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Full text of "Lust und Leid im Witz. Sechs Psychoanalytische Studien."

, 



_Lust und -Lei 


2 


im Witz 




Sechs psychoanalytische Studien 


■ 


Von 




Ineodor JVeik 




1939 




Internationaler Psychoanalytischer Verlag 




Wien 





Alle Rechte, insbesondere die der Übersetzung, 
vorbehalten 



Copyright 1929 

by „Internationaler Psychoanalytischer Verlag, 

Ges. m. b. H.", Wien 




INTERNATIONAL 
PSYCHOANALYTIC 
UNIVERSITY . 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Druck : Christoph Reisser's Söhne, Wien V 



DEM ANDENKEN 



MEINES FREUNDES 

KARL ABRAHAM 



Vorwort 



Von den Forschungen Freuds sind diejenigen, die sich auf die Psycho- 
logie des Witzes und des Komischen beziehen, in ihrer wissenschaftlichen 
Bedeutung noch am wenigsten gewürdigt. Die Tragweite ihrer Resultate 
ist noch nicht erkannt, ihr Reichtum an psychologischen Funden noch nicht 
verwertet worden. Sogar die meisten analytischen Autoren pflegen über dieses 
Gebiet mit dem Hinweis auf das Freudsche Buch sowie einigen seinen 
Inhalt umschreibenden Sätzen hinwegzugleiten — ein Brauch, von dem der 
Bruch mehr ehrt als die Befolgung. Die vorliegenden sechs Aufsätze, die 
fragmentarischen Charakter tragen und keinen Anspruch auf den Titel metho- 
discher Untersuchungen erheben wollen, bemühen sich, diese Forschungen 
Freuds nach bestimmten Richtungen weiterzuführen. Sie sind zuerst in 
verschiedenen Jahrgängen analytischer Zeitschriften erschienen. Ihre Reihen- 
folge wird den Fortschritt analytischer Erkenntnis in der psychologischen 
Vertiefung erweisen und doch erkennen lassen, daß wir von der endgültigen 
Lösung mancher Probleme noch weit entfernt sind. Ich versuche hier in 
der Analyse des einzelnen Witzes und des Witzes als seelischen Phänomens 
überhaupt zu zeigen, woher die unbewußte Lust an ihm stammt und wieviel 
unbewußtes Leid er verbirgt und doch zum Ausdruck bringt. Nur dem 
oberflächlichsten Blick nämlich scheint es, als könne nicht ernsthaft sein, was 

heiter gesagt wird. 

Wer sich um die Psychologie des Witzes bemüht, wird bald erkennen müssen, 
daß es sich nicht nur um ästhetische Probleme handelt und daß ihn sein 



Reik : Vorwort 



Interesse am Witz weit über diesen selbst hinausführt. Die folgenden Studien 
wollen den bedeutsamen Beitrag zeigen, den die analytische Untersuchung 
des Witzes als psychischen Ausdruckes des Einzelnen und ab sozialer Er- 
scheinung zur Erforschung des unbewußten Seelenlebens zu bieten vermag. 



Berlin, Ende August 1929. 



uwa 



en zynis 



dien Witz 



„Ergreift ihn, der das Wort gesprochen. 
Und ihn, an den's gerichtet war.' 
T Schiller. 

Die folgenden Anmerkungen beanspruchen nicht, das Problem des zyni- 
schen Witzes, seiner seelischen Voraussetzungen und Ziele, zu lösen; sie 
wollen nur einige Charakteristika dieser Witzesart zeigen und auf diesem 
Wege jenen Fragen näher zu kommen suchen. Der zynische Witz gehört 
unstreitig der tendenziösen Art an. Als sein spezifisches Merkmal werden 
von Freud besonders seine Angriffsobjekte hervorgehoben: 1 „Institutionen 
oder Personen, sofern sie Träger derselben sind, Satzungen der Moral oder 
Religion, Lebensanschauungen, die ein solches Ansehen genießen, daß der 
Einspruch gegen sie nicht anders als in der Maske des Witzes, und zwar 
eines durch seine Fassade gedeckten Witzes auftreten kann." Allgemein hoch- 
geschätzte Personen oder Institutionen werden also zu Objekten des zynischen 
Witzes, welcher der Auflehnung gegen sie die besondere Form leiht. 

Ein kleines Witzbeispiel soll uns helfen, den zynischen Witz vom naiven 
abzugrenzen. 

Eine Gouvernante erzählt ihrem kleinen Zögling: „Denk dir einmal, 
Franzi, wie ich gestern so spät abends von dir weggehe, steht beim Haus 
ein verdächtig aussehender Mann. Oh, wie ich gelaufen bin!" Franzi: „Nun — 
und hast du ihn bekommen?" 

Worüber lachen wir hier? Der erste Eindruck wird sein: das ist ein 
komisches Mißverständnis. Das Fräulein ist aus Angst davongelaufen; das 



i) Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten. Ges. Schriften, Bd. IX. 



Theodor Reik 



Kind kennt offenbar die Gründe oder Voraussetzungen jener Angst nicht 
und glaubt, es handle sich um ein Erreichen wollen, um eine Art Fang- 
spiel. Die Voraussetzungen, welche dem Kleinen fehlen, müssen von der 
Art sein, daß er sie noch nicht erkannt hat. Er sieht nicht ein, was das 
Fräulein von dem Mann zu fürchten hat. Und doch scheint seine Antwort 
für uns einen verborgenen Sinn einzuschließen. Sie scheint irgendwie zu 
der Situation zu passen. Soweit die Fassade des Witzes; wir gelangen weiter, 
wenn wir dem Grund dieser Angst nachgehen. 

Die psychoanalytische Forschung hat uns gelehrt, daß Angst und Wunsch 
oft einander ergänzen, daß sie sozusagen zwei Seiten eines Gefühlsphänomens 
darstellen können. Der mit den moralischen Forderungen des Bewußtseins 
unerträgliche Wunsch erscheint auch in der Neurose und im Traume in der 
Angstform. Diese Einsicht oder vielmehr die Ahnung dieses Zusammenhanges 
muß irgendwie unbewußt unser Besitz sein. Denn darauf beruht ja die 
starke Wirkung des Witzes: das Kind deckt durch seine Antwort auf, daß 
sich hinter der Angst des Fräuleins ein sexueller Wunsch verberge. (Vielen 
Psychologen erscheint noch jetzt diese Ansicht fraglich. Was kein Verstand 
der Verständigen sieht, das ahnet in Emfa\t ein kindlich Gemüt.) Die 
Hemmungen, welche wir dem Aussprechen eines solchen Gedankens ent- 
gegensetzen würden, sind aus dem Wege geräumt. Wir als Zuhörer ziehen 
aus der Ersparung von seelischem Hemmungsaufwand Lust. 

Denselben Witz, den wir hier als naiv bezeichnet haben, würde man, 
wenn ihn ein Erwachsener machte, zynisch nennen. Man sieht, daß der 
Unterschied nicht im Formalen oder Inhaltlichen liegt. Denn wir brauchen 
an dem Geschichtchen selbst nichts zu ändern, nur die Person müßte wech- 
seln. Das spezifische Merkmal des zynischen Witzes liegt also in einer eigen- 
artigen psychischen Einstellung, an deren Entwicklung die mißglückte Ver- 
drängung namentlich des Schautriebes, der koprophilen Tendenzen und der 
sadistischen Triebkomponente den bedeutsamsten Anteil hat. Es scheint, daß 
eine der manisch-depressiven oder zwangsneurotischen ähnliche seelische 
Situation den besten Nährboden für die Produktion des zynischen Witzes 
bildet. 

Wir verfolgen den Entwicklungsgang eines solchen Kindes. Es bleibt 
nicht naiv; es merkt, daß man ihm viel verbirgt. 

Die Psychoanalyse konnte von Konflikten der kindlichen Seele erzählen, 
von deren Größe und Wucht wir uns hätten vorher nichts träumen lassen. 
Oder vielmehr: von denen wir uns haben nur träumen lassen. Denn diese 
kindlichen Seelenkämpfe, die auch wir durchgemacht haben, sinken ins Un- 



über Jen zynisdien Witz 



bewußte und kommen im Traume unter seltsamen Verkleidungen empor. 
Die Erziehung und die Moral beginnen ihr Werk. Das Kind muß viele 
Triebäußerungen unterdrücken. Es muß ferner eine Unwissenheit in ge- 
schlechtlichen Dingen heucheln, um der Strafe zu entgehen und mehr zu 
erfahren. Die Kinder müssen so ihr frühes Wissen um das so sorgfältig ge- 
hütete Geheimnis der Geschlechtlichkeit verborgen mit sich tragen. Doch 
kommt es oft vor, daß sie zur Revanche die Erwachsenen mit Lügenmärchen 
zum besten halten, so wie diese es mit der Storchfabel gehalten. Manch- 
mal gefällt es ihnen, sich durch einen Witz über das Vertrauen der Er- 
wachsenen in die kindliche Unschuld lustig zu machen. Die Großmutter 
ermahnt die lärmenden Kleinen: „Aber, Kinder, tobt doch nicht so! Ihr 
wißt doch, daß sich heute früh bei der Mama der Klapperstorch eingestellt 
hat." „Ruhe," entgegnet ein kleiner Frechdachs, „Großmama will Märchen 
erzählen. 

Das ist schon ein zynischer Witz, denn es wird darin gezeigt, daß man 
über den Vorgang der Geburt genügend informiert ist und die „unschuldige 
Kinderzeit vorbei ist. Das Kind will sagen: glaubst du, daß wir noch so 
dumm sind, daß wir an den Storch glauben? Das gehört auch zu den 
Märchen, die du erzählst. 

Ein Vater sagt zu seinem elfjährigen Sohne: „Seit du, Fratz, auf der 
Welt bist, habe ich noch keine freudige Stunde von dir gehabt!" — „Aber 
früher, Vater?" Auch dieser Witz zeigt hinter der Fassade Verborgenes : nämlich 
das kindliche Interesse an der Sexualität der Eltern und das Auflehnen gegen 
die väterliche Autorität, die in ihrer Erhabenheit herabgesetzt werden soll. 
Drastisch drückt sich das Auflehnen gegen die elterliche Gewalt in der 
Antwort eines kleines Mädchens aus: „Denkst du, Erna," sagt ein Onkel, 
„das macht deinen Eltern Vergnügen, daß sie immer mit dir zu zanken 
haben? Das tut ihnen weher als dir!" — „Na, wenigstens ein Trost!" 
Noch einen zynischen Kinderwitz möchte ich hierher setzen, weil er 
zeigt, wie intuitiv Kinder das Richtige ahnen, das Erwachsenen so oft ent- 
geht. Der Religionslehrer fragt den kleinen Moritz, wer Moses war. „Moses", 
ist die Antwort, „war der Sohn der ägyptischen Prinzessin." — „Falsch, ' 
ruft der Lehrer, „die Tochter Pharaos ging am Ufer spazieren und fand 
Moses in einem Kästchen auf dem Wasser schwimmen." — „Sagt sie, Herr 
Lehrer!" Was der kleine Moritz hier erfaßt, ist wirklich der verborgene 
Sinn jener Erzählung von Moses' Auffindung. Otto Rank konnte nach- 
weisen, daß sich alle bemerkenswerten Züge dieses Mythos in vielen Sagen 
typisch finden und daß sie nur einen symbolischen Ausdruck des Geburts- 



io 



Theodor Reik 






aktes darstellen. 1 Der kleine Moritz hat, daran gewöhnt, von den Erwachsenen 
mit allerlei Märchen über diesen heiklen Punkt hinweggetäuscht zu werden, 
intuitiv das Richtige gefunden. Sein Unbewußtes hat erfinderisch den- 
selben Weg zurückgelegt, den viele Jahrtausende früher die Phantasie seiner 
Ahnen ging. 

Welchen Sinn haben nun diese Witze? Sie zeigen das Seelenleben der Kinder 
in der Enthüllung, wie es unter der Oberfläche der Erziehung und der Kon- 
vention tatsächlich aussieht. Sie lüften den Schleier der gesellschaftlichen 
Legende, die den Kindern geschlechtliche Unwissenheit und Unschuld an- 
dichtet. 

Wenden wir uns nun dem zynischen Witz der Erwachsenen zu. Dabei 
werden wir uns folgende Fragen vorzulegen haben: gegen welche Einrich- 
tungen, Gesetze usw. richtet sich der zynische Witz? Warum werden gerade 
diese von ihm als Angriffsobjekte gewählt? Auf welchen seelischen Wegen 
kommt sein Wirken zustande? Endlich: welchen Sinn hat der zynische 
Witz für Individuum und Gesellschaft? 

Versuchen wir, uns zuerst Aufklärung über die Natur des zynischen Witzes 
durch einige typische Beispiele zu verschaffen. 

Dabei nehmen wir absichtlich unliterarische Beispiele, solche, wie sie das 
Leben des Alltags ans Licht befördert. 

Der Leutnant fragt: „Sagen Sie mir, Bacharach, warum soll der Soldat 
sein Leben freudig für den König opfern?" — „Recht haben Sie, Herr 
Leutnant, warum soll er's opfern?" 

Wieder ist unser erster Eindruck der eines komischen Mißverständnisses: 
der Einjährige hält die Frage des Leutnants offenbar für eine rhetorische. 
Doch merken wir gleich den Grund des Mißverständnisses: er kann nicht 
glauben, daß jemand das Leben, welches der Güter höchstes ist, für den 
ihm innerlich fernstehenden König opfern wird. Patriotismus ist ihm nur 
die Pflicht, sich auf Befehl des Kriegsministers für die heiligsten Güter der 
Nation erschießen zu lassen. Die gefährdete Selbsterhaltung lehnt sich gegen 
den ihm widersinnig erscheinenden, geweihten Zwang auf. 

In einem vornehmen Londoner Klub, dem die größten Lebemänner der 
Stadt angehören, fragt Bischof Y. einen Ankömmling: „Nun, Mylord, sind 
Sie noch immer nicht entschlossen, ob Sie der Teufel oder die Syphilis 
holen soll?" — „Euer Gnaden," antwortet der Lord höflich, „das wird 
ganz davon abhängen, ob ich mir Ihre Grundsätze oder Ihre Maitresse an- 









i) Der Mythos von der Geburt des Helden. Fr. Deuticke, Wien 1909. 



Über den Zynismen Vvits 11 



eigne." Das scheint eine persönliche Abwehr in Witzesform. Doch richtet 
sich die so wenig schmeichelhafte Alternative wider die allgemeinen Schäden 
der Geistlichkeit, denn der Priester ist durch seinen Stand verpflichtet, 
moralisch reine Grundsätze zu haben und ein sexuell tadelloses Leben zu 
führen. Beiden Ansprüchen genügt die Geistlichkeit manchmal nicht in 
zulänglichem Maße. 

Ähnlich klingt eine von Chamfort erzählte Anekdote: ein Edelmann, 
der seine Gattin in fiagranti mit einem Bischof ertappt, geht ruhig zum 
Fenster und segnet die Vorübergehenden: „Seine Eminenz versehen gegen- 
wärtig meinen Dienst, ich muß den seinigen versehen. 

Dieser Witz enthüllt die sexuellen Begierden derer, welche durch ihren 
Stand zu sexueller Enthaltsamkeit verurteilt sind. Er will sagen, daß auch 
Priester Menschen mit menschlich-allzumenschlichen Eigenschaften sind 
und das Zölibat nur eine Heuchelei ist. 

Nahe steht eine andere Gruppe von Witzen, die man als blasphemische 
bezeichnen kann. Einige Beispiele werden uns ihre Analyse erleichtern. 

Ein jüdischer Mörder erhält kurz vor seiner Hinrichtung den Besuch 
eines Rabbiners. „Ich komme zu dir, mein Sohn, als Diener Gottes, be- 
ginnt dieser. „Was wollen Sie von mir?" unterbricht ihn der Verbrecher, 
„in einer Stunde werde ich mit Ihrem Chef sprechen." Zynisch ist hier 
beides: daß der Priester gleichsam als Angestellter eines Geschäftes ange- 
sehen wird und Gott sein Chef sein soll. In Heines „Bäder von Lucca" 
findet sich ein ähnlicher witziger Vergleich. 

Ein zweiter Witz wird uns tiefer hinter die Fassade sehen lassen. Ein 
frommer Rabbiner wird nach seinem Tode in den Himmel aufgenommen. Er 
nähert sich Jehova und fragt zutraulich: „Herrgottleben, sag', was sind für dich 
tausend Jahr?" — „Tausend Jahr sind für mich wie eine Minute." — „Und geh, 
sag', was sind für dich eine Million Gulden?" — „Eine Million Gulden 
sind für mich wie ein Kreuzer." — „Geh, Herrgottleben, schenk' mir einen 
Kreuzer!" — „Wart' eineMinut' !" Gott wird hier als geriebener Geschäftsmann 
dargestellt, der seinen schlauen Gläubigen durch Raffinement noch über- 
trifft. Es birgt sich hinter diesem Witz eine tiefe Wahrheit. Der Mensch 
schafft sich seinen Gott nach seinem Ebenbilde. Der Gott der Juden wird 
hier von ihnen als schlauer Geschäftsmann betrachtet. 1 („Wie einer ist, so 
ist sein Gott; darum ward Gott sooft zum Spott." Goethe.) Zugleich be- 



i) Die gleiche Einstellung zu Gott zeigt oft das jüdische Sprichwort, zum Bei- 
spiel: „Gott ist nicht so reich als man glaubt: was er dem Einen gibt, nimmt er 
dem Andern!" 



12 



Tljeodor Reit 



deutet der Witz einen schmerzvollen Protest gegen Gott, der sein aus- 
erwähltes Volk zwang, oft mit zweifelhaften Mitteln den Kampf ums Dasein 
zu führen. Es reihen sich hier ungezwungen Aussprüche von Sterbenden 
an, die ihrem Zynismus Ausdruck geben. Sie wirken um so stärker, als 
sie im Moment des Hinübergehens in das unbekannte Land, von dess' 
Bezirk kein Wand'rer wiederkehrt, fallen. So spricht Heine, da ihn der 
Priester auf die Gnade Gottes verweist, das berühmte Wort: „Bien sür, 
qu'il me pardonnera, c'est son metier." Durch die Annahme eines Geschäftes, 
eines Berufes nach Menschenart, erhebt hier der Künstler zum letztenmal 
Protest gegen den Gottesbegriff. Voltaire beantwortet die Frage des Priesters, 
ob er jetzt an die Göttlichkeit Jesu Christi glaube: „Au nom de Dieu, 
monsieur, ne me parlez plus de cet komme! 

Wir wissen schon, daß diese Zynismen in direkter Linie auf den kind- 
lichen Protest gegen den Vater zurückgehen. Es gibt viele zynische Witze, 
welche die Person des Vaters herabsetzen, namentlich solche, welche sich 
gegen seine Sexualität richten. Es wird aber ebensooft die Tugend der 
Mutter angezweifelt. Ein gutes Beispiel dieser Art, das beide Phänomene 
vereinigt, ist folgendes: 

Der französische Schriftsteller Crebillon antwortete auf die Frage eines 
Gastes: „Welches halten Sie für Ihr bestes Trauerspiel?" indem er auf 
seinen Sohn wies: „Ich weiß nur, welches mein schlechtestes ist: hier, 
mein Herr Sohn." Der Sohn entgegnete: „Man glaubte daher auch, daß 
Sie es nicht gemacht haben." Diese freundliche Entschuldigung dient 
natürlich nur dazu, den Vater als Hahnrei hinzustellen. 

Den Witzen, welche sich gegen die Religion richten, stehen andere nahe, 
welche die allgemeine Moral oder bestimmte Anschauungen der Moral an- 
greifen. Der Herzog von Malborough nützte seinen Einfluß unmäßig zur 
persönlichen Bereicherung aus. Einmal wollte jemand einen Posten durch 
seine Protektion erlangen und sagte ihm leise: „Euer Gnaden, ich gebe 
Ihnen tausend Pfund auf der Stelle und sage es niemandem." — „Wissen 
Sie was," antwortete der Herzog, „geben Sie mir zweitausend und sagen 
Sie es jedermann." Das heißt also: was liegt mir an der Meinung der 
Leute; die Hauptsache ist, daß ich möglichst viel Geld bekomme. Dieselbe 
Rücksichtslosigkeit zeigt der Witz auch nicht selten, wo religiöse Gebote in 
Frage kommen. Ein Jude, welcher in einem Irrenhaus interniert war, bekam 
Tobsuchtsanfälle, weil seinem Verlangen nach rituell zubereiteten Speisen 
nicht entsprochen wurde. Endlich bestellte ihm der Arzt aus einem nahen 
jüdischen Restaurant das gewünschte Essen. Am Samstag spazierte nun der 



Über den svtusdicii Witz 10 



Fromme mit seinem Wärter im Garten, behaglich seine Zigarre rauchend. 
Entrüstet kommt der Arzt auf ihn zu: „Was soll denn das heißen? Zuerst 
sind Sie so fromm, daß Sie nur koscher essen wollen und jetzt rauchen Sie 
am Samstag?" Darauf entgegnet ruhig der Gefragte: „Nu, und zu was bin 
ich denn meschugge? 

Dergleichen Witze zeigen den Wunsch, sich um Moral- und Religions- 
gebote nicht zu kümmern und sich nur seiner Lebenslust hinzugeben. Sie 
wollen sagen: Moral ist der Stock, der uns zum Krüppel schlägt. Dann 
dient er uns als Krücke. Ihre zweite Lehre ist: man kann die strengen 
Gebote der Moral im harten Kampf ums Dasein oft nicht aufrechterhalten. 
Der geistvolle Talleyrand spricht diese Meinung in einem zynischen Worte 
offen aus: „Die erste Regung ist fast immer gut; man muß sie unterdrücken. 

Andere zynische Witze richten sich gegen einen bevorzugten Stand und 
treffen mittelbar wieder die konventionellen Ehrbegriffe. Sie werden immer 
vom Standpunkte des Niederen gemacht und zeigen das Bemühen, sozial 
höhere Klassen durch die Enthüllung ihrer verborgenen Menschlichkeiten 
auf das eigene Niveau herabzudrücken. So sagt zum Beispiel ein Berliner 
Zuhälter zu seiner Geliebten: „Wenn ick en Baron wäre und du ene 
Kommerzienratstochter, dann dürfte ick mich ungeniert aushalten lassen. 
Auch ideale Bestrebungen wie zum Beispiel die Frauenbewegung greift 
der Witz unbedenklich an. Wir kennen wohl alle eine Menge von Witzen, 
welche das Frauenstudium verhöhnen, indem sie ihm verborgene sexuelle 
Motive unterschieben. Mancher Witz geht sogar so weit, den Frauen über- 
haupt keine höheren Interessen zuzugestehen. Er behauptet, es sei schwer, 
an die letzten Dinge zu denken, wenn man durch die Überlegung gestört 
werde, wie einem dieses Nachdenken stehe. Im „Simplizissimus" erklärt 
einmal ein Künstler: „Sehen Sie, Fräulein, es gibt zweierlei Malerinnen. 
Die einen wollen heiraten und die anderen haben auch kein Talent! 

Diese Witzgruppe, welche verkündet, wie der Frauen ewig Weh und 
Ach so tausendfach aus einem Punkte zu kurieren sei, leitet uns will- 
kommenerweise zu den zahlreichen zynischen Witzen über, welche der 
Liebe und der Ehe gelten. Der „Simplizissimus" wird uns dafür vorzüg- 
liche Beispiele liefern. Eine junge, schöne Witwe steht vor dem Spiegel; 
sie ist eben im Begriffe, auszugehen, da sagt sie sich: „Ach, ich muß doch 
schwarze Strumpfbänder nehmen. Man kann nicht wissen ..." Das klingt 
wie ein Ausdruck der Lebenslust der Armen: ich will einen Geliebten, 
ich will nicht mehr an den Toten denken, nur der Lebende hat Recht. 
Die ursprüngliche Lebenslust triumphiert noch auf Gräbern. Eine französi- 



*4 Theodor Reik 



sehe Romanze drückt dasselbe aus: „Ne pleure pas: le noir te va si bien!" 
Eine besorgte Mutter äußert: „Was nützt's, daß unsere Theres' auf alle 
Bälle geht; das Mädel hat halt ka Geld!" — „Ja," antwortet der Herr 
des Hauses, „wenn sie wenigstens Busen hau', dann fand' sich vielleicht 
ein Idealist." Der Idealismus ist nach dieser Ansicht nur ein Überbau und 
alle Neigung nur aus unserem Triebleben zu erklären. Das Körperliche 
ist die Hauptsache, das Seelische nur ein Vorwand. Wir erinnern uns, daß 
Theodor Vischer das Komische im Zynischen darin fand, daß die ideale 
Seite der Liebe unaufhörlich der materiell-sinnlichen gegenübergestellt wird. 
Ganz ähnlich: ein Mädchen fragt: „Sag', Mama, was ist denn eigentlich 
platonische Liebe?" — „Warte nur, mein Kind," lautet die Antwort, „bis 
du ein Jahr verheiratet bist, dann wirst du's wissen." Diese eigenartige Zeit- 
bestimmung in diesem Zusammenhang soll heißen: platonische Liebe ist 
die Liebe, bei der man den Sexualgenuß vermißt und ihn herbeisehnt. Mit 
Wilhelm Busch zu reden: Entsagung nennt man das Vergnügen an Sachen, 
welche wir nicht kriegen. 

„Darf ich Sie bei mir erwarten, Frau Else?" fragt ein Offizier. „Nein, 
Herr Baron, ich komme nicht, ich liebe meinen Mann zu sehr und dann 
kann ich mich auch nicht allein frisieren." Dieser so befremdlich klingende 
Doppelgrund zeigt, daß die Treue der Frauen meistens nur von äußerlichen 
Momenten abhängig ist. Die pessimistische Meinung ist: und die Treue, 
sie ist doch ein leerer Wahn. 

Harmloser bindet folgendes Gespräch poetische und prosaische Seiten der 
Liebe und deckt das Ungereimt-Inkongruente ihres Vereintseins auf. Eine 
Dame: „Herrlich denke ich mir das, so ganz frei als Junggeselle durch 
die Welt zu ziehen." — „Ganz recht, Gnädigste, aber ab und zu sehnt 
man sich doch nach einem Wesen, das einem die Sorgen von der Stirne 
küßt und die Wäsche in Ordnung hält." Auch anscheinend persönliche 
Witze fallen in diesen Bereich. Zum Beispiel: „Na, Baron, mit der Liebe 
ist es bei Ihnen auch nicht mehr viel!" — „Wieso? Hat sich jemand aus 
Ihrer Verwandtschaft darüber beklagt?" Das scheint durchaus eine persön- 
liche Abwehr zu sein. Bei näherem Zusehen enthüllt sich aber die all- 
gemeine Tendenz : der mit seinen menschlichen Schwächen Gehänselte will 
sagen : Niemand, auch Sie und Ihre Verwandten nicht, sind von geschlecht- 
lichen Bedürfnissen frei. Ich gestehe es nur offen und ihr seid Heuchler. 
Es gibt zynische Witze, welche an die tiefsten Probleme des Menschen- 
lebens rühren. Sie zeigen eine pessimistische Weltanschauung, sie enthüllen 
das Berechnet-Inkongruente des Daseins, das wir leben. Sie verkünden: es 






TJoer Jen syniscnen Wits 



gibt keine Gerechtigkeit und keine vernünftige Weltordnung. Was der Mensch 
auch tue, er wird nie zum Frieden und zur inneren Ruhe kommen. Wir 
sind wie Spielbälle in der Hand eines tölpelhaften und unüberlegten Spielers. 
Ich denke dabei an Witze wie folgenden: der Direktor einer Irrenanstalt 
läßt einen Gast die Zellen besichtigen. In einer sitzt ein Mann und hält 
eine Holzpuppe im Arm, die er herzt und kost. Leise sagt der Direktor: 
„Der Mann liebte ein Mädchen, das ihn verschmähte und einen anderen 
heiratete. Darüber wurde er verrückt. In seinem Wahne hält er die Puppe 
für seine Geliebte. Die nächste Zelle ist ausgepolstert. Darin lauft unauf- 
hörlich ein Mann mit den Gebärden eines Tobsüchtigen gegen die Wand. 
„Das ist der Andere", erklärt der Direktor. 

Dieser Witz gilt nicht nur dem unheilvollen Einfluß der Frauen; er 
trifft eine höhere Instanz, den großen Unbekannten über den Wolken, der 
die menschlichen Bemühungen um Glück so kläglich scheitern läßt. Wenn 
Witze dieser Art ein „frevles Spiel mit heiligen Gütern" treiben, so dürfen 
wir nicht vergessen, daß diese heiligen Güter früher ein frevles Spiel mit 
den Witzigen getrieben haben. Auch hier steht also verborgen die Opposition 
gegen die grausame Gottheit. 

Bewundern wir an einem anderen Beispiel, wie intuitiv der zynische 
Witz manchmal verborgene seelische Zusammenhänge erfaßt, deren die 
wissenschaftliche Psychologie erst auf dem mühsamen Wege der Analyse 
habhaft werden konnte. Vor dem Begräbnis einer Frau wird der untröst- 
liche Witwer vermißt. Nach langem Suchen findet ihn endlich sein Schwager 
im zärtlichen tite-ä-tete mit dem Stubenmädchen. Entrüstet ruft er ihm zu: 
„Deine Frau wird begraben und du treibst solche Sachen?" — „Weiß ich, 
was ich in meinem Schmerz tu?" Dieser Witz zeigt ebenso wie die psycho- 
analytischen Forschungsresultate, daß der Tod naher Verwandter Anlaß zur 
Libidosteigerung geben kann. Die durch die Ambivalenz charakterisierte 
Einstellung, welche wir teuren Personen gegenüber haben, bedingt es, daß 
wir ihren Tod nicht nur betrauern, sondern unbewußt als eine Art Er- 
lösung empfinden. Die polygamen Neigungen des Mannes in unserem Witze 
wurden gleichsam durch den Tod seiner Frau erweckt; er benimmt sich 
so, als wäre er dadurch lästiger Fesseln entledigt worden. Wir erkennen, 
daß seine ungeschickte Ausrede dennoch einen tiefen Sinn umschließt. Die 
Worte „Weiß ich . . . zeigen mit Recht das Unbewußte als die anonyme 
Triebfeder seines Tuns. Das Verständnis zahlreicher zynischer Witze ist 
geradezu dadurch bedingt, daß wir zugeben müssen, es seien neben den 
zärtlichen Gefühlen gegen unsere Verwandten und Freunde auch starke 



Theodor Reik 



feindselige Tendenzen in uns wirksam. Eine französische Anekdote bietet 
dafür ein hübsches Beispiel: M. Dubreuil, der bekannte französische 
Politiker, soll auf dem Sterbebette seinem Freund gesagt haben: „Mein 
Freund, warum die vielen Leute in meinem Zimmer? Es sollte niemand 
als du hier sein. Meine Krankheit ist ansteckend. 

Den Frauen und ihren Schwächen gelten zahlreiche zynische Witze. 
Wenn Ludwig Pietsch einmal von einer Dame sagte, sie sei „tief, aber 
vergeblich ausgeschnitten , so enthüllt er das sexuelle Motiv der Dekol- 
letage, die dazu dienen soll, die Instinkte der Männer auf ihre Trägerin zu 
konzentrieren. Nahe steht die Meinung, die ein Herr aus dem „Simpli- 
zissimus" verrät, wenn er sagt: „Es kommt bei den Frauen nicht nur 
auf das Äußere an. Auch die Dessous sind wichtig." Es sieht zuerst aus, 
als wolle der Herr einer zu Unrecht bestehenden oberflächlichen Anschauung 
über die Frauen widersprechen. Wir erkennen bald, wie heuchlerisch seine 
moralische Entrüstung ist und verstehen, daß er hinter dem Anspruch der 
seelischen Liebe die grobsexuelle Anforderung aufdecken will. Ein Tenor 
beklagt sich: „Es ist unglaublich, wie man von der Damenwelt belästigt 
wird. — »Na* lieber Herr Kammersänger, das wird schon besser werden, 
wenn wieder einmal eine Aschantigruppe herkommt." Die trostvolle Ant- 
wort will den Tenor herabsetzen, denn sie stellt das Interesse der Schönen 
für ihn in eine Reihe mit ihrem Interesse an Negern. Aber gerade hier 
zeigt sich wieder, wie der allgemeine Angriffspunkt zum Vorschein kommt. 
Denn der Antwortende sagt mit seiner Replik zugleich: es ist nichts be- 
sonderes, das Interesse der Damen zu erregen. Du hast dir gar nichts darauf 
einzubilden. Die Frauen sind in ihren verborgenen sexuellen Motiven gar 
nicht wählerisch. Tenor und Aschantineger haben für sie denselben Haut-gout. 

Es fehlt gewiß nicht an Gegenangriffen, welche die brutale Sexualität 
des Mannes hinter allen konventionellen Kulissen zeigen. Ein Bild des 
„Simplizissimus" stellt eine Tischgesellschaft dar, in der eine Dame ihrem 
Gegenüber sagt: „Mein Herr, wenn Sie mich lieben, sagen Sie es, aber 
machen Sie mir, bitte, die Strümpfe nicht schmutzig l" 

II 

Unser Überblick hat uns gezeigt, daß der zynische Witz dieselben An- 
griffsobjekte und dieselben seelischen Motive hat wie der ernste Zynismus. 
Diese Objekte werden am besten durch das ambivalente Verhalten des Indi- 
viduums zu ihnen bezeichnet. Sie sind ebenso wie die Gegenstände des Tabu 



Über den zynischen >Vit2 



V 



einerseits ehrfürchtig angesehen, anderseits der Herabsetzung und Verhöhnung 
ausgesetzt. Sie werden Gegenstand der menschlichen Triebsublimierung und 
werden als solche von der moralischen Autorität geschätzt. Aber gerade des- 
wegen ist die Versuchung, sie zu erniedrigen, so stark. Die den Menschen 
eigene Ehrfurcht für sie schließt diese Gegenströmung der Empörung nicht 
aus, sondern ein. Die Lust gegen sie zu rebellieren, hat unser Unbewußtes 
nicht verlassen und nur die Angst vor gesellschaftlicher Verfehmung und 
der anerzogene Hemmungszwang hält sie zurück. Der zynische Witz bietet 
sich durch seine Fassade als Kompromiß dieser zwei entgegengesetzten 
Strömungen an und bringt eine Augenblicksbefreiung aus der psychischen 
Stauung. 

Wir werden an den zwei letzten Witzen, die wir anführen, versuchen, 
die seelische Analyse durchzuführen. 

Ein bekannter österreichisch-polnischer Abgeordneter der Kaiserzeit — 
wir wollen ihn hier Stepanowitsch nennen — stand (vermutlich mit Un- 
recht) im Rufe, Hermaphrodit zu sein. Einer seiner Kollegen, der als 
enfant terrible bekannt war, soll eine Tischrede folgendermaßen begonnen 
haben: „Meine sehr geehrten Damen und Herren, und du, mein lieber 
Stepanowitsch!" 

Worüber lachen wir hier? Doch wohl über die Sonderstellung, die der 
Redner seinem Freunde zwischen Damen und Herren eingeräumt hat. Wir 
empfinden eine Art von Schadenfreude, die wir jedem, der irgendwie abnormal 
veranlagt ist, im geheimen widmen, wenn wir ihn mit uns vergleichen. 
Die Erziehung zur Güte hindert uns, solche Freude einzugestehen. Durch 
welche Mittel werden wir von den Hemmungen befreit? In erster Linie 
durch die witzige Form, durch die Einkleidung der Gedanken. Sie bietet 
eine Möglichkeit der Lustentbindung, welche bedeutsamere Quellen des 
Lachens verdeckt. Ohne ihre Hülle würden wir den Ausspruch des Ab- 
geordneten als Roheit zurückweisen. Die geistreiche Form dient, wie 
Freud mit unersetzbarem Ausdruck sagt, als „Verlockungsprämie". Mit 
Hilfe und durch geheime Vermittlung dieser Vorlust, welche die witzige 
Form bietet, ziehen wir einen großen, sonst schwer erreichbaren Lustgewinn 
aus dem, was die witzige Ansprache verbirgt. 

Doch die so witzig angedeutete Abnormalität ist eine bestimmte: sie 
bezieht sich auf das Geschlechtliche. Wir lachen ja auch, wenn sonstige 
Auffälligkeiten eines Menschen (z. B. die Rothaarigkeit usw.) in einer sub- 
limierten und witzigen Form, die unser verfeinertes Gefühl nicht verletzt, 
zur Sprache kommen. Warum ist hier die Lust eine stärkere? Es müssen 

Reik: Lust und Leid im Witz. 2 



18 Theodor Reik 



ihr in uns unbewußte Quellen entgegenkommen. Es gab eine Zeit, da 
auch wir das Geheimnis der Geschlechtsdifferenz noch nicht kannten: die 
frühe Kinderzeit. In dieser Zeit haben die Kinder höchst groteske Ansichten 
von den Geschlechtsteilen des anderen Geschlechts. Meistens gehen sie dabei 
von den eigenen Genitalien aus und der kleine Knabe glaubt, alle Men- 
schen, auch die weiblichen, haben einen Penis wie er. Freud konnte diese 
infantile Sexualtheorie als typisch aufstellen und darauf hinweisen, daß die 
Phantasie des Weibes mit einem Penis noch in den Träumen Erwachsener 
eine Rolle spielt. 1 

Unser Witz wirkt nicht nur durch die von ihm geweckte Schadenfreude 
und den stolzen Vergleich mit uns; die stärkste Lust quillt aus der in- 
fantilen, unbewußten Quelle, daß auch wir einmal Hermaphroditen in 
unseren Phantasien gebildet, indem wir auch den Frauen einen Penis zu- 
gestanden haben. 

Haben wir hier versucht, uns als Zuhörer des Witzes zu analysieren, so 
gilt unsere zweite Analyse demjenigen, der den Witz produziert. 

Der französische Dichter Fontenelle besucht, fast hundert Jahre alt, am 
frühen Morgen eine Dame. Sie empfängt ihn nach einiger Wartezeit mit 
den Worten: „Sehen Sie, Ihnen zu Gefallen bin ich so früh aufgestanden." — 
„Ach," entgegnete der Dichter, „aber Andern zu gefallen legen Sie sich 
nieder und das macht mich toll." 

Wir stellen uns die Situation vor: der alte Dichter besucht die Dame, 
offenbar weil er Interesse an ihr nimmt. Er wartet im Salon, bis sie sich 
angekleidet hat. Es ist nur menschlich, wenn er sich in der Zwischenzeit 
die Situation der Dame ausmalt, und zwar mit sexuellem Interesse. Diese 
Gedanken kommen wahrscheinlich noch nicht zur vollen Bewußtseins- 
helligkeit, sie sind vorbewußt. Die Dame empfängt ihn liebenswürdig: für 
Sie bin ich aufgestanden. Diese Worte bilden das „erregende Moment" 
des Witzes. Die vorbewußten Gedanken werden jetzt vom Unbewußten 
erfaßt und verarbeitet. Sie erhalten aus tieferen Schichten des Seelenlebens 
eine Verstärkung: nämlich aus dem schmerzlichen Gefühl, die Liebe nicht 
mehr genießen zu können. Dieses Gefühl der Insuffizienz richtet sich nun 
aggressiv gegen die Glücklicheren. Gehemmte Libido verwandelt sich so 
oft in sadistische Tendenzen. Dieser Vorgang spielt im Zynischen eine ebenso 
große Rolle wie die angeborene sadistische Triebkonstitution. Der Witz greift 
also jetzt das Libidoobjekt an, da der sexuelle Angriff unmöglich ist. Der 



1) Über infantile Sexualtheorien (Ges. Schriften, Bd. V). 



über den Zynismen Witz 19 



psychische Akt führt, wie so oft im Traume, über einen Gegensatz: ich 
bin so zeitlich aufgestanden für Sie — aber für Andere legen Sie sich 
niederl Beide Tätigkeiten, die des Aufstehens und die des Niederlegens 
der Dame, sind durch die unbewußte Phantasietätigkeit des Dichters ver- 
knüpft, als sozusagen libidoerregende Momente. Doch erscheint ihm das 
Opfer des Aufstehens, welches die Dame ihm bringt und das jedenfalls 
eine Liebenswürdigkeit darstellt neben dem Opfer, das sie durch ihr Nieder- 
legen Anderen bringt, verschwindend klein. 

Dieses Antithesen spiel ist dem Witze mit dem Traume gemeinsam. Es ist 
auch eine allgemeine Erscheinung gewisser, namentlich primitiver Sprachen, 
dem einfachen Worte entgegengesetzte Bedeutungen zu geben. Freud, der auf 
das Phänomen im Zusammenhange seiner Psychologie aufmerksam macht, 1 
weist nach, daß diese Begriffe relative sind und durch eine vitale Notwendig- 
keit miteinander verknüpft werden. Das Unbewußte zeigt in allen seinen 
Produkten dieselbe Sach- und Sprachbehandlung wie die primitiven Völker. 
Eine tiefere, ja die tiefste Beziehung dieses „Gegensinnes der Urworte" mit 
dem zynischen Witze ergibt sich auf folgende Art. 2 Die Worte sacer, das 
australische tabu, das hebräische kodausch bedeuten ebenso heilig wie ver- 
flucht. Das Höchste und das Niedrigste sind durch sie verknüpft. Der Grund 
dafür liegt in der ambivalenten Gefühlseinstellung der Menschen zu den 
von diesen Worten bezeichneten Gegenständen und Personen; in der Ehr- 
furcht vor geheiligten Personen und Institutionen, von der Moral hoch- 
gewerteten Geboten und der frevlen Lust, diese Personen zu verletzen oder 
zu schädigen, diese Gebote zu übertreten. Auch im Zynischen wird Hohes 
mit Niedrigem verknüpft: es will ja das Triebleben hinter der äußer- 
lichen Erhabenheit aufdecken. Auch hier sind dieselben zwei Faktoren 
am Werke: das Bewußtsein, welches an Moral und Konvention festhält, 
und das Unbewußte, das sie negiert und sie in ungestümem Drange über- 
treten will. 

Wir kehren nun zu unserem Witze zurück. Der Vorgang ist also folgender: 
die vorbewußte Ausmalung des Aufstehens der Dame, das bittere Gefühl, 
die Bewunderte nicht mehr besitzen zu können. Das bei dem liebens- 
würdigen Empfang gesprochene Wort: „Für Sie bin ich so früh aufgestanden", 
trägt dazu bei, daß die früher vorbewußten Gedanken ins Unbewußte ver- 
sinken und dort einer Bearbeitung unterliegen. Diese unbewußten Gedanken- 
gänge sind schwer beladen mit Affekten : sexuelle Begierde, Neid gegen die 

1) Über den Gegensinn der Urworte (Ges. Schriften, Bd. X). 

2) Freud: Totem und Tabu (Ges. Schriften, Bd. X). 



Theodor Re«k 



sexuell Glücklicheren, zu denen auch die Dame selbst gehört, vereinigen 
sich in der Antwort, wobei das Unbewußte im Spiel mit den Worten über 
eine affektbetonte Gegensatzrelation verläuft. Wir kommen also wieder zur 
Freudschen Formel des Witzes: vorbewußte Gedanken unterlagen einer 
blitzschnellen unbewußten Bearbeitung und wurden dann von der Wahr- 
nehmung erfaßt. 

Es handelt sich jetzt darum, die psychische Situation des alten Dichters in 
den Gefühlszusammenhang aller Menschen einzufügen. Schopenhauer 
irrt, wenn er das Greisenalter von aller sexuellen Not befreit sein läßt. Der 
Gedanke Fontenelles ist folgender: was sollen alle diese konventionellen 
Höflichkeiten, wenn das eine fehlt, was doch allein Wert hat, die Liebe? 
Es ist dieselbe Gefühlsvereinigung, welche dem in langem Siechtum dahin- 
sterbenden Heine manche der gewaltigsten Lazaruslieder abgepreßt hat. 
Unser Grab erwärmt der Ruhm? 

„Torenworte! Narrentum! 

Eine bess're Wärme gibt 

eine Kuhmagd, die verliebt 

uns mit dicken Lippen küßt 

und beträchtlich riecht nach Mist." 

Ähnlich spricht der alternde Dichter Norbert de Varenne in Maupassants 
unsterblichem „Bel-Ami", wenn er alle Ziele neben dem einen, dem Liebes- 
ziel, verblassen läßt. „Ruhm? Wozu dient er, wenn man ihn nicht mehr 
in Form von Liebe genießen kann?" Und er setzt düster die Mahnung 
hinzu: „Encore quelques baisers et vous serez impuissant!" Wir sehen also, 
was Fontenelle hier in Witzesform gekleidet hat, ist ein allgemeinmensch- 
liches Gefühl, welches den Geschlechtsgenuß in manchen Augenblicken als 
den höchsten selbst erscheinen läßt. Ähnlichen Stimmungen mag Ibsens 
„Wenn wir Toten erwachen" entstammen. Rubek preist rückblickend das 
Liebesglück, das von dieser Welt ist, „von dieser köstlichen, wundersamen, 
dieser rätselvollen Welt" gegenüber dem asozialen Künstlertum. 1 

Und an Norbert de Varennes Ausspruch erinnert es, wenn Wedekind 
einmal bekennt: 

„Und ist erst das Seelenleben entweiht, 
dann sind sämtliche Lampen erloschen, 
für das, was für mich dann noch übrig bleibt, 
dafür geb' ich nicht einen Groschen. 

l) Zolas Pascal Rougon erlebt ähnliche Stimmungen: „Certaines nuits, il arrivait 
a maudire la scienct, quHl accutait, de lui avoir pris le meilleur de sa virilite." 






Ulier den synisdien IV its 



In einige Worte zusammengepreßt enthält so mancher zynische Witz eine 
tiefe Erkenntnis der menschlichen Seele. Goethe sagt von Lichtenberg: 
wo er einen Spaß mache, liege ein Problem verborgen. (Umgekehrt mancher 
Moderne: wo ein Problem verborgen liegt, macht er bloß einen Spaß.) 

III 

Die Technik des zynischen Witzes ist dieselbe wie bei den anderen Formen des 
Witzes: es ist vielleicht für ihn charakteristisch, daß seine Technik weitaus die 
mannigfaltigste ist. Verdichtung, Doppelsinn, Unifizierung, indirekte Darstel- 
lung, kurz das ganze Arsenal der Witztechnik steht ihm zur Verfügung. Wohl er- 
klärlich, da sich seine Tendenz nicht frei äußern darf und in ihm unsere vital- 
sten Fragen an die Oberfläche kommen. So sucht man auch die Notausgänge 
auf, wenn es irgendwo brennt. Was er sagt, meint er ernst. Doch nur in ver- 
hüllter Form darf er das vor keuschen Ohren nennen, was keusche Herzen 
nicht entbehren können. Ein Mittel benützt der zynische Witz besonders gerne 
und es wird gut sein, darauf hinzuweisen, weil es allen Produkten des Unbe- 
wußten (Neurose, Traum, Dichtung usw.) gemeinsam ist. Besonders abstrakte 
und moralisch anstößige Dinge und Vorgänge werden durch die unbewußte 
Arbeit gerne symbolisiert. So zum Beispiel wird im Traume der Schirm als 
Penissymbol, Schießen für Koitieren gebraucht, der Frauenleib wird oft durch 
ein Haus, ein Schiff usw. symbolisiert. Die Zweifel, denen die Befunde der 
analytischen Traumdeutung gerade auf dem Gebiete der Symbolik begegnen, 
werden auch durch den Nachweis der technischen Mittel, welche der zynische 
Witz oft zur Erreichung seiner Ziele anwendet, entkräftigt. Wir geben einige 
Beispiele, um die gleichen Symbolbildungen im zynischen Witz nachzuweisen : 

Ein alternder Herr erzählt am Stammtische, seine Frau habe ihn vor 
kurzem mit einem Kinde überrascht. Ein Freund sagt darauf: „Das kommt 
mir vor wie folgende Geschichte: ein Reisender zog einst durch die Wüste. 
Da fiel ihn ein Löwe an. Da ihm jede andere Waffe mangelte, legte er 
seinen Schirm auf das Tier an — und wirklich fiel der Löwe tot zu Boden. 
Da drehte sich der Reisende um und siehe da — hinter ihm Btand ein Mann 
mit einem Gewehr!" (Das Gewehr als Penissymbol.) 

Heine beschreibt in „Deutschland" die Göttin Hammonia: 

„Sie trug eine weiße Tunika, 
bis an die Waden reichend! 



und welche Waden ! Das Fußgestell 
zwei dorischen Säulen gleichend! 

(Der Frauenleib als Gebäude.) 



23 Theodor Reik 



Ein anderes Beispiel gibt ein Zynismus von Oskar Wilde: „Zwanzig Jahre 
Romantik machen eine Frau zu einer Ruine — aber zwanzig Jahre Ehe 
machen sie fast zu einem öffentlichen Gebäude. (Eine Frau ohne Bedeutung.) 
Ein hübsches Beispiel für das Schiff als das gleiche Symbol: Lichtenberg 
schreibt über Therese Heyne, welche sich mit Georg Forster verlobte, in 
einem Briefe: „Ich glaube, auch dieses kleine Feuerschiff wird ein ganz gutes 
Fischerboot werden, wenn nur Forster häufig an Bord geht, den Hauptleck 
sorgfältig stopft und die Feuermaterialien über Bord wirft. Nur der Leck, 
der Leckl" 

Freud erwähnt in seinem Buche über den Witz das folgende Apergu: 
„Eine Frau ist wie ein Regenschirm, am Schlüsse nimmt man sich doch 
einen Komfortabel. Komfortabel bedeutet hier soviel wie ein für die Be- 
nützung durch jedermann dienendes, öffentliches Fuhrwerk — eine Pro- 
stituierte. Dieselbe Symbolik aber wird für die Frau überhaupt gebraucht. 
Der zynische Witz bringt sie oft mit einem Fuhrwerk zusammen. Ein Herr 
aus dem „Simplizissimus" mahnt einen Freund: „Laufe nie einer Elektri- 
schen oder Frau nach! In ein oder zwei Minuten kommt eine andere." In 
einem Lustspiel von Raoul Auernheimer („Die glücklichste Zeit") sagt 
ein Spötter: „Sehen Sie, mit der Frau geht's einem wie mit dem Auto- 
mobil. Kein Automobil zu haben ist unbequem. Ein Automobil zu haben 
ist kostspielig und gefährlich. Das beste ist, man hat einen Freund, der 
ein Automobil hat." Derselbe Autor läßt in „Das Paar nach der Mode" 
einem Herrn folgende eigenartige Definition des Flirt geben: „Ein möb- 
liertes Zimmer ohne Gartenbenützung — mit der Aussicht auf einen Garten." 
Das Verständnis des Witzes hängt geradezu von unserer unbewußten Kenntnis 
der Sexualsymbolik ab. 

Auch das Symbol der Erde für den Frauenleib ist dem zynischen Witz 
geläufig. Der Mathematiker und Epigrammatiker Abraham Gotthelf Kästner 
dichtete folgendes Epigramm: „Klage eines Frauenzimmers bei Zerstörung 
der französischen Lünetten von Göttingen" (1763): 

„Hier, wo man sonsten Myriaden 

von lang und dicken Pallisaden 

tief in noch engern Löchern sah, 

hier sind, erweitert nur, die Löcher da." 

So reich auch die Technik des zynischen Witzes ist, so ist gerade diese 
Witzgruppe von solcher Art, daß die Lust, die wir aus ihr ziehen, nur zum 
geringsten Teile aus ihrer Technik entstammt (Vorlust). Sie resultiert un- 
gleich stärker aus dem Freiwerden von Hemmungsaufwand. Mächtiger als 



Über den zynisdien Witz 



a3 



bei den anderen Formen des Witzes wird gerade beim zynischen dieses Moment 
in Betracht kommen, denn es stellen sich dem Durchbrechen seiner Äuße- 
rungen die stärksten moralischen Hemmungen in den Weg. 

IV 

Der zynische Witz strebt regelmäßig eine Entlarvung an, die den Sinn 
der Herabsetzung besitzt. Der Mangel an Ehrfurcht, an vereeundia, nach 
Kuno Fischer ein Merkmal des Witzes überhaupt, tritt bei ihm besonders 
hervor. 1 Es ist nicht schwer, den Ursprung dieser Lust zu finden. Er wird 
in den Kinderjahren zu suchen sein, in denen das Kind, in seinem Ver- 
trauen in die Autorität erschüttert, die schwachen Seiten der Erwachsenen 
mit scharfem Auge erkannt hat und zu verstehen beginnt, daß hinter ihrer 
Würde und Erhabenheit dieselben starken und triebhaften Wünsche rege 
sind, die es selbst fühlt. Das Aufzeigen der menschlich-allzumenschlichen 
Eigenschaften hinter der erhabenen Fassade, die Demonstration der unab- 
änderlichen Abhängigkeit unserer Natur von den mannigfachen körperlichen 
Bedürfnissen, die Entwertung der Autorität und der hochgeschätzten sozialen 
Einrichtungen werden dann die Vorzugsobjekte des zynischen Witzes werden, 
der seine Abkunft aus der kindlichen Entlarvungslust nicht verleugnet. Jenes 
Wort Ibsens: „Ist es denn wirklich groß das Große?" könnte man als 
Motto ebensowohl über den zynischen Witz als auch über jenes Kapitel der 
kindlichen Entwicklung schreiben, das beständig zwischen bewußtem Respekt 
und unbewußter Auflehnung schwankt. 

Führen so die Wurzeln des zynischen Witzes in die Kinderzeit zurück, so 
wird seine Produktion erst möglich, wenn sich der Reifgewordene bewußt 
den Kulturgeboten unterworfen und jene starken, aggressiven und sexuellen 
Triebtendenzen in einem großen Ausmaße gebändigt hat. Der zynische 
Witz taucht dann gerade aus der Mitte jener Verdrängungen wieder auf; 
er stellt eine Wiederkehr der abgewehrten Triebwünsche dar, zu denen sich 
das Ich in ihm bekennt. Jenes Ich hat in der langen Reifezeit ein Ideal 
in sich aufgerichtet, das ÜberTch, das nun in der Instanz des Gewissens 
seinen Abstand von dem aktuellen Ich mißt und kritisiert. Der zynische 
Witz zeigt, daß trotz so scharfer Zensur die abgewehrte Triebgewalt 
manchmal über alle kunstvoll aufgeführten Schranken flutet. Er kann so 
als Gradmesser dienen für die Kluft, die zwischen der eine Zeit beherr- 
schenden Moral und den verleugneten Anforderungen ihres Trieblebens 



1) Über den Witz. Kleine Schriften. 2. Aufl. Stuttgart 1889. 



»4 



Reik: über den syniscten Wits 



klafft. In diesem Sinne verdient er nicht nur das Interesse des Psychologen, 
sondern auch das des Kulturhistorikers und -kritikers. Man kann auch von 
seinem psychotherapeutischen Werte für die Gesellschaft sprechen, da er mit 
Traum und Kunstwerk zu den gelungenen Abzugsquellen jener Regungen 
gehört, welche in ihrer Stauung zum Verbrechen, zur Neurose und zu Wahn- 
bildungen führen müßten. Der zynische Witz bringt für Augenblicke eine 
Befreiung von dem dauernden Konflikt zwischen Sittengebot und Trieb- 
anspruch, der das Leben der Kulturträger begleitet. In dieser kurzen Auf- 
hebung von psychischem Druck liegt seine nicht unbeträchtliche seelische 
Bedeutung. Mit Recht behauptet die Weisheit des Volkes, daß Lachen gesund 
erhalte. 



JJie elliptische Entstellung 

„Ich habe oft gesagt und werde nie davon abweichen: die Dar- 
stellung tötet das Darzustellende, zunächst im Darsteller selbst, 
der das, was ihm bis dahin zu schaffen machte, durch sie unter 
die Fuße bringt, dann aber auch für den, der sie genießt." 

Friedrich Hebbel. 

Die Auslassungstechnik im Aufbau der Zwangsgedanken sowie in der 
Genese des Witzes wurde durch Freud zum ersten Male klargelegt und 
in ihren Zielen verständlich gemacht. 1 Die Entstellung durch Auslassung — 
Ellipse — will den wirklichen Wortlaut der Zwangsidee entstellen und so 
gegen das Verständnis und die Auflösung durch das Bewußtsein schützen. 
Freud führt den Fall eines Zwangskranken an, der von folgender Zwangs- 
idee verfolgt wurde: „Wenn ich Fräulein X. heirate, geschieht dem 
Vater ein Unglück. Die Auflösung der Zwangsidee muß zuerst die über- 
sprungenen Zwischenglieder des Gedankenganges, die durch die Psycho- 
analyse rekonstruierbar sind, einsetzen. Der so ergänzte Gedankenzug lautet 
dann: mein Vater würde über meinen Vorsatz, die Dame zu heiraten, wütend 
werden, so daß ich wiederum eine Wut gegen ihn bekäme und ihm alles 
Böse wünschen müßte. Diese Wünsche aber würden sich kraft der Allmacht 
der Gedanken erfüllen. Als Pendant sei die Zwangsidee eines meiner Patienten 
angeführt, der sich mit Aufwand großer Energie gegen blasphemische Ge- 
danken zur Wehr setzte, die immer wieder in ihm aufstiegen: „Wenn ich 
diesen Schuhriemen einschnüre, verfluche ich Gott." Da sich dieser 
Gedanke schließlich auf alle Schuhriemen verschob, sah er sich genötigt, 
mit offenen Schuhriemen auf die Straße zu gehen. Die ausgefallenen gedank- 

1) Freud: Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose (Ges. Schriften, 
Bd. VIII). 



Theodor Reik 



liehen Zwischenglieder, die zum Verständnis der Zwangsidee notwendig sind, 
können in der Analyse erschlossen werden. Man erriet aus Andeutungen in der 
Psychoanalyse leicht, daß das Einschnüren der Schuhriemen für den sexuell 
erregten Kranken zum symbolischen Ersatz des Geschlechtsverkehrs wurde 
und daß der seelische Mechanismus der Verschiebung auf ein Kleines hier 
bedeutungsvolle Gefühls- und Gedankenzüge verdeckt. Der ursprüngliche, 
durch die Symbolvertretung unverständlich gewordene Gedankengang lautet: 
wenn ich einen Geschlechtsverkehr ausführen will, stört mich der Gedanke 
an den Vater, der so streng ist, so sehr, daß ich ihn verfluchen will und dieser 
Fluch könnte in Erfüllung gehen. Diese ursprüngliche Zwangsidee, die 
später auf Gott als den Störer der Sexualität verschoben wurde, ergibt das 
Wesentliche der Lösung. 1 

Wir stellen nun diesen Zwangsideen das Beispiel eines Witzes zur Seite, 
dessen Technik ebenfalls die der Auslassung ist. Der Wiener Athlet und 
Ringkämpfer Jagendorfer erzählt seinen Freunden beim abendlichen Stamm- 
tisch folgendes Erlebnis des Tages: „Denkt's euch, wie ich heut' in mein 
Kaffeehaus komm' und meine Billardpartie spielen will, ist mein Queue 
nicht da. Ich such' überall und find's nicht. Da seh' ich einen Herrn 
am andern Billardtisch spielen und seh', daß er mit meinem Queue spielt. 
Ich geh' also hin und sag' ihm: ,Herr, das ist mein Queue.' Sagt er: ,Nein, 
das ist meines.' Sag' ich: ,Herr, geben S' das Queue her, wenn ich Ihnen 
schon sag', es ist mein Queue.' Er aber gibt nicht nach und sagt immer 
wieder, daß es seines ist. Wie s' ihn dann mit Essig g'waschen 
hab'n, seh' ich erst, daß es wirklich nicht mein Queue war." Es 
ist die Frage berechtigt, ob hier überhaupt ein Witz vorliegt. Handelt 
es sich nicht vielmehr um eine komische Geschichte? Sehen wir näher 
zu: der erste Eindruck könnte ein komischer sein. Wir lachen über 
den ungeschlachten Riesen, der wegen einer solchen Bagatelle einen — 
noch dazu unschuldigen — Nebenmenschen zu Boden schlägt. Wir würden 
sicher nicht so handeln; es ergibt sich hier jener Fall des Komischen, der 
entsteht, wenn wir den Aufwand — in unserem Fall den körperlichen 
und affektiven — anderer Personen mit dem vergleichen, den wir in gleicher 
Situation zeigen würden. Es wäre also der allzu große Aufwand, der uns 
lachen macht? Es ist so, wie wenn wir uns sagen würden: was für ein 

1) Dieser Zusammenhang wird dadurch klar, daß dem Patienten in seiner Kind- 
heit die masturbatorische Betätigung- als schwere Sünde gegen Gott dargestellt wurde. 
In seinem Zwangsgedanken erscheint nun als Reaktion die Auflehnung gegen diese 
Instanz, die ihn am Sexualgenuß hindern will. 



Die elliptisdie Entstellung 



Tölpel! Konnte er nicht sorgfältiger überprüfen, wessen Billardqueue es war? 
Wir merken aber bei dieser Erklärung, wie wenig komisch das eigentlich 
ist; wir müßten eigentlich über diesen Mangel an seelischem Gleichmaß 
und über diese Brutalität entrüstet sein. Versuchen wir eine andere Fassung 
der Erzählung, etwa: „Wie ich ihm dann einen Faustschlag versetzt habe, 
so daß er ohnmächtig wurde, sehe ich erst . . . , so bemerken wir, daß 
vielleicht noch immer ein Stück Komik übrigbleibt, aber es ist nichts mehr 
da, was uns berechtigen würde, hier einen Witz zu finden. Wir sehen also: 
einer der Fälle, in denen das Komische dem Witz als Fassade dient. Das 
Witzige hängt gerade an dem Moment der Auslassung dieses Satzes und 
an der Ausdrucksweise des folgenden, der eine Anspielung auf das Aus- 
gelassene enthält. Diese Fortsetzung zeigt ebenso wie das Überspringen, daß 
das Niederschlagen dem Athleten so selbstverständlich erscheint, daß er es 
gar nicht erwähnen braucht. Sogar das „Mit -Essig -Waschen" erwähnt er 
nur so nebenbei als Zeitbestimmung. Wir erkennen jetzt, daß es diese Technik 
war, die auch für das Komische entscheidend war. Gerade diese Unbekümmert- 
heit und Selbstverständlichkeit der Aggression, sowie ihr selbstverständlicher, 
in unseren Augen übertriebener Erfolg wirken zusammen, um unsere Ent- 
rüstung über eine solche ' Brutalität ersparen zu helfen und uns lachen zu 
machen. Daß der Athlet dann seinen Irrtum einsieht, hat die verstärkende 
Wirkung, daß es uns das Übereilte und Unzweckmäßige seiner Aktion zeigt. 
Wir lachen über ihn, wie wir über die unzweckmäßigen und übermäßigen 
Bewegungen von Kindern lachen. 

Wir haben nicht vergessen, daß das Komische hier den Witz verdeckt. 
Das Komische wirkt sich darin aus, daß wir über den Athleten lachen. 
Das Witzige in der Erzählung wird die Wirkung haben, daß wir mit ihm 
lachen. Wir lachen nämlich über seinen Bericht auch, weil er, durch die 
Vorlust verdeckt, tiefere, unbewußte Begungen in uns freigemacht hat. 
Wir fühlen: eigentlich sind diese selben gewaltsamen und gewalttätigen 
Begungen in uns allen. Auch wären wir fähig, wenn uns nicht die Kultur- 
hemmungen hinderten und wenn wir über die Körperkräfte eines Athleten 
verfügten, einen niederzuschlagen, wenn wir überzeugt sind, er wolle uns 
unser gutes Becht streitig machen. Unsere aggressiven und sadistischen Impulse 
erfahren eine plötzliche Aufhebung der Hemmung, wenn wir uns mit dem 
Athleten identifizieren. Wir lachen also aus erspartem Hemmungsaufwand. 

Doch wir wollten uns ja nicht mit der Psychogenese der Witzwirkung, 
sondern mit der speziellen Technik der Auslassung beschäftigen. Die latente 
Bedeutung der Auslassung oder der elliptischen Technik scheint mir nun zu 



l8 Theodor Reit 



sein, daß mit diesem technischen Mittel auch ein spezifischer Inhalt verbunden 
ist, der eben auf das Wegschaffen, Aus -dem -Weg -Räumen eines Objektes 
hinzielt. Es ist also so, als ob durch die Auslassung unbewußt eine Tendenz 
zum Ausdruck käme, welche die Person eliminiert, vernichtet oder tötet. 
Die Auslassung als technisches Element entspricht inhaltlich einer siegreichen, 
seelischen Strebung zur radikalen Entfernung eines gehaßten Objektes (oder 
einer gehaßten Institution, die durch eine Person verkörpert wird). Um diese 
Beziehung zwischen einer typischen Technik und einem latenten Inhalt 
klarzumachen, müssen wir wohl weiter ausgreifen. Es ist in der analyti- 
schen Literatur noch keineswegs gebührend hervorgehoben worden, wie oft 
und wie erfolgreich die Form eines seelischen Phänomens dazu verwendet 
wird, seinen geheimen Inhalt darzustellen. Wie uns Freud gezeigt hat, 
bedient sich der Träumer oft einer ähnlichen Technik, wenn er seinen 
Traum erzählt und ein Stück von dessen latenter Bedeutung in einer Glosse, 
einem Urteil oder einer Bemerkung darüber unterbringt. Oft ist in einem 
solchen beiläufig bemerkten Formelement gerade das Wesentliche des Traum- 
inhalts enthalten. In derselben Art dient die Vorstellungsmimik dazu, den 
Inhalt des Vorgestellten darzustellen, wie es Freud in seinen Ausführungen 
über den „Ausdruck des Vorstellungsinhaltes geschildert hat. 1 

Wir meinen also, eine unterirdische Beziehung zwischen der elliptischen 
Entstellungstechnik in den Zwangsgedanken und im Witz und dem spezifi- 
schen Inhalt des Ausgefallenen gefunden zu haben: die Auslassung stellte 
sich als Ausdruck der unterdrückten Tendenz zur völligen Vernichtung, 
Ausrottung des Objektes dar. („Nicht gedacht soll seiner werden.") Wir 
können nicht sagen, ob diese Beziehung eine konstante oder nur in einigen 
Fällen nachweisbare ist. Prüfen wir unsere Hypothese an den uns zunächst 
zur Verfügung stehenden Beispielen: in der elliptischen Zwangsidee meines 
Patienten ist diese Annullierungstendenz ohneweiters klar. Das Ziel seiner 
Wünsche ist eben, den Vater völlig auszuschalten. Ebensowenig ist die Ver- 
nichtungsabsicht in der Geschichte von Jagendorf er zu verkennen. Man 
könnte diesen Witz in eine Reihe stellen mit jenen komischen Übertreibungen 
und Renommierereien, in denen die Gassenjungen unserer angeblich von 
alter Kultur erfüllten Stadt die gewaltige Wirkung ihrer Affektäußerungen 
darstellen. Ich hörte einmal, wie ein halbwüchsiger Fleischer junge in einem 
Wortstreit einem anderen zurief: „Wenn ich dich nur anrühr', paßt ja in 
keinen Sarg mehr hinein!" Hier ist also nicht nur eine Beschädigung von 






I 






1) Freud: Der Witz. Ges. Schriften, Bd. IX, S. 220. 



Die elliptische Entstellung 29 



der Kraftäußerung zu erwarten, sondern eine so weitgehende Deformation, — 
noch dazu durch bloße Berührung, — daß kein Sarg mehr den formlos 
gewordenen Leichnam des Gegners aufnehmen könnte. Auch hier ist eine 
Auslassung konstatierbar, aber entsprechend dem ungehemmten Charakter 
des Milieus ist der Inhalt des Ausgelassenen als gewaltsame Tötung aus dem 
folgenden Satze leicht erratbar. Wir werden durch die Kontrastierung dieses 
Beispiels mit anderen darauf aufmerksam, daß, was hier im Nachsatz so 
unzweideutig hervortritt, anderswo nur angedeutet erscheint, daß sich der 
Inhalt des Ausgelassenen in der folgenden Satzfügung nur als Anspielung 
oder in abgeschwächter Form findet. Wirklich können wir diese Spur in 
dem der Auslassung folgenden Satz unserer Beispiele verfolgen. In der 
Zwangsidee des Patienten lautet dieser: muß ich Gott verfluchen. In der 
Erzählung des Athleten tritt die Wirkung des Schlages, also der aggressiven 
Tendenzen, in dem Nebensatz „wie sie ihn dann mit Essig g'wasch'n hab'n" 
hervor. Es ist so, als ob sich das Ausgefallene gleich im folgenden Satze 
eine abgemilderte und» abgeschwächte Vertretung, einen Ersatz gesichert 
hätte, der freilich den ursprünglichen, krassen Inhalt des Ausgefallenen nur 
ahnen läßt. Wir sind uns der Unzulänglichkeit unserer Worte bewußt, wenn 
wir die psychologische Sachlage folgendermaßen beschreiben: der bewußtseins- 
fähige (vorbewußte) Inhalt der Auslassung geht so weit, als der Vorstellungs- 
umfang der Ersatzbildung (des folgenden Satzes, der folgenden Anspielung) 
reicht. Der unbewußte Inhalt wird durch das Ausmaß der Auslassung selbst 
bestimmt. Die Ersatzbildung oder Anspielung dient so nur als Wegweiser, 
nicht als zureichende Auskunft. Wir werden etwa durch den folgenden Satz 
darauf aufmerksam gemacht, daß das Ausgefallene von aggressivem, feind- 
lichem Charakter war, daß es sich um den Ausdruck von Zorn oder Haß 
handelt, aber die Intensität dieses Hasses, das Ausmaß dieser Wut bleibt 
unbewußt, ebenso das Triebziel, eben die Vernichtung oder Tötung des 
Objektes. Gerade die analytische Erforschung der Zwangsneurose bringt 
hier die beste Analogie. Wir hören oft von Patienten, sie seien bei einem 
bestimmten Anlaß oder gegenüber einer bestimmten Person ärgerlich oder 
böse geworden, aber die Tiefe ihrer Affekte, der Charakter sinnloser Wut, 
der zu stärksten Todeswünschen gegen gehaßte Personen führt, blieb ihrem 
Bewußtsein entzogen. Auch die Unbestimmtheit des Nachsatzes der Zwangs- 
idee (als Beispiel das bei Freud: 1 „Wenn ich die Dame heirate, geschieht 
dem Vater ein Unglück"), die ihr Pendant manchmal in der Anspielung im 

1) Freud: Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose (Ges. Schriften, 
Bd. VIII). Gerade die Analyse dieses Falles zeigt, daß der Inhalt der elliptischen Ein- 



3o 



Theodor Reik 



Witz findet („wie s' ihn dann mit Essig g'wasch'n hab'n"), zeigt von der 
Bemühung, den wirklichen Inhalt der Zwangsidee und des Witzes — 
nämlich den Tod — der bewußten Vorstellung fernzuhalten. Die Ersatz- 
bildung bringt also das Ausgelassene in außerordentlich abgeschwächtem, 
bewußtseinsfähigem Ausmaße wieder. 1 In einzelnen Beispielen greift sie, 
wenn kein Zweifel mehr am Inhalt des Ausgefallenen bestehen kann, sogar 
zu heuchlerischen oder ironischen Verteidigungen wie in jenem furchtbaren 
Worte: „Die einzige Entschuldigung für Gott ist, daß er nicht existiert." 
Es steht also so, daß die geheime Bedeutung der elliptischen Technik 
der Ausdruck heftiger Vernichtungstendenzen, unbewußter Todeswünsche 
ist, die man nicht laut sagen kann, ohne auf Entrüstung und Ablehnung 

Stellung unbewußte Todes wünsche gegen den Vater sind, die sich kraft der Allmacht 
der Gedanken verwirklichen könnten. 

Frexid führt folgenden Witz an: „In Wien leht ein geistreicher und kampflustiger 
Schriftsteller, der sich seiner Invektiven wegen wiederholt körperliche Mißhandlungen 
von Seiten der Angegriffenen zugezogen hat. Als einmal eine neue Missetat eines 
seiner habituellen Gegner beredet wurde, äußerte ein Dritter: ,Wenn der X. das hört, 
bekommt er eine Ohrfeige'." Unsere anfängliche Verblüffung über einen solchen Zu- 
sammenhang löst sich, wenn wir verstehen, was hier ausgefallen ist: Wenn der X. das 
hört, wird er wieder einen so giftigen Artikel schreiben, daß der darin Angegriffene 
ihn züchtigen wird. Hier erscheint zwar nicht der Todeswunsch, aber die Fortsetzung 
der im Nachsatz angedeuteten Aggressionstendenz ins Unbewußte würde dieselben 
Vernichtungstendenzen gegen die verspottete Person zeigen. Freud weist übrigens 
selbst darauf hin, daß neben den formellen auch inhaltliche Übereinstimmungen 
zwischen der Zwangsidee und diesem Witz bestehen. 

Wie Freud zeigt, ist aucli die Auslassung, die er einer Verdichtung ohne Ersatz- 
bildung vergleicht, eine Art der Anspielung. „Eigentlich wird bei jeder Anspielung 
etwas ausgelassen, nämlich die zur Anspielung hinführenden Gedankenwege. Es kommt 
nur darauf an, ob die Lücke das Augenfälligere ist oder der die Lücke teilweise aus- 
füllende Ersatz in dem Wortlaut der Anspielung. So kämen wir über eine Reihe von 
Beispielen von der krassen Auslassung zur eigentlichen Anspielung zurück." (Freud, 
Der Witz. Ges. Schriften, Bd. IX, S. 83.) 

Um hier der krassen Auslassung einen Witz mit Anspielung gegenüberzustellen, 
sei auf eine Szene in einem Lustspiel von Maurice Donnay verwiesen. Dort flüchtet 
eine Dame vor den Nachstellungen eines Don Juan in die Wohnung eines Freundes 
ihres Mannes. Der Herr beruhigt die Erschreckte mit den Worten: n Si voxu itez chez 
moi, vous ri'avez rien a craindre — des autres." 

1) Auch hier liegt die Parallele zur Zwangs Symptomatologie nahe. Die Beschäfti- 
gung mit spitzfindigen Fragestellungen, das Grübeln über fernliegende Probleme, die 
den unbewußten Spott sowie den Zweifel des Zwangskranken repräsentieren und so 
häufig den intellektualisierten Ausdruck aggressiver Triebregungen bilden, kehren 
auch manchmal in jener Ersatzbildung des Witzes, die auf die Auslassung folgt, in 
anderer Form wieder. Ein Simplizissimuszeichner stellt einen jungen Mann am Bade- 
strand, von hübschen Frauen umgeben, dar: „Ach, morgen ist Samstag. Wie schade, 
da muß ich nach Berlin zu meiner Frau !" Eine der Damen erkundigt sich freund- 
lich: „Ist Ihre Frau verheiratet?" 



Die elliptisdie .Entstellung 



seitens der Umwelt zu stoßen. In jenen Beispielen, in denen das sexuell 
Anstößige ausgelassen wird, brauchen so intensive Destruktionstendenzen 
unbewußter Art keineswegs zu fehlen ; die Triebstrebungen sind dort kon- 
stitutionell durch sadistische, gegen das Objekt gerichtete Tendenzen ver- 
stärkt, wie dies manchmal in der Zote zum Ausdruck kommt. 

Wir könnten die Auslassung im Witz und im Zwangsgedanken jenen 
Ausdrucksvermeidungen gleichsetzen, die selbst zum Ausdruck des unter- 
drückten Inhaltes werden. Die Abmilderungen oder Anspielungen des 
folgenden Satzes, die den Charakter der Ersatzbildung haben, wären dann 
jenen Euphemismen zu vergleichen, die wir manchmal anwenden („dahin- 
scheiden", „uns verlassen" usw. für sterben). Der Vergleich geht freilich 
nicht über eine gewisse Grenze hinaus, denn der Ausfall in den Zwangs- 
ideen oder im Witz drückt wirklich einen unbewußten Todeswunsch aus. 
Die Auslassung ist nur eine verhülltere Form eines Optativs: oh, wäre er 
weg, möge er sterben, verschwinden! 

Vielleicht darf uns das erste Beispiel, das wir gewählt haben, jene blas- 
phemische Zwangsidee, den Mut geben, eine Vermutung darüber zu äußern, 
wie es überhaupt zu solcher Auslassungstechnik gekommen ist. In den Denk- 
mälern des antiken Orients sowie im Sprachgebrauch bestimmter semitischer 
Völker finden wir Ausdrücke wie X. Y. (Name), mit dem Zusatz : Tanit, Allah usw. 
vernichte ihn, möge seinen Namen zerstören ! Es sind also Namen, die von einem 
Fluch gefolgt sind. Es wäre aus dem Verdrängungsfortschritt der Jahrhunderte 
zu verstehen, daß solche Flüche nach Erwähnung von Personen unterdrückt 
worden wären und sich an deren Stelle eine Ersatzbildung eingestellt hätte. 1 
Diese so unterdrückte, schließlich verdrängte Regung hätte sich gerade des 
Ausfalles bedient, um zum Ausdruck zu kommen. Es wäre so, wie wenn 
ein Soldat der eigenen Armee zum Feinde überliefe, um gegen die früheren 
Kameraden zu kämpfen. Die Auslassung als Mittel der Unterdrückung wäre 
schließlich Ausdrucksmittel des Unterdrückten geworden. Die Verdrängung 
jener gewalttätigen Impulse, die auf Tötung und Vernichtung des gehaßten 
Objektes abzielen, ist also die Vorbedingung der Auslassung, die so zu einem 
psychischen Kompromißausdruck der verdrängten und verdrängenden Regungen 
würde. Sie ist aber auch dafür verantwortlich, daß es zum Kurzschluß des 
Witzes und zu dem anscheinenden Widersinn der Zwangsidee kam. Wie in 
der Psychologie der Traumvorgänge wird hier die Absurdität zum Zeichen 
des Spottes und Hohnes, des Protestes gegen die verdrängenden Mächte. 

1) Als Übergangsstadium wäre etwa an eine Formel wie: „er, dessen Name nicht 
genannt werden soll" zu denken. 



Zx Reik: Die elliptische Entstellung 

Wir wollen nur noch ein Beispiel elliptischer Witztechnik anführen: der 
geniale Wiener Schauspieler Girardi antwortete einmal einem Kollegen, der 
ihn um Geld bat, mit den anscheinend ganz unsinnigen Worten: „Wissen 
S' was, lieber Freund? Sei'n wir lieber gleich bös'." Das scheint 
auf den ersten Blick Unsinn, auf den zweiten verrät es die besondere Welt- 
erfahrung des Schauspielers. Das heißt doch: wenn ich Ihnen jetzt Geld 
borge, werde ich es sehr widerwillig tun und Ihnen deshalb alles Böse 
wünschen. Mein Ärger wird sich noch steigern, wenn Sie mir — wie voraus- 
zusehen — das Geld nicht zurückgeben werden. Dieses Gefühl kann aber 
nach außen hin unmöglich spurlos bleiben; es wird sich irgendwie ein 
Ventil verschaffen und wir werden Feinde werden. Man könnte diese psycho- 
logische Reihe noch nach anderer Richtung hin fortführen: auch der Bitt- 
steller ist durch die Demütigung, daß er um Geld bitten muß, bereits 
unbewußt feindlich eingestellt und dieses Gefühl wird durch das reaktive 
Schuldgefühl, wenn er das Geld nicht zurückgeben kann, noch vertieft 
werden. 1 Also auch von seiner Seite ist der Ausgang der Beziehungen nicht 
zweifelhaft. Der freundliche Rat, doch gleich böse zu sein, scheint so nicht 
nur die Geldausgabe, sondern auch eine Reihe peinlicher Zwischenbegeben- 
heiten und Zwischengefühle ersparen zu wollen. 2 

Hier ist freilich der unbewußte Todeswunsch nicht zum Ausdruck ge- 
kommen — nur die elliptische Form zeugt von seiner Existenz — aber 
der Rat des Schauspielers verrät uns, daß die Zumutung, Geld zu borgen, 
auf dessen Rückzahlung er nicht rechnen konnte, in ihm starke feindselige 
Gefühle gegen den Bittsteller ausgelöst hat. Die unbewußte Fortsetzung 
dieser Affekte aber führt zu Todeswünschen. Und wirklich: böse sein, das 
heißt doch: füreinander nicht mehr da sein. Sagen wir nicht von einem 
erbitterten Feinde: „Er existiert nicht mehr für mich" oder „Er ist für 
mich gestorben ? 

So wird in der Technik des Witzes und in der Formulierung der Zwangs- 
ideen klar, daß wir uns noch durch die Auslassung, die es verschweigen sollte, 
unbewußt zu unseren mörderischen Gedanken bekennen. 



1) Über die Mechanismen des unbewußten, reaktiven Schuldgefühls vergleiche mein 
Buch „Geständniszwang und Strafbedürfnis" (Internationale Psychoanalytische Biblio- 
thek, Bd. XVIII), 1925. 

2) Ein obszöner Witz desselben Schauspielers erzielt seine Wirkung ebenfalls durch 
die einfache Technik der Auslassung. Auf eine Rundfrage, welche die Lieblingsbeschäfti- 
gungen bekannter Persönlichkeiten erkunden wollte, antwortete Girardi: „Zweitens: 
auf dem Meere fahren." 



Zur x sydioanalyse des jüdischen Witzes 

„r can suck melancholy out qf a Song as a 
weasel sucks eggs." 

Shakespeare, As you like it. II. 5. 15. 

I 

Manche Autoren haben versucht, die besonderen Züge des jüdischen 
Witzes hervorzuheben und psychologisch zu erklären. Es gibt sicherlich 
solche Züge, aber es wäre verfehlt, den Witz überhaupt nur den Juden zu- 
zuschreiben. 1 Es ist vielmehr so, daß der allgemein-menschliche Kern des 
Witzes hier in einer jüdischen Einkleidung erscheint oder einzelne charakteri- 
stische Züge des Witzes in einer besonderen Ausprägung und in einem 
speziellen Mischungsverhältnis hervortreten. Man kommt den Merkmalen 
des jüdischen Witzes vielleicht am nächsten, wenn man auf die besonders 
scharfe Selbstkritik hinweist, die sich in den von Juden geschaffenen Witzen 
gegen das eigene Ich oder vielmehr gegen jenes größere Ich, das eigene 
Volk, richtet. In seiner analytischen Untersuchung über den Witz und seine 
Beziehung zum Unbewußten bemerkt Freud, daß die Witze, die von Fremden 
über die Juden gemacht werden, meist brutale Schwanke sind, in denen 
der Jude als komische Figur erscheint. Auch die von Juden gemachten 

1) Wie es z. B. Alexander Moszkowski tut, dem es scheint, „als ob der Begriff 
Jüdischer Witz' auf einen Pleonasmus hinausläuft, auf eine Tautologie, denn die 
Grundelemente dieses Begriffes sind tatsächlich nicht zu trennen. Was das Wesen des 
Witzes begründet, der Kontrast, das bildet auch das Kennzeichen des Judentums, in 
guter wie in übler, in elegischer wie in launiger Bedeutung. In den Martyrien dieses 
Kontrastes hat sich die brennende Denkweise entwickelt, aus der die Witzfunken in 
Garben emporschlagen". (Der jüdische Witz und seine Philosophie. Berlin 1925. S. 8.) 

Reik: Lust und Leid im Witz. 5 



&f liieodor Reik 



Witze geben dies zu, aber sie kennen doch die wirklichen Fehler der Juden 
weit besser, ebenso den unterirdischen Zusammenhang mit ihren Vorzügen. 
Freud gibt dem Zweifel Ausdruck, ob es sonst noch häufig vorkommt, daß 
sich ein Volk in solchem Ausmaße über sein eigenes Wesen lustig macht. 

Hier ist wirklich ein fesselndes, psychologisches Problem. Tatsächlich 
sind die Witze, die von Juden produziert werden, diejenigen, die sich am 
treffendsten gegen jüdische Art und Unart richten und eine besondere 
Schärfe der Verhöhnung aufweisen. Sie zeigen eine Schonungslosigkeit und 
Grausamkeit der Selbstherabsetzung, die in dieser Ausprägung sonst schwer 
anzutreffen ist. Andere Merkmale des jüdischen Witzes sind mit diesem auf- 
fälligen und zentralen Zuge innig verknüpft. Die Juden, welche diese Witze 
schaffen, und die, welche sie wiedererzählen, schämen sich offenbar keines- 
wegs der Mängel und Schwächen, die darin gekennzeichnet und verspottet 
werden. Sie erzählen sie oft und gern und meistens scheint es, als geschehe 
es mit einer Befriedigung, die nicht mehr durch den witzigen Inhalt oder 
die witzige Form allein erklärbar wird, sondern auch daraus quillt, daß 
hier die eigenen Schwächen, Fehler und Unzulänglichkeiten zur Schau 
gestellt werden. Der Eindruck ist häufig folgender: diese Erscheinung stellt 
den Ausdruck einer besonderen Gefühlseinstellung dar, deren Tendenz man 
als erwünschte Selbstdemütigung, als eine Art masochistischen Exhibitionis- 
mus bezeichnen könnte. Dieser Zug beschränkt sich sicherlich nicht auf den 
Witz des Juden ; er tritt dort nur besonders auffällig — manchmal möchte 
man sagen : aufdringlich — hervor. Wir erinnern an die Darstellung von Juden 
und jüdischem Leben, wie sie von manchen Schauspielern etwa von Eisen- 
bach, den Brüdern Herrnfeld, der Werbezirk gegeben wird, um diese 
Bloßstellung der eigenen Verächtlichkeit, diese manchmal grandiose Demon- 
stration der eigenen Erbärmlichkeit wiederzufinden. Ja das Gefühl der Be- 
freiung durch die grausame Selbstherabsetzung scheint sich gelegentlich zu 
dem einer seelischen Entlastung zu steigern, die fast ekstatischen Charakter 
annimmt. Es wird den Psychologen auch nachdenklich machen, daß solche 
erbitterte Selbstkritik, wie sie der jüdische Witz zeigt, von keinem ernst- 
haften Bestreben gefolgt ist, jene scharf verhöhnten Charakterzüge abzu- 
legen oder zu korrigieren. 

Wir finden hier eine Reihe von charakteristischen Zügen, die wir psycho- 
logisch schwer verstehen könnten. Eine solche seelische Einstellung zum 
Ich und zum eigenen Volk mutet den Beobachter seltsam an und er sucht, 
vorerst vergeblich, nach Analogien im Leben des Einzelnen und der Nationen. 
Nun, es gibt eine ganz ähnliche psychische Haltung, aber sie erscheint auf 



Zur Psydioanalyse des jüdisdien Witres 35 

einem so fernabliegenden Gebiet, daß ein Vergleich kaum in dem Betrachter 
auftauchen wird. Sollte dies überraschenderweise doch der Fall sein, so wird 
er sicherlich lebhaftes Sträuben gegen eine solche Zusammenstellung ver- 
spüren. Handelt es sich doch um ein psychisches Phänomen, das nicht nur 
einer völlig verschiedenen Sphäre angehört, sondern auch um ein solches, 
dessen Gefühlsbetonung geradezu einen Gegensatz zu der des Witzes dar- 
stellt. Ist es nicht paradox, die Erscheinungen bei jener Gemütserkrankung, 
die dem Psychiater als Melancholie bekannt ist, zum Vergleich mit den 
seelischen Prozessen der Witzbildung heranzuziehen? 

II 

Tatsächlich wird der erste Eindruck der Erscheinungen jener Erkrankung, 
deren klinisches Bild dem Psychiater besser bekannt ist als ihre Verursachung, 
geradezu derjenige sein, den wir als der Stimmung des Witzigen gegensätzlich 
ansehen würden. Die Melancholie ist eine tief schmerzliche Verstimmung, 
die seelisch ausgezeichnet ist durch Aufhebung des Interesses für die Außen- 
welt, Verlust der Liebesfähigkeit, Hemmung jeder Leistung und schwere Ver- 
sündigungsideen, welche die Kranken eine drohende Strafe erwarten lassen. 
Das Bild des Melancholikers, den wir in den Irrenanstalten und in den 
Sanatorien für psychisch Kranke beobachten, mag in uns jede andere Vor- 
stellung eher hervorrufen als die des Witzigen. Sein Gesicht ist ausdruckslos 
und erstarrt wie eine leere Maske; er blickt scheinbar gedankenlos vor sich 
hin und macht wenig Bewegungen. Dann wieder weint und schluchzt er 
heftig, schlägt sich gegen die Brust, reißt sich am Haar, beißt sich selbst. 
Er verweigert die Nahrungsaufnahme, lehnt jede Zerstreuung ab, ist von 
Schlaflosigkeit gequält und von den schwersten Angst- und Schuldgefühlen 
bedrückt. Selbstmordgedanken gewinnen häufig Gewalt über ihn und werden 
nicht selten in einem unbewachten Augenblick ausgeführt. Wir fühlen tiefes 
Mitleid mit dem Unglücklichen, der von einer rätselhaften Trauer erfüllt zu 
sein scheint und dem das Leben zu einer schweren Last geworden ist, und 
können ihn schwer verstehen, weil uns der Grund seines tiefen Leides un- 
zugänglich ist. Hier ist doch sicherlich nichts, das uns an die seelische Ein- 
stellung des Juden, der so scharfe und demütigende Witze über sein Volk 
macht, erinnern könnte? 

Die Vergleichsmöglichkeit rückt aber näher, wenn wir andere sympto- 
matische Züge an den Melancholikern beobachten. Der Kranke schildert 
uns sein Ich als moralisch besonders verwerflich und erbärmlich, macht 



36 Theodor Jxeik 



sich schwere Selbstvorwürfe und beschimpft sich selbst auf das Härteste. 
Er erniedrigt sich vor jedem, zeigt ihm die eigenen Fehler und beklagt sich 
und seine Verwandten, die an einen so unaufrichtigen, lügnerischen, egoisti- 
schen und kleinlichen Menschen gebunden sind. Solche niedere Selbst- 
einschätzung und so scharfe Selbstkritik nehmen oft genug den Charakter 
eines moralischen Kleinheitswahnes an. Die Selbstanklagen steigern sich 
manchmal zu wahren Paroxysmen, in denen sich der Kranke unaufhörlich 
herabsetzt, nur Schlechtes über sich auszusagen weiß, sich selbst verwirft 
und verdammt. Es entspricht nun gar nicht unseren Erwartungen, daß der 
Melancholiker sonst keineswegs ein Benehmen an den Tag legt, das in Über- 
einstimmung mit so schweren Selbstanklagen und -vorwürfen gebracht werden 
könnte. Vor allem schämt er sich gar nicht seiner von ihm beklagten Schwächen 
und Charakterfehler. Er zeigt aber auch nichts von der Demut und Nachgiebig- 
keit, die man bei einem so tief Zerknirschten voraussetzen würde. Er er- 
scheint im Gegenteil immer wie verletzt und vernachlässigt und quält die 
Anderen nicht minder wie sich selbst. Es ist für den Beobachter auch un- 
verkennbar, daß der Kranke in keiner Art bemüht ist, seinen von ihm so 
scharf kritisierten Charakter zu verbessern und sein drückendes Schuld- 
gefühl durch Korrektur seiner Fehler zu beschwichtigen. Wir erkennen in 
seinem Benehmen nicht nur keine Spur von Scham, sondern eher eine Art 
aufdringlicher Mitteilsamkeit, welche an der Selbstherabsetzung und Selbst- 
bloßstellung eine seltsame Befriedigung zu finden scheint. Es bleibt kein 
Zweifel daran, daß es sich in diesem Wüten gegen das Ich um die Abfuhr 
starker Gefühle handelt, daß eine seelische Entlastung darin enthalten ist. 
Hier sind nun freilich einige wesentliche Züge, die uns noch in der 
verschiedenen Ausprägung an die Merkmale des jüdischen Witzes erinnern: 
die erbitterte Selbstkritik und Selbstherabwürdigung, der Ausfall des Scham- 
gefühles, die besonderen Beaktionen der Demonstration in der Selbstherab- 
setzung, die damit verbundene Befriedigung und der Mangel korrektiver 
Tendenzen. Sollte es sich nur um eine formale Ähnlichkeit handeln, der 
keine Übereinstimmung im seelischen Inhalt der Phänomene entspricht? 
Neben den aufgezeigten Gemeinsamkeiten gibt es ja so viele auffällige und 
entscheidende Differenzen, daß wir am Werte unseres Vergleiches irre werden. 
Unser Mißtrauen mag berechtigt sein, aber es braucht uns nicht zu ver- 
hindern, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen. 



Zur Psychoanalyse des jüdischen \v ltses "hy 

III 

Zumindestens ein Teil unserer Unsicherheiten und Zweifel wird behoben 
durch die überraschenden Aufklärungen, welche die Psychoanalyse über die 
seelischen Vorgänge in der Entstehung und Entwicklung der bisher nur 
wenig verstandenen melancholischen Erkrankung zu geben vermag. Die 
Forschung ist auch heute noch nicht in der Lage, die Faktoren in der 
Entstehung und im Verlauf der melancholischen Affektion restlos zu er- 
fassen, aber das Verständnis jener Melancholien, die man als psychogen 
bezeichnet, ist durch Freud in entscheidender Art gefördert worden. 1 Das 
große Stück Einsicht, das wir durch seine Studien erhalten haben, läßt uns 
die rätselhafte Erkrankung zum ersten Male in ihren wesentlichen Zügen 
verstehen. Die Melancholie stellt sich regelmäßig als die Reaktion auf den 
Verlust einer geliebten Person oder einer Abstraktion, die an deren Stelle 
gerückt ist (Freiheit, Heimat, ein Ideal usw.), dar. Das Objekt ist in den 
meisten Fällen keineswegs gestorben; es ist nur als Liebesobjekt verloren 
gegangen. Der Geliebte erfreut sich etwa der besten Gesundheit, aber er 
hat das Mädchen verlassen und dieses reagiert auf den Verlust durch 
melancholische Erkrankung. Der Verlust des Objektes kann nun verschie- 
denen Charakter haben und muß dem Kranken auch keineswegs bewußt 
sein. Es mag dem Melancholiker auch bekannt sein, daß er ein Objekt in 
dieser Art verloren hat, aber es kann dabei unbewußt bleiben, was er an 
jenem Objekt verloren hat. In anderen Fällen ist der Objektverlust als 
solcher unbewußt geblieben und wir verstehen nicht, was den Melancholiker 
in so tiefe Verstimmung versetzt hat und warum er in so schmerzliche 
Trauer verfallen ist. Einige der rätselhaftesten Züge und Besonderheiten 
der Melancholie haben sich der analytischen Untersuchung als sinnvoll 
erschlossen und konnten von ihr in den großen Zusammenhang seelischer 
Vorgänge eingeordnet werden. Hierher gehören z. B. jene erbitterten Selbst- 
anklagen und -vorwürfe, jener moralische Kleinheitswahn, der so merk- 
würdig anmutet. Die Psychoanalyse behauptet nun allgemein, daß der Kranke 
mit seinen Klagen in allen Fällen psychologisch irgendwie im Rechte sein 
muß, so unglaubwürdig sie uns auch zuerst scheinen mögen. Dieses Stück 
Berechtigung ist aber oft in seinem Ausdrucke verschoben, verallgemeinert, 
entstellt und unverständlich geworden. Es muß demnach auch psychologisch 

1) Die Arbeiten Karl Abrahams und Sändor Radös haben weitere, tiefgehende 
Aufklärungen über die Melancholie gebracht. 






58 Xheodor Reik 



irgendwie berechtigt sein, daß der melancholisch Kranke sich als verwerflich 
und erbärmlich schildert, aber wenn er sich so erbarmungsloser Selbstkritik 
hingibt, so werden wir mit Freud fragen, „warum man erst krank werden 
muß, um solcher Wahrheit zugänglich zu sein". Mag auch ein Stück realer 
Berechtigung in einem Teile seiner Selbstanklagen enthalten sein, ihr Aus- 
maß, ihre Intensität und ihre Dauer können dadurch nicht erklärt werden. 
Die brave Frau und Mutter, die an einer Melancholie erkrankt ist, wird 
sich der schwersten Unterlassungen und Unzulänglichkeiten anklagen, die 
ihr nicht zur Last fallen und trotz ihres untadeligen Lebens von sich selbst 
nicht besser sprechen als von einer Dirne. Mag sich immerhin ein Teil 
ihrer Selbstanklagen, wie wir vermuten können, auf unbewußte Phantasien 
beziehen, der größte Teil ist in dieser Art nicht erklärbar. Der Melan- 
choliker hat also Recht und Unrecht zugleich und wir verstehen nicht, 
warum er seine Selbstachtung so völlig verloren hat und so gegen das Ich 
wütet. Hier ergibt sich nun die erste analytische Aufklärung. Freud hat 
nämlich gezeigt, daß die stärksten unter den mannigfachen Selbstanklagen 
des Melancholikers oft sehr wenig zur eigenen Person passen, aber mit 
geringfügigen Veränderungen anderen Personen anzupassen sind, die der 
Kranke liebt oder geliebt hat. Die Selbstvorwürfe sind also als Vorwürfe 
gegen ein Liebesobjekt erkennbar, die von diesem weg auf die eigene 
Person gewendet wurden. Die Selbstanklagen sind Anklagen, die einem 
Anderen gelten und sich gegen das Ich gekehrt haben. Unter diesen Selbst- 
vorwürfen sind gewiß auch einige echte eingestreut, aber gerade diese sind 
nicht die ausschlaggebenden und sie verdecken eher den wirklichen psychi- 
schen Sachverhalt. Der Psychoanalyse ist es gelungen, diesen Vorgang sowie 
den der Erkrankung zu rekonstruieren. Es hatte eine starke Bindung an ein 
Objekt bestanden. Diese Objektbeziehung war durch den Einfluß einer 
realen Kränkung oder Enttäuschung von seiten der geliebten Person er- 
schüttert worden. Und nun trat nicht das ein, was man normalerweise 
erwarten durfte, daß nämlich die Person ihre Liebe von dem Objekt ab- 
wendet und auf ein neues überträgt. Durch das Zusammenwirken mehrerer 
psychischer Bedingungen kommt vielmehr ein anderer seelischer Prozeß zu- 
stande: das Objekt wurde zwar aufgegeben, aber ins Ich aufgenommen. Dieser 
Prozeß der Aufrichtung eines Objektes im Ich, durch den das Aufgeben 
des Objektes vielleicht erleichtert wurde, ist in der Psychoanalyse als Identi- 
fizierung bekannt und hat auch für andere psychische Situationen eine 
große Bedeutung. In den uns hier interessierenden Fällen psychisch ent- 
standener Melancholie ist also ein Objektverlust durch eine Identifizierung 






Zur Psychoanalyse des jüdischen »Vxtzes 69 



abgelöst worden, durch die das aufgegebene Objekt wieder im Ich auf- 
gerichtet wurde. Das Ich steht nun einem seiner Teile gegenüber, der 
durch Identifizierung verändert ist. Und nun wendet sich eine besondere 
Instanz im Ich, die unsere moralischen Anforderungen verkörpert, das Über- 
ich, gegen diesen Ichteil, den es verwirft und verurteilt, Der Konflikt 
zwischen dem Ich und der geliebten Person in der Außenwelt ist zu einem 
tiefgehenden Zwiespalt zwischen dem Über-Ich und dem durch die Identi- 
fizierung veränderten Ich geworden. Wir verstehen jetzt das merkwürdige 
Verhalten der Melancholiker: der Schatten des Objektes ist auf ihr Ich 
gefallen. Ihre Selbstvorwürfe und Selbstanklagen gelten in Wahrheit dem 
verlorenen Objekt, das ins Ich aufgenommen wurde. Das Mädchen, das 
sich als treulos bezeichnet und über seine eigene Unbeständigkeit klagt, 
klagt eigentlich den ungetreuen Geliebten an, der sie verlassen hat und 
der nun zu einem wesenhaften Teil ihres Ichs geworden ist. Die Kranken 
brauchen sich nicht zu schämen und zu verbergen, weil alle Selbstherab- 
setzung und Selbstkritik unbewußt der Person gilt, die sich ihrer Liebe 
unwürdig erwiesen hat und die durch den Identifizierungsvorgang im Ich 
weiter wirkt. Das Ich wird jetzt von seiten des Über-Ichs so behandelt, 
als ob es das gehaßte (und geliebte) Objekt wäre, das den Kranken beleidigt 
und enttäuscht hat; es wird verachtet und mißhandelt. Aus diesem unbe- 
wußten Vorgang ist nicht nur der Ausfall des Schämens verständlich, son- 
dern auch die besondere Bitterkeit und Härte der Selbstvorwürfe und -an- 
klagen, ihre quälerische Intensität und ihre monotone Wiederholung. Auch 
die Befriedigung an der Selbstherabsetzung wird so verständlich, handelt es 
sich doch dabei um die unbewußte Degradierung des Objektes, wird hier 
doch im Geheimen Rache genommen an der treulosen und unverläßlichen 
geliebten Person. Was als Kleinheitswahn und als schonungslose Selbst- 
erniedrigung erscheint, ist vielmehr ein Versuch, die durch die Enttäuschung 
verminderte Selbsteinschätzung wiederzugewinnen, ist in Wirklichkeit eine 
Bemühung, sich von der Erbärmlichkeit und Gemeinheit des Objektes zu 
überzeugen und die Kränkung oder Enttäuschung seelisch zu bewältigen. 
In so schmerzhafter Form vollzieht sich beim Melancholiker die Ablösung 
von Liebesobjekten. 

IV 

Wenn unsere Erwartungen nicht völlig trügerisch gewesen sind, müßten 
die psychologischen Einsichten, die für die Entstehung und Entwicklung 
dieser seelischen Mechanismen gewonnen wurden, geeignet sein, uns auch 



4<J Tneodor Reik 



jene Besonderheiten des jüdischen Witzes besser verstehen zu lassen. Wir 
werden gewiß nicht vergessen, daß hier der einzelne Kranke, dort ein Volk 
das Objekt psychologischer Untersuchung ist und daß Forschungsresultate, 
die sich am Individuum ergeben haben, nicht ohne große Vorsicht auf 
kollektive Phänomene übertragen werden dürfen. Auch sind wir darauf 
vorbereitet, daß die Analogie zwischen den beiden Erscheinungen nur eine 
partielle sein kann und wir sie nur ein Stück weit verfolgen können. Von 
dort an verliert sich der Weg wieder in die Dämmerung. 

Was uns unzweifelhaft erscheint, ist die Ähnlichkeit der seelischen Dyna- 
mik und es fällt uns nicht schwer, sie aus den Entstehungsbedingungen 
beider Phänomene abzuleiten. Wenn wir jene besonderen Züge des jüdi- 
schen Witzes untersuchen, die grausame und schamfreie, oft geradezu 
schamlose Selbstherabsetzung, sowie die exhibitionistische Befriedigung an 
der Darstellung der eigenen Schwächen und Fehler, so ergibt sich das 
Bild einer kollektiven Erscheinung, die den Analytiker vermuten läßt, daß 
an ihrem Zustandekommen ähnliche psychische Faktoren zumindestens mit- 
beteiligt sein müssen wie in der Entstehung der Melancholie. Wir er- 
kennen in der Geschichte des Judentums eine typische seelische Situation, 
welche die Entwicklung einer derartigen psychischen Einstellung durchaus 
begünstigen würde. Eine tiefgehende Kränkung oder Enttäuschung seitens 
der Umwelt, die durch die reale Übermacht der Gegner bedingte Unter- 
drückung der Rachereaktion, die Introjizierung des gehaßten und geliebten 
Objektes ins Ich und das Wüten gegen dasselbe, die Selbstherabsetzung 
und -ent Würdigung — man erkennt, es sind hier dieselben seelischen 
Mechanismen wirksam. Die besondere Schärfe und Treffsicherheit des 
Judenwitzes gegen die Juden ist also durch die Unterdrückung der Rache 
mitbedingt, aber diese Rache ist im Geheimen in ihm enthalten. Die Ag- 
gression trifft das Ich, aber sie trifft auch das Objekt im Ich. In der Ver- 
höhnung, welche der jüdische Witz gegen das eigene Volk richtet, werden 
in latenter Art — doch für das Unbewußte erkennbar — die Wirtsvölker 
angeklagt und verspottet. Die besondere Art dieses Witzes zeigt noch in 
der Selbstdemütigung und -herabwürdigung den unterdrückten Aufruhr. 
Was sich so unerbittlich und schonungslos gegen das Ich kehrt, ist die 
ursprünglich gegen die Umwelt gerichtete Aggression, die sich gegen das 
Ich rückgewendet hat. Diese Selbstkarikatur enthält insgeheim die Schil- 
derung derjenigen, welche das mannigfache Elend der Juden verschuldet 
haben. Es ist, wie wenn der Judenwitz, der so erbarmungslos die eigenen 
Schwächen enthüllt, sagen wollte: Seht, so sind wir und ihr! oder: Seht 







Zur Jrsycaoanalysc de« jüdischen Yv ltzes ji 

zu wie kläglichen, schwachen, verängstigten und frechen, kleinlichen und 
gierigen Kreaturen ihr uns gemacht habt! In dem Spiegel, den dieser Witz 
den Juden vorhält, erblickt man zugleich ein fremdes Gesicht. In der 
Selbstherabsetzung steckt verborgen die Herabsetzung des Anderen. Die 
leidvolle Vergangenheit des Judentums und die Fortdauer der Besonder- 
heiten seiner sozialen Existenz geben den Schlüssel zum Verständnis des 
jüdischen Witzes wie die Einsicht in die seelische Situation des Melancho- 
likers uns sein befremdendes Verhalten besser verstehen läßt. Die durch 
die reale Übermacht bedingte Unmöglichkeit, Rache für die erlittenen 
Beleidigungen und Kränkungen zu nehmen, war die erste und wesent- 
lichste Bedingung für den Vorgang der Identifizierung mit dem Objekt 
und der Wendung der Aggression gegen das Ich gewesen. Zu ihr mögen 
andere Faktoren psychischer Art getreten sein und jene selbstquälerische 
Zersetzung im Witz unterstützt haben. Die durch religiöse Lehre und 
Tradition zur inneren Forderung umgewandelte Hemmung der Angriffslust 
und des Rachedurstes wird das Zustandekommen der Identifizierung in 
besonderer Art begünstigen. 

Der Judenwitz darf schamlos sein, denn er enthüllt unter seiner Fassade 
die Mängel der Anderen. Es dürfen auch unter den rückgewendeten Ver- 
höhnungen dieser Art einige echte mitunterlaufen, verhelfen sie doch dazu, 
den tieferen, latenten Sinn der Selbstherabsetzung zu verbergen. Die Psycho- 
analyse hat gezeigt, daß jene psychischen Mechanismen der Aufnahme des 
Objektes ins Ich und der Wendung der Aggression, in der ein Ichteil 
gegen den Anderen wütet, nicht nur der Melancholie eigen sind, wenn- 
gleich sie in ihr am auffälligsten hervortreten. Sie sind in stärkerem oder 
geringerem Ausmaße auch in anderen Psychoneurosen erkennbar und be- 
sitzen darüber hinaus eine noch nicht völlig gewürdigte Bedeutung für das 
Seelenleben. Hier seien zwei Beispiele nebeneinander gestellt, die zeigen, 
wie gleichartig dieser Mechanismus in der Symptomatologie der Neurosen 
und in der psychischen Genese des jüdischen Witzes wirkt. 

Ein an Zwangsneurose erkrankter Mann wollte einem älteren Verwandten, 
der ihn besuchte, ein neues Kartenspiel zeigen. Während des Spieles er- 
wies sich nun der Schüler höchst ungeschickt und wenig scharfsinnig. 
Mein Patient benahm sich kurz nachher in der Konversation sehr unge- 
wöhnlich, indem er die einfachsten Dinge nicht verstand, manchmal dumm 
vor sich hinstarrte oder lachte und überhaupt wie ein Narr handelte. Die 
Analyse am nächsten Tage konnte den unbewußt gebliebenen Zusammen- 
hang zwischen den beiden Erlebnisreihen leicht aufdecken. Die Unmöglich- 



-^a Tneodor Reik 



■ 



keit, dem älteren Verwandten die in dem Patienten wachgewordenen Ge- 
fühle der Respektlosigkeit und des Hohnes zu zeigen, hatte hier zu einer 
solchen zeitweiligen Objektintrojektion mit Demonstration der eigenen 
Dummheit geführt. Man wird sich erinnern, wie gerne Shakespeare in 
seiner Gestaltung konfliktreicher Situationen dieselben Mechanismen in 
ihrer Wirksamkeit gezeigt hat. Der Prinz Hamlet gebärdet sich so absurd 
in seinen Unterhaltungen mit Rosenkranz und Güldenstern sowie mit 
Polonius, um den Hofleuten ihre eigene Dummheit recht ad oculos zu 
demonstrieren. Man erkennt hier, wieviel Methode in diesem Wahnsinn 
liegt. Es ist auch kein Zufall, sondern psychologisch tief begründet, daß 
Hamlets Stimmung der des Melancholikers so häufig entspricht. 1 Ich hatte 
einigemal Gelegenheit, in der Kinderstube zu beobachten, daß Kinder sich 
so schlimm oder „närrisch" benehmen, um sich in dieser unkenntlich ge- 
wordenen Form über die Großen lustig zu machen. Man bemerkt dann 
wohl, falls das Treiben nicht zu toll wird, mit lächelnder Nachsicht, die 
Kleinen benehmen sich doch recht kindisch und ahnt nicht, wie sehr 
dieses Benehmen das Gehaben der Erwachsenen karikaturistisch darstellt. 3 
Was hier noch vorbewußt geschieht, wird langsam verdrängt werden und 
späterhin manchmal in der Art eines psychischen Automatismus wirken 
können. 3 

Das Beispiel eines jüdischen Witzes, das unserem, der Neurosenpsychologie 
entnommenen Falle analog ist: Moritz ist mit seinem Freunde beim Karten- 
spiel in heftigen Streit geraten und ruft diesem wütend zu: „Was kannst 
du schon sein für ä Mensch, wenn du dich hersetzt, Karten zu spielen mit 
ä Menschen, der sich hersetzt, Karten zu spielen mit ä Menschen wie du! a 
Lassen wir vorläufig die in diesem Satz enthaltene Aggression beiseite, so 
ergibt sich der Gedanke: du spielst mit einem unwürdigen Menschen 
Karten — das klingt eher wie die Äußerung eines Melancholikers als ein 
Witz. Der Witz kommt sozusagen durch Auflösung des für die Melancholie 

1) Wie man weiß, gehört das Drama zu Shakespeares persönlichsten und deut- 
lich genug klingt aus den Worten des Prinzen die tief schmerzliche Verstimmung, 
die um 1601 den Dichter beherrschte. 

2) Von hier aus mag die psychologisch noch nicht erkannte, latente Verbindung, 
die in Shakespeares Dramen zwischen dem Helden und dem Narren besteht, ein 
vertiefteres Verständnis erhalten. — Die Äußerung: „Be Kent unmarmerly, when Lear 
is mad" („Sei Kent nur ohne Sitte, wenn Lear verrückt." Lear I, 1, 147) liefert eine 
schone Analogie zu dem oben geschilderten, eigenartigen Verhalten von Kindern. 

3) Die Vermutung liegt nahe, daß es sich in diesen seelischen Äußerungen um 
eine archaische Reaktion handelt. 



Zur Psychoanalyse des jüdischen vV ltscs ^3 

so kennzeichnenden psychischen Kernes zustande, d. h. dadurch, daß die 
Aggression wieder gegen das Objekt gewendet wird, dabei bleibt aber die 
Herabsetzung des Ichs erhalten. Ja, mehr als das: sie wird zum Mittel zur 
verstärkten Herabwürdigung des Objektes. 1 Gerade durch die Rückwendung 
des Angriffes gegen das äußere Objekt und gegen das durch Objektidenti- 
fikation veränderte Ich wird der sonst verborgene psychische Mechanismus 
erkennbar. Der Vorgang ist also folgender: die Aggression gegen das äußere 
Objekt hat eingesetzt („was kannst du schon sein für ä Mensch"), ist dann 
gehemmt worden und hat sich gegen das Ich gekehrt, das nun beschimpft 
und gedemütigt wird, und nun lehnt sich dieses mißhandelte Ich auf und 
geht wieder zum Angriff gegen das Objekt über. Die ursprünglich inten- 
dierte Aggression wird gegen das Ich zurückgewendet, um das Objekt dann 
durch seine Verbindung mit diesem verächtlichen und verachteten Ich um 
so tiefer zu beschimpfen und zu demütigen. Das Ich hat die eigene Herab- 
setzung willig auf sich genommen, um darin das Objekt herabzusetzen wie 
in der Melancholie. Aber dieser Vorgang ist nicht wie in dieser Erkrankung 
dem Bewußtsein entzogen. Gerade dieser Witz stellt sich als glänzendes 
Beispiel der Wirksamkeit jener seelischen Mechanismen dar, die wir in der 
Entstehung des jüdischen Witzes und der Melancholie beobachten konnten. 
Wenn wir uns nicht mit der Witzfassade begnügen wollen, erkennen wir, 
was er sagen will. Die soziale Lage, in der sich die Juden alle befinden, 
die sie isoliert und aufeinander angewiesen sein läßt, verhindert die Ent- 
wicklung gegenseitiger sozialer Achtung und erklärt den Mangel an Respekt, 
den sie im Verkehr untereinander zeigen. 2 Hier aber erscheint für den Psy- 
chologen die latente Anklage gegen die Wirtsvölker, welche das jüdische 
Volk in so unmöglicher sozialer Einstellung festhalten. 3 Wir haben in 



1) Einen Witz, der durch die Wirkung desselben Mechanismus zustande kommt, 
erzählt Heinrich Heine („Briefe aus Berlin"). Er berichtet von den Redouten im 
Opernhause, die mitunter ein sehr gemischtes Publikum aufwiesen. „Je te connais, 
beau masque", rief dort eine als Fledermaus maskierte Dame einem jungen Manne zu. 
n Si tu me connais, ma belle, tu n'es pas grand chose a t entgegnete der Angesprochene 
recht ungalant. 

2) Es ist dieselbe seelische Situation, die Nestroy einmal parodistisch auswertet: 
in der Hebbeltravestie „Judith und Holofernes" exerzieren die Juden innerhalb der 
Stadtmauern von Bethulien, das vom Feinde belagert wird. Der Unteroffizier kom- 
mandiert: „Habt acht!" Einer seiner Soldaten aber räsoniert: „Wie heißt: ,Habt 
acht'? Is' er mehr als wir? Is' nicht ein Jud wie der andere?" 

3) Für die Zwecke dieser Untersuchung bleibt es gleichgültig, daß dieses Fest- 
halten auch masochistisch mitgenossen und zur Befriedigung unbewußten Schuld- 
gefühles verwendet wurde. 



44 Tlieodor Reib. 



diesem Beispiel wie in vielen ähnlichen, das die Sitten der Juden geißelt, 
sozusagen eine Probe aufs Exempel : die Fehler der Juden werden in ihnen 
unbewußt ihren Peinigern zur Last gelegt. 



Ist in dieser Deutung des letzterwähnten Witzes wirklich die Tiefe er- 
reicht? Sollte wirklich sein innerster Kern in der Meinung enthalten sein, 
daß kein Jude sich mehr dünken dürfe als der andere, solange sie an die 
gleiche Galeere geschmiedet sind? Und sollte es nur die Anklage gegen 
die Feinde und der Hohn über sie sein, was auf dem Grunde dieses Witzes 
und ähnlicher verborgen ist? Wer mit jenem „dritten Ohr" am Herzen des 
jüdischen Witzes horcht, der weiß: was hier klagt, anklagt und verstummt, 
gilt einem größeren Gegner. Wir schieben die Erledigung dieser Mahnung, 
die uns hier stört, auf und wenden uns einem dringenderen Einwände zu, 
der jetzt beantwortet werden will. 

Jener Witz zeigt nicht mehr alles von der Eigenheit der Melancholie, 
die den seelischen Konflikt mit dem Objekt im Ich austrägt. Hier ist es 
wieder zu einem Zwiespalt zwischen A und B, dem Ich und dem Objekt, 
gekommen. Aber dieser Unterschied berührt die von uns hervorgehobene 
Gemeinsamkeit, die sich nur auf ein bestimmtes Stück des seelischen Ab- 
laufes bezieht, eigentlich nicht. Es bleibt doch aufrecht, daß die der Me- 
lancholie eigenen seelischen Mechanismen auch in der Entstehung des 
jüdischen Witzes wirksam sind, wenn er auch von einem bestimmten 
Punkte an einen völlig anderen Weg einschlägt. Es wäre sicher unrichtig, 
anzunehmen, daß es in der Entstehung des jüdischen Witzes bei der Aggres- 
sion gegen das ins Ich aufgenommene Objekt bleiben muß. Oft genug 
kommt es von dort aus zum wirklichen, mehr oder minder deutlich aus- 
gesprochenen Angriff gegen den äußeren Feind und Bedränger. Hier zwei 
repräsentative Beispiele dieser Witzart: ein Ghettojude im Kaftan und mit 
Schläfenlocken steht betrachtend vor dem Wiener Denkmal des berühmten 
österreichischen Heerführers Feldmarschall Radetzky. Zwei Offiziere, die 
in der Nähe sind, beginnen, ihn zu verhöhnen, indem sie den jüdischen 
Jargon und die Sprechweise der Ostjuden nachahmen. Der Jude hört eine 
Zeitlang geduldig zu und sagt dann, auf das Standbild des siegreichen Feld- 
herrn zeigend: „Was machen Sie mir nach? Machen Sie dem da nach!" 
Das klingt wie eine Abfuhr und ist Wohl ziemlich grobkörniger Art und 
nicht sehr geistreich. Was uns hier interessiert, ist, daß die Abwehr selbst 






Zur Päydjoanalyse des jüdisdieu Witzes ^5 

zum Angriff wird, aber dabei wird noch immer die Erbärmlichkeit des 
Ichs festgehalten, mag auch die des Objektes noch so scharf kritisiert 
werden. Wenn dieser typische Zug hier nicht so stark zutage tritt wie in 
anderen jüdischen Witzen, welche eine so scharfe Selbstverhöhnung zeigen, 
so erklärt sich dies aus der besonderen Situation. Hier heißt es, einem von 
außen kommenden aktuellen Angriffe zu begegnen, eine Roheit abzuweisen; 
in jenen anderen Witzen ist es bereits zur Identifizierung mit dem Objekt 
gekommen. 

Unzweideutiger tritt in dem folgenden Beispiel, das ebenfalls wie die 
Abwehr eines Angriffes erscheint, das sonderbare Nebeneinander von Selbst- 
herabwürdigung und Verhöhnung des Anderen hervor. Ein Richter vernimmt 
einen als Zeugen vorgeladenen Juden: „Sie heißen? — „Abraham Jontef- 
sohn." — »Wo geboren?" — „In Rzeszow." — „Beruf?" — „Altkleider- 
händler." — „Religion?" — „Ich hab 7 Ihnen gesagt, ich heiß' Abraham 
Jontefsohn, ich bin aus Rzeszow, ich handle mit alte Kleider — wer ich 
sein e Hussit." 

Hier wird deutlich, daß die Antwort des Juden die Dummheit des 
Richters verspotten will, aber noch in diesem Hohn schwingt die Selbst- 
verhöhnung mit. Die Zugehörigkeit zur jüdischen Religion wird daraus 
geschlossen, daß der Zeuge einen für den Nichtisraeliten befremdlich oder 
gar komisch klingenden Namen trägt, aus einem elenden galizischen Orte 
stammt und einen sozial niedrig eingeschätzten Beruf hat. Wir würden 
sagen, der Richter war verpflichtet, jene Frage nach der Religion zu stellen, 
aber die sarkastische Antwort zeigt, daß diese Frage dem Zeugen als eine 
überflüssige erscheint, die selbst eine Verhöhnung enthält. Was ich an diesem 
Beispiel deutlich machen will, ist die interessante psychologische Tatsache, 
daß in der Witzbildung die eigene inferiore Situation ausgenützt wurde, 
um aus ihrer Erbärmlichkeit Kapital zu schlagen und daß die eigene 
Unterdrückung die treffendste Waffe für den Triumph über den Gegner 
liefert. 

Ich will die Gelegenheit benützen, um in der Untersuchung gerade dieses 
Beispieles zu zeigen, wie oberflächlich jede Deutung des jüdischen Witzes 
bleiben muß, die sich mit der Betrachtung seiner Fassade zufrieden gibt. 
Alexander Moszkowski, der diesen Witz anführt, weist darauf hin, daß 
die Logik in ihm wie im jüdischen Witz überhaupt eine hervorragende 
Rolle spielt (a. a. O. S. 1 1). Der Jude verstehe sich meisterhaft auf das 
Gedankenexperiment, kraft dessen konzentrische Gedankenkreise geschlagen 
werden, die sich immer weiter verengern, bis derjenige Begriff, auf den 



4« Theodor Reik 



es gerade ankommt, logisch fest umschnürt werde und in voller Eindeutig- 
keit herausspringe. An dem eben angeführten Witze werde klar erkennt- 
lich, „wie durch die sukzessive Verengung der logischen Begriffskreise ein 
Zentralbegriff auf das schärfste erfaßt wird". Die logischen Begriffskreise 
lassen sich nach Moszkowskis Ansicht nicht sachlicher und prägnanter ein- 
engen: „Es ist eine konzentrische Einengung, die den Zentralbegriff mit 
mathematischer Sicherheit erzwingt." Dies mag ein Stück Richtigkeit ent- 
halten, aber es erreicht nur den tiefsten Punkt der Oberfläche. Diese Deu- 
tung des Witzes hat sozusagen nur seine Schale beschrieben und seinen 
Kern unberührt gelassen. Denn es ist nicht eine kühle logische Deduktion, 
aus der unser stärkster Lustgewinn beim Hören des Witzes stammt. Diese 
Denklust ist sicherlich auch da, aber sie hat den Charakter der Vorlust, die 
tiefere Quellen der Lustenthindung verdeckt. Vergleichen wir unsere Lust 
an diesem Witze etwa mit dem Vergnügen, das uns die elegante Lösung 
eines schwierigen mathematischen Problems bereitet, so erkennen wir leicht, 
von wie verschiedener Art die Befriedigung ist. Jene „konzentrische Ein- 
kreisung , die „den Zentralbegriff mit mathematischer Sicherheit erzwingt", 
ist auch in den Sätzen der Ethik Spinozas enthalten, aber der Genuß, 
den wir beim Überprüfen jenes Systems von Definitionen, Axiomen, Pro- 
positionen, Demonstrationen, Korollarien und Scholien empfinden, ist doch 
wesentlich verschieden von dem beim Hören dieses Witzes. Es ist klar, daß 
erst die affektiven Voraussetzungen des Witzes jene tiefere Lustentwicklung 
bewirken. Gewiß, es macht uns Vergnügen, zu erkennen, wie der Zeuge 
dem Richter zeigt, daß sich jener Schluß auf die Religionszugehörigkeit 
zwingend aus den bekannten Prämissen ergibt, aber verändern wir die 
Situation nur ein wenig, etwa in der Form: „Ist es wahrscheinlich, daß 
ein Mann, der Abraham Jontefsohn heißt, aus Rzeszow stammt und mit 
alten Kleidern handelt, der hussitischen Sekte angehört?" so ist alle Witz- 
lust verschwunden. Die Antwort des Juden soll gewiß die Dummheit des 
Richters bloßstellen, aber sie soll nicht nur dessen Dummheit bloßstellen. 
Die spezifische Lust dieses Witzes, die durch die Vorlust an dem logischen 
Vorgang verdeckt wird, liegt eben in der Aufhebung jenes Hemmungs- 
aufwandes, der sonst gegenüber der obrigkeitlichen Autorität notwendig ist. 
Wir identifizieren uns mit dem Zeugen, verstehen etwa durch den Ton 
der Frage, daß er darin eine Verhöhnung zu fühlen glaubt, und genießen 
mit ihm — und tiefer noch als er — die Befriedigung, die sich aus der 
eigenen hohnvollen Antwort ergibt. Die imaginierte Folgerung, die er den 
Richter ziehen läßt, ist von so bizarrer Unwahrscheinlichkeit („wer ich sein 






Zur PsyAoanalyse des jüjjsien Witzes Aj 

e Hussit"), daß wir lachen müssen, aber der logische Prozeß ist wahrhaftig 
nicht allein für unser Lachen verantwortlich. Der tiefere psychische Grund 
unseres Lachens ist vielmehr, daß wir im Inhalt und in der Form dieser 
Replik den Ausdruck einer befreienden Feindseligkeit sehen, welche die 
adäquate Rache für einen Angriff darstellt. Einer anderen, nur die logische 
Fassade berücksichtigenden Betrachtungsweise, welche die unbewußten Pro- 
zesse nicht beachtet, entgleitet gerade das tief Wesenhafte des Witzes. Viel- 
leicht ist das folgende Beispiel, das ein kurzes Gespräch wiedergibt, noch 
besser geeignet, an ihm die Betrachtung der logischen Außenseite der psycho- 
logischen Würdigung des Gehaltes gegenüberzustellen: „Sagen Sie, Herr 
Fleckseif, ist das wahr, was man erzählt? Wie Sie gewesen sind vorigen 
Monat in Krotoschin, haben Sie gekriegt auf offener Straße zwei Patsch?" 
Der Befragte achselzuckend: „Spaß — Krotoschin, auch ä Platz!" Wie 
Moszkowski (a. a. O. S. 28) richtig bemerkt, ist hier „die Wichtigkeit eines 
Ereignisses von der Örtlichkeit abhängig gemacht, dergestalt, daß die Be- 
stimmungsmerkmale des Vorganges auf die Ortschaft überpflanzt werden". 
Wirklich bewegt sich hier der Gedanke sprunghaft, „um die einzige Asso- 
ziation zu gewinnen, die dem Beteiligten in der Bedrängnis einen Vorteil 
verspricht". Aber erschöpft es die Tiefe dieses Witzes, wenn gesagt wird, die 
ganze Peinlichkeit des Erlebnisses „verschwindet vor der übergeordneten 
Vorstellung, daß der Ort als Geschäftsplatz nicht in Betracht kommt" ? Mir 
scheint, daß damit nur die Vorstufe der Lustwirkung des Witzes umschrieben 
wird. Ist nicht vielmehr die tiefere Lust darin bedingt, daß wir uns unbe- 
wußt mit dem armen Geprügelten, der zu schwach oder zu verängstigt 
war, sich zur Wehr zu setzen, identifizieren und nun mit ihm in der Herab- 
setzung des Ortes und seiner Bewohner Rache nehmen ? Ist nicht das Spezi- 
fische der Witzwirkung eher darin zu sehen, daß wir das Typische dieser 
Reaktion bei den Juden vorbewußt erkennen und verstehen, daß die einzige 
Waffe, die ihnen gegenüber der Brutalität einer übermächtigen Umwelt zu 
Gebote stand, deren tiefste Verachtung war, die sie über die Roheiten des 
Mobs trösten konnte? Es ist gewiß zuzugestehen, daß es unter den jüdischen 
Witzen zahlreiche gibt, in deren Inhalt wirklich der Logik eine besondere 
Bedeutung zukommt. Wir erinnern uns etwa jenes langen logischen Um- 
weges, den der Witz einen Rabbi machen läßt, der seine Brille vermißt: 
wie der Verlustträger, der sich eine Reihe von scharfsinnigen Fragen nach 
dem gegenwärtigen Besitzer der Brille vorlegt und sie ebenso scharfsinnig 
beantwortet, immer unter strenger Anwendung des logischen Prinzips des 
ausgeschlossenen Dritten zu der Folgerung gelangt, er müsse die Brille auf 



^o Theodor Rcik 



der Nase haben. 1 Aber auch in diesen und ähnlichen Beispielen kann es 
nicht der Triumph der Logik, nicht der Sieg des Scharfsinnes sein, an dem 
allein die Witzeslust des Hörers hängt, sondern wir lachen vorerst über den 
großen Aufwand intellektueller Art und dann darüber, was er verborgen 
bedeutet. Denken wir an das eben erwähnte Beispiel und fassen wir nur 
diese übermäßige Denkenergie selbst ins Auge, so ergibt sich der Eindruck 
des Komischen. Es würde sich demnach um eine kleine Geschichte handeln, 
deren Komik darin liegt, daß ein großer gedanklicher Aufwand vertan ist, 
um zu einem Resultat zu gelangen, das man durch Wahrnehmung oder 
auf einem viel kürzeren Gedankenwege hätte erreichen können. Es ist nicht 
unmöglich, daß diese Geschichte vom überklugen Rabbi schon nach wenigen 
Generationen wirklich nur mehr einen komischen Eindruck machen wird, 
und doch erklärbar, warum sie uns noch witzig scheint. 2 Wir verstehen, 
daß der Rabbi diese typische Art der Schlußfolgerung, die er beim Suchen 
der Brille verwendet, den Besonderheiten des Talmudstudiums entlehnt hat, 
an die er gewöhnt ist. Wir fühlen, daß hinter der komischen Fassade Ver- 
borgeneres zum Ausdruck drängt: der Spott über die ungeheure gedank- 
liche Verschwendung, die in jenem Talmudstudium, seinen logischen Finessen 
und Spitzfindigkeiten enthalten ist. Die Argumentation beim Suchen der 
Brille unterscheidet sich in ihrer Art nicht von den ausgebreiteten Dis- 
kussionen, ob man ein Ei, das ein Huhn am Samstag gelegt hat, essen, 
einen Span im Hofe aufheben dürfe und von der dialektisch-logischen Be- 



1) Die Kette seiner Schlußfolgerungen lautet (in der Verkürzung) etwa so: „As 
(da) die Brill' is nix da, is se entweder weggela(u)fen oder es hat se aner genommen. 
Lächerlich, wie kann se sein weggela(u)fen, se hat doch keine Fuß'? As se hat aner 
weggenommen, hat se entweder aner weggenommen, der hot e Brill' oder es hat se 
aner weggenommen, der hot ka Brill'. Wenn er scho hot e Brill', nemmt er doch 
ka Brill'? As es is gewesen aner, der hat ka Brill', is es entweder aner gewesen, der 
hot e Brill' und seht (sieht) oder es is aner gewesen, der hot e Brill' und seht nix. 
As er hot ka Brill' und seht, was brauch' er do e Brill'? Es is also aner gewesen, 
der hot ka Brill' und seht nix. As es is gewesen aner, der hot ka Brill' und seht nix, 
kann er doch nix finden die Brill'? As se hot kaner weggenommen, der hot e Brill' 
und seht und es hat se kaner weggenommen, der hot ka Brill' und seht nix, as se 
is nix weggela(u)fen, weil se hot kane Fuß', muß doch die Brill' sein do! Ich seh 7 
aber doch, se is nix do! Ich seh'?? Also hab' ich doch e Brill'!!! As ich hob e Brill', 
is se entweder mei' Brill' oder e fremde Brill' ! Wie kommt aber e fremde Brill' auf 
mei' Nos! As ich hob ka fremde Brill' is es mei' Brill'! Do is sei!!" (Freundliche 
Mitteilung von Dr. Hans Sachs.) 

2) Es sei vermerkt, daß die kleine Geschichte manchen Zuhörern auch jetzt nur 
noch komisch erscheint — und manchen nicht einmal komisch. Das subjektive Moment 
spielt hier eine entscheidendere Rolle als anderswo. 






Zur Psydioanalysc des jüdischen \v it:es 49 



handlung ähnlicher Themen. 1 Jenes Studium, dessen typische Denkmethoden 
der Rabbiner hier anwendet, galt Gegenständen, die für das Judentum, seine 
Religion und Kultur einmal von höchster Redeutung waren und die für 
uns und die Welt, in der wir leben, zumeist nur von geringer Wichtigkeit 
geworden sind. Auch hier lachen wir also aus erspartem Hemmungsauf- 
wand; wir überwinden den Respekt, den wir sonst für geistige Leistungen 
haben, angesichts der Relanglosigkeit der Gegenstände, zu deren Rehand- 
lung sie aufgeboten wurden. Auch hier wird es aber erkennbar, wie in der 
Selbstverhöhnung, welche der jüdische Witz enthält, das ins Ich aufge- 
nommene Objekt verspottet wird. Auch diese witzige Geschichte hat eine 
verborgene Spitze gegen die Fremden, die ihre verständnislosen Angriffe 
gegen die religiöse und gesetzkundliche Literatur und Tradition der Juden 
richten und keine Ahnung davon haben, wie viele und wie tiefe Werte 
in ihr stecken und wie starke Spuren sie im Denken und Fühlen des Volkes 
zurückgelassen hat. Es ist, als wolle das Geschichtchen sagen : Ihr habt viel- 
leicht Recht, dieses ganze Studium ist unzeitgemäß und überflüssig; es 
stellt eine unnütze und lächerliche Gedankenverschwendung dar, aber ver- 
steht ihr auch, welche strenge Schule des Denkens, der sprachlichen und 
logischen Präzision das ist? Die Respektlosigkeit, mit der in dieser witzigen 
Anekdote die talmudische Dialektik behandelt wird, ist nicht unvereinbar 
mit einem großen, verborgenen Stolz auf ihre Trefflichkeit und ihre von 
den Außenstehenden unverstandenen Vorzüge. Wir erkennen auch hier wieder 
jene seelischen Mechanismen, die wir so häufig im Witz der Juden finden. 
Auch hier steckt in der Selbstverhöhnung ein latenter Ausdruck des Spottes 
gegen die anderen. Die Analyse dieser Witze nötigt uns aber dazu, zwei 
Ergänzungen oder Korrekturen an unseren Aufstellungen anzubringen. Die 
erste wird sich darauf beziehen, daß jene Aufnahme des Objekts ins Ich 
und der folgende Angriff gegen das Ich durch eine Gefühlskonstellation 
unterstützt wird, die sich zwischen Haß und Liebe, Achtung und Verachtung 
bewegt und die in der Psychoanalyse als ambivalent bezeichnet wird. 2 Wir 
haben eben gesehen, daß die Juden selbst den dialektischen Methoden des 
Talmudstudiums mit so zwiespältigen Gefühlen, einer mit Stolz vermengten 

i'I Über die psychologischen Voraussetzungen, Triebgrundlagen und Motive dieser 
Spekulationen vgl. mein Buch „Dogma und Zwangsidee". Internationaler Psycho- 
analytischer Verlag, Wien 1927. 

2) Dieses Moment wurde besonders von Sändor Rad 6 in der analytischen Auf- 
klärung der melancholischen Affektion hervorgehoben („Das Problem der Melancholie". 
Internationale Zeilschrift für Psychoanalyse, Bd. XIII, 1927). 

Reik: Lust und Leid im Witz. 4 



öo Theodor Reilt 



Minderschätzung begegnen. Wie so häufig im jüdischen Witz wird auch 
hier die unterirdische Verbindung der eigenen, scharf kritisierten Fehler mit 
den Vorzügen der Juden in unausgesprochener, doch deutlicher Genugtuung 
hergestellt. Die zweite Berichtigung ergibt sich aus der Einsicht, daß in 
Witzen dieser Art nicht mehr der einzelne Jude oder das jüdische Volk in 
seiner Gesamtheit mit allen seinen Eigenheiten als Angriffsobjekt erscheint, 
sondern eine religiöse Institution, wie z. B. hier das heilige Studium der 
Juden. Dieser neue Gesichtspunkt führt uns willkommenermaßen zu einer 
Erörterung zurück, die wir früher aufgeschoben haben. 

VI 

Es wäre nicht richtig, zu behaupten, daß sich jene seelischen Prozesse, 
welche die Psychoanalyse in der Genese der melancholischen Verstimmung 
aufgedeckt hat, regelmäßig auf den Verlust eines realen Objektes zurück- 
führen lassen. Man beobachtet nicht selten Fälle, in denen sich dieselben 
psychischen Reaktionen einstellen, wenn das Ich sich gezwungen fühlt, eine 
abstrakte Idee, man darf oft sagen: ein Ideal aufzugeben. Es besteht für 
die analytische Beobachtung kein Zweifel mehr daran, daß die Menschen 
auch am Verlust eines Ideals, an der Vernichtung einer hochgeschätzten Vor- 
stellung seelisch erkranken können. Es gibt genug Beispiele, — und unsere 
Zeit kennt sie, — die beweisen, daß die Niederlage einer Nation, der Zu- 
sammenbruch von als sakrosankt angesehenen Einrichtungen, der Untergang 
verehrter Institutionen manche Menschen jener tiefen Verstimmung verfallen 
lassen. Derselbe Fall kann sich ergeben, wenn dem Einzelnen eine bedeut- 
same nationale oder religiöse Idee plötzlich zur Gänze entwertet wird und 
ins Wesenlose entgleitet. 

Der jüdische Witz, der den Erscheinungen der Melancholie phänomeno- 
logisch so ferne steht, wird manchmal dieselben seelischen Voraussetzungen 
in seiner Entstehung erkennen lassen. Ich denke an Witze, wie etwa den 
folgenden: der alte Mendel Dalles liegt im Sterben und nimmt Abschied 
von seinen Kindern, die sich um sein Bett versammelt haben: „Kinderlach, 
mei' ganzes Leben hab' ich gedarbt und gespart und hab' mir nicht das 
kleinste Vergnügen gegönnt. Ich hab' mich immer getröstet und mir ge- 
sagt: in jenner Welt drüben werd' ich dafür reine Freude erleben. Lachen 
möcht' ich, wenn drüben auch nix war!" 

Ist dies ein Witz, ein Witz nur, ein loses, glänzendes, verrauschendes 
Spiel mit Worten und Gedanken, nichts mehr? Ist nicht, was hier zum 



Zur Psychoanalyse des jüdischen W^itses 5i 

Lachen zwingt, dasselbe Gefühl, das uns, wäre sein Ausdruck nur wenig 
verschieden, im Tiefsten erschüttern und Tränen in unsere Augen treiben 
würde? Was der Arme und immer Darbende hier am Ausgang in das große 
Nichts ausspricht, ist es nur komisch? Nein, es ist eher tragikomisch, da 
es den großen Unbekannten über den Wolken angeklagt, der nur immer 
Opfer, Verzichte, Entbehrungen fordert und dafür nur Versprechungen auf 
ein besseres Jenseits geben kann, deren Einlösung überaus ungewiß ist. Der 
Witz spricht nun, indem er das mannigfache Elend der Juden schildert, 
diesen Protest gegen einen überstrengen Gott und gegen die von ihm ge- 
gebenen Moralgebote, die den Lebensgenuß empfindlich einschränken, in 
verborgener Art aus. Die Selbstanklagen enthüllen sich als Vorwürfe, die 
hier lachend gegen denselben Himmel gerichtet werden, gegen den sie 
einst schrien. Noch in der Selbstherabsetzung lebt der geheime Aufruhr 
gegen die Mächte, die den Armen ins Leben hineinstoßen und ihn schuldig 
werden lassen. Gott ist hier ins Ich aufgenommen und aller Hohn und 
alle Erbitterung gegen das Ich gilt eigentlich ihm, der sein auserwähltes 
Volk so schwer enttäuscht hat. Hier wird noch im schmerzhaften Lachen 
der Kreatur der Schöpfer vor jenes jüngste Gericht zitiert, vor dem er von 
seinen Geschöpfen angeklagt wird. 1 

Haben wir uns nicht zu weit vorgewagt? Wir haben versucht, eine 
Analogie zwischen der seelischen Situation, aus der die Melancholie erwächst, 
und derjenigen, welche dem Entstehen des jüdischen Witzes zugrunde liegt, 
zu verfolgen, und waren darauf vorbereitet, daß dieser Vergleich uns nur 
ein Stück weit führen kann. Wir haben nicht aus den Augen verloren, daß 
es sich bei einem derartigen Versuch nur um einige gemeinsame Züge handeln 
kann, die zwischen einem pathologischen Phänomen und einer Alltags- 
erscheinung bestehen. Wir haben doch, meine ich, eine Ahnung davon er- 
halten, aus welchen Tiefen sich die Heiterkeit des jüdischen Witzes erhebt 
und aus welchen Abgründen er seine Resonanz erhält. 

Drängender als andere Fragen wird nun die eine: wieso aus der so ge- 
kennzeichneten Stimmung ein Witz entstehen, die Schwermut in jene eigen- 

1) Die fanatische Liebe zu Gott und die tiefe Frömmigkeit der Juden schließt so 
heftige Tendenzen revolutionärer und haßerfüllter Art, welche im Unbewußten wirken, 
nicht aus, sondern ein. Von der Frühzeit dieses „halsstarrigen" Volkes an bis zur 
jüngsten chassidischen Dichtung („Gott, Gott ist bankrott" in L. Perez' „Die Nacht 
auf dem alten Markte") versucht die unterirdische Rebellion immer wieder durchzu- 
brechen. Über diese verborgene Ambivalenz der Juden gegen ihren Gott vgl. meine 
Bücher: „Das Ritual", 2. Aufl., 1928, „Der eigene und der fremde Gott", 1925, und 
„Dogma und Zwangsidee", 1927. 

4* 



Theodor Reik 



artige Heiterkeit umschlagen könne. Man hat uns oft gesagt, es gebe einen 
Humor, der unter Tränen lächle. Hier haben wir es nicht mit dem Humor 
zu tun, der offenbar anderen seelischen Zielen zustrebt, sondern mit dem 
Witz, der einen Spezialfall des Komischen darstellt und eine gesonderte 
Behandlung verdient. Kehren wir wieder zur psychologischen Analyse des 
letzterwähnten Witzes zurück. Wir würden erwarten, daß der Sterbende, 
dem plötzlich die Einsicht dämmert, daß er sein Leben einer Chimäre 
geopfert hat und der jetzt zu spät erkennt, daß er sich von leeren Hoff- 
nungen hatte narren lassen, einer schweren Depression verfällt. An Stelle 
dieser zu erwartenden Verstimmung erscheint im Witz anscheinend der 
Ausdruck einer gegensätzlichen Stimmung. Haben wir nicht gedacht, er 
müsse nun, da ihm der wahre Sachverhalt erkennbar wird, verzweifeln 
und schluchzen? Er sagt aber: „Lachen möcht' ich, wenn drüben auch 
nix war!" Versuchen wir zuerst allgemein, die Lustwirkung aus diesem 
Witze psychologisch zu erfassen, so ergibt sich, daß auch sie aus zwei 
Quellen fließt. Sie stammt vorerst aus erspartem Gefühlsaufwand, denn wir 
wollten gerade den Armen bedauern und bemitleiden, wir waren im Be- 
griff, Anteil an seinen tief schmerzlichen Gefühlen zu nehmen, da bewirkt 
der letzte Satz, den er spricht, daß der bereits vorbereitete Gefühlsaufwand 
als überflüssig erkannt wird und erspart werden kann. Aber diese Ersparnis 
verdeckt eine andere; denn auch der Hemmungsaufwand, der zur Aufrecht- 
erhaltung der Ehrfurcht und der Gläubigkeit gegen die Gottheit und die 
von ihr geheiligten Vorstellungen notwendig ist und sie gegen die Aggression 
schützt, wird als überflüssig erspart. Indem in diesem: „Lachen möcht' ich . . ." 
das Ich als lächerlich vertrauensselig und leichtgläubig verspottet wird, wird 
auch die Gottheit, die solche nichtige Versprechungen macht, der Lächer- 
lichkeit preisgegeben. Was der Sterbende äußert, klingt wie eine Art Schaden- 
freude über sich selbst und das scheint zuerst paradox, aber wir wissen jetzt 
aus unserer analytischen Erörterung, daß diese Schadenfreude eigentlich dem 
ins Ich aufgenommenen Objekt gilt. 

Vergleichen wir unseren Witz mit jener im wörtlichsten Sinne galgen- 
humoristischen Äußerung des Delinquenten, der am Montag zur Hinrich- 
tung geführt wird: „Na, die Woche fängt gut an , so werden wir leicht 
erkennen, welche Differenz sich aus der psychologischen Würdigung beider 
Äußerungen ergibt. In dem Falle des Verbrechers wird ein Humor ent- 
wickelt, der die seelische Genugtuung auf Kosten des Ichs erringt. Freud 
hat gezeigt, daß der Lustgewinn hier daher stammt, daß die Entbindung 
von Affekten, zu denen sonst die Situation Anlaß geben würde, erspart 






Zur Psychoanalyse des jüdisdien Witzes 53 



wird. Das Großartige dieses Humors liegt darin, daß in ihm das Ich über 
alle Bedrohungen der Außenwelt triumphiert. Mehr als dies: alles das, was 
die Außenwelt ihm an schrecklichen, gefährlichen, lebensschädigenden 
Aspekten zeigt, wird ihm nur zum Anlaß zum Lustgewinn. Diese humo- 
ristische Einstellung, welche das Leid entwertet und das Ich als unüber- 
windbar triumphieren läßt, ist sicherlich beiden Äußerungen, der des ster- 
benden Familienvaters und des Verbrechers, gemeinsam. Beide sind also 
humoristisch, aber die des Enttäuschten hat nicht jene großartige Freiheit 
und Unbekümmertheit, welche den Ausspruch des Delinquenten auszeichnet; 
sie ist nicht nur komisch, sondern auch witzig. Freud hat erkannt, daß 
sich die humoristische Person gegen das Ich in der eigenen prekären 
Situation so benimmt wie der Erwachsene gegen das Kind, indem er die 
Interessen und Leiden, die diesem groß erscheinen, in ihrer Nichtigkeit 
erkennt und belächelt. 1 Auch diese Gemeinsamkeit ist bei beiden Äuße- 
rungen vorhanden, aber das Diktum des Juden enthält etwas mehr oder 
weniger, wenn man will: es spielt ebenfalls mit dem eigenen Ich, löst 
die Wichtigkeit seiner Interessen in wesenlosem Scheine auf, aber es stellt 
den so gewonnenen Lustgewinn in den Dienst der Aggression. Es ist, als 
wolle der Witz sagen: gewiß, ich bin dumm und lächerlich vertrauens- 
selig, daß ich solche Versprechungen über die Kompensation im Jenseits 
geglaubt habe. Aber damit ist nicht die tiefste Schichte des Witzes erreicht, 
eine solche Einstellung wäre nur humoristisch. Das Witzige darin entstammt 
eben dem Angriff gegen die Gottheit, die solchen Glauben beansprucht 
und von ihren Verehrern dafür Opfer und Entbehrungen verlangt. Es ist 
also die Einstellung zum Ich in beiden verwandten Situationen eine ähn- 
liche: aber dieses Ich ist in dem Falle des Verbrechers ein einheitliches, 
fast möchte man sagen harmonisches, in dem des Juden ein durch Identi- 
fizierung mit dem Objekt verändertes, entzweites. 2 Das Spiel mit dem Ich und 
seinen für wichtig gehaltenen Interessen läßt sich ebenfalls bei beiden Fällen 
feststellen ; aber in dem einen Falle hat es eine rein humoristische, im anderen 
eine witzige Wirkung. Der Unterschied rührt daher, daß bei jenem Ver- 
brecher die Freude bei diesem Spiel im Vordergrunde steht, bei dem Juden 



i) Der Humor. Ges. Schriften, Bd. XI. 

2) Man vergleiche, um die psychischen Unterschiede zu erkennen, jene galgen- 
humoristische Bemerkung des Delinquenten mit einem jüdischen Sprichwort: „Hab 
ich a Mädel, hab ich ka Bett; hab ich a Bett, hab ich ka Mädel" — ein Ausspruch, 
in dem die Tragikomik der sexuellen Not tiefer erfaßt wird als in den meisten 
psychologisierenden Romanen und in einer Unzahl von Werken über das Sexual- 
problem. 



54 Theodor Rcik 



die Schadenfreude, in der noch die Objektbeziehung ihre volle Stärke ver- 
rät. Das Ich der Beiden verhält sich zur eigenen Vernichtung ähnlich, aber 
die tragische Grundstimmung, aus der die beiden Äußerungen stammen 
und zu deren Überwindung sie dienen, ist doch verschieden in ihren psy- 
chischen Inhalten. In dem einen Falle wird die Aufhebung des Ichs als 
solche willkommen geheißen, im anderen auch deshalb, weil das Objekt 
damit zerstört wird. Der Untergehende schöpft hier Trost aus der Gewiß- 
heit, daß es nun bald mit allem Leid ein Ende hat, dort aus derselben 
Sicherheit, aber auch aus der Befriedigung darüber, daß das Objekt, welches 
für solches Leid verantwortlich zu machen ist, zu gleicher Zeit untergeht. 
Es ist also nicht die ernste Situation, die tragische Grundstimmung, 
welche dem jüdischen Witz seinen besonderen Charakter verleiht. Das Bei- 
spiel jenes Delinquenten und seiner Äußerung zeigt, daß aus so verzweifelter 
Lage auch reine Heiterkeit entspringen kann. Die latente Aggression des 
jüdischen Witzes, die dem melancholischen Wüten gegen das Ich nahe- 
steht, trennt den Galgenhumor, den jener Verurteilte entwickelt, von der 
besonderen seelischen Einstellung, aus der der jüdische Witz stammt. 1 An 
diesem Punkte aber erhebt sich wieder die Frage, ob der Vergleich des 
jüdischen Witzes mit den Phänomenen der melancholischen Verstimmung 
wirklich so fruchtbar war, als er uns zuerst schien. Wir haben am Bei- 
spiele jener komischen Äußerung des Verbrechers erkannt, daß das Ich 
sich aus der düstersten Situation zur Heiterkeit erheben kann, ja sogar aus 
ihr selbst einen Anlaß zur Lustentwicklung finden kann, aber dieser psy- 
chische Prozeß entspricht der Entstehung des Humors, nicht der des Witzes. 
Wenn der Sterbende spricht: „Lachen möcht' ich, wenn drüben auch nix 
war! so liegt die Frage nahe: ward' je in solcher Laun' ein Witz gemacht? 

VII 

Das Lachen ist als solches keineswegs immer Zeichen einer verspürten 
Lust intellektueller Art. Wir lernen in der Analyse eine Art Lachen kennen, 
das sich einstellt, wenn ein Stück Verdrängtes plötzlich wiedererkannt wird, 
wir wissen von Fällen von Zwangslachen, das viele Nervöse bei Trauerfällen 



1) Hier ein Beispiel, das diesen psychologischen Sachverhalt noch klarer erkennen 
läßt: ein Jude wird in der Schlacht schwer verwundet. Ein bekehrungsfreudiger 
Pfarrer kommt zu dem Sterbenden und hält ihm das Kruzifix entgegen : „Wissen Sie, 
was das bedeutet?" — „Ich hab' a Kugel im Bauch, gibt er mir Rebus auf!" Die 
Lustwirkung ist hier deutlich an den Angriff gegen die christliche Religion geknüpft. 



Zur Psydioanalyse des jüdischen \v itses 55 

überkommt. Es gibt auch ein Lachen der Verzweiflung, ein bitteres, 
höhnisches, ein schmerzliches Lachen. Nichts berechtigt uns, anzunehmen, 
daß jenes „Lachen möcht' ich . . .", das der Sterbende spricht, einen Ausdruck 
der Heiterkeit bedeuten müsse. Wenn es aber ein solcher Ausdruck wäre, 
so wäre diese Heiterkeit selbst von besonderer, sozusagen schmerzgetränkter 
Art, schwer von einer großen Traurigkeit. 

Es gibt nun innerhalb der melancholischen Erkrankung in vielen Fällen 
eine bestimmte seelische Entwicklungsphase, die uns erlaubt, unsere Ana- 
logie noch um ein kleines Stück weiterzuführen. Es ist vielleicht möglich, 
von dort aus ein vertiefteres Verständnis für das Umschlagen von Depression 
in heitere Stimmung zu erhalten. 

Eine große Anzahl der an Melancholie Erkrankten weist einen besonders 
merkwürdigen seelischen Zustand auf, der ebenfalls durch die Psycho- 
analyse seine Aufklärung gefunden hat. Es ist die Umkehrung der melancho- 
lischen Einstellung in den symptomatisch gegensätzlichen Zustand der 
Manie, einer freudigen oder übermütigen, selbstbewußten Erregung. Man 
könnte von einem Wechsel von trauriger und heiterer Verstimmung sprechen. 
Häufig folgen Melancholie und Manie regelmäßig, oft von kurzen Inter- 
vallen des Gesundseins unterbrochen, aufeinander wie im manisch-depressiven 
Irresein; manche Fälle wieder verlaufen in periodischen Rezidiven, die wenig 
manische Phasen unterscheiden lassen, andere weisen das Bild von Misch- 
zuständen auf. Die Stimmungen in der Manie reichen von der Linie einer 
besonders gehobenen, still vergnügten Laune oder behaglicher Heiterkeit bis 
zum Gefühl überströmender Kraft und ausgelassener Lustigkeit. Ist in der 
Melancholie der Gedankenablauf gehemmt, so ist in der Manie das gegen- 
sätzliche Symptom des raschen Wechsels der Bewußtseinsinhalte, der Ideen- 
flucht, konstatierbar. Der Kranke spielt mit seinen Vorstellungen, gleitet 
rasch von der einen zur anderen, ist zu Scherz und Witz gelaunt. Der 
logische Zwang erscheint ebenso aufgehoben wie die Rücksicht auf den 
Wortsinn, der gegenüber dem Wortklang in ähnlicher Art wie im Witz 
zurücktritt. Es war in den meisten Fällen ebensowenig verständlich, warum 
der Patient einer traurigen wie einer heiteren Verstimmung verfiel. Freud 
hat gezeigt, daß die Manie denselben seelischen Inhalt hat wie die Melancholie, 
daß der Kranke in beiden gegensätzlichen Zuständen mit denselben seeli- 
schen Konflikten ringt. In der Melancholie ist das Ich diesem Komplex 
erlegen, in der Manie hat es ihn bewältigt. Die gehobene Stimmung, der 
freudige Affekt, das große Selbstbewußtsein des Manischen bezeugen deutlich 
einen solchen Triumph über das Objekt, eine solche Bewältigung eines über- 









56 Theodor Reik 



mäßigen seelischen Druckes. Es bleibt auch in der Manie dem Bewußtsein 
des Ichs entzogen, was es überwunden hat, worüber es triumphiert. Der 
Manische zeigt uns also die Befreiung von dem Objekt, an dessen Verlust 
er solange gelitten hat, durch seine Hemmungslosigkeit, seine Bewegungs- 
und Redefreude, seinen libidinösen Heißhunger, der sich neuer Objekte 
bemächtigen will. Eine ökonomische Bedingtheit des Affektablaufes ist in 
diesem Wechsel von Melancholie und Manie unverkennbar: ein großer 
psychischer Aufwand, den das Ich lange unterhalten hat, ist überflüssig 
geworden. Es ergibt sich also eine Ersparung von seelischem Aufwand und 
die bisher unterdrückten Regungen gewinnen wieder Freiheit und Raum. 
Das Ich hat sich lange genug die Tyrannei jenes Über-Ichs gefallen lassen 
und lehnt sich nun gegen die Mißhandlung auf, die es solange getragen 
hat. Das Ich und das Ichideal des Manischen, früher so tief entzweit, sind 
wieder zusammengeflossen. 

Der jüdische Witz zeigt nun in ausgeprägter Form einen ähnlichen 
Vorgang seelischer Art en miniature; er entspringt aus diesem dynamischen 
Wechsel der psychischen Energiebesetzung, aus der Befreiung des Ichs von 
der grausamen Unterdrückung, unter der es lange gestanden hat. In der 
Melancholie kommt es, wie Freud gezeigt hat, zu einer Reihe von seeli- 
schen Einzelkämpfen, die sich zwischen demütiger Unterwerfung und Be- 
freiungsbestrebungen jenem Ichideal gegenüber bewegen. Es ist nun so, daß 
man das Zustandekommen des jüdischen Witzes mit einem Wechsel von 
Melancholie und Manie, der in einem Augenblick vor sich geht, vergleichen 
kann. Für die Dauer von Sekunden hat sich jener psychische Konflikt, der 
sich vom Ich unbemerkt und unverstanden in seinen Tiefen abspielt, zu- 
gunsten des Ichs entschieden und die unterdrückten Regungen brechen 
durch die schweren Hemmungsschichten. 

Ist aber, was hier geschildert wurde, nicht der Boden, aus dem der Witz 
überhaupt entspringt, ist der hier gekennzeichnete Prozeß nicht ein typischer, 
der aller Witzbildung zugrunde liegt? 1 Gewiß; man kann wirklich sagen, 
die unbewußte Witzarbeit bewege sich in den seelischen Bahnen, die in 
dem Wechsel von Melancholie und Manie am klarsten erkennbar werden. 
Es kann sich also in der Genese des jüdischen Witzes nur um Verstärkungen 
einiger Züge, Hervortreten einiger Besonderheiten innerhalb der allgemeinen, 

l) Daß der Lustaffekt der Manie sich aus denselben Quellen ableiten läßt wie die 
Witzeslust, hat Karl Abraham zuerst ausgesprochen. (Ansätze zur psychoanalytischen 
Erforschung und Behandlung des manisch-depressiven Irreseins und verwandter Zu- 
stände in „Klinische Beiträge zur Psychoanalyse" 1921, S. 106 f.) 



Zur Psydioanalyse des jüdischen Witzes 5? 

für den Witz geltenden seelischen Prozesse handeln. Es erscheint am an- 
gemessensten, diese Variationen mit den individuellen Verschiedenheiten, 
die innerhalb der Breite der melancholischen und manischen Erkrankungen 
Raum haben, zu vergleichen. Es gibt dort auch Mischzustände, die ein 
besonderes Mengungsverhältnis von melancholischen und manischen Ele- 
menten zeigen. Der Fall, daß ein leichter manischer Nachschlag auf eine 
Depression folgt, ist z. B. so häufig, daß die ältere Psychiatrie noch von 
einer „reaktiven Manie" gesprochen hat. Ebenso häufig ist der plötzliche 
Wechsel, so daß ein Kranker, der traurig und gehemmt war, durch eine 
blitzschnell auftauchende Vorstellung plötzlich übermütig wird usw. Wie 
es also innerhalb der Melancholie und der Manie ungezählte und auffällige 
Nuancen gibt, so werden sich auch in den Grundstimmungen, aus denen 
sich die Witzbildung ergibt, bemerkenswerte Unterschiede aufzeigen lassen. 
Die besondere soziale Lage der Juden, ihre Geschichte, ihre Beziehung zu 
den Wirtsvölkern, ihre wechselvolle Einstellung zu ihrer Religion und den 
von ihrer Tradition überkommenen Werten werden hier gewiß ihren Ein- 
fluß ausüben. So werden sich in der besonderen Art des jüdischen Witzes 
Charakterzüge ausprägen, in denen die Anlage und das Schicksal der Juden, 
ihr Leid und ihre Reizbarkeit einen Ausdruck finden, der einem besonderen 
Mengungsverhältnis melancholischer und manischer Elemente entspricht. 1 
Jener Witz „Lachen möcht' ich...", den man als repräsentativ für die 
jüdische Abart ansehen darf, gibt einen guten Einblick in den psychischen 
Vorgang, den wir mit dem Wechsel von Melancholie und Manie verglichen 
haben, da er jene Gefühlsumwandlung sozusagen in statu nascendi zeigt. 
Aus der schweren Trauer über den Verlust des Jenseitsglaubens versucht 

1) In bestimmten Fällen von Manie reagieren die Kranken auf geringe Anlässe 
mit Ausbrüchen impulsiver Heftigkeit und starker Gereiztheit. Es scheint, als würden 
sich auch diese Züge in der Psycbogenese des jüdischen Witzes aufzeigen lassen. Es 
ist erwähnenswert, daß die psychiatrische Forschung häufig versucht hat, die ver- 
schiedenen Differenzierungen innerhalb der melancholischen und manischen Erkran- 
kungen aus solchen, der kollektiven Psyche entstammenden Eigenarten zu erklären. 
So meint Oswald Bumke (Lehrbuch der Geisteskrankheiten 1924, S. 522): „In an- 
deren Fällen hängen diese Nuancen aber vielleicht auch von der Rassenzugehörigkeit 
ab; wenigstens habe ich diese Abart der manischen Grundstimmung bei Juden und 
gelegentlich auch bei Slawen häufiger beobachtet als bei Germanen." Wie die Sta- 
tistik zeigt, stellen die Juden ein besonders hohes Kontingent zu der Gruppe der 
melancholischen und manischen Erkrankungen. — Wie mir scheint, ist auch der tiefe, 
bohrende psychologische Scharfsinn des jüdischen Witzes, der einen deutlich menschen- 
verächterischen Zug trägt („Gott soll mich benschen, ich soll nicht brauchen Men- 
schen"), auf die dargelegten besonderen Relationen zwischen Ich und Über-Ich zurück- 
zuführen. 



58 Reit : Zur Psychoanalyse des jüdischen Witzes 



sich das Ich zu trösten und findet diesen Trost in der Aggression gegen 
jenen Glauben. Noch in diese der Manie vergleichbaren Stimmung aber 
ragen Resterscheinungen der abgelaufenen Phase hinein ; noch in jenem 
Aufruhr gegen den überstrengen Gott klingt ein Nachhall der Trauer über 
die verlorene Illusion. 1 

Unsere Bemühung um ein vertiefteres Verständnis des jüdischen Witzes 
hat nicht den vollen Erfolg gehabt, den wir für wünschenswert hielten. 
Ohne tieferes Studium der Vergangenheit und Gegenwart der Juden wird 
sich ein solches Verständnis immer als unzulänglich erweisen. Dennoch 
konnten wir einige Sonderzüge in ihrer psychischen Herkunft, ihren Be- 
dingtheiten und Zielen dem Verständnis näherbringen. Darüber hinaus 
aber hat sich uns durch den Vergleich mit den melancholischen und mani- 
schen Phänomenen ein Einblick in die psychische Situation der Witzbildung 
überhaupt ergeben. Der jüdische Witz reiht sich in seinem besonderen 
Mengungsverhältnis psychischer Komponenten diesen allgemeineren Phäno- 
menen an bestimmter Stelle ein. Die besondere Art der melancholischen 
und manischen Grundstimmungen, aus deren augenblicklichem Wechsel er 
auftaucht, ihre Voraussetzungen sozialer und religiöser Art bleiben zu unter- 
suchen. 2 



i) Dieser besondere Nachhall der melancholischen Stimmung ist natürlich nicht 
immer innerhalb des jüdischen Witzes aufzeigbar. Die in den Worten „Lachen 
mächt' ich . . ." zum Ausdruck kommende Stimmungslage kann am besten mit der- 
jenigen von manischen Fällen verglichen werden, die sich manchmal in der Folge 
von traurigen Ereignissen (Mißerfolg, Liebesenttäuschung usw.), wo wir in anderen 
Fällen die Entstehung einer Melancholie erwarten würden, einstellen. Das jüdische 
opnchwort scheint selbst diesen psychologischen Zusammenhang zu kennen, wenn 
es sagt: „Leid macht auch lachen". 

2) Es scheint mir, daß der jüdische Witz in den letzten Dezennien immer mehr 
von seiner Eigenart und Bedeutung verloren hat. Die weitgehenden sozialen Änderun- 
gen, die Emanzipation und das allmähliche Aufgeben der Isolierung, die Loslösung 
von den religiösen Traditionen des Judentums haben gewiß den bestimmendsten Ein- 
fluß auf diese Entwicklung. 






Jvüns tierisches odiallen und Witzarbeit 

Spiritus flat, ubi vult. 
J Job. 3, 8. 

Die Disziplin der Ästhetik, die noch immer zwischen normativer und psycho- 
logischer Betrachtungsweise schwankt, untersucht innerhalb der Kategorie des 
Komischen auch die Entstehung, die Mittel und die Lustwirkung des Witzes. 

Soweit meine allerdings beschränkte Kenntnis reicht, ist es bisher keinem 
ernstzunehmenden Forscher dieser Wissenschaft eingefallen, die geheimnis- 
vollen seelischen Vorgänge des künstlerischen Schaffens und diejenigen 
Prozesse, die man als Witzarbeit bezeichnen kann, in Zusammenhang mit- 
einander zu bringen. Eine solche Verbindung scheint sich schon durch den un- 
geheuren Abstand des Produktes beider Leistungen, etwa eines Shakespeare- 
Dramas und eines gelungenen Witzwortes zu verbieten. Dieser Eindruck 
mag vielleicht den Ästhetiker von einem Versuch, hier Zusammenhänge 
finden zu wollen, abschrecken. Er wird den Psychologen, dem Werturteile 
fernliegen, nicht abhalten, wenn dieses Beginnen ihm durch andere Gesichts- 
punkte nahegelegt wird. Ein solcher Vergleich der künstlerischen Konzeption 
und der Witzarbeit braucht auch keineswegs Übereinstimmungen in den 
meisten Punkten anzustreben und zu ergeben. Manchmal liefert gerade die 
Berücksichtigung der entscheidenden Differenzen neben der der Gemeinsam- 
keiten überraschende Aufschlüsse. Für den psychologischen Forscher wird 
es schon wertvoll sein, wenn ein Stück Übereinstimmung ihm einen Zu- 
gang zu bisher ungeklärten und unverstandenen Sachverhalten eröffnet, auch 
wenn die eigene Fähigkeit, die Probleme zu lösen, nicht ausreichend ist. 

Vielleicht kann ich die Entrüstung, die angesichts eines so „blasphemi- 
schen" Vergleiches aufsteigen will, ein wenig beschwichtigen, wenn ich 



— __ 



6o Tkeodor Reik 



berichte, wie ich zu einem so absurd scheinenden Versuch gelangt bin. 
Ein Zusammentreffen dreier Eindrücke von ungleicher Stärke wird von 
mir — ich weiß nicht, ob mit Recht — dafür verantwortlich gemacht, 
daß diese gedankliche Verknüpfung auftauchte. 

Der erste Eindruck entstammt dem Bericht eines Patienten, der an einer 
Zwangsneurose erkrankt ist, über einen seiner Tagträume. Es handelte sich 
um eine jener häufig auftretenden Phantasien, die seine Aufmerksamkeit 
in der Analyse gerade in dieser Zeit stark beschäftigten. Während eines 
längeren Spazierganges waren seine Gedanken immer wieder zu seiner Frau 
zurückgekehrt. Es hatte vor kurzem einen ernsthaften Konflikt in seiner 
Ehe gegeben, durch den die Möglichkeit des Zusammenlebens in Frage 
gestellt schien. In seinen Gedanken versuchte er nun, seine Frau zu recht- 
fertigen und sich aller Umstände zu erinnern, die ihr Verhalten in einem 
milderen Lichte erscheinen ließen und auf seine eigene Schuld an dem 
Zerwürfnis hinwiesen. Gerade an dieser Stelle tauchte nun mitten im 
Straßenlärm jener Tagtraum auf, der folgenden Inhalt hatte: seine Frau 
würde einem Autounfälle zum Opfer fallen oder an einer plötzlichen Krank- 
heit sterben. An die Stelle dieser Phantasie trat rasch eine andere, welche ihm 
die Situation zeigte, daß seine Frau auf dem abendlichen Heimwege von einer 
Besorgung in einer menschenleeren Gasse von einem Räuber angefallen und 
ermordet werde. In der Fortsetzung jenes Tagtraumes dachte er, er selbst 
würde dann, von ihrer tyrannischen Launenhaftigkeit befreit, sein Leben 
in vollen Zügen genießen, mit dem durch den verminderten Haushalt er- 
sparten Gelde weite Reisen machen und seinen wechselnden Liebhabereien 
leben. Auch die Aussicht auf manches Band mit Frauen, das leicht geknüpft 
und leicht gelöst werden könnte, tauchte lockend auf. Es wird den Psycho- 
logen kaum überraschen, wenn er erfährt, daß sich der Träumer, an diesem 
Punkte seiner Gedanken angelangt, mit einem gewissen Schauer von seiner 
Phantasie abwandte und eine reaktiv verstärkte Zärtlichkeit für die in ihr 
so schlecht behandelte Gefährtin verspürte. In diesem Zusammenhange wird 
es auch nicht als Zufall erscheinen, daß er sich einige Minuten nachher 
beim Überqueren eines verkehrsreichen Platzes so wenig aufmerksam erwies, 
daß er fast selbst unter die Räder eines rasch fahrenden Automobils geriet. 

Ich wurde an den Tagtraum meines Patienten wieder erinnert, als ich 
am selben Abend die Lektüre eines Romanes, der mir empfohlen worden 
war, „An American Tragedy" von Theodore Dreiser, fortsetzte. Ich hatte 
aufmerksam den Weg des Helden der Erzählung, Clyde, der ihn aus 
einem erbärmlichen sozialen Milieu fortführt und zum beneideten Liebling 



Künstlerisches Schaffen und Witsaroeit 



einer reichen und verwöhnten Gesellschaft von Milliardären und ihren 
Damen werden läßt, verfolgt. Der Roman schildert nun, wie der junge 
Mann, der zuerst eine niedrige Stellung bekleidet und arm und einsam 
ein durch Ehrgeiz und Neid verdüstertes Dasein führt, ein junges Mädchen 
verführt, das von ihm schwanger wird. Von einem jener reichen und 
schönen Mädchen aus dem Milliardärmilieu angezogen, will er sich nun 
jener Verantwortung rasch entziehen und die Verbindung mit der reichen 
Dame betreiben, die Glück, Luxus und große Karriere zu versprechen scheint. 
Das schwangere Mädchen, das fühlt, wie der Geliebte ihm immer mehr 
entgleitet, drängt angstvoll zur Heirat. In diesem schweren seelischen Konflikt 
taucht in Clyde, durch einen Zeitungsbericht angeregt, ein verbreche- 
rischer Plan auf, den er wirklich ausführt. Er bestellt die Geliebte zu einem 
Rendezvous, fährt sie auf einen einsamen See hinaus, tötet sie und ver- 
senkt den Leichnam ins Wasser. Die Auffindung der Leiche, die Verhaftung 
und die Überführung des Verbrechers sowie seine Hinrichtung bilden den 
letzten Teil des Romanes, der mehr als ein Einzelschicksal schildern will. 
In großen, reinen Linien wird hier die Umwelt des amerikanischen Pro- 
letariats und die einer oberflächlichen Luxuswelt gezeichnet und das Seelen- 
leben bestimmter Typen junger, amerikanischer Menschen mit erstaunlicher, 
psychologischer Klarheit und Prägnanz dargestellt. 

War es ein Zufall, daß der Bericht über einen ergötzlichen Vorfall, der 
sich einige Tage später in einer Zeitung fand, meine Gedanken noch einmal 
zu jenem Tagtraum meines Patienten zurückführte? Es wurde dort von dem 
Treiben einer Verbrecherbande erzählt, welche sich romantisch „Die schwarze 
Hand" nannte und bestimmte Gegenden in den südamerikanischen Staaten 
unsicher machte. In einer Stadt jenes heimgesuchten Rayons lebte nun seit 
Jahr und Tag ein fleißiger und wohlhabender Bürger, auf dessen sonst 
behagliches Dasein die Tyrannei einer stets nörgelnden und streitsüchtigen 
Ehefrau einen schweren Schatten warf. Dieser Mann erhielt eines Tages 
einen Erpresserbrief der „Schwarzen Hand", in dem ihm aufgetragen wurde, 
binnen zwei Tagen die Summe von 10.000 Dollar an einem bestimmten 
Orte zu hinterlegen, widrigenfalls seine Gattin für immer spurlos ver- 
schwinden werde. Die Antwort, die in die Hände des Bandenführers ge- 
langte, hatte folgenden Wortlaut: „Verehrter Herr! Ich habe zwar keine 
10.000 Dollar, bringe aber Ihrem freundlichen Vorschlage großes Interesse 

entgegen. 

Die Eindrücke, die aus so verschiedenem Material stammen, haben sich 
nach einiger Zeit stark genug erwiesen, um zu bestimmten Gedanken über 



Theodor Reik 



das Entstehen des Tagtraumes, das künstlerische Schaffen und die Witzarbeit 
zu führen, denen ich nun selbst neugierig folgte. Der Tagtraum meines 
Patienten unterscheidet sich in keinem wesentlichen Punkte von anderen 
Produkten dieser Art, wie wir sie häufig genug in der Analyse gesunder 
und seelisch erkrankter Personen kennenlernen. Dreisers Roman ist, zu 
welchem Urteil man auch immer über seine besonderen Eigenschaften ge- 
langt, unstreitig ein Kunstwerk, dessen Gestaltungskraft uns einen hohen 
ästhetischen Genuß verschafft. Jene Antwort des in seinem Eheglück be- 
drohten Bürgers aber ist gewiß ein exquisiter Witz, der seine Gattung 
vorzüglich repräsentiert. Ist nun ein Zusammenhang zwischen diesen drei 
so verschiedenen seelischen Produkten aufzeigbar? 

II 

Es scheint nicht zweifelhaft zu sein, daß der berichtete Tagtraum, das 
Kunstwerk und der angeführte Witz denselben wesentlichen seelischen Inhalt 
haben, so different dieser auch in jeder dieser drei Bildungen behandelt 
wird. Bei allen handelt es sich um den Ausdruck von sonst verborgen ge- 
haltenen, sozial verpönten Wunschregungen, die auf die gewaltsame Ent- 
fernung oder Tötung eines nahestehenden Objektes abzielen. Dieses Objekt 
ist nun Gegenstand jener eigenartigen, zwischen Haß und Liebe schwan- 
kenden Gefühlseinstellung, die man in der Psychoanalyse als ambivalent 
bezeichnet. Die Übereinstimmung in den drei Phantasieschöpfungen geht 
so weit, daß in ihnen allen ein Zusammenhang zwischen dem Objekt jener 
ambivalenten Einstellung und bestimmten materiellen Ansprüchen besteht. 
Nicht der seelische Inhalt, sondern die Form, in der dieser seine Gestaltung 
gefunden hat, ist es also, was die drei psychischen Schöpfungen unterscheidet. 
Die Tatsache, daß in diesen drei Beispielen derselbe Stoff in so verschieden- 
artiger Gestaltung erscheint, gibt an sich keine Aufklärungen über einen 
allgemeineren Zusammenhang von Tagtraum, Kunstwerk und Witz. 

Eine eindringende psychologische Betrachtung zeigt, daß es allgemein 
dieselben Konflikte und seelischen Vorgänge sind, die in Tagtraum, Dich- 
tung und Witz zur Darstellung gelangen. Diese Gemeinsamkeit ergibt sich 
aus den psychischen Voraussetzungen und Zielen dieser Bildungen. Der 
Tagtraum ist eine Vorstufe der Dichtung. In ihm erscheinen die Wünsche 
des Einzelnen, die er sorgsam vor anderen geheim gehalten hat, erfüllt. 
Der Tagträumer erringt Erfolg und Beifall, gewinnt ein reizvolles Mädchen, 
gelangt zu Ruhm und Reichtum, erfüllt eine große Mission usw. Es bildet 
keinen Widerspruch zu dieser allgemeinen Funktion der Wunscherfüllung 



Künstlerisches Schaffen tin J Witzarheit 63 

des Tagtraumes, daß er manchmal auch peinlichen oder schreckhaften Cha- 
rakter hat. Es handelt sich in diesen Fällen eben um die Wunscherfüllung 
von Bestrafungstendenzen, die sich als Reaktion auf das Auftauchen ver- 
botener oder vom Ich abgelehnter Regungen eingestellt haben. In diesen 
zwischen bewußtem und unbewußtem Seelenleben schwankenden Bildungen 
verbergen sich nämlich hinter der bewußtseinsfähigen Fassade, welche die 
Erfüllung bestimmter Wünsche des Einzelnen zeigen, Strebungen anderer 
Art, inzestuöse, grob-egoistische und sinnliche Trieb regun gen. Der Tag- 
träumer weiß so nur in einem begrenzten Ausmaße, worin der Lustgewinn 
an seiner Phantasie liegt. Er weiß häufig (nicht immer), daß die Errei- 
chung der in seinem Tagtraum auftretenden Ziele lustvoll ist, aber er 
weiß nicht, daß sich hinter ihrem manifesten Inhalt ein anderer, geheimer, 
weit weniger harmloser verbirgt. Wie der Tagtraum erfüllt auch das Kunst- 
werk diese verdrängten Regungen seines Schöpfers und zeigt die bewußt 
abgewehrten Impulse befriedigt. Durch ihre Darstellung befreit sich der 
Dichter von dem seelischen Druck, mit dem ihre Unterdrückung verbunden 
ist. Auch der Witz bringt eine solche, freilich verschiedenartige Befreiung 
vom Hemmungsaufwand, der zur Niederhaltung sozial verbotener, sexueller 
und aggressiver Triebregungen notwendig war. 

Der Tagtraum darf völlig egoistisch sein, da er nicht zur Mitteilung an 
Andere bestimmt ist. 1 Aus demselben Grunde darf er auch auf kunstvolle 
Ordnung, auf Logik und Aufbau verzichten und wird sein Interesse nur 
auf einige Bilder oder Szenen konzentrieren. Er braucht seiner Natur nach 
ja nur für den Träumer verständlich zu sein. Aus dem Rohmaterial des 
Tagtraumes formt sich in langsamer, unterirdischer, psychischer Arbeit die 
Dichtung. Sie muß das rein Egoistische abstreifen, muß Ordnung und 
Zusammenhang zwischen ihren einzelnen Elementen herstellen, einen kunst- 
vollen Aufbau und eine sorgfältig durchgearbeitete Form anstreben ; sie muß 
ferner allen verständlich sein. Der wesentliche Unterschied zum Tagtraum 
ergibt sich daraus, daß dieser asozial ist, die Dichtung aber eine große 
soziale Leistung darstellt. Der Witz ist sozial wie das Kunstwerk ; der Witzige 
begnügt sich nicht etwa damit, die Nichtswürdigkeit oder Nichtigkeit eines 
Objektes zu erkennen. Er strebt danach, sie Anderen mitzuteilen, seine Er- 
kenntnis darzustellen. 

Aus dem Vergleich des früher dargestellten Tagtraumes, der Dichtung 
„Eine amerikanische Tragödie" und jenem Witz des Ehemannes hat sich 

1) Über den Tagtraum und seine seelischen Besonderheiten vgl. das schöne Buch 
von Hanns Sachs „Gemeinsame Tagträume", Imago-Bücher, Bd. V, Wien 1925. 



fa\f I heodor Reik. 



die Auskunft ergeben, daß in diesen drei Bildungen verpönte, von der 
Gesellschaft streng verurteilte Wünsche zum Ausdruck kommen. Die Geheim- 
haltung des Tagtraumes, die allgemein gilt und nur durch die Psycho- 
analyse eine notwendige Durchbrechung erfährt, sowie die Affekte, die ihm 
folgten, legen Zeugnis davon ab, daß sich der Träumer seines Inhaltes 
schämt, d. h. daß er ein Schuldgefühl mit ihm verbindet. Nichts mehr von 
jenem Schuldgefühl ist dem Dichter bewußt. Die Bewußtseinsarbeit hat 
es vermocht, das Inhaltliche seines Werkes von seinem Ich abzulösen, ihm 
eine allgemein-menschliche Einkleidung zu geben und er strebt danach, 
sein Produkt seinen Zeitgenossen zu zeigen. Wir wissen, daß auch beim 
Künstler jenes Schuldgefühl, das an dem latenten Inhalt seines Werkes 
hängt, unbewußt bestehen bleibt, aber es scheint, daß ein Teil davon gerade 
durch die Arbeit an der Form, durch das Bingen mit dem widerstrebenden 
Vorstellungs- und Sprachmaterial bewältigt wird. Ein anderes, schwer auf- 
findbares Stück jenes unbewußten Schuldgefühles bleibt gewiß noch lebendig. 
Ähnlich müssen die psychischen Verhältnisse beim Witzigen liegen. Auch 
dort muß das Auftauchen verbotener, sexueller und aggressiver Tendenzen 
von einer Beaktion des Schuldgefühles begleitet sein, obwohl uns nichts 
dergleichen am Schöpfer des Witzes auffällt. Aber auch dort scheint es, 
als könne die intellektuelle und affektive Leistung, die wir als Witzarbeit 
bezeichnen, einen Teil dieses verborgenen Schuldgefühles seelisch bewäl- 
tigen helfen. Wir werden also darauf verwiesen, daß ein Stück Schuld- 
gefühl durch das Gelingen der Leistung seine Beschwichtigung erhält. Die 
soziale Leistung des Lustgewinnes, die der Dichter und der Witzige An- 
deren zuteil werden läßt, hat rückwirkend eine Art seelischer Befreiung 
für ihn selbst zur Folge. Wir werden an dieser Stelle einer merkwürdigen 
psychologischen Antinomie gewahr. Das Auftauchen unterdrückter, verbotener 
Begungen sowie die geheime Darstellung ihrer Wunschziele im Tagtraum 
und in Phantasien erscheint von starkem Schuldgefühl begleitet. Wenn es 
gelingt, mit der Gestaltung dieser eigenen verborgenen Wunschregungen 
auch Anderen Lust zu bringen, wird das individuelle Schuldgefühl geringer. 
Ich begnüge mich hier mit dem Hinweis darauf, daß das Schuldgefühl von 
der Natur der sozialen Angst ist und dieses, sein tiefstes Wesen die Be- 
schwichtigung erklärt, die durch die soziale Leistung erzielt wird. Die Fort- 
setzung dieser Studie wird Anlaß geben, auf diesen wichtigen Punkt zurück- 
zukommen. 



Künstlerisches Schaffen und Witzarbeit 65 

III 

Die Abgrenzung ist für die Zwecke dieser Untersuchung von jetzt an 
durch die Linie gegeben, welche die soziale Leistung von den Bildungen 
scheidet, die rein eigensüchtige Ziele verfolgen und von der Wirkung auf 
andere absehen. Wir können deshalb die psychologische Erörterung des 
Tagtraumes in den Hintergrund treten lassen und uns auf die Erforschung 
der psychologischen Zusammenhänge zwischen künstlerischem Schaffen und 
Witzarbeit beschränken. 

Die Dichtung — hier als Repräsentantin aller Künste betrachtet — 
bringt ihre spezifische Lustwirkung durch das Zusammenwirken zweier 
Komponenten zustande. Sie bietet vorerst den Zuhörern eine wichtige Ver- 
lockungsprämie in der Form der Vorlust, indem diese Gefallen an der 
kunstvollen Form und Gestaltung, an Reim und Wortwahl, am Aufbau 
und an der Symmetrie des Ganzen finden. Durch diese Vorlust bestochen, 
gelangen sie dazu, williger die verborgenen Inhalte des Kunstwerkes auf- 
zunehmen und zu genießen. Diese Endlust hängt aber völlig an der dar- 
gestellten Erfüllung jener geheimen Regungen, die der Dichter unbewußt 
iura Ausdruck bringt. Ebenso kommt die Lustwirkung des Witzes zustande. 
Die ihm eigentümliche Lust stammt ebenfalls aus zwei Quellen: aus den 
kunstvollen Mitteln, die seine Technik zur Hand gibt, und aus seinen 
geheimen Tendenzen. Es ist leicht darstellbar, daß der psychische Vorgang 
der Lustentbindung beim Zuhörer nur den beim Dichter selbst kopiert. 

Der Künstler verschiebt die an den Tendenzen hängende starke Affekt- 
energie auf ihre Gestaltung. Auch er überschätzt kraft dieses typischen 
Verschiebungsmechanismus die Bedeutung der Formung, ja, es läßt sich 
ahnen, daß er den Mut zur Darstellung jener verpönten Regungen erst 
durch die Möglichkeit, ihnen diese besondere, auf das Feinste angepaßte, 
in ihrer Enthüllung verhüllende Form zu geben, gewinnt. Wir haben ja 
bemerkt, daß der Tagträumer, der sich in der Phantasie mit denselben 
verbotenen Wunschregungen beschäftigt, die selbstgeschaffenen Bildungen 
sorgsam geheim hält. Auch der Schöpfer des Witzes würde sich nicht ge- 
trauen, seine besonderen aggressiven und erotischen Tendenzen zu äußern, 
wäre er nicht sicher, daß er durch die witzige Form auch eine tolerante 
Beurteilung, ja sogar Beifall für ihren Inhalt gewärtigen könnte. Diese 
hohe Bedeutung der Form aber läßt uns erkennen, daß hier die Lösung 
eines der wichtigsten Probleme des ästhetischen Schaffens und Genießens 
zu suchen ist. Geben wir vor allem zu, daß wir nicht wissen, was uns 

Relk: Lust und Leid im Witz. 5 



66 TLeoJor Reit 



eigentlich in der Dichtung ergreift und im Witz lachen macht, weil die 
tiefsten Motive unserer Gefühlsreaktion unbewußter Art sind, daß wir uns, 
wären die in der Dichtung und im Witz enthaltenen Regungen kraß und 
formlos zutage getreten, abgestoßen fühlen würden und daß erst die ästhe- 
tische Form uns so sehr besticht, daß wir auch auf den so verpönten Inhalt 
mit lustvollen Affekten reagieren, so ergibt sich folgende psychologisch 
interessante Problemlösung: ein dem Bewußtsein unerträglicher Sachverhalt, 
dessen Inhalt ein unbewußtes Triebziel darstellt, wird durch die bewußte 
Lustwirkung an der Form in erhöhtem Grade lustvoll. Dadurch, daß eine 
Lustquelle, die ästhetische Freude, eröffnet wird, wird auch die darunter- 
liegende, verborgenere, verschüttete Lustquelle wieder lebendig. Es handelt 
sich also um eine psychische Summationswirkung: Vorlust aus dem ästheti- 
schen Gefallen an der Form plus Endlust aus der Affektabfuhr verbotener 
Triebregungen. Eine solche innige psychologische Verbindung ist aber nach 
den Forschungsresultaten der Psychoanalyse nicht möglich, wenn nicht ein 
geheimer, wesentlicher Zusammenhang zwischen den beiden, anscheinend 
voneinander unabhängigen Elementen besteht. Wir kommen der Lösung 
der Frage am nächsten, wenn wir sagen: was heute Form ist, war selbst 
einmal ein Stück Inhalt; was wir heute als Schale bezeichnen, selbst einmal 
ein Teil des Kernes. Es ist also eine spätere Differenzierung, welche jene 
anscheinende Unabhängigkeit des einen Elementes vom anderen ermöglicht. 
Es muß aber jene ursprüngliche, später verlorengegangene Identität sein, 
welche die aufgezeigte Summierung der Lustwirkung zustande kommen läßt. 

IV 

Der psychische Vorgang des dichterischen Schaffens hat seit jeher das 
Interesse der Menschen angezogen, weil er uns Alltagsmenschen so rätselhaft 
schien. Die psychoanalytische Forschung hat nun gezeigt, daß wir alle un- 
bewußt ein Stück jener seelischen Arbeit leisten, über deren Sonderbarkeit 
wir uns verwundern. Im Traume werden wir Unbegabten alle zu einer 
Art Dichter. Die Psychoanalyse hat erwiesen, daß im Traume ein Stück 
rezentes Erleben Anschluß an alte verdrängte Wünsche gefunden hat, welche 
die Traumbilder in entstellter Form als erfüllt darstellen. In ähnlicher Art 
muß sich der Vorgang des dichterischen Schaffens abspielen. Ein flüchtig 
gelesener Zeitungsbericht wird etwa in dem Dichter zunächst unklare, all- 
mählich klarer werdende Phantasien entstehen lassen, aus denen sich langsam 
durch jenen Entpersönlichungs- und Formungsprozess — wir haben ge- 



Küiistierlsdies Scualfen und Witsarbeit 67 



sehen, daß beide miteinander verbunden sind — eine gegliederte, organisch 
wachsende Dichtung kristallisiert. Das Wesentliche der dichterischen Arbeit 
geht im Unbewußten vor sich. Der aktuelle Anlaß wird psychisch bedeu- 
tungslos und fällt bewußt häufig dem Vergessen anheim. Was aus ihm 
wird, wie er sich erweitert und vertieft, welche Vorstellungs- und Affekt- 
verknüpfungen er eingeht, wird mehr und mehr bedeutungsvoll. Es ist 
etwa so, wie wenn ein Gegenstand in einen tiefen See fällt, immer tiefer 
und tiefer, dort am Grunde lange liegen bleibt und allen Veränderungen 
der Tiefendimension unterliegt, von fremdem Material umsponnen und 
durchdrungen wird und nun unter dem Einfluß einer bestimmten Kraft 
wieder langsam an die Oberfläche steigt, bis er wieder ans helle Tageslicht 
gelangt. 

Man darf, ohne den Unterschied der Art zu vernachlässigen, den Vor- 
gang der Witzarbeit mit dem der dichterischen Konzeption in dieser Rich- 
tung vergleichen. Freud hat gezeigt, daß dieser Prozeß der Witzbildung 
so vor sich geht, daß ein vorbewußter Gedanke für einen Augenblick der 
unbewußten Bearbeitung unterliegt, um dann vom Bewußtsein erfaßt zu 
werden. Dieser Vorgang kann uns vielleicht gerade durch seine Abweichungen 
einige Sonderzüge des dichterischen Schaffens besser verstehen lassen. Es 
ist klar, daß vor allem das Zeitmoment innerhalb der beiden Prozesse einen 
entscheidenden Unterschied bedingt. Im Witz wird der vorbewußte Gedanke 
nur für Sekunden dem Unbewußten überlassen, um dann ebenso rasch 
von der Bewußtseinsinstanz erfaßt zu werden. In der Dichtung versinkt 
das vorbewußte Material für Tage, Wochen oder Monate ins Unbewußte, 
kristallisiert sich langsam um den Kern, verlötet sich mit neuen Elementen. 
Eine langsame, schmerzensreiche Bewußtseinsarbeit bringt dann dieses Pro- 
dukt zur Formung. Würde der Witzige einen rezenten Einfall ebensolange 
der unbewußten und dann der bewußten Vorarbeitung überlassen, so käme 
sicherlich kein Witz zustande, sondern etwa ein sozialkritisches Werk. Setzen 
wir dichterische Begabung voraus, so würde vermutlich eine Satire oder, 
noch wahrscheinlicher, eine Tragödie aus der Grundstimmung, aus welcher 
der Witz entsteht, hervorgehen. Das Unterscheidende liegt sicherlich auch 
in der psychologisch unzugänglichen Frage der spezifischen Begabung, aber 
hier handelt es sich uns nur um den seelischen Vorgang und die ihm 
eigentümlichen Mechanismen. Der Witz wäre also in der Richtung des 
Zeitintervalls zwischen rezentem Eindruck und Gestaltung am ehesten jener 
Art der Lyrik zu vergleichen, die man als Gelegenheitspoesie bezeichnet. 
Seiner psychischen Dynamik nach aber steht er dem Drama am nächsten. 

5* 



(53 TLeodor Reik 



weil in ihm ein seelischer Konflikt zwischen bestimmten Mächten und 
Gegenmächten (Triebtendenzen und den vorgelagerten Hemmungen) zur 
Entladung und Entlastung gelangt. Es hängt mittelbar sicher mit diesem 
besonderen Zeitmoment zusammen, daß zwei Elemente im Witze deutlich 
hervortreten, die der Dichtung nicht zu eigen sind. Der Witz verbirgt seinen 
egoistischen Charakter nicht so sorgfältig wie die Dichtung; der Witzige 
bekennt sich in ihm weit unzweideutiger zu seinen eigensüchtigen, sexuellen 
oder feindseligen Impulsen. Der Witz, in dem der vorbewußte Gedanke 
rasch ins Unbewußte versinkt und rasch wieder aus ihm auftaucht, ist 
sozusagen noch mehr behaftet und belastet mit allem Tang und allem Schlamm, 
der aus den Tiefen stammt (um den früheren Vergleich wieder aufzunehmen). 
Es war keine Zeit, das Produkt der unbewußten Bearbeitung von allen 
jenen Kennzeichen seiner Herkunft zu reinigen und abzulösen. Nehmen 
wir ein Beispiel: ein Bild des „Simplizissimus stellte einen Herrn dar, 
der mit verschränkten Armen vor einer Dame steht, die eben im Begriffe 
ist, ihm eine heftige Szene zu machen : „Es war der schrecklichste Moment 
meines Lebens, Otto, als ich deinen Abschiedsbrief bekam. Ich wollte mich 
erschießen, aber ich hatte kein Geld, mir einen Revolver zu kaufen." — 
„Liebste, hättest du mir nur ein Wort gesagt!" 

Eine unwillige, grob egoistische Regung, ein Impuls heftiger Wut und 
Ungeduld wirken hier um so stärker, weil sie in eine höfliche, ja herzliche 
Form gekleidet sind. Vergleichen wir die Äußerung dieses Gemütsmenschen 
etwa mit derselben Szene, wie sie ein Dichter schildern würde. Dieser 
würde etwa in psychologisierender Darstellung den inneren Konflikt ge- 
stalten, dem der junge Mann, der sich von einer früheren Geliebten los- 
lösen will, ausgesetzt ist. Auch er würde vermutlich zeigen, daß die ver- 
lassene Geliebte dem Manne eine große Szene macht, in der sich manche 
unechte Töne in die Äußerungen ihrer Trauer mengen. Er würde die 
zwiespältigen Gefühle seines Helden darzustellen sich bemühen : wie dieser 
Mitleid mit der Verlassenen fühlt, aber gleichzeitig die starke Sehnsucht, 
ihrer ledig zu werden; wie seine Anteilnahme eine heftige Ungeduld und 
Wut gegenüber dem Mädchen nicht ausschließt und in ihm trotz aller 
freundlichen Gefühle der Wunsch aufsteigt: hätte sie sich doch getötet! 
Vielleicht würde der Dichter noch die seelischen Reaktionen, welche dieser 
auftauchende Wunsch in seinen Helden auslöst, zu schildern versuchen. 
Wir können alle diese starken Gefühle auch in dem jungen Manne, der 
sich in seiner witzigen Replik anscheinend zärtlich gebärdet, vermuten. 
Was aber zum Ausdruck kommt, ist eine grob egoistische Reaktion, die 



Künstlerisdies Sdiaileii und vvitzarbeit 



wir als roh abweisen würden, wäre sie nicht in eine wahrhaft glänzende 
Form gekleidet. 

Eine andere Eigentümlichkeit des Witzes erklärt sich ebenfalls aus dem 
kurzen Zeitintervall, das in seiner Entstehung eine so bedeutungsvolle Rolle 
spielt: seine Abhängigkeit von der rezenten Situation, aus der er entspringt. 
Der rezente Eindruck ist ja auch für die Dichtung bedeutungsvoll genug, 
aber je größer das Format des Dichters, um so kraftvoller wird er danach 
streben, sein Werk von diesem loszulösen und es von jenem Eindruck un- 
abhängiger zu machen. Das Wissen um die Einzelheiten der Beziehung 
Goethes zu einem bestimmten jungen Mädchen ist etwa für die ästhetische 
Wirkung des ersten Teiles des „Faust" nicht notwendig und gewiß nicht 
wesentlich. Die Kenntnis der speziellen Entstehungssituation einer Dichtung 
trägt nichts zu ihrer lustvollen Wirkung bei. Anders beim Witz: wir können 
viele und sicher sehr lachkräftige Witze nicht würdigen, wenn wir ihre 
Entstehungssituation nicht kennen. Derselbe Witz, der einmal in einer 
bestimmten gesellschaftlichen Situation Lachstürme ausgelöst hat, mag, ein 
Jahr später erzählt, die Zuhörer völlig kalt lassen, ja wir selbst, die wir 
damals herzlich mitlachten, verstehen oft jetzt in der Erinnerung kaum, 
worüber wir damals haben lachen können. Derselbe Witz, der uns zum 
Lachen brachte, weil er z. B. die jetzt herrschenden sozialen Verhältnisse 
verhöhnt, büßt alle seine Lustwirkung ein, wenn sich jene Verhältnisse 
ändern. Man könnte sagen: der blitzartigen Entstehung des Witzes ent- 
spricht sein rasches Verblühen. Ich sehe etwa in einem alten Jahrgang 
des „Simplizissimus" ein Bild des Zeichners Thöny, der zwei preußische 
Offiziere während eines Konzertes darstellt. Der eine flüstert dem Kameraden 
hinter der vorgehaltenen Mütze zu: „Kommen Sie, Kamerad — jetzt steigt 
die Symphonie — das Aas hat vier Sätze." Ich erinnere mich, daß ich 
einmal herzlich über diese Verhöhnung gelacht habe, aber jetzt kann ich 
kaum mehr lächeln. Es kann nicht nur der Mangel an Neuheit sein, der 
diese Einbuße der Lustwirkung erklärt. Es muß an der Änderung der 
sozialen Umwelt liegen, daß ich jetzt nicht mehr über diesen Hohn lachen 
kann: der Weltkrieg und der Zusammenbruch jenes besonderen Offiziers- 
typus liegt in der Zwischenzeit. Derselben Usur der Lustwirkung unterliegt — 
wenngleich in geringerem Maße — der sexuelle Witz. Eine Zeichnung 
von F. v. Reznicek mit der Überschrift „Wozu"? stellt zwei Backfische 
vor dem Schlafengehen dar. „Sag mal," sagt die eine, „was willst du 
eigentlich noch im Pensionat? Du bist ja schon verdorben." Es ist kaum 
mehr möglich, über diesen Witz zu lachen, da heute das Mädchenpensionat 



y Q Theodor Keik 



keineswegs mehr diejenige, vor anderen ausgezeichnete Stätte ist, deren 
hervorragendste Aufgabe es ist, die heranwachsende weibliche Jugend im 
trauten Zwiegespräch in die Geheimnisse des Sexuallebens einzuführen. 
Auch bezeichnet die Jugend von heute den Besitz solchen Wissens, der 
sozial in viel größerem Ausmaße als erlaubt, ja erwünscht gilt, nicht mehr 
als „verdorben". Die Veränderung der Anschauungen über die sexuellen 
Fragen, namentlich aber über die Aufklärung der Jugend, hat die Lustwirkung 
dieses Witzes, der vielleicht einmal als vortrefflich galt, bedeutend vermin- 
dert, wenn nicht vernichtet. Ein anderes Bild aus einem alten Jahrgange 
desselben Witzblattes zeigt noch deutlicher, wie schädlich der Wechsel der 
Anschauungen der Lustwirkung des Witzes sein kann. Die Tante Minna zeigt 
sich in der Familie zum ersten Male im Badlerkostüm in Pumphosen. Der 
kleine Karl ruft seiner Mutter in höchstem Staunen zu: „Sieh mal, die Tante 
hat auch Beine!" Die anfängliche Verblüffung, die sich meiner anläßlich 
dieses Witzes bemächtigte, hatte nichts vom Charakter jener „Verblüffung" 
an sich, welche die Autoren zusammen mit der nachfolgenden „Erleuchtung ' 
für so wesentlich für die Witzwirkung halten. Diese Verblüffung war vielmehr 
durch die Verwunderung darüber, worin da der Witz liegen soll, begründet. 
Erst nach einigen Sekunden konnte ich mich erinnern, daß die allgemeine 
Mode jener Zeit die Frauenröcke bis über die Schuhe fallen ließ und daß 
das Staunen des kleinen Karl so seinen guten Sinn hatte. Es ist kaum 
zweifelhaft, daß dieser Witz im Zeitalter des Bubikopfes und des bis zu 
den Knien reichenden Bockes nicht mehr als Witz empfunden wird. Gewiß, 
auch ich mußte nach Erkennung des wahren Zusammenhanges lächeln, 
aber dieses Lächeln, das halb belustigt, halb gerührt war, bezog sich eben 
auf eine entschwundene, die „gute, alte" Zeit, der solche Scherze vermutlich 
als vortreffliche Witze galten. 

Gewiß unterliegen auch Kunstwerke, ja sogar diejenigen, die wir als 
die größten ihrer Art ansehen, solchen abschwächenden Wirkungen der 
Zeiten, aber sie erweisen sich, vermutlich gerade wegen jenes Entpersön- 
lichungsprozesses, der selbst soviel Zeit in Anspruch nimmt, doch weit 
resistenter gegenüber den Einflüssen der Umwandlungen der Umwelt. 

Dieser mehr zeitgebundene und vom Ich seines Schöpfers weniger ablös- 
bare Charakter bedingt es auch, daß der Witz sich nicht wie die Dichtung — 
in ihren reinsten Formen — an alle wendet, sondern an eine Gruppe von 
Menschen, die viel enger begrenzt erscheint als das Publikum einer Dichtung. 
Über dieselben Witze zu lachen ist ein Zeichen viel weitergehender psychischer 
Übereinstimmung als der Beifall, der etwa der Aufführung eines Dramas 






Künstlerisches Schaffen und Witsarbeit 71 

gilt. Ein Beispiel, das diesen Sachverhalt illustriert: Ein Zuschauer bei der 
Bayreuther Aufführung des „Parsifal" wendet sich an seinen Nachbarn : „Ich 
kann dabei nicht lachen. Wirklich, ich kann dabei nicht lachen." Das klingt 
wie Unsinn; niemand wird erwarten, daß ein Zuhörer der tief tragischen 
Vorgänge dieses Bühnenweihespieles lacht. Wer diesen Witz zu genießen 
vermag, hat sich unbewußt zu der Ansicht bekannt, daß auch er der Ver- 
suchung unterworfen war, über jene so bedeutsamen Szenen auf der Bühne 
zu lachen, sie komisch zu finden und jene Helden des Parsifalspieles als 
Kreuzritter von der traurigen Gestalt zu verhöhnen. Hier wird sogleich klar, 
daß jener Witz auf Lacher nur innerhalb einer engbegrenzten Gruppe rechnen 
darf. Nietzsche hätte vermutlich herzhaft über ihn gelacht, 1 ebenso der 
von ihm verachtete Zola (trotz aller „Souvenirs de Bayreuth"). Der begeisterte 
Wagnerverehrer, der in der geistigen Atmosphäre des sächsischen Meisters 
lebt, wird auf denselben Witz mit Entrüstung reagieren und ihn vielleicht 
schal und geschmacklos finden. Ein Bonmot wie jenes, das die Charakteristik 
eines österreichischen Ministers gibt: „Er hatte regelmäßig eine rasche Auf- 
fassung, aber diese Auffassung war regelmäßig falsch" dürfte bei allen un- 
zufriedenen Österreichern — d. h. also bei allen Österreichern — lebhaften 
Anklang finden. Seine Wirkung verblaßt aber außerhalb der Grenzen dieses 
Landes. Wer die Psyche des Österreichers nicht kennt, wird etwa den 
Stimmungsbericht, den, wenn ich nicht irre, Karl Kraus von der politischen 
Lage in dem kostbaren Satz: „Die Situation ist verzweifelt, aber nicht ernst" 
gab, kaum gebührend würdigen können. Ja, es ist möglich, daß die Lust- 
wirkung eines Witzes von tieferem Gehalt dadurch, daß eine rezente An- 
spielung später nicht mehr voll gewürdigt werden kann, stark beeinträchtigt 
wird. Hier das entsprechende Beispiel eines jüdischen Witzes, in dem der 
Vater den jungen Sohn fragt: „Warum willst du das Mädel heiraten? Sie 
hat ka Mitgift, sie is' nicht schön, sie ..." — „Ich liebe sie, Vater!" — 
Was heißt, du liebst? Bist du Sonnenthal?" Die Wirkung dieses aus- 
gezeichneten Witzes mag bereits jetzt darunter leiden, daß eine neue Gene- 
ration sich keine angemessene Vorstellung von der Bedeutung jenes großen 
Schauspielers machen kann, der für unsere Eltern die Gestalten jugendlicher 
Liebhaber so unvergleichlich verkörperte. Der verborgene Inhalt des Witzes 
aber liegt in dem Zweifel an der Bealität und dauernden Natur der Liebe, 
die der skeptische Vater nur auf der Bühne gelten lassen will. Die tiefere 

1) „Nichts für Spaziergänger mehr zu empfehlen, als sich Wagner in verjüngten 
Proportionen zu erzählen: z.B. Parsifal als Kandidaten der Theologie mit Gymnasial- 
bildung (letztere als unentbehrlich zur reinen Torheit)." (Nietzsche: Der Fall Wagner.) 



pra Theodor Reik 



Lustquelle stammt aus dem Angriff auf diese am sorgsamsten beschützte 
Illusion des Abendlandes. 

Wir haben erkannt, daß die Kürze des Zeitintervalls in der Witzarbeit 
für bestimmte charakteristische Züge des Witzproduktes verantwortlich ist. 
Vergessen wir nicht als das Wichtigste hervorzuheben, daß dieser zeitlichen 
Begrenzung die Kürze des Witzes selbst, die nach Hamlets Wort seine Seele 
ist, entspricht. 



Der Prozeß der Witzarbeit ist von sehen der Ästhetik noch wenig ver-, 
standen worden. Man überdenke etwa die wesentlichen Punkte in der Auf- 
fassung, die Deutschlands führender Ästhetiker, Johannes Volkelt, über das 
Werden des Witzes vertritt. Der Witz sei „von dem Boden des geistesfreien, 
mit seinen Vorstellungen willkürlich spielenden Subjektes aus gebildet". ' 
Immer wieder kehrt dieser Forscher in seinen Ausführungen über den Witz 
zu dieser seiner Lieblingsvorstellung von der „organischen Verknüpfung des 
Witzes mit dem geistesfreien Subjekt" zurück. Betont so Volkelt immer 
wieder, der Witz sei seinem Wesen nach Bestätigung eines geistesfreien, mit 
seinen Vorstellungen willkürlich spielenden Subjektes, so behauptet Theodor 
Lipps ganz im Gegensatz dazu, daß der Witz als solcher „gänzlich unpersön- 
lich ist" und „mit der Individualität dessen, der ihn macht, nichts zu tun 
hat". 2 Beide Forscher irren und dieser Irrtum ergibt sich aus der mangelnden 
psychologischen Kenntnis der seelischen Vorgänge in der Witzbildung, das 
will heißen, aus der unrichtigen Einschätzung des wechselnden Anteils, den 
das Unbewußte und das Bewußte an der Witzarbeit nehmen. Es ist ebenso 
verfehlt, die Mitwirkung des Bewußtseins in der Witzgenese zu übertreiben, 
wie das Volkelt tut, als sie völlig auszuschließen, wie Lipps es will. Der 
von Freud dargestellte psychische Prozeß der Witzbildung zeigt, daß die 
Vorstellung eines geistesfreien, mit seinen Vorstellungen spielenden Subjektes 
eher dem Phantasiereichtum Volkelts als dem des Schöpfers des Witzes 
entspricht. Die „Geistesfreiheit" als ein subjektives Gefühl ergibt sich aus 
der Wirkung einer Illusion und stellt sich vielmehr schon als ein Erfolg 
der Witzarbeit ein, die in ihrem wichtigsten Anteil durch die Wirkung un- 
bewußter Determinanten bestimmt ist. Das Subjekt ist in der Witzbildung 
weit passiver als dies Volkelt und andere Autoren annehmen. Der Aus- 
druck „einen Witz machen" darf uns nicht irreführen. Der Anteil des Un- 

1) System der Ästhetik. 2. Bd., 2. Aufl., 1925, S. 507. 

2) Komik und Humor. S. 111. 



Künstlerisdies Schaffen und "Witzarbeit *fb 

bewußten ist in der Produktion des Witzes so ausschlaggebend, daß man 
eher sagen darf, daß der Witz in der Person auftaucht, ja manchmal das 
Gefühl hat, der Witz überfalle die Person. 

Wer einen Witz macht, d. h. durch bewußte Anstrengung produziert, 
macht keinen Witz mehr. Wir haben uns jenen Augenblick, in dem der 
vorbewußte Gedanke einer unbewußten Verarbeitung unterliegt, als eine 
Art partieller Absence vorzustellen. In diesem Zeitbruchteil findet eine Vor- 
stellung Anschluß an eine fernliegende, die ihr doch unbewußt verbunden 
ist, taucht ein aus der gegenwärtigen Situation stammendes Gefühl tief in 
das Reservoir alter, verschütteter Impulse, die unzerstörbar und ungebändigt 
in uns leben. Diese Impulse können sich nicht unverändert äußern, — es 
käme sonst zu einer aggressiven oder sexuellen Aktion, — sie treffen auf 
dem Rückweg zur Wahrnehmungssphäre auf die seelische Zensur. Aus dem 
Gegeneinander und Miteinander dieser beiden Faktoren, des Wiederkehrend- 
Verdrängten und der Gegenströmungen, ergibt sich das Wesentliche der 
Witzarbeit, erklären sich die Besonderheiten der Witzbildung. Der Witz stellt 
demnach ein Kompromißprodukt von abgewehrten und abwehrenden Vor- 
stellungen dar. 

Erst an dieser Stelle, bei der Rückkehr vom Unbewußten, setzt die Be- 
wußtseinsarbeit ein. Die Bewußtseinsinstanz erfaßt nun das aus den Tiefen 
aufsteigende Vorstellungsmaterial, gliedert es und bringt es in eine Form, 
die ebenfalls der Mitwirkung jener beiden Tendenzen entspricht. Diese Form 
verrät noch in der Verwendung der Klangassoziation, in Wortwahl, Wort- 
zusammensetzung und Satzanordnung die Arbeitsweise des Unbewußten und 
erfüllt doch alle Anforderungen, die zum raschen Verständnis notwendig 
sind. Ich versuche den Vorgang an einem Beispiel zu illustrieren: In einem 
Berliner Kaffeehause sitzt eine Herrengesellschaft. Eine Schwester der Heils- 
armee tritt an den Tisch und reicht eine Sammelbüchse dar: „Bitte, für ge- 
fallene Mädchen !" Ein Herr antwortet : „Ich gebe direkt." Der psychische 
Vorgang ist folgender: die Aufforderung zu jenem Almosen hat in dem 
Herrn eine besondere psychische Reaktion ausgelöst. Wir können aus jener 
Antwort schließen, daß er kein Almosen geben wollte, daß seine ursprüng- 
liche Reaktion eine abweisende und unwillige hätte sein können. Die Ant- 
wort hätte vielleicht in grober Form gelautet: „Ach, lassen Sie mich in 
Ruhe mit solchen Bitten l" Die Worte „gefallene Mädchen" aber haben 
Anschluß an unbewußtes Material gefunden, haben an den Vorstellungs- 
komplex sexueller Triebregungen gerührt. Die Analyse führt also von der 
intendierten Replik: „Ich gebe nichts" zur unbewußten Bearbeitung der Vor- 



74 



TteoJor Reife 



Stellung „Gefallene Mädchen". Der unbewußte Vorgang hat den Charakter 
eines auftauchenden Wunsches: ich möchte Sexualverkehr mit einem solchen 
Mädchen haben (vielleicht an Erinnerungen anknüpfend). Die Verknüpfung 
dieser Wunschregung mit einem Geldgeschenk gehört teilweise schon der 
bewußten Vorstellungsarbeit an. Als Kompromiß ausdruck der aus dem Un- 
bewußten auftauchenden Regungen und der vom Bewußten festgehaltenen 
Anforderung ergibt sich so die Vorstellung: wenn ich einem gefallenen 
Mädchen etwas geben soll, gebe ich es ihr selbst, indem ich sie für den 
Sexualgenuß durch Geld entlohne. Die Vorstellungsreihe läuft also so: ich 
will nichts geben — ich will lieber mit einem solchen Mädchen sexuell 
verkehren — ja ihr selbst würde ich dann Geld geben — ich gebe direkt. 
Der psychische Vorgang ist etwa der Durchfahrt eines Eisenbahnzuges durch 
einen Tunnel zu vergleichen: aus der Bewußtseinshelle fährt der Zug plötz- 
lich durch eine kurze Dunkelheit, da wird es wieder lichter, um bald darauf 
ganz hell zu sein. Jene Strecke, welche der seelische Vorgang von der be- 
absichtigten Antwort: „Ich gebe nichts" zu der wirklich erfolgenden: „Ich 
gebe direkt" durchlauft, erreicht im Augenblick des Eintauchens in die 
unbewußte Sphäre — der Dunkelheit des Tunnels unseres Vergleiches — 
ihren wichtigsten und bestimmendsten Punkt. Er entscheidet nicht nur das 
Schicksal der Form der Antwort in der Verdichtung („Ich gebe nichts — 
ich will ihr selbst geben — ich gebe direkt"), sondern auch das ihres In- 
haltes, der zu der Absicht der Bitte in direkten Gegensatz tritt. 

Ich habe an dieser Stelle die Bemerkung nachzutragen, daß auch der 
seelische Vorgang beim Zuhörer in denselben Bahnen verlauft. Auch er 
stellt einen seelischen Kurzschluß dar und geht in annähernd derselben Zeit 
vor sich wie die Witzarbeit. Ein Witz, dessen Pointe man erst erfassen 
kann, nachdem man lange nachgedacht hat, verdient diese Bezeichnung 
nicht mehr. 

Der Vergleich des Vorganges der Witzarbeit mit dem Passieren eines 
Tunnels durch einen Eisenbahnzug mag auch dazu beitragen, deutlich zu 
machen, wo der Irrtum von Lipps gelegen ist, der den Witzvorgang völlig 
dem Unbewußten zuteilt. Diese Betrachtungsweise vernachlässigt vergleichs- 
weise jene Strecken, welche der Zug passiert, wenn er in den Tunnel ein- 
fährt und wenn er ihn verläßt, die Anfangs- und die Endsituation der 
Witzarbeit. Der Irrtum von Lipps besteht also darin, den Anteil der Be- 
wußtseinsinstanzen am Zustandekommen des Witzes völlig zu leugnen. Es 
ist nicht richtig, daß der Witz ein gänzlich unpersönliches Produkt und von 
der Individualität seines Schöpfers völlig unabhängig ist. Gewiß bestehen 







Künstlcrisdies .Schauen und "Witsarbeit p5 

für das Unbewußte des Menschen keine individuellen Unterschiede, soweit 
die Existenz der Triebkomponenten als solcher in Frage steht. Es bestehen 
aber quantitative Differenzen in ihrer Verteilung, es gibt Verschiedenheiten 
in den Triebschicksalen und den Triebdarstellungen, es gibt Mengungs- 
verhältnisse zwischen Durchsetzung des Triebdrängens und der Einflüsse der 
Hemmungen, die individuell verschieden sind. 

VI 

Es bleiben noch genug unbeantwortete Fragen übrig. Einige davon sind 
bereits von Freud in seiner Untersuchung hervorgehoben worden, haben 
aber bei dem damaligen Stande der analytischen Forschung noch keine 
Antwort finden können. Wir haben gehört, daß das Lachen über den Witz 
ein Anzeichen jener Lust ist, die sich aus der Aufhebung einer bisherigen 
psychischen Besetzung ableitet. Wenn man als die erste Person des Witzes 
seinen Schöpfer, als die zweite jene, gegen welche der Witz gerichtet ist, 
und als die dritte den Zuhörer bezeichnet, so ist der seelische Vorgang der 
Witzwirkung bei dieser letzten der folgende: er hört die Worte des Witzes, 
ist dadurch genötigt, jene Vorstellung oder Gedankenverbindung, welche 
dem Witzigen selbst vorschwebte, zu reproduzieren und gelangt auf diesem 
Wege zur Aufhebung des Hemmungsaufwandes, was als lustvoll empfunden 
wird. Das große Stück seelischer Energie, das zur Aufrechterhaltung des 
Hemmungsaufwandes bisher notwendig war, wird durch den Witz plötzlich 
als überschüssig gefühlt. Die von Freud in diesem Zusammenhange auf- 
geworfene Frage, warum der Hörer des Witzes lache, der Schöpfer nicht 
lachen könne, ist durch die psychologische Würdigung dieser Dynamik in 
allgemeiner Art nicht beantwortbar. Die vorsichtige Auskunft Freuds geht 
dahin, daß beim Hörer jener seelische Besetzungsaufwand aufgehoben und 
durch Lachen abgeführt wird, während sich bei der Person, die den Witz 
„macht", Hemmungen in der Abführungsmöglichkeit ergeben. Der psychische 
Vorgang bei der ersten Person des Witzes, derjenigen, die ihn produziert, 
weicht also von dem bei der dritten Person ab. Der seelische Hemmungs- 
aufwand muß auch bei der ersten Person aufgehoben worden sein, denn 
sonst käme kein Witz zustande, da solche Aufhebung die wesentlichste Vor- 
bedingung seiner Entstehung darstellt. Es besteht also bei der ersten Person, 
beim Schöpfer des Witzes, eine Störung in der Möglichkeit der seelischen 
Abfuhr, als deren deutliches Zeichen sich uns sonst das Lachen darstellt. Die 
freigewordene psychische Energie ist vielleicht sofort einer anderen seelischen 



76 Theodor Reik 



Verwendung zugeführt worden. Jene Aufhebung des Hemmungsaufwandes 
ist zwar erfolgt, aber die dort abgezogene Energie ist vielleicht für die Witz- 
arbeit selbst verwendet worden, welche die erste Person zu leisten hat. Gewiß 
gewinnt auch sie Lust aus solcher Aufhebung des Hemmungsaufwandes, 
aber der erneute Aufwand an der Witzarbeit, zu der diese erste Person des 
Witzvorganges genötigt und der für den Hörer entfällt, zieht sich von diesem 
Lustgewinn ab. Abschließend sagt Freud, daß die psychologische Konstellation 
während der Witzarbeit der freien Abfuhr des Gewonnenen überhaupt nicht 
günstig sei. 

Zur Unterstützung seiner Ansicht führt Freud an, daß der Witz auch 
bei der dritten Person seinen Lacheffekt einbüßt, sobald derselben ein Auf- 
wand an Denkarbeit zugemutet wird. Allein ein solcher größerer Aufwand 
an Denkarbeit wäre auch bei der ersten Person in der Witzarbeit schädlich. 
Unter diesen Umständen käme kein Witz, sondern etwa ein Urteil mit scharf- 
sinniger oder aggressiv betonter Begründung zustande. Wenn Freud hervor- 
hebt, die Anspielungen des Witzes müßten augenfällige sein, die in ihm 
enthaltenen Auslassungen sich leicht ergänzen usw., um die Lachwirkung 
des Witzes zu gewährleisten, so beziehen sich diese Bedingungen nicht nur 
auf die Aufnahme, sondern auch auf die Produktion des Witzes. Wäre der- 
jenige, der den Witz produziert, genötigt, mühevoll nach sprachlichen Mitteln 
der Anspielung zu suchen, sorgfältig dem Tertium comperationis nachzu- 
spüren oder sich die Frage vorzulegen, ob er dieses oder jenes Mittelglied 
seines Gedankenvorganges in der sprachlichen Mitteilung ohne Schaden für 
das Verständnis seines Witzes auslassen dürfe, so wäre sein Witz verlorene 
Liebesmüh. Freud behauptet mit Recht, daß mit der Erweckung des 
bewußten Denkinteresses die Wirkung des Witzes in der Regel unmöglich 
gemacht werde, aber er unterläßt es, hinzuzufügen, daß mit solcher Er- 
weckung der Denkinteressen bereits die Entstehung des Witzes unmöglich 
gemacht wäre. Wir haben dennoch eine bestimmte Denkarbeit sowohl bei 
der ersten als auch bei der dritten Person vorauszusetzen. Wir wissen auch, 
von welcher Art sie ist und daß sie eine große Strecke unterirdisch ver- 
läuft. Es kann sich also nur darum handeln, daß das Denkinteresse, das 
anfänglich aufgebracht wird, durch den Einbruch unbewußter Tendenzen 
sozusagen überrumpelt wird, um sich dann wieder der Wahrnehmung des 
Ausganges jenes Konfliktes zuzuwenden. Es hat sozusagen seinen Weg an 
jene unbewußten Mächte für einen Zeitbruchteil abtreten müssen. Es soll 
übrigens nicht unbemerkt bleiben, daß der Mangel an Verständnis für einen 
Witz oft nicht so sehr den Eindruck eines intellektuellen Versagens als den 



Künstlerisches odiaficn und vv ltsarucit JJ 

einer affektiven Abbiendung macht, wie wir sie in der Symptomatologie 
der Neurosen so häufig konstatieren. Auch dort erfolgt ein solches Aussetzen 
des Verständnisses an den Stellen, die ihrer Natur nach starke gegensätzliche 
Gefühle gegen einen bestimmten Vorstellungsinhalt wachrufen. Es ist klar, 
daß die Existenz und unbewußte Wirksamkeit solcher gegensätzlicher 
Strömungen das Verständnis eines Witzes auf das empfindlichste beeinträch- 
tigen können. 

Kehren wir zur Überprüfung der Freudschen Argumentation von hier 
aus zurück. Sie war richtig, aber in ihrer Darstellung zu allgemein. Der 
Fortschritt unserer analytischen Kenntnisse wird dazu führen müssen, diese 
Annahmen einer Korrektur zu unterwerfen, die zugleich eine Einschränkung 
und Ergänzung bedeutet. Wirklich muß man, wie Freud dies getan hat, 
von der Untersuchung der seelischen Vorgänge bei der dritten Person aus- 
gehen, will man die Gründe erkennen, warum die erste Person, der Schöpfer 
des Witzes, nicht lacht. Die ökonomische Betrachtungsweise als solche müßte 
eigentlich zu der Erwartung führen, daß der Lustgewinn bei der dritten 
Person des Witzvorganges geringer ausfallen sollte als bei der ersten. Die 
erste Person hat ja den Witz geschaffen; zu der Lust aus dem ersparten 
Hemmungsaufwand müßte, würde man erwarten, die freudige Aussicht auf 
den Erfolg und den Beifall treten, der sich dem Schöpfer des Witzes zu- 
wenden wird. Das Freudsche Argument, daß nämlich die Störung der 
psychischen Abfuhr durch die Witzarbeit selbst bewirkt werde, da diese 
einen bestimmten Betrag psychischen Aufwandes in Anspruch nimmt, behält 
freilich seine Bedeutung. Allein es ist klar, daß auch die dritte Person, 
der Zuhörer, in der Nachbildung der seelischen Vorgänge in der ersten 
eine Art Witzarbeit leistet, die man als negativen Abdruck der primären 
bezeichnen kann. Das „Verstehen des Witzes" stellt selbst eine solche sekun- 
däre Witzarbeit dar, eine Art psychischer Übernahme des Prozesses in der 
Identifizierung mit der ersten Person. Der psychische Vorgang beim Schöpfer 
des Witzes und beim Zuhörer ist also annähernd derselbe; nur ihre Richtung 
ist verschieden. Bei der Witzproduktion wird ein vorbewußter Gedanke 
einer unbewußten Bearbeitung für eine Sekunde überlassen und das Resultat 
dieses Vorganges ist eben der Witz. Beim Zuhörer geht der psychische 
Prozeß vom fertigen Produkt, dem Witz, aus und verfolgt denselben Weg 
nach rückwärts. Die Lust des Witzes wird der dritten Person nicht sozu- 
sagen „geschenkt", wie Freud sagt, sondern nur unter dem Selbstkosten- 
preis verkauft. Es ist unverkennbar, daß es auch von seiten des Zuhörers 
eines gewissen, wenngleich geringeren seelischen Aufwandes bedarf, um 



7 8 



Theodor Reik 



den Witz zu würdigen und zu erfassen. Auch hier ist die Analogie zum 
künstlerischen Schaffen und Genießen bemerkenswert: der Zuhörer eines 
Dramas, der Leser eines Romanes geht von dem fertigen psychischen Ge- 
bilde aus und gelangt durch Identifizierung mit dem Dichter dazu, regressiv 
dieselben unbewußten Tendenzen zu reproduzieren, deren Wirksamkeit die 
Dichtung ihre Entstehung verdankt. Was Nietzsche als Zuhörer der Bizet- 
schen „Carmen" in sich verspürte, zeigt paradigmatisch den seelischen Vor- 
gang bei jedem künstlerischen Genießen: „Ich vergrabe meine Ohren unter 
diese Musik, ich höre deren Ursache." Der Zuhörer geht in dem unbe- 
wußten Vorgang bis zur Entstehung des Kunstwerkes zurück, nimmt un- 
bewußt Kenntnis von den triebhaften Regungen, die zu seiner seelischen 
Genese gedrängt haben — wenn es ein Kunstwerk ist und ein Zuhörer, 
würdig, es zu hören. Es ist selbstverständlich, daß diese gemeinsamen Züge 
mannigfache Differenzen zwischen den beiden Vorgängen nicht ausschließen; 
diese sind schon durch den Unterschied von Produktion und Reproduktion 
sowie durch den Gegensatz der Richtung der seelischen Prozesse gegeben. 
Es gibt daneben andere, die hier nicht erörtert werden sollen. 



VII 

Freud selbst gesteht zu: „Wir sind hier wohl nicht in der Lage, tiefere 
Einsicht zu gewinnen ; wir haben den einen Teil unseres Problems, warum 
die dritte Person lacht, besser aufklären können, als dessen anderen Teil, 
warum die erste Person nicht lacht." Die Annäherung an die Lösung dieser 
zweiten Frage wird uns heute leichter, da wir gerade durch den Fortschritt 
der Forschung Freuds eine noch tiefere Einsicht in den Ablauf unbewußter 
seelischer Prozesse erhalten haben. Die Verwendung des freigewordenen 
psychischen Aufwandes für den Zweck der Witzarbeit allein konnte uns 
nicht erklären, warum derjenige, der einen Witz produziert, nicht zu lachen 
vermag. Wenn dieses Argument ökonomischer Art nicht ausreicht, werden 
wir uns wieder der Würdigung der Affektdynamik zuwenden. Freud be- 
tont, daß man den vollen Eindruck von der Unentbehrlichkeit der dritten 
Person für die Vollendung des Witzvorganges erhält. Alles, was am Witz 
auf Lustwirkung abziele, ist auf diese dritte Person gerichtet, als ob nicht 
zu überwindende Hindernisse einer solchen bei der ersten Person im Wege 
stünden. Dem ist wirklich so, aber wir können dennoch auch nicht einen 
Augenblick lang annehmen, daß die Witzbildung ihrer Natur nach ein 
altruistischer Vorgang ist, der vom eigenen Lustgewinn absieht, und nur 



Künstlerisches Schaffen und \Vitsarbeit 79 

darauf aus ist, anderen Personen Lust zu verschaffen. Tatsächlich aber scheint 
sich hier ein bedeutungsvoller Unterschied zwischen den Gebieten des Witzigen 
und des Komischen zu ergeben. Der seelische Vorgang der Witzbildung ist 
mit dem Einfallen des Witzes nicht abgeschlossen: der Einfall will anderen 
mitgeteilt werden. Der Vorgang der Witzbildung gelangt erst durch solche 
Mitteilung zu seinem Abschlüsse. Das Komische kann ich allein genießen ; 
zum Genuß des eigenen Witzes — strenger gesagt, zu seinem vollen Ge- 
nüsse — kann ich erst auf dem Umwege über den Genuß des Anderen 
kommen. Der Witzige ergänzt seinen nur unvollständigen Lustgewinn, in- 
dem er das für ihn unmögliche Lachen auf dem Umwege über den Ein- 
druck der zum Lachen gebrachten Person erreicht. Man kann beobachten, 
daß, wer zuerst mit ernster Miene einen Witz erzählt, dann in das Gelächter 
der anderen mit einem gemäßigteren Lachen einfällt. Freud kommt hier 
der Aufklärung am nächsten, wenn er behauptet, daß wir darum genötigt 
sind, unseren Witz dem Anderen mitzuteilen, weil wir selbst über ihn nicht 
zu lachen vermögen. 

Es kann nicht schwierig sein, den von Freud hier vorgezeichneten Weg 
bis ans Ende zu verfolgen. Wenn der Zuhörer des Witzes lacht, sein Schöpfer 
aber nicht lachen kann — wie wäre es da, einen inneren Zusammenhang 
zwischen diesen beiden Tatsachen anzunehmen? Wie wäre es, anzunehmen, 
daß gerade in der Anwesenheit dieses oder dieser Zuhörer ein Moment 
enthalten sein müßte, welches den Lacheffekt bei der ersten Person hemmt? 
Ist dies aber möglich? Haben wir nicht eben von Freud gehört, daß die 
dritte Person für die Vollendung des Witzvorganges völlig unentbehrlich ist? 
Hier ergibt sich doch ein krasser Widerspruch 1 Wenn unsere Annahme 
auch nur einen Schein von Berechtigung hätte, würde sich folgende un- 
wahrscheinliche Situation ergeben: der Schöpfer des Witzes kann nicht 
lachen, weil er durch die Anwesenheit einer anderen Person daran gehindert 
wird, aber er produziert den Witz, damit diese andere Person lache, und 
stimmt dann in ihr Lachen ein. An diesem Punkte wird uns der Leser 
sicher die Gefolgschaft verweigern. Der Anspruch auf seine intellektuelle 
Geduld scheint hier allzu groß zu werden. Und doch führt nur die psycho- 
logische Analyse dieser antinomischen Situation zur Lösung des Problems: 
es erscheint mir wahrscheinlich, daß es die vorbewußte oder unbewußte 
Sorge um die Art der Aufnahme des Witzes ist, die in erster Reihe jene 
Störung der psychischen Abfuhr bei der ersten Person bewirkt. Wenn es 
wahr ist, daß der Witz verdrängte, verbotene Tendenzen zum Ausdruck 
bringt, so ist es für seine Wirkungen wesentlich, daß sich der Zuhörer 



8o Theodor Reik 



mit ihrem Inhalte einverstanden erklärt, d. h. daß er dazu gelangt, in sich 
dieselben Tendenzen walten zu lassen und den inneren Protest gegen die 
ihm zugemutete Aufhebung der Hemmung auszuschalten. Es muß in dieser 
Sorge um die zu erwartende Reaktion von sehen der Zuhörer begründet 
sein, wenn der Schöpfer des Witzes an der freien Abfuhr seiner psychischen 
Besetzung gehemmt erscheint. Diese Überlegung in Verbindung mit der 
Einsicht von der Notwendigkeit des Zuhörers für den Witzvorgang und von 
dem Mitteilungsbedürfnis des Witzigen führt zu der Auskunft, daß auf der 
einen Seite die Mitteilung an diese dritte Person von Seiten der Triebten- 
denzen gefordert wird, diese Mitteilung aber gleichzeitig von einer Art Sorge 
oder Angst wegen ihrer Aufnahme begleitet ist. Der Drang nach Mitteilung 
ist natürlich stärker als die Hemmung, aber diese wird sich doch noch in 
der Störung der freien Abfuhr bei dem Schöpfer des Witzes Ausdruck ver- 
schaffen. Von hier aus ist es nur noch ein kleines Stück Weges zur end- 
gültigen Aufklärung der Frage: wenn wir einen Witz erzählen, können 
wir nicht lachen, weil wir der Zustimmung der Zuhörer nicht sicher sind, 
weil wir nicht wissen, ob wir lachen dürfen. Das kann sich freilich nicht 
auf die Oberfläche des einzelnen Witzes beziehen, sondern auf seinen latenten 
Inhalt, nämlich auf den Ausdruck der verbotenen sexuellen oder aggres- 
siven Tendenzen. Anders ausgedrückt: wir gestatten uns nicht den vollen 
Lustgewinn, der aus der Aufhebung des Hemmungsaufwandes resultiert, 
weil die dann zutage tretenden Regungen sozial verboten und vom Schuld- 
gefühl besetzt sind. Das Lachen des Anderen gibt dann das Zeichen der 
sozialen Anerkennung, liefert gleichsam die Gewähr dafür, daß dieser Lust- 
gewinn nicht verabscheuenswert ist und legitim erscheint. Er befreit also 
von dem übriggebliebenen Stück des unbewußten Schuldgefühles, das mit 
den im, Witz ausgedrückten Impulsen verbunden ist. Wir gelangen weiter, 
wenn wir bedenken, daß es die Ersparung von Hemmungsaufwand ist, der 
wir die spezifische Lust am Witz verdanken. Dieser seelische Hemmungs- 
aufwand wird aber zu einem wesentlichen Teile durch das unbewußte 
Schuldgefühl bedingt, das ursprünglich seiner Natur nach Angst vor dem 
Liebesverlust war und durch die Verdrängung jener starken Triebregungen 
verstärkt wurde. Das Lachen der Zuhörer wäre sonach insbesondere ein 
Zeichen dafür, daß dieses Schuldgefühl überflüssig geworden ist und erspart 
werden kann. Das Ich, von Schuldgefühlen für Augenblicke befreit, fühlt 
sich wieder mit sich selbst einig; eines Stückes sozialer Angst ledig, kann 
es jetzt in das Lachen der Anderen einstimmen. 

Wenn wir noch einmal die Situation des Schöpfers des Witzes, die durch 



Künstlerisches Schaffen und VV itsarLeit 



das Mitteilungsbedürfnis auf der einen, durch ein Stück unbewußten Schuld- 
gefühles auf der anderen Seite gekennzeichnet wird, psychologisch würdigen, 
so gewinnen wir noch ein weiteres Stück Aufklärung über die Natur des 
Witzes, eine Aufklärung, die weiter reicht als die bisherigen. Wir haben 
gehört, daß die im Witze ausgedrückten Tendenzen verboten sind, daß sie 
verdrängt waren und daß sich der Witz besonderer Techniken bedient, um 
dieses Verdrängte wieder dem Ich zuzuführen. Die Notwendigkeit dieser 
Form, ohne die wir den Ausdruck jener Regungen zurückweisen würden, 
die Hemmung der Abfuhr bei demjenigen, der den Witz produziert, sowie 
das diese Störung begründende Schuldgefühl, welches durch die Mitteilung 
des Witzes beschwichtigt wird, zwingen zu der Annahme, daß es sich in 
ihm um eine bestimmte Art des Geständnisses handelt. Es ist hinzuzufügen, 
daß der Witz ein unbewußtes Geständnis darstellt, da wir weder wissen, 
worüber wir lachen, noch, zu welchen unterirdischen Triebregungen wir 
uns im Witz bekennen. Auch der Witz stellt so einen Ausdruck des un- 
bewußten Geständniszwanges dar, den ich anderen Ortes als eine durch den 
Kulturfortschritt bedingte Entwicklung des primären Äußerungsdranges der 
elementaren Triebregungen dargestellt habe. 1 

Vielleicht ist jene Aufklärung, die wir in der Psychologie des Witz- 
vorganges erhalten haben, geeignet, uns auch ein Stück Einsicht in einige 
Besonderheiten der dichterischen Arbeit zu gewähren. Auch der Dichter, 
der sein Werk aufführen sieht, ist nicht erschüttert wie seine Zuhörer; der 
Lustspieldichter lacht nicht über seine eigenen komischen Einfälle. Es scheint 
auch hier jenes affektökonomische Prinzip vorzuherrschen, demzufolge die 
dichterische Arbeit der freien Affektabfuhr hinderlich ist. Dafür mögen wie 
für die ähnlichen psychologischen Verhältnisse in dem Witzvorgang mehrere 
seelische Faktoren bestimmend sein. Die Verschiebung des Affektaufwandes 
auf die Gestaltung ist sicher eines dieser Momente. Ein anderer, besonders 
wichtiger Grund mag darin liegen, daß die adäquate Affektabfuhr stück- 
weise während der Arbeit vor sich geht, das heißt also, daß der Dichter 
seine freigewordene Affektenergie in dieser Zeit in kleiner Münze abführt, 
während die Kürze der Zeit, welche dem Zuhörer zur Verfügung steht, 
zwingt, die Affektabfuhr sozusagen in einem Akt, in komprimierterer Form 



1) In einem größeren Werke „Geständniszwang und Strafbedürfnis" (Internationale 
Psychoanalytische Bibliothek, Bd. XVIII, Wien 1925) habe ich darzustellen versucht, 
wie die verdrängten Triebregungen einer Äußerungstendenz unterliegen, die sich 
unter dem Einflüsse bestimmter Kulturfaktoren zu einem unbewußten Geständnis- 
zwange entwickelt. 



Reik: Lust und Leid im Witz. 



82 Theodor Reik 



durchzuführen. Wir sagten ja auch, daß der Prozeß der Witzarheit selbst 
Lustgewinn bedeuten müsse, daß sich aber aus der beifälligen Aufnahme 
des Witzes eine Verstärkung des Lustgewinnes ergebe. Ähnlich stellt sich 
auch beim Dichter schon während des Schaffens ein Stück psychischer 
Befreiung ein, das doch erst durch den Erfolg seines Werkes gekrönt wird. 
Gewiß ist damit, wie Sachs gelegentlich richtig betont hat, eine starke 
Befriedigung des Narzißmus des Künstlers gegeben, aber daneben muß auch 
die Beschwichtigung des unbewußten Schuldgefühles, das ja die narzißtische 
Ichbesetzung empfindlich schädigt, Berücksichtigung erfahren. Es ist so, wie 
wenn der Erfolg ihm die Gewähr bietet, daß er nichts zu befürchten habe, 
wenn er jene verbotenen Regungen geäußert hat. Zu fürchten — von welcher 
Seite? Von seiten der Zuschauer, die auf sein Werk auch mit Zeichen des 
Mißfallens reagieren könnten. Es wurde bereits angedeutet, daß sich das 
Schuldgefühl, das primär an den latenten Triebregungen der Dichtung hängt, 
auf die Form verschiebt, so daß also ein künstlerischer Fehler vom Dichter 
als Schuld empfunden wird. Indem die Zuhörer, das Publikum, dem Werke 
Beifall spenden, zeigen sie, daß sie sich mit dem Dichter identifizieren, sich 
zu denselben verbotenen Tendenzen bekennen, die er in seinem Kunstwerke 
gestaltet hat. Dabei mag der Künstler noch so geringschätzig von der Meinung 
der Menge denken, ihr Beifall gibt sozusagen wieder die Erlaubnis, die 
Isolierung des Ausnahmemenschen, des (durch sein Triebleben und das 
darauf reagierende Schuldgefühl) zum Paria Gewordenen aufzuheben. Der 
Urteilsspruch des Zuschauers oder einiger von ihnen erscheint wirklich 
nicht wichtig; der der Gesamtheit hat unbewußt tieferen Wert, als der 
Künstler wahr haben will. Carl Maria von Weber war es, wie ich glaube, 
der über das Publikum geäußert hat: „Der Einzelne ist ein Esel, aber das 
Ganze ist ein Gott." Der Urteilsspruch : „Nicht versungen und nicht vertan" 
ist eigentlich ein auf das ästhetische Gebiet verschobenes „Absolvo fe", das 
hier nicht der Priester, sondern die Gesamtheit verkündet. Die Bestätigung 
des Gelingens seines Werkes bedeutet für den Dichter unbewußt den end- 
gültigen Freispruch für das heimliche Verbrechen, von dem er sich durch 
seine Arbeit entlasten wollte, die Befreiung vom Druck des Schuldgefühles. 
Besser noch als durch die euphorische Stimmung, die sich des Künstlers 
nach der beifälligen Aufnahme seines Werkes bemächtigt, läßt sich dies 
negativ erweisen. Das Mißfallen der Zuhörer, die kritische Abweisung des 
Werkes löst beim Künstler eine schwere Depression aus, die aus der Beaktion 
auf eine rein ästhetische Meinung allein nicht erklärt werden kann. Gewiß, 
der Narzißmus des Künstlers wird durch eine solche Abweisung stark er- 



I 



Künstlerisches Sdiaffen und "Witzarbeit 



83 



schlittert, aber zu dieser Wirkung gesellt sich die Vertiefung des Schuld- 
gefühles, von dem sich der Künstler in seinem Werke zu lösen hoffte. Es 
ist also so, als hätte der Künstler sein Mißlingen als Ausdruck seiner morali- 
schen Mängel empfunden. 

Auch der Witz zielt auf Aufhebung der sozialen Angst, bemüht sich 
ebenfalls um soziale Einreihung durch eine unbewußte Werbung für seine 
verbotenen Inhalte und bedient sich zur Erreichung dieses Zieles ebenfalls 
wie die Kunst der Verlockungsprämie der Form. Das Mißlingen eines Witzes, 
beziehungsweise die abweisende oder kühle Aufnahme desselben von seiten 
der Zuhörer bewirkt zwar keine Depression bei seinem Urheber, aber macht 
ihn doch betreten und beschämt, erzeugt in ihm doch ein deutliches Ge- 
fühl der Insuffizienz und des Mißbehagens. Ja, hier wird noch deutlicher 
als beim erfolglosen Dichter ein reaktives, dem Ich geltendes Schamgefühl 
oder eine Regung des Ärgers über sich selbst konstatierbar: „Wie konnte 
ich nur einen so dummen (geschmacklosen, unpassenden) Witz machen!" 
Die Abweisung der Witzleistung wird unbewußt als Verwerfung der Ten- 
denzen, die im Witz zum Ausdruck kommen, gefühlt, und so weist die 
Reaktion wieder auf den Inhalt zurück, von dem aus sie anfänglich auf 
die Form verschoben wurde. 

VIII 

Die Antwort auf die Frage, warum der Urheber oder Erzähler eines 
Witzes sozusagen eine Sanktion von seiten der Zuhörer braucht, ist durch 
den Hinweis auf den latenten Inhalt des Witzes gegeben. Die Tendenzen 
des Witzes sind solche, die man sonst nicht laut zu äußern wagt, und die 
Anderen, die Zuhörer, haben sich diesem Verbote stillschweigend unter- 
worfen, diese Abhaltung als bindend anerkannt. Derjenige, der einen Witz 
„macht", verstößt sozusagen gegen diese sakrosankten Verpflichtungen, welche 
die Gesellschaft anerkennt. Er löst sich von der Masse ab und setzt sich 
so dem Verdachte aus, das Privileg der Aggression, deren Versuchung alle 
unbewußt in sich verspüren, für sich allein in Anspruch nehmen zu wollen. 
Nun aber wird diejenige Person, welche tut, was alle zu tun insgeheim 
wünschen, aber nicht wagen, von der Masse — die Zuhörer dürfen wir 
hier als deren Repräsentanz annehmen — immer mit zwiespältigen Gefühlen 
bedacht. Sie hatte den Mut aufgebracht, das auszusprechen, was alle un- 
bewußt fühlen und auszusprechen nicht fähig waren. Der Betreffende ist 
deshalb Objekt der Bewunderung, aber auch des erbitterten, unbewußten 
Neides. Wer sich so von der Masse ablöst, wird unbeliebt, ja verhaßt, 

6« 






g4 Theodor Reik 



wofern er es nicht versteht, das, was ihn mit ihr verbindet, in den Vorder- 
grund zu rücken, sich ihr als ihr Vertreter zu empfehlen. Wer sich so 
getraut, bestimmten, von allen unbewußten gefühlten, aber sozial verbotenen 
Regungen Worte zu leihen, hat sich allen Gefahren ausgesetzt, die den 
kühnen Rechtsbrecher bedrohen. Er muß vor allem darauf bedacht sein, 
die Anderen durch die Verlockungsprämie der Form darüber hinwegzu- 
täuschen, daß sein Fahrzeug eine wenig harmlose Fracht führt. Der Aus- 
druck: „Die Lacher auf seine Seite ziehen" deutet an, daß diese ursprüng- 
lich mit ernsten Mienen auf der entgegengesetzten standen. Der Witzige 
bedarf des Beifalls besonders deshalb, weil dieser ihm die Gewähr gibt, 
daß ihn keine Strafe, kein sozialer Liebesverlust dafür trifft, daß er sich 
in seinem Witz gegen das Tabu verehrter Personen und Institutionen, über- 
kommener Anschauungen vergangen hat. Die Zuhörer zeigen ihm durch 
ihr Lachen, daß sie sein Wagnis nicht übel genommen haben, ja daß sie 
es gerne selbst unternommen hätten und ihn nur als Sprachrohr ihrer 
Tendenzen ansehen. Sie räumen so ein, daß sie zur Identifizierung mit 
ihm gelangt sind, sie bekennen sich unbewußt durch ihr Lachen zu den- 
selben Tendenzen, denen der Urheber des Witzes durch seine Worte ein 
Ventil geschaffen hat. Die „public opinion", der Beifall der Zuhörer, ist 
hier an die Stelle der Zustimmung der Eltern getreten. Dieser aber wollte 
sich einst das noch schwache und hilflose Kind versichern und das Ich 
wünscht sie auch jetzt noch, weil es sich vor dem Liebesverlust bei den 
Eltern fürchtet. 

Was hier ausgeführt wurde, stimmt ausgezeichnet zu den psychoanalyti- 
schen Annahmen, die Freud auf einem anscheinend weit abliegenden Felde 
gemacht hat. Durch eine Reihe von psychologischen Tatsachen sah er sich 
zu einer Rekonstruktion der Vorgänge in der Urhorde, welche die Anfangs- 
organisation der Menschheit bildet, gedrängt. Der Häuptling dieser Urhorde 
von primitiven Menschenwesen war ein gewalttätiger, grausamer Tyrann 
gewesen, dem alle Weibchen gehörten und der die heranwachsenden Söhne 
austrieb. Er war das Ideal jedes Einzelnen von ihnen gewesen, gleichzeitig 
geliebt und gehaßt, bewundert und gefürchtet. Einmal rotteten sich die 
Söhne nun zusammen und erschlugen den gewaltigen Vater, dem keiner 
allein gewachsen war. Keiner von ihnen konnte später allein den heiß be- 
gehrten Platz des Vaters einnehmen, weil sich sonst die Kämpfe um die 
Herrschaft erneuert hätten. Sie alle mußten auf die Erbschaft des Vaters 
verzichten. Es bildeten sich langsam Brüdergemeinschaften, die durch be- 
stimmte Verbote und Verzichte gekennzeichnet waren und in denen alle 



Künstler isdies Sdiaffen und witzarbeit 85 



dieselben Rechte und Pflichten hatten. Die neuen Familienorganisationen, 
die sich nach vielen Zwischenfällen konstituierten, waren nur Schatten der 
alten, denn jetzt gab es der Väter viele und das Recht jedes Einzelnen 
war durch das jedes Anderen eingeschränkt. Die Reaktionen auf den Vater- 
mord, jene alte Untat, deren Nachklang noch in Sagen, religiösen Sitten 
und in verschiedenen sozialen Einrichtungen erkennbar ist, bezeichnen die 
Anfänge der menschlichen Kultur, geben den Anstoß zu den großen Bildungen 
der Religion, des Rechtes und der gesellschaftlichen Ordnung. 

Die Fortsetzung dieses wissenschaftlichen Mythus Freuds versucht es 
nun auch, das Auftreten des ersten epischen Dichters in Zusammenhang mit 
der durch Jahrhunderttausende dauernden Nachwirkungen jenes gewaltigen 
Urverbrechens zu bringen. Der erste Dichter war ein Einzelner gewesen, 
der sich von der Masse ablöste, indem er sich an die Stelle des Vaters setzte 
und den Genossen erzählte, was die Phantasie ihm in der Form der Wunsch- 
erfüllung gezeigt hatte: wie er allein den furchtbaren Vater erschlug. Die 
Taten dieses Helden, der zugleich sein eigener Dichter ist, dieses Dichters, 
der zugleich sein eigener Held ist, werden so zum erstenmal der Masse 
erzählt und die Zuhörer, die alle von denselben, zwischen Sohnesstolz und 
Vatersehnsucht schwankenden Regungen erfüllt sind, identifizieren sich un- 
bewußt mit dem Dichter, der ihnen erfüllt zeigt, was sie alle wünschen. 
Sie verzeihen ihm seinen Phantasieanspruch, daß er allein es war, der die 
große Tat begangen haben will, weil er es durch die Kunst seiner Dar- 
stellung verstanden hat, die Regungen des Neides und der Rivalität zu be- 
schwichtigen und seine Zuhörer dazu zu bringen, wie er zu fühlen anstatt 

ihm zu zürnen. 

Dieser epische Dichter hatte aber einen Vorläufer, der dasjenige, was 
jener erzählte, mimte. In der griechischen Tragödie, die aus dem religiösen 
Mimus hervorging, ist es der leidende Held, der ein schreckliches Verbrechen 
begangen hat und es nun fürchterlich büßt, während der Chor ihn bedauert, 
warnt und ermahnt. Dieser untergehende Held ist der Sohn, der jene Untat 
beging und nun dafür bestraft wird. Das fürchterliche Geschehen, das die 
Handlung der Tragödie rings um den tragischen Bock zeigt, wurde nun im 
Satyrspiel von der heiteren, von der komischen Seite gesehen. Die Spieler — 
ursprünglich ein einzelner Spieler — stellten in der Tragödie dasselbe dar wie 
in der Komödie. Zeigten sie in dem einen Verbrechen und Sühne des mythi- 
schen Sohnes, so treiben sie in dem anderen mit Entsetzen Scherz. Es ist kein 
Widerspruch, wenn wir annehmen, daß jener Held der Tragödie, welcher ur- 
sprünglich der einzige Spieler war, zugleich den untergehenden Vater und den 



86 Theodor Reik 



aufrührerischen Sohn darstellte. 1 Diese Doppelrolle entsprach durchaus der 
ambivalenten Einstellung der Epigonen zu dem Vater, mit dem sie sich in Reue 
identifizierten und demgegenüber sie doch Trotz und Regungen der Rebellion 
spürten. Kam in der Tragödie seine furchtbare Macht zur Darstellung, so wurde 
er in dem Satyrspiel in seiner Ohnmacht verspottet, wurden hier seine Unarten 
und Fehler komisch gezeigt. Von der komischen, mimischen Situation, von 
der Verhöhnung des Vaters in Gesten, von seiner Darstellung in der 
Entstellung führt durch Jahrtausende eine einzige Linie zur Genese des 
Witzes. Wir haben hier das Quellgebiet des Witzes gefunden. Er setzt in 
der Darstellung weniger Worte jene rebellischen Tendenzen fort, die frühe 
Geschlechter der Menschen in Mimik und Gesten, Verkleidung und Karikatur 
zum Ausdruck brachten. 

Hier wird die psychische Gemeinsamkeit zwischen dem Dichter und dem 
Witzigen klar. Sie lösen sich kraft ihrer Begabung von der Masse ab, ver- 
fügen aber über besondere Wege, die Rückkehr zu ihr wieder zu erreichen. 
Jene Sonderstellung, die mit der Durchsetzung verbotener Triebziele ver- 
bunden ist, erregt ein unbewußtes Schuldgefühl, d. h. soziale Angst, die 
wohl begründet ist. Wer es wagt, zu sagen, was Andere nicht einmal be- 
wußt zu denken sich getrauen, ist ein Held, gefürchtet und beneidet, wie 
nur einer, der tut, was Andere gerne täten und zu tun nicht den Mut 
finden. Ihm droht gerade wegen seiner Sonderstellung jene Gefahr, die durch 
die feindliche und neidische Einstellung der Anderen heraufbeschworen wird. 
Diese soziale Angst zwingt ihn, sich der Masse wieder anzunähern, sie auf 
seine Seite zu bringen und alle Schuldgefühle durch den Beifall, den er 
erringt, zu beschwichtigen. 

Doch wohin sind wir geraten? Der Schöpfer des Witzes ist in unserer 
Betrachtung in die Nähe des Helden gerückt. Wer ein loses Witzwort aus- 
sprach, sollte in die Nachbarschaft dessen gelangen, der eine befreiende 
Tat ausführte? Und dies wegen einiger Worte nur, verklingender, entglei- 
tender Laute? 

IX 

Das Wort verdient unsere Minderschätzung nicht. Es hat die bedeutsamste 
Erbschaft angetreten : es wurde zum Ersatz der Tat. So wie in der Religion 
die heilige Handlung immer mehr dem heiligen Worte wich, so hat die 
Kulturentwicklung im allgemeinen dazu geführt, daß das Wort die Aktion 

l) Die obige Darstellung des Ursprungs und des Wesens der Tragödie basiert auf 
den Ausführungen Freuds in „Totem und Tabu" (Ges. Schriften, Bd. X), korrigiert 
diese aber in einigen wesentlichen Punkten. 



Künstlerisches üaflen und Witzarbeit 87 

in immer weiterem Ausmaße vertrat. Das Wort, das wir jetzt als Verständi- 
gungsmittel im Alltag gebrauchen, war auch nicht immer ein gleichgültig 
betrachtetes, von geringem Gefühlsaufwand begleitetes Mittel zum sozialen 
Verkehr wie heute. Es gab eine Zeit, da das Wort mehr und Wichtigeres 
bedeutete als in unserer Zeit, die soviel redet und so wenig sagt. Das 
Wort barg einst Zauberkräfte, es hatte magische Eigenschaften. Wer über 
bestimmte Worte verfügte, konnte die Geister der Luft, der Erde und der 
Unterwelt beschwören. Man mußte sich hüten, bestimmte Worte zu gebrauchen, 
weil sie Macht hatten über Leben und Tod; das Aussprechen der Gottes- 
namen war verboten, das böser Geister wurde vermieden. Am Worte hing 
Segen und Fluch, Glück und Verderben. Und hat denn das Wort allen 
seinen Zauber verloren? Spricht es nicht im Urteil des Richters den Spruch 
über das Schicksal von Menschen, zwingt es uns nicht im Munde des 
Dichters in jene Stimmung, die diesem letzten Magier gefällt? Es entsühnt 
den Schuldigen durch den Priester, bringt den Kranken Linderung, führt 
die Massen zu gewaltigen Leistungen oder vernichtenden Aktionen und 
bestimmt die Zukunft der Einzelnen und der Völker. 

Das Wort, dessen große Bedeutung für die Massen wirkung niemand leugnen 
wird, hat noch ein großes Stück jener magischen Macht, die ihm einst 
gegeben war, im Witz behalten. Es ist noch beladen mit jenen Eigenschaften, 
die einst seine Zauberkraft begründet haben und erweist sich noch immer 
als abgeblaßte Handlung. Es entkleidet das Objekt im obszönen Witz und 
schädigt oder vernichtet es im aggressiven. Dies ist gewiß bildlich gemeint, 
aber das Bild geht auf ein Stück realen Geschehens zurück. Der Witz greift 
wirklich sein Objekt an, — die ursprüngliche Bedeutung des Angreifens 
blickt hier durch, — er ist sozusagen nur eine wortgewordene Aktion. Wir 
haben früher dargelegt, daß sich der Witz aus Handlungen, aus einzelnen 
Aktionen, die durch Mimik und Gesten unterstützt wurden, entwickelt hat. 
Diese Handlungen hatten ursprünglich magische Bedeutung und das Wort, 
das dabei zuerst keine und später nur eine sekundäre Rolle spielte, gewann 
erst im Laufe der Kulturentwicklung in steigendem Maße jene Bedeutung, 
die es heute im Witze hatte. Aus der Magie der Handlung wurde die Magie 
des Wortes. Der Schauspieler ging dem Dichter voraus, vielmehr: er war 
einmal identisch mit ihm. Diese Herkunft des Wortes aus dem Sinnlichen, 
sozusagen Handgreiflichen, läßt sich noch in den vielfachen Übergangs- 
phasen bei den breiten Volksmassen studieren; dort wird auch erkennbar, 
daß die Witzeslust ursprünglich mit der Gebärde oder der Aktion inniger 
verknüpft war als mit dem Worte. 



88 Theodor Rcik 



Auch hier geht Volkelt Irrwege, weil er die Witzphänomene nur vom 
Standpunkte der Bewußtseinspsychologie beurteilt. So behandelt er den Witz 
in Gebärde und Handlung mit Absicht nicht, denn dieser „entsteht lediglich 
durch Übertragung der dort (am Worte) gewonnenen Bestimmungen auf die 
sichtbare Erscheinung". 1 Diese späte Übertragung geht aber alte Bahnen, die 
einst der Witz gegangen war, als ihm noch keine anderen zur Verfügung 
standen. Es ist keine Neuerung, die vom Wortwitze zum Witz in Gebärde 
und Handlung führt, sondern die Erneuerung einer Entwicklung, die 
ursprünglich die umgekehrte Bichtung verfolgte. Jene Annahme vonVolkelt 
wäre etwa einer Behauptung, das Bilderrätsel sei eine Übertragung der am 
gedruckten Worte gewonnenen Bestimmungen auf das Bildhafte, vergleichbar. 
Wir wisssen aber, daß sich das Alphabet der Druckschrift selbst aus einer 
Bilderschrift entwickelte. Jene Übertragung entspricht also einer Bückkehr 
zu der ursprünglichen Form. So fremdartig uns dies auch heute erscheinen 
mag: die Übertragung des Witzes, der durch das Wort seine Wirkung er- 
reicht, auf das Witzige in Gebärde und Handlung stellt eigentlich ein Bück- 
greifen auf eine frühe, auf die primäre Phase der Witzentwicklung dar. 
Wenn wir noch jetzt die Witzerzählung durch mimische Zeichen und 
Gebärden unterstützen, greifen wir zu Mitteln, die ursprünglich die einzigen 
Ausdrucksmöglichkeiten des Witzes waren und erst sehr spät zum Rang 
von Begleiterscheinungen degradiert wurden. 

Die Bedeutung der Wortwahl, Wortsetzung und Satzverknüpfung im Witz 
entspricht ökonomisch durchaus derjenigen, welche die Formarbeit im künst- 
lerischen Schaffen besitzt. Daß sich diese psychische Leistung im Witz nur 
en miniature vollzieht, unterscheidet sie ihrem Wesen nach nicht von jener 
imponierenderen und bedeutungsvolleren. In parvis magna voluisse sat est. 
Es ist uns durch Freuds Untersuchungen bekannt, daß die Wortbehandlung 
im Witz der Worteinschätzung des Kindes entspricht. Das Ich kehrt in jenen 
Sekunden, welche die unbewußte Bearbeitung des Gedankens bezeichnen, 
zur infantilen Wortbehandlung zurück, die Ausdrücke so behandelt, wie 
wenn sie Dinge wären. Hier einige Beispiele, wie Kinder Worte behandeln : 
mein Sohn Arthur sprach als kleiner Junge von einem Bekannten, der 
PaulKohn hieß, nur als von einem Herrn Balkon. Er fürchtete sich vor 
einem Herrn, von dem er gehört hatte, daß er Reisender sei, weil er 
dieses Wort mit „reißen" (an den Haaren ziehen) zusammenbrachte. Ein 
Wachinspektor erweckte dagegen in ihm freundliche Gefühle, weil dieser 



1) System der Ästhetik. 2. Bd., S. 531. 



Künstlerisdies Sdiaffen und Witsarbeit 89 



Würdeträger für ihn mit dem geliebten „Speck" verbunden war. Ein 
anderer kleiner Knabe, dem man einmal einen Papagei gezeigt hatte, 
wünschte auch die dazugehörige Mamagei zu sehen. Man vergleiche mit 
diesen Beispielen infantiler Wortbehandlung etwa die witzige Behauptung 
jener Hein eschen Figur, Rothschild habe ihn ganz famillionär behandelt, 
oder Nietzsches Charakteristik: „Liszt oder die Schule der Geläufig- 
keit — nach Weibern." Auch hier werden wir darauf aufmerksam, daß 
dieses Spiel mit den Worten nicht immer nur ein Spiel war. Wenn Karl 
Kraus einmal die (hier in der Verkürzung wiedergegebene) obszön- witzige 
Behauptung aufstellte, es gebe keine unverstandenen Frauen, es gebe nur 
unbegriffene, so liegt in der Vertauschung der Synonyma ein Rückgreifen 
auf altes, verlorengegangenes Sprachgut vor, das noch im Hebräischen „Ein 
Weib erkennen" und „Geschlechtsverkehr mit einem Weibe haben" gleich- 
setzt. Auch das Vollnehmen einer abgeblaßten Redewendung, die Benützung 
der Plastizität eines Ausdruckes weist auf eine Phase der Menschheits- 
entwicklung zurück, da dem Worte eine höhere Bedeutung zukam als 
bei den heute lebenden Generationen und da es nicht nur eine lose 
Hülle der Dinge war, sondern ihr enganliegendes und schwer ablösbares 
Kleid. 



Auch der Schöpfer des Witzes benimmt sich so, als wäre die Allmacht 
des Wortes, welche eine mythische Vorzeit beherrschte, noch in Kraft. 
Durch den Zauber des Wortes wird der Zuhörer in einen Bann geschlagen, 
der ihn vergessen läßt, wie unverträglich die Tendenzen, denen der Witz 
Ausdruck verleiht, mit seinen sozialen, ethischen, religiösen u. s. w. An- 
sprüchen sonst sind. Hinter der abgeblaßten Macht des Wortes wird auch 
heute noch im Witz der Geist ihrer realen Wirksamkeit verspürbar. Die 
Frauen dulden es nicht, daß man in ihrer Gegenwart unverhüllt frivole 
oder obszöne Witze macht, und entziehen dem Übeltäter ihre Geneigt- 
heit, die für alle so wichtig ist. Der Staat und die Religionen schützen 
sich durch Paragraphe des Strafgesetzbuches und Drohungen gegen den 
witzigen Angriff auf ihre Einrichtungen oder ihre autoritative Personen 
und bestrafen ihn, wenn er bestimmte, ziemlich enggezogene Grenzen über- 
schreitet. Der Witz bezeugt so, daß ein Stück der Macht der Worte, das die 
Macht der Gedanken vertritt, noch immer erhalten geblieben ist. Er vermag 
es, die sich schämende Frau durch Worte zu entblößen und so in einem 
gewissen Sinne Besitz von ihr zu nehmen. Er erreicht auch seine aggres- 



go Reit: Küustlerisdies Scnaffen und vv it=arbeit 

siven Absichten, deren verborgene Tiefe wir anerkennen, wenn wir sagen: 
Lächerlichkeit tötet. 

Auch im Witz sind also die Allmachtsbestrebungen der Menschheit 
gleichsam in Kraft geblieben. Wie im Tagtraum und in der Dichtung tauchen 
im Witz bestimmte, unausgelebte seelische Möglichkeiten aus den Tiefen des 
Unbewußten auf. Auch der Witz gehört wie die Kunst jenem Zwischenreich 
an, das sich zwischen der wunschversagenden Realität und der wunsch- 
erfüllenden Phantasie einschiebt. 

Der Humor stellt sich als eine besondere Art des Trostes im Kampfe 
ums Dasein dar, der Witz als eine besondere Art der Waffe. Beide ent- 
stammen dem Grunde des Leidens. Beide haben pathogonen Charakter. 
So darf der Psychologe mit Nietzsche von sich behaupten: „Vielleicht 
weiß ich am besten, warum der Mensch allein lacht: er leidet so tief, 
daß er das Lachen erfinden mußte." 



Anspielung und Üntblö^ung 



„Die Fliege, die nicht geklappt sein will, 
setzt sich am sichersten auf die Klappe 
selbst." Lichtenberg. 



Die Technik der Anspielung, von Freud auch als „indirekte Darstellung 
bezeichnet, ist nicht auf den Witz beschränkt. Sie erscheint in Wort und 
Bild im politischen und gesellschaftlichen Leben, in der Konversation des 
Alltags und in der wissenschaftlichen Diskussion häufig ohne die Charaktere 
des Witzigen. Für die witzige Anspielung ist es wesentlich geworden, daß 
sie am Wortlaut hängt. In den meisten Fällen ergibt die Analyse der 
witzigen Anspielung, daß sie den Ersatz einer Auslassung darstellt. Die 
Arten dieses Ersatzes sind mannigfaltig. Wählen wir als Beispiel das Bruch- 
stück eines Gespräches, das der „Simplizissimus" eine junge Dame und 
einen Herrn führen läßt: die Dame: „Was, jetzt schlafen Sie noch bei 
offenem Fenster? Hu, bei der Kälte könnte ich es nicht aushalten!*' — 
„Ja, liebes Fräulein, dann würde ich die Fenster natürlich schließen." 

Das klingt zuerst wie ein Mißverständnis: die Dame will sagen, sie 
könnte bei offenen Fenstern in ihrem Zimmer nicht schlafen. Der Herr 
faßt aber ihre Aussage so auf, als hätte sie gesagt, sie könnte bei offenen 
Fenstern in seinem Zimmer nicht schlafen. Wir bemerken natürlich so- 
fort, daß das Mißverständnis ein absichtliches ist: das Wörtchen „dann" 
(„dann würde ich die Fenster natürlich schließen") deuten auf den aus- 
gefallenen, d. h. nicht direkt ausgedrückten Gedanken hin. Die Technik 
dieses Witzes ist die der Darstellung durch ein Kleinstes. Der im Hinter- 
grund stehende Gedanke wird auf ein Detail, das des Offenhaltens oder 



g a Theodor Reik 



Schließens der Fenster, verschoben. Es sei sogleich bemerkt, daß dieselbe 
Anspielungstechnik sich auch in Witzen findet, die anderen Tendenzen 
dienen. Hier ein Witz aus dem politischen Milieu, der zeigt, mit wie geringen 
Mitteln die Anspielung ihr Ziel erreicht. Während der Verhandlungen des 
Obersten Rates in Cannes soll Lloyd George einmal sein schönes Phlegma 
verloren und sich plötzlich gegen seine französischen Kollegen gewendet 
haben: „Ah, vous autres, Francais, vous etes des vaniteux; mais prenez 
gar de: entre la vanite et le ridicule iL n'y a qu'un pas.'" „Oui, le Pas de 
Calais", warf Bri and nachlässig ein Das Ziel dieses Witzes wird durch ein 
Wortspiel erreicht, das, an sich harmlos, in den Dienst aggressiver Tendenzen 

gestellt wird. 

Bei jenen Witzen, die sich auf sexuelle Themen beziehen, umfaßt die 
Anspielung das weite Feld zwischen der groben Zote bis zum geistreichen 
Ausspruch, vom Wink mit dem Zaunpfahl bis zur unauffälligsten Andeutung. 
Der achtzigjährige Dichter Fontenelle hob einer schönen jungen Dame 
einen Fächer auf, ohne ein Wort oder eine Bewegung des Dankes von ihr zu 
erhalten. In sanftem Tone sagte er seiner Nachbarin: O Madame, wie sehr 
verschwenden Sie Ihre Kälte!" Dieser in so geistreicher Form ausgedrückte 
Vorwurf will sagen, wie häufig eine demonstrativ kühle Haltung gegen- 
über dem Manne darauf berechnet ist, ihn nur mehr anzuziehen. Die Galanterie 
gebietet es oft wie in diesem Falle, eine unangenehme Wahrheit zu ver- 
süßen. So gelingt es manchmal, eine Abweisung durch ein Kompliment 
auszudrücken. Mme. de Stael wünschte zu wissen, ob Talleyrand ihr eine 
andere Dame vorziehe. Da sie es lange nicht klar zu entscheiden wußte, 
fragte sie einmal den Diplomaten direkt: „Wenn Mme. X und ich ins 
Wasser fielen, welche von uns beiden würden Sie retten? — „O Madame, 
ich weiß, daß Sie ausgezeichnet schwimmen." Man spricht vergebens viel, 
um zu versagen, aber manchmal wird solche Versagung leichter ertragen, 
wenn es wie hier gelingt, sie witzig anzudeuten, ohne viel zu sprechen. 
Will man dem Wesen der Anspielung psychologisch näherkommen und 
sucht man die Bedingungen, welche ihre Lustwirkung bestimmen, zu be- 
schreiben, so entdeckt man überrascht, daß man dabei immer wieder Aus- 
drücke und Bilder gebraucht, die aus einem sehr entfernten Gebiete stammen. 
Man versucht etwa zu zeigen, daß der Witz seinen Sinn verhüllt und ent- 
hüllt, spricht von der witzigen Einkleidung eines Gedankens usw. Es kann 
nicht Zufall sein, daß wir hier Bilder aus dem Rayon der Bekleidung 
wählen. Sollte sich hier vielleicht ein Weg öffnen, die Natur der An- 
spielung besser zu verstehen? Die Sprache ist ja so oft klüger als diejenigen, 



Anspielung und Entblößung g5 



welche sie sprechen. Jedenfalls lohnt es sich, die Spur ein Stück weit zu 
verfolgen. Sie führt eine gute Strecke abseits von der üblichen Heerstraße 
ästhetischer Betrachtung. 

II 

Was immer die Motive gewesen sein mögen, welche die Menschen der 
Prähistorie zur Bekleidung geführt haben, 1 es kann nicht die Scham ge- 
wesen sein. Diese kann sich erst entwickeln, wenn der Wechsel von nackt 
und bekleidet schon zum Bewußtsein gekommen ist. Sie setzt die Bekleidung 
als allgemeine Sitte bereits voraus- Die Scham ist mit der Entblößung ver- 
bunden, nicht mit der primitiven Nacktheit. 

Die Nacktheit wurde später als unziemlich empfunden, das Bekleidetsein 
erschien den Menschen als Normalzustand. Sie waren freilich oft gezwungen, 
daran zu denken, daß sie unter den Kleidern nackt waren. Das ursprüng- 
liche Interesse am weiblichen Körper mußte nun bei der Kleidung ver- 
weilen. Viele Fälle von Fetischismus zeigen dem Analytiker, daß dieses 
affektbetonte Verweilen der Phantasie die Ausbildung fetischistischer 
Neigungen bestimmen kann. 2 Das Luststreben folgte den Wegen der Hemmung: 
es bezog sich bald auf die Entblößung, welche die völlige Nacktheit in 
Aussicht stellte oder vertrat. Die plötzliche Entblößung scheint wirklich einst 
jene Wirkung gehabt zu haben, die man auch beim Witz wiederfindet. Eine 
Hemmung wird als überflüssig empfunden und die Ersparung von Hemmungs- 
aufwand wird sich in der Form des Lachens beim Zuschauer Ausdruck 
verschaffen. Die griechische Sage erzählt, daß Demeter auf der Suche nach 
ihrer Tochter nach Eleusis gekommen sei. Von Dysaules und Baubo gast- 
freundlich aufgenommen, verweigerte sie in ihrer tiefen Trauer Speise und 
Trank. Da hob die Wirtin Baubo plötzlich ihr Kleid und enthüllte ihren 
Leib, wodurch die Göttin zum Lachen gebracht wurde. 3 (Auf Terrakotten, 
die in Kleinasien gefunden wurden, sieht man Baubo mit dem aufge- 
hobenen Rock dargestellt.) Solche Wirkung der plötzlichen Entblößung ist 
uns nicht völlig entfremdet, man kann ihre Spuren noch immer in der 
Entblößung durch das Wort, in der Zote und im Witz wiederfinden. 

1) Eine nicht publizierte analytische Theorie führt die menschliche Kleidung auf 
magische Motive zurück und leitet ihren Ursprung von Voraussetzungen, die sich 
aus dem Totemismus ergeben, ab. 

2) Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie (Ges. Schriften. Bd. V). 

3) Man vergleiche Salomon Reinach: Cultes. Mythes et Religion. Paris 1912. — 
Freud hat diese Sage in Beziehung zu bestimmten Zwangsvorstellungen gebracht (Ges. 
Schriften. Bd. X. S. 241). 



94 



Theodor Reik 



Die Entblößung, welche diese Wirkung ausübte, muß sich ursprünglich 
auf das Genitale und den After bezogen haben, erst mit dem säkularen 
Verdrängungsfortschritt, der eine Verschärfung des Schamgefühles brachte, 
wurden auch andere Arten von Entblößungen als lustvoll empfunden. Die 
Intensivierung des Schamgefühles hatte nun zur Folge, daß auch die Ent- 
blößung der an das Genitale angrenzenden Körperpartien zum Vorlustziel 
wurde. Die dem Wege der Voyeurbegierde folgende Phantasie zeichnete 
nun die Konturen des weiblichen Körpers unter der Hülle nach und jede 
geringe Entblößung des sonst Bedeckten wurde zum Anlaß, diese Phantasie 
zu erwecken. Die Entblößungslust, die ihr Ziel nicht ganz erreichen konnte, 
heftete sich an die einzelnen Stationen. Jedes Detail der Entblößung regte 
dazu an, sich den nackten Körper vorzustellen. Die Frauenkleidung kam 
solchem Luststreben entgegen, indem sie bald diesen, bald jenen Körper- 
teil dem Blick freigab. Entblößungen dieser Art, die von der Mode ge- 
fördert, ein geringes Stück des Körpers der Neugierde preisgeben, kann 
man psychologisch mit gutem Recht mit der Anspielung vergleichen. Das 
Wesen der Anspielung besteht nämlich im Hinweis auf einen verdeckten 
Zusammenhang durch Enthüllung eines Elementes, das auf das verborgene 
Ganze deutet. Solcher Art sind auch jene partiellen Entblößungen, wie sie 
die Frauenkleidung bietet (das Dekollete, der kurze Rock usw.). 

Die Anspielung ist eine Art Anregung, welche die Assoziation des 
Zuhörers oder Lesers in besonderer Art auf einen bestimmten Zusammen- 
hang lenken soll, ebenso wie jene partielle Entblößung dazu anregen soll, 
den Weg von der Lust an der Enthüllung des Details bis zu der an der 
völligen Entblößung in der Phantasie zurückzulegen. Beide Erscheinungen 
bezeichnen einen partiellen Durchbruch eines Verbotes und es ist charak- 
teristisch, daß diese V erbotsauf hebung in der Verschiebung auf ein Kleinstes 
vor sich geht. Es obliegt dem Zuhörer nun, von jenem Kleinsten aus zu 
erraten, was hinter der Anspielung steckt. Das Finden dieses Zusammen- 
hanges, das Wiedererkennen, erweckt Lust. Bisher hat sich unser Vergleich 
nur insofern bewährt, als er uns zeigte, daß die Vorgänge der partiellen 
Entblößung und der Anspielung psychologisch parallel laufen. Es besteht 
ein Verbot hier des Zeigens der Nacktheit, dort der Darstellung einer Trieb- 
regung. Die Lust an der Entblößung dort entspricht der Lust am Aus- 
sprechen jener verpönten Triebtendenz hier. Da die Durchsetzung dieser 
Triebtendenz an der primären Stelle nicht möglich ist, wird sie so lange 
verschoben, bis sie sich in bezug auf ein Detail äußern darf, ohne als 
grober Triebausdruck abgewiesen zu werden. Die von der Mode vorge- 



Anspielung tmd .Entblöijiintr q£ 



schriebene Entblößung muß zwei Anforderungen zugleich gerecht werden: 
sie soll sowohl die Exhibitionslust als auch die Gebote der Schicklichkeit 
ein Stück weit befriedigen. Sie soll die Nacktheit zeigen, aber auch ver- 
bergen. Ebenso die Anspielung in der Rede oder im Bilde: sie soll genügend 
deutlich sein, um den Leser oder Zuhörer einen verhüllten Zusammenhang 
erraten zu lassen, sie soll indessen nicht überdeutlich sein, weil sonst Ab- 
weisung oder Verurteilung zu gewärtigen sind. 

III 

Was bisher gesagt wurde, bezieht sich auf das Wesen der Anspielung 
überhaupt; uns ist hier aber die spezielle Anspielung im Witz wichtig. Kann 
uns jener Vergleich noch ein Stück weiter führen und uns dem Verständnis 
der witzigen Anspielung näherbringen? Wie mir scheint, ist dies nicht un- 
möglich. Die Anspielung im Witze entsteht, indem man demonstrativ etwas 
verdeckt und dadurch die Aufmerksamkeit und die Lust des Erkennenwollens 
darauf lenkt. Eine Dame, die den Ausschnitt des Kleides oder den Rock, 
der sich nach oben verschoben hat, zurechtrückt, gehorcht den Geboten des 
Anstandes, die ihr seit Kindheit gelehrt wurden und die dann zum inneren 
Gebot wurden. Jedermann weiß, daß solche schamhafte Korrektur sich 
manchmal gut mit den entgegengesetzten Tendenzen zu einer eigenartigen 
Kompromißleistung verbinden kann. Dieselbe Bewegung, die sie durch- 
führen soll, lenkt die Aufmerksamkeit des Andern auf die vorher nicht 
beachtete Entblößung. Dies ist nun genau dasselbe, was die witzige An- 
spielung tut. Sie besteht in einem demonstrativen Verdecken, das die Auf- 
merksamkeit auf sich lenkt und die Phantasie zur völligen Enthüllung reizt. 

Freud bemerkt, daß der Witz um so feiner wird, je größer das Mißver- 
hältnis zwischen dem in der Zote direkt Gegebenen und dem von ihr mit 
Notwendigkeit Angeregten ist. Auch die Frauenkleidung wird um so „reiz- 
voller", mit je geringerem Ausmaß von Entblößung es gelingt, im Manne 
die Vorstellung der völligen Nacktheit hervorzurufen. Auch hier ist jenes 
wechselvolle Spiel zwischen Verhüllen und Enthüllen wirksam, das je nach 
Zeit und gesellschaftlichem Milieu verschiedene Formen annimmt. Je strenger 
die Anforderungen der Schamhaftigkeit sind, eine um so geringere Entblößung 
kann genügen, jene spezifische Voyeurlust zu erwecken. Je größer die Prä- 
tentionen des Schamgefühles sind, um so weniger ist dazu notwendig, solche 
Freude auszulösen. So ist die witzige Anspielung um so wirksamer und um so 
feiner, je mehr es ihr gelingt, mit dem geringsten Ausmaß der Enthüllung 



zu arbeiten und der Phantasie doch den freiesten Spielraum zu geben, d. h. 
je mehr sie verhüllt läßt. „Every picture teils a story" Die witzige An- 
spielung wird in diesem Sinne besonders lustvoll sein, wenn der Zeichner 
imstande ist, mit möglichst wenigen Strichen den Betrachter zur Vorstellung 
jener Geschichte zu bringen. 

Von hier ist nur noch ein Schritt zu einer weiteren Aufklärung über 
das Wesen der witzigen Anspielung. Bestimmte Erfahrungen der analyti- 
schen Praxis lassen erkennen, daß der Anblick der Nacktheit der Frau die 
Libido vieler Männer schwächt und hemmt, ja in einzelnen Fällen die 
Entwicklung einer libidinösen Erregung aufzuhalten vermag. Die Psycho- 
analyse kann dann nachweisen, daß diese Störung durch den Kastrations- 
komplex bedingt ist, welcher das weibliche Genitale unbewußt einer Wunde 
gleichsetzt und den Mann für die Intaktheit seines eigenen Geschlechts- 
teiles fürchten läßt. Ich kenne einige Fälle, in denen Männer ihre volle 
Potenz nur erreichen können, wenn die Frauen teilweise bekleidet bleiben ; 
wenn ihre sexuelle Partnerin nackt ist, versagen sie oder ihre Potenz er- 
weist sich zumindest als kapriziös. Man darf es aussprechen, daß eine un- 
geahnt große Anzahl von Männern in ihrem Liebesleben manifest oder 
latent zu dem hier bezeichneten Typus gehören. 

Wenn so die Nacktheit, deren Anblick ursprünglich das Triebziel der 
Voyeurtendenzen war, nicht mehr libidoerregend wirkt, so wird in einer 
Anzahl der Fälle auch eine Fixierung an eine infantile Voyeursituation vor- 
liegen, deren Inhalt eine partielle Entblößung des Frauenkörpers war. Beide 
Motive führen einzeln oder in ihrer Kombinierung zu der Wirkung, daß 
nicht der nackte, sondern der teilweise entblößte Frauenkörper libido- 
erregend wirkt. Die Nacktheit muß wenigstens partiell bedeckt werden, damit 
jene spezielle Sexualbedingung erfüllt oder angedeutet erscheint. Man er- 
innert sich der Stiche Felicien Bops', auf denen der Künstler seinen nackten 
Frauenfiguren ihren Hut, ihre Strümpfe oder ihren Kopfschmuck läßt, um 
den Eindruck der Nacktheit zu dem libidinös erregenderen der Entblößung 
zu steigern. Die Frauen haben mit ihrem feinen sexuellen Instinkt diese 
besonderen Liebesbedingungen geahnt und auf sie in ihrer besonderen Art 
in Abwehr oder Entgegenkommen reagiert. Ich führe zum Beweise eines 
solchen weiblichen Verständnisses eine Stelle aus einem Roman von Anatole 
France an, in der dieser Frauenkenner eine typische weibliche Reaktion 
dieser Art schildert: „Er kam wieder zu ihr, nahm sie in seine Arme und 
überhäufte sie mit Liebkosungen. Binnen kurzem sah sie ihre Kleider in 
solcher Unordnung, daß — abgesehen von allen anderen Gefühlen — schon 




Anspielung und Entblößung 97 



das Schamgefühl ihr geboten hätte, sie abzulegen („Monsieur Bergeret 

ä Paris"). 

Man findet die analoge psychische Konstellation im Witz dort, wo das 
Thema als solches dazu reizt, sexuellen oder feindseligen Gefühlen eine 
Ausdrucksmöglichkeit zu geben. Wird ein solcher Ausdruck vom Zuhörer 
erwartet, so muß die Anspielung besonders fein in der Form sein oder 
sich auf eine überraschende Art einstellen, um die Lustwirkung zu ge- 
währleisten. Die witzige Anspielung setzte die Verhüllung voraus; wo sich 
die Gefahr der nackten Tatsachenfeststellung ergibt, muß sie erst den 
Zusammenhang verschleiern, damit eine Entblößung stattfinden kann. Ein 
Beispiel: ein Kritiker schrieb über die noch immer erfolgreiche Diva X 
in einem Premierenbericht: „Frau X ist keine gute Sängerin, sie ist keine 
gute Schauspielerin und keine gute Tänzerin, sie ist nur eine gute Vier- 
zigerin." Die Technik dieses ungalanten Witzes, dessen Grausamkeit nur 
durch die gezierte Jugendlichkeit und Anmaßung jener Sängerin ent- 
schuldigt werden kann, ist einfach: Doppelsinn mit Anspielung. Wir sind 
darauf vorbereitet, daß der Kritiker in seiner Aggression fortfahren wird; 
statt dessen setzt er nun anscheinend eine positive Aussage. Dann erst er- 
kennen wir ihren wirklichen Sinn: das Lob, das er der Diva spendet, ver- 
wendet das Wort „gut" doppelsinnig und die darin enthaltene Anspielung soll 
die Sängerin nur noch mehr herabsetzen. Hier ist also die Verhüllung deshalb 
angebracht, um jene spezifische Steigerung der Lust Wirkung zu produzieren, die 
durch die vorangegangene Aggression notwendig geworden ist. Hätte der 
Kritiker seinen Angriff in der früheren Art fortgesetzt, so wären wir ernst 
geblieben, ja hätten sogar Mitleid mit jener Sängerin empfunden. Die witzige 
Anspielung verwandelt hier, um zu unserem Vergleich zurückzukehren, die 
Lust an der Nacktheit in Lust an der Entblößung. Dieselbe Wirkung 
erreicht die Anspielung auch, wo sie sich eines anderen Mechanismus der 
Steigerung bedient wie in folgendem Beispiele: der Wiener Schriftsteller 
Saphir, der als Jude geboren war, trat zuerst zum Katholizismus über und 
nahm dann nach einiger Zeit den protestantischen Glauben an. Über die 
Gründe eines so überraschenden Glaubens wechseis gefragt, antwortete er: 
„Sehen Sie, als Jude hat Gott mich gesehen, ich aber habe ihn nicht ge- 
sehen; als Katholik habe ich Gott gesehen, aber er hat mich nicht ge- 
sehen; als Protestant sieht er mich nicht und ich seh ihn nicht." Die 
Meinung dieses Ausspruches ist klar: im Judentum ist die Allgegenwart 
Gottes vorgesehen, das Anfertigen von Bildern der Gottheit aber ist unter- 
sagt. Im Katholizismus gibt es zahlreiche Bilder Gottvaters und Gottsohnes, 

Reik: Lust und Leid im Witz. 7 



98 Reik: Anspielung und Entblöjjung 

man kann sie sehen, aber diese Bilder sind nichts Lebendes: sie selbst 
sehen den Beschauer nicht. Im Protestantismus braucht man sich überhaupt 
um Gott nicht zu bekümmern, er ist ausgeschaltet und das ist das Bequemste. 
Durch die Vorerzählung sind wir darauf gefaßt, von Saphir Äußerungen 
des Zweifels an der Vollkommenheit der betreffenden Religionen zu hören. 
Wir bekommen sie auch zu hören, aber erst die Steigerung in der Aussage 
über das Wesen des Protestantismus löst diejenige Lustwirkung aus, die 
dem Witz eigen ist. Die kunstvolle Verhüllung in der Anspielung, welche 
auf eine potenzierte Blasphemie hinausläuft, bringt diese Wirkung hervor. 
Ein ausgezeichnetes Beispiel solcher Anspielungsart, welches die Notwendig- 
keit der indirekten Darstellung besonders dort zeigt, wo eine Kraßheit voran- 
gegangen ist, findet sich bei Anatole France in dem Roman „La Revolte 
des Anges . Dort wird erzählt, wie der in einen Menschen verwandelte 
Engel Arcade und Herr Gaeton einander am Krankenbette des jungen Aristo- 
kraten Maurice begegnen. Man spricht zuerst über Religion und Philosophie. 
Im Laufe der langen Unterhaltung wurden dabei Zoten gesagt, die nach 
des Dichters Beschreibung „nicht bloß einen Sergeanten . . . sondern sogar 
eine Pariserin hätten erröten lassen . Die Anspielung durch Steigerung 
dient hier wie so oft im Witz der Absicht der Herabsetzung. 

Nicht immer ist der Witz in seiner Anspielung so böswillig wie in den 
zuletzt angeführten Beispielen. Er kann sich auch sanfter und liebens- 
würdiger über Menschliches und Göttliches äußern. Vielleicht ist es schicklich, 
diesen kleinen Beitrag mit einem Beispiel zu schließen, in dem die An- 
spielungstechnik in den Dienst so freundlicher Regungen gestellt wird. In 
Paris erzählte man unlängst folgende reizende Geschichte: ein Herr hatte 
mit dem frommen und kunstfreundlichen Abbe Mugnier, der Huysmans 
und andere Freigeister wieder zum Christentum zurückgeführt hat, eine 
Unterhaltung über Anatole France. „Glauben Sie," fragte er, „daß unser 
guter Meister jetzt im .ewigen Höllenfeuer röstet?" — „Ach nein," ant- 
wortet der alte Priester, „sicherlich hat Gott seine Bücher gelesen." 



_L)ie zweilache U berraschung 



„Schlage die Trommel und fürchte dich nicht." 

Heinrich Heine. 



Die Autoren, die sich mit dem Problem des Witzes beschäftigen, 
betonen übereinstimmend die Wichtigkeit, ja Unentbehrlichkeit des Mo- 
mentes der Überraschung für das Zustandekommen der Witzlust. Die 
Epitheta, die man in ihren Untersuchungen über den Witz immer 
wieder findet, sind: unerwartet, plötzlich, überraschend, soudain, sudden usw. 
Kant erklärt das Lachen als einen Affekt, der „aus der plötzlichen 
Verwandlung einer Erwartung in nichts" entspringe. Er setzt dann fort: 
Merkwürdig ist, daß . . . der Spaß immer etwas in sich enthalten muß, 
welches auf einen Augenblick täuschen kann: daher, wenn der Schein in 
nichts verschwindet, das Gemüt wieder zurückzieht, um es mit ihm noch 
einmal zu versuchen und so durch schnell hintereinander folgende An- 
spannung und Abspannung hin- und zurückschnellt und in Spannung ge- 
setzt wird, die, weil der Absprung von dem, was gleichsam die Saite an- 
zog, plötzlich, nicht durch ein allmähliches Nachlassen geschah, eine 
Gemütsbewegung und mit ihr harmonisierend inwendige, körperliche 
Bewegung verursachen muß, die unwillkürlich fortdauert und Ermüdung, 
dabei aber auch Aufheiterung die Wirkung einer zur Gesundheit reichen- 
den Motivation hervorbringt." Auch nach Heydenreich wird „unsere 
Erwartung im höchsten Grade gespannt und löst sich zu unserer 
Beruhigung in nichts auf". Heymans sieht die Würdigung des Witzes 
„in der raschen Aufeinanderfolge von Verblüffung und Erleuchtung". 
Nach der Auffassung von Th. Lipps erzeugt eben jenes zweite Stadium 

r 



ioo Theodor Reit 



der Erleuchtung, welches die Einsicht in die eigene Verblüffung und 
Täuschung sowie die Auflösung in Nichts bringt, die Komik. Hochfeld 
meint, die Wirkung jedes Witzes beruhe auf der „überraschenden Ent- 
deckung des verhüllten Sinnes". Auch Freud würdigt das Moment der 
Überraschung, ohne indessen seine analytische Untersuchung in dieser Richtung 
weiterzuführen. Es kann hier nicht unsere Aufgabe sein, eine Übersicht 
über die Auffassungen der Autoren zu geben. Es genüge der Hinweis, daß 
die meisten den Überraschungsfaktor in der Witzwirkung hervorgehoben 
haben. 1 

Die Überraschung als solche ist gewiß nicht witzig. Die Mimik und die 
Ausdrucksbewegungen einer Person, die eben eine unliebsame Überraschung 
erlebt hat, weisen keinerlei Ähnlichkeit mit denen des Zuhörers eines guten 
Witzes auf. Es muß eine speziellere, eben die witzige Überraschung sein 
die jene Lustwirkung auslöst. Manche Ästhetiker haben dies empfunden und 
versucht, die besondere Art der Überraschung im Witze näher zu bestimmen. 
Einige sagen, es komme eben auf die „getäuschte Erwartung" an. Wir er- 
warten etwas und jetzt komme etwas ganz anderes; die Einsicht in die 
Täuschung erzeuge die Witzwirkung. Wir wissen schon, daß diese nach 
Kants Ansicht durch die „plötzliche Verwandlung einer Erwartung in 
nichts" Zustandekommen soll. Theodor Vischer ist mit dieser Anschauung 
nicht zufrieden und nimmt eher eine „Auflösung in ein unendlich Kleines" 
an. Es fällt nicht schwer, die Auffassung Kants als falsch zu erweisen: 
wenn ich meine ganze Hoffnung auf die Gewinstchance eines Loses ge- 
setzt habe und das Los wird dann nicht gezogen, so mag dies ein Witz 
des Schicksals sein, es ist aber gewiß nicht nach unserem Sinne witzig, 
obwohl sich eine Erwartung plötzlich in nichts verwandelt. Ebensowenig, 
wenn sich jene Erwartung in ein „unendlich Kleines" auflöst, wir zum 
Beispiel die Mark, die jenes Los gekostet hat, zurückgewinnen. Die Gelehrten 
sind zwar darin einig, daß es eine solche, für den Witz charakteristische Über- 
raschung gibt, haben aber deren Natur noch nicht finden können. Die 
deutschen Ästhetiker und Philosophen, die sich mit besonderem Eifer um 
diese Aufgabe bemüht haben, haben lange genug vergeblich danach ge- 
sucht. Der Aufwand an Scharfsinn, den man dabei erkennen konnte, bleibt 
bewundernswert, das Resultat ist meistens kläglich. „Man kann nicht so 
eigentlich behaupten," sagt Börne witzig, „daß das deutsche Volk das 



l) Die Literatur über dieses Problem findet man jetzt am bequemsten bei Sophus 
Hochfeld: Der Witz. Leipzig 1920, sowie bei Fr. Jahn: Das Problem des Komischen 
in seiner geschichtlichen Entwickung. Berlin 1904. 



Die sweifadie Uoerrasdiung 101 



Pulver erfunden habe. Das deutsche Volk besteht aus dreißig Millionen 
Menschen. Nur einer davon hat das Pulver erfunden . . . die übrigen 
29,999.000 Deutschen haben das Pulver nicht erfunden. 

Nehmen wir sogleich dieses Witzbeispiel, um zu erkennen, daß es wirk- 
lich schwierig ist, die Art der witzigen Überraschung zu bestimmen. Man 
errät leicht, daß sie zunächst durch die Form gegeben ist. Hier handelt 
es sich zum Beispiel um eine mehrfache Verwendung desselben Materials: das 
eine Mal wird der Ausdruck „das Pulver erfinden" in übertragener Be- 
deutung gebracht, das andre Mal in seiner wörtlichen Bedeutung. Dieser 
Wechsel in der Anwendung einer Redensart wird gewiß als witzig empfunden. 
So wäre also die Überraschung auf die Form beschränkt? Keineswegs. Die 
Überraschung an der Form ist für die Witzwirkung wesentlich, aber sie 
verdeckt eine tiefer reichende Überraschung. Wir erkennen das sofort, 
wenn wir würdigen, was den wesentlichen Inhalt dieses Witzes bildet. 
Es handelt sich um eine Äußerung der Aggression, die sich hier des 
Doppelsinnes eines Ausdruckes bedient. Der Witz bietet eine doppelte 
Überraschung; wir lachen sowohl darüber, wie er etwas sagt, als auch 
darüber, was er sagt. Jene zweite Wirkung wird durch die erste ermöglicht. 
Freud hat gezeigt, wie oft eine geringe Änderung des witzigen Wortlautes 
genügt, die Witzwirkung zu zerstören. 

Ein Einwand drängt sich hier sogleich auf: wie steht es mit jenen Witzen 
ohne Tendenz, etwa mit dem harmlosen Wortspiel? Wir lachen dort doch 
nur über die Form, der Inhalt ist zumeist belanglos oder unbeträchtlich? 
Freud hat indessen in klarer Weise gezeigt, daß auch diese „harmlosen" 
Witze nicht ohne Tendenz sind und wäre es auch nur die, unzugänglich 
gewordene, infantile Lustquellen am Spiel mit Worten und Vorstellungen 
wieder zu eröffnen. Das Prinzip der zweifachen Überraschung gilt auch 
für den harmlosen Witz, denn auch dieser, l'esprit pour l'esprit, hebt alte 
Hemmungen auf. Jene Forderungen, die logischen Zusammenhang und ge- 
dankliche Folgerichtigkeit von uns verlangen und die gebieten, daß wir 
die Worte nur als Zeichen, nicht als Dinge behandeln sollen, werden von 
uns als kategorische Imperative verspürt. Man muß in der Analyse mancher 
Fälle erfahren haben, wie schwer es für viele Menschen wird, jene Disziplin 
der Logik, des bewußten Zusammenhanges im Denken und Reden fallen 
zu lassen, um einen Einblick in den alten Zwang zu erhalten. Die Über- 
raschung beim Wortspiel ist prinzipiell jener anderen beim Hören eines 
tendenziösen Witzes gleichzustellen. Sie stellt den Ausdruck eines Staunens 
über eine ungewohnte Freiheit der Gedanken- und Wortbehandlung dar. 



loa Theodor Reik 



der wir uns seit Kinderzeiten begeben haben. Wir haben für uns und 
unsere Nebenmenschen jenen logischen Zwang für bindend angesehen, die 
Symbol bedeutung der Worte anerkannt, da bricht der Witz ein und erinnert 
uns lustvoll daran, daß wir als Kinder andersartige Vorstellungsbahnen ge- 
gangen sind und die Wörter noch Dingbedeutung für uns hatten. Was im 
Witz auftaucht, scheint uns zuerst sinnlos und wir lachen erst, wenn wir 
den geheimen Sinn, den „Sinn im Unsinn", erkannt haben. Das Staunen 
gegenüber der eigenartigen Wortbehandlung des Witzes ist ahnungsvoll: 
es will jenen zweiten Sinn erraten. Unsere Kinder sind häufig in ähnlicher 
Art erstaunt, wenn sie Erwachsene Worte oder Wortverbindungen gebrauchen 
hören, die dem Kinde bisher ungewohnt waren. Auch sie suchen dann 
jenen verborgenen Sinn. Mein Sohn Arthur hatte als kleiner Junge einen 
Knaben kennengelernt, der Hermann hieß. Er überraschte mich einmal mit 
der Frage, wie es möglich sei, daß so ein kleiner Junge Herr und Mann 
heißen könne. Hier ist dasselbe Staunen, das wir gegenüber dem Wortspiel 
zuerst verspüren. Wenn die boshaften Pagen am Hofe Ludwigs XIV". beim 
Eintritt einer Dame grüßten: „Passez, beaute ! um dann: „Beaute passee. ,u 
zu flüstern, so ist ihnen der Wortumkehrungsmechanismus noch nicht so 
entfremdet wie uns Erwachsenen, die wir uns alle einmal als Kinder damit 
vergnügten, Worte umzudrehen. 

Dieselbe Überraschung fühlen wir, wenn etwa eine bekannte Redensart, 
eine Wendung im Witze im ungebräuchlichen, aber ursprünglichen Sinne oder 
in einer neuen Bedeutung gebraucht werden. Wenn Nestroy die Meinung 
vertritt: „Der Mensch ist endlich auch ein Federvieh, denn gar mancher 
zeigt, wie er a Feder in die Hand nimmt, daß er ein Vieh ist , so lachen 
wir über die doppelsinnige Verwendung der Worte Feder und Vieh, die uns 
in beiden Bedeutungen wohl bekannt sind. Man sieht, die Überraschung in 
der Witzwirkung haftet nicht am Worte als solchem, sondern an seiner 
besonderen Verwendung, zum Beispiel an der neuartigen Bedeutung, in der 
wir es sehen, an seinem Doppelsinn. So werden bestimmte Sätze oder Wort- 
verbindungen aus Goethes „Faust" von jedem Gebildeten sofort erkannt, 
wenn sie der Andere in die Rede einflicht, um eine Situation zu charak- 
terisieren. Es gefällt uns etwa wohl, wenn ein Kritiker, dessen Antipathie 
gegen die moderne Dramatik bekannt ist, seinen Premierenbericht mit den 
Worten beginnt: „Wie könnt' ich sonst so tapfer schmälen!" Wir er- 
innern uns der Rede des armen Gretchens, sind überrascht, sie hier in 
so andersartiger Situation wiederzufinden und fühlen solches Wiedererkennen 
entschieden lustvoll. Die witzige Überraschung wird aber erst eintreten, 



Die zweifache Überraschung lo3 



wenn wir etwa auf einen Doppelsinn in einem Zitat stoßen. Im alten 
Österreich konnten Dozenten jüdischen Bekenntnisses, die sich nicht zur 
Taufe bereit fanden, kaum Professoren werden, auch wenn sie auf hervor- 
ragende wissenschaftliche Leistungen hinweisen konnten. Man berichtete 
einmal dem jüdischen Dozenten L., seine Ernennung zum Professor werde 
im Ministerium in Erwägung gezogen. Er antwortete skeptisch: „Die Bot- 
schaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube." Der bekannte 
Satz aus dem „Faust" wirkte in dieser Placierung witzig, weil sich hinter 
dem landläufigen Sinn des Wortes Glaube als Fürwahrhalten der andere 
verbirgt. Das Zitat war uns bekannt, auch seine Anführung in der Konver- 
sation ist nicht allzuselten, aber erst sein doppelsinniger Gebrauch in diesem 
Zusammenhang gestaltet es zum Witz um. 

Wir fühlen dieselbe Überraschungswirkung, wenn eine uns bekannte 
Metapher in ungewohnter Art gebraucht oder ein konventioneller Vergleich 
in neuer Richtung fortgesetzt wird. So ist es entschieden überraschend und 
witzig zugleich, wenn ein Junggeselle seufzt: „Wenn ihr Frauen nur wäret 
wie die Sterne! Die kommen am Abend und verschwinden am 
Morgen." 

Der Hinweis auf die doppelte Natur der Überraschung des Witzes hat 
die Schwierigkeit des Problems eher größer als kleiner erscheinen lassen. 
Unser Versuch, den Charakter der witzigen Überraschung zu erfassen, ist 
nicht weit gediehen; vielleicht wird er das Schicksal so vieler seiner Vor- 
gänger erleiden. Es bleibt uns immerhin noch eine Möglichkeit. Wie wäre 
es, wenn wir statt von der speziellen Frage der witzigen Überraschung 
von der allgemeineren nach dem Wesen der Überraschung überhaupt aus- 
gingen? In Australien gibt es bestimmte Buschgruppen, die man nicht 
durchdringen kann; man muß um sie herumgehen. 



II 

Ist aber das Wesen der Überraschung nicht jedem so unmittelbar klar, 
daß sich eine nähere psychologische Untersuchung erübrigt? Dies schien 
mir nicht der Fall zu sein, denn ich bin bereits 1924 von der Behandlung 
anderer Probleme aus zu einer „überraschenden" Aussicht über die psycho- 
logische Natur der Überraschung gelangt. Als überraschend mußte ich eine 
Erwartung erkennen, die unbewußt geworden war und uns in einem 
unerwarteten Zeitpunkte, unter veränderten Bedingungen oder in schwer 



i<>4 Theodor Reit 



erkennbarer Form real entgegentritt: 1 „Die Überraschung wäre dann der 
Ausdruck der Schwierigkeit, etwas Altbekanntes, das unbewußt geworden 
ist, wiederzuerkennen, ja vielleicht wäre damit jenes Maß des psychischen 
Aufwandes gekennzeichnet, das nötig ist, ein unbewußt Gewordenes zu 
agnoszieren. Streng genommen, müßte man die Überraschung als jene Ab- 
wehrreaktion fassen, die sich gegen die Anregung richtet, vom Gewohnten 
abzusehen und im Neuen das Älteste wiederzufinden." Ich kann hier die 
psychologischen Erkenntnisse, welche zu dieser Folgerung führten, nicht 
wiederholen und verweise den Leser auf die genannte Studie. Wird sich 
diese Anschauung auch auf dem Gebiete der witzigen Überraschung als 
richtig erweisen? Und worin soll hier die besondere Erwartung liegen, die 
unbewußt geworden ist? Versuchen wir, sie durch Analyse einiger Beispiele 
zu finden: in Berlin lebt ein alter Bankier F., der durch seine Schlag- 
fertigkeit berühmt geworden ist. Eines Tages kommt ein Bekannter zu F. 
und fragt mit allen Anzeichen der Bestürzung: „Wissen Sie, wer heute ge- 
storben ist?" — „Mir ist jeder recht." Es ist leicht, hier jenen Wechsel von 
„Verblüffung" und „Erleuchtung" festzustellen, auch von einer „plötzlichen 
Verwandlung in Nichts" kann man sprechen, aber damit werden die Be- 
dingungen der Lustwirkung dieses Witzes nicht klarer. Gewiß, auch hier 
wurde eine Erwartung „enttäuscht", denn wir haben eine andere Beaktion 
auf eine Todesnachricht erwartet, aber auch das führt uns nicht weiter. 
Wir müßten eigentlich über die Boheit des Bankiers F. empört sein, warum 
lachen wir aber? Wir sind sicherlich überrascht, aber worin besteht diese 
Überraschung? Sie kann nur unser Staunen darüber widerspiegeln, daß 
jemand beim Erhalten einer Todesnachricht Gefühle solcher Art verspürt 
und daß er diese Gefühle so seelenruhig und unverblümt äußert. Damit 
sind wir aber dem psychologischen Kern des Witzes nähergekommen: wenn 
wir jene letzte Aufrichtigkeit gegen uns selbst aufbringen, müssen wir 
nicht gestehen, daß wir alle oft in ähnlicher Art fühlen? Müssen wir nicht 
zugeben: „mir ist jeder recht" — wenn es nur nicht ich selbst bin? 
Unsere Überraschung gilt also dem Wiedererkennen eines Altbekannten, 
aber unbewußt Gewordenen. Jene Äußerung hat plötzlich die Zensur, die wir 
unseren Gedanken auferlegen, durchbrochen und die Lust am Witz resultiert 
aus solcher plötzlichen Aufhebung von Hemmungsaufwand. Die Überraschung 
enthüllt sich also auch hier als eine plötzliche Bestätigung einer Erwartung, 



1) Der Schrecken und andere psychoanalytische Studien. Internationaler Psycho- 
analytischer Verlag. Wien 1929. S. 39 ff. 



Die sweifaAe Uberrasdiung io5 



die unbewußt geworden ist. Wir alle verspüren unbewußt Ähnliches wie 
F. beim Erhalten einer Todesnachricht und der Witz hat uns gezeigt, daß 
auch die Anderen dieselben Gefühle haben. 

Prüfen wir ein anderes Beispiel, das sich auf denselben Bankier bezieht: 
F. erhält nach Abgabe seiner Steuererklärung eine auf sie bezügliche schrift- 
liche Aufforderung des Finanzamtes, in der es heißt: „Wir vermissen den 
Gewinn aus dem diesjährigen Effektenverkauf." F.s Antwort bestand aus 
den zwei Worten: „Ich auch." 

Die Überraschung ist unzweifelhaft. Worin besteht sie? Wir hatten er- 
wartet, daß der so zur Rechenschaft Gezogene lange Erklärungen abgeben, 
seine Einschätzung rechtfertigen oder sein Übersehen entschuldigen werde; 
statt dessen erfahren wir seine lakonische Antwort, die wir zugleich als 
eine Abfuhr für die fragende Behörde empfinden. Auch diese Überraschung 
erweist sich als Eintreffen einer unbewußten Erwartung. Wir alle haben 
schon oft die lästige und so häufig unangebrachte Neugierde der Steuer- 
behörde empfunden und uns über ihre Erkundigungen geärgert. Es ist in 
uns, wenn wir von den Aufforderungen dieser Behörde hören, sozusagen 
eine unbewußte Aggressionsbereitschaft, die einen bestimmten Hemmungs- 
aufwand notwendig macht. In der Identifizierung mit F. sind wir nun 
plötzlich in der Lage, die unbewußten aggressiven Tendenzen durch 
Lachen abzuführen. Immer tiefer wird unsere Einsicht, wie falsch jene 
Anschauung Kants ist, der die Witzlust aus der „Verwandlung in Nichts" 
entstehen läßt. Das Wesentliche der Witzwirkung ist nicht etwa 
eine Enttäuschung, wie die Ästhetiker dekretieren, sondern geradezu 
eine Bestätigung, und zwar die Bestätigung einer unbewußten Er- 
wartung. 

Noch klarer wird dieser Zusammenhang dort, wo wir eine sachliche Ant- 
wort erwarten und von einer anscheinend unsinnigen oder nicht zur Sache 
gehörigen „überrascht" werden. Nehmen wir zum Beispiel die folgende 
Anekdote: In der Ecke eines Pariser Salons unterhalten sich drei Damen 
nach der Premiere eines Lustspieles von Alfred Capus über das vermutliche 
Alter des Autors. „Er sieht noch nicht wie vierzig Jahre aus", sagt die 
eine. „Aber er ist gar nicht vierzig; er ist ja schon fünfundvierzig", sagt 
lebhaft die zweite. „Sie scherzen," sagt die dritte, „er ist ja kaum sieben- 
unddreißig Jahre alt." Da tritt gerade der Dichter von „La Veine" ein und 
die eine der Damen beschließt, ihn selbst zu befragen. Da er sich nach 
Begrüßung der Hausfrau der Gruppe nähert, sagt sie: „Wir sind sehr in- 
diskret, Herr Capus, aber wir haben gerade gewettet. Wie alt sind Sie? 



to6 Theodor Reik 



Capus sieht sie zuerst an und antwortet freundlich: „Mesdames, das hängt 
von Ihren Absichten ab. 

Die Lustwirkung ergibt sich auch hier nicht allein aus der völlig un- 
erwarteten Antwort, sondern aus der Bestätigung unseres unbewußten 
Wissens, daß das Gespräch mit Frauen immer von unterirdischen sexuellen 
Gedanken begleitet ist. Capus hat sich in seiner Antwort zu diesem trieb- 
haften Unterstrom bekannt und so auch die Hemmungen in uns überflüssig 
gemacht. Die Überraschung im Witz gehört so zum Vorlustbereich, die un- 
bewußte Bestätigung einer Erwartung, das Wiedererkennen des Verdrängten, 
zur Endlustwirkung. Die Überraschung entspricht einer eingeschalteten Hem- 
mung, deren Überwindung das Wiedererkennen des Unbewußten um so lust- 
voller macht. Ein Vergleich liegt nahe: das Kind wünscht im Spiele, die 
Mutter solle sich verstecken. Es hat künstlich eine ursprünglich schmerzlich 
betonte Situation, die der Abwesenheit der Mutter, wiederhergestellt. Es 
tut dies spielerisch — Freud hat uns gezeigt, daß solche Wiederherstellung 
das passive Erleiden in eine seelische Bewältigung verwandelt — aber auch 
in diesem kindischen Spiele steckt ein tiefer Sinn. Gewiß ist auch das 
Suchen nach dem Versteckten für das Kind lustvoll, aber die Steigerung 
dieser Lust ist doch an das Wiederfinden der geliebten Mutter geknüpft. 

III 

Die kleine Korrektur, die wir an Freuds Theorie der Lustwirkung 
des Witzes anbringen müssen, wird von unseren bisherigen Erkenntnissen 
ausgehen: die Lust am Witz resultiert aus einer plötzlichen Aufhebung 
von Hemmungsaufwand. Die Einfügung dieses oder eines synonymen Ad- 
jektives erscheint mir für die analytische Auffassung der Witzlust unentbehrlich. 

Gewiß handelt es sich in der Überraschung des Witzes nicht um das 
unerwartete Eintreffen einer unbewußten Erwartung schlechthin, sondern 
um das einer triebhaften Erwartung. Es ist so, als wären unsere unbewußten, 
sexuellen, egoistischen und feindseligen Triebregungen immer ausbruchs- 
bereit und lauerten an den Gittern des Käfigs, in die wir sie gesperrt haben, 
auf den Augenblick, loszubrechen. Wir fühlen uns der Person, die den 
Witz macht und so die Funktion des Befreiers erfüllt, um so dankbarer, je 
stärker die Hemmung war, die er von uns genommen hat, d. h. also auch : 
je stärker die latente Lust zu ihrer Aufhebung früher in uns wirkte. Die 
witzige Überraschung stellt eine besondere Form des Einbruches in ein 
Gedankentabu dar. 




Die zweifache Uberrasdiung loj 



Dieser Einbruch erfolgt zuerst bei der Person, die den Witz produziert, 
und dann durch Identifizierung beim Zuhörer. Wer in der Selbstbeobach- 
tung einigermaßen geübt ist, wird gelegentlich an sich zu erkennen ver- 
mögen, daß das Überraschungsmoment auch bei dem Witzigen selbst nicht 
völlig fehlt. Er ist oft selbst über seinen Einfall, manchmal sogar über 
dessen Aussprechen und in einigen Fällen über die Lustwirkung, welche 
dieses Aussprechen auslöst, erstaunt. Diese Wirkung ist dadurch erklärbar, 
daß der Witzige zuerst den Hemmungsaufwand in sich selbst aufgehoben 
hat. Der Witz ergibt sich als Resultat der Begegnung mit dem eigenen Un- 
bewußten. Diese Begegnung ist unerwartet wie viele andere, ja sie wird 
in manchen Fällen bewußt als unerwünscht empfunden und ihr Ausdruck 
wird nur vom Trieb-Ich durchgesetzt. Die nähere analytische Untersuchung 
des seelischen Prozesses bei der Person, die den Witz produziert, steht noch 
aus. Jene Formel Freuds, derzufolge eine vorbewußte Vorstellung für Zeit- 
bruchteile dem Unbewußten überlassen wird, um dann vom Bewußtsein 
erfaßt zu werden, gibt nur die allgemeine Dynamik des psychischen Vor- 
ganges an. Bezeichnen wir ein Element einer bestimmten vorausgehenden 
Situation, zum Beispiel einen Satz als Reiz, der zur Produktion des Witzes 
führt so haben wir uns die Frage vorzulegen, was mit diesem Reiz in der 
Zeit zwischen seiner Perzeption und dem Aussprechen des Witzes geschieht 
Es ist schwer, sich davon eine Vorstellung zu machen, wenn man von jenen 
Witzen ausgeht, die man von Anderen erzählen gehört hat. Nicht minder 
schwierig ist es, sich auf dem Wege der Selbstbeobachtung über die Ein- 
zelheiten jenes Vorganges Rechenschaft zu geben. Es empfiehlt sich am 
ehesten, von Witzen auszugehen, welche aus einer Situation erwuchsen, in 
der wir selbst anwesend waren. Vielleicht gelangt man auf dem \ "age der 
Identifizierung mit der Person des Witzigen am ehesten zu einem besseren 
Verständnis der rätselhaften Vorgänge der Psychogenese des Witzes. Es 
kommt uns hier auch nicht auf den ästhetischen Wert des Witzes an, 
sondern darauf, daß er als Witzleistung Auskunft über die seelischen Vor- 
gänge beim Witzigen zu geben geeignet ist. Hier ein Beispiel: es war im 
Weltkrieg im Etappengebiete der Isonzokämpfe. Einige Ärzte und Offiziere 
der aus den verschiedenen Nationen zusammengesetzten österreichischen 
Armee saßen in einem Kaffeehaus von L., wo einige Truppenkörper, die 
in den Kämpfen schwere Verluste erlitten hatten, zur Reserve bereitgestellt 
waren. Eine junge Dame, deren gefällige Haltung gegenüber den Offizie- 
ren bekannt war, war eben an jenem Kaffeehaus vorübergegangen und die 
Herren sprachen davon, wie hübsch sie heute wieder aussehe. Ein Wiener 



io8 Theodor Reik 



Arzt sagte: „Die Kleine erinnert mich immer an das Gedicht Grillparzers 
an Radetzky: ,In deinem Lager ist Österreich'." Die Wirkung dieses 
Witzes war außerordentlich stark; noch klingt mir nach so vielen Jahren 
der Lachsturm von damals im Ohr. Die einfachen Mittel, deren sich der 
Witz bedient, indem er einen Vers doppelsinnig zitiert, rechtfertigten die 
starke Wirkung keineswegs. Versuchen wir nun, den seelischen Vorgang 
in dem jungen Arzt zu rekonstruieren: der Reiz, der zur Psych ogenese des 
Witzes gehört, ist der Anblick der Dame und die Äußerungen, die eben 
über sie gefallen waren. Dieser Reiz hat sich vorbewußt mit andersartigem 
Material verbunden: von ferne hörte man den Kanonendonner der italie- 
nischen Geschütze; die anwesenden Offiziere, die eben gesprochen hatten, 
gehörten verschiedenen Nationen an. Die vorbewußten Eindrücke beziehen 
sich auf die Gunst, welche jene Dame, ohne nationale Unterschiede anzu- 
erkennen, den Offizieren schenkt und auf die Kämpfe mit dem alten Feinde, 
gegen den schon Feldmarschall Radetzky erfolgreiche Schlachten geschlagen 
hatte. Die Erinnerung an Radetzky, das vorbewußte Auftauchen des Gedichtes 
Grillparzers 1 , das man in der Schule gelernt hatte, ergeben mit jenen 
früher bezeichneten Eindrücken das Vorstellungsmaterial, aus dem sich der 
Witz aufbaut. Es läßt sich nun leicht vorstellen, wie diese vorbewußten 
Einfälle sich mit einem sexuellen Triebimpuls, der unbewußt ist, verbinden. 
Das Wort „Lager", das aufgetaucht ist, empfiehlt sich als Verdichtungsele- 
ment. Die Unmöglichkeit der sofortigen Refriedigung der sexuellen Trieb- 
regung führt zur Regression auf die sadistische Einstellung zum Objekt, zu 
seiner verbalen Herabsetzung, die eine andere, ältere Form der Bemächti- 
gung vertritt. 

Das Problem, das uns hier beschäftigt, ist folgendes: wie gelangt jener 
Reiz zu einer so tiefgehenden und anscheinend unangemessenen Wirkung? 
Es muß die Berührung mit dem Unbewußten sein, die für solche Tiefen- 
wirkung verantwortlich ist. Es kann nicht der Reiz als solcher sein, der sie 
ausgelöst hat. Dieser gleicht vielmehr dem dünnen Faden, der in eine ge- 
sättigte Lösung getaucht wird und um den sich in kürzester Zeit Kristalle 
bilden. Wir können uns den Vorgang in notgedrungen roher Art so vor- 
stellen : die Triebregung ist mit der psychischen Gegenbesetzung zusammen- 

1) Die erste Strophe lautet: 

„Glück auf, mein Feldherr, führe den Streich! 
Nicht bloß um des Ruhmes Schimmer, 
In deinem Lager ist Österreich, 
Wir andern sind einzelne Trümmer." 




Die zweifache Überraschung 109 



getroffen, hat sich zwar deren Einspruch ein Stück weit unterworfen und 
sich dann doch in einer modifizierten Form Ausdruck verschafft. Jener Ein- 
fluß der Hemmungen wird sich nur in der Witzform zeigen; das Wesent- 
liche ist der Triebdurchbruch. Wir können also den seelischen Prozeß in 
seinen wichtigsten Phasen provisorisch beschreiben: ein Reiz erweckt eine 
starke unbewußte Triebregung — diese unterliegt einer Hemmung — die 
Hemmung wird bewältigt. Wir werden uns sogleich sagen, daß diese Be- 
schreibung weder bestimmt noch anschaulich genug ist. 

IV 

Sie erinnert uns indessen an den Ablauf einer Erscheinungsreihe, die 
einem weit abliegenden Gebiete der psychologischen Interessen angehört: 
an die Entstehung des Schocks in allen jenen Fällen, in denen der Reiz 
ein relativ geringer war. Die Neurologie kennt eine große Anzahl von Fällen 
mit auffälligen und schweren Krankheitssymptomen, die durch einen an 
sich geringfügigen Anlaß entstehen. Solche traumatische Neurosen treten 
etwa nach einem überraschenden Fall, der keinerlei organische Veränderungen 
zur Folge hatte, nach einer unerwarteten Berührung, nach einem plötzlichen 
Stoß gegen eine Fingerspitze usw. auf. Die Entstehung anderer trau- 
matischer Neurosen war durch die übergroße Stärke des Reizes und durch 
die Durchbrechung des Reizschutzes erklärbar, diese anderen, die durch die 
ungenügende Bewältigung eines kleinen Reizes ausgelöst wurden, blieben 
nach ihren psychischen Bedingungen lange unverständlich. Der Reiz als 
solcher vermochte ebensowenig wie die von ihm verursachte, schwache 
Körpersensation so schwere Störungen zu erklären. Eine psychoanalytische 
Theorie, welche eine Freudsche Annahme fortführte, versucht nun, diese 
Neurosengruppe durch die psychologische Analyse des Schreckenmomentes 
in den Zusammenhang der anderen seelischen Vorgänge einzureihen. 1 Sie 
behauptet, es handle sich bei diesem Schreck um den Eindruck des plötz- 
lichen Aktuell werdens einer alten Unheilserwartung, die unbewußt geworden 
ist. Dieser Eindruck ist an einen geringfügigen materiellen Reiz von außen 
geknüpft; er genügt aber im Sinne einer Anspielung, um jene alte, un- 
bewußte Angst zu aktivieren. Eine versunkene Angst, eine Unheilserwartung, 
die wir längst aus unserem Bewußtsein verbannt haben, taucht nun, durch 



1) Reik: Der Schrecken und andere psychoanalytische Studien. Internationaler 
Psychoanalytischer Verlag, Wien 1929. 



lio TheoJor Reik 



den plötzlichen Reiz aufgeweckt, in uns auf und gewinnt die Herrschaft 
über das Seelenleben. Jene Unheilserwartung ist längst, auch unter dem 
Einflüsse rationaler Momente, unbewußt geworden ; nun erscheint das trau- 
matische Ereignis, das rasch den Menschen antritt, wie eine plötzliche 
Bestätigung dafür, daß die alte Angst berechtigt war. Das gefestigte Ich 
hat plötzlich die drohende Macht des Schicksals, dieses letzten Vaterrepräsen- 
tanten, zu verspüren bekommen und reagiert auf dieses unerwartete Mene- 
tekel wie das schuldbewußte und eingeschüchterte Kind auf das plötzliche 
Erscheinen des Vaters. Das Moment der Überraschung wird auch von uns 
für die Ätiologie der traumatischen Neurosen hoch eingeschätzt, es wird 
aber in unserer Hypothese näher bestimmt. Es bezieht sich nach meiner 
Meinung darauf, daß etwas, wovor wir uns einmal intensiv gefürchtet haben, 
plötzlich in veränderter Gestalt und unter unerwarteten Umständen zur Reali- 
tät zu werden scheint. Dieser Eindruck ist für die bekannten Neurosen- 
symptome nach dem Schock wie Tremor, Geh- und Sehstörungen, Beschleuni- 
gung der Pulsfrequenz bestimmend. 

Gibt es eine analoge Erscheinung auch dort, wo keine Gefahr droht, 
kein äußeres Ereignis an unsere Körperlichkeit herantritt, also einen Schrecken, 
eine schockartige Angst auch auf gedanklichem Gebiete? Ja, dies ist durch 
die Analyse leicht erweisbar. Einen solchen „Gedankenschreck" können wir 
häufig in seinen tiefgehenden Wirkungen in der Psychoanalyse studieren. 
In einem Mädchen aus bürgerlichem Milieu, das hohe moralische Forde- 
rungen an die Sittlichkeit stellt, ist zum Beispiel plötzlich aus ungeahnten 
seelischen Tiefen der Wunsch aufgetaucht, sie möchte auch einmal das 
Leben einer Prostituierten führen, oder es hat sich unter deutlichen, be- 
gleitenden Lustempfindungen die Phantasie eingestellt, auf einem einsamen 
Waldwege von einem Strolche überfallen und vergewaltigt zu werden. Ein 
junger Mann, der für den zärtlich geliebten, schwerkranken Vater zur Apotheke 
eilt, fühlt zu seiner Erschütterung plötzlich den Wunsch auftauchen, er 
möge den Vater bei seiner Rückkehr nicht mehr lebend antreffen. Jeder 
Analytiker kennt zahlreiche Fälle eines solchen Gedankenschreckens, der 
sich häufig an die Wiederkehr verdrängter Gedanken und Triebregungen 
schließt. Gewöhnlich wird die Verstärkung der Verdrängung die reaktive 
Wirkung so plötzlich auftretender, vom Ich abgelehnter Gedanken sein. Man 
kann in vielen Fällen analytisch nachweisen, daß bei solchem Auftauchen 
verbotener Impulse der Abwehrmechanismus wirksam wird. Das Ich kann 
also einen Schrecken ebenso durch die Drohung eines inneren Triebdurch- 
bruches, wie durch einen äußeren Reiz erfahren. 



Die sweifadie Uberrasdiung in 



V 

Ich will hier ausdrücklich die Behauptung aufstellen, daß unsere erste 
Reaktion, wenn wir einen treffenden Witz hören, von der Natur des Schreckens 
ist. Der seelische Vorgang beim Zuhörer eines Witzes steht also nach meiner 
Vorstellung ursprünglich im Zeichen einer Schockwirkung. Der latente Inhalt 
des Witzes wurde unbewußt blitzartig erkannt; auf dieses unbewußte Ver- 
stehen ist automatisch die Abwehr erfolgt. Dieser „ Gedankenschrecken " 
behandelt das Aussprechen des Witzes so, als wäre es die gefährliche Äußerung 
der unbewußten Triebregungen des Zuhörers selbst gewesen. Er entspricht 
einer plötzlichen Erhöhung der Hemmungen, da der Zuhörer auf diesen 
Triebausdruck mit sozialer Angst (Schuldgefühl) reagiert. Ich brauche nicht 
näher auszuführen, von welcher Art diese Angst ist und von wem sie aus- 
geht: es ist die Angst vor dem Vater (Kastrationsangst), die sich zur Gewissens- 
angst umgebildet hat, und sie geht vom Ich aus. Derjenige, der den Witz 
gemacht hat, wird dabei so behandelt wie einer, der ein gefährliches Tabu 
gebrochen hat. Der Zuhörer, der derselben Versuchung unterliegen will, schützt 
sich zuerst gegen die so drohende Infektion durch Abwehr. Wir verstehen 
jetzt, daß jener Gedankenschrecken beim Hören des Witzes bereits eine 
Reaktion darstellt, die durch die Erregung unbewußter Tendenzen notwendig 
geworden ist. Der verborgene, triebhafte Inhalt des Witzes hat jene alten 
Impulse erweckt; das Ich reagiert mit Rückkehr zu der mit ihnen verbun- 
denen alten Angst. Diese Reaktion, die auf die unbewußte Erwartung zu- 
rückweist, haben wir eben als Gedankenschrecken bezeichnet. 

Wie wird jene plötzliche Steigerung der Hemmungen, jene Abwehrneigung 
des Ichs überwunden? Vermutlich mit Hilfe von zwei Faktoren: die Form des 
Witzes wirkt im Sinne Freuds als Verlockungsprämie und ermöglicht es, 
den latenten Inhalt ungestraft zu genießen. Das zweite Moment ist darin 
beschlossen, daß nicht der Zuhörer, sondern eben der Andere den Witz 
gemacht hat, das Ich also keine Gefahr zu vergewärtigen hat. Der Andere 
hat sozusagen das Verbrechen begangen, das man selbst zu tun geneigt 
wäre. Auch hier eine Ersparung auf Grund einer Identifizierung — ein 
Mechanismus, den Freud erst kürzlich in seiner psychischen Bedeutung 
gewürdigt hat. 1 Erst durch diese beiden Faktoren kommt der Umschwung 
zustande, der die Lustwirkung bezeichnet. Man kann den seelischen Vor- 



1) Dostojewski und die Vatertötung. Einleitende Studie zu Dostojewski „Die Ur- 
gestalt der Brüder Karamasoff". München 1928. 



J12 rlieodor Reik 



gang im Zuhörer auch in folgenden Ausdrücken beschreiben: in einem 
außerordentlich kurzen Zeitraum vollzieht sich eine Art unbewußten Ver- 
ständnisses des latenten Sinnes des Witzes — vergleichbar dem Verständnis 
der wirklichen Natur des Reizes in jenen Fällen des Schocks. Dieses Ver- 
ständnis werde jetzt durch den auf die Versuchung reagierenden Gedanken- 
schrecken bedroht und retardiert, um sich nach dessen Bewältigung als 
Lustwirkung zu entladen. Die Aufeinanderfolge dieser blitzartigen Vorgänge 
wäre also: unbewußtes Erfassen des Witzsinnes — Erweckung der ver- 
drängten Triebregungen — Abwehr in Form des Gedankenschreckens — 
Bewältigung der Angst — reaktiv verstärkte, unbewußte Befriedigung jener 
Triebimpulse. Man wird durch diesen Wechsel an die Abfolge von Depression 
und Manie gemahnt, die uns in dem bekannten Symptomenkomplex ent- 
gegentritt. Was sich dort in ausgeprägten Formen über längere Zeiträume 
erstreckt, vollzieht sich hier in Andeutungen in wenigen Augenblicken: das 
Ich hat auf eine Versuchung mit starker Angst reagiert und sich dem 
strengen Über-Ich unterworfen, um sich dann mit einem Rucke von 
dieser Angst zu befreien und über den Tyrannen zu triumphieren. Die 
Intensität der Lustwirkung entspricht völlig der Tiefe des unbewußten Ge- 
dankenschreckens beim Hören des Witzes. Die Überraschung des Witzes ist 
also in einem tieferen Sinne, als wir zuerst angenommen haben, eine zwei- 
fache: sie hat den Charakter eines doppelten Schocks. Die erste Überraschung 
bezieht sich auf die endopsychische Wahrnehmung der unbewußten Trieb- 
regungen, die im Witze zum Ausdruck gelangen, die zweite auf das Auf- 
tauchen jener alten Gewissensangst, deren Wirkung der Gedankenschreck 
ist. Dem plötzlichen Triebandrang folgt ebenso plötzlich die reaktive Angst, 
wie wenn es sich um eine Triebgefahr handelte. Die Bewältigung dieser 
Angst vertieft nun in ungeahnter Art die Befriedigung an dem Triebausdruck, 
den der Witz darstellt. Wir beginnen hier zu begreifen, wie ernsthaft 
der Witz ist und wieviel von seiner Lust daher stammt, daß man an 
einem Abgrund sozusagen mit heiler Haut vorbeigekommen ist. Es dämmert 
uns hier eine Ahnung davon, wie sehr alle menschliche Lust durch die 
Angst gehemmt wird. 

Ich glaube hier näher bestimmt zu haben, von welcher Art jene „psychi- 
sche Stauung" und „Entladung" sind, die Lipps für den Witz annimmt. 
Tiefer als er selbst meinen wir seine Anschauung zu verstehen, warum 
die Entladung — schon dieser Ausdruck deutet auf das Schockartige hin — 
um so stärker ausfällt, je höher die vorangehende Stauung war. Die Stauung 
war von der Natur einer Angsterscheinung und die psychische Entladung ist 



das Zeichen der Bewältigung dieser unbewußten Angst. Freud beschreibt den- 
selben Vorgang in Ausdrücken, die bei dem damaligen Stande der analyti- 
schen Forschung allgemeiner als die hier gebrauchten sind: in der dritten 
Person werde dieselbe Hemmung, welche der Witz bei der ersten über- 
wunden hat, gewohnheitsmäßig hergestellt, „so daß in ihr, sobald sie den 
Witz hört, die Bereitschaft zu dieser Hemmung zwangsartig oder automatisch 
erwacht. Diese Hemmungsbereitschaft, die ich als einen wirklichen Aufwand 
analog einer Mobilisierung fassen muß, wird gleichzeitig als überflüssig oder 
verspätet erkannt und somit in statu nascendi durch Lachen abgeführt". 
Wir glauben, diese Hemmungsbereitschaft als frei flottierende Angst erkannt 
zu haben, die beim Anhören des Witzes aktualisiert und schließlich bewältigt 
wird. Das Lachen ist der Ausdruck der manischen Stimmung, welche aus 
der Bewältigung der Angst und dem freien Triebausdruck resultiert; es ist also 
durch reaktive Wirkungsverstärkung gekennzeichnet. 

Die Summationswirkung der Lust am Witz ist durchaus der Wirkung zu 
vergleichen, die wir dem Schrecken in den traumatischen Neurosen zuschrieben. 
Sie beruht auf der Regression auf alte, unbewußte Lust, die bereit liegt und 
nur auf den Augenblick der Befreiung wartet. Die Witzlust verstärkt sich 
um jenes Ausmaß psychischer Wirkung, das der Bewältigung der dunklen 
Angst entspricht. 1 Dabei wird die Lust um so stärker sein, je weniger 
ein Witz, beziehungsweise dieser Witz erwartet wurde. Dies ergibt sich 
aus unserer psychologischen Analyse der Überraschung, die wir ja als psy- 
chische Reaktion auf das Eintreffen einer alten, unbewußen Erwartung 
bestimmt haben. Es ist keineswegs richtig, was manchmal behauptet wird, 
daß eine heitere Stimmung der Wirkung des Witzes förderlich sei. Eine 
gleichmäßig ernste Stimmung ist in Wahrheit viel günstiger. Man denke 
an die bekannte Situation, die eintritt, wenn man Witze in Kettenart erzählt: 
folgt in einer Unterhaltung ein Witz dem anderen, so wird ihre Wirkung 
im allgemeinen schwächer. Vorbereitungen auf den kommenden Witz, 



1) Freud betont, daß der ersparte Aufwand genau der überflüssigen Hemmung 
entspricht. Der Hörer des Witzes „lache mit dem Betrag von psychischer Energie, 
der durch die Aufhebung der Hemmungsbesetzung frei geworden ist: er lache diesen 
Betrag gleichsam ab". (Der Witz und seine Beziehungen zum Unbewußten, S. 167.) 
Auch hier drängt sich jene oben aufgestellte Analogie zu den psychischen Vorgängen 
beim traumatischen Neurotiker auf: im Zittern und in den anderen Symptomen be- 
wältigt dieser nachträglich den übergroßen Reizansturm, der im Augenblick den 
seelischen Apparat überschwemmt hat. Indem diese Neurotiker in ihren Symptomen 
die übergroße Angst darstellen, holen sie gleichsam ihre Abfuhr nach: sie „zittern 
sie ab." 

Reik: Lust und Leid im Witz. B 



XXÄ Theodor Reik 



Redensarten wie: „Da muß ich Ihnen einen Witz erzählen" u. dgl. sind 
ebenfalls der Wirkung abträglich. Wir wissen jetzt, daß sie die volle Ent- 
wicklung des Schocks hindern. Auch hier werden wir an die Phänomene 
der traumatischen Neurosen erinnert. Die Vorbereitung auf einen zu gewärti- 
genden Eisenbahnzusammenstoß oder einen sonstigen Unfall wird die trau- 
matische Wirkung des Ereignisses ausschalten oder zumindestens abschwächen 
können. Der Charakter des Plötzlichen ist für den Witz so wesentlich wie 
für den Schrecken. Zur Unterstützung dieser These kann man darauf hin- 
weisen, daß der Witz selbst durch bestimmte Techniken dafür sorgt, daß 
sein eigentlicher Sinn möglichst lange verhüllt bleibt und so durch Spannungs- 
verstärkung die „traumatische Wirkung" steigert. Die Aufmerksamkeit wird 
durch die Form gefesselt und abgelenkt, aber auch die der Pointe voraus- 
gehende Erzählung oder Situation ist ernst oder zumindestens indifferent. 
Es folgt nichts mehr auf die Pointe. Sie ist der Höhepunkt. 

VI 

Der Gedankenschrecken, den wir als Gegenstück der Witzlust gewürdigt 
haben, ist ihr in vielen Beziehungen verwandt. Wie der Schrecken darauf 
beruht, daß plötzlich eine alte, unbewußte Unheilserwartung sich bestätigt 
oder zu bestätigen scheint, so wird die Witzlust dadurch erweckt, daß sich 
das Ich plötzlich in die Lage versetzt sieht, auf alte, unzugänglich gewordene 
Lustquellen zurückzugreifen. Diese Regression bestimmt auch zum Teil die 
Affektsummierung, hier die Verstärkung der Angst, dort die der Lust, in 
derselben Art, in der ein Ton durch das Echo lauter wird. Die Über- 
raschung erscheint in beiden Fällen als der starke Eindruck beim uner- 
warteten Eintreffen eines lange unbewußt Erwarteten. 

In der Analyse des Schreckens habe ich angenommen, daß in uns allen 
ein bestimmtes, individuell variables Maß frei flottierender Angst wirksam 
ist, das etwa durch ein traumatisches Ereignis plötzlich aktuell wird. Die 
Wirkung des Witzes scheint nun (ebenso wie andere psychische Phänomene) 
darauf hinzuweisen, daß ein ähnliches Ausmaß an unbewußten Absichten 
in uns lebt, jenen Zwang abzuwerfen und den unterdrückten Regungen 
Raum und Ausdruck zu geben. Wenn wir diese Erscheinungen früher 
mit den Phänomenen des Tabuglaubens in Verbindung gebracht haben, 
werden wir daran erinnert, daß auch in den Wilden eine unbewußte Nei- 
gung zum gewaltsamen Bruch der Tabuverbote beständig auf eine Anregung 
von außen wartet. 



Die sweilacLe Überraschung i 15 



Die Gewissensangst, ursprünglich Kastrationsangst, die solches Luststreben 
hemmt, äußert sich noch in der allgemeinen geringen Schätzung des Witzes, 
die keineswegs nur ästhetischen Charakter hat, sondern auch der Wirkung 
der Verdrängungsmächte entspricht. Die Religion legt zumindestens in ihren 
Spätformen Wert darauf, dem Herrn in Furcht zu dienen und „mit Zittern zu 
jauchzen" 1 . Die heiligen Sprüche mahnen uns eindringlich, daß auf die Freude 
zuletzt Trauer folge 2 und der große Kanzelredner am Hofe Ludwigs XIV., Louis 
Bourdaloue, sprach es aus: „Le sage ne rit qu'en tremblant." Wirklich 
erhält man manchmal den Eindruck, daß viele Menschen eine Axt aber- 
gläubischer Angst vor dem Lachen haben. Manchmal scheint es, als würden 
sie Gewissensskrupel verspüren, wenn sie über einen Witz herzlich gelacht 
haben, und als beeilten sie sich, dieses Vorgehen durch einen besonders 
würdigen und ernsthaften Ton wieder gut zu machen. Lord Chesterfield 
rühmte sich, daß niemand ihn habe lachen hören, „since he had thefull use 
of his reason" . Etwas von dieser heiligen Scheu lebt noch, wie man in der 
Analyse mancher neurotisch Erkrankter aus puritanischem Milieu erkennen 
kann, in jenen Eltern, die den Kindern das Lachen über Witze verbieten. 
Einer meiner amerikanischen Patienten berichtete mir, daß in seinem purita- 
nischen Elternhause besonders das Lachen an Sonntagen strenge verboten 
war, so daß das Kind den Eindruck erhielt, der Gottheit mißfalle jeder 
Scherz und jede Fröhlichkeit. Gewiß werden sich gerade auf diesem Gebiete 
der Überprüfung einer bestimmten Meinung besondere Schwierigkeiten ent- 
gegenstellen, doch neige ich zu der Ansicht, daß dem lieben Gott ein guter 
Witz wohlgefälliger sei als eine miserable Predigt. 



j) „Servite Domino cum timore et exultate ei cum tremore." Ps. 2, 11. 
2) Prov. 14, 15. 



Inlialtsverzeiclini 



Seite 

Vorwort 5 

Über den zynischen Witz 7 

(Zuerst erschienen in der Zeitsclirift „Imago", IL Bd., 19X}) 

Die elliptische Entstellung 25 

(Zuerst erschienen in der Zeitsclirift „Imago", XV. Bd., 1929) 

Zur Psychoanalyse des jüdischen Witzes 33 

(Zuerst erschienen in der Zeitschrift „Imago", XII. Bd., 1926) 

Künstlerisches Schaffen und Witzarbeit 59 

(Zuerst erschienen in der Zeitsclirift „Imago", XV. Bd., 1929) 

Anspielung und Entblößung 91 

(Zuerst erschienen in der Zeitschrift „Die psychoanalytische Bewegung", 
I. Jahrg., 1929) 

Die zweifache Überraschung 99 

(Zuerst erschienen in der Zeitschrift „DU psychoanalytische Bewegung", 
I. Jahrg., 1929) 



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THEODOR REIK: DaS Ritual. Psychoanalytische Studien. 
-M.it einer Vorrede von iSigm. Freud. 

Geheftet M. 12. — , Ganzleinen M.. 14. — 

Inhalt: Die Couvade (Männerkindbett) und die Psychogenese der Vergeltungsfurcht — Die Pubertätsriten 
der Wilden — Kolnidre — Das Schofar - Der Moses des Michelangelo 

„Wenn Reik am Schlüsse schreibt, daß er der Religionswissenschaft einen neuen Weg gewiesen hat 
den er an Hand seines Meisters Freud betrat, dann muß ihm jeder Vorurteilsfreie Recht geben. Wie schmerz- 
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berechtigt und die Psychoanalyse ist zweifelsohne befähigt, diese Erkenntnis in ein bisher unbekanntes Reich 
zu führen ... Es ist ein Buch, das durchforscht zu werden verdient und das in sich den Keim neuen Werdens 
tragt " (Prof. Liepmann in der „Zeitschrift für SexualwUsenscliaft".) 



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Deutung des Judas-Problems - Gott und Teufel - Die Unheimlichkcit fremder Götter und Kulte - Das 
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Neurose — Der Geständniszwang in der Kriminalistik — Die psychoanalytische Strafrechtstheorie — Der 
Geständniszwang in Religion. Mythus, Kunst und Sprache - Zur Entstehung des Gewissens - Zur Kinder- 
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(„Österreichische Richter zfitung.*) 



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genaue Begriffsbegrenzung, scharfsinnige psychologische Intuition." ( m Magdeburgische Zeitung.') 



THEODOR REIK: Der Sdirecken und andere psydxo- 
analytische Otuaien. 

Geheftet M. 5.—, Ganzleinen M. 6.5o 

Inhalt: Der Schrecken — Libido und Schuldgefühl — Haß und Angst — Der Traum von der Theorie 
des Geständniszwangs — Verzeihung und Rache — Erfolg und unbewußte Gewissensangst — Der Glaube 
an die ausgleichende Gerechtigkeit — Zur Psych «genese des Üher-Ichs 






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