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Full text of "Grundzüge einer Genetischen Psychologie auf Grund der Psychoanalyse der Ichstruktur II. Gestaltung und Ausdruck der Persönlichkeit"

Gestaltung und Ausdruck 
der Persönlichkeit 



Von 



Dr. Otto Rank 



II. Teil 
der „Grundzüge einer Genetischen Psychologie* 



\ 



Leipzig und Wien 
Franz Deuticke 

1928 



Verlags-Nr. 8210 



Von Dr. Otto Rank sind in meinem Verlag erschienen: 

Das Inzest-Motiv 
in Dichtung und Sage 

Grundzüge einer Psychologie des dichterischen Schaffens 

„Das kranke Innerste eines Dichters verrät sich nirgends mehr als durch seinen Helden, 
welchen er immer mit den geheimen Gehrechen seiner Natur wider Willen befleckt." 

Jean Panl 

Zweite, wesentlich vermehrte und verbesserte Auflage 

(mit ausführlichem ßegister) 

VIII und 652 Seiten. 1926. Preis M 30,—, gebunden M 33 — 



Technik der Psychoanalyse 

I. Die analytische Situation 

XII und 211 Seiten. 1926. Preis geh. M 7,—, geb. M 9 — 

II. Die konstruktiven Elemente. In Vorbereitung 
III. Die Analyse des Analytikers. In Vorbereitung 

(Jrundzüge 
einer Genetischen Psychologie 

Auf Grund der Psychoanalyse der Ichstruktur 

I. Teil 
VIII und 166 Seiten. 1927. Preis M 8,— 



Der Mythus von der Geburt des Helden 

Versuch einer psychologischen Mythendeutung 

Zweite, wesentlich erweiterte Auflage 
VII und 160 Seiten. 1922. Preis M 2,50 
(Schriften zur angewandten Seelenkunde, 5. Heft) 



Die Lohengrinsage 

Ein Beitrag zu ihrer Motivgestaltung und Deutung 
181 Seiten. 1911. Preis M 4,— 

(Schriften zur angewandten Seelenkunde, 13. Heft) 



















i 



Grundzüge 



einer 



Genetischen Psychologie 



Auf Grund der Psychoanalyse der Ichstruktur 



Von 



Dr. Otto Rank 



II. Teil: 



Gestaltung und Ausdruck der 
Persönlichkeit 



Leipzig und Wien 
Franz Deuticke 

1928 



Gestaltung und Ausdruck 
der Persönlichkeit 



Von 



Dr. Otto Rank 



■ 






Leipzig und Wien 
Franz Deuticke 

1928 






















Alle Rechte, besonders das der Übersetzung in fremde Sprachen, vorbehalten 
Copyright 1928 by Franz Deu ticke, Leipzig und Wien 



Verlags-Nr. 3240 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



t) 






Manzsche Buelidruckerei, Wien IX. 2853 









Inhalt. 

Einleitung. Seite 

Jenseits der Psychoanalyse (Metapsychoanalyse) 3 

Charakter und Selbst 21 

Verliebtheit und Projektion 32 

Anpassen und Schaffen 48 

Erziehen und Beherrschen 62 

Fühlen und Verleugnen 75 

Leiden und Helfen 91 



Einleitung. 









Rank, Grundzüge einer genetischen Psychologie. II. 



Jenseits der Psychoanalyse. 
(Metapsychoanalyse.) 

„Es ist gewiß von keinem sterblichen Menschen ein 
größeres Wort iresprochen worden als dieses Kanti- 
s che, das zugleich der Inhalt seiner ganzen Philo- 
sophie ist: .Bestimme dich aus dir selbst'." 

Schiller. 

Die Psychoanalyse hat im „nervös" Kranken das Seelische 
wieder entdeckt und versucht, es naturwissenschaftlich zu er- 
fassen. Dieser erste Versuch konnte nur teilweise gelingen. 
Denn schon das Problem der Angst, auf das Freud zuerst 
bei seinen Kranken stieß, ist beim Menschen nicht rest- 
los biologisch zu erklären. Noch weniger das Problem der 
Liebe, obwohl Freud beides auf den biologischen Sexualtrieb 
zurückzuführen versuchte. Der Fehler lag im Methodischen: 
in der naturwissenschaftlich-finalen Erklärung. Selbst wenn wir 
die Voraussetzung als richtig annehmen, daß alles sich aus 
dem primitiv Biologischen entwickelt hat, so kommt dieser Auf- 
fassung doch nur heuristischer Wert im Sinne eines genetischen 
Verständnisses zu, wie ich es zuerst im „Künstler" zu gewinnen 
versuchte, während sie als kausales Erklärungsprinzip unzu- 
reichend ist. Denn von einem bestimmten Moment der Ent- 
wicklung an bekommen alle diese menschlichen Phänomene, 
die sich über dem rein Biologischen aufbauen, ein Eigenleben 
und eine eigene Bedeutung. Mit ihrer Reduktion auf das ur- 
sprünglich Biologische, selbst wenn uns diese im einzelneu 
immer gelänge, ist dann nicht viel mehr getan, als wollten wir 
beispielsweise das ganze Leben eines Menschen lediglich aus 
seiner Heredität verstehen. Die Psychoanalyse hat zwar diesen Irr- 
tum nicht nur bekämpft, sondern auch durch Betonung des per- 
sönlichen Schicksals des Individuums zu paralysieren gesucht. 
Sie ist dabei nur in einen ähnlichen Fehler verfallen, indem sie 
glaubte, alles auf die individuelle Vergangenheit reduzieren 
zu können; so hat sie auch im aktuellen Erleben die Wieder- 



4 Einleitung 

holung der individuellen Vergangenheit betont und dessen gegen- 
wärtiges Eigenleben und eigene aktuelle Bedeutung nicht ent- 
sprechend gewürdigt. 

Fast alle Meinungsverschiedenheiten innerhalb der psycho- 
analytischen Schule, sowie ein großer Teil der Kritik an der 
Psychoanalyse im allgemeinen .geht auf diesen einen Kardinal- 
punkt zurück: auf die naturwissenschaftliche Tendenz, alles aufs 
Biologische zu reduzieren, deren Berechtigung durchaus nicht be- 
stritten werden soll. Die Frage ist nur, ob die Phänomene, 
die wir unter dem Namen „seelisch" zusammenfassen, sich 
restlos einer solchen Betrachtungsweise fügen oder ob es nicht 
vielmehr zu ihrem vollen Verständnis und ihrer vollen Würdi- 
gung einer Ergänzung bedarf, die nur eine philosophische Be- V 
trachtungsweise zu bieten vermag. Das große Verdienst Freuds 
war die Zerstörung des medizinischen Aberglaubens, daß das 
Seelische eine Sache der Nerven sei, die ja nur das Instrument 
darstellen, auf dem sich das menschliche Gefühlsleben abspielt. 
Sein Irrtum war, daß er an Stelle der medizinischen Nerven- 
theorie die naturwissenschaftliche Sexualtheorie setzen wollte,_ 
die nunmehr alles restlos erklären sollte. Wie die physiologischen 
Nerven das Instrument, so liefert der biologische Sexus nur das 
Material für das, was unser Seelenleben ausmacht, und dieses ist 
von beiden grundverschieden, wenn auch nicht unabhängig davon. 

So hat Freud zwar den medizinischen Materialismus ent- 
thront, aber was wir ihm eigentlich danken wollen ist, daß er 
bei dem Versuch, den naturwissenschaftlichen Materialismus an 
dessen Stelle zu setzen, haltmachen mußte und so ungewollt das 
eigentlich Seelische wieder zu seinem Rechte gebracht hat. 
Denn schließlich hat die psychoanalytische Theorie selbst dazu 
geführt, neben dem biologischen Prinzip das gleich starke ethische 
Prinzip im Menschen als wirksam anzuerkennen. Das Unbewußte, 
worunter eigentlich das Seelische verstanden ist, ließ sich nicht 
restlos aufs Triebleben reduzieren. Ja, es zeigte sich sogar, 
daß bei manchen Menschen die Hemmungen, die sich als Angst 
und Schuld manifestieren, stärker sind als die Triebe, daß sie 
sozusagen selbst „treibend" wirken, wenn auch in anderer Art 
als die biologischen Triebe. Mit einem Wort, daß das Seelische 
eine dem Biologischen zumindest gleichwertige Macht geworden 



Naturwissenschaftliche Interpretation des Seelischen 5 

ist und daß eben gerade aus dieser Tatsache sich alle mensch- 
lichen Konflikte erklären. Freuds letzte Arbeiten stellen ein 
Ringen mit diesem Problem dar, dem er mit naturwissenschaft- 
lichen Begriffen auf einem Gebiete beizukommen sucht, wo diese 
unzureichend sind. Denn ebenso wie das Schuldproblem nur 
von der ethischen Seite voll erfaßt werden kann, so ist das rest- 
lose Verständnis des Liebesgefühls nur jenseits des Sexual- 
triebes zu finden. 

Freud hat seine Befunde aus diesem Gefühl mit mythi- 
schen Namen belegt, und damit auch geglaubt, die Mythen 
selbst zu erklären, die jedoch geistige Produkte und daher 
nicht rein biologisch zu verstehen sind, ebensowenig wie z. B. 
rein atmosphärisch. Die Ödipusmythe lediglich aus dem biologi- 
schen Verhältnis zu den Eltern erklären zu wollen ist ebenso 
unzureichend wie das Verständnis des kindlichen Seelenlebens 
aus dieser mythischen Namengebung. Es kommt darin nur das 
richtige Empfinden zum Ausdruck, daß diese seelischen Vorgänge 
eben nur mythisch, d. h. aber seelisch zu erfassen und zu ver- 
stehen sind. Diese unausgesprochene Einsicht ist Freuds große 
Leistung, der selbst ein Mythenbildner größten Stils im Sinne 
Piatos, ein eigentlicher Philosoph ist. Nach seinem eigenen 
Eingeständnis von der naturwissenschaftlichen Weltanschauung 
fasziniert, interpretierte er alles „Mythische" — nicht bloß in 
der Überlieferung, sondern im Menschen überhaupt — biologisch 
und belegte biologische Befunde anderseits mit mythischen 
Namen, ohne das dazwischen liegende eigentlich interpretative 
Gebiet, nämlich das Seelische, in seiner Eigenbedeutung voll zu 
würdigen. 

Freuds Werk, das mit dem naturwissenschaftlichen Namen 
einer „Psycho- Analyse" auftrat, ist nur zum geringen Teil Ana- 
lyse des Seelischen, das irgendwie eine nicht weiter reduzierbare 
Entität darstellt. Es ist viel mehr Interpretation als Analyse, 
und Analyse nur insofern, als es, ganz im Sinne der Chemie, 
eine Reduktion auf die letzten (biologischen) Elemente versucht, 
die ja schließlich allen Phänomenen zugrunde liegen. „Fehlt 
leider nur das geistige Band." Im Seelischen sind die zugrunde 
liegenden biologischen Tatsachen nicht so wichtig wie deren 
Interpretation, zunächst durch uns selbst, dann durch andere. 



6 



Einleitung 



Die erstere nennen wir Rationalisierung, die zweite Erklärung 
oder Deutung. In diesen Phänomenen selbst liegt aber ein Teil 
des Seelischen beschlossen. Mit anderen Worten, das Seelische 
selbst ist nur phänomenologisch zu verstehen. Man könnte fast 
sagen, im Seelischen gibt es keine Tatsachen, sondern nur Inter- 
pretation derselben. Darum ist der Traum mit Recht das 
seelische Phänomen katexochen genannt worden. Im Traum 
interpretieren wir selbst körperliche und seelische Zustände (Tat- 
sachen), aber dieses „Interpretieren" ist so wenig „Analyse" 
wie unsere analytische „Deutung" des Traumes, die nur eine 
andere Art von Interpretierung und Rationalisierung darstellt. 

Die Psychoanalyse, wie sie durch Freud entwickelt wurde, 
ist also nur zu einem Teil eine Methode zum Auffinden der 
dem Seelenleben zugrunde liegenden biologischen Tatsachen. Sie 
entspricht wesentlich einer bestimmten Art von Interpretation des 
Seelischen, nämlich de.r biologischen. Richtiger gesagt, sie be- 
gann als naturwissenschaftliche Interpretation des Seelischen 
und führte schließlich Freud selbst an die Schwelle der An- 
erkennung einer anderen Art der Interpretation, nämlich der 
ethischen, mit der Postulierung der beiden Begriffe des Schuld- 
gefühls und des Über-Ich. Diese ethischen Tatsachen waren 
aber ebenso bekannt wie die biologischen Tatsachen, die Freud 
schließlich im Seelenleben fand. Die einzig vollkommen neue 
Tatsache, die uns die Psychoanalyse seit Breuers erstem 
Versuch einer Krankenbehandlung mittels der kathartischen Me- 
thode gebracht hat, ist die analytische Situation. Und vor 
dieser einzigen Tatsache war Breuer geflüchtet, während es 
Freud glückte, sie zu interpretieren, indem er sie als Wieder- 
holung einer früheren Situation, die er Ödipus-Situation nannte, 
rechtfertigte. Dies war jedoch nur eine andere Art Flucht vor 
der Tatsache der analytischen Situation, eine intellektualisierte 
Flucht vor einer Tatsache, an der das Interessante und Wertvolle 
gerade das ist, was neu ist, was jenseits der „Übertragung", 
d. h, jenseits der Wiederholung der Ödipus-Situation liegt. 

Nachdem sich in Freuds Libido-Theorie die Interpretations- 
möglichkeiten der analytischen Situation in Rückprojektionen auf 
das Infantile erschöpft hatten, begann ich die Analyse der ana- 
lytischen Situation selbst als einer neuen Tatsache, aus der ich 



Bedeutung der analytischen Situation 7 

schließlich synthetisch und konstruktiv neue seelische Werte zu 
verstehen und zu entwickeln hoffe. Das erste, was uns die 
analytische Situation vorführt und verstehen lehrt, ist die Ver- 
liebtheit, und zwar als eine aktuelle Gefühlsbeziehung und 
nicht bloß als Übertragung einer parentalen Kindheits-Situation. 
Es ist das Entstehen, Entwickeln und Vergehen dieser mensch- 
lichen Gefühlsbeziehung, was uns die analytische Situation in 
ihrer künstlichen Erzeugung des Verliebtheitszustandes vorführt 
und verstehen lehrt. Dieser Prozeß gewährt uns aber in seiner 
Einseitigkeit Einblick in ein Stück • Ich-Psychologie, d. h. aber 
Psychologie schlechtweg, denn was wir als „Ich" bezeichnen, ist 
schließlich nichts anderes als unser psychologisches Ich im Gegen- 
satz zum Biologischen, das für die Psyche nur Material darstellt. 

Das zweite, was sich aus der analytischen Situation ent- 
wickeln läßt, ist das Ethische, und zwar nicht eine bestimmte 
Ethik, wie z. B. die Sexualethik, sondern das Ethische schlechthin, 
das sich aus dem Verhältnis von Mensch zu Mensch ergibt, wie 
es wesentlich in der analytischen Situation gegeben ist. Während 
der Mechanismus der Verliebtheit sich im Ich des Patienten stu- 
dieren läßt, ist das ethische Element nicht ohne die „Analyse 
des Analytikers" zu entwickeln, wie ich sie an anderer Stelle aus- 
zuführen gedenke. Die Ethik könnte man im Gegensatz zur 
Ich-Psychologie, wie sie uns die Verliebtheit enthüllt, als die Du- 
Psychologie bezeichnen, eine Art „Massenpsychologie" im kon- 
struktiven Sinne, von der die Sexualethik nur einen speziellen 
Teil darstellt. Wie Freud in der analytischen Situation nur eine 
Wiederholung der infantilen Ödipus-Situation sah,, so sah er in 
der Verliebtheit wesentlich das biologische und libidinöse Moment 
— weniger die Ichseite — und ähnlich blieb auch das Ethische 
rein äußerlich: eine primitive Vatermoral, wie sie im alttesta- 
mentlichen Jehova verkörpert ist, der sein auserwähltes Volk 
straft und belohnt. Dies ist mehr als bloß zutreffender Vergleich; 
denn auch die -Religion selbst ist die primitive äußerliche Vor- 
stufe der Ethik, welche die Verantwortung auf den Gott abwälzt 
und mit Belohnung und Strafe schreckt. Daher auch die über- 
ragende Rolle, die der Kastrationskomplex in Freuds Theorie 
im Sinne einer konkreten Drohung spielte. 

Das dritte, was uns die analytische Situation ermöglicht, 



8 



Einleitung 



ist ein neuer Zugang zur Erkenntnistheorie, d. h. ein neues 
Verständnis des Verhältnisses des Ich nicht nur zum Neben- 
menschen, sondern zur Realität im allgemeinen. Die hier zu ge- 
winnenden Einsichten sind so fundamental und so weittragend, 
daß ich sie einer gesonderten Darstellung vorbehalten muß. Ich 
kann hier nur ihre spezielle Anwendung auf die Analyse und 
das Verständnis der analytischen Situation selbst andeuten. Ich 
meine damit den von mir zum erstenmal im „Trauma der Geburt'' 
angedeuteten Gedanken, daß das, was wir als analytische Theorie 
und Therapie betrachten, zu einem großen Teil nichts anderes als 
Interpretation der analytischen Situation darstellt. Dies will zu- 
nächst keine Wertung, sondern eine Fragestellung sein, die 
a priori nichts über die Richtigkeit oder Unrichtigkeit der Theorie 
oder der daraus gezogenen therapeutischen Schlüsse aussagt. Nur 
muß man sich vor Augen halten, daß die Situation verschiedene 
Interpretationen zuläßt, die wieder bestimmten Einstellungen 
zu ihr entsprechen. Man muß sich auch bewußt sein, daß man 
eine für die betreffende Individualität typisch-symbolische Situa- 
tion spezifisch interpretiert und daher die daraus gezogenen all- 
gemeinen Schlüsse von zweifelhaftem Werte sein mögen. So 
wie beim Traum, der selbst schon eine Interpretation von (äuße- 
ren oder inneren) Reizen darstellt, unsere Deutung einer weite- 
ren — andersartigen — Interpretation entspricht, so „inter- 
pretiert" der Patient in seinen Assoziationen und Reaktionen 
die analytische Situation, die wir dann weiterhin im Sinne der 
analytischen Theorie interpretieren, . die aber selbst schon z. T. 
einen Interpretationsversuch der analytischen Situation darstellt. 
So ergibt sich aus der Analyse der analytischen Situation 
zunächst eine Art Meta-Psychoanalyse, die nicht nur eine 
allgemein theoretische, über das engere psychoanalytische Gebiet 
hinausgehende Bedeutung hat, sondern auch die Technik wesent- 
lich beeinflußt. Man könnte zur Verdeutlichung des Unterschiedes 
etwa sagen, die gewöhnliche Analyse entsprach der Arithmetik, 
wo die Dinge einen bestimmten Materialwert haben; die Meta- 
Psychoanalyse entspricht der Algebra, wo alle Zeichen, ein- 
schließlich der arithmetischen, einen ausgesprochenen Symbol- 
wert haben. Sie symbolisieren arithmetische Größen, ohne daß 



Sinn der Meta-Psychoanalyse 9 

mit diesen selbst operiert zu werden braucht, um ein Resultat von 
allgemeinem Wert zu erzielen. 

Gehen wir von der technisch-therapeutischen Seite aus, von 
der diese Erkenntnis gewonnen wurde, so sehen wir, wie der 
Patient — sei es vom Beginne, sei es im Laufe der Analyse — 
die psychoanalytische Lehre selbst in Form seines Wissens um 
sie und noch mehr in Form unserer Deutungen als Material zur 
Darstellung (oder Symbolisierung) seiner seelischen Regungen 
benützt. Wenn wir aber den algebraischen Sinn und Wert dieser 
Darstellungen und Operationen verstehen, dann brauchen wir 
nicht mehr im einzelnen auf ihren arithmetischen Wert zurück- 
zugehen, sondern wir können das Problem in einer allgemeinen 
Form lösen. Allgemein im Sinne von des Patienten Schicksalen, 
die wir auf ihren gemeinsamen Nenner reduzieren. 

Die Benützung des analytischen Materials durch den Pa- 
tienten zur symbolischen Darstellung seines Seelenlebens ist 
aber nicht nur eine unvermeidliche Folge aus der analytischen 
Situation, die den Prozeß störte oder komplizierte, sondern sie 
kann und muß zur Basis des ganzen Verfahrens erhoben werden, 
wenn man nicht heillos in die Irre gehen will. Ich möchte dies 
an einem — algebraischen — Beispiel illustrieren. Vor einigen 
Jahren klagte mir einmal ein Analytiker, der einen Chemiker ana- 
lysierte, daß er nicht weiterkomme in der Arbeit, weil der Pa- 
tient soviel Material aus seiner eigenen Wissenschaft, der 
Chemie, vorbringe, dem der Analytiker verständnislos gegen- 
überstehe, so daß es fast nötig wäre, er würde selbst Chemie 
studieren, um den Patienten zu verstehen. Ich meinte, das wäre 
zu gewissenhaft und außerdem als Prinzip undurchführbar, weil 
man doch unmöglich zuerst die seelische Sprache jedes ein- 
zelnen Patienten erlernen könne, den man in Behandlung nehme. 
Heute würde ich einen weit tröstlicheren Rat geben: nämlich 
statt dessen alle Patienten eine Sprache erlernen lassen, die 
der Analytiker selbst spricht, worauf sie sich leicht verständigen 
würden. Diese Sprache ist die psychoanalytische Theorie — 
gleichgültig welcher Richtung oder Schattierung. Das Wesent- 
liche ist, daß der Patient dieselbe Sprache spricht oder sprechen 
lernt wie der Analytiker, um sich mit ihm verständigen zu 
können. Und der Analytiker, gleichgültig was immer er sonst 



10 



Einleitung 



•tun möge, unterrichtet in jedem Falle den Patienten in seiner 
Sprache, die der gebildete Patient von heutzutage meist schon 
ein wenig kennt, bevor er in die Analyse kommt. 

Soweit wäre die Sache verhältnismäßig einfach, wenn der 
Analytiker sich dieser Tatsache und des Vorteiles, den sie 
ihm bietet, bewußt gewesen wäre. Wenn der Patient die Sprache 
mehrteiliger erlernt hatte und in ihr halbwegs konvenieren 
konnte, dann lobte oder tadelte der Analytiker ihn je nachdem 
ob er die theoretische Grammatik richtig handhabte oder über 
den nötigen Wortschatz verfügte oder richtig betonte usw. Mit 
einem Worte, er legte wie der theoretische Lehrer nur Wert auf 
das Äußerliche, Formale, Nachahmende, während der eigent- 
liche Inhalt des in der analytischen Sprache Ausge- 
drückten gar nicht beachtet wurde. Es ist ja schließlich 
gleich, ob der Schüler die Sprachregeln an einem Zeitungs- 
artikel oder einem philosophischen Werk erlernt. Aber wenn 
der Patient z. B. in der Analyse die Bedeutung des Ödipus- oder 
Kastrationskomplexes erlernt hatte und dies dann in seinen 
Reaktionen wiederholte, so war der Analytiker zufrieden, ja 
mehr als das, erfreut über dieses Echo der Bestätigung, ohne zu 
verstehen, daß der Patient damit etwas Persönliches in der gegen- 
wärtigen analytischen Situation ausdrücken wollte, und ohne 
zu verstehen was dies im einzelnen Falle sei. 

Mit anderen Worten, im Laufe der Entwicklung der Analyse 
ist die analytische Lehre selbst analysierbares Material ge- 
worden, so gut wie jedes andere, etwa chemisches, philosophi- 
sches oder religiöses Material, das der Patient benützt. Noch 
wichtiger ist die Anwendung dieses Gesichtspunktes auf die 
Entstehung der analytischen Theorie — oder richtiger der ana- 
lytischen Theorien selbst, die der Patient in der Analyse als 
Darstellungsmaterial benützt. Das heißt, auch der Analytiker 
unterliegt bei der Schaffung der Theorie demselben unvermeid- 
lichen Schicksal. Auch er benützt alles, was nicht individuelles 
Material des Patienten ist — also nicht persönliche Lebens- 
geschichte — psychologisch zum Aufbau seiner Theorie. Und 
jeder Forscher benützt — offenbar entsprechend seiner Persön- 
lichkeit und Entwicklung — etwas anderes. Freud benützte die 
-biologische Sexualität als Material zur Darstellung einer 






Verschiedene Aspekte des Seelischen 11 

psychologischen Theorie, Jung die Ethik, Adler und St ekel 
das Soziale, der erste mehr in dessen konstruktiven Aspekten, 
der zweite mehr in dessen destruktiven. 

Soweit wäre nichts gegen diesen unvermeidlichen Gebrauch 
eines Materials zu sagen, wenn man sich nur bewußt ist oder 
schließlich wird, um was es sich dabei wirklich handelt. Wenn 
man wie Freud naturwissenschaftliches Material verwendet, darf 
man daraus noch nicht den Schluß ziehen, daß die damit auf- 
gebaute Psychologie eine naturwissenschaftliche sei, wie der 
Name „Psychoanalyse" und die ganze ihm entsprechende mate- 
rialistische Denkweise impliziert. Die Psyche kann nicht ana- 
lysiert werden, wie vielleicht der Sexualchemismus, auf den 
Freud schließlich rekurriert hat. Wenn man wie Jung die 
Ethik als Material verwendet, darf man daraus noch nicht den 
Schluß ziehen, daß man nun eine synthetische Psychologie ge- 
schaffen habe, wie sie in seiner Typenlehre vorliegen soll. Das 
Synthetische ist so gut ein Faktor im Seelenleben wie das 
Analytische oder das Konstruktive und Destruktive, aber nicht 
des Seelische selbst, das nur in seinen Funktionen faßbar und 
vielleicht rein wissenschaftlich überhaupt nicht darstellbar ist. 

Die psychoanalytische Lehre und Bewegung hat so einen 
Punkt erreicht, an dem sie selbst zu einem psychologischen Pro- 
blem geworden ist, zugleich aber — als solches — zu einer 
neuen Psychologie und damit zu einer wirklichen Weltanschau- 
ung führt, die sich als Niederschlag aus der Lösung dieses Pro- 
blems ergibt. Nach Überwindung der naturwissenschaftlichen, 
ethischen und sozialen Ideologie auf dem Gebiete der Psycho- 
logie läßt sich vielleicht eine meta-psychoanalytische Betrach- 
tungsweise gewinnen,- die es nur mit Tendenzen und ihren 
Auswirkungen zu tun hat und darauf verzichtet, das not- 
wendigerweise verwendete Material irgendwie tendenziös zu 
werten oder gar mit dem Seelischen selbst zu verwechseln. 
Mit Abstreifung der verschiedenen Ideologien kristallisiert sich 
der seelische Gehalt von selbst heraus, auf Grund dessen man 
dann die Grundlagen der Naturwissenschaft, der Ethik und der 
Soziologie in einem neuen psychologischen Lichte sehen kann. 

Dieser natürliche Entwicklungsprozeß führt aber nicht nur 
über die psychoanalytische Theorie hinaus, die sich schließlich 



12 



Einleitung 



als ein Weg — oder besser gesagt als ein Umweg — , ein Rück- 
weg zur philosophischen Erkenntniskritik erweist, sondern be- 
trifft auch die therapeutische Seite, die sich letzten Endes als 
ein ethisches Problem enthüllt. Die beiden Hauptprobleme der 
Philosophie, Erkenntnistheorie und Ethik, stellen so schließlich 
auch die Hauptprobleme dar, mit denen sich die Psychoanalyse 
in Wirklichkeit beschäftigt hat, weil sie die Hauptprobleme des 
menschlichen Seelenlebens überhaupt darstellen. Im Grunde ent- 
sprechen sie einem einzigen großen Problem, dem Gegensatz 
vori" Ich und Du, von Selbst und Welt, von Innen und Außen. 
Die Erkenntnistheorie versucht, das Verhältnis von Innen und 
Außen, von Schein und Sein, von Phantasie und Realität fest- 
zustellen; die Ethik, das mehr spezielle Verhältnis des Ich zu 
anderen ähnlichen Ichen, also zum Du. Die psychologischen Mani- 
festationen dieser Tatbestände, zu denen alle philosophischen 
und psychologischen Theorien so gut wie alle individuellen 
Äußerungen unseres Seelenlebens gehören, ließen sich unter 
den Überschriften einer Ich-Psychologie und einer Du-Psycho- 
logie abhandeln. 

Das Problem Innen und Außen führt uns wieder zum Material 
der Psychologie zurück. Wir können dies am besten an den 
beiden Grundbegriffen der analytischen Psychologie erläutern, 
den Problemen der Angst und der Schuld. Die Angst bezieht 
sich ursprünglich auf etwas Äußeres, ein Objekt oder eine Situa- 
tion, die Schuld ist sozusagen innere Angst, Angst vor sich selbst. 
Die Angst ist also ein biologischer Begriff, die Schuld ein ethi- 
scher. So würde sich also das große Problem von Innen und 
Außen im wissenschaftlichen Sinne als das Problem von Bio- 
logie versus Ethik (oder umgekehrt) formulieren lassen; mit 
anderen Worten als der große Konflikt zwischen unserem bio- 
logischen Selbst und unserem rein menschlichen Ich. 

Die Therapie, jede Art von seelischer Therapie, wirkte dann 
insofern und nur insofern, als sie diesen Konflikt, der sich letzten 
Endes als ein ethischer manifestiert, teilweise und zeitweise 
schlichtet, d. h. je nachdem das Innen oder das Außen stärkt 
oder schwächt; entlastet, indem sie veräußerlicht, aufbaut, in- 
dem sie verinnerlicht. Zu diesen Entlastungs- und Aufbauver- 
suchen gehört die individuelle Analyse des Neurotikers genau 



Die Psychologie als Beziehungswissenschaft 



13 



so gut wie die ganze Psychoanalyse als Bewegung oder die 
Religion, die Kunst, der Krieg. So veräußerlicht, d. h. entlastet 
die Kunst in der Katharsis (z. B. der Tragödie), die Religion 
im Kult, die Analyse im Führer. Anderseits verinnerlicht die 
Kunst in ihrer Entwicklung als Ausdruck der Persönlichkeit, 
die Religion in ihrer Entwicklung zur Ethik, die Analyse in 
ihrer konstruktiven Anleitung zur Selbsterkenntnis und Selbst- 
verantwortlichkeit. 

In der ganzen Menschheitsentwicklung läßt sich, wie ich 
schon im „Künstler" (1907) und später im „Trauma der Ge- 
burt" (1924) ausführte, eine zunehmende Tendenz zur Verinner- 
lichung bemerken, die zeitweise von Reaktionen der Veräußer- 
lichung unterbrochen wird. 

Diese sind natürlicherweise immer sozialer Natur; in mehr 
destruktiver Form, wie Kriege oder Revolutionen, das Sekten- 
wesen auf religiösem Gebiet, oder konstruktiver Art, wie die 
technischen Einrichtungen. Jedenfalls sind diese Veräußer- 
lichungserscheinungen immer Massenbewegungen, während die 
Verinnerlichungstendenz individualistischen Charakter hat: vom 
einzelnen Individuum ausgeht und auf Individualisierung des 
Einzelnen hinzielt. Die Psychologie nimmt in bezug auf diese 
Anschauungsweise eine besondere Stellung ein. Sie ist rein 
individualistisch, zielt auf Erkenntnis des Ich, der Individualität, 
benützt aber in ihrem Material auch alle Data und Fakta des 
Außen, der Realität, des Du. Sie ist also im wesentlichen eine 
Beziehungswissenschaft, die daher leicht Gefahr läuft, bald 
das eine, bald das andere der aufeinander zu beziehenden Gebiete 
zu überschätzen oder zur Ausschließlichkeit zu erheben. 

Bei der Psychoanalyse war das in ganz besonderem Ausmaße 
der Fall. Sie begann gleichzeitig als die innerlichste Tiefen- 
psychologie, die jedoch nicht intuitiv aus dem eigenen Ich direkt 
erschlossen wurde, sondern auf dem Umweg durch den andern. 
Dieser andere war aber ein Kranker, d. h. ein Individuum, bei 
dem die eine Seite des Problems kraß in den Vordergrund trat, 
gleichgültig ob man darin nun das Biologische (Sexualproblem) 
oder das Ethische (Schuldproblem) sieht. Dieser Ausgangspunkt 
der Psychoanalyse war ihre Stärke, ist aber im Laufe ihrer Ent- 
wicklung immer mehr zu ihrer Schwäche geworden und hat 



1* Einleitung 

zu immer größerer Einseitigkeit und Extrembildung geführt. Es 
ist vielleicht vom Standpunkt unserer allgemeinen Ausführungen 
kein Zufall, daß parallel mit der Verinnerlichung, mit dem Fort- 
schreiten der Erkenntnis des Individuums die Psychoanalyse 
den Charakter einer äußeren Bewegung, wenn man will einer 
Massenbewegung, angenommen hat, deren Veräußerlichungs- 
tendenz ein Gegengewicht gegen die drohende Gefahr einer zu 
weitgehenden Verinnerlichung war. Dazu kommt, daß der Schöpfer 
einer solchen Verinnerlichungstendenz, die auf zunehmende, In- 
dividualisierung zielt, gleichgültig ob sie nun religiöser, künst- 
licher oder wissenschaftlicher Natur ist, den Anschluß an die 
Gruppe, an die Masse zur Rechtfertigung braucht. 

Wir stoßen hier auf das Problem des Schuldgefühles im 
schöpferischen Individuum, das wir schon auf ganz primitiver 
organischer Stufe in seinen Rudimenten vorfinden. Dort führt, 
wie ich bereits im Künstler ausführte, die egoistische Wachstums- 
entwicklungstendenz des Individuums, die nach Unabhängigkeit 
von der Außenwelt strebt, schließlich an der Wachstumsgrenze 
zur Teilung, d. h. aber zur Isolierung und zum Untergang, zum 
Tod. So hatte Freud jenseits des Lustprinzips das Schuld- 
gefühl entdeckt, d. h. die Einsicht gewonnen, daß beim Menschen 
nicht immer die biologischen Triebe treibend wirken, sondern 
von einem bestimmten Pmikt der Entwicklung an die Hemmun- 
gen, Angst und Schuld. Wenn wir weiter analysieren, so ent- 
decken wir jenseits des Schuldgefühles, das unüberwind- 
lich scheint, das Problem der Persönlichkeit. Zum Unter- 
schied vom Ich, das ein psychologischer Begriff ist, enthält die 
Persönlichkeit noch unser Selbst, das einen biologischen Begriff 
darstellt, wie der dritte Teil unserer Persönlichkeit, der Charakter, 
ein ethischer Begriff ist. Die Entwicklung der Persönlichkeit reicht 
also mit dem Selbst weit ins Biologische hinein, die Probleme und 
Konflikte, mit denen wir es zu tun haben, beginnen aber erst 
dort, wo dieses biologische Selbst mit dem ethischen, dem Cha- 
rakter zusammenstößt und das ist in der Sphäre der Fall, die wir 
psychologisch als Ich bezeichnen. 

Auf biologischer Stufe bringt alle Abweichung von der 
Norm, die mit Wachstum, Veränderung verbunden ist, zunächst 
Gefahr, die Gefahr von Untergang oder Tod mit sich, ehe sie 



Die Gefühlsbindung 15' 

sich in einigen Individuen als Entwicklung durchsetzt. Auf 
psychologischer Stufe manifestiert sich dieses Phänomen als 
Angst — vor Gefahr, Untergang, Tod; im wesentlichen als Angst 
vor dem andern Ich, das die Entfaltung des eigenen Selbst 
hindert. Auf der dritten ethischen Stufe sehen wir denselben 
Tatbestand als Schuldproblem auftauchen, d. h. als Angst vor 
dem eigenen Ich, dessen freie Entwicklung dem Andern Gefahr, 
Untergang oder Tod bereiten könnte. 

Auf dieser eigentlich seelischen Stufe wird aber die Be- 
deutung des Gefühlslebens zum ersten Male klar. Der Tod 
auf biologischer Stufe ist das Prototyp der Trennung. Auch 
die Angst trennt — ein Individuum vom andern, isoliert es. 
Aber hier zeigt sich bereits eine verbindende Wirkung, der Zug 
zur Gruppenbildung, des gegenseitigen und zeitweisen Schutzes 
vor Gefahr. Das Schuldgefühl aber verbindet das Ich mit 
dem Andern, wie das Gefühl überhaupt, das den Menschen mit 
dem Nebenmenschen vereint: in der Sozialisierung mittels 
des gegenseitig verbürgten Schutzes aller gegen alle, in der 
Liebe mittels der lustvollen Identifizierung mit dem andern. Je 
mehr wir uns aber individualisieren, d. h. von den andern ent- 
fernen und isolieren, desto stärker wird die Schuldgefühlbildung, 
die aus dieser Individualisierung entspringt, und die uns wieder 
gefühlsmäßig mit den andern verbindet. Dies ist die psycho- 
logische Basis unserer ethischen Sozialisierung. In diesem. Sinne 
könnte man, wie bereits angedeutet, die Ethik im Gegensatz zur 
individualistischen Ich-Psychologie als die Du-Psychologie be- 
zeichnen. Mit zunehmender Individualisierungstendenz reicht aber 
dieses soziale Band auch nicht aus. Das Individuum braucht 
eine stärkere, individuellere Persönlichkeitsbeziehung, die jedoch 
oft genug nur das Schuldgefühl verstärkt und so das Individuum 
mit der vollen Intensität eines Triebes gefühlsmäßig an ein 
zweites bindet. Wo Triebbindung und Gefühlsbindung zusammen- 
fallen, da sprechen wir von Liebe, die schließlich in ihrer 
Erfüllung das Individuum biologisch wieder mit dem An- 
dern, und so mit der Gattung verbindet. Während aber die 
Sexualität im biologischen Sinne im wesentlichen Wachstum und 
Vermehrung, wenn man will Erhaltung des Individuums in der 
Gattung durch Reproduktion bedeutet, hat die Liebe die Funk- 



16 Einleitung 

tion, das Individuum als solches, die Persönlichkeit, durch Eigen- 
schöpfung (creation) gefühlsmäßig mit dem andern Individuum 
zu verbinden. Auf diese Weise wird das Gefühl der individuellen 
Isolierung aufgehoben, das zu Angst, Schuld und Konflikt führt. 
Mit einem Worte: die Sexualität ist biologische Ich-Erweiterung, 
die Liebe ist gefühlsmäßige oder seelische Ich-Erweiterung. Da- 
her verstehen wir den überragenden Anteil, den das Ethische, 
das Schuldproblem in unserem Liebesleben gegenüber dem Bio- 
logischen hat. Wir verstehen aber nur so auch alle Störungen, 
Probleme und Konflikte, die sich dabei ergeben und mit deren 
Milderung und Lösung sich die Psychoanalyse als eine Thera- 
pie beschäftigt hat. 

Denn auch die Neurose hat sich in ultima analysis als ein 
moralisches Problem enthüllt, und die Therapie besteht im wesent- 
lichen darin, das hauptsächlich durch Angst getrennte und nur 
durch Schuld mit den Nebenmenschen verbundene Individuum 
seelisch — durch die positive Gefühlsbeziehung der Liebe — 
mit Mensch und Welt biologisch wie sozial wieder zu verbinden. 
Es ist nicht nur ein weiter Weg von der ärztlichen Therapie der 
seelischen Störungen, die Freud zuerst durch eine Art sexuelle 
Diätetik heilen wollte, bis zum Verständnis der Neurose als 
eines Schuldproblems. Es sind vielmehr zwei grundverschiedene 
Weltanschauungen, die darin zum Ausdruck kommen, die natur- 
wissenschaftliche und die philosophische, im engeren Sinne 
die biologische und die ethische. Die Psychoanalyse ist in 
beiden Richtungen weit vorgestoßen, aber es ist ihr nicht ge- 
lungen, das Problem in seiner vollen Tragweite und Bedeutung 
zu erfassen, geschweige denn zu lösen. Wir wollen ihr aber dank- 
bar sein, daß sie dieses uralte Problem wieder aufgeworfen und 
neue Wege zu seinem Verständnis, vielleicht auch zu einer 
besseren Lösung angebahnt hat. 



Die folgenden Ausführungen, die als synthetischer und kon- 
struktiver Teil der „Genetischen Psychologie" erscheinen,*) wollen 

*) Sic wurden zuerst im Winter 1927 als Kurs in der „Pennsylvania School 
for Social and Health Work" in Philadelphia vorgetragen. 






Das Biologische und das Ethische 17 

dieses Problem einer Harmonisierung der biologischen und ethi- 
schen Weltanschauung noch nicht lösen, sondern nur seine 
klarere Formulierung auf dem von mir beschrittenen Wege vor- 
bereiten helfen. Sie bedeuten einen weiteren Schritt auf dem 
Verbindungsweg von der Biologie über die Psychologie zur Philo- 
sophie, welche die eigentliche Lehre vom Seelischen in sich 
schließt: nämlich das Verhältnis des Individuums zu Anderen in 
der Ethik und das Verhältnis des Individuums zur Realität in 
der Erkenntnistheorie. 

In der genetischen Psychologie (im ersten Teil) versuchte 
ich noch rein psychologisch zu bleiben, obwohl ich schon — 
wie bereits im „Trauma der Geburt" — nach beiden Rich- 
tungen, der biologischen wie der ethischen, über den engeren 
psychoanalytischen Gesichtskreis hinausging. Die konstruktive 
Psychologie, die ich hier aufzubauen versuche, ist ein weiterer 
Schritt in der Würdigung des rein Seelischen, wobei das Bio- 
logische als wirkender Faktor in den Hintergrund tritt und 
wesentlich in seiner Rolle als Material des Seelischen betrachtet 
wird. 

Im ersten Abschnitt, der den Aufbau des Charakters behan- 
delt, wird eine synthetische Darstellung aus den Ergebnissen 
der genetischen Psychologie versucht. In der Charakterlehre 
treffen sich all die verschiedenen uns beschäftigenden Probleme 
wie in einem Brennpunkt. Wie der Charakter sich aus indivi- 
duellen Erlebnissen und Reaktionen innerlich aufbaut, lehrt uns 
die Psychologie, im besonderen die Psychoanalyse. Wie der 
Charakter sich in Aktionen und Reaktionen nach außenhin mani- 
festiert, war bisher in etwas einseitiger Weise Gegenstand der 
Untersuchung im sogenannten Behaviourismus. Für uns aber liegt 
das ganze Problem der Individualität im Problem des Charakters 
beschlossen, damit aber auch das Problem des Schuldgefühles, 
also des Konfliktes zwischen dem Selbst (dem Trieb-Ich) und dem 
psychologischen Ich (Freuds Über-Ich), der ein rein ethischer ist. 
Der Begriff „Charakter" wird meist noch allgemein, d. h. im Sinne 
der Typenlehre gebraucht. Unsere Auffassung führt darüber hinaus 
zur Persönlichkeit, d. h. dem individuellen Charakter, der 
sozusagen jenseits der Charakter typen liegt, nach denen wir 

Rank, Grundzüge einer genetischen Psychologie. II. 2 



18 Einleitung 

gewohnt sind, die Menschen zu klassifizieren, um ihre Reak- 
tionen womöglich voraus bestimmen zu können. 

Die Bedeutung des Liebeslebens, das im zweiten Ab- 
schnitt behandelt wird, liegt in der Gefühlsbeziehung des einen 
Individuums, des Ich, zum Andern, dem Du. Was die Psycho- 
analyse unter Sexualkonflikten versteht, sind nur Spezialfälle 
des allgemein ethischen Problems, wie sich das Ich zum Du, 
der Mensch zum Nebenmenschen verhält, auf dem biologischen 
Gebiete der Sexualität. Von diesem Standpunkt erweist sich die 
als Verliebtheit bezeichnete Gefühlsbeziehung als eine universale 
Therapie gegen Störungen und Konflikte im Gebiete des Ich. Die 
Liebe verbindet das Individuum nicht nur biologisch mit der 
Gattung, sondern auch seelisch, d. h. gefühlsmäßig, indem sie das 
Selbst rechtfertigt. In der Gegenliebe erhält das Selbst den 
Beweis und die Versicherung, daß das eigene Selbst liebenswert, 
also gerechtfertigt ist. 

In viel weiterem Ausmaße, wenn auch nicht mit der gleichen 
Intensität der Gefühlsbefriedigimg, hat die soziale Einordnung 
und Anpassung des Individuums die gleiche seelische Funktion. 
Sie verbindet das von anderen verschiedene Individuum wieder 
mit der Gruppe, das ist der Gattung, und zwar auf ethischem 
Gebiete, so wie die Sexualität auf biologischem und die Liebe 
auf seelischem Gebiete. 

Dieser synthetischen Darstellung des individuellen Selbst 
in seinem Verhältnisse zum psychologischen Ich (Charakter), 
zum biologischen Sexual-Partner (Liebe) und zum Nebenmenschen 
im allgemeinen (Sozietät) folgt eine Darstellung der eigentlich 
konstruktiven Faktoren, wie wir sie in Erziehung und Thera- 
pie erkennen. 

Die Erziehung schafft nicht so sehr den Charakter, der 
zunächst ein Niederschlag innerer Entwicklungen ist. Ihre Auf- 
gabe ist vielmehr, dem individuellen Charakter, der Persönlich- 
keit, etwas Gemeinsames, Verbindendes, Überindividuelles zu 
geben. Daher auch alle Erziehung prinzipiell auf Uniformierung 
hinzielt, wie wir es besonders deutlich in den primitiven Er- 
ziehungssystemen der Natur- und Kulturvölker sehen. Das ist 
nicht unbedingt zu bedauern. Denn je mehr der einzelne zur 
Individualisierung neigt, desto mehr braucht er die universalen 



Die konstruktiven Faktoren 19 

Hilfsmittel, die ihm die Erziehung bietet, um sieh der Allgemein- 
heit und dem bestimmten sozialen Milieu, in dem er lebt, an- 
zupassen. Die Erziehung hat also die Aufgabe, die individuellen 
Charaktere, die Persönlichkeit, im Sinne einer besseren An- 
passungsfähigkeit zu beeinflussen, d. h. zu typisieren. In diesem 
Sinne wäre sie eigentlich eine Art Prophylaxe, indem sie das 
Individuum mit Schutz- und Hilfsmitteln zur Anpassung an ein 
gegebenes Milieu ausrüstet. Nur ist der Weg, auf dem sie das 
tut — offenbar der einzige, auf dem es überhaupt geschehen 
kann — nicht allein der des bewußten Lehrens und Lernens, 
sondern ebensosehr der von Beispiel und Identifizierung. Das 
heißt aber, daß das Individuum auf dem Wege der Identifizierung 
mit der Umgebung auch solche individuelle Züge von andern 
Personen aufnimmt, die seine Anpassung erschweren, statt sie 
zu erleichtern. Da aber diese Identifizierung mit dem Erzieher 
eine gefühlsmäßige ist, so mengen sich in sie auch alle Konflikte 
ein, die unsere Gefühlsbeziehungen so kompliziert machen. 

Hat die Erziehung ihrer Natur nach einen absolut konserva- 
tiven Charakter, indem sie dem Individuum alterprobte An- 
passungsmittel zur Verfügung stellt, so hat die Prophylaxe ent- 
schieden reformatorische Tendenz. Denn nur aus den Fehl- 
leistungen der Erziehung, die entweder durch Versagen der er- 
probten Mittel in neuen Situationen oder durch Versagen des 
Individuums im alten Milieu zustande kommen, ergibt sich die 
Notwendigkeit und Berechtigung einer Prophylaxe. Diese kann 
entweder Reformen am Individuum betreffen, die wir dann 
Therapie nennen, oder Reformen am Milieu, d. h. an den sozialen 
Einrichtungen, einschließlich des Erziehungssystems selbst. Die 
Erziehung ist aber, wie bereits erwähnt, im wesentlichen ein 
emotioneller Prozeß, der auf Gefühlsbeziehungen beruht und ge- 
fühlsmäßig wirkt, hauptsächlich durch Liebe (und gleichzeitig 
durch Angst). Die Prophylaxe kann im Gegensatz dazu nur auf 
Verständnis basieren und eine bewußte, zweckmäßige Beein- 
flussung anstreben. Sie ist ein beabsichtigter künstlicher Eingriff, 
darum so schwierig und relativ machtlos. 

Die Therapie, wenigstens die seelische Therapie wie sie 
die Psychoanalyse anstrebt, vereinigt beide Elemente in sich: 
das erzieherische und das prophylaktische, das gefühlsmäßige und 

2* 






20 



Einleitung 



bewußte. Nur ist wiederum das erste das weitaus mächtigere, 
denn die Hauptwirkung der seelischen Therapie ist eine gefühls- 
mäßige, auf Liebe beruhende und der Anteil des Bewußten, Ge- 
wollten dabei ist relativ gering und schwach. Ist Erziehen ein 
Bilden, Formen im künstlerischen Sinne, so ist Heilen ein Helfen 
im sozialen Sinne, also ein wesentlich ethisches Problem, das 
Empfangen und Geben zur Voraussetzung, Liebe und Schuld 
im Gefolge hat. 

Aber die Therapie darf dabei nicht stehenbleiben, wenn sie 
wirklich ethisch und nicht nur prophylaktisch sein soll. Dem 
Menschen zu zeigen und ihn verstehen zu lassen, wie er ge- 
worden ist, mag vielleicht zur Prophylaxe führen, ist aber nicht 
Therapie, wie überhaupt Erkenntnis als nachträgliche Einsicht 
in die Entwicklung des einzelnen Individuums keinen therapeu- 
tischen, höchstens prophylaktischen Wert hat. Die wirksame 
Therapie ist, dem Menschen zu gestatten er selbst zu werden 
und zu sein, ohne dabei in Konflikt mit sich selbst und den 
Anderen zu geraten, d. h. aber ohne Schuldgefühl zu empfinden. 
Und das bewirkt nur das Liebesgefühl, durch das sein Ich im 
Andern, im Du, gerechtfertigt erscheint. 






Charakter und Selbst. 

„Was ist denn mein leb? Ich weiß es nicht. Eines 
Tages in dieser Welt aufgewacht, finde ich mich an 
einen Körper, einen Charakter, ein Schicksal gebunden. 
Soll ich mich vergeblich abmühen, sie zu ändern, und 
inzwischen versäumen zu leben? Das hieße sich zum 
Narren machen. Ich unterwerfe mich Ihren Mängeln. 
Ich unterwerfe mich meinen aristokratischen Instinkten, 
nachdem ich zehn Jahre lang, und zwar in ehrlicher 
Überzeugung, gegen alles Aristokratische gepredigt 
habe." Stendhal 

In meiner genetischen Psychologie habe ich zu zeigen ver- 
sucht, wie der Aufbau dessen erfolgt, was wir im gewöhn- 
lichen Sprachgebrauch als Charakter bezeichnen und was von 
der psychologischen Seite als Ich erscheint. Im Sinne der psycho- 
analytischen Befunde baut sich der Charakter im wesentlichen 
aus Identifizierungen auf. Ich habe dabei der Identifizierung mit 
der Mutter, die bereits auf biologischer Stufe einsetzt, die Rolle 
des Prototyps für diesen psychologischen Vorgang zugeschrieben. 
Diese Identifizierung beruht auf dem Lustprinzip, d. h. ist zuerst 
ein Ersatz für Befriedigungen, welche die Mutter versagt, am 
eigenen Ich: körperlich Lutschen, das zur Masturbation und auf 
diesem Umwege schließlich wieder zum Objekte zurückführt; 
seelisch Nachahmung der Mutter im Sprechen, Denken und 
Fühlen. Die Mutter repräsentiert also vom Anfang an nicht nur 
eine Quelle der Lust für das Kind, sondern auch die störende 
und hemmende Außenwelt in den Versagungen, die das Kind 
durch sie erfährt, von der Geburt an über die Entwöhnung und 
Reinlichkeitserziehung, die oft genug durch Strafen oder Straf- 
drohungen unterstützt wird. So sind Lust und Unlust, Liebe 
und Angst die beiden seelischen Grundfaktoren, die das Trieb- 
Ich des Kindes im Sinne der Charakterbildung beeinflussen. 

Treten wir aber dem Problem der Charakterbildung vom 
Standpunkte der konstruktiven Psychologie näher, so finden wir 
bald, daß unsere Erkenntnis unzureichend ist. Der Charakter 



22 Charakter und Selbst 

scheint nicht, wie die landläufige Meinung will, den ganzen 
Menschen zu repräsentieren. Genetisch können wir wohl vom 
Aufbaue des Ich sprechen, das sich „behaviouristisch" als Cha- 
rakter manifestiert. Aber wir bemerken schon hier, daß von 
diesem Charakter als einem typischen Reaktionsmodus das 
eigentliche Selbst des Individuums zu unterscheiden ist, und 
das zusammen mit dem Charakter erst das ausmacht, was wir 
Persönlichkeit nennen. Man spricht in der Psychoanalyse 
von einem „neurotischen Charakter", wie ihn Alfred Adler 
beschrieben hat, von einem „triebhaften Charakter" (W. Reich), 
ja von „Charakteranalyse" (Alexander), ohne daß jemals er- 
klärt worden wäre, was eigentlich unter Charakter verstanden 
wird. Offenbar jedesmal etwas Verschiedenes. Allen gemeinsam 
und im Begriffe des Wortes Charakter liegend ist jedenfalls, 
daß der Charakter die Außenseite, sozusagen die Behaviourseite 
der Psychologie repräsentiert, während das eigentlich seelische 
Problem jenseits des Charakters, in der Persönlichkeit liegt, 
sich gewissermaßen als Konflikt zwischen dem Selbst (Trieb-Ich) 
und dem Ich (Charakter) manifestiert. Ist aber der Charakter 
als Bezeichnung einer typischen Reaktionsweise des Individuums 
gemeint, so müssen wir im Gegensatze zur landläufigen Auf- 
fassung daran festhalten, daß er nicht so konstant und fix in 
der Persönlichkeit ist, wie das Selbst. Denn das Entstehen des 
Charakters läßt sich genetisch verstehen, analytisch erklären — 
als Niederschlag von Identifizierungen — und therapeutisch be- 
einflussen. Ferner haben wir es in den sogenannten Neurosen 
— und allen Ausnahmszuständen — gerade mit Reaktionen des 
Individuums zu tun, die sozusagen außerhalb seines Charakters 
fallen. Der Mensch denkt und handelt dann entgegen den Er- 
wartungen aller die ihn kennen, ja ist sogar selbst überrascht 
von seinen eigenen Reaktionen, denen er verständnislos gegen- 
übersteht. In solchen Fällen sprechen wir dann von Charakter, 
bzw. vom Mangel eines solchen, im Sinne eines Ideals: also 
etwas, das der Mensch haben sollte, damit seine Reaktionen 
konstant und vorausbestimmbar seien. In solchen Zuständen 
kommt offenbar das Selbst des Individuums zum Durchbruche, 
das sich normalerweise nicht direkt manifestiert, sondern nur 
indirekt erschlossen werden kann. 



Der schöpferische Typus 



23 



Wir haben, also im Individuum einen aus Identifizierungen 
und Idealbildungen geformten Charakter zu unterscheiden und 
ein anderes, jenseits des Charakters liegendes Ich, das wir 
als Trieb-Ich oder Selbst bezeichnen können. Im Gegensatze 
zu diesem Selbst baut sich der Charakter aus Identifizierungen 
auf, die nach Freud ein Niederschlag früherer Objektbeziehungen 
sind. Die das Selbst innerlich hemmenden und einschränkenden 
seelischen Instanzen erscheinen im günstigen Falle als sozial 
anerkannte — und daher auch ichgerechte — „Charakterzüge", 
im Falle des Mißlingens als „Symptome". Der Ausgang scheint 
davon abzuhängen, ob die Idealbildung aus der Identifizierung 
oder aus dem eigenen Selbst überwiegt, bzw. inwieweit die 
beiden harmonisieren können oder miteinander in Konflikt ge- 
raten. Der Mechanismus der normalen sozialen Anpassung ist 
zweifellos die Idealbildung auf Grund der Identifizierung. Je 
mehr man den Andern gleicht, mit denen man zu leben hat, 
desto leichter wird man mit ihnen leben können. Daher auch 
das Glücksgefühl der Liebenden, das auf der Herstellung einer 
individuellen Identität beruht. Es gibt aber einen Typus, dessen 
Selbst sich auch im sozialen Leben gegen die allgemeinen Identi- 
fizierungen und typischen Idealbildungen wehrt und in sich 
selbst und aus seinem Selbst ein Ich-Ideal im eigentlichen Sinne 
des Wortes aufrichtet, dem er nachstrebt. Dieser Typus des 
schöpferischen Menschen ist nicht nur stets im Konflikt mit 
sich selbst und seinem eigenen Ich-Ideal, sondern gerät auch 
leicht mit den andern Menschen in Konflikt, die in ihm einen 
ihnen ähnlichen Charaktertypus suchen. Die Reaktionen dieser 
Menschen sind aber ähnlich unberechenbar wie die der sogenann- 
ten Neurotiker, die das Scheitern in dieser eigenen Ich-Ideal- 
bildung darstellen, welche dem schöpferischen Typus irgendwie 
zu objektivieren und zu realisieren gelingt. 

Diesem schöpferischen Typus im psychologischen Sinne, 
dessen Gelingen wir im Künstler und dessen Mißlingen wir im 
Neurotiker sehen, entspricht auf sozialem Gebiete der Heros, bzw. 
Verbrecher, je nachdem, ob das Resultat Schöpfung oder Ver- 
nichtung im sozialen Sinne bedeutet, ähnlich wie Künstler und 
Neurotiker Schöpfung oder Vernichtung im seelischen Sinne 
repräsentieren. In beiden Fällen jedoch ist es das Schuldgefühl, 



24 Charakter und Selbst 

das aus der eigenen Ich-Idealbildung, also der Individualisierung 
folgt, welches die positive Schöpfung in Zerstörung — sei es 
des eigenen Ich (in der Neurose) oder des fremden (im Ver- 
brechen) — verwandelt. Psychologisch reduzieren sich so die 
verschiedenen Charaktertypen, deren man eine Unzahl aufstellen 
könnte, auf einige Züge und Reaktionsweisen. Denn die Analyse 
hat gezeigt, daß der psychologische Charaktertypus als Reaktion 
entsteht. Mit anderen Worten, daß z. B. der Introvertierte unter 
Umständen oder zeitweise sehr extro vertiert sein kann oder um- 
gekehrt, ja, daß das eine geradezu das andere zur Voraussetzung 
hat. In klassischer Weise zeigt sich dies beim Manisch-Depres- 
siven, bei dem sozusagen dieser Wechsel selbst den Charakter- 
typus repräsentiert. So führt also die Analyse von den sozialen 
Typen, wie sie Künstler, Heros, Neurotiker und Verbrecher 
repräsentieren, über die Aufstellung von rein psychologischen 
Typen, wie es Jung mit dem Introvertierten und Extrovertierten 
versucht hat, zu typischen Reaktionsweisen des Ich, denen schließ- 
lich sozusagen atypische Reaktionsweisen des Selbst zugrunde 
liegen. 

Die Frage: Bejahung des Selbst und des eigenen Ich-Ideals 
in Schöpfung oder Verneinung desselben im Schuldgefühl führt 
uns wieder jenseits der Charakterbildung zur Dynamik der 
Persönlichkeit. In der genetischen Psychologie haben wir 
zwei wesentliche Faktoren für das Zustandekommen der Be- 
jahung verantwortlich machen können: den Narzißmus und den 
Sadismus. Der hemmende Faktor, der das Negative überwiegend 
macht, ist die Angst, die sich im Ich als Schuldgefühl manifestiert. 
Narzißmus ist Selbstbejahung, der Abwehrkampf gegen den über- 
starken und daher isolierenden Narzißmus führt zu einer eben- 
so starken Über-Ichbildung, die auch einen Teil des Sadismus 
nach innen wirft und im günstigen Falle ethisch sublimiert. 
Der Rest bleibt frei für die Aktion, ob sie nun direkt triebhaft, 
d. h. zerstörend oder sublimiert triebhaft, d. h. schöpferisch ist. 
Dieser Typus vermag es, das Innere zu objektivieren, ob dies 
nun in Form von Handlungen erfolgt, wie beim Tatmenschen 
(Heros) oder in seelischer Form, wie in der künstlerischen Schöp- 
fung. Der Konflikt entsteht bei diesem Typus, wenn sein zum 
Außen, zum Schicksal gewordenes Innen wieder auf das Innen 






Dynamik der Persönlichkeit 2& 

zurückwirkt, also nach der Tat und als Reaktion auf dieselbe. 
Im Gegensatze zu diesem „triebhaften Charakter", der sich ent- 
weder schöpferisch oder zerstörend äußern kann, hat der Hem- 
mungscharakter den inneren Konflikt anstatt der Aktion oder 
Schöpfung, nicht als Folge derselben. Er agiert sozusagen nach 
Innen und im Innern und ist nach Außen stark gehemmt. 
Bei ihm ist das Selbst, das Trieb-Ich, viel mehr von Hemmungen 
überlagert, er hat sozusagen mehr „Charakter", aber auch mehr 
Konflikt im Innern und weniger Aktion nach Außen. Wo z. B. 
der erste Typus eine rasche Entscheidung trifft, die er vielleicht 
nachher bereut, da hat der zweite inneren Konflikt anstatt der 
äußeren Entscheidung, die er bedauert, nicht treffen zu können. 
Diese Überlagerung des Selbst durch das charakterlogische 
Ich, die sich psychologisch als Hemmung, Konflikt, Angst mani- 
festiert, macht die soziale und ethische Seite unserer Per- 
sönlichkeit aus. Die Veräußerlichung, Objektivierung des inneren 
Konfliktes ist ein ständiger Prozeß bei allen Menschen, insofern 
als sie Gefühlsbeziehungen zu anderen Menschen haben. Jede 
intimere und intensivere Gefühlsbeziehung hat die Entlastung 
des Ich von inneren Konflikten zur Voraussetzung oder zum 
Resultat. Es ist bekannt, wie wir stets für unsere inneren Hem- 
mungen ein äußeres Hindernis im Sinne der primitiven Moral 
verantwortlich machen wollen. Sei es nun eine persönliche 
Autorität, wie Eltern, Erzieher, Freunde, Vorgesetzte oder eine 
Institution (Konventionen, Sitte, Gesetz). Dieser Mechanismus 
ist bis zu einem gewissen Grade notwendig, damit die Charakter- 
bildung gelingt, und diese kann nur dort und insoweit aufrecht 
erhalten werden, als sie diese notwendige Entlastung des Ich 
weiter gestattet. Versagt sie aus irgend welchen Gründen, dann 
muß das Individuum sie im eigenen Innern suchen und das 
Resultat ist innerlich Konflikt, äußerlich Charakterveränderung. 
Aber nicht nur negativ im Sinne einer Hemmung unseres Trieb- 
Ich, sondern auch positiv wirkt sich diese Entlastungstendenz des 
Ich aus. So wie eine Person psychologisch unsere Hemmungen 
repräsentieren kann, so können wir auch unser Trieb-Ich im 
Andern objektivieren, wie es ja zum Teil in der Liebe geschieht. 
In extremer Weise erfolgt dies im Typus des Versuchers oder 
Verführers. Dieser Mechanismus der Projektion und Entlastung 



26 



Charakter and Selbst 



wirkt jedoch ganz allgemein und unabhängig vom Geschlechts- 
verhältnis. Im Verhältnis der Geschlechter bedingt er im wesent- 
lichen das Element, das wir als Liebe bezeichnen und das Ab- 
hängigkeit, Dankbarkeit, Idealisierung, aber auch alle damit 
einhergehenden Konflikte bedeutet. Ja, vielleicht ist Idealisie- 
rung des Geliebten eben dieser Prozeß des Umschaffens des 
Nicht-Ich, des Du, zu dem komplementären Teil unseres Ich, den 
wir gerade zur Entlastung projizieren müssen, sei es nun Trieb 
oder Hemmung. 

Der Versuch, den Charakter lediglich aus dem Geschlecht 
abzuleiten (wie es Otto Weininger vorschlug), muß höchst 
einseitig bleiben und kann im günstigsten Falle wieder nur das 
Statische betreffen, wie neuerdings Freuds später Versuch lehrt, 
den anatomischen Geschlechtsunterschied charakterlogisch aus- 
zuwerten. Das Dynamische liegt jenseits dessen, was aus dem 
Sexus folgt, ja jenseits des Objektes überhaupt. Denn nicht nur 
die Imagines der Eltern beeinflussen Charakterbildung und Liebes- 
wahl, sondern ebenso entscheidend beeinflußt das eigene 
Selbst in seinen körperlichen und seelischen Auswir- 
kungen die Idealbildung. Das Ideal ist immer auch ein Stück 
aufgegebenes Ich, das man im Liebesobjekt zu konservieren sucht. 
Meist ein Gemisch von dem, was man war (als Kind) und dem, 
was man sein möchte (Eltern), aber auch von dem was man 
wirklich ist, nämlich dem eigenen Selbst. 

Dies bringt uns wieder zu den rein seelischen Problemen 
der eigenen Ich-Idealbildung, ihren Folgen und Konflikten zurück. 
Während der eben besprochene Prozeß der Projektion und Ent- 
lastung, gleich dem der Identifizierung, den Nebenmenschen 
zum Objekte hat, ist die Ich-Idealbildung ein rein innerlicher Vor- 
gang. Aus den Identifizierungen baut sich das Ich psychologisch 
auf, in den Projektionen entlastet es sich „charakterologisch". 
In der Ich-Idealbildung wird dieser ganze Prozeß rein innerlich 
vorbereitet und wiedergespiegelt. Der extreme Ausdruck des- 
selben wäre die komplette Introversion, wobei sich alles innen 
abspielt und der Mensch keinerlei Objektbeziehung herstellt. 
Gelingt es, diesem Introversionstypus dennoch zu extrovertieren, 
so erfolgt dies wieder in extremer Weise, und zwar so, daß 
das Objekt ähnlich überschätzt wird wie früher das eigene Ich, 



Die biologische Stufe 27 

was wir als Idealisierung des Objektes bezeichnen. Auf diese 
Weise geht der Egoismus in die Liebe über, indem das zu 
einem Teile des Ich gemachte Objekt ebenso geliebt wird, wie 
früher nur das eigene Ich. Es ist bekannt, daß man nicht lieben 
kann, wenn man egoistisch ist, aber man Selbst zu sein ist 
die Voraussetzung der Liebe, deren Wesen eben darin besteht, 
daß der Andere unser Selbst so voll akzeptiert, als wäre es sein 
eigenes Ich. Auch kann, wer egoistisch ist, niemals er Selbst 
sein, denn das heißt, sich geben (wie man ist), sich äußern, 
ausdrücken, mit einem Wort all das, was der Egoist nicht kann. 
Egoismus ist sozusagen ein mißlungener Versuch, man Selbst zu 
sein, ein Versuch, mit billigen Mitteln eine Individualität, eine 
Persönlichkeit vorzutäuschen. Ähnlich ist die Neurose als ein 
mißglückter Versuch der Persönlichkeitsbildung zu betrachten, 
die statt vom Egoismus vom Schuldgefühle gehemmt wird, das 
ein Negativ des Egoismus darstellt. Das Seeligkeitsgefühl der 
Liebe, aber auch alle Mißverständnisse und Konflikte, die sie im 
Gefolge hat, kommen daher, daß man in primitiv narzissistischer 
Weise das Ebenbild des eigenen Ich — körperlich oder seelisch 
— sucht und findet, während man zugleich im ethischen Sinne 
die charakterologische Ergänzung des Selbst — Trieb oder Hem- 
mung — finden muß. Wo beides zusammenfällt, da ergibt es 
das Maximum an Befriedigung, wo es in einer Person nicht ver- 
einigt gefunden wird, da entsteht Unbefriedigung, Konflikt und 
Leiden. 

Was wir als die zwei Seiten der Persönlichkeit gesondert 
haben, das ursprüngliche, primitive Trieb-Ich, das Selbst, und 
den daraus, darüber und dagegen aufgebauten Charakter (das 
Ich), das hat bereits Kant als „empirischen und intelligiblen 
Charakter" unterschieden, eine Unterscheidung, in der Schopen- 
hauer eines der größten Verdienste des Philosophen erblickt. 
Es bezeichnet in unserem Sinne den Unterschied zwischen dem 
Charakter im psychologischen Sinne und dem Charakter im 
sozialen Sinne, den Gegensatz von Psychologismus und Beha- 
viourismus, von Selbst und Ich, mit anderen Worten den Unter- 
schied der biologischen, psychologischen und sozialen Schicht 
unserer Persönlichkeit. 

Das biologische Ich ist gegeben. Aus dem Verhältnis der 



28 



Charakter und Selbst 



Mutter baut sich genetisch in der von mir beschriebenen Weise 
der soziale Charakter, d. h. die Reaktionsweisen gegen die be- 
friedigende und hemmende Außenwelt (Mutter) im Sinne des 
Lust-Unlust-Prinzips aus Identifizierungen auf. Dem biologischen 
Lust-Unlust-Prinzip entspricht psychologisch ein Ich-Nichtich- 
Prinzip. Alles, was Nicht-Ich ist, verursacht zunächst Unlust, 
im extremen Falle Angst. Durch Identifizierung wird die Ich- 
Grenze aufgehoben (erweitert) und so Unlust vermieden. Aller- 
dings damit zugleich etwas Ichfremdes (durch Identifizierung) 
ins Ich aufgenommen, das von da an einen Teil des Charakters 
bildet. Neben dem Mechanismus der Identifizierung dient noch 
ein zweiter, negativer Mechanismus der Unlustverhütung, näm- 
lich die Verleugnung, die letzten Endes ein Rückgängigmachen, 
eine Aufhebung der Identifizierung anstrebt, indem sie das Ob- 
jekt statt ins Ich aufzunehmen, es auszustoßen, zu vernichten 
sucht. Auf dieser biologischen Stufe der Ich-Entwicklung, die 
mittels Charakterbildung (Identifizierung bzw. Verleugnung) zur 
sozialen Anpassung führt, spielen Lust und Unlust (Angst) die 
Hauptrolle. Psychologisch haben wir diesen Sachverhalt mit den 
Termini „Libido" und „Angst" beschrieben. Alles, was Ich 
oder ichgerecht ist, gibt Lust, alles Nicht-Ich macht Angst. 

Dies führt zur zweiten psychologischen Stufe, die zum 
Teil schon jenseits des Charakterologischen liegt. Der Charakter 
als sozialer Begriff, als Form, in der das Individuum sich ty- 
pischerweise äußert, verschwindet hinter dem, was das Indi- 
viduum wirklich ist, was sein Wesen ausmacht. Wir gelangen 
hier unversehens zu einer Definition von Charakter, den 
wir als einen von der biologischen auf die soziale 
Stufe gehobenen Reaktionsmodus zur zweckmäßigen 
Anpassung erkennen. In diesem Sinne haben auch die Tiere 
einen Charakter, wie ja der Behaviourismus will. 

Nur sprechen wir bei ihnen gewöhnlich von zweckmäßiger 
Anpassung, was wir beim Menschen „Utilitarismus" nennen 
würden, und fordern von ihm und von uns selbst im Kant sehen 
Sinne, daß der Charakter ethisch begründet sei. Bei den Tieren 
und vielleicht bei primitiven Menschen fallen die beiden Seiten, 
die Kant so scharfsinnig gesondert hat, noch zusammen. Das 
heißt, was für das Individuum nützlich ist, ist auch gut („Prag- 



Die ethische Stufe 29 

matismus"). Der extreme Typus des Kulturmenschen, wie ihn 
der Neurotiker in übertriebener Weise repräsentiert, stellt dieses 
Axiom auf den Kopf: was mir nützlich ist, kann nicht gut sein, 
denn es ist egoistisch. Hier ist der Punkt, wo das Psychologische 
als verbindendes . aber auch störendes Element sich zwischen 
das biologische Prinzip und das soziale Milieu in Form ethischer 
Hemmungen einschiebt. Auf dieser Stufe finden wir alles ver- 
innerlicht. Wo wir früher Identifizierung mit dem Objekte sahen, 
treffen wir hier Idealbildung im Ich; wo wir früher Angst als Ich- 
Grenze sahen, treffen wir jetzt Schuldgefühl als innere Hemmung. 

Dies leitet über zur dritten ethischen Stufe, der der 
Gegensatz zwischen Selbst (Trieb-Ich) und Charakter (soziales 
Identifizierungs-Ich) zugrunde liegt. Sind Selbst und Charakter 
mehr weniger in Harmonie, so sprechen wir von gelungener 
Anpassung. Sind sie in Konflikt, so führt dies zu den ver- 
schiedenen Formen von Fehlanpassung, die zunächst rein inner- 
lich determiniert sind. Hier wollen wir nur zwei allgemeine Typen 
hervorheben: ist das Selbst stärker, so sprechen wir von 
Äußerungen des triebhaften Charakters, die je nachdem schöpfe- 
risch oder zerstörend, beides aber nach Außen hin, sein können. 
Ist das soziale Ich stärker, so sprechen wir vom Hemmungs- 
charakter, der sich ebenso positiv wie negativ, vorwiegend inner- 
lich, manifestiert: in hoher ethischer Lebensauffassung oder in 
neurotischer Selbstzerstörung. Spielt sich auf psychologischer 
Stufe der Konflikt zwischen dem Selbst und dem Ich (empirischen 
Charakter) ab, so ist auf der nächsten Stufe das Verhältnis des 
Ich-Ideals zum Selbst für den Ausgang entscheidend. Setzt sich 
das Ich-Ideal gegen das Selbst oder im Sinne des Selbst durch, 
so führt dies zum ethischen Charakter, beim Mißlingen zur Neu- 
rose (Zwangstypus). Ist das Selbst stärker als die Idealbildung, 
so führt dies zum triebhaften Charakter^ der sich sowohl schöpfe- 
risch als auch in asozialen Impulshandlungen äußern kann. 

Auf dieser ethischen Stufe schließt sich der Kreis der Ent- 
wicklung. Denn wie der Anfang der Charakterentwicklung auf 
Identifizierung mit den Eltern beruht, so steht am Gipfel der 
Charakterbildung — der Ethik — die Identifizierung mit dem 
Nebenmenschen überhaupt, gleichgültig ob er eine Lustquelle 
für das Ich darstellt oder nicht. Das ist der Sinn des biblischen 



30 



Charakter und Selbst 



Ausspruches: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" und des 
kategorischen Imperativs von Kant: „Handle nur nach derjenigen 
Maxime., durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein all- 
gemeines Gesetz werde." Auf der psychologischen Stufe ist die 
Identifizierung ein Mittel zur Unlustvermeidung durch Hem- 
mung des Egoismus zum Zwecke der Anpassimg. Auf der ethi- 
schen Stufe ist die Identifizierung ein Mittel gegen Unlustver- 
ursachung durch Hemmung des Sadismus. Auf der biologischen 
Stufe endlich haben wir es mit dem Selbst zu tun, das durch 
Äußerung von Egoismus und Sadismus nach Lustgewinnung 
im positiven Sinne trachtet. 

Aus dieser Auffassung ergibt sich eine Charakterlehre, die 
zwei Gruppen von Typen umfaßt. Die psychologische und die 
ethische, die beide den Menschen im großen ganzen gemeinsam 
sind und mit dem eigentlichen Selbst die Persönlichkeit bilden. 
Die erste Gruppe enthält vorwiegend die Identifizierungen mit 
den Eltern-Imagines, die zweite die Ich-Idealbildung. Diese er- 
folgt teils nach fremden Imagines teils auf Grund des eigenen 
Ich. Im letzten Falle wieder entspricht die Idealbildung ent- 
weder dem ursprünglichen Selbst oder einem besseren, gewünsch- 
ten Selbst oder endlich einer Reaktion gegen das verachtete 
Selbst. Jeder dieser Möglichkeiten entspricht ein Typus: ist 
das Ideal in Harmonie mit dem Selbst, so resultiert ein einheit- 
licher „Charakter", ein konfliktloser Mensch. Wird dieses Gleich- 
gewicht irgendwie gestört, so ergeben sich je nachdem der 
schöpferische Typus, wenn der Wunsch nach Erreichung eines 
besseren Selbst stärker ist, der neurotische Typus, wenn die 
Kritik am eigenen Selbst stärker ist (Minderwertigkeitsgefühl). 

Der erste bloß auf Identifizierung aufgebaute Charaktertypus 
führt zu einer primitiven Moral, die auf äußere Hemmungen auf- 
gebaut, auf Verbot und Strafe, Lob und Tadel, Liebe und Angst 
basiert. Der zweite aus der Ich-Idealbildung geformte Charakter 
führt zur eigentlichen Ethik, die auf inneren Hemmungen auf- 
gebaut, die Begriffe Recht und Unrecht, Gewissen und Ver- 
antwortung zur Grundlage hat. Auf dieser Stufe bekommen 
die moralischen Begriffe Gut und Böse die ethische Bedeutung 
von Recht und Unrecht im Sinne einer inneren Instanz: Recht 
ist alles, was das Selbst bejaht, Unrecht alles, was es verneint. 



Das wahre Selbst 31 

Richtet sich die primitive Moral ursprünglich gegen den Egoismus 
und Narzißmus, so kann das Ich auf ethischer Stufe in ge- 
wissem Sinne wieder narzißtisch werden. Denn wir wollen 
ethisch sein, weil dies als allgemeines Ideal gefordert wird und 
unser Narzißmus nicht zuläßt, daß wir darin den andern nach- 
stehen. 

Aus dem Gesagten ergibt sich, daß das, was wir Charakter 
nennen, im Grunde genommen kein rein psychologisches Pro- 
blem ist. Zu einem Teil ist es ein biologisches, bzw. soziales 
Problem, soweit es Aktionen und Reaktionen gegen die Außen- 
welt im Sinne einer Anpassung betrifft. Zum andern Teil ist 
es ein ethisches Problem, soweit es die Einstellung des bio- 
logischen Selbst zum Ich bzw. Ich-Ideal betrifft. Wollen wir 
das wahre Wesen des Menschen, sein wirkliches seelisches 
Innenleben kennenlernen, so müssen wir ihn dort studieren, 
wo er nicht im Sinne seines Charakters agiert, sondern wo er 
sein wahres Selbst äußert. Dies ist normalerweise nur in einer 
einzigen Situation der Fall, nämlich in der Liebesbeziehung. 
Studieren jedoch können wir es nur in der analytischen Situation, 
die eine der Liebe verwandte Gefühlsbeziehung darstellt, in 
der der Analysierte sein Selbst auf den Analytiker projiziert, 
der ihn auffordert, seinen „Charakter" soweit als möglich 
beiseite zu schieben und sein wahres Selbst sich äußern zu 
lassen. Die Analyse der analytischen Situation, wie ich sie 
in meiner „Technik der Psychoanalyse" versucht habe, ermög- 
licht uns einzig, den Charakter vom wahren Selbst zu differen- 
zieren und zugleich die komplizierte Gefühlsbeziehung zu ver- 
stehen, die wir Verliebtheit nennen, und die biologische, psycho- 
logische und ethische Elemente in sich vereinigt. 



Verliebtheit und Projektion. 

„Wie sie sich an mich verschwendet. 
Bin ich mir ein wertes Ich ; 
Hätte sie sich weggewendet, 
Augenblicks verlor ich mich." 

Goethe. 

Wir sind am Schlüsse des vorigen Abschnitts zu dem Er- 
gebnis gelangt, daß das wahre Wesen des Menschen, verschieden 
von seinem Charakter, sich nur in einer Sphäre, nämlich im 
Liebesleben äußert. Dort erfolgt es spontan und wird in der 
Gegenliebe ebenso spontan hingenommen und erwidert. Stu- 
dieren können wir diese Gefühlsbeziehung und somit auch das 
wahre Selbst, das sich in ihr manifestiert, nur in der ana- 
lytischen Situation. Das von Freud „Übertragung" genannte 
Phänomen enthüllt sich erst bei tieferer Analyse der Ich-Strebun- 
gen als eine Form der Verliebtheit. Mit dem Unterschiede, daß sie 
im wesentlichen einseitig bleibt, d. h. nicht in derselben spon- 
tanen Weise erwidert wird. Dies hat zur Folge, daß sich ein etwas 
verzerrtes Bild des Liebesgefühles ergibt, dadurch aber zugleich 
den Vorteil, daß wir die einzelnen Phasen seiner Entwicklung ge- 
.sondert verfolgen und studieren können. 

Im ersten Teil der genetischen Psychologie wurde ausge- 
führt, daß es im wesentlichen der Mechanismus der Pro- 
jektion ist, der Art und Grad der Gefühlsbeziehung zum Neben- 
menschen bestimmt. Daneben oder besser gesagt zugleich geht 
ein Prozeß einher, den wir als Identifizierung bezeichnet haben 
und der im Grunde genommen nicht ein „Mechanismus", son- 
dern das Resultat der wahrgenommenen Projektion ist. Während 
nun, wie gesagt, in der Liebesbeziehung diese beiden Prozesse 
von beiden Seiten in gleicher Weise und gleichzeitig vor sich 
gehen und ineinander fließen, erscheint das Bild in der ana- 
lytischen Situation in folgender Weise verschoben: der Ana- 
lysierte projiziert viel mehr, um nicht zu sagen ausschließ- 
lich, wenigstens in der ersten Phase der Analyse. In derselben 



Die Projektion des Selbst 33 

Phase, um nicht zu sagen ausschließlich, muß sich der Ana- 
lytiker auf die Identifizierung beschränken, die notwendig ist, 
um den Patienten zu verstehen, um sich, wie man sagt, in ihn 
einzufühlen. Sobald der Patient diese Identifizierung über 
das Verstanden werden hinaus gefühlsmäßig empfindet, beginnt 
er seinerseits sich mit dem Analytiker zu identifizieren. Mit an- 
deren Worten, er kann sich nur dann identifizieren, wenn er 
im Andern etwas Verwandtes, Identisches fühlt, das in diesem 
Falle die zum Verständnisse notwendige Identifizierung ist. In 
der Phase der Projektion, wie in allen späteren Projektionen, 
verrät der Patient sein wirkliches Selbst. In der Identifizie- 
rung sucht er es im andern zu finden, verhüllt es also. Das 
ist der Tatbestand, der als „Widerstand", insbesondere als „Über- 
tragungswiderstand", beschrieben wurde. Wie man sieht, ist er 
im Wesen der Situation gegeben und unvermeidlich. Die Technik 
hat ihn nicht nur durch Aufzeigung zu vermindern, sondern auch 
durch Vermeidung einer spontanen Gegenreaktion zu paralysieren; 
d. h. die Projektion, die zur Selbsterkenntnis führt, zu fördern, 
die Identifizierung, die der Selbstverhüllung dient, zu verringern. 
Wo die Situation infolge des Narzißmus des Analytikers miß- 
verstanden oder besser gesagt mißinterpretiert wird, da kommt 
es zur sogenannten „Gegenübertragung". Diese besteht darin, 
daß der Analytiker, über die zum Verständnisse notwendige 
Identifizierung hinausgehend, seinerseits auf "den Patienten pro- 
jiziert; die Identifizierung mit diesem projizierten Ich-Teil aber 
führt zu einer Gefühlsbeziehung, die wir Verliebtheit nennen. 
Diese Verliebtheit ist ein Ich-Problem, besteht in der Projektion 
des eigenen Selbst auf den andern und ist daher, wie die ana- 
lytische Situation gelehrt hat, unabhängig vom Geschlecht. 

Eine korrekte Technik und eine normale Entwicklung der 
analytischen Situation gestattet dem Analytiker, dieses Phänomen 
der Verliebtheit am Patienten zu verfolgen. Ich wiederhole wie 
dies vor sich geht: der Patient projiziert auf den ihm unbekannten 
Analytiker sein wahres Selbst; er findet im Analytiker nicht 
nur das willige passive Objekt für diese Projektion, sondern fühlt 
auch bald dessen aktive Identifizierung, die zum Verstehen ge- 
hört. Diese notwendige Identifizierung des Analytikers ermög- 
licht dem Patienten seinerseits eine auf Projektion basierte Identi- 

Rank, Grundzüge einer genetischen Psychologie. II. g 



34 Verliebtheit und Projektion 

fizierung, die sich in extremen Fällen als Verliebtheit manifestiert, 
aber in jedem Falle einzelne Charakteristika derselben zeigt. 

Was wir also in der noch näher zu beschreibenden Weise 
im Patienten studieren können, ist nicht die Liebesbeziehung 
selbst, sondern deren Vorstadium, die Verliebtheit, die im wesent- 
lichen auf Projektion beruht und nur bei voller Gegenseitigkeit 
sich schließlich zur Liebe entwickeln kann. Ähnlich wie wir 
die Identifizierung als die Wahrnehmung der vollzogenen Pro- 
jektion definiert haben, so könnte man die Liebe als Wahrneh- 
mung der vollzogenen Verliebtheit bezeichnen. Mit anderen 
Worten, da wir die Verliebtheit als Vorstadium der Liebe be- 
zeichnet haben, wäre die Liebe die Vollendung der Verliebtheit, 
d. h. die wirklich und nicht nur psychologisch vollzogene Identi- 
fizierung. Daher die Verliebtheit, wie wir sie als Schwärmerei 
und Anbetung von Ferne kennen, die physische Vereinigung, 
die körperliche Identifizierung nicht notwendig in sich schließt, 
sondern mehr auf der seelischen Identifizierung, die wir als 
Projektion beschrieben haben, beruht. Sie ist normalerweise 
ein ausgesprochenes Pubertätsphänomen und bezeichnet, ähn- 
lich wie in der Analyse, den ersten Schritt in der seelischen 
Gefühlsbeziehung zum Nebenmenschen. Sie ist ein Vorbereitungs- 
und Übergangsphänomen zu dem mehr dauerhaften Zustand der 
Liebe, der mit all den körperlichen Ansprüchen viel konkreter, 
sozusagen realer ist und daher auch auf die wirklich erlebten 
sinnlich-körperlichen Befriedigungen zurückgeht, die das Indi- 
viduum in der Kindheit von der Mutter erfahren hat. In der 
Liebe ist also, wenn man will, mehr Wiederholung vergangener 
Befriedigungssituationen, während die Verliebtheit vielmehr 
eine originale Schöpfung der eigenen Individualität, des 
Selbst ist. Daher finden wir auch die Verliebtheit später im 
Leben immer dann, wenn das Ich eine neue Phase der Entwick- 
lung durchmacht, die sich meist in der krisenhaften Form der 
Pubertät äußert. So könnten wir die Verliebtheit als das Symptom 
einer Ich-Krise bezeichnen, die sich in der schöpferischen Selbst- 
projektion manifestiert. Das heißt die Persönlichkeit schafft eine 
neue Objektbeziehung, indem sie einen Teil ihres Selbst auf den 
Anderen projiziert, um sich so zu entlasten und die eigene 
Anpassung zu erleichtern. 






Analyse des Verliebtheitszustandes 36 

Wenn wir diesen Prozeß der Verliebtheit in der analytischen 
Situation näher studieren, so stoßen wir auf zwei Hauptsymptome 
desselben, deren Analyse uns zu einer feineren Differenzierung 
in bezug auf den Projektionsmechanismus nötigt. Es ist nicht 
ganz korrekt zu sagen, daß der Patient immer sein wahres Selbst 
auf den Analytiker projiziert, wemi wir unter dem wahren Selbst 
das impulsive Ich verstehen. Denn ebenso häufig, sicherlich aber 
in bestimmten Phasen der Analyse — wie am Anfang — pro- 
jiziert der Patient seine Hemmungen, also das, was wir Charakter 
im psychologischen Sinne nennen, auf den Analytiker; offenbar 
mit der Tendenz so sein eigentliches Selbst vom Druck der darauf 
lastenden charakterologischen Hemmungen zu befreien. In Wirk- 
lichkeit handelt es sich aber um einen ständigen Wechsel, oft 
genug um Gleichzeitigkeit in der Projektion dieser beiden Seiten 
der Persönlichkeit auf den Analytiker. 

Die beiden Grenzfälle dieser Projektionen konstituieren nor- 
malerweise die Hauptsymptome des Zustandes der Verliebtheit: 
es sind dies die Hörigkeit und die Eifersucht. Ihren Me- 
chanismus können wir in ihren pathologischen Extremen stu- 
dieren, die unter den Namen „Masochismus" und „sexueller 
Eifersuchtswahn" beschrieben wurden. Der Masochismus re- 
sultiert aus einer zu weit gehenden Projektion der eigenen Hem- 
mungen auf den anderen, der Eifersuchtswahn ans einer 
Projektion der eigenen Impulse (zur Versuchung). Im ersten 
Falle projiziert das Ich seine Hemmungen auf den andern, den 
es aber zugleich zu seinem Herrn und Meister, d. h. aber zum 
Träger und Exekutor seiner Hemmungen erhebt, die das zurück- 
gebliebene Trieb-Ich einzuschränken und so zu befriedigen haben. 
Die damit einhergehende Idealisierung des Meisters ist ein Re- 
sultat der Projektion und der kompensatorischen Überschätzung 
des Über-Ich für die Erniedrigung zum Trieb-Ich. Im Falle der 
Eifersucht wird im Gegensatze dazu das Trieb-Ich in der Form 
der sexuellen Versuchung auf den andern projiziert und was 
zurückbleibt ist das Über-Ich, welches sich als pathologisches 
Schuldgefühl manifestiert und alle Impulse hemmt, die man dem 
anderen zuschreibt. Führt die Hörigkeit des Masochisten zur 
Unterwerfung unter das fremde Ich, so ist die ausgesprochene 
Tendenz des Eifersüchtigen, das fremde Ich zu beherrschen, 



36 Verliebtheit und Projektion 

d. h. ihm die Versuchungen zu verbieten, die man in sich selbst 
nicht hemmen kann. Während im Eifersüchtigen der Besitztrieb 
deutlich ist, zeigt der Masochist die Tendenz zur Hingabe, zur 
Aufopferung. Mit anderen Worten, in keinem von diesen beiden 
Extremen ist die für die ideale Liebesbeziehung charakte- 
ristische Gegenseitigkeit und Wechselseitigkeit zu finden, wobei 
der Wunsch zu besitzen und die Fähigkeit zur Hingabe in bei- 
den gleich stark und gleich aktiv sind. Dies wird erreicht durch 
ein gleichzeitiges und wechselseitiges Ineinanderfließen von Pro- 
jektion und Identifizierung, wodurch die extremen Äußerungs- 
formen, die zu pathologischen Reaktionen führen, paralysiert 
werden. 

Das Studium des pathologischen Masochismus macht uns 
also das Verständnis der normalen Hörigkeit als Begleiterschei- 
nung der Verliebtheit verständlich, ebenso wie uns der sexuelle 
Eifersuchtswahn die Eifersucht des Verliebten erklärt, die ja 
sprichwörtlich ist. Es sind dies notwendige Begleiterscheinungen 
des bereits beschriebenen Verliebtheitsprozesses, der auf gegen- 
seitigen Projektionen und Identifizierungen beruht. Die Projek- 
tion der eigenen Hemmungen auf den Geliebten gibt den Im- 
pulsen des Trieb-Ich freie Bahn; die Projektion der eigenen Im- 
pulse auf den Andern rechtfertigt deren ungehemmte Äußerung, 
da wir sie im andern wieder finden. Es findet also bereits im 
Vorstadium der Verliebtheit eine kolossale Entlastung des Ich 
von Hemmungen und Befreiung seiner Impulse statt, als deren 
Begleiterscheinungen wir Hörigkeit und Eifersucht im oben be- 
sprochenen Sinne finden. Geht die Projektion, sei es der Hem- 
mungen, sei es der Impulse, zu weit, so resultieren die eben 
beschriebenen pathologischen Symptome des Masochismus auf 
der einen, des sexuellen Eifersuch tswahns auf der andern Seite. 
Bei der Analyse dieser beiden Symptome stoßen wir auf das 
Schuldgefühl, das wir nun in diesem Zusammenhange erklären 
wollen. 

Entspricht die Hörigkeit des Verliebten mehr einer seelischen 
Abhängigkeit, gleichsam als würde man den andern nur zur 
Projektion brauchen, so hat im Gegensatze dazu der Masochismus, 
ähnlich wie die Liebe, mehr konkrete körperliche Ansprüche 
und ist auch regelmäßig — wie die Liebe — mit infantilen 









Die Rolle der Sexualität 



37 



Situationen (wie Schlagen usw.) verknüpft. Das Schuldgefühl 
kommt auf der dritten ethischen Stufe hinzu und hat die Tendenz, 
die Abhängigkeit, Unterwerfung, Erniedrigung zu rechtfertigen. 
Es ist als würde das Individuum sagen: ich will mich nicht auf 
mein Trieb-Ich erniedrigen, sondern ich verdiene diese Erniedri- 
gung (als Strafe). Natürlich verstärkt die Erniedrigung selbst 
wieder das Schuldgefühl und so entsteht der Zirkel von Pro- 
jektion, Triebbefriedigung und Schuldgefühl, dessen Resultat wir 
im pathologischen Masochismus sehen. Aber noch eine andere 
Bedeutung des Schuldgefühles zeigt unsere Analyse des Maso- 
chismus. Da es sich dabei, wie erwähnt, um eine Projektion 
aller höheren Hemmungen des Charakters auf den Andern han- 
delt, fällt das Ich mit dem Schuldgefühl und dem Verlangen 
nach Strafe auf eine primitive Stufe der Moral zurück. Als Kom- 
pensation wird dann die körperliche Strafe, die ursprünglich 
der Triebhemmung diente, aus dem Schuldgefühl ethisch moti- 
viert. Aus der primitiven Formel: die ungehemmte Triebbefriedi- 
gung verdient Strafe, wird die ethische Formel: die Strafe ist 
das, was du (als Triebbefriedigung) verdienst. 

Wie ims die Hörigkeit zum Masochismus und schließlich zum 
Schuldgefühl geführt hat, so kommen wir von der Eifersucht 
zum Sadismus und Narzißmus, die sich beide gegen die Unter- 
werfung sträuben: der Sadismus wieder auf körperlichem Ge- 
biete, durch Zufügen von Schmerzen (Schlagen), die Eifersucht 
auf seelischem Gebiete, und der Narzißmus auf der dritten 
Stufe, indem er als anti-ethisches Element das eigene Ich dem 
fremden überordnet. 

Wir haben bisher von Liebe und Verliebtheit gesprochen, 
ohne die Sexualität zu erwähnen. Dies geschah nicht ab- 
sichtlich, sondern nur, weil die Phänomene, die wir bisher be- 
sprochen haben, jenseits des biologischen Sexualproblems liegen, 
im Ich wurzeln. Nicht nur die analytische Verliebtheit, die man 
als „Übertragung" beschrieben hat, sondern auch die wirkliche 
Verliebtheit, mit oder ohne körperliche Äußerungen, ist bekannt- 
lich ebensosehr zwischen Personen des gleichen Geschlechtes 
mit allen typischen Begleiterscheinungen, wie Hörigkeit und 
Eifersucht möglich. Aber auch der Versuch, die pathologischen 
Äußerungen dieser Symptome aus der Geschlechtsrolle zu er- 






38 Verliebtheit und Projektion 

klären, sind unzureichend. Zweifellos ist die biologische Sexual- 
rolle des Männchens aktiv, die des Weibchens passiv. Aber in 
der Psychologie kommen wir mit dieser einfachen Formel nicht 
weiter, nicht einmal wenn wir die biologische Bisexualität zu 
Hilfe nehmen. Der Mann kann ebenso masochistisch sein wie 
die Frau, ja es ist eine bekannte Tatsache, daß die pathologischen 
Masochisten sich aus Männern rekrutieren, die sich der stärkeren 
Frau unterwerfen wollen. Sei es nun, daß diese Frau die 
strenge Mutter repräsentiert, auf die man nun seine inneren 
Hemmungen projiziert, oder sei es, daß diese Frau die kon- 
ventionellen Hemmungen des Milieus symbolisiert, in jedem 
Falle ist es nicht ein biologisches Problem, sondern ein mora- 
liches, charakterologisches, letzten Endes ein Ich-Problem. 

Mit anderen Worten, zur Aktivität und Passivität der bio- 
logischen Sexualrolle tritt eine psychologische Aktivität und 
Passivität, die mit der biologischen entweder harmonisiert oder 
in Konflikt gerät. Jedenfalls ist es das psychologische Aktivitäts- 
Passivitäts-Problem, mit dem wir es zu tun haben. Es mani- 
festiert sich charakterologisch und läßt sich therapeutisch be- 
einflussen, während die biologisch gegebene Aktivität oder Pas- 
sivität, d. h. Männlichkeit oder Weiblichkeit, ein unveränderbarer 
Faktor ist. Aktivität und Passivität auf psychologischem Ge- 
biete sind uns aber nicht mehr fremd, denn wir erkennen darin 
leicht die zwei Seiten unserer Persönlichkeit, die wir charakte- 
rologisch als Trieb-Ich und Hemmungs-Ich beschrieben haben. 
Das Trieb-Ich ist aktiv, das Hemmungs-Ich ist passiv, in gleicher 
Weise bei Mann und Weib. 

Der Geschlechtsunterschied, d. h. die biologische Sexualrolle, 
kommt insofern zur Geltung, als die biologische Passivität des 
Weibes im allgemeinen den passiven Hemmungscharakter ver- 
stärkt und das aktive Trieb-Ich hemmt. Geht dies aber, wie 
so häufig, zu weit, so ist die Folge, daß die Frau zur wirklichen 
Liebe unfähig wird. Sie wird sozusagen so passiv, daß sie Liebe, 
seelische Hingabe, nicht akzeptieren, nicht nehmen kann, weil 
sie infolge ihrer gehemmten Aktivität sie nicht erwidern, nicht 
zurückgeben kann. In extremen Fällen führt dies zu patho- 
logischem Schuldgefühle, das sich typischerweise als Frigidität 
äußert. Beim Manne verstärkt die biologische Sexualrolle in 






Das Hilfs-Ich 39 

der Regel den Triebcharakter und verringert die inneren Hem- 
mungen. An Stelle dessen hat der Mann mehr äußere Hemmun- 
gen, die wir zusammenfassend als soziale Angst beschreiben 
können. Geht beim Manne die Verstärkung des Trieb-Ich durch 
die biologische Aktivität zu weit, so resultiert der hemmungslose 
„triebhafte Charakter", der in pathologischen Fällen bei der 
Wiederaufrichtung der inneren Hemmungen in das Extrem der 
kompletten Unfähigkeit, die sogenannte Depression verfällt. Nor- 
malerweise sehen wir aber die heilsame konstruktive Wirkung 
dieser gegenseitigen Beeinflussungen von biologischer und cha- 
rakterologischer Aktivität bzw. Passivität. Der Mann mit starker 
biologischer Aktivität wird vielleicht als Selbstschutz oder im 
Dienste der Anpassung seinen Hemmungscharakter verstärken, 
die Frau mit starker biologischer Passivität oder Weiblichkeit 
ihren Triebcharakter, um nicht ganz passiv, d. h. aber um der 
Liebe fähig zu sein. Zugleich ist aber ersichtlich, wie leicht bei 
all diesen komplizierten und subtilen Mechanismen die Grenze 
nach der einen oder andern Richtung überschritten werden kann 
und das Individuum entweder zu ungehemmt oder zu stark ge- 
hemmt wird, was sich in gleicher Weise auf sexuellem wie 
auf sozialem Gebiete äußern kann. 

Hier kommt nun die psychologische und charakterologische 
Bedeutung des Sexuallebens im allgemeinen und des Liebes- 
lebens im besonderen zur Geltung. In dem Konflikte zwischen 
dem biologischen Ich und dem charakterologi sehen Ich, die wir 
in unserer Persönlichkeit zu harmonisieren und zu balancieren 
suchen, spielt der Liebespartner eine Rolle, die wir als Hilfs- 
Ich bezeichnen können. Mittels der beschriebenen Mechanismen 
von Projektion und Identifizierung sind wir imstande, wenigstens 
zeitweilig, ein besseres Gleichgewicht herzustellen. Ein Plus 
oder Minus an charakterologischer Aktivität oder Passivität, das 
unser Gleichgewicht stört, können wir mittels Projektion auf 
den andern werfen oder mittels Identifizierung in ihm finden. 
Und wenn die seelischen Nöte des andern mit den unseren 
korrespondieren, dann ergänzen die zwei Hilfs-Iche einander 
zu einem kompletten harmonischen Ich. Das ist der Glücks- 
zustand der Liebe, und der Prozeß des gegenseitigen Austastens, 



40 Verliebtheit und Projektion 

Projizierens und Identifizierens, der dazu führt, ist das, was 
wir als Verliebtheit beschrieben haben. 

In der Entwicklung des Ich können wir folgende Phasen 
in bezug auf seine Einstellung zum Liebesobjekt unterscheiden: 
In der Kindheit vorwiegend Identifizierung mit den Eltern 
im Sinne der Erziehung und Anpassung. In der Pubertät der 
große Befreiungsschub von den Eltern durch die erste wirkliche 
Verliebtheit, die nicht das Vorbild im Verhältnis zu den Eltern 
hat, sondern der starke Ausdruck der ersten Persönlichkeits- 
entwicklung in Form der Projektion ist. Diese erste schöpferische 
Selbstäußerung der Persönlichkeit entspricht zugleich einer Be- 
freiung vom Joch der elterlichen Identifizierung. In der Reife- 
zeit endlich sehen wir auf die beschriebenen Stadien der über- 
wiegenden Identifizierung in der Kindheit und der überschweng- 
lichen Projektion in der Pubertät eine Phase folgen, die beide 
Extreme harmonisch zu vereinigen und dauernd zu machen 
sucht. Es ist dies die auf der Verliebtheit beruhende und zur 
Liebesidentifizierung führende Dauerbeziehung zu einer Person, 
die wir als Ehe bezeichnen können, gleichgültig ob sie zur 
legalen Heirat führt oder nicht. 

Mit der weiteren Entwicklung des Ichs aber werden, wie er- 
wähnt, Neuanpassungen nötig, die im Falle der Ehe nicht so 
leicht zum Wechsel des Objektes führen, sondern zu einer 
dauernden und gesteigerten Anpassungsleistung an dasselbe Ob- 
jekt nötigen. Dies ist aber nur bei gleichzeitiger Parallelentwick- 
lung des Partners möglich, die nicht immer spontan erfolgt. Ja, 
in der Regel findet man beim Partner zunächst heftigen Wider- 
stand gegen Veränderung, der nur allmählich, wenn überhaupt, 
aufgegeben wird. Wie in jeder dauernden Liebesbeziehung, wird 
auch in der Ehe der Partner aus einem Schutz gegen Versuchun- 
gen zum Träger der eigenen inneren Hemmungen und allmäh- 
lich zum äußeren Hindernis, zur Fessel. Besonders stark wird 
dies im Falle der Heirat empfunden. Die psychologische Ana- 
lyse zeigt aber, daß die seelische Gebundenheit in Fällen von 
freier Verbindung viel stärker ist, weil eben alles auf dem Gefühle 
der inneren Verantwortung ruht, eine Last, die im Falle der 
Heirat vom Gesetze getragen wird und so eine starke seelische 
Entlastung bedeutet. 



Verliebtheit als Krankheit und Heilmittel 41 

Soviel über die konstruktive Seite des Liebeslebens, so- 
zusagen über die Verliebtheit als therapeutisches Mittel zur 
Heilung von Ich-Konflikten. Aber wie alle Heilmittel, hat auch 
dieses seine Gefahren. Eine zu starke Dosis davon schafft wieder 
neue Symptome, die durch das gleiche Medikament nicht mehr 
zu beseitigen sind, obwohl diese Art von Patienten es immer 
wieder damit versuchen. Aber auch dort, wo das Mittel wirkt, 
scheint sein längerer Gebrauch zu einer Art Abstumpfung 
zu führen, die es schließlich wirkungslos macht. Es ist dann 
nicht zu verwundern, wenn die Resultate dieses Versagens, 
nämlich die seelischen Konflikte der Menschen, sich als eben- 
so oder noch mehr kompliziert erweisen, als das Mittel der 
Verliebtheit, im Falle es sich unzureichend erweist, den Kon- 
flikt im eigenen Ich zu paralysieren. 

Wir können daher hier nicht im einzelnen die verschiedenen 
Konflikte und Symptome verfolgen, in denen sich der ursprüng- 
liche Zwiespalt des Ich äußert, nachdem es einmal der Liebes- 
therapie ausgesetzt worden war. Jedenfalls sind die Konflikte 
in der Regel nachher schwerer als sie vorher waren, weil sie 
durch das Hinzukommen eines neuen Elementes kompliziert wor- 
den sind. Waren sie früher rein innerlich, so haben sie während 
der Verliebtheit nicht aufgehört zu existieren; sie waren nur 
nach außen projiziert und durch bessere Verteilung paralysiert. 
Beim Versagen dieser Balance werden sie schwerer, weil sie nun- 
mehr als Realkonflikte auf das Innere störend zurückwirken. 
Der gemeinsame Mechanismus, der diesen Störungen in der 
Wechselbeziehung von Innen und Außen zugrunde liegt, ist 
folgender: Gleichgültig ob wir im Liebespartner mehr einen 
Repräsentanten unserer Triebregungen oder unserer Hemmungen 
finden, in jedem Falle ist er ein Schutzmittel gegen eine zu 
weit gehende Selbstentfaltung nach der einen oder anderen 
Seite. Diese Schutzrolle des Partners, die auch in meiner Be- 
zeichnung als Hilfs-Ich zum Ausdrucke kommt, geht aber sehr 
leicht in die Rolle eines Hindernisses über, insbesondere wenn 
das Gleichgewicht durch das Hilfs-Ich hergestellt wurde, und 
wir glauben, daß wir es nicht mehr brauchen. In diesem Falle 
wird der Partner aus einem Repräsentanten unseres Ich zu 
einem realen Hindernis desselben, gegen das sich das Trieb-Ich 



42 Verliebtheit und Projektion 

mit den gleichen Kräften wehrt, wie früher gegen die eigenen 
inneren Hemmungen. 

In solchen Situationen ruft man gewöhnlich ein neues 
•zweites Hilfs-Ich herbei, um sich gegen das erste zu schützen, 
■eventuell auch, um es gegen das erste einzutauschen. Dies sind 
•die berühmten Dreiecksituationen, die aber nicht nur im 
Verhältnisse von Mann und Weib, sondern auch bei Gleich- 
geschlechtlichen an der Tagesordnung sind, ja nicht notwendig ein 
sexuelles Verhältnis der Beteiligten voraussetzen. Die Zurück- 
führung solcher Dreiecksfälle auf die „Ödipussituation" bedeutet 
dann nicht viel mehr als die Feststellung der Tatsache, daß 
bereits das Kind gewöhnt war, mit solchen Hilfs-Ichen zu ope- 
rieren. Vom Standpunkte der Ich-Psychologie zeigt sich der 
folgende Mechanismus wirksam: In dem Maße, als das erste 
Hilfs-Ich aus einem Schutze zum äußeren Repräsentanten der 
inneren Hemmungen wird, bekommt das zweite Hilfs-Ich die 
Bedeutung eines Schutzes gegen das erste und wird zugleich 
der Repräsentant des eigenen Trieb-Ich, der Versuchungen. Mit 
anderen Worten, das Verlangen nach einem neuen Liebesobjekte 
scheint erschwert durch das Hindernis des früheren, ist aber 
In Wirklichkeit gerade dadurch bestimmt, daß das frühere zum 
„Hindernis" geworden war. Solche Dreiecksituationen sind dann 
das Zeichen dafür, daß innere Wandlungen, Verschiebungen vor 
sich gehen, die auch eine äußere Neuverteilung, d. h. aber eine 
neue Projektion nötig machen. Sie entsprechen also Übergangs- 
.stadien zu einer neuen Stufe der Ich-Entwicklung und sind Hilfs- 
mittel dazu. 

Dies erklärt, warum diese neue Einstellung immer mit 
Schuldgefühl einhergeht, das desto intensiver ist, je mehr der 
andere zur Rolle des Hilfs-Ich verwendet wird. Auf biologischer 
Stufe bezeichnet diesen Tatbestand der Begriff „Sexualobjekt", 
der bedeutet, daß der Andere ein bloßes Objekt zur Befriedigung 
des Sexualtriebes ist. Aber auch auf dieser Stufe müssen wir 
scheinbar den Sexualtrieb rechtfertigen, indem wir ihn als Zweck 
äut Fortpflanzung, zur Kinderzeugung interpretieren. Auf psycho- 
logischer Stufe, in bezug auf das Liebesobjekt erscheint die 
Rechtfertigung in der Entwicklung der eigenen Persönlichkeit 



Psychologische Interpretation des Sexuellen 43 

gegeben; sozusagen im Schaffen am Ich, anstatt in der Schöpfung 
des Kindes. 

Wie man sieht, nimmt die Sexualität im Seelenleben ver- 
schiedene symbolische Bedeutungen an und wird schließlich 
selbst psychologisch interpretiert. So z. B. wird maskulin und 
feminin nicht nur mit aktiv und passiv, stark und schwach, über- 
wertig oder minderwertig verknüpft, sondern, wie gesagt, auch 
psychologisch interpretiert. Eine wichtige Rolle spielt dabei die 
Auffassung des Intellektuellen als maskulin, des Emotionellen 
als feminin. Wir finden dann auf dieser Stufe an Stelle des 
biologischen Verhältnisses von Trieb und Hemmung das psycho- 
logische Verhältnis von Gefühl und Intellekt. Die Hemmungen 
richten sich nicht mehr gegen die Triebe, sondern gegen deren 
psychische Repräsentanz, die Gefühle. Nur werden diese noch 
sorgfältiger unterdrückt und verborgen als die Triebe, weil ihre 
einseitige Äußerung viel eher zur Enttäuschung führt und viel 
stärkeren inneren Schmerz als Reaktion verursacht. Die Trieb- 
befriedigung kann im sexuellen Akt wechselseitig gemacht, wenn 
nötig sogar erzwungen werden; zur Liebe aber kann man den 
andern bekanntlich nicht zwingen. Daher auch sexuelle Unbefriedi- 
gung nie so schmerzhaft ist wie einseitige unerwiderte Gefühls- 
äußerung. 

Dies erklärt die meisten Schwierigkeiten und Konflikte im 
Sexualleben der Menschen. Der Sexualtrieb ist nicht mehr rein 
biologisch, sondern steht viel mehr im Dienste der Ich-Strebungen 
als beim Tier. Daher vielleicht auch der wichtige Unterschied 
in bezug auf den tierischen und menschlichen Sexualtrieb: der 
erste ist auf bestimmte Perioden, die sogenannte Brunftzeit be- 
schränkt, das menschliche Sexualbedürfnis wird dagegen mehr 
von seelischen Faktoren bestimmt, die in der Ich-Psychologie 
wurzeln. So ist bekannt, daß viele Menschen aus einer Ent- 
täuschung im Ich zur Masturbation als einem Trost und Ersatz 
flüchten; dasselbe gilt aber auch oft genug vom Sexualakte mit 
einer anderen Person und ist z. B. in der Homosexualität, be- 
sonders bei Männern, deutlich zu sehen. Eine solche Verwen- 
dung der Sexualität ausschließlich oder vorwiegend im Dienste 
des Ich ist aber meistens unbefriedigend, und zwar sowohl für 
das Ich, als auch für den Sexualtrieb. Für das Ich, weil die 



44 



Verliebtheit und Projektion 



Sexualität in diesem Falle nur wie ein temporäres Seditiv wirkt, 
für die Sexualität unbefriedigend, weil das wesentliche Moment 
der Befriedigung, die Gegenseitigkeit des Gefühls fehlt, die an 
die Hingabe an das Objekt gebunden ist. 

Das Hauptsymptom, in dem sich diese Unbefriedigung äußert, 
ist das Schuldgefühl, das dann sekundär die verschiedenartigsten 
Symptome erzeugt, die man früher als „neurasthenisch" be- 
schrieben hat. Es ist also nicht, wie Freud zuerst glaubte, 
die Unterdrückung des Sexualtriebes, die Schuldgefühl und Angst 
macht, sondern es ist die falsche Verwendung oder, wenn man 
will, der Mißbrauch, den das Ich mit der Sexualität treibt, was 
das Schuldgefühl erzeugt. Auch hier, wie überall, erweist sich 
das Schuldgefühl als ein ethischer Index für den Grad des zu 
weit getriebenen Egoismus. Auf biologischer Stufe entspricht 
dem Schuldgefühle die Angst, ebenfalls als ein Index der Ge- 
fahr, in die sich das Ich begibt oder in der es sich befindet. 

Betrachten wir diese allgemein biologischen, psychologischen 
und ethischen Reaktionen des Menschen gesondert für die bei- 
den Geschlechter, so können wir etwa folgende Hauptunter- 
scheidungen machen, die natürlich im einzelnen Falle nicht 
immer scharf gesondert anzutreffen sein mögen. Gehen wir 
zurück auf unsere Unterscheidung zwischen der biologischen 
Aktivität und Passivität und der charakterologi sehen, die wir 
als Trieb-Ich und Hemmungs-Ich bezeichnet haben, so können 
wir in bezug auf Mann und Weib folgendes sagen: Bei der 
Frau wird im allgemeinen der Konflikt zwischen den beiden 
größer und ihre Harmonisierung schwieriger sein als beim Manne. 
Der Grund ist, wie wir ausgeführt haben, weil bei der Frau 
die Aktivität des Trieb-Ich durch die Passivität des biologischen 
Ich gehemmt oder paralysiert wird. Der Ausgleich, den die 
Frau im Liebesleben mit dem aktiven männlichen Partner nor- 
malerweise findet, wird aber in unserem Kulturmilieu dadurch 
erschwert, daß die sozialen Ansprüche und Forderungen den Mann 
charakterologisch immer mehr hemmen, so daß sich schließlich 
zwei passive Iche gegenüberstehen, die einander mehr hemmen 
als ergänzen. 

Mit anderen Worten, wir sehen, daß beim Menschen das 
biologische Ich von dem charakterologischen Ich so überwuchert 



Die Bedeutung des Feminismus 45 

und beherrscht wird, daß sein Triebleben in der einfachen 
biologischen Sexualrolle keine Befriedigung mehr findet. Es muß 
etwas anderes hinzukommen, um das Sexualleben auch vom 
charakterologischen und ethischen Standpunkte akzeptabel und 
befriedigend zu machen. Und dies ist die Liebe, die sozusagen 
die Disharmonien zwischen dem biologischen und dem charakte- 
rologischen Ich gefühlsmäßig ausgleicht und ethisch rechtfertigt. 
Im Falle des Mißlingens sehen wir Angst und Schuld als die 
biologischen bzw. ethischen Äquivalente von Triebhemmung und 
Gefühlshemmung resultieren. In einfachen Worten: der Kon- 
flikt besteht darin, daß Mann und Weib in bezug auf ihre Ich- 
Psychologie, also Charakterbildung, Gefühlsleben und ethische 
Anschauungen im wesentlichen gleich geworden und nur bio- 
logisch verschieden geblieben sind. In dem Maße aber, als das 
Seelische und Charakterologische im menschlichen Leben be- 
deutsamer geworden ist als das Biologische, sind auch Mann 
und Weib als Individualitäten, als Persönlichkeiten einander 
viel ähnlicher geworden. Diese charakterologische Ähnlichkeit 
erschwert dann die biologische Ergänzung im Sexualleben und 
bringt alle die Konflikte mit sich, die wir im Sexualleben und 
im sozialen Leben zwischen Mann und Frau so stark anwachsen 
sehen. 

Dies erklärt meiner Ansicht nach den ganzen Feminismus, 
alle sogenannten Männlichkeitsstrebungen der Frau, über die 
soviel gesprochen, geschrieben und gestritten wird. Es heißt, 
die Frau will dem Manne ähnlich werden, gleich sein. Mir 
scheint, daß beide Teile recht und unrecht haben, indem sie 
das eigentliche Problem nicht berühren. Ich glaube, die Frau' 
ist tatsächlich dem Manne im oben besprochenen Sinne be- 
reits ähnlich oder gleich geworden und ihre sogenannten Männ- 
lichkeitsbestrebungen sind nur ein äußeres Zeichen, wenn man 
will ein Symbol für diese psychologische Gleichheit. Der ganze 
Streit verliert seine Spitze, wenn man die feministische Forde- 
rung in eine feministische Feststellung kleidet. Nicht: wir wollen 
dem Manne gleich sein, sondern wir sind ihm gleich — und 
wollen daher die gleichen Rechte. Diese „Rechte" sind aber 
seelische, nicht soziale, d. h. die Frau hat die gleichen Rechte 



46 



Verliebtheit und Projektion 



in bezug auf ihr Gefühlsleben, weil dieses von denselben Ge- 
setzen des Ich beherrscht wird wie das des Mannes. 

Aber nicht nur auf diese sozialen Seiten in der Beziehung 
der Geschlechter wirft diese Auffassung ein neues Licht, sondern 
auch auf gewisse Erscheinungen des Sexuallebens, die für un- 
sere Zeit charakteristisch sind. Ich meine vor allem das un- 
zweifelhafte Überhandnehmen der sogenannten Homosexualität, 
im weiteren Sinne des Wortes, nämlich des Zusammenlebens 
gleichgeschlechtlicher Personen in einer Liebesverbindung, die 
alle Charakteristika der Ehe in sich hat. Wir verstehen diese 
starke Tendenz im Sexualleben unserer Tage auf Grund der 
eben vorgetragenen Auffassung. Mann und Weib sind psycho- 
logisch einander zu ähnlich geworden, so daß sie sich, wie ge- 
sagt, biologisch nicht mehr gut ergänzen. Ja, im Gegenteile, wo 
früher die biologische Verschiedenheit einen komplementären An- 
ziehungs- und Ausgleichspunkt bildete, da wird sie jetzt als 
Hindernis der vollkommenen — auch biologischen — Gleich- 
heit empfunden, die man nun im gleichen Geschlecht sucht und 
findet. Solche Verbindungen sind daher oft seelisch befriedigen- 
der und ethisch einwandfreier als ähnliche Verbindungen zwi- 
schen verschiedenen Geschlechtern. Sie sind aber nicht frei 
von Konflikten, die hier aus der biologischen Unbefriedigung 
folgen, während sie im heterosexuellen Liebesleben häufiger 
aus der seelischen Unbefriedigung stammen. 

Wir haben in der Diskussion des Liebesproblems historische 
Gesichtspunkte nicht vermeiden können, indem wir z. B. von 
den Erscheinungen des Liebeslebens unserer Tage, im sexuellen 
und sozialen Sinne, sprachen. Dieser historische Gesichtspunkt 
ist deshalb unvermeidlich, weil die Liebe, wie wir sie psycho- 
logisch verstehen, eine historisch späte Entwicklung im mensch- 
lichen Leben ist und nicht wie die Sexualität zu den biologischen 
Fundamenten unseres Daseins gehört. Es kann hier nicht un- 
sere Aufgabe sein zu verfolgen, wann und wie die Liebe ent- 
standen ist. Sicherlich hat eine lange Periode, die fast über 
das ganze Altertum reicht, die Liebe in unserem Sinne nicht 
gekannt. Aus unseren Ausführungen über den Mechanismus 
der Verliebtheit, der zur Liebe in unserem Sinne führt, ersehen 
wir, daß es dieselbe Entwicklung zur Individualität, zur Person- 



Verliebtheit und Persönliehkeitsgestaltung 47 

lichkeit, zur Gleichheit im seelischen und charakterologischen 
Sinne ist, was zu der für unsere Zeit charakteristischen Äuße- 
rungsform der Verliebtheit führt. Wir sagten, der wesentliche 
Mechanismus der Verliebtheit sei die Projektion. Das heißt aber 
nichts anderes als das eigene Selbst im Andern finden zu wollen, 
auch wenn es nicht dort existiert. Wo diese Projektion erfolgreich 
ist, da ergibt sie das Maximum an Glücksgefühl, weil der Part- 
ner das Ich dann auch biologisch ergänzen darf, wenn er ihm 
vorher psychologisch gleich gemacht wurde. Mißlingt die Pro- 
jektion, so ergeben sich all die schweren Störungen im seelischen 
Gleichgewichte der Menschen, die sich als Fehlanpassungen im 
Liebesleben oder sozialen Leben manifestieren. 






Anpassen und Schaffen. 

„Das Da ist älter als das loh." 

Nietzache. 

In der genetischen Psychologie hahe ich zu zeigen ver- 
sucht, wie sich das Ich genetisch aus dem Verhältnisse zum 
Objekt entwickelt und welche typischen Formen und Reaktions- 
weisen (Mechanismen) es auf Grund dieser Entwicklung im 
Innern aufbaut. Dies hat uns schließlich zu einer Synthese in 
der Charakterlehre geführt, die wir als das Grenzgebiet der gene- 
tischen und der konstruktiven Psychologie betrachtet haben. 
Der Charakter, wie er sich ursprünglich aus Identifizierungen 
aufbaut, ist ein Produkt, das Resultat der Ich-Entwicklung. Auf 
der anderen Seite wirkt sich der Charakter in seinen Mani- 
festationen objektiv aus, bestimmt und beeinflußt also die Ein- 
stellung und die Reaktionen des Ich zur Außenwelt. 

In der Analyse des Verliebtheitszustandes haben wir dann 
den ersten Versuch gemacht zu zeigen, wie der fertige Cha- 
rakter des Menschen, die vollentwickelte Persönlichkeit, sich 
zu einem bestimmten Objekte der Außenwelt im Liebesverhält- 
nisse verhält. Wir haben dabei nicht mehr wie im genetischen 
Teil auf das erste Verhältnis des Individuums zu einem Objekte, 
nämlich der Mutter, zurückgegriffen, sondern haben rein psy- 
chologisch nur mehr den charakterologischen Niederschlag der 
Mutter im Ich berücksichtigt. Dazu ist zweierlei zu bemerken: 
erstens, daß der vollentwickelte Charakter der Persönlichkeit 
weit mehr und vieles andere noch in sich schließt außer dem 
Niederschlage der mütterlichen Beziehung, nämlich vor allem 
die Entwicklung des eigenen charakterologischen Ich aus der 
Idealbildung; zweitens, daß daher auch der Niederschlag der 
mütterlichen Beziehung im Ich nicht als solche rein erhalten 
ist, sondern vermischt, entstellt, verarbeitet im eigenen Selbst. 

Mit der Betonung des rein Charakterologischen, insbesondere 



Das schöpferische Ich 49 

des Anteiles, den unser Selbst daran hat, ist aber zugleich das 
Konstruktive, wenn man will Schöpferische gegeben. Denn das 
Verhältnis des Ich zum Du ist nicht mehr eine bloße Wieder- 
holung des Kind-Mutter-Verhältnisses, sondern ist eine Neuschöp- 
fung dieses Verhältnisses durch ein bestimmtes Temperament, 
durch diesen individuellen Charakter, der selbst erst auf Grund 
dieses Kindheits Verhältnisses geschaffen wurde und sich dann 
im Liebesverhältnis schöpferisch auswirkt. Dies ist aber nur 
eine Seite seiner Funktion. Man könnte sie am besten als die 
schöpferische bezeichnen, weil sie tatsächlich das Du im 
Sinne des Ich umzuschaffen, ihm gleichzumachen sucht. Das 
Liebesleben, an dem wir diese schöpferische Funktion in seinen 
einzelnen Phasen zu zeigen versuchten, ist nicht nur das beste 
Beispiel dafür, sondern neben der Erziehung auch das einzige, 
das sich auf die Realität bezieht, während die sonstige schöpfe- 
rische Funktion auf das Phantasieleben, die Kunst beschränkt ist. 

In diesem Sinne könnte man das Liebesleben als die Sphäre 
bezeichnen, in der sich unser Schöpfungsdrang normalerweise 
auslebt, während die Kunst eine verwandte, aber nicht allgemein 
zugängliche Auswirkung dieses Schöpferdranges darstellt. Beiden 
Äußerungen ist gemeinsam das schöpferische Element, das wir 
psychologisch als die Tendenz definieren können, das Objekt, die 
Welt zu einem Ausdruck unseres Ich umzugestalten. In der Kunst- 
schöpfung kann sich dieser Drang ungehemmter ausleben, weil 
das wehrlose Objekt und die Materie als einzige Beschränkungen 
dem künstlerischen Persönlichkeitsstreben entgegenstehen, allem 
den vollen Stempel seines Ich aufzudrücken. Im Liebesverhältnis 
handelt es sich um einen viel komplizierteren Tatbestand, nämlich 
daß das Objekt eine ebensolche Persönlichkeit darstellt wie wir 
selbst und die gleichen schöpferischen Bestrebungen hat wie das 
eigene Selbst. Immerhin bleibt, wie wir ausgeführt haben, unter 
günstigen Umständen genug Spielraum, um das schöpferische Be- 
dürfnis zu befriedigen. Im ungünstigen Falle ergibt sich die 
mehr oder weniger einfache Lösung, das Liebesobjekt zu wech- 
seln, wenn es sich dem schöpferischen Willen nicht unterwirft. 

In beiden Fällen, in dem der Kunst und der Liebe, handelt 
es sich also um ausgesprochen schöpferische Funktionen des Ich, 
d. h. um den Versuch, dem Objekte den Stempel der eigenen 

Rank, Grundzüge einer genetischen Psychologie. II. 4 






50 



Anpassen und Schaffen 



Persönlichkeit aufzudrücken; in einem Falle dem wehrlosen, im 
anderen Falle dem lebendigen. Beiden Situationen gemeinsam 
ist der Mangel zur Anpassimg oder der Wille dazu. Er fehlt 
gänzlich in der Kunst, in der wir das sogenannte Freiwalten 
der schöpferischen Phantasie finden; er ist gering im Liebes- 
verhältnisse, wo wir ähnlich wie der Künstler die Wahl eines- 
geeigneten Objektes haben und im Falle dies nicht ausreicht, 
die Möglichkeit einer andern Wahl, eines Wechsels. In beiden 
Fällen jedoch handelt es sich um Veränderung der Realität, der 
Außenwelt durch unser Ich, im Sinne und im Dienste unserer 
Persönlichkeit. Die unausgesprochene und unerreichte Tendenz 
ist, das Objekt, die Welt zu einem Teil unseres Ich, unserem 
Ich ähnlich, gleichzumachen. 

Ganz anders verhält es sich, wenn wir von der Kunst als 
einem Ausnahmsgebiet und von der Liebe als einem Ausnahms- 
zustand auf das sogenannte normale Verhältnis des Individuums 
zum Anderen und zur Welt der Wirklichkeit im allgemeinen 
zurückgehen. Hier haben wir einen Prozeß vor uns, der das 
gerade Gegenteil von dem eben Beschriebenen darstellt und 
in dem unser Ich selbst sozusagen zur Rolle eines Hilfs-Ich der 
Realität gemacht wird. Es handelt sich um Personen oder Ob- 
jekte, im allgemeinen um Realitäten, die wir weder beliebig 
wählen noch beliebig ändern können. Um Faktoren, die mit- 
unter, ja sogar in der Regel, stärker sind als unser Ich, jeden- 
falls sich ihm nicht unterwerfen oder sich von ihm beeinflussen 
lassen. Oft genug trachten sie sogar unser Ich zu beeinflussen, 
zu verändern, einzuschränken. Es sind Faktoren, wie Milieu 
im allgemeinen und starke Persönlichkeiten im besonderen, die 
uns den Stempel aufdrücken wollen, jedenfalls aber uns zur 
Anpassung zwingen. 

Wie man leicht sieht, gehört hieher alles, was wir unter 
Erziehung im besonderen und harter Schule des Lebens im all- 
gemeinen verstehen: von den ersten mütterlichen Versagungen 
und Entwöhnungen angefangen bis hinauf zu den Lebenserfah- 
rungen und Schicksalen des gereiften Mannes. Ebenso alles, 
was wir im Sinne von Erziehung und Therapie als Hilfsmittel zur 
Anpassung behandeln werden. Um aber die psychologische und 
konstruktive Bedeutung dieser Funktion des Sozialen besser 






Die Beziehung des Ich zum Du 51 

zu verstehen, müssen wir ihre Mechanismen zunächst wieder 
in einer bestimmten Situation studieren, wo sie sich zwar ein- 
seitig und verzerrt, aber eben darum deutlich sichtbar offen- 
bart. Es ist dies wiederum das Liebesverhältnis, das zwar 
seiner Natur nach ein Minimum an Anpassung erstrebt, aber 
darin, wie erwähnt, nicht so erfolgreich ist wie die Kunst, weil 
es sich dabei um eine zweite Persönlichkeit handelt, die eine 
besondere Art der Anpassung erfordert. 

Der einfachste Fall liegt im rein biologischen Verhältnisse 
der Geschlechter vor. Hier bedeutet Anpassung nichts anderes 
als Ausübung der geschlechtlichen Rolle für den einen und 
Akzeptierung der eigenen geschlechtlichen Rolle für den anderen. 
Im Augenblick aber, wo wir das rein biologische Gebiet ver- 
lassen — und das müssen wir beim menschlichen Liebesleben 
— komplizieren sich die Verhältnisse in der bei der Verliebtheit 
beschriebenen Weise. Während wir aber in unserer bisherigen 
Betrachtung des Liebeslebens die rein subjektive schöpferische 
Seite betont haben, wollen wir nunmehr die andere Seite, die wir 
als Anpassung bezeichnen, in ihren Wirkungen auf das Ich 
und Rückwirkungen von da auf das Objekt verfolgen. Wir werden 
dabei auch zu zeigen haben, wie erst die Vereinigung dieser 
beiden Elemente, des schöpferischen und des anpassenden zu 
dem führt, was man als Verhältnis zwischen Ich und Du, 
also als Basis unseres sozialen Lebens und unserer Einstellung 
zur Welt im allgemeinen bezeichnet. 

Es ist also die Herstellung des Verhältnisses oder besser 
gesagt eines bestimmten Verhältnisses zwischen Ich und Ob- 
jekt, was über Erfolg oder Mißerfolg der Anpassung, in extremen 
Fällen über Krankheit und Gesundheit, und nicht zuletzt über 
Glücklichsein und Unglücklichsein entscheidet. Welcher Art ist 
nun dieses Verhältnis und wie wird es hergestellt? Zur Be- 
antwortung dieser Frage müssen wir auf die zwei Grundtatsachen 
unseres Seelenlebens zurückgehen, die wir als • Projektion und 
Identifizierung beschrieben haben. Mit Bezug auf das vorliegende 
Problem des Verhältnisses von Ich und Objekt könnte man sagen, 
daß die beiden erwähnten Mechanismen selbst Repräsentanten, 
ja geradezu Manifestationen dieses Dualismus von Ich und Welt 
sind. Die Projektion, ein ausgesprochener Ich-Mechanismus, die 






52 Anpassen und Schaffen 

Identifizierung, ein ausgesprochener Objekt-Mechanismus. So- 
weit wäre der Sachverhalt einfach, — und ist es auch in primi- 
tiven Verhältnissen — wenn nicht mit der Entwicklung der 
menschlichen Individualität und zugleich des menschlichen In- 
tellektes diese Vorgänge mehr und mehr kompliziert würden. 
Der primitive Mensch projiziert bekanntlich sein Ich oder Teile 
seines Ich in die Götter-, Geister- und Heroenwelt als eine glaub- 
würdige Realität und dies stört seine Anpassung an die Wirk- 
lichkeit nicht im geringsten, im Gegenteile, scheint sie zu er- 
leichtern und zu vereinfachen. Wir haben nicht nur dasselbe 
Projektionsbedürfnis, sondern mit der Entwicklung der Persön- 
lichkeit ist das Bedürfnis gewachsen, den Dingen den Stempel 
unseres Ich aufzudrücken. Anderseits hat unsere intellektuelle 
Entwicklung uns den naiven Ausweg einer Projektion in den 
Himmel versperrt. Und so ist uns nichts übrig geblieben als 
die Kunst — in Form einer konventionellen Scheinwelt, an 
deren Realität wir nicht glauben — und ein anderer, weniger 
angenehmer Ausweg, der uns zum Problem der Realanpassung 
und ihrer Fehlentwicklungen zurückführt. 

Und dieser Ausweg oder besser Umweg ist folgender: Auf 
der einen Seite das verstärkte Projektionsbedürfnis unseres indi- 
vidualistischen Ich, auf der andern Seite die versperrte Projek- 
tion in eine Scheinrealität — mit Ausnahme des Restes davon, 
den die Kunst darstellt — , zwingt zu einem neuen Weg. Es 
wird nunmehr das eigene Ich in die Welt der Wirklichkeit 
projiziert — anstatt in den Himmel oder in die Kunst — und 
schafft dort im Zusammenstoße mit den Realitäten, die un- 
serem Ich fremd sind, Konflikte, die nach neuen Lösungen ver- 
langen. Hier zweigt ein breiter Weg in die Technik ab, als 
einem Mittel, die widerstrebende Realität unserem Willen zu 
unterwerfen. Wir lassen dieses interessante Thema bier bei- 
seite und wollen nur darauf hinweisen, daß der Mensch in seine 
technischen Erfindungen und Einrichtungen in einem unglaub- 
lich hohen Maße sein eigenes Ich, körperlich und seelisch, hinein- 
projiziert. 

Was wir hier weiter zu verfolgen haben, ist die Projektion 
des Ich auf den Nebenmenschen im allgemeinen und das Liebes- 
objekt im besonderen, die in der menschlichen Geschichte schein- 






Projektion und Idealisierung des Ich 53 

bar dort einsetzt, wo die Idealisierung des Ich in Göttern und 
Heroen durch die intellektuelle Desillusionierung unmöglich ge- 
macht wurde. Das Bedürfnis blieb bestehen und warf sich nun 
auf den Nebenmenschen, in den man nun sein Ich projizierte, 
sein Ideal finden wollte. Dies führte zur Liebesbeziehung. Aber 
so wie die griechische Vermenschlichung des Götterideals, wie 
wir sie in der Homerischen Heroenschilderung sehen, die Ein- 
leitung zu einer Götterdämmerung war, die wir erst nach jahr- 
hundertelangem Kampf im christlichen Gottmenschen herein- 
brechen sehen, so wird vielleicht einst die neue Psychologie 
auch diese letzte menschliche Projektion, die Liebe als Illusion 
des Ich, entlarven. 

Vorläufig aber befindet sich das Liebesproblem noch im 
Zustande der „Dämmerung", d. h. in simplen Worten, wir haben 
es mit all den Schwierigkeiten und Konflikten in der Anpassung 
an das Liebesobjekt und damit die Realität im allgemeinen 
zu tun. Zu ihrem Verständnisse kehren wir zum Grundschema Pro- 
jektion — Identifizierung zurück und fragen uns nach der Wechsel- 
wirkung dieser beiden, das Innen und Außen repräsentierenden 
Instanzen, zur Erreichung der Anpassung. Wir sehen dabei zweier- 
lei: das unausgesprochene und nie erreichte Ziel der Projektion 
ist, das Objekt dem Ich absolut gleich und so eine Anpassung 
überflüssig zu machen. Der extreme Sinn der Identifizierung 
ist, das eigene Ich dem Objekte gleichzumachen und auf diesem 
Wege die erwünschte Identität herzustellen, die ein Minimum 
an Anpassung erfordert. Keines von beiden ist natürlich je 
erreichbar. Aber wir erkennen in den beiden Tendenzen deutlich 
die zwei beschriebenen Typen wieder: die Projektion entspricht 
dem impulsiven, männlichen, sadistischen Typus; die Identifizie- 
rung entspricht dem passiven, gehemmten, weiblichen masochi- 
stischen Typus. Diese Unterscheidung hat folgende wichtige 
Nebenbedeutung, die gleichzeitig erklärt, in welchen Fällen Pro- 
jektion oder Identifizierung nicht gelingt und zu Fehlanpassung 
führt. 

Beide Mechanismen haben, wie gesagt, die Tendenz, die 
Unterschiede zwischen den beiden Individuen auszugleichen und 
eine Identität herzustellen. In beiden Fällen aber ist ein ge- 
wisses Maß von Gleichheit oder Ähnlichkeit im Andern die Vor- 



54 



Anpassen und Schaffen 



aussetzung für Projektion oder Identifizierung. Diese Voraus- 
setzung ist deutlicher bei der Identifizierung, die nach Freuds 
erster Definition dieses Vorganges auf etwas wirklich gemeinsam 
Existierendem zwischen den Beiden beruht. Von einem Mehr 
oder Weniger dieses wirklich gemeinsam Existierenden hängt 
aber Art, Grad und Erfolg der Identifizierung ab. Ist zuviel ge- 
meinsam, so wird das Ich in eine zu komplette Identifizierung 
gerissen und verliert sich selbst leicht darin. Ist zu wenig ge- 
meinsam, so muß das Fehlende durch Projektion ergänzt wer- 
den. Dies ist aber ein unsicherer Faktor, wie das Liebesleben 
deutlich lehrt. Denn mit einer Veränderung, einer Entwicklung 
des Ich, ändert sich auch die Projektion desselben und damit 
gerät die auf ihr beruhende Identifizierung ins Schwanken. Beim 
Projektionsmechanismus selbst ist daher ein Zuviel oder Zu- 
wenig noch gefährlicher als bei der Identifizierung. Mit anderen 
Worten: beruht das Verhältnis nur auf Identifizierung, so findet 
das schöpferische Projektionsbedürfnis keine Befriedigung und 
sucht nach anderen, oft pathologischen Auswegen; ist nichts Ge- 
meinsames vorhanden, sondern wird es durch Projektion im 
andern erst geschaffen, so führt dies zur reinen Illusion und 
bald zur vollkommenen Enttäuschung. 

Verfolgen wir nun nach dieser dynamischen Schilderung 
der konstruktiven und destruktiven Wirkungen dieser Mechanis- 
men ihre genetische Entwicklung, so finden wir folgendes: beim 
Kinde mit seinem schwach entwickelten Ich fast keine Projek- 
tion, aber sehr viel Identifizierung, die „auf dem gleichen ätio- 
logischen Anspruch" (Freud) beruht. Das heißt, das Kind hat 
potentiell all die Möglichkeiten in sich, die Fähigkeiten zu ent- 
wickeln, die es am Erwachsenen sieht und durch Nachahmung 
bzw. Identifizierung lernt. Des Kindes Anpassung ist also in 
unserem Sinne eine passive, rezeptive, auf Identifizierung be- 
ruhende. Es ist die Art der Anpassung des Schwächeren, die 
man „masochistische" nennen könnte, weil sie nicht auf Be- 
wältigung des Objektes ausgeht, sondern auf Unterwerfung unter 
dasselbe beruht. Mit anderen Worten, das Ich wird dem Ob- 
jekt ähnlich oder gleichgemacht. Die Pubertät mit ihren Sturm- 
und Drangsymptomen ist der erste Befreiungsversuch des Indi- 
viduums vom Joch des Identifizierungsmechanismus, als dessen 



Projektion und Identifizierung 55 

Symbol die Eltern-Imagines erscheinen. Daher die Revolte auf 
sozialem und sexuellem Gebiete, die die Pubertät mit sich bringt; 
daher auch die erste Verliebtheit, wie ich ausführte, durchaus 
nicht ein Suchen oder Wiederfinden der elterlichen Imagines 
ist, sondern ein Suchen und Finden des eigenen revoltierenden 
Selbst im andern gleichaltrigen oder besser gleichjungen Ich, 
häufig genug sogar auch desselben Geschlechtes. Im Erwach- 
senen endlich, mit der vollen Entwicklung der Persönlichkeit 
und ihrem Ausdrucksbestreben, ein harmonischer Ausgleichs- 
versuch in der Liebesbeziehung, die Elemente des alten elter- 
lichen Identifizierungsschemas mit den neuen schöpferischen An- 
sprüchen der Persönlichkeitsprojektion vereinigt. 

Auf dieser Stufe des reifen, vollentwickelten Liebeslebens 
finden wir jedoch Projektions- und Identifizierungsmechanismus 
in einem neuen konstruktiven Sinne wirksam. Die Identifizie- 
rung ist nicht mehr — oder sollte wenigstens nicht mehr — 
ein Abklatsch der infantilen Unterwürfigkeit dem Objekte gegen- 
über sein. In anderen Worten, keine durch Hilflosigkeit be- 
dingte oder mit Gewalt aufgezwungene Identifizierung, sondern 
eine freiwillige, dem Ich entsprechende und vom Selbst mittels 
Projektion sanktionierte. Aber auch die Projektion ist eine vom 
Pubertätssturme verschiedene. Während es dort zuviel Projek- 
tion gab, wie in der Kindheit zuviel Identifizierung, so ist auf 
der reifen Stufe die Projektion ebenso auf realer Identifizierung 
basiert, wie die Identifizierung durch Projektion sanktioniert. 

Diese konstruktive Entwicklung von Projektion und Identi- 
fizierung, als Repräsentanten der Ich- und Objekt-Beziehung, zum 
wechselseitigen Liebesverhältnis äußert sich aber auch auf ver- 
schiedenen Stufen des Seelenlebens sowie in anderen mensch- 
lichen Beziehungen. Das heißt, wir können diesen Entwicklungs- 
prozeß als ein Fortschreiten vom Identifizierungscharakter zur 
Persönlichkeitsgestaltung, von der Anpassung zur Schöpfung be- 
schreiben. War das unbewußte Streben der reinen Projektion 
früher die Herstellung einer Identität, so ist jetzt in der Beziehung 
zum Andern das Resultat Anpassung. Anstatt den Andern in 
unserem Sinne umschaffen, uns gleichmachen zu wollen, sind 
wir imstande, ihn zu akzeptieren wie er ist, d. h. uns selbst 
mittels der Identifizierung anzupassen. Das Resultat dieses Be- 



56 Anpassen und Schaffen 

strebens ist die Herstellung der „Beziehung". Das Mittel dazu 
ist auf dieser Bewußtseinsstufe das Verständnis, das auf Ein- 
fühlung beruht und der unbewußt erfolgenden Identifizierung 
entspricht. Diese Akzeptierung des Andern ist nur möglich, 
wenn wir zuerst uns selbst, d. h. unser wahres Selbst akzep- 
tieren können, anstatt es auf den Anderen projizieren zu müssen. 

Statt dessen können wir auf dieser Stufe das reale Objekt 
so wählen, daß es unserem inneren Bedürfnis entspricht, ohne 
zuviel Projektion oder Identifizierungsaufwand zu erfordern. Hie- 
bei ergeben sich drei Möglichkeiten: entweder das Objekt er- 
gänzt unser Ich im Sinne von Impuls oder Hemmung, oder es 
ist ein Abbild unserer gesamten Persönlichkeit, Impuls sowohl 
als Hemmung. Es scheint, daß das Verhältnis zum Ergänzungs- 
Ich zwar mehr Reibungs- und Konfliktsmöglichkeiten ergibt, 
daß es aber auch zur ständigen Anpassung zwingt und daher 
im Ganzen konstruktiver wirkt, wie es ja auch dem biologischen 
Gegensatz mehr entspricht. Das Verhältnis zum identischen Ich 
ist viel primitiver, vielleicht lustvoller, erfordert wenig Anpas- 
sung, wirkt aber sehr leicht destruktiv. In besonderen Fällen 
jedoch, wo es gelingt, den Mangel an äußerer Hemmung und 
entsprechender Anpassungsleistung durch innere Kritik und 
Entwicklung der eigenen Persönlichkeit zu paralysieren, kann 
eine solche Beziehung sich auch schöpferisch auswirken. 

Hier streifen wir das Problem der Beziehung von Charakter- 
typus und Liebeswahl zur Arbeit, mit anderen Worten nicht 
nur zur Anpassung, sondern zur sozialen Leistung, die sich 
unter Umständen zur schöpferischen steigern kann. Beginnen 
wir mit der schöpferischen Leistung, die unserer Untersuchung 
leichter zugänglich ist, so finden wir, daß dieses Verhältnis nicht 
so konstant ist, wie man erwarten sollte. Es kommt dies viel- 
leicht daher, daß der schöpferische Typus überhaupt viel mehr 
dynamisch ist und daher in seinen Beziehungen, sei es nun zu 
Menschen oder zur Arbeit, weniger konstant. Doch dürfte immer- 
hin so viel konstant sein, daß es sich in der schöpferischen Lei- 
stung, ähnlich wie im Liebesverhältnis, entweder um eine kompen- 
satorische Projektion eines Ich-Teils handelt oder um die Pro- 
jektion der gesamten Persönlichkeit. Vermutlich unterscheidet 
das die beiden schöpferischen Typen, die man als den Künstler, 



r 



Die soziale Leistung 57 

der aus innerer Not schafft und den Künstler, der aus Über- 
fülle schafft, unterschieden hat. Der erste, sogenannte roman- 
tische Typus, muß sich im Werk ergänzen; der andere klassische 
Typus drückt sich im Werk aus. Wie man sieht, entsprechen diese 
Typen aber wieder mehr dem subjektiven Projektionstypus und 
dem objektiven Identifizierungstypus. In Wirklichkeit sind je- 
doch diese Typen nicht scharf abgrenzbar, sondern es handelt 
sich dabei, wie bei jedem Typus, um ein Mehr oder Weniger. 
Jedenfalls zeigt sich eine deutliche Korrelation zwischen Leben 
und Werk. So kann z. B. ein bestimmter Schöpfertypus mit 
einem nicht bloß komplementären, sondern konträren Liebes- 
objekt ein Klassiker der Form sein, deren Inhalt romantisch ist. 
Mit anderen Worten, sein Werk zeigt den Zwiespalt, den seine 
Persönlichkeit vermissen läßt, während das Liebesobjekt weder 
identisch noch komplementär ist und so die ganze Persönlich- 
keitsprojektion ins Werk geht. Der entgegengesetzte Typus wäre 
der in der Persönlichkeit uneinheitliche, im Liebesleben stark 
projektive Typus, der im Werke seine Ergänzung findet und dies 
in klassischer Weise tut. Mit anderen Worten, er findet die 
Einheitlichkeit, die seine Persönlichkeit vermissen läßt, im Werke, 
während er in seinem romantischen Liebesleben nicht die Er- 
gänzung, sondern die Identität sucht, die er im Werke nicht 
findet. Mit Benutzung des Idealbegriffes könnte man den Sach- 
verhalt folgendermaßen beschreiben: der romantische Typus sucht 
sein Ich-Ideal im Werke, sein Ich im Liebesleben; der klassische 
Typus gibt sein Ich-Ideal im Werk und sein Ich im Liebesleben. 
Daher ist dieses banal, bürgerlich, das Werk dagegen wird roman- 
tisch verklärt und verherrlicht. Der Romantiker schätzt sein Werk 
so wenig wie sein Ich, verherrlicht aber dafür das Liebesobjekt. 
Gehen wir von dieser Betrachtung der extremen schöpferi- 
schen Typen zur durchschnittlichen sozialen Arbeitsleistung 
über, dann verschwinden oder verschwimmen all die genannten 
Charakteristika, und wir wüßten nicht, wie die sogenannte so- 
ziale Anpassung des Durchschnittsmenschen zustande kommt, 
wenn wir nicht ihre Störungen in den Fällen von Fehlanpassung 
studieren könnten. Es zeigt sich dann, daß es nicht so sehr 
auf die Art der Leistung und den Typus Mensch ankommt, son- 
dern auf die fundamentalen Mechanismen, die in allen Fällen 



58 



Anpassen und Schaffen 



die gleichen sind. Beim einfachen Kaufmanne, wie beim geistigen 
Arbeiter ist der Beruf genau so Ausdruck eines aus dem Charak- 
ter fließenden Persönlichkeitsstrebens wie beim schöpferischen 
Künstler. Ebenso ist auch die Beziehung zwischen dem Liebes- 
und Berufsleben in derselben Weise dynamisch determiniert. 
Nur neigt im allgemeinen der schöpferische Typus zu Kontras t- 
leistungen, Kompensationen, während es sich beim Durch- 
schnittsmenschen mehr um Parallelerscheinungen zwischen 
dem sozialen und Liebesleben handelt. Aber wiederum entspricht 
dieser Unterschied einem Überwiegen des Projektiven beim Künst- 
ler und des Identifikativen beim Durchschnitte. 

Mit anderen Worten, das Berufs- und das Liebesleben des 
Durchschnittsmenschen ist im großen ganzen auf Identifizierung 
aufgebaut. Der Sohn übernimmt oft genug tatsächlich den Beruf 
des Vaters, setzt gleichsam dessen Werk und Familienleben 
fort. Noch deutlicher die Tochter das Leben der Mutter. Diese 
Menschen kommen niemals über die Entwicklung dieses Identi- 
fizierungscharakters hinaus, sind aber infolgedessen besser an 
die Realität angepaßt. Gerät diese Anpassung aber einmal aus 
dem Gleichgewichte, so ist es fast unmöglich, ihnen zu helfen 
weil sie in sich selbst nicht die Möglichkeiten zur eigenen Per- 
sönlichkeitsentfaltung hatten oder haben. Im günstigsten Falle 

kann man ihnen eine neue Identifizierung geben, die jedoch 

selbst wenn sie gelingt — nicht sehr produktiv wirkt. Viele von 
den sogenannten „nervösen Zusammenbrüchen" sind tatsächlich 
solche Zusammenbrüche der alten Identifizierungen, die nicht 
durch inneren Aufbau der Persönlichkeit ersetzt werden konnten. 

Aber ebenso viele der sogenannten Neurotiker gehören dem 
anderen Typus an, d. h. sind — gleichgültig welchen Beruf 
sie ausüben mögen — schöpferische Typen in dem Sinne, daß 
sie in der Bildung und Entwicklung einer eigenen Persönlichkeit 
gescheitert sind. Diesen kann man nicht helfen, indem man sie 
in die alten Identifizierungen zurücktreibt oder ihnen neue Identi- 
fizierungsmöglichkeiten bietet, sondern nur, indem man ihnen 
hilft, über den toten Punkt ihrer Persönlichkeitsentwicklung 
hinauszukommen und ihr eigenes Selbst zu entdecken. Ich habe 
die Vermutung, daß die sogenannten inneren Krisen im Leben 
der Menschen dem Stadium ihrer Entwicklung entsprechen, in 



Liebestypen der Icheatwicklung 59 

dem die alten Identifizierungen unter dem Druck der eigenen Per- 
sönlichkeitsentwicklung zusammenbrechen, bevor diese noch 
stark genug ist, die ganze Last der neuen Persönlichkeit zu 
tragen. Daher diese Krisen so häufig eintreten, wenn der Mensch 
einen gewissen Erfolg im Leben erzielt hat, den er mit Recht sich 
selbst, seiner eigenen Persönlichkeit zuschreibt, da er nicht allein 
von den Identifizierungen getragen ist. 

Wie immer dies auch sei, jedenfalls sehen wir in diesen 
allgemeinen seelischen Krisen auch das Verhältnis zum Liebes- 
objekt ins Schwanken geraten und das Individuum nach neuen 
Lösungsmöglichkeiten suchen. Es genügt hier für unseren Zweck, 
wenn wir wieder nur die typischen Situationen herausgreifen 
und in ihrer Beziehung zu unserem Thema würdigen. Nach un- 
seren Ausführungen kann die Objektwahl des Menschen in dreier- 
lei Weise erfolgen: das Liebesobjekt ist entweder ein Mutter- 
Ersatz, oder ein Ich-Ersatz, oder schließlich eine Ich-Ergänzung. 
Der Mutter-Ersatz und die Ich-Ergänzung sind insofern verwandt, 
als sie zwei gegensätzliche Typen darstellen, die auch dem- 
entsprechend am Anfang und am Ende der Entwicklungsreihe 
stehen. Der Mutter-Ersatz ist libidinös, also eine positive Ich- 
Ergänzung, der Ich-Ersatz ist charakterologisch, also eine negative 
Ich-Ergänzung. Die erste entspricht einer Anpassung im primi- 
tiven infantilen Sinne der Unterordnung unter das Objekt, der 
Identifizierung mit demselben; die zweite entspricht einer wirk- 
lichen Anpassungsleistung im konstruktiven Sinne, indem mittels 
wechselseitiger Projektion und Identifizierung ein Ausgleich der 
Differenzen, d. h. also eine wirkliche Ergänzung erreicht wird. 
Zwischen diesen beiden Anpassungsmöglichkeiten, der positiven 
libidinösen und der negativen charakterologischen, liegt die Ob- 
jektwahl im Sinne eines kompletten Ich-Ersatzes, die gar keine 
Anpassungsleistung erfordert. 

Normalerweise entwickelt sich historisch das Ich vom Be- 
dürfnisse nach einem positiven Mutter-Ersatz, wie er der Kind- 
heit entspricht, über den narzißtischen Ich-Ersatz, wie er der 
Pubertät entspricht, zu der charakterologischen Ich-Ergänzung, 
wie sie der reifen Persönlichkeit entspricht. Natürlich handelt 
es sich in Wirklichkeit um Übergangs- und Mischformen und die 
Krisen in der Entwicklung vom Ich zur Persönlichkeit sind eben 



60 



Anpassen und Schaffen 



dadurch charakterisiert, daß man entweder im eigenen Innern 
nicht von dem früheren Typus frei werden kann oder die Schwie- 
rigkeiten der Neuanpassung im Objekte liegen. 

Dieser dreifachen Möglichkeit der Gefühlsbeziehung zum 
Liebesobjekt entspricht eine dreifache Möglichkeit in der all- 
gemein sozialen Beziehung des Menschen. Das wechselseitige 
Verhältnis dieser beiden kann, wie gesagt, entweder parallel 
oder konträr sein. Hier wollen wir nur die soziale Seite iso- 
liert betrachten. Wir sehen dann, wie bereits erwähnt, daß 
der Durchschnittstypus mehr auf Identifizierung beruht, der 
schöpferische Typus mehr auf Entwicklung und Objektivierung 
eines eigenen Ich-Ideals. Auf rein sozialem Gebiete finden wir 
den schöpferischen Typus als Führer, wie ihn der Mythus 
idealisiert als Helden darstellt. Wir betrachten auch den Führer 
hier nur als psychologischen Typus, gleichgültig ob er sich 
in der politischen Sphäre oder auf irgend einem anderen 
Gebiete betätigt. Der Führertypus in diesem Sinn ist ein 
schöpferischer, projektierter Typus, das, was man einen Willens- 
oder Tatmenschen nennt, einer, der sein Ich, seine Persönlich- 
keit nicht nur durchsetzen, sondern sie den andern aufzwingen 
will. Die Bedeutung des Führers in diesem Sinne für den Durch- 
schnitt ist sozusagen kompromißhaft, in dem Sinne, daß der 
Führer dem Durchschnitt die Persönlichkeitsbildung erspart, 
d. h. durch Identifizierung ermöglicht. Wäre nicht der Führer- 
typus von seinem inneren Drange nach Persönlichkeitsentwick- 
lung und Entfaltung getrieben, man könnte beinahe sagen, daß 
der Durchschnitt diese schwierige und peinvolle Persönlichkeits- 
entwicklung durch den Führer leisten lasse, wie es z. B. im 
Leiden Christi für die Menschheit zum Ausdrucke kommt. Der 
richtige soziale Führer aber, sei er nun Politiker oder Feldherr 
oder Fabriksherr oder irgend ein „Herr", läßt sich für diese 
Leistung, durch die die andern mittels Identifizierung profitieren, 
in der Regel gut bezahlen. Das heißt er benützt die andern und ihre 
Arbeitsleistung zur Stärkung und Erweiterung seines eigenen 
Ich. Auf sozialem Gebiet ist diese Rolle der „Hilfs-Iche", die 
für den Führer arbeiten, wohlbekannt und der ganze Klassen- 
kampf zeugt davon; er ist aber so verzweifelt wie vergeblich, 
weil er nur die physische und mechanische Arbeitsleistung auf 



Das Fiihrerproblem 61 

der einen, den materiellen Profit des Führers auf der andern 
Seite in Betracht zieht. Das Studium anderer menschlichen Be- 
ziehungen, wie z. B. des Liebesverhältnisses, lehrt uns aber 
auch im Führerproblem die Gefühlsseite erkennen. Im Liebes- 
oder Freundschaftsverhältnisse lassen wir den andern seelisch 
für uns arbeiten und profitieren davon für unsere eigene Ent- 
wicklung. Wenn wir dem andern dabei einen ähnlichen Dienst 
leisten können, so ist dieses Verhältnis ideal. Oft genug aber 
ist es so einseitig wie das von Führer und Geführtem oder 
von Herr und Knecht. Aber auch im Führerverhältnisse liegt 
nicht so viel Einseitigkeit als uns scheint. Der Führer selbst 
braucht die Anhänger nicht nur zur Arbeitsleistung, körper- 
lichen oder seelischen, sondern vor allem zur Rechtfertigung 
seines Schaffensdranges einerseits, anderseits als Material für 
denselben, so wie der Bildhauer den Ton oder der Maler Lein- 
wand und Farbe. Für den Durchschnitt wiederum, der sich 
dem Führer unterordnet, stellt die physische oder seelische 
Arbeitsleistung den Preis dar, den er bezahlt, um sich die Iden- 
tifizierung mit der Persönlichkeit des Führers zu erkaufen und 
so die eigene schmerzliche Entwicklungsleistung zu ersparen. 
Die Diskussion des Führerproblems in seiner sozialen und 
seelischen Beziehung leitet wieder zur psychoanalytischen Si- 
tuation zurück und von da zum Erziehungsproblem über. Wurde 
der Analytiker früher einesteils mit dem Partner in der Liebes- 
beziehung, andernteils mit dem elterlichen Erziehertypus ver- 
glichen, so ist er neuerdings (von Prinzhorn z. B.) mit dem 
Führer verglichen worden. Ich glaube, dieser Vergleich ist ebenso 
einseitig wie die beiden früheren. Der Analytiker ist oder soll 
wenigstens eine Verbindung von all diesem und darüber hin- 
aus noch etwas anderes darstellen, was nicht nur einer Kombi- 
nation dieser verschiedenen Rollen entspricht. Wir müssen die 
genauere Formulierung dessen, was der Analytiker repräsentiert 
und repräsentieren sollte, einer weiteren Analyse der analytischen 
Situation und der Rolle des Analytikers in ihr vorbehalten. Hier 
aber können wir in der analytischen Situation wie die Psychologie 
des Liebesverhältnisses und des Führerverhältnisses so auch die 
des Erzieherverhältnisses studieren und daraus neue konstruktive 
•Gesichtspunkte für diese wichtige Aufgabe ableiten. 



Erziehen und Beherrschen. 

,Icta habe sie geformt nach meinem Bilde, 
Ein Geschlecht, das mir gleich sei." 

Prometheus (Goethe) 

In der pädagogischen Situation sehen wir das Führerproblem 
in seiner reinsten Form, besonders wie es sich im Prototyp der- 
selben, im Elternverhältnisse, manifestiert. Der Führer ist darin 
von Anfang an der natürliche Herr und Gebieter der Situation, 
der Geführte ist von Anfang an in der natürlichen Rolle des 
Schwachen, Hilfs- und Lernbedürftigen: das ist das psycho- 
logische Verhältnis von Eltern und Kind, bevor das Kind in 
der Ödipussituation die erste Revolte gegen die dauernde Eta- 
blierung dieses gegebenen Anfangszustandes versucht. Das Kind 
ist auch in Verhältnissen, wo es sich nicht um vorzeitige körper- 
liche Arbeitsleistung oder um direkte Grausamkeitsakte von 
Seiten der Eltern handelt, in jenem Fall ein seelisch ausge- 
beutetes Objekt. Ist doch die Erziehung selbst, im engeren wie 
im weiteren Sinne, nichts anderes als ein Versuch des Erziehers, 
seine Persönlichkeit und seine Anschauungen dem Ich des Kindes 
aufzuzwingen. Die Rolle des Kindes ist so die eines Hilfs-Ich 
für die Eltern, die Eltern setzen die biologische Zeugung des 
Kindes in dessen charakterologischen Schöpfung fort. 

Wollen wir daher die pädagogische Situation voll verstehen, 
so müssen wir dem kindlichen Ödipuskomplex, der, wie gesagt, 
eine erste Revolte gegen die Vergewaltigung des eigenen Ich 
darstellt, den Komplex der Eltern gegenüberstellen, den wir 
am besten als Prometheuskomplex bezeichnen können. Dieser 
Prometheuskomplex ist nicht nur im griechischen Geistesleben, 
sondern auch in unserem Seelenleben ebenso wichtig, wenn 
nicht wichtiger, als der Ödipuskomplex. Während aber der Ödipus- 
komplex im wesentlichen auf Identifizierung beruht, ja geradezu 
— wenigstens im Sinne der Psychoanalyse — die Identifizie- 
rung selbst symbolisiert, ist der Prometheuskomplex nicht nur 






Der Prometheus-Komplex 63 

das Symbol des Schöpferdranges, sondern entsteht auch im 
Individuum schöpferisch, d. h. spontan, krisenhaft und nicht 
in Identifizierung mit den Eltern. Sein erstes Auftreten ist zwar 
ebenso krisenhaft wie das des Ödipuskomplexes, aber es ist 
ungleich diesem nicht zum Fehlschlagen verurteilt. Es erfolgt 
in der Pubertät, ist der Ausdruck der ersten Sturm- und Drang- 
periode und wird ebenso wie der Ödipuskomplex nur von wenigen 
Menschen überwunden. Die Überwindung erfolgt im schöpfe- 
rischen Typus, der den prometheischen Drang, Menschen 
— statt Götter — nach seinem Ebenbilde zu formen, in sich 
selbst und an sich selbst im Sinne der eigenen Persön- 
lichkeitsentwicklung entfalten und ausleben kann. 

Bevor wir den Begriff des Prometheuskomplexes einführen, 
ist es nötig zu sagen, wie wir ihn verstehen. Prometheus sym- 
bolisiert in der griechischen Mythologie die definitive Entwick- 
lung desjenigen Stadiums, welches wir als den ersten Schritt 
im Übergange von der naiven Projektion zur Identifikation und 
von da zur schöpferischen Leistung beschrieben haben. Pro- 
metheus symbolisiert so eine dreifache Rolle. Erstens maßt er 
sich an, daß er Menschen schaffen kann, genau so gut wie es 
die Götter können; er ist also selbst ein Gott oder, besser ge- 
sagt, ein Gott-Mensch, ein Heros. Seine Identifizierung mit dem 
schöpferischen Gott ist aber nichts anderes als die Rückgängig- 
machung der früheren Projektion, mittels der die Götter ge- 
schaffen worden waren. Es ist also die Entthronung der von 
Menschen geschaffenen Götter, an deren Stelle sich nun der 
Mensch selbst mit seiner vollentwickelten Persönlichkeit und 
ihrem Schöpferdrange setzt. 

Zweitens schafft Prometheus die Menschen nach seinem 
eigenen Bilde — gleichwie der Mensch früher die Götter er- 
schaffen hatte. Dies ist zwar in bezug auf die Menschen- 
schöpfung wieder ein Projektionsmechanismus, der aber vom 
früheren, der Gottschöpfung, verschieden ist. Es handelt sich 
um wirkliche Menschen, die nach der Schöpfung durch Pro- 
metheus ihr eigenes Leben leben und denen er selbst sich 
mittels Identifizierung anpassen muß. Drittens endlich schafft 
Prometheus nicht nur Menschen im allgemeinen nach seinem 
Ebenbilde, sondern auch das Liebesobjekt, die Pandora, wird 



■64 Erziehen und Beherrschen 

im Prometheusmythos im Sinne der Wunscherfüllung erschaffen. 
Diese Stufe entspricht, wie wir sehen, der schöpferischen Ten- 
denz der Persönlichkeit im Liebesleben: nämlich die Schöpfung 
•des Liebesobjektes durch Projektion im Sinne der Wünsche 
unseres Selbst. Zugleich aber ist Pandora, wie auch die andern 
Kreaturen, ein Kind, dem der Schöpfer seine eigenen Züge 
aufprägen will. 

Hierin liegt nach meiner Auffassung die Rechtfertigung für 
•die Bestrafung des Prometheus, dessen Fesselung eine Hemmung 
dieser überhebenden, hybriden Tendenzen seiner Persönlichkeit 
■darstellt. Nicht weil er den göttlichen Funken raubt, der ohne- 
hin menschliches Eigentum ist, wird er bestraft. Sondern weil 
■er damit denselben Mißbrauch treiben will, der den Göttern 
scheinbar gestattet war, und dem jeder Menschenschöpfer, Eltern, 
Erzieher oder Therapeuten so leicht verfallen: nämlich dem Ge- 
schöpf die eigene Persönlichkeit aufzuzwingen und es so zu- 
erst zu einem willigen Objekt und fernerhin zum Fortsetzer des 
■eigenen Ich zu machen. 

Wenn wir von diesem symbolischen Grundschema der päd- 
agogischen Situation zur Analyse ihrer Elemente zurückkehren, 
so finden wir, daß die beiden erwähnten Komplexe wieder nur 
Repräsentanten der mehr passiven, unterwürfigen Anpassungs- 
leitung mittels Identifizierung (im Ödipuskomplex) und der mehr 
aktiven, beherrschenden Schöpfung mittels Projektion (im Pro- 
metheuskomplex) darstellen. Wir sehen dann sogleich den fun- 
damentalen Unterschied zwischen der infantilen Situation, 
deren Symbol der Ödipuskomplex ist, der pädagogischen 
Situation, als deren Symbol wir den Prometheuskomplex 
eingeführt haben, und der analytischen Situation, die eine 
Verbindung von beiden und zugleich ein Etwas darüber hinaus 
darstellen soll. Der Unterschied ist, auf das Grundschema redu- 
ziert, folgender: In der infantilen Situation identifiziert das Kind, 
und die Eltern projizieren vorwiegend auf das Kind. In der 
analytischen Situation lassen wir den Patienten projizieren, um 
ihn sein Selbst erkennen und finden zu lassen, während der 
Analytiker sich auf die Identifizierung beschränken muß, die 
zum Verständnisse notwendig ist. Die pädagogische Situation 
ist, wie gesagt, in der Regel eine Fortsetzung der infantilen 






Die erzieherische Aufgabe 65 

Situation, nur daß an Stelle der Eltern die Lehrer treten, die 
mehr eine Führerrolle spielen oder spielen sollen. 

Was wir nun aus der analytischen Situation, die, wie man 
leicht sieht, eine Korrektur und nicht eine Wiederholung der 
infantilen Situation sein soll, für das Verständnis und die 
konstruktive Auswertung der pädagogischen Situation lernen 
können, ist folgendes: In der pädagogischen Situation sollte der 
Zögling vom Ödipuskomplex über den Prometheuskomplex zur 
Selbstführung erzogen werden. Ich möchte diese rein psycho- 
logische und schematische Formulierung im folgenden etwas 
näher erläutern. Der Prometheuskomplex ist eine gefühlsmäßige 
Reaktion auf die ödipussituation, mittels welcher das Indivi- 
duum dieselbe Vergewaltigung, die seinem Selbst von seiten 
der Eltern widerfahren war, auf seine Kinder, seine Geschöpfe, 
seine Untergebenen übertragen will. Vielleicht ist es nötig, daß 
das Individuum durch diese Phase hindurchgehen muß, auf 
der die meisten Menschen stehenbleiben, wenn sie überhaupt 
jemals über den Ödipuskomplex hinauskommen. 

Das ideale Ziel der Erziehung, wie wir es aus dem kon- 
struktiven Verständnis der analytischen Situation ableiten 
können, schließt jedoch nicht nur die Überwindung des Ödipus- 
komplexes im Prometheuskomplex, sondern auch die Überwin- 
dung des Prometheuskomplexes in der eigenen Persönlichkeits- 
gestaltung, die wir als Selbstführung bezeichnen möchten, 
in sich. Wenn wir die Terminologie unserer Charakterlehre an 
Stelle der bisher gebrauchten symbolischen Begriffe einführen, 
so können wir zu einer feineren Differenzierung der pädagogi- 
schen Situation und der daraus folgenden erzieherischen 
Aufgabe gelangen. Wir erkennen dann wieder, wie das drei- 
fache Grundschema des projektiven Typus sich in der pädagogi- 
schen Situation manifestiert. Der einfachen Möglichkeit, mit der 
wir bisher des leichteren Verständnisses wegen operiert haben, 
gesellt sich ein zweiter komplizierterer Mechanismus, der die 
eigentlich konstruktiven, aber auch destruktiven Möglichkeiten 
in sich schließt. Die Projektion der eigenen Persönlichkeit auf 
das Kind ist, besonders wenn es sich um die Eltern handelt, 
fast natürlich zu nennen, ist aber, wie leicht ersichtlich, eine 
sehr primitive Form der Erziehung, die auch nur in einfachen 

Rank, Grnndzüge einer genetischen Psychologie. II. 5 



66 Erziehen und Beherrschen 

Verhältnissen erfolgreich sein kann. Anders ist es, wenn der Er- 
zieher selbst eine uneinheitliche, gespaltene, zerrissene Persön- 
lichkeit ist, die entweder im ganzen oder in ihren komplemen- 
tären Teilkomplexen auf den Zögling projiziert wird. Dazu kommt 
die Gefahr, daß eine solche, wie wir sagen, „neurotische" Per- 
sönlichkeit im allgemeinen viel mehr zur Projektion neigen wird, 
und im besonderen zur Projektion der Teile der Persönlichkeit, 
die abgelehnt oder verworfen werden, weil sie untauglich oder 
unverwendbar sind. 

Aber auch wenn wir die konstruktiven Elemente, die un- 
zweifelhaft in der Natur der pädagogischen Situation liegen, 
im Licht unserer Auffassung betrachten, ergeben sich Möglich- 
keiten der Fehlleistung. Nehmen wir den einfachen Fall, daß der 
Erzieher dem Zögling nicht sein eigenes Selbst aufzwingt, 
noch sein verdrängtes Ich auf ihn projiziert, sondern daß 
er ihn zu einem Repräsentanten seines besseren, höheren Ich 
erziehen, mit einem Worte zu seinem Ich-Ideal machen will. 
Dies ist zweifellos ein konstruktives Element der pädagogischen 
Situation, das aber im wirklichen Leben auch nicht immer zum 
Erfolge führt. Die Schwierigkeiten können von beiden Seiten, 
der des Erziehers oder der des Zöglings, kommen; in der Regel 
handelt es sich um einen wechselseitigen Konflikt, bei dem der 
eine auf den andern reagiert. 

Betrachten wir zuerst die Schwierigkeiten auf Seiten des 
Erziehers, oder sagen wir besser hier des Führers, da diese 
Konflikte meist weit über die pädagogische Situation hinaus in 
die soziale Sphäre hineinreichen. Der Erzieher oder Führer, 
der im Zöglinge oder Schüler sein Ich-Ideal objektivieren und 
erreichen will, scheitert meist an dem Punkte, wo seine Be- 
mühung von Erfolg gekrönt zu werden scheint. Dies hängt nicht 
allein von seinem eigenen Ehrgeiz ab und von Neid oder Eifer- 
sucht auf den Jünger, sondern hat noch eine tiefere Ursache. Die 
Erreichung, die Verwirklichung des eigenen Ich-Ideals ist immer 
mit einer Enttäuschung verbunden, gleichgültig ob wir dieses 
Ideal in uns selbst oder in einem andern verwirklicht sehen; 
sie ist vielleicht im zweiten Fall aus den genannten Gründen 
stärker. Der Grund zu dieser Enttäuschung im Ich-Ideal ist der, 
daß psychologisch nur das Streben danach lustbetont ist, insoweit 







Die pädagogische Situation 67 

es das Ich projektiv entlastet; die Erreichung enttäuscht, weil 
sie die Projektion, d. h. eine Form der Entlastung des Ich, hemmt. 

Betrachten wir nun die Wirkung, welche die Projektion des 
erzieherischen Ich-Ideals auf den Zögling hat. Sie scheint im 
wesentlichen von zwei Faktoren abzuhängen: von der Stärke der 
Führerpersönlichkeit, von der Fähigkeit des Zöglings zur eigenen 
Persönlichkeitsbildung und vom Verhältnisse der beiden Persön- 
lichkeiten zueinander. Mit andern Worten: Sind beide stark, 
so wird der erzieherische Einfluß sich nur gegen Widerstand 
durchsetzen, aber auch wo es erfolgreich geschieht, wird die 
erzieherische Projektion nur dann konstruktiv wirken, wenn 
sie von einer ähnlich eingestellten Persönlichkeit des Schülers 
mittels Identifizierung akzeptiert werden kann. Ist die Persön- 
lichkeit des Schülers im Vergleiche zu der des Führers nicht 
stark genug, so kann diese Identifizierung dauernd werden. Sie 
entspricht aber dann nicht einer Fortentwicklung der Führer- 
persönlichkeit im Sinne der Idealbildung, sondern mehr dem 
biologischen Prototyp einer Fortsetzung, einer Ich-Erweiterung, 
nicht einer Ich-Entwicklung. Dort, wo das erzieherische Ver- 
hältnis in wirkliche Fortentwicklung im Sinne der Idealbildung 
übergeht, sind zwei Ausgänge möglich. Den einen haben wir 
bereits erwähnt: es ist die Enttäuschung des^Führers in der 
Erreichung, der Objektivierung seines eigenen Ich-Ideals. Die 
zweite Möglichkeit ist die, daß der Schüler über den Meister 
hinaus sich entwickelt, was entweder in direkter Fortentwicklung 
oder in komplementärer oder in konträrer Weise erfolgen kann. 

Nachdem wir kurz die dynamischen Elemente der pädagogi- 
schen Situation beschrieben und dabei die konstruktiven Seiten 
der erzieherischen Aufgabe hervorgehoben haben, wollen wir 
uns wieder den genetischen Querschnitt der Persönlichkeitsent- 
wicklung vor Augen führen. Der ursprüngliche Kern des eige- 
nen Selbst ist zweifellos das biologische Ich mit seinen ge- 
gebenen Triebanlagen. Hier ist die Stelle für das, was die 
Psychoanalyse in ziemlich fragmentarischer Weise als Anal-, 
Urethral-, Genital- und Oralcharakter beschrieben hat. Doch ist 
hiebei zur Ergänzung zu sagen, daß diese Charakterzüge sich 
nicht rein aus der Triebanlage heraus entwickeln, sondern unter 
dem starken erzieherischen Einflüsse der Eltern, im wesentlichen 

5* 



68 Erziehen und Beherrschen 

und hauptsächlichen der Mutter. In der frühesten Phase der 
Reinlichkeitserziehung haben wir die erste gewaltsame Pro- 
jektion von Seiten der Mutter, in der Unterwerfung des Kindes 
die erste starke Identifizierungsleistung zu erblicken. Dasselbe 
gilt, wenn auch vielleicht in geringerem Ausmaße, für die Oral- 
zone und in noch geringerem für die genitale. Das heißt, daß eine 
gewisse Rangordnung der erogenen Zonen und ihrer Funktionen 
in bezug auf Charakterbildung bzw. Persönlichkeitsentwicklung 
zu bestehen scheint. Je mehr zielbewußte, erzieherische An- 
strengung in bezug auf Kontrolle einer bestimmten erogenen 
Zone oder Funktion aufgewendet wurde, desto eher wird sich 
ein Charakterzug als direkte Triebfortsetzung oder im Sinn einer 
Triebhemmung entwickeln. Dies ist bekanntlich am meisten bei 
der Analzone der Fall, daher auch die sogenannten analen Cha- 
rakterzüge im analytischen Bild überwiegen; hauptsächlich die 
negativen, reaktiven (wie Trotz). Es ist schon weniger so mit 
der urethralen Funktion, was dann später für die genitale 
Funktion, die sich am selben Organ abspielt, von Bedeutung 
wird. Fast gar keine bewußte erzieherische Anstrengung wird 
gemacht, um die normale Funktion der oralen Zone einzuschrän- 
ken; es geschieht automatisch und allmählich durch den Prozeß 
der Entwöhnung. Nur die rein lustvolle und spielerische Funktion 
im Fingerlutschen wird direkt verboten. Auf der genitalen Stufe 
ist ein solches Verbot nicht so häufig, als man auf Grund der 
„Kastrationstheorie" anzunehmen geneigt wäre. Die meisten 
Eltern übersehen bekanntlich alle Äußerungen des Sexualtriebes 
in ihren Kindern, und wenn sie sie doch nicht verleugnen 
können, so sprechen sie nicht davon, nicht einmal in Form von 
Verboten oder Drohungen. Ich glaube, dies ist insofern gut, 
als es eine vorzeitige Hemmung des Sexualtriebes verhindert. 
Wenn die psychoanalytische Theorie den Eindruck macht, als 
sei das Sexualverbot oder, wie der Terminus lautet, das „Ka- 
strationstrauma" universal, so kommt dies daher, daß wir eben 
in der Analyse die Menschentypen sehen, bei denen das Trieb- 
leben eine frühzeitige Hemmung in irgend einer Form erfahren 
hat. Dies muß, wie ich bereits ausführte, nicht notwendigerweise 
ein direktes Sexualverbot von außen sein; es kann ebensogut 
eine Herübernahme von analen oder Urethralverboten auf die 



Sexualität und Perßönlichkeitsentwicklung 69 

genitale Stufe sein, eine Herübernahme, die das Individuum 
selbst mittels des Schuldgefühls vollzieht. 

In jedem Fall aber sehen wir eine ganz direkte Beziehung 
zwischen der analen Zone und der auf Identifizierung oder 
Reaktionsbildung beruhenden Charakterentwicklung auf der einen 
Seite und der genitalen Zone mit der Entwicklung der eigenen 
Persönlichkeit auf der anderen Seite. Das Sexualorgan, insbe- 
sondere das männliche, und die Sexualfunktion im allgemeinen 
sind viel mehr mit dem eigenen Selbst, mit Entwicklung und 
Ausdruck der eigenen Persönlichkeit verbunden, als irgend ein 
anderes Organ, ausgenommen der Mund, dem eine ähnlich 
bedeutsame Rolle, weniger im Sinne der Entwicklung der Per- 
sönlichkeit, als im Sinn eines Ausdrucksmittels derselben, zu- 
kommt (sprechen). Diese Beziehung des Sexualorganes und des 
Sexualtriebes zur Fähigkeit der Entwicklung und des Ausdruckes 
des eigenen Selbst, der Persönlichkeit — im Gegensatze zum 
anerzogenen Charakter — sehen wir in den verschiedensten 
Formen. Ihre bekannteste und seelisch bedeutsamste Mani- 
festation ist die Masturbation, deren konstruktive Bedeutung 
für die Entwicklung des eigenen Selbst nicht entsprechend ge- 
würdigt worden ist. In diesem Sinn ist die Masturbation nicht 
nur eine Revolte des Selbst gegen ein von außen oder von innen 
auferlegtes Verbot; sie ist auch eine Handlung des eigenen 
Selbst aus eigenem Antrieb und auf eigene Verantwortung. Mit 
andern Worten, die Sexualfunktion wird am wenigsten durch 
Erziehung beeinflußt, am wenigsten „gelernt", und die Erfahrung 
zeigt, daß sie — nicht zuletzt aus eben diesem Grunde — die- 
jenige Funktion ist, die die größte Rolle in der Entwicklung 
der Persönlichkeit spielt. Wir sehen diesen Zusammenhang positiv 
in großen Persönlichkeiten, Tatmenschen oder Künstlern, deren 
Sexualleben in der Regel viel freier und reicher als das des 
Durchschnittsmenschen ist. Wir sehen es negativ in den so- 
genannten Neurotikern, in deren Bild das Scheitern in der Per- 
sönlichkeitsentwicklung wie das Scheitern im Sexualleben die 
beiden hervorstechendsten Merkmale darstellen. Der Weg, ihnen 
zu beidem zu verhelfen, scheint mir jedoch nicht der zu sein, den 
die analytische Therapie bisher versuchte, sondern der umge- 
kehrte. D. h. es scheint mir schwieriger und ist sicherlich weniger 



70 Erziehen und Beherrschen 

erfolgreich, die therapeutische Anpassungsleistung auf sexuellem 
Gebiete zu versuchen. Nach meinen Erfahrungen gelangt man zu 
viel besseren, dauerhafteren und wertvolleren Resultaten, wenn 
man die Befreiung des Selbst, die Entwicklung der Persönlichkeit 
anstrebt, was in der Regel die sexuelle Anpassung automatisch 
mit sich bringt. 

Doch dies reicht bereits in das Gebiet der Therapie hinein. 
Was die Erziehung betrifft, so scheint es ein Vorteil im Sinne 
der Persönlichkeitsentwicklung zu sein, daß der Sexualtrieb von 
der Erziehung sozusagen ausgeschlossen und so dem eigenen Ich 
gleichsam zur Erziehung und Entwicklung überantwortet war. 
Es war fast die einzige Sphäre, über die dem Individuum die 
Kontrolle überlassen war, und es scheint, daß die moderne Er- 
ziehung dem Individuum selbst diese einzige und letzte Domäne 
der freien Selbstentwicklung und Selbstbestimmung streitig 
machen will. Man verweise nicht auf die zahlreichen und mit- 
unter schweren Konflikte, die dem Individuum auf diesem Ge- 
biete der Selbstentfaltung erwachsen, wie z. B. der typische 
Masturbationskonflikt. Diese Schwierigkeiten und Konflikte 
bleiben dem Individuum auch auf den andern Gebieten nicht 
erspart, wo Eltern und Erzieher die Initiative ergreifen und die 
Verantwortung tragen. Auf der andern Seite hat die Selbst- 
bestimmung und Selbstverwaltung, wie sie die Äußerungen des 
Sexualtriebes in der Kindheit und Pubertät charakterisiert, so 
viele konstruktive Elemente, daß man sich wohl überlegen sollte, 
in der sexuellen Aufklärung das alleinige Heil der künftigen 
Generation zu erblicken. Es kommt diese Einstellung wieder 
vom Studium der Neurotiker, die scheinbar vom Mangel an 
sexueller Aufklärung gelitten haben. Das heißt aber nur, daß 
ihre Individualität nicht stark genug war, diesen Mangel durch 
Eigenleistung auszugleichen; es heißt aber durchaus nicht, daß 
eine sexuelle Aufklärung in der Kindheit sie gesünder, stärker 
und erfolgreicher gemacht hätte. 

Die Sexualität scheint so das einzige Gebiet zu sein, auf 
dem die Erziehung noch nicht Fuß gefaßt hat und das infolge- 
dessen eine Art Naturpark im menschlichen Seelenleben ge- 
blieben ist. Wir sehen daher auch den Menschen in allen Si- 
tuationen, wo der äußere Druck zu stark oder die entsprechende 




Zur Frage der sexuellen Aufklärung: 71 

innere Hemmung zu intensiv wird, in der Sexualität den Aus- 
druck seines Selbst suchen und finden, den er auf andern Ge- 
bieten nicht finden kann. Der intensivste und konkreteste Aus- 
druck dieses Strebens ist die Zeugung und erzieherische Schöp- 
fung des eigenen Kindes, von deren Diskussion wir in diesem 
Abschnitt ausgegangen sind. Das Kind ist also Ausdruck des 
Persönlichkeitsdranges, bevor es geboren ist, insofern der Sexual- 
trieb, der Sexualakt selbst schon Ausdruck des Persönlichkeits- 
strebens sind. Aber nicht nur biologisch, auch psychologisch und 
charakterologisch ist es unvermeidlich, daß wir im Kinde unsere 
Persönlichkeit fortsetzen, da das Kind uns zur Identifizierung und 
zur Entwicklung der eigenen Persönlichkeit braucht. Das beste, 
was wir tun können, um dem Kinde neben der notwendigen 
Identifizierung auch die eigene Persönlichkeitsentwicklung zu 
ermöglichen, scheint mir die Freigabe des Sexualtriebes zu sein. 
Unter Freigabe des Sexualtriebes beim Kinde würde ich ver- 
stehen, vor allem das Fehlen einer sexuellen Erziehung oder 
sexuellen Aufklärung im systematischen Sinne des Wortes. Es 
sollte das Gebiet bleiben, auf dem das Kind forschen, speku- 
lieren, experimentieren und entdecken kann, ohne von Eltern 
und Erziehern kontrolliert oder geprüft zu werden. Ich meine 
natürlich nicht, daß man alle Heimlichkeit und Heuchelei in 
sexuellen Dingen beibehalten soll; aber ich glaube auch nicht, 
daß man in der sexuellen Erziehung und Aufklärung zu weit 
gehen darf, wenn man dem Individuum nicht dieses Mittel der 
persönlichen Selbstentfaltung versperren will. Es ist vielleicht 
in diesem Zusammenhang erwähnenswert, daß die meisten Kinder 
auf die sexuelle Aufklärung negativ reagieren. Das heißt sie akzep- 
tieren die Aufklärung nicht, wollen auf diesem Gebiete von 
den Erwachsenen nicht lernen, so lernbegierig sie auch sonst 
sein mögen; sie ziehen auf diesem Gebiete den schwierigen, 
aber scheinbar lustvolleren Weg der Selbstforschung vor oder 
holen sich ihr Wissen aus natürlicheren Quellen, als denen 
eines sexuellen Aufklärungsunterrichtes. 

Schließlich möchte ich noch ein, wie mir scheint höchst be- 
deutsames konstruktives Element der pädagogischen Situation 
hervorheben, dessen Würdigung für die Entwicklung des Kindes 
wie der Eltern wichtig ist. Das Kind muß gewiß vieles von den 



72 Erziehen und Beherrschen 

Erwachsenen lernen, sei es auf dem Wege der Identifizierung 
oder einer mehr bewußten systematischen Aneignung. Ebenso 
sicher ist aber, daß Eltern und Erzieher vom Kinde lernen 
können, ja lernen müssen, wenn das Kind ein lebendiger, wert- 
voller Faktor in ihrem Leben sein soll und nicht bloß ein Objekt 
zur Befriedigung egoistischer Regungen. Es ist gar kein Zweifel, 
daß das Kind unsere Persönlichkeit und deren Verhältnis zu 
andern Menschen, insbesondere zum Liebesobjekt, wesentlich 
beeinflußt. Es liegt zum Teil an den Eltern, diesen Einfluß des 
Kindes auf ihre Persönlichkeiten und deren Verhältnis zueinander 
zu einem günstigen, konstruktiven zu machen. 

Bevor ich erwähne, was wir vom Kinde lernen können, 
möchte ich sagen, wie wir vom Kinde lernen können. Ich meine 
damit den einzigen und für beide Teile besten Weg, nämlich 
den der Identifizierung. Auch hier können wir aus dem Ver- 
ständnis der analytischen Situation für die Verbesserung der 
pädagogischen Situation lernen. Wenn und insoweit wir im- 
stande sind, uns mit dem Kinde zu identifizieren, werden wir 
vor allem das Kind verstehen, dann aber auch gleichzeitig eine 
zu weitgehende Projektion unserer Persönlichkeit auf das Kind 
vermeiden. Diese Identifizierung mit dem Kinde betrifft — wieder 
ähnlich wie in der analytischen Situation — das Gefühlsleben, 
Wir verstehen das Kind so schlecht, wie es anscheinend der Fall 
ist, weil wir seine rein impulsiven und gefühlsmäßigen Äuße- 
rungen verstandesmäßig betrachten und interpretieren wollen. 
Dies ist unmöglich und führt nicht nur zum Unverständnis des 
Kindes, sondern, was noch ärger ist, zum kompletten Mißver- 
stehen seiner Äußerungen. Der Unterschied liegt nicht so sehr 
im Gefühlsleben selbst, sondern darin, daß dieses sich beim Kinde 
spontan äußert, während wir unser Gefühlsleben wie das des 
Kindes intellektuell motivieren, rechtfertigen und interpretieren 
müssen. 

Diesem Mißverstehen des kindlichen Gefühlslebens von Seiten 
der Erwachsenen steht ein anderes Phänomen gegenüber, dessen 
Berücksichtigung in der pädagogischen Situation ich für ebenso 
wichtig halte. Dies ist die unglaublich feine und psychologisch 
korrekte Reaktion des Kindes auf alle Gefühlsäußerungen der 
Erwachsenen, so sehr sich diese auch bemühen mögen, ihre 



Gefühlsmäßiges Verstehen in Identifizierung 73 

wahren Gefühle zu verbergen oder zu intellektualisieren. Das 
Kind hat in seinem jungen Gefühlsleben ein unfehlbares Instru- 
ment zum wirklichen Verständnis des Gefühlslebens der Er- 
wachsenen. Man sollte sich daher in jeder pädagogischen oder 
erzieherischen Situation bewußt sein, daß es unmöglich ist, 
ein Kind über die wahren Gefühle, die man gegen dasselbe 
oder gegen andere Personen hegt, zu täuschen. Unter dieser 
Voraussetzung, die mir über jeden Zweifel erhaben scheint, 
sollte man sich eigentlich immer so benehmen, als wüßte das 
Kind alles, was wir selbst im gegebenen Moment, in der ge- 
gebenen Situation wissen. Dies ist natürlich nicht wörtlich zu 
nehmen, aber man kann die gefühlsmäßige Einfühlungsfähigkeit 
des Kindes und seine daraus folgenden Reaktionen nicht anders 
und nicht besser beschreiben. 

Was uns so am richtigen, erzieherisch und therapeutisch 
wirksamen Verständnis hindert, ist das intellektuelle Verstehen- 
wollen. Das richtige Verständnis ist ein gefühlsmäßiges, auf 
Identifizierung beruhendes, während das intellektuelle Ver- 
ständnis wieder Projektion ist, gewissermaßen Aufzwingung 
unseres eigenen Denkens, unserer Interpretation. Dies führt in 
der pädagogischen Situation genau so zum Mißverstehen und zu 
Widerstand wie in der analytischen Situation. 

Aus diesen Erörterungen ergibt sich folgende Einsicht. Der 
schöpferische Typus, die starke Persönlichkeit, die projiziert, 
ist zum Erzieher nicht geeignet, wenigstens nicht zur Erziehung 
des Kindes. Der Identifizierungstypus, dessen Gefühlsleben mehr 
von außen beeinflußt als von innen dirigiert wird, entspricht 
dem Ideal des Erziehers weit mehr. Er wird sich besser in das 
kindliche Seelenleben einfühlen können, gleichzeitig dem Kind 
auch mehr Gelegenheit und besseres Material zur Identifizierung 
bieten. Anderseits wird dieser Typus weniger zur Projektion, 
d. h. zur Aufzwingung der eigenen Persönlichkeit neigen. Auf 
Grund unserer früheren Analyse der beiden Typen, des Pro- 
jektions- und des Identifizierungstypus, ergibt sich dann, daß 
im allgemeinen die Frau der bessere Erzieher des Kindes sein 
wird. Sie hat die Identifizierungsfähigkeit, insbesondere in bezug 
auf das Kind, mit dem sie ja identisch ist, identisch war, und 



74 Erziehen und Beherrschen 

sie hat zugleich ein dem kindlichen, ursprünglichen näherstehen- 
des Gefühlsleben, das sie zur intuitiven Identifizierung befähigt. 

Wenn wir sagten, die starke schöpferische Persönlichkeit ist 
zum Erzieher nicht geeignet, so meinten wir damit zweierlei. 
Erstens die Tatsache, daß die schöpferische Fähigkeit, das schöp- 
ferische Element am lebenden Material leicht versagt, wie die 
seelische Einsamkeit fast aller schöpferischen Menschen beweist. 
Der griechische Künstler konnte zwar Menschen in Marmor nach 
seinem Ebenbild oder im Sinne seines Ideals schaffen, aber er 
versagte, wie sein heroisches Symbol Prometheus beweist, bei 
der Schöpfung lebender Menschen, die in niemandes Ebenbild 
geschaffen werden können als in ihrem eigenen. 

Der zweite Punkt ist dies. Nicht nur der wirklich schöpfe- 
rische Mensch versagt bei der Schöpfung wirklicher Menschen, 
sondern auch eine bestimmte Situation, in die der gewöhnliche 
Mensch geraten kann, mag dieselben üblen erzieherischen Folgen 
haben oder leicht dazu verleiten. Ich meine die Elternsituation 
und in ihr besonders die Stellung des Vaters. Seine biologische 
und soziale Position gibt ihm die äußeren Charaktere eines 
schöpferischen Typus ohne dessen innere Stärke und Größe. Wie 
man bemerkt, beziehe ich mich hier auf die gewöhnliche päd- 
agogische Situation, in der die Eltern die Starken und Mächtigen, 
das Kind den Schwachen und Hilflosen darstellt. Diese Situation 
verleitet die Eltern leicht zu einer Art Schöpferwahn, der unter 
Umständen noch gefährlicher werden kann als der wirkliche 
Schöpferdrang. 

Was die Eltern in ihrem eigenen Interesse und in dem der 
Kinder zu lernen haben, ist die Überwindung der Versuchung, 
diese natürliche Machtstellung im seelischen Sinn auszunützen. 
Praktisch ist dies nicht immer möglich, da das Ich des Kindes 
erstarkt und sich gegen sie durchzusetzen sucht. In der Regel 
ist aber dieser Zug im Kinde schon eine Reaktion auf die elter- 
liche Tyrannis. Wenn sich das Kind verstanden und geliebt 
fühlt, wird es nicht nötig haben, sich als Machtfaktor gegen die 
Eltern oder Geschwister aufzuspielen. Mit einem Worte, die 
pädagogische Situation muß zu einer richtigen gegenseitigen 
Gefühlsbeziehung um- und ausgestaltet werden, in der Eltern 
und Kinder aneinander emporwachsen und sich entwickeln. 




Fühlen und Verleugnen. 

„Erfüll davon dein Herz, so groß es ist, 

Und wenn du ganz in dem Gofüule selig bist, 

Nenn' es dann wie da willst, 

Nenn's Gluck! Herz! Liebe! Gott! 

Ich habe keinen Namen 

Dafür! Gefühl ist alles." 

Goethe 

Während wir im genetischen Teile die Entwicklung des Ich 
aus der Objektbeziehung studiert haben und im konstruktiven 
Teile die Wirkung der im Ich etablierten Mechanismen auf die 
Außenwelt, wollen wir jetzt den Motor betrachten, der alle diese 
Prozesse in Gang hält und die Triebkraft für alle Mechanismen 
liefert. Es sind das die Gefühle. Das menschliche Gefühlsleben 
ist so im Grunde das Zentrum und eigentliche Gebiet der Psycho- 
logie, das Seelenleben im engeren Sinne. Im Gegensatze zur 
Ich-Psychologie, die sich mit dem Studium der Mechanismen 
beschäftigt, könnte man den Teil, der sich mit dem Gefühlsleben 
beschäftigt, als Du-Psychologie bezeichnen, weil er das Ver- 
hältnis zum Nebenmenschen und damit zur Realität im all- 
gemeinen bestimmt. 

Es ist vielleicht bezeichnend, daß wir über diesen Teil der 
Psychologie, unser eigentliches Seelenleben, am wenigsten wissen. 
Auch die Psychoanalyse hat zum Verständnisse des Gefühlslebens 
verhältnismäßig wenig beigetragen, wie schon der mystische 
Sammelbegriff des Unbewußten zeigt, in dem alle möglichen 
Gefühle wie in einem Hexenkessel zusammengebraut werden. 
Man ist sogar dahin gelangt, von unbewußten Gefühlen zu 
sprechen, was weniger eine sprachliche als eine psychologische 
Unmöglichkeit ist. Der Ausdruck „unbewußtes Gefühl" deutet 
nur darauf hin, daß das Wort „Gefühl" selbst für uns etwas 
Vages, Unbestimmtes, geradezu Unbestimmbares bezeichnet. Es 
wird in der psychoanalytischen Literatur kaum verwendet, ob- 
wohl unser gesamtes Seelenleben im wesentlichen auf Gefühlen 
beruht und von Gefühlen geleitet wird. Man spricht nur von 



76 Fühlen und Verleugnen 

Lust- und Unlustgefühlen im allgemeinen, aber nicht von der 
spezifischen Art der Lust und Unlust verursachenden Gefühle. Der 
Begriff Affekt, der besonders in der frühen psychoanalytischen 
Literatur verwendet wird, scheint etwas anderes zu bedeuten und 
zu bezeichnen als der Begriff Gefühl. Ich würde sagen, daß der Af- 
fekt vor allem nicht ein Gefühl selbst, sondern eine Gefühlsäuße- 
rung bezeichnet, z. B. Zornaffekt, Haßaffekt; ferner — und dies 
hängt damit zusammen — , daß das, was als Affekt beschrieben 
wird, ein pathologisch gesteigerter Gefühlszustand ist, der zu einer 
gewaltsamen Abfuhr drängt. (Pathologisch ist hier im ursprüng- 
lichen Sinne des Wortes „pathos" gemeint.) So könnten wir 
Angst, Eifersucht, Haß als Affekte bezeichnen; Liebe, Sehnsucht, 
Hoffnung wären Gefühle. Es hat so den Anschein, als wären 
die Affekte die peinlichen schmerzauslösenden, also „pathologi- 
schen" Gefühle, während das, was wir als Gefühl im eigent- 
lichen Sinne des Wortes bezeichnen, mehr angenehmer Natur 
ist. Diese Unterscheidung ist jedoch nur in gewissem Sinne 
richtig, aber nicht fundamental genug, denn wir sprechen 
z. B. von Schuldgefühl, das nichts weniger als angenehm ge- 
nannt werden kann. Ich glaube aber, es ist ein anderes Krite- 
rium, das ich gelegentlich des Liebesgefühls erwähnt habe: 
nämlich die Gefühle sind verbindend, der Affekt trennt 
isoliert oder, besser gesagt, ist eine Reaktion auf das Gefühl der 
Trennung, Isolierung. Daher auch der Affekt eine momentane Re- 
aktion, das Gefühl mehr dauernd. 

Diese Definition charakterisiert aber am besten die Stellung 
der Gefühle im menschlichen Seelenleben und in der Psycho- 
logie. Sie sind dasjenige, was uns mit dem Nebenmenschen 
und mit der Welt verbindet. Am reinsten sehen wir das im 
Liebesgefühle, das unser Ich mit dem andern Ich, dem Du, mit 
den Menschen, mit der Welt verbindet und so alle Angst aufhebt. 
Das Einzigartige des Liebesgefühls ist aber, daß es über das 
Verbindende hinaus auf das Ich zurückwirkt. Nicht nur, daß 
ich den andern liebe wie mein Ich, als Teil meines Ich, der 
andere macht mir auch mein Ich liebenswert. Die Liebe des 
Du bewertet so das eigene Ich. Die Liebe hebt den Egoismus,, 
das eigene Selbst im andern auf, um es bereichert im eigenen 
Ich wieder zu finden. Diese einzigartige Gefühlsprojektion und 






Das Verbindende des Gefühlslebens 77 

Introjektion beruht darauf, daß man wirklich nur denjenigen 
lieben kann, der unser eigenes Selbst akzeptiert wie es ist, 
ja es gar nicht anders will, und dessen Selbst wir daher akzep- 
tieren wie es ist. Zugleich aber halten wir in der Liebe nicht 
starr an diesem unseren Selbst fest, sondern wir entwickeln es, 
indem wir uns mittels Identifizierung nach dem Ideal des Du 
formen. Diese Angleichung an das Liebesideal des Du erfolgt 
aber nicht durch bewußte Anpassungsforderung, ja ist durch diese 
gar nicht erreichbar, sondern erfolgt durch die gefühlsmäßige 
Liebesidentifizierung. 

Die Analyse des Liebesgefühls zeigte uns, daß es im wesent- 
lichen auf Identifizierung beruht. Das heißt aber, wenn wir 
das Gefühlsleben in Betracht ziehen, daß das Liebesgefühl 
die Identifizierungsfähigkeit vielleicht schafft, sicherlich aber 
steigert. In diesem Sinne wäre das Liebesgefühl das Tor zur 
Welt der Wirklichkeit. Es beginnt in der kindlichen Gefühls- 
beziehung zur Mutter und erweist sich in allen Phasen des 
Lebens und in allen seinen Manifestationen als bestimmend für 
unser Verhältnis zur Außenwelt. Das Studium des Liebesgefühls 
lehrt aber noch etwas anderes. Das Gefühl ist etwas, das ab- 
solut auf Gegenseitigkeit beruht, d. h. also nicht bloß die 
Identifizierung zur Voraussetzung, sondern die Herstellung einer 
Identität, zum Ziele hat. 

Wir können hier die frühere Definition, daß das Gefühl etwas 
Verbindendes sei, ergänzen, erläutern und theoretisch begründen. 
Es ist leicht verständlich, daß alle zärtlichen und insbesondere 
Liebesgefühle auf Gegenseitigkeit zielen und in der Regel nicht 
nur befriedigt, sondern permanent erhalten und gesteigert wer- 
den, wenn der andere genau dieselben Gefühle hegt und äußert. 
Dies wird aber zu einem rein inneren Problem, wenn der andere 
nicht die gleichen Gefühle hat oder wir sie in ihm vermissen. 
Wir stellen dann mittels unserer Gefühle und in unserem Ge- 
fühlsleben die Identität her, die in Wirklichkeit nicht besteht 
oder uns nicht befriedigt. Wenn wir uns aber dies gestehen 
müssen, d. h. aber wenn die Funktion des Gefühls, nämlich 
zu verbinden, zu identifizieren, scheitert, dann spüren wir die 
pathologische Gefühlsäußerung, die wir als Affekt bezeichnen. 
Sei es, daß die wirkliche Gegenseitigkeit nicht vorhanden ist, 



78 Fühlen und Verleugnen 

sei es, daß wir sie auch mittels der inneren Substitution nicht 
herstellen können: in jedem Falle folgt dann die Enttäuschung, 
d. h. die Wahrnehmung, daß das Gefühl nicht erwidert wird. 
Die Reaktion auf diese Wahrnehmung des gefühlsmäßigen Un- 
verbundenseins ist das Empfinden der Isolierung, der Trennung, 
das sich als Affekt der Angst, des Hasses manifestiert. Der 
trennende Affekt, wie Angst, Haß, Zorn, Ärger, ist, wie gesagt, 
das Eingeständnis, daß die Verbindung nicht vorhanden oder 
mißlungen ist. Zugleich aber sucht der Affekt auch die Tendenz, 
den Versuch der Verbindung, ja mitunter das Objekt derselben 
zu verleugnen. 

Das Gefühlsleben, die Affektäußerungen und Gefühlsreaktio- 
nen scheinen so auf rein seelischem Gebiet einen Prozeß wider- 
zuspiegeln, den ich in früheren Ausführungen als die Realitäts- 
anpassung mittels Verleugnung beschrieben habe. Ich habe dort 
auch den Einfluß dieses Verleugnungsmechanismus auf gewisse 
psychologische Vorgänge, wie Erinnerung, Denken, Phantasien, 
zu zeigen versucht. Der Zusammenhang des Gefühlslebens mit 
der Verleugnung wurde dort auch erwähnt und soll hier näher 
ausgeführt werden. 

Wir gehen dabei am besten von den rein inneren Gefühlen 
aus, die wir gleichzeitig erläutern. Es handelt sich dabei, wie 
gesagt, um die gefühlsmäßige Herstellung einer Identität, die 
in Wirklichkeit nicht besteht oder unbefriedigend ist. Das Gefühl 
ist in diesem Sinne die Verleugnung der mangelnden Identität. 
Das Gefühl sagt: Diese Identität zwischen mir und dem andern 
besteht, besteht in mir. Oft genug kann ein sehr starkes Gefühl 
dieser Art im andern wirklich das gleiche Gefühl, die ent- 
sprechende Gefühlsreaktion auslösen. Dies führt dann zur Ge- 
fühlssensation, die wirklich lustvoll ist, weil sie eine bloß inner- 
liche Identität realisiert. Die Wahrnehmung der Nichtexistenz 
dieser Identität führt, wie gesagt, zum unlustvollen Gefühl, dessen 
Äußerung wir als Affekt bezeichnen, und der die Anerkennung 
einer Nichtidentität, einer Differenz bedeutet. Das eigentliche 
Gefühl, das zwischen der befriedigenden Sensation und dem un- 
befriedigenden Affekt liegt, ist mehr lustvoll (wie Sehnsucht, 
Hoffnung), aber doch nicht ganz frei von peinlichen Elementen, 
die offenbar der zeitweisen und teilweisen Wahrnehmung des 



Verleugnung des Gefühls 7& 

Verleugnungsprozesses entsprechen. Mit der Wahrnehmung der 
wirklichen Differenz tritt der schmerzliche Trennungsaffekt auf. 
Der Affekt wäre so die Abfuhr einer Gefühlsbereitschaft, die un- 
erwidert bleibt und entspräche entweder dem schmerzlichen Ver- 
missen des Gefühls im Andern (Angst) oder der trotzigen Ver- 
leugnung des Wunsches danach (Haß). 

Die Verleugnung selbst beginnt auf primitiver Stufe als Ver- 
such, alles vom Ich Verschiedene, alles Nicht-Ich, alles Pein- 
liche zugleich als nichtexistent zu bezeichnen, offenbar um Un- 
lust zu vermeiden. Ich habe früher gezeigt, daß dieses Resultat 
nicht erreicht wird, weil der Verleugnungsprozeß selbst unlust- 
voll ist oder sekundär Unlust schafft. Die Verleugnung ist 
ein erster Versuch, das dem Ich Unerreichbare, das Unlustvolle 
zu verneinen. Erst wenn dieser Versuch mißlingt, wird das 
Ich zu anderen Arten der Unlustabwehr genötigt, unter denen 
die Identifizierung die bedeutsamste ist. Die Verleugnung ist 
aber ein viel primitiverer Mechanismus als die Identifizierung, 
sie sagt, daß das, was mir Unlust verursacht, nicht existiert; 
die Identifizierung versucht, diese Unlustquelle durch Angleichung 
an das eigene Ich, die bis zur identischen Aufnahme in das 
eigene Ich gehen kann, zu eliminieren, ja zu einer Lustquelle 
umzugestalten („Masochismus"). 

Wenn wir das Gefühl als Verleugnung der Differenz, d. h. als 
Versuch auffassen, eine außen nicht bestehende oder unbefriedi- 
gende Identität im Innern herzustellen, so verstehen wir mit 
einem Male eine der merkwürdigsten Charakteristika des Gefühls- 
lebens. Wir finden in der Analyse der analytischen Situation und 
der Gefühlsregungen im allgemeinen, daß der Mensch in erstaun- 
licher Weise dazu neigt, seine Gefühle gegen andere Personen 
zu verbergen, zu verheimlichen oder zu verleugnen, auch vor 
sich selbst. Mit andern Worten, sich selbst — und andern — 
nicht zu gestehen, daß er diese und jene Gefühle hegt. Es ist 
dies eines der hervorstechendsten Merkmale im Gefühlsleben, 
besonders neurotischer, unangepaßter Menschen, das bis jetzt 
meines Wissens keine Erklärung gefunden hat. Wenn das Gefühl 
ein Versuch ist, die außen vermißte Identität mit dem andern 
im Innern herzustellen, dann können wir verstehen, warum man 
sich seiner Gefühle so sehr schämt, daß man sie nicht nur vor 



80 Fühlen und Verleugnen 

andern, sondern sogar vor sich selbst verbergen will. Hierin 
scheint mir eine Erklärung für das Schamgefühl im allgemeinen 
zu liegen, das ich als Wahrnehmung und Geständnis der Ein- 
seitigkeit der Gefühle bezeichnen möchte. Man schämt sich so- 
zusagen seiner Gefühle überhaupt, besonders wenn sie nicht 
erwidert werden. 

Diese Verleugnung der eigenen Gefühle manifestiert sich 
in verschiedenen Formen und auf verschiedenen Gebieten. Die 
wichtigste scheint mir die sexuelle zu sein; praktisch, weil sie 
im menschlichen Liebesleben eine so große Rolle spielt, theore- 
tisch, weil sie in der psychoanalytischen Lehre eine mißver- 
ständliche Auffassung gefunden hat. Sicherlich ist die Sexualität 
ein Gebiet, auf dem sich Gefühle ausleben, „abreagieren" können; 
es erfolgt dies in Form der lustvollen Gefühlssensationen. Aber 
ebenso häufig ist das Sexualleben ein Mittel, um Gefühlsaufwand 
zu ersparen, Gefühle zu verbergen oder sie in primitiver körper- 
licher Form statt seelisch auszudrücken. 

Wir können dies am besten in der analytischen Situation 
studieren. Wir sehen dort — auf Grund der Situation, die ein- 
seitig ist — alle diese Prozesse sich in klarer Form abspielen. 
Vor allem die Funktion des Gefühls als eines verbindenden, 
Identität herstellenden Faktors: der Patient hat nicht nur darum 
so starke Gefühlsregungen, weil sie gestaut, gehemmt sind, son- 
dern auch, weil er die Gefühle des Partners in seinem eigenen 
Gefühlsleben beisteuert. Das ist auch die Bedeutung des Phan- 
tasielebens im allgemeinen, dessen sich die Menschen übrigens 
genau so schämen wie ihrer Gefühle. Daher sehen wir auch 
den Patienten dem sprachlichen Ausdrucke seiner Gefühle Wider- 
stand leisten, indem er sie äußern, agieren statt gestehen will. 
Diese Art der Äußerung hat aber den Zweck, die gleiche, iden- 
tische Gefühlsäußerung im andern auszulösen und so das Ich 
zu versichern, daß seine Gefühle nicht einseitig, nicht unerwidert 
sind. Die Realisierung seiner Gefühle in der analytischen Si- 
tuation wäre aber destruktiv, weil sie ihn an der rein inner- 
lichen Erledigung seines Konfliktes verhindern würde. 

Diese gefühlsmäßige Erledigung seines Konfliktes besteht aber 
darin, daß er die Verleugnung seiner Gefühle und seines Ge- 
fühlslebens in der analytischen Situation rückgängig macht. Das 






Akzeptierung des Gefühlslebens 81 

heißt, daß er hier gesteht, daß er Gefühle hat, sich selbst ge- 
steht und dem andern sagt. Damit macht er aber zugleich die 
Stauung seines Affektlebens rückgängig. Die therapeutische Be- 
deutung dieses Vorganges liegt darin, daß der Patient lernt, 
seine Gefühle auszudrücken, ohne daß sie erwidert werden. Das 
heißt aber, er lernt seine Gefühle als Ausdrucksmittel seines 
Selbst zu gebrauchen, ohne die Identität mit dem andern her- 
stellen zu müssen. Dies heißt aber weiterhin, daß er Differenz 
dulden, akzeptieren kann, also mehr objektiv wird. Mit einem 
Worte, der Patient lernt in der analytischen Situation 
durch Akzeptierung seines eigenen Gefühlslebens die 
Akzeptierung des Andern, das heißt aber die Anpassung an 
die ichfremde Außenwelt, ohne darauf mit affektiver Verleug- 
nung derselben oder mit gefühlsmäßiger Identifizierung zu 
reagieren. Er lernt zu akzeptieren, daß nicht alles Ich ist, daß 
es auch ein Du oder fremde Iche gibt, mit denen er sich ab- 
finden muß, ohne sie erst in einem komplizierten Ich-Prozeß 
vernichten oder verschlingen zu wollen. 

In der genetischen Psychologie habe ich bei Besprechung 
des Angstproblems auch die von Freud aufgeworfene Frage 
diskutiert, ob alle Affekte nicht vielleicht Reproduktionen sind, 
und meinte dort, daß dies ihre Peinlichkeit, ihre Schmerzhaftig- 
keit erklären würde. Ich meinte damit, daß ein durch einen 
aktuellen Reiz ausgelöster Affekt in seiner Intensität sozusagen 
gleichzeitig auf ähnliche früher erlebte Situationen reagiere. In 
diesem Zusammenhange könnte man noch weitergehen und sagen, 
daß der Affekt selbst eine Erinnerung, eine Reminiszenz an ein 
erlebtes Trauma ist. In diesem Sinne wären eigentlich alle Ge- 
fühle peinlich, das Gefühlsleben selbst, gleichgültig, um welche 
Gefühle es sich handelt, schmerzhaft. Dies scheint auch er- 
fahrungsgemäß so zu sein, denn selbst die nicht ausdrücklich 
peinlichen Gefühle, wie Liebe, Sehnsucht, Hoffnung, haben be- 
kanntlich ihre peinlichen Seiten. Das Lustvolle kommt ins Ge- 
fühlsleben nur sekundär hinein, nämlich insoweit es gelingt, 
es durch Gegenseitigkeit im andern zu realisieren und wo- 
möglich in einer körperlichen Sensation zu objektivieren. Auch 
hiebei ist die Lust weniger eine positive Qualität, als das Re- 
sultat der Befreiung von einer inneren Spannung, also wieder 

Bank, Grundzüge einer genetischen Psychologie. II. 6 



82 Fühlen und Verleugnen 

eine Entlastung des Ich. Das positive Lustgefühl dabei ist aber 
ein reines Ich-Element, indem es die befriedigende Wahrneh- 
mung ausdrückt, daß es uns gelungen ist, im andern das gleiche 
identische Gefühl herzustellen, zu erwecken. 

Der Affekt scheint so ursprünglich die peinliche Reaktion 
auf ein Trauma, eine Versagung zu sein, oder, allgemein ge- 
sprochen, auf die Wahrnehmung, daß das Objekt von unserem 
Ich verschieden, Nicht-Ich, Realität und daher peinlich ist. Der 
primitivste Affekt dieser Art ist die Angst, die die allgemeinste 
Reaktion auf alles Ich-Fremde darstellt. Das Gefühl sucht diesen 
Isolierungseffekt aufzuheben, indem es im Innern die Identität 
herstellt, die außen verloren wurde. Diese Auffassung erklärt 
meines Erachtens die große Bedeutung, die dem Schuldgefühl 
theoretisch wie praktisch zukommt. Ich glaube, das Schuld- 
gefühl nimmt unter den Gefühlen insofern eine Sonderstellung 
ein, als es ein Grenzphänomen zwischen den ausgesprochen 
schmerzlichen Affekten der Trennung und den mehr angenehmen 
Gefühlen der Verbindung einnimmt. In seiner Verwandtschaft 
mit dem Angst- und Haßaffekt gehört es zu den peinlichen, 
trennenden Gefühlen; in seiner Beziehung zur Dankbarkeit und 
zur Hingabe, die bis zur Selbstaufopferung reichen kann, ge- 
hört es zu den stärksten verbindenden Gefühlen, die wir kennen. 
Ebenso wie das Schuldgefühl eine Mittelstellung zwischen den 
peinlichen und angenehmen, zwischen den trennenden und ver- 
bindenden Gefühlen einnimmt, so ist es auch der bedeutendste 
Repräsentant der Beziehung von Innen und Außen, Ich und Du, 
dem Selbst und der Welt. 

Dieser ambivalente oder, besser gesagt, ambigue Charakter 
des Schuldgefühls kommt am deutlichsten in der Rolle zum 
Ausdrucke, die es im Liebesleben spielt und die wir bereits 
bei Besprechung desselben gestreift haben. So sicher das Schuld- 
gefühl die Harmonie des Liebesgefühls stört, die seelische Identi- 
fizierung oder Identität hindert, die Liebenden trennt, so deut- 
lich sehen wir auch seine verbindende Kraft in der gleichen 
Sphäre. Das Schuldgefühl macht nicht nur oft genug die wirk- 
liche Trennung unmöglich, sondern es hat positiv verbindende 
Qualitäten, indem es zur Hingabe an das Objekt, zur Unter- 
werfung unter dasselbe zwingt. Im Sinn unserer früheren Aus- 



. 



Gefühlsleben and Charaktertypus 83 

führungen könnte man sagen, daß das Schuldgefühl ein Ge- 
ständnisphänomen ist. Aber nicht in dem konkreten Sinne, daß 
man eine bestimmte Schuld oder das Schuldigsein als solches 
gesteht, sondern es ist ein Geständnis der Liebe, des Gefühls 
überhaupt. Mit andern Worten, das Schuldgefühl entspricht einer 
zwangsweisen Selbstaufhebung der Gefühlsverleugnung. Für 
manche, besonders neurotische Menschentypen ist das Schuld- 
gefühl die einzige Art der Gefühlsäußerung überhaupt, mit 
andern Worten, die einzige Form, in der sie Gefühle überhaupt 
äußern können, d. h. aber Stolz und Scham überwinden, Ichreak- 
tionen, welche sie hindern, ihre Gefühle zu äußern und so sich 
dem andern hinzugeben, zu unterwerfen. 

Was die Psychoanalyse phänomenologisch als „Schuldgefühl" 
bezeichnet hat, erweist sich so vom Standpunkt einer Gefühls- 
psychologie als Ausdruck eines Konflikts in unserem Ich zwischen 
der Anerkennung und der Verleugnung unserer Gefühle, zwischen 
dem Wunsche, zu herrschen, zu nehmen und der Sehnsucht nach 
Unterwerfung, nach Hingabe. Wir handeln nur so, als wären 
wir „schuldig", d. h. aber, wir zwingen unser Ich zum Geben, zur 
Hingabe an unsere Gefühle für den andern. Wir sind sozusagen 
Gefühlshingabe schuldig und fühlen uns „schuldig", wenn wir es 
nicht tun können. 

Daß es für die meisten Menschen so schwer ist, ihre Ge- 
fühle zu äußern, hat seinen Grund in deren Ursprung: sie ent- 
sprechen scheinbar gehemmten oder gestauten Impulsen, deren 
Durchbruch wir uns aus äußeren oder inneren Gründen versagen. 
Was wir Charakter oder Charakterzüge nennen, sind dann nur 
weitergehende und permanente Hemmungen gegen ein Überfluten 
der Gefühle, vor deren Intensität wir uns offenbar fürchten. 

Diese Betrachtung führt uns zu der Beziehung des Ge- 
fühlslebens zum Charaktertypus. Wir haben diese Be- 
ziehung bei der Analyse des Charakters vernachlässigt und 
uns mehr mit den Voraussetzungen und Mechanismen der Cha- 
rakterbildung als mit deren Triebkraft beschäftigt. Mit der Be- 
rücksichtigung des Gefühlslebens müssen wir auch dessen Be- 
ziehung zu den Mechanismen der Projektion und Identifizierung 
würdigen. Wir haben es zwar nicht ausdrücklich gesagt, aber 
es ist klar, daß das, was projiziert wird, Gefühle sind, und 

6» 



84 Fühlen und Verleugnen 

daß das, womit wir uns identifizieren, Gefühle sind. Weiterhin 
ist klar, daß die Identifizierung selbst eine gefühlsmäßige ist, 
also wieder mittels Gefühlen erfolgt. Dasselbe muß natürlich 
von der Projektion gelten. Der Unterschied ist nur der, daß die 
Identifizierung auf der Wahrnehmung einer Gefühlsidentität be- 
ruht, wähernd die Projektion die Wahrnehmung einer Gefühls- 
differenz zur Voraussetzung hat. Mit andern Worten, die Iden- 
tität, die das Ich in Andern mittels Projektion herzustellen sucht, 
ist eine Gefühlsidentität, und die Identifizierung ist die lust- 
volle Bejahung der Wahrnehmung dieser Gefühlsidentität. Sie 
ist, wenn man will, eine Introjektion. Wir haben diesen Begriff 
der Introjektion bisher vermieden, weil er nur unter Berücksich- 
tigung der Gefühlspsychologie einen Sinn hat. Denn das einzige, 
was „introjiziert" werden, d. h. durch äußeren Einfluß ins Ich 
gelangen kann, ist das Gefühl, das durch den andern in uns ge- 
weckt wird. 

Wenn wir nach diesen Bemerkungen die Beziehung des 
Gefühlslebens zum Charaktertypus betrachten, so stoßen wir 
auf ein neues Problem. Dieses Problem ist die Intensität oder 
Quantität des Gefühls im Unterschiede von der Qualität, 
der Art des Gefühls. Wenden wir zuerst den Gesichtspunkt 
der Gefühlslehre auf den projektiven bzw. introjektiven Typus an, 
so können wir dies nur in Begriffen der Quantität oder Inten- 
sität tun. Wir müssen sagen, der projektive Typus hat schein- 
bar nicht andersartige, sondern nur stärkere Gefühle derselben 
Art wie der Identifikationstypus; und was er durch Projektion 
im andern herstellen will, ist nicht so sehr dasselbe Gefühl, als 
dieselbe Intensität des Gefühls, die auch zur selben Äuße- 
rung des Gefühls drängt. Hier tauchen wieder neue Fragen auf. 
Erstens, was bestimmt die größere Intensität des Gefühlslebens, 
oder anders, ist es wirklich nur eine größere Intensität und, 
wenn nicht, was drängt sonst den einen Typus zur Projektion, 
den andern zur Introjektion des Gefühls? Endlich, sind es über- 
haupt zwei so grundverschiedene Typen oder nicht vielmehr ver- 
schiedene Reaktionsweisen, deren Überwiegen den einen oder 
den andern Typus bestimmt? 

Wir können natürlich im Rahmen dieser skizzenhaften Aus- 
führungen keine Lösung dieser fundamentalen Probleme aller 



Intensität des Gefühlslebens 85 

psychologischen Forschung anstreben, sondern nur einige aus 
der Erfahrung abgeleitete Ideen vorbringen. Es scheint unzweifel- 
haft, daß es Menschen mit einem stärkeren und reicheren Ge- 
fühlsleben gibt als andere, und ebenso sicher, daß die Intensität 
des Gefühlslebens irgendwie mit der Stärke des Trieblebens 
zusammenhängt. Aber dies ist kein eigentlich psychologisches 
Problem, solange Triebleben und Gefühlsleben einander ent- 
sprechen. Das psychologische Problem beginnt mit der Frage, 
was der Mensch von ursprünglich starker Triebanlage mit seinem 
reichen Gefühlsleben macht: ob er es akzeptiert und frei äußert, 
ob er es verleugnet oder projiziert. Die Erfahrung scheint fol- 
gende paradoxe Beziehung zu bestätigen. Je reicher, d. h. viel- 
seitiger und voller das Gefühlsleben ist, desto weniger wird 
es zur Projektion drängen, desto mehr wird es zur Identifi- 
zierung neigen und imstande sein, sich mit den Gefühlen anderer 
zu identifizieren. Anderseits, je enger begrenzt das Gefühlsleben 
ist, desto intensiver werden die wenigen Gefühle sein; desto 
geringer die Neigung und Fähigkeit zur Identifizierung, deren 
Mangel dann durch Projektion ausgeglichen werden muß. Auch 
hier erweist sich die Projektion als ein Kompensationsmecha- 
nismus zum Ausgleich eines inneren Mangels, die Identifizierung 
als ein Ausdruck des Überflusses, des Wunsches zur Gemein- 
samkeit, zur Verbindung, zum Teilen. 

Der projektive Typus ist also gewissermaßen gefühlsärmer, 
aber die wenigen Gefühle, die er hat, sind infolgedessen stärker, 
weil die Triebenergie sozusagen nicht verteilt, sondern kon- 
zentriert ist. Der Identifizierungstypus hat ein reicheres Ge- 
fühlsleben, das aber weniger intensiv ist, nicht so sehr in sich 
selbst als in seinem Ausdrucke. Die Intensität des Ausdruckes 
scheint beim Identifizierungstypus geringer, weil es sich um 
ein gleichzeitiges Geben und Nehmen in bezug auf den andern 
handelt. Der Projektionstypus scheint mehr zu geben, aber dies 
Geben ist kein wirkliches, es ist das Geben eines Armen, der 
sich und andern Reichtum vortäuschen will, der sozusagen gibt, 
nur um es wieder zurücknehmen zu können. Der Identifizie- 
rungstypus gibt schon deswegen mehr, weil er nicht nimmt, 
da er selbst reich genug ist. Man könnte glauben, daß diese 
beiden Typen sich gefühlsmäßig gut ergänzen sollten. Die Er- 



86 Fühlen und Verleugnen 

fahrung zeigt aber oft genug, daß dies nicht immer der Fall 
ist. Auch auf sozialem Gebiete kann der Reiche dem Armen 
nicht immer das geben, was der Arme braucht; noch weniger 
kann der Arme immer das nehmen, was der Reiche ihm geben 
kann. Dasselbe gilt in noch stärkerem Maße für das Gefühlsleben. 
Und hier kommen wir auf das frühere Problem der Qualität und 
Quantität der Gefühle zurück. Was der relativ gefühlsarme Pro- 
jektionstypus sucht und braucht, ist scheinbar nicht die zarte 
und reiche Gefühlsskala des Identifizierungstypus, sondern die 
eigene eingeschränkte Gefühlsintensität. Was auf der andern 
Seite der Identifizierungstypus sucht und braucht, ist die seinem 
eigenen Gefühlsleben entsprechende Mannigfaltigkeit und Zart- 
heit der Gefühle. Mit einem Worte, jeder Typus sucht gefühls- 
mäßig das Ebenbild des eigenen Selbst im andern, während 
er biologisch und charakterologisch seinen Komplementärtypus 
sucht. 

Wir finden hier wieder die gleiche Paradoxie, die ein Merk- 
mal unserer seelischen Struktur zu sein scheint. Der projektive 
Typus, der seine Gefühle äußert, ja geradezu exhibiert, scheint 
charakterologisch der Gebende zu sein, ist aber psychologisch 
ein Nehmender, ein Zurücknehmender. Der introjektive Typus, 
der seine Gefühle schamhaft verbirgt, aber mit dem andern im 
Stillen teilt, ist der wirklich Gebende, der nicht nur nicht nimmt, 
sondern hinzufügt. Was er hinzufügt, ist aber das gleiche Ge- 
fühl, also Qualität, während der projektive Typus die gleiche 
Quantität, Intensität sucht. Wir sehen also hier auf dem Gebiete 
des Gefühlslebens den psychologischen Typen der Projektion 
und Identifikation die Gefühlstypen des Gebenden und Neh- 
menden entsprechen, die wieder durch Art und Grad des 
Schuldgefühls charakterisiert sind. 

Dies führt zu einer Diskussion der Beziehung des Gefühls- 
lebens zu unserem wirklichen Selbst. Es ist nicht schwer zu 
erkennen, daß unser wahres Selbst unser gefühlsmäßiges Selbst 
ist, daß unser Selbst sich in unseren Gefühlen ausdrückt, wie 
sich unser Charakter in deren Hemmungen ausdrückt. Dieses 
Gefühls-Selbst ist wieder enge mit unserem biologischen Ich 
verbunden. Ganz im allgemeinen gesprochen, repräsentiert der 
Mann den projektiven, nehmenden Typus, die Frau den intro- 









Bedeutung dea Schuldgefühls 87 

jektiven, gebenden. Dementsprechend hat, wieder im allgemeinen 
gesprochen, der Mann das ärmere, die Frau das reichere Ge- 
fühlsleben, und gefühlsmäßig ist auch in der Regel die Frau 
der Gebende, der Mann der Nehmende. Auf biologischem Ge- 
biete dagegen ist es wieder umgekehrt. Im Geschlechts- und 
Zeugungsakt z. B. ist der Mann der gebende, die Frau der 
empfangende Teil. Auf charakterologischem Gebiet endlich scheint 
der Mann wieder der Gebende, die Frau der Nehmende. Mit 
andern Worten, wenn wir die drei hier in Betracht kommen- 
den Sphären vergleichen, nämlich die biologische, die gefühls- 
mäßige und die charakterologische, so ergibt sich das folgende 
Schema für Mann und Weib: Der Mann scheint biologisch und 
charakterologisch der gebende, aber auf dem wirklich seelischen 
Gebiet, nämlich dem Gefühlsleben, erweist er sich als der neh- 
mende, projektive Typus. Die Frau dagegen scheint biologisch 
und charakterologisch der empfangende Teil, erweist sich aber 
gefühlsmäßig als der mittels Identifizierung gebende introjektive 
Typus. 

In dieser zweifachen Paradoxie des Gefühlslebens, die so- 
wohl innerhalb des Individuums selbst als auch in seiner Be- 
ziehung zum Geschlechtspartner — oder dem entsprechenden 
Typus im allgemeinen — zum Ausdrucke kommt, gibt es einen 
Ausgleichsmechanismus, der nur den Nachteil hat, daß er nicht 
immer erfolgreich funktioniert, weil die Typen zu gemischt und 
die Bedingungen im allgemeinen zu kompliziert sind. Dieser 
Ausgleichsmechanismus ist das Schuldgefühl, das wir 
schon vorher als ein Grenzphänomen charakterisiert haben. Das 
Schuldgefühl ermöglicht der Frau, dort zu empfangen, wo sie geben 
will, und zwingt den Mann, dort zu geben, wo er nehmen möchte. 
Sei dies nun auf physischem, charakterologischem oder gefühls- 
mäßigem Gebiete. Anderseits gilt das hier von den Geschlechtern 
Ausgesagte für die ihnen entsprechenden Menschentypen über- 
haupt; wir haben es nur am Geschlechts typus ausgeführt, weil 
dieser den deutlichsten und auch wichtigsten Fall darstellt. Das 
Schuldgefühl verbindet aber dann nicht nur das biologische Ich 
mit dem biologischen Du, d. h. hilft dem Ich die Geschlechts- 
rolle zu akzeptieren, auch wenn sie mit dem Gefühls- oder Cha- 
raktertypus nicht im Einklänge steht. Sondern das Schuldgefühl 



88 Fühlen und Verleugnen 

ist dann ein noch wichtigerer Faktor im eigenen seelischen Haus- 
halt, indem es dort die einander widersprechenden Tendenzen 
des Gebens und Nehmens, des Herrschenwollens und der Unter- 
werfung ausgleicht, ja ihr Gegeneinander oder, besser gesagt, 
Nebeneinander überhaupt ermöglicht. Mit andern Worten, das 
Schuldgefühl stellt einen wesentlichen Harmonisierungsfaktor im 
Ich dar, indem es dort das biologische Selbst mit dem ihm oft 
genug widersprechenden charakterologischen Ich gefühlsmäßig 
verbindet und diese Verbindungsrolle dann nur weiterhin in 
bezug auf das Objekt fortsetzt. Die Produktion des Schuldgefühls 
ist so ein notwendiger Fermentierungsprozeß unserer Charakter- 
entwicklung aus dem biologischen Ich zur charakterologischen 
Persönlichkeit. Diese ausgleichende Funktion des Schuldgefühls 
versagt dort, wo es zu stark wird, also wieder in der Regel beim 
projektiven Typus mit seinen intensiven Gefühlsäußerungen, 
gleichgültig ob dieser Typus einem Mann oder einer Frau ange- 
hört. Und es versagt deswegen, weil es dort, wo es zu stark 
wird, seine trennende Funktion ausübt, anstatt im Sinn eines 
wirklichen Gefühls verbindend zu wirken. 

Das Schuldgefühl scheint so die Funktion zu haben, den 
inneren Konflikt zwischen Geben- und Nehmenwollen, zwischen 
Beherrschenwollen und Unterwerfung, zwischen dem biologischen 
und dem charakterologischen Ich zu balancieren. In der Ter- 
minologie unserer Ich-Psychologie könnte man auch sagen, daß 
das Schuldgefühl irgendwie aus dem Konflikt zwischen der Ten- 
denz zur Projektion und der Neigung zur Identifizierung er- 
wächst. Aus der Analyse der analytischen Situation wie der 
Liebesbeziehung haben wir gelernt, daß die Projektion, wenn sie 
ein gewisses Maß überschreitet, Schuldgefühl schafft. Die Identi- 
fizierung dagegen schafft das Schuldgefühl weg, hebt es auf. 
Die Projektion führt deswegen unvermeidlich zum Schuldgefühle, 
weil sie ein Benutzen, ein Vergewaltigen, zumindest aber ein 
Nichtberücksichtigen des Andern ist. Die Identifizierung hebt das 
Schuldgefühl auf, weil sie ein Verstehen, ein Lieben, ein Teilen 
mit dem Andern bedeutet. Die Projektion schafft Schuld, weil 
sie auf Verleugnung des andern Selbst beruht, die Identifizierung 
befreit davon, weil sie Anerkennung des andern ist. 

Die Beziehung dieser beiden fundamentalen Mechanismen 



■ 



Funktion des Schuldgefühls 89- 

zur Gefühlslehre läßt sich folgendermaßen formulieren. Was pro- 
jiziert wird, sind, wie wir sagten, zweifellos Gefühle; ebenso er- 
folgt die Identifizierung gefühlsmäßig und mittels Gefühle. Beide 
Mechanismen, die Projektion wie die Identifizierung, zielen auf 
die Herstellung einer rein seelischen, gefühlsmäßigen Identität,, 
die nur in einer einzigen Situation, nämlich dem gegenseitigen 
Liebesgefühl, realisiert wird. Und diese Realisierung in den 
Gefühlsäußerungen des Liebeslebens gewährt Lust. Alle andern 
Realisierungen des Gefühls, die wir als Affekte abführen, sind 
trennender Natur und bereiten Unlust. 

Das Sexualgebiet ist so die weitaus wichtigste Sphäre, in 
der Gefühle und Affekte lustvoll erfahren werden. Was die 
Psychoanalyse als „Libido" bezeichnet hat, scheint nichts anderes 
zu sein als diese lustvolle Art der Gefühlssensation. Die Affekt- 
abfuhr scheint mehr einer Entlastung des Ich zu ent- 
sprechen. Diese Erfahrung wird am häufigsten in der Sexual- 
sphäre erlebt (auf die Freud sie beschränken wollte), ist aber 
auch in andern Sphären möglich (wie Jung behauptet hat). 
Die Erfahrung des Lustgefühls ist aber nicht nur an die ge- 
nannten positiven Bedingungen gebunden, sondern ebensosehr 
an das Fehlen eines negativen Faktors, des Schuldgefühls; oder 
besser gesagt, an das Fehlen jenes Plus an Schuldgefühl, welches 
über das zur Ausgleichung des inneren Konflikts nötige Maß 
hinausgeht. Das Lustgefühl wird nur dann erfahren, wenn Pro- 
jektion und Identifizierung, Geben und Nehmen, Beherrschung 
und Unterwerfung, Gefühl und Affektabfuhr gleichmäßig und 
gleichzeitig von beiden Seiten zusammen- und ineinander- 
wirken. Dann entsteht kein Plus an Schuldgefühl, was aber nicht 
heißt, daß kein Schuldgefühl vorhanden ist, denn ohne dieses 
wäre eine solche gegenseitige Harmonisierung nicht möglich. 
Unter diesen günstigen Umständen jedoch, wo das Lustgefühl 
entsteht, ist es die ungehemmte gefühlsmäßige Äußerung des 
wahren Selbst, die vom Andern ebenso spontan erwidert wird 
und daher die Akzeptierung des rein egoistischen Lustgefühls 
ohne Störung durch das Schuldgefühl möglich macht. Mit andern 
Worten, es ist nicht das Fehlen des Schuldgefühls, was das Zu- 
standekommen der Lust ermöglicht, sondern die Verwendung 
des unvermeidlichen Schuldgefühls im Dienste der inneren 



90 Fühlen und Verleugnen 

Balance, hauptsächlich im Dienste der Hingabe, der Unterwerfung 
des Ich unter den andern, die erst die Liebesidentifizierung er- 
möglicht. 

Bei all diesen gefühlsmäßigen Prozessen kommt neben dem 
Problem der Qualität und Quantität noch einem andern Faktor 
eine wichtige Rolle zu: nämlich dem Zeitmoment. Es ist leicht 
zu sehen und die tägliche Erfahrung bestätigt es, daß im Ge- 
fühlsleben ein Zufrüh oder Zuspät ebenso wichtig ist wie ein 
Zuviel oder Zuwenig. Auch diese Erfahrung bestätigt wieder 
nur, daß das Gefühl absolut auf Gegenseitigkeit beruht oder, 
psychologisch ausgedrückt, die Herstellung einer inneren Iden- 
tität anstrebt. Das Gefühl des andern soll eben das gleiche sein, 
in Qualität und Quantität so gut wie zeitlich, denn nur diese 
vollkommene Herstellung der Identität befriedigt unser Ich. 

Darüber hinaus aber scheint mir das ganze Zeitproblem über- 
haupt ein Gefühlsproblem zu sein, ein Gedanke, den ich hier 
nur erwähnen möchte, ohne näher darauf einzugehen. Ich ver- 
weise aber auf die alltägliche Erfahrung, wie unser Zeitgefühl 
mit unserer allgemeinen Gefühlsstimmung wechselt. Ebenso dar- 
auf, daß alle Störungen im Gefühlsleben, die unter dem Namen 
Neurosen beschrieben wurden, einen wesentlichen Zug auf- 
weisen, der auf eine Störung im Zeitgefühle hinweist. Diese 
Patienten klagen meist darüber, daß sie zu viel in der Ver- 
gangenheit denken und sich wegen der Zukunft sorgen, an- 
statt in der Gegenwart zu leben. Ein anderer Typus, der im- 
pulsive, lebt wieder ausschließlich im Augenblick und küm- 
mert sich zu wenig um die zukünftigen Folgen seines Tuns. 
In jedem Fall ist jedoch klar, daß Art und Grad des Gefühls- 
lebens unser Verhältnis zur Zeit und zu den Zeiten, nämlich 
Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft, bestimmt, mit andern 
Worten, daß die Gefühle unsere gesamte Einstellung zum Leben 
und Erleben bestimmen. 




Leiden und Helfen 

„Der Affekt, welcher ein Leiden ist, hört auf, ein 
solcnei zu sein, wenn man dessen klare und bestimmte 
Vorstellung bildet." 

Spinoza (Ethik) 

Es ist das Verdienst der Psychoanalyse, die Neurosen als 
Gemütskrankheiten, als Störungen im normalen Ablaufe des 
Gefühlslebens, erkannt zu haben. Sind aber die peinlichen Ge- 
fühle, die wir als Affekte im pathologischen Sinne des Wortes 
bezeichnen, die Ursache der Gemütsleiden, so ist leicht zu 
sehen, wo die Heilungstendenzen einsetzen müssen und worin 
sie bestehen. Das Übermaß an peinlichem Gefühl, das wir als 
Leiden bezeichnen, kommt nach unserer Auffassung daher, daß 
das Gefühlsleben in seiner Aufgabe als verbindender Faktor ver- 
sagt und so das Gefühl der Trennung, der Isoliertheit uns als 
Schmerz, als Seelenschmerz wie wir sagen, bewußt wird. Seine 
wesentlichsten Symptome sind Angst oder ein Übermaß von 
Schuldgefühl oder ein Minderwertigkeitsgefühl, in jedem Fall ein 
Gefühl von Differenz, Isoliertheit von den andern. 

Die therapeutische Formel ist daher einfach zu verschreiben: 
Das Gefühlsleben muß wieder verbindend, statt trennend funk- 
tionieren, an Stelle des Gefühls der Isoliertheit muß das Gefühl 
der Gemeinsamkeit, an Stelle der gefühlsmäßigen Wahrnehmung 
der Differenz muß die der Identität treten. Zuerst mit einem 
Menschen, dann mit den andern und schließlich so mit der 
Welt der Realität. Wie man leicht sieht, erfolgt die Herstellung 
oder Wiederherstellung dieses verbindenden Elements im Liebes- 
gefühl. Aber diese Formel ist weder so banal wie es scheint, 
noch so einfach anwendbar, wenn man sich erinnert, wie kom- 
pliziert wir das Liebesgefühl gefunden haben. Es sind darin 
Elemente von Zärtlichkeit, Hingabe, Unterwerfung, Dankbarkeit, 
denen die egoistischen impulsiven Ich-Strebungen, wie Grau- 
samkeit, Herrschsucht, Eifersucht, Besitzlust, gegenüberstehen. 



92 Leiden und Helfen 

Das Liebesgefühl als solches ist also in sich selbst ein aus- 
gleichendes, verbindendes, die reinen Ich-Strebungen paralysie- 
rendes Gefühl. Infolge dieses seines reaktiven Charakters führt 
es aber leicht zu kompensatorischen Äußerungen, die wir dann 
als Hörigkeit, masochistische Unterwerfung, Selbstaufopferung 
zu behandeln haben. Schon hier ergibt sich ein wichtiger Grund- 
satz aller seelischen Therapie. Da es sich in dem dynamischen 
"Wechselspiel des Seelischen immer um ein Zuviel oder Zu- 
wenig handelt, wird es zumindest zwei ausgesprochen extreme 
Typen von Patienten geben, deren jeder ein anderes Heilmittel 
braucht. Im großen ganzen hat der Patient entweder zu viel 
Ich-Strebungen oder zu wenig, zu viel Hemmungen oder zu 
wenig. Dementsprechend zu viel oder zu wenig Projektion bzw. 
Identifikation, zu viel oder zu wenig Schuldgefühl usw. Was 
ihm aber in allen Fällen fehlt, ist das richtige Liebesgefühl, 
das ihn selbst im Innern mit sich selbst und zugleich nach 
außen mit dem andern, dem Du, in Harmonie verbunden sein läßt. 
So gehört zum richtigen Liebesgefühle zweifellos der andere, 
das Du, das das Ich rechtfertigt. Das Du gehört zum -Ich ebenso 
biologisch wie psychologisch und charakterologisch, d. h. ethisch, 
und die Therapie, die das Du-Gefühl herzustellen hat, kann 
in jeder dieser Sphären ansetzen. Am besten, wenn sie es in 
allen zugleich tun kann. Keinesfalls können aber die thera- 
peutischen Bemühungen auf das sexuelle Gebiet beschränkt 
bleiben, sondern müssen sich auch auf die andern Sphären er- 
strecken. Denn der ethische Konflikt ist vom sexuellen Konflikt 
untrennbar und kann ebensowenig einseitig von ethischer Seite 
als einseitig von sexueller Seite gelöst werden. Die Frage, wieso 
es in der Psychoanalyse zur Überschätzung des sexuellen Faktors 
kommen konnte, führt zur Diskussion von Zusammenhängen, die 
für das Problem der Therapie von fundamentaler Bedeutung sind. 
Im wesentlichen ist es die naturwissenschaftliche Ein- 
stellung im allgemeinen und die ärztliche im besonderen, welche 
dafür verantwortlich zu machen ist. Bei den meisten Gemüts- 
kranken ist das auffälligste Symptom die Störung ihres Sexual- 
und Liebeslebens; auch ihre Klagen beziehen sich meist dar- 
auf. Wenn wir uns an die früheren Ausführungen über das 
Liebesleben erinnern und die Rolle, die der Sexualfunktion 



Unfähigkeit zur Gefühlsäußerung 93 

darin zukommt, im Auge behalten, so verstehen wir leicht, 
was das bedeutet. Es heißt nichts anderes, als daß das Indivi- 
duum, wie wir ausführten, in Störungen seines Gefühlslebens, 
in den von uns sogenannten Krisen der Ich-Entwicklung, zur 
Liebestherapie als einem Ausweg und Heilmittel gegriffen hat. Es 
ist derselbe Mechanismus, den wir in der analytischen Situation 
sehen, wo der Patient immer noch der gefühlsmäßigen Erledi- 
gung seines Konfliktes auszuweichen sucht. Im Leben ist es 
genau so. In Krisen, die das Ich gefühlsmäßig isolieren, scheint 
es das leichteste Heilmittel, die verlorengegangene Verbindung 
mit den andern, mit der Welt im Liebesgefühle zu suchen. 
Da aber diese Individuen des Liebesgefühles nicht fähig sind 
— sie wären ja sonst nicht in die Ich-Krise geraten — , suchen 
sie das verbindende Element auf physischem, statt auf" see- 
lischem Gebiete, was natürlich das Gefühlsproblem nicht nur 
nicht löst, sondern infolge des Schuldbewußtseins noch verstärkt. 
Wenn sie dann Hilfe suchen, so präsentieren sie in der Regel 
den Sexualkonflikt und das Schuldproblem. Der Sexualkonflikt 
ist aber bereits als ein mißglückter Heilungsversuch einer Ich- 
Krise aufzufassen und das manifeste Schuldgefühl der Beweis 
des Mißlingens, zugleich aber der Beweis, daß es sich um einen 
ethischen Konflikt im Ich handelt. 

Der Arzt, dem sich ein solcher Tatbestand präsentiert, sieht 
natürlich nur die Störung des Sexuallebens, und selbst wenn 
er den ethischen Anteil an dem Konflikt erkennt, weiß er nichts 
damit anzufangen, denn die Ethik ist kein Gegenstand des 
medizinischen Studiums und also auch nicht seine Sache. Ander- 
seits ist die Sexualfunktion etwas Physisches, das der Arzt 
versteht, wenngleich die letzten Dezennien gezeigt haben, wie 
sehr das medizinische Studium die menschlichen Seiten des 
Sexuallebens zugunsten der biologischen und anatomischen ver- 
nachlässigt hat. Auch Freud begann mit einer rein ärztlichen 
Di^&tik des Sexuallebens, indem er den Patienten empfahl, ge- 
wisse" sexuelle Praktiken, die er als schädlich erkannt hatte, 
abzustellen. Dies erwies sich in manchen Fällen als wirksam 
■und war eine gute therapeutische Idee. In vielen Fällen aber 
blieb sie entweder unwirksam oder wurde als nicht adäquat 
gar nicht angewendet. Auf dem weiten Wege, den Freud von 



94 Leiden und Helfen 

diesem ärztlichen Ausgangspunkt bis zur Schaffung einer psycho- 
analytischen Weltanschauung gegangen ist, hat er zwar den 
ärztlichen, nicht aber den naturwissenschaftlichen Standpunkt 
überwunden. 

Was die Psychoanalyse in ihrer Entwicklung vom Sexual- 
trauma bis zum Schuldgefühl in einer Art Selbstwiderlegung 
gezeigt hat, ist die Erkenntnis, daß die sogenannten Neurosen 
kein ärztliches Problem, sondern ein menschliches Problem sind, 
das rein naturwissenschaftlich nicht erfaßt werden kann. Mit 
anderen Worten, die Neurose ist keine Krankheit im medizini- 
schen Sinne, sondern ein Gemütsleiden, primär keine Störung 
der Sexualfunktion, sondern der Ich-Funktion. Ja, die Symptome 
der Neurose, besonders solche sexueller Natur, können geradezu 
als Heilungsversuche dieser Ich-Krise betrachtet werden, ähn- 
lich wie dies Freud von manchen Prozessen der Psychose 
behauptet hat. Ähnlich wie Freud den Traum als „Hüter des 
Schlafes" bezeichnet hat, der nur manchmal versagt, so könnte 
man im allgemeinen die neurotischen Reaktionen oder Sym- 
ptome als Hüter der Gesundheit oder Äußerung des Selbst- 
erhaltungstriebes betrachten. Sie warnen den Menschen, daß 
etwas in seinem Gemütsleben nicht in Ordnung ist, ähnlich 
wie ein leichter körperlicher Schmerz den Beginn eines schweren 
Krankheitsprozesses anzeigt. 

Aber so wenig es dem Traume gelingt, den Schlaf zu 
hüten, so wenig gelingt es dem Symptom, den Menschen zu 
warnen und seine Gesundheit zu retten. Denn das Symptom 
ist nicht nur ein Warnungszeichen, sondern auch ein Zeichen, 
daß irgend ein Destruktionsprozeß bereits begonnen hat. Hier 
setzt nun die Therapie ein. Während aber die medizinische 
Therapie im allgemeinen darauf hinzielt, den Destruktionsprozeß 
durch Beseitigung der Ursache aufzuhalten, ist es auf see- 
lischem Gebiet anders. Gewiß bemühen wir uns auch hier, 
dem Leiden abzuhelfen, aber das seelische Leiden ist in bezug 
auf Ursache und Wirkung vom körperlichen Leiden verschieden. 
Vor allem können wir die Ursache des seelischen Leidens, auch 
wenn wir sie finden, nicht abstellen, weil sie in der Natur 
des menschlichen Gefühlslebens begründet ist. Das Gefühlsleben 
selbst ist peinlich, leidvoll, und es kann sich dabei nur um 



Formen der spontanen Therapie 95 

ein Mehr oder Weniger handeln. Seelisches Leiden verhindern 
wollen, hieße das Gefühlslehen ausrotten, wie es ja wirklich 
die indische Heilslehre in Praxis, die christliche Heilslehre in 
gewissen ihrer Dogmen und der Geisteskranke mit seinem Stumpf- 
sinne versuchen. 

All dies und noch manches andere erweisen sich als thera- 
peutische Versuche, das Grundübel alles menschlichen Leidens, 
das Gefühls- und Affektleben mit der Wurzel auszurotten. Kann 
man diese Versuche einem chirurgischen Eingriffe vergleichen, 
so gibt es andere Wege der spontanen Therapie, der Selbst- 
hilfe des seelisch Leidenden, die mehr beruhigender, befreiender 
Natur sind. Diese Heilmittel beanspruchen nicht, die Ursache 
des Übels, das Gefühlsleben, auszurotten, sondern sie akzep- 
tieren es, bejahen es und suchen ihm befriedigende Ausdrucks- 
möglichkeiten zu geben. Sie sind mit einem Worte kathartisch. 
Sie wirken aber nur temporär entlastend, müssen immer wieder 
angewendet werden und entsprechen daher einer ständigen 
Therapie und keiner kausalen. Zu diesen therapeutischen Mit- 
teln gehört vor allem das Liebesgefühl, ferner der Kunstgenuß 
und die künstlerische Produktion, wie die Produktion über- 
haupt, gleichgültig auf welchem Gebiete. Es gehört dazu aber 
auch die philosophische Erkenntnislust auf intellektuellem Ge- 
biete, die religiöse Ekstase auf seelischem Gebiete; ja alle ekstati- 
schen Zustände vom Liebesgefühle bis zum Alkoholrausche haben 
nur einen und denselben, nämlich den schmerzbetäubenden 
Zweck. Wir sehen hier deutlich, wie diese beiden therapeutischen 
Tendenzen, die destruktive und die befreiende, den beiden früher 
erwähnten fundamentalen Seiten unseres Gefühlslebens, der ver- 
bindenden und der trennenden, entsprechen. Die chirurgische 
Ausrottungstherapie ist trennend, isoliert das Individuum, da 
sie das Gefühlsleben zu verleugnen sucht. Die kathartische 
Befreiungstherapie ist verbindend, sucht und findet dasselbe 
Gefühlsleben im Du, im Nebenmenschen, und teilt so Schmerz 
und Lust mit ihm. Die eine Therapie sucht die Erlösung im 
Innern, die andere außen. 

Wie man hier sieht, entsprechen diese beiden Arten der 
spontanen seelischen Therapie den beiden Typen, die wir als 
Projektions- und Identifikationstypus • beschrieben haben. Wenn- 






36 Leiden und Helfen 

gleich nun diese Typen in Wirklichkeit nicht so scharf getrennt 
sind, sondern die ihnen zugrunde liegenden Mechanismen gleich- 
zeitig miteinander und gegeneinander arbeiten, so ergeben sie 
doch für die bewußte absichtsvolle Therapie einen neuen 
Gesichtspunkt. Es wird vom Überwiegen der einen oder andern 
Tendenz, mit einem Worte, vom Typus abhängen, welche Art 
•der Therapie er braucht. Während wir auf dem Gebiete des 
physischen Leidens je nach Art und Grad der Krankheit nicht 
nur verschiedene Heilmittel, sondern auch verschiedenartige 
Therapien anwenden, scheint in bezug auf seelische Leiden die 
Ansicht zu herrschen, daß alle „aus einem Punkte zu kurieren" 
seien. Diese Gleichheit mag in bezug auf das erwünschte Re- 
sultat zutreffen, nämlich die Linderung des seelischen Leidens. 
Aber der Weg, auf dem dies bei den einzelnen Individuen, den 
verschiedenen Typen erreicht wird, ist verschieden. Der Typus, 
der zu viel projiziert, muß identifizieren lernen und umgekehrt; 
wer zu stark verleugnet, muß bejahen lernen, wer zu sehr 
gehemmt ist, muß sein Gefühl ausdrücken lernen. Dieses Lernen 
■erfolgt aber in einer psychologisch höchst bemerkenswerten 
Weise. Vor allem nicht intellektuell, sondern gefühlsmäßig, d. h. 
mittels Identifizierung. Das notwendige Maß an Einsicht wird 
aber auch nicht auf intellektuellem Wege gewonnen, sondern 
mittels Projektion, die uns eben unser wahres Selbst im Spiegel 
des Andern erkennen lehrt. Das wesentliche Moment dieses Hei- 
lungsprozesses, das Lernen, erfolgt also im ganzen gefühlsmäßig, 
■d. h. wieder durch Leiden. Mit einem Worte, die seelische The- 
rapie, wie sie die Psychoanalyse artifiziell anstrebt, beseitigt das 
seelische Leiden nicht, sondern lehrt das unvermeidliche Leiden 
ertragen. Ja, in bezug auf die Urquelle des Leidens, das Gefühls- 
leben, ist die seelische Therapie oft sogar schmerzhafter als 
das Leiden selbst, was übrigens auf dem Gebiete der Therapie 
nichts Seltenes ist. Denn die Anerkennung, Akzeptierung des 
Gefühlslebens ist selbst schmerzhaft, und diese Schmerzhaftig- 
keit hatte ja ursprünglich zur destruktiven Ausrottungstendenz 
geführt. Der Patient leidet vielleicht nach dem therapeutischen 
Erlebnis weniger, sicher aber ist, daß er das Leiden nunmehr 
leichter ertragen gelernt hat. Sei es, daß er es als unvermeid- 



Die konstruktive Überheilung 97 

lieh erkennt, sei es, daß ihm nachher anderes Leid geringer 
erscheint. 

Aber auch dies ist wieder nur eine Seite des Problems. Der 
Patient lernt nicht nur leiden oder Leiden ertragen, er lernt 
auch lieben, d. h. sein Gefühlsleben ertragen und äußern. Mit 
einem Worte, die Psychotherapie gibt wieder beides: Lust und 
Leid, ohne aus dem Zwiespalt herauszuführen, ohne Lust un- 
erwünscht, ohne Leid vermeidlich zu machen. Sie kann und 
soll aber etwas anderes tun. Wir sagten früher, daß das Ziel 
der organischen Therapie die Beseitigung der Ursache des Übels 
sei; und in diesem Sinn ist Therapie als solche negativ. Die 
Psychoanalyse kann uns lehren, daß die seelische Therapie 
sich ein solches Ziel gar nicht setzen kann, denn das Übel 
ist Leid, seine Ursache ist unser Gefühlsleben, das wir nicht 
beseitigen können. Wir sollten daher auf seelischem Gebiete 
besser nicht von Therapie sprechen, sondern von Seelenfüh- 
rung im Sinn einer pädagogischen Leitung, die auf gefühls- 
mäßiger Identifizierung beruht und durch Liebe das Leiden min- 
dert. Was eine Seelenführung in diesem Sinn anstreben soll 
und tun kann, ist nicht eine Beseitigung der Ursache des Leidens, 
des Gefühlslebens, sondern dem Gefühlsleben Ausdrucksmittel 
zugänglich zu machen oder zu verschaffen, von denen es sich 
vorher abgesperrt hatte. Mit einem Worte, eine Seelenkur kann 
nur insofern wirksam sein, als sie konstruktiv ist. Auf dem 
Gebiete des Seelenlebens kann es keine destruktive chirurgische 
Therapie geben, sondern die gehemmten Tendenzen, die befreit 
werden, suchen Ausdrucksmittel, die geleitet werden müssen, 
damit sie nicht destruktiv wirken. Denn im Seelenleben herrscht 
so stark wie sonst nirgends eine Kompensationstendenz, die sich 
dynamisch äußert, sobald die Hemmungen erleichtert werden. Es 
gibt wohl auch auf biologischem Gebiet eine ähnliche Kompen- 
sationstendenz, deren Ausnützung Wilhelm Ostwald zu Heil- 
zwecken auf dem Gebiete der körperlichen Leiden vorgeschlagen 
hat. Dort ist diese „Überheilung" möglich, kann aber auch aus- 
bleiben, und eine Heilung kann auch ohne Kompensation durch 
bloße Beseitigung des Übels erfolgen. Auf seelischem Gebiet ist 
dies aber, wie ich glaube, nicht möglich, dort ist jede Heilung 
notwendigerweise „Überheilung" und dies ist der Grund, warum 

Rank, Grundzüge einer genetischen Psychologie, n. 7 



98 



Leiden und Helfen 






die Seelenlieilung nur auf konstruktivem Weg erfolgen kann. Sie 
hat aber dann wenig mit der Therapie, wie wir sie medizinisch 
verstehen, gemeinsam. 

Das Bedürfnis nach ekstatischen, kathartischen Therapien 
zeigt nur deutlich, daß die chirurgischen Mittel der Ausrottung 
auf seelischem Gebiete versagen. Ja noch mehr. Wir sehen beide 
Tendenzen, die abwehrende destruktive und die bejahende eksta- 
tische, in all den genannten Phänomenen gleichzeitig wirksam. 
Im Liebenden wie im Künstler, im Mystiker wie im Geistes- 
kranken, im Neurotiker wie im Durchschnittsmenschen. Sie alle 
versuchen gleichzeitig die beiden schmerzbetäubenden Heilmittel, 
die Ausrottung und Verleugnung ebenso wie die Bejahung und 
die Befriedigung ihres Gefühlslebens. Wir sehen hier wieder, 
wie diese beiden einander widersprechenden Tendenzen ander- 
seits einander auch bedingen. Die Verleugnung seelischer Pein 
beseitigt dieselbe nicht, sondern schafft neues Leiden, das durch 
die Ekstase betäubt werden muß. Die Ekstase wieder führt 
zur Katharsis, und diese stellt nach einer temporären Befreiung 
den Zustand der unlustvollen Spannung, der Pein, wieder her. 

Bevor wir die eigentlich konstruktiven Elemente der Seelen- 
führung besprechen, wollen wir nicht versäumen, darauf hin- 
zuweisen, wo Raum für das eigentlich therapeutische, destruk- 
tionsverhindernde Eingreifen ist. Es ist das Grenzgebiet zwischen 
dem Physischen und dem Seelischen oder, besser gesagt, der Zu- 
sammenhang zwischen körperlichem und seelischem Schmerz. 
Beim Studium der menschlichen Erkrankungen und Krankheits- 
prozesse können wir die Erfahrung machen, daß fast jedes körper- 
liche Leiden durch einen seelischen Konflikt heraufbeschworen, 
akut wird. Der Mechanismus dieser über jeden Zweifel er- 
habenen Erfahrung ist vom Standpunkt unserer Gefühlslehre 
leicht verständlich. Die Verleugnung seelischen Schmerzes, be- 
sonders wenn er uns durch andere zugefügt wurde, führt zu 
einer Verschiebung desselben vom seelischen auf das körper- 
liche Gebiet, womit der Schmerz gerechtfertigt, gewissermaßen 
objektiviert wird. Es ist dann ein Schmerz, den nicht ein anderer, 
sondern wir selbst uns zufügen. 

Diese „Konversion" des Schmerzgefühls kommt im hyste- 
rischen Symptombilde deutlich zum Vorschein, wo keine orga- 



Schmerz und Gefühlsverleugnung 99 

nische Veränderung auffindbar ist. Sie liegt aber auch den 
körperlichen Krankheitserscheinungen zugrunde, die man im all- 
gemeinen als funktionelle Störungen bezeichnet. Nach zahlreichen 
Erfahrungen der Psychoanalyse scheinen aber auch wirkliche 
organische Veränderungen durch konvertierten Seelenschmerz 
ausgelöst zu werden, womit natürlich die dispositionelle Anlage 
nicht geleugnet ist. In allen diesen Fällen betrifft die Konversion 
einen schmerzlichen Affekt, der vom seelischen auf das körper- 
liche Gebiet verschoben wird, anstatt daß er sich frei äußern 
kann. Das einfachste, wenn auch bisher unverstandene Sym- 
ptom dieser Art ist der Kopfschmerz, der an Stelle von unter- 
drücktem Weinen auftritt, das bekanntlich so erleichternd wirkt, 
wenn das Ich dieses schmerzliche Geständnis gestattet. Dieses 
typische Beispiel vermag auch am deutlichsten zu illustrieren, 
worin dieser Prozeß der Affektkonversion im wesentlichen be- 
steht. Es ist wieder jene Wendung des Gefühls nach innen, die 
zur Isolierung, zu einer Art trotzigen Abwendimg vom andern 
führt. Statt Hilfe und Erleichterung im Mitfühlen des andern zu 
suchen, verleugnet das stolze Ich diese menschliche Neigung 
und mit ihr die Ursache derselben, das schmerzliche Gefühl. Es 
kann aber nicht weggeschafft werden, sondern geht nur ins 
Innere, in den eigenen Körper, anstatt sich nach außen als Affekt- 
äußerung, die dem andern gilt, zu entladen. 

In diesem Sinn ist schon das Appellieren des Patienten 
um Hilfe der Beginn des Heilungs- und Lösungsprozesses. Das 
Geständnis, daß er Hilfe braucht, daß er leidet, ist nicht nur 
das Symbol einer guten Prognose, sondern bedeutet auf see- 
lischem Gebiete die Kur selbst. Es ist dann aber nicht zu ver- 
wundern, daß die Patienten erst in einem meist verzweifelten 
Zustande Hilfe suchen; sie müssen verzweifelt sein, damit sie 
sich zum Geständnisse der Hilfsbedürftigkeit bewegen lassen, 
und oft genug muß ein körperliches Symptom zur Überwindung 
des letzten Widerstandes helfen. Therapeutisch muß man, wie 
auch oft auf rein organischem Gebiete, dem Prozesse seinen Ab- 
lauf gewähren und dabei auch ein gutes Stück der Natur ver- 
trauen. Was man therapeutisch tun kann, läuft im wesentlichen 
auf eine einzige Maßnahme hinaus: nämlich dem Patienten freie 
Affektäußerung, zumindest in der Aussprache, zu ermöglichen 



100 



Leiden und Helfen 



und ihm so eine gewisse Affektabfuhr nach außen zu gewähren. 
Wenn man in dieser kathartischen Abfuhr der Aussprache die 
Ähnlichkeit mit der Konfession betont hat, so möchte ich hier 
den positiven, konstruktiven Charakter dieses Prozesses betonen. 
Es ist zumindest ebensosehr, wenn nicht noch mehr, Anklage 
des andern, der einem Leid zugefügt hat, als Selbstanklage, 
Konfession. Ja, es scheint beinahe im Lichte dieser Auffassung, 
daß die Geständnisse eigener Schuld nur das Gegengewicht gegen 
die heftigen Anklagen anderer sind, die der Patient in der Analyse 
vorbringen möchte. Es scheint auch, daß die Anklage anderer des- 
wegen peinlicher ist als die Selbstanklagen, die der Neurotiker so 
freigebig produziert, weil sie das schmerzliche Geständnis ent- 
halten, daß dem Ich Schmerz vom Andern zugefügt wurde. Wie 
dem auch sei, in jedem Falle scheint mir dies der Unterschied zwi- 
schen der christlichen Seelsorge und der pädagogischen Seelen- 
führung zu sein, daß in der einen das Individuum zur Selbst- 
anklage aufgefordert wird, während es in der andern zur Selbst- 
äußerung angeleitet werden soll. Diese Selbstäußerung besteht 
aber in bezug auf das pathogene Leiden im wesentlichen auf 
Anklagen anderer, die dem Ich Schmerz zugefügt haben. Dies 
wirkt aber so befreiend, weil dieses Geständnis einer Aufhebung 
der Verleugnung entspricht, daß ein anderer uns Schmerz zu- 
gefügt hat. Die Selbstanklagen sind oft nur Wunscherfüllung, daß 
es anders gewesen wäre, d. h. daß wir dem Andern Schmerz zu- 
gefügt hätten. Die Heilwirkung der Analyse besteht darin, daß 
unser Ich jemanden findet, der ihm nicht Schmerz zufügt, 
sondern ihm hilft, der ihn nicht anklagt, sondern versteht, mit 
einem Worte liebt. 

Zwei Gefahren, die in der Natur der analytischen Situation 
liegen, scheinen dabei den Enderfolg zu gefährden. Die erste 
ist, daß der Patient diese Anklagen bald gegen den Analytiker 
richtet, wenn auch nur manchmal direkt, so doch immer in- 
direkt oder stumm als Widerstand, der dann die analytische Si- 
tuation bedroht. Die Handhabung dieses Widerstandes ist zwar 
ein technisches Problem, aber die Schwierigkeiten desselben be- 
treffen das gesamte Problem des Patienten. Er muß mit diesen 
Anklagen irgendwohin: wendet er sie gegen sich selbst, so re- 
sultiert das unerträgliche Schuldgefühl; wendet er sie gegen 



Die Natur der analytischen Therapie 101 

die Personen seiner Umgebung, so kann er nicht länger mit 
ihnen leben; wendet er sie endlich gegen den Analytiker, so be- 
droht das den Endausgang der Behandlung. Die zweite Gefahr 
ist, daß der Patient die ungehemmte Affektäußerung, die ihm 
in der Analyse gestattet, ja geboten wurde, auch außerhalb 
derselben und nach Beendigung derselben fortsetzen will. Dies 
ist jedoch nicht immer möglich. Anderseits hat der Patient ge- 
lernt, seine Gefühle auszudrücken, anstatt sie zu unterdrücken. 
Die Schwierigkeit liegt darin, daß er den Mittelweg finden soll, 
den er früher nicht finden konnte, ohne daß er von einem 
Extrem ins andere verfällt. 

Dies ist das schwierigste Problem der Psychothearpie. Der 
analytische Teil derselben hat uns gezeigt, wieso das Individuum 
neurotisch werden kann. Die konstruktive Seelenführung zeigt 
dem Individuum, wie es werden kann, wenn es sein wahres 
Selbst akzeptiert. Wenn der Patient in der sogenannten Über- 
tragung so stark an den alten Mechanismen der Projektion und 
Identifizierung (Eltern-Imagines) festhalten will, so hat er mit 
diesem „Widerstand" insofern auch Recht, als er sich fürchtet, 
seine eigenen Gefühle frei und ungehemmt und auf eigene Ver- 
antwortung auszudrücken. In der sogenannten „Lehranalyse" 
mag es angehen, den Schüler auf der Identifizierungsstufe mit 
dem Analytiker zu entlassen, da ja das eingestandene Ziel ist, 
daß er seinem Analytiker ähnlich werde. Es muß gesagt werden, 
daß leider auch die meisten therapeutischen Analysen so enden, 
weil der Analytiker selbst in der Regel nicht über dieses Identi- 
fizierungsstadium mit seinem Lehrer hinausgekommen ist. Ja es 
scheint sogar, als könnte eine eigene durchgemachte Lehr- 
analyse des Analytikers diesem bei der Ausübung der Analyse 
auch schaden. Entweder wenn er nicht imstande ist, seinen 
Patienten über das eigene Identifizierungsstadium hinauszu- 
bringen oder wenn er als Reaktion auf seine Identifizierung mit 
seinem Lehranalytiker nunmehr sein eigentliches verdrängtes 
Selbst auf den Patienten projiziert. Anders verhält es sich, 
wenn der Analytiker seine eigene Individualität und Persönlich- 
keit so entwickeln und ausdrücken kann, daß er dies in der analyti- 
schen Situation nicht nötig hat. Nur dann wird er es vermeiden 



102 



Leiden und Helfen 



UNIV. E1BL 
BERLIN. 

können, sein Selbst auf den Patienten zu projizieren, und diesen 
so zu einer Identifizierung zu zwingen. 

Technisch läßt sich dies so beschreiben: In jeder richtig 
geleiteten Seelenanalyse gibt es einen psychologischen Mo- 
ment, von dem der Erfolg der ganzen Arbeit abhängt. Es ist 
dies der Moment, an dem man den Patienten aus dem analyti- 
schen Zwang befreien muß. Die Form, in der dies erfolgt, habe 
ich als Terminsetzung beschrieben. Es ist aber dabei, wie ich 
ausführte, zu beachten, daß man den Tennin nicht willkürlich 
oder gefühlsmäßig setzt, sondern daß ganz bestimmte Kriterien 
dafür in den Reaktionen des Patienten zu finden sind. Sie 
sind verschieden je nach dem Typus des Patienten, tauchen 
aber alle an einer bestimmten Stelle der Analyse auf und 
lassen sich auf folgenden gemeinsamen Nenner reduzieren. Es 
ist diejenige echte Widerstandsphase, die dann eintritt, wenn 
der Patient die ersten Schwierigkeiten in der Herstellung der 
Übertragung überwunden hat und zu dem Punkte gelangt, wo 
er aus der Analyse heraus möchte, weil er sonst zu tief hinein zu 
geraten droht. Es ist dies der Punkt, an dem der Widerstand 
konstruktive Bedeutung annimmt, die der Analytiker nicht über- 
sehen darf, wenn die Analyse nicht fehlschlagen soll. Wenn 
der Patient Fortschritt im konstruktiven Sinne macht, d. h. je 
unabhängiger und selbständiger er wird, desto mehr muß er auf 
die analytische Situation, die ihn in Unabhängigkeit und Un- 
selbständigkeit erhält, mit Widerstand reagieren. Wenn der 
Analytiker die konstruktive Seite dieses Widerstandes nicht recht- 
zeitig erkennt und für die Terminsetzung nutzbar macht, so 
führt dies zu einem völligen Versagen seiner eigentlichen Auf- 
gabe, die eben darin besteht, die seelische Befreiung des Pa- 
tienten nicht zu hindern, wenn dieser sich gegen den Gefühls- 
druck der analytischen Situation wehrt. Dies ist deshalb nötig, 
weil der Patient seinen Freiheitsdrang nicht direkt äußern 
kann, da er sich durch Liebe und Schuld an den Analy- 
tiker gebunden fühlt. Oft genug sind des Patienten direkte Über- 
tragungsgeständnisse die ersten kompensatorischen Äußerungen 
seines Schuldgefühls, das als Reaktion auf das Freiheitsbedürfnis 
auftritt. Wenn man dann dem Patienten seinen Wunsch, dem 
Drucke der analytischen Situation zu entkommen, bewußt macht 



Tendenz zur Persönlichkeitsentwicklung 103 

und nachgibt, so bekommt man neue Widerstandsreaktionen, die 
sich gegen diese seinem Ich scheinbar zugefügte Kränkung er- 
heben. Denn obzwar er selbst es will, fühlt er doch, daß er 
weggeschickt wird, was seinen Stolz verletzt. Zugleich lehnt 
er mit diesem Widerstände die Verantwortung ab, das Ende 
der Analyse gewollt zu haben, und überläßt dann gern die 
endgültige Setzung des Termins in der Regel dem Analytiker. 
In der Zeit zwischen dem ersten Auftauchen des Freiheits- 
dranges im Patienten, wo die Terminsetzung erfolgt, und dem 
eigentlichen Ende der Analyse muß man die Befreiungstendenz 
des Patienten konstruktiv auswerten, was vor allem durch Be- 
seitigung des Schuldgefühls gegen den Analytiker in der analyti- 
schen Situation selbst geschieht. 

Mit einem Worte, die Analyse soll und muß über das Pro- 
jektions- und Identifizierungsstadium hinaus zur Persönlichkeits- 
entwicklung des Patienten führen, deren erste und wichtigste Lei- 
stung die Schöpfung seiner eigenen Analyse ist. Der Patient er- 
ledigt die analytische Aufgabe ohnehin in jedem Fall entsprechend 
seinem eigenen Typus. Das heißt, er macht die Analyse auf seine Art 
und Weise, formt und benützt die analytische Situation. Der 
Analytiker muß soviel Einsicht haben und so hoch über der 
Situation stehen, daß er den Patienten in diesem seinen Per- 
sönlichkeitsstreben nicht nur nicht hindert, sondern unterstützt. 
In diesem Sinne kann und soll die Analyse zu einer persön- 
lichen Schöpfung des Patienten gemacht werden, die er dann 
ohne Schuldgefühl und ohne extreme Reaktionen als seine eigene 
Leistung, ja als Ausdruck seiner eigenen neugewonnenen Per- 
sönlichkeit akzeptieren kann. 

Wir täuschen uns aber nicht darüber, daß dies ein ideales 
Bild ist. Nicht alle Menschen, auch nicht diejenigen mit Kon- 
flikten, haben schöpferische Fähigkeiten, noch weniger vertragen 
die meisten Menschen die damit verbundene Selbständigkeit, 
Unabhängigkeit und Verantwortlichkeit. Der Durchschnittsmensch 
braucht Abhängigkeit und Identifizierung, um sich anpassen und 
einordnen zu können, ebenso wie das Kind unfähig ist, allein 
zu stehen. Solchen Menschen gibt das analytische Erlebnis manch- 
mal nur eine Kostprobe davon, wie gefährlich, aber auch un- 
möglich die freie Entwicklung für sie wäre, die sie scheinbar 



! 



104 



Leiden und Helfen 



so sehr wünschen. In diesen Fällen kann es ein Erfolg sein, 
wenn die Analyse sie überzeugt, daß sie besser so bleiben wie 
sie sind. So entsprechen den Charaktertypen und Heilungs- 
methoden auch verschiedene therapeutische Ziele und Resultate. 
Daß wir das Ideal nicht immer erreichen können, ist klar. 
Aber wir müssen wissen, daß wir es auch gar nicht immer 
anstreben sollen. Denn was für das eine Individuum eine ideale 
Lösung bedeuten würde, wäre für einen andern Typus in einer 
andern Situation destruktiv. Und so hat eigentlich jeder Fall 
seine eigene Technik, seine eigene Analyse und seine eigene 
Lösung, die sich seiner Individualität und Situation und nicht 
einer theoretischen Voraussetzung oder einem persönlichen Ideal 
des Analytikers anpassen muß. 



Verlag von Franz Den ticke in Leipzig und Wien 



Bleuler, Prof. Dr. E., Die Psychoanalyse Freuds. Verteidigung und kritische Be- 
merkungen. 1911. Preis M 1,80. 

Braun, Prof. Dr. L., Herz und Psyche in ihren Wirkungen aufeinander. 1920. 
Preis M 3,—. 

Breuer, Dr. J. und Frend, Prof. Dr. Sigm., Studien über Hysterie. Vierte, 
unveränderte Auflage. 1922. Preis M 7,—. 

Fließ, Dr. W., Der Ablauf des Lebens. Grundlegung zur exakten Biologie. Zweite, 
neubearbeitete Auflage. 1923. Preis geh. M 14,—, geb. M 16,50. 

Fließ, Dr. W., Die Beziehungen zwischen Nase und weiblichen Geschlechts* 
Organen. In inrer biolog. Bedeutung dargestellt. 1897. Preis M 5,50. 

Fließ, Dr. W., Nasale Fernleidcn. Dritte, vermehrte Auflage. 1926. Preis M 2,40. 

Fortschritte der Sexualwissenschaft und Psychanalyse. Herausgegeben von 
Dr. Wilhelm S t e k e 1. I. Band. 1924. Preis geh. M 11,60, geb. M 13,80. II. Band. 
1926. Preis geh. M 18,—, geb. M 20,20. III. Band im Drucke. 

Freud, Prof. Dr. Sigm., Über Psychoanalyse. Fünf Vorlesungen, gehalten zur 
zwanzigjährigen Grundungsfeier der Clark - University in Worcester, Mass. 
September 1909. Siebente Auflage. 1924. Preis M 2,—. 

Freud, Prof. Dr. Sigm., Drei Abhandlungen zur Scxualthcorie. Sechste, durch- 
gesehene Auflage. 1926. Preis M 3,—. 

Freud, Prof. Dr. Sigm., Die Traumdeutung. Siebente Auflage. Mit Beiträgen von 
Dr. Otto Rank. 1922. Preis geh. M 12,50, geb. M 15,—. 

Freud, Prof. Dr. Sigm., Sammlung kleiner Schriften zur Neuroscnlehre. 
I. Folge. 4. Auflage. 1922. Preis M 5,—. 
II. Folge. 3. Auflage. 1921. Preis M 5,—. 
III. Folge. 2. Auflage. 1921. Preis M 7,—. 

Freud, Prof. Dr. Sigm., Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten. Vierte 
Auflage. 1925. Preis geh. M 6,—, geb. M 8,—. 

Hug-Hellmuth, Dr. H., Neue Wege zum Verständnis der Jugend. Psycho- 
analytische Vorlesungen für Eltern, Lehrer, Erzieher, Schulärzte, Kindergärtnerinnen 
und Fürsorgerinnen. 1924. Preis geh. M 4,80, in Ganzleinen geb. M 7 — . 

Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen. Heraus- 
gegeben von Prof. Dr. E. Bleuler in Zürich und Prof. Dr Siirm FrenTin 
Wien. Redigiert von C. G. Jung, Privatdozent der Psychiatrie in* Zürich 
L Band, 1. und 2. Hälfte. 1909. Preis M 14,— 
II. Band, 1. und 2. Hälfte. 1910. Preis M 16 — ' 

III. Band, 1. und 2. Hälfte. 1911. Preis M 17 — 

IV. Band, 1. und 2. Hälfte. 1912. Preis M 16'—' 
V. Band, 1. und 2. Hälfte. 1913. Preis M 19,—. 

Jahrbuch der Psychoanalyse. Herausgegeben von Prof. Dr. Sigm Freud in Wi«» 
Redigiert von Dr. Karl Abraham in Berlin und Dr. Eduard Hitschmann 
in Wien Neue Folge des Jahrbuches für psychoanalytische nnd psychopatho- 
logische Forschungen. VI. Band. 1914. Preis M 12,—. «jp«uo 
Band I— VI in 6 Ganzleinenbänden geb. Preis M 109,—. 

Jung, Doz. Dr. C. G., Der Inhalt der Psychose. Akademischer Vortrag, gehalten im 
Ratbause der Stadt Zürich am 16. Jänner 1908. Zweite, durch einen Nachtrag „ 
gänzte Auflage. 1914. Preis M 1,50. «aenwag cr- 

Jung, Doz. Dr. C. G., Wandlungen und Symbole der Libido. Beiträge zur Ent- 
wicklungsgeschichte des Denkens. Zweite Auflage. 1925 Preis e-eh M 19_ 
geb. M 14,60. ' e " ' • 

Jung, Doz Dr. med. et jur C. G., über Konflikte der kindlichen Seele. (Separatabdruck 

t> Ä i Ä ür 7 P s y ch0 « n ^ytische «n d p 8 y Chopatü0 , i8Che ForBchu 

U. Band, 1. Hälfte.) Zweite Auflage. 1916. Preis M 1,20. 

June v2S' Dr " C- f\ M ^ Be . d «**"*srjles Taters für das Schicksal des Einzelnen, 
z- weite, unveränderte, mit einer Vorrede versehene Auflage. 1927. Preis M 1,20. 



Verlag von Franz Deuticke in Leipzig und "Wien 



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Kaplan, Leo, Hypnotismns, Animismus and Psychoanalyse. Historisch-kritische 
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I. Heft. Der Wahn und die Traume in W. Jensens „Gradiva". Von Prof. Dr. Sigm. Prend in 
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l icis M 2,60. " 

VL !Äto A XÄ mÄis M 4 C ,- aBS L6n " 18 - V0D *' J - Sad *«. Nervenarzt in Wien. 

V1L Wi 6 en: SitÄflÄ* Ä r p?e g ie d M IgS!^ " ^ *" *? "* S,gm ' Fre ° d ,B 

VIII. Heft. Die Frömmigkeit des Grafen Ladwig von Zinzendorf. Ton Dr. Oskar Pfister In 

Zurloh. Zweite Auflage. 1925. Preis M 5,-? r ,n 

XI. Heft. Giovanni Segantini. Ein psychoanalytischer Versuch. Von Dr. Karl Abraham. Hit 
8 Beilagen. Zweite Auflage. 1925. Preis M 1,50. ™»»m. ma 

3UI 'pS"M Z l40 8OnaOr8tell,UMI dM Vatermordes - Von Or. A. J. Btorfer in ZUrlch. Mit. 

X " Ä Rankf ffiTrffs wt-.^^ ™ *"' Motiv * e8tftltnD 8 nnd »•■*«■«. Von 

^J^fLP^te? 1 n ,n ■ eta ? r T Be,,e, "ff B P gewissen Formen des mittelalterlichen Aber- 
glaubens. Von Prof . Dr. ErnestJones. Deutsch von Dr. E.H. Sachs. 1912. Preis M 4^-. 

XV 'M2l fc 'Prefs ^ S eelen,eben dea K,ndes - Von Dr - H - Hug- Hellmuth. Zweite Auflage. 

XVI. Heft. Über Nachtwandeln und Mondsucht. Eine medlz.-Iiter. Studie. Von Dr. J Sadeer 
Nervenarzt in Wien. 1914. Preis M 4,—. -•»»»«•, 

XVU. Heft. Jakob Boehme. Ein pathogr. Beitrag zur Psychologie der Mystik. Von Doktor 
A. Kielholz in Königsfelden. 1919. Preis M 1,80. 

XVIII. Heft. Friedrich Hebbel. Ein psychoanalytischer Versuch. Von Dr. J. Sadger, Nerven- 
arzt in Wien. 1920. Preis M 5,—. 

XIX : Heft. Schopenhauer und der Animismus. Eine psychoanalytische Studie. Von Leo Kaplan. 

XX "i?Qs fc, u Ho ? )e « 5Ia y er UDd die Entdeckung des Enorgiegesetzes. Von Dr. H. Timerding, 
lueö, troi.s M 4,—. 

Heft II, Ul, IV, IX, X, vergriffen. Nene Auflagen in Vorbereitung. 

Steiner, Dr. Maximilian, Die psychischen Störungen der männlichen Potenz. 

Ihre Tragweite und ihre Behandlung. Dritte, umgearbeitete Auflage. Mit einem 
Vorwort von Prof. Dr. Sigm. Freud. 1926. Preis M 2,40. 



Manzsche Buchdruckerei, Wien IX. 2253 



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