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THEODOR REIK
AUS
LEIDEN FREUDEN
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THEODOR REIK
AUS
LEIDEN
FREUDEN
IMAGO PUBLISHING CO., LTD
LONDON 1940
ALLE RECHTE
INBESONDERE DIE DER ÜBERSETZUNG
VORBEHALTEN
COPYRIGHT I94O
BY IMAGO PUBLISHING CO., LTD.
LONDON
FRINTED IN GREAT BRITAIN BY THE CHISWICK PRESS LTD.
NEW SOUTHGATE, LONDON, N.II.
)V
ZUR EINFÜHRUNG
Aus Leiden Freuden
Wie kam nur ein Philosoph auf den Gedanken, dass der Mensch
ein Tier ist, das Lust sucht und Unlust vermeidet?" Dieser Satz
ist nicht etwa der Beginn einer philosophischen Abhandlung, sondern
die Frage, welche ein Gentleman an einen Sportgefährten richtete,
während sie beide in der Schweiz Ski fuhren. In der Situation, die
der Wintersportler in einem Brief an die Londoner Zeitschrift
„New Statesman" beschreibt (15. Januar 1938), ist das Auftauchen
dieser Frage verständlich. Sie wurde gestellt, als die beiden bei
schneidendem Wind „in einer mühsamen, krebsartigen Gangart
einen gefrorenen Bergabhang hinaufkletterten, um als eine Art
hilflosen Packets wieder hinabzurutsch an, von den heiteren Reden
schadenfroher Zuschauer unserer Mühen begleitet". Eine solche
Situation ist dem Zweifel daran, ob Streben nach Lust und Ver-
meidung von Unlust eine durchgängige menschliche Eigenschaft
sei, äusserst günstig. Der Sportfreund fragt, ob es eine Lust gibt, die
so mühsam und gefährlich gewonnen und von der Unlust so schwer
zu unterscheiden ist wie die des Skilaufens. „Wenn Sie", sagt er,
„Ihren Fussknöchel nicht verrenken, so brechen Sie sich wenigstens
ein Bein und wenn Sie zufällig mit heilen Knochen heimkommen
sollten, so haben Sie doch viele Stunden einer mühevollen und demüti-
genden Leistung unter höchst unangenehmen Begleitumständen
gewidmet. Sie könnten Ihr Weekend bei erheblich geringeren Kosten
mit Lektüre und Schlaf an Ihrem Kamin zubringen, den schnur-
renden Kater auf Ihrem Schoss". Die launige Betrachtung schliesst
mit der lapidaren Folgerung: „Der Mensch ist ein masochistisches
T* _*t
1er .
Der Briefschreiber, der gewiss ein gebildeter Mann ist, hat sich
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daran erinnert, dass die Philosophen gerade seines Landes von
Herbert Spencer bis Bertrand Rüssel die Anschauung
vertreten, dass der Mensch wie andere Tiere das anstrebt, was ihm
Lust verspricht, und das vermeidet, was Unlust erzeugt. Die Philoso-
phen mögen in Einzelheiten ihrer Meinung uneinig sein, gemeinsam
ist ihnen doch die Überzeugung, dass der Mensch Unbehagen flieht.
B. Rüssel betont in seiner „Analysis of mind", dass das primitive
Verlangen eher dahin geht, eine aktuelle Unlust los zu werden als
dahin, eine Lust aufzusuchen. Es ist „a push and not a pull", meint
er. Wie aber fügt sich eine Trieberscheinung wie der Masochismus
in ein solches Schema? Die Unlust, die sonst vermieden wird, wird
ja hier geradezu aufgesucht. Es ist nicht nur kein weg „von Schmerz
und Unbehagen", sondern umgekehrt, ein Verlangen und ein Drang
nach ihnen, ein „pull" zu ihnen.
Es kann natürlich nur humoristisch gemeint sein, wenn jener
Wintersportfreund sich über die Philosophen verwundert. Die Erfah-
rung des Alltags gibt ihnen Recht, dass der Mensch im allgemeinen
die Lust sucht oder die Unlust vermeidet. Es klingt wie eine kaum
ernsthafte Verkehrung des Tatbestandes, wenn der Briefschreiber
behauptet: „Man is a masochistic animal." Oder sollte er es doch
ernsthafter meinen? Dass er scherzt, schliesst ja den Ernst nicht aus.
Vielleicht ist der Mensch auf seinem langen Entwicklungsgang
durch viele Jahrhunderttausende unter den Umbildungen der Umwelt
und der Innenwelt ein masochistisches Tier geworden? Davon ein
anderes Mal mehr.
Es ist bemerkenswert, dass wir an dem Ausdruck „masochistisch"
in dem Brief keinen Anstoss nehmen. Das Wort wäre in diesem
Zusammenhang noch vor vierzig Jahren kaum verständlich gewesen.
Man kannte es damals nur als Bezeichnung einer sexuellen Trieb-
abweichung, einer Perversion, von der hier keine Rede ist und sein
kann. Der Ausdruck hat eine Bedeutungserweiterung erfahren.
Seine ursprüngliche, engere Bedeutung einer Triebperversion, die
aus einer passiven Einstellung zum Partner sexuelle Lust zieht, ist
erhalten geblieben. Jenseits dieses Bezirkes bezeichnet Masochismus
jetzt eine besondere Art der Lebenseinstellung oder des sozialen
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Verhaltens, welche das eigene Leiden oder die eigene Ohnmacht
geniesst. Das Wort ist seiner engeren sexuellen Bedeutung entwachsen.
Es ist desexualisiert worden.
Unsere wachsenden psychologischen Einsichten haben jenen
Bedeutungswandel sicher mitbestimmt. Bei Krafft-Ebbing
und in den frühen Schriften F r e u d s ist Masochismus noch ein-
deutig die Bezeichnung jener Besonderheit des Liebeslebens, in
der die Befriedigung an das Erleiden von psychischen oder seelischen
Schmerz gebunden ist. Bei Krafft-Ebbing taucht aber schon
die Bezeichnung „ideeller Masochismus" auf, bei dem nicht die
körperliche Beziehung, sondern die Vorstellung des Unterworfen-
und Abhängigseins das Wesentliche des Lusterlebnisses ist. Die
fortschreitende psychologische und psychopathologische Forschung
machte es später deutlich, dass solche lustbetonte Vorstellungen
kaum mehr eine Verbindung mit Grob- Sexuellem aufweisen. Die
Psychoanalyse erwies darüber hinaus gehend, dass Vorstellungen
dieser Art nicht unbedingt bewusst sein müssen: viele Menschen
fliehen bewusst das Leiden und streben es unbewusst doch an. Es ist
das Verdienst der Analyse, wenn wir heute vom Masochismus als
einem besonderen Verhalten vieler Menschen sprechen, ohne dabei
an eine sexuelle Perversion zu denken.
In dem vorliegenden Buch wird der Ausdruck Masochismus in
jenem allgemeineren Sinn einer bestimmten Lebenseinstellung
gebraucht. Das Problem, warum Menschen unbewusst körperlichen
und seelischen Schmerz anstreben, sich freiwillig Entbehrungen und
Opfern unterwerfen, Beschämung, Niederlage und Entwürdigung
auf sich nehmen, hat den Autor lange beschäftigt. Sein erster Ver-
such, das Problem freiwilligen Leidens und der damit verbundenen
Lust zu lösen, bezog sich auf einen asketischen Künstler und sein
Werk, das die seelischen Krisen eines Heiligen darstellt. Seit dem
Erscheinen dieses Buches „Flaubert und seine Versuchung des heiligen
Antonius" sind neunundzwanzig Jahre vergangen. In dieser Zeit
hat sich mein Interesse für das Problem nicht abgeschwächt. Es hat
mich in der analytischen Beobachtung neurotischer und masochis-
tischer Charaktere immer wieder aufs neue gefesselt und ich habe die
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Literatur, die sich darauf bezog, verfolgt. Einzelne Seiten der Frage
werden in späteren Publikationen behandelt, doch nirgends ein Ver-
such gemacht, das ganze Problem als solches darzustellen und der
Lösung näherzubringen. Das vorliegende Buch will die Einsichten
und Resultate, die sich in dieser langen Zeit verdichtet haben, dar-
stellen.
Es ist nämlich kein Zweifel daran, dass die Frage des Masochismus
trotz vielen Bemühungen der Sexuologen, Psychologen und Soziologen
bis heute ungelöst geblieben ist. Die Arbeiten Freuds haben das
Problem nicht gelöst. Wir verdanken Freud nicht nur die bedeut-
samsten Einsichten, die bisher vom Wesen des Masochismus ge-
wonnen wurden, sondern auch die Methode, mit der allein ein tieferes
Wissen um die Motive und Ziele dieser Triebrichtung erreicht werden
kann. Seine eigenen Beiträge zu dem Problem — von nie geahntem
Reichtum und nie vorher erreichter psychologischer Vertiefung,
fruchtbar noch in ihren Irrtümern — haben uns überhaupt in Stand
gesetzt, eine neue Art der Annäherung zu wagen. Er hat uns den
Weg gezeigt, aber er selbst ist diesen Weg nicht gegangen. Auch
die Arbeiten verschiedener seiner Schüler haben fruchtbare neue
Gesichtspunkte beigetragen, ohne das Wesentliche des Problemes
zu erhellen. Die psychologische Frage des Masochismus blieb unbeant-
wortet.
Unbefriedigt von den bisherigen Lösungsversuchen, ist es mir
lange nicht gelungen, die neuen Erkenntnisse, die mir die immer
wieder überprüfte Beobachtung am lebendigen Material brachte,
darzustellen. Diese Einsichten waren der Niederschlag vieler Erfah-
rungen, die sich langsam zu Resultaten verdichteten. Es galt nun,
für die neuen Einsichten einen neuen Zugang zu gewinnen, denn es
erwies sich unmöglich, sie an die bisherigen Forschungen anzu-
knüpfen. Diese führten in eine Sackgasse, aus der kein Vorwärtsgehen
möglich war. Erst als ich einen neuen Weg gefunden hatte, den einer
Darstellung von bisher nicht erkannten Merkmalen des Masochismus,
konnte das Problem neu aufgerollt werden. Grosse Teile der bisher
geltenden Theorien mussten als unzulänglich fallen gelassen werden.
Wenn man neue Tatsachen sieht, die sich einer geltenden Theorie
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entschieden widersetzen, hat man sich an die Tatsachen zu halten,
Die Theorie muss es sich gefallen lassen, umgeformt zu werden, um
die neuen Erfahrungen zu umfassen.
Das vorliegende Buch will kein gelehrtes Werk sein, sondern das
Werk eines Forschers. Was von Anderen über den Masochismus
gesagt wurde, wird hier nicht wiederholt, nicht etwa weil ich es für
unwichtig halte, sondern weil es schon gesagt wurde. Mein Ziel war,
zu neuen Erkenntnissen über das Wesen des Masochismus vorzu-
dringen. Es hat mich nicht gereizt, neues Material zu dem in Fülle
vorhandenen hinzuzufügen, sondern eher, neues Material zur Pro-
blemlösung heranzuziehen. Es handelte sich mir nicht darum, einfache
Tatsachen festzustellen, sondern die Tatsachen hinter den Tatsachen
zu erfassen, das, was den Erscheinungen dieses interessanten Pro-
blems zugrundeliegt, sein Zustandekommen bedingt und über seine
verborgenen Ziele entscheidet.
Das Interesse an diesem Problem geht weit über den Rahmen einer
sexuellen Besonderheit einzelner Individuen hinaus und führt tief in
das Gebiet der Kulturentwicklung. Die ursprüngliche Frage: wie
kann es zugehen, dass ein Mensch aus Schmerzen, Entwürdigung und
Beschämung Lust gewinnen kann, wurde freilich zuerst durch die
sexuelle Perversion den Psychologen nahegebracht. An der weiten
Verbreitung der masochistischen Triebneigung kann kein Zweifel
sein. Viele tausende Personen haben bezeugt, dass sie diese sexuelle
Lust kennen, und die meisten von ihnen, dass sie nur diese Lust
kennen. Wieviel hunderttausende aber könnten dasselbe Zeugnis
ablegen und schweigen! Freud hat den Masochismus die „häufigste
und bedeutsamste aller Perversionen" genannt. Die gesellschaftliche
Heuchelei und die Unkenntnis sind dafür verantwortlich, dass wir
noch nicht ermessen, welche steigende Bedeutung diese Besonderheit
des Liebeslebens von ihren gröbsten körperlichen bis zu ihren ver-
feinerten seelischen Formen in unserer Kultur gewinnt. Jenseits
des sexuellen Bezirkes aber ersteht eine andere, soziale Form des
Masochismus, welche geeignet ist, den Gang des Lebens der Ein-
zelnen und der Massen zu bestimmen. Wie durch einen weiten
Abgrund von der sexuellen Triebabweichung getrennt gibt es hier
eine Fülle von tragischen Erscheinungen, die von Fehlschlägen,
Unglück, rätselhaften Schicksalsfügungen des Einzelnen bis zu
den grossen Katastrophen des Völkerlebens reichen und die von
einer dunklen Sehnsucht nach Leiden bestimmt sind. Erst jetzt, da
die Psychoanalyse der Forschung die geeignete Untersuchungs-
methode geliefert hat, kann die psychologische Notwendigkeit eines
solchen Dranges erfasst und näher bestimmt werden. Ein Einblick
in diese Tiefe und Weite der Frage des Masochismus führt dazu,
jenem launischen Ausspruch des Wintersportlers in vollem Ernst
zuzustimmen: Man is a masochistic animal.
Ein Problem lösen bedeutet für den Forscher: ein Fragezeichen
von seinem bisherigen Platz wegnehmen und auf einen entfernteren
aufstellen. In diesem Sinn— und nur in diesem Sinn— wage ich zu
sagen, dass die vorliegende Arbeit einige Probleme des Masochismus
gelöst hat.
i O
DIE ANSCHAUUNGEN FREUDS
Der moralische Masochismus
Dem neuen Versuch, die seelischen Vorausetzungen und Motive
des Masochismus zu erkennen, muss eine knappe Darstellung der
Anschauungen Freuds über diese Triebneigung vorausgehen.
Der Masochismus erscheint uns nach Freud in drei Gestalten:
als eine bestimmte Lebenshaltung, als Ausdruck weiblichen Wesens
und als eine Besonderheit der sexuellen Erregung. Diese drei Formen
der Triebrichtung sind als moralischer, femininer und erogener
Masochismus zu unterscheiden.
Der moralische Masochismus darf auf das Interesse aller Kultur-
menschen Anspruch machen, denn er gibt einem bedeutsamen Anteil
unseres Seelenlebens sein besonderes Gepräge. Er ist auch nicht
auf einzelne Individuen beschränkt, sondern tritt als bestimmender
Faktor in das Leben sozialer Gruppen, Volks- und Religionsgemein-
schaften ein. In den Gestaltungen der Neurosen und den Besonder-
heiten der Charaktere tritt der moralische Masochismus besonders
auffällig hervor, er ist aber auch in Ansätzen und Ausläufern in
jedem von uns nachweisbar. Das Gemeinsame aller dieser seelischen
Phänomene liegt in der unbewussten Tendenz, Unlust aufzusuchen
und Leiden zu gemessen. Die Analyse hat die Existenz und Wirk-
samkeit solcher masochistischer Tendenzen zuerst in der Unter-
suchung neurotisch Erkrankter oder asozialer Charaktere kennen
gelernt. Erst spät hat sich ergeben, dass wir alle ein Stück moralischen
Masochismus in uns tragen. Jene Fälle von Neurose und Charakter-
verbildung spiegeln nur in verzerrten, pathologischen Formen wider,
was als Resultat unserer seelischen Entwicklung in jedem von uns
innerhalb der Grenzen des Normalen geblieben ist. Die Menschen,
Ü1 deren Analyse wir das Phänomen studieren konnten, zeigen ein
I i
besonderes Verhalten, das Freud aus der Einwirkung eines un-
bewussten Straf bedürfnisses erklärt hat. Dieses Straf bedürfnis äussert
sich durchaus nicht bewusst. Die Betreffenden kennen es nicht und
würden es nicht anerkennen. Es erscheint aber in seinen Wirkungen
unzweideutig in den Handlungen und Gedankengängen. Es ist so,
als seien diese Menschen ihre eigenen erbitterten Feinde. Ihre Hand-
lungen ebenso wie ihre Unterlassungen sind geeignet, Genua und
Arbeit zu stören, den eigenen Anteil an Lebensglück zu vernichten
und in den schwersten Fällen das Leben selbst zu gefährden. Dem
oberflächlichen Blick stellt es sich meistens so dar, dass das Unglück
oder das Pech im Leben dieser Menschen von aussen kommt, als ob
sie immer wieder mit unglücklichen Zufällen oder Leiden, die sich
in ihr Dasein drängen, zu kämpfen haben. Es ist so, wie wenn sich
ein widriges Schicksal gegen sie verschworen hätte, als fielen sie der
Tücke des Objektes oder der vielen Objekte, die ihre Bahn kreuzen,
zum Opfer. Die analytische Untersuchung erweist aber, dass die
Personen jene Unglücksfälle oder Leiden in einem grossen Ausmasse
selbst unbewusst inszeniert oder zu eigenen Ungunsten ausgenützt
haben. Es ist, wie wenn das Schicksal oder eine ungnädige Gottheit
ihnen in der Lebenslotterie ständig eine Niete zuerteilt hätte.
Die unbewusste Tendenz, welche diese Personen drängt, sich um
Genuss und Erfolg zu bringen, die eigenen Lebenschancen zu ver-
derben oder nicht auszunützen, kann als Strafbedürfnis schärfer
erfasst werden. Die Strafe wurde in der Kinderzeit von den Eltern
erwartet, als deren Vertreter später Gott oder dunkle Schicksals-
mächte traten. Unbewusst vollziehen diese Personen später an sich
selbst eine Reihe von Bestrafungen, zu denen sie ein innerer Gerichts-
hof verurteilt. Eine Instanz im Ich hat die Exekutive des Urteils
übernommen, das ursprünglich von den Eltern erwartet wurde. Die
Analyse konnte zeigen, dass diese Strafen nicht nur erwartet, sondern
unbewusst auch ersehnt wurden, dass das Leid ein unbewusst er-
wünschtes ist, so wenig sie selbst das wissen oder so wenig sie davon
wissen wollen. Diese Personen benehmen sich, als stünden sie unter
dem Diktat besonders strenger moralischer Gebote und Verbote,
deren Übertretung sie an sich selbst bestrafen müssen. Die entschei-
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dende Bedeutung dieses seelischen Faktors war es, welche Freud
berechtigte, von einem moralischen Masochismus zu reden. Worin
aber soll die verborgene Lust in solcher Einstellung liegen? Die
Antwort lautet: in der Befriedigung eines unbewussten Strafbedürf-
nisses, das als Reaktion auf verbotene Wünsche und Impulse im Ich
erscheint.
So wenig auch der äussere Anschein dafür spricht, man kann diese
besondere Art der Lebenseinstellung, diese verborgene Lust an der
Selbstbestrafung noch immer von den sexuellen Strömungen der
Kindheit ableiten. Das Schicksal, sagten wir, ist nur ein später Ersatz
der Eltern und die-Strafe, die von ihm erwartet und unbewusst ersehnt
wird, vertritt die Bestrafung von Vater oder von der Mutter. Das
Schicksal schlägt diese Personen und sie empfinden diese Schicksal-
schläge unbewusst lustvoll, so sehr sie sich bewusst darüber beklagen.
Hier zeigt sich der Faden zu früheren Erlebnissen, in denen Schläge
von körperlicher Art erwünscht waren und sexuelle Erregungen
ausgelöst hatten. Die psychologische Untersuchung führt dazu,
diese Art der Einstellung und des Verhaltens im Leben, diesen vom
unbewussten Strafbedürfnis bestimmten Masochismus, auf eine
frühe Form zurückzuführen, in der das sexuelle Moment noch
deutlich ist.
Die Strafen, welche ein strenges Über- Ich über die Person verfügt
hat, sind von mannigfaltiger Art: verfehlte Berufswahl, unglück-
liche Ehe, eine Reihe von Missgeschicken und Enttäuschungen in
Liebe und Leben u.s.w. In der Neurose ebenso wie in jenem kom-
plexen Geschehen, das zum Verbrechen führt, erweist sich das un-
bewusste Strafbedürfnis wirksam. Bei Verfolgung ihres Schicksals
zeigt sich, dass die Massregeln, welche diese Personen zu ihrem Vor-
teil unternehmen, ihnen zum Schaden dienen und, was sie aus Vor-
sicht oder anderen Gründen unterlassen haben, hätte durchgeführt
werden sollen. Eine innere Instanz, die dem Ich feindlich gesinnt
ist, lässt alle Absichten zum Scheitern bringen. Napoleon
antwortete jenem Hauptmann, der sich über sein beständiges Pech
beklagte: „Bonheur est aussi une qualite". Insofeme sich so ununter-
brochenes Pech als unbewusst gewollt herausstellt wie in vielen
13
—
solchen Fällen, hat Napoleon sicher recht. Die persönliche
Eigenschaft ist dann jenes Übermass unbewusster Moral, welche die
Fehlschläge und den Mangel an Glück im Verborgenen herbeiführt.
Es muss auch als Wirkung solcher Gewissensmächte angesehen
werden wenn für manche Menschen die Arbeit den Charakter von
travaux forces annimmt, andere sich durch widrige Umstände
immer wieder gehindert sehen, eine angemessene Position zu erreichen
oder unfähig sind, ihre Persönlichkeit frei zu entwickeln, wieder
andere sich von nahestehenden Personen immer wieder quälen lassen.
Der moralische Masochismus bietet seiner Genese und seinem
Wesen nach genug Verwunderliches, aber jöder findet e.nen
schwachen Widerklang in sich selbst, wenn er diese Melodie hört.
Wir verwundern uns darüber, dass das Schuldgefühl oder das ihm
entsprechende Strafbedürfnis unbewusst sein kann. Es g.bt uns auch
zu denken und zu zweifeln, dass dieses Strafbedürfnis so tiefgreifende
und das Leben des Einzelnen bestimmende Wirkungen entfalten
soll Wir meinen, aus der eigenen Erfahrung zu wissen, dass wir
uns manchmal bewusst schuldig fühlen. Soweit es bewusst ist, kennen
wir das Gefühl als von unangenehmer Art, etwa von der e.nes
Druckes der uns belastet und den wir bald überwinden. N.chts
deutet daraufhin, dass er unser Tun in bestimmte Richtungen treibt
und uns schwer schädigen könnte. Dass jemand freiwillig Leiden
und Strafe auf sich nimmt, um eine Schuld zu sühnen, ist uns freilich
bekannt Wir kennen Beispiele, dass sich Verbrecher, nicht der Not
gehorchend, nur dem eigenen Triebe, dem Gericht gestellt haben.
Die Personen russischer Dichter wie Dostojewski und
Tolstoi nehmen häufig Schmerzen und Strafen auf sich, um einem
solchen dunklen Bedürfnis nach Sühne zu entsprechen. So fremd uns
auch das unbewusste Straf bedürfnis anmutet, einzelne seiner Zuge
werden uns doch vertrauter, wenn wir an analoge bewusste Vorgange
in uns denken. Die Qualität des Unbewußten ist freilich merk-
würdig, auch dass dieses Schuldgefühl so weittragende Folgen haben
soll Es unterliegt indessen keinem Zweifel, dass dies der Fall ist.
Ich nehme ein einfaches Beispiel, um die Wirksamkeit des unbe-
wussten Straf bedürfnisses zu illustrieren und das Wesen des morah-
sehen Masochismus, wie es in der Konzeption Freuds erscheint,
darzustellen. Zwei junge Damen Ada und Irene wohnen zusammen
und sind innig befreundet. Ada fragt Irene, ob sie mit ihr zusammen
die Ferien in N. zubringen will. In N. ist ein junger Mann, für den
sich Ada interessiert, was Irene wohl weiss, denn sie verspürt selbst
eine Neigung zu ihm. Sie lehnt indessen die Einladung brüsk ab.
Wohl verständlich, denn sie wünscht nicht, dass die Freundin von
jener Neigung etwas merkt. Am Tage der Abreise begleitet Irene
die Freundin zum Bahnhof. Nach einigen Schritten stolpert sie auf
dem breiten Weg, auf dem nicht das geringste Hindernis ist, und
bricht ein Bein. Die Analyse zeigte, was in Irene vorgegangen war.
Irene muss eifersüchtig und wütend auf Ada gewesen sein, die nun
mit jenem Mann allein die Ferien zubringen wird. Diese feindlichen
Regungen traten in Widerspruch mit den freundschaftlichen Gefühlen
für Ada und mit den hohen moralischen Ansprüchen, die Irene
gewöhnlich an sich selbst stellt. Das Resultat dieses Konfliktes war,
dass sich diese ungewünschten Impulse, durch das Schuldgefühl
reaktiv verstärkt, gegen das Ich richten. Das Unglück, jener Bein-
bruch, war unbewusst inszeniert worden. Es entspringt einem ag-
gressiven Impuls, der sich dann unter dem Druck der unbewusst
wirkenden moralischen Forderung gegen das Ich richtet. Es ist, wie
wenn Irene gedacht hätte: du darfst nicht nach N. gehen, es soll dir
ein Unglück geschehen, dass du nicht gehen kannst. Die unbewusste,
von den moralischen Kräften geführte Reaktion führte zu jenem
symptomatischen Stolpern und Fallen. Jetzt konnte Irene selbst
längere Zeit nicht gehen und musste einige Wochen in der Klinik
liegen. Sie hatte sich für diesen Wunsch in so überstrenger Art gestraft.
Es ist übrigens für das unbewusste Verständnis zwischen den
zwei Personen bezeichnend, dass Ada nach dem Beinbruch Irenes
einige Augenblicke ernste Zweifel hatte, ob sie die Reise nicht auf-
geben und bei der Freundin bleiben solle. Es war, wie wenn sie das
geheime Motiv des Unfalles verstanden und gewünscht hätte, um
ihrerseits zu verzichten. Nach kurzem Zögern erreichte sie doch wie
in trotziger Reaktion den Zug.
Mancherlei setzt uns an einem solchen Phänomen in Erstaunen:
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dass Irene es unbewusst so eingerichtet haben soll, jenen unglück-
lichen Fall zu tun. Wenn wir der Analyse Glauben schenken sollen,
war der Unfall unbewusst inszeniert, war sozusagen eine geschickte
Ungeschicklichkeit. Diese war aber ausgeführt unter dem geheimen
Diktat moralischer Mächte, stellte einen Akt der Selbstbestrafung
dar. Selbstbestrafung wofür? Nicht für irgendeine wirkliche Untat
oder ein von ihr begangenes Vergehen. Sondern für einen als un-
moralischen gefühlten, gegen die Freundin gerichteten bösen Wunsch,
für eine Gedankensünde. Dieser Wunsch war also unbewusst be-
handelt worden, wie eine Tat, die Irene ausgeführt hatte und für
die sie nach dem ius talionis — Gleiches mit Gleichem — zu büssen
hatte. Das seelische Geschehen stand im Zeichen jenes Glaubens an
die Allmacht der Gedanken. Ausser dieser Überschätzung der Kraft
der Wünsche verwundert es auch, dass sich der ganze Prozess im
Unbewussten abgespielt hatte. Irene liess sich in der Analyse schwer
zu dem Geständnis bringen, dass solche eifersüchtige Gedanken aus
Anlass der Reise der Freundin einmal flüchtig aufgetaucht waren.
Sie leugnete aber entschieden, dass ihr Stolpern und Fallen in irgend-
einem Zusammenhange mit der Abreise der Freundin stand, und
dass es in irgendeiner geheimen Absicht unbewusst gewollt worden
wäre. Sie wusste nichts davon und wollte auch nichts davon wissen,
dass sie sich darin für etwaige böse Gedanken bestraft haben könne.
Nichts von den Motiven und Zielen des ganzen Vorganges war ihr
bewusst. Das Einzige, das ihr auffiel, war der ausgeprägte Gegensatz
ihrer Stimmung vor und nach dem Unfall. Vorher hatte sie sich in
einer unmutigen, manchmal schwer depressiven Stimmung befunden.
Nach dem Unfall während des wochenlangen Liegens in der Klinik
fand sie sich in einer besonders ruhigen und befriedigten Stimmungs-
lage, als sei jetzt alles gut. Wir werden nicht zögern, in diesem Gefühl
des Befriedigrseins ein Zeichen zu erkennen, dass der seelische Kon-
flikten den sie die Abreise der Freundin gestürzt hatte, wenigstens
zeitweilig gelöst war. Indem sie sich für jenen bösen Wunsch so
grausam bestraft hatte, war sie sozusagen entsühnt, hatte sie das
Bedürfnis nach Strafe, das insgeheim jenen Unfall verschuldet hatte,
befriedigt. Übrigens verspürte Irene lange, nachdem sie wieder
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gesund geworden war, häufig die Sehnsucht, sich am Bein wieder
operieren zu lassen und wieder wie früher in der Klinik zu liegen.
Die besondere Stimmung Irenes in dieser Zeit lässt verstehen,
warum wir einen solchen Fall dem moralischen Masochismus zurech-
nen, in ihm eine Äusserung jener Lebenseinstellung erblicken. Hier
ist wirklich ein Leiden, nämlich der Schmerz beim Unfall, während
der Behandlung und Operation, gewünscht und mit Lust verbunden.
Wir verstehen auch ein Stück weit, dass diese Lust der Befriedigung
eines geheimen Strafbedürfnisses dienen soll. Was uns rätselhaft
erscheint, .rätselhafter als alles andere, ist, dass diese Lust auch von
sexueller Art sein soll, dass sie also nicht nur jenes geheime Straf-
bedürfnis, sondern auch die Sexualität verborgen befriedigen soll.
Und doch ist die geheime Mitwirkung sexueller Kräfte am Zustande-
kommen dieser Lust nicht zweifelhaft.
Die paradoxe Paarung Schmerz oder Unlust und sexuelle Lust,
die für den Masochismus so charakteristisch ist, bleibt das Wesent-
liche des Problems. Dass ein unbewusstes Strafbedürfnis sich in der
Tendenz äussert, Schmerzen auf sich zu nehmen, Unlust zu erdulden
ist fremd, aber doch in unsere Erfahrungswelt einreihbar. Dass aber
Schmerzen, Demütigungen, Beschämung, physische und seelische
Unlust zur Voraussetzung des sexuellen Genusses werden können,
ist viel fremdartiger. Der erste Fall lässt sich in der Kategorie des
Ungewöhnlichen einreihen, der zweite in die des Unglaubhaften.
Der erste Fall kann etwa dem ungewohnten Schauspiel verglichen
werden, dass ein Elephant allein durch die Hauptstrasse einer modernen
Grossstadt wandelt. Die Erklärung für diese Seltsamkeit kann rasch
gefunden werden. Das Tier hat sich z.B. aus einem Zirkus, der
vorbeizog, entfernt oder ist aus dem Zoologischen Garten entflohen.
Das kommt immerhin vor. Der zweite Fall aber, das Auftreten von
Unlust und Schmerz als Bedingung der Sexualbefriedigung mutet
uns völlig fremd an. Es ist, um im Vergleich zu bleiben, wie wenn
plötzlich ein Urwelttier etwa ein Ichthyosaurus, auf der fünften
Avenue spazieren ginge. Wir fühlen uns beim Vordringen in diese
sonderbare seelische Unterwelt wie Alice im Wunderland „curiouser
and curiouser". Unser Verständnis versagt völlig, wenn uns die
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Analyse überzeugen will, dass die Befriedigung des Strafbedürfnisses
zugleich sexuelle Erregungen stillen will. Doch schenken wir der
Analyse sogar provisorisch Glauben, dass in zahlreichen Fällen sexuelle
Befriedigung an eine so sonderbare Erregung gebunden ist — wie
ist eine solche merkwürdige Verbindung möglich? Schmerz und
Unlust wird doch bei den meisten Menschen die sexuelle Erregung
unterdrücken. Ist es nicht, wie wenn in dieser sonderbaren Ver-
bindung sonst feindliche Gegensätze als Einheit erscheinen? Liegt
nicht eine konstitutionelle Sonderartung vor? Ist nicht eine abnorme
Kindheitsanlage in so perversem Gefühlsleben zum Vorschein
gekommen? F r e u d hat darauf hingewiesen, dass sich die besondere
Lebenseinstellung des moralischen Masochismus aus einer früheren
Form, welche er die feminine nannte, entwickelte. Die spätere Bil-
dung hat den sexuellen Beitrag von der femininen Gestaltung
übernommen. Er hat sich des Erbes, das ihm gleichsam unzeitgemäss
erschien, geschämt und es versteckt wie etwas, das man gerne vor
Andern verleugnen will.
Der feminine Masochismus
Wir folgen also dem Wink F r e u d s und untersuchen die andere
frühere Form des Masochismus, die durch eine dem weiblichen
ähnliche Wesensart charakterisiert ist. Es war ein merkwürdiger
Eindruck, den Freud bei der analytischen Untersuchung der
Praktiken und Phantasieen von Masochisten erhielt und der ihn
zu dieser Namensgebung bestimmte. Die kennzeichnenden Situa-
tionen für die Perversion dieser Männer sind solche, die viele Frauen
fürchten und oft unbewusst wünschen: die Vorstellung, gegen den
eigenen Wunsch sexuell gebraucht und geschwängert zu werden
und ähnliche. Dieser Eindruck drängte sich immer entschiedener
auf, je mehr Phantasieen und Szenen zum Gegenstand analytischer
Erforschung wurden. Zunächst konnte man sich sagen, dass dieser
Eindruck einen früheren, der Masochismus stamme aus der Kinder-
zeit, nicht aufhob. Jene Erscheinungsform, die F r e u d als femininen
Masochismus bezeichnete, stellte sich dann als Überlagerung der
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ursprünglichen Form, strenger gesagt: als eine ihrer Fortentwick-
lungen dar.
Die Situation, die für den Masochismus charakteristisch ist, macht
gewiss einen seltsamen, ja bizarren Eindruck: ein Mann, der sich
schlagen, beschimpfen, binden lässt, sich der Frau völlig unterwirft
und erniedrigt und aus dieser Vorstellung eine starke sexuelle Lust
gewinnt. Noch bizarrer aber erscheint die Annahme, dass dieser
Mann sich unbewusst in die Rolle der Frau begeben hat und dass
gerade diese Vorstellung ihm Lust bringt. Wie kam Freud zu
der Ansicht, dass der unbewusste Wunsch des Masochisten dahin
geht, koitiert, vergewaltigt, am Genitale beschädigt zu werden oder
gar ein Kind zu gebären? Wo ergeben sich zwingende Momente für
eine anscheinend so groteske und weithergeholte Annahme?
Um ihre Berechtigung einzusehen, müsste man zahlreiche und
weitausgesponnene Phantasieen darstellen und an ihrer Analyse
zeigen, wie sich diese Ansicht zwingend ergibt, wenn man die mani-
feste Seite der Phantasieen durchdringt und zu tieferen seelischen
Schichten gelangt. Die Arbeit ist der des Archäologen zu vergleichen,
der sorgsam Erdschicht um Erdschicht aufgräbt und aus blossgelegtcn
Scherben, Instrumenten und anderen Objekten, die er einer minu-
tiösen und strengen Vergleichung unterzieht, weitgehende Fol-
gerungen zieht. Ich kann hier kein Beispiel einer solchen Arbeit
geben. Es soll aber in der Darstellung eines Falles angedeutet werden,
wie sich in den Einzelzügen einer masoch istischen Phantasie zuerst
schattenhaft, dann deutlicher jene besondere Situation verrät und
wie der Analytiker schrittweise sich der Lösung nähert.
So sonderbar dies klingen mag, der Patient, von dem ich berichten
will, kam erst in Analyse, als er die gewohnte masochistische Be-
friedigung nicht mehr oder nur mehr selten erlangen konnte. Ein
Perverser der in seinem Sexualgenuss nicht gestört und mit seiner
Art der sexuellen Befriedigung zufrieden ist, hat kein ausreichendes
Motiv, die Analyse aufzusuchen. Wenn sich aber eine Störung in der
Befriedigung ergibt, so ist dies gewöhnlich ein Zeichen dafür, dass
ein Teil der Persönlichkeit mit der Perversion nicht einverstanden
ist.
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Bei dem masochistischen Patienten, von dem ich nun berichten
will, war die Störung in der bisherigen Art der Sexualbefriedigung
ihrem Wesen nach sehr vague und geheimnisvoll. Er konnte sie
anfangs nur als „unheimliches Gefühl" bezeichnen, ohne ihre Natur
näher beschreiben zu können. Es gelang erst später und mit grosser
Mühe zu finden, von welcher Art die Störung war und welche Vor-
stellung ihr zugrundelag. Der Patient selbst sprach zuerst von ihr
nur als von einem Grauen, das ihn bei der Durchführung masoch-
istischer Szenen vor kurzem überfallen habe und sich jedes Mal
erneuerte, wenn er einen Versuch machte, die Perversion wieder
aufzunehmen. Er hatte durch mehrere Jahre immer annähernd die-
selbe Szene aufgeführt und in ihr Befriedigung gefunden. Eine gross-
gewachsene, Respekt einflössende und schöne Frau musste ihn unter
bestimmten Zeremoniell einen Schlag auf den Hintern geben. Es
gehörte zu diesem Zeremoniell, dass der Patient bei dieser Szene eine
schwarze Hose trug, die Frau hinter ihn trat und er sich vornüber-
beugte, so dass sie ihm ungesehen den Schlag applizieren konnte.
Die sexuelle Erregung, die sich in der Vorbereitung und Durch-
führung dieser Szene steigerte, löste sich in Orgasmus, der meistens
im Augenblick des Geschlagen werdens eintrat. Es kam gewöhnlich
nicht zum Geschlechtsakt; in einigen Fällen aber diente die Szene als
Einleitung zum Koitus.
Die Szene hat genügend Züge, die vom Normalen abweichen: die
Vertauschung der aktiven Haltung mit der passiven, das Sexualziel
des Geschlagenwerdens statt der genitalen Vereinigung, das Gesäss
als erogene Zone statt des Gliedes. Ist es nicht eine überflüssige Kom-
plikation, anzunehmen, dass sich der Mann in dieser Situation unbe-
wusst als Frau fühlt und dass die anwesende Frau in ihrer Person und
ihren Handlungen einen anderen Mann vertreten soll ? Vorerst ist es nitch
unsere Sache, darüber zu urteilen, ob die Komplikation überflüssig
ist. Die wichtigere Frage ist, ob sie überhaupt existiert. Die Analyse
erhebt es über jeden Zweifel, dass diese Komplikation da ist, dass
diese Umkehrung neben mehreren anderen die Besonderheit dieser
Szene ausmacht. Der Leser möge selbst urteilen, wenn ich nun ein-
zelne Züge- lange nicht alle- vorführe, wie sie sich im Laufe der
20
Analyse nach und nach in ihrer unbcwussten Bedeutung enträtselt
haben. Was bedeutet etwa die schwarze Hose, welche der Patient
während der Schlageszene tragen muss? Ich konnte die Herkunft
dieses Zuges ermitteln, indem ich ihn auf eine Erinnerung, die in
ganz anderem Zusammenhang einmal aufgetaucht war, zurückführte
und ihn hier einfügte. Der Kranke erinnerte sich bei einer bestimmten
Gelegenheit an eine Episode aus seiner Kinderzeit. Die Mutter
pflegte den kleinen Jungen in einen Kurort mizunehmen, dessen
Bäder sie wegen eines Frauenleidens jedes Jahr aufsuchte. Während
die Mutter im Bad war, spielte der kleine Knabe gewöhnlich in einem
durch einen Vorhang getrennten Vorraum. Einmal- es war ihm wohl
langweilig geworden, allein zu spielen oder er wünschte bei der
Mutter zu sein- hob er den Vorhang auf. Er sah in dem halbdunklen
Raum zunächst nicht die Mutter, sondern einen schwarzen Popo
und schwarze Beine. Die Mutter hatte sich stehend vornübergebeugt,
um etwas, einen Schwamm oder ein Handtuch, vom Boden aufzu-
heben. Dass ihr Gesäss und die Beine ganz schwarz waren ist natürlich:
sie muss eben aus dem Moorbad gestiegen sein. In diesem Augenblick
verspürte der Knabe einen plötzlichen, fast unüberwindlichen Im-
puls, sich der Mutter zu nähern und ihr einen Schlag auf den Popo
zu geben. Hier ist also die Spur, die zur Bestimmung des Einzelzuges
„schwarze Hose" führt. Die schwarze Hose vertritt den dunklen Moor
am Unterkörper der Mutter, wie er sie damals sah. In der masochis-
tischen Situation nimmt er die Stellung ein, die er damals als Knabe
bei der Mutter bemerkte. Er setzt sich an die Stelle der Mutter, identi-
fiziert sich mit ihr. Er ersehnt eine Liebkosung oder eine sexuelle
Behandlung wie eine Frau sie erwarten könnte, einen leichten Schlag
auf den Popo. Wie komme ich zu dieser ungeheuerlich klingenden
Behauptung? Sie darf sich auf mehrere psychologischen Momente
stützen, von denen ich wieder nur eines, eine Erinnerung, die bei
einer anderen Gelegenheit auftauchte, vorbringen will. Der Vater
des Patienten, ein gutmütiger und ziemlich derber Mann, pflegte
den Frauen seines Haushaltes, seiner Frau, dem Stubenmädchen, der
Nurse, aber auch besuchenden weiblichen Verwandten einen scherz-
haften Klaps zu geben, wenn sie gerade vorbeigingen. Der Knabe
21
hatte aus den Reaktionen der Betroffenen z.B. aus verlegenem Lachen
oder nicht allzu ernstem Unwillen bald erraten, dass die kleine Miss-
handlung einen erotischen Sinn hatte. Es hatte sich früh die Tendenz
gemeldet, dasselbe zu tun wie der Vater: in der Szene in jenem
Badeort war diese Regung besonders stark und deutlich geworden.
In den soviel späteren masochistischen Szenen ist die Situation umge-
kehrt: er selbst ist zur passiven Person geworden, hat die Rolle der
Frau, welcher der Vater jene Liebkosung erweist, übernommen.
Die Frau, die ihn nun auf den Hintern schlägt, vertritt die ursprüng-
liche Figur des schlagenden und in dieser Art zärtlichen Vaters.
Also eine doppelte Umkehrung: der Patient hat die Stellung der
geschlagenen Frau eingenommen und die Frau, welche in der
masochistischen Situation den erregenden Schlag erteilt, ersetzt den
Vater. Der Patient hatte keine Ahnung davon, dass sich sozusagen
hinter den Koulissen des masochistischen Spieles mit einer schönen
Frau andere Szenen abspielten. Die Situation, wie sie beschrieben
wurde, gab ihm durch viele Jahre volle sexuelle Befriedigung. Die
Störung, die plötzlich eintrat, ist psychologisch sehr bezeichnend.
Sie beweist selbst, dass der hier skizzierte Zusammenhang der richtige
ist. Der Patient hatte wieder die gewohnte Szene mit einer der ge-
liebten Frauen aufführen wollen. Alles war vorbereitet: erstand in
seiner schwarzen Hose vornübergebeugt da, um den auslösenden
Schlag zu empfangen. Aus irgendeinem Grund hatte er sich einen
Augenblick lang halb umgedreht und nach der Frau, welche die
Hand zum Schlag erhob, umgesehen. Da war der Zauber der Szene
plötzlich verflogen. Er fühlte sich völlig ernüchtert, ja erschreckt.
Von diesem Augenblick angefangen konnte er nur mehr selten und
bald nie mehr die Stimmung zurückbringen, welche die Situation
früher so erregend gemacht hatte. Was war geschehen? Es war gar
nicht Ungewohntes vorgefallen, alles hatte sich wie gewöhnlich
abgespielt. Er konnte nicht angeben, was ihn so tiefgehend gestört
hatte, nur, dass er in diesem Augenblick eine besonders starke Angst,
einen panischen Schreck, ja ein Grauen gefühlt hatte. Sein Blick
hatte das Gesicht der Frau und den Pelz, den sie um die Schultern
trug, gestreift. Etwas an diesem gewohnten, ja geliebten Anblick
22
muss für die Störung verantwortlich gewesen sein. Die Natur des
Hindernisses konnte durch die Analyse langsam rekonstruiert werden:
der Anblick der Frau in der Pelzboa muss den Patienten an die
Gestalt des Vaters erinnert haben. Die Pelzhaare, die Wangen und
Kinn umrahmten, haben die Erinnerung an den Bart des Vaters
nahegebracht. In diesem Augenblick fühlte der Mann eine aus-
geprägte Sensation der Unheimlichkeit: die verdrängte Vorstellung-
ich werde vom Vater geschlagen wie eine Frau oder wie eine Frau
gebraucht- drohte zum Bewusstsein durchzubrechen und wurde
o
zurückgewiesen. Damit aber, mit dieser Rückkehr der verdrängten
Vorstellung, war der Erregungsablauf unterbrochen. Der weitere
Verlauf des Falles bestätigte indirekt diese analytische Vermutung.
Die Wiederholung der masochistischen Szene mit dem früheren
Objekt war unmöglich geworden, wie sich bald herausstellte. Die
Frauen, welche an die leergewordene Stelle treten sollten, wurden
nun auf das sorgsamste geprüft, ob sie Haare an der Oberlippe oder
am Kinn hatten. Da sich aber bei genauerem Zusehen das eine oder
andere Haar kaum übersehen liess, erwies sich jede Frau nach kurz-
lebigen Versuchen, die alte, befriedigende Situation wieder herzu-
stellen, als ungeeignet. Eine mittelalterliche fromme Legende erzählt,
dass eine jungfräuliche Königstochter vor dem sexuellen Angriff
eines Ruchlosen dadurch beschützt wurde, dass ihr durch ein Wunder
der Mutter Gottes plötzlich ein mächtiger Bart am Kinn wuchs.
Der Patient musste Ähnliches in seiner Phantasie erleben wie der
Frevler in der Legende und sich von den Damen seiner Bekannt-
schaft, die jener jungfräulichen Königstochter sonst wenig vergleich-
bar waren, erschreckt zurückziehen.
Ich sagte, dass in jener Szene die verdrängte Vorstellung: ich
werde vom Vater geschlagen oder besser: vom Vater sexuell gebraucht
zum Bewusstsein durchzubrechen drohte, bewusstseinsnahe ge-
worden war. Sie war aber gewiss nicht bewusst geworden; erst die
Analyse hatte sie so weit gebracht.
Wie, könnte hier ein nicht analytischer Leser einwerfen, die
masochistische Lust hängt an der Vorstellung, vom Vater geschlagen
oder sexuell gebraucht zu werden, und doch wird behauptet, dass
2 3
dieselbe Vorstellung, bewusst geworden, die Lust aufhebt und ver-
hindert? Ist da nicht ein Widerspruch? Nein. Die Vorstellung ist
eben nur solange lustvoll, als sie unbewusst verdrängt bleibt. Sie
ist für das Bewusstsein unerträglich, denn mit ihr ist die andere „ich
bin ein Weib", verbunden. Zu diesem Punkt rührt die Vorstellung
an die Möglichkeit der Penislosigkeit, an die Kastrationsgefahr. Im
Sinne der gefährdeten Männlichkeit muss sie zurückgewiesen werden.
Sie ist mit der aus der Kinderzeit stammenden Angst um den Besitz
dieses geschätzten Körperteiles zusammengetroffen und muss ihr
weichen. Der Fall ist ja kein vereinzelter, sondern ein sehr häufiger:
eine Vorstellung kann, solange sie verdrängt ist, lustvoll sein. Wenn
sie droht, bewusst zu werden, werden alle Abwehrkräfte des Ichs
gegen sie mobilisiert.
Die peinliche Vorstellung war aber lange durch jene zweifache
Umkehrung vor dem Bewusstseinwerden beschützt geblieben. Der
Patient konnte in der Situation unmöglich die Züge der früheren,
unbewusst gewünschten Phantasie wiedererkennen. Die Umkehrung
hatte da eine weitgehende Entstellung vollbracht. Von der Phantasie:
ich werde vom Vater sexuell befriedigt bis zur Wirklichkeit: ich
werde von der Frau auf den Hintern geschlagen ist ein weiter Weg.
Noch immer ist ja das Liebesobjekt ein Weib und die Tatsache, dass
der Mann von ihr geschlagen wurde statt mit ihr sexuell zu verkehren,
erschien ihm manchmal als eine merkwürdige, aber interessante
Abweichung von dem gewöhnlichen Ablauf des Sexualerlebnisses.
Es muss nachgetragen werden, dass zahlreiche und unzweideutige
Zeichen der masoch istischen Phantasie für die Richtigkeit unserer
Annahme sprachen. Im späteren Verlauf der Analyse wurde die
Erinnerung an eine Zeit wach in welcher er den Vater, mit dem er
jetzt auf sehr gespannten Fuss lebte, sehr verehrte. So entsann er sich
einer Vorliebe, Worte zu suchen, in denen der Anfangsbuchstabe
des eigenen Vornamens- sagen wir B-, auf den des Vaters-L-folgte,
und wusste, dass er diese vereinigten Buchstaben oft mechanisch
niederschrieb. (Ich schnitt es gern in alle Rinden ein, singt Schubert.)
Später fiel ihm auf, dass er solche Worte wieder halb unbewusst
auszusprechen oder zu schreiben vermied. Er gebrauchte also nicht
24
gerne worte Wie Blut, Blitz, Blick u.s.w. Hier ist also eine Ver-
meidung derselben Buchstabengruppe, die er früher gerne mochte.
In diesem Buchstabentabu meldete sich eine Abwendung von der
früher geschätzten Vorstellung und eine ausserordentlich erhöhte
Empfindlichkeit gegenüber passiv homosexuellen Gefühlen. Im
übrigen tauchte später visuell ein Bild auf, das ihn selbst mit dem Vater
spielend zeigte, als er ein Kind war: er wälzte sich am Boden und
erwartete mit lustvoller Spannung, dass der vor ihm sitzende Vater
ihm spielerisch einen Schlag auf den Popo, den er ihm entgegenstreckt,
geben werde.
Ein Fall wie dieser, welcher alle Fälle männlichen Masochismus
vertreten soll, verdient gewiss die Bezeichnung femininer Maso-
chismus, die F r e u d ihm gegeben hat. Die Variationsmöglichkeiten
der masochistischen Praktik und Phantasie sind reich, aber in allen
Fällen, welche wir zu studieren Gelegenheit hatten, ergibt sich, dass
sich hinter der Figur des schlagenden Weibes der Vater oder sein
Stellvertreter verbirgt. Es verträgt sich gut mit dieser femininen
Einstellung, dass die meisten Männer, welche solche Praktiken
ausführen, im Sexualverkehr selbst impotent oder von launischer
unbeständiger Potenz sind. Wo sie zum Sexualverkehr gelangen,
geschieht es mit Hilfe der masochistischen Phantasie oder nach einer
einleitenden masochistischen Szene.
Nach dieser Darstellung des Wesens des femininen Masochismus
erhebt sich eine ganze Reihe von Fragen. Ich will mit der am leich-
testen zu beantwortenden beginnen, das heisst bei derjenigen, bei
der eine ausreichende Antwort nicht schwierig zu finden ist. In der
masochistischen Phantasie des Mannes haben wir nach Rückgängig-
machung der Entstellungen den unbewussten Kern entdeckt: ich
werde vom Vater geliebt. Die Phantasie geht also von einer zärtlichen,
passiven Einstellung gegenüber dem Vater aus. Viele Züge weisen
auf den infantilen Charakter dieser Phantasie hin. Trotzdem hat
Freud diese Phantasieform eine feminine genannt, „gleichsam a
potiori", wie er sagt. Wir nehmen mit Freud an, die masochistische
Phantasie verberge den Wunsch, vom Vater geliebt zu werden wie
ein Weib. Wie kommt es aber, dass der Betreffende in der Phantasie
25
nicht in der gewohnten Art geliebt wird? Er wind ja von der Deck-
figur, der Frau, nicht geliebtkost, sondern das Gegenteil: geschlagen
gequält, beschimpft und herabgesetzt. Und warum die Frau in der
Szene? Wozu die Ersetzung der einen Person durch die andere? Wir
kennen ja Männer, die diesen Wunsch, von einem Mann geliebt
zu werden, bewusst verspüren: die Homosexuellen. Dort äussert
sich diese Tendenz in ganz anderen Formen. Wie es kommt, dass
der Wunsch, vom Vater geliebt zu werden, sich in diese merkwürdige
Form kleidet, ist nur erklärbar, wenn man der Entstehung des
femininen Masochismus nachforscht. Er ist historisch zu verstehen.
Dieser Wunsch ist nämlich, mit einem anderen verlötet, zu einer
unbewussten Einheit geworden; nämlich mit dem: vom Vater be-
straft zu werden. Ja man kann sagen: es ist derselbe Wunsch, nur
sozusagen in masochistischer Sprache ausgedrückt. Der eine Wunsch,
die Bestrafung oder Demütigung zu erhalten, ist nur eine verschiedene
Form des anderen, in eine passiv-feminine Einstellung zum Vater
zu treten. Geschlagenwerden bedeutet also für den Masochisten
geliebtwerden. Er wünscht geliebt zu werden in der Form der Strafe.
Er unterscheidet sich vom Homosexuellen dadurch, dass ihm die
Tendenz, von einem Manne geliebt zu werden, völlig fremd ist,
soweit sein Bewusstsein reicht. Sein bewusstes Liebesobjekt ist ja
das Weib. Er unterscheidet sich aber auch dadurch, dass er bewusst
nicht nur geliebt, sondern auch gezüchtigt, erniedrigt, beschimpft
werden will. Nun könnte geradezu der entgegengesetzte Zweifel
auftauchen: will der Masochist nicht nur bestraft werden? Der
psychologische Effekt der masochistischen Szene spricht eine so
beredte Sprache, dass man diesen Zweifel nicht ernst nehmen kann.
Die sexuelle Erregung mit allen ihren Zeichen, auch dem entscheiden-
den des Orgasmus, sind deutliche Zeugnisse jener Tendenz, geliebt
zu werden.
Wofür aber will der Masochist bestraft werden, warum will er
jenen Schmerz und Unlust erleiden? Man kann nach analytischen
Gesichtspunkten auf die Natur der Gedankensünde, die in jenem
Schlag oder jener Züchtigung ihre Sühne finden, schliessen. Die
Bestrafung geht vom Vater aus. So muss das Vergehen gegen den.
26
Vater gerichtet sein. Wir wissen, welches Gedankenverbrechen es
war: die Tat des üdipus, welche den kindlichen sexuellen Erregungen
Inhalt und Richtung gab. Nach dem ungeschriebenen Gesetz des
Talions, das in „Auge für Auge, Zahn für Zahn" fortlebt, musste
es das männliche Glied sein, dem Bestrafung drohte. In der masoch-
istischen Phantasie ist aber gerade dieses Glied und das es vertretende
Auge- man denke nur an die Blendung des üdipus- gewöhnlich von
jeder Schädigung bewahrt. Die gefürchtete Kastration ist meistens
durch eine mildere, symbolische Strafe ersetzt.
Der kleine Knabe hat aus Angst um das Glied auf die alten, sexu-
ellen Wünsche verzichtet. Er will nicht mehr den Vater erschlagen
und die Mutter besitzen, wie üdipus dies tat. Eher noch verspürt
er unbewusst den Impuls, zur Sühne jener verbrecherischen Antriebe
sich und den eigenen Körper dem Vater anzubieten. Diese Ver-
suchung, in eine passiv-feminine Einstellung gegenüber dem Vater
zu geraten, stosst nun auf das grosse Hindernis der Kastrationsangst.
Mit der Hingabe an den Mann wäre der Verzicht auf die eigene
Männlichkeit gegeben. Die gefürchtete Kastration muss vermieden
und durch eine mildere Strafe ersetzt werden. Geschlagen- und
Gezüchtigtwerden ist ein gemilderter Ersatz der ursprünglichen
Strafe. So kommt es, dass Geschlagenwerden und Gcliebtwerden
in einem masochistischen Ausdruck zusammen fliessen.
Dass ist der seelische Tatbestand im Gröbsten. Was aber soll die
Frau in der masochistischen Situation? Wir wissen schon; sie verdeckt
die andere Gestalt, den Mann, den Vater. Ich meine aber, sie sei
auch noch ein Überbleibsel und Zeugnis der ursprünglichen üdipus-
konstellation. Die ist ja in einer tieferen Schicht erhalten geblieben,
als sich die Beziehung verkehrte, sie besteht fort nur mit negativem
Vorzeichen. Der Vorzug der Frau zeigt sich also darin, dass sie es
ist, welche die Bestrafung oder Züchtigung zu vollziehen hat und
dass sie es ist, von der die sexuelle Lust und Befriedigung kommt.
In der durch die Umkehrung entstellten, unerkennbar gewordenen
Situation beweist die Anwesenheit der Frau noch immer, dass sie das
ursprüngliche Liebesobjekt ist. Die schlagende Person ist also eine
Mischfigur: sie ist die liebende und geliebte Frau, aber mit der
27
strafenden Gebärde des Vaters. Sie steht an Stelle des ersten Liebes-
objektes, der Mutter, die der Knabe begehrt hatte, aber auch an
Stelle des Vaters, dessetwegen man das Objekt aufgeben musste. Die
Mischfigur ist also zusammengesetzt aus zwei Personen, der, die
man besitzen wollte, und der, von der man besessen sein will. Die
aufgegebene und die neue Gestalt, das vom Mann ersehnte und von
ihm gefürchtete Objekt, sind hier zu einer einzigen Figur zusam-
mengeschmolzen.
Man erinnert sich ähnlicher mythologischer Misch figuren, z.B.
der Sphinx, die vor den Toren von Theben haust und die Jünglinge
tötet, wenn sie ein Rätsel nicht lösen können. Die Sphinx besitzt
einen weiblichen Körper mit dem Kopf eines Löwen, in Ägypten
oft mit dem Gesicht des Königs. Auch die analytische Aufklärung
des Wesens dieses Fabeltieres ist nur möglich, wenn man historisch
erfasst, wie es zu einer solchen Mischbildung kam.
Wenn man in der Analyse des femininen Masochismus nicht von
den agierenden Personen, sondern von den Triebzielen ausgeht und
die ursprünglichen mit den in der masochistischen Situation erkenn-
baren vergleicht, ergibt sich folgende Feststellung. Die ursprünglichen,
kindlichen Triebregungen waren aktiver Art, gingen nach dem Besitz
der Mutter und der Entfernung des störenden Rivalen, des Vaters.
In der masochistischen Situation treten uns die passiven Gegenzüge
entgegen. Das unbewusste Triebziel scheint zu sein: wie die Mutter
vom Vater gebraucht und von ihm sexuell befriedigt zu werden.
Fügen wir diesem einen weiteren Zug hinzu, der sich eher versteckt
als verrät. Wenn der Masochist sich in die feminine Einstellung
begibt, hat er die Stelle des Weibes beim Vater eingenommen, hat es
beim ihm verdrängt. Hier meldet sich also auch ein Stück Feindselig-
keit gegenüber der Frau, eine Art geheime Rancune, vielleicht weil
sie den Vater dem kleinen Jungen vorgezogen hat.
Schliesslich wird man sich sagen müssen, dass es noch andere
Gründe haben muss, dass in der Situation des Masochisten das Weib
einen Mann, der züchtigt, bestraft, unterwirft, vertreten soll. Der
letzte Grund wird vermutlich sein, dass auch hier ein Stück historischer
Wirklichkeit fortlebt. Jenes Stückchen nämlich, dass es wirklich
28
eine geliebte Frau war, die das Kind bestraft hat, der er völlig unter-
worfen, im wahren Sinn hörig war. Am Ende stellt sieh vielleicht
heraus, dass die masochistische Szene ist, was sie scheint: die Um-
arbeitung einer Liebesszene.
Der erogene Masochismus
Wir sind dem Masochismus als einer Lebenseinstellung begegnet
und konnten ihn in seiner femininen Gestalt im Leben der Perversen
beobachten. Wann immer wir ihn begegnen, tritt er uns schon als
Resultat komplizierter seelischer Vorgänge entgegen. Er muss doch
auf eine frühere primitive Form zurückgehen. Wo ist sein Quell-
gebiet? Das masochistische Verhalten muss ein Vorbild in der Kinder-
zeit haben, in welchem nicht die Einstellung zum Liebesobjekt, son-
dern die sexuelle Erregung als solche darüber entschied, dass eine
dem Masochismus verwandte Gefühlssituation bestand. Damit sind
wir beim Masochismus sozusagen in seiner Reinkultur angelangt,
als einer Besonderheit sexueller Erregung- unabhängig von der
Einstellung zu einem Objekt. Es gibt verschiedene Bedingungen,
die einer solchen besonderen Erregungsform günstig sind. Mechan-
ische Erschütterungen erzeugen z.B. bei vielen Kindern sexuelle
Erregung ähnlicher Art. Bestimmte Affektvorgänge wie Schrecken
und Grauen können in das Gebiet sexueller Reize übergreifen. Der
Prozess der Sexualerregung kann beim Kind-übrigens manchmal
auch beim Erwachsenen — von vielen Punkten aus eingeleitet
werden. Reize der körperlichen Oberfläche kommen natürlich in
erster Linie in Beträcht, doch ist es nicht ausgeschlossen, dass auch
schmerzhafte oder unlusterregende Vorgänge im Körperinnern
sexuell erregend wirken können. Freud kommt zu der abschlies-
senden Vermutung, das vielleicht nichts Bedeutsames im Organismus
vorgehen kann, ohne einen Beitrag zur Sexualerregung zu bilden.
Unter der Voraussetzung, dass die Intensität von Schmerz und Un-
lust eine bestimmte Grenze nicht überschreitet, könnte sich eine
sexuelle Miterregung melden. Wir würden also in dieser Situation
29
einen physiologischen infantilen Mechanismus wirksam sehen, der
später mehr und mehr versiegt. Je nach der sexuellen Konstitution
würde sich die Miterregung verschieden äussern. Sie würde eine
physiologische Grundlage bilden, auf der sich dann der seelische
Überbau des Masochismus aufbaut.
F r e u d hat mit dieser Vermutung, die er 1 905 äusserte, ein dunkles,,
von Psychologen und Ärzten kaum betretenes Gebiet berührt. Das
Problem hat seit jener Zeit, also mehr als 30 Jahren, auch keine
wesentliche Förderung erfahren. Wir dürfen nicht hoffen, bei dem
geringen Ausmass unseres Wissens hier weiterzukommen. Unserer
Diskussion sind also enge Grenze gesetzt, die eine Erweiterung erst
dann erfahren könnten, wenn neue Erfahrungen und Erkenntnisse
uns weitergebracht haben.
Wir wollen die Diskussion mit der Bemerkung einleiten, dass die
Bezeichnun erogener Masochismus glücklich gewählt ist. Sie deutet
schon auf den Zusammenhang mit den Körperregionen hin, die wir
erogene Zonen nennen und auf eine Eignung bestimmter Körper-
schichten, sexuell erregt zu werden. (Haut; Schleimhaut und Muskel
nach Sadgers Vermutung.) Die Vorstellung sexueller Miterregung
bei Schmerz und Unlust ist zuerst sehr unanschaulich. Ich habe
versucht, einen Vergleich zu finden, um sie zu veranschaulichen,
weiss aber, wie beschränkt seine Geltung sein kann. Wenn jemand
beginnt, Violine spielen zu lernen, wird er zuerst fast niemals eine
Saite rein streichen können. Der Bogen wird meist die benachbarte
Saite mitberühren. Das schliesst nicht aus, dass der ungeschickte
Anfänger einmal ein hervorragender Violinspieler werden könnte.
Er wird lernen, solches Mitberühren zu vermeiden und nur die eine
Saite erklingen zu lassen- es sei denn, dass er zwei Saiten absichtlich
und zu bestimmter Wirkung spielt. Bei manchen Schülern wird
sich die Ungeschicklichkeit auch bei längerer Übung gelegentlich
einstellen. Sie werden kaum Meister auf ihrem Instrument werden.
Der Vergleich hat, was immer seine Mängel sein mögen, den Vorzug
der Deutlichkeit. Die Miterregung der Sexualität bei Schmerz oder
Unlust entspricht dem gleichzeitigen Anspielen einer anderen Saite.
Wie bei dem Anfänger diese Ungeschicklichkeit so verlernt sich
30
auch jener primitive physiologische Mechanismus gewöhnlich. Er
kann dennoch gelegentlich wieder zum Vorschein kommen.
Wenn wir versuchen, den Vergleich weiterzuführen, erkennen
wir sogleich, wie enge sein Geltungsbereich ist. Jenes fehlerhafte
Svlitst reichen können wir in zahlreichen Fällen beobachten und sein
Zustandekommen erkennen. Der erogene Masochismus kann in
seiner ursprünglichen Gestalt nicht Gegenstand der Beobachtung
sein. Beim kleinen Kind ist nichts davon zu bemerken. Es reagiert
gegen Schmerz und Unlust in den bekannten Abwehrformen. Das
bildet gewiss keinen Einwand gegen die Hypothese des erogenen
Masochismus, denn das Kind kann in der Zeit, in der wir jene Mit-
erregung voraussetzen, keine Auskunft über seelische Vorgänge solcher
Art geben. Wir müssen uns also an die Beschreibung des Phänomens
bei Erwachsenen halten, bei denen der primitive physiologische
Mechanismus noch nicht völlig versiegt ist und in psychologischer
Verwertung und Umbildung zur Grundlage masoch istischen Sexual-
erregung geworden ist. Was als Schmerzlust übrigbleibt, ist freilich
schon eine spätere Gestaltung, in der aber doch noch Züge der frühen
fortleben. Reste des infantilen physiologischen Mechnismus lassen
sich im Gefühlsleben erwachsener Personen gut erkennen. So unter-
schied eine Patientin unangenehme und interessante Schmerzen. Zu
den ersteren zählte sie z.B. Ohren- und Halsschmerzen sowie starkes
Kopfweh, zu den anderen Verletzungen der Haut z.B. nach Unfällen
oder Schmerzen nach Operationen. Umstände, die ausserhalb der
Schmerzempfindung liegen, spielen in dieser Unterscheidung gewiss
eine Rolle. So wird angegeben, dass der Kopfschmerz als unaugenehm
empfunden wurde, weil die Patientin (als Kind) dabei ein Tuch um
den Kopf gebunden bekam, so dass sie sich hässlich vorkam. Magen-
schmerzen werden gefürchtet wegen der Vorstellung, den Magen
ausgepumpt zu bekommen. Bei anderen Schmerzen, etwa bei solchen
des inneren Ohres, sind solche Nebenumstände nicht als mitbestim-
mend zu erkennen. Das unablässig Stechende des Schmerzes bleibt
für die Qualität entscheidend. Für die „interessanten" Schmerzen
ist es von Einfluss, welchen Eindruck sie auf die Umgebung mach-
ten, z.B. ob die Patientin nach einer Operation in einer Klinik liegend
3'
viel besucht und bemitleidet wurde. Hautabschürfungen, die etwa
durch ein Hinfallen des kleinen Mädchens entstanden, wurden mit
angenehmen Schmerzen verbunden. Die Möglichkeit die Wun-
den zu zeigen, geliebkost und getröstet zu werden, ist dabei nicht
ohne Bedeutung.
Interessante Schmerzen im Sinne der Patientin zeigen die von
Freud betonte Eigenschaft, dass der Schmerz durch eine Neben-
bedingung abgetönt oder ferngehalten wird. Ich vermute, dass nur
bestimmte Arten des Schmerzes wie etwa pressende, dumpfe oder
matte Schmerzempfindungen geeignet sind, erogen zu wirken.
Andere wie z.B. scharf stechende haben diese Fähigkeit nicht oder
nur in geringem Masse. Man muss sich überhaupt davor hüten,
Schmerz und Unlust zu identifizieren. Ein so hervorragender For-
scher auf diesem Gebiet wie A. G o 1 d s c h e i d e r hält es für
irrtümlich, das Unlustgefühl als das wesentliche Merkmal des
Schmerzes hinzustellen. An die Spitze des Schmerzproblems ist seiner
Ansicht nach der Satz zu stellen, dass der Schmerz nicht identisch
ist mit einem Unlustgefühl, wie es alle Empfindungen begleiten
kann. So gibt es keinen Schmerz im Bereich der Gesichts- Gehörs-
Geschmacks- Geruchs- und Temperaturempfindungen. Nur der
Gefühlssinn, welcher die Tastempfindungen, die Sensibilität der
Haut und der verschiedenen Organe und Gewebe für mechanisch
bedingte Erregungen umfasst, besitzt die Fähigkeit der Schmerz-
empfindung.
Im Masochismus kommen sowohl in seiner Durchführung als
auch in der Phantasie Situationen vor, die lustvoll sind und nichts
mit Schmerz zu tun haben. Sie nötigen uns, eine andere physiolo-
gische Voraussetzung für die sexuelle Erregbarkeit anzunehmen.
Die lustvolle Sensation des Aufgehängtwerdens oder Schwebens
weist z.B. nicht auf den Schmerz, sondern auf die mechanische
Erschütterung als Lustquelle hin. Das Kind hat diese Lust z.B. beim
Aufheben und Herunterlassen beim Wiegen, Getragenwerden und
beim Schaukeln verspürt. Die Lust passiver Bewegung, die nichts
Schmerzhaftes hat, ist vorwiegend sexueller Art. Die Reaktionen
vieler Erwachsener bei Erschütterungen, wie Eisenbahn-, Schiff-
st
und Luftfahrt gehören hierher. Die sexuell erregende Wirkung
bestimmter Affekte ist bekannt. Man weiss, dass Kinder manchmal
durch Angst und Schrecken, durch Gruseln und Grausen sexuell
erregt werden können und onanieren. Diese Affekte sind als solche
gewiss unlustvoll wie z.B. Angst und werden doch Anlass zu sexueller
Erregung. Noch Erwachsene können gelegentlich dieselbe erogene
Wirkung an sich bemerken, wenn sie Angst und Grauen empfinden,
wenn die Unlust nur gedämpft erscheint etwa durch den Umstand,
dass keine unmittelbare Gefahr droht, sich diese Affekte z.B. auf das
Schicksal von Personen eines Dramas oder Filmes beziehen. Angst
und Grauen dürfen dabei eine bestimmte Grenze nicht überschreiten
oder müssen einen bestimmten Charakter aufweisen. In allen diesen
Fällen steht nicht die Angst, sondern die Unlust, die in einem gewissen
Verhältnis zu Spannung steht, im Mittelpunkt. Es ist also nicht der
Schmerz allein, der das Wesen der masochistischen Lustqualität
bestimmt. Im Vergleich gesprochen: das Mitschwingen einer anderen
Saite im Violinspiel ist nicht auf das Streichen einer einzelnen Saite
beschränkt.
Es ist, glaube ich, niemals der Schmerz als solcher, der ursprünglich
gewollt ist, sosehr dies auch den Anschein hat, sondern etwas, was
mit dem Schmerz, zugleich mit ihm, vor oder nach ihm, als Vor-
bote, Begleitung oder Folge eintritt. Eine Patientin erinnert sich,
dass sie sich als kleines Mädchen häufig fest auf die Wangen schlug
und dass sie dies gerne tat. Erst einige Zeit nach dieser isolierten Erin-
nerung kam ihr auch das Motiv dieses sonderbaren Treibens ins
Gedächtnis zurück. Man hatte der Kleinen oft gesagt, dass sie be-
sonders blass aussah und sie hatte einmal gehört, dass man rötere
Wangen bekomme, wenn man daraufklopfe. Das sich auf die Wangen
Schlagen entsprach also einen kindlichen Versuch, Rouge aufzulegen.
Nehmen wir nun probeweise an, die Patientin hätte den Sinn und
Zweck ihres Schiagens vergessen, erinnere nur die Tatsache und das
Lustgefühl dabei, so könnte dies sehr wohl das Bild einer frühen
masochistischen Neigung ergeben. Und doch ist es nicht die Lust
am Schmerz als solchem, die für ihr Tun bestimmend wird. Der
Schmerz wird willkommen geheissen für einen bestimmten Zweck.
C 33
I
Er wird gerne gefühlt, weil er ein Zeichen dafür ist, dass sie jetzt
hübscher aussieht. „Eitelkeit muss leiden" hat das Mädchen später
manchmal Frauen ihrer Umgebung sagen hören. Die Kleine könnte
vielleicht angeben, dass das brennende Gefühl auf der Wange, die
durch die Schläge erzeugte Hyperämie der Haut, lusterregend war.
Damit wären wir also bei einer primitiven Schmerzlust angelangt.
Damit ist aber nicht das Wesentliche getroffen. Erst die Gefallsucht
des kleinen Mädchens, das Vorwegnehmen ihres Hübschseins in der
Phantasie, ergibt den Grund ihres Tuns. Sie sucht nicht den Schmerz
als solchen, sondern eine mit dem Schmerz zugleich auftretende
Wirkung.
Es ist Zeit uns zu fragen, was der F r e u dsche Hinweis auf die
sexuelle Miterregung bei Schmerz und Unlust im kindlichen Mechan-
ismus für die psychologische Aufklärung des Masochismus bedeutet.
Die Antwort ist eindeutig: er liefert nichts anderes als die biologische
und konstitutionelle Grundlage für den Masochismus. Diese Vor-
aussetzung eines kindlichen physiologischen Mechanismus bleibt
bedeutungslos, solange sie nicht seelisch überbaut ist. Erst wenn
bestimmte seelische Prozesse hinzukommen, kann sich eine Ent-
wicklung zum erogenen Masochismus ergeben. Gewöhnlich ver-
siegt dieser Masochismus. Um ihn wieder wirksam zu machen, ist
ein seelisches Geschehen notwendig. Wir haben die primitive sexuelle
Mitterregung bei Schmerz und Unlust dem ungewollten Mitstreichen
einer zweiten Seite bei einem Anfänger im Violinspiel verglichen.
Diese Ungeschicklichkeit und die aus ihr resultierende Dissonanz;
verliert sich später. Ihre Möglichkeit bleibt natürlich auch bestehen.
Sie wird aber nur bei ausnahmsweiser fehlerhafter Bogenhaltung
zur Wirklichkeit. Dann handelt es sich beim vorgeschrittenem
Spieler um einen Rückfall auf eine schon lange überwundene Lern-
stufe. Ebenso wird die Wiederbelebung jenes physiologischen Mechan-
ismus als ein Rückgreifen, eine Regression auf eine überwundene
Entwicklungsphase der Kindheit aufgefasst werden müssen.
Die Freu dsche Darstellung des erogenen Masochismus liefert
also nur die Grundvoraussetzung, deren Existenz die spätere Trieb-
abweichung möglich macht. Als Erklärung ihrer seelischen Enfcj
34
stehung ist sie völlig unzureichend. Freud hat diese Unzu-
länglichkeit selbst erkannt und damit begründet, dass sie die regel-
mässige und unauflösliche Beziehung des Masochismus zu seinem
Gegenstück im Triebleben, dem Sadismus, nicht aufklären kann.
Nur eine Erklärung, welche die gleichzeitige, dem A4asochismus
immanente seelische Wirksamkeit sadistischer Impulse mitein-
schliesst, kann als ausreichend genannt werden. Dafür aber findet
sich in der Darstellung des erogenen Masochismus kein Platz. Der
infantile physiologische Masochismus, der dem erogenen maso-
chistischen Empfinden zugrundeliegt, gibt also nichts als eine bio-
logische Vorausetzung, welche die Möglichkeit des Rückgreifens
erklären kann, nicht aber die Entstehung der Perversion. Die späteren
Formen, der feminine und der moralische Masochismus, gehen auf
diese Grundlage zurück, aber wir wissen nicht, wie sie entstehen.
Welche seelischen Vorgänge bestimmen die Möglichkeit, dass jener
physiologische Mechanismus wieder wirksam wird?
Hier ist eine grosse Lücke in der Kausalreihe. Die Freu dsche
Erklärung führt zu einer biologisch- konstitutionellen Grundvor-
aussetzung für das Zustandekommen des Masochismus, aber nicht
weiter. Sie erklärt nicht, wie er zustande kommt. Sie ist dem Ver-
such eines Schützen zu vergleichen, ein Ziel zu treffen, wobei das
Geschoss zwar in die gewünschte Richtung geht, aber weit vor dem
Ziel einschlägt. Das Ziel wurde nicht erreicht. Der Schütze hat zu
kurz geschossen.
Die Entstehung des Masoehismus nach Freud
Der Versuch, den Masochismus auf die Annahme einer sexuellen
Miterregung bei Schmerz und Unlust im kindlichen Organismus
zurückzuführen, wurde von Freud fallen gelassen. Was diese
Annahme als Erklärungsprinzip ungeeignet machte, war die Tat-
sache, dass die gesetzmässige und innige Beziehung dieser Trieb-
neigung zum Sadismus dabei unaufgeklärt blieb. Das Ungenügen
mit allen Lösungsversuchen des Problems musste bestehen bleiben,
35
solange es nicht gelang, diese unauflösliche Verbindung zwischen
den beiden entgegengesetzten Triebneigungen aufzuhellen.
Die ursprüngliche Theorie Freuds hatte mit dieser Schwierig-
keit nicht zu kämpfen. Sie ging davon aus, dass der Masochismus
regelmässig aus einer Wendung sadistischer oder aggressiver Impulse
gegen das Ich entsteht. Der Masochismus wäre demnach eine sekun-
däre Bildung, durch welche ein ursprünglich aktives Triebziel in
ein passives verwandelt wird. Sie kommt dadurch zustande, dass der
Sadismus sich unter dem Eindruck der Versagung, der Angst vor
der Strafe und des Schuldgefühles gegen die eigene Person wendet.
Aus der gegen die Aussenwelt gerichteten Aggression wird eine gegen
das Ich gerichtete Gewalttätigkeit. Es erschien F r e u d als durchaus
zweifelhaft, ob ein ursprünglicher Masochismus, der nicht aus dem
Sadismus entsteht, vorkommt. In dieser Erklärung erscheint die
regelmässige Verbindung von Masochismus und Sadismus also ver-
ständlich.
Zwei Jahrzehnte nach Aufstellung dieser Annahme, die F r e u d
nicht mehr zu genügen schien, gelangte er zu einer neuen. Sie genügte
ebenfalls dem Anspruch, die Beziehung zwischen dem Triebpaar
Sadismus- Masochismus verständlich zu machen, aber auf eine völlig
andere Art. Sie widersprach der früheren Ansicht, führte das Pro-
blem viel weiter zurück und folgte ihm in eine ganz verschiedene
Region. Er verpflanzte es vom Dasein des Einzelnen in das Leben
alles dessen, was athmet.
Hier die Grundzüge dieser weitgreifenden Konzeption Freuds :
Zwei Triebe beherrschen das organische Geschehen und entscheiden
über Werden und Vergehen aller Lebewesen: die Sexualtriebe, der
Eros, und die Todestriebe, die Aggression. Das Aufbauende, Frucht-
bare, Einigende des einen Triebes stellt sich dem Zerstörenden,
Auflösenden, Vernichtenden des anderen entgegen. Die beiden
gegnerischen Urtriebe, die ihren Kampf im Naturgeschehen führen,
setzen ihn im Dasein des einzelnen Menschen fort. Der Todestrieb
will alles, was lebt, wieder in die ewige Ruhe, das Nichtsein zurück-
führen. Die erotischen Triebe aber wollen neues Leben schaffen
und, was lebt, zu grösseren Einheiten vereinigen. Der Todestrieb
36
ist der ältere, er geht dem Leben voraus wie das ewige Schweigen dem
Laut. In ihm wirkt die ursprünglich konservative Tendenz des
Triebes, der Drang, in einen früheren Zustand zurückzukehren, am
deutlichsten. Aber auch in seinem Gegner, im Eros, lebt dieselbe
wirkende Kraft. Er ist nicht viel jünger als die triebhafte Vernich-
tung, denn er ist so alt wie die Entstehung des Lebens überhaupt. Er
muss gewirkt haben, als sich zuerst Leben auf der Erde regte, und sein
Ziel blieb seither, immer wieder Leben zu schaffen und zu erhalten.
Dieser Titanenkampf der beiden Triebe spielt sich vom ersten bis
zum letzten Athemzug in jedem Lebewesen ab und bestimmt die
organischen Vorgänge. Der Todestrieb treibt das Werdende wieder
in die Kälte, Unbeweglichkeit und in das starre Nichtsein zurück.
Der Eros drängt es zur Lebendigkeit, zu Licht, Wärme und Be-
wegung. Im Kampf mit seinem Urgegner, der das Ich vernichten
will, gelingt es dem Eros, dessen zerstörende Wirkung zum Teil
vom Ich gegen die Aussenwelt abzulenken. Als Resultat dieser
Wendung des Triebes, dessen erster Gegenstand das Ich war, er-
scheint ein Drang zur Zerstörung der Umwelt, zur Destruktion der
Objekte. In einem besonderen Falle gelingt es dem Eros sogar, die
ungeheure Macht, die alles zerstören will, listig in seinen Dienst zu
stellen. So entsteht der Sadismus, der in seinem Wesen und seinen
Auswirkungen noch deutlich seine Abkunft von den Todestrieben
verrät. Hier hat sich die destruktive Triebkraft mit der erotischen,
die sich ihr entgegenstellte, zu einer einzigen Auswirkung vereinigt.
Die Rolle des Sadismus innerhalb des normalen Sexuallebens, wie
sie in Werbung und Eroberung der Frau und im Sexualverkehr
selbst hervortritt, kann geradezu als Zeichen der Zähmung des
Todestriebes bezeichnet werden. Das Raubtier erscheint hier domes-
tiziert und sogar zu Kunststücken und Liebesspielen dressiert. Solche
späte Dressur ist ebensowenig verwunderlich wie dass der Abkömm-
ling der Tigerin, die Katze, unser Hausgenosse geworden ist. Die
primitive Wildheit der Todestriebe ist im Sadismus soweit ge-
bändigt, dass das Objekt grausam und gewalttätig geliebt wird. Der
Fall des pathologischen Sadismus zeigt, dass solcher Bändigung des
Todestriebes bestimmte Grenzen gesetzt sind.
37
Ein anderer Teil des Todestriebes verbleibt im Organismus.
Durch seine Wirsamkeit werden wir alle der Vernichtung entge-
gengeführt. Auch dieser nach innen, gegen das Ich gerichtete Todes-
trieb kann die Macht des Eros erfahren, kann erotisch gebunden
werden: im Masochismus. Wie im Sadismus haben wir es also auch
in der masochistischen Triebauswirkung nicht mehr mit Äusserungen
des elementaren, reinen Todestriebes zu tun, sondern mit solchen
einer Triebmischung. Im Sadismus hat sich die Verquickung von
Todestrieb und Eros gegen die Aussenwelt gewendet, im Masochis-
mus ist sie dem Ich zugekehrt. Was an Zerstörungslust im Ich
geblieben ist, hat sich mit den Sexualtrieben vermengt. Das Ich bleibt
freilich Objekt der Todestriebe, aber auch Gegenstand der Libido.
Es ist Objekt eines grausamen Liebhabers geworden.
Freud meint, dass der im Organismus verbliebene und fort-
wirkende Todestrieb nahezu mit dem Masochismus identisch ist.
Der Urmasochismus ist so eine gegen das Ich gerichtete Lust an der
Zerstörung, ein Sadismus, der sich das Ich als Opfer gewählt hat.
Was wir gemeinhin Masochismus nennen, ist eine Vergegenwärti-
gung jener Urtendenz, wie sie sich unter der Einwirkung des Eros
entwickelt hat. Der Masochismus ist so Zeuge und Überrest aus einer
Vorweltsphase, in der sich die Legierung von Todestrieb und Eros
vollzog. Er ist ein Überbleibsel aus jener Periode, in der die zer-
störende Wut, der Drang ins Nichts zuerst die Macht der Liebe zu
verspüren bekam. So erscheint er als eine irdische Repräsentanz des
Destruktionstriebes, der sich zuerst gegen das nächstliegende Objekt
wandte, den Untergang und das Aufgeben des Ichs anstrebte. Der
Masochismus hat nur eine Konzession, keine Kapitulation des Todes-
triebes erreichen können. Das Kreuz, das er nach Golgatha trägt,
ist mit Rosen bekränzt.
Es ist nicht meine Aufgabe, den Wert und die Tragweite dieser
Theorie zu prüfen. Wir haben es nur mit ihrer Anwendung auf
unser Thema zu tun. Soweit ich die analytische Literatur überblicken
kann, lässt sich die Stellung der Analytiker zu dieser Frage folgender-
massen skizzieren: die eine Gruppe, als deren Vertreter hier W.
Reich und O. Fennich el genannt werden sollen, lehnt di e
38
Todestriebhypothese ab und findet sie auf das Problem des Masochis-
mus nicht anwendbar. Der andere Teil der Analytiker, als deren
Repräsentant K. Menninger erscheinen möge, akzeptiert die
Todestrieb-Eros Theorie und erklärt mit ihrer Hilfe den Ursprung
und die unbewusste Zielsetzung des primären Masochismus.
Meiner Ansicht nach stellt die Konzeption von Todestrieb und
Eros eine der grossartigsten Schöpfungen der Welterklärung dar und
umfasst das gewaltige Triebgeschehen aller Kreatur. Die Konse-
quenz ist unausweichlich: im Masochismus erkennt man wie in
seinem Widerpart, dem Sadismus, einen Ausläufer des Todestriebes,
der libidinös gebunden worden ist. Mit der Freu dschen Hypo-
these einverstanden und voll Bewunderung für ihre Grösse, kann
ich nicht zugestehen, dass sie der Verpflichtung enthebt, die Einzel-
fragen des Triebgeschehens zu erforschen.
Die Theorie vom Eros und vom Todestrieb, ihres uralten Gegen-
satzes und ihres zeitweiligen Zusammenwirkens, ihres Ringens und
ihrer Kompromisse umfasst auch die Möglichkeit der Entstehung
des Masochismus wie die aller Triebprozesse. Sie umfasst sie wohl,
aber sie verschwindet auch darin. Die Aussicht, welche diese grosse
und grossartige Hypothese gewährt, gleicht einer Vogelperspektive-
photographie, die von einem Aeroplan aus grosser Höhe aufgenom-
men wurde. Das kleine Einzelobjekt verschwindet darauf. Gewiss
ist auch dieser Strauch oder dieses Tier auf der Platte, aber sie sind
nicht mehr als solche wahrzunehmen. Um den Vergleich zu wech-
seln: der Kampf zwischen den Todestrieben und dem Eros gleicht
dem unsichtbaren Ringen der Götter bei Homer, das hoch über
den Gefechten von Griechen und Trojanern vor sich geht.
Was leistet die Freu dsche Hypothese für die Erklärung der
Entstehung des Masochismus? Sie liefert einen Rahmen, in dem
eine besondere Erklärung eingefügt werden kann. Sie gibt die
Möglichkeit, dieses spezielle Triebgeschehen in die umfassenden
Prozesse des Organischen einzureihen, nichts mehr. Die Ableitung
des Masochismus, einer Vermischung von Eros und Destruktions-
trieb, lässt sich etwa mit einer Genealogie folgender Art vergleichen:
die Eltern des uns bekannten, hier lebenden Herrn A. sind Herr B.
39
und Frau C, seine Grosseltern Herr D. und Frau E. Im Übrigen
sind seine Ahnen sicher Adam und Eva, das erste Menschenpaar.
Diese Genealogie ist unzweifelhaft richtig, aber völlig unzureichend,
wenn man den Stammbaum eines Individuums aufstellen will. Wir
werden darauf vorbereitet sein müssen, dass die Spur der Ahnen in
frühgeschichtlicher Zeit undeutlich wird und in prähistorischer
verschwindet. Wir meinen aber, dass der Sprung von den Grosseltern
zum ersten Menschenpaar zu gross ist.
Der Versuch, die Entstehung des Masochismus auf eine primitive
Schmerzlust zurückzuführen, hat das Ziel nicht erreicht. Wir ver-
gleichen ihn einem Schuss, der eine grosse Strecke vor der Scheibe
einschlägt. Die Todestrieb-Hypothese Freuds geht über das Ziel
weit hinaus. Sie überfliegt es, wenn wir die psychologische Ableitung
des Masochismus als dieses Ziel bezeichnen. Der Schuss geht natürlich
in die gewünschte Richtung, aber in ungeheurer Höhe weit über das
Ziel hinweg. Auch wir haben keine Hoffnung, ins Schwarze der
Scheibe zu treffen, aber wir halten an der Erwartung fest, dass unser
Versuch näher der Scheibe einschlagen wird.
Die obige Darstellung der Freu dschen Anschauungen über die
Entstehung und das Wesen des Masochismus war notwendig. Sie
sollte zeigen, wieviel die Analyse auch auf diesem Gebiet an psycholo-
gischen Erkenntnissen und neuen Gesichtspunkten geleistet hat.
Ohne diese Arbeit wäre der nun folgende eigene Versuch, das Pro-
blem zu lösen, nicht möglich gewesen. Die Darstellung erweist aber
nicht nur die Möglichkeit eines neuen Versuches, die seelischen
Motive und Ziele des Masochismus zu erkennen, sondern auch seine
Notwendigkeit. Zur kritischen Untersuchung wird sich später Anlass
und Gelegenheit finden. Man hat, wo Grosses vorliegt, nicht nur
das Recht, sondern auch die Pflicht, den höchsten Massstab anzu-
legen. In diesem Sinne wird die Kritik so unnachsichtlich sein, wie
man es gegenüber einem Genie- und nur ihm gegenüber- sein darf.
Das aber will zugleich bedeuten, dass es eine Kritik mit gezogenem
Hute sein wird. Die vorliegende Arbeit wäre ohne die von Freud
gegebene Methode und die von ihm erreichten Resultate so unmöglich
wie die Ausführung eines Baues, für den keine Ziegel vorhanden
40
sind. In dieser Art lobt also das Werk des Schülers auch dort, wo es
Fehler und Fehlendes zu erkennen glaubt, den Meister.
Bestimmte Gründe veranlassen mich, eine veränderte Einteilung
und Namensgebung für die Formen des Masochismus einzuführen.
Sie sei der Aufmerksamkeit des Lesers empfohlen. An Stelle der
charakterisierenden Bezeichnungen Freuds bevorzugte ich neu-
tralere, die sich auf die Lebenssphäre beziehen, in der sich die maso-
chistischen Triebäusserungen auswirken. Was Freud erogenen
Masochismus nennt, erscheint mir nur als ein physiologische Vor-
aussetzung für die Möglichkeit dieser Triebneigung. Es kommt also
nur als Vorform in Betracht, als undifferenzierter Ansatz. Im übrigen
unterscheide ich die Hauptformen des sexuellen und des sozialen
Masochismus entsprechend dem hauptsächlichsten Lebensgebiet,
auf dem sie sich entfalten. Diese Formen fallen inhaltlich ungefähr
mit den von Freud als feminin und moralischen bezeichneten
Gestalten zusammen.
Jetzt aber ist die Zeit gekommen, den neuen Zugang zu dem un-
gelöst gebliebenen Problem zu suchen.
4'
DIE ERSCHEINUNGEN
Der Eindruck des Paradoxen
Die erste Forderung des Forschers ist die Beantwortung der Frage:
Was geschieht? Die zweite die Antwort auf die Frage: wie geschieht
es? Um der ersten zu genügen, muss man in unserem Falle von der
Erscheinungswelt des Masochismus ausgehen. Man wird bestim-
mende Züge und Merkmale dieser Triebeinstellung suchen, das
was ihren Äusserungsformen gemeinsam ist, und das, was sie von
anderen triebhaften Phänomenen unterscheidet. Bevor man sich
noch solcher sichtender und sondernder Aufgabe unterwirft, ist es
vorteilhaft, den ersten, allgemeinen Eindruck, den die masochistischen
Phänomene auf den Beobachter machen, festzuhalten. Man darf
sich solchen ersten Eindrücken gewiss nicht überlassen. Man darf
sie aber ebensowenig übergehen. Sie sind natürlich trügerisch, aber
sie sind auch wahr. Sie halten sich an die Oberfläche, aber die Ober-
fläche, richtig gesehen, ist das nach aussen gewendete Innere. Es
war einmal das Innere selbst. Natur hat weder Kern noch Schale.
Alles ist sie mit einem Male. Alles Geheimnis, das die Menschen
verbergen, will sich an der Oberfläche verraten, an der Aussenseite
offenbaren.
Der erste Eindruck allgemeinster Art, den der vorurteilslose Beo-
bachter von den masochistischen Erscheinungen erhält, ist der des
Paradoxen. Die Bezeichnung paradox bedeutet dem Wortsinne nach
widersinnig, unglaubhaft, gegen die allgemeine Meinung verstossend.
In seiner Anwendung auf Erscheinungen kann das nur bedeuten:
etwas, was vernünftigerweise garnicht da sein könnte und doch da
ist. Es ist sonderbar, dass ein Fluss plötzlich verschwindet und viele
Kilometer entfernt wieder aus der Erde auftaucht. Man kennt solche
42
Beispiele und kann sie aus bestimmten Bedingungen erklären. Es
würde aber einen paradoxen Eindruck machen, wenn ein Fluss
plötzlich seine Richtung ändert und gegen die Quelle zurückläuft.
Die Widersinnigkeit ist gewiss nicht mit dem Unsinnigen zu ver-
wechseln. Gerade das Element des Gegensätzlichen, des wie absicht-
lich Widersprechenden, bezeugt, dass dem Widersinnigen ein
Sinn innewohnt. Das Widersinnige ist nicht unsinnig, sondern
gegensinnig. Es steht nicht ausserhalb des von der Allgemeinheit
Geglaubten. Es stellt sich gegen diese allgemeine Anschauung. Es
ist leicht zu erkennen, dass dieser erste allgemeine Eindruck allen
Formen des Masochismus gilt. Es wirkt paradox, dass im sexuellen
Masochismus die Unlust und das Leiden zum ersehnten Triebziel
wird. Ebenso unglaubhaft und unerklärlich wirkt es, wenn in der
sozialen masochistischen Gestaltung die eigene Beschämung und
Niederlage, die Verachtung und das Versagen des Ichs angestrebt wird .
Der Einruck des Paradoxen ist nicht auf den Faktor des Ab-
weichenden und Ungewöhnlichen der Triebbefriedigung zurück-
zuführen. Dieser ist ja allen Perversionen gemeinsam und doch wirkt
das Bild der masochistischen Erscheinungen anders auf uns ein. Der
Eindruck muss sich aus Zügen, die uns vorerst nicht deutlich sind,
ergeben. Es muss etwas sein, was zu dem allgemeinen Charakter der
Triebabweichung hinzukommt. Der Unterschied des Eindruckes,
den diese Triebäusserung neben anderen ungewöhnlichen macht,
ist am ehesten im Vergleich festzuhalten. Jene anderen gleichen etwa
einzelnen Teilnehmern einer wandernden Gruppe, die von der
Landstrass abgeirrt sind und irrtümlicherweise einen anderen Weg
eingeschlagen haben. Der Masochist würde dann einer Person ver-
gleichbar sein, welche sich „absichtlich" verirrt, um auf einem Um-
weg zum Ziel zu gelangen.
Dies ist der erste allgemeine Eindruck, den man festhält, bevor
man noch die Einzelheiten der Erscheinungen ins Auge fasst. Man
kann einen solchen Eindruck ignorieren- man hat ihn bisher ignoriert-,
man kann ihn aber nicht leugnen.
Auch dieser Eindruck des Paradoxen muss seine psychologische
Berechtigung haben.
43
Repräsentative Beispiele
Lassen sich Merkmale und Gemeinsamkeiten in den verschiedenen
Formen des Masochismus rinden, die durchgängig sind? Die sexual-
wissenschaftliche und psychologische Literatur hat genug Beobach-
tungsmaterial geliefert — manchmal möchte man meinen zuviel — '•,
so dass die Kennzeichnung der masoch istischen Erscheinungen
eigentlich leicht sein müsste. Ich wage die Behauptung, dass noch
heute nicht einmal die Phänomenologie des Masochismus genügend
erforscht worden ist. Es fehlt noch heute an einer Darstellung des
Wesens der Einzelerscheinungen, des den masochistischen Gestal-
tungen Gemeinsamen.
Es gilt, einige Beispiele als Illustrationsmaterial zu wählen. Dabei
soll kein anderer Gesichtspunkt bestimmend sein als der, dass an
ihrem masochistischen Charakter nicht gezweifelt werden kann.
Die Geschlechtsdifferenz wurde bei ihrer Wahl ebensowenig berück-
sichtigt wie die Unterscheidung, ob eine masoch istische Szene oder
eine perverse Phantasie vorliegt. Die drei folgenden Beispiele dürfen
beanspruchen, als repräsentativ für das Wesen des Masochismus zu
gelten. Ein junges Mädchen hat folgende Phantasie, die im Laufe
mehrerer Jahrenur mit geringfügigen Variationen- festgehalten wird.
Es ist spät Abends oder Nachts. Die Tagträumerin geht durch die
Strassen zum Fleischhauerladen, dessen Rollbalken schon längst
geschlossen sind. Sie klopft an, der Fleischhauer öffnet die Rollbalken.
Sie sagt: „Ich bitte, ich möchte geschlachtet werden." Er bewilligt
ihr Ersuchen, ohne ihr weitere Aufmerksamkeit zu schenken wie
wenn es etwa Alltägliches wäre und lässt sie ein. Sie kleidet sich im
Hintergrund des grossen Ladens aus und legt sich nackt auf eine der
Fleischbänke. Sie muss so sehr lange daliegen und warten. Der
Schlächtermeister ist indessen mit der Zerteilung einiger Kälber
beschäftigt. Manchmal kommt einer seiner Gehilfen vorbei, greift
ihren Körper an und prüft ihr Fleisch sachgemäss wie das eines Tieres,
das geschlachtet werden soll. Endlich kommt der Meister selbst.
Auch er betastet prüfend verschiedene Teile ihres Körpers, den er
rücksichtslos hin — und herwirft wie ein totes Kalb. Er greift
44
schliesslich zum Schlachtmesser und fährt, bevor er schlachtet mit
dem Finger in die Vagina. In diesem Augenblick kommt es bei ihr
zum Orgasmus. Dieser unzweifelhaft masochistischen Phantasie
einer Frau sei ein männliches Gegenstück angereiht. Ein 37jähriger
Mann, Vater dreier Kinder, kann volle sexuelle Potenz nur mit
Hilfe ausgebreiteter und abwechslungsreicher Phantasien erreichen.
Aus ihrer Fülle greife ich eine beliebige heraus: einem antiken,
barbarischen Götzenbild etwa von der Art des Molochs wird in
grösseren Zeitabschnitten eine Anzahl junger, kräftiger Männer
geopfert. Die jungen Leute werden ausgekleidet und einer nach dem
anderen auf den Altar gelegt. Es ertönen dumpfe Trommelschläge,
an die sich Tempelgesänge eines nahenden Chores anschliessen. Der
Hohepriester, von seinem Gefolge begleitet, schreitet langsam zum
Altar. Er sieht prüfend jeden einzelnen Mann der Opferschar an.
Die jungen Männer müssen bestimmten Anforderungen auf Schön-
heit und athletischen Bau genügen. Der Hohepriester nimmt das
Genitale jedes voraussichtlichen Opfers in die Hand und prüft Ge-
wicht und Form sorgfältig. Wenn das Genitale ihm nicht gefällt,
wird der Betreffende als der Gottheit missliebig oder als unwürdig,
geopfert zu werden, zurückgewiesen. Die Zeremonie wird fort-
gesetzt, wenn der Hohepriester den Befehl zur Exekution gibt. Mit
scharfem Schnitt wird den jungen Leuten das Genitale mit den um-
gebenden Teilen ausgeschnitten. Der Patient, der von ausgesprochen
visuellen Typ ist, sieht den Ablauf der einzelnen Szenen plastisce
vor sich. Er selbst ist daran nicht beteiligt, ist nur Zuschauer. Hier
könnte man im Zweifel sein, ob es sich um eine sadistische oder
masoch istische Phantasie handelt. Die Ejakulation bie der Phantasie,
die zuerst nur zur Onanie verwendet und erst später im Verkehr
mit der Ehefrau wachgerufen wurde, erfolgt im Augenblick, da der
Hohenpriester in der Szene das Messer ansetzt. Die Frage, ob der
Phantasie vorwiegend masochistisch ist oder mehr sadistischen Char-
akter hat, wird durch die Auskunft, mit wem sich der Phantasierend
identifiziert, am ehesten entschieden. In unserem Falle ist es sicher,
dass sich der Tagträumer mit einem der Opfer identifiziert, meistens
nicht mit der Person, die gerade kastriert wird, sondern mit dem ihm
45
folgenden jungen Mann, der die Exekution, des Genossen mitansehen
muss. Der Patient teilt alle starken Affekte dieses Opfers, fühlt den
Schrecken und die Angst mit allen körperlichen Sensationen, da er
sich vorstellt, dass er selbst in einigen Minuten demselben Schicksal
verfällt. Das dritte Beispiel soll nicht mehr dem Gebiet der Phantasie,
sondern dem der masichistischen Perversion entnommen werden.
Ein verheirateter Mann in mittleren Jahren geht von Zeit zu Zeit
zu einer Prostituierten und führt folgende Szene auf. Beim Eintreten
fragt er die Frau, ob sie „russische Lektion" gibt. Das Wort wird im
Annoncenteil gewisser erotischer Zeitschriften des betreffenden
Landes für masochistische Praktiken gebraucht. Im Denken des
Patienten ist der Ausdruck mit den Schrecken von Pogroms und
von Szenen in russischen Gefängnissen von denen er gelesen hat,
verbunden. Wenn das Mädchen die Frage bejaht, erhält sie eine
genaue Anweisung, was sie nun zu tun hat. Sie muss ihn in be-
stimmter Art ausschimpfen so wie einen kleinen Jungen, der schlimm
war oder ein Vergehen begangen hat. Sie muss ihm sagen, er ver-
diene eine tüchtige Tracht Prügel und ähnliche, bestimmte Re-
densarten. Er zieht gehorsam die Hosen herunter und bekommt
einen Schlag auf den Hintern. Manchmal ist der Schlag übernüssig,
da die Ejakulation schon verher erfolgt ist. Im Koitus ist der Patient
impotent.
Diese drei Beispiele können zweifellos den Masochismus als
perverse Triebäusserung repräsentieren. Es ist vielleicht Zufall, dass
in keinem dieser Fälle der Schmerz betont wird oder dem Schmerzem-
pfinden irgend eine Bedeutung zukommt. Sogar in der Phantasie von
der Exekution der jungen Männer kann von Lust am Schmerz
keine Rede sein; eher von Lust an der Vorstellung von Angst und
Schrecken. Man erinnert sich, dass das Lustvolle daran die Vor-
stellung ist, welches Entsetzen das folgende Opfer beim Anblick
der Kastration fühlen muss. Die Exekution selbst erscheint in der
Phantasie wie eine chirurgische Operation. Auf den Schmerz fällt
kein Akzent.
Wenn wir die Schmerzlust als unvermeidliches Moment ausge-
schlossen haben, welche Gemeinsamkeiten bleiben dann übrig?
46
Nun, gewiss alles was man sonst und längst als charakteristisch für
den Masochismus kennt und anerkennt: die passive Natur, das
Gefühl der Ohnmacht, und des Unterworfenseins gegenüber einer
Person, die grausame, erniedrigende oder beschämende Behandlung
durch diese Person, die dabei auftretende sexuelle Erregung. Das
ist nichts Neues. Wir aber wollen neue, das heisst bisher nicht ent-
deckte oder nicht gewürdigte Merkmale zur Darstellung und Geltung
bringen. Diese Merkmale müssten nicht nur als wesentlich erscheinen.
Sie müssen den Anspruch erheben, als unmissbar oder unerlässlich
im Masochismus anerkannt zu werden. Natürlich treten sie nicht
immer in gleicher Form oder gleicher Intensität auf, doch sie sind
immer anwesend. Wo sie fehlen, kann man nicht von Masochismus
sprechen.
Die Merkmale
Im folgenden werde ich drei solcher konstituierender Momente
darstellen, die sich im Masochismus als Perversion und in seinen
desexualisierten Formen nachweisen lassen. Es sind folgende: d i e
besondere Bedeutung der Phantasie, die Notwendigkeit
eines bestimmten Spannungsablaufes oder das Suspense-
moment und der demonstrative Charakter. Es wird sich
später zeigen, dass diese drei Momente auch innerlich zusammen-
gehören, dass sie verschiedene Äusserungsformen eines tiefer lie-
genden Wesentlichen sind.
Die besondere Bedeutuno; der Phantasie
Von diesen drei Momenten ist das der Phantasie das wichtigste.
Die Vernachlässigung dieses Faktors in der analytischen Erforschung
des Masochismus ist in erster Linie dafür verantwortlich zu machen,
dass das Wesen und die Entstehung dieser Triebabweichung bis
heute unverstanden geblieben ist. Ohne psychologische Würdigung
der Phantasien ist der Masochismus unerklärbar. Die Phantasie ist
sein Quellgebiet und am Anfang gibt es nur die masochistische
47
Phantasie. Die Wichtigkeit dieses Faktors erhellt daraus, dass Men-
schen mit schwach entwickelter Phantasie, unimaginative Personen
keine Neigung zeigen, Masochisten zu werden. Es ist also berechtigt,
in der Kennzeichnung des Masochismus von diesem Zug aus-
zugehen.
Die Bedeutung der Phantasie als Vorbereitung der sexuellen Span-
nung ergibt sich sogleich, wenn wir uns Zug um Zug der drei früher
dargestellten Beispiele erinnern. Das Mädchen in der Schlächterszene
muss lange warten, bis der Schlächter seine Geschäfte erledigt hat.
Wenn er sich ihr zuwendet, kommt erst die Prüfung des Fleisches,
das Beschauen, Betasten und Hin- und Herdrehen des Körpers.
Der Gefangene in der Phantasie des Mannes muss alle religiösen
Zeremonien mitansehen, erlebt das langsame Herannahen des
Priesters, die Vorbereitungen zur Operation und die Kastration des
Genossen. Er hört die Angstschreie des Opfers, wird Zeuge seines
Stöhnens und Zappeins. Das Vorspiel in der Szene, welche der
masochistische Mann mit der Prostituierten aufführt, ist wichtiger
als der Schlag. Der Eintritt, das Gespräch, Frage und Antwort, das
Ausgescholten werden, die erzwungene und erwünschte Entblössung,
das Warten auf den Schlag werden von ihm selbst als das eigentlich
Erregende bezeichnet. Die besondere Bedeutung der Phantasie
für die masochistische Erregung ist aber nicht auf die bereits beste-
hende masochistische Triebeinstellung beschränkt. Sie lässt sich
schon in den Ursprungsszenen, welche zu speziellen Vorstellungen
Anlass geben, nachweisen. Als Beispiel sei die Szene angeführt,
welche der Schlächterphantasie des jungen Mädchens zugrunde
liegt. Als Kind hatte sie wirklich in der Nähe eines Fleischhauerladens
gewohnt. Der Fleischhauer war sogar der Onkel des kleinen Mäd-
chens gewesen, mit dem aber ihre Eltern aus Standesrücksichten nicht
verkehrten. Dieser Umstand mag dazu beigetragen haben, dass das
Tun dieses Onkels eine anrüchige und geheimnisvolle Bedeutung
für die Kleine und ihren etwas älteren Bruder erhielt. Die beiden
Kinder hatten reichlich Gelegenheit, die Tätigkeit des Fleischhauer-
Onkels und seiner Gesellen aus der Nähe zu beobachten. Sie hatten
genau zugesehen, wie der Onkel Tiere zerteilte, und spielten nachher
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im Garten des eigenen Hauses „slagertje", holländisch =s Schlächter-
meisterchen. Das kleine Mädchen legte sich da auf die Gartenbank
und der Bruder betätigte sich als Fleischhauer. Er machte sich zuerst
sonst wo zu schaffen, kam dann zu dem wartend liegenden Schwester-
lein und spielte kunstgerecht zerteilen wie er es vom Onkel gesehen
hatte. Mit leichten, flachen Hieben der gestreckten Hand zerteilte
er den-übrigens bekleideten-Körper des Mädchens in einzelne Stücke.
Die Vorbereitungen zu dieser Prozedur sowie diese selbst waren
schon damals für die Kleine in dunkler Art lustvoll. Die leichten
Schläge auf den Körper und das Warten darauf lösten Klitoris-
emphndungen aus. Das Beispiel zeigt die Bedeutung der Phantasie
für die sexuelle Erregung bereits in einer der Situationen, die für die
Entstehung des Masochismus bestimmend waren. Wenn das kleine
Mädchen im Vorwegnehmen der Berührung und des Geschlachtet-
werdens sexuell erregt wird, so erfüllt die Phantasie eine ähnliche
Aufgabe, wenn sie in der Molochszene meines Patienten eine
schreckliche Vorstellung vorwegnimmt. Auch das Material zu
dieser Phantasie ist als Umarbeitung kindlicher Vorstellungen" leicht
erkennbar. Die religiöse Einkleidung stammt aus späteren Jahren
und zeigt bereits die Spuren der Einwirkung verschiedener Lektüren.
Als der Patient ein kleiner Junge war, wurde sein einige Jahre älterer
Bruder wegen Phimose operiert und zeigte dem Kleinen die eben
verheilte Wunde. Die späteren Phantasien des Knaben gingen von
diesem Eindruck aus. Sie waren auf den gütigen, doch auf Disziplin
bedachten Vater gerichtet, der dem Kleinen imponierte und vor
dem er sich fürchtete. Er musste damals angenommen haben, dass
auch er wie der Bruder später vom Vater oder vom Arzt als dessen
Stellvertreter am Gliede operiert werden würde. In dieser Vorstellung
trafen sich homosexuelle Erregungen mit solchen, die dem Straf-
bedürfnis entstammen und die sich als Reaktion auf die frühe Onanie
eingestellt hatten. In jener Molochphantasie erkennt man in den
jungen Männern vor dem Altar die Brüderreihe wieder, in der auch
er seinen Platz hat. Es ist bezeichnend, dass er sich mit demjenigen
identifiziert, welcher der Operation zusieht, und dass er alle Angst
dessen erlebt, der nun der nächste ist. Die Kinderszene, von der sich
D 49
die Praktiken des anderen Patienten mit der Prostituierten ableiten
lassen, gewinnt ihre Bedeutung auch erst aus ihrer Verwertung
in der Phantasie. Der Knabe, der zuhause verwöhnt wurde, war
unbändig und schlimm gewesen. Eine Tante, die anwesend war,
hatte in seiner Anwesenheit ihre Missbilligung über die Erziehungs-
methoden seiner Eltern geäussert. Wenn es ihr Bub gewesen wäre,
hätte sie ihm die Hosen heruntergelassen und ihm „Klatsch, Klatsch !*'
gegeben. Diese onomatopoetische Drohung war zum Ausgangspunkt
masoch istischen Ausmalens einer solchen in Aussicht gestellten
Szene geworden.
Ist indessen die Bedeutung der Phantasievorbereitung für die sexuelle
Erregung gerade im Masochismus so Überragendr Ihre Wichtigkeit
ist auch im normalen Sexualleben nie bestritten worden. Hat der
Masochismus in dieser Richtung eine Ausnahmsstellung gegenüber
den anderen Perversionen, in denen das Vorwegnehmen erwünschter
Situationen in der Phantasie gewiss auch häufig vorkommt? Es
gehört ja zum Wesen der Perversion, dass sie bei den vorbereitenden
Akten verweilt statt zur genitalen Befriedigung vorzudringen.
Vergleichen wir also die Bedeutung, welche der Phantasie etwa im
Sadismus und in der Schaulust zukommt. Natürlich nimmt auch der
Sadist und der Voyeur die gewünschte Situation in der Phantasie
vorweg und wird dadurch erregt. Es scheint sich also die Differenz,
auf ein Plus und Minus der Erregbarkeit zu reduzieren. Es ist den-
noch nicht so. Es ist nicht der quantitative Faktor, der hier entscheidet.
Der Unterschied ist vielmehr, dass der Masoch ist die Phantasie nicht
missen kann, dass sie als Vorbereitung für seine Erregung unentbehrlich
ist, eine conditio sine qua non. Der Sadist und der Voyeur sind auch
ohne solche Vorbereitung fähig zu geniessen. Wenn ein Voyeur etwa
zufällig im Walde bei einem Spaziergang Gelegenheit hat, eine ent-
blösste Frau zu sehen, bedarf er keiner vorbereitender Phantasie,
um erregt zu werden. Man vergleiche damit die seelische Situation
beim Masochisten. Nehmen wir also beispielsweise an, seine spezifische
Erregungsbedingung sei, dass er von einer Frau von imponierendem
Körperbau beschimpft wird und eine Ohrfeige erhält. Wir nehmen
ferner an, eine solche Situation ergebe sich ohne sein Zutun unvor-
50
bereitet, das heisst, ohne vorausgegangene Phantasie. Der betreffende
Herr gehe also friedlich und guter Dinge auf der Strasse, da trete
eine grosse Dame auf ihn zu, überschütte ihn mit Schimpfworten und
gebe ihm eine kraftvolle Ohrfeige. Um die Szene wahrscheinlich
zu machen, brauchen wir ja nur vorauszusetzen, dass der Arme das
Opfer einer Verwechslung geworden ist. Die schlagfertige Dame
meinte, in ihm einen Herrn zu erkennen, der sie unlängst auf das
Gröbste beleidigt hatte. Wird der Masochist durch diese plötzliche
Attaque sexuell erregt werden? Das ist fast ausgeschlossen. Natürlich
ist es durchaus möglich, dass die Szene später einmal, in einer Phan-
tasie verwendet, ihre sexuelle Wirkung hat. Ihr augenblicklicher
Effekt wird nicht von dieser Art sein, obwohl sie doch die erwünschte
Situation in allen Stücken zur Wirklichkeit macht. Was fehlt, ist
nur die Phantasievorbcrcitung. Eine solche angenommene Situation
ist wohl geeignet, ihre Unmissbarkeit für die masochistische Be-
friedigung zu verdeutlichen. Es wurde hier nicht etwa behauptet,
dass die Phantasievorbereitung für die anderen Perversionen bedeu-
tungslos oder unwesentlich ist. Behauptet wurde, dass sie für den
Masochismus unentbehrlich ist.
Noch immer gibt es zwei ernsthafte Einwürfe gegen eine solche
Meinung. Der erste kann darauf hinweisen, dass die Phantasievor-
bereitung auch für den Exhibitionismus von besonderer Wichtigkeit
ist. Die analytische Erfahrung zeigt, dass dies wirklich der Fall ist.
Wir wären so zu einer Korrektur gedrängt und müssten sagen: bei
den Perversionen mit passivem Triebziel besteht eine besondere
Notwendigkeit der Phantasievorbereitung, um die sexuelle Erregung
zu erreichen. Das wäre psychologische durchaus verständlich und es
ist nur auffällig, dass es bisher nicht erkannt wurde. Es kommt ja bei
diesen Perversionen nicht nur auf den Willen der betreffenden Per-
son an, sondern ebensosehr oder noch mehr auf den des Objektes. Es
bleibt dem Partner überlassen, wie er reagiert. Wenn seine Reaktion
nicht die gewünschte, vorweggenommene ist, wird sich keine oder
nur eine geringe sexuelle Wirkung einstellen. Diese Reaktion in
bestimmter Richtung ist für den Masochisten und Exhibitionisten
wichtiger als für den Sadisten und den Voyeur, die von dem Benehmen
5i
ihres Partners oder Opfers minder abhängig sind. Es wird berichtet,
dass ein Exhibitionist vor einiger Zeit im Pariser Bois plötzlich vor
einer englischen Dame auftauchte und-es war an einer einsamen
Stelle an einem Winterabend- sein Genitale vor ihr entblösste. Die
geistesgegenwärtige Dame ging auf ihn zu und fragte: „Guter
Mann, werden Sie sich nicht erkälten?" Man hat allen Anlass zu
vermuten, dass diese Besorgtheit sehr ernüchternd auf ihn gewirkt
hat. Es stimmt indessen nicht ganz, dass die Phantasie für den Exhibi-
tionisten von gleicher Wichtigkeit ist wie für den Masochisten. Eine
Gruppe junger Mädchen, die des Weges kommt, kann einen Exhibi-
tionisten zu dem blitzschnellen Entschluss bringen, sich zu ent-
blössen.
Ein anderer Einwand besagt, dass in bestimmten Fällen das Auf-
tauchen eines Details genügen kann, um eine masochistische Erregung
auszulösen. So verwies mich ein Kollege auf einen von ihm behandel-
ten Fall, in dem das Schlachten eines Huhnes zum Mittelpunkt
einer masochistischen Phantasie geworden war. Es genügte später,
dass der Patient eine Hühnerkeule sah, um ihn sexuell zu erregen.
Ist aber ein solches Beispiel wirklich geeignet, uns zu überzeugen,
dass in solchen Fällen eine ausgiebige Phantasievorbereitung entbehr-
lich sei? Ich meine: nein. Man könnte es geradezu zur Bestätigung
meiner Meinung anführen. In Wirklichkeit ist die Phantasievor-
bereitung in ähnlichen Fällen eine besonders ausgedehnte und von
altem Datum. Das Material ist so oft durchgedacht und ausgemalt
worden, dass alles bereit ist. Der Anblick der Hühnerkeule ist nur das
Moment, das dieses sei langem vorbereitete Material in seelische
Bewegung setzt. Es ist, vergleichsweise gesprochen, so, wie wenn am
Klavier die ersten Takte einer mir lange vertrauten Melodie ange-
spielt werden. In einem meiner Fälle, in welcher eine Schlageszene
in einer Schule lustvoll vorgestellt wurde, genügte es, dass der Be-
treffende eine straff gespannte Reithose sah, um eine sexuelle Erregung
zu spüren. In einem anderen Fall erinnerten schon Worte wie
„Ausschlag" an die masochistische Vorstellung mit entsprechenden
Sensationen. Bei dem Patienten mit der Molochphantasie konnte
sich eine sexuelle Erregung leise melden, wenn er junge, kräftige
52
Männer in bestimmten Positionen sah, ja sogar, wenn er gelegentlich
nur Photographien dieser Art betrachtete. Diese Positionen mussten
solche sein, dass sie ihn an die Lage der Opfer in der Molochphantasie
erinnerten. So brachte ihm die Gestalt eines jungen Mannes, der auf
einem Diwan mit ausgestreckten Armen lag, die Vorstellung des
Geopferten auf dem Altar des grausamen Götzenbildes und die ent-
sprechend Erregung zurück.
Der Einwand ist also nicht so stark wie er gelten möchte. In diesen
Fällen liegt kein geringerer, sondern ein stärkerer Grad von Phan-
tasievorbereitung vor. Der seelische Mechanismus, der dabei wirksam
ist, ist die wohlbekannte Verschiebung auf ein Detail, einen kleinen
Einzelzug, welcher das Ganze vertritt und ersetzt. So kann die rauhe
Stimme eines Mannes die vollstündige masoch istische Phantasie bei
einer Frau zur Auslösung bringen. Der Klang von klirrendem
Eisen war geeignet, die lustvolle Phantasie des Gekettetwerdens in
einem Falle wieder wachzurufen. Darin ist keinerlei Unterschied in
der Erregungsmöglichkeit der einzelnen Perversionen zu erkennen.
Dieselbe Wirkung solcher stellvertretender Details besteht natürlich
auch im normalen Sexualleben. Eine kleine Zeichnung in einer
Zeitschrift zeigte unlängst, wie eine junge Dame an einer abgelegenen
Strassenecke ihr Strumpfband in Ordnung bringt, wobei das Kleid
gehoben wird. Zwei Herren gehen zufällig vorbei und der eine be-
merkt mit Bezug auf den Anblick: „Viel ist es nicht, aber es freut
einen doch."
Die Einwände, die wir gehört haben sind nicht geeignet, unser
Urteil zu revidieren. Es bleibt dabei, dass die Phantasievorbereitung
eine besondere Bedeutung für das Wesen des Masochismus besitzt.
Die Phantasie ist auch historisch das Primäre. Masochistische Ver-
anstaltungen sind nur Ausführungen vorangegangener Phantasien;
in die Wirklichkeit übertragene Tagträume. Jede tiefer geführte
Analyse bezeugt, dass die masochistische Perversion die Realisierung
von Phantasiesituationen ist, welche die Person lange beschäftigt hat.
Im Anfang war im Masochismus nicht die Tat, sondern die Phan-
tasie. Die aktuellen Szenen der Perversen entsprechen so Inszenie-
rungen eines Dramas und verhalten sich zu den Phantasien wie die
53
Aufführung zur dichterischen Konzeption. Sie sind denselbenZu fällen,
Unfällen und notwendigen Anpassungen an die vorhandenen Mittel
unterworfen und ebenso abhängig von der Laune und dem „Mit-
gehen" der Schauspieler. Es kommt nur selten vor, dass die wirkliche
Aufführung die Vorstellung des Dichters übertrifft. Viel öfter bleibt
sie ebenso wie die maso'ch istische Szene hinter dem Phantasiebild
zurück. Ich kenne Fälle, in welchen die Person in der aktuellen per-
versen Szene unbefriedigt oder nur schwach erregt war, während
die Erinnerung an sie zum Orgasmus führte. Die Anweisungen an
die Partnerin in einer solchen Szene lassen sich wirklich Regiebemer-
kungen vergleichen. Es entspricht dem Spielerischen im Masochismus,
dass in ihnen viel seltener „blutiger Ernst" gemacht wird wie in der
sadistischen Perversion.
Einige losere Bemerkungen über die Eigenart masochistischer
Phantasien, seien hier angereiht. Ein besonderer Zug ist ihre Tendenz
-zur Synchronisierung, Diesen ausgezeichneten Ausdruck habe ich
von einem Patienten, dem Mann mit den Molochphantasien gehört.
Er hatte die Erscheinung oft bei sich selbst beobachtet. Sie besteht
darin, dass die sexuelle Erregung zeitlich völlig mit dem Geschehen
auf der Phantasiebühne zusammenfällt und dass der Phantasierende
den Szenenablauf dort in solcher Art erlebt, als ob er mit dem Opfer
identisch sei. Dabei werden oft dieselben Bewegungen gemacht wie
sie bei diesem vorgestellt, dieselben Laute ausgestossen oder ange-
deutet. So kam es etwa in der Molochszene immer bei derselben
Szene, beim Ansetzen des Messers durch den Hohepriester, zur
Ejakulation.
Auffällig und dem Wesen des Masochismus entsprechend ist der
Konservatismus oder die Tenazität der Phantasie. Masochistische
Situationen werden oft viele Jahre lang fast unverändert oder mit
geringfügigen Variationen festgehalten und als befriedigend emp-
funden. Die Veränderungen beschränken sich meist auf kleine Ver-
schiebungen und Ersetzungen von Personen, auf einen Wechsel von
Zeit- und Ortsumständen, während das Hauptthema, wenn man so
sagen darf, dasselbe bleibt. Nach längeren Intervallen kommt es
aber zu grossen und weitgehenden Veränderungen, die ein völlig
54
neues Thema bringen, etwa den eingreifenden Umformungen ver-
gleichbar, denen alte Institutionen ausgesetzt sind. Die masoch istische
Situation in der Phantasie erscheint nun plötzlich ganz anders. Diese
neuen Inhalte werden dann wieder lange festgehalten und nur wenig
verändert. Zwischendurch tauchen gelegentlich wie zur Erinnerung
die alten, „abgelebten" Phantasien am Vorstellungshorizont wieder
auf und erlangen für kurze Zeit ihre Erregungsfähigkeit wieder, ohne
sich behaupten zu können. Es ist so möglich geworden, grosse Zeit-
räume, Phasen zu unterscheiden, in welchen dieser oder jener scharf
umrissene Phantasieinhalt die Herrschaft über die Person besitzt.
Der früher erwähnte Patient sprach von diesen Phantasiegruppen
als von „Zyklen". Es ergab sich in der Analyse eine Art Geheim-
jargon wie zwischen Personen, denen Andeutungen genügten, um
sich zu verstehen. Ich wusste, was er meinte, wenn er von der Zeit
des Aztekenzyklus sprach. Es war das die Phase, in welcher er von
der Vorstellung der feierlichen Opferung eines Gefangenen im
Aztekenreich sexuell erregt wurde. Der Königinzyklus war eine
Phantasiegruppe, in welcher eine grausame Herrscherin z.B. eine
Amazonenkönigin ihre Liebhaber schrecklichen Folterungen unter-
werfen Hess. Der Laokoonzyklus gruppierte sich um verschiedene
Phantasien, die von der Vorstellung jener Marmorszene ausgingen.
Der Marsvaszyklus hatte den bekannten Mythos vom Streit mit
Apollo zum Mittelpunkt, war aber natürlich keineswegs gerade auf
diese beiden bestimmten Gestalten beschränkt.
Man erhält den Eindruck, dass die masochistische Phantasie nach
längerer Zeit ihre sexuell erregende Kraft langsam einbüsst und dann
einer neuen Platz macht. Meine analyitschen Erfahrungen weisen
darauf hin, dass erst zahllose Wiederholungen die Zähigkeit oder
Klebrigkeit einer Phantasie abschwächen, wenn sie sich einmal als
befriedigend erwiesen hat.
Es ist bemerkenswert, dass die masochistische Phantasie und Aktion
nicht auf das visuelle Gebiet eingeschränkt ist. Nach meinem Ein-
druck nimmt auch der sprachliche Ausdruck in ihr einen grösseren
Raum ein. Es gibt Wortmasochisten, die sexuell erregt werden, wenn
sie sich vorstellen, wie sie beschimpft und heruntergesetzt werden.
55
Wenn dann die Vorstellung in die Wirklichkeit überführt wird
erwartet oder verlangt der Masochist, dass die ihn beschimpfenden
oder beschämenden Worte ausgesprochen werden, wobei im Sinne
der Erregungsmöglichkeit bestimmte Reihenfolgen, die Wortwahl
oder Betonung wichtig werden. Vor einer Schlageszene musste die
Partnerin in der Phantasie „Du!" zu einem Patienten sagen, was
ihn mit dem glücklichen Gefühl erfüllte, sie sei intim mit ihm. In
Vertretung sprach er bei der Phantasie das Wort selbst aus. Auch
hier werden bei Wiederholung der Vorstellung manchmal kleine
Unebenheiten der Sprache verbessert, eine plastischere oder präzisere
Formulierung angestrebt, während das Wesentliche unverändert
bleibt. Dialoge in der masoch istischen Phantasie sind nicht unge-
wöhnlich. Dabei werden oft bestimmte Betonungen oder Ausdrücke
wichtig genommen, das Gefälle eines Satzes wird gelegentlich genossen.
Es ist deutlich, dass solche Einzelheiten ihre besondere Bedeutung
Verschiebungsvorgängen seelischer Akzente verdanken. In einem
Fall wurde etwa eine Szene zum Phantasieinhalt. Immer wieder
wurde der Satz des Vaters „Nimm dich in Acht, dass das nicht noch
einmal geschieht" mit besonderer Betonung wiederholt. Der Sohn,
der als zur Strafe knieend vorgestellt wurde, musste mit bestimmten,
bangen Ausdruck fragen: „Darf ich aufstehen?" Das Material der
Phantasie ist häufiger als dies bei anderen Perversionen der Fall ist,
der Verbreiterung, Umrahmung und Ausführung fähig. Es kann
Novellenform annehmen und viele Personen handelnd und leidend
auf die Vorstellungsbühne bringen. Es lehnt sich häufig an Gesche-
henes und Gelesenes an, so dass der Einfluss von Lektüre, Theater
und Kino, aber auch von Gesprächen in seinen Gestaltungen erkenn-
bar wird. In dem bereits erwähnten Fall wurde die Phantasie des
Gymnasiasten durch die Erzählung von Marsyas, der von Apollo
geschunden wird, in masochistischer Art erregt. Dieser Phantasiekern
erwies sich als so stark und hartnäckig, dass er noch zwanzig Jahre
später in veränderter Gestalt seine erregende Wirkung ausüben
konnte, als der Mann das Bild des lebendig geschundenen Richters
von David im Brüsseler Museum sah.
Mit einem später zu erörternden Merkmal des Masochismus, dem
56
Suspensemoment, hängt es zusammen, dass die masochistische Phan-
tasie bei Einzelheiten verweilt, sie sorgsam prüft, sondert und aus-
wählt. Die verschiedenen Bilder werden nach ihrer Fähigkeit, sexuell
zu erregen, einer Auswahl unterzogen. Diejenigen, die sich nicht
genügend in diesem Sinn erweisen, werden zurückgewiesen oder
abgeändert. Innere Einwände gegen diese oder jene Einzelheit können
sich darin äussern, dass die Phantasie „zerflattert" oder nicht deutlich
wird. Sie erscheint unterentwickelt. Manchmal macht es Schwierig-
keit, sie richtig „einzustellen", wie sich eine Patientin plastisch aus-
drückte. Sie gebrauchte diesen Ausdruck, als sie eine Vergewaltigungs-
phantasie beschrieb, deren Zustandekommen an der Vorstellung
des ekelhaften Geruches eines Strolches scheiterte. Auch ein Ab-
brechen einer masochistischen Phantasie ist nicht selten. Eine junge
Frau erlebt des öfteren die Phantasie, dass sie bei der Geburt ihres
Kindes sterben werde und ist überrascht über die Genugtuung, die
sie dabei empfindet. Dieses Gefühl bleibt auch bei der Vorstellung der
Trauer ihres Mannes erhalten und wird nicht schwächer, wenn sie
sich vorstellt, dass er eine andere heiraten werde. Sie kann dabei noch
an dieses oder jenes Mädchen ihres Bekanntenkreises denken. Sie
muss aber die Phantasie abbrechen, da sie sich vorstellt, dass sie ihr
Kind der Pflege dieser Nachfolgerin überlassen werde. Die Idee ist
so schmerzhaft, dass sie unerträglich wird. Der oft angeführte Patient
hatte einen „Märtyrerzyklus" erlebt, in dem die Phantasie des qual-
vollen Sterbens christlicher Blutzeugen im Mittelpunkt stand. In
dieser Zeit war er in einem Buch auf ein mittelalterliches Bild ge-
stossen, auf dem der heilige Laurentius auf dem Rost dargestellt war.
Ein Versuch, das Bild in der Vorstellung zu reproduzieren und zur
masochistischen Erregung zu verwenden, erwies sich als kurzlebig.
Das Gesicht des Heiligen auf dem Bilde war ruhig und unbewegt
dargestellt, inmitten der unaussprechlichen Qualen. Es erwies sich
als unverwendbar für die Phantasie, da es nach dem treffenden Aus-
druck des Patienten „nicht überzeugend" war.
Gewöhnlich tauchen wie in einem Kaleidoskop verschiedene
Einzelbilder auf und werden längere Zeit festgehalten. Es kommt
natürlich vor, dass bestimmte Phantasiezüge, die lange wirksam waren,
57
später zurückgewiesen werden, was auf ein Absinken ihrer sexuellen
Reizkraft hinweist. Gegenüber der Zähigkeit der masoch istischen
Vorstellung setzt sich so ein Variationsbedürfnis durch, das nur einen
Ausdruck seelischen Veränderungen in der phantasierenden Person
darstellt. Ob eine Phantasie „gelingt" oder nicht, hängt von verschie-
denen, manchmal von vornherein zu bestimmenden Momenten ab.
Eine gelungene Phantasie ist natürlich diejenige, die von einem
genussvollen Orgasmus begleitet ist. Bei anderen Phantasieen kommt
es zu keinem oder nur zu einem flachen Orgasmus.
Es ist nicht immer deutlich, mit wem sich der Phantasierende
identifiziert. Gewiss mit dem Opfer der passiven Person der Szene,
aber auch mit der aktiven, grausamen Gestalt. Häufig auch mit einem
unbeteiligten Zuschauer, dem aber auf geheimnisvolle Weise die
Gedanken und Gefühle der handelnden und leidenden Personen
der Szene vertraut sind. Die oft angeführte Strophe des masochistisch
eingestellten Dichters Charles Baudelaire:
„Ich bin das Messer und die Wunde,
Ich bin die Wange und der Streich,
Gerädert Glied und Rad zugleich.
Ich bin der Henker und sein Kunde."
ist in diesem Sinn unvollständig. Der Masochist ist in seinen Phan-
tasien auch der Zuschauer der Exekution und geniesst die Lust dieses
Zuschauers, die freilich eine abgemilderte, sozusagen verdünnte
sadistische Befriedigung ergibt.
In der früher erwähnten Auswahl von Bildern oder Szenen ist
das Moment der sexuellen Erregungsfähigkeit das wichtigste; es ist
nicht das einzige, das die Entscheidung bestimmt. Andere Faktoren
wie z.B. die Übereinstimmung mit der Realität machen ihren Einfluss
auf die Gestaltung geltend. Oft wird bei der Vorstellung von Einzel-
heiten so lange verweilt, bis sie sich als realitätsgerecht darstellen
lassen. Manchmal wird eine Situation so lange zurechtgerückt und
verändert, bis sie keinen krassen Widerspruch mehr mit anderen Ein-
zelheiten aufweist. Das ist umso auffallender als sich der Phantasierende
andererseits oft rücksichtslos über dergleichen Bedenken und Über-
legungen hinwegsetzt. Der Patient mit der Molochphantasie ver-
58
-weilte zum Beispiel lange und oft bei der Vorstellung eines glühenden
Rostes, auf dem die Opfer eines antiken Götzendienstes gelegt wurden.
Diese Vorstellung wurde so lange ausgeführt, bis sie sich in allen
Einzelheiten als technisch richtig darstellte. Das war nicht einfach,
da sich der Rost automatisch öffnen musste, um in einem bestimmten
Augenblick, in dem die Opfer genügend angesengt waren, die Männer
in die darunter glühenden Flammen zu werfen. 1 Auf der anderen
Seite trug er kein Bedenken, grobe Anachronismen in seine Phantasie
aufzunehmen. Unmöglichkeiten in Bezug auf Zeit- und Ortsumstände
blieben seiner Beobachtung natürlich nicht verborgen, bekümmerten
ihn aber nicht. Man könnte eine solche Einstellung der Haltung eines
Dichters vergleichen, die einmal die Einzelzüge einer historischen
Darstellung in Übereinstimmung mit dem geschichtlichen Material
bringt, um sich an anderer Stelle unmögliche poetische Licenzen zu
gestalten. Der Patient hatte sich z.B. lange und intensiv mit den
Altertümern Mexikos und Perus beschäftigt. Er kannte nicht nur
die Hauptwerke über die Geschichte dieser Länder, sondern auch
die meisten speziellen Untersuchungen über ihren antiken Opferkult.
Auch hatte er selbst wiederholt die Überreste dieser versunkenen
Kultur, Bauwerke, Altäre u.s.w. aufgesucht. Er wusste natürlich,
dass die rituelle Opferung bei den Azteken nicht die Kastration war.
Trotzdem beharrte er in seinen Phantasien bei der Kastrations-
vorstellung in diesem ihm so vertrauten Rahmen. Als Beispiel einer
solchen krass ungeschichtlichen Phantasie sei das folgende gewählt,
weil es einen Einblick in die seelischen Bedingtheiten so auffälliger
Einzelzüge vermitteln kann. Ein englischer Truppenomzier(!) ist
in die Hände eines antiken Aztekenstammes gefallen, der die Ge-
fangenen von Zeit zu Zeit in feierlichen Formen den Göttern
opfert, indem er sie kastriert. Bis zur Exekution ist der Gefangene
Gast im Hause des Mannes, der ihn gefangen nahm und der auch die
•Operation durchfuhren wird. Dieser führt den Offizier, der im übrigen
1 Zur Deutung der Phantasie genüge hier der Hinweis auf I. Corinthier
q: . . . können sie sich nicht enthalten, so mögen sie heiraten. Es ist besser
heiraten als Glut leiden.
59
freundlich behandelt wird, einmal in ein Zimmer, um ihm die Genita-
lien von Männern, die früher kastriert wurden, zu zeigen. An dieser
Stelle der Phantasie tritt ein charakteristisches Zaudern oder Über-
legen ein. Es ist die Frage aufgetaucht: wo und wie sollen die Geni-
talien aufbewahrt werden? Ursprünglich stellte sich der Phantasie-
rende vor, sie könnten in einer schön verzierten Truhe deponiert
liegen. Diese Vorstellung wurde während der Phantasie zurück-
gewiesen, weil das Fleisch so verfaulen und einschrumpfen würde.
Auch die Möglichkeit, sie könnten ausgestopft und aufgestellt werden
wie tote Vögel, wurde zurückgewiesen. Der Tagträumer entschied
schliesslich dahin: sie werden in Gläsern voll Spiritus konserviert.
Hier ist der unterirdische Anschluss an das Kindererlebnis, das Stück
Realität, von dem die Phantasie ausging, gewonnen. Wie bereits
erwähnt, war der ältere Bruder des Patienten, der damals vier Jahre
alt war, wegen Phimose operiert. Der kleine Junge muss in seiner
Vorstellung die Operation dem Abschneiden des Gliedes gleich-
gesetzt haben. Später konnte er sich freilich durch Augenschein davon
überzeugen, dass der Penis des Bruder, wenngleich mit einer Wunde,
erhalten geblieben war. Dieser Eindruck war aber schwächer als
der frühere, der für seine Phantasie Realitätscharaktcr hatte und an
dem er hartnäckig festhielt. Der alte Eindruck muss einige Jahre
später wiederbelebt worden sein, als sich derselbe Bruder einer Blind-
darmoperation unterziehen musste. Damals wurde den Brüdern nun
wirklich der entfernte Blinddarm in einem Glas mit Spiritus gezeigt.
Hier ist also jener Zug aus der Wirklichkeit, der sich auf einem so
eigenartigen Umweg, gleichsam incognito, in diese späte Phantasie
eingeschlichen hat. Man erkennt hier deutlich einige Teil des Mater-
ials, aus dem sich das Phantasieganze zusammensetzt. Der auf die
Einzelheit bezogene Zweifel verttrit gewiss den damals aufgetauchten
bei dem Knaben, aber auch den anderen, der noch im Unbewussten
des Erwachsenen fortlebt: kastriert der Vater die Söhne, werde auch
ich kastriert werden? Die Einstellung des Patienten gegenüber seinen
Phantasieen war eine zweiseitige: er widmete ihrer Ausführung einen
grossen Aufwand gedanklicher Energie und Scharfsinns. Auf der
anderen Seite fand er sie toll und lächerlich, schämte sich ihrer und
60
verstand manchmal nicht, wieso ihn so kindisches und groteskes Zeucr
intensiv beschäftigen und erregen konnte.
Es wurde bereits gesagt, dass die Szenen, welche die Masochisten
aufführen, sozusagen Inszenierungen von Phantasien! sind, wobei
immer noch neue Züge eingefügt, alte abgeändert werden, um den
höchsten Lustwert zu erreichen. Wenn man zahlreichen Eindrücken
aus der analytischen Beobachtung glauben darf, so stellt sich die erre-
gende Phantasie zuerst spotan ein. Erst später wird sie absichtlich zum
Zwecke der Erregung wachgerufen. Ja sie kann gelegentlich zu
einem Auftauchen gezwungen werden. So konnte Goethe die
Poesie „kommandieren". So scheint es, als ob der Masochismus auch
genetisch mit Phantasieen beginnt. Ihre Bedeutung wird auch in
den späteren masochistischen Gestaltungen nicht geringer werden,
ja sie wird sich steigern. Hat sich zuerst im Gefolge einer Phantasie
eine sexuelle Erregung eingestellt, so kommt es später nicht selten
vor, dass sich zuerst eine sexuelle Erregung kundgibt, zu deren
Steigerung die bisher unbewusst gebliebene Phantasie herbeigerufen
wird.
Eigenartig und bisher nicht erkannt ist das Schicksal der Phantasie
der desexualisierten Form des Masochismus, im Masochismus als
einer Lebenseinstellung. Dem oberflächlichen Blick mag es so er-
scheinen, als ob sie dort überhaupt fehlt oder bedeutungslos wird.
Daran ist aber nur richtig, dass es selten zur Ausbildung von Einzel-
phantasieen kommt, die sich dann in den besonderen individuellen
Lebensschicksalen erfüllen und sichtbarlich zur masochistischen
Befriedigung beitragen. Die Bildung individueller Vorstellungen
erübrigt sich hier, weil der Einzelne auf die in Religion und Tradition
bereitliegende Massenphantasie zurückgegriffen hat. Die Phantasie
hat sich zwar in ihrer Einzelgestaltung verflüchtigt und ist als solche
schwer greifbar, sie hat sich aber gleichzeitig auf das ganze Leben und
Schicksal der betreffenden Person ausgebreitet und ihr eine bestimmte
Rolle zugewiesen. Die Lebensgestaltung steht als Ganzes unter der
Herrschaft einer unbewussten, nur selten in ihren Ausläufern be-
wusstseinsfähigen masochistischen Phantasie. An Stelle des sexuellen
Partners sind dort höhere Mächte getreten, an die Stelle des sexuell
61
erregenden Leidens, Schicksalsschläge, die doch ihre verborgene Be-
friedigung mit sich bringen. Darüber wird noch ausführlich ge-
sprochen werden.
Hier sei nur betont, dass die Bedeutung der Phantasie für das
Wesen des Masochismus in den analytischen Theorien bisher noch
nicht gewürdigt, ihre Unerlässlichkeit noch nicht erkannt wurde.
(Die so vernachlässigte Phantasie hat sich freilich gerächt. Sie be-
herrscht jetzt, zur Phantastik geworden, die Theoriebildung mancher
Analytiker wie z.B. S. R a d o s.)
Als erstes und wichtigstes Merkmal des Masochismus in allen seinen
Gestaltungen merken wir an: die besondere Bedeutung der Phantasie.
Das Suspense — Moment
Der zweite charakteristische Zug des Masochismus ist ein be-
sonderer Ablauf des Lusterlebnisses, der bisher kaum je eine ausgiebige
oder tiefgreifende Behandlung erfahren hat. Dieser Ablauf ist an der
Entwicklung der Spannung am besten erkennbar. An dieser Span-
nung treten zwei Züge hervor und grenzen sie von der im Normal-
Sexuellen ab: das Überwiegen des Ängstlichen und die Tendenz,,
die Spannung zu prolongieren. Das will heissen: die masoch istische
Spannung zeigt stärker als die sonstige ein Schwanken zwischen
Ängstlichem und Lustvollem und ein Streben, diesen Zustand
möglichst lange aufrechtzuerhalten. Sie widerstrebt so der natürlichen
Tendenz nach Entspannung. Zwischen diesen Zügen muss ein, uns
noch nicht erkennbarer Zusammenhang bestehen, dem wir nach-
forschen wollen.
Vorerst ist man versucht, anzunehmen, dass jenes Schwanken
zwischen Angst und Lust Zeugnis einer allgemeinen seelischen
Unsicherheit ist, die einer Entscheidung auszuweichen sucht. Eine
solche Vermutung kann rasch korrigiert werden, denn die Unsicher-
heit beschränkt sich auf das Sexuelle. Während im normalen Sexual-
leben keine oder zumindestens keine bemerkenswerte Note des
Ängstlichen der Lust beigemengt ist, wird das Erlebnis des Maso-
62
chisten von einer solchen Vermischung nie frei. Der Spannungs-
verlauf des Lusterlebnisses ist hier völlig abweichend.
Ich habe versucht, den seelischen Unterschied zwischen dein
Normalen und dem masoch istischen Spannungsverlauf in präzisen
deutschen Ausdrücken zu fassen. Es ist mir nicht gelungen. Die
besondere Nuance des masochistischen Erlebens Hess sich nicht
anders als in langen Umschreibungen charakterisieren. In solchen
Notlagen soll man nicht zögern, fremdsprachliche Ausdrücke, die
eine bessere Chance der Verdeutlichung bieten, zu gebrauchen.
Für den normalen Spannungsablauf ist das Wort Spannung durchaus
angemessen. Die masoch istische Erregungsart ist am besten durch
den Ausdruck Suspense gekennzeichnet. Die Differenz, die ich hier
meine, ist durch die Gegenüberstellung der beiden englischen Worte
Tension und Suspense nahezu vollkommen gedeckt. Tension
bedeutet einfach Spannung, wobei eine natürliche Tendenz in der
Richtung auf einen Höhepunkt und eine Entspannung als selbst-
verstündlich vorausgesetzt wird. Im Gegensatze dazu enthält der
Ausdruck Suspense das Element des Ungewissen, Zögernden,
Schwebenden; zugleich das einer nicht bestimmten Zeit oder Dauer
dieses Zustandes. Man kann von einer „agonie of suspense" sprechen
und damit das Peinliche, ja Unerträgliche einer seelischen Spannung
bezeichnen. Das Wort aber kann auch die lustvolle Erwartung von
Kindern, die vor geschlossener Türe der Weihnachtsbescheerung
entgegensehen, beschreiben. Das Publikum, das auf den Urteilspruch
einer Jury wartet, ist ebenso im Suspense wie der Leser einer Detek-
tivgeschichte. Die deutsche Sprache kennt keinen entsprechenden
Ausdruck. Am nächsten würde ihm etwa das G oe t besehe „Hangen
und Bangen in schwebender Pein" kommen. Das „Hangen" be-
zeichnet wie Suspense das Lustvoll-Aengstliche einer Spannung.
Es ist gewiss kein Zufall, dass das Aufhängen an bestimmten Appara-
ten zu den beliebten masochistischen Perversionen gehört. Ich ver-
mute, dass damit eine funktionale Vergegenständlichung der Sus-
pense-Sensation gegeben ist.
Das zweite Merkmal des Spannungsverlaufes im Masochismus
ist eine Tendenz, die Spannung zu verlängern, während sonst im
63
Sexualleben die entegengesetzte Absicht, die Spannung loszuwerden,
besteht. Wir wollen vorsichtiger sagen: es scheint eine solche Tendenz
zu bestehen. Oberflächlich gesehen, scheint es, der Masochist strebe
danach, die .Spannung zu verlängern, um die Lust dauern zu lassen.
Es ist, als wolle er jenes Wort, „alle Lust will Ewigkeit", in Erfüllung
gehen lassen. Das aber ist nur Schein. Jede genauere Untersuchung
erweist, dass sein Streben darnach geht, die Vorlust zu verlängern
oder, was viel wichtiger ist, die Endlust zu vermeiden. Hier aber
unterscheidet sich der Masochismus durch einen Sonderzug von den
anderen Perversionen, in denen allen das Verweilen auf der Vorlust-
stufe erscheint. Im Masochismus wird die Endlust vermieden, weil
ihr Auftreten mit Angst verbunden ist.
Das Aufschieben und der endliche Verzicht auf die Endlust ist
durch eine Analogie leicht deutlich gemacht. Wir alle kennen Bei-
spiele von Kindern, welche eine Speise, welche sie besonders lieben,
bis zuletzt aufheben. Wenn sich diese Tendenz, das Beste einer
Mahlzeit bis zum Schlüsse zu reservieren, durchsetzt, könnte eine
solche Gewohnheit dem Erzieher vielleicht als Vorübung für die
Lebensführung willkommen erscheinen. Er darf indessen die Gefahr
nicht übersehen, die sich aus der Übertreibung dieser Übung ergibt:
dass das Kind endlich ganz auf jene Speise verzichtet. Aus dem Auf-
heben ist ein Aufgeben geworden. Aus dem Training zur Selbst-
beherrschung ein Zug zur Askese. Ich kenne ein Beispiel, dass ein
kleiner Junge eine süsse Dessertspeise, die er liebte, in einer Lade
aufbewahrte und immer wieder seine Lust, sie zu essen, bekämpfte.
Als er sich schliesslich dazu entschloss und nach mehreren Tagen die
Lade öffnete, war die Schokoladespeise verschimmelt.
Das entsprechende sexuelle Verhalten ist in der Pubertät nicht
selten zu beobachten: eine typische Form der Onanie besteht darin,
die Entspannung durch Unterbrechung der manuellen Tätigkeit und
durch ableitende Gedanken zu vermeiden. Nach einiger Zeit wird die
Onanie wieder aufgenommen und die Erregung wieder knapp vor
der Ejakulation abgebrochen. Die Jungen, die in dieser Art onanieren,
geben oft an, sie tun dies, um einen möglichst ausgedehnten sexuellen
Genuss zu haben. Das unerwartete Resultat ist manchmal, dass sich
64
die Ejakulation vorzeitig oder ohne Genuss einstellt oder ganz
ausbleibt, also Verzicht auf die Endlust.
Es ist klar, dass dieses Hinausschieben oder vielmehr dieses Aus-
weichen vor der Endlust den Charakter des Suspense-Gefühles mit-
bestimmt. Auf der einen Seite ist die Endlust gewünscht und ersehnt,
auf der anderen wird sie aus uns noch dunklen Gründen vermieden.
In jedem Fall vorgeschrittener masochistischer Einstellung ergibt
sich aus dem Widerstreit dieser beiden Strebungen eine seelische Situ-
ation, die dem Erregungsablauf jenes charakteristische Schwanken
zwischen Lustvollem und Ängstlichem gibt, eine lustvolle Unlust,
könnte man paradox sagen. Oberflächlich betrachtet, sieht es so aus,
als wolle der Masochist die sexuelle Spannung loswerden und doch
behalten, eat a cake and have it. Das Ende ist, dass er sie loslässt
oder vielmehr, dass sie ihn verlässt. Das Luststreben läuft in Unlust
aus, in eine lustlose Ejakulation oder in ein Aussetzen der Spannung
ohne Befriedigung.
Man kann im Suspense-Moment den Stempel, den der Masochis-
mus der Sexualität aufdrückt, erkennen: in ihm ist die Legierung von
Luststreben und Selbstquälerei vollzogen. Das Resultat ist, dass das
Unzulängliche hier Ereignis geworden ist. Der typische Sexualablauf
des Masochismus wird also sein, dass die Erregung nie so gross wird,
dass sie in voll befriedigendem Orgasmus mündet, sondern dass sie im
„suspense" gehalten wird.
Das Suspense-Moment findet seinen Ausdruck entweder in den
Phantasieen oder im Ablauf der masochistischen Szene. Hier ein
Beleg seiner Auswirkung in einer der Molochphantasieen, von denen
ich früher berichtete. Die Phantasie hat folgenden Inhalt: eine Reihe
junger Männer soll dem Moloch geopfert werden, indem sie ver-
brannt werden. Sie werden einzeln auf einen Rost gebracht, der
beweglich ist und unter dem das grosse Feuer des Molochrachens
glüht. Die Opfer hängen über diesem Rost. Die Teile ihres Körpers,
die mit ihm in Berührung kommen, versengen. Die Frage, um
welche die masochistische Phantasie kreist, ist nun: werden die jungen
Männer da hängen bleiben, bis sie nach und nach verbrennen oder
werden sie sich in die Flammen stürzen, um Erlösung und schnellen
E 65
Tod zu finden? Oder vielmehr: wie lange werden sie die Qual aus-
halten, bis sie sich „gehen lassen", sich freiwillig in das riesige Feuer
stürzen? Wenn man bedenkt, dass sich der Patient meistens mit dem
nächsten Opfer identifiziert und auch das Hangen in schwebender
Pein des vorangehenden in Erwartung des eigenen Schicksals miter-
lebt, so erkennt man die Ausbreitung des Suspense. Es kommt übrigens
vor, dass die Phantasie mit der Ausmalung der Einzelheiten bei der
Vorbereitung und Zurüstung des Feuers durch zwei Heizer beginnt,
die, ebenfalls Gefangene, wissen, dass am Ende sie selbst den Feuertod
erleiden müssen. Wenn die „Synchronisierung" gelingt, tritt die
Ejakulation in dem Augenblick ein, wenn sich das Opfer in der Phan-
tasie endlich fallen lässt. Derselbe Patient hatte aus dem Buche von
Diaz de Castello den Zug übernommen, dass ein portugiesi-
scher Gefangener der Azteken 18 Tage warten musste, bis er, der
die Exekution seiner Genossen mitansehen musste, als letzter unter
Martern getötet wurde. Das Suspense-Moment verkleidete sich in
den Phantasieen oft als Überlegung wie z.B. der, bei welchem
Körperteil man zweckmässig beginne, wenn man einen Menschen
lebendig schinde, welcher Teil dann folge, welche Reaktionen das
Opfer zeige, wie lange es die Qual aushalte, ohne ohnmächtig zu
werden u.s.w. Dieser Phantasiezyklus war durch den Marsyasmythos
angeregt. Die technischen Einzelheiten des Rostes über dem Moloch-
feuer wurden während der Phantasie überlegt, verworfen und ab-
geändert, während die sexuelle Erregung abebbte oder stillstand. Als
weibliches Gegenstück sei eine Phantasie erwähnt, die sich um das
Tragen eines Geradehalters oder eines sehr einschnürenden Korsetts
drehte. Der Druck des Apparates, den die Patientin immer tragen
möchte, erregt in ihrer Vorstellung eine starke sexuelle Erregung,
die sie lange auf bestimmter Höhe festhalten kann. Die Phantasie
beginnt meistens in der Vorstellung des Einkaufens des Apparates,
der Zweifel, was die Verkäuferin sich darüber denken könnte, dem
Aufschieben des Kaufes. Der Ausgangspunkt der Phantasie ist eine
historische Tatsache: das kleine Mädchen, das eine schlechte Körper-
haltung zeigte, musste längere Zeit auf Befehl der Mutter einen
Geradehalter tragen. Die erotische Bedeutung des Druckes auf die
66
Schulter wurde in einer nächsten historischen Schicht verstärkt und
wiederbelebt, als die Halbwüchsige mehrere Jahre später mit einem
älteren Bruder Ringkämpfe aufführte. Entsprechend den Sportregeln
sollte der Unterliegende auf die Schultern gelegt werden und musste
mit ihnen eine bestimmte Zeit den Boden berühren. Das Mädchen
wehrte sich verzweifelt, musste aber schliesslich immer wieder im
übertragenen und wörtlichen Sinn „unterliegen". Das Suspense-
Moment war hier mit dem phantasierten Verlauf des Ringkampfes
und mit der Dauer des Da-Liegens verbunden. Es war ja noch immer
die Chance gegeben, dass der Bruder sie nicht niederzwingen würde
oder dass sie, während sie am Boden lag, doch die Schultern werde
heben können.
Es ist verfehlt, den Masochismus als eine unveränderliche Einheit
aufzufassen. Aus dieser irrigen Konzeption, die keine Phasen, Fort-
schritte und Umwandlungen erkennt, ergeben sich Fehldeutungen
und falsche Anschauungen. Wenn man etwa eine Eigenheit, die
sich erst als Resultat einer längeren seelischen Entwicklung ergibt,
als feststehende und gleichbleibende von Anfang an annimmt, hat
man sich in eine Sackgasse verirrt. Man verrammelt sich endgültig
den Weg zur Problemlösung, wenn man wie Wilhelm Reich
einfach erklärt, beim Masochismus bestehe eine Unfähigkeit zur
Erregungssteigerung. Es wurde hier gesagt, dass der Masochist die
Steigerung der Erregung bis zum Orgasmus zu vermeiden strebe.
Die Erklärung, die naheliegt, ist nicht die einer Unfähigkeit, sondern,
dass die Endlust vermieden wird, weil sie sich mit einer Angst ver-
gesellschaftet. Im weiteren Verlauf der Entwicklung und in der
Verschiebung dieser Angst wird auch die Erregungssteigerung, die
zum Orgasmus führen könnte, vermieden. Erst als letztes Ergebnis
dieses Prozesses stellt sich Impotenz ein, die wir so häufig bei Maso-
chisten finden. Es ist nicht richtig, was W. Reich annimmt,
dass jede stärkere Lust sofort gehemmt und in Unlust verwandelt
wird, so dass End-Unlust für End-Lust eintritt. Das kann, muss
aber nicht der Endausgang der masochistischen Entwicklung sein.
Die Erregungssteigerung war unsprünglich sehr erwünscht, solange
sie nicht zum Orgasmus führte. Erste wenn die Angst vor der End-
67
lust — streng gesprochen: vor den Konsequenzen der Endlust — über-
gross geworden ist, wird auch die Erregungssteigerung vermieden.
Gerade die Einsicht in die Bedeutung des Suspense-Momentes
ergibt besondere Aufschlüsse über den Vorgang. Die Steigerung der
sexuellen Erregung lässt auch die Angst wachsen, so dass auf jedes
Zeichen stärkerer Spannung mit einem dringenderen „Gefahren-
signal" reagiert wurde.
Erst die Ausbreitung und Verschiebung der Angst lässt schliesslich
jede Erregungssteigerung als unerwünscht erscheinen, bis sich end-
lich Impotenz einstellt. Der Erfolg ist dann dem ähnlich, den die
Asketen des Frühchristentums erreichten, die nicht zuliessen, dass
sich ihre sittliche Willenskraft angesichts der Versuchung selbst
bewähre, sondern schon jede Gelegenheit zur Versuchung sorglich
vermieden. Der Orgasmus und die sexuelle Befriedigung werden
also nicht als solche gefürchtet, sondern weil sie geheimnisvolle
Strafen im Gefolge haben.
Wir verstehen jetzt die Natur des Suspense-Faktors besser. Er ist
sozusagen eine Spannung in der Spannung. Seine zwiespältige Note -
zwischen Lust und Angst — wird durch die Unsicherheit oder das
Schwanken, ob der Orgasmus erreicht werden wird oder nicht, be-
stimmt. Die Lust, die verbotene Schwelle zu übertreten, ist drängend
genug. Ebenso stark und schliesslich stärker wirkt die Angst vor den
Folgen der Verbotübertretung. Das Suspensegefühl ist also nicht mit
der sexuellen Spannung identisch, sondern mit der durch die Angst
veränderten und verwandelten Sexualspannung. Es ist ursprünglich
keineswegs lustvoll, es wurde erst dazu, weil es gewisse rmassen das
Zweitbeste — an Stelle des Orgasmus — war. Wieder habe ich
hier auf die Wichtigkeit verschiedener Entwicklungsphasen und
unterschiedener Möglichkeiten hinzuweisen. Die Stellung des
Suspense-Faktors kann gleichsam als ein Kompass innerhalb dieser
vielfachen Wege angesehen werden. Eine der Entwicklungen ist
folgendermassen zu beschreiben: an Stelle der Lust, die von Angst
begleitet wird, tritt Angst, die Lust bringt. Es kommt also zu einer
Osmose von Angst und Lust. Wenn sich der Masochismus konsti-
tuiert und in seiner Herrschaft befestigt hat, wird es dazu kommen
68
können, dass- durch seelische Akzentverschiebung- auch diese Angst
gewünscht und genossen wird. Das Suspensegefühl kann sich soweit
verschieben, dass eine wollüstige Erwartung von Angst beobachtet
werden kann. Eine solche sonderbare Mischung ist dem entwickelten
Masochismus auch sonst nicht fremd. „Das quält so schön" so bezeich-
nete eine Patientin die masochistische Sensation.
Vergleicht man den Erregungsablauf in anderen Perversionen, so
wird man im Suspense ein scharf umrissenes Charakteristikum des
Masochismus erkennen. Es sei hier angemerkt, dass die Bedeutung
des Suspens-Faktors natürlich nicht auf das Gebiet des Masochismus
beschränkt ist. Es ist eine besondere Gefühlsnote, deren Geltungs-
bereich, bisher kaum erkannt, eine Rolle seelischer Situationen um-
fasst und verschiedene psychische Phänomene mitbestimmt.
Die Störung in der Spannungssteigerung, sagten wir, lässt hier ent-
weder die Endlust nicht zu, lässt sie in eine flache Linie übergehen
oder verändert ihren Charakter sogar in ihr Gegenteil, in Endunlust.
Im Falle des Eindringens der Lust in die Angst wird das Suspense
geradezu zur Vertiefung der Lust, es tritt also in den Dienst der
Erregunossteigerung. Die Angst weicht sozusagen unter dem immer
stärkerem Druck des Luststrebens. Sie gibt dem stärkeren Gegner
widerwillig und doch gerne nach. Für den Charakter dieses wider-
strebendfreiwilligen Nachgebens scheint mir kein Ausdruck bezeich-
nender als das Wort, das M i 1 1 o n für die Macht der Musik gefunden
hat: „such sweet compulsion." 1
Wir haben das Suspense-Moment bisher nur soweit verfolgt, als
es seine Wirksamkeit im Sexualleben entfaltet, ohne dass wirkliche
masochistische Szenen vorausgegangen sind. Die Sachlage ändert
sich mit dem Eintritt perverser Praktiken. Das Einspielen des Sus-
pense-Gefühles wird den Masochisten an der Erreichung der Endlust
hindern, solange er nicht Bestrafung, Erniedrigung oder Unlust
3 ) „ Such sweet compulsion does in music lie,
To lull the daughters of necessity,
And keep unsteady nature to her law"
Milton, Arcades.
6 9
erfährt. Es ergibt sich also eine Alternative, die scharf ausgeprägt so
aussieht: Bestrafung, Demütigung, Unlust — Orgasmus oder: keine
Unlust und Bestrafung — Suspense und kein befriedigender Orgas-
mus, eventuell Endunlust. Anders ausgedrückt: wenn der Masochist
in jener Form Schmerz oder Unlust erfahren hat (natürlich auch in
der Phantasie), ist er wohl fähig, zum Orgasmus zu gelangen und
intensive Lust zu fühlen. Die Spannungssteigerung ist dann annähernd
normal. Wenn aber keine starke Unlust vorausgegangen ist, tritt an
Stelle der Erregungssteigerung das Suspense, was später zu Potenz-
störungen und zu Impotenz führen kann. Es gibt gewiss Übergänge
zwischen diesen Möglichkeiten, im Ganzen ist diese Darstellung der
Alternative zweifellos richtig. Sie kann in jedem Einzelfall masoch-
istischer Einstellung nachgeprüft werden.
Eine Korrektur ergibt sich nur insoweit als das Suspense-Moment
auch dort nachzuweisen ist, wo die masochistische Praktik der sexuellen
Befriedigung vorangegangen ist. Freilich an einer unerwarteten
Stelle, in einer Verschiebung. Verfolgen wir etwa die Schilderung
einer masochistischen Szene: ein früher erwähnter Patient geht in
regelmässigen Abständen zu einer Dirne, lässt sich von ihr ausschim-
pfen, muss sich auskleiden und erhält einen Schlag auf den Hintern.
Darauf erfolgt die Ejakulation. Soweit die Szene in grober, äusser-
lichen Deskription. Eine die Einzelheiten sorgfältiger beobachtende
Beschreibung muss uns davon überzeugen, dass sich die Szene deutlich
in zwei Teile gliedert: in die Erwartung des Schlages und in die Aus-
führung des masochistischen Aktes. Zum ersten Teil ist das ganze
Vorspiel zu rechnen: die Vorstellungen der Szene vorher, die Er-
wartung, während er die Treppe hinaufsteigt, die Sätze, die gewech-
selt werden. Das Beschimpfen, die verbale Drohung, von expressiven
Gesten begleitet, endlich die minutenlange Erwartung des Schlages
ist libidinös wichtiger als der Schlag selbst. In manchen Fällen ist die
in der Zeit des Gescholtenwerdens oder Bedrohtwerdens erreichte
Spannung ausreichend, um zur Endlust zu gelangen.
Der psychologische Charakter dieser Erwartung entspricht durch-
aus dem des Suspenses. Er schwankt zwischen Lustvollem und Ängst-
lichem. Schärfer gefasst: es ist ein Geniessen der Angst vor der Be-
70
strafung und Beschämung. 1 Wir haben unsere frühere Aussage dahin
zu korrigieren, dass sich auch in der perversen Praktik das Suspense-
gefühl bemerkbar und merkbar macht. Seine Rolle ist nur abge-
schwächt und auf die lustvoll-ängstliche Erwartung der Unlust ver-
schoben.
Wir können jetzt erkennen, dass die Phantasievorbereitung und
das Suspensemoment psychologisch zusammengehören. Die Vor-
stellungen der Einzelheiten, die Verzögerungen und Vorhalte,
Bedenken und Zweifel der Phantasie dienen demselben Zweck wie
das Suspense, ja sie sind intellektualisierte Abkömmlinge der Ten-
denzen, welche das Suspense bestimmen.
Vergleicht man die Suspenseverteilung in der masochistischen
Szene mit der in der Phantasie, so ergibt sich folgende Ansicht: im
ersten Fall ist die zwischen Angst und Lust schwankende Spannung
auf die erwartete Bestrafung, Erniedrigung und Beschämung gerichtet,
im zweiten auf die Endlust. Von hier aus ist nur ein Schritt zu der
Vermutuug, dass die Endlust aus Angst vor der Beschämung oder
Bestrafung vermieden wird. Als Erfolg dieser Angst ist es zu be-
trachten, dass die Endlust im Sexualverkehr nicht erreicht wird oder
sich in Endunlust verwandeln kann.
Die Spannung in der Phantasie ist ursprünglich lustvoll und erhält
ihren veränderten Charakter durch die Einwirkung der die Vor-
stellung begleitenden Angst. Anders ausgedrückt: das Moment des
Suspense enthüllt sich uns jetzt als die alte, wohlbekannte Sexual-
spannung, wie sie sich unter dem Einfluss unbewusster Angst ver-
wandelt hat. In der masochistischen Szene ist bereits die Angst
lustvoll geworden, eine weitere Entwicklungsphase. Aus angstvoller
Lust ist langsam lustvolle Angst geworden, die jetzt den Charakter
x ) Wie fehl auch scharfsinnige Analytiker wie S . Nacht in der Er-
fassung von seelischen Situationen gehen, bemerkt man erstaunt, wenn
dieser Beobachter angesichts eines Gefühles solcher Art von einer „attente
anxieuse de la douleur" spricht. Der Doppelcharakter des Suspense kommt
bei solcher Beschreibung ebensowenig zum Ausdruck wie die Akzentver-
schiebung von der Angst zur Lust. Es wäre viel richtiger, von einer „attente
volupteuse de la douleur" zu sprechen.
7*
des Suspensegefühles bestimmt. 1 Die psychologische Einsicht in
diese Entwicklung, deren Abschluss erst den eigentlichen Masochis-
mus begründet, muss zu einer veränderten Konzeption dieser Trieb-
abweichung führen. Hier ist sie: der Masochismus ist nicht, wie
bisher angenommen, charakterisiert durch Lust an der Unlust, son-
dern durch Lust an der Erwartung der Unlust. Der Akzent, der
ursprünglich auf der Lust an der Endsteigerung und am Orgasmus
lag, wurde auf die angstvolle Erwartung verlegt und diese Verschie-
bung hat der Angst ihren Charakter genommen. Die Angst wurde
selbst zu einem Element der Lust. Wie verhält sich das Suspense-
gefühl zu dem der Vorlust? Die Vorlust nimmt in kleiner Dosis die
Endlust voraus. Sie ist gewissermassen eine Kostprobe auf den Orgas-
mus. Das Suspensegefühl ist von gleicher Art, aber zugleich auch
eine Vorwegnahme der zu gewärtigenden Unlust durch die Strafe,
also etwa einer Kostprobe auf eine Speise, die man gerne hätte und
die verboten ist, vergleichbar. Sie ist also Vorlust plus Vorunlust und
wandelt sich schliesslich immer mehr in Vorunlust.
Wie kommt es aber, dass diese Vorunlust schliesslich im Masochis-
mus aufgesucht wird? Wir alle werden, wenn uns eine Unlust, ein
Schmerz erwartet, das Gefürchtete in die Ferne rücken, es nicht
herbeiführen, keinen Vorschuss euf einen kommenden Schmerz
nehmen wollen. Jemand, der eine schwere Operation vor sich hat
wird sich kaum in seinen Finger schneiden, um sich ein Vorgefühl
des künftigen Schmerzes zu verschaffen. Unter bestimmten Bedin-
gungen hat freilich jeder schon ähnliche Dinge getan. Nehmen wir
folgendes Beispiel: ich verspüre Zahnschmerz, einen jener plötzlich
auftauchenden und dann aussetzenden Schmerzen. Ich nehme mir
vor, sobald ich Zeit habe, zum Zahnarzt zu gehen. Eine halbe Stunde
l ) Solche Verwandlung ist natürlich nicht nur auf die masochistischen
Praktiken Perverser beschränkt. Das Suspensegefühl kann auch sonst diesen
Charakter annehmen. Diese Einsicht lässt uns daran zweifeln, dass J o s h .
B i 1 1 i n g s komisches Understatement: „Waiting to be whipped is the
most uninteresting period in boyhood Life" allgemein giltig ist. Erinne-
rungen an die Knabenzeit von Masochistischen erweisen, dass eine solche
von Suspense erfüllte Wartezeit auch genossen wurde.
7 2
später hat der Zahnschmerz aufgehört. Ich weiss; er wird wieder-
kommen und ich muss nächstens zum Zahnarzt gehen. Ich bewege
meine Zunge und bringe sie vorsichtig in die Nähe der schmerzenden
Stelle. Die Berührung schmerzt. Einige Minuten später wiederhole
ich das, obwohl ich doch weiss, dass es schmerzen wird. Ich tue es
gewiss nicht nur, um mich zu überzeugen, dass der Zahn noch
schmerzt. Es muss ein anderes Motiv vorhanden sein. Ich habe Angst,
dass der Zahn wieder von selbst zu schmerzen anfangen wird. Ich
berühre ihn mit der Zunge, um mich darauf vorzubereiten oder mich
abzuhärten, anders gesagt, um die Angst zu vermeiden oder nicht so
gross werden zu lassen. Ich suche also etwas auf, wovor ich Angst habe
— aus Angst. Ich nehme ein Stückchen Schmerz auf mich, um ihm
nicht plötzlich oder unvorbereitet ausgesetzt zu sein. Hier ist also
ein absichtliches Aufsuchen der Vorlust, eine masochistische Tätigkeit
in miniature.
Hier ein anderes plausibleres Beispiel: eine Patientin, deren
masochistische Züge in neurotischer Verarbeitung deutlich sind,
berichtet, dass sie schon als kleines Mädchen eine Art Masochismus
bei sich bemerkt hatte. Wenn die Kleine in die Badewanne gesetzt
wurde und sich das Kindermädchen entfernte, um etwa Handtücher
zu holen, drehte das kleine Mädchen den Hahn mit kaltem Wasser
ein ganz klein wenig auf und liess einige Tropfen auf ihren Arm
fallen, was ihr immer ein unangenehm- lustvolles Gefühl gab. Un-
nötig zu bemerken, dass die Kleine die kalte Douche sehr hasste und
sich davor fürchtete. Sie wusste, bald würde die Waschung mit kaltem
Wasser kommen und sie nahm sie, indem sie ein paar Tropfen auf
ihren Arm fallen liess, voraus. Wir werden nicht zögern anzunehmen,
dass das kleine Mädchen so handelte, weil sie sich besonders fürchtete.
Sie suchte die Vorunlust auf, um gegen die grössere Unlust besser
gewappnet zu sein oder um nicht zu grosse Angst verspüren zu
müssen.
Die Vorunlust, die hier wie im Masochismus vorweggenommen
wird, soll also einen Schock abwehren oder einer Steigerung der
Angst entgegenwirken. Um Angst zu vermeiden, wird das Unlust-
volle absichtlich herbeigeführt. Dadurch, dass das Mädchen das angst-
73
erregende Ereignis im Kleinen geschehen lässt, einige Tropfen
auf ihre Haut fallen lässt, hat sie Angst beschwichtigt. Es ist wichtig,
dass, was sie fürchtet, ihr nicht angetan wird, sondern dass sie selbst es
tut. Sie tut es, sie ist aktiv, ist Herrin ihres Schicksals. Neben dieser
Vorwegnahme, die eine Verwandlung vom Passiven ins Reflexive
einschliesst, ist ein zeitliches Moment wichtig: die Spannung wird
auf eine längere Zeit verteilt, also vorbereitet. Wenn das Kinder-
fräulein den Hahn mit kaltem Wasser aufdreht, ist ein Schock zu
erwarten. Wenn die Kleine die Tropfen rinnen lässt, hat sie die
Spannung durch Verteilung auf mehr Zeiteinheiten verringert. Sie
hat sich seelisch vorbereitet, ist einer plötzlichen Spannungssteigerung
entgangen. Durch die längere Zeit, die ihr auf diese Art zur Bewälti-
gung der Eindrücke zur Verfügung steht, hat sie eine starke Spannung
in eine massige umgewandelt.
Die hier angeführten Momente sind aber in jedem Fall von
Masochismus nachzuweisen : die Vorunlust kommt nicht überraschend,
sondern mit dem Willen, ja nach den Anweisungen des Masochisten.
Er zeigt oder ordnet sogar an, was man ihm Unangenehmes tun
solle. Es wird ihm nicht- wider seinen Willen- angetan. Was ihm
geschieht oder was er an Bestrafung oder Erniedrigung leidet, ge-
schieht in einem von ihm gewählten Zeitpunkt, in einem von ihm
gewählten Rythmus und einer von ihm bestimmten Ordnung. Die
Spannung wird auf eine Zeit verteilt und damit die Angst beschwichtigt
oder ausgeschaltet. Überblicken wir diese Momente, so wird uns die
Einsicht dämmern, warum, was oft angeführt wurde, der Masochist
gewöhnlich keine Angsterscheinungen zeigt. Es kann sich keine
Angst entsickeln, denn der Masochismus hat ja die Absicht, Angst
zu vermeiden, durchgesetzt. Statt Angst zu leiden hat er sich dem
Leid ausgesetzt, statt sich vor einer Demütigung, Beschimpfung
oder Bestrafung zu fürchten hat er sie, Herr über ein unangenehmes
Schicksal, selbst herbeigeführt. Er hat sie vorweggenommen und ihr
alle Schrecken genommen. Der masochistische Mechanismus ist
also seiner Richtung nach eine Flucht nach vorne.
Als letzter Rest einer Angstentwicklung hat sich uns die Suspense-
Sensation gezeigt. Gerade das Studium dieses Momentes aber hat uns
74
verstehen lassen, wieso es dem Masochisten gelingt, in der Perversion
die Angstentwicklung zu vermeiden. Um der Angst vor Bestrafung
und Beschämung zu entgehen, arrangiert er diese selbst. Das Ver-
ständnis des Suspense- Momentes führt aber weiter. Es entdeckt
als einen wichtigen Faktor des Masochismus die seelische Vor-
bereitung auf die Unlust. Man kann sagen, dass die masochistische
Lust mehr an dieser Erwartung der Unlust hängt als an der Unlust
selbst.
Die Einsicht in das Wirken des Suspense-Faktors lässt auf der
anderen Seite auch die zweite Möglichkeit der Entwicklung des
Masochismus verstehen. Wenn einer seiner wesentlichen Züge die
Vermeidung der Angstentwicklung ist, so wird erklärbar, wieso sich
später aus Lust Unlust und endlich eine Hinausschiebung der Endlust
und schliesslicher Verzicht auf sie entwickelt. Ein Vergleich wird
hier am Platze sein: nehmen wir an, jemand habe einmal bei einem
Hochsprung eine böse Erfahrung gemacht. Viel später kommt er
wieder in die Situation zu springen. Er macht auch einen Anlauf,
kommt aufs Sprungbrett, macht schon die Bewegung des Springens
und wird im letzten Augenblick durch etwas Rätselhaftes gehemmt.
Gewiss hat ihn die unbewusste Angst in Erinnerung an jene Erfah-
rung gehindert. Später kommt er wieder bis zum Sprungbrett, es
tritt aber jene Hemmung schon früher, vor dem Ansetzen zum
Springen auf. Noch später bleibt es nur beim Anlauf und schliesslich
gibt er das Springen völlig auf, da er des Misserfolges von vornherein
sicher ist.
Woher aber nehmen wir das Recht, einen solchen Vergleich heran-
zuziehen? Aus den zalhreichen Erfahrungen der analytischen
Praxis bei Perversen und masochistischen Charakteren, nicht zuletzt
aus den Konstruktionen, zu denen uns Erinnerungen und Symptome
der Analysanden nötigen. Diese Konstruktionen linden aber eine
Art indirekter Bestätigung, wenn es im Verlaufe der analytischen
Behandlung gelingt, den Weg in gegenteiliger Richtung zu durch-
laufen. So zeigt es sich z.B., dass ein Impotenter mit masochistischen
Phantasien auf dem Rückweg zur Genesung alle jene Stationen
passiert, die hier skizziert wurden. In bestimmten Fällen atypischer
75
Art lässt sich nachweisen, dass nicht die Entwicklung der Angst,
sondern das Auftauchen eines starken Schreckaffektes vermieden
werden soll. Kann man die Kleine, die sich vor dem Einbruch starker
Angst durch eigenes Aufdrehen des Wasserhahnes schützte, eine
jMasochistin nennen? Gewiss nicht. Es fehlt ja ein deutliches Element
der Lust, das sie aus ihrem Tun gewinnen könnte. Es erfüllt nur die
eine Aufgabe, die im Masochismus gestellt ist: den Schutz vor der
Angst. Die andere ist die Triebbefriedigung und diese ist ursprüng-
licher und wichtiger als die andere. Die Angst ist erst später aufge-
taucht, hat das Luststreben gestört wie ein Schutzmann, der um die
Ecke biegt, eine übermütig-fröhliche Feier. Der Störenfried muss
beschwichtigt oder entfernt werden, ehe man sich ungestört wieder
der eigenen ungehemmten Lustigkeit hingeben kann. So wurde es
also zur nächstliegenden Aufgabe, mit der Angst fertig zu werden
oder sie loszuwerden. Das Wesentliche bleibt aber die Erreichung
der Triebziele.
Die Bewältigung und Vermeidung der Angst gelingt dem Maso-
chismus als Perversion besser als der Phantasie, die den normalen
Sexualakt mit masochistischen Vorstellungen begleitet. In der Per-
version wird die Strafe oder die Unlust aufgesucht, um den Störer
von vornherein abzufertigen und sich, von seiner Drohung befreit,
der Lust zuzuwenden. Eine solche vorweggenommene Unlust kann
sogar reaktiv zur Vertiefung der Lust führen, eine erhöhte Befriedi-
gung mit sich bringen wie jede Angst, deren man Herr geworden
ist.
Das Suspense-Gefühl, das zwischen Lustvollem und Ängstlichem
schwankt, stellt sich also als Ausdruck des Versuches dar, die Lust zu
erreichen und doch die Angst zu vermeiden. Der Masochismus ist
ein eigenartiger Versuch, der sich aus den zwei einander wider-
streitenden Aufgaben ergibt. Das Suspense-Moment ist ein Zeichen
und Zeugnis seines Werdeganges und Wesens. Es tritt schon in den
Situationen auf, welche den Ursprung der Triebabweichung bezeich-
nen, begleitet die masochistischen Phantasieen und bleibt als survival
bestehen, wenn sich der Masochismus zur aktuellen Perversion ent-
wickelt hat. Es ändert seine Äusserungsformen, doch nicht seinen
7 6
Charakter in den Gestaltungen des nicht mehr sexuellen, sozialen
Masochismus. Davon soll später gesprochen werden.
Der demonstrative Zue
Ich habe versprochen, hier die charakteristischen Züge zu zeigen,
die in keinem Falle von Masochismus vermisst werden. Die über-
ragende Bedeutung der Phantasie erschien uns als erstes, dass Suspense-
Moment als zweites Merkmal. Der dritte auszeichnende Zug soll
hier der demonstrative genannt werden. Diese Bezeichnung wird
später zu rechtfertigen sein. Gemeint ist damit, dass in keinem Fall
von Masochismus die Tatsache vermisst wird, dass das eigene Leid,
die Unlust, Beschämung oder Erniedrigung gezeigt, sozusagen in
die Auslage gestellt wird. Manchmal tritt dieser Zug so klar zu
Tage, dass man sich verwundern möchte, warum er so lange unge-
würdigt blieb. Manche analytische Beobachter wie H o r n e v, T.
L a m p 1, K. Menninger sind zwar in die Nähe dieses Zuges gelangt.
Sie sind aber nur nahe daran vorbeigegangen. Sie haben nämlich
auf den narzisstischen oder exhibitionistischen Charakter des Maso-
chismus hingewiesen. Ich will später zeigen, dass mir nicht nur diese
Bezeichnung irreführend scheint, sondern auch — was liegt an
Namen? — dass die damit verbundenen Vorstellungen falsch sind.
In den Praktiken der Masochisten spielt die Entblössung und
Zurschaustellung mit allen ihren seelischen Begleiterscheinungen
eine so grosse Rolle, dass man von einer gesetzmässigen Verbindung
von Masochismus und Exhibitionismus sprechen möchte. Wenn ich
es vorziehe, das Merkmal als demonstrativen Zug zu bezeichnen, so
hat dies zwei Gründe. Es soll das Missverständnis vermieden werden,
als sei mit dem Exhibitionismus nur ein Zeigen des als schön oder
anziehend Empfundenen gemeint. Dann aber soll unter demonstrativ
auch auf einen verborgenen Sinn solcher Zurschaustellung hinge-
wiesen werden, der später klarer zu Tage treten wird. Hier genüge
die Bemerkung, dass in einem Beispiel wie etwa dem Jean
Jaques Rousseau s, der gezwungen war, trotz aller Scham
vorübergehenden Damen seinen nackten Hintern zu zeigen, nicht
77
nur die exhibitionistische Natur des Masochismus deutlich wird
sondern auch jener wichtige Nebenzug, den ich als p r o v a k a -
torisch kennzeichnen will. Das Herzeigen oder Sehenlassen-
wollen sollte ja die sexuell befriedigende Strafe herausfordern.
Gelegentlich genügt die Demonstration in der Phantasie oder-
minder häufig- in der Realität, um die masochistische Befriedi-
gung zu erreichen. Ich erinnere hier an das Mädchen mit der Phan-
tasie des Schlächtermeisters. Das nackte Daliegen, das sie als besonders
entwürdigend und beschämend empfand, war eines der lustvollsten
Momente, besonders wenn sie sich vorstellte, dass keiner der Schlächter
sie besonders beachtete. In dem zweiten angeführten Beispiel des
Mannes, der zur Prostituierten geht und sich wegen „Schlimmseins' 4
schlagen lässt, ist die Entkleidung und Entblössung der Rückseite
fast so wichtig wie der folgende Schlag. Hier ist zu beachten, was
solche Demonstration vom Narzissmus trennt. Auf den ersten Blick
scheint es gleichgültig, ob das, was der Andere oder die Anderen zti
sehen bekommen als schön oder hässlich vorgestellt wird. Wird in
dem einen Fall der eigene Körper als anziehend und etwa die Exkre-
tionen als sexuell erregend vorgestellt, so erscheinen sie im andern
als abschreckend oder ekelerregend. Bei näherem Zusehen erkennt
man freilich eine kompliziertere Sachlage. Bei den Fällen mit be-
wusstem Stolz auf den eigenen Körper oder mit besonderem Ge-
fallen an ihm wird die Bestrafung oder Unlust, die folgt, stärker oder
die Entwürdigung schwerer. Wo der eigene Körper bewusst als
hässlich, das Vorgestellte oder Dargestellte als ekelhaft empfunden
werden, wird dieses Gefühl selbst zum Merkmal der masoch istischen
Lust und trägt zur sexuellen Erregung wesentlich bei. Wir erinnern
uns des Beispieles der ausgebreiteten Opferphantasien des Mannes
der seine Befriedigung in der Vorstellung fand, dass junge Männer
dem Moloch oder einer aztekischen Gottheit zugeführt werden.
Zu diesem grässlichen Feuertod waren nur die schönsten Jünglinge
des Stammes ausersehen. Sie wurden dem ganzen Volk gezeigt.
Hier könnte man freilich von einem narzisstischen Stolz sprechen
bei der Vorstellung, dass diese Jünglinge-alle „Doubles" des Tag-
träumers-, vor dem Götzenbild stehen, „with nothing on but a smile"
78
Ihr schöner Körper erregt die Bewunderung aller. Sie selbst aber
betrachten es als Auszeichnung, dass sie berufen wurden, den schreck-
lichen Tod in dem Flammen zu erleiden. Die stolz ertragene Marter
in dieser Phantasie soll gegenübergestellt werden dem tiefen Gefühl
ohnmächtiger Beschämung und Entwürdigung bei der Phantasie
eines jungen Mädchens, in der sie beim Urinieren oder Defäzieren
betrachtet wird, einer Phantasie, die doch deutlich masochistische
Lust brachte. An Stelle körperlicher Unlust oder Pein tritt oft die
beschämende oder erniedrigende Zurschaustellung, sowohl körperlich
als geistiger Mängel, die in der Phantasie erregend wirkt. Die „Ver-
legenheitssituation" wird mit demselben ängstlichlustvollen Gefühl
genossen wie die körperliche Bestrafung.
Hier sind wir schon an der Schwelle, die zu den desexualisierteren
Formen des Masochismus führt. Auch dort, wo von Perversion im
groben Sinn des Wortes keine Rede sein kann, wo der Masochismus
als Lebenseinstellung hervortritt, ist dieser demonstrative Zug deut-
lich zu erkennen. Wenn Wilhelm Reich einen engen Zusam-
menhang von Masochismus und „Exhibitionshemmung" findet,
so hat er sich von der Aussenseite der Erscheinungen düpieren lassen.
Eine bewusste Hemmung der Exhibition widerspricht ja nicht einer
verborgenen und doch siegreichen Tendenz entgegengesetzter
Richtung. Das Resultat solcher gegenstrebiger Kräfte ist zumeist ein
demonstratives Verstecken oder ein Exhibitionismus mit verkehrtem
Vorzeichen. Eine junge Frau, die als Mädchen ausgebreitete masochi-
stische Phantasieen hatte, zeigt nichts mehr davon. Sie versäumt aber
keine wie immer geartete Gelegenheit zu betonen, dass sie nichts
könne, keinen ausgeprägten Charakter habe, hinter anderen Frauen
an Charme und Liebenswürdigkeit zurückstehe. Es war, wie wenn
sie aller Welt ihre völlige Bedeutungslosigkeit darstellen wolle. Dabei
hatte es aber das Auffällige, dass sie immer wieder auf ihre Reizlosig-
keit hinwies wie wenn sie darauf stolz sein könne. Der Zuschauer oder
Zuhörer ist auch hier eine conditio sine qua non des Masochismus.
Solches Herzeigen oder Rühmen der eigenen Defekte verträgt sich
schlecht mit einer „Exhibitionshemmung". Man versteht nicht
warum diese „minderwertigen" Personen sich nicht einer Zurück-
79
haltung oder Bescheidenheit befleissen, die man bei ihnen erwarten
dürfte. 1 Die Selbsterniedrigung und Selbstverkleinerung, die R e i c h
als so auffällig empfindet, ist wohl da. Das Wesentliche an ihr ist aber
dass sie so auf fallend da ist. Die junge Frau z.B., von der ich
eben erzähle, wurde einmal gefragt, ob sie Maschinschreiben könne.
„Nicht gut, eigentlich gar nicht" antwortete sie. Am nächsten Tage
erinnerte sie wie zufällig im Gespräch daran, dass sie ein Diplom für
Maschinschreiben besitze. Es kommt so oft zu einer zweiteiligen oder
zweiseitigen Einstellung. Man könnte sagen : Hochmut kommt nach
dem Fall. Die Durchgängigkeit des demonstrativen Moments im
Leidsüchtigen ist auch dort zu konstatieren, wo ihm entgegenwirkende
seelische Kräfte zu Entstellungen, Mischformen und Reaktions-
bildungen gezwungen haben. Am häufigsten ist das Resultat, wie
schon bemerkt, eine Kompromissbildung von Zeigen und Verbergen.
Das klingt paradoxer als es ist. Man begegnet solcher merkwürdiger
Mengung auch sonst im Leben. Nehmen wir ein Alltagsbeispiel:
ein Mann tritt in ein Zimmer, in dem eine Dame mit sehr ungeniert
übereinandergeschlagenen Beinen sitzt. Sie wird gewiss ihre Stellung
sogleich verändern, den hinaufgeschobenen Rock tiefer streichen.
Nun gibt es Fälle, in denen dies so geschieht, dass die Schamhaftigkeit
betont oder demonstriert wird. Die Bewegung, welche die Dame
macht, kann eine solche Vermengung von Zeigen- und Verbergen^
wollen darstellen. 2 Solche Mischbildung tritt uns im Masochismus
von den feinsten bis zu den gröbsten Formen entgegen. Folgendes
J ) Wie weit sich meine Ansicht von der gegenwärtigen psychoanaly-
tischen entfernt, mag der Vergleich mit der von K . H o r n e y zeigen,
für die Masochismus ein Versuch ist „to gain safety and satisfaction in life
through inconspieuousness and dependency." (New Ways of Psycho-
analysis) Bedauerlicherweise hat sich diese Autorin von dem Eindruck
oberflächlicher Ichgewinne im Masochismus narren lassen.
2 ) Das Wesen eines so auffälligen Verbergens hat- sechzehn Jahrhunderte
vor der Analyse,- der heilige Hieronymus in seinen Briefen an römische
Frauen erkannt. Er beschreibt: „Der Mantel rutscht zufällig von den
weissen Schultern und entblösst sie und schnell nimmt man ihn wieder
auf, als hätte man Eile zu verbergen, was man gerne sehen lassen will."
80
Beispiel hat mir Eindruck gemacht: eine Patientin sollte ein Galakon-
zert, das ein berühmter Dirigent leitete, besuchen. Sie wollte das
neue Abendkleid und die Perlen, die sie unlängst zum Geschenk
erhalten hatte, tragen. Sie sträubt sich aber bei dem Gedanken, in der
kleinen Stadt durch eine so prächtige Toilette aufzufallen. Nach län-
gerem Zögern zieht sie- pour epater les bourgeois- ihr gewöhnliches
Hauskleid zum Konzert an. Das Resultat ist natürlich, dass sie als
einzige Dame an diesem Abend nicht in einem Abendkleid erscheint
und von allen kritisch gemustert wird. Sie fällt nun wirklich auf, was
sie zu vermeiden suchte. Sie fühlt sich beschämt und doch über-
legen. In dieser Zurschaustellung, deren Zustandekommen man fast
raffiniert nennen möchte, ist eine eoineidentia oppositorum erreicht.
Das Ziel blieb doch: Auffallen, das Resultat war: Angesehenwerden.
Der ursprüngliche Wunsch hat mit seiner Gegenregung kämpfend,
zu einem masochistischen Kompromissausdruck geführt, zu einer
Art negativen Demonstration oder einem Exhibitionismus mit verkehr-
tem Vorzeichen. Ein Advokat besucht jahrelang die Sitzungen einer
Fachvereinigung, ohne sich je mit einem Wort an den Diskussionen
zu beteiligen. Dabei hatte er lebhafte Lust, mitzusprechen, wusste,
dass er Wichtiges zu sagen hatte, wurde aber daran gehemmt zu
sprechen, weil er sich fragte, wie sein Schweigen wirkte. Er fiel
wirklich auf: durch nichts Sagen. Eine deutliche Tendenz im Mittel-
punkt der Aufmerksamkeit zu stehen, tritt hier unter dem Anschein
der Bescheidenheit hervor. Vergleichsweise gesprochen: ein Veil-
chen macht allgemein bekannt, dass es im Verborgenen blüht. Jedes
genauere Eingehen in die Psychologie des Masochismus zeigt, dass
von einer vorherrschenden Exhibitionshemmung keine Rede sein
kann, höchstens von einer Exhibition mit verkehrtem Vorzeichen.
Noch in den Fällen von Selbstverkleinerung und — herabsetzung,
von Sichblödstellen und Dummerscheinen kann man dieselbe Zur-
schaustellung des Glänzenwollen mit eigenen Defekten und Fehlern
erkennen. Es ist doch auffällig, dass so viele Masochisten sich ihrer
Schwächen und ihrer schlechten Eigenschaften nicht schämen,
sondern sich ihrer geradezu rühmen.
Jedem sind Beispiele bekannt, in denen Personen ihr Leiden
F 81
sozusagen zur Schau tragen. Das Leiden im Masochismus hat eine
solche deutliche auf die Umgebung gerichtete Aussenseite, eine für
die Umwelt bestimmte Fassade. Ohne Aufmerksamkeit von Seiten
dieser Umwelt verliert das Leiden viel von seinem genussreichen
Charakter. Jeder, der oft Berichten von Masochisten aufmerksam
gefolgt ist, wird dies erkennen. „Halb ist es Lust, halb ist es Klage"
könnte man mit dem M ö r i k e - Lied sagen. Das Nachlassen dieser
auf das Leiden gerichteten Aufmerksamkeit kann Erbitterung und
Zorn auslösen: eine Patientin, deren Ausfälle häufig ihre Familie in
starke Besorgnis versetzten, lag einmal stöhnend auf ihrem Sofa. Da
ihr Jammern kein miltleidiges Echo fand, erhob sie sich und kleidete
sich an, ohne ihren Schmerzen irgendwelche Bedeutung beizumessen.
Ein Mitglied der sonst überbesorgten Familie, die sich ausnahmsweise
nicht um die Kranke gekümmert hat, hörte, wie sie laut vor sich
hinsagte: „Na, dann nicht!" Nicht selten ergibt sich jene Vermengung
von Verbergen- und Zeigenwollen in der Form, dass der Masochist
zeigt, dass er im Stillen leidet. Es ist in manchen Fällen ausge-
sprochener Art, in denen der Betreffende Unrecht gelitten hat, wie
eine Demonstration im Sinne: Ich grolle nicht und wenn das Herz
auch bricht. Solches auffällig — verborgene Leiden soll gesehen, die
Standhaftigkeit, womit es ertragen wird, bewundert werden. Die
Aufmerksamkeit der Umwelt soll auf dieses Leiden gelenkt werden.
Man könnte hier die Frage einwerfen: gibt es denn kein Leiden ohne
solche demonstrative Absicht? Gewiss doch, aber dann ist es eben
kein masochistisches Leiden. Der demonstrative Zug gehört zum
Wesen des Masochismus und ist von ihm nicht ablösbar. Dort, wo
dieser demonstrative Zug stärker hervortritt, bekommt er häufig die
Note des Falschen oder Heuchlerischen. Der Masochist im sozialen
Sinn erscheint dann wie ein Schauspieler seines Elends, wie ein Lob-
preiser und Verkündiger seiner Leiden. Ich empfinde diesen Zug
noch in der Demonstration, mit der Hiob sein Unglück den Freunden
zeigt.
Er ist auch nicht auf das physische Gebiet beschränkt. Man denke
etwa an die Gestalten russischer Epiker wie Dostoj ewski und
Tolstoi, die eine wahre Wollust zeigen, sich blosszustellen, ihre
82
Fehler und Schwächen aller Welt zu erzählen. Man wird dort densel-
ben Zug wiederfinden. Der Zusammenhang von femininen und
moralischen Masochismus bei durchgängigem demonstrativen Cha-
rakter lässt sich leicht nachweisen. Rousseaus „Confessions"
und „Correspondance", Baudelaires Schwelgen in masochis-
tischen Phantasien und sein Geständniszwang („Coeur mis ä nu")
seien als Beispiele naheliegender Art angeführt. Dieselbe Kombina-
tion von Merkmalen ergibt sich auf dem Gebiet der Religions-
geschichte. Die Märtyrer des Frühchristentums legten oft auffallend
Wert darauf, dass ihre Leiden ad majorem Christi gloriam gesehen
werden. Diese Glaubenszeugen wünschten Zeugen ihres Märtvrer-
tums, zeigten gerne ihre Wunden und ihre Entwürdigung. Sie
wünschten, die ganze Welt solle von ihrem leidenden Eifer wissen.
Man erinnert sich der Säulenheiligen, etwa des Simeon Stylites — er
erscheint in der eindrucksvollen Schilderung AnatoleFrances
— jenes Heiligen, der sein Asketentum, seine Entbehrungen und
Bussen hoch über dem Marktplatz vor aller Augen stellt. Ein franzö-
sisches Passional des ^.Jahrhunderts enthält ein naives Zugeständnis
des masochistischen Geniessens und des demonstrativen Charakters,
der sich damit verbindet. Es wird berichtet, dass ein Heiliger mit
anderen zu Perugia in den Kerker gelegt wurde, um seine Hin-
richtung zu erwarten. Seine Genossen waren niedergeschlagen, er
aber fröhlich. Er sagte: „Ihr sollt wissen, dass ich mich freue, da ich
durch alle Welt als Heiliger geehrt werden soll." Es geht eine direkte
Linie von solchem Verhalten zur Schaustellung indischer Fakire
und arabischer Derwische mit ihren Selbstmarterungen. Das eigene
Leiden und das eigene qualvolle Sterben sollen eine grosse oder
illustre Zuschaueranzahl haben. Was als Gegenbeispiel einsamen
Asketen- und Märtyrertums angeführt werden kann, lässt sich als
nur scheinbarer Widerspruch erkennen. Noch für die einsiedlerischen
Mönche, für den heiligen Hieronymus in der Wüste, den heiligen
Antonius in der Thebais und alle Eremiten, die sich furchtbaren
Geisselungen unterwarfen, gab es einen und den wichtigsten Zeugen:
Gott. Ihm wollten sie zeigen, was sie für ihn litten, ihm beweisen, wie
sie sich für ihre Sünden straften.
«3
So aufrichtig die Busse oder das freiwillige Leiden ist, es kann das
Publikum schwer vermissen. In den meisten Fällen hat es den Cha-
rakter der Schaustellung und oft entbehrt es nicht eines theatralischen
Beigeschmackes. Diese demonstrative Note ist nicht auf den Maso-
chismus des Einzelnen beschränkt. Sie findet sich wieder in der Haltung
bestimmter Gruppen und Völker, denen das Schicksal eine leidvolle
Vergangenheit und Gegenwart zugedacht hat. Im Leben dieser
Völker erscheint die Verbindung dieser Vorstellungen des Geliebt-
und Gestraftwerdens auf einer höheren, oft religiösen Ebene wieder.
Das Leiden des Volkes wird als ein Zeichen einer bestimmten Mission
als Merkmal, dass ihm eine bedeutungsvolle Rolle in der Menschheits-
geschichte zugefallen ist, aufgefasst. Gott zeichnet das Volk aus
indem er ihm zur Läuterung besondere Leiden und Prüfungen aufer-
legt. Die Sexualisierung der Strafe ist im kollektiven wie im indivi-
duellen Seelenleben nachweisbar: „Gott liebt die, welche er züchtigt".
So kommt es, dass ein Stamm mit besonders tragischem Geschick
sich als auserwähltes Volk betrachtet, das Gott besonders lieb ist. Hier
ist die völkerpsychologische Analogie zu der Kindervorstellung;
der Vater schlägt mich und liebt mich. Der Charakter des heimlichen
Stolzes auf das Leiden verrät sich hier. Es wird gezeigt wie eine Aus-
zeichnung oder wie ein höheres Zeugnis. Die Hoffnung auf den end-
lichen Triumph kann zu einer Verzückung, zu einer Leidensorgie
führen. Die Steigerung der Entbehrungen und der Leiden zeigten,
dass der Tag der Erlösung und des Sieges über die Feinde nahe ist. So
kann in den Praktiken der Perversen die Schmerzsteigerung zum
Zeichen des nahenden Orgasmus werden. Sie wird nur scheinbar
als Schmerzlust willkommen geheissen. In Wirklichkeit wird der
Schmerz als Station vor der Lust begrüsst. Der Unterschied besteht
darin, dass im Seelenleben der Perversen das sexuelle Moment, in
dem der Völker und Massen das soziale im Vordergrund steht. Auch
der Masochismus oder vielmehr die masochistische Einstellung re-
ligiöser und völkischer Massen zeigt jenes demonstrative Verhalten.
Zum individuellen Seelenleben zurückkehrend, haben wir nach-
zutragen, dass derselbe Zug auch im Übergang vom perversen zum
desexualisierten Masochismus nicht vermisst wird. In der Selbst-
84
crkleinerung und Selbstverhöhnung vor Anderen erscheint er
wieder. Manche dieser Masochisten benehmen sich, auch wenn sie
allein sind, umgekehrt wie die Königin in jenem Märchen: „Spie-
glein, Spieglein an der Wand, wer ist die Dümmste, Hässlichste etc.
im ganzen Land". Die Aufmerksamkeit der Anderen soll auf das
Ich gezogen werden durch Ungeschicktheit, schlechtes Benehmen,
ja sogar durch Verbrechen. In einem Fall konnte ich einen solchen
Übergang genau studieren: ein Mann in mittleren Jahren, der jahre-
lang nur masochistische Sexualbefriedigung gekannt hatte, war
während der Analyse von seiner Perversion abgekommen und zum
normalen Geschlechtsleben gelangt. Sein Charakter hatte aber
langsam eine merkwürdige Entwicklung- genommen: er ging viel in
Gesellschaft und unterhielt seine Freunde und Bekannten ausgezeich-
net, indem er viele Erlebnisse erzählte, in denen er als Pechvogel oder
Betrogener erschien, machte ununterbrochen Witze — übrigens oft
ausgezeichnete — die zumeist die eigene Dummheit, Taktlosigkeit
oder den eigenen Egoismus auf das grausamste verhöhnten. Häufig
spielte er einfach den Clown, dem es darum zu tun ist, die Anderen
über sich selbst lachen zu machen. Aus der sexuellen Perversion war
sozusagen eine soziale geworden. Sein Masochismus hatte sich in der
Uebernahme der Rolle eines Schlemihls oder eines selbstverhöhnenden
Witzboldes fortgesetzt. Die Selbsterniedrigung hatte eine gesellschaft-
liche Maske angelegt. In der Zurschaustellung der eigenen Würde-
losigkeit, im gegen das Ich gerichteten Zynismus kehrt die Selbst-
demonstration wieder. Wie er früher in den Schlageszenen seine
Hinterseite entblösst hatte, so stellte er sich jetzt in seinen seelischen
Blossen dar. Ich möchte nicht versäumen, hier daraufhinzuweisen,,
dass die Verfolgung einer solchen seelischen Entwicklung zu wert-
vollen psychologischen Einsichten über die Personen, die wtzig sind —
besonders in dem gegen das Ich gerichteten Sinn- und über die Genese
der absichtlichen Komik führt. Sich vor aller Welt zu seinen Fehlern
in solcher Art, dass Andere lachen müssen, bekennen, ist eine maso-
chistische Demonstration. Es ist gewiss kein Widerspruch, dass solche
beabsichtigte Demonstration der eigenen Schwächen oder Narre-
teien wie in den komischen Figuren des Falstaffs oder Don Quijote
8 S
gelegentlich ihren masochistischen Leidenscharakter enthüllt. Noch
beim Clown finden wir manchmal jene sonderbare Vermengung von
Zeigen — und Verbergenwollen. „Lache, Bajazzo, schneide die
tollsten Grimassen. . . ." singt Leoncavallos Held. Jenes
Lachen soll aber das Leiden nicht nur verbergen; es soll es auch ver-
raten. Das Lachenmachen aber ist eine besondere Art masochi-
stischer Befriedigung der komischen Person.
Ein Einwand, der rasch zu erledigen ist, könnte aus der Tatsache
dass bestimmte Perverse einsame masochistische Praktiken ausführen
gewonnen werden. Es kommt nicht selten vor, dass junge Männer .
seltener Frauen — sich etwa vor dem Spiegel selbst schlagen. In
einem Fall musste der Patient, der auf diese Art zum Orgasmus
gelangte, im Spiegel erst die blutigen Striemen sehen, die er sich auf
dem Hintern durch Schläge beigebracht hatte. Die Einsamkeit ist
zwar eine materiell, aber nicht psychologisch wirkliche. Der Betref-
fende phantasiert einen Zuschauer, den er manchmal selbst spielt
mit. Dieser vorgestellte Zuschauer soll die Entblössung und das
Schlagen mitansehen und mitgeniessen. Diese zweite Person ist in
der Phantasie nicht missbar, weil sie der Träger der lustbringenden
Aktion ist. Wie im Selbstmitleid, in dem unbewusst eine andere
Person (Mutter, Vater) hinzuphantasiert wird, die Mitleid hätte
wenn sie uns in so trüber Situation sehen könnte, ist auch in der
Isolierung der masochistischen Praktik die aktive Person wesentlich.
Im übrigen kann man leicht erraten, wieso es zu solchen Spiegel-
schlageszenen kommt. Sie sind Versuche, zuerst nur in der Phantasie
Vorgestelltes zur Ausführung zu bringen, wobei die eine Person ein
Zwei- Rollenspiel übernommen hat. Solche Versuche bedeuten einen
Schritt von der Phantasie zur wirklichen masochistischen Szene mit
einem Partner, der später auch wirklich manchmal gesucht wird.
Hier ist der Platz daran zu erinnern, was früher über die Bedeutung
der Phantasie, ihre primäre Rolle im Masochismus gesagt wurde.
Vielleicht ist es jetzt an der Zeit, die Bezeichnung demonstrativ
für den geschilderten Zug zu rechtfertigen und ihn gegen ähnlich
klingende Bezeichnungen abzugrenzen. Es wurde bereits gesagt
dass sich das Wort exhibitionistisch nicht eignet, weil es voraussetzt,
86
dass der Zeigende auf das, was er zur Schau stellt, stolz ist, es als schön
oder rühmlich empfindet. Das ist indessen weder beim Perversen noch
beim moralischen Masochisten der Fall: viele empfinden die eigene
Entblössung oder Erniedrigung bewusst beschämend und entwürdi-
gend. Man könnte also besten Fall nur von einem Exhibitionismus
mit verkehrtem Vorzeichen sprechen wie bei den Geusen, jenen
niederländischen Edelleuten, die eine als schmählich empfundene
Bezeichnung (gneux = Bettler) nachträglich als Ehrung
aufgriffen und kleine silberne oder kupferne Bettelknöpfe am Hut
und Gürtel als Bundesabzeichen trugen. Könnte man also- mit
dieser wichtigen Einschränkung- den typischen Zug zur Not als
exhibitionistisch bezeichnen, so ist es geradezu unrichtig, ihn dem
Narzissmus zuzuordnen, wie manche Beobachter es getan haben.
(Lampl, Meninger.) Ich habe geschildert, wie die Tendenz
des Masochismus dahin geht, sich zu entblössen, um die Aufmerk-
samkeit auf sich zu ziehen. Dabei wollen wir für den Augenblick
davon absehen, ob dabei beabsichtigt wird, Strafe oder Liebesbeweise
vom Anderen zu bekommen, oder ob ein anderes triebhaftes Ziel
angestrebt wird. Es ist mir durchaus rätselhaft, wie man ein solches
Verhalten narzisstisch nennen kann. Wir verstehen unter dieser
Bezeichnung eine Einstellung der Selbstverliebtheit. Als ihr sicherstes
Zeugnis oder ihr sichtbarster Ausdruck erscheint das Merkmal der
Selbstgenügsamkeit. Der schöne Jüngling des griechischen Mythos,
der sich in sein Spiegelbild verliebt, hat gewiss kein Bedürfnis, die
Aufmerksamkeit Anderer auf sich zu ziehen. Er ist in den eigenen
Anblick versunken und kümmert sich nicht um die Umwelt. Wie
anders wirkt das Zeichen des Masochisten auf uns ein! Sein Sichzur-
schaustellen und Sichzeigen hat ja alle Merkmale des Werbens, des
Sichbemerkbarmachens. Sein Verhalten ist geradezu das Gegenstück
zu einem narzisstischen Benehmen. Es wäre viel richtiger zu sagen,
es sei das Zeichen dafür, dass der Narzissmus dieser masochistischen
Personen auf das tiefste gestört ist, da so grosse Anstrengungen ge-
macht werden, die Anderen auf sich aufmerksam zu machen. Der
Masochismus ist also niemals ein Zeichen von Narzissmus, sondern
ein Ausdruck von dessen Schädigung und eines Versuches, ihn wieder-
87
herzustellen. Die typische Einstellung des Masochisten, die hier
geschildert wurde, narzisstisch zu nennen, hat soviel Berechtigung
wie wenn man etwa einen Gourmet, der sich allein dem Genuss
erlesener Speisen hingibt, mit dem Manne vergleicht, dereiner Hunger-
demonstration mit einem aufreizenden Plakat vorangeht. Das Schiefe
und Unscharfe, das so häufig in der analytischen Literatur anzu-
treffen ist, der oft erschreckende Missbrauch der analytischen Ter-
minologie zeigt sich in solcher Namensgebung und irreführenden
Charakteristik. 1
Die Bezeichnung demonstrativ für den gekennzeichneten Zug
wurde gewählt, weil sie von allen möglichen am ehesten eine Vor-
stellung des typischen Verhaltens, das eben geschildert wurde, geben
kann. Sie scheint mir auch am neutralsten, da sie nichts über den
Zweck, den die masochistische Zurschaustellung anstrebt, aussagt.
Auch aus diesem Grunde würde ich sie dem eindeutigen „exhibitio-
nistisch" vorziehen. Bei der Übersicht der Merkmale des Masochis-
mus habe ich auf die intime Verbindung der Vorherrschaft der
Phantasie und des Suspensefaktors hingewiesen. Die beiden gehören
psychologisch zusammen. Der demonstrative Zug des Masochismus
steht isoliert abseits. Wenn es Verbindungen mit den beiden anderen
gibt, können wir sie noch nicht erkennen.
Was die Absicht der Demonstration ist, kann von vornherein nicht
erraten werden. Man kann eher negativ sagen, dass sie nicht das ist,
was ihr viele Analytiker als narzisstisch oder exhibitionistisch zu-
schreiben. Es ist schon einiges gewonnen, wenn man solche Behaup-
tungen zurückweisen und ausschlicssen kann. Vielleicht könnte man
der geheimen Tendenz des demonstrativen Zuges näherkommen,
wenn man beachtet, was gezeigt, dargestellt werden soll. Die Antwort
scheint einfach genug. Der Zuschauer oder Zeuge soll die Unlust,
J ) So behauptet etwa K . H o r n e y (New Ways in Psychoanalysis),
dass „a person with pronounced narcissistic trends though incapable of love
nevertheless needs people as a source of idmiration and support." Des
Rätsels Lösung ist nicht schwer. Es liegt in der Unrichtigkeit der Behaup-
tung. Ein ausgesprochener Narzisst, der die Bewunderung Anderer dringend
braucht, ist eben keiner.
88
den Schmerz, die Erniedrigung oder Beschämung des Masochisten
sehen. Im Bereich des sozialen Masochismus wird ihm das eigene
Versagen, die eigenen Fehler, die Dummheit oder Schlechtigkeit
der Person vorgeführt. Liefert diese Antwort eine zureichende Auf-
klärung über die verborgene Absicht der Demonstration? Wie mir
scheint: nein. Sie beantwortet wohl die Frage darnach, was zuerst
gezeigt wird. Sie beantwortet die andere nicht, was in solcher Zur-
schaustellung verhüllt, verborgen wird. Wenn ein Mann in einem
Zimmer sitzend, ununterbrochen und auffällig auf die rechte Zimmer-
decke starrt, kann das wohl bedeuten, dass er dort etwas Auffälliges
sieht. Es kann aber auch bedeuten, dass er vermeiden will, die Auf-
merksamkeit der Anwesenden auf die linke Zimmerdecke zu lenken.
Vielleicht ist dort etwas, was er versteckt hat. Es ist doch auffällig,,
dass die eigene Schande, die eigene Bestrafung so offen gezeigt wird.
Alle seelischen Phänomene haben eine Tendenz zum Selbstverrat,
auch der Masochismus. Der demonstrative Zug will etwas zeigen
oder beweisen. Das ist sicher. Es liegt in seinem Wesen. Indem er
aber erwas auffällig zeigt, verbirgt er etwas. Wir werden zu finden
haben, welches Geheimnis er verbirgt, indem er es preisgibt. Die
Existenz des demonstrativen Zuges, die selbst ein Rätsel aufgibt,,
verstärkt den Eindruck des Versteckt- Paradoxen im Masochismus.
Kontrapunkt. (Der provokatorische Faktor)
Mein Betreben ging dahin, eine nüchterne Beschreibung von
Zügen zu liefern, die bisher nicht gewürdigt, allen Formen des Maso-
chismus gemeinsam sind. Es wurde kein Versuch gemacht, zu er-
klären, was diese Merkmale für das Wesen und die Entstehung dieser
Triebrichtung bedeuten. Die drei hervorgehobenen Merkmale
sind von jedem Analytiker zu beobachten und fehlen in keinem Fall
ausgeprägter masochistischer Triebneigung.
Natürlich gibt es daneben Züge, die nicht so regelmässig erscheinen,
in einer bestimmten Beziehung zum Masochismus stehen und die
Aufmerksamkeit des Psychologen beanspruchen. Sie treten in ein-
zelnen Fällen hervor, während sie sich in anderen kaum bemerkbar
8 9
machen. Die Versuchung, eine häufige Begleiterscheinung dem
Wesen des Masochismus zuzurechnen, ist gross. Eine sorgfältige
Prüfung muss entscheiden, ob solche Züge zum Wesen des „reinen"
Masochismus gehören oder einen Beitrag darstellen, der, aus anderen
Triebquellen stammend, sich gern mit ihm vergesellschaftet.
Zuerst meinte ich, einen solchen Zug, der so häufig in Begleitung
masochistischer Erscheinungen auftritt, dass er kaum übersehen
werden kann, den drei Merkmalen anreihen zu müssen. Ich nenne
ihn den provokatorischen Beitrag und will zuerst seine Natur skiz-
zieren, um dann seine Beziehung zum Masochismus zu erörtern.
Man beschreibt ihn am allgemeinsten in folgender Form: der Maso-
chist benützt alle Möglichkeiten und Mittel, die ihm zur Verfügung
stehen, um die andere Person dahin zu bringen, ihm jene Unlust zu
verschaffen, deren er zur Erreichung seiner Lust bedarf. Eine solche
Formulierung klingt bizarr, aber das liegt minder an meiner stilisti-
schen Unzulänglichkeit als am Wesen des Masochismus.
Im Gröbsten ist der provokatorische Faktor natürlich in der aktu-
ellen, sexuellen Szene erkennbar. Der Mann, der einer Prostituierten
erklärt, in welche, oft höchst unbehagliche und beschämende Lage
er von ihr gebracht werden will, liefert das einfachste und roheste
Beispiel. Das groteske Moment liegt darin, dass er eine andere Person
bittet, ihm einen Schmerz oder eine Beschämung zuzuführen —
also gerade um das, wogegen sich die meisten Menschen aufs äusserste
zur Wehr setzen würden. Es ist mir nicht bekannt geworden, ob in
der Literatur schon darauf hingewiesen wurde, dass die Einladung
oder Instruktion schon einen Teil der masochistischen Vorlust aus-
macht. Mit Dirnen braucht man sich freilich nicht zu genieren, alle
nötigen Weisungen zu geben. Mit anderen Partnerinnen wird es
nötig sein, feinere Mittel zu gebrauchen, verborgene Wege der
Annäherung an das Triebziel zu finden, und die persönlichen Bedin-
gungen der Erregung und Befriedigung erkennen zu geben. Dieses
passive Triebziel wird vom Masochisten oft äusserst aktiv angestrebt.
Er zeigt in vielen Fällen in der Erreichung seines Zieles einen Aufwand
von seelischer Energie, von Scharfsinn und gedanklicher Arbeit, der
nur mit dem in der Zwangsneurose verglichen werden kann. Die
90
Bemühungen, zu der ersehnten Unlust, die Lust ist, zu gelangen, sind
selbst von masochistischen Vorlustemprindungen begleitet.
Wenn sich der Erfolg aber nicht einstellt, nehmen die Bemühungen
meistens eine Richtung und einen Charakter an, die sie sadistischen
Triebäusserungen annähern. Es ist, wie wenn Hindernisse, die sich
auf dem Wege zum masochistischen Triebziel einstellen, die Person
ungeduldig machen und in ihr sadistische Tendenzen wachrufen.
Dort, wo nicht mehr die sofortige und unmittelbare Triebbefriedigung
in Aussicht steht, wird sie provokant, sucht sie die entsprechende
Aktion des Partners herauszufordern. Es gibt eine grosse Zahl er-
bitterter" Masochisten, die ihr Objekt so lange quälen, bis es zur
gewünschten Bestrafung oder Rache übergeht. Bis dahin wird der
Druck des Quälerischen verstärkt. Ein eigenartiges Lauern und
Beobachten des Objektes begleitet das Mannöver, ohne dass sich der
Masochist dessen bewusst ist. In diesem Verhalten ähnelt der Maso-
chist am meisten einem schlimmen Kind, das die Mutter oder Pflege-
person so lange quält, bis es die Strafe bekommt. Auch beim Kind
kann beobachtet werden, dass es sich in seiner Unartigkeit steigert,
vom Schlimmen zum Schlimmeren fortschreitet. Auch jenes Lauern
fehlt nicht. Es ist, wie wenn es sich angesichts der geduldigen Mutter
fragt: wird sie jetzt böse werden? Noch nicht? Wird sie noch immer
geduldig bleiben können? Ich hörte ein kleines Mädchen, das in
einer solchen Szene von der Mutter ermahnt und gewarnt wurde,
neugierig fragen: „Wenn ich es aber doch tu? Was tust du dann?"
In dem beschriebenen Benehmen werden für kurze Zeit die Gren-
zen zwischen masochistischem und sadistischem Verhalten verwischt.
Es werden aggressive und gewalttätige Mittel angewendet, um das
Bestraft — Getadelt — Beschämtwerden zu erreichen. Der Leid-
süchtige wird quälerisch. Für diese Zeitspanne erscheinen die Rollen
verkehrt. Der Masochist benimmt sich wie ein Sadist und sein Objekt,
von dem er Leid, Erniedrigung, Strafe erwartet, wie das Opfer eines
Sadisten. Rechter Hand, linker Hand, alles vertauscht. Dieses Heraus-
fordern, Auslocken, Provozieren der masochistischen Befriedigung
geht in sadistischer Form vor sich. Der provokatorische Zug hat,
soweit ich sehe kaum noch seine psychologische Würdigung erhalten.
91
Wenn Freud sagt, der richtige Masochist hält immer eine Wange
hin, wo er Aussicht hat, einen Schlag zu erhalten, meint er gewiss
denselben Faktor, der hier freilich mehr die mildere Form der Ein-
ladung angenommen hat. Es schimmert auch das kindliche Urbild
dieses masochistischen Verhaltens durch, das freilich einen anderen
Körperteil zum Empfang von Schlägen darbietet. Dieses infantile
Vorbild bestimmt die provokatorische Äusserung. Sie reicht aber bis
zu den sublimsten und sublimiertesten Ausdrücken masochistischen
Fühlens, die in der moralischen und religiösen Entwicklung erfasst
werden können. Von der sexuellen Lust am Geschlagenwerden bis
zu Christi Lehre, die rechte Wange hinzuhalten, wenn man auf die
linke geschlagen wurde, und bis zum Non — Violence Programm
Gandhis führt eine lange, aber gerade Linie.
Es ist übrigens bemerkenswert, dass die masochistische Provokation
in der Phantasie eine viel geringere Rolle spielt als in der Wirklichkeit.
Das mag daran liegen, dass der Weg zur masochistischen Befriedigung
in der Phantasie auf geringere Widerstände stosst. Im Leben nament-
lich des masochistischen Charakters nimmt die Provokation leicht
die Form des Foppens, des Verhöhnens, des Krakehlens oder Quälens
an- je nachdem das Triebziel eine leichtere oder ernstere Art des
Bestraftwerdens einschliesst. Dieses Verhalten kann von Äusserungen
leiser Ironie bis zu frecher Herausforderung des Objektes, vom an-
scheinend harmlosen Necken bis zu groben Beschimpfungen fort-
schreiten, wenn die Befriedigung ausbleibt. Der boshafte Schreier
und Schimpfer Thersites, wie ihn H o m e r schildert, das Lästermaul,
das die griechischen Helden immer wieder reizt und verhöhnt, bis er
eine Tracht Prügel erhält, mag dem Leser als ein Musterbeispiel
eines solchen quälerischen Masochisten gelten.
Beachtet man die Unerbittlichkeit oder Unnachgiebigkeit der
Provokation, so kommt man dazu dem Masochisten, der sich in
diesem Sinne benimmt, einen tyrannischen oder despotischen Char-
akter zuzuschreiben. In dieser Aufreizung, die sich nicht abweisen
lässt und Ja für keine Antwort nimmt, ist ein starker Wille zu ver-
spüren. Es ist merkwürdig und des Oberdenkens wert, dass der Ma-
sochist, dessen Wesen völlige Hingebung an das Objekt, schrankenlose
92
Gehorsamkeit ist, in seiner Annäherung darauf besteht, dass nur
sein Wille geschieht, ob es das Objekt will oder nicht. Sollte dieser
despotische Charakter nur die Kehrseite der Demut und Unter-
würfigkeit des Masochisten sein? In der Psychoanalyse des Maso-
chisten wird sich der provokatorische Zug in erbittertem Wider-
spruch und in trotzigem Gehorsam, in Gehässigkeiten und anderen
Äusserungen bemerkbar machen. Die Skala reicht vom trotzigem
Schweigen bis zu aufreizendem Reden und Benehmen. Man kann
das Ziel solchen Verhaltens allgemein als masochistische
Sabotage bezeichnen. Es ist, wie wenn der Patient sich nicht
früher zufrieden gibt, bis er kühl behandelt oder zurückgewiesen
wird, wie wenn er Tadel oder Demütigung unbedingt nötig habe.
In der Schärfe der Aggression steht der masochistische Charakter
hinter dem sadistischen nicht zurück. Manchmal wird sich die typische
Herausforderung in masslosem Schimpfen, das die Freundlichkeit
und Geduld des Analytikers erschöpfen will, äussern. So begann ein
Masochist die Analysestunde mit folgenden höhnenden Worten:
„Tun Sie etwas? Nein, Sie sitzen einfach da. Tun Sie etwas mit mir!"
Sein unbewusstes Ziel war, getadelt oder beschimpft zu werden.
Diese Form der Provokation tritt im desexualisierten Masochismus
auffälliger hervor als im perversen. Immerhin ist sie auch hier gut zu
beobachten. Hier ein schönes Beispiel aus dem Leben eines Patienten,
der viele Jahre hindurch seine einzige sexuelle Befriedigung darin
fand, von einer Frau auf den Hintern geschlagen zu werden. In
einer späteren Phase seiner Analyse, in der sich der Mann erfolgreich
gegen den Zwang seiner Perversion zur Wehr setzte, erhielt er manch-
mal doch auf einem merkwürdigen Umweg seine alte Befriedigung.
Er pflegte seinen Abendspaziergang auf einer der Korsostrassen Wiens
zu machen. Dabei näherte er sich unauffällig den vor ihm gehenden
Damen und gab ihnen en passant einen leichten Klaps auf den für
ihn so gefühlsbetonten Körperteil. Meistens geschah das so unauffällig,
dass die Damen- es waren gewiss nicht nur Damen — keine Notiz
von der Berührung nahmen. Es geschah aber einmal, dass eine der
dort wandelnden Schönen die Liebkosung, die vielleicht gerade etwas
kräftig ausgefallen war, nicht als Huldigung entgegennehmen wollte.
93
Sie drehte sich rasch um und gab dem unbekannten Verehrer eine
schallende Ohrfeige. Voll ehrlicher Entrüstung schrie sie der Patient
an: „Was schlagen'S denn, Sie Trampel, ich bin ja selbst ein Sadist!"
Hier ein typisches Beispiel einer masochistischen Provokation auf
dem sozialen Gebiet, das von einem Patienten, der Anwalt ist, stammt:
er hatte vor Gericht manchmal Diebe oder Betrüger zu verteidigen.
Dabei zeigte er dem Richter gegenüber ein merkwürdiges Verhalten.
Am Anfang der Verhandlung benahm er sich sehr respektvoll, ja
fast unterwürfig, solange er fürchten musste, dass sein Klient strenge
bestraft werden würde. Wenn es aber den Anschein gewann, dass der
Angeklagte mit einer leichten Strafe davonkommen oder gar freige-
sprochen werden würde, änderte sein Anwalt sein Benehmen in
auffallender Art. Er wurde gegen den Richter ausfallend, krakehlte
und zeigte sich frech und herausfordernd. Es war, wie wenn er mit
unbewusster Absicht den Richter erbittern und eine scharfe Rüge
herausfordern wollte. Es war der Analyse leicht, zu erraten, dass
sich der Anwalt mit dem Übeltäter identifizierte und eine strenge
Bestrafung provozieren wollte. Es ist vielleicht nicht unnötig zu be-
merken, dass zahlreiche- auch unschuldige — Angeklagte vor Gericht
ein ähnliches provokatorisches Benehmen im Sinne des Masochismus
an den Tag legen.
Wenn es dem masochistischen Charakter auf diesem Weg gelungen
ist, sein Opfer dazu zu bringen, ihn selbst zum Geschädigten zu
machen, geschieht es nicht selten, dass er sich gekränkt und verletzt
fühlt. Diese Reaktion bezieht sich ja nur auf das Bewusste. Sie schliesst
eine unbewusste Befriedigung nicht aus. Ein bestimmter Menschen-
typus, derjenige der ewig Zurückgesetzten und Gekränkten, gehört
zur Zahl unbewusster Masochisten, welche ihre Unweit solange
provozieren, bis sie eine Beleidigung oder Demütigung erfahren. Ich
glaube, dass das Heer der vom Schicksal Vernachlässigten eine grosse
Anzahl solcher vermummter Masochisten einschliesst, die den
Anspruch erheben, ungerecht behandelt zu werden. Der Hartnäckig-
keit und unbewussten Zielstrebigkeit des Masochisten gelingt es
fast immer, sein geheimes Ziel zu erreichen. Als ein umgekehrter
Shylock besteht er darauf, dass ihm die Schädigung widerfährt,
94
gegen die er sich bewusst doch mit allen Kräften zur Wehr setzt.
Natürlich erweckt seine nicht ablassende und nicht zu ermüdende
Herausforderung im Anderen alle aggressiven und rachsüchtigen
Tendenzen, führt ihn in Versuchung, der eigenen Grausamkeit
freien Lauf zu lassen. Der Masochist findet in seiner unbewussten
Suche unfehlbar seinen sadistischen Widerpart.
Nicht immer sind die provokatorischen Faktoren im Charakterbild
leicht zu erkennen. Sie verbergen sich manchmal in einer seelischen
Märtyrerhaltung. Viele Menschen, die zu jener Schar von Ernie-
drigten und Beleidigten gehören, verführen, ihre Umgebung dazu,
sie zum Opfer zu machen. Die Provokation bezieht sich auf Schlecht-
behandeltwerden, Ausgenützt — oder Geopfertwerden. Diese see-
lische Märtyrerschaft, die darnach dürstet, sich zum Opfer zu bringen,
gilt einem geliebten (und gehassten) Opfer, der Ehefrau, den Eltern,
den Kindern, einem Freund. Das Schicksal, das sich so widrig zeigt,
hat hier persönlichere Formen angenommen. Es hat den Masochisten
mit einem nörglerischen Chef, einer ewig kranken und quälerischen
Frau, undankbaren Kindern, anspruchsvollen Verwandten und un-
treuen Freunden belastet. Das Charakteristische ist aber seine Reak-
tion, die einem Geniessen des Leidens gleichkommt. Als eine ausge-
zeichnete Form der Provokation muss auch die unbewusste „gentle
art of making enemies" bezeichnet werden. Das geheime Streben
darnach, Neid und Missgunst, Hass und Wut in Anderen zu erregen,
und sich selbst eine Schar von Feinden zu machen, gehört zur provoka-
torischen Technik des sozialen Masochismus.
Wenn es das Triebziel des Leidsüchtigen ist, gescholten, gezüchtigt,
gestraft zu werden und dieses Triebziel unbewusst sexueller Natur
ist, so lag es nahe, in der Provokation eine masochistische Werbung
zu sehen. Manche Analytiker wie W. Reich haben es verschmäht,
in die Ferne verborgenerer Ziele zu schweifen und haben, was so
naheliegt, zur Erklärung der masochistischen Herausforderung her-
angezogen. Eine frühe Liebesenttäuschung des Kindes war rasch
angenommen und leicht gefunden, ein erhöhtes Liebesbedürfnis des
masochistischen Charakters unschwer konstatiert. Wachsend, ohne
Widerstand trieb die Theorie im Fahrwasser der Gleichung: Gestraft-
werden — Geliebtwerden dahin. Die einzige, freilich nicht un-
wesentliche Frage blieb nur, ob Gezüchtigtwerden wirklich das
primäre Triebziel des Masochisten ist. Hier handelt es sich uns nicht
um eine psychologische Deutung des provokatorischen Zuges, sondern
nur um seine Beschreibung und Einreihung. Welchen Platz darf er
im Zusammenhang der masoch istischen Erscheinungen beanspruchen?
Ich meine, dass kein Zweifel darüber besteht. Er gehört zu den
Techniken des Masochismus. Sein Ziel ist, das Objekt zu einem be-
stimmten Verhalten, einer bestimmten Aktion zu bringen. Es ist
auffallend, dass diese Technik des Masochismus einen aktiven, ja
aggressiven Charakter hat. Man meint, das Prinzip dieser eigenartigen
Technik erkennen und beschreiben zu können. Es hat im Liebes-
leben, aber auch jenseits seines Bereiches eine bestimmte Geltung
und kann in einer leichten Variation eines deutschen Sprichwortes
erfasst werden: Was du willst, dass man dir tu, das füge einem Anderen
zu.
Wie verhält sich der provokatorische Faktor, dem wir jetzt den
Charakter einer masochistischen Geltung zugeschrieben haben, zu
dem früher beschriebenen demonstrativen Wesenszug des Masochis-
mus? Die Provokation ist ein Mittel, das dunkle masochistische Trieb-
ziel zu erreichen. Die Demonstration aber gehört zu den Merkmalen
des Masochismus. Die beiden Dinge liegen auf verschiedener Ebene.
Die mannigfaltigen Techniken, um einen Zustand zu erzeugen,
stehen gewiss in bestimmten Zusammenhang mit der Natur dieses
Zustandes, aber sie gehören nicht zu seinen Merkmalen. Ich sage
nichts über das Wesen der Wärme aus, wenn ich beschreibe, dass ein
Mittel Wärme zu erzeugen ist, ein Zündhölzchen an einer Schachtel
zu reiben. Der demonstrative Zug ist durch das masochistische Be-
dürfnis, einen Zeugen für den Zustand des genussvollen Leidens zu
haben, gekennzeichnet. Der provokatorische Faktor strebt dahin,
diesen Zustand überhaupt zu erreichen.
Zwei Gründe sprechen neben dieser Überlegung dagegen, den
Beitrag des Provokatorischen den Merkmalen des Masochismus
zuzurechnen. Er erscheint nicht regelmässig im Bilde dieser Trieb-
neigung und tritt nur dann auffällig hervor, wenn die Befriedigung
96
ausbleibt oder zumindestens lange auf sich warten lässt. Er kann durch
andere Züge ersetzt oder überdeckt werden. Das zweite Motiv, ihn
von den gekennzeichneten, durchgängigen Merkmalen auszu-
schliessen, ist seine zweifehafte Natur selbst. Die Beschreibung dieser
Tendenz zeigt, dass sie ihrem Charakter nach aktiv und aggressiv
ist. Anders gefasst: sie entstammt der sadistischen Triebquelle. Sie
repräsentiert gewissermassen den Sadismus als stillen Teilhaber des
Masochismus, stellt seinen Beitrag zur Auswirkung der gegen-
strebigen Triebrichtung dar. Sie gehört nicht mehr dem Wesen des
reinen Masochismus an. In ihr wird die Gegenmelodie zu der gegebenen
Stimme hörbar. Der provokatorische Zug ist kein wesentlicher Punkt
des masochistischen Ganzen, sondern ein Vertreter des Kontra-
punktes.
Wir merken also die Existenz und Wirksamkeit dieses Beitrages
als psychologisch bemerkenswert an, schieben aber seine Würdigung
bis zu dem Zeitpunkte auf, da wir mehr von den Beziehungen von
Sadismus und Masochismus verstehen. Jetzt aber wenden wir uns ent-
schieden der Hoffnung zu, dass die Erfassung und Darstellung der
Merkmale des Masochismus uns der Lösung des Rätsels, das er
unserer psychologischen Neugierde aufgibt, näher bringen können.
-
G 97
DIE SEELISCHEN VORGÄNGE
Zwischen Angst und Lust
Wir meinen, einen neuen Zugang zum Problem des Masochismus
gewonnen zu haben. Als Niederschlag langer Beobachtungen, die
immer wieder mit neuen Erfahrungen verglichen wurden, ergaben
sich einige, bisher nicht erkannte Merkmale, die in keinem Fall von
Masochismus vermisst werden. Die psychologische Erfassung und
Darstellung dieser drei charakteristischen Züge ist eine Frucht der
Empirie und ein Resultat voraussetzungsloser Forschung. Sie wurde
unabhängig von den bisherigen analytischen Ansichten über das
Wesen des Masochismus gewonnen. Jeder psychologischer Beob-
achter — auch der nicht psychoanalytische — kann sich von ihrer Exis-
tenz überzeugen, wenn er die Einzelheiten der Erscheinungen ge-
wissenhaft studiert und scharf überprüft.
Die drei Merkmale, die wir für den Masochismus gefunden haben,
lassen vorerst keine psychologischen Zusammenhänge erkennen.
Sie bestehen isoliert und übergangslos nebeneinander. Wir haben
Anlass zu vermuten, dass die besondere Bedeutung der Phantasie
durch eine Brücke mit dem Suspensemoment verbunden ist, aber
schon der demonstrative Zug steht in keinem erkennbaren Zusam-
menhang mit den beiden anderen. Nur wer eine elegante oder
geistreiche Lösung einer ehrlichen vorzieht, wird Anstoss daran neh-
men können, dass die drei Charakteristika des Masochismus zunächst
einer einheitlichen Auffassung widerstreben. Auch die Bedeutung,
die dem einzelnen Moment für die Triebbesonderheit zukommt, ent-
entzieht sich noch unserem Urteil. Man möchte erraten, dass die
Bedeutung der Phantasie als das grundlegende Moment zu gelten
hat, der Suspensefaktor für die Abweichung vom Normalen bestim-
mend ist und der demonstrative Zug etwas Verborgenes zeigen oder
98
beweisen will. Es ist gewiss zu zeitlich, darüber etwas auszusagen
und wir misstrauen jeder Spekulation au feinem Gebiet, das der psycho-
logischen Erfahrung erfassbar ist — auch der eigenen Spekulation.
Das Auffinden und die Würdigung der drei Merkmale des Maso-
chismus mögen von theoretischen Interesse sein. Eine neue Erkennt-
nis der Triebabweichung könnte sich daraus aber erst ableiten, wenn
man wissen kann, was sie für ihr Wesen und Zustandekommen
bedeuten. Man müsste erweisen können, warum sie in jedem Falle
von Masochismus da sein müssen und in welcher Art ihre Anwesen-
heit die Entstehung und Entwicklung des sexuellen und sozialen
Masochismus bestimmen. Die Aufgabe, die uns gestellt ist, ist der des
Chemikers vergleichbar, der einen neuen Stoff* zu untersuchen hat
und etwa drei seiner wesentlichen Eigenschaften erkannt hat. Es
gilt, die Bedeutung dieser Merkmale für die Zusammensetzung und
den Charakter dieses Elementes zu finden, um es dann in den Zusam-
menhang der uns bekannten einzureihen. Was hier folgt, ist der Ver-
such, diese Aufgabe zu lösen, was nicht ohne Unsicherheiten und
Wiederholungen vor sich gehen kann.
Als Ausgangspunkt wählen wir das Suspensemoment. Es empfiehlt
sich uns durch seine auffallende Abweichung vom gewohnten seeli-
schen Ablauf. In seiner Erscheinungsform sind zwei anscheinend un-
vereinbare Tendenzen zu erkennen. Die eine, welche die Spannungs-
steigerung bis zur Entspannung anstrebt, und die andere, welche diese
Spannungssteigerung nicht wünscht, die Entspannung vermeidet.
Das Suspense ergibt sich als Erfolg der gegenseitigen Einwirkung
dieser Tendenzen, als Resultat ihrer Interferenz. Es wird uns erkenn-
bar als eine Strebung, die Reizspannung möglichst lange auf einer
gewissen mittleren Höhe festzuhalten und die Entspannung aufzu-
schieben. Ihre besondere Note erhält die Suspensespannung durch die
Vereinigung von Lustvollem und Angstvollem. Es ist unverkennbar,
dass beide Gefühle der Spannungssteigerung gelten. Besser gesagt:
der Spannungssteigerung bis zu einer Höhe, die zur Entspannung,
zur Endlust führen müsste. Die Endlust ist also Gegenstand einer
lustvollen und ängstlichen Erwartung. Die Abweichung vom nor-
malen Spannungsverlauf ist im absichtlichen Hinausschieben einer
99
Steigerung und in der Anwesenheit der Angst beschlossen. Von hier
aus ist nur ein Schritt zu der Annahme: die Steigerung wird vermieden
aus Angst. Es ist nur ein Schritt, aber ein so bedenklicher und psycho-
logisch bedeutsamer, dass er nicht ohne Vorsichten getan werden soll.
Wir nehmen gewöhnlich an, dass Spannung unlustvoll ist und
Entspannung lustvoll. Die Spannung, die wir Hunger nennen, wird
von uns allen als unangenehm empfunden und wir suchen, die Span-
nungssteigerung zu vermeiden. Es gibt gewiss auch lustvolle Span-
nungen. Die sexuelle Erregung liefert ein solches Beispiel. Allein
auch solche lustvolle Spannung hat ihre natürliche Begrenzung.
Wenn sie zu lange andauert, verändert sie ihren Charakter ins Un-
lustvolle und ihre Beendigung, die Entspannung wird gewünscht und
angestrebt. Der Masochist scheint ein Gegenbeispiel für diesen gesetz-
mässigen Verlauf liefern zu wollen. Er will die Spannung möglichst
lange festhalten und die Entspannung vermeiden oder so lange als
möglich aufschieben. Folgt aus einem solchen Verhalten nun wirklich,
wie einige Analytiker meinen, dass für den Masochismus eine lange
Spannung von vornherein lustvoll und die Entspannung unlustvoll
ist? Ich denke, das ist eine voreilige Schlussfolgerung. Wenn ein Hund
jedes Mal, wenn er sich einer Wurst nähert, mit der Peitsche bedroht
wird und er schliesslich die Nähe der Wurst meidet, bedeutet das,
dass er keinen Appetit mehr auf die Wurst hat? Die Vermeidung der
Wurstnähe ist mit nichten das Zeichen einer Idiosynkrasie des Hundes
gegen die Wurst, sondern das Zeichen seiner Angst vor der Peitsche.
Das Moment des Ängstlichen im Suspense deutet darauf hin, dass
die Erregungssteigerung und die Entspannung — der Annäherung
an die Wurst und ihrem Fressen in unserem Beispiel zu vergleichen —
vermieden wird, weil man sich vor ihr fürchtet. Wir merken an: der
Masochist wünscht den Orgasmus, die lustvolle Entspannung wie
andere Sterbliche auch, aber er hat Angst davor oder vielmehr vor
etwas, was damit verbunden ist. Er vermeidet die Erregungssteigerung
nicht als solche, sondern weil sie ihn in umittelbare Nähe der Ent-
spannung und damit jenes Gefürchteten bringt. Die Annäherung an
den Orgasmus wird von ihm wie ein Gefahrensignal aufgenommen
und er reagiert darauf wie auf eine dringende Warnung. So wird ein
100
Mann, der an einem Eisenbahnübergang angelangt ist, beim Glocken-
zeichen, das den kommenden Schnellzug signalisiert, Sorge dafür
tragen, die Schienen nicht zu überqueren.
Die nächste Frage ist gewiss: wovor fürchtet sich der Masochist?
Es wäre am einfachsten, ihn zu fragen. Allein seine Antwort wäre
gewiss: es sei ihm von einer solchen Angst nichts bekannt, er fürchte
sich nicht, er schiebe die sexuelle Entspannung auf, weil ihm der
Aufschub Lust gewährt. Er hat Recht. Er fürchtet sich bewusst auch
nicht — nur jene Note des Ängstlichen im Suspense verriet sich als
eine Wirkung unbewusster Angst. Auch an seiner Aussage, der Auf-
schub sei für ihn lustvoll, können wir nicht zweifeln. Wir meinen nur,
er sei erst später, sekundär lustvoll geworden. Unsere Meinung be-
steht dennoch zu Recht: der Aufschub war ursprünglich eine Art
Sicherheitsmassregel. Sie sollte die Entspannung hinausschieben, weil
er Angst vor ihr hatte.
Wovor fürchtet sich der Masochist? Es gibt keinen direkten Weg
zur Beantwortung dieser sehr wesentlichen Frage. Wir umgehen sie
also, suchen, uns ihr auf einem Seitenweg anzunähern. Aus dem
Charakter des Suspense haben wir die befremdende Anwesenheit der
Angst im masochistischen Charakter abgeleitet. Das Suspense selbst
erschien uns, von einer Seite gesehen, als ein Versuch, die Angst zu
verringern oder gar auszuschalten. Wir wissen- die Anwesenheit des
Ängstlichen verrät es — dass der Versuch nicht völlig geglückt ist.
Ist dies der einzig mögliche Ausgang? Es gibt einen besser gelun-
genen im masochistischen Bereich und wir nähern uns dem Frage-
mittelpunkt, wenn wir ihn psychologisch untersuchen. Die Suspense-
spannung ist zwar in allen Fällen masochistischer Neigung nachweis-
bar, aber sie ist nicht in allen Äusserungen in gleichem Ausmasse vor-
handen. Am stärksten tritt sie im Sexualverkehr mit masochistischen
Phantasieen hervor. Im perversen Akt ist sie am schwächsten. Gerade
in den Szenen des Bestraft- und Erniedrigtwerdens wird das Suspense-
gefühl eingeschränkt. Anders ausgedrückt: der Faktor des Ängst-
lichen, den wir gefunden haben, macht sich hier minder fühlbar. Der
Mann, der sich von seiner Ehefrau schlagen lässt, um zum Orgasmus
zu gelangen, wird in den Vorbereitungen und im Zeremoniell noch
IOI
immer etwas vom Ängstlich- Lustvollen des Suspense verspüren. Die
Dauer und Intensität dieser Gefühle ist aber nicht mit der zu ver-
gleichen, die sich beim Sexualakt mit ausgesponnenen masochistischen
Phantasieen mit demselben Objekt einstellt. Jene Angst ist auch in
der Szene unzweifelhaft da, aber sozusagen verdünnt. Das kann kein
Zufall sein. Wir sind hier auf einer Spur. Wodurch kommt es zur
Abschwächung der Angst in der durchgeführten Perversion? Die
Antwort lautet: dadurch, dass die Bestrafung, Beschämung oder
Erniedrigung wirklich vollzogen wird. Nehmen wir einen Augen-
blick versuchsweise an, die Angst im Suspense gelte einer Bestrafung
wie dem Geschlagenwerden. Das ist gewiss die gröbste und obendrein
eine unzureichende Annahme, aber sie vereinfacht den Tatbestand
nur für den Zweck der augenblicklichen Prüfung. Solches angenom-
men, würde man freilich verstehen, wieso die Angst bei durchgeführter
Perversion beträchtlich vermindert wird. Die Person führt ja die
Betrafung herbei. Sie wird geschlagen. Sie braucht sich vor dem Kom-
menden, Drohenden nicht zu fürchten. Es ist da. Die Strafe wird
nicht mehr erwartet; man hat sie hinter sich. Ich erinnere an das
früher Gesagte: nicht die Strafe ist das Wesentliche im Masochismus,
sondern die Strafangst. Diese aber steigert sich, wenn die Strafe auf
sich warten lässt oder ausbleibt.
Für die Dauer eines Augenblickes kehren wir zum Vergleich mit
dem hungrigen Hund zurück. Wir würden es gut verstehen, wenn der
Hund bei steigendem Hunger die Wurst erfasst, obwohl er die Peitsche
sehr fürchtet. Kein Hund aber wird den Peitschenhieb aufsuchen,
gleichsam um Prügel zu bitten. Er mag den Peitschenschlag mit in
Kauf nehmen, wenn er die Wurst haben kann, aber er wird den
schmerzhaften Hieb sicher nicht zum Gegenstand des Genusses
machen. Hier erkennt man, wie unzulänglich der Vergleich ist. Er
hinkt wie ein Hund, der einen Hieb auf die Hinterbeine bekommen
hat. Immerhin reicht der Vergleich hin, um die Meinung zu befesti-
gen: nur der Mensch ist ein masoch istisches Tier.
Im Suspense-Erlebnis haben wir eine Tendenz wirksam gesehen,
die Angst, welche auf den Orgasmus folgt, abzuschalten, indem die
Erregungssteigerung über ein gewisses Mass hinaus vermieden wird.
102
Das Angsterregende wird umgangen. In den Praktiken der Perversion
wird aber gerade das, wovor man sich ängstigt, also die Betrafung
nicht nur nicht vermieden, sondern aufgesucht, herbeigeführt. Den-
noch, so meinten wir, zielen beide so entgegengesetzten Verhaltungs-
weisen auf denselben oder einen ähnlichen Effekt: die Angst herabzu-
mindern oder auszuschalten. Liegt ein Widerspruch vor und wie
lässt er sich lösen?
Ich greife auf das frühere Beispiel des kleinen Mädchen zurück,
das in der Badewanne sitzt und sich vor dem Augenblick fürchtet,
wenn das Kinderfräulein das kalte Wasser auf ihren Körper rinnen
lassen wird. Sie fürchtet sich davor und dennoch dreht sie selbst den
Wasserhahn auf und lässt die kalten Tropfen auf ihren nackten Arm
fallen. Ich sagte bereits, dass man das kleine Mädchen nicht gut als
Masochistin bezeichnen kann. Es fehlt das wesentliche Moment des
Genusses an der Unlust. Es meldet sich freilich schüchtern an in einer
Art Befriedigung, wie wenn die Kleine dem Kinderfräulein ein
Schnippchen geschlagen hätte. Vielleicht auch in einer Andeutung
einer angenehmen Sensation, die sich mit der recht unangenehmen
Empfindung der Kälte vermengt. Trotzdem: das kleine Mädchen
ist keine Masochistin. Es besteht kein Anlass für keusche Gemüter,
sich vor so früher sittlicher Depravation zu bekreuzen. Die Kleine
ist aber auf einem guten Wege, später masochistische Neigungen zu
entwickeln. Was ist es, was ihr scheinbar unsinniges Verhalten mit
dem des Masochisten, des erwachsenen Perversen, verbindet? Fol-
gendes: etwas, wovor man sich fürchtet, wird absichtlich herbeige-
führt und diese Prozedur vermindert die Angst.
Ist diese Aussage richtig? Man darf keine Gelegenheit versäumen,
die eigenen Annahmen zu überprüfen. Im Fall des kleinen Mädchens
wird nicht etwa das Gefürchtete herbeigeführt. Es lässt ja nicht
plötzlich einen kalten Wasserstrahl auf ihren Körper niederströmen,
sondern vorsichtig nur einige kalte Tropfen auf ihren Arm. Es ist
also nur ein Teil dessen, wovor sie sich fürchtet, was sie sich geschehen
lässt, gerade eine Andeutung davon, eine sehr kleine Dosis. Kein
Zweifel: Das Kind hat sich vor dem kalten Wasser gefürchtet und
doch das Gefürchtete selbst produziert, zwar nicht ganz, aber ein
103
Kleines davon, sozusagen ein Muster. So paradox es klingt: sie hat
es selbst herbeigeführt, gerade weil sie sich so sehr davor gefürchtet
hat. Hier wird es unvermeidlich, auf die besondere Bedeutung der
Phantasie für das Wesen des Masochismus zurückzukommen. Wir
werden überall an sie erinnert werden. Das Kind hat sich so sehr
gefürchtet, weil es das Kommende, Hereindrohende in lebhafter
Phantasie vorweggenommen hat. Die Angst vor dem Wasserstrahl
mag uns freilich übertrieben scheinen, aber wer kann es als sicher
verneinen, dass diese Angst des Kindes an Intensität hinter den
Schrecken des jüngsten Gerichtes zurücksteht? Da sich die Angst
der Kleinen in der Wartezeit steigerte, hat sie die Steigerung nicht
mehr ertragen können und das phantastische Unheil, das unausweich-
lich war, zumindestens zum Teil Ereignis werden lassen. Durch
eine solche Aktion aber hat sie ihre Angst ermässigt und fast über-
wunden. Sie ist aus übergrosser Angst zu einer Art Heldin geworden.
Das mag lächerlich klingen, aber das Aufdrehen des Wasserhahnes
ist nicht minder heroisch als der Entschluss Beethovens
„dem Schicksal in den Rachen zu greifen."
Die Angst wurde auf zweifache Art beschwichtigt oder bewältigt:
erstens durch die Verwandlung eines passiven Ertragens in ein Tun
und zweitens durch ein Vorwegnehmen, das aus einem Drohenden
ein Gegenwärtiges machte. Das Vorwegnehmen in der Phantasie
liess die Angst ins Ungemessene steigen, das Vorwegnehmen in der
Aktion liess sie absinken. Aus einem Probegeschehen — denn das
ist die Phantasie — ist eine Probehandlung geworden. Zwei Ver-
änderungen, die zusammenfallen, haben zusammengewirkt, um die
Angst zu vermindern. Die erste betrifft die Situation des Ichs in Bezug
auf Aktivität und Passivität, die andere die Beziehung des Ichs zur
Zeit. Durch die erste Veränderung wird das Ich aus einem leidenden
zu einem handelnden, durch die zweite wird ein künftiges Geschehen
zu einem jetzigen. In der ersten hat sich das Ich zum Herrn über das
Weltgeschehen gemacht, in der zweiten zum Herrn der Zeit, in der
es sich abspielen soll. Diesen zwei Veränderungen ist eine dritte
anzureihen: die Probehandlung bezieht sich nur auf einen Teil des
in der Phantasie vorweggenommenen Geschehens. Die gefürchtete
104
Gefahrsituation wird nicht in ihrer Gänze herbeigeführt, sondern
nur partiell und spielerisch. Ich fasse das Resultat zusammen: die drei
Veränderungen, durch welche das kleine Persönchen in der Bade-
wanne die Angst bewältigt hat, betreffen das Ich in seiner Bestimmt-
heit als duldendes oder handelndes, den Zeitablauf eines Ereignisses,
das Ausmass dieses gefürchteten Geschehens. Ich nehme spätere
Einsichten voraus mit der Behauptung, dass es diese drei Verände-
rungen sind, welche auch im Falle des perversen Masochismus die
Angst schwächer werden oder schwinden lassen.
Von diesen Veränderungen scheint mir diejenige, welche sich auf
die Zeit bezieht, am interessantesten und als diejenige, welche weit-
gehende psychologische Aufklärungen verspricht. Sie hat auch die
intimste Relation zu dem Problem, von dem wir hier ausgegangen
sind, zur Frage der Spannungssteigerung im masochisf'schen Luster-
lebnis. Erinnern wir daran, dass — allgemein gesprochen — jede
Erhöhung der Reizspannung im Seelischen Unlust, jede Herabsetzung
Lust bedeutet. Das Beispiel der Sexualerregung warnt freilich davor,
diesen Satz als allgemein gültig anzusehen. Dort bedeutet- zuminde-
stens für eine gewisse Zeit-Erhöhung der Reizspannung Lust.
Gerade mit Hinweis auf dieses Beispiel hat F r e u d hervorgehoben,
dass Lust und Unlust nicht einfach auf Zu- und Abnahme der
Reizspannung bezogen werden können, „wenngleich sie offenbar
mit diesem Moment viel zu tun haben". Er meint, dass sie nicht an
diesem quantitativen Faktor hängen, sondern an einem Charakter,
den man als qualitativ bezeichnen muss. „Wir wären viel weiter in
der Psychologie", setzt er fort, „wenn wir anzugeben wüssten,
welches dieser Faktor ist". Er vermutet, dass es der Rythmus sein
könnte, „der zeitliche Ablauf in den Veränderungen, Steigerungen
und Senkungen der Reizquantität, wir wissen es nicht."
Wir betreten hier, wie Freud gelegentlich gesagt hat, „das
dunkelste und unzugänglichste Gebiet des Seelenlebens". Für das
Resultat Lust oder Unlust, ist nicht nur Verringerung und Erhöhung
der Reizspannung entscheidend, sondern auch die Art der Verteilung
dieser Veränderungen auf die Zeit. Freud meinte selbst, dass
Zuwachs oder Verringerung im Verhältnis zur Zeit wahrscheinlich
105
„das für die Entscheidung entscheidende Moment" sei. Hier ver-
mutete er ein Gebiet, das für das Experiment geeignet ist. Solange
keine darauf bezüglichen Beobachtungen und Erfahrungen exakter
Natur vorliegen, tun wir gut daran, die Vorsicht, die F r e u d hier
gezeigt hat, zu teilen.
Immerhin getrauen wir uns, einen Schritt über das von ihm Gesagte
hinauszugehen, einen einzigen, aber für unseren Zusammenhang
entscheidenden Schritt in das Halbdunkel des geheimnisvollen Grenz-
gebietes. Ich meine nämlich zu wissen, dass ein bestimmtes Ausmass
von Spannungserhöhung- oder Verringerung im Verhältnis zum
Zeitbruchteil entschieden unlustvoll ist. Einfacher gesagt: eine plötz-
liche Veränderung der Reizspannung ist mit lebhafter Unlust ver-
bunden. Dabei ist es gleichgültig, ob es sich um eine plötzliche Vermeh-
rung oder Verminderung der Reizspannung handelt. Die Beziehung
zum Zeitbruchteil wird hier entscheidend. Es ist für die Qualität der
Unlust bestimmend, dass die Veränderung in der Quantität der Reiz-
spannung eine seelische Umschaltung erfordert, die in kürzester Zeit
nicht durchgeführt werden kann. So wird es von uns als unangenehm
empfunden, wenn im Dunkel, das wir doch erhellt wünschen, plötz-
lich ein starkes Blitzlicht aufleuchtet. Auf anderer Ebene wird eine
freudige Nachricht, die uns völlig unvorbereitet trifft, eine heftige
Abwehr in uns hervorrufen. Dabei ist natürlich die Beschaffenheit
des seelischen Apparates, dem eine solche plötzliche Veränderung der
Reizquantität zugemutet wird, in Rechnung zu stellen. Es ist klar,
dass der kindliche Organismus und das kindliche Seelenleben der
Plötzlichkeit in Zuwachs oder Verminderung der Reizspannung
noch weniger gewachsen sind als die des Erwachsenen. Das Kind
reagiert auf plötzliche Reizveränderungen mit viel heftigeren Ab-
wehraktionen. Hier ist die Stelle auf den primären Schreckaffekt
hinzuweisen, als dessen abgemilderte Wiederholung und Fortsetzung
wir die Angst auffassen. 1 Auf der anderen Seite wird ein Ausmass
*) Die Beziehungen von Schrecken uns Angst zum Zeitmoment bilden
den Gegenstand vielfacher Diskussion in meinen Arbeiten „Der Schrecken",
„Der überraschte Psychologe" und einer Besprechung von Anna Freuds
Buch „Das Ich und die Abwehrmechanismen".
106
von Reizverstärkung und-verminderung im Zeitbruchteil von uns
gut vertragen, das an den seelischen Apparat des Kindes zu hohe
Ansprüche stellt.
Lust und Unlust hängt also nicht nur an der Verminderung oder
Vermehrung der Reizspannung, sondern auch an der zeitlichen Be-
dingtheit der Spannungsveränderung. Nur wenn diese Veränderung
in bestimmten zeitlichen Abständen vor sich geht, Übergänge auf-
weist, kann sie lustvoll wirken. Wo sie unvorbereitet und ruckweise
geschieht, wird sie im Allgemeinen unlustvoll empfunden. Besser
freilich wäre es zu sagen, sie ist unlustvoll, wo sie nicht einem bestimm-
ten, von uns freilich noch nicht bestimmbaren Rythmus folgt. Dit
Beziehung auf den Rythmus ist eher zu betonen, denn es gibt plötz-
liche Spannungsveränderungen, die wir auch lustvoll empfinden. Ich
verweise nur auf das Beispiel der Witzlust, die zum grossen Teil auf
der plötzlichen Herabsetzung einer seelischen Spannung beruht. 1
Wir haben uns anscheinend weit von den Problemen des masochi-
stischen Lusterlebnisses entfernt. In Wirklichkeit sind wir nur auf
einem Umweg zu ihnen zurückgekehrt. War es nicht das Beispiel
der Kleinen in der Badewanne, das uns zu diesen psychologischen
Überlegungen geführt hat? Sie fürchtete sich so sehr vor der Plötz-
lichkeit der Temperaturveränderung und suchte, sich davor zu
schützen, indem sie den Wasserhahn ein wenig aufdrehte. Sie konnte
die Spannungssteigerung in der phantasierten Vorwegnahme des
Gefürchteten nicht aushalten. Das würde also einer besonderen In-
toleranz gegenüber dem plötzlichen Reizzustrom entsprechen. In
ähnlicher Art schützt sich das Ich im Masochismus vorerst dagegen,
einem psychischen Schock, einem plötzlichen Reizanstrom ausge-
setzt zu werden, indem es dem Kommenden den Charakter des
Überwältigenden nimmt. Indem es eine andere Reizverteilung
x ) Es ist freilich zu beachten, dass sich diese plötzliche Reizveränderung
nicht im materiellen Leben, sondern in einem aesthetischen Phänomen
vollzieht und das Gefahrmoment hier abgeschwächt wird. Die Herab-
setung der Spannung wurde zuerst von Freud im Witz beschrieben,
der Faktor des Plötzlichen, den er übersah, in meinen Arbeiten über den
Witz eingeführt und gewürdigt.
107
vornimmt, bereitet es sich vor. Das kleine Mädchen in der Wanne
weicht dem Unangenehmen nicht aus — es ist ja unausweichlich —
sondern es geht ihm entgegen. Die Vorbereitung besteht auch aus
einer Veränderung des Geschehens in den Bedingtheiten seines zeit-
lichen Ablaufes. Das kleine Mädchen verändert durch jenes Hahn-
aufdrehen nicht so sehr das Geschehen selbst als den Rythmus dieses
Geschehens. Es schafft Übergänge, die sonst nicht da sind. Es kann
sich vielleicht nicht davor schützen, überrascht zu werden, wohl
aber davor, überrumpelt zu werden. Indem es das Gefürchtete in
abgeschwächter Form geschehen lässt, hat es die Angstspannung
herabgesetzt oder sogar ausgeschaltet.
Wie aber dann das Hinausziehen der Spannung erklären, das wir
im Suspense beobachten und das diesem Verhalten so entgegengesetzt
ist? Die beiden Reaktionsweisen sind typisch für verschiedene Ent-
wicklungsphasen der masochistischen Einstellung. Das Hinaus-
schieben, das Suspense, die Vermeidung der Entscheidung ist die
ältere Reaktionsart, die lange festgehalten wird. Die Produktion des
Gefürchteten wird angestrebt, wenn die Person ungeduldiger und
intoleranter gegen die Spannung geworden ist und dem Trieb-
drängen nicht mehr widerstehen kann. Jene ältere Form des Ver-
haltens greift auf eine typische Kindersituation zurück, in der sich
der Einfluss der Erziehungsmächte gegen das Andrängen natürlicher
Bedürnfisse zu wehren hatte. Nehmen wir an, das kleine Mädchen
in der Badewanne habe eine solche Situation des öfteren miterlebt,
als sie einige Jahre jünger war. Damals habe sie, allein im Kinder-
zimmer, plötzlich einen heftigen Stuhldrang verspürt. Der erste
Impuls war natürlich, dem Drang nachzugeben. Die Erinnerung
zeigte, dass eine solches Nachgeben dem Reiz gegenüber die Mutter
oder das Kindermädchen böse machen wird. Die Vorstellung, die
Mutter wird böse sein, ist geeignet, den natürlichen Impuls des
Gehenlassens oder Geschehenlassens zu hemmen. Der Erfolg der
lebenden Vorstellung äussert sich im Widerstreben gegen den Drang,
psysiologisch in einer Aktion des Schliessmuskels. Das Kind ist jetzt
zwischen zwei Kräften: es will, ja es muss der Not nachgeben, aber
es fürchtet sich auch davor. Es hat das Bösewerden der Mutter, den
108
Liebesverlust in der Phantasie vorweggenommen. Es wird endlich
dem Stuhldrang nachgeben und sich beschmutzen, aber mit Angst,
die sich vorher in einem Aufschieben geäussert hat. Der Zeitabschnitt,
der zwischen dem Reizandrang und dem Nachgeben verläuft, wird
im Zeichen des Suspense stehen und alle seine Merkmale aufweisen:
das Hinausschieben einer Entspannung und den Charakter des Lust-
voll-Ängstlichen. Wird es gelingen, den gebieterischen Drang zu
bezwingen? Das Nachgeben gegenüber der Triebregung, die Ent-
spannung unter angstvoller Vorausnahme der drohenden Folgen in
der Phantasie ist die Grundsituation, aus der sich das Suspensegefühl
später zu voller Blüte entwickeln wird. So wird die angstvolle Vor-
stellung des Schimpfens der Mutter eine längere Verzögerung be-
wirken können. Der Aufenthalt wird sich ausdehnen, das Arret eine
andere seelische Tönung erhalten. Es stellt sich ein Schwanken
zwischen Angst und Lust her, das endlich in eine Vermischung
beider ausläuft.
Die beiden Verhaltungsweisen, das Suspense und die Herbeifüh-
rung des Gefürchteten, sind zwei verschiedene Reaktionen auf eine
ähnliche Situation, nicht auf die gleiche. Die Lage hat sich später
durch die Vergrösserung der Ungeduld von Seiten des Lustdrängens
verändert. Eine Übersicht wird den Sachverhalt klarer machen:
eine Spannung, die durch ein triebhaftes Bedürfnis erweckt wurde,
wird an ihrem natürlichen Ablauf durch die Einmengung einer
angstvollen Vorstellung gestört. Durch den Widerstreit der zwei
Strebungen entsteht ein Aufenthalt. Die Spannung erhält einen
ängstlichen Charakter, der sich mit dem lustvollen verbindet. Es
ergeben sich zwei Wege, die Angst abzuschwächen oder auszuschal-
ten. Der erste ist der, die Endspannung, die wegen ihrer Folgen ge-
fürchtet wird, aufzuschieben. Mit anderen Worten: die Spannung
nicht über ein gewisses Mass hinausgehen zu lassen, sie auf gewisser
Höhe festzuhalten. Das wäre der Flucht vor jenem Gefürchteten,
Strafe, Tadel oder was immer es sein mag, gleichzustellen. Das Wort
Flucht muss hier natürlich mit Vorbehalt gebraucht werden, denn
eigentlich wäre das Verhalten durch einen Wechsel von Flucht und
Annäherung besser bekennzeichnet. Auch ist es unverkennbar, dass
109
die durch Angst bestimmte Verzögerung durch die Lusttendenz
ausgenützt wird. Der Masochist verwandelt den Zwang in eine Lust,
wie um „to make the best of it". Der andere ist der, das Gefürchtete
vorwegzunehmen, es Ereignis werden zu lassen. Ich bezeichne diesen
Weg, um ihn von anderen abzugrenzen, als Flucht nach vorne. Auch
diese Reaktion ist nicht nur dazu bestimmt, die Angst fernzuhalten;
sie soll der ungeduldigen Lust zum Sieg verhelfen, auch um den Preis
des Schmerzes oder der Unlust. Die Reihe interessanter psycholo-
gischer Fragen, die sich hier sehen lässt, muss späterer Diskussion
vorbehalten bleiben.
Für den Augenblick kehren wir zu unserer ursprünglichen Frage-
stellung zurück. Von der Erörterung des Suspense-Momentes ausge-
hend, wind wir zur Untersuchung einiger Bedingungen, einiger
Lust- und Unlustbedingungen gelangt. Wir haben gefunden, dass
der Masochist, zwischen seiner Angst und seinem Luststreben hin-
und hergeworfen, versucht, die Spannung schwebend zu erhalten.
Diesem Versuch sind gewiss andere vorausgegangen, das Lustziel
trotz der Angst zu erreichen. Unter dem Eindruck der unbewussten
Angst entzog sich dieses Ziel aber immer wieder. Die seelische Situa-
tion ähnelt der des mythischen Tantalos, der, einst Genosse der
Götter, zur Bestrafung in die Unterwelt gestossen wurde. Dort
muss er, bis zum Kinn im Wasser stehend, die schönsten Früchte in
Reichweite, ewig Durst und Hunger leiden, weil Äste und Teich
sogleich zurückweichen, sobald er sich ihnen nähert. Das einprägsame
Bild wird durch eine andere Sagenvision der Suspense-Situation noch
mehr angenähert: ein Felsblock drohte ständig, auf den unglücklichen
König herabzustürzen und ihn zu zermalmen.
Der bisherige Verlauf dieser Untersuchung musste uns über-
zeugen, dass der Masochist ungewöhnlich intolerant der Angst-
spannung gegenüber ist. Das gleiche Resultat ergibt sich, ob man das
Suspense oder die Produktion des Gefürchteten als entscheidend für
die Beurteilung nimmt. Ob er es vermeidet, die Angstspannung grösser
werden zu lassen, indem er die Erregung schwebend erhält, oder ob
er das Gefürchtete selbst heraufführt, er kann eine erhöhte Angst
nicht ertragen. Im Gegensatz zu der landläufigen Meinung ist unser
HO
Eindruck, dass der Masochist, verglichen mit der Mehrzahl seiner
Mitmenschen, ungewöhnlich ungeduldig ist.
Die Ungeduld des Duldenden
Die natürliche Tendenz jedes Lebewesens, nach Lust zu streben
und Unlust zu vermeiden, scheint durch die Erscheinung des Maso-
chismus ausser Kraft gesetzt. Bildet er die Ausnahme, welche jene
Regel, von F r e u d als Lustprinzip formuliert, bestätigt? Er scheint
ja umgekehrt Lust zu vermeiden und Unlust aufzusuchen oder,
besser gesagt, Lust aus der Unlust zu gewinnen. Das Vorange-
gangene erweckt freilich Zweifel, ob dies so ist, und ob nicht der
Masochist nur einen besonderen Weg sucht, die Unlust zu ver-
mindern und Lust zu erreichen wie wir alle. Mann kann sich ja auch
auf einem Umweg einem Ziel annähern.
Vielleicht fördert es unser Fortschreiten, wenn wir nicht von der
Herrschaft des Luststrebens ausgehen, sondern von seinem Gegen-
part. Es gehört zu den Aufgaben der Erziehung, die Lust, die mit
der Triebbefriedigung verbunden ist, aufschieben zu können, bis
sie in Sicherheit genossen werden kann. Das Kind soll gelehrt werden,
warten zu können, die Befriedigung seiner Bedürfnisse aufzuschieben.
Der Aufschub triebhafter Bedürfnisse ist eine Kulturforderung.
Er soll nicht nur der Sicherung des Kindes dienen, sondern auch
seiner Anpassung an die Umwelt und an die Bedingungen sozialen
Lebens. Schliesslich gilt es sogar, in bestimmten Fällen die Trieb-
erfüllung gegen andersartigen Gewinn einzutauschen. Wir werden
dazu erzogen und erziehen uns selbst dazu, auf leicht erreichbare
Triebbefriedigung zu Gunsten anderer Interessen zu verzichten.
Wir alle lernen, den Weg des geringsten Widerstandes zu vermeiden
und den des grössten Nutzens zu gehen. Freud hat diese Kultur-
forderung als das Realitätsprinzip bezeichnet. Es bedeutet keine
Aufhebung des elementaren Luststrebens, sondern seine Einschrän-
kung, durch die Notwendigkeiten des Lebens und der Anpassung an
die Umwelt bedingt. Es setzt das Lustprinzip nicht ausser Geltung,
beschränkt es nur in seinem Totalitätsanspruch. Wir lernen alle, mehr
III
oder minder gut, auf die Befriedigung unserer Triebregungen zu
warten. Das aber will bedeuten, wir lernen, die unlustvolle Span-
nung zu ertragen, die mit solchem Aufschub verbunden ist.
Wenn aber das Ertragen von Spannungen zu den Bedingungen
gehört, die das Realitätsprinzip nötig macht, wie stellt sich uns dann
das Suspense-Moment dar? Wird nicht im Masochismus die Spannung
willig, ja gern ertragen? Sie wird sogar ausgedehnt, verlängert, ja
mehr als dies: sie wird zur Lust. Zuerst sieht es freilich so aus, als
wäre der Masochist besonders geeignet zum Ertragen unangenehmer
Spannungen, als wäre er besonders geduldig ihnen gegenüber. Dass
er sie aber aufsucht statt sie nur zu akzeptieren, dass er ihnen ent-
gegengeht und dass er sie zum Gegenstand des Genusses macht,
zeigt dafür, wie ungeduldig er ist. Er scheint die Realitätsforderung
anzuerkennen. Akzeptiert er sie wirklich? Nein, er übertreibt sie.
Aus solcher Übertreibung folgt auf der einen Seite ein unnötiges
Stück Angst und Unlust, das in der Realitätsspannung sonst nicht
vorgesehen ist. Auf der anderen Seite gewinnt er aus der Verlängerung
der Spannung ein Stück Lust, das die Herrschaft des Realitätsprinzipes
ausser Kraft setzt. Tatsächlich bedeutet das masoch istische Suspense
einen Versuch, einen missglückten Versuch, der Realitätsforderung
zu folgen. Gleichzeitig aber ein Sabotieren dieser Forderung durch
Übertreibung. Der Masochist übertreibt den Aufschub und ver-
wandelt ihn in Lust. Auch erträgt er ja nicht die notwendige Span-
nung, sondern verteilt sie, setzt sie hier ein und hebt sie dort auf, wo
es ihm gefällt. Er unterwirft sich dieser Forderung, aber mit so trot-
zigem Gehorsam, dass er ihren Sinn in das Gegenteil verkehrt. Der
Vergleich seines Verhaltens mit dem streikender Eisenbahner im
alten Österreich liegt nahe. Wenn die Eisenbahner mit ihren Löhnen
oder ihrer Arbeitszeit nicht zufrieden waren, stellten sie nicht etwa
ihre Arbeit ein, sondern führten sie gerade mit der gesteigertsten Ge-
wissenhaftigkeit und Pünktlichkeit, in sorgsamster Erfüllung auch
der geringfügigsten Vorschriften der Direktion durch. Indem sie
sich auf den Buchstaben genau an diese Vorschriften hielten und
alle gegebenen Weisungen bis ins kleinste befolgten, was immer
auch die praktischen Folgen waren, legten sie den Eisenbahnverkehr
112
lahm, konnten Züge weder abfahren noch einlaufen. Man nannte
eine solche Sabotage durch Übertreibung des Gehorsams passive
Resistenz. Der Masochist befindet sich der Realitätsforderung gegen-
über in einem solchen Zustande passiver Resistenz.
Es sieht so aus, sagten wir, wie wenn der Masochist lustvolle Span-
nungen abweisen und unlustvolle gemessen wolle. Wir wissen, dass
das Schein ist und wissen, wodurch dieser Anschein erweckt wurde:
dadurch, dass man das Vorwegnehmen des Kommenden in der Phan-
tasie nicht berücksichtigt. Hier gewinnen wir wieder einen An-
schluss an das früher behandelte Thema, was die Vorherrschaft der
Phantasie für den Masochismus bedeutet. Der Mythos von Tantalos
hat uns zur Verdeutlichung der Suspensesituation gute Dienst ge-
leistet. Die Beziehung der Phantasie zur Erfüllung des Realitäts-
prinzipes im Masochismus kann durch einen Vergleich mit dem
Verhalten einer anderen Sagenfigur leichteren Formates gut illustriert
werden. Die deutschen Volkserzählungen des Mittelalters berichten
viel von dem sonderbaren Verhalten eines närrischen, doch klugen
Gesellen Till Eulenspiegel. So wird erzählt, dass der Schalk auf
seinen Wanderungen immer traurig war, wenn er leichten Schrittes
bergab schreiten konnte, aber sich sehr vergnügt zeigte, wenn er
mühevoll bergauf klettern musste. Er erklärte sein Benehmen folgen-
dermassen: beim Gang bergabwärts musste er schon an die Mühen
und Anstrengungen der folgenden Bergkletterung denken, während
er in den Strapazen des Anstieges die Lust der bequemen Talwan-
derung vorausnahm und in der Vorstellung genoss. Man ist versucht,
in einem solchen eigenartigen Benehmen, das in seiner Paradoxie
an den Masochismus erinnert, einen Ausdruck praktischer Lebens-
klugheit zu sehen. Es mutet an wie eine Mahnung, seine Heiterkeit
im Ungemach und in der Mühsal zu bewahren, und in der Zeit der
Bequemlichkeit und des Behagens nicht übermütig zu werden.
Erscheint der lustig-trübe Geselle nicht wie ein Verwandter oder
Nachbar des Masochisten? Er verträgt die Lust schlecht, ist verstimmt,
wenn es ihm gut geht, und heiter, wenn er es besonders schwer hat.
Er hat gewissermassen die Ordnung der natürlichen, der Situation
angemessenen Gefühle umgekehrt, fühlt sich behaglich, wo Andere
H 113
Unlust fühlen, und wird trübselig, wo Andere gemessen. Diese
Stimmungen sind nicht durch seine gegewärtige Situation bedingt,
sondern durch die Vorwegnahme der kommenden. Das phantasierte
Vorwegnehmen stört den Genuss, wenn was folgt, unangenehm ist
und lässt Strapazen lustvoll erscheinen, wenn ein Genuss ihnen folgen
wird. Namentlich der zweite Vorgang nähert den Schalk dem
Masochisten an. Er könnte, würde er aus seiner Gruft in Mölln
auferstehen, ausgezeichnete Auskünfte über die Psychologie des
Masochismus geben. Der Komödiant könnte nicht nur einen Pfarrer,
sondern einen Psychoanalytiker lehren, der die Bedeutung des Vor-
wegnehmens in der Phantasie für das masochistische Erlebnis nicht
erkennt.
Die Vorstellung drohenden Unheils im Masochismus haben wir
für den Angstcharakter des Suspenses verantwortlich gemacht. Die
Annäherung an den Orgasmus wird gefürchtet und vermieden. Weil
der Masochist die Steigerung der Angst, die mit der Annäherung
verbunden ist, nicht erträgt, muss er im Suspense bleiben. Wenn
aber die Lusttendenz überwiegt, ungeduldiger geworden, nach vor-
wärts drängt, kommt es dazu, dass der Masochist das Herannahen
der kommenden Gefahr nicht abwarten kann, ihr entgegenstürzt,
sie herbeizwingt. Er ist nicht nur der Angstspannung gegenüber
ungeduldig, sondern auch der Lustspannung. Seine Phantasie, leb-
hafter oder erregter als die anderer Menschen, nimmt nicht nur
die Gefahr vorweg, sondern auch den Genuss, die Befriedigung.
Nicht nur die Angst wird grösser, auch das Lustdrängen steigt an.
Unmutig und rücksichtslos geworden, wirft es die Angst über den
Haufen, überschreitet es die früher so sorgsam gehütete Grenze.
Es taucht die Frage auf, ob diese besondere Ungeduld, diese In-
toleranz gegenüber der Spannungssteigerung auf frühere Erlebnisse
etwa der Kinderzeit zurückgeführt werden kann. Hat der später
Masochist Gewordene in der Kinderzeit einmal eine Szene erlebt,
in der er Schmerz, Beschämung und Erniedrigung empfunden und
die das Ausmass der Angst rechtfertigt? Die anlytische Erfahrung
schliesst diese Annahme nicht aus. Sie bestätigt sie aber auch nicht.
Natürlich gibt es in der Geschichte vieler Masochisten Begebenheiten,
114
in denen das Kind getadelt oder beschämt wurde. Ebenso gewiss gibt
es in der Vorgeschichte anderer keinerlei besondere Misshandlungen,
keine rohe oder erschreckende Behandlung des Kindes von Seiten der
Erziehungspersonen. Eher geht der Eindruck nach der entgegen-
gesetzten Richtung, dass das Kind eine besonders liebevolle oder
gütige Behandlung erfuhr. Wo erinnert wird, dass das Kind strenge
getadelt oder gezüchtigt wurde, liegt ein Ausnahmsfall vor, der fast
nie über das Ausmass dessen hinausgeht, was Kinder sonst seelisch
gut bewältigen. Der besondere Eindruck solcher Bestrafungen in
manchen Fällen hängt nicht vom Ausmass oder der Strenge der
Bestrafung ab, sondern von einem noch unbekannten Faktor, in dessen
Zusammensetzung eine erhöhte Empfindlichkeit des Kindes eine
zentrale Rolle spielen dürfte. In der übergrossen Anzahl von Fäl-
len vermutet man, dass die Erziehung zu milde oder nachsichtig war
oder das Kind verzog. Wenn solche Kinder ausnahmsweise getadelt
oder gezüchtigt werden, wird der Gegensatz zu ihrer sonstigen Be-
handlung seelisch schwerer in Gewicht fallen. Eine ähnliche Reaktion
wird begünstigt, wenn die Erziehung ungleichmässig und in ihrer
Art schwankend ist, einmal zu nachsichtig und Triebfreiheit gewäh-
rend, dann plötzlich — das Moment der Plötzlichkeit wurde schon
betont — strenge und verbietend. Es ist auch nicht bedeutungslos,
dass man in manchen Fällen statt Bestrafung und Beschämung in der
Kinderzeit die Drohung findet. Solches In-Aussichtstellen von Züch-
tigung oder Beschämung hat das Kind manchmal lange beschäftigt
und wurde in der Phantasie vorausgenommen und mit wahrschein-
lichen Einzelheiten ausgemalt. Es ist auffallend, dass in der Erin-
nerung vieler Masochisten zwar keine eigenen auffälligen Bestra-
fungen erscheinen, aber solche von Geschwistern oder Spielkama-
raden, die dann zum Mittelpunkt von Phantasieen werden. Befrem-
dender noch ist ein anderer Aspekt, der sich mir aus der Analyse vieler
Fälle ergeben hat. Er bezieht sich gerade auf jene Ausnahmen, in
denen eine Erinnerung an eine erlittene Bestrafung oder Beschämung
erhalten geblieben ist und lebhafte Gefühle erweckt. Ich habe be-
gründeten Anlass zu der Vermutung, dass in diesen Ausnahms-
fällen die Bestrafung unbewusst gewünscht und angestrebt, durch
"5
Schlimmsein absichtlich provoziert wurde. Mit anderen Worten:
die Bestrafung war nicht Ursache der masoch istischen Triebent-
wicklung, sondern schon die von dem Kinde herausgeforderte Wir-
kung. Sie hat das Kind nicht masochistisch gemacht, sondern gehörte
schon zu den Triebzielen des Kindes. Die umgekehrte Annahme
beruht oft auf einer falschen Perspektive des Psychologen und darauf,
dass wir die seelische Entwicklung des Kindes in ihren einzelnen
Phasen zu spät ansetzen.
Wenn es also nicht richtig ist, dass die Neigung zum Masochismus
aus einer harten Schule stammt, ist nicht vielleicht schon in der Dis-
position des Kindes eine Anlage erkennbar, die es ihm z.B. schwerer
als anderen macht, Spannungen zu ertragen? Einige Analytiker
(S a d g e r, W. Reich) nehmen eine erhöhte Muskel- und Schleim-
hauterotik als eine solche konstitutionelle Grundlage an. Die An-
nahme scheint mir nicht notwendiger als eine andere und Hess sich in
keinem Falle als begründet erweisen. Sie gebärdet sich als besonders
naturwissenschaftlich, ist aber dem Reich wissenschaftlicher Mytho-
logie zuzurechnen. Natürlich ist es jedem Beobachter auffällig
geworden, dass bestimmte Körperzonen zum bevorzugten Schau-
platz masochistischer Empfindungen werden. Das ist indessen nicht
mit ihrer konstitutionellen Überempfindlichkeit gleichzusetzen.
Sie sind es ja, denen von den Pflegepersonen besondere Aufmerk-
samkeit entgegengebracht wurde. Auf die Muskel und den After
bezogen sich die ersten Spannungen, die das Kind ertragen lernen
sollte. Dort sollte die Erziehung ihre ersten Erfolge haben und dort
erlitt sie ihre ersten Niederlagen.
In der Frage der konstitutionellen Anlage zur masochistischen
Neigung wurde keine eindeutige Lösung gefunden. Vielleicht wäre
ein begünstigender Faktor am ehesten in einer energischen sadistisch-
analen Anlage zu suchen. Der Masochist wäre dann das seelische
Resultat, das sich aus dem späteren Schicksal dieser Triebanlage ergibt.
Die ersten Spannungen, die das Kind ertragen lernen sollte, bezogen
sich auf seine Bedürfnisse, auf die Veränderungen, denen das Kind
durch die Erziehung zur Reinnlichkeit und Pünktlichkeit unter-
worfen war. Es galt, eine Unlust, die mit der Beherrschung des Stuhl-
116
ganges, dem Wechsel der Körpertemperatur u.s.w. verbunden ist,
zeitweilig zu ertragen. Die Erziehung hatte das Kind oft durch zu
rasche oder zu willige Gewährung seiner triebhaften Wünsche
verwöhnt, gewiss nicht, ohne gelegentlich in den entgegengesetzten
Fehler unbegründeter oder überraschender Versagung zu verfallen.
Man kann den Weg verfolgen, der von den ersten elementaren
Spannungen zu denen späterer Zeit, die grössere seelische Aufgaben
stellen wird, führt. Die Beherrschung der Muskel war in der frühen
Kinderzeit von der Erziehung gefordert.
Die Angst des Kindes galt damals dem Liebesverlust, der Bestrafung
oder Beschämung, wenn es sich gehen liess. Diese Angst wird später
von jener anderen, die sich auf die Folgen der Onanie oder sogar
der sexuellen Erregung bezieht, abgelöst. An Stelle der Angst vor
den Eltern tritt die Angst vor dem Gewissen, die Über- Ich- Angst.
Statt fremder Anforderungen treten moralische oder aesthetische
Ansprüche des eigenen Ichs. Die Aggressivität, welche durch die
Unbefriedigung triebhafter Bedürfnisse erweckt wird, hat angesichts
der Schwäche des Ichs und der Erziehung zur Güte keine angemessenen
Äusserungsmöglichkeiten und muss unterdrückt werden. Die am
Ausdruck verhinderte Aggressionsneigung vertieft aber das Schuldge-
fühl des Einzelnen, will sagen, seine soziale Angst. Diese soziale
Angst wird die frühere Angst vor den grossen Figuren der Aussen-
welt, vor dem Bösesein der Eltern und dem Liebesverlust bei ihnen,,
ablösen. Die Gefahr, die einmal von aussen drohte, ist zu einer verin-
nerlichten geworden. Gerade in der Analyse des Masochismus wird es
klar, dass jene Angst ursprünglich dem Tadel oder Bestrafung durch
Personen aus der nächsten Umgebung des Kindes galt. Es ist wahr-
scheinlich so, dass der perverse Masochismus noch viel innigere per-
sönliche Beziehungen zum Objekt behalten hat. Im sozialen Maso-
chismus ist diese Objekt- Beziehung weitgehend gelockert.
Unser Ausgangspunkt war das Verhalten des Masochismus zum
Realitäts- und Lustprinzip. Zu ihnen zurückkehrend, bemerken
wir jetzt, dass die beiden Prinzipien einem verschiedenen Rythmus
folgen. Das kleine Lebewesen gehorcht in Hunger und Sättigung,
Nahrungsaufnahme- und Abgabe, Schlafen und Wachen dem natür-
117
liehen Rythmus aller Kreatur, den ich Triebrythmus nennen
will. Dieses Verhalten soll eine Veränderung erfahren, wenn das
Kind lernt, sich vor Gefahren zu schützen, die sein Leben bedrohen
und sich den Anforderungen des sozialen Lebens anzupassen. Es soll
nun zu bestimmter Zeit schlafen und essen, soll die Bedfriedigung
seiner Triebbedürfnisse nach Zeit und Ort einschränken lernen. Es
gehorchte früher nur dem Rythmus, der von seinen Trieben diktiert
wird. Es soll nun dem gehorchen, der ihm von aussen aufgedrängt
wird und jenen ursprünglicheren abändert. Es wird zur Aufgabe
jedes Kindes, sein Tun und Lassen diesem neuen, dem Kulturrythmus
anzupassen. Es soll nicht nur leben nach dem Gesetz, nach dem es
angetreten, sondern auch nach dem, das an das Kind herantritt. Die
Anpassung an den neuen Rythmus erfolgt mit Hilfe der Erziehung
und unter dem Druck sozialer Notwendigkeiten. Der äussere Einfluss,
der den alten Triebrythmus verändert, ihn verlangsamt oder ab-
schwächt, soll später zum inneren Besitz werden. Das Kind soll ihn
sich aneignen, bis es ihn als eigene Regung verspürt, damit es auf ein
unabhängiges Leben in der Gemeinschaft vorbereitet sei. Diese Ver-
langsamung des Rythmus, die Vorhalte, Pausen, Verzögerungen
bringt, zwingt dazu, Spannungen, die von aussen und von innen
kommen, zu ertragen.
Beim Masochisten ist, scheint es, die Ersetzung des Triebrythmus
durch den Kulturrythmus zu gut gelungen. Das Suspense erscheint
wie eine besondere Veranstaltung, die Triebbefriedigung lange hin-
ausschieben zu können und Unlust zu ertragen. Was aber zu gut
gelungen ist, ist misslungen. Der Masochist benimmt sich so ent-
gegenkommend, weil er das grössere Ausmass an Spannung fürchtet
und weil er besonders intolerant gegenüber der Unlust ist. Er hat
sich dem Kulturrythmus nicht etwa angepasst; er hat ihn übertrieben
und damit verfälscht. Das Ziel der Erziehung ist nicht erreicht. Was
erreicht wurde, ist die Verzerrung oder Karrikatur dieses Zieles.
Eigenwillig und eigensinnig setzt der Masochist seinen eigenen
Rythmus dem entgegen, der unser aller Leben regiert. Er ist um
einen Takt (oder mehrere Takte) voraus oder zurück, sowohl im
Suspense als im perversen Akt. Auf diesem langen Unweg sind wir
118
wieder bei jenem Schalk Till Eulenspiegel angekommen und seinem
sonderbaren Benehmen auf der Wanderung. Wenn er leicht bergab
spaziert, ist er verstimmt. Wenn er aber den Berg hinaufklettert und
er sich tüchtig abrackern muss, ist er froh. Er nimmt die Unlust gern
auf sich, er geniesst sie, verwandelt sie sogar zur Lust. Das aber macht
das Wesen des Masochismus aus. Der Masochist und Till Eulenspiegel
gehorchen einem anderen, ihrem eigenen Rythmus. Sie marschieren
nicht im selben Schritt und Tritt mit uns. Vielleicht kommt es daher,
dass sie einen anderen Trommler hören.
Die Flucht nach vorne.
Freud hat die Forderung aufgestellt, dass jede Theorie, welche
die Erscheinung des Masochismus aufklären will, eine befriedigende
Auskunft über die Beziehung dieser Triebrichtung zu ihrem Gegen-
part, dem Sadismus geben muss. Das Verhalten der analytischen
Psychologen dieser Forderung gegenüber ist bemerkenswert. Die
eine Gruppe kümmert sich um dieses Postulat in keiner Art: sie
greift einen Faktor etwa den Narzissmus, die Schleimhauterotik oder
die Liebesbedürftigkeit aus dem psychologischen Zusammenhang
und streift kaum das Verhältnis Masochismus- Sadismus. Die andere
Gruppe geht in ihrer Theoriebildung von diesem Verhältnis aus.
Sie geht davon aus, aber sie geht nicht weiter. Sie fasst den Punkt
scharf ins Auge, aber sie kann den Blick nicht mehr von ihm wenden.
Das einzig richtige Verfahren ist natürlich, in der Untersuchung
von nichts anderem auszugchen als von den Erscheinungen des
Masochismus selbst und sie ohne vorgefasste Meinung, ohne Rück-
sicht auf mögliche Zusammenhänge und Beziehungen, psychologisch
zu erfassen. Die Aufklärung jener regelmässigen Beziehung zum
Sadismus kann nicht das Ziel der Erforschung der masochistischen
Triebneigung sein. Es muss aber der Erfolg sein. Diese Aussicht
darf nicht der Ausgangspunkt sein. Sie muss sich aber am Ende erge-
ben. Wo das nicht der Fall ist, hat man das Recht, die Theorie als
unbefriedigt abzuweisen.
In unserer Darstellung sind wir bisher dem Einspielen des Sadis-
119
I
mus nur an einer Stelle begegnet: dort, wo das provokatorische Element
auftauchte. Wir haben damals erkannt, dass wir das Gebiet des reinen
Masochismus überschritten hatten, unversehens auf fremdes Terrain
gelangt waren und sind sogleich zu unseren Problemen zurückgekehrt.
In ihrer Behandlung aber sind wir auf den wichtigen Faktor der
Angst gestossen. Wir waren darauf in keiner Art vorbereitet. In
der analytischen Literatur wird auf den Zusammenhang zwischen
Masochismus und Angst kein Wert gelegt. 1 Auch Freud erkennt
der Angst keine ausgezeichnete Bedeutung für das Wesen des Maso-
chismus zu.
Es ist mir auffällig, dass dieser Faktor der Angst im Masochismus
bisher nicht gewürdigt wurde. Ich kann es mir nur so erklären, dass
er nicht gesehen wurde, weil er im Hintergrund, im Schatten steht.
Im Bilde des Masochismus, wie es sich dem ersten Blick darbietet,
spielt Angst keine Rolle. Die Erwartung von Schmerz oder Beschä-
mung erweckt nicht nur keine Angst, sondern sogar Lust. Erklärt
die Abwesenheit der Angst die Tatsache, dass sie in der Theorie der
Analyse nicht berücksichtigt wurde, so erklärt sie doch nicht die man-
gelnde Neugierde. Gerade diese Abwesenheit müsste doch den Psycho-
logen zu der Frage drängen: wo bleibt die Angst, die man an
diesen Erscheinungen erwarten sollte. Sie ist nicht zu sehen? Das
kann bedeuten, dass sie nicht da ist. Es kann aber auch bedeuten, dass
sie sich versteckt hat.
Sie hat sich versteckt, aber sie verrät sich in kleinen, unauffälligen
Zeichen wie z.B. im Suspense. Und es kommt eine Zeit, da sie aus
ihrem Versteck hervortritt, sich frei äussert. Es ist mir rätselhaft
warum sie nicht wenigstens an dieser Stelle von den Psychoanaly-
tikern festgehalten und dingfest gemacht wurde. Ich spreche nämlich
von der Zeit, wenn der Masochismus zurücktritt und der normalen
Einstellung weicht, wenn man so sagen will, von der Phase der Gene-
l ) Die obige Behauptung bestand zu Recht bis zum Erscheinen der
klugen Arbeit von S. Nacht („Le Masochisme", 1938) Dieser Autor
erkennt von anderen Gesichtspunkten aus die Rolle der Angst an, aber
er geht fehl, indem er den Masochismus nur auf die Angst zurückführt.
120
sung. An Stelle der Perversion oder ausgebreiteter masochistischer
Phantasieen tritt dann nämlich Angst auf. Man darf solche Angst-
zeichen so deuten, dass die masochistische Neigung ihre Macht
langsam einbüsst, die Phantasieen ihre Lustwerte allmählich verlieren.
Wenn aber in der Perversion und in den Phantasieen Angst kaum
erscheint und jetzt frei wird, sich immer stärker entwickelt, welche
Folgerung muss man da ziehen? Doch nur die eine: dass die Phan-
tasieen die Angst gebunden haben? Wenn die Perversion ihre Macht
verliert, wird auch die bisher versteckte Angst sichtbar. In der Psycho-
pathologie der Neurosen begegnen wir demselben Mechanismus
häufig. Auch dort wird Leid und Unlust oft ertragen, um einen Angst-
ausbruch zu vermeiden. Ich erinnere nur an die ausserordentlich
präzise und höchst strapaziöse Einhaltung zwangsneurotischer Schutz-
massregeln, an die vielen Bussehandlungen und das ausgebreitete
Zeremoniell, das einen so grossen Aufwand von seelischer Energie
nötig macht. In schweren Fällen von Zwangsneurose werden die
geheimnisvollen Verbote und Gebote dieser Krankheit mit einer
Strenge eingehalten, welche zur Erschöpfung führt. Die Kranken
nehmen dabei ein besonderes Ausmass von Leiden und Entbehrungen
auf sich. Jedes Nachlassen in dem strengen Dienst ist gekennzeichnet
durch Auftreten von Angst genau so wie jedes Schwächerwerden der
masochistischen Tendenzen. Der so isolierte Angstaffekt hier ist
von verschiedener Art, oft vom Charakter der Abwehr, gegen sadis-
tische Versuchung gerichtet, manchmal in der Form von Zwangs-
befürchtungen. In einem Fall von Perversion äusserte sich die Angst,
welche nun frei auftauchte, in einem eigenartigen Grauen vor ver-
borgenen seelischen Möglichkeiten im Ich. Der Patient- ich habe
bereits von ihm gesprochen- hatte seine masochistische Perversion
unter dem Eindruck bestimmter Erlebnisse aufgegeben. Bei seinen
abendlichen Spaziergängen durch die Strassen tauchte in ihm ein
unerklärliches Grauen vor sich selbst auf. Es war, wie wenn ihn ein
Impuls dränge, etwas zu tun, wogegen sich starke Kräfte im Ich
sträubten. Er erkannte später, was das war, als in ihm die Vorstellung
eines Lustmörders etwa die Jacks the ripper auftrat, mit dem er sich
verglich. An Stelle masochistischer Liebesszenen, in denen Frauen
121
ihn schlugen, beschäftigten ihn nun Phantasieen gewalttätigen und
mörderischen Inhalts, die ihn sexuell erregten.
Auch in den Fällen, die wir in der Analyse so häufig sehen, und in
denen sich eine perverse Tendenz mit neurotischen Symptomen
verlötet, wird die Angst stärker, wenn der Masochismus absinkt.
Hatte sich diese Triebregung etwa in der Provozierung von Unfällen,
in selbstschädigenden und selbstbestrafenden Akten geäussert, so
tritt an ihrer Stelle nun soziale Angst, das heisst Schuldgefühl. Wenn
es der fortschreitenden Analyse gelungen ist, die selbstvernichtenden
Tendenzen im Ich abzumildern, fühlt der Patient den Druck be-
wussten Schuldgefühls, der früher nicht da war. Es kommt in diesen
Fällen nie vor, dass unbewusste Selbstbestrafung und bewusstes
Schuldgefühl in gleichem Masse zugleich bestehen. Wir betrachten
es als entschiedenen therapeutischen Fortschritt in der Analyse,
wenn grobe Selbstbestrafungen der sozialen Angst weichen. Es ist
viel leichter, mit ihr fertig zu werden als mit den Absichten, welche
die Selbstbestrafung diktieren und die so schwer angreifbar sind wie
die überraschend auftauchenden und verschwindenden Kosaken-
gruppen, welche Napoleons Armee beim Rückzug aus Russ-
land so gefährlich wurden.
Gewiss, die Angst ist im Masochismus da, aber sie hat sich ver-
steckt hinter der Unlust und der Erniedrigung, welche sie verdecken.
Der Psychologe hat sie aufzufinden wie der Rätselfreund eine Figur,
die sich in den Linien eines Vexierrätsels mit Häusern, Bäumen,
Tieren verbirgt. Wir haben das heimliche Vorhandensein der Angst
zuerst im Suspense-Erlebnis entdeckt. In der Untersuchung der
masoch istischen Lustbesonderheiten hat sich ihr Dasein so unzwei-
deutig verraten wie die Existenz eines bestimmten Stoffes im Re-
agenzglas. Die Angst galt dort der höchsten Luststeigerung, weil
sich an sie die Erwartung von Unheil (Strafe, Tadel, Beschämung)
knüpfte. Das Suspense hat die Absicht, das Eintreffen des Gefürch-
teten zu vermeiden oder zumindestens hinauszuschieben. Das Para-
doxe daran ist nur, dass es zugleich die Nähe des Gefürchteten auch
aufsucht. Es ist also eine Annäherung und eine Flucht zugleich. Das
klingt unsinniger als es ist. In Wirklichkeit ist es ein Schwanken
122
zwischen der Versuchung, sich dem Lustvollen anzunähern, und der
Abwehr dieser Versuchung aus Angst. Ein Schwanken zwischen
Näherkommenwollen und Flüchtenwollen. Das Masochist kann
auf sein Ziel nicht verzichten, weil sein Luststreben zu stark ist.
Er kann es aber nicht erreichen, weil seine Angst zu gross ist. Das
ist die Situation im Suspense.
Der Überrest von Angst dabei, ihr Schwächerwerden in der ausge-
führten masochistischen Perversion und ihr Anschwellen beim Ab-
sinken perverser Aktivität erlauben nur eine Erklärung: der Masochis-
mus bindet Angst. Vorsichtiger und doch entschieden ausgedrückt:
im Masochismus wird ein Versuch gemacht, Angst zu binden. Wenn
das aber ein Erfolg der perversen Tendenzen, wird die Annahme
unabweisbar, dass die Bewältigung von Angst eine der Absichten
des Masochismus ist.
Das Suspense ist eine Versuch, die Angst abzuwehren, indem die
zu grosse Nähe des Gefürchteten vermieden wird. Es ist Ausdruck
einer Flucht, dann wieder einer Annäherung. Ein eigenartiges Mit-
telding, immerhin mehr eine Art Flucht. Wenn das Lustdrängen
dringender wird, damit aber auch die Angst steigt, ergibt sich ein
anderer Ausweg, den ich als Flucht nach vorne bezeichnet habe. Die
Tendenz, Lust zu fühlen, ist so stürmisch geworden, dass sie sich
ungeachtet der Gefahr durchsetzt. In einer solchen Situation würden
wir erwarten, dass die Person ohne Rücksicht auf das Risiko ihrer
Lust nachgeht. Was wir beim Masochisten beobachten, ist etwas
ganz anderes. Er beschwört ja das Gefürchtete herauf, inszeniert Szenen
des Schmerzes, des Tadels und der Beschämung. Was früher ge-
fürchtet wurde, wird jetzt gesucht und aufgesucht. Das Ich konnte
die gesteigerte Angst nicht mehr aushalten; es muss dem Gefürch-
teten entgegengehen. Entscheidend bleibt aber das Anschwellen der
Lusttendenz. Das Ich ist jetzt nicht etwa nur bereit, den hohen Preis
an Unlust und Erniedrigung zu bezahlen, sondern es drängt dahin,
sehnt Schmerz und Tadel herbei, macht sie zum Mittelpunkt seiner
Wünsche, damit es eher zu seiner Lust komme. Früher, im Sus-
pense, war die Annäherung an das Triebziel vermieden, weil mit
ihr die Angst stieg. Jetzt wird das sonst Gemiedene aufgesucht, damit
123
das Triebziel erreicht werde, die Lust früher sich steigere. Die Angst-
spannung hielt früher von der Lust zurück. Sie rückt sie jetzt näher
und wird langsam zu ihrer Voraussetzung. Beim Suspense und beim
Aufsuchen des Gefürchteten handelt es sich nicht um zwei völlig
verschiedene seelische Situationen, sondern um dieselbe Situation auf
verschiedenen Entwicklungsebenen. Im Suspense halten sich Lust-
streben und Angstabwehr die Wage, in der masochistischen Perver-
sion ist das Lustdrängen so mächtig geworden, dass es das Gefürchtete
zum Lustvollen macht. Die Situation hat sich sozusagen um ihre
Achse gedreht. Die sich steigennde Angst, die früher jede grössere
Lust hemmte, wird zur Vorbedingung der Lust, bringt sie näher. In
einem Fall wurde der Anblick eines Skelettes zum Gegenstand sexueller
Erregung. Die Patientin hatte als kleines Mädchen sexuelle Erre-
gungen durch die Vorstellung des Todes, der sich ihr unter dem
Bilde eines Skelettes darstellte, bekämpft. Damals war sie durch die
Skelettphantasie als Drohung von der Onanie abgehalten worden.
Jetzt macht sie diese Vorstellung sexuell erregt.
Zweifellos steigert sich mit der Annäherung an das Lustziel auch
die Angststeigerung. Es ist aber nicht diese stärker gewordene Angst,
sondern die intensiver werdende Lusttendenz, welche die Flucht
nach vorne bestimmt. Ein serbisches Bauernmädchen wurde, be-
richtet man, daran erinnert, dass ihr künftiger Mann sie, wie in dieser
Gegend üblich, schlagen würde, wenn er, vom Raki betrunken, spät
Abends nachhause zurückkommen werde. Die Antwort des Mäd-
chens war: „Wenn er mich nur erst schlüge!" War das Mädchen
also ungeduldig, Schläge zu bekommen? Gewiss nicht. Sie war nur
ungeduldig, verheiratet zu sein. So ungeduldig, dass sie auch die
Schläge herbeisehnte, die zum Verheiratetsein gehören.
Ist es das ungeduldiger gewordene Streben nach Lust, das der
Bewegung ihre Richtung vorschreibt, so ist es die verborgene Angst,
welche ihr den Charakter einer Flucht nach vorne gibt. Ohne Angst
würde es nicht zum Masochismus kommen, sondern zum Streben
nach dem Lustziel, das etwa durch äussere Hindernisse rücksichtsloser
und ungeduldiger geworden ist.
Die Flucht nach vorne ist ja selbst ein Anzeichen von Ungeduld.
124
Dort wird, aus Unfähigkeit, die Angstspannung länger zu ertragen, die
Strafe, welche nach der Lust droht, aufgesucht. Es wird sozusagen
der Karren vor das Pferd gespannt. Der drängende Faktor bleibt
aber die Ungeduld im Streben, zur Lust zu kommen. Der Karren
wird freilich vor das Pferd gespannt, aber das Pferd stosst den Karren
vor sich her. Die Ungeduld ist ein Ausdruck dafür, wie schlecht der
Masochist solchen Aufschub ursprünglich vertrug, noch wenn es
sich um Minuten handelte. Er benimmt sich ähnlich in seinem Un-
willen wie Ludwig XIV., der einmal einen Hofmann den Auftrag
gab, ihn zu einer Feierlichkeit zu begleiten. Die Majestät war gerade
zum Ausgehen bereit und die angegebene Zeit eben gekommen, als
der Hofmann erschien. Der König sagte mit eisigem Hochmut:
„J'ai failli attendre". Auch der Masochist nimmt es übel, dass er
fast hätte warten müssen.
Im Studium der einschlägigen Literatur staunt man immer wieder
über die falsche Auffassung, welche den Masochismus als eine sozu-
sagen unabänderliche psychologische Einheit sieht. In Wirklichkeit
ist es entscheidend, in welcher Entwicklungsphase sich der Maso-
chismus des Eingelnen befindet. Die obige Darstellung ermöglicht
es, das masoch istische Erleben von der Entstehung des Suspense bis zu
den Sensationen der ausgesprochen masochistischen Perversion zu
überblicken. Dieses Erleben ist in erster Linie bestimmt durch die
Beziehungen des Ichs zu Lust und Angst und durch seine Reaktionen
auf deren Einwirkung. Jeder Erklärungsversuch, der diese Bezie-
hungen nicht aufzuklären vermag, muss als gescheitert betrachtet
werden.
Als Anfangssituation darf man eine seelische Lage annehmen,
die etwa so aussieht: in einem phantasiebegabten Individuum begegnet
ein triebhaftes Drängen einer Angst, die sich auf die zu gewärtigenden
Folgen der Triebbefriedigung bezieht. Jenes Drängen erhält durch
die Einmengung der Angst einen Aufenthalt, ein Arret, da die Vor-
stellung des Genusses von der Vorstellung von Unheil (Liebesverlust
bei den Eltern, Strafe) begleitet wird. Das Ich macht einen Versuch,
die Angst zu bewältigen. Es stellt sich ein seelisches Schwanken ein,
ob das Triebziel angesichts der stärker werdenden Angst erreichbar
125
ist oder aufzugeben ist. Trotz der Angst wird es festgehalten. Das
Suspense-Gefühl ist jetzt eine lustvolle Spannung von ängstlichem
Charakter. Das Ansteigen der Angst bei Annäherung an das Lustziel
ist erklärlich, weil damit die Unheilsdrohung sich vordrängt. Das
Suspense beginnt als Ausdruck einer Strebung, die Lustvorstellung
von der begleitenden und störenden Angstvorstellung abzutrennen.
Es mündet in einen Ausdruck der Tendenz, die Angst zu assimilieren,
sie zur Verlängerung oder Vertiefung der Lust zu verwenden. Das
Suspense zeigte zuerst an, dass das Ich die Angst vermeiden und auf
einem Umweg zur Lust gelangen wollte. Später wird es zum Zeugnis
dafür, dass das Luststreben mit der Angstvorstellung unauflösbar
verbunden ist, dass es zu. einer Legierung beider kam. Das Resultat
dieser Entwicklung ist, dass das Ich auch die Angst als lustvoll erlebt.
In der masochistischen Anfangssituation bedeutet die Angst eine
empfindliche Störung des Luststrebens. Es ist ein Schwanken da: das
eine oder das andere. Der Versuch, zu einer Lösung zu gelangen, wird
in der Richtung unternommen, die Angst zu bewältigen, indem man
sie vorausschickt. Es könnte jetzt heissen: zuerst das eine und dann das
andere. Das Ende ist die Aufnahme der Angst unter die Lustbedin-
gungen : das eine und das andere sind eins geworden.
Die Flucht nach vorne bezeichnet nicht den Gegensatz dieser
Entwicklung, sondern ihre Fortsetzung in der Wirklichkeit, im ausge-
bildeten Masochismus. Sie wiederholt den Vorgang im Suspense auf
einem anderen Punkt der Spirale. Auch sie beginnt mit einem Ver-
such, die Angst zu isolieren, das Gefürchtete aufzusuchen, um unge-
hindert zur Lust zu kommen. Da dies nicht gelingt, wird das Gefürch-
tete zur Bedingung der Lust, um schliesslich selbst lustvoll zu werden.
Der Übergang von Suspense zur Flucht nach vorne ist vor allem das
Resultat des stärker drängenden Luststrebens, dem eine Erhöhung der
Angstspannung entspricht. Für dieses Resultat ist die innere Erfah-
rung, die sich in dem Worte „Suspense is worse than reality" äussert,
mitentscheidend. Damit ist aber nicht nur ein energischerer Schritt
zur Angstbewältigung gewagt, sondern eben auch der Übergang
von der Phantasie zur Realität, zur perversen Szene. Was uns dann
als Triebabweichung erscheint, ist nur ein Umweg, freilich ein
126
.
kostspieliger, um zum normalen Triebziel zu gelangen. Das Unheil,
einst als Drohung gefühlt, wird zur Genusssteigerung. Aus der Angst-
drohung ist ein Versprechen geworden. Wenn die Unlust oder der
Schmerz am stärksten oder empfindlichsten geworden ist, kann die
Lust, die Befriedigung nicht mehr ferne sein. Ursprünglich war das
Gefühl: wo die Lust sich so steigerte, kann die Strafe nicht mehr
ferne sein. Es war eine Drohung, eine erschreckende Aussicht. Die
Flucht nach vorne bedeutet die Umkehrung dieser Aussicht:wo die
Strafe so empfindlich, die Unlust so stark ist, muss die Lust nahe sein.
Schliesslich verschwimmen für das Bewusstsein die Grenzen: die
Unlust, der Schmerz, die Beschämung werden selbst zur Lust.
Die Flucht nach vorne ist als Abwehrmechanismus nicht auf den
Masochismus beschränkt. Sie ist von ihm unabhängig und kann auch
in Situationen beobachtet werden, die keine Beziehung zu ihm haben
und in denen nur das Streben übermächtig wird, eine unerträgliche
Angstspannung loszuwerden. Es muss auch nicht einmal Angst sein,
was auf diese Art überwunden wird, es kann auch die Erwartung
schweren Leidens oder unabänderlicher Schicksalsschläge sein. Dieser
Weg wird oft beschritten, wenn ein Ende mit Schrecken einem
Schrecken ohne Ende vorgezogen wird.
Das Entscheidende für den masochistischen Charakter in der
Flucht nach vorne ist, dass sie einer Triebbefriedigung dient. Natür-
lich ergeben sich Fälle, in denen nicht leicht entschieden werden kann,
ob der Ausgang mehr von der Angst oder vom Luststreben bestimmt
wird. Dennoch bleibt jene prinzipielle Scheidung zu Recht bestehen.
Ich habe beobachtet, wie ein kleines Mädchen aus Ungeschicklichkeit
ein Wasserglas auf dem gedeckten Tisch umwarf und das Tischtuch
nass machte. Die Mutter musste jeden Augenblick ins Zimmer
treten. Es war sichtbar, dass die Angst der Kleinen vor Tadel und
Strafe immer mehr stieg. Noch ehe die Mutter eintraf, stellte sich
das kleine Mädchen, das Gesicht abgekehrt, in die Ecke. Das ist
gewiss ein ausgesprochener Fall von Flucht nach vorne. Ebenso
gewiss aber ist darin nichts vom Masochismus, das will heissen von
Genuss am Leiden zu bemerken. Die Angstabwehr ist deutlich, aber
der Lustcharakter reduziert sich doch auf ein Geringes.
127
In der Flucht nach vorne wird nicht etwa primär die Unlust oder
der Schmerz gesucht. Es wird vielmehr das Hindernis weggeräumt,
das der Befriedigung im Wege steht. Indem man die gefürchtete
Strafe vorwegnimmt, hat man den Weg zur Trieblust freigemacht.
Der Masochist fiebert nicht nach Schlägen und Beschämung, er sehnt
sie nur herbei, damit ihre Vorstellung ihn nicht in der Erreichung
des Zieles störe. Erst sekundär, durch jene Akzentverschiebung, wird
die Unlust, die zum Zeichen des kommenden Höhepunktes wird, zur
Lust Die masochistische Phantasie oder Szene zerfällt also in zwei
psychologisch scharf zu trennende Teile, die erst spät, in der Endge-
staltung zu einer Einheit verschmelzen. Zuerst Unlust, Strafe, Be-
schämung, dann Lust, Triebbefriedigung. Theologisch gesprochen:
zuerst die Sühne, dann die Sünde. Die Unlust wird nicht als solche
ersehnt, sondern mit ihr die Lust erkauft. Am Ende aber schleicht
sich in der Unlust selbst die Lust ein. Aus der Sühne selbst wird eine
Sünde. Die Geisselung, die ursprünglich der Selbstbestrafung christ-
licher Mönche und Asketen der Frühzeit diente, wurde später zum
Mittel sexueller Erregung. Es kam zu Extasen, wenn sich der Schmerz
steigerte. Am Ende sah sich die Kirche genötigt, die zu strenge Sühne-
massregel zu verbieten, weil sie häufig zur sexuellen Befriedigung
führte.
Der geschilderte seelische Ablauf ist von der alltäglichen maso-
chistischen Szene bis zu den sublimiertesten und sublimsten Phanta-
sieen zu verfolgen. Seine Geltung reicht vom Orgasmus, der auf das
Geprügeltwerden von einer Frau folgt, bis zum Seligkeitsgefühl des
Märtyrers, der, von Löwen zerfleischt, seine Seele aushaucht. Was
hier die sexuelle Triebbefriedigung fördert, bringt dort die Aufnahme
in den Himmel näher. Der Masochist heisst die Peitschenhiebe, die
ihm eine Prostituierte verabreicht, so willkommen wie der Märtyrer
die letzte und erlösende Misshandlung seiner Verfolger. Aus dem
Nacheinander von Unlust und Lust wird Gleichzeitigkeit. Was
einmal feindlich war, fliesst ineinander über, wird identisch. „Sie ist
gerichtet", sagt Mephisto von dem armen Gretchen. Eine Stimme
von oben aber antwortet: „Ist gerettet". Auch im Masochismus wird
die strengste Strafe zum Umschaltungspunkt zur Seligkeit.
128
Anticipando
An dieser Stelle aber wird die früher zurückgestellte Frage unab-
weisbar: was ist das, was der Masochist eigentlich fürchtet? Erinnern
wir uns des kleinen Mädchens in der Badewanne. Es lässt nicht die
volle Wucht des Wassers auf ihren Körper niederfallen, sondern nur
einige Tropfen, eine Vertretung, einen symbolischen oder wirk-
lichen Ersatz. Wovor fürchtet sich der erwachsene Masochist? Die
nächste Antwort lautet natürlich: gewiss vor dem, was die Flucht
nach vorne zeigt, vor dem, was er selbst inszeniert. Diese Antwort
kann nicht richtig sein. Ein erwachsener Mann kann sich nicht vor
einem leichten Schlag auf den Popo fürchten. Auch nicht davor, von
einer Frau tüchtig ausgeschimpft zu werden. Die Szenen, die Maso-
chisten oft aufführen, zeigen oft bizarre Züge: da muss ein Mann auf
allen Vieren durchs Zimmer rutschen, während seine Partnerin auf
seinem Rücken reitet, ihm Gangart und Richtung vorschreibt. Dann
hat die Frau wieder die Aufgabe, den Masochisten zu beschimpfen
und ihm zu befehlen, er solle seine Schulaufgabe machen, sonst werde
er tüchtige Prügel bekommen. Da wieder wird der Mann einge-
schnürt in Riemen und geschlagen, da in die Ecke gestellt, als
„schlimm" gescholten etc. Alle diese „Strafen" können unmöglich
eine Angst von der Intensität, die wir erschlossen haben, rechtfertigen.
Aus dem Inhalt dieser gepielten perversen Szenen ist auch schwer
abzuleiten, wem die Angst gilt. Sie stellen ja schon Darstellungen und
Inszenierungen vorausgegangener Phantasieen dar. Wenn wir aber
auf diese Phantasieen selbst zurückgreifen — denken wir etwa an
die Molochvorstellungen oder an den Zyklus der männermordenden
Königin- so stehen wir erst recht vor einem Rätsel. Was fangen wir
etwa mit der Phantasie vom Gefangenen an, der gebunden daliegt
und von schönen Jungfrauen sexuell so lange gereizt wird, bis er
einen Orgasmus hat? Was mit der anderen, die für einen Patienten so
erregend wurde, von Laokoon, der von den Schlangen in tötlicher
Umklammerung gehalten wird, von Marsyas, der von Apollo so
grausam geschunden wird? Haben wird Hoffnung, hier den Cha-
rakter des Gefürchteten hinter allen Entstellungen zu erkennen?
I 129
Lassen sich diese Phantasieen, die individuell so verschieden sind, auf
einen gemeinsamen Nenner bringen? Tatsächlich gibt es einen Weg,
die Entstellungen rückgängig zu machen und zum Kern der Vor-
stellungen vorzudringen. Die analytische Deutungstechnik arbeitet
hier mit der Präzision der anatomischen A4ethoden, indem sie die
Hüllen vorsichtig ablöst und zum Innersten, Verborgensten gelangt.
Im Allgemeinen lässt sich sagen, dass die Strafen und Erniedri-
gungen, die der Masochist auf sich nimmt, ja erbittet, nicht das sind,
was er eigentlich fürchtet und dass das Gefürchtete ihm nach seinem
Wesen unbewusst ist. Sie sind eine Art Ersatz oder Ablösung dessen,
was verborgen ist. Man könnte sie am besten mit einem Ablass ver-
gleichen. Wie bekannt, war der Ablass eine kirchliche Busse oder
Abgabe, der sich der Gläubige freiwillig unterwarf, um den schreck-
lichen Strafen zu entgehen, die seine Sünden beim jüngsten Gericht
finden würden. Gegenüber den Schrecken, die ihm drohten, war
jeder Ablass, auch der empfindlichste, gering.
Die Analyse hat erkannt, dass das Unheil, als dessen Ablass der
Perverse soviel Unlust oder Entwürdigung auf sich nimmt, in vielen
Fällen die Verstümmelung des männlichen Gliedes, die Kastration,
ist. Der Schlag, den der Masochist von der aktiven Person erhält,
wird meistens als eine symbolische Verschiebung dieser fürchterlichen
Strafe gedeutet. In einem Falle, den ich lange beobachten konnte
war die erregende Phantasie die, von einer Frau auf den bekleideten
Hintern geschlagen zu werden. Die Szene, von der die Phantasie
ausging, liess sich in der Analyse reproduzieren, indem man kleine
Erinnerungsstücke zusammensetzte und einige Lücken ausfüllte:
die Mutter hatte dem Patienten, als er ein kleiner Junge war, gedroht,
die Strafe für seine vermutlich sexuelle Ungezogenheit werde ihn
ereilen, wenn er sie am wenigsten erwarte. Die scherzhaft gemeinten
Worte, die sie damals gebrauchte, wurden auch von ihrer Vertreterin
in der Phantasie gesagt und als erregend empfunden: „I catch you
bending" (Der Patient ist Engländer.) Es gelang aber, hinter dieser
Szene eine andere zu entdecken, die, von ihr überdeckt, den eigent-
lichen Kern der masoch istischen Phantasie ausmachte. Die Zeit
dieser Szene konnte festgestellt werden: sie spielte einige Jahre vor
130
jener anderen und stellte sich der Erinnerung als in keiner Art sexuell
erregend, aber als eindrucksvoll dar. Der Vater des Patienten war als
Offizier vom Felde auf Urlaub nachhause gekommen. Er spielte oft
mit dem Kleinen und dessen Bruder. So wurde vorgestellt, dass der
Vater König Arthur und die Söhne Knappen aus dem Kreis der
Tafelrunde seien. Einmal wurde gespielt, dass die Jungen den Ritter-
schlag erhalten sollten. Der Kleine kniete vor King Arthur, der in
seiner anachronistischen Uniform auf dem Thronsessel sass, mit dem
Säbel leicht seine Schulter berührte und feierlich sprach: „Dies ist
der letzte Schlag, den du ungerächt empfangen sollst". Kurz darauf
zog der Vater wieder ins Feld und fiel. Der Ritterschlag wurde später
in der Verschiebung auf jene zweite Szene mit der Mutter zu einer
masochistischen Phantasie umgearbeitet. In einem völlig verschiedenen
Zusammenhange erinnert, wurde in dieser Szene die ursprüngliche
erkannt. Wie erinnerlich, ist die Ritterschlagzeremonie eine späte,
mittelalterliche Fortbildung alter Riten, wie sie in der Frühantike
und bei den primitiven Völkern unserer Zeit beim Eintritt der Jungen
in die Pubertät durchgeführt werden. Dort steht freilich nicht die
Kastration, aber ihr sehr abgemilderter Ersatz, die Beschneidung oder
Inzision, im Mittelpunkt der Feier. Aus prähistorischer, der mensch-
lichen Erinnerung entrückter Zeit ragt hier ein Stück archaischen
Seelenlebens in die Gegenwart hinein.
Mag die Kastration auch eine wichtige unbewusste Strafvorstellung
des männlichen Masochismus sein, sie ist keineswegs die einzige, wie
mehrfach von den Analytikern angenommen wird. Andere und
groteskere Vorstellungen wie die, als Weib von einem Manne ge-
braucht, vergewaltigt oder geschwängert zu werden, kommen allein:
oder im Zusammenhange mit Kastrationsvorstellungen vor. Es ist
gewiss merkwürdig, dass die Novizen im Pubertätsritual der Wilden
Australiens in Wirklichkeit zu solchen homosexuell- passiven Zwecken
von den Männern nach der Beschneidung herangezogen werden.
Merkwürdig ferner, dass die Beschneidung und die mannigfachen
Marterungen, denen die Jungen ausgeliefert sind und die man wohl
mit den masochistischen Praktiken vergleichen kann, die Erlaubnis
zum freien geschlechtlichen Verkehr zur Folge haben, gleichsam den
Eingang zur Mannbarkeit markieren. Es ist immerhin auffallend,
dass auch hier die Strafe der sonst verbotenen Lust vorangeht, dass
sie einen Erlaubnisschein zur Triebbefriedigung darstellt, genau wie
im Masochismus. Man wäre fast versucht, diese jungen Leute aus
wilden australischen Stämmen, die sich freiwillig dem grausamen
Mannbarkeitsritual unterziehen, als Masochisten zu bezeichnen.
Nähere Überlegung führt freilich dazu, eher die Masochisten unserer
Kulturzonen mit ihnen zu vergleichen. Was dort innerhalb der reli-
giösen und sozialen Stammesordnung nahezu Wirklichkeit ist, wird
hier zum Gegenstand einzelner Phantasieen oder entstellter und
spielerischer Darstellung.
Hinter der Kastration und neben ihr tauchen schattenhaft andere
Schrecken auf, die nicht auf das männliche Glied beschränkt sind. Das
ist nicht wunderlich. Die Kastrationsangst entspricht schon einem
Alter, das die Herrschaft des Genitales im Sexualleben kennt. Die
Kastration ist als Bestrafung für verbotene inzestuöse Wünsche deut-
lich- genau so wie die Beschneidung bei den wilden Stämmen. Sie
ist die vorweggenommene Bestrafung für die Inzestgelüste nach dem
alten Talionsgesetz. Der Masochismus ist aber älter, kann sich in
einer Kindheitsphase entwickeln, welche solche Wünsche noch nicht
keunt. Die oft grotesk anmutenden Phantasieen und Szenen, in
denen Beschmutz werden mit Fäkalien erregend wirkt oder Ge-
fressenwerden lustvoll vorgestellt wird, können nur auf Vorstellungen
aus einem viel früheren Kindheitsalter zurückgeführt werden.
Ich habe früher die Unlust oder Schmerz als eine Art Ablass
genannt, eine vorweggenommene Busse, welche die schwerere oder
schrecklichere ersetzen und vermeiden soll. Der Masochist gibt, so
meinte ich, einen Teil auf, opfere ein Stück, um das Ganze zu erhalten.
In dieser Pars- pro- toto Auffassung nähere ich mich den scharf-
sinnigen Ausführungen von S. Nacht und anderen Analytikern.
Auch W. Reich vertritt eine ähnliche Auffassung, die der Ersatz-
strafe.
Eine vertieftere Einsicht kann die Bedeutung einer solchen ökono-
mischen Konzeption, derzufolge der Masochist einen Teil opfert, um
das Ganze zu retten, so hoch nicht einschätzen. Sie ist durchaus von
132
sekundärem Rang. Die Ersatzstrafe hat die der ursprünglichen gelten-
den starken Affekte übernommen. Alle Angst ist nun auf sie über-
gegangen. Ihr Affektwert wird genau derjenige, welchen etwa ein
geringfügiger Bruch eines Zwangsverbotes für den Zwangskranken
bekommt. Die ökonomische Betrachtungsweise hat auch in diesem
Falle ihre Berechtigung, die aber an Wichtigkeit, hinter der Bedeutung
des Dynamischen weit zurücksteht. In Wirklichkeit handelt es sich
nicht so sehr darum, einen Teil für das Ganze zu opfern, sondern das
Ganze in einem Teil. Ich ziehe also den Vergleich mit dem Ablass
zurück. Er war nicht unrichtig. Er war nur unzulänglich. Es ist
angemessener, die Beziehung zum Gefürchteten im Masochismus
dadurch auszudrücken, dass man den Schmerz oder die Unlust als
symbolischen Ersatz der eigentlichen Strafe bezeichnet. S. Nacht
gelangt von jener Theorie, derzufolge der Masochist einen Teil
opfert, um das Ganze zu retten, zu einer interessanten Überlegung
über die Wertfrage. Er nennt jene Rechnung- sie ist freilich, worüber
noch zu reden sein wird, eher eine Abrechnung- mit einer eleganten
Wendung ein „calcul ä dupe'. Diese Beurteilung begründet er damit,
dass die Leiden oder Opfer welche sich der Masochist auferlegt,
wirklich sind, während jene Gefahren, vor denen er flüchtet- wir
könnten freilich jetzt hinzufügen: in die er flüchtet- nichts als eine
Fiktion des Unbewussten sind. Solche Wertung ist gewiss in vielen
Fällen logisch gerechtfertigt; ihr psychologischer Wert ist gering.
Sie ist in den meisten Fällen vernünftig, aber sie ist vielleicht zu rationa-
listisch. Auch kann die Rechnung, wenn es nun einmal als Rechnung
aufzufassen ist, nicht einseitig auf den Einsatz bezogen werden. Man
muss auch den Gewinn in Rechnung stellen. Anders ausgedrückt:
wiegen die Opfer und Leiden im Masochismus die Lust auf? Nacht
scheint anzunehmen, dass das Spiel nicht die Kerzen wert ist. Das
Urteil mag vom Standpunkt des Kiebitz richtig sein, aber der Stand-
punkt des Spielers ist zweifellos der ausschlaggebende. Der Masochist
scheint jene Leiden wohl der Lust angemessen zu rinden. Er zeigt
eine Tenazität, eine Starrheit, ein Festhalten, die sonst keiner Perver-
sion eigen ist. Die Frage nach dem Wert kann vom kühl Aussen-
stehenden allein nicht beantwortet werden. Der Schreibtisch, auf dem
»33
Napoleon seine Schlachtenentwürfe schrieb, mag für den Einen einen
höheren Wert repräsentieren, während er für den Anderen einfach
den Wert eines Empire- Möbels besitzt. Es gibt gewiss auch in der
Frage der perversen Lust Liebhaberwerte. Ich meine zu wissen, dass
es in der masoch istischen Aktion und Phantasie Lustwerte gibt, die
bisher noch nicht entdeckt wurden. Vergleichsweise gesprochen:
dass das Spiel nicht nur um den offenen Einsatz geht, sondern dass
daneben noch geheimgehaltene das Spiel bestimmen. Ich glaube also,
dass Nacht Unrecht hat, wenn er die masochistische Abwägung von
Leid und Triebbefriedigung für ein „calcul du dupe" hält. Er hat,
wie ich glaube, seine eigene Rechnung ohne den Faktor der Lust
gemacht. Ich habe ihm auch vorzuwerfen, dass er nur die Angst
als die Achse sieht, um die sich das Phänomen des Masochismus
dreht.
Was freilich die Natur dieser Gefahren betrifft, bin ich völlig mit
dem geschätzten Kollegen einig, dass es fiktive Gefahren sind, aber
sind sie deshalb für den Masochisten weniger wirklich? Die Angst
entspricht nicht der eines Erwachsenen, sondern der festgehaltenen
des Kindes. Wenn Gulliver im Land der Lilliputaner eine scherzhaft
drohende Handbewegung macht, würde dies eine Panik bei den
Nebenstehenden auslösen. Seinen eigenen Landsleuten aber würde
die Bewegung als ein harmloses Armschwenken erscheinen. Immer
wieder muss man betonen, dass der Masochist weder weiss, dass er
sich fürchtet, noch wovor er sich fürchtet. Es ist ihm also auch nichts
davon bekannt, dass er in der Durchführung der Perversion eine
Flucht nach vorne unternimmt. Was er etwa im Laufe einer Analyse
als Gefahren angeben kann, die er scheut, ist von so harmloser und
absurder Art, dass es jene tiefe Angst nicht rechtfertigen kann. Diese
Angaben sind aber bereits Vertretungen, Ersatzbildungen des ur-
sprünglich Gefürchteten, das, der Kinderzeit entstammend, unster-
blich ist wie alles Unbewusste. Was in den Praktiken und Phantasieen
der Masochisten grotesk oder bizarr erscheint, hat doch seinen guten
Sinn, der sich freilich erst der analytischen Deutung erschliesst. Der
Standpunkt, den man bei der Betrachtung wählt, wird entscheidend
für die psychologische Beurteilung. Wenn man jene Einzelheiten
134
und Zeremonielle des Masochismus als solche betrachtet, erscheinen
sie oft läppisch oder nichtssagend. Wenn man sich aber bemüht, sie
als Andeutungen von Verborgenem zu sehen, gewinnen sie Sinn und
Bedeutung. Wer in der ersten Reihe des Theaters sitzt und nüchtern
die Kulissen beobachtet, sieht nur gemalte Leinwand und verschieb-
bare Holzstücke und erkennt das Unwahre und Künstliche der
Illusionswirkung. Der Zuschauer auf der Gallerie aber bekommt
den Eindruck, hier sei ein Wald, in dessen dunkle Tiefe er hinein-
schaut, dort eine weite Halle, die in viele Zimmer führt. In einer
Ansicht, die sich mit dem Vordergrund begnügt, muss man annehmen,
dass im Masochismus ein Stückchen vergänglicher Lust mit einem
besonders hohen Opfer und einer grossen Unlust erkauft wird. Wer
besser sieht, erkennt in ihm einen Versuch, die alten, schweren
Aengste des Kindes zu bewältigen und weiss: Sein oder Nichtsein, das
ist hier die Frage.
Jede psychologische Erklärung des Masochismus müsste auf zwei
Fragen Antwort geben: was ist gefürchtet? was wird ersehnt? Diese
Fragen drängen sich unabweisbar auf, wenn man das charakteristische
Schwanken zwischen Angst und Lust im masochistischen Suspense
erkennt hat. Welche Gefahr wird gefürchtet, welche Lust gesucht?
Was ist die Strafe und was die Belohnung, welche jene Leiden und
Opfer rechtfertigen? Worin besteht die Drohung, welche zu jener
Flucht nach vorne führt, und welches ist das Versprechen, welche
Prämie winkt dem, der die Unlust und die Beschämung erduldet?
Wer eine Theorie des Masochismus liefert, welche diese beiden
Hauptfragen unbeantwortet lässt, hat unsere psychologische Neu-
gierde nicht befriedigt.
Ueber die Natur der Angst im Masochismus haben wir nun genug
gehört. Wie steht es um die Lust? Von der Angst sagten wir, dass sie
unbewusst sei, dass sie Gefahren gilt, welche die Kinderjahre mit
einer unheimlichen und unaussprechbaren Bedrohung beschatteten.
Die Lust kann so bewusstseinsfern nicht sein: sie wird ja im perversen
Masochismus frei zugegeben. Sic ist ja das entscheidende Motiv für
die Perversion. Im sozialen Masochismus ist sie freilich schwerer
aufzufinden, aber sie muss da sein. Irgendeine grosse Befriedigung
135
muss so schwere und dauernde Opfer und Unlust rechtfertigen. Ja
die Lust im Masochismus ist noch rätselhafter als die Angst. Nicht
nur ihrem Ursprung nach, auch in der noch immer nicht aufgeklärten
Tatsache, dass sie aus Unlust, Schmerz und Beschämung aufsteigt
auch nach ihrer Intensität. Es spricht gegen die Psychologen, die sich
bisher mit dem Problem des Masochismus beschäftigt haben, dass sie
der Versicherung nicht Glauben schenken wollten, die masochistische
Lust sei von verschiedener Art oder Intensität. Wir hören in der
Analyse häufig von Perversen, dass diese Lust tiefer, farbenreicher,
befriedigender sei als die des normalen Sexual Verkehres. Solche Ver-
sicherung wurde gehört, aber von den Psychologen und Ärzten wurde
ihr gegenüber darauf hingewiesen, dass jede Perversion ihre spezi-
fische Lust höher schätze als die übliche Befriedigungsform. Der
Fall des Masochismus liegt doch anders. Es kommt etwas hinzu,
vertieft das Lusterlebnis, verleiht ihm eine besondere Nuance. Dieses
unbekannte Etwas, so meinte ich in der Analyse von Perversen und
masochistischen Charakteren zu erkennen, muss gerade mit der
Angst, die sonst Lustentwicklung hemmt, zu tun haben. Sagten wir
nicht, dass Angstbewältigung und Lust zusammen fliessen? Haben
wir es nicht verfolgt, dass die Angst ursprünglich die Entwicklung
der Lust störte, aber durch die Flucht nach vorwärts bewältigt wurde
und dann zur Vertiefung der Lust beitrug? Es muss seine Bedeutung
haben, dass die Lust, die aus Schmerz und Scham aufsteigt, tiefer
empfunden wird. Die Lustintensität wird am Ende nicht durch den
Schmerz oder die Unlust verringert, sondern verstärkt. Wir ahnen
schon, dass die Angstüberwindung es ist, nicht die Angst selbst,
welche eine so eigenartige Wirkung zustande bringt. Die seelische
Situation muss derjenigen ähneln, die sich in der Manie kundgibt: dort
bekommt das Ich, das eine schwere Depression überwunden hat,
nicht etwa das Gefühl der Sicherheit und des Mutes, sondern des
extremen, unüberwindlichen Selbstvertrauens und des Uebermutes.
Der Hintergrund der depressiven Stimmung, die in der Höhe fort-
besteht, gibt dem Manischen das Gewaltsame, Hochgetriebene und
Forcierte. Auch im Masochismus muss das Ausmass von Schmerz
oder Unlust, das der Befriedigung vorausgeht, für eine Intensivierung
136
der Lust verantwortlich sein. Wer so viel gelitten, kann sich eine
tiefere Lust gestatten; was so lange gedämmt wurde, hat stärkeres
Gefälle. Der Trotzdem- Charakter der masochistischen Lust gibt
ihr eine besondere Tönung, über die noch zu reden sein wird. Gerade
auf dem Hintergrunde des Schmerzes erwächst eine intensivere und
lustvoller empfundene Sensation als die des Bürgerlichen und Nor-
malen. Es gibt hier geheime Lustwerte, die sonst nicht im Sexualer-
lebnis erscheinen. Wir ahnen, dass hier neben der Triebbefriedigung
der Sexualität andere, nicht mehr rein sexuelle Faktoren auf ihre
Rechnung kommen.
Die besondere Natur des masochistischen Lusterlebnisses und
seine intimen Beziehungen zu Unlust, Schmerz und Beschämung
sind aber unverständlich, wenn man die überragende Bedeutung der
vorwegnehmenden Phantasie nicht würdigt. Ich habe sie als erstes
und wichtigstes Kennzeichen des Masochismus gekennzeichnet und
ihre Beziehung zum Suspense gezeigt. Sie trat dann wieder in unseren
Gesichtskreis, als wir die Rolle der Angst überprüften und fanden,
dass der Masochist der Angststeigerung gegenüber intolerant ist. In
seiner Vorstellung wird die kommende Gefahr so drängend, dass er
der Beängstigung nur Herr werden kann, wenn er ihr entgegenläuft.
Aus der übergrossen Angst wird er verwegen, kann er die Strafe nicht
abwarten, muss sie herausfordern. Die Flucht nach vorne ist nur
möglich auf Grund solcher vorausnehmender Phantasie.
Der Masochismus zeigt uns ein Janusgesicht, dessen eine Hälfte
ein von Angst verzerrtes, das andere ein von Lust verzücktes Gesicht
aufwies. Es ist gewiss, dass auch der Lustvorgang durch die Macht
vorausnehmender Phantasie beeinflusst wird. Hier aber komme ich
auf ein Thema zurück, das ich in einem früheren Buche 1 angeschlagen
habe, ohne dass es bisher in seiner psychologischen Bedeutung ge-
würdigt wurde: das Thema des Vorwegnehmens. Dieser Mechanis-
mus des Vorwegnehmens bestimmt auch den Charakter des masochi-
stischen Lusterlebnisses in seinen ausgeprägtesten Formen. Es ist
dasselbe Moment, welches die Suspense-Spannung aufrechterhielt.
x ) Der überraschte Psychologe. Leiden 1935.
»37
Dort liess die Voraussicht die Reizspannung nicht über ein gewisses
Mass hinausgehen, liess sie aber auch nicht absinken. Wenn diese
Schranke unter dem wachsenden Druck des Luststrebens durchbrochen
ist, wird das Vorwegnehmen in der Phantasie die Spannung steigen
lassen und zum Höhepunkt treiben. Noch während Schmerz und
Unlust gefühlt wird, wird in der Phantasie das Lustziel vorausge-
nommen. Ja die phantasierte Antizipation hilft die Leiden und die
Beschämung ertragen. Hilft sie nur, sie ertragen? Nein, die Phantasie
heisst die Unlust und ihre Verstärkung willkommen, denn der Gipfel
der Unlust ist das Signal für die nahe Lust. Wenn sich der Schlag am
fühlbarsten macht, die Erniedrigung am empfindlichsten gefühlt
wird, gerade dort ist der Wendpunkt zum Orgasmus. Der Schmerz
wird so, wenn er stärker, zum Signal, zum Zeichen der kommenden
höchsten Lust, zur „promesse du bonheur".
Die vorwegnehmende Funktion der Phantasie hat gewiss Bezie-
hungen zum Charakter des Trieblebens selbst. Für den Xrieb existiert
subjektiv nur eine Zeit: die Zukunft. Das will sagen: das subjektive
Verhältnis des Triebes zu Vergangenheit und Gegenwart ist rein
negativ. Die Erinnerung an eine Triebregung bringt sie in irgendeinem
Ausmasse zurück, belebt sie und macht sie in der Form des Bedürf-
nisses wieder aktuell. Einen Trieb, der sein Ziel in der Gegenwart
hätte, gibt es nicht, denn er hätte damit den Charakter des Treibenden
verloren. Das Triebziel liegt in der Zukunft. Die einzige positive
Beziehung zur Zeit, die der Trieb kennt, ist die zur Zukunft, die
ihm Befriedigung und damit passageres Erlöschen gewährleistet.
Diese allgemeine, in die Zukunft weisende Natur des Trieblebens,
wird nun im Masochismus in ihrer Intensität verstärkt, gerade weil
sie in ihrer Triebsetzung zuerst auf Dämme und Hindernisse gestossen
ist. Das Suspense bezeichnet einen solchen Damm, die Beschäftigung
in der Phantasie einen anderen. Wenn aber der Weg zur Befriedigung
in der Realität gefunden ist, werden diese Dämme gewaltsam durch-
brochen. Der Masochist, solange daran gewöhnt, die Befriedigung
hinauszuschieben, erlangt sie auch jetzt noch dadurch, dass er sie nur
um einen Takt vorausnimmt. Gerade, wenn die Unlust am höchsten
wird, stellt sich die Lust, ungeduldig zu warten, ein. Unbekümmert
138
um Schmerz und Beschämung, ja gereizt und aufgestachelt durch
sie, eilt der sexuelle Drang zu seinem Ziel.
Von unseren psychologischen Voraussetzungen aus ist es gut ver-
ständlich, dass der Mechanismus des Vorwegnehmens in dieser Situa-
tion seine volle Wirksamkeit entfaltet. Die Flucht nach vorne lärst
ja dem Masochisten die gefürchtetste Strafe zuteilwerden und befreit
ihn von unbewusster Angst. Die Lusttendenz kann sich mitten in der
Unlust entfalten, ja trotz ihr und ihr zu trotz. Während der Perverse
noch den schmerzhaften Reiz der Schläge spürt, ist seine Phantasie
schon vorausgeeilt dem Ziele zu, das er sich so teuer erkauft hat.
Steigerung des Schmerzes oder der Unlust, härtere Bestrafung sind
nicht als solche ersehnt, sondern als Vorboten der kommenden Lust.
Nur oberflächliche psychologische Betrachtung kann annehmen, dass
der Masochist Unlust als solche wünscht, dass sie als ursprüngliches
Triebziel erscheint. Sie ist nur der Herold, der das Nahen des Herr-
schers, der Lust, ankündigt.
Die Vernachlässigung des Mechanismus der Antizipation in der
Phantasie ist besonders dafür verantwortlich zu machen, dass der
soziale Masochismus fast unverstanden geblieben ist. Wie soll man
auch das Wirken geheimer Tendenzen im Seelischen verstehen,
welche darnach streben, dem Ich soviel als möglich zu schaden, es zu
benachteiligen und ihm Schande und Niederlage zuzuführen? Es hat
sich gerächt, dass die Erklärungsversuche einer so schwer verständ-
lichen Erscheinung nicht davon ausgegangen sind, was insgeheim
gefürchtet, was gewünscht wird, welche Strafe vermieden, welche
Lust angestrebt wird. Ich komme auf dieses Unverständnis zurück,
wenn von den Ausdrucksformen des sozialen Masochismus ge-
sprochen werden wird. Hier soll nur gesagt werden, dass dort wie im
perversen Masochismus der Mechanismus der Antizipation den
seelischen Ablauf entscheidet. Auch dort ist die Phantasie der Realität
um einen Takt und oft um mehrere voraus.
Der geheime Sinn der Zurschaustellung
Im Suchen nach der spezifischen Natur der masochistischen Angst
x 39
und Lust ist das Suspense- Moment unser Wegweiser gewesen. Da
wir unseren Marsch von der jetzt erreichten Stelle aus fortsetzen
wollen und die alte Markierung nicht weiterfuhrt, müssen wir uns
nach einem neuen Wegweiser umsehen.
Das andere Kennzeichen, das wir als den demonstrativen Zu«
bezeichnet haben, gibt von hier aus die Richtung an. Wir erinnern
dass es allgemein besagt, dass der Masochist Zeugen seiner Schmerzen
oder Erniedrigungen braucht, Die Triebneigung kann ohne das
nicht bestehen. Der Vergleich etwa mit dem Sadismus oder mit
Voyeurneigungen zeigt, dass diese Perversionen auch heimlich ohne
Zeugen ihre besondere Befriedigung verschaffen können. Warum
benimmt sich der Masochist abweichend? Warum legt er Wert
darauf, dass jemend seine Schmach sieht, Mitwisser seines Elends
werde? Warum sollte er nicht allein seine Wonne, seine Pein haben
können? Dort aber, wo dies der Fall zu sein scheint, ruft er doch in der
Phantasie zumindestens einen Zuschauer herbei. Einen Zu- Schauer
im wirklichen Sinn, der sein Leiden mitansieht, und wenn es nur das
Bild im Spiegel wäre, dem die eigene Entwürdigung gezeigt wird.
Man wird darauf vorbereitet sein, dass dieser demonstrative Zug
bestimmt ist, auf einen besonderen Beitrag zum Lusterlebnis hinzu-
weisen. In dem, was dem Zuschauer gezeigt wird, was da zur Schau
gestellt wird — noch wenn es sich auffällig verbirgt — muss sich
Bedeutsames verraten.
An den Eingang eines früheren Teiles dieser Untersuchung haben
wir eine sagenhafte Gestalt gestellt, die uns sozusagen an der Tür
begrüsst und uns auf das Kommende vorbereitet: Till Eulenspiegel.
Ähnliche Mythen- und Sagenfiguren haben uns geholfen, Wesenszüge
gewisse rmassen zu verleiblichen, Kennzeichen zu verkörpern: Ther-
sites erschien uns als Personifizierung jener Provokation, die zum
Gezüchtigtwerden aufreizt. Die Lage des Tantalus bot sich zum Ver-
gleich der Suspense- Situation an. Till Eulenspiegel lustige Streiche,
die so eigenartig zwischen Narretei und Weisheit schwanken, halfen
uns, die besondere Ungeduld des Geduldigen zu verstehen. An dieser
Stelle soll eine andere, beziehungsreichere Gestalt uns manches ver-
anschaulichen: die Figur Hiobs aus der nachexilischen Dichtung des
140
Alten Testamentes. Die Beziehung dieses Mannes aus Uz, recht und
schlecht, zu dem hier zu behandelnden charakteristischen Zug des
Masochismus mag zuerst nicht klar sein. Erinnern wir uns aber der
Abschnitte jenes Buches, so steigt das Bild des klagenden und an-
klagenden, des zweifelnden und verzweifelnden Dulders vor uns auf.
Wir sehen ihn, geschoren und mit zerrissenem Kleid, von Ge-
schwüren bedeckt, auf einem Aschenhaufen sitzend, wie er mit einer
Scherbe seine Krätzen kratzt, von seinen drei Freunden umgeben,
denen er beredt sein Leid klagt. Die Gestalt des klagenden Hiob
könnte gewiss den demonstrativen Zug verpersönlichen. Er breitet
nicht nur sein Leben und sein Elend vor den Freunden aus, sondern
auch seine Verzweiflung. Er spricht: „So will ich meiner Klage freien
Lauf lassen und reden in der Bitterkeit meiner Seele". Am Ende sind
nicht mehr die Freunde seine Zuhörer, er klagt und fordert vor Gott,
schildert sein Weh und beteuert seine Unschuld. Dies ist ähnlich der
Haltung des sozialen Masochismus, der ein widriges Schicksal anklagt,
das ihn, den Unschuldigen, verfolgt.
Man könnte den demonstrativen Zug als Vertretung der Aussen-
seite des Masochismus bezeichnen, während die zwei anderen Kenn-
zeichen, die Phantasievorbereitung und das Suspense, die Innenseite
repräsentieren. Was soll es für einen Sinn haben, dass das eigene
Leiden, die Beschämung und die Strafe der Aussenwelt gezeigt
werden? Auch dieser Zug mutet, wie so viele im Masochismus, paradox
an. Die meisten Menschen werden es gewiss vorziehen, die eigene
Schande oder Bestrafung, die sie erlitten haben, zu verbergen. Es muss
eine oder mehrere Bedeutungen haben, dass der Masochist die Auf-
merksamkeit der Anderen unbewusst auf das eigene Elend lenkt, dass
er mit besonderer Auffälligkeit, ja Aufdringlichkeit die eigene Strafe
oder die eigene Erniedrigung entblösst. Er muss damit etwas zeigen?
Oder will er damit etwas verbergen?
Wenn ein Mann in einem Saal unter vielen Menschen sitzend,
ununterbrochen etwa in die eine linke Ecke des Raumes starrt, wird
man gewiss zuerst annehmen, dass er dort etwas Auffälliges sieht und
auch die Aufmerksamkeit der Anderen dorthin lenken will. Es ist
aber — immer theoretisch gesprochen und doch praktisch nach-
141
prüfbar — möglich, dass er absichtlich in die linke Ecke sieht, weil
er die Aufmerksamkeit der um ihn Sitzenden etwa von der rechten
Ecke ablenken will. Der auffällige Blick in die eine Richtung kann
auch bedeuten, dass es in der anderen etwas zu verbergen gibt. Schliess-
lich lassen sich beide „Gesichtspunkte" vereinigen, wenn es in der
einen Ecke wirklich etwas Bemerkenswertes gibt und in der anderen
etwas viel Wichtigeres verborgen gehalten wird.
Wenn man vom Augenschein ausgeht — und was könnte beim
demonstrativen Zug ein geeigneterer Ausgangspunkt sein? — ge-
langt man zu einer Ansicht, die bisher die meisten Analytiker, von
anderen Standpunkten herkommend, vertreten haben. Sie haben-
ohne Zusammenhang mit dem demonstrativen Zug- darauf hinge-
wiesen, dass der Masochist Mitleid erregen will. Er wirbt um Liebe.
Er will durch sein Leiden oder wegen seines Leidens geliebt werden.
Das wäre also einem Nachklang aus der Kinderzeit gleichzusetzen;
das kranke oder gekränkte Kind ist sicher, mehr Aufmerksamkeit
oder Zärtlichkeit zu erhalten. Es spricht für diese Ansicht, dass die
Umgebung, welche das Leiden oder die Entbehrungen sieht, dem
Masochisten wirklich zuerst Mitleid entgegenbringt. Mitleid, sage
ich, aber nicht Liebe. Entgegen allgemein geltenden Anschauungen
zeigt die Analyse, dass die Inanspruchnahme von Mitleid nicht die
Liebe verstärkt, sondern abschwächt. Ja in den meisten Fällen kann
Mitleid an die Stelle der Liebe treten. Der umgekehrte Fall ist äus-
serst unwahrscheinlich. Die Erweckung von Mitleid gegenüber
dem Masochisten gilt übrigens nur für die soziale, nicht für die sexuelle
Erscheinungsform der Triebrichtung. Wir fühlen Mitleid für jene
Menschen, die wie Hiob unverdient das Opfer eines schweren Ge-
schickes geworden sind, für Unglückliche, Pechvögel, Schlemihle,
die von einem bösen Wind immer wieder in die falsche Richtung
getrieben werden. Dort mag es eine der masoch istischen Absichten
sein, das Mitleid der Umwelt zu erregen. Wie steht es aber mit der
Mitleidserregung in der sexuellen Perversion? Dort wird der Partner
oder die Partnerin zum Zeugen der Unlust oder Beschämung, aber
dort soll dieser Anblick der Entwürdigung keineswegs Mitleid er-
wecken. Die Berichte der Perversen sprechen unzweideutig gegen
142
eine solche Annahme. Ja im Gegenteil, der Anblick soll die Begierde
des Anderen, des Aktiven verstärken, weiter zu schlagen oder zu
züchtigen. In manchen Fällen kommt es sogar vor, dass der Masochist
gegenüber einer Mitleidsregung der aktiven Person darauf besteht,
dass die Züchtigung fortgesetzt werde.
Die unbewusste Absicht, Mitleid und Liebe zu erwecken, kann
aber auch im Gebiet des sozialen Masochismus nicht als starkes und
sicherlich nicht, wie einige Analytiker denken, als einziges Motiv
gelten. Die so zuverlässige Schlussfolgerung von der erreichten
seelischen Wirkung auf die verborgene Absicht widerspricht einer
solchen Ansicht auf das Entschiedendste. Wenn man dem so auffällig
vom Schicksal Verfolgten und seinen unablässigen, aufdringlichen
Klagen zuerst auch Mitleid entgegenbringt, so gilt dies in den meisten
Fällen nur für kurze Zeit. Die Reaktion ändert bald ihren Charakter.
Die Hartnäckigkeit und Klebrigkeit der Klagen, das Bestehen darauf,
dass das Schicksal die Person auserwählt habe, um sein Opfer zu
werden, die Zurschaustellung des eigenen Elends, die oft etwas
Unechtes, je Spielerisches hat, lässt die Umwelt bald vom Mitleid zur
Ungeduld übergehen. Von dort aber zur Abwehr der Zudringlichkeit
und damit zur Aggression ist nur ein kleiner Schritt. Die Demon-
stration führt also endlich dazu, dass man ihn misshandelt, dass er
beschimpft und getadelt wird. Nicht einmal der Dulder Hiob findet
seine Freunde, die gekommen sind, mit ihm sein Unglück zu beklagen
und ihm ihr Mitleid zu bezeugen, allzugeduldige Zuhörer seiner
Verzeiflung. Er zieht sich schliesslich ihren herben Tadel zu. Es ist,
wie wenn sie in seinem Bestehen auf dem Anspruch, es sei ihm von
Gott Unrecht geschehen, einen rebellischen Hauch, eine Tendenz zu
Hochmut und Auflehnung, die Forderung einer Ausnahmsstellung
erkannt hätten. Seine Klagen klingen ja auch meistens wie Anklagen,
wie Vorwürfe und Angriffe. Sie werden dringender und eindring-
licher wie wenn sie eine Gegenaktion herausfordern wollten.
Von den analytischen Beobachtern wurde bisher immer wieder
auf die Liebesbedürftigkeit des Masochisten hingewiesen, sein pro-
vokatives Benehmen soll den Sinn der unbewussten Liebeswerbung
haben. K. Horney, W. Reich und andere betonen uner-
»43
müdlich diesen Gesichtspunkt. Es ist aber keineswegs das Bedürfnis,
geliebt zu werden, das hier zu Tage tritt. Es ist viel eher ein anderes,
das mit ihm leicht verwechselt werden kann, nämlich das Bedürfnis,
verziehen zu werden. Das „Liebesbedürfnis" in seiner gesteigerten
Form ist selbst ein Zeichen dafür, dass die Sicherheit des Ichs durch
das unbewusste Schuldgefühl geschwächt wurde. Wer soviel Liebe
braucht, der zweifelt daran, dass er verdient, geliebt zu werden,
braucht sie, damit ihm bewiesen wird, er werde trotz allem geliebt.
Die Unsicherheit des Ichs ist bedingt durch die innere Wahrnehmung,
die verdrängte feindliche und aggressive Regungen erkannt hat. Von
dieser seelischen Entstehung erhöhter Liebesbedürftigkeit kann man
sich in der Analyse oft überzeugen. So wurde eine Patientin von
besonderer Ungeduld gequält, weil sie längere Zeit keinen Brief von
ihrem Verlobten bekommen hatte und zeigte alle Zeichen der Krän-
kung und des Sichvemachlässigtfühlens. Ihr verstärktes Liebes-
bedürfnis erwies aber bald seinen Ursprung, als die quälende Angst
auftrat, sie könnte unwissentlich und unbeabsichtigt in ihren Briefen
den Verlobten gekränkt haben. Der zärtliche Inhalt ihrer Briefe
widersprach dem freilich, aber der Selbstvorwurf war doch psycholo-
gisch wohl berechtigt: ihre unbewussten Hassregungen rechtfertigten
ihn, Hessen ihre Angst steigen. Sie suchte nun Beruhigung und Be-
schwichtigung ihres unbewussten Schuldgefühles in dem Wunsch,
Liebesbeweise von dem Mann zu erhalten, gleichsam eine Ver-
sicherung dagegen, dass er ihr ihre unbewussten feindlichen Regungen
nachtrage und sie dafür bestrafen wolle. Ihre verstärkte Liebes-
bedürftigkeit kam einem Verlangen, seiner Verzeihung sicher zu
sein, gleich. Das provokative Verhalten aber hat dann den Sinn eines
unbewussten Geständnisses: sieh, wie böse ich bin. Daran schliesst
sich freilich der Satz: trotzdem musst du mir verzeihen. Das agierte
Geständnis hat dann freilich meistens die Folge, dass der Masochist
wirklich misshandelt wird im Sinne seines Straf Bedürfnisses. Es kommt
dann zu jenem „vicious circle", den wir in den Erscheinungen des
Masochismus so häufig antreffen.
Wir verschieben die Diskussion über den verborgenen Sinn dieses
Kreislaufes und beschränken uns jetzt darauf, den Absichten der
144
Demonstration nachzugehen. Die Tendenz, eine neue Bestrafung zu
provozieren, und die ihr scheinbar entgegengesetzte, welche Verzie-
henwerden anstrebt, sind gewiss vorhanden, verfliessen ineinander, so
dass es wirklich den Anschein gewinnt, Bestraftwerden bedeutet
soviel wie Geliebtwerden. Dass kann freilich unmöglich für das
Anfangsstadium des Masochismus gelten, bezeichnet schon seine
volle und vollendete Entwicklung. Für das Anfangsstadium nehmen
wir eine neutralere, unbestimmtere Absicht für die Demonstration
an, indem wir sagen, der Masochist wünsche, die Aufmerksamkeit
aufsein Leiden, seine Strafe und Schande zu ziehen. In der Sprache
des Bewusstseins ausgedrückt: seht her, wie ich leide, wie ich beschämt,
bestraft, misshandelt werde! Das kann nun zwei Bedeutungen haben:
ich bin zu Recht bestraft, dann ist es eine Klage. Oder: ich bin zu
Unrecht bestraft, dann kommt es einer Anklage gleich. Es kann aber
etwas ganz Anderes bedeuten, wobei das Moment des Rechthabens
oder Rechtbehaltens vorerst nicht ins Gewicht fällt. Es kann auch
bedeuten: ich bin bestraft, ich habe gebüsst, jetzt ist die Triebbefriedi-
gung erlaubt. Die Bestrafung würde so der Begehung des Vergehens
vorausgehen, sozusagen die Erlaubnis dafür liefern. Solche Umkehr
und Vorwegnahme würde durchaus zu dem Mechanismus der Flucht
nach vorne passen.
Einige Beispiele der masochistischen Demonstration sollen uns
darüber hinausführen. Sie gehören durchaus dem Gebiet des socialen
Masochismus an und repräsentieren typische Phantasieen. Ein Mann,
der finanziell völlig von der Freigebigkeit seines Bruders abhängt,
gibt sich gerne der Vorstellung hin, dass er eines Tages mit zerrissenen
Kleidern und löchrigen Schuhen bei dem Bruder erscheinen und
dessen Wohnung nicht verlassen werde. Das ist gewiss eine deutliche
Darstellung des eigenen Elends, die mit Behagen in der Phantasie
genossen wird. Mann kann bald ihr Motiv erkennen: es gilt nicht
nur dem Bruder die eigene ärmliche Lage zu veranschaulichen, son-
dern ihm sein Unrecht vorzuhalten. Sein Verhalten ist also nicht nur
dazu bestimmt, Liebe und Mitleid zu erwecken, sondern auch, den
Bruder zu bestrafen. Geht man tiefer in den psychologischen Sach-
verhalt, erkennt man auch die für den Masochismus so charakteri-
k 145
.
stische Form dieser Bestrafung durch die Zurschaustellung des ei J
Elends, Es ist die Form der Übertreibung. Der Bruder hatte
Patienten oft vorgeworfen, dass er zuviel Geld für Kleider und Scfai
ausgebe. Das Benehmen bedeutet also jetzt eine Karrikatur 1
als unberechtigt empfundenen Vorwürfe etwa in dem Sinne: d<
Ansicht nach bin ich also zu gut gekleidet, gebe zu viel Geld
Schau meine zerrissenen Kleider und Schuhe an. So sehe ich aus-
muss in deiner Wohnung bleiben, kann so nicht auf die Strasse geh
Die Demonstration diente hier gewiss noch anderen Absichten]
der, Mitleid oder Liebe zu erwecken. Ein anderer Fall: ein kleS
Mädchen stellt sich vor, der Vater werde von der Reise, die er ^
unternahm, nicht mehr zurückkehren und im Ausland sterben j
Tagträumerin stellt sich vor, sie werde dann hart arbeiten, Lehre
werden und die Mutter und ihre Geschwister ganz allein'ernäh,
Mit grossem Behagen verweilt sie in der Phantasie bei der Härte
Lebensbedingungen, den Opfern, dk sie persönlich brin-en |
Entbehrungen, die sie tragen wird. Ein besonderer Zug ist dass
Freunde und Verwandten das Elend und ihre rastlose Arbeit für
Ihren anerkennen werden. Das Motiv auch dieser Phantasie, welc
in der Kle.nmädchenzeit die Analysandin oft beschäftigte ist nij
einseitig, Liebe und Mitleid zu erringen. In Wahrheit gibt es mehr/
leicht erratbare unbewusste Motive wie: die enge Vereinen*
der Mutter, wobei der Vater ausgeschlossen wird^ihren Ehrt e i 2 %
Überlegenheit über die Geschwister. Ein von seinen Verwand]
abhängiger Mann hat sich in der Analyse aus seiner einige Ja
dauernden Unfähigkeit so weit aufgerafft, dass er eine ihm gemä
Beschäftigung und einigen Verdienst rinden kann. Er richtet ■
em Geschäft ein, doch verfolgen ihn merkwürdige Missgeschic
rätselhafte Vergesslichkeiten, unbegreifliche Vernachlässigung»
Einige davon will ich berichten: er will an einige tausend" Lei
Prospekte über die Ware schicken, die er zu verkaufen hat. Er schre
die Adressen auf den Kouverts selbst, unterbrach diese Arbeit oft
Dringenderes zu tun. Als er die Kouverts zur Post tragen wob
vergass er sie und erinnerte sich erst auf dem Weg dahin Zurü^
gekehrt, um sie zu holen, fand er Briefe vor, die ihn interessiert
146
j n g wieder zum Postamt, ohne die Kouverts mitzunehmen. Er
2r lor die Briefe, die ihm Aufträge brachten, vernachlässigte den
jejtpunkt wichtiger Besprechungen, vergass Anrufe u.s.w. Er klagte
ber seine Missgeschicke so beweglich, als hätte er keinen Teil an
,rer Fabrikation und als hätten feindliche Mächte sich gegen ihn
.»rschworen. So klagte er z.B. seiner Familie gegenüber darüber,
iss ihn viele widrige Zufälle an der Lieferung der bestellten Ware
nderten. Neben den sehr verschiedenen einzelnen Determinanten
iner geschickten Ungeschicklichkeiten und Vergesslichkeiten war
n unbewusstes Motiv durchgängig: seinen Verwandten zu zeigen,
,geht es nicht. Diese masochistische Sabotage sollte sagen: wenn ihr
ir nicht das Geld gebt, eine Bureaukraft zu nehmen, welche die
ouverts schreibt, Briefe tippt und aufgibt, Aufträge notiert, kann
h das Geschäft nicht führen. Wenn ich kein Auto habe, die Ware
izulierern, passieren eben so zeitraubende und schädigende Miss-
schicke. Ich sah nicht ein einziges Beispiel solcher Sabotagetricks
diesem Fall, dessen Ziel es war, Liebe und Mitleid zu erregen,
as Ganze hatte in seinem Charakter der Zurschaustellung, den die
slen Klagen notdürftig verhüllten, den Sinn: „I told vou so." Den
nn des Beweisen wollens, dass eine Geschäftsführung wie die Ver-
indten sie wünschten nicht möglich war.
Ich werde also nicht bestreiten, dass sich der Wunsch, Liebe und
itleid zu erregen, unter den Motiven der masoch istischen Demon-
ation findet. Ich werde aber bestreiten, dass er eine so wichtige und
wer aufzufindende Seite des Problems ist. Es ist im Gegenteil
ie Aussicht, die sich sogleich und dem ungeübtesten Auge bietet.
unserem Vergleich gesprochen: der Masochist bietet ihn auffällig
r. Er benimmt sich wie der Mann, der ununterbrochen in die
ie Zimmerecke sieht, so dass alle Anwesenden ihre Blicke dorthin
hten. Dass sich die meisten Analytiker auch unter diesen Anwesen-
H befinden, die sich vom Augenschein verführen lassen, ist ver-
mderlich und bedauerlich. Einige der oben dargestellten Beispiele
>en ahnen, dass sich manches Bemerkenswerte in der anderen ver-
:hlässigten Ecke finden Hesse.
Ich habe früher gesagt, dass der demonstrative Zug die Aussen-
H7
seite der masochistischen Kennzeichen repräsentiert, die Trieb-
neigung der Aussenwelt vermittelt. Was will er zeigen und was will
er verbergen und zeigt es gerade durch das Bemühen, es geheim zu
halten? Er zeigt die Strafe, die Beschämung und die Erniedrigung,
gewiss für eine Verbotsübertretung, für eine verbotene Triebbe-
friedigung — aber diese verpönte Triebbefriedigung folgt sofort.
Wenn das Zeigen der eigenen Unlust und Schmerzen beweist, wie
schuldig man sich fühlt, wie man um Liebe und Mitleid wirbt- was
soll dann die unmittelbar folgende Trieberfüllung zeigen? Steht
solche Aufeinanderfolge nicht den zweideutigen und zweiseitigen
Handlungen der Zwangsneurotiker nahe, jenen Aktionen, in denen
zuerst eine Sühnehandlung, dann eine verbotene ausgeführt wird?
Die Beobachtung und analytische Erforschung vieler masochi-
stischer Erscheinungen hat mich dazu geführt, eine historische
Entwicklung anzunehmen. Am Anfang steht wirklich das Zeigen
der vollzogenen Strafe, der eigenen Beschämung, der Busse als
Zeugnis des nachträglichen Gehorsams, des Schuldgefühls und des
Gefühls, Strafe verdient zu haben. Wir haben nicht vergessen, was
uns der Einblick in die Wirkung der Flucht nach vorne sehen Hess,
dass der Vollzug der Strafe zur unerlässlichen Voraussetzung, zur
conditio sine qua non der Triebbefriedigung wurde. Ihr Vollzug
wird nun demütig und wehmütig gezeigt, vor Augen geführt. Die
eigene Unlust und die eigene Entwürdigung wird nicht etwa nur
schweigend ertragen, sie wird vorgeführt, demonstriert. So bieten
Schwächere, die sich fürchten, einen Tribut an. Sie liefern ihn nicht
einfach ab, sie zeigen ihn vor als Beweis ihres Unterworfenseins und
ihrer Unterwürfigkeit. So beweisen Rebellen, dass sie sich schuldig
fühlen und dass sie die Strafe für ihre Schuld verdienen. Die Demon-
stration ändert aber mit fortschreitender Entwicklung ihren Cha-
rakter. Die Strafe wird immer mehr in den Bereich des Luststrebens
gezogen. War es zuerst der Strafvollzug, der demütig gezeigt wurde,
so ist es jetzt die Verkehrung der Strafe in Lust, die nicht mehr de-
mütig, sondern trotzig dem Zuschauer vorgeführt wird. Liess sich
das Gefühl früher etwa übersetzen: seht her, wie ich bestraft werde
und leide!, so ist das spätere etwa gleichbedeutend mit: seht her, wie
148
ich noch die Strafe und das Leiden geniesse! Das eine ist ein Zuge-
ständnis der Unterwerfung an die Mächte der Erziehung und der
triebversagenden Aussenwelt, das andere ist eine Kriegserklärung an
sie. Die Demonstration beweist am Anfang die Wirksamkeit der
erzieherischen und moralischen Massregel. Sie endet mit der Zur-
schaustellung ihres Bankrotts. In der ersten Phase der masoch istischen
Entwicklung wird der Erfolg jener Kräfte veranschaulicht. In der
zweiten wird dargestellt, wie sich der Erfolg in Misserfolg verkehren
lässt.
Die Einsicht in diese sich verändernde Zielsetzung erhielt ich
durch die analytische Beobachtung vieler masochistischer Charaktere
während langer Zeit. Als ich einmal Zeuge einer merkwürdigen
Szene war, glaubte ich, in ihr fast eine Verbildlichung der End-
gestaltung dieser Entwicklung zu sehen. Ein sechsjähriger Junge,
der sich früh als ein schwer erziehbares und störriges Kind gezeigt
hatte, wurde wegen seines Ungehorsams von seinem jugendlichen,
jähzornigen Vater gezüchtigt. Zu meinem Erstaunen rief der Junge
während der empfindlichen Misshandlung- mein Interventions-
versuch war zurückgewiesen worden- immer wieder: „Ich lache,
ich lache". Er wollte damit dem Vater und gewiss auch mir beweisen,
dass er sich aus den Prügeln gar nichts mache, ja dass sie ihm im
Gegenteil Vergnügen bereiten. Das Beispiel soll gewiss nicht als Fall
von kindlichem Masochismus gewertet werden. Es war deutlich, dass
dem Kind keineswegs zum Lachen zumute war. Ich meine nur, dass
eine solche Demonstration in der Endphase der maasochistischen
Entwicklung unbewusst die Aussenseite des Erlebnisses bestimmt.
Ich erinnerte diese Szene häufig, wenn ich den Klagen und Be-
schwerden masochistischer Charaktere zuhörte, wenn, wie ein ameri-
kanischer Patient dies ausdrückte, das „complaint-department" geöffnet
wurde. Das Überfliessen der Lust in die Unlust, in der Perversion so
auffällig, im sozialen Masochismus so verborgen, verrät die Tendenz
welche der Junge so prägnant ausdrückte mit dem Schrei: „Ich lache".
Aus der Demonstration der Strafe für eine verbotene Triebbefriedi-
gung ist eine Demonstration der verbotenen Triebbefriedigung in
der Strafe geworden. Aus der Zurschaustellung der Unlust als Sühne
149
wird eine Zurschaustellung der Lust als Bankrott der Sühneakt
Was hier als Entwicklung beschrieben wurde, stellt sich
Psychologen rückblickend als Entfaltung, Deutlicherwerden,
äusserung von Zügen dar, die schon von Anfang an den Masochis,
bestimmten und begleiteten. Der Masochist braucht einen Ze u j
seiner Unlust, seines Schmerzes, seiner Erniedrigung- er zeigt «
Strafe, seine Schuld. Er braucht aber denselben Zeugen, um zu beweil
wie vergeblich, wie sinnlos, ja wie lustbefördernd die Strafe warj
wie sie zum Genuss wurde. Er führt die Strafe vor Augen, aber ai
ihr Fehlschlagen. Er zeigt seine Unterwürfigkeit, gewiss, er ze
aber auch seine nicht bezwingbare Unbotmässigkeit. Ja, indem!
demonstriert, dass er Lust trotz der Unlust gewinnt, beweist er ,
er Lust daraus zieht, der Unlust zu trotzen. Aus einer Absicht
spite" aller Drohung die Befriedigung zu bekommen, wird e|
Tendenz eine Befriedigung auch zu gewinnen, „to spite" alle D\
hung.
Im perversen Masochismus ist diese Entwicklung der >,
schaustellungvölligdeutlich. Inder sozialen Gestaltung wird die Str.,
der Misserfolg, die eigene Beschämung noch deutlicher dargeste
und beklagt, bejammert. Wenn unsere Auffassung des Masochisn]
als einer psychologischen Einheit in allen Formet richtig ist, mj
auch dort dieselbe Entwicklung nachzuziehen sein, muss die Demo
stration auch dort, wo nur die eine Seite zu sehen ist, denselben ve
borgenen Sinn haben. Dass soll später erwiesen werden, aber
Seitenblick auf das Schicksal des Dulders Hiobs mag uns verrat,
dass die Freunde, welche sein Elend als Beweis seiner Schuld anseht
am Ende Unrecht bekommen, Zeugen seiner Rehabilitierung uj
seines Triumphes werden.
Der demonstrative Zug zeigt also wirklich etwas: er zeigt aber d^
oberflächlichen Blick anderes wie dem tiefer dringenden. Dem eini
Äusserungen von Liebeswerben, von Schuldgefühl, von Schwäc
und Unterwürfigkeit, dem andern solche von Rache, unbändig
Rebellion und Triumph. Die beiden Hälften des Jammergesichl
weisen entgegengesetzten Ausdruck auf. Was so deutlich vorgezel
wird, hat den Sinn, das Andere zu verbergen. Das ist also dn T|
150
, r paradoxie des Masochismus: wenn hier etwas, was man sonst
, hl verhüllt, sozusagen in die Ausslage gelegt wird, soll zugleich
yns Anderes den Blicken entzogen werden. Die Ueberdeutlichkeit
if der einen Seite soll die Verdunkelung auf der anderen ver-
;cken.
Mit fortschreitender Entwicklung dringt aber jenes Verhüllte
.ehr hervor, wagt es sich aus dem Dunkel heraus. Es wird, früher
ir dem „dritten Ohr" vernehmbar, besser hörbar. Noch immer
ird die Unlust, die Erniedrigung, die Beschämung in den Vorder-
und geschoben, aber der Psychologe wird erkennen, warum sie in
:n Vordergrund gerückt werden. Der demonstrative Zug will also
was zeigen und etwas verbergen, verbirgt es aber so auffällig, dass
es dadurch zeigt. Nur zeigt? Nein, es beweist. Das Schlussresultat,
e Lust trotz der Unlust, soll etwas beweisen. Sie hat den geheimen,
r die Psychologie jetzt geoffenbarten Sinn: noch wenn ihr mich
hlagt, züchtigt, straft, ich lasse mir die Triebbefriedigung nicht
:hmen. Die Bezeichnung demonstrativ für diesen kennzeichnenden
ug des Masochismus habe ich gewählt, weil sie die Zeigetendenz
•rdeutlicht, ohne Näheres und Eindeutiges über den Gegenstand
ld die Motive dieses Zeigenwollens auszusagen. Wir wissen jetzt,
as offen und verhüllt gezeigt werden soll und wissen, es sollte nicht
ir um des Gesehenwerdens geschehen. Es sollte etwas bewiesen
;rden, das unbewusst angestrebte Ziel war ein: Quod erat demon-
•andum. Hier aber erkennt man, dass die Wahl des Ausdruckes
monstrativer Zug eine psychologische Bedeutung erwirbt, die ihm
iher nicht eigen war, und erkennt seine volle Bedeutung.
Darstellung durch das Gegenteil und
durch Übertreibung
Manche analytische Untersuchungen betonen, dass die Absicht
r masochistischen Perversion dahin geht, eine sexuelle Befriedigung
ne Verantwortung zu erreichen. Die Formel „Lust ohne Verant-
irtung" wird von W. Steckel, W. Reich u.a. als au fschluss-
bend für den Masochismus aufgestellt. Die Masochisten selbst
151
hören diese Charakteristik gerne, ja es kommt vor, dass sie selbst sie
geben. Sie scheint ja zu bestätigen, was sie so oft über sich sagen: dass
sie faule, minderwertige Menschen sind. Man möchte sagen: eine
solche Formel schmeichelt ihrer negativen Eitelkeit — wenn man
so sagen darf. Daneben hat eine Charakteristik dieser Art den Vorzug,
dass sie die Tür zum Geheimfach zuschlägt.
„Lust ohne Verantwortung" das klingt plausibel und enthält auch
gewiss ein Fünkchen Wahrheit. Immerhin fragt man sich, warum
solche Enthebung von der Verantwortung in der Form des
Geprügelt- Angespuckt- Gebunden werden vor sich geht. Vielleicht
aber werden die Vertreter der angeführten Ansicht eine dergleichen
Frage als zu indiskret empfinden. Wir tragen ihrem Zartgefühl
Rechnung und nehmen ein Beispiel, das ihre Anschauung zu bestä-
tigen scheint, den masochistischen Tagtraum eines Mannes. Der
Inhalt: der Chef des Mannes tritt in das Zimmer, und befiehlt dem
Tagträumer mit vorgehaltenem Revolver, mit seiner, des Chefs,
Frau, sogleich sexuell- zu verkehren. Das scheint ja geradezu ein
Paradefall für die Anschauung: Lust ohne Verantwortung zu sein,
zumal die Phantasie sehr erregend wird, so oft sie auftaucht und sie
taucht oft auf. Es fällt ja nicht weiter auf, dass die Wahrscheinlichkeit
dieser Handlungsweise des Chefs, nicht gerade gross ist. Es lässt sich
aber nicht verschweigen, dass der Tagtraum einige Züge aufweist,
welche zu der Formel Lust ohne Verantwortung nicht passen. Das
ist freilich, was man ein Understatement nennt. Es sollte heissen: die
ihr entschieden widersprechen. So könnte man Zweifel darüber hegen,
ob ein sexuelles Erlebnis unter so eigenartigen Umständen wirklich
besonders lustvoll sein könne. Es ist zu befürchten, dass die Anwesen-
heit des Ehegatten mit dem Revolver im Schlafzimmer die Stimmung
des Liebhabers gegen seinen Willen beeinträchtigen könnte. Dem
steht entgegen, dass die Phantasie den Tagträumer sexuell so sehr
erregt? Das ist so, aber das beweist nichts für die Richtigkeit jener
Formel. Es könnte ja sein, dass andere psychologische Bedingungen
für diese erregende Wirkung der Phantasie bestimmend sind. Bei
einiger Phantasie- einer Gabe, die vielen Analytikern verächtlich
erscheint, weil sie ihnen versagt geblieben ist- mit einiger Phantasie,,
152
sage ich, lässt sich eine Möglichkeit vorstellen, das sexuell Erregende
einer solchen Situation, Sexualverkehr mit einer schönen Frau tnter
Zwang des Ehegatten, nicht direkt aus der Formel Lust ohne Verant-
wortung abzuleiten. Ernsthaft gesprochen: eine Situation, die Lust
ohne Verantwortung bringt, wird sich andererseits mancher auch bei
geringerer Phantasiebegabung entschieden anders vorgestellt haben.
Etwa als ein unbefangenes, von keinem Verbot, aber auch keinem
Gebot unter Waffenandrohung begleitetes Geniessen. Etwa im Sinne:
erlaubt ist, was gefällt. Gewiss nicht als: erlaubt ist, was erzwungen
wird. Nebenbei sei noch die Frage gestattet: ist es denn in diesem Fall
Lust ohne Verantwortung? Es ist ja Lust unter Verantwortung, ja
unter dem Zwang eines Anderen; wenn du diese Lust nicht geniesst,
schiesse ich dich nieder wie einen räudigen Hund. Des Lesers der
Ausführungen von W. Steckel und W. Reich wird sich der
bange Zweifel bemächtigen, ob es im Schlaraffenland wirklich so
zugeht.
Man errät gewiss, wie diese Phantasie entstanden ist. Sie ist aus
der masochistischen Umkehrung folgender Situation zu erklären:
der Tagträumer möchte gerne die schöne Frau besitzen, hat aber
Angst vor dem Revolver des Ehegatten. Er fürchtet sich vor dessen
Rache. Die Hoffnung auf diese sexuelle Beziehung steht unter Todes-
drohung. In der Phantasie ist, was ursprünglich verboten war, geboten,
ja der Träumer wird gezwungen, es zu tun. Jetzt ist die Todes-
drohung auf die Unterlassung gerichtet. Man beachte eine weitere
Veränderung der ursprünglichen Situation, die nicht ihren Inhalt,
sondern ihre Anordnung betrifft. In der ursprünglich vorgestellten
Szene ist die Reihenfolge: Sexualverkehr — Todesdrohung. Hier
ist sie: Todesdrohung— Sexual verkehr. Die zeitliche Umdrehung
gibt einen Hinweis auf die inhaltliche. Sie entspricht durchaus dem
Wesen jener Flucht nach vorne. Man errät ferner, dass hier eine
Darstellung durch das Gegenteil vorliegt. Man könnte etwa ver-
muten, dass der Tagträumer sich sagt : Das möchte mir so passen, wenn
der Ehemann mich sogar zwingen wollte, mit seiner Frau zu verkeh-
ren. Das käme also einer selbstironischen Phantasie gleich. In Wirk-
lichkeit geht der Tagtraum weit über diesen Rahmen hinaus und
«53
besagt etwa: ich möchte diese Frau besitzen, noch wenn ich dj
von ihrem Mann erschossen würde. Es ist sozusagen eine im nJ
chistischen Jargon ausgedrückte trotzige, wilde Regung. Von L«
ohne Verantwortung ist keine Rede. Eher von Lust unter höchsj
Verantwortung.
An Stelle des früheren „Das darfst du nicht tun" ist hier ein
musst du tun", aus Verbot Gebot geworden. Beispiele solcher"'
sind in der masoch istischen Phantasie nicht selten. Die Unlust in d
Vorstellung ist dabei betont. Sexualerregung, welche die VorstellJ
begleitet, zeigt, dass die Unlust nicht immer aufrichtig gefühlt ig
Ein Patient phantasiert etwa, er werde von Amazonen gefangen J
in einem Garten, an Händen und Beinen gebunden, "nied<Trgeleg
Die schönen Jungfrauen entkleiden ihn und streicheln sein Genital
bis es zur Erregung und zum Orgasmus kommt. Das ernsthafte Spi
w.ederholt sich, bis der Gefangene völlig erschöpft ist. Der puritanisq
erzogene Tagträumer setzt sich verzweifelt zur Wehr: er weh]
sich dagegen, erregt zu werden, beisst die Zähne zusammen, macl
ein grimmiges verzerrtes Gesicht, es kommt doch bei dem Gefangene
und zugleich bei dem Tagträumer zum wiederholten Or-asmu
Es .st auch hier leicht die Formel Lust ohne Verantwortung anz«
bringen, aber sie gibt nicht des Wesentliche der seelischen Situatioj
Sie klingt bestechend. Wer aber intellektuell redlich bleiben wü
wird sich nicht bestechen lassen.
Derselbe Patient hatte eine Phantasie, deren analytische Würdigun
uns weiter führen soll. Sein Vertreter in der Phantasie soll als°Ga
fangener eines Aztekenstammes an einem bestimmten Tag als Vej
körperung des Gottes feierlich geschlachtet werden. In der Zeit J
Vorbereitung des Festes wird er seinem angenommenen Charakte 1
gemäss hoch geehrt und besonders schonend behandelt. Jede Nad!
wird ihm eine der schönsten Jungfrauen des Landes zum Sexual
verkehr zugeführt. Hier ist noch der ursprüngliche Text der Ursprung
liehen Phantasie zum grossen Teil erhalten. Die Reihenfolge isl
Sexualverkehr- Todesdrohung. Schon ist aber die Situation so we
verändert, dass die Todesaussicht die schrankenlose Erlaubnis i
verbotener Befriedigung gibt. Wir erinnern uns, dass derselbe Parier,
154
!
bei der Vorstellung des von Schlangen erdrückten Laokoons oder
Jes von Apoll geschundenen Marsyas sexuell erregt wurde. Die
grausame Bestrafung weist er aber zurück auf die ungeheure Freveltat.
Die Lust gilt zuerst ihr und wurde erst später auf die Strafe verschoben.
iVir denken an das Mädchen, das der Anblick eines Skelettes der
Verzückung nahe brachte. Auch dort war der Umkehrungsvorgang
lachzuweisen: zuerst war das Skelett eine Erinnerung an den Tod,
ler als Bestrafung für die verbotene Lust drohte. Erst später wurde
r zur erregenden Erinnerung an diese Lust selbst. Wie tief und
rstrebenswert muss sie sein, wenn sie mit dem Tod bedroht wird!
)ie Umkehrung in der Reihenfolge Lust- Bestrafung ist indessen
icht die einzige, welche für den Masochismus charakteristisch ist.
;ine andere, kaum je bemerkte ist viel wichtiger, da sie als eine
Intstellung erscheint, welche uns das Wesen dieser Triebneigung
srhüllt.
Zuerst erhält man den Eindruck, als wären die masochistischen
zenen Wiederholungen kleiner Erlebnisse der Kindheit. Es sieht
) aus, wie wenn der Masochist behandelt werden will wie ein
:hlimmes Kind. Wo anders als in der Kinderzeit gibt es Vorbilder
ir eine Szene, in welcher ein erwachsener Mann von einer Frau
.■schimpft, gezüchtigt, eingewickelt und gebunden wird? Ein Er-
achsener muss sich in die Ecke stellen, die Rute selbst holen, mit
rr er geschlagen wird u.s.w. Andere Züge widersetzen sich freilich
:r Auffassung, dass hier unentstellte Wiederholungen der Kinderzeit
•spielt werden. Der Eindruck bleibt verwirrend, weil sich viele
üge, die an Szenen und Spiele der Kindheit erinnern, mit anderen
euzen, die keine solche direkte Ableitung erlauben. Es liegt nahe
zunehmen, dass es sich oft um riesige Übertreibungen und Be-
icherungen, phantastisches Weiterspinnen ursprünglich harmloser
inderszenen handelt. Die Überprüfung dieser Vermutung ergibt
•in unzweideutiges Resultat. Auch dort, wo sie sich bestätigt, bleibt
; Frage: warum eine so banale Szene, wie dass ein Junge ge-
holten und bestraft wird, in dem einen Fall zum Mittelpunkt
asochistischer Phantasieen wird, während sie in den meisten anderen
different bleibt.
155
Wir suchen etwa die primäre Szene, die zum Ausgangspunkt der
folgenden wird: ein Mann kriecht auf allen Vieren in einem Bordell
herum, die Frau muss auf seinem Rücken reiten, ihm Befehle geben
wie „Schritt", „Trab", „Galopp", „Halt" u.s.w. und ihn mit einer
kleinen Reitpeitsche schlagen. Der latente Sinn einer solchen Szene
wird ersichtlich, wenn man den Umkehrungsmechanismus zu ihrer
Deutung heranzieht. Die Umkehrung als Darstcllungsmittel wird
im Traum und in den Neurosensymptomen so häufig angewandt, um
den ursprünglichen Sinn einer Vorstellungsgruppe zu entstellen und
dem Bewusstsein zu entziehen. Versuchen wir in solchen Fällen eine
Rückgängigmachung der Umkehrung, so ergibt sich wohl ein guter
Sinn. Der Mann, der die Frau auf seinem Rücken reiten lässt und
von ihr Schläge mit der Peitsche erhält, hat gewiss an eine Kinder-
phantasie angeknüpft. Er wollte auf der Mutter oder dem Kinder-
fräulein reiten und sie so schlagen, ein sadistisch ausgedrückter Wunsch.
Vermutlich haben sich unklare sexuelle Gefühle schon damals, als
er auf dem Rücken von Mutter und Vater ritt, in ihm geregt. Warum
aber die Umkehrung der Situation? Sogar die Szene, in welcher ein
Mann sich von einer Frau in den Mund urinieren lässt, kann durch
eine solche Aufhebung der Umkehrung einen guten Sinn erhalten.
Wir wissen, dass Babys nur jene Personen nass machen, die sie lieben,,
als wäre die Urin- und Stuhlabgabe ein Liebesbeweis. Auch hier
wäre also die Rückkehr in die Frühkinderzeit mit der Umkehrung
in der Phantasie kombiniert. Gewiss würden viele masochistische
Szenen und Phantasieen ein Stück ihrer Fremdartigkeit verlieren,
wenn man sich der Wirkung der Umkehrung erinnert und die Kinder-
zeit als ihr Quellgebiet anerkennt. Natürlich handelt es sich in diesen
Szenen um viel später wiederbelebte Kindheitserinnerungen oder-
phantasicen. Oft steht der Masochist selbst dem Phänomen, dass ihn
so groteske oder ekelhafte Dinge sexuell erregen, verständnislos
gegenüber. Er ist unter dem Zwang, sie zu tun oder vielmehr, sie
tun zu lassen, doch wundert er sich darüber. In anderen Fällen weiss
er freilich eine ganze Reihe von Gründen für ihre erregende Kraft
anzuführen. Diese Erklärungen machen aber durchaus den Eindruck
von später hergestellten Rationalisierungen. Das Groteske und
156
Forcierte solcher Szenen bringt eine Nuance, welche einer angeb-
lichen Sehnsucht nach der paradiesischen Kindheit widerspricht.
Niemand, der eine detaillierte Beschreibung eines masochistischen
Zeremoniells gehört hat, wird in ihr den ungetrübten Ausdruck einer
Sehnsucht verspüren, wie sie in jenem B r a h m slied erklingt: „O
wüsst ich doch den Weg zurück, den lieben Weg zur Kinderzeit!"
Wie ist die Gegensätzlichkeit dieser Züge zu erklären? Der Wider-
spruch ist nicht unlösbar. Die Rückkehr zu den Kindheitsvor-
stellungen ist in manchen Zügen unzweifelhaft, aber sie ist nicht die
Ursache des Masochismus, sondern schon seine Folge. Das will
sagen: der Masochismus regrediert mit besonderer Vorliebe zu
solchen Kindheitsvorstellungen, verwendet gerne Material aus dieser
Zeit, um seine uns noch immer dunklen Triebziele zu erreichen. In
manchen Einzelheiten wird diese Rückkehr an Erinnerungen oder
Gedächtnisspuren anknüpfen. In der Hauptsache ist sie ein Werk der
Phantasie, die das Material durch Umkehrung und Übertreibung
entstellt und im masochistischen Sinn lustbringend benützt.
Was ist nun der geheime Sinn der Umdrehung? Im Beispiel des
Mannes der von dem Ehemann mit dem Revolver bedroht, haben
wir schon etwas davon erraten können. Dort bedeutete es: wenn es
doch umgekehrt wäre! wenn ich am Sexualverkehr mit der jungen
Frau nicht durch die Angst verhindert, sondern geradezu dazu
gezwungen wäre. Das muss nicht das einzige Motiv der Umkehrungs-
darstellung sein, es ist aber bestimmt ein wichtiges Moment. Ein
solcher Wunsch tritt häufig dann auf, wenn Triebregungen auf
äussere und innere Widerstände stossen, die nicht zu überwinden
sind. Die Umkehrung kann, wenn diese Widerstände sich in der
Vorstellung verbietender oder strafender Personen darstellen, leicht
zum Ausdruck rachsüchtiger oder trotziger Regungen werden.
Dieses Element wird in den Fällen masochistischer Perversionen
kaum irgendwo vermisst werden.
Die andere Form der Umkehrung, welche nicht mehr den Inhalt,
sondern die Personen betrifft, ist von ähnlicher Art. Ich ziehe ein
Beispiel aus der Traumpsychologie heran, um den Mechanismus zu
verdeutlichen. Ein erwachsener Mann sieht sich im Traume neben
157
seiner Mutter stehen, die auf einem Stuhl neben ihm sitzt. Er tau«
einen Schwamm ins Wasser, seift ihn tüchtig ein und wäscht cfl
sich sträubenden Mutter das Gesicht. Sie weint jämmerlich u]
strampelt mit den Beinen. Neben anderen Momenten ist es deutli<
dass der Träumer hier eine verspätete Rache an der Mutter weg^
ihres unbarmherzigen Reinlichkeitsbedürfnisses nimmt. In d^
masochistischen Szene wird in passiver Umdrehung ein Wuns
ausgedruückt: so möchte ich es dir machen. Der Mann, der eine Fraj
auf sich reiten lässt, wird uns nun in seinen Triebhandlungen ve:
ständlich. Das was dem Anderen geschehen soll, wird dargeste!
indem es durch diesen Anderen dem Ich geschieht.
Die andere Darstellungsform des Masochismus ist leichter
beschreiben: es ist eine Gestaltung, deren Kern als groteske Ve
zerrung oder Übertreibung bezeichnet werden kann. Wenn absun
oder groteske Elemente in einem Traum vorkommen, so will das, a
einen Vorstellungsinhalt bezogen, sagen : das ist absurd, unsinnig. D;
drückt also ein Urteil des Träumers aus, aber auch Hohn und Spo
Es ist ähnlich wie in den Karrikaturen: wenn ein Zeichner eine Pe:
son mit grosser Nase darstellen will, wird er nicht die Proportio:
wie in der Natur einhalten, sondern das Organ ins Riesenhafte au
dehnen, eine bestimmte Körperhaltung ins Bizarre übertreibe
Ebenso ist die Übertreibung und Verzerrung im Masochismus a
den Ausdruck von Spott und Hohn gerichtet. Statt zu sagen: das
grotesk und unsinnig, wird eine Szene grotesk und unsinnig gestalt
Das Forcierte und wie absichtlich Verzerrte mancher Szene ma
oft den Eindruck der Parodie oder Travestie, einer hohnvoll 1
Demonstration der Niederlage von Erziehungsmethoden oder späte:
Disziplin. Ich gebe ein Beispiel einer solchen grotesken masoch
stischen Phantasie: ein Mann stellt sich vor, dass er als Strafe dafu
dass er mehrere Mädchen geküsst hat, von seinem Vater gewoge
wird. Zum Verständnis der Phantasie sei hinzugefügt, dass es wir
lieh vorkam, dass der 1 3jährige Junge einmal Mädchen geküsst ha'
und von seinem Vater gerügt worden war. Der Vater hatte ihm dam
mit Strafe gedroht, falls das Vergehen sich wiederholen sollte. D
Gedanke oder die Phantasie, welche an diese mögliche Strafe anl]
.58 1
Rupfte, war schon damals masochistisch gefärbt und hatte zu sexueller
Erregung geführt. Die Strafe wird in der Phantasie des Erwachsenen
p ausgeführt, dass der Vater ihn in seine Arme nimmt und ihn, der
,öllig hilflos ist, auf die Personenwage legt. Das Erregende der Hand-
ung beruht zum grossen Teil auf der Vorstellung der Ohnmacht des
llannes, der als Junge erscheint, sowie in der Entwürdigung, die in
olcher Behandlung liegt. Man hat gewiss ein Recht, hier eine starke
pmosexuelle Regung als Komponente der Lust anzunehmen. Als
Jestandteil dieser Phantasie erschien eine merkwürdige Einzelheit
er Strafe: als der Junge schon auf der Wage liegt, schiebt der Vater
en Penis und die Textikel, die darüber hinausragen, darauf, so dass
e mitgewogen werden. Es sei erwähnt, dass sich im Badezimmer eine
■ersonenwage befand und dass der Vater in der Zeit, da der Tag-
•äumer ein Junge war, sich oft besorgt zeigte, ob der Sohn genug
'iese und ihn hau hg drängte, auf der Wage sein Gewicht zu über-
rufen. Was soll jener grotesker Einzelzug bedeuten? Mein Analysand
atte dazu keine Einfälle ausser der bekannten Zeile: „gewogen und
u leicht befunden". Der verborgene Sinn des Details ist nur zu
nden, wenn man die Lücken im Gedankengang ausfüllt und das
erborgene aus den gegebenen Andeutungen errät. Dann lässt sich
is Detail etwa in folgender Art übersetzen: wenn ich onaniere und
ne Ejakulation habe, würdest du soviel Wesen und soviel dummes
fetu daraus machen wie damals, als ich nicht genug wog. Du bist
astande auch meine Genitalien abzuwiegen, um nachzuprüfen, ob
h eine Pollution gehabt habe. Es ist also eine bittere Verhöhnung
s Vaters ein ad absurdum Führen seiner unsinnigen Erziehungs-
.ethoden durch eine ungeheuerliche Übertreibung oder Verzerrung,
fir ahnen hier, dass das Paradoxe- der erste Eindruck, den die maso-
listischen Phänomene auf uns machten- keine Äusserlichkeit be-
ultet sondern tief im Wesen der Triebrichtung begründet ist. Will
an den Charakter dieses verborgenen Hohnes erfassen, so muss
.an sich daran halten, dass das Verbot oder Gebot in der Phantasie
s ins Extrem durchgeführt wird. Gerade durch diese buchstäbliche
bernahme und Folgsamkeit, durch diesen trotzigen Gehorsam wird
in seiner Unsinnigkeit erkannt und dargestellt. Es ist, wie wenn
159
es sich in der sklavisch treuen Ausführung selbst erledige, seine Vergeb-
lichkeit und Absurdität lebendig erweise. Dadurch aber schafft es
Raum für die verbotene Triebbefriedigung. Diese hohnvolle Aufnahme
der Gebote und Verbote sowie der Strafandrohung in die masochi-
stische Phantasie und das masoch istische Zeremoniell nähert das
Phänomen den Ausdrucksformen der Zwangsneurose. Man möchte
zuerst meinen, dass die Verhöhnung erst späten Datums ist und später
dem masochistischen Bau eingefügt wurde. Vertieftere Erfahrung
zeigt indessen, dass sie schon viel früher, schon in der Kinderzeit
vorgebildet war. Ein Patient mit starken masochistischen Tendenzen
erinnert sich an einen Spaziergang mit seinem Vater, wobei er, kaum
ein halbwüchsiger Junge, viele Häuserstiegen hinauflief und wieder
herabsprang. Der Vater fuhr ihn an: „Was machst du da?" Der Junge
antwortete: „Ich spiele die meinem Alter entsprechenden Spiele".
Hier ist gewiss die Verhöhnung der väterlichen Autorität zu Worte
gekommen.
In der Deutung des Ganzen oder der Einzelheiten von masochi-
stischen Phantasieen und Zeremoniells ist der Analytiker genötigt,
eine Technik anzuwenden, welche die Entstellung und Verzerrung
rückgängig macht. Diese Bildungen sind häufig durch Lücken, durch
eine elliptische Darstellung so unverständlich geworden. Als Beispiel
eine andere Phantasie des erwähnten Patienten, die wie die vorige
sexuell erregend wirkte: eine sehr arme Fischerfamilie besteht aus
den Eltern und drei Söhnen. Der Vater hat ein neues Fischerboot
nötig und beschliesst, seinen ältesten Sohn zu verkaufen, um das
Fahrzeug zu erstehen. Da aber die erhaltene Summe nicht ausreicht,
wird auch der nächstälteste Sohn und schliesslich der jüngste, der sich
schon gerettet glaubte, verkauft und versteigert. Die Söhne werden
von Priestern als Opfer für das bevorstehende Fest der Stammesgott-
heit bestimmt. Der sexuelle Höhepunkt der Phantasie wird bei der
Vorstellung der Opferung durch den Hohepriester erreicht, wenn
die Angst des jüngsten Sohnes, angesichts der Martern des älteren
ausgemalt wird. Der Tagträumer ist selbst der jüngste von drei Brü-
dern. Hier soll nur der Rahmen dieser masochistischen Phantasie
analytisch erfasst werden. Das Bild der armen Fischerfamilie ist eine
160
Darstellung der Familie des Patienten, in eine andere soziale Schicht
übertragen. Das will also sagen: wenn mein Vater, der ein sehr
reicher Mann ist, ein armer Fischer wäre. Der geheime Sinn der
Phantasie ist jetzt leicht zu erraten: mein Vater wäre in einer solchen
Situation imstande, mich und meine Brüder ruhig zu verkaufen, wenn
er es seinen materiellen Interessen förderlich fände. Hier ist kein
Zweifel, dass eine grotesk übertreibende und entstellende Bildung
vorliegt.
Verzerrung, Übertreibung und Umkehrung erscheinen hier als
Mittel, um Regungen von Trotz und Rachsucht, Hohn und Spott
auszudrücken. Man ahnt, dass sich Kinder oder Jugendliche häufig
in ihren Gedanken dieser Mittel bedienen, um sich der Übermacht
der Erwachsenen zu erwehren. Wir Erwachsenen selbst drücken
unsere Erbitterung oder unseren Hohn in gleichem Sinn aus, wenn
wir sarkastisch oder ironisch sprechen. Ich will gleich ein aktuelles
Beispiel anführen, das zeigt, wie wirkungsvoll die Waffe der Um-
kehrung in der Aggression gehandhabt wird. In der Zeit, da alles, was
es in der Welt an Übeltaten und schlechten Eigenschaften gab, im
Deutschen Reich den Juden zugeschrieben wurde, während die
Germanen als arglose Opfer jüdischer Bosheit erschienen, erzählte
man folgendes: eine deutsche, antisemitische Zeitung brachte eine
neue Nachricht, welche die Schlechtigkeit und Arglist der Juden
illustrieren sollte. Die Schlagzeile lautete: „Jüdischer Hausierer
beisst deutschen Schäferhund". Das ist gewiss noch nicht vorgekommen.
Ebenso gewiss aber oft das Umgekehrte, dass nämlich ein deutscher
Schäferhund — man beachte nur, dass das Adjektiv eine bestimmte
Gattung bezeichnet — einen jüdischen Hausierer gebissen hat. Die
Böswilligkeit der Juden wird im Sinne der antisemitischen Pro-
paganda so übertreibend dargestellt, dass ein teuflischer Jude einen
friedlichen Schäferhund deutschen Blutes anfällt und beisst. Hier
wird das Motiv der Darstellung durch Umkehrung klar: die Dumm-
heit antisemitischer Nachrichten soll verhöhnt werden.
Wären wir nicht durch die Analyse imstande gesetzt, hinter die
Schattenspiele der Bewusstseinsvorgänge zu sehen, wer könnte im
Masochismus Trotz, Rachsucht, Spott und Hohn, eine mörderische
L 161
Satire erkennen? Und wer hat sie bisher selbst mit Hilfe der Analyse
erkannt? Wurde nicht immer die äusserste Sanftmut und Unterwürfig-
keit, die völlige Hingabe und Abhängigkeit des Masochisten als her-
vorstechendstes Kennzeichen hervorgehoben? Das Verhalten des
Masochisten rechtfertigt ein solches Urteil gewiss, wenn man es nur
obenhin beurteilt. Auch viele Analytiker liessen sich so durch ober-
flächliche Züge täuschen: hört man etwa die Meinungen von Frau
Dr. H o r n e y, so ist die eigentliche Absicht des Masochisten völliges
Aufgeben der eigenen Persönlichkeit, Untergehen im Anderen. All
sein Streben sei daraufgerichtet, von seinem Selbst erlöst zu werden,
sein Ich zu verlieren. Wie man leicht erkennt, ist die hier vertretene
Ansicht die gegenteilige: auf einem eigenartigen Umweg sucht der
Masochist, sein Ich zu behaupten, den eigenen Willen durchzusetzen.
Der Masochist ist ein Revolutionär in der Selbstaufgabe. Das
Lammfell, das er trägt, verbirgt einen Wolf. Die Nachgiebigkeit
schliesst den Trotz ein, die Gefügigkeit die Widersätzlichkeit.
Unter der Sanftmut ist Härte, unter der Unterwürfigkeit Aufruhr
verborgen.
Wenngleich die Grenzen zwischen Trotz und Rebellion ver-
schwimmen, stumme oder wortlose Auflehnung unmerklich in
Hohn und Spott übergehen können, wird auch hier eine Entwicklung
erratbar sein. Das Fortschreiten von trotzigem Ertragen zur Verhöh-
nung wird sich auch in den Ausdrucksformen des Masochismus
geltend machen. Die Umkehrung wird sich mehr zur Darstellung
der Rachsucht und der Widersetzlichkeit eignen, die Übertreibung
mehr zum Ausdruck des Hohnes. Man vergleiche etwa die Umkeh-
rung in einem Kinderbilderbuch, in welchem Erwachsene einen
Wagen ziehen, auf dessen Bock Pferde mit verschränkten Beinen
sitzen, mit der perversen Phantasie jenes oft erwähnten Patienten:
mehrere junge Leute werden auf dem Sklavenmarkt nackt ausgestellt
und an Frauen, meistens ältere Witwen, verkauft. Wenn die Sklaven,
nachhause gebracht, sich weigern, ihre Herrinnen sexuell zu be-
friedigen, werden sie kastriert. Den vielen, früher angeführten Bei-
spielen von Übertreibung im Masochismus, bei denen wir eine hohn-
volle Tendenz annahmen, sei eine gleichgerichtete Einzelheit im
162
Verhalten des kleinen Jungen, von dem ich früher erzählt habe,
gegenübergestellt: er wurde oft vom Vater wegen seiner schlechten
Tischmanieren gerügt. „Iss nicht wie ein Schwein", tadelte der Vater
beständig, wenn der Junge die Suppe laut schlürfte. Als der Vater
seinen Unmut wieder äusserte, hörte zwar das Schlürfen auf, dafür
grunzte der Junge jetzt hörbar nach jedem Schluck. Zur Rede ge-
stellt, erklärte er: „Ich bin ja ein Schwein" und wiederholte wie im
Triumph „Ja, ich bin ein Schwein und muss grunzen". Solche Selbst-
verhöhnung ist gewiss ihrem Ziele nach ein Hieb gegen den Vater.
Es bedarf keines grossen Scharfsinnes, um zu erkennen, wie ähnlich
freilich nicht im Wort, aber in der Tat — die Selbsterniedrigungen
und Beschämungen im Masochismus gemeint sind. Der Spott des
Masochisten ist freilich hinterhältiger und hinterlistiger. In der
analytischen Literatur erscheint dieser Trotz als Nebenzug, wie
eine Vignette zu dem Bild. Er wird bagatellisiert. Es ist aber kein
kleinliches Streben, Recht zu behalten, wenn es auch gelegentlich so
aussieht. Mag es sich anscheinend auch um Details und unwichtige
Dinge handeln, in denen der Masochist Recht behalten will, so ist
dies wie in der Zwangsneurose nur das Resultat einer seelischen
Verschiebung. Dahinter verbergen sich die wichtigsten Interessen
des Individuums. Der masoch istische Trotz durchzieht das ganze
Leben der Person. Es handelt sich nicht darum, Recht zu behalten,
sondern darum, dem Recht, das mit uns geboren, gegenüber dem
überkommenen Recht zum Sieg zu verhelfen. Also um einen Kampf
ums Recht im Sinne I h e r i n g s, aber im eigenen Sinn und eigen-
sinnig geführt. In Wahrheit wird diesem unterirdischen Trotz des
Masochismus keine andere mythologische Verpersönlichung ge-
recht als die des Titanen Prometheus, der vom höchsten der Götter
an den Fels geschmiedet ist. Der Ingrimm des gefesselten Heros ist
dem Charakter des verborgenen Trotzes im Masochismus am ehesten
zu vergleichen.
Wie äussert sich aber dieser Trotz, wie diese verbissene Ver-
höhnung? Indem der Masochist seine Persönlichkeit behauptet noch
in der Selbsthingabe, starrsinnig bleibt in seiner Nachgiebigkeit,
hochmütig in seiner Demut. Indem er in Kleinigkeiten nachgiebt,
163
behauptet er das Recht auf seine Existenz und seine besondere Lust.
Die Verhöhnung bedeutet einen Schritt über den Trotz hinaus:
stolzer geworden durch Demütigungen, mutiger durch den Druck
wird der Masochist zum Spötter ingrimmiger Art. Seine Sabotage
nimmt die Gestalt völliger Fügsamkeit an. Dass er sich nicht wehrt,
das ist sein Widerstand. Dass er blind gehorcht, wird zur Rebellion.
Es gibt Völker, die in solcher masochistischer Art die boshaftesten und
bissigsten Witze gegen die eigenen nationalen Eigentümlichkeiten
und Schwächen machen, Witze, welche in ihrer Treffsicherheit die
fehler der eigenen Gemeinschaft unerbittlich blosstellen. Ich habe
diese Eigentümlichkeit des jüdischen Witzes anderswo dargestellt.
Solche Selbsterniedrigung und Selbstverhöhnung schliesst freilich
einen verborgenen Stolz auf nationale Vorzüge, die dem Fremden
unbekannt und unzugänglich sind, nicht aus. Indem der Witz die
Fehler des eigenen Volkes verspottet, preist er insgeheim die Tugenden
seiner Fehler. Damit aber habe ich ein Thema berührt, das hier nicht
behandelt werden kann: das Gefühl der Eigenwürde, das sich in der
Selbstent Würdigung verbirgt.
Die Wirksamkeit von Regungen von Hohn und Spott im Maso-
chismus sind in der Literatur über den Gegenstand kaum bemerkt,
die von Trotz und Aufruhr kaum gewürdigt worden. Die Anwesen-
heit von Trotz war freilich so auffällig, dass sie nicht völlig übersehen
werden konnte. Sie wird aber von den analytischen Autoren nur in
Form des Auftauchens solcher Impulse z.B. in der Übertragung
bemerkt. Dort erscheint sie dann bei Wilhelm Reich als
ein kindisches Streben, Recht zu behalten. Daran ist nur richtig, dass
sich der Trotz natürlich auch in der Analyse äussert und dass sich das
Kindische darin auf die Herkunft aus der Kinderzeit zurückführen
lässt. Man sieht so, noch dort, wo der Trotz bemerkt wird, wurde
sein Charakter mehr verkannt als erkannt. Nichts ist falscher als sich
den Trotz als einen gelegentlichen, in der Analyse auftretenden Zug
des Masochismus vorzustellen. Er gehört vielmehr zu den kon-
stituierenden Momenten dieser Triebrichtung. Ohne seine geheime
Mitwirkung würde sie nie Zustandekommen. Langsam aber geht
der Masochismus dazu über, nicht nur den fremden Willen zum
164
Scheitern zu bringen, indem er sich ihm völlig unterwirft, sondern
dieses Scheitern auch darzustellen und auf besondere Art zu be-
weisen. Eine Phantasie als Beispiel: der Vater hatte einem jungen
Mann, dessen Auto schadhaft geworden war, die Bitte abgeschlagen,
ein neues zu kaufen. Ein Tagtraum des Sohnes beschäftigte sich mit
der Möglichkeit, dass er, sein schlecht funktionierendes Auto führend,
einen schweren Unfall erleiden würde und dies gerade vor dem väter-
lichen Geschäft. Das Auto würde mit ihm direkt in die Scheiben des
väterlichen Geschäftes fahren, in das er dann blutüberströmt getragen
würde. Man sage nicht, das zeige nur wie im Masochismus die Ten-
denz vorwalte, „to cut one's nose to spite one's face". Es ist nicht nur
das eigene Gesicht, das beschädigt wird in solchen Phantasieen. Es
ist auch das des Anderen. Er „verliert das Gesicht", wie die Chinesen
sagen würden. Er büsst an Ansehen ein. Der Vater in diesem Beispiel
soll überzeugt werden, wie unsinnig seine Weigerung ist, und wie
absurd er sich benommen hat. Indem der Masochist den Weg, den
man ihm vorschreibt, zu Ende geht, zeigt er, dass es ein Irrweg ist.
Es ist wie eine Rache am Anderen, die nur am Ich ausgeführt wird
wie das Harakiri der Japaner. Es ist nicht richtig, dass Masochismus
ein nach innen gekehrter Sadismus ist, eine später gegen das Ich
gewendete gewalttätige Triebneigung. Ihr Objekt bleibt im Tiefsten
doch der Andere. Es ist eher auf den Kopf gestellter Sadismus, Ge-
walttätigkeit upside down.
Immer wieder staunt man über die Beschreibung des masochi-
stischen Charakters als schwach, unselbstständig, leicht beeinflussbar,
hilflos. Alle diese Züge sind dazu da, eine äusserste Entschlossenheit
und Hartnäckigkeit zu verbergen Was der Masochist zum Beste-
henden und Herrschenden zu sagen weiss, klingt wie sklavische
Unterwürfigkeit. Es ist aber ein hohnvolles Nein zu der Erschei-
nungswelt, die zur Herrschaft gelangt ist. Er unterwirft sich, um
niemals nachzugeben. Er bleibt in der Opposition, besonders dort,
wo er anhänglich ist bis zur Servilität. Wenn Frau Horney immer
wieder die Abhängigkeit masochistischer Charaktere betont, ihre
Tendenz, sich an die geliebte Person anzuklammern, übersieht sie,
dass man jemand auch in die Tiefe ziehen kann, indem man sich an
165
ihn anklammert. Der Masochist ist vom Stolz und Trotz des Prome-
theus geführt, noch wenn er der Aussenwelt als Ganymed erscheinen
will. Unter der Maske des ewigen Yes — Man bleibt er der Geist,
der stets verneint. Indem er sich völlig unterwirft, bleibt er unab-
hängig, Tausendfach gedemütigt, ist er unbesiegt und unbesiegbar.
Immer wieder geschlagen, besteht er auf seinem Recht. Mit dem
englischen Dichter könnte er sagen: „My head is bloody, but un-
bowed."
Die Tiefenwirkung starker und unvergänglicher Regungen des
Trotzes und der Auflehnung im Masochismus hätte man auch in
den allgemeineren Äusserungsformen und seiner Entwicklung erken-
nen müssen. Er beginnt ja mit dem Zweifel an der Berechtigung des
Luststrebens, im Suspense ausgedrückt, im Schwanken zwischen
Lust und Angst. Er läuft dann dem Gefürchteten entgegen, unter-
nimmt jene Flucht nach vorne, indem er die Strafe vorwegnimmt
statt sie zu erwarten. Die Endphase seiner Entwicklung aber wird
dadurch bezeichnet, dass er in der Bestrafung und Beschämung selbst
seinen Genuss findet, die schmerzlichste Lust jeder anderen vorzieht.
Das sieht so aus, als wäre es eine immer grössere Hingabe an die Auto-
rität, eine sich steigernde Unterwerfung. In Wirklichkeit aber —
die Anwesenheit der Lust in der Strafe bezeugt es — ist es die gestei-
gerte Wirkung der hohnvollen Auflehnung, der Tatbeweis, dass
jeder Einfluss von aussen Schiffbruch gelitten hat. Wie denn als ein
solches Ad absurd um führen soll man es deuten, wenn die Strafe für
einen verbotenen Genuss gerade jenen Genuss bringt? Wie denn,
wenn das Leid und die Beschämung gesucht werden, um dann das
Verbotene zu gemessen? Langsam schleicht sich in die Bestrafung
die Lust ein. Die Strafe wird selbst zur Lust, das, was die Befriedigung
stören sollte, selbst zum Gegenstand der Befriedigung. Der Hohn
ist nicht minder wirkungsvoll, weil er verborgen ist.
Der vollentwickelte Masochismus zeigt uns, wie sehr der Char-
akter des „Trotz- Allem" seine Erscheinungen beherrscht, wenn
man sie nur analytisch sehen und deuten kann. Die Verkehrung der
Strafe in Genuss kann als das innere Zeichen für dieses Wesen an-
gesehen werden, als äusseres aber die bedeutsame Umkehrung der
166
Reihenfolge Bestrafung — verbotene Triebbefriedigung. Hier ent-
hüllt sich uns nämlich der latente Sinn der masochistischen Trieb-
neigung am deutlichsten. Die Umkehrung will sagen: ich nehme
alles auf mich, Leid, Schmerz, Beschämung und Entwürdigung, aber
ich werde auf meine Befriedigung nicht verzichten. Die Vorweg-
nahme der Strafe und die auf sie folgende sexuelle Lust lässt nur die
Deutung zu: und wenn ihr mich schlägt, fesselt, erniedrigt, ich werde
doch zu meiner Lust gelangen! Indem der Masochismus selbst die
Strafe anordnet, hat er sich zum Herrscher seines Geschickes gemacht.
Ist schon solche selbstherrliche Vorwegnahme der Strafe ein Zeichen
der Auflehnung, so wird die Lust, die gerade aus der Strafe quillt,
zum Zeugnis dafür, dass der Masochist auf seiner Befriedigung besteht.
Der unbewusste Gedanke, der im entwickelten Masochismus zum
Ereignis wird, kann in einem Konditionalsatz ausgedrückt werden:
„Ich werde meinen Genuss bekommen, auch wenn ich dafür gestraft,
beschimpft und geschlagen werde". Negativ ausgedrückt: „Ich
werde auf meine Befriedigung nicht verzichten, auch wenn ihr mich
noch so sehr züchtigt." Dieser Konditionalsatz erscheint in der
masochistischen Szene aufgelöst und ausgedrückt in der Aufeinander-
folge der beiden Teile: Strafe — sexuelle Lust. Diese Reihenfolge
selbst hätte uns auf den Quand meme-Charakter des Masochismus
hinweisen müssen. Dieser ist gewiss nicht auf die sexuellen Formen
der masochistischen Einstellung beschränkt und äussert sich in ihren
sozialen Ausdrucksformen im selben Sinn. Auch dort ist dieser ge-
heime Sinn der masochistischen Einstellung: „und wenn ihr mich
ausstosst, beschämt, tötet, ich werde doch tun, was ich will. Ich lasse
mich nicht davon abhalten, mein Ziel zu erreichen". Ich sagte schon,
dass der Beweis oder die Zurschaustellung dieses triebhaften Zuges
das Wesen der masochistischen Demonstration bestimmt. Prometheus
zeigt noch in Fesseln, in den Tartaros geworfen, dass er sich nicht
den Göttern beugen will. Es ist mir rätselhaft, wie man angesichts
solcher unbeugsamer, nur passiv ausgedrückter Willensstärke von
Schwäche, Hilflosigkeit und dem Bestreben, auf jede eigene Persön-
lichkeit zu verzichten, sprechen kann. Es wäre so, wie wenn man
etwa einem Märtyrer, der sich eher verbrennen lässt, als seinen
167
Glauben abzuschwören, Mut und Entschlossenheit absprechen
wollte. 1
Es ist leicht zu sehen, dass im perversen Masochismus das Ziel
dieses Trotzes die verbotene sexuelle Befriedigung ist. Die Trieb-
kraft, welche zur Entwicklung des Masochismus führt, ist aber nicht
nur von sexueller Art. Sie erhält einen mächtigen Zustrom aus dem
Streben des Ichs, sich gegenüber überlegenen Gewalten zu behaup-
ten, seine innere Unabhängigkeit zu wahren, wenn es die äussere
preisgeben muss. Im sozialen Masochismus wird diese aus dem ge-
schädigten Selbstgefühl aufsteigende Rehabilitierungstendenz eine
noch viel grössere Bedeutung erhalten. Dort handelt es sich um das
unbewusste Ziel, den eigenen Willen auch um den Preis von Schande,
Misserfolg, Armut am Ende doch durchzusetzen. Dabei macht es
>) Dr. Horney findet, dass der gemeinsame Nenner für den Maso-
chismus ein Fühlen der eigenen Schwäche sei, die sich in der Einstellung
gegen sich selbst, Andere und das Schicksal zeigt. Der Masochist fühle sich
allen Willens und aller Macht beraubt, völlig der Willkür eines Anderen
überliefert. Abhängigkeit sei für ihn geradezu a „life condition". Er fühle
sich wie ein Schilfrohr, das leicht durch jeden Wind bewegt wird. Allein
manches Schilfrohr, das sich neigt, kann dem Sturm trotzen, der Eichen
entwurzelt. Die Neigung zur Schwäche und zur Abhängigkeit sind freilich
vorhanden, sie gelten doch nur für das Bewusste. Frau Dr. Horney
hat sich von der Aussenseite der masochistischen Klagen täuschen lassen.
Die Schwäche ist nur Schein und die Abhängigkeit dient dazu, den Be-
schützer am Ende demütigen zu können und den zu beherrschen, von dem
man abhängt. Es gilt auch nur für das Bewusstsein, dass der Masochist
„feels a helpless toy in the hands of fate or he feels doomed and cannot
visualize any possibilities for taking his fate into his own hand." Noch wenn
er die Macht des widrigen Schicksals beklagt, „la forza del destino" als ihm
feindlich erkennt, weiss er unbewusst wohl, dass er Sieger bleiben wird.
Wie oben ausgeführt, hat Wilhelm Reich den Anteil des Trotzes im
Masochismus zumindestens in der Psychoanalyse erkannt. Meine An-
schauungen kommen in diesem Punkt wie in einigen anderen den seinen
nahe. Der Vorteil solcher Annäherung ist freilich, dass man ermessen kann,
wie ferne man einander noch ist. An manchen Stellen trennt mich von den
Anschauungen W. Reichs kein Abgrund mehr, aber was bedeutsamer
ist,: eine Nuance.
168
gewiss keinen seelischen Unterschied, ob die Figur des Gegners noch
am Leben oder längst tot ist. Wie in der Zwangsneurose bleiben die
starken unbewussten Affekte des Trotzes und der Rebellion auch an
Personen geheftet, die längst die Erde verlassen haben. In der späten
Erreichung des Triebzieles muss wie auf dem Gebiet der Sexualität
eine so hohe Befriedigung liegen, dass der Masochist alle Leiden und
Opfer für sie gerne erträgt.
Von dem Mönche Basilius, den der Papst exkommuniziert hat,
erzählt die christliche Legende: er wurde nach seinem Tod einem
Engel übergeben, der den Ort der ärgsten Qualen für ihn ausfindig
machen sollte. Der Mönch fand aber selbst in der Hölle etwas zu
preisen, so dass er eine Art Himmel aus ihr machte. Der begleitende
Engel kehrte entmutigt mit seinem Gefangenen zurück und berich-
tete, dass kein Feuerstrom Basilius verbrennen könne und er noch
in den schlimmsten Klüften der Hölle er selbst bleibe. Die Legende
erzählt, die Exkommunikation sei zurückgenommen und Basilius in
den Himmel eingelassen worden. Der Masochist ähnelt in seinem
Verhalten dem frommen und in seiner Milde hartnäckigen Mönch,
der sich der über ihn verhängten Strafe unterwirft, so ihre Vergeb-
lichkeit beweist und auf dem Umweg der Demut sein geheimes
Ziel doch erreicht.
169
_
DIE ENTSTEHUNG DES MASOCHISMUS
AUS DER PHANTASIE
Die Zwischenphase
An dieser Stelle muss der Versuch, die seelischen Vorgänge im
Masochismus zu schildern, unterbrochen werden. Unter den Er-
scheinungen, in denen sich diese Triebabweichung kundgibt, zeich-
neten sich solche ab, die unzweideutig die Wirkung von Regungen
von Trotz, Hohn, Auflehnung und Rachsucht erwiesen. Unvor-
bereitet sind wir wieder auf ein fremdes Gebiet geraten, denn Impulse
solcher Art gehören dem Triebreich des Sadismus an. Wir fanden
uns schon einmal überrascht in diesem Grenzland, als wir unter den
Merkmalen des Masochismus auf den provokativen Faktor stiessen.
Damals haben wir diesen Zug als Kontrapunkt erkannt und sind der
Versuchung, die Beziehungen zwischen den beiden entgegengesetzten
Triebarten zu diskutieren, ausgewichen. An dieser Stelle aber ist
dies nicht mehr möglich. Bevor wir den unterbrochenen Versuch fort-
setzen, müssen wir verstehen, von welcher Art diese Beziehungen sind.
Jedermann kennt den Typus von Ehepaaren oder Freunden, die
immer zusammen gesehen werden. Wenn einmal ausnahmsweise
der eine allein irgendwo auftaucht, vermutet man, der andere werde
in der Nähe sein oder bald erscheinen. Diese Erwartung ist so gerecht-
fertigt, dass man verwundert fragt: „Ja, wo haben Sie denn Ihre Frau
oder Ihren Freund gelassen?" Eine ähnliche Unzertrennlichkeit
muss man dem Triebgegensatzpaar Sadismus — Masochismus zu-
schreiben. Die Gleichzeitigkeit und innere Zusammenhörigkeit der
beiden Triebarten, war bereits vor der Psychoanalyse erkannt worden.
In der provokativen Tendenz haben wir das Auftauchen sadi-
stischer Triebansprüche mitten im masochistischen Getriebe ent-
deckt. Der Leidsüchtige bedient sich häufig so gewalttägiger und
170
aggressiver Mittel, um seine Befriedigung zu erreichen. Der Masochist
schickt den Sadismus sozusagen als agent provocateur voraus. Es
geschieht aber auch, dass der Sadist sich zuerst völlig wie sein Ge-
genspieler gebärdet, um an einem bestimmten Punkt, scheinbar
unvermittelt, seine wahren Triebabsichten zu enthüllen. Ein Front-
wechsel ist so häufig wie in der Diplomatie mancher Regierungen.
Das Ineinanderspielen der beiden Triebrichtungen ist ebenso auffallend
wie ihre Aufeinanderfolge. Man hat in Analysen Gelegenheit zu
konstatieren, dass solches Überschlagen der einen Triebrichtung
in die gegensätzliche lange vor der Geschlechtsreife erlebt wurde.
Ein masoch istischer Patient berichtet aus seinem 10. Jahr, dass er
mit seinem gleichartigen Freund ein eigenartiges Spiel zu spielen
pflegte. Der Junge stellte einen Pagen vor, sein Freund eine stolze
Königin. Die launenhafte und herrschsüchtige Monarchin gibt
strenge Befehle, die der schüchterne Page eilends ausführte. Während
der Ausführung jener Dienste als auch bei den Bestrafungen, denen
der Page, der sich manchmal ungeschickt benahm, ausgesetzt war,
verspürte der Junge ein wollüstiges Gefühl. Wenn die Königin den
unterwürfigen Pagen lange genug ihren strengen Willen und Un-
willen hatte fühlen lassen, kam unversehens ein Punkt, an dem die
ganze Situation sich verkehrte. Der bisher so geduldige und dienst-
eifrige Page warf plötzlich den Jungen, der die Königin gespielt
hatte, aufs Bett, legte sich auf ihn und machte deutliche Koitus-
bewegungen. Dabei musste sich die „Königin" entrüstet und ver-
zweifelt zur Wehr setzen und sich schliesslich dem brutalen Zwans
fügen. In diesem Spiel, das wie ein Vorspiel des Sexuallebens des
Erwachsenen anmutet, folgt also auf eine masochistische Phase eine
sadistische. Die Gelegenheit sei zu dem Hinweis benützt, dass die
Pagenvorstellung zu den bevorzugten Stücken der Phantasie erwach-
sener Masochisten gehört.
Das Umschlagen masochistischer Gefügigkeit in brutale Aggres-
sion ist nicht auf Individuen beschränkt. Die Geschichte gibt eine
lange Reihe von Beispielen, dass Völker Jahrhunderte lange die
Willkür grausamer Herrscherdynastieen voll Verehrung ertragen,
Leid und Entbehrungen freudig auf sich genommen haben, um
171
sich plötzlich in wilde Revolutionäre zu verwandeln und sich wütend
und zerstörend gegen ihre früher geliebten Bedrücker zu kehren.
Die Tatsache solcher Übergänge von Masochismus in Sadismus,
und umgekehrt ist durch eine Unzahl klinischer Beobachtungen
gesichert. Es ist von besonderem psychologischen Interesse, den
Voraussetzungen und Einzelheiten eines solchen Unwandlungs-
prozesses nachzugehen. Die Tatsache, dass der Umschlag plötzlich
folgt, schliesst nicht aus, dass er längere Zeit vorbereitet war. Mögen
sich solche Zwischenphasen und- aktionen auch der oberflächlichen
Beobachtung entziehen, sie verraten sich doch bei sorgfältigem Stu-
dium. Wie vollzieht sich die Verwandlung und warum? Die Frage
geht weit über das Problem eines isolierten Triebschicksales hinaus.
Sie bezieht sich auf die Entstehung des Adasochismus.
Es sei daran erinnert, dass diese Triebperversion nach der ursprüng-
lichen Annahme von Freud durch die Wendung sadistischer
Antriebe gegen die eigene Person entsteht. Der elementare Sadismus
hat Gewalttätigkeit und Aggression gegen eine andere Person zum
Ziel. Dieses Objekt wurde aufgegeben. An seiner Stelle tritt das Ich >
die eigene Person. Sie ist jetzt Subjekt und Objekt zugleich. Die
Gewalttätigkeit richtet sich gegen sich selbst. Durch diese Wendung
gegen die eigene Person ist aus einem aktiven Triebziel ein passives
geworden. Der weitere Vorgang zeigt schon den Fortschritt zu der
Situation, die wir als die eigentlich masoch istische kennen. Nun wird
ein neues Objekt gesucht, das nun die Rolle des Gewalttätigen gegen
das Ich übernimmt. Diese Person soll das Ich so behandeln wie dieses
früher eine andere Person behandeln wollte und in der Zwischenzeit
sich selbst behandelt hat. Mit der Überführung dieser Absicht in
die Wirklichkeit ist die masochistische Situation voll erreicht.
In diesem von Freud skizzierten Vorgang zeichnen sich zwei
Situationen klar ab, welche unsere Aufmerksamkeit beanspruchen.
Der erste Umschlagsplatz ist die Verwandlung von Sadismus in
Autosadismus, Sadismus gegen die eigene Person. Der zweite ist die
Ersetzung dieses gegen das Ich gerichteten Sadismus durch den
Masochismus oder die Ausführung der sadistischen Absichten durch
eine andere Person.
172
Diese beiden Umsteigstationen schliessen eine mittlere Phase ein
welche zwischen dem Sadismus und dem Masochismus im eigent-
lichen Sinn abgrenzt. Ich nenne sie ihrer psychologischen Kenn-
zeichnung entsprechend die reflexive Phase. Nach Freuds Be-
schreibung ist mit der Wendung des Triebes gegen die eigene Person
die Verwandlung des aktiven Triebzieles in ein passives vollzogen.
Das scheint mir nur halb richtig zu sein, wie man in diesem Fall mit
Recht sagen muss. Es wäre richtiger zu behaupten, damit ist die Wen-
dung in ein reflexives Triebziel vollzogen. Das Ich ist aktiv und passiv
zugleich. Es spielt beide Rollen. Das will nicht sagen, dass es unent-
schieden ist, welche Rolle es eigentlich spielen soll. Eher, dass es sich
entschieden hat, beide Rollen, den Handelnden und den Leidenden
zu spielen. Es ist dies eben ein Virtuosenstückchen des Ichs wie es
gelegentlich auch Schauspieler zustandebringen. Die Situation hat
andere, näherliegende Vergleichsmöglichkeiten wie etwa die folgende:
ein Mädchen, das vor dem Spiegel steht, stellt sich vor, wie ein
junger Mann es bewundern und liebkosen würde. In Vertretung
der abwesenden Person streichelt sie ihren eigenen Arm und küsst
mit leichter Verneigung ihre Hand. Solche kleine Spiegelszenen
werden ja nicht selten in der Einsamkeit eines Mädchenzimmers
gespielt. Der Übergang von einer solchen „reflexiven" Situation zu
einer anderen, in der eine aktive und eine passive Person erscheinen,
ist bald gegeben. An Stelle des Spiegelbildes, das noch immer die eigene
Person zeigt, wird sich ein junger Mann einstellen, der, was das
Mädchen vorgestellt hat, in der Wirklichkeit tut. Er bewundert sie,
streichelt und küsst sie. Sie hat gefunden, was sie in der Spiegelszene
vorweggenommen hat. Was aber hat sie getrieben, jene Szene zu
spielen? Die Antwort ist einfach genug: sie war genötigt, beide Rollen
zu spielen, weil die Wirklichkeit ihr noch keinen Mitspieler gegeben
hatte. Die Realität hat ihr den gewünschten Partner noch versagt.
Die Soloszene vor dem Spiegel ist eine Probeaufführung einer vorge-
stellten Szene zu zweien. Die einsame Szene mag für den Augenblick
befriedigend sein, sie ist doch nur ein schwaches Surrogat der Wirk-
lichkeit. Das Gefühl der Versagung, für den Moment beschwichtigt,
kehrt zurück.
*73
Der Vergleich ergibt nicht viel. Immerhin macht er uns auf die
Wichtigkeit zweier Momente aufmerksam: auf die Versagung als
Ausgangssituation und auf die Phantasieszene als einen Übergang
von der Versagungssituation in die der Befriedigung in der Wirklich-
keit. Die wichtigen Stellen sind der Übergang von der Realität in das
phantastische Zwischenreich und der Übergang von dort in die
Realität zurück. Wir verfolgen noch einmal, nur mit grösserer Auf-
merksamkeit, den früheren Weg.
Der Ausgangspunkt ist der kindliche frühe Sadismus. Sein Trieb-
ziel ist, das Objekt gewalttätig zu ergreifen oder Besitz von ihm zu
nehmen. In einer Bemerkung hat Freud auf die Bedeutung der
körperlichen Reifevorgänge für die Erreichung dieser sadistischen
Phase hingewiesen. Das Auftreten der Zähne, die erstarkte Musku-
latur, die Beherrschung der Sphinkterfunktionen gehören zu diesen
Voraussetzungen. Das Kind zeigt deutliche Tendenzen, dem Objekt
wehzutun oder es in Beschlag zu nehmen, es in seine Gewalt zu
bringen. Das Objekt, die Mutter oder die Pflegeperson, wird sich
bald dieser aggressiven Zärtlichkeit entziehen und später Abwehr-
zeichen deutlich erkennbar werden lassen. Das Objekt schätzt offen-
bar den Schmerz nicht so hoch ein wie das Kind es sich vorgestellt hat.
Die Mutter empfindet es nicht so lustvoll, gezwickt, in die Augen
gestochen oder an den Haaren gezogen zu werden. Man hat kein
Recht, die Stärke dieser kindlichen sadistischen Impulse anzuzweifeln,
weil ihre Auswirkungen in der Realität keinen schweren Schaden
anrichten können. Hätte das Kind die Kräfte eines Simson, es würde
das Haus niederreissen, in dem es lebt — und gewiss manchmal auch
die Philister, mit denen es lebt. — So aber kann das kleine Ich sein
gewalttätiges Ziel nicht erreichen. Die andere Person entzieht sich
seiner wehetuenden Zärtlichkeit, widersetzt sich ihr und bedroht das
Kind sogar mit Strafe. In dieser Versagungssituation wird nun die
Befriedigung in der Phantasie, die natürlich eine sadistische ist,
gesucht. Diese Phantasie nimmt also vorweg, wie die Person ihr
Objekt ergreifen und es gewalttätig behandeln wird. Dabei werden
sicherlich die abwehrenden Gesten oder Reaktionen des bedrohten
Objektes mit vorgestellt, umso mehr als diese Vorstellung genussvoll
174
ist. Die Reaktionen werden von Abwehr und Widerstreben bis zu
Strafe und Racheaktionen reichen. Die Befriedigung in der Phantasie
wird gestört durch die vorweggenommene Strafe oder Rache des ange-
griffenen Objektes. Das sadistische Bedürfnis, das nach Befriedigung
drängt, wird von Angst wegen dieser Befriedigung, die als verbotene
gefühlt wird, abgelöst. Die Vorstellung der eigenen Aggression und
die der Strafe gehen langsam ineinander über. Sie folgten zuerst
aufeinander wie die Sühne auf eine verbotene Befriedigung; jetzt
laufen sie parallel nebeneinander. Die Gewalttätigkeit gilt dem Objekt,
sein Bösesein, sein Ärger und die angedrohte Strafe dem Ich. Das
Objekt, das nicht da ist, wurde durch die Phantasie herbeigeschafft.
Das Ich hatte auch seine Rolle in der Vorstellung übernommen.
Seine Reaktionen und Bewegungen wurden mitgespielt und miterlebt.
In der Phantasieübernahme der Rolle des Objektes werden seine
wahrscheinlichen Reaktionen vorausgenommen, einsatzweise mit-
gemacht so wie wir als Zuschauer eines Fussballkampfes etwa die
Bewegungen der Spieler im Ansatz in unseren eigenen Muskel-
intentionen miterleben. Am Anfang dieser Phase ist der Impuls noch
deutlich sadistisch. Die Szene, welche die Phantasie zeigt, ist eine
gewalttätige gegen das Objekt, freilich gefolgt von der Vorstellung
der Reaktion dieses Objektes. Dieser aggressive Impuls, dem kein
äusseres Objekt beschieden ist, nimmt nun das Ich zum Objekt, das
Ich, das auch durch die Identifizierung mit dem ärgerlich gewordenen
und schliesslich strafenden Opfer der Phantasie identifiziert wurde.
Man sieht, hier: in diesem Zwei rollenspiel, gibt es noch keinen ausge-
prochenen Masochismus. Dafür einen Sadismus gegen das Ich, das
an Stelle des fremden Objektes getreten ist.
Das ungeduldiger gewordene Triebbedürfnis sowie die steigende
Strafangst können nicht lange bei dem Nacheinander der vorge-
stellten eigenen und fremden Aggression stehen bleiben. Mit erhöhter
Spannung wird die Reaktion des Opfers lebhafter vorgestellt. Aus
solcher verstärkter Vorausnahme der drohenden Strafe in der Phan-
tasie, die mit dem Streben nach Befriedigung in Konflikt kommt,
ergibt sich ein Ausweg, welcher der Ungeduld gemäss ist. Das Böse-
werden und die Aggression des Anderen wird vorausgeschickt, an
175
erste Stelle gesetzt. Dass s i e gegen das Ich gerichtet ist, erscheint
zuerst nicht wichtig. Wichtiger ist, dass sie in der Vorstellung mit-
genossen wird. Es kommt zu jener Zwischenphase, in welcher das
Ich als Gegenstand der Bestrafung erscheint und in eigener Regie
Angreifer und Opfer zu spielen hat. Der Inhalt dieser Soloszene ist
also Genuss der Grausamkeit und Herrschsucht, ausgehend vom Ich,
aber auch durchgeführt am Ich. Der Andere hat in der Phantasie
nur eine der Rollen übernommen. Hier ist also der Platz für jene so
häufigen Spiegelszenen, in denen Personen sich selbst schlagen und
die Spuren dieser Selbstmisshandlung und die eigenen Mienen im
Spiegel betrachten. Das Ich geniesst hier die Lust des Angreifers,
aber auch die Lust an der vorgestellten Unlust- oder Schmerzreaktion
des Angegriffenen, des Opfers. Die Voraussicht der eigenen Be-
strafung und der eigenen drohenden Unlust lässt es verstehen, dass
sich der seelische Akzent immer mehr auf die Rolle des Passiven
verschiebt. Darf man solche Szenen als masochistisch im strengen
Sinn betrachten? Man sollte sie eher Vorspiele des Masochismus
nennen. Sie sind Probeaufführungen, da die fehlende zweite Person, —
ursprünglich die passive, später die aktive — durch das Ich ersetzt
wird. Das Ich geniesst die eigene Gewalttätigkeit, die Lust an der
Unterwerfung, aber es ist schon halb bereit, sie einem Anderen als
seinem Stellvertreter abzutreten und sie nur mittelbar mit ihm zu
gemessen. Der Mann, der sich vor den Spiegel stellt, sich schlägt
und sich dabei betrachtet, ist auf dem Scheideweg. Er könnte sich
auch für eine sadistische Phantasie entscheiden, wird aber meistens
bei der masoch istischen Vorstellung landen.
Die vorangehende Schilderung beschreibt den Übergang von einer
sadistischen Phantasie zu einer reflexiven, in welcher das Ich seine
gewalttätigen Impulse gegen sich selbst richtet. Freud hat diesen
Vorgang nur in einem Satz festgelegt, in dem er sagt, dass das ur-
sprüngliche Objekt des Sadismus aufgegeben und durch die eigene
Person ersetzt wird. Dieser Satz liefert sozusagen das psychologische
Gerüst im Gröbsten, zeigt das Skelett des Vorganges, nicht mehr.
Die bisher nicht erkannte und nicht anerkannte Bedeutung der
Phantasie für diese Zwischenphase kann gar nicht hoch genug ge-
176
schätzt werden. Sie ist es, welche die Zwischenlösung überhaupt
möglich macht, ihr den Charakter eines Zweirollenspiels gibt und der
weiteren Entwicklung zum Masochismus ihre Züge vorschreibt.
Mann kann also mit vollem Recht von der Geburt des Masochismus
aus dem Geiste der sadistischen Phantasie sprechen.
Die weitere Entwicklung wird bei F r e u d wieder in einem Satze
zusammengefasst: „es wird neuerdings eine fremde Person gesucht,
welche infolge der eingetretenen Zielverwandlung die Rolle des
Subjektes übernehmen muss." Es wird hier nicht gesagt, warum
dies geschieht und wie es geschieht. Die Umwandlung der beschrie-
benen Zwischenphase in eine rein masochistische ist in erster Linie
dadurch bestimmt, dass die Befriedigung an der einsamen Phantasie
nicht vorhält. Sie ist auf die Dauer ebensowenig ausreichend wie die
an der Spiegelphantasie des jungen Mädchens, die wir zum Vergleich
herangezogen haben. Der Übergang zum Masochismus stellt also
einen Rückweg aus der Selbstgenügsamkeit in die Gesellschaft dar.
Noch immer behält die Phantasie ihre Bedeutung: sie setzt das
Zweirollenspiel im Ich fort, indem sie die beiden Rollen nun in der
Vorstellung auf zwei gesonderte Figuren verteilt. Diese Fortführung
zeigt schon die Richtung an, in der sich die Entwicklung bewegt, die
Richtung in die Realität. Die Personalunion des Sadisten und Maso-
chisten zerfällt. Zwei Figuren erscheinen auf der Bildfläche der Phan-
tasie. Sie stehen einander nun selbstständig und doch durch einander
bedingt gegenüber: der Aktive und der Passive. An Stelle des Ichs
in der reflexiven Phase tritt wieder eine fremde Person auf. Das Ich
bleibt der Gegenstand, gegen welchen sich der sadistische Impuls des
Anderen richtet. Es hat seine eigenen gewalttätigen Tendenzen
dieser anderen Person abgetreten. Auf diesem langen Weg ist es
wieder zu der ältesten historischen Situation zurückgekehrt: damals
war es Gegenstand der erotischen und aggressiven Behandlung der
Mutter oder Pflegeperson. Die Entwicklung war also ein Rücklaufen,
eine Regression. Es finden sich noch Spuren des alten Zweirollen-
spieles in der eigentlich masochistischen Phantasie. Das Suspense
dem das Schwanken zwischen Lust und Angst zugrundeliegt, is
vielleicht das bedeutsamste Zeichen dafür, dass in der Phantasie das
M I 77
Luststreben durch die Vorwegnahme der Strafe behindert wurde-
Der eigentliche Masochismus, die perverse Szene, ist dann nichts
mehr als Ausführung einer Phantasie, die Inszenierung des Dramas,
das dem Dichter vorschwebte, auf der wirklichen Bühne. Wir kon-
statieren zwei wesentliche Vorgänge: die Verkehrung gewalttätiger
Impulse, welche ursprünglich gegen den Anderen gerichtet waren,
gegen das Ich und die Überlassung dieser Impulse an eine fremde
Person, der ihre Durchführung am Ich überantwortet wird. Das Ich
sah sich genötigt, einen Teil seines geweittätigen Willens dem fremden
Objekt abzutreten. Es tritt ihn freilich ab, aber es hat Teil daran; es
geniesst ihn mit als wäre er der eigene, „als wär's ein Stück von mir."
Ähnlich wird der primitive Mensch den ursprünglichen Glauben an
die eigene Allmacht später den Dämonen oder Gottheiten in seiner
Vorstellung überlassen. Er ist nicht mehr allmächtig, sondern der
Gott, zu dem er betet. Durch das Gebet aber hat er selbst Anteil an
der Macht Gottes, wird also in Stellvertretung selbst allmächtig. Ein
kleiner Junge wird ähnlich die Kraft des älteren Bruders, der ihn
selbst gegen überlegene Angreifer schützen kann, als Erweiterung
der eigenen Kraft betrachten und auf sie stolz sein. Ja der Junge
könnte die Kraft seines grossen Bruders noch immer wie eine eigene
gemessen, auch wenn er sie am eigenen Körper unangenehm zu
spüren bekommt. An diesem Mitgeniessen ist die Hoffnung, es dem
Stärkeren zu vergelten, wenn man einmal selbst erwachsen sein wird,
nicht unbeteiligt. Also ein Vorwegnehmen der eigenen künftigen
Machtfülle. Das Machtgefühl, das mit dem Sadismus verbunden ist,
ist auch in der masochistischen Umwandlung nicht verschwunden.
Es ist nur anderswo lokalisiert. Der Aktive ist nur ein Stellvertreter
der masochistischen Person: er führt nur ihre Aufträge aus, ist nur
Instrument und Exekutivorgan eigener Triebimpulse. Es ist so, wie
wenn der Masochist seinem Peiniger passiv vorspielen wollte, was der
einmal werde leiden müssen. Man geniesst sozusagen die künftige
Bestrafung und Erniedrigung des Anderen in der Phantasie voraus.
Wenn ich versuche, die gezeichnete Entwicklung so kurz, aber
auch so prägnant als möglich aufzuzeigen, kann es am besten durch
den Wechsel persönlicher Fürwörter im selben Satz geschehen. Ich
178
gehe vom Sadismus aus, der darnach strebt, dem Liebesobjekt, der
Mutter, dasselbe zu tun, was diese ihm getan hat:
Wie du mir, so ich dir. Sadistische Phase.
Wie ich dir, so ich mir. Zwischenphase. Übergang zum
Masochismus. Das fremde Objekt
wird durch das Ich ersetzt. Phan-
tasie: was das Ich dem Objekt tun
will und was dann das Objekt dem
Ich tun würde.
Wie ich mir, so du mir. Eigentlicher Masochismus. Das Ich
ist nun passiv, ein neues Objekt hat
die Stelle des aktiven übernommen.
Unbewusste Phantasie: was ich dir
tun will.
Der Masochismus wird hier als eine sekundäre Triebbildung
erkennbar. Er bezeichnet nicht nur eine Triebwendung gegen die
eigene Person, sondern zugleich auch eine verschleierte Festhaltung
des ursprünglichen Triebzieles und des ursprünglichen Objektes in
der unbewussten Phantasie. Die Tatsache, dass eine andere Person
die aktive Rolle übernommen hat, bedeutet nur einen zeitweiligen
Verzicht unter dem Druck äusserer und innerer Notwendigkeiten.
Der Andere ist nur ein Verschiebungsersatz des Ichs, ein Surrogat —
Ich. In diesem Sinn kann man vom „Faute- de- mieux" — Charakter
des Masochismus sprechen. Es muss wiederholt werden: er ist nicht
so sehr gegen das Ich gewendeter als auf den Kopf gestellter Sadismus.
Vergleicht man die obige Formel für den Sadismus mit der für sein
Widerspiel, so erkennt man, dass die zweite die Umkehrung der ersten
ist.
In den seelischen Prozessen vom Sadismus zur Mittelphase und
von dieser zum Masochismus habe ich zwei Momente hervorgehoben,
die mir unerlässlich scheinen: das Ausbleiben einer ausreichenden
Befriedigung, die Versagung, und die Phantasietätigkeit. Die psych-
ologische Verfolgung der Entwicklung zeigt, dass die Phantasietätig-
keit neue Situationen vorwegnehmen kann, weil sie damit nur auf
wenig veränderte alte Situationen zurückkehrt. In der Zwischen-
179
_
phase greift das Ich auf die Kindersituationen zurück, an denen sich
das abhängige Kind zum aktiven und sadistischen entwickelte. In der
Endphase, im eigentlichen Sadismus, ist das Ich bei der Ausgangs-
situation der Triebentwicklung wieder angelangt: das Kind ist ganz
der Macht einer Ersatzperson der Mutter ausgeliefert. Es ist derselbe
Weg, den der Mensch schon einmal gegangen ist, nur im Krebsgang
zurückgelegt.
In der Mittelphase ist die gewalttätige Strebung, die Tendenz zur
Besitzergreifung noch immer gegen das Objekt gerichtet, auch wenn
sie sich am Ich auswirkt. Das wichtigste Hindernis für die direkte
Aktion gegen den Anderen ist äusserer Natur. Es wird durch die
Schwäche des Ichs und die überlegene Kraft des Anderen gebildet. In
diesem Stadium kann vom Schuldgefühl als hemmenden Moment
gewiss noch nicht gesprochen werden. Die Triebversagung ist eine
äussere Abhaltung. Gelegentlich kann eine solche Abhaltung, welche
zur Gewalttätigkeit gegen das Ich führt, sogar in der zeitlichen oder
ortlichen Unerreichbarkeit des Objektes begründet sein. An einem
plastischen Beispiel hat Freud einmal einen solchen Übergang
geschildert, ohne ihn für die Theorie der Entstehung des Masochismus
zu verwenden. Er hat die Bewegung der Hand am Bart der Mosesfigur
des Michelangelo in diesem Sinn psychologisch gedeutet: der
Gesetzgeber sieht, vom Sinai herabkommend, die Israeliten weit
unten im Tal um das goldene Kalb tanzen. In seiner ohnmächtigen
Wut reisst er sich selbst am Bart. In ähnlicher Art werden Kinder
ihre Wuterregungen gegen Erwachsene am eigenen Leibe abre-
agieren, da sie keine Möglichkeit haben, ihr Objekt zu erreichen und
es zu schädigen, wie sie möchten. Erst viel später wird die Aggression,
die auf dem Weg zur Ausführung durch äussere Hindernisse aufge-
halten wurde, auch durch innere Vorgänge gehemmt werden können.
An erster Stelle durch die Vorstellung der Reaktion des Objektes,
dem der Angriff gilt, und durch die Angst vor den vorgestellten Folgen
der eigenen Aggression, vor der zu erwartenden Strafe. Erst viel
später wird das Schuldgefühl an die Stelle dieser Strafangst treten. Jene
Wendung zu einer aggressiven oder wütenden Strebung gegen das
Ich ist ja auch im Bereich des normalen Seelenlebens gut zu beo-
180
bachten. Ich will eine sarkastische Bemerung machen, sehe aber die
zornige Reaktion der betroffenen, für mich wichtigen Person voraus.
Ich unterdrücke die Bemerkung, aber ich beisse mich in die Lippen.
Andere Personen werden sich bei ähnlichen Gelegenheiten heimlich
die Fingernägel in die eigene Handfläche einpressen, oder sonst einen
schmerzhaften Druck gegen den eigenen Körper ausüben. Es ist klar,
dass solche kleine Reaktionen, die sich gegen das Ich richten, nicht
nur der motorischen Unterstützung der Selbstbeherrschung dienen.
Sie werden freilich so verwendet, ursprünglich aber sind sie ein Aus-
druck der aggressiven Regungen, die den einzig möglichen Ausweg
gefunden haben, die Wendung gegen das Ich als Vertreter des un-
erreichbaren Angriffsobjektes. Ihr Charakter (Sichbeissen, Sich-
wehetun) lässt ebensowenig wie die Selbstwahrnehmung einen Zweifel
an dieser ursprünglichen Tendenz zu. Die Natur der Ersetzung kann
wohl bewusstseinsfähig werden etwa in dem Gedanken: das möchte
ich dir antun, wenn ich nur könnte oder dürfte. Das Ich dient in diesen
Fällen als das nächste und beste Ersatzobjekt für die genannte Person.
Auch hier, wo es unmöglich ist, seine Wut gegen eine andere Person
frei zu äussern, gilt der Satz: jeder ist sich selbst der Nächste. Wie
gesagt, kann man diese Zwischenphase nicht eigentlich masochistisch
nennen. Sie verdient wirklich die Kennzeichnung eines gegen das
Ich gewendeten sadistischen Triebzieles. Der eigentliche Masochismus
bedeutet eine Rückkehr zum Sadismus gegen das Objekt, wobei das
Objekt nur durch die Notwendigkeiten der inneren Situation durch
das Ich ersetzt wird. Es darfauch nicht unterschätzt werden, dass die
Mittelphase nicht nur aggressive, sondern erotische Absichten hat.
Wenn der Sadismus ein gewalttätiger Versuch der Objektergreifung
war, so ist die Mittelphase ein Zeugnis für den Rückzug, den das
Ich in der Versagungssituation angetreten hat. Es ist wieder auf die
autoerotische Linie zurückgeworfen worden.
In der Phantasie war die eigene Aggression mit der Abwehr des
Opfers und schliesslich mit der Strafaktion von seiner Seite verlötet.
Da die Angst vor der Strafe zugleich mit dem ungeduldiger gewordenen
Bedürfnis steigt, wird sie allein vorweggenommen, um sie gleichsam
zu erledigen und von der Vorstellung frei zu werden. So kommt es,
181
dass die eigene Befriedigung und die Strafe, wieder auf zwei gesonderte
Personen verteilt wird. In dieser Entwicklung zerfällt also die Trieb-
einheit wieder in zwei Teile, wobei zuerst das masochistische Trieb-
ziel errecht wird, dann das sadistische, zuerst das leidsüchtige, dann das
gewalttätige. Der Vorgang entspricht so dem ursprünglichen, aus dem
sich der Masochismus eigentlich gebildet hat. Es ist nur umgekehrt
worden, hat sich um die eigene Achse gedreht. Ursprünglich wurde
die sadistische Befriedigung phantasiert und nachher die zu vergegen-
wärtigende Strafe vorgestellt. Im Masochismus wird die Strafvor-
stellung vorausgeschickt und die sadistische Befriedigung ihr ange-
hängt. Ist das aber wirklich so? In den masochistischen Phantasieen
und Szenen erscheint ja die Gewalttat am Objekt selten deutlich oder
unverhüllt. Die masochistische Aktion wird selbst zur befriedi-
genden. Die Auflösung dieses Widerspruches ist nicht schwierig. Sie
liegt in dem Wort „wird", das will heissen: ursprünglich folgt der
Strafaktion am Ich wirklich die Phantasie der Gewalttätigkeit gegen
das Objekt. Erst sekundär und allmählich wird diese sadistische
Aktion, die gesetzmässig dem masochistischen Leiden folgen soll, in
den Hintergrund geschoben, in ihrer seelischen Bedeutung herab-
gesetzt, so dass sie nach und nach völlig zu verschwinden droht. Sie
bleibt aber bestehen als unbewusste Phantasie und ihr Zurücktreten
bedeutet nicht Abwesenheit. Die sadistische Befriedigung ist nicht
aufgehoben, sie ist nur aufgeschoben. Wir haben in den voran-
gehenden Abschnitten den Mechanismus und das Wesen dieses Auf-
schubs kennen gelernt: das Suspense. Das Geniessen von Schmerz,
Unlust, Erniedrigung ist nur erklärbar als ein Resultat solcher vor-
weggenommenen Triebbefriedigung am Anderen und gegen den
Anderen. Am Anfang ist die erfolgende Befriedigung masochistischen
Strafleidens und sadistischer Objektergreifung in der perversen
Szene noch deutlich erkennbar. Ein Mann lässt sich schlagen oder
peitschen. Wenn die Unlust einen gewissen Grad erreicht hat, wirft
er die Frau rücksichtslos aufs Bett und führt den Geschlechtsakt
aus. Auch in der perversen Phantasie folgt auf die Strafvorstellung die
Triebbefriedigung. Erst später wird die Vorstellung der eigenen
Unlust und Schande alleinherrschend. Sie hat sozusagen die folgende
182
sadistische oder trotzige Triebbefriedigung in sich aufgenommen,
sie hat sie aufgesaugt, indem sie sie vorwegnahm. Jetzt wird die am
Ich vollzogene Züchtigung zugleich die am Objekt durchgeführte.
Hier ein Beispiel jener ursprünglichen Konstellation: ein schon
erwähnter Patient kann den Sexualverkehr mit seiner Frau nur mit
Hilfe masochistischer Phantasieen durchführen. Die bevorzugte
Vorstellung zu einer bestimmten Zeit war, dass ein englischer Offizier
von Azteken auf das grausamste gemartert wird, wobei der Phan-
tasierende sich mit dem Gefangenen identifiziert. Auf dem Rückweg
zur normalen Sexualität während der Analyse unterliegt die Phan-
tasie, die zuerst völlig befriedigend war, einer bedeutsamen Ver-
änderung. Jetzt befreit sich der englische Offizier mitten in der un-
erträglichen Marter, schlägt seinen aztekischen Peiniger nieder und
setzt ihn nun den früher selbst erlittenen Torturen aus. Der Orgasmus
erfolgt nun bei der Vorstellung der Schmerzen des Azteken. Es ist
übrigens bezeichnend, dass diese Veränderung der Phantasie äusserlich
an den Besuch einer Revue am Abend vorher auschloss. Der Mann
bezeichnete diese Aufführung als Anregung für seine zweiteilige
oder zweiseitige Phantasie. In der Revue wird geschildert, wie ein
junger ungeschickter und schüchterner Provinzler in das Netz einer
Frau vom „Vamp"- Typus gerät. Sie führt ihn an der Nase herum
und macht ihm zum Opfer ihrer raffinierten Quälereien. Ver-
zweifelt sucht der junge Mann Rat und Hilfe bei einer alten, ihm be-
freundeten Dame. Die rät ihm, die grausame Frau einmal tüchtig
zu verprügeln. Er tut dies bei der nächsten Gelegenheit, da der Vamp
seine quälerischen Künste wieder an ihm ausprobieren will. Die
Überraschte sinkt dann entzückt in seine Arme mit dem Ruf: „You
are wonderful". Es ist gewiss bemerkenswert, dass sich der Patient
auch in seinem sonstigen Verhalten zu seiner Frau im gleichen Sinn
geändert hat. Er hatte sich lange von der Herrschsucht seiner Frau
quälen lassen, um plötzlich in die aktive und sadistische Haltung
umzuschwenken. Es war, wie wenn er jetzt zeigen wollte: Das ist
die Art, mit Hexen umzugehen.
Vielleicht darf ich zur Kennzeichnung der Mittelphase noch
hinzufügen, dass sie sich nicht nur der Spiegelszene bedient, um sich
i«3
der Realität anzunähern. Ein anderer Weg ist das kindliche Spiel, in
dem das Ich zum Gegenstand der Quälerei wird. Auch hier wird
die Richtung auf den Masochismus oft eingeschlagen. So erinnert
sich eine Patientin, dass sie ihre Phantasie, gezüchtigt zu werden,
als kleines Mädchen in Wirklichkeit umsetzte, indem sie im Spiel
mit ihren Freundinnen ein unartiges Kind in der Schule spielte,
welches ein anderes Mädchen in der Rolle der Lehrerin schlagen
musste. Das kleine Mädchen, mit dessen Wassertropfenritual im
Bad wir uns hier beschäftigt haben, kann als Gegenstück zu ihrer
späteren stellvertretenden Machtausübung von einem Spiel berichten,
in dem das Kind die Gewalttätigkeit des Erwachsenen gegen ihn
selbst kehrte. Das kleine Mädchen liebte es, das Kinderfräulein mit
dessen Einwilligung in einen Kasten zu sperren. Nun war sie vorher
selbst oft von dem Fräulein dort eingesperrt worden.
Die Erwähnung dieses Falles erinnert mich daran, dass die ge-
schilderte Überlassung der eigenen Machtstrebungen an ein fremdes
Objekt vom Masochismus aus später eine Richtung nehmen kann,
die dem Phantasieleben der normalen Frau entspricht. Die Phan-
tasieen der Patientin sind als Ausläufer, Umgestaltungen exquisit
masochistischer Phantasieen zu erkennen, die sich ihrer weiblichen
Rolle gut eingefügt haben. In ihrer Mädchenzeit hatte sie ausge-
breitete, sexuell erregende Phantasieen masochistischen Charakters.
Sie stellte sie sich vor, sie würde in ein Bordell verschleppt, dort grau-
sam behandelt, gefangen gehalten und von rohen Männern sexuell
gebraucht. Sie identifizierte sich mit einer Romanheldin, einem engli-
schen Mädchen, die von einem arabischen Scheich gefangen wird,
sich gegen seine erotischen Annäherungsversuche mit besonderer
Energie sträubt und ihm doch verfallen ist. Jene verschollenen Phan-
tasieen der Jungmädchenzeit wurden nach fünfzehn Jahren in der
Analyse zum Teil wiederbelebt. Es ist charakteristisch, wie das
geschah, zumal Heirat, Mutterschaft und soziale Veränderungen in
die Zwischenzeit fallen. Sie stellt sich jetzt vor, sie werde einem Mann
begegnen, der ihr durch grosse politische Macht oder finanziellen
Einfluss sehr imponiert. Sie denkt dabei an einen der grossen Industrie-
kapitäne, dem kraft seines Reichtums alles zur Verfügung steht, oder
184
einen Diktator, dem ein ganzes Volk bedingungslos gehorcht. Jenem
Mann, der sich zuerst mit ganzer Energie um sie bemüht, wird sie
nun in der Phantasie hörig. Das sexuelle Moment ist dabei in keiner
Art betont, die Phantasie des Hingegebenseins aber erweist sich als
sehr erregend. In der Vorstellung geniesst sie die Macht oder Über-
macht des Mannes mit; man könnte besser sagen, sie geniesst sie allein.
Das ist auch dann der Fall, wenn sich die Machtäusserung auf ihre
eigene Person erstreckt. Eine solche Phantasie ist aber durch den
scheinbaren Verzicht auf die eigene Macht gekennzeichnet. In diesen
wie in ähnlichen Fällen wird es deutlich, dass diese Phase eine frühere
ablöst, in der man selbst Macht und Gewalttätigkeit ausüben wollte.
Die jetzige Einstellung bedeutet also nicht nur Verzicht, sondern
auch verhüllte Durchsetzung der eigenen aktiven Strebungen im
Verschiebungsersatz. Es sei nur angedeutet, dass derselbe Vorgang
eines teilweisen Verzichtes und einer teilweisen Durchsetzung
eigener gewalttätiger Regungen durch Stellvertretung sich bei vielen
Frauen erraten lässt, die zu dem überlegenen Können und Wissen
des Mannes aufblicken. In manchen Fällen ergibt sich eine eigen-
artige Mischkonstellation, welche die ursprüngliche ebenso verbirgt
als verrät. Man weiss, dass z.B. eine besondere Hilflosigkeit und Ab-
hängigkeit der Frau zur schlimmen Tyrannei werden kann, so dass
hinter ihrer Fassade die Herrschaft und das Machtstreben durch-
schimmert. Eine so unbeschränkte Abhängigkeit kann zu einem
ausgezeichneten Mittel werden, den Mann gefügig zu machen. Dass
ein geschickt verhüllter Wille zur Ohnmacht nur ein besonderer
Ausdruck weiblicher Willensstärke ist, hat mancher Ehemann erfah-
ren.
Die Mischung von Verzicht auf die eigene Macht und von Genuss
in der stellvertretenden Ansübung durch einen Anderen hat im
Leben der Völker und Religionen ihre besondere Bedeutung. Die
Reichweite des Vorganges erstreckt sich von der Zuneigung eines
Monarchisten, der den Willen des Herrschers als Vertreter des eigenen
empfindet, bis zur Begeisterung für einen Diktator, der den Willen
aller Einzelnen übernommen hat. Man wundert sich oft mit Unrecht
darüber, dass die meisten Menschen in einem Diktatorreich so ganz
,85
auf die eigene Willensmeinung verzichtet haben. In Wahrheit ist
dies nur zum Teil richtig: zum anderen und wichtigeren haben diese
Menschen ihren Willen durchgesetzt, freilich indem sie ihn in dem
eigenen eines Menschen verkörperten. Ja man kann sagen, je gewalt-
tätiger und brutaler der Machtwille des Einzelnen, dem kein Bestim-
mungsrecht mehr geblieben ist, einmal war, umso gefügiger und
hingebungsvoller wird er sich dem Willen des Selbstherrschers oder
Führers, der ihn vertritt, unterwerfen. Dieser ist dann nicht so sehr
brutaler Diktator als Verkörperung der vielen Einzelnen, welche die
Masse bilden, das aber will sagen, ausführendes Organ der unter-
drückten, doch nicht verschwundenen Brutalität dieser Einzelnen.
Jeder von ihnen hat Teil an seiner Machtfülle und geniesst sie mit.
Man errät, man verzichtet nicht auf den eigenen Willen, wenn man
ihn durch einen Anderen durchführen Iässt. Natürlich ist das Mit-
geniessen der Machtausübung unbeschränkter, wenn sie sich gegen
die feindliche Aussenwelt richtet. Es ist aber noch dann verständlich,
wenn die sadistische Energie auch am eigenen Volkskörper verspürt
wird. Der tyrannische Wille eines Diktators kann von der Masse
sonst schwer ertragbare Opfer und Entbehrungen verlangen, wenn
sie nur in ihm ihr idealisiertes Ebenbild sieht. Hier wird also das Bild
des Massenmasochismus oder seines Vorläufers psychologisch ver-
ständlich.
Die Herkunft des Masochismus aus dem sadistischen Trieb-
drängen lässt sich gewissermassen experimentell nachweisen. Wenn
sich nämlich in der Analyse der Masochismus, welcher die Person
beherrscht, zersetzt, treten sadistische Phantasieen oder Aktionen in
den Vordergrund. Auf diesem Rückweg kommt es zu Bildungen,
die ein Durcheinander oder eine Vermengung von masoch istischen
und sadistischen Vorstellungen und Handlungen sind. Hier ein
ausgezeichnetes Beispiel von jenem Patienten, dessen „synchroni-
sierten" Phantasieen uns interessiert haben. Die Phantasie sah ur-
sprünglich so aus: die grausame und nymphomane Königin eines
sagenhaften Reiches verwendet Reisende, die sich in ihr Gebiet
verirrt haben, zu ihrer sexuellen Befriedigung. Wenn sie ihrer müde
wird, lässt die angenehme Dame die Gefangenen pfählen, schinden
186
•oder kastrieren. Der Patient stellt sich nun einen jungen Mann vor,
der als Anwärter auf die grausame Gunst der Königin als nächster
an die Reihe kommt. Er wird Zeuge der schrecklichen Hinrichtung
eines seiner Vorgänger und fühlt das Entsetzen dessen, den ein ähn-
liches Schicksal in nicht zu ferner Zukunft erwartet. Er identifiziert
sich mit diesem Opfer, einer Bruderfigur, erlebt mit ihm Fesselung,
Marter und Tod. Das ist gewiss eine masochistische Phantasie. Sie
verändert während der Analyse ihren Charakter und bietet nun ein
durch einzelne Züge und durch Rollenvertauschung verschiedenes
Bild. Jetzt identifiziert sich der Patient mit dem gegenwärtigen
Favorit der Königin im Augenblick ihrer höchsten Gunst. Während
des Sexualverkehrs wird sein Vorgänger gepfählt. Das Schreien und
die Qualen des Opfers stören den Genuss nicht, sie vertiefen ihn.
Kein Zweifel, das ist eine sadistische Phantasie. Die Fortsetzung der
phantasierten Szene würde jeden möglichen Zweifel aus dem Wege
räumen: nach dem Sexualverkehr sticht der Vertreter des Tag-
traumes dem Opfer ein Messer in die Brust, gibt ihm den coup de
gräce. Eine Episode in diesem entsetzlichen Bild zeigt indessen, dass
die masochistische Tendenz nicht völlig verschwunden ist. In der
Liebesszene entwickelt sich zwischen der grausamen Königin und
ihrem Genossen ein Dialog. Der Mann spricht den Wunsch aus,
auch in den folgenden Nächten immer einen seiner Vorgänger wäh-
rend des Sexual verkeh res auf eine von ihm gewünschte Weise gefoltert
tm sehen. Die Königin gewährt die Bitte mit der halb ernsten, halb
scherzhaften Hinzufügung, er selbst könnte vielleicht diese gefolterte
Person sein. Er aber entgegnet, es sei nicht so wichtig, ob er oder ein
anderer das Opfer sei. Hauptsache sei, dass jemand geschunden oder
gepfählt werde. Man erkennt hier eine Mischbildung, aus der die
Möglichkeit erwächst, sich noch in der sadistischen Rolle mit der
leidenden Person zu identifizieren. So starken Ausdruck die Phantasie
auch der Rachetendenz dem früher bevorzugten Rivalen gegenüber
gibt, ein Einzelzug zeigt doch, dass die sadistische Strömung un-
bewusst auch der Frau gilt: die Bewegungen des gequälten Opfers
und der sexuell aufs höchste erregten Königin sind synchronisiert.
Ein anderer Fall zeigte bald nach Beginn der Analyse eine Rückent-
i8 7
wicklung zum Sadismus in plötzlich auftauchenden Impulsen mitten
in der masochistischen Situation. Seine besondere Sexualbefriedigung
bestand darin, dass er sich in gefesselten Zustand von seiner Frau mit
einer kleinen Peitsche schlagen Hess. Unvermittelt trat nun von einer
bestimmten Zeit an gegenüber der Frau der Impuls auf: ich möchte
sie erwürgen oder ich werde ihr an die Gurgel fahren.
Noch wenn der Masochismus desexualisiert erscheint, macht sich
der heimliche sadistische Charakter bemerkbar. Ein Patient, dessen
masochistische Tendenzen ihn hart an die Grenze der Selbstvernich-
tung trieben, zweifelte nicht daran, was das zuerst uneingestandene
Ziel seiner Einstellung war. Es galt, den Vater tief zu kränken:
„Indem ich mich unglücklich mache, mache ich ihn unglücklich.
Wenn ich zugrundegehe, wird er das nicht überleben." Eine solche
Haltung zeigt nichts von Zweifel an der Liebe des Objektes, am
Geliebtwerden und ist mit einer Liebeswerbung nicht gut vereinbar.
Sie setzt eher die Gewissheit, vom anderen geliebt zu werden, voraus.
Die Einsicht in der Entstehung des Masochismus hat einige be-
merkenswerte Punkte zu seinem Verständnis beigetragen: er ist kein
ursprünglicher Trieb, sondern eine sekundäre Triebbildung. Er
entsteht aus der Versagung, die der sadistischen Triebregung entgegen-
tritt, und entwickelt sich aus der die Realität ersetzenden sadistischen,
aggressiven oder trotzigen Phantasie. Er bleibt unverständlich,
solange man annimmt, dass er sich direkt aus dem Sadismus durch
Wendung gegen die eigene Person ableiten lässt. So sehr sich alles
in Nervenärzten und Sexuologen dagegen sträuben möge, die Geburts-
stätte des Masochismus ist die Phantasie. Ohn ihre Vorbereitung ist
sein Zustandekommen nicht denkbar. Er behält seinen sadistischen
Charakter in der Mittel- und Endphase seiner Entwicklung, dort, wo
sich die Aggression gegen das Ich wendet, und dort, wo ihre Durch-
führung einer anderen Person überlassen wird. Mag die sadistische
Befriedigung auch ins Dunkle zurücktreten oder zu verschwinden
scheinen, sie ist doch da in allen Formen des Masochismus. Seine Ent-
wicklung beweist, dass der Sadismus mächtig ist. Sie zeigt freilich
zugleich, dass er nicht allmächtig ist.
188
Die Theorie Freuds und die eigene Ansieht
Eine Nebeneinander- und Gegenüberstellung der hier dargestellten
Entsteh ungstheorie des Masochismus mit der von Freud formu-
lierten ergibt zunächst, dass eine Fortsetzung der ursprünglichen
Anschauung von Freud vorliegt. Diese Fortsetzung füllt Lücken
aus, die unerklärt geblieben waren, schafft Übergänge, wo es früher
keine gab, und klärt vorhandene Widersprüche als nur scheinbare auf.
Durch die besondere Hervorhebung der Phantasie und anderer
Momente weicht die eigene Ansicht von der F r e u d s in entschiedener
Art ab. Der Vorgang des Überganges von Sadismus in Masochismus,
wie Freud ihn schildert, macht den Eindruck plötzlicher und
unvermittelter Veränderungen. In Wirklichkeit gibt es Verbindungen
und Übergänge. Die Entwicklungsstufen, die er unterscheidet,
stehen nicht wie Granitblöcke nebeneinander, sie gehen ineinander
über.
Nun aber ist es Zeit, sich der Frage zuzuwenden: gibt es einen
Urmasochismus, einen primären masoch istischen Trieb? Wir wissen,
Freud hat mit dem Recht des Forschers, den neue Einsichten zu
einer geänderten Anschauung bringen, 1921 eine neue Theorie
gegeben, welche die Existenz eines primären Masochismus annimmt.
Die Hypothese von den Todes- und Liebestrieben war lange vorber-
eitet. Sie ergab sich nicht aus der Notwendigkeit, die Entstehung des
Masochismus zu verstehen, sondern aus einer Revision der ganzen
Trieblehre. Sie gab aber dem Problem des Masoch ismus einen ver-
änderten Aspekt und liess ihn als eine der grossen Äusserungen des
Todestriebes erscheinen. Die Freu dsche Konzeption, gewaltiger
als die Schopenhaue rsche Trieblehre, gründet sich auf
biologischen Grundlagen. Sonst ist Freud seinen Weg in kleinen,
vorsichtigen Schritten gegangen. Hier hat er gezeigt, dass er Sieben-
meilenstiefel- Schritte machen kann. Niemand, der sein Format
kannte, hat daran gezweifelt.
Auch wenn man die Existenz von Todes- und Liebestrieben als
das beherrschende Prinzip von Vergehen und Werden annimmt,
müssten sich schon vom Anfang an die beiden grossen Triebarten im
189
Einzelnen sichtbarlich äussern. Als Vertreter des Todestriebes aber
begegnen wir im Kleinkind nirgends dem Masochismus, nur keim-
haften aggressiven, abwehrenden und angreifenden Impulsen. Ein
primärer Masochismus ist im Baby nicht nachzuweisen, keine seiner
triebhaften Aeusserungen lässt sich ohne Zwang in diesem Sinn
deuten. Wo immer man eine irdische Äusserung jener blinden und
mythischen Triebgewalt der Destruktion zu erkennen meint, trägt
sie das Gesicht des Sadismus oder seiner Abkömmlinge. Ein frühes,,
psychologisch erfassbares Zeugnis eines primären Masochismus ist
nicht aufzufinden. Der erogene Masochismus, der nach Freud
biologisch und konstitutionell begründet ist, ist nichts als ein infantiler
physiologischer Mechanismus. Er trägt den Namen Masochismus
zu Unrecht, ist eigentlich nur eine physiologische Voraussetzung
dafür, dass sich später einmal eine masochistische Sensation einstellen
kann, wenn entsprechende seelische Vorgänge dazu führen. Dieser
frühkindliche Mechanismus bestimmt es, dass so wie bei Schmerz- und
Unlustspannung eine libidinöse Miterregung stattfinden kann. Diese
physiologische Möglichkeit ist unzureichend, die Entstehung des
Masochismus zu erklären. Sie könnte nur herangezogen werden,
wenn diese Entstehung psychologisch schon verständlich geworden
ist und nun auf ihre physiologischen und biologischen Tatsachen als die
letzten, uns erreichbaren zurückzuführen wäre.
Wie stehen hier an einem entscheidenden Punkt. Wenn es gelingt,,
im Seelenleben des kleinen Kindes ein Zeugnis jenes dunklen Dranges
nach Selbstvernichtung zu finden, werden wir anerkennen, dass es
einen primären Masochismus gibt. Diese ursprüngliche, von vorn-
herein gegebene Triebrichtung wäre dann neben der aktiven, sadisti-
schen eine Äusserung der grossen Destruktionstendenz, die im In-
nern alles Organischen wirkt. Ist es nicht möglich, dass es das Neuge-
borene zurückzieht in die Ruhe und das Nichtsein, in das Dunkel,
aus dem es gekommen ist? Warum sollte nicht schon im Baby dem
Lebensdrang ein dunkles Verlangen nach dem ewigen Schlaf entge-
gentreten? Desselben Verlangens, das uns so oft überfällt und uns
mit dem Dichter fühlen lässt: „Ach ich bin des Treibens müde. Was
soll all der Schmerz und Lust" Bisher ist es nicht gelungen, eine solche
190
Manifestation des elementaren, gegen das Ich von Anfang an gerich-
teten Selbstzerstörungstriebes zu isolieren und zu zeigen. Das schlicsst
nicht aus, dass es der Forschung einmal gelingen könnte.
In der Zwischenzeit müssen wir uns dabei bescheiden, im Maso-
chismus eine verwandelte, umgeformte Triebäusserung sadistischer
Art und Abstammung zu sehen. Er erscheint nicht als eigener primärer
Trieb, sondern als eine späte Fortentwicklung und Umbildung eines
anderen. Diese Abkunft wird sich noch im Charakter später Ver-
wandlung nicht verleugnen lassen.
Eine Neuorientierung wird an dieser Stelle notwendig, eine Re-
vision unseres Begriffes vom Wesen des Masochismus. Erst jetzt,
da wir seine Entstehung studiert haben, sind wir in der Lage, nicht
nur Neues über ihn zu sagen, sondern auch Neues über ihn zu fragen:
Ist der Masochismus von Anfang an und seinem Wesen nach ein
triebhaftes Verlangen nach Schmerz, Unlust, Beschämung, Unter-
werfung und Dienen wollen? Können diese passiven Ziele überhaupt
ursprünglich gewünscht werden? Hier ist ja das grösste Rätsel der
Triebrichtung und der Perversion, die wir Masochismus nennen,
beschlossen. Hier kehren wir zu der Anfangsfrage zurück, wie es
geschehen kann, dass eine grosse Anzahl Menschen triebhafte Lust
aus der Unlust, Befriedigung aus Schmerz körperlicher und seelischer
Art ziehen kann. Die bisherige Antwort hiess: diese Menschengruppe
weist eine ursprüngliche, perverse Triebrichtung auf, eben die masochi-
stische.
Ich meine nun, die Frage ist falsch gestellt und so musste auch die
Antwort falsch sein. Die Konzeption des Masochismus ist fehlerhaft,
seine Triebziele bisher nicht richtig gezeichnet. Die bisherige Frage-
stellung ist davon ausgegangen, dass der Masochismus eine selbst-
ständige, von anderen scharf zu unterscheidene Triebrichtung ist.
Der ungewöhnliche, ja monströse Zug, dass dabei Schmerz oder
Unterwerfung aufgesucht wird, zog alle Aufmerksamkeit auf sich.
Hier erschien ein unerklärlicher Ausnahmsfall, der allen bisher be-
kannten seelischen Erscheinungen zuwiderlief. Diese Konzentration
der Aufmerksamkeit auf den einen Punkt Hess alles Andere als un-
wichtig erscheinen und in den Hintergrund treten. Die übersehene
191
erste Frage ist aber: ist Unlust und Unterwerfung wirklich das
Triebziel und nicht eher eine Station am Weg, ein Mittel, um das
Triebziel zu erreichen? Ist der Masochismus überhaupt eine originäre
Triebbildung- und nicht vielmehr ein Umgehungsversuch, sozusagen
ein psychisches, taktisches Manöver? Ich meine, es gibt keine ur-
sprüngliche Lust an der Unlust, wie sie gemeinhin dem Masochismus
zugeschrieben wird. Wohl aber kann das gewöhnliche Luststreben
unter bestimmten psychologischen Bedingungen dazu gelangen,
auch die Unlust oder die Erniedrigung zu gemessen.
In den vorangehenden Abschnitten habe ich die unbewusst seeli-
schen Vorgänge im Masochismus zum grössten Teil dargestellt,
seine Ursprungssituation und Entwicklung skizziert und seine ver-
borgene Ziele angedeutet. Seine Entstehung ist nicht, wie bisher
angenommen wurde, mit der sadistischen Aktion verknüpft. Eine
direkte Ableitung von der Aggression als solcher ist unmöglich.
Welches Motiv sollte ein Sadist haben, um seine genussreiche Per-
version aufzugeben und Masochist zu werden? Erst der Misserfolg,
die Versagung in der Verfolgung aggressiver und gewalttätiger Trieb-
ziele und später die Angst vor der Strafe lassen eine Triebumkehrung
möglich erscheinen. Diese Triebveränderung setzt aber nicht an der
wirklichen Durchführung ein, sondern an der Phantasie. Die sadi-
stische Phantasie, nicht die sadistische Handlung ist der Mutterboden
des Masochismus. Wir haben gesehen, dass seine weitere Entwicklung
und sein Charakter für immer durch diese Abstammung bestimmt
werden. Seine Entwicklung kann als ein besonderes Triebschicksal
sadistischer Tendenzen bezeichnet werden.
Und nun zur Bestimmung dieser Triebziele selbst. Ist es wahr, dass
der Masochismus von Anfang an Unlust, Schmerz, Unterwerfung
anstrebt? Ich habe gezeigt, dass dies nicht der Fall ist. Der Masochist
ist eine Person von stark sadistischer Triebanlage, die von ihrem
Triebziel durch die Vorstellung der Strafe abgelenkt wurde. Diese
Angst hält ihn von der Erreichung seiner Befriedigung zurück und
er entscheidet sich in dem Konflikt zwischen Angst und Luststreben
schliesslich dahin, zuerst die Angst durch jene Flucht nach vorne
loszuwerden. Er strebt also nicht etwa Unlust und Bestrafung als
192
.
solche an. Er sucht sie auf, weil sie den einzig möglichen Weg zur
ungestörten Befriedigung später bezeichnen. So wird ein Mann,
sehnsüchtig nach Hause zu gelangen, auch durch Sumpf und Dickicht
gehen, wenn er keinen anderen Weg zur Verfügung hat. Es ist also
nicht eine ursprüngliche Sehnsucht nach Schmerzen oder Peinigung,
welche die Strasse des Masochisten bestimmt, sondern die Angst,
die der Lust vorgelagert ist. Er hat aufsein Triebziel nicht verzichtet.
Seine Ungeduld, es zu erreichen, ist im Gegenteil so gross geworden,
dass er den unangenehmsten Weg nimmt, wenn er es nur möglichst
rasch erreichen kann. Sein Vorwärtsdrängen nach Bestrafung und
Beschämung ist ein Zeichen seines unbändigen und ungebändigten
Verlangens nach dem Sexualziel. Ich habe geschildert, wie es sekundär
dazu kommt, dass die Angst und später die Bestrafung und Beschämung
selbst zum Gegenstand triebhafter Bedürfnisse werden kann. Die
Verschiebung des seelischen Akzentes von dem ursprünglichen
Triebziel auf die drohende Bestrafung für eine verbotene Befriedigung
liefert die Lösung dieses Rätsels. Die Achse des Problems ist durch
die Momente Lust und Angst gegeben. Lust ist das nie aufgegebene
Ziel und die masochistische Inszenierung ist nur ein Umweg zur
Lusterreichung. Das Luststreben ist so mächtig, dass es sogar die
Angst — und Strafvorstellung in ihren Bereich zieht und schliesslich
sie selbst zum Lustziel macht wie zum Hohn jeder angedrohten
Einschüchterung gegenüber.
Kann die Behauptung, dass der Masochist ursprünglich Unlust
aufsucht, Schmerz begehrt, nach Erniedrigung verlangt, aufrechter-
halten werden? Ist sein Ziel Bestrafung und Beschämung? Nein, er
geniesst nicht den Schmerz, sondern das, was durch Schmerz erkauft
wird. Er strebt nicht nach Unlust, sondern nach Lust, die mit Unlust
bezahlt werden muss. Er hat seine Position nicht aufgegeben, sondern
nur gewechselt. Erst in der Endphase wird er trotzig noch den
Schmerz, die Bestrafung und Erniedrigung zur Lust erheben, noch
im Schmerz seinen Genuss finden. Der Masochismus ist ein Umweg
zum ursprünglichen Ziel, ein Umweg, der durch äussere und innere
Faktoren notwendig wurde. ' Der Umweg bedeutet nur eine zeit-
weilige Ablenkung vom Marsch auf das Ziel zu, nicht einen Marsch
N 193
ri ach einem anderen. Das Ziel bleibt das gleiche und es ist nicht wesent-
lich, dass es nicht immer erreicht werden kann. Es bleibt dabei: der
Charakter des Masochismus bezeugt, dass der Sadismus mächtig ist;
er zeigt zugleich, dass er nicht allmächtig ist. Seine Grenzen sind
bestimmt durch den Respekt' vor der überlegenen Kraft anderer
Personen, durch die Angst vor der Bestrafung und schliesslich durch
das Schuldgefühl. Die Kräfte der Zerstörung stossen hier auf die
Macht der Liebe.
Wie verhält sich diese Ansicht zu der von Freud aufgestellten
Hypothese, dem Gegensatz von Todestrieb und Eros? Sie ist unab-
hängig von ihr, berührt sie nicht, widerlegt sie weder noch bekräftigt
sie sie. Sie bewegt sich auf anderer, der psychologischen Erfahrung
näherer Ebene. Wer die seelischen Kräfte als schicksalsbestimmend in
sich und Anderen erkannt hat, braucht das Wirken der gigantischen,
überseelischen Adächte, die über Tod und Leben, Werden und
Vergehen entscheiden, nicht zu leugnen. Er kann die Gesetzmässig-
keit seelischer Vorgänge anerkennen und sich doch dem Zwang jener
grossen kosmischen Notwendigkeiten beugen: so kommts denn
wieder, wie die Sterne wollten. Ich stimme mit W. Reich und
anderen Analytikern, die meinen, dass die biologische Todestrieb —
Eros-Hypothese die Bildung psychologischer Theorieen ausschliesse,
nicht überein. Die Erklärung, welche die Psychologie gibt, ist ja nur
eine Teillösung und nimmt nur einen bestimmten Platz unter den
Versuchen, das Naturgeschehen aufzuhellen, ein. Was unter dem
Mikroskop psychologischer Forschung so bedeutend erschien, die
seelische Entwicklung einiger Jahre, schrumpft im Riesenspiegel der
grossen Gesetzmässigkeiten, die alles Geschehen in der Welt bestim-
men, auf winzige Dimensionen ein. Es ist wie eine aufstrebende und
sogleich wieder verschwindende Welle in einem mächtigen Strom.
Das seelische Geschehen hat doch seinen Platz auch in so umfassender
Betrachtung. Wir sehen die kleine, dann die grosse Welt.
Vielleicht empfiehlt es die vorliegende, begrenzte Hypothese, dass
sie eine befriedigende Erklärung der Tatsachen und des Wesens des
Masochismus zu liefern scheint. Mir bleibt nichts übrig, als sie der
Aufmerksamkeit psychologisch Interssierter zu empfehlen. Bei
194
ihrer Überprüfung ist gewiss wissenschaftliche Vorsicht am Platz.
Auch befriedigende Hypothesen können falsch sein.
Bisher hat uns das Rätsel des Masochismus als Triebrichtung im
allgemeinen interessiert. Wir haben uns noch nicht damit beschäftigt
ob sich diese späte Triebbildung in gleicher Art bei Mann und Frau
äussert. Im Vordergrund unserer Betrachtung stand bisher der Maso-
chismus als Problem des Geschlechtslebens. Wir wenden uns jetzt
der Frage zu, welche besondere Formen er im Leben der beiden
Geschlechter erkennen lässt.
195
DIE GESCHLECHTER
Die Beziehung zur Weiblichkeit
Freud sagt vom Masochismus, er unterhalte eine intime Bezie-
hung zur Weiblichkeit. Das Verhalten des männlichen Masochisten
trägt viele Züge, welche diese Behauptung rechtfertigen. Die Passi-
vität im Sexuellen ist nur das augenfälligste Moment. Es gibt andere,
die bedeutungsvoller sind. Andere Züge widersetzen sich der An-
nahme, dass die Beziehung des Masochismus zur Weiblichkeit so
intensiv ist wie Freud meint. Diese Beziehung scheint nicht so
ungetrübt wie etwa beim passiv Homosexuellen. Die Passivität
mag freilich vom Wesen der weiblichen Sexualität nicht leicht abtrenn-
bar sein, aber das Erdulden von Schmerzen, Gepeitschwerden, Ge-
fesseltwerden, Demütigungen und Erniedrigungen gehören nicht zu
den sexuellen Zielen der normalen Frau. Wenn sich solche Vor-
stellungen auffällig an der seelischen Oberfläche zeigen und zur
Bedingung sexuellen Geniessens werden, würden wir die Betreffende
als Masochistin bezeichnen. Selbst wenn man sich zu der Annahme
entschliesst, dass Züge solcher Art irgendwie in der weiblichen
Sexual Vorstellung angedeutet sind oder leise mitschwingen, so be-
herrschen sie doch gewöhnlich nicht das Bild wie beim Masochisten.
Auch die Bevorzugung der Afterzone als erogenen Körperteiles
entspricht nicht dem weiblichen Wesen. Anders ausgedrückt: der
Masochismus mag, von einem bestimmten Gesichtspunkt gesehen,
der Ausdruck eines weiblichen Wesens des Mannes sein. Das weib-
liche Wesen ist aber gewiss nicht der Ausdruck masochistischen
Fühlens. Wir stossen hier wieder auf den Eindruck des Paradoxen,
den wir so oft in der Beobachtung der masochistischen Erscheinungen
erhalten. Es sieht so aus, wie wenn der Masochist, der in seinen
Phantasieen und Szenen die weibliche Rolle spielt, sich zugleich über
196
sie lustig mache, sie verzerrt darstelle. Er zeigt weniger einen Aus-
druck des weiblichen Wesens als dessen Parodie oder Karrikatur.
Eine solche Verhöhnung ist ja beim Halbwüchsigen nicht selten.
Dort kann sie bewusst erscheinen. Ein Patient erinnert sich aus der
Zeit, da er ein Junge war, einer ähnlichen Einstellung. Er fand damals
ein besonderes Vergnügen daran, vier Worte auszusprechen und mit
besonderen Körperbewegungen und Gesten zu begleiten. Es war der
schwärmerische Satz: „Der liebe, wilde Mann!" Er erkannte selbst
den Ursprung dieses Ausrufes. Er stammte aus einem der Bücher
seiner Schwester, die im Backhschalter stand. In dem Buche werden
die Worte von einem jungen Mädchen gesagt, das zärtlich an einen
abwesenden Mann denkt. Indem sie das ausruft, wendet sie sich er-
rötend und verschämt ab. Der Junge hatte diese Stelle im Buch ge-
lesen; später stellte er sich vor den Spiegel und spielte pantomimisch die
Szene, sagte den Satz wohl auch laut, indem er ihn mit sprechenden
und entsprechenden Gebärden begleitete. Er stellte sich dabei vor,
dass das Mädchen sich mit schwenkenden Röcken abwendet. Wieder
eine Spiegelszene! Kann man sagen, dass der Junge, der später zum
Masochisten wurde, in diesem spielerischen Gehaben einen Ausdruck
weiblichen Wesens zeigte? Gewiss nicht. Man wagt es, das ur-
sprüngliche Motiv seines Spieles zu erraten: er muss gewünscht haben,
dass ein anziehendes junges Mädchen sich beim Gedanken an ihn
so benimmt. Wir erkennen hier also eine Phantasie, die im Zweirollen-
spiel dargestellt wird. Erst später erhält die Szene einen spöttischen
Charakter, nachdem sich etwas in den Beziehungen zu den Mädchen
geändert hatte. Hatte die Phantasie ursprünglich etwas von der
Sehnsucht des Jungen verraten, so wurde sie später zum Ausdruck
seiner hohnvollen Regungen gegen die Mädchengeneration, der seine
Schwester angehörte. Seine Schüchternheit im Umgang mit dem
anderen Geschieht lässt es wohl begreifen, dass er schliesslich an
demselben Punkt landet wie der Fuchs in der Fabel, der die Trauben
sauer findet, die er nicht erreichen konnte.
Das Verhalten des Masochisten zeigt femininen Charakter, aber
es zeigt diesen Charakter nicht rein. Das weibliche Wesen ist darin
weniger dargestellt als entstellt, weniger gekennzeichnet als verzerrt.
197
Die Einsicht in die verborgene, ursprüngliche Bedeutung der
Spiegelszene hat uns dem weiblichen Element im Masochismus näher
gebracht, doch nicht nahe genug. Vielleicht wird ein Vergleich uns
einen besseren Dienst leisten. Ich war einmal Zeuge einer Lektion,
die ein ziemlich rundlicher, lebhafter und glatzköpfiger Tanzlehrer
einer Anzahl junger Damen und Herren erteilte. Nachdem er jeder
Schülerin die Schritte und Bewegungen des neuen Tanzes beigebracht
hatte, versuchte er, mit jeder Dame den Tanz auszuführen. Natürlich
führte er. Gelegentlich aber, wenn eine Dame sich besonders unge-
schickt zeigte, musste er selbst die weibliche Rolle übernehmen, um
das Verhalten der Dame im Tanz vorzuführen. Haltung, Schritt
und Benehmen waren in der Situation der Absicht entsprechend die
der geführten Dame. Es war ein merkwürdiger Anblick, zu sehen,
wie der korpulente, kleine Tanzlehrer zurücktrat, die Schössel
seines Frackes zierlich mit den Händen anfasste, wie wenn sie die
Schleppe eines Abendkleides wären und anmutig vortrippelte. Dem
Mann war toternst zu Mute, er war sichtlich müde, wenn er sich
auch im Dienste seiner Rolle zu dem stereotypen Lächeln zwang,
und er arbeitete buchstäblich im Schweisse seines Angesichtes. Wie
kam es nur, dass seine Vorführung ohne sein Wollen und sicher gegen
seine Absicht auf die meisten Zuschauer einen überwältigend komi-
schen Eindruck machte? Es lag gewiss zum grossen Teil in dem Kon-
trast, den seine Erscheinung zu der Vorstellung einer tanzenden
jungen Dame machte. Wenn sich aber die Vorführung einige Male
wiederholte, wurde man ernst, ja fast betrübt. Man ahnte, dass es die
Not war, welche den Mann zu dieser tragikomischen Rolle zwang.
In der masoch istischen Phantasie muss der Vorgang ungefähr
umgekehrt sein: die Szene ist ursprünglich ernst, entspringt der
sexuellen Not, trägt alle Zeichen der Versagung oder Entbehrung
und nimmt erst später eine höhnende oder parodierende Note an. Die
Spiegelszene des Jungen und die Produktion des Tanzlehrers als
Dame haben eine Gemeinsamkeit, die sie zum Vergleich mit den
masoch istischen Phantasieen und Szenen geeignet machen: das
ursprüngliche Ziel des Tuns. Der Charakter der Vorführung ist
bestimmt durch den unzweideutigen Wunsch, dass das weibliche
198
Objekt die gezeigten Aktionen nachmachen sollen. Der Jüngling
sehnt ein Mädchen herbei, das sich so verschämt zu ihrer Zuneigung
zu ihm bekennt, und der Tanzlehrer möchte, dass die Dame sich in
Schritt und Haltung so benimmt wie er es vorführt. Nun ohne Ver-
gleiche und Umschweife gesprochen: der Masochist zeigt in seiner
femininen Haltung der Frau, in welcher Lage er sie sehen möchte.
Was er tut, hat also den Sinn der Vorführung, einer Art agierten
Szene. Gewiss, die Szene hat für uns Fernstehende einen Zug von
Parodie. Die Situation ist ja die, dass ein Mann das sexuelle Verhalten
einer Frau spielt. Das Wesentliche aber in der Phantasie und in der
perversen Situation ist, dass er ihr vorspielt. Der Zeuge seiner Produk-
tion ist ja eine Frau. Die Rollen sind vertauscht. Wenn die Situation
überhaupt einen verborgenen Sinn in der Beziehung zur Frau haben
soll, kann er nur in der Absicht des Vorführens oder Vorspielens
liegen, also in der Umkehrung: was du mir tust, möchte ich dir tun
oder: ich möchte dich in dieser passiven oder leidenden Position sehen.
Dieser bisher meines Wissens noch nicht erkannte Sinn der masochi-
stischen Szene und Phantasie steht in voller Übereinstimmung mit
den früher dargestellten Vorgängen der Umkehrung und der Demon-
stration. Er hat aber eine darüber hinausgehende Bedeutung. Die
Aussicht, die sich an diesem neuen Punkt eröffnet, zeigt das Panorama
der masochistischen Erscheinungen von einer anderen Seite, aber sie
ergibt dasselbe Bild. Das will heissen; sie bestätigt noch einmal, was
wir von anderen Stellen aus beobachtend erkannt haben: die maso-
chistische Phantasie und Praktik ist eine sadistische, ausgedrückt
in der Umkehrung, vorgeführt durch das Gegenteil. In der sexuellen
Richtung meine ich dies bisher ausreichend dargestellt zu haben.
Dort, wo der Masochismus nicht mehr ein ausgeprägt sexuelles Phäno-
men ist, sondern sozialen Charakter annimmt, bleibt doch diese seine
Wesensart unberührt von dem Wechsel. Man kann nicht sagen, dass,
was er zeigt, nur seine Aussenseite ist, nur Schein. Es wäre besser zu
sagen, sie ist Widerschein, reflektiert nur etwas, was in der Innenseite
in umgekehrter Richtung verläuft. Man bekommt ein ausreichendes
Verständnis für das Wesen des Masochismus nur, wenn man ein
psychologisches Verfahren anwendet, das der wiederholten Umkeh-
199
rung in den seelischen Vorgängen angemessen ist. Ich habe dieses
Verfahren anderswo mit einem Goethe entlehnten Wort als
„wiederholte Spiegelung" bezeichnet. 1 Sieht man die Phänomene
des sozialen Masochismus in solcher Art, so erkennt man auch hier
die Darstellung der Wirkung ursprünglicher Tendenzen in der
Umkehrung. Die unbeschränkte Unterwerfung drückt Rebellion
aus, das Nachgeben Starrsinn, die Unterwürfigkeit Trotz und die
Selbsterniedrigung Hochmut.
Wie aber kommt es zu dem hohnvollen oder parodistischen Cha-
rakter, den die Phantasie oder Praktik des Masochisten verborgen,
doch deutlich annimmt? Dieser Charakter fliesst aus mehreren
Quellen. Hier will ich nur auf die historische Seite hinweisen, die
sich dem analytischen Beobachter, wenn er nur lange und aufmerksam
genug beobachtet, enthüllt. Diese Seite erklärt nicht alles, doch
vieles von dem Grotesken oder Burlesken mancher masochistischer
Praktiken und Vorstellungen. Die masochistischen Szenen und
Phantasieen sind nicht nur Umkehrungen sadistischer Vorstellungen,
sondern Wiederbelebungen und Inszenierungen der Vorstellungen,
die Kinder sich vom sexuellen Tun der Erwachsenen gemacht haben.
Unbewusst greifen die Personen auf diese infantilen Sexualvor-
stellungen zurück, welche die Knaben einmal vom Ablauf der sexuel-
len Beziehungen hatten. Die groteske Vermengung von Wahrem
und Falschem, die in jenen kindlichen Sexualtheorieen erscheint,
kehrt hier in Praxis und Phantasie wieder. Der infantile Charakter,
der unbewusst festgehalten wurde, noch als man Mann wurde, verrät
sich oft in den Einzelzügen solcher Phantasieen und Akte. Die grosse
a ) Reik, Der überraschte Psychologe. Leiden, 1935. Die Bezeichnung
hat Goethe der Sphäre der Entoptik entnommen. Ueber dunkle Stellen
des Fausts schreibt der Dichter: „Da sich gar manche unserer Erscheinungen
nicht rund aussprechen und mitteilen lässt, so habe ich seit langem das Mittel
gewählt, durch einander gegenübergestellte und sich gleichsam ineinander
abspiegelnde Gebilde den geheimen Sinn dem Aufmerksamen zu offen-
baren." Dass sich die Methode dieser wechselseitigen Erhellung auf dem
Gebiet psychologischer Forschung eine weitgehende Umformung gefallen
lassen muss, versteht sich von selbst.
200
Rolle, welche die Exkremente, Urin und Stuhl darin spielen, sowie
die Abwesenheit von Scheu und Ekel, die erst spät als Dämme in der
Erziehung aufgerichtet wurden, deutet in dieselbe Richtung. Das
parodistische Element stammt so zum grossen Teil aus dem Rück-
greifen des Denkens eines Erwachsenen auf verschollene Kinder-
vorstellungen wie die, dass die Frau vom Mann grausam behandelt
wird, dass er auf sie uriniert oder defäziert u.s.w. In allen diesen Vor-
stellungen, die in der masochistischen Praxis umgekehrt erscheinen,
schwingt gewiss eine aggressive und gewalttätige Note mit, erscheint
die Frau als unterworfenes, duldendes Wesen, dem Willen des
Mannes hingegeben.
Ich will diese Auffassung nur an einem prägnanten Beispiel über-
prüfen, an das ich den Leser erinnere. Es wurde in der Darstellung des
„femininen" Masochismus in Freuds Theorie berichtet. Es ist
dies jener Patient, dessen sexuelle Befriedigung im Geschlagen-
werden bestand, wenn er in bestimmter Haltung, mit einer schwarzen
Hose bekleidet, dastand. An der früheren Stelle habe ich die seelische
Entstehung dieser besonderen Lustbedingungen aus der Umkehrung
einer Kinderszene auseinandergesetzt. Der kleine Knabe war in die
Badekabine der Mutter eingedrungen, als sie sich, den Körper mit
Schlamm bedeckt, eben vornüberneigte, um etwas vom Boden aufzu-
heben. Beim Anblick der Rückenpartie der Mutter hatte das Kind
den Impuls verspürt, ihr einen Schlag auf den ihm zugekehrten Kör-
perteil zu versetzen. Das wäre also eine sadistische Aktion, in der sich
eine frühe, sinnliche Regung Ausdruck verschafft. Er hatte sich in
einer solchen Vorstellung mit dem Vater identifiziert, der dieselbe
kleine Liebkosung der Mutter oder dem Stubenmädchen zuteil
werden liess. Wir haben hier also den Ausdruck einer entschieden
männlichen Einstellung des Knaben, die später in der masochistischen
Szene völlig ins Passive und Feminine verkehrt wird. Jetzt wird er
die Rolle der Frau spielen, sich auf denselben Körperteil schlagen
lassen. Eigentlich ist dies nicht richtig ausgedrückt. Er wird die Rolle
spielen, die seinem Wunsche und seiner Vorstellung nach die Frau
spielen sollte, er wird sie ihr vorspielen. Hier ergibt sich also die Bezie-
hung zum weiblichen Wesen, hier wird die Umkehrung klar, der
201
ursprüngliche Charakter der Vorführung als einer Einladung zum
Tanz, der Ursprung der masoch istischen Vorstellung aus der Kinder-
zeit.
Ist es die Rolle, welche die Frau für sich selbst ersehnt? Die Antwort
ist entschieden: nein, aber- so seltsam dies klingen mag — gefolgt
von einem zaghaften Ja. Das will sagen: nach den Reaktionen, die
der Knabe an den Frauen zuhause beobachtete, durfte er halb anneh-
men, dass die Frauen der derben Liebkosung nicht ganz abgeneigt
waren. Sie zeigten nämlich eine nicht ganz ernsthafte, oft von Lachen
oder Kichern begleitete Abwehr. Selbst wenn man zugesteht, dass
die Liebkosung den Frauen nicht ganz unangenehm war, muss man
zugeben, dass die Vorstellung des Knaben weit über das Ziel hinaus-
schoss. Er nahm für das Ganze, was nur eine Einleitung war. In
seiner Vorstellung war der Schlag das Wesentliche und eigentlich
Lustvolle des geheimnisvollen Sexualvorganges zwischen den Er-
wachsenen. Für den später masochistisch Gewordenen genügte der
unter bestimmten Bedingungen empfangene Schlag, um einen Orgas-
mus auszulösen. Die irrige Voraussetzung ist also, dass die Frau einen
solchen Schlag geniesst, ja dass er zur völligen Befriedigung ausreicht.
Diese Ansicht stammt aber aus der sadistischen kindlichen Auffassung
des Kindes, entspricht eher den eigenen gewalttätigen Wünschen als
denen der Frau. Die weibliche Form der sexuellen Befriedigung ist
nicht identisch mit den Sensationen des Geschlagenwerdens, wenn es
da auch einige Berührungspunkte geben mag. Die Abkunft der
masochistischen Szene aus der sadistischen Phantasie erwies sich in
der Analyse auch, als sie später durch eine krass sadistische ersetzt
wurde. Die Umkehrung wurde rückgängig gemacht. Bei seinen
Spaziergängen durch die abendlichen Strassen begleitete ihn jetzt die
Vorstellung, er sei ein Lustmörder, der auf seine weiblichen Opfer
lauere. Wenn er mit einem Mädchen spazieren ging, fühlte er manch-
mal den Impuls, eine zärtliche Bewegung in eine brutale, schädigende
zu verwandeln. Die verschwiegene und unbewusste Vorstellung des
Masochisten ist, dass die Frau eine Behandlung wie die, der er sich
unterwirft, als lustvoll empfinden würde, ja sehnlich wünscht. Das
kleine Stück Berechtigung, das am Grunde dieser Vorstellung liegt,
202
L
ist masslos und grotesk übertrieben. Die Frau will nicht bestraft,
beschimpft, gequält oder gegeisselt werden, sondern geliebt. Sie mag
ein gewisses Ausmass von Rücksichtslosigkeit am geeignetem Platz
und ein Hinwegsetzen über ihre kaum ernsthaften Widerstände als
Zeichen männlicher Energie schätzen und als Beweis des männlichen
Willens, sie zu besitzen, willkommen heissen, aber dieses Mass ist
beschränkt. Das psychologische Missverständnis des Masochisten,
wenn man es so nennen darf, ist das Geniessen von Leid und Entwürdi-
gung, das er der Frau als Sexualbefriedigung zuschreibt. Ich erinnere
hier an den Patienten, der beim Anblick mittelalterlicher Märtyrer-
bilder sexuelle Erregung fühlte und sich in seinen masochistischen
Phantasieen mit ihnen identifizierte. Er fand eine Abbildung des
heiligen Laurentius am Rost „not convincing", weil das Gesicht des
Paters einen ruhigen, sanften Ausdruck trug statt eines verzückten,
in dem sich Schmerz mit höchster Lust vereinigt. Wenn der Maso-
chismus ein Ausdruck eines weiblichen Wesens ist, wie Freud
meint, so ist er gewiss ein verzerrter und karrikierter Ausdruck. Als
solcher aber hat er den Sinn des Vorführens: das möchte ich der Frau
antun und sie würde sich dabei so benehmen. Es ist eine plastische
Wunschdarstellung in der Umkehrung. Nur angedeutet sei hier, dass
sich die Mittelphase der Entwicklung, in welcher die Person jenes
Zwei rollenspiel vorführt, in solcher Art noch im ausgeführten Maso-
chismus fortsetzt. So gross ist die Bedeutung der unbewussten Phan-
tasie für diese Triebbefriedigung, dass die Realität als solche nicht
ausreicht, wenn die Phantasie nicht mithilft. Ich möchte also be-
haupten, dass trotz allem schein — weiblichen Wesen der Masochist
in seiner Vorstellung an seinem männlichen Charakter festhält. Noch
ein Zug wie der so häufig gespielte oder dargestellte, dass der Maso-
chist ein Tier ist, das dem Willen der Herrin unterworfen ist, spricht
für diese Annahme. Oft wird ein feuriges Pferd, auf dem die Frau
reitet, vorgestellt. Goeth efreunde werden sich des Gedichtes
„Lillis Park" erinnern, in dem sich der junge Dichter mit einem
Bären vergleicht, dem die Geliebte Schläge gibt und der ihr zu Füssen
liegt. Sie hat ihn zahm gemacht, „bis auf einen gewissen Punkt ver-
steht sich". Das Gedicht endet mit der Bitte an die Götter, ihm die
203
Freiheit zu schaffen und mit den Worten: „Doch sendet ihr mir
keine Hilfe nieder,- nicht ganz umsonst reck' ich so meine Glieder:
Ich fühl 's! Ich schwör's! Noch hab' ich Kraft." Wie mir scheint,,
ergibt der in der Phantasie betonte Gegensatz der eigenen männ-
lichen Stärke und Wildheit, deren sich der Masochist bewusst bleibt,
und seiner Unterwürfigkeit und Schwäche einen besonderen Beitrag
zur seiner Lust.
Als ein anderer Ausdruck des weiblichen Wesens muss das unter-
irdische Verhältnis zum Mann, das durch die Figur der Frau auf der
Bühne verdeckt wird, bezeichnet werden. In dem früher angeführten
Fall war es ja die Vorstellung des Mannes, die beim Anblick der
Fuchsboa bewusst zu werden drohte, und die det Perversion ein Ende
machte. Solange die Vorstellung verdrängt bleibt, gehört sie zu den
Bedingungen der masoch istischen Befriedigung. Der Pelz, seit
Sacher- Masoch als Attribut der Szene bekannt, die hohen
Stiefel, die Peitsche oder Rute sind verräterisch. Sie werden der Frau
nur geborgt, gehören aber psychologisch zur Ausrüstung des sadisti-
schen Mannes, der in der perversen Szene hinter den Kulissen bliebt.
So gesehen, erscheint sie als Umarbeitung und Entstellung einer
passiv- homosexuellen Phantasie: ich werde vom Vater benützt und
geschlagen. Diese Transposition, einer Überführung von Dur in
Moll zu vergleichen, ist vom Bewusstsein ausgeschlossen. Der
Zugang ist dieser Vorstellung gestattet, wenn sie genügend entstellt,
von der eigenen Person abgelöst und ihrem Sinn nach unkenntlich
gemacht wurde. Ein Masochist findet z.B. Bilder, auf denen Schül-
erinnen eines Pensionates von ihrer Lehrerin auf den nackten Popo
geschlagen werden, äusserst erregend. Hier liegt also eine Übertragung
auf das andere Geschlecht vor, die ursprüngliche Phantasie hat sich
sozusagen um 90 Grade gedreht. Er selbst hält in seiner Perversion
an der Frau als der aktiven Person fest und würde eine Züchtigung
durch einen Mann zurückweisen.
Wie kommt überhaupt der Mann in die masochistische Szene?
Was bedeutet sein Erscheinen, wenn er auch im Dunkel der Staffage
bleibt? Die Antwort lautet: die ursprüngliche Phantasie habe zum
Inhalt: ich werde vom Vater geliebt und gestraft. Wie kommt es >
204
fragen wir, dass dann nicht die Zärtlichkeit oder Liebe des Vaters,
beziehungsweise seiner Vertreterin, in der Schlageszene erscheint,
sondern seine Strenge und Grausamkeit? Die Antwort: in der Szene
und in der Phantasie fällt die homosexuelle Erotik mit der Befriedigung
des unbewussten Schuldgefühles zusammen. Schuldgefühl wofür?
Für die inzestuösen Begierden des Kindes, die als verboten erkannt
werden, und für die feindlichen Regungen, die sich aus der Rivalität
mit dem anderen Mann, ursprünglich mit dem Vater, ergeben. Die
masochistische Szene wäre demnach die Reaktion, Bestrafung und
Sühne, für die in der Odipussituation charakteristischen Trieb-
regungen. Sie würde also in der Fassung: ich werde vom Vater geliebt
und gestraft gewissermassen noch eine Umkehrung mehr aufweisen.
Sie wäre ein später, umgebildeter Ersatz einer noch älteren Phantasie:
ich möchte die Frau besitzen und den Rivalen erschlagen. Die Ab-
folge der Umwandlungen ist eine historische, verschiedenen Schichten
entsprechende.
Diese Ableitung der femininen Haltung des Masochisten, die
demnach einer zärtlich- passiven Einstellung zum Vater entspricht,
ist die von Freud und seinen Schülern vertretene. Ihre psycholo-
gische Berechtigung ist unbestreitbar. Eine andere Frage ist die der
seelischen Wertigkeit der einzelnen Motivierungen. Mir scheint
nun, dass das Moment der verborgenen homosexuellen Einstellung
an Bedeutung hinter dem des zu befriedigenden Schuldgefühles
zurücktritt. Anders ausgedrückt: für den Masochisten ist das Ge-
straftwerden, das er durch jene Flucht nach vorne erreicht und das
ihn von der Angst befreit, wichtiger als das Geliebtwerden. Wenn
er sich unbewusst dem Mann als homosexuelles Objekt anbietet, ge-
schieht dies weniger aus Zärtlichkeit denn aus Angst. Die groteske
Vorstellung: ich will vom Vater geliebt werden wie ein Weib ist
nicht nur Ausdruck einer femininen Einstellung, sondern auch ihre
hohnvolle Abwehr. Wenn dies die Liebe zum Mann ist, so spottet
sie ihrer selbst und weiss nicht wie. Jene Abwehr, die so stark ist,
entspricht also einem Sträuben gegen die Vorstellung, vom Vater
gezüchtigt und geliebt zu werden. Das Sträuben stellt sich sogleich
ein, wenn sich die betreffende Vorstellung dem Bewusstsein annähert,
205
z.B. wenn an Stelle von Phantasiefiguren die eigene Person in den
Vorstellungen in Beziehung zu einem anderen Mann deutlich in
den Vordergrund tritt. An einer bestimmten Stelle sträubte sich der
Patient, von dessen aztekischen Opferphantasieen hier so oft die
Rede war, in der Analyse aufs äusserste dagegen, mir eine Vorstellung
zu sagen, die ihm eben eingefallen war. Auf mein Drängen sagte er,
er würde vorziehen, sich von mir foltern oder töten zu lassen, ehe er
mir verriet, was seine Phantasie jetzt gewesen sei. Er musste sogleich
zugestehen, dass er eben damit den Inhalt des Gedachten preisgegeben
hatte. Er hatte den Diwan, auf dem er während der Analyse lag, in
seiner Vorstellung mit dem Opferaltar verglichen, sich als Gefangenen
darauf als Opfer gesehen und mich mit dem alten, glatzköpfigen
aztekischen Hohepriester, der die Exekution durchführt, verglichen.
An der Existenz und Wirksamkeit der passiv- homosexuellen Vor-
stellung im Masochismus kann kein Zweifel sein, wohl aber an ihrer
vorherrschenden Bedeutung. Sie erscheint nicht immer und sie er-
scheint nicht immer gleich wichtig. Der eben angeführte Patient,
dessen reiches Phantasielcbcn zu bewundern ich lange Zeit Gelegen-
heit hatte, produzierte auch folgendes Bild: junge, kräftige Männer
werden auf dem Marktplatz öffentlich versteigert, um an ältere Damen
verkauft zu werden, die von ihnen sexuell bedient werden sollen. Die
liebebedürftigen Damen bezahlen dem Staate für Überlassung der
Sklaven grössere Summen, von denen ein kleiner Teil den Männern
selbst zugutekommt. Dies die Voraussetzungen der Phantasie. Sie
selbst setzt ein, wenn sich im Hause der Käuferin die Ware als nicht
willig erweist. Wenn sich bei den jungen Männern im Sexualverkehr
keine genügende Erektion einstellt, werden sie solange von der Frau
gepeitscht, bis das Resultat ihren Wünschen entspricht. Die Umdre-
hungen und Entstellungen des zugrundeliegenden Gedankens sind
in einem solchen Beispiel wohl leicht zu erkennen, die älteren Damen
als Mutterersatz- Figuren, das Kommando zum Sexualverkehr als
Verkehrung des Verbotes gut zu verstehen. Auch dass die phantasierte
Strafe ursprünglich der Erektion, nicht ihrem Ausbleiben galt, wird
sich rasch erfassen lassen. Nun ist es gewiss im Hintergrunde die
Vätergeneration, welche auf die Inzestantriebc mit Strafandrohung
206
,.
reagiert. Soweit stimmen wir also mit der üblichen Auffassung überein.
In diesem und ähnlichen Beispielen mag sich die homosexuell —
feminine Einstellung zu den Vätern hinter der Fassade verstecken,
sie fällt aber gewiss nicht stark in die Wagschale. Damit sind wir
wieder zur Frage der seelischen Wertigkeit dieses Faktors zurück-
gekehrt. Wesentlicher als die Erotik gegenüber dem Mann ist die von
ihm drohende Strafe. Das aber will sagen, dass sich in das der Frau
geltende Verlangen die angstvolle Vorstellung des Vaters oder seines
Stellvertreters einmengt, sie stört und schliesslich durch jene merk-
würdige Mischfigur der Frau mit den männlichen Attributen teils
zugelassen, teils abgewiesen wird. Damit aber tritt sie, obwohl un-
sichtbar, in den Rahmen der masochistischen Szene, wird zum Be-
standteil des Vexierbildes, das so auch die Frage verbirgt: wo ist der
Mann? Wichtiger als die Bedeutung des Vaters, von dem man geliebt
werden will, ist die des Vaters, von dem man gestraft werden will.
Gestraft für den verbotenen Wunsch und vorwegnehmend für die
Durchführung des verbotenen Wunsches, die eben durch die Bestra-
fung seelisch möglich wurde. Dahin nämlich geht die Sorge des
Masochisten: er will die Strafe „hinter sich" haben, wie es ein Per-
verser, der sein Vergnügen im Geschlagenwerden auf jenen Körper-
teil fand, in einem komischen Wortspiel ausdrückte. Die Strafe will
vollzogen sein, um zur verbotenen Lust zu kommen. Damit aber habe
ich auch schon der Befriedigung des unbewussten Schuldgefühles
einen sekundären oder vielmehr historisch jüngeren Platz angewiesen.
Nicht darauf kommt es an, dass Strafe sei, sondern dass das Lustspiel
erreicht werde. Die Strafe ist die Strasse, die allein dorthin führt.
In der Verwirrung, die sich in der so verwickelten, durch Ver-
schiebungen und Umdrehungen schwer erkennbaren Situation un-
serer bemächtigen will, gibt es einen Lichtschimmer, der unserem
Fahrzeug wie von einem fernen Leuchtturm kommend den Weg
weist. Es ist dies der wesentliche Inhalt der masochistischen Phantasie
und Szene: eine Frau schlägt oder beschämt einen Mann. Von hier
aus könnte man etwa zur Übersetzung des unbewussten Gedankens
kommen : wenn ich schon geschlagen, gezüchtigt, gedemütigt werden
woll, dann wenigstens von einer Frau. Die Vorstellung der Strafe
207
wird zugelassen, ja sogar willkommen geheissen unter der Bedingung,
dass nicht der Mann sie durchführt, sondern die Frau. Er bleibt
zumindestens von der Bewusstseinsfläche ausgeschlossen. Wo er
erscheint, weicht die sexuelle Erregung. Der oft angeführte Patient
hatte einen Phantasiezyklus, in dem schöne Jungfrauen einen gefes-
selten Gefangenen so lange am Genitale streicheln, bis eine Ejaku-
lation des Widerstrebenden erfolgt. Diese Befriedigung wider Willen
wurde in der Onaniephantasie, die „synchronisiert" war, erreicht.
Einmal tauchte nun mitten in der Phantasie die Vorstellung auf:
wenn die streichelnde Hand die eines Mannes wäre. Der Gedanke
erwies sich so störend, dass jede Erregung verschwand. Die Beziehung
zur Frau wird also festgehalten, das alte Objekt bleibt erhalten. Im
Hintergrund erscheint sogar das alte Wunschziel, wie wir gesehen
haben, in der Darstellung der Umkehrung. Freilich, die schlagende
Frau vertritt den Vater, hat die Exekutive in seiner Vertretung
übernommen, aber sie bleibt doch der Gegenstand der Wünsche, um
deretwillen so viel Leiden und Entwürdigung ertragen wird, gern
und sogar mit Genuss ertragen wird. Es kommt ja nicht auf das
Leiden an, sondern auf das, was ihm folgt: auf die sexuelle Befriedi-
gung. Die Strafe bringt schliesslich nicht nur die vorweggenommene
Reaktion auf ein verbotenes Tun, sondern sie bringt auch die Lust
wieder.
Nachdem man alles dies überlegt, geprüft und gegeneinander
abgewogen hat, bleibt doch ein Zweifel bestehen. Im Interesse grösserer
Vereinfachung und Verständlichmachung und einer gefälligen und
gar eleganten Darstellung zuliebe könnte man ihn freilich ver-
schweigen. Gegen die Versuchung einer solchen intellektuellen Unter-
schlagung sträubt sich indessen die gedankliche Redlichkeit, die dem
analytischen Forscher Ruhm und Pflicht zugleich ist. Der Zweifel
hat folgenden Inhalt: ob die historisch älteste Schicht des Masochismus
als Phantasie und Aktion nicht doch auf die Beziehung Mutter. - —
Kind als geschichtliche Realität zurückgreift? Das würde also einem
Alter entsprechen, das die ödipussituation noch nicht erreicht hat
und in dem die Erziehung noch andere Aufgaben als die Bewältigung
inzestuöser Triebregungen hatte. Damals, in der Frühkinderzeit,
208
war die Mutter wirklich unbeschränkte Herrscherin, die dem Kind
Reinlichkeit, Pünktlichkeit und Gehorsam beizubringen hatte und
es sicher manchmal bedrohte. Der Masochismus würde so zuletzt
noch ein spätes Denkmal von Schwierigkeiten der Anpassung an
eine dem Kind unerfreuliche Realität darstellen. Die Aufeinander-
folge von Nachgeben und Trotz, Strafe und Triebbefriedigung wäre
dann ein Nachhall längst vergangener Schwierigkeiten der Erziehung
durch die Mutter. Sie muss damals gewiss gelegentlich als das Objekt,
von dem Strafe drohte, gefürchtet worden sein. Vielleicht ist hier
der Platz für die lange Reihe von grausamen mythischen Frauen-
gestalten, der Salome, Brünnhilde, Turandot, die den Mann zu töten
oder köpfen drohten, Vertreterinnen der Mutter, wie sie die masochi-
stische Phantasie sieht. Die individuelle Entwicklung könnte hier zu
einem Spiegelbild der Völker- Urgeschichte werden: die Disziplin
und Strenge des Vaters, die den Hintergrund der masochistischen
Szene beherrschen, ist nur eine Fortsetzung der pädagogischen
Gewalt der Mutter so wie die Herrschaft der Vätergeneration das
ursprünglichere Matriarchat abgelöst hat. Die Sphinx, in deren Gestalt
wir den plastischen Niederschlag historischer Schichten erkannt
haben, wäre demnach wirklich ursprünglich eine Frauenfigur, die
erst später männliche Teile erhalten hätte. Sollte Heine Recht
behalten mit den Versen: „Die Gestalt der wahren Sphinx weicht
nicht ab von der des Weibes. Faselei ist jener Zusatz des betazten
Löwenleibes"? Dass die masochistische Szene eine späte Bildung ist,
die vielfache Entstellungen ihres ursprünglichen Inhaltes erfahren
hat, würde einer solchen Hypothese nicht durchaus widersprechen,
denn die späteren Gestaltungen können auf alte Vorbilder zurück-
greifen. Um einen Vergleich zu gebrauchen: die überragende Stel-
lung, welche die Frau im amerikanischen kulturellen und sozialen
Leben innehat, ist gewiss auch auf historische Voraussetzungen
zurückzuführen. Sie ist z.B. durch die Nachwirkung der Zeit des
Pioniertums, in dem die energische Frau so oft Arbeits- und Pflichten-
kreis des Mannes zu versorgen hatte, bedingt. Das schliesst nicht aus,
dass sie zugleich ein Stück Wiederkehr des gesellschaftlichen Zu-
standes der Urorganisation sein kann.
O 209
Wenn die obige Hypothese richtig wäre, würde im Masochisten
gewiss auch eine gewisse Feindlichkeit und ein Stück Trotz gegen
die Frau zu einem verhüllten Ausdruck kommen, als Überbleibsel
und Echo ähnlicher Gefühle des Kindes gegenüber der Frau, die
eine so überragende Rolle in seinen ersten Lebensjahren gespielt hat.
Auch jenseits der Frage der Berechtigung jener Hypothese erkennen
wir in den Zügen der masochistischen Vorstellungen und Akte
gelegentlich Andeutungen von Resentiment oder Hohn, die der Frau
gelten. Der entscheidende Eindruck bleibt doch, dass der geheime
Trotz, die unbewusste Sabotage gegen den Mann, die verbietende
Autorität gerichtet ist. Dieser Eindruck wird gerade in den Fällen,
in denen aggressive und verhöhnende Impulse gegen die Frau deutlich
werden, bestätigt durch die verschiedene Art, wie sie sich ihr und
dem Mann gegenüber äussern. Es ist, wie wenn jemand der einen
Person mit einem Zeigefinger und einer anderen mit der Faust
drohte.
Der Masochismus der Frau
Der Ausdruck femininer Masochismus wurde im vorangehenden
Abschnitt vermieden und an seiner Stelle vom Masochismus des
Mannes gesprochen. Der feminine Zug ist freilich einer der Charak-
tere des männlichen Masochismus, aber eben nur einer. Wir haben
andere und wesentlichere kennen gelernt. Freud selbst hat die
Bezeichnung femininer Masochismus, wie er sagt, „a potiori" ge-
wählt. Die Bezeichnun wäre untadelig, wenn man auch bei der Frau
einen femininen und einen maskulinen Masochismus unterscheiden
könnte. Femininer Masochismus der Frau? Das klingt wie ein Pleo-
nasmus. Es wäre im Vergleich gesprochen, wie wenn man sagte, der
Neger habe eine dunkle Hautfarbe. Der Neger ist ja gerade durch
diese Hautfarbe als solcher gekennzeichnet; ein weisser Neger ist
eben keiner. Der Vergleich stimmt doch nicht. Man kann sich einen
weissen Neger freilich nur als Naturspiel vorstellen. (Die Anthro-
pologie kennt indessen eine solche Gruppe.) Wir sprechen aber doch
auch vom maskulinen Charakter vieler Frauen. Die Schwierigkeit
210
ist, wie man sieht, nur eine sprachliche, keine in der Sache begründete.
Der seelische Geschlechtsunterschied fällt ja mit dem anatomischen
nicht zusammen. Die Tatsache der Bisexualität beider Geschlechter,
die jetzt allgemein von Biologie und Psychologie anerkannt wird,
hat uns die Erklärung für so viele, früher missverstandene Erschei-
nungen geliefert. Ich meine, es wäre doch besser, die Bezeichnung
femininer Masochismus zu vermeiden. Will man sie gebrauchen, so
wird man sie für die perverse Einstellung des Mannes reservieren und
sie vom Masochismus der Frau unterscheiden.
Etwas an jenem „sprachlichen" Bedenken erscheint doch berech-
tigt. Etwas in uns sträubt sich dagegen, sich einen maskulinen Maso-
chismus als Gegensatz des femininen vorzustellen. Das Eigen-
schaftswort passt nicht zum Wesen der Erscheinung, welche durch
das Hauptwort bezeichnet wird. Der Masochismus scheint sich als
Triebabweichung und Charakter mit der Idee des Männlichen schlecht
zu vertragen und lässt sich eher mit der Idee der Frau vereinigen.
Wir meinen hier dasselbe, was Freud in der Bemerkung aus-
drückte, der Masochismus unterhalte eine intime Beziehung zur
Weiblichkeit. Gewiss gibt es verschiedene Arten solcher intimer
Beziehungen, sogar einseitige. Es wäre so möglich, dass der Maso-
chismus etwas Weibliches in seinem Wesen hat, aber das Weib nichts
vom Wesen des Masochismus. In Freuds vorsichtiger, aber auch
lakonischer Bemerkung deutet nichts darauf hin, dass die Frau als
solche masochistisch fühle. Seine Aussage hat nun eine merkwürdige
Folge gehabt: einige Analytiker und noch mehr Analytikerinnen
haben es so dargestellt, als sei der Masochismus ein der weiblichen
Sexualität und dem weiblichen Seelenleben immanenter Zug. Der
Kirchenvater T e r t u 1 1 i a n hat es um die Wende des ersten Jahr-
hunderts zur Verteidigung der Glaubenswahrheiten als Erster ver-
kündet, dass die menschliche Seele eine natürliche Neigung zum
Christentum habe. In ähnlicher Art wird in manchen analytischen
Arbeiten der Frau eine „anima naturaliter masochistica" zugeschrie-
ben. Ich fürchte, diese Ansicht ist nicht viel begründeter als die des
grossen, karthagischen Glaubensstreiters. Sie wird z.B. von S. Rado
auch mit einer Logik, deren Charakter zwischen Scharfsinnigem und
21 i
Spitzfindigem schwankt, vorgetragen. Liest man die Ausführungen
dieses Autors, wird man an das Urteil von Vinzenz von Leri-
n u m über die dogmatischen Schriften Tertullians erinnert:
soviel Siege als Sätze. Dieser Gabe raschen und sicheren Auffassungs-
vermögensgegenüber fällt es kaum ins Gewicht, dass der Griff meistens
das Falsche erfasst. Auch in den Aufsätzen vieler weiblicher Analy-
tiker scheint die Ansicht vorzuherrschen, dass die Rolle, welche die
Natur der Frau zugeteilt hat, sie zum Masochismus dränge. Fast
erhält man den Eindruck, als wäre eine Frau, die nicht ein grosses
Stück Masochismus in sich trägt, pervers und habe Anlass, als un-
weiblich zu erscheinen. In der Diskussion sieht es so aus, als sei der
Masochismus gewissermassen ein Prärogative der Frau, eher ein
Privileg als eine Triebabweichung, Das feinere Ohr hört in diesem
Anspruch etwas wie eine Herausforderung. Es klingt minder feminin
als feministisch.
Kollege Nacht hat gegen diese Auffassung manche treffende
Argumente vorgebracht. Daneben freilich auch einige schwache z.B. :
wenn die Frau von Natur aus masochistisch ist, dann ist sie es eben
nicht. Das will heissen: dann ist es eben keine pathologische Reaktion
mehr, sondern eine allgemeine natürliche Erscheinung, ein sekun-
därer Geschlechtscharakter. Dieses Argument wäre stichhältig, wenn
man im Masochismus nur ein pathologisches Phänomen sieht. Das
aber ist die alte und zu beengte Auffassung. Der Masochismus ist
eine Triebneigung, deren Möglichkeit und Wirklichkeit allen Men-
schen gemeinsam ist und wird erst dann pathologisch, wenn er
gewisse Grenzen überschreitet und einen, die anderen Triebrich-
tungen abschliessenden Charakter erhält. In dem Streit über die
Natur des weiblichen Masochismus bin ich geneigt und mutig genug,
beiden Parteien ein Stück Recht und ein Stück Unrecht zuzschreiben.
Die Beziehung des Masochismus zur Weiblichkeit, von der Freud
sprach, ist nicht abweisbar. Die Frage ist nur, von welcher Art diese
Beziehung ist. Das Problem ist mit den Fingerspitzen anzufassen,
mit den Fingerspitzen eines Psychologen, nicht eines Psychiaters
oder Sexuologen. Nacht findet, dass sich der Charakter der maso-
chistischen Frau „cliniquement" nicht von dem des masochistischen
212
i.
Mannes unterscheidet. Das wäre möglich, wenngleich es nicht sehr
wahrscheinlich ist. Was für das Auge des Klinikers ununterscheidbar
ist, kann für das des Psychologen noch immer Differenzen aufweisen.
Das Mikroskop des Laboratoriums leistet viel. Es ist unbillig zu
erwarten, dass es alles leisten soll. Nacht überschreitet sozusagen
die Grenzen intellektueller Notwehr, indem er den Masochismus
nur als sexuelle Perversion gelten lassen will. Auch sieht er nicht —
oder will er nicht sehen-, dass zumindestens in unseren Kulturbreiten
Tradition und Erziehung einen vaguen und milden Masochismus bei
der Frau begünstigt. Es muss unentschieden bleiben, wie weit psycho-
logische und soziologische Tendenzen hier einspielen. Immerhin
gibt es zu denken, dass die gesellschaftliche Entwicklung in den
Vereinigten Staaten eher einen milden- und nicht einmal immer
milden- seelischen Sadismus der Frau zu begünstigen scheint.
Auf der anderen Seite ist anzuerkennen, dass die biologischen
Bedingtheiten des weiblichen Lebens (Menstruation, Defloration,
Geburt) der Ausbildung einer masochistischen Einstellung Vorschub
leisten könnten. Diese Faktoren machen ihn leicht möglich, sie machen
ihn aber nicht notwendig. Die Frau kann die passiven und schmerz-
haften Gelegenheiten ihres Lebens geduldig ertragen. Sie braucht
sie nicht zu gemessen. Der Masochismus ist mit dem Genuss der
passiven Situation gegeben. Die Passivität im Sexuellen ergibt eine
Bedingung des Masochismus. Sie macht nicht sein Ganzes aus. Der
typische Masochist sucht die Unlust, die Beschämung oder Ent-
würdigung auf. Die Frau wird sich mit diesen peinlichen Situationen
gewöhnlich auseinandersetzen, wenn sie da sind, ihnen eventuell
sogar eine angenehme Seite abzugewinnen suchen. Das bedeutet
noch nicht, dass sie masochistisch fühlt; sie strebt die Unlust im
Allgemeinen nicht an. Es ist ausserordentlich wichtig, dass der Maso-
chismus als Perversion bei den Frauen eine Seltenheit ist, während er
als die häufigste Triebabweichung des Mannes anzusprechen ist.
In dieser Beziehung hat Nacht Recht, wenn er versichert, die
Frau sei weniger masochistisch als der Mann. Fraglich bleibt nur,
ob das Auftreten der manifesten Perversion der alleinige Massstab
für die Entscheidung sein soll.
213
Kollege Nacht lehnt es ab, etwas bei der Frau als normal zu
bezeichnen, was beim Mann als pervers betrachtet wird. Seine scharf-
sinnige Zurückweisung einer natürlichen oder biologischen Zunei-
gung der Frau zum Masochismus ist berechtigt, aber er setzt sich
ins Unrecht, weil er die Soziologie nicht berücksichtigt. Ein Kuss
unter Frauen ist wie einer unter Männern eine Liebesäusserung,
aber niemand wird in einem solchen Kuss den Beweis für eine vor-
herrschende homosexuelle Neigung bei der betreffenden Frau sehen.
Er ist dieselbe Handlung wie beim Mann aber, sie bedeutet nicht
dasselbe für die Frau. Wenn zwei das Gleiche tun, muss es psycholo-
gisch nicht den gleichen Sinn haben. Etwas, was beim Mann gewöhn-
lich schon als masochistisch gewertet wird, wird von der Gesellschaft
bei der Frau keineswegs so angesehen, obwohl es derselben Kategorie
angehört. Die Verschiedenheit der Wertung von Triebäusserungen
feinerer Art macht uns darauf aufmerksam, dass die Bezeichnungen
normal und pervers nur für die gröbsten und augenfälligsten Äus-
serungen des Trieblebens Geltung haben, um übrigen aber konven-
tioneller Art sind. Es ist mir ein Beispiel aus einem streng puritanischen
Milieu bekannt, in dem die Lust eines jungen Mädchen, einen Tanz-
abend zu besuchen, in allem Ernst als pervers betrachtet wurde.
Fasst man Masochismus als eine grobe Triebperversion auf, so ist
die Frage, ob die Frau mehr oder minder masochistisch ist als der
Mann, rasch entschieden. In diesem Sinn ist die Frau gewiss weniger
masochistisch. Die Frage bekommt einen veränderten Aspekt, wenn
man vom Masochismus als Triebneigung ausgeht. Dann ist sie
schwieriger zu beantworten.
Es ist nicht zweifelhaft, dass die biologischen Umstände eine Neiguno
der Frau zum Masochismus begünstigen könnten. Sie müssen aber
nicht zu diesem Resultat führen. Sie könnten aber dazu beitragen,
dass die Frau bestimmte seelische Situationen, die eintreten, masochi-
stisch verwertet. Das würde aber noch immer von einem Aufsuchen
dieser Situationen, die als schmerzliche genossen werden, verschieden
sein. Man könnte also sagen, sie setzt dem masochistischen Gefühlston
als Begleiterscheinung der Rolle, welche die Biologie ihr zugeteilt
hat, einen geringeren inneren Widerstand entgegen. Man muss ferner
214
1
berücksichtigen, dass die Erziehung des Mädchens eine Art masochi-
stischer Einstellung nach zwei Richtungen hin begünstigt, während
die des Knaben ihr entgegenwirkt. Das Mädchen soll lernen, die
passive Rolle zu übernehmen und Schmerzen und Unbillen geduldig
zu ertragen und es wird mehr dazu angehalten, aggressive und gewalt-
tätige Impulse zu unterdrücken. Die Erziehung des Mädchens wird
im Sinne einer Jahrtausende alten Frauentradition bestimmt. Es ist
denkbar, dass noch jenes Urteil vieler Analytikerinnen, der Maso-
chismus sei ein natürlicher Ausdruck weiblichen Fühlens, unter dem
Schatten dieser fortwirkenden Tradition steht. Der weibliche
Masochismus wäre demnach viel mehr ein Erziehungsprodukt als
der des Mannes. Die äusseren und inneren Umgestaltungen der
Pubertät, die Vorbereitung zur Passivität und zu anderen Bedingt-
heiten der weiblichen Rolle müssen hier als seelische Faktoren
gewürdigt werden. Die masoch istische Neigung eines Mädchens lässt
sich leichter in das Leben der Frau einbauen als die eines Jungen in
sein späteres Verhalten. In dem Gewebe ihrer sozialen Haltung wird
eine solche leise Neigung kaum auffällig sein, in dem des Mannes
einen groben Webfehler darstellen.
Gibt es Unterschiede zwischen der masoch istischen Einstellung
des Mannes und der Frau? Wir haben gehört, dass die Klinik des
Masochismus keine feststellen konnte. Das will freilich nicht be-
deuten, dass keine vorhanden sind. Im Vergleich mit dem männ-
lichen zeigt der Masochismus der Frau einen etwas verdünnten,
fast möchte man sagen, anämischen Charakter. Es ist darin eher
etwas vom Überschreiten einer bürgerlichen Grenzlinie, die doch
im Bewusstsein erhalten bleibt, als von einem Einfall in feindliches
Gebiet. Noch die weibliche, masochistische Phantasie hat selten die
Note der wilden Lust, die Nähe der Raserei wie die des Mannes.
Noch die Orgie in der Phantasie steigt nicht in so steiler Kurve an.
Es ist darin nichts von der Wildheit des gefesselten Prometheus, eher
von der Unterwerfung Ganymeds. Man verspürt nichts von dem
Antizyklonenhaften, das dem männlichen Masochismus so oft eigen
ist, der blinden, ungedämmten Lust an der Selbstzerstörung. Die
masochistische Phantasie hat eher den Charakter des Nachgebens
215
und des Sichhingebens als den des Hinstürzens, der orgiastischen
Steigerung, der Selbstaufgabe. Wie mir scheint lässt sich diese Ver-
schiedenheit von zwei Voraussetzungen ableiten: von dem Unter-
schied der Libidoverteilung bei Mann und Weib und von der Differenz,
der sadistischen Triebstärke bei beiden Geschlechtern. Die Libido,
die sexuelle Begierde, ist männlicher Natur, auch in ihrem Auftreten
bei der Frau. Sie ist bei beiden Geschlechtern gewöhnlich verschieden
verteilt. Wie die Sexualität das ganze Leben der Frau durchtränkt
und bestimmt, obwohl sie nicht den aktiven und tumultuösen Charak-
ter des Mannes hat, so hat auch der Masochismus der Frau eine von
dem des Mannes verschiedene Art. Er spielt vermutlich dem Raum
nach eine grössere Rolle, bleibt aber unbestimmter und vaguer als
der des Mannes. Er ist vielleicht im Seelenleben des Weibes mehr
verbreitet, aber dadurch auch minder intensiv geworden. Der diffuse
Charakter weiblicher Erotik ist auch für die masoch istische Trieb-
neigung bestimmend.
Unsere Ableitung des Masochismus hat gezeigt, dass er sich aus
der sadistischen Phantasie entwickelt hat. Wo es keinen ausgeprägten
und starken Sadismus gibt, dort kann sich keine masochistische Trieb-
neigung entwickeln. Ich habe früher darauf hingewiesen, dass die
Erziehung des Mädchens sadistische Antriebe früher und energischer
unterdrückt als die Erziehung beim Knaben. Wir würden hier also
auf ein den Masochismus begünstigendes Moment stossen. Wie
kommt es aber, dass dem weiblichen Masochismus die Wildheit und
Entschiedenheit, die Aggression und Stosskraft des männlichen abgeht?
Ich glaube, dass die anatomische Situation die Ausbildung eines
starken Sadismus bei der Frau gar nicht zulässt. Die Voraussetzung;
des Penis als des Trägers der Aggression fehlt. Es soll natürlich nicht
geleugnet werden, dass in der Frau genügend sadistische Impulse
wirken, wohl aber, dass sie normalerweise nicht die Intensität und den
Dauercharakter der männlichen erreichen. Aus dem Gesagten scheint
sich zu ergeben, dass körperliche Bedingtheiten für die Verschiedenheit
des Masochismus bei beiden Geschlechtern mitbestimmend sind.
Wenn der Sadismus als ein Triebausdruck der Aggression bei der
Frau gewöhnlich nicht jenen Stärke grad wie beim Mann erreicht
216
•L
wird sich auch die Reaktion auf ihn bei ihr verschieden aus-
prägen.
Eine weitere geschlechtliche Differenzierung scheint mir zu sein
dass der weibliche Masochismus in seiner Fortentwicklung sich von
seinem Mutterboden meistens nicht so weit entfernt als der männliche.
Er bleibt noch in seiner diffusen Beschaffenheit der Sexualität inniger
verbunden als der des Mannes. Selten werden sich Frauen in ihrem
Masochismus so genusswütig, aber selten auch so fanatisch, wider-
sinnig und sich nutzlos aufopfernd zeigen wie die Männer. Wenn wir
früher den Masochismus als ein Ad absurdum — Führen des Realitäts-
prinzipes durch Übertreibung erkannt haben, müssen wir zuge-
stehen, dass den Frauen ein solcher revolutionärer Drang — Ge-
walttat in der Umkehrung — fremder ist als dem Mann, der unter
seiner Herrschaft oft verbohrt, verschroben, eigensinnig und krakeh-
lerhaft wird. Der weibliche Masochismus geht also in seiner sexuellen
und sozialen Gestaltung selten so weit wie der des Mannes. Die Frauen
beweisen noch hier den praktischen Realismus, über den wir uns bei
ihnen so oft wundern und den wir manchmal bewundern. Noch in
den Formen des sozialen Masochismus wird die Frau dem erotischen
Leben inniger verbunden bleiben als der Mann. Ihre Aufopferungs-
fähigkeit wird seltener abstrakten und idealen, ichfremden Zielset-
zungen gelten als bei ihm. Es gibt weit weniger weibliche Märtyrer
in der Geschichte der Religionen als männliche. Auch hier zeigt
sich der geringere Anteil von oppositionellem Eigensinn und Trotz
in dem Charakter des weiblichen Masochismus. Die Loslösung von
der Realität wird kaum je mit derselben Konsequenz durchgeführt
und ins Wild- Phantastische getrieben, der Gegenstand zwischen
Luststreben und Verbot hat kaum je die Schärfe des Gegensatzes
angenommen wie beim Manne. Die Frau, die selten eine so erbitterte,
eigentlich unversöhnliche Gegensätzlichkeit zu ihrer Umbgeung in
sich birgt, wird auch den Hohn und Trotz in ihren Phantasieen
nicht so weit entwickeln wie der männliche Masochist. Das Sich-
Aufbäumen, das Beethove tische der männlichen masochisti-
schen Phantasie fehlt, der prometheische Trotz weicht einer milderen,
gesänftigteren Leidenssehnsucht. Die männliche Leidenssucht hat
217
in ihren ausgeprägten Formen etwas Titanisches, die der Frau eher
etwas Dulderhaftes. Es fehlt ihr das verborgene Aufbegehren gegen
die irdischen und himmlischen Mächte.
Wir glauben, dass auch das Schuldgefühl, dass der Aggression
entstammt, und das ihm entsprechende unbewusste Strafbedürfnis
bei der Frau gewöhnlich nicht jene Stärke erreicht wie beim Manne.
Die Verschiedenheiten in der Ausbildung des Über- Ichs, des Vertre-
ters moralischer Forderung, bei Frau und Mann, wie sie H. S a c h s
treffend geschildert hat, werden hier entscheidend. Die Flucht nach
vorwärts, jener Ausweg aus dem Konflikt zwischen Lust und Angst,
der den Masochismus bestimmt, ist auch bei der Frau nachweisbar.
Sie hat aber bei ihr nicht die Art einer Panik wie beim Manne, ist
eher ein Vorwärtsneigen als ein Vorwärtsstürzen. Es lässt sich nicht
leugnen, dass der Masochismus in der Form des Geniessens der
Passivität, der Unterwerfung und des Duldens sich mit der Sexualität
des normalen Weibes besser verträgt als mit der des Mannes. Etwas
in dem Nachgeben und Hingeben, in dem phantasiemässigen Genies-
sen der Kraft und Macht des Anderen, gepaart mit der eigenen
Passivität, ist dem masochistischen Fühlen nahe verwandt, wenn es
nicht ein Stück davon ist. Es macht aber gewiss nicht das Ganze des
Masochismus aus. Abweichend von den bisherigen psychologischen
Beobachtern haben wir gefunden, dass der weibliche Masochismus
sich sowohl nach Stärke als nach seiner Verteilung und seinem
Charakter von dem des Mannes unterscheidet. Die Gemeinsam-
keiten sind so auffallend, dass die Differenzen sich bisher der Aufmerk-
samkeit entzogen haben. Sie sind aber vorhanden. Auch der Ausdruck
der Aggression gegen das Ich kann verschieden sein, wenn auch das
Resultat dasselbe bleibt. Ist es nicht bemerkenswert und psychologisch
wichtig, dass Frauen im Selbstmord Gift und Ertrinken anderen
Arten vorziehen, während Männer eher den Revolver und den Strick
wählen? Auch vom Standpunkt der Freu dschen Hypothese wäre
es verständlich, wenn sich der Gegensatz zwischen Todestrieb und
Eros bei der Frau anders ausprägt als beim Mann und ihre Vermen-
gung gewissermassen ein anderes Mischungsverhältnis aufweist.
Sie, die dem Todestrieb ein neues Leben streitig machen soll, zeigt
218
en
sich auch im Masochismus seiner grausamen Zerstörungslust nicht
so sehr ausgesetzt wie ihr Gefährte.
Es gibt ausser den angeführten gewiss noch andere Verschieden-
heiten in der Ausbildung masochistischer Triebneigung bei Mann
und Frau. Es wurde ihnen bisher noch nicht genügend Aufmerk-
samkeit zugewendet, weil sie besonders in den Phantasieen der beiden
Geschlechter hervortreten. Man kommt ihrem Verständnis näher,
wenn man eine weibliche Phantasie der entsprechenden männliche
gegenüberstellt. Ich gebe hier ein Beispiel einer solchen weiblichen
Phantasie: ein orientalischer Feldherr hat die Heimatstadt der Tag-
träumerin erobert. Er sitzt nun mit seinem Vezier in seinem präch-
tigen Zelt und spielt Schach. Während des Spieles werden ihm die
schönsten Frauen der Stadt in langem Zuge nackt vorgeführt. Jedes
Mal, wenn eine Frau nackt vor ihn gebracht wird, blickt er für einen
Augenblick vom Brett auf und nickt wortlos, wenn er wünscht, dass
diese oder jene für ihn reserviert werden soll. Schon in der nächsten
Sekunde wendet er seine Aufmerksamkeit wieder dem Spiel zu, indem
er eine Figur schiebt oder den Gegenzug des Veziers überlegt. Es
ist gewiss unnötig zu sagen, dass die Tagträumerin unter den Schönen,
die an dem Sultan vorbeiwandern und für einen Augenblick geprüft
werden, erscheint. Die Phantasie ist sexuell erregend. Ihre masochi-
stische Qualität ist nicht zweifelhaft: die Frauen erscheinen nackt
auf Befehl vor dem Sultan und er würdigt sie kaum eines Anblickes.
Das Schachspiel findet er wichtiger als die Schönheit der Frauen, die
seiner Lust zur Verfügung stehen. Seine Haltung ist noch kränkender
als die N a p o 1 e o n s, der sich Wiener Mädchen in das Schlafzimmer
des Schönbrunner Schlosses bringen liess, seine Staatsgeschäfte für
eine Minute unterbrach, zu der wartenden Frau ins Zimmer trat und
ihr zurief: „Deshabillez vous", um zu seinen wichtigen Akten zurück-
zukehren. Das Benehmen des Sultans in der Phantasie wirkt wie eine
Vergröberung der Haltung des korsischen Feldherrn. In der Bildung
der Phantasie wurden Elemente aus der Geschichte des Heimatslandes
der Tagträumerin, das mehr als einmal von türkischen Armeen über-
flutet worden war, ebenso verwendet wie die individuelle Erinnerung
an die leidenschaftliche Liebe ihres Vaters für das Schachspiel. Wir
219
machen den Versuch, uns dieselbe Phantasie mutatis mutandis als
von einem Manne stammend vorzustellen, also etwa: eine Amazonen-
königin hat eine Stadt erobert und lässt sich die kräftigsten jungen
Männer in ihrem Zelt vorführen u.s.w. Wir verändern keinen wesent-
lichen Zug, lassen nur das Geschlecht des Tagträumers wechseln.
Der masochistische Charakter dieser Vorstellung bleibt unverändert.
Sie wird auch beim masochistischen Mann Lust erregen. Ich brauche
nur an die früher erwähnte Phantasie zu erinnern, dass junge Sklaven
auf offenem Markte an ältere, sexuell bedürftige Damen verkauft
werden, um die Wahrscheinlichkeit ähnlicher masochistischer Vor-
stellungen beim Manne zu erweisen. Doch bleiben wir bei derselben
Phantasie. Lassen sich Unterschiede in den Lustquellen angesichts
dieser Phantasie bei Mann und Frau nachweisen? Sicher ist, dass
beide aus den gleichen Vorstellungen z.B. der erzwungenen Vor-
führung, der eigenen Passivität, der verächtlichen Behandlung eine
bestimmte Lust ableiten. Und doch gibt es eine verschiedene Lust-
qualität. Das wird sogleich ersichtlich, wenn man Einzelzüge sozu-
sagen mit den Augen des männlichen und des weiblichen Tagträumers
betrachtet. Die erzwungene Nacktheit der Männer, die vor der
Amazonenkönigin zu erscheinen haben, und die der Frauen vor
dem Sultan hat eine verschiedene seelische Bedeutung. Das will sagen,
die phantasierende Frau wird gerade aus der Tatsache, dass diese Vor-
stellung ihr Schamgefühl verletzt, aus ihr eine stärkere masochistische
Lust ziehen können als der Mann. Der Einzelzug, dass die Amazonen-
königin die einzelnen Männer obenhin prüft und sich sogleich in ihr
Spiel vertieft, ist dem masochistischen Mann weniger genussvoll als
der Frau in der entsprechenden Szene, in welcher der Sultan ihrer
Schönheit kaum Beachtung schenkt. Der geringe Eindruck ihrer zur
Schau gestellten Reize, die erniedrigende Behandlung durch den
Sultan, die Tatsache, dass sie eine unter Vielen, nur als Geschlechts-
objekt, nicht als Gegenstand der persönlichen Neigung in der Szene
erscheint- alle diese Züge, die für den Mann kaum von grosser seeli-
scher Bedeutung sein würden, wurden zu besonderen Lustquellen
masochistischer Art für die Frau. In solchen Unterschieden spiegeln
sich die Differenzen zwischen den Verletzbarkeiten beider Ge-
220
schlechter deutlich wider. Für den Mann wird es gewiss auch eine Ernie-
drigung bedeuten, nur als Geschlechtswesen gebraucht zu werden,
sozusagen „ohne Ansehen der Person" gewählt zu werden, für die
Frau aber eine ungleich tiefere. Ja es kann vorkommen, dass diese
Vorstellung allein und isoliert von anderen für die Frau zum Inhalt
der masochistischen Phantasie wird. Während es im Falle des männ-
lichen Tagträumers sicher nichtbed eutungslos ist, wenn die Amazo-
nenkönigin seiner Erscheinung geringe Aufmerksamkeit schenkt, wird
diese Vorstellung allein ihn kaum sexuell erregen können. Der ent-
sprechende Zug in der Phantasieszene der Frau trug aber den Haupt-
akzent der masochistischen Erregung. In den Vorstellungen dieser
feingebildeten Patientin spielte die Erniedrigung als Geschlechts-
wesen auch dort eine deutlich masochistische Rolle, wo die Eigen-
beziehung nicht so klar wie hier zu Tage trat. Als sie z.B. am Tage
nach jener Sultanphantasie von den Merkwürdigkeiten ihres Hei-
matlandes erzählte, berichtete sie manche Einzelheit in einer Art, die
über ihre unbewusste masochistischen Lust an ihr keinen Zweifel
zuliess. So erzählte sie, in ein kleines Städtchen ihrer Provinz sei einmal
während der Manöver ein General mit seinem Stab eingezogen. Als
er sich im Hotel gewaschen und zum Spaziergang bereit gemacht
hatte, erwartete ihn am Eingang des Hotels eine nicht mehr junge
Frau, die ihn mit tiefen Knix begrüsste und sagte: „Bitte schön, ich
bin die Stadthure". Die Patientin, welche die Gesten und die Sprech-
weise der Prostituierten lebhaft imitierte, hatte den Zusammenhang
zwischen dieser Geschichte und der Phantasie, die sie am Tage vorher
erzählt hatte, nicht erkannt. Ebensowenig war es ihr aufgefallen, dass
ihre Erzählung von sichtbarem masochistischen Behagen an der Selbst-
erniedrigung begleitet war. Gerade bei stolzen und Annäherungs-
versuchen gegenüber unzugänglichen Frauen sind ähnliche Phan-
tasieen mit dem Inhalte lustvoller sexueller Erniedrigung nicht selten.
Vielleicht ist es nicht überflüssig zu bemerken, dass Phantasieen
solcher Art in der Analyse nur nach Überwindung grosser Wider-
stände zu hören sind. In der Anstrengung, sie zu erlangen, wird sich
der moralische Mut der Patientin, die sich über das eigene Sträuben
und die Hindernisse der Scham und des Stolzes hinwegsetzen muss,
221
mit der Geduld des Analytikers vereinen müssen. Es sind mir nur
zwei Frauen erinnerlich, die relativ leicht über solche lustvolle ernie-
drigende Phantasieen und Vorstellungen sprechen konnten. Bei der
einen, einer Ärztin, war diese Möglichkeit nicht etwa das Resultat
einer beruflichen Unbefangenheit gegenüber den eigenen sexuellen
Bedürfnissen, wie man hätte hoffen können. Jene Möglichkeit war
vielmehr bedingt von einer affektiven Sperre, einer Trennung von
Inhalt und dazu gehörigen Gefühlen, die allein es ihr erlaubte, darüber
so ruhig zu sprechen wie etwa ein Reporter über ein lokales Ereignis.
Da sie alle Affekte fernhielt, war der Inhalt des Gesagten seelisch
fast bedeutungslos geworden und sie konnte so unbefangen berichten,
als handle es sich um eine fremde Person. Die andere Patientin war
in der Analyse endlich so weit gelangt, dass sie auch krasse sexuelle
Phantasieen berichten konnte. Wann immer sie das aber tat, stellte
sich schon wenige Stunden nachher eine heftige Wut gegen mich,,
ihren Zuhörer, ein. Dann müsse sie immer zornig denken: Wie
komme ich dazu, über so intime Dinge mit einem fremden Mann zu
sprechen. Sie war dann heftig über mich und sich selbst entrüstet. Aus
dem Gesagten ist leicht abzuleiten, dass die analytische Situation und
der selbstauferlegte psychologische Zwang, alles zu sagen, sekundär
selbst masochistisch verwertet werden und zum Kern ausgebreiteter
Phantasieen werden können.
Es ist deutich, dass die Vorbereitungshandlungen, Verschiebungen,
Andeutungen und Umschreibungen in den masochistischen Phan-
tasieen der Frauen häufig an die Stelle des eigentlich Sexuellen treten,
wenngleich es an grob sinnlichen und grausamen Vorstellungen nicht
mangelt. Der Frau genügt häufiger als dem Mann ein kleiner Vorfall
und ein geringfügiges Zeichen, um eine leidsüchtige Phantasie auszu-
lösen. In einem Fall war das Hören der rauhen Stimme eines Mannes
genug, um eine solche Erregung fühlen zu lassen. In einem anderen
Fall sah die Tagträumerin in der Phantasie zuerst nur die Schreckens-
vollen, weit geöffneten Augen eines jungen, am Boden liegenden
Mädchens vor sich, erst später Hände, die sich in das Haar des Mäd-
chens verkrampften, und erst dann verschwommen eine weibliche
Gestalt, die das Mädchen an den Haaren riss. Erst mit der onanisti-
222
sehen Betätigung wurde es der Phantasierenden klar, dass sie selbst
das junge Mädchen ihrer Vorstellung war. Ich bin geneigt, auch in
solchem zögerndem Zugeben an das Wesentliche der masochistischen
Bilder einen typisch weiblichen Zug zu erblicken. Bestätigungen dieser
Eigenart von anderer Seite stehen freilich noch aus.
Es wurde meines Wissens bisher auf eine einzige Verschiedenheit
der weiblichen und männlichen masochistischen Phantasie hinge-
wiesen. Sie betrifft das Geschlecht des Objektes und bezieht sich
nicht auf das Phantasieleben von Erwachsenen, sondern von masochi-
stischen Kindern und Halbwüchsigen. In der analytischen Deutung
einer von Freud dargestellten typischen Phantasie mit dem Inhalte,
dass ein Kind geschlagen wird, hat er diesen Unterschied in der
Vorstellung beider Geschlechter zeigen können. Die Entwicklung
dieser Phantasie verläuft in drei Phasen, deren letzte den Inhalt hat,
ein oder mehrere Kinder werden geschlagen oder sonstwie gezüch-
tigt. Diese Vorstellung geht mit sexueller Erregung einher, die meistens
durch Onanie beschwichtigt wird. Die schlagende Person ist in der
Vorstellung beider Geschlechter immer der Vater oder sein Stell-
vertreter. Die Personen, die gezüchtigt werden, sind durchaus Knaben,
auch in der Phantasie von Mädchen. Nun ist es aber unzweideutig,
dass in der letzten Phase die geschlagene Person die phantasierende
vertritt. Es mag einem solchen Geschlechterwechsel in der Vor-
stellung des kleinen Mädchens zugute kommen, dass in der Wirk-
lichkeit Buben gewöhnlich unartiger sind als Mädchen und öfter
Schläge vom Vater bekommen. Es ist auffällig, dass das Kind immer
ein Prügelknabe, niemals ein Prügelmädchen ist. Diese typische
Kinderphantasie, dass ein Kind geschlagen wird, eignet sich dazu,
erweitert und ausgestaltet zu werden. Ihre wesentlichen Züge bleiben
dieselben auch dort, wo sie Novellencharakter annimmt. Bei Über-
sicht über solche masochistische Phantasieen wird man an Musik-
stücke etwa mit dem Titel: Variationen über ein Thema von Mozart
oder Beethoven erinnert. Ein besonderer melodischer Reichtum
variiert ein einziges Thema, das einmal klar hervortritt, dann unter
der Fülle des Beiwerkes zu verschwinden scheint, dann wieder in den
begleitenden Stimmen nur angedeutet wird, um plötzlich in neuer
223
Umarbeitung wieder aufzutauchen. Hier ein Beispiel einer Phantasie
dieses Charakters von einem halbwüchsigen Mädchen: sie sieht sich
als Schiffsjunge und hat sich im Dienst ungeschickt benommen oder
einen Befehl nicht richtig ausgeführt. Der Kapitän ist böse und be-
fiehlt, dass sie oder vielmehr der Schiffsjunge zur Strafe an den Mast
gebunden werden solle. So muss sie viele Stunden stehen und fühlt,
wie die Stricke ihr ins Fleisch schneiden. Während der Phantasie
steigt die sexuelle Erregung. Zum analytischen Verständnis der
Phantasie sei nur gesagt, dass der Vater ein Rheeder ist, der häufig
die Brüder der Tagträumerin auf Schiffsreisen mitnahm, niemals
aber das kleine Mädchen. Die Knabenphantasie des Mädchens
scheint fast wie ein Pendant zu der femininen Rolle des masochistischen
Mannes. Indessen sind die Unterschiede klar: in der Vorstellung des
Mädchens ist die gezüchtigte Person ein Knabe; das Geschlecht
erscheint als gewechselt. Der Knabe hält aber in der masochistischen
Phantasie bewusst an der männlichen Rolle fest.
Wo sich bei der Frau ein sozialer Masochismus entwickelt, wird
er die Verbindung mit der Erotik viel weniger leicht aufgeben als der
des Mannes. Er wird in geringerem Masse desexualisiert werden
können. Das Weib wird sich gewiss in Phantasie und Leben ebenso
mit unbewusster Absicht und geheimer Lust schädigen können wie
der Mann, aber die am schwersten empfundene Schädigung wird
doch im freiwilligen Verzicht auf Heim und Mann und Mutterschaft
bestehen. Der sexuelle Ursprung des sozialen Masochismus bleibt
noch deutlicher und die Fäden mit dem Sexualleben scheinen nicht
plötzlich abgerissen. Es wurde schon bemerkt, dass das Gewissen
bei der Frau selten die Ueberstrenge des männlichen erreicht und
sie selten dazu treibt, sich selbst und ihr Leben in solchem Ausmasse
zu zerstören wie es der masoch istische Mann tut. Wir sagten schon,
dieser Unterschied rührt vermutlich daher, dass die Frau nicht jene
gewalttätige und überstarke Aggression in sich zu bekämpfen hat,
deren Abwehr erst zu so tiefgehenden Reaktionen führt. Die weib-
liche Entwicklung, deren Charakter eher ein gleitender als ein
abrupter ist, schützt das Weib davor, so ausgebreiteten, gegen das Ich
gerichteten Gegenregungen zu verfallen. Der Untergang der ödipus-
224
Konstellation vollzieht sich beim kleinen Mädchen nicht so kataklys-
menähnlich wie beim Knaben. So wird auch das Über-Ich, das als
moralische Ichinstanz die Erbschaft der ödipus- Situation angetreten
hat, nicht dieselbe Schärfe ennehmen wie beim Jungen. Noch die
selbstzerstörende Form des Masochismus findet bei der Frau ihren
Ausdruck oft in der eigenen sexuellen Erniedrigung. Ein Fall dieser
Art hat mir Eindruck gemacht: es ist der einer jungen Frau, die in
wenigen Jahren eine unglaubliche Anzahl von Liebhabern hatte,
von denen sie immer in der gleichen verletzenden Art behandelt und
schliesslich im Stich gelassen wurde. Der oberflächliche Eindruck
einer nymphomanischen Neigung wurde bald durch die Einsicht in
die starke Bindung an die Mutter abgeschwächt. Ihr sexuelles Leben
stand im Zeichen einer schmerzvollen und trotzigen Demonstration
gegenüber der Mutter, die sie einmal enttäuscht hatte. Die Mutter
hatte das junge Mädchen immer wieder grundlos verdächtigt, intime
Beziehungen zu den jungen Männern, die sie auf Gesellschaften traf,
zu unterhalten. Endlich reagierte die Tochter auf diesen kränkenden,
ständigen Verdacht sowie auf die unbegründeten Vorwürfe nach der
von ihr ausgeführten Devise: „If I have the name, I shall have die
game".
Feingesinnte Frauen müssen mit einer raschen, unbedenklichen
Hingabe, der kaum eine Werbung vorangellt und die keiner persön-
lichen Neigung entspricht, ein Gefühl der eigenen Erniedrigung
verbinden. Sie haben auch Recht damit, denn die Erfahrung zeigt,
dass Männer jene Frauen, die sie leicht besitzen können, nicht hoch
einschätzen. Es kommt häufig vor, dass das Gefühl der Frau, sich
durch ein solches Verhalten degradiert oder deklassiert zu sehen, zum
Inhalt ausgebreiteter Phantasieen wird. Manche Frauen wundern
sich oft darüber, dass solche Vorstellungen, die sie bewusst als besonders
peinlich empfinden, lebhafte Lustgefühle gegen ihren Willen in ihnen
auslösen können. Wie der sexuelle Masochismus des Mannes zeigt
auch der der Frau deutlich Strafcharakter, der aber, wenn man das
so nennen darf, einer aktiven Note entbehrt. In einem Fall, den ich
beobachtet habe, blieb eine junge Frau frigide, wenn ihr Mann sie
normal behandelte. Wenn er sich aber im Sexualverkehr roh benahm
P 225
und ihr wehetat, sie z.B. würgte, kam sie zum Orgasmus. Hier ist
gewiss eine ausgeprägte, masochistische Triebneigung zu konstatieren,
aber die passive Rolle der Frau und die aggressive des Mannes ver-
deckt manchmal ähnliche Tendenzen. Man wird vermuten, dass
ein gewisses individuell verschiedenes Mass von Masochismus als
Bestrafung für die ursprünglich verbotene Sexualbefriedigung in
das weibliche Seelenleben unauffällig eingegangen ist. Es ist oft schwer
als solches zu erkennen, denn es ist vom übrigen Sexualleben so
schwierig zu unterscheiden wie kleine Fehler in den kunstvollen
Stickereien der Frau.
Verfeinerte Beobachtung wird sicherlich andere, differente Züge
in der masochistischen Triebneigung bei Frau und Mann finden.
Wie stehen hier am Beginn neuer Forschungen. Es sei nur noch auf
eine auffallende Gemeinsamkeit hingewiesen, die wir nicht erwartet
hätten. Der erste Anschein, dass es in der Phantasie der masochisti-
schen Frau immer der Mann ist, von dem sie die Zufügung von
Schmerz und Bestrafung erwartet oder ersehnt, schwindet bald. Dass
er meistens im Vordergrunde steht, will noch nicht heissen, dass er
von Anfang an die beherrschende Figur war. Das ist die Mutter oder
ihre Ersatzperson, die später in der Vorstellung häufig als Begleiterin,
Zuschauerin oder in einer anderen Episodenrolle auftritt. So hatte
eine Patientin eine Phantasie, deren wesentlicher Inhalt sich um die
Guillotinierung einiger aristokratischer Damen in der französischen
Revolution drehte. Die Phantasie war im Anschluss an einen vor
kurzem gesehenen Film aufgetaucht. Die Behandlung der Frauen
durch den rohen Henker erregte sie sehr, aber sie konnte durch diese
Vorstellung allein nicht zum Orgasmus gelangen. Schliesslich schob
sich in der Phantasie vor die Figur des rohen Gesellen die einer
Zuschauerin der Exekution, eine der tisseuses, eine weisshaarige Hexe,
welche die verurteilten Frauen verhöhnt und quält. Erst diese Vor-
stellung führte die Befriedigung herbei. Dieselbe Tagträumerin
stellt sich einmal vor, sie werde in ein Bordell verschleppt. Die Frau,
welche die Männer heranbringt, das Mädchen dazu zwingt, sich
ihnen hinzugeben, es quält und beschimpft, enthüllt sich als Vertreterin
der Mutter. In anderen Fällen ist die quälende, aktive Person eine
226
Mischfigur aus Vater- und Mutterersatzgestalten zusammengesetzt.
Nun kann es geschehen, dass z.B. in der Analyse diese Mischfigur
wieder in zwei gesonderte Personen auseinanderfällt. Eine Frau hatte
durch mehrere Jahre nur Phantasieen gekannt, in denen sie von Män-
nern einer erniedrigenden Behandlung unterworfen wurde. Im
Verlaufe der Analyse veränderte sich dieses Bild: sie oder die sie
vertretende passive Person wurde nun zu gleicher Zeit oder nachein-
ander von einem Mann und einer älteren breitbusigen Frau miss-
handelt. Schliesslich blieb in der Phantasie nur die Frau übrig, die
einen kleinen Penis trug, ähnlich dem, den die Tagträumerin als
kleines Mädchen bei einem gleichaltrigen Cousin einmal gesehen
hatte. Am Ende war nur die Frau die sadistische Person. In der Über-
gangszeit verdeckte die männliche Figur die ihre: so sah die Patientin
einmal in der Phantasie die grosse Hand eines Mannes vor sich, die
in ihr Genitale griff und Stücke Fleisch herausriss. Dahinter aber
erschien sogleich die Vorstellung der Mutter, der sie als kleines Mäd-
chen in der Küche zusah, wie sie das Innere von Geflügel ausräumte.
Es wurde deutlich, dass, was in der Phantasie später hervortrat, die
frühere und bestimmende Schicht war.
Wie weit die masoch istische Phantasie auf ihrem Rückwege zu
kindlichen Vorstellungen gehen kann, mag das folgende Beispiel,
das von derselben Patientin stammt, erweisen: sie sah beim Abend-
essen der Mutter zu, wie sie die gefüllte Gabel zum Munde führte.
Dabei musste sie an eine unlängst gelesene Reisebeschreibung denken,
in der geschildert wird, wie ein australischer Kannibalenstamm einen
weissen Missionär auffrass. Sie fragt sich, welche Körperteile die
Kannibalen bei ihrer Mutter bevorzugen würden, wenn sie ihrer
habhaft werden könnten, ob die Hüften, die Schenkel, oder Brüste.
Das stellt also eine extrem sadistische Phantasie vor. Sie beobachtet
indessen die Mutter weiter, das alte Gesicht, d'e verfallenen Züge.
Die Mutter ist wirklich schon ziemlich leblos, denkt sie. Später vor
dem Einschlafen nimmt sie den Gedanken noch einmal auf: ja, die
Mutter hat nur mehr Interesse für das Essen. Das zeigte sich heute in
der Art, wie sie die Gabel gierig zu dem weitgeöffneten Mund führte.
Alle anderen Gefühle sind bei ihr bereits ausgelöscht. Sie fühlt weder
227
Liebe noch Mitgefühl mehr für die Ihren. Sie könnte die eigene
Familie aufessen wie das die Kannibalen manchmal tun. Man kann
hier verfolgen, wie die ursprünglich sadistische Phantasie in gleitendem
Übergang bis nahe an die masochistische Vorstellung führt, von der
Mutter gefressen zu werden. Der Umstand, dass diese Vorstellung
in der Verallgemeinerung und in der Möglichkeitsform auftritt, ist
bemerkenswert. Es heisst nicht: die Mutter frisst mich, sondern: die
Mutter könnte die eigene Familie auffressen. Diese verallgemeinerte
Form beweist natürlich bereits die Einwirkung der Abwehr. An dieser
Stelle bricht der Gedankengang ab. Ein unzweideutiges Zeugnis
dafür, dass die Phantasie masoch istischen Charakter hat, ist die
sexuelle Erregung, die zugleich auftritt. Die Vorstellung geht auf
Kinderängste zurück, auf dieselben, welche in unseren Märchen ihre
Spuren hinterlassen haben. Dort sind Kinder häufig in Gefahr, von
bösen Riesen, Hexen und Zauberern, in denen man leicht Ersatzfiguren
der Eltern erkennt, aufgefressen zu werden. Der bösen Mutterfigur,
etwa der Hexe in "Hansel und Gretel", wird die gute gegenüberge-
stellt. Nebenbei sei bemerkt, dass kannibalistische Phantasieen, die
masochistisch gefühlt werden, manchmal unverhüllter bei Männern
auftreten. Eine solche schloss z.B. an einen Bericht an, in dem be-
schrieben wurde, wie einige Matrosen und ein Schiffsjunge viele
Tage lang, vom Hunger gequält, als Schiffbrüchige auf dem Meere
trieben. In der Phantasie beschlossen die Matrosen endlich, den
Jungen zu töten und zu fressen. Der Tagträumer identifiziert sich
mit dem Schiffsjungen, dem der Beschluss mitgeteilt wird, erlebt
seine Angst mit u.s.w. Die wachsende Erregung drängt ihn zur
Onanie.
Aus welcher ursprünglichen, seelischen Schicht stammt gewöhnlich
die masochistische Phantasie der Frau? Die angeführten Beispiele
scheinen darauf hinzuweisen, dass es nicht jene Schicht sein kann,
welche die Ödipus-Situation in voller Blüte sieht. Der Mann dient in
der Phantasie als eine Deckfigur, hinter der sich die ursprünglichere
Gestalt der Mutter verbirgt. Hier ein Beispiel einer zweiteiligen
Phantasie, welche diesen Zusammenhang zeigt: eine reife Frau stellt
sich vor, sie sitze auf dem Schoss eines Mannes, der ihr befiehlt, Urin
228
oder Stuhl zu lassen. Dann verändert sich die Situation: die aktive
Person wird unbestimmt — ist es ein Mann oder eine Frau? — aber
sie befiehlt ihr jetzt gerade, Urin und Stuhl zurückzuhalten. Beide
Vorstellungen sind lustvoll. Im ersten Fall kann man noch an eine
Lust aus der Erniedrigung, aus dem Zwang, sich über die Hem-
mungen der Scham hinwegzusetzen, denken. Der zweite Fall ist von
anderer Art. Der Inhalt dieser Vorstellung reicht in ein Alter,
in dem die Ödipus-Situation noch nicht entwickelt war und in dem
die körperlichen und seelischen Schwierigkeiten des kleinen Mäd-
chens nur mit der Mutter verknüpft sind. Die ersten masochistischen
Phantasieen des weiblichen Kindes haben die Mutter als Objekt. Der
Mann erschien erst später auf der Bildfläche. Mit Bezug auf die
Entstehung des Masochismus kann man sagen: er kam zu spät. Die
auf ihn gerichtete Phantasie ist eine zweite, völlig umgearbeitete
Auflage einer ursprünglichen Ausgabe, deren zentrale Figur die
Mutter war.
Hier ist also eine unerwartete Gemeinsamkeit in der Phantasie der
zwei Geschlechter. Sie nimmt ihren Ausgang von Vorstellungen,
die mit der Erziehung des Kleinkindes, seiner Pflege, Reinhaltung
und Sphinkterbeherrschung verknüpft sind, und sich um die Mutter
als aktive Gestalt gruppieren. Die spätere Entwicklung ist beiden
Geschlechtern verschieden. Der Knabe hält bewusst an dem Ge-
schlecht dieses ersten Objektes fest. Die aktive Person ist und bleibt
eine Frau. Entsprechend den Veränderungen, die durch die ödipus-
Konstellation gegeben werden, ändert das Mädchen später in der
Phantasie die Geschlechtszugehörigkeit des Aktiven. Nun nimmt der
Mann den Platz ein, der früher der Mutter gehörte. Die beherrschende
Figur, von der in der Frühzeit Lust, Leid und lustvolle Unlust kam,
bleibt doch im Hintergrund bestehen und lässt sich wie durch einen
durchsichtigen Vorhang erraten. So werden die Anregungen, die in
Pflege, Versorgung und Erziehung in den ersten Jahren zur Bildung
masochistischer Vorstellungen von ihr ausgingen, fortwirkend. Die
Entwicklung, wie vielgestaltig sie sich später auch darstellen mag,
entsprang doch zuerst dem Verlangen nach Befriedigung von ihr,
durch sie.
229
Die verletzte Selbstliebe und der Stolz
Wir sind zu der Ansicht gelangt, dass die masochistische Trieb-
neigung bei der Frau im allgemeinen schwächer ist als beim Mann.
Wir haben uns diesen Unterschied daraus erklärt, dass ihre aggressiven
und sadistischen Tendenzen nicht jene Stärke erreichen, die wir beim
Mann erkennen. Wir dürfen uns nicht vor der Tatsache verschliessen,
dass wir uns in der Meinung des schwächeren Masochismus beim
Weibe in Gegensatz zu der überwiegenden Mehrzahl der Analytiker
und Psychologen gestellt haben. Eine Möglichkeit, die eigene Ansicht
zu überprüfen, kann von einem anderen Gesichtspunkt aus unter-
nommen werden. Wir sagten, in der Wahl zwischen zwei masochi-
stischen Phantasiecn wird die Frau unfehlbar diejenige wählen, in
der sie als Geschlechtswesen, als Frau erniedrigter erscheint. Wir
müssten daraus schliessen, dass der Stolz der Frau im Leben mehr
ausgebildet ist als beim Mann, denn die Reaktion lässt nur diese Fol-
gerung zu. Wir nähern uns hier dem Problem des Masochismus von
einer neuen Seite, er erscheint nun als Reaktion auf eine geschädigte
Selbstliebe, auf eine eine narzisstische Kränkung. Dabei sind wir
genötigt, einen neuen psychologischen Begriff einzuführen, den des
Stolzes. Was ist Stolz? Wie entsteht er? Stolz ist eine bestimmte seelische
Haltung, die sich auf die Wertung der eigenen Person bezieht. Sie
ist nicht von Anfang da, sondern entsteht als Reaktionsbildung auf
eine Schädigung der ursprünglichen, naiven Selbstliebe des Ichs, auf
eine Störung des Narzissmus. Die freie und souveräne Einstellung
des Kindes gegenüber der Aussenwelt zeigt, dass es nicht stolz ist,
solange es keine solchen Enttäuschungen oder Schädigungen erfahren
hat. Stolz entwickelt sich also als Reaktion auf eine Verletzung der
ursprünglichen Selbstliebe und dient der Abwehr neuer Beschädigung.
Er hat Schutzcharakter, aber beschützt braucht nur werden, was
verletzbar ist. Am ehesten kann man den Stolz den Geschwülsten
vergleichen, bei denen sich aus der Neubildung von Gewebe krank-
hafte Umfangserweiterungen ergeben. Diese Kennzeichnung wird
genügen, die Beziehung von Narzissmus und Stolz klarzustellen.
Narzissmus ist die ursprüngliche und natürliche Liebe zum Ich, Stolz
230
die sekundäre Ichverliebtheit, die als Ersatz nach einer Störung dieser
naiven Einstellung folgt. Aus dem Gesagten erhellt, dass der Maso-
chismus keine direkten Beziehungen zum Narzissmus hat, wohl aber
welche zu seinem Surrogat, dem Stolz.
Der Stolz der Frau als Geschlechtswesen ist, sagte ich, grösser als
der des Mannes. Wir wissen, warum. Das kleine Mädchen hat früh
eine Entdeckung gemacht, die zu einer seelischen Quelle der Demüti-
gung wurde, also eine narzisstische Schädigung bedeutete. Wenn sie
den eigenen Körper mit dem des kleinen Jungen oder eines neuge-
borenen Brüderchens verglich, musste sie erkennen, dass die Natur
ihn mit einem Organ ausgestattet hat, das ihr fehlt. Im „Kaufmann
von Venedig" macht sich die kluge Porzia über die angemasste Ueber-
legenheit der jungen Männer lustig. Man hört da die Stimme des
Mädchens, das sich gegen die männliche Arroganz aufbäumt. Sie
wettet, sagt sie ihrer Zofe, sie wird als junger Mann verkleidet ihren
Degen mit Anstand tragen.
„ . . . und sprechen, wie im Übergang vom Knaben
zum Mann in einem heiseren Diskant.
Ich will zwei jungfräuliche Tritte dehnen
In einen Männerschritt, vom Raufen sprechen
Wie kecke junge Herren und artig lügen,
Wie edle Frauen meine Liebe suchten
Und, da ich sie versagt, sich tot gehärmt.
Ich konnte nicht mit allen fertig werden."
Hier ist das Thema des weiblichen Stolzes angeschlagen. Es wird
in der späteren Szene, die den Verlust des Ringes behandelt, heiter,
doch ernst fortgeführt. Hier meldet sich ein „weiblicher Protest"
gegen die Geringschätzung der Frau und ihres Wertes durch die
Männer, wie ein spätes Echo der Gefühle, die einmal das kleine Mäd-
chen gegenüber Knaben erlebte. Die unbewusste Ursache dieser
Minderschätzung ist aber in der körperlichen Differenzierung
zu suchen. Porzia spricht sie auch aus, da sie ihrer Zofe
mitteilt, sie würden sich als Männer verkleiden. Sie werden so wohl
231
gesehen, doch nicht erkannt werden. Die Männer werden sie sehen,
. . . but in such a habit,
Xhat they shall think we are accomplished
With what we lack".
Der Ring, den Bassanio weggegeben hat, ist nicht nur ein Symbol
der Treue, er ist mehr, er ist ein Symbol des Genitales der Frau, um
deren Liebe er wirbt, und die wünscht, dass er sie hochschätzt. Indem
Bassanio ihn wohl bewahren und behalten soll, soll er seine Achtung
vor der Frau und dem weiblichen Geschlecht beweisen.
Neben der Kränkung über den körperlichen Defekt haben sich
später die sozialen Privilegien des Mann- Seins und die Nachteile
eine Frau zu werden, dem kleinen Mädchen eingeprägt. Dem Minder-
wertigkeitsgefühl gegenüber, das sich ihrer bemächtigen will, hat die
werdende Frau einen hohen Damm von mädchenhaftem Stolz aufge-
richtet. Sie schätzt ihre körperlichen Reize und ihren seelischen
Wert bewusst hoch ein und verknüpft diese Gefühle mit einer erhöh-
ten Abwehr gegen alles, was ihr Schamgefühl, ihren Sinn für das
sozial Geziemende und Schöne verletzen könnte. Es versteht sich
leicht, warum der Zusammenbruch dieses Schutzwalles, den wei-
blicher Stolz und die Übung der Zurückhaltung gebaut haben, zu
einem wesentlichen Lustmoment in der masoch istischen Phantasie
der Frau werden kann.
Eine scharfsinnige Kollegin, Frau Dr. Lampl de Groot
hat darauf hingewiesen, dass der weibliche Masochismus die Absicht
hat, die Selbstliebe, den Narzissmus der Frau, zu entlasten. Der nach-
wirkende Schmerz über jenen körperlichen Defekt werde für das
junge Mädchen dadurch gemildert, dass es sich eine neue Lust, die
masochistische, verschaffe. Diese neue Lust, die an die Strafvor-
stellung geknüpft ist, wird gesucht, um sich die Kränkung bei der
Vorstellung „Man hat mir meinen Penis weggenommen" zu ersparen.
Nun, das ist ein ungewöhnlicher, ökonomischer Prozess. Es wäre
etwa so, wie wenn jemand den Schmerz nach einer Beinamputation
dadurch mildern wollte, dass er sich vorstellt, er werde ausgepeitscht.
232
Das ist in der Tat ungewöhnlich, aber das bedeutet ja nicht,
unmöglich. Es ist kein Zweifel, dass die narzisstische Kränkung
auch im Aufbau des weiblichen Masochismus eine bestimmte
Rolle spielt, aber sicher nicht die, welche Frau Dr. Lampl ihr
zuschreibt.
Sein Wesen schon widerspricht dem Bild, das die geschätzte Kol-
legin gemacht hat. Jene narzisstische Kränkung wird in der maso-
chistischen Phantasie nicht etwa verhüllt und abgeschwächt, sondern
erneuert, akzentuiert, hervorgehoben. Hier eine charakteristische
Phantasie aus dem Bereich, wo der eigentliche Kern des Problems
liegt: die Phantasie eines jungen Mädchens zieht ihre Lust besonders
aus der Vorstellung, dass sie auf einem langen Tisch- ähnlich dem
Operations- stuhl eines Gynäkologen- ausgestreckt liegt, die Beine
weit gespreitzt, so dass die Vagina deutlich ist. Vor ihr steht ein Mann,
dessen Gesicht nicht gut auszunehmen ist, und besieht genau ihr
Genitale. Die Phantasie ist für das besonders schamhafte Mädchen so
erregend, dass sie meistens zur Onanie führt. Wie stimmt eine solche
Phantasiebildung zu der von Frau Dr. Lampl vorgetragenen
Theorie? Wenn sie zuträfe, dürfte nicht gerade die Zurschaustellung
jenes körperlichen Defekts den lustvollen Mittelpunkt der Vor-
stellungen bilden. Angeblich soll ja diese grössere Unlust durch eine
kleinere abgeschwächt und verleugnet werden. Hier kann von Ver-
leugnung keine Rede sein, eher von Hervorhebung. Nun könnte ein
Ausnahmsfall vorliegen, in dem gerade die Demonstration jener
Kränkung in den Vordergrund tritt. Die masoch istische Phantasie
zeigt aber regelmässig die Neuinszenierung einer narzisstischen
Kränkung auf der Gedankenbühne, Die Kränkung, die Erniedrigung,
die eigene Würdelosigkeit, die Schmach des Ichs, um ein pathetisches,
doch bezeichnendes Wort zu gebrauchen, bildet ein konstituierendes
Moment der masochistischen Szene. Dabei kann man sowohl an den
Verlust der menschlichen Würde als auch an jene, die jedes Ge-
schlecht als die ihm eigene schätzt, denken. Ist aber in einer Phantasie
wie der gezeigten und ähnlichen, die in Fülle anzuführen wären, nicht
gerade die weibliche Scham aufs äusserste verletzt und gerade das
wird zur Lustquelle? Wenn der weibliche Masochismus eine Flucht
233
vor jener grossen Kränkung ist, warum wird dann in der Phantasie
diese Kränkung dai gestellt, ja wiederholt?
Dennoch hat Frau Dr. L a m p 1 etwas Richtiges vorgeschwebt,
als sie meinte, der weibliche Masochismus sei ein Heilungsversuch
des geschädigten Narzissmus. Was sie nicht gesehen hat, war, dass das
geschädigte Selbstgefühl gerade auf dem Weg der Demonstration
dieser Schädigung wiederhergestellt werden sollte. Die Flucht vor
der narzisstischen Kränkung in den Masochismus, wie F r a u Dr.
L a m p 1 sie beschreibt, ist wahr. Was sie nicht geahnt hat, ist, dass
es eine Flucht nach vorne ist. Gerade aus der Zurschaustellung der
Schmach soll die Erhöhung kommen, sie selbst wird zum Zeichen des
Stolzes, des Ersatz- Narzissmus. Aus der Wiederholung der Kränkung
der Selbstliebe soll ihre Stärkung aufsteigen. Frau Dr. L a m p 1
hat also richtig gesehen, aber sie hat nur die eine Seite der Medaille
gesehen. Die andere zeigt ein völlig verschiedenes Bild.
Die weibliche Situation wird in der Phantasie nicht etwa nur gezeigt
oder dargestellt, das Erniedrigende oder Entwürdigende nicht nur
demonstriert, sondern auch übertrieben. Wir erinnern uns eindrucks-
voller Beispiele wie der Phantasie jenes jungen Mädchens, das den
Fleischhauer bittet, geschlachtet zu werden und stundenlang un-
beachtet auf der Fleischbank liegen muss, oder der Frau, die nackt
vor dem Sultan erscheint, der ihre Schönheit kaum eines Blickes wür-
digt und lieber Schach spielt. Solche Szenen enthalten also nicht nur
die Darstellung des weiblichen Unterworfenseins, sondern ihre
Entstellung, nicht nur die Betonung, sondern die Überbetonung.
Das aber will heissen: sie enthalten eine Verspottung der Vorstellung,
die sich der Mann von der weiblichen Rolle macht. Um das Gemeinte
ganz klar zu machen, will ich es auf folgende Art veranschaulichen:
ein junges Mädchen, das in seinem Verhalten in bestimmten Situa-
tionen seine Hilflosigkeit und Schutzbedürftigkeit zeigt, wird auf die
Männer einen gewissen Reiz ausüben. Nehmen wir aber an, das junge
Mädchen spreche beständig von seiner UnSelbstständigkeit, betone
immer seine Abhängigkeit und Schwäche, könne keine Handlung
allein ausführen. Solche Übertreibung einer Seite des weiblichen
Wesens muss auf die Dauer die Männer ermüden und ernüchtern.
234
Wenn ununterbrochen gezeigt wird: seht her, wie mädchenhaft
schwach und hilfsbedürftig ich bin, wird der Verdacht entstehen, dass
das eher demonstriert als wahr ist. Solche Überbetonung entspricht
also nicht der männlichen Vorstellung vom Weiblichen, sondern eher
ihrer Karrikatur. Sie bedeutet kein Akzeptieren der weiblichen Rolle,
sondern ihre Ablehnung in der Übertreibung. Von einer griechischen
Philosophin im antiken Byzanz wird erzählt, dass sie den um sie wer-
benden jungen Männern ihre blutige Menstruationsbinde gezeigt
habe mit den Worten: „Seht, das ist es, was ihr an mir liebt!" Das ist
gewiss philosophisch gedacht, aber masochistisch gefühlt. Fraglos
wird solche Demonstration des Weiblichen ad oculos- wie fügt sie
sich übrigens in die Theorie von der Flucht vor der narzisstischen
Kränkung? — ihre ernüchternde Wirkung auf die Verehrer nicht
verfehlt haben. Zusammenfassend lässtsich sagen: einer der charakteri-
stischen Züge des weiblichen Masochismus ist eine übertreibende
Darstellung bestimmter Charaktere des weiblichen Wesens oder be-
stimmter Situationen der Frau. Hier aber ergibt sich ein ausgeprägter,
bisher nicht beachteter Gegensatz zum männlichen Masochismus.
Davon sogleich mehr.
In ihrer Theoriebildung ging Frau Dr. L a m p 1 von der maso-
chistischen Phantasie eines kleinen Mädchens aus, die sich etwa
so in die Sprache des Bewusstseins übersetzen Hess. „Ich habe einen
Penis besessen, ihn aber zur Strafe verloren." Die in jenem Verlust
enthaltene Kränkung sollte eigentlich Zorn und Wut hervorrufen.
Frau Dr. Lampl meint nun, diese Aggression, welche in der
Aussenwelt nicht genügend untergebracht werden könne, sei jetzt
von dem kleinen Mädchen zu masochistischer Lustgewinnung ver-
wendet werden. Die Autorin sagt: „Den Vorgang bei der Entwicklung
dieser Phantasie kann man auch als Ausnützung der nach innen
gewendeten Aggression zum masochistischen Lustgewinn, um
stärkerer Unlust durch Erschütterung des Narzissmuss und unbe-
friedigbarer Wut und Zorn zu entfliehen, beschreiben." Gewiss kann
man den Vorgang so beschreiben, wenn man Wert darauflegt, auch
die geringste Anschaulichkeit zu vermeiden. Solche Beschreibung ist
indessen nicht nur stilistisch, sondern auch inhaltlich höchst anfecht-
235
bar. Wir haben gefunden, dass der Masochismus eben aus der Er r
schütterung der kindlichen Selbstliebe aufsteigt und dass er Zorn und
Wut nicht erspart, sondern auf seine besonder Art zum Ausdruck
bringt. Frau Dr. Lampl geht von zwei Grundvoraussetzungen
aus, die beide falsch sind: die erste ist, dass die Frau eine stärkere
Neigung zum Masochismus habe. Wäre dies der Fall, müssten wir
der Frau auch eine intensivere Aggression und eine tiefergehende
sadistische Anlage zuschreiben. Diese Triebneigungen sind ja mit
dem Masochismus unlösbar verbunden. Nun hat man die Frau für viele,
ja manchmal für die meisten Übel der Welt verantwortlich gemacht —
haben die Kirchenväter sie nicht instrumentum diaboli genannt? — -
aber es ist unsinnig zu behaupten, dass Kriege, Pogrome, Mord und
Totschlag zu ihrer Domäne gehören. Die zweite Voraussetzung ist,
dass das kleine Mädchen auf die Entdeckung ihrer Penislosigkeit
mit Wut und Zorn reagieren müsste, wenn diese Affekte nicht durch
die Innenwendung zum Masochismus erspart würden. Wie mir
scheint, sieht Frau Dr. L a m p 1 das Ausmass der Aggression nach
der Entdeckung des Geschlechtsunterschiedes übertrieben. Auch
verfügt das Mädchen über andere Mittel, die narzisstische Kränkung
zu überwinden. Der Stolz auf ihre körperliche Schönheit gehört z.B.
hierher. Ich bin mit der geschätzten Kollegin darin einig, dass die
narzisstische Kränkung einen Beitrag zur Bildung des weiblichen
Masochismus liefert. Diese Triebneigung aber allein auf diesen
Ursprung zurückzuführen, heisst das Kind, das eben seinen weib-
lichen Körper entdeckt hat, mit dem Bade ausschütten.
Frau Dr. Lampl geht aber weiter, indem sie das Stück Erkennt-
nis, das sie gewonnen zu haben glaubt, nun auch für die Entstehung
des männlichen Masochismus geltend macht. Das will bedeuten: dass
sie den weiblichen Masochismus als vorbildlich für den männlichen
hinstellt. Ihre Berufung auf Freud, der eine intimere Beziehung
des Masochismus zur Weiblichkeit konstatiert hat, ist hier fehl am
Platz. Diese Beziehung besteht in einer, wie wir wissen, mehrdeutigen
Übernahme der weiblichen Situation z.B. der Passivität der Frau,
sicherlich aber nicht in der Übernahme des weiblichen Masochismus.
Die Autorin findet den Angriffspunkt für den geschädigten Narziss-
236
mus des Mannes in Vorstellungen wie der des Beschnittenseins, im
Vergleich der Grösse und Erektionsfähigkeit des eigenen Gliedes
mit dem Anderer und ähnlichen Erfahrungen. Solche Vorstellungen
werden gewiss im Sinne des femininen Masochismus seelisch ver-
wertet werden. Sie sind aber ebenso gewiss nicht das Wesentliche der
männlichen Triebperversion. Es ist unmöglich, die Entstehung des
Masochismus auf die schmale Grundlage der Kastrationsangst zu
gründen. Er geht bei beiden Geschlechtern auf eine Zeit zurück,
welche der genitalen Phase vorausgeht.
Wir sind Frau Dr. Lampl nicht nur für eine Reihe guter Beo-
bachtungen dankbar, sondern auch für die Gelegenheit zum Wider-
spruch, der sich aus ihren Schlussfolgerungen ergibt und der hilft, die
eigene Ansicht zu überprüfen und sich über bestimmte Punkte klarer
zu werden. Wichtiger als dieser kritische Einspruch ist ein neues
Stückchen Einsicht in die Verschiedenheit des Masochismus beider
Geschlechter. Eine Verschiedenheit, die sich von dem Grunde des
Gemeinsamen nur abhebt wie Hügel und Tal von einem Land-
schaftsrelief von ungefähr gleichem Charakter der Szenerie. Der
Vergleich einer männlichen Phantasie mit derselben, von einer Frau
vorgestellt, soll diese Differenz veranschaulichen. Der Patient, der
uns hier so oft psychologisches Material geliefert hat, berichtet einen
lustvollen Tagtraum: ein junger Mann, vielleich ein Offizier, ist in
die Gefangenschaft eines wilden Stammes geraten, der eine weisse,
schöne Frau als Königin hat. Er teilt das Schicksal vieler, früherer
Gefangenen: er wird zum Liebhaber der mächtigen Frau. 1 Im Sexual-
verkehr benimmt er sich zwar aktiv männlich, hat aber den Befehlen
seiner Partnerin zu gehorchen. Diese trainiert ihn so, dass sie Bewe-
gungen im Koitus, sowie ihr Tempo und ihre Stärke in Schlagworten
anordnet. Jede Art der Bewegung oder Liebkosung ist mit einer
Nummer versehen, die der Sklave natürlich zu lernen hat. Er versteht
also, was es bedeutet, wenn er den Befehl: „Nummer 8, Langsam"
hört. Diese groteske Vorstellungsreihe verbindet der Tagträumer,
x ) Der Patient kannte, wie ich fef=tellen konnte, weder R. Haggards
„She" noch B. B e n n o i t s „Atlamide" oder ähnliche Romane, in denen
ein Thema solcher Art literarische Verwendung findet.
2 37
der sich mit dem jungen Offizier identifiziert, mit lebhaften Lust-
gefühlen. Ueber den masochistischen Charakter dieser Phantasie
kann kein Zweifel sein. Sie wurde später des öfteren „ausprobiert",
das will heissen ihre Fähigkeit, sexuell zu erregen, wurde geprüft,
wenn der Patient mit seiner Frau verkehrte. Natürlich benahm er
sich dabei völlig normal und von den Befehlen und dem Nummern-
zeremoniell war keine Rede, aber er verwertete die Phantasie, indem
er mit geschlossenen Augen seine Frau in die Rolle der Königin ver-
setzte und ihr jenes sonderbare Verhalten zuschrieb. Ein Fall wie
dieser und viele ähnliche, deren Zugehörigkeit klar ist, lässt keinerlei
Möglichkeiten zu, die L a m p Ische Theorie des Masochismus
geltend zu machen. Versuchsweise sei dieselbe Phantasie, natürlich
mit veränderten Rollen, als von einer Frau stammend vorgestellt also
etwa: eine europäische Touristin sei von einem Araberstamm ge-
fangen genommen. Der mächtige Scheik befehle ihr, indem er mit
ihr sexuell verkehrt, bestimmte Bewegungen, kommandiere nur
kurz die Nummern u.s.w. Eine solche masochistische Phantasie einer
Frau ist sicherlich keine Unmöglichkeit. Wir sind ja ganz ähnlichen
Beispielen begegnet. Der Eindruck beider Fälle ist ganz verschieden,
obwohl der Inhalt und Charakter der Phantasie derselbe ist. Die Frau
als Tagträumerin steigert und übertreibt ihre Gefügigkeit als Sexual-
objekt. Sie liefert eine Karrikatur ihres Wesens, wie es sich der Mann
vorstellt. Im Falle des Mannes wird aber die Situation als ganze um-
gekehrt. In eine Formel gefasst: ich möchte das dir tun und so solltest
du dich benehmen. Die Vorstellung des Weibes aber will sagen: du
möchtest das mir tun und so sollte ich mich deinem Wunsche nach
benehmen. In ihrem Falle sieht es aus wie eine Hypertrophie be-
stimmter Züge des weiblichen Wesens, in seinem Fall wie eine Atro-
phie von Zügen des männlichen. Das Verhalten der Tagträumerin
würde einer unnatürlichen Verlängerung der weiblichen Linie ent-
sprechen, das des Tagträumers aber einer Brechung der männlichen.
Die Phantasie selbst hat beim Mann den Charakter einer Umformung
ins Weibliche, bei der Frau den einer erzwungenen Anpassung an die
männlichen Anforderungen. Der Masochismus als Triebrichtung
ist gewiss nicht, wie viele Analytiker annehmen, der Natur des Weibes
238
gemäss, aber er kann ihr angepasst werden. Er widerspricht aber dem
Wesen des Mannes. Um wieder im Vergleich zu sprechen: die Frau
die sich masochistisch einstellt, verändert ihre natürliche Schrittart
in ein verzierlichtes und unsicheres Trippeln, der masochistische Mann
verwandelt seine Art des Ausschreitens ins Weibliche. Das Weib
wird die Rolle, die Natur und Erziehung ihr zugeteilt haben, im Maso-
chismus übertreiben, der Mann wird die seine umkehren. Aus diesem
Unterschied ergibt sich auch, dass der verborgene Hohn oder Trotz
der in der masoch istischen Situation liegt, beim Mann so viel deut-
licher, krasser und erbitterter ausfällt als bei der Frau. Die Umkeh-
rung ist eine viel weitergehende und treffsichere Art der Verhöhnung
als die Uebertreibung.
Diesem Unterschied muss eine Differenz in den Gegebenheiten
des seelischen Geschehens entsprechen. In der Übertreibung wird
gewissermassen dargestellt, dass man mehr hat, als der Wirk-
lichkeit entspricht, in der Art des Bluffs oder Make-believe. Die
femininen Züge des männlichen Masochismus wollen den Partner
glauben lassen, dass man weniger Trümpfe in der Hand hat als der
Wirklichkeit entspricht. Im ersten Fall wird also auf Trümpfe hinge-
deutet, die man nicht hat. Im anderen werden Trümpfe verheimlicht
die man besitzt. Die Vorbereitung und Zubereitung bei der masochi-
stischen Frau ist also einem „overdone" zu vergleichen, die des Mannes
einem „underdone". Wenn es aber zum Endspiel könnt, wird die
Kurzlebigkeit und Vergeh! ich keit aller dieser Mannöver ersichtlich:
spielen kann man nur mit den Karten, die man vom Schicksal erhalten
hat.
Die vorweggenommene Rehabilitierung
Es ist Zeit, die Frage, ob das Weib im allgemeinen masochistischer
ist als der Mann, eindeutig zu beantworten. Die Antwort lautet:
nein, im Gegenteil, das männliche Geschlecht ist masochistischer als
das weibliche. Diese Antwort gilt ebensowohl, wenn man unter dem
Wort die Perversion, als wenn man darunter die Triebneigung
versteht. Sie bezieht sich sowohl auf die sexuelle als auch auf die soziale
239
oder, wie Freud es nennt, moralische Gestalt des Masochismus.
Der Anschein, dass das Weib leidsüchtiger sei als der Mann, wird
begünstigt durch einige Tatsachen, wie die Verbindung biologischer
Vorgänge bei der Frau mit Leiden, ihre Passivität im sexuellen und
zum Teil auch im sozialen Leben u.s.w. Das Leiden und die Passivität
gehören freilich zum Masochismus, sie bilden aber nicht das ent-
scheidende Merkmal, sondern die Lust am Leiden oder das triebhafte
Aufsuchen der Unlust. Unsere Ableitung hat uns den Masochismus
als eine seelische Umformung sadistischer und aggressiver Trieb-
regungen gezeigt. Auch von diesem Gesichtspunkt, dem des Ur-
sprungs und Wesens der Triebneigung ist es verständlich, dass der
Masochismus dem Manne näher liegt als der Frau.
Die Verfolgung des Themas der geschädigten Selbstliebe und ihre
Wiederherstellung führt in ein Gebiet, in dem der Geschlechts-
unterschied keine Rolle mehr spielt. Die Gelegenheiten für solche
Schädigungen sind für die frühe Kindheit und die folgenden Ent-
wicklungsjahre für das Mädchen und den Knaben gegeben. Bisher
haben wir den Masochismus insbesondere als eine bestimmte Reaktion
auf äussere und innere Versagungen, als eine Bildung gesehen, welche
aus dem Konflikt zwischen dem sexuellen triebhaften Verlangen und
der ihm entgegenwirkenden Angst entsteht. Das Resultat der maso-
chistischen Phantasie und Szene war, die sexuelle Triebbefriedigung
trotz der angedrohten Strafe- ja durch die angedrohte Strafe- zu
erhalten. Die Aussicht, die sich jetzt, von einem verschiedenen Ge-
sichtspunkt ergibt, zeigt uns die andere, wesentliche Seite der Leid-
sucht. Der Masochismus ist auch eine Reaktion des Ichs auf eine
Zurückweisung seiner Ansprüche. Dem Willen des schwachen Ichs
hat sich ein stärkerer entgegengestellt, dem man weichen musste.
Die ursprüngliche Selbstliebe erhielt auf diese Art eine Erschütterung
und der Masochismus zeigt sowohl diese Wirkung als die Bemühung,
ihrer Herr zu werden. Als ein Memento an diese frühen Niederlagen
des Ichs, ist er zugleich auch ein Denkmal seines vorweggenommenen
Sieges.
Diese Doppelnatur des Masochismus ist gewissermassen ererbt;
sie kann aus seiner sadistischen Abkunft verstanden werden. Der
240
L
Sadismus selbst ist von so zwiefacher Art. Er stellt eine Triebrichtung
dar, die das Objekt zwingen und zur eigenen sexuellen Befriedigung
gewaltsam besitzen oder schädigen will. Auf der anderen Seite will e'r
alle ihm entgegenstehenden Hindernisse zerstören, seinen eigenen
Willen gegen den der Umgebung durchsetzen, die ihm widerstre-
benden Personen vernichten. Widerstand steigert so die sadistische
Begierde, gibt ihr neue Nahrung. Der Masochismus ist in seiner
seelischen Zusammensetzung von ähnlicher Art. Sie zeigt nur,
welches Triebresultat zum Vorschein kommt, wenn die sadistischen
Tendenzen auf überlegene Kräfte stossen, denen sie weichen müssen.
Besser gesagt: der Charakter des Masochismus zeigt einen möglichen
Ausgang eines solchen Konfliktes.
Das eine Thema des Masochismus ist also das Zusammenstossen der
sexuellen Triebspannung mit den seelischen Kräften, die ihr in den
Weg treten. Das andere ist das des Kampfes des Ichs gegen überlegene
Objekte, die Geschichte der Niederlage des Ichs und seines kommen-
denden Sieges. Wir erkennen zwei Lust- und Leidmotive des Maso-
chismus: eines aus der Triebsphäre aufsteigend, das andere aus dem
Ichbereich stammend. Ihre Vereinigung und ihre Isolierung, die
Einzelstimmen und das Unisono zu verfolgen ist die Aufgabe, die
dem Psychologen gestellt sind, der diese verwirrend reiche Partitur
des Masochismus studiert.
Wir haben in diesem Studium eine wertvolle Hilfe, die der Maso-
chismus selbst uns liefert: den demonstrativen Zug. Er hat ja, ohne
es zu wollen, eine psychologische Funktion: er will ja etwas zeigen,
ja mehr, er will etwas beweisen. In der masochistischen Phantasie oder
Szene wird die Person herabgesetzt, beschimpft, entwürdigt, mit
Schande bedeckt. Hier wird also das Ereignis wiederholt oder jene
Eindrücke erneuert, welche die Schädigung der Selbstliebe bestimmt
haben. Dies zu zeigen ist die Absicht der masochistischen Demon-
stration: sieh her, was mir an Schmach und Schande angetan wurde
oder besser: sieh her, womit ich bedroht werde, was ich zu fürchten
habe. Ist es die einzige Absicht der Zurschaustellung? Nein, es ist
nur die auffälligste, fast möchte man sagen, aufdringliche Seite der
Demonstration. Die andere, minder offenbare, doch nicht minder
Q 241
deutliche ist: und trotzdem tue ich, was ich möchte. Ich weiche diesen
überlegenen Kräften, aber gerade auf dem Weg der Unterwerfung
erreiche ich, was ich ursprünglich wollte. Wie alle Merkmale des
Masochismus hat auch der demonstrative Zug ein doppeltes Gesicht:
er zeigt die erlittene oder angedrohte Erniedrigung, er zeigt aber auch
die bevorstehende Erhöhung. Im sexuellen Masochismus ist ja diese
psychologische Sachlage klar genug: nachdem die Person geschlagen,
gepeitscht, gedemütigt worden ist, gelangt sie doch zur sexuellen
Lust. Das Bild der geschädigten Selbstliebe und ihrer Wiederher-
stellung stellt sich in der masochistischen Szene in grossen deutlichen
Linien dar: das Ich war durch die Strafandrohung eingeschüchtert
und gedemütigt, in seinen Ansprüchen auf Triebbefriedigung be-
schränkt und gekränkt. Die masochistische Szene führt das sozusagen
plastisch vor; die Bestrafung wird vollzogen, die Demütigung er-
litten. Trotzdem aber oder vielmehr gerade dadurch wird die verbotene
sexuelle Lust erreicht. Man kann hier gut den Begriff der Rehabili-
tierung einführen. Rehabilitierung würde in diesem Sinn die Genug-
tuung bedeuten, welche das geschädigte oder gekränkte Ich erhält,
die Wiederherstellung seiner früheren Rechte.
Im Masochismus als sexuelle Triebneigung und Perversion wird
die Rehabilitierung als ein wichtiger Nebengewinn erscheinen. Das
eigentliche Ziel ist ja die Befriedigung des sexuellen Verlangens. Die
Genugtuung, die damit für das Ich aber verbunden ist, besteht darin,
dass dieses Ziel trotz den starken äusseren und inneren Hindernissen
erreicht wird. Was hier als Nebengewinn erscheint, wird im sozialen
Masochismus zur Hauptsache, zu einem der grossen Triebziele selbst.
Das Zurücktreten des sexuellen Faktors gegenüber dem sozialen
lässt die Wiederherstellung des bedrohten Selbstgefühles in den Vorder-
grund treten, zeigt, warum alles Leid und aller Streit. Die Rehabili-
tierung enthüllt sich hier als das Triebziel von der Ichseite her.
Die Aussicht, die sich dem Beobachter von hier aus bietet, ist die
eines Touristen, der einer Bergkette gegenübersteht, aus der zwei
grosse Gipfel, der eine näher, der andere entfernter, alle anderen
überragen. So heben sich auf den Gebilden des Masochismus zwei
Erscheinungen ab: in der einen ist der höchste Punkt die verbotene
242
i.
Triebbefriedigung sexueller und aggressiver Art, in der anderen die
Befriedigung der zuerst verkümmerten und dann trotzig geltend-
gemachten Ich- Ansprüche, der Genugtuung für die Schädigung des
Selbstgefühles. Bei wanderndem Nebel wird sich dem betrachtetenden
Touristen manchmal der eine Gipfel deutlicher zeigen, während der
andere verhüllt ist. Dann wird wieder der andere klarer hervortreten
während dicke Schwaden den Nachbarberg der Aussicht entziehen.
Beide Berge aber sind von ähnlicher Struktur, gehören annähernd der
selben geologischen Schicht an und sind Erhöhungen einer einzigen
Gebirgsformation. Vielleicht ist dieser Vergleich geeignet, den Ein-
druck, den der Forscher von den Phänomenen des sexuellen und
moralischen Masochismus, ihren verschiedenen Aspekten und Ziel-
setzungen erhält, zu veranschaulichen.
Die masoch istische Triebneigung ist, von dieser Seite aus gesehen,
kein sexuelles Problem, sondern eine Frage des Selbstgefühles und
der Selbstliebe, ein Ichproblem. Dieser Zug tritt im sexuellen Maso-
chismus wohl zurück, verrät sich aber doch in den Entwürdigungen
und Erniedrigungen des Zeremoniells oder der Einzelheiten der
masoch istischen Aktion z.B., dass ein .Mann gescholten oder wie
ein schlimmes Kind behandelt wird. Er verrät sich auch — nämlich
wieder in der Darstellung durch das Gegenteil- in der Unterwürfigkeit
und Servilität, dem Sklaventum gegenüber der Frau. Die Strafdrohung
und die Versagung, auf welche der sexuelle Drang stiess, haben das
Selbstgefühl erschüttert. Die Angst, welche Tadel und Strafaussicht
für das verbotene Tun in dem Kinde auslöste, zeigt in ihrer Intensität,
dass das Ich nicht gefestigt war. Der äussere Tadel wird später ver-
inncrlicht, die Strafandrohung von den Personen der Eltern und
Erzieher abgelöst. Dort, wo sie einst von aussen einwirkten, ersteht
eine andere Form der Angst: das Schuldgefühl. Dieses drückende
Gefühl aber ist in gesteigertem Masse geeignet, den noch erhaltenen
Narzissmus des Ichs einzuschränken und zu schwächen. Wer sich
innerlich verurteilt und sich schuldig fühlt, kann sein Ich nicht lieb
haben, kann von seinem Wert und seiner Persönlichkeit nicht über-
zeugt sein. Das Ich, dessen ursprüngliches starkes Selbstgefühl durch
die Strafandrohung und den vorausgenommenen Tadel erschüttert,
243
durch die Gewissensangst herabgesetzt wurde, macht nun einen
heroischen Versuch, die verlorene Postition zurückzuerobern. Es
wirft sich der Strafe entgegen, es nimmt das Leiden auf sich. Es sagt
gleichsam „Gut, schlagt mich, straft mich, erniedrigt mich, dann
aber will ich doch meinen Willen haben". Es unterwirft sich, um sich
wieder erheben zu können, es lässt sich strafen, um doch die sexuelle
Befriedigung zu bekommen. Aus dem Vorangegangenen muss man
schliessen, dass einer der ersten Antriebe zur Ausbildung des Maso-
chismus ein leicht verletzbares Selbstgefühl war, das geschädigt
wurde, und dass eines seiner ersten Ziele eben die Rehabilitierung des
Ichs gewesen sein muss.
Dieses Ziel des Masochismus bestimmt auch über einen Charakter,
der bisher nicht diskutiert wurde, sich jetzt aber wie zum indirekten
Beweis darbietet. Das ist die Einschränkung der Liebesfähigkeit
des Masochisten und des masochistischen Charakters. An dieser Stelle
bin ich auf einen Ansturm von Einwendungen und Argumenten
gefasst. Nicht genügend gewappnet und kaum dialektisch geschult,
bin ich doch bereit, den wichtigsten von ihnen zu begegnen. Voraus-
schicken muss ich, was mit der Bezeichnung gemeint ist: ich behaupte
also, dass der Masochist nur in einem beschränkten Ausmasse befähigt
ist, Liebe für ein Objekt zu fühlen und Liebe zu geben, dass seine Liebes-
fähigkeit durch bestimmte seelische Faktoren eingeschränkt wird.
Nun zu den Einwürfen und Einwänden. In der analytischen Literatur
wurde des öfteren, zuletzt von W. Reich auf das erhöhte Liebes-
bedürfnis des masochistischen Charakters hingewiesen, auf sein Ver-
langen, sich immer wieder zu vergewissern- auch um den Preis hoher
Opfer und freiwilliger Entbehrungen- dass er geliebt wird. Gewiss
doch, das wurde hier nicht bestritten. Das Bedürfnis, geliebt zu wer-
den, und die Fähigkeit selbst zu lieben, sind indessen psychologisch
zwei verschiedene Dinge. In bestimmtem Sinn sind es sogar zwei
einander entgegengesetzte Dinge. „Wenn ich dich liebe, was gehts
dich an?" fragt eine G o e t h esche Gestalt. Das erhöhte oder gestei-
gerte Liebesbedürfnis, das Verlangen, geliebt zu werden, kann unter
bestimmten psychologischen Umständen geradezu zum Zeichen
werden, dass man selbst der eigenen Liebe nicht sicher ist. Wer ein
244
übertriebenes Verlangen hat, geliebt zu werden, zweifelt aber gewiss
daran, dass er geliebt werden kann. Das kann verschiedene seelische
Begründungen haben. Die wichtigste ist die, dass die Person annimmt,
dass sie nicht wert ist, geliebt zu werden. Die innere Wahrnehmung
sagt z.B. dass man voll Aggression und Hass ist, so dass sogar Objekte,
die uns nahestehen, zugleich zu Gegenständen feindlicher Regungen
werden. Jener Zweifel, ob man geliebt wird, und die Bemühung, sich
die Liebe zu erwerben, darf sich in diesem Fall auf das unbewusste
Schuldgefühl berufen, das aus eigenen Hassregungen resultiert.
Jedenfalls aber hat das verstärkte Liebesbedürfnis nichts mit der
eigenen Liebesfähigkeit zu tun. Es ist vielmehr ein Zeichen dafür,
dass die ursprüngliche Sicherheit oder Unbekümmertheit des Selbst-
gefühles verloren gegangen ist. Das Baby ist sicher geliebt zu werden,
es zeigt ein selbstverständliches Vertrauen, dass die Mutter, der Vater,
alle Welt es liebe. Dieses Vertrauen ist psychologisch gerechtfertigt,
nicht nur weil es meistens den Tatsachen entspricht, sondern weil
das Kind in seiner Selbstliebe noch nicht gekränkt und geschädigt
wurde. Ein besonders starkes Verlangen nach Geliebtwerden zeigt
schon an, dass solche Zufuhr von Liebe für das Ich notwendig ge-
worden ist. Wir stossen also wieder auf das Moment des gestörten
Narzissmus, welches das verstärkte Liebesbedürfnis erklärt. Nebenbei
bemerkt: es ist mit nicht zweifelhaft, dass es sich weniger um das
Bedürfnis, geliebt zu werden, als um das, verziehen zu werden,
handelt. Im Sinne der kindlichen Anschauung, die den Liebesverlust
bei den nächsten Personen fürchtet, kann der Satz: es wurde mir
verziehen, dem Ausdruck: ich werde wieder geliebt, psychologisch
gleichgesetzt werden. Ein anderer Einwand, gewichtigter als dieser,
wird auf das Benehmen des Masochisten, sein Verhalten zu seinem
„Liebesobjekt" selbst hinweisen. Er wird uns vorhalten, dass es
selten, wenn irgendwo in der Welt, leidenschaftlichere Beteuerungen
der eigenen Liebe und Ergebenheit gibt, als in den Briefen und Ge-
sprächen masochistischer Menschen, dass unzweideutigere Beweise
der Opferfähigkeit, des Diensteifers, ja der sklavischen Unterwürfig-
keit gegenüber dem Liebesobjekt kaum zu finden sind als in den
masochistischen Szenen. Und werden nicht im Dienste der „strengen
245
Herrin" alle Schranken heiliger Scheu überwunden, darf die Gebieterin
nicht alles verlangen, was sonst niemand ungestraft vom Andern for-
dern darf, auch das Ekelhafte und Erniedrigende, wird nicht sogar
Bestraftwerden, Gescholtenwerden zu Lust, wenn es nur von ihr
kommt? Wenn diese leidenschaftliche Glut, diese Überschwänglich-
keit, diese grenzenlose Verehrung, kein Beweis von Eiebe ist, was
ist es dann? Ist der Masochist nicht willig, sich die stärksten Demüti-
gungen von seiner Geliebten gefallen zu lassen? Mehr als dies: er
ist nicht nur willig, er will es auch. Er will es nicht nur, er sehnt sich
darnach, er bittet es, fordert es. Und dennoch: die wahre Liebe ist
das nicht. Gerade die Überschwänglichkeit, gerade das Übertriebene,
ins Unwahrscheinliche und Phantastische Geführte eines solchen
Verhaltens sollte uns misstrau : sch machen. Sind diese Zeichen wirk-
lich Beweise von Liebe, nicht Beweise anderer Triebziele? Romeo
fordert von Julia nicht, beschimpft, gepeitscht, gebunden, gedemütigt
zu werden. Dass das Misstrauen gerechtfertigt ist, hat uns die Analyse
der seelischen Vorgänge im Masochismus gezeigt. Es handelt sich
nicht um Liebe, sondern um Lust. Alle überschwängliche Verehrung
des Objektes, alle Bereitwilligkeit sich zu unterwerfen, versklavt,
gezüchtigt und gedemütigt zu werden, sind keine Beweise der Tiefe
des Liebesgefühles, sondern der Tiefe des sexuellen Lustverlangens.
Und dieses selbst hat ja nicht das gewöhnliche Ziel, weicht von dem
natürlichen der geschlechtlichen Vereinigung ab und scheint abson-
derliche Wege zu gehen. Die Beziehung zum Liebesobjekt scheint
die hingebungsvollste zu sein, aber ist es auch ein Liebesobjekt? Ist es
nicht vielmehr ein Objekt der sexuellen Lust, ein Instrument auf
dem man spielt oder vielmehr eines, das auf dem Masochisten spielen
soll? Eine tiefere Einsicht ergibt, dass die angebetete Frau nicht als
Persönlichkeit, sondern als Geschlechtsvertreterin erscheint. Alles
Andere ist Schein und Manöver, Übertönung anderer, seelischer
Möglichkeiten. Alle Vorspiegelung besonderer Verehrung, ja Ver-
götterung soll nur verdecken, dass für den Masochisten die sexuellen
Beziehungen keine persönlichen sein müssen. Sie gelten der Frau,
sie gelten aber nicht dieser bestimmten Frau. Wir wissen, dass sich der
masoch istische Drang aus aggressiven und sadistischen Phantasieen
246
abgeleitet hat und seinen ursprünglichen Charakter noch in der Ent-
stellung und Darstellung durch das Gegenteil behalten hat. Die sadi-
stische Objektergreifung und Objektzerstörung ist aber gewiss keine
Äusserung ungemischter Liebe zur Frau. Die Analyse des demon-
strativen Zuges hat nicht nur die Annahme jener Abkunft vom Sadis-
mus bestätigt, sondern auch die dauernde Wirkung aggressiver Ten-
denzen gezeigt. Das Objekt sollte verhöhnt und herabgesetzt werden,
indem man sich dasselbe von ihm antun lässt, was man ihm zufügen
möchte. Das groteske Beiwerk masochistischer Szenen, das Paradoxe
dieser Phantasieen wies unzweideutig auf solche Absichten hin. Um-
kehrung und Übertreibungen schienen anzudeuten, dass das Ver-
halten des Masochisten selbst darstellen will, welcher tiefe Sinn in
diesem kindlichen Spiele liegt. Hier wurde unser erste Eindruck vom
Masochismus durch die psychologische Analyse seiner Vorgänge
bestimmt: die Paradoxie gewann ihren Sinn. Der Masochist könnte
im Sinne jenes Ausspruches T e r t u 1 1 i a n s sagen: Facio, quia
absurdum. Das aber will sagen: was ich tue, ist Unsinn, ich zeige dir
damit nur, was ich eigentlich dir tun will. Was der Masochist in seiner
Beziehung zur Frau darstellt, ist freilich obenhin gesehen, völlige
Unterwerfung. Was er aber dadurch darstellen will, ist der Wille zu
unterwerfen, also eine besondere Art triebhaften Begehrens. Man
muss wiederholen: die wahre Liebe ist das nicht. Die Frau erscheint
zwar in seinem Verhalten besonders hoch gewertet und geschätzt.
Daran ist nur wahr, dass sie als Sexualobjekt hoch geschätzt wird, als
Vertreterin des Geschlechtes, nicht als Person. Das ganze Verhalten
des Masochisten scheint zu beweisen, dass er dem Weibe unbedingt
dienen will. Es beweist aber in Wirklichkeit, dass er sich ihrer unbe-
dingt bedient.
Haben wir aber nicht gesagt, dass sich hinter der Figur der Frau
die männliche Figur verbirgt, die Gestalt des strafenden Vaters sich
verrät. Gilt nicht die verborgene Liebe eigentlich ihm? Nein, es ist
eher ein Verlangen, von ihm bestraft zu werden, um dann Trieb-
freiheit zu haben, ja gerade in der Bestrafung die Triebbefriedigung
zu erringen. Wir haben uns davon überzeugt, dass auch die Liebes-
regung in dieser Beziehung zum Mann keineswegs vorherrschend
247
ist. Was sich als solche präsentiert oder erraten lässt, wird sich auf ein
Gemenge von Strafbedürfnis, Angst, Trotz und dunkle homosexuelle
Regungen reduzieren. Der Masochist scheint so mit Hamlet von sich
sagen zu können: „Ich habe keine Lust am Weibe und am Manne
auch nicht". Das stimmt nicht, er hat Lust am Weibe und am Manne
auch, aber er hat wenig Liebe zu ihnen. Wir haben ja auch nur von
der Einschränkung der Liebesfähigkeit gesprochen. Diese Abschwä-
chung der Liebesgefühle aber ist bestimmt dadurch, dass die Liebe
von den Objekten zum grössten Teil wieder auf das Ich zurück-
gezogen wird. Die seelische Situation der gestörten Selbstliebe, des
geschädigten Narzissmus macht es notwendig, die Liebe wieder dem
Ich zuzuwenden. So wird der Feldherr seine vorgeschickten Truppen
zurückziehen, wenn eine wichtige Stadt im eigenen Land durch
einen feindlichen Angriff bedroht erscheint. Die Zurückziehung der
Liebesbesetzung von den Objekten auf das gefährdete Ich hat aber
nicht nur Schutzcharakter, sie wird auch in den Dienst der Rehabili-
tierung des Selbstgefühles treten.
Diese Rehabilitierung geht aber auf eine merkwürdige Art vor sich :
indem die Erniedrigung, Beschämung und Strafe freiwillig erneuert
wird. Ich erinnere an den Jungen, den der Vater wegen seiner
schlechten Tischsitten als Schwein beschimpfte und der zu grunzen
begann, an die masochistischen Szenen, in denen ein Mann wie ein
schlimmes Kind gerügt und getadelt werden will. Was ist das Motiv
eines so sonderbaren Verhaltens? Es sieht aus wie eine ingrimmige
Erinnerung an eine erlittene Beleidigung, eine dargestellte Wieder-
holung. Wir wissen, es ist eine Flucht nach vorne, um die Angst zu
bewältigen. Indem aber der Masochist die Strafe aufsucht, hat er
sozusagen das innere Recht gewonnen, das Verbotene zu tun, seinen
Willen durchzusetzen. Indem er die Beschämung erneuert hat, hat
er sich und den Anderen bewiesen, wie ungerecht, dumm und kurz-
sichtig sie war und kann auf diesem Unweg sein Selbstgefühl wieder
herstellen. In dieser Darstellung ist freilich immer wieder zu berück-
sichtigen, dass harmlose Kinderszenen und Drohungen dramatisiert
werden, die Strafaussicht stärker wirkte als die wirkliche Strafe und
dass die Bedrohung durch die Phantasiearbeit eine schreckenserregende
248
!
Gestalt erhielt. Dieser Schrecken wird abgeschwächt, indem die
Strafe vollzogen wird. Durch die Darstellung der Bestrafung und
Beschämung wird aber die Rachelust verstärkt und die Kraft gefunden
dem Willen der Aussenwelt zu trotzen. Wir bekommen so den Ein-
druck, dass die masochistische Aktion den Sinn hat, eine Rachephan-
tasie darzustellen und zwar indem sie wiederholt, was das Rache-
gefühl und den Trotz rechtfertigt. Es ist dem Menschen schwer, auf
Rache zu verzichten. Es ist ihm aber unmöglich, auf die Rache-
phantasie, auf die Vorstellung, sich Genugtuung auf eine erlittene
Beschämung und Erniedrigung zu holen, zu verzichten. Der Reiz,
der von der Phantasie ausgeht, es „ihnen zu zeigen", ist in seiner
seelischen Wirkung schwer zu überschätzen. Indem die Rache-
phantasie das erlittene Unrecht erneuert — in der masochistischen
Aktion lässt sie es sogar wieder geschehen- rechtfertigt sie ihre Wut
und rechtfertigt sie die folgende Reaktion, die grausam oder trotzig
ist. Die Genugtuung, die aus der Durchführung eines lange unbe-
friedigt gebliebenen Rachedranges fliesst, hat nur wenige von gleichem
Lustwert auf Erden. In ihr vereinigen sich Lustquellen aus der
eigenen Aggressivität mit solchen aus der Wiederherstellung des
Machtgefühles und des Selbstvertrauens. Essoll nachgetragen werden,
dass Vergleichungen mit Anderen, die zum Nachteil der eigenen
Person ausfallen, und das Hinstellen anderer Kinder als Vorbilder oft
als Demütigungen und Schädigungen empfunden werden, lebhafte
Rachegefühle auslösen und ein Verlangen nach Rehabilitierung er-
regen können.
In der masochistischen Phantasie und Szene muss diese Rehabili-
tierung oder Wiederherstellung des Selbstgefühles nicht immer zum
Ausdruck kommen. Sie ist aber, bewusst oder unbewusst, immer
vorhanden und wirksam. Die Szene mag nur die Erniedrigung und
Beschämung, die Strafe oder das Leid darstellen. Der Psychologe,
der ihren geheimen Sinn erraten will, hat die Aufgabe, das fehlende
Stück zu ergänzen und daran zu denken, dass das Dargestellte dem
Ich das subjektive Recht gibt, sein Selbstgefühl wiederherzustellen.
Die Möglichkeit, die Art und den Unfang des Fehlenden zu erraten,
ist durch Andeutungen und Anspielungen der Demonstration gegeben!
249
Die verborgene Tendenz, anerkannt und geschätzt zu werden, nach-
dem man gedemütigt und erniedrigt wurde, tritt im sozialen Masochis-
mus ungleich stärker hervor .als im sexuellen. Sie beherrscht die
seelische Tiefendimension viel entscheidender als die Befriedigung
des unbewussten Schuldgefühles. Wer nicht nur ein „gelernter",
sondern auch ein geborener Psychologe ist, wird die Anwesenheit
und Stärke dieser geheimen Absicht in den Äusserungsformen des
sozialen Masochismus erkennen. Die eigene Entwürdigung und
Beschämung, das eigene Leid und Unglück stehen freilich im Vorder-
grunde. Das hat aber nur den Wert eines Vorspieles. Dahinter er-
scheint der leidenschaftliche Anspruch auf Geltendmachung des
Ichs so deutlich, dass er manchmal bemerkbar, hörbar und sichtbar
wird. Das Verlangen, geschätzt und anerkannt zu werden, ist dann
übermächtig geworden, durchdringt den Vorhang des Leidens. Das
Leiden wird dann zum Zeichen und Ausdruck des eigenen Wertes.
Wer soviel Ungemach und Unglück erduldet, hat ein Recht darauf,
stolz zu sein. Er ist ein vom Schicksal Gezeichneter? Er ist damit
zugleich ein vom Schicksal Auserwählter, einer, dessen Eigenart und
Los ihn aus der Menge hervorhebt. Wer soviel leiden muss, sovielen
Benachteiligungen ausgesetzt ist, darf sich erlauben, auf Andere
herabzusehen, ist nicht gebunden durch Gesetz und Regel, welche
die Masse binden. Die Berufung auf Ungemach und Niederlagen
wird zur inneren Legitimation der eigenen Überlegenheit. Aus ihr
schöpft das Ich seine unbeschränkten Ansprüche. Hier kann gewiss
nicht, wie es in so vielen analytischen Büchern und Zeitschriftenarti-
keln heisst, von einer narzisstischen Befriedigung die Rede sein. Die
Schmach wird als solche empfunden, die Entwürdigung tief erlitten,
daran kann kein Zweifel sein. Erst nachträglich wird die Schmach
umgedeutet, wird zum Vorzeichen der Auszeichnung, die eigene
Erniedrigung wird zum Ausdruck der kommenden Erhöhung, die
Ausstossung zum Svmptom der Besonderheit. Nicht die natürliche
starke Selbstliebe wird hier sichtbar, sondern ihr Ersatz, der Stolz,
der ihre Schädigung überwinden will. Ein solcher Stolz lässt sich
seiner Natur nach am besten mit der Eitelkeit vergleichen. Auch die
Eitelkeit ist keine Äusserung der natürlichen Selbstliebe. Sie bezeugt
250
nicht ein ursprüngliches Gefallen an der eigenen Person, sondern
weist auf eine Bemühung hin, ein Missfallen zu bewältigen. Sie ist
kein Zeichen des befriedigten Narzissmus, sondern eines Versuches
seine Verletzung wieder gut zu machen. Auch die Eitelkeit wird einen
körperlichen Nachteil oft so verwenden und verdecken, dass der
Aussenwelt dort ein Reiz erscheint, wo ein Mangel vorliegt. Eine
hübsche Spitzenverzierung am halblangen Ärmel eines Damen-
kleides wird so oft einen eckigen Ellbogen verbergen. „Every
picture teils a Story".
Die Umkehrung und Umdeutung einer Erniedrigung und Be-
leidigung in eine Auszeichnung oder Besonderheit erscheint so in
Individuen und Gruppen als eine späte seelische Reaktion. Schimpf-
namen wie der der Geusen werden so sekundär zu ehrenden Bezeich-
nungen. Aus dem mittelalterlichen Verbot, sich zur Osterzeit vom
heiligen Donnerstag bis Sonntag öffentlich zu zeigen, haben die
Juden eine Gelegenheit gemacht, diese Tage als festliche auszuzeich-
nen. Eine Hymne in ihrer Liturgie feiert diese Gelegenheit, indem
sie Israel einer schönen Prinzessin vergleicht, die sich in ihrem Palast
verbirgt.
Diese Umdeutung ist eine Bemühung, aus der eigenen Niederlage
masoch istische Lust zu ziehen, eine Lust, die in erster Linie auf Re-
habilitierung des geschädigten Ichs gerichtet ist. Der Anspruch,
besser zu sein, als die Umgebung, mag verborgen sein, dem Bewusst-
sein der Person selbst, die ihn erhebt, ferne, er ist doch als eine der
stärksten Lustgewinne im sozialen Masochismus anzuerkennen.
Man hat bisher, soviel ich sehen kann, den Zug der Überlegenheit,
ja gelegentlich der Überheblichkeit im masoch istischen Charakter
nicht gesehen. Die Demut und betonte Abhängigkeit, die Schwäche
und Unterwürfigkeit haben diese Tendenzen bisher unerkennbar
gemacht. Der Anspruch, an seelischen . und moralischen Qualitäten
überlegen zu sein, wird indessen durch das unterwürfige, selbstver-
kleinernde Benehmen des Masochisten nicht entkräftigt, nur verdeckt.
Auch wird die Demut durch gelegentliche Anfälle von Hochmut,
der sich hinter ihr verbirgt, durchbrochen. Sie ist einem dünnen Firnis
zu vergleichen, der die tiefere Schicht nur oberflächlich beschützt.
251
Ja es ist sogar möglich, ein gewisses Minderwertigkeitsgefühl mit
Hochmut gegen Andere zu vereinigen. Das Minderwertigkeits-
gefühl ergibt sich nämlich aus einem inneren Vorgang, dem Ver-
gleich des wirklichen Ichs, seiner Leistungen und seiner Schwächen,
mit den hohen, ja übersteigerten Ansprüchen an das Ich, die der
masochistische Charakter stellt. Das Defizit, das so entsteht, muss
ihn mit Unzufriedenheit erfüllen: er kann jene grossen Leistungen
nicht erfüllen, kann seine Fehler und Schwächen nicht loswerden. Der
Vergleich des aktuellen Ichs mit dem Ich-Ideal, das er für sich
aufgestellt hat und dem er nachstrebt, fällt fast immer zu Ungunsten
der Person aus und erregt Schuldgefühle. Eine solche Demut gegen-
über dem Ich und seinen Anforderungen schliesst-so sonderbar dies
klingen mag — nicht einmal einen heimlichen Stolz aus. Dieser
Stolz oder diese moralische Eitelkeit bezieht sich ja nicht auf die
grossen Ichleistungen, sondern auf die Höhe und Strenge der eigenen
Anforderungen. Es ist also Stolz auf das Ich-Ideal, auf das Über-Ich,
das der Kulturmensch in sich trägt. Noch besser aber ist eine solche
Bilanz, die negativ ausfüllt, mit Hochmut gegenüber Anderen zu
vereinigen. Die Strenge gegenüber sich selbst, ja besonders eine solche,
die das Ich unbewusst mit Strafen belegt, kann gut mit Uberlegen-
heitsgefühlen der Umwelt gegenüber gepaart gehen. Sehr charakte-
ristisch sagte einmal eine Patientin mit ausgeprägt masoch istischen
Zügen: „Ich fühle mich sehr klein, wenn ich mich mit dem vergleiche,
was ich eigentlich sein will, aber sehr gross, wenn ich mich mit dem
vergleiche, was Andere sind".
Eine solche Haltung des Hochmutes, die von hohen Ichansprüchen
ausgeht, schafft doch ein Ungenügen, eine seelische Spannung, die
nur durch neue Unlust, durch selbstarrangierte Leiden, durch Pro-
vokationen neuer Kränkungen und Verfolgungen herabgesetzt und
gesänftigt wird. Die neuen Prüfungen werden nun dazu verwendet,
um das gesunkene Selbstgefühl zu heben. Das Leiden wird so zum
Beweis der eigenen Vorzüglichkeit und damit der eigenen Über-
legenheit. Diese seelische Wirkung kann nicht von langer Dauer
sein, denn die Kräfte der Aggression sind wieder erstarkt, und der
Aufwand, sie zu unterdrücken, erzeugt wieder unbewusstes Schuld-
252
gefühl. So ergibt sich der unendliche Kreislauf, in dem sich der Maso-
chismus bewegt.
Das Leiden oder das Ertragen von Beschimpfung und Beschämung
als Beweis der Überlegenheit gewinnt etwa den Sinn: wie gut muss
ich sein, wenn ich soviel ungerechte und unverdiente Unbilden ertragen
muss. Subjektiv ist diese Verbindung wohl zu verstehen: die Person
hat ja den erfolgreichen Versuch gemacht, ihr unbewusstes Straf-
bedürfnis und die Angst, welche beide das Selbstgefühl herabdrückten,
zu bewältigen, indem sie Leiden auf sich nimmt. Durch das Leiden
erhält also das Ich ein Stück der alten hohen Selbsteinschätzung oder
Selbstliebe zurück. Diese darf sich dann auch darauf berufen, dass
man gut, ja besser ist als Andere und zum Beweis auf geduldig ertra-
gene Leiden hinweisen.
Wer der Gewalt nicht mit Gewalt begegenet, wer der Brutalität
ausgeliefert ist, ohne sich zu rächen, wer die Tücke des Geschicks so
willig erträgt, erscheint ja als ein besserer Mensch, verglichen mit
uns allen, die wir ungeduldig und rachsüchtig sind und uns zur Wehr
setzen. Das Leiden und die Art, es zu ertragen, der Verzicht auf
Grausamkeit und Triebbefriedigung werden zum deutlichen Beweis
der menschlichen Superiorität. Der masochistische Charakter hebt
sich so von einem allgemeinen dunkleren Hintergrund ab. Vom Stand-
punkt einer objektiven Ethik muss zugestanden werden, dass der
Masochist, verglichen mit seinem Gegensatz, dem Sadisten, harmlos
erscheint. Es ist zuzugeben, dass der Schaden, den der masochistische
Charakter verursacht, fast ausschliesslich die eigene Person trifft und
kaum oder nur mittelbar die Anderen. Es ist aber nicht unsere Aufgabe,
Wert oder Unwert des Masochisten im Sinne der Moral zu bestimmen,
sondern seinen Anspruch auf Überlegenheit psychologisch zu ver-
stehen. Dieser Anspruch aber wird durch zwei Momente in seiner
Berechtigung abgeschwächt. Das erste ist die Tatsache, dass der Maso-
chist seine moralische Superiorität mit dem Genuss von Leiden ver-
bindet, und das zweite ist, dass er diese Überlegenheit aller Welt und
sich selbst beweisen will. Der verborgene Charakter dieser beiden
Momente macht einige erklärende Worte nötig. Ein altes jüdisches
Sprichwort sagt mit psychologischem Tief blick: „Wer gut ist zu sich,
253
ist gut zu Anderen." Das klingt freilich paradox, aber hat seinen
feinen Sinn. Es will besagen, dass man auch gut zu sich selbst sein
muss, wenn man Anspruch darauf erhebt, gütig Anderen gegenüber
zu sein. Anders ausgedrückt: ist man nur gut zu Anderen, während
man sich selbst schlecht behandelt und sich selbst ohne Notwendigkeit
Leiden und Opfer auferlegt, dann darf man an der Reinheit oder
Tiefe jener Güte Anderen gegenüber zweifeln. Man muss dann
annehmen, dass man den Anderen die für sie gebrachten Leiden und
Opfer übelnimmt und unbewusste Rache an ihnen nehmen will.
Der masochistische Charakter ist zu gut, um gut zu sich zu sein.
Gerade das aber erweckt Verdacht gegen die Reinheit und Tiefe
seiner freundlichen Regungen. Dieser Verdacht wird durch die Fol-
gerungen, welche man aus dem demonstrativen Zug ziehen muss,
bestätigt. Was hier gezeigt wird, ist ja das eigene Leiden, die eigene
Schwäche und Nichtswürdigkeit, die eigene Unfähigkeit und Klein-
heit. Was hier unterstrichen und herausgestrichen wird, scheint also
das Gegenteil des Sichfürbesserhaltens, des eigenen Uberlegenheits-
gefühles, des Stolzes und der Selbstsicherheit zu sein. Es ist aber nicht
das Gegenteil, es ist nur die Darstellung durch das Gegenteil. Gerade
dass es dargestellt und zur Schau gestellt wird, macht es verdächtig.
Es erweckt die Vermutung, dass alle Demut, alle Erniedrigung und
Selbsterniedrigung sowie alle Unterwürfigkeit nur ein ausgedehntes
Vorspiel ist, dem das Eigentliche folgt. Es ist so, wie wenn Herolde
mit einer Trauerbotschaft vorausgeschickt würden, denen viel später
eine Siegesnachricht folgt. Wir wissen, es ist die Siegesnachricht des
stolzen Ichs. Noch der Heilige, der seine fromme Demut zu auffällig
zeigt, scheint zugleich zu beweisen, wie stolz er darauf ist, so demütig
zu sein. Der Prediger, der so beweglich klagt: „Eitelkeit der Eitel-
keiten!" kann selbst sehr eitel sein. In den Klagen über das eigene
Unglück hört ein empfindlicheres Ohr einen Unterton verborgenen
Stolzes, ja Triumphes. Es ist, wie wenn die Person durch Unglück
ausgezeichnet wäre. Es gibt sogar ganze Familien, die nicht nur von
viel Unglück und Pech verfolgt erscheinen, sondern die auch einen
sekundären Familienstolz darauf entwickeln. Es ist durchaus möglich,
dass der Fluch der Atriden in solcher masochistischer Art als ein
254
Vorzug betrachtet wurde. So kann es kommen, dass der masoch istische
Charakter genusssüchtig im Leiden, glücklich im Elend sein kann.
Als Entschädigung für das Ungemach erhält er ja das Geschenk einer
besseren Meinung von sich.
Spürt man den heimlichen Anspruch darauf", besser zu sein als die
Anderen, im Verhalten des masochistischen Charakters? Ich meine
er ist merkbar genug. Noch dort, wo er sich verbergen will, wo das
individuelle Benehmen zu sagen scheint: Lerne zu leiden, ohne zu
klagen, verrät er sich. Etwas in uns will sich diesem Leidmotiv des
Masochismus widersetzen, als ahnten wir, dass es ein Lustmotiv ist.
Welches Recht hat der Einzelne, soviel Leiden auf sich zu nehmen
und sie so geduldig zu ertragen, möchte man fragen. Wir spüren, dass
der Masochist einen ihm nicht zukommenden Anspruch erhebt,
sozusagen als eine Art wandelnder Engel unter uns schwachen
zornigen und sündigen Menschen wandern will. Zu den Schwierig-
keiten des Umganges mit masochistischen Charakteren kommt so
die Unannehmlichkeit, dass er sich selbst besser, aufopferungsfähiger,
duldsamer und duldender als seine Umgebung vorkommt. Mehr
noch: dass er diesen seinen Eindruck verborgen, doch spürbar seiner
Umgebung vermittelt. Die Wiener Mädchen, die sich den Tor-
turen moderner Schönheitspflege unterwarfen, hatten ein Sprichwort:
„Eitelkeit muss leiden". Fast ist es für den Fall des moralischen Maso-
chismus gestattet, die Redensart in gewissem Sinn umzukehren: wer
soviel Genuss an seinem Leiden findet, muss eitel sein. Er bringt
soviele Opfer, trägt so schwere Entbehrungen, verzichtet auf so viel,
weil er in seinen Ansprüchen auf Anerkennung und Schätzung
schwer zu befriedigen ist.
Das Beste, was über diese Seite des masochistischen Charakters,
seinen verborgenen Stolz und seine heimliche Überheblichkeit gesagt
wurde, ist nicht von den Analytikern ausgesprochen worden. Es ist
vielmehr in einem Satz enthalten, der dreiundzwanzig Jahrhunderte
vor der Psychoanalyse ein wesentliches Forschungsresultat über den
masochistischen Charakter vorausnimmt. Ein Kyniker, ein Anhänger
jener asketischen Lehre, die im Verzicht und in der Entbehrung
eine Art moralisch- masoch istischer Befriedigung fand, griff P 1 a t o
255
_
auf dem Athener Marktplatz an. Er warf dem Philosophen und
seinen Schülern vor, dass sie Festmähler geben, heiter ihre philo-
sophischen Gespräche führen und sich sauber kleideten. P 1 a t o
antwortete mit jenem Satz, der von grossem psychologischen Ver-
ständnis zeugt: „Ich aber sehe den Hochmut, der durch deine Lumpen
scheint".
Rast und Rückblick
Im vorigen Abschnitt habe ich die Triebziele des sexuellen und des
sozialen Masochismus mit zwei Gipfeln verglichen, die aus demselben
Gebirgszug aufsteigen. Der Masochismus als sexuelle Perversion war
der Psychologie und Sexualwissenschaft lange bekannt, ohne freilich
seiner seelischen Natur nach näher erkannt zu werden. Bemühungen
um das Problem reichen fast ein Jahrhundert zurück. Der Maso-
chismus als eine besondere Art von Lebensverhalten ist erst vor
kurzem von der Psychoanalyse entdeckt worden. Das ist umso er-
staunlicher, weil diese seelische Erscheinung unverkennbar die kul-
turell bedeutendste unter allen denen ist, die durch eine Triebab-
weichung bestimmt sind. Die Auswirkungen dieser Eigenart, die so
tief in dunklem Erdreich wurzeln, reichen bis in die Regionen,
denen unsere wertvollsten Kulturerrungenschaften angehören. Dieser
neu entdeckte Berg bezeichnet den höchsten Gipfel.
Bevor wir uns ihm annähern und eine neue Anstrengung machen,
ist eine kurze Rast angezeigt, die zu einem flüchtigen Rückblick auf
den zurückgelegten Weg benützt werden soll. Um im Gleichnis zu
bleiben: so sieht der Tourist von einem Berg herab und denkt: von
dort unten bin ich gekommen und sieht zu einem anderen hinüber:
und dort muss ich noch hinauf. Vielleicht gibt der Blick auf den Weg
zurück ihm ein Stück Zuversicht für die Aufgabe, die vor ihm liegt.
Der Weg, den der geduldige Leser mit mir gegangen ist, war oft
schwierig und unbequem, ich weiss es. Ich kenne doch keinen anderen,
der uns bis hierher gebracht hätte, sonst hätte ich ihn gewählt. Oft
schien sich der Weg zu verlieren, oft war er unwegsam und schwer
gangbar, wurde zu einem schmalen Pfad zwischen Abgründen.
256
Von wo sind wir ausgegangen? Die Neugierde des Forschers,
dunkleren Instinkten entwachsend, hat sich das Problem des Maso-
chismus, der Lust, zu leiden, zum Objekt gewählt. Was man vorfand,
war zweierlei: ein grosser Reichtum an Tatsachen, Beschreibungen
klinischer und anderer Art und eine Reihe von Lösungsversuchen
des Problems, von ungleicher Tiefe und verschiedenem Wert. Am
bedeutsamsten schienen uns die Beiträge Freuds zu der Frage:
seine Differenzierungen der Formen, ihre Charakterisierungen, die
nie an der Oberfläche haften blieben, immer in die seelischen Tiefen
vordrangen, das erneute Aufgreifen desselben Problems von ver-
schiedenen Gesichtspunkten, und schliesslich die Bemühung, die be-
fremdende Erscheinung in den Zusammenhang der Trieblehre
einzureihen. Was man jenseits von Annahme oder Kritik im Ein-
zelnen als die Einzigartigkeit der Leistung erkennen muss, ist eben
die Betrachtungs- und Untersuchungsweise des grossen Forschers.
Er hat das Rätsel des Masochismus nicht gelöst, er hat aber die Möglich-
keit geschaffen, es zur Lösung zu bringen. Nur wenige Schüler sind
ihm auf dem Wege, den er gezeigt hatte, in einer Art gefolgt, die dem
Geiste seiner Forschung nahe war, ob sie die besonderen Resultate
seiner Bemühungen nun akzeptierten oder ablehnten. Jene
Vereinigung von Respekt vor Freuds Leistung und Selbst-
ständigkeit des Denkens, geistiger Unabhängigkeit, ist bei den
Analytikern selten.
Ich habe schon geschildert, wie die eigene, viele Jahre fortgesetzte
Beobachtung masochistischer Phänomene zu bestimmten Eindrücken
führte. Neue Einsichten dämmerten und bekamen langsam deut-
lichere Form, konnten allmählich bewusstseinsscharf gefasst werden.
Endlich erschloss sich auch ein neuer Zugang zum Zentrum
des Problems, die Darstellung bisher nicht erkannter oder nicht
gewürdigter Merkmale, die allen Formen des Masochismus
gemeinsam sind. Der Weg, der von hier weiter führt, ist dem Leser
bekannt.
Je deutlicher sich die Grundlinien einer neuen Auffassung des
Masochismus, seines Wesens, seiner Voraussetzungen und Absichten,
abzeichneten, umso ernster wurde der Zweifel daran, dass die bisherige
R 257
Erklärung seinen Erscheinungen gerecht geworden war. Meine
Kritik der bisherigen Auffassung war zuerst schüchtern und zurück-
haltend gewesen, bezog sich auf Einzelzüge, die sich nicht einfügen
lassen wollten, Widersprüche und Lücken, die Bedenken erweckten.
Die Kritik wurde mutiger oder zuversichtlicher, je mehr man von
den verborgenen Eigentümlichkeiten des Masochismus erriet, je
mehr sich der Schleier lüftete, der das Gesicht dieses Phänomens ver-
hüllte. Die Antworten, welche die Analyse auf die durch den Maso-
chismus gestellten Fragen gegeben hatte, machten einen unbefriedi-
genden Eindruck auf mich. Die von Freud hypothetisch ange-
nommene primitive Schmerzlust lieferte nichts als eine physiologische
Voraussetzung. Die Befriedigung von unbewusstem Schuldgefühl
und homosexuell- passiven Regungen in der Leidlust konnte in den
meisten Fällen nachgewiesen werden, aber erklärte sie das Wesen
der Triebneigung und war sie das Ziel, dem sie zustrebte? War sie
nicht vielmehr ein Nebenerfolg, ein Gewinn, den man am Weg zum
Ziel gefunden und aufgenommen hatte? Dass der soziale Masochismus
nur auf die Einwirkung moralischer Instanzen zurückzuführen war,
nur die Stärke der Gewissensmächte erwies und allein das Straf-
bedürfnis befriedigte, konnte ich nicht glauben. Was die Analyse in
ihrer Erforschung der masochistischen Phänomene gefunden hatte,
war neu und es war richtig. Zweifelhaft und später nicht einmal mehr
zweifelhaft blieb es, ob damit das Wesen der Perversion und Trieb-
neigung erklärt wurde, ob diese Funde ihre Motive und Ziele erhellten.
Die Auskünfte, die sich aus der analytischen Forschung ergaben,
musste man als die besten anerkennen, die bisher zu erhalten waren,
aber das bedeutete nicht, dass sie die besten waren, die man erhalten
konnte. Ihre Art ist am besten im physikalischen Vergleich darzu-
stellen: es ist so, wie wenn jemand die Frage nach dem Wesen der
Wärme dahin beantwortet, dass Wärme die Körper ausdehne. Das
ist gewiss richtig, beschreibt eines der Resultate der Wärmeeinwirkung,
aber es erklärt nicht ihr Wesen und vermag z.B. über die Tatsache,
das Wärme durch mechanische Arbeit erzeugt wird, keine Rechen-
schaft zu geben. In ähnlicher Art hatte die Analyse die Frage nach
dem Wesen der masochistischen Lust beantwortet. Sie hatte Wich-
258
tiges und Richtiges gefunden, aber das Zentrale des Problemes
unberührt gelassen. Der wesentliche Aspekt ergab sich erst aus der
Gegenüberstellung von Luststreben und Angst und aus der Erkennt-
nis des dynamischen Prozesses, der sich zwischen dem Gewünschten
und dem Gefürchteten entwickelt. Erst von dort aus konnte man
durch die Entdeckung des Suspense- Vorganges und der Flucht nach
vorne die Eigenart der masoch istischen Vorgänge bestimmen.
Diese Kritik galt jetzt nicht mehr der analytischen Erklärung,
sondern ihrer ursprünglichen Fragestellung. Mein Zweifel und meine
Überlegungen oder Überprüfungen betrafen nun nicht mehr — oder
nicht mehr nur — die Frage, ob die analytischen Einteilungen und
Ableitungen korrekt sind, sondern ob ihre Fragestellung richtig ist.
Traf sie das Wesentliche? Jetzt war der Ausgangspunkt selbst
fragwürdig geworden. Die neuen Einsichten zwangen zu einer
Revision.
Welches war dieser Ausgangspunkt der analytischen Unter-
suchungen? Es war die Frage, wie es zugehen könne, dass Unlust
und Schmerz zum Gegenstand sexuellen Verlangens, das Leiden, die
eigene Ohnmacht und Demütigung zum Triebziel werden konnten.
Es war auch der Ausgangspunkt der eigenen Forschung gewesen.
Dabei hatte ich naiver Weise, wie ich jetzt sagen muss, die Kon-
zeption, dass es so ist, als Tatsache von vornherein angenommen. Es
war so, denn alles wies darauf hin, dass es nicht anders sein konnte.
Jetzt aber mit den neuen Einsichten, die sich aus der langen Beo-
bachtung und psychologischen Vertiefung in das lebendige Material
ergaben, erstand die Frage: ist es auch wirklich so oder scheint es nur
so zu sein? Kann es wirklich nicht anders sein? Die unzweideutige
Antwort, die aus den psychologischen Auskünften resultiert, lautet:
es ist nicht so und es kann gar nicht so sein. Das will heissen: die Trieb-
tendenzen, die wir als masochistisch bezeichnen, haben gar nicht
ursprünglich das Ziel der Unlust und des Leidens, sie streben nicht
von Anfang darnach, die sexuelle Befriedigung aus Geschlagenwerden
und Gedemütigtwerden zu gewinnen. Der Masochismus startet
nicht mit dieser Aussicht, er gelangt nur dahin. Sie bezeichnet nur das
Finish, den Endpunkt des Rennens. Das Verlangen gieng ursprünglich
259
nach derselben Lust wie bei Allen, hatte dasselbe Triebziel. Bestimmte
psychologische Bedingungen aber erzwangen eine Ablenkung, nötig-
ten zu einer neuen Zielsetzung. Die Unwahrscheinlichkeit eines
solchen Vorganges leuchtete mir noch nicht ein, nicht einmal die
Schiefheit des Vergleiches. Ich dachte nicht einmal daran, dass der
Trieb nicht mit dem Reiter, der ein Ziel bestimmt, zu vergleichen
ist, sondern eher mit dem Pferd, das den Reiter trägt und das mit ihm
durchzugehen droht. Der vorausgesetzte Vorgang würde also dem
Unwahrscheinlichen eines Pferdewechsels entsprechen. Ich landete
bei der alten Redensart: „You cannot change the horse during the
running".
Unbildlich gesprochen: es hatte im Masochismus keine Zielab-
lenkung stattgefunden. Das Triebziel war von Anfang an gesetzt
und dann festgehalten worden. Hatte also die bisherige analytische
Auffassung doch Recht, war das Geniessen von Unlust dieses ur-
sprüngliche Triebziel? Alle Ergebnisse der eigenen Forschung
widersetzten sich dieser Auffassung. Was ich an Einsichten gewonnen
hatte, zeigte, dass sich die analytische Konzeption, so wertvoll auch
die einzelnen Beiträge zum Problem waren, auf einer falschen Grund-
auffassung des Masochismus gründet. Die Überwindung der Schwierig-
keit ergab sich durch neue Beobachtungen, die endlich Klärung und
Erklärung brachten. Das Triebziel des Masochismus ist nicht Un-
lust und Leiden, sondern sexuelle Befriedigung mit einer sadistischen
Tönung auf einem Unwege. Die Unlust, das Leiden, die Ernie-
drigungen bezeichnen nur einen Durchgangspunk*, eine Station, auf
dem Weg zu diesem Ziel. Oberflächlich betrachtet, konnte diese
Auffassung sich freilich nur auf die Minderzahl der Fälle berufen,
in denen auf das Geschlagen- oder Beschimpftwerden ein genussvoller
Sexualverkehr mit allen Zeichen der Rücksichtslosigkeit und Unge-
hemmtheit folgte. Ein tieferes psychologisches Eindringen in die
Vorgänge bei Perversen und masoch istischen Charakteren zeigte
nun, dass diese Auffassung in allen Fällen stimmt. Die bisherigen
Beobachter hatten die Bedeutung der Phantasietätigkeit im Maso-
chismus nicht erkannt und das Moment des Vorwegnehmens in ihm
nicht gesehen. Der Zeitfaktor, derselbe Faktor, der den Suspense-
260
Vorgang bestimmt, war in der Analyse der Vorgänge nicht berück
sichtig worden — eine Nachlässigkeit, die sich in der Bewertung der
seelischen Prozesse schwer gerächt hat. Die falsche analytische Grund-
auffassung der masochistischen Phänomene ist dadurch bedingt, dass
der Mechanismus der Antizipation nicht in Rechnung gestellt worden
ist. Die unscharfe Beobachtung der seelischen Vorgänge, die sich im
Ausfall in der Beschreibung und Darstellung dieser Momente rächt,
führte zu übereilten und unrichtigen psychologischen Folgerungen
weitgehender Natur. Der Wert der einzelnen analytischen Beiträge
blieb so freilich bestehen, aber ihre Wertigkeit, ihr Geltungsbereich
für die Aufhellung der Dynamik des Masochismus erschien ver-
ändert. Sie waren nicht zum zentralen Punkt des Problems vorge-
drungen, hatten das ursprüngliche Triebziel nicht bestimmt und
weder die Motive noch die Mechanismen, welche den seelischen
Weg dahin eigenartig gestalteten, erraten. In der eigenen Arbeit
hatte ich das Wertvollste, was Freud uns gab, seine Methoden
mit der Strenge und Selbstkontrolle, die ich bei ihm gelernt hatte,
angewendet und war zu Resultaten gelangt, die von den seinen weit
abwichen. Nachdem man die Spatenarbeit, diese so wichtige und
mühevolle Vorarbeit des Ausgrabens, getan hatte, war man im tiefen
Erdreich zu Funden gelangt, deren Untersuchung und vorsichtige
Einreihung früheren Annahmen entschieden widersprachen.
Die neuen Funde störten den Schein, dass das masoch istische Trieb-
ziel mit dem Schmerz oder der Unlust zusammenfalle. Sie machten
es deutlich, dass es jenseits dieser gesteigerten Unlust liegt, also eine
bestimmte Zeit,- und wenn es nur ein Zeitbruchteil ist- später. Das
will heissen: die Bestrafung oder Erniedrigung gehen der Befriedigung
voraus. Die lustvolle Erregung, die sie erwecken, gilt nur scheinbar
und mittelbar dem Schmerz und der Beschämung. In Wirklichkeit
gilt sie dem Folgenden, der vorausgenommenen Befriedigung. Die
Darstellung einer unlustvollen Lust, wie sie bisher üblich war, ist
zu korrigieren. Die Contradictio in adjecto löst sich, wenn man er-
kennt, dass das Miteinander sich aus einem Nacheinander ergibt. Die
Erregungststeigerung ist nur oberflächlich mit der Steigerung von
Unlust und Schmerz verknüpft, tatsächlich damit, dass mit dieser
261
Steigerung die ursprünglich ersehnte Befriedigung nahegerückt wird.
Wo die Unlust am höchsten, dort ist die Lust am nächsten. Die wenn
auch nur für Sekundendauer in der Phantasie vorausgenommene
Lust fliesst schliesslich in die Unlust über und fliesst am Ende mit
ihr zusammen. Sie ist dann für den Beobachter nicht mehr von der
Steigerung der Unlust zu trennen. Es kommt zu jener Osmose von
Leiden und Lust, zu der Wollust im Leiden. Die Phantasietätigkeit
ist als die wesentliche psychologische Bedingung für die Möglichkeit
solchen Vorwegnehmens anzusprechen. Jetzt können wir erst den
vollen Umfang, den dieses Moment für die Entstehung und Ent-
wicklung des Masochismus beansprucht, überblicken. Wir haben
verfolgt, dass die Triebneigung aus der Umformung einer sadistischen
Phantasie entsteht, haben die Macht der Phantasie im Suspense wirken
gesehen, wo sie die Strafe oder Gefahr vorausnimmt und die Lust-
steigerung verhindert. Jetzt erkennen wir, dass sie im ausgebildeten
Masochismus die ersehnte Triebbefriedigung so weit vorwegnehmen
kann, dass sie endlich zeitlich annähernd mit der höchsten Unlust
zusammenfallen kann. Im Suspense war die Entwicklung der Phan-
tasie in der Vorwegnahme der Strafe im Wesentlichen retardierend.
In der Endphase des Masochismus in der Vorwegnahme der Be-
friedigung ist sie beschleunigend. Zugleich verstehen wir, dass die
Vernachlässigung des Zeitfaktors in der Dynamik des Masochismus
für das Zustandekommen jenes fundamentalen Missverständnisses
mitverantwortlich ist.
Was aber dieses Missverständnis oder Unverständnis selbst anlangt,
behaupten wir, dass es von einer falschen Prämisse ausging, deren
Festhalten den weiteren Forschungen ihre Richtung vorschrieb.
Diese irrige Anfangsvoraussetzung liegt der Frage zugrunde, von der
die Erforschung des Masochismus ausging: es kommt zu sexueller
Befriedigung und starker Lust, während die Person Schmerz, Unlust,
Beschämung empfindet — wie ist das möglich? Ich meine, gezeigt
zu haben, dass diese Grundfrage von einer falschen psychologischen
Voraussetzung ausging, indem sie die bewusste Schilderung der
Masochisten wörtlich nahm und akzeptierte sowie das Zusammen-
fallen von gesteigerter Unlust mit der Befriedigung als kausale Ver-
262
bindung auffasste. Anders gesagt: weil sich für den Masochisten
Lust aus der Unlust ergibt, wurde als selbstverständlich angenommen,
dass Unlust für ihn Lust bedeutet. In Wirklichkeit liegen zwei
gesonderte seelische Vorgänge vor, die später verlötet erschienen.
Die psychologischen und analytischen Beobachter sind einer optischen
Täuschung unterlagen, die freilich entschuldbar ist, aber deren Wesen
aufgezeigt werden musstc. Dies ist umso notwendiger, als die Maso-
chisten selbst, soweit ihr Bewusstsein reicht, in derselben Täuschuno-
befangen sind. Ihr Zeugnis ist, wenn auch bona fi.de gegeben, deshalb
nicht so hoch zu werten als es gewöhnlich geschieht. Man übertreibt
nur wenig, wenn man sagt, dass die Psychologen in ihren Erklärungs-
versuchen des Masochismus einen unbewussten Trick erlegen sind.
Die Notwendigkeit der Verdeutlichung wird es entschuldigen, wenn
ich ihre ursprüngliche Fragestellung mit krasser Vergröberung mit
der alten Scherzfrage vergleiche: „Der Rabe flog, obwohl ein Hund
auf seinem Schweif sass. Wie ist das möglich?" Wir verspüren eine
Versuchung, die zwei Aussagen miteinander ursächlich zu verknüpfen
und sie zu einer Einheit zu machen. Wir verstehen also fälschlich die
Frage dahin, dass der Rabe flog, obwohl der Hund auf dem Schweif
des Vogels sass. Wirklich aber flog der Rabe, während der Hund auf
seinem eigenen Schweif sass, was gewiss durchaus möglich ist. Die
Psychologen haben gewissermassen einer ähnlichen Tendenz, zwei
voneinander unabhängige Ereignisse in einen einheitlichen Vorgang
umzudeuten, nachgegeben. So haben sie angenommen, dass die maso-
chistische Lust von der Art der Unlust, des Schmerzes und der Ohn-
macht sein müsse, weil die beiden Erscheinungen eng verknüpft und
gleichzeitig auftreten können.
Alle diese Resultate wären von geringer Reichweite, wenn sie sich
nur auf das Gebiet sexueller Perversion bezögen. Sie würden dann
nur einen Einblick in die psychischen Vorgänge und die seelischen
Eigenarten einiger Millionen Menschen geben, die in ihrem Sexual-
leben abseitige Wege gehen. Der Geltungsbereich dieser Forschungen
geht aber sehr weit über dieses Interesse an einer bestimmten Men-
schengruppe hinaus und er erstreckt sich auf die Unzähligen, deren
Triebneigung in diese Richtung geht, und von dort noch weiter auf
263
alle Menschen, deren Einstellung zu ihren Mitmenschen und zum
Schicksal eine masochistische Note annimmt, mag dies nun zeitweise
oder für ihr ganzes Leben gelten. Die psychologische Geltung er-
weitert sich hier in einem solchen Ausmasse, dass sie jeden von uns
angeht, denn jeder ist durch Charakter und Umstände gezwungen,
manchmal jene Einstellung anzunehmen. Wir seh wanken alle zwischen
ihr und der entgegengesetzten, deren Aktivität einen gewalttätigen
oder aggressiven Charakter hat. „Du musst Hammer oder Amboss
sein", sagt der Dichter. Die Alternative gilt freilich nur für das aktive
Leben; im Bereich des Seelischen, dessen grösserer Teil das Unbe-
wusste ist, ist es kein Entweder- Oder, sondern ein Sowohl- Als auch.
Man ist beides zugleich.
Langsam gleitet unser Blick zum Gebiet des sozialen Masochismus
hinüber, zu einem Verhalten im Leben, einer seelischen Eigenart,
die sich ausserhalb des Geschlechtlichem im engeren Sinne äussert.
Gilt auch dort das Resultat, das wir gefunden haben? Ist auch in
diesem weiteren Gebiet ein verhüllter Lustgewinn nachzuweisen,
der aus dem eigenen Leiden und den eigenen Niederlagen gezogen
wird? Wir wissen schon, dass die Analyse bisher angenommen hatte,
die Lust aller jener Erniedrigten und Gedemütigten entspringe aus
der Befriedigung eines unbewussten Strafbedürfnisses. Das ist richtig,
aber ist es das Einzige, was richtig ist, ja ist es auch nur das Wichtigste
von dem Richtigen? Wenn dies so wäre, müsste für den sexuellen i
und für den sozialen Masochismus eine völlig verschiedene seelische
Dynamik gelten. Die eine Form würde eine verbotene sexuelle und
aggressive Befriedigung bringen, die andere die Bestrafung für die
verpönten Wünsche. Das wäre denkbar, aber ausserordentlich un-
wahrscheinlich. Die seelische Kontinuität, die beide Formen ver-
bindet, würde durch eine solche Verschiedenheit gebrochen erscheinen.
Wir werden erkennen, dass diese Differenz nicht besteht. Hier wie
dort ist ein triebhaftes Ziel von vorne herein gesetzt und wird allen
Hindernissen zu trotz festgehalten und erreicht. Hier wie dort gibt
es ein Schwanken zwischen Luststreben und Angst, wird etwas ange-
strebt und seine Erreichung wegen einer dunklen, drohenden Strafe
gefürchtet. Auch in der sozialen Leidsucht gibt es verborgene Ziele,
264
die sich keineswegs im befriedigten Straf bedürfnis, in der Erfüllung
strenger Gewissensansprüche erschöpfen. Auch auf diesem weiten
Gebiet gilt der Mechanismus des Vorwegnehmens in der Phantasie
ja er wird noch wichtiger als auf dem sexuellen, dessen Triebziele von
so viel vergänglicher Art sind. Die Macht der Phantasie, die sich in
dieser umfassenden Region erweist, geht weit über das eigene Leben
hinaus, greift in die Zukunft kommender Geschlechter. Im sozialen
Masochismus werden Leiden zu Genüssen, eigenes Elend zu Glück
und Niederlagen zu Siegen, weil das kommende Heil alles Gegen-
wärtige zu wesenlosem Schein herabdrückt. Das Leid, das jetzt
erlitten wird, wird als Versprechen kommender Seligkeit ampfunden
und so kann es kommen, dass im Vorwegnehmen der bevorstehenden
Erreichung des Gewollten noch die Unlust willkommen geheissen
wird. Jenseits eines Einzelschicksals wird das Ende des „Faust" von
Goethe zu einem symbolischen Ausdruck solchen Vorwe^nchmens
in der Phantasie, der die Macht gegeben ist, das Seiende im Sinne
übermächtiger Wünsche umzudeuten und das Künftige als gegen-
wärtig zu sehen. Der greise blindgewordene Faust nimmt den An-
blick des von ihm eröffneten Erdraumes, der von Millionen tätig
frei bewohnt wird, vorweg. Das Geklirr der Spaten, die sein Grab
graben, ergötzt ihn, weil er es als Zeichen der emsigen Arbeit an
jenem Damm gegen die Fluten hält. Die letzten Sätze, die er spricht,
klingen wie der vergeistigteste Ausdruck jener seelischen Vorgänge,
welche das Wesen der masochistischen Lust bestimmen. Wie ein
spätes Echo der Suspensestimmung klingt es in jener Sehnsucht:
„Zum Augenblick möcht ich sagen:
Verweile doch, du bist so schön!"
Das Triebziel, die Wiedergewinnung des Selbstgefühles und der
Selbstliebe, erscheint beseligend in der Ferne und wird im nächsten
Satz von der Phantasie vorweggenommen:
„Es kann die Spur von meinen Erdentagen
Nicht in Aeonen untergehen. — "
265
Die Worte an der Schwelle der Vernichtung aber bringen die ferne
Befriedigung in die nächste Nähe. Der magischen Kraft der Phantasie
gelingt es so, noch das eigene Ende zu verklären:
„Im Vorgefühl von solchem hohen Glück
Geniess' ich jetzt den höchsten Augenblick".
266
DER SOZIALE MASOCHISMUS
Der Traum ein mögliches Leben
Zwischen dem Masochismus als einer sexuellen Perversion oder
Triebneigung und einer Lebcnseistellung, die dem Ich ein unter-
würfiges und leidendes Verhalten vorschreibt und ihm immer wieder
Niederlage, Versagungen und Unglück bringt, scheint keine Brücke
zu bestehen. Bisher hat die Analyse es nur vermocht, einen solchen
Zusammenhang zu vermuten. Es ist mir aus der Literatur nichts
bekannt geworden, in dem der Übergang von der masoch istischen
Perversion zu dem charakteristischen Verhalten dieser Art dargestellt
und psychologisch bewiesen würde.
Wenn man die Phänomene des sozialen Masochismus, wie ich es
nenne, beobachtet, scheint es zuerst, als befinde man sich auf einem
völlig neuen Gebiet, das keinerlei Verbindung mit dem der Sexual-
perversion besitzt. Dennoch lässt sich erweisen, dass zwischen den
beiden Kontinenten eine Brücke besteht. Sie ist nur unterirdisch
geworden, gleicht den in das Meer versunkenen Ländern, welche ein-
mal zwei Erdteile, etwa Afrika mit Europa, verbanden. Jene Form des
„all round" Masochismus, die wir hier als soziale beschreiben, hat
sich aus der sexuellen Triebneigung entwickelt. Die Tatsache, dass
die Analyse diese Entwicklung bisher nicht nachweisen konnte, ist
damit zu begründen, dass jene geheime Verbindung nicht erkannt
wurde. Sie wird gebildet durch unbewusste Phantasieen.
Die folgenden Abschnitte werden den Versuch machen, die Kon-
turen der Brücke, die von einem zum anderen Ufer führen, nachzu-
zeichnen. Vorher aber wollen wir den Eindruck schildern, den das
neue Land uns macht, da wir uns ihm annähern.
Wir erleichtern uns den Übergang zu diesem neuen und weiten
Gebiet durch die Analyse eines Traumes. Sie soll uns als Darstellung
267
einer Phantasieproduktion auf die seelischen Eigenheiten des sozialen
Masochismus vorbereiten. Es sei bemerkt, dass die folgende Analyse
nebenbei Anlass zur Diskussion einiger Probleme der Deutungs-
technik in besonderen Fällen gibt. Die psychologische Würdigung
dieses Traumes führt darüber hinaus zu einer erneuten Fragestellung,
welche die Beziehung von Traum und Leben betrifft. Ein bisher
nicht genügend beachteter Sinn der Phantasieen, die wir schlafend
produzieren, wird in diesem Beispiel deutlich: der Traum ist ein
mögliches Leben. Die Träumerin ist wegen verschiedener neuroti-
scher Beschwerden in Analyse. Sie ist seit einem halben Jahr ver-
heiratet und im vierten Monat der Schwangerschaft. Der Traumtext
leutet: „Ich weiss nicht, wer der Vater meines
Kindes ist. Manchmal denke ich, es ist P i e t.
Mutter aber sagt, es ist Jan. Ich bin sehr ver-
zweifelt und weine viel. Schliesslich halte ich
es nicht mehr aus und beschliesse Selbstmord
zu begehe n."
Der manifeste Trauminhalt scheint zunächst nur an einem Punkt,
der Tatsache der Schwangerschaft, mit der Realität verknüpft zu
sein. Natürlich ist die junge Frau ihrem Mann, den sie zärtlich liebt,
nicht untreu gewesen. Sie weiss natürlich, dass dieser Mann der Vater
des Kindes, das sie erwartet, ist. Umso merkwürdiger ist es, dass sie
nach dem Erwachen an den Traum wie an eine Wirklichkeit zurück-
denkt. Es ist ihr einen Augenblick lang, als wisse sie wirklich nicht,
wer der Vater ihres Kindes sei. Dieses Realitätsgefühl tritt sogleich in
scharfen Gegensatz zu ihrer bewussten Kenntnis. Es bleibt aber, auf
den Traum als Ganzes bezogen, während des Tages bestehen. Ihre
Stimmung war in den letzten Wochen vor dem Traum besonders
gut gewesen. Jetzt fühlte sie sich deprimiert. Sie hatte nach dem Er-
wachen aus dem Traum viel geweint. Sie weinte auch, während sie
mir den Traum erzählte und beklagte sich darüber, dass sie immer
wieder an ihn denken müsse.
Vielleicht ist die Warnung davor, den Sinn des Traumes von seinem
manifesten Text aus zu erraten, gerade in einem solchen Fall nicht
überflüssig. Man würde auch durchaus fehlgehen mit der Annahme,
268
dass die Dame heimlich wünsche, einen anderen Vater für ihr Kind
zu haben. Sie hatte häufig erklärt, sie könne sich keinen anderen
Vater für ihr Kind wünschen oder auch nur denken. Sie hatte seit
langem gewünscht, gerade diesen Mann zu heiraten und fühlt sich
mit ihm glücklich. Umso sonderbarer das Wirklichkeitsgefühl im
Traum, das noch lange nachhallt. Es zeigt an, dass ein Stück Wirk-
lichkeit mit ihm verbunden sein muss. Welches? Ihre Einstellung zur
Schwangerschaft ist wechselnd. Oft kann sie wie andere Frauen in
dieser Zeit stundenlang selig von dem Kind wachträumen, während
sie die Babywäsche strickt. Sie ist stolz darauf, dass sie ein Kind haben
wird, und stellt sich oft vor, wie sie mit dem Wagen in den Park
fahren wird, wo andere Frauen das Kind bewundern werden und
ähnliche Situationen. Dem steht ein unlustvolles Aufnehmen der
ersten Kindesbewegungen und eine unbestimmte schwache Ancrst,
die sich aber nicht auf die Gefahren der Geburt bezieht, gegenüber.
Bis vor kurzem war die Stimmung depressiv. Sollte die Träumerin
doch unbewusste Gedanken, die auf eine Untreue hinstreben, haben
und einen anderen Mann als Vater für ihr Kind wünschen? Ich habe
nichts finden können, was eine solche Auffassung, die sich ja auch
nur auf die Traumfassade beziehen könnte, bestätigen würde.
Zum Traum weiss die Patientin keine Assoziationen beizubringen
als jene Bemerkungen über seinen Wirklichkeitscharakter und ihre
trübe Stimmung nachher. Was sie sonst in dieser Analysestunde sagt
bezieht sich auf ihren körperlichen Zustand. Es hat anscheinend keinen
Zusammenhang mit dem Traum. Zu diesen Aussagen ist der Bericht
über eine Bemerkung ihrer Schneiderin, die ein Umstandskleid
für sie fertiggestellt, zu rechnen. Die Näherin hat gestern einen Ver-
gleich zwischen der schlanken Gestalt des Mädchens und der Figur
der schwangeren Frau angestellt. Als die Patientin sich abends aus-
kleidete, hatte die in den Spiegel gesehen und war über ihr Aussehen
erschrocken. Ihr Gesicht habe ihr missfallen, während sie sich früher
besonders hübsch gefunden hatte. Sie habe sich selbst den ganzen Tag
über nicht leiden können. Sollte hier die Traumanknüpfung, der
Tagesrest versteckt liegen? Ich sehe vorläufig keine Verbindung.
Die Traumaufklärung zeigt dann, dass die Bemerkung der Schneiderin
269
tatsächlich zu unbewussten Gedanken geführt hat, welche den Ver-
gleich von jetzt und früher nach bestimmter Richtung fortsetzten.
Was beginnen wir mit diesem Traum, zu dem sich keine Einfälle
einstellen wollen und der doch so empfindlich in den Tag hinüber-
greift? Sein verborgener Sinn ist nicht zu erraten, solange man nicht
mehr von der Lebensgeschichte der Träumerin weiss. Die Kenntnis
einer bestimmten Lebensphase aber macht den Traum fast transparent
für den Analytiker. Der Ausfall der zum Traum gehörenden Assozia-
tionen wird in einem solchen Fall durch die Vertrautheit mit der
Lebensgeschichte und der seelischen Situation des Träumers fast wett-
gemacht.
Die Träumerin entstammt einer ausgezeichneten Familie und
hatte sich früh schon besonders selbstständig benommen. Von über-
zärtlichen und schwachen Eltern erzogen, hatte das junge Mädchen
jede Freiheit des Handelns genossen. In missverständlicher Auffassung
bestimmter pädagogischer Theorien hatten die Eltern jede Aufsicht
gegenüber dem Mädchen schon zur Zeit der Pubertät ausgeschaltet.
Sie hatten sich darauf verlassen, dass es sich im Verkehr mit jungen
Männern selbstverständlich innerhalb jener Grenzen halten würde,
die im Hause und im Gesellschaftskreise der Eltern als Gesetz galten.
Auf Reisen, die das Mädchen fast immer allein unternahm, trat sie
sehr sicher auf und wurde fast immer als viel älter angesehen. In einem
Kurorte lernte sie einen verheirateten Mann kennen, dessen Wer-
bungen sie bald darauf nachgab. Es kam zu einer sexuallen Beziehung,
die nur kurze Zeit bestand. Diesem Verhältnis folgten im Laufe der
nächsten Jahre sexuelle Beziehungen zu drei anderen Männern,
von denen der letzte mehr als doppelt so alt war als sie. Es ist Jan, der
im Traum erscheint. („Mutter aber agt, es ist Jan.") Piet, der andere,
im Traum erwähnte Mann, hatte sie immer wieder gedrängt, ihn zu
heiraten. Sie hatte abgelehnt. Piet hatte auch mehrere Male gesagt, es
werde ihm nichts anderes übrig bleiben, als sie schwanger zu machen.
Dann werde sie ihn heiraten müssen. Ein Nachklang dieser Situation
findet sich im manifesten Trauminhalt: „Manchmal glaube ich, es
ist Piet". Diese Beziehungen liegen einige Jahre vor ihrer Heirat.
Weder jene Männer noch sie selbst hatten jemals antikonzeptionelle
270
Mittel beim Sexualverkehr gebraucht. Als sie- viele Wochen vor dem
Traum- diesen Teil ihrer Lebensgeschichte erzählte, antwortete sie
auf meine Frage, ob sie damals die Möglichkeit einer Schwangerschaft
erwogen hatte, entschieden verneinend: „Daran habe ich nie be-
dacht". In jeden dieser vier Männer hatte sie sich rasch verliebt aber
immer klar gewusst, dass sie keinen liebe. Niemals hatte sie gewünscht
einen von ihnen zu heiraten. Sicherlich, so sagte sie mit Nachdruck,
hätte sie von keinem ein Kind gewünscht, denn eine Frau wünsche
sich nur ein Kind von dem Manne, den sie liebt. Jene Beziehungen,
so behauptete sie manchmal, hätten sich wie im Halbschlaf abgespielt.
Wegen ihrer Anmut früh von Bewerbern und Bewunderern umgeben,
war sie Komplimenten leicht zugänglich gewesen. An keinen der
Männer bestand eine stärkere Bindung. Sie war auch in jedem Fall
rasch von ihrer anfänglichen Verliebtheit zurückgekommen. Sexuell
war sie immer frigid gewesen. Zu ihrem jetzigen Gatten hatte sie
sogleich eine starke Neigung gefasst, die sich später vertiefte. Er war,
seit sie ihn kannte, der Gegenstand ihrer zärtlichen und sinnlichen
Phantasieen.
Diese Züge der Lebensgeschichte der Patientin, die einen ausge-
prägten Wahrheitssinn hatte, waren mir bald nach Beginn der Analyse
bekannt geworden und waren seither des öfteren zur Sprache gekom-
men. Sie wurden in der Stunde, in der der Traum berichtet wurde,
von ihr nicht erwähnt. Ihre Kenntnis in Verbindung mit der wach-
senden Einsicht in die Besonderheiten ihrer neurotischen Erkrankung
befähigten mich, den Sinn des Traumes auch ohne hilfreiche Einfälle
zu finden.
Wir haben gehört, dass die junge Dame ihren Mann liebt und
durchaus kein Kind von einem anderen Mann wünscht. Der mani-
feste Trauminhalt steht also im Gegensatz zu ihrer jetzigen Situation,
in der sie sich glücklich fühlt. Der Traum tritt mit den Anspruch auf,
wirklich zu sein, drängt sich in ihren Tag und bringt ihr eine viele
Stunden dauernde Verdüsterung. Wir wissen ferner, dass sie sich in
den Beziehungen zu jenen Männern niemals von der Möglichkeit
der Konzeption geschützt hat, ja nicht einmal daran „gedacht" hatte.
Einer der Männer. Piet, hat oft davon gesprochen, sie schwanger zu
271
machen. Hier eröffnet sich der Weg zum Verständnis des Traumes.
Er zeigt diese Möglichkeit, nämlich dass sie schwanger ist, ohne
verheiratet zu sein, und nicht weiss, wer der Vater des Kindes ist,
als Wirklichkeit. Er zeigt ihre Verzweiflung und den Entschluss,
Selbstmord zu begehen. Er stellt also eine vergangene, mögliche
Situation als eine gegenwärtige, real gewordene dar. Es hätte ja wirk-
lich leicht so kommen können. Wir haben gehört, dass sie an eine
solche Möglichkeit nie auch nur gedacht hat. Es scheint, dass der
Traum diese unterbliebenen Gedanken und Sorgen nachholt. In ihm
ist sie wirklich in diese schreckliche Lage gekommen: sie ist schwanger
und weiss nicht, wer der Kindesvater ist. Der Traum, der eine ver-
gangene Möglichkeit als Wirklichkeit der Gegenwart darstellt, sagt
also: So hätte es kommen können.
Er würde seinem Charakter nach einem Gedanken oder einer
Phantasie, die sich mit der Vergangenheit beschäftigt, entsprechen.
Wir kennen wenigstens eine Anknüpfung an den Tag: die Bemerkung
der Schneiderin, welche ihre jetzige Figur mit der des jungen Mäd-
chens verglich. Von dort ausgehend hat der Traum den Gedanken:
„wenn ich damals schwanger geworden wäre" als Wirklichkeit
dargestellt.
Der Traum nähert sich hier seiner Natur nach am ehesten einer
Dichtung, da er eine Schichsalsmöglichkeit als geschehen sieht. Die
analytische Literaturforschung und Biographik haben die flache An-
nahme, dass der Dichter Geschehnisse des eigenen Lebens gestalte,
indem er die Lichthülle abstreift und einiges an ihren Äusserlichkeiten
verändert, abgewiesen. Es sind viel eher unterbliebene Möglichkeiten
des Schicksals, von denen die Dichter in ihrer Produktion ausgehen.
Die Phantasie, die der Konzeption vorangeht, knüpft nicht an die
Erinnerung an: So war es, sondern an die Vorstellung: So hätte es
werden können. Wie der Traum stellt die Dichtung diese Möglichkeit,
die im Charakter oder im eigenen Schicksal verborgen waren, als
Wirklichkeiten dar. Was das Schicksal des Dichters hätte sein können,
ist nun das Schicksal einer seiner Gestalten, mag es nun ein glückliches
oder unseliges sein. In unserem besonderen Falle lässt sich unerwar-
teterweise sogar ein Beispiel belegen, das eine ganz ähnliche Situation,
272
wie sie der Traum schildert, als entscheidend für eine dichterische
Gestaltung zeigt. Man erinnert sich angesichts des Traumtextes
sogleich an jene Erzählung, die durch ihre kühne Stoffwahl und
ihren gleichsam gehämmerten Stil berühmt ist, an die „Marquise von
O. . ." von Heinrich von Kleist. Man vergleiche die Ein-
zelheiten des Traumtextes mit dem ersten Satz der Novelle, der wie
mit einem Sprung mitten in ihre entscheidende Situation führt: „In
M , einer bedeutenden Stadt im oberen Italien, liess die verwit-
wete Marquise von O. . . . , eine Dame von vortrefflichem Ruf und
Mutter von mehreren, wohlerzogenen Kindern, durch die Zeitungen
bekannt machen, dass sie ohne ihr Wissen in andere Umstände gekom-
men sei, dass der Vater zu dem Kinde, das sie gebären würde, sich
melden solle und dass sie aus Familien-Rücksichten entschlossen wäre,
ihn zu heiraten. „Die Ähnlichkeit der Traumsituation mit der in der
Erzählung beschränkt sich im Wesentlichen freilich nur auf diesen
einen Zug,* dass eine wohlerzogene junge Frau nicht wissen soll,
wer der Vater des von ihr erwarteten Kindes ist. (Die Träumerin,
die einem entfernten Kulturkreis angehört, hatte übrigens weder
von Kleist noch von jener Novelle jemals gehört.) Immerhin
ist auch in der dichterischen Gestaltung die von der Patientin ge-
träumte Situation zur Wirklichkeit geworden.
Man darf den „Wirklichkeitscharakter" der Erzählung mit dem
Realitätsgefühl, das den Traum begleitet, zusammenstellen. Bei der
Träumerin stammt es sicher aus der Vorstellung: „So hätte es sehr
leicht kommen können", beim Dichter aus der ähnlichen: So etwas
könnte gewiss geschehen.
Der Traum kann nach seinen seelischen Eigentümlichkeiten eine
Möglichkeit nicht anders darstellen wie eine Wirklichkeit. Ein Ver-
gangenes erscheint in ihm als Gegenwärtiges. Warum aber wurde
der Traum überhaupt geträumt? Sein Inhalt hätte sich ja auch in
einem Gedanken während des Tages oder einem peinlichen Tag-
') Es gibt kleine Ähnlichkeiten in Einzelzügen wie der versweifelten
Stimmung der Marquise von O. und der sozialen Ächtung der Schwanger-
gewordenen.
S 273
träum Ausdruck verschaffen können, Wir haben die ausdrückliche
Versicherung der Träumerin zum Zeugnis, dass es nicht geschah.
Auch die psychologische Wahrscheinlichkeit spricht dafür, dass sie
sich bewusst nicht mit diesem Gedanken beschäftigt hat, denn sonst
könnte sie seine Traumwirklichkeit nicht so erschüttert haben. Auch
ihre besondere Art der seelischen Reaktion wäre hier anzuführen;
sie ging unangenehmen Gedanken aus dem Wege und versuchte, sie
„wegzudenken". Gerade beim Thema der Konzeption haben wir
gehört, dass sie an diese Möglichkeit nie gedacht habe. Wir müssen
ihr zumindestens glauben, dass sie bewusst kaum daran gedacht
oder den Gedanken daran rasch unterdrückt hatte. Solche Ver-
meidung würde auch erklären, warum gerade dieser Gedanke jetzt,
nachdem sich ihre Situation so entschieden geändert hat, aus der Ver-
senkung auftaucht und sich ins Bewusstsein drängt. Er zeigt seine
verborgene Kraft jetzt, da die Gafahr, dass es so kommen kann, ge-
wichen ist und sie ein Kind von dem geliebten Mann erwartet.
Was soll die Aufgabe dieses Traumes innerhalb des seelischen
Geschehens sein? Wir haben bisher nichts von einer Erfüllung unter-
drückter Wünsche in ihm entdecken können. Die im Trauminhalt
dargestellte Möglichkeit wäre ja die für ein Mädchenleben schreck-
lichste. Die Analyse kennt eine Reihe solcher Träume, die gerade das
Gefürchtete geschehen lassen, den Träumer in einer schrecklichen
Situation zeigen. Bei einer Anzahl von Träumen solchen Typus
zeigt die analytische Deutung freilich, dass die gefürchtete Situation,
so sehr sie im manifesten Trauminhalt hervortritt, nur den Rahmen
bildet, in dem etwas anderes geschieht. Das Wesentliche ist dann ein
verborgener Zug, der mit jener Situation zeitlich, örtlich oder durch
bestimmte Umstände verbunden ist und dem eigentlich die ver-
drängten Wünsche gelten. Bei anderen Träumen lässt sich ein solcher
verdeckter Wunsch nicht auffinden. In vielen solchen Fällen tritt
der Trauminhalt in bewussten Gegensatz zum Tageswissen, was aber
intensive Angst oder andere peinliche Affekte nicht ausschliesst.
Wenn in diesen Fällen Ängste im Traum auftreten, werden wir ver-
muten, dass sie früher bewusst nicht gefühlt oder nicht seelisch be-
wältigt wurden. Der Traum holt sie aus dem Dunkel, lässt sie den
274
Träumer erleben und nimmt ihnen auf diese Art der Darstellung oder
Präsentierung ihre seelische Macht. Die unterbliebene Angst wird
im Traum nachgeholt und bewältigt. So werden alte Gefahren dem
Ich in manchem Traum präsentiert, alte Schuld ihm vorgehalten,
damit es sie zur Kenntnis nehme und damit fertig werde. Wenn man
sich angesichts der Gefahr bewusst nicht gefürchtet hat, muss man die
Angst nachholen, um seelisch gesund zu bleiben. Der Reiter, der
nichts ahnend über den gefrorenen Bodensee reitet, und später von der
Gefahr, in der er schwebte, erfährt, sinkt in der bekannten Erzählung
tot nieder. Der plötzlich anstürmende Angstaffekt war so stark, dass
er den Mann überwältigte. Er starb an einem Schrecken, den er nicht
nachholen konnte.
Die dem Bewusstsein unbekannt gebliebene Angst meldet im Traum
ihren psychologischen Anspruch an. Sic erfüllt sozusagen nach-
träglich ihre Aufgabe als Warnungssignal. In dem Fall, der uns hier
beschäftigt, bringt der Traum eine Angst, die nicht bewusst gewesen
war, sowie ihre Ursache an die seelische Oberfläche. Das Schicksal,
das der Träumerin im Falle einer Schwangerschaft, bei der sie den
Kindesvater nicht angeben konnte, in ihrer kleinen, an strenge Kon-
ventionen gebundenen Stadt wartete, war nicht ungewiss. Sie hat,
wie sie sagt, garnicht an diese Möglichkeit gedacht. Anders ausge-
drückt: sie wagte gar nicht, daran zu denken. Da jetzt diese Gefahr
gebannt ist, taucht die Möglichkeit wie gegenwärtig auf und er-
schreckt sie. Von einer Angst war ihr vorher kaum etwas bewusst ge-
wesen. Nachdem ich ihr nach diesem Traum davon gesprochen hatte,
erinnerte sie sich eines Romanes „Moeders, wat weet jullie van je
dochters? (Mütter, was wisst ihr von euren Töchtern?], der auf sie
einmal einen starken Eindruck gemacht hatte. In diesem Roman
wird geschildert, dass ein halbwüchsiges Mädchen, in strengbürger-
licher Umgebung erzogen, schwanger wird und Selbstmord begeht.
Ihr Interesse während des Lesens war freilich stark, aber unpersön-
lich gewesen. Sie hatte in keiner Art während oder nach der Lektüre
die Heldin mit sich selbst in gedanklichen Zusammenhang gebracht.
So ferne eine solche Gleichstellung ihrem Bewusstsein lag, so nahe
war sie ihr doch unbewusst. Das Mädchen in jener Erzählung war
275
gewissermassen eine Vertretung von ihr vor dem Schicksal, eine
Stellvertreterin einer nicht erlebten Wirklichkeit. Es war bezeich-
nend, dass die Erinnerung an das Buch, an das sie viele Jahre lang
nicht gedacht hatte, jetzt da ich ihr meine Auffassung des Traumes
mitgeteilt hatte, wie eine Bestätigung auftauchte.
Der Traum hätte nach unserer bisherigen Ansicht den Sinn, die
Angst vor jener Möglichkeit nachzuholen. Es ist zuvörderst schwer,
jene geheime Lusttendenz darin zu entdecken, die wir sonst am
Grunde der Träume wirksam sehen. Er bewegt sich im Gebiet jen-
seits des Lustprinzips und bewältigt im Nachhinein grosse Erregungs-
intensitäten, die der seelische Apparat zur Zeit des Geschehens be-
wusst nicht zur Kenntnis nehmen wollte. Die Aufgabe eines solchen
Traumes kann im weiteren Sinn eine psychotherapeutische genannt
werden. Er hilft dem Ich, mit alten, unerledigten Erlebnissen fertig
zu werden, indem er plastisch und gegenwärtig zeigt, was hätte werden
können. Indem so die Angst nachgeholt wird, wird sie zugleich- durch
den Gegensatz zum Tageswissen- als überflüssig abgeführt. 1
*) In der zweitfolgenden Nacht träumt die junge Dame folgendes:
Ich bin bei einer Arztin und werde von ihr unter-
sucht. Ich habe kleine rote Flecke am Körper.
Die Arztin fragt mich: „Haben Sie einmal...
(undeutlich) ... Tuberkulose gehabt"? Ich sage:
„Nein." Die Ärztin sagt: „Hm" Dann kommt die
Mutter und sie sieht, dass ich am ganzen Körper
Geschwüre habe. „Sie ist während des Traumes sehr erschrocken und
fühlte die Wirkung dieses Schreckens am Tage nachher wie eine Wirklichkeit.
Sie kann an Assoziationen wieder nichts beibringen als die Tatsache, dass sich
in der Kinderzeit bei ihr verdächtige Symptome gezeigt hatten, die auf die
Möglichkeit einer Tuberkulose hinwiesen. Die Diagnose bestätigte sich
nicht. Zur Deutung des Traumes nur Folgendes: in der Diskussion der
früher berichteten Traumanalyse war es zur Sprache gekommen, dass
sie sich auch vor den Gefahren sexueller Infektion in der Zeit jener Bezie-
hungen in keiner Art gefürchtet hatte. Auch daran hatte sie „überhaupt
nicht" gedacht. Der Traum zeigt, dass der Gedanke daran unbewusst doch
wohl vorhanden gewesen sein muss. In Anknüpfung an die Möglichkeit
der Tuberkulose in der Kinderzeit sieht sie sich jetzt im Traum bei der
Ärztin, die sie fragt, ob sie jene Krankheit (hier die Undeutlichkeit, ob es
276
In der späteren Vergegenwärtigung und Gegenständlichkeit von
Möglichkeiten aber kann sich der Sinn eines solchen Traumes nicht
erschöpfen. 1 Die Funktion, die wir ihm da zuschrieben, gilt nur der
obersten seelischen Schicht. Ähnliche Träume, die freilich nur selten
in der analytischen Literatur berichtet und gedeutet wurden, brau-
chen, wie Freud zeigte, der Wunscherfüllungstendenz nicht
zu widersprechen. Sie zeigen zwar nicht die Erfüllung primitiver
selbstsüchtiger oder sexueller Triebwünsche, aber die Befriedigung
eines Strafbedürfnisses, das auf diese, vom Bewusstsein verpönten
Wünsche reagiert. Auch in unserem Traum wird ein unbewusstes
Straf bedürfnis befriedigt. Er zeigt ja, welches Schicksal die Träumerin
eigentlich verdient hätte. Gerade eine solche Auffassung kann durch
das Verhalten der Patientin mannigfache Bestätigung finden. Einige
ihrer wichtigen neurotischen Symptome dienten der Befriedigung
oder Beschwichtigung verborgener Straftendenzen.
Auch Tagträume, die von ihr freilich unwillig empfangen wurden,
weisen in diese Richtung. Ihr Vergleich mit dem Traum, den wir
diskutieren, ist aufschlussreich, da sie eine ähnliche Struktur zeigen.
Hier nur ein repräsentatives Beispiel: sie phantasiert, dass ihr Mann
Tuberkulose ist) gehabt hat. Die Ärztin zweifelt. Tuberkulose steht hier
als Vertretung der Syphilis. Der Traum beschäftigt sich mit der Vorstellung:
wie wenn ich damals Syphilis bekommen hätte und stellt diese vorbeige-
gangene Gefahr als wirklich dar. Sie wäre in diesem Fall zu einer Ärztin
gegangen, die Mutter hätte von der Infektion erfahren müssen u.s.w. Der
Schrecken wird im Traum und am Tag nachher nachgeholt wie die Ver-
zweiflung im ersten Traum. DieA nalyse hatte den Affekten, die sie während
jener Zeit versäumt hatte, zu einer Möglichkeit des Ausdruckes verhol fen.
a ) Die hier dargestellte Auffassung des Traumes als eines möglichen
Lebens wirft ein Streiflicht auf Spekulationen, wie sie in Ouspenskys
„A New Model of the Universe", in J. B. P r i e s 1 1 e y s „Dangerous
Corners" und „Midnight on the desert" und ähnlichen Werken erscheinen.
Kann man ein Stück gelebten Lebens rückgängig machen, die Vergangen-
heit verändern? Die Antwort lautet positiv: Gewiss, das ist in der Phan-
tasie durchaus möglich. Damit ist zugleich der seelische Ursprung solcher
Überlegungen gekennzeichnet.
277
sie bald nicht mehr lieben werde. Dabei stellt sie sich lebhaft vor, dass
sie einen solchen Gefühlswandel nicht aushalten könne. Sie weint
viel und reist schliesslich in einen fernen Weltteil, wo sie ein einsames,
entbehrungsreiches und unglückliches Leben führt. Die von uns
vermutete seelische Tendenz, die Tagträumen dieser Art zugrunde-
liegt, ist gelegentlich so bestimmt und klar, dass sie sich der Bewusst-
seinssch welle nähert. So geht sie einmal durch ihre schöne Wohnung,
sieht sich die geschmackvolle Einrichtung an und freut sich darauf,
die Möbel ihren Freundinnen zeigen zu können. Da hat sie für einen
Augenblick das Gefühl: das alles sei nicht wirklich, sie sei nicht
verheiratet, erwarte kein Baby. Die Sensation der Unwirklichkeit
ihrer Situation könnte man in die Bewusstseinsprache übersetzen:
es ist zu gut, um wahr zu sein. Es ist aber auffällig, dass diese Stimmung,
die plötzlich auftaucht, in eine längere Depression mündet, die an-
scheinend völlig unmotiviert eintritt. Die Übereinstimmung zwischen
dem Traum und einer solchen Sensation liegt in dem Gegensatz
zwischen den wirklichen Umständen und dem Wirklichkeitscharakter,
mit dem eine Schicksalsmöglichkeit sich dem Bewusstsein repräsen-
tiert. So ist es, sagt der Realitätssinn. So kann es nicht sein, denn eigent-
lich müsste es anders sein, sagt das Strafbedürfnis. Es ist fast umge-
kehrt wie im Märchen: dort befindet sich der Held in grosser Not
oder Gefahr und phantasiert eine rettende oder beglückende Möglich-
keit, die plötzlich, etwa durch das Eingreifen einer gütigen Fee, zur
Wirklichkeit wird. Hier ist die Wirklichkeit fast „märchenhaft"
und die Patientin ist gezwungen, sich eine grosse Not und Gefahr als
wirklich vorzustellen.
Dieser innere Zwang stammt zu einem Teil aus dem unbewussten
Schuldgefühl, das ihr Erziehung und Tradition des Elternhauses
vermittelt hatten. Eine abergläubische Angst, ähnlich der, welche die
Griechen angesichts der Hybris fühlten, war im Laufe der Analyse
bewusstseinsnahe geworden. Sie wurde noch durch allerlei äussere
Zeichen — gleichsam Warnungssignale des Schicksals- genährt.
Die „guten Freundinnen" ihrer Mädchenzeit hatten dafür gesorgt
dass allerlei dunkle Gerüchte über ihre Beziehungen zu Männern
heimlich die Runde taten. Man tuschelte, sie sei auf eine schiefe Bahn
278
_
geraten, werde ein schlechtes Ende nehmen und dergleichen mehr an
Tröstungen der eigenen Selbstgerechtigkeit und des beleidigten
„moralischen" Gefühles. Ihre Verlobung und Heirat mit einem
geliebten Mann, der allgemeine Achtung genoss und dem ihre Ver-
gangenheit kein Geheimnis geblieben war kam den Freundinnen
als eine unliebsame Überraschung. Es war wie ein Echo der Stim-
men ihres Kreises in ihr selbst, wenn sie jetzt oft denken musste:
warum habe ich es eigentlich so gut: Mädchen aus ihrem Bekannten-
kreis, die sich sehr zurückhaltend benommen und des Einen gewartet
hatten, hatten nicht geheiratet oder eine unglückliche Ehe ge-
schlossen. Sie aber,diees ihrer unbewussten Ansicht nach nicht verdient
hätte, hatte ein so unerwartetes Glück gefunden. Und nun sollte sie
dies als gewöhnlich und gewohnt finden? Jedesmal wenn sie von
einer unglücklichen oder auch nur sozial bescheideneren Ehe ihres
Kreises hörte, verspürte sie jetzt ein dunkles Angstgefühl, das sich
etwa in die Worte fassen Hesse: warum sollte ich es soviel besser haben
nach dem Leben, das ich geführt habe? Diese Angst trat nicht in
bestimmterer Form auf. Sie klagte aber auffällig genug über allerlei
kleine Missgeschicke, die ihr im Alltagsleben zustiessen. Es wurde
mir langsam klar, dass sie aus so geringfügigen Vorfällen eine geheime
Befriedigung hole, ja dass sie sie inszeniere. So gerieten ihr die Kleid-
chen und Wäschestücke, die sie für das Baby strickte, regelmässig zu
gross oder zu klein; sie schnitt sich häufig in die Finger, wenn sie
Brötchen zurechtmachte, entging beim Überqueren der Strasse mit
Mühe einem vorbeifahrenden Auto u.s.w. Es war deutlich, dass sie
solche Zufälle arrangierte, um das Schicksal zu versöhnen und die
Strafen, die es bereit haben mochte, durch eine Art Opfer voraus-
zunehmen und abzumildern. Diese Missgeschicke dienten der Be-
schwichtigung des unbewussten Strafbedürfnisses und in letzter Linie
dem Selbstschutz. Sie klagte freilich genug über diese Zufälle, aber
als sie einmal beim eiligen Schliessen einer Tür die Hand schmerzhaft
eingequetscht hatte, kam ihr der Einfall: Gott sei Dank! Es war
nicht schwer, die unbewusst gebliebene Fortsetzung zu erraten:
Gott sei Dank, dass das geschehen ist. Da wird nichts Böseres pas-
sieren. Wie im religiösen Glauben der Griechen und Römer wird
279
hier durch ein kleines Missgeschick oder eine Versagung der Neid
der Götter beschwichtigt.
Doch zurück zum Traum und seiner Auffassung. Er diente, sagten
wir, der Bewältigung einer alten Angst, die nicht zum Bewusstsein
gelangt war, doch in der Tiefe wirkte. Er holte diese Angst nach und
beschwor sie für die Zukunft. Die Wunscherfüllung, die wir sonst
dem Traum zuschreiben, scheint sich hier auf Strafwünsche, die
das Gewissen der Träumerin diktiert, zu beschränken. Die
Bestrafung war gefordert wegen Übertretung eines Sittenkodexes,
den sie für sich und die Ihren anerkannte. Diese Übertretung
kann gewiss als später Ersatz jener ursprünglichen Triebziele
angesehen werden, denen das kleine Mädchen in früher Kindheit
zustrebte.
Hier aber taucht die Frage auf: beschränkt sich die Wunscher-
füllung dieses Traumes wirklich nur auf die Befriedigung solcher
Selbstbestrafungstendenzen. Bedeutet der Widerspruch zu der wirk-
lichen Situation nur das Nachholen der Angst, die in der „Gefahr-
situation" nicht da war?
Wenn man den Traum, die Symptomatologie und die Tendenzen
der Neurose der Träumerin zusammenhält, ergibt sich ein veränderter
Aspekt. Man könnte sagen, die Patientin, die alte, längst gebannte
Gefahren heraufbeschwört, die um sich selbst zu erschrecken, die
Unfälle und Missgeschicke arrangiert, sich selbst schädigt und dabei
doch eine dunkle Befriedigung verspürt, benimmt sich wie eine Maso-
chistin, aber eine Masochistin besonderer Art. Ihr Sexualleben zeigt
nichts, dass auf masochistische Tendenzen hinwiese. Wenn man nur
an den Traum denkt und zugleich bedenkt, welche Funktion er
erfüllt, indem er eine gefürchtete Möglichkeit als eine erwünschte
gestaltet, wäre man versucht, von einem masochistischen Traum zu
sprechen. Hier, wie in ihren Phantasieen und Selbstschädigungen
findet sich jene junkle Lust am Leiden, die für den Masochismus
charakteristisch, ist, deutlich genug. Jene Triebströmung ist freilich
nicht direkt auf das sexuelle Leben beschränkt- dort spielt sie keine
ausgesprochene Rolle- sie erstreckt sich vielmehr auf das gesamte
Leben, sie schreibt ein bestimmtes Verhalten vor.
280
Wenn vorbeigegangene Gefahren im Gang ihres Traumes wie
Spuck auftauchen, so erfüllt sich eine geheime Bedingung ihrer Be-
dürfnisse, etwas wie eine Sehnsucht nach Unheil. Die Triebbedingung,
die man etwa in den Satz fassen könnte „Aus Leiden Freuden"- eben
jenen Satz, der das Wesen des Masochismus umschreibt-liegt hier.
Kann man demnach von masochistischen Träumen reden? Ich
meine: nein. Wohl aber kann man von Träumen sprechen, welche
masochistische Wünsche erfüllen. 1 Ein solcher Traum liegt hier vor.
Der Widerspruch, der in dem Gegensatz ihrer wirklichen Situation
und der geträumten mit soviel Wirklichkeitscharakter liegt, lässt
eine nähere Bestimmung zu. Das ist die schreckliche Gefahr, sagt
der Traum und die Stimmung des folgenden Tages. Eigentlich hätte
es so kommen können, ja kommen müssen. Ihr alle, ja ich selbst war
davon überzeugt, dass mich ein solches Schicksal erwartet. Es ist
aber anders gekommen. Der Traum zeigt freilich nur den ersten Teil
eines solchen Gedankenzuges als erfüllt und wirklich, den zweiten
haben wir zu ersetzen, als eine verschwiegene Fortsetzung zu er-
gänzen. Was der Traum zeigt, sind nur die Obertöne. Die Trieb-
melodie ist nur für feinere Ohren vernehmbar. Die Möglichkeit wird
krass, ja übertrieben als Wirklichkeit im Traum dargestellt. Sie be-
herrscht im Traum und in den folgenden Stunden das seelische Feld.
Ihre Betonung ist notwendig, weil sie als psychische Bedingung des
Masochismus vorausgeschickt wird. Die verborgenere Befriedigung,
das Lustvolle ist im Traum nicht ersichtlich. Es liegt auf einer Neben-
linie. Wie im Masochismus selbst ist das Phänomen das Resultat einer
seelischen Akzentverschiebung. Wo aber haben wir jene Fortsetzung
zu lokalisieren, wo verbirgt sie sich, auch vor dem Träumer? Ich
meine, in jenem erhalten gebliebenen, doch verdunkelten Bereich
des Bewusstseins während des Traumes. Wie mir scheint, weiss jeder
Träumer auch während des Schlafes, dass er nur träumt. Das bekannte
Phänomen, bei dem die Erkenntnis „Ich träume nur" wahrend des
') Strenger ausgedrückt: von Träumen, welche masochistische Phan-
tasieen und Tagträume fortsetzen und erfüllen. Ähnlich wie in Träumen
von Zwangsneurotikern wird in diesen Träumen der „Text" der zugrun-
deliegenden Gedanken deutlicher erkennbar als im Wachdenken
281
Traumes bewusst wird, wäre demnach nur ein Spezialfall, während
bei allen Träumen jene Gewissheit verdunkelt wird, doch den Traum
sozusagen von ferne begleitet.
Die Traumwirklichkeit in unserem Fall ist ernsthaft, ja tragisch
und doch könnte darin ein spielerisches Element enthalten sein. Oder
irre ich mich? Gewiss nur im Ausdruck. Es wäre richtiger, von einer
Art innerer Heuchelei zu sprechen, einem Versteckenspielen vor
sich selbst. Noch in der Tragik, die der Traum der Träumerin zeigt,
liegt eine verborgene Süsse. Sie will sagen: Sieh, so schreckliche
Gefahren waren da, aber du bis doch an ihnen vorbeigegangen. Der
ganze Spuk wird heraufbeschworen, weil ein heimlicher Triumph
ihm folgt, ja weil die Bedrohung mit Erniedrigung und Leid die
Bedingung dieses späteren Triumphes, der heimlichen Lust ist. Ist
nicht derselbe seelische Mechanismus in der Fabrikation der kleinen
Missgeschicke wirksam, ist nicht auch ihre Depression zu einem Teil
ein Paravant, hinter dem sich der Jubel über ihr Glück verbirgt?
Sie klagt beständig, dass sie es nicht wert sei, aber sie triumphiert doch.
Es ist als hätte sie sich dem moralischen Urteil der Umwelt nur mit
einem Teil ihrer Persönlichkeit angeschlossen. In einem anderen
aber ist sie von unbeugsamen Willen wie so oft die Sanftmütigen, trotzt
der Welt und ist stolz auf ihren Sieg. Den Sieg, den sie über alle Un-
heilsverkündigungen, auch die in ihr selbst, errungen hat. Gewiss,
die Befriedigung eines Strafbedürfnisses ist deutlich, die Angst vor
der Vergangenheit und damit die für die Zukunft, wird verspürt.
Die Depression nach dem Traum zeigt noch immer jene vergangene
Möglichkeit als unheildrohend und wirklich am Horizont. Das
Wesentliche ist aber nicht der Schatten, der vom Schuldgefühl herüber
auf ihr Glück fällt, sondern ihr Jubel: ich habe es doch erreicht trotz
allem und trotz allen. Die Ränder der dunklen Wolke, die den Tag
verdüstern, sind vergoldet von der Sonne, die hinter ihr und von ihr
verdeckt, aufsteigt.
Orientierung im neuen Gebiet
Jene Ausdrucksformen masochistischen Fühlens, die keine Bezie-
282
hung zur Sexualität mehr zeigen und aus dem Verhalten zu sich, den
Mitmenschen und dem Schicksal erkennbar sind, nennt Freud
moralischen Masochismus. Er wollte damit den besonderen Anteil
hervorheben, den moralische Faktoren am Zustandekommen dieser
sekundären, triebhaften Bildung beanspruchen können. Mein Wider-
streben gegen diese Bezeichnung und den Begriff, den sie deckt, geht
auf die Befürchtung zurück, dass das Beiwort im Sinne einer Wertung
gefasst werden könnte. Es liegt die Gefahr nicht ferne, dass das Ad-
jektiv moralisch einseitig auf die bei uns geltende Moral bezogen
werden kann. Was wir moralisch nennen, erscheint anderen Völkern
und Kulturen unmoralisch und umgekehrt. Zweifellos lassen sich
aber in diesen so verschiedenen Kulturen viele Erscheinungen erken-
nen, die man dem desexualisierten Masochismus zurechnen muss.
Auch meine ich, dass es besser gewesen wäre, nicht der Moral, sondern
dem unbewussten Schuldgefühl einen so hervorragenden Anteil am
Zustandekommen dieser Art des Leidgeniessens zuzuschreiben.
Dieses Schuldgefühl ist, wie wir gerade von F r e u d am besten gelernt
haben, seiner Genese und seinem Wesen nach nichts anderes als
soziale Angst. Es ist die Fortsetzung und später die Ersetzung der
kindlichen Angst vor dem Vater durch die Angst vor der Gemeinschaft
und ihren berufenen Vertretern. Nun steht die Moral dem Begriff
der sozialen Angst nahe, aber sie ist nicht mit ihm identisch. Die
Moral ist durch die Veränderungen der Jahrtausende eine Art in-
neren Besitzes geworden, der nicht nur negative Bedeutung hat,
sondern auch bestimmte andere seelische Bedürfnisse befriedigen soll.
Die versagende oder verbietende Note des Begriffes ist freilich noch
immer deutlich, aber sie gibt nicht das Ganze. Eine Gestalt J. B.
Shaws äussert einmal, wie wenn sie eine unliebsame Verwechs-
lung zurückweisen wollte: „Ein Engländer kommt sich schon mora-
lisch vor, wenn er sich unbehaglich fühlt."
Ich ziehe den Ausdruck sozialer Masochismus der Freu dschen
Bezeichnung vor. Er vermeidet nicht nur die Gefahr von Missver-
ständnissen, sondern weist auch auf die Lebenssphäre hin, in der sich
die Triebneigung am stärksten auswirkt. Dabei ist er neutraler und
schränkt den Charakter der Erscheinungen nicht von vornherein
283
auf den einen Faktor der Moral als den vorherrschenden ein. Der
Gegensatz zu der engeren Gruppe, dem sexuellen Masochismus, ist
dabei doch deutlich.
Dieser Gegensatz ist so ausgeprägt, dass man am Anfang überhaupt
daran zweifelt, ob die beiden Phänomene etwas Gemeinsames haben.
Erst der durchdringende psychologische Blick Freuds hat die
Fülle von seelischen Erscheinungen dem Gebiet des Masochismus
eingeordnet und ihre psychologische Zugehörigkeit zu diesem Trieb-
bereich erkannt und bestimmt. Die Bedeutung dieser Leistung ist
erst zu ermessen, wenn man bedenkt, dass damit ein Gebiet für die
wissenschaftliche Psychologie erobert wurde, das bisher ausschliesslich
den Dichtern und den Seelenkennern unter den Religiösen zu eigen
war. Freud selbst hat auf diese seine Vorgänger des öfteren so z.B.
in dem Artikel „Zwangshandlungen und Religionsübung" hinge-
wiesen. Dort sagt er, das Schuldbewusstsein als Folge der nicht er-
löschenden Versuchung sei „uns ja auf religiösem Gebiete früher
bekannt geworden als auf dem der Neurose." Ich behaupte, dass die
Lektüre grosser Dichter und religiöser Geister noch immer für das
Verständnis des vergeistigten Masochismus fruchtbarer und ergie-
biger ist als die Lektüre der Arbeiten der Psychiater und der Psycho-
analytiker. Shakespeare und D o s t o j e v s k i, der Heiden-
apostel Paulus und der Kirchenvater Augustinus wissen
auf diesem dunklen Gebiet noch immer besser Bescheid als die wissen-
schaftliche Psychologie unserer Tage.
Zunächst möchte man meinen, man habe sich auf ein völlig ab-
seitiges Gebiet verirrt, sei in einer neuen Welt, die mit den bisher
behandelten Problemen nichts zu tun hat. Wo sollten auch die Ver-
bindungslinien laufen zwischen einem sexuellen Sonderverhalten
oder einem besonderen geschlechtlichen Appetit und einer be-
stimmten Einstellung zu Schicksal und Leben, zur Frage des Erfolges
und des Versagens des Einzelnen und der Völker? In dem einen Fall
handelt es sich um eine Abart des sexuellen Spieles, im anderen um
Lebensentscheidungen der Menschen, die P 1 a t o einmal das Spiel-
zeug der Götter genannt hat. Dort ist das Problem gestellt, was ein
bestimmter Geschmack der Sinnlichkeit bedeutet. Hier geht es um
284
den Sinn des eigenen Lebens, Sein oder Nichtsein, das ist hier die
Frage. Gewiss, es handelt sich um völlig verschiedene Probleme. Hier
wird ein Körper gepeitscht, um zu einer sexuellen Befriedigung zu
gelangen, dort quält und zerfleischt sich die Person seelisch ohne
irgend eine augenscheinliche Kompensation. Ja es scheint sogar als
ob sich ein direkter Gegensatz zwischen den so begrenzten Erschein-
ungen der sexuellen Triebneigung und dem Phänomen des seelischen
Leidens, das von noch nicht abschätzbarer Bedeutung für unsere
Kultur ist, andeutet. Sie treten kaum je in derselben Person auf.
Wer sich jener körperlichen Unlust und Misshandlung unterwirft,
ist meistens frei von der seelischen Tortur. Wen aber das Schicksal
oder das eigene Ich schweren Prüfungen aussetzt, dem ist die sexuelle
Perversion fremd. Der Masochist, der durch Schläge geschlechlich
erregt wird, kann im Leben tätig, erfolgreich und glücklich sein.
Wen aber Schicksalsschläge verfolgen, der zeigt keine Neigung, jene
körperlichen von einer Frauenhand zu erhalten. Was soll den einen
der Lust im Schmerz sucht, mit dem anderen, dem ewigen Leid-
sucher, der mit sich und seinem Los hadert, verbinden? Ja es scheint
als schliesse die Erniedrigung und Misshandlung des Körpers die
geistige aus, als benehme sich der Masochist, der sich auspeitschen und
demütigen lässt und einer Dirne als seiner gestrengen Herrin dient,
meistens entschieden und männlich im Leben. Im sexuellen Maso-
chismus gibt es ein Objekt, ja sogar ein „Liebesobjekt"- das Anfüh-
rungszeichen hat hier seine psychologische Berechtigung- jedenfalls
ein Objekt, von dem die Lust kommt und das Leid. Wo aber ist das
Objekt in jener anderen Form des Leidens? Und dennoch soll man
beide Erscheinungen dem Masochismus zurechnen? Haben sie denn
etwas anderes gemeinsam als den Namen? Und wo soll denn diese
Gemeinsamkeit gesucht werden? Wie weit muss man zurückgehen,
um die seelische Ursache für beide zu finden? Wo laufen die Fäden
zwischen ihnen?
Die Analytiker haben* Freud folgend, eine solche gemeinsame
Ursache wie selbstverständlich angenommen. Sie haben es bisher aber
versäumt, sie zu bezeichnen und zu bestimmen. Aus den analytischen
Arbeiten ergibt sich die Meinung, dass der soziale Masochismus aus
285
dem sexuellen hervorgegangen sei, aber wie? Auf welchem seelischen
Wege und auf welche Art geht die Verwandlung vor sich? Nur
Freud hat eine Antwort — nicht gegeben- doch angedeutet: er
meint, dass diese „in gewisser Hinsicht wichtigste Erscheinungsform
des Masochismus" von der Psychoanalyse als meist unbewusstes
Schuldgefühl gewürdigt wurde. Das ist nur ein Hinweis auf den
bedeutendsten Faktor im sozialen Masochismus, gibt keine Auskunft
über die Art und die Ziele der Umwandlung und ist gewiss keine
ausreichende Antwort. Gibt es Übergänge von einer Form zur
anderen, so müssten sie gezeigt werden können. Das ist bisher nicht
geschehen. Es soll nachgetragen werden.
Man benimmt sich jede Möglichkeit, solche Übergänge zu finden,
wenn man von der Annahme ausgeht, dass sich der soziale Masochis-
mus direkt als Fortsetzung oder Ersetzung einer perversen, im Leben
hervortretenden, also „ausgelebten" Triebabweichung ergibt. Es
gibt gewiss solche Fälle- ich könnte aus der eigenen Erfahrung einige
anführen- aber sie bilden eine Ausnahme und erklären als Grenzfälle
nicht jene Überzahl, in der keine irgendwie auffallende perverse
Sexualbetätigung nachgewiesen werden kann. Ja ich kenne Fälle
von ausgesprochen moralischen Masochismus, in dem sich die Person
niemals auch nur einer Neigung in dieser Richtung bewusst war, so
deutlich sie auch in der analytischen Untersuchung hervortreten
mag. In dieser Richtung wird man also keine ausreichende Auf-
klärung finden. Sie ergibt sich nur, wenn man bis zu dem Quellgebiet
der masochistischen Triebneigung zurückgeht: zur Phantasie. Es
gibt keinen sozialen Masochismus, der sich im Leben und in der
individuellen Einstellung äusserte ohne solche vorangehende Phan-
tasiebetätigung. Um es direkt zu sagen: will man das bedeutsame
Phänomen des sozialen Masochismus verstehen, muss man auf die
sadistisch gefärbte Phantasie als seinen Ursprungsort zurückgehen.
Es gibt keine unmittelbare Verbindung zwischen der ausgeführten
perversen Aktion und jenem selbstschädigendem Verhalten, dagegen
laufen unterirdische Fäden, die von beiden zu ihrem gemeinsamen
Mutterboden, der Phantasie, führen. Der Vergleich der Phantasie
mit Probeaufführungen ist von mir schon einmal gebraucht worden.
286
Er bietet sich noch einmal an, wenn man berücksichtigt, dass ja die
Versagung in der Realität die Aufführungen auf der Gedankenbühne
begünstigt. War es nicht der geistreiche Talleyrand, der
den Sexual verkehr „le theatre des pauvres" genannt hat? Dort also,
vor dem bildreichen Repertoirealbum der lustvollen Vorstellungen,
entscheidet sich auch, was später dargestellt oder aufgeführt werden
soll, mögen sich später auch unvorhergesehene Verschiebungen oder
Besetzungsveränderungen ergeben. Der Spielplan wird hier ungefähr
festgestellt. Ich vermute auch, dass die Vorgänge der Entsexuali-
sierung und Entpersönlichung, die beim Übergang von der sexuel-
len zur sozialen Form des Masochismus nachzuweisen sind ein
solches Zurückgreifen nicht ausschliessen.
Die Vorstellungen, welche das Ziel des Triebverlangens ursprüng-
lich repräsentieren, sind sadistisch. Sie streben die Besitzergreifung
oder gewalttätige Behandlung des Objektes an. Ich nehme das Re-
sultat vieler Einzeluntersuchungen voraus, wenn ich als meine Ver-
mutung ausspreche, dass der wesentliche Inhalt und Charakter dieser
Phantasieen für die Form der Triebäusserung bestimmend sein wird.
Das will sagen, dass es entscheidend sein wird, ob sich die Vorstellung
mehr nach der sexuellen oder nach der aggressiven Richtung ent-
wickelt, wenn auch natürlich beide Tendenzen immer zusammen-
wirken. Bei Vorherrschung des sexuellen Faktors in den Vorstellungen
wird der Phantasierende eher zur Perversion, bei überwiegend
aggressiven Inhalt eher zu einer sozialen Auswirkung der masochi-
stischen Neigung gedrängt werden. Das Wesentliche aber ist, dass
beide Formen sich auf die Phantasie zurüchführen lassen, die sich in
jedem bisher von mir studierten Fall als Vorläufer masochistischen
Verhaltens präsentierte. In der Analyse wird es oft schwierig sein,
diese ursprünglichen Phantasieen zu finden oder als solche zu erken-
nen. In einem ausgeprägten Fall von sozialer Leidsucht hatten sie
sich z.B. hinter einer Angst des Patienten zur Zeit der Vorpubertät
versteckt. Damals hatte sich der Junge plötzlich von Spielen wie
Fussball, Baseball u.s.w. sowie von gymnastischen Übungen zurück-
gezogen aus Angst, er könne dabei verletzt werden. Die ursprüngliche
Form der Befürchtung ging dahin, er könne am Genitale verletzt
287
werden. In der Zeit, da er sich von allen Spielen fernhielt, stellte er
sie sich doch lebhaft vor. Dabei hatten sich zu seiner Verwunderung
sexuelle Gefühle eingestellt. Er hatte z.B. Tenniswettspiele phan-
tasiert, bei denen der Sieger dem Unterlegenen den Sportregeln ent-
sprechend in aller Freundlichkeit den Kopf abzuschlagen hatte.
Dabei hatte er natürlich ursprünglich die dankbarere Rolle des besseren
Spielers übernommen, sie aber später gegen die des Unterlegenen
eingetauscht. Die sexuelle Erregung hatte er erst bei der Vorstellung,
dass er geköpft werden würde, verspürt. Da er als Mann das geliebte
Spiel wieder aufnahm, erwies er sich als guter, manchmal als erst-
klassiger Sportler in der ersten Hälfte des Games. Sobald er seine
Überlegenheit aber erreicht hatte, kam ein merkwürdiger Zustand
der Unsicherheit und Verwirrtheit über ihn, so dass er seine Chancen
verdarb und meistens auch weit unterlegenen Partnern weichen
musste. Die Analyse konnte aufdecken, dass jene alten Köpfungs-
phantasieen während des Spieles wieder aufgetaucht waren und sich
als störend erwiesen hatten. Die unbewusste sadistische Tendenz in
seinen früheren Vorstellungen ging dahin, seine älteren, ihm in allen
Spielen bevorzugten Brüdern einmal, wenn er erwachsen sein würde,
zu besiegen. Diese aus der Rivalität aufsteigende Phantasie war dann
später masochistisch umgearbeitet worden. Ein anderes Beispiel, das
ein solches Rückgreifen auf frühe Phantasievorstellungen illustriert,
wird zugleich zeigen, wie der soziale Masochismus an die Stelle des
sexuellen treten kann. Es war mir in der Analyse gelungen, einen
Patienten so weit zu fördern, dass er fähig war, mit seiner Frau zu
verkehren, ohne wie bisher genötigt zu sein, masoch istische Phanta-
sieen zur Aufrechterhaltung seiner Potenz zu Hilfe zu rufen. Mit
dieser Verbesserung aber trat eine unliebsame Veränderung seines
Charakters auf. Er wurde ungeschickt in seinem Beruf, den er bisher
gut ausgeübt hatte, zeigte sich ängstlich und depressiv, fürchtete, dass
sein Chef ihn nicht mehr gerne habe, fühlte sich oft ungerecht be-
handelt und gekränkt und zog sich schliesslich wirklich einige Male
den Tadel seines Chefs zu. Er beklagte sich über sich und Andere,
zeigte sich mutlos oder unmutig, fand, dass er seine Aufgaben nicht
erfülle und litt sehr darunter, dass er nicht vorwärtskam. Da er bei
288
einer bestimmten Gelegenheit nicht avancierte, fasste er die Zurück-
setzung als Strafe auf. Es wurde in diesem Falle klar, dass mit dem
Zurückweichen der masoch istischen Triebneigung in der Sexualität
aggressive und ehrsüchtige Regungen vorgebrochen waren und nun
in masoch istischen Reaktionsbildungen zum Vorschein kamen. Diese
Tendenzen, die zum Angriff auf die Autorität und zur Geltend-
machung des eigenen Willens drängten, waren aber schon in den
Phantasieen der Jungenjahre aufgetreten und hatten schon damals
zu Vorstellungen von grausamen Bestrafungen geführt.
Mit diesem Beispiel sind wir bei einer Frage angelangt, die schon
früher in unseren Gesichtskreis trat: die des Alternierens der zwei
verschiedenen Formen des Masochismus. Die ausgeprägten Fälle
beweisen, dass die soziale Gestaltung späteren Datums ist und die
frühere, sexuell charakterisierte ablösen kann. Diese Fälle scheinen
aber auch zu bezeugen, dass die eine Aeusserungsform die andere
ausschliesst. Die Erfahrungen, die man in der Analyse macht, be-
stätigen diese Annahme. Der Mann, der sich zweimal wöchentlich
mit grossem Genuss von einer Dirne beschimpfen und prügeln lässt,
erweist sich in seinem sozialen Verhalten als gut angepasst und in
Beruf und Leben erfolgreich. Sein Sexualleben bildet sozusagen
ein Reservatgebiet. Auf der anderen Seite führt der Unglückliche, der
von Pech verfolgt wird, von Feindschaften und verderblichen In-
triguen umgeben ist, ein befriedigendes und, grob gesehen, normales
Sexualleben.
Wenn dies aber so ist, so haben wir in der Analyse mit Unrecht
behauptet, dass das Sexualleben des Einzelnen eine bestimmte Vor-
bildlichkeit für sein Verhalten in den übrigen Lebenssphären bean-
spruchen darf. Diese unsere Annahme aber gründete sich auf eine
Fülle von Erfahrungen. Jeder, der lange Zeit Menschen analytisch
beobachten konnte, wird den starken Eindruck erhalten, dass das
intime sexuelle Leben der Einstellung der Person zur Gesellschaft
ein bestimmtes Gepräge gibt. Diese Vorbildlichkeit geht ausser-
ordentlich weit, erstreckt sich auf Gebiete, die fernab dem sexuellen
liegen, bis auf Einzelheiten der Berufsführung, Arbeitsweise und des
Umganges mit Menschen. Ja sie geht so weit, dass man- gewiss mit
T 289
gewissen Einschränkungen- den umgekehrten Schluss vom allge-
meinen Verhalten eines Menschen aufsein Sexualleben ziehen kann,
wenn man nur der Präzision und Verlässlichkeit der eigenen Beob-
achtung sicher ist. Ich gebe hier ein prägnantes Beispiel, um diese
Vorbildlichkeit zu illustrieren und sie dem verwirrenden Eindruck
des masochistischen Verhaltens gegenüber zu stellen. Ein Professor
der Mathematik suchte die Analyse wegen verschiedener Arbeits-
hemmungen und Depressionen, die sich mit ihnen verbanden, auf.
Er klagte über typische, sich seit langem wiederholende Eigentüm-
lichkeiten im Verlaufe seiner Arbeit. Er fand z.B. ein interessantes
Problem und ging ihm mit besonderer Verve an den Leib. Die ersten
Schritte waren immer so glücklich und erfolgreich, dass sie mit
Sicherheit die Lösung des wissenschaftlichen Problems erwarten
Hessen. Fachkollegen des noch jungen Mannes, welche diese Bemü-
hungen und Versuche verfolgten, drückten immer wieder ihre Be-
wunderung über die Kühnheit und Originalität der Problembehand-
lung aus. Je näher er aber den letzten und entscheidenden Folgerungen
kam, wenn er sozusagen das Fazit der eigenen Bemühungen ziehen
sollte, umso mehr schienen seine denkerischen und kombinatorischen
Fähigkeiten zu erlahmen. Ein Zaudern und eine Unsicherheit be-
mächtigten sich seiner und brachten ihn um die Früchte seiner harten
und geduldigen Arbeit. Die Beschäftigung mit dem Problem, die so
energisch und verheissungsvoll eingesetzt hatte, lief in nichts aus;
sie versandete gewissermassen. Der kühne Anlauf fand keine ent-
sprechende Forsetzung und jedesmal misslang die Lösung, deren er
früher so sicher war und die er schon zum Greifen nahe glaubte. Mit
der so vielen Anglosachsen eigenen Scheu hatte es der Patient in der
Analyse viele Wochen vermieden, von seinem Sexualleben zu sprechen.
Da entschloss ich mich, ihm zu sagen, was ich aus seinen so oft wieder-
holten und ausführlichen Klagen über die Art seiner Forschungsarbeit
erraten hatte: dass er sich nämlich am Anfang des Sexual Verkehres
durchaus männlich benehme, mit einer starken, vielleicht sadistisch
akzentuierten Energie einsetze, dass sich aber am Schluss kein lust-
voller Orgasmus, sondern ein vorzeitiger und unerfreulicher Samener-
guss, eine ejaculatio praecox ergebe. Der Patient war ausserordentlich
290
überrascht und betrachtete mich scheu wie eine Person, die mit
magischen oder hellseherischen Kräften begabt ist, und doch hatte
ich nur eine naheliegende Folgerung gezogen, deren analytische
Verwertung sich später mit einem vollen therapeutischen Erfolg auf
beiden Gebieten belohnte. Die hier gekennzeichnete Vorbildlichkeit
des Sexuallebens scheint nun für den Masochisten oder den masochi-
stischen Charakter nicht zu bestehen. Zu den vielen Paradoxieen und
psychologischen Anomalieen des Masochismus, den Rätseln, die er
uns aufgibt, würde so noch die Tatsache hinzukommen, dass er das
Gesetz der Vorbildlichkeit des sexuellen Verhaltens durchbricht.
Eine tiefergehende Untersuchung beweist freilich, dass das nur im
Groben so ist. Feinere, nicht leicht beobachtbare Einzelzüge erweisen,
dass der sexuelle Masochist seine Erfolge mit weitgehenden Ein-
schränkungen bestimmter Seiten seiner Persönlichkeit bezahlt und
seine soziale Sicherheit nur mit Mühe aufrechterhält. Man erkennt
auch, dass der Leidsüchtige sozialen Charakters in seinem sexuellen
Leben gewisse, geheime Bedingungen einhalten muss, wenn er seine
Potenz voll entfalten und seine Befriedigung erreichen will. Jener
erste Eindruck ist also nur im Gröbsten richtig, aber es ist überraschend,
dass er sich überhaupt als richtig herausstellt. Der Masochismus
bestätigt die Annahme jener Vorbildlichkeit nicht. Er scheint
eher die Umkehrung der Relation zu befürworten, ähnlich der,
welche die Redensart „Unglück im Spiel, Glück in der Liebe" aus-
drückt.
Es bleibt unbefriedigend, das Verhalten des Masochisten als jene
Ausnahme gelten zu lassen, welche die Regel bestätigt. Man möchte
zumindestens die Regel erkennen, der die Ausnahme folgt. Vielleicht
ergibt die analytische Prüfung des Materials eine solche Möglichkeit.
Hier einige charakteristische Beispiele: eine junge Frau, die wegen
Frigidität in die Analyse kommt, muss zu ihrem Erstaunen konsta-
tieren, dass sie im Sexualverkehr mehr Erregung, ja sogar eine Art
Genuss fühlt, wenn sie am Tage unter schwerer Angst oder Depres-
sionen gelitten hatte. Es war, wie wenn sie sich ein Stück Befriedigung
erlauben konnte, nachdem sie Schmerzen oder Kränkungen erduldet
hatte. Sie äussert ihre Verwunderung darüber, dass es so „gut gegangen"
291
ist, während es ihr so schlecht gehe. Ein Mann, der längere Zeit
Gegenstandanalytischer Beobachtung war und als ein Obergangstypus
bezeichnet werden konnte, zeigte ein merkwürdiges funktionales
Phänomen in seinem Verhalten zu einer Frau, der er hörig war, und
zu seinem Geschäftspartner. Wenn seine Geliebte ihn besonders
quälte, ihm Opfer und Entbehrungen auferlegte und ihn in Gesell-
schaft durch ihre Taktlosigkeit oder Dummheit beschämte, waren
seine beruflichen Erfolge besonders gross, bewies er Unternehmungs-
geist, Scharfsinn und Initiative. Wenn er sich aber in befriedigenderen
Beziehungen zu seiner Freundin befand, vernachlässigte er seine
Geschäfte, begann er, sich mit seinem Partner, von dem er finanziell
abhing, zu streiten, benahm er sich aggressiv und quälerisch und ge-
fährdete seine Lebenssituation aufs äusserste. Nun wird man ver-
muten können, dass sich der Gegensatz und die funktionale Abhängig-
keit der beiden Beziehungen aus dem Schwanken zwischen der
Anziehung zur Frau und zum Mann ableitet. Der Fall würde also
als eine neurotische Verzerrung jenes Schwankens zwischen hetero-
sexueller und homosexueller Objektwahl erscheinen, wie sie in
abgeschwächter Form in jedem Leben erkennbar ist. Das ist auch so,
erklärt indessen nicht, warum beide so verschiedene Beziehungen
für ihn einen masochistischen Charakter annahmen. Wenn er re-
lative Ruhe von seiner Geliebten hatte, provozierte er einen Skandal
im Bureau, der jedes Mal zu seinem Nachteil ausschlug. Als sich die
masoch istische Triebneigung im Verhältnis zu jener Frau ab-
schwächte, erreichten die Störungen und Zwistigkeiten einen solchen
Grad, dass es vieler Mühe bedurfte, ihn von äussersten, selbstschädi-
genden Schritten zurückzuhalten. Wenn er wieder grosse Erfolge im
Beruf hatte, tat er alles, um von seiner Geliebten finanziell ausge-
nützt, beschimpft und gedemütigt zu werden. In beiden Fällen wurde
er also Objekt der Misshandlung, seitens der Frau als auch von Seiten
seines Partners, wenn sich die andere Seite seiner Beziehungen be-
friedigender gestaltete. Das sexuelle Leben blieb dabei fast immer
genussvoll. Es war aber bemerkenswert, dass jede Niederlage, die er
etwa im Beruf erlitt, und jede Demütigung, die er von seinem Partner
erfuhr, bei ihm zur gleichen Reaktion führte. Kurz darnach fühlte
292
er sich nämlich sexuell erregt und zwar in einem solchen Masse, dass
er die nächstbeste Prostituierte aufsuchte, oder es kaum erwarten
konnte, sexuell, oft mehrere Male, zu verkehren. Die in diesem
Zusammenhange schwer verständliche Erregung konnte ihrem Cha-
rakter nach als masochistisch erkannt werden, da sie ja an die vorange-
gangene Kränkung oder Beschimpfung gebunden war. Es war so,
wie wenn der Masochismus, der sonst den Eindruck einer ge-
schlossenen Einheit macht, wieder in seine zwei Hauptbestandteile
auseinanderfiele: die Provokation der Bestrafung und Beschämung
zuerst und die Ermöglichung einer ungestörten sexuellen Lust und
Befriedigung folgend.
Die prophylaktische Bemühung, die den Patienten gegen selbst-
schädigende Tendenzen schützt und in schweren Fällen von sozialen
Masochismus mit der therapeutischen zu verbinden ist, erwies sich
in diesem Fall erfolgreicher als in dem folgenden, den ich bereits
einmal erwähnt habe. Es handelt sich um jenen Patienten, in dessen
Kindergeschichte die Szene des Ritterschlages eine grosse Rolle
spielt. Man erinnert sich, dass der Vater, der ihn damals zum Ritter
geschlagen hatte, auf kurzem Kriegsurlaub zuhause war und bald
darauffiel. Der Junge hatte ein merkwürdiges Schicksal. Die Mutter
heiratete einige Jahre später zum zweiten Mal. Der jüngere Bruder
verunglückte tötlich, als er in der Nacht mit seinem Auto gegen eine
Mauer fuhr. Auf diese Art fiel dem einzig übrig gebliebenen Sohn
eine grössere Erbschaft zu. Bald darauf starb auch die Mutter. Von
angenehmen Äusseren und einnehmenden Wesen, gewann er rasch
Freunde und war in seinem Studium erfolgreich, so dass er noch sehr
jung ein grosses Forschungsstipendium zu einem langen Auslands-
aufenthalt verwenden konnte. Zu einer Dozentur bestimmt und im
Studium sehr erfolgreich, schien er vom Glück begünstigt. Als er
zu mir kam und mir seine Geschichte erzählte, war das einzig Auf-
fallende die demonstrative Note, welche den Bericht oder vielmehr
die Klage begleitete. Es war, wie wenn er bei aller kundgegebenen
Trauer heimlich stolz darauf war, dass sich in seiner Familie soviel
Unglücksfälle ereignet hätten. So ähnlich könnte ein Atride von dem
Fluch, der auf seiner Familie lastet, erzählen. Er kam in die Analyse,
2 93
weil er besonders leicht errötete, sehr schüchtern und vollkommen
impotent war. Sein Sexualleben bestand aus masochistischen Onanie-
phantasieen, begleitet von einem ausgeprägten Suspense, so dass die
Errektionen oft stundenlange andauerten. Die Schlagephantasieen
bezogen sich meistens auf Lehrer, die Schüler in den Vorbereitungs-
klassen prügelten. Er selbst war in der Schule nie geschlagen worden.
In der Vorstellung war das Zusehen der fremden Züchtigung oder
das Warten auf die eigene Strafe betonter als die Exekution. Die
vorsichtig geführte Analyse liess die masochistischen Vorstellungen
allmählich zurücktreten, brachte eine entschiedene Veränderung des
femininen Wesens des Patienten im Sinne männlicheren Verhaltens,
schwächte die Er rötungsangst und die Schüchternheit weitgehend ab
und ermöglichte die Annäherung an Frauen. Die Potenzstörung
besserte sich in auffallendem Ausmasse. Neben diesen erfreulichen
Wirkungen traten aber andere auf, die weder Analytiker noch Analy-
sand vorausgesehen hatten. Es ereignten sich nämlich in rascher
Aufeinanderfolge mehrere Zufälle und Unfälle, von denen einige
einen ernsten Charakter hatten. Der Patient versagte gerade in der
Zeit, in der sich seine Symptome entschieden besserten, zum ersten
Mal in einem sorgfältig vorbereiteten Examen. Kurz darauf brach
er sich beim Skilaufen ein Bein. Er überfuhr mit seinem Wagen ein
Kind, das zum Glück keinen schweren Schaden nahm, um bald
daraufsein Auto so unglücklich zu lenken, dass es mit einem anderen
kollidierte und er eine schwere Gehirnerschütterung erlitt. Es war
kein Zweifel möglich, dass sich in diesen Ereignissen, die sich inner-
halb weniger Monate abspielten, starke selbstzerstörende und selbst-
schädigende Tendenzen einen unbewussten Ausdruck verschafft
hatten. Im Sinne Freuds könnte man sagen, der freigewordene,
elementare Todestrieb habe sich in diesen Aktionen Bahn gebrochen.
Nach dem Verlassen der Analyse, die aus äusseren Gründen abge-
brochen werden musste, hat sich übrigens der Patient freiwillig wie
einst sein Vater zum Kriegsdienst in einem fernen Land gemeldet
und sich im Feld als Arzt ehrenvoll bewährt. Auch in diesem Beispiel
ergibt sich ein Gegensatz von sozialem Erfolg und masochistischer
Sexualität. Daneben wird es gewiss geeignet sein, zu veranschaulichen.
294
.
welche starke Triebkräfte durch die Aufrollung des masochistischen
Problems entfesselt werden können.
Die Annahme der Vorbildlichkeit des Sexuallebens erscheint zwar
zuerst durch die Erscheinungen des Masochismus erschüttert, aber
sie wird nur durch eine andere Annahme ergänzt. Erfolg und Be-
friedigung in der einen Lebenssphäre verbindet sich ja fast gesetz-
mässig mit Misserfolg und Unglück in der anderen. Die vorange-
henden Beispiele erweisen, dass die masochistische Triebneigung, die
auf das Sexuelle eingeschränkt und dort isoliert war, sich nach ihrer
Bewältigung auf dem ursprünglichen Feld auf die anderen Lebens-
gebiete verschiebt. Zuerst scheint es freilich, als ob nichts mehr vom
Masochismus übrig bliebe, wenn die Triebneigung im Sexuellen sich
verflüchtigt. Der Masochismus hat sich gewissermassen aufgelöst,
aber er hat sich so aufgelöst wie ein Salzklumpen im Wasser. Er ist
überall, ist zu einer Lebenshaltung, zu einem all-round Masochismus
geworden.
Kann man eine solche Veränderung eine Sublimierung nennen?
Gewiss nicht, denn diese Bezeichnung meint ja die Verwertung einer
sexuellen Triebkomponente zu einem sozial wertvollen Ziel. Hier
wird zwar eine Triebkomponente von ihrem Ziel abgelenkt, aber
das neue ist nicht als sozial wertvoll anzuerkennen. Im Gegenteil,
der tüchtige und erfolgreiche Mann, der sich früher zu seinem sexuel-
len Vergnügen von einer Frau hatte prügeln lassen, erfährt nach dem
Aufgeben seiner Perversion einen Misserfolg nach dem anderen,
begeht Missgriffe, macht sich Vernachlässigungen schuldig, streitet
sich und wird unbeliebt. Das Resultat jenes Zurücktretens der sexuel-
len Perversion hat antisozialen Charakter, sowohl was seine An-
passung an die Umgebung als auch was seinen Dienst an der Gemein-
schaft anlangt. Es wirkt sich aber auch besonders schädlich für ihn
selbst aus. Man darf daran zweifeln, dass die „Tugend" oder vielmehr
das Tugendhaft- Werden etwa im Sinne des viktorianischen Zeit-
alters seine Belohnung in sich selbst trägt. Wenigstens im Falle der
masochistischen Perversion ist es äusserst unwahrscheinlich, dass es
eine Belohnung von aussen mit sich bringt.
Man kann also jene Veränderung unmöglich eine Sublimierung
295
nennen, obwohl die Abwendung der Triebkomponente vom unmittel-
baren Sexualziel und ihre neue Richtung zum sozialen Leben Züge
sind, die sie mit dem Sublimierungsprozess gemeinsam hat. Die Be-
rücksichtigung dieser beiden Momente aber führt zusammen mit
dem Studium der Übergänge von der einen Form des Masochismus
zur anderen zu einer neuen Hypothese. Ich hoffe, dass sie, wenn auch
keine ausreichende Aufklärung, doch zumindestens wieder Ordnung
in den gestörten Zusammenhang der seelischen Gesetzmässigkeiten
bringen kann.
Einige minder wichtige Übergangserscheinungen zwischen den
sexuellen und den sozialen Formen des Masochismus seien hier noch
vermerkt, weil sie vorher keine Berücksichtigung gefunden haben.
Einer der wesentlichen Unterschiede ist das Fehlen eines Partners in
der sozialen Auswirkung. Sie bekommt dadurch sozusagen einen
unpersönlichen Charakter. Diesem Ausfall reiht sich ein zweiter
an: es fehlt bei dieser sekundären Fortbildung anscheinend jedes
Lustgefühl oder jede manifeste Befriedigung bei der betroffenen
Person. Ich vermute, dass diese Momente mit der Veränderung des
Wesens der Unlust oder des Leides im sozialen Masochismus zusam-
menhängen. An Stelle der Misshandlungen und Demütigungen durch
eine bestimmte Person, die zum Liebesobjekt geworden ist, treten
Schicksalsschläge, Leiden und Entbehrungen vielfacher Art, frei-
willig- unfreiwillige Verzichte, ungeschicktes und selbstschädigendes
Verhalten. In allen diesen Fällen sieht es so aus, wie wenn das Übel
von aussen an die Person herankommt. In Wahrheit aber kommt es
von innen, auch wenn Ungunst und widrige Zufälle nachzuweisen
sind. Sie werden dann eben unbewusst geschickt im masochistischen
Sinn verwertet. An Stelle des erniedrigenden und schlagenden Part-
ners ist das Schicksal getreten, ein unpersönlich gewordener, später
Vater -Ersatz. Es wäre aber falsch, anzunehmen, dass sich das Schicksal
der Phantasie des Masochisten selbst so gestaltlos darstellt. Er wird
meist gewiss nur vague Ideen über dessen Natur haben, aber die analy-
tische Erfahrung zeigt, dass die Ideen wie etwa die einer überirdischen
richterlichen Instanz, welche die Handlungen und Gedanken der
Menschen überwacht, noch genug Macht haben, um seelische Vor-
296
gänge in bestimmte Richtungen zu lenken. Schliesslich sei nicht
vergessen, dass sich das Schicksal in den meisten Fällen bewusst oder
vorbewusst noch immer in der Form der erhöhten und überirdischen
Vaterfigur repräsentiert, die wir Gott nennen.
Immerhin zeigt eine nähere Betrachtung, dass das Schicksal oft in
der Form einer oder mehrerer Personen wieder Gestalt annimmt.
Der Lehrer, der die Person zurücksetzt, die Kollegen, die sie nicht
entsprechend würdigen, der ewig unzufriedene und tadelnde Chef
die Ehefrau, deren zänkische Natur einem das Leben vergällt, die
Verwandten, die einen mit unerfüllbaren Ansprüchen belasten, die
Freunde, die einen im Stich lassen- es sind alle Person gewordenes
Schicksal. Der Pantoffelheld und der Ehemann, der schwer unter dem
Naturell seiner Frau zu leiden hat, erweisen sich übrigens als Über-
gangstypen von der einen zur anderen masochistischen Form.
Zum Fehlen eines deutlichen Lustgefühles wird noch Mehreres zu
sagen sein. Hier sei nur vermerkt, dass nicht nur dieser Ausfall be-
merkenswert ist, sondern auch eine Ergänzung. Während der sexuelle
Masochist aus der Misshandlung Lust zieht, hat der Masochist im
sozialen Sinn nur Unlust, fühlt sich nur gedemütigt, benachteiligt,
erniedrigt und beleidigt. Dort wird das Leiden als solches vernach-
lässigt oder als Mittel zur Lust gewertet, hier wird es hervorgehoben
und stark als Unlust gefühlt und beklagt. Von der Lust aber darf
man vermuten, dass sie im Gegensatz zur sexuellen Perversion unbe-
wusst empfunden wird. Das setzt voraus, dass mit dem Übergang vom
sexuellen zum sozialen Charakter seelische Vorgänge verbunden sind,
welche der Lust einen neuen Inhalt gegeben haben. Für die Wesens-
bestimmung des Masochismus als seelischer Eigenart ist es nicht ent-
scheidend, ob die Befriedigung bewusster oder unbewusster Art ist,
sondern dass die Lust an der Bedingung des Leidens hängt.
Das nahe und das ferne Ziel
Es wurde der psychologischen und psychoanalytischen Forschung
im Vorangehenden der Vorwurf gemacht, dass sie von einem Miss-
verständnis des Masochismus ausgingen. Das Missverständnis, besser
297
gesagt der Mangel des Verständnisses für das Phänomen zeigte sich
in jener Frage: wie kann Unlust zu Lust werden? Diese Fragestellung
war bestimmt durch eine zu oberflächliche Beobachtung. Es wäre
richtiger gewesen, darnach zu forschen, wo die Lust im Masochismus
ist und erst dann zu fragen, wieso sie an der Bedingung der Unlust
und des Schmerzes hängt.
Die Lusttendenz ist von vornherein da, bleibt während der Schläge
oder Beschämungen erhalten und erreicht ihr Ziel am Ende, nachdem
die Person sich jenen Strafen unterworfen hat. Wir haben gefunden,
dass die zeitliche Bestimmung der Erregung und ihrer Steigerung, das
„timing" der seelischen Vorgänge im Masochismus bisher nicht ge-
würdigt wurden.
Über das Wesen der Lust konnte bisher kein Zweifel sein. Es war
von sexueller Art. Die körperlichen und seelischen Zeichen der Er-
regung, Spannung und Entspannung sprachen eine deutliche Sprache.
Der Masochist befriedigt auf einem ungewöhnlichen Wege seine
sinnlichen Bedürfnisse. Von welcher Art ist die Lust im sozialen
Masochismus? Die Antwort der Analyse lautete bisher: sie liegt in
der Befriedigung des unbewussten Strafbedürfnisses. Diese Antwort
wird, so weit ich sehe, einstimmig gegeben. Ich halte sie für unrichtig
und will zeigen, warum sie unrichtig st. Darnach werde ich
versuchen, diejenige Erklärung darzustellen, die mir geeignet
scheint das Wesen und die Ziele der sozialen Lust am Leiden zu
erhellen.
Die psychologische Situation, wie sie von der Analyse dargestellt
wird, ist in folgender Gegenüberstellung klar bestimmt: im sexuellen
Masochismus wird eine sexuelle Triebregung, die verpönt ist, im
sozialen Masochismus wird das Strafbedürfnis, das unbewusste Schuld-
gefühl für jene verbotenen Wünsche, befriedigt. Im ersten Fall erreicht
eine elementare Trieb regung ihr Ziel auf dem Umwege über Schmerz
und Unlust. Im zweiten Fall wird ein moralisches Bedürfnis, das auf
verbotene Regungen reagiert, gestillt. Im ersten Fall ist die Lust von
deutlich sexueller Art, im zweiten von unbestimmterer, rätselhafterer:
es handelt sich um eine Lust daran, das Ich zur Strafe für seine Gedan-
kensünden zu bestrafen. Der Masochist der sexuellen Art, so scheint
298
cs, will Lust auch um den Preis der Unlust, er will sinnliche Be-
friedigung. Der soziale Masochist will Strafe und das ist seine Lust,
ersehnt eine Befriedigung des dunklen Schuldgefühles. Wäre diese
Kennzeichnung richtig, so würde sich hier ein Gegensatz zwischen
den beiden Formen des Masochismus, der sexuellen und der morali-
schen, ergeben, der so gross ist, dass man sie nicht mehr demselben
Triebgebiet zurechnen könnte. Nun ist aber kein Zweifel- die analy-
tische Beobachtung bezeugt es-, dass beide Erscheinungen nur
verschiedenartige Aeusserungsformen derselben Triebneigung sind.
Das aber will heissen: dass in ihrem Wesen eine bestimmte Einheit
lichkeit und Kontinuität nachweisbar sein muss. Das wäre sicher nich
der Fall, wenn in der einen Form ein positives und elementares Trieb-
ziel angestrebt würde, in der anderen eine seelische Reaktion auf
dieses Triebziel, das nicht einmal erreicht wurde. Wäre es so, der
sexuelle und der soziale Masochismus würden dann nicht etwa auf
verschiedenen Ebenen liegen, sondern in verschiedenen Welten. Der
eine wäre vorwiegend ein sexuelles Problem, der andere ein morali-
sches. Die eine Erscheinung wäre von triebhafter Art, die andere
wäre eine sekundäre Reaktionsbildung. Nichts ist unwahrschein-
licher als die Annahme, dass man von einer Erscheinung rein trieb-
hafter Art zu einer anderen von ethischer Beschaffung durch einen
Sprung gelangen kann. Die Natur macht keinen Salto morale. Es
wurde früher gesagt, dass der soziale Masochismus keineswegs einen
Sublimierungsvorgang der Triebneigung, höchstens ihre Fortsetzung
auf einem neuen Gebiet bezeichnet. Alle Eindrücke der analytischen
Beobachtung gehen dahin, dass sein Ziel von triebhafter Art ist wie
das des sexuellen Masochismus.
Mehr als dies: man muss annehmen, dass der soziale Masochismus
ähnlich aufgebaut und von annähernd derselben Struktur ist wie der
sexuelle. Haben wir nicht dieselben Merkmale bei der einen wie der
anderen Form gefunden, hier wie dort die Bedeutung der Phantasie,
das Suspense-Moment, den demonstrativen Zug entdecken können?
Dieselben seelischen Vorgänge bestimmen das Zustandekommen
der beiden Äusserungsformen; beide drehen sich um die Achse Lust
und Angst. In beiden kämpft das Luststreben mit der Angst und in
299
beiden wird die Flucht nach vorne zu einem Mittel, den Konflikt
auf eine ungewöhnliche Art zu lösen.
Hat die Psychoanalyse also etwas Unrichtiges behauptet, wenn sie
sagt, dass im sozialen Masochismus das Schuldgefühl befriedigt wird?
Nein, die Behauptung ist richtig. Falsch ist nur der Platz, der ihr
eingeräumt wurde und den sie nun behauptet. Es ist nicht richtig,
dass die Befriedigung des Schuldgefühles das Triebziel ist. Bezeichnen
denn die Unlust und der Schmerz das Triebziel des sexuellen Maso-
chismus? Nein. Sie sind vielmehr die Bedingung, deren Erfüllung
notwendig wird, um die sinnliche Befriedigung zu erreichen. Sie
werden angestrebt, um die Strafangst zu bewältigen und durch Vor-
wegnahme der Strafe dorthin zu gelangen, wohin die Lusttendenz
drängt. Man muss annehmen, dass der soziale Masochismus dieselben
Züge zeigt. Die Strafe droht jetzt nicht mehr von aussen, ist nicht
mehr an eine Person gebunden und wird nicht mehr von einer Person
in der Form des Geschlagenwerdens durchgeführt. Die Strafe droht
von innen, kommt vom Wächter des Gewissens und ihr gilt nun die
Angst. Das Schuldgefühl erscheint uns als diejenige Form, unter der
wir die Angst in uns wahrnehmen. Schuldgefühl ist nichts anderes
als soziale Angst. Wir gelangen so zu der Folgerung: auch im sozialen
Masochismus unterwirft sich die Person freiwillig bestimmten Strafen
und Erniedrigungen, um die soziale Angst loszuwerden und ihr uns
noch unbekanntes Triebziel zu erreichen.
Wir haben hier drei Fragen zu beantworten: wo ist das bisher
unentdeckte Triebziel? Welche Strafe wird hier gefürchtet? Welche
Lust wird hier gesucht? Die erste Frage ist am leichtesten zu beant-
worten. Der Masochismus entsteht ja aus der seelischen Umformung
einer sadistischen Phantasie. Der Sadismus, der unterirdisch in dieser
neuen Form fortlebt, enthält zwei Elemente in untrennbarer Ver-
bindung: ein aggressives und ein erotisches. Er will ein Objekt in
Besitz nehmen und zerstören. Die Vereinigung von . Aggressivität
und Sexualität in der Form der Gewalttätigkeit macht ja das Wesen
der sadistischen Triebeigenart aus. Im Masochismus ist dieselbe Ver-
bindung, nun auf das Ich als passives Objekt gerichtet, nachweisbar.
Sind auch in der masochistischen Phantasie und Szene immer beide
300
Komponenten enthalten, so ist doch ihr Mengungsverhältnis un-
gleich. Es ist deutlich auch für den oberflächlichen Beobachter, dass
bald das eine, bald das andere Element stärker zum Ausdruck kommt.
Der Übergang vom sexuellen zum sozialen Masochismus ist das
Resultat einer ausgiebigen Triebentmischung. Die erotische Kom-
ponente wird an den Rand gedrängt und die grausame oder angriffe-
lustige beherrscht das Feld.
Diese Triebentmischung hat zur Folge, dass der Masochist nun
nicht mehr Objekt von sexuellen, sondern von aggressiven oder
zerstörenden Tendenzen wird. Er fühlt sich nun nicht mehr als
Gegenstand einer Misshandlung, die zur sexuellen Befriedigung
führt, sondern er fühlt sich vom Schicksal oder den Nebenmenschen
misshandelt. Von Befriedigung dabei oder darin ist ihm nichts bekannt.
Auch die Aussenwelt scheint nicht zu erkennen oder zu verstehen,
dass das Opfer die Tücken und Wechsclfälle eines widrigen Ge-
schickes gemessen könnte. Die Natur der Strafe und der Instanzen,
von denen sie ausgeht, kann zu weiteren Aufklärungen führen. In
der sexuellen Perversion wird die Person geschlagen, gebunden, be-
schämt und beschimpft. In der sozialen Form erscheint keine bestra-
fendes Objekt, aber die Person wird vom Pech verfolgt, ihre Chancen
werden zerstört, sie wird unbeliebt oder gar verhasst. Der Perverse
wird gestraft wie ein unartiges Kind von einer Mutterfigur. Der
Masochist sozialer Art wie ein Verbrecher, der sich gegen die mensch-
lichen Gesetze vergangen hat. Dort soll eine unliebsame oder
verpönte Triebregung zurückgewiesen werden, hier eine Äusserung
von Zerstörungssucht und Überheblichkeit. Fassen wir zusammen,
was wir bisher wissen, so ergibt sich als zwingendes Resultat die Fol-
gerung: im sozialen Masochismus ist das Triebziel von aggressiver
oder gewalttätiger Art, die Befriedigung sadistischer Tendenzen und
die brutale Geltungmachung des eigenen Willens. Es braucht nicht
wiederholt zu werden, dass die sadistischen, rücksichtslosen und
rebellischen Tendenzen in der Darstellung durch das Gegenteil
auch im sexuellen Masochismus hervortreten. Auch dort sprengt der
Hochmut gelegentlich die Hüllen demütiger Unterwerfung, auch
•dort errät man den Stolz hinter der Kulisse der Erniedrigung. Auch
301
diese Kulisse ist ja nur gemalte Leinwand. Immer wieder drängt
sich angesichts des Eindruckes der masochistischen Phantasie oder
Perversion ein Vergleich aus dem Bezirk des Theaters auf, ein Bild
aus der Welt der Bühne. Das kommt daher, dass Szenen, die vorge-
stellt oder wirklich aufgeführt werden, etwas Künstliches an sich
haben, einen bestimmten Eindruck vermitteln sollen, etwas anderes
sind als sie vorgeben. Wir ahnen unbewusst, dass sich in der masochi-
stischen Szene nicht nur die Sinnlichkeit äussert, sondern auch eine
Gesinnung. Die Idee des Masochismus selbst hat etwas Spielerisches
an sich. Bedeutsamer ist es, dass dieses Spielerische eine Idee birgt.
Das wird dem Psychologen in der Erforschung der sozialen Leidsucht
noch deutlicher als in der sexuellen Perversion, mit der sie den Namen
gemeinsam hat und, wie ich jetzt darstellen will, nicht nur den Namen.
Die früher aufgestellte Behauptung sei wiederholt und betont,
bevor wir weitergehen: jene Phänomene, die wir als soziale Ausstrah-
lung des Masochismus bezeichnen, haben als Triebziel die Befriedi-
gung aggressiver, ehrgeiziger und rachsüchtiger Regungen. Mit der
Erfüllung gewalttätiger und machtgieriger Wünsche verbindet sich
die Rehabilitierung eines gekränkten Selbstgefühles und Ehrgefühles,
die Sättigung eines unbefriedigt gebliebenen Stolzes. Alle anderen
Formulierungen des Zieles des sozialen Masochismus sind unzu-
länglich. Die analytische Annahme, dass sich das Wesen des sozialen
Masochismus in der Befriedigung des unbewussten Schuldgefühles
erschöpfe, ist unrichtig. Richtig ist an dieser Behauptung nur, dass das
unbewusste Schuldgefühl beschwichtigt werden muss, ehe jene Trieb-
ziele erreicht werden so wie in der sexuellen Perversion die Strafe
empfunden werden muss, ehe der Genuss gestattet ist. Die Analy-
tiker, welche die Erfüllung des Strafbedürfnisses als das Ziel der
Wünsche des sozialen Masochisten erblicken, befinden sich in einem
Irrtum, den ein grober Vergleich aus dem Alltag am besten verdeut-
lichen kann. Sie benehmen sich wie Passagiere der Untergrundbahn,
welche eine Umsteigstation, auf der sie aussteigen und einen neuen
Zug nehmen sollten, mit der Endstation verwechseln, mit dem End-
punkt ihrer Reise.
Wir meinen das Triebziel des sozialen Masochismus gefunden zu
302
haben. Die Stimme der Selbstkritik wird sich hier mit Recht melden
und uns zu bescheidener Formulierung mahnen: wir haben dieses
Ziel nicht gefunden, sondern nur seine Art bestimmt. Wir haben aus
den Erscheinungen und den Folgerungen, zu denen ihre Beobachtung
geführt hat, den Charakter dieses Zieles als notwendig abgeleitet. Wir
kennen also das Ziel, aber noch nicht den Weg dahin. Wir wissen, das
ist das Ziel, aber wir wissen nicht, wo es liegt. Wir werden in dieser
Überlegung wieder an den Unterschied zwischen den sexuellen und
den sozialen Gestaltungen des Masochismus erinnert. Die sexuelle
Phantasie und Szene lässt ihr Wesen frei erkennen. Auch der stum-
pfeste Beobachter versteht, hier geht es um Befriedigung sexueller
Triebbedürfnisse, wie sonderbar ihn auch die Äusserungsformen
dieses Strebens anmuten mögen. Anders beim sozialen Masochismus:
hier muss das Ziel erst gesucht werden. Das Wesen dieser seelischen
Erscheinung ist so dunkel, dass erbitterte Realisten unter den Psycho-
logen noch nicht einmal die Existenz dieses Phänomens zur Kenntnis
genommen haben. Es ist in der wissenschaftlichen Psychologie ausser-
halb der Analyse so gut wie unbekannt und in der Analyse, wie wir
gesehen haben, nicht gut gekannt.
Wir kehren aber von solchen Überlegungen, die uns zu weit
führen könnten, zu der Frage zurück: wo verbirgt sich das Trieb-
ziel des sozialen Masochismus? Wir sind darauf vorbereitet, dass es
sich ausgezeichnet versteckt hat, da es bis jetzt sogar den scharfen
Augen der Analytiker entgangen ist. Haben sie nicht den Schatten,
den ein Gegenstand wirft, mit der Substanz selbst verwechselt, das
befriedigte Straf bedürfnis für die Endlust des Masochismus gehalten?
Der sicherste Weg wäre gewiss, wenn wir angeben könnten, wo
und wie sich die Lust in dieser seelischen Form äussert. Lust im
Unglück, im Elend, Genuss im zu Boden geschlagen Werden und in
der Niederlage? Wir können hier nirgends eine Äusserung der Lust
ausfindig machen. Sie ist unsichtbar, aber sie ist anwesend. Sie ist
nicht zu bemerken, aber sie ist doch zu merken. Die Dichter haben
diese geheime Lust seit langem erkannt und dargestellt. Wir sind
diesen Vorgängern verpflichtet, aber hier gilt es, mit den Mitteln
psychologischer Forschung scharf zu bestimmen, was dort in ahnungs-
30.3
schweren Worten angedeutet wird. Unsere Bemühung geht dahin
das Imponderabile zu erfassen und wissenschaftlich zu bestimmen,
soweit dies möglich ist. Es ist ein Unterschied in der Betrachtungs-
weise wie der zwischen dem Naturfreund, der sich am Anblick
bunter, flatternder Schmetterlinge erfreut, und dem Zoologen, der
sie einfangen und die Art eines jeden von ihnen bestimmen will.
Wir sind auf der Suche nach der verborgenen Lust, wir wollen den
Platz ausfindig machen, wo sie sich versteckt. Eine kleine Überlegung
sagt uns, dass dieser Platz nicht sehr entfernt von dem sein kann, auf
dem die Strafe vollzogen und die Unlust gefühlt wird. Diese Über-
legung stützt sich auf die Meinung oder das Vorurteil, dass der soziale
Masochismus ebenso aufgebaut ist wie der sexuelle. Bei diesem folgt
ja das Befriedigungserlebnis der Unlust oder der Strafe unmittelbar
nach, ist ihnen so nahegerückt, dass es manchmal den Eindruck macht,
es sei nur die Vereinigung von zwei Erscheinungen in einer einzigen.
Die Strafe oder das Leiden ist die vorweggenommene Reaktion auf
eine verbotene Befriedigung, die sogleich eintreten wird, sozusagen
ihr vorausgezahlter Tribut. Ein kleines Zeichen hilft uns weiter foit.
Es wird uns durch den demonstrativen Zug vermittelt. Wir wissen,
es handelt sich um die psychologische Notwendigkeit, Zeugen,
Zuschauer oder Mitwisser der Unlust und des Leidens im Masochis-
mus zu haben. In der sozialen Form des Masochismus prägt sich
dieser Zug so aus, dass die Person ihre Neiderlagen, ihr Pech, ihre
Versagungen und Fehler nicht etwa verbirgt, sondern ihren Freunden,
ihrer Familie, Bekannten und oft genug auch Unbekannten irgendwie
zur Kenntnis bringt. Es wird ihnen demonstriert, wie gekränkt und
benachteiligt man ist, wie das Schicksal der Person widrig ist, wie
jede Chance ihr fehlschlägt und dass sie gleichsam dazu auserkoren ist,
Schiffbruch zu leiden. Der Masochist verbirgt sein Elend nicht,
sondern zeigt es jedem, propagiert es. Wie L e s s i n g s Nathan
scheint er zu wünschen, dass die ganze Welt ihn höre.
Wohlbekannten analytischen Gesichtspunkten vertrauend, nehme
ich an, dass diese eigenwillige und eigensinnige Demonstration etwas
verbergen will. Sie verbirgt es so auffällig, dass sie es verrät. Das Ver-
borgene muss die Kehrseite des Gezeigten sein, also Stolz auf den
3°4
eigenen Erfolg, Genuss durch Durchsetzen des eigenen Willens
gegenüber überlegenen Kräften, das Bewusstsein durch Dulden zur
Herrschaft zu gelangen. Wenn das richtig ist — aber istes richtig? ,
hätte sich die Lust genau so wie im sexuellen Masochismus gerade
hinter der Unlust verborgen. Diese seelische Mimikry wäre dann im
Falle des sozialen Masochismus so gut gelungen, dass die Analyse
eben die Unlust selbst, also die Befriedigung des Schuldgefühles, für
die einzige Lust dieser Triebgestaltung erklärt hat. Das unbewusste
Manöver würde dann darin bestehen, die Lust so nahe an die Unlust
zu rücken, ihr so anzugleichen, dass sie nicht mehr von einander zu
unterscheiden sind. „Wo verbirgt ein kluger Mann ein Blatt?" fragt
eine der Personen Chestertons. Die Antwort lautet: Im
Walde."
Wir können jetzt angeben, wo sich die Lust versteckt hat: hinter
der Erfüllung des unbewussten Schuldgefühles. Wir haben ihr Ver-
steck aufgefunden, aber wo ist sie selbst? Sie muss anwesend sein, aber
sie bleibt unsichtbar. Sagten wir aber nicht, dass die Lust im sozialen
Masochismus unbewusst ist? Das macht ja einen der Hauptunter-
schiede zwischen den beiden Arten des Masochismus aus.
Es gibt aber ein Gebiet innerhalb des sexuellen Masochismus, wo
die Lust ebenfalls unbewusst bleiben kann. Sie wird dort oft nicht als
solche empfunden und nicht erkannt. Ich meine das Vorfeld des
Masochismus, das Gebiet in dem er entspringt; ich meine: die Phan-
tasie. Ich habe gesagt, dass die Bedeutung der Phantasie für den
sexuellen Masochismus von der Wissenschaft bis heute noch nicht
erkannte wurde. Auf dem Gebiete des sozialen oder, wie Freud
sagen würde, moralischen Masochismus ist sie bisher unbekannt
geblieben. Masochistische Phantasieen sozialen Charakters sind bisher
in der analytischen Literatur noch nicht dargestellt, ihr tvpischer
Inhalt und ihr Lustcharakter noch nicht bestimmt worden. Und
doch gehen sie wie in der Perversion auch hier der Aktion — auch im
Masochismus kann man von einer Aktion reden — ausnahmslos
voraus, bereiten sie vor und verhalten sich auch hier zu ihr wie die
Bühnenprobe zur Aufführung.
Die bezeichnete Vernachlässigung der Phantasieen im sozialen
U 305
Masochismus hat, so weit ich sehen kann, eine merkwürdige Ur-
sache: sie sind so unbekannt geblieben, weil sie uns allen in ihren
wesentlichen Zügen seit langem vertraut sind. Das will heissen: wir
kennen sie alle, aber nicht als Phantasieen, sondern als Stücke des
moralischen oder religiösen Glaubens, als typische Vorstellungen
aus dem Bereich der Lebensanschauung. Sie sind also meistens nicht
individuelle seelische Bildungen, sondern übernommene Stücke all-
gemeineren und überlieferten Vorstcllungsgutes. Es sind Gebilde
aus dem traditionellen Vorstellungsmaterial in egotischer Ausprägung
oder Umformung. Es handelt sich bei diesen Schöpfungen um Pro-
dukte, die sich auf dem Rückweg von Massenphantasieen oder vorherr-
schenden und bevorzugten Vorstellungen der Gemeinschaft wieder
in egoistische Tagträume des Einzelnen verwandelt haben. Die
einzige Gestalt in ihnen ist das Ich und die Erfüllung der Wünsche
dieses Ichs; sie machen ihren wichtigsten und oft ihren einzigen In-
halt aus. Diese Vorstellungen wurden freilich von aussen her, von
Eltern, Erziehern, Lehrern in der Kinderzeit an uns herangebracht,
aber wir tragen doch Bedenken, sie als kindlich oder gar kindisch zu
bezeichnen. Die meisten von uns werden diese Vorstellungen nicht
mehr als ihre unerschütterliche Meinung anerkennen, werden ihnen
ungläubig oder skeptisch gegenüberstehen. Das schliesst bekanntlich
den Glauben an sie in einer anderen seelischen Schicht nicht aus.
Was sind das nun für Vorstellungen? Ich will hier sogleich die
wichtigste in ihrer allgemeinsten Form vorstellen: es ist die Idee, dass
die Unlust und der Schmerz, die Entbehrungen und Erniedrigungen,
denen der Einzelne ausgesetzt ist, die Misshandlungen und Krän-
kungen, die er erfährt, die seelischen und körperlichen Leiden, die er
erträgt, ihm in bestimmter Form eine Belohnung bringen werden.
Hier zeichnet sich also die Aufeinanderfolge von Unlust und Lust,
die wir als charakteristisch für den Masochismus erkannt haben, als
Bestandteil einer Weltanschauung ab, der unsere Kulturwelt zuge-
neigt ist. Vergessen wir nicht, dass diese Anschauung pädagogisch ver-
wertet wird. Diese Verwendung im erzieherischen Sinne beginnt in
der Kinderstube, aber sie endigt nicht dort. Sie wird im Wege der
Verinnerlichung noch spät zur eigenen moralischen Stärkung und
306
Selbstdisziplin fortgesetzt. Wir haben sie uns angeeignet und ihren
Ursprung vergessen : wir kennen sie nur mehr als eigenes Gut an -wenn
wir sie überhaupt in uns erkennen.
Worin besteht diese Belohnung, die Prämie, die für artiges Ver-
halten in der Kinderstube und später in der Welt der Erwachsenen
ausgesetzt wurde? Was wird uns in Aussicht gestellt, wenn wir die
Unlust ertragen und uns im körperlichen und seelischen Leiden
geduldig und mutig benehmen? Die Erfüllung unserer Wünsche in
einer zivilisierten, man möchte sagen, zensurierten Form. Diese
allgemeine Meinung ist also das bevorzugte Material, aus dem das
Bild der Einzel-Phantasie geformt wird, sozusagen der Marmor-
block, aus dem der Masochist sein eigenes Denkmal herausschlägt.
Das ist nämlich das Ende und das Ziel solcher individuellen Phan-
tasieen: das Ich erscheint in ihr in einer erhöhten Form, auf einen
unsichtbaren Sockel gestellt. Ich habe gerade den Vergleich des
Denkmales gebraucht: wirklich sind die Phantasieen einem vorweg-
genommenen Denkmal des Ichs, des Tagträumers vergleichbar,
jenen steinernen Monumenten, auf denen ein Feldherr in selbst-
bewusster Positur erscheint, etwa von einer symbolischen weiblichen
Gestalt mit dem Lorbeer gekrönt. Auf dem Sockel kann man meistens
Reliefdarstellungen seiner siegreichen Schlachten sehen. Auch der
Masochist kann auf seine moralischen Siege hinweisen, auch wenn
sie sich der Aussenwelt als Niederlagen oder Fehlschläge repräsen-
tieren. Wunderlich genug erscheinen sogar auch diese Niederlagen
in den masochistischen Phantasieen, was gewiss bei keinem Feld-
herrendenkmal der Fall ist. Die Niederlagen werden aber vorgestellt,
um den Endsieg umso glänzender und triumphierender erscheinen
zu lassen. Sie bilden nur den Hintergrund, von dem sich die Glorie
des Ichs abhebt. Alle diese unbewussten Phantasieen, so individuell
und vielgestaltig sie auch sein mögen, haben bestimmte Züge gemein-
sam, die sie von den übrigen Tagträumen absondern. Der Held erleidet
viele Unbill, wird missverstanden, gekränkt, beleidigt und gede-
mütigt. Er wird unterschätzt, gegenüber Anderen benachteiligt,
ausgenützt und oft aus der Gemeinschaft ausgeschaltet. Die verschie-
denen Missgeschicke und Kränkungen, welche der Held dieser
307
Tagträume, das Ich, erduldet, werden in der Phantasie breit aus-
gemalt, mit Behagen dargestellt. Alles das aber sind nur weit ausge-
sponnene Vorspiele zum Eigentlichen. Dort erscheint nämlich der
Sieg über die Widersacher, die Rehabilitierung, man ist fast versucht,
zu sagen, die Auferstehung des Ichs. Die duldende Person wird
siegreich, wird jetzt geschätzt und geliebt, wird gerade dort aufs
höchste geehrt, wo sie früher verworfen wurde. Die Verdienste des
Helden und seine ausgezeichneten moralischen oder intellektuellen
Qualitäten werden gerade von den Personen anerkannt, die ihn vorher
so lange als minderwertig verächtlich behandelt haben. Solche typische
Phantasieen haben auch ihren literarischen Niederschlag in der
Gestaltung des umgekehrten Helden gefunden. Ihre Verwertung
reicht von Cervant e s„Don Quichott" biszu verbreiteten Knaben-
büchern, als deren beliebtestes Beispiel ich „Misunderstood" anführen
will. Was in der „privaten" Phantasie und im egoistischen Tagtraum
auftaucht, wird dort in weitem überindividuellen Rahmen wiederer-
scheinen und seine masochistische Natur nur wenigen Lesern verraten.
Als ein charakteristischer Zug dieser Einzelphantasieen, in denen
der Masochismus als Triebneigung deutlich wird, sei eine bisher
noch nicht erkannte Tatsache angeführt, welche ihre Entwicklung
beleuchtet. In ihren Anfangsstadium werden die Leiden und Ver-
folgungen, denen ihr passiver Held ausgesetzt ist, zwar gesehen und
lebhaft vorgestellt, aber sie erscheinen nur als Voraussetzungen für
seinen Sieg. Je länger sich die Phantasie hält, das heisst als lusterregend
empfunden wird, umso mehr verschiebt sich ihr seelischer Akzent.
Der Phantasiegenuss wird vom Triumph mehr und mehr auf die
Unbilden und Schwierigkeiten des Helden verlegt. Sie nehmen nun
in der Darstellung des Tagträumers den grösseren und wichtigeren
Raum ein und die ihnen folgende Rehabilation erscheint nun als eine
Art Anhängsel. Es sieht so aus, wie wenn sich die Lust von der Vor-
stellung der Durchsetzung des eigenen Willens auf die Strafen und
Leiden, die ihr als Bedingung vorausgehen, verschoben hätte. Schliess-
lich erscheint dieser anfänglich wesentliche Abschluss überhaupt nur
im Hintergrunde, nur angedeutet, während das geheimnisvolle und
anscheinend unbegründete Leiden des Helden alle Aufmerksamkeit
308
und alle Erregung auf sich zieht. Die griechische Tragödie wird sich
als erhöhtes und allgemeineres Beispiel einer solchen Entwicklung,
die sich in jedem masochistischen Tagträumer vollzieht, anbieten.
Mit der Unvermeidlichkeit und schicksalhaften Konsequenz der
griechischen Tragödie folgt das Unglück der Spur des masochistischen
Charakters im Leben. Wo Andere siegen, hat er Misserfolge und
gerade dann, wenn eine Chance ihm winkt, ist es sicher, dass geheim-
nisvoll ein Missgeschick sich einstellt. Da er sich selbst im Wege
steht, stellt sich alles in seinen Weg. Manchmal ergibt sich ein kleiner
Erfolg, aber nur um die Versagung, die ihm unmittelbar folgt, noch
bitterer fühlen zu lassen. Der masochistische Charakter reagiert
auf Lob unvermeidlich so, dass er bald darauf seine Unfähigkeit
demonstriert. Es scheint, er hat die Vorsehung gegen sich. Organi-
sierte Machinationen des Geschickes begleiten seinen Weg. Es
sind solche Eindrücke, welche uns zu der Ansicht geführt hatten, dass
die Befriedigung unbewussten Schuldgefühles das Wesentliche des
sozialen Masochismus sei. In Wahrheit hat dieses Moment das tiefere
verdeckt. Was der masochistische Charakter an Selbstschädigungen,
Beschämungen und Benachteiligungen produziert, stellt sozusagen
seine Abschlagsrechnung an das Schicksal dar. Es kommt nicht auf
das Leiden an, sondern auf das, was man durch das Leiden erkauft.
Hier nun ist der Platz, wo die Annahme, dass die Befriedigung des
Schuldgefühles zu den wesentlichen Stücken des sozialen Masochis-
mus gehört, ihre psychologische Berechtigung und Einreihung erhält.
Im masochistischen Charakter lebt eine tiefe unbewusste Angst vor
der vergeltenden oder rächenden Macht des Schicksals, eine Angst
wie die, welche die Griechen vor der Hybris hatten. Man könnte sie
als abergläubische Scheu bezeichnen und ihre Idee der anderen, dass
das eigene Leid später belohnt wird, gegenüberstellen. Jene aber-
gläubische Angst, die wir sonst Schuldgefühl nennen, ist das ältere
Stück. Unter ihrem Druck nimmt der Masochist alle jene Leiden
auf sich, unterwirft sich allen Prüfungen und Strafen. Die weitere
Entwicklung führt dann zu der ergänzenden Annahme, dass das
Leiden die Belohnung bringen wird. Die vorweggenommene Strafe
gibt den Weg zur Erfüllung der Wünsche frei.
309
Die Benachteiligungen, Kränkungen und Selbstbeschädigungen
des sozialen Masochismus enthüllen sich also ihrer Natur nach als
unbewusst selbst auferlegte Opfer oder Busseaktionen für die ihnen
folgende Durchsetzung sonst verbotener Wünsche. Es sind sozusagen
Bestechungsversuche der höheren, moralischen Instanzen, denen
durch jene Entbehrungen und Selbstbestrafungen ein Tribut ent-
richtet wird. Wo findet man ähnliche Phänomene sonst im Seelen-
leben? Wir begegnen ihnen, gewissermassen en miniature, in kleinem
Rahmen in jenen unbewussten Symptomhandlungen des Alltags-
lebens, welche den Charakter von Buss- und Opferaktionen haben.
Was sich dort in unauffälligen und harmlosen MissgrifFen und Selbst-
beschädigungcn äussert, hat hier die Herrschaft über das Leben des
Masochismus angetreten, bestimmt den Lauf seines Daseins. Die
Psychopathologie dringt nicht nur gelegentlich in seinen Alltag ein,
sie bestimmt nun alle seine Tage. Wir kennen freilich ein Gebiet,
das von einer ähnlichen Anschauung beherrscht wird, das religiöse.
Dort wird die freiwillige Übernahme von Opfern und Entbehrungen,
der Verzicht auf Triebbefriedigung und oft die Selbstschädigung zur
Voraussetzung für das Erreichen des Ziels, das in Aussischt gestellt
wird.
Ich behaupt also, dass eine dunkle, abergläubische Schicksalsangst
in den Reaktionen des masochistischen Charakters, die ihm selbst
zum Schaden gereichen, zum Ausdruck kommt. Diese Angst zu
beschwichtigen und zu bewältigen, dafür werden so viele Opfer an
Glück und Leidensfähigkeit gebracht. Obenhin gesehen, erscheint
so der soziale Masochismus nur als Versuch, jene Angst zu über-
winden, den dringlichen Forderungen des Schuldgefühles zu genügen.
Wo aber ist seine Lust? In der Vorwegnahme seiner Trieb-
befriedigung in der Phantasie. Der masochistische Charakter genieest
die Vorstellung, dass er seinen Willen am Ende doch durchsetzen,
alle seine Gegner besiegen und dann unterdrücken wird, dass er
gerade von der Gesellschaft anerkannt werden wird, die ihn jetzt
vernachlässigt und verwirft. In der erwarteten und phantasierten
Befriedigung kommen die aggressiven und ehrgeizigen, rachsüchtigen
und gewalttätigen Triebziele wieder herauf, deren Abwehr zur Ent-
310
stehung des Masochismus geführt hat. Man verkennt das Wesen
der Triebneigung, wenn man nur das eine Stück, das befriedigte
Schuldgefühl, als ihr Wesentliches sieht und das andere vernachlässigt.
Der soziale Masochist bekommt seine Befriedigung, er bekommt
sie aber meistens nur in der unbewussten Phantasie. Es wäre doch
ein zu ärmlicher Aspekt, wollte man annehmen, seine Genugtuung
sei in der Selbstbestrafung beschlossen. Der junge Mann, der die
Phantasie hat, er werde mit seinem alten und schlechtfunktionierenden
Auto gerade vor des Vaters Geschäft einen lebensgefahrlichen Unfall
haben, geniesst die Befriedigung voraus. Er stellt sich den Schrecken
und die Sorgen seiner Familie, ihre Reue und ihr Bedauern, dass
sie seine Bitte um ein neues Auto nicht erfüllt haben, vor. Er fühlt
ihre Trauer um sich selbst mit und geniesst mit schmerzlichem In-
grimm eine späte Genugtuung.
Der Unterschied dieser Form des Masochismus gegenüber der
sexuellen wird hier wieder deutlich. Man erkennt, dass sich die Trieb-
abweichung zu einer Lebenshaltung erweitert und umgestaltet hat.
Dort folgt der Unlust und der Strafe die sexuelle Befriedigung, der
Orgasmus. Entsprechend der vergeistigteren Natur der sozialen Ge-
staltung ist keine so unmittelbare und materielle Triebbefriedigung
beim masochistischen Charakter zu erwarten. Die machtwilligen,
ehrgeizigen und stolzen Triebregungen haben ein entfernteres Ziel,
obwohl es sich aus einem körperlichen und nahen psychologisch
ableiten lässt. Das Suspense-Moment ist hier für die Beobachtung
noch deutlicher als dort, da es die Endlust noch mehr hinausschieben
kann, was infolge der sozialen Beschaffenheit des Triebzieles besser
gelingt als bei einem solchen grober, materieller Art. Machtwille und
Ehrgeiz können gewiss besser einen Aufschub ertragen als Hunger
und sexuelle Begierde. Der soziale Masochismus ist eine Endgestaltung
und für dieses seelische Gebilde ist der Aufschub charakteristisch. Im
übrigen ergibt sich auch im sexuellen Masochismus ein weitgehender
Aufschub und schliesslich der Ausfall der Befriedigung beim Ab-
sinken der perversen Neigung.
Wenn ich behaupte, dass der moralische Masochist im allgemeinen
die Befriedigung als Prämie für seine Leiden in der Phantasie geniesst
3"
so heisst das nicht, dass er auf die reale Befriedigung verzichtet. Ur-
sprünglich nimmt er die Unlust auf sich, weil er die Genugtuung
und Rehabilitierung für die nächste Zukunft erwartet. Erst wenn
sich diese Hoffnung nicht erfüllt, wird das Ziel in zeitliche Ferne
gerückt. Aufgeschoben aber heisst auch hier nicht aufgehoben.
Innerhalb jener Endgestaltung ergibt sich eine Entwicklung,
welche man gewiss als eine moralische bezeichnen muss, die aber im
Tiefsten dadurch gekennzeichnet wird, dass die Ansprüche auf die
Befriedigung, die ausbleibt, in der Phantasie steigen. Die Phantasie
muss sich nun weiter strecken, sich auf lange Sicht einstellen. Die
Leidenschaft und Leidensbereitschaft steigert sich gerade, wenn das
Ziel näher gerückt scheint. Das Suspense-Erlebnis erscheint hier
durch das wachsende Schuldgefühl, das der Kulturmensch mit sich
trägt, moralisiert. Es ist so, wie wenn ein immer grösseres Mass von
Leiden notwendig wird, um sich die Befriedigung zu gestatten. Mit
dem Leiden aber steigert sich der Ich-Anspruch und der Ehrgeiz.
Er gilt nicht mehr rasch erreichbaren Erfolgen, sondern grösseren
schwieriger erfassbaren. Es wächst der Masochist mit seinen höheren
Zielen. Er erwartet: zuerst, dass die Gemeinschaft, in der er lebt,
seine Vorzüge und seinen Wert, die Überlegenheit seines Charakters'
und seiner Leistungen anerkennen wird. Mag er nun verachtet
gedemütigt und beschimpft werden, bald werden sich seine Gegner
vor ihm beugen, sich ihm beugen. Diese vorausgenommene Phan-
tasiebefriedigung hat nur kurzen Bestand, sie kann nur eine Weile
vorhalten und bald meldet sich die seelische Reaktion. Das Schuld-
gefühl, die soziale Angst, die sich auf die Aggressivität jener Phanta-
sieen berufen kann, steigert sich, verlangt neue Bestrafungen und
Demütigungen, Misserfolge und Missgeschicke. Sie bringt wieder
masochistisches Leiden, das aufs Neue in der Phantasie zur vorweg-
genommenen Befriedigung und zur genussvollen Darstellung jener
Triebziele führt. So kommt es zu einem ewigen Kreislauf zwischen
sozialer Angst und asozialem, ja antisozialem Triebdrängen. Der
Ausgleich, der uns allen sonst zur Verfügung steht, ist hier verwehrt.
Es ergibt sich ein anderer, nämlich der weitere Aufschub der realen
Befriedigung und seine lebhaftere und plastischere Vorwegnahme
312
in der Phantasie. Das will sagen: je weiter das Triebziel in der Wirk-
lichkeit zurück bleibt, umso „wirklicher" stellt sich seine Erreichung
in der Phantasie dar. Solches Vorwegnehmen bedeutet aber keinen
Verzicht auf die Erreichung des Zieles, sondern nur eine Reaktion
der Ungeduld. Der Masochist hält an der Hoffnung fest, dass er es
spät, doch sicher erreichen wird. Und seine Sicherheit steigt, je mehr
er zu leiden hat, so wie die sexuelle Erregung durch die intensivere
Unlust beim Perversen. Im Sinne jener zur unbewussten Lebens-
maxime gewordenen Meinung: nach geduldig ertragenem Leiden
kommt die Belohnung, ist er überzeugt, dass er erreichen wird, was
er wünschte: Macht und Rache, Anerkennung und Besiegung seiner
Feinde.
Hat es der Masochist anfänglich noch für sein eigenes Leben, viel-
leicht für ein vorgerücktes Alter erhofft, so wird später seine Vor-
stellung über die Spanne seines Lebens hinausgehen. Das Ziel wird
auf die Nachwelt verschoben. Der masochistische Charakter gelangt
so häufig zu der Überlegung oder zu der Phantasie: mag mich auch
meine Mitwelt als dumm oder verächtlich verurteilen, einmal, wenn
ich tot sein werde, wird man meinen Wert doch anerkennen. Er wird
also seine Hoffnung auf Anerkennung bei Lebzeiten langsam ein-
schränken oder vielleicht ganz aufgeben, um in der Vorwegnahme die
Belohnung jenseits des eigenen Lebens zu finden. Gewiss wird sich
solche Hoffnung zuerst auf die ihm Nächsten, seine Familie und
Freunde oder Feinde, richten. Allmählich aber wird sie über diesen
engen Kreis hinausgehen: auch die Fernerstehenden werden erkennen,
wie sehr er gelitten hat und dass er nicht umsonst gelitten. Seine Auf-
opferung und seine guten Charaktereigenschaften werden anerkannt
werden. Das Hinausschieben der Triebbefriedigung, der Aufschub
im Genuss stellt sich dem Masochisten allmählich selbst als verdienst-
voller Verzicht dar. Die Wirkung des Suspenses, das sich als Resultat
der Wirkungen von sozialer Angst und triebhaftem Streben ergibt,
wird nun moralisch gewertet.
In der Minderschätzung des Urteils der mitlebenden Generation
und in der Hoffnung auf Anerkennung der folgenden haben sich die
ursprünglichen Tendenzen des sozialen Masochismus doch verraten.
313
Die Belohnung für das Leiden- ursprünglich die Befriedigung- ist
sicher, aber sie erwartet uns erst jenseits des eigenen Grabes. Was
die Leute jetzt reden, erscheint unwichtig gegenüber einer rühmenden
Nachrede. Es ist nicht zu verkennen, dass sich in dieser Form morali-
sierende oder moralische Faktoren geltend machen. Es ist merk-
würdig zu beobachten, wie sich am Ende das ursprünglich Triebhafte,
das ersehnt wurde, mit Vorstellungen religiöser oder moralischer
Art vereinigt und zu einer seelischen Einheit zusammengeschweisst
wird. Man kann aber dort, wo diese wechselseitige Druchdringung
am weitesten gediehen ist, noch immer die ursprünglichen macht-
gierigen und aggressiven Tendenzen unterscheiden, Mit der vor-
weggenommenen Erreichung auch hoher Ziele kann sich eine Art
persönlicher Rachsucht, nachträglicher Genugtuung für erlittenes
Unrecht in vergeistigter Form verbinden. Auch für die Erfüllung
solcher Wünsche gilt es, dass der Mensch noch am Grabe die Hoff-
nung aufpflanzt. Es kommt vor, dass jene heimlichen Wünsche und
Triebregungen masochistischer Charaktere sich in späten Jahren
wirklich erfüllen. Es scheint freilich, dass die gütigen Feen, die darüber
wachen, auf sich warten lassen wie irdische Frauen. Die Erfüllung
kommt meistens spät, so spät, dass der Wünsch nicht mehr als solcher
gefühlt wird.
Das nachträgliche Recht Behalten, die spät gezeigte Überlegenheit
den Gegnern gegenüber, das Durchsetzen unerfüllter Wünsche und
die posthume Anerkennung und hohe Schätzung sind die Inhalte
solcher Phantasieen, welche das masochistische Verhalten des Ein-
zelnen begleiten und bestimmen. Man hat gesagt, Rache schmeckt
am besten, wenn sie kalt genossen wird. Vielleicht hätte man hinzu-
fügen sollen, sie werde noch in der phantasierten Vorwegnahme
genossen bei der Vorstellung, dass der Tagträumer selbst erkaltet
ist. Aber auch der Ehrgeiz und der Stolz erreichen ihre Ziele in diesen
Phantasieen oft erst nach dem Tode des Tagträumers. Alle diese
seelischen Bildungen finden sich nicht etwa nur bei abwegigen und
problematischen Naturen, bei abnormen und pathologischen Charak-
teren. Die Hoffnung, vor der Nachwelt, vor den eigenen Kindern
mit Ehre zu bestehen, bestimmt unser aller Handlungen in einem
3*4
nicht immer eingestandenen Ausmasse und lässt uns alle Entbeh-
rungen und Opfer leichter ertragen, ja kann manchmal die Selbst-
aufopferung als Wunschziel erscheinen lassen. Die Phantasie-
Vorwegnahme solcher Erfüllungen als Belohnung für die eigene
Triebbeschränkung oder den Triebverzicht ist eine normale seelische
Erscheinung, von der kein Kulturmensch frei ist, so frei er sich auch
glauben mag. Im Falle des ausgeprägten masochistischen Charakters
gewinnt dieses Vorwegnehmen in der Phantasie eine Übermacht
über das Seelenleben und wird zu einem Faktor, der das Schicksal des
Einzelnen bestimmen kann. Unbewusste Phantasieen bringen dann
die masochistische Rehabilitierung, welche das Leben versagt. Für
dieses noch immer triebhaft fundierte Ziel werden erstaunlich grosse
Opfer gebracht und viel Leid erlitten. Wer unbefangen in das Leben
sieht, erkennt, dass der Durst nach Martyrium, der stärkste Ausdruck
des sozialen Masochismus, mit dem Sieg der Kirche keineswegs abge-
schlossen ist. Er hat nur seinen Inhalt gewechselt. Es gibt ein privates
Märtyrertum, das seine Wonne, seine Pein hat, und eine unreligiöse
Heiligenhaltung, die auf kanonische Anerkennung verzichten kann,
weil sie einer anderen gewiss ist. Die seelische Einstellung des Märty-
rers, der Drang, sich aufzuopfern, die Schlachtopfer-Haltung kann
auch im engen Rahmen der Familie zur Geltung und zur Geltung-
machung kommen. Der masochistische Genuss ist nicht minder gross,
wenn die Selbstaufopferung nur einer Person gilt. Das Vergnügen
am Leiden wird unbewusst nicht minder genossen, wenn der geheime
Zuwachs an Selbstgefühl aus dem Bewusstsein stammt, auf allen
erreichbaren Lebensgenuss um der Ehefrau, der Kinder, des Freundes
willen verzichtet zu haben. Die Befriedigung der Selbstliebe kommt
häufig aus jener Quelle, dass man sich so besonders edel, sanft und oft
aufopferungsfähig erscheinen kann. Die Wertlosigkeit gegenüber
dem Schicksal, die Ergebenheit dem eigenen schweren Los gegenüber,
der Gegensatz der eigenen Haltung zur Brutalität und Rücksichts-
losigkeit der Anderen schliessen doch die geheime Genugtuung ein :
seht, wir Milden sind doch bessere Menschen.
Es darf nicht geleugnet werden, dass dem privaten Märtyrertum
nicht nur die grosse Idee fehlt, die seine Existenz rechtfertigen könnte
3*5
sondern auch die erhebende und erfreuliche Wirkung auf die Anderen.
Diese Art masochistischer Selbstaufopferer leben oft niemandem zur
Lust, nur sich selbst zu Leide. Nicht auch sich selbst zur heimlichen
Lust? Gelegentlich kommt es vor, dass aus dem eigenen Leiden oder
dem eigenen Verzicht dem Anderen, für den es ertragen wird, ein
offener oder heimlicher Vorwurf gemacht wird. Es spricht für die
hier dargestellt Auffassung, dass diesem Anderen gegenüber gerade
ein Überlegenheitsanspruch aus dem Wissen um die eigene Güte
erwächst. Manchmal kann man beobachten, wie die Neigung zum
sozialen Masochismus wieder in die zwei Teile zerfällt, aus deren
Verlötung sie entstanden ist. Ich beobachtete zwei Schwestern, von
jeden die ältere sich für die jüngere in solcher Art aufopferte, auf
jeden Anspruch auf eigenes Vergnügen und Glück zu Gunsten der
Anderen verzichtete und merkbar eine masochistische Befriedigung
aus dieser seelischen Einstellung gewann. Diese Haltung der Hinge-
gebenheit und Aufopferungsfähigkeit wurde häufig durchbrochen
durch Szenen, in denen sie der jüngeren Schwester alles vorwarf,
was sie für sie getan hatte und ihr zeigte, wie edel sie sich im Gegen-
satz zu der egoistischen Schwester verhalte. Diese verglich ein solches
Benehmen mit dem einer Kuh, die sich gerne melken lässt und die
beste Milch in Fülle hergibt, um dann mit einem Schlag des Hinter-
beines den vollen Eimer umzuwerfen. In solchen zweizeitigen
Handlungen wird dann auch das verhüllte Triebmotiv für die Unter-
werfung und den gesteigerten Altruismus sichtbar. Noch den sanf-
testen unter den masochistischen Charakteren, denen, die immer
erniedrigt und beleidigt werden, sind solche heimliche oder offene
Genugtuungen zugänglich. Ich glaube, dass Aschenbrödel, die
zuhause ihren Gram nährte, ihn auch genoss und ihren Triumph
über die Schwestern in ihren einsamen Träumerein vorausnahm.
Der Psychologe erkennt in vielen Mädchenphantasien ein ähnliches
masochistisches Geniessen wieder und weiss, dass die Aschenbrödel-
rolle oft eine unbewusst gewünschte ist.
Es ist vielleicht unberechtigt, die seelische Gebilde dieser Art
einfach als Phantasieen zu bezeichnen. Manche von ihnen stehen den
Delirien der Zwangsneurotiker nahe, jenen eigentümlichen Pro-
3i6
dukten, in denen wahnhaftes und gesundes Denken zu einer Einheit
zusammenwächst. In einzelnen Fällen haben sich solche vorausge-
nommene Befriedigungen -gewiss in veränderter Form und unter
unvorhergesehenen Begleitumständen- in der Wirklichkeit ergeben.
Man wird gewiss annehmen, dass der unbewusste triebhafte Drang
darnach bei ihrem Zustandekommen mitbeteiligt war. Was vorher
erträumt wurde, ist dann zur Überraschung der Person Wirklichkeit
geworden.
Es gibt eine besondere Gruppe von Menschen, denen die masochi-
stische Vorwegnahme der Befriedigung in der Phantasie gerade
während des Leidens besonders nahe liegt. Ich meine Menschen mit
hohen Zielen, die unter der Nichtanerkennung, dem Spott, dem
Unverständnis und der seelischen Misshandlung seitens der Mitwelt
leiden: Künstler, Forscher, Staatsmänner von weitem Blick. Wir
wissen, dass viele gerade der edelsten Menschen aus den eigenen
Leiden eine Süssigkeit gezogen haben, indem sie die künftige Anerken-
nung in der Vorstellung vorausnahmen. Ja die schmerzlichsten Erfah-
rungen des Lebens, Enttäuschungen und Verächtlichmachung, können
so zur Umschaltungsstelle verstärkten Selbstgefühles und hohen
Glückes werden. Es ist kein Zufall, dass der Titel dieses Buches „Aus
Leiden Freuden" einem Briefe Beethovens (an die Grätin
Erdödy 19. Oktober 1815) entnommen ist. Gegenüber der Seligkeit
des Gestaltens kommt die Frage, ob es Glück oder Unglück ist, das
zur Produktion drängt, nicht in Betracht. Sie ist aber auch unwesent-
lich gegenüber der Aussicht, von kommenden Geschlechtern gerühmt
zu werden. Aus ihr erwächst eine Leidenskraft und ein Trost von
solcher seelischen Macht, dass das eigene Leiden wie eine Bestätigung,
ein Omen für jene künftige Anerkennung der eigenen Leistung
erscheint. Noch die Todesangst kann solche phantasierte Voraus-
nahme nicht stören. Der Chor der II. Symphonie Gustav M a h -
lers, der als nicht Unwürdiger dem grossen Schatten Beeth-
ovens folgte, spricht jene Zuversicht des Künstlers aus: „Sterben
werd' ich, um zu leben". Es war derselbe Komponist, der einmal
gefragt hat: „Muss man denn immer dabei sein beim Unstcrblich-
werdenr" Gegenüber solcher Sicherheit auf zukünftige Erfüllung
317
-
hochfliegender Wünsche bedeutet das Leiden und die Minderschät-
zung in der Gegenwart wenig. Es ist wie beim Masochisten eine
lustvolle Verlängerung des Suspenses, wenn gerade gegenüber der
Nichtachtung im Leben die Jenseitsdistanz in der Phantasie über-
brückt wird. Gewiss reicht solche Befriedigung in der Vorwegnahme
durch die Vorstellung als Trost nicht immer aus. Arthur Schnitz-
1 e r, Stadt- und Zeitgenosse des früher angeführten Komponisten,
hat den psychologisch gerechtfertigten Satz geprägt: „Nachwelt
gibt's auch nur für die Lebenden." Hier wird in prägnantester Art
ausgesprochen, wie phantastisch solche Befriedigung in der Vor-
wegnahme ist und wie geringen Trost sie wirklich gewähren kann.
Man muss hier wieder die ausserordentliche Bedeutung der Phan-
tasie und des Suspense-Momentes betonen. Die bisherige psycholo-
gische Erforschung des sozialen Masochismus ist bei der Würdigung
des Strafbedürfnisses als seines Hauptmotives stehen geblieben. Von
einem Lustgewinn anderer, elementarer Art war nichts zu sehen
und zu erkennen. Dies ist gewiss so, wenn man sich auf die materielle
Realität beschränkt. Es ist ebenso gewiss anders, wenn man die unbe-
wusste Phantasie im Masochismus würdigt. Sie kann über die Grenzen
des eigenen Lebens hinausgehen, und die Erreichung der Triebziele
in einer Zukunft suchen und finden, die eben nur in der Vorstellung
gegeben ist. Die Verlängerung des Suspense-Gefühles reicht weit
über die Grenzen des eigenen Daseins hinaus. Sie verlegt die Aner-
kennung der Persönlichkeit und der Leistungen des masochistischen
Charakters in eine Zeit, die er nicht mehr erleben kann. Dorthin
aber wird auch die Erfüllung der anderen Triebwünsche, welche der
masochistischen Lebenshaltung zugrundeliegen, verschoben. Wenn
der eigene Leib längst zu Staub zerfallen ist, wird sich der Drang, den
eigenen Willen gegenüber dem dumpfen Widerstand der Welt durch-
zu setzen, behaupten, wird der herrschen, der jetzt misshandelt und ver-
achtet wird. Solche imponierende Leistung der Phantasie, die über die
eigene Lebensspanne hinwegsehen kann wie über eine Mauer in einen
schöneren Garten, kann dem gegenwärtigen Leid seine Schwere
nehmen und es sogar als Gewähr jenes kommenden Glückes will-
kommen heissen. Die Nachwelt wird nicht nur Richterin sondern
3i8
auch Rächerin. Sie wird das Ich, das gelitten hat, rehabilitieren,
ihm die posthume Kompensation geben, welche die Mitwelt
ihm versagt hat. Ihr Urteil wird aber auch spät, doch für den
Phantasierenden nicht zu spät, die beschämen, welche ihn un-
richtig und ungerechtfertigt eingeschätzt haben. Der Aufschub der
Befriedigung, der durch das Suspense gekennzeichnet ist, findet in der
Vorwegnahme in der Phantasie sein seelisches Gegenstück.
Wir haben nicht vergessen, dass alle diese Vorstellungen zurück-
gehen auf frühe Ausmalungen künftiger Situationen, als der Tag-
träumer noch ein Knabe war, halb Kinderspiele, halb Gott im Herzen.
Man erkennt das Vorbild dieser Phantasie in der Analyse mancher
kindlicher Tagträume, die als frühe Zeichen masochistischer Ein-
stellung auftauchen: der Knabe, der sich missverstanden, gedemütigt
oder ungerecht behandelt fühlt, stellt sich vor, er werde bald sterben,
oft auch, er werde Selbstmord begehen. Die Eltern würden ihre
Handlungsweise sehr bereuen, ihn immer betrauern und so spät
erkennen, was für einen lieben und guten Sohn sie in ihm verloren
haben.
Ich habe versucht, darzustellen, wie sich aus dem Widerstreit von
Tendenzen des unbewussten Schuldgefühles und Triebregungen von
der Art der Rachsucht und der Gewalttätigkeit, der Ehrsucht und des
Geltungsstrebens das eigenartige Bild des masochistischen Charakters
ergibt. Noch wenn das Leiden im Dienste höchster Ziele ertragen
wird, werden die ursprünglichen Triebziele in der Phantasie nicht
völlig verdrängt. Noch die Geister, die wir als die edelsten verehren,
blieben menschlich und allzumenschlich. Mit der Vorstellung, dass
ihr Leiden dem Fortschritt der Menschheit dient, verbindet sich die
Phantasie, dass ihr Verdienst in künftigen Zeiten erkannt und aner-
kannt werden wird. Sie überwinden sich selbst, aber jene heimlichen
Wünsche sind nicht zu beseitigen. Wir wissen oft nicht, dass wir in
ihnen eine Vermengung von Gier und Grösse bewundern. Ein Sprich-
wort versichert, es sei dafür gesorgt, dass die Bäume nicht in den Him-
mel wachsen. Nichts aber kann die Bäume davon abhalten, zu träumen,
dass ihr Gipfel den Himmel berühren werden.
319
Das fernste Ziel
Im sozialen Masochismus meinte ich eine Spätentwicklung zu
erkennen, die sich aus der sadistischen Phantasie ergibt. Die psycho-
logische Voraussetzung für diese Entwicklung meinte ich be-
stimmen zu können: in der Phantasie wurde die Kränkung der Selbst-
liebe, die Schädigung des Narzissmus sowie die Rachsucht und Ag-
gressivität stärker oder tiefer empfunden als die sexuelle Versagung
seitens eines Objektes. Vielleicht ist hier der Platz, Unterschiede in
der Konstitution als bestimmende Faktoren geltend zu machen oder
das Moment der Stärke oder Schwäche des Ichs als entscheidend ein-
zuführen. Ich bekenne meine Unwissenheit und Unsicherheit in
dieser Frage ein. Ihre Entscheidung scheint mir minder wichtig
als die Erforschung und Aufhellung des Wesens des sozialen Maso-
chismus, der Gemeinsamkeiten, die ihn dem sexuellen verbinden,
und der Differenzen, die ihn von dieser Form so entfernt erscheinen
lassen.
Ich vermute, dass der soziale Masochismus der Mittelphase der
Phantasieentwicklung entstammt, in der die leidzufügende und leid-
tragende Person dieselbe ist, Objekt und Subjekt zugleich verkörpert.
Auch in der masoch istischen Lebenseinstellung ist zumeist kein Ob-
jekt, das die Leiden verhängt und vom Ich unabhängig wäre, zu
erblicken. Es ist in der Phantasie gewiss vorhanden, aber es tritt in
der Realität nicht auf und bleibt in der Dämmerung, in der es mit
dem Ich verschwimmt. Der masochistische Charakter benimmt sich
gleichsam autoerotisch.
Wie der sexuelle Masochismus stellt sich auch der soziale, von der
einen Seite gesehen, als gelungener Versuch, Angst zu bewältigen,
dar. Die Angst ist hier sozialer Natur, bezieht, sich auf Vernichtung
und Ausstossung und ist uns als unbewusstes Schuldgefühl in der
Analyse bekannt geworden. Um diese soziale Angst zu beschwichtigen,
nimmt ja der masochistische Charakter Misserfolge und Missge-
schicke voraus, bestraft er sich selbst oder lässt sich von der Gesell-
schaft durch Verachtung und schlechte Behandlung bestrafen. Jede
Annäherung an einen Erfolg, jede sich bietende Chance wird ver-
320
mieden, weil damit jene verbotenen aggressiven und machtgierigen
Tendenzen durchbrechen könnten und die unvermeidliche Strafe droht.
Hier wird die Analogie mit dem Suspense-Gefühl, das den Orgasmus
als Gefahrenmoment hinausschiebt, ganz deutlich.
Es liegt wohl an der Natur der zugrundeliegenden Triebregungen,
dass die Angst sich im masoch istischen Charakter nicht so leicht und
dauernd beschwichtigen lässt wie beim Perversen. Hier genügen kein
einmaliger Misserfolg, keine einzelnen Fehlschläge oder keine vor-
übergehende Benachteiligung, um die heimliche Angst zu überwinden.
Im masochistischen Charakter wirkt unbewusst eine Angstbereitschaft,
die ihrer Natur nach der Unheilserwartung der Zwangsneurotiker
nahesteht. Diese Angst zwingt dazu, immer neues Leiden auf sich
zu nehmen, sich neue Opfer oder Entbehrungen aufzuerlegen. Die
psychologische Verwandtschaft mit der Zwangsneurose wird bestätigt
durch zwei Momente: der Inhalt der Unheilserwartung ist unbewusst
und das Übel, das droht, wird von höheren Mächten erwartet. Die
Unheilserwartung stützt sich auf alte, bewusst oft überwundene
Vorstellungen religiöser oder allgemein-moralischer Art. Oft er-
scheint sie aber davon abgelöst und isoliert als Glaube an eine Instanz
der ausgleichenden Gerechtigkeit. Dieser Glaube wirkt sich beim
masochistischen Charakter negativ und positiv aus. Er lässt die Trieb-
befriedigung immer weiter hinausschieben, verlängert das Suspense
und er verheisst dem Vielduldenden eine Belohnung, die eben die
Gestalt der ersehnten Triebbefriedigung annimmt. Anders ausge-
drückt: der masoch istische Charakter fürchtet sich davor, dass er
der Gemeinschaft gegenüber schuldig geworden ist, aber er ist stolz
darauf, dass er ihr nichts schuldig geblieben ist. Er hat durch sein
Leiden für seine Gedankensünden gezahlt und sich dadurch den
Anspruch erworben, eine späte Prämie zu erhalten.
Die soziale Angst, deren er sich entledigen will, verschiebt sich
von den mit ihm lebenden Menschen auf die, welche nach ihm kom-
men. Das Suspense verlängert sich über das eigene Leben hinaus. Die
soziale Angst hat die Gestalt der Todesangst angenommen. Um
diesem schweren seelischen Druck zu entgehen, nimmt der masochi-
stische Charakter noch mehr Leiden auf sich, verschiebt er aufs neue
W 3 21
die Befriedigung. Sie winkt jetzt erst nach seinem Tode und wird
in der Phantasie vorweggenommen. Das Ich schreckt vor der Dro-
hung völliger Vernichtung zurück, es hat die Unheilserwartung auf
diese schreckliche Strafe verlegt. Ihr gegenüber erscheint als Prämie
die Sicherheit des individuellen Fortlebens nach dem Tode. Wir
stehen hier vor einem neuen Phänomen, einer Gestaltung der masochi-
stischen Lebenseinstellung, die religiöses Gepräge hat. Wir haben
verfolgt, wie sich die Strafangst im sexuellen Masochismus in der
sozialen Angst oder dem Schuldgefühl im masochistischen Charakter
fortsetzt. Dort bezog sich die Angst auf die Kastration und ihr gleich-
gestellte Strafen, hier auf Vernichtung und Ausstossung. Die Angst
dort wurde durch freiwillig herbeigeführte Schmerzen, Schläge und
Tadel beschwichtigt, hier durch unbewusst arrangierte Kränkungen
und Misserfolge. Dort bot sich die sexuelle Lust als Prämie für die
Unlust, hier die Durchsetzung gewalttätiger und aggressiver Wünsche.
Drohte dort die Bestrafung von den Eltern und ihren Ersatz figuren,
so wird sie hier als vom Schicksal oder höheren Mächten ausgehend
vorgestellt.
Wir haben mit Erstaunen festgestellt, dass mit dem Übergang vom
sexuellen Masochismus zum sozialen die Erreichung des Triebzieles
immer ferner gerückt erscheint. Zuerst wird es in der Form später
Anerkennung und Rehabilitierung, welche die Leiden aufwiegt,
für das eigene Leben erwartet. Es wird dann auf die Zeit nach dem
eigenen Tode verschoben, als nachträgliche Belohnung vorgestellt
und als lustvoll in der Phantasie empfunden.
Die neue Gruppe der masochistischen Erscheinungen, die sich
jetzt abzugrenzen scheint, bietet der Beschreibung grosse Schwierig-
keiten. In der Analyse dieser Fälle scheint es zuerst, als wäre das
Leiden sozusagen Selbstzweck. Man konnte nicht angeben, wovor
sich dieser Typus des masochistischen Charakters eigentlich fürchtet
welcher Gefahr seine Flucht nach vorne galt. Ebenso unmöglich aber
schien es, aufzuklären, für welche Lust er sich so schmerzlichen Op-
fern und Entbehrungen unterwarf, welche verborgene Prämie ihm
dafür verheissen war. Mochten sich auch gelegentlich Durchblicke
auf kleine Lustgewinne ergeben, so schienen sie Misserfolg und
322
Leiden in Permanenz, wie sie hier auffielen, nicht aufzuwiegen. Die
Natur der Drohung und die der Belohnung blieb dunkel. Der Text
der inneren Bekanntmachung, welcher die Strafe und das Versprechen
enthielt, war lange nicht zu enträtseln. Der Vergleich mit dem müh-
sam zu rekonstruierenden Text der Zwangsneurosen drängte sich
auf. Er entspricht gewiss seelischen Gemeinsamkeiten zwischen den
beiden Erscheinungen. Strafe und Belohnung, so musste man anneh-
men, würden auch in dieser Gruppe masochistischer Charaktere
vorgestellt werden, aber sie blieben geheimnisvoll, sie waren den Per-
sonen selbst unbewusst. Es wollte sich lange keine Aussicht ergeben,
zu der Aufhellung dieser seelischen Bedingungen vorzudringen.
Eine neuerliche analytische Untersuchung solcher Fälle ergab
nun ein überraschendes Resultat. In einer unbestimmt grossen Anzahl
solcher Fälle entdeckt man eine noch grössere Ausdehnung des Sus-
pense, eine weitere zeitliche Verschiebung des Triebzieles. Von der
Hoffnung, die Nachwelt werde das eigene Leiden mit posthumer
Anerkennung quittieren und der Person so spät zur Geltung
und Willensdurchsetzung verhelfen, ist ein weiter und uneinsichtiger
Weg zu der neuen Aussicht, die sich hier eröffnet. Der Triumph wird
in einer Art religiöser Sicherheit nicht mehr auf Erden erwartet,
nicht mehr die Nachwelt wird zu richten und zu rechtfertigen haben,
sondern eine Instanz im Jenseits. Das masochistische Triebziel wird
also in das Leben nach diesem Leben verlegt. Die Vorstellung des
jüngsten Gerichtes spielt hier unbewusst oder dämmerhaft ein: dort
werden alle Leiden, Demütigungen und Misshandlungen als sinn-
voll erkannt und anerkannt werden. Der Wert der Person wird dort
bestätigt und von den höchsten Instanzen feierlich verkündet werden.
Ihre guten Absichten, ihre Geduld und ihr seelischer Adel werden
dort die Belohnung finden, die ihnen auf Erden nicht zuteil wurde.
Die Phantasie- Vorwegnahme ist also nicht mehr auf die irdische
Nachwelt beschränkt, sie geht in die Richtung der Jenseitshoffnung.
Es ist gewiss gerechtfertigt, hier von einem religiösen Glauben zu
sprechen, aber es wäre unrichtig anzunehmen, dass nur bewusst
religiöse Menschen sich derartigen Vorstellungen hingeben. Was
in den Dogmen als fester Begriff und klare Vorstellung erscheint, ist
323
bei vielen Menschen als eine unbewusste oder vague Hoffnung nach-
weisbar, wenn sie sich längst von jedem positiven religiösen Glauben
freigemacht haben. In diesen Vorstellungen, die so weit über das
irdische Triebziel hinausgehen, bleibt doch ihre Spur noch erhalten.
Ja es ist sogar in dieser veredelten Form dasselbe geblieben: die Gel-
tendmachung der eigenen Persönlichkeit, die Anerkennung ihres
Wertes und ihrer Überlegenheit gegenüber Anderen, ihre Auser-
wähltheit und späte Rehabilitierung. Die Strafangst, mit welcher der
Masochismus eingesetzt hatte, hatte sich in der Angst vor der Vernich-
tung der Persönlichkeit fortgesetzt. Ihre Erhaltung, ihr Unsterblich-
werden und ihre Auferstehung ist der Ersatz des irdischen Triebzieles.
Die Unsterblichkeitshoffnung wird sich gewiss je nach der Kultur-
stufe des Einzelnen verschieden darstellen. Zwischen der grob materi-
ellen Phantasie des körperlichen Fortlebens nach dem Tode und der
Idee der unsterblichen Entelechie Goethes, welche die Erhaltung
des geistig Wertvollsten in der Person annimmt, ist ein grosser Unter-
schied. Doch nicht gross genug, um zu verkennen, dass in beiden
Vorstellungen die Angst dem völligen Untergang des Ichs gilt.
In den Formen der religiösen Glaubensvorstellungen wird sich
die ursprüngliche Natur der gefürchteten Strafe und der erhofften
Belohnung viel deutlicher erkennen lassen als in den individuellen
Vorstellungen, die so viel unbestimmter und verschwommener sind.
Das Zittern und Zagen vor dem jüngsten Gericht, die Höllenstrafen
und die ewige Seligkeit, das Leben im Paradies zeigen plastisch, was
gefürchtet und was ersehnt wird. Der Anteil der eigenen Trieb-
regungen ist noch in diesen überirdischen Visionen deutlich genug.
Der Unheilserwartung steht die Sicherheit der Auferstehung, die
Heilserwartung, gegenüber. Die irdischen Leiden werden aufge-
hoben in der himmlischen Seligkeit, im paradiesischen Sinn. Der
Masochismus erreicht noch in dieser sublimen Gestalt sein Triebziel.
Die Auferstehung und das Aufsteigen in den Himmel sind letzte
Phantasieziele masochistischer Einstellung.
Als eine Art Mittelstellung zwischen den auf die irdische Nachwelt
bezogenen Hoffnungen und den metaphysischen Vorstellungen dieser
Art stellt sich der Reinkarnationsglaube dar; die Hoffnung auf die
3 2 4
Wiedergeburt in veränderter und verbesserter Form. Es wird dabei
angenommen, dass die Leiden, Opfer und Entbehrungen in einer
späteren Daseinsform ihre Kompensation rinden werden. Die in
der Phantasie vorweggenommene Befriedigung bezieht sich hier
auf die Möglichkeit einer glücklicheren und erfolgreicheren Existenz,
auf eine „second chance", die dem Einzelnen gewährt ist.
Verschiebung und Verallgemeinerung der Befriedigung in der
Phantasie kann auf der anderen Seite noch weiter gehen als auf die
Sicherheit der individuellen Unsterblichkeit. Sie kann bis in die Phan-
tasie von der Endzeit, vom Untergang der jetzigen, von Übel und
Ungerechtigkeit beherrschten Welt, von der Ankunft des Messias
und dem Kommen eines glücklichen Zeitalters reichen. Auch hier
wird die Erreichung des verborgenen Triebzieles sowohl in der
Zerstörungslust als in der Erwartung des eigenen Sieges deutlich.
Der Einzelne findet ja seinen Platz in diesem alles umfassenden Rah-
men. Der Messias selbst ist eine riesenhafte, überirdische Projektion
des Ichs, das an dem Leiden und an seinem Triumph Teil hat. Hier
ist der Masochismus bei seinen fernsten, dem eschatologischen Ziel
angelangt. Alles Leiden der Welt, alle Verzichte und alles Elend auf
Erden hat hier seine Rechtfertigung und seine Lustprämie gefunden.
Es wurde von uns beobachtet, dass in der Entwicklung des sozialen
Masochismus ein Verschiebungsmechanismus am Werk ist, der den
Zeitpunkt der Befriedigung in immer weitere Ferne rückt. Zuerst
wird sie zwar spät, aber noch in diesem Leben und in der Gemein-
schaft der Menschen erwartet. Dann wird sie als posthume Anerken-
nung von Seiten der Nachwelt und als späte Durchsetzung des eigenen
Willens in der Phantasie vorweggenommen. Schliesslich wird das
Befriedigungserlebnis ins Jenseits oder ans Ende der Welt und an den
Neubeginn einer neuen verlegt. Indem man anerkennt, dass diese
besondere Art des Masochismus seine Lustsphäre nicht mehr in der
phantasierten Vorwegnahme irdischer Gewinne hat, geht sie ihrem
Charakter nach in eine religiöse oder eschatologische Bildung über.
Auch die besondere Art der Vorwegnahme eines nicht mehr irdischen
Triebzieles in der Phantasie verdient einen eigenen Namen, der die
Erlösungssehnsucht und- gewissheit ausdrückt. Die Erwartung der
325
überirdischen Prämie oder der Befriedigung im Jenseits nenne ich
Heilserwartung und stelle sie der Unheilserwartung gegenüber. Sie
wird sich in der Vorwegnahme der Auferstehung und der Seligkeit
in religiöser Einkleidung äussern, so wie die entgegengesetzte Angst
in der Vorstellung ewiger Verdammung und der Höllenstrafen.
Wir haben einen grossen Kreis abgeschritten. Von der Angst und
Lust des sexuellen Masochismus ausgehend sind wir bei den fernen
und geheimnisvollen Triebzielen des masoch istischen Charakters
angelangt. Die Einsicht in die seelischen Vorgänge des masochistischen
Charakters, in die Ausdehnung des Suspenses und in die veränderte
und in ihren Tiefsten doch unabänderliche Zielsetzung ergab sich
als Resultat einer lange fortgesetzten analytischen Erforschung,
die sich abseits der bisherigen Auffassung masoch istischer Phänomene
bewegte. Es ist so nicht verwunderlich, dass die eigene Anschauung
sich so weit von der aller anderen Analytiker unterscheidet und manch-
mal den Eindruck des Phantastischen machen könnte. Ich kann doch
versichern, dass sie sich als Niederschlag langer und immer wieder
überprüfter analytischer Erfahrungen ergeben hat. Im Verlaufe
meiner Studien, die mit der Hervorhebung bisher nicht erkannter
Merkmale masochistischer Einstellung bestimmtere Gestalt annah-
men, habe ich mit wachsendem Staunen die beherrschende Bedeutung
der Phantasie für diese Triebeigenheit verstehen gelernt. Es ist gerade
die bisherige Vernachlässigung der Vorwegnahme der Angst und
Lust daran schuld, dass sich das Ergebnis dieser Studien so fremd
darstellt. Oder ist es nicht absonderlich, im masochistischen Charakter
einen unbewussten Glauben an eine sichere Kompensation für sein
Leiden zu erkennen? Ist es nicht überraschend, dass sich die Luster-
wartung bis auf das Leben nach dem Tode verschieben kann? Ich
wäre nicht erstaunt, wenn viele Beobachter des masochistischen
Charakters der Annahme eines so weitgehenden und phantastischen
Zieles des Masochismus ihren Glauben versagen würden. Eher geht
ein Kameel durch ein Nadelöhr als ein Durchschnittspsychologe in
die Vorstellung eines Himmelreiches, das als Lustprämie die irdischen
Leiden und Missgeschicke aufwiegt. Es muss wiederholt werden,
dass solche Heilserwartung den masochistischen Charakteren in den
326
meisten Fällen unbcwusst geblieben ist. Sie wehren sich gegen eine
solche Annahme als eine fremde. Sie ist aber nur eine dem Bewusstsein
entfremdete. Ich kann versichern, dass ich zu ihr nur nach einer stren-
gen und oft wiederholten Prüfung des seelischen Tatbestandes gelangt
bin.
Nach Erreichung dieses Resultates in der Analyse vieler masochi-
stischer Charaktere musste man sich beschämt sagen, dass man es
hätte voraussehen können. Wir haben die Voraussetzungen und Ziele
des sozialen Masochismus studiert und beobachten können, dass die
Tendenz, zu leiden, sich auf immer grössere Zeiträume erstreckte
und die entsprechende oder belohnende Triebbefriedigung immer
länger auf sich warten liess. Das liess sich bis auf die Erwartung der
Anerkennung und Durchsetzung der eigenen Persönlichkeit nach
dem Tode verfolgen. Weiter liess sich der Faden zwischen Leiden
und Kompensation nicht verfolgen. Sollte er an dieser Stelle abgerissen
sein? Das Leiden schien plötzlich seinen Sinn zu verlieren, Lust
oder Befriedigung war nicht mehr zu entdecken. Die psychologische
Kontinuität und Einheitlichkeit der masochistischen Erscheinungen
aber schien zu verlangen, dass auch diese Art masochistischen Ver-
haltens, die sich zunächst als Selbstzweck darstellte, ihre Hölle und
ihren Himmel hat. Das Resultat, das man dann in der Analyse bekam,
war so überraschend, dass man annehmen musste, es habe an längst
Vertrautes, nur Entfremdetes gerührt. Es lag schon in jener Formu-
lierung beschlossen, dass auch die Lebensführung des masochistischen
Charakters ihre Hölle und ihren Himmel haben müsse. Die Strafe
wird nicht mehr für dieses Leben gefürchtet, die Lust nicht mehr als
irdische ersehnt. Sie werden ins Jenseits verlegt, werden in der Vor-
stellung in der Hölle und im Himmel lokalisiert. Fasst man die indivi-
duell verschiedenen Vorstellungen einer künftigen Belohnung oder
Prämie in einem späteren Leben zusammen, so drängen sich Aus-
drücke auf, die man von der Religionsgeschichte her früher kannte
als von der Psychologie, nämlich Erlösung, Heil, Seligkeit. Man er-
kennt sogleich, dass diese Begriffe den lustvollen Vorstellungen, welche
der sexuelle Masochismus mit der Triebbefriedigung oder dem Orgas-
mus verbindet, entsprechen.
3 2 7
Das Befriedigungserlebnis in der Phantasie findet hier den An-
schluss an die Glaubensvorstellungen und Dogmen der Religion und
der Moral der Gemeinschaften, an kollektive masochistische Phan-
tasieen. Der Masochismus der Massen hat solche Phantasiebildungen
produziert oder in seinem Sinn umgestaltet. Wenn das Christentum
das Leben auf Erden nur als kurze Prüfungszeit betrachtet, die von
der ewigen Seligkeit für die Guten abgelöst wird, und wenn es predigt,
das Elend hiemieden in diesem Sinne geduldig zu ertragen, so ist dies
gewiss eine solche massenpsychologische Bildung. Das ganze Dasein
wird sozusagen im Suspense verlebt: die Ankunft des Messias, die
für die Zeitgenossen Christi versprochen war, wird noch immer er-
wartet. Die religiösen Mythen selbst werden später immer mehr
zum Ausdruck einer masochistischen Stimmung, wenn sie die Leiden
und Demütigungen von Göttern und Helden verherrlichen und ihre
Auferstehung und Erhöhung erzählen. Der Mythus vom leidenden
und siegreichen jungen Gott ist die weitverbreitete Ausprägung einer
solchen Völkerphantasie. Der seelische Akzent verschob sich in
diesen Volksmythen immer mehr auf die Verklärung der Selbstauf-
opferung dieser Heilandtypen, welche die Erlösung für die Mensch-
heit bringen. Das alte Problem des Leidens, das die philosophischen
Geister der Antike so lange beschäftigt hatte, war im Spätjudentum
und im Christentum bei einem neuen Lösungsversuch angelangt. Das
Leiden wurde bejaht, es wurde sogar verherrlicht und sein Wert
anerkannt, denn mit ihm öffneten sich die Pforten des Paradieses. Die
untergehende Antike hatte eine neue Art des Geniessens gefunden.
Die Stufen des Leidens werden zu Sprossen der Himmelsleiter. An
die Stelle des Krieger-Ideals tritt das des Heiligen oder Märtyrers.
Die spätjüdischen Propheten und das Christentum bringen die Ver-
klärung des Masochismus. Hinter der Lust am Leiden erscheint aber
der Triumph: der grösste aller Dulder, der den Kelch des Leidens
trank, gedemütigt und gekreuzigt wurde, eroberte die Welt.
Die Paradoxieen Christi
Die Abkehr von den bisherigen Werten und die Aufstellung neuer
' 328
Ideale, die auf den Widerstand und Spott der Umwelt stosst, sucht
nach neuen Waffen. Sie sollen der Verteidigung und dem Angriff
dienen. Wer hier für die verspottete Seite Partei nimmt, vergisst doch
nicht, dass es eine andere Seite gibt. Diese andere Seite wird noch
in der Verteidigung der eigenen probeweise eingenommen, manchmal
sogar vertreten und ad absurdum geführt. Die grimmige Ironie der
israelitischen Propheten, die der kompakten Majorität des Volkes
gegen übertraten, liefert ein welthistorisches Beispiel einer solchen
neuen Waffe im Glaubensstreit. Warnend und beschwörend traten
diese Männer unter das Volk und suchten es durch bildreiche Dar-
stellung und Gegenüberstellung auf den rechten Weg zu bringen.
Christus folgt ihren Spuren. In der Zeit der höchsten nationalen Not,
da sich das Leiden des Einzelnen und der Gemeinschaft immer drük-
kender gestaltete, mahnte er die Juden zur Rückkehr, verwarf er
ihr starres Festhalten am Hergebrachten und an der Tradition und
wollte die Ungeduldigen davon überzeugen, im Leiden wohne ein
tiefer und berechtigter Sinn. Seine Lehre, die eine soziale und religiöse
Umwälzung herbeizuführen drohte, erregte den erbittertsten Wider-
stand. Es ist psychologisch wohl verständlich, dass dieser Widerstand
selbst ihn wieder erbitterte und ihn dazu drängte, das, was er als wahr
und richtig erkannt hatte, in der schärfsten und manchmal zugespitz-
testen und extremsten Form zu sagen. Gegenüber der Verspottung
der Umwelt schien gerade diese Form die gemässeste. Sie war aber
sicherlich nicht die gemässigteste sondern die krasseste. Es war, wie
wenn er den Hohn der Anderen in sich aufgenommen hätte und nun
erst recht, fast möchte man sagen, trotzig und bitter die eigene An-
schauung bis in die fernste Konsequenz führen wollte. So bezeugen viele
seiner Aussprüche nicht nur die eigene tiefe Überzeugung, sondern
zugleich die Überzeugung, dass man der Meinung der Anderen aufs
stärkste widersprechen müsste. Die Kontradiktion und der Wider-
stand hat an der besonderen Prägung einzelner dieser Aussprüche so
viel Teil wie die eigene Vision. Absichtsvoll und trotzig wird das, was
fremdartig und neu erscheinen mag, was der hergebrachten Meinung
widerspricht, im Extrem dargestellt. Wir kennen solche Darstel-
lungen und nennen sie paradox. Das Paradoxe widerspricht den berge-
st
brachten Meinungen, es stellt sie auf den Kopf, um zu sehen, wie sie
sich da ausnehmen. Es hat aber ein Element, das man noch zu wenig
berücksichtigt hat und das doch seine Entstehung und Gestaltung
mitbestimmt. Wer Paradoxa prägt, nimmt unbewusst den Eindruck
der Zuhörer voraus, ihren Widerspruch zu dem Gesagten, vielleicht
sogar die Verspottung und wird gerade dadurch oft zu einer besonderen
Formulierung geführt. Das Paradoxe enthält also einen Angriff auf
allgemein geltende Anschauungen, aber es geniesst sozusagen den
Angriff der Anderen, die es hören werden, in der Vorstellung mit
und steigert sich gerade durch diese Vorwegnahme oft zu einem
Charakter, der wie absichtlich unsinnig anmutet. Es macht manchmal
den Eindruck, als spotte der Sprechende seiner selbst und wisse doch
genau, wie und warum. Man hat hübsch gesagt, das Paradoxe sei
eine Wahrheit, die auf den Kopf gestellt wird, um die Aufmerksamkeit
zu erregen. Es hat also demonstrativen Charakter. Einige der Para-
doxe, die uns von Christus überliefert sind, zeigen so in Form und
Inhalt eine Wesensart, die sich als masochistisch in dem hier gezeigten
Sinn darstellt. Das will heissen: sie drücken die Tendenz aus, gerade
die Unlust zum Gegenstand der Lust zu machen, das Leiden zum
Objekt der Lust, die eigene Erniedrigung oder Beschämung als
Wunschziel zu sehen. Aussprüche wie „Die Letzten sollen die Ersten
sein", „Wer das Leben sucht, soll es verlieren und wer das Leben
meinetwegen verliert, soll es gewinnen" oder „Gesegnet sind die
Sanftmütigen, denn sie werden die Erde besitzen" zeigen nicht nur
den Charakter des der Erfahrung Widersprechenden, sondern den des
absichtlich Widersprechenden. Der Inhalt aber dieser und ähnlicher
Behauptung entspricht demjenigen, welchen wir am seelischen
Grunde des sozialen Masochismus gefunden haben.
Die meisten Vertreter der Theologie und der Religionsgeschichte
haben diesen Paradoxieen des Heilands gegenüber dieselbe Hilflosig-
keit bewiesen wie die Psychologen der masoch istischen Lebens-
gestaltung gegenüber. Die Einen haben das Paradoxe nicht gesehen
oder nicht beachtet, die Anderen haben es wegzuerklären versucht.
Man hat dies erreichen wollen, indem man die anscheinenden Wider-
sprüche durch historische oder textkritische Argumente wegdis-
330
putierte. Ein anderer Weg, der sich bot, war der, nur einen Teil
eines solchen widersprechenden Ausspruches gelten zu lassen, hervor-
zuheben, was dem gesunden Menschenverstand einleuchtend schien,
und den anderen Teil zu ignorieren, sozusagen unter den Tisch des
letzten Abendmahles fallen zu lassen. Man kann solche Auswege als
unaufrichtig bezeichnen. Die Theologen zeigen in solcher Inter-
pretation einen erstaunlichen Mangel an Ehrfurcht vor dem reli-
giösen Genie und der Grösse des Erlösers. Man möchte ihnen mit
Luther entgegenhalten: das Wort, sie sollen lassen stah'n. Die
dritte Interpretationsweise besteht darin, die Widersprüche als
provisorische, der damaligen Zeitströmung angemessen, gelten zu
lassen. Ein amerikanischer Autor Ralph W. Sockman, hat von
dieser Betrachtungsweise mit Recht gesagt, sie fasse Jesus Meinungen
als „Interims -Ethik" auf. Man hat zur Stützung einer solchen
Ansicht angeführt, dass Jesus ebenso wie seine Umgebung vom nahen
Weltende und der bevorstehenden Ankunft des Reiches Gottes über-
zeugt war. Die Menschen sollten also in der kurzen, ihnen verblei-
benden Zeit ihr Leben anders einrichten als bisher. Die Zeit drängte.
Wir erkennen das apokalyptische Element in den Aussprüchen Christi
als farbegebend an. Es wäre aber unsinnig, damit allein ihre immanente
Paradoxie erklären zu wollen. Es wäre etwa so, wie wenn man die
Bestellung von Kanonen seitens einer Regierung als Anzeichen eines
unmittelbar bevorstehenden Krieges auffassen wollte. Es ist unglaub-
würdig, dass die vielfachen Paradoxe Christi nur dem aktuellen Not-
stand des jüdischen Volkes entsprangen und sich ihre Gültigkeit in
diesem historischen Moment erschöpfe. Manche Kommentatoren
fassen Aussprüche solcher Art als vom orientalischen Geist gefärbte,
rhetorische Wendungen auf, die zwar pädagogisch wertvoll sind,
darüber hinaus aber keine praktische Bedeutung haben. Seinen Feind
zu lieben wäre dieser Anschauung zufolge also keine vollgültige ethische
Forderung, sondern ein schöner Ausdruck des Vollkommenheits-
strebens.
Alles dies sind Kompromisslösungen der Auslegung, Vermeidungen
der Verantwortung, die volle Gültigkeit und Inhaltsschwere des
Paradoxen, das Jesus in seine Aussprüche legte, anzuerkennen. Er
331
^
hat, was er meinte nicht nur in paradoxer Weise gesagt, er wollte auch,
dass es paradox klingen sollte. Kein aufmerksamer und vorurteilsloser
Leser der evangelischen Berichte kann sich diesem Eindruck ent-
ziehen. Seine Aussprüche muten wie Widersprüche an, weil sie wider-
sprechen, weil sie sich in Gegensatz zu den gewohnten Denkweisen
setzen wollten. Das Paradoxe war die gegebene Ausdrucksweise für
einen Gedanken, der aller Tradition noch dort ins Gesicht schlägt,
wenn sie befiehlt, die rechte Wange hinzuhalten, wenn man auf die
linke geschlagen wird. Das Paradoxe ist entweder die bloss geistreiche
oder spielerische Hervorhebung einer halben Wahrheit oder es ist
die furchtlose Darstellung von einundeinhalb Wahrheiten, welche
die bisher unentdeckte Seite eines Phänomens ins Licht stellt. Mit den
paradoxen Aussprüchen Christi sollte kein verglimmendes Fünkchen
gezeigt, sondern aus der Asche eine neue Flamme entzündet werden.
Mann kann die moralischen Forderungen, die er aufstellte, annehmen
oder ablehnen, aber man hat kein Recht, ihren Ernst in Frage zu
stellen.
Dieser Ernst aber zeigte das Gepräge einer masochistischen Lebens-
einstellung in ihrer edelsten und vergeistigtesten Form. Sie enthüllt
sich als solche nicht nur in der Leidensforderung, sondern auch in
der Aufstellung des eigenen Leidensvorbildes. Das Leiden wird will-
kommen geheissen als Gnadenmittel, (i.Petr.2,20) als ein Geschenk
göttlicher Liebe (Hebr. I2,5f.), als eine der messianischen Wehen, aus
der die schmerzlose ewige Freude und Glorie geboren werden soll.
(Joh. 16,2g) Das Leben und Sterben Christi selbst wird zur Ver-
klärung des Leidens und seiner Überwindung, der königliche Weg des
Kreuzes zum Weg, den alle Menschheit wandeln sollte. Christus
weist die Seinen immer wieder auf die ewigen Strafen hin, welche die
Sünder bedrohen und auf die himmlische Belohnung für die, welche
ihm folgen. Er verspricht, dass die, welche sich erniedrigen, erhoben
werden, dass die Letzten die Ersten werden sollen, ermahnt alle, den
Martertod nicht zu fürchten und der Auferstehung sicher zu sein.
Das Paradoxe mancher seiner Aussprüche mutet uns an wie die
sublimierteste Form des Eindruckes, den wir im Allgemeinen von den
Phänomenen des Masochismus bekommen haben. Wenn der Heiland
33 2
rät: „Liebet eure Feinde, tut wohl denen, die euch hassen, segnet die
euch fluchen, betet für die, welche euch beschimpfen" hat er eine
moralische Forderung gestellt, die vielleicht in der Realität erfüllt
werden kann, aber in der Phantasie menschliche Kräfte übersteigt.
Übersteigt sie sie wirklich? Gewiss nicht, ihre Möglichkeit wird in
vielen tausenden masochistischer Phantasieen zur Wirklichkeit. Sie
erscheint dort freilich nicht als ethische Aufgabe, sondern als Inhalt
einer triebhaften Lust. Immerhin ist auch dort ein moralischer
Faktor im Spiel: das unbewusste Schuldgefühl soll in dieser Unlust
und in dieser Selbstüberwindung befriedigt werden. Die Lust, die
solcher Hingabe unmittelbar folgt, kann verschoben werden, die
Belohnung erst für eine ferne Zukunft verheissen und nur in der
Phantasievorausnahme genossen werden. Werden aber denen, die
in der Nachfolge Christi seinen Weg gehen, nicht auch die Freuden
des Paradieses versprochen? Die masochistische Lebenseinstellung
erscheint hier wie eine Verzerrung der christlichen. Ist es verwegen
anzunehmen, dass, was hier so verzerrt und in irdischer Vergröberung
zu Tage tritt, im Ansatz auch im Urbilde wirkte? Nahm auch
Christus den kommenden Triumph voraus? Spricht sich in seinen
Paradoxieen jener himmlische Trotz und jene sublimierteste Ver-
spottung aus, die wir in der masochistischen Lebenseinstellung ent-
deckt haben? Er gewann im Tod das ewige Leben, er ging durch die
Schmach in die Herrlichkeit ein, er siegte, indem er unterlag.
Märtyrer und Masochist — Gegensätze in
der Gemeinsamkeit
Das Studium der psychologischen und psychoanalytischen Literatur
zeigt, dass die meisten Forscher, im regiliösen Martyrium eine Er-
scheinungsform des sexuellen Masochismus zu sehen geneigt sind.
Eine Fülle von Zeugnissen soll belegen, dass das sexuelle Element
dasjenige ist, welches das Seelenleben so vieler christlicher Märtyrer
unbewusst bestimmt hat. Schjelderup, Menninger und
andere Psychologen, die sich um die Erforschung des Masochismus
verdient gemacht haben, stimmen hier mit vielen anderen, älteren
333
Beobachtern überein. Die Lektüre dieser Arbeiten lässt ein unbe-
friedigendes Gefühl zurück, da sie den Eindruck erwecken, dass sie
im Martyrium einfach einen sublimierten Ausdruck einer sexuellen
Triebabweichung sehen statt einer Erscheinung, die auch durch den
unterirdischen Zustrom sinnlicher Faktoren mitbestimmt ist. Die
Versuchung, diesem Unisono der Gelehrten zu widersprechen, darf
nicht so weit gehen, das Stück Berechtigung, das in ihren Meinungen
enthalten ist, abzuleugnen. Die Behauptung als solche ist vor allem
wenig wesentlich, wenn man die Verschiedenheit der seelischen
Mechanismen in den Typen des Märtyrers oder Heiligen und des
Masochisten nicht darzustellen weiss. Das ist meines Wissens noch
nicht geschehen. Ich will von den so abweichenden Motiven und
Zielen vorerst absehen und mich nur auf die Erscheinungsformen
beschränken, um die Differenzen erkennen zu lassen. Besser als
ausführliche Charakterisierungen wird die Gegenüberstellung zweier
typischer Verhaltungsweisen zur Sexualität den seelischen Unter-
schied illustrieren. Ich wähle mit Absicht zwei Beispiele, welche die
Ausgangssituation gemeinsam haben. Ein 23Jähriger Mann verspürt
eine sexuelle Erregung, deren er Herr zu werden sucht. Das gelingt
nicht gut, er kleidet sich aus und geht zum Spiegel, wo er sich nackt
sieht. Mit einer kleinen Hundepeitsche schlägt er sich, über die Schulter
immer in den Spiegel sehend, so lange auf den Hinterteil, bis blutige
Striemen sichtbar werden. Während dessen steigt die sexuelle Erregung
immer mehr, bis es zur Ejekulation kommt. Der Anblick des eigenen
Blutes gibt gewissermassen das Signal für den Orgasmus. Eine Legende
soll das Gegenstück dieses Verhaltens veranschaulichen. Der freund-
lichste aller christlichen Heiligen verbrachte in der Kapelle Portium-
cula nahe der Kirche San Maria bei Assisi viele Jahre seiner Mannes-
zeit in gottgeweihter Betrachtung. Eines Tages verspürte er ein
starkes und stärker werdendes sexuelles Verhalten. Es war im strengen
Winter. Die Natur schien unter dem Schnee, der den kleinen Kloster-
garten bedeckte, eingeschlafen, doch der Böse wachte. Als Franziskus
vom Stachel des Fleisches so gequält wurde, dass er fühlte, er müsse
der Versuchung sogleich unterliegen, stürzte er in den Schnee hinaus
und wälzte sich in einem Dornenbusch von wilden Rosen. Da geschah
334
das Wunder, dass der Tau seines Blutes das Grün aufspriessen liess
und im Schnee Rosen erblühten, deren Blütenblätter blutig- rote
Flecken hatten. Noch heute verkaufen die Nonnen von Assisi zum
Andenken an den Sieg über den unreinen Geist gepresste Rosen,
deren weisse Blätter die Zeichen der Stigmatisierung des Heiligen
tragen.
Der Unterschied bei so vielen gemeinsamen Zügen des Verhaltens
wird sogleich klar. Im Erleben des masochistischen Mannes bildet
der Schmerz den Zugang zu der sonst verbotenen Befriedigung. Im
Erleben des heiligen Franziskus dient der Schmerz als Abwehrmittel
des sündigen Verlangens. Im ersten Fall bedeutet er eine Förderung
der sinnlichen Erregung, im zweiten ihr Gegengewicht. Die beiden
tun annähernd dasselbe, aber es bedeutet nicht dasselbe, da es unter
verschiedenen seelischen Voraussetzungen getan wird. Im ersten
Fall stellt sich bei verschärfter Strafe der Genuss ein, im zweiten soll
die Selbstbestrafung die Befriedigung verhindern.
Nun kommt e,s gewiss vor, -und Berichte der Kirchenväter und
Märtyrer bezeugen es-dass die sexuelle Erregung gerade durch den
Schmerz und die Busse gesteigert wurde und der Böse den Sieg errang.
Das aber sind Ausnahmsfälle und es ist gewiss gegen die bewusste
Absicht des Frommen geschehen. Der Schmerz soll ja die Erregung
bekämpfen. Dieses Resultat ist freilich auch ausnahmsweise bei
Masochisten zu verzeichnen, aber auch hier sind es Ausnahmser-
scheinungen. Der Schmerz oder die Unlust soll hier bewusst zur
Lust führen. Nur wenige erwachsene Männer werden in unserer
Zeit so drastische Abwehrmethoden gegen die sexuelle Versuchung
anwenden wie der Heilige. Wo sinnliche Triebregungen mit ähn-
licher Heftigkeit abgewehrt werden, geschehen auch keine Wunder
mehr. Es blühen keine frische Rosen, im besten Fall entstehen Neu-
rosen.
Wie steht es aber mit den Zeugnissen, welche zeigen, wie den
Heiligen, Asketei^und Mönchen gerade aus Fasten und Bussübungen
neue Versuchungen aufstiegen? Die Asketengeschichte der alten
Kirche erzählt, wie der Kampf gegen den Geist der Unkeuschheit
oft nicht erfolgreich war. Der heilige Hieronymus beschreibt, wie er
335
in der Einsamkeit der Wüste, als Genosse von Skorpionen und wilden
Tieren, entkräftet von Hunger, unter der Sinnlichkeit gelitten habe.
Die Selbstkasteiungen steigerten sich bei allen diesen Heiligen und
Asketen, Benedictus wälzt sich in Dornhecken, Macarius setzt sich
nackt in einen Ameisenhaufen, Antonius geisselt sich unaufhörlich.
Umsonst, der unreine Geist kehrt gerade auf dem Umweg über die
masochistische Befriedigung zurück. In allen diesen Beschreibungen,
die oft von den Heiligen selbst herrühren, wird die hohe Bedeutung
der Phantasieen, die sich häufig zu Halluzinationen steigern, für die
Erregung deutlich. Es war nicht immer deutlich, ob die Vision von
Gott oder vom Teufel stammt, ab sie den Heiligen trösten oder ver-
suchen sollte. Eine der Heiligen, Katharina von Siena, hat mit feinem
psychologischen Verständnis die Kriterien angegeben, welche sie
über diese Herkunft entscheiden lassen. Übersetzt man ihre fromme
Ausdrucksweise in die wissenschaftlich -psychologische und sieht
man von den wertenden Bei worten ab, so ergibt sich das Hauptmerkmal,
welches das Erlebnis des Masochismus von dem de,s Heiligen unter-
scheidet. In ihren „Dialogo" führt sie aus, dass die teuflische Vision
zuerst Freude, dann aber Ekel und Verwirrung bringe. Die göttliche
Vision aber flösse zuerst Furcht ein, um dann zu Sicherheit und süsser
Klugheit zu führen. Die erste treibt zu Genuss, die zweite zur Tu-
gend. Hier findet sich also in theologischer Ausdrucksweise dieselbe
Unterscheidung, die wir früher gemacht haben.
Das Erlebnis des Märtyrers oder Heiligen ist von dem des Maso-
chisten im sexuellen Sinn gewiss durch einen Abgrund getrennt, aber
es führt eine Brücke über diese Kluft. Der Heilige flieht gerade das,
was der Masochist aufsucht: die Lust.
Ist also eine psychologische Gleichsetzung des Heiligen und des
sexuell Perversen prinzipiell zurückzuweisen, so erscheinen die beiden
Typen einander näherzurücken, wenn man nicht mehr den Maso-
chismus im engeren oder beschränkteren sexuellen Sinne fasst, sondern
in dem weiteren der Lebenseinstellung oder Lebensanschauung, das
will sagen als sozialen Masochismus. In der Erforschung des Mär-
tyrertums oder des frühchristlichen Asketentums ergeben sich dann
viele Züge, deren Zusammenfallen diesen Bildungen einen masochi-
336
stischen Charakter verleihen. Das soll hier nicht breit dargestellt
werden, sondern in einer Art flüchtiger Übersicht über die typischen
Merkmale, die wir für den Masochismus als unmissbar angegeben
haben und die wir im Märtyrertum wiederfinden. Es ist nicht anzu-
nehmen, dass sich in der sozialen Gestaltung des Märtyrertums Zug
auf Zug deckt, aber wohl, dass der eine Zug hier dem anderen dort
entspricht. Es sind die drei Merkmale: die besondere Bedeutung der
Phantasie, das Suspense-Moment und der demonstrative Zug. Diese
Züge sollen nicht an den Beispielen einzelner Märtyrer aufgezeigt
werden, sondern als allgemeine Züge der frühchristlichen Märtyrer-
haltung. Diese erscheint mir für die seelische Charakteristik wesent-
licher als die Einzeleinstellung.
Ich werde mich also nicht auf die zahlreichen Zeugnisse der
Visionen und Phantasieen der Märtyrer und Heiligen berufen, son-
dern auf die Phantasievorbereitung, die von der Kirche für die Brüder,
die sich zum Christentum bekennen wollten, durchgeführt wurde.
Es soll weniger von Inspiration als von Organisation gesprochen wer-
den. Diese seelische Vorbereitung geschah durch die Bischöfe, die
Kirchenältesten und die Gemeinde, welche die Gläubigen immer
wieder auf das Vorbild des Leidens und Sterbens Christi hinwiesen.
An Stelle der individuellen Phantasie, die wir im sexuellen Masochis-
mus beobachten, steht hier eine grosse kollektive Phantasievor-
bereitung, welche den Einzelnen durch Identifizierung der göttlichen
Gestalt nahebringt. Es entsteht eine ungeheure Sehnsucht, dem Vor-
bild nahezustreben, in seinem Namen die Schmerzen und die Glorie
des Märtyrertums zu erringen. Die Kirchenväter und die Bischöfe
wurden nicht müde, den Gläubigen auf die Szenen im Tribunal vor-
zubereiten, sie ihnen zu beschreiben, ihnen auszumalen, was ihrer an
Leiden und Seligkeiten wartete. Ja man kann diese Vorbereitung
von privaten Gesprächen bis zu Organisationen, deren Zweck sie
war, verfolgen. Es galt, die „Gemeinschaft des Leidens" zu finden:
„Nicht dass ich es schon ergriffen habe oder schon vollendet sei, ich
jage ihm aber nach, ob ich es ergreifen werde darum, dass ich auch
ergriffen bin von Jesus Christus" (An die Philipper 3,12). Christus
selbst hat, die ihm folgten, durch seine Prophezeiungen vorbereitet,
X 337
ihre Verfolgungen und Martern vorausgesagt: „Hierauf werden sie
euch ausliefern zur Drangsal und werden euch töten und ihr werdet
gehasst sein unter allen Völkern um meines Namen willen". (Math.
24,9) Der Wunsch für ihn zu sterben, um mit ihm vereinigt zu sein,
wurde stürmischer. Die Christen drängten sich zum Bekennen
ihres Glaubens, so dass die römischen Beamten glaubten, eine Menge
von Selbstmördern vor sich zu haben. „Wir triumphieren eben in
unseren Leiden", spricht Paulus. Die Vorbereitung geht so weit, dass
oft den bekennenden Christen die Antworten vor den Gerichten
vorgeschrieben werden.
Es ist klar, dass diese Vorbereitung durch die Ausmalung der
Strafen, welche die Schwachen im Glauben und die Abtrünnigen
bedrohte, der Belohnungen, welche den Glaubensstarken winkten,
verstärkt wurde. Der Märtyrer wird mit Christus ewig regieren, er
wird ewige Seligkeit gemessen. Sein Blut ist der einzige Schlüssel
ins Paradies. T e r t u 1 1 i a n ermahnt die Christen, weniger an den
Tod als an die Unsterblichkeit zu denken „Wer wünscht nicht zu
leiden, so dass er von Gott völlige Vergebung seiner Sünden erlangt
im Tausch für sein Blut?" fragt er. Diejenigen, welche sich zum
Christentum bekannt und dafür gestorben sind, haben sich durch
ihre Tortur die ewige Krone erworben. Der Bischof Cyprian fordert
die Gläubigen auf, daran zu denken, dass sie mit Christus regieren
und richten würden. Sie würden ihre Schmerzen vergessen in dem
Jubel über das Kommende. „Was kann einem Mann Glorreicheres
geschehen als sich im Tod selbst vor den Henkern zu Christus zu
bekennen? fragt er, „als gerade während der vielfältigen Torturen
durch die weltlichen Mächte, ja wenn der eigene Körper zerbrochen
und in Stücke geschnitten wird, noch Christus bekennen freien Geistes
und so zum Himmel aufzusteigen und die Erde hinter sich zu lassen?"
Man versteht so, dass T e r t u 1 1 i a n den Römern zuruft, dass die
Christen bereit sein, sich freiwillig bei Gericht zu melden und dass die
Verurteilung zum Tod uns mehr Vergnügen macht als die Frei-
sprechung. Gewiss holte man sich nicht nur Ermunterung und
seelische Kräftigung von den Bischöfen, das Lesen der heiligen Schrif-
ten selbst gab Stärke zum Märtyrertum. Cyprian schreibt über diese
338
Lektüre und die hohen Beispiele von den Makkabäern bis zu dem
heiligen Paulus: „Wenn wir diese Dinge lesen oder Dinge dieser Art,
wie sie in der Schrift gesammelt sind und wenn wir fühlen, dass sie
Fackeln gleichen, die mit den Worten des Herren unseren Glauben
entflammen sollen, dann fürchten wir uns nicht nur nicht, sondern wir
fordern die Feinde der Wahrheit geradezu heraus". Wirklich berichten
viele christliche Chroniken von einem solchen provokatorischen
Benehmen der Glaubenszeugen als Beweis ihres Eifers.
Das Suspense-Moment wirkt sich nicht in der Verschiebung jener
Lustprämie ins Jenseits aus. Es zeigt sich auch in einzelnen Zügen,
durch welche das eigene Leiden abgestuft, verteilt und verlängert
wurde. Am Ende fiel wirklich die äusserste Qual mit der in der Phan-
tasie erlebten Paradiesesfreude zusammen, stellte sich, während der
Märtyrer sein Leben aushauchte, die ekstatische Vorstellung der
Seligkeit ein, erlebte der von Schmach Bedeckte seinen Triumph.
Die Märtyriologieen sind voll von Beschreibungen, von Suspense-
Situationen, wie die frühen Christen auf ihre Martern warten und sie
herbeisehnen, wie sie freudig Hymnen sangen bis zum letzten Athem-
zug. „Der Kampf hat sich gesteigert", so schildert es Cyprian, „und
die Glorien der Kämpfenden auch. Wir werden durch die Angst vor
der Tortur nicht zurückgehalten, alle Martern reizen uns nur mehr
zum Kampf." „Das Bein fühlt die Kette nicht, wenn der Geist im
Himmel weilt", schreibt Tertullian. Cyprian selbst würde
sich zur Krone der Märtyrerschaft gedrängt haben, verschob aber
seine Zeugenschaft Christi. Er musste alle Stu kn der Glorie passieren,
bis er zur höchsten gelangte. In seinen Briefen an eingekerkerte
Christen wird die seelische Bedeutung des Suspeiise-Momentes klar:
Er schildert, wie die Gefangenen, die in Ketten in den Minen sind,
gerade durch jeden Aufschub in der Durchführung der Exekution
sich geistliche Verdienste erwerben. Gerade die grausame Verteilung
der Martern gibt ihnen Anwartschaft auf höhere Verdienste, so dass
sie „so viele Bezahlungen an himmlischen Belohnungen bekommen
als nun Tage in ihren Bestrafungen gezählt werden". „Je länger der
Kampf, umso glorreicher wird eure Krone sein", ruft er den con-
fessors zu, „Ihr athmet schon Himmelsduft und steigt zu höheren
339
Gefilden, so dass durch den Aufschub eurer Leiden euer Ruhm
nicht verschwendet wird, sondern vermehrt." Wer täglich leidet,
wird täglich gekrönt.
Der demonstrative Zug, der im sexuellen Masochismus hervor-
tritt, ist nicht minder auffällig in dieser sublimiertesten Form masochi-
stischen Fühlens. Die hohe Säule des Simon Stylites über dem Markt-
platz, auf dem seine Schüler in Bewunderung des Heiligen standen,
ist die plastischeste Vertretung einer solchen Zurschaustellung. Der
Märtyrer hat sich selbst hier ein Denkmal erbaut. Wir wollen aber
wieder nicht die Einzel-Einstellungen betrachten, sondern die allge-
meine. Die Torturen hatten Zuschauer, welche die heroische Haltung
der Opfer bewunderten. Diese Zuschauerschaft reichte von den
ersten Akten des Märtyrers, der vor dem Tribunal bekannte „Ich
bin ein Christ" bis zu den letzten, bis zum Ertönen des Rufes im Zirkus:
„Christianos ad leones!". Von den indischen Asketen, die ihr Leidei
zum Mittelpunkt einer Massendemonstration machten, bis zu
mohamedanischen Heiligen und christlichen Märtyrern kann man
diesen demonstrativen Zug verfolgen. Das Wort Märtyrer heisst ja
Zeuge und setzt eine oder mehrere Personen voraus, von welchen ein
Bekenntnis bezeugt wird. Tatsächlich wiederholen die Märtyrerakte
mit ermüdender Monotonie die Berichte, wie die Christen sich bei
den Tribunalen meldeten, um zu bezeugen, dass sie an den Heiland
glauben. In den Worten Tertullians: „Wir sagen und wir sagen vor
allen Menschen und zerrissen und blutend unter der Folter: „Wi
beten Gott durch Christus an". Die Lektüre der Märtyrerakte liefert
einen überzeugenden Eindruck von einem sich steigerndem Streben
nach „publicity". Es lag in der Absicht der werdenden Kirche, das,
was die Zeugen in Blut und Feuer bekannt hatten, auch bekannt zu
machen. Sie verkündete, dass das Blut der Märtyrer der Samen der
Kirche sei und sie sorgte für den Ruhm der confessores. Wenn diese
Blutzeugen standhaft blieben, während ihre Henker müde wurden,
so zeigte sich der Wert der heiligen Sache. Die Brüder der christlichen
Gemeinde versammelten sich, um Zeugen der Martern zu sein und
sich Bekennermut zu holen. Cyprian mahnt, dass ein Bischof den
Glauben bezeugen sollte in der Stadt, in der er der Kirche vorstand, so
340
dass die Bevölkerung durch die Zeugenschaft, die in ihrer Gegenwart
geschehen soll, glorifiziert wurde. Der Ruhm soll nicht verborgen
bleiben, was der Fall wäre, wenn das Martyrium in einer anderen Stadt
durchgeführt würde. Es bildete sich eine Organisation heraus, welche
das Lob der Glaubenszeugen verbreiten sollte und man versteht, dass
die Ruhmsucht, die Vorausnahme des Lobes viel zur Standhaftigkeit
der Blutzeugen beigetragen hat. Von der ganzen christlichen Gemeinde
umgeben, duldelten sie schmerzvollen Tod. Tertullian, der die Mar-
tern beschreibt, fügt hinzu, dass sie ruhig von so vielen ertragen wurden
und meistens „ersehnt um des Ruhmes und der Glorie willen". Das
irdische Prestige des Märtyrers stieg: Die Kirche sammelte Geld
für ihn während der Gefangenschaft und die Brüder strömten in den
Gefängnissen zusammen, um die Bekenner zu feiern. Ihr Verdienst
wurde noch spät geehrt. Es bildete den Kern des beginnenden Heiligen-
kultus. Cyprian ist nicht blind gegen diese Seite des Märtyrertums.
Er verspricht den Blutzeugen, dass sie zu Vorbildern werden würden:
„In der Confession eurer Stimme und im Leiden eurer Körper reizt
ihr den Geist eurer Brüder zu göttlichem Märtyrertum, indem ihr
euch als Führer zur Tugend zeigt". Der irdischen Zeugenschaft
reihte sich die Christi an; er wurde als anwesend vorgestellt, er sah
das Leiden und kräftigte die Leidenden mit seinem Kuss.
Eine tiefenpsychologische Untersuchung des Märtyrertums würde
zeigen können, dass es wichtig war, Zeugen nicht nur des Leidens,
sondern auch der eigenen Standhaftigkeit zu haben. Die eigene Beschä-
mung und Erniedrigung wurde gezeigt. Abbas Xanthia sagte
von sich „Der Hund ist besser als ich" und Abbas Paulus
der Grosse versicherte, dass er bis zum Hals im Schmutz stecke. Wer
den fremden Speichel vom Boden aufleckte, wer eitrige Wunden
küsste und Ungeziefer aufhob, wenn es herabfiel, um es sich wieder
auf den Körper zu setzen, gab gewiss ein Beispiel der eigenen Demut
und des eigenen Sündenbewusstseins. Er gab aber nicht nur ein Bei-
spiel, er wollte auch ein Beispiel geben. Wer sich so erniedrigt, will
erhöht werden. Gelegentlich bricht dieser Stolz mitten in den Martern
durch und äussert sich in triumphierenden Worten gegenüber den
Peinigern, welche uns die Märtyrerakte überliefern. Man wird an
34i
das merkwürdige Verhalten jenes kleinen Jungen, der von seinem
Vater grausam geprügelt wurde, erinnert, wenn man liest, dass nach
Anschauung der Basilianer im zweiten Jahrhundert nicht Jesus auf
Golgatha gekreuzigt wurde, sondern Simon von Kyrene, der das
Kreuz trug: „Jesus aber nahm die Gestalt des Simon an und stand
lachend daneben". Rief jener Junge nicht in seinen Schmerzen dem
Vater zu: „Ich lache, ich lache."?
Der Stolz der Heiligen und Märtyrer, derselbe Stolz und derselbe
himmlische Hochmut, den wir als ein besonders wichtiges Moment
im socialen Masochismus erkannten, äusserte sich auch im Hervor-
kehren der eigenen Überlegenheit gegenüber christliche Mitstreitern.
Flaubert hat seinen Antonius mit tiefem psychologischen Ver-
ständnis aussprechen lassen, was sicherlich in so vielen Heiligen unbe-
wusst wirkte. Der Asket vergleicht sich trotzig mit den Grossen und
ist stolz auf die eigene Leistung: „Ich habe mehr als dreissig Jahre
in der Wüste verbracht. Ich habe wie Ensebius auf meinem Rücken
30 Pfund geschleppt, ich habe wie Macarius meinen Leib den Insekten
preisgegeben, ich habe wie Pachomius drei und fünfzig Nächte zuge-
bracht, ohne die Augen zu schliessen. Märtyrer, die enthauptet, mit
Zangen gezwickt oder verbrannt worden sind, haben vielleicht weniger
Verdienste als ich, weil mein Leben ein unausgesetztes Martyrium
ist." Er geniesst sein Elend auch, weil er aus ihm so viel Anlässe zum
Stolz und zur Befriedigung des Selbstgefühles gewinnt. Der Ver-
gleich des eigenen tiefsten Elends mit dem Prunk der Kirchenväter
von Nizäa, aus leidenschaftlichen Rivalitätsgefühlen geboren, bringt
ihn nahe daran, an dem einzigen Heilsweg zu zweifeln. Diese für so
viele Märtyrer und Heilige typische, unbewusste Einstellung erin-
nert an die bekannte Anekdote, in welcher ein Lehrer die Schüler
einer Sonntagsschule fragt, ob sie in den Himmel kommen wollen.
Alle Jungen melden sich bis auf einen. „Charlie", fragt der Lehrer
„was ist mit dir, Charlie? Willst du nicht auch in den Himmel kom-
men?" Trotzig erwiderte der Junge: „No, not with this bunch!"
342
RANDPROBLEME
Die Beziehuno zer Neurose
Unsere Kinder haben ein Zusammenlegspiel, in dem aus einer
grossen Anzahl loser und bemalter Kartonstücke verschiedener Form
ein Bild zusammengefügt werden soll. Aus diesen hundert vermischten
Kartonstückchen soll etwa das Bild des armen Rotkäppchens erstehen,
wie es arglos mit ihrem Körbchen durch den Wald geht, und der
böse Wolf, der es fressen will. Wenn einmal einige Stücke sich zu-
sammengefügt haben, kann man wohl irgendeinen kleinen Teil des
Bildes erkennen etwa das Körbchen oder den Arm des Kindes. Lang-
sam, nach vielem Probieren, Auswählen und Verwerfen, werden Teile
von Rotkäppchen und vom Wolf sichtbar. Einem solchen Zusam-
menlegspiel ähnelt die Aufgabe, die wir uns gestellt haben. Die Um-
risse der Lösung werden erkennbar. Wir meinen, dass sich aus däm-
mernden Einsichten begrenztere und bestimmtere Vorstellungen
über die Voraussetzungen und Ziele des Masochismus ergeben haben.
Schon lassen sich die Hauptfiguren in ihren charakteristischen Zügen
erkennen. Wenn die Gestaltung der Bilderränder auch noch nicht
gelungen ist, die Figuren in seiner Mitte stehen da.
Wie bei dem Zusammenlegspiel liegen die Stücke ungeordnet und
durcheinandergewürfelt da und warten darauf, eingefügt zu werden.
Geduld muss bei dem Werke sein, jene Geduld, die eine der Haupt-
forderungen der Erziehung zur wissenschaftlichen Forschung ist.
In jenem Spiel scheint manchmal ein Kartonstückchen sich gut in
eine Lücke zu fügen, man setzt es ein und sieht vielleicht erst später,
dass es wo anders hingehört, dass es fehl am Platze war, wo man es
einfügen wollte. Vielleicht genügt eine Umdrehung des Karton-
stückchens, vielleicht aber muss es entfernt werden, um auf einem
anderen Teil seine Aufgabe zu erfüllen. Im Laufe dieser Untersuchung
343
habe ich oft solche unzureichende, weil voreilige, Einfügungsversuche
in das Zusammenlegbild des masochistischen Charakters zeigen
können. Stücke, die ungeduldig und ohne Sorgfalt hingelegt wurden,
passten nicht in das Bild, fügten sich nicht den anderen Bruchstücken,
mussten herausgenommen und anderswo angesetzt werden.
Frau Dr. Horneys Charakteristik des Masochisten, als ab-
hängig, schwach und völlig dem Willen des Anderen hingegeben
gehört zum Beispiel hierher. Es scheint auf den ersten Blick zu passen
und das Bild zu vervollständigen, auf den zweiten erkennt man, dass
der Schein trügt. Der Masochist verträgt Abhängigkeit nicht im
geringsten, entfaltet unbewusst einen starken Willen und sucht sein
Ziel auf seinem eigenen Wege, der ein Umweg ist, oft mit äusserster
Energie, unter grossen Opfern zu erreichen. Die Selbstverklei-
nerungssucht und die Exhibitionshemmung des masochistischen Cha-
rakters, die von W. Reich beschrieben wurde, gehört ebenfalls zu
solchen falsch eingesetzten Stücken. Sie schienen gerade diesen Teil
des Bildes zu ergänzen. In Wirklichkeit passt es nicht, widerspricht
es dem Zusammenhang, den es vortäuscht. Es gehörte auch zu unseren
Aufgaben, so falsch eingesetzte Stücke, die vielleicht zu einem anderen
Bild gehören oder auf einen anderen Platz in diesem Bilde, zu ent-
fernen oder umzuordnen.
Was folgt, ist die Ausfüllung der übriggebliebenen Teile des Bildes,
der Versuch, die vielen Stücke, welche um die Mitte herumgruppiert
und eingesetzt werden sollen, zu ordnen.
Welche Beziehungen bestehen zwischen dem Masochismus und
der Neuroser Die Antwort auf diese Frage hängt davon ab, was man
unter den beiden Begriffen versteht. Wenn man den Masochismus
nur als eine sexuelle Perversion ansieht, wird diese Antwort leicht
und sicher gegeben werden können. Etwa in folgender Art: masochi-
stische Züge finden sich wie andere perverse Tendenzen in jeder
Neurose. Sie sind Äusserungen und Überbleibsel des polymorph-
perversen Charakters der kindlichen Sexualität. Völlig anders wird
die Antwort ausfallen, wenn wie es hier geschieht, Masochismus im
weiteren Sinne einer Triebneigung aufgefasst wird. Man wird dann
die seelische Tendenz zu leiden — was immer ihre psychologischen
344
Voraussetzungen sein mögen — in ihrer Bedeutung für die Ent-
stehung und Entwicklung der Neurose entschieden anders einschät-
zen. Hier wird der Masochismus als eine Lebenseinstellung von trieb-
hafter Art aufgefasst, als deren extremster Ausdruck die Perversion
erscheint und damit entsteht ein verschiedenes Bild der Beziehung
zur Neurose und zur Charakterformation. Von hier aus ergibt sich
wohl die Möglichkeit eine Brücke zum andern Ufer zu bauen. Wich-
tiger erscheint aber das Stück Brückenkonstruktion auf dieser anderen
Seite. Solange man die Neurose pur et simple nur als eine Krankheit
anerkennen will, bleibt die Bedeutung des Masochismus für ihre
Erscheinung gering. Ich sehe in der Neurose eine fehlerhafte oder
unzweckmässige Anpassungsform des Ichs an die Kulturforderungen.
Freud selbst hat sich von der früher beschriebenen, zu beschränkten
Auffassung der Neurose ferne gehalten. Er sagte an einer Stelle seiner
Schriften, es sei ihm langsam klargeworden, dass er,, die ganze Mensch-
heit zum Patienten" habe. Hier ergibt sich gewiss ein Unterschied
zu einer prinzipiellen Auffassung mancher seiner Schüler, deren
therapeutisches Ziel ein so viel begrenzteres und beschränkteres ist.
Eine Krankheit, welche ausnahmslos die ganze Menschheit erfasst,
ist keine mehr, denn der Begriff der Krankheit schliesst den der Ab-
weichung vom Allgemeinen und Normalen ein. Ein Charakter, den
alle Menschen aufweisen, ist keine pathologische Erscheinung. Fasse
ich hier die Neurose als Anpassungserscheinung, so wird wieder nur
ein abgegrenzter Teil als krank in jenem besonderen Sinne erscheinen.
Der Krankheitsbegriff schwankt gewiss mit den verschiedenen Defini-
tionen. Heute gibt man im Allgemeinen funktionalen Krankheits-
theorieen den Vorzug. Der Mensch ist krank, wenn seine Anpassungs-
fähigkeit in seinen biologischen Leistungen versagt, seine Regulations-
und Regenerationsmechanismen nicht mehr ausreichen. Diese Auf-
fassung aber rechtfertigt es, dass man nur einen geringen Teil der Er-
scheinungen, die man Neurosen nennt, als Krankheit bezeichnet. Im
Allgemeinen kann man die Psychoneurosen als eine Art Ueber-
schreitung der seelischen Notwehr des Einzelnen gegen die An-
sprüche der Gemeinschaft ansehen.
Bei solcher Auffassung werden die Konturen einer Brücke zwischen
345
.
dem Masochismus und der Neurose sowie bestimmten Charakter-
bildungen schärfer erkennbar. Masochismus und Neurose ver-
halten sich dann nicht mehr scharf gesondert wie das Positiv zum
Negativ. Eine solche Bestimmung wäre nur mehr für die äussersten
Typen beider Erscheinungen richtig, also für die manifeste Perversion
auf der einen Seite, die schwere Neurose als Krankheit auf der anderen.
Für die übergrosse Anzahl von Zwischentypen aber ergeben sich
sozusagen Ausgleichsstellen. Die Hauptpfeiler jener Brücke, die
von einem Ufer zum anderen geht, werden in den verschiedenen
Bildungen des sozialen Masochismus zu entdecken sein. Vergleichs-
möglichkeiten ergeben sich freilich sogar zwischen den extremen
Fällen einer ausgebildeten Neurose und der masoch istischen Per-
version, wenn man nur das Inhaltliche in Betracht zieht und von der
Verschiedenheit der seelischen Mechanismen absieht. Man vergleiche
etwa den psychischen Inhalt zwischen einer masoch istischen Szene,
in welcher eine Person georfeigt wird, mit dem Konversionssymptom
in folgendem Fall: eine Frau im mittleren Alter litt unter einem
bestimmten Gefühl auf der Wange, wenn sie an die Möglichkeit von
Heirat oder Kinderkriegen dachte oder sich Szenen vorstellte, in
denen sie sich verheiratet und im eigenen Heim sah. Die Analyse
konnte aufklären, dass sich solche Tagträume in ihrer Vorstellung
mit der Drohung einer Ohrfeige von Seiten der Mutter verknüpft
hatten. Der Vergleich zwischen so einem Symptom und dem Ge-
schlagenwerden in der masochistischen Szene liefertnatürlich eine Reihe
von Unterschieden. Immerhin wird er zeigen können, dass in den
beiden Bildungen derselbe seelische Inhalt verschieden verwertet
wird. Die Schmerzsensation ist beiden gemeinsam. Im Konversions-
symptom wird die Wangensituation als peinlich empfunden, in der
masochistischen Szene mischt sich Lust mit der Unlust. Im erstei
Fall folgt das Symptom einer sexuellen Phantasie und ersetzt sie
schliesslich wie eine Strafdrohung. Im zweiten Fall wird die Strafe
vorweggenommen, um zur sexuellen Lust gelangen zu können. Wer-
den hier verbindende Züge zwischen masoch istischer Perversion und
Hysterie erkennbar, so ergibt sich eine in den vorhergehenden Ab-
schnitten oft hervorgehobene nähere Beziehung des sozialen Maso-
346
chismus zur Zwangsneurose. Ich werde mich hier nicht wiederholen,
will aber nicht versäumen, darauf hinzuweisen, dass sowohl Zwangs-
neurose als Masochismus auf verschiedene Arten die Aufgabe erfüllen
Angst zu vermeiden. Das Hervortreten, sadistischer analer und homo-
sexueller Strebungen und ihre Abwehr ist eine der auffallendsten
Gemeinsamkeiten der zwangsneurotischen Haltung und der maso-
chistischen Lebenseinstellung. Die Bezeichnung „moralischer" Maso-
chismus, die Freud der sozialen Gestaltung gegeben hat, erweist
ja, eine wie bestimmende Rolle Gewissensmomente im Aufbau
dieser Einstellung spielen. Die Bedeutung moralischer Gegen-
strömungen, die sich der Triebdurchsetzung in der Zwangsneurose
entgegenstellen, ist bekannt genug. Der soziale Masochismus, der
das Leben des Einzelnen durchzieht und bestimmt, steht in seiner
Verlötung von bewusster Unlust und unbewusster Lust den Neurosen
näher als der Perversion. Das Fehlen aller Symptome bei so auffälliger,
vom Normalen abweichender Lebenseinstellung erlaubt es nicht
ihn den Neurosen anzureihen. Auf der anderen Seite kann man ihn
nicht mehr den Perversionen zurechnen. Die Perversionen verhalten
sich ja zu den Neurosen wie das Positiv zum Negativ. Im sozialen
Masochismus ist von bewusster Lust wie in der Perversion nichts zu
bemerken. Das seelische Gebiet steht durchaus im Zeichen bewusster
Unlust und des Unglücklichseins. Das von manchen Analytikern
gebrauchte Wort Schicksalsneurose, eine Bastardbildung medizinischen
und literarischen Stils, ist gewiss zu vermeiden. Man tut am besten,
von einer masochistischen Lebenseinstellung oder einem masochi-
stischen Charakter zu sprechen. Was ist der wesentliche Unterschied
zwischen der masochistischen und der neurotischen Einstellung? Ich
meine, dass in der Perversion die Unlust bewusst zur Lust wird, in der
Neurose umgekehrt die Lust bewusst als Unlust gefühlt und ab-
gewehrt wird. In der Perversion wird schliesslich das Leiden will-
kommen geheissen, weil es Lust bringt, im anderen wird es abgewehrt,
weil das Ich sich dem Luststreben entgegenstellt. Der Lustgewinn
steht also als Ziel am Anfang des Masochismus, schleicht sich aber in
die Neurose ein. In der Perversion wird das Ziel durch Flucht nach
vorne erreicht, in der Neurose wird es durch Zurückweichen, durch
347
Regression angestrebt. Die Angstentwicklung wird hier vermieden,
indem man das Gefürchtete aufsucht, in der Neurose, indem man ihm
ausweicht, sich seiner Nähe entzieht.
Wichtiger als solche Abgrenzungen ist die Frage, welche Stellung
die masochistische Tendenz, das Geniessen des Leidens selbst, in
der Entstehung und im Gefüge der Neurose einnimmt. Es ist klar,
dass die Neurose, von einer Seite gesehen, eine masochistische Bildung
ist. Eine solche Behauptung ist nicht in eine Reihe mit anderen zu
stellen, denen zufolge in jeder Neurose perverse Züge zu unter-
scheiden sind. Sie geht über diesen Bereich hinaus und rührt an das
Problem, was das Wesen der Neurose ist. Sie kennzeichnet die maso-
chistische Tendenz als ein konstituierendes Element der Neurosen-
bildung überhaupt. Die Neurose ergibt sich als ein seelischer Ausweg
aus dem Konflikt zwischen dem Triebandrängen und den Forde-
rungen der Aussenwelt, dem Lustanspruch und der Angst. Sie stellt
eine bestimmte Kompromisslösung der dem Ich gestellten Aufgabe
dar. Der Masochismus ist ein Ausweg anderer Art, er ist sozusagen
der Notausgang auf der anderen Seite des Saales. Das Moment des
Leidens ist beiden seelischen Produkten gemeinsam, gemeinsam ist
auch, dass das Leiden einen psychologischen Zweck erfüllt und dem
Lusterwerb dient, der das offene oder geheime Ziel ist. Die Ver-
meidung der Angst, das Lustziel und die Durchsetzung dem Ich
verborgener Triebbefriedigungen bei festgehaltenem Leiden rücken
beide Erscheinungen einander näher. Unsere neuerworbenen Ein-
sichten in das Wesen der masoch istischen Triebneigung, so abweichend
von den bisherigen Auffassungen, lassen aber noch andere konvergente
Züge erkennen: den Anteil des Schuldgefühles in der Entstehung der
Neurose und des Masochismus, seine Befriedigung als Vorbedingung
für die Zulassung der Triebdurchsetzung und das Zusammen fliessen
von Lust und Unlust, so verschieden sich dieses letztes Phänomen
auch in der neurotischen Symptomatologie und in den Einzelheiten
der masochistischen Szene vollziehen.
Das Recht, den sozialen Masochismus als einen Übergang zur
Neurose zu bezeichnen ist aus seinem psychologischen Charakter
abzuleiten. Es ist fraglich, ob man ihn noch als eine Perversion im
348
engeren Sinne bezeichnen darf, da dieser Charakter sich schon dem
Negativen nähert, da die Lust als bewusster Faktor ausgefallen ist.
Die besondere Verbindung dieser masochistischen Gestaltung mit
den zwangsneurotischen Phänomenen ergibt sich daraus, dass nach
F r e u d s Annahme ein zeitliches Voraneilen der Ichentwicklung
vor der Libidoentwicklung zu den Eigentümlichkeiten der Zwangs-
neurose gehört. Ziele von den Ichtrieben her, wie die Wiederher-
stellung des Selbstgefühles, die Rückgängigmachung der dem Ich
zugefügten Schädigungen, Durchsetzung des eigenen Willens und
Rehabilitierung sind es, welche wir als verborgene Motive im sozialen
Masochismus erkannt haben. Die Objektwahl in beiden Bildungen
geschieht früher von den Ichtrieben aus, während die Sexualent-
wicklung ihre letzte Gestaltung noch nicht erreicht hat und eine
Fixierung auf prägenitaler Stufe hinterlassen hat. Die Zwangs-
neurotiker haben eine Übermoral entwickelt, um das Objekt vor der
unbekannten Feindseligkeit zu schützen. Die masochistischen Char-
aktere verweilen in der Selbstbestrafung, die nicht nur die vorweg-
genommene Reaktion dieses angegriffenen Objektes darstellt, sondern
auch die Durchsetzung der Feindseligkeit in der Darstellung am Ich.
Auch hier vollzieht sich der Aufschub der Triebdurchsetzung durch
den Einfluss moralischer Faktoren. In dem Freu dschen Artikel,
der die „Disposition zur Zwangsneurose" behandelt, wird gesagt,
dass die Voreiligkeit der Ichentwicklung vor der Libidoentwicklung
der menschlichen Natur überhaupt eigen ist. Unser Vergleich hat
gezeigt, dass der neurotische und der zwangsneurotische Charakter
verschiedene seelische Reaktionen auf diese Voreiligkeit des Ichs
erkennen lassen. Es wird leicht zu erraten sein, dass sich der maso-
chistische Charakter als eine frühere, archaischere Form gegenüber
der jüngeren, zwangsneurotischen abgrenzt. Die vorherrschende
Stellung des Triebhaften und der Selbstbestrafung sprechen dafür,
dass der soziale Masochismus einer älteren, seelischen Schicht ange-
hört als die Zwangsneurose. Dort wird die Abwehr an die Stelle der
Selbstbestrafung treten und die moralischen Reaktionsbildungen als
solche deutlich werden. Aus unserer Darstellung wird auch erklärbar,
warum sich der Masochismus mit Vorliebe mit den zwangsneu roti-
349
sehen Zügen vergesellschaftet. Die Zwangsneurose zeigt dann, dass
der Konflikt zwischen den triebhaften Tendenzen und den
ihnen widerstrebenden Strömungen einen neuen Kampfplatz
gefunden hat, der einer vorgerückteren kulturellen Entwicklungs-
phase entspricht.
Zum Problem der Therapie des Masochismus seien hier Bemer-
kungen angereiht, deren aphoristischer Charakter nicht verleugnet
werden soll. Vor allem sei festgestellt, dass der Masochismus erst
dann Objekt therapeutischer Bemühungen werden kann, wenn sich
das Ich mit genügender Energie gegen diese Triebrichtung zur Wehr
setzt, nicht mehr von ihr beherrscht werden will. Das aber setzt
bereits einen seelischen Konflikt voraus und nähert das Problem der
Neurosentherapie. Der Masochismus ist, anders ausgedrückt, nur
angreifbar, wenn er sich mit einer Neurose verquickt oder zu Schwierig-
keiten geführt hat, die sich aus dem Zusammenstoss von masochi-
stischer Charakterbildung und Umwelt ergeben.
Wie weit können die neugewonnenen Einsichten die Chancen der
Therapie verbessern? Man liebt es in analytischen Kreisen, zu be-
tonen, dass die Theorie und die Therapie in Wechselwirkung stehen.
Was man von der seelischen Natur und der Entwicklung einer Neurose
oder einer Charakterdeformation verstanden hat, kommt der thera-
peutischen Arbeitzugute und diese führt wieder zu einem vertiefteren,.
theoretischen Verständnis. Das ist innerhalb bestimmter Grenzen
richtig, aber intellektuelle Ehrlichkeit zwingt uns, einzugestehen,,
dass es nicht immer richtig ist. Es gibt Fälle, welche der Psycho-
analytiker versteht und heilt, es gibt andere, die geheilt werden, ohne
verstanden zu sein, andere, die verstanden werden, ohne geheilt werden
zu können, und schliesslich gibt es Fälle, die weder verstanden noch
geheilt werden. Man muss ferner frei bekennen, dass Fälle, die kein
befriedigendes therapeutisches Resultat liefern, für den Lernenden
oft besonders aufklärend sind.
Die hier vorgetragene neue Auffassung des Masochismus wird
dazu führen, dass die therapeutische Bemühung an zwei Punkten
angreifen muss. Der Masochismus entsteht ja aus dem Konflikt
zwischen Luststreben und ihm entgegengesetzter Angst. Die Therapie
350
wird der Lusttendenz zu freierem Ausdruck verhelfen und die Angst
immer mehr abschwächen. Ich will einen musikalischen Vergleich
gebrauchen, um das Wesen der therapeutischen Bemühung in diesem
Falle zu verdeutlichen. Der Dirigent, der noch vor kurzem als eine
Art Magier galt, wird dem ihm anvertrauten Orchester Zeichen
geben, welche Tempo, Xonstärke und Linienführung der Instru-
mente bestimmen sollen. Wir sehen, wie er während der Aufführung
einer Symphonie an einer Stelle den Bläsern mit der Linken abwinkt,
ihnen anzeigt, dass sie vom forte zum piano übergehen sollen, während
seine rechte Hand in einer eindringlichen, fordernden, fast möchte
man sagen, beschwörenden Geste die Streicher mahnt, den Ton
anschwellen zu lassen, bis er das Fortissimo erreicht hat. Wechsel und
Gleichzeitigkeit der Gesten ist der Haltung des Therapeuten zu ver-
gleichen: während er den bisher unterdrückten Triebtendenzen zu
freier und energischer Äusserungsmöglichkeit verhilft, wird er die
Angst abschwächen und endlich verstummen lassen. Im Falle des
Masochismus ist die Aufgabe gestellt, die Natur und Wirkung der
Angst, die zum Ausgangspunkt der Triebabweichung wurde, dem
Bewusstsein nahe zu bringen. Im Vergleich weitergesprochen: man
muss die Stimmen und Gegenstimmen isolieren, sie einzeln erklingen
lassen, um zu verstehen, wie es zu ihrem Zusammenspiel gekommen
ist. Während des Analyse wird auch aus dem Miteinander von Lust
und Unlust langsam ein Nacheinander. War der ursprüngliche Her-
gang so, dass die Lusttendenz durch die vorweggenommene Straf-
vorstellung und die Angst gestört wurde, so stellt sich jetzt das Resultat
der masochistischen Entwicklung in der Analyse folgendermassen
dar: jede Annäherung an eine Lust, der Strafe nicht vorangegangen
ist, ist verboten. Das will heissen, das Ich wehrt sich jetzt gegen die
Möglichkeit einer straflosen Lust und es hat psychologisch Recht,
sich gegen eine solche Zumutung zu sträuben. Ergibt sich nämlich
diese Aussicht, so muss Angst eintreten, die sich steigert und als
schwerer psychischer Druck zur Äusserung kommt. Vor dieser Angst
ergreift das Ich die Flucht, die Flucht nach vorwärts, in die Strafe,
die Unlust, die Beschämung, die als vorweggenommene Sicherheits-
massnahmen oder Busse die Angst überflüssig machen. Wenn in der
35'
.
Analyse eines Masochisten die normale Triebbefriedigung in die
Nähe gerückt wird, fast könnte man sagen, wenn der Masochist in
Versuchung kommt, Lust ohne vorangehende Bestrafung und Unlust
zu geniessen, stellt sich unbewusste Angst ein und macht jeden Ver-
such in dieser Richtung erfolglos. Die Person wird so in die masochi-
stische Einstellung zurückgetrieben. In der Analyse zeigt sich diese
Art Selbstschutz, eigentlich Schutz des Ichs vor Überschwemmung
durch unbewusste Angst, im Sträuben gegen die Genesung, im hart-
näckigen Widerstand, in der Festhaltung der Unlust als Bedingung
der Befriedigung. Ja die Formen dieses Widerstandes selbst sind von
masochistischem Charakter, der vom duldenden Widerstreben bis
zum stummen Trotz reicht. In den Symptomen kommt das Suspense-
schwanken mehr als bisher zum Vorschein und zeigt die unterirdische
Wirksamkeit des analytischen Eingreifens.
Es wäre aber psychologisch ungerechtfertigt, die Vermeidung der
Angst allein als Motiv solcher masoch istischer Hartnäckigkeit anzu-
sehen. Auch die Lustseite verlangt Berücksichtigung. Dem abstos-
senden Pol entspricht ein anziehender, der Scheu vor dem Neuen
eine Beharrungstendenz. Es hat sich in der langen Zeit der Anpassung
ein sekundärer Lustgewinn, eine besondere Art masochistischer
Triebbefriedigung herausgebildet, die im Charakter eine Verankerung
gefunden hat. Es sind also besondere Bedingungen der sexuellen und
Ich- Tendenzen, die sich gegen jede Abänderung sträuben, vorhanden.
Die masochistische Situation, welche die Angst fernhält, das unbe-
wusste Schuldgefühl befriedigt und damit eine angstlose Befriedigung
gewährt, wird hartnäckig festgehalten. Sie schützt vor möglichen
Gefahren, aber, sie verleiht auch eine eigenartige Prämie. Der Analy-
tiker, der das Ich dieser besonderen Einstellung entfremden will,
stellt eigentlich zwei Ansprüche: die, eine schwer errungene Sicher-
heit aufzugeben, und die andere, eine alte und hochgeschätzte Art der
Trieblust gegen eine neue, unbekannte oder entfremdete einzu-
tauschen. Vergleichsweise gesprochen: er will nicht nur, dass eine
Person in eine kalte Winterlandschaft hinausgeht, sondern auch, dass
sie die Wärme und Heimlichkeit der Stube verlässt. Was er solchem
Verzicht auf seelische Sicherung und besonderen Lustgewinn als
352
Gegengewicht entgegensetzen kann, ist freilich Gewinn an Selbst-
ständigkeit, Erwerb einer freien Lebenseinstellung, Zuwachs an
Liebes- und Arbeitsfähigkeit und Freiwerden von unnötigem Leid.
Gerade dieser letzte Gewinn ist aber vom Standpunkt des Masochis-
mus aus fraglich. Das Leid ist ja, je mehr der Masochismus sich kon-
solidiert hat, zur Bedingung der Lust geworden, zu ihrer Vertiefung
notwendig. Es ist gut zu verstehen, dass der Masochist sich gegen das
Aufgeben des Leidens, das er für die Erreichung der Lust braucht,
sträubt. Hier muss ich eines merkwürdigen Phänomens gedenken,
das, bisher noch nicht beschrieben, eine der Besonderheiten im Gene-
sungsvorgang des masochistischen Charakters ist. Es ist dies ein durch-
gehendes Gefühl des Masochisten, das unter die Widerstandsmotive
einzureihen wäre. Dieses Gefühl, das bestimmte Phasen der Analyse
begleitet und charakterisiert, kann folgendermassen beschrieben
werden: der Patient glaubt zu bemerken, dass das Leben an Fülle,
Interesse und Farbigkeit einbüsst. Das Leben wird als nüchtern und
kalt, der Tag als alltäglich empfunden, der Lebensinhalt scheint
ärmer geworden zu sein. Das Phänomen tritt sonst kaum in auffälliger
Form während der Analyse auf, ist durchaus mit Abstinenzerschein-
ungen zu vergleichen und den Sensationen beizuordnen, über welche
Patienten während einer Abgewöhnungskur von einer Sucht klagen.
Diese Abstinenzerscheinungen stellen sich natürlich nur ein, wenn
masochistische Lustgewinne aufgegeben werden, und zeigen so die
Wirksamkeit des analytischen Prozesses an. Sie werden aus dem früher
Gesagten psychologisch erklärbar. Wie in der Neurose kann man bei
den Gewinnen des masochistischen Charakters solche unterscheiden,
die schon damals zur Geltung kamen, als sich die Triebabweichung
konstituierte, und diejenigen, die sich sekundär aus ihrer Existenz
ergaben. Wie die Neurose ist der Masochismus ein Kompromiss, der
die Bedürfnisse des triebhaften Ichs und der triebeinschränkenden
Aussenwelt befriedigt, die Angst bindet und Lust verheisst. Ein
tieferes, psychologisches Verständnis der Neurose ist nicht erreich-
bar, wenn man die seelischen Voraussetzungen und Motive der
masochistischen Einstellung nicht erfasst hat, denn die Neurose ist
ja zu grossen Teil eine masochistische Bildung.
v 353
i
Manche Analytiker wie S. N a c h t, W. Reich, A. Water-
m a n meinen, dass die Therapie im Wesentlichen darauf zu zielen
habe, die im masochistischen Charakter wirksame Triebenergie nach
aussen, ins Aktive zu wenden. Das wäre also gleichbedeutend mit der
Umwandlung von masochistischen Triebenergieen in sadistische. Das
kann gewiss nicht richtig sein. Natürlich kann die Ersetzung des
masochistischen Triebzieles durch das sadistische nicht die Aufgabe
der analytischen Therapie sein. Richtig an der Behauptung ist nur,
dass der Masochismus auf seinem Rückweg als notwendige Durch-
gangsstation die sadistische Phantasie zu passieren hat. Ich habe darge-
stellt, das sich der Masochismus sowohl als Perversion wie als Trieb-
neigung aus der sadistischen Phantasie entwickelt hat. Die Analyse
muss also im therapeutischen Prozess dort wieder anlangen. Sie darf
dort freilich nicht stehen bleiben.
Der Irrtum in der früher angeführten Behauptung bezieht sich
also auf das Gebiet, auf das die Analyse rekurrieren muss. Es ist nicht
die sadistische Handlung, sondern die sadistische Phantasie, aus der
sich der Masochismus entwickelt hat. Als eines der wichtigsten Ziele
ergibt sich die Abschwächung und schliesslich Bewältigung der Angst
und des Schuldgefühles gegenüber den aggressiven, selbstsüchtigen
und machtgierigen Tendenzen, die sich in diesen Phantasieen äusser-
ten. Erst die Einwirkung der Angst bei Festhaltung des Lustzieles hat
zu dem Umweg über den Masochismus geführt. Eine grössere see-
lische Toleranz gegenüber diesen aufsteigenden Vorstellungen wird
eine günstigere und sozial angemessenere Lösung des Konfliktes
ermöglichen. Es gilt also vorerst nicht jene Selbstbestrafung und Selbst-
schädigung zu verhindern, sondern das Übermächtigwerden der
Angst. Das aber ist gleichbedeutend mit einer Stärkung des Ichs, mit
der Kräftigung seiner Widerstandsfähigkeit gegen Drohung und
Einschüchterung. Die Bewältigung der Strafangst und die Be-
schwichtigung der sozialen Angst, des Schuldgefühles, sind nur möglich,
wenn das Ich sich in dieser Richtung verändert. An Stelle des unterirdi-
schen Hohnes gegen übertriebene Erziehungsansprüche und morali-
sche Anforderungen der Unweit wird ihre bewusste Kritik treten, an
Stelle illusionärer Heilerwartungen die bewusste und berechtigte
354
Hoffnung auf Anerkennung. Wenn der Masochismus sozusagen als
Sadismus des Ohmnächtigen beginnt, so wird er in dem Maasse weichen,
als das Ich sich Versagungen gegenüber widerstandsfähiger und
äusseren Fehlschlägen gegenüber stärker fühlt. Eine Aufstauung und
Wendung aggressiver Tendenzen wird dadurch überflüssig. Das so
beschränkte Ausmass des Sadismus wird dann zum Teil in Phantasieen
übergeführt, zum Teil aber in Energie umgesetzt, die sich in sozial
angemessener Art verwandelt, um das Ich seinen Zielen näher zu
bringen. Die Schädigungen des Narzissmus werden rückgängig
gemacht, die Wunden des Selbstgefühles geheilt und das erstarkte Ich
findet sich imstande, auch den Weg zur zärtlichen Objektwahl zu
finden. Da das Ich bisher noch auf der prägenitalen Sexualphase
fixiert war, wird sich erst jetzt ein genitales Ziel ergeben. Der hier
beschriebene Genesungsvorgang setzt einen langen und schwierigen
Weg voraus. Er ist gewiss auch nicht immer gangbar und kann nicht
immer zu Ende gegangen werden. Ich kenne keinen Fall von schwerer
masochistischer Perversion oder Charakterbildung, der völlig „ge-
heilt" wurde. Es blieb immer eine ausgebreitete Narbenbildung
zurück, Narben, die bei schlechtem Wetter empfindlich gefühlt
wurden.
Der Umweg über die sadistische Phantasie, der zugleich ein Rück-
weg ist, kann nicht erspart werden. Die hier gezeigte Entwicklung
der masochistischen Triebneigung macht ihn unvermeidlich. Die
Triebumwandlung muss sich freilich nicht in ausgesprochenen Ag-
gressionen ausdrücken, sie kann sich bei vorsichtiger Handhabung
der Analyse auf Andeutungsaktionen und Vorstellungen be-
schränken. Das Ziel kann nicht sein, aus einem Schlachtopfer einen
Schlächter zu manchen, aber keinem Opfer darf verwehrt werden,
zum Trost und zur Befriedigung menschlicher Rachsucht sich in
bewussten Phantasieen an die Stelle des Schlächters zu setzen.
Es ist auch unvermeidlich, dass in der Analyse der geheime Trotz
und die Auflehnung, der Hochmut und die Machtgier, Feindseligkeit
und Grausamkeit, zum Ausdruck drängen. Das Vergnügen, sich
unglücklich zu fühlen, wird gelegentlich der Versuchung weichen,
Andere unglücklich zu machen. Man darf versichern, dass es in
355
.,
den meisten Fällen bei Versuchshandlungen und Phantasieen bleiben
wird.
Vielleicht ist es nicht überflüssig zu sagen, dass schweres, persön-
liches Unglück, Einschränkungen und Elend, welche die Allgemein-
heit wie den Einzelnen treffen, die merkwürdige Folgen haben, dass
sie den sozialen Masochismus des Individuums sich abschwächen und
sogar verschwinden lassen. Die Straf bedingung erscheint dann erfüllt,
das individuelle Schuldgefühl befriedigt, ein Schutz gegen die Angst
nicht mehr notwendig. Krieg, Epidemieen und Massenkatastrophen
berauben so den masochistischen Charakter oft seines persönlichen
Schicksalgewinnes und sind der Ausbildung einer individuellen Leid-
sucht ungünstig. Ich habe Fälle gesehen, in denen masoch istische
Charaktere im Felde ein ungeahntes Mass von Energie und Selbst-
gefühl entwickelt haben.
Man landet schliesslich bei einer sprichwörtlichen Redensart, die
wir als Kinder gehört und die besagt, dass es nichts Schlechtes gibt,
wo nicht etwas Gutes dabei wäre. Ist es nicht derselbe Gesichtspunkt,
der uns bisher auch bei der Untersuchung des Masochismuses als
seelische Erscheinung begleitet hat?
Kultur, Leiden und Leidsucht
Mit den letzten Erörterungen haben wir bereits ein Feld betreten,
das die Beziehungen zwischen Kultur und Masochismus beschreibt.
Es ist ein weites Feld.
Vor allem ist zu bemerken, dass der Kulturfortschritt selbst eine
Fülle neuer Leiden mit sich bringt, dass jeder Schritt vorwärts sich
mit Entbehrungen, Verlusten und Unlust bezahlt macht. Man kann
das Leiden auf viele Art bekämpfen, ihm entfliehen, sich dagegen
sträuben, es ertragen und Mittel dagegen suchen. Der Genuss des
Leidens, den wir für den Masochismus als charakteristisch bezeichnen,
ist gewiss die merkwürdigste Reaktion. Es ist aber ebenso gewiss nicht
die seltenste.
Leiden ist ein wesentlicher, integraler Teil des Lebens. Die Ent-
wicklung von niederen Organismen zu höheren, von der Molluske
356
bis zum Menschen ist durch Erhöhung der Leidensfähigkeit gekenn-
zeichnet. Der Mensch hat von den uns bekannten Wesen die stärkste
Leidensfähigkeit. Die Erfahrung zeigt, dass der Bauer oft weniger
empfindlicher gegen Schmerzen ist als der Städter, der Europäer oft
viel empfindlicher als der Australneger. Wo dem Menschen das Leben
zu leicht und zu sicher ist, wird sich eine tiefere Leidensfähigkeit
oder Leidenskraft nicht entwickeln. Die Not lehrt nicht nur beten,
sie lehrt auch leiden.
Die gesamte Menschheitsentwicklung erhielt durch die äussere
und die ihr folgende innere Not immer die stärksten Antriebe. Die
Leidensfähigkeit, die aus der Not entspringt, ist es, welche Reife und
Reichtum der Persönlichkeit mitbestimmt. Man mag es beklagen, dass
der kulturelle Fortschritt erhöhtes Leiden für die Menschheit mit
sich bringt, aber man kann es kaum in Abrede stellen. Resignation
bleibt gegenüber dieser Notwendigkeit die einzig angemessene Reak-
tion. Freud sagte einmal zu mir: „Die Wege des Herren sind dunkel,
aber selten erfreulich". Wer nicht gelitten hat, wird nicht sein Bestes
geben können. Kein Künstler oder Forscher erreicht den Gipfel
seiner Leistung, solange ihm grosses Leid fremd geblieben ist. Man
versteht es, dass unter solchem Aspekt gesehen auch Leid als Gabe
willkommen geheissen wird.
Aus diesen allgemeineren Charakteren ergibt sich, dass der Maso-
chismus als bewusstes Leidgeniessen auf niedriger Kulturstufe nicht
häufig vorzufinden sein wird. Die Empfindlichkeit gegenüber Leiden
ist geringer, die Leidensfähigkeit noch schwach entwickelt. So sehr
auch die Ansichten der Psychologen über den Masochismus ausein-
andergehen, so stimmen sie doch darin überein, dass die individuelle
Leidensfähigkeit eine notwendige Voraussetzung des Begriffes ist.
Wo sie fehlt, kann sich kein Masochismus entwickeln. Wir verstehen
aber auch, aus den eigenen Annahmen, dass die masochistische
Triebneigung sich auf tiefer Kulturstufe nicht herausbilden kann.
Sie ist ja nur möglich, nachdem die sadistische Aktion aufgegeben und
durch die Phantasie ersetzt wurde, ferner nur dort, wo das dumpfe
Luststreben durch die Strafdrohung und die Angst einen Aufschub
erlitten hat. Die masochistische Triebneigung kann also nur entstehen,
357
wo eine bestimmte Kulturstufe erreicht wird. Das stimmt durchaus
zu der hier vertretenen Anschauung, derzufolge der Masochismus
keine primäre Triebbildung ist, sondern bereits das Resultat einer
seelischen Verwandlung, kein originärer Trieb, sondern ein spätes
Triebschicksal der Bemächtigungs- und aggressiven Tendenzen.
Der Masochismus ist nach zwei Richtungen die für unsere Kultur
wichtigste Triebabweichung. Er ist die häufigste und belangreichste
Sexualperversion und bestimmt als solche die Art des sexuellen Ver-
haltens ungezählter Kulturträger. Bedeutsamer ist die masoch istische
Einstellung, weil sie zeigt, welcher kulturellen Verwertung die Trieb-
neigung fähig ist. Die Frage erhebt sich hier, welche Eignung und
Neigung der Masochismus zur Kultur hat. Sie wurde bisher, soviel
ich sehe, nicht aufgeworfen, so interessant sie ist. Es ist eine verfäng-
liche Frage, eine voll Fallgruben, Hinterhältigkeiten, Abgründen,
die hinter Begründungen auftauchen. Ich selbst bin ihr in dieser Un-
tersuchung so oft ausgewichen, dass ein Versuch ihrer Beantwortung
gewagt werden muss, wenn er sich auch als unzugänglich ergeben wird
und notwendigerweise meine geringe Kompetenz enthüllen muss.
Ja, es war diese Frage, mit der diese neue Behandlung des Problems
einsetzte. Erinnert man sich noch des englischen Sportsfreundes, der
sein Erstaunen darüber ausgesprochen hat, dass die Philosophen meinen,
der Mensch vermeide Unlust und suche Lust auf? Die ungelöst
gebliebene Frage tauchte in längeren Intervallen immer wieder auf.
Die letzte Gelegenheit, bei der wir sie trafen, war angesichts des Pro-
blems, ob man die Verwandlung des sexuellen Masochismus in den
sozialen eine Sublimierung nennen könne. Wir sagten damals: nein
diese Verwandlung verdiene die auszeichnende Bezeichnung, welche
eine Verwertung eines Triebes zu sozial höheren Zielen kennzeichnet,
nicht. Wir entschieden in diesem Sinn, obwohl wir zugaben, dass die
Abwendung vom ursprünglichen Triebziel und die Wendung in die
soziale Richtung im sozialen Masochismus nicht zu verkennen sei.
Wenn aber der soziale Masochismus nicht als Sublimierung des
Triebes angesehen wird, wo ist denn dann eine Sublimierung zu finden?
Wir sind in einer eigentümlichen Situation. Wir verspüren, hier ist
ein Trieb wirksam, sehen seelische Gegenkräfte am Werke, können
358
die Richtung verfolgen, die sie einschlagen und können doch nicht
bestimmen, von welcher Art das Rettungswerk ist. Es ist so, wie wenn
wir Feuerwehrwagen in rascher Folge an uns vorüberfahren sehen:
wir wissen nicht, gibt es irgendwo ein vernichtendes Feuer, viel Rauch
von einem Küchenbrand oder einen falschen Alarm.
Die Frage soll hier nicht durch alle Fährnisse, die sie bietet, hin-
durchverfolgt, sondern einfach nach den jetzigen Stand meiner Ein-
sicht kurz beantwortet werden. Der Masochismus ist eine sekundäre
Tricbbildung und hat als solche keine Möglichkeiten der Sublimie-
rung. Er stellt ja selbst ein Triebschicksal dar, das durch die Einwirkung
jener Gegenkräfte, welche wir später zu den kulturbildenden zählen,
entstanden ist. Er ist also der Sublimierung nicht in derselben Art
fähig wie der Sadismus, da er selbst eines der Sonderschicksale des
Sadismus im Sinne der Kulturanpassung darstellt. Welches ist aber
dieses Sonderschicksal, wenn es nicht eine Sublimierung ist, obwohl es
die Einwirkung sozialer Faktoren erkennen lässt? Es ist eines, das
bisher keine gesonderte Bezeichnung erhalten hat, so sehr es eine
solche verdient hätte. Ich schlage vor, den Masochismus eine Umbie-
gung der sadistischen Triebe nach der sozialen Seite zu nennen. Eine
solche Umbiegung stelle ich mir etwa im Vergleich so vor wie die eines
Baumes, der durch Einwirkung von aussen z.B. durch einen Sturm
von der Richtung seines organischen Wachstums abgelenkt wurde.
Ich stelle mir dabei vor, dass eine solche Triebumbiegung einen all-
gemeineren Charakter hat und älteren Datums ist als der besondere
Vorgang der Sublimierung. Die Bezeichnung Umbiegung würde
auch zu der Auffassung des Masochismus als einer Triebneigung gut
passen. Diese Neigung geht also nach derselben Seite wie die Kultur-
entwicklung. Sie ist sozusagen eine Vorform des Sublimierungsvor-
ganges, der erst später eintreten kann, sich auf einer späteren Ent-
wicklungsphase ausbildet. Wir verstehen jetzt, warum man kaum
von einer Sublimierung des Masochismus sprechen kann. Seine
Bildung ist ja schon durch seelische Kräfte bedingt, welche die Inter-
essen der Kulter vertreten werden, und diese Bildung hat einen pri-
mären Trieb nur vorgetäuscht. Der soziale Masochismus ist also nur
eine Weiterentwicklung einer sekundären Bildung nach derselben
359
Richtung, gleichsam ein Weiterwachsen eines umgebogenen Baumes.
Wir vergessen nicht einen Augenblick, dass der Boden, dem dieser
Baum entsprossen ist, die sadistische Phantasie ist. Indem wir das
Triebschicksal eine Umbiegung nannten, haben wir angezeigt, dass
es das ursprüngliche Triebziel, das sadistische in diesem Fall, nicht
erreicht und jetzt der entgegengesetzten Richtung zugeneigt er-
scheint.
Kennen wir die Gegenkräfte, welche die Antriebe aus der sadis-
tischen Phantasie zu einer Richtungsveränderung bestimmen? Wir
wissen, es ist zunächst die Angst vor der Strafe, die in der Vorstellung
vorweggenommene Strafe, und die seelische Reaktion auf diese Vor-
stellung. Später ist es dann die soziale Angst, das unbewusste Schuldge-
fühl. Diese Faktoren lassen eine ungehemmte Triebbefriedigung
nicht zu, erzwingen einen Aufschub, bedingen in ihrem Ringen mit
den Triebregungen jenen Suspense- Vorgang und führen schliesslich
zu einer neuen Art der Triebbefriedigung, welche in ihrem Cha-
rakter von der Einwirkung der genannten Momente Zeugnis ablegen.
Angst vor den Folgen einer verbotenen Tat, die Vorstellung der
Strafe, die Identifizierung mit dem leidenden Opfer und das Schuld-
gefühl- diese Momente aber sind dieselben, welche wichtige Kräfte
der Kulturentwicklung bezeichnen. Sie sind es, welche den Primitiven
langsam in die Richtung sozialen Lebens, der Einhaltung von Geboten
und Verboten der Gemeinschaft führen. Von der Bedeutung des
Triebaufschubes und des Suspenses im Sinne der Kulturanpassung
habe ich schon gesprochen, als ich die Beziehungen dieser Vorgänge
zum Realitätsprinzip diskutierte. Dort wurde auch gesagt, dass das
Suspense in seiner extremen Form sich wie eine Karrikatur der Er-
füllung der Realitätsforderung ausnimmt, seine Auswirkung den
Eindruck trotzigen Gehorsams mache. Hier ergibt sich die Gelegen-
heit zu der ergänzenden Bemerkung, dass eine solche zweiseitige
Bildung sowohl in der Richtung besserer sozialer Anpassung als auch
in der entgegengesetzten fortschreitender Sabotage weitergeführt
werden kann. Der soziale Masochismus bedeutet eine Weiterent-
wicklung in der ersten Richtung. Die weitere Ausdehnung des Sus-
pense und das Aufgeben des sexuellen Triebzieles als des einzigen
360
bezeichnen den bedeutsamen Schritt, der hier stattgefunden hat.
Indem das eigene Leiden in den Dienst der Familie, der Nation, der
Menschheit gestellt wird, der masochistische Charakter sich in der
Phantasie für Andere opfert, für sie Unlust und Beschämung auf sich
nimmt, hat er sich an Stelle des nahen ein fernes Ziel gesteckt, das er
freilich nur selten erreichen kann. Man darfauch nicht vergessen, dass
die Befriedigung hier nur in der Phantasie vorweggenommen und
selten materiell genossen wird. Alles dies sind Züge, die in der Richtung
der Kulturentwicklung weisen. Sie erreichen das Ziel nicht oder
gehen darüber hinaus, aber die Richtung ist nicht zu verwechseln.
Der Kulturfortschritt bringt, wie Freud gezeigt hat, ein stei-
gendes Schuldgefühl mit sich, das aus der Unterdrückung aggressiver
Triebregungen erwächst. Dieses Schuldgefühl verlangt energisch
Befriedigung in der Form des Strafbedürfnisses. Im sozialen Maso-
chismus wird dieses Bedürfnis nun zuerst gesättigt. Die erhöhten
moralischen Forderungen an das Ich steigern sich nicht nur, sie über-
steigern sich. Daher kommt es, dass das Strafbedürfnis unersättlich
wird und die Erlaubnis zur Triebbefriedigung auf einen immer
späteren Termin verschoben wird. Man darf das Strafbedürfnis ein
Abfallprodukt der Kulturentwicklung nennen, dessen Bedeutung
mit der Zeit immer höher steigt und schliesslich den Kulturfortschritt
selbst gefährdet.
Wir stehen hier unversehens vor der Frage des Kulturwertes der
masochistischen Triebneigung oder der Stellung des masochistischen
Charakters in unserer Kultur, vielleicht der schwierigsten Fra«e,
die uns bisher begegnet ist. Ich getraue mich keiner Antwort, die
allzu sicher klingt und angesichts der Kompliziertheit der psycholo-
gischen Situation nur den Wert eines verhüllten Unwissens hätte.
Ich ziehe es vor, meine Unsicherheit einzubekennen und das Wenige,
das ich zu erraten glaube, andeutungsweise und in fragmentarischer
Form niederzuschreiben. Vor allem möchte ich betonen, dass ich
jener Gruppe von Analytikern, denen vor der eigenen Gottähnlichkeit
nicht bange wird, ferne stehe. Ich meine die Analytiker, deren psy-
chologische Haltung wenn nicht im Wortinhalt, so im Ton vom
Bewusstsein der eigenen Überlegenheit gegenüber den Patienten
361
begleitet wird. Das Problem des Leidens stellt sich uns allen und keiner
kann sagen, dass der eigene Lösungsversuch der einzige oder der beste
ist.
Man muss unterscheiden zwischen dem Leiden als seelischer Not-
wendigkeit und als seelischem Luxus. Die Kultur nötigt uns alle zur
Unterdrückung aggressiver Triebregungen und mit dieser Unter-
drückung wächst das unbewusste Schuldgefühl. Die Erhöhung des
individuellen Schuldgefühles ist also vom kulturellen Fortschritt
unablösbar. Ein seelisches Korrektiv ergibt sich mit der Einsicht und
der seelischen Verarbeitung der Einsicht, dass dieser Unterdrückung
durch die menschliche Konstitution enge Grenzen gesetzt sind, das
will heissen, dass machtgierige, ehrsüchtige und aggressive Tendenzen
eine Existenzberechtigung im Seelischen haben. Es gibt aber ein Feld,
auf dem sie ungefährlich ihre Befriedigung erhalten können: die
Phantasie. In der Zurückführung der masoch istischen Triebneigung
haben wir gefunden, dass sie aus der sadistischen Phantasie entsteht.
Das Aggressive in diesen Vorstellungen stösst mit der Angst vor der
Strafe und dem Schuldgefühl zusammen und weicht ihm. Das Resultat
ist dann, dass das Ich selbst Objekt der Aggression wird. Die Ent-
stehung des Masochismus ist so an eine Einschüchterung des Ichs in
der Phantasie gebunden. Ein erstarktes Ich wird fähiger sein, der
Angst und dem Schuldgefühl zu widerstehen. Es wird den eigenen
aggressiven Vorstellungen toleranter gegenüber treten und sich
darauf berufen, dass auch machtgierige und angriffslustige, rachsüch-
tige und egoistische Gedanken frei sind. Die Erziehung zur Güte
und zu sozialem Empfinden wird sich nicht schon bei der Unter-
drückung antisozialer Vorstellungen geltend machen, sondern in der
Hemmung, diese Vorstellungen in Aktion umzusetzen.
Das übertriebene Schuldgefühl gegenüber den eigenen aggressiven
Gedanken und machtgierigen Gelüsten und die Reaktion des Um-
schlages in das Masochistische ist selbst ein Zeichen der hohen Vor-
stellung, die das Ich von sich gebildet hat, des grossen Stolzes oder der
Selbstüberschätzung. Es bezeugt nämlich, dass wir meinen, wir
dürften solche „niedrige" oder moralisch zu verurteilende Vorstel-
lungen nicht in uns dulden und wir sind zu gut, um so wilde und
362
gefährliche Gedanken auch nur denken zu dürfen. Als Fol^e solcher
übertriebener Einschätzung der menschlichen Natur stellt sich das
Strafbedürfnis ein, das die aggressive Phantasie in der Richtung gegen
das Ich umbiegt. Eine bescheidenere Auffassung der moralischen
Forderungen, die dem Menschen allgemein gesetzt werden können,
eine mildere oder gütigere Beurteilung der eigenen Gedankensünden
würde die Entwicklung zum Masochismus verhindern können. Der
Stolz, der die eigene Aggressivität und Machtgier in der Vorstellung
-zu so harten Strafen, zu Leiden und Unlust verurteilt, ist selbst ein
seelischer Luxus. Er zeigt, dass der Kulturmensch sozusagen über
seine moralischen Verhältnisse lebt, seine Höherentwicklung dem
Tier gegenüber weit überschätzt. Man darf dem Abbe Croiguard,
jener wundervollen Gestalt Anatole F r a n c e s Recht geben,
wenn er den Stolz als die Quelle der grössten Uebel ansieht und den
Menschen grössere Nachsicht gegenüber sich selbst empfiehlt. Der
verehrungswürdige Abbe hätte, sagt sein Biograph, „keine Zeile von
der Erklärung der Menschenrechte unterschrieben und zwar wegen
der übertriebenen und ungerechten Trennung, die darin zwishen dem
Menschen und dem Gorilla gezogen wird." Die Unvereinbarkeit hoher
moralischer Anforderungen an das Ich und der menschlichen Natur
äussert sich im Masochismus in der Produktion jenes Strafbedürf-
nisses, das auf die verbotene Triebbefriedigung in der Phantasie
reagiert. Der Wert der Unterscheidung zwischen dem Leiden als
seelischer Notwendigkeit, das als Folge biologischer und sozialer
Bedingungen entsteht und als seelischem Luxus, aus zu grossem Re-
spekt gegenüber den moralischen Forderungen geboren, geht indessen
über diesen Gesichtspunkt hinaus. Man muss zugestehen, dass das
schwache Ich, das sich dem Druck der von aussen kommenden und
später verinnerlichten Forderungen unterwerfen muss, in einer be-
stimmten Entwicklungsperiode keine andere Möglichkeit hat als
die Triebbefriedigung in der Phantasie. Wenn dieses Ich jene For-
derungen auch als eigene anerkennt, die Strafe vorwegnimmt, so
wird es unweigerlich zur Umwandlung der Phantasie ins Masochi-
stische gelangen. Wir wissen, dass die Perversion die Durchführung
der Phantasie ist und dass der masochistische Charakter, man möchte
363
sagen, die Phantasie lebt. Man muss dabei immer wieder darauf ver-
weisen, dass in der Perversion und im sozialen Masochismus die ver-
botene und abgewiesene Triebbefriedigung doch erreicht wird, hier
das nahe, dort das ferne Ziel der Phantasie bildet. Wie mir scheint,
ist also die masochistische Phantasie eine in der Entwicklung jedes
Kulturmenschen nicht vermeidbare Übergangsphase in dem Konflikt
zwischen Triebansprüchen und sozialen Forderungen.
Welches ist nun der Kulturwert des masoch istischen Charakters?
Allgemein gesprochen besteht er sicherlich darin, dass die Aggression
durch diese Charakterbildung in der Wirklichkeit gehemmt wird,
dass also der innere Zwang die motorische Durchführung brutaler
und antisozialer Regungen verhindert. Das wäre freilich nur ein
Kriterium negativer Art. Das bessere Kriterium ergibt sich aus der
Unterscheidung, ob das Leiden, die Unlust und die Entbehrungen
der Gemeinschaft nützlich sind oder nicht. Ich will durch die Gegen-
überstellung zweier Beispiele verdeutlichen, was gemeint ist. Ein
Patient meiner Beobachtung legte sich besondere Opfer und Bestra-
fungen auf, wenn er bestimmte Leistungen nicht vollbracht hatte
oder sexuellen Versuchungen unterlegen war. Es gab da zum Beispiel
ein Verbot, zwei Tage nicht zu essen, zwei Tage nicht zu rauchen
etc. Auf der anderen Seite gab es Gebote, die dahin gingen, dem
eigenen Körper und der eigenen Willenskraft Leistungen abzuzwingen,
die über das gewohnte Mass hinausgingen z.B. viele Nächte trotz
übergrosser Müdigkeit durchzuarbeiten. Der Patient nannte solche
Massregeln sehr charakteristisch „sich selbst vergewaltigen". Dieser
verkappte Asket oder Heilige, aus der antiken Sphäre der Wüste in
die Grossstadt des zwanzigsten Jahrhunderts versetzt, bot der Analyse
ein schwieriges Problem. Kein Zweifel, selbstschädigende Absichten
trafen sich hier mit „disziplinaren". Die Selbstbestrafung war auf-
dringlich genug, aber auch die Tendenz, durch jene Entbehrungen
und Opfer sich ein Recht zu erwerben, auf Andere hochmütig herab-
zusehen und sich selbst für etwas Besseres zu halten. Die Kraft
sexueller Triebregungen sollte auf diese Art eingedämmt werden.
In der Analyse wurde es deutlich, dass die Entbehrungen und Opfer
wie die Zwangsarbeit Bestrafungen für wilde, aggressive Phantasieen
364
darstellten. Die Phantasiegewinne von der Ichseite werden leicht
erkannt werden, eben der Lusterwerb in diesem Leiden, wenn man
bedenkt, dass dabei Rachegelüste, aggressive und trotzige Tendenzen
auf ihre Rechnung kamen. Ich habe in diesem Falle hinzuzufügen,
dass der Patient sich durch sein unsoziales und unfreundliches Wesen
unbeliebt machte, sich im Beruf durch ein unbewusst inszeniertes
ungeschicktes Benehmen schadete und sich so um die Früchte seines
Fleisses brachte. Der Eindruck aus einem solchen Falle ist nicht etwa
der der LTnsinnigkeit masochistischen Verhaltens — wir haben ja
erkannt, dass ein guter Sinn darin liegt — sondern der der Unzweck-
mässigkeit. Der Gewinn ist nicht nur illusionär, in der Phantasie
vorweggenommen, er ist auch auf das Ich beschränkt.
Stellen wir uns dagegen das Leiden und den Lcidensgenuss schö-
pferischer Menschen vor, so ergibt sich ein anderes Bild. Das leidens-
volle Lebe neines Beethoven war sicherlich zum grossen Teil
das Resultat von seelischen Tiefenkräften. Er war einsam, weil er
es unbewusst sein wollte, so sehr es ihn nach den Menschen drängte.
Das Fehlschlagen in der Liebe, der Bruch so vieler Freundschaften,
der Mangel an Erfolg ist nicht nur auf das Konto einer gefühllosen
und stumpfen Mitwelt zu schreiben. Wer mit Psychologen- Augen
dieses Leben studiert, wird erkennen, wie das Leiden nicht nur im
Tiefen gefühlt, sondern auch im Tiefen genossen wird. Die Briefe
und das Heiligenstädter Testament sprechen nur in stammelnden
Worten aus, was die Symphonieen und Sonaten wortlos, doch beredter
ausgedrückt haben. Der masochistische Charakter dieses grossen
Mannes unterscheidet sich seinem Wesen nach nicht prinzipiell von
dem so vieler kleinerer Menschen. Was ihn von ihnen unterscheidet,
ist das, was das Leid und der Genuss des Leidens ihm und der Welt
gebracht hat.
Das Kriterium, das über den Kulturwert des freiwilligen Leidens
entscheidet, ist, scheint mir, was das Resultat ist. Das will sagen:
ob das Gewonnene den Preis wert ist, der dafür gezahlt wurde, ob
das erreichte oder auch nur das gewollte Ziel die Opfer aufwiegt.
Dabei will ich ausdrücklich betonen, dass ich nicht nur das soziale
Ziel, sondern auch das selbstsüchtige meine. Das will sagen: ob das
365
Leid auch durch die Lust des Masochisten aufgewogen wird. Der
masochistische Charakter, dessen geheime Phantasie dahin geht,
seinem Vater zu zeigen, dass er Unrecht hat und dass er selbst besser
und klüger ist, wird sein Leiden gewiss ebenso geniessen wie das ein-
same Genie, das den Triumph seiner Sache in ferner Zukunft vor-
aussieht. Der eben charakterisierte Patient, der sich so „nutzlose"
Opfer und Entbehrungen auferlegt, wird eine grosse unbewusste
Befriedigung in seinem Elend finden wie der grosse Beethoven
in der Stunde, da er jenes Heiligenstädter Testament schrieb. Ja ich
finde keinen Unterschied in der Art des Leidens, im Grübeln darüber,
im stummen Trotz und in der beredten oder ungeschickten Klage,
in den „bürgerlichen" Reaktionen zwischen dem leidsüchtigen
Genie und dem Patienten. Die vergebliche Aufopferung Beeth-
ovens für seinen nichtsnutzigen Neffen Karl, seine groben, selbst-
schädigenden Ausfälle gegen Gesellschaft und Gönner, seine brutale
Behandlung von Dienstpersonal, seine Rücksichtslosigkeit gegen
seine Umgebung, -alles dies könnte gut in vielen Analysen so viel
geringerer, masoch istischer Charaktere erscheinen. Ich nehme hier
Beethoven, dessen Devise diesem Buch den Titel gegeben hat,
ich könnte mit demselben Rechte Dostojevski nennen und
seine zerstörende Spielsucht, seine unkluge politische Haltung, seine
Beziehung zu seiner Frau als Zeugnisse seiner masochistischen
Haltung anführen, ich könnte ebenso die meisten, ja jeden der grossen
Geister nennen, denen die Menschheit Fortschritt und Genuss ver-
dankt. Man wird in keinem eine starke, zum Ausdruck kommende
masochistische Tendenz vermissen, in jedem von ihnen bei so grosser
Charakterdivergenz einen leidsüchtigen Zug entdecken. Das einzige
Kriterium bleibt, was der Einzelne aus seinem Genuss des eigenen
Leidens gemacht hat. Anders ausgedrückt: wofür er gelitten hat.
Das Leiden und der Genuss werden vom kulturellen Standpunkt aus
berechtigt genannt werden können, wenn sie die neun Symphonieen,
die Brüder Karamasoff, die Iphigenie auf Taulis, ein Krebsserum
oder eine weitgehende Milderung sozialer Missstände zu Tage
fördern. Der Leidensgenuss mag seiner Intensität nach derselbe sein
bei allen masochistischen Charakteren, aber es gibt doch auch einen
366
Wesensunterschied in der Phantasie, welche den eigenen Triumph
vorausnimmt. Die antizipierte Befriedigung des masoch istischen
Charakters ist auf die phantasierte Anerkennung nur Weniger be-
schränkt, bezieht sich auf die Durchsetzung des eigenen Willens auf
kleinem Felde, zielt auf die Rehabilitierung eines selbstsüchtigen
Ichs. Die Phantasiebefriedigung des produktiven Masochisten
schliesst einen ungleich weiteren Kreis ein, die Nation, die Mensch-
heit. Sie ist aber, so ferne ihr Ziel auch in Wirklichkeit gerückt
scheint, gleichzeitig subjektiv näher, da das Werk und seine Gestaltung
selbst ein oft schmerzhaftes Glück bringt. Das Geschaffene, gleich-
gültig ob es die Erfindung eines Serums, eine Forschungsexpedition
oder eine Dichtung ist, scheint rückgreifend das Leiden zu recht-
fertigen, ja oft zu verklären. Die Leidlust wird auf das Tun ver-
schoben und das eigene Werk führt ein Leben, abgelöst von seinem
Schöpfer. An Stelle des Geltendmachens des eigenen Willens tritt
die sublimiertere Form des eigenen Werkes, das sich durchsetzen
wird, als letztes masoch istisches Ziel. Wir wissen natürlich, dass
dieses Produkt die eigene Person vertritt, seine Anerkennung noch
immer einen persönlichen Sieg bedeutet, aber es ist kulturell wichtig,
dass die Vorwegnahme der Befriedigung vom Ich weg auf seine
Leistung verschoben wird. Diese Verschiebung ist ein Zeichen der
Entpersönlichung der Ichinteressen. Das kulturelle Kriterium für
den sozialen Masochismus ist, so finden wir, längst bekannt. Es wurde
vor zwei Jahrtausenden von jenem grossen Leidenden ausgesprochen
in dem Satz: an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.
Die Unterscheidung zwischen Leiden als seelischer Notwendigkeit
und als Luxus kann an dieser Stelle durch eine andere ersetzt werden,
der zwischen fruchtbarem und unfruchtbarem Leiden.
Die Frage nach dem Sinn des Leidens ist eine alte. Die Antike
suchte sie zu beantworten, indem sie das Leiden als Strafe der Götter
erklärte. Die Religion warnt vor der Hybris, die den Unwillen der
Götter erregt. Für die israelitische Ethik und Relieionsanschauung
war es klar, dass Unglück und Leiden eine Strafschickung Jahwes
war. Von Hiobs Elend schlössen seine Freunde auf seine Verfeh-
lungen. Diese Anschauung wird von Hiob selbst zurückgewiesen.
367
da er sich doch frei von Schuld und Fehle weiss. Die Strafidee weicht
langsam einer erzieherischen: wen Gott liebt, den züchtigt er. Die
Propheten verkünden später bereits, dass das Leiden Belohnungen
bringen wird, dass die Gerechtigkeit siegen werde. Der Leidens-
heroismus des jüdischen Volkes wird durch solche Versprechungen
verstärkt. In furchtbaren nationalen Heimsuchungen, Niederlagen,
Verschleppungen und im Elend des Exils bleibt die Hoffnung auf
die Wiederaufrichtung des Volkes als Trost. Die alte Idee der Auser-
wähltheit bekommt eine neue Begründung: dass, wer soviel gelitten,
ein Recht auf eine Sonderstellung hat. Im Völkerleben begegen wir
hier wieder jenen Zügen der vorwegnehmenden Phantasiebefriedigung
in der Gestalt des Auserwähltheitsglaubens, erkennen wir das Suspense
im Aufschub der Belohnung. Es muss der Religionspsychologie der
Zukunft überlassen werden zu zeigen, wie sich mit der Steigerung
des nationalen Unglücks die Hoffnung auf das Nahen des Messias
vermählte, wie der Gipfel des Elends die Umkehr und Erlösung
bezeichnen sollte wie beim masoch istischen Charakter. Man erkennt
in der Erschaffung der Messiasgestalt sicherlich die kollektive Analogie
der individuellen Phantasie des masoch istischen Charakters wieder.
Es ist leicht zu sehen, dass auch in der Religion die Vorstellung der
nationalen Auferstehung im Sinne der Verlängerung des Suspenses
autgeschoben wurde und dass die Ankunft des Messias, den Christi
Zeitgenossen noch zu erleben glaubten, späteren Zeitläuften vorbe-
halten wurde. Das Reich Gottes auf Erden wurde in immer weitere
Fernen verlegt und schliesslich in der Endzeit datiert. Die individuelle
Belohnung für das Leiden, ursprünglich als irdische Glückseligkeit
und Rechtfertigung erhofft, konnte später nur mehr nach der Aufer-
stehung der Toten und in der Form der Aufnahme ins Paradies
erwartet werden. Das geduldig und fromm ertragene irdische Elend
gab eine Art Anwartschaft auf diese kommende Seligkeit, auf dieses
so ferne masoch istisches Triebziel. Das Absinken der Bedeutung der
Religion im Leben der modernen Völker Iässt es verstehen, dass ein
solcher Wechsel auf lange Sicht, dessen Einkassierungsmöglichkeit
noch dazu so unsicher ist, nicht mehr bereitwillig akzeptiert wird.
Die Verbesserung des Loses des Menschen als Belohnung so vieler
368
geduldig getragener Leiden wird jetzt wieder auf Erden erwartet
und wenn nicht für die jetzige, doch für die kommenden Generationen.
Der Apostel Paulus sagte, wenn er nicht an die Auferstehung glaubte,
würde er wie ein gewöhnlicher Bürger leben, sich beschäftigen und
seinen Vergnügungen nachgehen wie jeder Einwohner von Ephesus
und Korinth. Wir glauben nicht mehr an die Auferstehung, leben
wie Einwohner von London und New York, aber wie glauben den-
noch, dass das Leiden der Menschheit einen Sinn für sie hat und wäre
es nur der, dass die künftigen Generationen in geringerem Ausmasse
zu leiden brauchen.
Wir haben hier verfolgt, wie sich im Völkerleben dieselben ver-
borgenen Tendenzen in der masochistischen Einstellung bemerkbar
machen wie beim Einzelnen: der Aufschub der Triebbefriedigung
durch Angst vor der göttlichen Rache, das geheime Strafbedürfnis,
das Hinausziehen des Suspenses und die Phantasiebefriedigung in der
Vorwegnahme der Triebziele. Der Stolz auf das Leiden verrät sich
im Auserwähltheitsglauben und in der Meinung einer eigenen Mission.
Auch der Masochismus eines Volkes zeigt die Bedeutung der
Phantasie für seine Triebneigung. Er zeigt freilich auch, dass das
verborgene Triebziel in der Vorstellung erreicht wird, dass das Straf-
bedürfnis nur eine Hürde darstellt, die genommen werden muss, kein
Ziel an sich. In den letzten Jahren standen wieder aggressive und
brutale Führer von Völkern einer Gruppe von Nationen gegenüber,
die den Kulturprozess nicht in der Form der Eroberung und der Ge-
walttätigkeit, sondern des ruhigen Wettkampfes durchfuhren wollten.
Auch hier zeigte sich der Charakter des nationalen Masochismus
wieder im Nachgeben den brutalen Forderungen des Mächtigen
gegenüber, in dem vergeblichen Traum, ihn zu Milde und Versöhn-
lichkeit umzustimmen und in der Hoffnung und phantasierten Vor-
wegnahme des Sieges der eigenen Sache. Es musste zur Katastrophe
kommen, weil der sadistische Partner unersättlich in seinen Trieb-
ansprüchen war und die Duldsamkeit der Völker ihre Grenze er-
reicht hatte.
Das Problem, welchen Sinn das menschliche Leiden hat, wurde
bisher von der Biologie, von der Religion und von der Moralphilo-
z 369
Sophie oder der Ethik behandelt. Die Biologie hat dem Schmerz die
Funktion des Wächters des Organismus zugeschrieben, die Religion
dem Leiden die Aufgabe zugeteilt, die Welt vom Bösen zu erlösen
und die Ethik das Leiden als Mittel der Förderung der Persönlichkeit
und der Gemeinschaft anerkannt. Schopenhauer und Nietz-
sche haben dem Leiden seinen Platz in den von ihnen gebauten
philosophischen Systemen eingeräumt, der eine im Sinne der Welt-
überwindung, der andere in dem seines heroischen Ideals.
Die psychologische Forschung hat vor Freud keine Gelegenheit
gesehen, sich mit dem Problem des Leidens auseinanderzusetzen.
Mit dem Studium der Neurose wurde die Psychologie vor die Frage
gestellt, was Leiden, das mit verborgener Lust verbunden ist, bedeuten
sollte. Der Masochismus als sexuelle Perversion erschien als ein rätsel-
haftes Phänomen, weil das Leiden als Triebziel aufgefasst wurde.
An der Stelle der uralten Frage nach dem Sinn des Leidens erschien
jetzt das bisher unbeachtet gebliebene Problem, von welcher Art
die Lust am Leiden ist, was seine psychologischen Voraussetzungen
und verborgenen Ziele sind. Die Psychologie hat das Problem wieder
vom Himmel auf die Erde heruntergebracht, seine Entscheidung von
religiösen und methaphysischen Gefilden in das Seelenleben der
Menschen verlegt. Der vorliegende Versuch will gewiss nicht bean-
spruchen, diese psychologische Frage beantwortet zu haben, wohl
aber, sie der Beantwortung näher zu rücken.
An Ende der altindischen Schauspiele wurde feierlich gerufen:
„Mögen alle irdischen Wesen frei von Schmerzen sein". Dieser
Wunsch entsprang dem Charakter buddhistischer Frömmigkeit. Es
ist ein frommer Wunsch auch im anderen Sinne, einer, dem keine
Erfüllung beschieden ist. Das Leiden wird als biologische und seelische
Notwendigkeit das Leben der Menschen begleiten. Solange aber
gelitten wird, wird sich in gewissem, wechselndem Ausmass auch die
masochistische Tendenz Geltung verschaffen, die Lust am Leiden,
jene Lust, die es als notwendige Durchgangsstation zur Befriedigung
wertet.
Die grosse Kulturwende, die wir erleben und die in Blut und
Schmerzen die Ankunft einer neuen sozialen Ordnung anzeigt, wird
37°
sich, so hoffen wir, mit dem Leiden, das als notwendiges Uebel Leben
und Fortschritt begleitet, begnügen. Sic wird das Leiden als seelischen
Luxus im Sinne einer psychischen Ockonomic auf das äusserste ein-
schränken und die frei werdenden Kräfte nützlicherer Verwendung
zuführen.
Nachlese
Es ist an der Zeit, den Ertrag dieser Ernte zu übersehen. Nein,
noch nicht. Beim Einsammeln der Garben und Binden der Bündel
hat man auf allen Ecken und Enden Halme liegen lassen, die man
zusammenraffen und zu einem Nachlesebündel zusammenfassen
sollte. Der folgende Nachtrag soll einer solchen Nachlese vergleich-
bar sein. Er soll zusammenbringen, was beiseitegeschoben, vernach-
lässigt oder übersehen, in den bisherigen Abschnitten keine Aufnahme
gefunden hat, obwohl es dorthin gehörte. Bei dieser Zusammen-
raffung kann von strenger Einhaltung bestimmter Rubriken und
Ordnung oder Anordnung des Materials ebenso wenig die Rede sein
wie bei der Nachlese auf dem Felde. Man nimmt auf und zusammen,
was sich findet, so gut oder so schlecht man es kann.
Man tut gut, sich daran zu erinnern, dass das Feld schon vielfach
beackert worden ist. Was hier geboten wurde, ist der Ertrag einer
neuen Ernte und nur dieser. In unbildlicher Fortsetzung: es wurde
absichtlich vernachlässigt oder beiseitegelassen, was im Mittelpunkt
bisheriger Forschungen über die Psychologie des Masochismus stand,
wenn sich keine Gelegenheit bot,Kritik daran zu üben, die Platz
für die neue Auffassung schaffen sollte. Die Wichtigkeit vieler
Momente wie z.B. der Kastrationsdrohung, der Befriedigung dei
Homosexualität und des unbewussten Straf bedürfnisses wurde hier
nicht noch einmal breit dargestellt, nicht weil ich sie für minder be-
deutsam halte, sondern weil ihre Bedeutung schon so oft dargestellt
wurde. Sie wurden nicht übersehen. Es wurde nur von ihnen abge-
sehen. Selbstironisch könnte ich nun fortsetzen: dafür wurden die
neuen Forschungen mehrfach weiderholt, von verschiedenen Seiten
gezeigt. Ich will diesen Mangel meiner Darstellung frei bekennen.
371
Man wird der Absicht der Verdeutlichung manche Wiederholung
dieser Art zugute halten können.
Jetzt ergibt sich eine Gelegenheit, auch auf die alten psycholo-
gischen Gesichtspunkte zurückzukommen. Sie erscheinen jetzt in
dieser Auffassung verändert, da sie in neue Umgebung eingereiht
sind und ihren psychologischen Ort gewechselt haben. Vielleicht ist
es am besten, beim Motiv des unbewussten Schuldgefühles zu beginnen.
Es könnte scheinen, als wäre die Bedeutung dieses Moments in dem
vorangehenden Abschnitte nicht zu ihrem vollen Recht gekommen.
Der Anschein wird indessen dadurch erweckt, dass ich, wo immer dies
möglich war, statt Schuldgefühl die Bezeichnung soziale Angst
gesetzt habe, übrigens durchaus im Sinne Freuds. Was sich an
sogenannten höheren oder moralischen Werten an diesen Kern
angereiht hat wie etwa Verantwortung vor dem eigenen Gewissen
ist viel späteren Datums und kann grösstenteils auf diesen Ursprung
zurückgeführt werden. Die Bevorzugung der Bezeichnung soziale
Angst in dieser Untersuchung kann ich begründen: so blieb der psycho-
logische Zusammenhang des Schuldgefühls mit der ihm vorange-
henden primitiveren Strafangst gewahrt. Ich hoffe, dass dem Leser
deutlich wurde, dass die soziale Angst eine Fortsetzung dieser elemen-
taren Angst vor der Strafe, die zuerst von einer bestimmten Person,
Vater, Mutter oder Erzieher drohte, gleichkommt.
Erkenne ich so die Bedeutung des Schuldgefühles für die Ent-
stehung des Masochismus an, so ergibt sich daraus von selbst, dass ich
es auch für eines der stärksten Momente halte, welche sich dem Auf-
geben dieser Triebrichtung widersetzen. Die andere bindende Kraft
wird natürlich durch die besondere masochistische Lustqualität
beigestellt. Der Zement, der den Bau zusammenhält, ist so in der
Hauptsache ein Gebräu aus diesen beiden Elementen. Wenn sich der
Masochismus konstituiert hat, wird kein Schuldgefühl oder keine
soziale Angst mehr sichtbar erscheinen. An ihre Stelle ist das Leiden
oder die Strafe selbst getreten. Wer hart gestraft wird oder sehr leiden
muss, braucht sich nicht mehr schuldig zu fühlen. Er bezahlt ja bar,
was er verzehrt hat.
Mit dem Übergang vom Schuldgefühl zum Leiden aber habe ich
37 2
die Frage des unbewusstcn Strafbedürfnisses berührt. Hier werden
einige kritische und aufklärende Bemerkungen dringend nötig. In
klinischen Darstellungen und theoretischen Arbeiten der neueren
Zeit ist es üblich geworden, statt des Begriffes Schuldgefühl den des
unbewussten Strafbedürfnisses zu gebrauchen. Das Strafbedürfnis
wird so oft als das wichtigste Moment im Aufbau der masoch istischen
Triebabweichung bezeichnet. Ich halte dies für eine grobe Ent-
gleisung, deren Bedeutung sich nicht in einer falschen Terminologie
erschöpft, sondern die schlaglichtartig zeigt, wie wenig wir noch vorn
Masochismus verstanden haben — und wie wenig vom Strafbedürfnis.
Dieses von Freud entdeckte seelische Bedürfnis ist imstande, ein
grosses Stück der Neurosenpsychologie aufzuhellen. Für das Ver-
ständnis des Masochismus leistet er nicht nur nichts, sondern seine
Einführung in die Diskussion erweist sich als störend und irreführend.
Wenn ich beim Eintreten in mein Zimmer auf ein Möbelstück stosse,
das gewöhnlich in einem anderen Räume steht und nicht hierher
gehört, frage ich: wieso ist es eigentlich hierher gekommen? Ich
erfahre, dass es etwa missverständlich aus einem anderen Zimmer jtf
dieses gebracht wurde, entferne es wieder und stelle es auf seinen
Platz. Das ist genau das, was ich nun zu tun beabsichtige, wenn ich
die Einführung des Strafbedürfnisses in die Psychologie des Maso4
chismus erörtere. Dabei kommt es mir nicht darauf an, eine Gelegen-
heit zur Kritik analytischen Missverständnisses oder Mangels an
Verständnis als solche zu benützen. Die Kritik gibt umgekehrt Gele-
genheit, einen konstruktiven Beitrag zu liefern.
Was ist das Strafbedürfnis und wie entsteht es? Es ist gewiss keine
elementare oder primäre psychische Bildung. Es muss sich aus Er-
wartung der Strafe oder Angst vor ihr entwickelt haben. Wie aber?
Die psychologische Aufklärung, die sich mir aus dem Studium der
hierher gehörigen Erscheinungen ergeben hat, ist ebenso einfach wie
überraschend. Die Erwartung der Strafe und der Angst vor ihr
bringen eine bestimmte Spannung für das Ich mit sich. Die Anspan-
nung steigert sich, wenn die Strafe ausbleibt, da ihre Vorstellung leb-
hafter wird, das will sagen, da ihre Ausführung in der Phantasie vor-
weggenommen wird. Die Schwierigkeit, die Angststeigerung zu
373
ertragen, äussert sich in dem Wunsch, die gefürchtete Strafe solle
schon kommen, schon da sein. Die Wirklichkeit kann nicht so schlimm
sein wie ihre Ausmalung in der Phantasie. „Suspense is worse than
reality". Der Wunsch, die Strafe solle schon da sein, ist der erste Aus-
druck des werdenden Strafbedürfnisses. Das Ziel dieses dunklen
Strebens kann nur die Durchführung der Strafe sein, der bevorzugte
Mechanismus, um sie zu erreichen, die Flucht nach vorne. Man
sieht, hier drängen sich Ausdrücke auf, die wir immer wieder in der
Psychologie masoch istischer Phänomene gebraucht haben: eine
sich steigernde Angstspannung, die Intoleranz gegen sie, die Vor-
wegnahme der Strafe in der Phantasie, das Suspense, die Flucht nach
vorne. Eine Strebung aber, die sonst Unlustvolles zum Triebziel hat,
nennen wir masochistisch. Die Verwandlung von Strafangst in Straf-
wunsch gibt die Stelle an, an welcher sich dieser Übergang ereignet.
Anders ausgedrückt: das Strafbedürfnis ist eine masochistische Bildung.
Diese psychogenetische Ableitung des Strafbedürfnisses bestimmt
seinen Charakter: es ist masochistisch gewordene Strafangst. Der
Versuch, den Masochismus aus dem Strafbedürfnis zu erklären, hat
etwa soviel Sinn wie wenn jemand sagte: ein Feuer entsteht, wenn
man einen brenndenden Gegenstand in eine Flamme wirft. Welche
Beziehung besteht zwischen Strafbedürfnis und Schuldgefühl? Die
Steigerung der sozialen Angst -denn das ist Schuldgefühl- führt,
wenn das Ich intolerant gegen diesen psychischen Druck wird, zur
Entwicklung jenes dunklen Strebens, das wir Straf bedürfnis nennen.
Das Straf bedürfnis ist ja schon selbst Ausdruck einer masoch istischen
Triebneigung. Es kann zur Erklärung des Masochismus nicht heran-
gezogen werden, sondern eher der Masochismus zur Erklärung des
Straf bed ü r fnisses.
Hier sollte nicht die Natur des Strafbedürfnisses dargestellt, nur
seine Ableitung skizziert werden. Einige seiner Züge verdienen ge-
rade wegen ihrer Beziehung zu unserem Thema eine nähere Betrach-
tung. Dem Wortsinne nach ist Strafbedürfnis eine Strebung, welche
dahin zielt, für ein Vergehen bestraft zu werden. Wenn die Betrafung
nicht erfolgt, wird ein Drägen nach ihr empfunden, wird sie pro-
voziert. Das kann gewiss auf masochistische Art geschehen z.B. beim
374
Verbrecher, indem er sich dem Gericht stellt. Das Strafbedürfnis
kann sich aber auch anzeigen, indem die Person wieder etwas begeht,
das Strafe nach sich zieht. Im Falle des Neurotikers und des masochi-
stischen Charakters ist ein solches Vergehen eine Wiederholung
oder ein Ersatz desjenigen, weswegen die Person bestraft zu werden
wünscht, der Durchsetzung eines verbotenen Triebwunsches. Die
seelische Spannung, die das Strafbedürfnis setzt, ist dann durch die
Strafe herabgesetzt. Nun ist das Vergehen, welches das Strafbedürfnis
auslöste, nur in der Phantasie begangen. Der Spruch „Nulla poena
sine crimine" ist richtig, aber er muss für die Psychologie des Neuro-
tikers und des masochistischen Charakters auf Gedankenvergehen,
auf vorgestellte Verbrechen ausgedehnt werden. Wenn das Straf-
bedürfnis besonders stark geworden ist, wird die Person manchmal
dazu getrieben, ein wirkliches, das will sagen, materielles Vergehen
zu begehen. Das sind jene Fälle, welche F r e u d in seinen Ausfüh-
rungen über ein unbewusstes Schuldgefühl, das präexistent ist, be-
handelt hat. Das Strafbedürfnis provoziert hier also die Bestrafung,
indem es zugleich seine Berechtigung und seine Motive anzeigt. Es
weist auf das Vergehen hin, das Strafe verlangt, auf die elementarste
Art: indem die Person es begeht. Es wäre freilich richtiger zu sagen:
indem sie ein Ersatzvergehen begeht. Wir erkennen hier, wie sich das
Strafbedürfnis mit den Phänomenen des Masochismus berührt, wenn
wir uns des provokativen Zuges, den wir psychologisch gewürdigt
haben, erinnern.
Der zweite Zug ist vielleicht noch auffälliger und für den seelischen
Zusammenhang mit dem Masochismus wichtiger. Die Bestrafung
wird unbewusst als Befriedigung gefühlt, sie sättigt das Strafbedürfnis.
Der Vollzug der Strafe aber ist die Wiederholung des Verbrechens,
am Leibe des Verbrechers. Wir verbinden diese Vorstellung mit dem
Begriff des Talionsprinzipes. Ist das aber nicht auch im Wesen des
Masochismus so, wird dort nicht das der Person angetan, was sie selbst
dem Anderen antun wollte? Man erkennt hier nicht nur die Bedeutung
der Strafe für den Masochismus, sondern umgekehrt die Bedeutung
des Masochismus für die Strafe.
Nur ein Schritt weiter führt zu einer weiten Aussicht auf ein bisher
375
nicht gesehenes Gefilde. Das eigene Studium kriminalpsychologischer
Probleme („Der unbekannte Mörder" 1933) führte zu einer befrem-
denden Schlussfolgerung. Ich konnte zeigen, dass die Massnahmen
welche Bestrafungs- und Sühnecharakter haben, zugleich eine phan-
tasierte oder symbolisch angedeutete Wiederholung der verbrecheri-
schen Tat darstellen. Von primitiven Bestrafungen über die Ordeale
des Mittelalters bis zur Reproduktion des Verbrechers im Wort
während des Verhörs und der Untersuchung ist dieser Zug durch-
gängig: es gibt keine Sühne für eine verbrecherische Tat ohne ihre
vorgestellte oder symbolische Wiederholung. Mit anderen Worten:
die Strafmassregeln bringen mit negativem Vorzeichen, aber unbe-
wusst doch positiv, die Befriedigung an der Tat, die Lust, die mit
ihrer Ausführung verbunden war, wieder. Die Strafe gibt sozusagen
wieder die Erlaubnis zum verbotenen Tun, lässt einen neuen Reiz
dazu entstehen. Die Strafe dient der seelischen Bewältigung des Ver-
brechens, sie bringt aber zugleich etwas von der Befriedigung, die in
seiner Ausführung liegt, zurück. Hier, in der geheimen Wieder-
kehr der Befriedigung, zeigt sich die psychologische Gefährlichkeit
des Strafbedürfnisses. Es kann so in bestimmten Fällen zu einem
Kreislauf kommen, der zwischen phantasiertem Vergehen, Straf-
bedürfnis, materiellen Vergehen und neuem Straf bedürfnis beschlossen
ist.
Es ist dasselbe Eindringen der Lust in die Strafe, das wir in den
Endphasen des Masochismus erkannt haben. Während der Leib die
Peitsche schmerzhaft spürt, ist die Phantasie schon bei der lustvollsten
Vorstellung angelangt, Die Strafaussicht hat die Lust nicht gedämpft,
sondern ist selbst zu einem Reiz geworden.
Die Abschwächung des Strafbedürfnisses bedeutet also, dass die
Versuchung, ein verbotenes Tun zu begehen, geringer geworden ist.
Das klingt freilich paradox, lässt sich aber psychologisch rechtfertigen.
Jede tiefe Reue, jedes lastende Schuldgefühl bringt die Reproduktion
des Verbrechens mit allen seinen Schrecken, aber auch mit seiner
verborgenen Lust in der Phantasie zurück. Mit der Wiederholung
der verbotenen Tat in der Phantasie setzt eine neue, verborgene
Erregung ein. Eine grosse Reue, ein schweres Schuldgefühl können
376
so wieder Zugänge zu neuen Vergehen, zu Unwegen zu dem Punkt,
den man fliehen wollte, werden. Dass man vom Schuldgefühl und
vom erfüllten Strafbedürfnis wieder zur Lust gelangen kann, das zu
begehen, weswegen man sich schuldig fühlt, wer hätte das gedacht?
Diese tiefenpsychologische Einsicht blieb den Psychologen ver-
schlossen, als die religiöse Gewissensforschung sie längst vorweggenom-
men hatte. Der heilige Augustinus und die Patres, die sich mit der
Kasuistik beschäftigten, hatten sie nur in theologischem Jargon
ausgesprochen. Ein chassidischer Rabbi verkündete lange Zeit vor
der Analyse: „Wieso weiss der Mensch, dass ihm eine Sünde vergeben
ist? Indem er nicht mehr die Versuchung fühlt, sie zu begehen".
Das unbewusste Straf bedürfnis ist, sagte ich die gesteigerte, soziale
Angst, die masochistisch geworden ist, das Schuldgefühl in masochi-
stischer Umformung. Als Vertretung masochistischen Fühlens er-
scheint es in einer befremdenden Erscheinung, welche die Wieder-
herstellung neurotisch Erkrankter erheblich verzögern oder sogar
verhindern kann. Ich meine die negative therapeutische Reaktion.
Wir sind von Freud auf dieses Phänomen hingewiesen worden.
Er hat es beschrieben als jene Reaktion, die sich in der Analyse vieler
Neurotiker einstellt, wenn man ein Recht hätte, zu erwarten, dass
der Patient durch die Einwirkung der Analyse bedeutend gefördert
und gebessert wurde. Gerade dann stellt sich in diesen Fällen ein
Rückschlag, eine Verschlechterung ein. Freud hat uns darauf
hingewiesen, dass diese negative therapeutische Reaktion eben Aus-
druck des unbewussten Schuldgefühles sei etwa in dem Sinne: ich
verdiene nicht, dass es mir besser geht oder ich bin ein so schlechter
Mensch, dass es mir nicht gestattet ist, mich besser zu fühlen. Man
kann hier ein trotziges Schuldgefühl zum Ausdruck kommen sehen.
Der Hinweis auf die negative therapeutische Reaktion wird nun
in der analytischen Literatur so oft wiederholt, dass der leise Verdacht
aufsteigt, dass das Wesen dieser Reaktion noch nicht verstanden
wurde. Oder ist an diesem Eindruck nur der Missbrauch der analy-
tischen Terminologie, der zur Unterwelt schreit, schuld? Es ist viel-
leicht wirklich einer der Fälle, in denen man ein Fachwort einschiebt,
wenn ein Begriff oder vielmehr ein Begreifen fehlt? Man wird durch
377
.
solche leidenschaftlich Vorliebe für analytische Fachwörter an das
Verhalten des Münchener Komikers Karl Valentin erinnert,
der mit einer Brille ohne Gläser auf der Bühne erschien. Deswegen
zur Rede gestellt, antwortete er: „Immer besser noch als wie gar nix".
Es scheint oft wirklich, als wolle man eine solche Logik auf dem
Gebiete psychologischer Forschung ernstnehmen. Dort aber ist „gar
nix" noch immer besser als ein leeres Brillengestell aus Fachwörtern,
durch das man nicht besser und nichts Neues sieht.
Zunächst gilt es, jene merkwürdige Reaktion psychologisch besser
zu verstehen. Man fühlt sich zuerst versucht, ein solches negatives
Verhalten zu kritisieren etwa in dem Sinne: es ist doch sehr unsinnig
und unrecht, so an dem festzuhalten, was den Patienten leiden macht,
und sich dagegen zu sträuben, was ihm neue Lebensfreude und
-genuss bringen kann. Wenn man etwas nicht versteht, schlägt ja
unsere Verwunderung leicht in Kritik um. Überblickt man aber die
Entwicklung einer solchen Reaktion, muss man oft gestehen: der
Patient hat Recht damit, so Unrecht zu haben. Ihm das Unrichtige
seines Verhaltens vorzustellen hat etwa so viel Sinn, als jemandem
vorzuhalten, es sei unrichtig und unrecht, masochistisch zu fühlen.
Wie anders denn als ein masochistisches Verhalten soll man es nennen,
wenn jemand an dem festhält, was ihm Leiden bringt, und das zurück-
weist, was ihm gut tut? Mit dieser Kennzeichnung aber haben wir
den wesentlichen Gesichtspunkt der Beurteilung des Phänomens
gewonnen. Die negative therapeutische Reaktion ist einer der vielen
Ausdrücke der in der Neurose wirksamen masoch istischen Trieb-
neigung.
Der Freu dsche Hinweis auf das Schuldgefühl, das sich der
Besserung oder Genesung hindernd in den Weg stellt, ist gewiss wert-
voll. Er zeigt aber nur die allgemeine Richtung an, nicht den beson-
deren Weg. Die Verteidigung der Krankheitsgewinne, der unter-
irdische Trotz und andere seelische Faktoren sind natürlich neben
dem unbewussten Schuldgefühl an diesem merkwürdigen Verhalten
mitbeteiligt, aber sie bestimmen es noch nicht. In erster Linie ist die
negative therapeutische Reaktion eine Verhaltungsweise, welche die
Entwicklung von sozialer Angst vermeiden soll. Die Analyse hat die
378
Hemmungen erschüttert, welche der Patient gegen seine aggressiven
und sexuellen Regungen aufgerichtet hat, weil er sich vor ihrem
Durchbrechen und den Folgen, welche sie haben könnten, fürchtete.
Diese abgewehrten oder verdrängten Regungen gewinnen gerade,
weil sie unbewusst sind, den Anschein besonderer Gefährlichkeit und
das erklärt die übergrosse Angst. Der Patient hat sich vor ihrem Wieder-
auftauchen durch die Neurose geschützt wie jemand, der sich für
gemeingefährlich hält und sich in einem Gefängnis davor sicher fühlt,
•dass er niemandem schaden kann. Und doch erscheinen diese Regungen
nur in der Phantasie so gefährlich; bewusst geworden, ausgesprochen
und in den seelischen Zusammenhang gebracht, sind sie harmlos.
Der Patient brauchte sich vor ihrer Stärke nicht zu fürchten, er
überschätzt ihre Kraft, weil er die Macht der eigenen Gedanken zu
hoch einschätzt. Der Analytiker handelt in dieser Situation wie
jemand, der einem Belagerten zuredet, die Festungsmauern nieder-
z.ureissen, die ihn bisher einengten, aber auch beschützten. Wenn der
Belagerte an eine solche Möglichkeit denkt, setzt er sich einem Angst-
anfall aus. Er sieht sich als Beute wilder Triebregungen, die ihn
und Andere ins Verderben stürzen könnten, so wenig Vertrauen
hat er zu seinem Ich. Das Ausmass der negativen therapeutischen
Reaktion gibt also den Grad der Angst an, die der Patient fühlt, wenn
er die Neurose aufgeben soll. Ich will einen Vergleich gebrauchen:
nehmen wir an, ein Mann habe Anlass, sich vor einer Gangsterbandc
■zu fürchten. Um sich vor ihr zu schützen, gestehe er ein Verbrechen
ein, das er nicht begangen hatte, aber begehen wollte, und lasse sich
zu einer Gefängnisstrafe verurteilen. Er ist nun zwar gefangen, aber
auch vor den gefürchteten Feinden geschützt. Ein Advokat hat
inzwischen beim Gericht ein Revisionsverfahren eingereicht, das
die Unschuld des Deliquenten klarstellen und seine Freilassung be-
werkstelligen soll. Zu seinem Erstaunen widersetzt sich der Gefan-
gene mit äusserster Energie plötzlich jenem Verfahren. Je grösser
die Aussichten auf Freisprechung werden, umso entschiedener sträubt
sich der Häftling gegen die Anstrengungen des Anwalts. Da er Angst
hat, beim Verlassen des Gefängnisses jener Gangsterbande wehrlos
ausgeliefert zu sein, sucht er die Bemühungen des Anwalts zu seinen
379
Gunsten zu vereiteln. Er meint, die Entschlossenheit und Gefähr-
lichkeit seiner Gegner aus der Unterwelt besser beurteilen zu können
als der Anwalt. Solange er keinen besseren Schutz hat wie den der
Polizei, die gerade in dieser Stadt manchmal mit den Gangstern heim-
lich zusammenarbeitet, zieht er die Sicherheit eines Lebens im Ge-
fängnis den zweifelhaften Vorteilen einer bedrohten Freiheit vor.
Je mehr seine Chancen steigen, umso mehr besteht er auf seinem
Recht, gefangen zu bleiben. Dieser Gefangene handelt also so un-
sinnig und doch so vernünftig wie der Patient in der negativen Reak-
tion. Ein solcher Vergleich mag die Situation einigermassen verdeut-
lichen, er leidet aber unter der Differenz, dass die Feinde im Falle
der Neurose nicht von aussen, sondern von innen zu fürchten sind: die
eigene Aggression und die machthungrigen, selbstsüchtigen Regungen.
Die negative therapeutische Reaktion hat ihren guten Sinn. Nicht
nur den, den F r e u d ihr zuschrieb, sondern den weit bedeutsameren,
den des Schutzes gegen das Bewusst-und Übermächtigwerden des
Schuldgefühles im Ich. Diese negative Reaktion dient also der Angst-
vermeidung, sichert das Ich vor der Gefahr, das Opfer einer plötz-
lichen und starken Angst zu werden. Angesichts dieser phantasierten
Gefahr ist es psychologisch wohl berechtigt, wenn die Verteidigung
umso energischer wird, je stärker die Versuchung gefühlt wird, die
sichere Position der Neurose zu verlassen. Dort muss sich der Patient
freilich Unlust aus Symptom und Handlung gefallen lassen, Opfer
und Einschränkungen der Persönlichkeit ertragen, aber er nimmt
sein Leiden auf sich, weil es ihn vor dem Angsteinbruch schützt. Ja
er ist bereit, noch mehr zu leiden,- die negative Reaktion bezeugt
dies ja- wenn er nur nicht in die Situation entlassen wird, die ihn
schutzlos grosser Angst ausliefert. Die Reaktion hat also den Cha-
rakter eines Angstschutzes, deren Verstärkung durch eine aktuelle
Gefahr bedingt ist. Sie ist so der Mobilisierung der Armee eines
Landes zu vergleichen, dessen Grenze durch einen Feind bedroht
wird. Das in der Neurose befriedigte Strafbedürfnis bietet einen
solchen Schutz. Sobald es erschüttert wird wie z.B. in der Analyse,
wird eine neue Truppe zur Verteidigung an die gefährdetesten Stellen
geworfen.
380
Der Schutz gegen die Angst allein kann indessen nicht der Sinn
der negativen Reaktion sein oder vielmehr, es muss der abgeleitete,
sekundäre Sinn sein. Ihr erster ergibt sich aus der Überlegung, dass
die soziale Angst oder das Schuldgefühl sich beim Auftauchen ag-
gressiver oder grausamer Triebregungen einstellt. Die Analyse lässt
diese abgewehrten Triebregungen aus der Versenkung wieder auf-
tauchen, verschafft ihnen einen Zugang ins Bewusstsein und eine
Äusserungsmöglichkeit und daraus entsteht erst die Angst. Sie ent-
spricht also der Angst, welche etwa Besucher eines zoologischen
Gartens fühlen würden, die plötzlich zu sehen glauben, dass die Türe
des Tigerkäfigs sich öffnete und die Bestien herausspringen könnten.
Die negative Reaktion würde so einer Flucht vor dieser Angst ent-
sprechen- einer überflüssigen freilich, denn die Türe des Käfigs ist
gut gesichert und was die Besucher gesehen haben, waren nicht
Tiger, sondern grosse, aber harmlose Hauskatzen, ferne Verwandte
jener Tigerkatzen, die in der Dunkelheit leicht verwechselt werden
konnten.
In den Symptomen und Hemmungen der Neurose finden jene
abgewehrten Triebregungen freilich ein Stück heimlicher Befriedi-
gung, aber dieses ist mit einem hohen Preis, eben dem Leiden, bezahlt.
Im Charakter jener negativen Reaktion kommt auch ein weiteres
Stück der abgewehrten Regungen zum Vorschein. Trotz, Hohn,
Grausamkeit und Aggression gegen den Analytiker werden hier im
Dienste der Verteidigung und Festhaltung der Neurose auf der Bild-
fläche erscheinen — kleine Muster dessen, was man auf Lager hat.
Jader Trotz kann sich in bittere Feindseligkeit gegen den Analytiker,
der doch helfen will, verwandeln. Im Sinne des Masochismus gespro-
chen: gerade weil er helfen will, weil es ihm gelingt, die Krankheit
aufzulockern, weil er Befreiung verspricht. Man wird durch sein
Verhalten an das Märchen in iooi Nacht erinnert, in dem ein armer
Fischer in seinem Netz eine grosse Flasche findet, die er öffnet und
aus der ein riesiger Geist heraussteigt. Er erklärt dem erschreckten
Fischer, dass er von Salomo zur Strafe für seine Widersetzlichkeit
in das Gefängnis gesperrt wurde. Nachdem er zweihundert Jahre
darin geschmachtet hatte, beschloss er, den reich zu machen, der die
381
Flasche finden und öffnen würde. Es kam niemand und nach wieder
zweihundert Jahren gelobte er, seinem Befreier alle Schätze der Welt
zu geben, aber niemand fand die Flasche. Da schwur er, dass, wer
ihn jetzt befreien würde, des Todes sterben solle und das ist das Los,
das den armen Fischer erwartet. Der Analytiker, der die Aggression
des Kranken auf sich gezogen hat, ist annähernd in der gleichen Situa-
tion.
Es kann kein Zweifel daran sein: die negative Reaktion ist eine
besondere Äusserungsform des masochistischen Verhaltens. Sie
steigert ja das Leiden, wenn man den Patienten davon befreien wil^
und verteidigt es wie einen teuren Besitz, den man umso stärker fest-
hält, je grösser die Gefahr der Beraubung wird. Diese Verwandt-
schaft verrät sich nicht nur im Inhalt, sondern auch in der Form:
wenn man die Rolle der Angst vor der Strafe und dem Zurückweichen
des Ichs würdigt, erkennt man, dass diese Reaktion dem Mechanismus
der Flucht nach vorne folgt. Sie zieht das Leiden der Angst vor,
flüchtet vor der Aussicht, erhöhte Angstspannungen zu ertragen, in
die Unlust.
Überblickt der Analytiker die seelische Situation in der negativen
therapeutischen Reaktion so wie ein Feldherr von einem Hügel den
Verlauf einer Schlacht, so erhält er einen besonderen Eindruck. Diese
Reaktion ist, was man auch sage, ein Zeichen dafür, dass die Festigkeit
des neurotischen Gebäudes erschüttert ist. Der Gegner verstärkt nur
jene Truppenabschnitte, die gefährdet sind. Der Aufforderung, sich
der Angst auszusetzen, damit er von der neurotischen Unlust frei-
werde, begegnet der Patient mit einer Abwehr: er gibt sich tiefer dem
Leiden hin, da er fürchtet, mit seinem Aufgeben mehr Angst ertragen
zu müssen. Das aber zeigt, dass die Analyse wirksam war. Die erhöhte
Verteidigung erweist die Verwundbarkeit, die Stärke der Reaktion
die Erschütterung der neurotischen Stellungen. Auch dort, wo die
Analyse ihr therapeutisches Ziel nicht erreicht, ist diese Einschätzung
zutreffend. Sie hat die Position aufgelockert und das Einsetzen von
Reserven, das Abziehen von Truppen von anderen Abschnitten
nötig gemacht. Im diesen Sinne ist also die negative therapeutische
Reaktion, so sonderbar dies klingen mag, eine positive.
382
Als eine abgeschwächtere Form eines solchen negativen und
zugleich positiven Verhaltens ergibt sich der masochistische Impass,
die Sackgassensituation. W. Reich hat diese Lage nicht übel als
„masochistischen Sumpf" bezeichnet. Es ist dies eine seelische Situa-
tion, in welcher der masochistische Charakter sich sozusagen weder
nach vorwärts noch nach rückwärts bewegen kann. Auf der einen
Seite bedroht durch die Angst, die der Triebäusserung folgt, auf der
anderen von der Lust gebannt, die mit Unlust bezahlt und sich ihr
vermählt hat, ist der masochistische Charakter zur Bewegungslosig-
keit, zum Verharren gezwungen. Die Leidenssymptome werden so
oft festgehalten, obwohl sich ihr seelischer Inhalt lange erschöpft hat.
Sie sind leeren Hülsen vergleichbar, die aufbewahrt werden, obwohl
sie keinen Wert haben. In manchen Fällen mutet es dann wie ein
Gnadenakt an, wenn aus solchem masochistischen Impass sich ein
unerwarteter Ausweg eröffnet. Es ist aber wieder nicht die Wirkung
einer Gratia inconveniens, sondern ein Zuwachs von innerer Auf-
richtigkeit oder Mut, der zu solchem plötzlichen Freiwerden verhilft.
Der masochistische Impass macht sozusagen die Suspense- Situation
zu einer dauerhaften, verleiht ihr den Charakter einer Institution, die
sich im Leben des Masochisten einen Platz gesichert hat.
Unterirdische Fäden verknüpfen diese Erscheinungen mit der
Steigerung der Unlust oder des Leidens, die man im Masochismus
gut beobachten kann. Diese Steigerung ist nicht auf den sexuellen
Masochismus beschränkt, wo immer empfindlichere Misshand-
lung und grössere Unlust begehrt wird, bis es zu einer Art Orgie
kommt. Auch beim sozialen Charakter ist ein Bedürfnis nach Stei-
gerung des Versagens, eine Lust am gehäuften, eigenen Unglück
oder nach grösseren Opfern erkennbar. Soweit ich mit der psycholo-
gischen Literatur vertraut bin, hat nur Frau Dr. Horney auf
diese masochistische Orgie hingewiesen, nicht ohne ihrer Beschrei-
bung eine völlig misslungene, psychologische Erklärung hinzuzu-
fügen.
Am deutlichsten wird die Erscheinung im perversen Masochismus,
wo immer schärfere Unlustreize begehrt, grössere Schmerzen oder
Beschämungen gewünscht werden, bis sich auf einem bestimmten
383
Punkt der Orgasmus einstellt. Mit der Häufung und Steigerung der
Unlust kommt es zu einem masoch istischen Taumel, zum schmerz-
lichsten Genuss. Die Erscheinung bleibt unverständlich, wenn man
annimmt, dass für den Masochisten Unlust oder Beschämung von
vornherein Lust ist. Sie wird erklärbar, wenn man von unserer
Annahme ausgeht, dass dies erst die Endphase des Masochismus
ist. Auf die Versuchung, sich mit einem gewissen Ausmass von Leid
als vorausgeschickter Bestrafung zufrieden zu geben, reagiert das
Ich wie in der negativen Reaktion mit Angst. Diese Angst wird durch
weiteres Leiden, durch grössere Unlust abgewehrt. Es bildet sich
der oft erwähnte Kreislauf, in welchem dem Suspense-Gefühl eine
so bedeutsame Rolle zufällt. Mit dem Leiden steigert sich die sexuelle
Erregung, schon nähert sie sich dem Höhepunkt. Jetzt aber tritt das
Suspense in seine Rechte. Es ist, wie wenn sich der Masochist fragte:
darf ich schon der Lust nachgeben? Nein, noch nicht, es muss noch
mehr gelitten werden. Noch ist die Angst so nahe, die Angst vor der
Strafe. Die verstärkte Unlust lässt den Höhepunkt der sexuellen
Erregung wieder annähern. Wieder aber wird dadurch auch die
Angst nähergebracht, die mit der Befriedigung droht. Wieder wird
sie durch neue Unlust und stärkeres Leiden gebannt, bis schliesslich
der Kelch voll ist und sich der Masochist eine starke, ja berauschende
Orgasmusempfindung gestatten kann. So fällt der Höhepunkt des
Leidens mit dem der Befriedigung zusammen, die Angstbewältigun»
mit der Lösung der sexuellen Spannung. Die Annäherung an das
Lustziel und an die Angst, wie wir sie im Suspense beschrieben haben,
ist einer Pendelbewegung vergleichbar.
Es ist nicht nur die Ausschliessung der Angst, welche eine solche
Steigerung der Unlust nötig macht, es ist auch der stärker werdende
Trotz, die verborgene Rebellion und Verhöhnung, die sich in solcher
Hartnäckigkeit ausdrückt. Man könnte sich getrauen, das seelisch
Wesentliche der Situation aus dem Unbewussten, also Stummen, in
die Wortsprache zu übersetzen, wenn man sich einen Dialog vor-
stellt, der etwa zwischen einem erzürnten Vater und einem schlim-
men Kind geführt wird und das Gespräch nach dem ersten Schlag
einsetzen lässt: „Willst du jetzt folgen und mit dem Unfug aufhören?'
384
Antwort: „Nein". Gehäufte Schläge: „Aber jetzt?" „Nein". Weitere
und empfindliche Schläge: „Jetzt aber?" „Nein, nein" und so geht es
weiter, bis bei höchster Unlust die verbotene Handlung ausgeführt
wird, sich die Befriedigung im Sinne von: „Und jetzt erst recht nicht"
ergibt. Die Angstabwehr ist also nur eine Seite des Phänomens, die
andere ist wirklich der erhöhte Lustgewinn aus dem verstärkten
Leiden. Dieser Gewinn aber ist durch die Durchsetzung des eigenen
Willens, der trotzigen Erfüllung der eigenen Triebwünsche gegeben.
Die Stärke des Trotzes, das Durchhalten gegen jede Einschüchterung,
Drohung und Bestrafung wird sich gerade in dem Wunsch nach
gehäuftem Leid ausdrücken. Hier ist kein kleinlicher Trotz gegen
den Analytiker mehr zu spüren, wie sich ihn W. Reich vorgestellt
hat, keine Erbitterung für den analytischen Hausgebrauch, sondern
etwas von der Empörung des angeschmiedeten Prometheus gegen
die Götter. Es weht hier ein Hauch vom rebellischen Geist Luzifers,
den Jahweh in die Dunkelheit verbannt hat.
Ja dieser revolutionäre Drang, der sich so paradox in der Darstel-
lung durch das Gegenteil äussert, im Wunsch nach schmerzlicherem
Leiden, tieferer Entwürdigung ist noch dann da, wenn er sich religiös
verkleidet. Die Osmose von Lust und Leid, Endstadium und Gipfel
des masoch istischen Fühlens, wird dort, wo sie zur religiösen Exstase
wird, in ihrer sexuellen und rebellischen paradoxen Triebkraft erst
recht deutlich. Keinem Psychologen und keinem Psychoanalytiker
ist es gelungen, eine Beschreibung der besonderen Qualität des maso-
chistischen Erlebens zu geben, die sich auch nur annähernd den Dar-
stellungen der Exstasen mittelalterlicher Asketen und Heiligen ver-
gleichen lässt. Die beschämende Wortunbeholfenheit und der Phan-
tasiemangel der wissenschaftlichen Psychologie wird so recht deutlich,
wenn man ihre Zeugnisse mit denen dieser ungelehrten Geister ver-
gleicht, wobei ich ganz davon absehe, dass ihre psychologische Einsicht
die der gelehrten Herren weit übertrifft. Die Werke der Teresa di
Jesu, die Briefe der Katarina von Siena sind für das psychologische
Verständnis des Masochisten wichtiger als die Lektüre von K rafft-
E b b i n g. Unersättlich nach Schmerzen und Leiden erreichen sie
den Orgasmus, nachdem sie die entsetzlichsten Torturen ertragen
aa 3 8 5
haben. „Schmerz allein macht das Leben erträglich" schreibt Marie
A 1 a c o q u e. Maria Magdalena di Paz z i, die ihre Seligkeit darin
fand, von der Priorin des Klosters in Gegenwart der Schwestern ge-
geisselt zu werden, meinte oft, von innerem Feuer verzehrt zu werden.
Sie schrie, nahe dem Höhepunkt: „Es ist genug. Entflamme nicht
stärker diese Flamme, die mich verzehrt. Nicht diese Todesart ist
es, die ich mir wünsche; sie ist mit all zu viel Vergnügen und Seligkeit
verbunden." Die besondere Art des masoch istischen Lusterlebnis,
das gerade so vertieft wird, weil es sich von dem dunklen Hintergrund
des Leidens abhebt, hat aber keine mittelalterliche Nonne so beredt
geschildert wie Goethe. Die sublimierteste, aber auch sublimste
Schilderung des masoch istischen Triebdrängens ist jene Hymne des
Pater exstaticus (ich höre den bewegten Streichergesang, welcher in
Mahlers VIII. Symphonie die Verse begleitet), da die Mutter
Gottes sich nähert. Wer Ohren hat, auch das Unterirdische zu
hören, wird noch in dieser Hymne die Vorwegnahme des irdischen —
überirdischen Triebzieles im Leiden und trotz dem Leiden erkennen:
„Ewiger Wonnebrand,
Glühendes Liebeband,
Siedender Schmerz der Brust,
Schäumende Gotteslust.
Pfeile, durchdringet mich,
Lanzen, beschwinget mich,
Dass ja das Nichtige
Alles verflüchtige,
Glänze der Dauerstern
Ewiger Liebe Kern".
Hier dringt die Lust triumphierend in das Leiden ein, macht es zu
einer Stufenleiter, um die tiefste Befriedigung zu erreichen. Noch
immer, noch in diesen höchsten Sphären, ist das Luststreben das Be-
stimmende, Die Lust kann erst dann sich voll einstellen, wenn das
trotzige und angstvolle Bedürfnis, zu leiden, befriedigt ist, wenn
genug gelitten wurde.
386
Jener Kreislauf zwischen sexueller Erregung, Angst, Leideil,
Steigerung der Erregung und Steigerung des Leidens führt also zum
orgiastischen Charakter des Masochismus. Es gibt etwas Vergleich-
bares auch auf dem weiten Gebiet des sozialen Masochismus. Das
Ich erscheint dann nicht mehr wie eine Person, die vom Missgeschick
getroffen, sondern von ihm verfolgt wird. Es ist wie ein einzelner
Baum, in dem alle Bitze, die sich in der Athmosphäre bilden, ein-
schlagen. Wenn sich irgendwo für einen Augenblick ein Lichtblick,
zeigt ist es nur, um sofort noch grösserem Elend zu weichen. Es ist,
wie wenn auch der masochistische Appetit erst beim Essen kommt, und
oft scheint es, wie wenn er unersättlich würde. Die christlichen Zeugen,
die von den römischen Tribunalen gestraft und entlassen wurden,
ruhten nicht eher, bevor sie die Krone des Märtyrertums erreicht
hatten. Sie hatten ihr Leben zu verlieren, um jenes höhere zu ver-
dienen. Man muss immer wieder daran erinnern, dass auch in diesen
Fällen die Befriedigung des Strafbedürfnisses und der sublimierten
Homosexualität nicht das Endziel, sondern Stationen auf dem Wege
dahin sind. Es gilt vielmehr, das eigene Ich zur höchsten Wirkung
und Geltung zu bringen, es zum Triumph zu führen. Dieses Ziel
aber wird in der Phantasie im Leiden antizipiert. Indem der Körper
sich unter unsäglichen Qualen windet, hat die vorauseilende Phan-
tasie die Tür des Jenseits gesprengt. Das Auge sieht den Himmel
offen, während es bricht. Das Triebziel ist erreicht, die Lust wird
genossen.
Man ist angesichts solcher psychologischer Notwendigkeit des
Leidens als Bedingung nicht erstaunt, wenn die meisten masochi-
stischen Charaktere eine Abschwächung oder einen Entzug der
Unlust als unangenehm empfinden. Dies geschieht nicht nur, weil
die Angst übermächtig zu werden droht. Man muss diesen Personen
glauben, wenn sie versichern, dass sie ihr Leben ärmer, farbloser und
unbefriedigender werden fühlen. Jene Kombination von Trotz,
Durchsetzung des eigenen Willens, Lust in der Bestrafung und im
vorweggenommenen Sieg verleiht dem masochistischen Erleben
eine besondere Qualität, die schwer vermisst wird. Ja, dies ist das
richtige Wort: es wird etwas vermisst, wenn das Leiden ausfällt, etwas,
387
worauf man sich sozusagen ein Anrecht erworben hat. Ich habe
Fälle beobachtet, in denen masochistische Charaktere, wie wenn das
Ausmass des Leidens übervoll geworden wäre, sich lange getragener
Martern entledigten. Ich sah Männer sich von ihren quälerischen
Ehefrauen trennen, überflüssige Bande, die sie als „Verpflichtungen"
durch Leben schleppten (wie Gefangene schwere Bleikugeln an den
Gelenken) abwerfen, schwere seelische Lasten abschütteln. Die
psychologische Notwendigkeit des Leidens zeigte sich indessen in
diesen Fällen oft darin, dass der Freigewordene sich nach kurzer
Zeit mit unbewusster Absicht eine andere seelische Last aufbürdete
wie wenn er ohne eine solche nicht leben könnte. Jener Ehemann
der sich einer streitsüchtigen Frau entledigt hatte, nahm eine Geliebte,
die ihn zu ruinieren drohte, der andere, der sich vom finanziellen
Druck von seiten eines Freundes freigemacht hatte, wagte sich in
gefährliche Spekulationen. Es war, wie wenn diese Menschen eine
Rute zerbrochen hätten, um sich eine Peitsche anzuschaffen, um sich
zu züchtigen. Viele ähnliche Beobachtungen führen dahin, dem
Leiden oder der Unlust einen positiven Wert im seelischen Haushalt
des masochistischen Charakters zuzuerkennen. Man denke etwa an
den ihm psychologisch so nahestehenden Charakter des Puritaners:
für ihn ist keine Handlung verdienstlich, die nicht mit Entbehrung
oder Unlust verbunden ist. Kein Erfolg gilt, der nicht irgendwie
noch durch Verlust an Glück oder durch grosse Mühen im Voraus
bezahlt wird. Geschätzt wird nur ein Ziel, wenn man nach grossen
Strapazen dahin gelangen kann. Etwas von dieser halbmasochistischen
Anschauung ist in die Lebensanschauung von uns allen übergegangen.
Wir schätzen selbst alles gering, was leicht erreicht werden kann, ob
es nun eine Position, eine Frau oder ein Vermögen ist. Unsere Kultur
selbst hat sich zugleich mit einem solchen Urteil oder Vorurteil ent-
wickelt und verwandelt. Vermutlich ist sie in prähistorischen Zeiten
entstanden, in denen es notwendig wurde, ein grosses Stück der
Triebbefriedigung zu opfern, weil die Lebensnot sie nicht mehr
gestattete. Es galt, ein Stück Unlust oder Verzicht auf sich zu nehmen,
wenn man später eine Lust gemessen wollte, ja wenn man auch nur
die Lust zu leben gemessen wollte. Die Unlust als unvermeidbare
388
Bedingung einer folgenden Lust, der Verzicht öder das Leiden als
Tribut, welcher den Lebensnotwendigkeiten für eine spätere Be-
friedigung gezahlt werden musste, ist so zu einem Stück allgemein
menschlichen Verhaltens geworden. An die Stelle äusserer Not-
wendigkeiten sind später innere getreten, welche in gleicher Strenge
die Unlust zur Vorbedingung für die folgende Lust machten, und
sich in der Erziehung von Generation zu Generation verstärkten. So
macht Gewissen nicht nur Feiglinge, sondern auch Masochisten aus
uns allen. Es wird ein unbewusstes Modell unserer Lebensführung,
dass uns eine Befriedigung nur dann gestattet ist, wenn wir dafür bar —
in Form von Unlust oder Mühe — gezahlt haben. Ja wir suchen
diese Unlust auf, wenn wir später uns einen Genuss erlauben wollen.
Wie mir scheint, bin ich auf diesem langen Umweg zu dem Brief
des englischen Sportsfreundes zurückgekehrt, mit dem diese Unter-
suchung eingesetzt hat. Hatte er sich nicht, indem er alle Strapazen
des Skilaufens auf sich nahm, darüber gewundert, warum die Philoso-
phen glauben, dass der Mensch Unlust vermeidet und Lust aufsucht?
Schien ihm nicht eher das Umgekehrte der Fall und war er nicht
zur Ansicht gelangt: „Man is a masochistic animal"? Wir erkennen
jetzt, er hat in einem gewissen Ausmasse recht. Was zuerst unter dem
Druck der Lebensnot zur seelischen Notwendigkeit geworden war,
ist im Laufe der Kulturentwicklung ein Lebensbedürfnis geworden:
die Unlust, die einer Befriedigung vorausgehen muss. Ja es wurde
zum Lebensbedürfnis wie irgend etwas, das man unter anderen Lebens-
bedingungen wohl entbehren kann. Das will sagen, in unserer Zeit
ist es zu einem seelischen Luxus geworden, der weit über die Not-
wendigkeiten berechtigter innerer Forderungen hinausgeht und
überflüssig geworden ist. Wir laden uns Schmerzen auf, die nicht
notwendig sein, belasten uns mit Bürden, die uns bedrücken, obwohl
sie keinen Gewinn versprechen, tragen ein Schuldbewusstsein, das
nur durch unsere Gedanken und nicht durch unsere Handlungen
bestimmt ist, und machen uns das Leben unnötigerweise schwerer
als es ist.
Angesichts dieser skizzierten Charakteristik des masoch istischen
Charakters fragt man sich immer wieder verwundert, wieso der
389
Scharfsinn der Psychoanalytiker ihn als schwach, gefügig, abhängig
zeichnen konnte. Spricht die scharfe negative Reaktion dafür, die
Hartnäckigkeit, mit welcher der Masochismus festgehalten wird,
die Macht des heimlichen Trotzes, die Fähigkeit jenes verborgene
Ziel doch — trotz allem — durchzusetzen, das Ausmass des Leidens,
dass der Masochist auf sich nimmt, oder die Steigerung der Lust, die
er erreicht? Die scheinbare Nachgiebigkeit des masochistischen
Charakters, die unerbittlich an ihrem einmal gefassten Ziel festhält,
lässt den Starrsinn sogenannter robuster Naturen wie ein Kinder-
spiel erscheinen. Der Stolz eines Heiligen, der sich eher den Löwen
vorwerfen lässt, als sein Christentum zu verleugnen, steht keinem
anderen Stolz auf Erden an Grösse nach. Das Leben von Tausenden
von Juden, die sich in den Synagogen des Mittelalters töteten, ehe sie
den Glauben ihrer Väter abschworen, scheint mit heroischer als das
Heldentum ihrer Peiniger, der Kreuzfahrer. Wenn diese Juden das
„Schema Jisroel" singend, auf dem Scheiterhaufen des Mittelalters
verbrannten oder sich in unseren Tagen in den deutschen Konzen-
trationslagern lieber totschlagen Hessen als den Hitlergruss zu tun,
waren sie nicht schwächer als ihre Henker.
Keiner ist so hartnäckig und erfolgreich darin, Misserfolg zu
haben, wie der Masochist. Es scheint, als ob jene Psychologen die
heimliche Revolution in der völligen Unterwerfung, den Hohn in
der Hingabe, den Hochmut in der Demut des masochistischen Char-
akters einfach übersehen wollten. Es scheint, sie könnten seelische
Stärke oder Energie nur mit dem Kennzeichen der Aktivität und
nicht mit dem „duldenden Widerstreben", von dem Goethe
einmal spricht, verbinden. Sie wollen nicht sehen, dass die Zähigkeit,
mit welcher der Masochist seine Ziele verfolgt, die Unerbittlichkeit
und Kompromisslosigkeit seiner inneren Forderungen von stärkerem
Charakter zeugt als der Eigensinn der Gewaltsnaturen. Die Unbe-
dingtheit und besondere Konsequenz werden leicht verkannt, wenn
sie sich die Maske äusserer Nachgiebigkeit vorbinden. Jedermann,
der einmal in die Lage gekommen ist, einem ausgeprägten maso-
chistischen Charakter helfen zu wollen, und auf dessen besondere
psychologische Reaktion gestossen ist, scheint besser geeignet zu
390
sein, diese unbewussten Tiefen zu beurteilen als viele Analytiker und
Ärzte, die sich nur auf Sprechstundenerfahrungen berufen können.
Der Hilfsbereite wird überrascht finden, dass der masoch istische
Charakter, der ihn um seine Unterstützung gebeten hat, in der
Stelle, die man ihm verschafft, wie mit Absicht versagt oder sich eine
Chance, die man ihm geboten hat, verdirbt. Rätselhafterweise werden
Empfehlungen verlorengehen, Botschaften falsch übermittelt, Ver-
bindungen unterbrochen werden, und untaktisches Verhalten alle
Bemühungen zur Hilfe vereiteln. Mit geschickter Ungeschicklichkeit
wird jeder Schritt vorwärts in einen Rückschritt verwandelt, jede
Chance zur Niete gemacht. Die Konsequenz in der Sanftmut, der
Hochmut in der Selbsterniedrigung, die Energie, die sich als Schwäche
maskiert, wird jedem Psychologen erkennbar. Dabei ist es gleich-
gültig, ob sich der masoch istische Charakter wie meistens gefügig
oder gelegentlich angreifend und energisch benimmt, er wird so und
so zu dem gewünschten Fehlschlag gelangen. Es wird ihm der Misser-
folg glücken, er wird wieder zum unglücklichen Opfer werden.
Man wird durch sein Verhalten an ein altes Sprichwort erinnert:
„Wenn der Krug auf den Stein fällt, weh dem Krug! Wenn der
Stein auf den Krug fällt, weh dem Krug". Es bedurfte wahrhaftig
des psychologischen Tiefenblicks einiger Ärzte, um in so merkwür-
digem Verhalten ein Zeichen von Schwäche zu erblicken. Wenn sich
für den Masochisten am Ende jeder Weg, den man ihm zeigt, als
Irrweg erweist, sollte man da nicht eher annehmen, er will heimlich
seinen eigenen Weg gehen, ihn selbst finden? Sollte man bei so wieder-
holtem Gelingen, jede Hilfe unzulänglich, ja unmöglich zu machen,
nicht eher auf eine stolze und trotzige unbewusste Abweisung jeder
Hilfeleistung schliessen? Sollte sich nicht in allen diesen Reaktionen
eine verborgene Energie äussern, die darauf besteht, nichts Anderen
verdanken zu wollen und den Weg des stärksten Widerstandes zu
wählen? Der masochistische Charakter macht aus heimlichem Stolz, ja
aus Hochmut jeden Schutz und jede Hilfe zunichte, denn er will keine,
er will vielmehr zeigen -haben wir nicht vom demonstrativen Zug ge-
sprochen?-, dass er souveräner Herr seines Schicksals ist trotz allem
Leiden. Mag sich so hochmütiger Trotz in masochistischen Charak-
39i
teren auch im Kleinen und Kleinlichen verraten, wir vergessen nicht,
dass es derselbe Zug ist, der den Grössten der Menschheit eignet,
denen, deren Durchsetzung im Leiden, deren Widerstandsfähigkeit
gegen den Druck wir das Beste verdanken. Es geht eine Linie von
dem kleinlichen eigensinnigen Trotz des A4asochisten bis zum pro-
metheischen Widerstreben Beethovens, dessen Devise „Durch
Leiden Freuden" war. Es ist dieselbe Linie, welche so vielen Analy-
tikern gebrochen schien. Das aber ist eine optische Täuschung, sie
ist nicht gebrochen, sie scheint nur so in der Spiegelung des seelischen
Stromes. Unterirdisch geht sie in gerader Richtung weiter. Wir
wissen wie: in der Richtung der Befriedigung, die nur in die Ferne
gerückt ist und die dem Masochisten gesichert erscheint, auch wenn es
die fernste Ferne ist. Die Psychologie des Masochismus führt von
jedem Punkt der Betrachtung wie von unsichtbaren Händen geleitet
zu der grossartigen Bedeutung der Phantasie für diese Lebensein-
stellung zurück.
Zu dem früher Gesagten will ich noch nachtragen, dass sich die
Gegenprobe zu meiner Auffassung des masochistischen Charakters,
der sich die Angst durch Leiden erspart, in der Analyse der Neurosen
ergibt. In der Zwangsneurose wird diese Angstentwicklung durch
Einschaltung von Schutz- und Sicherheitsmassnahmen vermieden,
die Unheilserwartung durch Sühneaktionen abgewehrt. Eine Zwangs-
kranke wurde von dem Gefühl beherrscht, es gehe ihr zu gut. Sie
meinte dies gewiss nicht absolut, sondern relativ: im Verhältnis zu
so vielen Anderen, denen es so viel schlechter gehe. Sie war so häufig
unbewusst gezwungen, etwas zu tun, das ihr Schaden brachte, damit
es ihr nicht gut gehe. Sie versagte sich Vergnügungen, die ihr ange-
boten wurden wie Reisen, Theaterbesuche, neue Kleider u.s.w.
Sie fürchtete nämlich, es werde ihr bei Annahme noch besser gehen
und etwas sehr Schlimmes wie eine schwere Krankheit werde dann
sie oder ihre Kinder ereilen, ein Krieg werde ihr Land verwüsten
u.s.w. Auf der anderen Seite hiess sie jede interkurrente Krankheit,
jeden kleinen Unfall oder jede Schädigung willkommen, weil dadurch
jene Unheilserwartung herabgesetzt wurde. Wenn sie ein kleines
Missgeschick traf, fühlte sie sich ruhig, athmete gleichsam innerlich
392
auf. Wenn ihr aber etwas Schweres gelang, bekam sie stärkere Angst.
Sie suchte dann durch philantropische Betätigung ihre Schicksals-
angst zu beschwichtigen. Ihre Leben wurde durch diese ihrem Inhalt
nach vague, ihrer Intensität nach mächtige Angst verbittert. Es ist
dieselbe Angst, die in Schillers Gedicht den Gast des Polycrates
beherrscht, die Angst vor dem Neid der Götter, anders gesagt, das
eigene Schuldgefühl. Man wird hier die Verbindung zwischen neuro-
tischem und masoch istischem Charakter ebenso erkennen wie ihre
Differenzen. Die Flucht nach vorne, in Unlust, Entwürdigung und
Schmerzen, hat hier jene Angst gebannt. Sie weist aber auch die
Richtung für die Befriedigungstendenz an. Die Unheilserwartung
steht psychologisch im Hintergrunde, während sie das Seelenleben
des Zwangskranken beherrscht. Beim Masochisten, der sich zum
Neurotiker verhält wie das Positive zum Negativen, ist die Lust-
strebung viel stärker. Die Hoffnung, mit dem Leiden oder durch
das Leiden die gewünschte Befriedigung zu erreichen ist vorherr-
schend. Sie bliebt noch dann bestehen, wenn diese Befriedigung erst
nach dem eigenen Tode erwartet wird und erhält die Gestalt der
Heilserwartung.
In loser Anordnung seien hier einige Bemerkungen angereiht, die
erweisen wollen, dass meine Auffassung auch zur Aufklärung von
Phänomenen beitragen kann, die dem Masochismus nahestehen,
ihm benachbart sind. K. Menninger bezeichnet in seinem
dokumentarisch so reichen Buch „Man against himself" den Selbst-
mord als einen masochistischen Akt. Eine solche Behauptung ist
natürlich weder zu bestätigen noch zu widerlegen. Es gibt keine
psychologischen Erfahrungen über die Vorgänge im gelungenen
Selbstmord; es dringt kein Bericht zu uns aus dem Land, aus des
Bezirk kein Wanderer wiederkehrt. Was an Theorieen über die
Psychologie des Selbstmordes aufgestellt wird, kann nur aus Beobach-
tungen von Selbstmordversuchen gewonnen werden. Die Meinung
etwa, jeder Selbstmord sei eigentlich ein gegen einen Anderen gerich-
teter Mord, lässt sich natürlich nur so verstehen, dass dem Akt Phan-
tasieen solcher Art vorausgegangen sind. Es ist dabei nicht wesentlich,
ob diese Vorstellungen bewusst oder unbewusst geblieben sind. Diese
bb 393
Phantasieen sind ihrer Natur nach sadistische. Der Weg, der von
ihnen zur Ausführung des Selbstmordversuch führt, ist derjenige,
den ich in der Ableitung der masoch istischen Triebneigung im All-
gemeinen beschrieben habe. Das Objekt der Aggression fliesst all-
mählich in der Phantasie mit der passiven Person zusammen und
schliesslich wendet sich im Schlussakt die lustbetonte Phantasie gegen
dieses Ich, das zugleich Er oder Sie ist. Als charakteristisches Mittel-
glied zwischen diesen Phasen der Phantasie kann die Vorstellung
auftauchen: er (das ursprüngliche Objekt der Aggression) wird durch
meinen Selbstmord leiden. Dieses in der Vorstellung vorwegge-
nommene Bild bezieht sich nicht nur auf vermutete Gewissensbisse
und Reue, sondern ist ursprünglich auf den Glauben an eine aus-
gleichende, rächende Gerechtigkeit gebaut. In diesem Sinne-aber
nur in diesem bisher nicht gewürdigten Sinne der Befriedigung in der
Phantasievorwegnahme- kann man vom Selbstmordversuch als
einer masoch istischen Aktion sprechen. Das will heissen, der Selbst-
mordversuch greift auf die Wendung einer sadistischen Phantasie in
eine masoch istische zurück. Es ist nämlich wahrscheinlich, dass die
Ausführung der meisten Selbstmordversuche die Realisierung solcher
früherer Phantasieen darstellt. Es ist für diese Auffassung nicht^
wesentlich, ob die Phantasie lange zurückliegt oder dem Tage ange-
hört. Gewiss aber ist, dass solche vorausgenommene Phantasie-
befriedigung der eigenen Aggression nicht der alleinige Lustgewinn
ist, den die Selbstmordphantasie bringt. Die Geltendmachung des
eigenen Willens, die posthume Anerkennung der eigenen Persön-
lichkeit, die antizipierte Befriedigung des eigenen Opfermutes oder
Edelsinnes wird sich hier ebenso wie im sozialen Masochismus als
Motiv erraten lassen. Schliesslich wird man auch in der Selbstmord-
phantasie die vorgestellte Erlösung vom Leiden, die Lust an der Heils-
erwartung, nicht gering schätzen. Noch dort, wo das Ich sich ver-
nichten will, will es Lust erwerben. Der Mensch ist nicht nur ein
ewiger Lustsucher, er ist ein Lustsüchtiger- noch dann und erst recht
dann, wenn er zum Masochisten geworden ist.
Die Bedeutung der sadistischen Phantasie als Ausgangspunkt
für ein selbstschädigendes Verhalten ist auch in jenem Phänomen
394
noch nicht gewürdigt worden, das F r e u d als typisches Scheitern
am Erfolg gekennzeichnet hat. Freud hat einige prägnante Beispiele
gegeben: den klinischen Assistenten, der so lange gewünscht hat
Professor zu werden und der auf diese Position verzichtet, als sein
Vorgänger plötzlich starb, das Mädchen, das sich von einem geliebten
Mann zurückzieht, da dessen kranke Frau, die Rivalin, plötzlich
stirbt und ähnliche Fälle. Die analytische Erklärung Freuds, dass
sich in diesen Fällen eine moralische Reaktion einstellt, der Verzicht
aus unbewussten Schuldgefühl geschieht, ist natürlich die richtige.
Gewissensansprüche, die sich jetzt melden, werden verhindern, dass
der Erfolg genossen, ja dass er auch nur akzeptiert wurde. Ein geheim-
nisvolles Veto, aus seelischen Untergründen auftauchend, ist einge-
treten. Diese Verbot kann sich in verschiedener Form durchsetzen.
Ein jungen Mann, der von einem besonders sparsamen, reichen Vater
materiell abhängig war, erfuhr plötzlich, dass der Vater einem
Schlaganfall erlegen war. Er ist einziger Erbe. Ein paar Stunden
später darauf ist er beim Lenken seines Autos so ungeschickt, dass er
tötlich verunglückt. Die unbewusste Reaktion könnte sich in anderer,
minder dramatischer Form äussern und doch wirksam sein: der junge
Mann könnte sein Erbe verschwenden, eine schwere Neurose er-
werben, sich plötzlich einem einsamen asketischen Leben zuwenden
u.s.w. Es scheint, als ob die Zeit, die unmittelbar auf die Erreichung
eines unbewussten Wunsches gefolgt ist, für übermoralische Charak-
tere gefährlich ist, wenn der Erfolg an den Tod oder das Unglück
eines Anderen gebunden ist. Sie haben allen egoistischen Grund, den-
jenigen, die sie in ihren Phantasieen umgebracht haben, zu wünschen,
sie sollen lange leben.
Die eigene Auffassung der masochistischen Einstellung, deren
Rayon das beschriebene Phänomen zweifellos angehört, macht es
notwendig, die Freudsche Auffassung in zwei Punkten zu
ergänzen oder zu korrigieren. Der erste ist in dem Hinweis be-
schlossen, dass jener Verzichtreaktion eine Zeit von Phantasieen voraus-
gegangen ist, in welchen das Unglück oder der Tot des Rivalen anti-
zipiert wurde. Auch hier ist also die sadistische Phantasie der Aus-
gangspunkt für die folgende halb- masoch istische Reaktion. Damit
395
ist es aber nicht abgetan. Man muss einen anderen psychologischen
Vorgang, der sozusagen unter Freuds Schreibtisch gefallen ist,
einschalten: den unbewussten, aber wilden Triumph beim Eintreffen
der Nachricht des Unfalles oder Unglücks des Rivalen. Der folgende
Verzicht ist somit nicht nur eine Reaktion auf jene meist wieder-
holten, sadistischen Phantasieen, sondern auch auf die eine Minute
des Triumphgefühles, das sogleich abgewehrt wurde. Von der anderen
Seite gesehen stellt es sich als Selbstschutz dar. Das Ich schützt sich
vor der dunklen Schicksalsangst, die gerade bei einem, solchen un-
erwarteten, unbewusst aber gewünschten Erfolg übermächtig zu
werden droht.
Es ist verlockend, die seelischen Vorgänge mit denen beim maso-
chistischen Charakter zu vergleichen. Hier folgt auf die in der Phan-
tasie vorweggenommene Lust die Selbstbestrafung, beim Maso-
chisten geht sie voraus, um die Lust gemessen zu können. Der Maso-
chist erkauft seine Befriedigung durch Leiden, der neurotische
Charakter des geschilderten Typus verzichtet aus Angst auf die
Befriedigung.
Es ist ferner einzutragen, dass das Ich durch erhöhte Selbst-
schätzung bei solcher moralischer Reaktion bewusst oder unbewusst
auf seine Kosten kommt. Es scheint, wir wollen alle besser oder edler
sein als wir unserer Anlage und unseren Fähigkeiten nach sein können.
Daran ist sicherlich zum grossen Teil unsere Erziehung schuld, die
uns unaufhörlich die höchsten Vorbilder als nicht nur nachstre-
benswert, sondern auch als erreichbar vorstellt. Ihr Anblick gibt den
Engeln Stärke, aber uns arme Erdenkinder füllt er mit jenen Minder-
wertigkeitsgefühlen, die durch die masochistische Einstellung ausge-
glichen und bewältigt werden sollen. Hätte der Gott uns anders gewollt,
so hätte er uns anders geschaffen. Es besteht wenig Aussicht, dass uns
nach dem Vorbild der Engel Flügel an den Schultern wachsen werden
und auch der Glaube an Auferstehung, der für die Spätform des
Masochismus in seiner eschatologischen Gestalt so bedeutsam ge-
worden ist, verliert seine Kraft. Es bleibt dabei: „Si on est mort, c'est
pour longtemps".
396
J
Sieg durch Niederlage
Was ist der geheime Sinne der masochistischen Lebeneinstellung,
das, was sich hinter ihr verbirgt und in ihr verrät? Wir haben darnach
gesucht und ihn überall vermutet. Als wir Kinder waren, haben wir
ein Spiel gespielt, in dem Einer aus dem Zimmer geschickt wurde,
während die Anderen einen Gegenstand versteckten. Das Kind wurde
dann hereingerufen und sollte das verborgene Objekt suchen. Wenn
es sich weg von dem Gegenstand begab, riefen die Kinder: „Wasser,
Wasser!" Wenn es sich aber dem Versteck annäherte, riefen die
anderen : „Es brandelt" ! Kam der Suchende noch näher, sagten sie :
„Heiss" und „Noch heisser" und schliesslich: „Es brennt", wenn er
ganz nahe war. Wir sind im Suchen nach dem verborgenen Sinn der
masochistischen Triebneigung ähnlich vorgegangen wie damals.
(„Wir spielen immer. Wer es weiss ist klug" lässt A. Schnitzler
eine seiner Gestalten sagen. Wirklich, wir setzen auch in der wissen-
schaftlichen Forschung unsere Kinderspiele fort. Man möchte sagen:
Wir spielen immer. Wer es vergisst, ist klüger.) Wir sind auf die
Suche gegangen, haben unserer Beobachtungsgabe und unserem
Finderglück vertraut und sind in die Nähe des Gesuchten gekommen.
Wir meinen, zu hören „Es brandelt" und sind darauf vorbereitet, die
Flamme aufsteigen zu sehen, die im Masochismus erborgen, unter
der Asche brannte. Die Erscheinungen, in denen diese Triebneigung
uns in so vielfältiger Gestalt entgegentrat, ersetzten die vielen Ge-
genstände des Zimmers, in dem wir damals zu suchen hatten. Jene
gemeinsamen Charakteristika, Merkmale, die allen Gestaltungen
des Masochismus gemeinsam sind, dienten uns als kleine verräterische
Zeichen, welche in der Suche halfen. Ihre Entdeckung hat uns gute
Dienste geleistet.
Unser Ausgangspunkt war der Eindruck des Paradoxen, den die
Erscheinungen des Masochismus machten. Diese Triebneigung
schien uns nicht wie vielen Beobachtern unsinnig oder widersinnig,
sondern gegensinnig. Die hier gegebene Auffassung bestätigt die
Berechtigung dieses ersten, seiner Natur nach unbestimmten Ein-
drucks. Der Gegensinn, der Trotz, die heimliche Auflehnung
397
ist nicht etwa nur ein Einzelelement des Masochismus, dringt
nicht nur in seine Erscheinungen ein, sondern liegt ihnen zu-
grunde.
Wir verstanden das besser, als wir die eigene Auffassung des Wesens
des Masochismus der bisherigen gegenüberzustellen begannen. Der
intime Zusammenhang zwischen dieser Triebneigung und ihrem
Gegenpart, dem Sadismus, war überall angenommen. Diese Ver-
bindung stellt sich uns aber sowohl ihrer Entstehung als ihrem Wesen
nach anders dar als bisher. Der Sadismus bleibt im Masochismus nicht
nur in der Form der Identifizierung mit dem Aktiven erhalten und
der Masochismus ist nicht nur ein gegen das Ich gekehrter Sadismus.
Er ist vielmehr noch immer Sadismus gegen den Anderen, nur auf
den Kopf gestellt und auf lange Sicht. Er ist in der Darstellung durch
das Gegenteil entstellt und unerkennbar geworden, tobt sich am Ich
aus, weil es das zweitbeste und zweitnächste Objekt ist. Ursprungs-
gebiet des Masochismus ist nicht die sadistische Aktion, sondern die
Phantasie. In seiner Endphase, in seiner vergeistigtesten Form kehrt
er dorthin wieder zurück.
Die Umkehrung aller Lustwerte, die am Masochismus am auf-
fallendsten war, hat sich als nur scheinbar dargestellt. Der Masochist
sucht dieselbe Lust wie wir alle, aber er erreicht sie auf einem anderen
Wege, auf seinem Umwege. Durch die Angstdrohung eingeschüch-
tert, durch die Vorstellung der Strafe und später durch das Schuld-
gefühl gehemmt, hat er seine besondere Art gefunden, der Angst
auszuweichen und zu seiner Lust zu kommen. Er nimmt die Strafe,
das Leiden, die Beschämung freiwillig auf sich und hat sich so trotzig
das Recht erkauft, die versagte Befriedigung zu geniessen. Das Zu-
rückweichen vor der Kastrationsangst kann nicht die Bedeutung
haben, die ihm bisher zugeschrieben wurde. Diese psychologische
Voraussetzung würde für die Bildung des passiv- femininen Charak-
ters, nicht für den masoch istischen bestimmend sein. Das Zähe und
Hartnäckige, das Insistieren auf der Strafe, der heimliche Aufruhr
passen gewiss nicht zu der Demut und der Passivität, die man dem
Masochisten allgemein zuschreibt. Die Befriedigung des Schuld-
gefühles hat ebenso wenig Aussicht, als das wichtigste Kriterium des
398
^
Masochismus anerkannt zu werden, es ist nur die wichtigste Vor-
bedingung der Erfüllung seines triebhaften Drängens.
Was wir suchen ist jenes Gemeinsame, das allen diesen aufge-
zeigten Zügen zugrundeliegt, das die Zusammenwirkung von Lust
und Angst erklärt, dem Trotz und der Rebellion ihren Platz im Gan-
zen anweist, das nahe Ziel der sexuellen und aggressiven Befriedigung
und das ferne Ziel der eigenen Willensdurchsetzung und der Anerken-
nung des Ichs einschliesst. In der Perversion ist gewiss das sexuelle
Moment vorherrschend, es ist aber in der sozialen masoch istischen
Gestaltung nicht verschwunden. Im masoch istischen Charakter tritt
Aggressionslust, Machtbegierde und Ehrgeiz in Verkleidung vor die
Rampe, aber die erotische Beziehung zum Mann als Vorbild und
Rivalen steht doch hinter den Kulissen. Bedürfnisse des Geschlechtes
und des Ichs werden in wechselnder Stärke in jeder Form des Maso-
chismus befriedigt. Angst vor der äusseren Strafe oder vor den
Schrecken des Gewissens wird in jeder seiner Gestaltungen durch
die Flucht nach vorne überwunden.
Ich suche eine psychologische Formel, die auf prägnanteste Art
alle diese Wesenszüge zusammenfasst und doch keinen von ihnen in
den Hintergrund drängt. Sie soll das Ziel angeben, dem der Maso-
chismus zustrebt und den Weg, den er sich zu diesem Ziel gefunden
hat. Diese Formel soll also für die sexuelle wie für die soziale Ent-
wicklungsform des Masochismus Gültigkeit haben, die grob sinn-
lichen ebenso wie die vergeistigtesten Äusserungen einschliessen und
die sexuelle Perversion ebenso wie die allgemeine Lebenseinstellung
in ihrem Kern kennzeichnen. Das ist gewiss eine hohe Anforderung,
eine zu hohe, als dass ich ihr genügen könnte. Am nächsten komme ich
ihr, wenn ich Wesen und Ziel des Masochismus in den drei Worten:
Siegdurch Niederlage zusammenfasse.
Im Masochismus hat das Prinzip des Trotzdem, der Charakter
des Quand-meme eine Gestaltung im Triebleben gefunden. Die
sexuellen und gewalttätigen Impulse haben sich zeitweilig den ver-
bietenden und bestrafenden Instanzen unterworfen und sich gerade
dadurch den Zugang zur Triebbefriedigung erzwungen. In ihrem
Drängen nach dem Lustziel durch überlegene Gewalten abgedrängt,
399
haben sie auf dem ihnen aufgezwungenen Weg ihr ursprüngliches
Ziel erreicht. In seinem Wesen hat der Masochismus in der Aufein-
anderfolge von Strafe und Befriedigung seine seelische Entstehung
verewigt, indem er wie zum Hohn die wesentlichen psychologischen
Momente umgekehrt darstellt. Er nimmt die Strafen und die Be-
schämung nicht etwa an, sondern er nimmt sie vorweg. Er zeigt nicht
nur, dass sie ohnmächtig waren, ihn von der verbotenen Lust abzu-
halten, sondern auch, dass sie ihm gerade dazu verholfen haben.
Indem der Masochist sich an die Stelle der strafenden Autorität
setzt, macht er sie überflüssig. Indem er sich selbst bestraft und be-
schämt, verwandelt er die Bestrafung in einen Reiz. Im Festhalten
an der Unlust, im Bestehen auf dem Schmerz und der Erniedrigung
zeigt er ingrimmig, dass alle Massregeln der Erziehung und der Kul-
tureinschränkung zur Fehlschlägen werden können, wenn man sich
ihnen nur scheinbar unterwirft. Er führt alle Bemühungen, ihn zum
Triebverzicht zu bringen, ad absurdum, da er die Bestrafung zur
Bedingung des Genusses erhebt. Indem er nicht nur trotz dem Leid,
sondern durch das Leid seine Lust erreicht, hat er ein ingeniöses Mittel
gefunden und die Via dolorosa in eine Triumphstrasse verwandelt.
So wird noch der Weg nach Golgatha zum Weg des ewigen Heiles.
Der Masochismus verliert alle Schlachten, nur die letzte nicht. Er
weiss — oder weiss es zumindestens in der vorwegnehmenden Phan-
tasie — dass ihm am Ende, nach allen Niederlagen der Preis winkt.
Er lässt seinen Widersacher, den Sadisten, allen Genuss der Stunde
auskosten ■ — ja er kostet ihn mit ihm — aber er wartet auf den einen
Augenblick, der die Wende bringt. Er sieht voraus: noch ein solcher
Sieg und der Gegner ist vernichtet.
Solche heimliche Überlegenheit aber schöpft ihre stärkste Kraft
aus einer Phantasie, welche die Grenzen der Zeit nicht anerkennt und
das Suspense immer weiter auszudehnen vermag. Wenn nicht im
Leben, so wird der masochistische Charakter nach seinem Tode zu
dem Rechte kommen, das man ihm hier verkümmert hat. Die Nach-
welt wird ihn gerechter richten und sie wird ihn an seinen Feinden
rächen. Der sexuelle Masochist ist bereit, den Genuss eines Augen-
blickes mit Unlust und Schmerzen, mit Martern, im äussersten Falle
400
mit dem Einsatz seines Lebens zu erkaufen. Der masochistische
Charakter hat die Dauer des Leidens und des Wartens aufsein ganzes
Leben ausgedehnt. Er fühlt, dass alles Elend, alle Erniedrigung und
Beschämung, die er schmerzhaft empfindet, durch das aufgewogen
wird, was nachher kommt. Im Vorgefühl und in der Vorstellung
künftiger Anerkennung und des Lobes der Nachwelt geniesst er
Wonnen, die nur Gott verleiht. In einem anderen, höheren Sinn,
doch ihm in dunklen Tiefen des Seelischen verbunden, fühlt der
Märtyrer wie der masochistische Perverse: ein Augenblick, gelebt
im Paradiese, ist nicht zu teuer mit dem Tod bezahlt. Hier wie dort
heisst das letzte Motiv Lust. Alles andere, auch die Beschwichtigung
des Schuldgefühles, bezeichnet nur eine unvermeidbare Durchgangs-
phase. Noch der Märtyrer und der Heilige geniesst in seinen letzten
Augenblicken jene Lust: noch am Grabe pflanzt er die Hoffnung auf
sie auf. Indem er in seinen Martern und Opfern, die nahe Aufnahme
in das Paradies vor sich sieht, hat er einen Vorstellungs- Vorschuss
auf die Seligkeit genommen.
Solche Vorwegnahme künftigen Erfolges und Glückes ist nicht
auf den Einzelnen beschränkt. Das israelitische Volk hat den Massen-
traum des Messias als des Erlösers und den der nationalen Auferstehung
geträumt, bevor das Christenzum ihn aufnahm und in neuer Form
fortsetzte. Der Auferstehungsgedanke und die Heilserwartung
machten das irdische Leid des mittelalterlichen Christen leicht. Die
Kirche hat ihm dafür das Versprechen der Paradieseslust gegeben.
Ja sie konnte sogar die Schuld Adams und die Erbsünde zur sicheren
Gewähr der Erlösung umprägen. „Felix culpa", singt jene Hymne.
Was dem Einzelnen als Lohn für sein Dulden winkt, ihm phantasierte
Befriedigung inmitten von Erniedrigung und Beleidigung nahebringt,
wird sich auch für Völker als Trost erweisen: wer so leidet ist auser-
wählt vor Anderen, ist diesen Anderen überlegen und hat eine Mission,
welche die Welt einmal anerkennen muss. Der Triumph späterer
Zeiten, wie ihn der einzelne masochistische Charakter erträumt, ist
hier zum vorweggenommenen Triumph einer Nation oder eines
religiösen und nationalen Glaubens geworden.
Mit dem Absinken der Religion als sozialen Faktors verändert
401
sich langsam der Aspekt. Statt des Reiches Gottes wird nun die Be-
friedigung in der Gewissheit einer besseren irdischen Zukunft der
Menschheit gesehen, der zuliebe alles Leid der Gegenwart ertragen
wird. Statt der Aussicht, zu seinen Vätern versammelt zu werden
und mit ihnen die himmlische Seligkeit zu gemessen, gilt die Hoffnung
nun unserer Kinder Land. Das Suspense hat im Masochismus der
Massen nur seine Ziele, es hat nicht sein Wesen verändert. Es hat
jenen Aufschub von der Dauer eines Augenblickes auf das Leben
ausgedehnt, von Minuten auf Ewigkeiten. „Es kann die Spur von
meinen Erdentagen nicht in Aeonen untergehen", so nimmt Faust
die Befriedigung in fernsten Zeiten voraus.
Die Akzentverschiebung von der Energie des eigenen sexuellen
und aggressiven Willens auf die Leidenskraft und Leidensfähigkeit
bezeugt noch immer den Trotz im Charakter des Masochismus. Die
Steigerung dieses Trotzes äussert sich noch darin, dass das Leiden
selbst zur Lust gemacht wird, deren Spannweite vom sexuellen Orgas-
mus bis zur religiösen oder künstlerischen Exstase reicht.
Der Tagtraum eines jungen Mannes nahm durch die Häufung .
retadierender und erschwerender Momente, die sich im Laufe der
Zeit Eingang in ihn verschafft hatten, immer mehr einen masochi-
stischen Charakter an. Der Patient hatte eine leidenschafliche Liebe
zum Theater gefasst und wollte Schauspieler werden. Der Vater
versagte seine Zustimmung. Der junge Mann phantasierte, er werde
das Vaterhaus verlassen und ohne Mittel in die Fremde gehen, um
dort Schauspieler zu werden. Schliesslich werde er unter fremdem
Namen berühmt werden. Sein Vater, der einmal nach vielen Jahren
ein Theater besucht, werde dann Zeuge seines Erfolges sein. Später
traten Vorstellungen -das Holländische hat den plastischeren Ausdruck
„denkbeeiden"- des eigenen Elends und Hungers und der eigenen
Entwürdigung während des Weges zum Erfolg der Phantasie immer
mehr in der Vordergrund, der Weg aber dahin dehnte sich immer
länger aus. Die Szenen bitterer Not und Entbehrung in dieser Zeit
wurden mit immer mehr Einzelheiten, fast könnte man sagen, mit
mehr Behagen ausgemalt, der Erfolg wurde in der Vorstellung hin-
ausgeschoben. Gelangte der Tagträumer endlich dorthin, war aus dem
402
■
Erfolg ein rauschender Triumph geworden und der Vater erschien
umso tiefer beschämt. In ähnlicher Art schieben Völker, religiöse
oder nationale Gemeinschaften die Aussicht auf den Sieg der von
ihnen verkörperten Idee hinaus und bleiben seiner sicher und umso
sicherer, je schwerer die Heimsuchung ist, der sie in der Gegenwart
ausgesetzt sind. Ja, wie im sexuellen Masochismus die Leidsteigerung
das nahe Eintreffen der lustvollen Entspannung anzeigt, so wird im
kollektiven Leiden stürkste Not und Unterdrückung zum Zeichen
der bevorstehenden Erlösung und des eigenen Triumphes. Die Kraft,
die dort, mit Schopenhauer zu reden, im „Brennpunkt des
Willens" wirkt, ist hier durch die brennende Ehrbegierde und die
Sehnsucht nach der Glorie des Ichs ersetzt. Wie dort die Beschämung
durch Zurechtweisung und Tadel empfunden wird, so hier die Ernie-
drigung und Entwürdigung eines Volkes oder einer Religion. Hier
wie dort werden in der vorauseilenden Phantasie die Letzten die
Ersten sein, wird sich Schmach und Schimpf zu Ruhm und Ehre
wandeln. Der spottenden Verwunderung „How odd of God to choose
the Jews" tritt die Auserwähltheitsgewissheit der Juden gerade mit
Berufung auf das Leiden zweier Jahrtausende entgegen.
Der Masochismus bezeichnet im Leben des Einzelnen wie in dem
der Gemeinschaften eine notwendige Durchgangsphase von der
Entwicklung sadistischer ungebändigter Triebkraft zur Bewältigung
und Zähmung des Triebhaften im Sinne der Kulturentwicklung.
Als eine Vorstufe ihrer Anerkennung erscheint er in trotziger und
aufrührerischer Gestalt gegenüber den überlegenen Gewalten, indem
er seinen Willen auf einem Unweg durchsetzt. Er stellt aber unstreitig
einen Kulturfortschritt dar, wenn er unter die Notwendigkeit der
Wahl gestellt, es vorzieht, der Geschlagene als der Schlagende zu sein.
In seinen krankhaften Verzerrungen und in seinen Wucherungs-
formen gefährdet er den Kulturweg, da er dem Ich und den Gemein-
schaften nutzlose Opfer zumutet und übergrosse seelische Lasten
aufbürdet. Das Leiden wird von einer biologischen Notwendigkeit
zu einem seelischen Luxus. Die Zeit heilt freilich alle Wunden. Sie
heilt aber diejenigen, die wir uns selbst schlagen, am schwierigsten.
Wir haben die masochistische Triebneigung sowohl in ihrer kultur-
403
fördernden als in ihrer kulturfeindlichen Funktion studieren können.
Alle so verschiedenen und oft so dissonierenden Xonfolgen, die
wir im Masochismus gehört haben, klingen am Ende doch in einem
vollen starken Akkord aus: allen Gewalten zum Trotz sich erhalten
und, wo dies nicht möglich ist, allen Gewalten zum Trotz unter-
zugehen.
404
INHALTSVERZEICHNIS
ZUR EINFÜHRUNG Seite
Aus Leiden Freuden 5
DIE ANSCHAUUNGEN FREUDS
Der moralische Masochismus 1 1
Der feminine Masochismus 18
Der erogene Masochismus 29
Die Entstehung des Masochismus nach Freud . ... 35
DIE ERSCHEINUNGEN
Der Eindruck des Paradoxen 42
Repräsentative Beispiele 44
Die Merkmale 47
Die besondere Bedeutung der Phantasie 47
Das Suspense-Moment 62
Der demonstrative Zug 77
Kontrapunkt. (Der provokatorische Faktor) ... 89
DIE SEELISCHEN VORGÄNGE
Zwischen Angst und Lust 98
Die Ungeduld des Duldenden III
Die Flucht nach vorne 1 19
Anticipando J 29
Der geheime Sinn der Zurschaustellung 139
Darstellung durch das Gegenteil und durch Über-
treibung I5 1
A
DIE ENTSTEHUNG DES MASOCHISMUS AUS
DER PHANTASIE
Die Zwischenphase I70
Die Theorie Freuds und die eigene Ansicht . . . . 189
DIE GESCHLECHTER
Die Beziehung zur Weiblichkeit xoo
Der Masochismus der Frau 210
Die verletzte Selbstliebe und der Stolz 2 20
Die vorweggenommene Rehabilitierung 2 ?g
Rast und Rückblick 2 -^
DER SOZIALE MASOCHISMUS
Der Traum ein mögliches Leben 26"
Orientierung im neuen Gebiet 2 g 2
Das nahe und das ferne Ziel
Das fernste Ziel
Die Paradoxieen Christi
Märtyrer und Masochist-Gegensätze in der Gemein-
samkeit
297
320
328
RANDPROBLEME
Die Beziehung zur Neurose
Kultur, Leiden und Leidsucht
Nachlese .....
Sieg durch Niederlage .
333
343
356
37i
397
FRÜHER VERÖFFENTLICHTE BÜCHER VON
DR. THEODOR REIK
IM VERLAG R. LOEWIT, LEIPZIG UND WIEN:
Richard Beer-Hofmann. 19 12.
•
IM VERLAGE I.C.C. BRUNS, MINDEN:
Flaubert und seine Versuchung des heiligen Antonius. Ein Beitrag
zur Künstlerpsychologie. Mit einer Vorrede von Alfred Kerr. 19 12.
Arthur Schnitzler als Psychologe. 19 13.
•
IM INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN VERLAG, WIEN UND LEIPZIG:
Das Ritual. Zweite Auflage. Mit einer Vorrede von Professor
Sigmund Freud. 1919-
Der eigene und der fremde Gott. TLux Psychoanalyse der religiösen
Entwicklung. 1923.
Wie man Psychologe wird. 1927.
Geständniszwang und Strafbedürfnis. Probleme der Psychoanalyse
und der Kriminologie. 1926.
Dogma und Zwangsidee. Eine psychoanalytische Studie zur Ent-
wicklung der Religion. 1927.
Der Schrecken und andere psychoanalytische Studien. 1927.
Warum verliess Goethe Friederike? Eine psychoanalytische Mono-
graphie. 1929.
Gebetmantel und Gebetriemen der "Juden. Ein psychoanalytischer
Beitrag zur hebräischen Archäologie. 1931.
Lust und Leid im Witz. Sechs psychoanalytische Studien. 1929.
Freud als Kultur kritiker. Mit einem unveröffentlichten Brief*
Freuds. 1930.
.
Nachdenkliche Heiterkeit. 1932.
Der unbekannte Mörder. Von der Tat zum Täter. 1932.
•
IM VERLAGE A. W. SIJTHOFF, LEIDEN, HOLLAND:
Der überraschte Psychologe. Über Erraten und Verstehen unbe-
wusster Vorgänge. 1935.
Wir Freud — Schüler . 1936.
•
IN DER HOGARTH PRESS, LONDON:
Ritual. Translated by Douglas Bryan.
The Unknown Murderer. Translated by Dr. Katherine Jones.
•
IM VERLACE KEGAN PAUL, TRENCH, TRUBNER AND CO., LTD., LONDON:
Surprise andthe Psycho- Analyst. Translated by Margaret M. Green.
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THEODOR REIK