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Full text of "Die Sexualität im Kulturkampf. Zur sozialistischen Umstrukturierung des Menschen [2., erweiterte Auflage]"

Wilhelm reich 

DIE SEJCÜRUTRT 
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KULTURKAMPF 

ZUR SOZIRLISTISCHEN 
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WILHELM REICH 



DIE SEXUALITÄT 

IM KULTURKAMPF 



ZUR SOZIALISTISCHEN UMSTRUKTURIERUNG 

DES MENSCHEN 



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IL ERWEITERTE AUFLAGE 

(VON »GESCHLECHTSREIFE, ENTHALTSAMKEIT, EHEMORAL«, 1930) 



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1936 
SEXPOL-VERLAG. KOPENHAGEN, POSTBOX 827 



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Alle Rechte, insbesondere die des Nachdrucks 

und der Übersetzung, vorbehalten. Copyright 

1936 by Sexpol-Verlag, Kopenhagen. Druck: 

Universal Trykkeriet, Kobenhavn, 



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INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 



DIE PSVCHOANALVTISCHE HOCHSCHULE 11^ BERLIN 



Der Redakteur der »GarnroUe«, der die Frage: ^Wozu leben wir?«: 
gestellt hat, scheint Lust zu haben, sich in das Gesiriipp der Philo- 
sophie zu begeben. Vielleicht aber hat ihn grosses Zittern und Beben 
vor der Nichtigkeit des menschlichen Lebens erfasst. Im ersten Fall 
ist's ja gut, im zweiten ist's schlimm. Und zwar aus folgendem 
Grunde: »Leben, um zu lebend ist die einzige Antwort auf die gestellte 
Frage, so sonderbar und so einseitig das auch klingen mag. Der 
ganze Zweck, der ganze Sinn des Lebens besteht für den Menschen 
im Leben selbst, im Prozess des Lebens. Um den Zweck und den 
Sinn des Lebens zu erfassen, muss man vor allem das Leben lieben, 
gänzlich, wie m^an so sagt, im Wirbel des Lebens untertauchen ; erst 
dann wird man den Sinn des Lebens erfassen, wird man verstehn, 
wozu man lebt. Das Leben ist etwas, was im Gegensatz zu allem, 
was der Mensch geschaffen hat, keine Theorie benötigt; wer die Praxis 
des Lebens erfasst, dem wird auch die Theorie des Lebens klar. 

(Aus dem Tagebuch des Schälers Kostja Rjabzew) 



■»Ist die Konstruktion der Zukunft und das 
Fertigwerden für alle Zeiten nicht unsere Sache, 
so ist desto gewisser, was wir gegenwärtig zu voll- 
bringen haben, ich meine die rücksichtslose Kritik 
alles Bestehenden, rücksichtslos sowohl in dem 
Sinne, dass die Kritik sich nicht vor ihren Resul- 
taten fürchtet und ebensowenig vor dem Konflikte 
mit den vorhandenen Mächten. -^ 

Karl M a rx 



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VORWORT 

Im Oktober 1935 riefen 300 der bekanntesten Psychiater die Welt 
zur Besinnung auf. Italien hatte gerade die ersten Überfälle auf 
Abessinien durchgeführt. Tausende Menschen, darunter Frauen, 
Greise und Kinder, waren im ersten Anhieb wehrlos erschlagen 
worden. Man bekam eine Vorstellung von den Ausmassen des 
Massenmordes im Falle eines neuen Weltkrieges. 

Dass eine massenmässig hungernde Nation wie die italienische 
bis auf Ausnahmen derart begeistert oder ohne Rebellion dem Kriegs- 
ruf Folge leisten würde, war zwar erwartet, ist aber nicht verständ- 
lich. Es bestärkte den allgemeinen Eindruck, dass sich die Welt 
nicht nur hier und dort von Menschen regieren lässt, denen die 
Psychiater Zeichen der Geisteskrankheit zuschreiben mussten; mehr: 
die Menschen aller Erdteile sind in der Tat seelisch krank; sie rea- 
gieren geistig abnormal, in Widerspruch mit ihren eigenen Wünschen 
und realen Möglichkeilen. Es ist ein Zeichen seelisch abnormaler 
Reaktion: im überfluss zu verhungern; trotz vorhandenen Kohlen, 
Baumaschinen, Millionen Quadratkilometer freier Bodenfläche u. s. f. 
Kälte und Regen ausgesetzt zu sein; zu glauben, dass eine göttliche 
Macht mit langem weissen Bart alles lenke und man dieser Macht 
auf Tod und Verderben ausgeliefert sei; begeistert zu sein, Menschen, 
die einem nichts antaten, zu morden und zu glauben, ein Land, von 
dem man nie etwas gehört bat, erobern zu müssen; selber in Lumpen 
zu geben, und sich als Vertreter der »Grösse der Nationt, der man 
angehört, zu fühlen; die klassenlose Gesellschaft zu wollen und die 
»Volksgemeinschaf t'i mit den Profitjägern dafür zu halten; zu ver- 
gessen, was ein Staatsführer versprach, ehe er Fährer der Nation 
wurde; überhaupt einzelnen Menschen, auch wenn sie Staatsmänner 
sind, eine derartige Macht über das eigene Leben und Schicksal anzu- 
vertrauen; nicht aasdenken zu können, dass auch die sogenannten 
grossen Lenker des Staates und der Wirtschaft schlafen, essen, Sexu- 
alstörungen haben, ihre Notdurft verrichten, von unbewussten, un- 
kontrollierten Gefühlsregungen ganz genau so beherrscht sind wie 



VIII 



Vorwort 



die gewöhnlichen Sterblichen; das Prügeln der Kinder im Dienste 
»der Kultur« für eine Selbstverständlichkeit zu halten; Jugendlichen 
in der Blüte ihres Lebens das Glück der Liebesvereinigung zu ver- 
bieten. Man könnte beliebig {ortfahren. 

Der Aufruf der 300 Psychiater war eine Tat, eine offizielle Politi- 
sierung der sonst so weltfremden und angeblich unpolitischen 
Wissenschaft. Doch diese Tat war unvollständig. Sie griff nicht an 
die Wurzel der Erscheinungen, die korrekt angegeben wurden. Sie 
ging nicht von der Frage nach dem Wesen der allgemeinen gei- 
stigen Erkrankung der heutigen Menschen aus. Sie fragte nicht nach 
den Ursachen der masslosen Opferbereitschaft der Masse im Dienste 
der Interessen einiger Rüstungsmagnaten. Sie stellte nicht den Gegen- 
satz fest zwischen wirklicher Bedürfnisbefriedigung und illusionärer 
Befriedigung im nationalistischen Taumet, der den ekstatischen Zu- 
ständen religiös fanatisierter Menschen durchaus verwandt ist. 
Hunger und Elend der Masse bei fortschrittlicher Produktivität der 
Wirtschaft fährte statt zur rationellen Planwirtschaft des Lebens 
(d. h. zum Sozialismus) zur Bejahung des Hungers und der Ver- 
elendung durch die Masse selbst. Die sozialistische Bewegung geriet 
ins Hintertreffen. Problem ist nicht die Psychologie der Staats- 
männer, sondern die der Masse. 

Die heutigen Staatsmänner sind Freunde, Brüder, Vettern, 
Schwiegerväter von Gross kapitalisten. Dass die Masse denkender, 
zum Teil kultivierter und gebildeter Menschen dies nicht sieht und 
nicht entsprechend reagiert, ist Problem. Es lässt sich nicht durch 
individuelle spsychodiagnostische Untersuchungen« lösen. Die see- 
lischen Erkrankungen, darunter Verstandestrübungen, Resignation, 
Hörigkeit, Selbstschädigung, unbedingte Fährergläubigkeit usw. sind, 
auf die einfachste Formel gebracht, insgesamt Ausdruck gestörter 
Harmonie des vegetativen, im speziellen des sexuellen Lebens auf der 
allgemeinen gesellschaftlichen Grundlage der Klassengesellschaft. 

Die grotesken Erscheinungen der Geisteskranken sind nur grobe 
Verzerrungen und Vergrösserungen des mystisch-gläubigen Ver- 
haltens etwa von Bevölkerungsmassen, die den Krieg durch Gebete 
abwehren. In den Irrenhäusern der Erde, die etwa vier von je tausend 
Menschen beherbergen, wird nach der Ordnung des vegetativen 
sexuellen Lebens ebenso wenig gefragt wie in der Politik. In 
der offiziellen Wissenschaft ist das Kapitel Sexualität noch immer 
nicht abgefasst worden. Dennoch ist an der Verursachung seelischer 
abnormer Reaktionen durch die krankhafte Lenkung nichthefriedigter 
sexueller Energie (—uagischer Erregung) heute nicht mehr zu 
zweifeln. 

Wir greifen daher an die Wurzel der seelischen Massenerkrankung, 
wenn wir die Frage nach der sozialen Ordnung des ge- 
schlechtlichen Lebens der Menschen aufrollen. 



nie Sexualfunktion — Kern der Struktur 



IX 



Die sexuelle Energie ist die Aufbauenergie der psychischen Appa- 
ratur. Diese bildet die menschliche Gefühls- und Dcnkstruiitur. 
»Sexualität« (physiologisch Vagusfunktion) ist die produktive Lebens- 
energie schlechthin. Ihre Unterdrückung bedeutet nicht nur im ärzt- 
lichen Bereich, sondern vielmehr ganz allgemein Störung der grund- 
sätzlichen Lebensfunktionen; der gesellschafilich wesentliciiste Aus- 
druck daran sind das unsweckmässige (irrationale ) Handeln der 
Menschen, ihre Tollheit, ihre Mystik und Religiosität, ihre Kriegs- 
bereitschaft etc. Die Sexualpolitik nmss daher von der Frage aus- 
gehen : Aus welchem Grunde wird das menschliche 
Lieb es leb en unterdrückt? 

Versuchen wir kurz zusammenzufassen, in welcher Weise die 
Sexualökonomie die Beziehung zwischen menschlichem Seelenleben 
und gesellschaftlicher Wirtschaftsordnung erfasst. Die menschlichen 
Bedürfnisse werden von der Gesellschaft geformt, gewandelt, insbe- 
sondere auch unterdrückt; derart entsteht die psychische Struktur 
der Menschen. Sie ist nicht angeboren, sondern entwickelt sich bei 
jedem einzelnen Mitglied der Gesellschaft im Verlaufe des ständigen 
Kampfes zwischen Bedürfnis und Gesellschaft. Es gibt keine ange- 
borene Trieb struktur; diese Struktur wird im Laufe der ersten 
Lebensjahre erworben. Angeboren ist nur ein grösseres oder kleine- 
res Mass an vegetativer Energie. Durch die Einwirkung der Klas- 
sengesellschaft entsteht die Struktur des Untertanen, der gleichzeitig 
gehorcht und rebelliert. Die klassen lose Gesellschaft will den 
»freien« Menschen; sie muss daher nicht nur wissen, wie der fcür- 
gerliche Mensch strukturiert wurde, sondern auch erfassen, wie sie 
die Menschen strukturieren will, welcher Kräfte sie sich dabei be- 
dienen soll. 

Der Kern der praktisch-politischen Psychologie ist die Sexualpoli- 
tik; denn der Kern des seelischen Funktionierens ist die sexuelle 
Funktion. Das ist schon durch den Charakter der schönen Literatur 
und der Filmproduktion bewiesen; 90% aller Romane, aller lyrischen 
Dichtkunst, 99% aller Filme und Schauspiele u.s.f. sind Produktion 
für sexuelle Bedürfnisse. 

Die biologischen Bedürfnisse, Ernährung und Sexuallust, begrün- 
den die Notwendigkeit des gesellschaftlichen Zusammenschlusses der 
Menschen überhaupt. Die so entstehenden »Produktionsverhältnisse^ 
verändern die Grundbedürfnisse, ohne sie jedoch je zu töten, und 
schaffen aus ihnen neue Ansprüche. Die veränderten und neu ent- 
standenen menschlichen Ansprüche bestimmen nun ihrerseits die 
weitere Entfaltung der Produktion, der Produktionsmittel (Werk- 
zeuge und Maschinen) und mit ihnen die der gesellschaftlichen und 
wirtschaftlichen Beziehungen der Menschen zueinander. Auf Grund 
dieser Produktionsverhältnisse zwischen den Menschen ent- 
wickeln sich bestimmte Anschauungen über das Leben, Moral, Philo- 



X 



Vorwort 



Sophie etc. Sie entsprechen durchschnittlich dem Stand der Technik 
ganz allgemein, also der jeweiligen Fähigkeif, das Dasein zu begreifen 
and XU meistern. Die so entstandene gesellschaftliche »Ideologie^ 
formt ihrerseits die menschliche Struktur. Dadurch wird sie zu einer 
materiellen Kraft und konseruiert sich in der Struktur der Menschen 
<ils ■s>Tradition<c. Es hängt nun alles weitere davon ab, ob die gesamte 
Gesellschaft an der Produktion der gesellschaftlichen Ideologie betei- 
ligt ist, oder nur eine Minderzahl. Verfügt eine Minderzahl über die 
politische Macht, dann verfügt sie auch über Art und Inhalt der all- 
gemeinen Ideologieproduktion und Strukturbildung. Daher entspricht 
in der K I a s s e n geseilschaft das Denken der Menschen den Interes- 
sen der wirtschaftlichen und politischen Machthaber. Im Gegensatz 
dazu müsste in der klassen losen Gesellschaft, wo es keine Macht- 
interessen einer Minderheit gibt, die produzierte gesellschaftliche 
Ideologie den Lebensinteressen aller Gesellschaftsmitglieder ent- 
sprechen. 

Bisher dachte man sich die gesellschaftliche Ideologie nur als eine 
Summe von Vorstellungen, die sich über dem Wirtschaf tprozess »in 
den Köpfen der Menschen« bilden. Nach dem Siege der politischen 
Reaktion Deutschlands in tiefster Krise and nach den Erfahrungen 
<ius dem irrationalen Verhalten der Masse, kann die Ideologie nicht 
mehr als eine blosse Spiegelung betrachtet werden. Sobald eine Ide- 
ologie die Struktur der Menschen erfasst und geformt hat, ist sie zu 
einer materiellen, politischen Kraft geworden. Es gibt 
keinen sozial-ökonomischen Prozess von historischer Bedeutung, der 
nicht in der seelischen Struktur der Masse verankert und in Form 
des Verhaltens dieser Masse tätig wäre. Es gibt keine ■^-Entwicklung 
der Produktionskräfte an sich<£, sondern nur eine Entwicklung oder 
Bremsung der menschlichen Struktur, ihres Fählens and Denkens 
■auf der Grundlage wirtschaftlicher und sozialer Prozesse. Der Wirt- 
schaf tsprozess, d. h. die Entwicklung der Maschinen, ist mit dem see- 
lischen Strukturprozess der Menschen, die ihn schaffen, antreiben, 
hemmen und von ihm beeinflusst werden, funktionell identisch. 
Wirtschaft ohne menschliche, tätige Triebstruktur ist undenkbar, 
ebenso umgekehrt menschliches Fühlen, Denken und Handeln ohne 
wirtschaftliche Grundlage und Folge. Die Einseitigkeit beider An- 
schauungen begründet den Psychologismus {»Die seelischen 
Kräfte der Menschen allein machen Geschichte«) ebenso wie den 
Ökonomismus f^Die Technik allein macht Geschichte«). Man 
sollte weniger von Dialektik reden and lieber die lebendigen Wechsel- 
beziehungen zwischen Menschengruppen, Natur und Maschinen er- 
fassen. Sie sind als Funktion eine Einheit und gleichzeitig bedingen 
sie einander; doch es wird unter keinen Umständen gelingen, den 
gegenwärtigen Kulturprozess praktisch zu bewältigen, wenn man 
nicht begreifen wird, dass die seelische Struktur in ihrem Kern 



Politisierung des persönlichen Leben XI 

Sexualst mktur und der Kulturprozess im wesentlichen sexueller Be- 
dürfnis prozess ist, der sich auf der Grundlage der Erhaltung des 
Lebens abspielt. 

Das kleine, armselige, angeblich »unpolitischeii. sexuelle Leben 
der Menschen muss grundsätzlich im Zusammenbange mit den Fra- 
gen der Klassengesellschaft erforscht und bewältigt werden. Die hohe 
Politik spielt sich in Wirklichkeit nicht beim Diplomatenfrühstück son- 
dern in diesem kleinen Leben ab. Daher ist die Politisierung des so- 
genannten persönlichen Lebens der Menschen nicht mehr aufzuschie- 
ben. Verstünden die 1800 Millionen Erdbewohner die Tätigkeit der 
hundert führenden Diplomaten, dann wäre alles in Ordnung; es gäbe 
keine Lenkung der Gesellschaft and keine Ordnung der menschlichen 
Bedürfnisbefriedigung nach Rästungsinteressen und Tagesordnungs- 
prinzipien mehr. Doch diese 1800 Millionen Menschen werden ihr 
Schicksal nicht selber meistern können, solange sie sich nicht ihres 
eigenen bescheidenen, persönlichen Lebens bewusst werden. Die in- 
jieren Mächte, die sie daran hindern, heissen: S exaai m o r al und 
Religion. 

Die Wirtschaftsordnung des Kapitalismus der letzten 200 Jahre 
hat die menschliche Struktur sehr verändert; doch diese Veränderung 
ist geringfügig, verglichen mit der umfassenden menschlichen Ver- 
ödung, seitdem vor lausenden Jahren die Unterdrückung des natür- 
lichen Lebens, darunter in erster Linie des sexuellen, in diese Welt 
einbrach. Jahrlausende alte Unterjochung des Trieblebens hat erst 
den massenpsgchologischen Boden geschaffen, Autoritätsangst, Hörig- 
keit, unglaubliche Bescheidenheit auf der einen, sadistische Brutalität 
auf der anderen Seite, Religion und illusionäre Befriedigung, auf 
deren Grund sich eine 200 Jahre alte kapitalistische Profitwirtschaft 
austoben und erhalten kann. Doch wir vergessen dabei nicht, dass 
es soziale und wirtschaftliche Prozesse waren, die vor lausenden 
Jahren Anlass zu dieser Veränderung der menschlichen Struktur ge- 
geben hatten. Es geht also heute nicht mehr um das Problem einer 
200 Jahre alten Maschinenindustrie, sondern um eine etwa 6000 
Jahre alte menschliche Struktur, die sich bisher unfähig erwies, die 
Maschinen in ihren Dienst zu stellen. So grossartig und revolutionär 
die Entdeckung der Gesetze der kapitalistischen Wirtschaft war, so 
wenig reicht sie allein aus, das Problem der menschlichen Hörigkeit 
und Selbstunterwerfung zu lösen. Zwar ringen überall Menschengrup- 
pen, Teile unterdrückter Klassen um »Brot und Freiheit«, doch die 
überwiegende Masse steht abseits und betet, oder sie ringt um Frei- 
Jieit auf der Seite ihrer Unterdrücker. Dass diese Masse unerhörte 
Not leidet, erlebt sie selber stündlich und täglich. Dass man ihr nur 
Brot geben will und nicht alle Genüsse des Lebens, bestärkt ihre Be- 
scheidenheit. Und was Freiheit in Wirklichkeit ist, sein kann oder 
sein wird, ist der Masse bisher nicht konkret verständlich dargelegt 



XIT 



Vorwort 



worden. Man hat ihr die Möglichkeiten allgemeinen Lebensglücks 
nicht greifbar vor Augen geführt. Wo man solches zu tun versuchte, 
um sie zu gewinnen, führte man ihr die kranken, von Schuldgefühl 
durchsetzten und armseligen Vergnügungen spiessiger Kleinbürger- 
lokale und Rummelplätze vor. Der Kern des Lebensglücks ist das 
sexuelle Glück. Daran wagte niemand zu rühren, der politisches 
Gewicht hatte. Die Sexualität wäre eine Privatangelegenheit und hätte 
mit der Politik nichts zu tun, war und ist die allgemeine Ansicht. 
Die politische Reaktion denkt anders! 

Der Übersetzer des Buches, »Geschh-.chtsreife, Enthaltsamkeit, Ehe- 
moraU (^La Crise Sexuelle«, Paris 193-iJ stellt den Freudomarxismus 
dem Marxismus gegenüber und meint, die speziell psychoanalytische , 

Denkweise ändere die marxistische Fragestellung ab. ^Bei ihm (Reich) M 

ist die sexuelle Krise nicht in erster Linie Resultat des Widerspruchs 
zwischen der Moral und den kapitalistischen Verhältnissen in ihrem 
Niedergang einerseits und den neuen sozialen Beziehungen, der neuen 
proletarischen Moral andererseits, sondern sie ist das Resultat des 
Widerspruches zwischen den natürlichen, ewigen sexuellen Bedürf- 
nissen und der kapitalistischen Gesellschaftsordnung.« 

Derartige Einwände sind immer lehrreich und produktiv. Ihre 
Überlegung fährt regelmässig zu einer Präzision und Erweiterung der 
ursprünglichen Formulierung. 

Der Kritiker stellt hier den Klassengegensatz dem Gegensatz von 
Bedürfnis und Gesellschaft gegenüber. Dennoch sind diese beiden 
Gegensätze aus einem zu erklären and dürfen nicht einander nur 
gegenübergestellt werden. Es ist richtig, dass, objektiv klassenmässig 
gesehen, die sexuelle Krise ein Ausdruck des Widerspruchs zwischen 
kapitalistischem Niedergang und proletarischem Aufstieg ist. Es ist 
aber gleichzeitig richtig, dass sie ein Ausdruck des Widerspruchs von 
Sexaalbedürfnis und kapitalistischer Gesellschaft ist. Wie lässt sich 
das vereinen? Sehr einfach; dass der Kritiker nicht selbst die Lösung 
fand, ist daraus zu erklären, dass die strenge Unterscheidung der 
subjektiven von der objektiven Seite des gesellschaftlichen Geschehens 
ungewohnt, obgleich selbstverständlich ist: Objektiv ist die sexuelle 
Krise eine Erscheinung des Klassengegensatzes; aber wie stellt sich 
dieser Gegensatz subjektiv dar? Was heisst das: neue proletarische 
Moral? Die kapitalistische Klassenmoral tritt gegen die Sexualität 
auf, schafft also erst den Widerspruch und die Not; die proletarische 
Bewegung hebt diesen Widerspruch auf, indem sie zunächst für die 
sexuelle Bedürfnisbefriedigung ideologisch eintritt, sie dann auch 
gesetzgeberisch und durch Neuordnung des sexuellen Lebens befestigt. 
Es fallen also Kapitalismus und gesellschaftliche Sexualunterdrückung- 
einerseits, proletarische -^MoraU und sexuelle Bedürfnisbefriedigung 
anderseits zusammen. Wenn wir von •äueuer proletarischer MoraU 
sprechen, sagen wir gar nichts; ihren konkreten Gehalt erhält diese 



Selbstcuerung und Absterben d. Staates XIII 



neue Moral erst durch den Inhalt der geordneten Bedürfnisbefriedi- 
gung, und dies nicht nur auf dem Gebiete der Sexualität. Erkennt die 
proletarische Ideologie nicht, dass dies — unter anderem ihr kon- 
kreter Gehalt ist, dann spricht sie zwar von neuer Moral, bleibt aber 
in Wirklichkeit in alten Tatsachen stecken. Dieser Widerspruch lässt 
sich in der Ideologie und Wirklichkeit der Sowjetunion klar nach- 
weisen. Die neue Moral ist eben, die moralische Regulierung über- 
flüssig zu machen und die Selbstregulierung des gesellschaftlichen 
Lebens herzustellen. Beim Stehlen bezw. bei der Moral gegen den 
Diebstahl ist das eindeutig sichtbar und auch in die Praxis umgesetzt: 
Wer nicht hungert, hat kein Bedürfnis zu stehlen und braucht daher 
auch keine Moral, die ihn daran verhindert. Das gleiche Grundgesetz 
gilt in der Sexualität: Wer befriedigt lebt, vergewaltigt nicht und 
braucht auch keine Moral dagegen. Wir nennen die Sexaalmoral des 
Sozialismus die »sexualökonomische Regulierung <i. des Geschlechts- 
lebens, die an die Stelle der normativen Regulierung tritt. Der Kom- 
munismus versuchte bisher, infolge Unklarheit über die Gesetze der 
Sexualität, die Form der bürgerlichen Moral beizubehalten und die 
Inhalte zu ändern; es entsteht in der S. U. etwa also eine sneue MoraU, 
die die alte ablöst. Dies ist faktisch unrichtig. Sowie der Staat nicht 
etwa nur seine Form verändert {die Durchgangsphase der not- 
wendigen Diktatur des Proletariats ausgenommen), sondern völlig 
:»abstirbt^ (Lenin), so verändert sich die Moral nicht etwa nur, 
sondern auch sie stirbt ab. 

Ein zweiter Irrtum des Kritikers besteht darin, zu glauben, dass 
wir eine absolute Sexualität annehmen, die in Konflikt mit der 
kapitalistischen Gesellschaft gerät. Es ist z. B. ein Grundfehler der 
offiziellen, bürgerlichen Psychoanalyse, die Triebe als absolute bio- 
logische Gegebenheit aufzufassen; doch das liegt nicht am Wesen der 
Psychoanalyse, die spezifisch dialektisch ist, sondern am mechanisti- 
schen Denken der Analytiker, das auf der anderen Seite, wie immer, 
durch metaphysische Thesen ergänzt wird. Auch die Triebe entstehen, 
verändern sich und vergehen. Die Zeiträume aber, in denen sich die 
biologischen Veränderungen abspielen, sind derart gross, diejenigen 
der gesellschaftlichen Prozesse dagegen derart klein relativ zu den 
biologischen, dass uns diese als absolute Gegebenheiten imponieren, 
jene dagegen als fliessend, relativ. Für die Untersuchung konkreter, 
zeitlich engbeschränkter Prozesse der Gesellschaft genügt die Fest- 
stellung des Konfliktes zwischen einem gegebenen, biologischen Trieb 
und der Art, wie die gesellschaftliche Ordnung ihn erfasst und hand- 
habt. Für biologische Gesetze des sexuellen Geschehens mit ihren 
säkularen Zeitläufen genügt dies keineswegs; hier muss die Rela- 
tivität, Veränderlichkeit der Triebanlage klar herausgearbeitet werden. 
Wenn wir etwa den Lebensprozess der Individuen als die erste 
Voraussetzung jedes gesellschaftlichen Geschehens auffassen müs- 



XIV Vorwort 



sen, so genügt anzunehmen, dass das Leben mit seinen Bedürfnissen 
vorhanden ist. Aber dieses Leben ist selbst nicht absolut, es entsteht 
und vergeht schon in Form des Generationswechsels, ist gleichzeitig 
unverändert erhalten in Form der Geschlechtszellen, die von Genera- 
tion zu Generation fortleben. Das Leben als Ganzes ist — sofern 
kosmische Zeiträume berücksichtigt werden — etwas, das aus An- 
organischem entstanden ist und einmal, wenn die Lehre von der 
Veränderlichkeit des Laufs der Gestirne stimmt, als Ganzes unter- 
gehen, das heisst in Anorganisches sich wieder rückoerwandeln wird 

— eine notwendige Annahme des dialektischen Denkens. Vielleicht 
ist kein anderer Gesichtspunkt trefflicher geeignet, die volle Er- 
kenntnis zu vermitteln, wie verschwindend klein und unbedeutend 
die Illusionen der Menschen über ihre »geistige<s., >Aranzendentale^ 
Aufgabe sind, wie überragend dagegen der Zusammenhang ihres- 
vegetativen Lebens mit dem der Natur überhaupt ist. Das könnte 
derart ausgelegt werden, dass die Klassenkämpfe ebenfalls nichtig- 
erscheinen gegenüber den kosmischen Prozessen, von denen Mensch 
und Gesellschaft nur einen kleinen Ausschnitt bilden; wie lächerlich 
ist es — könnte einer sagen — dass Menschen einander abschlachten, 
um die Arbeitslosigkeit zu beseitigen oder Hitler zur Macht zu tragen 
und dann nationalistische Weihprozessionen zu veranstalten, wo doch 
im Weltall die Sterne kreisen und man daher besser täte, sich nur 
dem Naturgenuss zu widmen. Eine derartige Auslegung wäre falsch, 
denn gerade der naturwissenschaftliche Standpunkt spricht gegen 
die Reaktion und für die Weltanschauung des Sozialismus; die erste 
versucht den anendlichen Kosmos und das ihn widerspiegelnde Natur- 
gefühl der Menschen in den Rahmen der unendlich kleinen Idee der 
sexuellen Askese und Aufopferung für vaterländische Zwecke zu 
pressen, was ihr nie gelingen kann; der Sozialismus dagegen versucht 

— als Weltanschauung — das unendlich kleine individuelle und' 
gesellschaftliche Leben in den gewaltigen Rahmen des allgemeinen 
Naturgeschehens einzuordnen, den Widerspruch aufzuheben, den eine 
■^»Fehlentwicklung^ der Natur — 6000 Jahre Ausbeutung, Religion 
und Sexualunterdrückung — in der Gesellschaft verursacht hat, auch 
wenn sie »notwendig« war; kurz, sie nimmt für die Sexualität und" 
gegen die widernatürliche Sexualethik, für internationale Planwirt- 
schaft und gegen Ausbeutung und nationale Grenzen Stellung. 

In der nationalsozialistischen Ideologie steckt ein rationaler Kern, 
der der reaktionären Bewegung ihren grossen Schwung verleiht und 
sich in der Phrase der -»Verbundenheit von Blut und Bodens aus- 
drückt; in der nationalsozialistischen Praxis dagegen wird alles 
gerade an denjenigen gesellschaftlichen Kräften festgehalten, was 
dem sozialistischen Grundzug der proletarischen Bewegung — Ver- 
bundenheit von Gesellschaft, Natur und Technik — widerspricht: an 
der Klassenteilung, die sich durch keine Illusion von der Einheit des 



Illusionen vom Lebensglück XV 

Volkes, an dem Privateigentum an Produktionsmitteln, das sieb durch 
keine »Gemeinschaftsidee« aus der Welt schaffen lässt. Der National- 
sozialismus drückt in seiner Ideologie mystisch aus, was der so- 
zialistischen Revolutionsbewegung als rationaler Kern, Klassenlosig- 
keit und natnrnahes Leben, innewohnt; diese, die sich ihres ideologi- 
schen Gehalts noch nicht voll bewusst wurde, hat dagegen alle Klar- 
heit über die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Voraussetzungen 
der Verwirklichung ihrer rationalen Weltanschauung, der Verwirk- 
lichung des Lebensglücks auf Erden. 



Vom Standpunkt der in ärztlicher Praxis gewonnenen sexualöko- 
nomischen Einsichten bahnte sich im Laufe der Jahre eine Kritik 
der heute herrschenden sexuellen Zustände und Ansichten an, die in 
dieser Schrift zusammengefasst sind. Der erste Teil dieses Buches 
(y>Das Fiasko der bürgerlichen Sexualmorol«) erschien vor etwa 6 
Jahren unter dem Titel »Geschlechtsreife, Enthaltsamkeit, EhemoraU, 
im französischen als »La crise sexuelle«. Er wurde an einzelnen Stel- 
len erweitert, ist aber sonst unverändert. Der zweite Teil (»Der Kampf 
ums ,neue Leben' in Sowjetrussland«) wurde auf Grund nunmehr 
seit 10 Jahren gesammelten Materials neu angefügt. Aus der Darstel- 
lung der Bremsung der sowjetistischen Sexualrevolution wird hervor- 
gehen, weshalb ich mich in meinen ersten sexualpolitischen Schriften 
immer wieder auf die Sowjetunion berief. Für die letzten 3 — 4 Jahr.e 
stimmt manches nicht mehr, was vorher noch korrekt war. Im Zu- 
sammenhang mit allgemeinen Rückschritten zu autoritären Prinzipien 
der gesellschaftlichen Ordnung schreitet auch der Abbau der sowjeti- 
stischen sexualrevolutionären Errungenschaften fort. 

Die vorliegende Schrift ist weit davon entfernt, auch nur an- 
nähernd alle einschlägigen Fragen erfasst oder gar gelöst zu haben. 
Eine Kritik der heutigen Lehren von den seelischen Erkrankungen 
hätte ebenso hierher gehört wie eine ausführliche Behandlung dei 
Religion. Doch das war nicht möglich, weil die Problematik 
unerschöpflich ist und das Buch ein unlesbarer Wälzer geworden 
wäre. Die Sexualpolitik des Faschismus und der Kirche als sexual- 
politischer Organisation des Patriarchats wurde in meinem Buche 
^Massenpsgchologie des Faschismus^ behandelt. Die vorliegende 
Schrift ist weder ein sexualwissenschaftliches Wörterbuch noch eine 
Geschichte der sexuellen Krise der Gegenwart. Sie beschränkt sich 
bewusst darauf, die allgemeinen Grundzüge der Widersprüche 
des gegenwärtigen Geschlechtslebens an einzelnen typischen Beispielen 
zu zeigen. Die hier dargelegten sexualökonomischen Anschauungen 



XVI Vorwort 

sind nicht Ergebnisse von Schreibtischarbeit; ohne jahrzehntlangen 
innigen Kontakt mit der Jugend des Proletariats, des Kleinbürger- 
tums und der intellektuellen Schichten, ohne ständige Kontrolle der 
Erfahrungen durch die ärztliche Arbeit am Kranken, hätte kein Satz 
dieser Schrift geschrieben werden können. Das möchte ich gewissen 
Arien uon Kritik von vornherein entgegenstellen. So fruchtbar und 
uneriässlich der Kampf der Meinungen ist: Er ist sinnlos und bedeutet 
nur Zeit- und Energievergeudung, wenn die Kritiker sich nicht per- 
sönlich an diejenigen Orte des gesellschaftlichen Lebens begeben, wo 
die lebendige Quelle der unmittelbaren Erfahrung der Sexualwissen- 
schaft zu finden ist: ins Leben der breiten unkultivierten oder falsch 
kultivierten, leidenden, zum Teil kämpfenden Masse der von den gott- 
gesandten Führern der Nationen so genannten »Untermenschen-^. Auf 
Grund der praktischen Erfahrungen in Deutschland und Österreich 
und meiner klinischen Praxis durfte ich es wagen, mir ein Urteil über 
den Verlauf der sowjetistischen Sexualrevolution zu bilden, ohne die 
sexualpolitischen Verhältnisse in der Sowjetunion dauernd persön- 
lich miterlebt zu haben. Es ist durchaus möglich, dass in der Schilde- 
rung der sowjetistischen sexualpolitischen Verhältnisse das eine oder 
das andere überspitzt geschildert ist. Doch es kam nicht darauf an, 
irgendwelche absoluten Wahrheiten auszusprechen, sondern die all- 
gemeinen Entwicklungstendenzen und Widersprüche grundsätzlich 
darzustellen. Es ist selbstverständlich, dass ich jeder sachlichen Kor- 
rektur von Tatbeständen in weiteren Auflagen dieser Schrift Rech- 
nung tragen werde. 

Schliesslich möchte ich meinen besorgten Freunden, die mich 
mahnen, die -»gefährliche Politik« zu lassen und mich nur der natur- 
wissenschaftlichen Arbeit zu widmen, sagen: Die Sexualwissenschaft 
ist, soweit sie diesen Namen verdient, politisch und links, ob sie 
will oder nicht. Wer würde in einem lichterloh brennenden Hause 
ruhigen Gemüts aesthetische Abhandlungen über den Farbensinn der 
Grillen abfassen? 

WILHELM REICH. 
Im November 1935. 



J 



ERSTER TEIL 



DAS FIASKO 
DER SEXUALMORAL 



I. KAPITEL 

DIE KLINISCHEN GRUNDLAGEN 
DER SEXUALPOLITISCHEN KRITIK 

L VOM MORALISCHEN ZUM SEXUALÖKONOMISCHEN 

PRINZIP 

Die hier vertretenen sexualökonomischen Anschauungen beruhen 
auf klinischen Beobachtungen und Erfahrungen an Kranken, die im 
Verlaufe einer gelingenden charakteranalytischen Behandlung eine 
Umwandlung ihrer psychischen Struktur durchmachen. Man wird 
mit Recht die Frage aufwerfen, ob sich denn die Erkenntnisse aus 
der Umstrukturierung eines neurotischen Menschen zum gesunden 
hin ohne weiteres auf die Probleme der Massenstruktur und ihre Um- 
erziehung anwenden lassen. An der Stelle theoretischer Überlegungen 
empfiehlt es sich, die Tatbestände für sich selbst sprechen zu lassen. 
Ein Verständnis der massenmässig auftretenden irrationaNunbe- 
wusslen unzweckmässigen Äusserungen des Trieblebens lässt sich 
jedoch auf keinen Fall fassen, wenn man sich nicht von den Er- 
fahrungen am einzelnen neurotisch erkrankten Menschen leiten lässt. 
Es ist prinzipiell kein anderes Vorgehen als das bei der Bekämpfung 
einer Epidemie. Man versucht ihrer dadurch Herr zu werden, dass 
man die einzelnen Opfer der Seuche genauestens untersucht und den 
2 



Die kÜDischen Grundlagen der sexualpolitischen Kritik 



Bazillus sowie seine Wirkungen feststellt, die für alle Opfer der Seuche 
in gleicher Weise zutreffen. Der Vergleich lässt sich noch ein Stück 
weiter verfolgen. Auch bei einer Seuche wirkt eine äussere Schädigung 
auf einen von vornherein gesunden Organismus ein. Bei einer Cho- 
lera etwa wird man sich nicht mit der Heilung des einzelnen Kranken 
begnügen, sondern man wird gleichzeitig die Stelle, von der die Ver- 
breitung des Bazillus ausgeht, isolieren und sie als Epidemiequelle zu 
vernichten trachten. Im krankhaften seelischen Gehaben der durch- 
schnittlichen Menschen der Masse fällt uns die Ähnlichkeit mit dem 
unserer Kranken auf; etwa die allgemeine Sexualseheu. die Triebhaf- 
tigkeit der moralischen Forderungen, die sich gelegentlich zu krasser 
Brutalität steigert (SA!) ; die Unfähigkeit sich vorzustellen, dass sich 
Triebbefriedigung mit fruchtbarer Arbeitsleistung vereinigen liessc; 
der wie naturgegeben erscheinende Glaube, dass die Sexualität der 
Kinder und der Jugendlichen eine krankhafte Verirrung wäre; die 
Unausdenkbarkeit einer anderen als der lebenslänglich monogamen 
Sexualform; der Unglaube an die eigene Kraft und Urteilsfähigkeit 
und die damit verbundene Sehnsucht nach einer allwissenden, führen- 
den väterlichen Gestalt u. s. f. Die Massenindividuen erleben alle 
grundsätzlich gleiche Konflikte, die jedoch in Einzelheiten voneinan- 
der auf Grund unterschiedlicher Entwicklungen auch abweichen. Will 
man die Erfahrungen von Einzelnen auf die Masse übertragen, so darf 
man sich nur derjenigen Erkenntnisse bedienen, die sich auf die ty- 
pischen, alle gemeinsam betreffenden Konflikte beziehen. Es ist dann 
durchaus korrekt, aus den Vorgängen bei der Umstrukturierung der 
einzelnen Kranken Schlüsse auf die Umstrukturierung der Masse zu 
ziehen. 

Die seelisch Kranken kommen zu uns mit typischen Zeichen see- 
lischer Zerrüttung. Die Arbeitsfälligkeit ist immer mehr oder minder 
herabgesetzt und die reale Leistung entspricht weder den Ansprüchen, 
die der Betreffende an sich selbst oder die Gesellschaft an ihn stellt, 
noch auch den Fähigkeiten, die er in sich spürt. Die sexuelle Bcfriedig- 
harkeit ist ausnahmslos stark herabgesetzt, wenn nicht vernichtet. 
An die Stelle der natürlichen genitalen Befriedigbarkeit sind immer 
nichtgenitale ( prägenitale ) Befriedigungsarten getreten, sadistische 
Vorstellungen vom Akt, Vergewaltigungsphantasien etc. Man über- 
zeugt sich in völlig eindeutiger Weise, dass die Veränderung des Cha- 
rakters und des sexuellen Verhaltens der Kranken regelmässig etwa 
im 4. — 5. Lebensjahre klare Umrisse und Formen gewann; die see- 
lische Leistungsstörung in sozialer und sexueller Hinsicht tritt früher 
oder später jedem sichtbar hervor. Jeder Kranke trägt in sich einen 
unter den Bedingungen der neurotischen Sexual Verdrängung unlös- 
baren Widerspruch zwischen Trieb und Moral. Die moralischen An- 
forderungen, die er unter dem Drucke ständiger gesellschaftlicher 
Beeinflussung an sich stellt, steigern die Aufstauung seiner sexuellen 






Vom moralischen zum sexualökonomischen Prinzip 



und allgemein vegetativen Ansprüche. Je grösser die Schädigung 
seiner genitalen Potenz wurde, desto mehr steigert sich das Missver- 
hältnis zwischen Befriedigungs be d ü r f ti g k ei t und Befriedigungs- 
fähigkeit. Das verschärft wieder den moralischen Druck, der not- 
wendig wird, um die gestauten Triebmengen niederzuhalten. Da der 
gesamte Konflikt in seinen wesentHchsten Stücken unbewussl, dem 
Betreffenden nicht fassbar ist, kann er ihn auch unter keinen Um- 
ständen selber lösen. 

In dem Konflikt zwischen Trieb und Moral, Ich und AussenweU, 
ist der psychische Organismus gezwungen, sich sowohl gegen den 
Trieb, wie gegen die AussenweU abzupanzern, abzukapseln, sich 
»kalt« zu machen. Diese »Panzerung« des psychischen Organismus 
bedingt eine mehr oder minder weitgehende Einschränkung der ge- 
samten Lebensfähigkeit und Lebenstätigkeit. Es ist nicht überflüssig 
zu betonen, dass die allermeisten Menschen unter dieser starren 
Panzerung leiden; zwischen ihnen und dem Leben steht eine Mauer. 
Sie ist die allerwichtigste Grundlage der Vereinsamung so vieler Men- 
schen mitten im kollektiven Leben. 

Die charakteranalytische Behandlung hat nun die Aufgabe, die 
vegetativen Energien aus ihren Bindungen in der psychischen Panze- 
rung zu lösen. Dadurch verstärken sich zunächst die asozialen, 
perversen, grausamen Bedürfnisse und mit ihnen auch die soziale 
Angst und die moralische Hemmung. Löst man jedoch gleichzeitig 
auch die kindlichen Bindungen an das Eiterhaus, an die Erlebnisse 
in früher Kindheit, an die antisexuellen Gebote, die damals aufgenom- 
men wurden, dann strömt immer mehr vegetative Energie dem ge- 
nitalen Organsystem zu, mit andern Worten, die genitalen natür- 
lichen Bedürfnisse erwachen entweder zu neuem Leben oder aber sie 
werden erstmalig hergestellt. Beseitigt man nun in der Folge die geni- 
talen Hemmungen und Ängste, verschafft man dadurch dem Kranken 
die Fähigkeit zur orgastisch vollkommenen Befriedigung, hat er auch 
das Glück, einen passenden Partner zu finden, so beobachtet man 
regelmässig eine weittragende und in vielen Fällen überraschende 
Veränderung im Gesamtgehaben des Kranken. Die wichtigsten dieser 
Veränderungen sind folgende: 

Stand das gesamte Handeln und Denken des Betreffenden früher 
unter mehr oder minder scharfem und störendem Einfluss unbe- 
wusster, irrationaler Motive, so erweitert sich jetzt seine Fähigkeit 
immer mehr, nicht aus irrationalen sondern aus der Wirklichkeit ent- 
sprechenden Gründen zu reagieren. Im Verlaufe dieses Prozesses ver- 
lieren sich z. B. selbsttätig, ohne dass man den Kranken dazu »er- 
zieht«, der Hang zum Mystizismus, die Religiosität, Unselbständigkeit,, 
abergläubische Vorstellungen etc. 

War der Kranke vorher schwer abgepanzert, ohne Kontakt mit 
sich selbst und seiner Umgebung oder nur mit Ersatzfunktionen u n - 



4 Die klinLschcn Grundlagen der sexualpolitischcn Kritik 

natürlicher Art ausgestattet, so erhält er immer mehr die Fähig- 
keit zu unmittelbarem Kontakt, sowohl mit seinen Trieben wie mit 
der Welt. Die Folge dieses Prozesses ist eine deutlich sichtbare 
Herstellung unmittelbaren, natürlichen statt des früher unnatürlichen 
Gehabens. 

Wir beobachten bei den meisten Kranken sozusagen ein Doppel- 
leben. Nach aussen hin erscheinen sie in einer bestimmten verschro- 
benen Art, doch durch das Krankhafte hindurch können wir deutlich 
das Gesunde spüren. Die sogenannte indi\iduelle Differenzierung der 
Menschen ist heute im wesenthchen ein Ausdruck überwuchern- 
der, neurotischer Verhaltungsweisen. Es fällt nun auf, dass im Ver- 
laufe des Gesundungsprozesses sich diese individuelle Differenzierung 
weitgehend abbaut und einer Vereinfachung im Gesamtgehahen 
Platz macht. Diese Vereinfachung bewirkt, dass die Gesundenden 
einander in ihren Grundzügen ähnlich werden, ohne dabei jedoch 
ihre individuelle Eigenart zu verlieren. Jeder Kranke überbaut z. B. 
seine Arbeitsstörung in einer sehr verschiedenen Art. Verliert er nun 
die Arbeitsstörung, gewinnt er Vertrauen zu seinen Ich-Funktionen, 
dann verlieren sich auch all diejenigen Züge im Charakter, die das 
Gefülil des Unwerts wettmachen. Doch die Selbstbewusstheit, die sich 
auf der freiströmenden Arbeitsleistung aufhaut, ist bei allen Men- 
schen ähnlich. 

Das gleiche gilt für die Stellung zum Geschlechtsleben. Wer seine 
eigene Sexualität verdrängt hat, entwickelt sehr verschiedenartige 
Formen moralischen und ästhetischen Selbstschutzes. Gewinnen nun 
die Kranken den Kontakt mit ihren sexuellen Bedürfnissen wieder, 
dann verlieren sich die neurotischen Differenzierungen. Die Einstel- 
lung zum natürlichen Geschlechtsleben wird bei allen mehr oder min- 
der gleichartig; das gilt besonders für die Bejahung der Lust und für 
den Verlust des sexuellen Schuldgefühls. Der früher unlösbare Kon- 
flikt zwischen Triebanspruch und moralischer Hemmung bewirkte, 
dass der Kranke alle seine Handlungen nach den Massen einer über 
ihm oder jenseits seiner Person schwebenden Norm regulieren musste. 
Alles, was er tat und dachte, wurde an dem moralischen Mass, das 
er sich geschaffen hatte, gemessen; gleichzeitig protestierte er dagegen. 
Erkennt er nun im Verlaufe der Umstrukturierung nicht nur die 
Notwendigkeit, sondern auch die Unerlässlichkeit der genitalen Trieb- 
hefriedigung an, dann verliert sich die moralische Zwangsjacke und 
mit ihr die Stauung seiner Triebbedurfnis.se. Hatte vorher die hoch- 
gespannte Moral den Trieb verstärkt bzw. unsozial gemacht, und der 
verstärkte Trieb die Verschärfung der moralischen Hemmung gefor- 
dert, so bewirkt die Angleichung der BefriedigungsEähigkeit an die 
Triebstärke einen Abbau der moralischen Regulierung im Betreffen- 
den. Dadurch verliert sich auch der früher unerlässliche Mechanis- 
mus der Selbstbeherrschung. Es werden nämlich dem asozial gewor- 



I 



Selbstcucrung 



denen Trieb die wesentlichsten Energien entzogen. Es gibt wenig mehr, 
das beherrscht werden müsste. Der Gesunde hat praktisch keine 
Moral mehr in sich, aber auch keine Impulse, die eine moralische 
Hemmung erfordern würden. Die Beherrschung etwa noch vorhan- 
dener asozialer Impulse gelingt mit Leichtigkeit unter der Bedingung 
der Befriedigung der genitalen Grundbedürfnisse. Das zeigt sich auch 
im praktischen Verhalten des orgastisch potent gewordenen Menschen. 
Käuflicher Geschlechtsverkehr wird eine Unmöglichkeit; vorhandene 
Lustmordphantasien verlieren ihre Kraft und Bedeutung. Einen Part- 
ner zur Liebe zu zwingen oder zu vergewaltigen, wird fremd und 
unausdenkbar. Ebenso früher etwa vorhanden gewesene Impulse. 
Kinder zu verführen. Anale, exhibitionistische und andere Perver- 
sionen weichen regelmässig vollkommen, dadurch weichen auch die 
sozialen Angst- und Schuldgefühle. Die inzestuöse Bindung an Eltern 
und Geschwistern verliert an Interesse; dadurch wird auch die Ener- 
gie frei, die sie vorher in Verdrängung gehalten hatte. Kurz, die hier 
genannten Vorgänge sind insgesamt als Zeichen dafür anzusehen, 
dass sich der seelische Organismus selbst steuert. 

Es zeigt sich, dass Menschen, die die Fähigkeit zur orgastischen 
Befriedigung erhalten, zu monogamen Beziehungen bedeutend fähiger 
sind als solche, deren natürliche Entspannungsfähigkeit gestört ist. 
Doch ihre monogame Haltung beruht nicht auf Hemmung polygamer 
Impulse oder auf moralischen Bedenken, sondern auf dem sexual- 
ökonomischen Prinzip, lebhafte, beglückende Lust mit dem einen 
Partner immer wieder zu erleben. Voraussetzung dafür ist volles 
sexuelles Zusammenklingen mit dem Partner. Ein Unterschied zwi- 
schen Mann und Frau konnte klinisch nicht festgestellt werden. Fehlt 
dagegen der geeignete Partner, was unter den herrschenden Bedingun- 
gen des Geschlechtslebens die Regel zu sein pflegt, dann schlägt die 
Fähigkeit zur Monogamie in ihr Gegenteil, in nicht zu bremsendes 
Suchen nach einem geeigneten Partner um. Ist der richtige Partner 
gefunden, so stellt sich die monogame Haltung von selbst wieder her 
und bleibt solange erhalten, wie die sexuelle Übereinstimmung und 
Befriedigung anhält. Gedanken und Wünsche nach andern Partnern 
treten entweder nur ganz schwach auf oder sie werden wegen des 
Interesses am Partner nicht in die Tat umgesetzt. Die alte Beziehung 
bricht jedoch unrettbar zusammen, wenn sie morsch wurde und eine 
andere Kameradschaft höhere Lust verspricht. Diese Tatsache, an 
der nicht zu rütteln ist, steht in unlösbarem Widerspruch zur gesam- 
ten Sexualordnung der heutigen Gesellschaft, wo materielle Bindun- 
gen und Rücksichten auf Kinder dem sexualökonomischen Prinzip 
widersprechen. Derart sind unter den Bedingungen der sexualver- 
neinenden Gesellschaftsordnung gerade die gesündesten Menschen 
schwersten subjektiven Leiden ausgesetzt. 

Das Verhalten der orgastisch gestörten Menschen, also der 



6 Die klinischen Grundlagen der scxualpolitischen Kritik 

Mehrzahl, ist anders. Da sie im Akt weniger Lust geniessen, sind 
sie entweder besser imstande, kürzere oder längere Zeit ohne Ge- 
schlechtspartner auszukommen, oder sie sind weniger wählerisch: Der 
Akt bedeutet ihnen nicht sehr viel. Die Wahllosigkeit im Geschlechts- 
verkehr ist also hier Folge sexueller Störung. Derartig sexuell ge- 
störte Menschen sind fähiger, sich den Bedingungen einer lebensläng- 
lichen Ehe zu fügen; ihre Treue beruht jedoch nicht auf sexueller 
Befriedigtheit, sondern auf moralischen Hemmungen. 

Gelingt es dem Gesundenden, den passenden Partner im Ge- 
schlechtsleben zu finden, dann zeigt sich nicht nur, dass alle ner- 
vösen Symptome verschwinden — mehr, er kann nun mit erstaun- 
licher Leichtigkeit, die ihm früher unbekannt war, sein Leben ordnen, 
Konflikte unneurotisch erledigen, und er entwickelt eine automatische 
Sicherheit in der Lenkung seiner Impulse und sozialen Beziehungen. 
Dabei folgt er durchaus dem Prinzip der Lebenslust. Die Verein- 
fachung seiner Einstellung zum Leben in Struktur, Denken und Füh- 
len beseitigt viele Quellen von Konflikten aus seinem Dasein. Gleich- 
zeitig damit erwirbt er eine kritische Einstellung zur heutigen mora- 
lischen Ordnung. 

Dem Prinzip der moralischen Regelung des seelischen 
Haushalts steht also die sexualökonomisehe Selbst- 
steuerung gegenüber. 

In der heutigen sexualverkommenen, jede Hilfe verweigernden 
Gesellschaft stösst die Durchführung dieser Heilungsarbeit oft auf 
schwer überwindbare Hindernisse, vor allem andern auf die Selten- 
heit sexuell gesunder Menschen, die für den Geheilten als Partner in 
Frage kämen. Darüber hinaus wirken sich die allgemeinen Schranken 
der Sexualmoral aus. Man könnte sagen, dass der genital Gesundete 
notwendigerweise aus einem unbewussten zu einem bewussten Heuch- 
ler gegenüber solchen Institutionen und sozialen Bedingungen wird, 
die ihn in der Entfaltung seiner gesunden, natürlichen Geschlechtlich- 
keit behindern. Andere entwickeln die Fähigkeit, ihre Umgebung 
derart zu verändern, dass die Behinderungen durch die heutige soziale 
Ordnung vermindert werden oder sogar wegfallen. 

Ich musste mich hier auf die knappste Darstellung beschränken 
und verweise auf die sehr ausführlichen Darlegungen in »Die Funk- 
tion des Orgasmus« und »Charakteranalyse«. Aus den genannten kli- 
nischen Erfahrungen Hessen sich prinzipielle Schlüsse auf die ge- 
sellschaftliche Situation ziehen. Die weiten Perspektiven die- 
ser Konsequenzen etwa in der Frage der Neurosenverhütung, des 
Kampfes gegen Mystik und Aberglauben, des alten Problems der an- 
geblichen Gegensätzlichkeit von Natur und Kultur, von Trieb und 
Moral überraschten zunächst und verwirrten nur; doch nach jahre- 
langer Überprüfung dieser Schlüsse an Hand ethnologischen und sozio- 
logischen Materials stellte sich die feste Überzeugung her, dass die 



Wider sprüclie der Freudscheii Kulturthcorie 



Schlüsse aus der Umstrukturierung vom moralischen zum 
sexualökonomischen Selbsteuerungsprlnzip korrekt sind ; 
sie fanden überall Bestätigung. Gelänge es nun einer sozialen Bewe- 
gung, die gesellschaftlichen Verhältnisse derart zu verändern, dass an 
die Stelle der heutigen Sexualverneinung wieder die allgemeine Sexual- 
bejahung träte (mit allen ihren wirtschaftlichen Voraussetzungen), 
dann könnte die Anwendung des Prinzips der Umerziehung auf die 
Masse der Menschen Wirklichkeit werden. Dies ist natürlich nicht so 
aufzufassen, als ob man dann alle Gesellschaftsmitglieder behandeln 
könnte. So wurde nämlich oft der Grundgedanke der Sexualökonomie 
missverstanden. Die Erfahrungen aus der individuellen Umstrukturie- 
rung dienen uns nur dazu, allgemeine Grundsätze für eine Umerzie- 
hung des Kleinkindes und des Jugendlichen zu gewinnen. Natur und 
Kultur, Individuum und Gesellschaft, Sexualität und SoziaUtät stün- 
den in keinem Gegensatz mehr. 

Doch die therapeutischen Erfahrungen und ihre theoretischen Er- 
gebnisse, die durch die Einführung der Orgasmuslehre in die Psycho- 
therapie ermöglicht wurden, widersprachen und widersprechen so 
ziemlich allen Anschauungen, die die betreffenden wissenschaftlichen 
Gebiete bisher ausgebildet hatten. Der absolute Gegensatz von Sexuali- 
tät und Kultur beherrscht die gesamte Moral, Philosophie, Kultur, 
Wissenschaft, Psychologie, Psychotherapie als unantastbares Dogma. 
Die bedeutungsvollste Stellung nimmt hier zweifellos die Psychoana- 
lyse Freuds ein, die trotz ihrer ursprünglich klinisch-naturwissen- 
schaftlichen Entdeckungen dennoch an der genannten absoluten Ge- 
gensätzlichkeit festhält. Es ist unerlässlich, kurz darzustellen, an 
welchen Widersprüchen die psychoanalytische Kulturtheorie er- 
krankte und ihre wissenschaftliche Arbeit metaphysisch entartete. 
Sie wirkt nur mehr verwirrend. 



2. EIN WIDERSPRUCH DER FREUDSCHEN KULTURTHEORIE 
a) Sexualverdrängung und Triebverzicht. 

Eine ernsthafte Diskussion der soziologischen Konsequenzen der 
Psychoanalyse erfordert zunächst Klarheit darüber, ob die sogenannte 
psychoanalytische Soziologie und Weltanschauung, wie sie sich in den 
Spätschriften Freuds uns darbietet und in Schriften mancher ge- 
wesener und noch anerkannter Schüler zu grotesken Ergebnissen ver- 
dichtete, wie etwa bei Roheim, Pfister, Müller-Braun- 



8 Die klinischen Grundlagen der sexualpoiitischen Kritik 



schweig, Koinai, Laforgue und anderen, eine geradlinige, 
folgerichtige Konsequenz der analytischen Psychologie sind, oder ob 
nicht diese Soziologie und Weltanschauung gerade durch einen 
Bruch mit den analytischen Prinzipien der Klinik, durch eine miss- 
verständliche oder unvollständige Auffassung klinischer Tatbestände 
zustande kam. Liesse sich ein solcher Sprung oder Bruch in der kli- 
nischen Theorie selbst nachweisen, könnte man ferner die Beziehung 
zeigen, die zwischen der abweichenden klinischen Auffassung und 
der soziologischen Grundanschauung besteht, so hätte man die wich- 
tigste Fehlerquelle der analytischen Soziologie gefunden. (Eine an- 
dere Fehlerquelle besteht in der Gleichsetzung von Individuum und 
Gesellschaft.) 

Freud vertrat von jeher den kulturphilosophischen Standpunkt, 
dass die Kultur ihr Entstehen der Triebunterdrückung bzw. dem 
Triebverzicht verdanke, was er vor kurzem neuerdings am Problem 
der Erfindung des Feuers darzulegen versuchte. Der Grundgedanke 
ist der, dass die kulturellen Leistungen Erfolge sublimierter Sexual- 
energie seien, woraus sich ergibt, dass die Sexualunterdrückung bezw. 
Verdrängung ein unerlässlicher Faktor jeder Kulturbildung sei. Es 
liess sich nun bereits historisch nachweisen, dass diese Auffassung 
nicht stimmt, denn es gibt hohe Kulturen ohne Sexualunterdrückung 
mit völlig freiem Geschlechtsleben.') 

Richtig ist an dieser Theorie nur, dass die Sexualunterdrückung 
die massenpsychologischc Grundlage einer bestimmten, nämlich der 
patriarchalischen Kultur in allen ihren Formen bildet, 
nicht aber die Grundlage der Kultur und ihrer Bildung überhaupt. 
Wie kam aber Freud zu dieser Auffassung? Gewiss nicht aus be- 
wussten politischen und weltanschaulichen Gründen, im Gegen- 
teil: Früharbeiten von der Art des Artikels über die »kulturelle 
Sexualmoral« weisen gerade in die Richtung einer sexualrevolutio- 
nären Kulturkritik. Diesen Weg hat Freud nie mehr weiterver- 
folgt, im Gegenteil, er sträubte sich gegen derartige Versuche und 
bezeichnete sie einmal mündlich als nicht »auf der mittleren Linie 
der Psychoanalyse« liegend. Gerade meine sexualpolitisch-kulturkri- 
tischen Versuche gaben Anlass zu den ersten Meinungsverschieden- 
heiten von Gewicht. 

Freud fand bei der Analyse der psychischen Mechanismen und 
Inhalte des unbewussten Seelenlebens das Unbewusste erfüllt von 
asozialen und antisozialen Triebregungen. Diese Entdeckung kann 
jeder bestätigen, der sich der entsprechenden analytischen Methode 
bedient. Phantasien, den Vater zu morden und die Mutter an seiner 
Stelle zu besitzen, stehen bei jedem Manne zentral. Grausame Impulse 
finden sich gehemmt durch mehr oder minder bewusstes Schuldgefühl 

I) Vgl. Reich: Der Einbruch der Sexualmoral (Verlag f. Sex-Pol. 1934). 



Sexual Verdrängung und Triebverzicht 



Überall vor. Bei der Mehrzahl der Frauen ergeben sich heftige Ab- 
sichten, Männer zu kastrieren und sich das Glied selber anzueignen 
oder in irgendeiner Form, etwa durch Schlucken, einzuverleiben. Die 
Hemmung dieser Impulse schafft nicht nur soziale Anpassung, son- 
dern auch eine Reihe von seelischen Störungen, wenn die Absichten 
unbewusst festgehalten werden (z. B. hysterisches Erbrechen, das 
unsere Chirurgen durch Magenoperationen zu beseitigen versuchen). 
Grausame Phantasien beim Manne, das Weib beim Akt zu verletzen, 
zu durchbohren, zu erstechen, schaffen verschiedene Arten der Im- 
potenz, wenn sie durch Angst und Schuldgefühl gebremst sind, und 
begründen die Handlung des Lustmordes, wenn der Bremsmechanis- 
mus gestört ist. Unbewusste Absichten, eigenen oder fremden Kot 
zu essen, erfüllen das Unbewusste einer grossen Zahl von Menschen 
unserer Kulturkreise, wie die Analyse ergibt, unabhängig von der 
Klassenzugehörigkeit. Die Entdeckung der Psychoanalyse, dass die 
Überzärtlichkeit einer Mutter zu ihrem Kinde oder einer Frau zu 
ihrem Gatten in direktem Verhältnis zur Stärke der unbewussten 
Mordphantasien steht, war für die ideologischen Vertreter der »hei- 
ligen Mutterliebe« und der »ehelichen Gemeinschaft« ganz und gar 
nicht erfreulich. Wir könnten in der Aufzählung beliebig fortfahren, 
brechen aber lieber ab, um zum Thema zurückzukehren. Diese In- 
halte des Unbewussten bezw. seiner verdrängten Anteile erwiesen sich 
vorwiegend als Reste kindlicher Einstellungen zur nächsten Umge- 
bung, zu Eltern, Geschwistern etc. Das Kind hatte diese Impulse zu 
überwinden, um existenz- und kulturfähig zu werden. Die meisten 
Menschen bezahlen aber diese tJ^berwindung schon in frühem Alter 
mit einer mehr oder minder schweren Neurose, das heisst mit einer 
bedenklichen Beeinträchtigung ihrer Arbeitsfähigkeit und sexuellen 
Potenz. 



Die Feststellung der asozialen Natur des Unbewussten trifft zu, 
ebenso die der Notwendigkeit des Triebverzichts zum Zwecke der 
Anpassung an das gesellschaftliche Sein. Es ergeben sich aber weiter 
zwei einander widersprechende Tatbestände: Einerseits muss das 
Kind seine Triebe verdrängen, um kulturfUhig zu werden; andererseits 
tauscht es meist für die Triebbefriedigung eine Neurose ein, die seine 
Kulturfähigkeil wieder schädigt, seine Anpassung früher oder später 
völlig unmöglich und es selbst wieder asozial macht. Um das Indi- 
viduum dennoch seinen Seinsbedingungen anzupassen, muss man seine 
Verdrängungen beheben, die Triebe freimachen ; das ist die Voraus- 
setzung der Gesundung, noch nicht die Heilung selbst, wie die ersten 
therapeutischen Formulierungen Freuds besagten. Was aber sollte 
an die Stelle der Triebverdrängung treten? Unmöglich gerade die 



10 



Die klinischen Grundlagen der sexualpolitischen Kritik 



Triebe, die aus der Verdrängung befreit wurden, denn dies bedeutete 
ja wieder Existenzunfähigkeit. ... 

An verschiedenen Stellen der analytischen Literatur finden wir 
die Feststellung (die notabene bereits weltanschauliche Praxis ist), 
dass auf keinen Fall die Aufdeckung und Befreiung des Unbewussten, 
also die Bejahung seiner Existenz auch eine Bejahung der entsprechen- 
den Tal bedeuten. Hier stellt der Analytiker für das Leben ebenso wie 
für die Situation in der analytischen Kur den Grundsatz auf: »Sie 
dürfen und sollen sagen, was Sie wollen; das bedeutet aber nicht, 
dass Sie auch tun können, was Sie wollen.« Doch stand, und steht 
noch heute, die Frage, was mit den verdrängten und nunmehr be- 
freiten Trieben geschehen solle, immer in ihrer grossen Tragweite 
vor dem verantwortlichen Analytiker. Die nächste Auskunft hiess: 
Sublimieren und Verurteilen. Da sich aber die wenigsten 
Patienten als in dem Masse sublimierungsfahig erweisen, wie die Hei- 
lung es erfordern würde, kommt wieder die Forderung nach Trieb- 
verzicht mit Hilfe der Verurteilung zu ihrem Recht. Es heisst nun, 
an die Stelle der Verdrängung müsse die Verurteilung treten. Zur 
Rechtfertigung dieser Forderung wird herangezogen, dass die Triebe, 
die seinerzeit in der Kindheit einem schwachen, unentwickelten Ich 
gegenüberstanden, das nur verdrängen konnte, jetzt auf ein erwach- 
senes, starkes Ich stossen, das sich ihrer durch Verurteilung erwehren 
könne. Diese therapeutische Formel widerspricht zwar in der Haupt- 
sache der klinischen Erfahrung, aber sie war seit langem und ist heute 
die führende Formulierung. 

Dieser Gesichtspunkt beherrscht auch die analytische Pädagogik. 
Anna Freud vertritt ihn zum Beispiel in der Frage, was das Kind 
mit den verdrängten Trieben, die befreit wurden, anfangen könne. 
Neben die SubHmierung tritt die Verurteilung, also, wenn man so 
sagen darf, »freiwilliger Triebverzicht«, an die Stelle der Verdrängung. 

Da nach dieser Auffassung das Individuun durch Triebverzicht 
statt durch Verdrängung kuiturfähig und damit auch Kulturträger 
wird, folgt unter Berücksichtigung der anderen Grundauffassung, dass 
die Gesellschaft sich wie das Individuum verhalte und analysiert 
werden könne, dass die gesellschaftliche Kultur den Triebverzicht zur 
Voraussetzung habe und sich darauf aufbaue. 

Die ganze Konstruktion erscheint einwandfrei, erfreut sich der 
Zustimmung der überwiegenden Mehrzahl nicht nur der Analytiker, 
sondern auch der Vertreter des abstrakten Kulturbegriffes überhaupt, 
d. h. der massgebenden bürgerlichen Welt. Denn durch die be- 
schriebene Ersetzung der Verdrängung durch Triebverzicht und Ver- 
urteilung erscheint ein drohendes Gespenst gebannt, das schwere 
Unruhe scliuf, als Freud mit seinen ersten Entdeckungen kam, die 
unzweideutig feststellten, dass die Sexualverdrängung nicht nur 
krank, sondern auch arbeits- und kulturunfähig macht. Die ganze 



Triebbefriedigung und Triebverzicht 11 

Welt tobte wegen des drohenden Unterganges der Sittlichkeit und 
Ethik, warf Freud vor, dass er, ob er wolle oder nicht, das »Sich- 
ausleben« predige, die Kultur bedrohe und so fort. Der F r e u d sehe 
angebliche Antimoraüsmus war eine der stärksten Waffen seiner 
früheren Gegner. Das Gespenst wich erst wieder, als die Theorie der 
Verurteilung aufgestellt wurde; die ursprünglichen Beteuerungen 
Freuds, dass er »die Kultur« bejahe, dass seine Entdeckungen sie 
nicht gefährdeten etc., hatten wenig Eindruck gemacht. Das beweist 
die unausrottbare Rede vom Freudschen »Pansexualismus«. Die Feind- 
schaft wich nun einer teilweisen Akzeptierung; denn wenn nur die 
Triebe nicht ausgelebt wurden, war es vom »Kulturstandpunkt« gleich- 
gültig, ob der Mechanismus des Triebverzichts oder der der Ver- 
drängung den Cerberus spielte, der die Schatten der Unterwelt nicht 
an die Oberfläche liess. Man konnte überdies sogar einen Fortschritt 
buchen, nämlich den von der unbewussten Verdrängung des Bösen 
zum freiwilligen Verzicht auf die Triebbefriedigung. Da die wahre 
Ethik jeder Gestalt nicht darin besteht, dass man asexuell ist, sondern 
gerade den sexuellen Versuchungen widersteht, konnte man sich nach 
allen Seiten hin einigen und die verpönte Psychoanalyse war selbst 
kulturfähig geworden — leider durch »Triebverzicht«, d. h. durch 
Verzicht auf ihre Trieblehre. 

Ich bedaure, die Illusion sämtlicher Beteiligter zerstören zu müssen: 
In der ganzen Rechnung findet sich nämlich ein klar nachweisbarer 
Fehler, der sie als falsch erweist. Nicht etwa in dem Sinne, dass die 
Feststellungen der Psychoanalyse, auf denen sich die genannten 
Schlüsse aufbauen, falsch waren; im Gegenteil, sie treffen in vollem 
Masse zu; sie sind nur teils unvollständig, teils sind die For- 
mulierungen abstrakt und verhüllen dadurch die wahren Konse- 
quenzen. 



bj Triebbefriedigung und Triebverzicht. 

Diejenigen deutschen Psychoanalytiker, die, sei es aus eigener 
Bürgerlichkeit, sei es unter dem schweren Druck der politischen 
Verhältnisse in Deutschland, die Gleichschaltung der Psychoanalyse 
durchzuführen versuchten, holten zur Rechtfertigung ihres unwissen- 
schaftlichen Verhaltens gerade solche Zitate aus den Freudschen 
Schriften hervor, in denen sie eine Begründung ihrer Gleichschaltungs- 
bestrebungen vor Hitler zu erblicken glauben. Bei Freud finden sich 
in der Tat Formulierungen, die den psychoanalytischen klinischen 
Entdeckungen ihre kultur revolutionäre Rasanz und Wirkung nehmen, 
die den ganzen Widerspruch zwischen dem Naturforscher und dem 
bürgerlichen Kulturphilosophen in Freud zum Ausdruck bringen. 
Eine derartige Stelle lautet; 



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Die klinischen Grundlagen der sexualpolitischen Kritik 



»Ein böses und nur durch Unkenntnis gerechtfertigtes Missver- 
ständnis ist es, wenn man meint, die Psychoanalyse erwarte die 
Heilung neurotischer Beschwerden vom »freien Ausleben« der Sexu- 
alität. Das Bewusstmachen der verdrängten Sexuaigelüste in der 
Analyse ermöglicht vielmehr eine Beherrschung derselben, die 
durch die vorgängige Verdrängung nicht zu erreichen war. Man kann 
mit mehr Recht sagen, dass die Analyse den Neurotiker von den 
Fesseln seiner Sexualität befreit.« (Freud, Bd. XI, S. 201 f.) 

Wenn die 17jährige Tochter eines nationalsozialistischen Würden- 
trägers an einer Hysterie, sagen wir an hysterischen Anfällen wegen 
verdrängter Koituswünsche erkrankt, wird zunächst in der psycho- 
analytischen Behandlung der Koituswunsch als inzestuös erkannt und 
als solcher verurteilt werden. Was geschieht aber mit dem sexuellen 
Bedürfnis? Nach der obigen Formulierung wird das Mädchen von den 
Fesseln ihrer Sexualität »befreit«. Klinisch sieht die Sache aber so 
aus: Wenn das Mädchen sich mit Hiife der Analyse von ihrem Vater 
löst, so befreit sie sich bloss von den Fesseln ihres Inzestwunsches, 
nicht aber von ihrer Sexualität überhaupt. Die Freudsche Formulie- 
rung vernachlässigt diesen zentralen Tatbestand; man darf sagen, 
dass sich der wissenschaftliche Streit um die Rolle der Genitalitäl 
gerade an dieser Stelle der klinischen Fragestellung entfachte und 
das Kernelement der Differenzen zwischen der sexualökonomischen 
und der angepassten psychoanalytischen These bildet. Die Freudsche 
Formulierung postuliert, dass das Mädchen auf jedes Sexualleben 
verzichtet. In dieser Form ist die Psychoanalyse auch für den Nazi- 
Würdenträger akzeptabel und für Müller-Braunschweig ein Instru- 
ment zur »Heranzüchtung des heldischen Menschen«. Diese Form hat 
aber nichts mit der Psychoanalyse zu tun, deren Schriften Hitler 
verbrennen Hess. Diese Psychoanalyse, die keine Rücksichten auf 
bürgerliche Vorurteile nimmt, stellt eindeutig fest, dass das Mädchen 
nur gesunden kann, wenn sie die genitalen Wünsche vom Vater auf 
einen Freund überträgt und bei ihm zur Befriedigung bringt. Gerade 
dies widerspricht aber der gesamten Naziideologie und rollt die Frage 
der gesellschaftlichen Sexualordnung unerbittlich auf. Denn um den 
Forderungen der Sexualökonomie zu genügen, muss das Mädchen 
nicht nur ihre genitale Sexualität frei haben; sie braucht auch 
eine Wohnung, Empfängnisverhütungsmittel, einen potenten, liebes- 
fähigen, eben nicht nationalsozialistisch, d. h. sexuaiablehnend struk- 
turierten Freund, verständnisvolle Eltern und eine sexualbejahende 
gesellschaftliche Atmosphäre; dies umso mehr, je weniger geldliche 
Mittel ihr zur Verfügung stehen, die gesellschaftlichen Schranken des 
jugendlichen Geschlechtslebens zu durchbrechen. 

Die Frage der Ablösung des Mechanismus der Sexualverdrängung 
durch den des Triebverzichts oder der Verurteilung bei der analyti- 
schen Arbeit wäre einfach zu lösen, und zwar im Sinne der Freudschen 



Sexualökonomische Voraussetzungen d. Sozialität J3 



Formulierungen, wenn nicht die Verurteilung von Triebbedürfnissen 
und der Triebverzichl selbst an die Ökonomie des Trieblebens ge- 
bunden wären. Der psychische Apparat kann Triebverzicht nur unter 
ganz bestimmten sexualökonomischen Bedingungen leisten. Ebenso 
ist die T rieb sub lim ierung an bestimmte Voraussetzungen geknüpft. 
Die charakteranalytische Klinik lehrt, dass der Verzicht auf eine 
pathogene oder asoziale Triebregung nur dann auf die Dauer möglicli 
ist, wenn der sexuelle Haushalt geregelt ist, das heisst. wenn keine 
sexuellen Stauungen vorhanden sind, die der zu verurteilenden Regung 
ihre Kraft verleihen. Die Regelung des psychoenergeti- 
schen Haushalts erfordert jedoch die Möglichkeit 
-ZU der jedem Alter entsprechenden sexuellen Be- 
friedigung. Das bedeutet, dass man auf kindliche und pathogene 
Ansprüche im erwachsenen Alter etwa nur verzichten kann, wenn 
man den Weg zur normalen genitalen Befriedigung frei hat und 
diese Befriedigung auch erfährt. Da die perversen und neurotischen 
Befriedigungen, vor denen man das gesellschaftliche Leben zu schützen 
hat, selbst Ersatzbefriedigungen des genitalen Geschlechtslebens sind 
und nur unter der Bedingung ihrer Störung oder Behinderung sich 
heranbilden, ergibt sich, dass wir nicht allgemein, unkonkret von 
Triebbefriedigung und von Triebverzicht sprechen können, sondern 
konkret fragen müssen, welche Triehbefriedigung und welcher 
Triebverzicht. Die analytische Kur kann praktisch nur einen Verzicht 
auf die dem jeweiligen Entwicklungsstadium und Alter nicht ent- 
■sprechenden Bedürfnisbefriedigungen erzielen, wenn sie nichts anderes 
tut, als Verdrängungen beheben, und nicht etwa Moral predigt. Sie 
wird also etwa ein Mädchen in der sexuellen Reife, das neurotische 
Symptome aus ihrer infantilen Bindung an ihren Vater produziert, 
zur Verurteilung ihrer kindlichen Inzestansprüche schon allein da- 
durch bringen, dass sie sie ihr bewusst macht. Das bedeutet aber noch 
nicht Erledigung dieser Wünsche, denn die ständigen sexuellen Reize 
drängen weiter nach Abfuhr. Zum Verzicht auf sexuelle Befriedigung 
mit Gleichaltrigen wird man sie nur mehr mit moralischen Argu- 
menten bringen können, nicht ohne dabei aufs gröbste gegen die 
therapeutischen Prinzipien und gegen die Heilungsabsicht zu Ver- 
stössen. Sie kann aber die Fixierung an den Vater nur unter der 
Bedingung lösen, dass ihre Sexualität ein anderes, entsprechenderes 
Objekt findet und auch reale Befriedigung erfährt. Ge- 
schieht dies nicht, so löst sich entweder die infantile Fixierung nicht 
oder sie regrediert zu anderen infantilen Triebzielen, und das Problem 
bleibt weiter bestehen. Das gleiche gilt für jeden Fall neurotischer Er- 
krankung. Die in der Ehe unbefriedigte Frau reaktiviert unbewusst 
Kindliche Sexualansprüche, die sie nur aufgeben kann, wenn ihre 
Sexualität anderweitig entweder ausserhalb der Ehe oder in einer 
neuen Verbindung Befriedigung findet. So wie die Verurteilung der 



14 Die klinischen Grundlagen der sexualpolitischcn Kritik 



kindlichen Triebimpulse selbst eine Voraussetzung der neuen Unter- 
bringung der Sexualität ist, so sind diese neue Unterbringung und die 
effektive Befriedigung völlig unerlässliche Voraussetzungen der end- 
gültigen Ablösung vom krankhaften Streben. Einen Lustmörder wird 
man erst dann von seinen Sexualzielen lösen, wenn man ihm den 
biologisch normalen Weg des Geschlechtslebens öffnet. Die Frage ist 
also nicht die Alternative: Triebverzicht oder Triebausleben, sondern: 
wo Triebverzicht und wo Triebbefriedigung? 

Wenn man abstrakt von der Höllennatur des verdrängten Un- 
bewussten spricht, so verschleiert man dadurch die entscheidendsten 
Tatbestände nicht nur für die Neurosentherapie und -prophylaxe, 
sondern auch für die gesamte Pädagogik. Freud entdeckte, dass der 
Inhalt des Unbewussten bei den Neurotikern, und das ist in unseren 
Kulturkreisen die überwiegende Mehrzahl der Menschen, im wesent- 
lichen aus infantilen, grausamen, asozialen Impulsen besteht. Das ist 
richtig. Dabei kam nur der weitere Tatbestand zu kurz, dass sich im 
Unbewussten auch Ansprüche finden, die durchwegs in der Linie 
natürlicher biologischer Anforderungen liegen, wie etwa das Ge- 
schlechtsbedürfnis des puberilen oder des unglücklich ehelich geliun- 
denen Menschen. Die spätere Intensität der asozialen und infantilen 
Antriebe selbst leitet sich historisch sowohl wie ökonomisch aus der 
Nichtbefriedigung dieser natürlichen Ansprüche ab, indem die unbe- 
friedigte Libido teils primitiv infantile Regungen masslos verstärkt, 
teils völlig neue, meist antisoziale Bedürfnisse schafft, wie etwa das 
Bedürfnis der Exhibition bezw. den Lustmordimpuls. Die Ethnologie 
belehrt uns darüber, dass solche Impulse in primitiven Gesellschaften 
bis zu einem bestimmten Punkte der wirtschaftlichen Entwicklung 
fehlen und erst mit der gesellschaftlichen Unterdrückung des nor- 
malen Lieheslebens als deren Ersatz auftreten. 

Diese erst durch die gesellschaftliche Entwicklung der Geschlechts- 
formen erzeugten Regungen, die unbewusst werden mussten, weil die 
Gesellschaft ihre Befriedigung — mit Recht — untersagt, werden in 
der Psychoanalyse durchwegs als biologische Tatbestände aufgefasst. 
Diese Anschauung ist von der anderen von Hirschfeld vertretenen 
nicht weit entfernt, dass der Exhibitionismus auf speziellen exhibi- 
tionistischen Hormonen beruhe. Dieser einfache mechanistische Bio- 
logismus lässt sich so schwer entlarven, weil er in unserer heutigen 
Gesellschaft eine bestimmte Funktion erfüllt, nämlich die Fragestel- 
lung vom gesellschaftlichen ins biologische und damit ins praktisch 
unzugängliche zu verschieben. Es gibt also eine Soziologie des 
Unbewussten und der asozialen Sexualität, das heisst eine gesell- 
schaftliche Geschichte der unbewussten Regungen, sowohl was die 
Quantität als auch was die Qualität der verdrängten Regungen anlangt. 
Nicht nur die Verdrängung selbst ist eine gesellschaftliche Erschei- 
nung, sondern auch das, was die Verdrängung schafft. Die Erfor- 



Inkonsequente Pädagogik 15. 



schung der Entstehung der Partialtriebe wird sich an ethnologischen 
Tatsachen orientieren müssen, etwa der Art, dass bei gewissen mutter- 
rechtlichen Stämmen von einer analen Phase der Libidoentwicklung, 
die sich bei uns normalerweise zwischen die orale und genitale Phase 
einschiebt, wenig zu sehen ist, weil die Kinder bis zum dritten oder 
vierten Lebensjahre gesäugt werden, dann aber unmittelbar ihre geni- 
talen Spiele aktivieren. 

Der psychoanalytische Begriff der asozialen Triebregungen ist 
absolut und führt deshalb zu Folgerungen, die mit den Tatsachen in 
Konflikt geraten. Fasst man sie relativ, so ergeben sich grundsätzlich 
andere Konsequenzen für die Auffassung nicht nur der analytischen 
Therapie sondern in besonders entscheidender Weise für die Soziologie 
und sexuelle Ökonomie. Die anale Betätigung eines Kindes im ersten 
oder zweiten Lebensjahr hat mit »sozial« oder »asozial« überhaupt 
nichts zu tun. Vom abstrakten Standpunkt der asozialen Natur der 
analen Regungen des Kindes ergibt sich die gern geübte Regel, das. 
Kind womöglich schon im sechsten Lebensmonat »kulturfähig« zu 
machen, was später das gerade Gegenteil, schwere Hemmungen der 
analen Sublimierungen und analneurotische Störungen zur Folge hat. 
Die mechanistische Auffassung des absoluten Gegensatzes von Sexual- 
befriedigung und Kultur bedingt auch bei analytischen Eltern Mass- 
nahmen gegen die kindliche Onanie, zumindest »milde Ablenkungen«. 
An keiner Stelle der Schriften von Anna Freud ist, wenn ich nicht 
irre, ausgesprochen, was sie privat als Konsequenz der Psychoanalyse 
zugibt, dass die kindliche Onanie als physiologische Entwicklung 
anzusehen und daher nicht einzuschränken ist. Von der Anschauung 
ausgehend, dass kulturwidrig ist, was unbewusst verdrängt ist, muss 
man die genitalen Ansprüche eines puberilen Menschen unter den 
Druck der Verurteilung bringen, was gewöhnlich mit der wohlwol- 
lenden Bemerkung geschieht, das Realitälsprinzip fordere Aufschub 
von Triebbefriedigungen. Dass dieses Realitätsprinzip selbst relativ ist,, 
dass es heute den Interessen von Kirche und Kapital dient und von 
ihnen bestimmt ist, wird als Politik, die nichts mit der Wissenschaft 
zu tun habe, von der Diskussion ausgeschlossen. Dass dieses Aus- 
schliessen ebenfalls Politik ist, wird nicht wahrgenommen. Am bedenk- 
lichsten ist, dass solche Stellungnahmen die analytische Forschung 
aufs schwerste gefährdet haben, indem sie nicht nur die Aufdeckung 
bestimmter Tatbestände verhinderten, sondern auch gesicherte Er- 
gebnisse in ihrer praktischen Anwendung durch Verbindung mit 
bürgerlichen Kulturbegriffen lähmten, zum Teil sogar verfälschten. 
Da die psychoanalytische Forschung unausgesetzt sowohl mit den Ein- 
wirkungen der Gesellschaft auf das Individuum wie mit Urleilen über 
gesund und krank, sozial und asozial operiert, dabei aber sich des 
revolutionären Charakters ihrer Methode und ihrer Ergebnisse nicht 
bewusst ist, bewegt sie sich in einem tragischen Zirkel zwischen der 



16 Die klinischen Grundlagen der scxualpolitischen Kritik 



Feststellung der Kulturwidrigkeit der Sexualverdrängung einerseits 
und ihrer Kulturnotwendigkeit andererseits. 

Fassen wir die von der analytischen Forschung übersehenen Tat- 
bestände, die ihrer Kulturauffassung widersprechen, zusammen: 

Das Unbcwusste ist in qualitativer und quantitativer Hinsicht 
selbst kullurbedingt; 

die Verurteilung infantiler und asozialer Triebansprüche setzt 
die Befriedigung der jeweils physiologisch normalen und notwen- 
digen sexuellen Bedürfnisse voraus; 

die Sublimierung als wesentlichste kulturelle Leistung des psy- 
chischen Apparats erfordert Wegfall jeglicher Sexualverdrängung 
und steht im erwachsenen Alter nur in Gegensatz zur Befriedigung 
der prägenitalen, nicht aber zu der der genitalen Ansprüche; 

die genitale Befriedigung als der sexualökonomisch entscheidende 
Faktor in der Neurosenverhütung und Herstellung der sozialen 
Leistungsfähigkeit widerspricht in jedem Punkte den heutigen 
Gesetzen des Staates und jeder patriarchalischen Religion; 

die Aufhebung der Sexualverdrängung, die von der Psychoana- 
lyse als Therapie sowohl wie auch als Wissenschaft soziologisch 
eingeleitet wurde, steht in schärfstem Widerspruch zu denjenigen 
Kulturelementen, die sich gerade auf dieser Verdrängung aufbauen. 

Sofern die Psychoanalyse ihre bürgerliche Kulturbejahung auf- 
rechterhält, geschieht dies auf Kosten der eigentlichen Resultate ihrer 
Forschung, weil sie den Widerspruch zwischen der bürgerlichen Kul- 
turauffassung der analytischen Forscher und der gegen die bürger- 
liche Kultur gerichteten wissenschaftlichen Ergebnisse zu Gunsten der 
bürgerlichen Weltanschauung zu lösen versucht. Wo sie die Konse- 
quenzen ihrer Forschungsergebnisse nicht zu ziehen wagt, schützt 
sie den angeblich unpolitischen Charakter der Wissenschaft vor, 
während jeder Schritt der analytischen Theorie und Praxis politische 
Tatbestände behandelt. 

Wer die kirchlichen, faschistischen und anderen reaktionären 
Ideologien auf ihren unbewussten psychischen Gehalt prüft, findet, 
dass sie im wesentlichen Abwehrbildungen darstellen, entstanden aus 
der Angst vor dem unbewussten Inferno, das jeder Mensch in sich 
trägt. Daraus Hesse sich eine Rechtfertigung der asketischen Moral 
und des gegen das »Teuflische« gesetzten Gottesbegriffs nur dann 
ableiten, wenn die antisozialen unbewussten Triebregungen biologisch, 
absolut gegeben wären: dann hätte die politische Reaktion recht, dann 
wäre aber auch jeder Versuch einer Beseitigung des sexuellen Elends 
sinnlos. Die bürgerliche Welt würde sich dann mit Recht darauf 
berufen, dass die Zersetzung des »Höheren «, »Göttlichen «, »Mo- 
ralischen« im Menschen das Chaos in seinem sozialen und sittlichen 
Verhalten herbeiführen würde. Unter »Kulturbolschewismus« ist un- 
bewusst gerade dies gemeint. Die revolutionäre Bewegung kennt 



Sekundärer Trieb und moralische Regulierung 17 



ausser ihrem sexualpolitischen Flügel diesen Zusammenhang nicht und 
befindet sich sogar sehr oft in einer Front mit der politischen Reak- 
tion, wenn es auf die Frage der Grundlagen der sexuellen Ökonomie 
ankommt. Sie wendet sich gegen das sexualökonomische Gesetz 
allerdings aus anderen Gründen als die politische Reaktion: Sie kennt 
dieses Gesetz und seine historischen Abwandlungen nicht. Sie glaubt 
ebenfalls an die biologische und absolute Natur der bösen sexuellen 
Triebe und mithin auch an die Notwendigkeit der moralischen 
Bremsung und Regulierung. Sie sieht ebensowenig wie ihre Gegner 
den Tatbestand, dass die moralische Regulierung des Trieblebens 
gerade das schafft, was sie bändigen zu können vorgibt: das asoziale 
Triebleben. 

Die Sexualökonomie lehrt jedoch, dass das unbewusste Triebleben 
des heutigen Menschen, soweit es in der Tat asozial ist und nicht 
bloss als solches von Moralisten beurteilt wird, ein Produkt der mo- 
ralischen Regulierung ist und nur mit ihr fortfallen kann. Nur sie 
kann den Widerspruch zwischen Kultur und Natur aufheben, indem 
sie mit der Triebunlerdrückung auch den perversen und asozialen 
Trieb beseitigt. 



3. SEKUNDÄRER TRIEB UND MORALISCHE REGULIERUNG 

Im Kampf zwischen dem sogenannten »Kulturbolschewismus« und 
dem faschistischen »Antibolschewismus« spielt die Behauptung eine 
riesenhafte Rolle, dass die soziale Revolution die Moral völlig vernichte 
und das gesellschaftliche Leben dem sexuellen Chaos ausliefere. Bisher 
bemühte man sich, dieses Argument durch die Behauptung zu ent- 
kräften, dass gerade umgekehrt der zerrüttete Kapitalismus das ge- 
sellschaftliche Chaos erzeugt hätte und die soziale Revolution die Si- 
cherheit im gesellschaftlichen Leben vollständig herzustellen imstande 
sei. Behauptung stand hier gegen Behauptung. Und in der Sowjet- 
union misslang die Ersetzung des autoritär-moralischen Prinzips 
durch die unautoritäre Selbsten erung. 

Ebensowenig überzeugend wie das besagte Gegenüberstellen von 
Behauptungen ist der Versuch, dieses so gewichtige politische Argu- 
ment dadurch zu entkräften, dass man mit dem Bürgertum im Be- 
teuern der eigenen »Sittlichkeil« konkurriert. Es kommt zunächst 
darauf an zu begreifen, weshalb der bürgerliche Mensch eine derartige 
Bindung an den Begriff der Moral zeigt, und weshalb er mit den Wor- 
ten »Kommunismus« bezw. »soziale Revolution« unweigerlich die 
Vorstellung von sexuellem und kulturellem Chaos verbindet. Ein Teil 
der Antwort auf diese Frage konnte in der Untersuchung über die 
Ideologie des Faschismus bereits gegeben werden: Kulturbolschewi- 
3 



18 Die klinischen Grundlagen der sexualpolitischen Kritik 



stiscli sein bedeutet für das unbewusste affektive Leben des sexual- 
ablehnend strukturierten, also des bürgerlichen Menschen, »Ausleben 
der sexuellen Sinnlichkeit«. Wollte nun jemand den Standpunkt ver- 
treten, dass in der sozialen Revolution die Erkenntnisse der Sexual- 
ökonomie, die die moralische Regelung ausser Funktion setzen, sofort 
praktisch angewendet werden könnten, so wäre dadurch nur der 
Beweis geliefert, dass die Denkweise der Sexualökonomie miss- 
verstanden wurde. 

Sobald eine Gesellschaft sich in den Besitz ihrer Produktionsmittel 
setzt und den autoritären bürgerlich-staatlichen Apparat vernichtet, 
steht sie unweigerlich vor der Frage, wie denn das menschliche Zu- 
sammenleben nun geregelt werden solle: moralisch oder »frei«. Schon 
eine oberflächliche Überlegung zeigt, dass von einer Freigabe der 
Sexualität oder einer Aufhebung der moralischen Normen und Re- 
gulierungen sofort nach der Machtergreifung gar keine Rede sein kann. 
Wir stiessen bereits öfter auf die Tatsache, dass der Mensch sich mit 
seiner heutigen Struktur nicht selbst regulieren, dass er also zwar die 
wirtschaftliche Demokratie, nicht aber die politische sofort herstellen 
kann. Das ist ja der ganze Sinn der Leninschen Formulierung, dass 
der Staat nur allmählich absterben könne. Wenn man aber die mora- 
lische Regulierung abschaffen und an ihre Stelle die Selbsteuerung 
setzen will, dann muss man wissen, inwiefern die alte, moralische Regu- 
lierung notwendig und inwiefern sie persönlich und gesellschaftlich 
gesehen ein Unheil war und Unheil schuf. 

Der moralische Standpunkt der politischen Reaktion sieht einen 
absoluten Gegensatz zwischen biologischem Trieb und gesellschaftli- 
chem Interesse. Zufolge dieses Gegensatzes beruft sie sich auf die Not- 
wendigkeit der moralischen Regulierung, denn, so heisst es, wurde 
man »die Moral aufheben«, dann würden die »tierischen Triebe« alles 
überfluten und »das Chaos herbeiführen«. Es ist deutlich, dass die 
Formel vom gesellschaftlichen Chaos, die in der Politik eine so un- 
geheuer grosse Rolle spielt, nichts anderes darstellt als die Angst vor 
den menschlichen Trieben. Ist also die Moral notwendig? Ja, insofern 
Triebe in der Tat das gesellschaftliche Zusammenleben bedrohen. 
Wie ist es dann möglich, die moralische Regulierung abzuschaffen? 

Diese Frage beantwortet sich sofort, wenn man folgende Erkenntnis 
der Sexualökonomie zurate zieht: Die moralische Regulierung der na- 
türlichen vegetativen Ansprüche der Menschen erzeugt durch Unter- 
drückung, Nichtbefriedigung usw. sekundäre, krankhafte, asoziale 
Triebe; diese müssen dann notwendigerweise gebremst werden. Die 
Moral entstand also zunächst nicht aus dem Bedürfnis, gesellschaft- 
lich störende Triebe zu unterdrücken, denn sie war uor diesen aso- 
zialen Trieben vorhanden. Sie entstand in der Urgesellschaft aus be- 
stimmten Interessen einer sich entwickelnden, ökonomisch mächtig 
werdenden Oberschichte, die natürlichen, an sich die Sozialität nicht 



Sekundärer Trieb und moralische Regulierung 19 



störenden Bedürfnisse zu unterdrücken^). Die Berechtigung ihrer 
Existenz erhielt die moralische Regulierung in dem Augenblick, als 
das. was sie erzeugt hatte, das gesellschaftliche Leben tatsächlich zu 
gefährden begann. Die Unterdrückung der entsprechenden Befriedi- 
gung des Nahrungsbedürfnisses etwa erzeugte erst die Neigung zum 
Diebstahl und diese wieder machte die moralische Regel notwendig, 
dass man nicht stehlen dürfe. 

Wenn wir also die Frage diskutieren, ob die Moral notwendig oder 
ob sie abzuschaffen sei, ob an die Stelle der einen Moral eine andere 
zu setzen sei, oder aber ob die moralische Regulierung überhaupt durch 
die Selbsteuerung zu ersetzen wäre, dann kommen wir keinen 
Schritt weiter, wenn wir nicht die natürlichen biologischen Triebe von 
den sekundären, durch die Moral erzeugten antisozialen Trieben unter- 
scheiden. Das unbewusste Seelenleben des patriarchalischen Men- 
schen ist von beiden Arten von Trieben erfüllt. Es ist klar: Unter- 
drückt man berechtigterweiso die asozialen Triebe, dann fallen dem auch 
die natürlichen biologischen zum Opfer, denn eine Scheidung beider 
ist nicht möglich. Während nun. wie gesagt, die politische Reaktion 
mit dem Triebbegriff von vornherein auch den Begriff »asozial« ver- 
bindet, eröffnet uns die genannte Unterscheidung einen Ausweg: 

Solange die Umstrukturierung des Menschen nicht in dem Masse 
gelungen ist. dass die Regulierung seines vegetativen Energiehaushalts 
jede Tendenz zu asozialen Handlungen von selbst ausschliesst, solange 
kann auch die moralische Regulierung nicht abgeschafft werden. Da 
der Umstrukturierungsprozess vermutlich lange, sehr lange Zeit in 
Anspruch nehmen wird, kann man wohl sagen, dass der Abbau der 
moralischen Regulierung und ihre Ersetzung durch die sexualökono- 
mische nur in dem Masse und insoweit möglich sein wird, in dem 
der Bereich der sekundären asozialen Triebe zugunsten der natürlichen 
biologischen Ansprüche eingeschränkt sein wird. Wir sind berechtigt, 
dies auf Grund des charakteranalytischen Prozesses am Einzelmenschen 
in der Behandlung mit Sicherheit vorauszusagen. Auch hier sehen wir, 
dass er seine moralischen Instanzen nur in dem Masse abbaut, in 
dem er seine natürliche Sexualität wiedergewinnt. Der Kranke verliert 
mit der moralischen Regulierung durch Gewissen auch seine Asoziali- 
tät und wird in dem gleichen Masse »moralisch«, in dem er genital 
gesundet. 

Die soziale Revolution wird also die moralische Regulierung nicht 
von heute auf morgen abschaffen, sondern sie wird vorerst die Men- 
schen derart umstrukturieren, dass sie fähig werden, in einem gesell- 
schaftlichen Verband zu leben und zu wirken, ohne Autorität und 
moralischen Druck, aus Selbständigkeit und wirklich freiwilliger 
Disziplin, die nicht aufgezwungen werden kann. Die moralische 
Bremsung dieser Übergangszeit wird freilich nur für die asozialen 

1) Vgl. »Der Einbruch der SexualmoraU, II. Auflage, 1934. 
3- 



20 



Die klinischen Grundlagen der sexualpolitisehen Kritik 



Triebe gelten, also etwa die Bestimmung, dass Verführung von Kindern 
durch Erwachsene schwer bestraft wird; sie wird nicht aufgehoben 
werden, solange in der Masse der Menschen der Impuls Erwachsener, 
Kinder zu verführen, struktureil vorhanden sein wird. Insofern wäre 
der Zustand nach der Revolution noch identisch mit dem Zustand 
im Kapitalismus. Der Unterschied jedoch zwischen beiden wird sich 
darin ausdrücken, dass die sozialistische Gesellschaft den natürlichen 
Ansprüchen völlig freien Raum und Sicherheit ihrer Befriedigung 
bieten wird. Sie wird also etwa ein Liebesverhältnis zweier Jugend- 
licher verschiedenen Geschlechts nicht nur nicht verbieten, sondern 
ihm vielmehr jede gesellschaftliche Hilfe angedeihen lassen. Sie wird 
die kindliche Onanie nicht nur nicht verbieten, sondern im Gegenteil 
wahrscheinlich zum Beschluss kommen, jeden Erwachsenen streng zu 
behandeln, der das Kind an der Entfaltung seiner Sexualität behindert. 

Nun dürfen wir aber auch die Vorstellung vom »sexuellen Trieb« 
nicht absolut und starr fassen; denn auch der sekundäre Trieb be- 
stimmt sich nicht allein dadurch, was er will, sondern auch durch den 
Zeitpunkt der Entwicklung, und durch die Umstände, unter denen er 
seine Befriedigung zu erzielen sucht. Ein und dasselbe kann in einem 
Falle und zu dem einen Zeitpunkt natürlich, in einem anderen Falle 
und zu einem anderen Zeitpunkt asozialer Trieb sein. Um dies zu 
verdeutlichen: Wenn ein Kind zwischen dem ersten und zweiten 
Lebensjahr ins Bett uriniert oder mit seinem eigenen Kot spielt, so 
ist das ein natürliches Entwicklungsstadium seiner prägenilalen 
Sexualität. In diesem Alter ist der Trieb, mit Kot zu spielen, natürlich 
biologisch gegeben und eine Bestrafung des Kindes für diese natürliche 
Handlung verdient selbst schwerste Strafe. Wenn aber derselbe 
Mensch im vierzehnten Lebensjahr seinen Kot essen oder mit Kot 
spielen wollte, dann wäre es bereits sekundärer, asozialer, krankhafter 
Trieb. Der Betreffende wäre dann nicht zu bestrafen, wohl aher einer 
Heilanstalt zuzuführen. Doch auch damit dürfte sich eine sozialistische 
Gesellschaft nicht begnügen. Sie hätte vielmehr zur wichtigsten Auf- 
gabe, die Erziehung derart zu gestalten, dass zu derartigen Vor- 
kommnissen keine Impulse bestünden. 

Um ein anderes Beispiel zu nennen: Wenn ein fünfzehnjähriger 
Knabe mit einem dreizehnjährigen, heranreifenden Mädchen ein 
Liebesverhältnis aufnehmen wollte, so würde eine sozialistische Ge- 
sellschaft dem nicht nur nichts entgegensetzen, sondern es befürworten 
und schützen. Wenn aber der gleiche Junge von fünfzehn Jahren 
kleine, dreijährige Mädchen zu sexuellen Spielen verleiten oder eine 
Altersgefährtin gegen ihren Willen zwingen wollte, dann wäre es ein 
asoziales Verhalten. Es würde anzeigen, dass er in der Wahl eines 
Partners gleichen Alters mit gesunden Mitteln neurotisch gehemmt 
ist. Zusammenfassend dürfen wir also sagen: In der Übergangs- 
periode nach der Machtergreifung gilt der Satz: Moralische Re- 



Unsere »Moral« 21 



gulierung für sekundäre, asoziale Triebe, sexualökonomische Selbst- 
steuerung für natürliche biologische Bedürfnisse. Ziel der Ent- 
wicklung ist, die sekundären Triebe und mit ihnen den moralischen 
Zwang wie auch umgekehrt fortschreitend ausser Funktion zu setzen 
und durch die sexualökonomische Selbsteuerung vollständig zu 
ersetzen. 

Die Formulierung über den sekundären Trieb könnte leicht von 
Moralisten oder auch von krankhaften Menschen so ausgelegt werden, 
dass sie ihren Zielen und Zwecken dienen könnte. Doch es wird 
zweifellos gelingen, derartige Klarheit über den Unterschied zwischen 
natürlichem und sekundärem Trieb zu schaffen, dass das moralische 
Übermenschentum des Patriarchats nicht wieder durch eine Hintertüre 
in das Gesellschaftsleben hereinschlüpfen kann. Grundsätzlich halten 
wir, um diese Abschnitte abzuschliessen, die bisherige Einstellung der 
Arbeiterbewegung, dass man die bürgerliche Moral durch eine »prole- 
tarische« Moral zu ersetzen habe, für falsch und irreführend. Das 
Vorhandensein strenger moralischer Satzungen war noch immer ein 
Zeichen dafür, dass die biologischen, im besonderen sexuellen An- 
sprüche der Menschen nicht befriedigt waren. Jede moralische Regu- 
lierung ist notwendigerweise an sich sexuell ablehnend, das Bedürfnis 
leugnend. Jede Moral ist lehensverneinend und die soziale Revolution 
hat wohl keine wichtigere Aufgabe, als endlich den menschlichen Lebe- 
wesen die Befriedigung und Verwirklichung ihres Lehens zu er- 
möglichen. 

Die Sexpol erstrebt also das »moralische Verhalten« ebenso wie, 
es die moralische Regulierung tut. Sie will es aber anders begründen 
und versteht auch unter Moral teilweise etwas gänzlich Anderes: nicht 
einen Gegensatz zur Natur sondern vollen Einklang von Natur und 
Zivilisation. Sie bekämpft die moralische Regulierung, nicht di& 
Moral im lehensbejahenden Sinne. 



4. UNSERE »MORAL« 

Die sozialistischen Revolutionäre kämpfen heute auf der ganzere 
Erde, hier unter günstigen, dort unter schlechten Umständen um eine 
Neuordnung des gesellschaftlichen Lebens. Sie kämpfen ihren Kampf 
nicht nur unter schwersten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen 
Bedingungen, sondern auch gebremst, verwirrt und gefährdet durch 
die eigene psychische Struktur, die sie mit den bürgerlich gesinnten 
Menschen gemeinsam haben. Das Ziel der Kulturrevolution ist die 
Herstellung menschlicher Strukturen, die zur Selbsteuerung fähig; 
sind. Die heutigen Revolutionäre, die dieses Ziel zu erkämpfen und zu 



2'2 Die klinischen Gnindlagen der scxiialpolitischen Kritik 

erreichen haben, leben oft nach Prinzipien, die diesem sozialistischen 
Ziel nachgebildet sind, aber es sind eben »Prinzipien«. Es ist wichtig, 
sich völlig klar zu machen, dass es heute Menschen mit durchgear- 
beiteter, ruhig entwiclielter, sexualbejahender Struktur nicht gibt, 
denn wir alle sind durch die bürgerliche, religiöse, sexualverneinende 
Erziehungsmaschinerie beeinflusst worden. Trotzdem erkämpfen wir 
uns in der Gestaltung unseres persönlichen Lebens eine Haltung, die 
man sexualökonomisch nennen kann. Dem Einen gelingt es besser, 
dem Anderen gelingt es nur schiecht, sich umzubauen. Wer Jahre 
und Jahrzehnte hindurch in der Arbeiterbewegung gewirkt und mit 
der sogenannten »Avantgarde« zusammengelebt hat, der weiss aus der 
Erfahrung, dass ein Stück des künftigen sexualökonomischen Lebens 
im persönlichen Leben dieser Kreise hier und dort vorweggenommen 
ist. 

Es soll nur an einigen wenigen Beispielen gezeigt werden, was 
»unsere Moral« heute schon ist und wie sie die »Moral der Zukunft« 
vorwegnimmt. Es ist gleich zu betonen, dass wir mit diesem Leben 
und diesen Zielsetzungen nicht etwa eine Insel bilden, sondern wir 
können derartige Anschauungen haben und ein derartiges Leben 
führen, weil sich im Gesamtprozess der menschlichen Gesellschaft 
diese Verhaltungsweisen und neuen »moralischen Prinzipien« bereits 
durchzuringen beginnen, ganz selbständig und von fremdem Willen 
und Parteiparolen unabhängig. 

Vor etwa 15 oder 25 Jahren war es für ein unverheiratetes Mädchen 
-eine Schande, nicht Jungfrau zu sein. Heute beginnen die Mädchen 
aller Kreise und Schichten — hier mehr, dort weniger, hier klarer, 
dort verworrener — die Anschauung zu entwickeln, dass es eine 
Schande ist, mit etwa 18, 20 oder 22 Jahren noch Jungfrau zu sein. 

Vor noch nicht ailzulanger Zeit galt es für ein moralisches Ver- 
gehen, das streng geahndet wurde, wenn sich ein Paar, das heiraten 
wollte, vor der Heirat auch körperlich kennen lernte. Heute dringt 
ganz von selbst gegen die Einwirkung von Kirche, scholastischer 
Medizin, Philosophen usw. die Anschauung in weiten Kreisen der Be- 
völkerung durch, dass es unhygienisch, unvorsichtig und für die 
Zukunft vernichtend ist oder sein kann, wenn ein Mann und eine 
Frau, die miteinander eine Dauerbeziehung einzugehen wünschen, 
sich dauernd binden, ohne sich vorher überzeugt zu haben, ob sie auch 
in der Grundlage ihrer sexuellen Gemeinschaft, nämlich im Geschlecht- 
lichen zusammenpassen. 

Der aussereheliche Geschlechtsverkehr, vor etlichen Jahren noch 
eine Schande, ja vor dem Gesetz eine »Unzucht wider die Natur«, ist 
heute etwa in Deutschland in der proletarischen Jugend, auch in der 
kleinbürgerlichen, zu einer Selbstverständlichkeit und Lebensnotwen- 
digkeit geworden. 

Der Gedanke, dass ein fünfzehn- oder sechzehnjähriges reifes 



Unsere »Moral« 23 



Mädchen einen Freund hat, klang vor etlichen Jahren absurd, war 
unausdenitbar; heute befasst man sich bereits mit dieser Frage und 
in einigen Jahren wird es ebenso selbstverständlich geworden sein wie 
heute das Recht, das sich die unverheiratete Frau nimmt, einen 
Partner zu besitzen. In hundert Jahren wird man über eine Forderung, 
wie etwa die, dass Lehrerinnen kein Geschlechtsleben haben dürfen, 
ebenso erstaunt lächeln, wie wir über die Zeit, in der den Frauen von 
ihren Männern Keuschheitsgürtel angelegt wurden. 

Im Bürgertum herrscht als allgemeines ideologisches Verhalten 
die Idee vor, dass man eine Frau zu verführen habe, und dass eine 
Frau nicht selbst verführen dürfe. Wem klingt das heute nicht 
lacherlich? - • 

Dass man keinen Geschlechtsverkehr hat, wenn der Partner nicht 
will, war für die Frau unbekannt. Der Begriff der ehelichen Pflicht, 
der im bürgerlichen Gesetzbuch existiert und auch Folgen hat, beweist 
dies, doch wir sehen in unseren Sexualberatungsstellen und in unserer 
ärztlichen Praxis immer mehr, wie sich mit Selbstverständlichkeit 
die Hallung durchsetzt, entgegen allen gesellschaftlichen Ideologien, 
dass ein Mann mit seinem weiblichen Partner keinen Geschlechts- 
verkehr ausübt, wenn sie nicht will, ja mehr, ihn nicht ausübt, wenn 
sie nicht genital erregt ist. Vor etlichen Jahren (wie auch heute noch) 
weitverbreitet war die Tatsache, dass die Frauen den Geschlechtsakt 
über sich ergehen Hessen, ohne selbst daran teilzuhaben. Ein Stück 
Moral ist also, nicht Geschlechtsverkehr zu haben, wenn man nicht in 
voller sexueller Bereitschaft ist; dadurch erledigt sich die Verge- 
waltigungs-Ideologie und die Haltung der Frau, dass sie verführt oder 
2umindest sanft vergewaltigt werden müsse, von selbst. Vor etlichen 
Jahren (wie auch heute noch) weitverbreitet war die Einstellung, 
dass man eifersüchtig über die Treue des Partners zu wachen habe, 
und die Statistik der Sexualmorde überzeugt uns auf den ersten Blick, 
wie ungeheuer gross die gesellschaftliche Verrottetheit auf diesem Ge- 
biete ist; doch allmählich setzt sich mit mehr oder weniger Deutlichkeit 
die Einsicht durch, dass kein Mensch das Recht hat, seinem Partner 
zu verbieten, mit anderen vorübergehend oder dauernd eine Ge- 
schlechtsgemeinschaft zu haben. Er hat nur das Recht, sich entweder 
zurückzuziehen oder aber den Partner zu gewinnen, evtl. es zu dulden. 
Diese Einstellung, die absolut den sexualökonomischen Erkenntnissen 
entspricht, hat nichts zu tun mit der hyperradikalen Ideologie, dass 
man überhaupt nicht eifersüchtig sein dürfe, dass es einem »gar nichts 
macht*, wenn der Partner eine andere Beziehung eingeht. Schmerz 
bei der Vorstellung, dass ein geliebter Partner einen anderen umarmt, 
ist absolut natürlich. Diese natürliche Eifersucht muss man streng 
unterscheiden von der Besitzeifersucht. So wie es natürlich ist, einen 
geliebten Partner nicht in den Armen eines anderen wissen zu wollen, 
so unnatürlich, einem sekundären Trieb entsprechend wäre es, wenn 



24 



Die klinischen Grundlagen der sexualpolifischen Kritik 



man etwa in einer Ehe oder in einer Dauerbeziehung selbst keine 
geschlechtliche Beziehung mehr hätte und trotzdem dem anderen eine 
anderweitige Beziehung verbieten würde. 

Wir begnügen uns mit diesen wenigen Beispielen und behaupten, 
dass sich das heute so komplizierte persönliche und im besonderen 
sexuelle Leben der Menschen mit einfachster Selbstverständlichkeit 
regeln würde, wenn die Struktur der Menschen imstande wäre, von 
selbst alle Schlüsse zu ziehen, die sich aus dem Interesse an der 
Lebenslust ergeben. Das Wesen der sexualökonomischen Regulierung 
besteht gerade darin, dass man das Setzen absoluter Vorschriften oder 
Normen vermeidet und die Interessen des Lebenswillens und der 
Lebenslust als Regulaloren des menschlichen Zusammenlebens aner- 
kennt. Dass diese Anerkennung heute durch die zerrüttete mensch- 
liche Struktur äusserst eingeschränkt ist, spricht nur gegen die mo- 
ralische Regulierung, die sie erzeugt hat, und nicht gegen das Prinzip 
der Selbsteuerung. 

Es gibt also zweierlei ^MoraU, aber nur eine Art moralischer Re- 
gulierung. Diejenige »Moral«, die alle Menschen mit Selbstverständ- 
lichkeit bejahen (nicht vergewaltigen, nicht morden usw.) ist nur 
aufgrund vollster Befriedigung der natürlichen Bedürfnisse herzustel- 
len. Doch die andere »Moral«, die wir verneinen (Askese für Kinder 
und. Jugendliche, absolute ewige Treue, nur kirchliche Ehe usw.) ist 
selbst krankhaft und erzeugt das Chaos, zu dessen Bewältigung sie 
sich berufen glaubt. Ihr gilt unser unerbittlicher Kampf. 

Man wirft dem Sozialismus vor, dass er die Familie zerstören 
will. Sie schwätzen vom »sexuellen Chaos«, das die Befreiung der 
Liebe mit sich brächte, und die Masse lauscht ihren Worten und ver- 
traut ihnen, weil sie Bratenröcke und goldene Brillen tragen oder so 
führerhaft reden können. Es kommt darauf an, was man meint. Die 
wirtschaftliche Unterjochung von Frauen und Kindern soll 
vernichtet werden. Die autoritäre Unterjochung ebenso. Erst 
wenn dies verwirklicht ist, wird der Mann seine Frau, die Frau ihren 
Mann, werden die Kinder die Eltern, und die Eltern die Kinder lieben. 
Sie werden keinen Grund mehr haben, einander zu hassen. Was 
wir also zerstören wollen, ist der Hass, den die Familie erzeugt, und 
die »liebevolle« Vergewaltigung. Wenn die familiäre Liebe das grosse 
menschliche Gut ist, dann muss sie sich beweisen. Wenn ein fest- 
gebundener Hund nicht davon läuft, wird ihn niemand allein deshalb 
für, einen treuen Gefährten halten. Kein Vernünftiger wird von Liebe 
sprechen, wenn ein Mann eine an Armen und Beinen gefesselte, wehr- 
lose Frau beschläft. Keiner, der nicht ein schmieriger Kerl ist, wird 
stolz auf die Liebe einer Frau sein, die er mit Ernährung oder Macht- 
einfluss erkauft. Kein reinlicher Mensch wird Liebe nehmen, die nicht 
freiwillig gegeben wird. Die Zwangsmoral der ehelichen Pflicht und 
der familiären Autorität ist eine Moral von lebensängstlichen Feigtin- 



Unsere »Moral« 25- 



gen und Impotenten, die nicht fähig sind, durch natürliche Liebes- 
kraft zu erleben, was sie sich mit Hilfe der Polizei und des Eherechts 
vergebens zu verschaffen versuchen. 

Sie wollen das ganze Menschengeschlecht in ihre Zwangsjacke 
stecken, weil sie unfähig sind, die natürliche Sexualität mitanzu- 
sehen. Es ärgert sie und macht sie grün, weil sie selber so leben 
möchten und nicht können. Wir wollen ja niemand zwingen, die 
familiäre Gemeinschaft aufzugeben, aber wir wollen auch niemand 
gestatten, den zu zwingen, der sie nicht will. Wer sein Leben lang 
monogam leben kann und will, der mag es tun; wer es aber nicht 
kann, wer daran kaputt zu gehen droht, soll die Möglichkeit haben, 
es sich anders einzurichten. Doch die Einrichtung eines anderen 
»neuen Lebens« setzt die Kenntnis der Widersprüche des alten voraus.. 



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II. KAPITEL i . 

DIE MISERE DER SEXUALRFEORM 

Die Sexualreform will Misstände im gesellschaftlichen sexuellen 
Sein beseitigen, die letzten Endes in der ökonomischen Daseinsweise 
wurzeln und in den seelischen Leiden der Mitglieder der Gesellschaft 
zum Ausdruck kommen. In der Klassengesellschaft steigern sich im 
Zusammenhange' mit den wirtschaftlichen und ideologischen Kon- 
flikten die Widersprüche zwischen der geltenden Moral, die von der 
herrschenden Klasse im Interesse der Erhaltung und Festigung ihrer 
Macht der gesamten Gesellschaft aufgezwungen wird, und den natür- 
lichen Anforderungen der Geschlechtlichkeit der einzelnen Individuen 
in einem bestimmten Zeitpunkte zu einer im Rahmen der bestehenden 
Gesellschaftsform unlösbaren Krise. Noch nie in der Geschichte der 
Menschheit hat aber dieser Widerspruch zu so krassen, objektiv grau- 
samen, ja mörderischen Konsequenzen geführt wie in den letzten 
30 Jahren der bürgerlichen Gesellschaftsordnung. Daher wurde auch 
in keiner Zeit so viel über Sexualreform geschrieben und diskutiert 
wie in dieser, auch gingen in keiner alle Bestrebungen so fehl wie 
— nur scheinbar paradoxerweise — im »Zeitalter der Technik und 
der Wissenschaft«. Der Widerspruch zwischen dem das Geschlechts- 
leben zersetzenden sexuellen Elend und dem enormen Fortschritt der 
Sexualwissenschaft ist ein Gegenstück zu dem anderen Widerspruch 
zwischen der wirtschaftlichen Not der arbeitenden Massen und den 
ungeheuren technischen Errungenschaften des kapitalistischen Zeit- 
alters. Es ist ebenso nur scheinbar widersinnig, dass in der Zeit der 
aseptischen Operationen und der vollendeten chirurgischen Kunst in 
Deutschland zwischen 1920 — 1932 jährlich zirka 20.000 Frauen an 
Abtreibung starben und 75.000 Frauen jährlich an Abortusfieber 
schwer erkrankten, wie dass mit dem Fortschreiten der Ratio- 
nalisierung der Produktion immer mehr Proletarier arbeitslos werden 
und mit ihren Familien physisch und moralisch zugrundegehen. 
Dieser Widerspruch, weit davon entfernt widersinnig zu sein, ist 
vielmehr durchaus sinnvoll, wenn man ihn nicht unabhängig fasst 



Keime der Sozialist. Sexiialideologie '27 



von der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Struktur, in der er 
entstand und unlösbar wird. Wir haben zu zeigen, dass sowohl der 
Tatbestand der sexuellen Misere als auch die Unlösharkeit des sexu- 
ellen Problems zum Bestand dieser bürgerlichen Gesellschaftsordnung 
gehören, der sie ihr Entstehen verdanken. 

In den Rahmen der kulturpolitischen Kämpfe fallen auch die sexual- 
reformerischen Bestrebungen. Der bürgerliche Liberale wie etwa 
Norman Haire bekämpft mit der Sexualreform nur einen Mangel 
der bürgerlichen Gesellschaft, ohne an dieser selbst rühren zu wollen. 
Der pazifistische Sozialist, der »Reformist«, vermeint mit ihrer Durch- 
führung ein Stück Sozialismus in der bürgerlichen Gesellschaft 
durchzusetzen. Er versucht, den Entwicklungsgang umzukehren, die 
Erreichung des Ziels der Änderung der ökonomischen Struktur vor- 
angehen zu lassen. 

Nun hat ja Marx zeigen können, dass sich schon im Schosse 
der alten Gesellschaftsordnung die Elemente der neuen herausbilden, 
nicht nur die materiellen, sondern auch die ideologischen. Die Kol- 
lektivierung und Rationalisierung der Arbeit, die industriellen Trusts, 
die Entwicklung der Weltwirtschaft sind Organisationsformen, die 
nur den Besitzer der Produktionsmittel wechseln, an die Stelle des 
Kapitalisten den Produzenten setzen müssen, um sozialistische ge- 
nannt zu werden. Das proletarische Klassenbewusstsein ist eine 
ideologische Bildung des Kapitalismus und gleichzeitig eine uner- 
lässliche Vorbedingung der sozialen Revolution. Ebenso entwickeln 
sich im Schosse der bürgerlichen Gesellschaft Sexualideologien, die 
eine Reaktion auf die spezifisch bürgerliche Sexualmoral darstellen 
und Keimformen der Sexualmoral der künftigen Gesellschaftsform 
sind (»Gleichberechtigung der Frau«, »des unehelichen Kindes« u. a.). 
Aber — und das ist das Wesentliche — sie entwickeln sich nur in 
dem Masse, wie die ökonomischen Widersprüche bereits sozialistische 
Tendenzen sichtbar werden lassen. Wo die bürgerliche Sexualmoral, 
wie etwa in den ausgebeutetsten Schichten des Proletariats, keine 
ökonomische Verankerung findet, sind dementsprechend die bürger- 
lichen sexuellen Grundeinrichtungen, die Ehe und die Familie, locker. 
Auf der anderen Seite sehen wir, dass die Einbeziehung der Frauen 
des Kleinbürgertums in den Produktionsprozess schon innerhalb der 
bürgerlichen Gesellschaft die bürgerlichen Sexualideologien erschüttert 
und bei ihnen sexuelle Anschauungen hervorbringt, die entschieden 
auf der Linie sozialistischer Ideologien liegen, wenn sie auch noch 
verworren, widerspruchsvoll, oft auch unbewusst sind, ganz ent- 
sprechend dem Durcheinander von noch bürgerlicher Denkart und 
schon proletarischer Daseinsweise. Wieder in anderen Fällen und 
Kreisen sehen wir, dass die wie Nebel aus den wirtschaftlichen 
Kämpfen aufsteigenden sozialistischen Ideologien auch auf Schichten 
der Gesellschaft übergreifen, die ihrer ökonomischen Situation nach 



28 Die Misere der Sexualreform 



der Kapitalistenklasse nahestehen und dennoch einzelne ihrer Ver- 
treter in den Produktionsprozess entsenden. Frauen, die es wirt- 
schaftlich nicht nötig haben, ergreifen Berufe, vorsichtig zwar, ohne- 
sich allzusehr zu engagieren, aus Prinzip, aus Laune wenn man will, 
aus individuellen Bedingungen ihrer Entwicklung, aber sie tun es 
und hätten es zwei Jahrzehnte früher bei der gleichen Laune und 
den gleichen seelischen Konflikten nicht getan. Sie sind von der 
sozialistischen Ideologie »angesteckt«, ohne es zu wissen, oder sie 
wenden sich aus Opposition gegen Elternhaus oder Gatten dem 
Sozialismus zu. Das sind aber im Massenmasstab betrachtet un- 
interessante Details. Doch keine dieser unleugbaren Tatsachen ändert 
etwas daran, dass der kapitalistische Trust kein sozialistischer Gross- 
betrieb, die kapitalistische Weltwirtschaft eben eine kapitalistische ist 
und die der bürgerlichen Sexualideologie widersprechenden Sexual- 
auffassungen innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft, mögen sie auch 
die künftigen keimhaft in sich bergen, keine sozialistischen Sexual- 
formen sind. So wenig die bürgerliche Sozialpolitik, wenn sie auch 
die Lage des Arbeiters — im Interesse des Kapitalisten notabene — 
zu bessern sucht, ihm jemals zu sozialistischer Lebensweise verhelfen 
kann, so wenig vermag die Sexualreform im Rahmen der bürgerlichen 
Gesellschaft Einrichtungen zu schaffen, die die Sexualnot, welche un- 
abtrennbar zur bürgerlichen Wirtschaft gehört, abschaffen könnten. 
Es lassen sich eben nur solche Schwierigkeiten im bürgerlichen Regime 
beseitigen, die nicht an seinen Lebensnerv rühren. Und die Sexual- 
frage in der bürgerlichen Gesellschaft lösen wollen, hiesse Ein- 
richtungen schaffen, die sowohl ökonomische Voraussetzungen als 
auch ideologische Beeinflussung fordern, welche am innersten Kern 
des bürgerlichen Daseins rühren würden. 

Der bürgerlich Fühlende wird bei noch so sachgerechter Argumen- 
tation unsererseits niemals begreifen, dass Sexualnot eines der uner- 
lässlichen Kennzeichen der von ihm verteidigten Gesellschaftsordnung 
ist. Er sieht die Ursachen entweder in der Lasterhaftigkeit der Men- 
schen oder in einer mysteriösen :^Ananke« (= überirdischer Zwang) 
oder in einem nicht minder mystischen Willen zum Leid, wenn er 
nicht gar glaubt, die Sexualnot sei nur deshalb so gross, weil man 
seine asketischen und monogamen Forderungen nicht befolgt. Und 
sich als Mitschuldigen zu bekennen, als Werkzeug beim Zustande- 
kommen dessen, was er, in gutem Glauben wollen wir gerne an- 
nehmen, mitleidvoll durch Reformen beseitigen will, das können wir 
ihm nicht zumuten. Dife Konsequenzen einer solchen Erkenntnis 
könnten unter Umständen seine ökonomische Basis, von der aus er 
reformieren will, erschüttern. Denn er hat noch nicht erfahren, dass 
der Kapitalismus keinen Spass in ernsten Dingen kennt und ohne 
weiteres den liberalen Pazifisten durch den Henker ablösen lässt, 
wenn es um seine Existenz geht. > 



Die Bremsung der Scxualreform 29 



Die bürgerliche Scxualreform bemüht sich seit Jahrzehnten, die 
sexuelle Misere zu lindern. Die Frage der Prostitution und der Ge- 
schlechtskrankheiten, die Sexualnot, Schwangerschaftsunterbrechung 
und Sexualmorde, sowie die Neurosenfrage stehen ständig im Mittel- 
punkt des öffentlichen Interesses. Keine der getroffenen Massnahmen 
hat an der herrschenden Sexualnot zu rühren vermocht, ja mehr, 
die Vorschläge zur Sexualreform hinken den tat- 
sächlichen Veränderungen in den Beziehungen der 
Geschlechter immer nur nach. Die Abnahme der Ehe- 
schliessungen, die Zunahme der Ehetrennungen und Elhebrüche 
zwingen die Diskussion der Ehereform auf; der aussereheliche Ge- 
schlechtsverkehr erringt sich immer mehr Anerkennung, entgegen 
den Ansichten der ethisch eingestellten Vertreter der bürgerlichen 
Sexualwissenschaft; der Geschlechtsverkehr der proletarischen und 
grossbürgerlichen, in den letzten Jahren auch der kleinbürgerlichen Ju- 
gend zwischen dem 15. und 18. Lebensjahr wird allgemeine Tatsache, 
während die Scxualreform noch bei der Fragestellung hält, ob die 
Abstinenz der Puberilen nicht doch bis weit über das 20. Lebensjahr 
durchzusetzen wäre oder ob man die Onanie als natürliche Er- 
scheinung anerkennen dürfte. Die »kriminelle« Fruchtabtreibung und 
der Präventivverkehr erfassen immer weitere Kreise, während die 
Sexualreform sich noch mit der Frage herumschlägt, ob man neben 
der medizinischen auch die soziale Indikation für die Schwanger- 
schaftsunterbrechung anerkennen soll. 

Dieses Nachhinken der reformatorischen Bestrebungen sowie die 
Tatsache, dass die konkreten Veränderungen im Geschlechtsleben den 
kaum nennenswerten Bemühungen der Sexualreformer energisch weit 
vorauseilen, zeigen deutlich an, dass am inneren Wesen der reforma- 
torischen Bestrebungen etwas faul ist, dass ein innerer Wider- 
spruch wie eine Bremsvorrichtung jede Bewegung 
hindert und die Anstrengungen zur Fruchtlosigkeit 
zwingt. 

Wir stehen somit vor der Aufgabe, den geheimen Sinn des Fiaskos 
der bürgerlichen Sexualreform aufzuspüren und den Beziehungen 
nachzugehen, die die bürgerliche Sexualreform und ihr MissHngen 
organisch mit der bürgerlichen Gesellschaftsordung verknüpfen. 

Diese Beziehungen sind durchaus nicht einfach, und im besonderen 
bedurfte das Problem der sexuellen Ideologiebildung einer eigenen, 
umfassenden Untersuchung.^) In dieser Schrift wird nur ein Ausschnitt 
des Fragekomplexes behandelt, und es kreuzen sich in dieser Unter- 
suchung folgende Zusammenhänge: 



1) Vgl, meine Schriften: »Der Einbruch der Sexualmoral« und »Massenpsychologie 
des Paschismus«. 



30 Die Misere der Scxualreform 



1. Die Eheinstitution als Hemmschuh der Sexualreform. 

2. Die bürgerliche Familie als Erziehungsapparat. 

3. Die Askeseforderung für die Jugend als vom bürgerlichen 
Standpunkt folgerichtige Massnahme der Erziehung zur monogamen, 
lebenslänglichen Ehe und zur bürgerlichen Familie. 

4. Der Widerspruch zwischen bürgerlicher Ehereform und bürger- 
licher Eheideologie. 

Manche dieser Beziehungen sind bisher unbeachtet geblieben, weil 
man in der Kritik der bürgerlichen Sexualreform die äusseren Formen 
des Sexuallebens (Wohnungsfrage, Abtreibung, Ehegesetze usw.) 
gegenüber den sexuellen Bedürfnissen, Mechanismen und Erlebnissen 
hervorhob. Jener Kritik ist wenig hinzuzufügen, sie ist gründlich 
erfolgt, sowohl von sozialistischer Seite in den kapitalistischen 
Ländern (Hodann, Hirschfeld, Brupbacher, Wolff und 
anderen) als besonders schlagend durch die Umwälzung der sexuellen 
Gesetze in der Sowjetunion 1918 — 192P). 

Doch die Beurteilung der seelischen und kultureilen Folgen der 
bürgerlichen Sexualordnung für die sexuelle Ökonomie des Einzelnen 
und der Gesellschaft setzt die Kenntnis der seelischen und körper- 
lichen Mechanismen der Sexualität voraus. 

Soweit die ärztliche Kritik sich hier der soziologischen anfügt, 
fusst sie ganz auf den Erfahrungen der charakteranalytischen Klinik 
und der Orgasmusforschung. 



1) Siehe die Schritten von G c n s s über die Abtreibungsfrage in Sowjetrussland, 
ferner Wolfson: »Soziologie der Ehe und Familie«, Batkis über »Die 
sexuelle Revolution in der Sowjet-Union« und anderen. 



III. KAPITEL 

DIE EHEINSTITUTION ALS GRUNDLAGE 
VON WIDERSPRÜCHEN DES BÜRGERLICHEN 

SEXUALLEBENS 

Der Zusammenhang zwischen der Eheinstitution und den Interes- 
sen des Privateigentums ist bereits so oft behandelt worden, dass wir 
die Darstellung unserer Fragen nicht unnötig mit einer ausführlichen 
Wiederholung belasten wollen. Wir kommen nur noch im Ehekapitel 
darauf zurück. ' 

Die Sexualreform wird vom Gesichtspunkt des Interesses an der 
ehelichen Moral betrieben. Hinter ihr steht die bürgerliche Eheinsti- 
tution und diese selbst ist in den Interessen des Privateigentums 
an den Produktionsmitteln fest verankert. Die eheliche Moral ist der 
äusserste ideologische Exponent dieses Privateigentums im ideologi- 
schen Überbau der Gesellschaft und durchsetzt als solcher das Denken 
und Handeln jedes bürgerlichen Sexualforschers und -reformers 
ebenso, wie sie die Sexualreform unmöglich macht. 

Wie hängt das Privateigentum mit der Ehemoral zusammen? Die 
nächste Folge des Privateigentums ist das Interesse an der vor- 
ehelichen Keuschheit und der ehelichen Treue der Ehefrau . Der 
Münchener Sexualhygieniker Gruber hatte dieses letzte und ent- 
scheidende Motiv richtig erkannt: 

»Wir müssen die Keuschheit der Frau als höchstes völkisches Out schätzen 
und pflegen, denn in der Keuschheit der Frau ist die einzige sichere Bürgschaft 
dafür gegeben, dass wir wirklich die Väter unserer Kinder sein werden, dass wir 
für unser eigenes Blut schaffen und uns mühen. Ohne diese Bürgschaft aber 
keine Möglichkeit eines gesicherten, innigen Familienlebens, dieser unentbehrli- 
chen Grundlage für das Gedeihen von Volk und Staat, Darin und nicht in selbst- 
süchtiger Willkür des Mannes ist es begründet, dass Gesetz und Sittt strengere 
Anforderungen an die Frau bezüglich Keuschheit vor der Ehe und Treue in der 
Ehe stellen, als an den Mann. Es steht bei ihrer Ungebundenheit viel mehr auf 
dem Spiele, als bei seiner.« 

(»Hygiene des Geschlechtslebens«, 53.-54. .\uf]., S. 14G— 147.) 



32 



Die Eheinstitution als Grundlage von Widersprüchen usw. 



Durch die Verbindung des Erbrechtes mit der Zeugung ist das 
leidige Eheproblem fest im Geschlechtsleben verwurzelt, die sexuelle 
Verbindung zweier Menschen hört damit auf, eine Frage des Ge- 
schlechtslebens zu sein. Die aussereheliche Keuschheit und inner- 
eheliche Treue der Ehefrau ist auf die Dauer ohne ein höheres Mass 
an Sexualverdrängung auf Seiten der Frau nicht aufrechtzuerhalten; 
die nächste Folge ist daher die Keuschheitsforderung für das Mädchen. 
Diese Beziehung trat erst zutage, als die Kirche mit ihren asketischen 
Ideologien in engste Verbindung mit dem Privateigentum geriet. 
Ursprünglich und heute noch bei Primitiven mit bereits privatwirt- 
schaftlicher Organisation darf das Mädchen bis zur Ehe sexuell leben, 
wie es will; erst mit dem Eintritt in die Ehe verpflichtet es sich zur 
ausserehelichen Keuschheit.^) In der bürgerlichen Gesellschaft, am 
schärfsten ausgeprägt in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts 
und um die Jahrhundertwende, ist die Forderung der Jungfrauschaft 
für die Schliessung der bürgerlichen Ehe bedingungslos gestellt. 
Strenge Treue der Ehefrau und voreheliche Keusch- 
heit des Mädchens bilden in diesem Stadium die beiden Eck- 
pfeiler der bürgerlichen Sexualmoral, die die bürgerliche Ehe und 
Familie durch Bildung der sexualängstlichen Struktur zu stützen 
haben. 

Soweit ist die Ideologie folgerichtig Ausdruck der höchsten Form 
des Privateigentums, des Kapitalismus. Nun setzt aber der Wider- 
spruch des Prozesses ein. Durch die Keuschheitsforderung für das 
bürgerliche Mädchen werden der männlichen Jugend der herrschenden 
Klasse (und auch der der beherrschten, sofern die Ideologien der 
herrschenden die der beherrschten wurden) Liebesobjekte entzogen. 
Dadurch sind auf einmal mehrere geschlechtliche Tatbestände ent- 
standen, die zwar von der gesellschaftlichen Ordnung 
nicht beabsichtigt sind, aber notwendigerweise zum 
System ihrer Sexualform gehören: Die monogame Ehe be- 
kommt als Gegensatz den Ehebruch, der ebenso alt ist wie jene; 
die keuschen Jungfrauen werden durch die Prostituierten 
gegensätzlich ergänzt. Der Ehebruch und die Prostitution der Frauen 
sind so eiserne Bestandteile der doppelten Geschlechtsmoral, die dem 
Mann sowohl in als vor der Ehe gestattet, was sie den Frauen aus öko- 
nomischen Gründen versagen m u s s. Die natürlichen Anforderungen 
der Sexualität bewirken aber, dass die strenge Sexualmoral das Gegen- 
teil des Beabsichtigten erzielt. Und die Unmoral im bürgerlichen Sinne, 
der Ehebruch und die aussereheliche Geschlechtsbeziehung, steigern 
sich in zwei Richtungen zu grotesken sozialen Erscheinungen: zur sexu- 
ellen Perversion und zur Vergeldlichung der Sexualität auch ausserhalb 

1) Vgl. hiezu B ryk: »Negereros« (Marcus & Webers, S. 77), Ploss-Bartels: 
»Das Weib« (Leipzig 1902, I. Band, S. 449) und besonders Malinowski: 
»Das Geschlechtsleben der Wilden« (London 1929). 



Geschlechtskrankheiten 33 



der Ehe. Da die sinnliche Sexualbetätigung ausserhalb der Ehe in den 
Bereich der Ware überhaupt fällt, leiden darunter natürlich die zärt- 
lichen Bezieliungen zum Sexualpartner, am ausgesprochensten in der 
Prostitution; der junge bürgerliche Mann etwa spaltet seine Sexualität, 
indem er seine Sinnlichkeit bei einer Frau der beherrschten Klasse 
befriedigt, seine Zärtlichkeit hingegen einem Mädchen seiner eigenen 
Klasse zuwendet. Diese Spaltung des Liebeslebens und die Ver- 
knüpfung der Sinnlichkeit mit dem Gelderwerb haben eine völlige 
Erniedrigung und Brutalisierung des Liebeslebens zur Folge, als deren 
vornehmster Ausdruck die weite Verbreitung der Geschlechts- 
krankheiten erscheint, die so, ebenfalls unbeabsichtigt, ein we- 
sentlicher Bestandteil der bürgerlichen Sexualordnung wird. Der 
Kampf gegen Prostitution, ausserehelichen Verkehr und Geschlechts- 
kranklieiten wird mit der Parole »Askese« geführt, entsprechend der 
Anschauung, dass nur der eheliche Verkehr moralisch sei, wozu als 
Scheinbeweis für die Verderblichkeit der ausserehelichen Sexual- 
betätigungen ihre angebliche Gefährlichkeit dient. 

Die bürgerlichen Autoren bestätigen selber die Unmöglichkeit der 
Askeseforderung als eines wirksamen Mittels gegen die Geschlechts- 
krankheiten, aber sie gelangen aus der Sackgasse der Ehemoral 
nicht zur richtigen Schlussfolgerung. Denn zwar werden die Ge- 
schlechtskrankheiten durch Bazillen erzeugt, aber ihre Verbreitung 
verdanken sie der Erniedrigung des ausserehelichen Geschlechtslebens, 
die sich als moralische Kontrastwirkung zur sanktionierten ehelichen 
Beziehung etabliert; und diesen Gegensatz muss der bürgerliche 
Sexualforscher, ob er will oder nicht, sofern er nur aus dem Bürger- 
tum nicht heraustritt, ideologisch unterstützen. 

In der Frage der Abtreibung sehen wir ebenfalls die Widersprüche 
zwischen Tatsachenfeststellung und Forderung, und dahinter die 
ideologische Stütze der Ehemoral und die Rücksicht auf die Ehe- 
institution. Eines der Argumente der Bürgerlichen und verbürger- 
lichten Sozialisten gegen die Abschaffung des Abtreibungsparagraphen 
ist das Argument der »Sittlichkeit«. Wo würde es denn hinführen, 
wenn man die Abtreibung freigeben wollte? Der Paragraph sei ja 
doch ein Hemmschuh für »zügelloses Geschlechtsleben«. Man will 
Bevölkerungszuwachs erzielen und erreicht das Gegenteil: ständige 
Abnahme der Geburtenziffer. Man weiss, dass die Freigabe und 
Legalisierung der Fruchtabireibung in Sowjetrussland die Volks- 
vermehrung nicht beeinträchtigte, ja im Gegenteil, dass die nötige 
soziale Fürsorge in Verbindung mit dem legalen Abortus einen 
mächtigen Bevölkerungszuwachs bedingt.^) 

Man benötigt doch nationale Übermacht und Kanonenfutter, man 
strebt also nach Hebung der Geburtenzahl. 

1) Genss: »Was lehrt die Freigabe der Abtreibung in Sowjet- Russland?« 
(Agis-Verlag 1926.) 



34 Die Eheinstitution als Grundlaße von Widersprüchen usw. 



Es ist irrig zu glauben, dass hier die Rücksicht auf die Produktion 
einer industriellen Reservearmee durch die proletarischen Frauen die 
Triebfeder ist. Das war sie wahrscheinlich früher, als die Arbeits- 
losigkeit eines bestimmten, kleinen Prozentsatzes der Arbeiterschaft 
dem Lohndruck ausserordentlich förderlich war. Doch die Zeiten 
haben sich geändert. 

Die Massenarbeitslosigkeit in allen kapitalistischen Ländern, die 
zu einem Strukturbestandteil des Kapitalismus geworden ist.' hat 
dieses Motiv entwertet; die Massenarbeitslosigkeit wurde dem Kapi- 
talismus zur drohenden Gefahr, die er hier und dort durch Ansätze 
zu offizieller oder Duldung der privaten Geburtenregelung für die 
Zukunft einzuschränken versucht. Die unmittelbar wirtschaftlichen 
Motive für die Nichtzulassung einer rationellen Geburtenregelung sind 
geringfügig im Vergleich zu den ideologisch weltanschaulichen Mo- 
tiven, die ja letzten Endes ebenfalls in wirtschaftlichen Interessen 
wurzeln. Das Kernmotiv der Abortbestrafung ist die Rücksicht auf 
die Konsequenzen einer Aufhebung des Abtreibungsparagraphen, die 
Rücksicht auf die bürgerliche * Sittlichkeit«. Gibt man die Abtreibung 
frei, so kann das nicht nur für die Ehefrauen, sondern muss auch 
für die Unverheirateten gelten. Damit billigt man aber die ausser- 
eheliche Verbindung und hebt den moralischen Zwang zur Heirat 
nach Schwängerung auf. Man würde die Eheinstitution schädigen; 
ideologisch muss eben, trotz der widersprechenden Tatsachen des 
Geschlechtslebens, die eheliche Moral gehalten werden, weil die Ehe 
das Rückgrat der bürgerlichen Familie, und diese die Erzeugungs- 
stätte bürgerlicher Ideologien und menschlicher Struk- 
turen ist. Das wird später ausführlich erörtert werden. Die Not- 
wendigkeit, die Familie und Ehe zu erhalten, ist aber für das Privat- 
kapital und die Kirche ausserordentlich gross. 

Dieses Moment wurde bisher bei der Diskussion der Abtreibungs- 
frage allzusehr vernachlässigt. Man könnte mir nun entgegenhalten, 
das Bürgertum könnte ja aus den sowjetis tischen Erfahrungen die' 
halbe Konsequenz ziehen, etwa die Abtreibung nur für die verheirate- 
ten, nicht aber für die ledigen Frauen zulassen. Dann bliebe die 
Rücksicht auf die Ehe gewahrt. Dieser Einwand wäre richtig, wenn 
nicht noch ein Tatbestand im sexualideologischen Getriebe dagegen 
spräche. Es ist ein Grundelement der bürgerlichen 
Sexualmoral, dass der sexuelle Akt kein von der 
Fortpflanzung unabhängiger Bedürfnis- und Lust- 
akt sein darf. Offizielle Anerkennung der Sexualbefriedi- 
gung, abgesehen von der Fortpflanzung, würde ja mit einem Male 
alle bürgerlich-offiziösen und kirchlichen Auffassungen über das Ge- 
schlechtsleben über den Haufen werfen. So schreibt etwa Max 
Marcuse im Sammelwerk »Die Ehe« (Kapitel: »Der eheliche Prä- 
ventivverkehr«. Seite 399): »Sollte es wirklich gelingen, durch inner- 



Gebiirtcnrcgehing und SltÜithkeit 



35 



liehe Medikation Frauen nach Belieben zeitweise zu sterilisieren, so 
wird es die dringlichste Aufgabe sein, die Methode der Zugänglichkeit 

und des Vertriebes dieser Mittel zu finden, die ihren Gewinn für 

die Hygiene sicherstellt, aber ihre unerhörte Gefahr für die 

sexuelle Ordnung und Moral, ja für Leben und Kultur (lies: bür- 
gerliches Leben und Kultur) überhaupt abwendet.« 

Marcuses, des bürgerlich-liberalen Sexualreformcrs grosser 
ethischen Sorge vom Jahre 1927 wurde vom deutschen Faschismus 
1933^1935 Rechnung getragen: Etwa anderthalb Tausend Sterilisie- 
rungen im in. Reich haben zwar keinen Gewinn für die Hygiene 
sichergestellt, aber die »unerhörte Gefahr (der Trennung von Sexuali- 
tät und Fortpflanzung) für die sexuelle Ordnung und Moral, ja für 
Leben und Kultur überhaupt abgewendet« — im Interesse der Ban- 
nung des »Sexualbolschewismus«. 

Wir können durch eine einfache Rechnung demonstrieren, was 
diese Sätze wirklich bedeuten. Kein patriotischer und um den Fort- 
bestand der Menschheit besorgter bürgerlicher Sexualreformer kann 
von einer Proletarierfrau fordern, dass sie mehr als — angenommen 
— fünf Kinder gebiert. Das hiesse, fünfmal im Leben geschlechtlich 
verkehren dürfen, wenn der Akt nur als Mittel der Zeugung aufgc- 
fasst wird. Die menschliche Natur hat es aber, wohl um unseren 
Sexual reform ern so viel Kopfzerbrechen zu machen, so eingerichtet, 
dass der Mensch erstens auch Sexualerregung produziert und ge- 
schlechtlich verkehren will, wenn er kein Ehedokument hat, und 
zweitens diesen Drang durchschnittlich alle drei Tage verspürt; das 
heisst, er verkehrt vom 14. bis etwa zum 50. Lebensjahr gerechnet 
ungefähr 3 — 4000 mal geschlechtlich, wenn er sich nicht um die bür- 
gerliche Moral kümmert. Wollte Marcuse nur die Rassenvermeh- 
rung sichern, so müsste er vorschlagen und durchsetzen, dass die 
Proletarierin die sicheren Präventivmittel in 2995 Fällen benützen 
darf, wenn sie sie nur fünfmal oder so oft nicht benützt, als notwendig 
wäre, um fünf Kinder zu liefern. 

Doch den bürgerlichen Sexualreformer bedrückt in Wirklichkeit 
nicht die Sorge um die »fünf« Fortpflanzungsakte, sondern die Angst, 
der Mensch könnte in der Tat, notabene mit Zustimmung der 
Obrigkeit. 3000 Lustakte nicht nur begehren, sondern sogar be- 
gehen. Weshalb bedrückt ihn diese Angst? 

1. Weil die Eheinstitution für diesen natürlichen Tatbe- 
stand nicht eingerichtet ist und trotzdem als Kernelement der bür- 
gerlichen Ideologiefabrik: Familie, erhalten werden muss. 

2. Weil er unausweichlich vor den Fragenkomplex der jugend- 
lichen Sexualität gestellt wäre, den er heute mit dem Schlag- 
wort »Askese« oder »Sexualaufklärung« zu erledigen glaubt. 

3. Weil seine Theorie von der monogamen Veranlagung 

4* 



36 



Die Eheinstitution als Grundlage von Widersprüchen usw. 



der Frauen, ja des Menschen überhaupt, von den biologischen und 
physiologischen Tatsachen erschüttert, jämmerlich zusammenbräche. 

4. Weil er unter solchen Umständen in einen schweren Konflikt 
mit der Kirche geriete, die das Bürgertum zur Verdummung der Mas- 
sen braucht; er verträgt sich mit ihr nur solange gut, als er wie Van 
de Velde in seinem Buche »Die vollkommene Ehe« die Erotisie- 
rung im Rahmen der Ehe propagiert, nicht ohne dabei aus- 
führlich nachzuweisen, dass seine Bestrebungen den kirchlichen Dog- 
men nicht widersprechen. 

Die Ideologie der bürgerlichen Sittlichkeit 
ist ein stützender Bestandteil der bürgerlichen 
Eheinstitution; sie widerspricht der Anerken- 
nung der Sexualbefriedigung und hat die Sexual- 
verneinung zur Voraussetzung. Von der Eheinstitution 
geht also der eigentliche hemmende Einfluss in der Frage der Ab- 
treibung aus. 



IV. KAPITEL 

DER EINFLUSS DER BÜRGERLICHEN 
SEXUALMORAL 

1. »OBJEKTIVE, UNPOLITISCHE« WISSENSCHAFT 

Der spezifische Charakter der sexualideologischen Atmosphäre ist 
die Sexualablehnung und -erniedrigung, die sich bei jedem einzelnen 
Individuum der bürgerlichen Gesellschaft im Prozess der Sexual - 
Verdrängung auswirkt. Es ist dabei gleichgültig, welche Anteile 
der sexuellen Bedürfnisse von der Verdrängung erfasst werden, in 
welchem Ausmasse dies geschieht und welche Folgen es im Einzel- 
falle hat. Wichtig ist zunächst festzuhalten, welcher Mittel sich die 
»Öffentliche Meinung«, zu der wir auch die bürgerliche Sexualwissen- 
schaft zählen, dabei bedient und welche allgemeinen Resultate sie da- 
bei erzielt. 

Der vornehmste und bedeutungsvollste Träger der ideologischen 
Atmosphäre ist die bürgerliche Sexualwissenschaft. Wir 
werden bei der Besprechung des Eheproblems und der jugendlichen 
Sexualität im Detail darauf eingehen, während wir hier nur typische 
Beispiele für die bürgerlich-ethische Voreingenommenheit der ange- 
blich objektiven Sexualwissenschaft anführen wollen. 

Tim er ding schreibt in seinem Referat über »Sexualethik« in 
Marcuses »Handwörterbuch der Sexualwissenschaft«, einem Werk, 
das gewiss die Meinung der bürgerlichen Sexualwissenschaft zum. 
Ausdruck bringt: 

»Für die ganze .Auffassung des Geschlechtslebens hat sich die allgemeine 
ethische Einstellung stets als bedeutungsvoll erwiesen, die Vorschläge zu Re- 
formen auf sexuellem Gebiet werden fast immer durch ethische Grundsätze 
gerechtfertigt.« (H. Aufl., S. 710.) 

»Die wirkliche Bedeutung der sexualelhischen Betrachtung liegt durin, dass 
sie die Erscheinungen des Geschlechtslehens in dem grossen Zusammenhang der 
.gesamten Persönlichkeitsentfaltung und der gesellschaftlichen Ordnung erblicken 
'ehrt.« ■ , (1. c. S. 712.) -^ 



38 



Der Einfluss der bürgerlichen Sexualmoral 



Wir wissen, es handelt sich konkret um die bürgerliche 
Ordnung, wenn von gesellschaftlicher gesprochen wird, und um die 
Entfaltung einer Persönlichkeit, die sich in diese Ordnung ein- 
zufügen vermag. Jede offizielle bürgerliche Sexualethik ist aber 
notwendigerweise sexualverneinend, mag sie im Kampfe mit den 
realen Erscheinungen des Sexuallebens auch manche Konzessionen 
an die Sexualbefriedigung machen, mag die herrschende Klasse 
ein dieser offiziellen Ethik noch so widersprechendes Sexualleben 
führen und fördern. Angesichts ihrer inneren Widersprochenheit 
gelangen manche Forscher zu Formulierungen, die im Widerspruch 
zur gesellschaftlichen Atmosphäre stehen. Aber praktisch wirkt sich 
dieser naturwissenschaftliche Gegenpol niemals aus, es kommt nie 
zu einer konkreten Aktion, die den von der bürgerlichen Gesellschaft 
gesetzten Rahmen überschritte. Das muss natürlich zu Inkonse- 
quenzen, ja Absurditäten führen. So schreibt Wiese: 

»... über die religiöse Asliesc hinaus gibt es (zumal in abgeschwächteren 
Formen) gerade auch in der Gegenwart viel Askese, also grundsätzliche 
Abstinenz, deren Motive der Philosophie, Ethik, sozialen Zweckmässigkeits- 
erwägungen, erotischer Seelen- oder Körpersch wache, einer Neigung zum Spiri- 
tualismus oder einer Mischung aller dieser Antriebe mit überkommenen religiösen 
Instinkten entstammen. Oft glaubt man Vergeistigung oder Beseelung des mensch- 
lichen Verkehrs nur unter Voraussetzunj; (grösserer oder geringerer) Askese er- 
langen zu können. Dabei liegt stets die Geringsehätzung der Sphäre des Körper- 
lichen und die Vorstellung der Gesondertheit des Seelischen vom Körperlichen und 
des Konkurrenzverhältnisses von Leib und Seele zugrunde. Diese moderne, oft 
nur theoretische oder aus der Not eine Tugend machende Askese kann nur in 
seltenen Fällen gleichbewertel werden mit einer echt religiösen Askese. Sie ist 
das oft durchaus schwächliche Ergebnis der Übersättigung oder einer zu geringen 
Lebenskraft, die das Pathos oder das bunte Wechselspiel des Sinnlichen nicht 
zu ertragen vermag. 

Für jede Form und jeden Stärkegrad der Askese gilt die Beobachtung, dass 
ein starker Naturtrieb nicht beseitigt, sondern nur umgelenkt und umgewandelt 
werden kann. Die Askese »verdrängt« den Geschlechtstrieb. So sehr man sich 
vor manchen Übertreibungen der Freud-Schule hüten muss, so wird man die 
Lehre von der Verdrängung des Sexualinstinktes ins Unbewusste durch Askese in 
ihren Grundgedanken durchaus anerkennen müssen. Viel Fanatismus, Überspannt- 
heit, Menschenhass, l'nkeuschheit der Phantasie kann aus Askese entstehen.«: 

(L c S. 40.) 

Und weiter: 

»Einen natürlichen Enthaltsamkcitsinstinkt (nicht zu verwechseln mit dem vor- 
übergehenden, zeitweiligen Abschwellen des Triebes oder seiner Erkaltung mit 
zunehmendem Alter) gibt es beim gesunden Menschen nicht, die Askese ist in der 
Hauptsache sozialen, nicht biologischen Ursprungs. Bisweilen ist sie eine Er- 
scheinung der Anpassung an unnatürliche Lebensbedingungen, bisweilen eine 
ungesunde Ideologie.« (1. c. S. 40.) 

Im Ganzen richtige Aufstellungen; aber die Hemmung der prak- 
tischen Konsequenzen liegt bei Wiese etwa schon in der Unter- 
scheidung einer religiösen und einer andersgearteten Askese, einer 
Unterscheidung, welche übersieht, dass auch die religiöse Askese einer 
»Neigung zum Spiritualismus« und nicht etwa »überkommenen reli- 
giösen Instinkten« entspringt. Durch die Einräumung religiöser 



»Objektive, unpolitische« Wissenschaft 39 



Instinkte wird der im wesentlichen sozial bedingten Askese ein re- 
ligiöses Hintertürchen offengelassen, durch das sie wieder hinein- 
spazieren kann, von wo sie der exakte Forscher durch die Feststellung, 
dass es beim gesunden Menschen einen »natürlichen Enthaltsamkeits- 
instinkt nicht gibt«, hinausgejagt hat. 

Ein anderes ethisches Hintertürchen der bürgerlichen Sexual- 
wissenschaft ist die Redeweise von der »Versittlichung« und »Ver- 
geistigung« der geschlechtlichen Beziehungen. Man hat ja ursprünglich 
die Sinnlichkeit verdammt; sie kehrte, jedes Individuum, das 
dieser Verdammung zustimmte, niedertretend, als Furie wieder; 
was mit einer Erscheinung tun, die sich in so krassen Wider- 
spruch zum »sittlichen«, das heisst asketischen und keuschen Lebens- 
wandel gesetzt hat? Es bleibt nur eines übrig; Die »Vergeistigung« 
und »Versittlichung« der Furie! Die »Veredelung des Geschlechts- 
triebes«, das Schlagwort eines weiten Sektors der bürgerlichen 
Sexualreform meint, wenn sie sich auch so allgemeiner Redensarten 
bedient, etwas ganz Konkretes, nämlich wieder nichts anderes, als 
seine Verdrängung oder Lähmung. Zumindest bleiben uns die Ver- 
sittlicher eine konkrete Auskunft darüber, was sie meinen, schuldig. 

Interessant für den Betrachter bürgerlicher Widersprüche ist der 
Widersinn, der sich aus der Mischung von Tatsachenfeststellung und 
Sexualethik ergibt: So bei Timerding: 

»Verweigert man der unverheirateten Frau das Recht auf Liebe, so muss man 
auch von dem Manne die geschlechtliehe Enthaltsamkeit bis zur Ehe fordern. 
Dass in der vönigen Keuschheit vor der Ehe ein Zustand 
liegt, der, wenn er sich verwirklichen lässt, der mensch- 
lichen Gesellschaft den gesichertesten Bestand gewähr- 
leistet und dem einzelnen Menschen selbst viel Kämpfe 
und I^ ei den erspart, muss wohl zugegeben werden. Wenn 
aber die Forderung ein nur in seltenen Fällen erreichtes 
Ideal bleibt (vom Ref. hervorgehoben) und allein zur Verurteilung anderer, 
nicht aber zur Richtschnur für das eigene Handeln benutzt wird, so ist wenig 
gewonnen. Es müsste sich der Keuschheitsgedanke als eine indi- 
vi d u a 1-ethische Norm erst allgemein durchsetzen, was aber, je mehr die ein- 
fachen Lebensbedingungen früherer Zeiten weichen und damit die itlöglichkeit 
schwindet, unmittelbar nach der geschlechtlichen Reifung zur Eheschliessung zu 
gelangen, um so aussichtsloser erscheint. Die blosse sozial-ethische Forderung, 
die einem weitgehenden Schutz der Familie dienen will, wird von dem einzelnea 
nur zu leicht als lästiger Zwang abgeschüttclt.s (1, c. S. 721.) 

»Es ist bezeichnend, wie diese Auffassung den wirklichen durch die Lebens- 
bedingungen der Gegenwart gegebenen Verhältnissen gegenüber versagte und in 
der tatsächlichen Rechtsübung fast zu einer Farce geworden ist.« (1. c. S. 714.) 

Wir haben hier folgende Inkonsequenzen in der logischen Argu- 
mentation auf einmal vor uns: Wenn die Frau vor der Ehe keusch 
leben soll, warum dann nicht auch der Mann? Richtig! Die Möglich- 
keit, den Keuschheitsgedanken als individual -ethische ( ? ) Norm 
durchzusetzen, schwindet immer mehr. Richtig! Aber dieser Keusch- 
heitsgedanke müsste sich durchsetzen, obwohl »diese Auf- 
fassung ... versagte und ... zu einer Farce geworden ist«. Wir haben 



40 



Der Einfluss der bürgerlichen Sexualmoral 



auch gehört, dass die Durchführung der »Keuschheit vor der Ehe 
der Gesellschaft den gesichertesten Bestand gewährleisten würde«. 
Der Beweis für diese Behauptung hieibt regelmässig aus. Sie ist eine 
typische Phrase, die aber ihren Sinn hat, sofern man nämlich den 
Bestand der bürgerlichen Gesellschaft meint. Dies haben wir bereits 
zu zeigen versucht. 

Weiter: 



zwei 



»Die hygienische Beurteilung des Geschlechtslebens geht ... nach ^»u. 
verschiedenen Richtungen auseinander. Auf der einen Seite werden die gtsund- 
heitlichen und seelischen Schädigungen, die mit der gewaltsamen Unterdrückung 
des Geschlechtstriebes verknüpft sind, ins Feld geführt und dcmgemäss für den 
Menschen die Gewährleistung eines gesunden Geschlechtsverkehrs seiner Veran- 
lagung entsprechend, aber unabhängig von seinen wirtschaftlichen Verhältnissen 
gefordert. Auf der anderen Seite wird die Unschädlichkeit der völligen Abstinenz 
entschieden verfochten, dagegen auf die gesundheitlichen Gefahren hingewiesen, 
die mit einem unßeregelten Geschlechtsverkehr verbunden sind. Es handelt sich 
namentlich um die in der Tat sehr verbreiteten und verderblichen Geschlechts- 
krankheiten. ... Das einzig sichere Abwehrmittel hiergegen ist in der Tat die 
völlige geschlechtliche Enthaltung. Da man diese aber natürlich höchstens in 
Ausnahmefällen (?) fordern kann, kommt man auf das Ideal des allein in der 
strengen Einehe geübten Geschlechtsverkehrs zurück. Durch die rest- 
lose Verwirklichung dieses Ideals würde das erstrebte 
Ziel praktisch erreicht werden. (Vom Ref. hervorgehoben.) Die 
Geschlechtskrankheiten würden rasch abklingen. Aber auch dieses Ideal 
wird kaum je verwirklicht werden (vom Ref. hervorgehoben), und 
die Reinhaltung der einmal geschlossenen Ehe kann nicht viel helfen, da die 
grössten Gefahren der Ansteckung vor der Ehe liegen. Es kann daher nur eine 
aligemeine Schärfung des Gewissens in geschlechtlicher Beziehung 
von Nutzen sein, um wenigstens die unvorsichtigen und häufig wechselnden 
geschlechtlichen Beziehungen zu vermeiden. Man könnte vielleicht 
sogar denken, dass die Befreiung des auf persönlicher 
starker Zuneiigung beruhenden Geschlechtsverkehrs van 
dem Zwange, unter den er durch die Anschauungen der bür- 
gerlichen Gesellschaft und zum Teil auch durch die ge- 
setzlichen Bestimmungen gestellt ist, über längere Zeit 
festgehaltene, ja vielleicht dauernde Verbindungen be- 
günstigen, die öffentliche und geheime Prostitution be- 
seitigen und damit nicht bloss die Geschlechtskrank- 
heiten, sondern auch andere körperlichen und seelischen 
Gefahren erheblich verringern würde. Es ist jedenfalls 
nicht zu leugnen, dass die Personen beiderlei Geschlechtes, 
die zu sexueller Betätigung neigen, sich niemals durch die 
Forderungen der guten Sitte haben abhalten lassen, ihrem 
Triebe zu folgen, und vielleicht nur um so zügelloser, wenn 
sie, um den Schein zu wahren, sich der grössten Heimlich- 
keit befleissigen mussten. Auf der anderen Seite kann sehr 
wohl das Ideal festgehalten werden, nur mit einem Men- 
schen in geschlechtlichen Verkehr zu treten, und bei ihm 
dauernd die volle körperliclie und seelische Befriedigung 
zu finden, denn es ist keine Frage, dass der, dem dies gelingt, nur glücklich 
zu schätzen ist.« d. <.. S. 714, 715.) 

Wir sehen, der bürgerliche Sexualreforiner kommt selbst aer 
praktischen Lösung der Misere nahe, aber er kann von der mono- 
gamen Eheideologie nicht los, sie belastet sein Urteil, zwingt ihn in 
eine Sackgasse: »Es kann aber sehr wohl auf der anderen Seite das 



»Objektive, unpolitische« Wissenschaft 41 



Ideal festgehalten werden«, denn, »der, dem es gelingt«, ist nur 
glücklich zu schätzen. Das mag ja sein, aber wem gelingt es? Und 
hat nicht der Sexualethiker selbst das Fiasko dieses Ideals verkündet? 
Der Widerspruch erklärt sich auch hier aus der wirtschaftlienen 
Bedingtheit dieser Idealsetzung und der sexualökonomischen Un- 
möglichkeit der Verwirklichung des Ideals. 

So pendelt man zwischen Keuschheits- und Eheideologie hin und 
her, denn dazwischen gähnt das Ungeheuer: »Geschlechtskrankheit«, 
mit dem man nicht fertig werden kann, weil es der praktische Gegen- 
pol der Ehemoral und Keuschheitsideologie ist. Man hat zwar selbst 
festgestellt, »dass die Befreiung des Geschlechtsverkehrs ... von dem 
Zwang (der bürgerlichen Anschauungen und der Gesetzgebung) 
dauernde Verbindungen begünstigen ... die Geschlecbtskrankheuen 
verringern ... würde«, aber auf die »sittliche Ordnung« und den 
»Zwang« kann — das meinen wir ganz ernst — nicht verzichtet 
werden (vom Bürgertum nämlich), und so bleibt nur noch »die all- 
gemeine Schärfung des Gewissens« ; und die besorgte der Meister auf 
sexualhygienischem Gebiete selbst, Grube r, wie folgt: 

»'Die Wollust der Kreaturen ist gemenget mit Bitterkeit.' Der Leser dieser 
Blätter haf bereits die Wahrheit dieses Spruches des Meisters Eckhart vielfach 
bestätigt gesehen. Und doch haben wir von den schlimmsten Uebeln, die der 
Geschlechtsverkehr bringen kann, noch gar nicht eingehender gesprochen.« 

(»Hygiene des Geschlcchtslcljens«, S. 121.) '* 

Die Wollust der Kreaturen ist gemenget mit Bitterkeit. Das 
stimmt. Aber keinem, der diese Feststellung macht, ist es eingefallen, 
sich zu fragen, ob diese Bitterkeit gesellschaftlichen oder biologischen 
Ursprunges ist. Der Satz: Omne animal post coitum triste, (»Alles 
Lebende ist nach dem Geschlechtsakt traurig«) wurde zu einem 
wissenschaftlichen Dogma. Man muss wissen, dass sich solche Sätze, 
von Autoritäten ausgesprochen, tief einprägen in das Gefühlsieben 
derer, die mit Ehrfurcht den Worten eines Gruber folgen, so tief» 
dass sie nicht nur die eigenen Wahrnehmungen, die dem wider- 
sprechen, verfälschen, sondern überdies umnebelt und betäubt von 
der hochtrabenden Phrase auf jedes selbständige Denken verzichten, 
das sie unfehlbar auf die Frage der gesellschaftlichen Situation 
bringen würde, in der sich Wollust mit Bitterkeit mengen muss. 

Man muss sich einmal ganz lebhaft in einen Puberilen hinein- 
versetzen, der etwa folgende Worte eines Sexuologen vom Rufe eines 
Fürbringer liest: 

»Neue Aufgaben erstehen im Jünglingsalter, in erster Linie die ärzt- 
liche Stellungnahme zum Geschlechtsverkehr mit seinen Gefahren der 
Schädigung durch Rückwirkung auf den Allgemeinzustand und der Infektion- Es 
ist kein Geheimnis mehr, dass sich in unseren Kulturstaaten die grosse Mehrzahl 
der jungen Männer schon vor der Ehe sexuellen Umgang verschaffL Wir haben 
uns nicht über die Frage, ob und in welchem Umfang die Gepflogenheiten von 
der Gesellschaft geduldet, um nicht zu sagen gebilligt werden (!!), auszulassen.«. 

C Handwörterbuch S. 718.) 



'12 Der Einfluss der bürgerlichen Sexualmoral 



Der Jugendliche nimmt folgende Suggestion in sich auf: 

1. Die ärztliche Stellungnahme, also die, vor der der Laie den 
grössten Respekt hat, ist, dass der Geschlechtsverkehr »den All- 
gemcinzustand schädigt«. Wer gesehen hat, wie Jugendliche auf 
solche Sätze reagieren, wie sie von da aus in die Schrecken des sexu- 
ellen Konfliktes, in Neurose, Hypochondrie verfallen, und wie die 
kindlichen Erlebnisse sich solcher Aussprüche als Anlass zur Pro- 
duktion einer Neurose bedienen, wird mit uns einig sein, dass gegen 
solche autoritative Aussprüche nicht nur protestiert, sondern auch 
praktisch vorgegangen werden müsste. 

2. Der Arzt stellt fest, dass der Geschlechtsverkehr zur Infektion 
führen kann. G r u b e r behauptet ja, dass jede ausser- und vorehelich 
verkehrende Frau verdächtig ist. Es gäbe nun die Auskunft, nur mit 
jemand zu verkehren, den man gut kennt und zu dem man zärtliche 
Beziehungen hat; ferner, mit dem Partner sich entweder auf Treue 
für die Zeit des Verhältnisses oder darauf zu einigen, dass nach 
einem Verkehr mit einem anderen Partner einige Wochen hindurch 
kein Verkehr stattfinde und anderes mehr. Wo bleibt dann aber die 
Rücksicht auf die Sittlichkeit? Da Gruber, Fürbringer und 
andere Forscher ähnlicher Gesinnung jedes aussereheliche Geschlechts- 
leben durch die Bordellbrille, wie sich Engels einmal ausdrückte, 
ansehen, wirken sie ganz im Sinne der bürgerlichen sexualideologi- 
schen Atmosphäre, wenn folgende »sittliche« Ermahnungen das 
Resultat sind: 

»Angesichts der Ekelhaftigkeit uod Gefährlichkeit der Prostitution . . .« — 
schreiht Gruber — »werden sich gar manche versucht fühlen, in einem so- 
öenanntcn .Verhältnis' Befriedigung zu suchen bis zu dem Zeilpunkte, da sie 
imstande sind, eine Ehe zu schliessen. Sie mögen aber folgendes zu Herzen neh- 
men: Volle Sicherheit vor Ansteckung würde ein solches Verhältnis nur dann 
bieten, wenn es mit einer unberührten Jungfrau eingegangen wird, und wenn 
beiderseits strenge Treue bewahrt wird, denn bei der heutigen Verbreitung der 
Geschlechtskrankheiten ist, wie schon früher betont wurde, jeder polygami- 
sche Verkehr in hohem Grade gefährlich. Bei einem Mädchen, das sich leichten 
Herzens, etwa gar gegen Entgelt in irgendwelcher, wenn auch verhüllten Form, 
zu einem solchen .Verhältnis' hergibt, darf man aber nicht auf Treue rechnen. 
Wenn es, wie dies so häufig der Fall ist, schon von Hand zu Hand gewandert 
ist (!), so ist es kaum weniger gefährlich als die offenkundige Dirne. Auch davor 
sollte sich der vom Streben nach Höherem erfüllte junge Mann scheuen, dass 
das Zusammenleben mit einem Mädchen, das geistig und gemütlich tief steht, 
das kein Verständnis für seine Ziele hat und nur platte Vergnügungen kennt, 
seinen eigenen Bildungsgrad erniedrigen muss. Ein solches .Liebesverhältnis' be- 
schmutzt seelisch weit mehr, als der gelegentliche Besuch einer Dirne, der 
das Wesen einer Notdurftverrichtung hat, wie der Besuch eines öffentlichen 
■Aborts.« (Hygiene S. 142/143.) 

Um aber auch den Ausweg, mit einem »unberührten Mädchen« 
in Verkehr zu treten, von vornherein auszuschalten, folgt schon auf 
der nächsten Seite die Blüte bürgerlich-sexualmoralischer Gesinnung: 

»Ein ehrbares, hochgesinntes Mädchen zu .Liebesverhältnis auf Zeit' verleiten, 
ist auch dann ein unverantwortliches Beginnen, wenn es mit voller Offenheit über 
die Endabsichten geschieht.« (S. 144.) 



»Objektive, unpolitische« Wissenschaft 43 

»Ich -will nicht davon reden, dass schon die Entjungferung an sich dorn Släd- 
-chen Schaden bringt, indem sie ihm das spätere Eingehen der Ehe erschwert, da 
■der Mann mit durchaus richtigem Instinkt die unberührte Frau als Gattin be- 
vorzugt (sie!). 

Die Hauptsache ist, dass es ohne Schädigung oder tiefe Verwundung der weib- 
lichen Seele dabei nicht abgeht. Der Wunsch nach Mutterschaft ist der gutgearte- 
ten Frau eingeboren. Nur dann, wenn der Geschlechtsverkehr ihr die Hoffnung 
eröffnet, Mutter ku werden, beglückt er sie vollkommen. Wer eine Frau unter 
erbärmlichen Kunstgriffen in den Geschlechtsverkehr einführt, beraubt sie um 
■die Stunde höchster Glücksempfindung, die ihr die redliche Elie mit den ersten 
schrankenlosen Umarmungen gebracht hätte.« (1. c. S. 145.) 

So wurden im Interesse der Eheinstitution »wissenschaftliche'K 
Feststellungen »geinacht.K : Die Frau wird nur dann durch den Ge- 
schlechtsakt beglückt, wenn damit die Aussicht, Mutter zu werden, 
sich verbindet. Wir kennen die gleiche Ansicht aus Analysen frigider, 
sexualablehnender Frauen. Und wie die »ersten schrankenlosen 
Umarmungen ... in der redlichen Ehe« in Wirklichkeit aussehen, 
erfahren wir in der Behandlung der an der »redlichen Ehe« er- 
krankten Frauen. 

Wer könnte sich zu solcher sexualmoralischen Massenbeeinflussung 
hessereignen als ein berühmter Universitätsprofessor? Die herrschende 
Klasse ist geschickt bei der Auswahl ihrer Prediger. 

Der Gipfei gefährlicher Ausnützung wissenschaftlicher Autorität 
im Dienste der herrschenden Klasse war die Behauptung Grubers, 
die Abstinenz schade gar nicht, im Gegenteil, sie sei sogar im höchsten 
Masse nützlich, denn der Samen werde wieder aufgesaugt und das 
bedeute »Zufuhr an Eiweiss«. »An eine Schädlichkeit der Zurück- 
haltung des Samens im Körper ist erst recht nicht zu denken, der 
Samen ist kein schädlicher Auswurfstoff, kein Stoffwechselabfall wie 
der Harn und der Kot.« Allerdings hatte G r u b e r doch einige 
Bedenken, diesen Unsinn ohneweiters dastehen zu lassen. Also; 

»Man könnte nun allerdings denken, dass die Aufsaugung von Samen nur 
dann nützlich ist, wenn sie eine gewisse Menge nicht überschreitet, dass ein Zuviel 
davon schädlich werden könnte. Diesem Einwände gegenüber muss darauf auf- 
merksam gemacht n'erden, dass die Natur durch die univillkürlichen, nächtlichen 
Samenentleerungen — die etwas ganz regelrechtes sind, ■wenn sie nicht allzu 
häufig stattfinden — , schon vorgesorgt hat, dass keine übermässigen Ansamm- 
lungen von Samenflüssigkeit stattfinden: ferner darauf, dass die Absonde- 
rung des Samens von selbst abnimmt, wenn die Ge- 
schlechtsvorrichtung nicht benutzt wird. Mit den Hoden 
verhalt es sich in dieser Beziehung geradeso, wie mit 
den anderen Werkzeugen des Körpers, Wenn sie nicht 
benutzt werden, erhalten sie weniger Blut zugeführt, 
und wenn sie weniger Blut zugeführt erhalten, sinkt 
ihre Ernährung und ihre ganze Lehenstätigkeit. (Von 
mir hervorgehoben) Auch dadurch ist einem Schaden vorgebeugt.« 

(1. c. S. 72, 73.) 

Man lese diese Sätze so aufmerksam, wie sie es verdienen. Was 
Gruber hier offen und ehrlich aussprach, ist in der ethischen Ein- 
stellung der gesamten bürgerlichen Sexualwissenschaft geheim ent- 



*4 Der Einfluss der bürgerlichen Sexualmoral 



halten; Im Interesse der sittlichen Ordnung, der Kultur, des Volkes 
und des Staates propagiert man die Atrophie des Sexualapparates. 
Hätten wir solches ohne Beleg zu behaupten gewagt, wir wären 
keines wissenschaftlichen Blickes gewürdigt worden. Was hier aus- 
gesprochen ist, macht den Kern der bürgerlichen Sexualideologic aus: 
Sexualatrophie! Man staunt dann nicht mehr darüber, dass 
etwa 90 Prozent der Frauen und 60 Prozent der Männer sexuell gestört 
und die Neurosen ein Massenproblem geworden sind. 

Wenn man auf die Eiweisszufuhr, auf die Samenergüsse und auf 
die Hodenatrophie vertröstet, so fehlt nur noch die Kastration, ais- 
aktive Massnahme. Dann würde sich aber derlei »objektive« Wissen- 
schaft selbst aufheben, was im Interesse des »menschlichen Fort- 
schrittes« und der »Hebung der Kultur« vermieden werden muss! 

In Form der faschistischen Sterilisation ist diese Blüte unserer 
»Kultur« Wirklichkeit geworden. 

Da Grubers »Hygiene des Geschlechtslebens« in 400.000 Exem- 
plaren erschien, gering geschätzt also von einer Million Menschen, 
vorwiegend Jugendlichen, gelesen wurde, kann man sich die Wirkung 
als gesellschaftlichen Einfluss gut vorstellen. Sie veranlasste als 
äussere Versagung mindestens ebensoviel Erkrankungen an Impotenz 
oder Neurose. 

Man könnte nun einwenden, es sei bösartig, gerade Grub er 
zu zitieren, die Mehrzahl der Sexualforscher identifiziere sich nicht 
mit ihm. Von anderer Seite sei die Bedeutung der Sexualität hervor- 
gehoben worden. Es sei nun die Frage gestattet, welcher der Sexual- 
forscher, die sich angeblich nicht mit Gruber identifizieren, eine 
Schrift gegen ihn verfasste, um seinen Einfluss zu paralysieren. Ich 
spreche hier nicht von den in wissenschaftlichen Zeitschriften ver- 
modernden Abhandlungen über die Ursachen und das Wesen der 
Pollutionen oder der Onanie. Gemeint ist eine konsequente Über- 
führung der wissenschaftlichen Überzeugung in entsprechende Aktio- 
nen, etwa Verfassung populärer Broschüren als Gegenmassnahme 
gegen die Hunderttausende sexueller Schundliteratur, welche von 
gewissenlosen Ärzten, die nichts von der Sache verstehen, abgefasst 
werden, weil, wie der Absatz lehrt, der Hunger der unwissenden 
Massen nach Erkenntnis auf sexuellem Gebiet, nach ein wenig Klar- 
heit in den Wirren, in denen die zugrunde gehen, ein schönes Ein- 
kommen gewährleistet. Der Wauwau »Geschlechtskrankheit«, das 
Schreckgespenst »Onanie«, angebliche Kulturinteressen als Verlockung 
können nicht durch esoterische Abhandlungen bekämpft werden. 
Kollegiale Rücksichten und die Wahrung der »Standesinteressen« 
können da nicht vorgeschoben werden. Nein, die Sache liegt ganz 
anders. Wer sich mit den klaren und eindeutigen Aussprüchen eines 
Gruber nicht solidarisiert, weil er sie erkenntnismässig ablehnen 
muss, der zögert sicher, seine richtige Anschauung und Wissenschaft- 



»Objektive, unpolitische« Wissenschaft i5 



liehe Überzeugung konsequent zu Ende zu denken und auszusprechen, 
denn sie führt ihn geradewegs aus der bürgerlichen Beschränkung 
der Erkenntnis, damit aber auch aus seiner Stellung im Bürgertum 
hinaus; und das riskiert man nicht gern. 

Es fehlte zwar nicht an Versuchen, gegen diese Auffassungen an- 
zukämpfen. Ihre Halbheit verrat aber die Befangenheit der Autoren. 
Oder die Auseinandersetzung erschöpft sich in Gemeinplätzen. 

■ 

Als Typus: i 

»Ebenso ist zum Zwecli einer gerechteren Beurteilung und Vermeidung des 
bei geschlechtlichen Vorgängen allzu leicht erfolgenden gesellschaftlichen Boykotts 
eine verbreitetere Kenntnis der physiologischen und psychischen Grundlagen des 
Geschlechtslebens zu wünschen. Auch für die Erkenntnis eigener Gefühlsregungen 
und ein dadurch bceinflusstes Verhalten kann die Bekanntschaft mit wissenschaft- 
lich gesicherten Tatsachen von grosser Bedeutung sein. Man muss vertrauen, dass 
die steigende Kultur, gerade wenn sie nicht bloss in einzelnen Auswirkungen, 
sondern in ihrem vollen Gehalte sich ausbreitet, letzten Endes doch nicht üu 
einer Verwilderung der Geschlechtssitten führen wird, sondern zu ihrer Verfeine- 
rung und Veredelung.« (H. E. Timerding, Handwörterbuch S. 713.) 

Die Kenntnis der Grundlagen des Geschlechtslebens ist zu wün- 
schen (nicht etwa zu fordern}, die Bekanntschaft mit den wissen- 
schaftlichen Tatsachen kann von grosser Bedeutung sein (sie ist es 
nicht), man muss vertrauen ... Verwilderung der Sitten, Verfeinerung 
und Veredelung ... usw. Phrasen! 

Die Misere reicht aber noch weiter: Die Tatsachenfeststellung 
seihst und die Theoriebildung sind moralisch befangen, und das bis 
tief hinein in Kreise von Autoren, die auf anderen Gebieten nicht 
bürgerlich befangen sind. Kein Wunder, da doch die bürgerliche 
Sexualideoiogie die allgemeinste und zutiefst verankerte ist. 

Es ist bekannt, dass die sexuelle Gefühlskälte der Frau auf einer 
Hemmung der Scheidenempfindüchkeit beruht, und dass durch die 
Behebung der Verdrängung der allgemeinen und der vaginalen Erotik 
die vaginale Erregung und orgastische Fähigkeit sich einstellen. 
Paul Krische verfasste eine populäre Broschüre: »Neuland der 
Liebe«, eine »Soziologie des Geschlechtslebens«. Da hören wir über 
die vaginale Anästhesie: 

»Der einzige Erreger der Beglückung für das Weib ist die Klitoris, nicht wie 
selbst Wissenschaftler, Aerzte, heute noch vielfach behaupten, neben ihr das 
Innere der Scheide und Gebärmutter. Denn die Vorbedingungen des Rauschge- 
fühles sind die Schwellkörper und die Krausesehen Endkorper, und die finden 
sich nur in der Klitoris. Weder die Gebärmutter, noch das Innere der Scheide 
könaen also Träger sexueller Lustgefühle sein, zumal sie neben der Begattung 
den Geburtsgang für die reife Lebensfrucht bilden . . . Um die Geburt nicht zu 
un über steh barer Pein werden zu lassen, hat die Natur den empfindlichen Schwell- 
körper des Weibes kleiner werden lassen, ... so dass der Scheidenausgang für 
die Geburt unempfindlich wurde , . . Dadurch hat die Natur jenen Konflikt herauf- 
. geführt, den sie innerhalb der Geschichte der Menschheit nicht zu lösen vermochte. 



*6 Der Einfluss der bürgerlichen Sexualmoral 



dass sie, um die Geburt zu ermöglichen, den Schcidenausgang unempfindlich 
machte und so die wünschenswerte Reßlückung des Weibes bei der Gemeinschaft 
verhinderte.« /g jq \ 

Die Tatsache, dass bei der germanischen Rasse »mindeslens 
60 Prozent Frauen bei der regulären sexuellen Gemeinschaft niemals 
oder nur selten die sexuelle Beglückung erleben« (sie! Der Rest erlebt 
sie also doch, aber wie, da doch die Natur es anders eingerichtet hat?), 
führt K fische auf die angeblich grössere Dislozierung von Klitoris- 
und Scheide zurück. Die Sexualfunktion wird final aus der Funktion 
der Arterhaltung erklärt, wie so oft in der offiziellen Sexuologie, 
aber der Einfluss der bürgerlichen Moral kommt doch eine Seite 
weiter zum Vorschein: 

»Für das Weib ist das günstigste Alter der Mutterschaft in der ersten Hälfte 
der Zwanzigerjahre. Die Eireifung setzt aber bereits beim 14jährißen Mädchen 
ein. Um eine vorzeitige Schwangerschaft zu verhüten, hat die Natur darum die 
geringe sexuelle Erregtheit des jungen Mädchens als starken Schutz eingerichtet a 

CS. 10.) 

Weshalb die Natur dann so ungeschickt war, nicht auch die 
Eireifung ins 25. Lebensjahr hinauf zu verlegen, ist unergründlich. 
Dass sie aber einem grossen Prozentsatz von Mädchen, die nämlich 
trotz aller Voraussicht dieses modernen Gottes »Natur« an sexuellen 
Erregungen schwer leiden, diesen Schutz nicht gewährt hat, ist noch 
weniger zu verstehen. Und besonders peinlich müssen wir es emp- 
finden, dass die Mädchen nicht erst mit 14, sondern schon mit drei 
und vier Jahren onanieren und mit Puppen spielen und sich von ihren 
Vätern Kinder wünschen, wo doch die Natur just das 25. Jahr als 
richtig befunden hat. Ob die Natur sich bei näherem Zusehen nicht 
als die besondere wirtschaftliche Stellung der Frau in der kapitalisti- 
schen Gesellschaft und als dementsprechend braves »sittliches« 
Empfinden entpuppen dürfte? Denn was ist mit den 14jährigen 
Negerinnen und Kroatinnen? An die hat die Natur zweifellos vergessen. 

Solche Theoriebildungen sind objektiv nichts anderes als Methoden 
der Ablenkung des wissenschaftlichen Interesses von den wahren 
sozialen und psychischen Ursachen der sexuellen Störungen. 

Die vorwiegende oder ausschliessliche biologi- 
sche Auffassung des Geschlechtstriebes im Sinne 
der Arterhaltung ist eine der Verd r ängun gs metho- 
den der bürgerlichen Sexualwissenschaft. Diese Zu- 
grundelegung der Arterhaltung ist eine finale, also idealistische 
Betrachtungsweise, sie setzt einen Zweck dem Geschehen zugrunde, 
der notwendigerweise von einer überindividueüen Instanz verfolgt 
werden muss, soll nicht das Ganze schon logisch ein Unsinn sein. 
Sie führt ein metaphysisches Prinzip wieder ein, ist aiso im Grunde 
religiös oder mystisch befangen. 



Ehemoral als Bremsung: Helene Stöcker ,47 



2. DIE EHEMORAL ALS BREMSUNG JEDER SEXUALREFORM 

aj Helene Siöcker. 

Wir haben im vorangegangenen Abschnitt zu zeigen versucht, dass 
die Sackgasse jeder Art bürgerlicher Sexuaireform das Festhalten an 
der angeblich biologisch, in Wirklichkeit privateigentünilich be- 
gründeten Eheinstitution bildet, dass sich von der Eheideologie, durch 
die das Privateigentum unmittelbar die gesamte sexuelle Situation in 
der Gesellschaft beeinflusst. folgerichtig Stück um Stück der sexuellen 
Misere ableitet. Aber auch die besten und fortschrittlichsten unter 
den bürgerlichen oder bürgerlich gesinnten Sexualreformern versagen, 
während sie sonst überall vom Standpunkt der sexuellen Ökonomie 
durchaus richtige Thesen aufstellen, an diesem einen Punkte — und 
sind gerade dadurch zur Sterilität verurteilt. 

Die deutsche Sexualreformbewegung ist zerschlagen worden. Doch 
in allen Ländern dringt die Sexualreformbewegung vor, wenn auch 
behaftet mit all den Widersprüchen, die aus der Ablehnung der 
jugendlichen Geschlechtlichkeit folgen. Die folgende Auseinander- 
setzung kann unschwer auf jede Art fortschrittlicher liberaler Sexual- 
reform übertragen werden. 

Der »Deutsche Bund für Mutterschutz und Sexualreform«, dessen 

Spiritus rector Helene Stöcker war, gab seine »Richtlinien« 

heraus (Verlag der neuen Generation, Berlin, angenommen von der 

Delegiertenversammlung des Bundes in Berlin am 25./26. November 

1922). Wir lassen zunächst die Leitsätze folgen, mit denen man sich 

vom Standpunkt der Sexualökonomie grundsätzlich solidarisieren 
kann: 



»RICHTLINIEN« 
des 

Deutschen Bundes für Mutterschutz und Sexualreform 

1. Inhalt und Ziel der Bewegung 

Die Bewegung für Mutterschutz und Sexuaireform erwächst auf dem Boden 
einer frohen, lehensbejahenden Weltanschauung, Sie stammt aus der Überzeugung 
von dem höchsten Wert, der Heiligkeit und Unantastbarkeit des menschlichen 
Lebens. 

Von diesem Grunde aus will unsere Bewegung das Leben zwischen Mann und 
Weib, zwischen Eltern und Kindern, zwischen den Menschen überhaupt, so reich, 
so fruchtbar wie möglich gestalten. 

Unsere Aufgabe ist daher, die Erkenntnis von der Widerwärtigkeit gesell- 
schaftlicher Zustände und ethischer Anschauungen, die Prostitution und Ge- 
schlechtskrankheiten, sexuelle Heuchelei und erzwungene Enthaltsamkeit dulden 
und fördern, in immer weitere Kreise zu tragen. 

Die Verwirrung der heute herrschenden sittlichen Wertungen, die daraus her- 
vorgehenden persönlichen Leiden und sozialen Übel rufen nach Abhilfe. Diesfr 
aber kann nicht durch Beseitigung von Symptomen, sondern nur durch radikale 
Ausrottung der wirkliehen Ursachen erkämpft werden. 



48 Der Einfluss der bürgerlichen Sexualmoral 

Aber nicht nur durch Beseitigung von Übeln, sondern auch positiv fördernd 
will unsere Bewegung der Vervollkommnung des individuellen und sozialen Lebens 
dienen. Leben und Lehensfreude will sie erhalten und steigern. 

Das Leben vornehmlich an seiner Quelle zu schützen, es rein und stark er- 
stehen zu lassen: Mutterschutz, die Geschlechtlichkeit des Menschen zum 
machtvollen Instrument nicht nur der Fortpflanzung, sondern der Aufwärtsent- 
"wicklung, zugleich aber der erhöhten und kultivierten Daseinsfreude zu machen: 
Sexualreform — dies ist Inhalt und letztes Ziel unserer Bestrebungen. 



2. Allgemeines Prinzip der Sittlichkeit 

Erste Voraussetzung für Gesundung der menschlich-geschlechtlichen Bezie- 
hungen ist der unbedingte Bruch mit denjenigen Sittlichkeitsanschauungen, welche 
ihre Gebote, sei es auf angeblich überirdische Anordnungen, sei es auf willkür- 
liche menschliche Satzungen oder aber lediglich auf traditionelle Überliefung 
gründen. Auch die Sittlichkeitslehre ist auf die Erkenntnisse der fortschreitenden 
Wissenschaft grundlegend zu stützen. Was in Wahrheil anderen Zeit- 
umständen entsprach oder nur den Interessen herrschender Klassen diente, dürfen 
wir nicht als sittliche Forderung gedankenlos fortgelten lassen. Prüfstein 
des »Sittlichen« sei uns, ob es sich eigne, das menschliche Leben — das soziale 
Zusammenwiriien — reicher und harmonischer und frei von Übeln wer- 
den zu lassen ! 

Wir lehnen es daher ab, Körper und Geist des Menschen in einen Gegensatz 
zueinander zu stellen. Wir wollen nicht, dass die natürliche geschlechtliche An- 
ziehung zur »Sünde« gestempelt, die :&S i n □ 1 i c h k e i t« als etwas Niederes 
oder Tierisches bekämpft, die »Überwindung« des »Fleisches« zum Prinzip der 
Sittlichkeit erhoben werde! Der Mensch ist uns vielmehr ein einheitliches, sinn- 
lich-seelisches Wesen, dessen geistige und körperliche Anlagen das gleiche Recht 
auf gesunde Entwicklung, den gleichen Anspruch auf fordernde Pflege haben. 

Gebote der Sittlichkeit sind allein solche Forderungen, welche aus 
den Bedingtheiten eines gleichberechtigten und friedlichen Zusammenlebens, das 
allen Menschen die denkbar günstigste Ausbildung zur Entfaltung ihrer Anlagen 
und Kräfte gewährleistet, notwendig hervorgehen. Sittlich ist uns, was unter den 
gegebenen Verhältnissen nach unserer besten Einsicht der Entwicklung des ein- 
zelnen zur Persönlichkeit, der Hinleitung der Gesamtheit zu höheren und voll- 
kommeneren Daseinsformen dient. 



3. Sexuelle Ethik. 

Wir sehen, dass unsere herrschenden ethischen Anschauungen, unsere be- 
stehenden gesellschaftlichen Zustände Unwahrhaftigkeit in geschlechtlichen Dingen 
und erzwungene Enthaltsamkeit, liörperlichc Krankheiten und sonstige Gebrechen 
hervorrufen und fördern. Wir betrachten es daher als unsere Aufgabe, die Er- 
kenntnis der Unerträglichkeit dieser Zustände, der Verworrenheit dieser An- 
schauungen in weiteste Kreise zu tragen, solche Zustände und Anschauungen aufs 
schärfste zu bekämpfen. Wir wollen nicht, dass »Tugend« mit »Enthaltsam- 
keit« verwechselt werde, nicht, dass für den Mann eine andere Moral als für 
das Weib gelte. 

Der Geschlechtsverkehr als solcher ist weder sittlich noch unsitt- 
lich. Aus einem starken Naturtrieb geboren, wird er erst durch Gesinnung und 
begleitende Umstände zu dem einen oder anderen. Die Bedeutung der Sexualität 
erschöpft sich nicht in ihrer freilich wichtigsten Wirkung: der Fortpflanzung, 
Vielmehr ist für den Menschen ein seinem Wesen und seinen Bedürfnissen ent- 
sprechendes Sexualleben Vorbedingung innerer und äusserer Lebensharmonie. Es 
setzt seiner Natur nach einen zweiten gleichgerichteten Willen, eine durch die 
Kräfte der Anziehung zu gewinnende Persönlichkeit voraus. Dann aber eröffnet 
das Liebeslehen eine Fülle neuer Lebens- und Erlebensmöglichkeiten, Wege zur 
Vertiefung und Verfeinerung der Menschenkenntnis und eigenen Lebeusanschauung, 
— den einzigen Weg endlich zur vollen schöpferischen Ausgestaltung menschlichen 
Seins und Wesens in Mutterschaft und Vaterschaft. 



Ehemoral als Bremsung; Helene Stöclier 49 



Wir haben so ausführlich zitiert, weil wir uns soweit solidarisieren 
aber auch um den Widerspruch, der später folgt, klarer hervortreten 
zu lassen. 

Im Abschnitt »Inhalt und Ziel der Bewegung« ist die »radikale 
Ausrottung der wirklichen Ursachen« der Sexualnot hervorgehoben; 
dass die »Sittlichkeit« den Interessen der herrschenden Klassen dient[ 
wird richtig erkannt und gesagt; dass für den Menschen »ein seinem 
Wesen und seinen Bedürfnissen entsprechendes Sexualleben Vor- 
bedingung innerer und äusserer I^ebensharmonie ist«, stimmt völlig 
überein mit den Ergebnissen des Studiums der Bedingungen der 
sexuellen Ökonomie. Aber schon bei der Formulierung, das alles sei 
der einzige Weg »zur vollen schöpferischen Ausgestaltung mensch- 
lichen Seins und Wesens in Mutterschaft und Vaterschaft«, schleicht 
sich eine unbewiesene und unbeweisbare These ein, die den Auftakt 
bildet zu einem Satz, der alles bisher Gesagte mit einem Schlage 
umwirft. Es ist der Punkt, an dem jede bisherige Betrachtung des 
Sexuallebens versagte, nämlich am Problem der Jugend und der Ehe. 

»Wir hallen es für notwendig, das.s die Jugend beiderlei Geschlechts gestähll, 
dass sie zur Selbstzucht sowie zur Achtung des anderen Geschlechts und seiner 
Aufgaben erzogen werde, dass insbesondere die männliche Jugend bei- 
zeiten Rücksichtnahme auf die Menschenwürde des Wei- 
hes, auf sein Seelen- und Triebleben Urne und Übe. Wir 
forder ndaher Enthaltsamkeit bis zur Erreichung der 
vollen körperlichen und geistigen Keife. Wir anerkennen aber 
den natürlichen Anspruch des erwachsenen und mündigen Menschen, gleichviel 
ob Mann oder Weib, auf geschlechtlichen Verkehr seiner Veranlagung und Neigung 
gemäss und in freier Uehereinstimmung mit seinem Liebespartner, vorausgesetzt, 
dass der Verkehr im Bewusstsein der Verantwortung für die möglichen 
Folgen und ohne Verletzung der Rechte anderer Per- 
sonen (zum Beispiel auf geschlechtliche Treue) erfolgt. 

Wir haben hier folgende Widersprüche zum früher Gesagten: 

1. Die Rücksichtnahme auf die »Menschenwürde« des Weibes. 
Dass es sich hier nicht nur um die alte sexualverneinende Redens- 
art punkto weiblicher Sexualität handelt, wird beim nächsten Satz 
sofort klar: 

2. »Wir fordern daher Enthaltsamkeit bis zur Erreichung der 
vollen körperlichen und geistigen Reife«. 

Es wird nicht konkret untersucht, warum heute, in dieser Gesell- 
schaft, der Geschlechtsakt für die Frau Verletzung ihrer Menschen- 
würde bedeutet; gilt das allgemein, abstrakt? Es wird ferner nicht 
konkret gesagt, wann die Jugend als körperlich und geistig reif 
angesehen werden soll, welche Kriterien dafür gelten. Denn körper- 
lich reif zur Zeugung und Geburt ist der Jugendliche in unseren 
Breitegraden durchschnittlich um das 14. bis 15. Lebensjahr. Geistig 
entwickelt sich der Proletarier sehr früh, sobald er nämlich in die 
Fabrik kommt, der bürgerliche Jugendliche hingegen hat eine protra- 
hierte geistige Entwicklung bis etwa zum 30. Lebensjahr. Wir sehen 

5 



50 Der Einfluss der biirgerli sehen Sexualmoral 

hier bereits eine Menge von Widersprüchen, die durch die allgemeine 
FormuUerung von der körperlichen und geistigen Reife in keiner 
Hinsicht erfasst werden. 

3. Anerkennung des natürlichen Anspruchs des »erwachsenen und 
mündigen Menschen« (Wann »erwachsen«? Wann »mündig«? Ist 
ein Industriearbeiter von 16 Jahren »mündig« oder »unmündig«?) ... 
auf geschlechtlichen Verkehr seiner Veranlagung und Neigung gemäss 
usw., vorausgesetzt, dass der Verkehr »ohne Verletzung der Rechte 
anderer Personen, zum Beispiel auf geschlechtliche Treue«, erfolgt. 
Das heisst; Der Gatte hat ein Recht auf den Körper der Gattin und 
umgekehrt. Welches Recht? Dasjenige, das ihm von der rechtlichen 
Eheinstitution eingeräumt wird, sonst keines. Also ein Gesichtspunkt, 
der sich von dem des bürgerlichen Rechtes in keiner Weise unter- 
scheidet, der unmittelbar Interessen des Privateigentums vertritt, von 
deren Einfluss die Herausgeber der Richtlinien die Sexualität be- 
freien wollen. 

Dann der nächste Widerspruch: 

»Das Wesen der Ehe und ihrer »Sittlichkeit« sehen wir nicht, wie 
es heute zumeist eeschieht, in der Erfüllung gewisser Förmlich- 
keiten als erschöpft an- Die heutige Anschauung lässt, wenn nur die vorge- 
schriebene Form gewahrt ist, die Gesinnung, die zur Ehegemeinsehaft geführt 
hat, ausser acht; sie fragt auch nicht darnach, ob und wie die durch diese be- 
Kriindeten Pflichten erfüllt werden. Sie erklärt alle formgerecht abgestempelten 
Liebesbeziehungen als allein Tpsittlich« und ächtet alle übrigen — ohne Prüfung 
ihrer inneren Berechtigung, ihres Wertes und ihres Willens zur Verantwortung 
— als »unsittlicha. Sie hält schliesslich durch Gesetzeszwang eine Ehe 
selbst dann noch aufrecht, wenn die Geroeinschaft nach dem Willen und Empfin- 
den der Beteiligten sinn- und zwecklos und lediglich zur qualvollen Gebundenheit 
geworden, wenn sie Innerlich oder selbst tatsächlich schon gelöst ist.« 

Aber: 

»W ir betrachten die rechtlich anerkannte Einehe als 
die höchste und wünschenswerte Form der menschlichen 
Geschlechtsbeziehungen, als am besten geeignet, eine dauernde Ord- 
nung des Sexual Verkehrs, den gesunden Aufbau der Familie, die Erhaltung der 
menschlichen Gemeinschaft zu gewährleisten. Wir verkennen aber nicht, dass die 
lebenslängliche, streng monogamische Ehe stets und überall nur als ein Wenigen 
erreichbares Ideal bestanden hat und besteht. Der grössere Teil des Geschlechts- 
lebens spielt sich tatsächlich vor- und ausserhalb der Ehe ab. Aus 
seelischen ebenso wie aus wirtschaftlichen Gründen ist die ge- 
setzlich gebundene Ehe ausserstande, alle und jede Möglichkeiten berech- 
tigter Liehesbezichungen in sich aufzunehmen, das heisst, diese in 
allen Fällen zur dauernden ,Einehe' werden zu lassen.« 

Man tritt also für die »rechtlich anerkannte Einehe« (von wem 
anerkannt?) ein, man »verkennt aber nicht«, dass die lebenslängliche 
monogamische Ehe als ein nur Wenigen erreichbares Ideal bestanden 
hat und besteht, und dass sich de facto der grössere Teil des Ge- 
schlechtslebens ausserehelich abspielt. Die grundsätzliche Verfechtung 
der Eheinstitution hat den Gedanken gar nicht aufkommen lassen, 
sich um ihre Geschichte und gesellschaftliche Funktion zu kümmern. 



Ehcmoral als Bremsune: Helene Stocker 



« 



Man dekretiert, sie sei die beste aller Sexuaiformen, obgleich man 
selber in einem Atem das gerade Gegenteil feststellt. Es ist so nur 
selbstverständlich, dass man seine reformerischen Absichten in all- 
gemein gehaltenen, nichtssagenden Sätzen erschöpft wie etwa in 
folgenden: 

»Hiernach tretcD wir ein: 

a) Für Auf rech terh a 1 t u n jT der rechtlich anerkannten Einehe auf 
der Grundlage der wirklichen Gleichberechtigung der Geschlechter, die Förderung 
der wirtschaftlichen Möglichkeiten der Ehcschliessung, aber auch der 
seelischen Möglichkeiten durch Erziehung zur Ehe und Elternschaft, sowie 
durch gemeinsame Erziehung der Geschlechter und andere geeignete Massnahmen 
für ein iiesseres und tieferes sSichkcnncnlernena der Geschlechter; 

b) für Erweiterung der gesetzlichen Möglichkeiten der Ehescheidung 
hei Fortfall der Vorbedingungen, welche zu ihrer Schliessung geführt haben, 
ferner wenn die Ehe die Zwecke einer dauernden Lehensgemein schaff nicht mehr 
zu erfüllen vermag (insbesondere Ersatz des Verschuldungsprin/.ips als Voraus- 
setzung der Ehescheidung durch Zerrüttungsprinzip) ; 

c) für sittliche und rechtliche Anerkennung von Verbindungen, die das Be- 
wusstsein der Verantwortung für die hieraus entstehenden Verpflichtungen in 
sich tragen und den Willen zu ihrer Erfüllung bewähren — auch dann, wenn die' 
gesetzliche Förmlichkeit nicht gewahrt wird; 

d) für Bekämpfung der ,ProstitutioTi' durch sanitäre Massnahmen wie durch 
geistige und wirtschaftliche Mittel zur Beseitigung ihrer Ursächlichkeiten.« 

1. Die »wirkliche Gleichberechtigung der Ge- 
schlechter« ist eine Floskel in der bürgerlichen Gesellschaft; 
sie setzt sozialistische Wirtschaftsbedingungen und auch Freigabe 
des Rechtes auf den eigenen Körper voraus. Damit hört aber die Ehe 
auf Ehe zu sein. 

2. Die Förderung der wirtschaftlichen Möglich- 
keit der Eheschliessung ist unter den bestehenden Produk- 
tionsverhältnissen ein inhaltsleerer Satz. Wer soll fördern? Die 
Gesellschaft, zu deren Struktur die Aufrechterhaltung einer indu- 
striellen Reservearmee spezifisch dazugehört? 

3. Erziehung zur Ehe: Das geschieht ja unausgesetzt von 
Kindheit auf, und gegen die Folgen dieser Erziehung anzukämpfen 
hatte sich eben der »Bund« konstituiert. Eine Institution, die zu ihrer 
Aufrechterhaltung, wie wir noch ausführlich zeigen werden, die 
Sexualverdrängung erfordert, steht von vornherein im Widerspruch 
zu einer »gemeinsamen Erziehung der Geschlechter« und zu einem 
»tieferen Sichkennenlernen«, wenn diese Sätze nicht wieder nur 
inhaltsleere Phrasen sein sollen. 

4. Die »Erweiterung der gesetzlichen Möglichkeit 
der Ehescheidung« ist an sich eine Halbheit, denn entweder 
ist die wirtschaftliche Stellung der Frau und der Kinder derart, dass 
die Scheidung ökonomisch nicht möglich ist, dann nützt die »Er- 
weiterung« des Gesetzes der Masse nichts, oder die Produktionsver- 
hältnisse werden durch die Revolution so verändert, dass die wirt- 
schaftliche Selbständigkeit der Frau und die staatliche Aufzucht der 



-52 Der Einfluss der bürgerlicliea Sexualraoral 

Kinder mit der Zeit möglich werden, dann hat aber die Trennung 
einer Geschlechtsgera einschaft überhaupt keine äusseren Schwierig- 
keiten. 

5. Bekämpfung der Ursachen der Prostitution. 
Das sind die Arbeitslosigkeit des Proletariermädchens und die Keusch- 
heitsideologie des kleinbürgerlichen Mädchens. Das zu bekämpfen, 
dazu gehört mehr als eine sanitäre Massnahme. Wer soll diese durch- 
führen? Die gleiche bürgerliche Gesellschaft, die mit der Arbeits- 
losigkeit nicht fertig werden kann und die Keuschheitsideologie nicht 
aufheben darf? 

Der Sexualmisere ist mit solchen Mitteln nicht beizukommen, sie 
ist ein wesentliches Stück der bestehenden gesellschaftlichen Struktur! 



bj August Forel. 

Unter den sozialistischen Sexualforschern hat gewiss keiner so sehr 
wie August Forel die hygienischen Schäden der Vergeldlichung 
der Sexualfunktion hervorgehoben; er hat alle grundsätzlichen Schwie- 
rigkeiten des Sexuallebens, die der kapitalistischen Daseinsweise ent- 
springen, richtig gesehen, allerdings ohne die tiefere ökonomische 
Wurzel der sexuellen Not erfasst zu haben. Dementsprechend münden 
seine Feststellungen in Klagen, statt in konsequentes Zuendedenken, 
in gutgemeinte Ratschläge, was man tun sollte, um den Misständen 
abzuhelfen, statt in die Erkenntnis von der spezifischen Abhängig- 
keit der Misere von der herrschenden Produktionsweise. Die welt- 
anschauliche Befangenheit kommt dann, wie nicht anders zu erwar- 
ten, in Widersprüchen der eigenen Auffassung zum Ausdruck. In 
einer Broschüre »Sexuelle Ethik« vertrat er, solange die Formulie- 
rungen allgemein blieben, den ethischen Standpunkt, dass »die Be- 
friedigung des Sexualtriebes, beim Manne wie beim Weibe, an und 
für sich im ganzen und grossen ethisch indifferent« ist. »Wir haben 
daher die Kühnheit zu erklären, dass jeder Beischlaf, der weder dem 
«inen noch dem anderen der Beteiligten, noch dritten Personen und 
auch nicht der Qualität eines etwa dabei erzeugten Kindes schadet 
oder schaden kann, ... nicht unmoralisch sein kann.« (S. 20.) Es sei 
zwecklos, die ethisch indifferenten Zeugungen behindern zu wollen. 
:i>Solange sie nicht schaden, muss man sie tolerieren, um so mehr, als 
Glück und gesundes frohes Schaffen der Individuen oft von einer nor- 
malen Triebbefriedigung abhängen«. (S. 20.) Grossartige Sätze im 
Verhältnis zur Zeit, da Forel sie schrieb. Nachdem noch festgestellt 
wurde, dass der Mann »instinktiv meistens polygam angelegt« ist 
(S. 19.) (Warum nur der Mann? Doppelte Geschlechtsmoral, welche 
die Tatsachenfeststellung trübt!), folgt der gute Rat (S. 20.) : 



Ehemoral als Bremsung: Das Ende der WLSR 



53 



aDas ethisch sexuelle Ideal ist entschieden eine auf 
gegenseitiger dauern de r Liebe und Treue beruhende, mit 
einigen Kindern gesegnete monogamisehe Ehe... So selten, 
wie unsere modernen Pessimisten behaupten, ist die Sache nicht; doch auch nicht 
Ijcsonders häufig. Damit jedoch diese Ehe ganz das wird, was sie sein soll und 
kann, muss sie durchaus frei sein, das heisst es sollen beide Ehegatten absolut 
gleichberechtigt sein, und Icein anderer äusserer Zwang als die Pflichten den 
erzeugten Kindern gegenüber darf die Ehe kitten. Hiezu ist vor allem die Güter- 
trennung und die richtige Wertung einer jeden Arbeitsleistung der Frau wie des 
Mannes nötig.« 

Dann hebt sich die Ehe aber von selbst auf, denn die letzte Forde- 
rung nimmt ihr ihre Basis, die sexuelle und ökonomische Unter- 
drückung der Frau. 

Und in der Praxis sieht es so aus: 

»Polygamischer Konflikt: »Seit längerer Zeit beherrscht mich für eine Frau 
eine Leidenschaft, die ich vergeblich zn bekämpfen suche. Als verheirateter Mann, 
im Besitze einer hcrzlieben Gattin, mit der ich seit 32 Jahren in Frieden gelebt, 
. . , sehe ich wohl ein, dass eine solche Liaison in keiner Beziehung gerechtfertigt 
oder auch nur entschuldbar ist. Dennoch bin ich stets wieder zu schwach, der 
I-«idenschaft zu widerstehen.« 

»Bekämpfung durch Suggestion ist zuerst zu versuchen.« »In 
diesen Fällen ist guter Rat teuer« (von mir gesperrt) 
sagt Forel selbst. Gewiss ist guter Rat teuer, wenn jedem Mitglied 
der bürgerlichen Gesellschaft unausgesetzt eingeprägt wird, dass eine 
Beziehung zu einer anderen Frau oder zu einem anderen Mann »in 
keiner Weise gerechtfertigt oder auch nur entschuldbar i&t«. 



c) Das Ende der Weltliga für Sexualreform 

Der liberale Humanist und Sozialist Magnus Hirschfeld 
hatte in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre seiner Forschungs- 
arbeit eine organisatorische Form in Gestalt der »Weltliga für Sexual- 
reform« gegeben. Sie umfasste die damals fortgeschrittensten Sexual- 
forscher und -reformer der Welt. Ihr Programm umfasste folgende 
Punkte: 



und 



sexuelle 



1. Politische, wirtschaftliche 
Gleichberechtigung der Frau. 

2. Befreiung der Ehe (besonders der Eheschei- 
dung) von kirchlicher und staatlicher Be- 
vormundung. 

3. Geburtenregelung im Sinne verantwortlicher 
Kindererzeugung, 

4. Eugenische Beeinflussung der Nachkommen- 
schaft. 

5. Schutz der unehelichen Mütter und Kinder. 



B4 



Der Einfluss der bürgerlichen Sexualmoral 



6. Richtige Beurteilung der intersexuelien Va- 
rianten, insbesondere aucli der homosexuellen 
Männer und Frauen. 

7. Verhütung der Prostitution und der Ge- 
schlechtskrankheiten. 

8. Die Auffassung sexueller Triebstörungen, 
nicht wie bisher als Verbrechen, Sünde oder 
Laster, sondern als mehr oder weniger krank- 
hafte Erscheinungen. 

9. Ein Sexualstrafrecht, das nur wirkliche Ein- 
griffe in die Gc s ch 1 ech t s f r eihe i t einer zweiten 
Person bestraft, nicht aber selbst in Ge- 
schlechtshandlungen eingreift, welche auf dem 

'■ übereinstimmenden Geschlechts willen erwach- 
sener Menschen beruhen. 
10. Planmässige Se xu a 1 e rz iehu ng und Aufklärung. 

Der dänische Sexualpolitiker Leunbach, der einer der drei Prä- 
sidenten der WLSR war und seit zwei Jahren auf dem politischen 
Boden der Sexpol steht, hat die grossen Verdienste der Weltliga, aber 
auch ihre Widersprüche eingehender Kritik unterzogen (»Von der 
bürgerlichen Sexualreform zur revolutionären Sexualpolitik« Ztschr. 
f. pol. Psych, u. Sexök. 1935/2). Die wesentlichsten Punkte seiner 
Kritik betrafen die Versuche der Weltliga, die Sexualreform »unpoli- 
tisch« durchzuführen; ihre liberalistische Freizügigkeit, die soweit 
ging, dass man jedem Land überliess, sich nach den betreffenden Ge- 
setzen 2u richten; die Nichteinbeziehung der kindlichen und jugend- 
lichen Sexualität; die Bejahung der Eheinstitution u. s. f. 

Nach dem Tode Hirschfelds gaben Norman Haire und 
Leunbach folgende Erklärung heraus: 



Mitteilung 

an alle Mitglieder und Sektionen der Weltliga für Sexaalreform 

Wir, Dr. Norman Haire, London, und Dr. Leunbach, Kopenhagen, 
die überlebenden Präsidenten der WLSR, sind in der traurigen Lage, 
den Tod unseres ersten Präsidenten, Magnus Hirschfeld, be- 
kanntgeben zu müssen. Er ist am 1A. Mai 1935 in Nizza gestorben. 

Am liebsten möchten wir einen Kongress einberufen, um über 
die Zukunft der WLSR Beschluss zu fassen. Das scheint aber zurzeit 
aus denselben Gründen unmöglich zu sein, die es verhinderten, einen 
neuen internationalen Kongress seit dem letzten in Brno 1932 ab- 
zuhalten. Die politischen und ökonomischen Verhältnisse in Buropa 
haben nicht nur das Abhalten internationaler Kongresse, sondern 
auch die weitere Arbeit der WLSR in vielen Ländern unmöglich ge- 



Die Sacktjassc der Sexualaufklärung 



S5 



macht. Die französische Sektion existiert nicht mehr, die spanische 
Sektion hat seit dem Tode Hildegarts jede Tätigkeit aufgegeben, die 
Sektionen in den meisten anderen Ländern ebenso. Soiueit wir fest- 
stellen konnten, ist die englische Sektion die einzige, die noch aktiv 
funktioniert. 

In Ermangelung eines internationalen Kongresses fühlen die zwei 
überlebenden Präsidenten sich zu der Feststellung gezwungen, dass 
die Aufrechterhaltung der WLSR als einer internationalen Organisa- 
tion nicht mehr möglich ist. 

Deshalb erklären wir die Weltliga fiir Sexualreform für aufge- 
löst. Die Länder-Sektionen müssen selbst entscheiden, ob sie als selb- 
ständige Organisationen weiterarbeiten oder sich auflösen wollen. 

Unter den Mitgliedern uerschiedenei Sektionen sind grosse Diffe- 
renzen entstanden, inwieweit die Liga den ursprünglichen nicht- 
politischen Charakter aufrechterhalten sollte. Einige Mitglieder ver- 
treten die Meinung, dass es ausgeschlossen sei, die Zwecke der WLSR 
durchzuführen, ohne gleichzeitig für eine sozialistische Revolution zu 
kämpfen. 

Dr. Haire besteht fest darauf, dass alle revolutionäre Tätigkeit 
aus dem Programm der WLSR ferngehalten werden soll. Dr. 
Leunbach meint, die WLSR könne nichts erreichen, weit sie sich 
der revolutionären Arbeiterbewegung nicht angeschlossen hat und 
nicht anschliessen kann. Dr. Leunbachs Standpunkt ist in derZeit- 
sc hrif t für politische Psychologie und SexualÖko- 
nimi e, Band 2, Heft 1/1935, veröffentlicht worden. Dr. Haires 
Äusserungen hierzu werden in Heft 2 veröffentlicht, also in demselben 
Heft, das vorliegende Mitteilung enthält. 

Nachdem nun die Weltliga für Sexualreform aufgelöst worden 
ist, können die Mitglieder der Ländersektionen völlig frei über diese 
Probleme selbst entscheiden. 



Norman Haire. 



J. H. Leunbach. 



Das war das Ende einer Organisation, die im Rahmen der 
bürgerlichen Gesellschaft die Sexualität befreien wollte. 



3. DIE SACKGASSE DER SEXUALAUFKLÄRUNG 

Die Krisenhaftigkeit der heutigen Erziehung im allgemeinen und 
der Sexualerziehung im besonderen hat auch die Frage in den Vorder- 
grund gerückt, ob man die Kinder »sexuell aufklären« und an den 
Anblick des nackten menschlichen Körpers, genau gesprochen, der 
menschlichen Genitalien, gewöhnen soll oder nicht. Zwar ist man sich 
darüber einig, — zumindest in Kreisen, die nicht allzu unmittelbar 



56 



Der Einfluss der bürgerlichen Sexualmoial 



unter dem Einfluss der Kirche stehen, — dass das sexuelle Heimlich- 
tun unendlich mehr schadet als nützt; zwar besteht auch der redliche 
und energische Wille, die trostlosen Zustände in der Erziehung zu 
beheben, aber es existieren zweifellos auch schwere Widersprüche und 
Hemmnisse innerhalb der Gruppe der Erziehungsreformer, an denen 
zweierlei Gründe deutlich zu unterscheiden sind: solche individueller 
und solche gesellschaftlicher Natur. Ich beschränke mich auf die Dis- 
kussion einiger grundsätzlicher Schwierigkeiten, die sich schon mit 
der Aufstellung des Zieles «Nackterziehung« und »Sexualaufklärung« 
ergeben. 

Unter diesen Sexualtrieben kennt man besonders gut auch den Schau- 
trieb und die Zeigelust, deren Triebziel das Betrachten bzw. das Zeigen 
erotisch betonter Körperteile, insbesondere der Geschlechtsorgane, ist. 
Dieser Trieb pflegt unter den Erziehungsbedingungen, wie sie heute 
fast durchwegs gegeben sind, sehr bald der Unterdrückung zum Opfer 
zu fallen. Das Kind macht rasch die Erfahrung, dass es weder seine 
Geschlechtsorgane zur Schau stellen noch die von anderen Personen 
betrachten darf, und entwickelt daraus zweierlei Empfindungen- er- 
stens die, etwas streng Verpöntes zu tun. wenn es seinem Verlangen 
dennoch nachgibt, wobei es Schuldgefühle produziert; zweitens be- 
kommt mit den verhüllten und ^verbotenen« Genitalien alles Sexuelle 
emen mystischen Charakter; dementsprechend verwandelt sich die 
ursprünglich natürliche Schaulust in lüsterne Neugierde Um sich 
dem Konflikt zwischen Schaulust und Schauverbot zu entziehen, muss 
das Kmd den Antrieb verdrängen. Je nach dem Umfang und dem 
Grad der Verdrängung wird entweder die Scheu und Schamhaftigkeit 
oder dje Lüsternheit stärker entwickelt. Gewöhnlich bestehen beide 
nebenemander, wodurch an die Stelle des alten ein neuer Konflikt 
tritt. Für die weitere Entwicklung gibt es zwei extreme Möglichkeiten- 
entweder das Entstehen einer Schädigung des Lieheslebens und neu- 
rotischer Symptome durch Beibehalten der Verdrängung der Zeigelust 
oder aber Entstehen einer Perversion, des Exhibitionismus. Welcher 
von den beiden möglichen Ausgängen sich ergibt, lässt sich nie mit 
Sicherheit voraussagen. Die Entwicklung einer weder das soziale Sein 
noch das subjektive Befinden störenden Sexualstruktur aus der 
sexualverneinenden Erziehung ist fast nur Sache des Zufalls und des 
Zusammenspiels vieler anderer Faktoren, wie Schicksale der Puber- 
tät, Lösung von der elterlichen und teilweise Überwindung der gesell- 
schaftlichen Autorität, vor allem aber die Findung eines Weges zu 
einem gesunden Geschlechtsleben. 

Wir sehen also: Die Unterdrückung der Schau- und Zeigelust führt 
zu Resultaten, die kein Erzieher für wünschenswert halten kann. 

Die bisherige Sexual erziehung geht durchwegs von negativen 
Wertungen der Sexualität und von ethischen, nicht hygienischen «r- 
gumenten aus. Ihr Ergebnis sind Neurosen und Perversionen. Die 



Sexualvcrneinende und sexualbojahende Erziehu 



ng 



57 



Nackterziehung verneinen, heisst der üblichen Sexualerziehung hei- 
stimmen. denn jene ist von dieser nicht getrennt zu behandeln Die 
Nackterziehung hingegen bejahen und im übrigen die Sexualerziehung 
und die Erziehungsziele unangetastet lassen, hiesse einen Widerspruch 
setzen der von vornherein jeden praktischen Versuch entweder illu- 
sorisch machen oder aber den Zögling in noch schwierigere Situation 
bringen wurde. Ein Kompromiss aber auf dem Gebiete der Sexualer 
Ziehung ist aus der dem Sexualtrieb innewohnenden Gesetzmässigkeit 
kaum möglich. Ehe man die Frage der Sexualaufklärung überhaupt 
stellt muss man sich zunächst eindeutig für Sexualbejahung oder 
Sexualverneinung, gegen die herrschende Sexualmoral oder für sie 
entscheiden; ohne eine derartige Klarheit über die eigene Stellung zur 
Sexualfrage ist jede Diskussion fruchtlos; sie ist die Voraussetzung 
für eine Verständigung in diesen Dingen. Wohin aber eine solche Klä- 
rung der Voraussetzungen führt, soll hier gezeigt werden 

Wir nehmen also an, dass wir die sexual ve meinen d e Erzie- 
hung wegen der gesundheitlichen Gefahren ablehnen, uns also für 
das Gegenteil, die sexualbejahende Erziehung, entscheiden. Man 
r T"" ,^;'"'**^^^ ^^g^»' da^ sei gar nicht so gefährlich, man er- 
kenne den Wert der Sexualität an und müsse nur die .Sublimierung 
der Sexualität fordern«. Darum handelt es sich hier aber gar nicht 

Frage ob die Geschlechter ihre Scheu, die Genitalien und die übrigen 
erotisch betonten Körperstellen zu entblössen. verlieren sollen oder 
nicht; noch konkreter, ob Erzieher und Zöglinge. Eltern und Kinder. 
Badende und Spielende nackt oder in Schwimmgewändern vor ein- 
ander erschemen sollen, ob das Nacktsein zur Selbstverständlichkeit 
werden soll Wer die Selbstverständlichkeit des Nacktseins beim 
Baden. Spielen usw. bedingungslos anerkennt, — und eine bedingte 
Bejahung hat ihren Platz nur in den bürgerlichen Vereinen für Nackt- 
kultur, in denen man die Nacktheit zur Übung in sexueller Enthalt- 
samkeit betreibt, um nachher mit den aufretenden Gliedsteifungen 
nicht fertig zu werden — ; wer nicht Inseln in der gesellschaftlichen 
Moral, sondern Allgemeinheit der Nackterziehung und natürlichen 
Geschlechtlichkeit erstrebt, wird die Beziehung der Nacktheit zum 
übrigen Sexualleben prüfen und sich entscheiden müssen, ob auch die 
Konsequenzen solcher Bestrebungen — sehen wir zunächst von ihrer 
Durchführbarkeit ab — in der Richtung seiner Absichten liegen 

Die sexualärztliche Erfahrung lehrt, dass Sexualunterdrückung 
krank, pervers oder lüstern macht. Versuchen wir, die Bedingungen 
und Folgen einer sexual bejahe n den Erziehung zu erraten. Zeigt 
man dem Kinde gegenüber keine Scham hinsichtlich der Genitalien 
so wird es zwar keine Schüchternheit und Lüsternheit produzieren' 
es wird aber sicher, nachdem seine sexuelle Neugierde befriedigt und 
daher herabgesetzt wurde, auch seine sexuelle Wissbegierde befriedigt 



s58 Der Einfluss der bürgerlichen Sexualmoral 

haben wollen. Man wird ihm das schwer abschlagen können, denn 
sonst würde ein weit schwererer Konflikt gesetzt, und das Kind hätte 
■weit mehr Mühe zu verdrängen, überdies bestünde die Gefahr der 
Perversion in höherem Masse. Man dürfte dann natürlich auch nicnts 
gegen die Onanie einzuwenden haben, die man ja längst als natürlich 
erkannt hat; dem Kinde könnte dann auch der Vorgang der Zeugung 
nicht unerklärt bleiben. Um die Forderung des Kindes, diesen Vor- 
gang auch zu sehen, könnte man sich herumdrücken, wenn die Be- 
ziehungen so sind, dass man das Kind leiten kann. Das würde aber 
zweifellos bereits eine Einschränkung der Sexualbejahung bedeuten: 
denn was könnte man einem zynischen Sexualethiker erwidern, der 
nun fragte, warum denn das Kind den Geschlechtsverkehr nicht auch 
«eben sollte. Belauscht habe ihn ja fast jedes Kind, auch der best- 
situierten Familie, wie die analytische Erfahrung lehrt, also warum 
nicht auch sehen dürfen? Und in besondere Verlegenheit könnte uns 
unser Sexualethiker versetzen, wenn ihm die Frage einfiele, was denn 
gegen das Mitansehen des Aktes vom Standpunkt des Kindes, das 
diesen Vorgang oft auf der Strasse zwischen Hunden sich abspielen 
sehen kann, einzuwenden wäre, wenn man es folgerichtig auch dar- 
über aufgeklärt hat. Wir müssten dann, hätten wir den Mut, ehrlich 
zu sein, bekennen, dass wir ein Argument dagegen nicht anzuführen 
wissen, es sei denn ein ethisches — was ja wieder die Position unseres 
Gegners der Sexualaufklärung stärken würde; oder wir brächten den 
' Heroismus auf, zuzugeben, dass wir ja gar nicht im Interesse des 
Kindes, sondern in dem unseres Strebens nach ungestörter Lust han- 
deln, wenn wir es nicht zusehen lassen wollen. So in die Enge getrie- 
ben, bliebe uns nur die Alternative, entweder uns wieder zur Sexual- 
ethik, die ja notwendigerweise immer sexualverneinend sein muss, 
zu bekehren, oder aber an die heikelste aller Fragen, die nach der 
Stellung zum Geschlechtsverkehr heranzutreten. Wenn wir uns aber 
dazu entschliessen, müssten wir uns dessen vergewissern, dass die 
Staatsanwaltschaft nichts davon erfährt, die sonst unweigerlich den 
Sittlichkeitsparagraphen in Anwendung brächte. 

Wer nun behaupten will, dass wir übertreiben, den bitten wir, 
ein Stück weit noch mitzugehen um sich zu überzeugen, dass die 
Nackterziehung und Sexualaufklärung — sachlich und sinnvoll durch- 
geführt — vorläufig Erzieher und Zögling in den Kerker führen^). 

Nehmen wir, eine Konzession machend, an, wir hätten das Kind 
in unserem geschlechtlichen Interesse davon abgebracht, den Ge- 
schlechtsakt mitansehen zu wollen, so würden wir uns in unlösbare 
Widersprüche verwickeln und alles, was wir begonnen und mühselig 



1) Der Redakteur einer Zeitschrift, die diesen zuerst 1927 in der Ztschr. f. psa. 
Paed, erschienenen Artikel alxJrucktc, erhielt von höchst liberalen Regierungs- 
leitern 40 Tage Kerker. 



Argumeote eines Ethikers 



59 



erarbeitet haben, sofort über Bord werfen, wenn wir auf die unaus- 
weichliche Frage des Kindes, wann es dasselbe werde machen können, 
nicht eine strikte und der Wahrheit entsprechende Antwort gäben. 
Es hat ja erfahren, dass die Kinder im Leibe der Mutter wachsen; 
es hat auch sehr gut verstanden, dass zu diesem Zwecke der Vater 
sein Lulu oder Wipfi in das Locher! der Mutter gesteckt hat. Wenn 
die Eltern mutig waren, haben sie ihm auch mitgeteilt, dass das »gut 
ist«, so wie wenn es mit seinem Lulu spielt. (Man vergesse nicht, 
dass wir sinnvoll, das heisst konsequent, und nicht sinnlos handeln 
wollen, wenn wir aufklären). Wenn es das aber weiss, dann werden 
wir es vielleicht nur für kurze Zeit aufs »Grossein« vertrösten kön- 
nen; kommt es in die Pubertät, treten geschlechtliche Erregungen, 
Erektionen, Samenergüsse, bzw. Menstruation auf, so wird es sicher 
den Wechsel einfordern, den man ihm in der Kindheit ausgestellt hat. 
Wollten wir dann hinauszuschieben trachten, so träte unser Sexual- 
ethiker, der uns unbedingt ad absurdum führen will und dem das sehr 
gut gelingt, auf mit der folgerichtigen Frage, die nur ironisch klingen 
würde, was wir denn gegen den Geschlechtsakt in der Zeit der Sexual- 
reife einzuwenden hätten. Er wird sich mit gutem Recht darauf be- 
rufen, dass im Industrieproletariat, soweit es nicht von kirchlicher 
und bürgerlicher Moral durchdrungen ist, und in der Bauernschaft 
der Beginn des Geschlechtslebens mit der vollen Sexualreife, also etwa 
im 15. oder 16. Lebensjahr, zu den Selbstverständlichkeiten gehört. 
Wir werden uns zweifellos bei dem Gedanken, dass unsere Söhne 
und Töchter mit 15 oder 16 Jahren, vielleicht sogar schon früher, auf 
dem Recht ihres natürlichen Sexual Verlangens beharren könnten, 
peinlich berührt fühlen und werden nach einigem Zögern der Ver- 
legenheit nach Argumenten für eine nicht sehr aussichtsreiche Posi- 
tion suchen. Es wird uns etwa das Argument der »kulturellen Subli- 
mierung« einfallen: Askese in der Pubertät sei notwendig für die 
geistige Entwicklung. Man werde halt die Jugend (die bisher in zwang- 
loser Körperlichkeit aufgewachsen ist!) vernünftig zu beeinflussen 
trachten, ihr die Enthaltsamkeit »eine Zeitlang« in ihrem eigenen 
Interesse empfehlen. Unser boshafter und gut orientierter Sexual- 
■ethiker wird aber zwei Argumente ins Feld führen, denen wir nicht 
mehr gewachsen sein werden. Erstens, das mit der Askese stimme 
nicht, denn es gäbe Sexuologen und Analytiker, die ernstlich behaup- 
ten, dass fast 100 Prozent aller Puberilen onanieren, und er könne den 
prinzipiellen Unterschied zwischen Sexualakt und Onanie nicht sehen. 
Im Gegenteil, die Onanie erledige nicht nur die sexuelle Spannung 
unter gewöhnlichen Bedingungen genau so wie der Sexualakt, sie sei 
sogar mit unendlich mehr Konflikten verknüpft als dieser, also sicher 
noch störender. Zweitens, — wird er im Anschluss daran mit Recht 
•einwenden, — wenn die Behauptung über die Allgemeinheit der Ona- 
nie richtig sei, so könne auch die These von der Notwendigkeit der 



60 Der Einfluss der bürgcrlichcD Sexualmoral 

Askese für die geistige Entwicklung nicht stimmen. Er habe behaup- 
ten gehört, dass nicht die Onanie, sondern im Gegenteil ihr Ausbleiben 
in der Kindheit und Pubertät ein schwer pathologisches Zeichen sei; 
man hätte noch nicht feststellen können, dass die asketisch lebenden 
Puberilcn auf die Dauer auch die geistig regsameren wären, ja das. 
Gegenteil hiervon, so behaupten einige, sei wahr. Uns könnte bei dieser 
Gelegenheit sogar einfallen, dass Freud einmal die allgemeine gei- 
stige Inferiorität der Frauen auf ihre grössere sexuelle Denkhemmung, 
zurückgeführt und behauptet hat, dass das sexuelle Leben auch für 
die soziale Leistung vorbildlich sei. Er widersprach sich dann selbst, 
wenn er die kulturelle Notwendigkeit der Sexualunterdrückung be- 
tonte. Er unterschied nicht zwischen befriedigter und unbefriedig- 
ter Sexualität. Jene fördert, diese hemmt die kulturelle Leistung. 
Auf die paar schlechten Gedichte, die bei Askese gelegentlich ent- 
stehen, kommt es doch nicht an. 

Nunmehr intellektuell überzeugt, werden wür uns auf die Motive 
unserer haltlosen Argumentation besinnen und dabei allerlei interes- 
sante und für uns nicht sehr angenehme Tendenzen finden, Tenden- 
zen, die zu unserer Überraschung gar nicht recht zu unseren fort- 
schrittlichen Bestrebungen passen wollen. Unser Argument von der 
geistigen Entwicklung wird sich als Rationalisierung einer uiioe- 
wussten Scheu entpuppen, der Sexualität ihren natürlichen Lauf zu 
lassen. Das werden wir unserem Ethiker wohlweislich verschweigen, 
ihm aber aufrichtig die Nichtigkeit unserer Argumente zugeben und 
ein ernsteres vorbringen. Was soll denn mit den Kindern geschehen, 
die diesen ersten Verbindungen entstammen werden? Es bestehe doch 
keinerlei wirtschaftliche Möglichkeit, sie aufzuziehen. Verwundert 
wird unser Gegner fragen, warum wir denn nicht alle Schulkinder in 
der Pubertät über den Präventivverkehr aufklären wollen. Eine Vi- 
sion des Kuppeleiparagraphen wird uns wieder auf den Boden der 
Wirklichkeit, der gesellschaftlichen Realität, stellen. Dabei wird uns 
noch allerhand einfallen, wie dass wir zum Beispiel mit unseren Be- 
strebungen der Nackterziehung, sexuellen Aufklärung — nicht über 
die Befruchtung der Blumen, sondern der Menschen ! — und an- 
deren schönen Dingen mehr, einen Stein nach dem anderen aus dem 
ganzen Gebäude der bürgerlichen Moral zu ziehen im Begriffe sind; 
dass dann das Ideal der unberührt in die Ehe tretenden Jungfrau 
ebenso seinen Halt verliert wie das der ewigen Monogamie una mit 
diesem das der Ehe überhaupt. Denn dass Menschen, die eine ernst- 
zunehmende, kompromisslose, wissenschaftlich fundierte, das heisst 
wahre Sexualerziehung genossen haben, sich dem Zwang der heute 
herrschenden Sitte und Moral fügen, wird kein Vernünftiger behaup- 
ten wollen. 

Triumphierend wird unser Ethiker, der uns dorthin gebracht hat, 
wo er uns haben wollte, fragen, ob wir denn glauben, dass sich ir- 



Gefahren der konsequenten Sexualerziehung fii 

gendeine der Forderungen, die sich aus dem ersten ernsten Ansatz 
der aufrichtigen Sexualerziehung, automatisch ergeben und innerhalli 
weniger Jahre ergeben werden, in der bestehenden Gesellschaft wird 
durchsetzen lassen; ob wir selber uns Rechenschaft darüber gegeben 
haben, ob wir das alles auch für wünschenswert halten Er wird wie 
der mit vollem Recht hinzufügen, er habe uns nur beweisen wollen 
dass man alles lassen müsse wie bisher, die sexualverneinende Er- 
ziehung, die Sexualverdrängung, die Neurosen, die Perversionen die 
Prostitution und die Geschlechtskrankheiten, wenn man. wie er' von 
uns erwarte, die hohen Güter der Ehe, der Keuschheit, der Familie 
Tind die bürgerliche Gesellschaft unangetastet lassen will. Mancher 
Aufklärungsfanatiker wird darauf die Flucht ergreifen, und — er wird 
ehrlicher und bewusster handeln, rascher seinen wahren Standpunkt 
begriffen haben, als derjenige, welcher, um das Gefühl seiner Fort- 
schrittlichkeit nicht zu verlieren, sich auf die Behauptung versteifen 
wird, das alles sei ja übertrieben, die Sexualaufklärung könne gar 
nicht solche Wirkungen haben, sie sei gar nicht so bedeutungsvoll. 
Jetzt fragen aber wir: Wozu dann überhaupt die Anstrengung? 

Das einzelne Elternpaar wird die Erziehung seiner Kinder nach 
seinem Geschmacke und seiner Überzeugung einrichten können. Die 
Eltern werden sich dabei bewusst sein müssen, dass sie hei konse- 
quenter, wissenschaftlich begründeter Sexualerziehung auf vieles wer- 
den verzichten müssen, was sonst Eltern an ihren Kindern hoch ein- 
zuschätzen pflegen, etwa Anhänglichkeit an die Familie lange über 
die Pubertät hinaus, ein nach den heutigen Begriffen »anständiges« 
Sexualleben der Kinder, Einflussnahme auf die lehenswichtigen Ent- 
scheidungen, nach bürgerlichen Begriffen gute Verheiratung der 
Töchter und anderes mehr. Die wenigen Eltern, die ihrer Überzeu- 
gung nach handeln und erziehen werden, verschwinden völlig in der 
Masse, haben vor allem keinen gesellschaftlichen Einfluss. Sie werden 
aber auch daran denken müssen, dass sie ihre Kinder schweren Kon- 
flikten mit der bestehenden Gesellschaftsordnung und -moral aus- 
setzen, wenn auch vielleicht neurotische Konflikte dadurch erspart 
werden. Wer aber, mit dieser Gesellschaft unzufrieden, glaubt, durch 
Wirkung in grossem Massstabe, etwa in Schulen, am Bestehenaen 
rütteln zu können, wird bald zu spüren bekommen, dass ihm ent- 
weder durch Entzug seiner Existenzbedingungen oder durch weit 
schärfere Massnahmen (Psychiatrie oder Kerker) die Möglichkeit ge- 
nommen werden kann, mit uns darüber zu diskutieren, ob seine Me- 
thode, die Gesellschaft zu ändern, auch die passende ist. Wir brauchen 
hier keine Eew^eise dafür anzuführen, dass die Gesellschaftsschichte, 
die am Bestehen der gegenwärtigen Ordnung materiell interessiert ist, 
wohl solche reformerischen Bestrebungen duldet, ja fördert, die un- 
wichtige Spielereien sind, dass sie aber sofort brutal wird und die ihr 
reichlich zu Gebote stehenden Mittel der Verhinderung anwendet, so- 



€2 Der Eiofluss der bürgerlichen Sexualmoral 

bald es sich um ernste Absichten handelt, am Bestand ihrer materiel- 
len und der dazugehörigen ideellen Werte zu rütteln. 

Die Sexualerziehung liefert meiner Überzeugung nach ungemein 
ernste und weit folgenschwerere Probleme, als die meisten Sexual- 
reformer wähnen. Und eben deshalb geht es auf diesem Gebiete gar 
nicht vorwärts, trotz aller Erkenntnisse und Mittel, die uns die Sexual- 
forschung zur Verfügung gestellt hat. Wir haben mit einem macht- 
vollen gesellschaftlichen Apparat zu kämpfen, der vorläufig passive 
Resistenz leistet und bei der ersten ernsten Bestrebung unsererseits 
zur aktiven Resistenz übergehen wird. Und alles Zögern und Vor- 
sichtigsein, alle Unentschiedenheit und Neigung zu Kompromissen in 
Fragen der Sexualerziehung lassen sich nicht nur auf die eigenen 
Sexualverdrängungen, sondern unbeschadet der Elhrlichkeit der päda- 
gogischen Bemühungen auf die Scheu zurückführen, mit dem bürger- 
lichen Staatsapparat in ernsten Konflikt zu geraten. 

Zum Abschluss bringen wir zwei typische Fälle aus der Sexual- 
beratung vor, die demonstrieren sollen, dass das ärztliche Gewissen 
zu Massnahmen zwingt, die nicht nur zur bürgerlichen Moral, sondern 
auch zur Sexualreform von der geschilderten Art in diametralem. 
Gegensatz stehen. ' 

Ein löjähriges Mädchen und ein 17jähriger Junge, beide kräftig und gut ent- 
wickelt, kommen scheu und verängstigt in die Beratungsstelle. Nach langem Zu- 
reden stellt der Junge die Frage, ob es denn wirklich so schädlich sei, wenn man 
vor dem 20, Lebensjahre geschlechtlich verkehrt. 

»Warum glaubst du, dass das schädlich ist?« 

»Das hat uns der Gruppenführer bei den Roten Falken gesagt und das sagen 
alle, die bei uns über die sexuelle Frage sprechen.« 

»Sprecht Ihr bei den Roten Falken über diese Dinge?« 

»Gewiss, wir leiden alle furchtbar, aber keiner wagt es, offen zu sprechen. 
Jetzt ist eine Gruppe von Jungen und Mädeln aus unserer Abteilung ausgetreten 
und hat eine eigene Gruppe gegründet, weil sie sich mit dem Gruppenführer nicht 
vertragen. Der sagt auch immer, der Geschlechtsverkehr sei schädlich.« 

»Wie lange kennst du die Genossin?« 

»Seit drei Jahren!« 

»Habt Ihr schon geschlechtlich verkehrt?« 

»Nein, aber wir haben einander sehr lieb und wir müssen von einander gehen,, 
weil wir uns immer schrecklich aufregen.« 

»Womit?« 

(Langes Schweigen.) »Nun, wir küssen uns und tun auch sonst. Aber das 
tun die meisten. Und jetzt sind wir beide schon fast verrückt. Das Arge ist, dass 
wir wegen unserer Funktionen immer zusammenarbeiten müssen. Sie hat in der 
letzten Zeit sehr oft Weinkrämpfe und ich komme in der Schule nicht mehr nach.« 

»Was denkt Ihr selber, was das Beste wäre?« 

»Wir wollten uns trennen, aber es geht nicht; die ganze Gruppe, deren Führer 
wir sind, würde zerfallen, und dann kommt sicher dasselbe mit einer anderen 
wieder.« 

»Betreibt Ihr Sport?« 

»Ja, aber es nützt gar nichts. Wenn wir beisammen sind, können wir an 
nichts denken, als immer an das eine, Bitte sag' uns, ob das wirklich schäd- 
lich ist.« 

»Nein, es ist nicht schädlich, aber es bringt oft grosse Schwierigkeiten im 

Elternhaus-c 



Aus der Scxualberatuog 



63 



Ich erklärte ihnen nun die Physiologie der Pubertät und des Ge- 
schlechtsverkehrs, die gesellschaftlichen Hindernisse, die Gefahr der 
Schwangerschaft und die Verhütungsmittel. Mit dem Rat, die Sache 
zu überdenken und wiederzukommen, entliess ich sie. 

Zwei Wochen später sah ich sie wieder, froh, dankbar, arbeits- 
freudig: Sie hatten alle inneren und äusseren Schwierigkeiten über- 
wunden. Ich verfolgte den Fall noch einige Monate und war nun ge- 
wiss, zwei junge Menschen vor Erkrankung bewahrt zu haben. Ge- 
trübt wurde die Freude nur durch die Erfahrung, dass solche Erfolge 
der einfachen Beratung wegen der neurotischen Fixierungen der Mehr- 
zahl der ratsuchenden Jugendlichen vereinzelte Ausnahmen sind. 

.Us zweites Beispiel sei eine 35jährige, noch sehr jugendlich aussehende Frau 
angeführt, die die Sexualberatungsstelle in folgender Angelegeahcit aufsuchte- 
Sic war 18 Jahre verheiratet, hatte einen erwachsenen Sohn und lebte mit ihrem 
Mann in äusserlich friedlicher Ehe. Seit drei Jahren hatte der Gatte ein Ver- 
hältnis mit einer anderen Frau. Die Ratsuchende wusste und duldete es mit 
gutem Verständnis dafür, dass man nach so langer Ehe Verlangen nach anderen 
Objekten bekommt. Sic war bisher treu geblieben, obwohl der Mann seit etwa 
awci Jahren nicht mehr mit ihr veriichrte. Seit einigen Monaten litt sie unter 
der Abstinenz, war aber zu stolz, nm ihren Mann zum Verkehr zu bewegen. In 
letzter Zeit traten Herzbeschwerden, Schlaflosigkeit, Gereiztheit und Depression 
immer gehäufter und intensiver auf. Zu einem Ehebruch mit einem Freund, den 
sie vor einiger Zeit kennen lernte, konnte sie sich aus moralischen Bedenken nicht 
entschliessen, obgleich sie selbst die ünsinnigkeit dieser Bedenken einsah. Der 
Mann hrustete sich immer mit der Treue seiner Gattin, und sie wusste genau. 
dass er nicht bereit gewesen wäre, ihr das Recht einzuräumen, das er sich wie 
selbstverständlich nahm. Was sie tun sollte, fragte sie, sie halte den Zustand 
nicht langer aus. 

Man überlege den Fall genau. Weitere Abstinenz bedeutete für sie 
die sichere neurotische Erkrankung. Den Mann in seinem Verhältnis 
stören und ihn wieder gewinnen, ging aus zwei Gründen nicht. Er- 
stens, weil er sich nicht hätte stören lassen und zugegeben hatte, kein 
sinnliches Interesse für sie mehr zu haben, zweitens weil sie selbst 
ihren Gatten nicht mehr begehrte. Es blieb also nur noch der Ehe- 
bruch mit dem geliebten Freund. Die Sache hatte aber einen Haken: 
Sie war ökonomisch nicht unabhängig und der Gatte hätte sofort uie 
Scheidung gefordert, wenn er davon erfahren hätte. Ich setzte der 
Frau alle diese Möglichkeilen auseinander, Hess ihr Zeit zur Ent- 
scheidung und hörte nach einigen Wochen, dass sie sich entschlossen 
hatte, das Verhältnis zum Freund bis zum letzten zu führen und sich 
vom Mann nicht erwischen zu lassen; ihre aktualneurotischen Be- 
schwerden schwanden nach kurzer Zeit. Zu dieser Entscheidung war 
sie befähigt worden durch meinen erfolgreichen Versuch, ihre mora- 
lischen Bedenken zu zerstreuen. Nach dem Gesetz hatte ich mich eines 
Vergehens schuldig gemacht; ich hatte einer unbefriedigten, am Rande 
der neurotischen Erkrankung stehenden Frau den Ehebruch ermög- 
licht. 



€4 



Der Kinfluss der bürgerlichen Sexualmoral 



Ungefähr zur selben Zeit fand ich eines Abends im Briefkasten ein 
Exemplar meiner Broschüre »Sexualerregung und Sexualbefriedigung« 
mit folgende Sätzen am Umschlag: »Ich warne Sie! Treiben Sie es 
nicht zu weit, Sie Jugendverderber! Treib es nicht zu weit, du Hund 
— geh' nach Russland! Sonst — « 

Eine Morddrohung als Antwort, eine Mahnung der bürgerlichen 
Gesellschaft auf selbstverständliches ärztliches Verfahren. Man be- 
greift die Vorsicht der Sexualreform. 



"! 



. , V. KAPITEL 

DIE BÜRGERLICHE FAMILIE 
ALS ERZIEHUNGSAPPARAT 

Die wichtigste Erzeugungsstätte der ideologischen Atmosphäre des 
Konservativismus ist die bürgerliche Familie, ihr Grundtypus ist das 
Dreieck: Vater, Mutter und Kind. Während die bürgerliche An- 
schauung in der Familie die Grundlage, wie manche sagen, die »Zelle« 
der menschlichen Gesellschaft überhaupt sieht, erblicken wir in ihr 
hei Berücksichtigung ihrer Wandlungen im Laufe der historischen 
Entwicklung und ihrer jeweiligen gesellschaftlichen Funktion ein 
Ergebnis bestimmter ökonomischer Strukturen. Wir sehen also 
die Familie nicht als Baustein und Grundlage, sondern als Folge einer 
bestimmten ökonomischen Struktur der Gesellschaft an (matriarcha- 
lische, patriarchalische Familie, Zadruga, polygynes und monogynes 
Patriarchat usw.). Wenn aber die bürgerliche Sexual forscbung, die 
hürgerliche Sexualethik und die Rechtsordnung von der Familie im- 
mer wieder als der Grundlage des »Staates« und der »Geseilschaft« 
sprechen, so haben sie nur in dem Sinne recht, dass die bürgerliche 
Familie zum Bestand des bürgerlichen Staates und der bür- 
gerlichen Gesellschaft unabtrennbar gehört. Ihr gesellschaftlicher 
Sinn erschöpft sich in drei Grundeigenschaften : 

1. Oekonomisch: Sie war in den Anfängen des Kapitalismus 
der wirtschaftliche Kleinbetrieb und ist es heute noch in der Bauern- 
schaft und im Kleingewerbe. 

2. Sozial : Sie hat in der bürgerlichen Gesellschaft die wichtige 
Funktion des Schutzes der wirtschaftlich und sexuell entrechteten 
Frau und der Kinder. 

3. Politisch: Während die Familie in der vorkapitalistischen 
Zeit des Privateigentums und in den Anfängen des Kapitalismus eine 
unmittelbare ökonomische Wurzel in der familiären Kleinwirtschaft 
{wie heute noch in der Kleinbauernwirtschaft) halte, vollzog sich mit 
der Entwicklung der Produktivkräfte und der Kollektivierung des 

6 



66 



Die bürgerliche Familie als Erziehungsapparat 



Arbeitsprozesses ein Fun ktion s wech s e 1 der Familie Ihre 
unmittelbare ökonomische Basis verlor an Bedeutung und zwar zu- 
nehmend mit dem Grad der Einbeziehung der Frauen in den Produk- 
tionsprozess; was an ökonomischer Basis verloren ging wurde durch 
ihre politische Funktion ersetzt. Ihre kardinale Aufgabe 
diejenige, um derentivillen sie von bürgerlicher Wissenschaft und 
bürgerlichem Recht am meisten verteidigt wird, ist ihre Eigenschaft 
as Fabrik bürgerlicher Ideologien und konservativer 
strukturen. Sie bildet den Erziehungsapparat, durch den fast aus- 
nahmslos jedes Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft vom ersten Atem- 
zuge an hindurch muss. Nicht nur als Institution bürgerlicher Art 
sondern, wie wir gleich sehen werden, kraft der ihr eigenen Struktur 
beemflusst sie das Kind im Sinne der bürgerlichen Weltanschauung- 
sie ist der Mittler zwischen der wirtschafthchen Struktur der bürger' 
heben Gesellschaft und deren ideologischem überbau, sie ist durch- 
trankt von der bürgerlichen Atmosphäre, die sich notwendigerweise 
jedem ihrer Mitglieder unauslöschlich einprägt. Sie übermittelt durch 
ihre Formation und durch direkte Beeinflussung nicht nur allge- 
meine bürgerliche Einstellungen zur bestehenden Gesellschaftsord- 
nung und konservative Gesinnungsart, sondern nimmt auch insbeson- 
dere durch die sexuelle Struktur, der sie entspringt und die sie weiter- 
ptlanzt, unmittelbaren Einfluss auf die sexuelle Struktur der Kinder 
m konservativem Sinne. Es ist kein Zufall, dass die Einstellung der 
Jugend für beziehungsweise gegen die herrschende Ordnung bis zu 
emem sehr hohen Grade in einem proportionalen Verhältnis zu ihrer 
Emstellung für beziehungsweise gegen die Familie steht. Es ist auch 
kein Zufall, dass die konservative und die reaktionäre Jugend im 
ganzen und grossen, von abweichenden Einzelfällen abgesehen, fami- 
henanhanglich und -erhaltend, die revolutionäre Jugend dagegen 
famihenfeindlich und -zerstörend ist und sich aus dem Farailienver- 
band mehr oder weniger vollständig löst. 

Das hängt mit der sexualfeindlichen Atmosphäre und Struktur 
der Familie, mit den Beziehungen der Familienmitglieder zueinander 
aufs innigste zusammen. 

Wir haben demnach, wenn wir die erzieherische Bedeutung der 
Familie betrachten, zwei Tatbeslände gesondert zu untersuchen- Den 
Einfluss der konkreten gesellschaftlichen Ideologien, die sich der Fa- 
mihenerziehung bei der Beeinflussung der Jugend bedienen, und den 
unmittelbaren Einfluss der »Dreieck-Struktur« selbst. 



1. DER EINFLUSS DER GESELLSCHAFTLICHEN IDEOLOGIE 

Die Familien des Grossbürgertums unterscheiden sich von denen 
des Kleinbürgertums, und diese wieder von den proletarischen. Sie 



Der Einfluss der gesellschaftlichen Ideologie 67 



alle sind aber der gleichen sexualmoralischen Atmosphäre ausgesetzt, 
die die spezifische Kiassenmoral nicht austilgt, sondern diese bleibt 
teils widerspruchsvoll neben jener bestehen, teils schliesst sie mit ihr 
Kompromisse. ■ wt'"' 

Der vorherrschende Typus der Familie, der kleinbürgerliche, reicht 
nun bedeutend weiter als die gesellschaftliche Schichte »Kleinbürger- 
tum«, weit hinein ins Gross bürgertum und noch weiter in das Indu- 
strieproletariat. Die Grundlage der kleinbürgerlichen Familie ist die 
Beziehung des patriarchalischen Vaters zu Frau und Kindern. Er ist 
sozusagen der Exponent und Vertreter der staatlichen Autorität in 
der Familie. Er ist wegen des Widerspruchs zwischen seiner Stellung 
im Produktionsprozess (Diener) und seiner Familienfunktion (Herr) 
folgerichtig und typisch eine Feldwebelnatur; er duckt sich nach oben, 
saugt die herrschenden Anschauungen restlos auf (daher seine Nach- 
ahmungstendenz) und er herrscht nach unten; er gibt die obrigkeit- 
Uchen und gesellschaftlichen Anschauungen weiter und setzt sie durch. 

In sexualideologischer Hinsicht fällt in der kleinbürger- 
lichen Familie die gesellschaftliche Eheideologie mit dem Kern der 
Familie überhaupt, der dauermonogamen Ehe, zusammen. So mise- 
rabel und trostlos, leidvoll und unerträglich die Ehesituation und 
Familienkonstellation ist, ideologisch muss sie nach aussen sowohl 
wie nach innen von den Familienmitgliedern verfochten werden. Die 
gesellschaftliche Notwendigkeit dieses Seins zwingt zum Vertuschen 
der Misere und zu ideologischem Hochhalten der Familie und Ehe, 
erzeugt auch die weitverbreitete Familiensentimentalität und die 
Schlagworte vom »Familienglück«, vom »trauten Heim«, vom »stillen 
Ruhepunkt« und vom Glück, das die Familie für die Kinder angeblich, 
bedeutet. Aus der Tatsache, dass es in der bürgerlichen Gesellschaft 
ausserhalb der Ehe und Familie noch trostloser aussieht, weil da 
jeder materielle, rechtliche und ideologische Schutz des Sexuallebens 
fehlt, schliesst man auf die Natur notwendigkeit der Familieninsti- 
tution. Das Verschleiern vor sicli selbst und die sentimentalen Schlag- 
worte, welche wichtige Bestandteile der ideologischen Beeinflussungs- 
atmosphäre bilden, sind seelisch notwendig, denn sie unterstützen das. 
Durchhalten in der seelisch unökonomischen Familiensituation. So- 
erklärt es sich, dass die Behandlung von Neurosen so leicht den 
Familien- und Ehezusammenhang zerstört; sie räumt nämlich mit 
den Illusionen auf, die Wahrheit tritt unerbittlich zutage. 

Erziehung zur Ehe und zur Familie ist das Ziel 
der Aufzucht der Kinder von Anbeginn. Die Erziehung: 
zum Beruf tritt ja erst viel später hinzu. Die sexualverneinende 
und -verleugnende Erziehung ist nicht nur von der gesellschaftlichen 
Atmosphäre diktiert, sondern sie wird notwendig durch die Sexual- 
verdrängung der Erwachsenen. Ohne umfassenden Sexualverzicht :ist 
ein Existieren in der Familienatmosphäre nicht möglich. ts 

6* 



68 



Die bürcerlichc Familie als Erziehungsapparat 



In der typischen kleinbürgerlichen Familie nimmt die Beein- 
flussung des sexuellen Triebapparates bestimmte, für sie spezifische 
Formen an, welche die individuelle Disposition für »Ehe- und 
Familiensinn« legen. Es wird nämlich die prägenitale Erotik durch 
Überbetonung der Ess- und Exkretionsfunktionen fixiert, während die 
genitale Betätigung restlos unterbunden wird (Onaniebekämpfung) 
Die genitale Hemmung und die prägenitale Fixierung bedingen eine 
Verschiebung des sexuellen Interesses ins Sadistische, und die sexu- 
elle Wissbegierde des Kindes wird aktiv unterdrückt. Das gerät in 
Widerspruch mit der Wohnungslage, der allgemeinen sexuellen Un- 
geniertheit der Eltern und mit dem unvermeidlich sexuell betonten 
Milieu in der Familie. Die Kinder nehmen ja doch alle Vorgänge 
wahr, wenn auch verzerrt und mit falschen Auslegungen durchsetzt 
Die ideologische und erzieherische Hemmung des Sexuellen einer- 
seits, das Milansehen und Miterleben der intimsten Vorgänge unter 
den Erwachsenen anderseits, setzen im Kinde bereits die Grundlage 
zur sexuellen Heuchelei. Das ist etwas gemildert in proletarischen 
Familien, wo die Betonung der Ess- und Verdaungsfunktionen 
-weniger stark ist, die genitalen Betätigungen hingegen stärker besetzt 
nnd weniger verboten sind. Die Widersprüche sind daher geringer 
^.e Bahn für die Genitalität ist freier. Das ist durchwegs bedmgt 
durch die wirtschaftliche Daseinsweise der proletarischen Familie 
bte.gt ein Proletarier wirtschaftlich auf in die Reihen der Arneiier- 
anstokratie, so verändert sich dementsprechend auch seine Gesinnung, 
seme Kinder geraten unter stärkeren Druck von selten der bürger- 
lichen Moral. Und damit hängt die vielbeklagte »Verbonzung« innig 
zusammen. 

Während in der kleinbürgerlichen Familie die Sexualunter- 
druckung sich mehr oder minder vollständig durchsetzt, gerät sie 
im proletarischen Milieu in Widersprüche mit der notwendigerweise 
geringeren Beaufsichtigung der Kinder, die sich ja meist selbst über- 
lassen sind. 



2. DIE DREIECK-STBUKTUR 

Während die Familie, derart von der ideologischen Atmosphäre 
der Gesellschan beeinflusst, auf das Kind einwirkt, ergibt sich aus 
ihrer Dreieck-Struktur überdies eine für sie spezifische Kon- 
stellation des Kindes, ganz in der Richtung der konservativen Ten- 
denzen der Gesellschaft. 

■Die Freud sehe Entdeckung, dass überall, wo diese Dreieck- 
Struktur besteht, das Kind in ganz bestimmte sexuelle Beziehungen 
sinnlicher und zärtlicher Art zu seinen Eitern kommt, ist grund- 
legend für das Verständnis der individuellen sexuellen Entwicklung. 
Der sogenannte »Ödlpus-Komplex« umfasst alle diese Beziehungen, die 



"^^ 



Die Dreieck-Struktur .. g9 



in ihrer Quantität, vor allem aber in ihrem Ausgang, von der weiteren 
Umgebung und von der Struktur der Familie bestimmt werden. Das 
Kind richtet seine ersten genitalen Liebesregungen (von den prägeni- 
talen sehen wir hier der Einfachheit halber ab} auf die nächsten Per- 
sonen seiner Umgebung, und das sind meist die Eltern. Typischer- 
weise wird der heterosexuelle Elternteil geliebt und der gleichge- 
schlechtliche zunächst gehasst. Gegen diesen werden Eifersuchts- 
regungen und Hass entwickelt, aber gleichzeitig auch Schuldgefühle 
und Angst vor ihm. Die Angst betrifft in erster Linie die eigenen 
genitalen Regungen zum andersgeschlechtlichen Elternteil. Diese Angst 
zusammen mit der realen Unmöglichkeit der Befriedigung des Inzesl- 
wunsches, bringt diesen mitsamt der genitalen Strebung zur Ver- 
drängung. Aus dieser Verdrängung leiten sich die allermeisten 
späteren Liebesstörungen primär ab. 

Nun sind aber zwei für die Folgen dieses kindlichen Erlebens 
kardinale Tatbestände nicht zu übersehen. Erstens käme keine Ver- 
drängung zustande, wenn der Knabe etwa zwar auf seine Mutter 
verzichten müsste, ihm aber das genitale Spiel mit Altergenossinnen 
sowie die Onanie gesellschaftlich gestattet wäre. Man gibt nicht gerne 
zu, dass solche sexuelle Spiele (»Doktorspiele« usw.) immer statt- 
finden, wo Kinder mit anderen länger beisammen sind; sie erfolgen 
allerdings mit klarem Wissen um das Verpönte dieses Tuns, daher 
mit Schuldgefühlen und schädigenden Fixierungen an diese ^pieie. 
Das Kind, das solche Spiele, wenn es Gelegenheit dazu hat, nicht wagt, 
ist sicherer Kandidat einer schweren Beeinträchtigung seines späteren 
Sexuallebens, es entspricht aber den Prinzipien der Famiüenerziehung. 
Über die Versuche, solche Feststellungen als Produkte verderbter 
Phantasie abzutun, wird siph die Geschichte glatt hinwegsetzen. Man 
wird nicht lange diese Tatsachen verleugnen und den Konsequenzen, 
die sie aufzwingen, ausweichen können. Freilich, die offizielle gesell- 
schaftliche Auseinandersetzung mit ihnen wird nicht im Kapitalismus 
und solange nicht erfolgen, als die Familienerziehung auch nach der 
sozialen Umwälzung wirtschaftlich und politisch verankert ist. 

Die Verdrängung der frühen sexuellen Regungen wird qualitativ 
und quantitativ entscheidend von der sexuellen Denkungsart der 
Eltern bestimmt. Es hängt viel davon ab, oh sie mit mehr oder 
weniger Strenge erfolgt, ob sie die Onanie mitbetrifft oder nicht, 
u. a. m. 

Dass das Kind gerade im kritischen Alter zwischen dem vierten 
und sechsten Lebensjahr seine Genitalität im Elternhaus erlebt, zwingt 
ihm eine bestimmte, eben für die Familienerziehung spezifische 
Lösung auf. Ein Kind, dass vom dritten Lebensjahre an in Gemein- 
schaft mit anderen Kindern und unbeeinflusst von der Elternbinaung 
erzogen wäre, würde seine Sexualität ganz anders entwickeln, in 
Formen, die hier nicht zur Diskussion kommen können. Man darf 



70 



Die bürgerliche Familie als Erzieh imgsapparat 



auch die Tatsache nicht unterschätzen, dass die Familienerziehung 
praktisch individualistisch ist. den günstigen Einfluss eines Kinder- 
kollektivs ausschliesst, auch dann, wenn das Kind täglich einige 
Stunden in einem Kindergarten verbringt. Die Familienideotogie 
beemflusst praktisch weit mehr den Kindergarten als dieser die 
Familienerziehung. 

Das Kind ist also in die Familie hineingezwängt und bringt daher 
eine Fixierung an die Eltern in sexueller und autoritativer Hinsicht 
zustande. Es wird schon zufolge seiner physischen Kleinheit von der 
elterlichen Autorität erdrückt, möge diese nun streng sein oder nicht. 
Die autoritative Bindung überwuchert bald die sexuelle, drängt sie in 
den Zustand der unbewussten Existenz und steht später, wenn die 
sexuellen Interessen sich der ausserfamiliaren Welt zuwenden sollen 
als mächtiger hemmender Block zwischen Sexualinteresse und Wirk- 
lichkeit. Gerade weil die autoritative Bindung selbst zu einem grossen 
Teile unbewussl wird, entzieht sie sich der bewussten Beeinflussung 
Es hat wenig zu sagen, wenn die unbewusste Bindung an die elterliche 
Autorität oft als Gegenteil, als neurotisches Revoltieren zum Ausdruck 
kommt; es vermag die sexuellen Interessen dennoch nicht zur Ent- 
faltung zu bringen, es sei denn in Form triebhafter und unbeherrschter 
sexueller Aktionen, als krankhafte Kompromisse zwischen Sexualität 
und Schuldgefühl. Die spätere Lösung dieser Bindung an die Eltern 
ist die Voraussetzung eines gesunden Sexuallebens. Sie gelingt heute 
einer Minderzahl, und am leichtesten dann, wenn ein vorhandenes 
sozialistisches Kollektiv später Ideale und Ziele setzt, die die Bindung 
an Eltern und Familie wettmachen. 

Die Elternbindung, sowohl die sexuelle Gebundenheit wie die 
Unterordnung unter die Autorität des Vaters, erschwert in der 
Pubertät den Schritt in die sexuelle und soziale Realität, wo sie ihn 
nicht völlig unmöglich macht. Das kleinbürgerliche Ideal des braven 
Sohnes und der braven Haustochter, die noch bis ins reife Alter in 
der kindlichen Situation stecken, ist das extreme Gegenteil der 
sozialistischen Richtung der selbständigen Jugend. Die Familie 
und ihre Erziehung sind das Z en tner ge wi cht auch 
breiter Schichten der proletarischen Jugend. Die 
genossene Familienerziehung in der kindlichen 
Frühzeit und die Wirkungen des Kollektivs in der 
Pubertät widersprechen einander und schaffen dem 
Jugendlichen schwer lösbare Konflikte. 

Ein weiteres Kennzeichen der Familienerziehung ist, dass die 
Eltern, im besonderen die Mutter, sofern sie nicht proletarisch leben, 
das heisst in der Fabrik Mehrwert zu produzieren gezwungen sind^ 
in ihren Kindern bald immer mehr den Inhalt ihres Lebens suchen 
— und zu deren Nachlei! auch finden. Dass die Kinder dabei die 
Rolle von Haushunden spielen, die man lieben, aber auch beliebig 



Typische Kooflikte der Kinder 71 



quälen kann, dass die affektive Einstellung der Eltern sie völlig 
ungeeignet zur Erziehung macht, das sind allzu abgeleierte Tatsachen, 
als dass wir uns hier ausführlicher mit ihnen beschäftigen mq,ssten. 

Was an Ehemisere in den ehelichen Konflikten nicht direkt aus- 
gelebt werden kann, ergiesst sich auf die Kinder. Das setzt neuer- 
liche Schädigungen ihrer Selbständigkeit und sexuellen Struktur, 
schafft aber auch einen neuerlichen Widerspruch: den zwischen dem 
Miterlebthaben der elterlichen Ehe, daher Ehegegnerschaft, 
und dem späteren wirtschaftlichen Zwang zu heiraten. In der Pubertät 
spielen sich gerade dann Tragödien ab, wenn die Jugendlichen sich 
glücklich aus den Schädigungen der kindlichen Sexualerziehung 
gerettet haben und nunmehr auch die puberilen Fesseln der Familie 
abstreifen wollen. Hierin unterscheidet sich nur eine verschwindende 
Minderzahl proletarischer Familien von den anderen. 

Die Sexualeinschränkung, die die Erwachsenen auf sich nehmen 
mussten, um das eheliche und familiäre Dasein ertragen zu können, 
pflanzen sie auf ihre Kinder fort. Und da diese später aus wirtschaft- 
lichen Gründen in die familiäre Situation zurücksinken müssen, setzt 
sich die Sexualeinschränkung von Generation zu Generation fort. 

Da die Familie ökonomisch mit dem Kapitalismus verwachsen ist, 
heisst es völlig blind den Tatsachen und Zusammenhängen gegen- 
überstehen, wenn man ihre Wirkungen innerhalb der bürgerlichen 
Gesellschaft auszurotten hofft. Diese Wirkungen liegen ja in uer 
Situation der Familie selbst und sind durch die unbewusslen Me- 
chanismen der Triebstruktur in den einzelnen Individuen unaus- 
rottbar verankert. 

Zur direkten Sexualhemmung, die aus dem Verhältnis zu den 
Eltern resultiert, addieren sich die Schuldgefühle aus dem masslosen 
Hass. welcher sich in den Kindern in der jahrelangen familiären 
Situation aufspeicherte. Bleibt dieser Hass bewusst, so kann er zu 
einer mächtigen individuellen revolutionären Triebkraft werden; er 
wird der Motor der Lösung aus dem Familienverband und kann sich 
dann leicht auf die rationellen Ziele der proletarischen Bewegung als 
Hass gegen die herrschende Klasse übertragen. Das gilt besonders für 
den Revolutionär aus kleinbürgerlichem Milieu, weniger für den Pro- 
letarier, bei dem die Klassenlage vor allem entscheidet. 

Wird aber der Hass verdrängt, so entwickeln sich aus ihm die ent- 
gegengesetzten Regungen der treuen Anhänglichkeil und des kindlichen 
Gehorsams, welche sicher zu Bleigewichten werden, wenn rationelle 
Gründe den Betreffenden später zur sozialistischen Bewegung bringen. 
Man begegnet dann dem Typus des Sozialisten, der vielleicht sogar 
für die Diktatur des Proletariats ist, aber seinen Kindern Religions- 
unterricht erteilen lässt und selber aus der Kirche nicht austritt, 
obwohl es seiner Überzeugung widerspricht, weil er »so etwas seinen 
alten Eltern nicht antun« kann. Man beobachtet an ihm aber auch 



72 



Die bürgerliche Familie als Erziehungsapparat 



Züge des Zauderns und Zögerns, Unentschlossenheil, Gebundenheit 
durch Rucksichten auf die Familie usw. Er ist sicher nicht der TvDus 
des sozialistischen Voritämpfers. 

Aus der gleichen familiären Situation kann aber auch der »Revo- 
lutionär aus neurotischen Gründen entstehen. Er ist selten im Prole- 
tariat, wo sich eher das Nichtrevolutionärsein aus der Familien- 
bindung ableitet, und sehr häufig bei kleinbürgerlichen Intellektu- 
ellen Das sagt natürlich über seinen Wert als Revolutionär nichts 
aus. Aber die Verbundenheit mit Schuldgefühlen macht die so struk- 
turierte revolutionäre Persönlichkeit zu einer problematischen An- 
gelegenheit. 

Die familiäre Sexualerziehung muss ihrem Wesen nach Schädi- 
gungen des Sexuallehens beim Einzelnen setzen. Gelingt es dem einen 
oder anderen doch, sich zu einem gesunden Sexualleben durch- 
zuringen, so geschieht es gewöhnlich auf Kosten seiner familiären 
Bmdungen. 

Die Unterdrückung der sexuellen Bedürfnisse wirkt sich darüber 
hinaus in einer allgemeinen Schwächung der geistigen und gefühls- 
massigen Funktionen aus, vor allem der Selbstsicherheit, der Willens- 
starke und der Kritikfähigkeit. Der autoritären Gesellschaftsordnung 
kommt es nicht auf die .Moral an sich« an. Die Veränderungen im 
psychischen Organismus, die der Verankerung der Sexualmoral zu- 
zuschreiben sind, schaffen erst diejenige seelische Struktur, die die 
massenpsycbologische Basis jeder autoritären Gesellschaftsordnung 

f^ ^-^^If U^tertanenstruktur ist ein Gemisch aus sexueller Im- 
potenz, Hilflosigkeit, Anlehnungsbedürfügkeit, Führersehnsucht Au- 
torita tsfur cht. Lebensängstlichkeit und Mystizismus. Sie kennzeichnet 
sich durch Neigung zum Rebellentum und durch Hörigkeit gleichzeitig 
Die Sexualscheu und Sexualheuchelei bilden den Kern dessen, was 
man Spiessertum nennt. Derartig strukturierte Menschen sind demo- 
kratieunfahig. An ihren Strukturen zerbrechen die Versuche, echt 
demokratisch geleitete Organisationen aufzubauen oder zu erhalten. 
Me bilden den massenpsychologiscben Boden, auf dem sich die dikta- 
torischen Gelüste und bürokratischen Neigungen der demokratisch 
gewählten Führer entwickeln können. 

Die politische Funktion der Familie ist also eine doppelte- 

1. Sie reproduziert sich selbst, indem sie die Menschen sexuell 
verkrüppelt; indem sich die patriarchalische Familie erhält, konser- 
viert sich auch die Sexualunterdrückung mit ihren Folgen: Sexuat- 
storungen, Neurosen, Geisteskrankheiten, Sexualverbrechen. 

2. Sie erzeugt den autoritätsfürchtigen lebensängstlichen Unter- 
tanen und schafft derart immer neu die Möglichkeit, dass Massen 
durch eine Handvoll Machthabender beherrscht werden können 



1) Historich nachgewiesen in »Der Einbruch der Sexualmoral« (1934). 



Familie — Bollwerlc der »Ordnung« 75 



So gewinnt die Familie für den Bürgerlichen ihre besonderere Be- 
deutung als Bollwerk der von ihm bejahten Gesellschaftsordnung. 
Daher kommt es auch, dass sie in der bürgerlichen Sexualwissenschaft 
eine der am schärfsten verteidigten Positionen ist. Denn sie ist »staats- 
und volkserhaltend« — im bürgerlichen Sinne. Die Bewertung der 
Familie darf uns daher als Masstab für die Beurteilung der allge- 
meinen Natur gesellschaftlicher Ordnungen dienen. 



f.-I( .(■ 



■■* 



I ■ I -' 



VI. KAPITEL 

DAS PROBLEM DER PUBERTÄT^ 

Wohl auf keinem anderen Gebiete hat die bürgerliche Weltan- 
schauung die Sexualwissenschaft so zu beeinflussen vermocht wie 
auf dem der Sexualfrage der Jugend. Das A und 2 aller Unter- 
suchungen ist der Sprung von der Feststellung, dass die Pubertät 
doch im wesentlichen Sexualreifung bedeutet, zur Forderung, 
die Jugend müsse oder solle abstinent leben. Wem das letzte 
Argument zerfliesst, der schweigt. Wie immer die Forderung ver- 
kleidet und begründet wird, ob man sich nun auf biologische Argu- 
mente beruft, wie etwa auf die »noch nicht vollendete Reife« vor 
dem 24. Lebensjahr (Gruber), oder ob ethische, kulturelle oder 
hygienische Gründe ins Feld geführt werden, keinem der mir be- 
kannten Autoren ist es eingefallen, dass die Sexualnot der Jugend im 
Grunde ein rein gesellschaftliches Problem ist, dass sie mit der Ab- 
stinenz forderung der bürgerlichen Gesellschaft erst beginnt. Bei 
dem Versuch, diese gesellschaftliche Forderung biologisch, kulturell 
oder ethisch zu rechtfertigen, gerät die Argumentation in ganz absurde 
Widersprüche. 



*.' ' I 



1. DER PUBERTÄTSKONFLIKT 

Die Phänomene des Pubertätskonfliktes und der Pubertätsneurose 
in allen ihren Formen lassen sich auf die eine Tatsache zurückführen, 
dass ein Widerspruch besteht zwischen der Tatsache der vollen Ge- 
schlechtsreife etwa um das 15. Lebensjahr, also der physiologischen 
Notwendigkeit geschlechtlich zu verkehren und der Fähigkeit Kinder 
zu zeugen beziehungsweise zu gebären, und der wirtschaftlichen und 
strukturellen Unmöglichkeit, in diesem Alter den von der bürger- 
lichen Gesellschaft geforderten legalen Rahmen für die Geschlechts- 



1) Vgl. hierzu meine Schrift »Der sexuelle Kampf der Jugende, 



Der Pubertätskonflikt 75 



beziehung, die Ehe, zu schaffen. Das ist der Grundzug der Schwierig- 
keit, zu dem sich mehrere andere hinzuaddieren, etwa die Nach- 
Avirkungen der sexualverneinenden Erziehung des Kindes, die ja selber 
ebenfalls eine Folge des gesamten Systems der bürgerlichen Sexual- 
ordnung ist. Die primitive mutterrechtliche Gesellschaft kennt keine 
Sexualnot der Jugend; im Gegenteil, alle Berichte, sie mögen nun von 
katholischen Missionären oder von ernsten Forschern stammen, ver- 
zeichnen mit oder ohne die gebührende Empörung über die »sittliche 
Verwahrlosung« der »Wilden« die Tatsache, dass die Pubertätsriten 
den Jugendlichen sofort mit Beginn der Geschlechtsreife ins Ge- 
schlechtsleben einführen, dass in manchen dieser primitiven Gesell- 
schaften auf die sexuelle Freude grosses Gewicht gelegt wird; dass 
die Pubertätsweihe ein grosses gesellschaftliches Ereignis ist; dass 
manche primitiven Völker das Sexualleben der Jugendlichen nicht 
nur nicht behindern, sondern in jeder Weise fördern, etwa indem sie 
Gemeinschaftshäuser einrichten, in die die Jugendlichen mit Eintritt 
der Geschlechtsreife zum Zwecke des Geschlechtsverkehrs übersie- 
deln^). Auch in denjenigen primitiven Gesellschaften, in denen die In- 
stitution der strengen monogamen Ehe bereits besteht, hat die Jugend 
vom Eintritt der Geschlechtsreife an bis zur Heirat das Recht völlig 
freien Geschlechtsverkehrs. Keiner dieser Berichte enthält Hinweise 
auf sexuelle Not oder auf Selbstmorde von Jugendlichen infolge un- 
glücklicher Liebe (wenn auch diese selbst natürlich vorkommt). Dort 
fällt der Widerspruch zwischen Sexualreife und Mangel an genitaler 
Sexualbefriedigung weg. Das ist aber nur der Grundzug des Unter- 
schiedes zwischen primitiver und bürgerlicher Gesellschaft. In dieser 
wird das Fest der Pubertätsweihe zwar in Form verschiedener kirch- 
licher Riten (Konfirmation usw.) festgehalten, aber mit restloser 
Verschleierung ihres eigentlichen Wesens, ja mit der tatsächlichen 
Tendenz zur gegenteiligen Beeinflussung der Jugend.*^) 

1) » Kann uns aber auch nicht auffallend erscheinen, wenn dergleichen Völ- 
ker ruhig gestatten, dass schon bei Kindern der kaum erwachende Trieb mit 
einer Freiheit befriedigt wird, die wir selbst als freche Unzucht ( !) bezeichnen, 

die von den Erwachsenen dort aber als »Spielen« aufgefasst wird begegnen 

sich mit der naivsten Hingebung Knaben und Mädchen unter vielen Natur- 
völkern.« 

P I o ss-Bartel s : »Das Weib«, Leipzig 1902. (I. Band, S. 449.) 
Vgl. ferner: H a ve 1 c k- E 1 1 i s: »Geschlecht und Gesellschaft«, 1923, 
S. 355, S. 368. — -Mayer: »Das Sexualleben bei den Wahehe und Wossangu«. 
(Geschlecht und Gesellschaft, Heft 10, XIV. Jahrgang, S. 455.) Die beste 
Schilderung findet sich in M a 1 i n w s k i : »Das Geschlechtsleben der 
Wilden«. 

-) Es gibt eine ganze Wissenschaft, welche alle Mittel komplizierter Argumen- 
tation darauf verwendet, zu beweisen, dass das Wesen der Pubertät nicht 
etwa die Pubertät ist, nicht die Reifung des genitalen Geschlcchtsappa- 
rates, als deren Folge die bekannten seelischen Veränderungen auftreten, 
sondern dass das Eigentliche der Pubertät und ihrer Konflikte die Tatsache 
»neuer Aufgaben«; wäre, vor die der Jugendliche nun gestellt sei, und sein 
Minderwertigkeitsgefühl, diesen Aufgaben nicht gewachsen zu sein. Diese 



7fi Das Problem der Pubertät 



Der besturaschriebene Ausdruck der Pubertätsnot ist die O n a n i e. 
Sic ist ausser in pathologischen Fällen einzig und allein Ersatz des- 
mangelnden Geschlechtsverkehrs. Diese Feststellung, so einfach und 
selbstverständlich sie ist, habe ich noch in keiner Abhandlung ge- 
funden. Sollte ich irgendeine doch übersehen haben, so bitte ich um 
Entschuldigung. Es genügt, dass diese Selbstverständlichkeit so ver- 
borgen gehalten ist, dass man sie überhaupt übersehen kann. Wir 
wollen hier nur vermerken, dass die Autoren den Pubertätskonflikt 
nicht aus dem Konflikt: Reife ^ kein Geschlechtsverkehr, 
sondern aus dem: Reife — keine Ehe mögl ichkeit, ableiten' 
Gegen die Onanie wird von der Kirche und von sexuologisch unge- 
bildeten und moralisch voreingenommenen Ärzten nach wie vor 
Sturm gelaufen. Dass der Kampf gegen die Onanie das Elend nur 
noch steigert, weil er die krankmachenden Schuldgefühle festigt, ist 
zwar in letzter Zeit immer häufiger ausgesprochen worden, aber die 
Aufklärung ist — bis auf die populären Schriften sozialistischer 
Autoren, wie etwa Max Hodanns — in den wissenschaftlichen 
Abhandlungen stecken geblieben. Die Masse der Jugendlichen weiss, 
nichts davon. 

Die psychoanalytische Erforschung der unhewussten Triebfedern 
des Pubertätskonfliktes ergab, kurz zusammengefasst, ein Wieder- 
aufleben der alten, frühinfantilen Inzestwünsche und sexuellen Schuld- 
gefühle, die in Wirklichkeit den unhewussten Phantasien und nicht 
der onanistischen Tat entsprechen. Doch es sind nicht die Inzest- 
wünsche, die die Onanie bedingen, sondern die sexuelle Erregung, 
welche der forcierten Tätigkeit des Sexualapparats entspricht; so- 
korrigiert die Orgasmusforschung die psychoanalytische Feststellung. 
Die Sexualstauung ruft die alte Inzestphantasie erst zu neuem Leben, 
die ihrerseits zwar nicht die Tatsache, dass onaniert wird, bedingt, 
wohl aber Form und Inhalt des psychischen Erlebens beim onanisti- 
schen Akt. Anders wäre nicht zu verstehen, dass die Inzestphantasie 
sich gerade im Zeitpunkt der Geschlechtsreife wieder einstellt, 
nicht früher und auch nicht später. 

Wissenscbaft ist die Individualpsychologie Alfred Adlers. Nach dieser 
Theorie dürfte der bürgerliche Jugendliche, der die wichtigste Periode seiner 
Pubertät etwa in einem Gymnasium verbringt, wo sich keinerlei neue Auf- 
gaben zeigen (oder sollte das Hinzutreten des Griechischen im Lehrplan die 
neue Aufgabe sein?) keinerlei Pubertäfskonflikte haben. Es ist der Individual- 
psychologie gleichgültig, dass sich die Leistungen der Schüler etwa um das 
14, Lebensjahr durchschnittlieh zu verschlechtern beginnen, es ist ihr auch 
nicht interessant genug, dass breite Schichten der nicht verbürgerlichten 
Proletarier Jugend, die mit der Geschlechtsreife auch den Geschlechtsverkehr 
aufnehmen, alles andere nur keine Sexualnot kennen — freilich bis auf die 
Tatsache, dass sie von Schwangerschaftsverhütung wenig wissen und keine 
Wohnungen haben, in denen ein hygienischer Geschlechtsverkehr möglich 
wäre. Gerade der Proletarierjunge ist etwa um das 14. Lebensjahr vor neue 
Aufgaben gestellt. Ihre Wirkung im Sinne Adlers bleibt aber in dem^ 
Masse aus, in dem die Gcschlcchtlichkcit zur Befriedigung gelangt. 



Der Pubertätskonflikt 77 



Der Pubertätskonflikt entspricht somit einer Rückentwick- 
lung zu primitiveren, kindlichen Formen und Inhalten des Sexual- 
lebens. Wenn sie nicht von vornherein durch pathologische Fixierung 
im Kindlichen bedingt ist, ist sie einzig und allein Folge der 
gesellschaftlichen Versagung der genitalen Be- 
friedigung im Geschlechtsakt in der Reifezeit. Es 
gibt also prinzipiell zwei Möglichkeiten: Entweder tritt der Jugend- 
liche infolge seiner bisherigen Sexualentwicklung unfähig zur Findung 
eines Scxualparlners in die Pubertät ein, oder die gesellschaftliche 
Versagung der Sexualbefriedigung in der Pubertät drängt ihn in die 
Onaniephantasien, mithin auch in die pathogene Situation des in- 
fantilen Konfliktes hinein. Es ist aber klar, dass diese zwei Möglich- 
keiten nicht prinzipiell verschieden sind, denn die erste ist ja auch 
nur die Folge der pathogencn kindlichen Sexualerziehung, der streng 
sexualverdrängenden sexuellen Situation in der Kindheit. Es hat nur 
die gesellschaftliche Schranke des Sexuallebens sich hier schon in der 
Kindheit, im anderen Falle erst in der Geschlechtsreife voll aus- 
gewirkt. Wir treffen den Tatbestand noch richtiger, wenn wir sagen, 
dass die beiden Hemmungen der Sexualentwicklung, die infantile und 
die pufaerile, zusammentreffen, indem die infantile Hemmung der 
Sexualentwicklung die Fixierung schafft, zu der die spätere gesell- 
schaftliche Hemmung in der Pubertät die Sexualität zurückweichen 
lässl. überwiegt die infantile Schädigung des Sexuallebens, so nimmt 
in demselben Masse die Fähigkeit des Puberilen ab, ein normales 
•Geschlechtsleben aufzunehmen; um so leichter kann sich dann die 
gesellschaftliche Schranke des puberilen Geschlechtsverkehrs aus- 
"wirken. 

Das sexuelle Schuldgefühl ist bei der Onanie deshalb bedeutend 
stärker als beim Geschlechtsverkehr, weil die Onanie mit Inzest- 
phantasien überlastet ist, während der befriedigende Geschlechts- 
Terkehr unter normalen Umständen die Inzestphantasien überflüssig 
macht, t^berwiegt die Fixierung an Objekte der Kindheit, so wird 
auch der Akt gestört, die Schuldgefühle sind dann nicht geringer als 
hei der Onanie. Es zeigt sich auch beliebig oft, dass ein befriedigendes 
Sexualerlebnis auch die sexuellen Schuldgefühle abzubauen vermag. 
Da nun die Onanie unter sonst gleichen Bedingungen nie so befriedigt 
^^■ie der Geschlechtsverkehr, tritt bei ihr auch das Schuldgefühl 
stärker auf. 

Von dem Typus des Puberilen, der völlig unfähig ist, den Schritt 
aus seiner infantilen Bindung an die Eltern in das reale Sexualleben 
zu machen, bis zu dem Typus, der diesen Schritt skrupellos unter- 
nimmt und sich so aus dem Infantilismus seiner Sexualität rettet, 
gibt es alle t^bergänge. Der erste ist gewiss derjenige, welcher dem 
Ideal des »braven« Jugendlichen nahekommt, der der Familie anhängt, 
sich den Forderungen der Eltern, die ja Repräsentanten der bürger- 



78 Das Problem der Pubertät 

liehen Gesellschaft sind, fügt; er ist der im Sinne der bürgerlichea 
Auffassung gute Schüler: anspruchslos, bescheiden, unterwürfig. 
Dieser Typus bildet später die Kerntruppe der braven Ehepartner 
und kritiklosen Staatsbürger. Er ist aber aueh derjenige, der das 
Hauptkontingent der Neurosen liefert. Der andere Typus, der leicht 
als dissozial bezeichnet wird, im Kern rebellisch, anspruchsvoll, dem 
Elternhaus im Grunde abhold, den Forderungen seines kleinbürger- 
lichen Milieus feindlich gesinnt ist, stellt bei den Arbeitern und An- 
gestellten das revolutionäre Kontingent, in gewissen Schichten des 
Kleinbürgertums und im Grossbürgertum viele Psychopathen, trieb- 
hafte Charaktere, die gesellschaftlich herunterkommen, wenn sie nicht 
rechtzeitig den Anschluss an die proletarische Bewegung finden, weil 
sie sonst innerhalb ihrer Klasse in unlösbare Konflikte geraten. Da 
sie überdurchschnittlich intelligent und zu intensivem Erleben be- 
fähigt sind, wissen sich die auf den »Braven« und unterdurchschnitt- 
lich Intelligenten eingestellten Lehrer mit ihnen keinen Rat. Sie sind 
»moral insane« (Moral hier durchaus im Sinne der bürgerlichen 
Lebensauffassung), werden zumindest als solche bezeichnet, auch 
wenn sie nichts anderes anstellen, als die natürliche Funktion ihres 
Geschlechtstriebes zu erfüllen. Da aber gerade das in der bürgerlichen 
Gesellschaft, unter den gegebenen Bedingungen des sexuellen Daseins, 
allzu oft hart an das Kriminelle streifen m u s s, sind solche Jugend- 
liche aus rein sozialen Gründen der Verwahrlosung leicht ausgesetzt. 
Wir befinden uns bei dieser Beurteilung der jugendlichen Sexualität 
in voller Übereinstimmung mit Lindsey. der in seinem Buche »Die 
Revolution der modernen Jugend« bei der Besprechung der Schwierig- 
keiten des Jugendlichen sagt: 

»Im allgemeinen unterscheide ich mehrere Arten von Jugendlichen, die nicht 
leicht in derartige Schwierigkeiten kommen. Zunächst sind das die Energielosen, 
die kein Selbstvertrauen, keine Initiative haben. Die jungen Sünder besitzen 
allermeistens gerade diese wertvollen Eigenschaften, und sind deshalb um so mehr 
wert, gerettet zu werden. Es ist nicht immer so, aber sehr oft. Gute Schulzeug- 
nisse im Betragen können für den Knaben nur bedeuten, dass ihm Mut und Energie 
oder Gesundheit fehlt und er nicht durch »Tugend«, sondern durch Furcht zu- 
rückgehalten wird. Moral spielt für den normalen Jungen keine grosse Rolle, 
wenn er wirklich das gesunde, junge Lebewesen ist, das er sein soll. Er sollte 
sich seiner Seele ebenso unbewusst sein wie seines Atems oder irgendeiner an- 
deren Lebensbclätigung«. (»R evolution der modernen Jugend« 
S. 75.) 



2. GESELLSCHAFTLICHE FORDERUNG UND SEXUELLE 

WIRKLICHKEIT 

Wir haben hier zunächst drei Fragen über die jugendliche Sexu- 
alität zu beantworten: 

l. Welche Anforderungen stellt die bürgerliche Gesellschaft an 
die Jugendlieben und aus welchen Gründen geschieht das? 



Gesellschaftliche Forderung und sexuelle Wirklichkeit 79> 



2. Wie sieht das Sexualleben der Jugend zwischen dem 14. und 
18. Lebensjahre wirklich aus? 

3. Welche sicheren Tatsachen kennt man über die Folgen: a) der 
Onanie, b) der Abstinenz, c) des Geschlechtsverkehrs bei Jugend- 
lichen? 

Die bürgerliche Gesellschaft fordert, indem sie »sittliche Normen« 
für das Geschlechtsleben aufstellt, vom Jugendlichen unbedingte 
Keuschheit vor der Eheschliessung. Sie verurteilt ebensowohl den 
Geschlechtsverkehr wie die Onanie. {Wir sprechen hier nicht von 
einzelnen Forschern, sondern von der ideologischen Atmosphäre.) Die 
Wissenschaft, soweit sie, natürlich ohne es zu ahnen, von der bürger- 
lichen Wellanschauung beeinflusst ist, stellt Thesen auf, die jener 
Weltanschauung eine solide Basis abgeben sollen. Gewöhnlich tut sie 
nicht einmal dies, sondern beruft sich lediglich auf die berühmte 
sittliche Natur des Menschen. Dabei vergisst sie ihren eigenen Ge- 
sichtspunkt, den sie so oft dem weltanschaulichen Gegner entgegen- 
hält, dass Wissenschaft nichts anderes zu tun berechtigt sei, als Tat- 
sachen zu beschreiben, und zwar wertungsfrei zu beschreiben, und 
auf ihre Ursachen hin zu erklären. Wo sie über die Begründung der 
gesellschaftlichen Forderungen durch ethische Argumente hinaus- 
gelangt, ohne sich in Wirlichkeit von ihnen befreit zu haben, bedient 
sie sich einer objektiv weit gefährlicheren Methode, nämlich der 
Verschleierung der ethischen Gesichtspunkte durch pseudo-wissen- 
schaftliche Thesen. Die Ethik wird wissenschaftlich rationalisiert. 

Es wird etwa behauptet, die Askese der Jugendlichen 
sei notwendig, well sonst die sozialen und kul- 
turellen Leistungen herabgesetzt würden. Man stützt 
sich dabei auf die Theorie Freuds, dass die sozialen und kulturellen 
Leistungen des Mensehen energetisch gespeist werden von Sexual- 
energie, die von ihrem ursprünglichen Ziele ab und auf ein »höheres« 
Ziel gelenkt wurde. Diesen Vorgang kennen wir unter dem Begriff 
der »Sublimierung«. Die Theorie ist richtig und beruht auf reicher 
klinischer Erfahrung. Man hat aber Sexualbefriedigung und Sub- 
limierung zu einem starren und absoluten Gegensatz gemacht. Man 
muss konkret die Frage stellen: welche Art der Sexualbefriedigung 
und -betätigung, Sublimierung welcher sexuellen Triebkräfte? 

Das Argument: Askese sei zur sozialen Entwicklung nötig, stimmt 
schon rein beobachtungsgemäss nicht. Man behauptet, der Geschlechts- 
verkehr der Jugend im geschlechtsreifen Alter würde ihre Leistungen 
herabsetzen. Tatsache ist — und darin stimmen alle modernen Sexual- 
forscher überein — , dass nahezu 100 Prozent der Jugendlichen ona- 
nieren. Dadurch ist jenes Argument völlig entkräftigt. Denn, Ge- 
schlechtsverkehr soll der sozialen Leistung abträglich sein, Onanie 
hingegen nicht? Inwiefern unterscheidet sich die Onanie prinzi- 
piell vom Geschlechtsverkehr? Und ist überdies die konfliktuöse 



^0 Das Problem der Pubertät 



Onanie nicht unendlich störender, als ein geordnetes Geschlechts- 
ieben je sein könnte? Eine hoffnungslose Sackgasse in der Argumen- 
tation ! Da man nicht befriedigendes und unbefriedigendes Geschlechts- 
leben unterscheidet, kann man auch ihre verschiedenartigen Bezie- 
hungen zur sozialen Leistung und zur Sublimierung nicht sehen. Und 
warum klafft hier eine so klar übersehbare Lücke in der Theorie? 
Weil ihre Ausfüllung zu praktischen Konsequenzen führt — wie ja 

jedes konsequente Zuendedenken von Tatsachen überhaupt , die 

Schraube um Schraube aus dem komplizierten und raffinierten Bau 
der bürgerlichen Lebensauffassung lösen könnten. 

Würde das wesentlichste Argument für die Keuschheit der Jugend 
offiziell entwertet, so könnte die Jugend auf Ideen kommen und zu 
Taten vordringen, die zwar nicht ihrer Gesundheit und ihrer Soziali- 
tät, wohl aber dem Gefüge der bürgerlichen Familie und dem Bestände 
■der Eheinstitution gefährlich werden könnten. Wir werden später 
diesen Zusammenhang zwischen Keuschheitsforderung für die Jugend 
und ehelicher Moral an Tatsachen klar sehen. 

Wie sieht nun das Geschlechtsleben der Jugendlichen in Wirklich- 
keit aus? Sicherlich nicht so, wie die Moral es fordert. Konkret lassen 
sich leider keine statistischen Ergebnisse bringen. Durch Fragebogen, 
■durch die Erfahrungen in der Sexualberatung und in den Vorträgen 
-vor Jugendlichen (die von den Jugendlichen gestellten Fragen), sowie 
durch breite sexualökonomische Erhebungen sind wir in der Lage, all- 
gemein zu sagen: Völlige Abstinenz, das heisst keinerlei geschlecht- 
liche Betätigung, kommt bei Knaben, die in die Pubertät eingetreten 
sind, kaum, und wenn, so nur bei schwer Neurotischen und Gehemm- 
ten vor; bei Mädchen ist sie etwas häufiger, doch sind die Aussagen 
und Erhebungen darüber allzu unverlässlich. Es steht jedoch fest: 
Ein sexuelles Verhalten, das man mit einiger Berechtigung als Ab- 
stinenz bezeichnen könnte, ist so selten festzustellen, dass es praktisch 
:gar nicht in Betracht kommt. 

Unter dem Scheine der Abstinenz werden in Wirklichkeit alle 
möglichen sexuellen Praktiken geübt. Man lernt Frauen und auch 
Männer kennen, die jahrelang onaniert haben, ohne es gewusst zu 
haben. Bei Frauen spielt sich die Onanie verstellt sehr häufig durch 
Zusammenpressen der Schenke! ab; das Radfahren und Motorfahren 
ist eine brauchbare Gelegenheit, unbewusst zu onanieren. Das sexuelle 
Tagträumen ist, auch wenn es nicht mit begleitender Betätigung ein- 
hergeht, psychisch vollwertige Onanie, zumindest nach ihrer schäd- 
lichen Seite hin. Sexuelle Tagträumer, die nicht onanieren, werden 
bestimmt behaupten, abstinent zu leben. Bis zu einem gewissen 
Grade werden wir ihnen beipflichten; sie sind abstinent, was 
die Befriedigung, nicht aber was die Reizung an- 
langt. 



Proletarische Jugend 81 



aj Proletarische Jugend 

Es besteht unterschiedslos eine grosse Scheu, mit den Führern über 
sexuelle Dinge zu sprechen. Es ist bezeichnend, dass die Jugendlichen 
diese Frage untereinander auch nicht in ernster Weise zu diskutieren 
wagen. Wohl aber wird darüber sehr viel in Form der Zote und des 
Witzes gesprochen, die Atmosphäre ist unter den Jugendlichen von 
den sexuellen Fragen durchtränkt. Sehr oft werden Schimpfworte, 
welche allgemein üblich sind, gebraucht, um Sexuelles auszudrücken. 

Die üblichen Sexualaufklärungsabende in den Arbeiterorganisa- 
tionen verfolgen nur allzuoft den Zweck, die Jugend in der Enthalt- 
samkeit zu bestärken. Man trifft nur selten bewusste Sexualpolitiker, 
die der Jugend ihr zentrales Problem in korrekter Weise darlegen. Es 
kommt sehr auf die Art an, die sexuelle Frage aufzurollen. Erstens 
darf man selbst keinen Schimmer von Scheu oder negativer Einstel- 
lung zur Sexualität verraten, zweitens muss man ganz unverblümt 
und geradeheraus darüber sprechen, drittens verrät sich das bren- 
nende Interesse erst, wenn man die Anfragen schriftlich stellen lässt. 
Dadurch wird die persönliche Scham geschont und es gibt nur wenige 
Jugendliche, die nach so einem Vortrag keine Fragen stellen. 

Trotz dieser Einstellung der Jugendlichen wird der Geschlechts- 
verkehr sehr häufig geübt, bei der bäuerlichen Jugend schon mit etwa 
13, bei der proletarischen mit etwa 15 Jahren. 

Bei der bäuerlichen Jugend gibt es oft den Brauch, dass das Mädel 
vor dem Tanzlokal wartet, bis ein Bursch sie zum Tanz auffordert 
und ins Lokal führt. Nach dem Tanz, in dem sich die Sinnlichkeit 
offen zeigt, führt der Bursch das Mädel hinter einen Zaun, wo sie 
geschlechtlich verkehren. Schwangerschaftsverhütung ist so gut wie 
unbekannt, dagegen wird der Akt meist unterbrochen und auch 
die Fruchtabtreibung blüht (natürlich durch Pfuscher). 

Die städtische Proletarier Jugend ist über die Schwangerschafts- 
verhütung vielfach unterrichtet, macht aber sonderbarerweise ■wenig 
Gebrauch von dem Wissen. Die Jugendorganisationen und die Par- 
teien beschäftigten sich in Deutschland und Österreich vor der Zeit 
der faschistischen Herrschaft nicht mit der Frage der Schwanger- 
schaftsverhütung. Sehr viele jüngere Jugendführer standen den 
Schwierigkeiten der Jugend mit vollem Interesse gegenüber; ebenso 
manche der unteren Parteifunktionäre. Dagegen stellten sich die 
leitenden Führer durchaus ablehnend zum Problem. 

Viele Jugendliche und energische Jugendführer nahmen daher die 
Sache selbst in Angriff und versuchten Vorträge darüber zu veranstal- 
ten. Dabei stiess man auf die grösste Schwierigkeit, die Eltern der 
Jugendlichen. Es war typisch, dass selbst politisch organisierte Eltern 
ihren erwachsenen Kindern verboten, in die Organisation zu gehen, 
wenn sie hörten, dass dort über »solche Dinge« gesprochen wurde. 
7 



82 Das Problem der Pubertät 



Das galt auch dann, wenn sie bloss die Anknüpfung rein freundschaft- 
licher Beziehungen merkten, auch wenn es sich um 18jährige handelte. 
Doch die Erfahrung lehrt, dass die strengsten Eltern ihren harten 
Standpunkt in Gegenwart einer geschlossenen Masse von Jugend- 
lichen nicht aufrecht erhalten können. 

Es war eine allgemeine Erscheinung, dass Eifersucht, die gelegent- 
lich zur Prügelei ausartete, die Organisationen zersplitterte. Unter den 
jugendlichen Funktionären konnte man zwei Typen unterscheiden. 
Solche, die völlig abstinent lebten, und solche, die voll sexuell waren, 
mit einem Freund, beziehungsweise einer Freundin in ungehemmter 
Sexualbeziehung standen. Bei dem ersten Typus war es der Umgebung 
bekannt, dass die Parteiarbeit der Ablenkung vom Sexualverkehr 
dient. Bei ihnen war typisch, dass ihre Parteitätigkeit nachliess, 
wenn sie ein Mädel gefunden hatten. Viele Jugendliche kommen in 
die Organisation nur, um dort einen Sexualpartner zu finden, und 
verschwinden wieder, nachdem sie ihn gefunden haben. 

Sehr oft kommt es vor, dass ein Junge und ein Mädel sehr lange 
»miteinander gehen«, ohne zu verkehren, weil es »an Gelegenheit 
mangelt«. Daran sind die inneren Hemmungen (Impotenzangst) be- 
teiligt wie der Mangel an Gelegenheit. Bei den Mädeln ist die Angst 
vor dem Geschlechtsverkehr typisch. Die Jungen drängen öfter 
nach Geschlechtsverkehr, die Mädels hingegen erlauben alle Arten des 
Liebesspiels, lehnen aber den Geschlechtsverkehr ab. Dafür gehören 
die hysterischen Anfälle und Weinkrämpfe zu den Alltäglichkeiten. 

Die nervösen Störungen bilden ein zentrales Problem der Jugend. 
In dieser Hinsiebt ist es bei den Mädels besonders arg. Bei der sport- 
lichen Jugend ist die Sexualverdrängung stärker als bei der nicht- 
sportlichen, und man betreibt den Sport oft bewusst, um der Sexuali- 
tät Herr zu wenden. 

Auch in den Sommerkolonien, den Studentenheimen und den Ko- 
lonien der Gymnasiasten begegnet man den beiden typischen Er- 
scheinungen: einerseits weitgehender sexueller Freiheit, anderseits 
schwersten Konflikten der unentschlossenen Jugend, die nicht selten 
zu Explosionen führen, welche das gesamte Leben in der Kolonie er- 
schüttern. 

Mädels machen gelegentlich im Vertrauen die Mitteilung, sie hätten, 
wenn sie zu Hause sässen, intensivste Sehnsucht nach einem Freund 
oder dem Freund, sie wären aber, wenn es darauf ankommt, ins Lie- 
besleben einzutreten, zu ihrem Leidwesen völlig ablehnend. Sie finden 
nicht den Übergang vom Phantasieleben zur realen Sexualbetätigung. 

Die Jungen onanieren allein oder miteinander, was sich gelegentlich 
zu kollektiven Exzessen steigert. Bei den Jungen ist die Onanie ver- 
breiteter als bei den Mädchen. 

Tanzunterhaltungen und kollektive Festlichkeiten steigern die 



Widerspruch zwischen Kollektiv u. Struktur 



83 



sexuelle Spannung, ohne dass eine entsprechende Entspannung er- 
folgt. 

Die Jugendlichen, welche für sich mit dem Problem insofern fertig 
geworden sind, als sie sich zur Aufnahme des Geschlechtsverkehrs ent- 
schlossen, klagen über den zermürbenden Raummangel. Der Ge- 
schlechtsverkehr wird im Frühling und Sommer im Freien durch- 
geführt, aber im Winter leiden sie sehr unter der äusseren Unmög- 
lichkeit, geschlechtlich zu verkehren. Sie besitzen kein Geld, um die 
relativ teueren Hotels aufzusuchen; dass ein Jugendlicher über ein 
Zimmer für sich allein verfügt, kommt kaum vor; und die Eltern 
lehnen durchwegs energisch ab. So kommt es zu schweren Konflikten 
und zu unhygienischer Art des Geschlechtsverkehrs (in Hausfluren, 
in dunklen Strassenecken usw.). 

Die Hauptschwierigkeit der ganzen Frage ist, dass die Atmos- 
phäre in der proletarischen Jugend von sexueller 
Spannung durchsetzt ist, während ein grosser 
Teil der Jugendlichen sowohl innerlich gehemmt 
als auch von äusseren Schwierigkeiten zu sehr 
erdrückt ist, um einen Ausweg daraus finden zu 
können. Eltern, Parteiführung und die gesamte 
gesellschaftliche Ideologie stehen dagegen, wäh- 
rend das Gemeinschaftsleben der Jugend den 
Durchbruch der gezogenen Sexu a I seh ranken nur 
fördert. 



Ein typisches Bild bot eine proletarische Jugendgruppe in Ber- 
lin, mit der ich in engstem Kontakt stand. Die Gruppe bestand aus 
etwa 60 jungen Proletariern im Alter zwischen U und 18 Jahren. 
Die Jungen waren in der Mehrzahl. Man sprach auch hier viel über 
Sexuelles, aber in Witzform, hauptsächlich über den Geschlechtsver- 
kehr, seltener über Onanie. Man hänselte einander und machte 
Witze, wenn man zum Beispiel einen Jungen mit einem Mädel »gehen« 
sah. Fast alle hatten Geschlechtsverkehr und man wechselte die Part- 
ner ziemlich häufig. Man nahm den Verkehr nicht sehr ernst, es 
fehlte aber an schweren Konflikten, mit Ausnahme einiger dramati- 
scher Vorfälle von Eifersucht, die in Prügeleien ausarteten. Von Ex- 
zessen oder öffentlichen sogenannten Orgien war nie etwas zu sehen. 
Der Geschlechtsverkehr vollzog sich meist auf Nachtpartien, aber auch 
sehr oft auf Tagespartien im Freien; man sah nichts besonderes darin, 
dass ein Junge und ein Mädel gelegentlich »verschwanden«. Von Ona- 
nie hörte man nur wenig, ebenso von homosexuellen Akten. Aber die 
Jungen erzählten einander gern ihre Erlebnisse, seltener auch die 
Mädel. Eine junge Kommunistin, die eine Zeitlang in der Gruppe 
als Funktionärin gearbeitet hatte, antwortete mir auf die Frage, 
r 



^* Das Problem der Pubertät 



warum man denn die Sache nicht ernst nehme und in Witzen dar- 
über spreche; :^Wie soll es denn anders sein? Die Erziehung sagt, das 
alles sei schlecht, aber sprechen muss man darüber und dann kommt 
es in Witzen heraus.« 

Das Pessar war wenig bekannt und gebraucht; meist wurde der 

Geschlechtsverkehr unterbrochen oder aber Condom benützt. Der 

Coitus condomatus wurde allgemein als kostspielige Angelegenheit 

betrachtet (ein Condom kostet etwa 30 bis 50 Pfennig). 

_ Die Parteiarbeit wurde oft durch sexuelle Konflikte gestört Man 

machte gelegentlich Jungen und Mädels den Vorwurf, sie seien nur 

wegen eines Partners in die Partei eingetreten. Mädels waren sehr 

oft nur wegen eines Jungen dabeigeblieben. Eine Funktionärin meinte. 

das sei nur deshalb so gewesen, weil die Jugendlichen sich selbst nicht 

ganz klar über ihr Geschlechtsleben waren; unterdrücken ~ meinte 

sie — wäre noch viel schlimmer, aber die Sache würde keine solche 

Rolle spielen, wenn die Erziehung eine andere wäre und man offen 

und ernst die Fragen behandelte. Im Winter zum Beispiel sei allein 

der Konflikt wegen der mangelnden Gelegenheit zu verkehren sehr 

gross. Die Jugendlichen litten alle sehr darunter. 

Ich kenne nur die österreichische und deutsche proletarische Ju- 
gend genau. Ich darf auf Grund vieljähriger ärztlicher und jugend- 
pohtischer Arbeit versichern, dass die Verhältnisse mit geringen 
Unterschieden überall gleich trostlos, die Gesundheit und den Kampf- 
geist vernichtend sind. 1934 verbot die nationalsozialistische Regie- 
rung Deutschlands das gemeinsame Wandern und Übernachten der 
männlichen und weiblichen Jugend. Keine Partei wagte, diesen 
lebendigen Tatbestand im Interesse der Jugend aufzugreifen. 

Ich zweifle nicht daran, dass die sexuellen Lebensverhältnisse in 
allen kapitalistischen Ländern furchtbar sind; diese Ansicht wird 
durch Berichte bestärkt, die ich aus England, im speziellen aus Lon- 
don, aus Ungarn, Amerika etc. bekam. 

Das wohl scheusslichste, verderblichste Elend bereitet der Ar- 
beiter- und Kleinbürgerjugend die Tratschsucht der alten Jungfrauen 
und unbefriedigten Weiber und Männer in den Kleinstädten und auf 
dem Lande international. Es wird hier der Jugend, auch wenn sie 
könnte, völlig unmöglich, eine Liebesbeziehung zu entfalten. Die 
Langeweile, der die Bevölkerung ausgesetzt ist, schafft viel geile 
Lüsternheit und Bösartigkeit, die ungezählte Selbstmorde verursachen. 
Trostlos ist das Bild dieser Jugend. Als ich in Malmö im Exil leben 
musste, hatte ich reichlich Müsse, mir Beweise für die Korrektheit 
meiner Anschauungen zu holen. Zwischen 8 und 11 Uhr abends spa- 
zierte die Jugend zwischen etwa 17 und 30 Jahren in der einzigen 
Hauptstrasse der Stadt auf und ab. Jungs und Mädels getrennt, je 
drei bis vier Jungs und ebensoviel Mädels zusammen. Die Jungs 
machten dumme Witze, setzten freche Mienen auf, denen die Scheu 



Grossbürgerliche Jugend gc 



hindurchleuchtete; die Mädels kicherten verschämt einander an Alle 
wissend, keiner bewusst. Gelegentlich in Hausfluren Knutschereien 
Kultur? Brutstätten für faschistische Gesinnung, wenn die Langeweile 
und die Sexualverrottung dem nationalsozialistischen Trara begegnen 
Und die sozialistischen Organisationen sind nicht bereit, das Leben 
zu organisieren. 



bj Grossbürgerliche Jugend 

Hören wir nun L i n d s e y s Bericht über das Sexualleben der gross- 
bürgerlichen Jugend Amerikas. 

Der Durchbruch des genitalen Sexuallebens in den Schulen nahm 
Formen an, die die Behörden zum Einschreiten zwangen. Lindsev 
schreibt: 

in Hp?s\'i''"*K-^f'^^ Studienanstalt (Phillips Academy) mussle das Tanzen 
ntd V ^ verbieten wegen der Ausschweifungen, die dabei vorkamen. Auch 
vi. H ^«^^'?«^."'''^%''eschaftiste die ganze Öffentlichkeit stark. Direktor E. Stearns 
ri^h. /T Academy berichtete in einem Artikel an die Zeitung ,Bostou 
^FiLif "^ ^^ ^°f '•^^ "**=^^°ahmen, die er kürzlieh hatte ergreifen müssen, 
wL^m-fdrpStet'I''^'""^^ ^"^ '- "'^'^^- -" Studentenschaft gewese^ 

.ve.Lelfl/s^uwe\sS. ''^°^° ""' ''" ^^^^^' ''' ""^^^^^ *^'^^^^"- --'^^^'-• 

'i- ^" -^^t-hüten, dass Mädchen zweifelhaften Charakter, zugelassen würden. 

T.J^.S V" J''' ^" verhüten bei den jungen Leuten beiderlei Geschlechts im 
J anzsaal und anderswo. 

4. Angetrunkene nicht zuzulassen oder binauszuweisen 

5. Den AnUeideraum der Mädchen zu überwachen, um' ungehörige Kleidunff 
zu verhüten, ebenso Trinken und unanständige Reden *■ " 'b^: «viLiaung 

_ 6. Darauf zu halten, dass Mädchen, die zum Besuch dieser Knabenschule 
kamen von Anstandsdamen begleitet würden, und dass während des Tanzes keine 
Autofahrten von den jungen Leuten unternommen würden 

7. Dafür zu sorgen, dass keine Autos in der Nähe des Tanzsaales hielten 

8. Andere Versamminngen und Zusammenkünfte draussen zu verhüten die 
sich der Kontrolle des eigentlichen Tanzes entzögen, 

9. Darauf zu achten, dass die Mädchen nach dem Tanz sofort ihre Zimmer- 
aufsuchten. 

Ich gebe diese Aufstellung ungekürzt wieder, weil sie die Zustände an einer 
der allerersten und feinsten Schulanstalten unseres Landes so deutlich aufzeigt 
wie es nichts anderes vermag. Die jungen Leute sind fast alle aus reichen Häusern 
des Ostens mit alter Kultur und haben erstklassige Erziehung und beste Tradi- 
tionen hinter sich.« (»Revolution der modernen Jugend«, S. 45.) 

Versuchen wir über das moralische Staunen, dass sich derartige 
Zustände bei Jugendlichen »aus reichen Häusern des Ostens mit alter 
Kultur« vorfinden, zur Erkenntnis vorzudringen, dass diese Zustände 
eben trotz des äusseren Puritanismus und der antisexuellen Erziehung 
da sind; nur ihre Formen imponieren als das dialektische Gegenteil 
der antisexuellen Moral. Was uns hier besonders interessiert ist nichts 
dass sich die unterdrückte Sexualität gegen die moralischen Forde- 



Das Problem der Pubertät 



rungen durchsetzt, sondern welchen Einfluss die Sexual- 
moral auf die Formen der Sexualbelätigungen 
nimmt. Wir werden sofort sehen, dass diese Sexualbetätigungen 
weder der Sexualmoral, noch der sexuellen Oekonomie entsprechen, 
wohl aber Kompromisse beider sind, wobei beide zu kurz kommen. 

»Die Zcußen sind alle Besucher höherer Lehranstalten. Der erste Punkt ihrer 
-Aussagen ist, dass mehr als 90 Prozent aller Mädchen und Jungen, die Gesell- 
scbaftcn, Tänze und Autofahrten mitmachen, sich in Küssen und Siehabdrücken 
ergehen. Dies bedeutet nicht, dass jedes Mädchen sich von jedem Jungen abknut- 
schen lässt. Aber jedes findet immer einen, mit dem es sich soweit einlässt. Die 
übrigbleibenden 10 Prozent sind junges Volk, das nicht körperliche oder seelische 
Hnergie genut; hat, um seine natürlichen Triebe zum Ausdruck zu bringen. Das 
heisst, dass es Kraftüberschuss, überschäumender Lebensmut ist, was diese jungen 
Menschen in Konflikte, in Not bringt, und dass es sieh einzig darum bandelt, 
diese mächtigen Energien weiser zu lenken. 

Die Aussagen über den Prozentsatz, von dem ich eben spreche, sind fast ein- 
stimmig. Wenn das die Wahrheit ist, so bedeutet es, dass die Jugend ungefähr 
einmütig zu dem Schlüsse gekommen ist, diese erste, schvi'ächere Form von sexuel- 
ler Erfahrung als ihr rechtmässig zukommend zu betrachten. Sie nimmt dieses 
Recht in weitesten Kreisen tatsächlich in Anspruch, überschreitet aber nicht die 
Grenzen, die ziemlich klar gezeichnet sind. Einige Mädchen bestehen auf solchen 
Krgotzungen bei den Jungen, mit denen sie sich abgeben, und sind in einer ge- 
schickten Art ebenso angriffslustig wie die Knaben selber. 

Ich entsinne mich eines sehr schönen, lebhaften Mädels, das mir erzählte, 
sie hätte mit einem bestimmten Jungen nichts zu tun haben wollen, weil er kein 
rechter Draufgänger wäre und nicht verstände, sie ordentlich abzuknutschen. 

»Tun denn heutzutage alle Jungens so etwas?« fragte ich. 

»Natürlich«, sagte sie. »Wenn nicht, dann stimmt's nicht bei ihnen«. 

(»Revolution der modernen Jugend«, S. 48. f.) 

Wenn Lindsey hier von Kraftüberschuss spricht, von über- 
schäumendem Lebensmut, so hat er nur insofern Recht, als das 
>über« zum Teil der viveren Sexualität des Jugendlichen entspricht, 
zum anderen Teil das Resultat des widerspruchesvollen Charakters der 
Sexualbetätigung ist. Wir haben gehört, die Jugend betrachte das 
Abknutschen, das heisst, die Vorlustakte »als ihr rechtmässig zu- 
kommend«; sie überschreite aber »nicht die Grenzen, die ziemlich 
klar gezeichnet sind«. W^ir dürfen uns weniger vorsichtig ausdrücken. 
Die Jugendlichen üben also alle Arten sexueller Reizung, schreiten 
aber in der Mehrzahl nicht zum Geschlechtsakt. Weshalb, müssen wir 
fragen, gestatten sie sich alles bis auf den Geschlechtsakt? Die Ant- 
wort ergibt sich, wenn man bedenkt, dass die Moral ausdrücklich den 
Geschlechtsakt als das schlimmste sexuelle Tun hinstellt. Ist es doch 
auch in der Tat der bedeutsamste Abscbluss der Liebeserregung. Mit 
dem Abknutschen hat man sich bereits emanzipiert, mit der Ablehnung 
des Geschlechtsaktes hängt man noch an der bürgerlichen Moral. Hier 
spielt die Heiratsfähigkeit der Mädchen hinein, denn die \arginale 
Intaktheit ist für die Jugendliche eine Heiratschance mehr. Trotzdem 
bleiben, wie Lindsey weiter schreibt, »wenigstens 50 Prozent der 
jungen Leute, die mit Abdrücken und Küssen anfangen, nicht dabei 



Widersprüche bei Lindsey 



87 



stehen, sondern gehen weiter und geben sich anderen sexuellen Frei- 
heiten hin, die sogar nach den von ihnen angenommenen sittlichen 
Forderungen empörend und unanständig sind« {S. 52). Nur 15 Pro- 
zent gelangen zum Geschlechtsverkehr. In den Jahren 1920 und 1921 
hatte Lindsey mit 769 Mädchen zwischen 14 und 17 Jahren wegen 
»geschlechtlicher Verfehlungen« zu tun; »dass die Zahl nicht höher 
war«, sagt Lindsey, »lag an der physischen Unmöglichkeit, alle 
Fälle zu bewältigen«. Ein Schüler der oberen Klassen hatte mit 15 
Mädeln derselben Schule geschlechtlichen Verkehr gehabt. (S. 58.) 
90 Prozent der Knaben haben nach Lindsey »sexuelle Erfahrun- 
gen«, bevor sie die Schule verlassen, also vor dem 18. Lebensjahr. 
Die Mädchen sind aus ihrer Reserve herausgetreten. 

»Der Schüler der oberen Klassen, mit dem ich kürzlich sprach, gestand mir 
zu, dass er geschlechtlichen Verkehr mit 15 Schulmädchen gehabt hätte. Er hatte 
sie den gewöhnlichen Strasscnmädchen vorgezogen. Ich stellte die Wahrheit dieser 
Beichte fest, sprach mit allen 15 Mädchen und fand, dass sie gute Durchschnitts- 
typen waren. Er hatte mit jeder nur einigemale zu tun gehabt. Sie waren mit 
zwei Ausnahmen keine Mädel, die wahllos einen nach dem anderen nehmen, und 
haben sich, wie ich glaube, wieder ganz auf den rechten Weg begeben. 

Die Existenz eines Rotcn-Licht-Bcz irlics in Denver 
hätte diese Mädchen vielleicht vor solchen Erfahrungeu- 
behütct, aber das würde weder die Schüler noch die Prostituierten behütet 
haben, die ebenso gut ein Recht auf Rettung haben, wie jeder andere. Wenn jetzt 
sehr viele mehr unseren »guten« Mädels sexuelle Erfahrungen haben, so sind 
dafür aber, so merkwürdig das erscheinen mag, viel weniger als früher »ver- 
loren« und »zugrunde gerichtet«. 

Hier spricht Lindsey, vielleicht ohne es zu ahnen, das Grund- 
geheimnis der Prostitution und die Lösung aus, die sich die sexuelle 
Krise schafft: Niedergang der Prostitution durch Ein- 
beziehung der weiblichen Jugend ins Geschlechts- 
leben. 

»Diese angriffslustige, fordernde, geistige Haltung der Mädchen hinsichtlich 
Aufklärung, Wahrheit ist in den letzten Jahren immer allgemeiner und unver- 
hüllter geworden. Der Grund dazu ist, dass die Mädchen bei den heutigen wirt- 
schaftlichen und sozialen Verhältnissen mehr und mehr den Männern gleichgestellt 
werden. Viele kommen, nachdem sie die Schulen verlassen haben, in besser bezahlte 
Stellungen als die Jünglinge, mit denen sie »gehen«. So findet sich mancher Lieb- 
baber in diesem Punkt von seiner Liebsten mit kritischen, wenn nicht gering- 
schätzigen Blicken betrachtet.« (1, c. S. 95.) 

Weiter: 



»Ich habe bestimmte Zahlen an der Hand, die beweisen, dass auf jeden Fall 
geschlechtlicher Verfehlungen, der herauskommt, eine ganze Menge anderer kom- 
men, die nicht entdeckt werden. Zum Beispiel wurden nur 25 Mädchen schwanger 
von 495, die mir gestanden hatten, sich mit jungen Leuten abgegeben zu haben, 
Sie waren alle im Alter von 14 bis 18 Jahren, Das würden 5 Prozent sein. Die 
anderen vermeiden Schwangerschaft, einige durch glücklichen Zufall, andere, weil 
sie Verhütungsmittel kennen. Solche Kenntnis ist unter den Jugendlichen auch 
viel weiter verbreitet, als man gewöhnlich annimmt. . , . Drei Viertel dieser 495 
Mädchen kamen aus freien Stücken zu mir, einige weil sie schwanger, einige weil 



88 Das Problem der Pubertät 



sie angesteckt, andere weil sie voller Gewissensbisse waren oder irgendeinen be- 
sonderen Rat brauchten. Die Not trieb sie zu mir, sonst wären sie gewiss nicht 
Kekommen. Nun sind aber eine ganze Menge da, die trotz solcher Not den WeE 
zu mir nicht kennen oder finden, oder sich lieber selbst helfen wollen und wissen 
wie es »gemacht« wird. ' 

Mit anderen Worten: diese rund 500 Mädchen, die in einem Zeitraum von 
weniger als zwei Jahren durch mein Büro gingen, stellten nur eine ganz kleine 
Gruppe von allen denen dar, die in gleicher Lage waren, sich aber besser allein 
zu helfen wussten. Hunderte gehen zum Beispiel zum Abtreiben Das vermute 
ich nicht nur. Ich weiss es.« (1_ (._ g 54 55 ^ 

Welche Schlüsse zieht Lindsey aus seinen vom Standpunkt 
der bürgerlichen Moral niederschmellernden Feststellungen? 

»Ich brauche nicht zu sagen, dass dies eine höchst schwierige und gefährliche 
frage ist. Sie kann nicht gelost werden durch Angebertum oder Wachsamkeit 
aut i>eiten der Alteren. Ihr kann nur durch ein freiwillig innegehal- 
tenes S.ttengesetz begegnet werden, durch echte innere 
Hemmungen, die von dem Jungvolk selbst gutgeheissen und angenommen 
werden. Solch ein Gesetz kann sich nur durch die freimütigste und 
gründlichste Erziehung in freie natürliche Tat umsetzen 
lassen.* ^5 ^2^ 

Was ist dieses Sittengesetz? Wie stellt sich Lindsey konkret 
die Lösung vor? Wie soUen solche »echte innere Hemmungen« erzielt 
werden? Echter als die anerzogenen Einschränkungen und Verdrän- 
gungen der Sexualität, wie sie an allen Orten der bürgerlichen Ge- 
sellschaft durch Elternhaus, Schule und Kirche der Jugend beigebracht 
werden, können keine Hemmungen sein, aus einem sehr einfachen 
Grunde: weil es andere als anerzogene, von der Aussenwelt aufgenom- 
mene Hemmungen nicht gibt, weil die Natur ein »Sittengesetz« nicht 
kennt. Und welches ist das Resultat Jahrhunderte währender Sexual- 
unterdrückung der Jugend? Das, was Lindsey geschildert hat. 

Lindsey geriet in Widersprüche, die vom Standpunkt seiner 
Anschauung des Wesens der Dinge und Vorgänge ganz unlösbar 
wurden. Er stellt einerseits Tatsachen fest, die den Untergang der 
bürgerlichen Moral in der Jugend bedeuten. Von da gelangt er zu 
Forderungen, aus eben diesen Tatsachen, die nichts anderes bedeuten 
als Wiederaufrichtung derselben Moral, deren Untergang er selber 
feststellt und zum Teil sogar ausdrücklich billigt. Er kommt aus 
der monogamen Eheideologie und aus der Keusch- 
heitsforderung für das Mädchen schliesslich 
doch nicht heraus. So schreibt er an einer Stelle: 

»Vor Jahren hatte ich ein junges Mädchen von 17 Jahren unter meiner Obhut 
das schon fünf Jahre vor dieser Zeit Verkehr mit mehreren Schulkameraden gel 
habt hatte. Unmoralisch? Schlecht? Dummes Zeug! Unwissend war sie 
Em einziges Gespräch mit ihr hatte der Sache damals ein Ende gemacht Sie 
wurde eines der besten jungen Mädels in Denver. Kein männliches 
Wesen wagte es mehr, ihren Weg zu kreuzen. Sie ist sehr schön 
aussergewohnhch Idug und ist nun mit einem Mann verheiratet, der sie wie' 
ich glaube, verdient.« '/j c S 91 ) 



I 



Widersprüche bei Lindsey 



89 



Er mildert also nur die bürgerlich-moralische Wertung, er nimmt 
nicht Stellung gegen sie, er zieht aus den beobachteten Tatsachen 
nicht den Schluss ihres Fiaskos und endgültigen Niederganges. Die 
Alten sagten, das Mädchen sei dumm und schlecht; Lindsey meint, 
sie sei nur unwissend. Ich bezweifle, dass sie unwissend war. Sie 
wusste genau, was sie tat; sie landete aber schliesslich und musste 
landen in der Ehe, wie sie für ein Mädchen der bürgerlichen Gesell- 
schaft vorgeschrieben ist. Dadurch wurde sie nicht wissender im 
Sinne sexueller Orientiertheit. sondern höchstens »wissender« unter 
dem Einfluss L i n d s e y s um die Folgen, die ihr drohten, wenn sie 
sich der normierten Sexualform nicht beugte. 

Lindsey stellt also fest: 

1. dass sich die sozialen Masstäbe ändern: 

»Es geht also nicht an, zu behaupten, dass die erwähnten Dinge nur eine 
vorübergehende Nachkriegshysterie waren und jetzt behoben sind, nachdem man 
sie äusserlich unter Kontrolle bekommen und das Tanzverbot, das den sich als 
unwirksam erweisenden Polizeimassnahmcn gefolgt war, aufgehoben hat. Heute 
wird die Sache nur geschickter gemacht, heimlicher und allgemeiner betrieben 
weil sie nicht mehr neu ist. Die Älteren im Lande aber glauben, dass nichts 
mehr unter der relativ beruhigten Oberfläche vor sich geht, und leben wieder in 
ihrem Narrenparadies. Die Jugend indessen ist schlauer und verachtet die ältere 
Generation mehr denn je und ist ist kaltblütiger als je zuvor entschlossen, ihre 
eigenen Wege zu gehen. Was nicht immer bedeutet, dass es üble Wege sind noch 
dass sie alle durchaus auf ihren eigenen Ruin ausgehen. Es bedeutet, dass sich 
unsere sozialen Massstäbe ändern, und ich bin davon überzeugt, dass sie siegen 
■werden, wenn nicht mit, dann ohne uns.« . , (S 47 1 

2. dass die wirtschaftlichen Hemmungen weg- 
fallen, in erster Linie bei der weiblichen Jugend: 

»Die äusseren Hindernisse, die wirtschaflichen Hemmungen, die früher so 
mächtig waren, sind verschwunden auf Nimmerwiedersehen, und die einzige Frage 
ist jetzt, wie bald und wie erfolgreich werden diese Hemmungen ersetzt werden 
durch die inneren eines freiwillig angenommenen sittlichen 
Standpunktes, die allein imstande sind, jemanden auf dem rechten Weg zu 
erhalten. Ich glaube nicht, dass diese jüngere Generation einzig und allein ein 
blinder Bulle im Porzellanladen ist.« 

3. dass die heutige Jugend die »gesündeste und 
sittlichste ist, die die Welt je gesehen hat.« (S. 48.) 

4. dass der Ersatz des Bordells durch Mädchen 
der eigenen Klasse besser und auch moralischer 
ist : 

»Denn die Jünglinge und Männer, die die Distrikte der Prostitution überhaupt 
möglich machten und machen, werden oder bleiben gute und angesehene Bürger, 
Gatten und Väter. Den Mädchen jener Welt aber ist das verwehrt. So scheint 
es doch, dass trotz vermehrter sesueller Verfehlungen unter den Mädchen die neue 
Zeit weniger für das Weib zerstört als die alten Tage des »Roten Lichts« mit den 
starren, härteren Konventionen, den grausamen Strafen und dem heuchlerischen 
Standpunkt der doppelten Moral. Ich will damit ganz gewiss nicht sagen, dass 
die neuen Zustände keiner Besserung bedürfen. Ich bestehe nur darauf, dass sie 
mehr wirkliche Moral haben als die alten und dass wir allen Klageweibern zum 
Trotz nicht zurückgekommen sind.« (S. 61.) 



«0 



Das Problem der Pubertät 



5. dass die heutigen Mädchen mit dem »männ- 
lichen Tier« Bescheid wissen: 

»Früher würde ein snettcs« Mädchen es als Beleidigung aufgefasst haben, 
wenn ihr so etwas zugemutet worden wäre. Jetzt mag sie die Sache ablehnen, 
ist aber kaum noch gekränkt darüber. Sie weiss zu genau mit dem männlichen 
Tier Resehcid und begreift, dass sein Instinkt schliesslich etwas Normales ist. 
Ich will hier nicht untersuchen, ob diese Offenheit zwischen jungen Mädchen 
und jungen Männern ein Gewinn oder Verlust ist. Sie gehört jedenfalls zu der 
absoluten Entschlossenheit der Jugend, das Kind beim rechten Namen zu nennen, 
und wir Erwachsenen haben damit zu rechnen, ob wir mögen oder nicht.« 
CS. 56.) 

6. »Wie der Appetit auf Nahrung, so ist das Ge- 
schlechtsverlangen weder gesetzlich noch unge- 
setzlich, weder moralisch noch unmoralisch.« 
(S. 100.) 

Bei seinen Schlussfolgerungen untersucht aber Lindsey nicht 
die Ursachen des Mi ssgl ticken s der sexuellen Revolution der 
Jugend, sondern er wertet sie vom sittlichen Standpunkt. 

»Als Ganzes haben sie durch ihre Abkehr von alten Standpunkten zweifellos 
einige echte Fortschritte gemacht, die einzelnen aber sind einfach von der einen 
Form von Sklaverei in eine andere gefallen. Zügellosigkeit ist Knechtschaft. 
Freiheit ist dagegen ein freiwilliges Unterordnen unter 
höhere Gesetze, die zwingender, schwieriger und weit 
strenger sind als menschliche Gesetze. Die Jugend verwecnselt 
die beiden oft miteinander, weil sie aus sich selbst noch nicht die rettende 
Erkenntnis hat.« (S. 80 f.) 



Wir erkennen in den »höheren Gesetzen« die Lebensnotwendig- 
keiten und Daseinsbedingungen der bürgerlichen Gesellschaft, in 
ihrem Zwang den Mangel einer gesellschaftlichen Basis für ein sexual- 
qkonomisches Leben der Jugend, in ihrer Strenge den Willen des 
Bürgertums, seine Jugend sich nicht entgleiten, sie den Fängen der 
bürgerlichen Untertanen-Fabrik, Familie genannt, nicht entkommen 
zu lassen. Und die bürgerliche Jugend kann aus sich heraus keine 
rettende Erkenntnis haben, sie darf sie nicht haben, weil sie selbst 
gerade an der Gesellschaftsordnung materiell interessiert ist, die ihrem 
Sexualleben so grosse Schwierigkeiten bereitet. 

Wie kommt es aber, dass selbst Lindsey, der verehrungswürdige 
und mutige Kämpfer für die Jugend, nicht zu den Konsequenzen vor- 
zudringen vermag, dass wir auch bei ihm den Eindruck eines moralisch 
getrübten und daher gehemmten Kämpfers für die Rechte der Jugend 
haben? Vielleicht verrät sich uns hier das Geheimnis, weshalb die 
bürgerliche Gesellschaft so strikt, trotz des Fiaskos der Forderung, 
auf dem Boden der Askese steht. 

Lindsey schreibt weiter: »War dieses Mädchen (das vor der 
Ehe Verkehr hatte und später heiratete) nun wirklich besudelt durch 



•^ 



Zerstörung der Ehe durch sexuelle Freiheit 



91 



ihr Verhältnis oder verfehlte sie sich nur, weil sie gesellschaftliche 
Sittenregeln brach? Die Unterscheidung ist von höchster Wichtigkeit. 
Wir können zugeben, dass sie Unrecht hatte, vor 
der Ehe intim mit einem Manne zu verkehren. (Vom 
Ref. gesperrt.) Aber der Fehler lag in einer Missachtung des Her- 
kommens, nicht in einer geheimnisvollen »Verunreinigung«, die nur 
durch den Aberglauben unserer Rasse heraufbeschworen wird.« S. 92.) 
Also sie ist zwar nicht »verunreinigt« durch den ausserehelichen Ver- 
kehr, aber sie verging sich gegen das »Herkommen«. Deutlicher kann 
die Keuschheitsforderung des Mädchens nicht begründet werden : Sie 
hatte Unrecht, vor der Ehe geschlechtlich zu verkehren ... absolut? 
Nein, sondern mit Rücksicht auf das Herkommen, dass die bür- 
gerliche Gesellschaft aus ideologischen und öko- 
nomischen Gründen den ausserehelichen Verkehr 
nicht billigen kann, weil dann die Ehen und auch 
die Familienideologie zugrunde ginge. Sagt doch 
Lindsey im Falle der rebellischen Mary: »Und doch soll keines- 
falls für »freie Liebe« und dergleichen Dinge Bahn gebrochen werden. 
Wir kommen nicht ohne die Ehe aus. Sie muss durch weise, vorsich- 
tige Änderung ihrer Regeln erhalten bleiben . . .« Es ist also völlig 
klar: Sexuelle Freiheit der Jugend bedeutet Unter- 
gang der Ehe (im bürgerlichen Sinne), sexuelle 
Unterdrückung der Jugend soll sie ehefähig 
machen. Darauf reduziert sich letzten Endes die vielgenannte For- 
mel von der »kulturellen« Bedeutung der Ehe und der jugendlichen 
»Sittlichkeit«. Einzig aus diesen Gründen lässt sich die Frage der 
Ehe nicht ohne die der jugendlichen Sexualität und umgekehrt dis- 
kutieren. Es sind nur Glieder an der Kette der bürgerlichen Ideolo- 
gien. Wird der Zusammenhang gestört, so gerät die Jugend in unlös- 
bare Konflikte, denn ihre Sexualfrage ist ohne die E^iefrage und diese 
wieder nicht ohne die Frage der wirtschaftlichen Selbständigkeit der 
Frau, der gesellschaftlichen Aufzucht der Kinder und der Vergesell- 
schaftung der Produktionsmittel zu lösen. 

Und Lindsey wurde trotz seiner Selbstbeschränkung in Ame- 
rika kaltgestellt. Er verlor seinen Richterposten. 



Diese Sätze wurden etwa zwei Jahre vor der ersten Veröffentlichung, 
im Sommer 1928, niedergeschrieben. Sie formulierten eine Schluss- 
folgerung aus den studierten soziologischen Beziehungen zwischen 
ehelicher Moral und Askeseforderung für die Jugend. Ein glücklicher 
Zufall versetzte mich nun im Herbst 1929 in die Lage, den statisti- 
schen Beweis für die Richtigkeit dieser Schlussfolgcrungen zu finden, 
die bisher nur ein Erraten von Zusammenhängen waren. In Moskiiu 



92 



Das Problem der Pubertät 



publizierte ein Arzt des Venerologischen Instituts, M. Barash, eine 
Arbeit; »Sex Life of the workers of Moscow« im »Jour- 
nal of Social Hygiene«, (Vol. XII., Nr. 5, Mai 1926), in der sich auch 
eine statistische Untersuchung über die Beziehungen der ehelichen 
Untreue zum zeitlichen Beginn des Geschlechtsverkehrs vor der Ehe 
fand. Von denen, die den Geschlechtsverkehr vor dem 17. Le- 
bensjahr aufnahmen, waren 61,6 Prozent in der Ehe untreu, 
von denen, die zwischen dem 17. bis 21. Lebensjahre 
geschlechthch zu verkehren anfingen — 47,6 Prozent, und von 
denen, die erst nach dem 21. Lebensjahre zum Geschlechtsverkehr 
kamen, nur mehr bloss 17,2 Prozent. Dazu bemerkt der Autor 
{S. 283) : 

»Je früher der eine oder der andere aus der untersuchten Gruppe den Ge- 
schlechtsverkehr aufgenommen hatte, desto weniger standhaft erwies er sich 
später in der Ehe; er neigte zu häufigen gelegentlichen Geschlechtsbezichungen. ... 
Diejenigen, welche in frühem Alter Geschlechtsverkehr aufnahmen, hatten später 

ein unregelmässiges Geschlechtsleben.« 

Wenn richtig ist, dass die Askeseforderung für die Jugend so- 
ziologisch direkt von der Eheinstitution, indirekt von den gleichen 
wirtschaftlichen Interessen bestimmt ist wie die offizielle Sexual- 
reform des Bürgertums selbst, wenn ferner statistisch nachgewiesen 
ist. dass früher Geschlechtsverkehr eheunfähig 
macht im Sinne der bürgerlichen Ehemoral (»lebenslänglich ein 
Partner«), dann ist es auch klar, dass die Askeseforderung 
dazu dient, eine sexuelle Struktur der Individuen 
zu schaffen, die dem strengen ehelichen Ge- 
schlechtsieben entsprechen und brave Staats- 
bürger erziehen soll. 

Wie diese Sexualstruktur aussieht, wie sie sich bei den Jugend- 
lichen selbst auswirkt und welche Widersprüche sie für die Ehesitua- 
tion schafft, soll der Gegenstand der folgenden Untersuchungen sein. 



3. EINE UNETHISCHE BETRACHTUNG ÜBER DEN 
GESCHLECHTSVERKEHR DER JUGEND 

Der Jugendliche hat nur drei Möglichkeiten: Abstinenz, Onanie 
(inklusive homosexuelle Betätigung und heterosexuelle Reizung) oder 
Geschlechtsverkehr. Man muss sich nur klar darüber sein, von 
welchem Gesichtspunkt man die Frage aufrollt. Hier gibt es wieder 
drei Standpunkte: den ethischen, den sexualökonomischen und den 
gesellschaftlichen. Ethisch ist die Frage unzugänglich und unlösbar. 
Konkret läuft die Frage auf die der sexuellen Ökonomie der Indivi- 



Die sexuelle Abstinenz in der Pubertät 93 



duen und auf das Interesse der Gesellschaft an ihren Mitgliedern 
heraus. 

Wir haben gesehen, dass die bürgerliche Gesellschaft das grösste 
Interesse an der Unterdrückung der jugendlichen Sexualität hat. Der 
Bestand der bürgerlichen Ehe und Familie sowie die Erzeugung der 
Untertanenstruktur erfordern diese Unterdrückung. Der bürgerliche 
Sexualethiker meint allerdings, bürgerliche Gesellschaft und 
menschliche Gesellschaft vermengend, dass der Bestand der 
menschlichen Geseilschaft überhaupt gefährdet wäre, wenn die 
Jugend sich, wie er sich typisch ausdrückt, »auslebte.« Aber das 
gerade muss erst untersucht werden. Konkret ist die Frage zu stellen, 
ob und welche gesellschaftlichen Interessen den sexualökonomischen 
-widersprechen, ob eine Schädigung der einen erforderlich ist, wenn 
die anderen gewahrt werden sollen. Man kann auch zunächst das 
Interesse der Jugendlichen selbst ins Auge fassen und fragen, welche 
hygienischen Vor- und Nachteile für den Jugendlichen die Abstinenz, 
die Onanie, beziehungsweise der Geschlechtsverkehr haben. 



a) Die sexuelle Abstinenz in der Pubertät 

Wir müssen natürlich die Erscheinungen der völligen Ab- 
stinenz untersuchen, denn alles andere fällt unter den erweiterten 
Begriff der Onanie. Wir haben also die unerschütterliche Tatsache 
vor uns, dass durchschnittlich um das 14. Lebensjahr herum die 
Sexualität durch die verstärkte Arbeit des innersekretorischen Appa- 
rates und die Reifung des Genitalapparates in eine höchst aktive 
Phase tritt. Der sexuelle Drang ist naturgemäss auf Geschlechts- 
verkehr gerichtet. Wenn so viele Jugendliche nicht bewusst auf den 
Geschlechtsverkehr eingestellt sind, so ist das nicht, wie allgemein 
irrtümlich angenommen wird, ein Ausdruck biologischer Unreife, 
sondern eine Folge der Erziehung, die jeden derartigen Ge- 
danken zur Verdrängung bringt. Es ist wichtig, das festzuhalten, 
wenn man die Dinge seilen will, wie sie sind, und nicht, wie sie das 
Bürgertum und die Kirche sehen möchten. Jugendliche, die die Ver- 
drängung der Vorstellung vom Geschlechtsakt überwunden haben, 
wissen ganz genau, dass es das gibt und dass sie nunmehr gerade 
darnach verlangen. Eine Voraussetzung der Abstinenz 
ist gerade die Verdrängung der sexuellen Vorstel- 
lungen, insbesondere der vom Geschlechtsakt. Es 
gibt auch die vielleicht weiter verbreitete Möglichkeit, dass die Ge- 
schlechtsaktvorstellung zwar nicht unbewusst, aber von seelischem 
Interesse so weit entblösst oder sogar mit Ekel- und Angstvorstel- 
lungen verknüpft ist {typisch für kleinbürgerliche Mädchen!), dass 
sie keine praktische Bedeutung hat. Damit die Abstinenz durch- 



■W Das Problem der Pubertät 



geführt werde, ist mehr notwendig: auch die Verdrängung der 
sexuellen Erregung. Das gibt eine Zeitlang Ruhe. Es hat in 
der bürgerlichen Gesellschaft auch den Vorteil, dass man sich den 
quälenden Onaniekonflikt und den sozial gefährlichen Kampf gegen 
das Milieu erspart, der unvermeidlich ist, wenn der Jugendliche bc- 
wusstcs und daher unüberwindliches Verlangen nach Geschlechts- 
verkehr hat. 

Die Jugendlichen zeigen meist eine deutliche Veränderung ihrer 
Stellung zur Sexuallust, wenn sie über die ersten Stadien ihrer Puber- 
tät hinausgelangen. Sie verneinen die Sexualität viel schärfer etwa 
nach dem 16. oder 17. Lebensjahre als vorher. Die Analyse weist nach, 
dass an Stelle des Strebens nach Lust die Angst vor ihr ge- 
treten ist. 

Man kann sie Lust angst nennen. Sie ist etwas grundsätzlich 
anderes als die Angst vor Strafe für sexuelle Handlungen, die in der 
meist unbewussten Kastrationsangst gipfelt. Die Sexualscheu, die 
immer mehr Platz greift, ist in dieser Lustangst verankert. Das hat 
folgenden Grund. Durch die ständige Einwirkung der Sexualverbote 
wird der Ablauf der sexuellen Reizung selbst verändert. Die klinische 
Erfahrung lehrt, dass gehemmte Lust zu Unlust, ja oft zu 
schmerzhafter Erregung am Genitale wird. Derart wird die 
Lusterregung etwa bei der Sexualbefriedigung zu einer Unlustquelle 
und dadurch zum eigentlichen Motiv, das den Jugendlichen zwingt, 
gegen seme Sexualität anzukämpfen und sie niederzuzwingen. Dem 
geschulten Sexualarzt ist das eigenartige Verhalten Jugendlicher 
bekannt, dass z. B. Erektionen des Gliedes, weil sie unlustvoll werden, 
wenn die Befriedigung ausbleibt, künstlich rückgängig gemacht werden. 
Bei Madchen in der Pubertät ist die Angst nicht vor der Bestrafung, 
sondern vor der starken Erregung noch weit ausgesprochener. Die 
Erregung wird als Gefahr erlebt. In dieser Lust angst haben 
Avir die eigentliche Verankerung der von aussen erworbenen Angst 
vor Bestrafung sexueller Handlungen zu suchen. Derart wird der 
Jugendliche selber oft zum Sachwalter der Sexualverbote. 

Der Zustand sexueller Erregtheit ohne Befriedigung ist aber nie 
lange tragbar. Es gibt nur zwei Lösungen : Verdrängung der Sesual- 
erregung oder Befriedigung. Die erste führt regelmässig zu seelischen 
Störungen, die zweite in der heutigen Gesellschaft zu sozialen Kon- 
flikten. 

Die Abstinenz ist also gefährlich und absolut gesundheitsschädlich. 
Zunächst ist da der Umstand, dass die unterdrückte Sexualerregung 
sich verschiedene Auswege schafft. Entweder tritt sehr bald eine ner- 
vöse Störung auf oder der Jugendliche verfällt in sexuelle Tagträume, 
die ihn in seiner Arbeit arg behindern. Wer allerdings den Zusammen- 
hang zwischen sexueller Erregung und Ner^'osität in allen ihren 
Formen nicht sehen will, der kann leicht sagen, dass die Abstinenz. 



■^ 



Versuche zur Abtötung der Sexualität 96 



nicht schade, oder sogar, dass sie in den meisten Fällen durchzuführen 
wäre. Er stellt nur fest, dass der Jugendliche abstinent leht, also kann 
er es offenbar auch. Dass er aber dafür eine Neurose und andere 
Schwierigkeiten eintauscht, entgeht dem Blick des Unorientiertcn. Er 
meint etwa, die Neurose sei Ausdruck einer »degenerativen A'eran- 
lagung« oder des Willens zur Macht. Er erspart sich mehr als der 
Jugendliche; er erspart sich das Nachdenken über das schwierige 
Problem der jugendlichen Sexualität überhaupt und über das der 
gesellschaftlichen Ordnung dazu. 

Nicht alle Jugendlichen, die abstinent sind, erkranken sofort neu- 
rotisch, wird man sagen. Gewiss, aber wie soll man nun die Tatsache 
hinnehmen, dass sich dann die Neurose erst recht später einstellt, 
wenn in fortgeschrittenem Alter die Anforderungen der »legalen« 
Sexualbetätigung an den Menschen herantreten? Die scxualökonomi- 
schc Klinik lehrt, dass diejenigen Fälle die ungünstigsten sind, die 
niemals den Mut zur Onanie aufbrachten. Man hat zuerst verdrängt, 
vielleicht sogar für eine Zeit glücklich, hat seinen Sexualapparat nicht 
betätigt, und wenn man dann so weit ist, dass die bürgerliche Gesell- 
schaft zufrieden sein kann, versagt der Apparat, er ist sozusagen 
eingerostet. Das zablenmässige Überwiegen der weiblichen Sexual- 
störungen gegenüber der Impotenz des Mannes weist darauf hin, dass 
zwischen der selteneren Onanie und stärkeren Sexualverdrängung der 
Mädchen und ihrer späteren sexuellen Erlebnisunfähigkeit ein inniger 
Zusammenhang besteht. Das den Jugendlichen zu sagen, hütet man 
sich wohl, auch wenn man es weiss, denn welche Rechtfertigung gäbe 
es dann noch, Abstinenz zu predigen? Man könnte nicht einmal mehr 
auf die sportliche Betätigung als Ausweg aus der Sexualnot hinweisen. 

Wiederholt wurde mir die Möglichkeit der sportlichen Ablenkung 
des Sexualtriebes entgegengehalten, wenn ich das Onanieproblem be- 
sprach. Darauf konnte ich, wollte ich nicht Tatsachen unserer Sexual- 
moral zuliebe verfälschen, nur entgegnen, dass zwar der Sport die 
beste Art ist, den Sexualtrieb herabzusetzen, dass aber auch Sportler, 
die mit ihrer Betätigung den Sexualtrieb völlig abtöten wollen, recht 
häufig ihre Absicht so gut erreichen, dass sie später über ihre 
Sexualität nicht mehr verfügen können. Man staunt immer wieder, 
wieviel kräftige, sportlich trainierte Menschen es gibt, die sexuell 
gestört sind. Sie haben den Sport mehr oder minder auch im Kampfe 
gegen ihre Sexualität getrieben. Da sie aber nicht die ganze Sexual- 
crregung auf die Dauer in sportlichen Leistungen unterbringen 
konnten, mussten sie schliesslich zum Mittel der Verdrängung greifen, 
mit all den Folgen, die diese gewöhnlich nach sich zieht. Der Sport 
ist also zwar ein Mittel zur Herabsetzung der Sexualerregung, aber 
so ungeeignet, das Sexualproblem der Jugend zu lösen, wie irgend- 
eines, das auf Ertötung der Sexualerregung zielt. 

Wer wissend um die Folgen seines Tuns diese auf sich nimmt,. 



■96 Das Problem der Pubertät 



den lassen wir gerne gewähren. Wir wollen ja niemand zum befrie- 
digenden Geschlechtsleben zwingen, aber wir sagen: Wer mit dem 
Risiko einer seelischen Erkrankung oder einer Herabsetzung der 
Loistungs- und Lebensfreude abstinent leben will, der tue es. Wer 
es nicht will, der trachte, zu einem geordneten, befriedigenden Sexual- 
leben zu kommen, sobald der sexuelle Drang nicht mehr zu überhören 
ist. Es ist aber Pflicht, das Einrosten der Sexualität, ihr Zurück- 
fluten in kindliche und perverse Betätigungen und die seelische 
Erkrankung als Folgen der abstinenten Lebensweise im jugendlichen 
Alter hervorzuheben. Sind doch jene Fälle die tragischsten, die im 
vorgeschrittenem Älter zu uns in die Ordination oder Sexualberatung 
kommen, 35-, 40-, ja 50- und 60jährige, mit schwersten Störungen 
ihres seelischen Haushalts, neurotisch, vergrämt, vereinsamt, lehens- 
überdrüssig, und von uns Hilfe verlangen. Meist rühmen sie sich, 
nicht »ausschweifend« gelebt zu haben, worunter sie die Vermeidung 
der Onanie und des frühen Geschlechtsverkehrs verstehen. .• ■. 

Die Gefahren der sexuellen Abstinenz werden auch von sonst klar- 
blickenden sozialistischen Autoren nicht richtig eingeschätzt, und das 
aus zwei Gründen: Erstens ist ihnen der Zusammenhang zwischen 
einer erst später einsetzenden Sexualstörung und zu langer Abstinenz 
nicht bekannt, zweitens haben sie nicht Gelegenheit gehabt, den innigen 
Zusammenhang zwischen nervösen Störungen und sexueller Enthalt- 
samkeit so gehäuft vor sich zu sehen, wie der praktizierende Psycho- 
therapeut und der Sexualberater. Fritz Brupbacher schreibt in 
seiner sonst ausgezeichneten Broschüre »Kindersegen, Fruchtverhü- 
tung, Fruchtabtreibung« (Neuer Deutscher Verlag, 1925): 

»In allen mögliehen Schriften wird über Schaden und Nutzen der Enthaltsam. 
kcit philosophiert. Wem sie gefällt, der mag sie üben. Sie wird ihm nichts schaden. 

■" ,o\ ^^"^ ''^^ Enthaltsamkeit gesünder als die üeschlechtsitrankheitcn.« 

(S. 18.) 

Brupbacher hat, wie sich in Gesprächen zeigte, diese Ansicht 
aufgegeben. Er übersah, dass der Hang zu langdauernder Askese selbst 
bereits ein krankhaftes Symptom ist, Anzeichen einer ziemlich voll- 
ständigen Verdrängung des bewussten Sexualverlangens. Und sie 
schädigt das Liebesleben und die Arbeitsleistung immer, früher oder 
später. Das ist Erfahrungstatsache. Sie der Jugend zu 
empfehlen, bedeutet, den Keim zu einer früher oder später hervor- 
brechenden Neurose, zumindest aber zu verminderter Lebensfreude 
und Leistungsfähigkeit zu legen. Und vom Standpunkt der seelischen 
Ökonomie aus betrachtet, möchte man auch bezweifeln, dass sie ge- 
sünder ist als die Geschlechtskrankheiten. Diese kann man loswer- 
den, wenn man sich ordentlich behandeln lässt. Die krankhaften Cha- 
rakterveränderungen hingegen, die man durch enthaltsames Leben er- 
wirbt, lassen sich nur selten ganz beseitigen, und überdies verfügen 
-wir nicht über die Zahl an tüchtigen Psychotherapeuten, die notwen- 



Methoden der Hilflosigkeit 97 



dig wäre, um das Übel zu heilen, das lange Abstinenz anrichten kann. 
Damit soll die Geschlechtskrankheit nicht unterschätzt werden. Aber 
man pflegt sie gewÖhnUch als Kinderschreck zu verwenden, als ge- 
eignetes Mittel, die Sexualverdrängung durchzusetzen. Im ' übrigen 
lautet die Alternative gar nicht: Enthaltsamkeit oder Geschlechts- 
krankheiten, denn man kann die Geschlechtskrankheit vermeiden 
wenn man nur mit geliebten Partnern der gleichen Schichte und nicht 
mit Prostituierten verkehrt. 

Wir sprechen hier von der Abstinenz der Jugendlichen und meinen 
damit — man missverstehe uns nicht -~ die 15-, 16-, 17- und ISjähri- 
gen. Gefordert wird die Abstinenz von autoritativer Seite »bis zum 
Schluss der Epiphysen fugen«, das heisst etwa bis zum 24. Lehensjahr. 
In Wien hielt seinerzeit eine sozialistische Fürsorgerin Vorträge vor 
Jugendlichen, in der diese schädliche »Lehre« unter dem Deckmantel 
wissenschaftlicher Thesen den Jugendlichen eingebläut wurde. Sie 
hatte sich aber nicht darüber geäussert, was der Epiphysenschluss 
mit der um rund zehn Jahre früher erfolgenden Reifung des Ge- 
schlechtsapparates zu tun hat. Im »Morgen« hatte ein individual- 
psychologischer Jugendberater eine schriftliche Aussprache und Be- 
ratung eingerichtet. Am 18. März 1929 fand sich unter anderem fol- 
gende hübsche Beratung: 

»G. Seh. Ihre Frage berührt das oftmals in biologischen Kreisen behandelte 
Problem des Beginnens der »Sexualübung«. Der römische Schriftsteller Tacitus 
rühmt von den Germanen, dass sie vor dem 24. Lebensjahre kein Weib berührten, 
und diese Regel soll auch bei uns gelten. Der Geschlechtstrieb, der zu den mäch- 
tigsten im menschlichen Leben gehört, darf nicht frühzeitig zur Herrschaft kom- 
men und Sie haben ganz Recht, wenn Sie im Sporte jene Entlastung suchen, 
die Ihnen auf sexuellem Gebiete noch nicht zukommt. ( !) Wenn Ihre Freunde, 
trotzdem sie jünger sind, anders handeln, so ist dies gegen die Gebote der Sexual- 
hygiene. (!) Der berühmte Führer auf dem Gebiete der Gesundheitsichre, Ge- 
heimrat Professor Dr. Max von Gruber (sie!!) hat in seiner temperamentvollen 
Art nie aufgehört zu predigen, dass die sexuelle Abstinenz noch nie einen Schaden 
gebracht hat.« 

Die Berufung auf Gruber und die alten Germanen ist gewiss 
ein gewichtiges Argument! Derselbe Professor Gruber hatte aber auch 
behauptet, dass die Abstinenz nicht nur nicht schade, sondern sogar 
nütze; Der nicht vergossene Samen werde nämlich wieder resorbiert 
und das bedeutet eine Zufuhr an Eiweiss ... Ich weiss eine bessere und 
angenehmere Art der Eiweisszufuhr: Fleischliche Nahrung. 
Aber staatsordnungsgemäss und dem objektiven Sittengesetz treu 
gegen alles Fleischliche eingestellt, fiel dem um die bürgerliche Gesell- 
schaftsordnung besorgten Grub er gar nicht ein, dass.es noch eine 
andere Eiweisszufuhr als die durch Aufsaugung von Sperma gibt. 

Ich erwähne diese Beispiele von dazumal nicht nur deshalb, weil 
sie historisch interessant sind und beweisen, welche Mühe es kostete, 
sich von dieser Ideologie auch sozialistischer Sexualberater freizu- 
machen. Der Wiener sozialdemokratische Frauenarzt Dr. Karl 
8 



98 Das Problem der Pubertät 



Kautsky halte 1930 in der »Freiheit« einen schweren Angriff gegen 
meine Tätigkeit unternommen und mich beschuldigt, dass ich den 
Arbeitern ihre »Ideale« nähme. Es ist ausserordenthch wichtig, fest- 
zuhalten, dass die Sexualscheu an den Grenzen der Arbeiterbewegung 
nicht aufhört. 

Es wird sich bei der Untersuchung der sowjetis tischen Sexual- 
revolulion erweisen, dass man der Arbeiterbewegung keinen guten 
Dienst erweist, wenn man solche Dinge verheimlicht. Wir müssen es 
endlich zuwegebringen, dass die Sexualärzte und Jugendberater der 
sozialistischen Bewegung aufhören, mit der Kirche im »Sittlichkeits- 
dienst« zu wetteifern. Wie bedenkenlos man in unseren Kreisen 
vorging, zeigt das folgende Beispiel. 

Unter den Wiener Jugendberatern, die von Sozialisten angeführt 
wurden, gab es auch einen Pfarrer. Eine 22jährige (!) Jugendliche 
wurde von ihm in folgender Weise beraten (schriftlicher Bericht der 
Jugendlichen) : 

■ ■ ■ . '' : 

»Einleitend gab ich bekannt, dass ich in der Zeitung von der Beratungsstelle- 
gelesen habe und dass ich auch zu den unglücklichsten Menschen gehöre und mir 
nioht mehr zu helfen weiss. 

Dr. P. ermunterte mich hierauf und sagte, ich solle mich nur ruhig aus- 
sprechen. 

Hierauf erzählte ich, dass ieh einen Freund habe, wir beide hätten uns sehr 
lieb, wir stünden uns jedoch seit einiger Zeit sehr gespannt gegenüber, so dass 
ich mir nicht mehr zu helfen weiss. Ich fügte hinzu, dass ich es schon versucht 
habe, mich mit der Religion abzufinden, worin ich jedoch keine Befriedigung: 
finden konnte. , . . 

Nun begann Dr. P. zu fragen. ' " 

- Wie alt ich sei? 22 Jahre. 

■ Wie lange ich meinen Freund kenne? 4 Jahre. 

Wie alt er wäre? 24 Jahre. 

Seine Antwort lautete hierauf beiläufig: Er kenne auch junge Lente, die sich 
8 und 9 Jahre kennen und trotzdem rein geblieben sind. 

Was er unter rein versteht, hat er nicht näher definiert, das heisst, er sagte 
anschliessend: Er könne sich zwei Menschen vorstellen, die, obwohl sie sich sehr 
gerne haben, keinen sinnlichen Gedanken mit dem Freunde verbinden. 

Weiters stellte er folgende Frage: wie sieh mein Bräutigam zu der ganzen 
Sache stelle. Ich erklärte hierzu, dass natürlich auch er unter diesen Umständen 
furchtbar leide und dass ich deshalb es nicht länger ertragen und zusehen könne, 
wie sich jemand quält. Hierauf fragte er nach unserer finanziellen Lage. Darauf 
sagte ich, dass ich wenig verdiene und mein Freund eine ganz unsichere 
Stellung habe. 

Weiters fragte er, wie meine Verhältnisse zu Hause wären, und ich erklärte 
hierauf, dass ich von zu Hause auf keinerlei Unterstützung rechnen könne. 

Dr. P. meinte, ich sollte mich diesbezüglich mit meiner Mutter besprechen und 
trachten, so bald als möglich zu einer Ehe zu kommen. In diesem Zusammenhang 
sagte er unter anderem: Die Gebote der Kirche haben tiefere Gründe, zum Beispiel 
das Gebot: du sollst nicht Unkeuschheit treiben. Denn bei eventuellen Folgen 
käme das Kind in keine es sorgsam betreuende Familie. 

Auf meine Einwendung, dass es noch einige Jahre dauern werde, bis ich 
in finanzieller Hinsicht in der Lage sein werde, eine Ehe einzugehen, und dass 
meine Kräfte bis dahin sicher nicht ausreichen werden, in einem solchen Zustand 
auszuharren, meinte Dr. P., ich dürfe mir eben nicht ein Jahr vor Augen halten, 
sondern Tag für Tag ausharren und stark bleiben. Ferner fragte er in diesem 
Zusammenhang, ob ich meinen Freund treffe und ob meine Eltern hieven Kenntnis- 



Die Onanie 



99 




hatten, was ich bejahte. Und er gab mir hierauf den guten Rat, ich solle 
es vermeiden, mich allein mit meinen Freund zu treffen, das heisst, mich nTcW 
luqu&l^-n """" "^«"S'^n'^hme Situation zu begeben, um sich nicht gegensoTtig 

Dr. P. sprach mir noch Mut zu und sagte, ich selbst müsse nur glauben 
dass es mir möglich wäre durchzuhalten, dann ginge es sicherlich und mit aem' 
nochmaligen Rat, zu trachten, baldmöglichst zu einer Ehe zu kommen und mU 
einem »Gott segne Sie« war ich entlassen.al) 

Auch die Naturheilkundigen betreiben Sexualberatung. Nach 
einem Vortrage wurde mir folgender Zettel zur Begutachtung Über- 
geben, ein Rezept, das ein Naturheilkundiger einem abstinenten jun- 
gen Mann von 17 Jahren, der an täglichen Pollutionen litt, verschrieb: 

»Dreimal täglich eine Messerspitze voll Enzianpulver in Oblaten Ferner 
kochen Sie 30 Gramm zerdrückten Hanf in ^A Liter Milch schleimig und nehmen 
Sie davon einen Esslöffel voll 3- bis 4-mal im Laufe des Tages. Ausserdem 
nehmen Sie jeden zweiten Tag ein Sitzbad von Kalmus abkochung zirka 20 Minuten 
lang. Ausserdem lassen Sie sich abends das Rückgrat mit folgender Mischung 
gut massieren; Arnikaspiritus 90 Gramm, Lavendel- und Melissengeist je 4 Gramm 
Pfefferminzgeist und Fei Ihymi angeist je 1 Gramm. Alles gut mischen.« 

Solche und ähnliche zum Lachen reizende »Ratschläge« sind der 
Ausfluss der votikommenen Hilflosigkeit in der schwierigen Situation 
eines Jugendberaters, gleichgültig, ob er an sein Mittel glaubt und 
ob er von der Fruchtlosigkeit der Abstinenzforderung überzeugt ist 
oder nicht. Er ist ja nur, abgesehen von seinen eigenen Hemmungen, 
unbewusstes Vollzugsorgan der bürgerlichen Sexual Ordnung, ein Prä- 
parator der *Ehefähigkeit«, der :oBravheit« — des Untertanentums ! 
Wir werden ja auch bald sehen, dass das Wissen um die Wahrheit 
ihm seine Situation keineswegs erleichtert, sondern nur erschwert. 



b} Die Onanie -, ; 

Die Onanie stellt einen Ausweg aus den Schäden der Abstinenz nur 
in engen Grenzen dar. Sie kann den Sexualhaushalt nur regeln, wenn 
sie ohne allzu grosse Schuldgefühle und Störungen des Reizablauf^s 
erfolgt, ferner nur solange, als der Mangel eines realen Partners nicht 
allzu störend empfunden wird. Sie kann gesunden Jugendlichen ge- 
wiss über die ersten Stürme der Pubertät hinweghelfen. Unter den 
Bedingungen aber, die die sexuelle Entwicklung der Jugend von Kind- 
heit auf beeinflusst haben, erfüllt sie diese Funktion in der Minder- 

1) Diesen Diener Gottes und der bürgerlichen Sittlichkeit verteidigte ein »so- 
zialistischer« Jugendberater mit der Begründung, man müsse doch auch für 
die religiösen Jugendlichen Berater anstellen, und das könne niemand anderer 
als ein Pfarrer sein. Diese Toleranz ist geradezu rührend. Sie hat nur einen, 

kleinen Mangel: Die Jugendlichen gehen an ihr zugrunde. ■ ■ 

8- 



i I 



IflO Das Problem der Pubertät 



zahl der Fälle. Nur die wenigsten Jugendlichen haben sich so weit 
von den moralischen Einflüssen der genossenen Erziehung emanzi- 
piert, dass sie skrupellos zur onanistischen Befriedigung greifen. Meist 
kämpfen die Jugendlichen gegen den Onaniezwang mit mehr oder 
■weniger Erfolg an. Gelingt ihnen der Sieg über die onanistische Be- 
tätigung nicht, so onanieren sie unter schwersten Hemmungen mit 
den schädlichsten Praktiken, etwa indem sie den Samenerguss zu- 
rückhalten. So steuern sie sicher zumindest einer neurasthenischen 
Störung zu. Gelingt ihnen der Kampf, so verfallen sie wieder in jene 
Abstinenz, aus der sie sich durch die Onanie gerettet haben; diesmal 
aber ist die Situation weit ungünstiger geworden, weil die mittler- 
weile aktivierten Phantasien und die geweckte sexuelle Erregung die 
Abstinenz noch unerträglicher machen als früher. Nur wenige finden 
den sexualökonomisch besseren Ausweg, den zum Geschlechtsverkehr. 
Bis vor wenigen Jahren war die Onanie allgemein das Schreck- 
gespenst. Neuestens ist es Mode geworden, nur um die sittliche Ord- 
nung zu schützen und in der Erkenntnis, dass sich die Abstinenz- 
forderung ja doch nicht durchführen lässt, die Onanie als ganz un- 
schädlich und völlig natürlich hinzustellen. Das ist nur bedingt rich- 
tig. Onanie ist sicher besser als Abstinenz. Aber auf die Dauer wird 
sie unbefriedigend und reichlich störend, denn der Mangel eines Lie- 
besobjektes macht sich bald heftig bemerkbar; und wenn die Onanie 
nicht mehr befriedigt, erzeugt sie Überdruss und Schuldgefühle und 
■wird wegen der drängenden Sexualerregung unter den Widersprüchen 
des Ichs zum Zwang. Sie hat ferner, auch unter den besten Be- 
dingungen, den Nachteil, dass sie die Phantasietätigkeit immer mehr 
in neurotische und bereits verlassene kindliche Sexualpositionen hin- 
eindrängt, wodurch wieder Verdrängungen notwendig werden. Die 
Gefahr einer Neurose wächst dann mit der Dauer der onanistischen 
Befriedigung. Und wenn wir unsere Jugendlichen genau betrachten, 
ihr Wesen mit ihrem Sexualleben in Zusammenhang zu bringen wis- 
sen, fällt uns sofort ihr scheues, mehr oder weniger verkrampftes 
Gehaben auf. Als frisch, tüchtig und rege erweisen sich immer die, 
welche im richtigen Augenblick den Schritt von der Onanie zum Ge- 
schlechtsverkehr zu machen wagten. Auf die Dauer schwächt ja die 
Onanie auch die Beziehungen zur Wirklichkeit; die Leichtigkeit, mit 
der die Befriedigung zu erzielen ist, macht oft unfähig, den belebenden 
Kampf um einen geeigneten Partner zu führen. 

Der Schluss, zu dem wir gelangen, ist der: So wie das Gespenst 
»Geschlechtsverkehr der Puberilen« früher und oft auch heule noch 
zur Feststellung von der Unschädlichkeit, ja Nützlichkeit der Absti- 
nenz drängte, so zwingt es seit kurzer Zeit zur ungerechtfertigten Auf- 
fassung, dass die Onanie der Pubertät natürlich gemäss, völlig 
unschädlicli und d i e Lösung der Pubertätsfrage sei. Das eine wie 
das andere ist nur ein Ausweichen ^■ür der heikelsten Frage: 






1 



Der Geschlechtsverkehr der Puherilen i(n 



c) der Geschlechtsverkehr der Puberilen 

Wir haben diese Frage sowohl prinzipiell wie konkret mit Berück- 
sichtigung der gegebenen wirtschaftlichen und erzieherischen Ver- 
hältnisse zu betrachten. Sie wurde in der gesamten bisherigen Lite- 
ratur wie absichtlich gemieden. 

Wir haben gezeigt, dass es die hiteressen der Privatwirtschaft 
sind, die auf indirektem Wege (Familie, Ehefähigkeit) die Ein- 
schränkungen der puberilen Sexualität und auch ihre Not bedingen. 
Diese Einschränkung gehört in das System der kapitalistischen Ge- 
sellschaft, die daraus hervorgehende Not ist eine unbeabsichtigte Bei- 
gabe. Wenn aber dem so ist, dann wird folgerichtig auch eine sexual- 
ökonomische Lösung der Frage innerhalb dieser Gesellschaft nicht 
möglich sein. Das sehen wir sofort, sobald wir die Voraussetzungen 
prüfen, unter denen unsere Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren 
in die Phase der Geschlechtsreife eintreten. Wir wollen hier die Einr 
Wirkung der spezifischen Klassenlage vernachlässigen und bloss die 
Einflüsse der ideologischen Atmosphäre und der gesellschaftlichen 
Institutionen prüfen. 

L Der Jugendliche hat zunächst einen Berg von inneren Hemmun- 
gen, das Werk der sexualverneinenden Erziehung zu überwinden. 
Seine Genitalität ist, durchschnittlich betrachtet, entweder nicht frei 
(das gilt besonders für die Mädchen) oder gestört oder aber hoßro- 
sexuell, bewusst oder unbewusst. abgelenkt. Er ist also schon inner- 
lich der Aufgabe der unter solchen Umständen erschütternden hetero- 
sexuellen Geschlechtsbeziehung nicht gewachsen. 

2. Seine biologische Sexualreife ist entweder psychisch verbaut, 
oder aber, was man bei der kleinbürgerlichen Jugend beliebig oft 
sehen kann, der psychische Infantilismus, das Zurückgehalten- und 
-geblieben sein in der kindlichen Stellung in der Familie, in der Be- 
ziehung zu den Eltern, hat eine Ungleichartigkeit zwichen j^riysischer 
und psychischer Reife geschaffen. 

3. In gewissen Proletarierschichten, die materiell besonders unter 
der Ausbeutung leiden, sind die Puberilen auch körperlich zu- 
rückgeblieben. Hier besteht sowohl körperliche wie psychische Unter- 
entwicklung bei physiologischer Sexualreife. 

4. Zum sexuellen Tabu, das schwer auf der jugendlichen Ge- 
schlechtlichkeit lastet, tritt nicht nur der Mangel jeder gesellschaft- 
lichen Fürsorge, sondern die aktive Behinderung der Aufnahme des 
Geschlechtsverkehrs in den verschiedensten Formen hinzu. Hierher 
gehören : 

a) Die aktive Behinderung des sachgemässen Unterrich- 
tes der Puberilen in den Fragen ihrer Geschlechtlichkeit. Die heute 
modern gewordene »Aufklärung« ist eine Halbheit, die die Wirren 
nur steigert, weil sie einen Weg beschreitet, der Konsequenz erfordert. 



102 Das Problem der Pubertät 



ohne die Entschlossenheit, auch die letzten Konsequenzen zu ziehen. 
Man klärt also etwa die 14iährigen Mädchen über das Wesen der 
Menstruation auf, aher man schweigt sich über die Natur ihrer sexuel- 
len Erregungen gründlich aus. Hier zeigt sich deutlich, was wir an 
anderer Stelle sagten, dass die nur-biologische Betrachtung des Ge- 
schlechtslebens ein Verschlcierungsmanöver ist. Dem Puberilen ist es 
psychisch weniger wichtig zu wissen, dass und wie Ei und Samen- 
zelle sich zum »Mysterium«: neues Lebewesen, zusammensetzen; das 
interessiert ihn nicht so sehr wie das »Mysterium« der Sexualerregung, 
mit der er verzweifelt ringt. Aber welches logische Argument hätte 
man, den Jugendlichen vom Geschlechtsverkehr abzuhalten, wenn 
man ihn wahrheitsgemäss darüber belehrte, dass er nun reif zum Ge- 
schlechtsverkehr geworden ist und dass seine Sorgen und Schwierig- 
keiten der drängenden und unbefriedigten Sexualität entspringen. So 
bringt ihm die Aufklärung nur noch grössere Schwierigkeiten. Wir 
müssen zugeben, dass die Nichtaufkiärung und die Sexualverneinung 
der gegebenen gesellschaftlichen Situation voll entsprechen. Die 
Sexuelle Verkrüppelung der Puberilen ist die Fortsetzung der Ver- 
bildung der kindlichen Sexualität. 

■ b) Die Wohnungs- und P räven ti vmittel frage. Hier 
liegen die Tatbestände so: Ist die Möglichkeit, allein und ungestört 
zu sein, bei der allgemeinen Wohnungsmisere der arbeitenden Be- 
völkerung schon für die Erwachsenen fast nicht vorhanden, so steigert 
sich die geschlechtliche Wohnungsnot der Jugend zu einem stummen, 
aber furchtbaren Martyrium. Es ist bezeichnend, dass unsere sonst 
so leicht gerührten Sexualreformer diese Tatsache nirgends vermer- 
ken. Denn was könnten sie einem dreisten Jungen oder gar einem 
ausgelassenen Mädel auf die Frage antworten, warum denn die Ge- 
sellschaft nicht für sie sorge, auch in dieser Hinsicht? Es ist zu 
erwarten, dass mancher sozialistische Fürsorger vor dieser Frage die 
Flucht ergreifen wird, auch wenn er sonst Vorträge über »die sexuelle 
Frage« vor Jugendlichen hält, in denen er nicht gerade Abstinenz bis 
zur »völhgen seelischen und körperlichen Reife« fordert, wohl aber 
sich, human um die Frage des Geschlechtsverkehrs herumdrückt. Er 
wird so lange »Verantwortungsgefühl« predigen, bis es ihm gelingt, 
sich nicht mehr verantwortlich zu fühlen, dass die Jugendlichen mit 
dem nötigen »Verantwortungsgefühl« in Haustoren, hinter Zäunen, 
in Scheunen und ständig in Angst vor Entdeckung geschlechtlich ver- 
kehren. 

Und gar erst die Schwangerschaftsverhütungsmittel! Übermütige 
Jugendliche könnten die naive Frage stellen, welches Interesse denn 
die Gesellschaft habe, sie nicht über die besten Methoden der 
Schwangerschaftsverhütung zu unterrichten und Ärzte bereitzuhalten, 
die, eingreifen, wenn einmal ein Verhütungsmittel versagt hat; oder 
ihnen keine Räume zu beschaffen. 



Aufklärende Priester \q^ 



Es ist kiar, dass in einer Gesellschaftsordnung, die den ausser- 
chclichcn Geschlechtsverkehr nicht anerkennt, die nicht einmal für 
ein hygienisches Geschlechtsleben der Erwachsenen sorgt, solche Fra- 
gen weder beantwortet noch gelöst werden können. 

Es ist ebenso klar, dass ohne eine gründlich vorbereitete Lösung 
der Frage der kindlichen Sexualerziehung, dass ohne die Lö- 
sung der Präventivmittel- und Wohnungsfrage eine kritiklose Auf- 
forderung der Jugend, geschlechtlich zu verkehren, verantwortungs- 
los und schädlich wäre, ebenso schädlich wie das Gegenteil, das Pre- 
digen von Abstinenz. Und das war ja die Aufgabe, die Widersprüche 
aufzuzeigen, ihre momentane Unlösbarkeit nachzuweisen. Ich kann 
nur hoffen, dass es mir gründlieh gelungen ist. Doch prinzipiell müs- 
sen wir, wenn wir nicht Scharlatane oder Feiglinge sein wollen, die 
Sexualität der Jugendlichen bejahen, ihnen helfen, wo wir können, 
und alles tun, um die endgültige Befreiung der jugendlichen Sexualität 
vorzubereiten. Eine riesenhafte und verantwortungsvolle Aufgabe ! ! 

Doch jetzt begreifen wir besser die Halbheit, Befangenheit und 
Inkonsequenz der heutzutage geübten Sexualaufklärung. Sie zeichnet 
sich durch folgende Eigenschaften aus: Sie kommt immer zu spät, 
tut geheimnisvoll und geht am wesentlichsten, der Sexual l u s t, vor- 
bei. Es erklärt sich aus den Widersprüchen der Situation, dass jene 
konsequenter handeln, die gegen jede Aufklärung sind. Sie vertreten 
den klassenbewussten bürgerlichen Standpunkt. Man muss sie be- 
kämpfen, weil sie Feinde wissenschaftlicher Konsequenz sind, aber 
sie sind doch irgendwo klarer als die seligmachenden Reformisten, 
die ernstlich glauben, mit ihrem Aufklärertum die Lage zu ändern. 
Sie umnebeln nur die wahre Situation, sie verschleiern die Notwen- 
digkeit der geselischaftlichen Umwälzung. 

Das alles bedeutet natürlich nicht, dass man so vorgehen darf, wie 
der zitierte Pfarrer P. Im Einzelfall, nach genauer Prüfung der so- 
zialen, psychischen und ökonomischen Lage wird man als Sexual- 
berater dem dazu reifen Jugendlichen den Geschlechtsverkehr nicht 
verbieten, sondern im Gegenteil empfehlen. Einzelhilfe und gesell- 
schaftliche Massnahme sind eben verschiedene Dinge. 

Gesellschaftlich bleibt es vorläufig dabei, dass die Kleinkinder 
weiter zur Askese erzogen werden, dass den Jugendlichen weiter ein- 
geredet wird, die Kultur fordere von ihnen Abstinenz oder die Onanie 
könne sie bis zur redlichen Ehe vertrösten. Auf die Gesinnung, dies 
ruhig weiter zu betreiben, sollte man nicht stolz sein. Sie ist eine der 
vielen Schanden unserer Zeit. Sie bewahrt gewiss vor der Konse- 
quenz, von der Wissenschaft zur Politik zu gelangen. 

Der Widerspruch zwischen der fortschreitenden Kollektivierung 
des Lebens und der gesellschaftlichen sexualverneinenden Atmosphäre 
muss zu einer fortschreitenden Krise der jugendlichen Geschlechtlich- 
keit führen, für die es eine Lösung in der bürgerlichen Gesellschaft 



104 



Das Problem der Pubertät 



nicht gibl. Solange die Jugend im Familienveiband steckte die Mäd- 
chen mit voller Sexualverdrängiing. geringen sexuellen Reizungen aus- 
gesetzt, auf den versorgenden Mann warteten, die Jungen ebenfalls 
im Elternhaus verharrten, entweder abstinent lebten, onanierten oder 
zu Prostituierten gingen - solange gab es nur stilles Leiden, Neurose 
oder sexuelle Brutalität. Unter den heutigen Lebensbedingungen müs- 
sen die nach Freiheit ringenden sexuellen Bedürfnisse mit den aner- 
zogenen Hemmungen einerseits, dem Widerstand der bürgerlichen 
Geseilschaft andererseits, in Icidvollen individuellen Kämpfen ausarten 
Dagegen werden die sexualreformerischen Vertröstungen, die guten 
Ratschläge ä la »geistige Ablenkung«, »hartes Lager«, und )>wenie 
Fleisch essen« gar nichts ausrichten. 

Ich behaupte, dass die heutige Jugend es unendlich schwerer hat 
als die Jugend etwa um die Jahrhundertwende. Diese konnte noch 
komplett verdrängen: heute sind alle Quellen des jugendlichen Lebens 
aufgebrochen, doch die Jugend ermangelt sowohl der gesellschaftlichen 
Stütze als auch der strukturellen Kraft, diese Quellen auszuschöpfen 
Sie wieder zu verschütten ist nicht mehr möglich und auch gar nicht 
unsere Absicht. 

Die sexuelle Krise der Jugend wird zu einem 
Teil der Krise der bürgerlichen Gesellschafts- 
ordnung überhaupt. Sie bleibt in diesem Rahmen 
— im Massenmasstabe — unlösbar. 

Für die kämpferische Jugend ergibt sich heute aus der Schwierig- 
keit nur ein unzureichender Ausweg: Ein Stück Ablenkung und über- 
tonung des subjektiven Leidens durch Arbeit für die soziale Um- 
wälzung. Die Lösung der Sexualfrage der Jugend ist der Gesellschafts- 
ordnung vorbehalten, um die wir kämpfen. 



VII. KAPITEL 

EHE UND SEXUELLE DAUERBEZIEHUNG 

Das Problem der Ehe von heute kann nicht losgelöst von der Frage 
der kapitalistischen Wirtschaft betrachtet werden; es kann aber auch 
nicht sachgemäss erfasst werden ohne Berücksichtigung der sexuellen 
Ökonomie. 

Die bürgerliche Ehe, die ja nur eine bestimmte Entwicklungsstufe 
der Eheinstitution überhaupt darstellt, ist ein Kompromissergebnis, 
von Interessen des Privateigentums und solchen des Scxualbcdürf- 
nisses. Gewiss sind die sexuellen Interessen nicht solcherart, wie sie 
sich manchem bürgerlichen Sexualforscher darstellen, etwa als natür- 
liches Bedürfnis, sein Leben lang mit einem Partner in geschlecht- 
lichen Beziehungen zu stehen, oder als Interessen der Brutpflege. Es 
ist notwendig, für die Untersuchung der Frage die genannten zwei 
Anteile am Eheproblem gesondert zu betrachten; dabei werden wir 
diejenige Form der Sexualbeziehung, welche dem Sexualbedürfnis, 
entspringt und auf Dauer der Beziehung zielt, reinlich von der anderen 
unterscheiden müssen, die den privatwirtschaftlichen Interessen und 
der Stellung der Frau und der Kinder in der bürgerlichen Gesellschaft 
entspricht. Die erste nennen wir sexuelle Dauerbeziehung, 
die zweite Ehe. 



1. DIE SEXUELLE DAUERBEZIEHUNG 

Die gesellschaftliche Voraussetzung der sexuellen Dauerbeziehung 
wäre materielle Selbständigkeit der Frau, Versorgung und Aufzucht 
der Kinder durch die Gesellschaft, Wegfall jeglicher Einniengung 
wirtschaftlicher Interessen. Vorübergehende, lockere, rein sinnliche 
Beziehungen hätten mit Dauerbeziehungen zu konkurrieren. Vom 
Standpunkt der sexuellen Ökonomie weist die vorübergehende Bezie- 



106 Ehe und sexuelle Dauerhczichung 

liung Nachteile gegenüber der sexuellen Daiierbeziehung auf, die wir 
gerade in der bürgerlichen Gesellschaft sehr gut studieren können. 
Denn in keiner Geseilschaft war die Promiskuität — gefühlsgemäss 
erniedrigt und sexualökonomisch wertlos durch die Vermengung mit 
Geldinteressen — sc weit verbreitet und Regel wie im Zeitalter der 
Ideologie von der strengen Einehe. 

Die lockere Sexualbeziehung, deren klarster Ausdruck die Eine- 
Stunde- oder Eine-Nacht-Beziehung ist, unterscheidet sich von der 
Dauerbeziehung durch den Mangel an zärtlichem Interesse am Ge- 
schlechtsparlner. Die zärtliche Einstellung zum Sexualpartner kann 
mehrere Motive haben: 

1. Eine sexuelle Bindung an ihn infolge ge- 
meinsamer lustvoil-sinnlicher Erlebnisse; sie hat 
einen starken Einschlag von sexueller Dankbarkeit, die sich auf 
■die genossene, und sexueller Anhänglichkeit (nicht zu verwech- 
seln mit Hörigkeit), die sich auf die noch zu erwartende Sexuallust 
tezieht. Beide zusammen sind die Grundelemente der natürlichen 
Liebesbeziehung. 

2. Eine Bindung an den Partner infolge ver- 
drängten Hasses: Reaktive Liebe. Ihre Erörterung spa- 
ren wir uns für die Diskussion der Ehe auf. Sie schliesst die Sexual- 
befriedigung aus. 

3. Eine Beziehung infolge unbefriedigter Sinn- 
lichkeit. Ihre Kennzeichen sind Überschätzung, ihr Wesen gerade 
die Hemmung der Sinnlichkeit und eine unbewusst nicht erlöschende 
Erwartung der Sexualbefriedigung. Sie kann leicht in Mass um- 
schlagen. 

Der dauernde Mangel an Zärtlichkeit in der Geschlechtsbeziehung 
setzt das sinnliche Erleben, mithin auch die sexuelle Befriedigung 
herab. Das gilt aber erst von einem bestimmten Alter ah, wenn die 
sinnlichen Sturme der Pubertät und der Nachpubertät vorüber sind, 
wenn eine gewisse Ausgeglichenheit der sexuellen Affektivität platz- 
gegriffen hat. Die zärtlichen Einstellungen gelangen, '(r 
wenn nicht eine neurotische Hemmung die sinn- ti 
liehe Strebung unterdrückt hat, erst mit einer '| 
gewissen Absättigung des sinnlichen Bedürfnis- j 
ses zur Geltung. Diese zärtlichen Strebungen sind nicht zu 
verwechseln mit der kindhaften Pseudozärtlichkeit des schwärmeri- 
schen Jünglings, der in der Phantasie einem weiblichen Ideal nach- 
jagt, das seiner Mutter entspricht, und dabei die Sinnlichkeit ver- 
urteilt, unter dem Druck von Onanieschuldgefühlen sieht und ein 
Impotenzkandidat wird, wenn ihn nicht irgendwelche günstigen Um- 
stände (etwa Eintritt in eine Jugendgemeinschaft) oder eine seelische 
Behandlung aus der Neurose herausreissen. Die lockeren, zunächst 
noch kurzdauernden Sexualbeziehungen, wie wir sie in gewissen 



'; 



Die sexuelle Dauerbeziehung 107 



Schichten der proletarischen Jugend vorfinden, scheinen mir die na- 
türlichen, gesunden, der Jugend entsprechenden Sexualerlebnisformen 
zu sein. Sie nähern sich in Erscheinung und Wesen dem Sexualleben 
der Puberilen bei primitiven Völkern. Sie ermangeln gewiss nicht 
«ines hohen Grades von Zärtlichkeit, die aber noch nicht auf Dauer 
der Beziehungen zielt. Es handelt sich nicht um eine lüsterne Gier 
nach Erneuerung des sexuellen Reizes, wie wir sie bei den neuroti- 
schen Formen der Polygamie erwachsener bürgerlicher Lebemänner 
und Don-Juans finden, sondern um ein Übersprudeln der reifgewor- 
denen Sinnhchkeit, um ein libidinöses Erfassen jedes geeigneten 
Sexualobjektes, das zur Tat drängt. Man mächte es mit der Be- 
wegungslust eines jungen Tieres vergleichen, die ebenfalls mit steigen- 
dem Alter nachlässt. Diese sexuelle Agilität des gesunden Jugend- 
lichen unterscheidet sich, sofern sie nicht neurotisch ist, für das 
geübte Auge auch leicht von der hysterischen Hyperagilität. 

Im reiferen Lebensalter müssen lockere, kurzdauernde Liebes- 
beziehungen, nicht unbedingt neurotisch sein. Ja, man muss, wenn 
man seine sexuologischen Erfahrungen ehrlich zu Ende denkt und 
dabei jede moralische Rücksicht fahren lässt, feststellen, dass, wer 
nie den Mut oder die Kraft zu einer lockeren Sexualbeziehung (auch 
im reiferen Alter, gleichgültig ob Mann oder Frau) aufgebracht hat. 
unter dem Drucke eines rational nicht begründeten, also neurotischen 
Schuldgefühls stand. Aber auch wer sich zur Herstellung einer Dauer- 
beziehung unfähig erweist, steht nach gesicherten klinischen Erfah- 
rungen unter der Herrschaft einer kindlichen Fixierung seiner Liebes- 
bedingungen, ist also sexuell nicht in Ordnung, Diese Unfähigkeit hat 
ihren Grund darin, dass die zärtlichen Strebungen entweder in ir- 
gendeiner Form homosexueller Bindung verankert sind (was man 
typisch bei Sportsleuten, Studenten, Militärs und anderen findet) oder 
darin, dass ein phantasiertes Ideal jedes reale Sexualobjekt überschat- 
tet und entwertet. Überaus häufig findet man als unbewussten Hinter- 
grund anhaltender und unbefriedigender promiskuer Lebensweise 
eine Scheu vor der Bindung an ein Objekt, weil jede solche Bindung 
inzestuös betont ist und die Inzestscheu als Hemmung dazwischen- 
tritt. Am häufigsten wirkt hier eine Störung der orgastischen Potenz, 
die eine zärtliche Bindung an den Sexualpartner durch die Enttäu- 
schung verhindert, die sich mit jedem Sexualakt neu einstellt. 

Der sexualökonomisch wichtigste Nachteil der vorübergehenden 
Beziehung ist, dass nie eine so vollständige sinnliche Angleichung der 
Partner, mithin auch keine so vollkommene sexuelle Befriedigung 
möglich wird wie in der Dauerbeziehung. Dies ist vom sexualökono- 
mischen Standpunkt der wichtigste Einwand gegen die vorüber- 
gehende und das stärkste Argument für die dauernde Beziehung. Dass 
wir nicht auf diesem Wege ganz raffiniert die ethische Dauermono- 
^amie wieder einschmuggeln, wird sich zum Bedauern der Vertreter 



108 



Ehe und sexueUt Dauerbeziehung 



der Eheideologie bald herausstellen. Denn, wenn wir von Dauerbezie- 
hung sprechen, haben wir keine objektiv zu normierende Zeitspanne 
im Auge. Es ist sexualökononiisch nicht wichtig, ob diese Beziehung 
Wochen, Monate, zwei oder zehn Jahre dauert, Es ist auch nicht ge- 
meint, dass die Dauerbeziehung monogam sein muss oder soll, weil 
wir ja keine Normen aufstellen. 

Ich habe an anderer Stelle^) gezeigt, dass die Anschauung, als 
wäre der erste Sexualvcrkehr mit einer Jungfrau, als wären die Flitter- 
wochen das sexuell Befriedigendste, falsch ist. Dem widersprechen 
strikt die klinischen Erhebungen. Diese Anschauung hat sich nur 
aus dem Kontrast zwischen der Lüsternheit nach unberührten Frauen 
und der späteren Abstumpfung und sexuellen öde in der monogamen 
Dauerehe herausgebildet. Die sexuelle Beziehung zweier Menschen 
setzt voraus, dass eine Anpassung der sexuellen Rhythmen zustande 
kommt, dass die Partner die selten bewussten, immer aber bereit- 
stehenden speziellen sexuellen Bedürfnisse allmählich genau kennen 
lernen, weil nur so die entsprechende Befriedigung und die Ordnung 
des Sexualhaushaltes auf die Dauer gewährleistet sind. Eingehen einer 
Ehe ohne vorhergehendes gegenseitiges sexuelles Kennenlernen und 
Anpassen ist unhygienisch und führt meist zu Katastrophen. 

Ein weiterer Vorteil der befriedigenden sexuellen Dauerbeziehung 
ist, dass es das ewige Suchen nach einem geeigneten Partner unnötig 
macht und dadurch Interessen für soziale Leistungen freisetzt. 

Die Fähigkeit zur sexuellen Dauerbeziehung setzt in erster Linie 
volle orgastische Potenz der Sexualpartner vor- 
aus, das lieisst keine Störung des Zusammenhanges 
von zärtlicher und sinnlicher Sexualität; 

Überwindung der Inzesthindung und der kindlichen 
Sexualangst; 

keine Verdrängung irgendwelcher unsubli- 
mierter Sexualregungen, sei es nun homosexueller oder 
nichtgenitaler Strebungen; 

absolute Bejahung der Sexualität und Lebens- 
lust; 

Überwindung der Grundelemente der bürger- 
lichen Sexualmoral; Fähigkeit zu geistiger Kame- 
radschaft mit dem Partner. 

Betrachten wir jede der genannten Voraussetzungen auf ihre gesell- 
schaftlichen Seiten hin, so werden wir zugeben müssen, dass keine 
von ihnen in der bürgerlichen Gesellschaft — wenn wir die Masse 
und nicht einzelne meinen — verwirklicht werden kann. Da die 
Sexualverneinung und -Verdrängung spezifische und unabtrennbare 
Attribute der bürgerlichen Wirtschaft (Privateigentum — Erbrecht — 

1) »Die Funktion des Orgasmus«. Int. Psa-Verl. 1927. 



r- 



Die physiologische Abstumpfung 109 



Ideologie von der monogamen Dauerehe) sind, so muss auch die 
Sexualerziehung notwendigerweise von ihnen bestimmt sein. Und wir 
sehen auch, dass die Familienerziehung die Inzestbindung festigt, statt 
sie zu lösen, dass das Inzestverbot und die Einschränkung der kind- 
lichen Sexualbetätigung den Zusammenhang zwischen Sinnlichkeit 
und Zärtlichkeit zerreisst, dadurch eine sexualverneinende Ichstruktur 
schafft, die prägenitalen und homosexuellen Anlagen züchtet, so 
Tvieder ihre Verdrängung und mit dieser Schwächung des Sexual- 
lebens bewirkt. Ferner schliesst die Erziehung zur Vorherrschaft des 
Mannes die Kameradschaft mit der Frau aus. 

Wie in jeder dauernden Beziehung sind auch in der geschlecht- 
lichen Konfliktstoffe reichlich gegeben. Nicht aber die allgemein 
menschlichen Schwierigkeiten jeder Beziehung interessieren uns hier, 
sondern die besonderen, für das Sexuelle spezifischen. Die Grund- 
schwierigkeit jeder sexuellen Dauerbeziehung ist 
der Konflikt aus der (zeitweiligen o d e r e n d g ü i t ig en) 
Abstumpfung des sinnlichen Verlangens einerseits 
und der mit der Dauer wachsenden zärtlichen Bindung an 
den Partner andererseits. 

In jedem sexuellen Verhältnis treten früher oder später, mehr 
oder minder gehäuft Perioden geringerer sinnlicher Anziehung, ja 
sinnlicher Gleichgültigkeit auf. Das ist eine empirisch festgestellte 
Tatsache, gegen die keinerlei moralisches Argument ins Feld geführt 
■werden kann. Sinnliches Interesse lässt sich nicht kommandieren. 
Je besser die Sexualpartner sinnlich und zärtlich aufeinander ab- 
gestimmt sind, desto seltener und weniger endgültig wird der Sprung 
in der sinnlichen Beziehung sein. Aber der sinnlichen Abstumpfung ist 
jede Sexualbeziehung ausgesetzt. Diese Tatsache wäre von geringer 
Bedeutung, wenn nicht drei Umstände einzeln oder zusammen die 
Sachlage komplizierten: 

1. Die Abstumpfung kann nur bei einem Partner auftreten. 

2. Die meisten Sexualbeziehungen sind derzeit auch ökonomisch 
gebunden. (W^irtschaftliche Abhängigkeit der Frau und der Kinder.) 

3. Unabhängig von solchen äusseren Schwierigkeiten liegt eine 
innere in der Bindung der Dauerbeziehung selbst, die den einzig denk- 
baren Ausweg beim ökonomisch nicht gebundenen und kinderlosen 
Verhältnis, nämlich die Trennung und das Finden anderer Partner, 
meist sehr kompliziert. 

Jeder Mensch ist ständig neuen sexuellen Reizen von anderer 
Seite als der des Partners ausgesetzt, besonders bei der heutigen 
Kollektivierung der Arbeit. Diese Reizungen von aussen bleiben in 
der Hochperiode des Verhältnisses unwirksam. Sie lassen sich aber 
nie ausschalten und keine kirchliche Kleiderverordnung oder irgend- 
welche asketische oder ethische gesellschaftliche Massnahme wird je 
etwas anderes erreichen, als die Reizung nur erhöhen, weil der sexuelle 



yi 



110 Ehe und sexuelle Dauerbeziehung 

Anspruch durch Unterdrückung immer nur gesteigert wird. Das 
Übersehen dieser fundamentalen Tatsache macht die Tragik, ja Tragi- 
komik alier asketisch orientierten Sexualmoral aus. Die neuen sexu- 
ellen Reize, gegen die es nur einen -wirksamen Schutz, nämlich 
die neurotische Sexualhemmung gibt, lösen also bei jedem sexuell 
intakten Menschen mehr oder minder intensiv, mehr oder minder 
bewusst (eher: je gesünder, desto bewusster) Sexualwünsche nach 
anderen Objekten aus. Durch das bestehende befriedigende Sexualver- 
hältnis bleiben diese Wünsche anfänglich ohne besondere Wirkung 
und können, je bewusster sie sind, desto erfolgreicher unterdrückt 
werden. Es ist klar, je weniger moralische Rücksicht, je mehr sexual- 
ökonomische Entwertung oder Verurteilung an dieser Unterdrückung 
beteiligt ist, desto harmloser ist sie. 

Häufen sich aber diese Wünsche nach anderen Objekten, so wirken 
sie auf die sexuelle Beziehung zum Partner zurück, sie beschleunigen 
vor allem die Abstumpfung. Die sicheren Anzeichen dieser Abstump- 
fung sind: Abnahme des Sexualdranges vor dem Akt und der Lust 
im Akt. Der Geschlechtsverkehr wird allmählich zur Gewohnheit oder 
Pflicht. Die Abnahme der Befriedigung beim Partner und der Wunsch 
nach anderen Objekten summieren sich und verstärken einander 
wechselseitig. Dagegen hilft kein Vorsatz, keine Liebestechnik. Jetzt 
pflegt das kritische Stadium der Gereiztheit gegen den Partner ein- 
zusetzen, die je nach Temperament und Erziehung zum Ausdruck 
kommt oder unterdrückt wird. Auf jeden Fall: UnbewT.isst wird der 
Hass gegen den Partner, wie Analysen solcher Zustände eindeutig: 
ergeben, immer stärker; sein Motiv ist die Behinderung der Erfüllung 
der Wünsche nach anderen durch den Partner; ja, nur scheinbar 
paradox ist die Tatsache, dass der unbewusste Hass um so stärker 
werden kann, je liebenswürdiger der Partner und toleranter er ist. 
Man hat dann keinen Grund, ihn persönlich zu hassen, und empfindet 
ihn, besser, die eigene Liebe zu ihm, doch als Behinderung. Der Hass 
wird so durch extreme Zärtlichkeit betäubt. Diese aus dem Hass 
hervorgegangene Zärtlichkeit und die Schuldgefühle, die in solchen. 
Stadien wuchern, sind die spezifischen Bestandteile der klebrigen 
Anhänglichkeit in der Dauerbindung und die eigentlichen Motive, dass 
so oft auch Unverheiratete sich nicht trennen können, obgleich sie 
einander nichts mehr zu sagen, noch weniger zu geben haben, und 
ihr Verhältnis nur noch eine gegenseitige Qua! bedeutet. 

Doch diese Abstumpfung braucht keine endgültige zu sein. Sie 
wird aus einem vorübergehenden Zustand leicht zu einem endgültigen, 
wenn die Sexualpartner gegenseitige Hassregungen nicht zur Kenntnis 
nehmen und ihre Wünsche nach anderen Objekten als ungehörig und 
unmoralisch von sich weisen. Dem folgt gewöhnlich eine Verdrängung 
der Regungen mit allem Unheil und Schaden für ein Verhältnis zweier 
Menschen, die eben aus Verdrängung übermächtiger Regungen zu 



Konflikte der Dauerbeziehiing 111 

resultieren pflegen. Vermag man solchen Tatsachen unbefangen, ohne 
sexualmoralische Verbiegung entgegenzutreten, so gestaltet sich der 
Konflikt milder und es ergibt sich irgendein Ausweg. Voraussetzung 
ist, dass die normale Eifersucht, die man empfindet, nicht Ausdruck 
eines Besitzanspruches wird, dass man die Natürlichkeit und Selbst- 
verständlichkeit des Wunsches nach anderen anerkennt. Keinem 
Menschen wird es einfallen, einem anderen einen Vorwurf daraus zu 
machen, dass er nicht jahrelang gern das gleiche Kleid trägt, oder 
dass man überdrüssig wird, immer die gleiche Speise zu geniessen. 
Nur im Sexuellen ist die Ausschliesslichkeit des Besitzes zu einem 
starken Gefühlswert geworden, weil die Vermengung von Privateigen- 
tum und Sexualbeziehung die natürliche Eifersucht zum Besitz- 
anspruch erweitert hat. Mir haben viele reife und überlegene Men- 
schen mitgeteilt, dass für sie nach Durchkämpfung des Konfliktes die 
Vorstellung, dass der Sexualpartner das eine oder anderemal vorüber- 
gehend mit anderen in Beziehung tritt, seinen Schrecken verloren hat, 
und dass ihnen nachher die frühere Unmöglichkeit, eine »Untreue« 
auszudenken, lächerlich erschien. Besonders bei Proletariern begegnet 
man überraschend häufig einer vollkommen unbefangenen Stellung- 
nahme in dieser Frage. Unzählige Beispiele lehren, dass Treue aus 
Gewissen mit der Zeit dem sexuellen Verhältnis schadet. Dem 
stehen viele Beispiele gegenüber, aus denen klar hervorgeht, dass eine 
gelegentliche Beziehung zu einem anderen Partner dem Sexualver- 
hältnis, das gerade im Begriffe war, sich wie ein eheliches zu gestalten, 
nur nützte. Beim wirtschaftlich nicht gebundenen Dauerverhältnis, 
gibt es da zwei Möglichkeiten: Entweder ist die Beziehung zum Dritten 
nur vorübergehend gewesen; das beweist, dass sie nicht mit der 
dauernden konkurrieren konnte; dann hat sich das Verhältnis nur 
gefestigt. Die Frau hat das Gefühl verloren, gehemmt oder zu einem 
Verhältnis mit einem anderen Mann unfähig zu sein. Oder die 
Beziehung zum anderen Partner wird intensiver als die bestehende, 
lustvoller und sonst befriedigender; dann wird die erste gelöst. 

Was geschieht nun mit dem Partner, dessen Liebesbeziehung noch 
nicht zersetzt war? Er wird zweifellos einen schweren Kampf durch- 
kämpfen müssen, in erster Linie mit sich selbst. Eifersucht und 
sexuelles Minderwertigkeitsgefühl werden mit dem Verständnis für 
das Schicksal seines Partners kämpfen. Er wird vielleicht bestrebt 
sein, den Partner wieder zu gewinnen, was die Automatic des länger- 
dauernden Verhältnisses beheben, die Besitzsicherheit zerstören wird; 
er wird es vielleicht auch vorziehen, sich abwartend, passiv zu ver- 
halten und die Entscheidung dem Lauf der Dinge zu überlassen. Wir 
geben ja keine Ratschläge, sondern erwägen bloss Möglichkeiten, die 
realen Tatsachen entsprechen. Auf jeden Fall ist die Schwierigkeit 
geringer als das Malheur, das sich ergibt, wenn zwei Menschen aus 
moralischen oder anderen Rücksichten aneinander kleben. Die Rück- 



112 • Ehe und sexuelle DauerLczicIiuog 

sieht, die so viele in solchen Fällen auf den Partner zu nehmen 
pflegen, indem sie ihre Wünsche dauernd unterdrücken, ohne sie 
austilgen zu können, schlägt allzuoft in das Gegenteil um. Wer zu 
viel Rücksicht genommen hat, fühlt sich leicht berechtigt, den anderen 
dafür zu Dank zu verpflichten, sich als Opfer zu betrachten, intolerant 
zu werden, lauter Haltungen, die das Verhältnis weit mehr gefährden 
und sicher hässlicher gestalten, als es je eine »Untreue« vermocht 
hätte. Wir wollen uns aber nicht verhehlen, dass solche Rücksicht- 
nahme auf die Bedürfnisse des Partners unter den Bedingungen der 
heutigen menschlichen Struktur und Sexualideologie nur bei einem 
kaum nennenswerten Prozentsatz möglich ist. 

Leider gelten diese Ausführungen nur für einen kleinen Kreis von 
Beteiligten, weil die Sexualbeziehungen in der bürgerlichen Gesell- 
schaft durch die ökonomische Bindung der Frau sich völlig anders 
gestalten als die beschriebene Beziehung zweier unabhängiger Men- 
schen, und weiter, weil die Frage der Kinderaufzucht in dieser 
Gesellschaft einen dicken Strich durch alle sexualökonomischen Er- 
wägungen macht. Auch die genossene Sexualerziehung und die gesell- 
schaftliche Atmosphäre machen solche Lösungen der Schwierigkeiten 
zu uninteressanten individuellen Begebenheiten. 

Hier sei nur noch eine Schwierigkeit erwähnt, die zu ernsten 
Konsequenzen führen kann, wenn der, der mit ihr kämpft, sich über 
ihr Wesen nicht im klaren ist. Ist nämlich das Stadium eingetreten, 
in dem die sinnliche Anziehung des Partners nachlässt oder völlig 
schwindet, so können sich beim Manne Störungen der Potenz zeigen. 
Meist handelt es sich um mangelhafte Erektion oder auch um Aus- 
bleiben der Erregung trotz Reizung. Bei fortbestehender zärtlicher 
Bindung oder bei einer bisher nicht in Erscheinung getretenen Im- 
potenzangst kann ein solcher Vorfall eine Depression auslösen, ja zu 
einer länger dauernden Impotenz führen. Da nämlich der Mann nun 
versucht, seine Kälte zu verbergen, fühlt er sich getrieben, den Ge- 
schlechtsverkehr immer wieder zu versuchen. Das kann gefährlich 
werden. Diese Erektionslosigkeit ist nämlich zunächst nicht wirkliche 
Impotenz, sondern einfacher Ausdruck mangelnden Verlangens nach 
diesem und gewöhnlich unbewussten Verlangens nach einem anderen 
Partner. Bei der Frau kann sich das gleiche abspielen, nur hat die 
EmpfindungsslÖrung bei ihr nicht die gleiche Bedeutung wie die des 
Mannes. Erstens nicht, weil der Akt trotz der Störung der Frau durch- 
führbar ist, zweitens, weil die Frau eine Störung nicht so kränkend 
empfindet wie der Mann. Vorausgesetzt, dass das Verhältnis sonst 
gut ist, beseitigt eine offene Aussprache über die Ursachen der Störung 
{sinnliche Abneigung ^Wunsch nach anderem Partner) die Schwie- 
rigkeit oft leicht. Auf jeden Fall muss abgewartet werden, bis die 
Abneigung sich gibt. Das sexuelle Verlangen pflegt bei sonst guten 
Beziehungen früher oder später wieder aufzutreten. Ein Versuch bei 



Widernatürliche Moral 



113 



einem anderen Partner kann in einem solchen Zeitpunkte wegen der 
Schuldgefühle gegenüber dem bisherigen Freund leicht missglücken. 
In anderen Fallen nützt der Verkehr mit anderen Partnern. 

Bei entsprechender neurotischer Disposition kann die Verdrängung 
des Wunsches nach einem anderen Partner und der Versuch, die Ab- 
neigung gegen den bisherigen zu übertönen, zu einer neurotischen 
Erkrankung führen. Sehr oft hat ein solcher aktueller Konflikt eine 
Störung der Arbeitsfähigkeit zur Folge. Die Erkrankung kommt zu- 
stande, indem die Befriedigung, die in der Wirklichkeit versagt ist, 
in der Phantasie gesucht wird. Daher tritt in solchen Zuständen 
leicht der Drang zu onanieren auf. Der Ausgang solcher aktueller 
Konflikte kann sich je nach der Disposition, der Art der dauernden 
Sexualbeziehung, der eigenen moralischen Einstellung und der des 
Partners sehr verschieden gestalten. Unsere sexualmoralischen Vor- 
urteile pflegen da sehr oft unendliches Unheil anzurichten, indem 
meist schon der blosse Gedanke an einen anderen als Treubruch, als 
ungehörig oder ähnlich empfunden wird. Dass solche Zustände 
absolut zur Natur des Sexualtriebes gehören, dass sie ganz selbst- 
verständlich sind und nichts mit Moral zu tun haben, müsste allge- 
mein bekannt werden. Die Geliebten- und Gattenmorde und -quälerein 
würden sicher abnehmen; es fielen auch manche Anlässe zu seelischen 
Erkrankungen weg, die ja nur einen unzulänglichen Ausweg aus 
der Situation darstellen. 

Ich habe bisher die Schwierigkeiten besprochen, die sich aus der 
Dauerbeziehung von selbst ergeben. Ehe ich zur Komplikation dieser 
Schwierigkeiten durch die Einmischung wirtschaftlicher Interessen 
übergehe, müssen noch einige Tatbestände besprochen werden, die 
zwar ökonomische in einem weiteren Sinne sind. Tatbestünde der 
gesellschaftlichen Ideologie, die auch im sexuellen Verhältnis, das 
noch nicht »Ehe« ist, erschwerend wirken. Gemeint ist die monogame 
Ideologie, die besonders von den Frauen angenommen und vertreten 
wird. 

Die Lösung einer sexuellen Dauerbeziehung ist für eine Frau in 
der bürgerlichen Gesellschaft keine einfache Sache, auch wenn sie 
Ökonomisch unabhängig ist. Da ist zunächst die sogenannte öffent- 
liche Meinung, die sich berufen fühlt, sich in jede Privatange- 
legenheit einzumengen. Sie drückt heute zwar schon ein Auge zu, 
wenn eine Frau ein uneheliches Verhältnis hat, aber sie geifert leicht 
und stempelt jede Frau zur Hure, die es sich herausnimmt, zu 
mehreren Männern in Beziehung zu treten. 

Die von Besitzinteressen durchtränkte Sexualmoral hat es zur 
Selbstverständlichkeit gemacht, dass der Mann die Frau »besitzt«, die 
Frau hingegen sich dem Manne »hingibt«. Da Besitzen aber eine 
Ehre, sich Hingeben dagegen eine Erniedrigung bedeutet, hat sich in 
der Einstellung der Frauen zum Sexualakt die Haltung herausgebildet, 
9 



114 



Ehe und sexuelle Daucrbczichung 



den Sexualverkehr als solchen zu scheuen. Diese Haltung wird durch 
gleichgerichtete Bestrebungen der bürgerlichen Erziehung gefördert. 
Und da für die meisten Männer das Besitzen der Frau mehr ein 
Beweis ihrer Männlichkeit als ein Liebeserlebnis wird, da das Erobern 
vorher das Lieben nachher übertönt, bekommt diese Scheu der Frauen 
eine tragische Berechtigung. 

Ferner hat das Mädchen schon mit der Muttermilch die Forderung 
der kapitalistischen Gesellschaft in sich aufgesogen, dass man nur 
mit einem Manne geschlechtlich verkehren dürfe. Diese Erziehungs- 
einflüsse sitzen tiefer und haben stärkere Wirkung (weil sie un- 
bewusst durch Schuldgefühle festgehalten werden), als die sexuelle 
Aufklärung, die zu spät einsetzt. Man begegnet ja so oft Frauen, 
die trotz besserer inteÜeklueller Einsicht es nicht über sich bringen, 
sich von einem ungeliebten Mann zu trennen, jeden Gedanken daran 
mit allerlei mehr oder minder unstichhaltigen Argumenten von sich 
weisen. Das wirkliche, unbewusst bleibende Motiv lässt sich etwa in 
die Worte fassen: »Meine (kleinbürgerliche) Mutter hat es ihr Leben 
lang in dieser entsetzlichen Ehe ausgehalten, also muss ich es auch 
können.« Diese Identifizierung mit der treuen, monogamen Mutter 
ist in den allermeisten Fällen das wirksamste hemmende Element. 

Sexuelle Dauerbeziehungen, die nicht eheliche werden, dauern 
gewöhnlich nicht das Leben lang, Je früher solche Beziehungen 
geschlossen werden, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit und. wie 
sich leicht zeigen lässt, auch die psychologische und biologische 
Berechtigung, dass sie sich rascher lösen als spät eingegangene. Etwa 
bis zum 30. Lebensjahre befiixdet sich der Mensch, wenn er nicht 
durch seine wirtschaftliche Lage allzusehr zu Boden gedrückt wird, 
in ständiger seelischer Entwicklung. Erst um diese Zeit pflegen sich 
im Durchschnitt die Interessen zu festigen, dauernde zu werden. Die 
Ideologie der Askese und Dauermonogamie steht somit in krassem 
Widerspruch zum körperlichen und seelischen Entwicklungsprozesses. 
Sie ist praktisch undurchführbar. Das leitet über zum Widerspruch 
jeder Eheideologie. 



ft 



2. DAS EHEPROBLEM 

Die beschriebenen Schwierigkeiten der sexuellen Dauerbeziehung 
werden, seitdem das Privateigentum an Produktionsmitteln die Struk- 
tur der menschlichen Gesellschaft bestimmt, durch ökonomische 
Bindungen erschwert und in Wirklichkeit unlösbar. Die biolo- 
gisch und sexual-psychologisch fundierte sexuelle 
Dauerbeziehung wird zur Ehe. Ihre ideologischen Kenn- 
zeichen sind die kirchlichen Forderungen, sie müssten lebens- 
länglich und streng monogam sein. Das Bürgertum lockert 
zwar die kirchliche Form der Ehe, dringt aber niemals zu ihren in- 



^1 



Das Eheproblem 115 



neren Widersprüchen vor, weil es sonst mit seinen eigenen liberalen 
Ansichten in Widerspruch geriete, ökonomisch muss es an der Ehe- 
institution festhalten, ideologisch liberal müsste es unmögliche Kon- 
sequenzen ziehen. Diese Widersprochenheit ist ausnahmslos in allen, 
wissenschaftlichen und literarischen Abhandlungen festzustellen und 
lässt sich kurz so formulieren ; Die Ehen sind schlecht, 
aber die Eheinstitution muss gepflegt und erhal- 
ten werden. Das erste ist eine Feststellung, das zweite eine For- 
derung. Jene entspricht den Tatsachen, diese der bürgerlichen Gesell- 
schaftsordnung, in der die Eheinstitution ein uncrlässlicher Bestand- 
teil ist. 

Die Autoren gelangen infolge dieser doppelten Gebundenheit 

Tatsachenfeststeilung einerseits, bürgerliche Ideologie anderseits 

zu den merkwürdigsten und absurdesten Argumenten für die Erhal- 
tung der Ehe. 

So bemüht man sich etwa nachzuweisen, dass die Ehe und die 
Monogamie »natürliche« Einrichtungen, also biologische Erscheinun- 
gen seien. Man sucht also eifrig unter den Millionen Tierarten, die 
unzweideutig geschlechtlich ungeregelt leben, die Störche und die 
Tauben heraus und stellt fest, Störche und Tauben leben — zeitweise 
notabene! -— monogam; also sei die Monogamie »natürlich«. Hier 
ist der Mensch kein überirdisches Wesen, das nicht mit Tieren ver- 
glichen werden dürfte, weil diese Feststellung die monogame Eheideo- 
logie stützt. Die Tatsache hingegen, dass die Promiskuität bei den 
Tieren die Regel ist, wird glatt unberücksichtigt gelassen, wenn man 
das Eheproblem biologisch erörtert; es kann aber doch nicht ganz 
übersehen werden, also muss der Mensch sich vom Tier auch unter- 
scheiden und wegen seiner »höheren Berufung« an der Ehe als der 
»höchsten« Form der geschlechtlichen Beziehungen festhalten. Hier 
ist also der Mensch kein Tier mehr, sondern ein »höheres Wesen« mit 
angeborener Sittlichkeit, und: Kampf der Sexualökonomie und dem 
Sozialismus! ist die Parole, denn jene hat eindeutig nachgewiesen, 
dass es eine angeborene Sittlichkeit nicht gibt, und dieser zerstört die 
wirtschaftliche Grundlage der Ehe. Wenn aber die »Sittlichkeit« 
nicht angeboren ist, so kann sie nur anerzogen sein. Und wer hat 
anerzogen? Die Gesellschaft oder deren Ideologie-Fabrik, die auf der 
monogamen Ehe fussende bürgerliche Familie. Damit hat aber die 
Elieform aufgehört, eine natürliche Einrichtung zu sein, ihr gesell- 
schaftlicher Charakter ist prinzipiell zugegeben. Das bürgerliche Ar- 
gument ist aber hartnäckig, es weiss sich Sukkurs zu verschaffen. 
Schön, also die Ehe ist weder eine natürliche Einrichtung noch eine 
Forderung einer übernatürlichen Bestimmung des Menschen; sie ist 
dann folgerichtig eine gesellschaftliche Institution. Man versucht 
also nachzuweisen, dass die Menschen immer monogam gelebt haben, 
und leugnet jede Entwicklung und Änderung der Sexualformen. Man 



116 Ehe und sexuelle Üaucrbcziehung 

verfälscht sogar die Ethnologie, wie etwa Westermark es tat, 
und gelangt zum Schluss: Wenn die Menschen immer in monogamer 
Ehe gelebt haben, so muss diese Institution für den Bestand der 
menschlichen Gesellschaft überhaupt, des Staates, der Kultur und 
der Zivilisation notwendig sein. Aber wohlgemerkt! Solche Berufung 
einer Forderung auf Vergangenes, schon logisch ein Irrtum, erfolgt 
nicht bei gegenteiligen Befunden, wenn man etwa feststellen muss, 
dass neben der monogamen Lebensweise die polygame, beziehungs- 
weise promiskue eine gewiss dem Umfang und der Intensität nach 
grössere Rolle gespielt hat. Um diesem Argument auszuweichen, 
tauscht man wieder den Ewigkeitsstandpunkt gegen den Gesichts- 
punkt der Entwicklung ein; man stellt die Entwicklung zu »höheren« 
Formen der Geschlechtüchkeit fest, findet auf einmal, dass die pri- 
mitiven Völker eben in tierischer Unmoral leben, und dass wir stolz 
darauf sein müssen, jene »anarchischen« Zustände des Sexuallehens 
überwunden zu haben. So denkt man auch gar nicht über die wich- 
tige Tatsache nach, dass der Mensch sich vom Tier nicht durch ge- 
ringere, sondern durch intensivere Sexualität unterscheidet (ständige 
Bereitsschaft zum Geschlechtsverkehr). Das mit der »Erhebung über 
das Tier« stimmt im Sexuellen nicht: Der Mensch ist »tierischer« als 
das Tier. Dass bei solcher Stellungnahme die moralische Wertung die 
Beobachtung verfälscht und die Feststellung der der unseren weit 
überlegenen sexuellen Ökonomie der »Primitiven«^) nicht erfolgen 
kann, leuchtet ein. Damit begibt man sich aber jeder Möglichkeit, 
die zeit- und ortsgebundene Sexualform auf ihre materiellen, gesell- 
schaftlichen Grundlagen zu prüfen. Man kommt aus der moralisch- 
werlenden Betrachtung nie mehr heraus und gerät in uferlose und 
fruchtlose Debatten. Man versucht soziale Phänomene, die längst dem 
Untergang geweiht sind, moralisch, metaphysisch oder biologisch zu 
rechtfertigen, und das alles unter dem Mantel unantastbarer, angeb- 
lich objektiver Wissenschaftlichkeit, mit all der Scheu und dem Re- 
spekt, die diese Art Wissenschaft, und je moralischer sie tut, desto 
gründlicher, dem Philister einzuflössen pflegt. 

Die Tatsachen allein sprechen zu lassen und aus diesen Tatsachen 
nicht ohne weiteres Forderungen abzuleiten, sondern den Gang der 
Entwicklung zu studieren, das zum Absterben bestimmte zum Ster- 
ben, das Neue in den Daseinsformen der menschlichen Gesellschaft 
zur Entfaltung zu bringen, heisst wissenschaftliche Anwendung der 
Erkenntnis; ein Handeln, das dem Bürgertum, welches das grosse 
Verdienst hat, die moderne Wissenschaft begründet zu haben, längst 
aus Gründen seiner Existenz unmöglich geworden ist. 

Bei strenger Betrachtung der Tatsachen ergeben sich zwei Frage- 
stellungea: 

1) Hier sei auf Malinowski: »Das Geschlechtsleben der Wildea« und auf 
mein Buch: »Der Einbruch der Sexualmoral« verwiesen. 



Die gesellschaftliche Funktion der Ehe 



117 



1. Welche gesellschaftliche Funktion hat die Ehe? 

2. Worin beruht der Widerspruch der Ehe? 



a^ Die gesellschaftliche Funktion der Ehe 

Die gesellschaftliche Funktion der Eheinstitution ist dreifacher 
Art: wirtschaftlicher, politischer und sozialer. Sie fällt zusammen mit 
der bürgerlichen Familie. 

Wirtschaftlich: So wie die Ehe in der Geschichte der 
Menschheit sich mit dem Eigentum an den Produktionsmitteln zu 
entwickeln beginnt, so bezieht sie aus dieser ihrer materiellen Basis 
fortlaufend ihre materielle Existenzberechtigung. Das heisst, solange 
es Privateigentum an Produktionsmitteln geben wird, solange ist die 
Ehe gesellschaftlich notwendig, solange ist sie mit ge- 
sellschaftlichem Sinn erfüllt. Dass auch Klassen, die kein solches 
Interesse haben, in der gleichen Sexualform lehen, ist ein unberech- 
tigter Einwand, denn die jeweils herrschenden Ideologien sind die 
Ideologien der herrschenden Klasse; die Eheform ergibt sich nicht 
nur unmittelbar aus ihrer materiellen Basis, sondern sie wird auch 
gehalten durch die moralischen Anschauungen der ideologischen 
Atmosphäre und die lebensängstliche menschliche Struktur. Darum 
ist auch die wirkliche Grundlage der Sexualform den Menschen nicht 
bewusst, man beruft sich bloss auf die ideellen Bationalisierungen 
der Sexualform, auf ihre ideologischen Haftpunkte im Kopfe des Ein- 
zelmenschen. Wo aber die materielle Basis es erfordert, ändert sie die 
Ideologie ah. Als nach dem dreissigjährigen Kriege die mitteleuro- 
päische Menschheit an Zahl eingeschrumpft war, erliess der Kreistag 
von Nürnberg am 14. Februar 1650 einen Erlass, der die monogame 
Forderung aufhob: »Demnach auch die unumgängliche des heiligen 
Römischen Reiches Notdurft erfordert, die in diesem dreissigjährigen 
Kriege ganz abgenommene, durch das Schwerdt, Krankheit und Hun- 
ger verzehrte Mannschaft wiederumb zu ersetzen, ... so sollen hiefüro 
innerhalb der nächsten zehn Jahren jedem Mannspersonen zwei 
Weiber zu heiraten erlaubt sein.« (Zitiert nach Fuchs' »Sitten- 
geschichte«, Renaissance. S, 40. ff.) Mit der gottgewollten Monogamie 
ist es also anders bestellt. 

Politisch : Da die monogame Dauerehe der Kern der bürger- 
lichen Familie ist, diese aber, wie wir schon ausgeführt haben, die 
ideologische Präparationsstätte für jedes Mitglied der autoritär ge- 
lenkten Gesellschaft in der Kindheit wird, hat sie auch eine politische 
Daseinsberechtigung. 

Sozial ; Für die patriarchalische Gesellschaft ist die materielle 
Abhängigkeit der Frau und der Kinder kennzeichnend. Sekundär wird 
so die Ehe zu einem materiellen und moralischen (moralisch im Sinne 
der patriarchalischen Interessen) Schutz der Frau und der Kinder. 



118 Ehe und sexuelle Dauerbeziehung 

Daher müssen alle Phasen der patriarchalischen 
und kapitalistischen Gesellscliaft an der Ehe 
festhalten. Hier gilt nicht die Frage, ob die Ehe gut oder schlecht 
ist, sondern ob sie gesellschaftlich berechtigt und notwendig ist. Man 
•kann daher in der Gesellschaft, in der die Ehe wirtschaftlich wurzelt, 
sie nicht abschaffen wollen; man kann nur »reformieren«, ohne dass 
am Wesentlichsten gerüttelt wird, etwa indem man nach zehn Jahre 
langer Debatte an Stelle des Verschuldungs- das Zerrüttungsprinzip 
als Scheidungsgrund gelten iässt. 

Diese Reformen gehen aus den Widersprüchen der Ehesituation 
hervor, die sich nicht auf wirtschaftlichem, sondern auf dem Gebiete 
der sexuellen Ökonomie innerhalb der Ehesitualion ergeben. Sie haben 
ja meist den Charakter tragikomischen Dlks nach folgendem Muster: 
(Meldung des »Pester Lloyd« vom 25. Januar 1929.) 

»Kartenspiel als Schulfach. Aus Clevcland in Amerika kommt 
eine überraschende Meldung. Ilas Lehrerkollegium der städtischen Schule hat 
sich dort entschlossen, Bridge als obligates Schulfach einzuführen. Als Begründung 
für diese merkwürdige Neuerung wird angeführt, dass das amerikanische Home 
deshalb dem Untergang geweiht ist, weil das Bridgespiel nachlässt. Wieviel Ehen 
sind bereits daran gescheitert, dass die Ehegatten statt miteinander oder in guter 
Gesellschaft Bridge zu spielen, jeder für sich ausgingen. Man will für die 
städtische Schule zwölf Bridgelehrer engagieren. Man hofft, dass die Schuljugend 
auf diese Art nicht nur für ein solides Eheleben vorbereitet wird, sondern dass 
die Kinder einen guten Einfluss auf ihre meistenteils in zerrütteter Ehe lebenden 
Eltern werden ausüben können.« 

Dass die Ehen zerfallen, ist keine Neuigkeit. Trotzdem einige 
Zahlen. Zunächst eine Statistik der Eheschliessungen und Ehelösun- 
gen in Wien 1915— 1925^}. 

2 a h 1 der 
Jahr Eheschliessungcu Ehelösimgen 

1915 13.954 617 

1916 12.855 656 

1917 12.406 659 

1918 17.123 1078 

1919 26.182 2460 
'.. 1920 31.164 3145 
^■, 1921 29.274 3300 
* 1922 26.568 3113 

1923 19.827 3371 

1924 17.410 3437 

1925 16.288 3241 

Während also die Eheschliessungen ungefähr gleich geblieben 
sind und nur in den Jahren nach Kriegsende eine Steigerung auf über 
das Doppelte erfahren haben, nahmen die Scheidungen konstant zu. 



1) Walter Schiff: »Die natürliche Bewegung der Bevölkerung der Bundes- 
hauptstadt Wien in den Jahren 190.7 — 1925.« (1926.) 



Niedergang der Ehe 



119 



und zwar stiegen sie im Laufe von zehn Jahren um das Fünffache. 
Betrug das Verhältnis der Lösungen zu den Schliessungen 1915 noch 
etwa ein Zwanzigstel, so 1925 bereits ein Fünftel. 

Der »Pesti Naplo« vom 18. November 1928 bringt einen Artikel 
über die Ehefrage: 

»Es ist wahr, dass die Lust zum Heiraten angewachsen ist, doch eilt man zu 
den Eheschcidungsgerichten viel gieriger als zum Standesamt, Dafür spricht 
M'enigstens das, dass von 1878 bis 1927 sich die Zahl der Eheschliessungen ver- 
vierfacht hat, aber während derselben Zeit ist die Zahl der durch Scheidung 
gelösten Ehen auf das achtzigfache gestiegen. Im Jahre 1926 wa. uas 
Verhältnis hundertfach.« 

In diesem Artikel wird noch festgestellt, dass der grösste Teil der 
Ehen im fünften oder sechsten Jahr ihres Bestandes gelöst wurde. 
Von 1645 Scheidungen im Jahre 1927 waren mit der Motivierung 
»mutwilliges Verlassen« 1498 begehrt worden und nur in zwei Fällen 
wurde die Ehe wegen Ehebruchs gelöst. 

Der »Budapesti Hirlap« vom 24. November 1928 meldet, dass im 
Oberhaus mit Besorgnis das rapide Wachsen der Ehescheidungen zur 
Rede gebracht wurde. Während 1922 1813, 1923 1888 Ehen geschieden 
■wurden, so 1878 nur 21, 1879 nur 15 Ehen. Seit der Wirtschafts- 
und Bankkrise im Jahre 1898 nahmen die Ehescheidungen rapid zu 
(1900 255, 1905 464, 1910 659). Es wird festgestellt, dass die Höchst- 
zahlen der Ehescheidungen auf Zeiten der wirtschaftlichen Krisen, 
fallen. 

Seit 1931 zeigte sich mit Ausnahme der Czechoslowakei eine 
Steigerung der Eheschliessungszahlen in Europa: 



Die Zahl der Ehe schliessu ngen betrug 

1931 1932 

Deutschland 515.4 509,6 

Italien 276,0 267,8 

Portugal 44,9 45.4 

Polen 273,3 270,3 

Niederlande 59,5 55,8 

Ungarn 76,4 71,2 

Tschechoslowakei 129,9 128,0 



(in 


1000) in 


1933 


1934 


631,2 


781,5 


289,9 


309.2 


45,8 


47,5 


273,9 


277,3 


59,2 


60,6 


73,1 


77,7 


124,3 


118,3 



Diese Zahlen spiegeln zwar den verschärften Druck der politi- 
schen Reaktion wieder (366.178 Ehestandsdarlehen in drei Jahren 
in Deutschland zur Förderung der Familienideologie), sind in ihrer 
Bedeutung aber nicht zu überschätzen. Sie sagen weder über den 
inneren Zustand der EUien noch über eine Änderung der konkreten 
sexuellen Lebensverhältnisse etwas aus. An dem Grundwiderspruch 
der Eheinstitulion hat sich nichts geändert. 



^20 Ehe und sexuelle Dauerbeziehung 



In Sowjet-Russland, wo die Eheinstitution gesetzlich und prak- 
tisch so gut wie aufgehoben wurde (denn die Registrierung einer ge- 
schlechtlichen Verbindung steht frei, sie ist nicht obligat), sind die 
Ergebnisse der Statistik folgende: 

In Moskau stieg die Zahl der Registrierungen von 24.899 im Jahre 
1926 auf 26.211 im Jahre 1929; dagegen die Trennungen von 11.879 
auf 19.421 in der gleichen Zeit. In Leningrad betrug die Zahl der 
Registrierungen 1926 20.913, 1927 24.369; die Trennungen stiegen in 
der gleichen Zeit von 5536 auf 16.008 (!). 

Eindeutige Zahlen gibt Lindsey in seinem Buche »Kamerad- 
schaftsehe« für die U.S. A. (S. 153 ff.). In Denver in den U. S.A. 
kam im Jahre 1922 auf eine Eheschliessung bereits eine Ehescheidung. 
Auf 2909 Schliessungen kamen 1492 Scheidungen und 1500 Fälle von 
böswilligem Verlassen, zusammen 2992. 1922 ergab gegenüber 1921 
um 45 Scheidungen mehr und um 618 Schliessungen weniger. Die 
Schliessungen sanken in Denver von 4002 im Jahre 1920 auf 3008 im 
Jahre 1922. In Chikago kamen im Jahre 1922 auf 39.000 Heiraten 
13.000 Scheidungen, also genau ein Drittel. »Die Menschen werden 
kopfscheu« fügt Lindsey seinem Bericht verzweifelt hinzu. 

Noch einige Zahlen über die Verhältnisse in Amerika, die deutlich 
zeigen, dass der Zerfall der Ehe nicht etwa eine Erfindung der Bol- 
schewiken ist. Nach einem Bericht der »United Press« für das Jahr 
1924 kamen in Atlanta auf 3350 Eheschliessungen 1845 Scheidun- 
gen (über die Hälfte), in Los Angeles auf 16.605 7882 (fast die 
Hälfte), in Kansas City auf 4821 2400 (fast die Hälfte), in Ohio 
auf 53.3000 11.885 (ein Fünftel), in Denver auf 3000 1500 (die 
Hälfte), in Cleveland auf 16.132 5256 (ein Drittel). 
Seinem Bericht fügt Lindsey hinzu: . , 

»Die Ehe, wie sie jetzt ist, bedeutet für die meisten, die sie einsehen, einfach 
eine Hölle. Wer die lange, lange Prozession von schiffbrüchigen Leben, unseligen 
Männern und Frauen, elenden, heimatlosen, verwahrlosten Kindern gescheo hat, 
wie sie durch meinen Geriehtshof gezogen sind, der kann zu keinem anderen 
Schluss kommen.« n j_ g ]29 ) 

»Wenn aber 13.000 Ehescheidungen wirklich ausgesprochen wurden, wieviel 
Paare, glauben Sie wohl, sind da gewesen, die geschieden werden wollten, es 
aber nicht wagten? Denn eine Ehescheidung ist immer noch eine sehr aufregende, 
kostspielige, unangenehme Sache und wird erst unternommen, wenn man an der 
Bussersten Grenze des Erträglichen angekommen ist. Wenn in Chikago im Jahr 
des Heils 1922 39.000 Eheschliessungen stattfanden, so ist es eine höchst kon- 
servative Schätzung, dass volle 26.000 zu den 13.000, die geschieden wurden, sich 
hätten scheiden lassen, wenn es ihnen möglich gewesen wäre. Diese Schätzung 
gründet sich bei mir auf meine Erfahrungen mit verheirateten Leuten, die im 
Vertrauen zu mir kommen, um sich Rat und Trost zu holen, und die sich nie 
zur Scheidung entschliessen, obgleich sie sie doch so sehr wünschen. Ich glaube, 
dass ihre Zahl bei weitem grösser ist, als die Zahl derer, die wirklich zum 
Gericht gehen.« (S. 154.) 

»Wenn die obigen Zahlen mit denen früherer Jahre verglichen werden, so 
sieht man deutlich, dass Trennungen und Ehescheidungen ständig zunehmen, und 
dass sie bald die Zahl der Eheschliessungen erreicht haben werden.« (S. 155.) 
»Wir haben Tausende und aber Tauaende von Fällen, die auch ohne ge- 



Rcfacllion gegen die Ehe 121 



setzliche Bestätigung das Versagen der betreffenden Ehe bezeugen. Es liegt kein 
Grund vor, warum diese nicht zu den Ehescheidungen gerechnet werden sollen, 
denn sie wären ebenfalls legale Scheidungen, wenn nicht irgendein UmstaDd, 
irgendwelche Verhältnisse hindernd dazwischen gestanden hätten. Innerlich und 
äusserlich gehören sie ganz gewiss zu dem Sammelbegriff 'Ehen', die versagt 
haben.« ^S. 1&5.) 

Noch ein peinliches Gespräch mit einem amerikanischen Girl; 

»Mary fürchtete den Ehekontrakt als ein Ding, aus dem es so schwer Entrinnen 
gab, wenn etwas verkehrt gehen sollte. Sie wollte ihr freier Herr bleiben, sonst 
hätte sie geheiratet, denn sie gab gewisse Vorteile der gesetzlichen Ehe zu. 

Gut! So war es vielleicht ihre Pflicht, die Ehelosigkeit zu wählen und ihr 
geschlechtliches Leben zu unterdrücken, das nach seinem normalen Ausdruck 
drängte? 

Darauf antwortete Mary richtig oder verkehrt, dass sie sich einem Fetisch, 
von Gleichförmigkeit nicht opfern will. Sie will nicht zwischen dem Entweder- 
Oder zu wählen haben, weil sie beides für unvernünftig und abscheulich hält. 

Statt dessen schwingt sie die Fahne der Rebellion und sagt: »Nein! Ich und 
meine Generation, ■wir werden einen dritten Weg finden. Ob ihr es gutheisst oder 
nicht: wir machen unter uns unseren eigenen Ehekontrakt, der sich mit unseren 
Wünschen und Bedürfnissen deckt. Wir glauben ein natürliches Recht auf 
Kameradschaft und intimen Verkehr zu haben, nach dem es uns triebhaft verlangt. 
Wir kennen Schutzmassregeln, die unerwünschte Mutterschaft auszuschliesscn, so 
lange eine solche die Lage erschweren würde. Wir geben nicht zu, dass solches 
Verhalten die Sicherheit der menschlichen Gesellschaft gefährdet, und wir glauben, 
dass dieser Versuch, die Tradition durch gesunden Menschenverstand zu ersetzen, 
eher gut als schlecht ausgehen wird.« So sprechen sie. 

Was soll nun ich, ein Mann in verantwortlicher gerichtlicher Stellung zu 
einer solchen Herausforderung sagen? Kann ich mit Still.schweigen darüber hin- 
weggehen, dass die Eheschliessung zu Nutz und Frommen der Menschheit gemacht 
ist und nicht die Menschheit zu Nutz und Frommen der Elicschliessungen? Dass> 
die Heirat kein Endzweck, sondern ein Mittel zum Zweck ist? Dass der Schuh 
und nicht der Fuss geändert werden muss, wenn der Schuh nicht passt? Und 
was das Zölibat betrifft als die einzige Möglichkeit ausser einer vielleicht 
unglückseligen Heirat — — : Warum Worte darüber verlieren und Forderungen 
stellen, die Menschen doch niemals erfüllen werden und die auch einem natür- 
lichen und notwendigen Trieb Gewalt antun?« (Rev. d. mod. Jugend. S. 106.) 

Und welche Schlüsse zieht Lindsey aus den eigenen Feststel- 
lungen und der peinlichen Aussprache mit Mary? 

»Und doch soll damit keinesfalls für »freie Liebe« und dergleichen Dinge 
Bahn gebrochen werden. Wir kommen nicht ohne die Ehe aus. Sie muss durch 
weise, vorsichtige Änderungen ihrer Hegeln erhalten bleiben, um im Leben der 
Menschen wirklich das Glück zu schaffen, das sie schaffen kann, leb glaube fest 
an die segensreichen Möglichkeiten der Ehe, das hoffe ich nun ganz klargemacht 
zu haben.« (Rev. d. mod. Jugend. S. 107.) 

Wir sehen, auch ein so hervorragender Mann wie Lindsey 
macht den Sprung von der Feststellung des Zerfalls der Ehe und 
ihrer sexualökonomischen Widersinnigkeit in das Reich der bürger- 
lichen Ethik, die ja in Wirklichkeit nur ein Spiegelbild der ökonomi- 
schen Notwendigkeiten des herrschenden Systems ist. Dass der Zerfall 
der Ehen in Amerika so rasch fortschreitet und so klar zum Ausdruck 
kommt, liegt zweifellos daran, dass dort der Kapitalismus am weite- 
sten fortgeschritten und dementsprechend die schärfsten Widersprüche 
auf dem Gebiete der sexuellen Ökonomie produziert: Strengster Puri- 



122 Ehe und sexuelle Dauerbeziehung 

tanismus auf der einen und Zusammenbruch der bürgerlichen Moral 
auf der anderen Seite. Das haben wir ja schon bei der Frage der 
Jugend gesehen. 

L i n d s e y ist überzeugt, dass die Ehe zu erhalten ist, weil sie 
»dennoch Glück bringen kann«. Es ist aber nicht die Frage, ob sie es 
bringen It a n n, in doppelter Hinsicht. Es muss erwiesen sein, dass 
sie es wirklich bringt, und wenn sie es nicht tut, muss untersucht 
werden, weshalb, und wenn sie zerfällt, müssen die sexualökonomi- 
schen und wirtschaftlichen Ursachen dafür erfasst werden. 

Hoffinger, ein bürgerlicher Forscher des XIX. Jahrhunderts, 
kam in einer Untersuchung zum Schluss: 

»Obwohl er gewissenhaft und mit Eifer nach der Zahl der glücklichen Ehen 
geforscht, so ist doch seine Forschung stets soweit vergeblich gewesen, dass er 
es nie dahin bringen konnte, die glücklichen Ehen als etwas anderes als 
höchst vereinzelte Ausnahmen von der Regel zu erkennen.« 

(Zitiert nach Bloch, Sexualleben unserer Zeit, S. 247.) 

Gross-Hof finger stellt auch fest: 

»1. Ungefähr die Hälfte aller Ehen ist absolut unglücklich. 

2. Weit über die Hälfte derselben ist ganz offenbar demoralisiert. 

3. Die Moralität der übrigen kleineren Hälfte l>esteht durchaus nicht is 
Beobachtung der ehelichen Treue. 

4. 15 Prozent aller Ehen betreihen das Gewerbe der Unzucht und Kuppelei. 

5. Die Zahl der völlig über allen und jeden Verdacht der Untreue (bei vor- 
handener Fähigkeit) erhabenen orthodoxen Ehen ist in den Augen jedes Ver- 
nünftigen, der die Gebote der Natur kennt und das Ungestüme ihrer Forderungen, 
gleich Null.« (»Das Sexualleben unserer Zeit«, 2. u. 3. Auflage. S. 253.) 

Bloch untersuchte hundert Ehen und fand: 

Ausgesprochen unglücklich 48 

Gleichgültig 36 

Unzweifelhaft glücklich 15 ^ 

Tugendhaft 1 

Unter diesen 100 'Ehen fand Bloch »absichtlich unmoralisch« 
14, »liederlich und leichtsinnig« 51, völlig unverdächtig 2. Man be- 
achte die wertende Ausdrucksweise. Ich untersuchte die einzeln an- 
geführten Fälle nach und fand, dass von den als glücklich bezeich- 
neten Ehen 3 in vorgerücktem Alter waren, bei 13 bestand Untreue 
eines oder beider Ehegatten, 3 waren als »phlegmatisch« gekenn- 
zeichnet, das heisst sexuell anspruchslos (impotent oder frigid), 2 
waren als scheinbar glücklich bezeichnet. Wenn unter lö als un- 
zweifelhaft glücklich bezeichneten Ehen sich 13 untreue finden, so 
besagt das, dass eine Ehe auf die Dauer eben nur unter Opferung 
der wichtigsten Forderung der bürgerlichen Eheideologie, der ehe- 
lichen Treue, oder aber unter der Bedingung voller sexueller An- 
spruchslosigkeit glücklich sein kann. 



Eheliche ResignatioD 



123 



Eine eigene statistische Untersuchung über 93 Ehen, deren Ver- 
hältnisse mir genau bekannt waren, ergab: 

Schlecht oder ausgesprochen untreu 66 

Resigniert oder kraulte Ehegatten 18 

Sehr fraglich (äusserlich ruhig) , 6 

Gut 3 

Von den drei von mir als fraglos glücklich bezeichneten Ehen war 
keine älter als drei Jahre. Die Statistik stammt aus dem Jahre 1925. 
Seither ist eine der Ehen geschieden, eine andere zerfiel innerlich, 
wenn auch vorläufig ohne Scheidung, als der Mann in Analyse kam, 
die dritte hielt 1929 noch. 

Lebedewa teilte in einem Kurs für ausländische Ärzte in 
Moskau interessante statistische Zahlen über die Dauer der Ge- 
schlechtsbeziehungen mit. Eine Kontrolle bilden dort nur die regi- 
strierten Ellen, welche praktisch fast reinen sexuellen Dauerbezie- 
hungen gleichkommen. Von allen registrierten Verbindungen dauern 
bis zu einem Jahre 19 Prozent, 3 bis 4 Jahre 37 Prozent, 4 bis 9 Jahre 
26 Prozent, 10 bis 19 Jahre 12 Prozent, über 19 Jahre 6 Prozent. 

Diese Zahlen beweisen, dass für die sexuelle liasis einer Beziehung 
4 Jahre das durchschnittliche Höchstmass sind. Wie will die bürger- 
liche Ehereform mit dieser Tatsache fertig werden? 

Hier noch einige Bemerkungen über jene Ehen, die als gut und 
ruhig bezeichnet werden. »Ruhig« heisst, dass die Konflikte nicht in 
Erscheinung treten, und man nennt »gut« auch solche Ehen, bei denen 
stille Resignation alles überbaut hat. Kommt ein solcher Ehepartner 
in die analytische Behandlung, so staunt man immer wieder über die 
Fülle an unbewusstem und verhaltenem Hass, der sich im Laufe einer 
mehrjährigen ehelichen Gemeinschaft in dem Ehepartner aufge- 
speichert hat und seinen Ausdruck schliesslich in einer seelischen 
Erkrankung fand, ohne dem Betreffenden je zu Bewusstsein gekom- 
men zu sein. Man tut unrecht, diesen Hass nur auf kindliche Erleb- 
nisse zurückzuführen. Man kann feststellen, dass die Übertragung des 
Hasses von einer in der Kindheit gehassten Person auf den Ehegatten 
erst erfolgte, als sich in der Elie selbst reichlich Konfliktstoffe an- 
gehäuft hatten, die die alten Schwierigkeiten zu neuem Leben er- 
weckten. Meiner Erfahrung nach zerfallen die Ehen in der analyti- 
schen Behandlung, wenn ohne Rücksicht auf die eheliche Moral ana- 
lysiert wird, das heisst, wenn man nicht bewusst oder unbewusst 
Themen, die am Bestand der Ehe rühren könnten, unangetastet lässt. 
Solche Fälle kommen vor. Und eine zweite Erfahrung geht dahin, dass 
die Ehen, welche den Druck einer Analyse zu ertragen hatten, nur 
dann halten, wenn der Analysierte selbst seine sexuelle Agilität ge- 
winnt und entschlossen ist. sich der strengen ehelichen Moral nicht 



124 Ehe und sexuelle Dauerheziehung 



unbedingt zu fügen. Diese erweist sich regelmässig als gehalten durch 
neurotische Verdrängungsmechanismen. 

Die Analyse von Ehegatten hat ferner folgende eindeutige Ergeb- 
nisse: 

1. Es findet sich keine Frau, die nicht die sogenannten »Dirnen- 
phantasien« hätte. Die wenigsten Frauen phantasieren, sich zu pro- 
stituieren. Es handelt sich fast immer nur um den Wunsch, mit 
mehreren Männern geschlechtlich zu verkehren, seine sexuellen Er- 
fahrungen nicht mit einem Manne zu beschliessen. In der bürger- 
lichen Gesellschaft ist dieser Wunsch begreiflicherweise mit Vorstel- 
lung der Prostitution verknüpft. Die charakteranalytische Klinik 
zerstört den Glauben an eine monogame Veranlagung der Frau rest- 
los. Manche Psychoanalytiker halten diese »Dirnenphantasien« für 
neurotisch und sehen ein Ziel darin, die Frau davon zu befreien. Mit 
einem solchen Urteil hat man sich der notwendigen amoralischen 
Haltung in der analytischen Behandlung beraubt, man analysiert nur 
mehr im Interesse der krankmachenden Moral. Man hat aber als Arzt 
die Gesundheit des Patienten, also seine Libidoökonomie und nicht 
die Moral zu berücksichtigen. Stellt man aber wieder fest, dass ein 
Widerspruch besteht zwischen den libidinösen Forderungen des Kran- 
ken und der gesellschaftlichen Moral, so ist es »unanalytisch«, die 
Forderungen als »infantil«, als Machinationen des »Lustprinzips« ab- 
zutun und sich auf die notwendige »Realitätsanpassung« oder »Re- 
signation« zu berufen, ehe man untersucht und sich genau Rechen- 
schaft gegeben hat, ob die sexuellen Ansprüche wirklich infantile und 
die Realitätsforderungen — im Sinne der menschlichen Gesundheit! 
— wirklich annehmbare sind. Eine Frau, die ihren sexuellen An- 
sprüchen gemäss mit mehreren Männern geschlechtlich verkehrt, ist 
noch nicht ohne weiteres als infantil abzustempeln. Sie passt nur 
nicht recht zur Ideologie der bürgerlichen Gesellschaft; das ist alles. 
Sie ist deswegen noch nicht krank, wird aber vermutlich erkranken, 
wenn sie sich der herrschenden Moral allzusehr fügt. Und man sollte 
doch die Tatsache mehr beachten, dass die braven, die realitätsange- 
passten Frauen, jene, die die Last der Ehe äusserlich widerspruchs- 
los auf sich genommen haben, weil sie teils aus ökonomischen, teils 
aus moralischen Gründen sexuell gehemmt sind, alle Zeichen der Neu- 
rose an sich haben. Aber sie sind »realitätsangepasst«. 

2. Die Analyse lehrt uns, wenn wir das soziale Sein einbeziehen, 
die Motive der monogamen Ideologie kennen. Hier findet man: Starke 
Identifizierung mit den Eltern, die wenigstens äusserlich die Mono- 
gamie vertraten, besonders die Identifizierung der Tochter mit der 
monogamen Mutter, aber auch ihren Gegensatz, die Reaktion auf die 
monogame Strenge der Mutter in Form neurotischer Poly- 
gamie. Wir finden ferner als Ursache der monogamen Einstellung 
Schuldgefühle gegen, den Gatten, als Reaktion auf den verdrängten 



Der Widerspruch der Eheinstitutioa 125 



Hass gegen ihn, der die sexuelle Freiheit einschränkt. Das kindliche 
Sexualverbot und die in der Kindheit entstandene Angst vor sexuellen 
Betätigungen wirken in der Reihe der seelischen Motive der mono- 
gamen Einstellung in erster Linie. Die monogame Ideologie 
erweist sich so beim einzelnen als mächtige reak- 
tive Schutzorganisation gegen die eigenen 
sexuellen Tendenzen, die den Gegensatz Monoga- 
mie-Polygamie oder -andrie nicht kennen, son- 
dern nur Befriedigung. Die inzestuöse Bindung an den 
gegengeschlechtlichen Elternteil spielt eine grosse Rolle, und die 
Lösung dieser Bindung zerstört ein breites Stück der monogamen Ein- 
stellung. Nicht zuletzt ist auch die ökonomische Gebundenheit der 
Frau in ihrer monogamen Tendenz wirksam. Man erlebt es gelegent- 
lich, dass sich die starre monogame Moral-Forderung ohne weitere 
analytische Arbeit lockert, wenn wirtschaftliche Unabhängigkeit mög- 
lich wird. 

3. Auch die Forderung des Ehegatten, seine Frau müsse monogam 
sein, hat ihre besonderen individuellen Gründe. Die ökonomische 
Basis der monogamen Forderung ist, den bisherigen Erfahrungen nach 
zu urteilen, psychologisch nicht unmittelbar repräsentiert. Wir finden 
in erster Linie die Angst vor dem Konkurrenten, insbesondere dem 
mit der besseren Potenz, und die narzisstische Scheu vor der sozialen 
Ächtung, vor dem Stigma des »Gehörnten«. Die betrogene Frau wird 
ja nicht verachtet, sondern bemitleidet. Das hat seinen Grund darin, 
dass für die Frau in ihrer abhängigen Stellung die Untreue des Gal- 
ten eine wirkliche Gefahr bedeutet. Die Untreue der Frau hingegen 
ist der öffentlichen Meinung ein Beweis, dass der Gatte seine Herren- 
rechte nicht zu wahren vermochte, vielleicht auch, dass er nicht Mann 
genug im rein sexuellen Sinne war, um seine Frau treu zu erhalten. 
Daher erträgt auch die Frau eine Untreue des Gatten gewöhnlich 
leichter als umgekehrt der Gatte die seiner Frau. Würden die öko- 
nomischen Interessen die Ideologie unmittelbar beeinflussen, so 
müsste das Gegenteil der Fall sein. Es ist aber so, dass sich zwischen 
die wirtschaftliche Basis der moralischen Anschauungen und diese 
-Selbst \iele Zwischenglieder einschalten, etwa die Eitelkeit des Man- 
nes, so dass schliesslich doch die Linie des gesellschaftlichen Sinnes 
der Ehe gewahrt bleibt: Der Mann darf untreu sein, die Frau nicht. 

b) Der Widerspruch dsr Eheinstitution 

Der Widerspruch der Eheinstitution ergibt sich aus dem Wider- 
spruch zwischen den sexuellen und den wirtschaftlichen Interessen 
in der Eäie. Vom Standpunkt des Privateigentums werden sehr kon- 
sequente und folgerichtige Forderungen gestellt. Da es unwahr- 
scheinlich, ja sexualökonomisch unmöglich ist, dass ein sexuell 



126 Ehe und sexuelle Dauerbezichuag 

vollintakter Mensch sich den Bedingungen der ehelichen Moral unter- 
wirft - — nur ein Partner, und mit diesem lebenslänglich ^, 
ist eine sehr tiefgreifende Unterdrückung des Sexualbedürfnisses, vor 
allem bei der Frau, allererste Forderung. Die Moral fordert daher — 
natürlich ohne es praktisch allgemein durchzusetzen — , die Frau 
dürfe vor der Ehe nicht geschlechtlich verkehren, womöglich auch 
der Mann nicht; aber hier werden beide Augen zugedrückt. Nicht die 
sinnliche Sexualität — heisst es — , sondern das Kind mache das 
Wesen der Ehe aus (das stimmt für die ökonomische Seite der Ehe, 
nicht aber für die sexuelle Dauerbeziehung) ; die Gatten dürfen 
während der Ehe keinen anderen Menschen geschlechtlich kennen- 
lernen. Es ist nun richtig, dass diese Forderungen für die dauernde 
Aufrechterhaltung einer Ehe notwendig sind. Aber die gleichen 
Forderungen sind es, die die Ehe untergraben, sie 
schon bei ihrer Schliessung dem Untergange wei- 
hen. Die Forderung der lebenslänglichen Geschlechtsgemeinschaft 
birgt von vornherein die Revolte gegen den Zwang in sich, die sich 
bewusst oder unbewusst um so heftiger gestaltet, je lebendiger und 
aktiver die sexuellen Bedurfnisse sind. Die Frau hat bis zur Heirat 
keusch gelebt, ist sexuell unerfahren, muss, um treu bleiben zu kön- 
nen, ihre genitalen Ansprüche verdrängen. Diese stehen nunmehr 
kaum noch ganz zur Verfügung, sie bleibt anästhetisch, kalt, kann 
den Mann weder reizen noch befriedigen, sobald der Reiz der Neuheit 
des Erlebnisses vorüber ist. Gerade der gesunde Mann zieht sein In- 
teresse sehr bald ab. sucht andere Frauen, die ihm mehr geben kön- 
nen, der erste Riss in der Beziehung ist da. Auch der Mann soll nach 
der herrschenden Moral nicht allzugrosse »Seitensprünge« wagen, 
auch er muss, besonders wenn er heiratet, einen grossen Teil seiner 
genitalen Interessen verdrängen. Das ist zwar gut für den Bestand 
der Ehe, aber schlecht für die sexuelle Beziehung, denn die Ver- 
drängung hat Potenzstörungen oder -Schädigungen zur Folge. Ist die 
Frau daran, ihre Sexualität zu erwecken, so ist sie bald enttäuscht, 
wenn sie wissend ist, und sucht einen anderen Partner, oder sie er- 
krankt an der Sexualstauung, an der Unbefriedigtheit, in irgend einer 
neurotischen Form: in beiden Fällen ist die Ehe durch 
das gleiche Motiv untergraben worden, das ihren 
Bestand sichern sollte: durch die sexu al ver n e i - 
nende Erziehung zur Ehe. 

Dazu kommt, dass die immer mehr zunehmende wirtschaftliehe 
Unabhängigkeit der Frau die sexuellen Hemmungen beseitigen hilft; 
sie ist nicht mehr ans Haus und an die Kinder gebunden, sondern 
lernt andere Männer kennen; die Einbezogenheit in den wirtschaft- 
lichen Prozess lehrt sie über Dinge nachdenken, die bisher ihrem Ge- 
sichtskreis entrückt waren. 

Die Ehen könnten, eine Zeit lang zumindest, gut sein, wenn. 



Die Ergebnislosigkeit der Ehereform 127 



sexuelle Übereinstimmung und Befriedigung bestünde. Voraussetzung 
dessen wäre aber eine sexualbejahende Erziehung, sexuelie Erfahren- 
heit vor der Ehe, Überwindung der herrschenden gesellschaftlichen 
Moral. Das aber, was die Ehe unter Umständen gut 
gestaltet, ist gleichzeitig der Totengräber der 
Ehe, denn ist die Sexualität einmal bejaht, ist die 
moralische Anschauung überwunden, dann gibt 
es kein inneres Argument mehr gegen den \^ er- 
kehr mit anderen Partnern (ausser eine gew-isse Zeit 
lang, aber sicher nicht lebenslänglich, die Treue aus Befrie- 
digtheit); die eheliche Ideologie geht unter, die 
Ehe ist keine Ehe mehr, wohl aber eine sexuelle Dauer- 
beziehung, die sich gerade wegen der wegfallenden Unterdrückung 
der genitalen Wünsche, bei sonst gutem Einvernehmen im ganzen 
glücklicher gestalten kann, als es die strenge Einehe je vermag. Die 
Heilung der unglücklichen Ehe ist in vielen Fällen — dem Ehebands- 
verteidiger und dem bürgerlichen Gesetz zum Trotz — die eheüche 
Untreue. 

Gruber schreibt: 

»Gewiss wird es in jeder Ehe Zeiten — wenn auch vielleicht Augenblicke — 
hochgradiger Verstimmung geben, wo es als drückende Last empfunden wird, 
aneinander gefesselt zu sein. Über solche unglückliche Störungen werden jene 
Gatten am leichtesten hinwegkommen, die keusch in die Ehe eingetreten und 
einander treu geblieben sind.« (Hygiene. S. 148.) 

Er hat gewiss Recht: Je keuscher vor, desto treuer in der Ehe. 
Diese Treue verdankt ihren Bestand der Eintrocknung der Sexualität 
durch die voreheliche Abstinenz. 

Die Ergebnislosigkeit der bürgerlichen Ehe- 
reform erklärt sich so aus dem Widerspruch 
zwischen der Eheideologie, von der die eheliche 
Not und die Reform bestrebung ausgeht, und der 
Tatsache, dass die Eheform, die reformiert wer- 
den soll, spezifisch zur Gesellschaftsordnung ge- 
hört, in der sie Ökonomisch sinngemäss verankert 
ist. Wir haben früher zu zeigen versucht, dass die Grundelemente 
der allgemeinen sexuellen Not sich aus dem Widerspruch zwischen 
dem natürlichen Sexualverlangen und der Ideologie: Aussereheliche 
Askese — monogame Dauerehe, ableiten. Der Sexualreformer stellt 
also etwa fest, dass das Gros der 'Ehen miserabel ist, weil die Sexual- 
befriedigung in der Ehe unvollkommen ist, die Männer ungeschickt, 
die Frauen kalt sind. 

Er schlägt also etwa Erotisierung der Ehe vor, wie Van de 
Velde, will die Gatten sexualtechnisch belehren und erhofft sich 
davon eine entsprechende Besserung im Verhältnis der Ehegatten. 
Sein Grundgedanke ist richtig; die Ehe, welche auf einer befrie- 



12S Ehe und sexuelle Daucrbcziehung 

digenden erotischen Basis ruiit, ist in der Tat besser als die unero- 
tische; aber er übersieht dabei alle Voraussetzungen für die Eroti- 
sierung der dauernden Geschlechtsbeziehung. Eine Voraussetzung 
wäre die sexuelle Erfahrenheit der Frau, Bejahung der Sexualität 
überhaupt. Die bürgerliche Sexualerziehung wird aber vom Zielpunkt: 
Keuschheit des Mädchens, Zwangstreue der Ehefrau bestimmt. Beides 
macht ein ganz erhebliches, wenn nicht vollständiges Mass an Sexual- 
verdrängung bei der Frau notwendig. Die sexuell anspruchlose, nicht 
sehr selbständige, sexualverneinende oder das Erotische bloss duldende 
Frau ist die trcueste, also im Sinne der bürgerlichen Moral beste 
Ehegattin. Eine sexualbejahende Sexualerziehung würde die Frau 
selbständiger machen, wäre also im Grunde ehefeindlich. Die bür- 
gerliche Sexu a 1 erziehu n g ist absolut folgerichtig 
vom Standpunkt der lebenslänglichen Einehe be- 
trachtet, die Forderung nach Erolisierung der 
Ehe widerspricht der Eheideologie. Das hat der Baseler 
Professor Habe rl in richtig erkannt, der in seinem Buche ȟber 
die Ehe« ausführt, dass zwar das eigentliche Ehemotiv die Geschlechts- 
liebe sei; »ist ohne sie eine Ehe im vollen Sinne nicht möglich, so 
bildet sie anderseits in der Ehe das gefährliche und unberechenbare 
Element, und ihre Anwesenheit macht geradezu die Ehegemeinschaft 
zu einer andauernd problematischen Angelegenheit.« Als konse- 
quenter bürgerlicher Forscher kommt er auch zum Schluss: »Die 
Ehe als Lebensgemeinschaft ist zu verwirklichen trotz der Gc- 
schlechtsliebe, die mit ihr verbunden ist.« Das heisst: Die bürger- 
liche Gesellschaft ist an der monogamen Dauerehe ökonomisch in- 
teressiert und kann auf die Geschlechtsinteressen keine Rücksicht 
nehmen. 

Daher ist in der bürgerlichen Gesellschaft jede Erleichterung der 
gesetzlichen Formalitäten der Ehescheidung praktisch für die Masse 
bedeutungslos. Der Ehescheidungsparagraph bedeutet ja nur, dass die 
herrschende Klasse bereit ist, die Scheidung prinzipiell zuzulassen. 
Aber ist sie auch bereit, alle wirtschaftlichen Voraussetzungen zu 
schaffen, die für die Frau unerlässlich sind, wenn sie die Scheidung 
auch wirklich durchsetzen können soll? Eine dieser Voraussetzungen 
wäre etwa, dass die Rationalisierung der Produktion nicht Arbeits- 
losigkeit, sondern Verkürzung der Arbeitszeit und Erhöhung des 
Lohnes zur Folge hätte. Die wirtschaftliche Abhängigkeit der Frau 
vom Mann, ihre geringere und niedriger eingeschätzte Anteilnahme 
am Produktionsprozess macht die Ehe zu einer Schutzinstitution für 
sie, wenn sie auch gerade in diesem »Produktionsverhältnis« doppelt 
ausgebeutet ist. Sie ist nämlich nicht nur sexuelles Objekt des Mannes 
und die Gebärmaschine des Staates, sondern ihre unbezahlte Arbeit 
in der Hauswirtschaft erhöht indirekt die Profitrate des Unternehmers. 
Denn der Mann kann nur unter der Bedingung zum üblichen niedrigen 



Versuche, die Ehe zu retten ' 129 



Stundenlohn Mehrwert erzeugen, dass ihm zu Hause so und soviel 
Arbeit unbezahlt abgenommen wird. Hätte der Unternehmer für die 
häusliche Ordnung des Arbeiters zu sorgen, so müsste er entweder 
dem Arbeiter eine Wirtschafterin bezahlen oder aber ihn wirtschaft- 
lich in die Lage versetzen, sich eine solche zu halten. Diese Arbeit 
leistet aber die Ehefrau umsonst. Steht auch die Frau im Fabrik- 
betrieb, so muss sie entweder für eine Reihe von unbezahlten über- 
stunden Arbeit leisten, um das Haus in Ordnung zu halten, oder aber 
sie tut es nicht, dann leidet der familiäre Zusammenhang, und die 
Ehe hat aufgehört, eine bürgerliche Ehe zu sein. 

Zu diesen wirtschaftlichen Schwierigkeiten kommt die Tatsache 
hinzu, dass die Frauen durch die bürgerliche Sexualerziehung zu 
einem grossen Teile nur auf das eheliche Sexualleben eingestellt sind, 
auf dieses Leben mit all seinem sexuellen Elend, seinem Zwang, seiner 
Erlebnisöde, aber auch seiner äusscrlichen Ruhe, seiner gebundenen 
Marschroute, die der heutigen Durchsehnittsfrau das Nachdenken 
über ihre Geschlechtlichkeit und den in der bürgerlichen Gesellschaft 
aufreibenden Kampf im ausserehelichen Sexualleben erspart. Für das 
Bewusstsein dieser Frau hat es wenig zu bedeuten, dass diese Er- 
sparnis teuer bezahlt ist durch ihr seelisches Leiden. Ihr Geschlechts- 
bewusstsein würde ihr vielleicht die Neurose, aber nicht das sexuelle 
Leiden ersparen, das sie in der bürgerlichen Atmosphäre bedroht, 
ebenso wie das Klassenbewusstsein dem Proletarier in der bürger- 
lichen Gesellschaft nicht die materielle Not nimmt und das subjektive 
Leiden eher noch erhöht. 

Die Widersprüche der Eheinstitution spiegeln sich folgerichtig in 
den Widersprüchen der Ehereform (ä la Van de Velde) wieder. 
Die Reform der Ehe durch Erotisierung ist in sich widerspruchsvoll. 
Auch Lindseys Vorschlag der »Kameradschaftsehe« krankt daran, 
dass nicht etwa der Niedergang als solcher festgestellt und auf seine 
Ursachen geprüft wird, sondern dass man Zusammenbrechendes von 
der Zielvorstellung ausgehend: »Die Ehe ist die beste Sexualform«, 
zurechtflicken will. Auch in Lindseys Schriften ist der Sprung 
von der Entwicklungslinie, die die Tatsachen einhalten, zur Linie 
der bürgerlich-moralischen Wertungen klar ausgesprochen. Er ist 
etwa gegen die Probeehe aus moralischen Gründen, verficht aber das 
System der Kameradschaftsehe, das heisst der »gesetzlich sanktio- 
nierten« Verbindung von Mann und Frau mit »gesetzlich gestatteter 
Geburtenkontrolle«. Sucht man nach der Begründung für die gesetz- 
liche Sanktion, so findet man nichts als die Anschauung, die Sexual- 
beziehungen »müssten« gesetzlich anerkannt sein. Die Kamerad- 
schaftsehe würde sich demnach von der richtigen Ehe nur durch die Ge- 
burtenkontrolle unterscheiden und dadurch, dass sie ohne weiteres zu 
lösen ^väre, im Gegensatz zur Kinderehe. Dieser Vorschlag ist gewiss 
der weitestgehende in der bürgerlichen Gesellschaft. Aber man muss 
10 



130 ^ Ehe und sexuelle DauerbeziehuQg 

klar sehen, dass er gesellschaftlich gehunden ist und die sexuelle Öko- 
nomie hinter die Frage der wirtschaftlichen Versorgung von Frau 
und Kind zurückstellen m u s s, also zur Lösung der Ehefrage nichts 
beitragen kann. 

Die Tatsachen liegen jedoch so; Der Ehekonflikt wird im 
Rahmen der bestehenden Gesellschaftsordnung 
unlösbar, weil einerseits der Sexualtrieb sich 
nicht länger mit der ihm aufgezwungenen Sexual- 
form abfindet, daher Zerfall der Ehemoral, ander- 
seits die materielle Daseins weise der Frau und der 
Kinder die Aufrechterhaltung der Eheform not- 
wendig macht, daher fortgesetztes Eintreten für 
die bestehen de Sexual form: Ehe. Der Konflikt ist nur 
die Fortsetzung eines anderen auf höherer Ebene. Dieser andere Kon- 
flikt besteht darin, dass sich im Rahmen der bürgerlichen Gesell- 
schaftsordnung die sozialistischen, gemeinwirtschaftlichen Produk- 
tionsweisen vorbereiten, und die Ehcmoral verändert sich in dem. 
Masse, als einerseits die materielle Verselbständigung der Frau und 
die Kollektivierung der werktätigen Jugend, anderseits der Sexual- 
konflikt selbst sexuelle Krisen vorbereiten. Die Ehe gehört 
I spezifisch zum kapitalistischen Wirtschaftssy- 

stem und hält sich daher notwendigerweise trotz 
aller ihrer Krisenhaftigkeit. Ihr Zerfall und der in 
diesem gesellschaftlichen Rahmen unlösbare Widerspruch mit dem 
ökonomisch begründeten Fortbestehen sind ja nur Zeichen der Kri- 
senhaftigkeit der kapitalistischen Daseinsweise überhaupt. Die Ehe 
fällt automatisch, stirbt an ihrer inneren Unmöglichkeit, in dem 
Augenblick, in dem ihre materielle Grundlage zerbröckelt. Das 
historische Ereignis ihres Zerfalls begab sich in der Sowjetunion. 

Dass eine Gesellschaft, die das Privateigentum an den Produk- 
tionsmitteln nicht anerkennt, auch kein Interesse am Bestand der Ehe 
in dem bisherigen Sinne hat, ist nicht eine Erfindung sozialer Uto- 
pisten und Wirrköpfe, wie so viele meinen, die ihren Blick nicht über 
das Niveau des zeit- und raumbegrenzten Kapitalismus erheben 
können. Das Sexualrecht der Sowjetunion, selbst Ausdruck einer der 
gewaltigsten Umwälzungen der Weltgeschichte, hat Tatsachen gesetzt, 
die auch in den Sexualformen von historischer Bedeutung sind. Wir 
werden uns mit ihnen und den neuen Problemen der sowjetistischen 
Sexual revolution im zweiten Teile dieses Buches befassen. 

Wie morsch die Eheinslitution in sexualökonomischer Hinsicht 
ist, konnte man daran sehen, dass die Ehen insbesondere der fort- 
geschritteneren Schichten der Bevölkerung, der klassenbewussten 
Arbeiter und Angestellten, nach der Revolution rasch und vollends 
zerfielen, wie ja die latente Ehekrise immer zu Zeiten gesellschaft- 
licher Krisen in Form des Ehezerfalles in Erscheinung tritt. »Sinken 



Objektive Aufhebung der Ehe 



131 



der Moral in stürmischen Zeiten« wird man sagen. Wir wollen aber 
Tatsachen in ihrem gesellschaftlichen Zusammenhang sehen und 
endlich aufhören, sie moralisch zu betrachten. Der Zerfall der bürger- 
lichen Moral war eben nur ein Zeichen, dass die soziale Revolution 
auch eine sexuelle zur Folge hatte, dass sie vor keinem »heiligen Gut« 
halt machte. Darüber ist man sich selbst in linkssozialistischen Kreisen 
noch nicht völlig klar geworden, dass die soziale Revolution nicht 
etwa die Eheform verändert, sondern sie völlig aufhebt und an ihre 
Stelle eine Form setzt, die diesen Namen weder historisch noch psy- 
chologisch noch wirtschaftlich mehr verdient. 

Solange es eine Normierung des Geschlechtsiebens im Sinne der 
monogamen Eheideologie gibt, ist das Sexualleben nach aussen hin 
geregelt, nach innen anarchisch, sexuell unökonomisch. Wenn sich 
die Eheideologen durch die tatsächlichen Effekte der von ihnen ge- 
billigten und geforderten gesellschaftlichen Normierung des Ge- 
schlechtslebens, durch die Erniedrigung des Liebeslebens, die Ehe- 
misere, die jugendliche Sexualnot, die Sexualmorde und andere schöne 
Dinge mehr nicht überzeugen lassen, so wird ihnen auch das Argu- 
ment nicht einleuchten, dass die naturgesetzlich bestimmten Grund- 
bedürfnisse einer solchen Patronanz der Gesellschaft nicht bedürfen, 
sofern nur die Gesellschaft nichts dazu tut. um die Befriedigung zu 
stören. Der Sinn der Vergesellschaftung des Menschen ist, die Be- 
friedigung des Hungers und der Liebe zu erleichtern. Auf dem Gebiete 
des Hungers war seit der Herrschaft des Privateigentums an Produk- 
tionsmitteln die überwiegende Mehrheit, auf dem der Liebe fast die 
ganze Menschheit in der Befriedigung eingeschränkt. Gerade das Ein- 
greifen der Klasseninteressen in die Befriedigung der Grundtriebe hat 
die Anarchie geschaffen. Bringt die Beseitigung der gesell- 
schaftlichen Normierung des Geschlechtslebens die naturgesetz- 
liche Regelung, die der sexuellen Ökonomie, wieder zur 
Geltung? Wir können weder hoffen noch fürchten, sondern nur 
studieren, ob die Entwicklung der Gesellschaft dahin zielt, die natür- 
lichen Bedingungen der materiellen sowohl wie der sexuellen Öko- 
nomie durch Einrichtungen zu verbessern, weiche den menschlichen 
Bedürfnissen Rechnung tragen. Es ist gewiss: Eine sich allgemein 
durchsetzende wissenschaftliche und rationelle Betrachtung des- 
Lebens wird die Altäre jeder Art von Gottheit zerstören; man wird- 
nicht mehr gewillt sein, im Interesse einer abstrakten Kulturidee, die 
das Wohlleben einer Minderheit widerspiegelt, oder eines »objektiven 
Geistes«, oder der metapliysi sehen »Sittlichkeit« Gesundheit und! 
Lebensfreude von Millionen zu opfern. Werden sich noch Wissen- 
schaftler — wie in unserem Zeitalter — dazu hergeben, die ver- 
nichtende moralische Regulierung des menschlichen Lebens durch 
ihre »wissenschaftlichen« Feststellungen zu stützen? 

Die wissenschaftliche Seinsbetrachtung herbeizuführen ist die 
10' 



1-32 



Ehe und sexuelle Dauerbeziehung 



soziale Revolution berufen. In Russland vollzog sich 1917 die soziale 
Revolution. Versuchen wir zu begreifen, wie sie mit dem Sexual- 
problem fertig wurde, was ihr dabei gelang und wo sie noch nicht 
■erfüllen konnte, was die nach Freiheit lechzende Menschheit von ihr 
erhoffte. - 



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' ■ ZWEITER TEIL ' 

DER KAMPF 
UM DAS „NEUE LEBEN'' . 

IN DER SOWJETUNION 
EINE NOTWENDIGE VORBEMERKUNG ■' 

Im Verlaufe der letzten zwei Jahre häuften sich sexual- und 
kulturpolitische Nachrichten aus Sowjetrussland, die im Lager der 
Arbeiterbewegung nur Verwirrung anstifteten. 

Im Juni 1934 wurde in der SU der Homosexualitätsparagraph 
wieder eingeführt, Gerüchte über Homosexuellenverfolgungen häuften 
sich. Die österreichischen und deutschen Sexualreformer hatten 
anderthalb Jahrzehnte lang in ihrem Kampf gegen den kapitalistischen 
Homosexualitätsparagraph immer wieder auf die fortschrittliche 
Sowjetunion hingewiesen, die die Bestrafung der Homosexualität 
aufgehoben hatte. 

In den letzten Jahren wurde die Schwangerschaftsunterbrechung 
bei Erstgebärenden und Müttern mit nur einem Kinde immer mehr 
erschwert, wurde die Äbtreibung auch sonst immer mehr bekämpft. 
Die deutsche Geburtenregelungs-Bewegung hatte in der ursprüngli- 
chen sowjetistischen Haltung zur Geburtenregelung ihre machtigste 
Stütze gegen die politische Reaktion {Vgl. die Wolf-Kienlekampagne 
1932). Jetzt hören wir immer häufiger den Triumph der Gegner der 
Freigabe des Abortus, die SU kehre ebenfalls ihren ursprünglichen 
Anschauungen den Rücken. 

In Deutschland gab der »Verlag für Sexualpolitik« unter Mit^ 
Wirkung verschiedener proletarischer Jugendorganisationen, des Ver- 
lags der Jugendinternationale und unter Zustimmung des Jugend- 



'34 Eine notwendige Vorbemerlcung 



exekutivkomitees mein Buch »Der sexuelle Kampf der Jugend« 
heraus, um auf diesem Gebiete eine revolutionäre Anschauung und 
Praxis zu entwickeln. In der Jugendarbeit beriefen wir uns auf die 
Freiheit, die die Sowjetunion auf sexuellem Gebiete der Jugend 
eröffnet hatte. Die Kommunistische Partei Deutschlands verbot 1932 
den Vertrieb des Buches; ein Jahr später setzten es die Nazis auf 
den Index. Wir hören, dass in der SU die Jugend einen harten 
Kampf gegen die alten Ärzte und manche hohen Staatsfunktionäre 
führt, die immer mehr zur alten Askese-Theorie zurückkehren. Wir 
können uns nicht mehr ohne Einschränkung auf die sexuelle Freiheit 
der Sowjetjugend berufen und sehen Verwirrung und Widersprüche 
in der westeuropäischen Jugend, die dies nicht begreift, 

Wir lesen in Artikeln und hören, dass in der SU die Familie 
j.; wieder hochgehalten und »gefestigt« wird. Wie zur Zeit der Nieder- 

1' Schrift dieser Zeilen verlautet, soll beabsichtigt sein, die Eheregelnng, 

die 1918 getroffen wurde, wieder teilweise rückgängig zu machen! 
Wir stützten uns im Kampfe gegen die bürgerlichen Ehegesetze 
immer mit grösstem Erfolg bei der Bevölkerung auf die sowjetistisehe 
Ehegesetzgebung. Wir konnten den Marxschen Satz, dass die soziale 
. Revolution »die Familie aufhebe« bestätigt finden und hatten nur 
harte Arbeit, um den familiengebundenen Menschen die Notwendig- 
keit und Nützlichkeit dieses Prozesses zu erklären. Heute triumphiert 
die reaktionäre Familienpolitik: »Seht, mit Euren Theorien ist es 
Essig. Selbst die Sowjetunion gibt die Irrlehre von der Zerstörung 
der Familie auf. Die Familie ist und bleibt die Grundlage der 
Gesellschaft und des Staates.« 

Wir lesen und hören, dass anlässlich der Verwahrlosungsfrage den 
Eltern wieder die Erziehungsverantwortung über die Kinder über- 
tragen wird. In unserer pädagogischen und kulturellen Arbeit gingen 
wir von der Tatsache aus, dass in der Sowjetunion den Eltern die 
Gewalt über die Kinder genommen und die erzieherische Sorge der 
Gesamtgesellschaft übertragen wurde. Die Kollektivierung der Kin- 
dererziehung stand für uns als ein Grundprozess der sozialistischen 
Gesellschaft fest. Jeder fortgeschrittene Arbeiter, jede klare Mutter 
anerkannte und bejahte diese Richtung des Sowjetismus. In der 
Masse kämpften wir gegen den Besitzinstinkt und Machtmissbrauch 
der Mütter den Kindern gegenüber, wandten wir alles Wissen auf, 
um den Müttern zu zeigen, dass ihnen die Kinder nicht »genommen« 
werden, sondern dass die gesellschaftliche Erziehung der Kinder ihnen 
die Lasten und Sorgen abnehmen soll. Wir hatten Erfolg. Jetzt kann 
die politische Reaktion in der Pädagogik sagen: »Seht, selbst in der 
Sowjetunion ist man von dem Unsinn abgekommen, wird die natür- 
liche und ewige Gewalt der Eltern über die Kindef wieder hergestellt.« 
In den sowjetistischen Schulen wurde der Daltonplan längst fal- 
len gelassen, wir hören, dass sich die Unterrichtsmethoden immer 



Rückschritt zu autoritärer Lenkuoe 135 

mehr autoritativ gestalten. Wir können uns in unseren pädagogischen 
Kämpfen um die Selbstverwaltung der Kinder und die Vernichtung 
der autoritären Schulform nicht mehr auf die SU stützen. 

Wir beriefen uns bei unseren Kämpfen um eine rationelle Sexual- 
aufklärung der Kinder und Jugendlichen immer auf die Erfolge der 
Sowjetunion. Wir hören aber seit Jahren nichts mehr darüber, ausser 
dass die Askeseideologie immer schärfere Formen annimmt. 

Wir müssen also eine Bremsung der sowjetistischen 
Sexualrevolution, mehr einen Rückschritt zu auto- 
ritärmoralischen Formen der Regelung des menschlichen 
Liebeslebens feststellen. 

Wir erfahren von verschiedenen Seiten, dass in der Sowjetunion 
die Sexualreaktion ständig überhand nimmt, dass die revolutionären 
Kreise sich diese Vorgänge nicht zu erklären wissen; dass man nach 
Klarheit sucht und keine findet und deshalb den übergriffen der 
Reaktion ohnmächtig gegenübersteht. Sowohl die Verwirrung inner- 
halb der Sowjetunion wie ausserhalb, in den bürgerlichen Ländern, 
in den Kreisen der Arbeiterbewegung stellen also die Frage der sow- 
jetistischen Sexualpolitik auf die Tagesordnung. Was ist geschehen? 
Weshalb gewinnt die Sexualreaktion Überhand? Woran scheitert die 
Sexualrevolution? Was ist zu tun? Das sind die Fragen, die jeden 
revolutionären Sexualpolitiker heute beschäftigen und auch jeden 
Wirtschaftspolitiker interessieren müssen. 

Das Argument, die politische Reaktion könnte eine offene Behand- 
lung dieser Fragen stören, gilt nicht. 

Erstens kann sich die politische Reaktion niemals auf den 
Standpunkt der revolutionären Sexualpolitik gegen die heutigen 
Massnahmen der SU stellen, hn Gegenteil : Sie triumphiert 
über diese Massnahmen. 

Zweitens ist die Klärung der Frage in der europäischen und 
amerikanischen Arbeiterbewegung wichtiger als Rücksicht auf 
etwaiges Prestige. Verwirrung ist schädlich. In Frankreich prokla- 
mierte die »Humanites bereits die Rettung der »Rasse« und der »fran- 
zösischen Familie«. Die sowjetistischen Massnahmen der letzten Zeit 
sind beute jedermann bekannt und können nicht geleugnet werden. 

Drittens besteht noch die Möglichkeit, den in der SU käm- 
pfenden Verteidigern der sowjetistischen Sexual revolution zu Hilfe zu 
eilen. Es kann sehr bald zu spät sein. 

Viertens haben die revolutionären Kämpfer vor den Massen 
nichts zu verbergen. Taktische Rücksichten werden in solchen Fra- 
gen und Perioden konterrevolutionär; sie sind oft nichts als Zeichen 
mangelnder Kraft, die Schwierigkeiten mit korrekter politischer 
Arbeil zu überwinden. 

Der Rückschritt auf sexualpolitischem Gebiet in der SU hängt 
mit allgemeinen Fragen der revolutionären Kulturentwicklung zusam- 



136 Eine notwendige Vorbemerkung 



men. Wir lesen und hören auch sonst, dass immer mehr die Rich- 
tung zur Selbstverwaltung des gesellschaftlichen Lebens zugunsten 
der autoritativen Lenkung der Gesellschaft weicht. Der Rückschritt 
prägt sich nur auf dem sexuellem Gebiet am besten aus und ist hier 
am klarsten zu fassen. Nicht ohne Grund. Der Sexualprozess der 
Gesellschaft war immer der Kern ihres Kulturprozesses. Das sehen 
wir an der Familienpolitik des Faschismus ebenso klar wie in der 
Urgesellschaft am Übergang vom Matriarchat zum Patriarchat. In 
der Übergangszeit zum Kommunismus kann es nicht anders sein. 
Auch hier ging mit der wirtschaftlichen Umwälzung in den ersten 
Jahren eine Revolution im sexuellen Leben einher. Diese Sexualrevo- 
lution war der objektive Ausdruck des revolutionären Umbaus der 
Kultur. Ohne den Sexualprozess der SU ist ihr Kulturprozess nicht 
zu fassen. 

Es ist katastrophal, wenn Führer einer revolutionären Bew^egung 
reaktionäre, spiessige Anschauungen mit dem Schlagwort »Kleinbür- 
gerei«, die sie auf den Sexualrevolutionär anwenden, zu verteidigen 
versuchen. Die Rückkehr zu Tolstoi, R. Wagner, zum amerikanischen 
Spielfilm, zum Kitsch in verschiedenen Formen ist nur ein Ausdruck 
davon, dass der Durchbruch nach vorne nicht gelang. Die Bezie- 
hung der Bremsung der Sexualrevolution zum kulturpolitischen Rück- 
schritt wird hier nur angedeutet werden. Vielleicht gelingt es, in ab- 
sehbarer Zeit des Materials habhaft zu werden, das zur Klärung der 
allgemeinen Kulturfrage notwendig ist. Doch es ist nützlicher, ihren 
Kern zuerst zu behandeln, statt umgekehrt das allgemeine differen- 
zierte Kulturproblem ohne Kenntnis seiner menschlich strukturellen 
Basis — zu verwirren. 



I. KAPITEL 

DIE „AUFHEBUNG DER FAMILIE" 

Die sexuelle Revolution in der Sowjet-Union setzte mit der Auf- 
lösung der Familie ein. Sie zerfiel radikal in allen Kreisen der Be- 
völkerung, hier früher, dort später. Dieser Prozess war schmerzhaft 
und chaotisch; er verursachte Schrecken und Verwirrung. Ein voll- 
gültiger objektiver Beweis für die Riclitigkeit der scxuafökonomischen 
Theorie über Wesen und Funktion der Familie war gegeben: Die 
patriarchalische Familie ist die strukturelle und ideologische Repro- 
duktionsstätte aller geseilscliaftlichen Ordnungen, die auf dem Pri- 
vateigentum an den Produktionsmitteln beruhen. Mit der Enteignung 
des Privateigentums an den Produktionsmitteln musste automatisch 
auch die Familieninstitution erschüttert werden. 

Der Zerfall der Familie in der sozialen Revolution ist der Aus- 
druck dafür, dass die sexuellen Bedürfnisse der Menschen die Fesseln 
sprengen, die ihnen mit der wirtschaftlichen und autoritären fami- 
liären Bindung auferlegt wurden. Es vollzieht sich die Tren- 
nung von Wirtschaft und Sexualität. Stand vorher im 
Patriarchat das Sexualbedürfnis im Dienste und daher unter dem 
Zwange wirtschaftlicher Interessen einer Minderheit ; stand im ur- 
kommunistischen Matriarchat die Wirtschaft im Dienste der Bedürf- 
nisbefriedigung der Gesamtgesellschaft (aucli der sexuellen), so 
zielt die soziale Revolution eindeutig darauf, die Wirtschaft wieder 
in den Dienst der Bedürfnisbefriedigung aller produktiv Arbeitenden 
zu stellen. Diese Umkehrung des Verhältnisses von Bedürfnis und 
Wirtschaft ist einer der Kernpunkte der sozialen Revolution. Nur 
aus diesem allgemeinen Prozess ist der Zerfall der Familie zu begrei- 
fen. Er würde sich rasch und gründlich, auch reibungslos vollziehen, 
käme nichts anderes in Frage als die Last, die die familiäre ökono- 
mische Bindung für die Familienmitglieder bedeutet, und die Stärke 
der durch sie gefesselten sexuellen Bedürfnisse. Das Problem ist also 
nicht so sehr das, weshalb die Familie zerfällt; die Gründe dafür lie- 



138 Die Aufhebung der Familie 



gen klar zutage. Viel schwieriger ist die Frage zu beantworten, wes- 
halb dieser Zerfall psychisch so schmerzhaft ist, wie keine andere 
Wirkung der Revolution. Die Enteignung der Produktionsmittel be- 
reitet nur ihrem früheren Besitzer Schmerzen, jedoch nicht der Masse, 
dem Träger der Revolution. Doch die Aufhebung der Familie betrifft 
gerade diejenigen, die die wirtschaftliche "Umwälzung vollziehen sol- 
len: die Arbeiter, Angestellten, Bauern. Gerade hier enthüllt sich die 
konservative Funktion der Familienbindung am allerdeutlichsten. 
Durch die ungeheuer intensiven Familiengefühle wirkt sich eine 
Bremsung gerade auf den Träger der Revolution selbst aus. Seine 
Bindung an Frau und Kinder, seine Liebe zum Heim, wenn er es hat, 
auch wenn es noch so notdürftig ist, sein Hang zur gebundenen 
Marschroute u.s. f.. behindern ihn mehr oder minder, wenn er den 
Hauptakt der Revolution, die Enteignung des Kapitals durchführen 
soll. So wie bei der Heranbildung der faschistischen Diktatur etwa 
in Deutschland, die familiäre Bindung als Bremsung der revolutio- 
nären Kraft sich ausgewirkt hatte (was Hitler erst ermöglichte, 
die imperialistische, nationalistische Ideologie auf dem festen Fun- 
dament dieser Bindungen aufzubauen), so wirkt sich in der Revolu- 
tion die familiäre Bindung bremsend auf die beabsichtigte Kollek- 
tivierung des Lebens aus. Es entsteht ein schwerer Widerspruch 
zwischen dem Zerfall der gesellschaftlichen Grundlagen der Familie 
einerseits und der alten, nicht so leicht und rasch wandelbaren fami- 
liären Struktur der Menschen, die die Familie gefühlsmässig und zwar 
meist unbewusst aufrechterhalten wollen, andererseits. Die Ersetzung 
der patriarchalischen Familienform durch das sozialistische Kollek- 
tiv stellt fraglos den Kern des revolutionären Kulturproblems dar. 
Durch das oft so laute Geschrei: »Los von der Familie« darf man sich 
hier keineswegs täuschen lassen. Oft ist gerade der, der am lautesten 
die Vernichtung der Familie fordert, unbewusst am allerslärksten an 
:seine familiäre Kindheit gebunden. Solche Rufer sind wenig geeignet, 
das schwerste aller Probleme, die Ablösung der familiären Bindung 
<iurch kollektive gesellschaftliche Bindungen theoretisch und praktisch 
zu lösen. I Gelingt nun dem Sowjetstaat nicht gleichzeitig mit der 
Enteignung des Privatkapitals auch die Lösung seiner strukturellen 
Verankerung in der psychischen Struktur des Familienmenschen, 
■erhält sich auf die Dauer das familiäre Gefühl, dann muss notwen- 
digerweise eine immer weiter klaffende Schere entstehen zwischen 
■der wirtschaftlichen und der massen strukturellen, d. h. kulturellen 
Entwicklung der sozialistischen Gesellschaft. Da immer nur die Men- 
schen mit Hilfe der Maschinen und nicht die Maschinen allein Ge- 
schichte machen, kann dann zwar die Enteignung des Privatbesitzes 
an den Produktionsmitteln die Grundlage des Kommunismus 
geschaffen haben, aber auf diesem Grund und Boden erhebt sich kein 
kommunistisches Haus. Die Umwälzung im ideologischen Überbau 



Feststellungen 139 



bleibt aus, weil der Träger und Pfleger dieser Umwälzung, die psy- 
chische Struktur des Menschen nicht qualitativ mit 
verändert wurde. 

Wir finden in Trotzkis »Fragen des Alltagslehens« (S. 53 — 60) 
reichlich Material zum Prozess des Familicnzerfalls in den Jahren 
1919—1920. Folgende Tatsachen wurden festgestellt: 

Die Familie, auch die proletarische, hat sich »gelockert«. Diese 
Tatsache wurde bei einer Besprechung der Moskauer Agitatoren als 
feststehend betrachtet und von niemandem bestritten. Sie wurde 
während der Besprechung in verschiedener Weise bewertet: »von 
den einen mehr beunruhigt, von den anderen zurückhaltend, von den 
dritten unschlüssig.« Es war für alle klar, dass man »irgendeinen 
grossen, sehr chaotischen, bald tragische Formen annehmenden Pro- 
zess« vor sich hatte, der noch »garnicht die in ihm verborgenen Mög- 
lichkeiten einer neuen, höheren Familienordnung offenbaren konn- 
te.« Hinweise über den Verfall der Familie drangen auch in die 
Presse, »wenn auch äusserst selten und in allgemeiner Form«. Viele 
glaubten, dass man in dem Zerfall der Arbeiterfamilie das Zutage- 
treten des »bürgerlichen Einflusses auf das Proletariat« erblicken 
müsste. Viele andere hielten diese Erklärung für falsch. Die Sache, 
meinten sie, wäre tiefer und komplizierter. Natürlich bestünde ein 
Einfluss der bürgerlichen Vergangenheit und der bürgerlichen Gegen- 
wart. Aber der Hauptprozess wäre in der krankhaften und krisen- 
haften »Evolution der proletarischen Familie« seihst zu suchen; man 
wäre Zeuge der ersten sehr chaotischen Etappen dieses Prozesses. 

Auf dem Gebiete des Familienlebens wäre die erste Zerrüttungs- 
periode noch hei weitem nicht beendet; die Zerrüttung und der Zer- 
fall wären noch im vollen Gange. Das Alltagsleben wäre viel konser- 
vativer als die Wirtschaft, unter anderem auch deshalb, weil es viel 
weniger bewusst erkannt wurde als diese. 

Ferner wurde festgestellt, dass sich der Zerfall der alten Familie 
nicht auf die oberste Schicht der Klasse beschränkte, die dem Ein- 
fluss der neuen Verhältnisse am meisten ausgesetzt war, sondern 
über die Avantgarde hinaus noch weiter drang. Letzten Endes machte, 
so lautete die Ansicht, die kommunistische Avantgarde nur früher 
und in schrofferer Form durch, was für die Klasse als Ganzes mehr 
■oder weniger unvermeidlich war. 

Der Mann oder die Frau geriet mehr und mehr in öffentliche Funk- 
tionen; dadurch zerstörte sich der Anspruch der Familie auf das 
Familienmitglied. Heranwachsende Kinder kamen in die Kollektive. 
So entstand eine Konkurrenz zwischen den familiären 
und den gesellschaftliehen Bindungen. Doch die ge- 
sellschaftlichen Bindungen waren neu, jung, kaum geboren, die fa- 
miliären hingegen sassen in jeder Ritze und Fuge des Alltagslebens, 
in jeder Äusserung der psychischen Struktur. Die geistige Öde der 



1*** Die Aufhebung der Familie 



sexuellen Beziehungen in den meisten Ehen konnte mit den neuen 
und lebensirohen sexuellen Beziehungen im Kollektiv nicht konkur- 
rieren. Und dies alles auf der Grundlage einer ständig fortschrei- 
tenden Entwurzelung des Hauptbandes der Familie, der materiellen 
Gewalt des Vaters über Frau und Kinder. Die wirtschaftliche Bin- 
dung riss, und mit ihr zerbrach die sexuelle Hemmung. Doch das 
bedeutete noch nicht »sexuelle Freiheit«. Die äussere Freiheit zu 
sexuellem Glück ist noch nicht das sexuelle Glück selbst. Dazu gehört 
vor allem die psychische Fähigkeit, es zu gestalten und zu geniessen. 
Doch m der Familie waren meist an die Stelle der genitalen Bedürf- 
nisse säuglinghafte Abhängigkeiten oder krankhafte Sexualgewohn- 
heitcn getreten. Bedürfnisse, die mit aller Kraft sexueller Energie 
ausgestattet sind, aber jede biologisch normale orgastische Erlebnis- 
fähigkeit zerstörten. Die Familienmitglieder hassten einander be- 
wusst oder unbewusst und übertönten den Hass mit einer krampf- 
haften Liebe und mit einer klebrigen Abhängigkeit, die ihre Her- 
kunft aus verhülltem Hass schlecht verbarg. Im Vordergrunde der 
Schwierigkeiten stand die Unfähigkeit der genilal-sexuell verkrüp- 
pelten und für wirtschaftliche Selbständigkeit unvorbereiteten Frauen 
zum Verzicht auf den familiären Sklavenschutz und auf die Ersatz- 
befriedigung in der Herrschaft über die Kinder. Die Frau, deren gan- 
zes Leben sexuell öde und wirtschaftlich abhängig war hatte in der 
Aufzucht ihrer Kinder den Sinn ihres Lebens gesehen. Jede auch 
die für die Kinder günstige Einschränkung dieser Beziehung, empfand 
sie als eme schwere Beeinträchtigung und sie verstand es, sich kräf- 
tig dagegen zu wehren. Dieses Wehren ist durchaus begreiflich" man. 
musste ihm Rechnung tragen. Aus G 1 a d k o w s Roman «Neue Erde« 
geht emdeutig hervor, dass der Kampf um den Aufbau des Kollektive 
keiner Schwierigkeit begegnet, die sich mit dem Kampf der Frauen 
um Heim, Familie und Kinder auch nur annähernd hätte vergleichen 
lassen können. Die Kollektivierung des Lebens ging zunächst von 
oben mit Dekreten und mit Unterstützung der revolutionären Jugend 
vor sich, die die Fesseln der elterlichen Autorität zerbrach. Doch 
die Hemmungen der Familienbindung wirkten in jedem Schritt den 
das durchschnittliche Mitglied der Masse zur Kollektivierung hin 
machen wollte, in erster Linie in Form der eigenen unbewussten fa- 
miliären Abhängigkeit und Sehnsucht. 

Was sich an Schwierigkeiten und Konflikten im kleinen Alltags- 
leben ergab, entsprach nicht etwa einem »zufälligen« »chaotischen« 
Zustand, der durch die »Unvernunft« oder »Unsittlichkeit« der Men- 
schen zustande gekommen wäre; er stand vielmehr durchaus im Ein- 
klang mit einem Gesetz, das die Beziehung zwischen den Sexualfor- 
men und den gesellschaftlichen Organisationsformen beherrscht. 

In der Urgesellschaft, die kollektiv und »urkommunistisch« struk- 
turiert ist, ist die Einheit der Klan, die Summe aller von einer Ur- 



struktur des ClaDgenosscn u. d. Faiiiilienmenschen 141 



multer sich ableitenden Blutsverwandten. Innerhalb dieses Klans, 
der gleichzeitig auch die wirtschaftliche Einheit darstellt, existiert 
nur die lockere Paarungsehe. In dem Masse, in dem infolge wirt- 
schaftlicher Umwälzungen die Klans der keimhaft patriarchalischen 
Familie des Häuptlings Untertan werden, beginnt auch die Zerstörung 
des Klans durch die Familie. Familie und Klan treten in Gegensatz 
zueinander. Die Familie wird nunmehr fortschreitend anstelle des 
Klans zur wirtschaftlichen Einheit und somit zum gesellschaftlichen 
Kristallisationspunkt des Patriarchats. Der Häuptling der mutter- 
rechtlichen Klanorganisation, der ursprünglich in keinem Gegensatz 
zur Klangesellschaft stand, wird allmählich der Patriarch der Fa- 
milie, bekommt dadurch ein Ökonomisches Uebergewicht und ent- 
wickelt sich fortschreitend zum Patriarchen des gesamten Stammes. 
Es entsteht, wie sich nachweisen Hess, erstmalig ein Klassengegensatz 
zwischen der Famihe des Häuptlings und den unleren Klans des 
Stammes, 

Die ersten Klassen waren also die Familie des Häuptlings auf der 
einen Seite, die Gens auf der anderen Seite. 

In der Entwicklung vom Mutterrecht zum Vaterrecht, die sich 
solcherweise anbahnt, erhält die Familie neben ihrer wirtschaftlichen 
Funktion noch die andere und bedeutsamere der Umstrukturierung 
des Menschen von freien Klangenossen zum unterdrückten Familien- 
mitglied. In der heutigen indischen Grossfamilie ist diese Funktion 
am klarsten ausgeprägt. Indem sich die Familie gegenüber dem 
Klan verselbständigt, wird sie nicht nur Ursprungsorganisation des 
Klassenverhältnisses, sondern auch der sozialen Unterdrückung in- 
nerhalb und ausserhalb ihrer Grenzen. Der nun entstehende »Fami- 
lienmensch« beginnt die werdende patriarchalische Klassenorganisa- 
tion der Gesellschaft durch Veränderung seiner Struktur zu reprodu- 
zieren. Der Kernmechanismus dieser Reproduktion ist der Um- 
schwung von der Sexualbejahung zur Sexualunterdrückung, ihre 
Basis ist das materielle Uebergewicht des Häuptlings. 

Fassen wir das Wesen dieses psychischen Umschwungs kurz zu- 
sammen: An die Stelle der freien, freiwilligen, nur von gemeinsamen 
Lebensinteressen getragenen Beziehung der Klan- und Stammes- 
genossen tritt ein Gegensatz wirtschaftlicher und mit ihnen sexueller 
Interessen. An die Stelle der freiwilligen Arbeitsleistung tritt die 
Forderung nach ihr und die Rebellion gegen sie; an die Stelle der 
natürlichen sexuellen Sozialität die moralische Forderung; an die 
Stelle kameradschaftlicher Kriegerschaft die autoritäre Gefolgschaft; 
an die Stelle der freiwilligen glückhaften Liebesvereinigung die »ehe- 
liche Pflicht«; an die Stelle der Klansolidarität die Fainilienbindung 
gleichzeitig mit der Rebellion gegen sie; an die Stelle des sexualöko- 
nomisch geordneten Lebens die genitale Einschränkung und mit ihr 
erstmalig seelische Erkrankungen und sexuelle Perversionen; der 



H2 Die Aufhebung der Familie 



natürlich starke, selbstsichere biologische Organismus wird hilflos,, 
anlehnungsbedürftig, gottesfürchtig; das orgastische Naturerleben 
macht mystischer Extalik, dem späteren »religiösen Erleben«, und 
unauslöschlicher vegetativer Sehnsucht Platz; das geschwächte Ich 
jedes Einzelnen sucht Stärkung in der Anlehnung und Identifizierung 
mit dem Stamm, der allmählich zur »Nation« wird, mit dem Stam- 
ineshäuptling, der allmählich zum Stammespatriarchen und schliess- 
lich zum König wird. Die Geburt der Untertanenstruktur ist voll- 
zogen; die strukturelle Verankerung der menschlichen Unterjochung 
ist gesichert. 

Die soziale Revolution in der Sowjetunion enthüllt uns in ihren 
ersten Phasen die neuerliche Umkehr dieses Prozesses: Die Wieder- 
herstellung der urkommunistischen Verhältnisse auf einer höheren, 
zivilisierten Ebene ; den Umschwung von der Sexualver- 
neinung zur Sexuaibejahung. 

Nach den Feststellungen von Marx, die im Kommunistischen 
Manifest entwickelt sind, ist eine der Hauptaufgaben der sozialen 
Revolution die Aufhebung der Familie^). Was hier theoretisch aus dem 
Prozess der Gesellschaft erschlossen wurde, fand seine Bestätigung 
später durch die Entwicklung der gesellschaftlichen Organisation in 
der Sowjetunion:] An die Stelle der Familie begann eine Organisation 
zu treten, die mit dem alten Klan der Urgesellschaft bestimmte Ähn- 
lichkeiten hatte: das sozialistische Kollektiv im Betrieb 
in der Schule, am Kolchos etc. Der Unterschied zwischen dem Klan 
der Urzeit und dem Kollektiv des Kommunismus ist der, dass jener 
auf der Blutsverwandtschaft beruht und als solcher auch zu einer 
wirtschaftlichen Einheit wird; das sozialistische Kollektiv des Kom- 
munismus dagegen besteht aus nicht blutsverwandten Menschen und 
gründet sich auf gemeinsame wirtschaftliehe Funktionen; es entsteht 
als wirtschaftliche Einheit und führt notwendigerweise zur Bildung 
persönlicher Beziehungen, die es auch als ein sexuelles Kollektiv 
kennzeichen, besser zu kennzeichnen beginnen. So wie in der 
Urgesellschaft die Familie den Klan zerstörte, so 
zerstört im Kommunismus das wirtschaftliche 
Kollektiv die Familie, die schon in der Krise des Kapitalis- 
mus zu zerbröckeln begann. Der Prozess kehrt sich um. Wenn die 
Familie ideologisch oder strukturell festgehalten wird, dann wird 
das Kollektiv in seiner Entwicklung gebremst; gelingt es ihm nicht, 
die Bremsung zu überwinden, dann zerstört es sich selbst an den 
Schranken der familiären Struktur der Menschen wie z.B. in den 
Jugendkommunen (vgl. Kapitel V). Der Prozess im Beginne der 
kommunistischen Entwicklung lässt sich kennzeichnen als ein Kon- 



1) »Dass die Aufhebung der getrennten Wirtschaft von der Aufhebung der Familie 
nicht zu trennen ist, versteht sich von selbst.« (»Deutsche Ideologie« I. Teil.i 



^ 



Widersprüche zwischen Kollektiv und Struktur 143^ 

fiikt zwischen wirtschaftlichem Kollektiv und 
der ihr anhängenden sexualbejahenden Tendenz, 
zur sexuellen Selbständigkeit auf der einen Seite 
und der individualistisch-familiären, sexual- 
ängstlichen Struktur der Individuen auf der an- 
deren Seite, 



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II. KAPITET, 

DIE SEXUELLE REVOLUTION 



1. VORANSTREBENDE GESETZGEBUNG 

Das sowjetistische Sexualrecht war der deutlichste Ausdruck des 
ersten Ansturms der sexuellen Revolution gegen die privatwirtsehaft- 
liche Sexualordnung. Im Gesetz wurde das meiste des Althergebrach- 
ten buchstäblich auf den Kopf gestellt. Es wird sich zeigen, dass 
dort, wo dieser Umschwung nicht restlos vollzogen wurde, später die 
Sexualreaktion wieder Fuss fasste, so zum Beispiel in Lücken der 
Ehegesetzgebung, der Abortusgesetze etc. Um den vollen Gegensatz 
von sexual moralisch er und sexual öko n o mischer Regulie- 
rung besser zu begreifen, ist es notwendig, der Gesetzgebung der Re- 
volution die frühere zaristische entgegenzustellen. Es ist überflüssig, 
hier ausführlich zu beweisen, dass die liberalistischen und »demokra- 
tischen« Sexualgesetze sich von den zaristischen Sexualgesetzen im 
Prinzip garnicht und hinsichtlich des Grades der sexuellen Unter- 
jochung nur in sehr geringem Ausmasse unterscheiden.! Die sexual- 
moralisch-autoritären Regelungsmassnahmen bleiben im Grunde im- 
mer dieselben. Dies hervorzuheben ist deshalb wichtig, weil wir dem 
Grundsatz entgegentreten müssen, der behauptet, dass die sowjetis- 
tischen Massnahmen nur eine andere autoritäre Ordnung an die 
Stelle der kapitalistischen setzen; dass also etwa das sowjetistische 
Ehegesetz bloss eine Aufhebung der Unterdrückung sei und nicht 
eine prinzipiell, in allen Grundlagen wesentlich andersartige 
Regelung. Gerade das Wesen dieser anderen Art »Ordnung« ist das 
Problem der Sexualökonomie. 

Hören wir zunächst einen Ausschnitt der zaristischen Gesetzge- 
bung: 

Aus Art. 106 des Codex: Der Ehemann ist verpflichtet, seine Frau wie 
seinen eigenen Körper zu lieben, mit ihr in Eintracht zu leben, sie zu ehren 



Voran st lebtnde Gesetzgebung 



145 



uacl ihr während Krankheiten beizustehen. Er ist verpflichtet, der Frau den 
Lebensunterhalt je nach seiner Lage und Möglichkeit zu verschaffen. 

Arl. 107: Die Frau ist verpflichtet, ihrem Mann als dem Haupt der Fa- 
milie zu gehorchen, in Liebe, Ehrerbietung und unbegrenztem Gehorsam bei 
ihm zu bleiben und ihm jeden Gefallen und jede Anhänglichkeit als Hausfrau 
zu erweisen. 

Art. 164. Die Rechte der Eltern: Die Macht der Eltern erstreckt 
sich auf die Kinder beiderlei Geschlechts und jeglichen Alters . , , 

Art. 165. Den Eltern steht das Recht zu, zur Besserung der widerspen- 
stigen und ungehorsamen Kinder häusliche bessernde Massrcgeln zu ge- 
brauchen. Im Falle eines Misserfolges dieser Mittel steht in der Macht der 
Eltern : 

1.) die Kinder beiderlei Geschlechts, die nicht im Staatsdienst stehen, 
für den eigensinnigen Ungehorsam gegenüber der elterlichen Gewall, für un- 
sittlichen Lebenswandel und andere offenkundige Laster ins Gefängnis zu 
sperren . . . 

2.) die Klagen über sie in den gerichtlichen Enstitutionen einzureichen. 
Für eigensinnigen Ungehorsam gegenüber der elterlichen Gewalt, für un- 
sittlichen Lebenswandel und andere offenkundige Laster sind die Kinder auf 
das Verlangen der Eltern ohne besondere gerichtliche Untersuchung der Ge- 
fängnisstrafe von 2 — 4 Monaten ausgesetzt. Den Eltern steht in diesem Falle 
das Recht zu, die Dauer der Gefängnisstrafe nach ihrem Ermessen zu kürzen 
oder zu erlassen. 



Versuchen wir eine Uebersicht darüber zu gewinnen, wo sich hier 
die moralische autoritäre Regelung ausdrückt: Die Ehegatten stehen 
unter dem Zwang einer moralischen, gesetzlich gesicherten Verpflich- 
tung. Der Mann muss seine Frau liehen, ob er es kann oder nicht, 
ob er es später will oder nicht; die Frau muss untertänige Haus- 
frau sein; eine Abänderung desolat gewordener Situationen ist un- 
möglich. Das Gesetz beauftragt die Eltern geradeheraus, die ihnen 
über die Kinder verliehene Gewalt gerade zu den Zwecken zu ge- 
brauchen, die mit den Interessen der autoritären Staatsmacht restlos 
eins sind: für »eigensinnigen Ungehorsam gegenüber der elterlichen 
Gewalt« {gleich Vertreterin der Staatsgewalt), um die Untertanen- 
struktur zu sichern; für »unsittlichen Lebenswandel und andere of- 
fenkundige Laster«, um auch die wesentlichsten Mittel dieser 
Sicherung festzulegen. Angesichts derart offenkundiger, ahnungslos 
freimütiger Bekenntnisse der patriarchalisch-staatlichen Ordnung ist 
es schier unwahrscheinlich, wie wenig Sinn die revolutionäre Be- 
wegung für die Sexualunterdrückung als das Haupt mittel der 
menschlichen Unterjochung übrig hatte und noch hat. Die Sexual- 
ökonomie brauchte nicht erst Inhalt und Mechanismen der Unter- 
drückung jeder Art zu enthüllen; sie lagen und liegen in jeder Ge- 
setzgebung wie in jeder kulturellen Erscheinung des Patriarchats 
offen zu Tage. Das Problem ist hier, weshalb es nicht gesehen, 
weshalb die mächtigen Waffen, die derartiges Enthülltsein liefert, 
nicht benutzt werden. Das zaristische wie auch jedes bürgerliche 
Sexualgesetz drückt offen die Ansicht der Sexualökonomie darüber 
aus : Zweck der autoritär-moralischen Ordnung 
11 



1*6 Die sexuelle Revolution 



ist die sexuelle Unterjochung. Wo immer man mora- 
lische Regelung und ihr Hauptmittel, sexuelle Unterdrückung findet^ 
kann von wirklicher Freiheit keine Rede sein. 

Die Bedeutung, die die soziale Revolution der sexuellen beimass, 
kommt darin zum Ausdruck, dass bereits am 19. und 20. Dezember 
1917 von Lenin zwei Dekrete erlassen wurden, die im wesentlichen 
alle bisherigen Bestimmungen aufhoben. Das eine Dekret war be- 
nannt: *Von der Auflösung der Ehe«; sein Inhalt war nicht 
derart eindeutig wie seine Benennung. Das zweite Dekret hiess: »Von 
der Zivilehe, den Kindern und von der Eintragung in den Zivilstand«. 
Beide Gesetze nahmen dem Mann das Recht zur Führung in der 
Familie, gaben der Frau volle materielle und auch sexuelle Selbst- 
bestimmung, erklärten es für selbstverständlich, dass die Frau frei 
Namen, Wohnsitz und Staatsbürgerschaft bestimmen könne. Mit der 
Gesetzgebung allein war, was jeder Einsichtige wusste, bloss einem 
Prozess, der sich erst abspielen sollte, äusserlieh freie Entwick- 
lung gesichert und eine bestimmte ideologische Form gegeben wor- 
den. ; Dass das revolutionäre Gesetz unmissverständlich die Auf- 
hebung der patriarchalischen Gewalt aussprach, verstand sich von 
selbst. Mit der Entmachtung der früher herrschenden Klasse und 
ihres staatlichen Unterdrückungsapparats fiel natürlich auch die 
väterliche Gewalt Über die Familienmitglieder, fiel auch die Vertre- 
tung des Staates innerhalb der Familie als der strukturbilden- 
den Zelle der Klassengesellschaft. Hätte man diesen logischen und 
naturnotwendigen Zusammenhang zwischen autoritärem Staat und 
patriarchalischer Familie als seiner strukturellen Reproduktions- 
Stätte damals klar gekannt und praktisch gehandhabt, wären der Re- 
volution manche müssigen Diskussionen und Fehlschläge, mehr, auch 
sehr bedenkliche Rückentwicklungen erspart geblieben. Vor allem 
hätte man gegen die Vertreter der alten Ideologie und Moral, die sich 
allmählich überall zu regen begannen, die richtigen Worte und Mass- 
nahmen ^gefunden. Sie Sassen in den höchsten Ämtern, ohne dass die 
revolutionäre Bewegung ahnte, welchen Schaden sie stifteten. 

Die Auflösung der Ehe wurde entsprechend der allgemeinen Ten- 
denz des Sowjetsystems zur Vereinfachung des Lebens ungemein er- 
leichtert. Ein sexuelles Bündnis, das man noch »ehelich« nannte, 
konnte ebenso einfach gelöst werden, wie es geschlossen worden war! 
Massgebend war einzig die »freie Willensübereinstimmung« der Part- 
ner. Keiner durfte den andern zu einem Verhältnis zwingen, das 
seinem »freien Willen« widersprach. Nicht also der Staat entschied 
mehr über die Beziehung der Partner, sondern deren freier Ent- 
schluss. Scheidungsgründe zu verlangen, wurde sinnlos. Wenn ein 
Partner aus einer sexuellen Gemeinschaft scheiden wollte, so war 
er nicht verpflichtet, dies zu begründen. Ehe und Ehescheidung wur- 
den zu rein privaten Angelegenheiten, und ein »Verschuldungs-« oder 



Registrierung und Alimcntatioi] 



147 



»Zerrüttungsprinzip« wurde dem Sowjetgesetz »absolut fremd« 
(Balkis). 

Registrierung einer Beziehung w^ar freigestellt. Anderweitige 
sexuelle Beziehungen eines der beiden Partner wurden auch bei be- 
stehender Registrierung »nicht verfolgt«. Doch wurde die Nichtmit- 
teilung einer zweiten Beziehung an den Partner als »Betrugt ange- 
sehen. Die Verpflichtung zur Alimentation war ursprünglich nur als 
»Uebergangsmassnahme« angesehen. Die Verpflichtung zur Alimen- 
tation nach Trennung dauerte sechs Monate und galt nur dann, wenn 
der Partner erwerbsunfähig oder arbeitslos war. Dass die Alimenta- 
tionspflicht nur vorübergehenden Charakter tragen musste, versteht 
sich von selbst aus der Tendenz des Sowjetismus zur Herstellung der 
vollen wirtschaftlichen Unabhängigkeit aller Gesellschaflsmitglieder. 
In den ersten Rcvolutions jähren hatte diese Verpflichtung nur die 
Funktion, über die ersten Schwierigkeiten hinwegzuhelfen, die den 
eigentlichen Absichten der gesellschaftlichen Ordnung zur vollen 
persönlichen und wirtschaftlichen Freiheit im Wege standen. Die 
Familie war ja bloss gesetzlich aufgehoben, aber nicht in der Wirk- 
lichkeit. Denn solange die Gesellschaft nicht allen Erwachsenen und 
Heranwachsenden die Versorgung sichern kann, bleibt die Funktion 
der Familie, soziale Sicherheit der Familienmitglieder zu gewähr- 
leisten, als Vertreterin der Gesellschaft bestehen. Also sowohl Re- 
gistrierung wie Alimentation waren als vorübergehende Einrichtungen 
gemeint. Lebte jemand längere Zeit in einer registrierten Ehe und 
sorgte für den Unterhalt seiner Familie, so entstand ein Schaden für 
seine Familie, wenn er neue Verpflichtungen auf sich nahm. Setzte 
nun der Betreffende seine erste Frau nicht in Kenntnis von der neuen 
Beziehung, so übte er einen unzweifelhaften Betrug an ihr aus. Aus 
diesem familiären Verhältnis ergab sich somit von selbst eine 
Bremsung bzw. ein Widerspruch zum Sinn des Sowjetgesetzes, das 
ausdrücklich persönliche Freiheit zusicherte, auch in der Beziehung 
zu mehreren Partnern. 

Wir erkennen daran zum ersten Male einen realen Widerspruch 
zwischen einem Stück sowjetistischer Freiheitsideologie, die im Ehe- 
gesetz die zukünftige, erstrebte sexuelle Freiheit vorweggenommen 
hatte, und den realen familiären Seinsbedingungen. Die Alimenta- 
tionspflicht und das Interesse der noch nicht selbständig gewor- 
denen Frau daran widersetzten sich der angestrebten Freiheit. Derar- 
tige Widersprüche werden wir später in Hülle und Fülle finden. 
Doch hier ist nicht wichtig, dass Widersprüche bestanden, sondern 
in welcher Form sie gelöst wurden, ob die Lösung in der Rich- 
tung des ursprünglichen Ziels der Freiheit oder in der der Bremsung 
lag. 

Das Sowjetgesetz weist demnach deutlich einerseits Elemente auf, 
die den erstrebten Endzustand ideologisch vorwegnehmen, anderer- 
11' 



1*8 Die sexuelle Revolution 



seits aber auch solche Elemente, die der Uebergangszeit Rechnung 
tragen. Nur wenn man den dynamischen Gang dieser Widersprüche 
zwischen erstrebtem Ziel und momentaner wirklicher Lage von An- 
fang an verfolgt, entschleiert sich das Rätsel der später in der Sowjet- 
union immer schärfer hervortretenden Bremsung der Sexualrevolu- 
tion. 

Lenin wird oft von der kulturellen und sexuellen Muckerei 2ur 
Autorisierung reaktionärer Haltungen angerufen; es ist daher nütz- 
lich zu hören, wie klar Lenin sah, dass mit der Gesetzgebung aHein 
erst ein Anfang gemacht wurde; ein Anfang der sexuellen und mit 
ihr der kulturellen Revolution. 

Die Diskussionen in der Bevölkerung über die »Neuordnung des 
persönlichen und kulturellen Lebens«, des sogenannten »Nowij Byt«, 
dauerten jahrelang. Ihnen wohnte eine Begeisterung und Aktivität 
inne, wie sie nur von Menschen aufgebracht werden können, die ge- 
rade schwerste Fesseln abgeworfen hatten und klar erkannten, dass 
sie ihr Leben ganz neu aufbauen müssten. Diese Diskussionen 
über die «Sexualfrage« dauerten vom Beginn der Revolution an und 
steigerten sich immerfort, bis sie schliesslich erstarben. Weshalb sie 
erstarben und der Rückentwicklung Platz machten, ist gerade das, 
was diese Schrift zu erfassen versucht. Es ist bezeichnend, dass im 
Jahre 1925, als nach dem Bericht von Fannina Halle die Diskus- 
sion über die Sexualrevolution ihren Höhepunkt erreichte, der dama- 
lige Volkskommissär Kurskij einen neuen Entwurf zur Eheord- 
nung mit den Worten Lenins einleiten musste: 



"■.! 



»Gewiss ist CS mit den Gesetzen allein nicht ßetan, und wir werden uns 
keinesfalls nur mit Dekreten begnügen. Doch haben wir auf dem Gebiete der 
Gesetzgebung bereits alles durchgeführt, was von uns verlangt wurde, um 
die Stellung der Frau derjenigen des Mannes anzugleichen, und mit Reehi 
können wir stolz darauf sein: Die Stellung der Frau ist in der S.U. gegen- 
wärtig so beschaffen, dass sie vom Standpunkte sogar der vorgeschrittensten 
Staaten geradezu ideal genannt werden kann. Wir aber sagen uns dennoch, 
das sei natürlich nur ein Anfang.« 

»Anfang« wozu? Verfolgt man die Diskussionen, die damals 
die Gemüter aller Bevölkerungskreise so sehr erregten, kann man 
feststellen, dass die Konservativen über den ganzen Schatz an alten 
Argumenten und »Beweisen« verfügten, während die Fortschrittlichen, 
Revolutionären zwar genau fühlten, dass an die Stelle des »Alten« 
etwas »Neues« treten müsste; aber sie wussten diesem »Neuen« keine 
Worte zu verleihen, vermochten ihm nicht den richtigen Ausdruck 
zu geben. Sie kämpften tapfer und unermüdlich, aber sie erlahmten 
schliesslich und versagten in der Diskussion, weil sie sich ihre Waffen 
erst mühsam selbst schmieden, ihre Argumente aus dem schäumen- 
den Leben der Revolution suchen mussten; weil sie schliesslich selber 



Arbeiter warnen 



149 



zum Tei! in alten Begriffen befangen waren, die sie wie Schlingge- 
wächse den Schwimmenden umklammerten. 

Jede Mühe, die Widersprüche der sowjetisti sehen Kulturrevolu- 
tion zu enthüllen, wäre vergebens, wenn es nicht gelingen würde, 
diesen tragischsten aller revolutionären Kämpfe um das Neue so zu 
fassen, dass man der Sexualreaktion besser gerüstet entgegenzutreten 
vermag, wenn sich einmal die Gesellschaft wieder ihres Seins bewusst 
werden und an die Neuordnung ihres Lebens schreiten wird. 

Man war in der S.U. auf die Schwierigkeiten, die der Umbau des 
kulturellen Lebens mit sich brachte, weder theoretisch noch praktisch 
vorbereitet. Versuchen wir zunächst einen Ueberblick über diese 
Schwierigkeiten zu gewinnen; sie ergaben sich teils aus sachlicher 
Unkenntnis über die tiefe psychische Struktur des vom zaristischen 
Patriarchat übernommenen Menschengeschlechts, teils aus den Ueber- 
gangsschwierigkeiten der Revolution. Stellen wir das, was eindeutig 
im Sinne der revolutionären Absichten gefordert und gegeben wurde, 
dem gegenüber, was die Unsicherheiten ausdrückte und später den 
Rückzug erzwang. 



2. ARBEITER WARNEN 

Man glaubt allgemein, das Wesentlichste an der sowjetistischen 
Sexualrevolution in den Veränderungen sehen zu können, die sich 
in der Gesetzgebung kundgaben. Doch wir dürfen einer gesetz- 
lichen oder sonst nur äusserlich formalen Veränderung erst dann 
gesellschaftliche Bedeutung beimessen, wenn sie auch wirklich »die 
Massen ergreift«, d. h. ihre psychische Struktur umbaut. Nur 
auf diese Weise kann eine Ideologie oder ein Programm zu einer hi- 
storisch umwälzenden Gewalt werden: einzig durch tiefgehende 
Veränderung im Fühlen und Triebleben der Masse. Denn der viel- 
genannte und noch so wenig erfasstc »subjektive Faktor der Ge- 
schichte« ist einzig und allein gegeben in der psychischen Struktur 
der Masse; sie ist massgebend für die Entwicklung der Gesellschaft, 
sei es, dass sie Willkür und Unterjochung passiv erduldet, sei es, dass 
sie sich den von herrschenden Mächten eingeleiteten technischen Ent- 
wicklungsprozessen anpasst, sei es schliesslich, dass sie selber aktiv 
in den Gang der gesellschaftlichen Entwicklung eingreift, wie etwa 
in der Revolution. Keine Betrachtung geschichtlicher Entwicklungen 
darf sich daher revolutionär nennen, wenn sie den psychischen Zu- 
stand der Masse bloss als ein Ergebnis wirtschaftlicher Vorgänge 
nimmt, und nicht auch als ihren Motor. 

Von diesem Standpunkt aus ist daher die Wirkung der 
sowjetistischen Sexualrevolution nicht nach den Gesetzen zu beurteilen. 



150 Die sexuelle Revolution 



die erlassen wurden (diese zeugen nur für den damaligen revolutio- 
nären Geist der bolschewistischen Führung), sondern nach den 
revolutionären Erschütterungen, die die Masse des russischen Volkes 
nach dem Erlass der Gesetze erlebte, und an dem Ausgang dieses 
Ringens um das »neue Leben«. 

In welcher Weise reagierte die Masse sexualpolitisch auf die ge- 
setzliche Umwälzung? Wie die mit ihr aufs engste verbundenen nie- 
deren Funktionäre der Partei? Wie stellte sich später die Führung 
dazu? 

Zunächst hören wir einen Bericht von Alexandra Kolontay, 
die sich schon sehr früh um die tobenden sexuellen Krisenfragen 
kümmerte: 

»Je länger sich die (sexuelle) Krisis hinzieht, umso mehr nimmt sie chroni- 
schen Charakter an, umso unentwirrbarer zeigt sich die Lage der Mitlebenden 
und mit umso grösserer Erbitterung stürzt sich die Aienschheit auf die Lösung 
der verwünschten (!?) Frage, Aber bei jedem neuen Versuch, den verwirrten 
Knäuel des Geschlechtsproblems zu entwirren, werden die Beziehungen unter- 
einander nur noch verwickelter, und es ist, als könnten sie den einzigen Weg 
nicht erkennen, auf dem es endlich gelingen könnte, des widerspenstigen Knäuels 
Herr zu werden. Die erschreckte Menschheit fällt von einem Extrem ins andere, 
aber der verzauberte Kreis der sexuellen Frage bleibt nach wie vor geschlossen . . ! 
Jetzt hat die sexuelle Krisis nicht einmal die Bauern verschont. Einer Infektions- 
krankheit gleich, die weder Rang noch Stand kennt, wirft sie sich aus Schlössern 
und Villen in die öden Wohnungen der Arbeiter, blickt in friedliche Heimstätten, 
stürzt sich auch in das stumpfe russische Dorf . . . Gegen die sexuelle Krisis gibt 
es weder Schloss noch Riegel. Es wäre ein ungeheurer Irrtum zu vermuten, dass 
in diesem Netz nur die Vertreter der gesicherten Volksschiehten zappeln. Die 
trüben Wellen der sexuellen Krise dringen öfter und Öfter auch Über die Schwelle 
der Arbeiferwohnungen und schaffen hier Dramen, die ihrer Schärfe und Er- 
bittertheit nach nicht hinter den psychologischen Konflikten der verfeinerten bür- 
gerlichen Welt zurückstehen.« (»Die neue Moral und die Arbeiterklasse«, S. 65 ff.) 

Die Krise des sexuellen, kleinen, privaten Lebens, des Familien- 
lebens war ausgebrochen. Das neue Ehegesetz, die »Aufhebung der 
Ehe«, hatte nur äusserlich freie Bahn gegeben. Die wirkliche sexuelle 
Revolution spielte sich jedoch im wirklichen Leben ab. Zunächst 
bedeutete schon die Tatsache, dass sich Funktionäre einer Staats- 
führung mit dem sexuellen Problem befassten, eine gar nicht kleine 
Revolution. Dann aber bemächtigten sich die niederen Funktionäre 
dieser Fragen. Aus der zusammenkrachenden alten Ordnung ging 
zunächst nur ein Chaos hervor. Doch die einfachen ungeschulten 
Träger der Revolution gingen an das Ungeheuer mutig und uner- 
schrocken heran; die »gebildeten« und vornehmen Akademiker da- 
gegen stellten »Betrachtungen« an, sofern sie überhaupt ahnten, was 
sich hier an geschichtlichen Vorgängen abspielte. 

Trotzki lenkte in einem kleinen Büchlein »Fragen des All- 
tagslebens« die Aufmerksamkeit der Sowjetöffentlichkeit mit Unter- 
stützung Moskauer Funktionäre auf das kleine Alltagsleben. Er 
warf nicht etwa die sexuelle Frage auf! Er Hess bloss die Funktio- 
näre sich über aktuelle Fragen des Alltagslebens aussprechen. Und 



Diskussion über die :»Pamilie« 



151 



als ob diese die verfemte »Sexpolitis«'^) schon gekannt hätten, sprachen 
sie fast ausschHesslich über die »Familienfrage«. Es drehte sich aber 
nicht um rechtliche oder soziologische Fragen der Familie, sondern 
um die Ungewissheiten und Unsicherheilen über die Neuordnung des 
sexuellen Lebens, das bisher an die wirtschaftliche Einheit der 
Familie geknüpft war und nun mit ihrem Zerfall nie dagewesene 
Fragen aufwarf. 

In den ersten Revolutionsjahren verhielten sich die unteren Funk- 
tionäre in einer für jede künftige Revolution vorbildlichen Weise. 
Der Ansatz der Sexualrevolution (als Kern jeder Kulturrevolution) 
war nicht nur in der Gesetzgebung, sondern auch in der Art, die 
Schwierigkeiten zu sehen und die Fragen zu stellen, richtig. Hierzu 
einige Beispiele: 

Der Funktionär Kosakow äussert sich wie folgt: 

Ȁiisserlich ist eine Wendung im Familienleben eingetreten, d. h. man hat 
eine einfachere Einstellung zum Familienleben. Aber das Grundübel hat sich 
nicht geändert, d, h. es ist für die Familie keine Erleichterung in ihren tagtäg- 
lichen Familiensorgen eingetreten, und die Vorherrschaft eines Familienmit- 
gliedes über die anderen bleibt bestehen. Die Leute streben zum öffentlichen 
Leben, und wenn sieb dieses Streben wegen der Familicnnöte nicht erfüllen lässt, 
so tritt Unruhe, neurasthenische Erkrankung ein, und wer sich hiermit nicht 
aussöhnen kann, lässt entweder die Familie im Stich oder quält sich selbst, bis 
er selbst Neurastheniker wird.« 

Kosakow erfasste in wenigen Sätzen folgende Probleme: 

1. Die familiäre Situation änderte sich äusserlich gründlich, aber 
innerlich blieb es beim alten; 

2. die Familie wirkte sich als Bremsung des revolutionären Zuges 
zur Herstellung des Kollektivs aus; 

3. die familiäre Hemmung wirkte sich in nachteiliger Weise auf die 
psychische Gesundheit der Mitglieder aus; das ist gleichbedeutend 
mit Einschränkung der Arbeitsfähigkeit und -freude sowie Her- 
stellung seelischer Erkrankungen. 

Die folgenden Äusserungen enthüllen die Wirkung der wirtschaft- 
lichen Umwälzung auf den fortschreitenden Zerfall der Familie. 



Kobosew: »Die Revolution bat zweifellos eine grosse Veränderung in das 
Familienleben des Arbeiters hineingetragen; besonders wenn Mann und Frau in 
der Produktion tätig sind, betrachtet sich die letztere als materiell ucabhängig 
und verhält sich als gleichberechtigt; undercrseits werden Vorurteile überwunden, 
dass z. B. der Mann das Haupt der Familie sei usw. Die patriarchalische Fa- 
milie zerfällt. Unter dem Einfluss der Revolution stellt sich sowohl in der Ar- 
beiterfamilie als auch in der Bauernfamilie ein starkes Streben zur Trennung, 
zum selbständigen Leben ein, sobald sie ihre materielle Existenzbasis zu fühlen 
beginnt.« 

Kuljkow: »Die Revolution hat zweifellos eine Veränderung in das Fa- 
milienleben, in die Ansichten über die Familie und sogar in das Verhalten zur 



1) So bezeichnete eine Gruppe bornierter und vertrockneter Funktionäre 1931 
die Bestrebungen der deutschen Sexpol. 

/ 



152 



Die sexuelle Revolution 



Emanzipation der Frau hineingetragen. Der Mann ist gewohnt, sich als Haupt 
der Familie zu fühlen . . , hinzu kommt die religiöse Frage, die Verweigerung 
kleinbürgerlicher Bedürfnisse für die Frau, — da sich aber mit den vorhandenen 
Mitteln nicht viel durchführen lässt, beginnen die Skandale. Die Frau stellt ihrer- 
seits die Forderung, freier zu sein, die Kinder irgendwohin abzugeben, öfter mit 
dem Manne dort zu sein, wo er sich aufzuhalten pflegt. Hier gerade beginnen 
alle möglichen Skandale und Scencn. Daher die Ehescheidung. Die Kommuni- 
stenantworten gewöhnlich auf solche Fragen, dass die 
Familie, im besonderen Streitigkeiten zwischen Mann 
und Frau, Privatsache sei.« 

Die hier als »religiöse Frage« und als »Verweigerung kleinbürger- 
licher Bedürfnisse für die Frau« bezeichneten Schwierigkeiten dürfen 
wir ohne Bedenken als Äusserungen des Widerspruches zwischen 
familiärer Bindung der Familienmitglieder anein- 
ander und den sexuellen Strebungen nach Ungebundenheit verstehen. 
Der Mangel an materiellen Möglichkeiten, etwa Raummangel, musste 
zu Skandalen führen. Die Anschauung: »Sexualität ist Privatange- 
legenheit«, war nachteilig; die Mitglieder der kommunistischen Par- 
tei sahen sich vor die Aufgabe gestellt, mit dieser Revolution im per- 
sönlichen Leben fertig zu werden, zogen sich aber vielfach auf die 
Gesetzesformel zurück, weil sie keine Antwort wussten. 

Das erfasste der Funktionär Markow: »Ich mache darauf aufmerksam 
dass wir uns einem ungeheuren Unheil in jenem Sinne nähern, dass wir den 
Begriff der »freien Liebe« falsch «nfgefasst haben. Das Resultat von all dem war, 
dass die Kommunisten mit dieser freien Liebe eine Menge Kinder in die Welt 
setzten . Wenn uns der Krieg eine Unmenge Invaliden geliefert hat, so wird 

uns die falsche Auffassung der freien Liebe mit noch grösseren Krüppeln 

belohnen. Und wir müssen geradeheraus sagen, dass wir 
aufdcra Gebiete der Aufklärung in dies er Richtung 
nichts getan haben, um das richtige Verständnis der 
Arbeitermasse für diese Frage zu fördern. Und ich bin 
ganz der Meinung, dass, wenn man uns diese Fragen stel- 
len wird, wir ausserstande sein werden, sie zu beant- 
worte n.« 

Keine Rede davon, dass den Kommunisten damals der Mut zur 
Erledigung der Frage gefehlt hätte; es wird sich zeigen, dass ihnen 
der Mut nichts genützt hätte, denn sie hätten die Schwierigkeiten mit 
dem übernommenen Sehatz an Wissen nicht lösen können. 

Wer aber diese Äusserungen vom Standpunkt der späteren Ent- 
wicklung ansieht, muss zum Schluss kommen: Es war wie in einer 
grossartigen Symphonie, in der die Akkorde und Themen des Schiuss- 
satzes schon in den ersten Klängen unmerklich, wie beiläufig, an- 
klingen. Es waren Themen, die eine Tragödie ankündigten. 

Der kommunistische Funktionär Koljzow warnte: 



»Diese 
vermiede 



Fragen werden 



niemals besprochen, es ist, als 
man sie aus irgendeinem Grunde. Bis jetzt habe 

ich sie niemals durchdacht Gegenwärtig sind das für mich neue Fragen. Ich 

betrachte sie als im höchsten Grade -wichtig. Man sollte über sie nachdenken. Ich 
meine, dass sie aus ebendenselben, allerdings unbestimmten Gründen nicht in die 
Spalten der Presse gelangen.« 



Das sexual pol itisclie Interesse der Masse 153^ 



Und der Funktionär Finkowski erkannte früh ein Stück des 
Wesens der Sexualsclieu: 

. * Gespräche über dieses Thema werden deshalb selten begonucD weil 

sje alle zu nahe angehen Man hat sie bisher meiner 

Ansicht deshalb nicht bcgonenn, um sichnicht zu ärgern 

■ ^"^ verstehen, dass ein Ausweg aus der Lüge dadurch geschaffen werden 

konnte, dass der Staat die Erziehung und den Unterhalt aller Arbeiterkinder voll- 
ständig auf sich nimmt, dass die Frau von der Küdie befreit wird usw. Die Kom- 
munisten berufen sich gewöhnlich auf die schöne Zukunft und entziehen dadurch 

die akute Frage der Besprechung Die Arbeiter wissen, dass es mit dieser Frage 

in der Familie des Kommunisten noch schlimmer steht als bei ihnen selbst.« 

Zeitlin bewies seinen revolutionären Instinkt, wenn er sagte: 

»In der Literatur wird die Frage der Elle und Familie, die Frage der Be- 
ziehungen zwischen Mann und Frau gar nicht erörtert. Indessen sind dies 
gerade die Fragen, die die Arbeiterinnen und Arbeiter 
interessieren. Wenn wir solche Fragen zum Gegenstände 
unserer Versammlungen machen, so wissen die Arbei- 
lerinnen und Arbeiter davon und füllen unsere Ver- 
sammlungen. Ausserdem fühlt die Masse, dass wir diese Fragen mit Schwei- 
gen übergehen, und wir übergehen sie tatsächlich gewisscrmassen mit Schweigen. 
Ich weiss, dass einige davon sprechen, dass die kommunistische Partei keine 
bestimmte Meinung über diese Frage habe und sie auch nicht haben könne. Und 
die Arbeiter und Arbeiterinnen stellen diese Fragen 
oftmals und finden keine Antwort auf sie.« 

Derartige Stellungnahmen sexualpolitisch völlig ungeschulter, ein- 
zig aus dem lebendigen Leben schöpfender Arbeiter bedeuteten mehr 
als lange Abhandlungen über die »Soziologie der Familie«. Sie be- 
wiesen, dass die Zerschlagung der kapitalistisch-autoritären Staats- 
macht eine Kritik und Besinnung freilegte, die früher unsichtbar 
blieb, i Zeit 1 in war nicht Mitarbeiter der Sexpol, die damals noch 
garnicnt existierte, und beschrieb doch genau das, was sie behauptet: 
Das Interesse der durchschnittlichen Masse ist 
nicht staatspolitisch. sondern sexualpolitisch 
gerichtet. Er konstatierte die stumme Kritik der Masse an der 
Sexualscheu der revolutionären Führung. Er stellte richtig fest, dass 
die proletarische Führung, wenn sie sich derart verhielt, offenbar 
noch keine Meinung gebildet hatte und daher ausweichen musste. 
Und die Masse wartete auf Antwort gerade in dieser Frage 

Es fehlte auch nicht an Kritik der unlebendigen, nur geschicht- 
lichen Betrachtung aktueller Fragen, an der Unfähigkeit, eine leben- 
dige Theorie neu anzuwenden. 

Gordon berichtet, dass ein Referent, der über die Sexualfrage 
sprechen sollte, nur über Engels' »Ursprung der Familie« redete 
und dem nichts hinzufügte. 

»Ich will natürlich nicht sagen, dass dies schlecht wäre, man hätte aber doch 
einen- Schluss aus diesem Engels'schen Werk In Bezug auf die Gegenwart ziehen 
müssen; das aber vermögen wir gerade nicht zu tun. Indessen ist diese Frage 
ausserordentlich brennend geworden.« 



1&4 Die sexuelle Revolution 



Die Funktionäre wiesen also nachdrücklichst auf das Interesse 
der Massen an Klärung und Neuordnung der sexuellen Verhältnisse 
hin; man verlangte billige und gute Aufklärungsliteratur. Man sprach 
von »Familie« und meinte die Geschlechtlichkeil. Man wusste, dass 
das Alte morsch und untragbar war, aber man suchte das Neue mit 
alten Begriffen oder, was schlimmer war, mit wirtschaftlichen Aus- 
künften allein zu fassen. Vergegenwärtigen wir uns, wie das konkret 
aussehen musste. So versuchte ein Funktionär in Moskau, Lys- 
senko, die »Erscheinungen der Strasse«, welche allgemein beun- 
ruhigten, zu fassen. Man beobachtete, dass die Kinder »Unfug trie- 
ben«, Sie spielten etwa »Rote Armee« ; man erkannte richtig den 
»Beigeschmack« des »Militarismus«, hielt es aber doch »für gut«; 
doch zuweilen sah man »andere« Spiele, die »schlimmer« waren, 
nämlich sexuelle, und stellte staunend fest, dass niemand eingriff. 
Doch man zerbrach sich den Kopf, wie man die Kinder »auf den 
richtigen Weg lenken« konnte. Das Revolutionäre zeigte sich hier 
im richtigen Instinkt, dass man dagegen nicht »einschreiten« 
dürfte; die konservative Sexualangst führte zu sorgenvollen Gedan- 
ken. Wäre nicht die alte Denkweise der neuen in Form von Sexual- 
scheu entgegengetreten, dann hätte man nicht die Sorge entwickelt, 
wie die Kinder auf den »richtigen«, d. h. asexuellen Weg zu lenken 
wären, sondern man hätte diese sexuellen Äusserungen der Kinder 
genau beobachtet und sich die Frage vorgelegt, wie die Kinder- 
Sexualität zu behandeln wäre. Doch da die Kindheit mit Sexualität 
nicht gemeinsam gedacht werden konnte, bekam man Angst und hielt 
natürliche Äusserungen, die wahrscheinlich wild auftraten, weil sie 
gesellschaftlich unorganisiert waren, für eine Entartung. »Man muss 
wissen«, hiess es, »was man den Kindern zu lesen geben soll, viel- 
leicht etwa über Körperkultur oder irgendetwas anderes Nützliches«. 

Revolutionäre mahnten: »Man sagt uns oft, dass wir nur von 
umfassenden Materien sprechen, wir sollten lieber von dem 
sprechen, was dem Leben näher ist. Wir müssen den Kleinigkeiten 
des Lebens unsere Aufmerksamkeit zuwenden«. Konkret auf die 
kindlichen Spiele angewendet hiess das ganz eindeutig; 

1. Sollen wir gegen oder für diese Spiele eintreten? 

2. Ist die Sexualität des Kindes natürlich oder nicht? 

3. Wie sollen wir das Verhältnis der kindlichen Sexualität zur Arbeit 
auffassen und regeln? 

Die Kontrollkommissionen waren besorgt. Die Funktionäre trö- 
steten. »Die Kontrollkommission braucht garnicht den Kopf zu schüt- 
teln. Der Kommunist wird hingehen und mit den Arbeitern zusam- 
menleben, er wird dort seine Tätigkeit ausüben, d. h. sie im Zaum 
halten. Wenn wir aber nicht mit ihnen zusammenleben werden, so 



Unklarheiten über den Prozess 155 



werden wir den Zusammenhang mit den Massen verlieren«. Die Auf- 
gabe war aber nicht nur, als Kommunist engsten Kontakt mit der 
Masse zu haben, sondern auch die, den Kontakt zu Konkretem zu 
benützen; die Masse im Zaume halten wollen, bedeutete bereits, dass 
man nicht wusste, was mit den neuen Lebensäusserungen, die soeben 
<lie Fessehi der autoritären Gewalt abgeworfen hatten, anzufangen 
war; es bedeutete, eine neue Autorität an die Stelle der alten im alten 
Sinne aufzurichten. Die Aufgabe war aber, eine neue Autorität 
herzustellen, um das erwachende Leben der Masse zur 
Selbständigkeit zu führen, es also zu befähigen, der ständigen au- 
toritären Überwachung schliesslich zu entbehren. 

Die verantwortlichen Arbeiter standen, ohne dass sie es genau 
formulieren konnten, vor der Entscheidung: durch nach vorne 
zvt neuen Lebensformen oder zurück zum Alten. 
Da die kommunistische Partei in der Tat keine Auffassung über die 
sexuelle Revolution gebildet hatte, da man mit der historischen Ana- 
lyse von Engels allein praktisch nur den gesellschaftlichen Hin- 
tergrund, nicht aber das Wesen der vor sich gehenden Umwälzung 
des Lebens bewältigen konnte, entbrannte ein Kampf, der allen künf- 
tigen Generationen die Geburtswehen einer Kulturrevolution ein- 
•drucksvoll vor Augen führt. 

Man tröstete sich zunächst mit dem Hinweis auf den Mangel an 
den rein wirtschaftlichen Voraussetzungen. Doch die Einstellung: 
»zuerst die wirtschaftlichen Fragen, dann die des kleinen Lebens« 
war unrichtig und nur der Ausdruck der Unvorbereitetheit auf 
die chaotisch scheinenden Formen der Kulturrevolution. Oft war es 
geradezu eine Ausflucht. Eine Gesellschaft, die tief in der Armut aus 
allen Wunden des Bürgerkrieges blutet, die keine öffentlichen 
Küchen, Wäschereien, Kindergärten sofort und zureichend einrichten 
kann, muss zunächst an die einfachsten wirtschaftlichen Voraus- 
setzungen denken. Diese Voraussetzungen einer Revolution der Kul- 
tur, im besonderen des sexuellen Lebens waren absolut korrekt er- 
lasst. In einem Lande der Rückständigkeil und äussersten Knecht- 
schaft wie dem früheren Russland musste zunächst daran ge- 
schritten werden, die Massen der Arbeiter und Bauern zur Reinlich- 
keit, zum Zähneputzen, zum Nichtschimpfen und Nichtspucken zu 
erziehen. Doch es ging nicht allein darum, die Massen auf die Höhe 
■der Kultur in den hochkapitalistischen Ländern zu bringen; das war 
bloss die allernächste Aufgabe; in weiterer Sicht musste man begin- 
nen, sich über die Qualität der »neuen Kultur«, der sozialisti- 
schen, der kommunistischen ins klare zu kommen. 

Zunächst traf noch niemand die Schuld. Die Revolution war eben 
auf unerwartete Probleme gestossen, und die praktischen Erfahrun- 
gen, so gigantische Schwierigkeiten zu bewältigen, konnten sich erst 
«rgeben. wenn die Schwierigkeiten selbst zur vollen Entwicklung 



iSB Die sexuelle Revolution 



kamen und Lösung forderten. Die Rückentwicklung ist unvermeid- 
lich, wenn diese Entwicklung nicht rechtzeitig gesehen und erfasst 
wird. Wir vergessen nicht; Es war die erste gelingende soziale 
Revolution. Schwer war das Ringen um die Kenntnis ihrer rein wirt- 
schaftlichen und politischen Voraussetzungen. Doch es zeigt sich 
heute, dass die kulturelle Revolution unendlich schwierigere Fragen 
als die politische stellte. Das kann nicht anders sein, denn die poli- 
tische Revolution erfordert »nur« eine gestählte, geschulte Führung 
und das Vertrauen der Masse zu ihr. Die Kulturrevolution erfordert 
jedoch einen Umbau der Massenstruktur; sie ist nicht mit 
Zahlen und Statistiken zu machen und ihre wissenschaftliche Klärung 
war kaum in Gedanken vorhanden. Hier ein Ausschnitt aus dem 
Resultat 1935: 

Am 29.8.1935 erschien in der »Weltbiihne« ein alarmierender Ar- 
tikel von Louis Fischer über das Anwachsen der reaktionären 
Sexuahdeologie in der Sowjetunion. Dass eine kommunistische Zeit- 
schrift den Artikel veröffentlichte, beweist die Gefährlichkeit der Si- 
tuation 1935. Der Artikel hebt folgende Tatsachen hervor: 

Die Jugend findet in den überfüllten Wohnungen der Stadt keinen 
Raum für ihr Liebesleben. Den Mädels wird eingeschärft, dass Ab- 
ireibung schädlich, gefährlich und nicht wünschenswert sei. Viel 
besser wäre es, Kinder zu kriegen. In einem Film »Das Privatleben 
Peter Winogradows« wird für die hrave Ehe Schliessung propa- 
giert. »Ein Film«, schreibt Fischer, »der im konservativsten Winkel 
gewisser konservativer Staaten Anklang finden würde«. In der 
»Pravda« heisst es: »Im Lande der Sowjets ist die Familie eine grosse 
und ernste Sache«. Louis Fischer meint, dass die Bolschewiken die 
Familie in Wirklichkeit nie angegriffen hätten. Sie wüssten zwar, 
dass die Familie zu gewissen Zeiten in der Geschichte der Menschheit 
nicht existierte, sie gehen auch theoretisch die Auflösung der Familie 
zu, aber sie hätten die Familie niemals untergraben, im Gegenteil, sie 
hätten sie gestärkt. Das Regime, das jetzt keinen schlechten Einfluss 
der Eltern zu fürchten braucht ( !), begrüsst nun ihren »notwendigen 
moralischen und kulturellen Einfluss«, d. h. die sexualunter- 
drückende Funktion der erwachsenen Generation gegenüber der 
neuen. 

Ein Leitartikel der »Prawda« verkündete 1935, dass ein schlech- 
ter Familienvater kein guter Sowjetbürger sein könne. »So etwas 
war unvorstellbar im Jahre 23«, schreibt Fischer. »In der Sowjet- 
union kann und soll nur grosse, reine und stolze Liebe Anlass zur 
Heirat sein«. »Wer heute noch behauptet, es sei kleinbürgerlich, sich 
für die Familie zu interessieren, gehört selbst zur niedrigsten Kate- 
gorie der Kleinbürger«. Ein Verbot, das erste Kind zu töten, werde 
wahrscheinlich mancher Liehelei und Promiskuität ein Ende bereiten 
und die »ernste Ehe« fördern. In den letzten Monaten hätten sich in 



Kommuaislcn retten die Familie 



157 



den Zeitungen die Artikel von Professoren und klinischen Leitern 
gehäuft, in denen über den grossen Schaden geredet wird, der dem 
Organismus durch die Abtreibung zugefügt würde. 

»Wenn die Presse jeden Tag gegen den Abort wettert; wenn diese 
Propaganda von der Lobpreisung festlicher Heiratszeremonien be- 
gleitet wird; wenn man die Heiligkeit ehelicher Verpflichtungen be- 
tont und verkündet, dass Mütter, die Drillinge und Vierlinge gebären, 
besondere Preise erhalten; wenn man Artikel über Frauen schreibt, 
die niemals zur Abtreibung gegriffen haben, und wenn eine niedrig 
bezahlte Dorfschullehrerin, Mutter von vier Kindern, öffentlich gelobt 
wird, weil sie ein fünftes Kind nicht ablehnte, »obwohl es schwer 
ist, sie alle zu ernähren«, — dann denkt man an Mussolini,« schreibt 
Fischer. »Man hat innere und äussere Sicherheit gewonnen und 
glaubt daher, dass die Geburteneinschränkung zu reduzieren ist ... 
Man wird auch gegen billige »Sominerverhältnissea: kämpfen. Mäd- 
chen, die männlichem Drängen widerstehen, werden nicht länger als 
»konservativ« oder sogar als »konterrevolutionär« gelten, »nicht die 
Befriedigung physischer Bedürfnisse sondern Liebe sollte die Basis 
der Familie sein.« 

Dieser knappe Auszug zeigt, dass wir heute in der Sexual Ideolo- 
gie der massgebenden führenden Kreise der Sowjetunion keinen 
Unterschied mehr sehen zur Ideologie der führenden Kreise irgendei- 
nes bürgerlichen Staates. Die Rückkehr zur bürgerlichen Sexualmoral 
kann nicht bestritten werden. Fraglich bleibt nur, wie sich die auf- 
gelockerte und einmal frei gewesene Jugend, wie sich die proletari- 
sche Struktur der Industriearbeiterschaft dazu verhalten wird. 

Die offizielle Ideologie der Sowjetunion wirkte sich auch in West- 
europa aus. 

In der »Humanite« vom 31.X.35 lesen wir; 



unsere 



Zur Rettung der Familie! Helft uns, am 17. November 
grosse Enquete im Interesse des Rechts auf Liebe anzustellen. 

Man weiss, dass die Geburtenzahl in Frankreich mit ersehreclieader Rasch- 
heil abnimmt Die Kommunisten sehen sich also vor eine sehr ernste Tat 

Sache gestellt. Das Land, das sie gemäss ihrer historischen Aufgabe umformen 
sollen, die französische Welt, die sie auf den rechten Fleck zu setzen 
beabsichtigen, läuft Gefahr, verstümmelt, verkümmert, von Menschen verarmt 
zu werden- 

Die Bösartigkeit des sterbenden Kapitalismus, die Unsittlichkeit, zu der er 
das Beispiel gibt, der Egoismus, den er entwickelt, die Not, die er schafft, die 
Krise, die er erzeugt, die sozialen Krankheiten, die er propagiert, die heimlichen 
Abtreibungen, die er provoziert^ zerstören die Familie. 

Die Kommunisten wollen dafür kämpfen, die fran- 
zösische Familie zu verteidigen. 

Sie haben ein für allemal mit der kleinbürgerlichen — individualistischen 
und anarchistischen - — Tradition gebrochen, die aus der Sterilisation ein Ideal 
macht. 

Sie wollen ein starkes Land und eine zahlreiche Rasse übernehmen. 
Die U. S. S. R. weist ihnen den Weg. Aber man muss sogleich wirkliche Mit- 
tel anwenden, die Rasse zu retten. 



1^8 Die sexuelle Revolution 



In meinem Buch »Das Unglück, jung zu sein« habe ich die Schwierigkeiten 
genannt, die die Jugend heute hat, sich ein Heim zu gründen, und ich habe mit 
ihr ihr Recht auf Liebe verteidigt. 

Das Hecht auf Liebe, Liebe des Mannes und der Frau, des einen für den 
andern, Kindesliebe, Elternliebe, das soll das Thema der neuen Enquete sein... . 
ich sehe sie unterstützt durch die Briete unserer Leser, die von ihren Schwierig- 
keiten, Ängsten und Hoffnungen berichten. 

Eine Enquete, die die Mittel untersuchen wird, die französische Familie zu 
retten, indem man der Mutterschaft, der Kindheit, indem man den kinder- 
reichen Familien den Platz und die Vorzüge gibt, die sie 

im Lande haben müssen. Schreibt uns. Junge, schreibt uns, Väter und Mütter 

P. Vaillant-Couturier.« 

So denkt ein mit den Nationalsozialisten in der Rassentheorie und 
der Vertretung der kinderreichen Familie wetteifernder Kommunist. 
Ein derartiger Artikel in einem sozialistischen Organ ist eine glatte 
Katastrophe. Der Wetteifer ist hoffnungslos; Die Faschisten ver- 
stehen dieses Geschäft viel besser. 

Überhebliche Krittelei und Besserwisserei wäre also hier nur das 
sichere Zeichen kompletten Unverständnisses für die Situation. An 
erster Stelle ist Respekt vor der Grösse, Kompliziertheit und Fülle 
der Aufgaben erforderlich. Er ist die wichtigste Voraussetzung des- 
notwendigen Ernstes und Mutes, den derartige geschichtliche Pro- 
zesse fordern. 

In der russischen Kulturrevolution brach das »neue Leben« uner- 
kannt, unverstanden aus dem Alten hervor, doch das Alte bremste. 

Das alte Denken und Fühlen schlich sich in das Neue ein. 

Das Neue befreite sich zunächst vom Alten, rang nach klarem 
Ausdruck, fand ihn nicht und sank daher zurück. 

Versuchen wir zu begreifen, in welcher Weise das Alte das Neue 
erstickte, um beim nächsten Male besser dagegen gewaffnet zu sein. 

Wir müssen aus dem Gang der russischen Revolution lernen, dass- 
mit der wirtschaftlichen Umwälzung, der Enteignung des Privatbe- 
sitzes an den Produktionsmitteln und der politischen Errichtung der 
sozialen Demokratie {= Diktatur des Proletariats) eine Revolution 
in den Anschauungen und sexuellen Beziehungen der Menschen selbst- 
tätig Hand in Hand geht. Wie die wirtschaftliche und die politische 
Revolution muss auch die sexuelle bewusst erfasst und vorwärts- 
gelenkt werden. 

Doch wie sieht dieses »Vorwärts«, dem der Zerfall des Alten vor- 
angeht, konkret aus? Die Wenigsten wissen, wie heiss der Kampf 
um das »neue Leben«, um das befriedigende Geschlechtsleben in der 
SU tobte. 



III. KAPITEL 

DIE BREMSUNG DER SEXUALREVOLUTION 

1. DIE VORAUSSETZUNGEN DER BREMSUNG 

Ungefähr im Jahre 1923 begann eine Entwicklung schärfer hervor- 
zutreten, die sich gegen die Umwälzungen im kulturellen und per- 
sönlichen Leben richtete; sie wurde erst in den Jahren 1933 bis 1935 
auch in rückschrittlichen gesetzlichen Massnahmen fassbar. Dieser 
Prozess lässt sich am besten als Bremsung der sexuellen und mit ihr 
der kulturellen Revolution in der Sowjetunion bezeichnen. Ehe wir 
auf die wesentlichen Kennzeichen dieser Bremsung eingehen, müssen 
wir uns mit einigen ihrer Voraussetzungen bekannt machen. 

Die russische Revolution war in wirtschaftlich-politischer Hinsicht 
bewusst gelenkt von der marxistischen Wirtschafts- und Staatslehre. 
Alles, was wirtschaftlich geschah, wurde an der Theorie des histori- 
schen Materialismus gemessen und bestätigte sich im wesentlichen. 
Doch für die kulturelle Revolution, von ihrem Kern, der sexuellen 
Revolution, ganz zu schweigen, gab es weder bei Marx noch auch bei 
Engels Untersuchungen, die geeignet gewesen wären, den Führern 
der Revolution auf diesem Gebiete in der gleichen Weise wie auf 
dem der Wirtschaft Richtlinien zu geben. Lenin selbst betonte in der 
Kritik einer Broschüre von Ruth Fischer, dass die Sexualrevolution, 
wie überhaupt der gesellschaftliche Sexualitätsprozess vom Stand- 
punkt des dialektischen Materialismus noch gar nicht verstanden sei, 
und dass zu seiner Bewältigung eine ungeheure Erfahrung gehöre. 
Würde jemand, so meinte er, die Frage in ihrer wirklichen Bedeutung, 
und Totalität erfassen, dann wäre der Revolution ein grosser Dienst 
geleistet^. Wir härten von den Funktionären, dass hier Neuland auf- 
gearbeitet werden müsste. Auch Trotzki hatte in seinen kulturellen 
Schriften immer wieder gezeigt, wie neuartig und unverstanden da& 
Gebiet der kulturellen und sexuellen Revolution ist. 

1) Im Gespräch mit Clara Zetkin. 



160 Die Bremsung der Scxualrevolution 

Es gab also keine Theorie der sowjetistischen Sexual reuolution. 

Eine zweite Voraussetzung der später erfolgreichen Bremsung war, 
dass alle diejenigen, die dazu berufen gewesen wären, den spontan sich 
entwickelnden Prozess der sexuellen Revolution zu erfassen und zu 
lenken, in alten Begriffen und Formalismen befangen waren. Man 
übernahm zum grossen Teile Vorstellungen aus dem Schatz aer 
bürgerlichen Sexualwissenschaft, ohne sich darauf zu besinnen, uass 
eine genaue Unterscheidung des für die Revolution Brauchbaren vom 
Unbrauchbaren notwendig gewesen wäre. 

Von den falschen Begriffen, die so wesentlich zur Bremsung 
beigetragen hatten, seien hier einige genannt: Der Begriff »Sexualität« 
war und ist noch heute verknüpft mit der Vorstellung, dass »Sozial- 
sein« mit sexuellem Leben unvereinbar sei. Sexualität steht kontra 
Sozialität. Ein anderes Vorurteil war {und ist), dass sexuelles Leben 
eine »Ablenkung vom Klassenkampf« bedeute. Die Unausrottbarkeit 
dieser falschen Vorstellung erlebte die Sexpol in Deutschland auf 
eine sehr unangenehme Art. Es wird nicht gefragt: Welche Art 
Sexualität lenkt vom Klassenkampf ab? Unter welchen Bedingungen 
und Voraussetzungen lenkt das sexuelle Leben vom Klassenkampf 
ab? Unter welchen Bedingungen und Voraussetzungen kann die 
sexuelle Krise in den Klassenkampf vollkommen einbezogen werden? 
Es heisst; »Sexualität an sich, als Tatsache, widerspricht dem Klas- 
senkampf.« 

Aus dem sexuahnoralischen Gebäude des Bürgertums wurde 
ferner entnommen die angebliche Unvereinbarkeit von Sexuellsein 
und Kultureltsein. Sexualität und Kultur erscheinen als absolute 
Gegensätze. Ferner verschleierte man die gesamte Frage des Sexuali- 
tätsprozesses, d. h. der Formen der sexuellen Bedürfnisbefriedigung 
dadurch, dass man von »Familie« statt von »Sexualität« sprach. Ein 
oberflächlicher Blick in die Geschichte der Sexualreformen hätte aber 
gelehrt, dass die vaterrechtliche Familie nicht eine Einrichtung zum 
Schutze der Sexualbefriedigung ist, sondern im Gegenteil in einem 
scharfen Gegensatz zu ihr steht. Sie ist eine wirtschaftliche Institu- 
tion und bindet in dieser Eigenschaft in der Masse der Bauern und 
Kleinbürger die sexuellen Bedürfnisse. 

Eine weitere Voraussetzung der Bremsung war die ungeheure 
Verbreitung falscher, ökonomistischer Anschauungen über die Sexual- 
revolution. Diese Anschauungen behaupteten, dass mit dem Sturz der 
Bourgeoisie und mit der sowjetistischen Sexualgesetzgebung uie 
sexuelle Revolution »bereits vollzogen« wäre, oder dass sich allein 
dadurch, dass das Proletariat die Macht ergriff, die sexuelle Frage 
»von selbst« lösen würde. Man übersah dabei vollkommen, dass ja 
die Ergreifung der Macht und die sexuelle Gesetzgebung nur die 
äusseren Voraussetzungen für die Umgestaltung des sexuellen Lebens 



Voraussetzungen der Bremsung 



161 



geschaffen hatten und nicht dieses Leben selber waren.! Ein Grund, 
den man sich zum Bau eines Hauses anschafft, ist ja noch nicht das 
Haus selber. Erst wenn man Grund und Boden hat, beginnt die eigent- 
liche Aufgabe, das Haus zu bauen. So schrieb z. B. G. G. L. Alexander 
au.s Moskau in der Zeitschrift »Die Internationale« {1927, Heft 13): 

^ »Mit der Lösung der grossen sozialen Frage, mit der Abschaffung des Privat- 
cigenliims, war prinzipiell auch die Frage der Ehe, die im Grunde eine Eigentums 
frage ist, gelost. ... Die kommunistische Auffassung geht konsequenterweise dahin 
dass mit der nur schrittweise möglichen Verwirklichung des Kommunismus das 
heisst der Herausbildung der von Grund aus anderen Organisation des soz'ialen 
Lebens, das Eheproblem als soziales Problem verschwinden muss. Die un 

erwiderte Liebe mit ihrer Gefahr der Vereinsamung, mit ihren Schmerzen wird 
kaum mehr in einer Gesellschaft in Frage kommen, die kollektive Aufgaben stellt 
und kollektive Freuden bietet, in der individuelle Schmerzen kein .so schweres 
Gewicht mehr haben.« Zur Frage der zukünftigen Form der Sexualität: »Wenn 
der Kommunismus die Auflösung der Familie in der Gemeinschaft bedeutet — 
und die Entwicklung in Sowjetrussland deutet darauf hin, dass der Weg tat- 
sächlich dahin geht, so ist es klar, dass mit dieser Art der Auflösung der Familie 
auch ihr Problem, das Kheproblem verschwinden wird.a 

Diese Art, so schwierige Probleme der Massenpsychologie zu er- 
fassen, ist irreführend und gefährlich: Man ändere die ökonomische 
Basis der Gesellschaft und ihre Einrichtungen, dann ändern sich auch 
die menschlichen Beziehungen von selbst. Dass diese Beziehungen 
sich verselbständigen und in Gestalt der seelischen, sexuellen Struktur 
der Menschen einer Epoche zu einer unabhängigen, die Wirtschaft 
und Gesellschaft wiederum beeinflussenden Kraft geworden sind, 
lässt sich nach dem Erfolg der faschistischen Bewegung nicht mehr 
bezweifeln. Dies nicht zu beachten, bedeutet den lebendigen Menschen 
aus der Geschichte ausschalten. 

Kurz, man hatte sich die Sache zu einfach gemacht, man hatte die 
ideologischen Umwälzungen allzu unmittelbar und direkt mit der 
wirtschaftlichen Grundlage verbunden aufgefasst. Das hat mit Marxis- 
mus nichts zu tun. 

In welcher Form äussert sich die vielgenannte und wenig verstan- 
dene »Rückwirkung der Ideologie auf die Basis«? 

Die streng ehelich und familiär eingestellte Frau wird eifersüchtig, 
wenn der Mann anfängt, am politischen Leben teilzunehmen. Sie 
fürchtet, dass er dort mit anderen Frauen anbändeln wird. Der pa- 
triarchalische, eifersüchtige Mann benimmt sich ebenso, wenn seine 
Frau politisch erwacht. Er fürchtet, dass sie ihm untreu wird. Eltern, 
auch proletarische, sehen es nicht gerne, wenn die heranwachsenden 
Tochter in die Organisationen gehen. Sie fürchten, sie könnten »ver- 
wildern«, d. h. sexuell zu leben anfangen. Kinder sollen zu den Pio- 
nieren oder ins Kollektiv; doch die Eltern erheben den alten Anspruch 
auf sie; sie sind entsetzt, wenn das Kind auch seine Eltern mit kri- 
tischen Augen zu sehen beginnt. Die Beispiele kann man beliebig ver- 
mehren. 

12 



162 Die Bremsung der Scxualrcvolution 

Mancher Versuch, derartigen Fragen beizukommen, endete mit 
dem nichtssagenden Schlagwort von der »Hebung der Kultur und der 
menschlichen Persönlichkeit«, 

Der Gegensatz von Natur und Kultur sollte aufgehoben, die Natur 
sollte in Einklang mit der Kultur gebracht werden. Korrekte revolu- 
tionäre Anschauungen. Doch beim ersten Ansatz zur praktischen 
Lösung dieser Fragen schlich sich das Alte in Form antisexuetler^ 
moralisierender Anschauungen ein. 

So schrieb sogar Batkis, der Leiter des sozialhygienischen Instituts, 
in Moskau, in seiner Broschüre »Die sexuelle Revolution in der Sowjet- 
union« : 

».., Das Moment der Erotik, des Sexualismus, spielte während der RevoIutioR 
nur eine untergeordnete Rolle, da die Jugend sich von der revolutionären 
Stimmung vollkommen hinreissen liess und nur für die grossen Ideen lebte. Als 
aber die ruhigen Zeiten des Aufbaus kamen, befürchtete mau, dass die Jugend 
nun abgekühlt und nüchtern den Weg der unbegrenzten Erotik wie im Jahre 190& 
gehen wnirde. ... 

Ich behaupte auf Grund der Erfahrungen in der SU, dass die Frau, da sie 
die soziale Befreiung erlebte und mit der Öffentlichen sozialen Arbeit sich vertraut 
machte, also in dieser tlbergaugszeit vom blossen Weib Kum Menschen, ein& 
geuiisse sexuelle Erkaltuna erlebte. Das Geschlechtliche Ist in ihr, -wenn auch 
nur für eine Zeit, verdrängt. ... Aufgabe der Sexualpädagogik in der SU ist es, 
gesunde Menschen, Mitbürger der zukünftigen Gesellschaft in vollem Einklang 
zwischen den natürlichen Trieben und den grossen sozialen Aufgaben, die ihrer 
harren, zu erziehen; die Richtlinien dafür wären r alles Schöpferische. Aufbauende. 
das in den natürlichen Trieben schlummert, zu fördern, aber zu beseitigen alles, 
was für die Entwicklung der Persönlichkeit des Mitglieds des Kollektivs schädlich 
werden könnte. ... 

... die freie Liebe in der SU ist nicht irgendein zügelloses wildes Sichauslebcn, 
sondern die ideale Verbindung von zwei freien, in Unabhängigkeit sich liebenden 
Menschen.« (S. 23.) 

Selbst der sonst klare Balkis blieb, richtig ansetzend, in Schlag- 
worten stecken. 

Die Sexualität der Jugend wird als »Sexualismus« bezeichnet. Das 
Sexualproblem ein »Moment der Erotik«. Man beruhigte sich damit, 
dass die Frauen eine gewisse Erkaltung erlebten, und dass sie »vom: 
blossen Weih« zum »Menschen« wurden; alles müsste beseitigt wer- 
den, was der Entwicklung der Persönlichkeit schädlich sein könnte 
(gemeint war natürlich die Sexualität), und man stellte das wilde 
zügellose Sichausleben der »idealen« Verbindung von »zwei freien, in 
Unabhängigkeit sich liebenden Menschen« entgegen. Die Masse hing 
in diesen Begriffen wie in Netzen. Sieht man sie näher an, so zeigt 
sich ihre vollkommene Leere bzw. ihre antisexuelle, also reaktionäre 
Tendenz. Was heisst »sich wild ausleben«? Ist damit gemeint, dass 
ein Mann und eine Frau in der Umarmung sich nicht ausleben dürfen? 
Und was ist »ideale Verbindung«? Ist die Verbindung dann ideal, 
wenn sie zur vollen »tierischen« Hingabe fähig sind? Ja — aber dann 
sind sie doch wieder »wild«! Kurz und gut, es sind Worte, die, statt 



Moralisieren, statt erkennen und bowältigen 



165 



die Wirklichkeit des Geschlechtslebens zu erfassen, und die Wider- 
sprüche, von denen es beherrscht ist, ^u beseitigen, nur Wahrheiten 
verhüllen, um womöglich mit diesen peinlichen Sachen nicht in Be- 
rührung zu geraten. 

Wo verfing sich hier das Denken? In der Nichtunterscheidung 
von krankhafter Sexualität der Jugend, die ihren kulturellen Auf- 
gaben widersprach, und gesunder Sexualität, die die wichtigste phy- 
siologische Grundlage der sozialen Leistung ist; im Gegensatz von 
^Weib« i= sinnlicher Frau) und ^.Mensch« (= tätige, sublimierende 
Frau) statt im sexuellen Selbstbewusstwerden der Frau die psychi- 
sche Grundlage ihrer revolutionären Emanzipation und Tätigkeit zu 
sehen; im Gegensatz von »Sichausleben« und i>idealer Verbindung«, 
statt in der Fähigkeit zu voller sexueller Hingabe an den geliebten 
Partner die sicherste Grundlage der kameradschaftlichen Beziehung 
zu sehen. 



2. MORALISIEREN, STATT ERKENNEN UND BEWÄLTIGEN 

Es war eines der wesentlichsten Kennzeichen der Bremsung, dass 
die Misstände und chaotischen Zustände, die sich mit der Sexua'lrevo- 
lution eingestellt hatten, moralisch beurteilt, statt als Zeichen einer 
revolutionären Übergangszeit erfasst wurden. Man rief, das Chaos sei 
ausgebrochen, alles löse sieh auf, man müsse wieder Disziplin ein- 
führen, die »innere Disziplin habe an die Stelle des äusseren Zwanges« 
zu treten. Man betonte den »Wert der Bande zwischen Mann und 
Frau«, man sprach von »individueller Kultur«. Das Alte schlich sich 
in ein neues Gewand, wenn man von »innerer Disziplin« sprach; denn 
innere Disziplin kann nicht gefordert werden, sondern sie ist ent- 
weder vorhanden oder nicht. Forderte man »innere Disziplin« statt 
des äusseren Zwanges, so hatte man doch gerade wieder einen äus- 
seren Zwang ausgeübt. Man musste sich doch fragen: Wie bewerk- 
stelligen wir es, dass die Menschen freiwillig diszipliniert werden, 
ohne dass wir sie dazu zwingen müssen. Revolutionär klang die- 
»Gleichberechtigung der Frau«. Wirtschaftlich hatte man das Prin- 
zip: gleicher Lohn für gleiche Arbeit, wirklich durchgeführt; in sexuel- 
ler Hinsicht hatte man ursprünglich nichts dagegen, dass die Frau 
genau die gleichen Ansprüche erhob, wie der Mann; aber das war 
nicht die Hauptsache. Waren die Frauen auch innerlich fiihig von 
der gewährten Freiheit Gebrauch zu machen? Waren es die Männer?- 
Hatten nicht alle eine Struktur mitgebracht, die antisexueil, moralisch 
verschämt, zersetzt, geil, eifersüchtig, Besitzansprüche erhebend, neu- 
rotisch und krank war? Notwendig war zunächst zu begreifen, was 
vorging, das Chaos zu erfassen, die revolutionären von den reäktio- 
12' 



164 Die Bremsung der Sexualrevolution 

nären, bremsenden Kräften klar zu scheiden, zu wissen, dass eine 
höhere Form des Lebens nur unter Schmerzen geboren werden kann. 

Die Bremsung der spontanen sexuellen Umwälzung kristallisierte 
sich bald um verschiedene Zentren. Die leitenden Sowjetbehörden 
verhielten sich zunächst passiv. Aus den Klagen der Funktionäre geht 
hervor, dass man auf das, was vorging, nicht hörte oder es unter- 
schätzte. Die Formel: »die sexuelle Frage werden wir später lösen, 
erst kommt die Wirtschaft dran«, war sehr geläufig. Die Presse stand 
ausschliesslich oder überwiegend der Wirtschaft zur Verfügung. Ob 
es eigene Zeitungsorgane gab, die, von einer zentralen Stelle geleitet, 
die Probleme der sexuellen Revolution erfasst hätten, weiss ich nicht. 

Sehr massgebend war der Einfluss der Intellektuellen. Von Hause 
aus, ihrer Struktur, Herkunft und ihrem Denken nach mussten sie 
sich gegen die sexuelle Revolution einstellen. Sie verbimmelten die 
allen Revolutionäre, die infolge ihrer schwierigen Aufgaben kein be- 
friedigendes Sexualleben hatten führen können, und sie übertrugen 
diese aufgezwungene Lebensart vom revolutionären Führer ohne Be- 
denken als Ideal auf die Masse. Dieses Vorgehen wirkte sich schädlich 
aus. Niemals kann von der Masse das verlangt werden, was die Auf- 
gaben von der Führung fordern. Weshalb sollte es auch gefordert 
werden? Fanina Halle rühmt diese Ideologie in ihrem Buche »Die 
Frau in Sowjetrussland«, statt zu erklären, wie katastrophal sie für 
die Beeinflussung und für die Umstrukturierung der Masse war. Sie 
schreibt über die alten Revolutionäre: 

»... alle waren sie jung, diese Revolutionärinnen, manche ßlänzcnd schön, 
künstlerisch begabt, (Vera Figncr, Ludmilla Wolkenstein) durch und durch 
fraulich und somit auch in ihrem persönlichen Sein für das Glück geschaffen. 
Trotz aller Intensität der Erlebnisfähigkeit wich aber auch bei den männlichen 
Revolutionären das Persönliche, Erotische, das Weib stets hinter dem allgemeinen, 
hinter der alles andere in den Schatten stellenden Menschenliebe zurück. Und 
der dadurch stark hervortretende Zug der Keuschheit, Reinheit in den gegen- 
seitigen Beziehungen der Geschlechter, der auf die ganze damalige und nach- 
folgende Generation russischer Intellektueller abgefärbt hat, ebenso wie der in 
Westeuropa häufig missverstandene kameradschaftliche Ton in russischen Stu- 
dentenkreisen, herrscht noch heute zwischen Mann und Frau in der Sowjetunion 
vor, und verblüfft immer wieder die zu diesem Problem ganz anders eingestellten 
Ausländer, ... 

,., Diese völlige Loslösung von allem Spiessbürgcrlichcn, diese absolute Ver- 
neinung aller gesellschaftlichen Schranken, von denen die Menschen in der Frei- 
heit umgeben sind, haben hier das Wachstum besonders reiner enger kamerad- 
schaftlicher Beziehungen auf dem Boden gemeinsamer geistiger Interessen und 
einer heisscn, ernsten Freundschaft in einer Weise gefördert, wie sie in der 
Freiheit nur ganz selten blühen kann. ... 

... mit umso grösserer Begeisterung widmete sich aber ein Teil der Ein- 
gekerkerten der Mathematik, und es werden Fanatikerinnen genannt, die dadurch 
in solche Spannung versetzt wurden, dass sie sich sogar nachts im Traum mit 
den Aufgaben befassten. ...« (»Die Frau« etc. S. 101, HO, 112.) 

t I 

Es ist wieder nicht konkret und für jeden gewöhnlichen Erden- 
bürger unmissverständlich klargestellt, ob eine sogenannte »reine« 



Unklarheiten in der .Führung 165 



Beziehung zwischen Mann und Frau etwa den genitalen Akt gestattet 
oder verbietet; ob eine »reine« Beziehung eine vegetative, uneinge- 
schränkte, alles Kulturelle und Intellektuelle vorübergehend abstrei- 
fende Hingabe und Auflösung einschliesst oder ausschliessl. Es ist 
völlig sinnlos, für die breite Masse der Bevölkerung ein Ideal aufzu- 
stellen, wonach die Mathematik zu einer spannenden Sensation wer- 
den und dadurch das natürlicliste Bedürfnis aller Lebewesen ersetzen 
soll. Wir können nicht zugeben, dass eine derartige Ideologie auf- 
richtig und wirklichkeitsgetreu ist. So sieht das Leben nicht ausl 
Und die Revolution hat nicht verlogene Ideale, sondern das lebendige 
Leben der Sexualität und Arbeit zu verteidigen und zu sichern! 

Im Jahre 1929 hörte ich in Moskau, dass die Jugend sexuell auf- 
geklärt werde. Ich konnte sofort sehen, dass die Aufklärung anti- 
sexuell war: Die Belehrung über Geschlechtskrankheiten, um vom Ge- 
schlechtsverkehr überhaupt abzuhalten; von einer offenen Be- 
sprechung der jugendlichen Sexualkonflikte keine Spur ■ — nur Fort- 
pflanzungslehre. 

Im Narkomsdraw, dem Volkskommissariat für Gesundheitswesen, 
antwortete man mir auf die Frage, wie man die Onanie der Jugend- 
lichen behandle, dass man »selbstverständlich« davon »ablenke«. Der 
ärztliche Standpunkt, der in den österreichischen und auch manchen 
deutschen Sexualberatungsstellen zur Selbstverständlichkeit geworden 
war, dass man einem schuldgefühlsbefangenen Jungen die befriedi- 
gende Onanie durch Ratschläge ermöglichen müsse, wurde als hor- 
rend abgelehnt. 

Die Vorsteherin des Amtes für Mutterschutz, Lebedewa, antwortete 
auf die Frage, ob man denn die Jugendlichen in der Pubertät über 
Notwendigkeit und Gebrauch von Empfängnisverhütungsmitteln un- 
terrichte, dass man eine derartige Massnahme nicht mit der kommu- 
nistischen Disziplin in Einklang bringen könne. Am gleichen Abend, 
an dem der Narkomsdraw- Vertreter seine Sexualscheu bekundet hatte, 
besuchte ich die Jugendgruppe einer Glasfabrik am Rande Moskaus 
und unterhielt mich mit den Jugendlichen über verschiedene Fragen. 
Man kam schliesslich auch auf die Mädelfragc, und ich erzählte die 
Ansicht des Narkomsdrawvertreters. Die Jugendlichen lachten hell 
auf und erklärten beruhigend, dass sie sich um solche Dinge garnicht 
kümmerten und schon selber wüssten, was sie zu tun hätten. Das 
war ihre Meinung. Es stellte sich im weiteren heraus, dass sie nicht 
wussten, wo mit ihren Mädels zusammenkommen, dass sie doch 
schwere Bedenken hatten, zur Selbstbefriedigung zu greifen; kurz, 
sie befanden sich in typischen Konflikten der Pubertät. 

In besonders schädlicher Weise bediente man sich zur Bremsung 
der sexuellen Revolution einiger schlecht verstandener Aussprüche 
von Lenin. Lenin war äusserst zurückhaltend in der Äusserung be- 
stimmter Anschauungen über sexuelle Fragen. Seine richtige Fassung 



166 Die Bremsung der Sexualrevolution 



von der Aufgabe der Revolution auf diesem Gebiet bezeugte er, wenn 
er sagte: »Der Kommunismus soll nicht Askese bringen, sondern 
Lebensfreude und Lebensltraft auch durch erfülltes Liebesleben.« Am 
bekanntesten wurde aber gerade, dank der sexualreaktionären Ge- 
sinnung der verantwortlichen Kreise, diejenige Stelle bei Lenin im 
Gespräch mit Klara Zetkin, die sich mit dem »chaotischen« Sexual- 
leben der Jugend beschäftigte. 

»Die veränderte Einstellung der Jugend zu den Fragen des sexuellen Lebens 
ist natürlich »grundsätzlich« und beruft sich auf eine Theorie. Manche nennen 
ihre Einstellung »revolutionär« und »kommunistisch«. Sie glauben ehrlich, dass 
dem so sei. Mir Alten imponiert das nicht. Obgleich ich nichts weniger als 
finsterer Asket bin, erscheint mir das sogenannte »neue sexuelle Lehen« der 
Jugend — manchmal auch des Alters -~ oft genug als rein bürgerlich, als eine 
Erweiterung des gut bürgerlichen Bordells. Das alles hat garnichts mit der 
Freiheit der Liebe gemein, wie wir Kommunisten sie verstehen. Sie kennen 
gewiss die famose Theorie, dass in der kommunistischen Gesellschaft die Be- 
friedigung des Trieblehens, des Liebesbedürfnisses, so einfach und belanglos sei 
wie das Trinken eines Glases Wasser. Diese »Glas-Wasser-Theorie« hat einen 
Teil unserer Jugend toll gemacht, ganz toll. Sie ist vielen jungen Burschen und 
Mädels zum Verhängnis geworden. Ihre Anhänger behaupten, dass sie marxistisch 
sei. Ich danke für einen solchen Marxismus, der alle Erscheinungen und Um- 
wandlungen im ideologischen Überbau der Gesellschaft unmittelbar und gradlinig 
aus deren wirtschaftlicher Basis ableitet. Gar so einfach liegen denn doch die 
Dinge nicht. ... 

Kationalismus, nicht Marxismus, wäre es. die Umwandlung dieser Beziehungen 
für sich und losgelöst aus ihrem Zusammenhang mit der gesamten Ideologie auf 
die wirtschaftlichen Grundlagen der Gesellschaft zurückzuführen wollen. Nun 
gewiss! DuPSt will befriedigt werden. Aber wird sich der normale Mensch unter 
normalen Bedingungen in den Strassenkot legen und aus einer Pfütze trinken? 
Oder auch nur aus einem Glas, dessen Rand fettig von vielen Lippen ist? Wich- 
tiger als alles ist aber die soziale Seite. Das Wassertrinken ist wirklich indi- 
viduell. Zur Liehe gehören zwei, und ein drittes Leben kann entstehen. In 
diesem Tatbestand liegt ein Gesellschaftsinteresse, eine Pflicht gegen die Gemein- 
schaft.« 

Versuchen wir uns klarzumachen, was Lenin hier meinte. Zunächst 
lehnte er den Ökonomismus ab, der alles Kulturelle unmittelbar und 
direkt aus der wirtschaftlichen Basis ableiten will. Lenin erkannte, 
dass die Ablehnung der zärtlichen Beziehungen im Geschlechtsleben 
durch die Jugend nur die alte bürgerliche Anschauung mit negativem 
Vorzeichen war. Ferner, dass ein Leben nach der Glas-Wasser-Theo- 
rie nichts anderes war als das absolute Gegenteil der bürgerlichen 
Askese-Ideologie. Lenin erkannte auch, dass es nicht das erwünschte 
sexualökonomisch geregelte Leben war, das sich hier darstellte; es 
war asozial und unbefriedigend. Was fehlte in der Formulierung Le- 
nins? Zunächst eine positive Anschauung darüber, was an die Stelle 
des alten Lebens bei der Jugend treten sollte. Da es nur drei Mög- 
lichkeiten gibt: Enthaltsamkeit, Selbstbefriedigung oder befriedigen- 
des heterosexuelles Liebesleben, hätte der Kommunismus klar eine 
dieser drei als Richtlinie aufstellen müssen. Lenin hatte nicht pro- 
grammatisch Stellung genommen, jedoch deutlich die liebeleeren Ge- 



VeraclituDg der Hottentotten IßJ 



schlechtsakte abgelehnt und in die Richtung eines »glücklichen Lie- 
beslebens« gewiesen; und das schliesst ebensowohl Enthaltsamkeit 
wie Selbstbefriedigung aus. Auf keinen Fall hatte Lenin Askese be- 
fürwortet! Doch wie gesagt, gerade dieser Passus von Lenin über die 
Glas-Wasser-Theorie wurde immer wieder von allen Angsthasen und 
Moralisten zur Stützung ihrer verderblichen Anschauungen im Kampf 
gegen die Jugendsexualität herangezogen. 

Die bekannte Kommunistin Ssmidowitsch schrieb in der PRAWDA: 

»Die Jugend scheint zu glauben, dass gerade die primitivste Ansicht in Bezug 
auf die Frage des Geschlechtslebens kommunistisch sei. — ■ Dass alles, was über 
die Grenzen einer primitiven Auffassung hinausgeht, die vielleicht einem Hotten- 
totten oder noch primitiveren Vertreter des Urmenschen angemessen wäre, nur 
Kleinbürgerei und bürgerliche Einstellung zum Sexualproblem bedeute.« 

Sie hatte nichts Positives zu sagen, ausser tiefe Verachtung für die 
Hottentotten auszudrücken und das gewaltige Ringen der Jugend um 
eine neue Lebensform im Sexuellen zu verhöhnen. Statt zu begreifen 
und zu helfen, statt das Neue aus den alten Formen herauszuent- 
wickeln, fasste die Ssmidowitsch die Geschlcchtsideologie der Komso- 
molzen, um sie zu ironisieren, wie folgt zusammen: 

»I. Jeder Komsomolez, Mitglied des Kommunistischen Jugendverbandes, jeder 
Rabfakowes, Student der Arbeiterfakultät und jeder andere Grünschnabel kann 
und darf seinen Geschlechtstrieb ausleben. Aus unbekannten Gründen gilt dies 
als ein unwiderlegbares Gesetz. Sexuelle Abstinenz wird als »Kleinbürgerei« ver- 
dammt. 2. Jede kleine Komsomolka, ■weihliches Mitglied des Kommunistischen 
Jugendverbandes, jede Rabfakowka und sonstige Studierende, auf die die Wahl 
dieses oder jencM Burschen, des Männchens fällt — woher sieh bei uns im Norden 
solche afriltanischen Leidenschaften entwickelt haben, entzieht sich meiner Be- 
urteilung — , muss ihm zu Willen sein, sonst ist sie »Kleinbürgerin«, verdient 
nicht den Namen einer proletarischen Studentin. Und nun kommt der 3., letzte 
Teil dieser eigenartigen Trilogie: Das blasse abgehärmte Gesicht eines Mädchens, 
das sich Mutter fühlt — mit dem rührenden Ausdruck einer schwangeren Frau, 
Im Wartezimmer der .Kommission zur Bewilligung der Abtreibung' können Sie 
viele solcher Leidcnsnovellen einer Komsomolzenliebe lesen. ...» 

Aus dieser Stellungnahme leuchtet uns der Stolz des »nordischen«, 
sexuell »reinen« Menschen, nämlich der Ssmidowitsch, gegenüber 
dem typischen Untermenschen, etwa dem Hottentotten, entgegen. 
Aber auf die einfache Auskunft, die Schwangerschaften, die in der 
Jugend vorkamen, durch Belehrung über den Gebrauch von Empfäng- 
nisverhütungsmitteln zu vermeiden und für hygienische Bedingun- 
gen des Geschlechtslebens zu sorgen, kam der nordische Mensch nicht, 
denn dann hätte die Sowjetkultur nicht mit der amerikanischen Kul- 
tur konkurrieren können. Es half trotz allem nichts. Diese Worte 
der Ssmidoivilsch prangten auf deutschen Plakatsäulen als »koijimu- 
nistlsche Sexualideologie«!! 

Und wie immer, wenn man der Wirklichkeit der jugendlichen 
Sexualität nicht zu begegnen wagt, stand auch in der Sowjetunion am 
Ende einer Periode schwerer Konflikte mit der Jugend, die Parole: 



1*8 Die Bremsung der Sextialrevolutioii 



En thalisam keit! Eine Parole, die ebenso bequem, wie ver- 
wirrend, katastrophal und undurchführbar ist. 
Fanina Halle berichtet: 



»... 



« iK ^-"^ ^}^^''^ GeneratJoD, die zur Diskussion herangezogen wurde Gelehrte 
S"S«£"h ' i'^^'^^f-t^'-f-' vertraten damals eine ä'hnlich AnSniS 
wie Lenin Am Ssjemasehko, der Volkskommissar für Gesundheitswesen in 
einen, an d.e st.d. Jugend gerichteten Briefe folgcudermassen "usamSSsti 

»Towarischtschi, ihr seid doch in die Hochschulen und Technika sturenhalbe; 
gekommen. Das ist doch jetzt das Hauptziel eures Lebens. Und gleiäw^ diesem 
Hauptziel alle Eure Regungen und Ansichten untergeordnet sind, indem ThrnieM 
selten euch so manches Vergnügen versagen müsst, weil es E.^rm Hauptziel - 
dem Studium und der Absicht, sich zu bewussten Mitarbeitern am Neuaufbau des 

I frpr V-lv7'-? ".^ '''*''?f"'^ '''' ''^^'''° """^^^ '"'^ ^"'^h alle anderen Gebiete 
Eurer Tätigkeit und Eures Daseins diesem Ziele unterordnen. Ist doch der Staat 
vorläufig noch zu arm, um den Unterhalt für Euch, die Erziehung der Ki'nder 
r«satJr;:r'"°^ '" ^•'*'™ ^^ übernehmen. Darum raten wi^ euchl^^S^ 

Und es wiederholte sich in der SU das Geschehen, das der Enthalt- 
samkeit von jeher auf dem Fusse folgte: Die sexuelle Verwahrlosung 

Gegen die irreführende Berufung auf Lenin muss man energisch 
protestieren. Niemals hat Lenin die Askese der Jugend verfochten 
Wer glaubt, dass Lenin so borniert war, unter »Lebenskraft, Lebens- 
freude auch durch erfülltes Liebesleben« die Askese der impotenten 
Gelehrten und verkrüppelter Sexualhygieniker zu verstehen? 

Man darf den führenden Kreisen in der Sowjetunion, die in jenen 
entscheidenden Jahren die Verantwortung trugen, nicht den Vorwurf 
machen, dass sie die Lösung der vorhandenen Schwierigkeiten nicht 
kannten. Aber man muss ihnen zum Vorwurf machen, dass sie den 
Schwierigkeiten auswichen, auf die Linie des geringsten Widerstandes 
und des grössten Misserfolgs. Dass sie sich als Revolutionäre die 
Frage nicht vorgelegt hatten, was denn das alles 2U bedeuten habe- 1 

dass sie zwar von der Revolution des Lebens sprachen, aber diese 
Revolution nicht im Leben selbst aufsuchten oder zu bewältigen ver- 
suchten; dass sie das Chaos, das wirklich herrschte, als »sittliches 
Chaos« im Sinne der politischen Reaktion und nicht als das Chaos 
einer Übergangszeit zu anderen, kommunistischen Sesualformen be- 
trachteten; und nicht zuletzt ist ihnen zum Vorwurf zu machen dass 
sie die Ansätze zu einem Verständnis der Probleme des Geschlechts- 
lebens, wie sie die deutsche revolutionäre Sesualpolitik eröffnet hatte 
zurückwiesen. ' 

Worin bestanden denn die Schwierigkeiten, die, allzu gross ge- 
worden, die Bremsung herbeiführten? 

Zunächst spielt sich eine sexuelle Revolution anders ab als eine 
wirtschaftliche; nicht in Formen, die durch Gesetze und Pläne fassbar 
wären, sondern in verschlungenen, unterirdischen und von Gefühls- 
momenten beschwerten, millionenfach verschiedenartigen Details des 
kleinen persönlichen Lebens. Eine Bewältigung des sexuellen Chaos 



Objektive Ursachen der Bremsung 169 



durch Handhabung dieser Details ist schon infolge ihrer Kompliziert- 
heit und Fülle unmöglich. Aus dieser Unmöglichkeit folgert man die 
Theorie: »Das Privatleben hindert den Klassenkampf; es gibt also 
kein Privatleben!« Man kann natürlich nicht versuchen, individuell, 
durch Bewältigung jedes einzelnen Falles aus dem Chaos herauszu- 
kommen. Das entspräche auch nicht unserer Grundanschauung, dass 
man die Probleme massenmässig zu lösen habe und nicht individuell; 
doch unter den individuellen Schwierigkeiten gibt es solche, die Mil- 
lionen betreffen. Dazu gehört z. B. die Frage, die ausnahmlos jeden 
halbwegs gesunden Jugendlichen aller Erdteile bis aufs äusserste be- 
schäftigt und belastet: wie er mit seinem Mädel allein sein könnte. 
Es steht ausser Frage, dass die Lösung dieser einen Frage allein, d. h. 
die Verschaffung der Möglichkeit zu ungestörtem geschlechtlichen 
Beisammensein nicht nur sofort alle auch nicht klassenhewusste Ju- 
gend an die soziale Revolution gefühlsmässig binden würde, weil sie 
sich verstanden fühlte: Es würde mit einem Schlag auch ein ganz 
wesentliches Stück des Chaos beseitigen. Denn wenn in einem Stadt- 
viertel viertausend Jugendliche nicht wissen, wo sie ihr Mädel um- 
armen können, dann tun sie es eben in den Hausecken, im Dunkel 
der Mauerecken, stören einander, rufen Eifersucht und Streit bervor, 
fühlen sich selbst unbefriedigt, werden böse und zu Exzessen getrie- 
ben, kurz: Sie bereiten »Chaos«. Aber in keiner der bestehenden po- 
litischen Organisationen und Verbänden, ausnahmslos in keiner, fin- 
det sich bisher eine unmissverständliche Kundgebung für die Beschaf- 
fung von Wohnungen für die Jugend ausdrücklich zum Zwecke un- 
gestörten geschlechtlichen Beisammenseins. Das ist nur ein Detail 
dessen, was die Sexpol mit der Parole »Politisierung des Privatlebens« 
zu erfassen versucht. 



3. OBJEKTIVE URSACHEN DER BREMSUNG 

Die bisher beschriebenen Bremsungen stammten aus der Unge- 
schultheit und Voreingenommenheit der verantwortlichen Funktionäre. 
Doch der Schwung der Revolution war derart gross, dass diese Behinde- 
rungen durch einzelne Funktionäre und alte bürgerliche Professoren 
sich nicht hätten durchsetzen können, wenn es nicht im objektiven 
Prozess selbst Schwierigkeiten gegeben hätte, die die Unsicherheit der 
Funktionäre unterstützten. Es wäre also falsch zu sagen, die Sexual- 
revolution und mit ihr die Kulturrevolution in der SU wären an der 
Unvernunft, Sexualscheu und -angst der führenden Kreise gescheitert. 
Dies wäre eine subjektivistische, dem historischen Materialismus 
widersprechende Anschauung. Die Bremsung einer revolutionären Be- 



"170 Die Bremsung der Sexualrevolution 



wegung von den Ausmassen der sowjetistischen Scxualrevolution kann 
nur durch schwerwiegende, objektive Hindernisse Zustandekommen. 
Sie lassen sich in folgenden grossen Gruppen ungefähr erfassen: 

1. Der mühselige Umbau der Gesellschaft vom Alten zum Neuen 
im allgemeinen, darunter besonders die kulturelle Rückständigkeit 
des alten Russland, Bürgerkrieg und Hungersnot. 

2. Das Fehlen einer Lehre von der Sexualrevolulion, die der ab- 
laufenden Umwälzung gewachsen gewesen wäre. Wir vergessen nicht, 
■die sowjetistische Sexualrevolution war die erste Revolution dieser Art! 

3. Die sexualverneinende Struktur der Menschen überhaupt, d. h. 
die konkrete Form, in der sieh ein Jahrtausende altes sexuatunter- 
drückendes Patriarchat konserviert hatte. 

4. Die konkreten Verwicklungen und Kompliziertheiten eines so 
explosiven und reichhaltigen Lebensbereiches, wie es die Sexualität 
darstellt. 

Diese vier Gruppen erfassen noch nicht alles, aber sie ermöglichen 
uns einen Ueberblick über diejenigen objektiven Voraussetzungen, auf 
^ie sich die bremsende Wirkung einzelner Funktionäre stützen konnte. 

Es ist gar kein Zweifel, dass der Bürgerkrieg zwischen 1918 und 
1922, der einen 3-jährigen vernichtenden Krieg abgelöst hatte, der 
Zersetzung der alten Lebensformen durch die soziale Revolution eine 
ins Groteske und Gefährliche ziehende Note gab. Die schrecklichen 
Hungerjahre 1921 und 1922 brachten die notleidende Volksmassen von 
ihrem durchschnittlichen psychischen und materiellen Niveau herab 
und riefen, ruhig gesagt, ganze Völkerwanderungen hervor. 

Nach den Berichten von KoUontay, Troizki und vielen anderen, 
mussten Tausende Familien, Bewohner ganzer Siedlungen, ihre Ort- 
schaften verlassen, um sich anderswo nach einem Stück Brot umzu- 
sehen. Es kam nicht selten vor. dass Mütter ihre Kinder, Männer ihre 
Frauen unterwegs im Stiche Hessen. Viele Frauen mussten ihren Kör- 
per verkaufen, um nur das blosse Dasein und das ihrer Kinder fristen 
-ZU können. Die Zahl der verwahrlosten Kinder stieg ins Unermess- 
liche. Unter diesen Umständen nahm natürlich der Drang der Jugend 
nach sexueller Freiheit andere Formen an, als es unter ruhigen Ver- 
hältnissen der Fall gewesen wäre. An die Stelle eines schmerzens- 
reichen und unruhevollen Kampfes um Klarheit und Neuordnung trat 
die Verrohung des Geschlechtslebens. Vorstellungen über das. was 
an die Stelle des »Alten« treten sollte, gab es nicht. Im Grunde kam 
ja in dieser Verrohung nur eine Struktur zum Vorschein, die von 
allersher den patriarchalischen Menschen eigen ist und die mehr oder 
minder verhüllt im Verborgenen lebt oder aber sich in gelegentlichen 
Exzessen Luft macht. Dieses sogenannte »sexuelle Chaos« war eben- 
sowenig aufs Schuldkonto der Revolution zu schreiben, wie etwa der 
Bürgerkrieg oder die Hungersnot. Die Revolution hatte den Bürger- 
krieg ja nicht gewollt. Sie hatte nur den Zarismus gestürzt und die 



Angst vor dem Chaos 17t 



Kapitalisten verjagt und musste sich zur Wehr setzen, als die Ver- 
jagten mit Unterstützung der kapitalistischen Imperialismen sich den 
verlorenen Boden und die genommene Macht wieder holen wollten. 
Und das sexuelle Chaos, das nun ausbrach, war u. a. eine Folge da- 
von, dass die kapitalistische Umweit der sowjetistischen Revolution 
keine Ruhe iiess, mit den alten, zum Freiheitsgenuss unfähigen Struk- 
turen in Ruhe fertig zu werden. 

Verfolgt man nun die Ansichten und Urteile der verantwortlichen 
sowjetistischen Führerkreise über das Chaos, das sich entwickelte, 
kann man eindeutig feststellen, dass eine uns wohlbekannte Angst 
vor der sexuellen Freiheit den Blick für die wirklichen Schwierig- 
keiten und ihre Ursachen trübte. Man beschuldigte die Opfer und 
Träger der sexuellen Revolution, dass sie das Gefühl der Verantwor- 
tung verloren halten; doch seit Jahrtausenden hatte eine verrottete 
Sexualmora] die Fähigkeit zu sexueller Verantwortlichkeit, die mit 
einer sexuell vollwertigen Struktur unlösbar verknüpft ist, nicht auf- 
kommen lassen. Man beschuldigte besonders die Jugend, dass die 
sexuellen Bindungen der Geschlechter immer loser werden. Man ver- 
gass dabei, dass es wirklich gesunde und tragfähige sexuell befrie- 
digende Bindungen ja nie gegeben hatte; und was nicht bestanden 
hatte, konnte auch nicht gelockert werden. Was sich in Wirklichkeit 
lockerte, war der Zwang der ökonomischen Abhängigkeit unter fami- 
liären Verhältnissen und der Druck eines antisexuellen Gewissens bei 
der Jugend. Was also kaputt ging, waren nicht etwa gesunde sexuelle 
Beziehungen, sondern eine auf der Bevölkerung lastende autoritäre 
und unter Rebellion verinnerlichte Moral. Eine Moral, die das gerade 
Gegenteil immer von dem erzielt hatte, was sie beabsichtigte. Niemand 
brauchte ihr nachzutrauern. 

Wo immer in dieser Zeit Erklärungen für den Zustand notwendig 
waren, sah man RatlosiglTeit. Man versuchte z. B. die zufälligen ge- 
schlechtlichen Beziehungen, die sich in der Jugend bald herausstell- 
ten, und in der deutschen Jugend etwas später mit Selbstverständlich- 
keit eingestellt hatten, mit wirtschaftlicher Not zu erklären. Das war 
eine falsche Auslegung. Niemals führt materielle Not allein zu zufäl- 
ligen Beziehungen, ausser bei der Prostitution. Man unterschied also 
nicht diejenigen Misstände, die sich aus der aktuellen Bürgerkriegs- 
situation und der schwierigen wirtschaftlichen Lage ergaben, von den 
Erscheinungen eines neuen Lebens, die an sich gesund und zukunfts- 
froh jedem mit alten Begriffen Belasteten als »sexuelles Chaos« er- 
scheinen mussten; der Geschlechtsverkehr zwischen einem 17-jährigen 
Jungen und einem 16-jährigen Mädel kann das eine oder das andere 
«ein. Chaotisch, sexuell unökonomisch, für den Jugendlichen schäd- 
lich und gesellschaftlich gefährlich ist der Geschlechtsverkehr, wenn 
er unter schlechten äusseren Bedingungen, mit einer kranken inneren 
Struktur unter Angst und unter dem Druck moralischen Gewissens 



172 Die Bremsung der Scxualrevolution 



unbefriedigend, kurz, vom Chaos unserer Zeit durchtränkt ausgeführt 
wird. Ein Stück der lebenverwirklichenden Sexualität der Zukunft 
ist es, wenn der Geschlechtsakt unter günstigen äusseren Bedingungen, 
mit einer zu glücklichem Liebesleben fähigen jugendlichen Struktur, 
in vollem Wissen um die Grosse und Wichtigkeit des Liebenslebens und 
ohne Schuldgefühl und Angst vor Autoritäten und ungewollten oder 
unaufziehbaren Kindern durchgeführt wird. Es ist ein grosser Unter- 
schied, ob zwei sexualhungrige Männer eine Frau vergewaltigen oder 
mit Schnaps zum Geschlechtsverkehr überreden, sich sozusagen nur 
in sie entleeren; oder ob zwei, ihrer Sexualität fähige und bewusste, 
selbständige Menschen verschiedenen Geschlechts auf einem Urlaub 
bevvusst nur eine glückliche Nacht miteinander verbringen. Es ist ein 
Unterschied, ob ein Mann seine Frau und seine Kinder verantwor- 
tungslos wegen einer oberflächlichen Beziehung im Stiche lässt, oder 
oh er, weil er sexuell gesund ist, eine unerträgliche, bedrückende Ehe, 
die er nicht lösen kann, erträglicher gestaltet, indem er eine geheime* 
glückliche Beziehung zu einer anderen Frau unterhält. Diese Beispiele 
mögen genügen, um zu zeigen, was hier gemeint ist: 

1. Dass das, was den von der bürgerlichen Sexualordnung ver- 
seuchten Menschen als Chaos erscheint, nicht unbedingt Chaos sein 
muss, sondern im Gegenteil die Äusserung eines sich unmöglichen 
Lebensbedingungen widersetzenden psychischen Organismus. 

2. Dass vieles von dem, was wirklich Chaos ist, nicht moralische 
Schuld der Jugend ist, sondern der Ausdruck eines unlösbaren Wider- 
spruchs zwischen natürlichen sexuellen Bedürfnissen und einer Um- 
welt, die ihrer Befriedigung in allem und jedem \viderspricht. 

3. Dass der Übergang von einer innerlich chaotischen, äusserlich 
scheinbar geordneten, zu einer innerlich geordneten, aber äusserlich 
dem Spiesser ungeordnet erscheinenden Lebensweise nicht anders, 
sich vollziehen kann, als indem er eine Phase schwerer Wirren pas- 
siert. 

Doch dabei entscheidet nicht nur die Rücksicht auf den Bestand 
des gesellschaftUchen Lebens. Wir müssen begreifen, dass die Men- 
schen unserer Epoche eine masslose Angst gerade vor demjenigen 
Leben entwickeln, das sie heftig herbeisehnen, dem sie aber psychisch 
nicht gewachsen sind. Die sexuelle Resignation, der die überwiegende 
Mehrzahl der Menschen verfallen ist, bedeutet zwar Abstumpfung, 
Öde des Lebens, Lähmung jeder Aktivität und Initiative oder die 
Grundlage zu brutalen, sadistischen Exzessen; doch sie bietet auf der 
anderen Seite auch eine relative Ruhe des Lebens. Es ist, als ob der 
Tod schon in der Art des Lebens vorweggenommen wäre; man lebt 
dem Tod entgegen! Und dieses Gestorbensein bei lebendigem Leibe 
wird dann vorgezogen, wenn die psychische Struktur den Ungewiss- 
heiten und Erschütterungen eines lebendigen Lebens nicht gewachsen 
ist. Man denke doch nur etwa an die Eifersucht, mit der sich die hoh& 



Lebenssorgen und hohe Staatspolitik 173 



Politik nicht zu befassen pflegt, die aber trotzdem im Hintergrunde 
der grossen politischen Ereignisse eine weit grössere Rolle spielt, als 
man ahnt. Man denke an die Angst der Menschen, keinen geeigneten 
Partner zu finden, wenn sie den bisherigen, und mag er noch so qual- 
voll sein, verlieren. Man denke weiter an die Tausende von Morden 
an Partnern, die nur deshalb erfolgen, weil die Vorstellung, dass der 
Partner einen anderen Menschen sexuell unarmt, einfach unerträglich 
ist. Auch dieser Tatbestand spielt im wirklichen lebendigen Leben 
^ine weit grössere und effektivere Rolle, als sogar die Reisen eines 
Laval; denn die Parlamente können das Volk nur solange ver- und 
zertreten, die Diktatoren können nur solange über dem Rücken der 
duldenden Massen tun, was sie wollen, solange die Menschen mit die- 
sen allerpersönlichsten, an den Kern des Lebens greifenden Schwierig- 
keiten und Nöten unermüdlich, unhewusst und hoffnungslos ringen. 
Man versuche doch in einem Stadtviertel von Hunderttausend Men- 
schen alle Frauen ausfindig zu machen, die sich in Schwierigkeiten 
wegen der Aufzucht ihrer Kinder, der Untreue ihrer Männer, ihrer 
eigenen sexuellen Unfähigkeit oder Unbefriedigtheit zergrämen und 
zerquälen, und man frage sie, was sie von den diplomatischen Reisen 
Lavais halten. Ihre Antwort wird beweisen, dass Millionen Frauen, 
Männer und Jugendliche garnicht den Kopf dazu haben, zu begreifen, 
dass hier mit ihnen Schindluder getrieben wird. 



ji; 



IV. KAPITEL 



BEFREIUNG UND BREMSUNG 

IN DER GEBURTENREGELUNG UND 

DER HOMOSEXUALITÄT 

Auf dem Gebiete der Geburtenregelung herrschte von allem Anfang 
an die grösste Klarheit. Die Grundzüge der Umwälzung in der Ge- 
setzesideologie und sozialhygienischen Einstellung waren folgende: 

Solange eine Gesellschaft nicht die Möglichkeit oder den Willen 
hat, für die Aufzucht der Kinder zu sorgen, hat sie auch kein Rechte 
von den Müttern zu verlangen, dass sie gegen ihren Willen oder trotz 
herrschender Not Kinder in die Weit setzen. Erst wenn die Kinder- 
aufzucht völlig der Sorge der Gesamtgesellschaft unterstellt ist, kann 
man daran denken, auch zu einer bewussten Geburtenregelung und 
Bevölkerungspolitik zu schreiten. Es wurde daher allen Frauen 
ohne Ausnahme das Recht eingeräumt, innerhalb der ersten 
drei Monate eine Unterbrechung der Schwangerschaft vürzunehmen-j 
Die Schwangerschaftsunterbrechung sollte in den öffentlichen Klini- 
ken für Geburtshilfe vorgenommen werden. Streng bestraft wurde 
nur derjenige, der unbefugter Weise geheime Aborte durchführte. 
Durch diese Massnahmen hoffte man, den illegalen Abortus zunächst 
an die Oberfläche zu schwemmen und dem Kurpfuschertum zu entreis- 
sen. In den Städten gelang es im wesentlichen; doch am Lande waren 
die Frauen viel schwerer zu bewegen, ihre alten Anschauungen auf- 
zugeben. Die Abortusfrage ist eben nicht nur eine Gesetzesangelegen- 
heit, sondern hängt auch von der sexuellen Angst der Frauen ah. Die 
Heimlichkeit und Scheu, mit denen das gesamte Geschlechtsleben seit 
Jahrtausenden umgeben ist, bewirken, dass eine einfache Arbeiter- 
oder Bauernfrau auch dann noch lieber zur kurpfuschenden Hebam- 
me läuft, statt zur Klinik, wenn diese ihr offensteht. 

Es wurde nie daran gedacht, die Abtreibung empfangener Früchte 
zu einer gesellschaftlichen Dauererscheinung zu machen; die Sowjets 



Vorbeugung des Abortus 175. 



waren sich von allem Anfang im klaren, dass die Legalisierung der 
Abtreibung nur e i n Mittel war, dem Kurpfuschertiim entgegenzutre- 
ten. Die Hauptsache blieb das Ziel der Vorbeugung des Abor- 
tus durch eine umfassende und gründliche Aufklärung über den 
Gebrauch von Empfängnisverhütungsmitteln. Die Sowjets, die aus. 
Arbeitern und Bauern bestanden und einen mächtigen Druck auf die 
Intellektuellen und Ärzte ausübten, wussten genau, dass zu den ge- 
setzlichen und sanitären Massnahmen noch andere hinzutreten 
mussten, um der Frau tatsächlich die Empfängnis eines Kindes als 
ein Glück erscheinen zu lassen. 

Die Verpönung der ledigen Mutter wich sehr bald. Die fortschrei- 
tende Einbeziehung der Frauen in den Produkfionsprozess verlieh 
ihnen eine materielle Selbständigkeit und Sicherheit, die ihnen das 
Mutterwerden nicht nur erleichterte, sondern vielmehr als begehrens- 
wert erscheinen liess. Schwangerschaftsurlaub wurde eingeführt, der 
zwei Monate vor der Geburt begann und zwei Monate nach der Geburt 
endete. Die Frauen bezogen dabei ihren vollen Lohn weiter. Fort- 
schreitend sorgten die Betriebe und bäuerlichen Kollektive für die 
Errichtung von Säuglingsheimen, für die Herbeischaffung von Säug- 
lingswäsche, für die Ausbildung guter Kinderpflegerinnen, die den 
Müttern während deren Arbeit die Sorge um das Kind abnehmen 
konnten. Die Mütter sollten also in hochschwangerem Zustande keine 
schwere Arbelt leisten; sie waren auch sicher, dass sie um ihre 
Kinder bei Wiederaufnahme der Arbeit nicht zu bangen brauchten. 
Wer die sowjetrussischen Säuglings- und Kinderkrippen (»Jasli«) 
mit eigenen Augen gesehen hatte, konnte an der ungeheuren sozial- 
hygienischen Produktivität des sowjetistischen Gesellschaftssystems 
nicht länger zweifeln. Die Frauen erhielten Stillprämien während der 
ganzen Stillzeit, bezahlte Stillpausen, in denen sie ruhig ihre Kinder 
säugen konnten. Im Beginn der Schwangerschaft war es verboten^ 
die Frauen mit schwerer Arbeit zu belasten. Das Budget für den 
Mutter- und Säuglingsscbutz stieg von Jahr zu Jahr fast in geometri- 
scher Reihe an. Derart ist es nicht verwunderlich, dass der von allen 
Angstphilistern und Moralisten befürchtete Rückgang der Geburten- 
zahl nicht nur nicht eintraf, sondern dass vielmehr in der Sowjet- 
union in den letzten 10 Jahren der Geburtenüberschuss durchschnitt- 
lich 3 — 4 Millionen im Jahr betraf. 

Die Sowjetregierung unternahm alle Anstrengungen, um auch in 
die dunkelsten Gegenden des ungeheuren Reiches vorzudringen. So 
wurden 2. B. fliegende Geburtenregelungsambulanzen eingerichtet ; 
Züge, die mit allem Notwendigen ausgestattet waren, befuhren die 
Provinz. Dass es etwa 10 — 12 Jahre harter Arbeit bedurfte, ehe der 
illegale Abortus auf ein Minimum herabgedrückt war, zeigt, welche 
Macht die Sexualscheu der Masse darstellt; sie hindert, nützliche 
Massnahmen auch sofort zu akzeptieren. 



l^l» Befreiung u. Bremsung i d. Geburtenregelung etc. 



Wie überall hatte auch hier die Durchsetzung selbstverständlicher 
sexualhygienischer Prinzipien mit der reaktionären Gesinnung gerade 
der alten bürgerlichen Hygieniker zu kämpfen. Wie überall, so zeigte 
es sich auch hier, dass die Masse für diese Lebensfragen einen un- 
mittelbaren und sicher treffenden Instinkt hat; der »geschulte« So- 
zial hygieniker dagegen benimmt sich vor lauter Argumenten »für 
und gegen« am Schlüsse wie der Tausendfüssler, der nicht mehr 
gehen konnte, als er erfuhr, dass er tausend Füsse hat. Fragen wir 
uns, an welchem Punkt der Abortusfrage und mit welchen Mitteln 
sich die Reaktion zunächst versteckt einnisten und schliesslich mit 
ihrer Bremsung durchsetzen konnte. 

Eine geschichtliche, zahlenmässig belegte Darstellung der Abortus- 
frage erübrigt sich hier; es gibt darüber unzählige gute Bücher. Wir 
wollen wieder nur die Dynamik des Widerspruchs zwischen Vor- 
wärtstreibendem und Bremsendem zu erfassen versuchen. Das ethi- 
sche verkappt religiöse Argument konnte sich nicht nur erhalten, 
sondern auch im Laufe der Zeit immer mehr durchsetzen. Wie immer 
kann man auch hier die reaktionäre Ethik an ihrer Phrasenhaftigkeit 
erkennen. Die sexualpolitische Reaktion kämpfte von allem Anfang 
an gegen die vollständige Revolutionierung der Abortusfrage teils mit 
alten, dem Zarismus entnommenen, teils mit neuen, dem Sowjetismus 
angepassten, jedoch nicht minder reaktionären Argumenten. Man 
hörte natürlich, dass die »Menschheit aussterben werde«, dass »die 
Sitten zerfallen würden«, dass »die Familie geschützt« und der »Wille 
zum Kind« gefestigt werden müsste. Man schwätzte von der seeli- 
schen und körperlichen Erschütterung der Frauen. Die allergrösste 
Sorge war wie immer und überall, so auch in der Sowjetunion, für 
die sexualpolitische Reaktion, ob die Geburtenzahl zurückgehen werde. 

An diesen Argumenten muss man diejenigen, die von der sexual- 
politischen Reaktion ehrlich gemeint und gedacht sind, von den an- 
deren unterscheiden, die subjektiv und objektiv nichts als eine leere 
Ausrede sind, um sich nicht mit den lebendigen Fragen des Ge- 
schlechtslebens zu befassen. Um die Erhaltung der »Sittlichkeit«, d.h. 
der Nichterfüllung des Liebeshedürfnisses sind diese Kultivierten in- 
nerlich besorgt, ebenso darum, dass die Familie nicht untergehe. Es 
wird in der Ahortusdiskussion immer deutlicher: Das unbewusste 
Grauen vor der genitalen Operation trübt in irrationaler Weise den 
Blick für die Notwendigkeiten. 

Eine Ausrede ist die Sorge darum, dass die Menschheit nicht aus- 
sterbe; ebenso die Phrase vom Schutz des keimenden Lebens. Die 
Herren, die das vertreten, bedenken nicht, dass sich in der Natur ohne 
sie alles milliardenfach vermehrt, vielleicht gerade deshalb, weil es 
keine gebildeten Bevölkerungspolitiker gibt. Es ist weder anmassend 
noch falsch, sondern vielmehr absolut gesichert, zu behaupten: Die 
Bevölkerungspolitik, wie sie heute geübt wird, ist in ihrer Verschwom- 



ii— 



Reaktionäre Professoren 177 



menheit und Unehrlichkeit ein Apparat der Sexualvernei- 
nung, ein Mittel, von den Fragen der Umgestal- 
tung der sexuellen Befriedigungsmöglichkeiten 
abzulenken. 

Unzweideutig faschistisch-nationalsozialistische Tendenzen kamen 
gerade in den Stellungnahmen solcher Personen zum Ausdruck, deren 
erste Pflicht und Aufgabe es gewesen wäre, sich weniger um »den 
Staat« und mehr um die Mütter zu kümmern. Kümmert man sich 
um die Mütter, dann schützen sie den revolutionären Staat von selbst. 

Auf dem Kongress in Kiew 1932 äusserte sich Dr. Kirillow wie 
folgt: 

* M'ir sehen die Unterbrechung der ersten Schwangerschaft als besonders 

gefährlich an im Sinne nachfolgender Sterilität der Frau. Wir halten es daher 
immer für unsere Pflicht, die Mutter vom Abort abzuhalten und zugleich die 
Ursache des Wunsches nach dem Abort festzustelicn. Aber in den Antworten 
entdeckt man kaum etwas Mütterliches, oder etwas vom inneren 
Kampf und Suchen; in wenigstens 70% ist der tiefere Grund »fehlgeschla- 
gene« Liebe. Ein kurzes: »Er hat mich verlassen«, »Ich habe ihn verlassen« und 
2um Schluss irgend eine spöttische Bemerkung über »ihn« und über sich: »Was 
ist er denn für ein Mann«. Fast nie findet man in den Antworten 
auch nur ein Anzeichen einer entstehenden Familie, als 
der anfänglichen Einheit der Gesellschaft. 

Nicht freie Liebe als Protest gegen die altbürgerliche, hausbackene Ehe, nicht 
freie Liebe, als unbewusste Auswahl der Eugenik, sondern Verstehen und Irrtum 
des Gefühls mit dem vorgefassteu Beschluss: Ins Krankenhaus. Unbe- 
herrschte Eilfertigkeit, den erwachenden jungen Kör- 
per hinzugeben, als Resultat des Übergangs zu neuen, aber noch nicht 
herauskristallisierten Formen des geschlechtlichen Chaos 

Die Arbeit auf dem Gebiet der Abortfragc m u s s 

ich mit einer Ausrottung vergleichen, mit der ägypti- 
schen Hinrichtung der Erstlinge für die Sünden ihrer 
Väter, die den Menschen und die Gesellschaft verwüsten. Ein solcher Abort 
muss als eine gesellschaftliche negative, raissgestaltele Lebenserscheinung ver- 
drängt werden. Ihre Stelle muss von einer beharrlichen Aufkläruugstätigkeit ein- 
genommen werden. Es ist eine Umbildung der psychologischen Stimmungen im 
Sinne der Anerkennung der Mutterschaft als ihrer sozialen Funktion unbedingt 
erforderlich 

Schlussfolgerungen: 

1. Der kriminelle Abort ist ein Sittenübel, das sich auf das ßewusst- 
sein der Gesetzlichkeit des Aborts gründet. 

4, Der soziale Abort dient des öfteren als falsches Schutzmittel für die 
verzerrte Fratze des geschlechtlichen Problems und der 
noch nicht herauskristallisierten neuen Lebensformen. Der Abort verlegt den 
Weg zur Mutterschaft und vermindert oft die Erfolge im öffentlichen Leben der 
Frau. Er ist deshalb dem wahrhatten Gemeinwesen fremd. 

5. Der Abort erscheint als ein Massenmittel zur Ver- 
nichtung des Nachwuchses, Er birgt nicht die .Absicht, der Mutter 
und der Gemeinschaft zu dienen, in sich und ist deshalb den klaren Zielen des 
Mutterschutzes fremd « 

Im Gegensatz zu diesen Phrasören, die jederzeit ihrer Struktur 
und ihrem Denken nach fähig wären, sich faschistisch gleichschalten 
zu lassen, gibt es revolutionäre Sexualpolitiker und Ärzte, die ohne 
viel theoretisches Wissen, allein aus dem richtigen Instinkt heraus, 
13 



nS Befreiung u. Bremsung i. d. Geburlcnreatlung etc. 



den sie in ihrer Praxis erworben haben, den korreliten revolutionären 
Standpunkt vertreten. Zu diesen gehört etwa Klara Bender aus 
Breslau, die auf dem Kongress der deutschen Landesgruppe der In- 
ternationalen Kriminalistischen Vereinigung am 11. bis 14. Septem- 
ber 1932 in Frankfurt a/Main mutig gegen die Mucker auftrat, als. 
diese versuchten, die Äusserungen reaktionärer Bevölkerungspolitiker 
der Sowjetunion gegen die revolutionäre Abortuspolitik auszuspielen. 
Die Rede von den körperlichen und seelischen Schäden sei sinn- 
los, rief sie mit Recht, wenn die Schwangerschaftsunterbrechung 
unter korrekten Bedingungen durchgeführt wird. Die Sorge wegen 
des befürchteten Rückganges der Bevölkerungszahl widerlege sich aus 
der Praxis der SU. Das Geschwätz vom »weiblichen Urtrieb nach dem 
Kinde« enthülle sich restlos, wenn man es der Brutalität gegenüber- 
stellt, mit der man in den kapitalistischen Ländern den Frauen die 
korrekte Aufzucht ihrer Kinder verunmöglicht. Im Kapitalismus sei 
die Abtreibung eine reine Geldfrage, das kapitalistische Abtreibungs- 
gesetz sei daher ein klares Klassengesetz und treibe die mittellosen 
Frauen zum Kurpfuscher. In der Moskauer Klinik für Geburten- 
regelung habe es unter 5Ü.O00 Abtreibungen in einem Jahre keine 
Todesfälle gegeben. 

Man staunt immer wieder über die Wirkungslosigkeit derart 
klarer Argumente. Wer die Diskussionen über die Geburtenregelung 
und Abtreibung in Deutschland mitgemacht hat, konnte sich des Ein- 
drucks nicht erwehren, dass es sich bei den reaktionären Bevölke- 
rungspolitikern und Hygienikern etwa vom Schlage eines Grothjan 
garnicht um vernunftgemässe Argumente handelte. Man musste da- 
bei unwillkürlich an die Diskussion über die reaktionäre Rassetheorie 
der Nazis denken. Hier hatte es sich ganz klar herausgestellt: Man 
kann verblödeten Schwätzern, impotenten und deshalb umso eitleren 
Professoren nicht dadurch begegnen, dass man mühsam nachzuwei- 
sen versucht, dass die germanisch nordische Rasse nicht die vor- 
züglichste der Welt ist; dass etwa das Baby eines Negers nicht min- 
der intelligent und reizvoll als das eines deutschen Spiessers ist. 
Ginge es hier um Fragen des Verstandes, dann hätte die revolutionäre 
Argumentation längst die Ideologie der reaktionären BevÖlkerungs- 
politiker ebenso wie die der Rassetheoretiker geschlagen. Beide hatten 
jedoch auf ihrer Seite irrationale Kräfte im Massendenken, denen 
man mit dem Verstand allein nicht beikommen kann. Die reaktio- 
nären Bevölkerungspolitiker haben deshalb Erfolg, weil in Deutsch- 
land hundertlausende und Millionen Frauen eine unbewusste Angst 
vor genitalen Beschädigungen haben und daher selbst, gegen ihr 
eigenes Interesse für die Erhaltung des Mordparagraphen stimmten. 
Das zeigte sich ja auch bei der christlichen Unterschriftensammlung 
gegen die Abschaffung des Abort-Paragraphen in Dänemark 1934, 
Die Rassetheoretiker können nur deshalb existieren, weil der deut- 



Der Sexualrevolutionär Selinskij 17» 



sehe, sich minderwertig fühlende Spiesser sein seelisches Nichlssein 
■wettmacht, wenn er hört, dass er der »führenden«, »intelligentesten«, 
»schöpferischsten« Rasse, nämlich der nordischen, angehört. Wir be- 
tonen also, dass irrationale Gehilde wie die Rassetheorie und die heu- 
tige Eugenik, nicht mit Verstandesargumenten allein geschlagen wer- 
den können; dass die gegen sie vorzubringenden Verstandesargumente 
auf dem festen Fundament kräftiger, natürlicher Gefühle ruhen müs- 
sen. Es geht nicht darum, eine ausgeklügelte Theorie der Sexual- 
ökonomie »durchzusetzen«; das gesellschaftliche Leben enthüllt die 
Tatbestände, die die sexualökonomische Anschauung beschreibt, von 
selbst, wenn die Revolution die Quelle des menschlichen Lebens neu 
fliessen lässt. Es geht garnicht um die Fortpflanzung, sondern zu- 
nächst um die Sicherung des sexuellen Glücks. Schon dass die Ge- 
burtenregelungsfrage in der Sowjetunion nicht in privaten Vereinen 
und Zirkeln sondern in positiver Weise gesellschaftlich, staat- 
lich, offiziell diskutiert wurde, war ein Riesenschritt vorwärts. Nur 
so war es möglich, dass ein tapferer und kluger Revolutionär wie 
Selinskij den konservativ gebliebenen Autoritäten folgende 
prächtigen Sätze ins Gesicht schleudern konnte: 

»In der Gesamtheit der Kongressvorträge über die Schädlichkeit 
des freien Abortus wird meine Aussprache ketzerisch sein. Aber ein 
guter Zweifel ist eines schlechten Glaubens wert. Es ist schwer, an 
die soziale Ehrlichkeit jener Vortragenden zu glauben, welche mit 
bis zum letzten Knopf zugeknöpfter Toga und mit gegen die Men- 
schen gewandtem Rücken, unerschrockenen Antlitzes hier vor uns 
abstrakte Wahrheiten über den Abortus ausbreiten. Es ist, als ob 
hier eine sehende Blindheit herrschte, eine soziale Kurzsichtigkeit 
oder soziale Heuchelei. Diese Leute sehen nicht jene realen Verhält- 
nisse, jene sozialwirtschaftlichen und massenpsychologischen Ver- 
hältnisse, in denen die Abortepidemie verläuft, oder wollen sie nicht 
sehen. In den Urteilen über den Abortus ist mehr moralisierende 
Voreingenommenheit enthalten als Unparteilichkeit und Objektivität. 
Um diese Frage herum sind eine Menge von Schreckgeschichten er- 
zählt worden. Man hat uns mit allem geängstigt: Mit der Infektion 
und Gebärmutterperforation, mit Zerrüttungen des Nervensystems, 
mit Geburtenverringerung bis zum Erlöschen des Mutterschafts- 
instinktes und mit der Entartung der Nation, aber man möchte mit 
Tolstoi sagen; »Man schreckt mich, aber ich fürchte mich nicht«. 
Operation im Dunkeln, Operation um die Ecken herum, Arbeit mit 
Brecheisen. Ist aber Hinabführen der Sonde in den Magen und noch 
weiter his in das Duodenum nicht eine Arbeit im Dunkeln? Und sind 
die Manipulationen mit dem Ösophagoskop (Apparat zur Unter- 
suchung des Schlundes) nicht auch Arbeit mit dem Brecheisen? 
Und wenn Sie in die Venen alles bis zum Sublimat incl. einspritzen, 
dadurch auf die zarten Gewebe der Intima einwirken, kennen Sie 
13* 



180 



Befreiung u. Bremsung i. d. Geburtenregelung etc. 



da im voraus die Folgen ihres Eingriffs? Und wenn sie mit diagno- 
stischen Zielen, durchaus ohne medizinische Anzeichen, die Tuben 
(Eileiter) durchblasen und ätzende Lösungen in diese für die Rönl- 
genoskopie (Röntgenuntersuchung) einführen — verläuft das unge- 
straft für den Organismus? Immerhin sagen wir uns von allem die- 
sem nicht los und werden es auch nicht. Ist denn nun der Zusam- 
menhang zwischen hormonalen Störungen und dem Abortus schon 
eine unbestreitbare Tatsache? Warum denn fahren die systematisch 
abortierenden Städterinnen, nachdem sie das Balzac'sche Alter (etwa 
30 Jahre) erreicht haben, erfolgreich fort, in der Geschmeidigkeit 
und Schönheit ihres Körpers mit ihren 20-jährigen Freundinnen zu 
konkurrieren, während ihre gewissenhaft gebärenden ländlichen 
Schwestern sich nach 6—8 Geburten mit 30 Jahren in wandelnde 
Leichen, in ausgepresste Zitronen verwandeln? Augenscheinlich ist 
es um die Hormone denn doch nicht so einfach bestellt. Und wer 
sagt, dass die Verringerung der Geburten immer schädlich für das 
■Aussehen sei? Ich bestätige, dass sie unter gewissen Umständen so- 
gar nützlich sein kann, Die Gärtner wissen, dass, wenn ein Chry- 
santhemenstrauch zu viele Blüten hat, ein Teil abgeschnitten werden 
muss, um den Strauch vor dem Untergang zu retten und grosse, ge- 
füllte Blumen zu erzielen. Solange der Geburtenkoeffizient und der 
»Sättigungskoeffizient« nicht zusammenfallen, so lange wird es auch 
einen Unterschied geben, der abgestrichen werden muss. Auf welche 
Art aber dieser Abstrich vor sich gehen wird, das ist für den äusseren 
Schein gleichgültig. Für das Individuum aber, für die Frau, nehme 
ich an, wird es psychologisch leichter sein, Aborte zu ertragen, als 
einen kleinen Sarg nach dem andern hinaus zu hegleiten und mit 
ihnen ihre Jugend und ihre Kraft zu begraben. Man kann natürlich 
den Chrysanthemenstrauch auch zwingen, mehr prächtige Blumen 
hervorzubringen, dafür muss man aber den Bestand des Bodens ver- 
ändern, die Kultur des Strauches verbessern. Verbessern Sie die Kul- 
tur und auf diesen Tafeln werden andere Zahlen figurieren, von an- 
derer Grösse und mit anderen Sektoren der Kreise, und werden eine 
andere Sprache über den Abortus reden. Schauen Sie offen in die 
Augen des Lebens, sehen Sie, in welchen sozialwirtschaftlichen und 
psychologischen Verhältnissen die Frauen leben und neuen Wesen 
das Leben geben müssen. Die Familie mit ihrer geringen Haltbarkeit 
und ausserordentlichen Kurzlebigkeit garantiert den Frauen nicht 
die für die Erziehung der Kinder notwendigen Bedingungen. Die 
Alimente erreichen nicht immer ihr Ziel. Der zahlungsunfähige Ali- 
mentverpflichtete hat mehr theoretisches Interesse für die Juristen 
als praktisches für Frauen. Präservativmittel sind unzuverlässig. Das 
Recht auf freie Mutterschaft ist nicht immer verwirklichbar, da ein 
Teil der Frauen zu den Arbeitslosen gehört, während sie mit 40^ — 50 
Rbl. monatlichem Verdienst in der Lage sind, von diesem Recht Ge- 



Knapper Sieg der Sexualbejahung igl 



brauch zu machen. Erinnern sie sich daran, wie bei Zola eine heim^ 
liehe Ahortmacherin den diplomierten Arzt abkanzelt: »Ihr stosst die 
Frau ins Gefängnis und in die Seine, wir aber holen sie von dort her- 
aus«. Wollen Sie, dass das »aus der Seine schleppen« wieder in die 
Hände der heimlichen Abtreiberinnen übergeht? Einer der. Vortra- 
genden rief hier voller Schrecken aus: »Es genügen das Rezept des 
Arztes und das Verlangen der Frau, und der Abortus ist fertig«. Ja, 
genau so muss es sein: Es genügt das Verlangen der Frau, weil das 
Recht, ihre sozialen Anzeigen zu bestimmen, allein der Frau gehört 
und sonst niemandem. Von uns Männern würde es niemand ertragen, 
dass die Frage seiner Heirat von irgend einer Kommission entschieden 
würde, die ihn nach ihren sozialen Auffassungen verheiraten oder 
nicht verheiraten würde. Darum hindern Sie die Frauen doch auch 
nicht daran, über sich zu verfügen, und die Kardinalfrage ihres 
Lebens selbst zu entscheiden. Die Frau hat ein Recht auf das Ge- 
schlechtsleben und will dasselbe ebenso frei verwirklichen wie der 
Mann, und sie muss diese Möglichkeit haben, und zwar mit derselben 
Normalität, um ihre sozialbiologische Vollwertigkeit zu bewahren. 
Es soll nicht eine Massenanfertigung der für das Kollektivum schäd- 
lichen Klasse alter Jungfern geben.« 

Er trat mit richtigem Instinkt in dem Augenblick auf, als die 
Sexualreaktion in der Sowjetunion daran ging, die freigegebene 
Geburtenregelung und Abtreibung mit Kommissionen, Dekreten und 
humanitären Ausreden allmählich wieder abzubauen. 

Auf dem genannten Kongress fand also ein sehr ernsthafter 
Kampf zwischen der sexualbejahenden und der sexualverneinenden 
Richtung der Bevölkerungspolitik statt. Es wurde z. B. ernsthaft 
erwogen, ob nicht eine neuerliche Einführung des Abortus-Verbots 
dem Anstieg der Abtreibungen Einhalt gebieten würde. Der Volks- 
kommissar Jefimow meinte, dass der Abort »ein so offensicht- 
liches biologisches und psychisches sexuelles Trauma für den weib- 
lichen Organismus bedeute, dass sich Beweise erübrigen«. Trotzdem 
hielt er ihn gegenüber einem Abortusverbot für das kleinere ÜbeL 
Zwar sei der kriminelle Abort, dessen Bekämpfung alle Bestrebungen 
galten, zumindest nicht ausgestorben. Jefimow scbloss sich der 
Ansicht von Selinskij an: Man würde mit einem Abortusverbot 
die Abortzahl nicht verringern, sondern den Abort »nur wieder in 
die Heimlichkeit zurückstossen«. Ferner »Die sozialökonomischen 
Lebensbedingungen und die Hebung des kulturellen Niveaus fordern 
unabweislich eine Geburtenbeschränkung«. »Was ist besser,« hiess es. 
»ein humanitäres Verhalten gegenüber den noch nicht Geborenen und 
damit eine Belastung der Lage der heutigen Familie oder die Ge- 
burtenregelung?« Die Antwort Jefimows war korrekt: »Die For- 
derung des Lebens ist stärker als humanitäre Erwägungen. Die Ver- 



182 



Befreiung u, Bremsung i. d. Geburtenregelung etc. 



hältnissc der Gegenwart sind so gelagert, dass von einem Abort- 
Verbot nicht die Rede sein kann.« ' ■ 

Zehn Jahre nach Freigabe des Abortus war die Sexualreaktion 
nicht nur nicht vernichtet, sondern sie setzte im Gegenteil der revo- 
lutionären Richtung hart zu. Jefimow forderte, dass die Emp- 
fängnisverhütungsmittel genau studiert werden. Er beschwerte sich 
aber darüber, dass die Mittel in Moskau auf den Strassen öffent- 
lich verkauft werden, ohne dass eine medizinische Kontrolle vor- 
'handen wäre; der Spekulation und dem Betrug wären Tür und Tor 
geöffnet. Benderskaja und S c h i n k a verlangten, dass die übli- 
chen antikonzeptionellen Mittel unentgeltlich bereitgestellt werden; 
Belinski, Schinka, Selitzkj forderten die ärztliche Ver- 
ordnung. Unkontrollierte Verteilung der Empfängnisverhütungs- 
inittel könnte dem Volksbestand unabsehbaren Schaden zufügen. 
Die Frage nach der Art der Verteilung der Empfängnisverhütungs- 
mittel blieb unentschieden. 

Man konnte sich über die Art der EmpfängnisverhütungsmilLel- 
verleilung nicht einigen. Die »bevölkerungspolitischen Sorgen« waren 
in Wirklichkeit Sorgen um die Folgen für das »sittliche« Verhalten 
der Bevölkerung. Der Genuss sexueller Lust schien mit dem Wunsche 
nach Kindern unvereinbar zu sein. 

Dr. Benderskaja, Kiew, vertrat z. B. folgende Grundsätze: 

1. Die Rückkehr zur Strafbarkeit des Abortes würde uns in die 
Zeit des starken Anwachsens der kurpfuscherischen Aborte zurück- 
führen. 

2. Der Kampf mit dem k u rpfu seh er i sehen Abort muss mit Hilfe 
des legalen Aborts durchgeführt werden. 

3. Der Kampf gegen den legalen Abort muss mittels der Projia- 
ganda der empfängnisverhütenden Mittel geführt werden. 

4. Unter den Bedingungen der sozialistischen Gesellschaftsord- 
nung wird die Frau ihre Funktion der Mutterschaft entsprechend 
den Forderungen des Kollektivs, dessen Mitglied sie sein wird, 
ausüben. 

Punkt 4 wirft mit einem Schlage die Klarheit der ersten drei 
Punkte um. Durch sexualhygienische Massnahmen wollte man der 
Bevölkerung Freiheit und Freude im Geschlechtlichen zusichern : 
doch das Gebären wurde einer Moralforderung, der »Forderung des 
Kollektivs« unterstellt. Man übersah, dass auch die Freude am Kinde 
eine Funktion der Lust, der Freude an einem neuen Lebewesen ist. 
Niemals kann und wird es gelingen, die Frauen zu zwingen, einer 
über ihnen stehenden Gewalt zuliebe Kinder zu gebären. Kinder- 
haben wird entweder ein Stück der allgemeinen Lebensfreude sein 
und dann auch auf festem Fundament stehen, oder es wird eine 



InterventioDsgefahr und Geburtenregelung 183 



moralische Forderung und in dem gleichen Masse ein unlösbares 
Problem bleiben. 

Weshalb wirkt sich das Interesse der Bevölkerungspolitik derzeit 
immer wieder gegen das sexuelle Interesse der Menschen aus? Ist 
dieser Gegensatz unlösbar, ewig? Solange die Nationen einander 
feindselig gegenüberstehen; solange sie durch nationale Grenzen und 
Zollschranken von einander getrennt sind; solange das Interesse be- 
steht, in einem Kriege nicht an Menschenmaterial zurückzubleiben, 
kann die Bevölkerungspolitik nicht im Einklang stehen mit den 
Anforderungen sexueller Hygiene. Da man nicht laut sagen darf, 
dass man Bevölkerungszuwachs benötigt, muss man von der »Sitt- 
lichkeit der Fortpflanzungsfunktion« und von den Interessen der 
»Arterhaltung« reden. In Wirklichkeit ist der Gebärstreik der Frauen 
nur ein Ausdruck der Krise im Geschlechtsleben der Menschen. Es 
ist keine Freude, Kinder unter schlechten Lebensbedingungen und 
mit ungeliebten Partnern zu haben; mehr, das Geschlechtsleben selbst 
ist zu einer Qual geworden. Die Bevölkerungspolitiker sehen diesen 
Widerspruch nicht, können ihn nicht sehen und sind Organe natio- 
nalistischer Interessen. Auch die Sowjetunion konnte trotz ihres 
sozialistischen Grundcharakters eben wegen des Konfliktes mit der 
übrigen kapitalistischen Welt die sozialistische Weise der Bevölke- 
rungspoHtik nicht entwickehi ; stand sie doch dauernd unter dem Druck 
einer drohenden Intervention. Erst dann, wenn die gesellschaftli- 
chen Ursachen des Krieges überhaupt verschwinden und die Gesell- 
schaft sich der Grundlegung und Sicherung eines glückhaften Lebens 
der Bevölkerung zuwenden kann, verschwindet auch der Gegensatz 
zwischen sexuellem Glück und Bevölkerungsinteressen ; denn dann 
setzt sich die Freude am Geschlechtsgenuss unmittelbar fort in die 
Freude am Kinde. Damit fällt auch das Motiv der Forderung: 
»Pflanze Dich fort « weg. 

Die Freigabe des Abortus enthielt gleichzeitig — es wurde nur 
nicht ausgesprochen — die Bejahung der Geschlechtslust. Das hätte 
einen bewussten Umbau der gesamten Sexualideologie vom Ne- 
gativen zum Positiven, von der Sexual ve rne inu n g zur Sexual- 
bejahung gefordert. Nach den Angaben der Geburtshelfer der 
Sowjetunion auf dem genannten Kongress war die Mehrzahl der 
Frauen, 60 — 70 %, unfähig, ihre Geschlechtlichkeit zu geniessen. 
Man sprach vom »Fehlen« des Geschlechtstriebes, von seiner »Ver- 
ringerung«, und man behauptete, dass die Abnahme der sexuellen 
Potenz auf den künstlichen Abortus zurückzuführen sei. Die Klinik 
der Sexualstörungen widerlegt diese Auffassung. Sie ist ein Versuch, 
die Ahortfrage mit allen Mitteln zu verschleiern und das Verbot des 
Abortus zu rechtfertigen. Die Frauen sind in diesem Prozentsatz 
ganz allgemein und Überali sexualgestört, mit oder ohne Abortus. 
Es kam vor, dass Frauen bis zu 15 Mal an sich den Abortus vor- 



^^* Befreiung u. BremsuDg i. d. Geburtenregelung etc. 



nehmen Messen; die durchschnittliche Zahl betrug oft bis zu 7 mal 
und hei manchen 2—3 Mal im Jahr; das beweist, dass die Frauen 
den Gebrauch von Empfängnisverhütungsmitteln fürchten Sonst 
würden sie von selbst für die Herstellung genügender und entspre- 
chender Empfängnisverhütungsmittel eintreten. Aus der Sexpol- 
praxis in Deutschland wissen wir, dass fast alle Frauen von dieser 
Scheu beherrscht sind und gleichzeitig weniges intensiver wünschen 
als gerade die Regelung dieser Frage. Die Frauen müssen von die- 
ser Angst befreit werden. Man muss diesen heissen, unausgesproche- 
nen Wunsch für sie aussprechen und unbedingt für seine Erfüllung 
sorgen. Die Aufhebung des Abortusverbots allein schafft noch nicht 
den positiven Kindeswunsch. Dazu gehört die Herstellung der inneren 
Fähigkeit und aller äusseren Voraussetzungen zu einem glücklichen 
Liehesieben. Statt sich ewig mit der Frage herumzuschlagen, ob man 
die Mittel nur auf ärztliche Verordnung oder anders verteilen sollte 
wäre es wichtiger und nützlicher von richtig geschulten Ärzten 
und Fürsorgern genaueste Erhebungen darüber zu machen, wel- 
che Empfängnisverhütungsmittel am geeignetsten sind die ge- 
schlechtliche Befriedigung zu sichern. Was nützt 
em Pessar, wenn die Frau mit dem Empfinden herumläuft einen 
Fremdkörper m sich zu tragen und deshalb nicht zur Befriedigung 
kommen kann? Was nützt ein Präservativ, wenn dadurch die Be- 
friedigung herabgesetzt und neurasthenische Beschwerden erzeugt 
werden? Was nützt die beste Propaganda von Empfängnisverhütung ' 
wenn es nicht genügend Fabriken gibt, um die gesamte Bevölkerung 
mit den besten Empfängnisverhütungsmitteln zu beliefern? Was 
würden schliesslich sogar diese Fabriken nützen, wenn die Frauen 
die Scheu nicht verlieren würden, Empfängnisverhütungsmittel zu 
gebrauchen? 

Die Resolution des Kongresses vertrat noch voll den legalisierten 
Abortus; sie war jedoch eingebettet in eine allgemeine Atmosphäre 
der Angst, die sexuelle Befriedigung wirklich freizugeben und zu 
sichern. 

Eine Atmosphäre, über die Fanina Halle 1932 wie folgt 
berichtet: »Über den Protest der älteren Bolschewiken, von denen 
einige allerdings viel weiter als Lenin gingen und schon fast aske- 
tische Ideale predigten, hat das Ausland wenig erfahren. Mit umso 
grösserem Eifer wurde die Fabel von der »Sozialisierung der Frauen 
in der SU« breitgetreten und noch heute spukt sie in vielen Köpfen, 
insbesondere wo es sich um antisowjetistische Propaganda handelt! 
Inzwischen ist aber die Hochflut des sexuellen Interesses endgültig 
verebbt und die heranwachsende sowjetrussische Jugend, die Avant- 
garde der Revolution, sieht sich augenblicklich vor so ernste, ver- 
antwortungsvolle Aufgaben gestellt, dass ihre Beschäftigung mit 
Sexualproblemen unwesentlich erscheint. Auf diese Weise ist 



Stolz auf die Enterotisierung igg 



das Leben der Geschlechter in der SU wieder in ein Stadium 
der Enterotisierung gelangt, das sich vielleicht noch gründ- 
licher und in weit grösserem Umfange als je vollzieht. Die Problem- 
losigkeit der Beziehungen zwischen Mann und Frau, die für einen 
kleinen Kreis der Wegbereiter der Revolution der SU kennzeichnend 
war, ist nun zum Charakteristikum breiter russischer Massen ge- 
worden: Und die Macht, die das bewirkt hat, heisst diesmal; »Fünf- 
jahresplan«.« 

Die Sowjetideologie ist auf die »Enterotisierung des Lebens und: 
der Menschen« stolz. Doch diese »Enterotisierung« ist ein Phanta- 
siegebilde. Das Geschlechtsleben setzt sich mangels klarer Vor- 
stellungen in krankhafter, verzerrter und schädlicher Weise fort. 
Die Alternative: Sexualität oder Sozialität, gilt nicht. Es gibt nur die 
eine Alternative: Gesellschaftlich bejahtes, befriedigendes, glück- 
liches oder krankhaftes, heimliches, sozial geächtetes Geschlechts- 
leben. In dem Masse, wie die scheinbare Enterotisierung, in Wirk- 
lichkeit die Zerrüttung der natürlichen Sexualität die Menschen der 
Sowjetunion krank und dissozial machen wird, werden sich die ver- 
antwortlichen Funktionäre des Staates veranlasst fühlen, die mo- 
ralischen Regulierungsmassnahmen zu verschärfen, die Abortbe- 
schränkung wieder durchzuführen. In einem undurchbrechbaren 
Zirkel wird die unterdrückte Sexualität den moralischen Druck er- 
fordern, und der moralische Druck die Zerrüttung des Geschlechts- 
lebens steigern. Professor Stroganow klagte bereits, dass sich 
die Frauen des Aborts früher schämten, »aber jetzt fangen sie an, 
auf ihn als ihr gesetzliches Recht zu pochen; dieses Recht aber hat 
ihnen die Legalisierung des Aborts zugestanden«. Die Leiterin der 
Mutterschutzorganisationen, Lebedewa, bemerkte, dass die Straf- 
losigkeit des Aborts die »Psychologie der Frau entfesselt« habe. 
Der Abort sei nun schon zu einer »Lebensgewohnheit«, einer »Mode« 
geworden; es sei eine Art »Psychose«, die sich überall »epidemisch« 
verbreite. Kriwki meint, diese »Psychose« schreite fort, es sei 
nicht vorauszusehen, wann das Stadium des Rückganges beginnen 
würde. Das Resultat der »Verwilderung« der »Sitten« sei, dass das. 
Gefühl der Mutterschaft in der Frau abgestumpft und erschüttert 
worden wäre. Einige Sowjetärate ziehen den richtigen Schluss aus 
den Talsachen, dass bei der Verbreitung des Aborts die materielle 
Not nicht die dominierende Rolle spiele. Ein naheliegender Schluss; 
es dürfte sonst nicht vorkommen, dass eine Frau, die keine Not 
leidet, ihre Schwangerschaft unterbricht. In Wirklichkeit ist der 
Abortus der klare Ausdruck dafür, dass man zunächst sexuell ge- 
niessen will, ohne Kinder zu haben. 

Im Verlauf des 2. Fünfjahresplanes wurde auch tatsächlich auf 
Grund dieser Unklarheiten die sexuelle Freiheit beträchtlich einge- 
schränkt. Für Erstgebärende wurde es unmöglich, die Schwanger- 



186 Befreiung u. Bremsung i. d. Geburtenregelung etc. 

Schaft zu unterbrechen. Die Indikation wurde im stillen wieder ein- 
geführt, die Kommissionen üben einen grossen moralischen Druck 
aus. Es ist nicht abzusehen, wohin diese Entwicklung führt. Sie 
wird zweifellos nicht für sich allein entschieden werden, sondern 
bestimmt sein von dem Ausgang des Kampfes zwischen der sexual- 
bejahenden, sexual revolutionären und der sexualverneinenden, 
sexualreaktionären Strömung in der Sowjetunion. Es ist sehr zu 
befürchten, dass die sexualrevolutionäre Richtung nicht so rasch ^ 
genügende Kräfte wird sammeln können, um sicli gegen das alte ein- 
gefahrene Denkelcnd durchzusetzen. Das Ergebnis wird dann eine 
glänzend technisierte Wirtschaft sein, die von Neurasthenikern und 
lebenden Maschinen betrieben werden wird; aber kein Sozialis- 
mus. 

Grundsätzliche Lösung: 

Fassen wir die Lehren dieses Ringens zusaminen, um besser ge- 
rüstet zu sein, wenn wieder einmal die Frage vor der Gesellschaft 
stehen wird, sich ihr Leben rationel! aufzubauen. Es ist dann 
unerlässlich : 

1. die Beseitigung aller Ausreden und unehrlichen Er- 
klärungen; also der Sorge um die Arterhaltung für sich; der 
Ansicht, dass die materielle Not die einzige Ursache der Abtreibung 
sei. Aufhebung der Trennung der Bevölkerungspolitik von der 
allgemeinen Sexualpolitik. 

2. Anerkennung der Sexualfunktion unabhängig 
von der Fortpflanzung. 

3. Anerkennung des Fortpflanzungswillens als einer 
Teilfunktion der Sexualität, des Willens zum Kind als eines 
Ausdrucks der Lebenslust. Anerkennung der Tatsache, dass bei 
befriedigendem materiellen und sexuellen Leben die Freude am 
Kind eine Selbstverständlichkeit ist, dass das Kind aus der Freude 
am Leben hervorgeht. ,, . 

4. Offene Vertretung des Standpunktes, dass die Empfängnis- 
verhütung praktisch nicht nur der Beseitigung der Abtrei- 
bungen, sondern in erster Linie der Sicherung der sexuellen Lust 
und Gesundheit diene. 

5. Mut zum Wagnis der Sexualbejahung und der 
Selbsteuerung des sexuellen Lebens. 

6. Sicherung der praktischen Einflusslosigkeil 
aller Heiligen, Moralisten und anderer Arten verkappter Scxual- 
neurotiker. ./■ > 

7. Schärfste Kontrolle der Praxis und Ideologie 
der bürgerlichen Professoren der Geburtshilfe durch sexual- 
politische Organe der Frauen und der Jugend. Bekämpfung des 



Die Wiedereinführung d. HoinoKexiiülitälspiiragraphen ' 187 



Stupiden Respekts der Masse vor der Wissenschaft von heute. Sie 
verdient diesen Namen nur selten. 

Das Ziel der revolutionären Bevöllierungspolitik kann nur sein, 
das Interesse der Bevölkerung selbst daran zu wecken und ihr nicht 
»von oben« die Pflicht der »Arterhaltung« aufzuerlegen. Heute in- 
teressiert die Bevölkerungspolitik den durchschnittlichen Menschen 
überhaupt nicht. Um dieses Ziel zu erreichen, ist in erster Linie die 
Bejahung der Sexuallust und ihre Sicherung für alle, die am gesell- 
schaftlichen Lehen produktiv beteiligt sind, unerlässlich. Die 
Bevölkerung muss das Empfinden bekommen, dass man sie gerade 
in diesem Punkt, unmissverständtich: in der Frage des sexuellen 
Genusses, genau begreift und alles zu tun bereit ist. um ihr das 
sexuelle Glück zu sichern und sie auch zu befähigen, es zu geniessen. 

Die Lösung dieser Fragen wird sich als relativ einfach erweisen 
gegenüber der Lösung der Hauptfrage: Wie ist die Angst des 
heutigen Menschen vor der orgastischen Organlust 
im Massenmasstabe zu beseitigen? Ein unerhört grosses 
und schwieriges Problem. Ist es einmal gelöst, dann werden nicht 
mehr sexualscheue Professoren, sondern Jugendliche, Arbeiter, 
Bauern, wissenschaftliche Spezialisten — — und Kinder die be- 
völkerungspolitische Frage lösen. Bis dahin werden die Bevölkerungs- 
politik und Eugenik die reaktionären Gebilde bleiben, die sie heute 
sind. 



DIE WIEDEREINFÜHRUNG DES HOMO SEXUALITÄTS- 
PARAGRAPHEN 

Die sowjetistische Sexualgesetzgebung halte den alten zaristischen 
Homosexualitätsparagraphen, der homosexuelle Betätigung mit 
schwerer Freiheitsentziehung belegte, einfach gestrichen. Die offizielle 
grosse Sowjet-Enzyklopädie, die unler der Kontrolle der Regierung 
erschien, stützte sich in ihrer Darstellung der Sexualität hauptsäch- 
lich auf Magnus Hirschfeld und teilweise auch auf Freud. Die 
Begründung der Aufhebung des Homosexualitätsparagraphen war, 
dass die Homosexualitätsfrage ausschliesslich wissenschaftlich zu be- 
handeln und daher die Homosexuellen nicht zu bestrafen wären. Es 
müssten die Mauern eingerissen werden, die die Homosexuellen von 
der Gesellschaft trennen. Diese Tat der Sowjetregierung gab der 
sexualpolitischen Bewegung Westeuropas und Amerikas seinerzeit 
einen kolossalen Schwung. Sie war ja nicht nur eine propagandisti- 
sche Tat. sondern konnte sich mit Recht darauf berufen, dass die 



lS8 • Befreiung u. Bremsung i. d. Geburtenregelung elc. 

Homosexualität, mag sie nun als angeboren oder als Ergebnis einer 
Entwicklungshemmung aufgefasst werden, eine Betätigung sei, die 
niemandem schade. Das entsprach auch völlig dem Denken der städ- 
tischen und dörflichen Bevölkerung. Diese stand allen sexuellen Fra- 
gen ausserordentlich tolerant gegenüber, wenn auch gelegentlich 
homosexuelle Männer bzw. lesbische Frauen im Dorf »gutmütig be- 
spöttelt« wurden, wie ein Berichterstatter sich ausdrückt. Im Gegen- 
satz dazu standen die kleinbürgerlichen Schichten wie überall noch 
völlig im Banne sexualasketischer Anschauungen und mittelalter- 
licher Vorurteile. Diese Schichte hatte ihre Vertreter auch in mitt- 
leren und höheren Parteischichten, so dass sich ihr Einfluss allmählich 
auch auf Teile der Arbeiterschaft übertragen konnte. Zwei Auffassun- 
gen über die Homosexualität traten allmählich immer schärfer hervor. 

1. wäre sie ein »Zeichen barbarischer Unkultur«, eine »Schweinerei 
halbwilder Ostvölker«; 

2. wäre sie eine Erscheinung »überzüchteter Kultur der perversen 
Bourgeoisie«. 

Trotz der erfolgten Aufhebung der Bestrafung bestanden homo- 
sexuelle Verfolgungen bei den östlichen Völkern der SU fort. Etwa 
im Jahre 1925 wurde in Turkestan ein Zusatzparagraph zum Gesetz- 
kodex der Sowjet-Union geschaffen, der bereits hohe Strafen für 
Homosexuelle vorsah. 

Die genannten Ansichten über die Homosexualität führten im Zu- 
sammenhang mit der allgemeinen Unklarheit über die sexualpoliti- 
schen Verhältnisse und Entwicklungsmöglichkeiten dazu, dass sich 
groteske Fälle von Homosexuellen- Verfolgungen hier und dort immer 
wieder ereigneten und schliesslich häufiger \vurden. Mit dem Gesetz 
allein war ja die Frage nicht erledigt. Nach der Auffassung der 
Sexualökonomie ist die Homosexualität in der überwiegenden Mehr- 
heit der Fälle die Folge einer sehr frühzeitigen Entwicklungsstörung 
der gegen seh lechtlichen Liebesfunktion. Mit der allgemeinen Brem- 
sung der sexuellen Revolution musste sich notwendigerweise die 
Homosexualität in der Jugend, im Heer, in der Marine u.s.f. immer 
mehr verbreiten. Es kamen Schnüffeleien und Angebereien vor, Äch- 
tung durch die Parteikomitees und sogar in den »Parteireinigungen«. 
In einzelnen Fällen intervenierten alte Bolschewiki wie etwa Klara 
Zetkin und andere und setzten die Befreiung durch. Doch im Laufe 
der Zeit wuchs die Homosexualitätswelle infolge der Ungelöstheit der 
Sexualfrage an, bis im Januar 1934 in Moskau, Leningrad, Charkow, 
Odessa Massenverhaflungen von Homosexuellen einsetzten. Diese 
Verhaftungen wurden politisch begründet. Unter den Verhafteten 
fanden sich sehr viele Schauspieler, Artisten, Musiker, die wegen an- 



Homosexuellen Verfolgungen igg 



geblicher »homosexueller Orgien« administrativ zu mehreren Jahren 
Gefängnis bzw. Verbannung verurteilt wurden. 

Im März 1934 erschien das Gesetz, das den Geschlechtsverkehr 
unter Männern verbietet und bestraft, von Kalinin gezeichnet. Es 
erschien nach einem privaten Bericht als eine Art Notverordnung, da 
Gesetzesänderungen nur vom Sowjetkongress beschlossen werden 
können. Diesem Gesetze nach wurde der Geschlechtsverkehr zwischen 
Männern als »soziales Verbrechen« bezeichnet, das in leichteren Fäl- 
len mit 3 — 5 Jahren und im Falle der Abhängigkeit des Partners vom 
andern mit 5—8 Jahren bestraft wird. So erschien die Homosexuali- 
tät wieder in einer Reihe mit andern sozialen Verbrechen: Banditis- 
mus, Konterrevolution, Sabotage, Spionage etc. Die homosexuellen 
Verfolgungen standen in bestimmtem Zusammenhang mit dem Vor- 
gehen in Deutschland anlässlich der Röhmaffäre 1932 — 33. Die Sow- 
jetpresse hatte einen Feldzug gegen die Homosexualität als eine »Ent- 
artungserscheinung der fascistischen Bourgeoisie« eröffnet. Wie mir 
berichtet wurde, hatte der bekannte Sowjetjournalist Kolzow eine 
Artikelserie verfasst, in der er von den »warmen Brüdern des Pro- 
pagandaministeriuras Göbbels« und von den »sexuellen Orgien in den 
faschistischen Ländern« sprach. Entscheidend wirkte das Eingreifen 
Gorkis, der in einem Artikel »Proletarischer Humanismus« schrieb: 
»Das Gedächtnis sträubt sich dagegen, auch nur jener Ahscheulich- 
keiten zu gedenken, die der Faschismus so üppig erzeugt«. Gemeint 
waren Antisemitismus und Homosexualität. Es hiess dann wörtlich; 
»Während in den Ländern des Faschismus die Homosexualität, die 
die Jugend verdirbt, ungestraft agiert, ist sie in dem Lande, wo das 
Proletariat kühn und mannhaft die Staatsmacht erobert hat, als ein 
soziales Verbrechen erklärt und wird streng bestraft. In Deutschland 
ist schon ein geflügeltes Wort entstanden: Rottet die HomosexueUen 
aus und der Faschismus ist verschwunden«. Angeblich soll dieser 
Artikel Gorkis von der Presse Münzenbergs unter Auslassung des 
Passus über Homosexualität abgedruckt worden sein. 

Wir sehen, wie unklar und schädlich diese Auffassung über die 
HomosexuaUtät vorging. Man verwechselte die männerbündlerische 
HoraosexuaUtät, die der Zentralorganisation Böhms und anderer tat- 
sächlich zugrunde lag, mit der No thomosexualität von Matrosen, 
Soldaten und Gefangenen, die dem Mangel befriedigenden hetero- 
sexuellen Geschlechtsverkehrs zuzuschreiben ist. Man übersah dar- 
über hinaus völlig die ideologische Stellung des Faschismus zur Homo- 
sexualität, die gleichfalls ablehnend war, vgl. 30. Juni 1934, in der 
Hitler die ganze Führung der SA mit der gleichen Begründung aus- 
rottete, mit der in der Sowjetunion die Homosexuellen-Verfolgungen 
eingesetzt hatten. Es ist klar, dass mit derartigen chaotischen 
Vorstellungen über die Beziehungen der Sexualität zum Faschismus 
und zu allgemeinen Fragen des Geschlechtslebens überhaupt nichts 



.MÖ Befreiung u. Bri^msung i. d. Geburtenregelung etc. 



ZU erzielen ist. Anlässlich der Massenverhaftungen entstand eine 
Panikstimmung unter den Homosexuellen in der Sowjetunion. In der 
Armee soll es unter den Rotarmisten und Kommandeuren zu zahl- 
reichen Selbstmorden gekommen sein. Bis zum Jahre 1934 hat es in 
der Sowjetunion kein Denunziantentum gegeben, doch es erwachte 
wieder nach diesen Vorgängen. Die Bevölkerung sland im Gegensatz, 
dazu den Homosexuellen sympathisch gegenüber. 

Ich beschränke mich auf diese knappe Schilderung. Die Beziehung: 
der Homosexuellen-Verfolgungen zur allgemeinen sexualpolitischen 
Situation insbesondere der Ostvötker bedürfte einer ausführlichen 
Darstellung. Doch ich wollte diese Schrift nicht überlasten. Die 
sexualökonomische Einstellung zur Homosexualitätsfrage findet sich- 
dargestellt in »Die Funktion des Orgasmus«, »Charakteranalyse« und 
in »Der sexuelle Kampf der Jugend«. Zusammenfassend darf man 
sagen : 

1. Die Homosexualität ist kein soziales Verbrechen, sie schadet nie- 
mand. 

2. Sie ist einzig einzuschränken durch Herstellung alier Voraus- 
setzungen des natürlichen Liebeslebens der Masse. 

3. Bis zur Erfüllung dieses Ziels muss sie als der heterosexuellen 
gleichberechtigte Art der Befriedigung gelten und (von der Ver- 
führung Puberiler abgesehen) straffrei sein. 



■ < I 



.Ja 



V. KAPITEL 

DIE BREMSUNG 
IN DEN JUGENDKOMMUNEN 

Die russische Jugend hatte sich in den Bürgerkriegs jähren sofort 
die ihr zukommende erste Rolle im Kampf erobert. Lenin hatte 
in voller Würdigung der Bedeutung des jugendlichen Lebenswillens 
für die Revolution, seine Aufmerksamkeit besonders der Organisie- 
rung der Jugend, der Hebung ihrer wirtschaftlichen Lage und der 
Sicherung ihrer Kraft zugewandt. 

Die Anerkennung der jugendlichen Selbständigkeit im geseil- 
schaftlichen Prozess und gegenüber der älteren Generation kam voll 
zum Ausdruck im Beschluss am 2. Kongress der Jugendverbände: 

»Der Komsomol ist eine autonome Organisation mit eigener 
Satzung.« Lenin hatte schon 1916 betont; »Ohne volle Selbständig- 
keit kann die Jugend aus sich keine brauchbaren Sozialisten schaffen.« 

Nur eine selbständig gewordene, ohne autoritäre Disziplin han- 
delnde und sexuell gesunde Jugend konnte die unerhört schwierigen 
Aufgaben der Revolution auf die Dauer durchführen. 

Als Beispiel für den sexualpolitischen Charakter revolutionärer 
selbständiger Jugendorganisationen ist folgendes Vorkommnis vor- 
bildlich: ■ . • 



1. REVOLUTIONÄRE JUGEND 

Bis vor etwa 10 Jahren gehörte Baku zu den reaktionärsten und 
finstersten Burgen des russischen Reiches. Die Revolution hatte ge- 
rade im Gebiete der russisch-türkischen Republik Aserbeidschan 
überaus viel Blutopfer gefordert. Zwar waren die Gesetze durch die 
Revolution verändert worden, der ökonomische Boden war umgebaut,. 



192 Die Bremsung in den Jugcndkomimineii 



die Religion war zur Privatsache jedes einzelnen erklärt worden, 
aber; »Unter den neuerrichteten Dächern wütete die alte, grausame 
Zucht des Harems« (Balder Olden). Die Mädchen wurden in 
religiöse Institute geschickt; es war ihnen verboten, Lesen und 
Schreiben zu lernen: Eine Nichtanalphabetin hätte sich durch Briefe 
mit der Aussenwelt in Verbindung setzen, dem Hause entfliehen und 
Schmach über die Familie bringen können. Die Mädchen waren 
Leibeigene des Vaters. Wurden sie geschlechtlich reif, so wurden 
sie Leibeigene des Gatten, den sie nicht selber wählen durften, den 
sie vor der Heirat überhaupt nie gesehen hatten. Frauen und Mäd- 
chen durften keinem Mann ihr Gesicht zeigen. Verschleiert und ver- 
hüllt sahen sie durch die Fenster auf die Strasse hinaus und schwer 
bewacht gingen sie die wenigen erlaubten Wege; sie durften ebenso- 
wenig Arbeit aufnehmen, wie ein Buch oder eine Zeitung lesen; zwar 
hatten sie das Recht, sich scheiden zu lassen, doch sie kannten es 
nicht; zwar war die russische Knute aus den Zuchthäusern ver- 
schwunden, aber im Harem wurden die Frauen geschlagen. Diese 
Frauen musstcn ganz allein gebären, denn Hebammen und Ärztinnen 
gab es nicht, und einem männlichen Arzt sich zu zeigen, verbot die 
in der Heimlichkeit eifrigst betriebene Religion. 

In der Mitte der 20er Jahre wurde von russischen Frauen ein zen- 
traler Frauenklub gegründet, der das Bildungswesen organisierte. 
Allmählich drang das Wissen vor; die Schulzimmer füllten sich im- 
mer mehr und die Mädchen lauschten den weisshaarigen Lehrern 
(junge Männer durften sie nicht unterrichten) ; viele Jahre nach dem 
Einbruch der sozialen Revolution begann die sRevolution der Sitten«. 
Diese Mädchen erfuhren, dass es Länder gab, in denen Jungens und 
Mädels gemeinsam erzogen wurden, in denen die Frauen Sport trie- 
ben, unverschleiert ins Theater gingen, an Versammlungen teilnah- 
men, selbst öffentlich auftraten und überhaupt am Leben der Zeit 
teilnahmen. 

Diese sexualpolitische Bewegung griff um sich. Die Familien- 
väter, die Brüder und die Gatten fühlten sich um ihre Interessen be- 
droht, als sie hörten, was da in dem Frauenklub verkündet wurde. 
Sie verbreiteten das Gerücht, dass der Frauenklub ein Hurenhaus sei; 
es wurde in der Folge lebensgefährlich, ihn zu besuchen. Es kam 
nach dem Bericht von Balder Olden vor, dass man auf Mädchen, 
die hingingen, kochendes Wasser goss, Hunde auf sie hetzte, ja mehr: 
Noch 1923 stand sicherer Tod auf jedes öffentliche Auftreten, auf das 
Tragen von Sportanzügen, die die Arme und Beine freigaben; derart 
ist begreiflich, dass selbst der Gedanke an ein Liebesbündnis ohne 
Ehe auch den tapfersten Frauen fernlag. Trotz allem fanden sich 
einige wenige Mädchen, die innerlich mit allem überkommenen 
brachen und zu allem entschlossen, den Kampf für die sexuelle Be- 
freiung der weiblichen Jugend aufnahmen. Sie unterlagen einem un- 



RevoIutioDäre Jugend 193 



glaublichen Martyrium. Man erkannte sie natürlich sofort, sie wur- 
den geächtet, standen in der öffentlichen Meinung niedriger als Pro- 
stituierte und keine von ihnen durfte damit rechnen, dass ein Mann 
mit ihnen je eine Ehe schliessen würde. 

Im Jahre 1928 entlief die 20-jährige Sarial Haliliwa dem Eltern- 
haus, berief Versammlungen ein und verkündete dort die sexuelle 
Emanzipation der Frauen; sie ging unverhülll und unverschleiert ins 
Theater, sie rief in Wandzeitungen der Klubs die Frauen auf; sie 
ging im Badetrikot am Strande und auf Sportplätzen herum. Ihr Vater 
und ihre Brüder hielten Gericht über sie und verurteilten sie zum 
Tode. Sie wurde lebendig in Stücke geschnitten. Das war im Jahre 
1928, 11 Jahre nach Anbruch der sozialen Revolution in Russland. 
Ihr Tod war der Beginn eines ungeheuren Aufschwungs der sexual- 
politischen Bewegung der Frauen. Ihr Leichnam wurde den Eltern 
weggenommen, im Klub aufgebahrt und eine Ehrengarde vom Jungs 
und Mädels umstand ihn Tag und Nacht. In Scharen strömten Mäd- 
chen und Frauen in den Klub. Die Mörder Sarials wurden hingerich- 
tet und seither sollen es weder Väter noch Brüder wagen, ähnliche 
Massnahmen gegen die Frauen- und Jugendbewegung zu unternehmen. 

Balder Olden beschreibt diese Vorfälle als Kulturbewegung 
ganz allgemein. Wir müssen uns konkreter ausdrücken. Es war un- 
zweideutig eine sexual politische Umwälzung, die erst zum Auf- 
schwung des kulturellen Bewusslseins in den Mädchen und Frauen 
führte. 1933 studierten bereits 1044 Mädchen an den Hochschulen, 
es gab 300 Hebammen im Lande und 150 Frauen- und Mädchenklubs. 
Viele Schriftstellerinnen und Journalistinnen gingen aus ihnen her- 
vor; die Vorsitzende des höchsten Gerichtshofes ist eine Frau, eine 
andere ist Vorsitzende des Sowjetausschusses. Die Frauen besitzen 
Ingenieur-, Ärztinnen- und Fliegerinnenstellen. Die revolutionäre 
Jugend hatte sich ihr Lebensrecht erkämpft. 



2. JUGENDKOMMUNEN 

Die Jugendkommunen eignen sich besonders gut, die Rolle der 
jugendlichen Sexualrevolution zu demonstrieren. Sie waren der erste 
natürliche Ausdruck des in Entwicklung begriffenen kollektivierten 
Jugendlebcns. Eine Kommune, die von älteren Menschen gebildet 
wird, stösst sofort auf die Schwierigkeiten erstarrter psychischer 
Reaktionen und Gewohnheiten. Im Jugendalter dagegen, besonders 
in der Pubertät, ist alles im Fluss, die Hemmungen sind noch nicht 
feste Strukturen geworden. Gerade die Jugendkommunen hatten be- 
sonders gute Aussichten, sich durchzusetzen, und somit die Nützlich- 
keit und den grossen Fortschritt zu bezeugen, die mit dem kollektiven 
14 



194 Die BremsuQg in den Jugendkommunen 

Leben gegeben sind. Was setzte sich in den Kommunen an fortschritt- 
lichem revolutionärem Leben durch? Welche Hemmungen bremsten 
diesen Fortschritt? 

Sehr früh erkannte man in der Sowjetunion, dass die politische 
Organisierung der Jugend und die Hebung ihrer materiellen Lebens- 
lage zu allererst zu leisten waren. Man erkannte aber auch, dass dies 
allein nicht genügte. B u c h a r i n versuchte die Hauptaufgabe in 
dem Satz: »Die Jugend braucht Romantik«, zusammenzufassen. Zu 
dieser Auffassung wurde man durch den Rückgang der proletarischen 
Jugendbewegung gezwungen, der einsetzte, als der Bürgerkrieg zu 
Ende war und die NEP-Periode die schäumenden Ereignisse jener 
ersten Jahre in das wenig romantische Fahrwasser der mühevollen 
Aufbauarbeit überleitete. »Wir dürfen uns nicht nur ans Hirn wen- 
den. Denn ehe der Mensch etwas versteht, muss er es fühlen«, hiess 
es am 5. Kongress des Komsomol. »Alles romantisch revolutionäre 
Material muss ausgenützt werden für die Erziehung der Jugend; die 
unterirdische Arbeit vor der Revolution, der Bürgerkrieg, die Tscheka, 
die Kämpfe und revolutionären Taten der Arbeiter und roten Armee, 
technische Erfindungen und Expeditionen.« Vor allem, hiess es, 
müsste eine Literatur geschaffen werden, in der das sozialistische 
Ideal »in begeisternder Form« dargestellt, in der der Kampf des Men- 
schen mit der Natur, das Heldentum der Arbeiterschaft und die be- 
dingungslose Hingabe an den Kommunismus verherrlicht werden 
sollte. Die Begeisterung der Jugend sollte also mit Hilfe ethischer 
Ideale geweckt bezw. erhalten werden. An die Stelle bürgerlicher Vor- 
stellungen und Ideale sollten revolutionäre treten. 

Konkret: Die Jugend der bürgerlichen Gesellschaft liest aus Sen- 
sationsgründen gern Kriminalromane. Es ist nun durchaus möglich, 
einen Kriminalroman bürgerlichen Inhalts durch einen Kriminal- 
roman revolutionären Inhalts zu ersetzen; anstelle der Verfolgung 
eines Verbrechers durch einen Detektiv tritt etwa die Verfolgung 
eines weissgardistischen Spitzels durch einen G. P.U.-Mann. Doch 
das Erleben des Jugendlichen bleibt dabei das gleiche: Grauen, 
Gruseln, Gehetzt- und Gespanntsein; das Ergebnis sind sadistische 
Phantasien, die sich mit der ungelösten sexuellen Erregung ver- 
knüpfen. Die psychische Strukturbildung hängt nun nicht vom Inhalt 
des Erlebens, sondern von der Art der begleitenden vegetativen Er- 
regungen ab. Ein Gruselmärchen hat die gleiche Wirkung, wenn es 
von Alibaba und den 40 Räubern und wenn es von der Hinrichtung 
weissgardistischer Spione berichtet. Auf das Gruseln kommt es 
dem Leser dabei an und nicht darauf, ob 40 Räuber oder 40 Konter- 
revolutionäre geköpft werden. Wollte die revolutionäre Bewegung nur 
ihre Auffassungen durchsetzen und die Menschen an sich fesseln, 
dann genügte die Ersetzung des einen ethischen Ideals durch das 
andere. Wenn sie aber darüber hinaus die Menschen umstrukturieren. 



Selbständigkeit der Jugend jgc 



Sie ZU selbständigem Denken und Handeln fähig machen, kurz 
die Untertanennatur ausrotten sollte, dann musste sie auch daran 
denken, dass nicht einfach der bürgerUche Sherlock Holmes durch 
einen roten Sherlock Holmes ausgetrieben, die bürgerliche Romantik 
nicht durch eine revolutionäre Romantik übertrumpft werden konnte. 
Im Beschluss des 5. Kongresses heisst es: »Demonstrationen, Fackel- 
züge, Fahnen, Massenkonzerte, müssen in vollem Masse zur macht- 
vollen Beeinflussung der Jugend eingesetzt werden.« Das war not- 
wendig; aber es war nur die Fortführung alter Formen der Be- 
geisterung und ideologischen Beeinflussung. In Hitlerdeutschland 
werden ebenfalls mit Erfolg Demonstrationen, Fackelzüge, Fah- 
nenweihen und Massenkonzerte zur machtvollen Beeinflussung der 
Jugend durchgeführt. Begeistert und hingegeben ist der deutsche 
Hitlerjunge gewiss nicht weniger als der Komsomol. Entscheidend 
ist hierbei, dass die deutsche Hitlerjugend in ihrem Programm be- 
dingungslose und kritiklose Gefolgschaft dem ewigen Führer ver- 
spricht, dass sie nicht einmal daran zu denken wagt, aus sich heraus 
»ein eigenes Leben nach eigenen Satzungen« zu schaffen; der Kom- 
somol dagegen hatte die Aufgabe, der gesamten werktätigen Jugend 
aus ihrem eigenen Leben und aus ihren eigenen Bedürfnissen ein 
neues Sein zu schaffen; sie selbständig, anti-autoritär, arbeitslustig, 
sexuell befriedigbar, entseheidungsfähig, kritisch denkend aus Über-^ 
Zeugung, nicht aus Gehorsam, einsatzbereit zu machen; sie musste 
wissen, dass sie nicht für ein »kommunistisches Ideal« kämpfte, das 
irgendwo jenseits steht, sondern dass dieses kommunistische 
Ziel die Verwirklichung ihres eigenen, selbstän- 
digen Lebens ist. Für die autoritäre Gesellschaft kennzeichnend 
ist, dass die Jugend kein Bewusstsein von ihrem wirklichen Leben 
hat und deshalb entweder dumpf vegetiert oder blind hingabefähig 
ist; die revolutionäre Jugend entwickelt dagegen aus dem Bewusst- 
sein ihrer Bedürfnisse die mächtigste und dauerhafteste Art der Be- 
geisterung: die der Lebenslust. »Jugendgemäss« und »selb- 
ständig« sein bedeutet also auch sexuell bejahend sein. Der Sowjet- 
staat hatte zu wählen, ob er sich auf die asketische Opferbereitschaft 
oder auf die sexualbejahende Lebenslust stützen wollte. Die breite 
Masse der Jugend war nur mit Hilfe der Lebensbejahung auf die 
Dauer zu gewinnen und im Sinne des Sozialismus umzustrukturieren. 
Der Leninsche Komsomol umfasste 1925 eine, 1927 zwei, 1931 
fünf Millionen; im Jahre 1932 stieg die Zahl fast auf sechs Millionen. 
Die organisatorische Erfassung der Arbeiter-Jugend glückte also. Ist 
diese Jugend auch im Sinne der Hauptsatzung des 2. Kongresses zu 
»eigener Selbständigkeit« umstrukturiert worden? 
Von der Bauern jugend waren um die gleiche Zeit kaum 15% im 
Komsomol zusammengeschlossen. Von 500.000 jungen Bauern im 
Komsomolalter, die in landwirtschaftlichen Kommunen lebten und 

14- 



IflÖ Die Bremsuiis in fien Jiigendkommiinen 

am leichtesten erfassbar waren, waren nur 25 % im Komsomol. Aus 
welchen Gründen waren die restlichen 75 % nicht organisiert? Die 
Erfassung der Jugend steht in einem direkten Verhältnis zur Fähig- 
keit der Jugendorganisationen, ihre sexuellen und materiellen Be- 
dürfnisse zu begreifen, sie für die Jugend auszusprechen und alles 
zu deren Erfüllung zu tun. Neue Lebensformen bilden sich nur durch 
die neuen Inhalte des Lebens, und neue Inhalte müssen neue For- 
men haben. Bei der Bauernjugend muss sich die Umwandlung der 
Struktur anders vollziehen als bei der proletarischen; waren doch 
ihre sexualpolitischen Verhältnisse grundverschieden. 



a) Die Kommune Sorokin 

Im Laufe der revolutionären Umwälzung entstanden soziale Ge- 
bilde, die zwar für die Übergangszeit sehr kennzeichnend sind, aber 
nicht als Keimzellen der künftigen kommunistischen Ordnung ange- 
sehen werden dürfen. Versuchen wir an Hand der berühmt gewor- 
denen »Kommune Sorokin« festzustellen, worin ihre Eigenart besteht. 

Sie ist das Musterbeispiel einer autoritär-disziplinierten, anti- 
feministischen, auf homosexueller Bindung aufgebauten, nicht 
spezifisch kommunistisch strukturierten Kommune. 

An einer Dampfmühle im Nordkaukasus arbeitete ein junger Ar- 
beiter: Sorokin. In den Zeitungen las er vom Bau des »Autostroj«, 
der grossen Automobilfabrik der Sowjetunion. Der Wunsch erwachte 
in ihm, dort mitzuarbeiten. Er besuchte in der nächsten Stadt tech- 
nische Kurse und organisierte unter den Studenten eine Stossbrigade. 
Nach Kursschluss meldeten sich alle zweiundvierzig Absolventen, an- 
gesteckt von dem Enthusiasmus Sorokins, zum Autostroj. Am 18. 
Mai 1930 trafen sie ein. Zweiundzwanzig junge Arbeiter bildeten 
unter der Führung von Sorokin eine Arbeitskommune. Jeder gab 
seinen Lohn in eine gemeinsame Kasse, aus der alle Ausgaben be- 
stritten wurden. Es war eine ausgesprochene Jugendkommune, nie- 
mand war über zweiundzwanzig Jahre alt. Achtzehn gehörten dem 
Komsomol an, einer der Partei, drei waren parteilos. 

Der jugendliche Enthusiasmus, mit dem sie sich an die Arbeit 
machten, ihr Ehrgeiz und ihre Unermüdlichkeit fielen bald den an- 
deren Arbeitern auf die Nerven. Auch der Direktor schikanierte sie 
und hetzte sie überall herum, statt sie, wie es ihr Wunsch war, an 
einer einzigen Stelle geschlossen einzusetzen. Da gelang es Sorokin, 
die Absetzung des Direktors durchzudrücken. Der Nachfolger hatte 
mehr Verständnis für die Kommune. Sofort meldete sie sich auf 
einen besonders schwierigen Posten, an dem der Plan nur zu 30 Pro- 
zent erfüllt war. Ein Sumpfgelände musste trockengelegt werden. 
Vier Kommunarden, darunter die einzige Frau der Kommune, traten 



Die Kommune Sorokin 197 



aus, sie waren den Strapazen nicht gewachsen. Die achtzehn übrig- 
gebliebenen aber liatten sich zu einer festen, kampffrohen Schar zii- 
sammengeschweisst und arbeiteten wie die Wilden. Es herrschte 
unter ihnen eine eiserne Disziplin. Sie beschlossen sogar, jeden, der 
länger als zwei Stunden die Arbeit versäumte, aus der Kommune zu 
werfen. Ein Kommunarde, der sich tatsächlicli dieses Vergehen zu 
Schulden kommen Hess, wurde, obgleich alle ihn gern hatten, mit- 
leidslos ausgeschlossen. 

Bald war der Plan zu 200 % erfüllt. Der Ruhm der Kommune 
Sorokin drang in die entferntesten Winkel des Werkes. Jetzt wurde 
sie systematisch an allen schwierigen Punkten eingesetzt, überall riss 
sie die anderen Arbeiter mit. Es kam vor, dass die Kommunarden 
von den 24 Stunden des Tages 20 arbeiteten. Diese angespannte 
Tätigkeit schloss sie eng aneinander. Es gelang ihnen, zwei Zelte zu 
beschaffen, wo sie gemeinsam wohnen und essen konnten. So ent- 
wickelten sie sich zu einer Vollkommune. Das Beispiel zündete. Als 
Sorokin und seine Kameraden kamen, hatte es auf dem ganzen Werk 
68 Stossbrigaden mit 1691 Udarniki gegeben, die einzige Kommune 
bildete sie selbst. Ein halbes Jahr später, im Herbst 1930, bestanden 
schon 253 Brigaden, darunter 7 Kommunen. Im Frühjahr 1931 stieg 
die Zahl der Stossbrigaden weiter auf 339, die der Udarniki auf 7023, 
die der Kommunen auf 13. In Anerkennung seiner Verdienste erhielt 
der Brigadier Sorokin den Orden der Roten Fahne. 

Diese Kommunarden erinnern uns an die kollektivistischen Grup- 
pen mancher Rotfrontkämpfer-Ahteilungen in Deutschland. Der Aus- 
schluss der Frauen allein kennzeichnet sie als für das künftige kom- 
munistische KoRektiv nicht vorbildlich. Ihre Struktur ist den 
durchschnittlichen Bevölkerungstypen fremd. Die Anforderungen, 
die sie an sich stellen, sind heroisch und zweifellos für die harten 
Kämpfe der Übergangszeit unerlässlich und vorbildlich; doch sie sind 
ungeeignet, uns die Keime der künftigen Entwicklung zu enthüllen. 
Wir müssen unterscheiden, oh eine Kommune aus Not und aus Ge- 
wöhnung aneinander wie bei den Stossbrigadlern entsteht, oder ob 
sie aus natürlichen Lebensbedürfnissen heraus gebildet wird. Die 
Entwicklung vieler Kommunen in der Sowjetunion zeichnete sich 
gerade durch den Übergangscharakter aus; gemeinsame Arbeit und 
gemeinsame Not in der Fabrik, im Heer, im Kolchos bildeten den. 
Grundstein. Man gewöhnte sich in den Stossbrigaden aneinander, wie 
sich Soldaten im Schützengraben aneinander gewöhnen. Gerade die 
Primitivität des Lebens verwischte den Unterschied der Eigenarten. 
Das Arbeitskollektiv entwickelte sich zum Vollkollektiv, wenn das 
gemeinsame Wohnen hinzukam. Doch dieses Kollektiv ist noch keine 
eigentliche Kommune; denn nur ein Teil des Individuallohns wird 
von der Sammelkasse erfasst. In manchen Kollektiven steuert jeder 
unabhängig von der Höhe seines Lohns den gleichen Betrag wie alle 



198 Die Bremsung in den Jugendkommunen 



.« 



anderen bei. Nach einer anderen Regelung zahlen die Mitglieder einen 
Mindestbetrag und darüber hinaus Prozente von ihrem Einkommen. 
Bei den Vollkommunen ist das anders. Die Kommunarden verpflich- 
ten sich, ihren gesamten Lohn an die Kommunekasse abzuführen. 
Die Vollkommune wurde als »höchste Form des menschlichen Zu- 
sammenlebens« angesehen. Bei der Bildung dieser Vollkommunen 
zeigte es sich, dass die Nichtbeachtung der struktureilen und persön- 
lichen Fragen zu einer zwangsartigen, autoritären, krampfhaften 
Form des Zusammenhalts führte. 

An der Moskauer StaalsbibÜothek bildete sich eine Vollkommune 
aus, in der auch Mäntel, Schuhe und sogar Unterwäsche allen Kom- 
munarden gleichermassen zur Verfügung standen. Wollte einer der 
Kommunarden seinen eigenen Mantel und seine eigene Wäsche tra- 
gen, so wurde das als »kleinbürgerlich« verurteilt. Ein persönliches 
Leben gab es garnicht. Es war z. B. verboten, mit dem einen Kom- 
munarden mehr befreundet zu sein als mit dem andern. Liebe war 
verpönt. Als man einmal merkte, dass ein Mädchen an einem Kom- 
munarden ein besonderes Gefallen gefunden hatte, wurden beide in 
einer Sitzung als »Zerstörer der kommunistischen Ethik« angegriffen. 
Die Kommune zerfiel nach kurzer Zeil (Mehnert). 

Es ist wichtig, gerade die Fehlentwicklung solcher Kommunen 
besonders genau zu verfolgen, wenn man die Kommune als die »künf- 
tige Familienform«, als die künftige Einheit der menschlichen Ge- 
sellschaft bejaht, sie erhalten und fördern will. Jede der Natur 
des Menschen und seinen Bedürfnissen wider- 
sprechende Verschrobenheit, jede Art autoritärer, 
moralischer oder ethischer Lenkung des Lebens 
muss die Kommune zerstören. Das Grundprobiem ist, 
wie die Kommune auf Grund natürlicher und nicht moralischer 
Bedingungen sich entwickeln könnte. Als Beispiel dafür, dass der 
Widerspruch zwichen Struktur und Daseinsform sich bis zu grotesken 
Erscheinungen zuspitzen kann, sei die Kommune der Bergakademie 
in Moskau angeführt. Sie beschloss, nicht nur das Geld, sondern 
auch die Zeit der Mitglieder zu planieren. Es wurde ein Stundenplan 
aufgestellt, der nach Mehnert folgendermassen lautete: 

7-30 ^ Aufstehen. 

7.30 — 8,45 Anziehen, Frühstücken, Aufräumen. 

8-45—14.00 Hochschule. 

14.00 — 15.30 Mittagessen und Ausruhen. 

15.30—21.00 Hochschule und Studium zu Hause. 

21.00—21.30 Abendessen. 

21.30 — 23.00 Ausruhen, Lesen. 

23.00—24.00 Zeitunglesen. 

Insgesamt: 

Studium 10 Stunden 45 Minufen. 

Hausarbeit AI — ^,5 — 

Essen, Ruhe, Zeitunglesen 4^»^ — ^p 



»Bolschewo« 199 



Die Kommune des Werkes AMO stellte sogar auf Grund längerer 
sorgfältiger Beobachtung folgende Statistik über die durchschnitt- 
liche Verwendung der 24 Stunden des Tages seitens der Kommunar- 
den auf: 

1. Fabrikarbeit 6 Std. 31 Min. 

2. Schlaf 7 — 35 — 

3. Lernen 3 — 1 — 

, 4. Nahrungsmitteleinnahme 1 — 24 ■ — 

'" "■ 5. Politisch-soziale Tätigkeit 53 — 

6. Lesen 51 . — 

7. Zerstreuung (Kino, Klub, Theater, Spaziergang)... 57 — 

8. Haushalt 27 — 

9. Zu Gast 25 — 

. 10. Hygiene 24 — 

11. Nicht feststellbar 1 — 32 — 

24 Std. 00 Min. 



Das ist zwangskranker Statistikkoller. Derartige Erscheinungen 
sind ausgesprochen pathologischer Natur, und zwar zwangsneuroti- 
sche Zeichen eines Pflichtdaseins, gegen das sich im Innern der Kom- 
munarden alles auflehnen musste. Der Schluss, der daraus zu ziehen 
ist, ist nicht der Mehnerts. der deshalb die Möglichkeit eines kol- 
lektivistischen Lehens überhaupt in Frage stellt, sondern: Es muss 
bei Festhaltung der kollektivistischen Lebens- 
form der Weg gefunden werden, auf dem die Struk- 
tur der Menschen sich dieser Form anpassen kann. 
Solange Denken und Fühlen der Kommunarden dem Kollektiv wider- 
sprechen, muss sich die gesellschaftliche Notwendigkeit in Form von 
Gewissen und Zwang durchzusetzen versuchen. Es gilt die Schere 
zwischen menschlicher Struktur und Daseinsform zu schliessen; nicht 
durch Zwang, sondern in organischer Weise. 



b) Die Arbeitskommune der G.P.U. für Verwahrioste 

ä Bolschewo^ 

Es war die erste Arbeitskommune, die auf Anregung Djerzjinskis, 
des Leiters der G. P. U., für verwahrloste Kinder eingerichtet worden 
war. In welchem kapitalistischen Land hat je ein PoHzeichef eine 
prächtige Arbeitskommune für Verwalirloste eingerichtet? Das war 
im Jahre 1924. Das Grundprinzip lautete, dass Kriminelle völlig frei 
zu erziehen wären. Das Grundproblem bildete die Organisation der 
Kriminellen. Es wurde wie folgt gelöst: Zwei der Gründer der Kom- 
mune »Bolschewo « hatten zur Einleitung des Unternehmens eine 
Aussprache mit den Gefangenen des Butirkigefängnisses in Moskau. 
Es waren Jugendliche, die wegen Raub, Diebstahl, Vagabundage u. s. f. 



200 



Die Bremsung in den Jugendkommunen 



eingesperrt worden waren. Der Vorschlag der G. P. U. lautete: Wir 
geben Euch Freiheit, Möglichkeit kultureller Entwicklung, Unterricht, 
Teilnahme am Aufbau der Sowjetunion. Wollt Ihr mitkommen und 
eine Kommune gründen? Die Verwahrlosten waren zunächst miss- 
trauisch. Sie wollten und konnten nicht glauben, dass die G. P. U. 
die sie arretiert hatte, ihnen nun die Freiheit geben wollte. Sie ver- 
muteten eine Hinterlist und weigerten sich. Wie sich später heraus- 
stellte, fassten sie den Beschluss, sich die Sache anzusehen und dann 
davonzurennen, um weiter zu stehlen und zu rauben. 15 Jungens 
bekamen einen Führer, Geld für die elektrische Bahn und Essen. 
Ebenso erhielten sie volle Freiheit, zu gehen und zu kommen, wie und 
wann sie wollten. Als sie auf dem Gelände der zu errichtenden Kom- 
mune anlangten, untersuchten sie alle Gebüsche und Hecken nach 
versteckten Soldaten. Als sie ein altes eisernes Gitter erblickten, 
wurden sie misstrauisch und wollten davonrennen; sie vermuteten] 
dass das die Umzäunung wäre. Man beruhigte sie, überzeugte sie, dass 
nichts derartiges beabsichtigt wäre; sie blieben. Die Erweiterung der 
Zahl der Kommunemitglieder auf 350 und dann auf 1000 geschah 
ausschliesslich mit Hilfe dieser 15 Jungs. Sie setzten zunächst eine 
Liste von weiteren 75 Jungs auf und garantierten für sie. Sie selbst 
sandten die Delegierten ins Gefängnis, um die 75 weiteren Jungs zu 
holen. 

Nun ergab sich das Problem, wie die Arbeit am besten zu organi- 
sieren wäre. Man beschloss, eine Schuhfabrikation für die umgebende 
Bevölkerung einzurichten. Die Jungs ordneten alles selber. Sie errich- 
teten Kommunen für den Haushalt, für Arbeit, für Kulturabende. 
Der Lohn betrug anfangs etwa 12 Rubel monatlich bei freier Ver- 
pflegung und Station. 

Die Landbevölkerung protestierte heftig gegen die Errichtung der 
Kommune der Verwahrlosten. Sie richteten Petitionen an die Sowjet- 
Regierung, um dies zu verhindern; sie sperrten sich ab, sie hatten 
Angst. 

Allmählich begann die Kulturarbeit. Ein Klub wurde errichtet, 
ein Theater eingeführt; die Bauern der Umgebung wurden herange- 
zogen. Das Einvernehmen zwischen den Verwahrlosten und der Be- 
völkerung der Umgebung wurde im Laufe der Jahre so gut, dass die 
Jungs anfingen, Mädels aus den umliegenden Dörfern und Städtchen 
zu »heiraten«. 

Allmählich verwandelten sich die Kleinbetriebe in Fabriken für 
Sportgeräte. 1929 bestand eine Schuhfabrik, die 400 Schuhe und 1000 
Sehlittschuhe täglich sowie Kleider, Jumper usw. fabrizierte. Der 
Lohn betrug nun zwischen 18 Rubel für Neuangekommene bis zu 

100—130 Rubel für länger Ansässige. Die Arbeiter zahlton 34 50 

Rubel für ihre Erholung, Essen, Wohnung, Kleidung. 2 % ihres 
Lohnes ging für Kultureinrichtungen ab. Für die Neuankömmlinge 



»Bolschetvo«: 2OI 



bestand das Problem, wie sie mit 18 Rubeln das Leben bestreiten soll- 
ten. Die Antwort lautete: Wir geben euch Kredit, bis ihr voll ver- 
dient. 

Im Betrieb herrschte das gleiche Selbstverwaltungssystem, wie in 
den Betrieben der ganzen Sowjetunion. Es bestand ein Dreier-Direk- 
torium, das von der Belegschaft gewählt worden war und eine Insti- 
tution aus der Belegschaft, die über die Funktionen des Direktoriums 
zu wachen hatte. 

In der kulturpolitischen Abteilung bestanden einige Kommissio- 
nen, die neue Kriminelle heranzuziehen hatten. Die Kommune nahm 
an Zahl ständig zu. Hatten sich im Jahre 1924 — 25 noch die Verwahr- 
losten gefürchtet, in die freie Kommune einzutreten, so war jetzt der 
Andrang von Verwahrlosten zur Kommune so gross, dass die Beleg- 
schaft auf die glänzende Idee kam. vor der Aufnahme in die Gemein- 
schaft eine Prüfung mit den Neuankömmlingen abzuhalten. Diese 
Prüfung sollte beweisen, dass es sich tatsächlich um verwahrloste 
Verbrecher und nicht etwa um nichtkriminelle Arbeiter handelte. Es 
wurde genau erhoben, wo der Betreffende gefangen genommen wor- 
den war; was er verbrochen hatte; wie er seine Verbrechen angestellt 
hatte; was für Gefängnisse er kannte; wie sie innen eingerichtet 
waren usw. Konnte ein Neuankömmling diese Fragen nicht zufrie- 
denstellend beantworten — und die Kommissionsprüfer kannten sich 
sehr gut aus — , wurde ihm die Aufnahme verweigert. Nichthäftlinge 
wurden also nicht akzeptiert. Die Liste der Kandidaten wurde der 
allgemeinen Versammlung der Kommune vorgelegt. In der Ver- 
sammlung musste der Neue über sich berichten. War er unbekannt, 
dann erhielten 2 Mitglieder der Kommune den Auftrag, ihn zu be- 
treuen. Die Kandidatur dauerte sechs Monate; bewährte er sich in 
dieser Zeit, wurde er in die Kommune definitiv aufgenommen; be- 
währte er sich nicht, dann konnte er wieder ungehindert gehen. 

Allmählich entstanden eine Bibliothek, ein Schachklub, eine kleine 
Kunstsammlung, ein Kino, die sämtlich nicht von oben, sondern von 
gewählten Kommunarden geführt wurden. Es entstanden auch so- 
genannte Konfliktkommissionen. Versäumte jemand die Arbeit oder 
verspätete er sich, so erhielt er einen öffentlichen Verweis; wenn er 
rückfällig wurde, wurde ihm Geld vom Lohn abgezogen. In den alier- 
schwersten Fällen griff man zu folgendem Mittel: Die Kommune 
verurteilte den Betreffenden zu 1 oder 2 Tagen Arrest. Man gab dem 
»Sträfling« einen Zettel mit der Adresse des betreffenden Gefäng- 
nisses in Moskau. Gänzlich ohne Begleitung und Aufsicht fuhr er 
dort hin, sass ein, zwei Tage und kam freudig wieder zurück. 

Im Laufe der ersten drei Jahre gesellten sich zu 320 Jungens 30 
Mädchen. Es gab angeblich keine sexuellen Schwierigkeiten, denn 
die Jungs hatten Verbindung mit den Mädchen der Umgebung. Der 
Leiter der betreffenden Kommune erklärte mir auf meine ausdrück- 



-202 Die Bremsung in den Jugendkommunen 



liehe Frage, dass die Koinmunemitglieder sich gegenseitig in sexuellen 
Schwierigkeiten berieten, dass aber gröbere Excesse nur sehr selten 
wären. Das Leben ordnete sich wie von selbst dadurch, dass die Liehe 
uneingeschränkt genossen werden könnte. 

Die Kommune »Bolschewo« darf uns als das Musterbeispiel der 
auf dem Prinzip der Selbstverwaltung und der unauloritären Um- 
strukturierung beruhenden Erziehung jugendlicher Verbrecher gelten. 
Leider blieben derartige Kommunen vereinzelte Institutionen und aus 
uneinsichligen Gründen wurde das gleiche Prinzip in den folgenden 
Jahren nicht mehr angewendet. Das beweisen die Berichte aus dem 
Jahre 1935. Wir vergessen nicht, die Massnahmen des Jahres 1935 
fielen bereits in die Zeit, in der der allgemeine Rückschritt zu auto- 
ritären gesellschaftlichen Methoden grosse Fortschritte gemacht 
hatte. 



c) Die Jugend auf der Suche nach neuen Lebensformen 

Zur gleichen Zeit als mit Hilfe der NEP die Wirtschaft rekon- 
struiert wurde, spielte die Errichtung von privaten Kommunen eine 
hervorragende Rolle. In kollektiven Wohnheimen sollten die Jugend- 
lichen die kommunistische Form des Gemeinschaftslebens verwirk- 
lichen. Mehnert berichtet, dass diese Bestrebungen später wieder 
in den Hintergrund traten, und es wurde ihm meines Wissens darin 
nicht widersprochen. »Man ist nüchterner geworden«, schrieb er 
1932: j>Man gibt offen zu, dass es wenig Sinn hat, jetzt schon auf 
kleinen Inseln das letzte Stadium des Sozialismus, den Kommunismus 
vorwegzunehmen, während ringsherum das ganze Land sich noch 
in der Liquidation der NEP, in den allersten Anfängen des Sozialis- 
mus befindet. Die Schaffung von Kommunen ist trotz des grossen 
Eifers, mit dem man sie betrieb, mehr eine Verlegenheitsaufgabe 
gewesen. Deren bedarf es heute nicht mehr.« Diese Auskunft 
Mehnerts ist unbefriedigend. Mag sein, dass die Versuche, Ju- 
.gendkommunen zu gründen, Mitte der 20er Jahre verfrüht waren. 
Aus welchen Gründen scheiterten sie? Die sowjetistische Entwicklung 
kennzeichnet sich bis auf den heutigen Tag durch schweres Ringen 
der neuen Lebensformen mit den alten. Vom Ausgang dieses Kampfes 
wird das Schicksal der russischen Revolution bestimmt sein. Die 
Frage der Jugendkommunen ist nur ein Teilslück des gesamten 
Problems. Dass ihre Gründung eine »Verlegenheitsaufgabe« war, 
können wir nicht zugeben. Es ist viel wahrscheinlicher, dass dieser 
höchst ernste und bedeutsame Schritt der Jugend zunächst an un- 
einsichtigen Schwierigkeiten scheiterte. Das Neue konnte sich offen- 
bar nicht durchsetzen, weil es vom Alten überwuchert wurde. 



Auf der Suche nach neuen Lebensformen 



203 



Dennoch spricht man heute bereits in der SU vom »verwirklichten 
Sozialismus«^). 

Hören wir den Bericht aus einem Kommune-Tagebuch, den 
M e h n e r t gibt : 

Es war im Winter 1924. Bittere Not herrschte in der Sowjetunion, 
vor allem in den grossen Städten, in Moskau. Gemeinsamer Hunger] 
gemeinsame Entbehrungen, gemeinsamer Wohnungsmangel hatte die 
Menschen einander genähert. Das Zusammengehörigkeitsgefühl, das 
aus diesen gemeinsamen Erlebnissen wuchs, war so stark geworden, 
dass sich einige Freunde, die vor der Beendigung ihrer Schule standen] 
nicht mehr zu trennen vermochten. Noch waren sie sich über ihre 
Pläne nicht im klaren, aber nach den Jahren kollektiven kamerad- 
schaftlichen Zusammenarbeitens schien ihnen die Rückkehr in Ein- 
.zelfamilien unmöglich. Da tauchte die Idee auf, auch für die Zukunft 
zusammenzubleiben als eine grosse Familie — die Idee, eine Kom- 
mune zu gründen. Gross war die Zahl derer, die sich beteiligen 
wollten, aber die Auslese — - man war klug genug, sie für nötig zu 
halten — war streng; es gab Tränen der Abgelehnten. Nach langer 
erfolgloser Wohnungssuche wurden im zweiten Stock eines Hauses 
der Moskauer Altstadt, in einer früheren Kneipe, einige Zimmer frei. 
Im ersten Stock befand sich eine chinesische Wäscherei, deren Dampf 
durch alle Ritzen nach oben zog; nur nachts von zwei bis sechs Uhr. 
wenn die Arbeit ruhte, Hess sich leichter atmen. Aber das schadete 
nichts. Man war begeistert, ein Dach gefunden zu haben. 

Im April 1925 fand der Einzug statt. Die Wohnung: zwei Schlaf- 
zimmer, ein Wohnraum, »Klub« genannt, und eine Küche; das 
Mobiliar: Pritschen, zwei Tische und zwei Bänke. Zehn Menschen, 
fünf Mädchen und fünf junge Männer, wollten hier ein neues 
Leben aufbauen. 

Erst beabsichtigte man, alle Hausarbeit selber zu verrichten. Bald 
aber waren die Kommunarden so stark mit Aufgaben ausserhalb 
ihres Heims in Anspruch genommen, dass sie, als die erste Begeiste- 
rung verflogen war, den Haushalt zu vernachlässigen begannen. Eine 
grosse Schlamperei trat ein. Nach wenigen Monaten ist im Tagebuch 
zu lesen : 

»28. Oktober. Der Stubendienst hat verschlafen. Frühstück gab 
es nicht. Die Kommune wurde nicht aufgeräumt. Nach dem 
Abendessen wurde das Geschirr nicht gewaschen {es fehlt übrigens 
an Wasser). 

29. Oktober. Wieder kein Frühstück. Auch kein Abendessen. 



1) »In der Sowjetunion hat der Sozialismus unter der Führung der KPdSU, 
ihres leninistischen Zentralkomitees, unter der Führung des grossen Füh- 
rers der Werktätigen, des Genossen Stalin, endgültig und unwiderruflich ge- 
siegt.« (M a n n i 1 s k i in seinem Referat vor dem Moskauer und Leniu- 
gradcr Parteiaktiv über diu Ergebnisse des VII. Kongresses der Komintern.) 



304 Die Bremsung in den Jugendkoramunen 



Das Geschirr ist immer noch ungewaschen. Die Speisekammer ist . 

unaufgeräumt, ebenso die Toilette (überhaupt ist die Toilette fast li 

nie aufgeräumt). Überall liegt eine dicke Schicht Staub. Als wir uns 
schlafen legten, war die Tür unverschlossen. In zwei Zimmern blieb 
das Licht brennen. (Eine übliche Erscheinung). Nachts um zwei 
entwickelte unser Photoamaleur entgegen allen Bestimmungen seine 
Aufnahmen. 

30. Oktober. Wir haben mit dem Aufräumen angefangen: Aües 
ist auf dem Boden, auf den Fenstern, auf den Stühlen, auf und unter 
den Betten herumgeworfen. Im Klub sind Zeitungen, Tintenfässer, 
Briefe, Federhalter über das ganze Zimmer verstreut. Auf dem Tisch 
herrscht ein Chaos. In der Küche steht immer noch ungewaschenes 
Geschirr, sauberes gibt es nicht mehr. Der Küchentisch ist vollgepackt 
bis zur Grenze seiner Aufnahmefähigkeit. Der Wasserausfluss ist mit 
einer schmutzigen Fettschicht verstopft. Die Speisekammer ist eine 
Hölle. Die Kommunarden sind apathisch, ruhig und einige sogar 
zufrieden. — Bauen wir so ein neues Leben?« 

Einige Tage später wird der Beschluss gefasst, eine Haushälterin 
(Lohnarbeiterin) zu beschäftigen? Ist das nicht glatte Ausbeutung? 
Nach eingehender Beratung stellt man fest: »Jeder Mensch ist ge- 
zwungen, auf Schritt und Tritt gegen Entgelt fremde Dienste auf 
dem Gebiete der Hauswirtschaft in Anspruch zu nehmen: Er gibt 
Kleidungsstücke in die Wäsche, er holt eine Putzfrau, um den Boden 
zu reinigen, er bestellt ein Hemd bei einer Schneiderin. Die Beschäf- 
tigung einer Haushälterin ist im Prinzip dasselbe, nur werden bei 
ihr alle diese Einzeldienste in einer Person vereinigt.« So kommt die 
Haushälterin Akulina in die Kommune, mit ihr eine gewisse Ordnung 
und Sauberkeit. 

Trotzdem zeichnet das Tagebuch heim Ablauf des ersten Jahres 
der Kommune ein düsteres Bild. Das gegenseitige Verhältnis unter 
den Kommunarden ist nicht erfreulich. »Der Druck der schweren 
Zeit hat Nervosität und Gereiztheit hervorgerufen.« Schon sind vier 
Austritte erfolgt: Ein Mädchen ging, weil sie, wie sie sagte, in der 
Kommune ihre Gesundheit ruinierte; die zweite motivierte ihren 
Fortgang mit dem unzuträglichen Charakter eines der Jungens, die 
dritte heiratete und zog zu ihrem Mann, als vierter wurde ein junger 
Bursche, der einen Teil seiner Einnahmen in Höhe von 160 Rubel 
den Kommunekameraden verschwiegen und vorenthalten hatte, zur 
Strafe ausgeschlossen. So sind nur noch zwei Mädchen und vier 
Jungens zurückgeblieben. Das war Tiefstand und entscheidende 
Krise. Als der Sommer kam, ging es wieder aufwärts; bald wurde 
ein Bestand von elf Kommunarden — fast alle Studenten — erreicht. 
Schliesslich waren von den 10 ersten Gründern der Kommune nur 
vier übrig geblieben. Alle im gleichen Alter, 22 und 23 Jahre. Fünf 
Mädchen, sechs Jungens. 



Selbstverwaltung und autoritäre Dizipliniening 



205 



Jede Frage, selbst die kleinste, wurde auf VoUversammlungen der 
Kommune besprochen. Einzelne »Kommissionen« mussten für die 
verschiedenen Seiten des Lebens sorgen: Die Finanzkommission hatte 
die schwere Aufgabe, Einnahmen und Ausgaben im Gleichgewicht 
-ZU halten; die Wirtschaftskommission war für Verpflegung, Einkäufe 
und Ordnung im Heim verantwortlich; die studentisch-politische 
Kommission widmete sich den Hochschulfragen innerhalb der Kom- 
mune, kümmerte sich um Bibliothek und Zeitungen und hielt die 
Verbindung zwischen der Kommune und den Jugendorganisationen, 
in erster Linie dem Komsomol, aufrecht. Die Bekleidungskommission 
hatte Kleider, Wäsche, Schuhe unter sich, und die Hygienekommission 
achtete auf die Gesundheit der Kommunarden und versorgte sie mit 
Seife und Zahnpulver. 

Organisatorisch kennzeichnete sich die Kommune durch die 
Übernahme staatlich-formaler Lenkungsmassnahmen, der »Kommis- 
sionen«. Doch auch die moralischen Bedenken stellten sich ein, als 
die Kommunemitglieder über die ersten Schwierigkeiten der Ordnung 
ihres rein materiellen Seins hinweggekommen waren und das soge- 
nannte Privatleben sich meldete. 

Unter den Schwierigkeiten, die die Kommune belasteten, kann 
man Misstände unterscheiden, die Folgen unmittelbarer materieller 
Not, und solche, die Ausdruck struktureller Sexualangsl waren. 
Nach aussen hin hatte es den Anschein, als ob »Egoismus«, »Indivi- 
dualismus« und »kleinbürgerliche Gewohnheiten« den kollektivisti- 
schen Geist der Kommune schädigten. Diese alten »schlechten Eigen- 
schaften« versuchte man durch moralische Disziplinierung auszu- 
rotten. Man setzte ein Ideal, ein moralisches Prinzip vom »kollektiven 
Leben« gegen den »egoistischen Hang«. Man versuchte also, eine Or- 
ganisation, deren Prinzip die Selbstverwaltung und die freiwillige, 
innere Disziplin sein sollten, mit Hilfe moralisch-ethischer, ja autori- 
tärer Massnahmen aufzubauen. Woher stammte dieser Mangel an 
innerer Disziplin? Konnte eine Kommune auf die Dauer 
•den Widerspruch des Prinzips der Selbstverwal- 
tung zur autoritären Disziplinierung ertragen? 

Die Selbstverwaltung einer Kommune setzt psychische Gesund- 
heit voraus; diese wieder erfordert alle inneren und äusseren Be- 
dingungen eines befriedigenden Liebeslebens. Der Widerspruch zwi- 
schen Selbstverwaltung und autoritärer Disziplinierung wurzelte im 
Widerspruch zwischen dem angestrebten kollektiven Leben und der 
ilazu unfähigen psychischen Struktur der Kommunarden: Sie ver- 
sagten bei der Ordnung der Sexualverhältnisse in 
<ler Kommune. Das Kollektiv sollte der Jugend, die des Eltern- 
hauses und des Lebens in der Familie überdrüssig war, eine neue 
Heimat bieten; in dieser Jugend lebten jedoch gleichzeitig 
Familien scheu und Familien Sehnsucht. Die Probleme des 



206 Die Bremsung in den Jugendkommunen 



Holzhackens und der kleinen AUtagsverrichtungen wurden erst 
unlösbar durch die Verworrenheit der geschlechtlichen Beziehungen. 
Zunächst stellten die Kommunarden sehr richtige Forderungen auf. 
Die Beziehungen hätten »kameradschaftlich« zu sein. Doch, was das 
heisst »kameradschaftlich«, wurde nie klar. Es wurde richtig betont, 
dass die Kommune kein Kloster und die Kommunarden keine Asketen 
wären. In den Satzungen der Kommune hiess es sogar wörtlich: 

»Wir sind der Ansicht, dass eine Einschränkung der geschlecht- 
lichen Beziehungen {der Liebe) nicht statthaben soll. Die geschlecht- 
lichen Beziehungen sollen offen sein. Wir müssen uns zu ihnen be- 
wusst und ernsthaft verhalten. UnkameradschafÜiche Beziehungen 
haben den Wunsch nach Heimlichkeit und dunklen Ecken. Flirt und 
ähnliche unerwünschte Erscheinungen im Gefolge.« In diesen wenigen 
Sätzen erfassten die Kommunarden intuitiv richtig einen Grundsatz 
der Sexualökonomie: Unfreiheit der geschlechtlichen Beziehungen 
führt zur Sexualität auf der Hintertreppe. Waren die Kommunarden 
derart erzogen, derart ihrer Sexualität bewusst, derart gesund, dass 
sie diesem sexualökonomisch richtigen, kollektivistischen Prinzip 
Folge leisten konnten? Sie waren es nicht. 

Es stellte sich bald heraus, dass man mit Forderungen und 
Worten die schwierige Strukturfrage nicht lösen konnte. Man ent- 
deckte, dass der Wunsch eines befreundeten Paares, allein zu sein, 
sich ungestört der Liebe hinzugeben, keineswegs eine Folge unkame- 
radschaftlicher Beziehungen war. Sofort meldete sich die erste Frage 
des jugendlichen Lebens aller Schichten und Länder: Der Mangel 
eines eigenen Wohnraumes. Jedes Zimmer war voll von 
Menschen. Wo konnte sich das Licbesleben ungestört abspielen? 
Niemand hatte bei der Gründung der Kommune an die Fülle von 
Aufgaben gedacht, die sich aus der Frage des geschlechtlichen Bei- 
sammenseins allein ergeben würden. Diesen Wirklichkeiten des 
Lebens konnte mit keinem Befehl und keiner Disziplin abgeholfen 
werden. Die Verfassung der Kommune erhielt später einen Zusatz, 
der die Schwierigkeit mit einem Schlage aus der Welt schaffen wollte. 
Er lautete : »Geschlechtliche Beziehungen der Kom- 
munarden sind in den ersten Jahren der Kommune 
unerwünscht.« 

Das Protokoll behauptet, dass dieser Beschluss sich zwei Jahre 
lang durchführen Hess. Das halten wir nach allem, was wir von 
jugendlicher Sexualität wissen, für gänzlich ausgeschlossen. Es ist 
kein Zweifel, dass sich die geschlechtlichen Beziehungen heimlich, 
unsichtbar dem Auge der »Kommission« abspielten; und derart 
musste ein Stück reaktionärer Welt in die neue einbrechen. Der 
erste richtige Grundsatz der Kommune, in geschlechtlichen Fragen 
offen und freimütig zu sein, war gebrochen. 



Familie und Kommune 207" 



dj Der unlösbare Widerspruch zwischen Familie und Kommune 

Bei den Schwierigkeiten des Lebens in der Kommune handeile es 
sich nicht darum, ob nur die Mädels oder auch die Jungens bügehi und 
flicken sollten; es ging im Kern um die Fragen des geschlechtlichen 
Zusammenseins. Das beweist die teils neuartig revolutionäre, teils 
krampfhaft ängstliche Art, in der die Kommunarden mit den Ge- 
schiechtsproblemen fertig zu werden versuchten. Am Ende des 
schweren Konflikts stand das Resultat: Familie und Kom- 
mune sind unvereinbare Organisationen. 

Anfang 1928 trat diese Schwierigkeit in akuter Weise auf. Am 
12. Januar wurde laut Protokoll folgende Dehatte auf der von 
Wladimir einberufenen Kommuneversammlung geführt: 

»Wladimir: Ich heirate. Katja und ich haben uns zur Ehe 
entschlossen. Wir wollen unbedingt zusammenleben, und zwar in 
der Kommune, da wir uns ein Leben ausserhalb der Kommune nicht 
denken können. 

Katja: Ich stelle den Antrag auf Aufnahme in die Kommune. 

Sem Jon: Wie will Katja aufgenommen werden, als Frau 
Wladimirs oder einfach als Katja? Davon hängt unsere Ent- 
scheidung ab. 

Katja: Ich hatte schon lange die Absicht, den Aufnahmeantrag 
zu stellen, ich kenne die Kommune und will ihr Mitglied werden. 

Sergej: Ich bin für Aufnahme. Wenn Katja ihren Antrag un- 
abhängig von der Ehe mit Wladimir stellte, würde ich mir den Fall 
sehr überlegen. Aber hier handelt es sich nicht nur um Katja, 
sondern auch um einen unserer Kommunarden. Das dürfen wir nicht 
vergessen. 

Lei ja: Ich bin dagegen, dass man einen beliebigen Ehepartner 
in die Kommune aufnehmen rauss. Erst ist zu erwäge n» 
wie weit die Familie, die dadurch neu entsteht, in 
die Kommune passt(!). Für dieses Experiment halte ich 
allerdings Katja für denkbar geeignet, da sie ihrem Wesen nach für 
ein Kommuneleben qualifiziert ist. 

Mischa: Wir befinden uns in der Kommune augenblicklich in 
einer Krise. Eine Ehe würde eine Gruppenhildung 
innerhalb der Kommune darstellen und die Einheit 
der Kommune noch mehr erschüttern; daher bin ich 
gegen die Aufnahme. 

L e I j a: Wenn wir Katja nicht aufnehmen, verlieren wir 
Wladimir. Wir haben ihn jetzt schon fast verloren, er ist kaum 
zu Hause. Ich stimme für Annahme. 

Katja: Ich bitte, meinen Fall ohne »mildernde Umständea zu 
beurteilen, ich will richtiges Mitglied der Kommune werden und 
nicht nur Frau eines Kommunarden. 

Beschluss: Katja wird in die Kommune aufgenommen.« 



2ÖS Die Bremsung in den Jugendkoraraunen 

In das Schlafzimmer der Mädchen wurde eine neue Pritsche ge- 
rückt. Weder in den Kommuneprotokollen noch in der Mehnertschen 
Darstellung findet sich eine konkrete Auskunft, in -welcher Weise 
sich der Geschlechtsverkehr der jungen Kommunarden abspielte. Das 
Problem der Ehe eines Kommunarden w^ar zwar prinzipiell positiv 
entschieden, doch die Schwierigkeiten begannen erst nachher. Nach 
langen Debatten kam man zu der Feststellung, dass Kinder ange- 
sichts des Platzmangels und der materiellen Enge der Kommune un- 
erwünscht waren. Das Vorhandensein von Kindern würde den Stu- 
denten jede Möglichkeit nehmen, zu Hause in Ruhe zu arbeiten. Im 
Protokoll finden sich folgende Sätze; 

»Die Ehe ist in der Kommune möglich und erlaubt, jedoch muss 
die Ehe angesichts der schweren Wohnungssituation ohne Folgen 
bleiben. Abtreibung darf nicht vorgenommen werden.« 

In diesen drei Sätzen ist mehr an Problemen der geschichtlichen 
Umwälzung in der Sowjetunion enthalten als auf Tausenden Seiten 
formalistischer Protokolle. 

Satz 1: Die Ehe ist in der Kommune möglich und 
erlaubt. Man hatte doch bezweifelt, ob eine Ehe möglich wäre, 
und man hatte sie schliesslich erlaubt; man konnte das Liebesver- 
hältnis ja nicht verbieten. Auf die Idee, dass man nicht erst eine 
»Ehe« zu schliessen brauchte, um ein Liebesverhältnis zu unterhalten, 
kam man nicht, weil der Begriff der Ehe in der offiziellen Sowjet- 
ideologie jede geschlechtliche Beziehung deckte ; man unterschied 
nicht zwischen einer Beziehung, die mit dem Wunsch, auch Kinder 
zu haben, verknüpft war, und einer solchen Beziehung, die nur dem 
Liebesbedürfnis entsprang. Man unterschied auch nicht die kurze 
vorübergehende Beziehung von der dauernden; man dachte nicht an 
das Ende einer kurzen Beziehung, an die allmähliche Entwicklung 
der dauernden. 

Satz 2: Die Ehe muss angesichts der schweren 
Wohnungssituation ohne Folgen bleiben. Einerseits 
anerkannten die Kommunarden, dass man die Ehe schliessen kann, 
ohne Kinder zu haben, die man nicht hätte unterbringen können. 
Doch die Frage, wo sich der Geschlechtsverkehr ohne Folgen ab- 
spielen sollte, war zunächst das eigentliche Problem. In der deut- 
schen proletarischen Jugendbewegung hatte sich hier und dort bereits 
der Grundsatz durchgesetzt, die Lokalfrage dadurch zu lösen, dass 
ein Jugendlicher, der über ein Zimmer verfügte, es seinen Kameraden 
zum Zwecke ungestörten Alleinseins zur Verfügung stellte. So über- 
ragend die Notwendigkeit eines derartigen Beschlusses war, keine 
offizielle Parteistelle hätte es gewagt, ihn offiziell als Notmassnahrae 
zu vertreten. 

Satz 3: Abtreibung darf nicht vorgenommen 
werden. In diesem Satz drückt sich die konservative Tendenz aus, 



1 



Festhalten an der Eheideologie 



209 



eine Liebesbeziehung zwar zu gestatten, aber keine Abtreibung zu- 
zulassen; praktisch war also die Abstinenz als Ausweg gewählt. Kor- 
rekterweise hätte der Beschluss lauten müssen: »Da wir wegen 
Platzmangels vorläufig keine Kinder zulassen können, dürft Ihr 
zunächst keine Kinder haben. Wenn Ihr beisammen sein wollt, dann 
benutzt Empfängnisverhütungsmittel und sagt uns, wann Ihr un- 
gestört sein wollt.« 

Wie hilflos die Kommunarden in der Vorstellung von der Einheit 
von Fortpflanzung und Sexualbefriedigung verstrickt waren, zeigen 
die Diskussionen nach diesem Beschluss. Nicht alle Kommunarden 
waren mit ihm einverstanden, manche hielten ihn richtig für einen 
allzuscharfen Eingriff in die Gesetze der Natur, für grob, unklar 
und gesundheitsschädigend. Als nach Verlauf eines Jahres die Mög- 
lichkeit auftauchte, neue und grössere Wohnräume für die Kommune 
zu erhalten, wurde die genannte Resolution durch eine neue ersetzt: 
»Die Kommune lässt die Geburt von Kindern zu.« Die Frage der Un- 
gestörtheit des Geschlechtsverkehrs war wieder nicht berührt. Re- 
volutionär war die Stellungnahme, dass die Kinder von Kommu- 
narden als Kinder der Kommune angesehen und auf allgemeine 
Kosten erzogen werden sollten. 

Hier trat der Widerspruch zutage. Die Kommune war doch 
zweifellos die neue Form der »Familie«: ein Kollektiv nicht bluts- 
verwandter Menschen, das die alte Familie ersetzen sollte. Die Sehn- 
sucht nach dem Kollektiv ging zwar aus dem Protest gegen die 
familiäre Einschränkung des Lebens hervor; doch sie war selbst 
wieder der Ausdruck des Verlangens, in einer familienähnlichen 
Gemeinschaft zu leben. Man gründete also eine neue Familienform 
und behielt gleichzeitig innerhalb ihres Rahmens die alte Familien- 
form bei. Der Wirrwarr war gross. Nachdem sich die Verhältnisse 
innerhalb der Kommune konsolidiert hatten, tauchte der Gedanke 
an die Möglichkeit des Heiratens auf und führte in einer Debatte zu 
folgendem Beschluss: 

»Wenn jemand unter den Kommunarden zu heiraten wünscht, so 
ist das ganz in Ordnung und die Kommune darf ihm nicht im Wege 
stehen. Im Gegenteil, die Kommune muss sich bemühen, die für ein 
Familienleben notwendigen Voraussetzungen zu schaffen.« 

Der Widerspruch zwischen Familie und Kollektiv äusserte sich 
nun konkret in folgenden Fragen: Wie aber, wenn ein Kommunarde 
ein Mädchen ausserhalb der Kommune heiraten will, ein Mädchen, 
das in den Rahmen der Kommune nicht passt? Muss es von der 
Kommune aufgenommen werden oder nicht? Wie, wenn dieses 
Mädchen von ausserhalb garnicht wünscht, in die Kommune auf- 
genommen zu werden? Sollen dann Mann und Frau getrennt leben? 
15 



^ 



210 Die Bremsung in den Jugendkommunen 

Eine Frage gebar in dieser Weise die andere. Die Kommunarden 
wussten nicht; 

1. dass ein Widerspruch klaffte zwischen der neuen Form 
der Kommune und der alten Struktur der Kom- 
munarden, 

2. dass die Kommunen mit alter Ehe und Familie 
unvereinbar sind, 

3. dass und wie der strukturelle Umbau der in einer Kom- 
mune stehenden Menschen durchzuführen war. 

Der konservative Begriff der »Elhe« verknüpfte sich mit der Vor- 
stellung von der Unlöslichkeit der Beziehung; er umstrickte die Kom- 
munarden, sie fanden keinen Ausweg. 

Man hatte kaum Zeit gehabt, sich mit den familienrechtlichen 
Beschlüssen zu freuen, als sich Schlimmes ereignete. Das Tagebuch 
verzeichnet : 

»Wladimir hörte auf, Katja zu lieben. Er selbst vermochte nicht 
den Sachverhalt zu erklären. Als er heiratete, liebte er Katja, aber 
jetzt ist in ihm nichts weiter ausser einem rein kameradschaftlichen 
Gefühl übrig gebliehen, und ohne Liebe als Mann und Frau leben, 
das ist schwer und unnötig.« Die Konsequenz war Scheidung, doch 
die Kameraden waren darüber sehr erregt und vor allem führten die 
Mädchen sehr wilde Reden. 

»Wladimir ist ein Schwein«, hiess es. Vor der Ehe hätte er sich 
das überlegen müssen ] Er kann doch nicht erst heiraten und dann 
nach einer Weile wieder weglaufen. Das hat verdammte Ähnlichkeit 
mit spiesshürgerlicher Romantik: Wenn ich will, dann liebe ich, und 
wenn ich will, dann höre ich wieder auf. Heute kann ich ohne Dich 
nicht leben, lass uns heiraten, und nach einem Monat: tut mir sehr 
leid, ich liebe Dich nicht mehr, wir wollen einfach Kameraden sein.« 

Wie wenig Einfluss hatte doch im Grunde das sowjetistische 
Ehegesetz auf die seelische Struktur der Kommunarden gehabt ! Man 
hielt für spiessbürgerlich, was der Spiessbürger selbst so sehr 
fürchtet: die Lösung einer ehelichen Gemeinschaft. Dialektik! 

Die Jungens hatten grösseres Verständnis: Kein Zweifel, Wladimir 
hatte Katja geliebt, und er war nicht schuld, dass dieses Gefühl 
verschwunden war. Die Angelegenheit kam auf einer Vollversamm- 
lung der Kommune zur Sprache. Einige Mädchen fanden es sonder- 
bar, dass Katja von der ganzen Geschichte überhaupt keinem Men- 
schen etwas gesagt hatte und sie nun gar vor die Vonversainmlung 
brachte. Es gab einen langen Streit. Die einen sagten: »Wladimir 
hat recht, wenn er auf die Scheidung ausgeht, und wir dürfen ihn 
nicht verurteilen. Man kann ihn schliesslich nicht durch einen 



Kommunen scheitern 211 



Kommunebeschluss zum Lieben zwingen.« Die Mehrzahl verurteilte 
jedoch Wladimir, weil er leichtsinnig in die Ehe gegangen wäre und 
sich eines Komsomolzen und Kommunarden unwürdig benommen 
hätte. Eine Einigung war nicht zu erzielen. Die ganze Sache löste 
sich dadurch von selbst, dass Katja für einige Monate Moskau ver- 
lies. Als sie wiederkehrte, schloss sich ihr Wladimir wieder an, doch 
das Problem der Scheidung war dadurch nicht gelöst. Im Laufe der 
Zeit heirateten von 11 Kommunarden 5. An den Wohnverhältnissen 
hatte sich nichts geändert, d. h. Jungen und Mädchen hatten nach 
Geschlechtern getrennte Schlafzimmer. Eine sexualhygienisch un- 
mögliche Situation! 

Die Kommunardin Tanja schrieb einen verzweifelten Brief an 
ihren Mann: »Ich will ein persönliches Glück haben, ein kleines, ganz 
einfaches und ganz gesetzhches. Ich sehne mich nach einer stillen 
Ecke mit Dir allein, um mit Dir zusammen sein zu können, wenn wir 
es wünschen, damit wir uns nicht vor den anderen verstecken müssen, 
damit unsere Beziehungen voller, freier und freudiger werden. Kann 
denn die Kommune nicht verstehen, duss das eine menschliche Not- 
wendigkeit ist?« Wir behaupten, Tanja hatte die richtige kommu- 
nistische Struktur. 

Wir sehen jetzt deutlich, woran die Kommune scheiterte. Die 
Kommunarden verstanden Tanja sehr gut und litten selber unter 
den Wohnverhältnissen und der ideologischen Verworrenheit, doch 
sie konnten daran nichts ändern. Die Aufzeichungen hörten auf, das 
Problem versank und bestand unterirdisch weiter. Das Problem der 
Beziehung der Geschlechter im Kollektiv wäre noch lange nicht 
gelöst gewesen, wenn man die Wohnungsfrage gelöst hätte. Sie allein 
macht es noch nicht. Löst man die Raiimfragc, so schafft man nur 
eine wichtige äussere Voraussetzung. Unser Kommunarden-Ehe- 
paar kam nicht auf die Idee (und konnte infolge mangelnder Hilfe 
nicht auf die Idee kommen), dass man keine Dauerbeziehung ein- 
gehen darf, wenn man sich nicht überzeugt hat, dass man auch 
sexuell, rhythmisch und psychisch gleichzeitig zueinander passt; dass 
man, um dies festzustellen, erst eine Zeitlang miteinander ohne 
weitere Verpflichtung gelebt haben muss; dass die Anpassung an- 
einander oft lange Zeit in Anspruch nimmt; dass man fähig sein 
muss, sich wieder voneinander zu lösen, wenn man geschlechtlich 
nicht zueinander passt, Dass man Liebe nicht fordern kann, sondern 
dass sexuelles Glück entweder von selbst sich einstellt oder fehlt. 
Das alles hätten diese frischen Jungs und Mädels zweifellos nach 
einigen schweren Kämpfen von selbst herausgefunden, wenn ihnen 
nicht der Ehebegriff und die Gleichsetzung von Sexualität und Fort- 
pflanzung im Blute gesessen hätten. Diese Begriffe waren ihnen nicht 
angeboren, sie waren nur aus der gesellschaftlichen Ideologie nicht 
ausgetilgt worden. , 

15* 



212 Die Bremsung in den Jugcndkommuncn 

': 3. NOTWENDIGE STRUKTURELLE VORAUSSETZUNGEN 
Fassen wir zusammen: 

1. Die Familiensituation etwa um 1900 war relativ einfach. Die 
Menschen lebten abgekapselt in ihren Familien; es gab kein Kollektiv, 
das Forderungen stellte, die sowohl der Familiensituation wie der 
menschlichen familiären Struktur widersprachen. Die Familie stand 
auch in keinem Widerspruch zur gesellschaftlichen. Ordnung des 
patriarchalisch-autoritären Staates. Die unterdrückte Sexualität 
machte sich nur in Hysterien, charakterlichen Versteifungen und 
Verschrobenheiten, Dirnenbesuch, Perversionen, Selbstmorden, Kin- 
derquälerei und kleinbürgerlichem Kriegsfanatismus Luft. 

1930 war die Situation bereits komplizierter, auch in den bürger- 
lichen Gesellschaften. Die Familie zerfällt in Form des Widerspruchs 
zwischen kollekti\istischer Produktion und Vernichtung der ökono- 
mischen Basis der Familie. Die familiäre Institution ist nur mehr 
seilen wirtschaftlich, aber dafür umso stärker strukturell festge- 
halten. Sie kann nicht leben und sie kann nicht sterben. In der 
Familie leben können die Menschen nicht mehr und ohne Familie 
leben auch nicht. Mit einem Partner dauernd zusammenleben können 
sie nicht und allein sein auch nicht: Es gibt in den bürgerlichen 
Ländern keine neue Lebensform, die die sich aus den familiären 
Bindungen lösenden menschlichen Bedürfnisse übernehmen und 
befriedigen könnte. 

2. In der Sowjetunion wurde diese neue Form geboren. Es war 
die neue Familienform des Kollektivs nicht bluts- 
verwandter Menschen. Es schliesst die alte Ehe aus. Die 
nächste Frage ist nun, wie sich die geschlechtlichen Beziehungen in 
einer solchen Gemeinschaft gestalten werden. Das können wir nicht 
vorausbestimmen und dürfen es auch nicht wollen. Das einzige, was 
wir tun können, ist, den Umwäizungsprozess, den die sexuelle Revo- 
lution der Gegenwart darstellt, genau verfolgen und derjenigen 
Richtung zur Geburt verhelfen, die in keinem Widerspruch zu den 
wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Organisationsformen des So- 
zialismus steht. Allgemein gesagt: Uneingeschränkte, kon- 
krete Bejahung des sexuellen Glücks der Menschen. 
Weder die normative Dauermonogamie, noch die liebelecre, zufällige, 
unbefriedigende Beziehung (»Promiskuität«) entsprechen dieser 
Forderung. Der sowjetistische Kommunismus schliesst sowohl die 
Askese wie die lebenslängliche Monogamie als Norm aus. : Die Ge- 
schlechtsverhältnisse treten unter völlig neue Bedingungen; das Kol- 
lektiv vervielfacht derart die menschlichen Beziehungen des Ein- 
zelnen, dass eine Sicherung gegen einen Wechsel der Partner oder 
gegen Aufnahme von Beziehungen zu Dritten unmöglich ist. Man 
muss die Schmerzhaftigkeit und Schwere der Vorstellung, dass der 



Notwendigkeit der Anpassung der Struktur 213 

gelieble Partner einen Dritten umarmt, restlos begreifen, selber er- 
lebt haben, passiv und aktiv, um zu verstellen, dass dieses Problem 
kein maschinell-ökonomisches, sondern ein strukturelles des leben- 
digen Lebens ist. Bei gleicher Anzahl von Jungs und Mädels, Männern 
und Frauen in einem Kollektiv besteht leichtere Partnerwahl und 
auch grössere Möglichkeit zum Partnerwechsel. 

Der schmerzhafte Prozess der Geburt einer neuen sexuellen Ord- 
nung wurde schon im Kapitalismus in den sozialistischen und 
kommunistischen Jugendgruppen fühlbar. Ihn nicht heute schon 
begreifen und meistern lernen, wäre eine gefährliche Unterlassung. 
Begreifen und meistern nicht moralisch, sondern lebensbejahend» 
glücksichernd. Die sowjetistische Jugend hat bitteres Lehrgeld ge- 
zahlt. Sie soll nicht umsonst gelitten haben. 

Die menschliche Struktur muss der kollektiven Daseinweise an- 
gepasst werden. Diese Anpassung wird zweifellos die Herabsetzung 
der Eifersucht und der Angst, einen Partner zu verlieren, erfordern. 
Die Menschen sind sexuell meist in hohem Grade unselbständig, 
mit der Fähigkeit zu klebriger, liebeleerer Bindung an den Partner 
behaftet, daher zur Lösung von ihm unfähig; beim Verlust eines 
Partners fürchtet man, einen anderen nicht leicht zu finden. Diese 
Angst ist immer getragen von kindlichen Bindungen an Mutter, 
Vater oder ältere Geschwister. Die Ablösung der Familie durch das 
Kollektiv würde zweifellos derartige Bindungsfähigkeit schon im 
Kinde nicht aufkommen lassen. Dadurch entfiele der Kern der sexu- 
ellen Hilflosigkeit. Mit der Herstellung der kollektiven Lebensweise 
von Kindheit an und der Vernichtung der sexuellen Hilflosigkeit der 
Menschen, würde sich die Möglichkeit, passende Partner zu finden, 
ungeheuer vergrössern. Allein dadurch würde das Eifersuchtsproblem 
zwar nicht versehwinden, sich aber doch vereinfachen. Die Fähig- 
keit zum schadlosen Wechsel von Dauerbeziehungen ist eine der 
Grundfragen. Die Umstrukturierung hätte zur Aufgabe, die Menschen 
zur Vereinigung von zärtlicher und sinnlicher genitaler Liebe zu 
befähigen ; sie hätte die Fähigkeit zur vollen Hingabe, zu uneinge- 
schränktem sexuellen Erleben (orgastischer Potenz) von Kindheit an 
herzustellen und zu pflegen. Die Vorbeugung der Sexual Störungen, 
der neurotischen, unbefriedigenden Polygamie, der klebrigen Sexuai- 
ansprüche, der unbewussten Sexualität usw. wird riesenhafte An- 
strengungen erfordern. Nicht darauf kommt es an, den Menschen 
Vorschriften darüber zu machen, wie sie leben sollen ; sie müssen 
derart von Kindheit an erzogen werden, dass sie imstande sind, sich 
im lebendigen Flusse des kollektiven Lebens ihr geschlechtliches 
Dasein selber und ohne sozial gefährdende Schwierigkeiten zu ordnen. 
Das setzt in allererster Linie die uneingeschränkte, gesellschaftlich 
geförderte Entfaltung der natürlichen Genitalität voraus. Erst dann, 
nur dann werden sich die Fähigkeit zur freien Aussprache mit dem. 



214 Die Bremsung in den JuHundkommunen 



Partner und die Fähigkeit, eifersüchtige Regungen zu ertragen, ohne 
zu Gewalttätigkeiten zu schreiten, entwickehi. Die Konflikte des 
geschlechtlichen Lebens werden ja nicht aus der Welt geschafft sein, 
doch die Lösung dieser Konflikte kann und soll erleichtert werden. 
Eine zielbewusste, gesellschaftliche Neurosenverhütung hätte dafür 
zu sorgen. dasK die Menschen die alltäglichen Konflikte, denen sie 
ausgesetzt sind, nicht neurotisch komplizieren. Das sexuelle Selbst- 
bewusslsein der Massen wird, gestützt auf materiellen Reichtum der 
Gesellschaft, ethische Heuchelei zum sozialen Verbrechen stempeln. 
Die Vorstellung vom sozialistischen iiollektiven Dasein hat nichts mit 
einer Paradiesvorstellung zu tun. Kämpfen, Leiden, Sexualität ge- 
uiessen etc. gehören zum Leben. Doch es kommt darauf an, dass die 
menschliche Struktur imstande ist, Lust und Leid zu erleben und 
dieses Erleben auch zu bewältigen. Derartige Menschen werden zu 
Untertanendiensten unfähig sein. Nur genital gesunde Menschen 
sind fähig zu freiwilliger Arbeit und zur unautoritären Selbstver- 
waltung des Lebens. Die Aufgabe der Umstrukturierung wird nicht 
gelingen, sie wird nicht einmal begriffen werden, wenn dies nicht 
klar geworden sein wird. Die Nichtanpassung der sexuellen mensch- 
lichen Struktur an die kollektive Daseinsform muss zu objektiv reak- 
tionären Ergebnissen führen. Jeder Versuch, dies auf dem Wege 
moralischer, autoritärer Forderungen durchzusetzen, muss Fiasko 
erleiden. Man kann nicht zu :>freiwilliger« sexueller Disziplin auf- 
fordern. Diese Disziplin ist entweder vorhanden oder nicht vor 
handen. Man kann nur den Menschen zur vollen Entwicklung ihrer 
natürlichen Fähigkeiten verhelfen. 



1 



' I 



VI. KAPITEL 



EINIGE PROBLEME DER KINDLICHEN 

SEXUALITÄT 



Die sowjetrussischen Kindergärten, die ich 1929 besuchte, zeich- 
neten sich durch hervorragende Kollektivorganisation aus. Ein 
Kindergarten verfügte über 6 Pädagogen, die 5 Stunden mit den 
Kindern arbeiteten und eine Stunde sich darauf vorbereiten mussten. 
Die Leiterin und die Wirtschafterin waren Fabrikarbeiterinnen; den 
6 Pädagogen stand eine Sekretärin zur Verfügung. Unter den etwa 
30 Kindern befanden sich etwa 15 Fabrikkinder, der Rest stammte 
von technischen Hochschülern. Die Fabrik bezalilte für jedes Kind 
28 RubeL Der Rat des Kindergartens bestand aus der Leiterin, einem 
Pädagogen, zwei Elternvertretern, einem Komsomol, einer Vertre- 
terin des Bezirks und einem Arzt. Die Kinder waren antireligiös 
erzogen; an Feiertagen wurde gearbeitet. Im Schulunterricht fielen 
Themen auf, etwa: »Welche Bedeutung hat der Wald für die Men- 
schen«, oder: »Welche Bedeutung hat der Wald für die Gesimdheit«. 
Die Kinder arbeiteten sehr viel an Holzmaterial. Soweit die Ein- 
richtungen, die durchaus in der Richtung kommunistisch kollektiver 
Strukturbildung lagen. 

In sexueller Hinsicht sah es dagegen weniger gut aus. Die Päda- 
goginnen klagten über die Nervosität der Kinder. Vielfach konnte 
man feststellen, dass sich Schlaf Zeremonien zum Schutz gegen die 
Onanie hergestellt hatten. Onanierende Kinder wurden von den Eltern 
oft weggenommen. Die Pädagogin fügte hinzu: »Es onanieren sogar 
Kinder von Ärzten«. Am Schluss noch eine kleine Beobachtung: Ich 
stand am Fenster eines Kindergartenraumes, das in den Garten 
führte. Wir sprachen mit der leitenden Pädagogin. Draussen spielton 
die Kinder, und ich sah wie ein kleiner Junge sein Glied hervorholte 
und ein kleines Mädchen es beguckte. Die zwei Kinder standen seit- 
lich an einem Baum. Es war gerade in dem Augenblick, als die 



216 Einige Probleme der kindlichen Sexualität 



Pädagogin uns versicherte, dass in ihrem Kindergarten »so etwas 
wie« kindliche Onanie oder Sexualität nicht vorkomme. 



1. KOLLEKTIVE STRUKTURIERUNG 

Die Geschichte der Idcologiebiidung lehrt, dass jedes gesellschaft- 
liche System sich bewusst oder unbewusst der Beeinflussung der 
Kinder jeder Generation in seinem Sinne bedient, um sich in der 
Struktur der Menschen zu verankern. Verfolgen wir die Art dieser 
Verankerung der sozialen Ordnung in der psychischen Struktur der 
Kinder von der mutterrechtlichen zur vaterrechüichen Gesellschaft, 
so können wir feststellen, dass im Zentrum der Beeinflussung die 
Sexualerziehung des Kindes steht. In der mutterrechtlichen Ge- 
sellschaft, die auf der sozialen Ordnung des Urkommunismus ruht, 
gemessen die Kinder keinerlei Einschränkung ihrer geschlechtlichen 
Freiheit. In gleichem Schritt mit der Entwicklung patriarchalischer 
Keimzellen in der Wirtschaft und im sozialen Bau entwickelt sich 
auch die asketische Ideologie für das kindliche Leben. Dieser Um- 
schwung in der Einstellung zum Geschlechtsleben der Kinder steht 
im Dienste der Erzeugung autoritär eingestellter Strukturen anstelle 
der bisherigen unautoritären. In der mutterrechtliehen Gesellschaft 
entspricht dem kollektiven Leben im allgemeinen die kollek- 
tive Sexualität der Kinder; d. h., das Kind wird durch keinerlei 
Normen in bestimmte Formen seines Geschlechtslebens eingezwängt. 
Die freie Sexualität des kindlichen Daseins gibt eine feste struk- 
turelle Grundlage ab für freiwillige Einordnung ins Kollektiv und 
freiwillige Arbeitsdisziplin. 

Mit der Entwicklung der patriarchalischen Familie, die in Gegen- 
satz zur Gens tritt, entwickelt sich dann die sexuelle Unterdrückung 
des Kindes. Sexuelle Spiele mit Gefährten werden verboten. Die 
Onanie tritt allmählich unter den Druck der Bestrafung für sexuelle 
Handlungen. Aus einem Bericht von Roheim über die Kinder der 
Pitchentara geht klar hervor, wie erschreckend sich das allgemeine 
Wesen des Kindes verändert, wenn es seine natürliche Geschlecht- 
lichkett nicht mehr leben darf. Es wird scheu, verhalten, ängstlich, 
geduckt, autoritätsfürchtig und entwickelt unnatürliche sexuelle 
Triebregungen, wie etwa sadistische Neigungen. An die Stelle des 
freien, »furchtlosen« Wesens treten Gehorsamkeit und Leichtbeein- 
flussbarkeit. Die Niederhaltung der sexuellen Regungen erfordert 
viel Energie, Aufmerksamkeit, »Selbstbeherrschung«. In dem Masse, 
in dem die vegetativen Kräfte des Kindes sich nicht mehr ganz der 
Aussenwelt und der Triebbefriedigung zuwenden können, verliert es- 



Kollektive Struktuierung 217 



auch an motorischer Kraft, Beweglichkeit, Mut und Realitätssinn. 
Es wird »gehemmt«. Im Zentrum dieser Hemmung steht regelmässig 
die Hemmung der Motorik, des Laufens, Tollens, kurz der Muskel- 
tätigkeit ganz allgemein. Man kann allgemein beobachten, wie die 
Kinder der patriarchalischen Kulturkreise immer um das 4., 5. oder 
6. Lebensjahr herum erstarren, erkalten, »still« werden und sich 
gegen die Welt ahzupanzern beginnen. Sie verlieren dadurch ihren 
natürlichen Liebreiz und werden sehr oft ungelenk, unintelligcnt, 
trotzig, »schwer erziehbar«; das provoziert seinerseits wieder Ver- 
schärfung der patriarchalischen Erziehungsmethoden. Auf dieser 
strukturellen Grundlagen entwickeln sich auch gewöhnlich die reli- 
giösen Neigungen, sowie schwere Bindung an die Eltern und Ab- 
hängigkeit von ihnen. Das, was dem Kinde an natürlicher Motorik 
verloren geht, beginnt es nunmehr durch phantasierte Ideale zu er- 
setzen. Es wird in sich gekehrt und neurotisch, »verträumt«. Je 
schwächer sein Ich in der Wirklichkeit wird, desto strengere Ideal- 
Forderungen stellt es dann an sich, um dennoch leistungsfähig zu 
bleiben. Wir müssen grundsätzlich zwischen den Idealsetzungen 
unterscheiden, die sich aus der natürlichen vegetativen Beweglichkeit 
des Kindes ergeben, und den Idealen, die sich aus der Notwendigkeit 
der Selbstbeherrschung und der Triebunterdrückung entwickeln. Den 
ersteren entspricht die frei strömende produktive Arbeit, der letzteren 
die Arbeit aus Pflicht. An die Stelle des Prinzips der Selbsteuerung 
in der sozialen Anpassung und der freudevollen Arbeitsleistung tritt 
somit strukturell das Prinzip der autoritären Gefolgschaft, gleich- 
zeitig mit der Rebellion gegen die Arbeitslast. Begnügen wir uns 
mit dieser allgemeinen Schilderung. In Wirklichkeit sind die Ver- 
hältnisse sehr kompliziert und können nur in speziellen charakter- 
analytischen Untersuchungen dargelegt werden. 

Uns interessiert hier vor allem die Frage, wie sich eine sowjetisti- 
sche Gesellschaft in den Kindern reproduziert. Gibt es spezifische 
Unterschiede zwischen der erzieherischen Reproduktion des bürger- 
lichen, patriarchalischen und des sowjetistischen, nichtpatriarchali- 
schen Systems? Versuchen wir das grundsätzlich an Hand einzelner 
Beispiele zu fassen. Es gibt zwei Möglichkeiten: 

1. die, dem Kind an die Stelle bürgerlich patriarchalischer Ideale 
kommunistisch revolutionäre einzupflanzen, 

2. die, auf eine derartige Einpflanzung von Idealen zu verzichten 
und an dessen Stelle die Struktur des Kindes derart heranzubilden, 
dass es von selbst kollektiv und kommunistisch reagiert und die 
allgemeine revolutionäre Atmosphäre ohne Widerstreben 
aufnimmt. 

Wir dürfen ohne Bedenken sagen, dass die zweite Art der Repro- 
duktion dem Prinzip der erstrebten Selbsteuerung der kommunisti- 
schen Gesellschaft entspricht, die erste jedoch nicht. 



218 Eiaige Probleme der kindlichea Sexualität 

Wenn sich in allen geschichtlichen Perioden die Umstrukturierung 
der Kinder durch Verwandlung ihrer sexuellen Struktur vollzog, 
dann kann die kommunistische Slrukturierung davon keine Aus- 
nahme machen. Man konnte auch in der Sowjetunion viele verein- 
zelte Ansätze zu dieser Art der Strukturierung sehen. So bemühten 
sich viele Pädagogen, besonders die analytisch orientierten, wie etwa 
Wera Schmidt, Spielrein etc. die sexuell positive Er- 
ziehung der Kinder durchzusetzen. Doch diese Ansätze blieben 
vereinzelt, und im grossen und ganzen blieb die sexuelle Kinder- 
erziehung in der Sowjetunion seKuel! negativ. Diesem Umstände ist 
eine grosse Bedeutung zuzuschreiben. Notwendigerweise musste dem 
erstrebten kollektiven Leben die Struktur der Kinder angepasst 
werden. Diese Anpassung war ohne Bejaliung der kindlichen Sexu- 
alität unmöglich, denn man kann nicht Kinder in einem Kollektiv 
erziehen und gleichzeitig die lebendigste ihrer Regungen, die sexuelle, 
unterdrücken. Tut man es dennoch, so lebt das Kind zwar ausserlieh 
im Kollektiv, doch innerlich muss es noch viel mehr Energie als in 
der Familie aufbringen, um seine Sexualität niederzuhalten und 
daher viel konfliktreicher vereinsamen. Aus der Vereinsamung bei 
äusserem Kollektiv gibt es für den Erzieher dann aber nur einen 
Ausweg, nämlich den der harten Disziplinierung, der äusserlich auf- 
gezwungenen »Ordnung«, des Aufbaus von Dämmen und Idealen 
gegen die im Kollektiv besonders gesteigerte sexuelle Regsamkeit. 
Die Einwände gegen die Kollektiverziehung beruhen meist in der 
Angst vor dem sog. »Schlechtwcrden« der Kinder, ihren sexuellen 
Spielen etc. 

Die Eindrücke von den Kindergärten waren sehr widersprechend. 
Alte patriarchalische Formen herrschten neben neuen, ungewohnten, 
sehr hoffnungsvollen. Die Kinder hatten selber über ihre Angelegen- 
heiten miteinander unter der Führung eines Pädagogen zu beraten 
(»Selbstverwaltung«). Nicht äusserlich sondern strukturverändernd 
wirkte zweifellos die Vereinheitlichung von Handarbeit lind geistigem 
Lernen. Die sogenannten Arbeitsschulen, in denen die Kinder 
neben Geographie, Mathematik und andern Fächern auch immer 
ein Handwerk lernten, sind zweifellos die Grundformen der Untcr- 
richtsan stalten zur Herstellung kollektiver Strukturen. Noch bis vor 
wenigen Jahren herrschte zwischen Schülern und Lehrern ein nicht 
phrasenhaftes, sondern echt kameradschaftliches Verhältnis, Im 
»Tagebuch des Schülers Koslja Rjabzew« liest man bezeichnende 
Anekdoten aus dem Leben der Kinder in ihrer Beziehung zum Lehrer, 
die uns das lebensfrohe ihrer Kritik und Intelligenz zeigen. Besonderen 
Eindruck als Muster kommunistischer Strukturbildung machte eine 
Einrichtung in den Moskauer »fliegenden Kindergärten« im Kultur- 
park. Die Besucher des Kulturparks konnten die Kinder während 
der Zeit des Aufenthalts in einem Kinderheim unierbringen, wo Päda- 



Kommunistische MassnahmcD 219 



gogen und Kindergärtnerinnen mit ihnen spielten. Auf diese Weise 
verschwand das öde, trostlose Bild des Kindes, das gelangweilt und 
widerwärtig an der Hand der Eltern im Park daherschlenkert. So 
lernten fremde Kinder einander kennen, freundeten sich gegenseitig 
an und trennten sich ebenso leicht und rasch wieder; gelegentlich 
führten sie eine geschlossene Freundschaft weiter. Die Kinder vom 
2. bis 10. Lebensjahr wurden ganz »unordentlich« in einem Saale 
zusammengebracht, jedes Kind bekam irgendein Instrument primi- 
tivster Art, wie einen Schlüssel, einen Löffel, einen Teller usw. in die 
Hand. Ein musikalischer Pädagoge setzte sich ans Klavier und 
stimmte irgendwelche Akkorde und Rhythmen an. Ohne irgendwelche 
Aufforderung, Mahnung oder Lenkung fingen die Kinder nun aü- 
mählich an, in den betreffenden Rhythmus einzufallen und im Laufe 
•weniger Minuten hatte sich das wunderbarste Orchester hergestellt. 
Nicht dass ein Kulturpark vorhanden ist, ist spezifisch kommu- 
nistisch. Kulturparks gibt es auch in den hochindustricllen bürger- 
lichen Ländern; aber dass in diesem Kulturpark Kinder in einer 
■derart fabelhaften Weise zusammengefasst und unterhalten werden, 
ist spezifisch kommunistisch. Der Motorik des Kindes ist in diesem 
Falle durchaus Rechnung getragen. Und Kinder, die derartige Freude 
an unorganisiert organisiertem Spiel erleben, werden strukturell 
fähig und bereit sein, kommunistische Ideologie nicht nur nachzu- 
plappern, sondern von sich aus zu entwickeln. 

Die Frage der Handhabung der kindlichen Motorik führt uns ins 
Zentrum der pädagogischen Probleme. 

Die revolutionäre Bewegung hat ja ganz allgemein die Aufgabe, 
die gebundenen und bisher unterdrückten vegetativen Regungen der 
Menschen zu befreien und zu befriedigen. Dies ist doch der eigent- 
liche Sinn der sozialistischen Planwirtschaft. Durch eine zureichende 
und ständig fortschreitende MÖglichmachung der Bedürfnisbefriedi- 
gung sollen die Menschen in die Lage versetzt werden, ihre natür- 
lichen Anlagen und Bedürfnisse zu entwickeln. Ein Kind, das motc 
risch seinen Bedürfnissen entsprechend ungebunden und ungehemmt 
ist, ist an sich reaktionärer Ideologie und reaktionären Lebenssitten 
schwer oder garnicht zugänglich. Ein motorisch gehemmtes, scheues 
Kind dagegen ist jeder ideologischen Verrottung fähig. Ins Gebiet der 
freien Motorik des Kindes gehören z. B. auch die Bestrebungen der 
Sowjetregierung in den ersten Jahren nach der Revolution, den 
Kindern völlige Freiheit in der Kritik der Eltern einzuräumen. Eine 
Massnahme, die in den westeuropäischen Ländern zuerst garnicht 
verstanden wurde und unausdenkbar schien. Hier und dort konnte 
man hören, dass das Kind seine Eltern beim Vornamen nannte; 
diese Tatsache lag durchaus in der Richtung freier unauloritärcr 
Beziehungen. Also sowohl Schule als auch Elternhaus begannen sich 
in der Richtung der kommunistischen Umstrukturierung der Kinder 



220 Einige Probleme der kindlichen Sexualität 

umzustellen. Dieser Richtung, die wir noch durch viele Beispiele 
beleuchten könnten, stand eine zweite gegenüber, die sich leider in 
den letzten Jahren immer mehr durchgesetzt hat, Sie triumphierte 
vor kurzem darin, dass den Eltern wieder die Verantwortung für die 
Erziehung gegeben wurde. Also auch hier ein Rückschritt zu pa- 
triarchalischen Formen der kindlichen Erziehung. Von einer Fort- 
führung der komplizierten Probleme der Kollektiverziehung der 
Kinder hörte man in den letzten Jahren immer weniger. Die 
Familienerziehung gewann wieder Oberhand. Es ist schwer zu 
beurteilen, wieviel noch von der ursprünglichen Richtung bestehen 
blieb. Doch die Richtung auf die patriarchalischen Formen der 
Kindererziehung hin hat zweifellos starke Stütze in der Art des po- 
litischen Unterrichts der Kinder in der Schule gefunden. So lesen 
wir z. B. in pädagogischen Mitteilungen, dass die Kinder in den 
Schulen politische Wettkämpfe ausfechten. Fragen von der Art: 
s)Wie lautet die xte These auf dem VI. Weltkongress?« zeigen uns, 
dass die äusserliche Art der Einpflanzung kommunistischer Ideologie 
vorherrschend war. Es ist garnicht zu bezweifeln, dass ein Kind nicht 
die geringste Voraussetzung dazu hat, irgendwelche Thesen eines 
Weltkongresses auch wirklich innerlich zu begreifen und zu beur- 
teilen. Und mag es auch derartige Wettkämpfe gewinnen, gedächtnis- 
mässig die Thesen glänzend wiedergeben: Es ist trotzdem gegen 
faschistische Einflüsse nicht im geringsten gefeit. Es wird sich 
faschistische Formeln ebenso leicht eintrichtern lassen. Im Gegensatz 
dazu wird ein Kind, dessen Motorik völlig frei war, und dem seine 
natürUche Geschlechllichkeit im Spielen freigegeben wird, streng 
autoritären asketischen Beeinflussungen widerstehen. In der autori- 
tären, oberflächlich äusserlichen Beeinflussung der Kinder kann die 
politische Reaktion mit der revolutionären Erziehung immer kon- 
kurrieren. Dies ist auf dem Gebiete der sexuellen Erziehung voll- 
kommen ausgeschlossen. Niemals kann es eine reaktionäre Ideologie 
oder politische Richtung zuwegebringen, den Kindern hinsichtlich ihres 
Geschlechtslebens dasselbe zu bieten wie die soziale Revolution. Doch 
Aufzüge, Märsche, Fahnen, Lieder, Uniformen kann sie ihnen zwei- 
fellos in besserer Weise bieten. 

Wir sehen, worauf es grundsätzlich ankommt: Die revolu- 
tionäre Strukturierung des Kindes hat sich der 
Freilegung seiner vegetativen, sexuellen Beweg- 
lichkeit zu bedienen. Sie ist darin konkurrenzlos. 



2. UNAUTORITÄRE UMSTRUKTURIERUNG BEIM 
KLEINKINDE 

Die Kernaufgabe der unautoritären Umstrukturierung der Men- 
schen ist die sexuell bejahende Erziehung des Kindes. 



UDautoritärc Strukturierung 



221 



Am 19. August 1921 gründete die Moskauer Psychoanalytikerin 
Wera Schmidt ein Kinderheim, in dem sie den Versuch einer 
korrekten Erziehung des Kleinkindes unternahm. Die Erfahrungen, 
die sie 1924 in ihrer kleinen Schrift »Psychoanalytische Erziehung in 
Sowjetrussland« veröffentlichte, bestätigen, dass das, was die Sexual- 
ökonomie heute für die kindliche Entwicklung lehrt, sich damals 
spontan aus einer sehr lebensnahen und lustbejahenden Einstellung 
ergab. Die Richtung, die Wera Schmidt einschlug, verlief völlig im 
Sinne der Bejahung der kindlichen Sexualität. 

Die wesentlichen Grundsätze des Kinderheimes waren folgende: 
Die Erzieherinnen wurden darüber belehrt, dass es im Kinderheim 
keine Strafen gibt. Sie wurden angewiesen, nicht einmal in strengem 
Ton mit den Kindern zu sprechen. Jede subjektive Beurteilung der 
Kinder sollte unterbleiben. Lob und Tadel wurden als für das Kind 
unverständliche Urteilsäusserungen der Erwachsenen angesehen; sie 
dienten doch nur dazu, seinen Ehrgeiz und sein Selbstgefühl zu be- 
friedigen. Mit diesen wenigen Grundsätzen war mit einem Schlage 
das moralisch autoritative Prinzip aus der Erziehung ausgeschaltet. 
Was trat an seine Stelle? 

Beurteilt wurde das objektive Ergebnis des kindlichen Handelns 
und nicht das Kind selbst. Man bezeichnete aiso etwa ein von einem 
Kind gebautes Haus als schön oder nicht schön, ohne das Kind 
dafür zu loben oder zu tadeln. Bei einer Rauferei wurde z. B. der 
Beleidiger nicht getadelt, sondern es wurde ihm der Schmerz ge- 
schildert, den er dem andern zugefügt hatte. 

Die Erzieherinnen mussten sich in Gegenwart der Kinder die 
allergrösste Zurückhaltung auferlegen; Sie durften keinerlei Be- 
merkungen wertender Art über die Eigenarten und das Benehmen 
der Kinder machen. Ebenso mussten die Erzieherinnen gegenüber 
den Kindern mit Zärtlichkeilen und Liebkosungen äusserst sparsam 
sein. Strengstens verboten waren im Kinderheim stürmische Liebes- 
äusserungen von Seiten der Erwachsenen wie etwa heisse Küsse, 
innige Umarmungen etc. Sehr richtig betont Vera Schmidt, dass 
derartige Liebesäusserungen viel mehr der Befriedigung der Er- 
wachsenen als dem Bedürfnis der Kinder dienen. 

Dadurch war mit einem zweiten schädlichen Prinzip der moralisch- 
autoritären Kindererziehung gebrochen; Wer ein Kind zu prügeln 
sich berechtigt fühlt, glaubt ebenso berechtigt zu sein, seine un- 
befriedigte Sexualität daran auszuleben; hierin pflegen die Verfechter 
der familiären Erziehung gewöhnlich Vorbilder zu sein. Bricht man 
mit der Strenge und der moralischen Bewertung des Kindes, dann 
erübrigt sich auch die Notwendigkeit, durch Küsse wieder gut- 
zumachen, was man durch Prügel verbrochen hat. Die gesamte 
Umgebung des Kindes wurde seinem Alter und seinen Bedürfnissen 
angepasst. Die Spielzeuge und Materialien wurden so ausgewählt. 



Ü22 Einige I'roblcmc der kindlichen Sexualität 

dass sie dem Tätigkeitsdrang Rechnung trugen und die schöpferischen 
Kräfte im Kinde anregen mussten; entstanden neue Bedürfnisse bei 
den Kindern, so wurden auch das Spielzeug und das Arbeitsmateriat 
entsprechend gewechselt. 

Das Prinzip der Anpassung des Materials an das Bedürfnis statt 
der des Bedürfnisses an das Materia! entspricht durchaus der Grund- 
anschauung der Sexualökonomie ; sie kann über den Kindergarten 
hinaus auf das gesamte gesellschaftliche Sein angewendet werden. 
Es sind nicht die Bedürfnisse der Wirtschaft, son- 
dern die Wirtschaftseinrichtungen den Bedürf- 
nissen anzupassen. Derart enthüllte sich das sexualökono- 
mische Prinzip im Kindergarten Vera Schmidts im Gegensalz 
zum moralisch- autoritativen Prinzip in den Montessori-Kindergärten, 
in denen die Kinder ein einmal aufgestelltes Material in uniformer 
Weise sozusagen bedienen müssen. 

Vera Schmidt vertrat die Auffassung; »Wenn die Anpassung 
des Kindes an die realen äusseren Verhältnisse ohne grössere 
Schwierigkeiten vor sich gehen soll, darf die Aussenwelt ihm nicht 
als feindliche Macht erscheinen. Wir bemühen uns deshalb, ihm die- 
Realität so angenehm als möglich zu machen und ihm jede primitive 
Lust, auf die es verzichten lernen soll, durch vernünftige rationale 
Freuden zu ersetzen.« 

D. h. das Kind muss die Realität, der es sich freiwillig anpassen 
soll, erst lieben lernen. Es muss sich mit der umgebenden Welt 
freudevoll identifizieren können; das ist das sexualökonomi- 
sche Prinzip; im Gegensatz dazu steht das moralisch-autori- 
täre, durch das versucht wird, das Kind einer ihm prinzipiell 
entgegengesetzten und feindseligen Umwelt anzupassen, nicht in 
liebevoller Identifizierung mit dieser Umwelt, sondern mit einer 
Verpflichtung, wenn nicht mit Hilfe moralischen Druckes. Dass eine 
Mutter oder eine Erzieherin sich so benimmt, dass das Kind es 
spontan liebt, ist sexualökonomisch. Dass es eine gesellschaftliche, 
religiöse oder gesetzliche Forderung gibt »Du musst Deine Mutter 
lieben«, auch wenn sie sich nicht liebenswert benimmt, ist moralisch- 
autoritäre Regelung. 

Die Notwendigkeit, sich dem gesellschaftlichen Zusammenleben 
einzuordnen, wurde auf verschiedene Arten erleichtert. Die For- 
derungen ergaben sich aus den täglichen Lebensbedingungen und der 
Lebensordnung der Kindergemeinschaft und nicht aus der Willkür 
neurotischer, kranker, ehrgeiziger, liebeshungriger Erwachsener. Man 
erklärte den Kindern vernünftig, was und weshalb man etwas von 
ihnen verlangte; man gab ihnen keine Befehle. Auf Triebbefriedigun- 
gen, die es korrekter Weise aufgeben sollte, verzichtete es dadurch, dass 
es dagegen eine andere Triebbefriedigung eintauschte, etwa die Be- 
friedigung des nächsthöheren Triebanspruchs, die Liebe der Er- 



Triehfrciheit und Sozialität 223 



wachsenen oder der Kameraden etc. Selbstbewusstsein und Unab- 
hiingigkeitsgefühl des Kindes wurden gesteigert und gestützt, weil 
diejenigen Kinder sich am leichtesten in die Notwendigkeiten des 
Lebens fügen, die nicht geführt, sondern selbstbewusst und unabhängig 
sind. Derartige Tatsachen sind einem Feldwebelerzieher völlig unver- 
ständlich und doch sind sie eine Selbstverständlichkeit. Das sexual- 
ökonomische Prinzip des freiwilligen Verzichts auf sozial nicht mehr 
mögliche Triebbefriedigung wurde auch bei der Reinlichkeitserziehung 
angewendet. Verbote irgendwelcher Art seitens der Erzieher waren 
streng ausgeschlossen. Die Zöglinge des Kinderheims wussten nicht, 
dass man ihre Sexualregungen anders beurteilen könnte als die 
anderen natürlichen Körperbedürfnisse. Sie befriedigten sie daher 
ohne Scheu und ruhig vor den Augen der Erzieherinnen nicht anders 
als Hunger und Durst. Das ersparte den Kindern jede Heimlichkeit, 
stärkte ihr Vertrauen und ihre Bindung an die Erzieherinnen, förderte 
die Anpassung an die Realität und schaffte auf diese 
Weise eine günstige Grundlage für die gesamte Entwicklung. Die 
Erzieherinnen hatten unter diesen Bedingungen volle Möglichkeit, die 
Sexualentwicklung der Kinder Schritt für Schritt zu verfolgen und 
die Sublimierung einzelner Triebregungen zu fördern und zu unter- 
stützen. 

Dankenswert ist der Hinweis Wcra Schmidts auf die Not- 
wendigkeit, dass der Erzieher an sich selber arbeiten müsse. Es 
stellte sich heraus, dass regelmässig Unruhe oder Unordnung bei 
den Kindern die Folge eines neurotisch unbewusstcn Verhaltens der 
Erzieher waren. 

Eine sexualökonomische Erziehung des kleinen Kindes ist unmög- 
lich, solange die Erzieher nicht frei von irrationalen Regungen sind 
oder sie zumindest kennen und beherrschen. Das zeigt sich sofort, 
wenn man den konkreten Inhalt dieser Erziehung beachtet. 

In den sogenannten westlichen Kulturkreisen ertragen es die 
Mütter und Erzieherinnen nicht, das Kind lange über den sechsten 
Monat hinaus nicht ans Töpfchen gewöhnt zu haben. In Wera 
Schmidts Kindergarten ging man erst ungefähr am Ende des 
2. Lebensjahres dazu über, die Kinder »in bestimmten Zeilabständen« 
auf den Topf zu setzen; niemals wurden sie jedoch auch nur mit 
Spuren von Gewalt dazu angehalten, ihre Bedürfnisse gerade auf 
diese Weise zu verrichten. Sie wurden nicht getadelt, wenn sie sich 
nass machten. Mau ging darüber hinweg, als ob es etwas Natürliches 
wäre. 

Dieser zentrale Tatbestand der kindlichen Reinlichkeitserziehung 
zeigt uns in seinem Wesen, welche Voraussetzungen zu erfüllen sind, 
ehe an eine sexualökonoinische Slruklurierung des Kindes überhaupt 
zu denken ist. In der Familie ist es undurchführbar, es geht nur 
im Kinder k oll ektiv. Gegenüber den verderblichen Ansichten und 



:224 Einige Probleme der kindlichen Sexualität 

Eingriffen ungeschulter, ignoranter Ärzte und Pädagogen, die glauben, 
gegen ein bettnässendes Kind Höllenstrafen auffahren lassen zu 
müssen ( wodurch sie das Leiden nur unausrottbar festlegen ) be- 
richtet Wera Schmidt: Ein etwa 3-jähriges Mädchen erlitt 
einen Rückfall zum Bettnässen. Man beachtete den Rückfall nicht. 
Er dauerte drei Monate und das Kind wurde von selbst wieder rein. 
Auch dieser Tatbestand wird einem autoritär denkenden Pädagogen 
restlos unverständlich ein. Er ist deshalb nicht minder selbstver- 
ständlich. • . 

»Die Einstellung der Kinder zur Frage der Reinlichkeit ist durch- 
aus ruhig und bewusst; Widerstand und Launen lassen sich nicht 
bemerken. Ein Gefühl von Scham oder den Begriff der »Schande« 
verbinden sie mit diesen Vorgängen nicht. Unsere Methode scheint 
uns dazu geeignet, die Kinder vor den schweren traumatischen Er- 
lebnissen zu bewahren, die sonst so häufig eine Folge der Erziehung 
zur Beherrschung der Exkretions Vorgänge sind,« schreibt Wera 
■Schmidt. Weitaus die häufigste Ursache schwerster Störungen 
der orgastischen Potenz bei Erwachsenen ist, wie die klinische Er- 
fahrung lehrt, die strenge Reinlichkeitserziehung. Sie bedingt näm- 
lich eine Verknüpfung des Gefühls der Schande und Scham mit der 
genitalen Funktion. Es leuchtet ein, dass derart die Fähigkeit der 
Ordnung des vegetativen Energiehaushalts zerstört wird. Das Vor- 
gehen Wera Schmidts war vollkommen korrekt: Kleine Kinder, 
die mit den Exkretionsfunktionen kein Gefühl der Schande oder 
Scham verbinden, haben auch keine Grundlage, später derartige 
Genitalstörungen auszubilden. 

Die Kinder des Schmidtschen Kinderheims wnrden in der Be- 
friedigung ihrer Bewegungslust in keiner Weise gehindert, sie hatten 
Gelegenheit zu raufen, zu springen, zu laufen und zu tun, was 
ihnen beliebte. Dadurch wurde es ihnen möglich, diese natürlichen 
Strebungen nicht nur auszuleben, sondern auch kulturell zu ver- 
werten. Das stimmt völlig überein mit der sexualökonomischen Auf- 
fassung, dass die Freiheit des kindlichen Triebs die Voraus- 
setzung seiner Sublimierung, also kulturellen Verwertung ist, und 
dass seine Hemmung ihn der Sublimierung durch Verdrängung 
entzieht. 

In unsern Kindergärten, in denen die Kinder »kulturfähig« und 
»realitätsangepasst« gemacht werden, indem man ihnen die Motorik 
unterbindet, bemerken wir im Gegensatz dazu etwa im 4., 5. oder 
■6. Lebensjahr eine schlimme Verwandlung des gesamten Gehabens 
vom Natürlichen, Lebhaften, Motorischen zum Stillen, Braven: Die 
Kinder erkalten. Anna Freud bestätigt in ihrer Schrift »Psy- 
choanalyse für Pädagogen« diesen Tatbestand, kritisiert ihn jedoch 
nicht, sondern nimmt ihn als Notwendigkeit hin, denn sie will das 
Kind bewusst zum Dürgeriichen Menschen erziehen. Dem liegt 



Korrekte Geaitalerziehung 225 



die falsche Auffassung der gesamten bürgerlichen Pädagogik zu- 
grunde, dass die natürliche Beweglichkeit des Kindes im Gegensatz 
zu seiner Kulturfähigkeit stünde. Gerade das Gegenteil ist wahr. 

Sehr wichtig sind die Berichte Wera Schmidts über die O n a - 
nie ihrer Zöglinge. Die Kinder onanierten »verhältnismässig wenig«. 
Sie unterscheidet korrekterweise die Onanie, die durch rein körper- 
liche von den Geschlechtsteilen ausgehende Reize bedingt ist und der 
Befriedigung des genitalen Lustbedürfnisses dient, von der anderen 
Onanie, »die als Reaktion auf eine von der Aussenwelt erfahrene 
Kränkung, Herabsetzung oder Freiheitsbeschränkung« auftritt. Die 
erste Form gibt der Erziehung überhaupt keine Schwierigkeiten. Die 
zweite Form ist die Folge der gesteigerten vegetativen Erregbarkeit 
infolge von Angst und Trotz, deren sich das Kind mit Hilfe der geni- 
talen Reizung zu entledigen versucht. Wera Schmidt sah die 
Dinge richtiger als Anna Freud, die der Ansicht ist, dass die 
sogenannte exzessive Onanie der Kinder eine Folge des »triebhaften 
Sichauslebens« sei. Zu beherzigen ist die uns selbstverständliche Tat- 
sache, dass die Onaniebetätigung der Kinder sich unter den Be- 
dingungen einer Iriebbejahenden Erziehung »ohne Heimlichkeit, vor 
den Augen der Erzieherinnen« abspielt. — Man muss die Onanieangst 
der Erzieher kennen, um zu beurteilen, dass erst »der Erzieher er- 
zogen werden muss«, ehe er instand gesetzt ist, das natürliche Trieb- 
verhalten des Kindes ruhig mitanzusehen. 

In gleicher Weise hatten die Kinder völlige Freiheit, ihre sexuelle 
Neugierde untereinander zu befriedigen. Sie durften sich ungestört 
gegenseitig betrachten; dementsprechend waren ihre Äusserungen 
über den nackten Körper, den eigenen sowohl wie den der Gespielen 
»durchaus sachlich und ruhig«. »Wir konnten bemerken, dass das 
Interesse für die Geschlechtsorgane sich nicht während des Nackt- 
seins zeigt, sondern nur, wenn die Kinder angezogen waren.« Die 
Kinder erhielten auf ihre Fragen geschlechtlicher Art klare und 
wahrhafte Antworten. Sie kannten, wie Wera Schmidt betont, 
keine elterliche Autorität, keine elterliche Gewalt und dergleichen. 
Für sie waren Vater und Mutter schöne, gelieble Idealwesen. »Es 
ist auch nicht unmöglich.« schreibt Wera Schmidt, »dass diese 
guten Beziehungen zwischen Eltern und Kindern sich gerade nur 
dort herstellen können, wo die Erziehung ausserhalb des Eltern- 
hauses vor sich geht.« 

Während die Praxis des Kinderheims durchaus im Sinne der 
sexualökonomischen Lebens- und Triebbejahung gehandhabt wurde, 
wich die theoretische Auffassung davon ab. In der Begründung der 
Leitsätze für die Arbeit im Kinderheim spricht sie von »Überwindung 
des Lustprinzips« und der Notwendigkeit, es »durch das Realitäts- 
prinzip zu ersetzen«. Wera Schmidt war in der unrichtigen 
Auffassung der Psychoanalyse von der mechanisch gegensätzlichen 
16 



r 



226 Einige Probleme der kindlichen Sexualität 

Beziehung von Lust und Leistung befangen, statt gerade in der Ver- 
wirklichung des jeweils natürlich gegebenen Lustprinzips die beste 
Grundlage der Sublimicrung und der sozialen Anpassung zu sehen. 
Ihre praktische Arbeit widersprach ihrer theoretischen Anschauung. 

Wichtig für die Beurteilung derartiger kommunistisch kollek- 
tivistischer Versuche, das neue Geschlecht umzustrukturieren, ist das 
Schicksal, das das Kinderheim erlitt. Sehr bald nach der Gründung 
des Heims verbreiteten sich allerlei Gerüchte in der Stadt. Es hiess, 
dass in der Anstalt die schrecklichsten Dinge vor sich gingen, dass 
die Erzieher die Kinder zum Zwecke der Beobachtung vorzeitig 
sexuell erregten u. ä. m. Die Behörde, mit deren Einwilligung das 
Kinderheim gegründet worden war, leitete eine Untersuchung ein. 
Einige Pädagogen und Kinderärzte sprachen sich dafür, die Psycho- 
logen natürlich dagegen aus. Das Volkskommissariat für Aufklärung 
erklärte durch seine Vertreter, dass das Kinderheim nicht länger zu 
halten wäre, motivierte aber den Entschluss nur mit den übergrossen 
Erhaltungskosten der Anstalt. Der wahre Grund war ein anderer. 
Im Psychoneurologischen Institut, dem das Kinderheim angeschlossen 
war, vollzog sich ein Direktionswechsel. Der neue Leiter, der auch in 
der Untersuchungskommission war, gab ein vernichtendes Urteil ab. 
Er beschimpfte sogar die Direktion, die Mitarbeiter und die Kinder 
des Laboratoriums. Daraufhin stellte das Psychoneurologische In- 
stitut nicht nur jede weitere Unterstützung des Kinderheims ein, 
sondern beeilte sich auch, sich ideologisch von ihm loszusagen. 

Man stand vor der Schliessung, da erschien an dem Tage, an dem 
der Entschluss veröffentlicht w'erden sollte, ein Vertreter der Deut- 
schen Bergarbeitervereinigung »Union« und stellte dem Kinderheim 
im Namen des deutschen und russischen Bergarbeiterbundes das. 
Anerbieten, die neue wissenschaftliche Organisation materiell und 
ideologisch zu unterstützen. Seit April 1922 wurde das Kinderheim 
von der deutschen Vereinigung »Union« mit Lebensmitteln und von 
den russischen Bergarbeitern mit Heizmaterial versorgt. Das Kinder- 
heim änderte seinen Namen in »Kinderheimlaboratorium Internatio- 
nale Solidarität«. Es hielt sich nur mehr kurze Zeit, Kommissionen, 
Überwachungen, Entzug jeder Unterstützung machten ihm ein Ende. 
Bezeichnenderweise fällt die Auflösung des Kinderheims ungefähr 
in die gleiche Zeit, in der die allgemeine Bremsung der russischen 
Sexualrevolution sich durchzusetzen begann. 

Es darf nicht unerwähnt bleiben, dass auch die »Internationale 
Psychoanalytische Vereinigung« dem Versuch Wera Schmidts- 
teilweise skeptisch, teilweise sehr ablehnend gegenüberstand. Die 
spätere Entwicklung der Psychoanalyse zu einer a n t i sexuellen 
Lehre prägte sich schon damals in dieser Ablehnung aus. Dennoch, 
war die Arbeit Wera Schmidts der erste Versuch in der Ge- 
schichte der Pädagogik, der Theorie von der kindlichen Sexualität 



Pastorale Erziehung 



227 



praktischen Inhalt zu geben. Man darf diesen Versuch ruhig, wenn 
auch in anderen Massen, was seine historische Bedeutung anlangt, 
mit der Pariser Kommune vergleichen. Wera Schmidt war zweifellos 
die erste Pädagogin. die rein intuitiv sowohl die Notwendigkeit wie 
das Wesen der sozialistischen Umstrukturierung des Menschen prak- 
tisch erfasst hatte. Und wie immer und überall im Verlaufe der 
sowjetistischen Sexualrevolution hatten Behörden, »Gelehrte«, Psy- 
chologen und berufene Pädagogen dem Rückschritt zum Siege ver- 
holfen, dagegen die Verbände der Kohienarbeiter praktisch bewiesen, 
ohne theoretisch ^iel davon zu wissen, dass sie das Problem in seiner 
vollen Bedeutung erfasst hatten. 

Stellen wir nun diesem korrekten Versuch der Umstrukturierung 
des Kleinkindes das entgegen, was sich ein angeblich sowjetistischer 
Pädagoge zu gleicher Zeit und auch weiterhin völlig ungestört leisten 
durfte. Es wird uns lehren, dass wir, wenn sich neuerdings eine 
revolutionäre Gelegenheit dazu ergibt, uns an die Bergarbeiterver- 
hände wenden müssen und nicht an die bürgerlichen, reaktionär aus- 
gebildeten Psychologen halten dürfen. 



3. SCHEINREVOLUTIONXRE, PASTORALE ERZIEHUNG 

Wenn der proletarische Erzieher an die Aufgaben herantritt, die 
ihm die Erziehung des heranwachsenden Kindes, im besonderen im 
Kollektiv, stellt, so stösst er kaum auf einem anderen Gebiete auf 
so schwierige Fragen wie auf dem der sexuellen Erziehung. Sie ist 
zwar von der Erziehung überhaupt nicht abzutrennen, bietet jedoch 
daneben ihre besonderen Schwierigkeiten. Er hat selber, auch wenn 
er aus proletarischem Hause stammt, eine gründliche bürgerliche 
Sexualerziehung genossen; Elternhaus, Schule, Kirche und die ge- 
samte bürgerliche Umgebung haben ihn mit sexualverneincnden An- 
schauungen durchsetzt; diese treten in Gegensatz zu seinen eigenen 
proletarischen Anschauungen. Trotzdem muss er sich, wenn er prole- 
tarisch und nicht bürgerlich erziehen will, von der bürgerlichen An- 
schauung loslösen, seine eigene, seiner Klasse entsprechenden Grund- 
aufassung bilden und sie in der Erziehung der Kinder durchsetzen. 
Er wird dabei manche wesentlichen Stücke der bürgerlichen Er- 
ziehungswissenschaft entlehnen, vieles davon als antisexuell verwerfen, 
anderes wieder zurechtbiegen. Das ist eine grosse und schwierige 
Aufgabe; sie wurde bisher nur in Ansätzen geleistet. Die allergrösste 
Schwierigkeit stellen die Pastoren im revolutionären Lager dar. Es 
sind bürgerliche, sexuell verkrampfte Intellektuelle. Revolutionäre 
aus neurotischen Motiven, die statt mit Wissen zu helfen, nur Ver- 
ls* 



228 Einige Probleme der kindlieiien Sexualität 

wirrung stiften. Hierher gehört S a 1 k i n d, Mitglied der Kommu- 
nistischen Akademie und der Internat. Psychoanalytischen Vereini- 
gung zugleich. Seine Anschauungen wurden von der revolutionären 
Jugend in der SU schwer bekämpft, doch sie beherrschten die offizielle 
Ideologie, auch in Deutschland. Sein Artikel »Einige Fragen der sexu- 
ellen Erziehung der Jungpioniere« in »Das proletarische Kind« 
(12. Jg. H. 1/2, 1932) gab der deutschen Sexpol viel zu schaffen. Wir 
■wollen daran darstellen, wie hoffnungslos die Vermengung von revo- 
lutionärer Form und sexualfeindlichem Inhalt ist. 

S a 1 k i n d beginnt mit der richtigen Feststellung, dass die Pio- 
nierbewegung die Kinder in ihrer »wichtigsten Entwickhmgsperiode* 
erfassl; sie besitze die Mittel, die der Familie und der Schule fehlen. 
Aber er geht von einer Anschauung der kindlichen Sexualität aus, 
die sich mit der christlichen durchaus messen kann. Alle weiteren 
Fehler Salkinds und aller seiner Gesinnungsgenossen leiten sich 
aus dieser Anschauung ab. Er schreibt: 

»Darum (weil die Pionier bc'weffung bessere Bedingungen der Erziehung als 
die Familie hat) muss sie der Hauptkämpfer gegeii die Haupthemmungen, gegen 
die parasitische sexuelle Um schallung der Energie der 
heranwachsenden Kinder sein.« 

Salkind bewertet also die kindliche Sexualität als »parasitisch«. 
Wie kommt er zu dieser Beurteilung? Was will er damit sagen? 
Welche Schlüsse für die Erziehung daraus ableiten? Er versteht 
unter »parasitisch« etwa dem Körper Fremdes. Dieser Sexualphilo- 
soph, den die SU duldet, meint ernsthaft, dass man die »Umschaltung« 
der Energie auf das »Parasitische«, »Sexuelle« verhindern müsse. 

»Wenn die Pionierleiter es verstehen, den Kindern das Material der Pionier- 
arbeit in einer Form zu bieten, die den Bedürfnissen des Übergangsalters ent- 
spricht, dann bleibt keine Energie mehr für parasitische Dominanten übrig.« 

Salkind glaubt also, dass die sexuellen Interessen der Kinder 
und Jugendlichen hundertprozentig ausgeschaltet werden können. Er 
fragt nicht, wie die kollektiven Interessen mit den sexuellen in Ein- 
klang zu bringen wären, wo sie einander widersprechen und wo sie 
zusammengehören. 

Welcher Unterschied besteht hier zwischen Salkind und ir- 
gendeinem katholischen Priester oder bürgerlichen Pädagogen, die 
von der Möglichkeit der hundertprozentigen Ablenkung der sexuellen 
Energie überzeugt sind. Leugnen kann man ja nicht mehr, dass es 
eine kindliche und jugendliche Sexualität überhaupt gibt. Das war 
bequemer. Heute heisst es hundertprozentig ablenken, was das Alte 
in anderer Form ist. Salkind kam überhaupt nicht der Gedanke, 
zu fragen, weshalb Kirche und Bürgertum das kindliche Sexualleben 
nicht zulassen. Er bedachte nicht, dass er, wenn er proletarische 



Pastorale Erziehung 229 



Erziehungsregeln geben will, erst einmal begründen muss, weshalb 
er denselben Standpunkt einnimmt wie der bürgerliche Erzieher. 
Ihm schwebt zwar so etwas wie eine Begründung \or, wenn er Sexual- 
leben und Kollektivismus als Gegensätze ansieht; er will die Sexualität 
im Interesse des Kollektivismus ausschalten. 

»Frühzeitigen sexuellen Trieben verfallen hauptsäetilieh vtTwilderte, einsame 
Kinder, jene Kinder, die keinen aktiven lebendigen Zusammcnhan}; mit gleich- 
altrigen Gefährten haben, die zu häufig sich selbst überlassen bleiben Je 

mehr man sich vom Kollektiv isoliert und der Einsamkeit ergibt, desto näher 
ist man einem frühreifen sexuellen Parasitismus-a 

Das sind ignorante Schlagworte Denn was lieisst hier »frühreif«? 
Ist es frühreif, wenn ein \'ierjähriges Kind onaniert? Ist es frühreif, 
wenn ein Jugendlicher von 13 oder 15 Jahren, der sich in der sexuellen 
Reife befindet, sich befriedigt? Ist es frühreif, wenn er früher oder 
später nach Geschlechtsverkehr verlangt? Die Salkinds beweisen 
mit ihrer unkonkreten, schlagwortmassigen Argumentation, dass sie 
es versäumten, aus den Regionen der abstrakten Ethik in die Wir- 
lichkeiten des kindlichen und jugendlichen Lebens herabzusteigen. 
Und diejenigen Pionierleiter hatten (nicht wie Salkind meinte, 
»durchaus Unrecht«, sondern) hundertfach Recht, die sofort ihre 
Aufmerksamkeit auf die Aufklärung richteten, sobald sie in ihren 
Gruppen ungesunde sexuelle Erscheinungen bemerkten. Jeder ver- 
nünftige Jugend- und Kinderführer weiss: Nicht der Mangel an »Kol- 
lektivismus« ist Ursache der sogenannten »sexuellen Zustände«, 
sondern umgekehrt: Die Ungeklärtheit des kindlichen Geschlechts- 
lebens, die unter anderem durch Salkindsche Ansichten erzeugt wird, 
ist die allerwesentliehste Ursache des gestörten gemeinschaftlichen 
Lebens. Niemals wird man den Kollektivismus auf völliger Unter- 
drückung des Geschlechtslebens ausser autoritär begründen können. 
Die »ununterbrochene Kolleklivkontrolle des sexuellen und sonstigen 
Verhaltens der Kinder soll die Basis für eine gesunde Geschlechts- 
cntwicklung sein«, schreibt Salkind. Dabei ist unter »gesund« 
wohlgemerkt »ohne Sexualität sein« gemeint. Diese »Pionierethik«; 
will Salkind durch »geschickte Organisierung der Arbeit« erzielen. 
Aber nun wollen wir nicht mehr Phrasen dreschen, sondern das, was 
hier vorgeschlagen wird, uns konkret vorstellen. Wie lange sollen 
die Jugendlichen arbeiten? Ununterbrochen? Also auch in der Nacht, 
wenn sie Im Bett liegen? Damit sie nicht an die Geschlechtsteile 
greifen? Und bei den Spielen der Kinder und Jugendlichen sollen 
wir »ununterbrochene Kollektivkontrolle« üben, damit sich die 
Kinder ja nicht verlieben, dass sich ja keine »Liebesabenteuer« ent- 
wickeln? Salkind spricht ausdrücklich auch von »Kindern« im 
Alter von 13 — 16 Jahren Also von Jugendliehen in der Geschlechts- 
reife ! Weshalb sollen sich denn diese »Kinder« nicht verlieben und 



230 Einige Probleme der kindlichen Sexualität 

keine »Liebesabenteuer« haben? Weil es den Kollektivismus stört? 
Oder weil es die Salkinds nicht mit ansehen können? Berliner 
Jungkommunisten hatten auf öffentlichen Ausspracheabenden un- 
widerlegbar festgestellt, dass die Gruppen gerade dann zerfallen, 
wenn zu wenig Mädels in der Gruppe sind; sie halten gerade dann, 
wenn Jungens und Mädels ungefähr in gleicher Zahl vertreten sind. 
Wohl deshalb, weil sie dann »ununterbrochene Kollektivkontrolle 
üben« und »keine unnützen Liebesgedanken« aufkommen lassen? 
Doch deshalb, weil sich dann Partner zu Partner finden, und das 
Liebesleben aufhört, eine das Kollektiv störende Angelegenheit zu 
sein? Die Salkinds gelangen zu den Absurditäten deshalb, weil sie 
keine Unterscheidung treffen zwischen gestörtem und 
ungestörtem Liebesleben; weil sie nicht die Ursachen des »ver- 
wilderten« Liebeslebens untersuchen; weil sie nicht sehen, dass gerade 
die Hemmung des Liebeslebens, da die sexuellen Triebe niemals 
getötet werden können, diese Verwilderung schafft; eine kollektive 
Zusammenarbeit ist dann völlig unmöglich gemacht. Wie ledern, 
bürokratisch, lebensfeindlich klingt folgende These: 

»Ein aktiver Kollektivismus ist das beste Mittel zur Erziehung des Gefühls 
der sexuellen Gleichheit; ein Mitarbeiter ruft keine unnützen Liebesgedanken 
hervor; dafür bleiben weder überflüssige Kräfte noch freie Zeit.« 

Was bedeutet hier »sexuelle Gleichheit«? Wir propagieren die 
Gleichberechtigung der Geschlechter; wir kämpfen mit der sexuellen 
Freiheitsideologie gegen die politische Reaktion. Die Salkinds pro- 
pagieren die »Gleichheit der Geschlechter« in der Unerlaubtheit 
des Liebeslebens. Genau das und nicht anderes, genau das- 
selbe wie Leiter eines katholischen Jugendbundes, nur mit dem Unter- 
schied, dass sie die gemeinschaftliche Erziehung der Geschlechter 
nicht verneinen, noch nicht verneinen. Aber gerade dadurch ge- 
raten sie in Absurditäten. Konkret: Was tun wir also nach Salkind- 
scher Ideologie, wenn ein Junge und ein Mädel gemeinsam irgendeine 
wichtige politische oder organisatorische Arbeit vollbracht haben und 
trotz Salkinds 10 Geboten sich ineinander verlieben? Was ist da zu 
tun ? Kollektivkontrolle üben ? Oder die Verhebtheit in weiterer 
Arbeit »ersticken«? Oder sexuelle Gleichheit in der Enthaltsamkeit 
durchsetzen? Und das in dem Alter, das Salkind selbst als das 
»schwerwiegendste Stadium der kindlichen Entwicklung« — das 
»Stadium der heranreifenden Geschlechtstriebe« bezeichnet. Welche 
Unwahrhaftigkeit und Heuchelei, denen der Kommunismus Todfeind 
ist, sind nach all dem in folgenden Sätzen enthalten: 

»Vollständiges gegenseitiges Vertrauen und gegenseitige Achtung, vollständige 
gegenseitige Aufrichtigkeit — das ist die Hauptbedingung, ohne die in der Pionier- 
ahteiluDg ein gesundes Erziehungssystem unmöglich ist.« 



Pasforale Erziehung 231 



Wie können die Pioniere untereinander und dem Führer gegen- 
über Vertrauen und Achtung aufbringen, wenn man sie in einer ihrer 
brennendsten Fragen nicht versteht? ,. , . 

»Das Kind im Pionieralter weiss von der sexuellen Frage ziemlich viel, nur 
allzu viel (also nach S a 1 k i n d »sexuelle Sanierung der Kinder«) aber es 
■weiss nicht das und weiss es nicht so, wie es nötig wäre. Und der Leiter darf 
diese Verirrung nicht totschweigen, sondern er muss reden. Aber wie soll er 
reden?« 

Also, 'wie soll der Pionierleiter reden? Wir sind sehr gespannt. 
Es kommt schon, in der darauffolgenden Zeile: 

i^Jedenfalls darf er den Kindern keine Vorträge über die sexuelle Frage hal- 
ten. Mehr als das: Er darf mit den Kindern überhaupt nicht über spezielle Ge- 
schlechtsthemen reden.« 

Also nur im Zusammenhang mit sozialen und politischen Fragen? 
Das wäre ja richtig, aber nicht so: 

»Bei einzelnen Kindern kann man bei sorgfältiger Beobachtung Onanie be- 
merken«, (bei »einzelnen« Kindern, nur im Alter von 13 — 16 Jahren, im Stadium 
der heranreifenden Geschlechtstriebe). 

Nur bei »sorgfältigster« Beobachtung!! 
Weiter: 

»Hier bedarf es grösster Vorsicht seitens des Führers, da die Kinder besonders 
empfindlich sind (mit Recht, W. R.), wenn man solche schädliche Ge- 
wohnheiten bei ihnen zu bekämpfen sucht « 

Genau so sprach unser deutscher Pater Muckermann! 

»In jedem Falle ist die Einmischung in die unmittelbare sexuelle Sphäre 
des Kindes nur in jenen Fällen dem Führer gestattet, wenn er in dieser Frage 
vorher pädologiseh-pädagogischen Unterricht genossen hat.« (Bei wem? und was 
für einen? Dass Onanie eine schädliche Gewohnheit ist?) »Eine öffentliche 
Massenbesprechung solcher Misshelligkeiten unter der Leitung des Leiters in 
der Abteilung ist durchaus unzulässig. Die Sache muss im Keim unter vier 
Augen erstickt werden, (Welche Sache? Der »Skandal«, dass Kinder onanieren?) 
wobei man sich auf die besten Aktivisten stützen kann, von deren sexueller 
Untadelhaftigk-eit man überzeugt ist.« 

So also soll die »vollständige gegenseitige Aufrichtigkeit« aussehen! 
Kein Wunder, wenn man in den Pioniergruppen »sexuelle Verwahr- 
losung«, das heisst. ein zerrissenes, ungeklärtes, widerspruchsvolles 
Geschlechtsleben vorfindet! 

Die Salkinds haben nie verstanden, was jeder, allerdings nicht 
»sexuell untadelhafte« Proletarier junge aus seinem Leben heraus von 
sich weiss: dass niemals die sexuelle Betätigung an sich, sondern 
immer nur die Hemmungen und Erziehungsmethoden ä la Salkind, 
die in Widerspruch geraten zu den natürlichen sexuellen Ansprüchen, 
die sexuelle Verwahrlosung schaffen. 



232 Einige Probleme der liiadJichcn Sexualität 

» nicht ohne dringende Not, ohne vorherige Alarmsignale kann und 

darf der Leiter unter anderen Fragen die sexuelle Frage beriihren.a 

In diesem Tohuwabohu von Ansichten sollte sich irgendein i)role- 
tarischer Jugendgruppenführer auskennen! 

Solche Pädagogen weichen den ungeheuren Schwieriglteiten aus, 
die sich sofort ergeben, wenn man die Frage des kindlichen und 
jugendlichen Geschlechtslebens zu Ende denkt. Man kann Kinder 
und Jugendliche nicht aufklären und ihnen gleichzeitig sexuelle 
Spiele und Onanie untersagen. Man kann ihnen die Wahrheit über die 
Funktion der sexuellen Befriedigung nicht verheimlichen. Man kann 
nur die Wahrheit sagen und dem Leben hier endlich völlig freien 
Lauf lassen. Sexuelle Potenz und körperliche Frische und Schönheit 
müssen zu dauernden Idealen der revolutionären Freiheitsbewegung 
werden. Die Revolution kann nicht den Zugochsen, sondern muss 
den Stier, sie darf nicht den Kapaun, sondern muss den Hahn wollen. 
Die Menschen waren lange genug Zugochsen. Kastraten sind keine 
revolutionären Kämpfer. 



4. VON NEUEM DIE VERWAHRLOSTEN-FRAGE 

Die russische Revolution hatte nicht nur gegen die verlotterten 
Zustände zu kämpfen, die sie vom Zarismus übernommen hatte und 
gegen die Auswirkungen des Bürgerkriegs und der Hungersnot; sie 
verfügte nicht über die geschulten, vor allem sexuologisch korrekt 
geschulten Pädagogen in genügender Menge, um mit dem Riesen- 
problem der kindlichen Verwahrlosung fertig zu werden. Überdies 
hingen sich die seelischen Kastraten an ihre Bewegung wie Klötze 
an die Beine eines Springers. Das schliessliche Resultat der Unge- 
klärtheit der kindlichen Sexualrebellion war die Verschärfung der 
Verwahrlosten-Frage im Jahre 1935. Es kann nicht behauptet werden, 
dass die neue Welle der Verwahrlosung sich auf die Zustände in den 
Bürgerkriegs Jahren zurückführen liesse. denn die verwahrlosten 
Kinder 1934/35 waren bereits Kinder des neuen gesellschaftlichen 
Systems. In derartigen Fragen nützt keine falsche Rücksicht und 
keine Verheimlichung von Tatsachen. Die Sowjetunion hatte alles 
Erdenkliche getan, um die Verwahrlosten-Frage zu lösen. Der Film 
»Der Weg ins Leben«, der ein dauerndes Dokument revolutionärer 
Erziehungsarbeit bleiben wird, zeigte, wie hervorragend die pädagogi- 
schen Leistungen auf dem Gebiete der Arbeitskultur und der Arbeits- 
erziehung waren. Doch wir müssen fragen, weshalb die Lösung des 
Verwahrlosten-Problems schliesslich doch misslang. Dass sie miss- 



Von neuem die Verwahrlos teufrage 235 

lang, beweisen die Beschlüsse des Rates der Volkskommissärt? der 
UdSSR und des ZK der KPSU über Liquidierung der Verwahrlosung 
und die mangelnde Beaufsichtigung der Kinder vom Juni IHSfi: 

Der Rat der Volkskommissare der UdSSR und das Zentralkomitee der KP(R)SU 
haben festgestellt, dass das Vorhandensein verwahrloster Kinder in den Haupt- 
städten und anderen Städten des Landes jetzt, wo die materielle und kulturelle 
Lage der Werktätigen in Stadt und Land sich zusehends verbessert und der Staat 
gewaltige Mitlei für den Unterhalt der Institutionen für Kinder bewilligt, vor 
allem zu erklären ist durch die schlechte Arbeit der lokalen Sowjetorgane, der 
Partei-, Gewerkschafts- und Komsomolorganisationen zur Liquidierung und Ver- 
hütung der Verwahrlosung von Kindern und durch den Mangel einer organisierten 
Anteilnahme der Sowjet-Öffentlichkeit an dieser Frage. 

a) Die meisten Kinderheime sind in wirtsehaftliehcr Hinsicht unbefriedigend 
gestellt und in erzieherischer Hinsicht unzulänglich; 

b) der organisierte Kampf gegen das Rowdytum der Kinder und gegen ver- 
brecherische Elemente unter Kindern und Jugendlichen wii-d völlig unzureichend 
geführt und fehlt mancherorts überhaupt; 

c) bis jetzt sind nicht die Vorbedingungen dafür geschaffen, dass Kinder, die 
aus irgendwelchen Gründen der Strasse überlassen sind (die die Eltern verloren 
oder sie verlassen haben, die aus Kinderheimen geflüchtet sind u. a. m.) sofort 
in entsprechenden Institutionen für Kinder untergebracht oder den Eltern zu- 
rückgebracht werden; 

d) gegen Eltern und Vormunde, die sich ihren Kindern gegenüber teilnahms- 
los verhalten und es zulassen, dass die Kinder sich Rowdytum, Diebstuhl, Sitten- 
verderbnis und dem Vagabundieren hingeben, werden keine Gegcnmassnahmen 
ergriffen und sie werden nicht zur Verantwortung gezogen. 

Nicht die »schlechte Arbeit« war schuld! 

Man griff auf die Verantwortung der Eltern zurück und zu Mass- 
nahmen, die nicht mehr in der Richtung der früheren Erziehungs- 
prinzipien lagen. Hatten diese Erziehungsprinzipien selbst versagt? 
Nein, sie waren nur lückenhaft gewesen, sie hatten das Hauptproblem 
nicht mit einbezogen, ja, oft hewusst unigangen. Es war das Problem 
des sexuellen Lebens der Kinder. Denn kollektive gesellschaflliche 
Ideologie und kollektives Leben der Erwachsenen muss unter 
Beibehaltung asketischer Forderungen für die 
Kinder, sexueller Heuchelei und Familienerzie- 
hung mit Notwendigkeit zur kindlichen \'^erwahr- 
losung führen. 

Es ist ganz undenkbar, dass bei einer allgemeinen freiheitlichen 
Entwicklung die sexuellen Ansprüche der Kinder ohne Schaden für 
die Gesellschaft und das Kind unterdrückt werden können. 

Die Sowjetregierung unternahm 1935 grosse snateriellc An- 
strengungen zur Bekämpfung der Verwahrlosung. In der Verordnung 
Nr. 3 Ȇber die Organisierung des Kampfes gegen das Rowdytum der 
Kinder auf der Strasse« wird die Hauptverwaltung der Arbeiter- und 
Bauernmiiiz verpflichtet, den Kampf zu verstärken. Die Volkskom- 
missariate für Bildungswesen der Unionsrepubliken wurden ver- 
pflichtet, die Kinder widerspruchslos in die Kinderheime aufzuneh- 
men. Die Milizorgane erhielten das Recht, die Eltern für Unfug und 



234 Einige Probleme der kindlichen Sexualität 



Rowdytum der Kinder auf der Strasse auf administrativem Wege bis 
zu 2Ü0 Rubeln zu bestrafen. Es wurde bestimmt, dass Eltern und 
Vormunde für Handlungen der Kinder, die materiellen Schaden ver- 
ursachen, zu materieller Verantwortung gezogen werden. Eltern, die 
»nicht für die gehörige Aufsicht über die Führung ihrer Kinder 
sorgen«, sollten die Kinder fortgenommen und in einem Kinderheim 
auf Kosten der Eltern untergebracht werden. 

Im norwegischen »Arbei derbladet« vom 16. 6. 35 wird berichtet, 
dass die Sowjetregierung zur Massnahme der Massenrazzien auf ver- 
wahrloste Kinder greifen musste. Neben Diebstahl, Einbruch, Plün- 
derungen, hebt das »Arbeiderbladet« die Verseuchung der verwahr- 
losten Kinder mit Geschlechtskrankheiten hervor; »Wie eine Pestflut 
führten die Kinder den Ansteckungsstoff mit sich von Ort zu Ort«. 
Wohl standen nach diesem Bericht die öffentlichen Bäder, Kinder- 
heime und Krankenhäuser den Kindern frei, aber sie weigerten 
■sich, diese Institutionen zu benützen. Es zeigte sich, dass die Kinder 
aus den Kinderheimen massenweise flüchteten. Fast täglich, berichtet 
»Arbeiderbladet«, kann man in der »Istwestia« Anzeigen lesen, in 
denen nach geflohenen Kindern gesucht wird. »Bis vor kurzer Zeit 
war diese Art von Anzeigen niemals in der russischen Presse zu 
sehen, doch jetzt ist es ganz gewöhnlich«, schreibt »Arbeiderbladet«. 
Die Zeitung hebt auch die Massnahmen der Sowjetregierung dagegen 
hervor: Bereitstellung qualifizierter Lehrer, von Werkzeugen und 
Maschinen, Unterrichtsfilmen und speziellen Lehrbüchern. Darüber- 
hinaus Mobilisierung der gesamten Bevölkerung zur Bewältigung 
dieser Frage. 

Ich habe in Gesprächen mit den sowjetistischen Pädagogen Wera 
Schmidt und Geschelina im Jahre 1929 mich eingehend bemüht, auf 
die UnVollständigkeit und Aussichtslosigkeit derartiger Versuche hin- 
zuweisen, wenn sie für sich allein unternommen werden. Es war 
schon damals völlig klar, dass das Verwahrlosten-Problem in der 
Sowjetunion sich zwar auf Grund der Bürgerkriegszustände ent- 
wickelt hatte, jedoch aus der Ungeklärtheit des sexuellen Lebens 
seine dauernde Nahrung bezog. Arbeit gab es in der Sowjetunion 
genug. Die Arbeitstherapie war hoch entwickelt. Arbeitslosigkeit war 
verschwunden. Die Kinderheime und die Kollektive waren grossenteils 
musterhaft eingerichtet. Und trotzdem rannten Kinder immer 
wieder davon, zogen das gefährliche, vernichtende Leben auf der 
Strasse und die Unsozialität dem Leben in den Kinderheimen vor. 
Dieses Riesenproblem kann man weder mit der Arbeitserziehung 
allein, noch auch mit der Berufung auf die romantische Neigung der 
kindlichen Seele lösen. Wir hatten in Deutschland reichste Möglich- 
keiten, die wirkliche Natur der Verwahrlosung und der ihr folgenden 
Fürsorgeerziehung zu studieren. Als meine Bemühungen um die 
sexuelle Gesundung der Jugend bekannt wurden, kamen immer 



Einige Erfahrungen mit Fürsorgczöglingen 235 

Tvieder flüchtende FürsorgezögUnge zu mir und berichteten mir aus 
vollem Herzen aufrichtig und ehrlich, weil ich sie in ihrem Haupt- 
problem verstand, über ihre Not und über die wirklichen Motive 
ihres unsozialen Wesens. Ich kann versichern, es waren prächtigste 
Menschen, intelligenteste, fähigste Köpfe darunter. Oft musste ich 
denken, um wieviel lebenskräftiger diese sogenannten Verwahrlosten 
sind als die braven Mucker in den Schulen, und zwar gerade deshalb, 
weil sie rebellierten, gegen eine Gesellschaftsordnung sich auflehnten, 
die ihnen das primitivste Naturrecht versagte. Es gab nicht allzu 
viele Variationen ihres Themas. Immer wieder ein und dieselbe An- 
gelegenheit: Sie waren mit ihren sexuellen Phantasien und Er- 
regungen nicht fertig geworden. Die Eltern hatten sie nie begriffen, 
die Lehrer und Behörden ebensowenig. Sie hatten es daher nie 
zuwege gebracht, darüber mit irgendjemand zu sprechen. Im Gegen- 
teil, sie waren verschlossener, misstrauischer und bösartig geworden. 
Sie hatten die Heimlichkeiten für sich behalten, behalten müssen und 
Verständnis in diesen ihren Sorgen nur bei Gleichaltrigen ähn- 
licher Struktur und mit ähnliehen Schwierigkeiten gefunden. Da 
man sie in der Schule nicht verstand, boykottierten sie die Schule; 
da die Eltern sie nicht begriffen, verfluchten sie die Eltern. Da sie 
an die Eltern gleichzeitig tief gebunden waren und von ihnen un- 
bewusst ja doch Hilfe und Erlösung erwarteten, gerieten sie in schwer- 
ste schuldgefühlsbetonte Trotzkonflikte. So gelangten sie auf die 
Strasse. Sie wurden dort nicht glücklich, aber sie fühlten sich frei. 
Bis die Polizei sie aufgriff und in die Fürsorge steckte, oft nur des- 
halb, weil sie, 15-, 16-, 17 jährige Mädchen mit Jungens irgendwo 
ertappt worden waren. Bei vielen von ihnen konnte ich feststellen, 
dass sie psychisch gesund, kritisch und mit Recht rebellisch waren, 
bis zu dem Augenblick, in dem Polizei und Fürsorge sie in ihre Klauen 
bekamen. Von dem Augenblick an wurden sie Psychopathen und 
^gesellschaftlich geächtet. Die Verbrechen der Gesellschaft an solchen 
Kindern sind masslos. Es gelang, und das war ein weiterer Beweis, 
für die Richtigkeit meiner Anschauungen, derartige »verwahrloste« 
Kinder zu vollem Vertrauen zu bringen und sie wirklich zu lenken, 
wenn man ihnen praktisch bewies, dass man sie verstand. 

War schon im kapitalistischen Deutschland das Kinder- und 
Jugendlichen-Problem gewaltig kompliziert; wie sehr musste sich der 
Konflikt zwischen den drängenden Ansprüchen der stürmischen 
Sexualität und der Sabotage der Gesellschaft in einem Lande wie der 
Sowjetunion verschärfen, wenn volle Freiheit verkündet wurde, die 
sexuelle Unterdrückung jedoch bestehen blieb. Allgemeines kollek- 
tives Leben und Fortbestand der familiären Kindererzichung mussten 
notwendigerweise zu gesellschaftlichen Explosionen führen. Wir 
dürfen auch nicht vergessen, dass die sowjetistischen Mütter immer 
mehr in den Produktionsprozess einbezogen wurden, als tätige Mit- 



^^ö liinige Probleme der kindlichen Sexualität 



glieder der Gesellschaft auflebten und folglich einen neuen Wider- 
spruch in der Stellung zu ihren Kindern schufen. Die Mütter in der 
Produktion bedeutete, dass die Kinder ebenfalls ins Leben wollten. 
Den Weg ins Leben der Arbeit eröffnete man ihnen, doch viele von 
ihnen wollten diesen Weg nicht gehen, wenn man ihnen den der 
Sexualität verschloss. Dies ist die stets aktuell wirksame Grundlage 
der Verwahrlosung in der Sowjetunion gewesen, und nicht 1935 die 
historische Bürgerkriegssitualion, auf keinen Fall das Sowjetsystem. 
Es kann ohne Bedenken behauptet werden: Die Verwahrlosung der 
Kinder und Jugendlichen ist der sichtbare Ausdruck der unterir- 
dischen sexuellen Krise des kindlichen und jugendlichen Lebens. 
Und es darf vorausgesagt werden, dass es keiner Gesellschaft je ge- 
lingen wird, das Verwahrlosten-Problem, das Psychopathen-Problem 
bei Kindern und Jugendlichen zu lösen, die nicht den Mut und nicht 
das Wissen aufbringen wird, das Geschlechtsleben der Kinder und 
der Jugendhchen in sexualbejahendem Sinne zu ordnen. 

Wir können heute in keiner Weise voraussagen, welche konkreten 
Einzelmassnahmen wir ergreifen werden, wenn uns die Aufgabe ge- 
stellt sein wird, dieses Problem zu lösen. Wir können wiederum nur 
allgemeine Zusammenhänge und allgemeine Notwendigkeiten zeigen. 
Die Lösung der Verwahrlosten-Frage im besonderen wie der 
Kindererziehung im allgemeinen hängt davon ab, ob und wie es 
gelingen wird, die inzestuöse und schuldgefühlsbeladene Hassbindung 
der Kinder an die Eltern und der Eltern an die Kinder aus der 
psychischen Strukturbildung auszuschalten. Es ist eine logische Kon- 
sequenz, dass dies nicht gelingen kann, wenn die Kinder nicht in 
kollektive Erziehung kommen, ehe sie die seelisch vernichtenden 
Bindungen an die Eltern auszubilden in der Lage sind, also etwa 
schon vor dem 4. Lebensjahr. Das bedeutet nicht Vernichtung 
der natürlichen Liebesbeziehungen zwischen Eltern und Kindern, 
sondern nur die der neurotisch krankhaften Bindungen. Die Lösung 
.dieser Aufgabe wird gewiss scheitern, wenn nicht der Widerspruch 
zwischen Kollektiv und Familie in breitem gesellschaftlichen Mass- 
stab gelöst werden wird. Die Eltern sollen ihre Kinder und die 
Kinder ihre Eltern voll und unbehindert lieben und geniessen können. 
Doch, so widerspruchsvoll das klingt, gerade das setzt die Aufhebung 
der Familie und ihrer Erziehung voraus. Wir werden scheitern, 
wenn wir nicht die Ächtung der kindlichen Sexualität und das daraus 
folgende Empfinden des Ausgestossenseins aus der Gesellschaft in- 
folge sexueller Wünsche und Handlungen vernichten werden. Wir 
müssen es mit allen Mitteln verhindern können, dass noch die Mög- 
lichkeit besteht für eine Berichterstattung folgender Art: 

»Der ß-jährige Garrik: »Um Himmelswillen, was ist denn ge- 
schehen?« Etwas ganz Unerhörtes. Die 8-jährige Ljubka, kaum dass- 
sie schreiben kann, hat sich »verliebt« und dem 8-jährigen Pawlik 



Angst vor der kindlichen Sexualität 



237 



einen Zettel zugesteckt: »Mein zuckersüsser Kuchen, mein Konfekt- 
chen, mein goldener Brillant ...« »Sich verlieben! So eine Klein- 
bürgerei! Die Zeiten des Zaren Nikolaus sind ja schon vorüber!« — 
Die Sache wird erregt besprochen und Ljubka muss zur Strafe drei 
Tage dem Spielplatz fernbleiben.« 

So Fanina Halle zum Beweis der Sittlichkeit des Sowjet- 
systems, zur Rehabilitierung des Kommunismus vor der gesamten 
»sittlichen« bürgerlichen Welt in ihrem anerkannten Buch »Die Frau 
in Sowjetrussland«, S. 235. 

Pädagogen und »sozialistische« Sexualwissenschaftler, die den 
Anblick zweier miteinander kosender Kinder nicht ertragen, die den 
Liebreiz und die natürliche Selbstverständlichkeit der kindlichen 
Geschlechtlichkeit nicht zu fassen vermögen, sind völlig unbrauchbar 
fiir die sozialistische revolutionäre Erziehung des neuen Geschlechts; 
mögen sie auch besten Willens sein. In der kindlichen Sexualrcgung, 
in der kindlichen sinnlichen Liehesbezeugung liegt unendlich mehr 
Sittlichkeit, Echtheit, Kraft und Lebenswillen als in tausenden le- 
dernen Analysen und Thesen. Hier, in der Lebendigkeit des kindli- 
chen Wesens liegt die Garantie für den Aufbau einer sozialistischen 
Gesellschaft wirklich freier Menschen, nur hier. 

Dies steht fest ; doch es wäre wiederum schädlich, wenn man 
mit dieser einfachen Feststellung alle Probleme bereits für gelöst 
halten wollte. Wir müssen darauf gefasst sein, dass die Umstellung 
der Strukturierung des Menschen vom patriarchalischen, autoritären, 
zum kommunistischen, freiwilligen, freudefähigen und freudevollen 
Leben, uns die allerschwersten Aufgaben zu lösen geben wird. Man 
hat so oft den marxistischen Satz, dass »der Erzieher selbst erzogen 
werden muss« mechanisch vor sich hergesagt. Es ist an der Zeit, 
«ich konkret vorzustellen und praktisch zu bewältigen, wie dieser 
Satz verstanden werden muss: Die Erzieher des neuen Geschlechts. 
Eltern, Pädagogen, Staatsleiter, Wirtschaftspolitiker müssen erst 
selbst sexuell in Ordnung sein, ehe sie es zulassen können, dass man 
die Kinder und Jugendlichen sexualökonomisch korrekt erzieht. 



VII. KAPITEL .,. ,, 

WAS FOLGT AUS DEM SOWJETISTISCHEN 
KAMPF UM „DAS NEUE LEBEN''? 

Der Arbeiterfunktionär, der Erzieher, der Jugendberater und alle 
diejenigen, die vor der Bewältigung alltäglicher Aufgaben stehen, 
werden nun konkrete Anweisungen für ihre Arbeit fordern. Das ist 
begreiflich, aber auf keinen Fall zu erfüllen. Man kann aus Fehl- 
und Rückschlägen revolutionärer Umwälzungen zunächst nur lernen, 
woran menschliche Anstrengungen scheiterten; man kann nur in all- 
gemeinen Umrissen diejenigen Mittel und Wege der revolutionären 
Entwicklung zeichnen, die uns ungefähr die Richtung angeben, in der 
wir zu suchen haben. Wir können nicht wissen, wie sich im Falle 
einer neuen revolutionären Umwälzung in dem einen oder andererL 
Lande die Verhältnisse konkret gestalten werden. Es kommt immer 
doch nur darauf an, allgemeine Grundsätze in konkreten Situationen 
anzuwenden. Auf keinen Fall dürfen utopische Vorstellungen im 
einzelnen entstehen; sie verrammeln nur jeden Weg zur konkreten 
Wirklichkeit im jeweiligen Augenblick. 

Einer der vielen allgemeinen Grundsätze, die sich aus der Unter- 
suchung der Bremsung der Sexual revolution in der Sowjetunion er- 
geben, ist zweifellos die ausdrückliche Sicherung aller Vor- 
aussetzungen und Bedingungen des sexuellen 
Glücks des Menschen. Da die sowjetistische Sexualgesetz- 
gebung 1917 — 1921 durchaus in dieser Richtung lag, würden wir 
diese Gesetze wohl nur mit sehr geringfügigen Veränderungen über- 
nehmen. Doch das würde auf keinen Fall genügen. Es bedarf ern- 
ster Massnahmen, um die erlassenen Gesetze auch tatsächlich zur 
praktischen Auswirkung kommen, d. h. menschliche Struktur werden 
zu lassen. Darüber hinaus fehlten in der Sowjetunion eine Reihe von 
Massnahmen, die die spontan entstandene Revolution im sexuellen 
Leben in geordnete Bahnen gelenkt hätten. 



Notwendige MassnahmeD 239' 



Um die revolutionäre Sexualgesetzgebung für alle Zeiten zu sichern, 
ist es unerlässlich, die Sorge für die sexuelle Gesundheit der Bevölke- 
rung den Urologen und alten Hygieneprofessoren zu entreissen. Es. 
muss jedem Arbeiter, jeder Frau, jedem Bauern, jedem Jugendlichen 
klar werden, dass es auf diesem Gebiete in der bürgerliehen Gesell- 
schaft überhaupt keine Autoritäten gibt; dass diejenigen, die sich 
für Sexualhygieniker und Sexualärzte halten, durchdrungen sind von 
asketischem Geist und von Angst um das »sittliche Verhalten der 
Menschen«. Auf Grund der Arbeit unter der Jugend und in den Ar- 
beiterorganisationen steht der Schluss fest, dass jeder durchschnitt- 
liche ungeschulte, doch frische Arbeiterjunge ein besseres Gefühl und 
ein richtigeres Urteil für die Fragen des sexuellen Lebens hat als 
irgendeine dieser Autoritäten. Auf Grund dieser richtigen Einstellung 
wird es der Arbeiterklasse unschwer gelingen, aus ihrer eigenen Mitte 
diejenigen Funktionäre und Organisationen zu stellen, die die Fra- 
gen der sexuellen Revolution zu bewältigen haben werden. 

Die Neuordnung des geschlechtlichen Lebens muss mit der Um- 
erziehung des Kindes anfangen. Aus diesem Grunde ist es unerläss- 
lich, dass die Pädagogen umgeschult werden und dass die Masse der 
Bevölkerung lernt, ihren richtigen Instinkt in diesen Fragen zur Kritik 
der sexuologisch falsch geschulten alten Pädagogen zu gebrauchen. 
Die Umschulung der Pädagogen wird vermutlich viel leichter gelingen 
als die tJberzeugung der Hygieniker und Bevölkerungspolitiker. In 
Westeuropa und Amerika mehren sich ständig die Anzeichen dafür, 
dass die Erzieher aus dem linksbürgerlichen Lager spontan nach 
neuen Wegen in der Erziehung der Kinder und Jugendlichen suchen 
und vielfach bereits die sexualbcjahendc Anschauung entwickeln. 

Die Neuordnung des sexuellen Lebens wird misslingen, wenn die 
politischen Führer der Arbeiterbewegung diesem Gebiete nicht die ihr 
gebührende Beachtung widmen werden. Sexualasketisch eingestellte 
politische Arbeiterführer sind schwere Behinderungen. Wir werden 
den politischen Führern, die auf dem sexuellen Lebensgebiete unge- 
schult und vielfach selbst in Mitleidenschaft gezogen sind, die Über- 
zeugung beizubringen haben, dass sie lernen müssen, ehe sie hier 
führen dürfen. 

Es wird ferner unerlässlich sein, die spontan entstehenden Dis- 
kussionen über »Die sexuelle Frage« nicht als eine »Ablenkung vom 
Klassenkampf« beiseitezuschieben, sondern sie in die Gesamtarbeit 
für den Aufbau der sozialistischen Gesellschaft einzureihen. Nie mehr 
darf eine siegreiche Arbeiterklasse es dulden, dass pastorale Soziali- 
sten, ethisierende Intellektuelle, zwangskranke Grübler oder sexuell 
gestörte Frauen über die Neuordnung des sexuellen Lebens zu ent- 
scheiden haben. Man muss wissen, dass diese Schichten der Bevölke- 
rung sich gerade in den Augenblicken, wo alles höchste Klarheit er- 
fordert, gedrängt, von unbewussten Gefühlen sich in die Debatte mi- 



240 Kampf um das neue Leben 



sehen. Der ungeschultc Arbeiter pflegt in solchen Fällen aus Respekt 
vor dem Intellektuellen zu schweigen und ihm ein besseres Urteil 
zuzutrauen. Das trifft nicht zu. Es wird unerlässlich sein, jeder 
Massenorganisation sexualpolitisch gut geschulte Funktionäre zu- 
zuteilen, die keine andere Aufgabe haben werden als die, die Ent- 
wicklung der Organisation in sexueller Hinsicht zu beobachten, dar- 
aus zu lernen und in Verbindung mit der sexualpolitischen Zentral- 
stelle die Schwierigkeiten zu lösen. 

Wir wollen uns auf diese Andeutungen beschränken. 

Über die revolutionäre Sexualgesetzgebung und die Massnahmen 
zu ihrer Sicherung hinaus sind u. a. folgende Einrichtungen erforder- 
lich; sie ergeben sich von selbst aus den Erfahrungen der Vergangen- 
heit. 

Jede in irgendeiner Form Sexualangst erzeugende Literatur muss 
verboten und bekämpft werden. Dazu gehören die kriminellen Schund- 
romane ebenso wie die Greuelmärchen für Kinder; ganz gewiss die 
nackte Pornographie und Erzeugnisse ähnlicher Art. An ihre Stelle 
muss eine Literatur gesetzt werden, die statt des Grauens und Gruseins 
das richtige Gefühl für die unendlich vielfältigen Quellen und Arten 
der natürlichen Lebenslust beschreibt und erörtert. 

Aus der Vergangenheit ergibt sieh eindeutig, dass jede Art von 
Behinderung des kindlichen oder jugendlichen Geschlechtslebens 
durch Eltern, Erzieher, staatliche Autoritäten zu verbieten ist. In 
welcher Form dieses Verbot erlassen und gesichert werden soll, lässt 
sich heute nicht sagen; doch an der Notwendigkeit des gesell- 
schaftlichen und gesetzlichen Schutzes der ju- 
gendlichen und kindlichen Sexualität ist nicht mehr 
zu zweifeln. 

Die beste gesetzliche Massnahme bliebe nur ein Fetzen Papier, 
wenn man nicht bald über alle Schwierigkeiten ins klare käme, die 
mit einer Bejahung der kindlichen und jugendlichen Sexualität unter 
den vorhandenen politischen und menschlich-strukturellen Bedingun- 
gen sich ergeben werden. Wären die Eltern und Erzieher nicht selber 
krank und falsch erzogen; wären die Kinder und Jugendlichen sofort 
unter die notwendigen besten Erziehungsbedingungen zu versetzen, 
dann wäre es ja einfach. Da dies nicht sofort der Fall sein wird, 
wird man zweierlei Massnahmen gleichzeitig durchführen müssen: 

a) Man wird etwa an verschiedenen Stellen grosser Gebiete nach 
vorhandenen Möglichkeiten und Mitteln kollektive Mustererzie- 
hungsanstalten für Kinder und Jugendliche errichten, in denen 
bestgeschulte, lebensnahe, sexuell gesunde Erzieher die Entwicklung 
der heranwachsenden Generation aufs genaueste studieren und die 
praktischen Fragen der Reihe nach lösen werden. Diese Mustererzie- 
hungsanstalten werden sozusagen die Zentren sein, von denen sich 
die Grundsätze und Anschauungen der neuen Ordnung auf die ganze 



Mustererzieh ungsanstalten u. Sexualhilfe 241 

Gesellschaft ausbreiten werden. Eine lange, schwere, mühselige Ar- 
beit, doch auf die Dauer die einzige Möglichkeit, dem Untertanenpro- 
blem der Menschen beizukommen. Neben den Mustererziehungsan- 
stalten würden Forschungsinstitute ganz anders als bisher 
die Physiologie der Sexualität, die Verhütung von seelischen Er- 
krankungen und die Bedingungen der sexuellen Hygiene ermitteln. 
Sie würden nicht, wie bisher, die Hauptaufgabe darin erblicken, in- 
dische Phallusse und Kondome verschiedener Art zu sammeln. 

b) Ausserhalb dieser Zentren wird es gelten, die sexualökonomi- 
sche natürliche Regelung des Geschlechtslebens im Massenmasstabe 
vorzubereiten. Als erster Grundsatz wird hier wohl anerkannt wer- 
den müssen, dass das Geschlechts leben keine Privatangelegenheit 
ist; das ist nicht etwa in dem Sinne misszuverstehen, als ob dann 
irgendein Staatsfunktionär das Recht bekäme, sich in die Bettge- 
heimnisse von irgendjemand einzumischen. Damit ist gemeint, dass 
die Sorge um die sexuelle Umstrukturierung der Menschen, um die 
Herstellung ihrer vollen sexuellen Genussfähigkeit nicht der privaten 
Initiative überlassen sein kann, sondern eine kardinale Frage des ge- 
samten gesellschaftlichen Lebens ist. 

Für die Allgemeinheit könnten nach Massgabe der vorhandenen 
wirtschaftlichen Möglichkeiten sofort einige Massnahmen durchge- 
führt werden, die die spätere Ordnung des sexuellen Lebens vorbe- 
reiten würden. Voraussetzung dafür wird sein, dass man das Ge- 
schlechtsleben der Masse nicht als eine zweit- oder gar let2trangige 
Angelegenheit betrachtet. Man wird also etwa gute Empfängnisver- 
hütungsmittel in derselben Weise und mit derselben Aufmerksamkeit 
herzustellen versuchen wie die grossen Maschinen. Die Errichtung 
bester zentral organisierter Empfängnisverhütungsmittelfabriken un- 
ter wissenschaftlicher Führung und unter Ausschluss jeder Geschäfte- 
macherei wird zu den ersten Massnahmen gehören, wenn man die 
sexuelle Hygiene der Masse anstrebt. Die Propaganda der Empfängnis- 
verhütung zur Herabsetzung des Abortus darf nicht auf dem Papier 
bleiben, sondern muss praktisch bewältigt werden. 

Es ist nicht daran zu denken, eine Wiederholung der sowjetisti- 
schen Sexualkatastrophe zu verhindern, wenn man nicht sofort nach 
der Machtergreifung an die Lösung der Raumfrage für die Ju- 
gend und die Unverheirateten herangeht. Wie ich die Jugendlichen 
kenne, werden sie mit Freuden selber die Frage der Raumbeschaffung 
praktisch lösen und nicht auf Massnahmen von oben warten. 

Der Bau von Notjugendheimen ist notwendig und durchführ- 
bar. Voraussetzung dafür wird sein, dass sich keine massgebende 
Stelle findet, die dagegen in moralisierender Weise auftritt. Die Ju- 
gend muss das Gefühl bekommen, dass sie alle Möglichkeiten hat, 
sich ihr Leben selber aufzubauen. Sie wird sich deshalb gewiss ihren 
allgemeinen sozialen Arbeiten nicht entziehen, im Gegenteil. Wenn sie 
17 



242 Kampf um das neue Leben 



die Raumfrage allmählich selber lösen wird, dann wird sie auch mit 
verzehnfachter Freude die allgemeinen sozialen Arheiten durchfuhren. 
Die gesamte Bevölkerung muss unbedingt das sichere Gefühl bekom- 
men, dass die revolutionäre Staatsführung alles tut, um den sexuellen 
Genuss zu sichern, ohne Einschränkung, ohne Wenn und Aber. Die 
Aufklärung der Masse über die Schädlichkeit des Abortus und die 
Gefährlichkeit der Geschlechtskrankheiten wird sich in dem gleichen 
Masse erübrigen, in dem die massenweise Aufklärung über den Wert 
der gesunden natürlichen Sexualität fortschreiten wird. 

Wenn die Bevölkerung sich in ihren sexuellen Bedürfnissen sofort 
praktisch verstanden fühlen wird, dann wird sie auch Maschinen 
freudig bauen — ohne Zwang. Eine sexuell glücklich lebende Be- 
völkerung wird die beste Garantie der allgemeinen gesellschaftlichen 
Sicherheit sein. Sie wird mit Freuden ihr Leben aufbauen und gegen 
jede reaktionäre Gefahr verteidigen. 

Will man nicht gezwungen sein, später wegen »sexuellem Chaos« 
in Heer und Marine zum Homosexualitätsparagraphen zurückzugrei- 
fen, dann muss von vornherein an die Lösung eines der schwersten 
Probleme der geseüschaftlichen Sexualökonomie geschritten werden: 
Die Einbeziehung der weiblichen Jugend in das 
Leben des Heeres und der Marine. So unvorstellbar 
dies heute den militärischen Spezialisten klingen mag: Es gibt keinen 
anderen Weg als diesen, wenn man die sexuelle Verrottung durch den 
Heeresdienst vermeiden will. Es muss klar sein, dass dieses Problem 
sich nicht einfach lösen lassen -wird; doch grundsätzlich gilt das Ge- 
sagte. 

Theater, Film und Literatur dürfen nicht mehr aus- 
schliesshch wirtschaftlichen Problemen zur Verfügung gestellt wer- 
den wie in der SU. Man kann die Probleme des Liebeslebens, die in 
der bürgerlichen Welt und in der Literatur aller Zeiten 90% aller 
Erzeugnisse beherrschten, nicht aus der Welt schaffen und sie auch 
nicht durch Verherrlichung und Besingung der Maschinen ersetzen. 
An die Stelle der bürgerlichen, patriarchalischen Art der Lie- 
beskultur wird eben die sozialistische Art in der Literatur, 
im Film etc. treten müssen. Dadurch werden wir uns den Rückschritt 
zur bürgerlichen Form auf diesem Gebiet, zu kitschiger Sentimentali- 
tät ersparen. 

Die allgemeine Arbeit auf sexualpolitischem Gebiet wird nicht der 
Initiative oder dem Wirrwarr ungeschulter Ärzte oder romantisch 
veranlagter und unbefriedigter Frauen überlassen bleiben, sondern 
wie jede Art des gesellschaftlichen Lebens kollektiv organisiert 
und unbürokratisch gelöst werden. Es wäre müssig, sich jetzt 
schon über die Details dieser Organisierung den Kopf zu zerbrechen. 
Die Frage der Organisierung wird sich von selbst lösen, wenn das 



Schutz der ländlichen u. jugendlichen Scxualil&t 24S 



Geschlechtsleben der Bevölkerung in der vordersten Linie der gesell- 
schaftlichen Arbeit behandelt werden wird. 

Auf keinen Fall wird eine Zentralstelle die Neuordnung des sexuel- 
len Lebens dekretieren dürfen. Ein weitmaschiges Netz sexualpoliti- 
scher Organisationen wird zwischen dem lebendigen Leben der Masse 
und den fachlich geschulten Zentren vermitteln; es wird nach dem 
Muster der deutschen Instruktionsabende der Sexpo! die Probleme 
aus dem Massenleben zur Diskussion stellen und mit den schon mög- 
lichen Lösungen wieder ins Massenleben zurückkehren. Die verant- 
wortlichen Forscher und führenden Sexualpolitiker werden unter al- 
len Umständen auf ihre sexuelle Gesundheit und auf den Mangel 
jeder Art asketischer moraüsierender Einstellung geprüft werden 
müssen. 

Die Religion werden wir nicht bekämpfen; aber wir werden uns 
auch nicht das Recht nehmen lassen, das sexuelle Glück der Masse 
zu sichern und die Erkenntnisse der Naturwissenschaft in die Masse 
zu tragen. Es wird sich dann zeigen, ob die Kirche mit ihrer Be- 
hauptung der überirdischen Natur des religiösen Gefühls Recht 
behält. Wir verhehlen jedoch nicht, dass wir die Kinder und Jugend- 
lichen vor der Einpflanzung von sexuellen Angst- und Schuldgefühlen 
schützen werden. 

Im Prozess der sozialen Revolution wird die Familie unweigerlich 
zerfallen. Eine Rückkehr zur alten Familienordnung ist unmöglich. 
Den Familiengefühlen und -bindungen der Masse muss Rechnung ge- 
tragen werden, indem die Familienfrage vor aller Öffentlich- 
keit immer wieder in ihrem lebendigen Flusse besprochen und be- 
wältigt wird. Unser Standpunkt ist folgender: 

Das Ziel der sexualpolitischen, kulturrevolutionären Arbeit kri- 
stallisiert sich an Hand der Ereignisse ohne Klügelei heraus. 

Das vegetative Leben der Menschen, das sie mit der gesamten 
lebendigen Natur teilen, strebt nach Entfaltung, Betätigung, Lust, 
vermeidet Unlust und erlebt sich selbst in Gestalt strömender, drän- 
gender Empfindungen. Sie sind die Kernelemente jeder vorwärtstrei- 
benden, also revolutionären Weltanschauung. Auch dem sogenannten 
»religiösen Erleben« und dem »ozeanischen Gefühl« liegen vegetative 
Lebenserscheinungen zugrunde. Es glückte vor kurzem, in einigen 
dieser vegetativen Erregungen elektrische Ladungsvorgänge der Ge- 
webe zu erkennen. Begreiflich, denn der Mensch ist nur ein Stück 
der Natur, die elektrisch betrieben ist. 

Dem religiösen Gefühl des Einsseins mit dem Weltall entspricht 
somit eine Naturtatsache. Doch die Mystifizierung des organischen 
Wellengangs vollbrachte an Stelle der Entfaltung seine völlige Lahm- 
legung. Christus führte die gläubigen Armen gegen die Reichen. Das 
Urchristentum war im Grunde eine kommunistische Bewegung, deren 
vorwärtsstrebende lebensbejahende Kraft durch die gleichzeitige 
17' 



244 Kampf um das neue Leben 



Sexualverneinung ins Gegenteil, ins Asketische und Überirdische ver- 
kehrt wurde. Zur Staatskirche geworden, verleugnete das internatio- 
nale, die Erlösung des Menschen anstrebende Christentum seinen 
eigenen Ursprung. Ihre Kraft verdankt die Kirche den mächtigen, 
lebensverneinenden Veränderungen der menschlichen Struktur durch 
die metaphysische Fassung des Lebens: Sie lebt durch das Leben, das 
sie tötet. 

In der marxistischen Wirtschaftslheorie brach sich die Erkenntnis 
.der wirtschaftlichen Voraussetzungen des vorwärtsstrebenden Lebens 
Bahn. Die Sowjetunion bewies ihre Richtigkeit. Doch ihre Einschrän- 
kung durch grob ökonomistische und mechanistische Anschauungen 
verursachte eine bedrohliche Veränderung zur Lebensverneinung mit 
all ihren wohlbekannten Anzeichen. Der Ökonomismus unterlag in 
diesen Jahren schwerster politischer Kämpfe, weil er die Formung 
des vegetativen Lebenswillens als »Psychologie« verdammte und sie 
den Mystikern überliess. 

Im Neuheidentum des deutschen Nationalsozialismus brach sich 
das vegetative Leben abermals Bahn. Der vegetative Wellengang 
wurde von der faschistischen Ideologie besser erfasst als von der 
Kirche und ins Irdische herabgebolt. Die nationalsozialistische Mystik 
der »Blutwallung« und der »Verbundenheit mit Blut und Boden« be- 
deutet somit gegenüber der altchristlichen Anschauung von der Erb- 
sünde einen Forlschritt; er erstickt jedoch in neuerlicher My- 
stifizierung und in reaktionärer Wirtschaftspolitik. Die Lebensbeja- 
hung biegt neuerdings in Lebensverneinung um, wird zur Bremsung 
der Lebensentfaltung in der Ideologie der Askese, des Untertanentums, 
der Pflicht und der Volksgemeinschaft mit den Kapitalisten. Trotz- 
dem kann man nicht die Sündenlehre gegen die Lehre von der »Blut- 
wallung« verteidigen; man muss die »Blutwallung« vorwärtstreiben, 
sie zurechtbiegen. 

Aus diesem Verhältnis von Altchristentum und Neuheidentum ge- 
hen viele Missverständnisse hervor. Die einen reklamieren das Neu- 
heidentum als die Religion des Proletariats; sie spüren die fort- 
schrittliche Tendenz, sie sehen nicht ihre mystische Umbiegung. Die 
andern wollen die Kirche gegen die faschistische Ideologie in Schutz 
■nehmen und meinen dabei, revolutionär zu handeln. Mag sein, dass 
dies aktuell politisch richtig ist, doch auf die Dauer führt es irre. 
Unter den Sozialisten gibt es viele, die das »religiöse Empfinden« nicht 
völlig missen möchten; sie haben recht, sofern sie die vegetative Ent- 
faltungstendenz meinen; sie haben unrecht, sofern sie die reale Ab- 
biegung und Bremsung des Lebens nicht sehen. Niemand wagt noch, 
an den sexuellen Kern der Lebensentfaltung zu greifen und jeder 
nützt seine eigene Sexualangst unbewusst aus, um das Leben zwar in 
Gestalt des religiösen oder revolutionären Erlebens zu bejahen, es je- 
doch im nächsten Atemzuge praktisch durch Sexualverneinung in 



Sexualbejahung als Ziel 



245 



Lebensvemeinung zu verkehren. Derart ergänzen einander religiöse 
Sozialisten und ökonomistische Marxisten. 

Das folgende Schema veranschaulicht das Gesagte: 



: (1 ^. -1 



!■, '- ■: 



i*. '...•. /.-ir '.'\i'..' '■:•!■■ 



■.i;..'t ■ 

|-|..r* . 




Na'.-so2. Mystik 
Sex. Verneinung 



n 



Slaalskirche 
Sex Verneinung 



n 



Klassengesellschaft 
Se*. Verneinung 



■ ' 'i ■- 1' ■■-■;;■. i ! t; .■ <- K 

■■■ .■ i ■ ■: -l ■ '. ' .- V ■ If fi 

Sex. Bejahung als Kern der lebens- 
bejahenden Kulturpolitik auf der 
Grundlage der soz. Planwirtschaft 



" . i . ■",,'■ lf.|i i; ;'-l).''i.-' 



Neuheidentum 



■I..';'. ;:■: ,■■;; 



urcliristliche Bewegung 



►■f. 



Patriarch. Grossfami. 




Urreligion (Religion = Orgast. Ekslase) 
Sexualbejahung 



Veget. Leben 



Schema der kulturpolitischen Entwicklung 



24G Kampf um das neue Leben 



Die sexualökonomische Forschung hat aus ihrer naturwissen- 
schaftlichen Grundlage und den sozialen Vorgängen den korreliten 
Scliluss gezogen : Der Lebenshejahung muss in ihrer 
subjektiven Form als Bejahung der Sexuallust 
und in ihrer objektiv gesellschaftlichen Form 
als sozialistischer Planwirtschaft zur subjek- 
tiven Bcwusstheit und zur objektiven Entfaltung 
verholfen werden. Die Lebens b e j ah u ng muss organi- 
siert erkämpft werden. Die Lustangst der Menschen ist dessen 
niächtig.ster struktureller Gegner. 

Die durch die gesellschaftliche Störung des natürlichen Lust- 
ablaufs entstandene organische Lustangst bietet in Gestalt von Be- 
scheidenheit, Moralitat, FührerhÖrigkeil etc. den Kern der Schwierig- 
keilen aller Art dar, denen die massenpsychologische und sexualpoli- 
tische Praxis im Alltag begegnet. Man schämt sich zwar, impotent 
oder zur Spendung von Lehensglück unfähig zu sein, wie man sich 
schämt, politisch reaktionär zu sein. Die sexuelle Potenz ist das hohe 
Ideal geblieben, Revolutionär sein ebenso; jeder Reaktionär tritt heute 
als Revolutionär auf. Doch man hört nicht gern, dass einem das 
Leiiensglück zerbrochen wurde und man eine vertane Zukunft hin- 
ter sich hat. Deshalb wehrt sich das Alter immer mehr gegen die 
konkrete Lebensbejahung als die Jugend. Deshalb wird die alternde 
Jugend konservativ. Man möchte nicht erkennen, dass man es sich 
besser hätte einrichten können, dass man nun verneint, was man ein- 
mal bejahte; dass zur Verwirklichung der eigenen Lebenswünsche 
eine Umstellung des gesamten Lebensprozesses erforderlich ist, 
die viele liebgewordene Ersatzbefriedigungen und Illusionen zerstört". 
Man flucht nicht gern den Exekutoren der autoritären Staatsgewalt 
und der asketischen Ideologie, weil sie aVater« und »Mutter« heissen; 
man resigniert zwar, aber man verzichtet nie. 

Doch die Entfaltung des Lebens ist nicht aufzuhalten. Nicht ohne 
Grund fasste man den gesellschaftlichen Prozess als Naturprozess 
auf. Die ;^hi s to rische Notwendigkeit« des Sozialismus ist nichts 
anderes als die aktuelle biologische Notwendigkeil der Lebens- 
entfaltung. Die Umbiegung ins Asketische, Autoritäre, Lebensver- 
neinende kann vielleicht wieder einmal gelingen; doch am Ende steht 
der Sieg der Naturkräftc im Menschen: die Einheit von Natur 
und Kultur. Alle Anzeichen sprechen dafür, dass das Leben gegen 
die Fesseln der ihm auferlegten Lebensweise in hellste Rebellion ge- 
riet. Der Kampf ums »neue Leben« .setzte erst jetzt richtig ein, zu- 
nächst noch in Form schwerster materieller und seelischer Zerrüttung 
des individuellen und gesellschaftlichen Lebens. Doch wer das Leben 
zu begreifen fähig ist, verzagt nicht. Wer satt ist, stiehlt nicht. Wer 
sexuell glücklich ist, braucht keinen »moralischen Halt« und hat sein 
naturwahrstes »religiöses Erleben«. Das Leben ist so einfach 



w'ie 



Funktion der Kulturrevolution 



247 



diese Tatsachen. Es wird nur kompliziert durch die lebensängsUich 
gewordene menschliche Struktur. 

Die allgemeine theoretische und praktische Durchsetzung der Ein- 
fachheit der Lebensfunktion und der Sicherung ihrer Produktivität 
heisst Kulturrevolution. Ihre Grundlage kann nur die sozialistische 
Planwirtschaft sein. 



1-.I. 



INHALTSVERZEICHNIS 

Vorwort y.. 

Die Sexualfunktion-Kern der Struktur — Politisierung des persönlichen 
Lehens — Selbstcuerung und Absterben des Staates — Illusionen vom 
Lebensglück 



ERSTER TEIL: 

Das Fiasko der Sexualmoral 

I.Kapitel: Die klinischen Grundlagen der scsualpoli- 
tischen Kritik . 

1. Vom moralischen zum sexualökonomischen Prinzip ... , | 

Selbstcuerung 

2. Widersprüche der Freudschen Kulturtheorie 7 

a> Sexualverdrängung und Triebverzicht 

b) Triebbefriedigung und Triebverzicht 

Sexualökonomische Voraussetzungen der Sozialität — Inkonse- 
quente Pädagogik i 

3. Sekundärer Trieb und moralische Regulierung I7 

4. Unsere »Moral« , 21 



11. Kapitel: Die Misere der Sexualreform 

Keime der sozialistischen Sexualideologie — Die Bremsung der Sexual- 
reform 



2S, 



III. Kapitel : Die Eheinstitution als Grundlage von Wi- 
dersprüchen des bürgerlichen Sexuallebens 31 

Geschlechtskrankheiten — Geburtenregelung und Sittlichkeit 

IV. Kapitel : Der Einfluss der bürgerlichen Sexualmoral 37 

1. »Objektive, unpolitische« Wissenschaft 37 

2. Die Ehemoral als Bremsung jeder Sexualreform 47 

a) Helene Stöcker 

b) August Forel 

c) Das Ende der Weltliga für Sexualreform 

3. Die Sackgasse der Sexualaufklärung 55. 

SexualverneJnende und sexualbejahende Erziehung — Argumente eines 
Ethikers — Gefahren der konsequenten Sexualerziehung — Aus der 
Sexualberatung 



V. Kapitel : Die bürgerliche Familie als Erzichungs- 
apparat 65 

1, Der Einfluss der gesellschaftlichen Ideologie 66 

2. Die Dreiecksstniktur 68 

Typische Konflikte der Kinder — Familie-Bollwerk der »Ordnung« 

VI. Kapitel: Das Problem der Pubertät 74 

1. Der Pubertätskonflikt 7* 

2. Gesellschaftliche Forderung und sexuelle Wirklichkeit 78 

a) Proletarische Jugend 

Widerspruch zwischen Kollektiv und Struktur 

b) Grossbürgerliche Jugend 

Widersprüche bei Lindsey — Zerstörung der Ehe durch sexuelle 
Freiheit 

3. Eine unethische Betrachtung über den Geschlechtsverkehr der Jugend 92 

a) Die sexuelle Abstinenz in der Pubertät 

Versuche zur Abtötung der Sexualität — Methoden der Hilflosigkeit 

b) Die Onanie 

c) Der Geschlechtsverkehr der Puberilen 
Aufklärende Priester 

V!I. Kapitel: Ehe und sexuelle D a u e r b e z i e h u n g 105 

1. Die sexuelle Dauerbeziehung 105 

Die physiologische Abstumpfung — Konflikte der Dauerbeziehung — 
Widernatürliche Moral 

Trj 2. Das Eheproblem "'* 

a) Die gesellschaftliche Funktion der Ehe 

Niedergang der Ehe — Rebellion gegen die Ehe — Eheliche Resig- 
nation 

b) Der Widerspruch der Eheinstilution 

Die Ergebnislosigkeit der Ehereform — Versuche, die Ehe zu retten 
Objektive Aufhebung der Ehe 



ZWEITER TEIL: 

Der Kampf um das »neue Lebens in der Sowjetunion 133 

Eine notwendige Vorbemerkung — Rückschritt zu autoritärer Lenkung 

I. Kapitel: Die »Aufhebung der Familie« ... - ... ■■. 137 

Feststellungen — Struktur des Klangenossen und des Familienmenscheu — 
Widerspruche zwischen Kollektiv und Struktur 

II. Kapitel: Die sexuelle Revolution 1** 

1. Voranslrebende Gesetzgebung 
Registrierung und Alimentation 

2. Arbeiter warnen 

Diskussion über die »Familie« — das sexualpolitische Interesse der 
Masse — Unklarheiten über den Prozess — Kommunisten retten die 
Familie 

III. Kapitel: Die Bremsung der S e x u al r e vo 1 u t i o n 159 

1. Die Voraussetzungen der Bremsung 169 

2. Moralisieren statt erkennen und bewältigen 163 

Unklarheiten in der Führung — Verachtung der Hottcatottea 

3. Objektive Ursachen der Bremsung 169 

Angst vor dem Chaos — Lebenssorgen und hohe Staatspolitik 



IV. Kapitel : Befreiung und Bremsung in der Celiurten- 

regelune und der Homosexualität I74 

Vorbeugung des Abortus — Reaktionäre Professoren — Der Sexualrevo- 
lutionär Selinskij — Knapper Sieg der Sexualbejahung — Interventioas- 
gefahr und Geburtenregelung — Stolz auf die Enterotisierung — Die 
Wiedereinführung des Homosexualitätsparagraphen — Homosexuellen- 
Verfolgungen 

V. Kapitel: Die Hremsung in den .1 u ge n dko m m un e n 191 

1. Revolutionäre Jugend jgj 

2. Jugeudkommunen igg 

Selbständigkeit der Jugend 

a) Die Kommune Sorokin 

b) Arbeitskommune der G. P. LI. für Verwahrloste »Bolschewo« 

c) Die Jugend auf der Suche nach neuen l.efoensformen 
Selbstverwallung und autoritäre Disziplinierung 

d) Der unlösbare Widerspruch zwischen Familie und Kommune 
restbalten an der Eheideologie — Kommunen seheitern 

3. Notwendige strukturelle Voraussetzungen 212 

Notwendigkeit der Anpassung der Struktur 

VI. Kapitel : Einige Probleme der kindlichen Sexualität 215 

1. Kollektive Strukturierung 218 

Komraunistisehe Massnahmen 

2. Unautoritäre Umstrukturierung beim Kleinkinde 220 

Triebfreiheit und Sozialität — Korrekte Genital-Krziehung 

3. Scheinrevolutionäre pastorale Erziehung 227 

4. Von neuem die Verwahrlosten-Frage 232 

Einige Erfahrungen mit Fürsorgezöglingen —"Angst vor 'der "kind- 
lichen Sexualität 

VII. Kapitel: Was folgt aus dem so w j e t i s t i s ch e n Kampf 

um das »Neue Leben« 238 

\ Notwendige Massnahmen — Mustererziehungsanstalten und Sexualhilfe ~ 

Schutz der kmdliehen und Jugendlieben Sexualität - Sexualbejahuag als 
Ziel — Funktion der Kulturrevolution 



T." 



WILHELM REICH 

CHARAKTERANALYSE 

TECHNIK UND GRUNDLAGEN i 

FÜR STUDIERENDE UND PRAKTIZIERENDE ANALYTIKER 

^^^^^^^■■■^■1 Aus dem Vorwort: ^^^H^^^^^^Bi 

Die technisch-therapeutischen Ausführungen und die dynamisch-öko- 
nomischen Auffassungen des Charakters als Gesainiformat ion entstammen 
überwiegend den reichlichen Erfahrungen und Diskussionen im Wiener 
»Seminar für psychoanalytische Therapie« am obengenannten Institut, das 
ich sechs Jahre hindurch unter tatiger Mithilfe einer Reihe arbeitsfreudiger 
junger Kollegen leitete. Ich muss bitten, auch jetzt M-eder Vollkommenheit 
in der Darstellung der aufgeworfenen Probleme noch Vollständigkeit ihrer 
Lösung zu erwarten. Wir sind auch heute wie vor neun Jahren von einer 
umfassenden, systematischen psychoanalytischen Charakterologie noch weit 
entfernt. Ich glaube nur, mit dieser Schrift die Entfcrniing um ein er- 
hebliches Stück zu verringern. 

Oktav, 288 Seiten. in Leinen Kr. 12.80. Geheftet Kr. 11.25 

Wilhelm Reich 

Psychischer Kontakf und Vegetative 
römung 



Sf 



Die Abhandlung entstand durch Erweiterung und Detail- 
lierung eines Vortrages, der von Dr. Reich auf dem 13. Inter- 
nationalen Psychoanalytischen Kongress im August 1934 in 
Luzern gehalten wurde. 

Sie setzt die Auseinandersetzung mit den schwierigen 
ciiarakter analytisch-klinischen Tatbeständen und Fragen fort, 
■die in Reichs Buch sCharakteranalyses grundsätzlich dargelegt 
sind. Sie versucht vor allem zwei Tatsachengruppen zu 
erfassen, die dort nicht behandelt wurden : die psychische 
Kontaktlosigkeit samt den dazugehörigen Ersaizkonlakt-'Siacha- 
nismen und die gegensätzliche Einheitlichkeit der vegetativen 
und psgchischen Äasserungen des Affektlebens. Preis: 

Es ist wieder nur ein kleiner, freilich klinisch gut fundierter broiehi^rt 

Schritt aus dem Gebiet des bereits Bekannten und Gesicherten ■ '. 

g«bund«rt 

in die dunkle Problematik der Leib-Scelc-Beziehungcn. Dfin,Kr.6.25 



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Mit einem Fremdwörterverzeiclmis und 
zalilreichen graphisctien Darstellungen. 



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Herkunft der Sexualuerdrängung. 

Sexuelle Ökonomie in der mutterreclitlichen Gesellschaft. 

Der Einbruch der sexualfeindlichen Moral. 

Mutterrecht — Urkommunismus; Vaterrecht — Privateigentum. 

Bachofen, MacLennan, Morgan — Engels. 

Claneinteilung und Inzestverbot. 

Das Problem der Sexualökonomie. 

Sexualunterdrückung und Klassengegensätze von Mann und Frau. 

Bedürfnisbefriedigung und gesellschaftliche Realität. 

Produktion und Reproduktion der Sexualmoral. 

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Psychologie. Die Dialektik im Seelischen. Die soziologische 
Stellung der Psychoanalyse. Zur Anwendung der Psychoanalyse 
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Diese Schrift stellt die erstmalig in der Zeitschrift »Unter 
dem Banner des Marxismus« (1929) erschienene grundlegende 
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der Geschichtsforschung dar. Sie bedeutet gleichzeitig die 
erstmalige Anwendung des dialektischen Materialismus auf 
psychologischem Gebiet. 

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t3bersicht über ihren äusseren geschichtlichen Verlauf gibt das Buch vo"" 
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Wilhelm Reich Zweite Auflage 

Massenpsychologie des Faschismus 

Zur Sexualpolifik der po litischen Reaktion und zur prolefarischen Sexualpolitik 

In der .Neuen Weltbühn e' schreib< Ludwig Marcuse u. a. 

" "'IS Motiv zu dieser Untersuchung ist weder eine ' ■ 

sorglose Neugier, noch jene üble Rechtfertigungsmanie, die nach 
jeder Niederlage immer beweist, dass kommen musste, was ge- 
kommen ist. Reich sucht im Gegenteil das theoretische Funda- 
ment für eine realistische, also wirksame Propaganda gegen 
den Faschismus. Er ist, wohl mit vollem Recht, der Ansicht, 
dass der Marxismus in seiner heutigen theoretischen Gestalt eine 
solche Propaganda nicht fundieren kann. Was war denn bisher 
das A und O seiner Attacke auf die gegnerischen Ideologien? 
Politische Institutionen, religiöse Dogmen, moralische Begriffe 
wurden als Einhüllung des wirtschaftlichen Interesses der 
herrschenden Klasse »entlarvt«. Jetzt, da nun das Resultat 
dieser jahrzehntelangen Entlarvungspädagogik sichtbar ge- 
worden ist, hilft man sich zur Erklärung der Tatsache, dass 
alle soziologische Aufklärung die Massen nicht gehindert hat 
zu Thyssen zu gehen, mit Vokabeln wie »Ablenkungsmanöver« 
»Folgen von Versailles«, »Hitler-Psychose«. Reich deutet auf 
die Ergebnislosigkeit solcher Wortprägungen hin Preis: 

Massen sind nicht durch Theorien zu überzeugen, l™ lj h 

sondern nur durch den konkretesten Hinweis auf das Glück ds„ Kr e 
und Unglück, das jeder Einzelne am eignen Leibe und eignen l' J~' 

Leben erfährt.« geojnoen 



Din. Kr. 9.-. 



Sexpol-Verlasr, Kopenhagren/Dänemark, Postbox 827 

_ . , , ( Kopenhagen 30302 

rosfgirokonto j 

\ Prag;78790 (Jörgen Neergaard) 



Der Verein 

DAS KREIDE-DREIECK 

erforscht die Geheimnisse der Erwachsenen 

Eine Erzählung für unsere Kinder 

Die heikelste Frage der Kindererziehung - — die Frage einer 
vernünftigen, gründlichen und warmherzigen sexuellen 
Aufklärung — wurde hier gelöst. 

Ärztliches, pädagogisches und politisches Wissen haben sich in 
diesem Büchlein vereinigt, um alles, was das Kind wissen 
will und wissen soll und was ihm die Eltern kaum je- 
mals klar und unbefangen sagen können, zu beantworten. 

Ohne Leisetreterei und ohne jedes Zugeständnis an reaktionäre 
Forderungen wird dem Kind hier jenes Wissen geboten, das 
es für seine gesunde körperliche und seelische Entwicklung 
nicht entbehren kann. 

Alle Eltern, insbesondere die aus den Schichten der Werktätigen, 
helfen ihren Kindern, indem sie ihnen die Geschichte vom 
»KREIDE-DREIECK« zu lesen geben. 

Mit vielen Bildern, karioniert Dan. Kr. 1.70- 



DR. ANNIE REICH 

WENN DEIN KIND DICH FRAGT 

Beispiele, Gespräche und Rafschläge zur Sexualerziehung 

»Ihre aus langer Erfahrung gewonnenen Einsiclitun macht die Verfasserin 
dem Verständnis aller Werktätigen mit kristallcDer Klarheit zugänglich.« 

(Dortmunder Generalanzeiger) 
Geheftet Dan. Kr. -.35 



Seacpol-Verlag, Kopenhagfen/Dänemark, Postbox 827 

_ , ( Kopenhagen 30302 

Postgirokonlo { 

\ Prag 78790 (Jörgen Neergaard) 



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ZUR SOZIRLISTISCHEM 
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