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Full text of "Der Schrecken und andere psychoanalytische Studien"

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DER SCHRECKEN 

UND ANDERE PSYCHO- 
ANALYTISCHE STUDIEN 






DER SCHRECKEN 

UND ANDERE 

PSYCHOANALYTISCHE 
STUDIEN 

VON 

THEODOR REIK 

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INTERNATIONALER 

PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

WIEN 












Alle Rechte, 

insbesondere die der Übersetzung 

vorbehalten 

Copyright 1929 

by „Internationaler Psychoanalytischer 

Verlag-, Ges. m. b. H.", Wien 







INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Druck der Vernay A.-G., Wien, IX., Canisiusgassc 8 — 10 



Inhal ts Verzeichnis 



Seite 

Vorbemerkung 6 

Der Schrecken 7 

Libido und Schuldgefühl 45 

Über den Zusammenhang von Haß und Angst ... 62 

Der Traum von der Theorie des Geständniszwanges . 75 

Verzeihung und Rache 94 

Erfolg und unbewußte Gewissensangst 127 

Der Glaube an die ausgleichende Gerechtigkeit . . . 155 

Zur Psychogenese des Uber-Ichs 171 



Vorbemerkung 

Die folgenden Aufsätze, die aus den fahren 1924 — 1927 
stammen, enthalten neue Beiträge, Ergänzungen und Korrek- 
turen zu einer psychoanalytischen Theorie, die ich in einem 
größeren Werke „Geständniszwang und Straf bediirfnis" (Inter- 
nationale Psychoanalytische Bibliothek, Band XVIII) 1926 
veröffentlicht habe. Auch sie stellen die Beziehungen zwischen 
den Mächten des ??ienschliche?i Trieb lebe ns und jener psychischen 
Instanz, welche die Psychoanalyse als Ober-Ich bezeichnet, in den 
Mittelpunkt der Untersuchung. Es ist mir bekannt, daß die 
einzelnen hier vorliegenden Aufsätze einen verschiedenen Grad 
von psychologischer Vertiefung aufweisen. Sie wollen auch ihren 
fragmentarischen und einseiligen Charakter keineswegs verleugnen. 



Berlin, Ende Oktober 1928. 



Der Schrecken 

Eine psychoanalytische Studie 

I 

Nachdem Abraham, Ferenczi, Jones und 
Simmel in der Diskussion auf dem V. Internatio- 
nalen Psychoanalytischen Kongreß wichtige Beiträge zum 
Problem der traumatischen Neurosen geliefert hatten, ' 
nahm Freud 1920 das Thema in einem größeren 
Zusammenhang wieder auf. 2 Er betrachtet die trau- 
matische Neurose als Folge eines ausgiebigen Trieb- | 
durchbruches des Reizschutzes, der die primäre Funktion 
unseres seelischen Apparates bildet. Es wird betont, 
daß die Intensität des an den Reizschutz gelangenden 
Reizes nicht allein über das Zustandekommen der trau- 
matischen Neurosen entscheidet. Der Zustand der 
eigenen Besetzung ist als zweiter wichtiger Faktor in 
Betracht zu ziehen. Bei niedriger eigener Besetzung 
wird unser psychischer Apparat weniger geeignet sein, 
zuströmende Energie aufzunehmen ; die Folgen eines 
Durchbruches des Reizschutzes müssen gewaltsamer 
sein als bei höherer eigener Besetzung, der eine größere 

1) Zur Psychoanalyse der Kriegsneurosen, Internat. Psychoanalyt. 
Bibliothek, Bd. I., Wien 1919. 

2) Jenseits des Lustprinzips (1920). Ges. Schriften, Bd. VI. 



bindende Krali eignet. Die Anerkennung dieses zweiten 
Momentes warnt uns davor, die pathogene Macht des 
traumatischen Faktors von außen her zu überschätzen. 
Das spezielle pathologische Resultat wird von der kombi- 
nierten Wirkung beider Momente abhängig sein. Es er- 
gibt sich hier wieder eine Ergänzungsreihe analog jener, 
die Freud für die Kooperation konstitutioneller und 
akzidenteller Faktoren in der Neurosenätiologie aul- 
gestellt hat. 

Gegenüber den Theorien der traumatischen Neurose, 
welche dem Schreck und der Lebensgelährdung die 
größte ätiologische Bedeutung zuschreiben, scheint 
rreuds Auffassung zunächst wie eine Rückkehr zur 
alten Lehre von der Schockwirkung. Im Gegensatz zu 
dieser wd aber das Wesen des Schocks im Durch- 
bruch des Reizschutzes für die reizaufnehmende Rinden- 
schicht gesehen. Der Schreck behält auch innerhalb der 
hreudschen Theorie seine Bedeutung, indem seine Be- 
dingung , m Fehlen der Angstbereitschaf, gegeben ist. 
der de « ngUng SChHdk abtr e ™ -«'ce Besetzung 
foke L A Zmi t St aumeh '«<=nden Systeme ein. In- 
Enerlr' enBeSe,ZUng ' wcldle die ankommenden 
Föten TT 3** bindCn ka ""' s «llen sich die 
r ^fcR ffi * , **»te viel leichter ein. 
MS, ÄU f SS T S Freuds s *ei„t mir nun einer ana- 

we Ich. / rg ^ ZUng Und Fo »führung bedürftig, zu 
eicner der Weg gerade durch andere Forschungen 
Freuds gewiesen wurde, ohne doch von ihm oder an- 
deren anzusehen Autoren betreten worden zu sein- 
U« vorhegende Versuch einer solchen Modifikation 
um so eher hypothetischen Charakter tragen, als 

— 8 — 



tr 



er sich nur auf eine dürftige Erfahrung auf diesem Ge- 
biete stützen kann. Er beschränkt sich im wesentlichen 
auf die aufmerksame Beobachtung der traumatischen 
Neurosen während des Krieges ; ich hatte reichlich Ge- 
legenheit, viele Fälle im Felde und in der Etappe zu 
studieren, aber keine, sie zu analysieren. Die folgende 
Hypothese ist also aus dem Vergleich der Eindrücke 
und Beobachtungen bei traumatischen Neurosen und von 
Erfahrungen aus der Analyse nichttraumatischer Neurosen 
erwachsen. Ihre Berechtigung ist aber nicht a priori 
zu bestreiten, weil die Ungunst der Umstände 
die Durchführung analytischer Untersuchung von 
Unfallsneurosen verbot. Es liegt ja im Wesen einer 
Hypothese, daß sie erst bewiesen werden kann, wenn 
man auf anderen Wegen zu ihr gelangen kann. Es 
muß auch angemerkt werden, daß anderen, nichtana- 
lytischen Beobachtern die Möglichkeit der klinischen 
Ausnützung des Untersuchungsmaterials nicht so viel 
geholfen hat, als man erwartet hätte und sie dem 
psychologischen Verständnis der traumatischen Neurosen 
nicht näher gebracht hat. Es ergibt sich so zwischen 
der Breite der Erfahrung und ihrer intellektuellen Ver- 
wertung ein ähnliches Ergänzungsverhältnis wie zwischen 
Reizintensität und Besetzungshöhe in den traumatischen 
Neurosen selbst. Die Betonung des hypothetischen 
Charakters der folgenden Ausführungen soll nur be- 
deuten, daß es sich darin um Erwartungsvorstellungen 
handelt, die von der speziellen Untersuchung über- 
prüft werden sollen. Man kann von der provisorischen 
Natur aller wissenschaftlichen Erkenntnis völlig über- 
zeugt sein und doch meinen, daß ein bestimmtes Stück 

— 9 — 



der Forschung dem verborgenen Zusammenhang der 
Dinge näherkommt als ein anderes. 

Die Publikation dieser Arbeit scheint mir trotz ihres 
hypothetischen Charakters auch darum gerechtfertigt, 
weil es sich um einen Erklärungsversuch handelt, dessen 
analytische Nachprüfung aus theoretischen wie praktischen 
Gründen gleich wünschenswert ist. 1 Das Wesen der 
speziellen Reize, die in der Schreckneurose traumatisch 
wirken, wurde so vielfach untersucht und klargestellt, 
daß unsere analytische Untersuchung kaum hoffen darf, 
von hier aus tiefer in das Verständnis der Erkrankung 
eindringen zu können. Freud hat die Reizintensität 
als das ätiologisch bedeutungsvollste Moment bezeichnet. 
Doch läßt es die Hervorhebung des zweiten Faktors, 
der individuellen Besetzunghöhe, auch nach dieser 
Theorie verständlich erscheinen, warum relativ geringe 
Reizintensitäten in zahlreichen Fällen traumatische Wir- 
kungen hervorrufen, d. h. den psychischen Reizschutz 
durchbrechen können. Die objektiv gegebenen Reize 
sind diejenigen Quellen in der Genese der trauma- 
tischen Neurose, die am besten sichergestellt und er- 
forscht sind. Nicht nur die Laien berufen sich aus- 
schließlich auf sie zur Erklärung der Krankheit; auch 
die wissenschaftliche Untersuchung hat immer wieder 

1) In der von mir sorgfältig durchgesehenen medizinischen Lite- 
ratur über traumatische Neurosen habe ich ebensowenig wie in den 
allgemeinen Lehrbüchern der Nervenkrankheiten eine Annäherung an 
die folgende Hypothese finden können. Der obige Aufsatz ist 1924, 
also vor der Publikation von Freuds „Hemmung, Symptom und 
Angst" gesdirieben. Die Sdirift Freuds hat gezeigt, in wie vielen 
Punkten die hier niedergelegten Anschauungen einer Modifizierung 
bedürfen und in wie vielen sie sidi mit denen Freuds decken. 



— 10 — 



ihre Bedeutung erkannt. Nun ist es zweifellos, daß der 
spezielle Reiz in bestimmter ursächlicher Beziehung zur 
traumatischen Neurose steht, aber diese Beziehung ist 
— wie schon aus Freuds Theorie hervorgeht — 
keineswegs eindeutig und andere Momente ausschließend. 
Die Forschung wird sich die Frage vorzulegen haben, 
warum derselbe Reiz so verschiedene Wirkungen und 
warum er gerade diese Wirkung hervorrief. 

u 

Wenn wir die Situationen des Entstehens der trau- 
matischen Neurose überblicken und die Wirksamkeit 
der objektiven Reize, diese spezielle Neurose zu produ- 
zieren, kritisch erwägen, werden wir trotz nüchterner 
Einschätzung aller Unterschiede an ein anderes Problem 
erinnert, das die Psychoanalyse frühzeitig interessieren 
mußte: es ist die Beziehung zwischen den objek- 
tiven Traumreizen und dem Traumerfolg. 
Die Bedeutung der objektiven Sinnesreize ist in der 
Traumpsychologie durch sorgfältige Beobachtungen sicher- 
gestellt, ja sogar durch Experimente bestätigt. Die 
Richtigkeit jener Theorien, welche Erregungen der 
Sinnesorgane als Traumerreger feststellen, wurde von 
Seiten der Psychoanalyse niemals angezweifelt, aber es 
galt, die Verbindung zwischen den äußeren (akziden- 
tellen) Traumreizen und dem Vorstellungsinhalt des 
Traumes nachzuweisen. Freud hat die Unzulänglich- 
keit der Traumreiztheorie aus der Tatsache abgeleitet, 
daß sie uns zwei Aufklärungen schuldig bleibe: 
„erstens, warum der äußere Reiz im Traume nicht in 

— 11 — 



seiner wirklichen Natur erkannt wird (vgl. die Wecker- 
träume S. 30) und zweitens, warum das Resul- 
tat der Reaktion der wahrnehmenden Seele auf 
diesen verkannten Reiz so unbestimmbar wechselvoll 
ausfallen kann."' Wir ziehen den berühmt gewordenen 
Traum Maurys als Beispiel eines Traumes heran, 
dessen Inhalt sicher mit dem äußeren Reiz ursächlich 
verbunden ist : der Träumer sieht sich in die Zeit der 
Schreckensherrschaft der Revolution versetzt, erlebt 
gräuliche Mordszenen, wird verhaftet und selbst vor 
das Tribunal gestellt. Dort sieht er Robespierre, Ma- 
rat, Fouquier-Tinville und andere hervorragende Män- 
ner jener Zeit, denen er Rede steht, wird nach vielen 
Zwischenfällen verurteilt und dann zum Richtplatz ge- 
führt, von einer unübersehbaren Menge begleitet. Er 
steigt aufs Schafott, der Scharfrichter bindet ihn ans 
Brett; es kippt um; das Messer der Guillotine fallt 
herab. Er fühlt, wie sein Haupt vom Rumpf getrennt 
wird, wacht in der entsetzlichsten Angst auf — und 
findet, daß der Bettaufsatz herabgefallen war und seine 
Halswirbel getroffen hat, ähnlich wie das Messer einer 
Guillotine. Es interessieren uns hier zwei Momente, 
die, wie uns scheint, eine Brücke zum psychologischen 
Verständnis der traumatischen Neurose schlagen helfen. 
Das erste wird die Verbindung zwischen dem somati- 
schen äußeren Reiz, der in der Traumbildung deutlich 
wird, und dem eigentlichen Traumprodukt sein. Das 
zweite wird sich auf die Besonderheiten des zeitlichen 
Verhältnisses beziehen. Gehen wir vom zweiten Mo- 
ment aus, das Anlaß zu einer angeregten Diskussion 
i) Traumdeutung (Gesammelte Schriften, Bd. 11, S. 222). 



— 12 — 



in der „Revue philosophique" gegeben hat. 1 Maury 
wird von dem Brettchen im Genick getroffen und 
träumt in dem außerordentlich kurzen Zeitraum zwischen 
dem Auffallen des Brettes und dem dadurch beding- 
ten Erwachen einen ganzen Roman aus der Revolu- 
tionsperiode, der lebhafte Angstaffekte auslöst. Eine 
besondere Beschleunigung des Vorstellungsablaufes 
scheint so, wie andere in Freuds „Traumdeutung" 
angeführte Beispiele zeigen, der Traumarbeit eigen zu 
sein. Wir erinnern uns indessen, daß dies keine Be- 
sonderheit nur des Traumes sein kann. Personen, die 
sich in Gefahr des Ertrinkens befinden oder von einer 
großen Höhe abstürzen, sehen in wenigen Sekunden 
viele Szenen aus ihrem Leben wie Filme, die sich 
außerordentlich rasch aneinanderreihen, vor sich ab- 
rollen. Freud hat eine Erklärung des Maury sehen 
Traumes gegeben, die geeignet scheint, uns das zweite 
Moment, das der Verarbeitung des äußeren Reizes, 
verständlich zu machen. Er meint, der Traum des 
französischen Forschers stelle eine Phantasie dar, die 
in seinem Gedächtnis seit Jahren fertig aufbewahrt 
war und in dem Moment geweckt — man möchte 
sagen : angespielt — wurde, da er den Weckreiz wahr- 
nahm. Diese Auffassung wäre aber auch geeignet, die 
erste Schwierigkeit, die der zeitlichen Verkürzung, aus 
dem Wege zu räumen. Handelt es sich um eine fer- 
tige, bereitliegende Phantasie, so brauchte er sie nicht 
in dem kurzen Zeiträume zu komponieren. Sie wurde, 
wie Freud sagt, „angetupft", so wie wenn man nur 

1) 20. Armee, 1895: Egg er, La duree apparente des reves ; Le 
L o r a i n, Le reve D . . ., L'appreciation du temps dans le reve. 

— 13 — 






ein paar Takte aus einem wohlbekannten Musikstück 
am Klavier ansehlägt und das Ganze in der Erinne- 
rung aufsteigt. So wird hier von einer Einbruchstation 
aus ein Ganzes gleichzeitig in Erregung versetzt. „Durch 
den Weckreiz wird die psychische Station erregt, die 
den Zugang zur ganzen Guillotinenphantasie eröffnet. 
Diese wird aber nicht noch im Schlafe durchlaufen, 
sondern erst in der Erinnerung des Erwachten. Er- 
wacht, erinnert man jetzt in ihren Einzelheiten die 
Phantasie, an die als Ganzes im Traume gerührt 

wurde." 

Dodi was haben die psychischen Vorgänge in jenen 
Weckreizträumen mit den Situationen zu tun, die wir 
für die Entstehung der traumatisdien Neurosen ver- 
antwortlich machen ? Nun, die Verbindung scheint zu- 
nächst eine sehr lose zu sein. Hier wie dort wirkt 
ein äußerer Reiz, der körperliche Sensationen und 
seelische Prozesse auslöst. Die kurze Spanne Zeit 
zwischen der unbewußten Wahrnehmung der Empfin- 
dung und dem Erwachen kann man ungezwungen 
derjenigen vergleichen, die zwischen der Perzeption 
eines Reizes etwa in einem Eisenbahnunfall und der 
ersten Reaktion der betroffenen Person liegt. Wenn 
wir an die vorübergehende Bewußtseinstrübung, jenen 
sekundenlangen absenceartigen Zustand nach dem 
Reizeinbruch in der Unfallsituation denken, werden 
wir an den Schlaf erinnert. Ein weiteres Vergleichs- 
moment liegt in der Überraschung : der Träumer er- 
fährt einen Reiz, auf dessen Eintreffen er nicht vor- 
bereitet war. Ebenso der Unfallsneurotiker. Die Be- 
deutung des Überraschungsmomentes in der Psycho- 

— 14 — 



genese des Unfalls wurde in der Theorie Freuds 
gewürdigt. Nehmen wir Träume vom Typus des 
M a u r y sehen Guillotinentraumes, die keineswegs sel- 
ten sind, so fügt sich den bereits angeführten Ver- 
gleichspunkten ein weiterer an : die Auslösung starker 
Angstaffekte. Wollen wir dasjenige, was uns an diesem 
Vergleiche psychologisch interessiert, hervorheben, so 
würden wir es gerne in die Frage kleiden : was ge- 
schieht in unserem Seelenleben in Träumen der be- 
schriebenen Art und in den Unfallssituationen in der 
kurzen Zeit zwischen der Aufnahme des Reizes und 
seiner vorbewußten Erfassung? Anders ausgedrückt: 
welcher psychologische Vorgang findet statt in der 
Zeit zwischen dem Anlangen des Reizes bei der reiz- 
aufnehmenden Rindensubstanz und der ersten Reaktion 
auf die Reizaufnahme ? 

Wir haben von Freud die Erklärung gehört, daß 
der anlangende Reiz in Maurys Guillotinentraum wie 
in anderen Träumen dieses Charakters eine Phantasie 
als Ganzes in Erregung gebracht hat, die fertig vor- 
gelegen hatte. Ist nun der somatische Reiz als solcher 
für die heftige Angst verantwortlich, mit welcher der 
Träumer erwacht ? Unsere Antwort muß natürlich sein : 
nein. Das, was der Reiz in seiner psychischen Verar- 
beitung bedeutet, rechtfertigt die Intensität des Angst- 
afPektes. Wenn uns ein solcher Reiz im Wachzustande 
trifft, werden wir sicher keine Angst verspüren. Doch 
ist dies so sicher? Verändern wir das Bild nur ein 
wenig, so können wir leicht in die Nähe einer jener 
Situationen gelangen, welche zur Entstehung einer trau- 
matischen Neurose führen mag. Wir nehmen also an, 

— 15 — 



der wachende Maury geht eines Tages spazieren und wird 
plötzlich von einem kleinen Brettchen, das etwa von einem 
Hausgerüst herabfällt, getroffen. Es sind nur wenige Ele- 
mente in der Situation verändert und an Stelle eines 
Gesunden, der erschreckt aus dumpfen Träumen auf- 
fährt, um sich bald zu beruhigen, ersteht vor uns das 
Bild eines Unfallsncurotikcrs mit allen klassischen 

Symptomen. 

Man könnte hier leicht den Einwand machen, die 
Unfallsneurose trete nur als Folge eines überstarken 
Reizandranges auf; ein Zusammenstoß, ein heftiger 
Schlag, ein starker elektrischer Strom sei die Verur- 
sachung. Allein die Kliniker berichten uns immer wie- 
der auch von Reizen geringer Intensität, die für das 
Zustandekommen der traumatischen Neurosen verant- 
wortlich sind. Anderseits zeigen uns zahlreiche Bei- 
spiele, daß starke Reize oft ohne jeden Schaden ver- 
tragen werden. Wir wollen also gerne einräumen, dals 
von einer bestimmten Reizintensität an jeder Mensch 
das Opfer einer traumatischen Neurose werden muß, 
uns hier aber ausschließlich mit jenen Fällen beschäf- 
tigen, die keine besondere Intensität des Reizes auf- 
weisen und dennoch zur traumatischen Neurose führen. 
Wir heben die Beschränkung auf diese^ Formen aus- 
drücklich hervor. Es fällt leicht, die Konstitution 
hier in Rechnung zu stellen, — ihre Bedeutung wird 
von uns durchaus anerkannt, — aber solche Betonung 
der konstitutionellen Momente enthebt die Forschung 
nicht der Aufgabe, die speziellen psychischen Vorgänge 
in der Unfallssituation zu untersuchen. Andere Ein- 
wände tauchen auf und verlangen Berücksichtigung : der 

— 16 — 



Träumer weiß uns etwas über das psychische Ge- 
schehen in jener kurzen Zeitspanne zu erzählen, eben 
seinen Traum. Der Traumatiker kann uns nur einiges 
weniges über seine Körperempfindungen in den Se- 
kunden des Unfallserleidens berichten. Aber dieses 
Argument ist nicht so schwer zu entkräften, als es zuerst 
scheinen mag. Es ist vor allem nicht richtig, daß der 
Träumer seinen Traum immer weiß ; es kommt häufig 
vor, daß objektive Sinnesreize beim Schlafenden einen 
Angstaffekt auslösen, der aus mimischen Zeichen des 
Schlafenden erkennbar ist, ohne daß der Traum, der 
von der psychischen Verarbeitung des Reizes Kunde 
gibt, erinnert wird. Andererseits könnte die Analyse 
des traumatischen Erlebens uns unbewußtes Material 
zeigen, auf das wir nicht vorbereitet waren. 

Wir haben gesagt, daß der somatische Reiz als solcher 
nicht die Angst bei Maury rechtfertigt, sondern die durch 
den Reiz ausgelöste Phantasie. Gewiß, die Wichtigkeit 
des Reizes als auslösenden Faktors bleibt unzweifelhaft, 
aber sie ist der zu vergleichen, welche der Funke 
besitzt, der in ein Pulverfaß gerät. Wir be- 
merken nun, daß die alte Phantasie Maurys, die durch 
den Sinnesreiz „aufgeweckt" wurde, eine typische ist, 
deren Kern jeder mit der Psychoanalyse Vertraute als 
Kastrationsphantasie erkennen wird. Es ist diese latente 
Bedeutung der Phantasie, welche das Ausmaß der Angst 
rechtfertigt. Die Reizwahrnehmung ist zum Anlaß ge- 
worden, eine alte Phantasie heraufzubeschwören, die, 
aus infantilen Komplexen stammend, eine Anknüpfung 
an die Lektüre des Erwachsenen gefunden hat. Aber 
nur die Guillotinenphantasie ist bewußtseinsfähig, die 

R e i k, Schrecken 1 n 2 






dahinterliegende Kastrationsphantasie erklärt das tiefe 
Erschrecken. Man könnte sagen : die Vorstellung des 
Guillotiniertwerdens hat bei dem wachenden Maury 
einmal an die unbewußte Kindervorstellung der 
Kastration und die damit verbundene Angst gerührt. 
Es ist diese Angst, die im Traum wieder erscheint. 
Die Körpersensation durch das Auflallen des Brettchens 
ist nur der „Reiz", der diese alte unbewußte Angst 
mobilisiert hat. Der Reiz gab Anlaß zu einer psychi- 
schenVerarbeitung, welche einVorstellungsmaterial herauf- 
befördert, das in analytisch durchsichtiger Verhüllung 
jene infantile Angst im Seelenleben des Erwachsenen 
als unzerstörbar und wirksam zeigt. Der Schreck wird 
durch die plötzliche Reizzufuhr nur teilweise erklärt ; 
es ist wirklich „Gedankenschreck", wie Freud es an 
einer andern Stelle der „Traumdeutung" bezeichnet. 1 
Die Intensität der Angst wird dadurch verständlich, 
daß der Träumer auf altes, verdrängtes Material zurück- 
gegriffen hat. Es ist so, als hätte ihn das Auffallen des 
Brettchens am Körper an jene unbewußte Phantasie 
erinnert, als bedeute es ihr Realwerden. Die Bedeutung 
dieser unbewußten Phantasie für das Ausmaß der 
Affektintensität ist nicht zweifelhaft. Statt vieler Bei- 
spiele, welche diese Rolle beleuchten, sei ein Bericht 
des englischen Arztes Br unten über einen Vorfall 
angeführt, in dem die Schreckwirkung eines schwachen 
somatischen Reizes infolge der Erwartungsvorstellung 
plastisch hervortritt. 3 Ein Assistent war den Zöglingen 

i) Gesammelte Schriften, Bd. II, S. 385. 

2) Zitiert nach Dr. R. L i e r t z, Harmonien und Disharmonien des 
menschlichen Trieb- und Geisteslebens. 1925, S. 196. 






— 18 — 



eines englischen College verhaßt geworden. Sie be- 
schlossen, ihn zu schrecken und bereiteten in einem 
dunklen Zimmer einen Block und ein Beil vor. Dann 
ergriffen sie den Lehrer und führten ihn vor einige 
schwarzgekleidete Schüler, die sich als Richter gebärdeten. 
Als der Assistent die Inszenierung dieser Szene sah, 
dachte er an einen Scherz. Aber die Schüler versicherten, 
daß es ihnen völlig Ernst sei ; sie sagten ihm, daß sie 
ihn sofort köpfen würden. Sie verbanden ihm die 
Augen, drückten ihn in die Knie und beugten seinen 
Kopf gewaltsam auf den Block. Einer ahmte das Ge- 
räusch des geschwungenen Beiles nach, ein anderer ließ 
ein nasses Handtuch auf den Hals des Assistenten 
fallen. Als man ihm dann die Binde von den Augen 
nahm, war er tot. 

HI 

Wir kehren nun zu unserem früheren imaginierten 
Beispiele zurück : Herr A. M a u r y, seines Zeichens 
Student der Jurisprudenz und Medizin, geht im Jahre 
1840 in der vergnügten Stimmung des 23jährigen, 
keines Überfalles und keines Unfalles gewärtig, auf der 
Rue Rivoli spazieren. Da fällt ihm plötzlich ein Brettchen 
von einem Häusergerüst auf den Nacken, er stürzt zu 
Boden. Er hat keinerlei erhebliche Verletzungen er- 
litten, aber bald stellen sich die Symptome einer trau- 
matischen Neurose ein : Beschleunigung der Pulsfrequenz, 
eine abnorme Erregbarkeit des Herznervensystems, 
Steigerung des Blutdruckes, Hypnalgesie, Sekretions- 
anomalien, Pupillendifferenz, Geh- und Sehstörungen usw. 

— 19 — 2 * 






werden von den Medecins des hopitaux unzweifelhaft 
konstatiert. Was hindert uns, anzunehmen, daß die 
Myotonoclonica trepidans und die Akinesia amnestica 
Oppenheims in klassischer Ausprägung vorhanden sind ? 
Nichts hindert uns, diese wahrscheinliche Annahme zu 
machen. 1 

Die Bedeutung des Schreckensmoments bei der Über- 
raschung ist in unserem Beispiel leicht nachzuweisen. 
Es scheint mir nun, daß der Hinweis darauf schlecht- 
hin nicht ausreicht, um uns das Durchbredien des Reiz- 
schutzes in diesem Falle von traumatischer Neurose 
verständlicher zu machen. Es muß etwas Spezifisches in 
diesem Schreck sein, damit die pathologische Reaktion 
erklärbar werde. Vergleichen wir psychologisch noch 
einmal die Situation des durch einen Weckreiz und des 
von einem Unfall betroffenen Maury. Dort hat der Reiz 
die Wirkung gehabt, daß er den Schlafenden an etwas 
erinnert hat : das fertige Phantasiebild erwies sich — - 

l) Die spezielle Literatur der traumatischen Neurosen zeigt zahl- 
reiche Beispiele ähnlicher Situationen, die zur Krankheitsveranlassung 
wurden. Wir wollen Oppenheims Lehrbuch der Nervenkrank- 
heiten (6. Aufl., 2. Bd., S. 1538) nur folgende Bemerkung entnehmen : 
„indes kann jede andere Verletzung, selbst solche, die nur einen 
peripheren Körperteil (Hals, Kuß usw.) trifft, das Leiden im Gefolge 
haben . . . Einigemale sah ich z. B. sdiwere Neurosen nach gewalt- 
samem Sturz oder Stoß gegen die Kuppe eines Fingers oder auch 
nach lange dauernder Abklemmung eines Fingers eintreten.' 4 — Die 
obigen biographischen Daten über A. Maury entnehme ich dem 
Artikel „La duree apparente des reves" von Victor Fggcr (Revue 
philosophique, 1895). Der Autor berichtet dort (S. 45), daß Je reve 
de la guilloline a eil Heu vers iS.fO ; Maury ne en 1817, avail vingt 
trois ans ; cetait iepoque ou il tLudiait simultanement le droit, la medecin* 
et en general, toutes les sciences" Leider konnte ich trotz eitrigen 
Suchens in den Pariser Bibliotheken keine näheren belangreichen bio- 
graphischen Daten über Maury finden. 

— 20 — 



man kann es schwer anders sagen — als eine Novelle 
mit dem Hauptinhalt, dem Knalleffekt der Kastration. 
Auch in dem von Freud zitierten Wecktraum Napo- 
leons, sowie ähnlichen Träumen, die jeder Analytiker 
kennt, ist jene eigenartige Wirkung zu konstatieren, 
welche Egger in seiner Diskussion des Mauryschen 
Traumes als „Veffet retrospectif et retroactif de la sensa- 
tio?i" gekennzeichnet hat. Wir fanden als das besonders 
Schreckhafte des Weckreizes das Aktuellwerden einer 
alten Angst, in dem vorliegenden Falle der Kastrations- 
angst, die durch einen plötzlichen äußeren Reiz geweckt 
wird. 1 Wir. meinen nun, daß etwas Ähnliches in der 
Situation der hier behandelten Gruppe von traumati- 
schen Neurosen vor sich geht. Das Spezifische des 
Schrecks — mag es sich vielleicht nachher auch als ein 
Stück allgemeinerer psychischer Einstellung erweisen — 
müssen wir im Eindruck des plötzlichen Aktuellwer- 
dens einer alten unbewußten Angst suchen. Es ist klar, 
daß es sich dabei nicht um ein völliges materielles 
Realwerden einer befürchteten Situation handelt, son- 
dern um einen plötzlichen realen Eindruck, der die 
ganze unbewußte Angst durch Erinnerung wiederzu- 
erwecken vermag. Wie im Traume vom Typus des 
Mauryschen hat ein geringfügiger materieller Reiz ge- 
nügt, um einen alten Vorstellungsinhalt wieder zu be- 
leben und an ihn geknüpfte Affekte in voller Stärke 
wiedererwachen zu lassen. Es ist wichtig zu betonen, 

l) Die Bedeutung der Kastrationsangst für die Entstehung der trau- 
matischen Neurosen wurde bereits von S a d g e r dargestellt. Audi 
die Erfahrungen S i m m e 1 s bezeugen diesen für den Nicht-Analy- 
tiker schwer erkennbaren Zusammenhang. 

— 21 — 



daß es sich nicht um das materielle Realwerden einer 
alten unbewußten Phantasie als solcher handelt, weil 
dieser Unterschied eine psychisch verstärkende Wirkung- 
hat. Es ist vergleichsweise so, daß oft eine Anspielung 
stärkere psychische Wirkungen auslöst als die direkte 
und präzise Darstellung. Das Besondere der Situation 
wird gerade durch diesen Charakter der Anspielung- 
gekennzeichnet. Die traumatische Situation dieser Art 
stellt sich also folgendermaßen dar : es ist, als ob plötz- 
lich und in unerwarteter Form wirklich real würde, 
was wir einmal gefürchtet, dann vor uns abgeleugnet 
und aus unseren Gedanken verbannt haben. Das dunkle 
Unheil, das wir unbewußt erwartet haben, ist plötzlich 
da. Nehmen wir den Fall eines unvermuteten Eisen- 
bahnzusammenstoßes : der Schreck des nicht vorberei- 
teten Reisenden würde das Akuellwerden einer alten 
unbewußten Unheilserwartung, die sich auf das eigene 
Leben bezieht, zum Inhalte haben. Der starke Eindruck 
der Erschütterung beim Zusammenstoß ist für eine Zeit 
von Sekunden der unbewußten Verarbeitung überlassen 
worden und hat dort jene alten Befürchtungen reakti- 
viert, die im Dunkel wucherten. Das Fremde, das da 
plötzlich drohend in unser Leben eingreift, ist etwas 
Altbekanntes, nur Entfremdetes, etwas, das wir unbe- 
wußt längst erwartet hatten und das gerade in einem 
Augenblicke, da wir nicht daran dachten, Realität zu 
werden scheint. Wir verstehen hier, es handelt sich 
dabei um die plötzliche Verwandlung einer versun- 
kenen psychischen Realität von Angstcharakter in eine 
aktuelle — ein Vorgang, der plötzlichen Aufhebung eines 
Verdrängungswiderstandes vergleichbar. Der Anlaß und 

— 22 — 






die Verknüpfung dieses seelischen Prozesses ist aber 
durch ein Stück materiellen Geschehens, eben das trau- 
matische Ereignis, gegeben. Dieses unzweifelhafte Stück 
Realität gibt dem Ganzen Wirklichkeitscharakter. Ein 
bestimmter unbewußter Vorgang ist unerwartet wieder- 
gekehrt. Diese Wiederkehr ist aber nicht an einen 
Triebprozeß, sondern an ein äußeres Ereignis geknüpft. 
Das traumatische Ereignis erscheint so wie eine unbe- 
wußte Bestätigung dafür, daß jene alte Angst berech- 
tigt war. 

Wie ist nun jene Unheilserwartung, als deren Be- 
stätigung wir das traumatische Ereignis unbewußt auf- 
fassen, entstanden ? Sie hatte sich bei jedem von uns als 
seelische Reaktionserscheinung auf unbewußte Impulse 
eingestellt. Die Verdrängung dieser starken Tendenzen 
hatte sie als Befürchtung für das Ich entstehen lassen 
und später war die Unheilserwartung selbst ebenso wie 
ihre seelische Motivierung sekundär ins Unbewußte 
gezogen worden. Es mag zu diesem Resultat beige- 
tragen haben, daß das dunkle, irrational erscheinende 
Gefühl eines zu erwartenden Unheils mit dem gesun- 
den Menschenverstand oder dem common sense, der 
längst den Glauben an eine geheimnisvoll strafende 
Macht bewußt abgetan hatte, unvereinbar gewesen war. 
Nun aber ist es, als ob jene Strafe, die wir unbewußt 
gefürchtet haben, plötzlich da wäre. Sie tritt uns an, 
da wir nicht auf sie gefaßt waren. Ein Tag wie ein 
anderer hat sich plötzlich zum „dies irae dies illa" ver- 
wandelt. Von wem wird aber das Unheil gefürchtet? 
Die Antwort ist leicht gegeben, wenn wir uns daran 
erinnern, daß unser Seelenleben im traumatischen 

— 23 — 



Augenblick zu den überwundenen animistischen Denk- 
weisen zurückkehrt. Wir waren gewohnt, uns als 
Herren über unseren Willen zu fühlen, unsere Bewe- 
gungen gehorchten unseren Absichten, da spüren wir 
unerwartet das Wirken einer Kraft, ohne zu wissen, 
von wem sie ausgeht. Da ist es plötzlich, als ob eine 
mächtige Hand uns aufhebt, schüttelt, niederreißt oder 
hinwirft, wo es ihr gefällt. Eine primitive seelische Re- 
aktion, die wir nie völlig überwinden, läßt uns alles 
Übermächtige, das uns geschieht, das wir passiv er- 
leben, unbewußt auf höhere Mächte, d. h. ursprünglich 
auf die Eltern zurückführen. Eine ähnliche zwingt 
uns aber auch, alles was wir an Bedrohendem und 
Schrecklichem erleben, unbewußt als Bestrafung, die von 
dieser Seite ausgeht, anzusehen. Wir wissen schon, wir 
haben später Naturkräfte oder das Schicksal als unsere 
Herren anerkannt, aber dahinter steht noch immer un- 
bewußt der Vater oder die Mutter, deren Willen früh 
in unser Leben eingriff. Wir hatten uns als Herren 
über unser Ich gefühlt und bekommen jetzt plötzlich 
eine Gewalt zu verspüren, die uns unsere ganze Ohn- 
macht und Hilflosigkeit blitzschnell erkennen läßt. Der 
Zusammenhang zwischen Schrecken und narzißtischer 
Libido wird hier klar. Die Situation im Erleben des 
Schocks ist folgende: das gefestigte Ich hat plötzlich 
die drohende Macht des Schicksals, eines Vaterersatzes, 
zu verspüren bekommen ; es ist von dem (wieder in 
die Außenwelt rückprojizierten) Uber-Ich überwältigt 
worden. Der Schock muß ja als Resultat einer Kraft- 
äußerung, besser Willensäußerung dieser rätselvollen 
Macht, die Vatercharakter hat, erscheinen. Auf dieses 

— 24 — 









plötzliche Überwältigtwerden aber reagiert der Erwach- 
sene, der sonst gewiß auf seinen Kinderglauben halb 
mitleidig, halb verächtlich zurücksieht, wie das über- 
raschte, eingeschüchterte und schuldbewußte Kind auf 
das plötzliche Erscheinen des strengen Vaters, von dem 
es Strafe erwartet. 

IV 

Wir haben uns veranlaßt gesehen, die Freudsche 
Einschätzung des Schreckmomentes in der Ätiologie 
der traumatischen Neurosen in bestimmter Richtung 
zu ergänzen. Es handelt sich, wie wir meinen, in 
vielen Fällen um einen bestimmten Schrecken, der 
durch das Aktuellwerden einer alten verdrängten Un- 
heilserwartung ausgelöst wird. Das Moment der Über- 
raschung bleibt auch in unserer Hypothese als voll- 
gültig bestehen. Es erleidet aber eine Verschiebung; 
es bezieht sich jetzt darauf, daß etwas, wovor wir uns 
einmal gefürchtet haben, plötzlich in veränderter Ge- 
stalt und unter veränderten Umständen zur Realität 
zu werden scheint. Vielleicht ist dies sogar allgemein 
das psychologische Wesen des Schrecks. Hier aber er- 
gibt sich eine zweite Notwendigkeit einer allerdings 
geringfügigen Korrektur der Freudschen Auffassung. 
Freud weist darauf hin, daß Schrecken jenen Zustand 
bezeichnet, in den man gerät, wenn man ohne Vor- 
bereitung einer Gefahr gegenübersteht. Das Fehlen der 
Angstbereitschaft ist das Charakteristische des Schrecks. 
Das scheint gewiß richtig. Der Mangel an Angstbereit- 
schaft kann aber kein absoluter sein, wie aus unserer 
Beschreibung hervorzugehen scheint. Wie ist diese nun 

— 25 — 



mit der Freudschen Auffassung zu vereinbaren ? Wir 
fühlen, daß etwas Richtiges mit Freuds Charakterisie- 
rung des Schreckens durch den Mangel der Angst- 
bereitschaft gesagt ist, und haben doch im Schrecken 
alle Züge des Rückgreifens auf eine alte unbewußte 
Angst erblickt. Wenn unsere Ansicht den tatsächlichen 
psychischen Vorgängen angemessen ist, so wird W 
Augenblick des Unfalls, da der äußere Eindruck einer 
blitzschnellen unbewußten Verarbeitung unterliegt, in 
den meisten Fällen eine übermächtige, durch den realen 
Anlaß keineswegs gerechtfertigte Angst wachgerufen- 
Der Widerspruch ist keineswegs unüberbrückbar. 
Freuds Beschreibung bezieht sich auf die bewußte 
Angstbereitschaft. Diese fehlt gewiß in der traumati- 
schen Situation. Aber es kann ja so sein, daß in uns 
allen - me hr oder weniger - eine unbewußte Angst 
lebt, die nichts mit der Erwartung unmittelbar zu g* 
wartigender aktueller Gefahren zu tun hat. Eine Unter- 
scheidung, die sich mir andernorts aufgedrängt W 
scheint hier fruchtbar zu werden. Ich glaubte allgemein 
Voran und Endangst - Bezeichnungen analog der 
Frudsch v lust und Endlust -auseinanderhalten *u 
soi en. Die Vorangst wäre die psychische Vorbereitung 
aut das Herannahen einer (äußeren oder inneren) Ge- 
fahr, f 1 * 1 nur Anzeichen, sondern auch primitiv* 
Versuch der ersten Bewältigung. Man könnte die Vor- 
angst auch als eine Probe der Bewältigung der Ang* 1 ' 
Situation bezeichnen. Die Endangst stellt dann d ,e 
Reaktion angesichts der Gefahrsituation dar. V« 
f^^_hat_nun, wie mir scheint, die Charaktere 
l) ' ,Geständniszw ä^Ti^~W 

— 26 — 



w 



einer Endangst, die durch den Ausfall der Vorangst 
eine besondere Intensität und eine besondere psychische 
Gewalt bekommt. Die Angstbereitschaft im Schrecken 
fehlt wirklich, soweit sie sich auf die aktuelle, uner- 
wartete Gefahrsituation bezieht. Dafür ist plötzlich die 
alte Angstbereitschaft aktuell geworden, die nicht nur 
als psychische Reaktion auf intensive feindliche Regun- 
gen entstanden ist und die bereitwillig die plötzliche 
Erschütterung als Beginn der herannahenden Strafe 
auflaßt. Wir bemerken hier, daß die Vorangst eine 
besondere Funktion erfüllt: sie scheint die Endangst 
abzuschwächen, will den Einzelnen davor bewahren, 
die ganze Angstbereitschaft alter Zeiten zu verspüren 
und ihn nur auf die gegenwärtige Gefahrsituation 
verweisen. Ihre doppelte Funktion wäre also : die alte 
Angstbereitschaft möglichst auszuschalten und psychisch 
zu bewältigen und auf eine aktuelle Angstbereitschaft 
zu reduzieren. Die Einschränkung der Angst auf die 
gegenwärtige Situation kommt so einer Herabsetzung 
ihrer Intensität gleich. Es ist, wie wenn ihr so der 
Resonanzboden entzogen würde. Die Regression auf 
eine alte Angst aber wirkt wie eine Intensitätsverstär- 
kung. Es ist also kein Minus, sondern ein Plus an 
Angst, das in den traumatischen Neurosen zum Durch- 
bruch gelangt. Aber nicht die Stärke des exogenen 
Faktors allein ist es, welche dieses "Übermaß der Angst 
bedingt, sondern die durch ihn ausgelöste Regression 
auf jene frühe Angst, die vom Vater uns unmittelbare 
Kastration (oder Tod) befürchten läßt. Dieses Moment 
ist für das Ausmaß und die Art der Reaktion des 
Einzelnen auf die traumatische Situation neben den 

— 27 — 






anderen von entscheidender Wichtigkeit. Der Ausfa 
der Vorangst hat eine Art psychischen Kurzschluss« 
zur folge gehabt, der den ankommenden Reiz sofor 
und unmittelbar mit den tiefsten seelischen Schieb« 
'" Verb '"d"ng bringt. Es ist wirklich so, * 
verfugten wir alle über ein mehr oder minder groß' 
Ausmaß freillottierender Angst, die sich auf unser ui 
bewußtes Schuldgefühl berufen darf, als würde di< 
Angst vor der Gefahr in bestimmten Fällen auf di< 
Gewissensangst rekurrieren können, deren Kern wir als 
Kastrationsangs, kennen. Ein bestimmter Teil diese. 
Angst wird nun frei, wenn eine Gefahr im Anzug i*j 
und erscheint in der Form der Vorangst, die der End- 
angst vorgelagert ist wie ein Fort der Festung. D* 
Vorangst pb, so eine Art Gewähr oder Sicherung * 
gegen, daß die Endangst nicht zu intensiv ausfal" 
wenn man will, gegen das ungestüme und das Id 
überwältigende Auftauchen jener unbewußten Kinder 
.ntensitt I™" 8 *™ Erlebnis is, es neben der Reif 
ab Tauf WÜ Ze,, r me »'. das den normalen Angst 
at™ d ; fizK "' P ie Plötzlichkeit des Reizeinbruche: 

kefci S „ E " tW,ck,U »S ** Vorangst zu und biete. 3 
kernen Schutz gegen das übergreifen in das Gebie 

L? T'r Sie bedi W auch die bh« 
eS , n^ 16 Deulu »6- besser Auffassung de 
einfallenden Reizes im Sinne jener alten Unlieb 
Wartung Es ist von Seiten der Psychoanalyse berei 
hervorgehoben worden, daß die Symptombildung d 
'>at, die Angst nachzuholen und zu bewältig« 
T »gen in kleine Münze umzusetzen. Vn& 
"usiuhrungen müssen nun zu dem Schlüsse dränge' 

— 28 — 



daß die Angst, die in den Symptomen der traumati- 
schen Neurose nachgeholt wird, den Charakter der 
Vorangst hat. Wir sehen, daß wir auf einem Umweg 
zu einer Ergänzung der Freudschen Theorie der 
traumatischen Neurose gelangt sind, die ihren Kern 
unversehrt läßt, aber ihre äußere Schale an bestimmter 
Stelle verändert. Die Theorie des Reizschutzes in der 
traumatischen Neurose bleibt aufrecht, aber der Reiz- 
schutz scheint uns in vielen Fällen von spezieller Art : 
er schützt vor der Urangst. Die Angstmechanismen 
bilden hier den Reizschutz, der in den traumatischen 
Neurosen durchbrochen wird. In unbestimmt vielen 
Fällen dieser Erkrankung ist es so, als ob das Ich hin- 
ter der äußeren Gefahr die andere ahne, als ob die 
Gefährlichkeit der äußeren Situation zum Anlaß würde, 
die verborgene Angst des Ichs vor dem Ober-Ich zu 
reaktivieren. Für die Entwicklung von Todesangst ist 
es im Tiefsten in diesen Fällen gleichgültig, ob in der 
traumatischen Situation reale Lebensgefahr enthalten ist 
oder nicht. Es kommt in vielen Fällen auch dort, wo 
kein ausreichender Anlaß in der Realität gegeben ist, 
zu Todesangst, die sich nach Freuds Ansicht zwischen 
Ich und Uber-Ich abspielt. 1 Für einen Augenblick sieht 
sich das Ich vom Über-Ich verlassen, die Sicherheit des 
Geliebt- und Beschütztwerdens, die uns unbewußt von 
Kindheit an begleitet hat, ist geschwunden. Metapho- 
risch und oft wörtlich genommen, ist der Boden, auf 
dem wir stehen, unter unseren Füßen weggezogen 
worden und das läßt uns — für Augenblicke — ins 
Leere stürzen. 

i) Das Ich und das Es. (Ges. Schriften, Bd. VI.) 



— 29 — 



V 



I 



Es geht aus dem Vorangegangenen hervor, daß es 
in der traumatischen Situation zu einer plötzlichen 
Störung der narzißtischen Libidobesetzung kommt. Das 
Ich hatte eine verhältnismäßig große Unabhängigkeit 
vom Über-Ich erreicht, die durch den Schock plötzlich 
durchbrochen wurde. Es ist so, wie wenn es uner- 
wartet und in drastischer Art an die Macht des Über- 
Ichs (nach außen als Schicksal projiziert) gemahnt würde. 
Diese Mahnung aber erfolgt nach einer bestimmten 
Richtung hin : es ist die der Bestrafung. Die plötzliche 
Störung der narzißtischen Ich-Position ist von Abra- 
ham besonders hervorgehoben worden. 

Wir sehen nun Gemeinsamkeiten und Differenzen 
zwischen jenen Weckträumen, die in angstvolles Er- 
wachen münden, und den Entstehungssituationen der 
traumatischen Neurosen. Dort wie hier kommt es zu 
einem Aufgreifen alter, unbewußt gewordener Eindrücke, 
zu jenem psychischen Akt, den die französischen Psycho- 
logen eine „regressüm cnforcee" nennen. Wird dort 
der somatische Reiz dazu verwendet, in einem Traum 
verarbeitet zu werden, der alte phantasierte Angstsitua- 
tionen reaktiviert, so wird auch hier der äußere Reiz 
zum Anlaß, auf eine unbewußte Angst zurückzugreifen. 
Die Differenzen werden besonders durch die entschei- 
denden Umstände der äußeren Situation bestimmt. Es 
ist nicht zu verkennen, daß, falls der Reiz nicht über- 
stark ist und so das Wachwerden erzwingt, der Wunsch 
zu schlafen als eine Art erhöhten Reizschutzes funktio- 
niert und zumindestens eine Aufschiebung des Angst- 



— 30 



affektes bewirken kann. Dieses Moment fällt aber mit 
der Einschaltung einer, wenn auch zeitlich verkürzten 
Vorangst zusammen. Es scheint auch wahrscheinlich, 
daß daneben der Zweifel an der materiellen Realität 
des Reizes im Schlafenden in der Art wirkt, die sich 
etwa in die bewußte Frageform kleiden ließe: „Schlafe 
oder wache ich? Erlebe ich dies im Traume oder in 
Wirklichkeit? Muß ich deshalb aufwachen oder ist es 
möglich weiterzuschlafen?" 1 Daß die Reizintensität den 
bedeutsamsten Unterschied in den beiden Situationen 
ausmacht, bedarf kaum einer besonderen Ausführung. 
Wir müssen uns jetzt einem Einwände zuwenden, 
der geeignet erscheint, unserer Hypothese ernsthaft ge- 
fährlich zu werden. Es wurde von den meisten Autoren, 
die ihre Beobachtungen über die traumatischen Neurosen 
publizierten, angemerkt, daß die Reaktionen des vom 
Unfall Betroffenen rasch nachher wieder einsetzen und 
durchaus zweckmäßig verlaufen. Wir können uns der 
Bedeutsamkeit dieses Argumentes auch nicht durch den 

1) Es braucht kein Geist aus dem Grabe der alten Bewußtseins- 
psychologie herzukommen, um uns zu mahnen, daß solche Ausdrucks- 
formen dem Traum fremd sind. Wir wissen auch, daß wir uns 
streng genommen einer falschen, dem Bewußtseinsbereich ent- 
nommenen Sprache bedienen, wenn wir die Funktion des Traumes 
als die der Wunscherfüllung bezeichnen. Eigentlich müßten wir jedes- 
mal sagen : wenn es möglich wäre, die sich im Traume abspielenden 
psychischen Prozesse in der Sprache des Bewußtseins zu beschreiben, 
müßten wir behaupten, es gehe im Seelenleben des Träumers etwas 
vor, das wir nur als diesen oder jenen Wunsch fassen können. 
Allein der von den Philosophen formulierte Einwand kann nicht das 
Wesentliche der analytischen Theorien treffen. Der Psychoanalytiker 
kann ebensowenig für die Unzulänglichkeit und Ärmlichkeit der 
menschlichen Sprache verantwortlich gemacht werden wie für so viele 
andere Unzulänglichkeiten, die ihm zur Last gelegt werden. 

— 31 — 



— 32 — 



Hinweis entziehen, daß in einzelnen Fällen eine solche 
rasche und adäquate Reaktion vermißt wird, daß ein 
lähmendes Entsetzen den Einzelnen von jeder Handlung 
abzuhalten scheint. Für die Mehrzahl der Fälle ist es 
gut bezeugt, daß die Reaktion rasch erfolgt und zweck- 
mäßig erscheint. Nun könnte es ja sein, daß die Flucht 
oder das Ergreifen anderer geeigneter Maßregeln reflex- 
artig vor sich geht wie das ähnliche Verhalten von 
Tieren, wenn sie einer überraschenden Gefahr gegen- 
überstehen. Es würde sich so um einen Reflex handeln, 
dessen Einsetzen den großen Angstaffekt nicht auszu- 
schließen braucht. Machen wir uns vor allem klar, daß 
hier nicht das Wesentliche der Frage liegt. Dies er- 
kennen wir sofort, wenn wir uns der Wichtigkeit des 
Zeitmomentes erinnern: mögen auch nur Sekunden 
zwischen der Wahrnehmung (Perzeption) des Reizes 
und der Reaktion des Individuums liegen, so genügen 
sie doch, um die wahre Natur des Reizes vorbewußt 
zu erkennen, ihn sozusagen probeweise in die indivi- 
duelle Erfahrung einzuordnen und vielleicht reflexartig 
die geeigneten Maßregeln zu ergreifen. Dies sdiließt die 
fortdauernde Tiefenwirkung der Angst keineswegs aus. 
Diese verläuft sozusagen auf einer anderen psychischen 
Ebene. Es könnte ja so sein, daß die Erkennung und 
Einschätzung der realen Situation (bzw. ihre Ver- 
gleichung- mit analogen, dem Individuum bekannten 
Situationen) im System Vbw. vor sich geht, während 
das Ubw. an der infantil bedingten affektiven Auf- 
fassung der Situation festhält, so daß die realangepaßte 
Ansicht die tiefer begründeten Affekte unberührt läßt. 
Es käme so zwar zu einer nur die oberen Schichten 






L 



des Seelenlebens betreffenden Coupierung des Angst- 
affektes, die wir nur einem Abwehrvorgang angesichts 
der vitalen Notwendigkeiten vergleichen können. Ein 
starker Affekt ist hier wirklich, wie es in der alten 
Hysterielehre Breuer-Freuds heißen würde, ein- 
geklemmt, er kann nicht abreagiert werden. Seine 
Wirkungen aber werden später zu Tage treten. 

VI 

Wir kehren noch einmal zur Diskussion des Schreck- 
moments in der Ätiologie der traumatischen Neurosen 
zurück, um einige losere Bemerkungen anzuführen, um 
gleichsam einige Seitenwege zu zeigen, die hier ab- 
zweigen. Wenn wir uns noch einmal unseren Er- 
klärungsversuch des spezifischen Schreckens in der Ent- 
stehungssituation dieser Krankheit vor Augen führen» 
werden wir erkennen, daß dieser Schrecken jenem an- 
deren verwandt ist, den wir angesichts von Eindrücken 
verspüren, die wir als unheimlich bezeichnen. Besser 
gesagt: im Erleben der traumatischen Eindrücke, die 
zur Unfallsneurose führen, ist ein unheimliches Ele- 
ment enthalten. Das Unheimliche des Erlebens kommt 
nach Freud zustande, wenn verdrängte infantile 
Komplexe durch einen Eindruck wiederbelebt werden, 
oder wenn überwundene primitive Überzeugungen 
wieder bestätigt erscheinen. Freud weist darauf hin, 
daß diese beiden Arten des Unheimlichen im Erleben 
nicht immer scharf zu trennen sind, da die primitiven 
Überzeugungen in den infantilen Komplexen wurzeln. 
Es scheint uns nun, als lassen sich vorerst unklar die 
Umrisse einer Brücke erkennen, die von der analyti- 

II c i k, Schrecken 33 3 



sehen Erklärung des Unheimlichen zur Erforschung des 
Schrecks, der einen so bedeutsamen Faktor in der Ent- 
stehung der traumatischen Neurose bildet, hinüber- 
führt. Die Wiederbelebung verdrängter infantiler Kom- 
plexe sowie die anscheinende Bestätigung überwunde- 
ner Überzeugungen haben wir in der Regression auf 
die unbewußte Angst und ihren verborgenen Sinn 
wiedererkennen können. Es scheint also, als wären diese 
Züge den beiden Erlebnisarten gemeinsam. Dennoch 
wissen wir, daß es spezielle Unterschiede zwischen dem 
Erleben eines unheimlichen Eindruckes und dem von 
Eindrücken, die zur traumatischen Neurose führen kön- 
nen, gibt. Es ist leicht zu erkennen, daß zwar ein un- 
heimliches Element in der traumatischen Situation liegen 
kann, aber dies macht nicht ihr Wesentliches aus. Ebenso 
mag das Erleben von unheimlichen Eindrücken oft 
traumatische Neurosen zur Folge haben, es muß aber 
nicht zu diesen Konsequenzen führen. Es handelt sich 
demnach darum, daß die Begriffskreise des Un- 
heimlichen und jener Eindrücke, welche zu traumati- 
schen Neurosen führen, an sich voneinander unab- 
hängig sind, einander aber an bestimmter Stelle 
schneiden. Wir werden vor allem darauf hinweisen, 
daß die Verschiedenheit der von außen kommenden 
Eindrücke über die Art der Reaktion entscheidet. 
Diese zu allgemein gehaltene Antwort wird uns aber 
kaum befriedigen. Begnügen wir uns zur Würdigung 
der psychologischen Differenzen mit der Hervorhebung 
zweier Momente, die wohl für die Entstehung der 
traumatischen Neurosen, nicht aber für die des Auf_ 
tretens äes Unheimlichen wesentlich sind : der Ein- 



— 34 — 



druck einer uns unmittelbar bedrohenden Lebens- 
gefahr und die Plötzlichkeit, das Überraschende des 
Eintrittes des traumatischen Erlebnisses, das die Angst- 
bereitschaft (Vorangst) ausschließt. In den seltensten 
Fällen ist mit jenen Eindrücken, die wir als unheim- 
lich bezeichnen, eine unmittelbare Gefahr oder Be- 
drohung des eigenen Lebens verbunden. Wenn wir 
im Zwielicht zu sehen glauben, daß ein Bild lebendig 
wird und aus dem Rahmen auf uns zuschreitet, so be- 
deutet dies noch keine unzweifelhafte Lebensgefahr- 
dung. Scheint es uns sogar zu bedrohen, so fühlen wir 
doch nicht unmittelbar am eigenen Körper Stoß, Schlag 
oder Hieb als von jenem mysteriösem Bilde ausgehen 
und die Realitätsprüfung hilft uns, die Angst zu über- 
winden. Im Erleben des Unheimlichen ist eben auch 
der Zweifel an der materiellen Realität des Erlebnis- 
inhaltes ein Schutz gegen die traumatische Wirkung, 
die Person aber, die im traumatischen Unfall eine 
schwere Erschütterung am eigenen Körper verspürt, 
kann an der Realität des Erlebnisses, an der Wirklich- 
keit der Sensation nicht zweifeln. 1 

l) Einer meiner Patienten berichtet, daß er kurz nach dem Tode 
seines Vaters, in der Nacht aus schwerem Schlafe erwachend, den 
außerordentlich lebhaften Eindruck hatte, den Vater, als Vagabunden 
gekleidet, neben seinem Bette stehen zu sehen. Dabei war die 
Kenntnis, der Vater sei gestorben, erhalten. (Zur Deutung: wahr- 
scheinlich Nachklang aus einem Traum. Der Vater hatte der Mutter 
oft, als der Patient noch ein wilder und renitenter Junge war, im 
Ärger zugerufen : „Wirf den kleinen Vagabunden hinaus!") Diese 
Halluzination war gewiß ein außerordentlich unheimlicher Eindruck, 
auf den er mit starkem Angstgefühle, Herzklopfen und Zittern 
reagierte. Trotz aller Lebendigkeit der Vision, die von dem Patien- 
ten immer wieder betont wurde, muß doch ein Zweifel an ihrer 
Realität fortbestanden haben, denn der Patient kniff sich schmerzhaft 

- 35 - 3 * 



Wo das Unheimliche plötzlich und mit einem alle 
Zweifel ausschließenden Realitätscharakter ausgestattet 
erscheint und uns in wirkliche Lebensgefahr zu brin- 
gen scheint, auch — etwa zufällig — eine starke me- 
chanische Erschütterung damit verbunden ist, da kann 
sich wirklich eine traumatische Neurose mit allen klini- 
schen Kennzeichen entwickeln. In diesem Falle würde 
eben das Erleben des Unheimlichen traumatischen 
Charakter erhalten haben, wie dies zahlreiche Beispiele 
der neurologischen Literatur zeigen. Die mechanische 
Erschütterung scheint ein für den traumatisch wirken- 
den Unfall wesentliches Moment zu sein. Freud hat 
darauf hingewiesen, daß die mechanische Erschütterung 
als eine der Quellen der Sexualerregung anerkannt 
werden müsse. Die mechanische Gewalt macht wahr- 
scheinlich jenes Quantum Sexualerregung frei, welches 
infolge der mangelnden Angstvorbereitung traumatisch 
wirksam wird. Wie bereits hervorgehoben, wird auch 
die Unmittelbarkeit und der Realitätscharakter des Er- 
lebnisses durch die mechanische Erschütterung erhöht. 1 
Das andere Moment, welches das Erleben des Un- 
it! die Wangen und riß sich an den Haaren, um sich zu überzeugen, 
ob er schlafe oder wache. Ein solcher Zweifel, der erst der Bestäti- 
gung durch die eigenen Körpersensationen bedarf, ist im traumati- 
schen Unfall wohl durch die Evidenz der Körperemplindungen aus- 
geschlossen, er kann ihm aber nachfolgen. 

1) Jenseits des Lustprinzips (Ges. Schriften, Bd. VI, S. 222). — 
Vielleicht ist die Vermutung nicht ungerechtfertigt, daß die Unlust 
der mechanischen Erschütterung durch Affektumkchrung jener Lust, 
welche das Kind am passivem Bewegtwerden (Gehoben-, Nieder- 
gelassenwerden usw.) verspürt, zustandegekommen ist. Die Ver- 
folgung dieser psychologischen Entwicklung führt vielleicht bis zum 
Intrauterinzustand zurück. 

— 36 — 



heimlichen und das der Unfallseinzelheiten unter- 
scheidet, ist das der Plötzlichkeit, des Überraschenden. 
Der Fremde, der in einem Schlosse übernachtet, von 
dem ihm erzählt wurde, daß es darin spuke, ist auf 
das Auftauchen unheimlicher Gefühle psychisch vorbe- 
reitet und, falls er nachts ein merkwürdiges Klopfen 
an der Wand hört oder zu hören glaubt, eventuell 
durch Vorangst gegen die traumatische Wirkung ge- 
schützt. In anderen Fällen bildet eine allgemeine, un- 
heimlich wirkende psychische Atmosphäre eine aus- 
reichende seelische Vorbereitung für das Erleben oder 
die Wirkung des speziellen unheimlichen Eindruckes. 
Dies alles gilt natürlich nur dort, wo überhaupt eine 
besondere seelische Einstellung vorhanden ist, etwas als 
unheimlich zu empfinden. Es liegt nicht in unserer 
Absicht, alle Unterschiede der beiden Erlebnisquali- 
täten festzustellen. Das Gesagte genügt für unsere 
Zwecke : wir erkennen, daß das Erleben eines unheim- 
lichen Eindruckes unter bestimmten seltenen Bedin- 
gungen (Plötzlichkeit, mechanische Erschütterung, dro- 
hende Lebensgefahr) zur Entstehung einer traumati- 
schen Neurose fuhren kann. Wichtiger ist, sich vor 
Augen zu halten, daß jene Erlebnisse, welche die 
traumatische Wirkung in der Unfallsneurose hervor- 
rufen, nicht jene Macht über uns hätten, wenn wir 
nicht etwas in ihnen unbewußt als unheimlich empfän- 
den. Worin dieses Unheimliche besteht, glauben wir 
in der Diskussion der spezifischen Angst in der trau- 
matischen Neurose gekennzeichnet zu haben. Es er- 
scheint uns zweifelhaft, ob eine traumatische Neurose 
zustande kommen könnte, falls dieses Element fehlte. 

— 37 — 



Es mag sicher auf den ersten Blick fremdartig oder 
sogar absurd erscheinen, annehmen zu wollen, daß sich 
gerade in Unfällen des alltäglichen Lebens, das sich auf 
der Ebene einer hohen Zivilisation und weltbeherr- 
sehenden Technik bewegt, ein unheimliches Element 
finden sollte. Allein wir behaupten ja nur, daß es von 
den Betroffenen so empfunden wurde, daß es im un- 
bewußt Psychischen die wohlbekannte Reaktion auf 
das Unheimliche auslöst. Für das Unbewußte der Men- 
schen aber sind die Fortschritte der Technik wenig 
bedeutungsvoll und die Anerkennung der Gewalt ver- 
borgener Mächte kann sich in einem durch eine Ma- 
schine verursachten Unfall, in einem Eisenbahnzu- 
sammenstoß ebenso äußern, wie in einem Ereignis, das 
durch Erdbeben und andere Elementarkatastrophen ver- 
ursacht ist. Was wir demnach behaupten wollen, ist, 
daß jenen traumatischen Erlebnissen ein Charakter an- 
haftet, den wir bewußt als unheimlich bezeichnen 
würden, gleichgültig ob ein Soldat durch eine Granate 
verschüttet, ein Reisender durch einen Zugszusammen- 
stoß von seinem Sitze geschleudert wird oder ein Blitz 
aus heiterem Himmel neben dem Spaziergänger ein- 
schlägt. Es ist in unseren Zeitläuften vielleicht nicht 
überflüssig, hier anzumerken, daß die Bezeichnung un- 
heimlich die Gefühlsreaktion des Betroffenen in der 
traumatischen Situation, nicht etwa die Anerkennung 
des Einwirkens höherer Mächte beschreiben soll. 1 

l) Die Psychoanalyse hat ja dargestellt, wie es zur psychischen 
Bildung solcher höherer Mächte kommt. Weltanschauungsfragen sind 
nicht Sache der wissenschaftlichen Forschung. Wenn hier die Fort- 
dauer unserer seelischen Abhängigkeit bis tief in die Reifezeit, ja, 
streng genommen, bis an unser Lebensende betont wurde, so hat 

— 38 — 



VII 

Überall sind wir in der Diskussion der Entstehungs- 
ursachen der traumatischen Neurose auf die Wichtig- 
keit des Moments der Plötzlichkeit, der Überraschung 
gestoßen. Zweifellos wäre es kühn, aber keineswegs 
aussichtslos, von hier aus das Wesen der Überraschung 
überhaupt erfassen zu wollen. Der Schrecken bildet 
freilich nur einen speziellen Fall des Überraschenden, 
aber es ließe sich rechtfertigen, als überraschend eine 
Erwartung zu bezeichnen, die unbewußt geworden ist 
und uns in einem unerwarteten Zeitpunkte unter ver- 
änderten Bedingungen oder in schwer erkennbarer 
Form real entgegentritt. 1 Die Überraschung wäre dann 
der Ausdruck der Schwierigkeit, etwas Altbekanntes, 
das unbewußt geworden ist, wiederzuerkennen, ja viel- 
leicht wäre damit jenes Maß des psychischen Aufwan- 
des gekennzeichnet, das nötig ist, ein unbewußt Ge- 
wordenes zu agnoszieren. Streng genommen müßte 
man die Überraschung als jene Abwehrreaktion fassen, 
die sich gegen die Anregung richtet, vom Gewohnten 
abzusehen und im Neuen das Älteste wiederzufinden. 

dies nichts mit metaphysischen Problemen zu tun, sondern bedeutet 
das Konstatieren von psychischen Tatsachen. Solche Feststellung 
kann schwerlich dazu benützt werden, jene alten Überzeugungen 
selbst als ewig und unerschütterlich anzusehen. (Eher schon — wo- 
ferne hier eine Ansicht zu äußern gestattet ist — dazu, sich darüber 
zu verwundern, wie wenig weit sich die Krone der Schöpfung, wie 
sich der Mensch mit Vorliebe bezeichnet, von den übrigen Säuge- 
tieren entfernt hat.) 

1) Es gibt auch einen „freudigen" Schreck, d. h. jene Ge- 
fühlsreaktion, die wir verspüren, wenn etwas, was wir einmal ge- 
hofft haben und woran wir nicht mehr glauben konnten, plötzlich 
Realität wird. 

— 39 — 



Es ist klar, daß so die Psychologie der Aufnahme 
neuer Eindrücke einen veränderten Aspekt gewinnt. 
Vielleicht gibt es wirklich dem Worte jenes Weisen 
entsprechend nichts Neues unter der Sonne, — d. h. 
nämlich psychologisch gesprochen : wir wären unfähig, 
es zu erfassen und zu verstehen, wenn es sozusagen 
absolut neu wäre. Nur dadurch, daß wir es an etwas 
Altbekanntes, das nicht bewußt sein muß, anknüpfen, 
können wir es überhaupt aufnehmen, es uns einver- 
leiben. Das Altbekannte muß nicht auf die Ontogenese 
beschränkt sein. Den stärksten Eindruck eines solchen 
früherworbenen oder ererbten Stückes Wissens gewinnt 
man in der Analyse bestimmter Züge des infantilen 
Erlebens. (So kommt Freud in der Diskussion eines 
Falles von Kinderneurose zur Ansicht, daß eine Art 
von schwer bestimmbarem Wissen, etwas „wie eine 
Vorbereitung zum Verständnis beim kleinen Kinde in 
der Verarbeitung früher Erlebnisse" mitwirken müsse. 
Ges. Schriften, Bd. VIII, S. 566). Man kann sich z. B. 
bei der sexuellen Aufklärung des Kindes schwer dem 
Eindrucke entziehen, daß sie in gewissem Sinne immer 
zu spät kommt. Man wird dabei an das Bonmot einer 
in Wien durch ihre Bildungsentgleisungen bekannten 
Dame erinnert, die ihren Eindruck nach der Erstauf- 
führung eines Dramas in den Worten zusammenfaßt : 
„Das Stück ist ja sehr schön, aber es paßt nicht für 
eine Premiere." Der Widerstand, den die Psychoana- 
lyse in der Welt gefunden hat, beruht zum großen 
Teil auf der Abweisung verdrängten Wissens, welche 
Reaktion aus den bekannten affektiven Quellen stammt. 
Das „Befremden", das wir neuen Erkenntnissen ent- 

— 40 — 



gegenbringen, ist überhaupt eine Gefühlsreaktion, 
welche die Schwierigkeit des Wiedererkennens von 
etwas unbewußt gewordenem Altbekannten ausmacht. 
Das bezieht sich sowohl auf neue wissenschaftliche 
Wahrheiten als auch auf Irrtümer. Alles Lernen ist so 
eine Art Anagnorisis unbewußter Art. Es ist nur 
scheinbar paradox, wenn Goethe sagt : „Ein jeder lernt 
nur, was er kann." Eine psychologisch orientierte Päda- 
gogik müßte aus der bewußten Benützung solcher 
analytischer Einsichten sicherlich praktische Folgerungen 
ziehen müssen. Die psychischen Reaktionen auf fremde 
Gottheiten, Kulte und Riten habe ich bereits in glei- 
chem Sinne zu erklären versucht. („Der eigene und 
der fremde Gott", 1923.) Die Erforschung des psycho- 
logischen Wesens der Überraschung muß auch für die 
Wissenschaft der Ästhetik fruchtbar w'erden und unser 
Verständnis des künstlerischen Schaffens und Genießens 
nach einer bestimmten Richtung erweitern. Eine span- 
nende Erzählung ist eine solche, welche unsere unbe- 
wußten Erwartungsvorstellungen erregt und auf un- 
erwartete Art oder unter unerwarteten Umständen erfüllt. 
Es ist sicher schon bemerkt worden, daß wir im Drama 
eine Überraschung, auf die wir in keiner Art vorbe- 
reitet wurden, als unnatürlich und unorganisch emp- 
finden. Nehmen wir an, ein realistisches Drama ent- 
halte eine Stelle, in der eine der Hauptpersonen wäh- 
rend einer Bridgepartie plötzlich vom Herzschlag ge- 
troffen wird, ohne daß der Zuschauer durch frühere 
Bemerkungen auf die Krankheit oder auf den Eintritt 
eines solchen Ereignisses irgendwie vorbereitet worden 
wäre. Die dramatische Wirkung wird, falls sie sich 

— 41 — 



überhaupt einstellt, sicherlich eine rein äußerliche sein. 
Sie würde tiefer sein, wenn der Zuhörer in unauffällig 
ger Art Kenntnis von einer vorangegangenen Krank- 
heit der Person, früheren Ohnmächten usw. erhält. 
Solche Andeutungstechnik wirkt sogar tiefer, als wenn 
der Zuhörer auf grobe und auffällige Art auf die 
Möglichkeit des dramatischen Augenblicks vorbereitet 
wird. Wir sagen im allgemeinen, der Tod einer ver- 
wandten oder befreundeten Person wirkt weniger er- 
schütternd auf uns, wenn wir — etwa durch lang, 
dauernde Krankheit — darauf vorbereitet waren. Das 
stimmt auch. Die Erschütterung ist aber umso größer 
und nachhaltiger, wenn wir einmal an diese Möglich- 
keit gedacht, die Erwartung (oder den Wunsch) ver- 
drängt haben und wir dann plötzlich „unvorbereitet" 
die Nachricht vom Tode der betreffenden, uns nahe- 
stehenden Person erhalten. Audi von hier aus fallt ein 
Licht auf das psychologische Problem des Schreckens. 



vm 

Zu unserem engeren Thema zurückkehrend, wollen 
wir noch einmal betonen, daß es ein bestimmter Schreck 
ist, der oft in der traumatischen Neurose seine psy- 
chische Wirksamkeit entfaltet ; es ist der Schreck, den wir 
verspüren, wenn eine Gefahr, die wir einmal unbe- 
wußt erwartet haben und der wir entronnen zu sein 
glaubten, plötzlich Realität wird. Wir meinen nun, 
daß er in vielen Fällen lange nicht jene Wirksamkeit 
hätte, wenn er nicht eine tiefere Resonanz von unse- 
rem unbewußten Schuldgefühl erhielte. 

— 42 — 



Wir würden für unsere Auffassung noch einige 
Momente geltend machen, die von den Autoren, welche 
sich mit dem Studium der traumatischen und Kriegs- 
neurosen beschäftigt haben, hervorgehoben wurden. Es 
wird betont, daß eine gleichzeitig erlittene Verletzung 
oder Wunde zumeist der Entstehung einer Neurose 
entgegenwirkt. Es ist wirklich so, als wäre an Stelle 
des Schreckens, der erst später psychisch verarbeitet 
wurde, eine Verwundung, d. h. eine Bestrafung 
(Kastrationsäquivalent) getreten und diese hätte das 
Schuldgefühl oder den Masochismus der betreffenden 
Person befriedigt, so wie manchen Menschen eine Neu- 
rose erspart bleibt, wenn sie organisch erkranken, eine 
unglückliche Ehe eingehen usw. Auch die euphorische, 
manisch zu nennende Stimmungslage, welche viele 
Kriegsverletzte nach einem Schock zur Schau tragen, 
läßt sich auf diese Art erklären, ohne daß die Kraft 
anderer Vorstellungen (z. B. Heimkehr, Schutz vor 
neuer Todesgefahr) dadurch ausgeschlossen würde : 
diese Menschen haben ihren Tribut gezollt; nun kann 
ihnen nichts mehr geschehen. Sie sind gleichsam mit 
einem blauen Auge davongekommen. Auch die auffal- 
lende, der analytischen Traumtheorie widersprechende 
Tatsache, daß der Traum den Unfallsneurotiker 
immer wieder in die traumatische Situation zurück- 
führt, würde durch unsere Auffassung teilweise erklärt. 
Freud hat für diese Träume ausgeführt, daß sie die 
Reizbewältigung unter Angstentwicklung nachholen, 
deren Unterlassung die Ursache der traumatischen 
Neurosen war, und so jener primären Aufgabe dienen, 
deren Lösung der Herrschaft des Lustprinzips voran- 

— 43 — 



gehen muß. Es widerspricht dieser Anschauung nicht, 
wenn wir als eine speziellere Ergänzung anführen, 
daß jene Träume eben Reaktionen auf das wieder- 
erweckte Schuldgefühl darstellen. Sie würden wirklieh 
die Wunscherfüllung des auf den verworfenen (sadis- 
tischen) Triebimpuls reagierenden Schuldgefühles 
sein.' Wir würden so dazu gedrängt, die Träume der 
Uniallsneurotiker in die Nähe der Strafträume, welche 
die masochistischen Tendenzen des Individuums er- 
füllen, zu setzen. 

Wir haben hier nur eine der psychoanalytisch er- 
faßbaren Seiten des Schreckens behandeln wollen und 
werden nicht vergessen, daß es daneben andere, hier 
nicht erörterte psychische Momente gibt, deren Bedeut- 
samkeit wir nicht unterschätzen wollen. Allein es muß 
als einwandfrei gelten, durch ein buntes Gewebe einen 
einzelnen Faden zu verlolgen. 

Man darf nur nicht vergessen, daß es daneben zahl- 
reiche andere gibt und der Eindruck erst durch ihr 
Zusammenwirken zustandekommt. 



i) Freud hat diese Auffassung selbst schon als möglich in H e _ 

tracht gezogen, wenn er sagt : „sollten wir durch die Traume der 

Unfallsneurotiker nicht an der wunscherfüllcnden Tendenz <i cs 

Traumes irre werden, so bleibt uns etwa noch die Auskunft, bei 
diesem Zustand sei wie so vieles andere- auch die Traumfunkti 0n 

erschüttert und von ihren Absichten abgelenkt worden, oder \ vir 

müßten der rätselhaften masochistischen Tendenzen des Ichs , 
denken". 



— 44 — 



Libido und Schuldgefühl 

Zwei psychoanalytische Autoren haben unlängst in 
den Spalten der „Internationalen Zeitschrift für Psycho- 
analyse" eine wissenschaftliche Diskussion über „Straf- 
bedürfnis und neurotischen Prozeß" ge- 
führt. W. Reich hat in klarer und unzweideutiger 
Weise die Bedeutung der Libidostauung in der Neu- 
rosenätiologie gegenüber den sekundären Ansprüchen 
des Straf bedürfnisses betont. Der Charakter seiner Aus- 
führungen war so einleuchtend, daß er an einigen 
Stellen den einer unwiderlegbaren Tatsachenfeststellung 
streifte. Hierher zähle ich z. B. den Satz, daß „die 
Moral des Menschen nie so tief begründet ist wie seine 
Amoral und daß man moralisch zu sein glaubt, wo 
man im Grunde nur Angst vor den Folgen der Tat 
hat". Dieser Satz ist so unzweifelhaft wahr, daß nicht 
nur der Analytiker, sondern jeder nur einigermaßen 
introspektive Backfisch über jene Verwechslung von 
Moral und „Angst vor den Folgen" ausgezeichnete 
Auskünfte zu geben vermag. F. Alexander hat sich 
in der scharfsinnigen und gerechtfertigten Abwehr der 
Reichschen Angriffe einigemale zu Behauptungen führen 
lassen, die unseren Widerspruch erwecken. So unterscheidet 
er als einen seiner Grundgedanken, daß die Moral des 

— 45 — 



neurotischen Über-Ichs eine „korrupte und formale" 
ist und er in ihrer Verurteilung keine „echte Moral" 
meine. Nun ist es ziemlich schwer, zwischen einer kor- 
rupten, formalen und einer echten, starken Moral zu 
unterscheiden. Ich würde mich vor dem Wagnis 
scheuen, von einer Gewißheit in "diesen Dingen zu 
reden in einer Welt, in der keine Wertung auch nur 
heranreicht an die Sicherheit, daß in absehbarer Zeit 
hübsche Blumen aus unseren Augen und Gehirnen 
wachsen werden. 

Der kleine Beitrag, der hier zu den Problemen ge- 
geben werden soll, wird von dieser Diskussion aus- 
gehen, ohne in sie einzugreifen. Dies steht schon des- 
halb nicht in meiner Absicht, weil ich nicht glaube, 
daß die Gegensätze unvereinbar sind. Das Primat der 
Libidostauung bleibt auch dann [aufrecht, wenn man 
die Bedeutung des unbewußten Strafbedürfnisses aner- 
kennt. Das schmale Segment des Problemkreises, das 
ich hier abgrenzen will, geht von einerBehauptung aus, die 
an die diskutierten Probleme rührend, in der Zwischen- 
zeit manchen starken Widerspruch erregt hat. Es ist die 
Behauptung, daß in einer Reihe von Neurosenfallen 
die Mitwirkung des Schuldgefühles die Libido verstärkt 
und die Triebbefriedigung vertieft. Manche Psychologen 
haben mir entgegengehalten, daß dieser Prozeß nicht 
den Tatsachen entspreche. Es gebe doch genug Trieb- 
befriedigung ohne solche Mitwirkung des Schuldgefühles. 
Sanft mußte ich dies zugeben, aber ich mußte sie auch 
daran erinnern, daß das, was sie bestritten, vielleicht 
einmal im Laufe der Wissenschaftsgeschichte von irgend 
jemandem behauptet wurde, sicherlich nicht von mir. 

— 46 — 



Wenn jemand sagt, es gebe auch rostbraune Pferde 
und solche Pferde werden ebenfalls zum Reiten und 
Wagenziehen verwendet, so hat er damit die Existenz 
und den Nutzen von Schimmeln, Rappen, Falben u. s. w. 
keineswegs in Abrede gestellt. Einige meiner ärztlichen 
Freunde hielten mir vor, daß die Libido ein 
Grenzbegriff von Somatischem und Psychischem sei 
und meine Behauptung solcher Libidosteigerung allen 
physiologischen Gesetzen Hohn spreche. Hier war frei- 
lich ein Gebiet, auf das ich ihnen nicht folgen konnte. 
Ich konnte ihnen nicht folgen, aber ach, sie konnten mir 
auch nicht vorausgehen. Was man über die Physiologie 
der libidinösen Prozesse zu sagen weiß, ist wenig ge- 
eignet, von dieser Seite das Problem aufzuklären. 
Vieles von dem, was ich über. "die Natur der Libido 
von physiologischen Gesichtspunkten aus erfahren habe, 
hat sicherlich einen starken Eindruck auf mich ge- 
macht, aber dieser Eindruck war nicht immer eindeu- 
tig. Manche der Behauptungen der auf ihre Exaktheit 
stolzen Wissenschaft waren von einem Phantasiereich- 
tum, der die größten unserer Dichter hätte beschämen 
können. 

Wir haben alle, Freud folgend, die Erfahrung ge- 
macht, daß das Schuldgefühl die Triebbefriedigung hemmt. 
Jeder Tag unserer analytischen Praxis zeigt es uns 
wieder, daß, wie es Alexander gut ausgedrückt hat, 
„alles, was die Gewissensangst vermindert, die Trieb- 
befriedigungen fördert". Wir wissen, daß die Libido- 
stauung, die primär auf Einflüsse der Außenwelt und 
des Ichs zurückzuführen ist, auch durch den Faktor des 
Schuldgefühles mitbestimmt werden kann. Aber es ist, 

— 47 — 



I 



wie mir scheint, in der analytischen Literatur zu wenig 
betont worden, daß die Libidostauung in zahlreichen 
Fällen wieder reaktiv auf das Schuldgefühl rückwirkt. 
Man sollte eigentlich das Umgekehrte erwarten: cie^^ 
Mensch, der imstande war, sich des Ansturms seiner 
Triebregungen in einem besonders großen Ausmaße 
zu erwehren, müßte sich, frei von Schuld und Fehle, 
im Vollbesitze seiner narzißtischen Befriedigung und 
seiner Energie fühlen. Dieser Fall tritt auch manchmal 
bei besonders hoher Sublimierungsfahigkeit und bei 
außerordentlich guter Libidoökonomie ein, aber in der 
Mehrzahl der Neurosenfälle und bei den meisten Charak- 
terverbildungen, die wir sehen, beobachten wir etwas 
Eigenartiges: die Verdrängung ist nicht geglückt, das 
Schuldgefühl steigt und erhält unter Umständen eine 
triebhafte Macht, die sich mit der des Verdrängten 
vereinigt. Das Symptom hat zwar den Charakter einer 
Ersatzbefriedigung, aber es befriedigt nicht in einem 
ausreichenden Ausmaße. Die analytische Erklärung 
dieses Sachverhaltes ist einfach : das Schuldgefühl be- 
zieht sich nicht auf die Aktion, sondern auf die endo- 
psychisch erkannte Versuchungsgefahr. Es wächst auch 
mit ihr. Die Libidostauung verstärkt die unbewußte 
Versuchung, die stärker ist als bei der Triebbefriedi- 
gung. Auf der einen Seite wird also die Versuchung 
drängender und ungestümer, auf der anderen die damit 
verbundene Angst und das unbewußte Sdmldgetuhl. 
Reich und AI exander haben jeder besonders eine 
Seite dieses psychischen Prozesses betont; in Wahrheit 
arbeiten beide Momente, Libidostauung und Schuld- 
gefühl, zusammen. Ihre Devise könnte folgendermaßen 

— 48 — 



ausgedrückt werden : getrennt marschieren und vereint 
das Ich schlagen. In vielen Neurosefallen läßt sich be- 
obachten, daß die beiden Faktoren sich gleichsam schon 
auf dem Marsche zu dem gemeinsamen Ziele ver- 
einigen. Das Ich erwehrt sich der Libidostauung und 
zieht das Uber-Ich zu Hilfe. Den gesteigerten Ansprü- 
chen des Uber-Ichs entsprechen wieder gesteigerte 
Triebansprüche, die niedergehalten werden sollen. 
Diese Triebansprüche fordern die Bestrafung des Über- 
Ichs heraus, bis schließlich z. B. in bestimmten Zwangs- 
neurosen und im Masochismus die gleichzeitige Befrie- 
digung beider Ansprüche erfolgt. So ergibt sich der 
paradox anmutende psychologische Zusammenhang, daß 
z. B. das auf das Sexuelle bezogene Schuldgefühl des 
keusch lebenden Asketen in der Wüste ungleich größer 
ist als etwa das eines Habitue des Moulin Rouge. Es 
wäre durchaus unzutreffend, diesen Unterschied 
nur auf die Differenz der moralischen Ansprüche zurück- 
zuführen und ausschließlich die Verschiedenheiten der 
Lebensauffassungen dafür verantwortlich zu machen. Der 
Unterschied zwischen Verdrängungsaufwand und Aus- 
maß der Triebbefriedigung ist sicherlich mitentschei- 
dend. Manchmal meint man aber zu erkennen, daß der- 
jenige, der seinen Trieben lässig folgt, weit weniger 
Schuldgefühl entwickelt als derjenige, der ihnen wider- 
steht. Die Verdrängung schafft den Anschein einer ge- 
fährlichen und fortreißenden Macht der Triebimpulse, 
die ursprünglich nicht gefühlt wurde. Das Ausbleiben 
der Befriedigung umgibt die Liebesobjekte mit einem 
Zauber und verleiht ihnen in unserer Phantasie eine Gefähr- 
lichkeit, die ihnen sonst durchaus nicht eigen ist. Dem 



R c i k, Schrecken 49 



Prediger sind die Arme der Frau den Fangvorrichtun- 
gen der Jäger vergleichbar (Jaqueis vcnatorum") und 
er mahnt eindringlich, daß jede Schlechtigkeit klein ist. 
gemessen an der der Frau („breuisomnis malitia super malj. 
tiam ??iulicris"). Jenem Viveur sind die Arme der Frau 
natürliche, ein wenig von „Nuit de mal" duftende 
Glieder eines Menschenleibes und die „Schlechtigkeit" 
der Frau eine Selbstverständlichkeil, die in ihm weder 
Groll noch Verwunderung erregt. Man findet Warnun- 
gen vor der Macht und der Gefährlichkeit der Frauen 
weniger in den Nachtlokalen, wo sie vielleicht am Platze 
wären, als in den Klöstern, wo sie als „instrumenta 
diaboli" angesehen werden. Die Macht, welche die Natur 
dem Geschlechte gegeben hat, ist dem heiligen Hiero- 
nymus gegenüber, der vor seinen Phantasien in die 
Wüste flieht, um ihnen dort, halb verhungert und ver- 
brannt, doch zu erliegen, größer als dem Freund der 
Balleteusen gegenüber. Man muß das große Verdienst 
anerkennen, das sichKulturundReligion um dieSteigerung 
der Sexualbefriedigung erworben haben, indem sie sie zur 
Sünde gemacht haben. Mit dem Gürtel, mit dem Schleier 
würde der holde Wahn entzweireißen. Deshalb sind 
Gürtel und Schleier eminent erogene Mittel. Die Schani 
drängt so die sexuellen Impulse nicht nur zurück, son- 
dem konserviert sie auch, ja vertieft sie. 

„Dieser Sorbett ist gut ; wie gut wäre er erst, wenn 
es Sünde wäre, ihn zu essen", sagt die Neapolitaneri n> 
Dieses Wort mag programmatisch wieder zu der Be- 
hauptung zurückführen, welche eine Libidoverstärkung 
und Vertiefung der Triebbefriedigung durch die Mit- 
wirkung des unbewußten Schuldgefühles betont. On- 

— 50 — 






sere bisherigen Erfahrungen zeigen, daß der Abbau 
des unbewußten Schuldgefühles den Weg zur Trieb- 
befriedigung freigibt, wie dies übereinstimmend Reich 
und Alexander unlängst betont haben. Dies ist ge- 
wiß richtig und von entscheidender Bedeutung, aber 
es erfaßt nur ein Stück der bisher erkennbaren psychi- 
schen Prozesse. In einer ganzen Reihe von Fällen 
konnte ich beobachten, daß eine solche Bewältigung des 
unbewußten Schuldgefühles die übermäßig drängende 
Triebkraft beschwichtigt und vermindert. Es ist so, wie 
wenn die Dynamik des analytischen Prozesses an zwei 
entgegengesetzten Seiten angreife, Änderungen und Ver- 
schiebungen an verschiedenen Besetzungen schaffe: die 
Befreiung vom Schuldgefühl schwächte die libidinöse 
Triebkraft. Solche Wirkung wird gerade bei den er- 
wähnten Fällen, in denen eine Libidoverstärkung durch 
das Schuldgefühl mitbedingt ist, erklärbar. Ist damit 
ein Gegensatz zu unserer Erfahrung gegeben, daß alles, 
was die Gewissensangst vermindert, die Triebbefriedi- 
gung fördert? Keineswegs, weil dies in allen Fällen 
richtig bleibt und am Heilungsprozeß immer wieder 
bestätigt werden kann. Es ist insoferne ein Gegensatz, 
weil gezeigt werden kann, daß in bestimmten Fällen 
eine Verstärkung der Gewissensangst die Triebbefne- 
digung zu erzwingen vermag. In der Analyse der 
Fälle, von denen hier die Rede ist, wurde es ersicht- 
lich, daß bestimmte sexuelle Erlebnisse der frühen 
Kinderzeit und der Pubertät neben allen anderen Mo- 
menten auch deshalb so lustvoll in der Erinnerung 
festgehalten wurden, weil sie die Mitwirkung des 
Schuldgefühles zeigten. Jene sexuellen Spiele und Ver- 

- 51 - ** 



suche, die in der Phantasie immer wieder reproduziert 
wurden und oft zur onanistischen Befriedigung führten, 
wurden besonders dann als lustbetont bezeichnet, wenn 
sie ein streng verbotenes Tun oder Aktionen in ge- 
fährdeten, d. h. der Entdeckung ausgesetzten Lagen 
betrafen. Ich will hier nur zwei Fälle dieser Art her- 
vorheben : ein junges Mädchen, das in ihren Phanta- 
sien die Männer „ausprobierte", d. h. in ihren sexuel- 
len Phantasien sich bald diesen, bald jenen Mann in 
bestimmten Liebesszenen vorstellte, um zu probieren, 
welche Phantasie sie in die stärkste Erregung bringt. 
Ebenso wechselte sie auf dieser Bühne die sexuellen 
Situationen. Die größte Lust fand sie in der Erinne- 
rung an eine sexuelle Situation mit einem Manne, 
während ihre Mutter im Nebenzimmer weilte, sie also 
jederzeit furchten mußte, von der Mutter gestört zu 
werden. Niemals wieder hatte sie eine so tiefe sexuelle 
Befriedigung verspürt. Der zweite Fall betrifft einen 
Mann, der als Offizier im Feindeslande in der Nacht 
ein Rendezvous mit einer Nonne im Kloster hatte. 
Immer wieder kehrten seine Phantasien zu jener Szene 
zurück, in der das Nonnenhabit, die Zelle, das harte 
Bett, der gekreuzigte Jesus an der Wand eine große 
Rolle spielten. Die Libido sowie die verspürte Befrie- 
digung waren niemals größer gewesen als in dieser 
Situation. Ich will nur kurz auf ähnliche Fälle hin- 
weisen : etwa auf eine sonst anästhetische Frau, die des 
sexuellen Orgasmus nur dann fähig war, wenn sie 
ihren Mann in der Nähe wußte und ihn mit ihrem 
Liebhaber betrog, oder auf einen Mann, der nur dann 
seine volle Potenz erreichte, wenn seine sexuelle Part- 

— 52 — 



nerin während des Aktes obszöne Worte sagte. Hie- 
her gehört eine ganze Reihe ausgeprägter Fälle mit 
besonderen Liebesbedingungen, etwa jene, die Freud 
als durch die Bedingung des betrogenen Dritten 
charakterisiert hat, hieher jene von ihm hervorgehobe- 
nen Frauentypen, deren sexuelle Anästhesie erst durch 
eine geheime Beziehung aufgehoben wird. In allen 
diesen Fällen ist die latente Mitarbeit des unbewußten 
Schuldgefühles in der Libidoverstärkung sowie in der 
Befriedigungsintensivierung nachweisbar. 

Es gilt, an dieser Stelle den verschiedenen Einwän- 
den entgegenzutreten, welche unsere Auffassung zu er- 
schüttern suchen. Um den wichtigsten vorweg zu neh- 
men : diese Erscheinung, die wir auch als Befriedigungs- 
verstärkung durch Verbotsdurchbruch beschreiben kön- 
nen, ist sekundärer Natur. Der Einwand wird beson- 
ders darauf hinweisen, daß es die Bedeutung der 
Fixierung und der Regression ist, welche für die libidi- 
nöse Überbesetzung sowie für die Befriedigungsver- 
tiefung ausschlaggebend ist. Ich bin ganz dieser Mei- 
nung, ja ich gehe sogar in dieser Richtung noch darüber 
hinaus. Ich meine nämlich, daß wir durch das Studium 
dieser Fälle noch etwas zu unserem Verständnis der 
psychischen Natur der Fixierung und der Libidoregres- 
sion hinzufügen könnten. Es scheint nämlich, daß diese 
Vorgänge selbst eine Komplikation erfahren können, 
welche wir noch nicht gebührend gewürdigt haben. 
Man kann eine primäre Fixierung an die Inzestobjekte 
oder ihre Ersatzpersonen von einer sekundären unter- 
scheiden. In der ersten haben sich die biologischen 
Notwendigkeiten der libidinösen Strebungen Ausdruck 

— 53 — 



I 



geschaffen; die sekundäre Fixierung, welche die ur- 
sprüngliche verstärkt, ist durch die Verbotsbedingung 
mitbestimmt. Ebenso steht es mit der Regression. Die 
naturgegebene inzestuöse Bindung wird also durch das 
Schuldgefühl nicht aufgelöst, sondern oft genug vertieft 
und verstärkt. Es kann in vielen Analysen gezeigt 
werden, daß diese Verbotsbedingung, die aus der In- 
zestwahl stammt, in vielen Fällen wieder reaktiv auf 
die spätere Objektwahl zurückwirkt und sie mitbe- 
stimmt. Jene Konstellation im Liebesleben des Mannes, 
welche nur im erniedrigten Liebesobjekt seine Er- 
füllung findet, jene andere, welche die Bedingung des 
betrogenen Dritten notwendig macht, jener Typus der 
Frau, die das Geheimnis in der Sexualbeziehung fest- 
hält, so viele der besonderen Liebesbeziehungen nor- 
maler und perverser Art sind gekennzeichnet durch 
die Erfüllung jener allgemeineren Bedingung, welche 
das Durchbrechen eines infantilen Verbotes beinhaltet. 
Wir wissen, woher dieses Verbot stammt: aus jenen 
äußeren und inneren Einflüssen, welche sich der in- 
fantilen Sexualbefriedigung entgegengestellt haben. Diese 
Einflüsse können, wie wir in der Neurosenpsychologie 
erkennen, so nachhaltig sein, daß sie noch in der ge- 
statteten und legalen Sexualbefriedigung nachklingen. 
Die Verbindung zwischen Sexualität und Schuldgefühl 
wurde unter den gegenwärtigen Kulturverhältnissen so 
intim, daß noch der eheliche Geschlechtsverkehr oft 
genug unbewußt das Durchbrechen eines Verbotes be- 
deutet. Man könnte sagen, daß das Gebiet der Sexuali- 
tät durch diese Einflüsse mit Schuldgefühl so gesättigt 
ist, daß dieses nicht mehr aus ihm wegzudenken ist. 



— 54 



ldi will das entscheidende Moment, von dem wir 
ausgegangen sind, noch einmal hervorheben : der Aus- 
fall oder die Verminderung des Schuldgefühles ist eine 
der wichtigsten Voraussetzungen der Triebbefriedigung, 
aber seine Steigerung oder Mitwirkung führt ebenfalls 
zum Triebdurchbruch, der dann in einer Mischform der 
Befriedigung beider Bedürfnisse erscheint. Ja was ich 
behaupte, ist, daß noch in ungezählten Fällen von 
Triebdurchbruch, im Triumph über das Ober-Ich, in 
dem forcierten und gewaltsamen Charakter jener Über- 
wältigung die Nachwirkung des unbewußten Schuld- 
gefühles erkennbar ist. Wenn ich von Eindrücken aus 
der Beobachtung nur weniger Fälle von Manisch- 
Depressiven schließen darf, so würde ich mich zu sagen 
getrauen, daß die manische Phase keineswegs einem 
puren und simplen Triumph über das Über-Ich ent- 
spricht. Noch das Turbulente und Violente, das in die 
Höhe Getriebene des manischen Charakters zeigt das 
unterirdische Mitklingen des unbewußten Schuldgefühles 
gerade im Momente seiner Unterjochung. Die Aus- 
gelassenheit von Kindern wäre jenes Benehmen, das 
sich am ehesten damit vergleichen ließe, jene Demon- 
stration eines Verbotübertretens, das doch die Weiter- 
wirkung jenes Verbotes noch in seinem Durchbruch 
erkennen läßt. Man könnte sagen, die Manie sei jene 
Stimmungslage, deren Intensität durch die latente und 
unterirdisch fortdauernde Depression m 1 1 bestimmt 

wird. . 

Von hier aus ergibt sich eine Reihe von Einsichten, 

welche unsere Anschauungen in bestimmter Richtung 

vertiefen. Die Orgie ist ein Triebdurchbruch, dessen 

— 55 — 



Ausmaß nicht nur durch eine Aufhebung der Libido- 
Stauung, sondern auch durch die geheime Weiterwirkunt* 
des Schuldgefühls charakterisiert wird. Ihre Gewaltsam- 
keit, ihr Exzeßcharakter ist auch dadurch mitbestimmt 
daß unerkannt das Verbot im Hintergrunde bestehen 
bleibt. 1 Dieses Moment des niemals — nicht einmal 
i n der Tat — völlig bewältigten Schuldgefühles erklärt 
manche Züge der Verbrecherpsychologie. Es gibt eine 
Stimmungslage der Verzweiflung, die aus der wieder- 
holten und vergeblichen Anstrengung stammt, des Trieb- 
andranges Herr zu werden. Es gibt eine andere, die 
daraus resultiert, den Angriffen der Gewissensmächte 
standzuhalten. Beide Faktoren dürften einen unbe- 
stimmbar großen Anteil an der Psychogenese desjenigen 
Verbrechens haben, das als Affektverbrechen bezeichnet 
wird. Des Ankämpfens gegen zwei Fronten müde, wird 
der Verbrecher vom Trieb und von den Gewissens- 
mächten gleichzeitig überwältigt. Wir sehen einen ähn- 
lichen Vorgang manchmal beim Neurotiker, der zwischen 
dem Triebdrängen und dem Druck des Schuldgefühles 
jenem Zustande verfällt, den die Kirche mit feinem psycho- 
logischen Gefühl die „Sünde der Verzweiflung" („f a 
tentalion du desespoir") nennt. Die Kirche hält mit Recht 
die übergroße Strenge, das starre, fanatische Festhalten 
an Askese und Sühnung für sündhaft. Sie weiß, daß 
das schwere Sündengefühl eben zur Sünde der Ver- 
zweiflung führen muß. Wer sich verdammt weiß, 
braucht keinen Verzicht mehr: er gelangt nicht etwa 
nur zum Triebgenuß, sondern zum Taumel, zur Orgie. 

1) Ein rumänisches Sprichwort sagt : „Wovor du davonläufst, das 
läuft dir nach". 

— 56 — 






So verlangt die Religion eigentlich, daß man sündige, 
denn ohne dies gäbe es keine Reue, keine Angst vor 
Gott und keine Frömmigkeit. 1 Wie man sieht, sind 
die Wege des Herrn dunkel, aber nicht immer geradlinig. 
Das Fest ist nicht nur, wie Freud es bestimmt 
hat, ein gestatteter, ja gebotener Durchbruch des sonst 
Verbotenen. Der Triumph setzt auch voraus, daß das 
Verbot weiterbesteht und nur momentan überwältigt 
wurde. Dem Rausch folgt der Katzenjammer, aber 
eigentlich war er schon vorher da, sonst hätte es keines 
Rausches bedurft. Man könnte sagen, der Rausch zeigt, 
welche Anstrengungen es kostet, die Depression zu 

bewältigen. 

Es wäre unrichtig und ungerechtfertigt, nur diese 
eine Seite des Problems in den Vordergrund zu stellen. 
So läßt es sich in der analytischen Beobachtung zeigen, 
daß die Trauer und die Melancholie nicht nur Re- 
aktionen auf einen Verlust bedeuten, sondern den un- 
ausgesetzten Kampf gegen jene Regungen, welche diesen 
Verlust gewünscht haben. Hier nun kommt ein bisher 
vernachlässigtes Moment zum Vorschein. Das Schuld- 
gefühl, dem in der Psychogenese der Neurosen eine so 
große Bedeutung zukommt, ist keineswegs eine psycho- 
logisch einfache Erscheinung. Es ist nicht nur moralische 
Reaktion auf ein verbotenes Tun, sondern auch auf 
dessen Wiederholung. Analytisch gesprochen: es erhält 
seine Intensität auch durch das unbewußte Wieder- 
genießen einer verbotenen Befriedigung. Es klingt 



i ) Deshalb dürfen die Gläubigen den Fall des Menschen inbrünstig 
als „Felix culpa" besingen. 

— 57 — 



sicherlich paradox, ist aber nichtsdestoweniger psycho- 
logisch berechtigt, wenn man behauptet : solange das 
unbewußte Schuldgefühl andauert, ist die Versuchung 
der Wiederholung eines verpönten Tuns nahe. Man 
würde erwarten, daß es sich unigekehrt verhält, aber 
die komplizierte psychologische Zusammensetzung recht- 
fertigt diese Folgerung. Das analytisch erfaßbare Wesen 
der Reue gehört in diesen Zusammenhang: wer zu 
sehr bereut, ist in Gefahr, das wieder zu tun, was er 
bereut. Man spricht von dem nagenden Charakter der 
Reue und bezeichnet damit ihren selbstquälerischen 
autokannibalistischen Charakter, aber das Wesentliche 
ist die Fortdauer des Appetits. Es gibt übrigens auch 
Reue darüber, daß man „Sünden" nicht begangen hat 
ein Bedauern über verlorene, versäumte Ausnützung 
von Gelegenheiten zur Triebbefriedigung. In den End- 
phasen des zwangneurotischen Prozesses wird oft gerade 
das früher Verbotene zum triebhaft Geforderten und 
Gebotenen ; seine Unterlassung löst Gewissensangst aus. 
Ein junger Mann, den ich wegen psychischer Impotenz 
behandelte, zeigte im letzten Viertel der Analyse großes 
Schuldgefühl, wenn er eine Frau nicht sexuell befriedigte, 
während ihm früher gerade die Sexualbeiried igung als 
verboten galt. Auch war er jetzt zwanghalt getrieben, 
den Koitus häufig auszuüben. Es gibt genug analoge 
Beispiele aus der Geschichte der Religionen. Aus ihrer 
Fülle sei nur eines gewählt, das aus der Zeit der Ka- 
tharer stammt, jener ketzerischen Sekte, die jeglichen 
fleischlichen Umgang verdammte. Der Mönch Gervasius 
erzählt aus jener Zeit, Wilhelm mit den weißen Hän- 
den, Erzbischof von Reims, sei einmal mit seinen Kle- 

— 58 — 



rikern außerhalb der Stadt geritten. Ein Mönch aus 
seinem Gefolge bemerkte nun in einem Weinberge ein 
junges, schönes Mädchen. Er ging zu ihr und machte 
ihr auf zierlichste Weise einen Liebesantrag. Doch sie 
antwortete : wenn einmal ihre Jungfrauschaft verloren 
sei, würde sie unrettbar der ewigen Verdammnis ge- 
weiht sein. Da verdächtigte der Mönch das Mädchen, 
daß sie der gottlosen Lehre der Katharer anhänge. Der 
Bischof Wilhelm von Reims, der gehört hatte, daß das 
Mädchen das, was ihrem irdischen Körper angehörte 
und was wenig Verehrung verdient, so hoch schätzte, 
ließ sie ergreifen. Da sie trotz allen Zuredens und aller 
Versprechungen in ihrer entsetzlichen Verirrung beharrte, 
wurde sie dem Henker übergeben. In ihrer Verblen- 
dung wollte sie nicht sehen, daß man das Irdische ver- 
achten und der Kirche gehorchen müsse, außerhalb welcher 
es kein Heil gibt. „Extra ecclesiam non est salus." 

Es läßt sich auch nicht verkennen, daß auch der 
Verdrängung in einem gewissen Ausmaße ein Doppel- 
charakter eigen ist. Freud hat das Wesen der Ver- 
drängung dahin bestimmt, daß sie als ein Mittelding 
zwischen Flucht und Verurteilung eine Vorstufe der 
Verurteilung bilde. Es stellt keinen Gegensatz, sondern 
nur eine Ergänzung zu dieser Beschreibung dar, wenn 
man hinzufügt, daß die Verdrängung die Versuchungs- 
situation auch konserviert, den verbotenen Genuß nicht 
nur abwehrt, sondern auch festhält. Diese Seite des 
Verdrängungszustandes wird durch die Vorgänge der 
Wiederkehr des Verdrängten aus der Mitte des Ver- 
drängenden klar. In ihnen brechen scheinbar unver- 
mittelt die verdrängten Triebregungen oder Vorstel- 



— 59 — 



lungen durch die Abwehr und erhalten ein Stück B e _ 
friedigung. Vielleicht wäre es praktisch, von diesen Vor- 
gängen einen anderen Prozeß zu unterscheiden. Es i st 
derjenige, den wir eben charakterisiert haben, in dem 
das Schuldgefühl so lange gegen die verdrängten Trieb- 
regungen ankämpft, bis es zu ihrem Bundesgenossen 
wird. Ich nenne diesen Fall den des Untertauchens des 
Verdrängenden in das Verdrängte. Es waren bestimmte 
Gegenbesetzungen gegen die verpönten Vorstellungen 
aufgerichtet worden, aber diese Gegenbesetzungen er- 
wiesen sich zu schwach. Die abgewehrten Triebregungen 
sind übermächtig geworden und haben auch alle jene 
Faktoren, die zu ihrer Bekämpfung bestimmt waren 
in ihren Bereich herübergezogen. Es ist ähnlich wie 
manchmal bei Rettungsaktionen von Ertrinkenden : der 
Retter wird mit dem Gefährdeten in die Tiefe g e _ 
zogen. So ähnlich wird das moralische Schuldgefühl oft 
den Triebdurchbruch erleichtern und die Befriedigungs- 
intensität erhöhen. 

Dieser Gesichtspunkt kann nicht bedeutungslos £xj r 
die analytische Therapie sein, da er die Natur be- 
stimmter Schwierigkeiten zeigt. Diese sind dadurch g- e _ 
geben, daß die durch das Schuldgefühl vertiefte Trieb- 
befriedigung der Einschränkung und Sublimierung 
schwerer zugänglich ist als die normale, wenngleich 
antisoziale. Auf die Bedeutung dieses Gesichtspunktes 
in der Verbrecherpsychologie habe ich schon kurz hin- 
gewiesen. Wenn Schiller, den Nietzsche n^ 
Recht den Moraltrompeter von Säkkingen genannt hat, 
emphatisch verkündet, es sei der Fluch der bösen Tat, 
daß sie fortzeugend Böses muß gebären, so wäre es 

— 60 — 



weit richtiger, mit Verschiebung der Betonung zu 
sagen, daß es eben der Fluch ist, welcher der „bösen" 
Tat gilt, der solche Wirkungen hervorbringt. 

Die gegenwärtige Kultursituation hat es verschuldet, 
daß der Mensch unbefriedigt ist, wenn er seinen 
Trieben folgt, — wegen Einspruches der Moralforde- 
rungen, — und unbefriedigt ist, wenn er ihnen wider- 
steht — wegen der im Tiefsten unveränderlichen ani- 
malischen Natur des Menschen, — unbefriedigt, wenn 
er den Stachel erträgt, und unbefriedigt, wenn er gegen 
ihn lockt. Angesichts dieser Sachlage, welche die herr- 
lichste aller Welten beherrscht, muß man den herz- 
erfrischenden Optimismus mancher Philosophen wirk- 
lich bewundern. 

Ich meine, es besteht wenig Hoffnung, daß sich 
Wesentliches im Seelenleben der Menschen ändern 
werde. Sie bleiben arme und duldende Kreaturen, 
duldend noch dort, wo sie leiden machen. Vielleicht 
ist es schon ein Trost, solche Trostlosigkeit festzu- 
stellen, statt sie zu beschönigen, umzudeuten, zu ver- 
niedlichen und zu vertuschen. 



— 61 — 












Über den Zusammenhang von Haß 

und Angst 

Die Triebregungen des Hasses, die man als reprä- 
sentativ für die Destruktionstendenzen ansehen muß, 
sind ihrer Herkunft und ihren Mechanismen nach nicht 
minder rätselvoll als die Liebe. Der Haßerfüllte macht 
einen ebenso pathologischen Eindruck wie der Verliebte 
und wir sind, solange wir nicht selbst hassen, kaum 
fähiger, die psychischen Motive und Ziele des Hassenden 
besser zu verstehen als die des anderen Monomanen, 
des Verliebten. Wir vermögen es nicht, in dem Liebes- 
objekt des Einen einen auf Erden wandelnden Engel 
zu erblicken und wir verstehen es nicht, warum der 
Andere ein bestimmtes Objekt durchaus als einen Teufel 
in Menschengestalt sehen will. 

Wir wissen aber, daß der Hals als Relation zum 
Objekt älter ist, als die Liebe und ein Stück des 
Rätsels, das sich aus der starken Beimengung von Haß 
zu den Liebesregungen ergibt, erklärt sich eben daraus, 
daß der Haß der Vorläufer der Liebe ist. Ein anderes 
Stück wird durch die Abwehraktionen der Ichtriebe 
verständlich und diese können sidi auf die fast unver- 

— 62 — 



meidbaren Konflikte berufen, die sich zwischen Ich- 
und Liebesinteressen ergeben. 

Woher aber rührt der Haß ? Freud belehrt uns 
darüber, daß er der uranfänglichen Ablehnung der reiz- 
spendenden Außenwelt von Seiten des narzißtischen Ichs 
entspringt. Die Vorbilder für die Haßrelation stammen 
aus dem Ringen des Ichs um seine Behauptung und 
Erhaltung. Das Ich haßt demnach alle Objekte, die ihm 
zur Quelle von Unlustempfindungen werden. Wenn 
man diese Behauptung Freuds biologisch faßt, kann 
man sagen : das Ich haßt alle reizspendenden Objekte, 
die geeignet sind, seine Existenz zu gefährden. Auf die 
Annäherung eines solchen Objektes, das eine Gefahr- 
dung seiner Erhaltung bedeutet, reagiert das Ich mit 
Angst und sucht vorerst, sich der Reizquelle durch die 
zweckmäßige Aktion der Flucht zu entziehen. Die Angst, 
deren Wesen Freud als Signal auf die Gefahr gekenn- 
zeichnet hat, ist im Individuum phylogenetisch vorge- 
bildet. Sie kann sich auf Erlebnisse der Ahnen berufen, 
die traumatisch gewirkt haben. Dort, wo sich der Flucht- 
reflex nicht ermöglichen läßt, wird das Individuum 
andere Maßregeln ergreifen, um den gefährlichen Reiz 
zu bewältigen. Es wird sich z. B. bemühen, die Reiz- 
quelle zu entfernen, was primär durch die Einverleibung, 
das Fressen, geschieht. Der Haß kann beschrieben 
werden als jene Relation zum Objekt, welche die Vor- 
bereitung zu einer dieser beiden Reaktionen anzeigt, 
bzw. als diejenige, welche durch deren Aufschub be- 
dingt wird. In der späteren Entwicklung wird sich der 
Haß wirklich zwischen diesen beiden gegensätzlichen 
Aktionen bewegen : sich dem gehaßten Objekt zu ent- 

— 63 — 



ziehen oder es zu zerstören. Noch in den Liebesrela- 
tionen späterer Zeit, die eine intensive Haßbeimengung 
aufweisen, werden deutlich die beiden Tendenzen, die 
so durch die Haßbeziehung präformiert wurden, er- 
kennbar. Sie treten dann stärker hervor, wenn Liebes- 
regungen auf die sadistisch-anale Organisationsstufe re- 
gredieren. 

Was ich hier behaupten will, ist die Tatsache, daß 
der Haß biologisch und psychogenetisch intim mit der 
Angst verknüpft ist. Anders ausgedrückt, daß Haß eine 
der Triebregungen ist, die sich aus dem Angstaffekt 
ableiten. Es braucht nicht nachdrücklich hervorgehoben 
zu werden, daß sich die Angst in andersartige Ge- 
fühlsregungen umzusetzen und andere Objektreaktionen 
zu bewirken vermag. Welches sind nun die Bedingungen, 
unter denen sich diese spezielle Genese des Hasses 
ergibt? Ich habe eine derselben bereits angedeutet: 
Haß kann erst entstehen, wenn die augenblickliche, 
zweckmäßige Reaktion auf die Annäherung eines ge- 
fahrdrohenden Objektes unmöglich ist. Die motorische 
Aktion wäre bereits der Ausdruck der Angstbewälti- 
gung und würde die Entstehung des Hasses überflüssig 
machen. Dies gilt freilich nur für die primäre Situation 
der gekennzeichneten Art, später wird der Haß zur 
triebhaften Vorbedingung für die Möglichkeit dieser 
Reaktion. Es liegt nahe, diese Verhältnisse mit denen 
der gegensätzlichen Triebrepräsentanz zu vergleichen : 
die Liebe entstellt ursprünglich aus einer Triebhem- 
mung, nämlich aus dem Aufschub der sofortigen sexu- 
ellen Triebbefriedigung. Alle idealistischen Versuche 
der Beschönigung, alle poetische Verklärung der Dichter 

— (54 — 



und alle metaphysische Vertiefung der Philosophen 
können die psychologische Tatsache nicht aus der Welt 
schaffen, daß Liebe sich ursprünglich nur dort entwickeln 
kann, wo die sofortige und direkte Sexualbefriedigung 
unmöglich ist. In Wahrheit kann die Analyse wenig 
über das Wesen jenes geheimnisvollen und gepriesenen 
Gefühles, das die Religionen verherrlichen und die 
Dichter besingen, aussagen. Die dürftigen Aufklärungen, 
welche die Psychoanalyse beizubringen vermag, redu- 
zieren sich im wesentlichen auf ein nüchternes Resultat 
der Forschung: die Herkunft der Liebe aus der Sexu- 
alität. Als die primäre und wichtigste Bedingung dieser 
übermächtigen Gefühle erscheint sicherlich, man sage 
was man wolle, das unbefriedigte Sexualbedürfnis. Mag 
dieses Gefühl, das den Menschen so viel Glück und 
so viel mehr Elend gebracht hat, vom Himmel kommen 
oder zur Hölle gehen, mag es Gott in seiner Gute den 
Sterblichen verliehen oder der Teufel sie damit heim- 
gesucht haben („virtus diaboli est in lumbit), seine Ent- 
stehung aus der groben, gesellschaftlich abgeleugneten 
sexuellen Not steht außer Zweifel. 

Der Aufschub der unmittelbaren und direkten Sexual- 
befriedigung ist die primäre Vorbedingung der Psycho- 
genese der Liebe. Der Aufschub der Objekt Vernichtung 
fet die Vorbedingung der Entstehung des Hasses. Man 
kann dies auch regressiv erkennen, indem man von 
dem angestrebten Effekt auf die Motive der Aktion 
schließt. Werden die Hindernisse, welche die Entstehung 
dieser Gefühle bedingen, beseitigt, so folgt unmittelbar 
die Befriedigung der primären Triebbedürfhisse. Der 
Liebende strebt die Vereinigung mit dem Objekt, der 



R e i k, Schrecken ß5 



Hassende die Vernichtung des Objekts an. 1 Dem Ab- 
sinken der Liebesgefühle nach dem Sexualverkehr ent- 
spricht das Zurücktreten der Haßregungen nach der 
Objektvernichtung. Beide Erscheinungen sind das Er- 
gebnis der nie vollkommen gelungenen Reizbewältigung. 
Ein Objekt, von welchem Gefahr droht, die Angst 
vor diesem Objekt, die Unmöglichkeit, diese Angst 
durch Flucht oder Vernichtung des gefahrlichen Objekts 
sofort und in adäquater Art zu bewältigen — diese 
Züge geben die wesentlichen Bedingungen für die Ent- 
stehung der Haßreaktion. Es können freilich nicht die 
einzigen sein. Dies wird sogleich klar, wenn wir uns 
einem Einwand zuwenden, der sich hier aufdrängt : 
Warum ergibt sich aus der gekennzeichneten Situation 
Haß und nicht die Fortdauer der Angst ? Die Antwort 
ist tatsächlich nicht leicht. Sie kann nur lauten : wir 
wissen es nicht, aber wir vermuten, daß sich diese 
Differenzierung unter dem Einfluß quantitativer Momente 
vollzieht. Was sichergestellt zu sein scheint, ist, daß 
der Haß eine Art Abwehr der Angst darstellt, einen 
primitiven Versuch der Angstbewältigung bezeichnet. 
Es ist wahrscheinlich, daß sich eine tiefere Einsicht in die 
Frage, wieso es zu der Umwandlung von Angst i n 
Haß kommen kann, aus dem Gegensatz von Todes- 
und Lebenstrieben, wie sie die Konzeption Freu d s 
zeigt, ergeben dürfte, doch ist die Natur der Angst 
die vielleicht ursprünglich eine Reaktion ist auf die 

1) Es ist erwähnenswert, daß der Haß die Nähe des Objektes 
sucht wie die Liebe. So wie sich noch in der platonischen Neiguii» 
Spuren der Tendenz, sich dein Objekt anzunähern, finden, ebenso 
in der sublimiertesten Haßregung. Audi der „Haß auf Distanz" scheint 
den Menschen ganz zu mißfallen. 

— 66 — 



primäre Lust, das Ich untergehen zu lassen, noch nicht 
genügend geklärt. 

Aus dieser Ableitung ergibt sich die Aufklärung für 
einige charakteristische Züge der Haßregungen. Vor 
allem ist es bemerkenswert, daß die Angst, zu deren 
Bewältigung der Haß mobilisiert wird, innerhalb des 
Hasses deutlich fortlebt. Die Haßregung gilt nur Ob- 
jekten, vor denen man sich furchtet, von denen das Ich 
eine äußere oder innere Gefährdung erwartet. Fällt 
dieser Faktor der Furcht aus, so resultiert das Gefühl 
der Verachtung, der Abneigung, der Indifferenz, keines- 
falls Haß. Das Moment der unbewußten Angst ist der 
Haßregung immanent und aus ihr nicht ablösbar. Es 
entspricht dem Gesetz des Rücklaufes der Affekte, daß 
Furcht vor einem Objekt, welche eine bestimmte Stärke 
erreicht hat, sich in Aggression umsetzen kann. Dieser 
Mechanismus ist übrigens keineswegs auf die Menschen 
beschränkt : Hunde fallen häufig Menschen an, weil sie 
sich vor ihnen fürchten und lassen von der Aggression 
ab, wenn sie den Eindruck bekommen, daß sie nichts 
zu befürchten haben. Die Ratte, die gejagt wird und 
aus ihrer Ecke keinen Ausweg mehr sieht, greift wütend 
den Menschen an. 

Es darf uns nach den Eindrücken, die wir aus der 
Psychoanalyse von Neurotikern erhalten, die Einsicht 
dämmern, daß diesen Mechanismen der Umsetzung von 
Angst in Haß und in daraus folgende aggressive Ten- 
denzen eine größere Bedeutung zukommt als wir bis- 
her erkannt haben. Bestimmte Erfahrungen der analyti- 
schen Praxis legen uns die Folgerung nahe, daß oft plötz- 
liche Aktionen aggressiver oder haßerfüllter Art 



67 — 5 * 



aus dem Versuch, sich einer übergroß gewordenen 
Angst zu. erwehren, resultieren. Solche impulsive 
Akte gibt es nicht nur in der Hysterie ; auch die 
Symptomatologie der Zwangsneurose und noch mehr 
die der manisch-depressiven Affektion liefern zahlreiche 
Beispiele dieser speziellen Form der Angstabwehr in 
Form von Triebdurchbrüchen. Es scheint -mir wahr- 
scheinlich, daß sich hier auch ein Weg für die psycho- 
logische Erklärung von Aggressionen in den psycho- 
tischen Erkrankungen eröffnet. Die Bedrohung, die 
vom Objekt ausgeht (auszugehen scheint), soll in ihnen 
durch die Bedrohung des Objektes bewältigt werden. 
Noch mehr Bedeutung kommt der Erforschung dieser 
Abwehrmechanismen und dieses Umsetzungsvorganges 
für die Verbrecherpsychologie zu. Die Kriminalpsycho- 
logen, Richter, Staatsanwälte und Verteidiger täten gut» 
diese schwierigen psychischen Vorgänge mit Hilfe der 
analytischen Methode zu studieren. Eine große Anzahl 
sonst unerklärbarer Verbrechen erhält seine Aufklärung 
durch jenen psychischen Prozeß, durch welchen eine 
aggressive Aktion dazu benützt wird, die Angstspan- 
nung zu verringern. Bestimmte Fälle von Suizid lassen 
keine andere Annahme zu als die, daß sich unter dem 
Eindrucke übergroßer Angst der Haß gegen das Ich 
gekehrt hat und es in den Tod treibt. Man möchte sagen 
das Ich zieht die eigene Vernichtung einer solchen zu 
intensiv gewordenen und unentrinnbaren Angst vor. 
Es führt die Aggression gegen das ins Ich introjizierte 
Objekt aus, von dem ihm Gefahr drohte. 

Hier sieht man sich wieder auf das Problem der 
Umsetzung von Haß in Angst zurückverwiesen. Es ist 

— 68 — 









unmöglich, dessen Tiefe zu erreichen, ohne den Gegen- 
satz von Lebens- und Todestrieben zu berücksichtigen. 
Angst ist eine Reaktionserscheinung auf die Trieblust 
des Individuums, auf dem kürzesten Wege zum Tod 
zu gelangen. Das Sträuben des Ichs gegen diese Trieb- 
aufforderung bewirkt jene Affektumkehrung, die den 
primären Lustcharakter in Angst verwandelt. Wenn 
man folgerichtig die Konzeption Freuds ergänzt, 
müßte man sagen : Angst ist der Ausdruck des Sträu- 
bens gegen die Sehnsucht nach dem Tode. (Anders 
ausgedrückt: des Sträubens gegen die Versuchung, auf 
einem anderen als dem durch die organische Entwick- 
lung vorgezeichneten Wege zur Ruhe des Anorgani- 
schen zurückzukehren.) Haß wäre demnach der Aus- 
druck der Abwehr des Ichs gegen jenes Objekt, das 
diesen Triebwunsch in uns erweckt : eine Reaktion der 
Lebenstriebe gegen das Ziel der Todestriebe Diese 
Protestreaktion, die ihre Stärke dem Eros verdankt, kann 
ihre Wirkung nur mit den Mitteln des älteren Todes- 
triebes erreichen. Ja sie behält das alte Triebziel bei 
und verändert den Ablauf nur insoferne, als sie die 
Lust auf ein anderes Objekt verschiebt. Haß ist 
also eine Triebregung, die in der Verschiebung auf 
ein anderes Objekt die Befriedigung des Todestriebes 
anstrebt. Die Verschiebung ist jener Vorgang, der das 
Ich vor dem Untergange rettet und ihm doch erlaubt, 
ein Stück der alten Befriedigung (am fremden Objekt) 
zu genießen. Wenn früher auf den Fall hingewiesen 
wurde, daß übergroß gewordene Angst das Ich in den 
Tod treiben kann, so ist dies auch in positiver Form 
ausdrückbar: das Ich gibt das Sträuben gegen seine 



— 69 — 






Vernichtung auf und unterliegt der Versuchung des 
Todestriebes. Hier wird es klar, daß der Haß sozu- 
sagen nur die Exekutive des Todestriebes übernommen 
hat, wobei der Objektwahl (fremdes Objekt oder Ich) 
nur eine sekundäre Bedeutung zukommt. Der Selbst- 
mord aus unglücklicher Liebe ist durch die Regression 
zu erklären, der die Lebenstriebe unterworfen sind : 
das Ich vernichtet sich selbst, statt die geliebte Person 
zu zerstören. Es gibt keinen objektlosen Haß, aber eine 
Haßbereitschaft, die in ihrer Objektwahl ursprünglich 
so wenig wählerisch ist wie die Liebe, gleichsam einen 
frei flottierenden Haß als Versuch der Bewältigung 
einer latenten Angst. 

In der Analyse einer Anzahl von neurotisch Erkrank- 
ten wird man darauf aufmerksam, daß dem Haß noch 
eine andere affektdynamische und — ökonomische Be- 
deutung zukommt. Er dient häufig dazu, intensive 
Angstaffekte zu ersparen, die Entwicklung von über- 
großen Unlustgefühlen dieser Art zu verhüten. Die 
Bedeutung dieses ökonomischen Momentes der Haß- 
entstehung würde eine tiefere psychologische Würdi- 
gung verdienen. 

Von hier aus läßt sich eine bestimmte Abfolge see- 
lischer Vorgänge, die ich früher dargestellt habe, in 
einen umfassenderen Zusammenhang einreihen. In 
„Geständniszwang und Straf oedürfnis" habe ich die 
Theorie aufgestellt, daß in einer ganzen Reihe von 
Fällen neurotisch Erkrankte und Gesunde intensive 
Haßgefühle gerade jenen Personen gegenüber verspüren, 
die ihnen wohlwollend oder freundlich entgegenkom- 
men. Noch befremdender erscheint der psychologische 

— 70 — 



Sachverhalt, daß viele Personen diese gesteigerte Haß- 
einstellung gerade den Objekten gegenüber zeigen, 
denen sie Schaden zugefügt oder die sie beleidigt haben. 
Ich habe versucht, dort* darzustellen, daß diese paradox 
erscheinende Reaktion aus der Wirkung des unbewuß- 
ten Schuldgefühles abzuleiten ist und wie sie aus ihm 
abzuleiten ist. Hier ist nun der Ort, diesen psycho- 
logischen Sonderfall in einen allgemeineren Tatsachen- 
komplex einzureihen. In diesen Fällen hat sich die 
Kastrationsangst, als deren Repräsentanz wir die unbe- 
wußte Gewissensangst erkannt haben, in Haß fort- 
gesetzt, ja es scheint, daß die Steigerung dieser Ge- 
wissensangst zu extremen Haßregungen und oft zu 
Haßausbrüchen führen kann. In vielen Fällen neurotisch 
Erkrankter oder neurotischer Charaktere konnte ich 
mich von der Wirksamkeit dieses Mechanismus über- 
zeugen. Eine meiner Patientinnen ruhte nicht früher, 
bevor sie nicht jede ihr nahestehende Person, Ver- 
wandte oder Freunde, auf das tiefste beleidigt hatte. 
Nachdem sie einmal ihre beste Freundin in dieser Art 
verletzt hatte, gab sie in der Analyse die folgende Be- 
schreibung ihrer psychischen Vorgänge: „/ was horrid 
xoilh R. because I had been horrid with her before. But 
being horrid makes ine hate her. 11 Es ist klar, daß 
sich der Haß hier als Versuch darstellt, sich von 
dem dumpfen Druck des übermächtig gewordenen 
Schuldgefühles zu befreien, und zur Wiederholung der 
Tat drängt. Es handelt sich also um einen speziellen 
Fall von Angst, nämlich um unbewußte Gewissens- 
angst, aus der die Haßregung emportaucht. Wir wissen 
indessen, daß auch hier primär eine reale Angst im 



— 71 — 



Spiele ist, die Freud uns als den Kern der Ge- 
wissensangst gezeigt hat. 1 

Der seelische Vorgang der Psychogenese des Hasses 
aus einem bestimmten Bewältigungsversuch der Angst 
wird überdeutlich in jenen Fällen, in denen das Angst- 
objekt gleichzeitig das Urbild des Über-Ichs darstellt. 
In dem Fall eines jungen Mädchens nahmen die aus 
dem Ödipuskomplex stammenden Triebregungen eine 
eigenartige Form an. Ihre bewußtseinsfähige Motivie- 
rung wurde dahin gegeben, daß die Patientin die 
Mutter deshalb hasse, weil diese ihr Grund zum Selbst - 
haß gegeben habe, d. h. also, weil sie durch die Er- 
ziehung, welche die Mutter ihr gegeben hatte, gezwun- 
gen sei, sich selbst zu hassen. Es war leicht zu er- 
raten, daß die Eigenschaften, deretwegen sie einen 
solchen Selbsthaß entwickelte, mit ihren sexuellen Trieb- 
regungen in intimem Zusammen hange standen, und dals 
sich die Angst auf Versuchungssituationen dieser Art 
bezog. In der Übertragungsbeziehung der Analyse 
kann man häufig beobachten, daß der Patient aggressiv 
in seinen Gedanken und Reden wird, wenn eine Angst 

1) In der Analyse mancher Liebesbeziehungen erhält man Jen 
Eindruck, daß der Haß gegen das Objekt aus der Angst herrührt, 
weLie auf die Abhängigkeit des Ichs von ihm reagiert. Der Haß 
erscheint so als eine psychische Reaktionserscheinung auf starke 
masochistische Tendenzen. In einigen Fällen erkennt man, daß der 
Haß, mit dem Frauen auf die Annäherung eines bestimmten Mannes 
reagieren, eine seiner Quellen in jener Angst hat, die sie erwarten 
läßt, in der Beziehung mit ihm viel Leid zu erfahren. Ein Motiv 
dieses scheinbar unbegründeten Hasses ist also die Angst für die 
Erhaltung und Behauptung des Ichs, ursprünglich : die Angst vor 
dem Überwältigtwerden. (Man vergleiche die frühere, tiefer führende 
Erklärung der Angst aus dem Sträuben gegen Kegungen aus den 
Todestrieben.) 

- 72 - 



von der Art des Schuldgefühles eine bestimmte Inten- 
sität erreicht hat. Die hier gegebene psychologische 
Ableitung muß zu einer Folgerung gelangen, welche 
die analytische Beobachtung am Einzelnen bestätigt, 
nämlich, daß der Haß um so intensiver wird, je stär- 
ker die unbewußte Angst ist, zu deren Abwehr er 
produziert wurde. Man bekommt manchmal den Ein- 
druck, daß die stärksten Intensitäten von Haß unter 
dem Eindrucke dumpfer Angstregungen erreicht wer- 
den. Es kann hier nicht entschieden werden, ob und 
in welchem Ausmaße die reale Angst durch Gewissens- 
angst in dergleichen Fällen vertieft wurde. Es erscheint 
mir aber wahrscheinlich, daß der Druck des Schuld- 
gefühles neben den anderen Faktoren zu solcher Ent- 
wicklung der Haßregungen entscheidend beiträgt. Der 
Haß, der durch unbewußtes Schuldgefühl unterstützt 
wird, gelangt zu unheimlichen Dimensionen. Es ist 
interessant, in diesen Fällen zu beobachten, daß die 
Vernichtung des gehaßten Objekts nicht nur aus realen 
Gründen der Triebbefriedigung angestrebt wird, son- 
dern auch, weil von seiner Entfernung eine Befreiung 
von dem dumpfen Druck der Gewissensangst erwartet 
wird. Der aggressive Ausbruch erfolgt also, um der 
Angst zu entfliehen. 

Ich will die Diskussion dieser analytischen Theorie 
nicht beschließen, ohne mit Nachdruck auf ein Problem 
hinzuweisen, das sich hier aufdrängt. Es handelt sich 
nämlich um die Triebregungen in jener typischen 
Konstellation, die wir in der Analyse unter der Be- 
zeichnung des Ödipuskomplexes zusammengefaßt haben. 
In dieser für die Entwicklung und Reifung des In- 

— 73 — 



dividuums so bedeutsamen Situation wird der kleine 
Junge deutliche Zeichen sexueller und eifersüchtiger 
Regungen gegenüber der Mutter zeigen und nicht 
minder deutlich seine feindseligen Impulse dem väter- 
lichen Rivalen gegenüber verraten. Es scheint, als würde 
der hier aufgezeigte psychologische Zusammenhang von 
Haß und unbewußter Angst gerade für die Entwick- 
lung dieser Situation von weitgehender und nachwir- 
kender Bedeutung sein. Die ziemlich langandauernde 
reibungslose Koexistenz der gegensätzlichen zärtlichen 
und feindlichen Gefühle gegenüber dem Vater sowie 
andere Züge in dem psychischen Prozeß legen es nahe, 
eine bestimmte Vermutung zu äußern. Es scheint mir 
erwägungswert, ob sich nicht auch hier die Haßregung 
erst unter der Mitwirkung der Angst entwickelt. Mit 
anderen Worten: ich glaube, daß die primäre ab- 
weisende oder feindliche Einstellung des Knaben, die 
zuerst keineswegs in Konflikt mit seinen zärtlichen 
Gefühlen zum Vater kommt, sich erst später durch die 
Abwehr der Kastrationsangst zu Haß entwickelt, daß 
dieser Haß dann unter dem Einflüsse der Versuchungs- 
nähe gesteigert und später durch die Gewissensangst 
reaktiv verstärkt wird. Auch hier scheint mir, daß der 
Haß einen Versuch darstellt, der unbewußten Ang st 
Herr zu werden. 

Ich muß es mir versagen, schon jetzt auf einige 
Aspekte hinzuweisen, die sich aus der Aufklärung des 
Zusammenhanges von Haß und Angst ergeben. Man 
darf aber, ohne sich einer Voreiligkeit schuldig Zu 
machen, versichern, daß von hier aus manche Wege in bis- 
her kaum betretenes Gebiet der Ichpsychologie führen. 

— 74 — 






Der Traum 
von der Theorie des Geständniszwanges 

Die folgende analytische Erörterung eines eigenen 
Traumes wird dem Analytiker nichts wesentlich Neues 
in bezug auf die Traumdeutung zu sagen haben. Einige 
Nebenumstände und besondere Züge, die sich auf die 
Vorgänge der Traumbildung und* Traumerinnerung 
sowie auf das Kräftespiel zwischen bewußten und un- 
bewußten Vorgängen beziehen, scheinen mir indessen 
bemerkenswert genug, diesen Traum festzuhalten. 

Er wurde im September 1926 geträumt. Sein Inhalt 
lautet : Ich sehe, mich vor einem Gerichte stehend und halte 
eine große Verteidigungsrede. M bin wegen Mordes ange- 
klagt und habe die 'Tal begangen. 

Das Gefühl im Traume ist keineswegs Angst, Reue 
oder Traurigkeit. Nach dem Erwachen erinnere ich mich 
noch, im Traum vom Sessel aufgestanden zu sein und 
in dem Augenblick, da ich meine Rede beginne, ein 
besonderes Gefühl der Erleichterung oder Befreiung 
empfunden zu haben. Ich wundere mich im Wachzu- 
stande über diese inadäquate Stimmung. Während 
einiger Minuten nach dem Traum bleibe ich halb- 
schlafend, halbwachend im Bette liegen. (Während ich 



— 10 — 




diese Zeilen schreibe, drängen sich die rätselhaften Worte 
„im Nachgenusse" ein.) Es ist, als ob ich den Traum 
rekapitulieren wollte. Ich habe aber keine bewußte Ab- 
sicht, dies zu tun. In diesem halbwachen Zustande kommen 
mir zwei isolierte Stücke meiner im Traum gehaltenen 
Rede zum Bewußtsein. Das erste ist die Anrede : „Hoher 
Gerichtshof!" Das zweite Stück, offenbar aus irgend 
einem Zusammenhang gerissen, ist ein vollkommen 
klarer Satz, der mir, während ich ihn überdenke, zu 
gelallen scheint. Er lautet : „Ich habe im Leben manches 
begangen, dessen ich mich schäme, — vermutlich wie 
jeder von Ihnen, meine Herren, — aber nichts, dessen 
ich mich zu schämen hätte." In der Erinnerung kommt 
es mir vor, wie wenn ich den stilistisch wirksamen 
Gegensatz von „dessen ich mich schäme — dessen 
ich mich zu schämen hätte" rhetorisch hervorgehoben 
habe wie ein Schauspieler, der eine Pointe bringt. 

Wie bereits erwähnt, enthält der Traum als solcher 
nichts analytisch Bemerkenswertes ; er wurde nieder- 
geschrieben, weil die Vorgänge, die sich im Wachzu- 
stande an ihn schließen, besondere Merkmale zeigen. 
So ist es bemerkenswert, daß die Erinnerung an diesen 
Traum in bestimmten Augenblicken während des fol- 
genden Jahres scheinbar völlig unmotiviert wiederauf- 
tauchte, als wolle sie mich an etwas mahnen. Aber- 
gläubische Menschen oder solche Traumforscher, welche 
einer Art wissenschaftlich verarbeiteten Aberglaubens 
huldigen, wären angesichts so hartnäckigen Wiederauf- 
tauchens eines Traumes geneigt, hier eine in die Zu- 
kunft weisende Funktion des Traumes anzuerkennen, 
in diesem Zuge eine prospektive Tendenz zu erblicken. 

— 76 — 






Die Analyse wird lehren, wie wenig eine solche An- 
nahme durch die psychischen Vorgänge der Traum- 
bildung gestützt werden kann. Vielleicht kann sie auch 
einen Hinweis darauf liefern, wie ein Glaube dieser 
Art zustande kommt und welchen seelischen Motiven 
er seine Kraft verdankt. 

Die fragmentarische Analyse des Traumes ging sozu- 
sagen ruckweise vor sich. Immer wieder, wenn die 
Erinnerung an den Traum in den folgenden Monaten 
auftauchte, kam ein Einfall oder ein Gedanke, der etwas 
über ein Traumstück auszusagen schien und mich seinem 
Sinne näherbrachte. Über diese Erinnerungen, die ein- 
ander in mehr oder minder großen Abständen folgten, 
muß ich noch einige Bemerkungen hinzufügen. Sie 
tauchten plötzlich, anscheinend ohne Zusammenhang mit 
der betreffenden Situation oder mit vorangegangenen 
Gedankenzügen auf und bezogen sich bald auf dieses, 
bald auf jenes Stück des manifesten Trauminhaltes, 
manchmal wiesen sie gleichsam nur auf den Traum als 
Ganzes hin. Es war oft so, wie wenn der Gedanke 
daran an etwas sehr Vertrautes oder Bekanntes rühre 
und, wenn die Erinnerung in den letzten Monaten aut- 
tauchte, entbehrte sie des visuellen Charakters. Es war, 
als würde ich mich des Trauminhaltes so erinnern wie 
eines alten Ereignisses. Das begleitende Gefühl hatte 
etwas von der Begrüßung eines alten, guten Bekannten : 
„Aha, der Traum vom Geständniszwang." (So hatte 
ich zum privaten Gebrauch diesen Traum bezeichnet.) 
Das die Erinnerung begleitende Gefühl war durchaus 
ein angenehmes, ungefähr derselben Art wie bei einem 
Tagtraum. Es paßt gewiß ebensowenig zu dem mani- 



— 77 — 



- 



festen Trauminhalt wie das Gefühl der Befreiung, das 
ich im Traum selbst verspüre. 

Es wäre unrichtig, zu sagen, daß diese Erinnerung 
einen obsedierenden, zwanghaften Charakter gehabt 
hätte. Sie verfolgte mich nicht; sie folgte mir nur. 
Manchmal vergingen mehrere Wochen, ohne daß ich 
an den Traum dachte. Auch hat mich der Gedanke 
daran nach dem Auftauchen von Erinnerungen an ihn 
nie mehr als einige Minuten beschäftigt. In dieser kurzen 
Zeit aber kamen jene Einfälle, die, mosaikartig zusam- 
mengesetzt, späterhin das Wesentliche der Deutung 
ausmachten. Diese Art der Erinnerung unterscheidet sich 
von der so bekannten, in welcher der Traum in den 
Wachzustand für Stunden oder gar Tage übergreift, als 
wär's ein Stück von ihm, ein Teil lebendig erlebter 
Wirklichkeit. In diesem Falle hatte der Gedanke an 
den Traum eher den Charakter der Erinnerung an 
etwas Gedachtes. Idi kam aber in den bezeichneten 
Zeitabständen immer wieder auf den Traum zurück. 
Es war, als wolle der Gedanke daran mich auf Bedeu- 
tungsvolles hinweisen. 

Ich hatte keine Absicht, ihn zu deuten, und habe 
ihm meine Aufmerksamkeit nie bewußt zugewendet. 
Mein Interesse für ihn stand durchaus im Zeichen des 
„malgre moi". 

Nach dem Erwachen wußte ich sogleich zumindestens 
einen Zusammenhang, der den Traum mit dem Wach- 
leben verband. Viele Monate vorher hatte das Gericht 
eine Voruntersudiung wegen Kurpfuscherei gegen mich 
eingeleitet: die österreichische Behörde hatte Anstoß 
daran genommen, daß ich als Nicht-Arzt — ich habe 

— 78 — 



Psychologie studiert — eine psychoanalytische Praxis 
ausübe. Da in Österreich bekanntlich nichts so lange 
dauert wie ein Provisorium, hatte diese Voruntersuchung 
fast zwei Jahre in Anspruch genommen, bis die Staats- 
anwaltschaft erklärte, daß sie keinerlei Anlaß zum ge- 
richtlichen Einschreiten sehe. Während des Wachlebens 
hatten mich gerade in der Zeit des Traumes Gedanken 
an den voraussichtlichen Prozeß bewußt wenig be- 
schäftigt. Der Ausgang schien mir angesichts der mir 
bekannten Mentalität der österreichischen Autoritäten 
wenig zweifelhaft : ich würde zu einer Geldstrafe ver- 
urteilt werden. Aber diese Aussicht störte mich bewußt 
nicht sehr und andere Angelegenheiten zogen meine 
Aufmerksamkeit stärker an. 

Der Traum muß an diese Situation anknüpfen; es 
ist mir erinnerlich, daß ich im Gespräch mit meiner 
Frau vor dem Schlafengehen den künftigen Prozeß in 
scherzhafter Art erwähnt habe. Die Situation im Traume 
wäre demnach leicht erklärbar. Es ist die Vorwegnahme 
einer Lage, die aller Wahrscheinlichkeit nach meiner 
wartete : ich würde vor Gericht stehen und mich zu 
verantworten haben. Tatsächlich hatte ich Monate vorher 
viel an die Rede gedacht, die ich zur Verteidigung der 
Laienanalyse halten wollte, hatte mir die wissenschaft- 
lichen und persönlichen Momente vorgestellt, die darin 
zur Sprache gebracht werden sollten. 

Der Traum zeigt also meine Ungeduld : er antizipiert 
die Prozeßsituation und läßt mich meine große Rede 
halten. Er entspricht also einer unausgesprochenen Re- 
gung: wäre die Gerichtsverhandlung schon da und 
könnte ich schon sprechen ! Eine solche Regung von 

— 79 — 



Ungeduld war tatsächlich einige Wochen vor dem Traum 
bewußt aufgetaucht. Eine Zeitung hatte einige unwahre 
und entstellte Daten über jenen Fall gebracht und ich 
hatte es mir verboten, darauf zu reagieren. Die unge- 
duldige Regung muß sich also fortgesetzt haben, während 
ich dachte, ihrer längst Herr geworden zu sein. Der 
sogleich an der Oberfläche erkennbare Wunsch, der 
Prozeß möge schon da sein, hat aber nicht nur die 
Absicht, das unangenehme Gefühl der Unsicherheit los 
zu werden. Die Rede, die ich halten will, muß, das 
fühle ich, mehr im Mittelpunkte meiner Wünsche stehen. 
In jenen Tagträumen, die viele Monate vorhergegangen 
waren, hatte ich mir ausgemalt, daß ich bei dieser Ge- 
legenheit, da ich angegriffen werde, meinen Mangel an 
Rednergabe überwinden würde, ja ich hatte mir sogar 
lächerlicherweise vorgestellt, ich würde einen rhetori- 
schen Triumph feiern. (Diese Vorstellung stand so sehr 
im Vordergrunde, daß ihr gegenüber die Frage, ob ich 
verurteilt oder freigesprochen würde, an Bedeutung 
ganz zurücktrat.) Es ist mir immer schwer gefallen, vor 
einem kritisch eingestellten Auditorium frei zu sprechen, 
aber hier, wo ich mich überlegen fühlte und meiner 
Sache völlig sicher war, durfte ich hoffen, meine Hem- 
mungen zu überwinden. Auch war ich überzeugt, daß 
meine Rede stilistisch der Kritik standhalten würde, 
hatte ich doch oft jeden Satz viele Male umgeformt, nach 
dem schärfsten und prägnantesten Ausdruck gesucht und 
sogar die klanglichen Nuancen meiner Sätze sorgfaltig 
geprüft. 

An diesem Punkte meiner Einfälle drängten sich 
Bruchstücke dieser oft überlegten, nie gehaltenen R e d e 

— 80 — 



ins Bewußtsein, und ich merke, daß es mir nicht so 
sehr um den Stil zu tun ist. Denn jene Bruchstücke 
sind voll Sarkasmus und Bitterkeit und wenden sich 
mit einer Aggressivität, die ihre Schärfe vergeblich 
durch witzige Einkleidung zu verbergen sucht, gegen 
den schwer ertragbaren Übermut der Ämter, gegen die 
Vorurteile der Ärzte, welche die Laienanalyse in Grund 
und Boden verdammen, sowie gegen einige psychiatrische 
Sachverständige, deren Gutachten über die Analyse 
weder von viel Verständnis noch von viel Verstand 
zeugt. Ich merke jetzt, was die Wunscherfüllung des 
Traumes in jener Ebene ausmacht : ich bin ungeduldig, 
vor den Richtern zu erscheinen, denn ich will endlich 
alle Bitterkeit und allen Groll aussprechen, ich habe 
genug von meiner Selbstbeherrschung. Ich will aus 
meinem Herzen keine Mördergrube machen. 

Eben als ich diese letzte Redewendung in meinen Ge- 
danken gebrauchte, fällt mir ein, daß ich ja im Traum nicht 
wegen Kurpfuscherei, sondern wegen Mordes angeklagt 
bin. Es kann nicht Zufall sein, daß ich dachte, ich wolle 
aus meinem Herzen keine Mördergrube machen. Der 
Zusammenhang mit jenem Prozeß ist an der Ober- 
fläche leicht gefunden: ich bin durch die Diskretion 
des Analytikers gebunden. Ich darf über den Patienten, 
auf dessen Behandlung sich die Anklage bezieht, nicht 
so frei sprechen, wie ich wünschte, darf die Momente, 
durch welche die Analyse scheitern mußte, seinen völlig- 
asozialen Charakter, seine Auflehnung, welche jede 
analytische Kur unmöglich machte, sein antisoziales Be- 
nehmen nicht schildern. Ich hatte mir vorgenommen, 
so wenig als möglich über den Fall selbst zu sprechen 



K e i k, Schrecken g J 



und dort Auskünfte zu geben, wo ich in notwendiger 
Wahrung der eigenen Interessen solche nicht ver- 
meiden konnte. Der Traum zeigt, daß die löblichen 
Absichten der Diskretion nur meinem Bewußtsein ent- 
stammen, unbewußt möchte ich den Mann, der mir so- 
viel Kummer bereitet hat, ermorden. Ich wünschte, ich 
könnte allem Ärger, den ich gerade mit diesem Patienten 
gehabt, Ausdruck geben, und die unbewußte Fort- 
setzung dieses Ärgers muß den Charakter mörderischer 
Wut gehabt haben, einer Einstellung, die sicherlich nicht 
die vom Analytiker dem Patienten gegenüber erwartete 
ist. Der Traum zeigt also einen anderen Wunsch, 
dieses Mal eine verdrängte Wunschregung erfüllt : ich 
habe jenen Patienten ermordet und halte nun vor Ge- 
richt die Verteidigungsrede, die meine Gründe klarlegt. 
Hierher gehört offenbar das Gefühl der Erleichte- 
rung, der Befreiung, das ich im Traume verspüre. E s 
paßt freilich auch zu dem Entschluß, allen unterdrückten 
Groll gegen die Beschränktheit veralteter Anschauungen 
einmal zum Ausdruck zu bringen. 

Auch die zweite Anknüpfung an die Ereignisse des 
Vortages fällt mir jetzt ein : ich hatte in einer juristi- 
schen Fachzeitschrift einen Aufsatz „Psychoanalyse und 
Strafrecht" gelesen, in dem sich ein Professor der Straf- 
rechtswissenschaften mit meinem imVorjahre erschienenen 
Buche „Geständniszwang und Straf bedürfnis" ausein- 
andersetzte. Der betreffende Professor hatte das Buch 
sehr gelobt, aber diese Anerkennung hatte wenig Ein- 
druck auf mich gemacht, da er gerade die wesentlichen 
Resultate meines Buches teils mißverstanden, teils ab- 
gelehnt hatte. Die Theorie vom Geständniszwang als 

— 82 — 






einer unbewußten Tendenz war von ihm, wie ich 
glaubte, ihrer Bedeutung nach nicht erfaßt worden. 
Die triebhafte Mitwirkung des unbewußten Schuld- 
gefühles in der Psychogenese des Verbrechens, die 
Freud zuerst erkannt hatte und deren Bedeutsamkeit 
ich analytisch in jenem Buche klargelegt habe, war von 
dem Kritiker geleugnet worden. Auf dem Heimwege 
von der Universitätsbibliothek, wo ich jene Zeitschrift 
gelesen hatte, habe ich mich, wie ich mich jetzt er- 
innerte, über einige Bemerkungen des im übrigen wohl- 
wollenden Professors geärgert und ihm in Gedanken 
vorgeworfen, daß er mich, beziehungsweise die Bedeut- 
samkeit meiner Arbeit unterschätze. Ich glaube nicht 
an den Wert wissenschaftlicher Polemik, aber ich habe 
die üble Gewohnheit, in Gedanken große Diskussionen 
mit meinen Gegnern zu führen. In diesen Dialogen 
entwickle ich, wie ich mir einbilde, Schlagfertigkeit, 
Geist, Witz, kurz Eigenschaften, die mir im Leben in 
beklagenswertem Maße abgehen. Auch eine Redefertig- 
keit, ein außerordentlich großer Wortschatz, eine haar- 
scharfe Logik stehen mir zur Verfügung, wenn ich den 
Gegner nur vor meinem geistigen Auge habe. Ich zer- 
schmettere ihn mit meinen Argumenten, ich überschütte 
ihn mit Spott, ich treffe seine schwächsten Stellen mit 
raffinierter Grausamkeit. Diese Art des Treppenwitzes 
tritt bei mir dann besonders hervor, wenn ich ange- 
griffen worden bin und mich verletzt fühle: fast un- 
fähig, auf eine Kränkung in adäquater Art sofort zu 
reagieren, kann ich sie schwer bewußt vergessen und 
genieße in der phantasierten Erfüllung meiner Rache 
besondere Genüsse. 



- 83 - 



Auf einem Spaziergange, der einige Monate nach 
dem Traume stattfand, tauchte die Erinnerung an ihn 
wieder scheinbar unvermittelt auf; es folgten ihr Ge- 
danken an jenen Aufsatz des Professors B. sowie an 
eine Diskussion, die in der Wiener Psychoanalytischen 
Vereinigung über mein Buch „Geständniszwang und 
Straf bedürfnis" gehalten wurde. Plötzlich ist mir der 
latente Sinn des Traumes klar ; das, was seine Wunsch- 
erfüllung ausmacht. Jener Kriminalpsychologe Pro- 
fessor B. hatte nämlich in seinem kritischen Aufsatz 
Zweifel darüber geäußert, daß ein unbewußtes Schuld- 
gefühl wirklich von so triebhafter Art sei, wie ich es 
in meinem Buche behauptet habe, und seine Verstär- 
kung den Menschen wirklich zum Mörder werden lasse. 
Derselbe Punkt war auch in jener Diskussion erörtert 
worden und manche meiner Kollegen hatten gegen die 
im Buche vertretenen Theorien eine, wie mir schien 
ungerechtfertigte Kritik geübt. Ich merke jetzt, wohin 
der Traum zielt : ich stehe vor Gericht, ich habe selbst 
einen Mord begangen, ich halte nun die Verteidigungs- 
rede — das heißt doch : ich muß wissen, welche p S y_ 
chischen Vorgänge sich in dem Mörder abspielen, da 
ich selbst zum Mörder geworden bin und idi mein 
psychologisches Forschungsobjekt nun an mir selbst 
habe. 1 Meinen Kritikern und den Zweiflern kann ich 
jetzt authentische Kunde über die Psychologie des 

1) Es muß an der Traumbildung auch der Wunsch mitbeteiligt g c _ 
wesen sein, Gelegenheit zur psychoanalytischen Forschung an wirk- 
lichen Verbrechern zu haben. Über die psychischen Möglichkeiten 
des Mordes, die ich hier in mir finde, habe idi midi nicht so ent- 
setzt, als man hätte erwarten sollen. Samuel Butler sagte, als er 

— 84 — 



Mörders geben : ich bin ja selbst einer und ich kann 
sie jetzt davon überzeugen, daß alle jene psychologi- 
schen Prozesse, die ich in meinem Buche beschrieb, 
jene angstvolle Spannung vor der Tat, das dumpfe und 
drängende ubw. Schuldgefühl und jene seelischen Vor- 
gänge der Geständnisarbeit wirklich so sind, wie ich 
sie beschrieben habe. Ich muß es ja wissen, da ich ein 
Mörder bin: die von mir aufgestellte Theorie vom 
Geständniszwang ist richtig und meine Gegner sind im 
Unrecht. Der Wunsch, der traumbildend ist, ist also 
der, meinen Gegnern ihr Unrecht zu zeigen, ihnen 
heimzuzahlen, was sie mir durch ihre böse Kritik zu- 
gefügt haben. Ich wünsche gewiß nicht bewußt, jeman- 
den zu ermorden, aber auf der Mordtatsache liegt auch 
nicht der einzige psychische Akzent des Traumes, son- 
dern darauf, nun als Mörder zeigen zu können, daß 
meine Theorien den wirklichen psychischen Sachverhalt 
richtig darstellen. Die Ungeduld, meine große Rede zu 
halten, ist also vielfach determiniert: ich will endlich 
vor Gericht erscheinen, meine Verantwortung wegen 
jenes Falles führen, werde meinem Hasse (gegen jenen 
Patienten, aber auch gegen die ahnungslosen Sachver- 
ständigen) Ausdruck geben. Es ist aber auch die Un- 
geduld, jene Gegner meiner Anschauungen von der 
Wirksamkeit des unbewußten Geständniszwanges zu 
überzeugen, ihnen zu zeigen, daß ich recht habe mit 



einen Mörder an ihm vorüber zur Exekution führen sah : „Here bul 
by the grace of God goes Butler" . Die meisten Strafrechtstheoretiker, 
Richter und Staatsanwälte scheinen entweder solche psychische Mög- 
lichkeit für ihre Person für ausgeschlossen zu halten oder ein be- 
sonders ausgeprägtes Gottvertrauen zu besitzen. 

— 85 — 



meinen psychologischen Theorien. Verfolgt man diese 
Regungen bis ins Unbewußte, so muß ein Mordwunsch 
gegen diese Gegner (den wohl wollenden Professor der Straf- 
rechtswissenschaften und meine weniger wohlwollenden 
Kollegen von derWiener Vereinigung) wach geworden sein. 
Allein es muß auch einen Sinn haben, daß ich mich 
vor Gericht sehe, im Traume weiß, daß ich diese Tat 
begangen habe und ein Gefühl der Befreiung und Be- 
friedigung habe. Ich lege ja ein Geständnis ab ; ich 
zeige zugleich die Tiefenwirkung des Geständniszwanges 
den ich in meinem Buche psychologisch dargestellt 
habe, und fühle selbst die Befreiung und Triebbefriedi- 
gung, die ich beschrieben habe. Soll das nicht heißen 
daß ich unbewußt gemordet habe, ist dies nicht der 
Hinweis darauf, daß ich gut Bescheid weiß über die 
Psychologie des Mörders ? Es scheint, ich will meine 
psychologischen Theorien in Praxis umsetzen, um ihre 
Richtigkeit ad oculos zu demonstrieren, aber andererseits 
sieht es so aus, als habe ich sie aus der eigenen, unbe- 
wußten Erfahrung geschöpft und will dies jetzt durch mein 
Geständnis erweisen. In der Folgezeit tauchten in den 
erwähnten, unregelmäßigen Intervallen Assoziationen auf 
die zeigten, gegen welche nahestehenden, mir teuren Per- 
sonen sich solche Todes wünsche eigentlich richten. Auch die 
Details, die der Rede entnommen sind, wurden bald 
erklärlich: die Anrede „Hoher Gerichtshof!" und jene 
Gegenüberstellung von „. . . deren ich mich schäme — 
deren ich mich zu sdiämen hätte" gingen auf Gedanken 
zurück, die hohnvoll und aggressiv gegen meine Wiener 
Gegner gekehrt waren. („Cd animal est (res mechant ,• 
quand ort l'altaque, il se defend") 

— 86 — 






Der Traum scheint mir inhaltlich in keiner Art be- 
merkenswert und die in ihm aufzeigbaren Mechanismen 
der Traumarbeit sind die uns bekannten. Es sind zwei 
Momente, welche dennoch verdienen, in seiner Dar- 
stellung hervorgehoben zu werden. Das erste bezieht 
sich auf" seinen latenten Inhalt: der Wunsch, meine 
Gegner von der Richtigkeit und Bedeutsamkeit meiner 
Anschauungen zu überzeugen, ist hier bis zum Extrem 
gesteigert, um diesen Preis sogar einen Mord zu be- 
sehen. Aber dieser Eifer für eine psychologische Theorie 
igt unbegreiflich, wenn es sich nicht um etwas Per- 
sönliches handelt. Die Verteidigungsrede gilt in Wirk- 
lichkeit nicht der Darlegung meiner Theorien, sondern 
der Rechtfertigung jener starken Regungen von Haß 
und Bitterkeit, die einen Mordwunsch (im Traum den 
Mord) in mir erweckt haben. Mea res agitur - sowohl 
in der Theorie als auch im Traume : ich bin selbst 
ein Mörder. Die Fortsetzung der Traumgedanken über 
die Richtigkeit meiner Theorie führt also zum Geständnis 
meiner Mordwünsche. Nimmt man den Traum als 
Ganzes, so gelangt man dahin, daß er ein Geständnis 
darstellt und zwar nicht nur inhaltlich („ich habe die 
Tat begangen"), sondern auch in seiner sekundären 
Funktion als Geständnis der eigenen Mordwunsche. 
Diese Konstellation führt freilich wieder zur Wunsch- 
erfüllung zurück, welche die in jenem Buche vertre- 
tenen Aufstellungen betrifft. Der Wunschcharakter des 
Traumes bleibt in seiner tiefsten Schichte unberührt. 
Der Geständniszwang spielt in der Psychologie der 
Traumvorgänge eine sekundäre Rolle, aber die Traum- 
form zeugt von seiner Wirksamkeit, die darin be- 



— 87 — 



schlössen ist, daß sich der Traum dem Ich als ein Ge- 
ständnis darstellt. 1 Es scheint, als würde der Traum auch 
diese Entwicklung des Geständniszwanges in den Vor- 
gängen der Traumbildung beweisen wollen, und damit 
nicht nur wieder einmal zeigen, daß ich im Recht bin 
sondern auch einen andern geheimen Wunsch impli- 
cite erfüllen: wenn diese Theorie richtig ist, habe auch 
ich einen Beitrag zur Psychologie der Traum Vorgänge 
geliefert. Ich bin gewohnt, meine eigenen analytischen 
Leistungen an denen zweier älterer Kollegen, Brüder- 
gestalten, zu messen, die einige Jahre vor mir ihr ana- 
lytisches Studium abgeschlossen haben. Dem einen 
dieser zwei Kollegen verdankt die Theorie der Traum- 
deutung nun einige wichtige Beiträge, ich aber habe 
wenig und wenig Bedeutungsvolles zur Traumdeutung- 
beigetragen. Die Theorie, welche die sekundäre Rolle 
des Geständniszwanges in der Traumformung behan- 
delt, stellt also meinen kleinen Beitrag zur Traumdeu- 
tungslehre dar. Auch die Affekte im Traum lassen sich 
durch dieselben Schichten verfolgen : die Gefühle der 
Befriedigung oder Befreiung entsprechen der Genug- 
tuung über die begangene Tat, den erfüllten Mord- 
wunsch : gleichzeitig bestätigen sie die schuldbefreiende 
Wirkung des Geständnisses. Die Verbindung zwischen 
jenem persönlichen und diesem theoretischen Moment 

1) „Anders ausgedrückt: der Geständnischarakter des Traumes, dn> 
uns als Ganzes entgegentritt, wird durch die Umsetzung, welche die 
latenten Traumgedanken in der»Traumarbeit erfahren, bewirkt Und 
bezieht sich nur auf diese psychische Schicht der Gegenbesetzungen 
Die Tatsache, daß eine solche Traumentstellung notwendig war, er- 
gibt die Mitwirkung des Geständniszwanges in der TraumbilduQg ■ 
Geständniszwang und Strafbedürfnis. S. 65.) 

— 88 — 






wird durch die Anschauung gegeben, daß ein Teil der 
psychischen Wirkung des Geständnisses darin liegt, 
daß es die Wiederholung der (realen oder phan- 
tasierten) Tat in der Umsetzung der Wortdarstellungen 
darstellt. Diese Anschauung wurde eben in meinem 
Buch vertreten. Auch hier geht eine ununterbrochene 
affektive Strömung von der tiefsten Schicht (Befriedi- 
gung über die Tat) zur obersten (Genugtuung, daß 
meine Theorie bestätigt erscheint). 

Das zweite Moment, das mir der Erörterung wert 
erscheint, ist das wiederholte, scheinbar unmotivierte 
Wiederauftauchen der Erinnerung an diesen Traum in 
unregelmäßigen Intervallen während des Wachzustandes 
des folgenden Jahres. Wie bereits gesagt, schlössen sich 
an diese freisteigende Erinnerung Assoziationen an, 
welche immer ein Stück des latenten Trauminhaltes 
erkennen ließen. Dabei wurde kein bewußter Versuch, 
den Traum zu deuten, gemacht. Die Deutung der ein- 
zelnen Traumfragmente vollzog sich wie von selbst, sie 
fiel mir gewissermaßen in den Schoß. Dieser beson- 
dere psychische Ablauf erscheint deshalb bemerkens- 
wert weil er zur Erklärung der Tatsache beitragen 
kann, woher das Wiederauftauchen der Erinnerung an 
einen Traum stammt und welche psychischen Motive 
es bedingen. Es scheint auch praktisch bedeutungsvoll, 
weil dadurch wenigstens teilweise die Rolle der Traum- 
deutung in der Analyse erklärt wird : es liefert nämlich 
ein Stück Aufklärung für die Frage, wieso sich an be- 
stimmter Stelle des Assozationsverlaufes unserer Pa- 
tienten Erinnerungen an einen lange vorher geträumten 
Traum einstellen, beziehungsweise wiederholen. 

— 89 — 



Die Erinnerungen an diesen Traum tauchten l>ei 
Gelegenheiten auf, die anscheinend nichts mit seinem. 
Inhalt zu tun hatten. Die meisten dieser Gelegenheiten 
sind mir gegenwärtig und ich will einige beschreiben. 
Auf einem Spaziergange : ich dachte an ein religions- 
wissenschaftliches Problem, das der Vorstellungen der 
Auferstehung in den verschiedenen Religionen. Damit 
muß sich die Erinnerung an den letzten Satz der 
II. Symphonie Mahlers verknüpft haben, denn ich er- 
tappe mich dabei, daß ich ein Motiv aus dieser Symphonie 
vor mich hinsumme. Dort wird der große Appell ge- 
schildert, der am jüngsten Tage alle aus den vier Ge- 
genden zusammenruft. Ich stelle mir diese aufstürmenden 
Skalenläufe vor, diese andrängenden Akkorde, die in 
ihrer mächtigen Steigerung die Angst der Auferstan- 
denen vor dem großen Gericht schildern, das Wirbeln 
der Trommel und die Antwort der vier Trompeten 
und wie jetzt, da eine Steigerung in der Instrumental- 
sprache und ein tieferer Schrecken kaum mehr möglich 
scheint, der große Auferstehungschor in dunkler Stimm- 
lage sich erhebt. Gegenüber der Erwartungsangst jene 
trost vollen, tief beruhigenden Worte : „O glaube, mein 
Herz, o glaube: es geht dir nichts verloren" und aus 
Moll zu Dur durchdringend : „Hast nicht umsonst gelebt, 
gelitten ! Dein ist, was du gesehnt, dein, was du g c _ 
lebt, was du erstritten". Während meine Gedanken Zll 
der mit höchster Kraft brausenden Triumphmelodie 
streben : 

„Auferstehen, ja auferstehen 

Wirst du, mein Staub, nach kurzer Ruh"', 
ist plötzlich die Erinnerung an den Traum da. Der 

_ 90 — 



I 



psychische Zusammenhang ist unmittelbar gegeben : er 
liegt in dem Gegensatz zwischen dem Entsetzen und 
der schreckensvollen Erschütterung, die angesichts des 
jüngsten Gerichtes alle Kreatur erfaßt und jener strah- 
lenden Befreiung, einer Sicherheit, die alle Angst über- 
windet und endlich zu einem berauschenden 
Triumph wird. Das Wiederauftauchen der Erinnerung 
an den Traum ist determiniert durch jenen Gegensatz, 
der sich in der Angst des Verbrechers vor dem Ge- 
ständnis und dem triebhaften Geständniszwang selbst 
spiegelt. 

Es ist übrigens bemerkenswert, daß auch hier das 
Gefühl der Befreiung nach der tiefen Angst mit dem 
(jüngsten) Gericht in Zusammenhang steht. 

Eine andere Gelegenheit: in einem Gespräch mit 
meiner Frau weise ich gekränkt darauf hin, daß sie 
durch viele Jahre eine Ansicht, die ich oft ausge- 
sprochen habe, als unhaltbar und unsinnig angesehen 
hatte und sich dabei immer wieder auf die entgegen- 
gesetzte Anschauung einer Person berufen hatte, die 
ihr als Autorität galt. Kürzlich war sie unter dem Ein- 
flüsse einer anderen autoritativen Person dazu gelangt, 
die Berechtigung meiner Anschauung einigermaßen ein- 
zusehen. Ich bestehe darauf, daß sie mich verkannt und 
unterschätzt hat, und genieße nun eine langerwartete, 
wenig edelmütige Rache, indem ich ihr wiederholt ihr 
damaliges Unrecht vorhalte. Dieses Moment neben an- 
deren, welche in dieser hier nicht zu erörternden Si- 
tuation liegen, muß es gewesen sein, daß nach dem 
Gespräch die Erinnerung an den Traum auftauchte : ich 
habe wieder einmal Recht behalten, nachdem ich eine 

— 91 — 






Demütigung lange getragen habe, und genieße meinen 
Triumph. 

Eine andere Gelegenheit: in einer Diskussion, die 
sich in der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung 
über die zukünftigen Gestaltungen einer bestimmten 
Kulturinstitution abspielt, hatte ein Kollege meine pessi- 
mistischen Anschauungen über die künftige Kulturent- 
wicklung scharf kritisiert. Während ich ihm zuhörte 
und versuchte, meine Empfindlichkeit gegen seine ziem- 
lich persönliche Kritik einzudämmen, fiel mir scheinbar 
unvermittelt der Traum ein. Es war wie ein Signal, 
wie der Hinweis auf eine vertraute Situation ; der 
Einfall verschwand rasch. 

Ich dachte an die Stellung, welche eine große Anzahl 
der Mitglieder der Wiener Psychoanalytischen Ver- 
einigung in einer Rundfrage über die Laienanalyse 
kurz vorher zum Ausdruck gebracht hatte. Man hatte 
es dort als schicksalsmälsige Notwendigkeit hingestellt, 
daß jeder nichtärztliche Analytiker, wenn er in die 
Praxis trete, sein ursprüngliches Forsdningsgebiet ini 
Stiche lasse und seine Aufmerksamkeit gänzlich der 
Therapie zuwende. Ich konnte dem Kollegen antworten, 
daß ich wenig Zutrauen zu seiner Prophetengabe habe. 
seit er seine Zustimmung zu jener Ansicht geäußert 
hatte. Ich für mein sterblich Teil hätte solche tiefe 
psychologische Prophezeiung unerfüllt gelassen usw. 

Am Nachhauseweg von dieser Diskussion fiel mir 
wieder der Traum ein : die Verbindung war klar. Als 
plötzlich nach jener Kritik des älteren Kollegen die Er- 
innerung an den Traum auftauchte, war es wirklich 
wie ein Stichwort: jetzt ist jene Gelegenheit da, ich 

— 92 — 



werde angeklagt, ich halte meine große Verteidigungsrede. 
Wirklich fühle ich nachher ein Stück jenes Befreiungs- 
gefühles, das im Traum erscheint : es ist, wie wenn ich 
den Gegner abgeschlachtet habe, indem ich ihm in 
schlagender Form gezeigt habe, wie sehr er im Unrecht 
ist. Es war, wie wenn sich der Traum endlich in Re- 
alität umgesetzt hätte. Ein Stück jener Befriedigung, 
die im Traum verspürt wurde, ist verwirklicht worden 
und eine reale Situation schien der Erfüllung jener un- 
bewußten Wünsche so günstig, daß sie als passende 
Vertretung der geträumten gleichgesetzt werden konnte. 
Seither hat sich die spontane Erinnerung an den Traum 
nicht mehr eingestellt. 

Es ist mir erstaunlich, wie tief jener Wunsch, Recht 
zu behalten, und zwar jenes Recht, das sich auf ein 
scheinbar ursprüngliches „Rechtsgefühl " berufen kann, 
unbewußt in mir wirken muß, während es mir im Wach- 
leben bisher wenig ausmachte und ich es nicht als wich- 
tig empfand, ob ich Recht oder Unrecht habe. 1 Dieser 
Wunsch muß wirklich ein tiefgehender sein, denn noch 
die Niederschrift und Erörterung dieses Traumes scheint 
sich ihm nicht völlig entzogen zu haben. 



1) Die psychische Verbindung dieser starken Tendenz mit an- 
deren geht aus der fragmentarischen Traumanalyse hervor. „Und 
wenn sie sagen : ,Ich bin gerecht 4 , so klingt es immer gleich wie : 
,Ich bin gerächt" (Nietzsche, Also sprach Zarathustra). 

— 93 — 












Verzeihung und Rache 

I 

Wenn man den Bewußtseinspsychologen glauben 
darf, gibt es nichts Problematisches und nichts Frag- 
würdiges in der Tatsache, daß wir jemandem, der uns 
beleidigt oder gekränkt hat, verzeihen. Es liegt eben 
im Bereich unserer Wahl, ob wir uns für diese oder 
eine andere Reaktion auf eine gtgcn uns gerichtete 
Handlung entscheiden. Man versäumt es natürlich 
selten, solchen Erwägungen ein Werturteil hinzuzu- 
fügen und zu betonen, um wieviel edler es sei, zu 
verzeihen als sich zu rächen. 

Allein die Tatsache, daß es sich bei der Reaktion 
des Verzeihens scheinbar um etwas psychologisch durch- 
aus Einfaches, Elementares und Selbstverständliches 
handelt, mag als solche unser Mißtrauen wachrufen. 
Die der offiziellen Wissenschaft selbstverständlichen 
Vorgänge sind gewöhnlich diejenigen, die von ihr am 
wenigsten verstanden werden. Aber ist es denn so 
selbstverständlich, daß wir verzeihen? Es ist im Ge- 
genteil eine sehr unnatürliche Reaktion und wenig ist 
den Menschen angemessener und naheliegender, als Rache 

— <)4 — 



zu nehmen. Die moralische Reaktion, die seit einigen 
Jahrtausenden in steigendem Maße unsere stärksten 
und elementarsten Triebregungen begleitet, hat uns 
dazu geführt, das tiefe, in Wahrheit unstillbare Bedürf- 
nis nach Rache, das in uns lebt, zu unterdrücken. Es 
ist sonderbar, aber für den Psychoanalytiker nicht über- 
raschend, daß die Gesellschaft dieses Bedürfnis dem 
Einzelnen gegenüber verpönt, und es auf so vielen 
Gebieten selbst befriedigt. Die Strafen in der Erziehung 
und im Rechtsverfahren, die Bußen, welche die Reli- 
gion dem Sünder auferlegt, der Krieg und andere so- 
ziale Einrichtungen sind ursprünglich Racheäußerungen. 
In unserer Gesellschaftsordnung, in der die Rachebe- 
dürfnisse des Einzelnen unterdrückt werden, haben sie 
sich im Unbewußten stark und lebendig erhalten wie 
am ersten Tage und alle Verinnerlichung der Moral- 
vorschriften hat ihnen nicht das Geringste anhaben 
können. 

Es gibt für das Unbewußte ebensowenig ein Ver- 
zeihen wie es eine Verneinung gibt. 1 Wir beobachten in 
der Analyse der Neurosen, in wie tiefem und ent- 
scheidendem Ausmaße das Unbewußte des Einzelnen 
darnach strebt, erlittenes Unrecht zu rächen und mit 
welcher Unerbittlichkeit sich solches Rachebedürfnis, das 
nicht befriedigt wurde, gegen das Ich wenden kann. 
Manchmal hat man Gelegenheit zu beobachten, daß ein 
besonders starker, rachsüchtiger Impuls, eine solche 
Strebung nach Vergeltung und Revanche in einem 
großen Ausmaße das Leben des Einzelnen zerstört, 
und erkennt, — mit dem üblichen Bedauern oder ohne 

i) Vgl. Freud, Die Verneinung. Ges. Schriften, Bd. XI. 

— 95 — 



dieses, — wie wenig die christlichen Grundsätze der 
Milde und des Verzeiliens gegenüber so starken Ge- 
fühlsregungen vermögen. Nur Narren, Heuchler oder 
Kranke leugnen die tiefe und wollüstige Befriedigung, 
welche eine adäquate Rache geben kann, leugnen das 
außerordentliche Gefühl der Befreiung, ja der Erlösung 
von dumpfem psychischem Druck, das einer gelungenen 
Rache folgt. 1 Jenes frauenhaft sentimentale Wort der 
Mme. de Stael, daß alles verstehen alles verzeihen 
heiße, zeigt sich in seiner profunden Verlogenheit auch 
in der analytischen Praxis. Das Verstehen der Motive 
und Triebkräfte unserer Nebenmenschen mag manch- 
mal, manchmal die Folge haben, daß wir milder 
über sie urteilen, aber es ist bemerkenswert, wie wenig 
Einfluß solches Verständnis hat, wenn jene Handlungen 
uns selbst beleidigen oder schädigen. Die Gelehrten 
haben wahrhaft Anlaß, sich über jene unlogische und 
merkwürdige Haltung zu verwundern, daß wir rascher und 
lieber jenes Unrecht verzeihen, das man einem Anderen 
angetan hat. 

1) Gegenüber allem humanitären Geschwätz, das so beredt ver- 
kündet, daß der Mensdi gut sei und das von seinen Fortschritten 
schwärmt, sei das aufrichtige und von moralischem Mut geführte 
Bekenntnis Heinrich Heines hierher gesetzt: „Ich habe die 
friedlichste Gesinnung. Meine Wünsche sind: eine bescheidene 
Hütte, ein Strohdach, aber ein gutes Bett, gutes Essen, Milch und 
Butter, sehr frisch, vor dem Fenster Blumen, vor der Tür einige 
schöne Bäume und, wenn der liebe Gott midi ganz glücklich ma- 
chen will, läßt er midi die Freude erleben, daß an diesen Bäumen 
etwa sechs oder sieben meiner Feinde aulgehängt werden. Mit ge- 
rührtem Herzen werde ich ihnen vor ihrem Tode alle Unbill verzeihen, 
die sie mir im Leben zugefügt haben. Ja, man muß seinen Fein- 
den verzeihen, aber nicht früher, als bis sie gehenkt werden- (Ge- 
danken und Einfälle). 

— 96 — 



Nun ist es von vornherein klar, daß wir psychologisch 
unterscheiden müssen zwischen derVerzeihung, die uns ge- 
währt wird und der, die wir gewähren. Allein die psycho- 
analytische Untersuchung zeigt, daß jene zwei Richtungen 
des Verzeihens keineswegs so scharf voneinander unter- 
schieden sind als wir meinen und vor allem, daß sie keines- 
wegs so unabhängig voneinander sind, als wir annehmen. 

Wenn es wahr ist, daß es für das Unbewußte kein 
Verzeihen gibt, so müßten sich noch die Spuren der 
ursprünglichen Tendenzen in der Reaktionsbildung 
nachweisen lassen. Tatsächlich ist es so ; das Verzeihen, 
das man als Reaktionsbildung auf intensive Rache- 
tendenzen ansprechen kann, ist selbst zur sublimiertesten 
und sublimsten Form der Rache geworden. Jemandem 
verzeihen wurde zum Ausdruck von Tendenzen, den 
Betreffenden aufs Tiefste zu demütigen. Jener tief- 
gehende, fast unbezwingbare menschliche Impuls, Glei- 
ches mit Gleichem zu vergelten, hat sich nur scheinbar 
den reaktiven Strebungen gefügt. In Wirklichkeit sind 
wir erst bereit, zu verzeihen, nachdem wir uns gerächt 
haben, und wo Rache aus äußeren oder inneren Grün- 
den unmöglich ist, wird noch das Verzeihen zur Rache. 
Noch wenn wir „feurige Kohlen" auf ein schuldiges 
Haupt sammeln, haben wir Vergeltung geübt. Das 
Abgewehrte hat sich unter einer durchsichtigen Maske 
an die Stelle der Abwehrmächte gesetzt so wie ein 
Usurpator mit den königlichen Insignien auf den Thron 
des legitimen Herrschers. Noch die Kirche, welche die 
Rache verdammt, legt Wert darauf, Gleiches mit Glei- 
chem zu vergelten. In diesen heil'gen Hallen kennt 
man zwar die Rache nicht, aber man übt sie. 

R e i k, Schrecken 97 7 



„Die Rache ist mein," spricht der Herr. Es darf verwun- 
derlich erscheinen, warumGott das Privilegder Verzeihung 
nicht mit derselben Entschiedenheit beansprucht und wa- 
rum er uns arme Menschenkinder auffordert, jene ge- 
waltige Leistung des Einanderverzeihens zu vollbringen. 
Sie reiht sich übrigens den anderen Leistungen an, die 
er von uns fordert und für die er uns nach seinem 
unerforschlichen Ratschluß in gleich mangelhafter Weise 
ausgerüstet hat. Hätte Gott sich das ausschließliche Vor- 
recht der Verzeihung wie das der Rache gesichert, 
würden sicher an Stelle der ehrwürdigen und geheilig- 
ten Formeln des Verzeihenden andere treten wie : 
„Mag Gott meinen Feinden verzeihen, ich kann es 
nicht." 

Die Religion fügt dem Postulat der Verzeihung eine 
gewichtige Begründung hinzu. Sie fordert, wir sollten 
anderen verzeihen, damit auch uns verziehen werde. 
Damit hat sie tiefer als die Bewußtseinspsychologie an 
die Motive des Verzeihens gerührt : wir sind alle und 
allezeit Sünder ; auch wir haben Anderen Böses zuge- 
fügt und haben deshalb Strafe zu fürchten. Die reli- 
giösen Lehren, welche dieses Argument einführen, wollen 
uns also zu jener besonderen Art von Triebverzicht bewe- 
gen, indem sie an die soziale Angst, an die Gewissens- 
angst, appellieren, die in uns allen lebt. 

Die bewußte Wirkung dieses Hinweises ist unleug- 
bar stark: wir sind eher bereit, jemandem zu ver- 
zeihen, wenn wir uns derselben oder einer ähnlichen 
Schuld bewußt sind. Allein dies bezieht sich, wie ge- 
sagt, nur auf das Bewußte. Wäre das Bewußte ent- 
scheidend, es könnte uns nicht geschehen, daß wir 

— 98 — 



plötzlich Groll und Rachegelüste verspüren, nachdem 
wir einem Beleidiger oder Feind längst verziehen 
haben. Ebensowenig brauchten wir plötzlich Schuld- 
gefühle oder Angst zu fühlen, wenn wir sicher sind, 
daß wir längst Verzeihung für ein vergangenes Un- 
recht erlangt haben. Die Bewußtseinspsychologie 
behauptet freilich, jene Gefühle rühren daher, daß die 
Verzeihung hier wie dort keine vollständige gewesen 
sei. Die Angst hier, die Rachelust dort entspreche 
eben jener Unvollkommenheit. Wir werden nicht 
widersprechen können, da hienieden alles unvollkom- 
men ist. Wir wollen doch die Annahme vorziehen, 
daß es sich bei jenen unerwarteten Gefühlen, die so 
sehr in Widerspruch zu unserer bewußten Einstellung 
stehen, um Abkömmlinge verdrängter Regungen han- 
delt, die sich den Weg zum Bewußtsein wieder er- 
zwingen wollen. Zumindestens lehrt den Analytiker die 
Erfahrung jeden Tages, daß der Begriff der Verzeihung 
gänzlich dem Bewußtseinsrayon angehört und die ver- 
drängten Impulse der Rache und Vergeltung unsterb- 
lich sind. 

II 

Es sei hier nicht auf jene zahlreichen Neurosen ein- 
gegangen, in denen solche unbewußten Rachetendenzen 
die Schwere und Ausbreitung der Krankheit zu einem 
wesenhaften Teile mitbestimmten. Es scheint mir aus- 
sichtsreicher, auf eine Reihe von Beobachtungen zu- 
rückzugreifen, die das von uns behandelte Problem 
von einer unerwarteten Seite zeigen. Im Laufe der 
letzten Jahre konnte ich in der Analyse mehrere Per- 

— 99 — 7* 



sonen studieren, deren bewußte Rachetendenzen von 
ungewöhnlicher Intensität und Nachhaltigkeit waren. 
Diese Rachelust richtete sich meistens gegen Familien- 
mitglieder, ehemalige Freunde und nahestehende Per- 
sonen und äußerte sich in vielfältigen, oft weitausge- 
sponnenen Tagträumen und Phantasien, die häufig von 
raffiniertester Grausamkeit zeugten. Nicht immer blieb 
es bei Phantasien ; in einigen wenigen dieser Fälle 
kam es zu Aktionen, die entweder von impulsiver Art 
waren oder als Ergebnis lange bedachter Pläne erschie- 
nen. Es war in vielen Fällen leicht erkennbar, daß die 
Personen, an denen Rache genommen wurde, nur 
Ersatzpersonen waren und daß die Rache von den 
primären Objekten auf sie verschoben war. In einem 
dieser Fälle konnte man den Rachedurst eines Patien- 
ten am ehesten mit der Stimmung eines Amokläufers 
vergleichen. Die Lockerheit der Objektwahl in der 
Rache war erstaunlich. Der geringste, für andere kaum 
wahrnehmbare Anlaß genügte, eine ganze Reihe von 
Rachephantasien zu erwecken. Einen starken Eindruck 
erhielt ich von den Rachephantasien eines Mannes, 
dem einmal ein älterer Herr ein harmloses Scherzwort 
zugerufen hatte, der sich dadurch tief gekränkt gefühlt 
hatte und elf Jahre später in raffinierter und grausa- 
mer Art jenen Beleidiger an der verletzbarsten Stelle 
traf. Er bekannte sich zu der Maxime: „Rache muß 
kalt genossen werden" und sdiob die Ausführung 
seiner Pläne bis zu dem Zeitpunkte hinaus, da die 
Umstände für ihn am günstigsten waren. 

Bei Personen von so ausgeprägtem und nachhaltigem 
Rachetypus gelangt man nun im Laufe der Psycho- 

— 100 — 



analyse zu befremdenden Erkenntnissen, die in ent- 
schiedenem Widerspruch stehen zu den Anschauungen 
über Rache und Verzeihung, die man sonst gerne und 
allgemein glaubt. Es war leicht zu erkennen, daß jene 
detaillierten, in der Phantasie immer wieder ausgemal- 
ten Rachesituationen sich nur auf dem Grunde von 
Hemmungen der Aktion entwickeln konnten. In den 
meisten Fällen konnte man ohne besondere psycholo- 
gische Willkür eine bestimmte Phase rekonstruieren, 
die zwischen der verspürten Beleidigung oder Krän- 
kung und dem Auftauchen von Racheplänen ihre 
Wirkungen entfaltete. Unmittelbar nach der ihnen zu- 
gefügten Beleidigung war eine besonders intensive 
Strebung nach Vergeltung oder Rache in diesen Per- 
sonen aufgetaucht. Diese Strebung war ursprünglich 
wohl aus äußeren Gründen, weil die eigene Macht 
nicht ausreichte oder bestimmte Umstände die sofortige 
Reaktion verboten, abgewehrt worden. Erst später 
werden innere Hemmungen eintreten, unter denen die 
Kulturanforderungen einen wichtigen Platz beanspruchen. 1 
Die Verinnerlichung der Kulturanforderungen hat 
fraglos die unbewußten Tendenzen in ihrer Intensität 
gesteigert. Ihre Wirkung kommt der einer Affekt- 
stauung gleich. Die Verwandlung der äußeren Strafen 
und Abschreckungen in Schuldgefühl führt zu seeli- 
schen Konsequenzen, die nicht minder grausam sind 
als die barbarischen Maßregeln einer versunkenen Vor- 
zeit. Wenn die antiken Völker wie die Primitiven der 



l) Eine ähnliche seelische Situation zeigt Freud in der Psycho- 
genese des tendenziösen Witzes. (Der Witz und seine Beziehung 
zum Unbewußten. Ges. Schriften. Bd. IX.) 

— 101 — 



Jetztzeit in ihren Trauerriten sich grausam marterten, 
so ist die psychische Wirkung der Trauer, die sich 
zwischen Ich und Über-Ich abspielt, kaum geringer. 
Auch wir sterben partiell mit den geliebten Personen 
mit, mag dieses Sterben auch andere, weniger lärmende 
Formen aufweisen. Die psychische Wirkung der Ver- 
innerlichung der Moralforderungen zeigt sich auch auf 
dem Gebiete der Rache nach beiden Seiten hin. Das 
Talionsprinzip, das für die frühe Antike galt, erscheint 
einerseits unseren vorgeschrittenen humanitären Forde- 
rungen nicht zu entsprechen, andererseits befriedigt es 
auch nicht die durch den Verdrängungsprozeß intensi- 
vierten Triebregungen. Um einen Vergleidi zu ge- 
brauchen : der Vorteil, der aus der Aufsparung eines 
Kapitales erwächst, sind höhere Zinsen ; die durch Spar- 
samkeit erzwungenen Entbehrungen berechtigen schein- 
bar zu Erwartungen auf einen höheren Betrag. Auch 
die Rachetendenzen der Menschen sind stärker und 
raffinierter geworden. 

Die Unterdrückung der primären Regung wirkte nun 
wie eine psychische Versagung und zwar in besonde- 
rer Richtung. Die beleidigende oder kränkende Person 
wurde unbewußt ins Ich aufgenommen, introjiziert. 
Mit dieser Introjektion ist die Wendung des Trieb- 
impulses gegen die eigene Person eingeleitet. Dem 
Vorgang der Abwehr und der Objektintrojektion ent- 
spricht das tiefe unbewußte Schuldgefühl der Folgezeit, 
das aus zwei Quellen fließt. Es wird von dem introji- 
zierten Objekt entlehnt und es bezieht sich auf die 
eigenen unterdrückten feindseligen Regungen. In die- 
ser Phase kommt es nun zu einer eigenartigen inneren 

— 102 — 



Spannung, deren Schmerzhaftigkeit sich manchmal bis 
zum Unerträglichen steigert und deren Stimmungsindex 
zwischen Depression, Depersonalisation und außeror- 
dentlicher Unruhe schwankt. Der Rückverwandlung 
dieser selbstquälerischen Einstellung in eine andere 
vom Charakter eines der Außenwelt zugewandten Sa- 
dismus kommt eine besondere Bedeutung innerhalb 
des typischen psychischen Ablaufes zu. Diese Verwand- 
lung geht unter dem Drucke der aufs äußersten ge- 
steigerten psychischen Spannung vor sich und wirkt 
wie eine seelische Entlastung. 1 Die speziellen Mechanis- 
men des Prozesses sind schwer durchschaubar. Man 
beschreibt sie am nächsten, wenn man sagt, es handle 
sich um zwei verschiedene Vorgänge, deren Wirkun- 
gen kombiniert erscheinen : eine Rückwendung der 
Triebregung gegen das Objekt und eine Regression 
auf ein früheres Stadium der Libidoentwicklung. Die 
Rückwendung des Triebes, der sich bisher gegen das 
Ich (das durch die Objektintrojektion veränderte Ich) 
richtete, drängt zum Triebausbruch gegen ein äußeres 
Objekt, d. h. zur Rache. Der Unterschied dieser Entwick- 
lungsphase von der früheren ist klar genug und kann 
dynamisch scharf erfaßt werden. In der ersten wird das 
Ich behandelt wie ein gehaßtes Objekt. In der zweiten 
wird das Objekt behandelt wie ein gehaßtes Ich. Die 

i) Die oben geschilderten Stimmungen, welche der Abwehr der 
motorischen Rachereaktion sowie der Objektintrojizierung folgen, 
sind auch in der Dichtung, z. B. in der Gestalt des Prinzen 
Hamlet aufzeigbar. Gerade dieses Drama wird für den Analyti- 
ker ein Beispiel der psychischen Wirkungen der abgewehrten 
Rachetendenzen. Die Melancholie sowie das Schuldgefühl des Prin- 
zen werden in dieser Beleuchtung klarer. 

— 103 — 



historische Entwicklung erklärt diesen eigenartigen 
Wechsel. Sie ergibt aber auch die Möglichkeit, von der 
zweiten Entwicklungsphase zur ersten zu regredieren. 

Beide Reaktionen zeigen einen ausgeprägt archai- 
schen Charakter. Ein schönes Beispiel der ersten Art 
hat Freud in der Analyse der Mosesfigur des Michel- 
angelo gegeben. 1 In der dort beschriebenen Szene, in 
der Moses die Wut über die götzendienerischen Israe- 
liten so äußert, daß er an seinem Barte reißt, wird 
das Ich so behandelt wie ein gehaßtes (und geliebtes) 
Objekt. Ein äußeres Hindernis, die Entfernung, ver- 
bietet dort die gegen das Objekt gerichtete Rache- 
aktion. Um hier ein Beispiel aus dem Leben eines 
Zwangsneurotikers zu geben : er wollte einem älteren 
Verwandten ein neues Kartenspiel zeigen. Während des 
Spielens erwies sich nun der Schüler als höchst ungeschickt 
und unklug. Mein Patient benahm sich kurz nachher 
sehr ungewöhnlich, indem er einfache Dinge nicht ver- 
stand, blöde vor sich hinstarrte und überhaupt wie ein 
Narr handelte. Man vergleiche auch hier die Haltung Ham- 
lets z. B. in der Szene mit Rosenkranz und Güldenstern. 

Der psychische Prozeß, der hier geschildert wurde 
und dessen Abfolge und Wirksamkeit in der Analyse 
bestimmter Typen leicht verfolgbar ist, erscheint gewiß 
bemerkenswert. Jene ursprüngliche Beleidigung und 
Kränkung hat gewirkt wie eine Liebesversagung und 
hatte psychische Folgen wie sie ähnlich oft als Konse- 
quenz bei Liebesversagungen zu beobachten sind : das 
Objekt als solches wurde aufgegeben und ins Ich in- 
trojiziert. Einige auffällige Züge zeigen auch dem der 

1) Der Moses des Michelangelo. Ges. Schriften. Bd. X. 

— 104 — 



Psychoanalyse Fernerstehenden diese Herkunft der Rache- 
tendenzen : die außerordentliche Befriedigung an den 
Leiden und Qualen der Objekte, denen die Rache gilt, 
wird in der Phantasie so genossen, als ob das Leid des 
Objektes zugleich ein selbstgefühltes wäre. Die häufige 
sexuelle Erregung, die sich mit den Phantasien ver- 
knüpft, sowie die selbstquälerische Erinnerung an die 
Beleidigung oder Kränkung, welche die Phantasien 
hervorruft, lassen ebenso wie in den Schlagephantasien 
als den Ursprungsort dieser Szenen homosexuelle und 
sadistische Regungen erkennen. 

Jene spezielle Befriedigung in den Rachephantasien 
wird uns am ehesten durch den Vergleich mit diesem 
anderen psychischen Phänomen verständlich. Freud 
hat in der Analyse bestimmter masochistischer Phanta- 
sien von Kindern eine Entwicklungsphase nachgewie- 
sen, in der das phantasierende Kind die Vorstellung, 
daß ein Kind geschlagen wird, mit deutlicher sexueller 
Befriedigung erlebt.' Homosexuelle Tendenzen und Re- 
gungen aus dem unbewußten Schuldgefühl werden in 
diesen Phantasien gleichzeitig befriedigt. An Stelle der 
unbestimmten Vorstellungen, daß irgend ein Kind ge- 
schlagen oder gezüchtigt wird, können Phantasien 
mannigfacher Art treten, welche die näheren Umstände 
und Arten der Züchtigung variieren, sich an Gehörtes 
oder Gelesenes anschließen und häufig novellenartiges 
Gepräge annehmen. 2 Einer meiner Patienten geriet so 
in der Pubertätszeit in intensive sexuelle Erregung, 



1) „Ein Kind wird geschlagen." (Ges. Schriften. Bd. V.) 

2) Vgl. Anna Freud, Schlagephantasie und Tagtraum. Imago 

vm (1922), s. 317 ff- 

— 105 — 



wenn er sich vorstellte, daß die christlichen Märtyrer 
von den römischen Legionssoldaten verschiedenen Fol- 
terungen unterworfen wurden. Ein anderer wurde durch 
die Vorstellung von entsetzlichen Strafen, welche die 
Revolutionäre seiner Heimat zu erleiden hatten, regel- 
mäßig zu onanistischen Akten geführt. Während die 
Person des Patienten zuerst, als er in die Analyse trat, 
in diesen Phantasien bewußt nicht vorkam, er sie 
gleichsam als Zuschauer auf einer phantasierten Bühne 
erlebte, setzte er sich später an Stelle des Befehlenden, 
des Richters oder Henkers, um noch später die Rolle 
des Marternden und des Gemarterten zu spielen. Die 
Verbindung solcher Schlagephantasien mit den Rache- 
plänen und -phantasien, die wir beschrieben haben, ist 
klar. Wir brauchen nur an Stelle von erfundenen (oder 
umgestalteten) Personen wirkliche zu setzen, eine 
Kränkung als die wirkliche oder rationalisierte Ursache 
der phantasierten Strafe an ihren Platz treten zu lassen und 
jene Phase der Schlagephantasien in eine bestimmte Rich- 
tung fortzusetzen, so gelangen wir zu einer Rache- 
phantasie von jenem lustvollen Charakter, wie sie hier 
dargestellt wurde. (In vielen Fällen haben auch diese 
Rachephantasien novellenartigen Charakter: sie stellen 
manchmal Tagträume dar, welche die Durchführung 
der Rache in bestimmten, breit ausgemalten Situationen 
beinhalten, die Vorbereitung und die Einzelheiten 
schildern und mit Vorliebe bei dem Schmerz und dem 
Leiden der Person, an der die Rache geübt wird, ver- 
weilen. Auch in diesen Zügen erweisen sich die Rache- 
phantasien als Pendant jener typischen Szenen, in denen 
ein Kind geschlagen wird.) 

— 106 — 



Unsere Ableitung hat gezeigt, daß der tiefgehende 
Rachedurst in diesen Fällen seine besondere Intensität 
aus verschiedenen Quellen bezieht. Die ursprüngliche 
Regung nach Vergeltung, die infolge besonderer psy- 
chischer Verhältnisse nicht zum Ausdruck gekommen 
war, hat sich gegen das Ich gewendet und war in die- 
ser Wendung gesteigert worden. 1 Die unterdrückte Ag- 
gressivität, die sich jetzt nur gegen das Ich wenden kann, 
führt allmählich zu einer außerordentlichen Spannung, 
die geeignet wäre, das Ich zu zerstören. Wenn diese 
Aggressivität eine bestimmte, aber von uns nicht be- 
stimmbare Intensität erlangt hat, gelingt es dem Ich, 
sich ihrer zu erwehren. Sie wird wieder nach außen 
rückgewendet, es kommt zur neuerlichen Objektbesetzung, 
zur Rachephantasie und manchmal zur Racheaktion. 
Es ist klar, daß solche Rückwendung des Sadis- 



1) Ich habe Gründe anzunehmen, daß die besondere Art grau- 
samer Selbstironie, welche die Witze der Juden über die 
Schwächen und Mängel ihres eigenen Volkes aufweisen, aus einer 
ähnlichen Einstellung stammt, an der die von außen gegebene Un- 
möglichkeit, Rache an ihren Feinden zu nehmen, einen entscheiden- 
den Anteil hatte. Hier ergibt sich das Beispiel einer völkerpsycho- 
logischen Erscheinung, welche die hier dargestellte psychische Dynamik 
bestätigt : die von außen kommende Beleidigung oder Verletzung, die 
durdi die reale Übermacht des Gegners bedingte Unterdrückung 
der Rache, die Introjektion des gehaßten Objektes ins Ich und das 
Wüten gegen dasselbe. Das Besondere des interessanten Phänomens 
ist aber, daß sich nun die Aggression gegen dieses Ich Ausdruck 
scharrt in jenen Witzen, welche die eigenen Schwächen und Fehler 
so erbarmungslos geißelten und mit denen verglichen die Verhöhnung 
der Juden seitens der Wirtsvölker wie plumpe oder brutale 
Schwanke erscheinen. Die besondere Schärfe und Treffsicherheit des 
Judenwitzes gegen die Juden ist gerade durch die Unterdrückung der 
Radie mitbedingt, denn diese Rache ist im Geheimen in ihm enthalten. 
Der Judenwitz gegen das eigene Volk trifft ins Herz, der Angriff der 

— 107 — 



mus einen Rettungsversuch des gefährdeten Ichs dar- 
stellt. Das Ich wäre zugrundegegangen, wäre es ihm 
nicht gelungen, die Aggressivität nach außen zu wer- 
fen. Die analytische Untersuchung dieser Ausbrüche 
vermag dann zu zeigen, daß sie ihre Wucht und ihre 
explosive Gewalt auch dem Druck verdanken, unter 
dem die abgewehrten Tendenzen standen, so wie die 
geologische Untersuchung der hervorbrechenden, zer- 
störenden Lavamassen erweist, daß ihre Macht durch 
stumme Kämpfe im Innern der Erde gesteigert wurde. 

Hl 

Es lohnt sich, noch einige Züge dieser besonderen 
Rachereaktion hervorzuheben. Falls wirkliche Rache- 
handlungen aus der beschriebenen psychischen Kon- 
stellation erfolgen, führen sie selten zu ernsthaften 

Wirtsvölker, so roh und gewaltsam er auch sein mag, verletzt kein 
edleres Organ. Nur selten kommt es von dieser zweiten Entwick- 
lungsphase der Aggression aus zur dritten, in der nicht mehr das 
(veränderte) Ich, sondern wieder das äußere Objekt, der Beleidiger, 
angegriffen wird. Auch für diese Hemmung wird die andauernde 
Übermacht des Objektes bestimmend sein. Es kann indessen nicht 
verkannt werden, daß bereits in der Aggression, welche der jüdische 
Witz gegen das eigene Volk richtet, die Wirtsvölker in latenter 
Art, doch für das Unbewußte erkennbar, mitgetrotfen werden. Die 
besondere Art dieses Witzes zeigt noch in der Selbstdemütigung 
und Selbstparodie den unterdrückten Aufruhr, trifft noch in ihrer 
Wendung gegen das Ich das ins Ich aufgenommene Objekt, als 
wolle sie sagen: „Seht her, was wir durch euch und eure Schuld 
geworden sind! Seht her, zu wie kläglichen, schwachen und ver- 
ängstigten Kreaturen ihr uns gemacht habt!" Ohne Verständnis 
der hier dargestellten seelischen Mechanismen, die erst mit Hilfe 
der Psychoanalyse erschlossen werden, wird eine Psychologie des 
Judenwitzes immer an der Oberfläche bleiben. (Vgl. meine Arbeit 
„Zur Psychoanalyse des jüdischen Witzes" in „Imago" 1929, Heft 1.) 

— 108 — 



Schädigungen des Objektes. Sie stehen vielmehr in 
merkbarem Gegensatz zu den höchst grausamen, raf- 
finierten und vielfältigen Qualen, welche die betreffen- 
den Personen sich in ihren so lustvollen Phantasien 
für ihre Opfer ersonnen haben. Es macht den Eindruck, 
als ob ein oder mehrere bestimmte psychische Fakto- 
ren weitgehende Objektschädigungen verhüteten. Man 
könnte vermuten, daß dieser Zug im Zusammenhang 
steht mit jenem anderen, durch den früher eine Hem- 
mung der gegen das Ich gerichteten Aggression erwirkt 
wurde. Hier wurde das Extrem der Objektbeschädi- 
gung, dort das der Ichbeschädigung vermieden, — 
durchaus in Obereinstimmung mit der vorher genann- 
ten Voraussetzung, daß es sich um Racheakte gegen 
früher geliebte Personen handelt. Es ist so, als ob das 
Durchgangsstadium, das von der feindseligen Regung 
über die Objektintrojektion zur Wendung gegen das 
Objekt führt, einen wirksamen Schutz gegen die zu 
ernsthafte Objektbeschädigung bieten könnte. Die 
Phantasien haben hier gleichsam die Funktion des 
Puffers übernommen. Ein Stück Triebbefriedigung ist 
bereits in ihnen vorweggenommen und braucht nicht 
mehr in der Realität erfüllt zu werden. In einigen 
Fällen war zu konstatieren, daß die Racheaktionen einen 
harmlosen und infantilen, ja manchmal fast clownarti- 
gen Charakter hatten, der auffallig von dem grausamen 
der vorangehenden Phantasien abstach. In einem dieser 
Fälle war der Patient, der in einem schweren Zer- 
würfnis mit seiner Familie stand, einem plötzlichen 
Impuls folgend, bei seinen Eltern zu Besuch erschienen. 
Er hörte zufällig, daß seine im Nebenzimmer versam- 

— 109 — 



melte Familie einige abfällige Bemerkungen über sein 
Verhalten machte. Er ergriff einen großen Kuchen, der 
auf dem Teetisch für die ganze Familie vorbereitet 
stand, lief damit, ohne ein Wort zu sprechen, davon 
und verschlang ihn in kürzester Zeit. 

Vielleicht ist es auch angezeigt, an dieser Stelle 
darauf hinzuweisen, welche Rolle das Wort in den 
Rachephantasien zu spielen scheint. Dabei habe ich 
nicht so sehr Beschimpfungen und Flüche im Auge, 
welche die betreffenden Personen an geeigneter Stelle 
ihrer Rachephantasie ihren Objekten gegenüber ge- 
brauchen. 1 Ich meine vielmehr den Ausdruck der 
Rachetendenzen in Wortvorstellungen, besser gesagt, die 
vorgestellten Einzelheiten der Racheaktion in der Be- 
schreibung durch besondere, ganz bestimmte und in 
der Phantasie oft wiederholte Worte. So war es mir 
erstaunlich, wie stereotyp ein Nervöser in seinen Rache- 
phantasien den Ausdruck „Den Edelstein aus der Brust 

1) Es ist dem Psychologen verständlich, daß solche Wortaus- 
brüche einen verbalen Ersatz der Aktion bilden. Sie nähern sich 
magischen Handlungen, mit denen sie sich übrigens gerne ver- 
gesellschaften. Man braucht nur auf viele alte Volksgebräuche 
dieser Art hinzuweisen, die dem Gebiete der „schwarzen Magie" 
angehören. Es ist nicht erstaunlich, daß man gelegentlich den- 
selben Phänomenen bei kulturell sehr hochstehenden Persönlich- 
keiten begegnet. So berichtet Disraeli von sich selbst, daß er 
sich niemals an einem Beleidiger räche; er schreibe vielmehr 
dessen Namen auf ein Stückchen Papier und versenke dieses in 
eine Lade. Es sei merkwürdig, wie rasch der Träger des betreffen- 
den Namens bei ihm in Vergessenheit versinke. (Nach A. Mau- 
rois, La vie de Disraeli. Paris 1928, S. 264.) Die Psychoanalyse 
wird leicht erkennen, daß es sich in dieser Praxis um eine sym- 
bolische Aktion handelt, die einem Begräbnis gleichkommt und 
daß die den Namen des Feindes einschließende Lade dessen Sarg 
vertritt. 

- 110 — 



reißen" gebrauchte. Er hatte ihn der Beschreibung eines 
altperuanischen oder aztekischen Opferfestes entlehnt, 
in dem der Hohepriester so die Zeremonie des Heraus- 
reißens des Herzens aus dem menschlichen Opfer be- 
zeichnete. In einem anderen Falle tauchte in dem 
Phantasierenden, sobald er sich vorstellte, daß er in 
einer bestimmten Situation ein gewisses Schimpfwort 
gebrauchen würde, eine starke, sexuell deutlich ge- 
färbte Befriedigung auf. Dies alles stimmt ausgezeich- 
net zu den Erfahrungen, die wir über die Psychologie 
der sadistischen und masochistischen Perversionen ge- 
macht haben. In einer ganzen Reihe von Fällen kommt 
dort dem Worte oder einer bestimmten Wortfolge 
eine besondere Bedeutung zu. So gelangte ein Maso- 
chist erst dann in sexuelle Erregung, wenn seine Part- 
nerin ihn in ganz bestimmter Art ansprach (das Wort 
„Du" spielte dabei eine große Rolle) oder bestimmte 
Worte sprach, die einen nur für ihn erkennbaren, aus 
dem Infantilen stammenden Gefühlswert hatten. In an- 
deren Fällen entwickelt sich sogar ein ganzes Wort- 
zeremoniell, durch das die Libido erhöht wird und 
das beschimpfende oder demütigende Ausdrücke er- 
hält. Die Bedeutung dieses verbalen Masochismus ist 
noch wenig erforscht und sein Studium verspricht be- 
sonders aussichtsreich zu werden. 

Ich sagte früher, daß es bei dem beobachteten Typ 
selten zu ernsthaften Objektschädigungen durch 
die Rache gekommen ist. In einigen Fällen waren den- 
noch solche Aktionen durchgeführt worden und die 
Rache hatte ihren vollen grausamen Verlauf genommen. 
Es war aber bemerkenswert, daß diese Aktionen fast 

— 111 — 



noch in höherem Grade zum Schaden des eigenen Ichs 
ausschlugen. Dies vollzog sich entweder gleichzeitig 
oder in den Folgen der Tat, die sich leicht hätten 
voraussehen können. Es sieht dann so aus, als handle 
es sich um eine Reaktion, die gleichzeitig nach zwei 
Seiten hin erfolgte, als wolle das Ich den vollen Preis 
des eigenen Unterganges gerne bezahlen, wenn nur 
zugleich damit auch das gehaßte Objekt zugrundeginge. 
Die Bedingungen, unter denen es zur Rache in dieser 
Art kommen kann, sowie die psychischen Voraus- 
setzungen, die dabei wirksam sind, erscheinen noch 
nicht völlig geklärt. Ein besonders intensives unbe- 
wußtes Schuldgefühl wird dabei in Betracht gezogen 
werden, jenes selbe Schuldgefühl, das in der Durch- 
führung der verbotenen Tat Unterbringung und Ent- 
lastung findet. Wir nähern uns hier der Psychologie 
von Verbrechertypen, auf die Freud zuerst hinge- 
wiesen hat, des Verbrechers aus unbewußtem Schuld- 
gefühl. Es wird hier klar, daß der Täter das zweite 
Opfer seiner Tat ist — woferne man ihn nicht als ihr 
anfängliches, primäres bezeichnen will. Die Tat hat 
vielleicht ihre Schatten auf ihn vorausgeworfen. Es 
wäre an dieser Stelle eine Reihe von Beobachtungen 
und analytischen Erfahrungen einzuschalten, die weit- 
gehende und befremdende Aufschlüsse über die Mo- 
tive und Psychogenese eines besonderen Verbrecher- 
typus liefern würden. So ist noch nicht dargestellt 
worden, daß sich das unbewußte Schuldgefühl, das 
dem Verbrechen vorangeht, wie ein anderes Stück 
Verdrängtes benimmt. An seinen bewußtseinsfähigen 
Abkömmlingen läßt sich erweisen, daß dieselben Vor- 

— 112 — 



gänge der Verdichtung, Verschiebung, Verallgemeine- 
rung stattfinden wie in der Neurosensymptomatologie. 
Die Assoziationen des Verbrechers laufen unterirdisch 
über seine Tat; auch die Klangassoziationen gehen 
denselben Weg. (Es soll nicht geleugnet werden, daß 
das Stück Verbrecherpsychologie, das die Psychoanalyse 
erschlossen hat, sich nur aus der Analogie mit dem 
neurotischen Seelenleben, in dem sich verbrecherische 
Tendenzen vorfinden wie Adern im Gestein, ableitet 
und daß es sich nur auf bestimmte Verbrechertypen 
bezieht.) Hier zwei Beispiele von Assoziationen, in 
denen die verdrängte aggressive Tendenz aus der Mitte 
des Verdrängten wiederkehrt: der Vater des Analy- 
sanden A. spricht mit diesem über eine projektierte 
Reise nach Ägypten. Der Sohn sagt: „Du mußt dir 
einen Tropenanzug kaufen. Leinen wäre vielleicht das 
Beste." Sofort taucht vor ihm die Erinnerung daran 
auf, claß er einmal gesehen hat, wie die Leiche eines 
auf dem Schiff Verstorbenen in Leinen gehüllt ins 
Meer gesenkt wurde. Der Traum eines anderen Ana- 
lysanden : er bittet die Mutter, ihm ein „chicke7i u zu- 
zubereiten, aber die Mutter bringt ihm „beef und er 
erwacht mit Angst. Zur Deutung: „ducken" bedeutet 
nach dem Sprachgebrauch des amerikanischen Patienten 
junges Mädchen, das „beef\ das an dessen Stelle tritt, 
ist ein Stück Rindfleisch, Fleisch von dem getöteten Vater. 
Das Verbrechen ist oft für den hier herangezogenen 
Typus ein Schock, der erst in langer psychischer Ar- 
beit bewältigt wird. Es wirkt wie ein Trauma und 
produziert häufig dieselben seelischen Erscheinungen. 
Das Zurückkehren zum Tatorte, das so häufig bei 

R c i k, Schreien \ \ 3 8 



Verbrechern zum Zwang geworden ist, stellt vielleicht 
einen jener psychischen Bewältigungsversuche der Tat 
dar, die den Phänomenen bei Unfallsneurotikern zu 
vergleichen sind. Auch hier wird versucht, sich von 
dem seelischen Druck durch Wiedererleben der Tat zu 
befreien, wobei diese wie ein passives Erleben er- 
scheint. Hier ergibt sich also eine überraschende Ver- 
bindung der Psychologie eines bestimmten Verbrecher- 
typus mit der des Unfallsneurotikers. Die Erinnerung 
an das Verbrechen wird durch Annullierungsversuche 
unterbrochen, Bestrebungen des Bewußtseins, welche 
der Gewißheit der vollbrachten Tat Zweifel im Sinne 
der Behauptung: „Das kann ich nicht getan haben" 
entgegensetzen. Dieser Zweifel wird häufig wie in der 
Zwangsneurose auf ein geringfügiges Detail verscho- 
ben, etwa ob an jenem Tatorte eine Laterne gebrannt 
hat oder nicht usw. 

Die Rücksicht auf die Konzeption, der ich zu folgen 
habe, zwingt indessen, von diesem interessanten Thema 
zu dem engbegrenzten Gegenstand der vorliegenden 
Untersuchung zurückzukehren. 

IV 

Ich bin von einer unzweideutigen Behauptung aus- 
gegangen : daß das Unbewußte den Begriff der Ver- 
zeihung nicht kenne, sondern daß er ganz dem Be- 
wußtsein angehöre. Die vorliegende Ableitung hat 
gezeigt, wie der seelische Vorgang, der aus einer Krän- 
kung resultiert und der ursprünglich eine Relation 
zwischen A und B, Subjekt und Objekt betrifft, zu 
einem Konflikt innerhalb des Ichs werden kann, wenn 

— 114 — 



bestimmte Umstände diese Entwicklung bedingen. In 
diesem Stadium werden sich also die ursprünglichen, 
gegen das Objekt gerichteten Anwürfe gegen das Ich 
kehren, das die ganze Aggressivität und Strenge des 
Über-Ichs zu spüren bekommt. Die Abwehr der aggres- 
siven Tendenzen führt reaktiv zu ihrer unbewußten 
Steigerung und damit zu einem entsprechend vertief- 
ten Schuldgefühl. Der Aufschub der Rache ist an die- 
ser Entwicklung entschieden beteiligt, da die endopsy- 
chisch erkannten Aggressionstendenzen einer strengen 
Bewertung des Über-Ichs unterliegen. Es ergibt sich 
hier wie in der analytischen Untersuchung anderer 
psychischer Prozesse die Einsicht, daß es oft weit grau- 
samer ist, jemanden über sich selbst zum Richter zu 
machen als ihn von einem Anderen beurteilen zu las- 
sen. Die Kirche hat dies intuitiv erkannt und in der 
Institution der Beichte verwertet. 1 • ■ 

1) Die Vertiefung des unbewußten Schuldgefühles durch den Auf- 
schub der Rache ist in der Psychologie Hamlets leicht erkenn- 
bar. Ebenso die Wendung der Rachetendenzen gegen das Ich, 
dessen Zerstörung angestrebt wird. („Sein oder Nichtsein . . ."). 
Tatsächlich führt dieses schwere Schuldgefühl des Prinzen ihn 
gleichzeitig mit der Objektvernichtung zum Untergang. Der Auf- 
schub der Rache wird von ihm selbst als Schuld verspürt wie in 
den Endphasen der Zwangsneurose die Unterlassung der ursprüng- 
lich verbotenen Handlungen. Der Ausdruck „durch des Gedankens 
Blässe angekränkelt", den Hamlet gebraucht, um zu beschreiben, 
wie Unternehmungen voll Mark und Nachdruck den Namen Tat 
verlieren, weist deudich auf die gegen das Ich gerichteten Todes- 
wünsche (Blässe als Zeichen des Todes) hin. Die Hemmung der 
Racheaktion wird auch von Shakespeare als tragische Schuld 
seines Helden empfunden und bedauert Noch zuletzt verkündet 
Fortinbras, daß er durch sie verhindert war, den Thron zu bestei- 
gen, auf dem er, „war er hinauf gelangt", sich höchst königlich be- 
währt hätte. 

. 

— 115— ** 



Wenn man die korrelaten Bewußtseinsvorgänge in 
Betracht zieht, ergibt sich aus der Einsicht in diesen 
psychischen Prozeß eine naheliegende Folgerung, die 
doch paradox klingt: es ist unmöglich, jemandem zu 
verzeihen, wenn man sich nicht selbst früher verziehen 
hat. Das klingt noch dann paradox, wenn man es in 
einer anderen Form ausdrückt: wir können nur dann 
verzeihen, wenn wir unseren eigenen Rachetendenzen 
und Strebungen nach Vergeltung eine gewisse Toleranz 
entgegenbringen. Die Fortsetzung dieser Folgerung 
würde dahin fuhren, daß Verzeihung unmöglich ist, 
wenn es zu einer Objektintrojektion gekommen ist, da 
sich dann die Aggressivität gegen das Ich richtet. Mit 
anderen Worten : wir können erst verzeihen, wenn 
wir am Objekt oder an dem durch die Objektintro- 
jektion veränderten Ich Rache genommen haben. Die 
Rache ist unbewußt nicht vermeidbar; trifft sie nicht 
das äußere Objekt, so trifft sie das Objekt im Ich. 1 
Wir erinnern uns zur rechten Zeit, wie häufig der 
Ablauf der zweiten Rachereaktion, die ich als archaisch 
bezeichnet habe, bei Kindern, denen die Möglichkeit 
der Vergeltung in anderer Art versagt ist, in statu 
nascendi beobachtet werden kann. „Du wirst schon 
weinen, Mama, wenn ich auf den Balkon gehe und 
mich erkälte", sagte ein kleines Mädchen drohend, als 
es sich von der Mutter gekränkt fühlte. Die am Ich, 
beziehungsweise am introjizierten Objekt geübte Rache 
ist in ihrer psychischen Wirksamkeit noch in der 
Analyse erwachsener Neurotiker deutlich zu studieren. 

1) Man vergleiche das Harakiri des Japaners, der sich vor der 
Türe eines Feindes tötet. 

— 116 — 



Ich erhielt zuerst eine Ahnung von der Intensität 
der hier wirksamen seelischen Kräfte aus der Analyse 
einer älteren Dame, die seit vielen Jahren in erbittertstem 
Kampfe mit ihrer Schwester lebte. Ihr Kopf war vom 
Scheitel abwärts völlig kahl, da sie sich in Streitszenen 
vieler Jahre in entsetzlicher Wut die eigenen Haare 
ausgerissen hatte. In der ersten Sitzung aufgefordert, 
zu sagen, was ihr eingefallen war, schwieg sie und ich 
konnte sie durch viele Stunden nicht bewegen, diesen 
Einfall zu sagen. Alles Drängen war vergebens; sie 
konnte sich nicht dazu entschließen, das zu sagen, was 
sie gedacht hatte. Endlich gab sie nach und teilte unter 
heftigstem Widerstand jenen ersten Einfall der ersten 
Stunde mit : sie hatte, auf dem Diwan meines Zimmers 
liegend, etwas Staub unter dem Bücherkasten gesehen und 
im Anschluß daran erbitterte Kritik an den hausfraulichen 
Eigenschaften meiner Frau (Schwesterimago) genommen. 1 

Ich glaube gezeigt zu haben, daß die dem Unbe- 
wußten adäquate Form der Reaktion auf Beleidigun- 
gen, Kränkungen und Schädigungen einzig die der Ver- 
geltung sein kann und der Begriff der Verzeihung für 
das unbewußte Seelenleben keinerlei Geltung hat. Hier 
wurde vorläufig der seelische Prozeß nur beim Ge- 
kränkten oder Beleidigten verfolgt. Dieser wird sich, 
so sagten wir, solange gekränkt und beleidigt fühlen, 
als er nicht an dem Gegner oder an sich selbst Ver- 
geltung geübt hat. Seine Rachetendenzen werden sich 

1) Meine analytische Technik des Drängens war in diesem Falle 
durchaus fehlerhaft : erst die Auflockerung des Schuldgefühles hätte 
es erlaubt, den von Haß geleiteten Einfall zu sagen. Es ergibt 
sich von hier aus ein bedeutsames Streiflicht auf manche Probleme 
der analytischen Technik. 

— 117 — 



bei einer bestimmten psychischen Konstellation gegen 
das Ich kehren und dies umso tiefer, je weniger er 
Rache am Anderen nimmt. Er wird sich an sich selbst 
für alles das rächen, was er dem Anderen antun wollte. 
Besser gesagt, er wird sich an sich selbst für alles das 
rächen, was der Andere ihm angetan hat — was sinn- 
los wäre, wenn es sich nicht um das durch Objekt- 
identifikation veränderte Ich handelte. Im Wüten gegen 
das Ich wird das Wüten des Objektes gegen das Ich 
fortgesetzt. Es wird darin aber auch die Wut gegen das 
introjizierte Objekt fortgesetzt, gegen welches die mo- 
torische Reaktion unterlassen wurde. Das einmalige Er- 
eignis wird sozusagen in eigener Regie reproduziert 
und ensuite gespielt. Es wird an dieser Stelle klar, um 
wieviel tiefer die analytische Ichpsychologie führt als die 
A. Adlers, welche dieselben Phänomene in einer 
dem Verständnis breiter Massen allerdings entsprechen- 
deren Art erklärt. 

Ein anderes Stück der Ichpsychologie, das die Psycho- 
analyse noch nicht untersucht hat, ist nicht minder be- 
deutsam und interessewert. Es ist dies der psychische 
Vorgang bei dem Beleidigenden oder Schädigenden, 
nachdem er seine Aktion ausgeführt hat. Ich beziehe 
mich hier wieder auf einen bestimmten charakterolo- 
gischen Typ, der neurotisch ist oder den neurotischen 
Charakteren nahesteht. Es handelt sich hier also um 
Jenen Typ, dessen besondere psychische Einstellung 
ich in „Geständniszwang und Strafbedürfnis" darzu- 
stellen versucht habe. Dort habe ich mich bemüht, die 
psychischen Mechanismen zu zeigen, denen zufolge sich 
bestimmte Personen aggressiv gegen jene wenden, 

— 118 — 




denen gegenüber sie sich schuldig fühlen. Die merk- 
würdige Tatsache reicht weiter: viele Menschen be- 
nehmen sich gerade jenen gegenüber, die ihnen nur 
Wohlwollen, Freundlichkeit oder sogar Liebe em> 
gegenbringen, besonders feindlich und haßerfüllt. Wohl- 
gemerkt, es handelt sich nicht etwa um jene oft be- 
sprochenen Fälle von Mangel an Dankbarkeit, zumin- 
destens nicht nur um diese. Dankbarkeit ist dem Un- 
bewußten ebenso fremd wie Verzeihen ; an seine Stelle 
tritt Liebe. Das paradoxe Phänomen ist vielmehr das, 
daß sich eine besondere Rachetendenz gerade gegen 
jene Personen richtet, denen gegenüber man ungewöhn- 
lichen Grund zur Dankbarkeit und Erkenntlichkeit hat. 
In der Lehre vom Geständniszwang habe ich darzustellen 
versucht, daß diese eigenartige Einstellung sich aus 
dem unbewußten Schuldgefühl ableitet und gleichsam 
demonstriert: „Ich bin dieser Güte oder Freundlichkeit 
unwürdig; ich verdiene soviele Wohltaten nicht." Es 
ist bemerkenswert und doch psychologisch folgerichtig, 
daß sich diese seltsame Rachsucht umso mehr steigert, 
je liebevoller, geduldiger oder freundlicher sich die an- 
dere, angegriffene Person weiter verhält. 

Es kommt unter diesen psychischen Umständen zu 
einer Art von merkwürdigem Kreislauf der Affekte. Wenn 
der Beleidigte sich nicht rächt, sondern gleichmütig und 
freundlich bleibt, wird diese Haltung wie etwas Herab- 
setzendes empfunden und entfacht eine noch inten- 
sivere Lust zum Schädigen oder Beleidigen, zur Ag- 
gression gegen das geduldige Objekt. Es ist, als ob 
der Verzicht auf Rache von dem Beleidiger als eine 
besonders raffinierte und sublimierte Form von Rache 

— 119 — 



oder Hohn verspürt würde, — ganz in Übereinstim- 
mung mit dem, was ich früher über die Unmöglich- 
keit eines unbewußten Verzeihens gesagt habe. Es ist 
also so, als würde sich diese so seltsame Haltung be- 
mühen, zu zeigen, wie unmöglich es ist, auf die Trieb- 
befriedigung der Rache zu verzichten, als ahne der 
Beleidigende oder der Feind, wie wir ihn kurz nen- 
nen mögen, daß es unmenschlich ist, keine Rache zu 
üben, und daß der Geschädigte unbedingt starke Rache- 
tendenzen in sich fühlen müsse, mag er sie nun zeigen 
oder nicht. Es ist für den Feind ein unheimliches Ge- 
fühl, wenn seine Tat — oder Untat, wenn man will 

den Geschädigten nicht zur naturgegebenen feindlichen 
oder vergeltenden Aktion treibt. Er wird es versuchen 
diese Aktion durch Häufung oder Steigerung der Be- 
leidigung zu provozieren, denn die unbewußte Ge- 
wissensangst sagt ihm, daß die Rache nicht ausbleiben 
kann, daß es einen endgültigen Verzicht auf Rache 
nicht gibt. Das freundliche oder verzeihende Verhalten 
des Beleidigten empört ihn, denn er spürt darin eben- 
falls eine Rache von besonderer Art. So mögen die 
Römer die Einstellung der ersten verfolgten 
Christen gefühlt haben; deren Verzicht auf Rache 
trieb sie dazu, sie noch tiefer zu demütigen, ja trieb 
sie zu Orgien des Hasses. Sie fühlten die ganze un- 
bewußte Überhebung, die in jenem Verzicht lag, 
ahnten, daß es sich um eine neue, besondere Art der 
Rache handelte, gegen die es keinen Schutz gibt, und 
sie gerieten in Wut. 1 Die ungeheuere Gewissensangst 

1) Die analytische Betrachtungsweise vermag hier die psycholo- 
gische Erklärung, die Nietzsche der Entstehung der Ressenti- 

— 120 — 



der Römer ist eines der wichtigsten unbewußten Mo- 
tive der Christenverfolgungen. Diese Angst hatte Recht : 
Rom ist heute christlich, die Stadt des scnatus po- 
pulusque Romanus existiert nicht mehr und jener 
schmächtige und verachtete Rabbi in Galiläa hat eine 
fürchterliche Rache genommen. 

Ich werde an anderer Stelle an Hand eines Neu- 
rosenfalles näher auf dieses befremdende Stück der 
Ichpsychologie eingehen. Hier erübrigt es sich nur 
darauf hinzuweisen, daß dieser besondere unbewußte 
Mechanismus keineswegs nur im Seelenleben der Neu- 
rotiker nachzuweisen ist. Er' findet sich in Andeutun- 
gen seiner Wirksamkeit auch bei Menschen, die man 
als seelisch gesund bezeichnen würde. Der Mann, 
welcher auf seinen Schneider, dem er Geld schuldet, 
wütend ist, steht ebenso unter seiner Wirksamkeit wie 
der Schüler, der sich überraschend schnell von seinem 
Lehrer, dem er soviel verdankt, lossagt und sich gegen 
ihn kehrt. Dieser Mechanismus der sadistischen Aggres- 
sion aus dem unbewußten Schuldgefühl beherrscht so- 
wohl den trotzigen Verbrecher als auch jene Kinder, 
die eine Art demonstrativen Schlimmseins produzieren. 1 
Die Frau, die ein zu teures Kleid gekauft hat, ist, nach 
Hause zurückgekehrt, besonders geneigt, dem Ehemann 
Vorwürfe zu machen, daß er Asche auf die Tischdecke 
gestreut hat. Der Ehemann, der von einem kleinen 
außerehelichen Abenteuer kommt, macht es seiner Frau 
unbewußt zum Vorwurf, daß er sich ihr gegenüber 

mentgefühle gegeben hat, durdi die Mechanismen der Objekt- 
introjektion zu vertiefen. 

1) Vgl. mein „Geständniszwang und Strafbedürfnis". 

— 121 — 



schuldig fühlen muß. Er ist der Versuchung besonders 
ausgesetzt, einen Streit oder eine eheliche Szene 
zu provozieren, wenn sein unbewußtes Schuldgefühl 
über eine gewisse Grenze hinausgeht. 

Ich wiederhole : was hier dargestellt wurde, bezieht 
sich nur auf einen bestimmten psychologischen Typus, 
auf eine Gruppe von Menschen, deren Anzahl sich aller- 
dings unter dem Einflüsse unserer Kulturbedingungen 
immer mehr steigert. Die analytische Untersuchung 
dieser Fälle führt also zu dem Ergebnis, daß die Ver- 
treter dieses Typus dem Mitmenschen die Kränkung, 
die sie ihm angetan haben, nicht verzeihen 
können und das von ihnen beleidigte oder g e- 
schädigte Objekt umso tiefer hassen, je weni- 
ger dieses Anstalten trifft, sich zu rächen. Die Quint- 
essenz der beobachteten psychischen Tatbestände für 
diesen Typ kann in zwei Formeln zusammengefaßt 
werden : Rache an sich selbst für die dem Anderen 
nicht zugefügte Kränkung und Rache an dem Ande- 
ren für die diesem angetane Kränkung. Diese Perso- 
nen verzeihen sich selbst nicht, was sie dem Andern 
nicht angetan haben, und sie verzeihen dem Anderen 
nicht, was sie ihm angetan haben. 1 

l) Frauen benehmen sich häufig; in dieser nur scheinbar unlogischen 
Art. — Eine Patientin kam mißgelaunt in die Analysestunde und 
erklärte, sie sei zornig auf mich: «ü is, as if you have given me 
grounds to feel guilty against you. u Dieselbe Patientin erwartet, daß 
die Anderen mit ihr besonders nett sein sollen, wenn sie sie 
schlecht und brutal behandelt. Ihre Forderung besteht psycholo- 
gisch zu Recht. Es ist, als wolle sie sagen: „Wie unglücklich muß 
ich sein, um mich so schlecht zu benehmen". Über die Aggression 
aus unbewußtem Schuldgefühl vgl. „Geständniszwang und Straf - 
bedürfnis". 

— 122 — 




Aus dem Vorhergehenden ist auch ersichtlich, wie 
geringe psychische Bedeutung der von außen kommen- 
den Verzeihung gegenüber der Kritik und Härte des 
Über-Ichs bei diesen Personen zukommt. Es geschieht 
häufig, daß die äußere Verzeihung nur bewußt akzep- 
tiert wird und das Uber-Ich das Ich umso unerbitt- 
licher und erbarmungsloser der Zerstörung zutreibt. Die 
Religionen kennen Analogien zu dieser seelischen Er- 
scheinung und die katholische Kirche beschreibt 
sie in dem schwierigen Kapitel, das sie Skrupu- 
losität nennt. Der Sünder fühlt sich z. B. durch 
die Beichte nicht entsühnt, sondern erst recht 
schuldig, ja unentschuldbar. Der Katholizismus erwartet 
dann von der Gratia, der Gnade, die Erlösung des 
gepeinigten Poenitenten, die Auflockerung jenes 
trotzigen Schuldgefühles, das sich gegen das Ich 
wendet und in ihm das Objekt zugleich richten und 
zugrunderichten will. 

Die Verzeihung kann als ein Versuch bewußter Rück- 
gängigmachung, gefühlsmäßiger Dementierung einer 
Tatsache bezeichnet werden, bei der das Wesentliche 
der durch sie erregten Affekte unbewußt bestehen 
bleibt. Ihr Charakter als Reaktionsbildung schließt 
solches Weiterbestehen der ursprünglichen Tendenzen 
nicht aus, sondern eher ein. Man hat gesagt, es sei 
unmenschlich und unnatürlich, die andere Wange zum 
Geschlagenwerden hinzuhalten, wenn man auf die eine 
geschlagen wurde. Aber man hat nicht bedacht, daß es 
sich bei dieser christlichen Lehre um eine Reaktion auf 
die unbewußte Tendenz handelt, demjenigen, der uns 
auf die eine Wange schlug, den Schlag auf beide 

- 123 — 



Wangen zu erwidern : die Demut also als Reaktion auf 
eine besondere Wut und Rachgier. 1 

v 

Ist so Verzeihung nur als Reaktionsbildung des Be- 
wußten anzuerkennen, so ist doch jene mildere Beur- 
teilung der Menschen, ihrer Willensrichtungen und 
Handlungen wohl möglich. Als die wichtigste Voraus- 
setzung solcher Einstellung erscheint die Herabsetzung 
der Idealforderungen. Wer zu hohe Forderungen dieser 
Art stellt, ist gezwungen, grausam und rachgierig zu 
werden. Die großen Reformatoren und Ethiker wurden, 
sobald sie zur Macht über die Menschen gelangten, 
blutrünstig, weil sie zu hohe Erwartungen an die 
Menschen stellten. Robespierre glaubte unerschütter- 
lich an die Tugend der Menschen. Er mußte deshalb 
einige tausend Franzosenköpfe abschneiden lassen. Ein 
geringes Vertrauen in die Möglichkeiten der menschlichen 
Vervollkommnung ist eine der wesentlichsten Vorbe- 
dingungen der Menschenliebe und der Toleranz.* Noch 



1) Es wird noch in der Analyse dieser Reaktionsbildung klar, 
daß die Verdrängung der aggressiven Tendenzen zu ihrer Inten- 
sivierung führt. Ich stelle zwei Beispiele der entgegengesetzten, 
hier geschilderten Reaktionen zum Vergleiche nebeneinander : Die 
Patientin X weigert sich, mir die Hand zu reichen, und erklärt, 
sie sei böse mit mir, weil sie heute Nadit onanieren mußte. (Tabu 
der Hand.) Der Patient Y, der sich nicht dazu bringen kann, zeit- 
lich in der Früh aufzustehen, wird wütend auf sich selbst und 
läßt sich vom Bett auf den Boden fallen, wobei er sich erheblich 
verletzt. 

2) „Ich hab' immer das Schlediteste von den Menschen ge- 
glaubt, besonders von mir selbst, und ich hab' mich noch selten 
geirrt." (N e stroy.) 

-- 124 — 



seltsamer mag es klingen, daß auch die Toleranz gegen 
das Ich zu den Voraussetzungen für eine milde und 
gerechtfertigte Beurteilung des Nächsten gehört. Man 
muß sich selbst verzeihen können, um Anderen zu ver- 
zeihen. Wer zu strenge gegen sich ist, wird nach- 
tragend und rachsüchtig gegen die Anderen sein, was 
zwar im Gegensatz zur Lesebuchmoral steht, dafür aber 
den Vorzug psychologischer Wahrheit besitzt. 1 

Ich komme hier wieder zu jenem Ausspruche „Alles 
verstehen heißt Alles verzeihen" zurück. Er enthält in der 
Forderung des ersten Teiles eine ungeheuerliche Arro- 
ganz und in der später ausgeführten Gleichsetzung einen 
nicht minder ungeheuerlichen psychologischen Irrtum. 
Es ist uns Eintagswesen eines kleinen, erkaltenden Pla- 
neten nicht gegeben, alles zu verstehen und, könnten 
wir alles verstehen, wäre es ebenso sinnlos, Rache zu 
nehmen als zu verzeihen, weil dann jede Gemüts- 
bewegung und jede Handlung sinnlos wäre. Daß wir 
lieben und hasgfcn, daß wir immer strebend uns be- 
mühen, ist ja selbst das Ergebnis einer Illusion 
(„L'illusion c'esl tout"). Noch die Wissenschaft ist nur 



1) Damit ist kein Gegensatz aufgestellt zur Bemerkung Freuds, 
daß, wer die Aggression gegen die Außenwelt einschränkt, stren- 
ger gegen das Ich wird (Ges. Schriften, Bd. VI), sondern eher 
eine Ergänzung dieses Satzes. Wenn diese Strenge nämlich über- 
groß geworden ist, macht das Ich einen Versuch der Rettung, in- 
dem es zur Rückwendung der Aggression gegen die Außenwelt 
kommt. Wie immer sieht sich die analytische Forschung auch hier 
zuletzt vor ein Problem der Triebquantitäten gestellt. Ich glaube 
andern Ortes gezeigt zu haben, daß das Sichselbstverzeihen, die 
Toleranz gegen das Ich die Voraussetzung dafür bildet, daß wir 
einiges in uns selbst und in Anderen verstehen. („Wie man 
Psychologe wird." Internat. PsA. Verlag, Wien 1927.) 

— 125 — 



eine kleine und schwache Erhellung der uns ein- 
schließenden tiefen Dunkelheit und wir, die wir uns stolz 
Forscher nennen, sind einigen verwegenen Maulwürfen 
zu vergleichen, die minutenlange aus ihren Gräben 
aufgetaucht sind, mit schmerzenden Äuglein in die 
Welt blinzeln und sich nun einbilden, sie könnten 
ihren Mitmaulwürfen eine umfassende Vorstellung von 
der Erde geben. Auch die Forderung im zweiten Teile 
jenes Satzes ist, genau genommen, hochmütig. Welches 
Recht haben wir, vergängliche und erbärmliche Ein- 
tagswesen, einander zu verzeihen ? Die Duldsamkeit 
von aneinander geketteten Galeerensträflingen ist kein 
Verdienst und kann nicht mit großem ethischen Aplomb 
gefordert werden. 

Im Übrigen wird man sich erinnern, daß der prak- 
tische Wert solcher Maximen wie der der Mme. de 
Stael ebenso gering ist wie der anderer moralischer 
Sätze. Auch die Mahnung zur Toleranz, zum Einan- 
derverzeihen hat gegenüber der unabänderlichen mensch- 
lichen psychophysischen Konstitution wenig Aussicht 
auf Erfolg. Christus nannte sich sanftmütig und pries 
selig die Friedfertigen. Seine Lehre hat der Welt für 
immer den Frieden gegeben. Seither gibt es in Europa 
kein Stückchen Erde, das nicht mit dem Blute ermor- 
deter Menschen getränkt wäre. 



— 126 — 



Erfolg und unbewußte Gewissensangst 

Zur analytischen Schicksalsforschung 

i 

Die Psychoanalyse, die sich in ihren Anfängen aus- 
schließlich mit der Ätiologie und Therapie der Neu- 
rosen beschäftigte, war bald gezwungen, ihre Aufmerksam- 
keit von den einzelnen Symptomen der Kranken auf 
andersartige Inhalte zu richten. In Wirklichkeit kam 
ein überraschend großer Teil des Lebens der Kranken, 
ihre ganze seelische Entwicklung, das Wesentliche ihrer 
psychischen Biographie zur Sprache — zu einer Sprache, 
die nicht nur auf das unzulängliche Hilfsmittel der be- 
wußten Wortvorstellung allein angewiesen war. Die 
Krankheit erwies sich als ein Stück des Schicksals 
der Person ; wichtig genug, da sich das Interesse des 
Patienten, des Leidenden, darauf konzentrierte und 
durch sie Arbeits- und Genußmöglichkeiten empfind- 
lich eingeschränkt wurden. So wichtig nicht, als sie 
ihm, dem Leidenden, in ihrer Isolierung schien, weil 
sie das Resultat komplizierter, lange vorhergehender, 
psychischer Prozesse darstellte. Das seelisch Wirksame 
und Wesentliche lag vor der Krankheit. Die Krank- 

— 127 — 



heit, ihre Ätiologie, ihr Verlauf und ihre Prognose, 
ihre Triebgrundlagen und Triebziele waren dasjenige 
Stück Schicksal, das sich zunächst dem Analytiker am 
auffalligsten und lärmendsten darbot und seine ange- 
spannte Aufmerksamkeit auf sich zog. Es blieb nicht 
das einzige. Die wirklich entscheidenden Ereignisse im 
Leben des Einzelnen (sowie im Leben der Völker) 
sind meistens wenig auffallig und wenig lärmend. Es 
sind die stillsten Stunden, nicht die lautesten, die über 
unser Schicksal bestimmen. 

Wie mir scheint, hat Freud die Wissenschaft näher 
(am nächsten seit einem Menschenalter) zum Verständ- 
nis dieses dunklen Begriffes des Schicksals geführt. Er 
ist von jener Aufstellung, derzufolge Anlage und Er- 
leben, Disposition und akzidentelle Ursachen ein ein- 
ander ergänzendes Ganzes bilden, ausgegangen und 
immer wieder zu ihr zurückgekehrt. Die Zurückfüh- 
rung individueller Konstellationen auf die psycho- 
sexuelle Konstitution und auf die Erlebnisse verschüt- 
teter Kinderjahre, die Berücksichtigung der Triebanlage 
und der Libidoentwicklung, der Einllüsse der Familie 
und der Erziehung, die Beobachtung des Miteinander 
und Gegeneinander von Triebansprüchen und Anfor- 
derungen der Umwelt lassen die Psychoanalyse als 
einen der wesentlichen Wege zu Aufschlüssen über die 
individuelle Schicksalsgestaltung erkennen. 

Es ist gewiß unrichtig, jenen emphatischen Satz 
Schillers, daß in unserer Brust unseres Schicksals 
Sterne sind, in seinem Geltungsbereiche zu überdeh- 
nen. (Zumindestens leuchten und verlöschen sie anders- 
wo etwa bei einem Krüppel oder einem syphilitisch 

- 128 — 






geborenen Kinde.) Die Konstitutions- und Erbschafts- 
forschung, die Beachtung biologischer Momente, der 
einspielenden sozialen und ökonomischen Faktoren zei- 
gen, wie wenig eine solche rein psychologische Auffas- 
sung der Kompliziertheit des Sachverhaltes Rechnung 
trägt. Aber die Analyse hat in ihrer Untersuchung des 
menschlichen Trieblebens und der unbewußten Pro- 
zesse klargestellt, in wie tiefem Ausmaße seelische 
Vorgänge das Schicksal des Einzelnen bestimmen. Sie 
ist geeignet, in dem Kräftespiel aller jener exogenen 
und endogenen Faktoren, deren Resultat das mensch- 
liche Schicksal darstellt, einige der wichtigsten, bisher 
nicht gewürdigten Determinanten aufzuzeigen und in 
ihren Wirkungen darzustellen. Sie ist bestimmt, einen 
der wesentlichsten Beiträge zu jener Aufgabe der For- 
schung zu liefern, die man Schicksalsforschung nennen 
muß. Dies ist die Stelle, wo sie sich dem Bestreben 
einfügt, die Gesetze des Geschehens zu rinden, und 
die Beziehungen, die zwischen allen einzelnen Gesche- 
hen bestehen, aufzudecken. Geben andere Disziplinen 
Aufschlüsse über die verschiedenartigen bestimmenden 
exogenen Momente, wie Klima, Landschaft, Rasse usw., 
so gibt die Psychoanalyse bisher ungesehene, bisher 
unausgeschöpfte Möglichkeiten zur Hand, psychische 
Determinanten unbewußter Art in ihren Tiefenwir- 
kungen wissenschaftlich zu erfassen und zu würdigen. 
Was bisher gesagt wurde, beansprucht nicht, einen 
neuen Aspekt für den Psychoanalytiker zu eröffnen, 
sondern eine bisher nicht bezeichnete Aufgabe der 
Forschung zu formulieren. Es muß sogleich hinzugefugt 
werden, daß vielfache, unsystematische Ansätze zu 



Reik, Schrecken J29 



einer solchen analytischen Schicksalsforschung bereits 
vorliegen. Ohne Absichten der hier bezeichneten Art 
zu verfolgen, bilden verschiedene analytische Publika- 
tionen gleichsam Brücken zu diesem neuen Gebiet der 
Forschung: ausführliche Krankengeschichten, die analy- 
tischen Biographien großer Persönlichkeiten, mannig- 
faltige Versuche zur Charakterologie. Es ist nicht 
schwer zu zeigen, in welcher Richtung sich diese Bei- 
träge von den hier gemeinten unterscheiden und wie 
weit sie doch in dieselbe Richtung gehen. 

Die wesentlichsten Gesichtspunkte einer analytischen 
Schicksalsforschung müßten von dieser Art sein : geeig- 
net, die entscheidende (mitentscheidende) Bedeutung 
unbewußter Faktoren im Leben des Einzelnen zu zei- 
gen, soweit sie Krankheit und Gesundheit, Erfolg und 
Versagen, Liebeswahl und Lebensgestaltung, den Auf- 
stieg und den Verfall usw. bestimmen. Die Rolle des 
Zufalls, den man nicht unrichtig das „inkognito rei- 
sende Schicksal" genannt hat, würde bei solcher analy- 
tischer Betrachtungsweise der einzelnen Erlebnisse, 
ihrer Verknüpfung untereinander und ihres Gesamtab- 
laufes noch mehr eingeschränkt erscheinen. (Einge- 
schränkt, doch nicht ausgeschlossen.) Der Kulturmensch- 
heit des Westens, gewöhnt, nur die Tatsachen der 
äußeren Realität anzuerkennen, würde durch die analy- 
tische Schicksalsforschung mit sanftem, doch steigendem 
Zwange nahegelegt werden, die verborgene, aber ent- 
scheidende Realität der seelischen Dynamik zu erken- 
nen und anzuerkennen. Diese Art, das Ejnzelschicksal 
und das Schicksal vieler Einzelner zu sehen, ist so 
wenig wie irgend eine andere, bis zum heutigen Tag 

— 130 — 



bekannte geeignet, eine Antwort auf die vergebliche 
Frage nach dem Sinn des Lebens zu geben, aber sie 
ist vielleicht geeignet, das streng Gesetzmäßige (viel- 
leicht sinnlos Gesetzmäßige) im Erleben weitgehend zu 
zeigen. Die Vorbildlichkeit des psychosexuellen Lebens 
für die übrige Daseinsgestaltung würde auch außerhalb 
des pathologischen Rahmens unter diesen Gesichts- 
punkten unzweideutig zutage treten. 

Gewiß wird auch eine solche analytische Schicksals- 
forschung Teil haben an der Unvollkommenheit, Un- 
zulänglichkeit, Lückenhaftigkeit aller menschlichen Er- 
kenntnis. Auch sie wird nur eine winzige Grenzver- 
schiebung zugunsten des Erkennbaren bezeichnen, ein 
schwaches und oft schwankendes Licht auf einen Streifen 
des Dunkels, das uns umgibt, werfen. Es wäre falsche 
Scham, solche Beschränkung der wissenschaftlichen 
Arbeit scheu verbergen zu wollen. Die Forschung hat 
keine Schrecken des Erkennens. Sie hat auch keinen 
horror vacui. 

11 

Es ergeben sich hier Aufgaben für eine Generation 
von Psychologen, für Je grand psychologue de demain". 

Einer der fesselndsten Gegenstände solcher analyti- 
schen Schicksalsforschung wird die Frage von Erfolg 
und Versagen sein. Freud hat, auch hier als 
erster, als Prodromos der künftigen Forschung, ein 
Stück des Problems gezeigt; nur einen bestimmten 
Ausschnitt, aber vielleicht den wesentlichen. Er hat 
später die psychologische Bedeutung gerade dieser Art 
der seelischen Forschung nicht betont, doch hat er ge- 

— 131 — 9 * 



zeigt, daß das Scheitern am Erfolg, das für jene von 
ihm beschriebenen Fälle typisch ist, aus der unter- 
irdischen Wirksamkeit von Gewissensmächten erklärbar 
wird. Man kann analytisch nachweisen, daß diese 
Wirksamkeit primär dem Ödipuskomplex entstammt. 
Es ist, als wäre jeder spätere Erfolg im Leben durch 
geheime Fäden mit dem, den wir in unserer Kindheit als 
den wichtigsten anstrebten, verknüpft. Als bedeute er un- 
bewußt, möge er sich noch so weit von diesem seinem 
Ursprungsorte entfernt haben, die Erreichung jener früh 
verpönten Wünsche. Die Gewissensreaktion erhält von 
dort aus ihre Stärke und Nachhaltigkeit. Der Erfolg 
wird aufgegeben in dem Augenblick, da er erlangt 
wird. 

Die Aufmerksamkeit sei hier auf einen anderen charak- 
terologischen Typus gelenkt, der vorerst wie eine Spielart 
des von Freud analytisch dargestellten erscheint. 
Scheitert dieser am erreichten Erfolg, so gestattet sich 
der hier darzustellende Typus niemals — oder nur 
unter bestimmten inneren Bedingungen — die Erlan- 
gung des Erfolges. Es handelt sich um eine große An- 
zahl von Personen, die zwischen der Aufstellung eines 
Zieles und seiner Erreichung unbewußt immer wieder 
neue Hindernisse einzuschieben wissen und so nie oder 
zu spät die Erfüllung ihrer Wünsche erleben. Das 
Schicksalsmäßige eines solchen Lebenslaufes erscheint 
freilich in klarstem Licht in allen jenen Fällen, in denen 
das Ziel fast erreicht wird und sich plötzlich ein uner- 
wartetes, scheinbar rein äußeres Hindernis ergibt, das 
nicht bewältigt werden kann. In der Analyse erkennt 
man dann oft, daß diese Personen selbst als unsichtbare 

- 132 — 



Regisseure jenes unerwartete Hindernis arrangiert oder 
zumindestens seine Existenz mit außerordentlicher unbe- 
wußter Geschicklichkeit benützt haben. Sie sind gleich- 
sam besonders begabte Stage-managers in diesem schick- 
salhaften Spiel, dem sie scheinbar nur als Zuschauer 
beiwohnen. Immer wieder erhält man den Eindruck 
aus der Analyse solcher Personen, daß ein großer Auf- 
wand vertan ist gerade in dem Augenblick, da er seine 
Rechtfertigung erhalten soll. Es kann nicht geleugnet 
werden, daß in diesen Fällen Erfolg und Versagen nicht 
nur von der Wirkung unbewußter Faktoren abhängen. 
Oft genug sind es wirklich äußere Momente, Umstände 
der materiellen Realität, welche in ein solches tragi- 
sches, öfter tragikomisches Schicksal einspielen. Aber 
manchmal wird es ganz deutlich, daß diese unter ihrem 
Schicksal leidenden Menschen sich so benehmen wie 
ein boshafter Demiurg, — man mag ihn auch Gott 
nennen, — der in kunstreicher und sorgfältig kon- 
struierter Art solche Schicksalswendungen produziert, 
ohne daß sie sich der Nachahmung eines so erhabenen 
Beispieles bewußt wären. Jeder Analytiker kennt eine 
große Reihe jener Fälle, in denen sich bei jeder An- 
näherung an den Erfolg unversehens Hindernisse auf- 
türmen. Der andere bedeutsame Fall ist der, daß der 
gewünschte Erfolg zwar erreicht wird, aber jede Be- 
friedigung an ihm ausbleibt. Ich kenne den Fall eines 
sehr intelligenten Mannes, eines Künstlers, in dessen 
Leben eine typische Situation wiederkehrt. Er ist von 
einem starken Drang nach Lebensgenuß beseelt, ja oft 
besessen und gibt ihm nur selten nach. Er schiebt die 
Befriedigung seiner Wünsche immer wieder auf, bis er 

— 133 — 



dieses oder jenes Ziel erreicht haben würde. Wird aber 
das Ziel dann erreicht, erscheint es ihm nicht mehr 
ausreichend, und die Befriedigung seiner Wünsche wird 
wieder aufgeschoben. In den Pausen seiner Arbeit hat 
er lebhafte Tagträume, wie er das Leben genießen 
werde, wenn er erst dieses oder jenes Werk fertig- 
gestellt haben werde. Diese Phantasien bilden seinen 
besten Trost gegenüber den starken Depressionen, 
denen er im Widerwillen gegen die Arbeit und im 
Ringen mit dem spröden Material leicht verfallt. Ist das 
Werk vollendet und wird es von ihm kritisch überprüft, 
so erscheint es ihm an dem, was ihm vorschwebte, ge- 
messen, nicht mehr geglückt, voller Fehler und Mängel ; 
es scheint nun seinen Ansprüchen nicht mehr gewach- 
sen. Ein neuer Plan ist aufgetaucht, bis nach dessen 
Ausfuhrung er die Erfüllung seiner Wünsche auf- 
schieben muß. Er sagt sich immer vor: „Ich werde 
nach Kairo oder an die Riviera fahren, mit schönen 
Frauen verkehren und werde mich meines Lebens end- 
lich freuen, wenn ich diese verfluchte Arbeit einmal 
beendigt haben werde." In diesem Kreislauf gelangt 
er nie zu dem ersehnten Genuß. Man erhält eine 
Ahnung davon, was jener sich steigernde, nie erfüllte 
Wunsch bedeutet, wenn man etwa in der Biographie 
Giovanni Segantinis einige Züge analytisch be- 
trachtet. Arco war die Geburtsstätte des Malers ; er 
verbrachte dort die ersten fünf Jahre seiner sorglosen 
Kindheit. Da starb die Mutter und der kleine Junge 
mußte die Heimat verlassen. Er hat sie nicht mehr 
wiedergesehen. Der Wunsch, wieder nach Arco zu 
gehen, stieg immer wieder in ihm auf, wenn er cin- 

— 134 — 



sam in den Bergen des Engadin saß und malte. Es war 
einer seiner drängendsten Wünsche während seiner 
Arbeit. Immer wollte er die geliebte Stadt wiedersehen 
und setzte zuletzt als Datum für diese Reise die Zeit 
fest, da er sein großes Triptychon der Alpenwelt voll- 
endet haben würde. Nach Erreichung dieses Zieles 
wollte er „zur Belohnung", wie er schrieb, jenen lang- 
gehegten Wunsch erfüllen. Er starb einige Wochen vor 
der Erreichung des Zieles. 1 In einem von mir beob- 
achteten Falle verband sich der Aufschub der Wunsch- 
erfüllung mit einem deutlichen analen Moment. Es 
handelte sich um einen Geschäftsmann, der immer 
wieder Pläne machte, sich von seiner Arbeit zurückzu- 
ziehen, um procul negotiis das mühsam Ersparte in ange- 
nehmer und ungezwungener Art zu genießen. Der er- 
sehnte Zeitpunkt wurde aber immer wieder hinaus- 
geschoben, da ihm die verfügbaren Geldmittel stets zu 
gering erschienen, um ein bequemes und sorgenfreies 
Leben zu gewährleisten (obwohl sie — objektiv ge- 
nommen — längst ausreichend waren). Immer wieder, 
sobald er genügend vorgesorgt zu haben glaubt, sieht 
er, daß er zur Deckung seiner Bedürfhisse zu wenig 
besitzt. Er ist gleichsam ein Tantalus im Kleide eines 
Industriellen. 

Die Analyse solcher Fälle läßt keinen Zweifel dar- 
über, daß es eine unbewußte geheime Angst ist, welche 
diese Personen um die Früchte ihrer Arbeit bringt, den 



1) Merkwürdigerweise übersah Dr. K. Abraham diesen bedeut- 
samen Zug in seiner schönen Studie „Giovanni Segantini" (2. Aufl. 
1925), in der mit Recht soviel Gewicht auf die Beziehung des 
Künstlers zu seiner frühverstorbenen Mutter gelegt wird. 



135 — 






Aufschub der Befriedigung erzwingt und sie von der 
Erfüllung ihrer Wünsche abhält. Was wie eine ge- 
steigerte und strenge Forderung der Realität erscheint, 
ist in Wirklichkeit ein geheimes Verbot des Über-Ichs, 
das seine Rationalisierung gefunden hat. Dem Analytiker 
kann es nicht schwerfallen, die Analogie zu diesem 
eigenartigen Verhalten in der Symptomatologie der 
Zwangsneurose zu entdecken. Was sich dort an den 
einzelnen Zwangszügen in pathologischer Verzerrung 
und Vergröberung zeigt, ist hier verallgemeinert, ver- 
schoben und in einer der Realität näheren Form in der 
Lebensgestaltung, im Schicksal dieser Personen aufzeig- 
bar. Dort wird auf eine Triebbefriedigung aus ge- 
heimnisvollen oder undurchsichtigen Gründen verzichtet 
oder sie wird nur nach Erfüllung bestimmter, sehr 
komplizierter und ausgedehnter Schutz- oder Sicher- 
heitsmaßregeln erlaubt. Im Verlaufe der Krankheit 
werden sich die Bedingungen, die zu erfüllen sind, ver- 
vielfältigen, komplizierter werden, schwerer und drücken- 
der auf dem Ich lasten. Der Befriedigung der Trieb- 
regungen werden immer umständlichere Hindernisse in 
den Weg gesetzt; sie wird immer schwerer möglich 
und hinausgeschoben, bis alle jene Bedingungen auf 
das genaueste und bis in jedes Detail erfüllt werden. 
Ihre oft zeitraubende und pedantische Einhaltung wird 
langsam das ganze Leben oder dessen besten Teil aus- 
füllen. Ein zweiter Zug der zwangsneurotischen Symptom- 
bildung, wie ihn die Analyse beobachtet, drängt sich 
hier zum Vergleiche auf. Handelte es sich in der Psycho- 
genese der Zwangskrankheit zuerst und vor allem um 
eine bestimmte, zum Beispiel sexuelle Triebbefriedigung, 

— 136 — 



so wird allmählich das Netz, das der Zwang auswirft, 
immer weiter gespannt. Jeder Genuß wird nun auf- 
geschoben, als sei er der Repräsentant jener verbotenen, 
libidinösen Befriedigung. Den Aufschub der Trieb- 
befriedigung, bis alle Schutzmaßregeln erfüllt sind, oder 
ihr Unterbleiben kraft eines inneren Verbotes treffen 
wir in fast allen Fällen der Zwangsneurose. Einer meiner 
Patienten, der an Waschzwang litt, hatte ein außer- 
ordentlich kompliziertes Zeremoniell zu befolgen, ehe 
er sich erlauben durfte, etwa ein Theater zu besuchen. 
Dem lebhaften Drang nach diesem Vergnügen stellten 
sich immer wieder neue, aus dem System des Wasch- 
zwanges stammende Bedingungen entgegen, bis endlich 
der Besuch des Theaters aufgegeben werden mußte. 
Ehe alle Zwangshandlungen, die das Gebot des Infek- 
tionsschutzes vorschrieb, ausgeführt waren, war die be- 
treffende Vorstellung längst vorbei. In diesem wie in 
einer Fülle anderer Fälle war es ersichtlich, daß ein an 
sich harmloses Vergnügen psychisch so behandelt wurde, 
als sei es ein gefährliches Unternehmen, das man nur 
nach Durchführung bestimmter Sicherheitsmaßnahmen 
wagen durfte. Der Aufschub sowie die Bedingungen, 
die ihn bewirken, erklären sich aus der Abwehr einer 
unbewußten Angst, die mit der Triebbefriedigung ver- 
bunden ist, ihr ursprünglich folgt. 

Die Analyse der hier gekennzeichneten Fälle kann 
durchaus aus der Analogie mit der psychischen Dynamik 
dieser Zwangssymptome verstanden werden. Es ist eine 
geheime Angst wirksam, die sich der Erfüllung gerade 
der stärksten Wünsche entgegenstellt. Es bedarf keines 
besonderen Scharfsinnes des Analytikers, um zu der 

— 137 — 



Folgerung zu gelangen, die sich aus dem psychischen 
Effekt auf die wirksamen Motive ergibt. Hat der Auf- 
schub den Sinn und den Erfolg der Abwehr, so wird 
es klar, daß mit der Erreichung des Triebzieles, be- 
ziehungsweise mit der Erfüllung jener Wünsche eine 
Situation gegeben ist, gegen die sich das Ich aus dunklen 
Gründen sträubt. Es erscheint demnach eine Situation, 
die zugleich gewünscht und gefürchtet wird ; gewünscht 
von Seiten des Trieb-Ichs, gefürchtet von Seiten des 
Ichs. Jene Angst galt ursprünglich der Kastration, wurde 
zur Todesangst und hat sich in der Form der unbe- 
wußten Gewissensangst fortgesetzt. Sie ist undeutlicher, 
dumpfer geworden, hat sich dem Bewußtsein entzogen, 
ist darum aber um nichts weniger mächtig. Sie mag 
sich bei Annäherung an das gewünschte Triebziel in 
unklarem Unbehagen äußern, gänzlich schweigen oder 
sich hinter reaktiv gesteigertem Selbstbewußtsein ver- 
bergen, die Angst ist da und um so stärker, je weniger 
ihr der Weg zum Bewußtsein offensteht. Die dunkle 
Strafe, die droht, geht nun von unkontrollierbaren 
Mächten aus, wird vom Schicksal oder von Gott nahend 
gefürchtet. Je näher man dem Ziele kommt, um so 
stärker werden die inneren Stimmen, die seine Erreichung 
verzögern oder verbieten ; desto stärker scheinen sich 
in den nüchternen Alltag Gewalten zu drängen, die 
wir längst überwunden zu haben glaubten. In die Welt 
der elektrischen Bogenlampen, der Automobile, der 
Dynamomaschinen und des Radios tastet hier eine Macht 
vor, die aus Urvätertagen kommt und zwingender wirkt 
als aller technischer Auftrieb und aller sogenannter 
Fortschritt einer Zivilisation, die sich von Gott befreit 

— 138 — 




zu haben glaubt, während sie nur von ihm verlassen 
ist. An jener Wand erscheint gespenstisch neben den 
elektrisch beleuchteten Reklameankündigungen, neuesten 
Nachrichten über Trustbildungen, Börsenkursen, Variete- 
anzeigen ein Menetekel, von einer unsichtbaren und 
starken Hand geschrieben. 

Die Psychoanalyse gelangt in ihrer Zurückführung 
der psychischen Prozesse bei dem geschilderten Typus 
immer wieder über manche Zwischenstationen zu der- 
selben Situation der Kinderzeit, die wie die Keimzelle 
jener späteren, eigenartigen Einstellung erscheint. Eine 
Triebregung war aufgetaucht, hatte gebieterisch Befrie- 
digung gefordert und war in Konflikt mit den Forde- 
rungen der Außenwelt gekommen. Sie war nur zu be- 
friedigen, wenn jenes Hindernis der Außenwelt entfernt 
war — hier erhob sich die erste Bedingung, gegen 
die sich das Ich aus bestimmten Gründen sträubte. Das 
einfachste und sicherlich das primäre Beispiel einer sol- 
chen psychischen Situation ist durch den Konflikt des 
kindlichen Sexualstrebens und des von außen kommen- 
den Verbotes gegeben. Der Knabe, der seiner sexuellen 
Regung folgen will, muß in seinen Phantasien auf die 
Vorstellung des verbietenden und bewunderten Vaters 
stoßen. Diese hemmende Autorität muß aus dem Wege 
geräumt werden, wenn die Triebbefriedigung erlaubt 
sein soll. Aus der ursprünglichen Angst vor der Ka- 
stration als Strafe für die Verbotsübertretung hat sich 
als Reaktionsbildung gegen verdrängte Todeswünsche 
gegen den Vater die Todesangst für das Ich entwickelt, 
die in ihrer dumpferen, weniger faßbaren Form als 
Gewissensangst erscheint. Wenn die Bedingung sine 

— 139 — 



qua non für die ungehemmte Triebbefriedigung der 
Tod des Vaters ist, so wird sich das Ich bemühen, 
jene starken Wünsche abzuwehren. Der Konflikt zwi- 
schen dem Triebdrängen und den Abwehrkräften ist 
in Permanenz erklärt. Von hier an gibt es keinen 
Frieden, nur mehr kürzere oder längere Waffenstill- 
stände im Ich. Späterhin wird das ursprünglich nur auf 
die sexuellen Konflikte bezogene Schema auf alle Ge- 
nüsse, die unbewußt mit den grobsexuellen verbunden 
sind, verschoben. In der Zwangsneurose kann zum 
Beispiel alles, wovon sich das Ich Genuß ver- 
spricht, in unbewußte Gedankenverbindung mit dem 
Tode des Vaters oder einer Ersatzperson treten und 
diese Verknüpfung kann zum seelischen Motiv werden, 
den Genuß zu hindern. Man kann es am besten so 
ausdrücken, daß man den Genuß als Vertretung des 
Verbotenen, jeden Erfolg als Repräsentanten der er- 
sehnten und gefürchteten Überwindung des Vaters be- 
zeichnet. Von hier aus eröffnet sich der Weg zum 
ersten Verständnis jener eigenartigen Einstellung zu 
Genuß und Erfolg, der uns hier beschäftigt. Die Todes- 
angst ist jetzt unbewußt der Triebbefriedigung vorge- 
lagert wie sie ihr früher gefolgt war. 1 Sie wirft ihren 

1) In zwei Fällen war- dieser seelische Zusammenhang besonders klar. 
Es handelt sich in beiden Fällen um den Wunsch, eine bestimmte 
Stadt zu sehen, und die betreffenden Personen waren von einer 
unbestimmten Angst erfüllt, daß etwas geschehen würde, wenn sie 
sich diesen Wunsch erfüllten. (In dem einen Falle : daß man selbst 
sterben würde.) In dem einen Falle spielte eine alte Prophezeiung 
mit, der mein Analysand jenen Sinn gegeben hatte ; im zweiten berief 
sich die Person auf das Wort: „Neapel sehen und dann sterben", das 
vielleicht seine Existenz selbst einem solchen Aberglauben verdankt. 
Die psychologische Verwandtschaft solcher Ahnungen und Befürch- 

— 140 — 






Schatten jetzt in das lichte Bild der Erfüllung. Wenn 
zum Beispiel der onanistischen Betätigung der Puber- 
tätszeit schwere Bußmaßregeln und Sühnepraktiken 
folgten, so wird später die psychische Reihenfolge um- 
gekehrt. Die Durchführung immer ausgedehnterer und 
komplizierterer Schutzmaßregeln soll die Angst bannen 
und erst von ihr hängt es ab, ob die Befriedigung er- 
laubt wird oder nicht. In der Pubertätszeit eines Pa- 
tienten schloß sich an jeden Rückfall in die Onanie ein 
Gelübde, zehn Tage abstinent zu bleiben. Wenn dies 
nicht gelang, sich zum Beispiel eine nächtliche Pollution 
einstellte, so mußte er das Gelübde verdoppeln und 
die Zeit der gestatteten Onanie auf das Doppelte, später 
das Dreifache hinausschieben. In der Folgezeit wurde 
allmählich jedes Vergnügen in den Umkreis dieser 
Verschiebung gezogen : er verbot sich also nach und 
nach Theaterbesuch, Lesen ihn interessierender Bücher, 
anregende Gesellschaft und Gespräche, ja sogar die 
Lektüre der Zeitung, bis er eine gewisse Zeit abstinent 
gewesen war. Dieser ganze Prozeß wurde später durch 
Einschaltung bestimmter Schutzmaßregeln, welche die 



tungen mit Zwangsphänomenen wird klar, wenn man etwa an einen 
Gedanken denkt, der für einen Patienten Freuds zum Ausgangs- 
punkt zahlreicher Grübeleien wurde: „Mehrere Jahre nach dem 
Tode des Vaters drängte sich dem Sohne, als er zum erstenmal 
die Lustempfindung des Koitus erfuhr, die Idee auf: „das ist doch 
großartig; dafür könnte man seinen Vater ermorden" (Freud, 
Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose. Ges. Schriften, 
Bd. VIII, S. 311). Ähnliche Aufklärungen konnte die Analyse in 
einigen Fällen liefern, in denen eine dumpfe Angst vor der Errei- 
chung eines bestimmten Lebensalters bestand. Ein Zwangskranker 
war von der Angst gequält, er würde im 40. Lebensjahre sterben : 
es war das Lebensalter, das der Vater erreicht hatte. 

— 141 — 



Abstinenz sicherstellen sollten, kompliziert. Bestimmte 
kleine Tätigkeiten mußten ausgeführt werden, be- 
stimmten Forderungen besonderer Art mußte entspro- 
chen werden, ehe er sich nur das geringste Vergnügen 
erlauben durfte. Da sich jene abgewehrten Befriedi- 
gungen immer störender in die Ausführung seiner 
Zwangshandlungen eindrängten, vermehrten sich auch 
die Abwehrmaßnahmen und die Befriedigung seiner 
Wünsche mußte immer mehr hinausgeschoben werden. 
Die Umkehrung jener Reihenfolge Triebbefriedigung 
— Schutzmaßregel in Schutzmaßregel — Triebbefriedigung 
ist also der psychologische Ort, von dem aus sich 
primär die von uns beschriebene schicksalhafte Kon- 
stellation verstehen läßt. Dabei wird häufig, je mehr 
die neurotische Situation sich einer sozial angepaßteren 
nähert, die Arbeit oder die Leistung an die Stelle der 
Schutzmaßregel gesetzt. Sie erhält selbst den Charakter 
der Buße, als erfülle sich jener uralte Fluch der Gene- 
siserzählung. Es wird aber der analytischen Betrachtung 
nicht verborgen bleiben, daß, je länger dieser Um- 
wandlungsprozeß andauert, um so umfassender und 
energischer die Arbeit auch den Platz für die verbotene 
Befriedigung eingenommen hat, wie in den Endphasen 
der Zwangsneurose die Triebkomponente den Reak- 
tionscharakter des Symptoms überwältigt. Die Sühne 
wird langsam zur Sünde — könnte man im theologi- 
schen Jargon sagen. 1 

1) Auch in dieser Richtung hat die Kirche einen sicheren, psy- 
chologischen Instinkt bewiesen, indem sie eine übergroße Selbst- 
kasteiung als Sünde bezeichnet und verwirft. Sie weiß aus Erfahrung, 
daß in der Reue noch ein Nachgenießen der bereuten Tat wirkt, 

— 142 — 



In dem hier behandelten Typus kann man nun die 
späte und verallgemeinernde, sozial angepaßtere Wir- 
kung jenes geschilderten psychischen Ablaufes in der 
ganzen Lebensgestaltung, in der Schicksalslinie der 
betreffenden Personen nachweisen. Spät erklingt, was 



und weiß, daß der verzweifelte Versuch, etwas ungeschehen 
machen zu wollen, oft bedeutet, es noch einmal geschehen lassen. 
Die Psychologie des Flagellanten, des Büßers, in der die Sühne 
für die Fleischeslust selbst zur Lust des Fleisches wird, war ihr 
bekannt. Die analoge Erscheinung findet sich in den Endphasen 
der Zwangsneurose, in der schließlich die Krankheit selbst sowie 
die Reaktionsbildungen gegen die abgewehrten Triebregungen als 
Schuld empfunden werden. Ebendort alle jene Phänomene, die ich 
in der Formel : „die Sühne wird zur Sünde" zusammengefaßt habe. 
— Dieser ganze Prozeß ist nicht nur aus der Triebspannung, aus 
der Libidostauung zu verstehen, sondern auch aus der entschie- 
denen Mitwirkung des übergroßen Schuldgefühles, denn die über- 
starke Reue produziert eine Schwermut, deren Endastung nur durch 
das Begehen einer neuen, verpönten Tat möglich ist. Dabei wirkt 
sicher der reaktive Haß gegen denjenigen, der uns mit so starken 
Reuegefühlen belastet hat, mit. Hier fügt sich ein, was über die 
Unterscheidung von auf das Ich bezogenem und endehntem Schuld- 
gefühl gesagt werden muß. Jene Unterscheidung Freuds ist 
theoretisch und praktisch sehr bedeutsam, vermag aber die Tat- 
sache nicht aufzuheben, daß es primär nur endehntes Schuldgefühl 
gibt, daß jedes Schuldgefühl ein endehntes ist. Dies ist nicht nur ge- 
netisch, sondern auch affektdynamisch zu verstehen: noch im 
Schuldgefühl wird ein Anderer beschuldigt, derjenige nämlich, der 
für die Entstehung eines solchen Schuldgefühls verantwortlich ist ; 
noch im unbewußten Schuldgefühl wird das Objekt im Ich ge- 
troffen. Was sich so anklagt, klagt die Anderen, die Eltern, an. 
(»Ihr stoßt ins Leben uns hinein, Ihr laßt den Armen schuldig 
werden.") Mit anderen Worten: das auf das Ich bezogene Schuld- 
gefühl ist eine Differenzierung, die sich aus dem primären, ent- 
lehnten Schuldgefühl ableitet. Nehmen wir an, eine Billardkugel, 
die in menschlicher Art fühlen könnte, stoße hart an eine andere 
am selben Brett. Ist nicht ihr Schuldgefühl wegen der Beschädigung 
der anderen Kugel ein Wahn? Wurde sie nicht selbst gestoßen? 

— 143 — 



früh erklang, und in weitest gespannten Beziehungen 
spiegelt sich wider, was einst im engsten Rahmen vor- 
ging : die Bedingung, die erfüllt werden mußte, ehe 
die Wunschbefriedigung gestattet wird, deren Auf- 
schub, der schließlich in den Verzicht auf sie, besser 
gesagt: in ihren Ersatz ausläuft. Dahinter aber wird 
für den Analytiker noch immer die geheime Angst 
erkennbar, die sich zwischen die Wunschregung und 
ihre Befriedigung unbewußt einschiebt. Zwischen 
dem Auftauchen solcher Wünsche und dem Verzicht 
auf sie wird jene leidvolle Annäherung und Ent- 
fernung fortgesetzt, die nun den Inhalt eines Menschen- 
lebens (jedes Menschenlebens) ausmacht. „Dazwischen 
hat der Traum von Glück und Liebe nur noch so viel 
an Raum, daß er zerstiebe" (Hieronymus Lorm). 

in 

Von der analytischen Betrachtung solcher Fälle aus 
fällt ein neues Licht auf die Psychogenese des Begriffes 
der Pflicht : Pflicht ist ursprünglich die Erfüllung jener 
Bedingungen, die erfüllt werden müssen, ehe man sich 
die Triebbefriedigung erlauben darf, primär also : eine 
Wirkung der sozialen Angst. ' Der tieferen psycho- 
logischen Anschauung kann dieser Abwehr- oder protek- 

l) Freud hat das Schuldgefühl als soziale Angst gekenn- 
zeichnet. Damit ist der Ursprung des Schuldgefühls bestimmt. Das 
Triebmoment innerhalb dieser noch dunkeln Reaktion wird viel- 
leicht stärker betont, wenn man Freuds Ausführungen ergänzend 
hinzufügt, daß das Schuldgefühl sich auf zwei Erinnerungen zurück- 
führen läßt: auf die der Triebbefriedigung und auf die der Straf- 
erwartung. Das Schuldgefühl läßt sich demnach bestimmen als die 
soziale Angst beim Aufsteigen einer verbotenen Triebregung. Aus 

- 144 — 



tive Charakter der Pflicht auch dann nicht verborgen 
bleiben, wenn sie späterhin unter dem Einflüsse des 
steigenden Befriedigungsanteiles einen positiven Inhalt 
anzunehmen strebt. Es verschlägt wenig, wenn sich 
dieser Pflichtbegriff allmählich ganz von seinem Ur- 
sprung loszulösen schien und in der Folgezeit die funk- 
tionale Beziehung zur folgenden Triebbefriedigung 
fallengelassen wurde. Denn auch diese Folgeerscheinung 
hängt psychologisch damit zusammen, daß die Aus- 
übung der Pflicht selbst ein Stück Triebbefriedigung 
an sich gerissen hat, selbst unbewußt zu einer partiellen 
Befriedigung geworden ist, völlig analog dem Kom- 
promißcharakter neurotischer Symptome. Es kann 
schwerlich geleugnet werden, daß einige von den psy- 
chologischen Zügen, die hier dargestellt wurden, auch 
dem Begriffe der Moral anhaften. Noch immer ist der 
imperative und negative Faktor in der Moral der am 
stärksten betonte ; der Trieb verzieht in ihr noch immer 
der wesentliche Zug. Und dies so sehr, daß es zu 
einem tragikomischen Quiproquo kommen kann: daß 
manchmal das psychisch als Unlust Gefühlte schon als 
solches als ethisch empfunden wird. G. B. Shaw hat 
einmal den paradox anmutenden Satz geschrieben : „Ein 
Engländer hält sich schon für moralisch, sobald er sich 
unbehaglich fühlt." Auch das Zeitmoment im Begriff 
der Moral ist noch deutlich aus ihrem Ursprung als 
Reaktion und Buße abzuleiten. Von diesem Gesichts- 



dieser Charakterisierung erhellt auch, wie im Schuldgefühl die 
Erinnerung an die verbotene Triebbefriedigung mitwirkt und wie 
noch der Reueprozeß ihr unbewußtes Wiedergenießen in der Phan- 
tasie einschließt. 

Reik, Schrecken — 145 ,0 



punkte aus läßt sich Moral als diejenige Wartezeit 
definieren, die man einhalten muß, bis das früher Un- 
moralische zu tun erlaubt ist. 

Die schicksalhafte, unbewußte Verknüpfung von Er- 
folg und Schuldgefühl, wie sie hier gekennzeichnet 
wurde, könnte leicht verwechselt werden mit den 
Beziehungen von Erfolg und Überwindung all jener 
äußeren Schwierigkeiten, die durch die eherne Realität 
gegeben sind. Allein manche Sonderzüge in dem 
Schicksal dieser Personen lassen jeden Zweifel daran 
schwinden, daß hier seelische Gewalten unbewußter 
Art mit am Werke sind. Alle äußeren Hindernisse 
scheinen oft wie mit einem Zauberschlage entfernt, 
wenn der Erfolg nicht mehr geschätzt oder auf an- 
derem Gebiete hoch bezahlt wurde, also jedes Motiv 
zur Angstentwicklung entfällt. Es ist so, als werde der 
Erfolg erst durch die Durchfuhrung einer ernsthaften 
Buße erkauft. Der innere Zusammenhang dieses Zuges 
mit dem Wesen des Gelübdes ist dem Psychologen 
klar. Was ist ein Gelübde ? Ein den höheren Gewalten 
gegebenes Versprechen, auf eine Triebbefriedigung zu ver- 
zichten, um eine andere, höher geschätzte erfüllt zu sehen. 

Die aus der Realität stammende Erfahrung, daß der 
Erfolg nur durch Mühe oder Leid erlangt werden kann, 
daß die Götter vor ihn den Schweiß gesetzt haben, 
wird in den Fällen, von denen hier die Rede ist, zum 
Extrem geführt. ' Umgekehrt erscheint häufig der Erfolg 

l) Ein masochistischer Patient sprach oft seine Befürchtung aus, 
die Analyse gehe nicht gut vorwärts, wenn er sich relativ wohl- 
fühle, von seinen Symptomen nicht gequält werde oder keine 
Depression verspüre. 

— 146 — 






I 



nicht mehr geschätzt, weil ihm nicht genug Opfer 
gebracht wurden, der Genuß unvollkommen oder leer, 
weil er nicht hoch genug bezahlt wurde. In einigen 
Fällen, die ich beobachten konnte, war die Erreichung 
des Erfolges unbewußt so innig mit der Bedingung des 
Todes des Vaters (beziehungsweise des älteren Bruders) 
verknüpft, daß man in der tiefen Depression, die dem 
Erfolg voranging, ein Stück vorweggenommener, 
unbewußter Trauer erkennen mußte. (Es scheint, als 
gehöre das „skeleton in the cupboard" wirklich zum not- 
wendigen Mobiliar jedes erfolgreichen und geschätzten 
Bürgers.) In anderen Fällen erkennt die Psychoanalyse, 
daß intensive Angstaffekte die psychische Bezahlung 
für den Erfolg darstellen. So war es bei einer Schau- 
spielerin, die unter starkem Lampenfieber, häufig zu 
Angstanfällen gesteigert, litt. Die Angst bot sozusagen 
eine Garantie für den Erfolg auf der Bühne. Wann 
immer sie voll Selbstvertrauen oder Zuversicht ohne 
Angst auftrat, war ihr der Erfolg versagt. 

Jene unbewußte Gewissensangst vor dem Erfolg, all- 
gemeiner gesprochen: vor dem Glück, ist gewiß nicht 
auf neurotische Kranke beschränkt. Die Religionen und 
die Sitten aller Völker legen Zeugnis von der allgemein- 
menschlichen Existenz und Wirksamkeit dieser unbe- 
wußten Gefühle ab. Der Glaube an den bösen Blick 
gehört ebenso in diesen Zusammenhang wie die Liba- 
tionen, welche die Römer vor ihren Gastmählern den 
diis injeris darbrachten. Die große Bedeutung, welche 
die tiefgreifende Konzeption der Hybris im Glauben 
und in der Tragödie der Griechen besaß, darf der 
psychischen Wirkung jener unbewußten Gewissensangst 

— 147 - 



zugeschrieben werden. Es ist oft, als ergreife die 
Menschen ein Gefühl der Unheimlichkeit, wenn sie 
Glück oder Erfolg sehen, die nicht mit Schmerzen auf- 
gewogen wurden. „Dem Glück bezahlt ich meine 
Schuld", sagt jener weise König. Den Beobachter des 
immer Glücklichen grauet vor der Götter Neide, das 
heißt vor den unterirdisch arbeitenden Schuldgefühlen, 
die ihre Opfer fordern, bevor sie den Menschen zu 
jenem armseligen Stück Befriedigung gelangen lassen, 
das man Glück nennt. „Noch keinen sah ich glücklich 
enden". Es ist, als würden die Götter, die deifizierten 
Väter, ihr Opfer dadurch, daß sie mit „nimmermüden 
Händen" ihre Gaben streuen, zuerst in trügerische 
Sicherheit wiegen, um es dann um so fürchterlicher an 
ihre ungeheure, grausame Macht zu erinnern. Psycho- 
analytisch gesprochen : das abgewehrte Schuldgefühl 
wird sich um so siegreicher durchsetzen, je mehr Energie 
zuerst zu seiner Abwehr aufgewendet wurde. Man 
bekommt eine Ahnung von den hier wirksamen ge- 
heimen seelischen Mächten, wenn man gelegentlich in 
der Analyse auf besondere Schicksalszüge trifft, die wie 
eine Bestätigung alter Schicksalsgläubigkeit erscheinen 
könnten. So wird das Schicksal eines Mannes, den ich 
studieren konnte, nicht leicht meinem Gedächtnis ent- 
schwinden. Sein Vater hatte sein nicht unbedeutendes 
Vermögen immer wieder im Börsenspiel riskiert und 
schließlich in der sicheren Hoffnung, das Verlorene 
zurückzugewinnen, alles aufs Spiel gesetzt, indem er 
eine große Anzahl bestimmter Effekten kaufte. Er büßte 
fast sein ganzes Vermögen ein. Der Sohn hatte dem 
Vater immer wieder die schwersten Vorwürfe wegen 

— 148 — 



seines Spieles gemacht. Es war zu einem schweren 
Konflikt gekommen, die Beziehungen zwischen den 
beiden wurden völlig abgebrochen und der Vater starb 
unversöhnt in der Fremde. In angestrengter Arbeit 
hatte sich der Sohn zu einer Position durchgerungen 
und war langsam auch zu Vermögen gelangt. Unter 
den schwierigsten Umständen und unter Verzicht auf 
viele Annehmlichkeiten des Lebens hatte er mit außer- 
ordentlicher Umsicht und Energie alle Hindernisse über- 
wunden. Es schien, als könne er widrige und feind- 
liche Umstände bewältigen, die jedem anderen Halt 
gebieten würden und Schwierigkeiten aus dem Wege 
räumen, die unbezwingbar waren. Einige Jahre später, 
bereits in der Zeit der männlichen Reife, lockte es ihn 
einmal zum Börsenspiel ; er gewann und gewann wieder, 
bis er bestimmte, fast außer Kurs geratene Effekten 
kaufte, durch die er schwere Verluste hatte. Um die- 
selbe Zeit, während des gesteigerten Interesses am 
Börsenspiel, setzten seine neurotischen Symptome ein, 
deren Schwere sich steigerte. In der Analyse 
konnte der verdrängte Tatbestand festgestellt werden, 
daß es sich um dieselben Effekten handelte, durch 
deren Ankauf der Vater materiell ruiniert worden 
war und daß sich so eine ähnliche Situation ergab 
wie die, deretwegen es zum Bruch mit dem Vater 
gekommen war. 

In einigen anderen Fällen schien es wie eine kunst- 
volle Kongruenz des Schicksals, daß der Erfolg gerade 
durch dieselben Mittel verdorben wurde, mit denen er 
angestrebt worden war. Auch hier wurde der Zufall oft un- 
bewußt arrangiert oder zumindestens unbewußt aus- 

— 149 — 



genützt. Man bekommt in diesen Fällen klarer als in 
anderen den Eindruck, daß der Erfolg nicht nur von 
den Bedingtheiten der Außenwelt und den Ich-Stre- 
bungen, sondern auch von den Beziehungen zwischen 
Ich und Über-Ich abhängig ist. 1 Gleichzeitig gelangt 
man zu einer Ansicht darüber, bis zu welcher Tiefen- 
dimension die Erreichung des Erfolges von der Gestal- 
tung des individuellen Ödipuskomplexes, der sich in 
der Konstituierung des Uber-Ichs kristallisiert, bestimmt 
wird. Der Analytiker hat Gelegenheit, sich täglich da- 
von zu überzeugen, daß der Kampf mit der Umwelt 
nicht immer der schwerste ist, sondern in seiner Härte 
von dem zwischen Ich und Über-Ich, in den % er sich 
fortsetzt, manchmal übertroffen wird. Mögen tausend 
Feinde von außen dem Menschen erstehen, in der Zeit 
der Reifung kennt das Ich keinen gefährlicheren Feind 
als das Über-Ich. (Nicht so am Ausgange des Lebens, 
da als der einzige wirkliche Feind der Tod erscheint,' 
bis auch dieser den müde gewordenen Augen zur 
„mildesten Form des Lebens" wird.) 



IV 

Es führt nur wenig über die hier gezogene Linie 
hinaus, wenn in dem nachstehenden Abschnitt ein 
ähnlicher charakterologischer Typus in den Umkreis 
der analytischen Betrachtung gezogen wird. Es ist dies 
eigentlich ein Sonderfall, eine besonders ausgeprägte 

1) Man vergleiche Napoleons Wort: „Glück ist auch eine 
Eigenschaft." 

— 150 — 



Variation des früher dargestellten. In seinem Schicksal 
ergibt sich eine eigenartige, tragisch betonte Konstella- 
tion. Das Zusammentreffen äußerer und innerer Um- 
stände, die kombinierte Wirkung mehrerer Faktoren, 
läßt den lange angestrebten oder heiß gewünschten Er- 
folg gerade dann eintreten, wenn er sinnlos geworden 
ist läßt eine intensiv begehrte Befriedigung dann in 
greifbare Nähe rücken, wenn sie nicht oder nicht mehr 
grossen werden kann. Das Schicksal mancher der 
Lßen Menschen, welche wir bewundern zeigt diesen 
tragischen Zug. Er wird verstärkt durch den Umstand, 
daß die betreffenden Personen im Tiefsten verspüren 
wieviel ihnen jener Erfolg geholfen, wieviel ihnen d* 
Befriedigung bedeutet hätte, wäre sie Mg**? J"JJ 
veränderten Umständen erlangt worden. Das Wort des 
Menden Hebbels: „Zuerst fehlt der Becher ^ dann 

fehlt der ^\^\Z^^J^ 
We se von solchem tragiscnen p rpm ; e r- 

Beaconsfield, der Ä.^* ^ . 
minister, zu dem der blasse verhöhnte und «Uj 
geschüchterte Judenjunge, der Sohn Isaak dtaaeto. 
geworden war, antwortete seinen Freunden, die ihm 
auf der Höhe seiner Laufbahn gratulierten: „Für muh 
L es zwanzig Jahre zu spät. Gebt mir eure Gesund 
heit und eure Jugend!» Er erkennt, daß der ErWg 
der zu spät kommt, kaum mehr diesen Namen ver 
d e„ : Jas heißt zu gleicher Zeit den Tod und dje 
Unsterblichkeit erreichen». Man hört ihn, sechsund- 
siebzigjährig, gefeiert wie einen Gott, immer wieder 
den Spruch vor sich hinmurmeln, den ihm einmal ein 
frühe weiser Freund geschickt hatte: 



— 151 — 






What is life ? a Utile strife 
Where victories are vain 
Where those who conquer 
Do not win 
Nor those receive who gain. 

Wir finden die Vorbilder solchen tragischen Schick- 
sals in verzerrter, pathologischer Form häufig genug in 
den Analysen neurotisch Erkrankter. Hier wie in 
manchem Schicksal, das nicht mehr der Neurose seine 
Gestaltung verdankt, wird es klar, wie das Ober-Ich 
den Erfolg so lange zu verhindern gewußt hat, bis er 
keinen Gewinn mehr bedeutet oder nicht mehr die er- 
träumte Befriedigung gibt. Das Tragikomische solcher, 
scheinbar nur durch äußere Umstände bestimmter 
Schicksale blickt durch, wenn die betreffenden Perso- 
nen erkennen, wieviel Leid sie sich selbst zugefügt 
haben, wie vergeblich viele Opfer, Entbehrungen und 
Verzichte gewesen, wie sinnlos (nur psychologisch sinn- 
reich) so viele Kämpfe und Schmerzen waren und um 
wieviel leichter sie sich jenen überschätzten Erfolg, jene 
in der Phantasie übertriebene Befriedigung hätten ver- 
schaffen können. Wer immer das Schicksal vieler neu- 
rotisch Erkrankter oder Gesunder unter analytischen 
Gesichtspunkten studiert hat, weiß, wieviel „Menschen- 
opfer unerhört" dem überstrengen Über-Ich gebracht 
wurden. Was rückschauend in dem Bericht solcher 
Schicksalsläufe klagt, anklagt und schließlich verstummt, 
legt deutlich Zeugnis ab von der grotesk-komischen 
Begabung jenes Demiurgen, Jahve geheißen. 1 

l) Er war es auch, der in alten Zeiten ein Paradigma jenes 
eigenartigen Schicksals gab, da er Moses die Israeliten nach Kanaan 
führen ließ und ihm dann befahl, auf jenen Berg Nebo zu steigen, 

— 152 — 



War das unbewußte Schuldgefühl in vielen dieser 
Fälle nicht mächtig genug, den Erfolg völlig zu ver- 
hindern, so hat es seine Wirksamkeit doch entfaltet, 
indem es ihn so lange hinausschob, bis er nicht das 
mehr bedeutete, was er einst dem Individuum galt. In 
manchen Fällen wirkt es wie eine tragische Ironie, daß 
die Wünsche von einst erfüllt werden, die jetzt ihren 
Sinn verloren haben, und daß das gerade noch in 
einem Zeitpunkt geschieht, da die Herzen noch nicht 
soweit ermattet sind, um dies nicht zu erkennen. Die 
tiefgreifende Vorbildlichkeit der Gestaltung des Ödipus- 
komplexes wird auch hier merkbar, das psychosexuelle 
Leben des Einzelnen auch hier noch immer seinen 
Einfluß auf die übrigen Daseinsgebiete erkennen lassen. 
Jenes Wort: „$i jeunesse savait, si vieillesse pouvait" 
spiegelt ein Stück jener melancholischen Erkenntnis 

wieder. 

Was die Forschungsreisenden und Missionäre über 

einige wilde Stämme Zentralaustraliens berichten, scheint 
fast wie ein völkerpsychologisches Korrelat eines solchen 
individuellen Schicksalablaufes, an dem wir alle einen 
mehr oder minder großen Anteil haben. Bei manchen 
Völkerschaften dieses Kontinentes sind die jungen 
Männer von der Pubertät an weitgehenden Beschrän- 
kungen in bezug auf den Zeitpunkt der Heirat und 
des Genusses bestimmter, von den Primitiven hoch- 
geschätzter Speisen unterworfen. Die Männer des Stam- 

um das verheißene Land zu sehen. „Denn", so sprach er, „nur 
dir gegenüber sollst du das Land sehen, aber betreten sollst du 
das Land nicht, das ich den Israeliten verleihen werde." 



(5. Mos. 32/52.) 



— 153 - 



-^ 



mes dürfen während ihrer besten Jahre nicht heiraten 
und nicht von jenen geliebten Speisen essen. Je älter 
sie werden, desto weniger strenge werden die Verbote 
eingehalten. Wenn sich an ihrem Kinn genügend weiße 
Haare zeigen, wird ihnen die Heirat erlaubt. Wenn 
die Zähne bereits auszufallen drohen, wird den Män- 
nern auch das Essen jener Delikatessen freigegeben. 

Diesen unseren armen Vettern, die von den Seg- 
nungen der Kultur noch verschont sind, und uns, die 
wir von ihnen beglückt werden, bleibt in der gemein- 
samen Not immerhin der Hinweis auf eine gerechte 
Weltordnung und die trostvolle Gewißheit: droben 
überm Sternenzelt muß ein lieber Vater wohnen. 









— 154 — 









Der Glaube an die ausgleichende 
Gerechtigkeit 

Gibt es so etwas wie ein Talionsprinzip in 
der Natur? Dies war die Frage, die ein angesehener 
Naturforscher unlängst in einer Broschüre zu beant- 
worten versuchte. Er meinte, durch Einschaltung eines 
solchen Gesichtspunktes die Darwinsche Selektions- 
theorie, die Hypothese des Weiterlebens angepaßterer 
Gattungen, ersetzen zu können. Die Spezies, die lange 
auf Grund überlegener Körperkräfte die schwächeren 
bedrängte, muß dieser, die sich im Kampfe Abwehr- 
mittel besonderer Art geschaffen hatte, allmählich wei- 
chen. Die Sieger unterliegen schließlich den Besiegten. 
Es muß der Naturwissenschaft überlassen bleiben, die 
Behauptungen des Gelehrten nachzuprüfen. Der erste 
Eindruck einer solchen Kombination von teleologischer 
und moralischer Betrachtungsweise des Prozesses von 
Werden und Vergehen ist der Theorie nicht günstig. 
Doch vielleicht ist erst der dritte, vierte, xte entscheidend. 
Immerhin, jener Forscher vertritt mit Energie die An- 
schauung, daß das Naturgeschehen von dem Prinzip 
der ausgleichenden Gerechtigkeit beherrscht 

— 155 — 



werde.' Der erste Eindruck ist, wie gesagt, nicht ent- 
scheidend. Man darf sich nicht einmal dem weitaus 
stärkeren Eindruck überlassen, daß das Naturgeschehen 
von einer ausgleichenden Ungerechtigkeit geordnet 
werde. 

Das menschliche Schicksal sdieint vielleicht besser 
geeignet, Probleme dieser Art der Lösung näher zu 
bringen. Es ist aber nicht besser geeignet. Es bildet ja 
selbst einen Teil jenes unerkennbaren Prozesses, der 
durch die Mitwirkung psychischer Momente nur noch 
komplizierter und schwerer durchschaubar wird. Da es 
uns nicht gegeben ist, die alten Fragen zu lösen, ist es 

1) Während der Lektüre dieser wissenschaftlichen Arbeit klang 
in mir die Erinnerung an eine uralte Melodie wieder, die ich in der 
Kinderzeit oft von meinem Großvater gehört hatte. Es ist das Lied 
„Chad gadjo", das eine schwermütige jüdische Volksweise be- 
gleitet: „Ein Lämmchen, ein Lämmchen / Gott richtet Welt und 
Wesen / die Guten und die Bösen. / Dem Würger gab er Tod 
zum Lohn, / weil er gewürgt des Menschen Sohn, / der hinge- 
führt zur Schlächterbank, / den Ochsen, der das Wasser trank, / 
das ausgelöscht den Feuerbrand, / in dem der Stock den Rächer 
fand, / der Stock, der ohne Recht und Fug / den Hund tot auf der 
Stelle schlug, / der in der Wut die Katz zerriß, / die das un- 
schuld'ge Lämmchen biß. / Das Lämmchen meinem Vater war, / 
er kauft es für zwei Suse bar; / ein Lämmchen, ein Lämmchen." 
J. M. Landau fügt der Übersetzung des „Chad gadjo" in seiner 
Hagada (Prag 1846) folgende Notiz bei: „Ich habe über dieses ur- 
alte Lied in einer de r ersten Ausgaben meiner (mit jüdisch-deutschen 
Lettern) übersetzten Hagada (1837) in einer Vorerinnerung bemerkt, 
daß es die alten Kabbalisten als die Hülle eines versteckten my- 
stischen Kerns betrachteten und nach ihrer Weise erklärt haben. 
Mir schien es, als wollte der unbekannte Verfasser den talmudi- 
schen Satz (Sabbath 32a), daß das Gute durch das Gute und das 
Böse durch das Böse befördert werde und niemand seinem Schick- 
sal wie der verdienten Strafe entgehe, in dieser Schicksalsverket- 
tung symbolisieren." 



— 156 — 






vielleicht besser, unsere Aufmerksamkeit der neueren 
zuzuwenden, wieso es psychologisch zu dem Glauben 
an eine ausgleichende Gerechtigkeit, der so tief in den 
Menschenseelen wurzelt, kommen mag. Glauben wir 
nicht noch immer insgeheim, daß nach einer Leidens- 
zeit bessere Tage kommen, daß, wer immer strebend 
sich bemüht, erlöst werden könnte ? Und sträuben wir 
uns nicht noch immer gegen die Tatsache, daß diese 
Erlösung erst in jenem besonderen Zeitpunkte erfolgt, 
da nach dem Worte des griechischen Weisen allein der 
Mensch glücklich zu preisen ist? Noch immer teilen 
wir unbewußt den Wahn, daß den Guten der Erfolg, 
den Bösen der Mißerfolg winke, obwohl es weder Gute 
noch Böse gibt und obwohl Erfolg wie Mißerfolg winzige 
Wellen im Meer der allgemeinen Vergänglichkeit sind. 

Die Psychoanalyse ist in der Lage, einen gewichtigen 
Beitrag zu dem Problem der Genese solchen Schicksals- 
glaubens zu geben. Freud hat das Wesendiche 
darüber, von der Psychologie der Zwangsgedanken 
ausgehend, bereits gesagt. Was hier ergänzend bemerkt 
wird, stammt ebenfalls aus der analytischen Praxis. Es 
geht aber von der Analyse von Stimmungen aus, die 
sich manchmal des Ichs bemächtigen. Es sind also fest- 
gehaltene, analytisch gedeutete Eindrücke von nach- 
denklichen Augenblicken, in denen ein Glaube der be- 
schriebenen Art in Menschen erwacht und in denen sie 
sich wie angerührt fühlen von der Schicksalshaftigkeit be- 
stimmter Wendungen, die sie eher als Fügung empfinden. 

Am besten ist es von isolierten Zügen aus- 
zugehen, die wie Arabesken zu dem in einem früheren 
Aufsatze geschilderten Typus aussehen. Einen solchen 

— 157 — 



Eindruck machte eine bestimmte Situation im Leben 
eines Mannes, in dessen Jugend dem Wunsche nach 
dem Besitze und der Lektüre vieler und interessanter 
Bücher eine große Bedeutung zukam. Er war damals 
mittellos und hatte wenig Möglichkeiten, seine mono- 
manisch gesteigerte Sehnsucht zu erfüllen. Unlängst saß 
er, nun zum Manne gereift, vor seinem Schreibtisch und sah 
mit nachdenklichem Blick auf die vielen ungelesenen 
Bücher seiner Bibliothek, die alle Wände seines Ar- 
beitszimmers bis zur Decke füllten. In jenen Augen- 
blicken, gleichsam einer Pause des Lebens, kam ihm 
mit fast schmerzhafter Klarheit die Erinnerung an viele 
Stunden seiner Knabenzeit wieder, da seine tiefste 
Sehnsucht dem Besitz und dem Lesen von Büchern 
galt. Der alte Wunsch ist noch immer stark in ihm, 
aber, vielen Pflichten verhaftet, von großen und ver- 
antwortungsvollen Arbeiten überbürdet, kann er jetzt 
kaum mehr Zeit und Gelegenheit finden, jenem Ver- 
gnügen nachzugehen. Einen ähnlichen Aspekt ergibt 
die Konstellation im Leben eines Patienten, die wie 
eine Darstellung der kunstvollen Inkongruenz des 
menschlichen Daseins wirkt. Der Patient liebte als Kind 
eine bestimmte Fleischspeise besonders. Seine Eltern 
waren arm und dieses kostspielige Gericht kam nur 
äußerst selten auf den Tisch der Familie. Jetzt könnte 
er es sich leicht gestatten, täglich jene geliebte Speise 
zu essen, aber ein ernsthaftes organisches Magenleiden 
verbietet es, davon zu genießen. 

Einen psychologischen Einblick in die Genese und 
Struktur solcher Einzelzüge, die Schicksalswendungen 
tragikomischer Art widerzuspiegeln scheinen, kann die 

— 158 — 



Analyse in manchen, nicht in allen Fällen geben. 
Man erkennt dann, wie die Kombinierung aktueller, 
äußerer Faktoren und unbewußter Determinanten nicht 
selten zu einem Ergebnis von so schicksalhafter Prä- 
gung führen kann. Ich denke etwa an die Analyse 
folgender kleinen Szene, die ein Patient beschrieb. Er 
saß eines Abends vor dem Schreibtische, um eine Ar- 
beit, zu der er verpflichtet war und die ihm viel Mühe 
machte, fertigzustellen. Im Nebenraume spielte sein 
kleiner Sohn und sprang ziemlich lärmend durch das 
Zimmer. Der Arbeitende fühlte sich zuerst leicht abge- 
lenkt und gestört, bemühte sich aber in seinen Gedan- 
ken, wieder zu seinen Berechnungen zurückzukehren. 
Je länger aber das lärmende Spiel anhielt, umso un- 
möglicher wurde ihm dies und desto ungeduldiger und 
reizbarer wurde er selbst. Er fühlte den Wunsch, in 
das Nebenzimmer zu eilen und das „schlimme" Kind 
in derber Form zurechtzuweisen sowie dessen Rücksichts- 
losigkeit strenge zu tadeln. Er beherrschte sich noch einen 
Augenblick, dem starken Drange nachzugeben, erstaunt 
über die Heftigkeit seiner Ungeduld, die fast den 
Charakter blinder Wut annahm und fühlte gleichzeitig 
einen merkwürdig dumpfen Druck in der Herzgegend, 
der sich mit Atemnot verband. Plötzlich und scheinbar 
unvermittelt mußte er an den eigenen Vater denken, 
wie er ihn in dessen letzten Lebensjahren gesehen 
hatte. Er sah deutlich das Bild des alternden Mannes 
aufsteigen, wie er die Tür zum Kinderzimmer auf- 
machte und ihn selbst strenge ansah. In der Analyse 
dieser Gefühle, die auf meinen Analysanden einen be- 
sonders starken Eindruck machten, wurde es klar, was 

— 159 — 



das Auftauchen dieser affektbetonten Gedanken be- 
deutete. Als der Patient noch ein kleiner Junge war, 
etwa im Alter, in dem sich jetzt sein Sohn befindet, 
hatte er oft ebenso lärmend und rücksichtslos gespielt 
und war oft vom Vater heftig gescholten worden. Er 
hatte sich über den besonderen und unverständlichen 
Zorn, den der Vater bei solchen Gelegenheiten zeigte, 
häufig gewundert und gekränkt und ihm in Gedanken 
ungerechte Behandlung vorgeworfen. Erst später war 
es ihm klar geworden, wie sehr des Vaters Aufregungs- 
zustände von dessen rasch fortschreitendem Herzleiden 
beeinflußt gewesen waren. Während jener Szene, in 
der er seinen Sohn im Nebenzimmer herumtollen 
hörte, waren ähnliche Gefühle wie damals im Vater 
in ihm selbst aufgestiegen und unbewußt müssen alle 
jene schmerzvollen Erinnerungen an die Feindlichkeit, 
an frühe Todeswünsche gegen den Vater in ihm er- 
wacht sein. Jener Augenblick bezeichnet also die Erkennt- 
nis, wie ähnlich er dem Vater seelisch geworden war 
und ist von unbewußter Gewissens- und Todesangst 
erfüllt. Jenes Staunen über sich selbst und seine unge- 
wöhnliche Heftigkeit und Wut stellt sich wie der An- 
fang eines menschlichen Begreifens der Haltung des 
Vaters dar, deren Geltung durch das Erleben weit 
über die eines verstandesmäßigen Erfassens hinausgeht. 
Der Schmerz in der Herzgegend und die Atemnot 
waren wirklich Sensationen gewesen, über die sich der 
Vater später beklagt hatte. (Die ärztliche Untersu- 
chung ergab die Wahrscheinlichkeit, daß jene Empfin- 
dungen bei dem Patienten den ersten Mahnungen der- 
selben AfFektion entsprachen.) 

— 160 — 



Rückblickend sprach der Patient mit einem gewissen 
Schauer von den Gefühlen jener Szene : es war, wie 
wenn er das Rauschen der Flügel des Schicksals über 
seinem Haupte gehört hätte. Ihr Eindruck war so, als 
spiele sich in ihr geheimnisvoll etwas ab, was er „aus- 
gleichende Gerechtigkeit" nannte. Es waren in ihm, 
der sich sonst so viel auf seine Selbstbeherrschung und 
Sanftmut zugute tat, unversehens dieselben heftigen 
Affekte aufgetaucht, aus denen er seinem Vater einst 
einen so schweren Vorwurf gemacht hatte. Er hatte 
plötzlich in sich den Drang verspürt, sich in derselben 
ungestümen und ungerechten Art zu benehmen, die 
ihm beim Vater so unverständlich, ja unverzeihlich er- 
schienen war. Seine Erschütterung war eine Art Ab- 
bitte an den längst Verwesenen. (So werden Eltern zu 
Erziehern jenseits des Grabes, die auf Erden niemals 
hervorragende Pädagogen waren.) Der Einfluß der 
Vergeltungsangst und des unbewußten Schuldgefühles 
ist aus der Affektbetonung und aus der Art der ge- 
schilderten Sensationen klar zu ersehen. Er wird auch 
für den Glauben an die „ausgleichende Gerechtigkeit", 
zu dem sich der Patient bekannte, bestimmend gewe- 
sen sein. 

Ähnlich wird sich das psychologische Bild einer 
Stimmung darstellen, über die eine Patientin berichtet. 
Sie hatte am Tage vorher plötzlich ein lebhaftes Ge- 
fühl des deja vecu erlebt, das von leise wehmutigen 
Empfindungen begleitet gewesen war. Sie hatte in 
halbliegender Stellung auf ihrem Diwan geweilt und 
„gedankenlos", wie sie sagte, dem Spiel ihrer vier 
Kinder zugesehen. Sie war sich bewußt, daß ihr Blick 

Reik, Schrecken 161 " 



eher flüchtig auf den Kindern geweilt hatte. Plötzlich 
wurde sie sich in merkwürdiger Art der Stellung auf 
dem Sofa, des ins Zimmer fallenden Lichtes, der vor 
ihr spielenden Kinder und der ganzen Situation be- 
wußt. Sie beschrieb ihre Gefühle so, als habe sie eine 
Art sekundenlanger Absence gehabt, gleichzeitig aber 
den ganzen Raum und, was in ihm vorging, mit ihrem 
Blick umfaßt, und als habe sie sich selbst dabei 
irgendwie zugesehen. Man konnte aber nicht von 
einem Depersonalisationszustand sprechen, denn wäh- 
rend sie den spielenden Kindern zusah, fühlte sie eine 
merkwürdige Wehmut, so etwas wie eine Abschieds- 
stimmung. Sie muß wohl, gibt sie zu, irgend welche 
Gedanken dabei gehabt haben, aber sie kann über 
deren Art und Inhalt nichts angeben. Nur soviel könne 
sie sagen, daß sie schon einmal eine ganz ähnliche 
Situation mit ähnlichen Gefühlen erlebt haben müsse. 
Die analytische Untersuchung zeigt dann, daß diese 
besondere Stimmung, diese von ihr betonte Gefuhls- 
konstellation ihre Rätselhaftigkeit verliert, wenn man 
annimmt, daß eine unbewußte Erinnerung in ihr auf- 
gestiegen ist. Alle in den späteren Assoziationen auf- 
tauchenden Gedanken drängen zur Rekonstruktion 
einer Erinnerung an die Mutter der Patientin. Tat- 
sächlich konnte sie sich dann an eine Szene erinnern, 
in der sie die Mutter einmal gesehen hatte und die 
auf sie — sie weiß nicht warum — einen tiefen Ein- 
druck gemacht hatte. Damals war die Mutter ähnlich 
auf einem Sofa gelegen wie jetzt sie selbst und hatte 
mit einem besonderen, merkwürdigen Blick auf die 
Kinder gesehen, die in ihrem Zimmer spielten. Die 

— 162 — 



Patientin war damals etwa in dem Alter gewesen, das 
jetzt eines ihrer Kinder hat. Es war aus bestimmten, 
zeitlich bedingten Umständen zu rekonstruieren, daß 
die Mutter bereits damals an einem Gebärmutterkrebs 
leidend gewesen war. Die Patientin muß sich in jener 
Szene intensiv mit der Mutter identifiziert haben. Dar- 
über hinaus muß in ihr eine Ahnung davon aufge- 
stiegen sein, wie der Mutter damals zumute war, als 
sie vielleicht in Gedanken an einen frühen Tod weh- 
mütig dem Spiele der Kinder zusah. Die ganze Erin- 
nerung aber war in der Situation selbst unbewußt ge- 
wesen ; das Gefühl des dejä veai wies darauf hin. 
Daneben das Gefühl des Sichselbstzusehens, das sich 
als Nachhall der aufmerksamen Beobachtung der Mut- 
ter in jener vergessenen Szene erweist. Einzelne Zuge 
werden den Analytiker hier auf den Weg in die ver- 
schollene Kinderzeit verweisen : die Situation der Mut- 
ter und der spielenden Kinder, der schwermütige Blick, 
der beobachtend und nach innen gekehrt zugleich ist, 
gehören hierher. Darüber hinaus wird das auf der un- 
bewußt gewordenen Kenntnis beruhende intuitive Er- 
fassen der kleinen Szene entscheidend sein. Gerade in 
den letzten Tagen hatte die Patientin an Unterleibs- 
schmerzen gelitten und es war leicht zu ergänzen, daß 
sie unbewußt Angst vor einer drohenden Gebärmutter- 
erkrankung hatte, obwohl die Ärzte eine andere, 
harmlosere Diagnose gestellt hatten. 

In beiden Fällen kann man behaupten, daß sich in 
den beschriebenen Szenen eine unbewußte Identifizie- 
rung auf Grund einer Erinnerung aufbaute. Der Iden- 
tifizierungsprozeß machte die betreffenden Personen 

— 163 — 



fähig, die besondere Stimmung des Objektes, mit dem 
sie sich identifizierten, in der ähnlichen Situation bes- 
ser zu verstehen und psychologisch zu würdigen. Jener 
Anfang eines menschlichen Begreifens, des gefühlsmä- 
ßigen Verständnisses für Affektvorgänge in den alten, 
von der Ambivalenz getroffenen Objekten kann übri- 
gens nichts völlig Neues sein. Mag auch die Annähe- 
rung an dieselbe Situation und das Älterwerden die 
Identifizierung und die Vertiefung des Verständnisses 
befördern, daneben müssen auch andere unbewußte 
Momente in der psychischen Genese jener besonderen 
Stimmungen, jener verrauschenden und doch eindrucks- 
vollen Augenblicke mitwirken. Das gefühlsmäßige Ver- 
ständnis kann nicht primär aus der Ähnlichkeit der 
Situation hervorgehen. Es muß sich vielmehr um eine 
Art Regression auf das kindliche Verständnis handeln, 
das damals vielleicht noch ohne zulängliche Wortvor- 
stellungen die psychische Situation der Eltern erfaßte. 
Was noch in der analogen Lage kein Verstand der 
Verständigen sieht, sondern vom Unbewußten erfaßt 
wurde, eignete damals bereits dem beobachtenden 
Kinde. Neben allem affektiven Staunen muß bereits 
damals in den Kindern eine Art besonderen psycholo- 
gischen Verständnisses dafür wirksam gewesen sein, 
was die unerklärliche Heftigkeit des Vaters bedeute 
und warum der Blick der Mutter so voll Schwere und 
Schwermut auf den Kindern ruhte. Die Art des Wis- 
sens und Verständnisses der Kleinen ist schwer zu be- 
stimmen und am ehesten einem instinkthaften Erken- 
nen zu vergleichen. Daneben wird man das besondere 
psychologische Interesse, das vielen Kindern eignet, 

— 164 — 




anerkennen müssen. Es gibt ihnen oft merkwürdig 
richtige Ahnungen der Zusammenhänge, die sie ver- 
standesmäßig nicht erfassen könnten, und läßt sie 
manchmal intuitiv die innersten Motive menschlichen 
Handelns erkennen, deren Verständnis Erwachsenen so 
häufig entgleitet. Es handelt sich demnach nicht um 
eine neue Erkenntnis, sondern um ein Wiedererken- 
nen psychischer Prozesse. Dieses wird aber durch 
mehrere Momente bedingt, unter denen der unbewuß- 
ten Gewissensangst eine besondere Bedeutung zukommt. 
Die ungewöhnliche Art der Gefühle in diesen Szenen 
sowie die ganze Situation zeigen, daß solches Ver- 
ständnis aus der Erinnerung an Krankheit und Tod 
der Eltern hervorging und eine seiner Quellen in der 
eigenen Todesfurcht hat. Thanatos wird hier zum 
Lehrer ; die Reaktion auf die Todesangst eröffnet ge- 
heime, bisher verschlossene Gänge. Es sind unbewußte 
Gewissensmächte, welche jenes Verständnis vorbereiten 
und ihm zum Durchbruch verhalfen. Schon hier däm- 
mert uns die Einsicht, daß es sich bei der Aufstellung 
des Prinzips der „ausgleichenden Gerechtigkeit" weni- 
ger um eine metaphysische als um eine psychologische 

Tatsache handelt. 

Dieser Eindruck wird verstärkt durch Beispiele wie 
etwa das folgende, das aus der Lebensgeschichte einer 
neurotisch gestörten Frau stammt. Als junges Mädchen 
war Mary, wie wir sie nennen wollen, oft im Hause 
einer älteren verheirateten Freundin eingeladen ge- 
wesen, mit der sie die Studienjahre verbracht hatte. 
Der Mann der Freundin übte eine steigende Anzie- 
hung auf sie aus und, je stärker sie sich dagegen 

— 165 — 



sträubte, um so tiefer fühlte sie das Interesse an ihm 
werden, das er in demselben Grade erwiderte. Ge- 
meinsame Interessen und Arbeiten beförderten diese 
Neigung. Nach lange dauerndem, seelischen Konflikte 
ließ sich Mary bewegen, eine geheime Liebesbeziehung 
zu dem Manne ihrer Freundin einzugehen. Es kam zur 
Scheidung des Ehepaares und zum Abbruch der alten 
Freundschaft. Glücklich und voll froher Hoffnung trat 
das Mädchen nun nach solcher Leidenszeit in die Ehe, 
deren Harmonie zuerst ungetrübt schien. Nach einiger 
Zeit lernte Mary ein junges Mädchen kennen, deren 
eigenartig zuversichtliches und fröhliches Wesen auf 
sie einen besonderen Reiz ausübte. Sie zog sie in 
ihren Kreis, wußte sie für ihre und ihres Mannes so- 
ziale Interessen zu gewinnen und schloß sich der 
Freundin innig an. Es machte durchaus den Eindruck 
einer affektiven Blendung, daß sie durch viele Monate 
nicht merkte, wie ihr Mann immer stärker in den 
Bannkreis dieses Mädchens geriet und daß dieses selbst 
sich in einem inneren Konflikt befand, der jenem von 
ihr durchlebten völlig glich. Und so war es Mary end- 
lich bestimmt, in sich alle jene leidvollen Gefühle zu 
erleben, welche die erste Frau ihres Mannes, ihre 
überwundene Rivalin, einstens verspürt hatte, diesel- 
ben Affekte der Eifersucht, des Trotzes und der ver- 
schmähten Liebe zu erdulden, welche sie der Freundin 
bereitet hatte. Es war für den oberflächlichen Blick 
allzu klar, daß sich hier das alte Spiel wiederholte, nur 
daß die Rollen vertauscht waren. Die einst Siegerin 
gewesen, war jetzt die Besiegte ; die früher überwand, 
unterlag jetzt ; die jetzt duldete, ließ früher andere 

— 166 — 



dulden. Es kam zum Bruch mit der Freundin und der 
Mann verließ Mary, um der Jüngeren und Anziehen- 
deren zu folgen, wie er es früher getan hatte. Die 
Folge war für Mary ein psychischer Zusammenbruch, 
der sie in die Analyse führte. Diese mußte zu früh 
abgebrochen werden, half ihr aber anscheinend, nach 
so schweren Schicksalen ein neues Glück oder zumin- 
destens eine neue Illusion, die sie Glück nannte, zu 

finden. 

Verfolgt man diesen ganzen Schicksalslauf, so erhält 
man zuerst den Eindruck, wie wenn er mit seinem 
Auf und Ab, seinem Glanz und Elend, die hier nur 
in äußerster Abbreviatur erscheinen, irgendwie kon- 
struiert wäre. Der Gläubige könnte hier wirklich den 
Wahn eines Gesetzes der ausgleichenden Gerechtigkeit 
bestätigt finden. Ihm würde es genügen, daß das Will- 
kürliche, Unberechenbare, Irrationale hier zurückzutreten 
und ein Element der Symmetrie oder des Ausgleiches 
im Schicksal in den Vordergrund zu rücken scheint. 
Die Linie, der ein solches und manches andere Schick- 
sal folgt, scheint nicht mehr ein unerkennbares Zick- 
Zack, wirr und verworren. Und doch wäre ein solcher 
Eindruck unzutreffend. 

Was sich an kausaler Gesetzmäßigkeit in der Ana- 
lyse erkennen läßt, führt durchaus auf die Feststellung 
bestimmter, in der Tiefe nachwirkender Kinderein- 
drücke, auf Besonderheiten der libidinösen und der 
Ichentwicklung, auf Einflüsse der Erziehung und der 
Umwelt zurück. War es z. B. Zufall, daß Mary jenes 
Mädchen immer inniger an sich zog und sie gerade 
ihrem Manne zuführte und war nicht ein Stück ver- 

— 167 — 



borgener, homosexueller Neigung hier wirksam? War 
es ein von außen kommendes Schicksal, ein von 
dunklen Mächten verhängtes Los, daß sie jetzt alles 
Leid zu erleben hatte, das sie jener anderen Frau be- 
reitet hatte und war es nicht eher die langsam sich durch- 
setzende, in den unbewußten Tiefen wirkende Identi- 
fizierung mit der älteren Freundin, die sie so sehr ge- 
liebt hatte? Sollte die oft auftauchende Erinnerung 
daran, daß der Vater Marys die Mutter verlassen hatte, 
um Jhc other wornan" zu folgen, ein kurzer Aufenthalt 
des Kindes bei dieser, das Schwanken zwischen Mutter 
und Vater keinen Einfluß auf die Gestaltung von 
Marys Schicksal gehabt haben ? Sollte eine ähnliche 
Situation im Elternhaus des Mannes keine seelische 
und damit keine schicksalsbestimmende Bedeutung 
haben ? 

Man sieht, wie der Schein einer transzendenten, aus- 
gleichenden Gerechtigkeit schwindet und zerstiebt. Was 
von jenem Schein übrig bleibt, kann in der analyti- 
schen Betrachtung auf die Wirkungen der seelischen 
Dynamik reduziert werden. Was in dem entgleitenden 
Geschehen, das wir menschliches Schicksal nennen, auf 
metaphysische Wirkungen hinzudeuten scheint, tritt in der 
Analyse als ein Miteinander von äußeren Umständen 
und unbewußten Faktoren hervor. Das Schicksalsdrama 
der Dichter würde freilich mit gutem Recht Aufstieg, 
Peripetie und Abstieg in diesem Lebenslauf oder in 
anderen zu erkennen versuchen und in ihm mit gerin- 
gerem Recht Sinn und Bedeutung suchen. Was sich 
aber an Sinn erkennen läßt, ist kein metaphysischer, 
sondern ein psychologischer Zusammenhang. Hier hat 



— 168 — 



an Stelle der metaphysischen Betrachtungsweise, die 
nach alter Philosophenweise das Wasser trübt, damit 
es tief erscheine, die metapsychologische Betrachtung 
im Sinne Freuds einzusetzen. Die Triebschicksale 
und die Gestaltung des Über-Ichs, die Wirkungen der 
Triebmächte und die der von ihnen ableitbaren Ge- 
wissensmächte werden hier wichtiger als das Walten 
überirdischer, unfaßbarer Mächte. Der Schleier ist we- 
niger vom Transzendenten zu ziehen als von den 
Seelen. Nicht Schuld oder Unschuld kommt etwa in 
der Ausprägung des Schicksals, das hier dargestellt 
wurde, und so vieler, die darzustellen wären, zum 
Ausdrucke, sondern die Wirkungen eines unbewußten 
Schuldgefühles, welches das noch schwache, noch un- 
entwickelte Ich einst in der Kindheit erwarb und nicht 
loszuwerden vermochte. 

Man soll sich einer endgültigen Aussage über das 
Weltgeschehen am besten entschlagen. Vielleicht ist 
sogar der Eindruck der prästabilierten Disharmonie, 
der konstruierten Unordnung, des durchgängigen Wirr- 
warrs unangemessen. Jedenfalls aber ist von einer aus- 
gleichenden Gerechtigkeit nichts zu verspüren, es sei 
denn jener Kinderglaube in unserem unbewußten 
Seelenleben. Es ist an der Zeit, auch diesen aufzugeben. 
„Laß die heil'gen Parabolen, laß die frommen Hypo- 
thesen." Was übrigbleibt, wenn man versucht, die „ver- 
dammten Fragen" ohne Umschweife zu lösen, ist eine 
Ahnung davon, wie tief die unbewußten Kräfte unseres 
Seelenlebens unser Schicksal mitbestimmen und wie 
abhängig wir noch immer sind von Anschauungen 
verschollener Ahnen, die längst Staub und Asche sind. 






— 169 — 



Die Gläubigen, deren Mehrzahl heute außerhalb der 
Kirchen zu linden ist, erkennen in Schicksalswendungen 
besonderer Art das Wirken einer ausgleichenden Ge- 
rechtigkeit, unterscheiden Schuld und Unschuld. Die 
Einsichtigeren wissen, daß es sich um die gemeinsame 
Wirkung exogener Momente sowie seelischer Trieb- 
regungen handelt und daß dabei oft ein alter Wahn, 
eine nie völlig überwundene Illusion die Übermacht 
über das seelische Leben des Einzelnen gewonnen hat. 
Die reine Freude am Glauben bleibt nur den Heiligen 
und einigen Professoren der exakten Naturwissenschaften 
vorbehalten. 












. 






— 170 — 



Zur Psychogenese des Uber-Idis 

Die Genese des Über-Ichs ist von Freud in klarer 
Weise dargestellt worden. Die Konzeption dieses Faktors 
und seiner psychischen Wirkungen ist in ihrer 
Bedeutung für das Seelenleben noch keineswegs voll 
gewürdigt. Zu solcher Würdigung rechne ich auch die. 
Diskussion einiger wesentlicher Punkte, die der Klärung 
bedürfen. Dabei ist nicht zu erwarten, daß solche Er- 
örterung völlige Klarheit bringen wird; sie wird eher 
den Charakter der psychologischen Erwägung haben. 
Wer weiß, daß in diesen Gängen der psychischen 
Unterwelt noch bis vor Kurzem völlige Dunkelheit 
geherrscht hat, wird nicht erwarten, daß das erste Licht, 
das in sie dringt, alles erleuchtet. Es werden sich gewiß 
noch viele irrige oder ungenaue Beobachtungen er- 
geben, aber das enthebt der Forschungspflicht nicht. 
„Man muß auch den Mut des Fehlens haben", sagte 
Jakob Grimm gelegentlich. 

Die Über-Ich-Bildung, die Aufnahme des Va- 
ters ins Ich, kann erst erfolgen, wenn der Wider- 
Streit der aus dem Ödipuskomplex stammenden Re- 
gungen und der Angst eine bestimmte Intensität und 
eine bestimmte Gestalt gewonnen hat. Man hat nicht 

— 171 — 






Unrecht, wenn man behauptet, die Uber-Ich-BUdung 
sei eine psychische Folgeerscheinung der Kastrations- 
angst, aber diese Aussage erscheint zu unbestimmt. 
Die ursprüngliche Identifizierung des kleinen Knaben 
mit dem Vater wird durch die Aufnahme des Vaters 
ins Ich in der Form des Uber-Ichs fortgesetzt. Es ist 
so, daß die Über-Ich-Bildung ein Versuch ist, die Angst 
vor dem realen Vater zu bewältigen, ein Versuch, dem 
andere vorausgegangen sind. Man hat noch zu wenig 
beachtet, daß die Konstituierung des Über-Ichs selbst 
zeigt, daß sie eine Reaktionserscheinung auf eine phan- 
tasierte Erledigung und Bewältigung des Vaters ist. Sie 
verewigt zwar die Macht des Vaters, aber ersetzt sie 
auch ein Stück weit, macht seine Wirkungen in einem 
gewissen Maße überflüssig, indem sie seine Machtsphäre 
übernimmt. Wer jene Verbote in sich aufgerichtet hat, 
bedarf des äußeren Vetos nicht mehr so sehr, das doch 
im Hintergrunde bestehen bleibt. 

Es ist aufschlußreich, diesen psychischen Prozeß mit 
der Bildung der Realitätsfunktion, die ihm 
vorausgeht, zu vergleichen. Das der Wahrnehmungs- 
welt zugewandte Ich erfährt äußere Reize, die Erinne- 
rungspuren hinterlassen und die das Ich später allmäh- 
lich erkennen lassen, von welchem dieser Reize es Lust 
und von welchem es Unlust erwarten kann. Diese Er- 
innerung funktioniert dann bei der Annäherung an den 
Reiz wie ein Signal, wie ein Hinweis auf etwas Be- 
kanntes. Das Ich erspart es sich allmählich, dieselben 
unlustvollen Erfahrungen immer wieder zu machen, durch 
die Erinnerung gewarnt. Ihr Auftauchen ist gleichsam ein 
abgekürztes, probeweises Wieder-Durchleben der ver- 

— 172 — 



spürten Unlustsensation. Die äußere Erfahrung wird 
durch die Erinnerung an sie dem Besitz des Ichs ein- 
verleibt ; ihre Wiederholung wird dadurch überflüssig 

gemacht. 

Es gibt auch Mittelglieder zwischen diesem Erwerb 
des Realitätssinnes und der Über-Ich-Bildung. Ich greife 
das wichtigste davon heraus : die Warnungen der 
Eltern vor den möglichen Gefahren der Realität, die 
Hinweise auf Sdiädigungen, die Mahnungen, eine un- 
mittelbare Triebbefriedigung aufzuschieben, usw. Später- 
hin werden diese Warnungen und Mahnungen durch 
zwei Momente zurückgedrängt und schließlich über- 
flüssig gemacht : durch die wachsende Erfahrung des 
Ichs und durch die Introjektion der Eltern als Warner. 
In den Analysen verwöhnter oder mit besonderer Sorg- 
falt erzogener Kinder erkennt man häufig die Um- 
setzung einer solchen äußeren Warnung in eine innere, 
wobei ihr Ursprung oft unbewußt bleibt. Die elterliche 
Warnung oder Mahnung hat sich jetzt in eine Mahnung 
des Ichs verwandelt. Die Selbständigkeit des heranwach- 
senden Kindes wird sich jetzt oft genug ärgerlich oder 
unwillig dagegen wenden, daß die Mutter oder der 
Vater es vor möglichen Gefahren warnt, und sagen : 
Ich weiß das schon selbst." 
Wie in diesem Aufbau der Realitätsfunktion der 
Anteil, den die Eltern daran nehmen, allmählich zum 
inneren, unbewußten Besitz wird, der die Warnungen 
der realen Eltern überflüssig macht, so wird die elter- 
liche Autorität im Aufbau des Über-Ichs und der 
Moral ein Stück weit erledigt. Dasselbe Phänomen, das 
von ihrem inneren Machtgewinn zeugt, läßt das Sinken 

— 173 — 



ihrer äußeren Macht erkennen. Was hier zum inneren 
Sieg gelangt, mußte erst gründlich besiegt werden. 
Der Reaktionscharakter des Über-Ichs zeigt sich in 
dieser Inthronisierung der väterlichen Gewalt nach der 
Revolution. Man hat in den Kreisen der Analytiker die 
psychologische Tatsache noch zu wenig gesehen, daß 
sich das Ich in der Konstituierung des Über-Ichs des 
Vaters bemächtigt. Man hat nur den freilich wichtigeren 
Sachverhalt betont, daß sich darin der Vater des Ichs be- 
mächtigt. Es ist nun nicht mehr der reale Vater, der 
gefürchtet und geliebt wird; es ist ein Stück Ich, vor 
dem die Furcht rege wird. Das Über-Ich, ein Teil des 
Ichs, sagt nun: „Du sollst nicht" — nicht mehr der 
reale Vater, der weit geringer erscheinen mag als dieser 
innere Faktor und an dem der kleine Knabe gelegent- 
lich sogar scharfe Kritik üben kann. Es ist der Über- 
Vater im Ich, der gebietet und verbietet. 1 Es muß noch 
einmal betont werden, daß die Psychogenese des Über- 
Ichs einen Versuch darstellt, die Angst vor dem Vater 
zu überwinden. Zu gleicher Zeit ist zu bemerken, daß 
dem im Über-Ich transformierten Vater eine viel 
größere Macht und Bedeutung zugewiesen wird, als sie 
dem realen Vater um diese Zeit zuerkannt wird. Am 
besten erscheint es, die Über-Ich-Bildung mit einem 
Konservierungsakte zu vergleichen. Die Voraussetzung 

1) Der nach außen projizierte Über- Vater heißt nun Gott. Diese 
Psychogenese des Gottesglaubens aus der Idealisierung des Vaters 
ist nur möglich, wenn sich die Figur des Vaters selbst in die Reihe 
der idealisierten Ahnen einfügt : 

„Ich als Idol ihm, dem Idol, verband ich mich. 
Ich schwinde hin und werde selbst mir zum Idol." 

(Goethe, Faust IL) 

— 174 — 



dafür ist, daß das Objekt selbst tot ist, mag es dann in 
der veränderten Form noch durch Jahrtausende bestehen 
und Schauer und Angst erwecken. Die Über-Ich-Bil- 
dung bezeichnet also die Erledigung und Erhöhung des 
Vaters zugleich, gibt den Punkt an, von dem aus sein 
Fall zum Übergang seines stärksten Triumphes wurde. 
Die Schwierigkeiten der psychologischen Erklärung 
in der individuellen Entwicklung lassen es gerecht- 
fertigt erscheinen, auf die Analogie im kollektiven 
Seelenleben überzugehen und dies umsomehr, als das 
Über-Ich nach Freuds Erklärung alles das wider- 
spiegelt, was die Biologie und die Schicksale der Men- 
schen im Es geschaffen und hinterlassen haben. Der 
Urvater der primitiven Horde war ein mächtiger, ge- 
waltsamer "und gefürchteter Tyrann gewesen. Sein 
Untergang wurde nach Jahrhunderttausenden die Be- 
dingung [seines Aufstieges. Die Legendenbildung um 
ihn begann sicher schon zu seinen Lebzeiten, aber sie 
entwickelte sich zu ihrer höchsten Ausbildung, je weiter 
man sich von seinem Tode entfernte. In der Erinne- 
rung wuchs er wieder zum Urbild des Allgewaltigen. 
Nie stand seine Übermacht so strahlend vor seinen 
Söhnen als lange, nachdem sie sich von seiner Ohn- 
macht überzeugt hatten. Mit der zeitlichen Entfernung 
von seinem Verschwinden wurde sein Bild immer 
leuchtender. Je tiefer die Gewißheit, die Sicherheit 
wurde, daß er tot war, umso lebendiger wurde er in 
ihnen. Was sich allmählich von der Erde loslöste und 
an den Himmel rückte, mußte erst tief unter der Erde 
versenkt sein. Aus seinem Verwesungsprozeß wurde 
eine neue Welt und aus dem Dunkel, in das er immer 

— 175 — 



tiefer rückte, wuchs eine Helle, welche die Erde er- 
leuchtete. 

Auch hier wiederholt sich jener psychische Vorgang, 
durch den Fall und Aufstieg zu einem in sich geschlos- 
senen Ereignis wird. In einer religionspsychologischen 
Arbeit „ödipus und die Sphinx" habe ich versucht, 
die Projektion des Totemtieres an den 
Himmel als den typischen Fall ihrer psychischen 
„Erledigung" aufzufassen.' Dort wurde dargestellt, daß 
sie in eine Zeit fällt, da die Religionsentwicklung tat- 
sächlich bereits über den totemistischen Gottesbegriff zu 
andersartigen vorgeschritten war: „nun konnte sie die 
unbrauchbar gewordenen Totems in die überirdische 
Rumpelkammer werfen." Dort wurde gesagt, daß das 
Höhersteigen des Gottes nicht nur ein Avancement, 
sondern unbewußt auch eine Entfernung und, wenn wir von 
der Erde ausgehen, einer Art geheimer Depossedierung 
bedeutete. In dieser neuen religiösen Vorstellung herr- 
schen noch immer die alten psychischen Mechanismen, 
welche überhaupt in der Religionsbildung wirksam 
sind. Der Respekt, die Liebe und die Achtung vor der 
Gottheit sind auf den höchsten Punkt gestiegen; in 
gleichen Maße aber brechen die revolutionären unbe- 
wußten Wünsche, die seine Entfernung anstreben, durch. 
Dieser Vorgang bedeutet aber bereits eine zweite oder 
dritte Auflage eines ähnlichen, ihm weit vorangehenden- 
Bereits der Totemismus stellte einen durch den Ver- 

i) „Imago", VI (1920), S. 95 ff. Ebendort findet sich S. 110 die 
Bemerkung „Die ägyptischen Götter waren sterblich; aber wäh- 
rend ihre Leiber bandagiert und umwickelt im irdischen Grabe 
lagen, erglänzten ihre Seelen als helle Sterne am Firmament*. 

— 176 — 



Schiebungsmechanismus durchgeführten Versuch dar, die 
Angst vor dem Vater zu bewältigen. Ebenso kann 
man die Verschiebung der Angst in der infantilen 
Tierphobie als einen Versuch zur Angstbewältigung 
auffassen. Die Uber-Ich-Bildung schließt sich nur als letztes 
Glied in dieser Kette an. Sie setzt die Tötung des Vaters 
in der Form der Ich-Einverleibung fort. Sie bezeichnet 
das Denkmal seines Sieges, aber auch das seines Un- 
terganges, ist ein Wahrzeichen der Unsterblichkeit, 
aber auch der Vergänglichkeit seiner Macht. Sie ver- 
ewigt ihn, indem sie ihn real zurückdrängt. Sie ist die 
Darstellung eines psychischen : le roi est mort, vive le 
roi, wobei der neue König das um das Uber-Ich be- 
reicherte Ich ist. 

Es muß mit den hier dargestellten Zügen zusammen- 
hängen, daß das Uber-Ich mit dem Älterwerden 
des Individuums seine Strenge gewöhnlich abmil- 
dert. (Es gibt freilich Ausnahmen von dieser allge- 
meinen Regel.) Die affektive Einstellung zum Vater 
wird durch partielle Erreichung der in der Kinderzeit 
gewünschten Ziele verändert; die Strebungen des Es 
sind weniger drängend geworden und das Ich hat sich 
dem Vater angeähnelt. Das absolutistische Regime ver- 
wandelt sich allmählich in ein demokratisches, das die 
Toleranz und die Schwäche zeigt, die allen Demokra- 
tien eigen sind. Die Gewaltherrschaft des Es und des 
Über-Ichs weicht einer maßvolleren Behandlung; die 
non-violence-Tcdmik im Seelenleben hat gesiegt. Man 
kann diesen Vorgang der allmählichen Angleichung an 
den Vater und der sinkenden Strenge des Über-Ichs 
manchmal in der Analyse der Neurosen beobachten. In 

Rcik, Schrcdcen J77 12 






den Schicksalen vieler neurotischer Charaktere stellt sich 
mit vorrückendem Alter oft eine An späten Frie- 
dens ein, der alle seelischen Krisen und Kämpfe ab- 
klingen läßt. Dieser Friede bezeichnet eher die psychi- 
sche Zermürbung als den Sieg über die Macht jener 
oft bekämpften Triebregungen. Er bedeutet eher ein 
Asyl für seelisch Obdachlose als eine Wohnstätte. Den- 
noch läßt es sich nicht verkennen, daß solches Sicheinfiigen 
und Sichunterordnen (oft, nachdem das Über-Ich in 
Verbindung mit den grausamen Es-Regungen das Ich 
an den Rand des Verderbens geführt hatte) auch dem 
Absinken der Sirenge der moralischen, selbstzerstören- 
den Faktoren des Ichs zu verdanken ist. 

Eines jener nachdenklichen, noch in ihrer Heiterkeit 
schwermütigen Worte, die in meinem Volke fortleben, 
drängt sich hier auf: „Was fü r e i n Glü ck, daß 
nicht nur die Gejagten müde werden, son- 
dern auch der Jäger!" Das mag ein Trost für die 
Gehetzten sein. Es ist keiner mehr für diejenigen, welche 
mit gebrochenen Augen auf der Strecke geblieben sind. 
Diese wie jede andere Weisheit dieser Welt läßt sie 
nun ziemlich kalt. 



- 178 — 






Von Dr. Theodor Reik erschien früher : 



Richard Bcer-Hofmann. Leipzig 1912 

Flaubert und seine „Versuchung des Heiligen Antonius". 

Kin Beitrag mr Künstlerpsychologic. Mit einer Vorrede von Alfred Kerr. 
Minden i. W. 191 2 

Arthur Schnitzler als Psycholog. Minden i. w. .913 

DaS Ritual. Psychoanalytische Studien. Mit einer Vorrede von Sigm. Freud. 
Zweite, durchgesehene und ergänzte Aullagc. (Imago-Bücher, Bd. XI.) Wien 19*8. 
[Die I. Auflage war 1919 unter dem Titel .Probleme der Religionspsychologie'' er- 
schienen.) 

Der eigene Und der fremde Gott. Zur Psychoanalyse der religiösen 
Entwfcktonf. (Imago-Bücher. Bd. III.). Wien 1923 

Geständniszwang Und Strafbedürfnis. Probleme der Psychoanalyse 
und der Kriminologie. (Internationale Psychoanalytische Bibliothek, Bd. XVIII.) 
Wien lf/25 

Wie man Psychologe wird. Wien 1927 

Doffma Und Zwangsidee. Eine psychoanalytische Studie zur Entwicklung 
der Religion. Wien 1927 


















Im Herbst 1929 erscheint: 
Zur Psychoanalyse des jüdischen Witzes und andere Studien 

über den Witz. 




THEODOR R E I K 








er eigene un 



tum 





Geheftet M 8-50.. Ganzleinen M 10-50 
Inhalt: Über kollektives Vergessen - Jesus und Maria im Talmud - Der heilige 

Fpiphanius verschreibt sich — Die wirderauferatandrnen Götter — Das Evangelium 
<les Judas Ischarioth — Psychoanalyti.sdic Deutung des Judas-Problems — Gott und 
Teufel — Die Unheimlidikcit fremder Götter und Kulte — Das Unheimliche aus 
infantilen Komplexen - Die Äquivalenz dei Triebgegensattpaare (Jbei Diffweniierung 

Det tiefblickendste und Scharfsinnigste Rcligionspsydiologr unserer Zeit. 

(Siluilic/orm, Bern) 

Hin geistreiches Buch . . Einer dfi helfsten Köpfe unter den Psychoanalytikern. 

(Alfnd Dublin in der Vossixhen Zeitung) 

Gut ist die Analyse des Fanatismus . . . Man wird eine Methode, die so tiefe Sach- 
verhalte aufdecken kann, nicht a limine ablehnen, 

(hm. iiu, n | n ( |,. r -iiuolozisdmi Utrtaiwteitwiz 

Man muß (teiks wuchtigen VorstolS anerkennen . . . Rücksichtslos geht der Weit «war 
Oft durch Dunkel und Schrecken und kaltes Grauen. Aber wer den Mut dazu ha. 
kann sich getrost der sachkundigen Führung Rciks anvertrauen. (Bremer Xtutmehtm) 

Das Buch ist unmittelbar erschütternd. Ks versäume nicmaiul, den psycliutogisdicn 
Zusammenhang zwischen Christus und |udas Isdiarioth untei Rciks sachkundiger 
Führung nachzusinnen. Der erste F.indruck mag leicht ähnlich ersdireckend wirken, wie 
die Begegnung mit dem Hüter der Schwelle ; allein nudi hiet v/lrd sich tit-t Schreck, 
vom Richtigen richtig erlebt, als heilsam erweisen. 

(Graf Hamann heysa Hny, im II t% zur I ollauliin: ) 



Mandio darin wird starken Anstols erregen und doch 

ei was in em neues Licht genickt 



findet mau immer wieder 
(frankfurter Zeitung) 



Internationaler Psychoanalytischer Verlag 
Wien, L, ßörsegasse II 



THEODOR REIK 





?? 



urjm 

"Probleme öer ^)pci)ocmalp')e i 

Äriminologie 

Geheftet Mk 8*—, Ganzleinen Mk IQ- 
Bestimmte Erfahrungen der psychoanalytisdien Praxis haben Reik veranlaßt, die Existenz 
. inet besonderen psychisdien Tendenz, die er als unbewußten Geständniszwang bezeichnet, 
anzunehmen. Das Symptom der Neurosen repräsentiert nicht nur die Kraft der verpönten 
Wünsche, sondern wesentlich auch die Macht verbietender (moralischer, ästhetisdier) 
Instanzen. (Freud : .Der Selbstverrat dringt dem Menschen aus allen Foren.") Das unbe- 
wußte Geständnis bringt ein Stück psychischer Entlastung, das von der partiellen Befrie- 
digung herrührt, die das Geständnis als eine Art abgeschwächte Wiederholung der phan- 
tasierten Tat erscheinen läßt. Über den Rahmen der Heilkunde hinausgreifend. meint Reik 
in dem vom Übcr-Ich ausgehenden unbewußten Strafbedürfnisse eine der gewaltigsten, 
sdiicksalsfonnenden Mächte des Mensdienlebens überhaupt zu erkennen. Besonders ein- 
gehend wird vom Verfasset die Kriminologie berücksichtigt. Reik zeigt des ferneren die 
mannigfaltigen Äußerungen des unbewußten Geständniszwanges auf den Gebieten de/ 
Religion (Beichte, Siindenbrkenntnis), des Mythus, der Sprach? und der Kunst. Die Bedeu- 
tung dieser Tendenz für die Kinderpsychologie und Pädagogik demonstriert er an vielen 
ausführlichen Beispielen. Das Sdilußkapite! ist dem sozialen Geständniszwang gewidmet : 
die Psychoanalyse bereitet den Abbau der rohen Triebgewalt und der Schuldgefühle vor. 



Ute hochinteressante Arbeit eines tiefgründigen Denkeis und scharfen Beobaditers, deren 
grafte Bedeutung iüt die Weiterentwicklung der Psychoanalyse die Zukunft zeigen wird." 

(österreidiüdie Ridüerzeitung. ) 

„Reik versteht es in glänzender Weise, seine Hypothesen vorzutragen. Ein bewundeins 
werter Glaube an die Bedeutung der Psychoanalyse läßt ihn zur höchsten Höhe einei 
optimistischen Zukunftshoffnung aufsteigen. (Prof. Friedländer in der Umschau.) 



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Wien, I., Börsegasse 11 



THEODOM RE1K 




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(ZWEITE, ERGÄNZTE AUFLAGE DER 
„PROBLEME DER RELIGIONSPSYCHOLOGIE") 

Geheftet Mk i%-~ , Ganzleinen Mk 14-- 









Inhalt.- I) Einleitung. — II) Die Gouvade und die Psychogene»« der Y'crgeltungsfurcht 
— Hl) Die I'ubcrtätsritcn der Wilden. - IV) Kolnidre (Stimme des Gelübdes). - V) Das 
Sdiolar (Das Widderhorn). - VI) Der Moses des Michelangelo. 

Es ist eine schwere Kost, die vorsichtig genommen und mehrmals verdaut werden muß, - 
aber es ist eine Arbeit, die den Problemen wirklich nahe zu kommen sucht; es ' ist 
nicht dieses ewige kompilierende Denken, das so häufig in der übrigen medizinischen Literatur 
uns ichthyosaurenhalt anmutet . . . Wenn Keik am Schlüsse seines Werkes schreibt, dag er 
der Religionswissenschaft einen neuen Weg gewiesen hat, den er an der Hand seines 
Meisters Freud betrat, dann muß ihm jeder Vourteilslrrie, auch wenn er ihm nicht in 
allen Deduktionen folgen kann, rechtgeben. Wie schmerzlich manchem die Sondierung 
rel.g.os-eth.scher Gefühle sein mag, vom wissenschaftlichen Standpunkt ist sie herech.iirt und 
die I sydioanalyse .st zweifelsohne befähigt, diese Erkenntnis in ein bisher unbekanntes Reich 

mufi ?• r l " i f ?"" T Ff - " 1 r cr,lcn ' da ia,M ,lclcrat llur Stückwerk bleiben 
muß; es ist c.n Buch, das durchforscht zu werden verdient und das in sich den 
Keim neuen Werdens tragt. 

(Pro/. Lüpmann in der Zrittdtriß für Sexttalwissmsdtaft,) 

Der Ästhetiker findet mancl.es Interessante über Musik, über die Hörner des Moses von 
.Michelangelo und anderes. 

(Prüf. Oestcrradi in der Vmsisdien Zeitung.) 

l'Jt ist ungemein reizvoll, den scharfsinnigen und geistreichen Ableitungen zu folgen, die 
Keik von verschiedenen religiösen Riten gibt. 

(Münchner Med. Wodietisthri/t.) 



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THEOBOR REIK 




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Geheftet M 3*60, Ganzleinen M 5*- 

Inhali: I) Wie man Psychologe wird — . U) Psychologie und Depersonalisation — 
111) Die psychologische Bedeutung des Schweigens 

Alle drei Beitrüge zeichnen sich durch Klarheit der Gedankengänge, Reinlichkeit dei 
Sprache und eine aktive, fruchtbare Deutung der psychologischen Situation aus . . . 
Deutliche Aufstellung des Problems, genaue Begriffsb -grenzung, scharfsinnige psychologische 
Intuition (Magdeburejsdie Zeitung) 



THEODOR REIK 



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Geheftet M 5*60, Ganzleinen M 7'- 

Inhalt: 1) Das Dogma — 11) Die Entstehung des Dogmas — 111) Dogma und Zwangs- 
idee (Das Dogma als Koinpromibausdruck von verdrängten und verdrängenden Vorstellungen. 
Zweifel und Hohn in dei Dogmenbildung Dogma und Anathema. Der Widersmn im 
Dogma und in der Zwangsidee. Die sekundäre Bearbeitung dei rationalen Theologie. 
Fides unJ Katio ; die zwei Überzeugungen. Das Tabu des Dogmas. Das Wunder ist des 
Glaubens liebstes Kind Das Wiederkehrend-Verdrängte. Die Stellung des Dogmas in der 

Religion. Glaubensgesetz und Sittcngesciz.) 









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SIGM. FREUD 

GESAMMELTE SCHRITTEN 



K.II Bände in Lexikoiilormat 



Unter Mitwirkung dos Voriasacr* hcrnusgcgrncn 

von Amin Freud und A. .T. S I <■ r I e r 



I) Studien i'iber Hysterie / Frühe Arbeiten zur KunrosenMire 180.'- i8>>) 
11) Die Traumdeutung 

III) Ergänzungen und Zusatzkapitel zur Traumdeutung / Über den Traum / BeltrSge 
7iir Traumlehrc / Beitrage zu den „Wiener Diskussionen" 

IV) Zur Psychopathologie des Alltagslebens / Das Interesse an der Psychoanalyse 

Über Psychoanalyse / Zur Geschichte der psychoanalytischen Hewegung 

V) Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie / Arbeiten zum Sexualleben und zur 

Neurosenlehre / Metnusychologie 

VI) Zur Technik / Zur Einführung des Narzißmus / Jenseits des Lustprinzips / Massen- 
psychologie und Ich-Analyse / Das Ich und das Es / Anhang 

VII) Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

VIII) Krankengeschichten 
IX) Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten / Der Wahn und die Träume 
in W. Jensens „Gradiva" / Eine Kindheitseriuneriin» des Leonardo du Vinci 
X) Totem und Tabu / Arbeilen zur Anwendung der Psychoanalyse 
XI) Schriften aus den Jahren 1925—1926 / Geleilworte zu fremden Werken / Gedenk- 
artikel /Vermischte Schriften / Schriften aus den Jahren 1906—1988 

Geheftfit M i8o.-~, in Ganzleinen M-juo.—, 
in Ralbhder (Schweinsleder) M 380.— 

Hermann lles.se in der »Noien Ruiul.sJiau « : Kine grofjc, 
schöne Gesamtausgabe, ein würdiges und verdienstvolle* Werk 

wird da unter Dadi gcoraciit. — Prot. R a y in und oenmidt in 
den »Annalen der Plnlosopliic« : X)nu\ und Ausstattung .sind 

geradezu aulregend $chßn. 

.Aiisliiiii Inlic I rosnekte aui verlangen von 

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Theodor Reik 

Der Sclirecken 

Psychoanalytische Studien