Einleitung 

gischer (sexueller) und sozialer Natur aus. Sie liegen sozusagen 
zwischen diesen beiden Sphären und sind daher auf keiner der- 
selben faßbar und darstellbar. Daher ist auch ihre psycho- 
logische Erfassung und Darstellung, wie sie die Psychoanalyse 
versucht hat, unbefriedigend, weil ja das Seelische nur das 
zwischen den beiden feindlichen Großmächten, dem Biologischen 
und dem Sozialen, liegende Kampffeld ist, auf dem der niemals 
zu beendigende Konflikt sich austobt. 

Betrachtet man die psychoanalytischen Probleme von einem 
solchen Standpunkt, so zerfallen sie in zwei große Gruppen, 
deren gesonderte Darstellung allerdings nur bis zu einem ge- 
wissen Grade möglich ist, da die Phänomene selbst komplexer 
Natur sind. Diese beiden Gruppen sind das Sexuelle, im biolo- 
gischen Sinne des Wortes, und das Soziale als das spezifisch 
Menschliche, das uns von anderen Lebewesen mit ähnlicher 
Gruppenbildung unterscheidet. Das Spezifische der menschlichen 
Sozialorganisation ist eben, daß sie auf psychologischen Voraus- 
setzungen ruht und psychologische Konsequenzen hat, so daß der 
Sexualtrieb sich psychologisch und sozial auswirkt, in Formen, 
die wir als Liebe bezeichnen und die vielleicht das eigentlich 
menschliche Charakteristikum sind. Das menschliche Liebesleben 
zeigt die Sexualität auf sozialer Stufe. Freud hat nun dieses 
menschliche Kernproblem im mythischen Bild der Ödipussituation 
wiedererkannt, ist aber im Grunde genommen über diese Situa- 
tion, welche die biologischen, sozialen und psychologischen 
Faktoren in großartiger Weise zusammenfaßt, nicht hinausge- 
kommen. Denn bei Zerlegung (Analyse) der Ödipussituation ist 
er nicht weiter gekommen, als in der Mutter den Repräsentanten 
des Sexualobjektes, im Vater den der sozialen Einschränkungen 
(Kastration) zu sehen. Verfolgt man jedoch, wie ich in „Trauma 
der Geburt" getan habe, die Beziehung zur Mutter genetisch von 
der Ödipussituation, die ein wesentlich soziales Bild bietet, 
bis in ihre biologischen Anfänge — intrauterine Situation, Geburt, 
Stillung usw. — , so ergibt sich ein wesentlich anderes Bild. 

Vor allem wird der Ausgangspunkt der Betrachtung von der 
Objektbeziehung (Ödipussituation) ins Ich verlegt, dessen Aufbau 
und Entwicklung zwar von Anfang an unter dem Einfluß der 
Objektbeziehung steht, aber diese anderseits selbst beeinflußt. 




Die Mutter als Ich(-teil) und Objekt 43 

Auch ist diese ursprüngliche Objektbeziehung nicht eine doppel- 
seitige wie in der Ödipussituation, sondern bezieht sich aus- 
schließlich auf die Mutter, die für den Säugling nicht nur ein 
Objekt zur Befriedigung biologischer Bedürfnisse, sondern zu- 
gleich einen Repräsentanten der Einschränkungen vonseiten der 
Außenwelt darstellt, also das Soziale in einem primitiven Sinne. 
Geht man noch weiter in die pränatalen Anfänge dieser Beziehung 
zurück, so sieht man, daß die Mutter für das Kind ursprünglich 
weniger als Objekt im eigentlichen Sinne des Wortes, denn als 
Teil des eigenen Ich perzipiert wird und nur allmählich mit 
fortschreitender Versagung, als Objekt der Außenwelt akzeptiert 
wird. Dies geht parallel mit einer Wertung der Mutter als ganzer 
Person, während früher hauptsächlich einzelne ihrer Organe 
(Brust, Hände, Augen), so weit sie Befriedigung gewährten, 
als Teile des eigenen Ich betrachtet wurden. Während so die 
Mutter mit fortschreitender Anpassung an die Realität sozusagen 
aus dem Ich ausgestoßen (projiziert) wird, kann der Vater all- 
mählich als wirkliches Objekt der Außenwelt ins Ich aufge- 
nommen werden, wobei wichtig ist, daß störende Geschwister 
ihm meist in dieser Rolle vorangehen. Jedenfalls aber ist das 
Verhältnis zum Vater als Objekt der Außenwelt bereits ent- 
scheidend beeinflußt und bestimmt durch das früher hergestellte 
Verhältnis zur Mutter als Objekt, das wieder wesentlich von 
ihrem eigenen Verhalten abhängt. 

Diese Übergangsphase vom Mutterobjekt zum Vaterobjekt, 
die gewöhnlich durch das Verhältnis zu nachgeborenen Ge- 
schwistern entscheidend vorbereitet wird, habe ich als „Prä- 
ödipussituation" zusammengefaßt. Sie ist nur genetisch aus der 
Ich-Entwicklung zu verstehen und bestimmt alle späteren Objekt- 
beziehungen, die sexuellen sowohl als auch die sozialen. Natür- 
lich spielen bei diesen Entwicklungsvorgängen Charakter und 
Benehmen der Eltern so wie das ganze Familienmilieu überhaupt 
eine entscheidende Rolle und es ist kein Zufall, daß man in den 
meisten Fällen späterer Fehlanpassung Störungen traumati- 
scher Art im Familienleben findet; sei es frühzeitiger Tod eines 
Elternteils oder Geschwisters, sei es Scheidung der Eltern, Stief- 
eltern usw. Normalerweise kommt die ödipussituation so zu- 
stande, daß das Kind in dieser vorbereitenden Übergangsphase 



44 Einleitung 

das Bild der versagenden, störenden Mutter auf den Vater ver- 
schiebt, wodurch die Mutter wieder ihre ursprüngliche Rolle als 
Libidoobjekt bekommt, während der Vater zum ausschließlichen 
Repräsentanten der sozialen Einschränkungen der Außenwelt 
wird. Auch dabei beeinflussen wirkliche Erlebnisse Art und Grad 
der Anpassung in entscheidender Weise. So kann z. B. eine Ent- 
täuschung an der Mutter dazu führen, daß zu wenig oder zu viel 
des ihr geltenden Ressentiment auf den Vater verschoben 
wird u. dgl. Freud hat im Sinne der Ödipusstufe in der Mutter 
immer nur das begehrenswerte Sexualobjekt gesehen, um dessen 
Besitz man mit dem Vater kämpft. Die „schlechte Mutter" hat 
er nie gesehen, sondern nur die spätere Verschiebung auf den 
Vater, der darum eine so überragende Rolle in seiner Theorie 
spielt. Das Bild der schlechten Mutter hat sich jedoch in seiner 
Einschätzung der Frau erhalten, die für ihn bloß passives Objekt 
und „kastriert", d. h. aber minderwertig war. Wenn er ihr zuletzt 
sogar noch das Über-Ich abspricht, 1 das die höheren ethischen 
und sozialen Fähigkeiten umfaßt, so hat er eben ganz übersehen, 
welch ungeheuren Anteil die Mutter und unser Verhältnis zu ihr 
an der Entwicklung des Ich und seinen höheren Funktionen hat. 
Mit dieser Auffassung haben wir aber das rein analytische 
Gebiet bereits verlassen und das der genetischen Betrachtungs- 
weise betreten. Die Psychoanalyse hat alles vom Standpunkt der 
libidinösen Objektbeziehung (des Ödipuskomplexes) betrachtet 
und auch der Kastrationskomplex, wenngleich ein Grenzbegriff 
gegen das Ich, gehört der sozialen Ödipusstufe an. Die „prä- 
genitale Organisation" ist vom Standpunkt der genitalen Ent- 
wicklung, d. h. aber psychologisch gesprochen, von der Ödipus- 
situation aus gesehen, daher das Lutschen „sexuell" und die 
Sehnsucht nach der Mutter der Wunsch nach dem Coitus mit ihr 
sein mußte. So kommt es, daß Freud jedesmal beim Zu- 
sammenstoß mit der Ich-Psychologie ein Stück seiner Libido- 
theorie aufgeben mußte, die schließlich mit meiner Revision des 
Angstproblems (im „Trauma der Geburt") in ihren Grundlagen 
erschüttert wurde. Der frühere Versuch Adlers, der Ich-Psycho- 
logie ihre Stelle anzuweisen, war gewiß verdienstvoll, hatte aber 

1 „Einige psychische Folgen des anatomischen Geschlechtsunterschieds" 
(1925). 



Das psychologische „Ich" 45 

den Nachteil, daß er das Ich als etwas Fertiges nahm und weder 
seine genetische Entstehung noch seine ständige Entwicklung 
berücksichtigte, weil er eben die Libido als Triebkraft gänzlich 
ausgeschaltet hatte. 

In Wirklichkeit entwickelt sich das Ich neben der Libido 
und unter dem Drängen ihrer Forderungen, aber seine Ent- 
wicklung beginnt lange vor der Ödipussituation und unabhängig 
davon. Dabei ist unter Ödipussituation das verstanden, was 
einzig darunter zu verstehen ist, nämlich die Beziehung des 
Mutter— Sohn(-Kind)-Verhältnisses zum Vater. Die eigentliche 
Ichbildung erfolgt aber unter dem Einfluß der Mutter in der 
Präödipusphase und was wir psychologisch „Ich" nennen, ist 
nur ein sekundärer Niederschlag der ursprünglichen Beziehung 
zur Mutter, die ihrerseits von Anfang an als Teil des Ich ge- 
nommen wird. Das Ich, mit dem wir in der Psychoanalyse 
arbeiten, ist eine Abstraktion, in Wirklichkeit kann es sich nur 
im (positiven oder negativen) Verhältnis zum Objekt manifestieren. 
Erst unter Berücksichtigung der von mir betonten Mutter— Kind- 
Beziehung ist eine Genese der Ichstruktur aus der Objekt- 
(Libido-)Beziehung (Mutter) möglich geworden. 

Von diesem Standpunkt aus erscheint die Ödipussituation, 
wie ich schon im „Trauma der Geburt" andeutete, als eine vor- 
zeitige Unterbrechung der Ich-Entwicklung, die auf dem biolo- 
gischen Mutter- Verhältnis ruht, durch den Vater, der die sozialen 
Einschränkungen repräsentiert. Es handelt sich also um eine 
in den sozialen Familienverhältnissen des Menschen begründete 
Unterbrechung der bis zur Reife (Pubertät) dauernden Ich-Ent- 
wicklung durch einen vorzeitigen Zusammenstoß der biologischen 
Regungen mit den sozialen Forderungen. Auf der anderen Seite 
wird der Vater als Repräsentant des Sozialen nicht nur zum 
Träger aller Hemmungen für den Sohn, sondern auch aller Privi- 
legien der Erwachsenen, die das Kind zur Identifizierung veran- 
lassen. Diese „Identifizierung" ist eigentlich eine Konkurrenz, 
die letzten Endes um den völligen (nicht nur sexuellen) Besitz 
der Mutter geht, welche als unerreichbares Ideal bestehen bleibt. 
So suchen wir später stets die primäre biologische Befriedigung, 
die das Kind zuerst an der Mutter erfahren hat, auch draußen 
am Objekt, während sie im Grunde nur im Innern, in unserem 



46 



Einleitung 



Ich (als „narzißtische" Befriedigung) gefunden werden kann. 
Ja, wir schieben sogar die Ich-Befriedigung dem Objekt zu, 
wie wir die Ich-Veränderung auf das Milieu projizieren, weil 
beides ursprünglich wirklich von Außen, nämlich von der 
Mutter kam. 

So führt die genetische Betrachtungsweise zum Verständnis 
des Aufbaus des Ich aus der Objektbeziehung und weiterhin 
zur Betonung der Motive, Tendenzen und Triebe im Ich, dessen 
Reaktionen auf eine gegebene (oder von ihm selbst geschaffene) 
Situation wir würdigen müssen. Freuds analytische Betrach- 
tungsweise hat diesen Gesichtspunkt fast völlig vernachlässigt 
zugunsten der infantilen Eindrücke und Erlebnisse (Ödipus- 
siluation), welche im späteren Leben bloß „wiederholt" werden 
sollen. In Wirklichkeit sind es nur die Reaktionen des Ich, die 
„wiederholt", d. h. aber immer aufs neue in den entsprechenden 
Situationen produziert werden. Wenn z. B. ein Mann im späteren 
Leben in Liebe zu einer bereits gebundenen Frau verfällt, so 
ist dies nicht einfach eine Wiederholung der Ödipussituation, 
sondern es sind immer zwingende aktuelle Motive vorhanden, 
welche das Ich veranlassen, gerade in diesem Moment so zu 
reagieren, wie es bereits in der infantilen (Ödipus-) Situation 
auf Grund seiner. Ich-Struktur reagiert hatte. Sei es, daß sein 
Stolz verletzt, seine Eifersucht geweckt, seine Kampf- oder 
Besitzlust erregt wurde, die sich bereits in seiner Kindheit in 
denselben Reaktionen manifestiert hatte. Dazu kommt, was 
Freud auch bei seinem „Wiederholungszwang" vernachlässigt, 
daß das Ich inzwischen — ja sogar während des aktuellen 
Erlebnisses — eine Entwicklung durchgemacht hat, welche die 
jetzige Reaktion von der früheren doch so weit unterscheidet, 
daß man sie nur unter Vernachlässigung qualitativer und quanti- 
tativer Verschiedenheiten als „Wiederholung" ansprechen kann. 
Wenn wir z. B. eine Haßreaktion im späteren Leben als „Haß gegen 
den Bruder" (oder Vater) deuten, so darf dies keinen anderen 
Sinn haben, als daß wir damit genetisch den ersten Anlaß be- 
zeichnen, bei dem dieser Mensch seine eifersüchtigen und sadi- 
stischen Regungen geäußert hatte, wo sie sich also zuerst 
deutlich manifestierten. Und selbst wenn wir, wie ich es im 
genetischen Sinne versuchte, bis auf die ersten Lebensäuße- 






Das aktuelle Erleben 47 

rangen im Geburtsakt zurückgehen, so ist es doch wieder nur 
das erstemal, die erste Gelegenheit, bei der sich Affektreaktionen 
zeigen, die später aus ähnlichen Anlässen wieder auftreten. 

Der Hauptakzent der ganzen psychoanalytischen Betrach- 
tungsweise lag in der Überschätzung des Infantilen und Inhalt- 
lichen, d. h. der frühen Erlebnisse, zugunsten der späteren, in 
denen das Ich eben infolge seiner Struktur so reagiert, wie 
es bereits auf die ersten Erlebnisse reagiert hatte. Es ist gewiß 
nicht zu leugnen, daß die Vergangenheit, das Erlebte, den 
Menschen formt, aber dieser Vorgang ist wechselseitig und nicht 
zu verstehen, wenn man nur das Erlebnis und nicht das Ich, das 
es teilweise formt und darauf reagiert, in Betracht zieht. Die 
Vernachlässigung dieses Gesichtspunktes in der Psychoanalyse 
setzte eine folgenschwere Fehlerquelle, indem das Aktuelle nicht 
nur unberücksichtigt blieb, sondern sogar verleugnet wurde. So 
kam es zur Rückprojektion von Situationen und Affektreaktionen 
aus der aktuellen (analytischen) Situation in ähnliche Situationen 
der Vergangenheit. So weit die so gewonnenen Einsichten sich 
durch die direkte Beobachtung am Kinde bestätigen ließen, sind 
sie zum Aufbau einer genetischen Psychologie brauchbar. Aber 
sie leisten wenig zum Verständnis der Dynamik und haben daher 
auch therapeutisch keine Wirkung. ■ 




2. Die soziale Anpassung. 

Ein zweiter, auf dem ersten Fehler basierender Irrtum war 
die Überschätzung der Sexualität als verursachender Faktor in 
der Ätiologie der Neurosen. Dafür ist mehr die historische Rück- 
projektion aus dem Aktuellen als die Überschätzung des Infan- 
tilen verantwortlich. Ohne das Vorhandensein des biologischen 
Sexualtriebes im Kinde leugnen zu wollen, muß man doch zwei 
methodische Bedenken äußern. Erstens die bereits erwähnte Mög- 
lichkeit der Projektion der Sexualität des Erwachsenen in die 
Kindheit. Eine zweite schwerer wiegende Fehlerquelle ergab 
sich aus der heute bereits aufgegebenen Angsttheorie Freuds. 
Solange die Angst als Resultat verdrängter Sexualität auf- 
gefaßt wurde, mußten alle Äußerungen der kindlichen Angst 
zum Beweise der infantilen Sexualität dienen. Der gene- 
tische Standpunkt zeigt hier deutlich, daß nicht die Sexua- 
lität als solche pathogen ist, sondern das (Über-) Ich, das 
sich über dem Biologischen aufbaut und das damit in 
Konflikt gerät. Man sieht dann bei der Psychoanalyse sol- 
cher Sexualschwierigkeiten, daß sie nur Symptome eines ge- 
störten Ich-Mechanismus sind. Sie entsprechen Versuchen, stö- 
rende Ich-Probleme am Objekt zu lösen, statt in sich selbst, 
wozu die Psychoanalyse eben anleiten soll. Die Gefahr dabei ist 
jedoch, daß der Patient auch hier seine Ich-Probleme am Objekt, 
dem Analytiker lösen will — in dem Phänomen, das Freud 
als „Übertragung" beschrieben hat — während er sie in seinem 
eigenen Ich auffinden und dort erledigen muß. Dieser konstruktive 
Teil der analytischen Technik ist aber bisher vernachlässigt 
worden, weil der Analytiker zu viel damit beschäftigt war, das 
Problem der Übertragung praktisch zu handhaben und zu lösen. 1 

1 Im zweiten Teile meiner „Technik der Psychoanalyse" versuche ich, 
diese eigentlich konstruktive Methodik darzustellen und zum Teil auch theo- 
retisch zu begründen. 






Kastrationsphantasie und Sadismus 49 

Ebenso wie bei den Neurosen das Sexuelle nur sympto- 
matisch nicht ätiologisch ist, so ist das Sexuelle an sich auch 
nicht das eigentlich Antisoziale, wie es vom psychoanalytischen 
Standpunkt schien, sondern es sind die eigensüchtigen und sadi- 
stischen Elemente, wie Besitzlust, Eifersucht, Kampfinstinkt, 
welche das antisoziale Element ausmachen. Von diesem Stand- 
punkt betrachtet ist die Konkurrenz um das Weib nicht so sehr 
sexuelle Rivalität mit dem Vater, als ein Kampf um Besitz und 
Herrschaft zur Befriedigung narzißtischer und egoistischer 
Regungen, unter denen die Impulse der Rache (am Vater) und 
der sadistischen Bewältigung (der Mutter) eine große Rolle 
spielen. In der Ödipussage — wie manchmal noch in den ent- 
sprechenden Träumen vom Sexualverkehr mit der Mutter — ist 
diese Kampf- und Bewältigungstendenz deutlich unterstrichen, 
indem ödipus nicht nur den Vater im Streite erschlägt, sondern 
auch die Überwindung der mütterlichen Sphinxfigur als ein 
Kampf und Sieg dargestellt ist. Ähnlich verhält es sich mit der 
Idee der Kastration, die ja der ödipusstufe angehört und mytho- 
logisch hauptsächlich als Kastration des Vaters durch den Sohn, 
also als Rachehandlung im Sinne einer Trennung von der Mutter 
(„Weltelternmythe" 1 ) auftritt, während Freud sie ausschließlich 
als „Kastrationsangst" des Sohnes (oder Kastrationswunsch des- 
selben) umgedeutet hat, um den Angstaffekt erklären zu 
können, der jedoch einen ganz anderen Ursprung hat. Bei 
unvoreingenommener Beobachtung des Materials kann kein 
Zweifel sein, daß die Kastrationsphantasie ursprüng- 
lich einen sadistischen Racheimpuls darstellt, dessen gene- 
tische Entwicklung wir später verfolgen werden. Wieder ist hier 
die analytische Betrachtungsweise in den Fehler der falschen 
Projektion verfallen, indem sie aus der analytischen Situation, 
wo der sadistische Wunsch, zu kastrieren, aus Angst vor dem 
Analytiker (oder ihm zuliebe) unterdrückt wird und daher als 
„Kastrationsangst" zu Vorschein kommt, umgekehrt verallge- 
meinert, weil sie auf den Inhalt und nicht auf die Triebtendenz 
achtete. So wird jede sado-masochistische Triebregung als Kastra- 
tionsangst (oder -Wunsch) gedeutet, während gerade umgekehrt 

1 Siehe „Das Inzestmotiv in Dichtung und Sage". Zweite Aufl., 1926 
S. 269 ff. 

Rank, Grundzüge einer genetischen Psychologie. 4 



50 Einleitung 

die Kastrationsidee, je nachdem ob sie aktiv oder passiv er- 
scheint, einem sado-masochistischen Impuls entspricht. War 
einmal dieser Fehler gemacht, so konnte er deswegen nicht 
entdeckt werden, weil man mit dem Begriff des Kastrations- 
komplexes dem Patienten ein geeignetes Symbol zum Ausleben 
seiner sado-masochistischen Regungen geliefert hatte. Die Auf- 
fassung des kleinen Knaben von der Vagina als einer Wunde, 
auf die sich Freud zur Begründung seiner Kastrationsangst- 
theorie stützt, ist ebenfalls bereits ein Ausdruck dieser sadi- 
stischen Impulse, die, wie wir später sehen werden, bereits auf 
dieser Stufe durch Angst gehemmt werden. So erscheint auch 
von diesem Standpunkt die Kastrationsangsttheorie Freuds 
unhaltbar, indem eine weitere genetische Verfolgung der Ent- 
wicklung des Angstaffektes zeigt, daß er schon auf früher Stufe 
zur Hemmung sadistisch-aggressiver Impulse dient, ja vielleicht 
sogar aus ihrer Hemmung neue Zuschüsse bekommt. Ja, es ist 
nicht unwahrscheinlich, daß schon im Geburtsakt selbst ein Teil 
der Angst aus gehemmten Wutregungen resultiert, die das Kind 
in dieser hilflosen Situation zum Teil unterdrücken muß („ohn- 
mächtige Wut"). Auf der anderen Seite hat die Tendenz zur 
Kastration des Vaters im Mythos wie im Leben des Kindes nicht 
nur die Bedeutung, ihn von der Mutter zu trennen, sondern ganz 
unzweifelhaft auch die, weiteren Kindersegen zu verhindern. 
Auch in diesem Sinne ist die Kastrationsidee ein Ausdruck 
egoistischer, eifersüchtiger, auf den Alleinbesitz der Mutter ge- 
richteter Regungen, die ursprünglichen sadistischen Impulsen 
gegen die versagende (schlechte) Mutter entsprechen mögen, 
welche später zum Teile auf die Geschwister und den Vater 
verschoben werden. 

So scheint das, was wir Sadismus nennen, ein Gemisch 
von grausamen, eigensüchtigen und sexuellen Triebregungen, 
in den Mittelpunkt der Betrachtung zu rücken und wir werden 
im genetischen Teile zu verfolgen haben, wie weit er sich 
durch soziale Einschränkungen und seelische Hemmungen ge- 
hindert, im Sexualleben durchzusetzen sucht. Wir werden dabei 
finden, daß die ganze soziale Einordnung des Menschen, 
einschließlich der sexuellen Erziehung, im wesentlichen 
einer Mäßigung, Eindämmung und Verteilung des 



Die Bewältigung des Sadismus 51 

■ 

Sadismus entspricht. Verfolgt man von diesem Gesichtspunkt 
aus die libidinöse Entwicklung des Kindes, wie wir es später 
im Detail tun werden, so sieht man, wie die sadistischen Impulse 
sich ursprünglich von der Mutter gegen das eigene Ich wenden, 
um später in der Ödipussituation im Wunsche nach sexueller 
Bewältigung der strengen Mutter und Beseitigung des störenden 
starken Vaters zur Entfaltung zu gelangen. Sie werden aber 
hier durch den vom Vater weg und gegen das eigene Ich ge- 
wendeten Kastrationswunsch, welcher der Angst auf genitaler 
Stufe entspricht, neuerlich gehemmt, um sich späterhin bis zur 
Pubertät in direkter Form von Grausamkeit, Rauflust, Bosheit, 
Schlimmheit zu äußern (Flegeljahre). Es sind also im wesentlichen 
diese antisozialen-sadistischen Impulse, die biologisch auf den 
Alleinbesitz der Mutter im weitesten Sinne des Wortes gerichtet 
sind, welche in der Ödipussituation, als einer Phase von eminent 
sozialer Bedeutung, im Sinne der sexuellen und sozialen An- 
passung (Ehe) verändert werden. Von da an entwickelt sich 
immer deutlicher die Tendenz zur sozialen Besitzergreifung des 
Weibes anstatt der natürlichen biologischen Eroberung, die in 
der ödipussituation psychisch in ähnlicher Weise gehemmt wird, 
wie in den primitiven Pubertätsriten durch wirklich feindselige 
Akte von Seiten der herrschenden Klasse (Väter). Der Kastrations- 
komplex erscheint dann nicht nur als Repräsentant der sozial 
gebotenen Einschränkungen (Angst), sondern auch der biolo- 
gischen Unreife des Individuums beim ersten Zusammenstoß 
mit der Sexualität, wobei die innerliche Angsthemmung wieder 
auf das Weib projiziert wird, dem sie ursprünglich als der 
strengen Mutter gegolten hatte. 

Wenn wir diesen Gesichtspunkt auf das eigentliche Sexual- 
leben anwenden, so zeigt sich, daß die sadistischen Regungen 
zwar dort ihre weitestgehende Befriedigung finden, daß sie aber 
doch entsprechend den sozialen Einschränkungen und unseren 
inneren Hemmungen sich nicht genügend ausleben können, so 
daß sie andere Auswege suchen müssen, die nur zum geringen 
Teil in sozial gestatteten Formen (wie Sport, Konkurrenz usw.) 
gefunden werden und sich zum größten Teil in neurotischen 
Symptomen oder kriminellen Handlungen äußern müssen. Es zeigt 
sich eben, daß die Domestikation der Sexualität, d. h. aber die 



52 Einleitung 

Einschränkung der sadistischen Befriedigung im Sexualleben, 
in dem es die biologische Eroberung und Bewältigung des 
Weibes nicht mehr gibt, zu Auswüchsen nicht nur in antisozialer 
Richtung (Verbrechen, Neurose) führt, sondern vor allem zu 
Verkrampfungen und Verkümmerungen unseres Trieb- und 
Seelenlebens, die wir als Sadismus und Masochismus (im patho- 
logischen Sinne) beschreiben. Ja, bis zu einem gewissen Grade 
scheinen sogar die psychischen Konflikte in unserem Innern, 
die wir als Neurosen kennen, diesen in der Außenwelt versagten 
biologischen Kampf zu ersetzen, wie besonders die noch immer 
rätselhafte masochistische Tendenz zur Selbstquälerei und Selbst- 
zerstörung verrät. Ja, vielleicht hat sogar die masochistische 
Lust im. Schaffen und im Schwelgen seelischer Schmerzen etwas 
mit unserem gesamten Affektleben zu tun, das, wenn es eine 
gewisse Intensität erreicht, als solches schon schmerzhaft wirkt 
(Weinen vor Freude). Anderseits sieht man, daß bei Manisch- 
depressiven die Phasen der Depression automatischen Hem- 
mungen gegen stark egoistische und sadistische, in der Regel 
antisoziale Impulse entsprechen, gegen deren Durchbruch sich 
das Ich mit so starken Hemmungen schützen muß, daß sie 
seine gesamte Aktivität einschränken. Vom sozialen Standpunkt 
kann man geradezu sagen, daß die depressiven Hemmungen eine 
zuweitgehende Zähmung ursprünglich starker, „antisozialer" 
Triebregungen sind. 

Abgesehen von dieser Domestikation unserer Impulse, die 
das Um und Auf der ganzen Erziehung ausmachen, kommt beim 
Menschen noch ein besonders erschwerendes Moment hinzu, 
welches ein Ausleben der egoistischen und sadistischen Ten- 
denzen in der Sexualität verhindert. Es ist dies die Tatsache, 
daß wir auf das Sexualobjekt Rücksicht zu nehmen gelernt haben 
oder wenigstens gelernt haben sollten. Dies bedeutet aber nicht 
bloß, wie vielleicht sonst im Tierreich, daß der Partner einen 
eigenen und anderen Willen haben mag, der von einem der 
beiden gebeugt werden muß (Bewältigung). Sondern der ganze 
Begriff des „Sexualobjektes", wie ihn Freud gebraucht, ist 
viel zu einseitig vom Standpunkt des Mannes, d. h. aber viel 
zu biologisch gedacht, um in der Psychologie aufklärend ver- 
wendet zu werden. In Wirklichkeit handelt es sich beim Menschen 



Sexualsubjekt und Ich-Psychologie 63 

um zwei Sexualsubjekte, d. h. um zwei Wesen, auf die der 
Begriff „Sexualobjekt" nur im biologischen Sinne angewendet 
werden kann, da sie nur biologisch grundverschieden, im psycho- 
logischen Sinne aber mehr ähnlich sind. Der Fehler, in den die 
vom männlichen Standpunkt geschaffene Psychoanalyse auch 
hier verfallen ist, war der, daß sie die Verschiedenheit von 
Mann und Weib, die im Grunde eine biologische ist, wesentlich 
als eine psychologische Verschiedenheit darstellte, wie die beiden 
Hauptbegriffe „Kastrationskomplex" und „Penisneid" zeigen. 
Gewiß ist nicht zu leugnen, was Freud erst jüngst zu betonen 
für notwendig hielt, daß es auch „psychische Folgen des anato- 
mischen Geschlechtsunterschieds" 1 gibt. Aber diese Unterschiede 
betreffen hauptsächlich die Sexualpsychologie und werden ja 
bis zu einem gewissen Grade durch den Männlichkeits- bzw. 
Kastrationswunsch bei Weib und Mann ausgeglichen. Was Freud 
versuchte, war die Verlegung dieser „psychischen Folgen des anato- 
mischen Geschlechtsunterschieds" ins Ich, was nur unter Ver- 
nachlässigung der eigentlichen Ich-Psychologie möglich ist. Denn 
die Ich-Psychologie ist beim Menschen für beide Geschlechter 
gleich, d. h. die Frau hat die gleichen eigensüchtigen, narziß- 
tischen und sadistischen Impulse wie der Mann, sie ist ebenso 
stolz, eifersüchtig, neidisch, rachelustig usw.; auch sie will 
herrschen, dominieren („oben sein", wie Adler sagen würde) 
und was beim Menschen den Kampf der Geschlechter ausmacht, 
ist nicht so sehr die biologische Bewältigung des Weibes, die es 
eigentlich in unserem Sozialmilieu kaum mehr gibt, sondern 
es ist das Ringen um die Herrschaft der Ich-Strebungen, welches 
nicht nur das Wesen unseres Liebeslebens, sondern auch das 
seiner neurotischen Störungen ausmacht. Daher kommt es, daß 
wir in der Psychoanalyse der neurotischen Frau den gleichen 
„Ich-Widerständen" wie beim Manne begegnen. 

Aber auch die libidinöse Objektbeziehung der Frau ist 
ursprünglich identisch mit der des Mannes, da sie sich bei 
beiden Geschlechtern auf das gleiche Objekt, die Mutter, bezieht. 
Hier zeigt sich wieder, welche schwere Anpassungsleistung das 
Weib im Sexualleben zu vollbringen hat, indem sie von der 



1 Die entsprechende Arbeit Freuds erschien 1925 in der Zeitschrift. 



04 Einleitung 

infantilen Beziehung zu Mutter, welche eine Zeitlang die gleiche 
aktive ist wie die des Knaben, zur eigentlich weiblichen Passi- 
vität und damit zur Mutterrolle übergehen muß. Die Frau wird 
dabei nicht nur, entgegen ihren Ich-Strebungen, zum Sexual- 
objekt im biologischen Sinne, sondern sie bekommt auch, durch 
das Kind, eine ganz andere Objektbeziehung, als sie der Mann 
jemals hat. der in seiner ganzen Einstellung mehr subjektiv 
und egozentrisch bleibt. Die sogenannnten „Krisen" im Liebes- 
leben der Menschen, die irgendwie biologischen Schüben ent- 
sprechen mögen, sehen wir mit überraschender Regelmäßigkeit 
in einer bestimmten Phase der Ich-Entwicklung auftreten. Und 
zwar dann, wenn die mit der Pubertät einsetzende biologische 
Phase der Objektliebe abgelaufen ist und dies zu einem Ich- 
Konflikt führt, den das Individuum nunmehr ebenfalls am Objekt 
— meist am gleichen — zu erledigen sucht, was aber gewöhnlich 
mißlingt. Diese zweite Phase der „Ich-Liebe", wie ich sie nennen 
möchte, scheint bei der Frau durch das Kind, beim Manne oft 
durch Erreichung eines sozialen Erfolges oder Zieles eingeleitet 
zu werden, welches (sadistische) Kräfte freimacht, die früher 
zur Erreichung dieses Zieles verwendet werden konnten. Ander- 
seits läßt das Kind nicht nur die psychischen Unterschiede in 
den Eltern wieder deutlicher hervortreten, sondern stellt auch 
als Objekt neue und verschiedenartige Ansprüche an das Ich 
(von Mann und Weib). Man hat geradezu den Eindruck, daß mit 
dem Eintreten des Kindes in die Ödipussituation, also einen 
Objektkonflikt, die Eltern zur Anpassung an diese neue Objekt- 
situation einen Ich-Konflikt durchzumachen hätten. Nun besteht 
ja normalerweise und von frühester Kindheit an die Tendenz, 
Ich-Konflikte (Bedürfnisse) am Objekt (der Mutter) zu erledigen 
(befriedigen). Normalerweise gelingt dies auch späterhin in den 
Fällen, die wir als „glückliche Verliebtheit" bezeichnen. Sie 
mißlingt entweder a priori oder in der eben erwähnten zweiten 
Phase des Liebeslebens bei den Menschen, deren Ich-Strebungen 
so stark entwickelt sind, daß sie sich trotz des biologischen und 
psychologischen Bedürfnisses nach dem Objekt diesem nicht 
unterwerfen wollen und sich daher nicht in die Liebesabhängig- 
keit fügen können. Die Analyse zwingt sie zur Unterwerfung 
in der Verliebtheit und gibt ihnen so die Möglichkeit, diesen Ich- 



Ich-Konflikt und Verliebtheit 55 

Konflikt an einem Objekt zu lösen, welches im idealen Fall ein 
Phantom bleiben oder wenigstens wieder werden muß, damit 
sie von diesem Objekt loskommen und so ihren Konflikt im 
eigenen Ich sehen, verstehen und lösen lernen. Die Anpassung 
an ihr Milieu mit den gegebenen Objekten (Familie usw.) muß 
zuerst in ihrem eigenen Ich vollzogen sein, ehe es sich in der 
Realität auswirken kann. Dabei kommen dann auch die sozialen 
Gemeinschaftsgefühle, die Adler betont hat, als therapeutischer 
Faktor gegenüber den starken Ich-Tendenzen in Betracht. 



• 






3. Die Entwicklung des Ich. • 

All diese Ich-Probleme und Ich-Konflikte kann man aber erst 
voll verstehen und würdigen, wenn man die genetische Betrach- 
tungsweise mit einem zweiten dynamischen Gesichtspunkt ver- 
bindet, der sich notwendig aus ihr ergibt: nämlich dem evolu- 
tionistischen. Evolution ist dabei nicht soziologisch im Sinne 
eines Fortschrittes gemeint, sondern im Sinne der biologischen 
Entwicklung und psychischen Veränderung, entsprechend dem 
Heraklitischen ndvra §el (alles fließt) oder wie es nach Plato 
eigentlich heißt ndvxa %<üqeZ (alles bewegt sich fort). Betrachten 
wir die uns beschäftigenden Probleme von diesem Standpunkt, 
dann eröffnen sich uns neue Perspektiven für das Verständnis 
der normalen Entwicklung wie der pathologischen Fehlentwick- 
lung. Wir erkennen dann, daß nicht die Fixierung das Patho- 
gene ist, sondern das Natürliche und das eigentlich Patho- 
gene die Entwicklung ist. Phylogenetisch wahrscheinlich 
die Milieuveränderung und die dadurch erzwungene fortschrei- 
tende Anpassung, ontogenetisch das Wachstum und die ständige 
Veränderung des eigenen Ich. Hier ist der Punkt, wo die Tendenz 
der Libido zur Fixierung mit der Tendenz des Ich zur Entwicklung 
konfliktuös zusammenstößt. So erklärt sich, warum die normalen 
biologischen Entwicklungsschübe, wie Geburt, Entwöhnung, 
Pubertät, Klimakterium, sich unter Umständen als Traumata 
pathogen in Störungen der Ich-Entwicklung auswirken können. 
Allerdings kommt in den ausgesprochenen Sexualphasen der Ent- 
wicklung auch der Kampf zwischen Individuum und Art (Gene- 
ration) zur Austragung, während die frühen Traumata, wie z. B. 
das der Geburt oder Entwöhnung, rein individuell sind und nur 
das Ich betreffen. In den anderen handelt es sich um den Konflikt 
zwischen narzißtischer Libidobefriedigung am Objekt, was 
Schuldgefühl macht, und der Befriedigung des Objektes selbst 
(Liebe), was Hingabe voraussetzt. 

Der evolutionistische Gesichtspunkt ist auch allein imstande, 



Die Evolution 67 

die Erkrankung und die Genesung zu erklären. Was geschieht, 
um den Menschen psychisch krank zu machen? Energien haben 
sich ungünstig verschoben, ein Schutzmechanismus hat versagt, 
ein Hilfsapparat ist durch eigene Weiterentwicklung oder ver- 
änderte Realität zur Last geworden, ein Ersatz wird überflüssig, 
unbrauchbar oder störend. Unter diesem Gesichtspunkt zeigt 
sich, daß auch ein Erlebnis, welches scheinbar an sich trauma- 
tisch wirkte, dies nicht von Anfang an war, sondern erst „trauma- 
tisch" wurde bei der Fortentwicklung des Ich über dieses Er- 
lebnis hinaus. Ja, sehr oft ist sogar das Erlebnis, weit entfernt 
a priori traumatisch zu sein, bereits der Lösungs- und Heilungs- 
versuch eines Ich-Konfliktes, der sich des Erlebnisses nur als 
eines temporären Mittels bedient, um in der Ich-Entwicklung 
fortschreiten zu können. Nur wird oft bei diesem Fortschreiten 
das mitgeschleppte Erlebnis dann störend, also im Nachhinein 
traumatisch wirken. Die Analyse, als Erlebnis intensivster Art, 
soll dies erfolgreich verhindern, birgt allerdings die gleiche 
Gefahr in sich, auch traumatisch nachzuwirken. Es hat also 
wenig Sinn, die traumatische Wirkung eines Erlebnisses aus dem 
Wiederholungszvvang (z. B. der Üdipussituation) zu erklären, 
ohne die Ich-Entwicklung zu berücksichtigen, als deren objek- 
tiven Niederschlag man geradezu das Erleben betrachten könnte. 
In diesem Sinne gibt es auch keine infantilen „Fixierungen" 
(oder Verdrängungen), die sich durchs ganze Leben erhalten, 
und die von Freud bereits aufgegebene Idee, daß z. B. der 
Ödipuskomplex in einer Art pompejanischen Verschüttung er- 
halten bleibt, konnte nur aus einem Mißverstehen der analy- 
tischen Situation und ihrer Rückprojektion in eine historische 
Vergangenheit des Individuums folgen. Der Patient isl nicht auf 
der Ödipusstufe „fixiert", er reagiert nur auf die analytische 
Situation mit den gleichen Impulsen von Eifersucht usw. wie 
bereits in ähnlichen früheren Situationen. Dasselbe gilt aber auch 
für Erlebnisse anderer Art und aus späterer Zeit, die der Patient 
in der Analyse nur „reproduziert", weil er auf die analytische 
Situation reagiert. Warum er dies in indirekter Weise, durch 
Wiederauflebenlassen früherer Erlebnisse tut, ist ein Problem 
von großer theoretischer und praktischer Bedeutung, auf das 
wir später bei Besprechung des Verleugnungsmechanismus 



58 



Einleitung 



zurückkommen werden. Hier kann nur angedeutet werden, daß 
es sieh um eine Art „künstlerische" Einkleidung eines aktuellen 
peinlichen Erlebnisses in eine historische Form handelt. Der 
„Wiederholungszwang" ist ja, wie Freud selbst gesteht, aus dem 
Phänomen der Übertragung abgeleitet und bedeutet eigentlich 
ein Eingeständnis der therapeutischen Ohnmacht. In Wirklich- 
keit besteht dieser „Wiederholungszwang" darin, daß der Patient 
auf die analytische Situation so reagiert wie auf frühere Situa- 
tionen. Auch die „Übertragung", die auf der Voraussetzung einer 
exakten Wiederholung beruht, gibt es nicht, sondern alles wird 
und vergeht und kann wieder werden, aber niemals gleich! 
Es gibt keine Wiederholung, weil es keine zwei gleichen Situa- 
tionen gibt. Auch in der organischen Natur gleicht kein Blatt 
dem andern, kein Kristall dem andern, obwohl wir gewisse Gesetz- 
mäßigkeiten kennen, nach denen sie gebildet sind. Es gibt wohl 
einen Trieb zur Reproduktion, zur Wiederholung im Organischen, 
wie es psychologisch den Wunsch nach der „ewigen Wiederkehr 
des Gleichen" gibt (Nietzsche), der aber infolge Veränderung 
der Situationen und hauptsächlich unserer eigenen Veränderung 
niemals realisiert werden kann. So erweist sich der Wieder- 
holungswunsch als eine Reaktion gegen unsere ständige Ent- 
wicklung und Veränderung, die eine ständige Neuorientierung 
und Neuanpassung erfordert. Vielleicht wäre unsere Entwicklung 
und das daraus folgende Erleben nicht traumatisch, wenn wir 
es unverändert weiter leben könnten, wenn wir zum Augenblick 
sagen könnten: „Verweile doch! Du bist so schön!" Aber dies 
hieße, das Leben selbst aufgeben! 





Die evolutionistische Betrachtungsweise hat noch eine me- 
thodisch wichtige Konsequenz, die wir in ihrer vollen Bedeutung 
erst später würdigen können, wenn wir versuchen werden, die 
Stellung der Psychologie innerhalb der Wissenschaft zu formu- 
lieren. Aber es empfiehlt sich schon hier, bei Begründung des 
genetischen Gesichtspunktes, etwas Prinzipielles vorauszu- 
schicken, das als Wegweiser auf den noch vielfach ver- 
schlungenen Pfaden dienen möge, denen wir zunächst noch 
im Anschluß an die psychoanalytische Forschung folgen. 



Wiederholungszwang und Entwicklungsprinzip 59 

Es knüpft dies an den „Wiederholungszwang" und das ihm 
entgegenwirkende Entwicklungsprinzip an. Wenn wir Gesetz- 
mäßigkeiten, welcher Art immer, feststellen und erforschen wollen, 
so kann es sich dabei nur darum handeln, diejenigen Faktoren 
zu finden, die sich wiederholen und die sich daher auch voraus- 
sagen lassen. Der psychologische Sinn dieses Dranges zur Er- 
forschung von „Naturgesetzen" ist offenbar der, Angst zu ver- 
meiden und Sicherheit zu gewinnen. Dies ist aber nur möglich 
bei Vernachlässigung des evolutionistischen Prinzips, das gerade 
durch das Ins-Spiel-treten unvorhergesehener Faktoren charakte- 
risiert ist. Mit anderen Worten: alle Theoriebildung ist ein 
post festum mit der Tendenz, aus der Erkenntnis des Ver- 
gangenen, der Genesis, die zukünftige Entwicklungslinie voraus- 
zubestimmen. Indem die Theorie Gesetzmäßigkeiten formuliert 
und sie in Terminis fixiert, ist und bleibt sie immer rein deskrip- 
tiv und statisch, während die Phänomene selbst dynamisch sind 
und sich nur vom Entwicklungsprinzip verstehen lassen. 

Dies gilt nun in ganz besonderem Maße vom Seelenleben, 
das, wie bereits betont, seinem Wesen nach Funktion mid nicht 
Phänomen ist. In der Beschreibung und Erklärung psycholo- 
gischer Funktionen müssen wir daher notgedrungen „unpsycho- 
logisch" werden, indem wir das Dynamische und Evolutioni- 
stische, also gerade das Individuelle, auf das es wesentlich 
ankommt, nicht darstellen können. Es ist dies ein unvermeid- 
licher methodischer Nachteil der Psychologie, über dessen Vor- 
handensein und Bedeutung wir uns auch in bezug auf die gene- 
tische Darstellung klar sein müssen. 

Ich sehe vorläufig nur eine Möglichkeit, die methodischen Ge- 
fahren einer solchen Betrachtungs- und Darstellungsweise in der 
Psychologie wenigstens einzuschränken. Es ist dies eine scharfe 
Herausarbeitung des rein psychologischen Gesichtspunktes, unter 
möglichster Vermeidung seiner Verquickung mit anderen, nament- 
lich biologischen und sozialen Faktoren. Es war das Haupt- 
merkmal der psychoanalytischen Betrachtungsweise, daß Freud, 
indem er von der Medizin herkam und das Seelische im 
Kranken entdeckt hatte, .versuchte, ihm in der „Psychologie" eine 
naturwissenschaftliche Grundlage zu geben, und mit der Sexua- 
lität einen biologischen Faktor erster Güte einführte. Ebenso 



< 



60 Einleitung 

sicher zeigt aber die Entwicklung der Psychoanalyse, daß dies 
sehr bald zu einer Biologisierung — um nicht zu sagen Sexua- 
lisierung — der Psychologie führte, aus der Freud schließlich 
wieder einen Ausweg in die eigentliche Psychologie, nämlich in 
die Ich-Phänomene, suchen mußte. 

Mit der genetischen Betrachtungsweise, die sich mir aus 
der konsequenten Anwendung und Fortbildung der psycho- 
analytischen Untersuchungsmethode ergeben hat, möchte ich ver- 
suchen, die Psychologie, bereichert um all die Erfahrungen und 
Gesichtspunkte der Psychoanalyse, als Lehre vom Seelischen 
wiederherzustellen, gereinigt von den Schlacken fremder Bei- 
mengungen, wie sie durch das Ausgehen vom Pathologischen 
und die Heranziehung des Biologischen nötig und auch im 
höchsten Maße fördernd gewesen ist. Ich möchte aber hier aus- 
drücklich vorausschicken, daß wir eine solche methodische Klä- 
rung als zukünftiges Resultat unserer weiteren Bemühungen, 
nicht aber bereits als Inhalt der folgenden Ausführungen er- 
warten dürfen. 

Insbesondere der nächste Abschnitt, der die Darstellung 
der eigentlich genetischen Psychologie enthält, zeigt vielmehr den 
Weg an, auf dem wir, uns Schritt für Schritt vortastend, zu 
einer möglichst klaren Sonderung der einzelnen Faktoren ge- 
langen können, die in den uns vorliegenden Phänomenen zu- 
sammenwirken. Die Ergebnisse der Psychoanalyse waren in 
dieser Hinsicht eher synthetisch als analytisch, indem sie uns 
auf das innige Zusammenwirken dieser Faktoren hingewiesen 
hat, die wir nunmehr als das Biologische, das Soziale (Milieu) 
und das Psychologische im eigentlichen Sinne, das dazwischen 
liegt und wirkt, begrifflich trennen wollen. 

Ich möchte dies hier ganz allgemein-methodisch für die 
beiden Grundbegriffe versuchen, die wir in den Mittelpunkt 
unserer Betrachtungsweise gestellt haben, nämlich den Sadis- 
mus und die Angst. Beides sind, wie wir jetzt wissen, durch- 
aus keine einfachen Begriffe, dennoch haben wir mit ihnen 
immer operiert, als verstünden wir stillschweigend, was damit 
gemeint ist. Als Ausgangspunkt für eine Prüfung dieser beiden 
Begriffe im Hinblick auf ihre biologische, soziale und psycho- 
logische Bedeutung bietet sich uns ein Gesichtspunkt, zu dem 



Psychische Repräsentanzen von Angst und Sadismus 61 

uns die analytische Betrachtungsweise geführt hat: nämlich, daß 
die (innere oder äußere) Hemmung des Sadismus Angst hervor- 
bringt. Wir lassen es dabei unentschieden, ob und inwieweit 
dies einem Umwandlungsprozeß entspricht. Sicher ist, daß unter 
Umständen die Angst ganz genau so als treibender Faktor 
wirken kann wie sonst der Sadismus. Ebenso sicher ist, daß 
Angst in gleicher Weise aus innerer wie aus äußerer Hemmung 
entstehen kann. Das rein psychologische Problem ist aber wieder 
nicht ein genetisches, nämlich wie die Angst entsteht, sondern 
ein dynamisch-ökonomisches, nämlich, wie und wozu sie ver- 
wendet wird. 

Dieser ganz allgemeine Gesichtspunkt legt es nahe, in der 
Psychologie überhaupt nicht von Trieben, sondern besser von 
Tendenzen zu sprechen und den Begriff des Triebes für die 
Biologie zu reservieren. Der Begriff der „Tendenz", den Alfred 
Adler bevorzugt, scheint mir auch deswegen zweckmäßiger als 
der von Freud im psychologischen Sinne gebrauchte „Wunsch", 
weil sich damit auch die sogenannten Mechanismen beschreiben 
und verstehen lassen, bei deren späterer Besprechung (Ab- 
schnitt III) wir sehen werden, welche besondere Tendenzen 
bei den verschiedenen Mechanismen vorwiegend am Werke sind 
(Verleugnung, Rechtfertigung, Rationalisierung usw.). Was wir bis- 
her mit dem biologischen Terminus „Trieb" beschrieben haben, 
sind, psychologisch betrachtet, zum großen Teil derartige Ten- 
denzen oder Reaktionsbildungen, die mitunter gleichfalls trieb- 
haft, oft sogar noch stärker „treibend" als ein eigentlicher Trieb 
selbst wirken. Daher suchen wir auch im Psychischen ver- 
gebens nach Ursachen, d. h. letzten verursachenden Faktoren, 
denn diese sind biologisch (oder äußere Reize, d. h. aber sozial). 
Ihre Erforschung war das eigentliche Arbeitsfeld der Psycho- 
analyse, ihre systematische Darstellung ist die Aufgabe der gene- 
tischen Psychologie. Im eigentlich Seelischen wird, je nach der 
Situation, bald die eine Tendenz, bald die andere verursachende 
Wirkung haben, aber dieses Verhältnis ist nicht konstant, d. h. 
nicht gesetzmäßig. 

Die konstanteste „Tendenz", die wir auffinden können, ist 
die nach Befriedigung und nach Schutz des Ich. Die Angst ist 
der stärkste Ichschutz, wenn die Befriedigung zu gefährlich oder 



62 Einleitung 

ganz verhindert, d. h. also von innen oder außen gehemmt wird; 
dies ist biologisch ihr Wesen und ihre Funktion. Psycholo- 
gisch wird die Angst verwendet, um die Hemmung, d. i. die 
Unlust, zu rationalisieren: man fürchtet sich vor jemand, um die 
eigene (biologische) Angst zu rechtfertigen und dem andern die 
Verantwortung aufzubürden. Dies ist aber bereits ein moralisches 
Problem, d. h. aber ein eigentlich seelisches. Tatsächlich ist 
uns die rein psychologische Seite des Angstproblems schließ- 
lich im Schuldgefühl als ein moralisches Problem entgegenge- 
treten, und wir sind jetzt darin einig, daß dies auch den wesent- 
lichen Kern des sogenannten Neurosenproblems ausmacht. Gewiß 
gibt es eine biologische oder physiologische Angst, wie sie uns 
z. B. bei den höheren Tieren und unter gewissen Umständen 
auch beim Menschen entgegentritt. Die Geburtsangst scheint auch 
noch eine solche zu sein, obwohl — wie ich meine — dabei 
schon andere Faktoren hinzutreten. Jedenfalls geht sie aber, wie 
wir es von der biologischen Angst voraussetzen, aus einer Hem- 
mung oder, allgemein gesprochen, aus einer Ichbehinderung oder 
Ichbedrohung hervor. Auf der anderen Seite haben wir den 
sozialen Aspekt des Angstproblems als „Furcht" bezeichnet und 
sehen darin eine von außen gesetzte zureichende Ursache. Das 
eigentlich psychologische Problem liegt offenbar zwischen beiden: 
es handelt sich dabei um den Versuch einer objektiven Moti- 
vierung der im Ich (durch Hemmung) entstandenen Angst, die 
sich im Kompromißphänomen des Schuldgefühls manifestiert. 
Dieses entspricht einem Versuch, die Angst zu objektivieren, 
bleibt aber dabei sozusagen auf halbem Wege stecken, indem es 
sich als ein moralisches Problem präsentiert, d. h. aber als Grenz- 
phänomen zwischen dem Psychologischen und dem Sozialen. 
Letzten Endes gelangen wir dabei zu einem philosophischen oder 
— wenn dies besser klingt — zu einem erkenntnistheoretischen 
Problem, wie es Kant bereits formuliert hat, indem er auch die 
Ethik auf den inneren kategorischen Imperativ stellte. 

Dies Beispiel der Erläuterung und Klärung des Angstbegriffes 
zeigt deutlich, daß wir nunmehr, nach Erschließung des unge- 
heuren Tatsachenmaterials und Problemkreises durch die Psycho- 
analyse, zunächst nicht so sehr weiterer Forschungen als einer 
gründlichen methodischen Selbstbesinnung bedürfen, um logische 



Das rein Seelische 63 

Ordnung und begriffliche Klarheit in das Gebiet der Psychologie 
zu bringen. Von der Angst finden wir leicht den Übergang zum 
Triebleben, indem wir unser Augenmerk auf die Tendenzen rich- 
ten, die durch die Angst gehemmt werden. Es sind dies die auf 
restlose Ichbefriedigung gerichteten Tendenzen, die wir biologisch 
als Hunger und Libido beschrieben haben; wobei ich unter Libido 
nicht nur den Sexualtrieb im engeren Sinne verstehe, sondern 
auch den allgemein biologischen Beharrungs- oder Regressions- 
trieb, der sich als Tendenz der Rückkehr zur Mutter beim 
Menschen psychologisch in dem Phänomen der Liebe manifestiert. 
Seine großartigste Manifestation im Tierreich ist der Wandertrieb 
gewisser Arten, der offenkundig stärker als der sogenannte Selbst- 
erhaltungstrieb ist. Allerdings darf man dabei nicht übersehen, 
was ich bereits im „Künstler" betont habe, daß die Vermehrung 
nur eine Form der Selbsterhaltung ist, sowie die sexuelle Be- 
friedigung nur eine Form der Ichbefriedigung — am anderen 
Geschlecht. Dieser Gesichtspunkt ist wieder wichtig, wenn man 
die psychologische Bedeutung des biologischen Sexualtriebes 
richtig einschätzen will. Denn psychologisch benützen wir die 
Sexualität genau so zur Rationalisierung der Ichbefriedigimg wie 
wir die biologische Angst zur Rationalisierung des Schuldgefühls 
verwenden. Was in der Biologie als Trieb erscheint, sehen wir 
psychologisch als Tendenz oder Reaktion. Was im Biologischen 
„Trieb" ist, manifestiert sich psychologisch als Reaktionsphäno- 
men, so wie die biologische Triebhemmung, die Angst, psycho- 
logisch ein Projektionsphänomen darstellt. Psychologisch sind 
aber nur die Tendenzen wichtig, d. h. das, was unser Ich mit 
dem biologisch Gegebenen macht, wie es im Dienste der Ichbefrie- 
digung verwendet wird, zum Schutz, zur Rationalisierung, zur 
Rechtfertigung, zur Verleugnung derselben. 

Freud, der von der Pathologie und der Naturwissenschaft 
herkam, hat das Biologische überschätzt bzw. zu weit in die 
Psychologie hineingetragen. Adler hat im Gegensatz dazu das 
rein Psychologisch-Tendenziöse überschätzt und die fundamen- 
tale Bedeutung des Biologischen vernachlässigt. Jung endlich 
verfiel in das andere Extrem, indem er im Gegensatz zu Freud 
zu viel Psychologie in das Biologische (besonders das Mutter- 
verhältnis) hineingetragen hatte und so zu einem hyperpsycho- 



64 



Einleitung 



logischen Standpunkt kam, einer Meta-Psychologie im alten Sinne 
des Wortes. Aber alle diese Theoriebildungen ergänzen einander 
viel mehr als sie einander widersprechen, und daher haben auch 
alle gegenseitigen Diskussionen darüber zu keinem Ergebnis ge- 
führt. Es handelt sich um verschiedene Betrachtungsweisen der- 
selben Phänomene von verschiedenen Gesichtspunkten, die, ab- 
gesehen von den verschiedenen Temperamenten der Forscher, 
hauptsächlich durch die methodische Unklarheit der Begriffs- 
bildung mehr zu Mißverstehen als zu gegenseitigem Verständnis 
geführt haben. 

Was ich mit der Skizzierung der hier begründeten gene- 
tischen Psychologie versuche, ist zweierlei. Erstens eine begriff- 
liche Orientierung und systematische Darstellung der psycho- 
logischen Ergebnisse und Konsequenzen der psychoanalytischen 
Forschungen. Zweitens, zugleich damit, aus dem bisher gelieferten 
psycho-biologisch-soziologischen Material den Aufbau einer reinen 
Psychologie, in der das Ich das Rückgrat bildet. Das erste 
versucht der folgende Abschnitt, die eigentlich genetische Psycho- 
logie, während die weiteren Abschnitte, namentlich über die 
„Mechanismen", den rein psychologischen Gesichtspunkt heraus- 
zuarbeiten versucht, wie er sich nach Herausschälung aus den 
anderen Faktoren ergibt. In diesem Sinne entsprechen die drei 
folgenden genetischen Abschnitte den drei Schichten der Son- 
derung : 

die Genitalität entspricht dem Biologischen, 
das Schuldgefühl dem Psychologischen und 
die Objektliebe dem Soziologischen. 

Diese Reihenfolge entspricht zugleich den drei Stufen der 
individuellen wie der phylogenen Entwicklung: 
zuerst die genitale Befriedigung (am Ich), 
darauf das Schuldgefühl (aus Hemmung von innen oder 

außen), 
schließlich die Objektliebe (zur sozialen Rechtfertigung 
der Ichbefriedigung). 

Dabei sind Schuldgefühl und Objektliebe die spezifisch 
menschlichen Qualitäten, die zu der biologischen Sexualität 
hinzukommen : 



Zur Begründung der genetischen Psychologie 65 

die Genitalität baut sich auf über der biologischen Fort- 
pflanzungsfunktion, 
das Schuldgefühl über der biologischen Angst, 
die Objektliebe über der biologischen Sexualität. 
Dieses Menschliche ist aber das eigentlich Soziale, und dies 
ergibt sich aus den Einschränkungen, die unsere Befriedigungs- 
tendenzen sich im Zusammenleben mit anderen Ichen gefallen 
lassen müssen. Diese Befriedigungstendenzen sind entweder rein 
egoistischer oder sexueller (also sekundär egoistischer) Natur. 
Der Sadismus repräsentiert eine Kombination von beiden. Er 
ist eigentlich ein Begriff aus der Sexualpathologie und entspricht 
dort einem Übermaß von egoistischen Tendenzen, die auch auf 
sexueller Stufe nicht vor Schädigung oder Vernichtung des 
Andern zur eigenen Befriedigung zurückscheuen. Der Sadismus 
als psychologischer Begriff entspräche dann der Tendenz 
nach restloser Ichbefriedigung auf sexueller Stufe, wo wir sonst 
psychologisch die sozialen Hemmungen erwarten, die wir als 
Liebe, Zärtlichkeit und Rücksicht kennen. So entspricht das 
Menschlich-Soziale einem gelungenen Resultat aus der psychi- 
schen Aufarbeitung dessen, was wir eben psychologisch als 
Sadismus charakterisiert haben: 

einer Ermäßigung des Sadismus im Sinne der Genitalität, 
einer Hemmung des Sadismus im Sinne des Schuldgefühls, 
einer Sublimierung des Sadismus im Sinne der Liebe 
(Zärtlichkeit). 
Diesen Gesichtspunkt wollen wir nun im nächsten Abschnitt 
im einzelnen durchführen und dabei zeigen, wie das eigentlich 
Soziale, nämlich die Objektliebe und Objektbeziehung im all- 
gemeinen, zwar auf dem biologischen Mutterverhältnis ruht, 
aber doch auch in der eigenen Ichhemmung wurzelt, die sich 
psychologisch als Schuldgefühl manifestiert. 



Rank, Grundzüge einer genetischen Psychologie 



IL Genetischer Teil. 



The baby new to carth and sky, 
What Lime his tender palm is prest 
Against tho circlc of the breast, 

Has never thought that this is "I". 

But as he grows he gathcrs much, 
And lcarns tho use of "I" and "me" 
And finds "I am not what I see, 

And other than the things I touch". 

So rounds he to a separate mind 
From whence clear memory may bcgin, 
And through the frame that binds him in 

His Isolation grows defined. 

This use may lio in blood and breath, 
Which use were fruitless of their due, 
Had man to lcarn himself anew 

Beyond the second birth of death. 

Tennyson (In Memoriam, XLV). 



f>* 



1. Zur Genese der Genitalität.* 

Der Begriff einer Genese der Genitalität ist ein eigentlich 
psychoanalytischer, obwohl der genetische Gesichtspunkt ur- 
sprünglich mehr auf den Sexualtrieb als solchen angewendet 
wurde, wie es Freud in grundlegender Weise in den „Drei 
Abhandlungen zur Sexualtheorie" versucht hat. Zur Genese der 
Genitalität im engeren Sinne gehört die Freudsche Entdeckung 
der infantilen, besonders der sogenannten „prägenitalen Sexua- 
lität" und der aus ihrer Zusammenfassung folgende Primat der 
Genitalzone, dessen rechtzeitige und endgültige Erreichung in 
der normalen Sexualentwicklung auch für die therapeutische 
Prognose von besonderer Wichtigkeit geworden ist. 1 Im Anschluß 
an Freud hatte Ferenczi den Versuch unternommen, einige 
weitere Mechanismen dieser Entwicklung von der prägenitalen 
auf die genitale Stufe zu erfassen und zu beschreiben. Ich meine 
die sogenannte „Amphimixis", welche die Verschiebung analer 
und urethraler Mechanismen und Energien, allerdings nur in 
einer speziell für den männlichen Ejakulationsvorgang des Er- 
wachsenen maßgebenden Weise, beinhaltet. Anschließend daran 
hat dann kürzlich Helene Deutsch die Verschiebung oraler 
Libido auf die Vagina als Bedingung der vollentwickelten weib- 
lichen Genitalität analytisch erschlossen. 

Die genetische Frage ist nun aber, wann und wie dieser 
Entwicklungsprozeß zur normalen vollentwickelten Genitalität des 
Erwachsenen beim Kinde sich vollzieht und vorbereitet wird; 
d. h. welche libidinösen Energien verschoben werden, mittels 

* Dieser erste Abschnitt, der eigentlich einen Abriß der genetischen 
Psychologie darstellt, wurde im September 1925 auf dem Psychoanalytischen 
Kongreß (in Bad Homburg) vorgetragen. 

1 W. Reich hat neuerdings diesen Faktor therapeutisch hoch einge- 
schätzt, ohne aber eingestandenermaßen seine eigentliche Wirksamkeit im ein- 
zelnen Falle erfaßt zu haben. 



70 Genetischer Teil 

welcher Mechanismen diese Verschiebung erfolgt, welche Hinder- 
nisse dabei als Entwicklungshemmungen zu überwinden sind 
und was wir als eigentliches Resultat dieser psychobiologischen 
Anpassungsleistung zu betrachten haben. Wir werden dabei nicht 
nur das energetische Problem der Libido Verschiebung von einer 
erogenen Zone auf die andere zu studieren Gelegenheit haben, 
sondern unser Augenmerk ebensosehr den traumatischen Ver- 
sagungen zuwenden müssen, welche offenbar notwendig sind, 
um die phylogenetisch vorgezeichnete Verschiebung beim Indi- 
viduum in Gang zu setzen und so die Kontinuität der biologischen 
Entwicklung zu garantieren. Das Studium der dabei ins Spiel 
tretenden Mechanismen, die eine solche aufgezwungene Ver- 
schiebung oder Ersetzung im Sinne der biologischen Entwicklung 
ermöglichen, wird uns vielleicht auch in mancher Beziehung 
klarer und eindeutiger als bisher die Hindernisse erkennen lassen, 
die zu Fehlentwicklungen an bestimmten Punkten dieses Weges, 
d. h. zur Fixierung oder Regression auf frühere Stufen führen. 

Gehen wir zunächst von dem uns wohlbekannten Endziel 
dieser infantilen Entwicklung aus, welches Freud als Ödipus- 
komplex, im engeren Sinne dieses Begriffes, umschrieben hat, 
so können wir sagen, daß wir die Entwicklung des Kindes von 
seiner ursprünglich rein biologischen Libidobeziehung zur Mutter 
bis zur sexuellen und sozialen Anpassungsleistung zu verfolgen 
haben. Nachdem Freud im Verlauf seiner psychoanalytischen 
Forschungen den Ödipuskomplex zuerst als Kernkomplex der 
Neurosen beschrieben hatte — sofern nämlich das Individuum 
an seiner Bewältigung scheitert — , mußte er später diese Auf- 
fassung dahin erweitern, daß es sich eigentlich um den spezifisch 
menschlichen Kern des gesamten psychischen Überbaus über 
dem Biologischen handle. Nachdem dann die Psychoanalyse die 
weiteren Schicksale des Ödipuskomplexes im Leben und in der 
Neurose des Einzelnen wie in der Gesamtentwicklung verfolgt 
hatte, begann sie sich in letzter Zeit für die Probleme zu inter- 
essieren, die zur Erforschung des Weges führen, auf dem das 
Kind diese sexuell und sozial bedeutsame Anpassungsleistung 
vollbringen und warum es daran scheitern kann. In „Trauma 
der Geburt" habe ich nun versucht, die tiefste psychobiologisch 
noch zugängliche Schichte dieses Problems zu erfassen und 



Zur Genese der Genitalität 71 

möchte dies jetzt für andere Schichten der präödipalen Entwick- 
lung zeigen. 

Die psychogenetische Frage, wie das Kind zum Ödipus- 
komplex kommt, haben wir uns zunächst für das Mädchen vor- 
legen müssen, nachdem wir erkannt hatten, daß für das Kind 
beiderlei Geschlechtes die Mutter das erste und anfangs einzige 
Libidoobjekt darstellt. Wir mußten uns fragen, wie das Mädchen 
den kompletten Wechsel des Libidoobjektes zustande bringt, 
analytisch gesprochen, wie es einen Teil der ursprünglich nur 
der Mutter geltenden Libido, die der Knabe zeitlebens am gleichen 
Geschlecht belassen und befriedigen darf, auf den Vater und in 
weiterer Folge ihrer biologischen Rolle auf den Mann übertragen 
kann. Wir vergessen dabei gewiß nicht, daß die biologische An- 
ziehung der Geschlechter ein starker Impuls dazu sein wird. 
Aber das eigentlich psychologische, d. h. spezifisch menschliche 
Problem beginnt erst jenseits dieser allgemein biologischen Fest- 
stellung, da uns ja gerade das Studium der weiblichen Neurosen 
gelehrt hat, wie viele Frauen diese Aufgabe niemals völlig bewäl- 
tigen können, so daß also dieser biologischen Tendenz offenbar 
starke Widerstände entgegenstehen müssen, die in der psychi- 
schen, d. h. spezifisch menschlichen Entwicklung begründet sein 
dürften. Natur und Herkunft dieser Widerstände ist durch die 
Analyse zum Teile bereits aufgedeckt worden, doch steht das 
letzte Wort zur Lösung dieses Problems noch offen. Wir werden 
später sehen, daß es in der Tatsache der menschlichen Entwick- 
lung einer „Psyche" über dem rein Biologischen begründet liegt. 
Es liegt aber nicht in meiner Absicht, mich schon hier damit 
zu beschäftigen, vielmehr habe ich vorläufig das umfassendere 
Problem im Auge, wie das Ich überhaupt zum Objekt 
kommt, und zwar auf der für das menschliche Sexualleben 
charakteristischen Stufe der sozialen Anpassung, die Freud als 
„Ödipuskomplex" beschrieben hat. Zu diesem Zwecke müssen 
wir von einer neuen Problemstellung ausgehen, indem wir kon- 
statieren, daß es für den Knaben eine ähnliche Anpassungs- oder 
Verschiebungsleistung gibt, die wir bisher vielleicht etwas unter- 
schätzt haben, weil hier das ursprünglich biologische Verhältnis 
zur Mutter, wenn auch auf anderer, nämlich der genitalen Stufe, 



72 



Genetischer Teil 



ins reife Leben fortgesetzt wird. Nun ließ mich die Analyse einiger 
einander ergänzenden Fälle von Entwicklungshemmung mit 
sexueller Perversionsneigung die vom Knaben zu leistende An- 
passung erkennen und formulieren, und diese Ergebnisse mögen 
dann auch gestatten, im Zusammenhang mit anderen Überle- 
gungen und Erfahrungen, auf das engere Problem der Genese der 
weiblichen Sexualanpassung neues Licht zu werfen. 

Die Aufgabe des Knaben in der Entwicklung zur Genitalität, 
welche späterhin auch die Ödipusanpassung und ihre soziale 
Überwindung gewährleisten wird, besteht nun darin, sich der 
Mutter anstatt der ursprünglich oralen Bemächtigung 
genital zu bemächtigen. Stellen wir sogleich fest, daß dies 
niemals voll gelingt, daß immer ein beträchtliches Ausmaß von 
oraler Libido im Sexualakt betätigt und befriedigt wird, ja daß 
sogar die weitestgehende Annäherung an dieses ideale Ziel, die 
volle sexuelle Bewältigung des Weibes, nicht nur mit sadistischer 
Befriedigung auf genitaler, sondern auch auf oraler Stufe 
(Beißen, Küssen) einhergeht. Uns interessiert aber hier nicht so 
sehr, wieviel von der ursprünglich oral-sadistischen Bewältigung 
der Mutter durch den Säugling ins normale oder perverse Sexual- 
leben mitgenommen wird, sondern wie der Rest — man wäre 
auf Grund der zahlreichen Perversionen und Neurosen fast ver- 
sucht zu sagen, der schäbige Rest — auf die genitale Stufe ver- 
schoben wird. Energetisch gesprochen: das Festhalten bzw. 
Wiederfindenwollen der ursprünglichen Lust ist nicht das Pro- 
blem, sondern selbstverständliche Voraussetzung. Die Frage ist, 
welche Mechanismen ermöglichen das Wiederfinden, die Fort- 
setzung auf anderer Stufe, und die noch wichtigere Frage, wie 
werden die Widerstände überwunden, die dem auch nur teil- 
weisen Aufgeben der alten Befriedigungsweisen, also dem Ge- 
lingen der Verschiebung entgegenstehen. 

Ich möchte als Resultat analytischer Untersuchungen voran- 
stellen, daß der biologisch vorgezeichnete Mechanismus dieser 
Verschiebung die Masturbation des Säuglings ist: der Weg, 
der über das Lutschen am Finger, das bekanntlich von rhythmi- 
schem Zupfen (Spielen) an anderen Körperteilen begleitet ist, 
bald zu rhythmischen Reizungen der Genitalzone mit der Hand 



Zur Genese der Genitalität 73 

(Finger) führt. 1 Eine, wie ich sagen möchte, rein mechanische, 
weil biologisch offenbar vorgebildete Masturbation, die allerdings 
bald in die eigentlich infantile Masturbation übergeht, die bewußt 
zur Lustgewinnung ausgeübt wird und unter das Zeichen des 
Schuldgefühles tritt, mit dessen Genese auf dieser frühinfantilen 
Stufe wir uns später beschäftigen werden. Vom Schicksal dieses 
ersten Konfliktes auf genitaler Stufe, der den Entwöhnungskampf 
auf oraler Stufe zu wiederholen scheint und daher häufig mit 
Eßstörungen des Kindes verbunden auftritt, hängt dann die Ent- 
scheidung über Grad und Zeitpunkt der Erreichung des Genital- 
primats ab, bzw. über Form, Art und Intensität eventueller 
späterer Hemmungen und Regressionen. Jedenfalls bedeutet aber 
diese frühe Masturbation des Kindes, die ich wegen ihres unbe- 
wußten Phantasiegehaltes und des damit verbundenen Schuld- 
gefühles als orale bezeichnen möchte, die vollzogene Verschie- 
bung oraler Libidoenergien auf die genitale Zone und somit die 
Entdeckung derselben als ersetzenden Lustquelle am eigenen 
Ich. Denn es handelt sich um mehr als um ein bloßes Wecken 
der biologischen Erogeneität dieser Zone, was ja durch die 
urethralen Funktionen plus den unvermeidlichen Reizungen bei 
der mütterlichen Pflege besorgt wird; vielmehr um die meines 
Erachtens für die Genitalfunktion wichtigste Verschie- 
bung von oral-sadistischer Libido, die mittels des 
Mechanismus der Masturbation aufs Genitale gebracht 
wird. Ohne diese würde es die genitale Zone sozusagen nie 
weiter bringen als beispielsweise die anale, die ja zeitlebens 
auch ein gewisses Ausmaß von Lust vermittelt, aber doch mehr 
als passive Begleiterscheinung ihrer biologischen Funktion denn 
als selbständige aktive Lustquelle. Späteren Ausführungen vor- 
greifend möchte ich schon hier betonen, daß die eigentliche 
Masturbation ein ausgesprochen sadistischer Akt ist, an 
sich selbst — anstatt an der Mutter (Brust) — vollzogen. In den 
Masturbationsphantasien des Mannes ist daher das sadistische 
Element, bei der Frau das masochistische so häufig dominierend 
und auch der vulgäre Ausdruck für die männliche Masturbation, 

1 Schon nach einer treffenden Beobachtung des alten Kinderarztes 
Lindner entdeckt das Kind die lustspendende Genitalzone (Penis oder Kli- 
toris) während des Wonnesaugens (Lutschens). 



74 



Genetischer Teil 



„sich einen herunterreißen", scheint mir mehr dieser sadistischen 
Tendenz als einem „Kastrationswunsch" zu entsprechen. 

Wenn wir im Hinblick auf diesen Mechanismus der Ver- 
schiebung oral-sadistischer Libido nach unten die vorhin 
erwähnte Aufgabe des kleinen Mädchens betrachten, so wären 
wir versucht zu sagen, daß sie im Vergleich mit der des Knaben 
sogar einfacher zu liegen scheint. Handelt es sich doch beim 
Mädchen um zwei anatomisch ähnlich gebaute erogene Höhlun- 
gen, die durch Einführung eines anderen erogenen und erektilen 
Organs (Brust bzw. Penis) gereizt und befriedigt werden, während 
beim Knaben diese anatomische Parallele nicht besteht, der 
Verschiebungsmechanismus also ein irgendwie komplizierterer 
sein muß. Beim Mädchen liegt dagegen die Schwierigkeit an 
anderer Stelle, wo sie der Knabe nicht hat, nämlich darin, daß 
das eigentliche Genitale (die Höhlung der Vagina) als libidinöser 
Ersatz des Mundes erst relativ spät entdeckt und eventuell 
akzeptiert werden kann. An dieser Aufgabe scheitern aber viele 
Frauen, deren Frigidität hier ihre Wurzel hat. Dagegen scheint 
der Penis als Brustersatz zu den frühesten „Sexualtheorien" zu 
gehören und dem kleinen Mädchen zu ermöglichen, einen Teil 
der auf die Mutter gerichteten Libido auf den Vater (Knaben) zu 
übertragen, insofern er das wichtigste die Mutter repräsentierende 
Organ, die Brust, zu besitzen scheint. Hier liegt die vielleicht 
wichtigste Wurzel der infantilen Vorstellung von der Mutter 
(Frau) mit dem Penis, eine Phantasiebildung, welche die voll- 
zogene Verschiebung vom ursprünglichen Libidoobjekt, der 
Mutter, auf den Vater anzeigt, den das Kind zuerst nur als Mutter 
mit dem Penis (statt der Brust) akzeptieren kann. 1 Ein großer 
Teil des Schocks neurotischer Frauen beim Anblick des erwach- 
senen (erigierten) Penis und der Erkenntnis seiner wirklichen 
Bedeutung erweist sich als Ausdruck der infantilen Enttäuschung, 
daß dieses männliche Organ kein wirklicher Brustersatz im 
infantilen Sinne ist, also nicht in den Mund, sondern in seinen 
genitalen Ersatz, die Vagina, eingeführt werden soll. Bei der 



1 Siehe auch J. Sadger („Psychopathia sexualis", S. 142): „Die Brust- 
warze der Mutter ist der ewig gesuchte, niemals gefundene Ur-Penis des 
Weibes." Übrigens hat bereits Havelock Ellis die Parallele Brust — Penis 
gezogen. 






Zur Genese der Genitalität 75 

Analyse von Frauen und Mädchen war es mir schon früher 
aufgefallen,« daß die am tiefsten verdrängte und vom Widerstand 
am intensivsten verteidigte Masturbationsphantasie mit ihrer 
Lokalisation an der Klitoris sich auf das Spielen (beim Saugen) 
an der mütterlichen Brust bezog. Dieser primäre Tatbestand ist 
auch in männlichen Analysen aufzufinden, wird aber durch 
eine später erfolgte Verschiebung aufs weibliche (mütterliche) 
Genitale ebenso „sexualisiert" (genitalisiert), wie beim Mädchen 
durch die nachträgliche Identifizierung der Klitoris mit dem 
wahrgenommenen Penis des Knaben. Ursprünglich hat jedoch 
die masturbatorische Tätigkeit des kleinen Mädchens an der 
Klitoris analog wie beim Knaben die Bedeutung einer Fort- 
setzung des Spielens an der Brust(warze) und ist so auch von 
dieser Seite her biologisch begründet. Allerdings schafft das 
Mädchen durch die spätere Gleichsetzung ihrer Klitoris mit dem 
Penis die Vorbedingung für gewisse Schwierigkeiten („Penis- 
neid"), die den Weg zu dem oben beschriebenen relativ einfachen 
Ziel komplizieren. 

Beim Knaben wird nun der die Brustwarze ersetzende 
Lutschfinger beim Spielen am Penis bald durch die Hohlhand 
abgelöst, welche zunächst die Mundhöhlung ersetzt, wie Bern- 
feld jüngst sehr hübsch ausgeführt hat, allerdings in einer mehr 
als bloß symbolischen Weise. In der Reifezeit tritt dann noch der 
Samen als Milchersatz hinzu (Stekels „symbolische Gleichung"), 
so daß man die spätere Masturbation als vollwertigen Ersatz des 
Saugaktes auf der narzißtischen Stufe der Genitalität beschreiben 
kann. Der durch die Verschiedenheit des Genitales bedingte Unter- 
schied im Mechanismus der Masturbation — beim Knaben voller 
Ersatz des Saugaktes: Penis = Brust, Hohlhand = Mund, Samen- 
erguß = Milchstrom; beim Mädchen dagegen nur Spielen an der 
Brustwarze = Klitoris, mit einem anderen Brustersatz, dem 
Lutschfinger, der erst später dem Penis gleichgesetzt wird — 
wird nicht nur den späteren „Kastrationskomplex" bei beiden 
Geschlechtern verschieden gestalten, sondern auch helfen, das 
endgültige Ziel der normalen Entwicklung zu erreichen, das 
beim Knaben genitale Bemächtigung der Mutter bedeutet, beim 

1 „Eine Neurosenanalyse in Träumen", S. 94. 



76 



Genetischer Teil 



Mädchen Identifizierung mit derselben durch narzißtische Be- 
setzung der eigenen Brust mit oraler Libido, soweit sie nicht 
vaginal verschoben wird. Und so findet das Mädchen späterhin 
in ihrer gesaugten Brust Ersatz für den vermißten Penis, der ja 
selbst nur als genitaler Ersatz des ursprünglichen Lustorgans 
der Brust, gewertet wird. Wir wollen nicht versäumen, hier darauf 
hinzuweisen, daß der Neurotiker regelmäßig das umgekehrte 
Resultat dieses Genitalisierungsprozesses aufweist: Beim Manne 
diestarkeMutteridentifizierung(mitderBrustbedeutungdesPenis,der 
daher immer noch verloren werden kann), beim Mädchen die über- 
starke Tendenz zur genitalen Bewältigung (Männlichkeitskomplex). 
Den vorhin angedeuteten Vermittlungsmechanismus bei 
diesen Verschiebungsvorgängen von oben nach unten leistet nun 
der Bemächtigungstrieb der Hand, der wieder auf Grund 
phylogenetischer Bahnungen ein gutes Stück seiner Eigenart 
oralen Libidozuschüssen verdankt. Man möchte mit Rücksicht 
auf die unterdrückten aggressiven Tendenzen der meisten Neur- 
otiker sagen, daß auf dem Wege der Verschiebung sadistischer 
Libido vom Mund aufs Genitale (den Penis) ein gutes Stück 
sozusagen in der Hand stecken bleibt und dem Greiftrieb des 
Säuglings, wie ihn Bernfeld kürzlich eingehend geschildert hat 
den eigentlich menschlichen Charakter der Bemächtigung ver- 
leiht, die ja beim Säugling noch offenkundig auf orale Einver- 
leibung hinzielt. Fügen wir gleich hinzu, daß der in die Hand 
konvertierte Sadismus sich auch noch auf genitaler Stufe in 
Greif- und Tastlust manifestiert, sich aber normalerweise am 
Objekt in einer Form gehemmter Aggression äußert, die wir als 
Zärtlichkeit bezeichnen. Dafür kann sich die Aggression zeit- 
weise auf der genitalen (und ursprünglich oralen) Stufe ausleben 
und diese Fähigkeit ist es, die wir (beim Manne) als Potenz 
charakterisieren (sexueller Appetit). Ihr sichtbares Zeichen, die 
Erektion, wäre sozusagen ein passageres Konversionssymptom 
sadistisch-oraler Libido. Tatsächlich wird ja auch der Penis erst 
im Zustand der Erektion als ein aktives Lustorgan entdeckt und 
erkannt, während er sonst ein passives (Entleerungs-)Organ ist, 
wie Brust und Vagina. 1 

1 Die von mir beschriebene „psychische Potenz", die eigentlich eine 
liyperpotenz ist, entspricht dem sadistischen Zuschuß zum biologischen Eja- 



Zur Genese der Genitalität 77 

Wenn wir uns an der Hand von Fällen in das feinere Stu- 
dium dieses komplizierten Mechanismus vertiefen, der die Über- 
leitung, Verschiebung und Konversion sadistischer Libido vom 
Mund aufs Genitale vermittelt, so fällt dabei ein überraschendes 
Licht auf die Genese und die Funktion der sogenannten Sexual- 
symbolik, deren allgemein-biologischen Hintergrund Ferenczi 
gelegentlich schon unterstrichen hat. Die Ersetzung des Mundes 
durch die Vagina erklärt die auch folkloristisch gut belegte Vor- 
stellung der Vagina dentata, die in keinem Falle männlicher 
Sexualstörung — sei sie neurotischer oder perverser Natur — 
zu vermissen ist; während beim männlichen Verschiebungs Vor- 
gang der in die Hohlhand (oder Vagina) aktiv eindringende Penis 
Zahnbedeutung erhält. (Siehe die masturbatorische Bedeutung 
der Zahnträume beim Manne, die aber ohne die Unterscheidung 
zwischen den Milchzähnen und den definitiven unverständlich 
bleiben.) 2 Diese Symbolik ist somit ein (phylogenetisches) Nieder- 
schlagsprodukt bzw. ontogenetisch ein Leitungsweg dieser Ver- 
schiebung, als deren Triebkraft wir auf dieser nächsten Stufe 
den sich im Beißen äußernden oralen Sadismus erkennen. Ja, 
vielleicht darf man mit Rücksicht darauf, daß als der biologische 
Zeitpunkt der Entwöhnung der Beginn der Zahnung gelten muß, 
sogar annehmen, daß mit derselben eine etwas veränderte Libido- 
ökonomie innerhalb der bereits eingeleiteten Verschiebungsvor- 
gänge Platz greift, indem ein Teil des oralen Sadismus, der 
nunmehr endgültig an der Mutterbrust nicht mehr befriedigt 
werden kann, zum Teil als Beißtrieb direkt biologisch im Freßakt 
fortgesetzt werden kann, während ein anderer Teil von dort aus 
sekundär längs der bereits gebahnten Verschiebungswege (Hand- 
Bemächtigung) aufs Genitale gebracht wird (Zahnsymbolik), das 
erst dadurch endgültig aus einem passiven (Brustersatz) zu 
einem aktiven (Mundersatz), also wirklichen Bemächtigungs- und 
Einverleibungsorgan bei beiden Geschlechtern wird. 



kulationsvorgang, der auch noch bei manchen Tieren eine rein passive Ent- 
leerung darstellt (Ejaculatio praecox). Der Orgasmus ist eine sadistische Orgie, 
was im epileptischen Anfall pathologisch verdeutlicht erscheint. 

- Der Zahnausfall im Traum entspricht dem Wunsch einer Rück- 
kehr auf die Säuglingsstufe und der Wiederherstellung der sadistisch- 
oralen Befriedigungssituation an der Mutterbrust. Die Kastrationsbedeutung 
solcher Symbolik kommt erst bei der sekundären Verschiebung nach unten zustande. 



78 



Genetischer Teil 



Ich kann hier nur kursorisch auf gewisse psychologische 
Bedingungen hinweisen, die bewirken, daß der orale Sadismus 
sich auf genitaler Stufe in einer der biologischen Sexualrolle 
beider Geschlechter scheinbar widersprechenden Weise verteilt. 
Dieses biologisch vielleicht tiefste Problem der Aktivität und 
Passivität stellt sich auf der uns hier interessierenden Ent- 
wicklungsstufe so dar, daß die Vagina die aktive (saugende) 
Erogeneität des Mundes übernimmt und die ihr biologisch zu- 
kommende passive Rezeptivität auf das ganze Körper-Ich ver- 
schiebt, dessen Spröde erst durch die Akte der männlichen 
Werbung überwunden werden muß. Anderseits erhält der Penis 
ursprünglich die passive (gewährende) Libidofunktion der Brust 
und erst sekundär, auf der Zahnungsstufe, die aktiv bemächti- 
gende Qualität, die von dort aus auf das übrige Körper-Ich 
verteilt wird und es zu den sexuellen Aggressionen der Werbung 
befähigt. Man tut aber gut, sich zu vergegenwärtigen, daß die 
Sexualbefriedigung (der Orgasmus) bei beiden Geschlechtern 
aktiv ist, auch bei der Frau, für die der Penis mehr Reiz- als 
Befriedigungsorgan darstellt (ähnlich wie die Vaginalhöhle für 
das männliche Glied). Dies sollte man nicht schlechtweg als 
„männlich" bezeichnen, auch nicht, wenn es sich an der Klitoris 
abspielt, die eben für die Frau das Organ der (aktiven) Befrie- 
digung bildet. Jedenfalls steht dieses überkreuzte Verhalten von 
Genitale und übrigem Ich in bezug auf Aktivität und Passivität 
mit der Tatsache der Bisexualität in Einklang und macht es ver- 
ständlich, daß beide Geschlechter sowohl die eine als auch die 
andere Verschiebungsbahn pathologisch benützen können, was 
sich in extremer Weise beim Neurotiker verrät, der die primäre 
Einstellung der „aktiven" Vagina bzw. des „passiven Penis" 
erhalten hat und dementsprechend auch in der Gesamthaltung 
seines Ich von dem abweicht, was wir als Norm in weiblicher 
bzw. männlicher Hinsicht erwarten. Hier ergeben sich wichtige 
Einblicke in den Anteil der genitalen bzw. genitalisierten Libido 
zur Charakterbildung oder besser definitiven Charakterformung, 
die wir aber hier noch nicht weiter verfolgen können. 

Dagegen lassen sich die Abweichungen in bezug auf diese 
Entwicklung zur Genitalität, die übrigens nicht durchaus als 
abnorm zu qualifizieren sind, ziemlich scharf gruppieren: Ist 



Zur Genese der Genitalität 79 

die normalerweise genitalisierte Orallibido beim Mann in Form 
der Vorstellung der Vagina denlata oder bei der Frau in der des 
Penis als Zahn zu stark betont, so resultiert die Angst, am 
Genitale gebissen zu werden, die wir übrigens beim Kinde in 
typischer Weise früher auftreten sehen als die besser bekannte 
Kastrationsangst des Abschneidens mittels Werkzeugen (Hand), 
die ich als kulturelle Kastrationsangst auf der sozialen 
Vaterstufe der Ödipussituation von der biologischen Kastra- 
tion auf der oralen Mutterstufe (im Sinne Stärckes) unter- 
scheiden möchte. Die spezifisch-neurotischen Störungen der 
vollentwickelten Genitalität. sind dann die Impotenz des 
Mannes, welche regelmäßig die ursprüngliche Angst vor der 
Vagina dentata verrät, und Frigidität bzw. Vaginismus der Frau, 
während die verschiedenen Ejakulationsstörungen, abgesehen von 
der amphimiktischen Erklärung Ferenczis, noch deutliche Züge 
der oralen Stufe im Sinne der Gleichung Samen = Milch auf- 
weisen („genitales Stottern"). 1 Wird dagegen (auf Grund eigener 
starker Oralerotik) am Penis als Brustersatz festgehalten, so 
führt dies, abgesehen von den typischen Phantasien oraler Be- 
fruchtung, die in der Biologie ihr reales Vorbild finden (Maul- 
brüter) — zur aktiven Perversion der Fellatio, und zwar sowohl 
bei der (maskulinen) Frau als beim (homosexuellen) Manne, bei 
dem in Umkehrung des weiblichen Vorganges sozusagen der 
Mund zur Vagina gemacht wird. Im übrigen wird auch normaler- 
weise der Mann ein gutes Stück mehr von der ursprünglichen 
Munderotik an den Lippen belassen, das die normale Frau aufs 
Genitale verlegen muß, weshalb er auch mehr zum Trinken, 
Rauchen und aktiven Küssen neigen wird oder dies zumindest 
mit einem gewissen Recht als männliche Tugend eingeschätzt 
wird und als unweiblich gilt. Was endlich die neurotischen Er- 
krankungen dieser Stufe betrifft, so sind die primitiven hyste- 
rischen Ernährungsstörungen, die Freud schon frühzeitig als 
Verschiebung von unten (dem Genitale) nach oben aufklären 
konnte, nunmehr als Symptome der oben belassenen Orallibido 
verständlich; aber auch die komplizierteren Ich-Störungen der 
Melancholiker, die Abraham mit der frühesten Entwicklungsstufe 



1 Die Identifizierung von Penis — Brust und Samen — Milch erklärt eine 
ganze Reihe neurotischer und perverser Sexualstörungen bei Mann und Weib. 



80 



Genetischer Teil 



der Orallibido in Zusammenhang bringen konnte, werden sich 
uns später als sadistische Äußerungen der primären Oralstufe 
erklären. 

Wir haben bisher zu zeigen versucht, wie ein bedeutendes 
Ausmaß von sadistischer Bemächtigungslust, die ursprünglich 
im Saugakt oral erfahren und befriedigt wurde, noch in der Still- 
periode selbst durch Vermittlung der Hand aufs Genitale ver- 
schoben wird. Diese Verschiebung beginnt schon sehr früh- 
zeitig und wird ontogenetisch offenkundig bedingt und einge- 
leitet durch die Diskontinuität der oralen Ernährung. Der ent- 
scheidende Schritt und Abschluß in diesem Verschiebungsprozeß 
wird jedoch erst durch das „Trauma der Entwöhnung" gesetzt, 
das nach dem vorangegangenen biologischen Trauma, der Durch- 
schneidung der Nabelschnur, den letzten Schritt in der definitiven 
Emanzipierung von der mütterlichen Nahrung bedeutet und dem 
Kind — wenigstens in unserem Zivilisationsmilieu — mehr 
weniger gewaltsam aufgezwungen wird, wenngleich es jeden- 
falls seine biologische Grenze in der Zahnung findet. Ich möchte 
jedoch an dieser Stelle einem einschränkenden Gesichtspunkt 
Raum geben, der mir nach verschiedener Richtung von Bedeutung 
zu sein scheint. Ich möchte nämlich nicht den Eindruck er- 
wecken, als würde ich nun den traumatischen Akzent von der 
Geburt auf die Entwöhnung verlegen. Im Gegenteil lege ich 
Wert auf die Feststellung, daß ich auch das „Entwöhnungs- 
trauma" nur als plastischen Terminus zur Charakterisierung eines 
bestimmten biologischen Entwicklungsabschnittes benütze der 
ja normalerweise ohne besonderen Schaden vertragen wird. Das 
eigentlich Traumatische, das dann für die Pathologie so bedeut- 
sam wird, liegt also nicht so sehr in den biologisch bedingten 
Traumen als in den damit eingeleiteten oder abgeschlossenen 
Verschiebungs- bzw. Entwicklungsprozessen auf die nächste 
biologische Stufe, wo sich das Trauma erst pathogen 
auswirkt. Das Pathogene liegt also eigentlich zwischen den 
Traumen, d. h. in dem mehr oder weniger tadellosen Funktio- 
nieren der Verschiebungsmechanismen, das, biologisch vorge- 
zeichnet, schon vor dem Trauma einsetzt und, wenn man teleo- 
logisch sprechen darf, den Zweck zu haben scheint, den Ent- 
wicklungsschub eben nicht traumatisch wirken zu lassen. Dies 



Zur Genese der Genitalität 81 

wird erreicht, indem das Individuum zur Vermeidung des Traumas 
eine durch Verschiebungen hergestellte Ersatzbefriedigung bereit- 
hält, mittels welchen „Gelegenheitsapparates" (im Sinne Bleu- 
lers) es gewöhnlich gelingt, den Schock zu paralysieren. Gelingt 
die Verschiebung nicht in dem Maße, daß eine ökonomische 
Neuaufteilung der erschütterten Libidoenergie möglich ist, so 
entstehen, je nachdem, ob zu wenig oder zu viel, zu früh oder 
zu spät verschoben wurde, die verschiedenen pathologischen 
Reaktionen. Da nun beim Trauma der Entwöhnung in der eben 
geschilderten Weise die entscheidende Verschiebung aufs Geni- 
tale erfolgt, so wird ein Mißlingen innerhalb dieses Mechanismus 
von besonderer Bedeutung sein und sich in Form der uns be- 
kannten neurotischen Störungen auf der genitalen Stufe aus- 
wirken. Allerdings scheint nach einer tiefen Bemerkung von 
Freud ein gewisses Maß von Ermäßigung der Sexuallibido auf 
der genitalen Stufe zu den Anforderungen unserer Kultur zu 
gehören, und so hat das Trauma nicht nur die Funktion, das 
Quantum plötzlich unverwendbar gewordener Energie abzuleiten, 
sondern auch gleichzeitig damit die sadistische Libido im kultu- 
rellen Ausmaß zu ermäßigen, indem es sie auf der genitalen 
Stufe der Fortpflanzungsfunklion dienstbar macht. 1 Wobei wichtig 
ist, daß der phylogenetisch vorgebildete und in der Kindheit 
funktionstüchtig gemachte Verschiebungsmechanismus im ein- 
zelnen Sexualakt, der ja von Küssen eingeleitet und begleitet 
wird, immer aufs neue diesen Prozeß wiederholt. Wir 
wollen jetzt sehen, in welcher Weise wir uns die dynamische 
Funktion dieses Mechanismus psychologisch-energetisch vor- 
stellen können. 

Bisher haben wir nur ausgeführt, wie Teile dieses oralen 
Sadismus dazu verwendet werden, um die Bemächtigungstendenz 
der Hand zu speisen, die genitale Aktivität zu wecken und die 
für die spätere, von der Mutter unabhängige Ernährung not- 



1 Hier zweigt ein wichtiges Problem der Psychosexualität ab. Da in 
unserem Kulturmilieu die sadistische Bewältigung des Weibchens zum Zwecke 
der Fortpflanzung entfällt, bleibt ein großer Teil des Sadismus im Sexualakt 
unbefriedigt und führt, wenn er nicht anderwärts ausgelebt werden kann, zu 
psychischen Störungen. Anderseils sehen wir im Tierreich, daß der Sadismus 
zuerst ausgelebt werden muß, bevor es zur Fortpflanzung kommen kann (z. B. 
cissism. Internat. Journal of Psa., VI, 3, July 1925. 

Rank, Grundzügo einer genetischen Psychologie. 6 



82 Genetischer Teil 

wendige Beiß- bzw. Freßenergie zu verstärken (Hunger-Libido). 
Dies ist jedoch nur ein Teil der Verwendung, und zwar die 
Verwendung des ursprünglich oralen Sadismus zur Bemächti- 
gung der Außenwelt in bezug auf Befriedigung des Nahrungs- 
triebes und des Sexualtriebes. Man möchte sagen, die animalische 
Verwendung dieser Libido im biologischen Sinne. Die eigentlich 
menschliche Seite erfassen wir erst, wenn wir verfolgen, wie 
ein anderer Teil dieses oralen Sadismus — im Gegensatz zur 
animalischen Bemächtigung der Außenwelt — zum Aufbau der 
diese Aggressionen hemmenden und regulierenden Ich-Instanzen 
verwendet wird, die zu einer sozialen Realitätsanpassung not- 
wendig sind. Die Analyse hat sich bisher diesen hemmenden 
Faktoren im Ich vom Verständnis des Schuldgefühls her ge- 
nähert, wie es Freud in „Ich und Es" angebahnt hat. Halten 
wir dazu noch die therapeutisch wichtige Erfahrung, daß bei 
richtiger Auflösung des namentlich die Potenz hemmenden 
Schuldgefühls ein neuer Schub sadistischer Libido das Genitale 
besetzen muß, um es funktionstüchtig zu machen, so kann kein 
Zweifel sein, daß auch die hemmenden Ich-Instanzen, ebenso 
wie die aggressiven, aus der unverwendbar und unbefriedigbar 
gewordenen oral-sadistischen Libido entstehen. Wir können uns 
das vorläufig so denken, daß sie durch eine Art Stauung ins Ich 
gehen und dort zur Schaffung jener Hemmungen führen, die wir 
als Vorstadium des von Freud als „sadistisch" charakterisierten 
Über-Ichs erkennen, dessen Genese wir allerdings auch noch in 
die allererste Periode der Reinlichkeitsgewöhnung durch die 
Mutter weiter verfolgen können. Damals bereits konnte das Kind 
der verbietenden, versagenden Mutter zuliebe, aber auch aus 
Angst vor der strafenden Mutter, auf unzeitgemäße Lustbefrie- 
digung aus den Körperfunktionen verzichten, weil es vorher 
bereits die an der Mutterbrust verwehrte Befriedigung der sadi- 
stisch-oralen Libido zur Aufrichtung von Ich-Hemmungen zu 
verwenden gezwungen worden war. Die bekannten Züge des 
Analcharakters, Reinlichkeit und Ordnungssinn, sind die ferti- 
gen Produkte eines späteren Identifizierungsprozesses, der sich 
beim Aufgeben des Objektes an Stelle der Folgsamkeit gegen 
dasselbe einstellt, während der abgespaltene Trotz die nie ganz 
gebändigte Auflehnung des schlimmen, i. e. libidinösen Kindes 



Zur Genese der Genitalität 83 

repräsentiert. Aber all das sind dann relativ leichte, weil bloß 
regulative Versagungen — wie auch die temporäre Entziehung der 
Mutterbrust — , während die eigentliche Entwöhnung eine schwere 
positive Libidoversagung bedeutet, die durch das erzieherische 
Verbot der genitalen Befriedigung (Masturbation) oder der oralen 
(des Lutschens) noch verstärkt wird. Die Unentwickeltheit des 
gesamten motorischen, speziell aber des genitalen Apparates, 
der nicht imstande ist, das ganze Quantum freigewordener sadi- 
stischer Libido aufzunehmen, zu verarbeiten und abzuführen, 
scheint so letzten Endes den Grund für die Stauung im Ich zu 
bilden, die sich nur negativ als Hemmung, als sadistische Strenge 
gegen das eigene Ich auf der gleichzeitigen Identifizierung mit 
der sich gänzlich versagenden („strengen") Mutter aufbaut, die 
als Lustquelle aufgegeben und ebenfalls am Ich ersetzt werden 
muß (Lutschen, Masturbation). 

Die Bedeutung der Entwöhnung für die Entwicklung der 
Ich-Hemmungen läßt sich also dahin zusammenfassen, daß ein 
Stück oralen Sadismus, das nicht zur Aktivierung der Genital- 
libido verwendet werden kann, zu den frühen Liebeshemmungen 
der versagenden Mutter gegenüber hinzutritt, sobald sie als 
Lustquelle aufgegeben, d. h. als Objekt anerkannt werden muß. 
Dieser Prozeß hat verschiedene folgenschwere Wirkungen. Erstens 
verstärkt der orale Sadismus im Ich die negative Trotzkompo- 
nente und bringt so ein nie mehr versiegendes Element des 
Hasses gegen die Mutter als Ursache dieser Versagung in das 
libidinöse Verhältnis, womit die aus dem Geburtstrauma mitge- 
brachte Ambivalenz gegen die Mutter zu neuem dauerndem 
Leben erweckt wird; zweitens gibt sie den früher angedeuteten 
primitiven Liebeshemmungen, die man in Anlehnung an ein 
Wort Ferenczis als Sphinkter-Ich zusammenfassen könnte, 
erst das eigentliche psychologische Rückgrat, nämlich die von 
Freud betonte sadistische Strenge, die später das väterliche 
Über-Ich übernehmen wird, und die wir in verschiedenen Ver- 
arbeitungen als Angst, als Schuldgefühl, als Strafbedürfnis, 
Masochismus gegen die eigenen Triebregungen wüten oder sich 
als sadistische Rache gegen die „schlechte Mutter" am Objekt 
austoben sehen. Die aus dem gestauten oralen Sadismus stam- 
mende Über-Ich-Hemmung greift dann nicht nur auf die früheren 

6* 



84 Genetischer Teil 

Liebesversagungen analer und urethraler Natur zurück und gibt 
ihnen so einen mehr negativen (Trotz-)Charakter als ihnen ur- 
sprünglich zugekommen war, sondern sie greift zugleich auch 
auf die neue Form der Libidobefriedigung, die genitale Masturba- 
tion über, wo sich die Hemmung dann dauernd lokalisiert. 
Dadurch verwandelt sich die ursprünglich von der oralen Er- 
nährungsart aufs Genitale verschobene temporäre Befriedigung 
mit abwechselnd temporärer Versagung in den uns bekannten 
psychischen Konflikt des Abgewöhnungskampfes, der ja so häufig 
hysterischerweise aufs Essen verschoben, eigentlich rückver- 
legt wird. 

Die hemmenden Ich-Instanzen bauen sich also ursprünglich 
auf mütterlichem Boden in Form der sogenannten „Sphinkter- 
moral" auf, deren Bedeutung für die Genese der Moral des Er- 
wachsenen früher schon von Müller-Braunschweig betont 
worden war. Von hier aus fällt ein entscheidendes Licht auf die 
Frage der aktiven Therapie im Sinne Ferenczis (Verbote), wie 
auch auf die früheste, wie ich sagen möchte, biologische Erzie- 
hung durch die Mutter, indem die letztere unzweifelhaft aktiv, 
d. h. mit Entziehungen und Verboten arbeiten muß, während 
die psa. Therapie meines Erachtens dies nur in einer indirekten 
Weise tun kann. Ich kann auf das Therapeutische hier nicht 
näher eingehen, möchte aber doch sagen, daß die hier dargelegte 
Auffassung für die relative Passivität der analytischen im Ver- 
gleich zur erzieherischen Tätigkeit eine theoretische Begründung 
zu geben scheint, da sie die von Kinderanalytikern (Melanie 
Klein) festgestellten Schuldgefühlsreaktionen des Kleinkindes aus 
dem Verhältnis zur Mutter verständlich macht, die lange vor jeder 
Vateridentifizierung und der Aufrichtung des eigentlichen Über- 
ich funktionieren, das diesen biologischen Prozeß auf sozialer 
Stufe nur wiederholt. 

Der auf die genitale Stufe gebrachte Sadismus wird dann dem 
libidospendenden Objekt gegenüber in die gehemmte Form der 
Zärtlichkeit gebracht, welche aber nur eine Rückkehr zum ur- 
sprünglich zärtlichen (gewährenden) Verhältnis zur Mutter be- 
deutet, deren Zärtlichkeit das Kind frühzeitig erwidern lernt 
(es lernt von der Mutter lieben). Nur ihr zuliebe kann es Befrie- 
digungen aufgeben, die die Mutter verwirft und für deren Entzug 



Zur Genese der Genitalität 85 

sie das Kind mit Zärtlichkeiten belohnt. Die Rückkehr vom 
sadistisch-oralen Verhältnis zur Mutter in die ursprünglich zärt- 
liche Liebesbeziehung zu ihr erfolgt endgültig in der Ödipus- 
situation, wo der Knabe die Mutter auf diese zärtliche (ziel- 
gehemmte) Weise ähnlich zu erobern hat, wie das Mädchen den 
Vater erst zu gewinnen. Die in diese Kindheitsperiode fallenden 
Vergewaltigungs- bzw. Verführungsphantasien sind nur der 
Niederschlag dieser aggressiven und gehemmten (zärtlichen) 
Komponente der genitalisierten Orallibido (die zärtliche und die 
sinnliche Strömung). In diesem Sinne wäre die Genitalität, aus 
ihrer libidinösen Genese verstanden, eher eine Funktion zur 
Ermäßigung (Aufteilung und Abschwächung) der sadistisch-oralen 
Libido, anstatt zu ihrer ungehemmten Fortsetzung, und dies 
würde nicht nur ihren im wahren Sinne des Wortes unersättlichen 
Charakter verständlich machen, sondern zugleich auch für die 
Kontinuität der biologisch vorgebildeten Fortpflanzungsfunktion 
sorgen, deren Exekutivorgan das Genitale ist. Beide Geschlechter 
versuchten demnach auf der genitalen Stufe die ursprünglich 
an der Mutterbrust erfahrene sadistisch-orale Lust wieder herzu- 
stellen; dies gelingt aber nur zum geringen Teil — aus den oben 
angeführten Gründen inadäquater Abfuhrmöglichkeit — und kom- 
pliziert auf diese Weise die biologisch vorgebildete Fortpflan- 
zungsfunktion in den für das menschliche Liebesleben charakte- 
ristischen Störungen der Sexualfunktion, die einerseits von der 
im Ich gestauten und so die Genitalfunktion hemmenden, ander- 
seits der das Genitale zu stark in Anspruch nehmenden oralen 
Libido bedingt werden und die wir je nachdem als neurotische 
Hemmung oder als perverse Neigung charakterisieren. Der nor- 
male Sexualakt selbst wäre dann nicht nur Ersatz, sondern 
zugleich (sadistische) Rache für die versagte Oralbefriedigung an 
der Mutterbrust, und je nachdem die eine oder die andere Tendenz 
zu stark überwiegt, resultieren die uns bekannten Störungen 
des Liebeslebens, die sich für beide Geschlechter auf die 
Formel reduzieren lassen: zu weitgehender Ersatz für die 
orale Befriedigung an der Mutter (Brust) oder zu weit- 
gehende Rache für die Entziehung dieser Befrie- 
digung. 



86 



Genetischer Teil 



Dieser ganze Entwicklungs- und Verschiebungsprozeß von 
der oral-sadistischen Befriedigung an der Mutterbrust bis zur 
partiellen Wiederherstellung dieser Befriedigung am Genitale des 
anderen Geschlechtes führt über ein äußerst wichtiges Stadium 
der narzißtischen Ersetzung am eigenen Genitale, als dessen 
Repräsentanten wir die Masturbation erkannt haben. Der Weg 
führt also vom Objekt (der Mutterbrust) über das anatomisch 
verschiedene Körper-Ich der beiden Geschlechter wieder zurück 
zum Objekt, aber zu dessen Genitale, und zwar beim Knaben 
zum mütterlichen, beim Mädchen zum väterlichen. Diesen Um- 
weg über das Ich oder präziser über das eigene Genitale, das 
dem Endziel, dem Genitale des Objektes, entgegengesetzt ist, 
kennen wir in groben Umrissen als das narzißtische Stadium. 
Das Studium seiner feineren Struktur, dem wir hier etwas näher 
treten müssen, erfordert unser volles theoretisches und prak- 
tisches Interesse, weil sein weiteres Verständnis sich von noch 
größerer Tragweite für die Psychologie und Pathologie des Ich- 
Aufbaues erweist, als wir heute schon anzunehmen bereit sind. 

Die Frage, wie das Kind dazu kommt, für den Verlust der 
Mutterbrust Ersatz am eigenen Körper (in Form des Lutschens 
am Finger und der genitalen Masturbation) zu suchen, mag uns 
in die Problemstellung einführen. Eine volle Beantwortung dieser 
Frage scheint mir heute nicht möglich, da die Genese der narziß- 
tischen Libidoorganisation, die wir bereits bis in die pränatale 
Periode zurückverfolgt haben, noch nicht eindeutig gegeben ist. 
Soviel läßt sich aber aus der Analyse pathogener Liebesver- 
sagungen deutlich erkennen, daß das aufgegebene Objekt nicht 
nur am Ich wieder gesucht (Identifizierung), sondern auch wie 
ein Teil des Ich behandelt wird („Kastration"), und zwar des- 
wegen, weil es ursprünglich bereits als solches geliebt worden 
war. Es ist zweifellos, daß diese Tatsache auf die biologische 
Einheit Mutter— Kind zurückgeht, eine Identität, die durch das 
Trauma der Geburt offenbar nur schwer erschüttert, psycholo- 
gisch aber nie mehr gänzlich aufgegeben wird. Ich möchte nun 
in den ersten Versuchen des Säuglings, Finger, Hand, Genitale, 
also Teile des eigenen Körpers — soweit er noch als Außenwelt 
empfunden wird — als Ersatz für die aufzugebende Mutterbrust 
zu suchen, die ersten Anzeichen erblicken, daß bzw. in welchem 



Zur Genese der Genitalität 87 

Maße die Mutter allmählich als Objekt (der Außenwelt) akzeptiert 
wird. Demzufolge wäre es gar nicht das Problem, daß das Kind 
Ersatz für die Mutter am eigenen (Körper-)Ich sucht, diese Tat- 
sache entspräche vielmehr einem Festhalten der Mutter(-Brust) 
als einem ursprünglichen Teil des eigenen Ich. Wenn dann später 
— in vollem Ausmaß in der Ödipussituation — das Kind vom 
Ich wieder aufs Objekt rekurriert, so wird diesem Objekt eine 
ziemlich starke Ich-Qualität angeheftet, deren Übermaß zu patho- 
logischen Resultaten führt, als deren bekannteste ich die narziß- 
tische Objektwahl des Homosexuellen nach dem eigenen Ich 
anführen möchte. In späteren Abschnitten werden wir zei- 
gen, in welcher Weise und bis zu welchem Grade dieses 
Wiederfinden des Ich (oder eines aufgegebenen Ich-Teiles) 
am Objekt auch in den normalen Liebesbeziehungen mitwirkt, ja 
geradezu determinierend ist, und in welch interessanter Weise 
es sowohl Schaffung als Zerstörung des Ödipuskomplexes mit- 
bedingt. 

Sicher ist, daß so zunächst der Finger und weiterhin das 
Genitale als Brustersatz am eigenen Ich festgehalten werden, 
während das verlorene Objekt nicht als aufgegeben anerkannt, 
sondern nach dem Prinzip der zu saueren Trauben in der Realität 
verleugnet wird. Gleichzeitig trachtet damit das Ich sich wieder 
unabhängig von den Versagungen der Außenwelt zu machen und 
bleibt sozusagen dem Genitale ewig dankbar dafür, indem es sich 
mit ihm stark und dauernd identifiziert, d. h. es narzißtisch mit 
Libido besetzt. Vielleicht darf man sogar mit Rücksicht auf die 
erstaunliche Identifizierung des infantilen Ich mit seinem Geni- 
tale, die in der weitverbreiteten Symbolik des „Kleinen" ihren 
Niederschlag gefunden hat, die von Ferenczi geäußerte Ver- 
mutung stützen, daß die Entdeckung des Ich mit der Entdeckung 
des Genitales — wie ich hinzufügen möchte, als Ersatzes der 
Mutterbrust — in entscheidender Weise zusammenhängt. Wenn 
dem so wäre, dann würde ein Teil der aufs Genitale verscho- 
benen oralen Libido von dort aus narzißtisch aufs ganze Ich 
ausstrahlen und auch das bisher nur in Abhängigkeit vom Objekt 
funktionierende Sphinkter-Ich narzißtisch besetzen, was einen 
gewissen Stolz nicht nur in bezug auf die Beherrschung der 
Funktionen schaffen würde, sondern auch in bezug auf die Ersatz- 



88 



Genetischer Teil 



leistung am eigenen Körper für den aufgezwungenen Objekt- 
verlust. 1 

An diese erste narzißtische Idealbildung knüpft dann der 
Knabe an, wenn er den Weg vom narzißtisch besetzten Ich 
(dem eigenen Genitale) zu dem später in der Mutter objektivierten 
Ich(-Teil) in der Ödipussituation zurückgeht, indem er dem Vater, 
der ja nach der sadistischen Koitusauffassung die Mutter bewäl- 
tigt, zum Vorbild nimmt, um stolz an der Virgo selbst zum Ka- 
strator zu werden, wobei er die eigene Kastrationsangst durch 
sadistische Besetzung des Penis kompensiert und die Furcht vor 
dem weiblichen Genitale durch Akzeptierung der biologischen 
Kastration überwindet. Dies wird allmählich vorbereitet, indem 
die hemmende, versagende und strafende Mutterimago zum 
größten Teil auf den hindernden Vater verschoben, zunächst 
in ihm wirklich objektiviert wird, um dann später als soziales 
Über-Ich nur wieder ins eigene Ich zurückverlegt zu werden. 
Der Vater, der im Gegensatz zur Mutter von Anfang an nur 
fremdes Objekt der Außenwelt war, kann also nur über den 
Umweg der Identifizierung mit der Mutter, die ursprünglich als 
Teil des Ich gewertet worden war, mit diesem Ich in Beziehung 
treten. Und zwar in der Weise, daß der Knabe vorwiegend die 
schlechte, hemmende und strafende Mutter in ihm objektiviert, 
das Mädchen die gute gewährende, weshalb sie auch so lange 
und oft an der Brustbedeutung des Penis festhält, während beim 
Knaben die Vorstellung der Frau mit dem Penis als Nieder- 
schlagsprodukt dieses Entwicklungsprozesses resultiert. Hier 
erweist sich aber auch, daß der Knabe insolange und insoferne 
Kastrationsangst zeigen wird, solange er am Penis als einem 
(passiven) Brustersatz festhält, den er ja erfahrungsgemäß ver- 
lieren kann: ursprünglich durch Schuld der Mutter, auf genitaler 
Stufe durch Schuld des Vaters, der ja die Mutter ganz für sich 
in Anspruch nimmt. Der Knabe muß also normalerweise auf den 
sadistischen Mechanismus der aktiven Mund- bzw. Zahnsymbolik 
zurückgreifen, welche es ihm gestattet, den Penis als dauernden 
Teil seines Ich (entsprechend den zweiten Zähnen) narzißtisch 
zu besetzen und die Brust dem Mutterobjekt zuzuerkennen, was 

1 Siehe die anregenden Gedanken von Kapp: Sensation and Nar- 
cissism. Internat. Journal of Psa.. Vi, 3, July 1925. 



Zur Genese der Genitalität 89 

scheinbar zur Gänze niemals möglich ist. Das Mädchen wieder 
ist erst in der Lage, den Penis als Brustersatz aufzugeben, 
nachdem sie in der Reifezeit am eigenen Körper die Brust narziß- 
tisch besetzt — stolz darauf wird — und so als Mittel zur defini- 
tiven Mutteridentifizierung benützen kann, die in der Akzeptierung 
der Vagina als eines Lust- und Gebärorgans gipfelt. 

Von diesem ihrem biologisch vorbestimmten Schicksal baut 
sich das Über-Ich der Frau grundsätzlich verschieden von dem 
des Mannes auf. Denn während dieser mit Vollzug der Vater- 
identifizierung den ursprünglich oralen Sadismus teilweise genital 
ausleben kann und sozial hemmen muß, baut sich die Mutter- 
identifizierung der Frau als direkte Fortsetzung über dem primi- 
tiven mütterlichen Sphinkter-Ich auf und hemmt so, ganz im 
Gegensatz zum Manne, ihre sexuelle Aggression, was sie zwar 
in anderer Weise, aber doch auch sozial macht. Beim Manne 
dagegen erfolgt die kulturelle Hemmung der sexuellen Aggres- 
sion durch die für ihn allein charakteristische soziale Ka- 
strationsangst, welche die Frau nur auf oraler Stufe (als biolo- 
gische Kastration) kennt. Dieser Unterschied erklärt manche 
spezifischen Unterschiede im Charaktertypus von Mann und 
Weib, mit denen sich eine spätere Charakterologie und Sexual- 
moral im Sinne von Weiningers „Geschlecht und Charakter" 
zu befassen haben wird. Allgemein können wir hier nur sagen, 
daß die Frau zeitlebens auf Grund der erreichten Mutteridentifi- 
zierung mehr die Moral der ersten mütterlichen Verbote, des 
„Du darfst nicht" (das schickt sich nicht für ein Mädchen) in 
Charakter, Benehmen und Sexualleben behalten wird, während 
der Mann mehr dem aggressiven väterlichen Imperativ des „Du 
sollst" folgen wird. 



> 



2. Zur Genese des Schuldgefühls. 

Wir haben zu zeigen versucht, wie der ursprünglich orale 
Sadismus biologisch zur animalischen Bemächtigung der Außen- 
welt verwendet wird: teilweise, indem er als Freß-(Beiß-)Lust 
am Mund erhalten bleibt, zum anderen Teile den Bemäch tigungs- 
trieb der Hand speist und schließlich durch Vermittlung der 
Hand aufs Genitale übertragen wird, wo er im Sexualakt eine 
mehr weniger weitgehende Befriedigung im Dienste der biolo- 
gischen Fortpflanzungsfunktion findet. Da aber unser domesti- 
ziertes Sexualleben keine genügende sadistische Befriedigung 
mehr gewährt, muß ein Teil dieser unverwendbaren Libido- 
energie innerhalb des Ich aufgearbeitet werden; sie wird dort 
gestaut und verschiedenartig gebunden und bildet so den Kern 
der die animalischen Impulse in sozialer Weise hemmenden Ich- 
Instanzen, deren Genese wir nun auf den verschiedenen Stufen 
ihrer Entwicklung näher verfolgen wollen. 

Entsprechend dem genetischen Standpunkt beginnen wir 
aber nicht bei der Ödipussituation, um das dort lokalisierte 
Schuldgefühl analytisch zurückzuverfolgen, sondern wollen ver- 
suchen, seine Entwicklung genetisch darzustellen, indem wir an 
unsere früheren Ausführungen anknüpfen. Wir gehen dabei über 
die Freud sehe Zurückführung des Schuldgefühls auf den in 
der Ödipussituation bedingten „Kastrationskomplex" hinaus, der 
selbst schon ein Symptom des Schuldgefühls ist, aus dessen 
Analyse wir neue Einsichten gewinnen können. Vor allem die, 
daß das Freud sehe „Über-Ich", das ihm ebenfalls als Abkömm- 
ling des Ödipuskomplexes gilt, lange vor dessen Konstituierung 
sich genetisch aus dem gehemmten Sadismus aufbaut. Dies erfolgt 
in Beziehung auf das mütterliche Objekt, demgegenüber sich 
das ungehemmte („sadistische") Kind mit Unterwerfung seines 
Ich („masochistisch") einstellen lernt. Wir deuteten bereits an, 
wie die hemmenden Ich-Instanzen sich ursprünglich auf mütter- 



Zur Genese des Schuldgefühls 91 

lichem Boden, d. h. aus dem Verhältnis des Säuglings und Klein- 
kindes zur Mutter entwickeln, indem wir ein sogenanntes 
„Sphinkter-Ich" als physiologischen Kern des späteren rein 
psychologischen Über-Ich annahmen. Dieses „Sphinkter-Ich" 
bildet sich auf Grund der ersten erzieherischen Einflüsse durch 
die Mutter, und zwar bereits auf dem Boden der früheren 
libidinösen Beziehung zu ihr (im Saugakt). Die dort zuerst statt- 
gehabte Versagung und Stauung der oralen Libido ermöglicht 
dem Kind auch die späteren erzieherischen Einschränkungen 
von Seiten der Mutter zu dulden und dafür Zärtlichkeiten als 
Belohnung einzutauschen. 

Die ersten realen Versagungen von seiten der Mutter be- 
treffen, wenn wir von der großen biologischen Versagung absehen, 
die mit dem Trauma der Geburt gesetzt ist, die Ernährung an der 
Brust. Das Kind scheint deren zeitweilige Unterbrechung solange 
ruhig hinzunehmen, als das physiologische Nahrungsbedürfnis 
noch allein im Vordergrund steht und seine Stillung auch volle 
libidinöse Befriedigung bringt. Bald tritt aber das Bedürfnis 
nach oraler Lustgewinnung unabhängig vom Hunger- oder Sätti- 
gungsgefühl auf und äußert sich im Drang zum Lutschen. Dies 
weist darauf hin, daß das Kind die Mutterbrust als Organ zur 
Lustgewinnung deutlich erkannnt hat und in den immer größer 
werdenden Stillintervallen libidinös vermißt. Erst auf dieser Stufe 
scheint der Entzug der Mutterbrust für das Kind den Charakter 
einer „Versagung" anzunehmen. Als Reaktion darauf tritt die 

— wie ich glaube, durch das Geburtstrauma bereits präformierte 

— Ambivalenz gegen die Mutter zum ersten Male deutlich in 
Erscheinung. Die als unlustvoll empfundene Versagung wird nur 
unter Protest akzeptiert (Schreien, Weinen, Strampeln), Reak- 
tionen, in welchen die unbefriedigte oral-sadistische Libido als 
Wut, Ärger, Haß (gegen die Mutter) teilweise abreagiert wird. Zum 
anderen Teile wird sie im Ich gestaut und führt so zur Aufrich- 
tung von Hemmungen (innerer Versagung). Ich habe bereits 
in meiner ersten analytischen Arbeit („Der Künstler", 1907) 
diese innere Selbsthemmung eines Triebes als wesentlichsten 
Mechanismus für den Aufbau unseres Charakters und moralischen 
Ich angenommen, während Freud immer nur die äußere Trieb- 
hemmung (Versagung) gelten lassen wollte. Erst mit dem Begriff 



92 



Genetischer Teil 



des „Über-lch" hat Freud auch die innere Hemmung akzep- 
tiert, allerdings nur im Sinne der späteren Vateridentifizierung, 
d. h. der Aufrichtung der väterlichen Kastrationsdrohung im Ich. 

Die mütterlichen Versagungen ist das Kind von Anfang an 
nur imstande zu akzeptieren, indem es Ersatzbefriedigungen am 
eigenen Körper (Finger, Zehen, Ohrläppchen usw.) sucht und 
findet, als deren geeignetste es bald die biologisch vorgebildete 
Genitalzone entdeckt. Ein anderer Teil des in libidinöser Weise 
an der Mutterbrust unbefriedigbar gewordenen Sadismus richtet 
sich dabei gegen die Mutter selbst, soweit sie bereits als Objekt 
empfunden wird. Dabei ist wichtig im Auge zu behalten, daß die 
Mutter — wie bereits angedeutet — eben in dem Maße als Objekt 
erkannt und akzeptiert wird, als sie Versagungen auferlegt, also 
sich benimmt wie die übrige feindliche Außenwelt. 

Ein ähnlicher Prozeß wie mit Bezug auf die partielle Ent- 
wöhnung vollzieht sich dann im Kind auf der nächsten bereits 
deutlich erzieherischen Versagungsstufe, nämlich der ersten 
Anhaltung und Gewöhnung zu Reinlichkeit, die je nach dem 
Charakter von Mutter mid Kind früher oder später, in milderer 
oder strengerer Form erfolgt. Das Kind wird dementsprechend 
diese Versagungen in bezug auf die ungehemmten Äußerungen 
der Exkretionslust mehr oder weniger willig annehmen, d. h. 
teils der Mutter zuliebe gehorchen, teils aus Angst vor ihr. 
Daneben aber auch mit Auflehnung gegen sie protestieren. 
Schließlich fügt sich das Kind unter mehr weniger stillem Protest, 
indem es die aggressiven Wutäußerungen gegen die Mutter aus 
Angst oder Liebe unterdrückt und im Kompromißsymptom des 
Trotzes (gegen sie) äußert. Ich habe bereits im ersten Abschnitt 
angedeutet, wie der im Ich gestaute orale Sadismus diese Trotz- 
komponente verstärkt und in die ambivalente Einstellung zur 
Mutter ein deutliches Haßelement hineinbringt, das für die 
spätere Objektbeziehung von entscheidender Bedeutung ist. 

Wir wollen nun die Reaktionsweise des Kindes auf dieser 
bereits „sozialen" Stufe der . Reinlichkeitserziehung verfolgen, 
nachdem wir es im ersten Abschnitt mit Bezug auf die biologische 
Stufe (Entwöhnung) getan haben. Dabei werden zwei gegebene 
Faktoren, die Anlage des Kindes und die Art des mütterlichen 
Einflusses zusammenwirken, die ja überhaupt als das Hereditäre 



Zur Genese des Schuldgefühls 93 

und das Akzidentelle eine „Ergänzungsreihe" im Sinne Freuds 
bilden, sich aber gerade in bezug auf den mütterlichen Einfluß 
eher summieren. Zweifellos wird ein vorzeitiges und brüskes 
Vorgehen der Mutter die Reaktionen des Kindes verstärken oder 
die Teilnahme des Vaters an dieser frühinfantilen Erziehung 
das Bild wesentlich beeinflussen. Wenn wir aber den ganzen 
Vorgang vom Ich des Kindes betrachten, dessen Erziehung in 
der Einordnung in ein bestimmtes Milieu besteht, so läßt sich 
aus analytischen Erfahrungen am pathologischen Material ein 
psychologisches Durchschnittsbild genetisch aufbauen. 

Auf Grund der ökonomischen Verteilung der oral-sadistischen 
Libido im Ich, von der ein Teil als Hemmung gestaut wird, wird 
die versagende Mutter, gleichgültig, ob sie strenge ist oder nicht, 
als strafende Instanz aufgefaßt und als solche vom auto-sadi- 
stisch besetzten Ich perzipiert. Dieser Mechanismus ist es, den 
wir auf späterer Stufe als „Identifizierung" mit der (strafenden) 
Mutter beschreiben können. Wir verstehen dies im Sinne der 
ersten Definition, die Freud von der Identifizierung gab, nämlich 
sie erfolge „auf Grund des gleichen ätiologischen Anspruches". 
Die Feststellung dieses gleichen ätiologischen Anspruches führt 
aber von der Analyse des Objektes und der Objektbeziehung 
zurück auf die Analyse des Ich. Das heißt mit Bezug auf unser 
Problem: das Ich des Kindes ist bereits infolge der (partiellen) 
Entwöhnung soweit auto-sadistisch besetzt, i. e. gehemmt, daß 
es die Mutter als äußere hemmende Macht erkennt und anerkennt, 
wobei es eigenen inneren Aufwand erspart, sich aber („masochi- 
stisch") unterwerfen muß. Solange man diesen ich-psychologi- 
schen Mechanismus nicht berücksichtigt, wird man immer zur 
Annahme eines „entlehnten Schuldgefühls" (Freud) greifen 
müssen, das auf Identifizierung beruht. In diesem Sinne wäre 
eigentlich jedes Schuldbewußtsein als ein entlehntes zu be- 
zeichnen, was mir jedoch weder klinisch noch genetisch haltbar 
erscheint. Klinisch nicht, weil jedes Schuldbewußtsein des 
Patienten stets auch objektiv gerechtfertigt ist, genetisch nicht, 
weil es sich im Kern als ein Niederschlagsprodukt der Ich-Bildung 
erweist, welches durch die nicht nur sozial, sondern auch bio- 
logisch notwendigen Versagungen gesetzt wird. Aber auch das 
„soziale" Element kommt nicht erst durch den Vater hinein, 



94 Genetischer Teil 

sondern bereitet sich schon auf der frühen Übergangsstufe von 
der rein biologischen zur sozialen Beziehung zur Mutter vor. 
Im wesentlichen dadurch, daß das Kind mit dem (oralen) Sadis- 
mus nicht gegen die versagende Mutter reagieren kann (Liebe) 
und darf (Angst), sondern diesen Impuls hemmen muß und so 
bereits auf dieser Stufe sadistisch-strafend gegen das eigene Ich 
reagiert. Hier ist der Ursprung dessen zu suchen, was wir später 
als „Strafbedürfnis" (Reik) im Ich finden, was aber genetisch 
einer Wiederherstellung der Mutterbeziehung (nicht der Vater- 
beziehung) im eigenen Ich entspricht. 

So wird also aus dem gehemmten Sadismus, dessen Objekt 
das eigene Ich geworden ist, auf Grund der von der Mutter 
erfahrenen Versagungen ein Bild der strengen (strafenden) Mutter 
geschaffen, in der das Ich Erleichterung von den eigenen Hem- 
mungen findet, wie wir es späterhin so großartig in der masochi- 
stischen Befriedigung sehen. Man kann die Lust des perversen 
Masochisten ebensowenig verstehen wie das Strafbedürfnis des 
Kindes, Neurotikers und Verbrechers, wenn man nicht diese 
innere Entlastungstendenz berücksichtigt, die durch Strafen 
von außen in so weitgehendem Maße befriedigt wird, wobei ein 
Stück der glücklichen Mutterbeziehung wieder hergestellt wird. 
Soweit sich der Sadismus nicht in Rache und Schmerzzufügen 
am Objekt, der versagenden Mutter entladen kann, hemmt er in 
einer Art von Selbststauung diesen sadistischen Impuls, was 
wieder der versagenden Mutter entspricht, deren Entziehung von 
Libidobefriedigung auf dieser Stufe bereits als Strafe empfunden 
wird (negative Strafe). Straft dann die Mutter wirklich (positiv), 
so entlastet sie dadurch das Ich wenigstens zeitweilig von diesen 
spannenden, oft unerträglichen Hemmungen (Selbstbestrafungs- 
tendenz), wobei die „Identifizierung" mit dieser strengen Mutter 
gleichzeitig den sadistischen Tendenzen Abfuhr und Befriedigung 
gewährt. 

So bildet die „strenge Mutter" den eigentlichen Kern des 
Über-Ich oder besser gesagt die frühe Über-Ich-Bildung auf Grund 
der durch die mütterlichen Versagungen gesetzten Hemmungen 
wird im Bilde der strengen strafenden Mutter objektiviert und 
späterhin als masochistische Befriedigung gesucht. Wenn Freud 
kürzlich der Frau ein Über-Ich (im Sinne des männlichen) ab- 



Zur Genese des Schuldgefühls 95 

sprechen konnte, so hat er dabei übersehen, daß der Kern auch 
des männlichen Über-Ich von der Frau stammt, im Sinne der 
Psychoanalyse als „Identifizierimg" mit der versagenden Mutter 
entscheidendes Licht nicht nur auf die psychologische Entwick- 
definiert werden kann. Diese genetische Auffassung wirft ein 
entscheidendes Licht nicht nur auf die psychologische Entwick- 
lung des Kindes, sondern auch auf eine Reihe pathologischer 
Äußerungen und Reaktionen des Menschen, wie auf deren thera- 
peutische Beeinflussungsmöglichkeit. Es ist bemerkenswert, daß 
wir oft ein besonders stark ausgeprägtes Schuldgefühl bei 
Menschen (namentlich Frauen) finden, deren Mutter nicht strenge 
im gewöhnlichen Sinne des Wortes gewesen ist. Dies bestätigt 
unsere Auffassung von der Steigerung der inneren Selbsthemmung 
bei ungenügender äußerer Strenge, welche ihrerseits wieder eine 
entsprechende Abreaktion aggrissiv-sadistischer Impulse ge- 
stattet, die sich dann nicht so stark im Ich stauen. Anale, 
urethrale und sexuale „Schlimmheit" oder Symptombildung (beim 
Kind oder Erwachsenen) ist als Entlastungsversuch des Ich zu 
verstehen, das Bestrafung (von seilen der Mutter) zu provozieren 
sucht, um innere Hemmungen aufzuheben und sich trotzdem 
der Liebe der Mutter zu versichern. Was so als „masochistische" 
Straftendenz (Reik) oder als „Protest (Adler) gegen die strenge 
Mutter erscheint, ist ich-psychologisch als Versuch zur Entlastung 
innerer Hemmungen und zur Wiederherstellung der primitiven 
Strafmoral aufzufassen. 

In der Therapie solcher Fälle muß man alles vermeiden, 
was dieser Entlastungstendenz des Patienten entgegenkommen 
könnte und ihm so Befriedigung (seines masochistischen Schuld- 
gefühls) verschafft. Man muß ihn vielmehr durch passives Ver- 
halten (nicht in der Deutung!) zwingen, ein richtig funktionieren- 
des Über-Ich aufzubauen, statt eines libidinös befriedigenden 
(das Odier „Über-Es" nennt). 1 Während also die im ganzen 
notwendigerweise strenge Erziehung dem Kind ein Übermaß 

1 Odier findet mit Recht, daß der Freudsche Begriff des Über-Ich 
unzureichend ist, geht aber bei seinem Versuch, ihn besser zu fundieren, 
phylogenetisch auf das Mutterrecht zurück, anstatt ontogenetisch auf die prä- 
ödipale Mutterphase, wie ich es in meinem Vortrag „Zur Genese der Genita- 
lität" (September 1925) getan habe. Siehe Odier „Vom Ober-Ich", Internat. 
Ztschr. f. Psa.. Vol. XII, 1926. 



96 



Genetischer Teil 



von inneren Hemmungen erspart, die es neurotisch reagieren 
lassen würde, muß die Analyse in den Fällen, die es später nicht 
zum sozialen Über-Ich gebracht haben, die innere Aufrichtung 
dieser Instanzen fördern, indem sie die Bestrafungstendenz des 
Patienten unbefriedigt läßt und ihn so — durch Liebe, nicht 
durch Angst — zur Akzeptierung der ethischen Forderungen, 
zur Anpassung an die „Liebesmoral" (Odier) bringt. Wenn der 
Analytiker verbietet, schimpft und straft, so befriedigt er dabei 
nur - abgesehen von seinem eigenen Sadismus — den Masochis- 
mus des Patienten, der auf Grund solcher Behandlung wohl 
Symptome seiner Selbstbestrafungungstendenz (Schuldgefühl) 
zeitweilig aufgeben kann, aber nie zur Aufrichtung eines sozial 
funktionierenden Über-Ich gelangt. Andere Symptome, die von 
vornherein unter der sozialen Ächtung stehen, wie z. B. der 
Alkoholismus oder gewisse Perversionen, kann man niemals durch 
aktives Eingreifen beseitigen, so sehr auch der Patient alles ver- 
sucht, um den Analytiker zum Verbot zu bewegen, gegen das er 
nur protestieren würde. Auch hier muß man durch geduldige 
Aufzeigung dieser Tendenzen den Patienten dazu bringen, daß 
er dem Analytiker (Mutter) zuliebe sich diese Handlungen ver- 
sagt, anstatt sie als Prüfstein für das Geliebtwerden zu benützen. 
Indem wir die Würdigung des sado-masochistischen Trieb- 
Gegensatz-Paares für das Verständnis der gesamten Pathologie 
des Ich und seiner Objektbeziehungen für später aufschieben, 
wollen wir hier einen aus dem analytischen Studium dieser 
Phänomene gewonnenen Zusammenhang weiter verfolgen. 
Während der sado-masochistische Mechanismus, wie wir zu 
zeigen versuchten, auf der oralen Stufe sozusagen biologisch in 
Gang gesetzt wird, stammt der spätere Inhalt dieses Komplexes 
wesentlich aus der anschließenden Periode der Reinlichkeits- 
erziehung. Wieder sehen wir, wie sich ein biologischer Vorgang 
erst auf der nächsten Stufe der sozialen Anpassung pathogen 
auswirken kann. Allerdings unter dem Einfluß inzwischen hinzu- 
getretener Traumen. Denn während auf der Säuglingsstufe schon 
das Entziehen der Mutterbrust auf Grund des im Ich gestauten 
Oralsadismus als (negative) Strafe (Versagung) empfunden wird, 
treten auf der nächsten Stufe — der analen (und urethralen) — 
positive Strafen oder zumindest Strafdrohungen hinzu. Bekannt- 



Zur Genese des Schuldgefühls 97 

lieh bezieht sich der echte pathologische Masochismus in der 
Regel auf das Anale (Schlagen der Nates), woraus wir schließen 
können, daß das eigentlich als „masochistisch" zu bezeichnende 
Element — vielleicht im Gegensatz zum früheren Autosadismus 
— erst auf dieser Stufe hinzutritt. Vom genetischen Standpunkt 
zerlegt sich so die „sadistisch-anale Phase" (Freud) in eine 
sadistisch-orale, die biologisch ist, und in eine masochistisch- 
anale, die bereits unter dem Einfluß der „moralen" Beziehung 
zur Mutter steht. Auf der dritten genitalen Stufe sehen wir die 
sadistische Hemmung als Angst, die masochistische Unterwerfung 
als Schuldgefühl auftreten. Auch die Angst entspricht zum Teil 
einer Entlastung von inneren Hemmungen, ist sozusagen ein 
primitiver therapeutischer Versuch, den anderen für die eigenen 
Hemmungen verantwortlich zu machen, was ja auch der Patient 
ständig mit dem Analytiker versucht. Die „Schläge-Phantasie", 
die in pathologischen Fällen den Orgasmus (bei der Masturba- 
tion oder im Koitus) ermöglicht und bewirkt, ist eigentlich eine 
Strafe für den sexuellen Genuß (Orgasmus), welche der Patient 
sich selbst als verbietende Mutter auferlegt. Hier wird die Ten- 
denz, das eigene Ich durch Phantasien der strengen Mutter von 
den inneren Hemmungen zu entlasten, deutlich demonstriert. 

Die weit verbreiteten analen Perversionen (Koprophilie) ent- 
sprechen so nicht nur einem Stehenbleiben auf dieser autoero- 
tischen Stufe der infantilen Entwicklung, sondern sind zugleich 
Niederschläge der früheren Objektbeziehung zur Mutter. Sie 
repräsentieren einerseits die trotzige Auflehnung des Ich gegen 
die mütterlichen Verbote, suchen aber zugleich im Partner eine 
ideale Mutter, welche die hemmungslose Befriedigung gestattet. 
Ihre deutlich masochistische Note entspricht dem Weiterwirken 
der inneren Straftendenz, die den ursprünglichen mütterlichen 
Verboten dieser infantilen Vergehen entspringt. 

Der Weg, auf dem die analen Verbote (Hemmungen) mit den 
sexuellen verquickt oder durch sie ersetzt werden, führt bei beiden 
Geschlechtern über die Funktion des Urinierens, die ja ein 
Exkretionsvorgang gleich dem analen ist, aber sich am Genital- 
apparat abspielt. Dies erklärt die psychische Gleichsetzung von 
Enuresis und Masturbation (Pollution), aber auch die Gleich- 
setzung des weiblichen Genitals mit der verpönten Analöffnung. 

Rank, Orundzügo einer genetischen Psychologie 7 



98 



Genetischer Teil 



Eine Reihe von Sexualstörungen (auch urethrale Symptome) 
müssen über den Kastrationskomplex hinaus auf diese prä- 
genitale Mutterbeziehung zurückgeführt werden, wenn man sie 
genetisch verstehen und therapeutisch beeinflussen will. 

Wenn wir die Auswirkung der mütterlichen Versagungen der 
prägenitalen Stufe auf die genitale Stufe verfolgen, so dürfen 
wir nicht vergessen, daß es sehr häufig die Mutter (und nicht 
der Vater) ist, welche auch die genitale Lustgewinnung (Mastur- 
bation) ebenso oder noch intensiver verbietet (verhindert) als die 
orale und anale. Allerdings haben wir zu zeigen versucht, daß 
schon die früheste Masturbation des Kindes, die oft gar nicht 
als solche erkannt wird, ohne irgend welche Verbote von außen, 
gleichsam durch innere Stauung gehemmt wird. Auch wissen 
wir, daß „analytisch" erzogene Kinder, denen man keinerlei 
derartiges Verbot aufdrängt, dieselben, ja mitunter sogar stärkere 
Schuldgefühlreaktionen zeigen als das Durchschnittskind, dem 
Angst eingejagt und das wirklich mit Strafe bedroht oder belegt 
wurde. Dies zeigt, daß die Angst („Kastrationsangst") nicht durch 
Verbot, Drohung oder Strafe geschaffen wird. Ja, es ist die Frage, 
ob die äußere Drohung nicht eher erleichternd wirkt, indem 
sie das innere Hemmungssystem entlastet. Dieser Tatbestand 
macht es ungemein schwierig, erzieherische oder therapeutische 
Verhaltungsweisen oder -maßnahmen abzuleiten. Denn die Er- 
fahrung lehrt uns, daß eine zu strenge Mutter, indem sie die 
inneren Hemmungen des Kindes entlastet, zu masochistischer 
Fixierung auf dieser Stufe führen kann, während eine zu milde 
Mutter das Ich zur Aufrichtung übermäßiger innerer Hemmungen 
zwingen kann (neurotisches Schuldgefühl). 

Aus der Analyse von Fällen, in denen das sexuelle Schuld- 
gefühl entweder manifest ist (aktueller Sexualkonflikt) oder leicht 
auf die Masturbation reduziert werden kann, ergibt sich das 
folgende Bild der genetischen Entwicklung, die man analytisch 
zurück verfolgen muß, um einen therapeutischen Effekt zu er- 
zielen: der Autosadismus, der auf der oralen Stufe als Hemmung 
funktioniert, wird auf der Stufe der analen Erziehung zum 
Masochismus (der strengen strafenden Mutter gegenüber). Dabei 
entwickelt sich die trotzige Komponente des Eigenwillens mehr 
weniger stark, die oft nur im Extrem der pathologischen Unter- 



Zur Genese des Schuldgefühls 99 

werfung (Masochismus) gebrochen werden kann. Über die ure- 
thrale Stufe, die sich bereits am Genitalorgan manifestiert, führt 
dann der Weg zum genitalen Schuldgefühl, das schon durch 
die sadistische Besetzung des Genitals auf der oralen Stufe vor- 
bereitet worden war (Säuglings-Masturbation). Das sexuelle 
Schuldgefühl ist also nichts Primäres, es ist nur das Gegenstück 
zur sadistischen Besetzung des Genitals, die teilweise aufgegeben 
wird, indem die mütterlichen Einschränkungen der analen und 
urethralen Stufe auf die genitale Stufe mitgenommen werden, 
wo dann die durch den Vater repräsentierten sozialen Einschrän- 
kungen hinzukommen. 

Männer mit wenig gehemmten sadistischen Sexualimpulsen 
und entsprechend geringem sexuellem Schuldgefühl (Don Juan- 
Typus) zeigen oft das orale und urethrale Schuldgefühl voll 
erhalten. 1 Dagegen führt bei Frauen das prägenitale Schuld- 
gefühl bei Verschiebung auf das Genitale zu Frigidität. Wenn 
man solchen Frauen in der Analyse auch nur andeutet, die 
Masturbation zu unterlassen, so reagieren sie mit Protest gegen 
die Mutter auf analer oder urethraler Stufe. Auch funktionelle 
Blasen- und Dannstörungen (Flatulenz) sind häufig Symptome 
eines solchen Protestes gegen die Mutter auf früher Stufe. 2 

Die volle Auswirkung der prägenitalen mütterlichen Hem- 
mungen auf genitaler Stufe sieht man aber erst in Erscheinung 
treten, wenn sich der sexuelle Orgasmus einstellt. Dieser eigent- 
liche Sexualgenuß wird dann vom Ich oft so stark mit Schuld- 
gefühl besetzt, daß daraus Impotenz und namentlich Frigidität 
bei Frauen entsteht. Es scheint sich dabei auch um die energi- 



1 Siehe den von mir publizierten Fall in „Sexualität und Schuldgefühl", 
S. 134 f. Ein anderer Patient, dem seine Mutter Medizin gegen Pollutionen, 
gegeben hatte, träumte häufig, daß er urinierte oder defäzierte (mit Samen- 
erguß). — Ein anderer zwangsneurotischer Patient hatte die Neigung, vor dem 
Koitus zu defäzieren: — mußte sich gleichsam von der Mutter die Erlaubnis 
holen. Der Samenerguß war für ihn ein „Beschmutzen" des Weibes (der Mutter). 

2 So berichtet eine Patientin als unmittelbare Reaktion auf eine solche Be- 
merkung, daß sie ihren ersten Orgasmus in der Pubertät beim Defäzieren hatte. 
Eines ihrer Symptome ist häufiges Urinieren (auch Nachts). 

Ich halte Ferenczis therapeutisches Verbot dieser Funktionen des- 
halb für ungerechtfertigt, weil er damit die Rolle der strengen Mutter wirklich 
spielt, statt den Patienten vom Wunsche nach ihr zu befreien. 



100 Genetischer Teil 

sehe Ablehnung einer narzißtischen und sadistischen Ich-Befrie- 
digung durch die hemmenden Instanzen der mütterlichen Moral 
zu handeln, die ja im wesentlichen für das Kind darauf hinaus- 
läuft, daß alles Angenehme verboten sei. So erklärt sich, daß die 
meisten frigiden Frauen extrem masochistisch sind und viele 
von ihnen zur Produktion des Orgasmus einer masochistischen 
(Schlage-)Phantasie oder Situation bedürfen. In den entsprechen- 
den Masturbationsphantasien einer Patientin befahl ihr der Mann 
unter Androhung oder Verabreichung von Schlägen auf die Nates, 
einen Orgasmus zu produzieren, der in der Phantasie zu seiner 
Befriedigung bestimmt war. Die Analyse erwies, daß dies auf 
entsprechende Bestrafungen von seiten der Mutter zurückging 
und daß die Patientin in ihrer Phantasie nicht nur Mann und 
Weib, sondern auch Mutter und Kind spielte, indem sie sich in 
der Rolle der strengen Mutter den Orgasmus nicht nur gestattete, 
sondern befahl, anderseits sich für den Protest gegen die Mutter 
in der Schlagephantasie bestrafte. Auch verträgt sich die 
Produktion des Orgasmus als einer aktiv sadistischen Lust- 
befriedigung nicht mit der passiven Unterwerfung der weiblichen 
Sexualrolle, zu der die Patientin in der masochistischen Phantasie 
vom Mann gezwungen werden mußte. Die Verknüpfung des 
Orgasmus mit den frühen mütterlichen Verboten scheint be- 
sonders dadurch erleichtert, daß er ein Exkretionsvorgang ist, 
worauf sich ja die mütterlichen Verbote ursprünglich bezogen. 
Dieser Zusammenhang erklärt eine Reihe von Sexualstörungen 
auch des Mannes, die ohne Zurückführung auf diesen prägeni- 
talen Zusammenhang unverständlich bleiben. 

Die anale Herkunft des sexuellen Schuldgefühls aus der 
frühen Reinlichkeitserziehung durch die Mutter verrät sich 
in gewissen Fällen darin, daß eine pathologische Hemmung 
besteht, obszöne Worte aus der Kindersprache zu wiederholen. 
Bringt man die Patienten in der Analyse dazu, was Ferenczi 
schon frühzeitig als therapeutisch wichtig erkannte, 1 so sieht 

1 „Über obszöne Worte", Zentralblatt f. Psa., Vol. I, 1911. 

Ferenczi hat später beobachtet, daß auch der Tic nur „ein entstellter 
Ausdruck für obszöne Worte, Gebärden, koprophemische Schimpfereien, wohl 
auch sadistische Angriffshandlungen ist", ohne zu erkennen, daß es sich um 
Proteste gegen die Mutter handelt, welche seinerzeit die sogenannten „Kinder- 






Zur Genese des Schuldgefühls 101 

man, daß man damit als gute Mutter das Verbot aufhebt, welches 
ursprünglich die strenge Mutter darauf gelegt hatte. Man findet 
jedoch bald, daß diese Worte ursprünglich nicht der Sexual- 
sphäre, sondern der Analsphäre angehören und daß es sich nur 
um eine Wiederholung des Verbots der unzeitgemäßen Funk- 
tionen selbst auf verbaler Stufe handelt. Die oft unter stärkstem 
Widerstand erfolgende Reproduktion dieser Worte kleidet sich 
meist in Form von blasphemischen Beschimpfungen, deren ur- 
sprüngliche Beziehung auf die Mutter (Protest) ganz eindeutig 
ist, wenn sie auch manchmal später auf Gott (-Vater) verschoben 
erscheinen (Flüche). Der analytische Sinn dieses Auftauchens 
der unter Angst stehenden obszönen Worte in Form von Blasphe- 
mien ist der, daß der Analytiker, indem er den Patienten zum 
Aussprechen zwingt, sich anstelle der strengen Mutter setzt, 
der diese Beschimpfungen jetzt gelten. Ihr zum Trotz sagt er 
jetzt all das, was sie ihm seinerzeit verboten hatte, ja, er begeht 
es sogar wieder in den sadistischen (Rache-)Phantasien an der 
Mutter. Das Aussprechen verpönter Worte ist jedoch nur ein 
besonders deutlicher Spezialfall der Aufhebung innerer Hem- 
mungen, die sich das Individuum selbst auferlegt, nachdem der 
äußere Zwang weggefallen ist. Aber es scheint, daß auch das 
Sprechen im allgemeinen zumindest in Form des Geständnisses 
(Konfession) den größeren Teil seiner erleichternden (kathar- 
tischen) Wirkung der Aufhebung eigener innerer Hemmungen 
und nicht so sehr der Mitteilung an den andern verdankt. Ander- 
seits ist das Stottern nur ein Allgemeinsymptom starker innerer 
Hemmungen auf der prägenitalen Mutterstufe, wenn man will, ein 
konstant gehemmter und zugleich vollführter Protest gegen die 
Mutter. Aber das Sprechen als solches gewährt unzweifelhaft 
auch eine orale (sadistische) Befriedigung, die neben der narziß- 
tischen am Inhalt des Gesprochenen (über sich selbst!) einen 
wesentlichen Teil der therapeutischen Wirkung der Analyse aus- 
macht. Das sadistische Element kommt deutlich in den Akten 
der menschlichen Werbung zum Vorschein, bei der die ver- 
fehler" (Gesichterschneiden, Zungeherausslrecken, Nasenbohren, Augenzwinkern 
usw.) verboten hatte. Auch im Zusammenhang der „obszönen Worte" mit dem 
Orgasmus hat Ferenczi die tiefere Beziehung zu den prügenitalen mütter- 
lichen Verboten nicht erkannt. (Siehe seine Arbeit „Kontraindikationen der 
aktiven psychoanalytischen Technik", Internat. Ztschr. f. Psa., XII, 1926, Nr. 1.) 



102 



Genetischer Teil 



UNIV.-BIBL. 

BERLIN. 



führerische Überredungskunst wie die zärtlich-schimpfenden 
Liebesworte eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen. 

Auf sexueller Stufe äußert sich dieser Protest gegen die 
versagende Mutter in einer unsere ganze kulturelle Einstellung 
zur Sexualität beeinflussenden Weise, indem der Begriff der 
„Reinheit" auf die Genitalien und so auf unser gesamtes Sexual- 
leben übertragen wird. Greift die kindliche Einstellung gegen 
die erzieherisch-versagende Mutter von der analen Stufe auf 
die genitale über, so resultiert Abscheu vor dem weiblichen 
Genitale, das als unrein, schmutzig empfunden wird. Wir sehen 
hierin eine Vorstufe des von Freud aus dem Kastrationskomplex 
erklärten genitalen Horrors. Die verbindende Idee scheint zu 
sein, daß die Mutter, die so viel auf Reinlichkeit hält, selbst 
schmutzig sein muß, was oft durch gelegentliche Erfahrungen des 
Kindes bestätigt zu werden scheint (Geruch, Menstruation usw.). 
Daraus resultiert dann die Forderung nach sexueller „Reinheit" 
der Frau, ja sogar die Idee des allgemeinen weiblichen „Schön- 
heitsideals" scheint von da aus mitbestimmt zu werden. Die 
Schönheit (des Gesichtes und Körpers) soll alles Häßliche, Un- 
reine, Abstoßende verdecken und überwinden helfen. 1 Wo dies 
nicht gelingt, kann entweder Impotenz resultieren, häufig mit der 
abstoßenden Vorstellung der urinierenden oder defäzierenden 
Frau verbunden. Das lustbetonte Gegenstück dazu, also den 
entsprechenden Protest gegen die Mutter, finden wir in den 
koprophilen Praktiken der Perversen. Eine noch stärkere Flucht 
vor der verabscheuten Frau (Vagina) zeigt die Homosexualität, 
bei der die ganze infantile Angst vor der Mutter ans weibliche 
Genitale gebunden ist. In dieser Abwendung vom Weibe liegt 
aber zugleich ein Stück Rache gegen die Mutter, welcher der 
Homosexuelle und der Impotente sich versagt, weil sie ihm 
Versagungen auferlegt hat. Diese Versagungen beginnen mit der 
Geburt („Trauma"), setzen sich in der Entwöhnung und Rein- 
lichkeitserziehung fort, und ihre pathogenen Nachwirkungen auf 
sexueller Stufe sind die erwähnten Symptome und Abweichungen. 
Normalerweise scheint im Sexualakt selbst die sadistische Be- 



1 Siehe meine Deutung der „Melusine", die oben schön, vom Nabel an 
aber mißgestaltet ist, in „Die Nacktheit in Sage und Dichtung" (Imago, 1911). — 
Ilieher gehört auch die fetischistische Vorliebe für schöne reine Wäsche usw. 



Zur Genese des Schuldgefühls 103 

wältigung der Mutter, entgegen ihren Versagungen und Verboten, 
und zugleich eine Art Rache dafür, einzutreten. Diese Auf- 
fassung wirft möglicherweise neues Licht auf die Psychogenese 
des „Inzestverbots", das man als den sexuellen Ausdruck aller 
ursprünglich von der Mutter ausgegangenen (präsexuellen) Hem- 
mungen und Versagungen betrachten könnte. 

Um die genetische Entwicklung dieser hemmenden Ten- 
denzen auf der genitalen Stufe weiter zu verfolgen, Um wir 
besser, die männliche und weibliche Entwicklung voneinander 
zu sondern, die bis hierher mehr Ähnlichkeit als Verschieden- 
heiten aufweist. Sicher ist, daß sich diese als Angst und Schuld- 
gefühl auftretenden Hemmungen ursprünglich bei beiden Ge- 
schlechtern auf die Mutter bezogen und erst später, entsprechend 
der Geschlechtsrolle, neu verknüpft werden. Diese neue Orien- 
tierung erfolgt in der „Ödipussituation", die in gewissem Sinne 
für beide Geschlechter eine entscheidende Änderung der Ein- 
stellung bedeutet. Das Mädchen wechselt das Libidoobjekt, wobei 
man deutlich sieht, daß das Schuldgefühl gegen die Mutter nicht 
aus der Ödipussituation stammt, vielmehr ein fast regelmäßiges 
Hindernis zur Erreichung dieser normalen Objektstufe darstellt. 
Die Mutter wird nicht bloß aus der Rivalität zum Vater zur 
Quelle von Haß und Schuldgefühl, sondern sie war es bereits 
auf Grund früherer Einschränkungen des Ich und seiner narziß- 
tischen Befriedigungstendenzen. Dieselbe Rolle hat aber die 
Mutter in der infantilen Entwicklung des Knaben gespielt, so 
daß dieses Faktum an sich eine starke Hemmung gegen die 
Besitzergreifung der Mutter als Sexualobjekt ist, auch ohne daß 
der Vater als äußeres Hindernis im Wege stünde. Dies erklärt 
z. B., warum in der Vorgeschichte so vieler später homosexueller 
Männer der Vater fehlt; sie steigern die primären Hemmungen 
gegen die Mutter zur vollkommenen Flucht vor ihr und kompen- 
sieren so zugleich die mangelnde äußere Einschränkung von 
seiten des Vaters. Normalerweise wird die auch auf sexueller 
Stufe fortwirkende Hemmung der strengen verbietenden Mutter 
durch die sadistische Bewältigung der Frau im Sexualakt über- 
wunden, die vielleicht den wesentlichsten Anteil an der Lust- 
befriedigung ausmacht. Die sexuelle Besitzergreifung des Weibes 
wird dem Mann durch den „Ödipuskomplex" keineswegs er- 



104 



Genetischer Teil 



schwert, sondern erleichtert, indem er ihm ermöglicht, einen 
Teil seiner eigenen inneren Hemmungen im Vater zu objekti- 
vieren und dadurch in sich selbst aufzuheben. Wir sehen hier 
eine zweite Vorstufe der von Freud aus der „Vateridentifizie- 
rung" abgeleiteten Über-Ich-Bildung, indem der Knabe sozusagen 
sein primitives mütterliches Über-Ich zuerst auf den Vater proji- 
ziert, während er sich zugleich mit ihm als dem Besitzer der 
Mutter identifiziert. Hier erst tritt die spezifisch hindernde Rolle 
des Vaters in Erscheinung, die ich im Gegensatz zur primären 
(biologischen) Einschränkung des Ich in der Präödipusphase die 
soziale Über-Ich-Bildung genannt habe, welche Freud jetzt unter 
dem Kastrationskomplex versteht. So haben beide Geschlechter 
in der Ödipussituation einen Wechsel des Standpunktes vorzu- 
nehmen: die Frau ändert das Libidoobjekt und behält im Sinne 
der Mutteridentifizierung das primäre „moralische" Über-Ich; 
der Mann behält das Libidoobjekt und wechselt das Über-Ich 
bzw. baut über dem primären mütterlichen das soziale väterliche 
auf. Das Schuldgefühl gegen den Vater stammt ebensowenig aus 
der Ödipussituation wie beim Mädchen das gegen die Mutter 
sondern ist ähnlich wie dieses aus der Ich-Psychologie zu ver- 
stehen. Das heißt, es ist nicht so sehr Reaktion gegen das Ver- 
langen nach der Mutter, sondern insofern real begründet, als der 
Knabe diesen „bösen Vater" schafft, indem er die Strenge der 
Mutter und die ihr entsprechenden eigenen Hemmungen auf den 
Vater projiziert. Die psychologische Bedeutung der Kastrations- 
angst auf der sozialen Vaterstufe entspricht also insofern der 
biologischen Versagung auf der Mutterstufe, als beide aus der 
Hemmung sadistisch-aggressiver Impulse gegen die Mutter ent- 
springen, das einemal auf oraler, das anderemal auf genitaler 
Stufe. Wieder ist es hier die — dieses Mal durch den Vater — 
gehemmte sadistische Aggression, die Angst, Schuldgefühl und 
Selbstbestrafungstendenzen erzeugt, die sich in der sado-masochi- 
stischen Phantasie manifestieren, die Freud als „Kastrations- 
komplex" beschrieben hat. Nur so erklärt sich die typische Form 
der Kastrationsphantasie, die nicht auf eine äußere Drohung 
von seiten des Vaters zurückgeht, sondern einer inneren Ab- 
wehr sadistischer Tendenzen entspringt, zu deren Instrument auf 
dieser Stufe das Genitale geworden ist. So bewirkt nicht die 



Zur Genese des Schuldgefühls 



105 



Kastrationsdrohung die Libidohemmung, sondern der bereits 
innerlich gehemmte Sadismus schafft die masochisüsche Kastra- 
tionsangst. Das sadistische Gegenstück dazu fehlt jedoch niemals 
und kommt oft genug im Impuls, den Vater (die Rivalen) zu 
kastrieren, zum Ausdruck. 

Bei der Frau liegen die Verhältnisse wesentlich anders, ja 
normalerweise geradezu entgegengesetzt. Schon die einfache 
Beobachtung zeigt, daß die Frau im allgemeinen und im spe- 
ziellen viel weniger Angst hat als der Mann, ja man möchte fast 
sagen, eine verschiedene Art von Angst. Ihr Über-Ich bestellt 
mehr aus Hemmungen und Schuldgefühl, während im männ- 
lichen Über-Ich die Angst dominiert. Dies könnte auf den ersten 
Blick als eine Bestätigung der „Kastrationstheorie" erscheinen 
und hängt sicherlich nicht bloß mit dem „anatomischen Ge- 
schlechtsunterschied", sondern auch mit der biologischen Sexual- 
rolle zusammen. Diese selbst scheint wieder in entscheidender 
Weise den verschieden großen Anteil des Sadismus bei Mann 
und Weib zu bestimmen. Jedenfalls aber ist es der Sadismus, 
der Art und Grad der Angst und damit auch die sado-masochi- 
stische Kastrationsphantasie entscheidet. Wir können diese Be- 
ziehungen erst später weiter verfolgen, wenn wir das Verhältnis 
der Geschlechter über die rein biologische Sexualfunktion hinaus 
ins sogenannte Liebesleben verfolgen werden. Hier sei nur ange- 
deutet, daß es bei der Frau weniger die Angst als deren posi- 
tives Gegenstück, der narzißtische Stolz des Ich, ist, was sie vor 
der Akzeptierung ihrer passiven Sexualrolle zurückschrecken 
läßt. Anderseits sieht man deutlich, wie das in ihrem Über-Ich 
mitgebrachte Schuldgefühl der Frau ermöglicht, sich dem Mann 
hinzugeben, sich zu unterwerfen, wogegen sich das Ich sträubt. 
Daher ist so häufig eine zu weitgehende Unterwerfung nötig, wie 
wir sie in der masochistischen Hörigkeit finden, die jedoch nur 
eine pathologische Übertreibung der biologischen Unterwerfung 
ist und sich psychologisch in der Form der Verliebtheit äußert. 
Die sexuelle Angst der Frau ist Angst des Ich vor Abhängigkeit 
und Unterwerfung im Sinne ihrer biologischen Rolle. So ist also 
gerade bei der Frau, die keinen „Kastrationskomplex" hat, die 
Angst eine „Sexualangst" im engeren Sinne, während die Angst 
des Mannes eine im weiteren Sinne soziale ist, die auf der 



106 



Genetischer Teil 



Unterdrückung des Sadismus beruht. In bezug auf das Angst- 
problem der Frau erscheint es mir auch nicht gleichgültig, daß 
die Frau im Geburtsakt den ursprünglichen Angstaffekt wenig- 
stens teilweise wieder erlebt und abreagiert, während der Mann 
ihn auf anderem Niveau reproduziert. 

Der Ursprung des Kastrationskomplexes ist vorödipal, d. h. 
er wird nicht erst in der Ödipussituation geschaffen, sondern ist 
in der anatomischen Verschiedenheit der Geschlechter bedingt, 
erhält aber seine pathogene Bedeutung auf der Ödipusstufe. 
Vorher liegt die bedeutsame anale Beziehung zur strengen, 
strafenden Mutter, auf Grund deren das Kind das Genitale als 
„schmutzig" und späterhin die Sexualität als verwerflich 
empfinden lernt. Der Ödipuskomplex dient zum Teile der Über- 
windung dieser früheren Phase, indem der Knabe genital zur 
Mutter zurückzukehren versucht, aber immer noch durch das 
von der Mutter ausgehende Verbot gehemmt wird (bei Mädchen 
der entsprechende Abscheu vor dem männlichen Genitale). Denn 
beim Zurückgehen zur Mutter auf der Genitalstufe stößt der 
Knabe nicht nur auf den störenden Vater, sondern ebensosehr 
auf die versagende (strafende) Mutter, deren diesbezügliche Rolle 
wir bisher nur im weiblichen Ödipuskomplex gewürdigt haben. 
Aber die Enttäuschung des Knaben an der unerreichbaren, weil 
versagenden Mutter ist eben so groß und folgenschwer wie die 
Enttäuschung des Mädchens am Vater. So wird das Kind nach 
einer kurzen und intensiven Phase seiner biologischen Genital- 
entwicklung (Ödipussituation) wieder auf sein Ich zurückge- 
worfen, wie einst bei den ersten mütterlichen Versagungen. Der 
Unterschied, welcher die Ödipussituation charakte- 
risiert, ist nur der, daß jetzt aus psychobiologischen 
Gründen der andersgeschlechtliche Elternteil dafür ver- 
antwortlich gemacht wird, was sich besonders beim Knaben 
im „Vaterkomplex" (Kastrationsangst) äußert. 

Wenn wir diesen zweiten Rückzug des Kindes auf seinen 
Narzißmus verstehen wollen, müssen wir die inzwischen herge- 
stellte Beziehung zur strafenden (versagenden) Mutter im Auge 
behalten, die auch den Kern des Schuldgefühls ausmacht. Das 
heißt, was wir Schuldgefühl nennen, kristallisiert sich zuerst um 
die versagende Mutter, ist aber im Grunde genommen eine innere 



Zur Genese des Schuldgefühls 107 

Reaktion gegen Ichtendenzen, mögen wir sie nun als egoistisch, 
sadistisch oder narzißtisch bezeichnen. Auf der biologischen 
Stufe ist es der gestaute Sadismus, auf der sexuellen Stufe der 
gehemmte Narzißmus und auf der sozialen Stufe der verpönte 
Egoismus. Die Genese des Schuldgefühls führt also zurück ins 
Biologische, jenseits jeder Erinnerung, ja jenseits der Psycho- 
logie. Was wir als „Kristallisation" um die versagende Mutter 
bezeichnet haben, bedeutet einen ersten Versuch, diese innere 
Stauung durch Projektion, durch Objektivierung erträglich zu 
machen, d. h. sie zu rechtfertigen. So ist das, was wir Schuld- 
gefühl heißen und was die Psychoanalyse als vorläufig letzten 
erklärenden Faktor in der Psychologie der Neurosen gefunden 
hat, selbst schon eine Rationalisierung oder, wenn man will, die 
Interpretation einer biologisch vorgebildeten Reaktion. Es hat 
daher wenig Sinn, nach einer psychologischen „Ursache" des 
Schuldgefühls zu suchen; ja, dieses Suchen selbst entspringt der- 
selben Rationalisierungstendenz wie das Schuldgefühl. Was wir 
dann psychologisch jeweils als Ursache des Schuldgefühls finden, 
entspricht nur verschiedenen Rationalisierungen auf verschie- 
denen Stufen, in verschiedenen Schichten, in verschiedenen 
Situationen. 

Den größten Raum nimmt dabei die Sexualsphäre ein, nicht 
nur, weil sie sich in gleicher Weise über alle drei Stufen er- 
streckt, sondern auch, weil sie beim Menschen auf allen Stufen 
gleich starken Einschränkungen unterliegt, die sich biologisch 
als Unfähigkeit, sozial als Unmöglichkeit manifestieren und psy- 
chologisch als Unerwünschtheit rationalisiert werden. Daher 
eignen sich insbesondere die sozial verpönten Perversionen (auch 
die venerischen Krankheiten), ebenso aber auch sadistische oder 
verbotene Akte anderer Art (wie Stehlen, Trinken usw.) als 
Ausdrucksmittel und Träger dessen, was wir Schuldgefühl heißen 
und was in diesen Fällen der Aufhebung innerer Hemmungen, 
der verbotenen Tat, folgt. Das neuortische Schuldgefühl ist im 
Gegensatz dazu dadurch charakterisiert, daß es der Tat voran- 
geht, also vor ihr schützt, damit aber verrät, daß es nicht durch 
das äußere Verbot und dessen Übertretung geschaffen wird, son- 
dern einer inneren Hemmung entspringt, deren äußere Ratio- 
nalisierung einer therapeutischen Entlastung gleichkommt. Wir 



108 Genetischer Teil 

werden bei Besprechung der therapeutischen Möglichkeiten sehen, 
in welcher Weise die Psychoanalyse diesem natürlichen „thera- 
peutischen" Bedürfnis der Menschen entgegenkommt, ihm ge- 
nügen, aber auch in der Zukunft es überwinden helfen kann. 
Ebenso eng wie die Verknüpfung von Sexualität und Schuld- 
gefühl und ebenso wichtig für die therapeutische Einstellung ist 
die Beziehung des Schuldgefühls zur Angst. Wieder ergibt die 
Beobachtung, daß Angst ebenso häufig zur Bationalisierung des 
Schuldgefühls verwendet wird wie die Libido. Vieles, was wir als 
Angst beschrieben haben — und was wir auch als solche 
empfinden mögen — ist eigentlich Schuldgefühl, d. h. entspricht 
der Projektion innerer Hemmungen nach außen. Und ebenso wie 
beim „Trieb" handelt es sich auch bei der Angst um ein bio- 
logisches Phänomen, welches — psychologisch interpretiert — 
als Schuldgefühl erscheint, während seine Projektion als Angst 
einen Versuch zur äußeren Entlastung darstellt. Die Angst kann 
also ebenso wie die biologisch gegebene Libido (Sexualität) dazu 
verwendet werden, um Schuldbewußtsein, d. h. eine innere Hem- 
mung, zu objektivieren, zu rechtfertigen. Anderseits wieder ent- 
steht Schuldbewußtsein, wenn man Angst oder Libido zu ver- 
leugnen sucht. Ja, wie wir später ausführen werden, ist das 
Schuldbewußtsein letzten Endes ein Produkt der Verleugnungs- 
tendenz, indem es sagen will: Ich bin nicht so schlecht als 
ich mich fühle! In diesem Sinne ist das sogenannte Minder- 
wertigkeitsgefühl (im Sinne Adlers) eine Form der Anerken- 
nung der eigenen inneren „Schuld", zugleich aber einer der 
großartigsten Träger einer Menge anderweitiger „Schuldgefühle". 
So kann alles wieder zur Rechtfertigung des Schuldbewußt- 
seins verwendet werden, kann selbst Projektionsphänomen sein. 
Der eigentlich zugrunde liegende psychologische Tatbestand tritt 
uns noch am reinsten in dem Phänomen entgegen, das als 
Reue bezeichnet wird. Die Reue ist ein rein innerlicher Prozeß, 
ist sozusagen das Schuldbewußtsein vom Ich aus gesehen und 
empfunden, und nicht auf ein Objekt projiziert. Auch ist sie 
nicht bloß Reaktion auf eine begangene Tat, sondern bezieht 
sich ebenso auf Möglichkeiten, die man sich nicht gestattet, 
beides aber mit Erkenntnis der eigenen Verantwortung, d. h. 
aber ohne Angst und Schuld, daher auch peinlicher als diese. 



Zur Genese des Schuldgefühls 109 

Aus dieser allgemein menschlichen Tendenz, die innere Hem- 
mung nach außen zu verlegen — woher sie ursprünglich wahr- 
scheinlich kam — , ergibt sich, daß das Phänomen, welches wir 
als Schuldgefühl beschrieben haben, seinem Wesen nach ein 
Projektions- und Verschiebungsprodukt ist. Dies scheint aber 
das Wesen des Psychologischen überhaupt zu sein, nämlich 
eine Art Interpretation des Biologischen und des Sozialen, ähn- 
lich, wie wir im Traum, diesem seelischen Produkt kat exochen, 
innere und äußere Reize „psychologisch interpretieren". Das- 
selbe tun wir auch im Wachen, insbesondere in konfliktuösen 
Krisen, wo wir versuchen, das innen und außen Gegebene im 
Sinne unserer Wünsche umzudeuten. Das große Verdienst der 
psychoanalytischen Betrachtungsweise liegt darin, daß sie uns 
von dem tendenziös Psychologischen weg zu den biologischen 
Grundlagen und den äußeren Einflüssen zurückgeführt hat. Ihre 
Schwäche liegt darin, daß uns damit das Psychologische selbst 
zu entgleiten drohte und weiter entgleitet, solange wir uns 
nicht methodologisch über unseren Standpunkt, unsere Absichten 
und unsere Ziele klar geworden sind. 

Das Schuldgefühl können wir mit Rücksicht auf seine Genese 
als eine Art „negativen Narzißmus" betrachten. Denn auch der 
Narzißmus (oder was wir als Symptom desselben finden) hat 
sich analytisch (Sadger) als ein Niederschlag der Beziehung 
von Mutter und Kind erwiesen, wobei das Ich sich so liebt und 
bewundert, wie die gute Mutter es einst getan hatte oder wie es 
sich die ideale Mutter wünschte. Anderseits äußert sich die 
Identifizierung mit der schlechten Mutter, also die Betonung 
der hemmenden und strafenden Tendenzen im Ich, als Schuld- 
gefühl. Die Einstellung zu diesen beiden Urtypen der Mutter 
(die Jung als gute und böse Mutter mythologisch herausgearbeitet 
hat) bestimmt aber nicht nur den Aufbau des Ich und damit 
den ganzen Charaktertypus des Menschen, sondern auch sein 
Verhalten zu anderen im allgemeinen wie zu den Liebesobjekten 
im besondern. 



3. Zur Genese der Objektbeziehung. 

Wir haben zu zeigen versucht, wie die Mutter (Brust) ur- 
sprünglich vom Säugling als zu seinem Ich gehörig aufgefaßt 
wird und wie das Kind erst mit der allmählichen Erkenntnis und 
Akzeptierung der Mutter als einem Objekt (der Außenwelt), das 
sich versagen kann, am eigenen Körper (Finger, Genitale) einen 
unabhängigen und dauernden Ersatz zu finden sucht.' Diesen 
Prozeß können wir als die eigentliche psychologische Entdeckung 
des Ich im Sinne seiner narzißtischen Besetzung, Bewertung und 
Benützung verstehen. Von da aus haben wir weiter verstehen 
gelernt, daß der Mechanismus jeder Objektbesetzung oder Objekt- 
beziehung eine Art „Maternisierung" darstellt, d. h. das Objekt 
erhält dadurch eine Beziehung zum Ich, indem es mit der ur- 
sprünglich vom Ich auf die Mutter übertragenen und später wieder 
aufs Ich zurückgezogenen (narzißtischen) Libido besetzt wird. 
Dieser Mechanismus erklärt nicht nur die „libidinöse Besetzung" 
der Außenwelt (Jungs „Interesse") und den Verlust derselben 
im psychotischen Weltuntergangsgefühl, sondern insbesondere 
auch das Verhalten des Ich zu anderen Menschen im Liebes- 
und Sozialleben. 

Es wird aber nicht nur bei Versagung des Objektes Ersatz 
dafür am eignen Ich gesucht, sondern jede Objektbesetzung 
enthält anderseits auch deutliche Ich-Elemente, d. h. das Ich 
sucht am Objekt sich selbst oder Teile seines geliebten Selbst 
wieder zu finden. Die Beziehung des Ich zu den Objekten ist 
aber nicht nur eine wechselseitige in dem eben beschriebenen 
Sinne, sondern auch eine doppelseitige, und zwar auf Grund 
der ursprünglichen Konzeption der Mutter als gutes (gewährendes) 
und schlechtes (versagendes) Objekt. Bei Aufgeben oder Verlust 
des (Mutter-) Objektes wird zunächst ein positiver Ersatz für 
die vermißte Lustbefriedigung am eigenen Körper (Lutschen, 
Masturbation) oder späterhin seelisch im eigenen Ich gesucht. 



Zur Genese der Objektbeziehung 111 

Zugleich aber wird auch die versagende Mutter auf Grund 
der Triebhemmung als gefürchtete, strafende Instanz im Ich 
aufgerichtet, was sich im Gegensatz zur narzißtischen Ersatz- 
befriedigung als Angst oder Schuldgefühl manifestiert. 

Auf dem Wege zur sozialen Anpassung an die biologisch 
bedingte Ödipussituation lernt dann der Knabe die schlechte, 
versagende, gefürchtete Mutter allmählich mit dem Vater zu 
identifizieren, den er in der Ödipussituation selbst als wirk- 
lichen Besitzer der Mutter erkennen lernt. Mit diesem Fortschritt 
von der präödipalen Rivalität mit den Geschwistern auf der 
biologischen Mutterstufe zur sozialen Rivalität mit dem Vater 
kristallisiert sich auch das ursprüngliche Bild der guten ge- 
währenden Mutter wieder deutlicher heraus, das dann zur Her- 
stellung einer richtigen Liebes- und Sexualbeziehung zum Weibe 
notwendig ist. Das Mädchen dagegen findet auf dem Wege zur 
Ödipussituation die hindernde, versagende Mutter wieder, wäh- 
es allmählich lernen muß, im Vater einen Ersatz für die lust- 
spendende Mutter (Brust) zu finden. Dies erfolgt auf Grund der 
bereits geschilderten Gleichsetzung von Brust und Penis, deren 
Voraussetzung die „Verschiebung üach unten" und die Wieder- 
herstellung der ursprünglichen Säuglingsaktivität ist (vaginales 
Saugen). Die biologische ödipusbeziehung kann also erst voll 
hergestellt werden, wenn zugleich die positive und negative Ein- 
stellung zur Mutter, die sich im Ich als Narzißmus und Schuld- 
gefühl manifestiert, wieder in eine Objektbeziehung objektiviert 
worden ist. Diese neue Objektbeziehung auf der Ödipusstufe 
unterscheidet sich nur von der primären Objektbeziehung zur 
Mutter, indem nunmehr die beiden Mutterrollen je nach der bio- 
logischen Geschlechtsrolle des Ich auf Vater und Mutter verteilt 
werden. Vom Gelingen dieser Verteilung hängt zum großen Teil 
Art und Grad der späteren Beziehung zu Menschen im sexuellen 
und sozialen Sinne ab. Dies ist die Bedeutung des Ödipus- 
komplexes für das spätere Schicksal der menschlichen Objekt- 
beziehungen. Wir dürfen aber dabei nicht vergessen, daß der 
Ödipuskomplex nur eine Durchgangsphase darstellt und daß 
sein Gelingen oder Scheitern bereits durch die ursprüngliche 
Beziehung zur Mutter entscheidend determiniert ist. 

Die ödipussituation nötigt das Kind, die ursprünglich der 






I 






112 Genetischer Teil 

Mutter geltende ambivalente Einstellung, die es bereits im Ich 
(als Narzißmus und Schuldgefühl) aufgearbeitet hat, auf die 
beiden Geschlechter zu „projizieren", was für das kindliche 
Ich nicht so sehr eine Leistung als eine Entlastung darstellt, 
indem sie Befriedigungen und Hemmungen, welche durch die 
mütterlichen Versagungen im Ich notwendig geworden waren, 
wieder an Objekten finden läßt. Die Ödipussituation und die ihr . 
psychologisch auf späterer Stufe entsprechenden Liebesbeziehun- 
gen ermöglichen so dem Individuum frühere Ich-Entwicklungen, 
die einen psychischen Aufwand bedeuten, teilweise und zeitweilig 
wieder rückgängig zu machen, sich sozusagen in der Liebes- 
beziehung zu entlasten, indem man im Partner Teile und Mecha- 
nismen des eigenen Ich objektivieren kann. Dies erklärt auch 
den deutlichen „Objekthunger" (Ferenczi), den wir besonders 
in der analytischen Übertragungssituation manifestiert sehen. Er 
zielt aber nicht bloß auf Wiederherstellung der Ödipussituation 
als solcher hin, ja nicht einmal auf Wiederherstellung der 
ursprünglicheren Libidobeziehung zur Mutter, sondern dient — 
wie die Analyse der Neurosen unzweifelhaft lehrt — auch der 
Entlastung des Ich von Angst und Schuldgefühl. Diese Tendenz 
des Ich, jede sich darbietende Möglichkeit zu ergreifen, um innere 
Spannungen durch Objektbeziehung zu entlasten, verrät uns, 
daß das Ich sozusagen widerwillig, aus Not, infolge Versagungen 
aufgebaut wird und jederzeit bereit ist, seine Ich-Struktur in 
Objektbeziehungen aufzulösen, sobald sich geeignete Objekte und 
Situationen dazu finden. Dabei läuft es verschiedene Gefahren, 
die sich uns in den verschiedenen Formen sozialer und sexueller 
Fehlanpassungen zeigen. Sicherlich ist diese Tendenz als solche 
die psychologische Voraussetzung zur Herstellung und Aufrecht- 
erhaltung aller menschlichen Beziehungen überhaupt. Geht sie 
aber in irgend einer Richtung zu weit, wie z. B. in den Formen 
pathologischer Verliebtheit oder paranoischer „Projektion", so 
führt sie zur teilweisen Auflösung der Ich-Struktur, welche die 
soziale Einordnung insofern stört, als die Ausschließlichkeit der 
einen Objektbeziehung oder die pathologische Einschränkung 
auf eine bestimmte Art der Objektbeziehung eine normale Bezie- 
hung zu anderen Objekten unmöglich macht. Eine andere Gefahr, 
nämlich die der narzißtischen Einschränkung, droht dem Ich,' 



Zur Genese der Objektbeziehung 113 

wenn es sich allzusehr gegen die Tendenz zur Objektbeziehung 
sträubt, d. h. in keinerlei Abhängigkeit von irgend einem Objekt 
verfallen will. 

Um aber alle Prozesse und Ausgangsmöglichkeiten, die dabei 
normaler- und pathologischerweise in Betracht kommen, zu 
verstehen, müssen wir nicht nur die psychischen Mechanismen 
in Betracht ziehen, die sich über dem biologischen Mutterverhält- 
nis aufbauen, sondern auch die Einflüsse und Störungen des 
gegebenen Milieus, die dann auch für das therapeutische Ver- 
ständnis der analytischen Situation von Wichtigkeit sind. Unab- 
hängig von der wirklichen Einstellung der Eltern, von ihrem 
Charaktertypus und Erziehungseinfluß, finden wir doch regel- 
mäßig in der Analyse, daß das Bild der strengen schlechten 
Mutter auf Grund der von ihr ausgehenden biologischen Ver- 
sagungen entsteht. Von da aus wird dann in der Ödipussituation 
die „Imago" von Vater und Mutter geschaffen, welche durchaus 
nicht immer ihrem wirklichen Charakter entspricht und in der 
analytischen und erzieherischen Situation neu geformt wird. 
Die Übertragung erweist sich so nicht so sehr als eine Wieder- 
holung der wirklichen ödipussituation, sondern als neuerliche 
Projektion der eigenen inneren Elternimagines, die oft im Gegen- 
satz zu den wirklich existierenden Verhältnissen entstehen. 
Diese Auffassung steht im Einklang damit, daß die Über- 
tragung eine Verliebtheit darstellt, also dem Versuch 
der Lösung eines Ich-Problems am Objekt entspricht. 
Dementsprechend hat man bei der Analyse alle Äußerungen der 
Übertragung nicht nur als Wiederholung infantiler Reaktion und 
in der analytischen Situation auf den Analytiker bezüglich zu 
deuten, sondern letzten Endes als Äußerungen von Ich-Tendenzen 
im Patienten verständlich zu machen. 

Daraus ergibt sich ungefähr folgendes Durchschnittsbild der 
genetischen Entwicklung der Objektbeziehung: beide Geschlechter 
werden von ihrer Einstellung zur guten und schlechten Mutter 
das Bild der Eltern so formen und gestalten, wie sie es zur 
späteren Objektbesetzung und Ich-Entlastung brauchen. Im allge- 
meinen hat der Knabe, wie schon erwähnt, in der Ödipus- 
situation die schlechte Mutter im Vater zu finden, gleichgültig, 
oh der Vater streng ist oder nicht, er hat ihn sozusagen „schlecht" 

Rank, Grundzüge einer genetischen Psychologie. 8 



114 Genetischer Teil 

zu machen, um so das Bild der guten Mutter rein zu erhalten, 
was ihm späterhin ermöglicht, eine richtige Liebesbeziehung zum 
Weib zu entwickeln. Dieser Prozeß wird nicht nur kompliziert 
durch das tatsächliche Verhalten der Eltern (Charakter), sondern 
auch weil die ursprüngliche Mutterbeziehung bereits ihren Nieder- 
schlag im Ich zurückgelassen hat und dessen Verhältnis zu 
anderen Libidoobjekten bestimmt. Wir haben bereits erwähnt, 
wie die ursprüngliche Aufarbeitung der beiden Mutterbilder im 
Ich die Gestaltung eines mehr narzißtischen (positiv gehemmten) 
Typus oder eines mehr neurotischen (negativ gehemmten) ent- 
scheidet. Beim Knaben wird z. B. eine besonders intensive Ent- 
täuschung an der Mutter zur Folge haben, daß er nicht in genü- 
gender Weise auf den Vater verschieben kann, sondern dann auch 
im Leben die schlechte Mutter immer wieder suchen und finden 
muß, was ihn vom Weib abstößt und zum Mann führen kann. 
Entweder, indem er selbst die gute Mutter spielt und sich rein 
narzißtisch liebt, oder indem er die gute Mutter in anderen 
Männern sucht. Ähnliches gilt für das Mädchen, die oft durch zu 
starkes Festhalten an der versagenden Mutter dazu kommt 
anderen Mädchen gegenüber (in denen sie sich selbst liebt) die 
ideale Mutter zu spielen. Einzelne Charaktertypen und Verhal- 
tungsweisen der Menschen erklären sich so, je nachdem ob sie 
im Leben die gute Mutter selbst spielen oder im Objekt suchen 
bzw. die schlechte Mutter selbst spielen oder im Objekt suchen. 
Vom letzten Standpunkt aus versteht man auch diejenigen Ver- 
haltungsweisen, die man als „negative Objektbeziehung" be- 
zeichnen könnte, das sind solche, in denen Haß, Angst, nament- 
lich aber Schuldgefühl dominieren. Das Schuldgefühl verrät den 
bedeutsamen Ich-Anteil, der in allen Liebesbeziehungen vor- 
handen ist. 

Alle diese negativen Gefühlsbeziehungen, die im Liebesleben 
eine so große Rolle spielen, sind nur verständlich als Lösungs- 
versuche von Konflikten im Ich, das sich von inneren Spannun- 
gen und Hemmungen befreien will. Zu gleicher Zeit bringen aber 
solche Befreiungs versuche eine neuerliche sekundäre Schuld- 
gefühlreaktion mit sich, da das moralische Ich es nicht verträgt, 
den Andern (im Kantschen Sinne) „als Mittel zum Zweck" zu 
benützen. Dieselbe Reaktion scheint aber auch die sinnliche 



Zur Genese der Objektbeziehung 116 

Befriedigung bei so vielen Menschen hervorzubringen, indem 
sie es nicht vertragen, den Anderen (das andere Geschlecht) als 
Mittel zu einer narzißtischen Befriedigung zu verwenden. Es ist 
kein Wunder, daß sich dann das Schuldgefühl so typisch an den 
Orgasmus heftet, der als der Gipfel der sinnlichen Befriedigung 
und daher als etwas Verbotenes erscheint. Dieses Verbot läßt 
sich analytisch regelmäßig bis auf die frühesten mütterlichen 
Versagungen der (narzißtischen) Lustbefriedigungen am eigenen 
Körper zurückführen und erreicht nur im Masturbationskonflikt 
seinen Höhepunkt. Dieser Konflikt erweist sich als ein Konflikt 
im eigenen Ich, bereits unabhängig von äußeren Versagungen und 
Verboten, und ist nur genetisch aus den frühen biologischen 
Versagungen (der Mutter) verständlich. Diese und nicht so sehr 
das engere Sexualproblem sind denn auch dafür verantwortlich, 
wenn so häufig das Liebesobjekt, in Krisen, die das Ich durch- 
macht, zum Repräsentanten der inneren Hemmungen, gleichsam 
des eigenen Gewissens gemacht wird. Denselben Prozeß der 
Lösung eines Ich-Konfliktes am Objekt sehen wir dann in der 
Analyse im Verhältnis des Patienten zum Analytiker sich ab- 
spielen und dies erklärt auch das starke Schuldgefühl, das sich 
notwendigerweise aus der analytischen Situation selbst — als 
einer solchen Relation: Ich-Objekt — entwickelt und ihrer 
Lösung so große Schwierigkeiten bereitet. 

Auch dies lehrt wieder, daß jedes Verhältnis zu einem Objekt 
vielmehr in Projektionen eigener Ich-Strebungen und -Konflikte 
besteht als im bloßen Wiederholen einer Situation. Allerdings 
ist dieses Ich, das in die Objektbeziehung hineinprojiziert wird, 
ursprünglich auf Grund einer Objektbeziehung aufgebaut und 
entwickelt, hauptsächlich auf der biologischen Beziehung zur 
Mutter, deren Gestaltung bis zur ödipussituation wir bereits 
skizziert haben. Die primären Mutterversagungen nötigen das 
Kind auf das eigene Ich zurückzugreifen und schaffen so den 
„Narzißmus", der in späteren Objektbeziehungen wieder in seine 
ursprünglichen Komponenten zerlegt wird. Für die Art der 
späteren Objektbeziehungen ist der Grad des Narzißmus ent- 
scheidend, indem entweder das ursprüngliche Objekt wieder 
gesucht und gefunden wird oder aber indem man das eigene 
Ich zu objektivieren trachtet. Dies führt nicht nur in extremen 



116 Genetischer Teil 

Fällen zur Homosexualität, sondern entscheidet auch darüber, 
ob die heterosexuelle Beziehung mehr einer Wiederherstellung 
der ursprünglichen Objektbeziehung entspricht oder mehr einem 
Wiederfindenwollen des eigenen Ich. Ich habe anderwärts ausge- 
führt, daß in jeder Objektwahl und Liebesbeziehung regelmäßig 
beide Komponenten zusammenwirken. 1 Ich möchte nur hinzu- 
fügen, daß die größten Schwierigkeiten in der wirklichen Liebes- 
wahl sich aus dem Gegeneinanderwirken dieser beiden Tendenzen 
erklären und daß auch die meisten Liebeskonflikte entstehen, 
indem eine Entwicklung des Ich eine früher hergestellte befriedi- 
gende Objektbeziehung stört. 

Indem wir die Diskussion dieser höchst komplizierten Ein- 
flüsse der Ich-Entwicklung auf die Objektbeziehung für später 
aufschieben, kehren wir zu den einfacheren Verhältnissen der 
ursprünglichen Objektbeziehung zur Mutter zurück und wollen 
versuchen, gewisse typische Folgeerscheinungen derselben als 
Charaktertypen herauszuarbeiten. Der eine männliche Typus hat 
die negative Einstellung zur Mutter bewahrt und neben diesem 
mütterlichen Über-Ich nur spät und spärlich ein väterliches ent- 
wickelt. Er ist narzißtisch, entweder im positiven Sinne des 
Gelieb twerdenwollens, wobei er das Kind spielt, das die gute 
ideale Mutter draußen sucht, aber nie findet. Oder er spielt selbst 
die gute ideale Mutter anderen Menschen gegenüber, denen er 
helfen, die er retten muß (Heilandsphantasie). Sein Sexualleben 
ist mehr ein Protest gegen die strenge Mutter als eine Wieder- 
herstellung der libidinösen Beziehung zur gewährenden Mutter 
und steht demnach immer unter dem Verbot des Schuldgefühls. 
Der andere Typus hat über den mütterlichen Verboten die väter- 
lichen Hemmungen aufgerichtet und sich so mehr mit dem 
Vater als mit der Mutter identifiziert, zugleich aber alles Nega- 
tive auf den Vater geworfen. Er ist mehr männlich, aktiv, hetero- 
sexuell, im Gegensatz zum ersten Typus, der oft genug in umge- 
kehrter Weise seine negative Einstellung zum Vater auf die 
Mutter zurückprojiziert und auf diese Weise zur Homosexualität 
oder Impotenz kommen kann. Es ist dann Aufgabe der analy- 
tischen Therapie, den Patienten zur Anerkennung dieses Urbildes 

1 „Sexualität und Schuldgefühl", Kapitel „Idealbildung und Liebeswahl" 
(1923). 



Zur Genese der Objektbeziehung 117 

der schlechten Mutter zu bringen, die er dadurch zu verleugnen 
suchte, daß er selbst die ideale gute Mutter spielte. Dies gelingt 
zumeist nur, wenn er die unterdrückte Rache an der „strengen" 
Mutter in der analytischen Situation ausleben kann, anstatt im 
realen Verhältnis zur Frau (Don Juan, Impotenz, Homosexualität). 
Diese Enttäuschung an der Mutter ist ein wesentlicher Faktor 
auch für das Verständnis der späteren negativen Einstellung 
des Knaben zum Vater und des Mädchens zum Mann. Sie beruht 
auf allen Versagungen, von der Geburt und Entwöhnung, über 
die Reinlichkeitserziehung bis zur ödipussituation und wird 
wesentlich verstärkt durch das Hinzukommen neuer Geschwister, 
welche das Verhältnis zur Mutter stören. In diese Präödipusphase, 
in der die Geschwister mehr als der Vater den Alleinbesitz 
der Mutter beeinträchtigen, wird auch die Mutter für das Hinzu- 
kommen der Kinder sozusagen verantwortlich gemacht. Auf der 
(analen) Stufe der Reinlichkeitserziehung oft in der Form, daß 
sie sich diese „anale" Freiheit erlaubt, die sie dem Kinde 
verbietet. Aus den Analysen gewinnt man den Eindruck, daß 
die ganze „anale Geburtstheorie" dieser präödipalen Stufe ange- 
hört, auf der der Vater als Erzeuger noch keine Rolle spielt, 
sondern die Mutter aus sich selbst dieses verbotene Tun schafft. 
Die Vorstellung des „analen Kindes" hat dann oft die Bedeutung, 
daß es als wertloses Abfallsprodukt weggeworfen werden kann 
und so nicht mehr stört. Die spätere Enttäuschung des Knaben, 
daß die Mutter keinen Penis hat, ist weder die erste, noch die 
wichtigste Enttäuschung an ihr, ja sie ist nur möglich auf Grund 
früherer Enttäuschungen. Sie ist zunächst eine narzißtische Ent- 
täuschung, indem der Knabe die Mutter, die er eine Zeitlang 
als Teil des eigenen Ich genommen hatte (Identifizierung), nun- 
mehr als ichfremd empfindet, d. h. als ungeeignet zur Identifi- 
zierung und der darauf basierten narzißtischen Idealbildung. 
Späterhin, wenn der Vater als Träger des Penis erkannt und seine 
Rolle bei der Erzeugung der Kinder geahnt oder erfahren wird, 
kann dieser „Penismangel" der Mutter als Vorzug im doppelten 
Sinne empfunden werden. Einerseits wird sie von der Verant- 
wortung für den Kindersegen freigesprochen, anderseits wird 
sie durch Erkenntnis ihrer weiblichen Geschlechtsrolle vom Ich 
(und der Identifizierung) gelöst und so zu einem wirklichen 



118 



Genetischer Teil 



Objekt im Sinne der sexuellen Besitzergreifung. Dies ist die pro- 
gressive Seite der ödipussituation, in der allerdings zugleich 
der mächtige Vater als Besitzer der Mutter erkannt wird. Der 
„Kastrationswunsch" des Knaben auf dieser Stufe entspricht 
aber nicht nur der Angst vor dem Vater und der (masochistischen) 
Unterwerfung, sondern auch einem Versuch, die ursprüngliche 
Identifizierung mit der Mutter (aus Gründen der Ich-Befriedi- 
gung) auch nach Erkenntnis des Geschlechtsunterschieds fest- 
zuhalten. Anderseits ist es, wie bereits erwähnt, nicht nur die 
Angst vor dem Vater, was den Knaben von der Mutter zurück- 
hält, sondern auch seine eigene Angst vor ihrer Ich-Fremdheit 
(Penismangel), die er allmählich auf Grund aller Versagungen 
akzeptieren muß, als deren letzte er auf genitaler Stufe den 
anatomischen Geschlechtsunterschied kennen lernt. Auf dieser 
Stufe vollzieht der Knabe die eigentliche biologische Anpassungs- 
leistung, indem er die Mutter als ein Ich-Objekt (Teil des Ich) 
endgültig aufgeben und als ein wirkliches (Libido-) Objekt im 
Sinne seiner späteren Sexualrolle akzeptieren muß. Diese Wand- 
lung und Anpassung hat er unabhängig vom Vater zu vollbringen • 
der Vater spielt dabei nur ebenso eine fördernde als hemmende 
Rolle, indem er dem Knaben ermöglicht, einen großen Teil der 
Enttäuschung an der Mutter sowie der eigenen inneren Schwierig- 
keiten auf ihn zu projizieren, d. h. ihn dafür verantwortlich zu 
machen. So ist es nicht mehr die strenge strafende Mutter, welche 
ihn von ihr und der Sexualität abhält, sondern es ist jetzt der 
Vater, der alle Hindernisse, die äußeren wie die inneren, reprä- 
sentiert und so dem Knaben ermöglicht, die Mutter wieder zu 
begehren, anstatt sich vor ihr zu fürchten. 

Aber selbst auf der biologischen Stufe der sexuellen Objekt- 
beziehung kann das Weib nicht als reines Objekt genommen 
werden, sondern diese neue Objektbeziehung kann wieder nur 
durch Herstellung einer neuen Ich-Relation ermöglicht werden, 
welche wir in dem komplizierten seelischen Prozeß der Ver- 
liebtheit erkennen. Diese Verliebtheit ist ein reines Ich-Problem 
und scheint eben die Aufgabe zu haben, die Anforderungen der 
Sexualrolle mit den Ich-Strebungen in Einklang zu bringen. Dies 
wird besonders deutlich beim analytischen Studium der soge- 
nanten Homosexualität, in der die Psychoanalyse (Sadger) schon 



' 



Zur Genese der Objektbeziehung 



119 



lange ein (narzißtisches) Ich-Problem erkannte. Nur blieb sie 
auch hier bei der „libidinösen" Erklärung stehen, indem sie 
die homosexuelle Objektwahl als eine „narzißtische" charakteri- 
sierte, d. h. man liebt im gleichen Geschlecht sich selbst, so 
wie die Mutter einen geliebt hat (oder lieben sollte). Dies ist 
aber nur eine Form der Objektwahl aus dem Ich und der zu- 
grunde liegende Ich-Mechanismus ist ebenso in der hetero- 
sexuellen Objektbeziehung wirksam. Um jedoch diese zu ver- 
stehen, muß man über die libidinöse Erklärung hinausgehen und 
den genetisch-evolutionistischen Standpunkt einnehmen. Es zeigt 
sich dann, daß man im Liebesobjekt, das ja immer narzißtisch 
gewählt wird, nicht nur je nachdem die ideale Mutter oder das 
ideale Ich sucht oder zu finden hofft, sondern daß die Objekt- 
beziehungen im allgemeinen eine Art Ablagerungsstätte für über- 
wundene und aufgegebene Phasen der eigenen Ich-Entwicklung 
sind. Je nach den dabei mitwirkenden Erlebnissen und ins Spiel 
tretenden Mechanismen kann es sich dabei einmal um das 
Wiederfindenwollen des ursprünglichen Objektes oder eigenen 
Ichs, ein andermal um das idealisierte Objekt oder Ich, ebenso 
aber um das verworfene Objekt oder Ich handeln. Erst dieser 
letztere Fall, der für das Verständnis der pathogenen Fehlent- 
wicklungen so wichtig ist, macht es deutlich, daß es sich bei aller 
Objektbeziehung um den Versuch zur Lösung eines Ich-Konfliktes 
handelt, der durch die Entwicklung des Ich heraufbeschworen 
wurde. Die Objektbeziehung dient dabei in jedem Fall als eine 
Ablagerung für das frühere aufzugebende Ich, das man im Objekt 
bzw. in der Objektbeziehung festhalten will und von dem man 
anderseits durch Objektivierung loszukommen trachtet. Dieser 
Vorgang erklärt die meisten konfliktuösen Objektbeziehungen, 
die dadurch noch komplizierter und destruktiver werden können, 
daß sich dieser Prozeß der Ich-Ablagerung im Verlauf der Objekt- 
beziehung weiter entwickelt, so daß die eigentliche Entwertung 
und das endgültige Aufgeben eines Stückes der eigenen Ich- 
Entwicklung erst am Objekt selbst sich vollzieht. 

Ist dieser Mechanismus der Ich-Ablagerung in der Homo- 
sexualität deutlich, wo es sich ja um einen Doppelgänger handelt, 
der auch sexuell das eigene Ich (Über-Ich oder Unter-Ich) reprä- 
sentiert, so ist in der heterosexuellen Objektwahl derselbe Mecha- 



120 Genetischer Teil 

nismus wirksam, nur kompliziert durch den die Ich-Tendenzen 
störenden Faktor des Geschlechtsunterschieds, welchen die 
Psychoanalyse als „Kastrationskomplex" zu beschreiben ver- 
suchte, ohne aber die wichtigen Mechanismen der Ich-Psycho- 
logie zu berücksichtigen. Für das Mädchen bekommt der Mann 
je nach ihrer infantilen Anpassung an die biologische Geschlechts- 
rolle entweder die Bedeutung eines idealen Ich, das sie sich 
selbst wünscht (Penisneid) und mit dem sie sich daher im posi- 
tiven Sinne identifizieren kann, wenn sie imstande ist, dieses 
Ich-Ideal im Mann „abzulagern". Will sie es aber selbst sein 
oder werden, d. h. kann sie diesen Teil ihres Wunsch-Ich nicht 
genügend weit aufgeben, so resultieren alle Konflikte und 
Schwierigkeiten, welche die Psychoanalyse mit dem Begriff 
„Männlichkeitskomplex" umschrieben hat. Für den Mann wissen 
wir bereits, daß er die Mutter als Ich-Objekt aufgeben und als 
Sexualobjekt akzeptieren lernt, wenn er imstande ist, die narziß- 
tische Identifizierung mit ihr aufzugeben und so ein Liebesobjekt 
zu akzeptieren, welches offenkundigerweise von seinem körper- 
lichen Ich verschieden ist („kastriert"). Das Problem lautet dann 
eigentlich eher, wieso der Mensch überhaupt fähig ist, auf Grund 
seiner narzißtischen Anlage und Entwicklung ein anderes als 
das eigene Geschlecht, d. h. aber das eigene Ich zu lieben. Die 
Antwort wäre sehr einfach, wenn ihre praktische Anwendung 
nicht auf all die Schwierigkeiten stieße, die uns in den Liebes- 
konüikten der Menschen entgegentreten. Die Antwort wäre näm- 
lich, daß der Mensch auf Grund seiner biologischen Sexualrolle 
und der natürlichen Anziehung der Geschlechter zur sexuellen 
Objektbeziehung kommt, wenn er nicht so unendlich komplizierte 
Umwege und Rechtfertigungen brauchte, um sich in diese natür- 
liche Rolle zu fügen und sich ihr konfliktlos anzupassen. Es 
ist eben gerade sein Ich und dessen Entwicklung, was sich der 
biologischen Forderung entgegenstellt und den ganzen kompli- 
zierten Apparat der Verliebtheit braucht, um die Sinnlichkeit mit 
der Liebe zu entschuldigen, den Sadismus durch die Zärtlichkeit 
zu kompensieren, um schließlich doch im unvermeidlichen Schuld- 
gefühl zu gestehen, daß das Ganze eine höchst egoistische 
Angelegenheit ist, gegen die sich sein moralisches Ich wehrt. 
Für den Mann ergeben sich so als Bedingung und Folge 






Zur Genese der Objektbeziehung 121 

seiner Akzeptierung der Frau als Liebesobjekt ähnliche zwei 
Möglichkeiten, wie wir sie vorhin für die Frau beschrieben 
haben. Während aber für die Frau im allgemeinen die günstigere 
Möglichkeit resultiert, daß sie nämlich den Mann als ideales Ich 
akzeptiert, scheint der Mann mehr geneigt oder genötigt, das 
Weib als eine Art „Unter-Ich" (im vorhin beschriebenen Sinne) 
zu objektivieren. Dies hat aber nicht nur seinen Grund in der 
Vorstellung ihrer „Kastration", auf Grund deren er das Weib 
mit dem angstbesetzten Teile seines eigenen Ich identifiziert, 
sozusagen in ihr sein eigenes gefürchtetes Schicksal objektiviert 
sieht. Denn diese Enttäuschung ist ja, wie bereits erwähnt, nur 
die letzte in einer Reihe früherer Enttäuschungen, die das Bild 
der schlechten, verderblichen, verwerflichen Mutter formen. So 
entspricht die Objektwahl der Frau vom Ich betrachtet mehr 
einer Idealisierung, einem Finden des gesuchten Ich-Ideals im 
anderen Geschlecht, während dies beim Mann nur zum Teile 
der Fall ist, da er zwar auch die ideale Mutter sucht, aber auf 
Grund seiner ambivalenten Einstellung zu ihr nie mehr finden 
kann. Dem Mädchen dagegen tritt der Vater sozusagen unbe- 
scholten gegenüber, wobei allerdings auch dieses idealere Ver- 
hältnis durch den von den Brüdern geweckten „Penisneid" gestört 
werden kann. 

Bei diesem ganzen Prozeß der Ich-Findung, Ich-Projektion 
und Ich-Ablagerung ergeben sich also zwei Möglichkeiten und 
innerhalb derselben wieder drei verschiedene Mechanismen und 
Ausgänge. Aus der in der „narzißtischen" Ich-Besetzung ver- 
einigten Mutter— Kind bzw. Objekt — Ich-Beziehung wird entweder 
mehr das eigene Ich projiziert und objektiviert oder mehr das 
ursprüngliche Mutterobjekt. In beiden Fällen handelt es sich 
entweder um ein möglichst getreues Ebenbild oder um ein 
idealisiertes bzw. entwertetes Imago desselben. Je nachdem er- 
geben sich dann bei Mann und Weib die verschiedenen Typen 
der Objektwahl und der Beziehung des Ich zum Objekt. Darüber 
hinaus entscheidet aber die Entwicklung dieser Relation des Ich 
zum Objekt auch den gesamten Charaktertypus des Menschen, 
dessen „Objektwahl" nur ein Symptom seiner Ich-Entwicklung 
darstellt. So sind also die libidinösen Objektbeziehungen von 
Anfang an, in jeder Form und in jedem Stadium Begleiterschei- 



122 



Genetischer Teil 



nungen und Sedimente der Ich-Entwicklung, was nicht nur den 
Wechsel der Objektbeziehungen, sondern auch die Schwierig- 
keiten dabei und innerhalb desselben erklärt. Im günstigsten 
Falle wächst und entwickelt sich das Ich sozusagen im biolo- 
gischen Einklang mit und an den Kindern, in die man große 
Stücke seiner vergangenen (aufzugebenden) und zukünftigen 
(idealen) Ich-Entwicklung ablagert, während zu gleicher Zeit 
die Eltern den Kindern ihre eigene Ich-Entwicklung und ihren 
Ich-Aufbau durch Identifizierung ermöglichen und erleichtern. 
Anderseits birgt aber jede Objektbeziehung destruktive Elemente 
in sich, da es sich bei der Ablagerung von überwundenen und 
aufzugebenen Ich-Phasen immer auch um eine relative Auflösung 
und Reorganisation der Ich-Struktur handelt, welche wir als die 
sozial verderbliche Seite der Liebe kennen und fürchten. 



III. Die psychischen Mechanismen und ihre 

Auswirkungen. 









. 






I 






In den nächsten drei Abschnitten wollen wir versuchen, die 
seelischen Mechanismen der Beziehungen zum Objekt und zur 
Realität vom Standpunkt des Ich zu betrachten, zugleich aber 
auch die sozialen Auswirkungen dieser Relation in bezug auf die 
einzelnen Mechanismen und ihre verschiedenen Äußerungsformen 
darzustellen. 

Die eigentliche Objektwahl führt von der positiven 
Besetzung der guten Mutter über die narzißtische Durch- 
gangsphase der Genitalität zur Liebe. Ihr wesentlicher Mechanis- 
mus ist das, was wir bisher im deskriptiven Sinne als „Projek- 
tion" verstanden haben, was aber im dynamischen Sinne eigent- 
lich als Ich-Entlastung verstanden werden kann. Der zweite 
fundamentalere Vorgang ist der Ich-Aufbau, der vom primären 
Narzißmus (Egoismus) über die strenge Mutter zum Über-Ich 
führt und dessen wesentlichen Mechanismus wir bisher ebenfalls 
deskriptiv als „Identifizierung" beschrieben haben. Er beruht 
im dynamischen Sinne auf einer inneren Stauung der aggressiv- 
sadistischen Impulse, die dann im Bilde der strengen Mutter 
objektiviert werden, kann also als Triebhemmung bezeichnet 
werden. (In der Objektbeziehung werden diese Hemmungen teil- 
weise freigegeben und als Zärtlichkeit kompensiert.) Die dritte 
Stufe führt über die engere Objektbeziehung hinaus zur Reali- 
tätsanpassung, welche die weitestgehende Entfernung vom 
Egoismus und Narzißmus bedeutet, aber nur auf Grund eines 
Mechanismus ermöglicht wird, den wir bisher vom Standpunkt 
der Libidotheorie als „Verdrängung" kennen gelernt haben und 
dessen Korrelat von der Ich-Seite ich Verleugnung genannt 
habe. Auf allen drei Stufen ergeben sich neben den normalen 
Ausgangsmöglichkeiten in Liebesfähigkeit, Charakterbildung und 
Soziabilität die pathologischen Abweichungen und Fehlentwick- 
lungen auf Grund quantitativer oder qualitativer Faktoren. 

Werden beim Ich-Aufbau die Triebhemmungen, aus inneren 
oder äußeren Gründen, zu stark, so resultiert übermäßige Angst 



126 



Die psychischen Mechanismen und ihre Auswirkungen 



und Schuldgefühl und in deren Folge alle die Störungen, welche 
wir bisher nach ihrer Symptomatik deskriptiv als „Psycho- 
neurosen" bezeichnet haben, welche wir aber besser als Affekt- 
störungen charakterisieren (Stekels „Störungen des Trieb- 
und Affektlebens"). Wird anderseits bei Herstellung der Objekt- 
beziehung zuviel vom Ich ins Objekt verlegt, so resultieren die 
Störungen des Liebes- und Sexuallebens, die wir bisher 
unter dem Titel der „Aktualneurosen" (besser Sexualneurosen) 
und Perversionen abgehandelt haben. Wird endlich bei der allge- 
meinen Anpassungsleistung die Realität vom Ich als zu peinlich 
empfunden und zu stark verleugnet, so ergeben sich die Störungen 
in der Realitätsbeziehung, die die Psychiatrie als psychotisch 
beschrieben hat und die wir dynamisch als das eigentliche Ver- 
sagen der Ich-Funktion in Anpassung an (die biologische) 
Sexualität und Realität auffassen. So entsprechen die Psychosen 
einer zu starken Ich-Fixierung zuungunsten der Objekte (und der 
Realität), die Neurosen einer zu starken Objektfixierung zuun- 
gunsten des Ich, d. h. einer zu starken Objektfixierung im Ich 
(Identifizierung), die Perversionen endlich einer zu starken Ich- 
Fixierung im Objekt. 















1. Projektion und Objektbeziehung. 

„Wir machen es auch im Wachen wie im Traume: 
wir erfinden und erdichten erst den Menschen, mit 
dem wir verkehren - — und vergessen es sofort". 

Nietzsche. 

Wir haben zu zeigen versucht, daß jede Objektbeziehung die 
Manifestation einer Ich-Entwicklung ist, d. h. eine bestimmte 
Pbase derselben repräsentiert, die mit der Objektivierung (Pro- 
jektion) überwunden, zugleich aber in der Objektbeziehung 
konserviert wird. Psychologisch betrachtet findet also jeder Fort- 
schritt in der Ich-Entwicklung seinen Niederschlag in einer Objekt- 
beziehung, was nicht nur das Gegenstück, sondern auch die 
Voraussetzung des von Freud beschriebenen Identifizierungs- 
vorgangs als Niederschlag einer aufgegebenen Objektbeziehung 
ist. Aber diese Reaktion des Ich beim Aufgeben einer Objekt- 
beziehung ist nur genetisch zu verstehen, nämlich auf Grund 
der ersten Objektbeziehung zur Mutter, die aber im wesent- 
lichen eine Ich-Beziehung war. Daher geht auch das Ich beim 
Aufgeben oder Verlust des Objektes auf sich selbst zurück, aber 
nicht notwendigerweise im regressiven Sinne auf eine primitivere 
Ich-Stufe, sondern nur auf diejenige Ich-Phase, welche das Objekt 
repräsentierte und deren Verlassen ohne Hilfe des Objektes eben 
noch nicht möglich ist. Der ganze Entwicklungsschub mißlingt 
dann, weil man nicht imstande ist, das verlorene Hilfsobjekt am 
eigenen Ich wieder so zu ersetzen, daß der frühere Gleichgewichts- 
zustand wieder hergestellt ist. Die Identifizierung beim Objektverlust, 
die uns analytisch als der pathogenetisch entscheidende Mechanis- 
mus bekannt wurde, ist so genetisch betrachtet nur der konse- 
quente Abschluß eines Heilungsversuches mit dem Endziel, die 
ursprüngliche Einheit von Ich und Objekt wieder herzustellen, 
was dem Neurotiker zu wenig, dem Psychotiker zu viel gelingt. 
Daher bleibt der erste auch immer zu stark von der Objekt- 
beziehung abhängig (Übertragung), der letzte bringt überhaupt 



128 



Die psychischen Mechanismen und ihre Auswirkungen 



keine mehr zustande. Die Identifizierung mit dem Objekt, die in 
der Psychose bis zur völligen Introjektion geht, tritt also beim 
Objektverlust nur in Erscheinung, aber sie war auch schon 
früher da, ja alle unsere Objektbeziehungen beruhen ursprünglich 
auf einer solchen „Identifizierung" mit dem eigenen Ich. Sie sind 
aber selbst nur möglich auf Grund einer vorhergegangenen Pro- 
jektion (Ablagerung) eines Ich-Teils oder einer Ich-Phase im 
Objekt. Letzten Endes ist diese Projektion eine Ich-Entlastung, 
ein Versuch, die ursprüngliche narzißtische Mutter— Kind-Bezie- 
hung wieder herzustellen, bevor die ersten Versagungen der 
Mutter zum Aufbau eines narzißtischen Ich und eines hemmenden 
Ich gezwungen haben. 

Normalerweise erfolgt dieser Prozeß der Ich-Ablagerung und 
Rückidentifizierung mit dem Objekt nur einmal, in der soge- 
nannten Liebe, die trotz aller gegenteiligen Erfahrungen immer 
noch den Ewigkeitscharakter nicht nur in den Beteuerungen der 
Verliebten, sondern auch in unseren Sitten, Bräuchen und Ge- 
setzen bewahrt. Dies deutet darauf hin, daß eine starke bio- 
logische Tendenz vorhanden ist, das Ich zu konservieren, anstatt 
es zu entwickeln. Das Beglückende der Liebe liegt, abgesehen von 
dem narzißtischen Wunsche nach Geliebt-werden, hauptsächlich 
in der Erlösung des Ich von den darin aufgenommenen infantilen 
Objektbeziehungen (zur Mutter), die eine noch weitergehende 
Befriedigung in den eigenen Kindern finden. In ihnen wird nicht 
nur die eigene infantile Ich-Stufe wieder hergestellt, sondern in 
ihrem Wachstum und in ihrer Entwicklung wird auch die eigene 
Ich-Entwicklung abgelagert, so daß keine anderen Objektbezie- 
hungen mehr nötig sind. Tritt dies dennoch ein, so weist es 
auf eine Krise in der Ich-Entwicklung hin, aus der eine neue 
Objektwahl oder aber eine Regression auf eine eigene frühere 
Ich-Stufe die möglichen Ausgänge darstellen. In beiden Fällen 
kommt es zu mehr oder weniger schweren Konflikten, die wir 
als neurotisch oder psychotisch charakterisieren. Wir sehen dabei 
regelmäßig zwei widerstreitende Tendenzen am Werke: die ur- 
sprünglich libidinöse Muttersituation tendiert zum Festhalten an 
dem einen Objekt und auf der mit ihm hergestellten Ich-Stufe, 
während die fortschreitende Ich-Entwicklung zur Reihenbildung 
tendiert, die aber keineswegs nur eine Reihenbildung im Sinne 






Projektion und Objektbeziehung 



129 



der „Wiederholung" ist. Wie ich es früher schon einmal ausge- 
drückt habe, das Ich-Ideal 1 verlangt Variation des Objektes, 
anstatt der Veränderung im Ich. Aber dieses Sträuben gegen die 
Ich-Veränderung kommt dann in der Relation zum Objekt hervor 
und so entspricht z. B. ein Erkalten der Liebesbeziehung dem 
allmählichen Aufgeben der Ich-Stufe, die sie repräsentiert. Kritik 
am Objekt ist fast immer Ich-Kritik, Kritik am alten Ich, dem 
dieses Objekt entspricht. Der Melancholiker, dessen Selbstvor- 
würfe Freud als Vorwürfe gegen das Objekt erklärte, zeigt diesen 
Mechanismus deutlich. 

Gleichgültig, ob nun eine solche Liebeswahl ein- oder 
mehreremal erfolgt, in jedem Falle ist sie Ausdruck einer Ich- 
Krise, deren es allerdings im menschlichen Leben einige bio- 
logisch bedingte gibt. Wenn wir von der durch Freud aufge- 
deckten psychischen Krise in der Ödipussituation absehen, so ist 
es zunächst die Pubertät, die in der Regel durch die erste bio- 
logische Objektwahl erledigt zu werden versucht, was bekannt- 
lich häufig genug mißlingt. Es wäre jedoch die normale Lösung, 
denn letzten Endes scheint ja doch das Biologische nicht nur 
die Grundlage der Ich-Entwicklung zu bilden (Wachstum, Altern), 
sondern auch die normale Lösung durch die Objektbeziehung zu 
gewährleisten. Ja, vielleicht ist es sogar auch das Stück ver- 
kümmerte biologische Ich, welches wir normalerweise im anderen 
Geschlecht wieder zu finden suchen. Zumindest phylogenetisch 
repräsentiert das entgegengesetzte Geschlecht eine verlassene 
Entwicklungsstufe der eigenen Ich-Entwicklung. 

Dieser Mechanismus der Projektion oder Ablagerung von 
aufgegebenen oder idealisierten Ich-Teilen im Objekt ist am besten 
zu studieren im Traum, bei dessen Deutung wir ja gewohnt sind, 
alle Figuren letzten Endes als Repräsentanten des eigenen Ich 
oder Personifikationen von Ich-Abspaltungen zu betrachten. Der 
gleiche Mechanismus bestimmt aber auch in der Realität unsere 
affektiven Beziehungen zu Objekten und ist auch der Grund, 
warum sie im Traum als Repräsentanten des Ich verwendet 
werden können. In der Psychose wird dann dieser Sachverhalt 
direkt manifest, nur fehlt uns dort der Zugang zu einem Ver- 



») „Sexualität und Schuldgefühl", S. 148 f. 
Bank, Grundzüge einer genetischen Psychologie. 



130 Die psychischen Mechanismen und ihre Auswirkungen 

ständnis, den wir nur aus der Analyse der Ich-Struktur, wo sie 
uns zugänglich ist, gewinnen können. Am schwierigsten zu sehen, 
aber, wenn einmal erkannt, in seiner grandiosesten Manifestation 
zu bewundern ist dieser Mechanismus in den Objektbeziehungen, 
die wir normalerweise als Verliebtheit bezeichnen. Wieder 
sind es hier zunächst die pathologischen Formen, die uns Ein- 
blick auch in die Mechanismen der normalen Zustandsbilder ge- 
statten. Wir wollen davon zwei als Perversionen charakterisierte 
herausgreifen, nämlich die Homosexualität und den Masochismus. 
Die Homosexualität haben wir verstehen gelernt als eine Art 
sexualisierte Ich-Entwicklung, wobei zum Unterschied von der 
Heterosexualität ein Stück Ich-Konflikt am eigenen (gleichge- 
schlechtlichen) Objekt erledigt werden soll, was natürlich nicht 
gelingt und zu neuen Konflikten führt. Betrifft bei diesem Ent- 
lastungsversuch der Fehlmechanismus die Qualität des Objektes, 
so handelt es sich beim Masochismus um ein quantitatives Mo- 
ment, nämlich um einen zu weit gehenden Entlastungsversuch des 
Ich am Objekt, selbst wenn es das biologisch richtige (anders- 
geschlechtliche) ist. Das heißt, der Masochist will die ganze 
sadistische Strenge seines Über-Ich, die sich zuerst in der sadi- 
stischen Identifizierung mit der strengen Mutter manifestierte, im 
Objekt entlasten und verfällt so wieder in die Rolle des schlimmen 
Kindes, das sich strafen läßt, sei es für seine (sexuelle) Schlimm- 
heit, sei es für Unreinheit, wenn es sich um koprophile Tendenzen 
handelt. Die homosexuelle Objektbeziehung ist also positiv 
narzißtisch, sie sucht das eigene Ich und Entlastung an dem- 
selben durch Projektion, während es selbst die (gute oder 
strenge) Mutter agiert. Die masochistische Objektbeziehung ist 
negativ narzißtisch, wobei das Ich das schlimme Kind darstellt 
und die strenge Mutter, d. h. das eigene Über-Ich im Objekt 
gesucht wird. Die sogenannte normale heterosexuelle Objekt- 
beziehung stellt sozusagen ein Kompromiß zwischen diesen 
beiden extremen Tendenzen dar. Sie ist weniger narzißtisch als 
die homosexuelle Beziehung und weniger mit Verbot und Schuld- 
gefühl besetzt als die masochistische. Anderseits zeigt die Homo- 
sexualität oft deutlich masochistische Züge, die Heterosexualität 
mehr sadistische. Es scheint so, daß die Objektwahl nicht nur 
von Art und Grad der sado-masochistischen Anlage, sondern 




Projektion und Objektbeziehung 131 

auch von deren späteren Schicksalen bestimmt wird. Vor allem, 
ob man vom narzißtischen Mutter— Kind-Verhältnis sich selbst 
oder die gute Mutter oder die schlechte Mutter objektiviert und 
draußen sucht. Dies würde auch den Wechsel im Sexualobjekt 
erklären, den wir so häufig in pathologischen Krisen des Ich 
auftreten sehen, wo das Ich infolge seiner inneren Konflikte 
anderer Objektrelationen zu ihrer teilweisen Lösung bedarf. Die 
therapeutische Wiederanpassung an die normale biologische Ge- 
schlechtsrolle kann dann nur erreicht werden, wenn man jenseits 
des manifesten Sexualsymptoms zu den Ich-Mechanismen vor- 
dringt, die sich in der Objektbeziehung manifestieren. 

Man bekommt aus dem Studium solcher Zustände den Ein- 
druck, daß vielleicht der ganze Projektions- und Identifizierungs- 
mechanismus vom sado-masochistischen Verhältnis bestimmt 
wird, sozusagen der psychische Überbau über dieser biologischen 
Triebanlage ist. Dabei wäre der normale Entwicklungsvorgang 
beim Manne die Objektivierung (Projektion) der Mutter und ihre 
sadistische Bewältigung auf genitaler Stufe ohne Schuldgefühl; 
während eine zu starke Hemmung des Sadismus zu Schuldgefühl 
und . Masochismus führt; infolgedessen entweder die strenge 
Mutter als Objekt gesucht wird (Masochismus) oder man selbst 
die gute Mutter spielt und im andern sich selbst liebt (Homo- 
sexualität). Normalerweise fällt für den Mann die begehrte und 
gewährende Mutter mit der sich spröde versagenden zusammen, 
deren sadistische Überwindung jedoch durch ihre Bereitschaft 
zur (masochistischen) Hingabe gewährleistet ist. Spielt so bei 
dem mehr aggressiven (sadistischen) Manne die Projektion (der 
Mutter) eine größere Rolle, so ist bei der mehr passiven Frau 
die Identifizierung (mit dem Manne) der wesentliche Mechanis- 
mus ihrer Objektbeziehung. Dies geht aber weit über den soge- 
nannten Penisneid hinaus, der nur in gewissem Sinne symptoma- 
tisch für den ganzen Konflikt zwischen biologischer Sexualrolle 
und ich-psychologischen Mechanismen ist. 

Anderseits zeigt der Masochismus deutlich, was wir auch 
sonst in den Liebeskonflikten der Menschen sehen, daß es 
normalerweise das sogenannte Schuldgefühl ist, was der Frau 
die völlige Hingabe an den Mann, die eine Unterwerfung ist, 
ermöglicht. Das Schuldgefühl hat also nicht nur eine wichtige 

9« 



132 Die psychischen Mechanismen und ihre Auswirkungen 

soziale Funktion, nämlich unsere sadistischen und egoistischen 
Impulse zu hemmen, sondern beim Menschen geradezu eine 
biologische Hilfsfunktion, indem sie die Anpassung an die Sexual- 
rolle ermöglicht, gegen die sich das Ich sträubt. So erzeugt oft 
die Verliebtheit (z. B. in ein unerreichbares, gebundenes Objekt) 
nicht das Schuldgefühl, sondern ist bereits ein Ausdruck des- 
selben, d. h. sie ist nur auf Grund des Schuldgefühles möglich 
geworden, das eine Abhängigkeit, eine Unterwerfung unter ein 
fremdes Ich als Folge eines eigenen Ich-Konfliktes fordert. Hieher 
gehören dann diejenigen Objektbeziehungen, die man als nega- 
tive Verliebtheiten bezeichnen kann, in denen das Objekt aus 
einem Ziele libidinöser Strebungen (gute Mutter) zum Träger des 
eigenen Schuldgefühles (der schlechten Mutter) geworden ist. 
Paradox könnte man sagen, der Normale schützt sich durch die 
Objektbeziehung vor der Regression aufs eigene Ich, was ja 
im Ausnahmszustand der Verliebtheit im krampfhaften unstill- 
baren Verlangen nach dem Objekt zum Ausdruck kommt: man 
kann wirklich nicht leben ohne das geliebte Wesen. Aber dieses 
geliebte Wesen ist nicht nur ein Ersatz für die tröstende liebende 
Mutter, sondern auch für das eigene Ich oder einen gewünschten 
Teil desselben, den man nicht aufgeben (verlieren) will. 

Anderseits können besonders bei psychischen Konflikten 
die höheren Ich-Instanzen in den Dienst der Triebbefriedigung 
gestellt werden, die dadurch rationalisiert wird. So ist z. B. 
das Schuldgefühl, das beim Verlassen des Liebesobjektes auf- 
tritt, Ausdruck der Angst (bei Trennung von der Mutter). Die 
Rückkehr wird aber nicht mehr direkt (libidinös) gewünscht, 
sondern vom Ich moralisch motiviert. Das Schuldgefühl selbst 
ist aber insofern berechtigt, als es ein Ausdruck der Tatsache 
ist, daß wir den anderen nur als Mittel zum Zweck, als Objekt 
zur Lösung unserer Ich-Konflikte verwendet haben und uns 
dessen schämen. Das Schuldgefühl, das so erst die eigentliche 
Liebesunterwerfung ermöglicht, ist auf der anderen Seite bereits 
ein Symptom des neuerlichen Auflebens des Ich-Konfliktes, der 
durch die Objektbeziehung ungelöst bleibt. Diese selbst ist dann 
nicht mehr libidinös, sondern angst- oder schuldbesetzt, statt 
positiv negativ, statt befriedigend störend. Auch die soziale Angst 
(Vater) kann dabei als Schuldgefühl in den Dienst der libidinösen 






Projektion und Objektbeziehung 133 

Tendenzen treten. Die ethischen Regungen, ja die sozialen An- 
schauungen fordern es, das Objekt nicht zu verlassen. Ich darf 
den andern nicht verlassen, heißt aber im letzten Grunde, er 
darf mich nicht verlassen, d. h. er soll mich nicht verlassen, weil 
dies das Ich kränken würde. So kommt noch die Identifizierung 
mit dem verlassenen Objekt als einem aufgegebenen Ich-Teil 
hinzu, wodurch man sich selbst als das verlassene Objekt im 
andern bemitleidet. Anderseits will man sich auch dafür rächen 
und auch als Reaktion dagegen tritt Schuldgefühl auf, das sich 
oft als Mitleid äußert: man will retten, wie man eigentlich selbst 
wünscht, gerettet zu werden, d. h. geliebt zu werden. 






2. Identifizierung und Ich-Aufbau. 

„Wir beginnen ein Weib zu lieben, indem wir bei 
ihr Stück für Stück unserer Seele niederlegen. Wir 
verdoppeln unsere Persönlichkeit und die Geliebte, 
die bisher gleichgültig, neutral war, beginnt sich in 
unser anderes Ich zu kleiden und sie wird unser 
Doppelgänger.'- Strindberg. 

Führt die Projektion mittels des Mechanismus der Ich-Ent- 
lastung vom narzißtischen Mutter— Kind-Verhältnis im Ich — 
je nachdem was projiziert wird und wieviel entlastet wird — 
zur Objektbeziehung in ihren verschiedenen Formen und Ab- 
weichungen, so führt der Mechanismus der Identifizierung nicht 
zur Objektwahl, sondern zum Ich-Aufbau. Der Weg geht dabei 
nicht zur Objektivierung der Mutter, die man entweder draußen 
sucht oder selbst (einem doppelgängerischen Ich gegenüber) 
spielt, sondern über die Weiterentwicklung der strengen Mutter 
zur Objektfindung des Vaters und schließlich zur Aufrichtung 
des väterlichen Über-Ich („Vateridentifizierung") auf der Basis 
der ursprünglich mütterlichen Hemmungen im eigenen Ich. Dabei 
ist die Identifizierung genetisch verstanden ein biologisch be- 
gründeter Mechanismus zur Wiederherstellung der pränatalen 
Mutter— Kind-Beziehung, die Über-Ich-Bildung der väterliche 
Überbau über diesem biologisch begründeten und psychologisch 
verwendeten Identifizierungsmechanismus im Sinne der sozialen 
Anpassung. 

Die Identifizierung, von der wir psychologisch sprechen, ist 
eigentlich immer sekundär, sozusagen Rückidentifizierung mit 
einem Stück Ich, das ehemals ein Stück Mutter war oder ge- 
worden ist. Auf biologischer Stufe zeigt sich dies beim Mann in 
der von uns bereits beschriebenen Entwicklung vom Ich zur 
Mutterbrust und von dort über die Hand (Finger) zum Penis, 
der schließlich das Weib auf genitaler Stufe wieder partiell 
erobert. Bei der Frau in der Identifizierung der Mutterbrust mit 
dem männlichen Genitale, wozu noch ihre eigene Identifizierung 



Identifizierung und Ich-Aufbau 135 

mit dem Manne kommt (Penisneid), in dem sie ihr ideales Ich 
findet. So wird also in beiden Fällen das Objekt erst mit einem 
Teil des Ich identifiziert, zu einem Teile des Ich gemacht, bevor 
man es lieben kann — wie das eigene Ich. So ist jede Objekt- 
beziehung letzten Endes narzißtisch und maternal und je nach 
dem Grade der Mischung dieser beiden Elemente bzw. der Inten- 
sität des einen oder andern resultieren die verschiedenen Formen 
und Abweichungen des menschlichen Liebeslebens. 

Wenn wir die Identifizierung und ihre verschiedenen Formen 
näher betrachten, so müssen wir uns vor Augen halten, daß 
wir mit diesem Begriff das Resultat eines Mechanismus be- 
zeichnen, dessen Herkunft und Funktion wir erst zu studieren 
haben. Dabei kommen zweierlei Formen hauptsächlich in Be- 
tracht, die wir kurzweg als Liebesidentifizierung und Haßidenti- 
fizierung oder als positive und negative Identifizierung bezeichnen 
können. Wahrscheinlich sind immer beide wirksam, es scheint 
aber daß ursprünglich der Mechanismus, der ja vom Ich aus- 
geht, zur Liebesidentifizierung führt. Das heißt, diese erfolgt nicht 
auf Grund einer Versagung, sondern tritt nur bei Versagung 
deutlich (häufig sogar pathologisch) in Erscheinung. Ihr Mecha- 
nismus ist aber nicht der eines simplen Objektverlustes mit 
Einziehung der libidinösen Besetzung ins Ich, sondern hat zur 
Voraussetzung, daß das Objekt bereits ursprünglich als Teil des 
Ich (narzißtisch) geliebt worden war. Die positive und negative 
Identifizierung hängt aber auch, ähnlich wie die Projektion, 
mit dem sado-masochistischen Kräftespiel zusammen, indem die 
Liebesidentifizierung mehr masochistisch ist, einem Aufgehen 
des Ich im Objekt entspricht, während die negative Identifizierung 
mehr sadistisch ist, also einer „Introjektion" ins Ich entspricht. 
In einem Falle wird sozusagen das Ich aufgehoben, wie in der 
Verliebtheit, im anderen Falle wird das Objekt aufgehoben, weg- 
geschafft. Beide beruhen aber auf der narzißtischen Beziehung 
(Projektion) zum Objekt: die positive -Identifizierung sucht und 
findet das bewunderte (oder idealisierte) Ich im andern, die 
negative den gehaßten und verachteten Teil des Ich. Auf der 
ersten bauen sich die Gefühle der Liebe und Verliebtheit auf, 
auf der zweiten die Haßgefühle; die aus sadistischen und egoisti- 
schen Regungen entspringen. So hängen diese beiden Arten der 



136 Die psychischen Mechanismen und ihre Auswirkungen . 

Identifizierung wieder mit der Einstellung des (infantilen) Ich 
zur guten und schlechten Mutter zusammen. So erklärt sich, daß 
die eine Form der Identifizierung mit Bezug auf dasselbe Objekt 
von der anderen Form abgelöst werden kann, indem es zuerst 
einen noch geliebten Teil des Ich repräsentiert, bald aber den- 
selben bereits überwundenen, abgelehnten und daher gehaßten 
Teil des Ich. Die positive Identifizierung entspricht der Ab- 
hängigkeit vom Objekt, ja schafft die eigentliche Liebesfixierung; 
die negative zielt auf Vernichtung des Objektes, auf das Los- 
werden dieses Ich-Teils. Dies mag ein Licht auf die Tatsache 
werfen, daß jede Liebe dem Schicksal der Veränderung, dem 
Erkalten, dem Erlöschen verfallen muß, weil sie schon von 
Anfang an auf die Überwindung, die Abstoßung eines Ich-Teils 
zielt, das im Objekt abgelagert werden sollte. Die Verliebtheit 
ist sozusagen das Symptom einer Ich-Veränderung, der Über- 
windung einer Phase der Ich-Entwicklung am Objekt, die eben 
durch die Objektbeziehung selbst, welche das Stück überwundene 
Ich konserviert, verhindert wird. Die Konflikte entstehen erst 
dann, wenn diese Ich-Phase innerlich doch überwunden ist 
also das Objekt nicht mehr geliebt, sondern als Hindernis der 
Überwindung empfunden wird. Die Objekte sind so Hilfsmittel 
zur Ich-Entwicklung, können aber sehr leicht zu Hindernissen 
derselben werden. Der Anschein, daß eine Objektbeziehung, wie 
so häufig gesagt wird, die Ich-Entwicklung fördert, ist daher nur 
teilweise berechtigt und unser Glaube daran ist auch wieder nur 
ein Ausdruck derselben Projektionstendenzen, welche die Objekt- 
beziehungen selbst geschaffen haben. 

Diese Verhältnisse werden dadurch noch komplizierter daß 
in jeder menschlichen, besonders aber in der Liebesbeziehung, 
eine gegenseitige Identifizierung stattfindet, mit all den Möglich- 
keiten, die wir beschrieben haben. Dies ergibt eine Fixierung 
des Ich aus Liebe oder Bewunderung und eine solche aus Haß 
oder Rache und Eifersucht, ähnlich wie ja die Projektion aufs 
Objekt entweder dem bewunderten und geliebten oder dem ge- 
haßten und verachteten Ich gelten kann. Die eine basiert auf 
Unterwerfung und ist masochistisch, die andere beruht auf Kon- 
kurrenz und ist sadistisch; sie ist bei der Frau biologisch 
mit dem Penisneid verknüpft, beim Manne mit der väter- 



Identifizierung und Ich-Aufbau 137 

liehen Kastrationsangst. Die negative Identifizierung ist also 
Ausdruck einer Konkurrenz, ist eigentlich mehr Vergleich, wobei 
die Frau den Mann, der Sohn den Vater in deren Rolle über- 
treffen will, anstatt das Ich seine eigene Rolle spielen zu lassen, 
bzw. sein eigenes Ich-Ideal ins Objekt zu projizieren und sich 
mit diesem zu identifizieren. In der masochistischen Identifi- 
zierung der Verliebtheit will man übertroffen werden, um den 
andern bewundern und sich in ihm lieben zu können. 

Hier zeigt sich, wie die negative Identifizierung von der 
schlechten Mutter zum Bilde des bösen Vaters und von da zur 
Über-Ich-Bildung führt. Wenn Freud sagt, daß das Über-Ich sich 
aus der Identifizierung mit dem hemmenden Vater aufbaut, so 
ist dies, im Sinne der Libidotheorie, nur die Beschreibung eines 
Resultats, dessen Mechanismus uns erst vom Standpunkt der 
Ich-Psychologie verständlich wird. Ist die Identifizierung im 
wesentlichen ein libidinöser, d. h. narzißtischer Prozeß, so ist 
die Über-Ich-Bildung im wesentlichen ein Angstprozeß, d. h. ein 
negativ narzißtischer. Die Angst kommt aber, wie wir wissen, 
nicht von außen, sondern ist ein Produkt unserer Ich-Entwick- 
lung und wird nur auf den Vater projiziert. Genetisch ergibt sich 
also für den Aufbau des Ich aus Identifizierungen das folgende 
Entwicklungsbild: ursprünglich handelt es sich um eine Liebes- 
identifizierung mit der Mutter (Brust) als einem narzißtisch 
geliebten Teil des Ich. Bei Aufrichtung der ersten mütterlichen 
Versagungen, denen innerliche Hemmungen entsprechen, um 
eine (sadistische) Haßidentifizierung mit der versagenden Mutter 
als einem aufzugebenden Ich-Teil. Auf dieser letzten baut 
sich beim Knaben der Vaterhaß und die Kastrationsangst auf, 
welche Freud als die auf der Vateridentifizierung beruhende 
Über-Ich-Bildung beschrieben hat. Aber dieser Mechanismus ist 
letzten Endes narzißtisch, denn auch das angstbesetzte, väterliche 
Über-Ich entspricht nur einer übertriebenen Objektivierung der 
inneren mütterlichen Hemmungen. Und so beschreibt Freud im 
Mechanismus der „Identifizierung" mit dem strengen Vater eigent- 
lich nur einen sekundären ich-psychologischen Vorgang in Aus- 
drücken der Libidotheorie. 

Heißt „Lieben" also etwas als Stück seines eigenen Ich 
empfinden, wie ursprünglich die Mutter, so ist die erste Vorstufe 



138 Die psychischen Mechanismen und ibre Auswirkungen 

dazu das, was wir als positive Identifizierung mit diesem objekti- 
vierten Teil des eigenen Ich bezeichnen können. Aber auch die 
negative Identifizierung, die analytisch als „Introjektion" be- 
schrieben wurde und schließlich zur Über-Ich-Bildung führt, ist 
gleichfalls narzißtisch, wenn auch im negativen Sinne. Narziß- 
tisch im eigentlichen Sinne des Wortes wird das Ich vielleicht 
erst durch die Bewunderung und Verwöhnung von Seiten der 
Mutter, von der das Kind ja lieben lernt, und zwar ihr zuliebe. 
Die eigentliche Ich-Bildung erfolgt erst mit dem sukzessiven Auf- 
geben der Mutter als Objekt der narzißtischen Libidobefriedigung, 
und zwar schubweise, im Gegensatz zur Konstanz der narziß- 
tischen Libidohefriedigungstendenz. Im Hinblick auf die biologi- 
schen Entwicklungsschübe, welche die Ich-Bildung beeinflussen, 
möchte man sagen, sie erfolge „traumatisch". Normalerweise wird 
aber dieser traumatische Effekt, den das Wachstum des Ich als 
eines schubweisen Aufgebens der Mutter hat, dadurch paralysiert, 
daß das Ich sich für den Verlust der Befriedigung durch das 
Objekt narzißtisch entschädigt. Wird dagegen die Mutter nicht 
nur auf Grund des biologischen Wachstums, sondern auch aus 
Angst aufgegeben, so resultiert eine sozusagen negative Ich- 
Entwicklung, die sich in Form von Schuldbewußtsein, Minder- 
wertigkeitsgefühl und all den neurotischen Hemmungen und 
Störungen der narzißtischen Libidobefriedigung und der positiven 
Ich-Entwicklung äußert. In diesem Falle wird das Ich durch 
den Objektverlust nicht bereichert, indem es sich narzißtische 
Befriedigung in der eigenen Weiterentwicklung schafft, sondern 
es entwickelt die hemmenden Instanzen des Über-Ich, die es an 
der narzißtischen Ich-Bereicherung hindern. 

Wenn wir die Ödipussituation als Beispiel nehmen, so 
finden wir darin verschiedene Möglichkeiten und Tendenzen zur 
Identifizierung, deren Wahl durch die Präödipussituation be- 
stimmt ist und auch die weitere Entwicklung entscheidend beein- 
flußt. Der am besten bekannte Vorgang ist die Identifizierung des 
Sohnes mit dem Vater, um die Mutter zu bekommen. Diese 
Identifizierung ist eine negative, denn sie hat ja zur Voraus- 
setzung die Beseitigung des Vaters, an dessen Stelle sich der 
Sohn setzen will. Hindert ihn die Angst (vor der Mutter oder dem 
Vater oder vor beiden) daran, so kann er die Mutter auch in 



Identifizierung und Ich-Aufbau 139 

einem regressiven Sinne behalten, indem er Sohn bleibt und so 
in der infantilen Einstellung zur Mutter verharrt. Geht er noch 
weiter in der Regression, so kann er sich wieder mit der Mutter 
identifizieren, um sie nicht zu verlieren, und dies kann wieder 
auf zweierlei Weise, mittels der positiven oder negativen Identifi- 
zierung, erfolgen. Wahrscheinlich wirken in der Ödipussituation 
wie auch in früheren oder späteren Objektbeziehungen alle diese 
Mechanismen zusammen, um schließlich zu irgend einem Aus- 
gang zu führen, den wir entweder als normale Anpassung, neuroti- 
sche Hemmung oder antisoziale Neigung kennzeichnen. Eine 
weitere Komplikation tritt hinzu, indem präödipale Einflüsse 
sich in der Ödipussituation und nach Überwindung derselben 
geltend machen können. So z. B. fällt die Beziehung des Sohnes 
zu Vater und Bruder durchaus nicht in eine Kategorie, am aller- 
wenigsten kann sie, wie die Psychoanalyse annahm, als eine 
historische Aufeinanderfolge (Vater— Bruder) betrachtet werden. 
Die Erfahrung lehrt, daß das ursprüngliche Verhältnis zum 
Bruder in der Präödipussituation späterhin zu einer Über-Ich- 
oder Idealbildung führen kann, die nicht nur unabhängig von 
der väterlichen ist, sondern dieser oft direkt widerspricht. Es 
entsteht, dann bei akutem Widerstreit dieser beiden Tendenzen 
das Bild einer gespaltenen Persönlichkeit, der zwei verschiedene 
Über-Ich-Bildungen zugrunde liegen. 

Führen gewisse extreme Ausgänge der Ich-Projektion, wie 
wir gesehen haben, in bezug auf Quantität und Qualität (Objekt) 
zu Fehlleistungen der biologischen Sexualanpassung, den soge- 
nannten Perversionen, so haben wir in den beschriebenen Identi- 
fizierungsmechanismen, die normalerweise zum Ich-Aufbau 
führen, diejenigen Faktoren zu erkennen, deren Fehlentwicklung 
wir als Psychoneurosen beschrieben haben. Und zwar auf dem 
Wege, der von der libidinösen Identifizierung mit der Mutter 
(Brust) als einem Teile des Ich zum Aufbau der mütterlichen 
Hemmungen und des väterlichen Sozial-Ich führt. Eine Störung 
im Unterbau, nämlich den auf libidinöser Identifizierung beruhen- 
den Mutterhemmungen wird entsprechend ihrem primitiven 
Charakter zu denjenigen Störungen führen, die Freud als narziß- 
tische beschrieben hat, also Neurasthenie, Hypochondrie, Melan- 
cholie. Eine Störung im sozialen Überbau des Vater-Ich wird zu 



140 



Die psychischen Mechanismen und ihre Auswirkungen 



den verschiedenen Formen der Angstneurose führen, während 
die Zwangsneurose als die Psychoneurose kat exochen zwischen 
beiden steht. Wir finden die erstgenannte Gruppe von Störungen, 
entsprechend ihrem narzißtischen Charakter, mehr einem „Nega- 
tiv der Perversion" ähnlich als die zweite, die mehr "einem 
sozialen Negativ entspricht. Und zwar tragen die erste Gruppe 
von Störungen, einschließlich der ihr nahestehenden Zwangs- 
neurose, viel deutlicher den Charakter der Selbstquälerei und 
Selbstbestrafung zur Schau, der eben der primitiven mütterlichen 
Moral entspricht. Das Leiden verrät dann den Wunsch von der 
Mutter wieder liebevoll gepflegt zu werden, was dann schließlich 
der Arzt besorgen soll, anderseits den Haß gegen die böse Mutter, 
die einen verlassen hat und die man weder im Ich noch im 
Objekt ersetzen kann. Nur im Masochismus, der, wie ich früher 
schon ausgeführt habe,* zwischen Perversion und Neurose steht 
findet die selbstquälerische Tendenz der primitiven Mutter-Identi- 
fizierung Befriedigung im Objekt und entlastet so das Ich von 
den selbstzerstörenden Tendenzen, die in den narzißtischen Neur- 
osen gegen das eigene Ich wüten. 

Was die Gruppe der Angststörungen betrifft, so war dies be- 
kanntlich der Ausgangspunkt von Freuds therapeutischen Be- 
mühungen und theoretischen Untersuchungen. Nachdem wir in 
der Einleitung unseren Standpunkt zum Angstproblem bereits 
dargelegt haben, wollen wir uns hier nur mit den pathologischen 
Mechanismen der Angstabwehr beschäftigen. Wenn wir sagten, 
daß die Libido kontinuierlich zum Angstschutz, zur Deckung der 
Angst aufgeboten werden muß, so ist dies nur genetisch zu 
verstehen, indem wir die Entwicklung des Ich und des Über-Ich 
in ihrer Beziehung zu Libido und Angst betrachten. Der Kern 
des Ich, das Ur-Ich, ist zweifellos absolut narzißtisch und erhält 
eine gewisse Flexibilität, die ihm spätere Objektbeziehungen 
ermöglicht, durch den sogenannten sekundären Narzißmus, der 
bereits ein Niederschlag der primär narzißtischen Identifizierung 
mit der Mutter als einem Teile des Ich ist. Das Ur-Über-Ich ist 
in seinem Kern Angst, die späterhin zu Schuldgefühl und den 
sogenannten höheren ethischen und ästhetischen Hemmungen 

1 „Sexualität und Schuldgefühl", S. 102 f. 



Identifizierung und Ich-Aufbau 141 

verarbeitet wird, die wir als Scham usw. kennen. In diesem 
Sinne könnte man die von Freud beschriebene Beziehung 
zwischen Ich und Es als die Beziehung zwischen Libido und 
Angst darstellen, wobei das Über-Ich ein Gemisch aus beiden 
mit Überwiegen der hemmenden Faktoren darstellt, wenngleich 
nicht zu übersehen ist, daß der Mensch diese hemmenden 
Instanzen als ethischen Besitz besonders hoch narzißtisch ein- 
schätzt. Das Über-Ich ist aber nicht nur ein Produkt der im Ich 
verarbeiteten Angst, sondern auch dazu bestimmt, die jeweils 
neu entstehende oder wiederbelebte Angst, so weit sie nicht durch 
Libidobefriedigung gedeckt werden kann, ständig gebunden zu 
erhalten. Entsprechend meiner Auffassung des Geburtstraumas, 
wo die erlebte Angst die Regression in den narzißtischen Ur- 
zustand verhindert, muß späterhin das Über-Ich regressions- 
verhindernd wirken. Aber jetzt in verschieden fein abgetönten 
Schichten und Graden, die wir als moralische, ethische und 
ästhetische Qualitäten schätzen. Der Neurotiker dagegen hat 
dieses Über-Ich nicht vollkommen entwickelt und reagiert daher 
auf kleine und große Anlässe, sei es von außen (Traumen) oder 
von innen (Triebansprüche), mit der gleichen primitiven Angst, 
was die uns bekannten Symptome und Äquivalente produziert. 

Die Angst als Kernsymptom aller neurotischen Symptome 
war eigentlich schon in der ursprünglich Freudschen Konzep- 
tion der Angstneurose und der Angstäquivalente gegeben. Es 
finden sich da alle Erscheinungen von den körperlichen (Herz, 
Atmung, Verdauung, Vasomotoren) über die hysterischen und 
phobischen zu den zwangsneurotischen und sogar psychoseähn- 
lichen Symptomen. Nur hat Freud aus seinen therapeutischen 
Erfahrungen den Fehlschluß gezogen, daß diese Angstsymptome 
das Resultat von unbefriedigter (verdrängter) Libido seien, wäh- 
rend sie sich jetzt als Resultat verschiedener Formen der miß- 
glückten Bewältigung der Angst erweisen. Mit anderen Worten, 
diese Symptome entsprechen mißglückten Lösungsversuchen der 
Abwehr von Angst auf verschiedenen Stufen der Ich-Entwicklung, 
welche normalerweise die Angstentwicklung binden und hemmen, 
d. h. der Angst in den höheren Funktionen des Über-Ich. Der 
normale Ich-Aufbau gestattet verschieden abgestufte Grade von 
Reaktionen, also neben der Angst auch Scham, Gewissen, 



142 



Die psychischen Mechanismen und ihre Auswirkungen 



intellektuelle Kritik, Realitätsprüfung usw. Erweisen sich diese 
Abwehrmechanismen, die selbst auch Derivate der Angst sind 
als unzureichend zum Schutz gegen eine zu starke Angstentwick- 
lung, so kommt es zum Symptom statt zum Ich-Aufbau. Es 
resultiert statt Scham Erythrophobie, statt ästhetischer Empfin- 

t U ^ 5? ° dGr Erbrechen > sta « moralischer Hemmungen 
Schuldgefühl, statt Gewissen Angst. Das Symptom entspricht 
also einem hypertrophierten Ich-Aufbau, d. h. die Angstabwehr 
wird auf einer unvollkommenen Stufe der Ich-Entwicklung über- 
kompensatorisch versucht. Das Resultat ist eine primitive Angst- 
reaktion statt einer Reaktion des Über-Ich. 

Die Angstneurose scheint die primitivste Form der Reaktion 
auf ein äußeres Trauma, entsprechend dem Urtrauma der Geburt 
oder auf einen inneren Konflikt, der als Angstzustand nach außen 
verlegt wird. Die Phobie ist, wie bereits Freud feststellte, eine 
sekundäre Abwehr, dazu bestimmt, die Angstentwicklung über- 
haupt zu vermeiden. Der Zwang entspricht einer tertiären Ab- 
wehr, indem er die phobische Hemmung durch zwanghafte 
Impulse zu durchbrechen sucht. Daher der aktive sadistische 
Charakter des Zwanges, der eine Angstüberwindung durch gewalt 
same Rückkehr zur Mutter zu erreichen sucht, d. h. aber durch 
sadistische Befriedigung, die jedoch durch das hypertrophierte 
Uber-Ich gehemmt wird. Die verschiedenen Formen und Mecha- 
nismen der Psychose zeigen diese Versuche der Angstabwehr 
im extremen Sinne, indem sie entweder den ganzen Konflikt nach 
außen werfen oder ihn komplett in das eigene Innere verlegen. 
Diese beiden extremen Abwehrstufen der Angst führen je nach 
dem zum klinischen Bilde der Paranoia oder Schizophrenie. 
Bei der ersten wird die ganze Angst aus dem Ich hinausge- 
worfen, d. h. durch äußere Objekte, die Verfolger zu motivieren 
gesucht, und die dadurch erfolgende Ich-Verarmung (Ich-Abbau) 
durch den Größenwahn, d. h. die narzißtische Ich-Erweiterung 
kompensiert. Der Paranoiker liebt sich im Größenwahn so, wie 
ihn einst die Mutter geliebt hatte, deren Verlust er aber trotzdem 
nicht im Ich kompensieren kann, weil er zugleich gezwungen ist 
seinen Haß gegen sie als Verfolgung zu projizieren. Im Gegensatz 
dazu ist es in der Schizophrenie die zu weit getriebene Identifi- 
zierung mit dem verlorenen Objekt, welche die Angst überwinden 



Identifizierung und Ich-Aufbau 143 

soll. Das dazu unfähige eigene Ich muß durch das fremde (Mutter-) 
Ich ersetzt werden. Der Schizophreniker spielt Mutter und ge- 
liebtes Kind in einer Person, der Paranoiker das von der Mutter 
verfolgte Kind, deren strafende, scheltende Stimme er halluzi- 
niert. In beiden Fällen zeigt sich aber deutlich, daß die narziß- 
tische Besetzung des Ich (Mutteridentifizierung) der Angstabwehr 
dient d. h. daß auch die narzißtische Selbstliebe zur Angst- 
verdeckung verwendet werden kann. 

In all diesen pathologischen Reaktionen, ganz besonders 
aber in den psychotischen, wird die ursprüngliche Rolle des 
Objektes als Teil des geliebten Ich und als Mittel zur Ich-Erweite- 
rung oder zur Ich-Entlastung handgreiflich. Der Neurotiker 
klammert sich im allgemeinen zuviel an das Objekt, sucht ein 
Übermaß von Ich-Entlastung im wirklichen Objekt (Mutter) und 
läßt daher alle Affekte daran aus; d. h. er ängstigt sich vor dem 
Objekt und um dasselbe, d. h. er will geliebt werden und so die 
Angst verdecken. Der Psychotiker dagegen geht zu weit in der 
anderen Richtung, indem er auch den Objektkonflikt im Ich lösen 
will, während der Neurotiker den Ich-Konflikt am Objekt zu lösen 
versucht. Dieser Unterschied zwischen Neurose und Psychose 
ist natürlich nur graduell, wie ja überhaupt die Grenze zwischen 
diesen Zuständen nicht scharf zu ziehen ist und die endgültige 
Entscheidung durch das Inkrafttreten oder Überwiegen von Mecha- 
nismen bestimmt wird, die ständig wirken. Auch der Normale 
hat die gleichen Ich-Konflikte wie der Neurotiker, die in der 
Psychose nur unverhüllt zum Vorschein kommen, anderseits 
verliert auch der Psychotiker die Objektbeziehung nicht, sondern 
hat sie entweder wie der Paranoiker mit umgekehrtem Vorzeichen 
oder wie der Schizophreniker negativ, d. h. introjiziert. Auch 
die Störung des Verhältnisses zur Realität ist nur relativ, denn 
auch der Neurotiker macht „verrückte Sachen", nicht nur im 
Denken, sondern auch im Tun (Zwangshandlungen). Der wesent- 
liche Unterschied scheint im Verhältnis zum Liebesobjekt (zu 
nahestehenden Personen) zu liegen. Ich sage scheint, denn letzten 
Endes wird ja doch alles fürs Ich, im Interesse des Ich gemacht. 
Alle Objektkonflikte sind letzten Endes Ich-Konflikte, alles ist 
Projektion oder Introjektion, die von der Ursituation, der Mutter— 
Kind-Beziehung, den Ausgang nimmt. Neben der im Ich aufge- 



144 



Die psychischen Mechanismen und ihre Auswirkungen 



arbeiteten Angst dient auch das Objekt als Schutz gegen die 
Regression: sei es, indem man geliebt wird und so narzißtischen 
Ich-Aufwand erspart oder Angst verdeckt, sei es, indem man 
die Angst aufs Objekt projiziert und so innere Hemmungen ent- 
lastet. Beides geht zurück auf die Mutter, auf ihre ursprüngliche 
Rolle als narzißtisch befriedigender Teil des Ich oder auf ihre 
Rolle als hemmendes, gefurchtetes Objekt der Außenwelt. Sub- 
jektiv hindert die Angst und ihre höheren Abwehrinstanzen im 
Uber-Ich die Regression, objektiv ist es die Bindung ans Objekt 
die Mutter. Paradox könnte man sagen, der Normale schützt sich 
durch die Objektliebe vor der Regression ins Ich, was im Aus- 
nahmszustand der Verliebtheit im unwiderstehlichen Verlangen 
nach dem Objekt zum Ausdruck kommt. 



3. Verleugnung und Realitätsanpassung. 

„Das habe ich getan, sagt mein Gedächtnis.' 
,Das kann ich nicht getan haben', sagt mein Stolz 
und bleibt unerbittlich. Endlich — gibt das Ge- 
dächtnis nach." Nietzsche. 

Beim Studium der ersten Anfänge der psychologischen Ich- 
Entwicklung im Aufgeben der entzogenen mütterlichen Brust 
haben wir bereits den Mechanismus der Verleugnung erwähnt, 
• dem in der gesamten Realitätsanpassung die wichtigste Rolle 
zuzufallen scheint. Führt die narzißtische Identifizierung zum 
Ich-Aufbau, die projektive Ich-Entlastung zum Finden des Ich 
im Objekt, so entscheidet der Mechanismus der Verleugnung 
das Verhältnis des Ich nicht nur zu den anderen Ichen, sondern 
zur gesamten Außenwelt. Die ursprüngliche Befriedigung an der 
Mutterbrust wird vom Erwachsenen in der Regel nicht erinnert, 
ist vergessen, aber nicht „verdrängt", sondern ersetzt, und zwar 
durch weit befriedigendere Lustquellen, wie sie u. a. die Sexua- 
lität bietet. Zuerst findet das Kind beim Aufgeben der Mutter- 
brust eine Ersatzbefriedigung in der Masturbation, d. h. am 
eigenen Ich, also unabhängig vom Objekt (Mutter), das damit 
aufhört, ein Teil des Ich zu sein. Es wird bei diesem Vorgang 
nicht „verdrängt", sondern die Libidoenergie wird längs der 
bei der Genese der Genitalität beschriebenen Bahnen verschoben 
und so eine mehr oder weniger vollwertige Ersatzbefriedigung 
gefunden. Der Begriff der Verdrängung ist zu deskriptiv und zu 
statisch, indem er gar nichts über den Vorgang aussagt, sondern 
nur über das Resultat, das selbst nicht ganz klar ist. Die Ver- 
drängung setzt voraus, daß etwas, das Verdrängte, irgendwo, 
im „Unbewußten", erhalten bleibt. Man kann von dieser mysti- 
schen Lokalisation ganz gut absehen, denn das, was erhalten bleibt, 
ist die Triebregung selbst, die sich aber weiterhin in verschiedenen 
Formen, auf verschiedenen Stufen und in verschiedenen Intensitäten 
äußert. Sie ist mehr oder weniger gehemmt — was nicht iden- 

Rank, Grundzüge einer genetischen Psychologie. 10 



1*6 Die psychischen Mechanismen und ihre Auswirkungen 

tisch mit verdrängt ist — mehr oder weniger „sublimiert", mehr 
oder weniger „verschoben". Diese Verschiebung wird aber nur 
möglich auf Grund der Verleugnung, die ursprünglich der psychi- 
sche Begleitvorgang des realen Verlustes (Entziehung der Mutter- 
brust) war. Indem sich das Ich sagt, die Brust existiert gar nicht 
mehr, ist es imstande, den Prozeß in Gang zu setzen und zu 
vollenden, den wir als „Verschiebung" bezeichnen und der 
eigentlich die Herstellung eines Ersatzes betrifft. 

Wir haben dann auch zu zeigen versucht, wie die Ver- 
leugnung eines Objektes als eines vermeintlichen Ich-Teils zum 
wirklichen Ersatz desselben am eigenen Körper führt und diesen 
Mechanismus am Beispiel Brustwarze, Finger, Hand, Genitale 
illustriert. Die Verleugnung ist also ebenso ein Ich-Mechanismus 
wie die Projektion und die Identifizierung, nur hat sie noch 
stärkere Beziehungen zur Realität als diese und ist daher auch 
für die Realitätsanpassung entscheidend. Die Verleugnung betont 
immer wieder die Unabhängigkeit des Ich vom Objekt, so oft 
eine Versagung oder, psychologisch gesagt, Enttäuschung das 
Ich trifft, macht aber so gerade auf die starke Abhängigkeit des 
Ich vom Objekt aufmerksam, welche wir bei den Mechanismen 
der Projektion und Identifizierung positiv am Werk sahen. Diese 
Abhängigkeit stammt ursprünglich aus der Situation der biolo- 
gischen Hilflosigkeit, wird aber später psychisch verankert und 
übertrieben durch die narzißtische Besetzung der Objekte, die 
ja letzten Endes Ich-Geschöpfe sind. Dieser Zusammenhang ist 
es gerade, den die Verleugnung betont, indem sie sozusagen 
proklamiert: ich brauche das Objekt nicht, denn es ist ja nichts 
als ein Teil meines Ich. Die ursprüngliche Verleugnung der 
Mutter als lustspendendes Objekt macht dann die Rückkehr 
zu diesem Objekt auf späterer Stufe so schwer und kompliziert 
und bedingt in jedem Fall eine ambivalente Einstellung dazu. 

Während sich also die Verleugnung von Anfang an auf ein 
Stück Realität bezieht, ist die Verdrängung im Freud sehen 
Sinne sozusagen das rein psychische Gegenstück dazu, indem 
sie sich auf einen rein inneren Vorgang bezieht. Aber was Freud 
als Verdrängung beschrieben hat, ist nur ein späterer und speziali- 
sierter Fall des universaleren Verleugnungsmechanismus, welcher 
von Anfang an die Reaktionen des Ich zur Außenwelt begleitet 



Verleugnung und Realitätsanpassung 147 

und nicht nur das Verhältnis zu ihr, sondern auch zu den 
eigenen Triebregungen bestimmt. In diesem Sinne könnte man 
sagen, die Verdrängung ist Triebverleugnung — parallel zu dem 
primitiveren Vorgang der Objektverleugnung. Während die Ver- 
drängung eine Veränderung im Ich setzt und infolgedessen 
eventuell eine veränderte Reaktion zur Außenwelt, zielt die 
Verleugnung auf eine gewaltsame Veränderung der Außenwelt, 
und ihre Intensität entscheidet schließlich über geistige Gesundheit 
und Krankheit. Die Verdrängung schafft so, was wir Charakter 
heißen, d. h. aber etwas Statisches, die Verleugnungstendenz 
bestimmt unsere Handlungen, manchmal ganz verschieden, ja 
oft im Gegensatz zu unserem Charakter, bis zum Extrem der 
ich-fremden psychotischen Erscheinungen. Es handelt sich dabei 
durchaus nicht um eine sogenannte Aufhebung von Verdrän- 
gungen (Durchbruch des Unbewußten), auch nicht bloß um ein 
regressives Zurückgreifen auf den primitiveren Verleugnungs- 
mechanismus, der immer wirksam ist, der wirksam war, als es 
noch keine Verdrängung gab, und immer wieder dort in Wirk- 
samkeit tritt, wo es keine Verdrängung geben kann, weil 
es sich um das Verhältnis zur Außenwelt handelt. So ist 
erst der Mechanismus der Verleugnung, den ich bereits 
vor vielen Jahren eingeführt hatte, imstande, eine eigent- 
liche Ich-Psychologie zu fundieren und auch die patho- 
logischen Erscheinungen derselben, wie sie uns besonders in 
den Psychosen entgegentreten, zu erklären. 1 

i Erst kürzlich hat Laforgue diesen Begriff zum Verständnis gewisser Er- 
scheinungen der Schizophrenie verwendet. Siehe seinen Artikel: „Verdrängung und 
Skotomisation" (Internat. Ztschr. f. Psa., XII, 1926), ferner „Über Skotomisa- 
tion in der Schizophrenie" (ebenda). Freud hat auch erst in seinen alier- 
jüngsten Arbeiten, nach meinem Trauma der Geburt, sich genötigt gesehen, 
diesem Begriff der Verleugnung neben der Verdrängung einen Platz einzuräumen. 
(Die entsprechenden Arbeiten finden sich in „Studien zur Psychoanalyse der 
Neurosen", S. 169 bis Schluß.) In „Hemmung, Symptom und Angst" versucht er 
(im Abschnitt „Verdrängung und Abwehr", S. 121) den Begriff der Verleugnung 
zu umschreiben. Ganz kürzlich hat Ferenczi „Das Problem der Unlustbejahung" 
(Ztschr. XII, 1926) anschließend an Freuds spekulative Behandlung der „Ver- 
neinung" (1. c. S. 199) im biologischen Sinne zu lösen versucht, indem er es 
an den Reaktionen des Säuglings illustriert. Das eigentlich psychologische Problem 
der Verleugnung, das bisher vernachlässigt wurde, weil man sich scheute, ihr 
Verhältnis zur „Verdrängung" zu untersuchen, versuche ich in obigen Aus- 
führungen herauszuarbeiten. 

10* 



148 Die psychischen Mechanismen und ihre Auswirkungen 

Die Verleugnung geht also vom Ich aus, die Verdrängung 
vom Über-Ich. Beiden gemeinsam ist die Versagung, die im ersten 
Fall eine äußere, im zweiten eine innere ist. Die Verleugnung 
erfolgt aus libidinösen Motiven, aus Unlustersparnis, die Ver- 
drängung war bisher in Freuds Libidotheorie unerklärt ge- 
blieben. Erklärt man sie aber als Wirkung der Angst, wie Freud 
es jetzt auf Grund seiner neuen Angsttheorie tut („Hemmung, 
Symptom und Angst", S. 39 ff.), so hört sie auf „Verdrängung" 
zu sein und wird zur Triebhemmung (durch Angst). Der Begriff 
der Verleugnung läßt keinen Zweifel darüber, daß es sich dabei 
um einen Ich-Mechanismus handelt, denn „Ich verleugne etwas", 
während man sagen müßte „Es verdrängt". Die Verleugnung 
hat eine ausgesprochene Beziehung zum Objekt und geht ur- 
sprünglich wie jede Objektbeziehung auf die Mutter zurück, die 
man aber nicht verleugnen kann, weil sie ursprünglich selbst 
als Teil des eigenen Ich gewertet wurde. Die Verdrängung da- 
gegen hat deutlichere Beziehungen zum Vaterverhältnis, insbe- 
sondere auch in ihrer Beziehung zur Angst. Wieder zeigt sich 
hier, daß die ganze Freud sehe Psychologie auf dem Verhältnis 
zum Vater aufgebaut ist und alle Reaktionen und Mechanismen, 
die auf dem früheren Verhältnis zur Mutter beruhen, außer acht 
läßt. Die Verdrängung im eigentlichen Sinne des Wortes kann 
also theoretisch erst nach Aufbau des Über-Ich erfolgen; der 
Begriff wird aber entwertet, wenn man die Angst als Ursache 
der Verdrängung anerkennt, denn dies besagt nichts anderes, 
als daß das Individuum sich fürchtet etwas zu tun (oder zu 
denken), wobei unerklärt bleibt, was mit diesem Etwas geschieht. 
Die Verleugnung ist so nicht nur die primitive Vorstufe, sondern 
der eigentliche Mechanismus dessen, was Freud als Verdrängung 
beschrieben hat, ähnlich wie die mütterlichen Hemmungen im 
Ich nicht nur die Vorstufe, sondern den Kern des Über-Ich 
bilden. 

Der Punkt, wo wir wirklich von einer Verdrängung sprechen 
können, ist diejenige Situation, bei deren Beschreibung Freud 
zum ersten Male den Begriff der Verdrängung gebraucht hat: 
nämlich bei der Verdrängung einer peinlichen Vorstellung aus 
dem Bewußtsein. Aber dies ist, wie bereits eingangs erwähnt, 
nur eine Wiederholung des ursprünglichen Verleugnungsmecha- 



Verleugnung und Keälitätsanpassung 149 

nismus auf höherer intellektueller Stufe.* Und zwar dort, wo 
es sich um die Erinnerung handelt, nicht um das wirklich Er- 
lebte. Die Verleugnung gelingt nur dort, wo das Ich zugleich 
mit Akzeptierung der Tatsache, daß .das lustspendende Objekt 
nicht mehr existiert, auch sagen kann: es hat gar nie existiert, 
womit es oft genug auch sagt: es wird nie mehr existieren. Kommt 
aber dann einmal die Erinnerung, daß es doch existiert hat, die 
unvermeidlich ist, wenn man den Ersatz mit dem Original ver- 
gleicht, so wird dann die Erinnerung selbst als rein psychischer 
Vorgang verleugnet, und diesen Vorgang kann man mit Recht 
zum Unterschied vom ursprünglichen „verdrängen" heißen. Dies 
erklärt auch, warum alle Erinnerungen, die in der Analyse 
auftauchen, nichts ändern, wenn wir nicht eine andere Art von 
Reproduktion erreichen, welche die ursprüngliche Verleugnung 
rückgängig macht und den Patienten zur Anerkennung einer 
psychischen Realität bringt, anstatt den Akzent auf die getreue 
Erinnerung der erlebten Wirklichkeit zu legen. Die therapeutisch 
wirksame Aufzeigung der Verleugnungstendenz ist nur mittels der 
Technik der Terminsetzung möglich. So ist die Erinnerung in der 
Analyse eigentlich als Widerstand gegen die Einsicht in die Verleug- 
nung aufzufassen, d. h. der Patient reproduziert in der höheren intel- 
lektuellen Schichte anstatt in der eigentlich psychisch-emotionellen. 
In diesem Sinne ist die Tatsache, daß in einer bestimmten Situa- 
tion verleugnet wurde, oft wichtiger als der Inhalt der ihr ent- 
sprechenden Erinnerung, die man ebenso gut erfragen als ana- 
lytisch „rekonstruieren" kann. Die (psychische) Verdrängung ist 
also nur als Symptom einer tiefer liegenden Verleugnung aufzu- 
fassen, auf deren Mechanismus einzugehen therapeutisch wich- 
tiger ist als auf den Inhalt der verdrängten Erinnerung zu warten. 
Bevor wir an eigenen typischen Beispielen die Wirkung des 
Verleugnungsmechanismus im Leben des Kindes verfolgen, 
möchte ich zuerst versuchen, klarzulegen, was bei der Ver- 
leugnung eigentlich vorgeht und was die Reaktion des Ich auf 
dieselbe ist, beziehungsweise was sich als Resultat der Ver- 
leugnung manifestiert. Zunächst besteht die Verleugnung in der 
Zerreißung eines Kausalnexus von Ursache und Wirkung, wie 
sie Schopenhauer in der von mir entdeckten Stelle über die 
Verursachung des Wahnsinnes scharfsinnig erkannt hat. Indem 



150 Die psychischen Mechanismen und ihre Auswirkungen 

das Ich die Existenz des unerreichbar Gewordenen verleugnet, 
in der Absicht, dessen Verlust zu verschmerzen, sucht und findet 
es nicht nur Ersatz für die verlorene Lust am eigenen Ich, 
sondern muß auch für den unvermeidlichen Schmerz das eigene 
Ich verantwortlich machen. Der Erfolg der Verleugnung ist so 
ein Trost, daß die Lust auch unabhängig vom Objekt gewonnen 
werden kann, zugleich aber bringt dies notwendigerweise die 
Anerkennung des eigenen Ich als Schmerzquelle mit sich. Die 
sekundäre Erledigung dieses unerwünschten und peinlichen Re- 
sultats ist, daß der innere Schmerz als Haß auf das Objekt 
geworfen wird, was aber den Schmerz nicht wegschafft, denn 
hassen selbst ist weiter schmerzhaft. Das Hassen des ehemals 
geliebten Objektes ist und bleibt schmerzlich. Der Haß ver- 
ursacht aber nicht den Schmerz, sondern ist selbst schon ein 
Entlastungsversuch für inneren Schmerz. 

Neben dieser Projektion des Schmerzes auf das Objekt, die 
in Form von Haß erfolgt, gibt es auch noch eine andere Art 
der Abwehr desselben, die überhaupt in bezug auf den Ver- 
leugnungsmechanismus eine große Rolle spielt, nämlich die 
Rechtfertigungstendenz. Wir sehen so häufig, daß der psy- 
chische Schmerz, der als Nebenprodukt der Verleugnung ent- 
steht, nicht auf das gehaßte Objekt projiziert wird, sondern im 
eigenen Ich gerechtfertigt wird, indem ein organischer Schmerz, 
d. h. eine Krankheit, produziert wird. Dieser beinahe typische 
Vorgang ist aber nichts weiter als eine Fortsetzung des Ver- 
leugnungsmechanismus: nicht das Objekt verursacht mir 
Schmerz, auch nicht ich selbst verursache mir Schmerz, indem 
ich das Objekt verleugne, sondern die Krankheit verursacht mir 
Schmerz. Wir können und haben aber jedesmal dem Kranken 
nachzuweisen, daß es doch sein eigenes Ich ist, das ihm auch 
den organischen Schmerz verursacht. Das Gegenstück dazu finden 
wir in der bekannten Erscheinung, daß in den Fällen, wo körper- 
liche Verletzungen als Folge eines Schocks auftreten (wie z. B. 
bei den Kriegsneurosen), die psychische Symptombildung 
minimal ist. 

Der Rechtfertigungsmechanismus, den wir eben erwähnten, 
führt uns bereits zur Beschreibung der Folgeerscheinungen der 
Verleugnung. Man könnte ihn geradezu als den Gegensatz, zu- 



Verleugnung und Realitätsanpassung 151 

mindest aber als das positive Gegenstück zur Verleugnung be- 
zeichnen. Das Ich kann sich nämlich nicht mit der Verleugnung 
begnügen, weil diese nie gelingen kann (ebensowenig wie die 
Verdrängung, die ja auch nur ein momentaner temporärer Vor- 
gang ist, und eben gelingt, solange sie wirksam ist, und mißlingt, 
wenn die Wirkung aufhört). Den Grund haben wir vorhin ange- 
geben, indem wir darauf hinwiesen, daß zugleich mit ihrer 
Absicht, der Ausschaltung der objektiven Lustquelle, der uner- 
wünschte Schmerzaffekt entsteht. Das Ich bemüht sich dann, 
die Verleugnung zu rechtfertigen, d. h. zu beweisen, daß, was 
es tat, wohlgetan war. Oft genug mißlingt aber auch dieser 
Versuch und wir sehen dann, wie sich ein ganzes Leben oft 
darauf aufbaut, in einer Art sekundärer Verleugnung zu be- 
weisen, daß dieser Rechtfertigungsversuch gelungen ist. Die 
Schmerzkomponente wird dabei häufig als masochistische Selbst- 
erniedrigung manifest. Es ist dies das Gegenstück zur Haß- 
projektion aufs Objekt, indem das Ich dann demonstriert, nicht 
daß es wohl getan hat und das Objekt schlecht war, sondern daß 
das Objekt unschuldig war und man selbst schlecht ist. Mit 
dieser Feststellung, die dem psychologischen Tatbestand eigent- 
lich am nächsten kommt und deswegen so schwer korrigierbar 
ist, kommt der Verleugnungsprozeß zu einem Stillstand, den wir 
als neurotische Einstellung bezeichnen. 

Eine dritte, vielleicht die gesündeste Reaktion des Ich auf 
die Verleugnung ist die narzißtische Besetzung oder Stärkung 
des Ich. Nach unseren Erfahrungen kann allerdings kein Zweifel 
daran herrschen, daß der Verleugnungsmechanismus in den- 
jenigen Individuen am stärksten ausgeprägt ist, die von Haus 
aus eine besondere narzißtische Anlage haben, worin immer 
diese bestehen mag. Anderseits kann nach meinen Erfah- 
rungen kein Zweifel daran sein, daß die ständige Benützung 
des Verleugnungsmechanismus den Narzißmus ebenso stärken 
kann, wie in dem eben besprochenen Falle des Mißlingens 
des Rechtfertigungsmechanismus ihn schwächen, d. h. zu 
Minderwertigkeits- und Schuldgefühlen, zu masochistischen oder 
organischen Leiden führen kann. Warum der Verleugnungs- 
mechanismus bei narzißtischen Menschen besonders stark ausge- 
prägt ist, erklärt sich daraus, daß ihr Ich eben so stark ist, daß 



152 Die psychischen Mechanismen und ihre Auswirkungen 

es sich die Abhängigkeit vom Objekt nicht gestehen kann, noch 
weniger, daß das Objekt imstande sein sollte, ihm Schmerz 
zuzufügen. Sie fügen sich den Schmerz lieber selbst zu, bevor 
sie gestehen würden, daß ein anderer das imstande ist. Der 
sekundäre Narzißmus bei diesen Menschen entsteht, wie ich 
glaube, als Niederschlagsprodukt von Verleugnungen, die der 
primäre Narzißmus befiehlt, um sich seine Unabhängigkeit und 
Stärke zu beweisen. Soweit die Verleugnung gelingt, stärkt sie 
natürlicherweise das Ich und dessen Narzißmus, anderseits wirkt 
dann der so gesteigerte Narzißmus wieder als verstärkter Abwehr- 
mechanismus. Aber je narzißtischer das Ich ist oder wird, desto- 
weniger erträgt es Abhängigkeiten, destoweniger auch' ist es 
imstande, die Folgen der Verleugnung zu ertragen, während das 
Ich selbst durch seinen Narzißmus immer mehr zur Verleugnung 
getrieben wird. Vielleicht ergibt sich von hier aus eine Möglich- 
keit, das Verhältnis des (primären) Narzißmus zum Selbsterhal- 
tungstrieb zu verstehen. Der Verleugnungsmechanismus ist 
nämlich letzten Endes ein Schutzmechanismus, wenn man will; 
im Dienste der Selbsterhaltung. Er geht nur manchmal zu weit,' 
indem er das Objekt, auch so weit es der Selbsterhaltung dient' 
zu verleugnen sucht. Grob gesprochen dürfte man vielleicht sagen,' 
daß der Selbsterhaltungstrieb durch den in seinem Dienste 
stehenden Verleugnungsmechanismus zum Narzißmus wird. Das 
heißt, ein ursprünglich zur Schmerzverhütung bestimmter Schutz- 
mechanismus wird zur Lustgewinnung am eigenen Ich verwendet, 
was sich als Narzißmus manifestiert. 

Vielleicht die wichtigste psychische Folge der Verleugnung 
der Realität ist die Reaktion des Ich, die wir als Handlung be- 
zeichnen, und die letzten Endes unser Schicksal entscheidet. Ich 
möchte dies die positive Seite des Verleugnungsmechanismus 
nennen, der nicht bloß besagt, es existiert nicht oder hat nicht 
existiert, sondern im Suchen nach einem Ersatz schließlich ge- 
stehen muß: Es existiert doch, und zwar — anders! Und zwar 
besser! Dies erklärt nicht nur die Idealisierung, die wir z. B. 
bei der Verliebtheit finden, wo wir immer das gegenwärtige 
Objekt höher einschätzen als alle früheren. Es erklärt auch den 
rätselhaften Mechanismus der Halluzination, den Freud ganz 
richtig mit der regressiven Wiederbesetzung des Wahmehmungs- 



Verleugnung und Realitätsanpassung 153 

Systems in Zusammenhang gebracht hatte, ohne aber den zu- 
grunde liegenden Mechanismus der Verleugnung zu erkennen. 
Die normale Art aber, in der der Verleugnungsmechanismus unser 
Handeln beeinflußt, das den Mittelweg zwischen Überschätzung 
der Realität (Idealisierung) und Unterschätzung (Halluzination) 
einhält, scheint mir die folgende zu sein. Der primäre Ver- 
leugnungsmechanismus beim Aufgeben der Mutterbrust zeigt, 
daß das verleugnete Stück Realität realiter am eigenen Körper 
wiedergefunden wird. Dies läßt vermuten, daß auch späterhin das 
verleugnete Stück Realität ins Ich einbezogen wird, ein Vorgang, 
der als Identifizierung (oder Introjektion) beschrieben wurde, den 
wir aber bereits als Folge der Ich-Projektion verstanden haben. 
Es ist schwierig, diesen Prozeß auf der primitiven Stufe zu ver- 
folgen. Aber auf der höheren Stufe der Verdrängung sehen wir 
ganz deutlich denselben Prozeß sich abspielen und können viel- 
leicht von da aus Rückschlüsse auf die Vorstufe ziehen. Bei der 
bewußten Verdrängung einer Erinnerung an ein Erlebnis wird 
regelmäßig dieses Erlebnis selbst (oder Teile desselben) als 
„Geheimnis" bewahrt. Dieses Geheimnis bildet dann einen iso- 
lierten Teil der Persönlichkeit, beeinflußt aber unvermeidlich 
nicht nur das Denken, sondern auch das Tun dieses Menschen. 
Dieses Geheimnis ist das psychologische Gegenstück zu dem, was 
ich als Bewahrung des traumatischen Erlebnisses, welches zu 
Verleugnung führte, im Ich betrachten möchte. Dieses Geheim- 
nis hat übrigens ganz direkte Beziehungen zur Verleugnung, denn 
es ist unter normalen Umständen kaum möglich, das Ich zum 
Geständnis dieses Geheimnisses zu bringen, das, wenn es dem 
Individuum selbst vorgehalten wird, aufs Intensivste verleugnet 
zu werden pflegt. Ich habe diesen Tatbestand bereits im Jahre 
1911 in bezug auf die infantile Masturbation festgestellt 1 und 
kann jetzt sagen, daß er sich typisch in allen Situationen wieder- 
findet, die ein Resultat der Verleugnung sind. Daß die Masturba- 
tion hieher gehört, ist nach den früheren Ausführungen von 
selbst verständlich, denn sie ist ja ursprünglich schon ein Ersatz 
der verleugneten Mutter am eigenen Ich. Im Sinne dieser Auf- 
fassung könnte man sagen, daß alle unsere Handlungen, sicherlich 

i Sexualität und Schuldgefühl, S. 20 ff. 



154 Die psychischen Mechanismen und ihre Auswirkungen 

aber alle affektiv bedeutsamen Handlungen nicht Aktionen, 
sondern Reaktionen, d. h. dynamisch zu verstehen sind und 
nicht als „Wiederholungen" eines in der Kindheit akquirierten 
Schemas, ja nicht einmal als biologische Triebwiederholung. 

Dies wird sich besser am Material illustrieren lassen und 
ich kehre daher zur beabsichtigten Darstellung einiger typischer 
Reaktionen des Kindes zurück, die ich vorhin andeutete. In den 
rein biologischen Traumen des Kindes, wie Geburt und Ent- 
wöhnung, erkennen wir nunmehr in der dabei notwendigen Ver- 
leugnung dasjenige Moment, welches das Trauma in seinen Nach- 
wirkungen pathogen machen kann. Also nicht der biologische 
Entwicklungsschub oder das objektive Erleben wirkt traumatisch, 
sondern die Reaktion des Ich darauf kann in ihren Folgeerschei- 
nungen traumatisch wirken. Diese traumatische Wirkung tritt 
aber, wie bereits erwähnt, nicht unmittelbar in Erscheinung, 
und zwar deswegen nicht, weil sie selbst erst eine Folge- 
erscheinung der konstanten Verleugnung ist, deren Schädigun- 
gen sich immer erst im nachhinein pathogen auswirken. Ein 
weiteres infantiles Trauma, welches typischerweise mit der Ver- 
leugnung beantwortet wird, ist die Ankunft eines neuen Ge- 
schwisters und die typische Reaktion des Kindes darauf, der 
Storch solle es wieder mitnehmen oder es soll sterben, ' sind 
nur äußere Anzeichen dafür, daß das Neugeborene in seiner 
Existenz verleugnet wird. Auch hier zeigt sich, was wir früher 
unter Einbeziehung der verleugneten Realität ins Ich verstanden 
haben. Es ist nämlich oft zu beobachten, daß sich das Kind 
mit dem verleugneten Geschwister identifiziert, d. h. aber sich 
an seine Stelle setzt. Eine solche „Identifizierung" wird aber 
nicht ein für allemal geschaffen und festgehalten, sondern die 
ursprüngliche Verleugnung setzt sich derart ins spätere Leben 
fort, daß sie besonders in entscheidenden Situationen (Rivalittät, 
Eifersucht usw.) wieder hervortreten kann. Die sogenannten 
„Todeswünsche" gegen die Geschwister (oder Eltern) sind so 
der sinnfälligste Ausdruck der Verleugnung: er soll nicht exi- 
stieren (er soll „weg sein", wie Freud sagte). Ohne den Ver- 
leugnungsmechanismus in Betracht zu ziehen, ist es meiner 
Ansicht nach auch unmöglich, diejenigen Reaktionen des Kindes 
auf die Kenntnisnahme des Geschlechtsunterschieds zu ver- 



Verleugnung und Realitätsanpassung I6 5 

stehen, die Freud als „Kastrationskomplex" beschrieben hat. 
Der Knabe verleugnet das weibliche Genitale, weil es ich-fremd 
ist, das Mädchen versucht, das männliche Genitale zu ver- 
leugnen und kommt so zum Peniswunsch, d. h. nimmt wieder 
das Stück der verleugneten Realität ins Ich auf. Auch der Knabe 
tut dasselbe, indem er (in Freuds Terminologie gesprochen) 
die Mutter (d. h. das weibliche Genitale) nicht als „kastriert" 
akzeptiert, sondern sich selbst statt dessen mit der Mutter 
identifiziert, d. h. selbst kastriert. Wieder ist es nicht die Tatsache 
der Wahrnehmung des anatomischen Geschlechtsunterschieds, 
welche pathogen wirkt, sondern die Reaktion des Ich, welches ^ 
diese biologische Tatsache zu verleugnen sucht, weil sie ich-fremd 
ist, ähnlich wie es die Geburt oder Entwöhnung zu verleugnen 
sucht, weil sie ich-störend (schmerzlich) wirken. Es ist gar kein 
Grund, warum die Tatsache des biologischen Geschlechtsunter- 
schieds an sich traumatisch wirken sollte, während andere biolo- 
gische Traumata, wie Geburt und Entwöhnung, diese Wirkung 
nicht haben sollen. Die Erklärung liegt darin, daß es überhaupt 
nicht die biologischen Tatsachen sind, sondern die Tatsache, 
daß unser Ich sie nicht einfach akzeptieren kann, vielmehr mit 
der Verleugnung darauf reagieren muß. 

Diese infantilen Verleugnungen scheinen notwendige Reak- 
tionen im "Dienste der Selbsterhaltung, Selbstbehauptung und 
Selbstentwicklung, besonders so weit es sich um biologische 
Entwicklungsschübe handelt, die man zuerst mittels Verleugnung 
abzuwehren sucht, ehe man sich an sie anpassen kann. In 
ihrer ständigen Verleugnung hält man aber eigentlich an ihnen 
fest und dies macht den Anschein einer Fixierung oder Regres- 
sion. So kommt es zu der vorhin erwähnten sekundären Ver- 
leugnung innerhalb des eigenen Ich, die wir Verdrängung heißen. 
Denn schließlich können ja die Realitäten nur verleugnet, nicht 
aber wirklich ausgelöscht werden. Anderseits können sie nur 
akzeptiert bzw. respektiert werden, wenn sie in eine positive 
Beziehung zum Ich gebracht, also als Teile des Ich betrachtet 
werden. Aber ebensowenig wie die Realität weggeleugnet werden 
kann, ebensowenig kann die Erinnerung daran erfolgreich ver- 
drängt werden. Beide Prozesse führen zur Reaktions- und Ersatz- 
bildung sowohl am eigenen Ich wie in der Außenwelt. Der 



156 Die psychischen Mechanismen und ihre Auswirkungen 

Mechanismus der Verleugnung, der unmittelbar mit dem Ver- 
hältnis zur Mutter zusammenhängt, führt zu Ersatzbildungen 
am eigenen Körper und fernerhin zur Veränderung der Außenwelt, 
d. h. hauptsächlich zur Schaffung von Libidoobjekten, welche 
die Mutter ersetzen und das Ich von der Verleugnung erlösen 
sollen. Die Verdrängung ist ein späterer Mechanismus im väter- 
lichen Über-Ich und führt in seinen Folgeerscheinungen zu psy- 
chischen Ersatzbildungen im Ich, vielleicht — wenn man an das 
analytische Studium der Zwangsneurose denkt — zum Denken 
überhaupt, das sicherlich ein dynamischer Prozeß ist, also als 
Reaktion in Erscheinung tritt. Hierin käme der positive Charakter 
zum Vorschein, den ich vorhin als im Verleugnungsmechanismus 
vorgebildet erwähnt habe. Die volle Verleugnung besagt ja: 
Es existiert nicht so (wie ich es nicht haben kann), sondern es 
existiert anders, besser, abhängig von meinem Ich. 

Diese schöpferische Seite der Verleugnung, als deren patho- 
logisches Extrem ich vorhin die Halluzination bezeichnete, findet 
normalerweise ihren Ausdruck im Phantasieleben, das des- 
wegen im Kinde so reichlich wuchert, weil das Kind fortwährend 
immer aufs neue mit neuen Stücken der Realität in Beziehung 
kommt, die es konstant zu verleugnen sucht und die es darum 
konstant in einer dynamischen Form des Denkens kompensieren 
muß, die wir Phantasie nennen. Es wäre eine verlockende Arbeit 
die typischen menschlichen Phantasien in ihrer Eigenschaft als 
Folgeerscheinungen von Verleugnungen zu betrachten, und ich 
habe seit vielen Jahren die Absicht — einer Anregung Freuds 
folgend — , dies am Beispiele der großartigsten menschlichen 
Phantasiebildungen zu zeigen, die uns in den Homerischen Epen 
erhalten sind. Hier genügt es aber, darauf hinzuweisen, daß 
nicht nur die typischen Phantasien der Pubertätsjahre, wie z. B. 
der sogenannte „Familienroman" (den ich im „Mythos von der 
Geburt des Helden" behandelt habe), deutliche Verleugnungs- 
produkte sind (Verleugnung der Eltern, d. h. Verleugnung der 
eigenen Herkunft). Alle sogenannten infantilen Theorien über 
die Herkunft der Kinder, den Unterschied der Geschlechter, die 
Bedeutung der Todesvorstellung usw. sind, wie ich eben aus- 
führte, Resultate der Verleugnung von Wirklichkeiten, die das 
Ich nicht anerkennen will. Ja, ich glaube, daß die ganze söge- 



Verleugnung und Realitätsanpassung 



157 



nannte „Wunscherfüllungstheorie", die ja nichts anderes als 
„Phantasie" bedeutet, sich dynamisch aus der Verleugnung uner- 
wünschter Wirklichkeiten und ihrer kompensatorischen Ersatz- 
befriedigung erklärt. Diejenigen Träume, welche auf Grund körper- 
licher Reize entstehen und diese durch halluzinatorische Wunsch- 
befriedigung zu verleugnen suchen, zeigen dies deutlich. Aber 
auch in bezug auf die kompliziertesten Träume vom neurotischen 
Typus habe ich denselben Mechanismus wirksam gefunden, indem 
ich diese Träume mit den gleichzeitigen und inhaltlich identischen 
Phantasien der Patienten verglich. Dabei ergaben sich auch über- 
raschende Einblicke in das Verhältnis von Traum und Phantasie, 
die ich gelegentlich an anderer Stelle besprechen werde. 

Aus dem vergleichenden Studium dieser Phänomene sowie 
der bereits erwähnten Spekulationen der Zwangsneurotiker, 
welche die Mitte zwischen Phantasie und logischem Denken 
einhalten, kommt man zu dem Schlüsse, daß auch das Denken 
selbst und die Denkprozesse nicht bloß ein psychischer Ersatz 
für Wirklichkeiten sind, sondern dynamisch aus der Verleugnung 
dieser Wirklichkeiten hervorwachsen und so verstanden werden 
müssen. Tritt man mit diesem Gesichtspunkt an die Phantasie- 
produkte und Denkprozesse der Psychosen heran, so verstellt 
man viel mehr von ihnen, als wenn man sich an ihren typischen 
Inhalt hält, der ja mit den Inhalten unseres eigenen Seelen- 
lebens identisch ist. Der Paranoiker verleugnet, wie schon Freud 
gesehen hat, die Art seiner Affektbeziehung („ich liebe nicht, ich 
hasse"), der Schizophreniker verleugnet seine gesamte x\ffektivi- 
tät, d. h. er sagt statt: das Objekt (oder die gesamte Realität), 
das mich schmerzlich enttäuscht, existiert nicht, meine Gefühle 
(dafür) existieren nicht. Dies ist die radikalste Form der Ver- 
leugnung, die aber zur Destruktion führt, weil der Patient den 
ursprünglichen Mechanismus der Verleugnung von Realitäten auf 
das intrapsychische Gebiet, sein Gefühlsleben anwendet, wo 
normalerweise die mildere Form der Verdrängung waltet. Diese 
radikale Form hat auch den entsprechenden Effekt, daß sie 
das gesamte Gefühlsleben betrifft, so daß es keine Enttäuschung 
mehr schmerzen kann. Den der paranoischen Affektverleugnung 
zugrundeliegenden Mechanismus habe ich vorhin in der Reak- 
tion beschrieben, welche den eigenen Schmerz der Enttäuschung 



158 Die psychischen Mechanismen und ihre Auswirkungen 

als Haß auf das Objekt projiziert. Auch die narzißtische Ich- 
Vergrößerung als Folgeerscheinung des Verleugnungsmechanis- 
mus kommt im Symptom des Größenwahnes deutlich zutage. 
Das Urbild des paranoischen Verfolgers ist also nicht das homo- 
sexuelle Objekt (Vater), wie Freud meint, sondern das eigene 
Ich, das letzten Endes wieder mit dem ersten verleugneten 
Objekt, der Mutter, identifiziert wird. 

Während die Reaktionen vom paranoischen und schizo- 
phrenen Typus sich als unabänderliche Resultate des bis zum 
äußersten Extrem getriebenen Verleugnungsmechanismus reprä- 
sentieren, gibt es eine weit verbreitete Störung des Affektlebens, 
welche uns Einblick in das wechselnde Kräftespiel des Ver- 
leugnungsmechanismus gestattet und die darum mit Recht als 
Grenzphänomen zwischen Neurose und Psychose beschrieben 
wurde. Es ist dies der sogenannte manisch-depressive Typus, 
dem im wesentlichen der Verleugnungsmechanismus zugrunde 
liegt und dessen Erscheinungsformen daher von den täglichen 
Stimmungsschwankungen bis zum ausgesprochen psychotischen 
Bild der Melancholie reichen. Die Art, in der sich der Ver- 
leugnungsmechanismus im manisch-depressiven Bilde äußert, ist 
folgender: vor allem handelt es sich dabei um ausgesprochen 
egoistische Typen, die selbst auf geringe Unlust oder Ent- 
täuschung mit Verleugnung der realen Schmerzquellen reagieren. 
Ihr stark narzißtischer Charakter zwingt sie dann weiterhin, 
diese Verleugnung in bezug auf innere Unlust (Schmerz) anzu- 
wenden, anstatt mit der milderen Abwehr der Verdrängung zu 
reagieren. Diese Typen haben daher in der Regel ein außer- 
ordentlich gutes Gedächtnis, d. h. mit anderen Worten, sie 
erinnern alle peinlichen Erlebnisse, anstatt die Erinnerung daran 
zu verdrängen. Dafür verleugnen sie den schmerzlichen Affekt, 
den diese Erlebnisse ihnen verursacht haben und projizieren ihn 
als Haß auf die Objekte. Eine dritte und für diese Störungen 
charakteristische Wirkung des Verleugnungsmechanismus ist, daß 
er zu keinem definitiven Abschluß kommt, wie beim Psychotiker,' 
aber auch nicht wie beim Normalen konstant als Schutz gegen 
peinliche Reize verwendet wird. Das Charakteristische ist viel- 
mehr, daß die Verleugnung im Innern fortgesetzt wird, ohne daß 
der Versuch ihrer „Rechtfertigung" gemacht würde. Daher das 



Verleugnung und Realitätsanpassung 159 

fortwährende Wechselspiel von Verleugnung und Verleugnung 
der Verleugnung. Dieser innerlich fortgesetzte Verleugnungs- 
prozeß erklärt auch, warum dieser Typus ohne jeden oder ohne 
jeden zureichenden äußeren Anlaß so reagiert, als handelte es 
sich um eine schwere traumatische Einwirkung von außen. Daher 
kann man diesen Patienten oft helfen, indem man ihnen dieses 
äußere Trauma wirklich gibt, und zwar in einer harmlosen oder 
therapeutisch wirksamen Form, während sie selbst oft instinktiv 
dasselbe in einer destruktiven Weise versuchen. Das sind die 
Menschen, die im manischen Zustand fortwährend handeln 
müssen, d. h. aber die Außenwelt verändern wollen, um sie 
ihrem Ich anzupassen. Das sind auch die Menschen, die oft 
großartige Erfolge erzielen, welche sie aber selbst wieder zer- 
stören, d. h. verleugnen müssen. Im depressiven Stadium sind 
sie dann absolut handlungsunfähig, können nicht das Geringste 
tun, d. h. verleugnen innerlich den Teil ihres Ich, ihrer Persön- 
lichkeit, der im manischen Stadium agiert. Die ■ hier manifest 
werdende Spaltung der Persönlichkeit ist das Resultat einer 
von der Realität auf das Ich verschobenen Verleugnung. Diese 
Verinnerlichung des gesamten Verleugnungsprozesses mit allen 
seinen Folgeerscheinungen tritt dann kraß im Bilde der Melan- 
cholie zutage, die Freud bereits als Ich-Störung erklärt hatte, 
da sie mit den Mitteln der Libidotheorie nicht zu verstehen war. 
Im melancholischen Stadium der Depression wird dann nicht 
nur die Verleugnung nach innen geworfen, sondern auch der 
Haß, der normalerweise der Schmerzabwehr dient, und so kommt 
es zum Bilde des sich selbst hassenden, sich selbst quälenden, 
sich selbst verleugnenden Melancholikers. 

Will man diese Reaktionen voll verstehen, so muß man 
neben der egoistischen Anlage die sadistische Triebkomponente 
in diesen Menschen verfolgen. Die bereits früher berührte 
Frage, ob die Projektion (Ich-Entlastung) nicht in Art und Grad 
vom Schicksal der ursprünglich sadistischen Impulse abhängt, 
gewinnt in bezug auf den manisch-depressiven Typus eine neue 
praktisch-klinische Bedeutung. Dieser Typus mit der starken 
Verleugnungstendenz ist nämlich von Haus aus nicht nur egoi- 
stisch, sondern auch ursprünglich stark sadistisch, was vielleicht 
Hand in Hand geht. Der Egoismus (bzw. der spätere Narzißmus) 



160 



Die psychischen Mechanismen und ihre Auswirkungen 



zwingt das Ich zur starken Verleugnung aller unlustvollen Er- 
fahrungen, während der Sadismus das Ich gerade zum Auf- 
suchen derselben in der Realität zwingt. So sehen wir von Anfang 
an das Schicksal dieses Typus durch den ständigen Widerstreit 
seiner ursprünglichen Anlage bestimmt. Nur dort wird es zur 
erfolgreichen Lustgewinnung und narzißtischen Ich-Bereicherung 
kommen, wo der Sadismus imstande ist, dem Ich lustvoll- 
befriedigende Erlebnisse von der Außenwelt zu verschaffen, und 
das Ich seinerseits imstande sein wird, alle unlustvollen Begleit- 
erscheinungen dieser Tendenz erfolgreich zu verleugnen. Die 
leiseste Störung auf der einen oder anderen Seite wird aber 
unvermeidlich zu Störungen führen, die in bezug auf den äußeren 
Anlaß inadäquat sind, aber nicht in bezug auf die Stärke der 
Triebregung (Sadismus) und die Empfindlichkeit des Ich (Nar- 
zißmus). Das sind die Menschen, die — anders als Napoleon — 
nur ihre verlorenen Schlachten zählen, nicht aber die ge- 
wonnenen. Es ist eben die Frage, ob das Ich stark genug ist, 
die verlorenen Schlachten in der Realität zu verleugnen und sich 
so zu behaupten oder ob es die gewonnenen Schlachten ver- 
leugnen muß, weil es den Teil seines Ich verleugnet, der sie 
gewonnen hat: Das ist aber der Egoismus und der Sadismus. 
Dies scheint mit der frühesten Entwicklung der sadistischen- 
Impulse zusammenzuhängen, die entweder auf das Objekt (die 
Mutter) und die späteren Ersätze desselben geworfen oder im 
Ich gestaut werden. Dies hängt wieder von der Stärke der 
ursprünglichen Verleugnung ab, die, zuweit getrieben, das Objekt 
auslöscht, so daß es zur Projektion unbrauchbar wird und der 
sadistische Haß sich gegen das eigene Ich richten muß. 

Dieser Typus muß also infolge seiner stark egoistischen 
und sadistischen Anlage den entsprechend starken, aber primi- 
tiven Abwehrmechanismus der Verleugnung beibehalten und 
bleibt infolgedessen auch in seiner Über-Ich-Entwicklung auf 
der Stufe der primären mütterlichen Moral stehen. Das heißt er 
hat mehr Hemmungen als Angst, ist mehr „feminin" als maskulin, 
was sich aber nur auf seinen Über-Ich-Aufbau bezieht, denn in 
seiner sadistischen Triebanlage ist er absolut maskulin. Die 
sadistische Strenge gegen sich selbst täuscht in diesen Fällen 
ein hoch entwickeltes Über-Ich vor, das aber nur ein Pseudo- 






Verleugnung und Realitätsanpassung 



161 



Über-Ich ist, im Gegensatz zur Zwangsneurose, die in ihren 
Gewissensskrupeln ein hypertrophiertes Über-Ich aufweist. Das 
Stehenbleiben auf der primären Stufe der mütterlichen Hem- 
mungen erklärt auch, warum dieser Typus nicht nur alles Unan- 
genehme so stark verleugnet, sondern auch, warum er das 
Angenehme (den Erfolg), wenn er es erreicht, verleugnen muß, 
da er darauf mit den primitiven mütterlichen Verboten reagiert. 
Er hat also die ursprüngliche Ersetzung der Mutter am Ich 
vollkommen, d. h. im positiven und negativen Sinne beibehalten 
und reagiert daher sein ganzes Leben lang im doppelten Sinne 
primitiv: mit Verleugnung der Realität gegenüber, mit Hemmung 
dem eigenen Ich, d. h. seinen Triebregungen gegenüber. 

Wir können diese Mechanismen deutlich am Werk sehen, 
wenn wir das klinische Bild dieser Zustände in seinen Wand- 
lungen studieren. Am deutlichsten ist es in der Melancholie, 
die ich als eine „Kristallisation" des depressiven Zustandes 
bezeichnen möchte. Denn während in der Depression alle Hand- 
lungen gehemmt sind, zeigt die Melancholie diese Hemmung in 
bezug auf einzelne bestimmte Handlungen beschränkt. Man 
möchte sagen, in der Melancholie verrät der Patient (besonders 
in seinen Träumen), i was er tun möchte, aber nicht kann, 
während er in der Depression gar nichts tun kann, um das, was 
er tun möchte, auch nicht tun zu können. 

Hauptsächlich sind es egoistische und sadistische Hand- 
lungen, und tatsächlich versucht ja der Patient in der Melancholie 
mehr seine Umgebung als sich selbst zu quälen (siehe die 
„Vorwürfe"), während er in der Manie oft genug direkt sadi- 
stisch wird. In der Melancholie hemmt er diese sadistischen 
Impulse, aber nicht aus sozialer Vater-Angst, sondern aus nar- 
zißtischer Hemmung auf der Mutter-Stufe, in letzter Linie also aus 
Liebe zu sich selbst, sozusagen um sich nicht weh zu tun. 

Von diesem Standpunkt ist der Krankheitsfortschritt von 
der Depression zur Melancholie auch ein teilweiser „Heilungs- 
versuch", im selben Sinne wie Freud es für den paranoischen 
Projektionsmechanismus gezeigt hat. Der Melancholiker ist schon 

1 Schilder hat sehr schön gezeigt, daß die Träume der Melancholischen 
oft angenehm und lustvoll sind, wie ich sagen möchte „manisch", was bei 
den Träumen der Depressiven durchaus nicht zutrifft. 

Rank, Grundzüge einer genetischen Psychologie. 11 






162 Die psychischen Mechanismen und ihre Auswirkungen 

teilweise manisch, d. h. auf dem Wege von der Depression zur 
Manie, und muß sich daher mit stärkeren Mitteln, den melancho- 
lischen Hemmungen, gegen den Durchbruch der manischen Im- 
pulse schützen. Mitunter kann man durch aktives Eingreifen in 
diesen Prozeß den Patienten aus einer oft lange bestandenen 
tiefen Depression in eine nicht zu übermäßige manische Phase 
bringen, wenn man ihn vorher durch ein leichtes melancholisches 
Stadium treiben kann. In der Melancholie kann man dann deutlich 
sehen und eventuell auch dem Patienten zeigen, gegen welche 
Impulse er sich wehrt. Bringt man ihn durch entsprechende 
Realitäts Veränderung dazu, sich diese Impulse zu gestehen, 
anstatt sie zu verleugnen, so gibt er ihnen wohl manchmal in der 
folgenden Manie nach, kann aber unter günstigen Umständen zu 
einer mehr oder weniger ausgeglichenen Handlungsweise gebracht 
werden. Bleibt er sich selbst überlassen, so wird er nach dem 
manischen Tun sofort wieder die mütterlichen Hemmungen in 
einer folgenden Depression etablieren, was eben den zyklischen 
Charakter seiner Erkrankung erklärt. Die Manie entspricht dem 
ungehemmten Tun, die Melancholie entspricht der Hemmung 
der Tat, die Depression ist der Schutz vor dem Tun. Wie die 
Tat sadistisch, so ist die Hemmung masochistisch (auto-sadi- 
süsch). 

Dieser Typus kann als „triebhafter Charakter" (Reich) be- 
zeichnet werden, da er dazu neigt, seine Impulse in Handlungen 
umzusetzen, statt sie in Phantasien auszuleben, wie es der 
Normale teilweise und der Neurotiker in übermäßiger Weise tut. 
Sein Phantasieleben ist daher auch relativ arm, wie sein Gefühls- 
leben relativ stumpf. Dies zeigt sich auch in seinem Sexual- 
leben bzw. seinem Sexualtrieb, der auf rein sinnlichen Genuß 
eingeschränkt ist und zur Zärtlichkeit entweder ganz unfähig 
ist oder sie in Schuldgefühl gegen das Objekt konvertiert, was 
zu einer Art hypertrophierten Zärtlichkeit führen kann. Dieses 
Problem der von Freud sogenannten „Trennung von Zärtlichkeit 
und Sinnlichkeit" erweist sich hier als eng verbunden mit der 
ursprünglich egoistisch-sadistischen Anlage einerseits und dem 
daraus folgenden Mißbrauch des Verleugnungsmechanismus 
anderseits. Dieser Typus verleugnet (ursprünglich an der Mutter), 
daß das Objekt ihm Schmerz zufügen kann; er verleugnet damit 



Verleugnung und Realitätsanpassung 



163 



aber zugleich, daß das Objekt ihm Lust gewähren kann, weil 
er ja die Existenz des Objektes überhaupt verleugnen muß. Er 
verleugnet also letzten Endes seine Gefühlsbeziehung zum Objekt 
und schränkt die Lustgewinnung, auf die er nicht verzichten 
kann, auf das rein Sinnliche ein, also auf ein Gebiet, wo er 
seelisch nicht enttäuscht werden kann, d. h. aber vor Unlust 
geschützt ist. Sein sinnlicher Genuß entspricht einer sadistischen 
Rache an der Mutter, während er sich im depressiven Zustand 
selbst (als Mutter) sadistisch hemmt und im Leiden (masochi- 
stisch) straft. In der Manie dagegen ist er zugleich die gewährende 
Mutter. Die Freudsche Formel, daß in der Manie Ich und Über- 
ich zusammenfallen, möchten wir eher für die beiden mütter- 
lichen Iche gelten lassen. Die Manie wäre dann ein Zusammen- 
fallen von Ich und Objekt im ursprünglich narzißtischen Sinne des 
Mutter — Kind-Verhältnisses, also Identifizierung mit der gewäh- 
renden Mutter. Die Depression oder Melancholie wäre dieselbe 
Ich-Objektbeziehung im negativen Sinne der Identifizierung mit 
der hemmenden, strafenden Mutter. Im ersten Falle, der Identifi- 
zierung mit der gewährenden Mutter, wird die schlechte Mutter 
am Objekt gefunden und der sinnliche Genuß als sadistische 
Rache gewonnen. Im zweiten Falle der Identifizierung mit der 
strengen Mutter, wird die gute Mutter am Objekt gefunden und 
mit hypertrophierter Zärtlichkeit, mit Ausschluß der Sinnlichkeit, 
belegt. In beiden Fällen wird die eine oder andere Mutter-Imago 
verleugnet, und zwar diejenige, mit der man sich identifiziert. 

Dies bringt aber den ganzen Prozeß wieder auf das Ich 
zurück, indem es, wie wir früher ausführten, zeigt, daß die 
Imagines der „guten" und „schlechten" Mutter nur Projektionen 
von eigenen Ich-Einstellungen sind. Die Projektion des eigenen 
Narzißmus schafft das Bild der „guten Mutter", die einen 
so liebt, wie man sich selbst; die Projektion des eigenen Sadis- 
mus schafft das Bild der „schlechten Mutter", die einem so 
wehtut (straft, quält, haßt), wie man es selbst tun möchte. So 
entspricht also der „Zusammenfall" von Ich und Über-Ich in 
der Manie eigentlich einer Aufhebung von inneren Hemmungen, 
und zwar von Hemmungen gegen sadistisch-egoistische Regun- 
gen auf der primitiven Mutterstufe. Das gegenwärtige Ich kann 
so mit dem früheren Ich (objektiviert in der Mutter) wieder voll 



11* 



164 Die psychischen Mechanismen und ihre Auswirkungen 

narzißtisch zusammenfallen, ohne sich aufgeben oder objekti- 
vieren zu müssen. Biologischerweise erfolgt dies im normalen 
Sexualakt, der ja ein manischer Zustand, eine Aufhebung des 
Ich ist, wie denn auch post coitum die Depression einzutreten 
pflegt. Es ist bemerkenswert, daß der beschriebene Typus sehr 
oft in der Sexualspannung, d. h. vorher depressiv ist und nachher 
„manisch" fühlt. Dies rührt aber wieder an das Problem der 
Trennung von Sinnlichkeit und Zärtlichkeit, welches mit dem 
Schicksal der sadistischen Triebkomponente zusammenhängt. Die 
Tatsache, daß der manische Zustand mit sexueller Aktivität, 
der depressive mit sexueller Passivität einhergeht, könnte sogar 
für eine biologische Begründung der Stimmungsschwankungen 
in den Brunftperioden sprechen. 

Sowie die sadistische Triebkomponente der wichtigste Impuls 
zur direkten Handlung, die eigentlich treibende Kraft zur Be- 
herrschung der Außenwelt und zur Lustgewinnung darstellt, so 
ist der Mechanismus der Verleugnung die eigentlich treibende 
Kraft im Psychischen. Alle Dynamik, die wir im Seelenleben 
finden und die schließlich auch unser endgültiges Tun und 
Denken beeinflußt, kommt vom Mechanismus der Verleugnung. 
Der Sadismus in seiner ungehemmten Form wäre destruktiv 
sicherlich im sozialen, vielleicht sogar im biologischen Sinne. 
Jedenfalls schafft er, ob er sich nun direkt auslebt oder im Ich 
gehemmt wird, dem Individuum schließlich Leiden, die es durch 
Verleugnung aufzuheben sucht. In diesem Sinne sprechen wir 
von der Verleugnung weniger als von einem Mechanismus, der 
zur Abwehr eines bestimmten unlustvollen Reizes in Gang gesetzt 
wird, als einer psycho-biologischen Tendenz zum Selbstschutz, 
die von vornherein schon darüber wacht, daß nichts geschieht, 
was zuviel Schmerz verursachen könnte. 

Das Schuldgefühl, dessen Herkunft wir im einzelnen Falle 
von Neurose gar nicht erklären können, hat im Grunde auch 
keine andere Bedeutung als die einer Verleugnung jener Ten- 
denzen in uns. Seine Existenz ist ein Resultat der mißglückten 
Verleugnung der sadistisch-egoistischen Impulse, und als solches 
ist die Existenz des Schuldgefühles unabhängig von aller Er- 
fahrung und speziellem Erleben, an das es nur im Nachhinein 
geheftet wird. Dies erklärt auch den rätselhaften „Verbrecher 



Verleugnung und Realitätsanpassung 



165 






aus Schuldbewußtsein", wie ihn Nietzsche geschildert und 
Freud beschrieben hat: der Mensch tut Verbotenes, um sich 
schuldig zu fühlen, d. h. um sein Schuldgefühl an etwas Kon- 
kretes zu heften. Solange wir nicht zwischen der allgemeinen 
Fähigkeit, Schuldgefühl zu produzieren, und der Tendenz, es zu 
konkretisieren, unterscheiden, werden alle unsere psychologi- 
schen Bemühungen nach der Herkunft des Schuldgefühles in 
einer Sackgasse münden, wie es bis jetzt der Fall war. Es gibt 
keine „infantile Quelle" für das Schuldgefühl, denn das Schuld- 
gefühl ist nur der Ausdruck der Verleugnung egoistischer 
Regungen und sadistischer Impulse. Es heißt: Ich bin nicht 
so schlecht als ich bin. So ist vielleicht unsere ganze 
ethische Einstellung, ja zum großen Teile sogar unsere ganze 
Psychologie — zumindest vor Nietzsche — eine Verleugnung 
unserer wahren Natur, d. h. unseres biologischen Ich, das im 
Grunde egoistisch und sadistisch ist. 

Aber auch die anderen seelischen Mechanismen bekommen 
ihre Dynamik von der Verleugnung im Sinne derselben als der 
psychischen Triebkraft kat exochen. Insbesondere die Projektion 
und Verschiebung, die so häufig gerade das Schuldgefühl be- 
treffen, sind nur weiter fortgesetzte Verleugnungen. Das Schuld- 
gefühl, selbst der stärkste Ausdruck der Verleugnung, sucht 
andere verantwortlich zu machen, indem das Ich projiziert, und 
es sucht den zeitlichen Zusammenhang zu zerreißen, indem es 
auf immer neue Objekte verschiebt. Ist die Projektion eine direkte 
Folge der Verleugnung, so scheint die Identifizierung ein Versuch 
zur Aufhebung der Verleugnung, indem das Ich gleichsam das 
mittels der Projektion Verleugnete als sein eigen anerkennt (im 
Sinne des Indischen „Tat Twam Asi"). So geht all das, was 
wir als Darstellung des Ich am Objekt beschrieben haben, im 
Grunde genommen vom Mechanismus der Verleugnung aus und 
besagt eigentlich: „Nicht ich, sondern der andere", während die 
Identifizierung das Ganze wieder aufs Ich zurückbringt. Nicht 
die Verdrängung, sondern die Verleugnung ist daher das psy- 
chische Korrelat der Flucht, eine Art Weglaufen von sich 
selbst, eine Vogel-Strauß-Politik, basiert auf dem Grundsatz: 
Aus den Augen, aus dem Sinn. 

Die Verleugnung führt aber auch, wie bereits erwähnt, zu 



166 



Die psychischen Mechanismen und ihre Auswirkungen 



positiven Reaktionen im Denken und Händen. Vor allem zu 
kompensatorischen Leistungen am eigenen Ich, die wir als 
„Narzißmus" zusammenfassen können und zu denen auch das 
Phantasieleben gehört. Dieses kann einerseits zur Kunstschöpfung 
führen, wenn dem Künstler die Verleugnung in der Form einer 
idealisierten Projektion und Verschiebung gelingt. Indem der 
Künstler seine persönlichen Konflikte in eine historische Form 
kleidet, sagt er: „Nicht ich habe dieses tragische Erlebnis gehabt, 
sondern andere Menschen, zu anderen Zeiten." Kann die Ver- 
leugnung aber nicht in dieser Form vom Ich abgelöst und proji- 
ziert werden, so führt sie zur pathologischen Lügenhaftigkeit, in 
der das Individuum vielmehr sich selbst als andere davon zu 
überzeugen sucht, daß das und jenes sich nicht so zugetragen 
hat, wie es sein Ich nicht wünschte, sondern anders, besser, 
ichgerechter. Dasselbe geschieht aber normalerweise mit den 
Objektbeziehungen, die immer als Ersatz eines verleugneten 
Objektes geschaffen werden, wobei das neue Objekt immer mit 
stärkeren Ich-Qualitäten ausgestattet wird, um seine Abhängigkeit 
vom Ich und damit einen Schutz vor Enttäuschung zu garan- 
tieren. Wie bereits erwähnt, führt diese Tendenz manchmal so 
weit, daß das Objekt ein komplettes Ebenbild des eigenen Ich 
sein muß (Homosexualität) oder ein idealisiertes Ich. 

Was wir Realität heißen, ist so im Sinne dieser Ausführungen 
nicht bloß etwas ein für allemal Gegebenes, an das wir uns 
anpassen müssen, sondern wir benützen die Realität auch zur 
Ich-Entwicklung und zur psychischen Entlastung, indem sie uns 
gestattet, vieles draußen anstatt am Ich zu erledigen. Wir 
scheitern in der Anpassung, wenn wir dies zu wenig tun, wie es 
extrem in der Psychose der Fall ist, oder wenn wir es zuviel tun, wie 
es extrem in der Neurose geschieht. Dazwischen liegt die normale 
Objektbeziehung, die wir Liebe heißen, in der wir zweifellos 
das Objekt zur Ich-Bereicherung und Ich-Entwicklung verwenden, 
anderseits aber ihm auch so viel von unserem Ich geben müssen,' 
daß wir diese Bereicherung ohne Schuldbewußtsein entgegen- 
nehmen können. 



Verlag von Franz Deuticke in Leipzig und Wien. 



I 



Bleuler, Prof. Dr. E., Die Psychoanalyse Freuds. Verteidigung und kritische Be- 
merkungen. 1911. Preis M 1.80. 

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Fließ, Dr. W., Der Ablauf des Lebens. Grundlegung zur exakten Biologie. Zweite, 
neubearbeitete Auflage. 1923. Preis geh. M 14.—, geb. M 16.50. 

Fließ, Dr. W., Die Beziehungen zwischen Nase und weibUchen Geschlechts- 
organen. In iürer biolog. Bedeutung dargestellt. 1897. Preis M 5.50. 

Fließ, Dr. W., Nasale Fernleiden. Dritte, vermehrte Auflage. 1926. Preis M 2.40. 

Fortschritte der Sexualwissenschaft und Psychaualyse. Herausgegeben von 

Dr. Wilhelm S tekel. I. Band. 1924. Preis geh. M 11.60, geb. M 13.80. II Band 

1926. Preis geh. M 18.—, geb. M 20.20. 

Freud, Prof. Dr. Sigm., Über Psychoanalyse. Fünf Vorlesungen, gehalten zur 
zwanzigjährigen Gründungsfeier der Clark - Univereity in Worcester hass 
September 1909. Siebente Auflage. 1924. Preis M 2.—. 

Freud, Prof. Dr. Sigm., Drei Abhandlungen znr Sexualtheorie. Sechste, durch- 
gesehene Auflage. 1926. Preis M 3.—. 

Freud, Prof. Dr. Sigm., Die Traumdeutung. Siebeute Auflage. Mit Beiträgen von 
Dr. Otto Rank. 1922. Preis geh. M 12.50, geb. M 15.—. 

Freud, Prof. Dr. Sigm., Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre. 
I. Folge. 4. Auflage. 1922. Preis M 4.20. 
II. Folge. 3. Auflage. 1921. Preis M 5.—. 
HI. Folge. 2. Auflage. 1921. Preis M 6.—. 

Freud, Prof. Dr. sigm., Der Witz und seine Beziehung znm Unbewußten. Vierte 
Auflage. 1925. Preis geh. M 6.—, geb. M 8.—. 

Hug-Hellmuth, Dr. H., Neue Wege zum Verständnis der Jugend. Psycho- 
analytische Vorlesungen für Eltern, Lehrer, Erzieher, Schulärzte, Kindergärtnerinnen 
und Fürsorgerinnen. 1924. Preis geh. M 4.80, in Ganzleinen geb. M 7.—. 

Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen. Heraus- 
gegeben von Prof. Dr. E. Bleuler in Zürich und Prof. Dr. Sigm. Freud in 
Wien. Redigiert von C. G. Jung, Privatdozent der Psychiatrie in Zürich. 
I. Band, 1. und 2. Hälfte. 1909. Preis M 14.—. 
IL Band, 1. und 2. Hälfte. 1910. Preis M 16.—. 

III. Band, 1. und 2. Hälfte. 1911. Preis M. 17.—. 

IV. Band, 1. und 2. Hälfte. 1912. Preis M. 16.—. 

V. Band, 1. uud 2. Hälfte. 1913. Preis M 19.—. 
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Jahrbuch der Psychoanalyse. Herausgegeben von Prof. Dr. Sigm. Freud in Wien 
Redigiert von Dr. Karl Abrahamin Berlin und Dr. Eduard H i t s c h m a n n 
^I^-^Jl'll g %^%^± ä ^^analytische und psychopatho- 



logische Forschungen. VI. Band. 1914. Preis M 
Band I— VI in 6 Ganzleinen bänden geb. Preü 



geb. Preis M 109.—. 
Jung, Doz. Dr. C. G Der Inhalt der Psychose. Akademischer Vortrag, gehalten im 
Rathause der Stadt Zürich am 16. Jänner 1908. Zweite, durch einen Nachtrag er- 
gänzte Auflage. 1914. Preis M 1.50. ° 

Jung, Doz. Dr. C. G. Wandlungen und Symbole der Libido. Beiträge zur Ent- 
wicklungsgeschichte des Denkens. Zweite Auflage. 1925. Preis seh K 12 — 
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Ja ng, Doz Dr. med et jur. C. G., über Konflikte der kindlichen Seele. (Separatabdruck 
aus dem Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen. 
11. Band, 1. Hälfte.) Zweite Auflage. 1916. Preis M 1.20. 

Jung Doz Dr. C. G Die Bedeutung des Vaters für das Schicksal des Einzelnen. 

zweite, unveränderte, mit einer Vorrede versehene Auflage. 1927. Preis M 1.20. 



Verlag von Franz Deuticke in Leipzig und Wien. 



Kaplan, Leo, Psychoanalytische Probleme. 1916. Preis M 6. — . 

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Privatdozenten der Psychiatrie in Zürich. 1914. Preis M 1.20. 

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Preis M 1.—. 

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Schneider, Dr. K., Die abnormen seelischen Reaktionen. 1927. Preis M 2.70. 
Schriften zur angewandten Seelenk unde. Herausgegeben von Prof. Dr. Sigm. Freud 

in Wien. 

I. Hoft. Der Wahn und die Träume in W. Jensens „Giadiva". Von Prof. Dr. Sigm. Freud in 
Wien. Dritte Auflage. 1924. Preis M 2.50. 

V. Heft. Der Mythns von der Geburt des Helden. Zweite Auflage. Von Dr. Otto Rank. 1928. 

Preis M 2.50. 

VI. Heft. Aus dem Liebesleben Nicolaus Lonaus. Von Dr. J. Sadger, Nervenarzt in Wien. 
Zweite Auflage. 1925. Preis M 4.—. 

VII. Heft. Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci. Von Prof. Dr. Sigm. Freud in 
Wien. Dritte Auflage. 1923. Preis M 2.50. 

VIII. Heft. Die Frömmigkeit des Grafen Ludwig von Zinzendorf. Von Dr. Oskar Pf i Bier in 
Zürich. Zweito Auflage. 1925. Preis M 5.—. 

XI. Heft. Giovanni Segantini. Bin psychoanalytischer Versuch. Von Dr. Karl Abraham. Mit 
2 Beilagen. Zweite Auflage. 1925. Preis M ».50. 

XII. Heft. Zur Sonderstellung des Vatennordes. Von Dr. A. J. Storfer in Zürich. 19U. 
Preis M 1.40. 

XIII. Heft. Die Lohengrinsage. Ein Beitrag zu ihrer Motivgestaltung und Deutung. Von 
Dr. Otto Rank. 1911. Preis M 4.—. 

XIV. Heft. Der Alptraum in seiner Beziehung zu gewissen Formen des mittelalterlichen Aber- 
glaubens. Von Prof. Dr. Ernest Jones. Deutsch von Dr. E.H. Sachs. 1912. Preis M 4.—. 

XV. Heft. Aus dem Seelenleben des Kindes. Von Dr. H. Hug-Hellmnth. Zweite Auflage. 
1921. Preis M 3.40. 

XVI. Heft. Über Nachtwandeln und Mondsucht. Eine mediz.-liter. Studie. Von Dr. J. Sadger, 
Nervenarzt in Wien. 1914. Preis M 4.—. 

XVII. Heft. Jakob Boohme. Eis pathogr. Beitrag zur Psychologie der Mystik. Von Doktor 
A. Kielholz in Königsfelden. 1919. Preis M 1.80. 

XVIII. Heft. Friedrich Hebbel. Ein psychoanalytischer Versuch. Von Dr. J. Sadger, Nerven- 
arzt in Wien. 1920. Preis M 6.—. 

XIX. Heft. 8chopenhauor und der Animismua. Eine psychoanalytische Studie. Von Leo Kaplan. 
1925. Preis M 5.—. 

XX. Heft. Robert Mayer und die Entdeckung des Enorgiegesetzes. Von Dr. H. Timer ding. 
19S5. Preis M 4.-. 

Heft II, HI, IV, IX, X. vergriffen. Neue Auflagen in Vorbereitung. 

Steiner, Dr. Maximilian, Die psychischen Störungen der männlichen Potenz. 

Ihre Tragweite und ihre Behandlung. Dritte, umgearbeitete Auflage. Mit einem 
Vorwort von Prof. Dr. Sigm. Freud. 1926. Preis M 2.40. 



Manzsche Buchdruckerei, Wien IX. 2208 









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