(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Children's Library | Biodiversity Heritage Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Zur Menschenkenntnis. Ein psychoanalytischer Wegweiser für den Umgang mit sich und anderen"

:i 












HANNS SACHS 



zur 



enschen 
Kenntnis 







.'.'. 



HANNS SACHS 

ZUR MENSCHENKENNTNIS 











HANNS SACHS 

ZUR «< 

MENSCHENKENNTNIS 

Ein 

psychoanalytischer 

Wegweiser 

für den 

Umgang 

mit sich 

und 
anderen 

1936 

INTERNATIONALER 

PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

WIEN 











Alle Rechte, insbesondere die der Überietinng, vorbehalten 

Copyright 1936 

by Internationaler P.ychoanalyliacher Verlag in Wien 



INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

OIE PSVCHOANALVTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




Prinled in Aualria 
Druck der Uarmchen Bncbdruckerci, Wien IX 



ERSTES KAPITEL 

ALLGEMEINES 

Es heißt gewöhnlich, unsere Menschenkenntnis 
werde dadurch getrübt, daß wir die anderen 
Menschen zu sehr nach uns selbst beurteilen. 
Das mag im Grunde und im ganzen richtig sein, 
im Einzelfall ist es meistens falsch, und das Gegen- 
teil läßt sich oft erweisen, nämlich, daß der Irr- 
tum daher stammt, daß man die anderen nicht 
genug nach sich selbst beurteilt. Freilich sucht 
man, wie das Sprichwort sagt, den Dieb hinter 
dem Strauch, hinter dem man sich selbst ver- 
steckt hat, aber man sucht ihn doch auch oft 
genug gerade dort nicht, weil man an den Teil 
des eigenen Ichs, den man versteckt hat, nicht 
gerne erinnert sein will. 

Man beurteilt andere nach sich selbst und tut 
es mit einiger Berechtigung in den Dingen des 



Zur Menschenkenntnis 



gemeinen Nutzens, des direkten ökonomischen 
Vorteils. Der Wunsch, billig zu kaufen und teuer 
zu verkaufen, Gewinn zu suchen und Verlust 
zu meiden, ist eine allgemeine Voraussetzung, 
auf die sich bauen läßt. Aber ist das Streben nach 
Gewinn wirklich so ausschließlich, so allgemein 
herrschend, wie man uns erzählt? Wird der ma- 
terielle, ökonomische Gewinn, der mittelbar zur 
Befriedigung der Bedürfnisse und Wünsche der 
Menschen führt, dem unmittelbaren Lustgewinn 
regelmäßig vorangestellt? Wie oft und wie weit 
handeln wir in den „praktischen" Dingen rein 
praktisch und vernunftgemäß? Wieviel Neben- 
motive und Seitensprünge sind dabei, nicht nur 
im ökonomischen Verhalten des einzelnen, son- 
dern auch der Gesamtheit, der Staaten und Völker 
untereinander? Die Beobachtung zeigt, daß selbst 
auf dem eigentlich ökonomischen Feld, soweit es 
sich abgrenzen läßt, da, wo angeblich kalte Vor- 
teilsberechnung und nüchterner Gewinnkalkül 
alleinherrschend sind, sich so manches andere 
einmischt, was wir „Imponderabilien" zu nennen 
gewohnt sind, weil es sich unter diesem Namen 
am leichtesten vernachlässigen und beiseiteschie- 



Allgemeines 



ben läßt. Der ökonomische Motor ist stark genug, 
um die schwersten Lasten zu schleppen, aber 
trotzdem tun noch ein paar muntere Pferde Vor- 
spanndienst. 

Denken wir an die Leute, die als so fabel- 
haft „geschäftstüchtig" gelten, weil sie ihren Vor- 
teil mit dem größten Scharfsinn aufzuspüren, mit 
der äußersten Behendigkeit einzuheimsen wissen, 
wenn er aus der Ausbeutung, der Übervorteilung, 
der Düpierung eines anderen zu holen ist; diese 
„Findigen" übersehen den klaren, einfachen Ge- 
winn, der zu ihren Füßen läge, wenn der Fund 
den anderen nicht zum Schaden, sondern zum 
Nutzen gereichen würde. Eine Abart dieser Gat- 
tung ist die verruchte Rotte, der man besonders 
auf Reisen begegnet, die Leute, die alles billiger 
bekommen haben als die übrige Welt, die in 
jedem Hotel, in jedem Laden erfolgreich her- 
untergehandelt, die überall Prozente und Ra- 
batte erreicht haben und nun niemals müde wer- 
den, dies der Mitwelt mit immer neuen Details 
der Überheblichkeit zu verkünden. Wer glaubt 
ernstlich, daß solche Reisende die Genüsse ge- 
habt haben, die sie zu suchen vorgeben. Sie sehen 



Zur Menschenkenntnis 



keine Madonnen und Dome, keine Felsen und 
Gletscher, denen zuliebe sie angeblich von weit- 
her gekommen sind, sondern Preislisten und Pro- 
spekte und vor allem die Daheimgebliebenen, 
den Kreis der geneigten und noch öfter unge- 
neigten Hörer, denen sie ihre Heldentaten in 
fernen Ländern erzählen werden, die sie doch 
ebensogut hätten zu Hause verrichten können. 
Und das „Ökonomische", der bare Nutzen, der 
dabei eigentlich das treibende Motiv sein soll? 
Ich hab' es noch nicht erlebt, daß einer dieser 
„Besser— billiger"-Leute Millionär geworden wäre, 
und kann den Verdacht nicht loswerden, daß 
die vielen kleinen Siege gelegentlich in eine große 
Niederlage münden, die alle Früchte jener reich- 
lich aufwiegt, aber für alle, außer den daran 
Beteiligten, Geheimnis bleibt. 

Oder die gute „Hausfrau", die ihre Wohnung 
so herrlich sauber und blitzblank zu halten weiß, 
daß man „vom Fußboden essen könnte". Tut sie 
das zur Freude der Hingen, für den Gesundheits- 
wert einer schmutzfreien, hygienischen Umgebung, 
für die gute Instandhaltung und daraus abfol- 
gende Ersparnis? Keineswegs, das alles ist Selbst- 



Allgemeines 



zweck, dem diese Gründe nur als Vorwand die- 
nen. Familienfriede, Bequemlichkeit und Ruhe, 
selbst hygienisch wichtigere Forderungen der 
Reinlichkeit werden seiner Tyrannei ohne weite- 
res aufgeopfert. 

Geht der Erwerbssinn immer nur so weit, bis 
die Sicherheit der wesentlichen Befriedigungen 
gewährleistet ist, oder treibt er nicht oft weit 
darüber hinaus, bis dahin, wo der unersättliche 
Erwerb der Güter ihren Genuß verkümmern oder 
ganz unmöglich macht, so daß der zum Genuß 
unfähig Gewordene am Schluß keinen anderen 
Ausweg weiß, als das zu verschenken, an dessen 
Erlangung er sein Leben gesetzt hat? 

Angeblich sind die Menschen unserer Zeit so 
furchtbar berechnend und schätzen alle Dinge 
nach dem Geldwert ein. Es bleibt aber noch heute 
wie jemals das beste Mittel, sich jemanden ver- 
pflichtet und zur Gegenliebe geneigt zu machen, 
wenn man ihm gut und sorgfältig, unter Beob- 
achtung aller kleinen Eigenheiten und Wünsche, 
zu essen und zu trinken gibt. Sein Kopf mag 
nachrechnen, aber ein Bodensatz von Dankbarkeit 
bleibt — wenn auch nicht für lange — übrig, der 



10 



Zur Menschenkenntnis 



mit dem Additionsresultat nichts zu tun haben 
will. 

Die Freude an der kleinen Ersparnis ist von dem 
ökonomischen Wert unabhängig — sie wird auch 
meist nicht in der Form geübt, die uns die Moral- 
sprüche der Kindheit lehren wollten. Schwarz- 
fahren auf der Tram zum Beispiel wird so das 
Lieblingsdelikt der ehrlichen Leute und tritt an 
die Stelle der aufgehobenen Stecknadel des künf- 
tigen Millionärs. Zeit ist bekanntlich Geld, und 
so kennen wir alle wie den Groschen- so den Mi- 
nutensparer, der als Resultat längeren Studiums 
und einiger Hast selig lächelnd eine Viertelstunde 
auf die hohe Kante legt, — von wo er sie nie her- 
unterholen wird. 

Die Lichtausknipser, die Heizwärmesparer, die 
Papieraufbewahrer, wer lächelt nicht über sie und 
wer gehört nicht in irgend einem Sinne zu ihrer 
großen Familie ? Lassen sich dieSammelwütigen ab- 
grenzen und klar in vernünftige und unvernünf- 
tige scheiden — diese vom Bindfadenrest und jene 
von der Frühgotik ? Ihre Objekte sind unendlich 
verschieden, aber nicht ihre Freuden und Leiden, 
nicht ihr Benehmen, wenn sie ihre Schätze auf- 



stapeln und ordnen, nach immer vollständigerer 
Vollständigkeit streben, sich durch den Besitz 
an sich ohne Frage nach Nutzen oder Schönheit 
beglückt fühlen und trauern, weil sie sich von 
einem Stück trennen müssen. Anatole France 
deutet die Wahrheit auf seine unnachahmliche 
Weise an, wenn er den Zündholzschachtelsammler 
mit dem großen Gelehrten auf seiner Suche nach 
einem Manuskript zusammentreffen läßt. 

Wie ein Gegensatz dazu — aber manchmal sind 
es dieselben Menschen — erscheinen jene, denen 
ihr Eigentum nie gefällt, die mit jedem Einkauf 
unzufrieden sind, wenn er ins Haus kommt, und 
die sich immer ärgern, nicht das bestellt zu haben, 
was die Leute am Nebentisch essen. 

Die Liste läßt sich beliebig verlängern. Kinde- 
reien? Einverstanden! Aber diese Kindereien ma- 
chen tausendfach das Glück oder Unglück soge- 
nannter Erwachsener und sozusagen Normaler 
aus, sie beeinflussen ihre Handlungen, ihren Be- 
ruf, ihre Lebensform unvergleichlich mehr, als 
es die offizielle Auffassung zugibt, und als sie es 
selbst wissen. Die Beispiele, willkürlich herausge- 
griffen, wie sie sind, haben das eine Gemeinsame, 



12 



Zur Menschenkenntnis 



daß sie alle auf dem ökonomischen Felde spielen, 
vom Besitz und Erwerb handeln, also von den Din- 
gen,bei denen nach allgemeinem Urteil dasvernünf- 
tige Ermessen, die verstandesmäßige Berechnung 
ganz allein herrschend sein muß und deshalb auch 
ist. Wo sonst ist das Rationale im Leben zu Hause, 
wenn nicht im Wirtschaftlichen ? 

Daß auf anderen Lebensgebieten das Irratio- 
nale, die Imponderabilien, die Untertöne und 
Nebengeräusche, die Überraschungen und Rätsel- 
haftigkeiten zu Hause sind, wird niemand leug- 
nen. Werfen wir lieber keinen Seitenblick auf 
das Nachbarfeld, die Politik! Es bleibt noch sonst 
des holden und unholden Wahnsinns genug. 
Schweigen wir einstweilen noch von der Liebe — 
wir wissen ohnehin, wie oft sie allem Planvollen 
und Ichgerechten und am Ende noch sich selber 
widerspricht, ohne doch an einem dieser Wider- 
spräche zu scheitern. Der närrische Maskenzug 
bietet hinreichend Abwechslung, wenn wir nur 
auf einige der buntgemischten Gegensätze, wie 
Mut und Angst, Eitelkeit und Selbstpreisgabe, 
Eigensinn und Gehorsam achten wollen. Oder 
heben wir nur ein einzelnes Phänomen heraus: 



: 



Allgemeines 13 



die Freundschaft zwischen Personen desselben Ge- 
schlechts, die Männerfreundschaft, die in so vielen 
ernsten Dingen, wie Beruf und Politik, eine große 
Rolle spielt. Lassen wir alles Wissen und alle Mut- 
maßungen über unbewußte Grundlagen beiseite, 
halten wir uns einfach und ehrlich an die Tat- 
sachen unserer alltäglichen Erfahrung. Das Auf- 
tauchen und das Vergehen solcher Freundschaft, 
das Werben und das Umworbenseinwollen, die 
Eifersucht und das Schuldgefühl der Untreue, das 
Umschlagen in Haß oder das Absinken in Gleich- 
gültigkeit, das alles trägt deutlich die Charakter- 
züge und die Spannungsformen eines einzigen 
Gefühls in sich: der Liebe. Am deutlichsten ist 
dies natürlich bei Jugendlichen, bei denen die 
Affekte geradeaus und die Leidenschaften unge- 
brochen sind, aber es bleibt, wenn auch von dich- 
teren Schleiern bedeckt, im Grunde immer das- 
selbe. Die Psychoanalyse hat sich das Recht ge- 
schaffen, nicht nur das versteckt Irrationale und Af- 
fektive in der Freundschaft, sondern all das andere, 
all die „Imponderabilien", von denen wir gesprochen 
haben, all die merkwürdigen Gestalten der Lei- 
denschaft und der Phantasie, die unsichtbar oder 



14 



Zur Mcnschenkenntni 



unkenntlich bleiben, weil sie sich zwischen den 
Möbelstücken und Vorhängen der Alltagswelt 
zu verstecken wissen, sämtlich in den großen 
Triumphzug des Eros einzureihen, sie als Abwand- 
lungen und Ausdrucksformen der Liebe — das 
Wort im weitesten und wahrsten Sinne genom- 
men — anzuerkennen. 

Wir brauchen uns nicht darum zu kümmern, 
ob das Kapitel „Männerfreundschaft" mit Recht 
den Titel „sublimierte, latente Homosexualität" 
führt oder nicht. Wir lassen die Fragestellung der 
Wissenschaft nach Herkunft und Einordnung mit 
Seelenruhe beiseite. Augenblicklich ist nur das 
eine wichtig: Können wir aus der Auffassung der 
Analyse praktischen Nutzen ziehen? Läßt sich 
daraus etwas lernen über die Art, wie sich Men- 
schen untereinander verhalten, was nicht bloß 
für den Theoretiker und den in sein Laboratorium 
Gebannten wissenswert ist? 

Ich glaube, das ist nicht unmöglich und ein 
Versuch wohl der Mühe wert - vorausgesetzt, 
daß die Bereitschaft da ist, in einem einzigen 
Punkte mit einer geheiligten Tradition zu brechen 
und die Dinge unter einem anderen Gesichtswin- 



Allgemeines 15 



kel zu sehen, als es bisher von fast allen Men- 
schen, den Dichtern und sonstigen Märchenerzäh- 
lern geschehen ist. 
Nämlich : 

Wer das Verstandesmäßige und Vernünftige, 
das Logische und Intellektuelle in der Menschen- 
natur für das Eigentliche erklärt und sich damit 
als mit dem Richtigen, Regelmäßigen und Wesent- 
lichen befaßt, die anderen Dinge aber nur als 
Ausnahmen, Untertöne, Verranntheiten, kurz als 
Zufälligkeiten ansieht, für die es nicht der Mühe 
wert ist, eine Regel zu verfassen oder ihr Gesetz 
zu finden, der kann freilich ein ordentliches, zu- 
sammenhängendes, gut und klar ausgebautes 
System errichten, das gut darstellbar ist und 
jedermann einleuchten muß. Besonders wenn er 
als Fundament für sein Gebäude verschiedene 
„Du sollst" nimmt, die in der Psychologie, die 
so lange die Tochter — und meistenteils das Stief- 
kind — von Theologie und Philosophie gewesen 
ist, immer billigst zu haben sind. Doch kann es 
einem solchen begegnen, daß er in einem Moment 
der Selbstkritik findet, daß das, was er für seine 
reine Logik und Ethik hielt, Himmelstöchter sind, 



1; Zur Menschenkenntii 



die aus recht merkwürdigen Regionen stammen. 
Diese Art, von den Menschen zu denken, ist frei- 
lich gut, solange man zu Hause sitzt, besonders 
wenn man dabei ein Lehrbuch der Psychologie 
schremt Wer sich ihrer bedienen will, um mit 
den wirklichen Menschen zu leben, der wird nicht 
besser fahren als einer, der im Kaffernkral mit 
Hilfe seiner guten Kenntnis der Trigonometrie 
sein fortkommen zu finden hofft. 

Wir wollen uns vornehmen, den anderen, unte- 
ren Weg zu gehen, das, was als Hauptsache gilt 
einfach zu ignorieren und die Allotria in den 
Mittelpunkt zu stellen: eine Schulstunde für Pa- 
pierkugelschmeißen und Gesichterschneiden, wäh- 
rend die Schulbücher nur unter der Bank gelesen 
werden dürfen. 

Von einem System, von Ordnung und Zusam- 
menhang kann dabei keine Rede sein - dazu 
reicht unsere Kenntnis des überraschlichen, der 
geheimen Hintergründe des Menschlichen noch 
lange nicht aus. Haben wir doch eben erst be- 
gonnen, ihre Existenz einzusehen, ihre Wichtigkeit 
anzuerkennen. 
Also bestenfalls Winke und Hinweise an Stellen, 






Allgemeines 17 



wo gerade ein Lichtstrahl in den Urwald einge- 
drungen ist, ein lustiges Stück Sträßlein, das irgend- 
wo anfängt und ein paar Meilen vor nichts Beson- 
derem wieder aufhört, eine Schiffahrt, die dauert, 
solange der günstige Wind in die Segel bläst, 
eine Weisheit, die darauf gefaßt ist, sich selbst 
ins Gesicht zu lachen. 

(Mit dem Vorwurf, dem jedes Buch dieser Art 
ausgesetzt ist: daß es nur vom Standpunkt des 
kalten Egoisten geschrieben sei, befasse ich mich 
nicht. Leidenschaftliche Aufwallungen bedürfen 
keines Handbuches, und wer moralische Lehren 
sucht, kann sie leicht genug anderswo finden.) 

Hingegen — wenn man will, als Entgelt für 
die gehabte Mühe — läßt es sich jederzeit leicht 
kontrollieren, ob die menschlichen Dinge wirk- 
lich so sind, wie sie dargestellt werden, und ob 
es nützlich ist, äie von dieser Seite her kennen- 
zulernen. Nebenbei kann möglicherweise auch 
etwas Erheiterung abfallen, denn es ist amüsant, 
Narrheiten zu sehen, — wenn die Narren auf der 
Bühne sind und wir selbst ganz gewiß sein dür- 
fen, daß wir uns im Zuschauerraum befinden. 

Und nun zurück zu unserem Ausgangspunkt: 

2 Sachs, Zur MenichenkennUii* 



* 8 Zur Menschenkenntnis 



Wann und wie irren wir, weil wir die anderen 
zu wenig nach uns selbst beurteilen? 

Schalten wir zuerst die allgemeinen Fehlerquel- 
len aus, die nichts zu dieser besonderen Art des 
Irrtums beitragen. Wir glauben natürlich hier wie 
überall am liebsten und festesten das, was wir 
wünschen, denken uns also die anderen so, wie 
es zur Erreichung unserer Zwecke am dienlichsten 
ist. Den Menschen, die wir lieben, legen wir die 
edelsten Motive unter, in den Handlungen jener, 
denen wir abgeneigt sind, sehen wir den Ausfluß 
ihrer Gemeinheit, Dummheit und Böswilligkeit, 
kurzum einen neuen Grund zum Haß — das ist 
nichts Besonderes, Ähnliches geschieht immer und 
überall. 

Wir haben uns geschworen, nicht nach dem 
Verständigen und Seinsollenden, dem logischen 
und idealen Aufputz zurückzuschielen. Aber heißt 
das nicht, ohne Kompaß auf Entdeckungsreisen 
gehen? Es will so scheinen, denn, wenn Vernunft 
und Logik über Bord geworfen worden sind, 
wo soll da irgend eine Gesetzmäßigkeit zustande 
kommen? Daher also, mein Lieber, das Schimpfen 
aufs System, die Vorliebe für „Winke" — weil 



dort, wo bloße Willkür herrscht, Unkenntnis die 
Regel sein muß? Keineswegs, denn wir geben das 
Gesetz von Grund und Folge nicht auf, auch 
wenn es, wie die moderne Physik lehrt, vor dem 
Unendlich-Kleinen und dem Unendlich-Großen 
haltmacht, — denn der Mensch ist weder das eine 
noch das andere, und sein Fühlen ist wie sein 
Denken an Regeln gebunden, von denen er freilich 
wenig weiß und noch weniger wissen will. 

Wenn wir das Unbekannte, statt es abzuleug- 
nen, ins Riesenhafte vergrößern und mit einem 
„möglich ist alles" resignieren, dann sind wir 
allerdings auf kürzestem Wege wieder heim- 
gelangt zu den vertrauten Stätten. 

Es gibt nur einen Weg, uns an den Glauben 
an die Gesetzmäßigkeit des Regelwidrigen, an 
den Sinn des Widerspruchsvollen zu gewöhnen, 
und das ist der Umgang mit uns selbst, ein wenig 
Vertrautheit mit dem, was in uns, mit uns 
geschieht. Denn daß in uns selbst die Dinge auf 
irgend eine Weise zusammenhängen, daß wir 
nicht einfach durch blinden Zufall so sind, wie 
wir sind, und ebensogut ganz anders sein könnten, 
— davon sind wir doch hinreichend fest überzeugt, 



20 Zur Menschenkenntnis 



den Standpunkt werden wir uns so leicht nicht 
wegnehmen lassen. 

Es ist also nur notwendig, daran zu denken, 
wie vxele Überraschungen wir schon an uns selbst 
erlebt haben. Wissen wir, wo unsere Liebe, unser 
Haß gewachsen ist? Von woher ist uns Trauer 
Enttäuschung, Entzauberung ins volle Glas der 
Lust gefallen? Warum ließ uns in anderen Tagen 
das Schwerste ungerührt? „Eine solche Nieder- 
tracht ist unmöglich, Undankbarkeit in diesem 
Ausmaß kann nicht vorkommen, so weit kann 
Grausamkeit i„ menschlichen Grenzen nicht 
gehen! - aber laßt uns nicht an den Nächsten 
sondern etwas näher denken, an alles, was wh- 
getan haben und, wenn nicht getan, gewünscht 
und, wenn nicht gewünscht, phantasiert und, wenn 
nicht phantasiert, - geträumt. Nehmen wir uns 
selbst im vollen und ganzen, mit allen unseren 
Mogl lchkeiten) ^ aIJem) ^ . n ung vergtecjrt 

.st und auftaucht und wieder verschwindet, nicht 
mir mit unseren Wünschen und Tagträumen, 
auch mit unserer Angst und ihren geheimen 
Drohungen, und wir werden die anderen am besten 
verstehen, wenn wir sie „nach uns« beurteilen 






Allgemeines 21 



Eine gute Hilfe sind hier, wie fast stets, die 
Dichter. Denn bei den Menschen, die sie nach 
ihrem Bilde geschaffen haben, wird es ganz deut- 
lich, daß sie zugleich nach unserem Bilde ge- 
schaffen sind. Wir verstehen Macbeth und Ham- 
let, die ganze Schar der Brüder Karamasow, wir 
wissen, daß sie alle wahr und wirklich sind, — 
aber doch nicht etwa durch Vergleichung mit den 
Menschen, denen wir begegnet sind? Keine Rede 
davon, wir werden von üinen ergriffen, von ihren 
Schicksalen erschüttert, von ihren Leidenschaften 
mitgerissen, weil wir in ihnen uns selbst begreifen 
— unsere geheimsten, verborgensten Möglichkei- 
ten (die Psychoanalyse nennt es: unser Unbe- 
wußtes). 

Es wird also doch wohl so sein, daß die Voraus- 
setzung auch nur für die Bereitwilligkeit zum 
Versuch, andere Menschen zu verstehen, daran 
gebunden ist, daß wir sie nach uns beurteilen — 
aber freilich nach unserem wirklichen Ich. 

Die Warnung, andere nicht nach sich selbst zu 
beurteilen, behält trotzdem ihren guten Sinn oder 
erhält ihn vielleicht jetzt erst: Denn „nach sich", 
das heißt im gewöhnlichen Sinne nach dem, wie 



22 



Zur Menschenkenntnis 



Wir selbst den anderen erscheinen wollen, oder 
nach dem Ich, das wir zu sein glauben, vielleicht 
auch nach einem Ich, das wir abgelegt haben, 
oder einem, dem wir nachstreben möchten, — es 
gibt viele Mittel der Selbsttäuschung und zu jedem 
gehört eine eigene Art, sich über die anderen 
tauschen zu lassen. 

Und doch: Wir selbst sind der einzige Weg zur 
Menschenkenntnis, und der Weg wird nicht offen 
sem, bis wir es alle in unserem Schulbuch stehen 
haben : Homo sapiens - eine noch wenig erforschte 
Gattung. 



ZWEITES KAPITEL 

DAS ICH IM VERTRAULICHEN 
UMGANG 

Es wird berichtet, daß in einer Familie zwei 
Söhne waren, von denen der jüngere die Eigen- 
heit hatte, daß er keine offenstehende Tür er- 
tragen konnte. Der ältere, den das ewige Herum- 
laufen und Türenschließen ärgerlich machte, 
drohte eines Tages : „Ich werde dir das schon ab- 
gewöhnen. Ich sperre dich in ein Zimmer mit 
lauter offenen Türen ein." Das scheint mir ziem- 
lich genau die Situation des Ichs zu sein: einge- 
sperrt in ein Zimmer mit vielen, vielen offenen 
Türen. Wir sehen und wissen, daß der Weg 
nach allen Seiten hin offensteht: neue Formen 
der Freundschaft und Neigung, Reisen, Studium, 
tausenderlei Kenntnisse und Interessen, die uns 
anziehen, aber wir bleiben fast immer (wenn wir 
nicht gerade Goethe heißen oder so ähnlich), wo 



24 



Zur Menschenkenntnis 



wir sind, und folgen keiner Lockung. Wir wissen, 
wieviel Freude und innerer Reichtum, wieviel 
freundliche Gesichter und frohes Beisammensein 
rechts um die Ecke wohnen, - aber wir biegen 
nicht ein. Wir wollen und könnten - beinahe 
aber irgend etwas fehlt oder tritt dazwischen. 

Äußerer Zwang und egoistische Rücksichten 
spielen dabei natürlich eine Rolle. Aber noch 
häufiger werden sie als Ausflüchte, Vorwände be- 
nutzt - wofür? Die gewöhnliche Namengebun- 
nennt es Trägheit und belastet die meisten mit 
dem dauernden Selbstvorwurf, daß sie durch ihre 
faulheit so vielerlei versäumt hätten. 

Andere Namen, die dem Wesen der Sache 
näherkommen, sind; Charakterschwäche und 
-Starrheit, Vorurteile, Erziehungsmängel, Kind- 
heitseindrücke, Einflüsse der Familie und Um- 
gebung, moralische oder religiöse Abschreckun- 
gen Die wahre und umfassende Benennung für 
all das, was das Ich hinter offenen Türen einge- 
sperrt hält, ist Angst. Angst, die hinter all den 
Masken und Verkleidungen steckt, die wir auf- 
gezählt haben, und hinter vielen anderen- die 
nicht überwunden und ausgewischt werden kann, 






Das Ich im vertraulichen Umgang 25 



weil sie sich auf keine reale, gegenwärtige Gefahr 
bezieht, sondern wie Modergeruch aus den Kellern 
und Untergründen, den längst nicht mehr be- 
wohnten Räumen der Seele aufsteigt. Alte 
Schrecknisse haben nämlich eine merkwürdig 
zähe Wirkung, etwa wie ein Stern, dessen Licht 
in unsere Augen fällt, wenn er selbst schon lange 
zu existieren aufgehört hat, und das schwache un- 
sichere Ich des kleinen Kindes ist leicht in Angst 
und Schrecken zu versetzen. 

Nun, solche Sätze mögen wahr sein oder nur 
interessant oder keines von beiden — aber jeden- 
falls gehören sie in die Wissenschaft. Was hat das 
eingesperrte Ich mitsamt seinen offenen Türen 
und Ängsten damit zu tun, wie man am besten 
seinen Weg durch die Welt findet, zwischen den 
anderen hindurchschlüpft oder, wenn man es 
will, an sie anstreicht, aber nirgends und an 
niemanden anrennt? 

Gar viel, meine jungen Freunde, und das will 
ich jetzt ordnungsmäßig mit erstens, zweitens, 
drittens auseinandersetzen. 

Zum ersten: Wer auf Besuch gehen, sich dabei 
wohlfühlen und auch seinen Wirten und Mit- 



26 Zur Menschenkenntnis 



gasten erfreulich sein will, der muß ein eigenes 
gemütliches Heim besitzen, auch wenn es keine 
Luxusvilla ist. Hat er das nicht, so kommt er 
nicht nach Lust und Wahl, sondern weil ihm 
nichts anderes übrig bleibt, und ein solcher Muß- 
Besucher kann sich von dem Gefühl nicht immer 
freimachen, daß er sich aufdrängt, daß er als 
Bettler kommt, als Zufluchtsuchender und nicht 
als Gleicher zu Gleichen, als Schmarotzer und 
nicht als gern gesehener Gast. Die Folgen davon 
sind unsichere Haltung, Empfindlichkeit, Schwan- 
ken zwischen Arroganz und Kriecherei, lauter 
Eigenschaften, durch die man sich keine Freund- 
schaft erwirbt. Und das alles gilt im Seelischen 
noch mehr, weil die Menschen da empfindlicher 
und noch weniger duldsam sind als mit den aus 
materiellen Gründen Obdachlosen, bei denen 
wenigstens das Wohlgefühl des großmütigen 
Wohltäters zu gewinnen ist. Also: Wer den Men- 
schen ein Wohlgefallen sein will, muß vor allem 
mit sich selber gut stehen, und, daß man einen 
gut leiden kann, zeigt sich doch, nicht wahr, 
daran, daß man nichts dagegen hat, mit ihm län- 
gere Zeit allein zu sein. 



Das Ich im vertraulichen Umgang 27 

Zum zweiten ist diese Alltagswelt, wie Rosa- 
linde sagt, voller Ketten. Außerdem, fügen wir 
hinzu, voller Fallgruben und Drahtverhaue, wo 
einer schon recht wendig sein muß, um unbe- 
schädigt durchzukommen. Wo uns gestern der 
allerschönste Garten offenstand, wird uns mor- 
gen die Tür vor der Nase zugeschlagen, und wir 
stellen im Straßenstaub draußen. Es gibt in den 
menschlichen Beziehungen allerhand plötzliche 
Vulkanausbrüche und Erdbeben, auf die keiner 
gefaßt war, abgesehen davon, daß schon nor- 
malerweise auf Frühling und Sommer der frostige 
Herbst folgt und der eiskalte Winter. Wohl dem, 
der nicht an eine Tür, an eine Landschaft, an ein 
Klima gebunden und doch kein Heimatloser ist. 
Es ist schwer, neue Freunde zu finden, noch 
schwerer, Anteilnahme an Gegenständen zu ge- 
winnen, die uns fremd waren, und am schwersten 
zu lernen, sich auf ungewohnte Weise zu freuen. 
Sehr viele, die diese Kunst nötig brauchen und 
nicht besitzen, betäuben sich statt dessen und 
wollen glauben, sie könnten ihrer auf diese Art 
habhaft werden. Wer sich seine Freiheit vom 
Rausch ausleiht, muß sie ihm auch wieder zurück- 



28 Zur Menschenkenntnis 



geben — und mit Zinsen. Es bleibt also bei der 
alten Frage, durch wieviel unversperrte Türen das 
liebe Ich sich zwängen kann. 

Und zum dritten: Irgendwo, ganz unten in der 
Seele, ist eine kleine Höhlung oder ein Löchlein. 
Von dort steigen, wenn es ihnen behebt, allerlei 
Wölkchen und Nebelbildungen auf, die sich, so- 
bald sie in die oberen Regionen gelangen, umge- 
stalten in Farben oder in Melodien, in Formen, 
Linien, Reime, Geschichten, in Wohllaut und 
Rhythmus, in Gedankenfeuerwerk und Tiefsinn 
oder auch nur in ein gescheites und witziges Wort. 
Die Leute, die von solchen Wölkchen eine recht 
große Zahl haben und sich am besten darauf ver- 
stehen, sie umzuschmieden, nennt man natürlich 
Künstler — oder auch, je nachdem, Schriftsteller, 
Poeten, Maler, Rildhauer, Musiker, Philosophen, 
Gelehrte, Propheten, Seher, Weise, Narren u. dgl. 
Davon kriegt jedermann etwas ab, auch wenn er 
sich sein Lebtag einen „gewöhnlichen Sterb- 
lichen" schimpfen lassen muß. Wo aber das Löch- 
lein verstopft und zugenagelt worden ist, da wird 
das Leben leer und einförmig und die graue Tante 
Langeweile zieht mit ihrem Strickstrumpf ein. 



Das Ich im vertraulichen Umgang 29 

Wir wollen es also ohne viertens und fünftens 
— Argumente müssen Seltenheitswert haben, 
sonst sind sie zu billig — gelten lassen, daß es 
für den Weltmenschen ebensowohl wie für den 
Einsamen ein gut Ding ist, mit sich selbst auf du 
und du zu stehen. Nicht gemeint damit ist die 
Blume Selbstzufriedenheit, die nicht kultiviert 
zu werden braucht, weil sie auf jedem Boden ge- 
deiht und selbst in ihren hochveredelten Formen 
einen Duft ausströmt, den die Umwelt nicht 
gerne riecht. Denn Selbstzufriedenheit bleibt als 
richtiges Philistertum nicht lange allein, sondern 
umgibt sich mit ihresgleichen, wo dann jeder nur 
seine eigenen Erzeugnisse mit Genuß beschnup- 
pert. Sie braucht zum Behagen die Einreihung 
unter Gleichgesinnte und Ähnlichredende; man 
sichert sich dabei nicht nur die Gegenseitigkeit 
des geduldigen, scheinbar aufmerksamen Zu- 
hörens, sondern versichert sich auch gegen den 
Verlust von Menschen, mit denen man sich „ein- 
gelebt" hat, das heißt gegen die Notwendigkeit, 
für neue Menschen neue Seiten an sich selbst 
entdecken und herauskehren zu müssen. Stamm- 
tisch, steig' auf! 



80 Zur Menschenkenntnis 



Seelische Versteifung erzeugt träges Beharren, 
aber ebensogut auch unaufhörlichen Wechsel. 
Diese Abart von Philisterei wird Snobismus ge- 
nannt. Er hängt sich an alles Neue an, das vor- 
übergeht, wie die Buben an die Straßenbahn und 
läßt sich eine Strecke mitnehmen, aber Gott be- 
hüte nicht weit. Doch sind die Menschen auch in 
der Unbeständigkeit nicht konsequent, wenigstens 
scheinbar (und wirkliche Inkonsequenz gibt es 
überhaupt nicht). Sie haben eben verschiedene 
Schubfächer fürs Aufheben und fürs Wegwerfen, 
und die große Kunst ist nur zu wissen, in welchem 
Schubfach man untergebracht worden ist. Wer 
sich über Unbedeutendes nicht erhaben dünkt, 
bringt's heraus. 

Ungeachtet aller solcher Vorsichten und Kunst- 
griffe haben die Menschen bekanntermaßen nicht 
die geringste Lust, ihr Ich aufzugeben, und wür- 
den sich auch weigern, mit einem anderen 
schlankweg zu tauschen. Mit ihrer Selbst- 
zufriedenheit kann das nichts zu tun haben, denn 
die mit sich Zerfallenen verhalten sich dabei genau 
so wie alle übrigen. Es muß die unsichtbare Angst 
sein, die an dieser Stelle übermächtig wird, — so 






Das Ich im vertraulichen Umgang 31 

scheint es wenigstens Hamlet in dem berühmten 
Monolog zu meinen, — und somit wären nach 
beiden Seiten hin die Grenzen von der Angst ge- 
zogen. 

Eingegrenzt, eingeengt, abhängig, geängstigt 
— was Wunder, daß das richtige Ich sich gerne 
hinter Masken versteckt, daß es scheu ist und 
zurückhaltend oder unaufrichtig und hinterhältig. 
Hat es da einen Sinn, den „Mut zu sich selbst" zu 
predigen? Nicht mehr, als Predigen im allgemei- 
nen; wir wollen lieber den Schaden besehen und 
wenigstens wissen, was wir einbüßen, und wie es 
zugeht, daß wir auf den Schwindel immer wieder 
hineinfallen. 

Der Knabe, der bei der Kindergesellschaft das 
. heißersehnte Baiser mit unterdrückten Tränen, 
aber standhaft ausschlägt, weil ihm die Mama 
eingeschärft hat, „nicht unbescheiden" zu sein, 
oder weil er selbst seine Liebe zum Baiser-Essen 
als unmännlich verurteilt, — dieser Knabe bist 
du, o Mensch (auch als Mädchen). 

Bliebe es noch bei den Wunscherfüllungen, die 
wir uns versagen, bei den Begierden, die wir 
glauben, uns verkneifen zu müssen, bei den Freu- 



32 Zur Menschenkenntnis 



den, an denen wir mit schlecht gespielter Acht- 
losigkeit vorübergehen! Schlimmer noch ist der 
Fall, wo man sich in allerlei, was einem im Grund 
gleichgültig ist, hineinverlocken läßt oder auch 
ohne fremde Hilfe hineinverirrt und dann davon 
nicht wieder loskommt. Immer wieder gibt es 
Dinge, denen man in solcher Selbsttäuschung 
nachläuft, ihnen ohne zwingenden Grund seine 
Zeit, seine Arbeit, ein bißchen Herzblut auf- 
opfert: Liebe, Liebhabereien, gesellschaftliche 
Beziehungen, alte, längst abgestorbene Freund- 
schaften und dann erst die sogenannten „großen 
Fragen" der Politik und Religion. Es ist, wie wenn 
einer sein Leben hergibt für eine Frau, die er 
nur aus einer Heiratsannonce kennt. 

„Meiner SeeF, 's is a fürchterlich's G'fühl, 
Wenn man selber nicht weiß, was man will" 
sagt Nestroys „Zerrissener", aber wer sollte eigent- 
lich das „fürchterliche Gefühl" nicht haben? 
Es ist lächerlich und es ist wahr, daß das Wich- 
tigste, um sich im Leben einzurichten, das Wis- 
sen darum ist, was man eigentlich, wahr und 
wirklich braucht, wünscht und haben muß, und 
daß dieses Wissen nur selten angetroffen wird. 



r 



Das Ich im vertraulichen Umgang 33 

Es ist der eine Punkt, über den jeder so ganz im 
klaren zu sein glaubt, daß er daran überhaupt 
nicht denkt und seine Irrtümer niemals be- 
merkt. 

Natürlich, je primitiver die Wünsche, desto 
näher sind sie der Aufrichtigkeit und Selbst- 
erkenntnis. Fast jeder weiß, was ihm schmeckt; 
die Mahlzeiten und das Gespräch übers Essen sind 
deshalb Ausruhstationen der Gemütlichkeit. Und 
doch gibt es schon bei diesem einfachsten, sozu- 
sagen paläolithischen Thema eine Unmenge von 
Verlogenheiten, Affektationen (siehe den oben 
erwähnten Knaben mit-ohne Baiser) und greif- 
baren Selbsttäuschungen. Man braucht nur an das 
diätetische Getue mit Vitaminen, Kalorien, Ei- 
weiß, Kohlenstoff und hunderterlei Ähnliches zu 
denken, oder an das Gespreiz der persönlichen 
Eitelkeit mit dem, was man essen mag, was man 
nicht ißt, um keinen Preis anrühren darf oder 
möchte. Freilich kommt noch dazu, daß das Essen 
mit anderen, der Menschheit herzensnahen Be- 
tätigungen enge zusammenhängt, an denen offi- 
ziell kein unmittelbares Gefühlsinteresse bekundet 
werden darf. 

3 Sachs, Zur Mensch eakenntnia 



1 



34 Zur Menschenkenntnis 

Beim Trinken und Rauchen sind die Dinge 
weniger durchsichtig, weil es erst in späteren 
Jahren angenommene Gewohnheiten, „acquired 
habits", sind, bei denen Vorbild und Beispiel, 
Tradition und Vorurteil von vornherein mit- 
spielen. 

Hierher gehört die oft gehörte und berechtigte 
Klage, daß die Bildung mit ihrem angelernten 
Urteil das naive Empfinden, ohne das eine echte 
Kunstfreude nicht möglich ist, totschlägt oder 
vielmehr in der Wiege erwürgt. Wenn den Buben 
die fndianergeschichten zusagen und gemäß sind 
oder eine schöne Historie mit recht viel Mord, 
Hinterlist und Edelmut, dann zwingt man sie, 
Eingelerntes über die Schönheiten Goethes nach- 
zubeten, mit dem Erfolg, daß ihre Stellung statt 
durch das Werk selbst nur durch das Eingelernte 
bestimmt wird. Die Folgen sind Indifferenz oder 
Schlimmeres. Beginnt doch die beste Schiller- 
biographie mit den Worten: „Als Student war ich 
ein Schillerhasser." Es ist ein wundervolles Erleb- 
nis, wenn man ein „Meisterwerk der Weltlitera- 
tur" in die Hand nimmt und, alles vergessend, 
was man darüber gelesen, gehört oder selbst ge- 



Das Ich im vertraulichen Umgang 35 

sagt .hat, plötzlich entdeckt, wie lebendig und 
interessant und gut gemacht das ist, was man bis- 
her mit Respekt und Abneigung betrachtet hat. 

Man hat die Schule für vieles verantwortlich ge- 
macht und neue Lehrmethoden versucht; aber die 
Ursache liegt tiefer — woher käme sonst die mit 
Phrasen genährte Begeisterung, das Kunstgejohle 
derer, die sich alles einreden lassen! Auch hier 
gibt es ein Gegenstück, das kokette „ich verstehe 
leider nichts von Kunst". 

Natürlich verliert jeder etwas, der sich fremde 
Bewunderung aufpfropfen und damit die Fähig- 
keit, seine Freude zu finden, aus der Hand spielen 
läßt. Aber es gibt noch schwerere Folgen des 
Nicht-Wissens, was man will, gleichviel, ob es 
von einem Nicht-Können oder Nicht-Wollen her- 
stammt. Man kann die Menschen einteilen in 
jene Glücklichen, die an ihrem Beruf wirklich 
hängen, an ihrer Arbeit immer neue Freude 
haben, von jedem Leid und jeder Enttäuschung 
zu ihr fliehen, und in jene, die falsch gewählt 
haben und nun im Spinnennetz einer fremden, 
auferlegten Pflicht zappeln. Die einen sind Künst- 
ler, auch wenn sie nur Schuhe putzen; sie machen 



' 



36 Zur Menschenkenntnis 

ihre Arbeit nicht nur gern, sondern gut und leisten 
auf ihrem Gebiet Ausgezeichnetes, auch wenn sie 
sonst nicht gerade auf den Höhen der Menschheit 
wandeln. Die anderen sind ewige „kleine Beamte", 
mürrisch, enttäuscht, den Blick ständig nach der 
Uhr gerichtet, auch wenn sie außerhalb des Be- 
rufes alle mögliche Begabung zeigen. Darum ist 
es zu einem Berufswechsel für den, der seine 
wahre Neigung, das ist Befähigung, entdeckt hat, 
nie zu spät. 

Die ärgste Gefahr ist nicht das unabsichtliche 
Danebengreifen, sondern die fatale Anziehungs- 
kraft der Gegensätze. Die Unduldsamen machen 
sich Toleranz und Nächstenliebe zur Lebens- 
aufgabe, die sie mit Feuer verkünden, aber lieber 
mit Feuer und Schwert durchsetzen würden. Der 
Schüchterne muß den Aggressiven spielen, der 
Vorsichtige den Draufgänger; der Menschenfeind 
wird Familienvater, der Geselligkeitsmensch sucht 
das stolze Glück der Einsamkeit und der Melan- 
cholische umgibt sich mit ausgelassener Heiter- 
keit (fast alle großen Komiker sind depressiv). 
Die Gegensätze im Menschen sind nämlich von 
Anfang an sehr eng miteinander verbunden, ja 



Das Ich im vertraulichen Umgang 37 

sogar verschwistert ; eine Zeitlang stehen sie 
gleichberechtigt nebeneinander, doch schon ziem- 
lich früh ergreift einer die Zügel und schließt den 
anderen von der Herrschaft aus. Nicht immer siegt 
der Stärkere, besser zum Regiment Befähigte. 

Es ist schon viel, wenn einer weiß, ob er zu 
jenen gehört, bei denen das Vergnügen am Um- 
gang mit den Mitmenschen nur dann vorhanden 
ist, wenn ihnen die Rückzugslinie ins Alleinsein 
jederzeit offensteht, während ihnen jede Minute 
erzwungenen Beisammenseins eine unleidliche 
Last bedeutet. Ohne dieses Vergnügen ist Wohl- 
wollen, Anteilnahme, Freundlichkeit und unge- 
zwungene Höflichkeit ganz undenkbar, und wenn 
sich ein Mensch dieser Art selbst in Familienbande 
schlägt oder sonst in Beziehungen verirrt, die ihn 
pausenlos festhalten, so wird er nicht nur miß- 
launig, sondern auch bösartig gegen die unschul- 
digen Immergegenwärtigen. „Gassenengel, Haus- 
teufel" ist die Marke dieser verschlagenen Ein- 
siedlerkrebse. 

Die schönsten Widersprüche finden wir im 
Kapitel vom Sexualgeschmack, von der Auswahl 
und Bindung im Erotischen, über das Geheimnis- 



38 Zur Menschenkenntnis 



volle und Unerforschliche dieser Anziehungskräfte 
ist schon mehr als genug geschrieben worden (ein 
weiteres darüber im Kapitel von der Liebe), und 
doch meint jeder, wenigstens für den Alltags- 
gebrauch ganz genau Bescheid zu wissen, auch 
wenn ihn seine Erfahrungen immer wieder ver- 
blüffen. 

Zu den Einflüssen von Vorbild und Tradition, 
von religiösen, moralischen und unmoralischen 
Belehrungen tritt hier noch ein weiterer, der ge- 
rade im Pubertätsalter und bald nachher, wenn 
diese Dinge ausgären und sich zu formen begin- 
nen, besonders wirkungsvoll ist — der literari- 
sche. Für die sogenannte schöne Literatur ist — 
und sehr mit Becht — die Liebe das Hauptthema; 
auf dieser einen Seite spielt sie unendliche Varia- 
tionen und gibt ihnen alle Inbrunst, deren sie 
fällig ist. Literarische Moden der Liebe haben sich 
aus dem Einwirken großer Meisterwerke auf die 
Zeitströmungen von der Zeit der Troubadours, 
von der „Nouvelle Heloise" und von „Werdiers 
Leiden" an bis auf unsere Tage immer wieder ge- 
bildet und dem Liebesleben der Epoche — dem 
realen sowohl wie seinen Abspiegelungen in den 



Das Ich im vertraulichen Umgang 39 

Erregungen und Phantasien der heranwachsenden 
Generation — seinen Stempel aufgedrückt. Alte 
Formen, die noch lebendig sind, und neue, die 
eben heraufkommen, streiten um die Führung; 
kein Wunder, daß sie die Jugendlichen, die noch 
an der Grenze zwischen Wahrheit und Dichtung 
stehen, in eine Verwirrung ihrer eigenen, natür- 
lichen Natur mit der literarischen, die sie sich an- 
geeignet haben, stürzen, aus der sie sich vielleicht 
ihr Leben lang nicht mehr loswinden können. 

Ein weiteres Problem sind die Verknäuelungcn 
der Antriebe und Wünsche, die so schwer aus- 
einander zu sortieren sind und doch, der allge- 
meinen Wertschätzung nach, so verschieden einge- 
teilt werden in himmlische, irdische, sehr irdische 
und unterirdische. Sie treffen manchmal bei der- 
selben Person zusammen, die so zum Gegenstand 
eines All-round -Gefühles wird, aber das geschieht 
keineswegs regelmäßig oder mit der wünschens- 
werten Verläßlichkeit. Sehr oft gehen die ver- 
schiedenen Bindungen jede ihren eigenen Weg 
und verursachen dadurch böse Konflikte. Diese 
Situation ist wohlbekannt und unzählige Male ge- 
schildert worden, aber das wesentlichste Stück Er- 



^0 Zur Menschenkenntnis 



kenntnis fehlt noch immer, nämlich der Maß- 
stab, mit dessen Hilfe man die relative Stärke 
dieser Triebanforderungen feststellen und sie 
untereinander vergleichen und abschätzen könnte. 
Statt dessen macht sich die Tendenz geltend, die 
Kraft und Bedeutung der höheren und dauern- 
deren auf Kosten der irdischeren und vergäng- 
licheren zu übertreiben. Dabei wird der Fehler 
begangen, ihre Vergänglichkeit aus der Tatsache 
des augenblicklichen Nichtvorhandenseins zu 
schließen, weil man glücklich ist, sie losgeworden 
zu sein, und sie niemals wieder sehen möchte. 
Diese Hoffnung trügt aber regelmäßig, denn sie 
sind vergänglich wie das Laub an den Bäumen, 
die sich in jedem Frühjahr frisch begrünen. 

All das hat zur Folge, daß Wahl und Bindung, 
wenn auch mit dem Anschein gepeitschter Leiden- 
schaft und Ausschließlichkeit vollzogen, keinerlei 
Glücksgefühl, keine wirkliche Befriedigung er- 
geben, weil der Wählende selbst nicht weiß, was 
für ihn gut ist. Die so Enttäuschten meinen dann, 
daß sie von der Natur vernachlässigt und nicht 
mit wahrer Liebesfähigkeit ausgestattet seien, 
oder sie kommen gar zu der Folgerung, die ganze 



Das Ich im vertraulichen Umgang 41 

Sache mit dem großen Liebesglück sei literari- 
sches Gerede und poetische Übertreibung und es 
lasse sich auch so ganz gut leben. Besonders häufig 
widerfährt das Frauen, die nach der ersten oder 
zweiten Enttäuschung resignieren und von da an 
fremdes Liebesglück mit einer Mischung von Un- 
glauben und Übelwollen betrachten. Sie ändern 
sich sozusagen über Nacht, wenn es schließlich 
trotzdem gelingt, den Richtigen und das Richtige 
zu finden. 

Der Kampf, in dem das Höhere im Menschen 
mit dem Niedrigen hegt — bald an dieser, bald 
an jener Stelle, aber fast unaufhörlich — , ist die 
eigentliche Ursache, daß die Vertrautheit mit dem 
eigenen Ich so leicht ungemütlich wird. Er heißt 
in der Sprache der Moral der Kampf zwischen 
Gut und Böse; in der Psychoanalyse spielt er als 
Konflikt zwischen Triebanspruch und Verdrän- 
gung eine große Rolle und ist nebenbei das 
Hauptthema der Kulturgeschichte und der um- 
liegenden Gegenden. Sein überraschendster Aspekt, 
den auch die Psychoanalyse nur sehen kann, 
wenn sie sich auf den Kopf stellt (der wissen- 
schaftliche Name dieser Akrobatik ist „Theorie 



42 Zur Menschenkenntnis 



der Ichstruktur"), ist dieser: Es gibt nicht nur 
Wünsche und Triebe, von denen da9 Ich nichts 
oder viel zu wenig weiß, sondern auch in Dunkel 
gehüllte Verbote; nicht nur, was wir möchten, 
sondern auch, was wir nicht dürfen, bleibt uns 
zuweilen unbekannt. 

„Privateigentum ist Unsinn oder Schlimmeres. 
Damit muß aufgeräumt werden." 

„Sie halten es also für eine verdienstliche Tat, 
dem Reichen seinen Überfluß wegzunehmen V 

„Unbedingt." 

„Also: Sie befinden sich im Hause eines reichen 
Mannes, allein mit ihm. Es ist gespielt worden, er 
hat gewonnen. Sein Gewinst liegt noch ungezählt 
auf dem Tisch. Er hat das Zimmer verlassen, Sie 
brauchen nicht zu fürchten, daß Sie überrascht 
werden. Sie hören, er hat sich für kurze Zeit ein- 
gesperrt — Sie brauchen nur zum Tisch zu gehen, 
einen Schein aus dem Haufen zu nehmen und ihn 
einzustecken. Keine Möglichkeit einer Entdeckung, 
nicht der leiseste Verdacht fällt auf Sie. Werden 
Sie's tun?" 

,,Mh — ah — ich glaube doch nicht." 

„Sie wissen, daß er das Geld nie vermissen 



Das Ich im vertraulichen Umgang 43 

Wird. Sie wollen es nicht für sich verwenden, son- 
dern einer bedürftigen Familie aus der Not 
helfen. Werden Sie's tun?" 

„Ah — mh — ich sehe natürlich ein, daß es Un- 
sinn ist, — aber ich kann nicht stehlen." 

Ein andermal: „Es ist doch merkwürdig; ich 
bin nicht im mindesten gläubig, aber wenn icli 
eine Kirche betrete, muß ich das Kreuz schlagen, 
wie ich es als Kind gewohnt war. Ich kann mich 
natürlich zusammennehmen und es nicht tun — 
aber dann fühle ich mich unruhig und innerlich 
unsicher, bis ich es doch tue." 

Wieder ein andermal: „Sie haben einen ver- 
haßten Feind, der Ihnen noch viel übles antun 
kann. In der Phantasie haben Sie ihn schon 
tausendmal totgeschlagen. Wenn Sie nur den 
Wunsch zu äußern hätten, damit er wirklich und 
allen Ernstes umgebracht wird, was würden Sie 
tun?" 

„Der elende Hund . . .! Nein, wenn er es auch 
reichlich verdient hat, damit will ich nichts zu 
tun haben." 

Wieder ein andermal: „Sie haben alle gekrön- 
ten Häupter verspottet, alle Staatsmänner kari- 



44 Zur Menschenkenntnis 



kiert, allen Berühmtheiten Sottisen gesagt. Jetzt 
stellen Sie sich mal vor diesen Herrn hin und 
sagen: „Du alter Ochse!" 

„Aber — das ist doch — mein Onkel." 
Und wieder ein andermal: „Vor dem Ehe- 
brechen haben Sie doch noch nie Bedenken ge- 
habt. Warum sind Sie dieser kleinen Frau gegen- 
über so schüchtern ?" 

„Ja, sehen Sie, das ist so eine Sache. Ihr Mann 
war nämlich vor vielen Jahren, auf der Schulbank 
noch, mein bester Freund." 

Und wieder: „Können Sie nicht den Mund hal- 
ten ? Sie haben doch da ganz unnötigerweise Dinge 
ausgeplaudert, die Ihnen noch sehr unangenehm 
werden können." 

„Ich weiß, ich weiß — und so ein fürchterlicher 
Wahrheitsfanatiker bin ich auch gar nicht. Aber 
manchmal kann ich das, was ich verschweigen 
möchte, nicht hinunterdrücken — es muß einfach 
heraus." 

Und ein letztesmal: „Hier sind zehn Dollar für 
Ihre Wohltätigkeit, wenn Sie mir erlauben, Ihren 
Schreibtisch umzuräumen und ihn drei Tage so 
zu lassen." 



Das Ich im vertraulichen Umgang 45 

„Lieber geb' ich das Geld selbst her. Ordnung 
muß sein." 

Es gibt eben geschriebene und ungeschriebene 
Gesetze, und die ungeschriebenen werden oft 
pünktlicher befolgt als die verlautbarten und 
öffentlich anerkannten. Kindesweglegung und 
„du sollst nicht mit dem Messer essen", Urkun- 
denfälschung und „du darfst nicht ohne Streich- 
holzschachtel ausgehen", stehen nebeneinander, 
durcheinander; dann eine Unmenge von Geheim- 
paragraphen, die man befolgt, ohne sie zu ken- 
nen, weil man von der unsichtbaren Angst, der 
Hüterin dieser Gesetze, schreckhaft angeweht 
wird. Das sind die offenen Türen, hinter denen 
ein Stück Freiheit des Ichs eingesperrt liegt. Das 
arme Ich zwängt sich dann lieber durch zwischen 
Sollen-müssen und Dürfen-können. 



DRITTES KAPITEL 

DIE ANDEREN — AUF DISTANZ 
GESEHEN 

Wie werden uns die Mitmenschen behandeln? 
Von der Antwort auf die Frage, wieviel Gutes und 
Böses, welches Maß von Liebe oder Haß, welchen 
Grad der Anteilnahme oder Interesselosigkeit wir 
zu erwarten haben, hängt der größte Teil unseres 
Schicksals ab. Wer das unrichtig abschätzt, hat es 
im Leben schwer, wenn er nicht zu jenen Aus- 
nahmsmenschen gehört, die fernab vom Weltlauf 
wohnen. Leider muß man sich die Antwort selber 
suchen, denn die fertiggemachten und vorrätigen 
widersprechen einander zu sehr, um Vertrauen 
einzuflößen: auf der einen Seite die Sammlung 
großer Weltversöhnungsgemälde, himmelblau in 
blaßrosa, mit der Überschrift „Die Menschen sind 
gut" — meistens wird vorsichtsweise hinzugesetzt 



Die anderen — auf Distanz gesehen 47 

..im Grunde" — , auf der anderen eine Kette von 
unangenehmen Wahrheiten, die mit dem Satze 
abschließt: Homo homini lirfius, der Mensch ist 
zum Menschen wölfisch. 

Sich in solche Fragen einzulassen und Partei zu 
ergreifen, ist Temperamentssache; wirklicher Vor- 
teil ist damit, ob man so oder so antwortet, nicht 
zu gewinnen. Vielmehr ist hier die richtige Stelle 
für die praktische Nutzanwendung der Selbst- 
erkenntnis: „Was ich will, daß ich 's anderen tu, 
das fügen sie mir selber zu." 

Von den Schwierigkeiten ist schon gesprochen 
worden, aber wie sieht der Lohn aus? Der Tief- 
blick des Seelenlesers, das untrügliche Auge des 
Menschenkenners? Kaum, aber es ist schon etwas, 
wenn man einen persönlichen, festen und doch 
nicht engherzigen Standpunkt hat und nicht von 
der eingelernten Vorstellung einer allgemein ver- 
breiteten Menschenliebe plötzlich hinüberschwenkt 
zu Menschenhaß und Reue. Von einer Mittelstel- 
lung aus ist es leichter, den Einzelfall nach Wert 
und Würden einzuschätzen. 

Die kleinsten Anzeichen, das hat Freud uns 
sehen und einsehen gelehrt, sind die verrate- 



*° Zur Menschenkenntnis 



rischesten und deshalb die wichtigsten. Was noch 
sehr ferne von Plan, Absicht und bewußtem Wol- 
len ist, was selbst als dunkles Gefühl noch kaum 
wahrgenommen wird, aber sich eines Tages be- 
stimmt zum Licht durchringt und dann als fertige, 
unangreifbare Entscheidung hervortritt, das zeigt 
sich an kleinen Vergeßlichkeiten, an unbedeuten- 
den Fehlgriffen, an Störungen bei den alltäglich- 
sten Verrichtungen und an allerhand sogenannten 
„unabsichtlichen" Bewegungen bereits an. Wie 
dich einer begrüßt, ob er vergißt, dir die Hand 
zu geben, ob er an deiner Tür seinen Schlüssel 
hervorzieht, ob er sich auf deinen Namen besin- 
nen muß oder sich deine Hausnummer gemerkt 
hat, ob und was er bei seinem ersten Besuch 
liegen läßt, was er verschüttet, verliert, zerbricht 
oder fallen läßt, — das und tausend Ähnliches, 
manches davon so mikroskopisch klein, daß es 
kaum in Worte gefaßt, nur gefühlsmäßig wahr- 
genommen werden kann, — gibt dir die Auskunft 
darüber, wessen du dich von ihm zu versehen hast. 
Wie jeder Entdeckung ist auch dieser das Los 
gefallen, mißverstanden und unrichtig angewendet 
zu werden. 



Die anderen — auf Distanz gesehen 49 

Solche „Fehl- und Symptomhandlungen" — 
das ist ihr Name in der Psychoanalyse — tragen 
ihren Sinn nicht offen zur Schau; das Unter- 
drückte wird durch sie meist nur mittelbar aus- 
gesprochen. Manche sind leicht enträtselbar, 
andere kehren so oft in typischer Form wieder, 
daß ein Wahrscheinlichkeitsschluß erlaubt scheint, 
aber Sicherheit läßt sich erst durch „Deutung" 
gewinnen, ein Verfahren, das gelernt sein will, 
und bei dem man die bereitwillige Mitarbeit des 
anderen nicht entbehren kann, — was natürlich 
unserem Zweck zuwiderläuft. So bleibt alles 
zweifelhaft — die Fehlhandlung mag einen ande- 
ren Sinn haben als den wahrscheinlichen oder 
durchschnittlichen, sie kann an die Adresse eines 
dritten gerichtet sein, für den du vorübergehend 
als Ersatzperson einzustehen hast. Damit scheint 
der praktische Wert der Entdeckung sehr herab- 
gesetzt, ist es aber keineswegs. Solche kleine An- 
zeichen gibt es nämlich in Vielzahl und Viel- 
gestalt: „Aus allen Poren quillt den Menschen der 
Verrat." Wer gelernt hat, auf diese Dinge auf- 
merksam zu Bein, dem springen sie ungesucht von 
allen Ecken und Enden entgegen. Wenn sich nun, 

4 Sachs, Zur MenscheDkeilntnii 



50 Zur Menschenkenntnis 

wie es nicht selten geschieht, an die erste ,,Sym- 
ptomhandlung", die einen bestimmten Sinn zu 
verraten scheint, eine zweite anschließt, die Ähn- 
liches besagen könnte, und an diese eine dritte, 
bis eine ganze Gruppe gleichgerichteter beisam- 
men ist, dann darf man der Wahrheit, die diese 
Übereinstimmung ausspricht, ohne viel Skrupel 
vertrauen. 

Eine gute und beliebte Methode, sich die Vor- 
teile dieser neuen Einsicht wieder entgehen zu las- 
sen, ja sie in Nachteil zu verwandeln, besteht 
darin, sie nicht ernst zu nehmen. Diese kleinen 
Widersprüche zwischen dem bewußt Gewollten 
und dem, was durch die Einmischung des Gegen - 
willens daraus wird, sind oft sehr komisch, und 
die Versuchung, Psychologisches nicht schwer zu 
zu nehmen, besteht ja überall. Anstatt als wert- 
volle Erkenntnis wird der Fund zur „harmlosen 
Neckerei" benützt. Es gibt aber, ein für allemal, 
keinen harmlosen Spott, am wenigsten dort, wo 
Unbewußtes hineinspielt. Es ist eine Taktlosigkeit, 
das hervorzuzerren und auszubreiten, was der 
andere verborgen halten und nicht wissen will, 
und sie wird sich später rächen. 



Die anderen — auf Distanz gesehen 51 

Der größte Fehler liegt aber doch darin, die 
Dinge, weil sie klein sind, für kleinlich zu halten 
und für unernst, weil sie komisch aussehen. Es 
ist aber keineswegs „psychoanalytisch", mit diesen 
Beobachtungen und ihren Deutungen hausieren zu 
gehen und die Leute, denen Fehlhandlungen 
unterlaufen sind, darauf aufmerksam zu machen 
und ihnen von ihren „Verdrängungen" zu er- 
zählen. Es ist im Gegenteil sehr unpsychologisch 
und unpsychoanalytisch, denn es beweist, daß 
man von der wahren Tragweite dieser Zeichen 
keine Ahnung hat. Psychoanalyse und Takt treffen 
hier, wie so oft, zusammen und raten gemeinsam, 
gerade für das Kleinste und Unbedeutende offene 
Augen und Ohren zu haben, seine Schlüsse für 
sich selbst zu ziehen und im übrigen den Mund zu 
halten. 

Der Psychoanalytiker, wie er in Romanen und 
Theaterstücken vorkommt, ist allerdings stets ein 
Musterstück vollendeter Taktlosigkeit, während 
der wirkliche Analytiker, dem es ja oft genug be- 
gegnet, daß er um derartige Deutungen gefragt 
oder selbst gedrängt wird, längst gelernt hat, daß 
es manchmal klüger ist, sich dümmer zu stellen, 



52 Zur Menschenkenntnis 

als man ist. Die meisten von uns haben sich für 
solche Situationen eine Methode des höflichen 
Ausweichens ein für allemal zurechtgelegt. 

Den Rat, die kleinen Fehlhandlungen nicht allzu 
leicht zu nehmen, braucht man denen nicht erst 
besonders ans Herz zu legen, die von solchen Fehl- 
handlungen betroffen werden, die darunter lei- 
den, weil die Tendenz sich gegen sie richtet. Das 
Mädchen, deren Anbeter unpünktlich zum Stell- 
dichein kommt, die Frau, deren Mann die ge- 
wohnte Aufmerksamkeit zum Hochzeitstag ver- 
gißt, die Dame, deren Kavalier ihr Kleid be- 
sudelt, sie wissen alle genau, woran sie sind; sie 
brauchen darüber nicht erst in psychoanalytischen 
Büchern nachzulesen und lassen sich durch die 
schönsten Begründungen wie Zerstreutheit, Ar- 
beitsüberhäufung oder Migräne nicht trösten. (Die 
hier gewählten Beispiele sind alle von der weib- 
lichen Seite, weil die Frauen in Sachen der in- 
tuitiven Psychologie weit voranstehen.) Leider 
dauert diese Einsicht nur solange, als der Be- 
treffende selbst der Betroffene ist. Sobald das vor- 
bei ist, wechselt er auf die andere Seite hinüber 
und kann es nicht verstehen, wie man über eine 



Die anderen — auf Distanz gesehen 53 

kleine Vergeßlichkeit oder Ungeschicklichkeit, die 
ihm passiert ist, verstimmt sein kann. 

Das konsequente Nichtgeltenlassen der Fehl- 
handlungen heißt Disziplin. Die Knöpfe haben 
geputzt zu sein, zum Donnerwetter, ob der Rekrut 
verliebt ist, oder ob seine Mutter im Sterben liegt. 
Die Pflicht des Pädagogen ist es, dergleichen Sym- 
ptomen seine beste Aufmerksamkeit zu schenken. 
Wie die Erziehung diese beiden Gegensätze ver- 
einigt, ist ihre Sache. 

Im Verhältnis zu den Untergebenen hat man 
zwischen diesen beiden Wegen zu wählen, doch 
ist es ratsam, bei dem einmal gewählten zu be- 
harren. Wo man auf Entfernung einer größeren 
Anzahl gegenübersteht, wird es leichter sein, zu 
imponieren und sich auf die Disziplin zu stützen. 
Mit dem einzelnen, mit dem man in intimer Be- 
rührung zusammenlebt, ist das untunlich, da be- 
kanntlich keiner vor seinem Kammerdiener ein 
Held ist. Wer den häuslichen Frieden schätzt und 
gut bedient werden will, wird besser tun, auf die 
kleinen Anzeichen zu achten und seine Anforde- 
rungen danach einzurichten; er kann dann sein 
Personal richtig behandeln, ohne auf Vertraulich- 



04 Zur Menschenkenntnis 



keiten oder gar Klatsch angewiesen zu sein, und 
weiß auch, wann es an der Zeit ist, einmal die 
großen Register zu ziehen. 

Dies ist der erste Teil des Rezeptes zur allge- 
meinen Beliebtheit : Laß dir von keiner Größe im- 
ponieren ! Ob du mit einer Prinzessin zu tun hast 
oder mit einem „Fürsten im Reiche der Geister", 
achte auf die kleinen menschlichen Züge und halte 
dich an diese. — übersieh' aber auch den Gering- 
sten nicht und hab' einen Gruß für ihn und einen 
Dank für jede kleine Dienstleistung. Oder, mit 
einem Dichterwort und darum kürzer und ein- 
dringlicher gesagt: Bemühe dich, die „Menschen 
menschlich zu sehen"! 

Der zweite Teil des Rezeptes ist schwieriger, 
denn er läßt sich nur von dem handhaben, der tief 
davon durchdrungen ist, daß die Menschen sich 
im allgemeinen nur wenig für andere, aber sehr 
viel für ihre eigenen Eigenschaften und An- 
gelegenheiten interessieren. Wer sich darauf ein- 
richten kann, der wird es leicht haben, den Ruf 
zu erwerben, daß seine Unterhaltung besonders 
interessant und anregend sei. Viele werden kom- 
men, um ihn um seinen Rat zu fragen, und be- 



Die anderen — auf Distanz gesehen 55 

friedigt von hinnen gehen, denn es kostet ihn 
weder Scharfsinn noch Mühe, das herauszuhören 
und ihnen anzuraten, wozu sie sich bereits ent- 
schlossen haben. Er braucht auch keine Angst da- 
vor zu haben, sich ungezählte Male zu wieder- 
holen, es wird seine Beliebtheit nur steigern. Ich 
weiß von einem Freund, der lange Zeit bei einer 
älteren Verwandten Tischgast war. Als kluger 
Mann lobte er alles ausnahmslos, was sie nicht 
hinderte, nach jeder Mahlzeit sein Urteil zu be- 
fragen und davon beglückt zu sein. Das zehn- 
jährige Ausbleiben von Tadel jeder Art hatte 
sie gegen sein Lob weder mißtrauisch machen 
noch abstumpfen können, und seine Wünsche 
wurden mehr beachtet, als wenn er versucht hätte, 
sie mit begründeter Kritik durchzusetzen. Wer so 
gute Ohren für das Menschliche hat wie Theodor 
Fontane, der kann eine gelegentlich entschlüp- 
fende Wahrheit erwischen und zu seiner Erheite- 
rung festhalten. Er traf einen Bekannten, der sich 
nach seinem Befinden erkundigte, ihn jedoch, als 
er davon zu erzählen begann, mit den Worten 
unterbrach: „Aber sprechen wir von Interessante- 
rem ..." 



56 Zur Menschenkenntnis 



Ohne Interesse für einander sind die Menschen 
freilich nicht. Selbst bei flüchtigster Begegnung, 
im Vorübergehen, spinnen sich die zarten Fäden 
einer Beziehung von einem zum andern, die frei- 
lich schnell wieder abreißen. Doch gehört merk- 
würdig wenig Zeit dazu, die Fäden festzuknüpfen, 
und der erste Eindruck ist oft auf weit hinaus be- 
stimmend, nicht nur bei dem berühmten coup de 
foudre der Liebe. 

Bereitschaft zur Anteilnahme ist an allen Ecken 
und Enden vorhanden, und schon der kleinste 
Funke kann sie wie ein Häufchen Schießpulver 
aufflammen lassen. An den einfachen, offenbaren 
und bis zum Überdruß durchgekauten Motiven, 
wie Eigennutz und Vorteils Jägerei, wollen wir vor- 
beigehen. Was dann an die Reihe kommt, sind 
natürlich die Leidenschaften in tausenderlei For- 
men und Farben, Verwandlungen des Eros, der 
uns vom ersten Atemzug an in seinen Netzen hält. 
Die Abhängigkeit von der Elternliebe, Ge- 
schwisterneid, die ersten Genüsse und Enttäu- 
schungen der Kindheit erstrecken sich durchs 
ganze Leben hin und kehren immer wieder, um 
mit neuem Personal, mit veränderter Szenerie die- 



Die anderen — auf Distanz gesehen 57 

selbe alte Komödie aufzuführen; jeder, der 
ahnungslos in den Zauberkreis tritt, wird Mit- 
spieler und damit eine interessante Figur. Die so- 
genannten „rein sachlichen Beziehungen" werden 
von Bindungen durchzogen, die auf Längstver- 
gangenes gegründet sind und von ihm Farbe und 
Glanz erhalten, wie die zwischen Vorgesetzten und 
Untergebenen, zwischen Lehrer und Schüler, zwi- 
schen Kollegen und Kameraden oder selbst zwi- 
schen Verkäufer und Kunden. An allerhand Um- 
wegen, auch über leblose Dinge, fehlt es nicht. 
Wer einen Gegenstand besitzt, um den ihn ein 
anderer beneidet, der kann ganz sicher sein, daß 
jede Seite seiner Persönlichkeit, jede Episode 
seiner Existenz, mit nimmermüdem Eifer aufge- 
spürt und erörtert wird — besonders, wenn der 
andere eine andere ist. 

Damit ist ein weites Gebiet abgesteckt, inner- 
halb dessen sich alle kennen und — wenn auch 
nicht stets auf freundliche Weise — begrüßen. 
Es gibt aber ein noch viel größeres Terrain, auf 
dem die gegenseitige Anteilnahme fest verbürgt 
ist. Wir nennen es Mitleid, wenn wir die Schmer- 
zen eines anderen Menschen miterleiden, so oder 



58 Zur Menschenkenntnis 

fast so, als wären sie uns selbst zugefügt worden ; 
wir haben dabei nicht die Wahl, ob wir mitleiden 
wollen oder nicht, — wir müssen oder müssen 
nicht. Nicht nur das Leid hat solche Ausstrahlun- 
gen: So gut wie Mit-Leid und Mit-Freude gibt es, 
wenn auch in weniger durchsichtiger Weise, einen 
Mit-Haß, Mit-Neid, Mit-Fanatismus, eine Mit- 
Eifersucht, Mit-Begeisterung und Mit-Angst, kurz- 
um alle Sorten und Möglichkeiten von Mit- 
Leidenschaft, mit allen Merkzeichen einer ur- 
sprünglichen Passion wie Spannung, Unbehagen, 
Ruhelosigkeit und Urteilstrübung. Diesen Vor- 
gang, bei dem eine fremde Leidenschaft über- 
nommen wird wie eine Ansteckung (es kommen 
auch Epidemien vor), nennt die Psychologie 
Identifizierung; er vollzieht sich nach eigenarti- 
gen, nur wenig bekannten Gesetzen. Man wird er- 
warten, daß die Identifizierung die Folge des 
Interesses sein werde, das wir an einem Menschen 
nehmen. Das geschieht auch häufig genug, aber 
noch viel öfter geht es umgekehrt zu: Wir identi- 
fizieren uns aus einer uns nicht bewußten Ge- 
meinsamkeit heraus und erwerben so Interesse an 
Menschen, die uns sonst und bis dahin gleich- 



Die anderen — auf Distanz gesehen 59 

gültig waren. Das unbekannt Gemeinsame mag 
eine bestimmte Situation sein oder ein Stück der 
Vergangenheit, ein Charakterzug, Haß oder Liebe 
gegen eine dritte Person, eine Geschmacksvorliebe 
oder die Kragenweite, kurzum allerhand sehr Ver- 
schiedenes: aber am sichersten und am intensiv- 
sten tritt die Identifizierung dort ein, wo etwas, 
was bei dem einen im Keim vorhanden war, aber 
durch die Entwicklung erstickt wurde, von dem 
anderen voll aus- und durchgelebt worden ist. 

Darum finden alle, die ein spießbürgerliches 
Element in ihrer Natur haben — , also die große 
Mehrzahl — , einen Anlaß zu geheimer Identifi- 
zierung, wo immer einer eine Voll-Leistung voll- 
bringt, etwas Größtes, Höchstes, Schwerstes, Maxi- 
males durchsetzt, kurzum das tut, was man im 
Sport einen Rekord aufstellen nennt. Was das 
Wesen, der Grund und der Nutzen dieser Leistung 
ist, das bleibt nebensächlich, dagegen wird die 
Identifizierung zum glühendsten Interesse ge- 
steigert, wenn die Tat noch mit einem jener mäch- 
tigen Urinstinkte zusammenhängt, die in unserer 
Zivilisation eingeengt und unterdrückt werden und 
deshalb am meisten auf das Ausgelebtwerd-n auf 



60 Zur Menschenkenntnis 



dem Umwege der Identifizierung erpicht sind. Hat 
das Geleistete oder Geschehene etwas von Blut- 
geschmack und Grausamkeit an sich oder das 
Aroma der Erotik, dann bleibt die Identifizierung 
nicht bei bloßem Interesse stehen, sie wird bis zur 
Versenkung in das minutiöse Detail getrieben, und 
was so in Erscheinung tritt, heißt: Sensation. 

Es ist deshalb sehr unrecht von den Forschern und 
Erfindern, den Gelehrten und Philanthropen, — 
kurz von allen jenen, die man späterhin „Wohl- 
täter der Menschheit" nennt, — wenn sie sich be- 
klagen, daß sie und ihr Tun nur einen minimalen 
Bruchteil der Anteilnahme erhalten, die denen 
blüht, die freiwillig oder unfreiwillig eine Sensa- 
tion bieten: Boxkämpfer, Kinostars, Tyrannen, 
Lustmörder, Bennfahrer und -flieger, Kinderent- 
führer, Millionärsehepaare im Scheidungspro- 
zeß usw. Die ersteren wirken nur auf den Ver- 
stand und bleiben deshalb für das Gefühl blasse 
und schattenhafte Gestalten, bis eine spätere Ge- 
schichtsschreibung oder — ein zeitgenössischer 
Preßagent einen sensationellen Zug in ihr Bild 
malen. Die anderen aber, die Sensationellen, sätti- 
gen einen ewig hungrigen Gefühlsanspruch, wenn 



Die anderen — auf Distanz gesehen 61 

man sie recht lebendig, wie aus nächster Nähe, be- 
sehen oder noch besser beschnüffeln kann, denn 
das fördert das Sich-Einleben. Es ist weder trau- 
riger Zufall noch Geschmacksverirrung, sondern 
Gesetzmäßigkeit, daß diese Dinge den Haupt- 
inhalt fast aller Zeitungen und Zeitschriften aus- 
machen, daß sie es sind, die Theater, Kino, Sport- 
arena und Gerichtssaal füllen. Schließlich, wenn 
[man es recht bedenkt, sind und waren sie von je 
das eigentliche Thema auch für das, was unter 
dem Namen Poesie und schöne Literatur geht. 

Ein Künstler hat mit einem minderjährigen 
Modell das getrieben, was das Gesetz „Unzucht" 
nennt. Schrecklich, die ganze Stadt ist auf und 
kann nicht genug darüber erfahren, aus Teil- 
nahme mit dem verdorbenen, geschändeten jungen 
Menschenleben. Eine schwer tuberkulöse Frau muß 
im selben Zimmer mit ihren sechs kleinen Kindern 
schlafen. Jeder gibt gern seinen Groschen, um 
von der Geschichte nichts mehr hören zu müssen. 

Das alles ist nicht rätselhaft, wenn man sehen 
kann, daß die Identifizierung, gewürzt mit Ag- 
gression oder Erotik, die treibende Kraft dabei ist. 
Solche Identifizierungen geschehen natürlich nur 



62 Zur Menschenkenntnis 

sehr teilweise, gerade mit diesem oder jenem beson- 
ders anziehenden Stück, und stehen überdies auf 
der Kippe, weil ein bißchen böses Gewissen doch 
auch immer dabei ist, das dazu führen kann, daß 
das Interesse in Ablehnung und Abwehr um- 
schlägt. Kein Wunder, daß diese Sensationen bald 
untergehen oder einander in schneller Folge ab- 
lösen. Doch sind auch vollständigere und dauer- 
hafte Identifizierungen nichts Seltenes, die ein das 
ganze Leben durchwärmendes Interesse hervor- 
rufen. 

Wie verträgt sich das alles, die Anteilnahme 
aus Eigennutz, Leidenschaft, und Identifizierung 
mit dem früheren Satze, der Einsichtige dürfe 
kein Interesse erwarten? Diese drei (im psycho- 
analytischen Fachjargon heißen sie Ichtriebe, Li- 
bido und narzißtische Identifizierung) umfassen 
allerdings ein sehr weites Gebiet, das noch weiter 
wird dadurch, daß niemand imstande ist, seine 
Grenzen abzustecken, so daß man nie weiß, ob 
man es nicht schon betreten hat, — aber so weit 
das Land ist, es ist doch nicht unendlich, und 
irgendwo fangen doch die Gebiete an, die be- 
stimmt nicht mehr dazugehören. Damit ist ge- 



Die anderen — aut Distanz gesehen 63 

meint, daß die seelische Hör-, Seh- und Riech- 
weite über diese Grenze hinaus nicht reicht, wes- 
halb die Menschen von jenseits und ihre An- 
gelegenheiten nicht mehr wahrnehmbar sind. 
Diese Grenzen sind je nach der Persönlichkeit sehr 
verschieden gezogen, aber oft enger, als man glau- 
ben möchte, und immer enger in der Praxis als in 
der Theorie. 

Man kann sich aus diesem Sachverhalt auch das 
Gute nehmen, daß man — aber nur, solange man 
wirklich „fremd" ist, — ziemlich sicher ist, un- 
bemerkt zu bleiben. Es ist unglaublich, wieviel die 
Menschen nicht sehen, wenn sie nach keiner Seite 
hin interessiert sind, — fast ebensoviel wie dort, 
wo sie übersehen wollen. 

Und damit sind wir beim dritten Punkt des Re- 
zeptes zur Reliebtheit angelangt, beim dritten, der 
selbstverständlich der schwerste ist. Er heißt: in 
die richtige Identifizierung einsteigen. Ist man 
einmal drin, so ist es Kinderspiel, das Ziel zu er- 
reichen; aber wenn man die richtige verfehlt hat, 
so ist es schwer, fast unmöglich, umzusteigen. 

Am besten hat es der, der eine Hülse vorfindet, 
gewissermaßen die Larve einer geliebten Person 



64 Zur Menschenkenntnis 

der Vorzeit — die aber noch ruhig unter den 
Lebenden wandeln kann — , in die er mit einem 
Teil seines Selbst, sei er innerlich oder äußerlich, 
hineinpaßt. Keiner darf daran Anstoß nehmen, 
daß er die Zuneigung nur als Erbteil eines Vor- 
gängers erhält; jede Gefühlsbindung geht auf eine 
frühere zurück, nur eine Mutter hat das Recht, 
erste Ansprüche zu stellen. 

Manche Ausgangspositionen sind so günstig, 
daß es genügt, nichts zu verderben, um Beliebt- 
heit, wenn nicht mehr, zu ernten, z. B. Lehrer und 
Schülerin; andere haben besondere Schwierig- 
keiten, wie der Verruf der Stief- und Schwieger- 
mütter beweist. 

Die Austeiler von Strafen sind nicht notwendig 
unbeliebt, wenn sie über einige Bonhommieallüren 
verfügen. Hingegen ist der dem höchsten Vor- 
gesetzten zunäehststehende immer verhaßt; er 
wird zum Sündenbock gemacht für alles Unerfreu- 
liche, das von oben kommt, selbst wenn ihn der 
Chef — wie er wohl meistens tut — nicht dazu 
benützt. Ein General Napoleons soll gesagt haben, 
daß man jeden Generalstabschef jederzeit stand- 
rechtlich erschießen lassen könne. 



Die anderen — auf Distanz gesehen 65 

Die andere Chance ist die der unmittelbaren 
Identifizierung, die am leichtesten vonstatten geht, 
wenn einer als Vorbild und Muster — bloß nicht 
zu musterhaft — gelten kann. Es muß sich aber 
um etwas handeln, wozu die übrigen eine wirt- 
liche, nicht bloß nachgeplapperte Lust haben. 
Also bei den meisten Menschen Sport und 
Athletik, nicht Kunst und Literatur; denn so stark 
und gewandt möchte jeder sein, ob es sich aber 
verlohnt, durch das Schreiben von Versen auf die 
Nachwelt zu kommen, das ist keine so einfache 
Frage. Wir belächeln die Anbetung der kleinen 
Jungen für ihre Fußballhelden, aber wir behalten 
genau dieselbe Fähigkeit zum Heroenkult, wenn 
wir sie auch mit mehr Zurückhaltung zeigen. 

Gemeinsame Interessen lassen sich immer fin- 
den, wenn man den guten Willen hat, — Brief - 
markensammeln, Sport, Sprachreinigung, Kino, 
Vegetarismus, politische Partei, Loge, Kirche — 
es kommt immer nur darauf an, den Anfang an 
der richtigen Stelle zu finden, ob im großen oder 
kleinen, tut nichts zur Sache. 

Ein Umstand, der geeignet ist, alles zu verder- 
ben, wird oft übersehen, weil ihn nur wenige hin- 

5 Sacha, Zur MeoicheokenntDiB 



66 Zur Menschenkenntnis 

reichend kennen. Wer versucht, sich anzugleichen 
(„komm und identifiziere dich mit mir"), der 
muß wissen, daß Gleichheit gut ist, aber Ähnlich- 
keit das Schlechteste. Ähnlichkeit fordert zum 
Vergleich heraus, und hat man erst begonnen zu 
vergleichen, so fallen die Unterschiede, und seien 
sie noch so unbedeutend, riesengroß in die Augen. 
Ein schroffer Gegensatz ist viel anziehender als 
eine Ähnlichkeit. Der fromme Katholik und der 
Atheist können Gefallen aneinander finden, zwei 
eifrige Protestanten etwas verschiedener Richtung 
nie. Diese Erfahrung — sie heißt in der Psycho- 
analyse „der Narzißmus der kleinen Unterschiede" 
— gilt überall, bei politischen Glaubensartikeln 
wie im Verhältnis der Nationen, in Sachen des 
Geschmacks so gut wie in der Wissenschaft. Wer 
sich also in einer bestimmten Frage — nehmen 
wir an aus inneren Widerständen — nicht bis zur 
völligen Gleichheit der Gesinnung oder Auffassung 
durchringen kann, der lasse die ganze Sache wo- 
möglich unterwegs, sonst wird er seiner Beliebt- 
heit in dem Kreis, in den er freundlich aufgenom- 
men werden möchte, durch solche Halbheit weit 
mehr schaden als nützen. 



Die anderen — auf Distanz gesehen 67 

Wer sich selbst einigermaßen kennt, wird sich 
darüber im klaren sein, daß der Mensch, auch 
wenn er „im Grunde" gut sein mag, doch keines- 
wegs eine ungefährliche und harmlose Kreatur 
ist. Im Gegenteil, er steckt voll dunkler Ecken und 
Winkel, aus denen jederzeit etwas Feindseliges 
herausspringen kann: Widerspruchsgeist, gestörte 
Pedanterie, verletzte Eitelkeit, Gehässigkeit, Rach- 
sucht, das Vergnügen, seine Macht zu zeigen, reine 
Angriffsfreude und Lust am Quälen (die oft mit 
Selbstquälerei einhergeht). Da man sich trotzdem 
nicht davon abhalten lassen kann, die Tiere zu 
füttern und zu berühren, ist Vorsicht am Platz 
(am allermeisten den Leuten gegenüber, denen 
ein unverdientes Unglück angetan wurde, z. B. 
einer zu früh gealterten schönen Frau). Wer an 
neue, ihm noch unbekannte Menschen eine 
freundliche Annäherung versucht, sei nicht allzu 
„gewinnend", nicht ungestüm liebenswürdig. 
Lieber zu wenig tun als das Falsche. Eine Aus- 
nahme gilt nur für jene wenigen, die wirklich 
allen Menschen gut sind. Sonst ist eine Freund- 
lichkeit, die ständig ihre Temperatur übertreibt, 
schlechter als gar keine. 



68 Zur Menschenkenntnis 

Wenn man eine Menge fesseln will, muß man 
sich ihrer Aufmerksamkeit aufdrängen, vielge- 
schäftig sein und dick auftragen: dem einzelnen 
gegenüber ist das Verfahren anders. 

Am besten fährt, wer zu „sondieren" weiß, 
d. h., die kleinen Anzeichen beachtet und ver- 
steht, und der darüber hinaus dessen eingedenk 
ist, wie stark der „Gegenwillen" sich jedem frem- 
den Willen, sei er noch so freundlich und wohl- 
wollend — „ich will doch nur dein Bestes" ist ein 
von der Kinderstube her verhaßtes Wort" — , in 
den Weg stellt. Man führt nur solange sicher, 
als man dem Geführten des Gefühl zu lassen ver- 
mag, daß er nur seinem eigenen Willen folge; 
alles andere ist Unterwerfung, die jeden Augen- 
blick in Auflehnung umspringen kann. (Auch 
Autoren machen ihre Leser manchmal dadurch 
widerspenstig, daß sie sich ihnen zu sehr auf- 
drängen.) 

Anhang für die durch unbekannte Gesichter 
leicht Eingeschüchterten : Sie mögen nicht verges- 
sen, daß man von jedem, auch von dem Fremde- 
sten, eine ganze Menge weiß, nämlich weil und 
insoweit er menschlich ist, und von den Vertraute- 



Die anderen — auf Distanz gesehen 69 



steu doch nur recht wenig; der Unterschied ist 
darum nicht allzu groß. 

Auch ein „Bund der Herzen", der Einfluß einer 
tiefen und dauernden Freundschaft ist nicht im- 
stande, die Grundlinien eines Charakters zu 
ändern und die Mauern, die um jede Menschen- 
natur gelegt sind, niederzureißen. Gerade bei den 
Nachgiebigen und Opferbereiten sitzt irgendwo, 
an unvermuteter Stelle, ein Widerstand, der re- 
spektiert werden muß. Der Versuch, jemanden 
zu etwas zu drängen, was ihm absolut nicht 
liegt, endet regelmäßig mit einer Niederlage — 
entweder glatte Abweisung, oder er tut zwar sein 
Bestes, aber — natürlich unabsichtlich — so, daß 
daraus das Schlimmste wird. Es verlohnt ein eige- 
nes Studium: zu wissen, was die uns freundlich 
Gesinnten uns gerne gewähren und was sie uns 
abschlagen werden, weil sie eben nicht anders 
können. „Ich bin mit Vergnügen bereit, für dich 
mein halbes Vermögen zu riskieren, aber dir mein 
Rasiermesser leihen — dein neues Buch lesen — 
für dich zu Herrn N. sprechen? Nein, unmög- 
lich!" 

Ein Zyniker könnte fragen: „Wenn jeder nur 






70 Zur Menschenkenntnis 

das tut, was er gerne tut, wo ist dann Ursache zur 
Dankbarkeit?" Zyniker haben gewöhnlich recht, 
wenn sich erst die Zähne ihrer Logik etwas abge- 
stumpft haben. Dankbarkeit zu erwarten oder gar 
zu fordern, ist nicht nur ein Irrtum, sondern ein 
Unrecht, denn sie gehört zu den seltenen und 
feinen Dingen wie eine Alpenblume, die aus- 
nahmsweise in der Niederung blüht. Für alles, was 
sich um den Durchschnitt herum bewegt, ist die 
Erinnerung an vergangene Hilfsbedürftigkeit pein- 
lich und beleidigend, was sich in bösen Fällen bis 
zur Rachsucht steigern kann. Daneben gibt es noch 
die Gruppe jener, die sich nicht darum scheren, 
wo es herkommt, und mit ihrem „Vergelt's Gott" 
jederzeit bei der Hand sind. 

Umgekehrt steht es mit den Wohltaten, die man 
erwiesen hat; an die läßt sich jeder gerne er- 
innern, und sei es auch durch eine neue Bitte. 
Wer es versteht, so zu empfangen, daß der Geber 
daran seine Freude hat, kann von einer einmaligen 
Gefälligkeit her eine Art Schützlingsanspruch aus- 
bauen und dem Helfer das Vergnügen an der 
Wohltäter- und Beschützerrolle beibringen. 

Damit sind wir bei der Eitelkeit angelangt, die 






Die anderen — auf Distanz gesehen 71 



das eigentliche Thema für ein Lehrbuch über den 
Umgang mit Menschen sein sollte. Jetzt müßte 
eine Aufzählung und Einteilung der verschiede- 
nen Eitelkeiten an die Reihe kommen, nebst An- 
gabe, wodurch sie sich unterscheiden und warum, 
gefolgt von einer Abhandlung über ihre Ursachen, 
Verhütung und Heilung. Nichts davon wird ge- 
schehen, das Thema würde „das Ausmaß dieses 
Werkes übersteigen". Alles Grämliche — hinter 
dem doch nur Überheblichkeit steckt — wird aus- 
gestrichen, und von der ganzen Predigt bleibt nur 
der versöhnende Schlußsatz übrig: Kinder, seid 
duldsam; und noch mehr — seid vorsichtig! 

Nur wer selbst ein Bärenfell umhat, das hieb- 
und stichfest ist, braucht sich nicht darum zu 
kümmern, ob er anderen auf die empfindlichsten 
Stellen stößt und trampelt. Wer nicht unverletz- 
bar ist, wird sich leichter und sogar unbefangener 
bewegen, wenn er sich ständig in acht nimmt und 
seine Vorsicht in keiner Lage ganz beiseite setzt; 
jeder Fehlgriff läßt eine Spannung zurück, die 
das erfreulichste Beisammensein im Handum- 
drehen zur Peinlichkeit machen kann. 

Also dort, wo die Eitelkeit mitspricht, ja nicht 



72 Zur Menschenkenntnis 

vor fremden Türen kehren ! Und vor der eigenen ? 
Kinder, seid vorsichtig; und noch mehr, seid duld- 
sam — auch gegen euch selbst! 

Für böse Worte den Zwischenträger machen, 
heißt, Dreck von der Straße aufheben und ins 
Haus des Freundes bringen ; man wird dafür letz- 
ten Endes auch entsprechend belohnt. Am dümm- 
sten handelt der, der miteinstimmt, wenn ein 
anderer, wenn auch aus dauernder Verfeindung 
heraus, auf die ihm Zugehörigen schimpft und 
seine eigene Familie, Kaste oder Nation herabsetzt. 

Zum Schluß noch ein paar Sätze über die Be- 
ständigkeit menschlicher Beziehungen. Die Frage, 
sind die Menschen treu oder nicht, wird gerade so 
wie jene, sind die Menschen gut oder böse, im 
entgegengesetzten Sinn beantwortet, je nachdem 
sentimentaler Optimismus oder skeptische Zynik 
die Antwort färbt. 

Gewohnheit und Abwechsluhgssucht sind beide 
starke Mächte, die überall, wo sie sich begegnen, 
im Kampf miteinander liegen müssen. Ihr ein- 
ziger Versöhnungspunkt ist die Kunst, die eben 
darin besteht, das Altgewohnte so zu wiederholen, 
daß es als Überraschung wirkt. 



Die anderen — auf Distanz gesehen 73 

Das zähe Festhalten am Alten, an der Be- 
friedigung, wie gehabt, ist eine Grundeigenschaft 
aller Triebe — mit anderen Worten, der mensch- 
lichen Natur — , die sich bis ins kleinste durch- 
setzt; auch der wildeste Revolutionär wünscht 
seine Pantoffel an der gewohnten Stelle unterm 
Bett zu finden, überflüssig zu schildern, wie durch 
diese Einwirkung längst vermoderte Beziehungen 
noch aufrechterhalten werden. Dagegen lockt das 
Neue durch die Vorspiegelung der unerschöpf- 
lichen Möglichkeiten, der schwer zu widerstehen 
ist, weil ihr noch keine Enttäuschung widerspricht. 

Handelte es sich wirklich nur um diesen Kon- 
flikt, so ließe sich nichts weiter darüber sagen, als 
daß er so oder so ausgehen müsse, je nachdem, 
welche Partei stärker sei. Aber das ist nur die 
Oberfläche, und hier ist uns ein Blick erlaubt, 
der etwas weiter in die Tiefe reicht. 

Die eigentliche Grundnatur, um es noch einmal 
auszusprechen, ist von Anfang an die Beständig- 
keit, das Verbleiben bei einer einmal erlebten 
Befriedigung, wie es jedermann ohne besondere 
Mühe an den Kindern beobachten kann. Aber 
späterhin trennen sich die Wege. Es gibt dann 






74 Zur Menschenkenntnis 



auch Wünsche und Begehrungen, wo sich dem 
Festhalten andere Mächte — wir wollen sagen: 
innere Widerstände — entgegenstellen. Sie lassen 
dann das Alte fahren und suchen das Neue; aber 
das Alte wird doch nicht ganz aufgegeben, sie 
hoffen und versuchen, es in dem Neuen wieder- 
zufinden, aber gereinigt und erlöst von dem, was 
sie bei der Urform abschreckte. 

Daraus ergeben sich zwei verschiedene Arten 
von Bindungen. Die eine, als geradlinige Fort- 
setzung, hat den natürlichen Hang zur Beständig- 
keit: Wer hat schon von einem Bibliophilen ge- 
hört, der lieber Schmetterlinge gesammelt hätte, 
oder von einem Rennstallbesitzer, der sich nach 
der Fischzucht sehnt. Alles, was auf der geraden 
Linie liegt, ist einfach und verläßlich, ob es sich 
um eine Liebhaberei dreht oder um Wichtigeres. 
Anhänglichkeit ist das selbstverständliche Bedürf- 
nis — an die alte Schule, den Verein, die Partei 
und ebenso in Freundschaft, Liebe und Ehe. 

Beide Formen finden sich, auf Verschiedenes 
gerichtet, in derselben Seele zusammen, aber doch 
so, daß die eine oder andere vorwaltet und dem 
Menschen den Stempel aufdrückt. Auf der einen 



Die anderen — auf Distanz gesehen 75 

Seite stehen die ruhigen und verläßlichen, auf der 
anderen die vulkanischen und interessanten — das 
sind jene, deren Wesensart durch die Knickung in 
der Entwicklungslinie bestimmt wurde. Sie suchen, 
finden und werfen ihren Fund wieder fort, bald 
bewußt und absichtlich, bald so, daß sie meinen, 
ihn ohne ihre Schuld verloren zu haben. 

Diese Beharrlichkeit im Wechsel ist wohl- 
bekannt auf dem Felde der Frauenliebe. Dort ist 
sie mit dem Namen Don Juan verknüpft. Auch die 
ständig auf neue Männer Jagd machende Frau 
kommt vor, doch sind die Motive hier kompli- 
zierter, weshalb sich noch kein einheitlicher Name 
für weibliche Casanovas gebildet hat. Doch kann 
das immer neu Gesuchte ebensogut ein Beruf sein, 
eine Berufung oder ein Steckenpferd, ein Freund, 
ein Lehrer, ein Beschützer, ein Unterdrücker, ein 
Gegner, ein Bivale, eine selbstlose Freundin (reife- 
ren Alters), eine Gefährtin, eine zu Bessernde oder 
zu Bekehrende. Die Wiederholungen sind nicht 
ohne Varianten, schon weil die Umwelt nicht 
immer genau das gesuchte Exemplar enthält, aber 
doch als solche erkennbar, denn es bleiben nicht 
nur die drei Hauptakte: Suchen, Finden, Weg- 



76 Zur Menschenkenntnis 

werfen erhalten, auch eine Reihe charakteristi- 
scher Einzelheiten in der Durchführung bezeugen 
die Wiederkehr des Gleichen. 

Von außen gesehen ist dieses Verhalten rätselhaft 
— oder wäre es, wenn jemand es der Mühe wert 
fände, in irgend einem Einzel Vorgang im Seelen- 
leben ein Rätsel zu sehen. Die Erklärung hegt in 
dem inneren Konflikt, bei dem Suchen und Fliehen 
zusammenfallen. Als dauernd Unbefriedigte stre- 
ben die Menschen dieser Art dem Ziel ihrer Sehn- 
sucht mit hitziger Leidenschaft nach, so oft sie es 
zu erblicken meinen. Haben sie es erreicht, so er- 
leben sie ihre inneren Abhaltungen in der Form 
von Ernüchterung, Enttäuschung, Ermüdung, 
plötzlicher Indifferenz oder Katzenjammer. Es 
hat keinen Sinn, sie aufzuklären, man muß ent- 
weder mitspielen oder davonlaufen. 

Und das ist der richtige Schlußsatz für das 
Kapitel vom Umgang mit den Menschen. 



IM ANHANG 

Freuden lassen sich nur selten erjagen oder 
in ausgestellte Netze fangen, noch weniger fest- 
halten und einbalsamieren. Das einzige, was dir 
zu tun übrig bleibt, ist, sie freundlich zu emp- 
fangen und nicht viel nach ihrer Herkunft zu 
befragen. 



Wills du erfahren, wie sich eine Sache wirk- 
lich verhält, so höre nicht bloß auf die Klugen 
und Wissenden. Hör' über kein Gerede verächt- 
lich hinweg, sieh' dir auch das Albernste genau 
an. „Kinder und Narren sagen die Wahrheit" — 
auch, wenn sie selbst sie nicht kennen. Auch über 
dich selbst kannst du aus Klatsch und Gerüchten 
manches Neue lernen. 



Mußt du jemandem etwas Unangenehmes sagen, 
so tue es ohne Schulterklopfen und Freundschafts- 
lächeln. Sanfter Zuspruch vom Henker ist un- 



78 Zur Menschenkenntnis 

erträglich und ein Chirurg soll keine Unsicher- 
heit verraten. 



Du kannst in deinem Garten die Narzissen aus- 
reißen und an ihre Stelle Hyazinthen pflanzen, 
aber nicht Narzissen in Hyazinthen verwandeln. 
Mit deinen Beziehungen zu den Menschen, die 
dir nahestehen, geht es ebenso. 

Die früheren Freunde eines jungen Ehemannes 
beschuldigen gewöhnlich die Frau, sie habe aus 
Eifersucht die alten Verhältnisse gestört. Die An- 
klage ist meist nicht ungerecht, trifft aber 
doch nicht den Kern. In der alten Weise können 
die Junggesellenfreundschaften nicht fortbestehen 
und in eine neue Form lassen sie sich nicht um- 
gießen. Der gute Wille genügt nicht. Wenn die 
Brautleute dir den besten Lehnstuhl an ihrem 
Kamin versprochen haben, so bleib vorläufig erst 
lieber ganz weg. 

* 

Je enger menschliche Beziehungen sind, desto 
sicherer ist ihnen etwas Feindseligkeit beige- 



Die anderen — auf Distanz gesehen 79 

mischt. Wer meint, daß Verbindungen, die er 
aus praktischen Gründen längere Zeit ungestört 
erhalten will, recht innig werden sollen, der irrt 
zu seinem Nachteil. Mit dem Geschäftspartner soll 
man nicht Golf spielen. 



Es gibt — von feineren Unterscheidungen ab- 
gesehen — zweierlei Sorten von Haß. Der eine 
geht seinem Gegenstand aus dem Weg, soweit 
es ohne Schädigung geschehen kann, der andere 
sucht ihn auf und kommt auch in Gedanken und 
Tagträumen immer wieder auf ihn zurück. Diese 
zweite Art gehört dem Eros zu, der, wie der 
indische Weltschöpfergott, als Zeugender und Er- 
halter auch Zerstörer sein muß. 

Der ersten Art von Haß kann man sich durch 
Ausweichen und Nachgeben entziehen, der zweiten 
wird man entzogen, wenn der Haß, was unver- 
mutet geschehen kann, in Liebe umschlägt. Es 
bleibt eine gefährliche Situation, da man vor 
Rückverwandlungen nicht sicher ist. 



80 Zur Menschenkenntnis 

Neben dem häufigen Fehler, von den eigenen 
Angelegenheiten zu viel zu sprechen, kommt der 
entgegengesetzte nicht selten vor, daß man hin- 
sichtlich seiner selbst zu reserviert und zuge- 
knöpft ist. Vertraulichkeit folgt dem Vertrauen, 
mit dem du selbst vorangehen mußt. Das gilt 
doppelt denen gegenüber, die sich aus irgend 
einem Grunde unsicher oder nicht auf gleicher 
Stufe fühlen, also etwa zwischen Alten und Jun- 
gen, Fortgeschrittenen und Anfängern. Der Leh- 
rer, der sich nicht schämt, seinen Schülern eine 
kleine Schwäche preiszugeben, hat es leicht, ihr 
Vertrauen zu gewinnen. 



Unpünktlichsein ist ein Ausdruck der Über- 
heblichkeit. „Was ihr versäumt, kann nicht so 
wichtig sein." Deswegen gilt Pünktlichkeit gegen 
Höhere und Gleiche als Verpflichtung, gegen 
Niedrigergestellte ist sie eine Form von Höflich- 
keit — die „Höflichkeit der Könige". 



Die anderen — auf Distanz gesehen 81 

Menschen, die ein unbestimmtes Schuldgefühl 
mit sich herumtragen, sind daran erkenntlich, 
daß sie sich immer im Verteidigungszustand be- 
finden; sie rechtfertigen sich unaufhörlich, vor 
sich selbst sowohl wie vor anderen. Das sprich- 
wörtliche „wer sich entschuldigt, eh' man 

klagt " darf man auf sie nicht anwenden, 

denn es handelt sich um ein überall hin ver- 
breitetes Schuldgefühl, das bei jeder passenden 
oder unpassenden Gelegenheit zutrage tritt. Ist 
ein solcher Mensch in eine Gruppe geraten, die 
einen Sündenbock braucht, so fällt die Rolle 
regelmäßig ihm zu. Mancher muß sich an dieses 
Los von Kindheit an gewöhnen. 



Was man am meisten wünscht, ist am schwer- 
sten zu erlangen, das gilt unter anderem auch in 
der Liebe. Eine zur Siedehitze gesteigerte Liebes- 
bedürftigkeit macht dem Umworbenen Angst; sie 
fühlen dunkel die Gefahr, von dieser Flamme 
verbrannt, von diesem Heißhunger gefressen zu 
werden, und ergreifen die Flucht. Geringes Liebes- 

6 Sicbg, Zur Menschenkenntnis 



82 Zur Menschenkenntnis 

bedürfnis lockt an, da die meisten gern mit dem 
Feuer spielen, wohl auch weil jede meint, daß 
es ihr vorbehalten ist, den Funken zur Riesen- 
lohe anzufachen. Romantischen Jünglingen ins 
Stammbuch. 



Wer als Halbwüchsiger imstande war, mit sei- 
nem Vater ohne Trotz und Verlegenheit zu 
sprechen, wird als Mann mit Papst und Kaiser 
den rechten Ton zu finden wissen. 



VIERTES KAPITEL 

FAMILIE — MIT UND OHNE LIEBE 

Um sich zu überzeugen, daß das Zusammen- 
leben in der Familie nicht glatt und einfach von- 
statten geht, sondern einiger Steuerkunst bedarf, 
braucht man nur an einem schönen Sonntagnach- 
mittag eine Landpartie zu machen ; man wird aus- 
giebige Erfahrungen sammeln: wenn man allein 
ist, an anderen — wenn mit Familie, an sich. 

Ernster gesprochen: Der Psychoanalytiker hört 
von den Schwierigkeiten und dem Scheitern vieler 
Existenzen, nicht bloß durch seine Patienten und 
jene, die es werden wollen, sondern auch durch 
eine große Zahl anderer, die das Bedürfnis spüren, 
sich gerade ihm anzuvertrauen. Die Ursachen der 
Konflikte, die er so kennenlernt, sind von der ver- 
schiedensten Art und stammen aus allen Himmels- 
richtungen, aber eine ist immer dabei: die Fa- 



84 Zur Menschenkenntnis 

milie, sei es als Gegenwart, sei es als nicht weg- 
zubannender Schatten der Vergangenheit. 

Die Wissenschaft benimmt sich, wenn wir bei 
ihr anklopfen, sehr ähnlich wie gegenüber unserer 
höflichen Anfrage über den einzelnen: Sie erzählt 
uns eine Menge darüber, was die Familie sein 
muß, sollte, darf, werden wird, gewesen ist, aber 
sehr wenig davon, was sie ist. 

Man kann antworten, die Vielgestalt der Einzel- 
fälle sei zu groß, die Widersprüche seien zu ver- 
wirrend usw. Das ist natürlich bloß Ausrede, denn 
auch die anderen Naturwissenschaften, wie Physik 
und Chemie, haben es mit einer Fülle von Er- 
scheinungsformen zu tun und lassen sich dadurch 
nicht abhalten, das Wesentliche, Tatsächliche und 
Gesetzmäßige zu finden. In der Psychoanalyse 
glauben wir, wenigstens auf dem Weg zu einer 
wirklichen Antwort zu sein. 

Die Ethnologen, Soziologen und Historiker ver- 
sichern uns, die Familie, wie wir sie kennen, sei 
nicht von Anfang an dagewesen, es hätten vorher 
ganz andere Arten von Familie, oder wie man 
diese Vergruppungsformen nennen will, existiert: 
Raubehe, Gruppenehe, Vielweiberei, Vielmännerei, 



Familie — mit und ohne Liebe 85 

Männerbünde, Knabenweihen und noch vieles, 
vieles andere. 

In der Biologie und Umgebung gilt der Satz, 
daß ältere, primitive Entwicklungsstadien, auch 
nachdem sie überwunden und durch komplizier- 
tere oder leistungsfähigere ersetzt worden sind, 
nicht völlig von der Bildfläche verschwinden, son- 
dern mit oder in jenen späteren weiterleben. 

Es hegt uns ganz ferne, diesen Satz einfach von 
der Biologie auszuborgen und zu statuieren, daß 
archaische soziale Gebilde in unserer Zivilisa- 
tion fortexistieren. Nichts von „Atavismus", das 
Alte ist tot, mausetot, und fristet sich nur bei 
jenen Völkern fort, die auf einer primitiven Stufe 
der Zivilisation stehengeblieben oder auf sie zu- 
rückgesunken sind. Was weiterlebt, das ist das 
Triebhafte und Lustsuchende im Menschen, das 
sich in seinen Anfängen und ersten Grundlagen 
bis zum heutigen Tag nicht geändert haben kann, 
da jeder als Primitiver, ohne Sprache oder Sitten- 
gesetze zu kennen, ohne von Scham, Ekel oder 
Scheu zu wissen, d. h. als Kind ins Leben eintritt. 

Die verschwundenen Lebensformen und Ge- 
bräuche von ehemals, so verrückt oder komisch 



86 Zur Menschenkenntnis 



sie uns erscheinen mögen, waren keine Zufällig- 
keiten. Das ist eigentlich selbstverständlich, wird 
aber auch noch dadurch bewiesen, daß sie in 
verwandter, oft in beinahe identischer Gestalt an 
weit auseinanderliegenden Punkten der Erde ent- 
standen sind. Es sind Versteinerungen uranfäng- 
licher Konflikte samt den früheren, primitiveren 
Lösungsversuchen. In all ihrer Phantastik geben 
sie uns eine gute Vorstellung davon, mit welchen 
Leidenschaften, Ansprüchen, Hoffnungen, Wün- 
schen, Versagungen und Enttäuschungen der 
Mensch seiner Familie gegenübersteht, zu einer 
Zeit, wo sie für ihn den Inbegriff der Welt be- 
deutet, neben dem kaum noch etwas anderes Platz 
hat, — als Kind und Heranwachsender. Das 
Wunsch- und Phantasieleben, das er als „kleiner 
Wilder" (nach dem Wort Diderots) durchmessen 
hat, ist als Vermächtnis semer Kindheit seiner 
Beziehung zur Familie unauslöschlich eingebrannt. 
Dem steht in schroffem Kontrast gegenüber, 
daß die Familie eine der festesten und unentbehr- 
lichsten Regelungen unserer Zivilisation ist 
(Prophezeiungen und Utopien zählen hier nicht). 
Sie wird zwar in parlamentarischer Sprache „ein 



Familie — mit und ohne Liebe 87 



Grundpfeiler unserer Gesittung" genannt, ist es 
aber trotzdem. Sitte und Brauch, Moral und Re- 
ligion, Gesetz und Herkommen wachen über sie 
von außen und — unter dem Namen „Gewissen" 
— von innen. In mancher Hinsicht weichen die 
Vorschriften je nach Volkscharakter, Wirtschafts- 
form und geschichtlicher Entwicklung vonein- 
ander ab, im Kernpunkt ist es immer dasselbe: 
Feindseligkeit und Geschlechtsliebe (im Jargon: 
Aggression und Sexualität) müssen draußen blei- 
ben, dürfen innerhalb der Familie keinen Platz 
finden. Für das zweite, die Sexualität betreffende 
Verbot, wird volle Entschädigung versprochen 
(Versprechen ist bekanntlich leichter als Halten) in 
einer anderen, neu zu schaffenden Familie; das 
erste nimmt man von der alten unverändert in die 
neue Familie hinüber. 

Daß die Familie ein Doppelgcsicht mit zwei 
entgegengesetzten Blickrichtungen hat, daß sie 
zugleich die Brutstätte ist, wo die Urtriebe aus 
dem Ei kriechen und sich austoben wollen, und 
der heilige Bezirk, wo ihre Unterdrückung ge- 
fordert, gelehrt und geübt wird, das macht sie 
zu dem, was sie wirklich ist (und — um nun doch 



88 Zur Menschenkenntnis 



ins Prophetische zu fallen — wohl noch auf lange 
hinaus bleiben muß). 

Und nun wird es Zeit, mit den Theorien aufzu- 
hören und uns das Ding selbst von möglichst 
vielen Seiten anzuschauen. 

Wenn man junge Ehepaare beobachtet — be- 
sonders auf der Hochzeitsreise — , findet man 
meistens, daß ihre Haltung zwei Empfindungen 
ausdrückt: Stolz und Langweile (von dem Glück 
zu schweigen, das je nach Geschmack blutrot bis 
lila getragen wird). 

Der Stolz bezieht sich nicht auf die von ihnen 
erfolgreich ausgeübte Betätigung — sie sind nicht 
hinreichend verblendet zu übersehen, daß die An- 
lage dazu sehr verbreitet ist — , sondern darauf, 
daß sie sich ihr zum erstenmal ohne einen Schat- 
ten von Scheu und schlechtem Gewissen sozusagen 
öffentlich hingeben dürfen. In den letzten Jahr- 
zehnten hat sich in den Anschauungen über 
Scham und Geheimnistuerei zwar manches ge- 
ändert, aber selbst bei den Freidarüberstehenden 
(„er glaubte nicht nur nicht an Gespenster", sagt 
Lichtenberg, „er fürchtete sie auch nicht") ist es 
doch noch so, daß es beim „Außerehelichen", 



Familie — mit und ohne Liebe 89 

schon weil man dabei gewöhnlich ein weiüg lügen 
und falschmelden muß, nicht ganz ohne Schuld- 
gefühl abgeht. Nun brauchen sie zum erstenmal 
nicht mehr heimlich „Papa und Mama" zu spielen, 
sondern dürfen sich und der Welt glauben, daß 
sie es wirklich sind. 

Die Sache mit dem Schuldgefühl hat allerdings 
zwei Seiten, da, wie irgend ein Menschenkenner 
schon bemerkt hat, verbotene Früchte süß sind. 
Der Reiz des Erlaubten verblaßt dann ins Offi- 
zielle und wird bald von der Anziehungskraft des 
Verbotenen zurückgedrängt. 

Langweile ist für den Durchschnittsmenschen 
der natürliche Zustand, wenn er keine Sorgen hat, 
d. h., nichts, was seine Interessen unmittelbar auf- 
rührt. Hotelrechnungen sind ein ergiebiges Ge- 
sprächsthema, aber sie versagen schließlich doch. 
Wie es im Anfang ist, so wird es auch auf die 
Dauer; daß zwei Menschen zusammentreffen, die 
sich dauernd für allgemeine, vom Praktischen und 
Gegenwärtigen abgelöste Gedankenwege inter- 
essieren können, ist eine seltene Ausnahme. Die 
übrigen müssen es halten wie die Kartenspieler, 
das heißt, sich künstliche Sorgen machen; ihnen 



90 Zur Menschenkenntnis 



dient zum selben Zweck der täglich oder stündlich 
erneute Ehezank. 

Ehestreitigkeiten wachsen schnell ins Riesen- 
große, wo das Liebesglück ausgeblieben ist, was 
besonders leicht auf der Seite der Frau passiert; 
die ungeweckt oder unerfüllt gebliebene Erotik 
setzt sich in Gehässigkeit und Rachsucht um. 
Auch wo sie uneingestanden bleibt oder der Part- 
ner von jeder Schuld freigesprochen wird, zeugt 
Enttäuschung ein feindseliges Verhalten. Es tritt 
dann nicht offen auf, sondern verkleidet sich 
— besonders gern in übertriebene liebevolle Sorge, 
womit sich ausgezeichnete Quälereien erzielen las- 
sen. Überlenkung des Angriffes vom Mann auf 
seine Angehörigen und Freunde ist ein anderes 
Mittel. 

Trotz innerer Spannungen entsteht doch fast 
immer mehr als bloß ein auf Gegenseitigkeit ge- 
gründeter Zusammenhalt, nämlich irgend eine 
Art von Einheit, die sich darin ausdrückt, daß die 
Empfindlichkeit der Eigenliebe auf die andere 
Hälfte ausgedehnt wird. Die Frauen fühlen, da 
sie für das, was die Analyse „narzißtische Krän- 
kung" nennt, besonders empfänglich sind, oft eine 



Familie — mit und ohne Liebe 91 

Demütigung des Mannes tiefer als er selbst. 
Allerdings macht sie das auch besonders kritisch 
für sein Auftreten vor der Öffentlichkeit. Was bei 
einem Auseinanderstreben als Widerstand emp- 
funden wird, ist in vielen Fällen nicht so sehr das 
Festhalten des einen am anderen als dieses Band 
der Vereintheit, das eine vom Willen der Partner 
unabhängige Haltbarkeit besitzt. 

Zusammenhalten ist freilich besser als Zu- 
sammengehaltenwerden; dazu braucht es einer 
Übereinstimmung in tieferen Schichten als in 
Denkart und Charakter, ein rhythmisches über- 
einklingen, das im Erotischen seine Vollendung 
findet. Vielleicht ist es die sogenannte Liebe, die, 
mit Recht oder Unrecht, das Gefühl dieses Zu- 
sammenstimmens zu schaffen weiß. Doch scheint 
es, daß diese „Stimme des Blutes" nicht immer 
leicht wahrzunehmen ist; man überhört sie, weil 
sich andere Absichten von oben oder unten da- 
■zwischenschieben. Den Ratlosen bietet sich ein 
scheinbarer Ersatz, der den Namen Vernunftehe 
führt, mit der Vernunft aber weder verwandt 
noch verschwägert ist. Wie nämlich nach St. Augu- 
stin die Heranwachsenden, die noch nicht zu 



92 Zur Menschenkenntnis 



lieben verstehen, die Liebe lieben (nondum amanC, 
sed amare amant), so gehen diese von keiner inne- 
ren Stimme Geleiteten (und natürlich auch die 
Versorgtseinwollenden) auf die Heirat als solche 
aus und erklären sich befriedigt, wenn der 
Gegenstand ihrer Wahl „gesund und sympathisch" 
ist. Sie haben dabei die Vorstellung einer Art 
Reisekameradschaft und wundern sich später, 
wenn der Punkt, wo sich die Wege wieder trennen, 
nicht und nicht kommen will. 

Wer wählt und wer wird gewählt? Im Grunde 
ist wohl meistens die Frau die Wählende, weil sie 
mit ihrer feineren Intuition das „Fluidum", das 
die Situation unsichtbar durchdringt, früher fühlt 
und jene ersten, zarten, auf keine Weise über- 
prüfbaren Zeichen des Jasagens gibt, auf die der 
Mann unbewußt reagiert, wenn er mit seiner 
Werbung lostrampelt. 

Dieser schärfere Spürsinn steht der Frau auch 
für das, was der Mann vor ihr geheimhalten will, 
besonders für seine Untreue, zur Verfügung. 
Frauen sind hier im Vorteil, weil der Scharfblick 
der Männer gelegentlich dadurch getrübt wird, 
daß sie dem Nicht-Sehen unbewußt den Vorzug 



Familie — mit und ohne Liebe 93 

geben. Abgesehen von tieferen Gründen ist die 
Entdeckung unwillkommen, weil sie zu Ent- 
täuschungen und unliebsamen Szenen, vielleicht 
zur Auflösung des Haushaltes führen muß und 
dem Mann die Verpflichtung auferlegt, den un- 
gebetenen Dritten herauszufordern oder zu ohr- 
feigen oder sonst etwas Heldisches mit ihm vor- 
zunehmen. Männer, die dergleichen fühlen, war- 
ten auf „Beweise" — ungeduldig, aber lange. 

Könnte man etwas der chemischen Analyse Ähn- 
liches an den Leidenschaften vornehmen, die 
Eifersucht würde sich gewiß als hoch zusammen- 
gesetzt erweisen. Besitzerstolz, Rechtsgefühl, Kon- 
vention und Reinlichkeitsbedürfnis sind nur die 
oberflächlichste Schicht; die Eitelkeit spielt ihre 
ganze Tonleiter herunter von: „Ich bin ihm, 
scheint es, nicht mehr schön genug" bis zu: „Sie 
glaubt, sie kann sich über mich lustig machen." 
Aber ihr eigentlichster Inhalt ist doch etwas 
Wilderes: ein Zerren und Nichtloskönnen, ver- 
haßte Phantasiebilder der beiden anderen in ihren 
Umarmungen, die sich ungerufen immer wieder 
einstellen, und dabei ein Gefühl, an etwas Frem- 
des und Abscheuliches ausgeliefert zu sein. Die 



94 Zur Menschenkenntnis 



zu solchen Leiden Verdammten sind jene Men- 
schen, die sich im Heranwachsen besonders stark 
gegen die erotische Anziehung des eigenen Ge- 
schlechts zu wehren hatten und nun, auf dem Um- 
weg über die normale Liebeswahl, in den alten 
Kreis zurückgeworfen wurden. (Dostojewski und 
Strindberg haben dies zuerst, vor Freud, gestaltet 
und ausgesprochen.) Homosexuelle Frauen neigen 
zur Eifersucht aus einem ähnlichen Grund; sie 
haben alles darangesetzt, dem riesigen Ungeheuer 
„Mann" auszuweichen, und vertragen es nicht, 
auf eine überlegene Kraft zu treffen. 

Im „Hafen der Ehe" an einer der vielen Klippen 
der Erotik Schiffbruch zu leiden, ist eine fatale 
Sache, denn die ausnahmsweise, in unserem Ge- 
sellschaftszustand so selten vollgewährte Berechti- 
gung zum vollen Ausleben der erotischen und 
sexuellen Strebungen ist das Salz der Ehe. „Und 
wenn das Salz ertaubet, wie möchte man damit 
salzen?" Eine häufige Ursache — neben dem Pro- 
blem der Kinderbeschränkung — ist die phäno- 
menale Unkenntnis aller Einzelheiten des mensch- 
lichen Liebeslebens, die über die einfachsten 
physiologischen Grundtatsachen hinausgehen, oder 



Familie — mit und ohne Liebe 95 

sogar selbst dieser. Weder Dummheit noch Mangel 
an Gelegenheit zur besseren Information sind 
daran schuld, sondern als Scham verkleidete Hem- 
mung und der Wunsch, diese Dinge nur durch 
sieben mystische, rosarote Schleier hindurch zu 
sehen, der seinerseits wieder von der Elternbin- 
dung abhängt, zwar nicht unmittelbar, aber als 
Folge des merkwürdigen Schnörkelweges, zu dem 
die seelische Entwicklung der Liebesfähigkeit ge- 
zwungen wurde. 

Um nur einen besonders typischen dieser Ab- 
und Umwege zu zitieren: Die Frauenwelt zerfällt 
für solchen Mann von dem Alter an, wo er in das 
Liebesleben der Erwachsenen eintritt, in zwei 
streng geschiedene Hälften: Die reine und ange- 
betete Frau, der gegenüber jede Zumutung der 
Geschlechtlichkeit erniedrigend und für ihn selber 
schmerzhaft ist, und die dirnenhafte, bei der er 
Genuß sucht, aber nichts anderes als Genuß in 
des Wortes verwegenster und gröbster Bedeutung, 
keine menschlich-persönliche Beziehung finden 
möchte. (Die „Zweiteilung des Liebeslebens.") Die 
Ehewahl geschieht nach der Seite der Reinheit hin, 
mit der trügerischen Hoffnung, daß sie von jetzt 



96 Zur Menschenkenntnis 

an die Einheit bedeuten werde. Aber die Zwei- 
teilung bleibt auch jetzt aufrecht, und es ergibt 
sich eine kühle Ehetemperatur mit zahlreichen 
Jagdausflügen in wärmere Länder. Die Männer, 
die ihre künftige Frau unbedingt „retten und zu 
sich erheben" müssen, die Frauen, für die Genuß 
untrennbar mit Geheimnis und Verbot verknüpft 
ist, sind ganz ähnlich dran. 

Die Charakterzüge des Liebesverhaltens sind 
nicht immer die der körperlichen Geschlechts- 
zugehörigkeit, manchmal sogar entgegengesetzt. 
Gelegentlich treffen zwei dieser „Umgekehrten" 
zusammen und suchen sich gegenseitig zu er- 
gänzen, der Mann ganz weiblich, die Frau ganz 
männlich. Es gelingt aber nicht, weil doch einige 
organische Tatsachen unüberwindlich bleiben. 

Es wird gemeint, daß nicht wenige der Kon- 
flikte und Enttäuschungen des ehelichen Mitein- 
anderlebens daher stammen, daß die Liebe so 
sehr viel mit der Phantasie zu tun hat und die 
Ehe so wenig. Daran knüpft sich der wohlgemeinte 
Rat, die Intimität des Beieinanderseins nicht an- 
dauern zu lassen, sondern durch Epochen der 
Distanzierung — innerlich oder äußerlich — zu 



Familie — mit und ohne Liebe 97 

unterbrechen, damit in der Entfernung von der 
Wirklichkeit die Phantasie wiederum Spielraum 
finden und gedeihen kann. 

Vorübergehend mag das nützen, wirkliche Hilfe 
bringt es kaum. Es hegt dem die falsche Vorstel- 
lung zugrunde, daß die Wirklichkeit eine strenge 
Herrin sei, die Phantasie aber eine gefügige 
Dienerin, die man in dies oder jenes Kostüm 
stecken, zu jedem beliebigen Dienst beordern 
kann, wie es unser Willen verlangt und unser Be- 
dürfnis vorschreibt, — etwa wie wenn man glaubte, 
daß der Wind einem Vulkanausbruch gebieten 
könne, weil er die Rauchwolken hierhin oder dort- 
hin treibt. 

Den Wünschen und Bindungen, die das Liebes- 
glück oder -unglück ausmachen, ist der Weg 
längst vorgezeichnet durch eine Macht, mit der 
sich keine Geschäfte machen lassen, weil sie genau 
so unabänderlich ist wie die Gegebenheiten der 
Umwelt. Nicht die frühesten Erlebnisse als solche 
sind es, denen diese Macht zukommt. „Jeder 
Mann will die zur Frau haben, die seiner Mutter 
am ähnlichsten ist", das ist einfach, nämlich ein 
einfaches Mißverständnis. Gemeint ist damit, daß 

7 Sachs. Zur Menzchenkcnnloi* 



98 Zur Menschenkenntnis 



die Kindheitswünsche das Rohmaterial liefern, 
das Erz oder den Marmor; durch die Einwirkung 
der träumenden und tagträumenden Phantasie, 
in der sich Angst und Hemmung, Gewährung und 
Versagung, Vorbilder und Verbote der Entwick- 
lung abspiegeln, entsteht das Bild, richtiger: das 
Urbild dessen, was für alle Zukunft den Inbegriff 
der Liebeserfüllung — in hoher und niederer 
Minne — bedeutet. Die Züge werden mehrfach, 
und oft bis zur Unkenntlichkeit, überarbeitet, bis 
sie die endgültige Form erreichen, die dann unab- 
änderlich feststeht. „Imago" ist unser Name für 
dieses Bild, den wir — so wie vieles andere — 
dem großen Schweizer Spitteler schulden. 

Gut ist's, wenn die Ehe diesem Bilde nahe- 
kommt, sei es auch bloß mit einer Art entfernter 
Familienähnlichkeit; bisweilen ist sie aber nur 
der dunkle Hintergrund dazu. Wer glaubt, durch 
vorsichtige und bedächtige Auswahl diese Gefahr 
beseitigen zu können, der weiß nichts von den 
Schlichen und Heimlichkeiten des unbewußten 
Seelenlebens. Die Sicherheit ist plötzlich da oder 
niemals, und Wahrscheinlichkeiten sind wertlos. 

Daß Mann und Frau seelisch wie körperlich in 



Familie — mit und ohne Liebe 99 

vielem ungleich sind, gibt ihrem Zusammenleben 
den Reiz, aber auch gewisse Schwierigkeiten — 
weniger bei der Frau, die an ihrer Intuition fest- 
hält und sich durch das Dreinreden von Vernunft 
und Logik nicht allzusehr beirren läßt, als für 
den Mann, der auf die Erwartung nicht verzichten 
will, er werde früher oder später dazukommen, 
sein Gefühl abzuklären und es in eine faßliche, 
zusammenhängende Form zu bringen. Da es viel 
näher hegt und einfacher ist, in Gegensätzen zu 
denken statt in Abstufungen, und ganz besonders 
dort, wo der Gedanke eine Empfindung erfassen 
und in Worten ausdrücken möchte, so schafft sich 
der Mann aus jeder Verschiedenheit, die er bei der 
Frau entdeckt, einen Gegensatz. Dieser Irrtum 
hat seinen Weg in manche Theorie gefunden, und 
wenn ein Satz mit Verkündermiene anhebt: „Die 
Frau ist . . .", kann man sich darauf gefaßt 
machen, ihm zu begegnen. Es ist nicht so einfach. 
Statt zu behaupten, was die Frau ist, lassen wir 
uns an der Feststellung genügen, was sie nicht 
ist: nicht das Gegenteil des Mannes, sondern auf 
ihre eigene Art anders. 

Es ist nicht leicht, in Ehen richtig hineinzu- 



100 Zur Menschenkenntnis 

sehen; meist gellt es damit wie mit den Schau- 
fenstern, in die man jeden Tag im Vorübergehen 
blickt, ohne je recht zu wissen, was sie enthalten. 
Auch bedeuten die Tatsachen, die zur Beobach- 
tung stehen, weniger als ihre Perspektive und 
Atmosphäre. Was wie ständiges freundliches Be- 
gegnen aussieht, kann atemraubende Langweile 
sein, hinter stillem Frieden mag eisige Feindschaft 
lauern, was den anderen ein großes Gewitter 
scheint, ist den Beteiligten nur ein kleines Schar- 
mützel, und selbst ein temperamentvoll geführter 
Streit mit durch die Luft sich bewegenden Gegen- 
ständen braucht nichts Schlimmeres zu sein als 
die Einleitung zu einer Versöhnungs- und Liebes- 
szene. Vom Eigentlichen, der erotischen Zusam- 
mengehörigkeit, wird den Außenstehenden nur 
wenig sichtbar, während das Gegenteil von den 
Beteiligten selbst gern abgeleugnet, übersehen 
oder in seiner Bedeutung herabgesetzt wird. Ver- 
gebliches Bemühen, denn alles übrige ist nur 
Hülle und die Gewißheit, Glück finden und Glück 
gewähren zu können, der lebendige Mittelpunkt 
der Ehe wie die Raupe, aus der und um die 
herum sich die Chrysalis bildet. 



Familie — mit und ohne Liebe 101 

Hat sich eine solche Hülle einmal gebildet, so 
ist sie freilich, wie alle Formen menschlichen Zu- 
sammenlebens, starr und unbiegsam. Stirbt der 
Kern ab, so kann sie als leere Hülse noch eine 
gute Weile fortbestehen, aber es ist fast unmög- 
lich, eine neue an ihre Stelle zu setzen. Darum 
sind die „vernünftigen Reformen" der Ehe so oft 
zum Scheitern verurteilt. Die beiden Ehepartner 
haben gefunden, daß sie ihr Liebesleben nicht ge- 
meinsam haben können. Temperamentsverschie- 
denheiten, Neigungen, die ihre volle Befriedigung 
nur in einer Richtung finden, die dem Partner 
fremd ist, entgegengesetzte Stellungnahme in den 
Fragen der Treue und Eifersucht machen es un- 
möglich. Der Kinder wegen, aus sozialen oder ge- 
sellschaftlichen Gründen, vielleicht auch, weil sie 
sich in allem übrigen gut aneinander gewöhnt 
haben, beschließen sie, trotzdem beisammenzu- 
bleiben, als „gute Kameraden", und ihre Ehe als 
äußere Form aufrechtzuerhalten. Eine ausgezeich- 
nete, eine höchst vernünftige Idee — aber ihre 
Durchführung erweist sich als schwerer, als man 
geahnt hat. Statt einfach durch ein Dekret beider 
Parteien ins Leben zu treten, braucht sie — wenn 



102 Zur Menschenkenntnis 

sie überhaupt verwirklicht wird — eine lange und 
schwierige Übergangszeit. 

Eine andere Abart derselben Sache: Nimm an, 
daß du in eine Gesellschaft kommst, wissend, daß 
unter den Damen auch diejenige ist, deren Spuren 
Herr X. folgt, seitdem ihn seine Gattin nur mehr 
wenig interessiert; und nun willst du unter den 
anwesenden die richtige herausfinden. Wenn dir 
eine auffällt, weil sie Frau X. ähnlich sieht oder 
zum selben Typus gehört, brauchst du nicht weiter 
zu suchen. Man wäre fast geneigt zu glauben, daß 
diese Treue in der Untreue für den Hauptbeteilig- 
ten selbst etwas Komisches hat, wenn er, auf seine 
Vergangenheit zurückblickend, eine ganze Schar 
von „Außerehelichen" sieht und an jeder in Haar- 
farbe, Gesichtszügen, Gestalt und Wesensart eine 
Ähnlichkeit mit seiner Ehefrau bemerkt, — aber 
er bemerkt es nicht. 

Das zähe Festhalten an ein und derselben Per- 
son ohne Zulassung eines Ersatzes muß hingegen 
nicht unbedingt Liebe sein; es ist manchmal ein 
Stück jenes Charakters, der es nicht ertragen 
kann, irgend etwas, was ihm gehört, aufzugeben 
und aus seinem Machtbereich wegspülen zu las- 



Familie — mit und ohne Liebe 103 

sen, auch wenn er nichts mehr damit anzufangen 
weiß. 

Am anhänglichsten sind jene Männer, die als 
„ewige Säuglinge" in der Frau vor allem die Er- 
nährerin suchen, die ihnen den Kampf ums täg- 
liche Brot erspart und Tag für Tag gute Bissen 
reicht. Jugend und Schönheit können sie nicht 
reizen, man sieht sie regelmäßig mit Frauen ver- 
heiratet, die älter sind als sie; die Küchenschürze 
ersetzt ihnen den Gürtel der Aphrodite. 

Ein gänzlich anderes Motiv, die Ehewahl auf 
eine ältere oder bestenfalls gleichaltrige und nicht 
besonders reizvolle Frau fallen zu lassen, ist bei 
den reinen Jünglingen wirksam, die einen Ehe- 
bund höherer Ordnung schließen wollen, auf der 
Grundlage gemeinsamer Arbeit für gemeinsame 
Ideale. Man möchte den Guten alles Gute gönnen, 
aber für die meisten kommt die Stunde, wo sie 
davor zittern, daß die verachteten Freuden bald 
endgültig verloren sein werden: die Stunde der 
Torschlußpanik. Sie fallen dann gewöhnlich in 
die Netze einer Frau, die das besitzt, was der 
eigenen, verblühenden fehlt: Koketterie, Eleganz, 
Anmut, Leichtigkeit, erotische Anziehungskraft, 



104 Zur Menschenkenntnis 



freilich auch Eitelkeit und Selbstsucht. Die ver- 
lassene Frau und die verratenen Ideale sind eine 
schwere Last, die unerträglich wird, wenn Ent- 
täuschungen im neuen Leben hinzukommen. 

Hier sind die Frauen besser dran, die einen um 
vieles älteren Mann heiraten, zu dem sie „auf- 
blicken können". Wenn die töchterliche Einstel- 
lung sie im Stich läßt, nimmt die mütterliche 
ihren Platz ein. 

Die Mütterüchkeit ist überhaupt die überall 
wirksame Schwerkraft, die von der ersten Puppe 
an die Frau in ihrer Lebensbahn festhält und zu 
verhindern weiß, daß sie bei irgend einer Kurve 
hinausgeschleudert wird und ins Leere fällt. Den 
meisten Frauen wird sie zum Ersatz oder Gegen- 
gewicht für die männlichen Vorrechte, als da 
sind: größere Freiheit der Bewegung, offene Ak- 
tivität im Zugriff und in der Ablösung und die 
Möglichkeit, Liebeswerbungen und Abenteuer bis 
weit in die Reifezeit fortzusetzen, ohne der 
Lächerlichkeit zu verfallen. Das Mütterliche ist 
nicht ausschließlich an die eigenen Kinder gebun- 
den, sondern besitzt wie alles, was dem Eros zu- 
gehört, die Gabe der Vielfalt in seinen Formen 



Familie — mit und ohne Liebe 105 

und Abwandlungen: Es kann sich auf die Familie 
— Vater und Ehemann eingeschlossen — be- 
schränken oder auf alles Erdenkliche zwischen 
Kanarienvogel und Eskimokind ausdehnen lassen. 
Frauen mit gering entwickelter Mütterlichkeit 
können manchmal glänzende Erscheinungen sein, 
die durch Schönheit, Verstand oder Energie auf- 
fallen, sie sind aber fast immer exzentrisch, im 
wahrsten Sinne des Wortes, da sich ihre Existenz 
nicht dauernd um dieselbe Achse dreht. 

Ihrer Mutterschaft verdankt es die Frau, daß 
ihre Rolle im Kampf der Generationen gegen- 
einander weniger Bedrückhches hat als die des 
Mannes; in ihrer Stellung zu den Söhnen ganz 
gewiß, aber vielleicht auch gegenüber den her- 
anwachsenden Töchtern. Es fällt ihr darum ge- 
wöhnlich die Rolle des Vermittlers zu — eine un- 
dankbare Rolle, wie man weiß, besonders bei 
einem Konflikt, dessen Wurzeln so tief hinunter- 
reichen, daß der sichtbare Teil, die Wünsche und 
Meinungen, um die sich der Streit dreht, von der 
eigentlichen Ursache oft weit entfernt sind. 

Die richtige Überschrift für das Kapitel vom 
Streit der neuen und alten Generation heißt: 



106 Zur Menschenkenntnis 



Ödipuskomplex. Für uns, die wir zwar mit den 
Augen der Psychoanalyse sehen, aber nicht mit 
ihrer Zunge sprechen wollen, braucht es weder 
Überschrift noch Namengebung. Wir sind ausge- 
gangen, um uns um die Dinge zu kümmern, die 
unbeachtet und im Zwielicht hegen, nicht um 
hinunterzusteigen zu den Geheimnissen, die Nacht 
und Dunkel verhüllen. 

Unsere psychoanalytischen Augen sehen, daß 
dieser Konflikt der Alten und Jungen überall 
gegenwärtig und ständig wirksam ist. Unpar- 
teiisch Darüberstehende gibt es nicht; wer auf 
der einen Seite ausscheidet, steht aucli schon in 
der Front der anderen Partei oder er kämpft auf 
verschiedenen Feldern mit verschiedenen Waffen 
bald für die eine Gruppe, bald für die andere. 

Ein weiteres Kennzeichen: Diesem Konflikt — 
auch wenn er nicht zwischen Eltern und Kindern, 
sondern zwischen Familienfremden spielt — fehlen 
nie zwei sonderbare und scheinbar gar nicht hin- 
gehörige Zutaten: Liebe und Angst. Ihre unwill- 
kommene Einmischung wird verhüllt, abgestritten, 
verleugnet, es wird versucht, sie in ihr Gegenteil 
zu verwandeln, und das erschwert, verwirrt, ver- 



Familie — mit und ohne Liebe 107 

bittert jede Auseinandersetzung. Darum sind die 
Debatten, deren Impuls von dieser Seite stammt, 
ausgezeichnet durch hervorragende Unerquick- 
lichkeit. Ihr Gepräge ist Leidenschaft, mit oder 
ohne dialektische Fassade, nicht Verstand ; Fackel- 
schein statt Sonnenlicht, Gleichgültigkeit gegen 
Widerlegung, endlose Argumente, Sieg ohne 
Freude und Niederlagen, die nie verwunden 
werden. 

Da Unparteilichkeit nicht in Frage kommt, ist 
es besser, nicht den Überlegenen zu spielen, son- 
dern, sooft man bei sich selbst ein geneigtes Ohr 
dafür findet, den Satz zu wiederholen, daß jeder 
in seiner Stellung zu den großen Problemen so 
gut wie zu den kleinsten Wünschen und Sorgen 
davon abhängig ist, daß, wie und wessen Sohn 
er ist. 

Alles, was die vorige Generation geschaffen hat, 
fordert die Kritik der jetzigen heraus — seien es 
politische Methoden oder Kleiderschnitt und Haar- 
tracht — es ist häßlich, weil es von gestern ist. 
Hingegen ist es für die Dinge von vorgestern, die 
großväterlichen, wie man sie nennen könnte, kein 
Makel, daß sie nicht neuesten Datums sind; im 



108 Zur Menschenkenntnis 

Gegenteil, ihnen leiht die Vergangenheit einen 
Reiz, der dadurch nicht gemindert wird, daß ihm 
ein kleines bißchen Komik anhängt. Es ist ver- 
lockend, das Heute und Gestern zu überspringen 
und sich in die Welt von vorgestern zurückzu- 
phantasieren, die man sich immer als still und 
friedlich ausmalt, wie sie auch gewesen sein mag. 

Es hat den Fortschritt der Zivilisation lange 
aufgehalten, daß unsere Vorfahren durch viele 
Menschenalter hindurch nicht imstande waren, 
den Besitz der früheren Generation zu über- 
nehmen und damit weiterzuarbeiten: Alles, was 
einem Verstorbenen gehört hatte, mußte zerstört 
werden. Aber auch für uns ist das Vererben und 
das Erben noch immer eine schwere Aufgabe, und 
wir nehmen die Errungenschaften der Vergangen- 
heit lieber im Rösselsprung auf als in der geraden 
Linie. Soll die Ablehnung des Erbes als verbotene 
Regung, als unzulässige Auflehnung gegen den 
Vater unterdrückt werden, so kann es nicht anders 
geschehen als durch Übertreibung nach der ent- 
gegengesetzten Seite hin, also durch Hyperkonser- 
vativismus und Autoritätskult. 

Wer vor dem, was er in sich trägt, flieht, der 



Familie — mit und ohne Liebe 109 

flieht gewöhnlich im Kreise herum. Das Elternvor- 
bild setzt sich allem Ausweichen und Aus -dem - 
Wege-Gehen zum Trotz durch und am liebsten in 
der Ehe der Kinder. So wie die Alten gesungen haben 
— auch wenn es nur ein Krächzen war — , so 
zwitschern die Jungen, sobald sie im eigenen Nest 
sitzen. So ziemlich jede Ehe trägt die Spuren 
des Ehelebens der beiderseitigen Eltern; darum 
gibt die Herkunft aus einem zankerfüllten, liebe- 
leeren Hause nicht die besten Aussichten für die 
Heirat. Daß die allzu heiße Liebe der Witwe oder 
geschiedenen Frau für ihren Sohn diesen später- 
hin eheunwillig oder -untauglich macht, ist be- 
kannt. 

Wenn es sich nicht hindern läßt, daß der Schat- 
ten des Vaters über den Lebensweg des Sohnes 
fällt, so läßt sich doch durch Behutsamkeit 
und Augenoffenhalten viel Schlimmeres verhüten. 
Mancher Sohn wird bei der Geburt vom Vater 
begeistert begrüßt und mit Liebeswärme um- 
geben, weil der Vater in ihm die Fortsetzung 
seiner selbst sieht und daran die Erwartung 
knüpft, daß diese neue Auflage seines Ichs alles 
das erreichen, zu all dem fähig sein werde, was er 



HO Zur Menschenkenntnis 



selbst zu seiner bitteren Enttäuschung als un- 
erreichbar aufgeben mußte. Wer selber verzichten 
mußte, kann sich so dem Schlimmsten, der End- 
gültigkeit des Verzichtes, entziehen. Daraus er- 
gibt sich oft Unwillkommenes, da ein solcher 
Vater unwillkürlich oder mit Bedacht darauf aus- 
geht, den Ehrgeiz seines Kindes anzustacheln. Nun 
ist Ehrgeiz überhaupt keine erwünschte Mitgabe, 
denn Ehrgeiz bedeutet Ruhelosigkeit, also Herab- 
setzung der Fähigkeit zum Wohlbefinden, aber ein 
solcher künstlich eingepflanzter Ehrgeiz, der nicht 
auf der Grundlage der eigenen Neigung und Ver- 
anlagung aufgebaut wurde, ist allemal ein Un- 
glück. Wird der Vater in den Hoffnungen, die er 
an den Nachfolger, oder vielmehr an sein Ich- 
Duplikat geknüpft hat, enttäuscht, so schlägt seine 
Begeisterung leicht um in herbe, überstrenge Kri- 
tik, und der Sohn trägt dann lebenslang die Spuren 
dieser Entfremdung. 



FÜNFTES KAPITEL 

VOM GLÜCK - OHNE ANGABE 
DER ADRESSE 

Wenn die Menschen vom Glück reden, ist es, 
als ob ein in der Kindheit Erblindeter zu den 
Genossen seiner Blindheit vom Blau des Som- 
merhimmels spräche. Er weiß, daß es existiert, 
er hat es gesehen und gefühlt, aber er kann 
davon weder Begriff noch Schilderung geben, 
die in seine oder ihre Welt hineinpassen. Daß 
das Glück schwer zu finden, daß der Weg dahin 
steil und mühsam ist, — diese abgedroschenen 
Wahrheiten verstellen uns nur die Grundtatsache, 
nämlich, daß wir überhaupt nicht wissen, was 
„GlückUchsein" ist, worin es besteht, und wie es 
zustande kommt. 

Wir haben eine sehr alte und intime Bekannt- 
schaft mit dem, was sich als Glück oder Mittel 
zum Glück ausgibt, mit Genuß, Lust und Wunsch- 



112 Zur Menschenkenntnis 

befriedigung. Aber, obwohl wir uns hüten, sie 
wegzuwerfen, haben wir doch erfahren, daß sie 
alle miteinander nicht das Glück sind und auch 
nicht der Schlüssel dazu. 

Vollständig kann die Befriedigung nicht sein, 
nicht nur, weil die Welt so viel und so schnell 
nicht bieten kann, wie es die Unersättlichkeit der 
Begierde fordert. Selbst wenn jeder Wunsch so- 
fort Erfüllung fände, wäre der Rachen der Un- 
befriedigung noch immer nicht gestopft, weil 
unsere Wünsche zwiespältig sind und sich oft 
geradezu widersprechen. Solange etwas in uns 
Schmerzen fordert und Entsagung, kann uns auch 
der auf Vollständigkeit und Dauer garantierte 
Genuß nicht glücklich machen. Das Gefühl, daß 
es so nicht geht, hat dann — im Buddhismus, 
im Christentum der Anachoreten und Mönche 
und auch sonst wohl — dazu geführt, das ganze 
Verhältnis umzukehren und es auf dem entgegen- 
gesetzten Wege zu versuchen, also Verzicht, Ent- 
sagung und Leiden zum Lebensinhalt zu machen 
und das Streben nach Genuß zu verbannen. Der 
innere Widerstreit hieß jetzt „Versuchung" — 
aber er verschwand nicht. 



Vom Glück — ohne Angabe der Adresse 113 

Und wenn das alles nicht so wäre? Wenn unsere 
Wünsche einheitlich und ihre Ziele ohne Gegen- 
sätze wären, wie sie es vielleicht in früher Kind- 
heit sind ? Dann würde ihre sofortige Befriedigung 
Langeweile bringen, nicht Glück, und als Dauer- 
stillstand den Tod. 

Hängen Befriedigung und Glück vielleicht 
anders zusammen? Etwa 30, daß die eine wohl 
zum andern führt, aber nicht unmittelbar, daß 
zwischen Wunsch und Erfüllung eine Wartezeit 
eingeschaltet werden muß, eine Spannung, ein 
bestimmtes Maß von Unbefriedigung ? Davon 
wissen wir ganz und gar nichts, weder ob diese 
Wartetechnik irgend etwas nützt, noch wie sie 
angewendet wird, und woher wir das Maß des 
beglückenden Aufschubs erfahren sollen. Es be- 
deutet im Grunde nichts anderes, als daß die 
Dinge meistens schöner aussehen, als sie dann 
wirklich sind, und daß die Vorfreude die beste 
Freude ist, — Wahrheiten, in denen nur wenige 
Glück und Genügen gefunden haben. Trotz alle- 
dem: Das Glücklichwerden als reine Zufallssache 
anzusehen, dazu ist der Mensch, der „unermüd- 
liche Glücksucher", nicht imstande. Irgend 

8 Sachs, Zur MeDachenkennuiU 



114 Zur Menschenkenntnis 

etwas muß das Verhältnis, in dem Freuden und 
Schmerzen in einem Menschenleben zueinander 
stehen, damit doch zu tun haben, wenn es auch 
unmöglich ist, sie gegeneinander abzuwägen 
(„wieviel Zahnweh geht auf eine Stunde Liebes- 
glück?") und, auch bloß theoretisch, ihren Anteil 
an der richtigen Mischung zu bestimmen. 

Der Mensch des Mittelalters hatte zweifellos 
mehr und schwerer zu leiden als wir. Die an- 
dauernde Angst vor fremder Gewalttätigkeit und 
Übermacht, die Schutzlosigkeit gegen Krankheit 
und körperlichen Schmerz, der Verlust der mei- 
sten Kinder, ehe sie heranwuchsen, die ständige 
Gefährdung der Frau durch jedes Kindbett, die 
unaufhörliche harte Arbeit, deren es bedurfte, 
um die Notdurft des Lebens zu beschaffen, das 
und noch manches andere waren die Schatten, 
die auf sein Leben viel tiefer fielen als auf 
das unsrige. Nimmt man dazu noch die Freuden 
und Genüsse, die er entbehren mußte, die Ver- 
sagungen, die er sich selbst auferlegte, so scheint 
das ganze Bild erfüllt von Düsternis. 

Bei alledem wäre es gedankenlose Überhebung 
zu behaupten, daß der mittelalterliche Mensch 



Vom Glück — ohne Angabe der Adresse 115 

weniger glücklich gewesen sei als wir — oder 
umgekehrt. Wenn der Bürger von Chartres zur 
Sonntagsmesse seinen Dom betrat, so war sein 
Erlebnis dem unseren nicht zu vergleichen, denn 
es war eine Entrückung in den Himmel. Die 
Herrlichkeit des Bogens riß seine Seele nach 
oben, die Fenster verwandelten das Licht in ge- 
weihte Flamme und, wie immer die Welt draußen 
war, hier sprach jeder Stein in heiliger Sym- 
bolik und verkündete den Sieg des Guten über 
das Böse, den Frieden und ewiges Glück. Die 
Frühlingsblumen, wenn der Schnee den Boden 
frei gab, der Erntekranz und die Verwandlung 
der Traube in Wein, ja, das bloße Anschneiden 
des Brotes waren bedeutungsvolle Dinge, die ein 
Licht ausstrahlen, das unseren Augen nicht mehr 
sichtbar ist. Denn, was die Menschen von damals 
erlebten, war ihnen nicht flüchtige Erscheinung, 
die sich aus der Vergangenheit „entwickelt" hatte 
und in eine unsichere Zukunft entschwand, son- 
dern dauernd und unwandelbar, von den Väter- 
zeiten her bis zu den spätesten Enkeln. 

„Fein! Da wollen wir das Radio abstellen und 
vielleicht lieber eine Orgel ?" Bleibt bei 



116 Zur Menschenkenntnis 

eurem Radio; fremdes Glück läßt sich nicht nach- 
wägen und nicht nachkosten ! 

Damit ist ein neuer Gedanke in unseren Kreis 
getreten und nicht als Unbekannter. Unser 
Freund aus dem dreizehnten Jahrhundert, der 
in Chartres auf den Knien hegt, lehrt uns, 
daß es nicht nur die wirklich erlebten Wunsch- 
erfüllungen, die tatsächlichen Schmerzen und die 
von der Realität auferlegten Entbehrungen sind, 
die auf die Frage: glücklich oder nicht? et- 
welchen, wenn auch unbestimmten Einfluß haben, 
sondern daß noch eine andere Hand im Spiel ist, 
die Hand der Himmelstochter oder, je nachdem, 
der waghalsigen Trapezkünstlerin: Phantasie. 

Freuden und Leiden, Kummer und Vergnügen 
sind immer wirklich; ob ihre Ursache in den 
Tatsachen der Umwelt hegt, oder ob sie uns von 
der Phantasie in Runtpapier eingewickelt präsen- 
tiert werden, macht keinen Unterschied. Das Neue 
und Verschiedene ist nicht ihre Unwirklichkeit 
oder Unechtheit, sondern daß sie von wo anders 
herstammen, nicht aus der unmittelbaren Nach- 
barschaft, und von einem leisen Glanz von innen 
her durchleuchtet sind, — vielleicht, weil ihre 



Vom Glück — ohne Angabe der Adresse 117 

eigentliche Heimat weit drüben, hinter den Bergen 
der Gegenwart ist. Die Trauer der Wirklichkeit, 
zum Exempel, ist grau und niederdrückend und 
nicht selten häßlich; die Trauer der Phantasie 
aber trägt den schwarzen Schleier der Tragödie, 
ihre Seufzer sind wohltönend und ihre Tränen 
befreiend. 

Daß der Wechselbalg von Gefühl, den uns 
die Phantasie unterschiebt, schöner ist als das 
richtige Kind, kommt daher, weil er weniger 
robust ist, zarter zusammengesetzt und ganz er- 
heblich lenksamer. (Das gilt nicht für den Traum, 
dessen Affekte oft stärker sind als die des Tages 
und sich der Überwachung genau so entziehen. 
Hier hat der Wechselbalg alle Attribute und 
heißt Angsttraum oder Alpdrücken.) 

Phantasie und Tagtraum, so luftig und wandel- 
bar sie scheinen, gehören doch zu den unab- 
schüttelbaren Begleitern des Menschen, ohne die 
keiner seine Straße zieht. Wo vollendete Nüch- 
ternheit ihnen Tür und Fenster versperrt, machen 
sie sich so dünn, daß sie durch die feinste Ritze 
eindringen können. Der Glanz und Zauber, der 
über sie gebreitet ist, liegt darin, daß sie aus 



118 Zur Menschenkenntnis 

der Kindheit stammen, aus der Zeit, wo das Glück 
so viel näher und erreichbarer und der Weg da- 
hin so viel einfacher schien. Von dieser glück- 
haften Zeit her bewahren sie eine köstliche Eigen- 
schaft und bringen sie in die Gegenwart herüber; 
die Abkehr von der unabänderlichen und oft 
so abänderungsbedürftigen rauhen Außenwelt, in- 
dem sie das Unerwünschte mit ihren Bildtafeln 
zeitweise verdecken oder lichtere Farben und 
leichter geschwungene Linien hineinmalen. Sie 
übermitteln uns die Wunschkraft einer wunsch- 
gläubigeren Zeit. Freilich, wer sich dieser An- 
ziehung zu sehr hingibt, verliert seinen Halt in 
der Tatsachenwelt, und gleitet ab in Entbehrungen 
und Demütigungen oder Schlimmeres, für die 
Phantasiegenüsse und Traumfreuden nur wenigen, 
besonders gearteten Menschen Ersatz bieten 
können. 

Wer imstande wäre, den Menschen im Phanta- 
sieren Unterricht zu geben — zu lehren, was für 
jeden die heilsamste Art ist, wo das Zuviel und 
Zuwenig hegt, wie ein gefährlicher Bestandteil 
unterdrückt und ein anderer an seine Stelle gesetzt 
werden kann — , hätte uns vielleicht dem Glück 



Vom Glück — ohne Angabe der Adresse 119 

näher gerückt als die größten technischen Er- 
rungenschaften. Leider warten wir auf diesen 
Lehrer vergebens; unser Phantasieleben läßt sich 
nicht ändern und zuschneiden, wie ein schlecht 
sitzendes Kleid, denn es ist der Ausdruck unserer 
eigentlichen, tiefsten Natur. Jede frische Ent- 
täuschung ist einer alten Versagung aufgepflanzt, 
und daraus blüht dann eine Phantasie, in der sich 
der versagte Wunsch allen Widerständen zum 
Trotz erfüllt, im Tagtraum, oder, wenn er licht- 
scheu ist, im Schlaftraum. Solange wir mit unseren 
Wünschen zerfallen sind, solange wir das Leid 
und die Selbstbestrafung nicht ganz entbehren 
können, vermag kein Seeleningenieur den Plan 
auszuarbeiten, der unserer Phantasie den Lauf 
vorschreibt und ihr Bett reguliert. 

Selbst der schönste Tagtraum mit prompter 
Wunscherfüllung und märchenhafter Illumination 
von der Kinderstube her kann uns auf die Dauer 
nicht recht glücklich machen, das wissen wir 
aus alter Erfahrung. Aber ist das alles? Wir haben 
bisher von Phantasie so gesprochen, als gäbe es 
nur die handgreifliche Art, wo ein Abgewiesener 
oder Hinausgeworfener sich als ein zweiter Na- 



120 Zur Menschenkenntnis 

poleon wiederkommen sieht. Ober derlei wachsen 
viele, wenn sie über die Jahre der Unreife hinaus 
sind, vollständig hinaus, und weder die Allgegen- 
wart noch die ganze Macht der Phantasie läßt 
sich daran erweisen. 

Bei allem Neuen, noch nicht Ausgeprobten 
spielt die Phantasie eine viel größere Rolle als 
die Berechnung, wenn diese auch im Vordergrund 
steht und jene unter dem Titel „Intuition" 
knapp einen Unterschlupf findet. Nur die bloße 
Routine kommt ohne Phantasie aus, alles was 
an Schöpfung, Erfindung oder Entdeckung auch 
nur entfernt anstreift, kann sie nicht entbehren. 
Für die Kunst ist das eine Selbstverständlich- 
keit, für die Wissenschaft gilt es gerade so. Erst 
imuß von irgendwoher — aber immer aus un- 
bekannter Tiefe — eine Form aufsteigen, eine 
Idee, ein Vorsatz, ein Plan, eine Hypothese, kurz 
das Bild von etwas noch nie Gewesenen, dann wird 
der Weg nach dem neuen Ziel mit Zweifeln und 
Kritik, mit Rechenstift und Reagenzglas gesucht. 
Den Künstler begleitet die Phantasie bis zum 
Ende dieses Weges, den Forscher muß sie bald 
verlassen, weil ihre ärgste Feindin, die Realitäts- 



Vom Glück — ohne Angabe der Adresse 121 

prüfung, sie beiseite schiebt und ihre Stelle ein- 
nimmt. Sie steht nicht nur den unsterblichen 
Meisterwerken und genialen Erfindungen bei, son- 
dern ist dieselbe im Kleinen und im Großen. 
Alle Originalität, mit der sich unsere Welt ver- 
jüngt und erneuert, kommt von ihr, und wenn 
Schöpferlust die Art von Lust ist, die dem Glück 
am nächsten kommt, so ist sie die Glücks- 
spenderin. 

Das ist noch nicht alles. Es ist da noch ein 
Punkt, der so zart ist, daß man nur vorsichtig 
darüberstreifen kann; wer nichts Ähnliches erlebt 
hat, dem ist es nicht begreiflich zu machen. Neben 
dem gemeinen und gewöhnlichen Erleben geht 
zuzeiten noch ein zweites her, das Schritt für 
Schritt dasselbe ist und doch ein anderes. In 
diesem zweiten Erleben, löst uns irgend etwas 
ab von unseren persönlichen Wünschen und Vor- 
teilen, statt der Menschen und Dinge und Situa- 
tionen, mit denen wir zu schaffen haben, erhalten 
wir gewissermaßen deren Aroma oder Abglanz. 
Was von unserem Standpunkt aus gesehen un- 
erquicklich, langweilig oder gleichgültig war, er- 
scheint in diesem zweiten Gesicht in die Perspek- 



122 Zur Menschenkenntnis 

tive gerückt, die ihm eigentlich gebührt, in der 
alles an den richtigen Platz gestellt und in sehien 
wahren Sinn eingeordnet ist. Man weiß, daß alles 
so geblieben ist, wie es war, und fühlt zugleich 
den Reiz der Stimmung als etwas Einzigartig- 
Unvergeßliches, von dem man mit Wehmut Ab- 
schied nimmt. 

Vielleicht kommt der dem Glück am nächsten, 
für den das, was er gerade erlebt, auch gleich- 
zeitig ein Kapitel im Roman seines Lebens ist, das 
er liest und genießt. 



INHALTSVERZEICHNIS 

ERSTES KAPITEL: 

ALLGEMEINES 5 

ZWEITES KAPITEL: 

DAS ICH IM VERTRAUTEN UMGANG . . 23 

DRITTES KAPITEL: 

DIE ANDEREN — AUF DISTANZ GE- 
SEHEN. — IM ANHANG 46 

VIERTES KAPITEL: 

FAMILIE — MIT UND OHNE LIEBE ... 83 

FÜNFTES KAPITEL: 

VOM GLÜCK — OHNE ANGABE DER 
ADRESSE 111 



MANZSCHE BUCHDRUCKEREI, WIEN IX 





rsKuimi 



zur 



enschen 
kenntim