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Full text of "Gebetmantel und Gebetriemen der Juden. Ein psychoanalytischer Beitrag zur hebräischen Archäologie"

*» 



1 neodor JVeik 



Gj^betmantel und Gebetriemen 

der Juden 



Ein psychoanalytischer .Beitrag 
zur hebräischen Archäologie 



Internationaler 

x sychoanaly tischer Verlag 

Wien 



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vxebetmantel und vxebetriemen 



der Jud 



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Jean psychoanalytischer .Beitrag 
zur hebräischen Archäologie 



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1 keodor iveik 



Oonderabdruck aus „Imago, Zeitsdirift für Anwendung der 
Psydioanalyse auf die Nati4r- und Geisteswissensdiaften" 
(herausgegeben von Sigm. Freud), Bd. XVI (ig?o) 



lC;3l 

Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Wien 



f 










Alle Rechte, 

insbesondere die der Übersetzung, 

vorbehalten 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Druck: Christoph Rcisser's Söhne, Wien V 



1 






„Allein er (Freud) betont dabei meines Erachtens zu wenig, daß er . . 
sich bloß auf die europäische christliche Kultur bezieht, der die Ver- 
sprechungen der Religion nicht mehr glaubwürdig erscheinen . . . Weder 
Gesetz noch sittliche Vorschriften im Alten Testament stehen mit den 
Denkgesetzen in Widerspruch ... Das Alte Testamentkenntkeine Mythologie 
und keine Symbolik . . . Dieser Stamm muß eine natürliche Veranlagung 
zu jener Anschauung gehabt haben, die sich von Anfang an gegen den 
Polytheismus seiner Umwelt auflehnte . . . Wir haben uns zu beweisen 
bemüht, daß die Religion durchaus keine Illusion ist. Mit der Anwendung 
der Psychoanalyse auf dieselbe scheint uns Freud vielmehr die erhabenste 
und wunderbarste Konzeption des Geistes in den Dunstkreis alltäglicher 
Erscheinungen herabgezogen zu haben." 

Medizinalrat Dr. Heinrich Haase: „Religion oder Illusion?" 
Eine Auseinandersetzung mit dem jüngsten Buche Professor Sigm. 
Freuds: „Die Zukunft einer Illusion." Wien und Leipzig 1928. 



„O Gott, wo find'' ich dich? . . , 
Und wo find 1 ich dich nicht?" 



Jehuda Ilulevi. 



„Breit die Riemen und groij die Quasten" 

In jener gewaltigen Strafpredigt hält Jesus den Schriftgelehrten und 
Pharisäern die Heuchelei und Äußerlichkeit ihrer Frömmigkeit vor. Seine 
Jünger sollten zwar halten, was jene sagen, aber nicht nach ihren Werken 
tun; denn „alle ihre Werke tun sie nur zur Schau vor den Leuten; sie 
machen ihre Riemen breit und groß die Quasten" (Mt. 23, 5). Es ist nicht 






Theodor Reih 



zweifelhaft, was der Heiland mit diesem Vorwurfe gemeint hat. Das Zurschau- 
stellen der Frömmigkeit, der demonstrative Charakter der religiösen Übungen 
wird an einem repräsentativen Beispiele gezeigt. Die Pharisäer — so meint 
der Herr — machen die Riemen der Gebetkapsel, der Tephillin, breit 
und auffällig; sie machen die Quasten, welche die Juden dem Gebote 
gemäß an ihren Kleidern trugen, groß, um so ihre Gesetzestreue zu 
dokumentieren. Das Tragen dieser Gebetkapsel und Quasten war eine religiöse 
Sitte, die jeder Jude im Zeitalter Christi gewissenhaft befolgte. Der Heiland 
wendet sich auch nicht gegen dieses Ritual als solches, sondern gegen seine 
Auswüchse. Er selbst trug, gehorsam dem Gesetze, solche Quasten, und 
das Matthäusevangelium erzählt, daß diejenigen, die an ihn glaubten, sich 
Heilung von der Berührung jener Quasten — hebräisch Zizzith genannt — 
seines Gewandes versprachen. Die Leute von Genesareth bitten ihn, daß 
die Kranken die Zizzith seines Gewandes anrühren dürften. Wer daran rührte, 
wurde gesund. (Mt. 9, 20.) Eine Frau, die zwölf Jahre an Blutfluß litt, berührte 
von hinten die Quasten seines Kleides und Jesus, der sich umkehrte und sie 
sah, sagte: „Sei getrost, meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen" und 
die Frau ward geheilt von jener Stunde an. 

Das Rätsel solcher eigenartiger Therapie wird sicherlich unsere Neugierde 
erregen. Mehr noch lockt es uns, Näheres über jene merkwürdigen Gegen- 
stände zu erfahren, die von so großer religiöser Bedeutung waren. Es gibt 
einen bequemen Weg, unsere Wißbegierde zu stillen. Wir brauchen nur 
Zeuge des Morgengebetes eines israelitischen Frommen zu sein und wir 
werden eine ausgezeichnete Gelegenheit haben, uns ein gutes Bild jener 
religiösen Gebräuche zu verschaffen. Wir sehen, wie der fromme Jude ein 
shawlartiges Tuch, Tallith genannt, über Kopf und Schulter legt, bemerken 
die vier Quasten an den Ecken dieses Kleidungsstückes und beobachten 
wie Riemen, an denen sich JtJeine Kästchen befinden, in besonderer Art 
um den linken Arm und auf die Stirne gebunden werden. Mögen diese 
Zeremonialobjekte auch ihre Gestalt ein wenig verändert haben, es sind 
doch im wesentlichen dieselben wie in den Tagen, da der Herr auf den 
Hügeln Galiläas wandelte. Sie haben noch dieselbe Funktion wie vor zwanzig 
Jahrhunderten, da Jesus der Menschheit die frohe Botschaft der unmittelbar 
bevorstehenden Erlösung brachte. 

Diese Gegenstände muten uns nicht weniger eigentümlich an als etwa 
die Gebethandschuhe, Gebetmühlen und -fahnen der Völker des fernen 
Ostens. Wenden wir unsere Aufmerksamkeit vorerst jener Kombination von 
Kästchen und Riemen zu. Es handelt sich dabei eigentlich um zwei einander 



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Gehetmantcl und Gebetnemcn der Juden 



ziemlich ähnliche Objekte, von denen das eine um den linken Arm, das andere 
um die Stirne geschlungen wird. Die Kopftephillah, hebräisch schel rosch ge- 
nannt, besteht aus einer Lederbüchse, die aus der Haut eines gesetzlich reinen 
Tieres gefertigt wird 1 und an Lederriemen befestigt ist. Dieses schwarze 
Lederkästchen enthält vier Abteilungen; in jeder befindet sich eine Abschrift 
bestimmter Bibelstellen auf einem besonders präparierten Pergament. Auf 
der einen Außenseite des Kästchens bemerkt man den hebräischen Buch- 
staben schin (») mit drei Zacken, auf der anderen Seite denselben Buch- 
staben mit vier Zacken geschrieben. Dieses vierzellige Kästchen ist nun 





auf seine lederne Unterlage mit den Spannadern eines gesetzlich reinen 
Tieres mit zwölf Stichen angenäht, 2 welche nach der Überlieferung die 
zwölf Stämme Israels repräsentieren sollen. Die Biemen, welche diese Kopf- 
tephillah halten, werden so um den Kopf gebunden, daß das Kästchen an 
der Haargrenze zwischen den Augen zu liegen kommt. Im Nacken bilden 
die Biemen geschlungen den hebräischen Buchstaben daleth (l). Dieser soll 
zusammen mit dem Buchstaben schin (auf der Außenseite des Kästchens) und 
dem Buchstaben jod (••), der von den Biemen der Handtephillah geschlungen 
wird, den Namen Gottes schaddai Oltf, Allmächtiger) ergeben. Die Heilig- 
keit der Tephillahkästchen erkennt man aus den besonderen Vorschriften 



1) Men. 42b; Yad HI, 15. 

2) Schab. 28 b. 






Theodor Rcik 



1) Yad II; Orach Chajim 32, 25 und 52. 

2) Yad I, 15; Orach Chajim 32, 19. 



ihrer Herstellung: die Pergamentstreifen in ihnen müssen von spezieller 
Art sein, die assyrische Schrift darauf muß mit außerordentlicher kalli- 
graphischer und massoretischer Genauigkeit ausgeführt werden. Der Schreiber 
hat, bevor er sein Werk beginnt, feierlich zu sagen: „Ich schreibe dies 
für die Heiligkeit der Tephillin." Wenn er auch nur einen Buchstaben 
ausläßt, wird die ganze Inschrift unverwertbar. Die Bibelverse, die er zu 
schreiben hat, dürfen nicht aus dem Gedächtnis, sondern müssen aus der 
Gesetzesrolle abgeschrieben werden. Jeder Buchstabe muß besonders deutlich 
sein, keiner darf außerhalb seiner Reihe stehen, keiner in den anderen 
übergehen oder über ihn hinausragen. Ein bestimmter Raum muß zwischen 
ihnen, ebenso zwischen den einzelnen Worten, Linien und Versen ein- 
gehalten werden. 1 Die Gottesnamen muß der Schreiber — nur Juden dürfen 
diese Tephillinverse schreiben — mit besonderer Andacht und dem Gefühle 
ihrer hohen Bedeutung anfertigen. Die Vorschrift, derzufolge die Aufmerk- 
samkeit des Schreibers während dieser Arbeit nicht abgelenkt werden darf, 
geht so weit, daß sie ihm für den Fall, daß er von einem König gegrüßt 
werde, untersagt, den Gruß zu erwidern. 2 Der Text, der nun mit so be- 
sonderer Sorgfalt auf dem Pergament festgehalten wird, besteht aus vier 
Bibelstellen. Sie lauten (nach der Übersetzung von Kautzsch): 

j) Exodus XIII, 1 — 10: „Da redete Jahwe mit Mose folgendermaßen: Sondere mir 
alles Erstgeborene als heilig aus; alles, was bei den Israeliten zuerst den Mutterschoß 
durchbricht, es sei Mensch oder Tier, mir soll es gehören. Und Mose sprach zum 
Volke: Gedenket dieses Tages, an dem ihr aus Ägypten, aus dem Lande, da ihr 
Sklaven wart, ausgezogen seid. Denn mit gewaltiger Hand hat euch Jahwe von dort 
weggeführt; daher darf kein gesäuertes Brot gegessen werden. Heute zieht ihr aus 
im Monate Abib. Wenn dich nun Jahwe in das Land der Kanaaniter Hethiter 
Amoriter, Heviter und Gebusiter bringen wird, welches dir zu verleihen er deinen 
Ahnen zugeschworen hat, ein Land, welches von Milch und Honig überfließt, so 
sollst du diesen gottesdienstlichen Brauch in eben diesem Monat beobachten. Sieben 
Tage hindurch sollt ihr ungesäuerte Brote essen. Am siebenten Tag aber soll Jahwe 
ein Pest gefeiert werden. Ungesäuerte Brote sollen die sieben Tage hindurch gegessen 
werden und es darf sich kein gesäuertes Brot und kein Sauerteig bei dir vorfinden 
in deinem ganzen Bereich. Und an jenem Tage sollst du deinem Sohne erzählen: 
Dies hat Jahwe an mir getan, als ich aus Ägypten wegzog. Und es soll dir sein wie 
ein Wahrzeichen an deiner Hand und wie ein Gedenkzeichen an deiner Stirn, damit 
die Unterweisung Jahwes stets in deinem Munde sei, denn mit gewaltiger Hand 
hat dich Jahwe aus Ägypten herausgeführt. Daher sollst du diese Satzung beobachten 
Jahr für Jahr zur festgesetzten Zeit." 






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drcbctmautd und Crcbetncnien der Juden 



2) Exodus XIII, 11 — 16: „Wenn dich aber Jahwe, wie er es dir und deinen Ahnen 
zugeschworen hat, in das Land der Kanaaniter bringen und dir dasselbe verleihen 
wird, so sollst du alles, was zuerst den Mutterschoß durchbricht, Jahwe weihen; 
jeder erste Wurf des Viehs, der dir zuteil wird; soweit sie Männchen sind, sollen 
sie Jahwe gehören. Jeden ersten Wurf eines Esels aber sollst du mit einem Lamm 
auslösen; willst du ihn aber nicht auslösen, so sollst du ihm das Genick brechen. 
Aber jede erste Menschengeburt unter deinen Söhnen sollst du auslösen. Und wenn 
dich dein Sohn einst fragen wird: Was bedeutet dies? so sollst du ihm antworten: 
Mit gewaltiger Hand hat uns Jahwe aus Ägypten, dem Lande, wo wir Sklaven 
waren, hinweggeführt. Dann, als der Pharao verstockt war und uns nicht ziehen 
lassen wollte, hat Jahwe alle Erstgeburt in Ägypten getötet, sowohl die Erstgeborenen 
unter den Menschen als den ersten Wurf des Viehs; deswegen bringe ich Jahwe jeden 
ersten männlichen Wurf als Opfer, und jeden Erstgeborenen unter meinen Söhnen löse 
ich aus. Und es soll dir wie ein Wahrzeichen an deiner Hand und wie ein Gedenk- 
zeichen an deiner Stirn sein, daß uns Jahwe mit gewaltiger Hand aus Ägypten weg- 
geführt hat." 

3; Deut. IV, 4—9: „Höre Israel! Jahwe, unser Gott, Jahwe ist nur einer! Und 
du sollst Jahwe, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit 
aller deiner Kraft. Diese Worte, die ich dir heute vorlege, sollen dir im Herzen 
bleiben; auch sollst du sie deinen Kindern einschärfen und von ihnen reden, wenn 
du in deinem Hause weilst, oder ob du dich auf Reisen befindest, wenn du dich 
niederlegst und wieder aufstehst. Du sollst sie als Denkzeichen auf deine Hand binden 
und als Stirnbänder zwischen den Augen haben und sollst sie auf die Pfosten deines 
Hauses und an deine Tore schreiben." 

4) Deut. XI, 15—21: „Wenn ihr meinen Geboten, die ich euch heute gebe, treu- 
lich gehorcht, indem ihr Jahwe, euren Gott, liebt und ihm von ganzem Herzen 
und von ganzer Seele dient, so werde ich eurem Lande zur rechten Zeit Regen 
geben. Frühregen wie Spätregen, damit du dein Getreide, deinen Most und dein Ol 
einheimsen kannst. Auch werde ich dir auf deinen Fluren Gras für dein Vieh geben, 
so daß du dich sattessen kannst. Seid wohl auf eurer Hut, daß sich euer Herz nicht 
betören läßt und ihr nicht andere Götter verehrt und euch nicht vor ihnen nieder- 
werft. Sonst wird der Zorn Jahwes gegen euch entbrennen, und er wird den Himmel 
verschließen, so daß kein Regen fällt und der Boden seinen Ertrag nicht mehr gibt, 
und ihr werdet rasch aus dem schönen Lande verschwinden, das euch Jahwe ver- 
leihen will. So nehmt euch nun diese meine Worte zu Herzen und zu Gemüte; 
bindet sie als Denkzeichen an eure Hand und habt sie als Stirnbänder zwischen 
euren Augen! Lehrt sie eure Kinder, indem ihr davon redet, wenn du dich auf Reisen 
befindest, wenn du dich niederlegst und wenn du aufstehst; schreibe sie auf die 
Pfosten deines Hauses und auf deine Tore, damit ihr und eure Kinder in dem Lande, 
das Jahwe euren Vätern mit einem Eidschwur zugesagt hat. so lange lebt als der 
Himmel über der Erde steht." 

Es sei erwähnt, daß es lange und in alle Einzelheiten gehende Dis- 
kussionen unter den Talmudkommentatoren gab, die das Arrangement dieser 
vier Bibelstellen, d. h. also ihre Anordnung auf den Pergamentstreifen der 



Tiieuuiir Ri'ik 



Tephillin betrafen. So entschied sich der hochgeachtete R. Tarn für die 
eine Anordnung, während der nicht minder geschätzte Raschi sich für 
eine abweichende Stellung aussprach.' Diese kleine, symptomatisch nicht 
unwichtige Unsicherheit, welche sich übrigens nur auf die Aufeinander- 
folge der letzten zwei Bibelstellen bezieht, findet ihren Ausdruck darin, 
daß in manchen Tephillinrollen die Anordnung R. Tams, in anderen die- 
jenige Raschis befolgt wird. Notieren wir noch, daß manche Fromme, un- 
fähig zu entscheiden, ob sie R. Tams oder Raschis Anschauung folgen 
sollten, die Überzeugung der erfüllten religiösen Pflicht nur auf folgende 
Art gewinnen können: sie tragen zwei Kopftephillin, wovon das eine nach 
Raschis Vorschrift angeordnet ist, während das andere mit der Ansicht 
R. Tams übereinstimmt. 

Jene vier Bibelstellen, die in der Kopftephillah auf vier Pergamentrollen 
verteilt erscheinen, sind in der Handtephillah, die etwa um die Hälfte 
schmäler ist, auf einem Pergament zusammengedrängt. Das Kästchen der 
Handtephillah ist mit einem langen Lederriemen verbunden, der um den 
linken Arm geschnürt wird. Die Handtephillah wird zuerst angelegt, und 
zwar so, daß das Kästchen auf der Innenseite des linken Armes und unter 

dem Gelenke sitzt. Diese Stellung, bei 
der sich die Tephillah in der Nähe des 
Herzens befindet, soll nach rabbinischer 
Auslegung die Mahnung Deut. XI, 18, 
sich diese Worte zu Herzen zu nehmen, 
erfüllen. Wenn das Kästchen am nackten 
Arm befestigt ist, wird der Riemen, der 
durch eine Schleife gezogen wird, zuerst dreimal rund um den Arm gewunden. 
Dabei wird gebetet: „Gelobt seist du, Herr, unser Gott, König der Welt, der 
uns geheiligt hat durch deine Gebote und uns befohlen hast, die Tephillin zu 
legen. Der Riemen wird dann dreimal rund um den Arm gebunden, und 
zwar so, daß seine Windungen jenen vierteiligen hebräischen Buchstaben 
Schin bilden. Dann wird die Kopftephillah auf die Mitte der Stirne gelegt 
und ein Segenspruch gebetet. 2 Der Riemen der Handtephillah wird darauf 





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1) R. Tarn schlägt die Reihenfolge: Ex. XIII, 1 — 10; Ex. XIII, 11 — 16; Deut. XI, 
13—21; Deut. VI, 4—9 vor; Raschi will dagegen: Ex. XIII, 1 — 10; Ex. XIII, 11—16; 
Deut. VI, 4—9; Deut. XI, 13—21. 

2) Wenn jemand zwischen dem Anlegen der Handtephillah und dem der Kopf- 
tephillah gesprochen hat, muß er beide Segensprüche beim Legen der Kopftephillah 
wiederholen (Men. 36 a; Yad. 1. c. IV, 4, 5). 






Vjchctinantel und (jebctnemen der Judct 



dreimal so um den Mittelfinger gelegt, daß er wieder ein Schin bildet 
und noch ein Stückchen des Riemens lose herabhängend übrig bleibt. Bei 
diesem Umwinden des Riemens wird gesagt: „Und ich werde dich mir 
verloben in Gerechtigkeit und in Wahrheit und in Güte und in Liebe; 
ich werde dich mir verloben in Treue, und du sollst erkennen den Herrn." 1 
Nach dem Gottesdienst werden zuerst die Tephillin auf dem Mittelfinger 
losgelöst, dann wird die Kopftephillah abgelegt und schließlich das Hand- 
phylakterium. Die Tephillin werden dann geküßt und in einem besonderen 
Beutel verwahrt. 

Ursprünglich wurden die Tephillin den ganzen Tag über (nicht während 
der Nacht) getragen, 2 jetzt werden sie nur während des Morgen gottesdienstes 
angelegt, ausgenommen am Sonntag und an den Festtagen. 3 Es ist religiöse 
Pflicht jedes Juden, täglich die Tephillin zu legen, nachdem er das Alter 
von dreizehn Jahren und einem Tage erreicht hat. 

Wir können uns nun eine ungefähre Vorstellung von jenen Objekten 
machen, deren übertriebene Größe der Heiland den Pharisäern und Schrift- 
gelehrten zu so schwerem Vorwurf macht. Auch der andere Gegenstand, 
den der Herr erwähnt, ja den er selbst trug, wie das Evangelium bezeugt, 
ist noch heute im täglichen kultischen Gebrauch bei den Israeliten. Wir 
erkennen jene Quasten, über deren Ausmaß sich der Erlöser der Welt so sehr 
entrüstete, an dem Gebetmantel wieder, den jeder männliche erwachsene Israelite 
während seiner vorgeschriebenen Andachtsübungen zu tragen hat. Dieser 
Gebetmantel ist unter dem Namen Tallith bekannt. Er ist ein großes, 
weißes, viereckiges Tuch aus Schaf- oder Lammwolle, manchmal auch aus 
Seide. Mag man den seidenen auch als kostbarer schätzen, die Frommen 
werden die Mäntel aus Wolle vorziehen, namentlich wenn diese von Lämmern 
aus dem Heiligen Lande stammen. Der Tallith wird so über den Kopf 
gezogen, daß er die Stirne und den Hinterteil des Kopfes verhüllt und 
seine vier Enden lose von den Schultern herabhängen. Die vier Quasten, 
die wir an diesen Enden bemerken und auf die sich Jesus in seiner Straf- 
predigt bervift, sind als Zizzith bekannt. Sie werden in Num. XV, 38 — 40* 

1) Hos. 2, 19. — Man vergleiche eine Stelle in Goethes Briefen an die Frau 
von Stein: „Die Juden haben Schnüre, mit denen sie die Arme beim Gebet um- 
wickeln, so wickle ich Dein holdes Band um den Arm, wenn ich an Dich mein Gebet 
richte und Deiner Güte, Weisheit, Mäßigung und Geduld teilhaft zu werden wünsche." 

2) Men. 56b. 

3) Ber. 14b. 

4) Und Jahwe sprach zu Mose also: Rede mit den Israeliten und sprich zu ihnen, 
sie sollen sich Quasten an den Zipfeln ihrer Kleider machen, sie und ihre Nachkommen, 
und an jeder Zipfelquaste eine Schnur von blauem Purpur anbringen. Das soll euch 



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Theodor Rem 



und Deut. XXII, 11 und 12 1 ausdrücklich gefordert. Diese Quasten — in 
der Lutherübersetzung „Läpplein genannt — bestehen aus vier weißen 
und vier blauen Fäden, die aus demselben Material wie der Tallith sind. 
Die rabbinischen Vorschriften, die sich auf die Zizzith beziehen, sind von 
jener charakteristischen Präzision und Umständlichkeit, die jedes Detail 
ausführlich erörtern; sie füllen viele Seiten der jüdischen Gesetzesliteratur. 
Von den acht Fäden, welche die einzelne Quaste bilden, ist einer länger 
als der andere ; er wird Diener, schammisch, genannt. Nach der Befestigung 

der Zizzith an den Mantel tritt 
dieser schammisch in Aktion: er 
wird zuerst siebenmal, dann acht- 
mal um die anderen Fäden ge- 
bunden, dazwischen wird ein 
Doppelknoten gemacht. Dann 
wird dieser Faden elfmal um 
die anderen Fäden geführt, 
wieder folgt ein Doppelknoten, 
endlich dreizehnmal mit folgen- 
dem Knoten. Man hat diese Ab- 
folge von Faden und Knoten mit 
der Schnurschrift alter Kulturen, 
etwa dem quipus der Peruaner 
verglichen. Tatsächlich wurden 
von den mittelalterlichen jüdischen Mystikern den Zahlen jener Um- 
drehungen und Knoten zahlreiche geheimnisvolle Bedeutungen zuge- 
schrieben. Eine dieser Deutungen faßt das Ganze als Symbol der Thora 
auf: der Zahlenvvert der Buchstaben des Wortes Zizzith ist nämlich 600; 
rechnet man die acht Fäden und die fünf Knoten hinzu, so ergab 
sich die Summe 613 — nach rabbinischer Berechnung die genaue Anzahl 
der positiven (248) und negativen (365) Vorschriften des Gesetzes. Nach 
einer anderen Version ergeben die Zahlenwerte der Knoten und Windungen 




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ein bedeutsamer Schmuck sein: wenn ihr ihn anseht, so sollt ihr aller Gebote Jahwes 
gedenken, daß ihr nach ihnen tut und nicht abschweift zu dem, was euer Herz und 
eure Augen gelüstet, durch die ihr euch zur Abgötterei verführen läßt, damit ihr 
aller meiner Gebote eingedenk seid und nach ihnen tut und so heilig seid vor eurem 
Gott. 

1) „Du sollst nicht Kleider anziehen, die aus zweierlei Fäden, aus Wolle und Flachs, 
zusammengewirkt sind. Du sollst dir Quasten an den vier Zipfeln deines Oberkleides, 
mit dem du dich umhüllst, anbringen." 



Gebetmantel und Gebetriemen der Judei 



die Worte „jahive echod" = Jahwe allein [ist Gott]. Es gibt viele andere, 
ihrem Wesen nach ähnliche Spekulationen; ihr Gemeinsames liegt in der 
Verbindung, die sie zwischen den Zizzith und dem Glauben an Gott und 
an das Gesetz herstellen. Man versteht es so, daß das Tragen der Zizzith 
seiner Wichtigkeit nach häufig der Befolgung aller Gesetze gleichgesetzt 
wurde. 

Diese Zizzith befinden sich indessen nicht nur an dem so eigenartigen 
Gebetmantel, dem Tallith, sondern auch an einem anderen rituellen 
Kleidungsstück, das man als eine Art Tallith en miniature bezeichnen 
darf. Wirklich benennt man dieses Kleidungsstück tallith kothen, den kleinen 
Tallith, im Gegensatz zum tallith godel, dem großen Tallith. Der andere, 
öfter gebrauchte Name für diesen kleinen Gebetmantel ist arha kamphot. 1 

Während der Tallith nun nur während des Gebetes umgelegt wird, 
wird dieses besondere Kleidungsstück von den frommen Juden während 
des ganzen Tages getragen. Es ist ebenfalls ein viereckiges Tuch, das aber 
Brust und Bücken bedeckt und unterhalb der Oberkleidung getragen wird. 
Auch dieser Mantel, dessen Form von dem des Tallith etwas abweicht, 
trägt nun an seinen vier Ecken die Zizzith. Die Doublette des Gebrauches 
ist unschwer durch die historische Entwicklung der Kleidung bei den Juden 
zu erklären. In der Antike wurde von den Hebräern ein großes Stück 
Tuch, etwa dem arabischen Burnus gleich, getragen; 2 es umhüllte den 
ganzen Körper und wurde vermutlich auch als Nachtdecke gebraucht. An 
den vier Ecken dieses Kleides sieht nun der Priesterkodex jene Quasten 
vor. Diese Zizzith an dem Oberkleide, das so viel größer war als der spätere 
Tallith, müssen, wie wir aus dem Beispiele Jesu erkennen, auffälliger und 
größer gewesen sein als die Quasten, die wir heute an den rituellen Kleidungs- 
stücken beobachten können. Jene Frau, die an Blutfluß litt, ergriff mitten 
im Gedränge die Zizzith des Heilandes. 

Später haben sich die Juden auch in der Kleidung den fremden Völkern 
angenähert. Die Quasten am Oberkleid wurden als jüdische Eigentümlich- 



1) Man erkennt diese Bezeichnung noch in der verballhornten Form wieder: 
„Dieses Kampfes Ritter sind 
Kapuziner und Rabbiner. 
Statt des Helmes tragen sie 
Schabbesdeckel und Kapuzen. 
Skapulier und Arbekanfeß 
Sind der Harnisch, d'rob sie trutzen.« Heine: Disputation. 

2) Auch dem griechischen Hymation vergleichbar; das Neue Testament gebraucht 
jn seiner Übersetzung wirklich dieses Wort. 






la 



■Theodor Reik 



keit erkannt; bei dem steigenden Judenhaß war es ratsam, sie zu ver- 
bergen. So erklärt sich die Benützung des quastengeschmückten Tallith, 
der nur während des Morgengebetes getragen wurde, und die Entstehung 
jenes besonderen Kleidungsstückes, das unterhalb des Oberkleides getragen 
wurde. Soweit die Erklärung der Gelehrten. Sie darf gewiß auf Richtigkeit 
Anspruch machen, doch deckt sie sicherlich nicht alle wesentlichen Motive 
der Entwicklung auf. 

Beim Anlegen des Tallith wird der Segensspruch gesagt. „Gelobt seist 
du, Herr, unser Gott, König der Welt, der du uns geheiligt hast mit deinen 
Geboten und uns befohlen hast, Kleider mit den Zizzith zu tragen. Die 
Zizzith werden beim Anlegen oder Ablegen des Tallith geküßt wie die 
Tephillin. Dabei sehen die Frommen sie an, um jenes Gebot: „Ihr sollt 
sie ansehen" zu erfüllen. Zwischen den talmudischen Schulen des R. Hillel 
und des R. Schamnai gab es eine erbitterte Diskussion, ob man den Tallith 
auch bei Nacht zu tragen habe. Die Entscheidung ging dahin, daß dies 
nicht notwendig sei, da ja die Dunkelheit der Nacht die Befolgung des 
Gebotes, die Zizzith anzusehen und dabei der Gebote Jahwes zu gedenken, 
unmöglich mache. Dem frommen Juden ist es verboten, ein solches Kleidungs- 
stück, das mit Fransen versehen ist, einen NichtJuden zu verkaufen, es sei 
denn, daß die Zizzith zuerst davon entfernt worden sind. 

Die religiöse Bedeutung der Pkylakterien 

Der naturgegebene Weg, etwas über die Bedeutung dieser rätselhaften 
religiösen Gegenstände zu erfahren, ist gewiß der, sich bei den Autoritäten 
des Judentums danach zu erkundigen. Man darf erwarten, daß der Talmud, 
das große umfassende Gesetzbuch der israelitischen Religion, uns erschöpfende 
Auskunft geben wird. Tatsächlich liefert die religiöse Literatur des Juden- 
tums einen verwirrenden Reichtum an Aussagen über Tephillin und Zizzith. 
Es gibt da Vorschriften darüber, wie lange man fasten solle, wenn man die 
Tephillin fallen ließ, wie sie zu reinigen sind; ausführlich wird erörtert, 
wie die Tephillin zu schreiben seien, wie groß die Kästchen und wie lang 
die Riemen sein müssen usw. Die Ehrfurcht vor den Tephillin war fast 
so groß wie die vor den heiligen Schriften. 1 Wie diese durfte man auch 
die Tephillin am Sabbath aus einer Feuersbrunst retten. 2 So wird Berak. 

1) Jadajim III, 5. 

2) Schabbath XVI, 1. Näheres in Emil Schürer: Geschichte des jüdischen Volkes. 
im Zeitalter Jesu Christi. II. Bd., Leipzig 1907, 4. Aufl., S. 569!. 






Gebetmantel und Gebetriemen der Juden 



III, 5, die Frage diskutiert, was mit dem Tephillin zu geschehen hat, wenn 
der Gläubige in einen Abtritt geht. (Man erinnert sich, daß die Tephillin 
zur Zeit des Talmuds während des ganzen Tages getragen wurden.) Es 
wird empfohlen, sie vier Ellen vor dem Abtritt niederzulegen, aber auch 
diskutiert, ob man sie während der Notdurft in der Hand halten dürfe. 
Die Möglichkeit, sie im Gewände festzuhalten, wird mit Hinblick auf die 
Gefahr des Fallenlassens abgewiesen. Es wird z. B. entschieden, daß es erlaubt 
sei, die Tephillin in ständige Abtritte, wo Bespritzungen nicht vorkommen, 
mitzunehmen, bei gelegentlichen Klosetten aber, wo Bespritzungen vor- 
kommen, sei dies verboten. Von der Hochschätzung der Tephillin zeugt 
etwa die folgende Geschichte, die der Talmud berichtet: es ereignete sich, 
daß ein Jüngling seine Tephillin in einer nahe der Straße gelegenen Nische 
deponierte, während er ein Klosett aufsuchte. Da kam eine Hure, nahm 
sie fort, ging in das Lehrhaus und sagte: „Sehet, was mir jener als Belohnung 
gegeben . Als der Jüngling dies hörte, stieg er auf die Spitze des Daches, 
stürzte sich herab und starb. Im selben Traktat wird zwischen B. Josef b. 
R. Nehunja und R. Jehuda das Problem diskutiert, ob man seine Tephillin 
unter sein Kopflager legen dürfe. Es wird dabei betont, daß es gewiß nicht 
fraglich sei, daß man sie nicht unter seinem Fußlager aufbewahren dürfe, 
da dies hieße, sie in verächtlicher Art behandeln. Ferner wird darüber ent- 
schieden, ob man sie zwischen Polster und Kissen des Kopflagers legen darf, 
ob dies auch dann erlaubt sei, wenn die Ehefrau bei dem Frommen liege 
usw. Die Frage, von welchem Tierfell die Tephillin verfertigt werden sollen, 
wird mit Hinblick auf Exodus 13, wo es heißt: „Damit die Lehre des 
Herrn in deinem Munde" sei, beantwortet. Das solle doch heißen : was dir in den 
Mund zu nehmen erlaubt sei, demnach nur ein rituell reines Tier. Daß 
die Tephillin viereckig sein müssen, sei eine dem Moses am Sinai über- 
lieferte Lehre, ebenso daß sie mit dem Haare eines Tieres umwickelt und 
mit dessen Sehnen vernäht sein müssen. Auch die Farbe der Riemen, 
schwarz, sei eine dem Moses am Sinai überlieferte Verordnung (Sabbath II, 3). 
Gott selbst habe dem Moses am Sinai das Verfertigen und Binden der Tephillin 
gelehrt. (Berach. I, fol. 7.) Es wird auch ausdrücklich gesagt, daß Gott selbst 
Tephillin trage. Dies wird bewiesen aus der Jesaiasstelle 62, 8, wo es heißt: 
„Der Herr hat bei seiner Rechten geschworen und bei seinem mächtigen 
Arm." Seine Rechte bedeute nach Deut. 33, 2, die Gesetzeslehre; bei seinem 
mächtigen Arm aber bedeute die Tephillin, da es heiße (Psalm. 29): „Der 
Herr wird seinem Volke Macht verleihen." Wie kann aber bewiesen werden, 
daß die Tephillin eine Macht sind für Israel? lautet der Einwurf. Die 









*4 



lucoclor Rcik 



Antwort wird durch den Hinweis auf Dt. 28, 10 gegeben, wo es heißt: 
„Und es werden alle Völker der Erde sehen, daß der Name des Herrn über 
dich genannt wird und sich vor dir fürchten." R. Eliezer der Große erklärt 
die Stelle dahin, daß das, was die Völker mit Furcht sehen, eben die Tephillin 
des Hauptes sein werden. Die Konstatierung, daß Gott selbst Tephillin trage, 
ist offenbar nicht ausreichend; der Scharfsinn R. Hijasb. Abin (Berachoth I, 1) 
muß sogar ergründen, was in den Tephillin des Herrn geschrieben steht und 
den genauen Text in jedem Gehäuse rezitieren. In den Aussprüchen der 
Dezisoren des Mittelalters wird auch ersichtlich, welche Bedeutung sie dem 
Tephillinlegen beimessen. Ula sagt z. B. (Berachoth II, 11), wenn jemand 
das sch'ma, das wichtigste Gebet des Judentums lese, ohne Tephillin gelegt 
zu haben, so wäre dies gleich, als hätte er falsch Zeugnis abgelegt gegen sich, 
während R. Hija b. Abba solches Verhalten dem eines Mannes vergleicht, der 
ein Brandopfer ohne Speiseopfer oder ein Schlachtopfer ohne Trankopfer 
dargebracht hätte. Der letztgenannte Gelehrte sagt auch: „Wer sich reinigt, 
seine Hände wäscht, Tephillin anlegt, das Schema liest und betet, dem rechnet 
es die Schrift an, als hätte er einen Altar errichtet und darauf ein Opfer 
dargebracht, denn es heißt: „Ich wasche meine Hände rein und umkreise 
deinen Altar" (Ps. 26, 6). Die Vollziehung der Tephillin Vorschrift wird also 
geradezu einem Altardienste gleichgesetzt. R. Schescheth dekretiert, daß der- 
jenige, der nicht Tephillin legt, acht Gebote übertrete (da die Vorschrift 
achtmal in der Thora erscheint; Berachoth 44, 1). Rab zählt denjenigen, 
der keine Tephillin legt, zu den Abtrünnigen (S. Rasch Hasch. 17 a). In 
der Paraphrase des Targum zu Cantic 8, heißt es emphatisch: „Es spricht 
die Gemeinde Israels: ich bin von allen heidnischen Völkern erkoren, weil 
ich auf die linke Hand und um das Haupt die Tephillin lege und an der 
rechten Seite meiner Tür die Mezuzah befestige, damit die bösen Geister 
keine Macht haben, mir zu schaden." Wirklich erschienen im Talmud die 
Tephillin, die Zizzith und die Mezuzah, jene an den Türpfosten befestigte 
Kapsel mit Bibelversen, oft als apotropäische Mittel und werden meistens 
zusammen genannt. Maimonides (Yad IV, 25, 26) bezeugt diese heiligende 
und schützende Wirkung der Tephillin: solange ein Mann die Tephillin 
am Haupte und am Arme hat, werde er bescheiden und gottesfürchtig sein und 
seine Gedanken nicht der Sünde und dem Müßiggange zuwenden. Tephillin, 
Zizzith und Mezuzah dienen so nach jüdischer Auffassung auch als Schutz- 
mittel gegen die Sünde (Menachoth 45 und öfter). Solcher Glaube ging so 
weit, daß verschiedene Rabbinen sich der ausgelassensten Freude hingaben 
und vor der Gefahr der Versündigung sicher zu sein glaubten, weil sie mit 



Cjcbetmantcl und Cjebetriemeii der Jude 



i5 



den Tephillin bekleidet waren. Als Abaji (drittes Jahrhundert) einmal vor 
Raba saß und bemerkte, daß sich dieser ausgelassen betrug, wies er ihn 
auf Psalm 2 hin, wo es heißt: „Und frohlocket mit Zittern", doch er erhielt 
die Entgegnung: „Ich habe Tephillin gelegt" (siehe Berach. 30 b). 

Es wird uns nicht in Erstaunen setzen, wenn wir bemerken, daß die 
religiöse Anschauung des Judentums der Neuzeit einen solchen magischen 
Charakter der Tephillin ablehnt und ihnen nur eine hohe symbolische 
Bedeutung zuschreibt. So werden sie etwa zur Mahnung an „Himmlisches" 
bei L. Zunz; 1 zugleich zu einem Warnungszeichen gegenüber dem Ver- 
botenen: „Denn wenn Hand und Auge Gott geweihet werden, denken wir 
mit stillem Vorwurf an das Unreine, das unser Auge gefesselt und unsere 
Hand befleckt." Die Verbindung mag uns recht lose scheinen, doch wird 
sie mit großem Nachdruck behauptet: „Das Zeichen an deiner linken Hand 
kann die Rechte zurückhalten, den Bruder zu schlagen. Das heilige Denk- 
mal, das dir das Haupt umgibt, lähmt den Fuß, wenn er der Sünde nach- 
eilen will . Es handelt sich offenbar um keinen einfachen Abwehrmechanismus, 
da er von der linken Hand auf die rechte übergreift und sein Einfluß 
von der Stirne auf die Intention des Ausschreitens übergreift. Noch kom- 
plizierter und rätselhafter wird die Sache dadurch, daß die Kapsel und 
Riemen auch die religiösen Brudergefühle erwecken sollen, denn, so wird 
uns gesagt, „so oft an unseren äußeren Menschen das Symbol sicht- 
bar wird, regt in dem inneren sich die alte Liebe und zieht in ihre ge- 
weihten Kreise alle, die in gemeinschaftlicher Überzeugung mit uns sich 
erbauen". 

Wenden wir uns nun dem zweiten Objekt, das der fromme Jude beim 
Gebete zu beachten hat, zu.- den Quasten, welche den Tallith verzieren. 
Der Name Zizzith hängt mit einem Stamme zusammen, der „hervorschauen" 
bedeutet, und man kann das Wort deshalb gut mit Schaufäden übersetzen, 
zumal das biblische Gebot den Gläubigen einschärft, diese Fäden anzu- 
sehen. Bedeutsamkeit und religiöse Wichtigkeit des Zizzithgebotes wird nicht 
nur in der peinlichen Gewissenhaftigkeit seiner Befolgung klar, sondern 
auch durch die vielfachen Aussprüche des Talmuds erwiesen, die zeigen, 
wieviel Wert man gerade auf die Beobachtung dieser Vorschrift legte. Die 
Gemara sagt: 2 „Es wiegt dieses Gebot alle Gebote in der Thora auf." 
„Wer das Gebot von den Schaufäden vollzieht, dem wird es so gehalten, 

1) L. Zun 2: Thefillin, eine Betrachtung in „Ges. Schriften". II. Bd., Berlin 1876 
S. 172 ff. ' 

2) Menachoth S. 43 b. 












I licoiifir IVt'ik 



als wenn er alle Gebote vollzogen hätte. ' Eine merkwürdige talmudische 
Deutung ist die folgende: Es heißt in dem Abschnitte von den Schau- 
fäden: „und ihr sehet ihn" (Gott), aber nicht: „und ihr sehet sie" (die 
Schaufäden), das deutet an, daß, wer das Gebot von den Schaufäden voll- 
zieht, gleichsam die Gottheit empfängt. 2 Ganz ähnlich heißt es: 3 „Wer 
sich der Ausübung dieses Gebotes befleißigt, erlangt, daß er die Gottheit 
schaut", denn es heißt: „und ihr sehet ihn (Nim. 15, 58)". Diesen Aus- 
sprüchen entsprechen einzelne Berichte, die bezeugen, welche Bedeulung 
den Zizzith in den Augen der Frommen zukam. Der Sohn eines berühmten 
Rabbis wurde gefragt, welches Gebot sein Vater ihm besonders und vor 
allen anderen auf die Seele gebunden hat. Seine Antwort war: „Das Gesetz 
über die Zizzith. Als mein Vater einmal von einer Leiter herabsteigend 
auf eine der Fäden trat und ihn abriß, weigerte er sich, sich vom Flecke 
zu rühren, bis der Faden ersetzt war." R. Resch Lakisch malt ein packendes 
Bild der zukünftigen Belohnung, welche die Frommen im Jenseits erwartet. 
Er erklärt, daß nicht weniger als zweitausendachthundert Diener jeden 
Juden, der die Zizzithvorschrift beobachtet, bedienen werden. 4 In diesen 
Aussagen stützt er sich auf den Propheten Sacharja VIII, 23: „In jenen 
Tagen wird es geschehen, daß zehn Männer aus allen Sprachen der Nationen 
einen Judäer beim Rockzipfel ergreifen und sagen: ,Wir wollen mit euch 
ziehen, denn wir haben gehört, daß Gott mit euch ist'." Der Fromme 
errechnet nun die präzise Zahl der Diener, die in Zukunft jeden Juden 
aufwarten würden, auf folgende Art: er geht davon aus, daß es siebzig 
Hauptsprachen gebe, multipliziert die Zahl der Rockzipfel vier mit zehn 
und gelangt so zu der Ziffer zweitausendachthundert. Auch wird im Talmud 
erzählt, daß die Zizzith einst einen Frommen gerettet hätte, indem sie ihm, 
da er sündigen wollte, sozusagen als lebende Zeugnisse erschienen und ihm 
ins Gesicht schlugen „als ein Vorwurf". 5 

In dem Beispiele dieses durch eine Bewegung der Zizzith eingeschüchterten 
Rabbis sowie in ähnlichen erscheinen die Schaufäden noch immer als eine 
Art magischen Instrumentes. Im Laufe der Zeit verblaßte dieser ursprüng- 
liche Charakter immer mehr, bis ihre Auffassung zu einer symbolischen 
Mahnung, die göttlichen Gebote zu befolgen, gelangte. Ich gebe hier als 



1) Sifre § 115 zu Schellach lacha S. 35. 

2) Sifre § 115. 

3) Schabb. 118 b 

4) Shab. 32 b. 

5) Men. 44 a. 



ijcbetmantel und vxehetnemen der Juden 



Beispiel einer solchen anagogischen Auffassung der Zizzith einige Sätze 
aus Langf eiders „Die Symbolik des Judentums" wieder. 1 Dieser Autor 
betont, daß die Schaufäden den Juden „zu jeder Stunde des Tages auf das 
Dasein eines höheren Weltenrichters und Schöpfers aufmerksam machen" : 
„Die gedrehten Fäden, die eine blaue Schnur in ihrer Mitte haben, stellen 
ein vollständiges Symbol des ganzen menschlichen Erdenlebens dar. An 
festen gedrehten und zugleich unzähligen Fäden ist das Schicksal des 
Menschen von dem Willen des Ewigen abhängig . . . Die Schaufäden an 
den vier Ecken des Gewandes bezeugen, daß Gottes Macht an allen vier 
Enden des Weltalls herrscht und regiert." Die Schaufäden an und für sich 
seien zwar bloße Fäden, aus weißer und auch aus blauer Wolle. Für den 
Kundigen aber, für den, der auf ihren Sinn und auf ihre Bedeutung auf- 
merksam gemacht wurde, „enthalten sie ein inhaltschweres Symbol, welches 
das Verhältnis des Menschen zu Gott darstellt". So erinnere der blaue 
Faden daran, „daß wir alle an den Himmel, an Gott mit unauflöslichen 
Banden geknüpft sind. Weil Herz und Auge unbeständig nach allen irdischen 
Freuden lüstern ist und der Mensch vom Auge und Herzen ganz umstrickt 
und gefangen ist, werden diese Schaufäden verordnet und eingeführt:- den 
Verlockungen der Sinne ein starkes Gegengewicht entgegenzuhalten und 
entgegenzustellen". Wir hören wohl diese vielsagende Botschaft, aber es 
fehlt uns der Glaube, daß der Gott eines Beduinenstammes seinen Gläubigen 
ein so hochsublimes Symbol, das zu solchen Gedankenzügen anregen soll, 
als Mahnung verordnet habe. Die Fäden aus Wolle sollen an das mensch- 
liche Schicksal, das an den Willen Gottes gebunden ist, erinnern, die vier 
Ecken des Gewandes an die vier Enden des Weltalls, der blaue Faden an 
die Unendlichkeit des Himmels — hier ist ein embarras de richesse an 
Symbolbedeutung, der selbst für primitive Schafzüchter, die viel Zeit zum 
Nachdenken haben, zu inhaltschwer ist. Auch ist es schwierig sich vorzu- 
stellen, wieso Schaufäden auf das Dasein eines höheren Weltenrichters hin- 
weisen und worin das starke Gegengewicht liegen soll, das sie den Ver- 
lockungen der Sinne „entgegenhalten und entgegenstellen". 

Wir sind verwundert, wenn wir bedenken, welche hohe ethische und 
religiöse Ideen diese Fäden am Zipfel des Gewandes eines Nomadenvolkes 
repräsentieren sollen. Langfelder, den ich hier als Wortführer modern 
religiöser Anschauungen sprechen lasse, kommt zu folgender Schlußfolgerung: 
„Wird der Monotheismus im Judentum solche Lebenskraft und Lebens- 



1) Dr. David Langfelder: Die Symbolik des Judentums. Klausenburg 1876, S. 97. 









18 Theodor Reik 



fähigkeit haben, daß die Schaufäden die ganze Reihenfolge des monotheisti- 
schen Ideenganges klar und deutlich dem Beschauer zu Gemüte führen 
können, werden auch die übrigen Gebote, die denselben Sinn und dieselbe 
Bedeutung darstellen und repräsentieren . . . nicht unbemerkt und unbe- 
achtet bleiben." 

Wenn wir uns dieser Folgerung anschließen, sind die Chancen, daß die 
übrigen Gebote Gottes in Zukunft befolgt werden, leider keine allzugroßen 
und der Fromme mag mit einiger Besorgnis den kommenden Tagen ent- 
gegenschauen, an denen die ganze Reihenfolge des monotheistischen Ideen- 
ganges, wie er in den Schaufäden repräsentiert ist, nicht mehr so klar und 
deutlich sein wird als es wünschenswert wäre. 

Die Aufklärungen, welche uns die religiöse und gesetzkundliche Tradition 
des Judentums zu geben hatte, klangen häufig bedeutungsvoll, doch selten klar. 



er 



JLJie 1 heorien der alttestamentlich.en Wissenschalt und d 
vergJeicnenden JxeJigionsforschung 

Wir wenden uns vertrauensvoll zu den Vertretern der alttestamentlichen 
Wissenschaft. Mögen sich auch in jenen Schriften des Judentums dunkle 
Ahnungen der verborgenen Bedeutung der Gebetsriemen und der Schau- 
fäden erkennen lassen, die nüchterne Wissenschaft der hebräischen Archäo- 
logie, die gerade in den letzten Jahrzehnten durch die Arbeit so vieler 
Gelehrter einen großen Aufschwung genommen hat, ist sicher geeigneter, 
uns die entscheidenden Aufklärungen zu geben. Hier weht die klare, kühle 
Luft des Rationalismus, hier regiert der abwägende, sichtende, klar urteilende 
Verstand, der, so hoffen wir, diese Rätsel rasch und sicher zu lösen ver- 
mögen wird. 

Tatsächlich haben sich die Forscher schon früh um das Verständnis 
dieser so dunklen Objekte bemüht. Wenn ich hier nur eine kleine Auslese 
der Theorien gebe, so wird sie doch zeigen können, welche Wege die 
Forschung eingeschlagen hat und zu welchen Resultaten sie gelangt ist. 
Verschiedene Disziplinen haben diese Untersuchungen gefördert. Wollte 
man die ursprüngliche Bedeutung der Tephillin erkennen, so lag es am 
nächsten, ethymologisch festzustellen, was der Name des fraglichen Objektes 
bedeutet. Im Alten Testament erscheint die Bezeichnung Totaphot, deren 
Sinn unsicher ist. Der Talmud nennt sie Tephillin, was Stirnband oder 
Gebetriemen bedeuten mag, die Evangelien gebrauchen das Wort Phylakterien. 






1 



(jehetmantel und Cjebetriemen der Juden IQ 

Die hebräische Archäologie wurde durch die Erkenntnisse der Bibelexegese, 
welche den Sinn und Zusammenhang der Bibel stellen, in denen von den 
Tephillin die Rede war, aufklärt, unterstützt. Es galt ferner, Daten von 
der vergleichenden Religionswissenschaft zu erhalten, welche ähnliche Sitten 
bei anderen Völkern und in den Religionsübungen anderer Gemeinschaften 
zeigen konnte. Die talmudische Archäologie sowie die genaue Kenntnis 
der jüdischen Liturgik mußten die Forschungsarbeit unterstützen. 

Die noch immer lesenswerte Abhandlung, welche Gottlieb Klein 1 1881 
über die Totaphot veröffentlicht hat, leitet dieses Wort von einem hebräischen 
Verb ab, das Stoßen oder Schlagen bedeutet. Der Autor gelangt so zu der 
Bedeutung „angetupftes Zeichen". Es würde sich demnach bei den Tephillin 
ursprünglich um eine Art auf der Stirne eingebrannten Zeichens handeln. 
Für Klein ergibt sich die Wahrscheinlichkeit, daß mit dem rätselhaften 
Ausdruck zuerst eine körperliche Verstümmelung gemeint sei aus dem 
Zusammenhange, in dem das Gebot über die Totaphot zuerst erscheint. 
Jene Vorschriften werden nämlich in den Bibelstellen mit dem Passahfeste 
und der Erstgeburt verknüpft. Ex. 13, 1 — 2, stellt das Gesetz, die Forderung 
auf, jede Erstgeburt Gott zu weihen. Dieses Passahopfer der Erstgeburt, 
das einmal im Jahre ausgeführt wurde, genügte dann nicht mehr; jeder 
mußte an sich ein Zeichen der Gottergebenheit tragen. Dies sei der Sinn 
von Ex. XIII, 6: „Dies soll sein zum öth (Zeichen) an deiner Hand und 
zum Totaphot zwischen deinen Augen. Wichtig sei also, daß das Gebot 
der Totaphot in engstem Zusammenhange mit der Weihung der Erstgeburt 
am Passahfeste stehe. Bei diesem Feste wurden ursprünglich Kinder ge- 
opfert; eine spätere Zeit war bestrebt, die Spuren dieser heidnischen Götter- 
verehrung gänzlich zu verwischen. Das Totaphot stelle gleichsam die letzte, 
uns erhaltene Spur jenes Opfers dar. Der Verfasser oder die Verfasser der 
anderen Abschnitte, in denen die Totaphot erwähnt werden (Deut. 6, 8 und 
Li, 8), wissen nichts mehr von diesem Zusammenhange. Sie verstanden die 
ursprüngliche Bedeutung der Totaphot als körperliche Verstümmelung nicht 
mehr und hätten die Vorschrift im Sinne von Amuletten aufgefaßt. Nach 
Klein s Auffassung hat man also eine ursprüngliche Bedeutung der Totaphot 
(körperliche Verstümmelung) von einer späteren (Amulette mit Bibelversen, 
auf persischem Boden und unter persischem Einflüsse entstanden) zu unter- 
scheiden. Auch ihr griechischer Name Phylakterien weise auf diesen ihren 
Amulettcharakter hin. 

1) Die Totaphot nach Bibel und Tradition. Jahrbuch für protestantische Theologie, 
VII. Jahrg., 1881, S. 666 f. 



30 Theodor Rcik 



Der erste Eindruck dieser Theorie ist entschieden ein günstiger: sie 
empfiehlt sich besonders durch die Beachtung des Zusammenhanges, in dem 
das Gebot der Totaphot zuerst auftaucht. Es spricht auch für sie, daß sie 
die genetische Betrachtungsweise einführt und die Bedeutung der Totaphot 
nicht flächenhaft auffaßt. Es erscheint auch uns wahrscheinlich, daß es 
einmal eine später nicht mehr erkannte Verbindung zwischen dem Passah- 
feste und dem Totaphot gegeben habe. Gerade an dieser Stelle tauchen 
aber unsere Einwände gegen die scharfsinnige Theorie Klein s auf: er be- 
hauptet, das Totaphot leite seine Entstehung von jener Weihung der Erst- 
geburt ab; später habe das Gesetz jeden Israeliten verpflichtet, sich durch 
besondere Zeichen auf der Hand und zwischen den Augen Gott zu weihen. 
Warum sollte jeder Israelit für die menschliche Erstgeburt eintreten? Und 
von welcher Art ist die Verbindung zwischen jenem Opfer und diesem 
Zeichen? Warum sollte es gerade auf der Hand und zwischen den Augen 
erscheinen? Die Ableitung des Wortes Totaphot von einem Verb, das stoßen 
oder schlagen bedeutet, ist mehr als zweifelhaft, die Deutung als „ein- 
gebranntes Zeichen" willkürlich. Die Totaphot erscheinen in Bibel und 
Talmud nirgends als Verstümmelungen und doch gibt es genug Zeugnisse 
dafür, daß solche religiöse Verstümmelungen vorkamen. Der Weg, der von 
jener supponierten Selbstverstümmelung zur Institution von Kästchen und 
Riemen führt, die beständig getragen wurden, ist in keiner Art klar und 
in jeder schwer erklärbar. Die Annahme, daß einfach ein Mißverständnis 
späterer Generationen für diesen Ersatz verantwortlich zu machen sei, be- 
friedigt uns nicht. Auch wir halten es für sehr wahrscheinlich, daß die 
Totaphot ursprünglich eine andere, uns unbekannte Bedeutung hatten und 
erst später als Amulette aufgefaßt wurden. Die Kontinuität des psychischen 
Geschehens scheint nun aber zu verlangen, daß jene Entwicklung eine 
solche ist, daß noch zwischen der primären, unverstandenen Bedeutung und 
dem späteren Amulettcharakter ein innerer, psychologisch aufzeigbarer Zu- 
sammenhang bestehe. Auch Form und Gestalt der Tephillin können nicht 
ohne Zwang auf eine körperliche Verstümmelung zurückgeführt werden. 
Die Einzelheiten des Anbringens, die Besonderheiten der Kästchen und 
Biemen, die ausgebreiteten und komplizierten Gebräuche, die merkwürdigen 
Anschauungen über die Tephillin werden weder durch die Annahme ihrer 
Bedeutung als körperlicher Verstümmelungen noch als Amulette erklärt. Der 
Eindruck, den wir bei der Prüfung der Kleinschen Hypothese erhalten, 
ist etwa der eines Beobachters, der sieht, wie ein Wanderer zuerst den richtigen 
Weg einschlägt, um ihn bald zu verlieren und weit davon abzukommen. 



Vjebetinantel und vjcbctncmcn der Jude 



21 



Wir verspüren, daß im Ansatz dieser Theorie ein Stück der gesuchten Er- 
klärung steckt, aber, was wir zuerst zu greifen versuchten, hat sich rasch 
verflüchtigt und läßt uns mit leeren Händen zurück. 

Die Ausführungen Bernhard Stades 1 bedeuten einen energischen Schritt 
weiter in jene falsche Richtung, welche Klein eingeschlagen hatte. Sie 
erscheinen nicht ausdrücklich als Erklärungsversuch der Tephillin, sondern 
bemühen sich, die Natur des Zeichens, das Jahwe in der Bibelerzählung 
dem Kain zum Schutze verlieh, klarzulegen. Stade versucht nun, einen 
Zusammenhang zwischen diesem Kainszeichen und dem Gebrauch der 
Tephillin herzustellen. Dieser Forscher glaubt, im Kainszeichen eine primitive 
Tätowierung erkannt zu haben. Er beruft sich auf Lev. 19, 27 f., wo den 
Israeliten verboten wird, den Rand ihres Kopfes kreisförmig abzuscheren, 
den Bart zu verstümmeln, sich eines Toten wegen Einschnitte zu machen 
oder eingeätzte Schrift an ihrem Körper anzubringen. In der Apokalypse 
Johannis tragen die Tieranbeter den Namen oder die Zahl des Tieres auf 
der Hand oder auf der Stirne. 2 Die 144.000, die beim Lamme auf dem 
Berge Zion stehen, haben den Namen des Lammes und seines Vaters auf 
ihre Stirne geschrieben; 5 sie sind die mit dem Namen Gottes auf ihren 
Stirnen versiegelten Knechte Gottes. 4 Eine der Spuren eines solchen alten 
Jahwezeichens finde sich nun, von einer redigierenden Hand fast verwischt, 
an jener Stelle Ex. 13, 9, wo das Gebot der Totaphot erscheine. Es werde 
dort deutlich, daß es sich dabei um ein kultisches Denkzeichen, d. h. um 
ein Zeichen, das die kultische Zugehörigkeit in Erinnerung bringe, handle. 
Die Stellen Deut. 11, 8 und 6, 8 enthalten die Verpflichtung, sich die Gebote 
Gottes ins Gedächtnis zu rufen, in der bildhaften Ausdrucksform, sie als 
Zeichen an die Hand zu schnüren und sie als Totaphot zwischen den Augen 
zu tragen. Die Wahl des Ausdruckes „schnüren" beweise, daß das Bild hier 
sekundär verwendet wurde, denn Angeschnürtes sei abtrennbar. Diese Wort- 
wahl stelle bereits den Versuch einer späteren, materiellen Umdeutung dar. 
Damit sei bereits der Weg beschritten, der dann im Judentum zur Er- 
findung der talmudischen Tephillin, der jüdisch-hellenischen Phylakterien, 
führte. Die alte Sitte der Tätowierung, die später als heidnisch empfunden 
wurde, sei nun durch die Neueinführung ausgerottet worden: 5 „Das dem 



1) Das Kainszeichen. Zeitschrift für alttestamentliche Wissenschaft. XIV. Jahrg., 1894,. 

2) 13, 16 f.; 14, 9; 16, a; 19, 20; 20, 4. 

3) »4. «■ 

4) 7, 2 ff.; 9, 4. 

5) Stade: Das Kainszeichen. 8.312. 



23 Theodor R-eik 



Körper eingeritzte oder eingebrannte Zeichen wird, weil es religiös anstößig 
geworden war, durch ein religiös unanstößig gewordenes Surrogat ersetzt 
worden sein." Das Gesetz habe sich dann darin geschickt, an die Stelle 
des alten, heidnischen Zaubers zu treten, wie dies ja auch vielfach in der 
christlichen Kirche geschehen sei. Die alte, kultische Bedeutung der jüdischen 
Tephillin verrate sich nur darin, daß „diese aus sich schwer zu erklärenden 
Toilettegegenstände" eben beim Kult getragen wurden. Das Kainszeichen 
sei mit dem Totaphot Israels identisch oder verwandt gewesen. 

Man muß zugestehen, daß diese Seite der Theorie Stades den früheren 
Ansichten gegenüber einen Fortschritt bedeutet, da in ihr der Charakter 
der Totaphot als kultischen Zeichens betont wird. Was gegen sie spricht, 
wurde bereits in der Erörterung der Anschauung Kl eins gesagt: sie gibt 
einen Eindruck des Forschers ohne den ausreichenden Versuch einer Be- 
gründung wieder. Sie erklärt nicht, wie sich aus einer Tätowierung ein 
System von Kästchen und Biemen entwickeln konnte und sie vermag weder 
die spezielle Bedeutung noch das besondere Ritual der Tephillin im Judentum 
aufzuhellen. 

Baentsch meint ebenfalls, 1 daß die Totaphot als Amulette aufzufassen 
seien. Die Sitte, Amulette auf der Stirne zu tragen, stelle nur eine Modi- 
fikation eines älteren Brauches, ein Jahwezeichen auf die Stirne einzuritzen, 
dar. Das alte Zeichen sollte seine Träger an die kultischen Pflichten er- 
innern. Die Stelle Exodus XIII, t6 wird dahin erklärt, die Darbringung 
der Erstgeburt solle für Israel ein solches Mahn- und Erinnerungszeichen 
werden; es rufe ihm ins Gedächtnis, daß Jahwe einst die Erstgeburt der 
Ägypter schlug. Wie Stade kommt auch Baentsch zu der Anschauung, 
daß das buchstäbliche Verständnis oder Mißverständnis dieser Stelle oder 
ihrer Parallelen späterhin zur Erfindung der Tephillin oder Denkzettel 
geführt habe. Hier erscheint also folgende Entwicklung: ein altes, tätowiertes 
Kultzeichen — ein Amulett — die Erfindung der Tephillin. Auch Holzinger 
denkt an ein tätowiertes Jahwezeichen; 2 Well hausen glaubt in den Totaphot 
Amulette an Stirnbändern zu sehen. 3 Nach W. Robertson Smith sind die 
Phylakterien 4 „Überbleibsel alten Aberglaubens und ihre Verwendung im 

1) Handkommentar zum Alten Testament. Herausgegeben von Nowak. Exodus- 
Leviticus-Numeri, 1905, S. 113- 

2) Kurzer Handkommentar zum Alten Testament. Tübingen 1900, Exodus erklärt 

von Holzinger. 

3) Reste arabischen Heidentums. S. 165. 

4) Divination and Magic in Deut. XVIII, 10 und 11. The Journal of Philology, XIII, 

1885, S. 286. 



Gehetmantel und Grebetricmcn der Jude 



Gebet mag zeigen, von welcher Art dieser Aberglaube war. Sie sind Apparate, 
um das Gebet wirksamer zu machen . 

Für die Amulettbedeutung sprechen sich auch Grünbaum, 1 Blau 2 (der 
auf die Skarabäen ägyptischer Priester hinweist), Bousset 3 („Wenn das 
Neue Testament sie qtvAcaaJJQia [Amulette] nennt, so ist damit der ursprüng- 
liche Sinn dieser Sitte richtig getroffen . . . Die Gebetkapseln werden die 
ursprüngliche Sitte, daß man auf Stirn und Arm Jahwezeichen eintätowiert 
trug, verdrängt haben") aus. Ähnlichen Anschauungen huldigen Schürer* 
(die griechische Bezeichnung beweise, daß man die Bedeutung der Tephillin 
in erster Linie darin sali, „die bösen Geister beim Gebete fernzuhalten"), 
Wünsche, 5 Kittel, 6 Nowak 7 und viele andere Forscher. Immer deutlicher 
wurde es, daß die fortschreitende religionswissenschaftliche Forschung das 
Problem gelöst zu haben glaubte, indem sie sich auf die Bezeichnung 
Phylakterien berief und die Tephillin als Amulette auffaßte. Die Gelehrten 
haben sich auch hier jener weisen Mahnung, sich im ganzen an Worte 
zu halten, gehorsam gezeigt. Nur selten tauchen schüchterne Zweifel daran 
auf, daß dies die eigentliche Bedeutung der Tephillin sei. Sie werden als 
unerfreulich und der ruhigen Sicherheit des überlieferten Wissens abträglich 
rasch erledigt. So wurde die Anschauung Friedländers, daß es sich um 
ein andersartiges Zeichen handeln müsse, als unerheblich beiseitegeschoben. 
Friedländer geht von einer merkwürdigen Mischnahstelle aus: 8 „Wer 
die Tephillin auf der Stirne oder auf der Handfläche trägt, der befolgt die 
Weise der Minäer" (Minäer = Häretiker). Die Erklärung dieser rätselhaften 
halachischen Entscheidung sieht nun Friedländer darin, daß die Minäer 
bestimmte kultische Zeichen getragen haben, welche die Rabbinen durch 
die Tephillin zu verdrängen bemüht waren. Diese wären z. B. für das 
Signum serpentinum der vorchristlichen Gnostiker eingetreten. Die Rabbinen 
suchten jede Spur eines solchen häretischen Zeichens zu verwischen. Zur 
Unterstützung seiner Ansicht, daß die Tephillin keine genuin jüdische 



i) Max Grünbaum: Ges. Aufsätze zur Sprach- und Sagenkunde. Berlin i 90 1, S. 208 f. 

2) Ludwig Blau: Das altjüdische Zauberwesen. Straßburg 1898, S. 87 f. 

3) Wilhelm Bousset: Die Religion des Judentums im späthellenischen Zeitalter. 
5. Aufl., 1926, S. 179. 

4) Emil Schür er: Geschichte des jüdischen Volkes im Zeitalter Jesu Christi- 
Leipzig 1907, +. Aufl., II- Bd., S. 568. 

5) Realenzyklopädie für protestantische Theologie. V. Bd., S. 693. 

6) Geschichte des Volkes Israel. Gotha 1922, 4. Aufl., II. Bd., S. 76. 

7) Hebräische Archäologie. 

8) M. Friedländer: Der Antichrist in den vorchristlichen Quellen. Göttingen 1901, 
S. 161 f. 






Z X Theodor Reik 



Schöpfung seien, sondern das gnostische Signum serpentinum verdrängen 
sollten, beruft sich Friedländer auf die vielfachen Unsicherheiten in der 
talmudischen Diskussion der Tephillin, z. B. auf die Erörterung, ob sie an 
der rechten oder linken Hand getragen werden sollten, auf das Zögern, 
sie direkt als Gebote der Thora zu bezeichnen usw. Nach Friedländers 
Anschauung wäre die Entwicklung ungefähr folgendermaßen zu beschreiben: 
gnostische Zeichen dringen in die breiten, jüdischen Volksmassen ein. Sie 
werden nun, da sie nicht mehr verdrängt werden konnten, sanktioniert, 1 
„allerdings nachdem ihnen zuvor ein mosaisches Gewand angelegt worden 
war". Es fiel leicht, nachzuweisen, daß diese Hypothese Friedländers 
unhaltbar war: die religiöse Sitte, Tephillin zu tragen, reicht in eine Zeit 
zurück, die derjenigen der jüdischen Gnostiker weit vorausgeht. Allein man 
hätte bei aller gerechtfertigten Ablehnung das Fünkchen Wahrheit entdecken 
müssen, das in Friedländers Theorie unter so viel Irrtum enthalten war. 

Die Frage, über welche die Gelehrten noch immer streiten, ist die, ob 
die Bibelstellen, in welchen die Vorschrift der Totaphot erscheint, wörtlich 
oder metaphysisch aufzufassen seien. Emil G. Hirsch 2 geht zum Beispiel 
davon aus, daß jene vier Bibelstellen zu beweisen scheinen, daß die Sitte, 
amulettartige Objekte rund um die Stirne und an der Hand zu tragen, 
sehr verbreitet gewesen sei. Die spätere rabbinische Exegese habe nun das 
Gleichnis, das in diesen Bibelstellen enthalten sei, wörtlich genommen 
und dem Buchstabensinn gemäß durchgeführt. Edward Mack 3 neigt eben- 
falls zu der Ansicht, daß in jenen Bibelversen eine Anspielung auf sicht- 
bar getragene Juwelen oder Amulette, wie sie die heidnischen Nachbar- 
stämme trugen, vorliege und daß es sich um einen poetischen Vergleich 
handle. Eine sorgfältige Lektüre der betreffenden Verse ergebe den Beweis 
ihrer rein metaphorischen Bedeutung. Das Zeremoniell der Tephillin stelle 
also eine Degradierung einer idealistischen Bedensart des Alten Testamentes 
dar: „Nur der Formalismus späterer Perioden konnte diese Metapher in die 
grobe und materialistische Praktik der Phylakterien umdeuten. 

Auch A. B. S. Kennedys eingehende Prüfung 4 der betreffenden Bibel- 
stellen kommt zu der Folgerung, „daß die Sprache dieser Verse durchaus 
symbolisch sei". 

1) Friedländer, 1. c. o. S. 157. 

2) The Jewish Encyclopaedia. Vol. X, S. 26. Art. „Phylacteries". 

3) „Phylacteries" in „The Internat. Standard Bible Encyclopaedia". Vol. IV, Sp. 2592. 

4) Art. „Phylacteries" in „A Dictionnary of the Bible" by James Hastings. Vol. III, 
S. 871 f. 






-1 



Gebctmantcl und Gebetriemen der Juden 25 

Kennedy verweist in Bezug auf „das Zeichen an deiner Hand" auf 
die allgemeine Praxis des Tätowierens bei den primitiven Völkern. Aber 
auch die Stirne sei ein bevorzugter Platz solcher tätowierter Zeichen bei 
halbwilden Stämmen. Wir sehen, Kennedy kehrt zu Stades Theorie 
zurück und bekräftigt sie, indem er andere Bibelstellen zitiert, die ihm als 
Beweis einer solchen Praxis dienen: der junge Mann, der auf der Stirne 
ein Zeichen trug, das ihn als Propheten legitimierte (1. Kön. ao, 21), das 
Kreuz Ezechiels (9, 40), das „Zeichen der Zerstörung" auf der Stirne des 
Bösen (Ps. 45, 10) usw. 

Eine besondere wissenschaftliche Diskussion gilt der Bedeutung des Wortes 
Totaphot, das an drei Bibelstellen (Ex. 13, 16; Dt. 6, 8 ; 11,8) für das Zeichen, 
das Jahwe am Arm und an der Stirne wünscht, gebraucht wird. Knobel 
hat das Wort von einer Wurzel, die „schlagen", dann „einen Einschnitt machen" 
bedeutet, abgeleitet. Totaphot würde so eine Tätowierungs- oder Brandmarke 
bezeichnen. Klein, Siegfried-Stade, Nowak und viele andere Forscher 
haben sich dieser Anschauung angeschlossen. Demgegenüber haben König 
und andere Gelehrte geltend gemacht, daß das Wort von einer Wurzel 
stammt, die dem arabischen „täfa" = umkreisen verwandt ist und aus ihr 
durch Reduplikation entstanden sei. Daraus würde sich, wie Gesenius, 
Dillmann, Driver u. a. meinen, die Bedeutung: „das, was um die Stirne 
herumgeht", Stirnband ergeben. Auch Steuernagel schlägt den Sinn 
„ringsum laufendes Band vor. 

Wenn die Ableitung von dem arabischen täfa = circumire richtig ist, 
so paßt die Deutung Stirnband freilich nicht zu der ausdrücklichen Be- 
schreibung „zwischen deinen Augen". Kennedy hat ferner betont, daß 
eine solche Deutung dem Ideenkreis nicht angemessen sei, aus dem die 
Metapher genommen sei. Die neuere Forschung ist unter der Wucht dieser 
Argumente von der Ableitung von „täfa wieder abgekommen. In Ab- 
wesenheit jeder anderen vernünftigen Deutung führt Kennedy das Wort 
auf eine Wurzel zurück, die etwa „to drop" oder „to drip" kennzeichnet. 
Er gelangt so zu dem Bedeutungskreise apotropäischer Juwelen, wie man 
sie in Israel getragen habe. Die Autoren des Deuteronomiums wären nicht 
davor zurückgeschreckt, eine solche krasse Metapher zu gebrauchen, um die 
Idee auszudrücken, daß die Befehle Jahwes den Gedanken des Volkes so 
beständig nahe und so hochgeschätzt sein sollten wie die kostbarsten Juwelen 
bei ihren abergläubischen Zeitgenossen. 1 Der Kuriosität halber sei noch an- 

1) Kennedy im „Dictionary of the Bible". S. 871. 



I 






Theodor Reik 



geführt, daß König das Wort Totaphot auch von einer anderen arabischen 
Wurzel abgeleitet hat, die ihn zur Bedeutung „Sehfeld führt. Dieser Deutung 
entsprechend übersetzt König die Verse Dt. 11,8: „und wahrt vielmehr diese 
Worte in eurem Herzen und eurer Seele und bindet sie als ein Erinnerungs- 
zeichen an eure Hand und sie mögen zum Sehfeld zwischen euren Augen 
dienen," Diese Übersetzung ermangelt freilich nicht der Eleganz, doch mag 
sie leise Zweifel daran wachrufen, ob der Gelehrte den Geist dieser Stellen 
des Alten Testamentes völlig erfaßt hat. 

Das andere Problem, von wann an man den Gebrauch der Tephillin 
zu datieren habe, steht in engstem Zusammenhange mit der eben diskutierten 
Frage. Handelt es sich nämlich, wie die Mehrzahl der Gelehrten glaubt, 
um eine junge Institution, die auf einem mißverstandenen Bibeltext be- 
ruht, müßte es der Forschung möglich sein, auf Grund der vorhandenen 
Urkunden ungefähr die Zeit dieser neuen religiösen Einrichtung festzustellen. 
Handelt es sich aber um eine prähistorische Sitte, so ist natürlich eine solche 
Möglichkeit nicht gegeben. Der Talmud versichert freilich, der Gebrauch 
der Tephillin sei Moses von Gott am Sinai gelehrt worden. Wünsche 
datiert die Einführung der Totaphot in die vorchristliche Zeit; 1 Klein 2 
glaubt sie auf persischem Boden entstanden. Buhl 3 gibt als Voraussetzung 
einer historischen Fixierung an, daß sich „die spätere, durch eine massivere 
Auffassung von Ex. 13, 16; Dt. 6, 8; 11, 8 hervorgerufene Benutzung der 
Totaphot oder Tephillin in den alttestamentlichen Schriften nicht nach- 
weisen" lasse. Dem ist gewiß so, aber was hier als Beweis ins Treffen ge- 
führt wird, müßte selbst erst bewiesen werden: die Frage, die hier durch 
ein beiläufiges Attribut als entschieden hingestellt wird, ist eben die, ob 
eine solche „spätere, massive Auffassung" bestehe oder nicht. Auch Kennedy* 
legt sich die Frage vor, in welcher Periode der jüdischen Geschichte „die 
wörtliche Umdeutung dieser vier Stellen ihren Anfang nahm". 5 Wenn man 
ähnliche Redewendungen in der Spruchweisheit mit dieser vergleiche, ge- 
lange man etwa zu dem Datum 500 v. Chr. als den Terminus a quo. Der 
Terminus ad quem erscheint durch den berühmten Brief des Pseudo-Aristeas 
gegeben, in dem berichtet wird, Eleazar habe gelehrt, daß Moses außer 

1) Art. „Tephillin" in Herzogs Realenzyklopädie für protestantische Theologie, 1907, 
XIX. Bd., S. 512. 

2) Die Totaphot usw., S. 678. 

5) F. Bnhls Artikel .,Gebet im Alten Testament". Herzogs Realenzyklopüdie, VI. Bd., 

S- 393- 

4) Kennedy im „Dictionary of the Bible". S. 872. 

5) Kennedy im „Dictionary of the Bible". S. 872. 









Gcbctmnntcl und Geuetneinen Her Juden 27 

dem Erinnerungszeichen an unseren Kleidern und den Sprüchen an Tür 
und Tor auch Zeichen an die Hand zu befestigen befahl. Hier findet sich 
also ein unmißverständlicher Hinweis auf die Handtephillah. Die Zeit- 
spanne, die Kennedy auf diesem Wege erhält, wäre demnach als 250 bis 
150 v. Chr. umschrieben. 1 Auch die allgemeine psychologische Wahrschein- 
lichkeit spreche für diese Epoche als die der Einführung der Phylakterien, 
da gerade sie jenes Ansteigen des rituellen Fanatismus sah, der den höchsten 
Wert im wörtlichen Gehorsam gegenüber der Thora sah. Die Pharisäer 
erlangten gerade zu dieser Zeit großen Einfluß auf das Volk und ver- 
schafften ihren rigorosen Ansichten über das Ritual Geltung. Es sei wahr- 
scheinlich, daß auch die religiöse Praktik der Tephillin unter den dem 
Volke auferlegten Geboten gewesen sei. 2 Josephus betrachtet die Tephillin 
als eine alte Institution; 5 ebenso seine Zeitgenossen. 

Haben wir so keinerlei Nachricht darüber, wann etwa die Sitte des 
Tephillinlegens im Judentum aufkam, so liefern die Aussprüche der Mischnah 
überreiche Auskünfte über sie für die Zeit nach Christi Geburt. Wir haben 
die meisten dieser Erörterungen, Vorschriften und Fragen bereits erwähnt. 
Die große Masse des Volkes scheint im Mittelalter in ihrem Gehorsam gerade 
diesem Gebote gegenüber häufig schwankend geworden zu sein. Wenigstens 
waren die Tephillin im achten und insbesondere im zehnten Jahrhundert 
weniger beachtet; ja in manchen Gegenden war die religiöse Übung fast 
erloschen.* Es scheint, als sei man zu ihr nach vielfachen Angriffen von 
sehen der reformatorischen Bestrebungen mit erhöhtem Eifer zurückgekehrt. 

1) Die Apokryphen und Pseudoepigraphen des Alten Testamentes. Herausgegeben 
von E. Kau tisch. II. Bd., S. 19. Der Brief des Aristeas von 159 (nach der Über- 
setzung von Wendland): „Und auch an den Händen befiehlt er ausdrücklich das 
Denkzeichen anzulegen." Vgl. auch Hody: „Aristae Historia" in „De Bibliorum 
textibus«, p. XVIII. 

2) Es ist nicht schwer, die Schwäche dieser Argumentation kritisch festzustellen. 
Kennedys Zeitbestimmung geht von der Spruchweisheit und ihrer Epoche aus; er 
nimmt ohneweiters an, daß es sich um eine metaphorische Redensart handle und 
gelangt so zu einem bestimmten Datum. Gerade dieses aber, der metaphorische 
Charakter jener Bibelverse, ist durchaus zweifelhaft. Was er als psychologische Wahr- 
scheinlichkeit zugunsten der Pharisäerzeit anführt, ist ziemlich oberflächlich und man 
erhält den Eindruck, daß sein Urteil unbewußt durch die Erinnerung an den Protest 
Christi beeinflußt wird. Daß die Tephillin in dieser Zeit getragen wurden, beweist 
ja nicht, daß sie nicht bereits lange vor dieser Zeit getragen wurden. 

3) Ant. IV,Vm». 

4) Rodkinsohn: Ursprung und Entwicklung des Phylakterienritus bei den Juden, 
1885. Ich entnehme die obige Angabe einem Referat über dieses Buch, das mir 
nicht zugänglich war. (Das Referat findet sich in der „Revue des Etudes Juives", 
6. Jahrg., S. a88.) 






' 



TbcoJor Reik 



Die religiöse Zeremonie des Zizzithtragens ist von den Forschern nicht 
weniger diskutiert worden als die der Tephillin. Hier hat man indessen 
allgemein anerkannt, daß es sich um einen Brauch von großer Alter- 
tümlichkeit handelt. Wie man auf den Monumenten von Persepolis sieht, 
waren ähnliche Quasten an den Ecken der Kleider bei den antiken Persern 
gebräuchlich. Thureau-Daugin hat gezeigt, daß der Abdruck „of the 
fringed border of a mans mantle in der Zeit der ersten babylonischen 
Dynastie als Siegel oder Signatur diente. 1 Die Darstellung syrischer und 
anderer asiatischer Völker auf alten, ägyptischen Denkmälern läßt erkennen, 
daß diese Art der Ornamente bei den Nachbarstämmen Israels Sitte war. 2 
Kennedy weist darauf hin, daß die Stellung der Quasten an den vier 
Kleiderecken mit bestimmten abergläubischen Vorstellungen zusammen- 
hänge, die ihre Spuren in der hebräischen Gesetzgebung hinterlassen haben. 
Er erwähnt etwa die Glocken auf dem Amtskleide des Hohepriesters, 3 die 
McNeile in ähnlichem Sinne erklärt habe.* Kennedy kommt zu dem 
Resultat, „daß kurz gesagt, die Quasten ursprünglich Amulette waren". Auch 
Baentsch meint, daß das Tragen solcher Quasten „irgendwie" auf eine 
alte Sitte zurückzuführen sei und daß erst eine spätere Zeit, welche den 
Sinn des Brauches nicht mehr verstand, die im israelitischen Gesetz er- 
scheinende Deutung dafür aufbrachte. Jedenfalls aber hätten die Quasten 
wie die Tephillin ursprünglich die Bedeutung von Phylakterien oder 
Amuletten gehabt. 5 Für König ist es klar, daß der Gedanke der besonderen 
Zugehörigkeit Israels zur Gottheit durch die Anbringung von Quasten „an 
die Schlafdecken Israels symbolisiert werden" sollte. Dieser Forscher, dessen 
Originalität wir bereits früher anerkannt haben, legt sich aber eine be- 
merkenswerte Zurückhaltung auf, wenn es zu erklären gilt, wieso die 
Anbringung von Quasten an den Schlafdecken „die besondere Zugehörigkeit 
Israels zur Gottheit symbolisieren solle. Indessen bemerken auch die anderen 
Forscher, die ihr Interesse dieser Einzelheit der hebräischen Archäologie 
zugewandt haben, daß die Zizzith ursprünglich wohl Amulettcharakter 
hatten. In diesem Zusammenhange ist der Hinweis W. Robertson Smiths, 
daß das Fell bestimmter Tiere bei den antiken Semiten heilig war und 

1) Rituels Accad. 57 n. 95. 

2) Wilkinson: Anc. Egyptians. ed. Birch. Tafel IIb. 

3) Ex. 28, 33 f.; 39, 25. 

4) Nämlich als „Überbleibsel so wie die phantastischen Tiere in unseren Kirchen, 
welche der primitiven Zauberpraktik dienen, die Dämonen und bösen Geister zu 
verscheuchen". The Book of Exodus, 1908, S. 185. 

5) Lectures on the Religion of the Semites. Deutsche Übersetzung, 1899, S. 534,. 



i 



I 












dcbetmantel und Crebetnemen der Juden 19 

daß seine Verwendung ursprünglich eine religiöse Bedeutung hatte, besonders 
hervorzuheben. Smith rückt die vom jüdischen Gesetz vorgeschriebenen 
Quasten in die Nähe des raht oder häuf, eines arabischen Gürtels oder 
kurzen Fellrockes, wie er von den Mädchen während der Menstruation 
und von den Gläubigen an der Kaaba getragen wurde. Damit sind auch die 
Riemen der Luperci in Rom zu vergleichen, die aus dem Felle des Sühn- 
opfers geschnitten waren. Diese Theorie, die R. Smith beiläufig in einer 
Anmerkung seines Buches mitgeteilt hat, scheint mir nun näher an das 
Verständnis der rätselhaften Quasten heranzurücken als die übrigen Erklärungs- 
versuche der alttestamentlichen und vorderasiatischen Forschung. Hier er- 
scheint ein neuer Gesichtspunkt, den die übrigen Gelehrten nicht berück- 
sichtigt hatten und auch seither nicht berücksichtigten: das Material, aus 
dem jene mysteriösen Quasten verfertigt sind. Die Heiligkeit des Felles 
bestimmter Tiere gewinnt eine besondere Bedeutung für diese Hypothese. 
Es steht zu erwarten, daß die Fortführung der Theorie Smiths zu be- 
stimmten Aufschlüssen über den Sinn dieses Brauches führen müßte. Eine 
solche Fortführung erweist sich aber auch als notwendig, da wir zu erfahren 
wünschen, warum es gerade Quasten waren, denen eine so bedeutende 
Rolle zugeschrieben wurde, was ihre ursprüngliche Funktion und Bedeutung 
war, wieso es zu ihrem Amulettcharakter kam und wie jene komplizierten 
talmudischen Vorschriften zu erklären sind. Smith ist in seiner Hypothese 
weit über die Bemühungen der Archäologen und Bibelforscher hinaus- 
gelangt. Seinem Hinweis kommt entscheidende Bedeutung zu, aber die 
Aufklärungen, die er zu geben vermag, sind zu allgemein, um das Rätsel 
der Zizzith zu lösen. 

Zs\\T üxegese und C^ueilenkritiit 

Wir müssen noch einmal zu den vier Bibelstellen zurückkehren, in denen 
die Vorschrift des Tephillinlegens erscheint. Ex. 15, 9 gehört einem Ab- 
schnitte an, der Gebote über das Fest der Mazzoth und die Opferung der 
Erstgeburt enthält. Plötzlich erscheint hier — scheinbar unvermittelt — 
das Gebot: „,es' soll dir sein ein Zeichen (oth) auf deiner Hand und ein 
Erinnerungszeichen (zikkaron) zwischen deinen Augen, damit das Gesetz 
Jahwes in deinem Munde sei, denn mit starker Hand hat dich Jahwe aus 
Ägypten herausgeführt." 1 Der Satz ist höchst unklar. Dillmann und 

1) Nach der lateinischen Bibelübersetzung. „Et erit quasi Signum in manu tun et 
quasi monumentum ante oculos tuos et ut lex Domini semper sit in ore tuo. u 









" 



■ 












3o Theodor Reit 



Kautzsch nehmen hier Textverderbnis an. Es erhebt sich nämlich die 
Frage, was ein solches Zeichen sein solle. Der Text sagt: „es.' Unmittelbar 
vorangehend ist das Gebot, sieben Tage ungesäuertes Brot zu essen. 
Baentsch 1 nimmt ohne weiteres an, daß sich das rätselhafte „es" auf 
diesen Brauch bezieht. Holzinger 2 betont dagegen, der Satz sei überladen, 
das Subjekt bleibe unklar. Die Deutung von Baentsch geht dahin: „Israel 
solle die Thora Israels im Munde führen, d. h. fleißig darüber nachsinnen 
und sie zum Gegenstand belehrender und erbaulicher Gespräche machen." 
Dies kann unmöglich der ursprüngliche Sinn dieser Stelle sein, denn die 
Thora ist nach dem Textzusammenhang noch gar nicht da. Sie wird Israel 
erst viel später gegeben werden. Sollte sich das „es auf die Opferung der 
Erstgeborenen, welche im folgenden behandelt wird, beziehen? Aber welchen 
Sinn könnte es haben, daß diese ein Zeichen „auf deiner Hand" und ein 
Erinnerungszeichen „zwischen deinen Augen sein solle. Die Wiederholung 
dieser Anordnung steht immerhin in Ex. 15, 16. Dort heißt es (13, 4): 
„Wenn dich nun künftig dein Sohn fragen wird: Was bedeutet dies?" 
[vorausgeht an dieser Stelle die Anordnung der Opferung beziehungsweise 
Loslösung des Erstgeborenen], so sollst du ihm sagen: „Mit starker Hand 
hat uns Jahwe aus Ägypten, dem Hause der Knechtschaft, herausgeführt. 
Denn weil Pharao sich weigerte, uns zu entlassen, würgte Jahwe alle Erst- 
geburt im Lande Ägypten, von der Erstgeburt des Menschen bis zur Erst- 
geburt des Viehs, darum opfere ich Jahwe alle männlichen Erstgeburten, aber 
jeden Erstgeborenen meiner Söhne löse ich aus." Nun folgt wieder, fast unver- 
ändert, das Gebot: „Und es sei dir ein Zeichen auf deiner Hand ..." usw. 
Baentsch bemerkt dazu: „Auch dieser Brauch soll als Erinnerungsmittel 
dienen , allerdings ist es schwer einzusehen, welcher innerer Zusammen- 
hang zwischen der Opferung der Erstgeburt und dem Zeichen an der Hand 
und zwischen den Augen bestehen soll. Ähnlicher Anschauung wie Baentsch 
ist Kennedy: 5 „Das Fest der Mazzoth soll ebenso wie die Opferung der 
Erstgeburt als immerwährende Erinnerung an die Befreiung der Hebräer 
aus der ägyptischen Gefangenschaft sowie an die Forderung Jahwes an sie 
dienen. 

Der Zusammenhang, in dem die dritte Stelle Dt. 6, 6 ff. steht, ist 
folgender: „Höre, Israel, Jahwe ist unser Gott, Jahwe allein. Und du sollst 
Jahwe, deinen Gott, mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele und mit 

1) Baentsch: Exodus-Leviticus-Numeri in Nowaks Handkommentar, S. 111. 

2) Holzinger: Exodus. Tübingen 1900, S. 41. 

3) Dictionary of the Bible. Vol. III, p. 871. 






Gebctmantcl und Gebetriemen der Juden S t 



deiner ganzen Kraft lieben."' Diese paränetische Einleitungsrede ist nach 
Bertholet ' durch den „ihr eigenen eindringlichen warmen Ton" gekenn- 
zeichnet: „Der Sprecher wendet sich ad hominem und betont nachdrücklich 
das innerliche Verhältnis, in dem der Mensch zu Gott steht." Die Fort- 
setzung dieser Aufforderung, die dazu geführt hat, daß sie von jedem er- 
wachsenen Israeliten morgens und abends als Bekenntnis (VDV = sch'ma) 
rezitiert werden soll, lautet nun: „Und diese Worte, die ich dir heute 
gebiete, sollst du im Herzen tragen, schärfe sie deinen Kindern ein und 
rede von ihnen, wenn du in deinem Hause weilest oder dich auf Reisen 
befindest, wenn du dich niederlegst und wenn du aufstehst. Du sollst sie 
als Denkzeichen auf deine Hand binden und als Totaphot zwischen den 
Augen haben" usw. Steuernagel bemerkt,- daß der Relativsatz „die ich 
dir heute gebiete" die Beziehung auf das Gesetz zu fordern scheine. Er 
schlägt vor, den Satz zu streichen, da „ein Hinweis auf das Gesetz in dieser 
Form vor seiner Mitteilung nicht recht verständlich wäre". Nach der Meinung 
dieses Forschers handle es sich in diesem Relativsatz um eine der beliebten 
formelhaften Zusätze der Abschreiber, die immer nur an das Gesetz 
dachten. In Dt. 11, 18—20 erscheint nun das Gebot noch einmal fast in 
den gleichen Worten. Die Gelehrten vertreten die Ansicht, daß an dieser 
Stelle die von Dt. 6\ 6 — 9 zitiert werde: es handle sich offenbar um eine 
späte Redaktion, da der Text der ersten Stelle nicht vollständig wieder- 
gegeben sei. 

Diese zwei Stellen des Deuteronomiums sind nach Kennedys Ansicht 
„the cardinal passages u , auf denen der alte jüdische Brauch der Phylakterien 
beruhe: „Befehlen und sanktionieren nun, so müssen wir uns fragen, diese 
Stellen den religiösen Brauch oder befehlen sie ihn nicht? Die Antwort 
ist keineswegs so leicht, als es auf den ersten Blick scheinen mag, denn 
sie ist nicht nur eine Angelegenheit der Exegese, sondern sie schließt auch 
die Beschäftigung mit Fragen der Bibelkritik und der Wortforschung ein." 
Kennedy 3 geht nun auf die bereits angeführte Hypothese ein, daß der 
Autor oder vielmehr die Autoren dieser Stellen hier eine Metapher ver- 
wendet haben, und vertritt seine Deutung des Wortes Totaphot als „Tropfen" 
oder „Juwel . 



1) Alfred Bertholet: Deuteronomium in „Kurzer Handkommentar zum Alten 
Testament". Freiburg 1899, S. 23. 

2) Steuernagel: Das Deuteronomium in Nowaks Handkommentar zum Alten 
Testament. 2. Aufl., 1923. 

3) Kennedy in Dictionary. S. 871. 



3s Theodor Rcik 



Auch andere Vertreter der alttestamentlichen Wissenschaft haben den 
Text dieser vier Stellen, auf die man die Einführung der Tephillin zurück- 
führt, sorgfältig geprüft. Man hat mit außerordentlicher Akribie und Sorgfalt 
die verschiedenen Quellen in diesen Bibelversen nachzuweisen versucht und 
sich bemüht, sie in den religionsgeschichtlich bekannten Zusammenhang 
der Entwicklung Israels einzureihen. Fassen wir die Ansichten der Gelehrten 
über diese so wichtigen Stellen zusammen, so ergibt sich als Consensus 
die Ansicht, daß sie metaphorisch aufzufassen seien. Es mag immerhin sein, 
so meinen manche, daß sich die Bibelredaktoren hier eines Vergleiches 
bedienen, der sich auf die Ausübung eines alten Volksbrauches, einer 
Tätowierung oder eines Jahwemales bezieht; zweifellos aber handle es sich 
um eine Bedefigur. 

Dem sei wie es wolle, es scheint uns doch nicht überflüssig, einige 
Züge zu bemerken, die diesen vier Stellen gemeinsam zu sein scheinen. 
Dies Gesetz oder was immer das „es" sonst bedeuten möge, soll für Israel 
sein zum 6t, d. h. Zeichen, signum an der Hand, zum zikkaron oder totaphot 
zwischen den Augen. Wir wissen hier weder, „was" jenes Zeichen sein soll 
noch welcher Natur dieses Zeichen ist, da wir ja nach Ansicht der Gelehrten 
die Erfindung der Tephillin als spätere Institution, die sich auf einem 
Mißverständnis dieses Textes aufbaute, zu fassen haben. Unbestreitbar ist 
nur, daß hier von einem Zeichen oder Erinnerungszeichen die Bede ist. 
Es fällt ferner auf, daß in allen vier Stellen die Mahnung erscheint, 
„davon" zu den Söhnen zu reden, die Söhne „damit" bekanntzumachen. 
Noch einen gemeinsamen Zug dürfen wir anführen: es ist die Umgebung, 
in der das Gebot erscheint: es wird irgendwie mit dem Passahfeste ver- 
knüpft. Die Erstgeburt, die Opferung der Erstlinge haben etwas mit jenem 
mysteriösen Erinnerungszeichen zu tun. Dieses Zeichen wird an drei Stellen 
mit dem Worte Totaphot bezeichnet. Der Sinn des Wortes Totaphot ist 
dunkel, die griechische Übersetzung gibt daüXevrov, etwas Unbewegliches, 
die Vulgata sagt appensum quid, etwas Angehängtes. Jedenfalls wird das 
Wort im gleichen Sinne wie öt/i und zikkaron gebraucht und hat später 
die Bedeutung Zeichen oder Erinnerungszeichen erhalten. Wir schließen 
uns vorläufig der Meinung an, die Wurzel des Wortes bedeutete ursprünglich 
herumgehen, umherlaufen. Wer hilft uns weiter fort? 

Wir stehen in einer merkwürdigen Situation. Auf der einen Seite ver- 
kündet die religiöse Tradition, die Tephillin seien Erinnerungszeichen, 
sie seien von Gott Moses auf dem Sinai geboten worden und sie seien von 
höchster religiöser Bedeutung. Wir wissen freilich nicht, woran sie erinnern 












Gebetmantcl und Gctctricmcn der Jude 



AS 



sollen, glauben nicht, daß eine Offenbarung Gottes an Moses stattgefunden 
habe und verstehen nicht, worin jene Bedeutung liegen solle, die man 
einer Kombination von Kästchen und Riemen zuschreibt. Die alttestament- 
liche Wissenschaft behauptet der Tradition gegenüber, es handle sich um 
eine späte Erfindung, die mit der ursprünglichen israelitischen Religion 
nichts zu tun habe. Ein Bibeltext, der rein metaphorisch zu verstehen sei, 
sei viele Jahrhunderte später wörtlich verstanden und mißverstanden worden. 
Aus diesem Mißverständnis sei die Institution der Tephillin entstanden. 
Diese seien Amulette, dazu bestimmt, böse Geister abzuhalten. 

Die Auffassung der alten Tradition scheint völlig absurd zu sein; jedenfalls 
ist sie in ihrem Zusammenhange mit dem religiösen Brauch der Tephillin 
unverständlich. Eine wörtliche Auffassung der Bibelstellen ergibt auf den 
ersten Blick einen offenkundigen Unsinn. Die Erklärung der biblischen 
Archäologen kann freilich nicht alle Widersprüche entfernen, es bleiben 
sozusagen Webefehler in dem Teppich, den sie uns bietet, aber sie scheint 
vernünftig, scheint unserem Denken angemessen. Die Wahl kann uns also 
nicht schwer werden, wenn wir uns zum Rationalismus bekennen. Gestehn 
wir's indessen nur: daß wir hinausspazieren, verbietet uns ein kleines Hinder- 
nis: eben jene merkwürdigen Widersprüche, die sich bei so rationaler Be- 
trachtung nicht lösen wollten. 






Ei 



in neuer 



We: 



ero 



Iinet sicn 



In Situationen wie dieser scheint mir nun die Psychoanalyse besonders 
am Platze. Wir kennen die Urteile, welche die gestrenge Religionswissen- 
schaft über die analytischen Arbeiten, soweit sie das Gebiet der Religion 
und ihrer Probleme behandeln, fällt. Sie wirft den analytischen Bemühungen 
besonders vor, daß sie Voraussetzungen einführen, die unbeweisbar oder un- 
bewiesen seien, daß sie Resultate, die auf dem fremden Gebiete der Neurosen- 
psychologie gewonnen wurden, ohne Fug und Recht auf Untersuchungen 
religiöser Probleme anwenden. Wir Analytiker sehen kein Motiv, angesichts 
dieser Vorwürfe in unserer Arbeit auf religionswissenschaftlichem Gebiete 
innezuhalten. Auch hier fühlen wir uns als Pioniere und können warten 
bis die Vertreter der Religionswissenschaft erkennen, welches reiche und 
fruchtbare Neuland wir für ihre Forschung erobert haben. 

Ausnahmsweise sei hier und nur in diesem besonderen Falle eine Kon- 
zession gemacht, sei hier einer Forderung der Disziplin der Religionswissen- 
schaft Genüge getan. In der folgenden Bemühung, den ursprünglichen Sinn 






■$4 Theodor Kiil, 






der Tephillin und der Zizzith zu erraten, wurde keine einzige analytische 
Voraussetzung, die aus der Neurosenpsychologie stammt, gemacht. Keines 
jener dort gewonnenen Resultate werden hier herangezogen. Die Psycho- 
analyse wird hier nur als heuristische Methode angewendet werden. Als 
solche soll sie beweisen, ob es ihr möglich ist, ein spezielles Problem der 
Religionswissenschaft voraussetzungslos zu lösen — eines jener zahlreichen 
Probleme, welche diese Wissenschaft mit ihren Methoden zu lösen nicht 
vermochte. Auf Grund kleiner, bisher unbeachteter Einzelzüge wird die 
Psychoanalyse in dieser Frage zu einem Resultat gelangen, das auch die 
Vertreter der fremden Wissenschaft werden akzeptieren müssen — so über- 
raschend und fremdartig es auch auf den ersten Rlick erscheint. Nicht dieses 
Resultat aber liegt uns am Herzen; wir wünschen die Methode in ihrer 
reinsten Form an der Forschungsarbeit zu sehen, und zwar gerade dort, 
wo die bisherigen Methoden der Religionswissenschaft nur bis zu einem 
glänzenden Mißerfolge gelangen konnten. 

Ein altes Ruch, das mir zufällig in die Hände gelangte, mag der Aus- 
gangspunkt unserer analytischen Untersuchung sein. Es betitelt sich: „Die 
Alten Jüdischen Heiligtümer / Gottes- Dienste und Gewohnheiten / für 
Augen gestellet / in einer ausführlichen Reschreibung des gantzen Levitischen 
Priestertums / und fünf unterschiedenen Rüchern" usw. Hamburg 1701. 
Als sein Autor erscheint Johannes Lund, der sich selbst auf dem Titelblatte 
des Werkes als „treuer Diener am Wort Gottes zu Tundern im Herzog- 
thum Schleßwig" vorstellt. Dieses alte Ruch gibt nun eine getreue Re- 
schreibung der kultischen Institutionen der Israeliten der Antike und der 
Tage des Verfassers in einem klaren und kräftigen Deutsch. Ein Abschnitt ist 
auch den Tephillin gewidmet. Der „treue Diener am Wort Gottes" beschreibt 
dort genau diese eigentümlichen religiösen Objekte, wie sie ihm vorlagen. Von 
den mit Ribelversen beschriebenen Pergamentstreifen, die in den Tephillin 
enthalten sind, heißt es: 1 „Diese werden mit Küh- oder Kälber-Haar / die sie 
aus dem Schwantz herausgezogen / und zuvor wohl gewaschen und gereinigt 
haben / umgewunden. Sie knüpfen aber diese Haare am Ende nicht / sondern 
drehen sie nur mit den Fingern um / lassen auch wohl ein Haar / aus- 
stehen / daß es von außen zu sehen ..." Nun, wir wissen bereits, daß 
jene Pergamente durch das Haar eines rituell reinen Tieres zusammen- 
gebunden sind. Es mag wohl sein, daß ein Stückchen Haar aus der Kapsel 
herausragt. Tatsächlich findet man bei den Tephillin orthodoxer Juden immer 
wieder noch heute das Haar, da s die Pergamente umwickelt, etwas aus der 
1) Lund, p. 800. 



._ 



. 



I 



Gebetmantcl und Gebetriemen der Juden ^7 



E TL Xv fimme " UUS SCh ' ießliCh dieSes S '^chen Haar> 

E. mag jufalhg am wenig aus der Kopftephillah hervorragen „der nich« 
d.eser ü ms ,and U. doch bedon,„ngs los? Lesen * imm er hi n weher t« 
der g e,re U e Johannes Lundius uns nooh über diesen Brauch zu erzaiZ 

d v T." dami ' ^^ die ***«*» genau zu besichtigen 
und zu beschretben; er ha, sich anch nach ihren Einzelheiten bei d n 
Antomaten semer Zeit eingehend erkundigt. So erzähl, er von eine" 
Wv.ew, das er über jenen Brauch mi, einem Ams,.,damer Rabbiner harie 
Er beachte« zunächst, daß er auch bei dessen Tephillah jenes besondere Haar 
bemerkte: Es hmg auch ein roth Haar heraus / fast so lang / als anderthaJb 

Cd ,, « ?'"• . ag * e , MCh d " UrSaChe ' Er "•» / es wäre zum 

Ged.ch,mß der rothen Kuh / und bäten sie GOTT / daß / wie die rote 

Kuh ihre Sunde getragen / und sie von ihrer ünreinigkei, gereinig, / GOTT 
ste auch also von Sünden reinigen sol.e / Novarin Schediasn. Hb «' cap 2 g 
schretbt / er habe auch einen Juden deßwegen gefrag, / und zur An,„or, 
bekommen /ste ennnerten sich dabey des güldenen Kalbes / so sie in der 
W„s,e angebetet Nun hier is, ein rech, unwichtiges Detail auch für 
dementen, der steh für die Entwicklung religiöser Glaubensvorstellungen 
.nteresstert. Es .s, wahrhaftig nicht erschütternd, wenn wir hören, naß 
d.e Juden jenes Stuckchen hervorschauendes Haar in der Kopftephillah mi, der 
roten Kuh „der dem goldenen Kalbe in Zusammenhange bringen. Wie s„ll uns 
eme solche Emzelhe,., ein s„ winziges Etwas wie ein zwei Zentimeter grnßes 
Haar auf dte Spur der ursprünglichen Bedeutung der Tephillin fuhren ? 

Dte analytische Methude behaupte, nun, daß gerade s„l„he unbeachtete 
Detatls von höchstem heuristischem Werte seien. Ein anderer ihrer methodi- 
schen Grundsätze geht dahin, die Angaben, welche die Tradition mach, 
psvchologtsch erns, zu nehmen, so sinnlos oder läppisch sie auch zuerst 
«ehernen mögen. Wir folgen dem methodischen Wink, den sie uns gibt- 
was soll es bedeuten, daß jenes Haar-Ende die jüdischen Frommen an die 
rote Kuh oder an das Kalb, das ihre Ahnen eins, in der Wüste angebetet, 
ennnern soll? Welcher heuristische Wer« soll einer solchen mystisch od«: 
absurd khngenden Aussage zukommen? Besinnen wir uns: wenn die Konf- 
«eph.llah an der Snrne nahe der Haargrenze des Menschen anzulegen ist 
und das Haar etnes KaJbes oder einer Kuh aus ihr hervorragt, wenn die 
Juden ferner behaupten, jenes Haar solle sie an die ro«e Kuh „der jene 
Kalb am Smat ennnern - lieg« da der Gedanke nich« nahe, daß es rieh 
m der Kopftephiliah selb s. um ein S.ück Kieidung od er Verkleidung band!,, 
i) Lund 86, cap. XIV, p. 802. ■ 






5* 



r 



36 Theodor Reih 



die ihren Träger symbolisch als Stier oder — allgemeiner gesprochen — Rind 
darstellen soll ? Das Material, aus dem die Kopftephillah gemacht ist, würde 
einer solchen Annahme sicherlich nicht widersprechen; wird doch durch 
das Gesetz selbst gefordert, es solle Rindsleder verwendet werden. Aber 
auch die Form würde für eine solche Bedeutung sprechen : es handelt sich 
um ein Überbleibsel, eine Andeutung der Hörner des Tieres, die aus seinem 
Kopfe hervorragen. Die auf den ersten Blick phantastisch anmutende Hypo- 
these, zu der wir so gelangen würden, wäre demnach folgende: die Kopf- 
tephillah ist ein Überbleibsel, ein survival einer Verkleidung, welche der 
Israelite zu bestimmten Gelegenheiten anlegt. Von hier aus wäre es nicht 
schwierig, die Bedeutung der Handtephillah und der Riemen sowie des Tallith 
und der Zizzith erklären zu wollen. Wir würden meinen, daß auch diese 
Bekleidungsstücke Teile einer solchen primitiven Verkleidungspraktik dar- 
stellen. Die Handtephillah könnte so den Huf des Rindes vertreten, die ledernen 
Riemen als pars pro toto sein Fell ersetzen wollen. Aber auch der Tallith, 
aus der Wolle eines rituell reinen Tieres erzeugt, könnte Ersatz eines ur- 
sprünglich ganz primitiv hergerichteten Widderfelles sein, das die hebräi- 
schen Stämme trugen. Die Zizzith wären demnach Andeutungen der vier 
Beine des Tieres, an dessen Gelenke noch die Verknotungen innerhalb der 
vielfachen Faden erinnern. Wir wären so auf die Spur eines alten Stammes- 
brauches gekommen, aus welchem sich die ursprüngliche Bedeutung der 
Tephillin und der Zizzith ableitet. 

Im Wappen der Stadt Danzig stehen die Worte: „Nee timide nee temere" . 
Sie sollen auch unserer Untersuchung als Devise dienen. Die analytische 
Methode hat uns auf Grund der psychologischen Würdigung jenes Details 
zu einer bizarr klingenden Annahme über die Bedeutung der Phylakterien 
geführt. Wollen wir in allem Ernste unsere Behauptung aufrechterhalten, 
ist es unsere Pflicht, ihre Wahrscheinlichkeit zu erweisen. Wir wollen vor- 
erst alle Einwände, welche unsere Hypothese erwecken muß, beiseitesetzen, 
alle Widersprüche, welche sie in sich selbst zu schließen scheint, vernach- 
lässigen und uns zuerst fragen : welchen Sinn sollte eine solche Verkleidung 
als Tier haben, was soll das Motiv eines solchen Arrangements sein? 

Der Gottheit lebendiges Kleid 

Die Ethnologie und die vergleichende Völkerkunde belehren uns darüber, 
daß sich die meisten wilden und halbwilden Völker solcher Verkleidungen 
zu magischen Zwecken bedienen. Der Glaube, daß man sich durch das 



L 






Gebetmantel und Gehctricmen der Juden 3 7 



Anlegen eines Felles in das betreffende Tier verwandle, findet sich allgemein 
bei den Primitiven. Frazer beschreibt, wie der Wilde sich in die Haut 
eines Totemtieres hüllt oder bestimmte Teile des Tierfelles an sich befestigt, 
um des Schutzes seines Totems sicher zu sein. Bestimmte Indianerstämme 
hüllen sich in ein Wolfsfell: sie hängen sich den Schwanz des Wolfes rück- 
wärts an; in das Fell ist ein Loch gemacht, in dem der Kopf des Mannes 
steckt, während der Kopf des Wolfes auf der Brust des Kriegers hängt. 1 
Lewis und Clarke 2 berichten, daß die Teton-Indianer bei bestimmten 
Gelegenheiten einen Raben auf dem Kopfe tragen, dessen Körper sie so in 
zwei Teile teilen, daß der menschliche Kopf zwischen den beiden steckt. Die 
meisten indianischen Stämme erscheinen bei feierlichen Gelegenheiten wie 
Festen oder Tänzen in solcher Tierverkleidung und jeder Stammesangehörige 
trägt zumeist wenigstens ein leicht erkennbares Stück eines Totemtieres an 
seinem Körper. So wird etwa der Kondorstamm in Peru Federn dieses Vogels, 
von dem er seine Abkunft ableitet, auf dem Kopfe tragen. Die Krieger des 
Büffelstammes haben zwei Locken ihres Haares so angeordnet, daß sie die 
Hörner des Büffels imitieren. Viele australische Stämme schneiden Riemen 
aus dem Fell bestimmter Tiere und befestigen sie über die ganze Körper- 
fläche, um so dem Tiere zu gleichen. 

Die Völker der Antike zeigen dieselben Anschauungen über die besondere 
Bedeutung des Felles der Tiere. W. R. Smith^ belehrt uns darüber, daß das 
Fell des Opfertieres bei den semitischen Stämmen des Altertumes besonderen 
Heiligkeitscharakter hatte. Es wird in den alten Kulten dazu verwendet, um 
entweder das Götterbild oder die Gläubigen damit zu bekleiden. Die Be- 
deutung dieser beiden Bräuche war noch auf einer Stufe der religiösen 
Entwicklung, auf der der Gott, seine Verehrer und das Opfer sämtlich Glieder 
desselben Stammes waren, vollkommen deutlich. Smith führt aus, daß sich 
der Verehrer des Gottes, der sich in das Fell eines Opfers kleidet, damit in 
dessen Heiligkeit einschließt, so daß die Kleidung für die halbwilden Völker 
ein fester Bestandteil der sozialen Religion, ein Abzeichen für die Religions- 
zugehörigkeit ist. Herodot zeigt, daß die Aegis, das Ziegenfell bei den 
Libyern, ein heiliges Kleidungstück war. Smith selbst vergleicht die Quasten 
am Gewände, die vom jüdischen Gesetz vorgeschrieben werden, mit den 



1) J. G. Frazer: Totemism and Exogamy. 1910, Bd. I, S. 26 ff. 

2) Lewis und Clarke: Travels tho the Source of the Missouri river. I, p. 125. 
Zitiert nach Frazer. 

3) William Robertson Smith: Lectures 011 the Religion of the Semites. Third 
edition, London 1927, S. 436 ff. 



^ 









38 



lheodor Reik 



Riemen an diesem heiligen Ziegenfell. Er bemerkt zugleich, daß späterhin 
die Haut des Opfertieres sich noch immer im Zusammenhang mit heiligen 
Brauchen und besonders bei Sühnezeremonien behauptete. Der assyrische 
Verehrer des Dagon, der dem Fischgott das mystische Fischopfer darbringt, 

hüllt sich in eine Fischhaut. Wenn man der 
Schafgöttin auf Zypern das Opfer eines Schafes 
darbrachte, hüllte man sich in Schaffelle. In 
Hierapolis hob der Pilger Kopf und Füße des 
Opfers auf sein eigenes Haupt, während er auf 
dem Felle kniete. In gewissen späten syrischen 
Kulten erhält ein Knabe die religiöse Weihe 
durch ein Opfer, bei dem seine Füße mit 
Schuhen bekleidet sind, die aus dem Fell des 
Opfertieres hergestellt werden. Noch in den 
späteren Gestalten des Kultus leben die alten 
Bräuche wenigstens in der religiösen Verwen- 
dung der Tiermasken weiter. In fast jeder rohen 
Religion finden sich verwandte Züge; sie werden 
auch in den dionysischen Mysterien und anderen 
griechischen Riten nicht vermißt. 

Wir meinen nun erraten zu können, welche 
Motive die antiken Israeliten dazu führten, sich 
mit Tierfellen oder Teilen eines Tieres zu ver- 
kleiden. Es sind dieselben, welche die semiti- 
schen Völker des Altertums und die heutigen 
Primitiven beherrschen und welche jenen Tier- 
verkleidungen ihre besondere religiöse und natio- 
nale Bedeutung verleihen. Wir wollen also 
annehmen, daß die hebräischen Stämme sich ursprünglich mit dem Felle 
ihres Totemtieres bekleideten, mag dies nun der Stier oder der Widder 
gewesen sein.» Sie identifizierten sich so mit dem heiligen Tiere, das sie 
als ihren Stammvater und Beschützer ansahen. Dies war ihre wie aller 
antiken Völker Art, zu bezeugen, daß sie stolz darauf waren, mit jenem 
Iiere blutverwandt und seiner Eigenschaften teilhaftig zu sein. Wir haben 
uns natürlich vorzustellen, daß es ursprünglich fast das ganze Fell war, 




Talli'tl. mit den ZizzitU 



i) I Eine Diskussion des Problems, welche die ursprünglichen ' Totemtiere der 
Israeliten gewesen seien, findet sich in meinem Buche „Das Ritual". 2. Aufl., 1928. 






Lrcbetmantel und debctrieinen der Juden 



39 



in das sich der antike Hebräer hüllte. Mit 
dem Zurücktreten des primitiven Totemis- 
mus und unter dem Einflüsse verschie- 
dener anderer Momente werden sich dann 
mannigfache Veränderungen in diesem 
religiösen Brauch durchgesetzt haben. Es 
können nicht nur soziale Gründe gewesen 
sein, welche es verboten, die alten Stammes- 
zeichen offen und voll Stolz zu tragen: die 
Totemreligion selbst verliert langsam an 
Bedeutung. Wie bei anderen halbwilden 
Stämmen werden später nur einzelne Teile 
der Tierhaut dazu verwendet worden sein, 
um eine Identifizierung mit dem Totem- 
tier anzudeuten und sich unter seinen 
Schutz zu stellen. Das einst Wichtigste 
erscheint jetzt auch in seinen Dimensionen 
aufs äußerste verringert ; was früher das Be- 
deutungsvollste war, wird gerade noch an- 
gedeutet und auf das Kleinste verschoben. 
An die Stelle jener natürlicher Tierteile, 
etwa der Hörner des Stieres, müssen dann 
später künstliche Ersatzarrangements, An- 
deutungen des Ursprünglichen getreten 
sein. Ihr Zusammenhang mit jenen alten 
Zeichen ist jetzt nur durch die Identität 
des Materials und durch Ähnlichkeit der 
Form gegeben. Auch ihre besondere Heilig- 
keit sowie ihre Verwendung im Ritual und 
im Kult würden darauf hinweisen, daß sie 
jene alte Funktion fortzusetzen haben. 

Von der Stelle, die wir jetzt erreicht 
haben, kann es nicht schwer fallen, den 



Zeremonie dc5 Emutotems 

Der Kopfschmuck .stellt den Hals unc 

Kopl eines Emu dar 

(Aus Spencer and Gillen: 

The Native Tribes of Central-AustraJia. London 1899, p. 345, Macmillan and 




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1 
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Co., Vol.) 






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40 Theodor Reik 



Unterschied unserer Anschauung von denen unserer Vorgänger zu bestimmen. 
Jene Gelehrten der alttestamentlichen Wissenschaft vertraten meistens die 
Ansicht, die Totaphot seien ursprünglich körperliche Verstümmelungen 
oder Amulette gewesen. Dies kann nicht richtig sein, die Tephillin mögen 
später immerhin Amulettcharakter erhalten haben, wie jedes Stück von einem 
Totemtier solche Funktion des Schutzes annehmen kann und wirklich oft 
annimmt. Der Zusammenhang der Totaphot mit körperlichen Verstümme- 
lungen ist durch nichts bewiesen. Jene Hypothese führt dennoch in die 
Nähe des wirklichen Ursprungsgebietes der Tephillin : auch jene Tätowie- 
rungen oder körperlichen Marken sind Versuche der Angleichung oder Identi- 
fizierung mit dem Totem der primitiven Stämme. Auch jene Forscher, die 
annehmen, die Totaphot seien ursprünglich ein Jahwe- oder Volkszeichen, 
haben etwas Richtiges geahnt. Sie konnten uns freilich nicht sagen, von 
welcher Art dieses Zeichen ist, welche Funktion es hatte und warum es 
gerade diese besondere Gestalt hatte. Man könnte sagen, die meisten Ver- 
treter der alttestamentlichen Archäologie hatten einzelne Stücke des großen 
Zusammenhanges in der Hand, aber die sachliche und psychologische Ver- 
bindung jener Elemente fehlte durchaus. Der Psychoanalyse verdanken wir 
nun eine Hypothese, welche jenes missing link einzufügen verstand: die 
Tephillin sind ein Ersatz für jene Teile des Tierfelles, das die antiken 
Israeliten anlegten, um sich mit ihrem totemistischen Gotte zu identifizieren. 
Von hier aus ergibt sich auch, wie unrichtig jene von den meisten 
Archäologen vertretene Anschauung ist, daß die Institution der Tephillin 
eine Erfindung des spät-rabbinischen Judentums sei, ihre Ursprungszeit etwa 
ein Jahrhundert vor Christi Geburt liege. Davon kann natürlich keine Rede 
sein: unsere Anschauung über die ursprüngliche Bedeutung und Funktion 
der Totaphot führt die Entstehung der Tephillin in jene prähistorische Vor- 
zeit der israelitischen Stämme zurück, in der der Totemismus noch in leben- 
diger Erinnerung war. Als der Jahwekult später die alten totemistischen 
Anschauungen zurückdrängte, wurden diese doch nicht ausgeschaltet: es kam 
zu Verlötungen, Durchdringungen und Amalgamierungen beider religiöser 
Ansichten. Die neue, um ihre Existenz kämpfende Jahwereligion bediente sich 
lange der alten, totemistischen Formen und hat sie wohl niemals völlig über- 
wunden. Unterirdisch und in neuen gedanklichen Verknüpfungen, die für das 
Bewußtsein unerkennbar geworden waren, drang der alte Totemkult überall 
durch die Gebote des neuen Glaubens, wucherte das ererbte Gut über das 
nun aufgezwungene, dem sich der Konservatismus und die trotzige Tenazität 
der hebräischen Stämme lange nicht fügen wollten. 



1 



*--o 



GcDctmantoI und Gebetriemen der Juden 



4' 



Mögen die Tephillin später immerhin den indifferenten Charakter religiöser 
Amulette angenommen haben, alles weist darauf hin, daß sie einmal als 
Ersatz des heiligen Tierfells, der Gottheit lebendiges Kleid waren. Mag 
ihre Funktion heute im Rahmen eines „aufgeklärten Judentums und eines 
seichten Rationalismus auch nur eine nebensächliche und rein symbolische 
geworden sein, die analytische Untersuchung vermag nachzuweisen, daß die 
seelische Verbundenheit des Frommen mit dem Gefühls- und Gedanken- 
leben der Ahnen dem Geheimnis näher kommt als die strenge Akribie 
und Scheinsachlichkeit einer Wissenschaft, die dem Unbewußten ahnungslos 
gegenübersteht. Die Psychoanalyse vermag uns tiefere Aufschlüsse über jenes 
anscheinend unwichtige Detail der Tephillin zu geben als die Religions- 
wissenschaft, welche hier nur irgendwelche gleichgültige Kultmarken oder 
Überreste von Einschnitten erkennen kann. Unsere Untersuchung scheint 
uns so zu mahnen: Introite, et hie dii sunt- 



Kinwänoe, JVorrekturen und oSlacnträee 

Es verbleiben sicherlich genug der Fragen übrig, jedenfalls aber ist es 
Zeit, sich den Einwänden zuzuwenden, welche wir lange genug beiseite 
geschoben haben. Der wichtigste wird davon ausgehen, daß unsere Theorie 
Widersprüche in sich selbst enthalte, die ihrer Geltung bedrohlich werden 
müssen. Wir haben zum Beispiel angenommen, daß der Tallith einen Rest 
des heiligen Widderfelles darstelle. Die Zizzith wären dann Andeutungen der 
vier Beine des Tieres. Die Abfolge von Faden und Verknotungen, die wir ver- 
folgten, vertreten andeutungsweise die Muskel und Gelenke des heiligen Tieres. 
Man könnte hier freilich einwenden, daß sich jene Fäden ihrer Stellung nach 
nur schwer mit den Füßen eines Tieres vergleichen lassen, aber die Kürze 
des Tallith gehört einer späteren Entwicklungsstufe an. Ursprünglich stellte 
er ein langes Kleidungsstück dar. Lund 1 belehrt uns auch darüber, der 
Tallith „sey so lang gewesen / daß man das Unter-Kleid keine Hand breit 
darunter habe kennen können. Auf solche Weise müssen die Fräntze auf 
der Erde gehangen seyn / wie mir auch obgedachter Rabbi Jacob Abraham 
/ jetzo Christian Gottlieb / versichert / daß in Polen viele Rabbinen ihr 
Arba Canpos oder das Jüdische Kleid mit Fräntzen so lang tragen / daß 
die Fräntzen bis an die Erde langen / und mannichmahl nachschleppen". 

i) Lund: 86, Cap. XIV, p. 798. 



— 






v 2 Tüeoaor Rcik 



Die Verkürzung dieser zuerst lang getragenen Fadenkombinationen hat also 
ihren ursprünglichen Sinn noch unerkennbarer gemacht. Ein ähnliches 
Zurücktreten bestimmter Züge religiöser Bräuche unter dem Einflüsse 
kultureller Veränderungen hat uns ja so oft die primäre Bedeutung eines 
Kultes oder manchen Bituals verdeckt. Es wird dann oft genug ein anderer, 
sekundärer Sinn dem alten, bereits unverstandenen vorgezogen. 

Wird die ursprüngliche Bedeutung eines Brauches durch die Forschung auf- 
gedeckt, müßte es der psychologischen Betrachtung gelingen, nachzuweisen, 
daß sich zwischen jener sekundären und dieser primären Bedeutung zahl- 
reiche unterirdische Verbindungen ergeben. Die Bedeutungsänderung geht 
sozusagen längs einer vorgeschriebenen Bahn vor sich. So werden die 
Tephillin, welche ursprünglich ein Stück der Gottheit selbst sind, zu einem 
Amulett, d. h. also derjenige, der ein solches Stück Gott bei sich oder an 
sich trägt, steht unter seinem besonderen Schutze. Eine solche Bedeutung 
ist natürlich eine abgeleitete: der Träger der Tephillin war ursprünglich 
zum Gott selbst geworden und Götter bedürfen keiner Amulette. Auch in 
den späteren, künstlich hergestellten Verbindungen schimmert noch immer 
die ursprüngliche Bedeutung an irgendeiner Stelle des scheinbar ununter- 
brochenen Zusammenhanges durch, so wie der erste Text eines Palimpsestes 
manchmal noch innerhalb der Buchstaben der späteren Schrift erkennbar 
wird. Erkennen wir ihn nicht, wenn die religiöse Tradition behauptet, die 
Biemen der Kopftephillah bilden in ihren Verschlingungen den Buchstaben 
des Gottesnamens? Hier schimmert noch die ursprüngliche Bedeutung der 
Tephillin durch die späteste Umdeutung: der prähistorische totemistische 
Gott aus einer Zeit, die sicherlich keine Buchstaben kannte, erscheint auf 
diesem Umwege in so merkwürdig gebildeten Lettern wieder. Wird der 
ursprüngliche Charakter der Zizzith nicht noch in den mystischen Deutungen 
der Zahlen werte erkennbar? Sollen sie nicht bald „Jahwe allein als Er- 
gebnis haben, bald die Anzahl der religiösen Gebote anzeigen? Der primi- 
tiven Beligion ist aber jene Identifizierung des Gläubigers mit seinem Gotte, 
dessen Kleid er trägt, wirklich das wesentliche Gebot. Der Herr selbst trug 
Tephillin — dies ist gesichert, wenn wir an die ursprüngliche Bedeutung 
des Hornes denken, die das heilige Tier schmücken. Der Talmud erklärt 
jene Bibelprophezeiung, derzufolge sich die Völker der Erde vor Israel 
fürchten werden, dahin, daß die Nationen sich vor der Kopftephillah fürchten 
werden. Ist hier nicht ein Anzeichen jenes ursprünglichen Sinnes, des 
nationalen Totems auf dem Haupte, erkennbar? Jene andere talmudische 
Deutung, welche die Stelle „ihr sehet ihn" (nicht: ihr sehet sie, nämlich 



- 






Vrebetmantei und (jebctncmen der Juden 



45 



die Schaufäden) dahin auslegt, daß Gott empfange, wer die Schaufäden 
anlege, gehört hierher. Das heißt doch geradezu: Wer die Zizzith sieht, 
sieht Gott, und dies ist im Sinne des pars pro toto wahr, denn die Zizzith 
sind ja der Ersatz eines Stückes der Gottheit, vertreten sie selbst. Im Talmud 
wird das Tragen der Zizzith der Befolgung aller Gebote der Zeremonial- 
religion gleichgesetzt. Psychologisch mit Recht : die Identifizierung mit. 
dem alten Totemgott war das erste und wichtigste Gebot der primitiven 
Religion. 

Ein anderer Einwand gegen unsere Hypothese könnte gerade aus ihr 
selbst abgeleitet werden: wenn die Tephillin, die aus Rindshaut verfertigt 
werden, auf die Identifizierung mit dem alten Stiertotem der israelitischen 
Stämme hinweisen, wie erklärt sich dann der sakrale Charakter des Tallith 
(beziehungsweise der Zizzith), welche aus Schafwolle bestehen? Der Ein- 
wand ist indessen unschwer zu erledigen, indem man auf die Entwicklung 
des Totemismus, das will heißen auf historische Momente, hinweist. Der 
Totemtausch, die Ablösung der einen Art des Tiertotems durch einen 
anderen ist im Laufe der Geschichte mancher antiker Stämme gut zu be- 
obachten. Dabei bleibt häufig für lange Zeit das Alte unverändert oder in 
anderer Verwertung bestehen, wenn das Neue sich bereits siegreich Raum 
geschaffen hat. Das Nebeneinander von Tallith und Tephillin hat so für den 
Kundigen nichts Merkwürdiges. 

Auch der religiöse Brauch weist uns nun nachträglich in die Richtung, 
die wir eingeschlagen haben: wenn geboten wird, die Tephillin zu küssen, 
so werden wir daran erinnert, daß die antiken Semiten ihre religiösen 
Symbole und Idole mit Küssen bedachten. Diese heiligen Steine, Bäume usw. 
galten den Semiten aber nicht als Abbilder, sondern ursprünglich als die 
Götter selbst. Der Israelite, welcher die Zizzith küßt, verrichtet in so schwer 
erkennbarer Form denselben gottesdienstlichen Akt wie der Araber, der die 
Käaba küßt, oder der fromme Katholik, der den Fuß des Papstes küßt. Der 
Einwand, daß es sich hier um ein lebloses Objekt handelt, gilt natürlich 
nicht; noch in der katholischen Kirche erweisen die Gläubigen dem ver- 
storbenen Papste die letzte Huldigung in derselben Art. Die Füße des 
Heiligen stehen durch das (die Sakramentskapelle abschließende) Gitter so 
hervor, daß die Frommen drei Tage lang Gelegenheit zu diesem Fußkusse 
haben. 1 Die Erinnerung an dieses ursprüngliche Zeichen der religiösen 
Verehrung wird sich noch spät und in außerordentlich veränderter Form 



1) Vgl. Hermann J. Wurm: Die Papstwahl. Köln 1902, S. 94. 



XA Theodor Rcik 



erhalten. 1 Auch das in den Evangelien berichtete Heilungswunder durch 
Berührung der Zizzith Christi fügt sich hier gut ein: es gehört zu den 
wundersamen Wirkungen, welche die Kleidung göttlicher Personen ausübt, 
zur Therapie tabuierter Gegenstände. 

Vielleicht ist hier auch der Platz, darauf hinzuweisen, daß der Tallith 
als Vorbild jenes heiligen Kleidungsstückes anzusehen ist, das dem Katho- 
liken die Gewähr für die Sündenvergebung bietet: ich meine des Skap uliers. 
Man weiß, daß das Tragen des Skapuliers mit zahlreichen Ablässen ver- 
bunden war so wie das Tragen des Tallith als religiös verdienstvoll be- 
rachtet wurde. 2 

lj „Wenn der uralte Küß ich den letzten 

Heilige Vater Saum seines Kleides, 

Mit gelassener Hand Kindliche Schauer 

Aus rollenden Wolken Treu in der Brust." 
Segnende Blitze Goethe: Grenzen der Menschheit. 

Über die Erde sät, 

2) Kein Kenner der Materie wird an der Verbindung der beiden Kultobjekte 
zweifeln, wenngleich meines Wissens kein Kenner bisher diesen Zusammenhang 
erörtert hat. Das Skapulier besteht aus zwei Stückchen wollenen Tuches, welche 
durch zwei Schnüre oder Schnüre so miteinander verbunden sind, daß der eine Tuch- 
streifen vorn auf der Brust, der andere hinten zwischen den Schultern herabhängt. „Der 
Stoff der Skapuliere muß Wollenzeug sein, nicht aber Baumwolle, Leinwand oder 
Seide, und zwar ist gewebter Wollenstoff erforderlich, nicht gestrickte oder in ähn- 
licher Weise gefertigte Stoffe . . . Bezüglich der Gestalt muß das Skapulier aus zwei 
viereckigen Stückchen wollenen Tuches bestehen. Als man bei der heiligen Ablaß- 
kongregation anfragte, ob auch runde, ovale oder vieleckige Skapuliere gültig geweiht 
werden können, lautete die Antwort: „nihil esse innovandum" ', „es sei keine Neuerung 
einzuführen". (Nach Beringer: Die Ablässe, ihr Wesen und Gebrauch. Paderborn 1895, 
10. Aufl., S. 557 ff.) Nicht nur die Gestalt und die Funktion, auch die besonderen Züge 
des Skapuliers erinnern an die entsprechenden Merkmale des Tallith: man muß das 
Skapulier immer tragen, bei Tag und bei Nacht. Wäre man zum Beispiel einen 
ganzen Tag ohne dasselbe, so würde man für diesen Tag die Ablässe nicht gewinnen. 
Auch muß man es in bestimmter Weise tragen, so daß der eine Wollstreifen vorne 
über der Brust herabhängt usw. Die weitere Entwicklung des Rituals des Skapuliers 
wird später freilich immer komplizierter, da es immer mehr Skapuliere gab. So 
wurde das rote Passionsskapulier infolge einer Erscheinung, welche der Heiland 
einer barmherzigen Schwester zuteil werden ließ, eingeführt von Pius IX., 1847 mit 
besonderen Ablässen versehen. Das blaue Skapulier der unbefleckten Empfängnis wurde 
im siebzehnten Jahrhundert der ehrwürdigen Ursula Berincasa in Neapel geoffenbart, 
während das Herz-Jesu-Skapulier auf Maria Alacoque zurückgeht. Wie Beringer 
versichert (S. 579), hat die Andacht zum Herz-Jesu-Skapulier stark zugenommen, „seit- 
dem man im Kriege von 1870 bei vielen Soldaten die wunderbaren Wirkungen desselben 
erfahren hat". Die Andacht zum braunen Karmeliterskapulier, dem verbreitetsten von 
allen, verdankt ihren Ursprung einer berühmten Erscheinung der Mutter Gottes, 
welche am Sonntag, den 16. Juli 1251, zu Cambridge dem heiligen Simon Stock, dem 



Gcbctinantel und Getetrienicn der Juden 



<5 



Unser Blick verfolgt die bisher nicht erkannte Verbindung zwischen der 
Totemverkleidung der Primitiven und der Antike und dem religiösen Brauch 
der Tephillin und des Tallith bei den Israeliten sowie dem analogen Brauch 
des Skapuliers bei den Katholiken. Gerade an dieser Stelle drängt sich eine 
Fülle religionswissenschaftlich interessanten Materials auf, aber wir müssen 
uns hier mit den wenigen oben gegebenen Zurückführungen begnügen. 

Es sei nur noch angedeutet, daß auch die alte Anschauung Kleins, 
welche den Zusammenhang des Tephillingebotes mit anderen Verordnungen 
würdigt, im Lichte unserer Hypothese wieder zu Ehren kommt. Es kann 
offenbar nicht gleichgültig sein, daß das Ritual in Verbindung mit dem 
höchst altertümlichen Passahfest erwähnt wird und darauf verwiesen wird, 
daß der Vater dem fragenden Sohn Auskunft über die Tephillin als Zeichen 
oder Erinnerungsmal geben soll. Die archaische Natur dieses Festes wird 
durch zahlreiche Züge bezeugt: das Verbot, das Passah roh zu essen, weist 
auf eine frühere Sitte, das blutige und noch zuckende Fleisch des Tieres zu ver- 
zehren, hin. Ebenso primitiv sind das Bestreichen der Türpfosten mit Blut, 
die altertümliche Nomadentracht, die Warnung, etwas vom Opferfleisch 
bei Tagesanbruch übrigzulassen. Kein Zweifel, das geschlachtete und ver- 
zehrte Tier war ursprünglich selbst der geopferte Gott, von dessen Fleisch 
die Clangenossen gemeinsam aßen und mit dem sie so die Gemeinschaft 
erneuerten. 1 Wir meinen nun, es sei sehr sinnvoll, wenn das Gebot der 
Tephillin, die sich aus dem Tierfell entwickelten, mit dem Feste des 
großen Totemmahles verknüpft ist. Das „es", das den Söhnen als Zeichen 



Generalobern der Karmeliter, zuteil wurde. Die allerheiligste Jungfrau eröffnete dem 
Heiligen, indem sie ihm ein Skapulier zeigte: „Wer mit diesem stirbt, wird das 
ewige Feuer nicht erleiden." Maria hat aber auch noch ein weiteres Privilegium 
denjenigen zugedacht, welche andächtig das Skapulier der Karmeliter tragen. Diese 
Zusicherung wurde dem Papste Johann XXII. zuteil, dem die Jungfrau erschien und 
dem sie versprach, die Träger dieses Skapuliers, so bald als möglich, namentlich 
aber am Samstage nach ihrem Hinscheiden aus dem Fegefeuer zu befreien. Der 
Papst veröffentlichte diese Gnade, das sogenannte Privilegium Sabbatinum, in der 
Bulle vom 5. März 1350. Benedikt XIV. übernahm die Verteidigung desselben gegen 
vermessene Kritiker. Zahlreiche Päpste wie Klemens VII., Paul III., Pius V., Gregor XIII. 
haben sich als begeisterte Anhänger jener Vergünstigung gezeigt. Durch das Dekret 
der Ablaßkongregation vom 27. April 1887 ist bestimmt worden, daß mit Rücksicht 
auf die besondere Verehrung und Andacht, welche diesem ältesten Skapulier gebührt, 
es nicht zusammen mit anderen Skapulieren, sondern gesondert von ihnen geweiht 
und getragen werden soll. 

1) Vgl. Georg Beer: Pascha, Tübingen 1911, S. 18 ff., und N. M. Nicolsky: Pascha 
im Kulte des jerusalemischen Tempels. Zeitschrift für alttestamentarische Wissenschaft, 

1927, Heft 5. 



^6 TLeodor Reik 



oder Erinnerung gezeigt werden soll, ist eben jenes göttliche Fell, nicht 
das Gesetz, das erst einer späteren Schicht angehört. Gewiß, es handelt 
sich bei jener Verordnung um eine metaphorische Redensart, aber dahinter 
steckt der alte, der ursprüngliche Sinn, der durchaus gegenständlich war: 
die Identifizierung mit dem alten totemistischen Rindergott. 1 Jene grob 
materielle Umdeutung, welche Stade und so viele andere Gelehrte hier 
konstatierten, führt in Wirklichkeit auf die älteste religiöse Schicht zurück: 
auf die Hörner des Totems der alten heidnischen Religion. Vielleicht ergibt 
sich von hier aus auch eine Erklärung der rätselhaften Redeutung von 
Totaphot, das, wie ich glaube, wirklich von der Wurzel tdfa = umkreisen 
abgeleitet werden kann. Da der Sinn „Rand, das um die Stirne läuft, 
Stirnband den Gelehrten mit Recht unwahrscheinlich vorkam, hat man 
diese etymologische Möglichkeit fallen gelassen. Wie mir scheint, zu früh. 
Ist keine andere Erklärung möglich? Der Hinweis auf das Umkreisen 
des zu schlachtenden Opfertieres, einen alten semitischen Rrauch, mag hier 
genügen, um diese Erklärung wahrscheinlich zu machen. So würde auch 
dieser Ausdruck auf die Verbindung der Tephillin mit dem nationalen 
Kultfeste des Passah hinweisen. 2 

Wir wollen doch diesen Abschnitt nicht beschließen, ohne mit einem 
Worte darauf hinzuweisen, wie nahe der Fromme, der zum Morgengebete 
Tallith und Tephillin anlegt, dem Kinde steht, das sich einige Federn ins Haar 
steckt und „Indianer" spielt. Was dort mit der Inbrunst der Religionsübung 
erscheint und uns hier als Kinderspiel lächeln macht, hatte einst die volle 
Schwere und den ganzen Ernst einer versunkenen Kultur, die uns heute 
fremd und unheimlich erscheint. 

Zu unserem Ausgangspunkte zurückkehrend glauben wir nun zu erraten, 
warum der Heiland den Frommen mit besonderer Erbitterung vorwirft, daß 
sie die Riemen breit und die Quasten groß machen. Sie maßen sich an, 
besonders fromm zu sein, da sie die Zeichen des lebendigen Gottes so auf- 
fällig tragen. Hier trifft also unsere Auffassung wieder mit der hergebrachten, 
mit der traditionellen Deutung jener Ribelstelle zusammen; dennoch meinen 
wir, daß der Weg, den wir gegangen sind, kein nutzloser Umweg war. 

1) Das Passahopfer wurde bald aus Schafen und Ziegen (Ex. 12, 1 ff), bald aus 
Schafen und Rindern gewählt (Deut. 16, 2). Man darf vermuten, daß ursprünglich 
der Stier das Passahtier war. 

2) Das Umwandeln des Opfertieres setzte sich später in der Umwandlung des 
Altars fort. Es bildete das wichtigste Stück des Gottesdienstes bei den alten Arabern 
(vgl. Wellhausen: Skizzen, III 1 , S. 109; Heiler: Gebet 3 , S. 101,103 usw.). Für das 
Alte Testament vgl. I. Reg. 18, 26; Ps. 42, 5; 118, 27 usw. 



Gclietmantcl und Gebetriemen der Juden 47 



Sdiluljwort 

Wir haben freilich allen Anlaß, bescheiden von dem Resultat unserer 
Bemühungen zu denken, denn ihr wesentliches Ergebnis ist durch andere 
psychoanalytische Arbeiter bereits vorweggenommen worden. Karl Abraham 
hat schon 1920 den Gebetsmantel der Juden als Ersatz des totemistisch 
verehrten Widderfelles erklärt' und neuerdings hat Frieda Fromm-Reich- 
mann in Anlehnung an Abrahams und meine Untersuchungen auf die 
Tephillin als die „durch Bekleidung mit Haut und Hörnern vollzogene Tier- 
identifizierung" mit dem Totem hingewiesen. 2 Es lag uns hier auch nicht 
daran, eine Priorität für unsere These zu beanspruchen, sondern die Be- 
hauptungen, die in jenen beiläufig gemachten und aphoristischen Bemer- 
kungen enthalten sind, in wissenschaftlich einwandfreier Weise zu be- 
gründen und, soweit dies auf unserem Wege möglich ist, zu beweisen. 

Wir gelangen hier wieder zur besonderen Charakterisierung und Würdi- 
gung der hier angewandten Methode zurück, denn das religionswissenschaft- 
liche Resultat, das wir gefunden haben, ist der analytischen Betrachtungs- 
weise zu verdanken. Mag sich sein Wert nun als groß oder gering erweisen, 
es konnte durch die anderen Methoden, über welche die Religionswissen- 
schaft verfügt, nicht gewonnen werden. Unsere Methode besteht in der 
psychologischen Würdigung sonst unbemerkter, ja oft kaum bemerkbarer 
Details. Eine solche, bisher völlig unbeachtete Einzelheit war ja auch hier 



1) Der Versöhnungstag. Imago, VI. Bd., 1920. 

2) Das jüdische Speiseritual. Imago, XIII. Bd., Heft 2 — 4. 

Die Würdigung dieser Vorgänger, deren analytische Anschauungen sich mit den 
hier entwickelten im wesentlichen deckt, bedeutet nicht, daß ich mit ihnen in allen 
Einzelheiten der gleichen Meinung bin. So erscheint mir die Erklärung der Entstehung 
der Kopftephillah in dem eben angeführten Aufsatze vonFromm-Reichmann äußerst 
unwahrscheinlich. Die Autorin meint, es werde sich dabei um die Wirkung eines 
einfachen Verschiebungsmechanismus" handeln, „wenn der zweite Würfel, d. h. das 
"weite Hörn von der Stirn auf den Oberarm verlegt worden sei«. Wie ich meine, 
ist jener Verschiebungsmechanismus weder so einfach noch so eindeutig. Vermutlich 
liegt ein künstlicher Ersatz für den Huf des Tieres vor, der ursprünglich ganz realistisch 
an der Hand dargestellt wurde und erst später unter dem kombinierten Einflüsse ver- 
schiedener Momente, unter denen der Tendenz des Unkenntlichmachens eine besondere 
Bedeutung zukam, höher hinaufverschoben wurde. — Man beachte übrigens, auf welchem 
schwer durchschaubaren Umwege die gesetzestreue Tradition des Judentums wieder 
zur Andeutung der ursprünglichen Bedeutung einer Kulteinzelheit zurückkehrt. Weim 
viele Fromme, um die Unsicherheit aus der Diskussion zwischen Raschi und R. Tamm 
zu überwinden (vgl. früher), schließlich zwei Kopftephillin tragen, so erkennt man 
in dieser entstellten Form leicht das alte Zeichen des Hörnerpaares, die Wiederkehr 
des Verdrängten. 



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4™ Reik: Gebetmantel und Gebetricmen <ler Juden 



der Ausgangspunkt, der uns zum Verständnis der Bedeutung der Tephillin 
führte: jenes Haar-Ende, das aus der Kopftephillah herausragte und sicherlich 
noch keines Forschers Neugierde beschäftigt hat. Hier war also eine Spur, 
deren aufmerksame, psychoanalytische Verfolgung zu einem kaum bestreit- 
baren, religionsgeschichtlichen Ergebnis führte. 

Die analytische Verwertung dieses bisher unbeachteten Details aber läßt 
in diesem Falle — und nur in diesem besonderen Falle — die Behauptung, 
die man so häufig als Vorwurf gegen die analytischen Untersuchungen 
wiederholen hört, gerechtfertigt erscheinen : hier wurde wirklich das Resultat 
an den Haaren herbeigezogen. 









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Sigm. Freud: Die Zukunft einer Illusion. Geheftet M 2.ß0, Ganzleinen 
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Ganzleinen M 4. 20 

Erich Fromm: Die Entwicklung des Ckristusdogmas. Geheftet M }.— 

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Ganzleinen M 6.— 

Georg Langer: Die jüdiscken Gebetriemen. Geheftet M 2. — 

Oskar Pfister: Religiosität und Hysterie. Geheftet M 4— , Leinen M j.jO 
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Theodor Reih: Das Ritual. Geheftet M 12—, Ganzleinen M 14 — 

Theodor Reih: Der eigene und der fremde Gott. Geheftet M 8.J0, Ganz- 
leinen M io.;o 

Theodor Reih: Geketmantel und Gebetriemen der Juden. Geheftet M 2. — 

Theodor Reih: Dogma und Zwangsidee. Geheftet M ;.6o, Ganzleinen M 7 — 

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Ganzleinen M f. — 



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£an psychoanalytischer .Beitrag 
zur hebräischen Archäologie 



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Psychoanalytischer Verlag 

Wien