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Full text of "Die Lehre von den Geschlechtsverirrungen (Psychopathia sexualis) auf psychoanalytischer Grundlage"

^ 



Die Lehre von den 
Geschlechtsverirrungen 

(Psychopathia sexualis) 

auf psychoanalytischer Grundlage 



von 



Dr. J. Sadger 

Nervenarzt in Wien. 






Leipzig und Wien 

Franz Deuticke 
1921 



--— . » i - ta^B 



Verlags-Nr. 2701. 

Alle Rechte, insbesondere die Übersetzungsrechte in fremde 
Sprachen vorbehalten. 

Copyright 1921 by Franz Deuticke in Leipzig. 



A 



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-\ 






INHALT. 



. 



f. 



Vorbemerkung « 

Einleitung , 

A. Allgem einer Teil. 

I. Kapitel: Das Geschlechtsleben des Kindes. . . 6—39 
IL Kapitel: Die Stellung des Kindes in der Familie. 

Der Ödipus-Komplex 40 55 

III. Kapitel: Der Kastrations-Komplex 56-70 

IV. Kapitel: Allgemeines über die Sexualentwicklung 71—77 
V. Kapitel: Allgemeines über die Perversionen . . 78-90 

B. Spezieller Teil. 

I. Kapitel: Die psychische Impotenz des Mannes und 
die vaginale Unempfindlichkeit (sogenannte 

Anaesthesia sexualis) des Weibes . . 91-102 

II. Kapitel: Beiträge zur Onanie 103 — 111 

III. Kapitel: Die Homosexualität 112 226 

IV. Kapitel: Der sado-masochistische Komplex . . . '227—320 

V. Kapitel: Der Fetischismus . . . 321 — 376 

VI. Kapitel: Exhibitionismus 377-458 



Vorbemerkuno-. 



Die folgenden Beiträge zur Lehre von den Geschlechtsverirrungen 
sind nach Vorträgen aufgezeichnet worden, die ich im Mai 1919 in einem 
Verein von Medizinern hielt. Sie geben die Frucht vieljähriger Arbeit, in 
der ich die Lehre und analytische Methode Professor Freuds auf die 
Psychopath ia sexualis anwandte. Gern spreche ich an dieser Stelle schon 
aus, daß mein Buch nicht hätte geschrieben werden können ohne seine 
,,Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie", die Bibel der Psychoanalytiker, 
und ohne die vielfach ins Tiefste leuchtenden Anregungen Freuds, 
welche ich als sein wohl ältester Schüler aus seinen Vorlesungen und den 
Mittwoch-Abenden der „Wiener psychoanalytischen Vereinigung" davon- 
tragen konnte. Überall wird man in den einzelnen Kapiteln seine Gedanken- 
gänge wiederfinden, daneben aber auch', wie ich hoffen will, meine selb- 
ständige Forschung nicht verkennen. Überflüssig zu sagen, daß, wo ich 
abweiche von des Meisters Anschauungen, und vor allem in den kritischen 
Ausführungen die Verantwortung für das dort Vorgetragene ausschließlich 
meine Schultern belastet. 

Noch ein Wort über die angeführte Kasuistik. Im Gegensatze zu anderen 
Lehrbüchern dieser Art habe ich von jeder Perversion nur Stichproben 
gegeben. Schon aus räumlichen Gründen. Während sonst die Beispiele 
-sich über y'.,, 1 oder, wenn es hoch kam, 3 bis 1 Seiten Petitdruck erstreckten, 
füllt schon der einzige Fall von Inversion, den ich hier bringe, 36 Seiten 
im Druck, und das, obwohl die Zergliederung desselben bloß zweimal 14 Tage 
währte. Ein psychoanalytisch aufgelöster Fall einer Perversion ist eben 
etwas durchaus anderes als die kurze, oberflächliche Anamnese des Kranken 
selber. Ein wirklich erschöpfender Bericht über das Sexualleben eines 
Homosexuellen würde mindestens hundert Druckseiten füllen. Man be- 
greift, daß da viel Kasuistik nicht zu geben war, sollte dies Buch nicht 
zum Wälzer werden. So habe ich denn von der kompliziertesten Perversion, 
der Homosexualität, nur einen einzigen Fall gebracht, von den übrigen 
aber nur wenige Ausschnitte. Bei der Auswahl derselben war es mir ferner 
weit minder um grelle, extreme Beispiele zu tun, als um lehrreiche, die 
irgendwie ein neues Streiflicht werden. 



Sadger, GeschlechtsTerirrungen. 



I I 



Einleitung-. 



Was geben die U*£^j^^*™^«*^£^. 

Sie enthalten nebst kaiwn 3k? . Le u nrl > u cher über jenen Gegenstand ? 
den Geschlechtstrieb SSS*^ Tatsachen üb er 

So findet man z . B . in 52 TÄ^^^ »* Theorie 
- Paraesthesia sexualis, obwohl man I h- w tCdung m An "' %Per- und 
Anaesthesia vaginalis ■ odTHy^^^^ kflmite^a von 
Uberempfindlichkeit des gesahtS, 8 ^ ~~ Fü h«osigkeit oder 
- und sich die ^ontrC/lSSt^ 6 ^? 01 ? 68 ß 1 ^« JagarnidiT 
der Fetischismus wohl schweri r^ P U " g ' der Sad <>-Masochismus und 
-sthesien abtun lassen. te^^ST^T? 1 * Sexu *Ä 
geboren- und Erworbensein XwÄf^^W *>«**■ 
«nd Perversität, zumal bei der wlwJ a «t-Ebing über Perversion 
Homosexualität. Dann suchte lÄ? Geschlechtsverirrung: der 

S r unH G ; SChIeC c htS2entre " * »SS und "35? 2?" « *« d « Gebilde 
Warung, es sei denn über JfiS?? ! Chten Sie bis Jetzt noch weL \uf 

mehr a,s H — ?*»£^swg-at£$ 






TS*" 



1 






gesprochen werden, je weniger sie zu beweisen sind 1 ). So kennt man zur 
Stunde die Hormone unserer Keimstöcke noch nicht, allein man hat bereits 
griechisch-lateinische Namen für sie und weiß mit Sicherheit vorzutragen, 
was jene noch nebelhaften Produkte alles leisten sollen. Man beschränkte 
sich keineswegs auf das, was sie aller Wahrscheinlichkeit nach tatsächlich 
beeinflussen, die Ausbildung nämlich der sekundären und tertiären Ge- 
schlechtsmerkmale, sondern möchte am liebsten alle Verirrungen, besonders 
aber die Homosexualität samt ihren rein psychischen Liebesbedingungen, 
von ihnen ableiten. Endlich enthalten die Schriften der Sexualwissenschaft 
nebst, wenig begehrten ethnographischen und literarischen Exkursen als 
Kern- und Hauptsache Krankengeschichten. Nur sind diese leider kaum 
mehr denn ausführliche Anamnesen, die man mit den Geschlechtsverirrten 
aufgenommen hat, oder gar deren Autobiographien, die sie druck fertig in 
die Sprechstunde mitbringen und welche gewöhnlich mit ebensoviel Selbst- 
gefälligkeit als innerer Unwahrheit ihre angebliche Entwicklung be- 
schreiben. Mehr vermochte die ältere Psychopathia sexualis mit ihren 
Hilfsmitteln nicht zu leisten. Denn z. B. eine wirkliche Beobachtung wie 
bei anderen Krankheiten war hier mehr weniger ausgeschlossen, selbst 
wenn ein Fall zur gerichtlichen Untersuchung auf die psychiatrische Klinik 
kam. Ist ja die Klinik wohl kaum der Ort, an dem man das Geschlechts- 
leben der Menschen studieren kann. Bestenfalls ließen sich gewisse 
neurotische oder psychopathische Zustände, die irgendwie mit der Vita 
sexualis zusammenhängen sollen, da feststellen und beschreiben. 

Im Gegensatz zu diesen unzulänglichen älteren Versuchen arbeitete 
Freud und seine Schule mit einerneuen, der psychoanalytischen Methode. 
Diese nun liefert statt erweiterter Anamnesen Zergliederung der seelischen 
Zusammenhänge, vor allem der unbewußten, und gibt sie ohne Neben- 
absichten, gleich fern von Selbstverhimmelung wie von irgendwelcher 
Zweckdarstellung. Wem je einmal Gelegenheit ward, die fertig mitgebrachte 
Autobiographie eines Urnings zu lesen und nach wenigen Wochen Psycho- 
analyse mit dem zu vergleichen, was da allmählich aus dem Unbewußten 
ans Tageslicht kam, wird den ungeheuren Unterschied auf der Stelle 
ermessen. Es zeigt sich da deutlich, wie wenig selbst die ehrlichsten Menschen 
von sich selber wissen und wie wenig sie auch mit bestem Willen natur- 
gemäß auszusagen vermögen. 

Umreißen wir einmal die Stellung der psychoanalytischen Methode 
zur Lehre von den Geschlechtsverirrungen. Sie hat weder den Ehrgeiz 
noch die Aufgabe, anatomisch-histologische oder chemische Ursachen auf- 
zuspüren. All diese Dinge, welche einen Teil des Konstitutionellen bilden, 

») Einer meiner Universitätslehrer prägte den Satz : „Benennung und Wertung 
einer neuen Lehre hängen von der Stellung des Verfassers ab. Trägt sie der ordentliche 
Professor vor, so heißt sie vornehm .Theorie'; beim außerordentlichen wird sie bereits, 
zur Hypothese' ; unterfängt sich aber gar der Privatdozent einer eigenen Meinung,, 
dann' gilt sie als .ordnende Hilfsvorstellung'". Überflüssig hinzuzufügen, daß jener 
Lehrer zur Zeit seiner hochverräterischen Rede erst Privatdozent war. Von William 
Kamsay hörte ich eine andere Definition: „Theorie nennen wir eine Vorstellung, von 
der wir erwarten, daß sie sich als richtig erweisen, Hypothese eine solche, von welcher 
wir hoffen, daß sie nützlich sein werde. Alles andere sind Fiktionen." 






überläßt sie gern den „exakten" Forschern, jederzeit bereit, tatsächliche 
Ergebnisse — nicht bloße Hypothesen - anzunehmen und sie in das Bild 
der Sexualentwicklung an seinem Orte einzufügen. Ihr Arbeitsgebiet, auf 
das sie sich beschränkt und beschränken muß, welches aber ungeheure 
Perspektiven eröffnet, ist Erforschung des Seelischen, vornehmlich seines 
wichtigsten unbewußten Anteils. Ursprünglich war die psychoanalytische 
Methode geschaffen worden zur Behandlung der Hysterie und Zwangs- 
neurose. Beim Studium dieser beiden Neurosen stellte sich nun zu unserem 
Erstaunen stets wieder heraus, daß alle Nervösen ein größeres oder kleineres 
Stück Geschlechtsverirrung mit sich herumtragen. Die weitere Durch- 
forschung der Sexualentwicklung führte dann ganz regelmäßig in die aller- 
zarteste Kindheit zurück. Und nun kam die zweite große Überraschung: 
auch die Kinder zeigten mindest in Ansätzen, nicht selten jedoch in mehr 
oder weniger ausgebildeter Form das Vorhandensein fast aller Per- 
versionen. Was so empirisch festgestellt worden, hat später die unmittel- 
bare Kinderbeobachtung bestätigt. Und heute sind wir mit steigender Er- 
kenntnis allmählich so weit, daß wir die ganze menschliche Sexualentwick- 
lung, die normale wie die krankhafte, so ziemlich überschauen und in einem 
schon recht beträchtlichen Stück auch voll begreifen. 

Noch etwas hat uns die Psychoanalyse gelehrt: keine Werturteile 
fällen. Wir Ärzte sollen weder loben noch tadeln, sondern einzig zu ver- 
stehen trachten. Es hat keinen Sinn, im Reich des Geschlechtlichen von 
„Lastern" zu sprechen und Abscheu zu bekunden, ehrlichen oder auch 
bloß gespielten. Wer genügend Analysen durchführte und besonders vor 
der Zergliederung des eigenen Seelenlebens nicht Halt gemacht hat, der 
weiß, daß wir alle verwundbar sind. Wie sagt nur Shakespeare: '„Be- 
handelt jeden Menschen nach Verdienst und wer ist vor Schlägen sicher?" 
Es ist einfach Glück und Schicksalsfügung, wenn einer so ziemlich normal 
gerät, ein Ergebnis, das sich zusammensetzt aus angeborener Anlage, Er- 
ziehung und äußeren Zufälligkeiten, unter denen sich seine Sexualentwick 
hing vollzogen hat. Auch die allerschlimmsteri Verirrungen des Geschlechts- 
triebes soll man nicht schlankweg und rund verurteilen als außer- oder 
untermenschlich, vielmehr sind sie in jeder Beziehung allgemein menschlich, 
d. h. zumindest in schwachen Ansätzen finden sie sich bei jedem von uns 
auch. Da kann man wahrhaftig nichts anderes tun, als sich um ein volles 
Verstehen bemühen, und wo ein Abweg eingeschlagen wurde, den Irrenden 
auf den rechten Weg zurückzuführen trachten. Weiter reicht unsere Auf 
gäbe nicht. 

Nach dem Gesagten werden Sie begreifen, daß wir den Brauch der 
älteren Autoren zurückweisen müssen, die wie Casper, Tardieu und 
Krafft-Ebing sich in Entschuldigungen nicht erschöpfen konnten, eine 
derart ekelhafte Materie behandeln zu müssen, wie die Verirrungen des 
Geschlechtstriebs 1 ). Auch die Wissenschaft ist mit besserem Verstehen 



] ) Casper z. B. bezeichnet die Inversion als „Männerschändung" und „Ge- 
schlechtswahnsinn", spricht von dem „physischen und moralischen Ekel", mit dem 
er an die Bearbeitung dieses Themas gehe, und jammert 1852 über die allzu milde 



allmählich menschlicher denkend geworden. Heute unterscheiden wir nicht 
mehr zwischen „ehrbaren" und , .unehrbaren" Körperteilen, ja, man darf 
sich sogar der Behauptung erdreisten, die Genitalien seien nicht minder 
„anständig" als Herz und Gehirn. Wir werden also von ihnen und ihren 
Leistungen mit der nämlichen Unbefangenheit reden wie Syphilidologen 
und Stoffwechselforscher von ihren ästhetisch auch minder ansprechen- 
den Studienobjekten. So wenig ein Frauenarzt, der meist per vaginam und 
oft auch per rectum untersuchen muß, drum klein tun wird: „Verzeihen 
Sie, ich bin mit Respekt zu sagen Frauenarzt!", sowenig brauchen wir 
uns zu entschuldigen ob gesprochener Unappetitlichkeiten mancher Per- 
versionen. Wir haben einfach nichts zu bemänteln und werden sogar die 
übliche Verbeugung vor der Tugend unterlassen, Anstößigstes ins Lateinische 
zu übertragen, was ohnehin meist nur mehr schlecht als recht mit Hilfe 
des Wörterbuches oder eines Altphilologen gelingt. Es läßt sich ja doch 
jeder Ladenschwengel diese Stellen unschwer ins Deutsche übersetzen, ja 
macht geradezu auf sie Jagd. Dies Verfahren ist also ebenso nutzlos als 
unwissenschaftlich. Die Sachen werden nicht unanständiger, weil man sie 
mit deutschen Worten ausdrückt. Man versteht sich nur besser und wird 
nicht i verleitet, auf versteckte Lüsternheiten zu fahnden. 



Bestrafung der Urninge: „Lebendig verbrannt in Ath.-n und Koni, einfache Todes- 
strafe bis in die neuere Zeit in England, langjährige Zuchthausstrafe und ewige Ver- 
bannung in Preußen, aber seitdem Jahre 1852 bloß Gefängnis von 6 Monaten bis zu 
4 Jahren, also möglicherweise im niedrigsten Strafausmaß doch nur eine halbjährige 
einfache Freiheitsbeschränkung! Wenn diese Milderung sich steigert, so werden 
solche Greuel vielleicht zur Zeit unserer Urenkel schon gar nicht mehr gesetzlich 
geahndet werden!" Von Krafft-Ebing werde ich später im Texte einiges zitieren. 



A. Allgemeiner Teil. 



I. KfiPITEL. 

Die Psychopathia sexualis ist nicht zu verstehen ohne Eingehen auf 
Das Geschlechtsleben des Kindes. 



I. 

Wie? Wird mancher kopfschüttelnd fragen, ein Geschlechtsleben des 
Kindes ? Dieses Urbild der Reinheit sollte sexuelle Empfindungen nähren ? 
Man weiß ja, es gibt unter ihnen verdorbene Elemente, die schon in den 
höheren Klassen der Volksschule masturbieren, allein gemeinhin versteht 
doch ein Kind nicht das Geringste von geschlechtlichen Dingen. Man 
denke doch nur, 'wie unentwickelt sein ganzer Reproduktionsapparat, und 
auch die allermodernste Botschaft, die Lehre von der inneren Sekretion, 
kennt die Sexualität erst von der Entwicklung der Pubertät ab. Woher 
sollten jene reinen Geschöpfe zu solch „unanständigen" Empfindungen 
kommen ? 

Es wird kaum bemerkt, daß man im Grunde einen Denkfehler begeht 
und ebenso wie bei den jungen Mädchen „Reinheit" verwechselt mit „Un- 
wissenheit in geschlechtlichen Dingen". Allein mich dünkt, jenes allgemeine 
Schütteln des Kopfes ist hauptsächlich Folge zweier weiterer Irrtümer. Man 
identifiziert den Sexualtrieb zunächst mit der Lust und Fähigkeit sich 
fortzupflanzen, und, da beide bekanntlich erst mit der Pubertät anheben, 
so hat das Kind noch keinen Geschlechtstrieb. Freilich läßt sich dagegen 
einwenden, daß die Propagation allerdings an geschlechtliche Tätigkeit 
gebunden, im Übrigen aber nur emen verhältnismäßig seltenen Spezialfall 
des vielgestaltigen Sexualtriebes darstellt. Es kommt ja vor, daß ein 
Herrscher sich einen Erbprinzen wünscht, der gewöhnliche Sterbliche einen 
Stammhalter, doch gemeinhin wird unser Geschlechtsleben keineswegs 
bestimmt von Wünschen auf eine Nachkommenschaft. In den allermeisten 
Fällen verkehrt man ganz ohne Rücksicht auf diese, ja sie erscheint, und 
wahrhaftig nicht selten, als ein recht unliebsamer „Segen", den man nach 
Kräften zu hintertreiben trachtet. Um es drastisch zu sagen man koitiert, 
auch in der Ehe, hauptsächlich des Genusses halber und nicht aus idealen, 









sittlichen Gründen. Nur moralische Heuchelei wird die Propagation als 
sozusagen anständiges Motiv für häufige Kohabitationen nennen. Kommen 
wir neuerdings auf das Kind zurück, so müßte man beweisen, daß diesem 
libidinöse Regungen völlig fremd sind, um seine Sexualität ausschließen 
zu können. Daß dies nicht der Fall ist, werde ich später ausführlich dartun. 

Neben der Verwechslung von Fortpflanzungstrieb und geschlecht- 
lichem Verlangen ist noch eine zweite gang und gäbe: die Gleichsetzung 
nämlich von sexuell und genital. Hier trifft bloß zu, daß in der kräftigsten 
Zeit des Menschen seine sexuelle Haupttätigkeit an die Leistung der Geni- 
talien gebunden ist. Im Übrigen aber wird sich mit Leichtigkeit eine große 
extragenitale Geschlechtslust, zumal beim Kinde, nachweisen lassen. Um 
zusammenzufassen: was man als Reinheit des Kindes bezeichnet, ist bloß 
Unwissenheit in sexuellen Dingen und das Geschlechtsleben ist weder gleich- 
bedeutend mit der Fähigkeit zu zeugen oder zu gebären, noch an die Tätig- 
keit der eigentlichen Geschlechtsorgane gebunden. 

Was gibt uns denn eigentlich die Überzeugung, daß die Lust, die wir 
bei einem Tun empfinden, wirklich sexuell ist? Erstens der Orgasmus, der 
Wollustgipfel, wie ihn jeder kennt, der auch nur einmal mit Genuß mastur- 
bierte oder koitierte. Zum zweiten die Ausstoßung der Geschlechtsprodukte 
und drittens endlich noch die Fortpflanzung, die sich an die lustvolle 
Handlung knüpfte. Von diesen unzweifelhaften Kriterien ist das dritte 
jedenfalls nicht unbedingt nötig. Abgesehen davon, daß die Begattung sehr 
häufig mit dem Vorsatz unternommen wird, kein Kind zu zeugen, so haben 
ja auch die sexuell Perversen, deren Tun doch zweifellos geschlechtlicher 
Art ist, das Ideal der Fortpflanzung aufgegeben. Aber auch das Ausstoßen 
von Geschlechtsprodukten ist nicht unerläßlich. Wir wissen z. B., daß beim 
normalen Geschlechtsverkehr zwischen Mann und Weib jener bisweilen den 
Samen zurückhält, damit es zu keiner Befruchtung kommt und auch bei 
der Frau wird häufig genug, sei es daß sie unempfindlich oder gerade nicht 
aufgelegt ist, die Ausstoßung der Sekrete am Schlüsse ausbleiben, ohne 
daß darum der vollzogene Beischlaf minder sexuell ist. Hingegen ist der 
Wollustgipfel oder sagen wir mindestens : die Einleitung, der Weg, der Ansatz 
hiezu nicht wegzulassen, wenn sich die Überzeugung aufdrängen soll von 
der Geschlechtlichkeit unseres Tuns. Prüfen wir diese Bedingungen nun 
am Handeln des Kindes, so liegt auf der Hand, daß weder von Fort- 
pflanzung noch von der Ausscheidung der Geschlechtsprodukte die Rede 
sein kann, weil das Kind anatomisch noch ganz unentwickelt ist. Wohl 
aber braucht ihm keineswegs der Orgasmus zu fehlen, in einfächeren Fällen 
der Ansatz dazu, wie ich später an zahlreichen Einzelschilderungen dartun 
werde. Dies aber ist entscheidend und gibt uns das Recht, von einem Ge- 
schlechtsleben des Kindes zu reden. 

Ehe ich auf dieses näher eingehe, sei ein Allgemeines vorausgeschickt. 
Wer bestimmte Krankheiten studieren will, tut dies erfahrungsgemäß am 
besten an extremen Mustern. Man wird sich z. B. das Bild eines Typhus 
abdominalis nicht an Abortivfällen einprägen wollen, sondern möglichst an 
einem schweren, voll ausgebildeten Kasus, die Symptomatologie der 
multiplen Sklerose wiederum nicht an einer forme fruste, vielmehr an 



8 



vielen klassischen Exempeln. Wenn einer seinen Blick erst hundertfältig 
an ausgesprochenen und schweren Formen geübt und geschärft hat, dann 
wird er unschwer auch rudimentäre Krankheitsbilder diagnostizieren und 
z. B. die inselförmige Sklerose auch dort schon erkennen, wo ein minder 
Geübter das Rückenmarksleiden nicht zu sehen vermag. Auf unseren Spezial- 
fall angewendet, werden wir die Sexualität des Kindes nicht an zweifel- 
haften oder rudimentären Äußerungen nachweisen wollen, sondern möglichst 
an äußersten Symptomen, die dafür den großen Vorzug besitzen, daß ihr 
Ursprung aus der geschlechtlichen Sphäre wohl kaum mehr zu bestreiten 
ist. Ich wähle als durchsichtigstes Paradigma 

die genitale Masturbation. 

Viele Männer erinnern sich aus ihrer eigenen Volksschulzeit an so- 
genannte „schlimme Buben", die jener eifrig ergeben waren. Daß diese 
kindliche Onanie dem Geschlechtstrieb entspringt und sexuelle Lust- 
empfindung schafft trotz Mangels an Sperma und der Fähigkeit zur Fort- 
pflanzung, wird wohl niemand leugnen. Doch ist dies immerhin nur von 
älteren Knaben allgemein bekannt, von jenen, die bereits in der Volks- 
schule sitzen. Bloß der Vollständigkeit halber füge ich noch an, daß nach 
übereinstimmenden Urteilen der Erzieher auch in Mädchenschulen die 
Masturbation nichts Seltenes ist. 

Anders schien die Sache zu liegen bei Kindern im vorschulpflichtigen 
Alter und vollends bei Säuglingen. Große Sensation erregte es darum in 
der Ärztewelt, als im Jahre 1886, also lange vor den ersten Veröffent- 
lichungen Freuds, der dänische Pädiater Professor Hirschsprung einen 
Artikel - publizierte, der unter dem Titel „Über die Onanie bei kleinen 
Kindern" in der Berliner klinischen Wochenschrift (20. September 1886, 
Nr. 38) übersetzt wurde. Man wird jene große Bewegung verstehen, wenn 
ich den Eingang dieses Aufsatzes wörtlich hersetze: „Ich war", beginnt 
Hirschsprung, „auf das äußerste erstaunt, als ich zum ersten Mal — 
es war aus Vogels Lehrbuch der Kinderkrankheiten — erfuhr, daß die 
Masturbation schon im Säuglingsalter geübt werden könnte. Bei späteren . 
Konsultationen über kleine Kinder, die onanierten, überzeugte ich mich, 
daß die Herren Kollegen ebenso unwissend waren, wie ich es gewesen war, 
und das so ungewöhnlich typische Bild mißverstanden hatten, das ein 
onanierendes Kind darbietet. Charakteristisch genug waren es zwei Kollegen, 
die mich wegen ihrer eigenen Kinder konsultierten, und es ist vorgekommen, 
daß der betreffende Arzt nicht auf die Erklärung eingehen konnte, die ich 
von dem vorliegenden Anfall gab. In der Tat ist das ja erklärlich. Man 
sollte a priori geneigt sein, zu glauben, daß eine gewisse körperliche und 
geistige Entwicklung eine absolute Bedingung dafür sein müßte, daß der 
Geschlechtstrieb erwachen könnte, daß er vielleicht unter gewissen äußeren 
ungesunden Einwirkungen in einem abnorm früheren Zeitpunkt auftreten 
könnte, aber auf eine solche Abweichung wie sein Auftreten und der 
instinktive Trieb zu seiner Befriedigung schon in den ersten Kinder jähren 
und ohne irgendeine von außen kommende Einwirkung — darauf konnte 
man unmöglich gefaßt sein. Und doch kann nicht der geringste Zweifel 



9- 

i 

darüber bestellen, daß die Sache sich so verhält. Meine Erfahrung ist groß 
genug, um den Erfahrungen und Schlüssen beizutreten, die von anderer 
Seite vorliegen und um mich für ihre Richtigkeit zu verbürgen." 

Liest man diesen Bericht, so fällt zunächst auf, daß Hirschsprung 
selber, der ausgezeichnete Fachmann, „äußerst erstaunt" war, in einem 
Lehrbuch der Kinderheilkunde von der Säuglingsonanie zu hören, daß er 
an sie nicht recht glauben mochte, bis ihn gehäufte Erfahrung eines Besseren 
belehrte, und endlich daß sich ein ärztlicher Kollege nicht überzeugen 
lassen wollte, als man ihm die Onanie seines eigenen Kindes schlagend 
nachwies. All diese Dinge wiederholen sich bei unseren psychoanalytischen 
Entdeckungen bis zum heutigen Tage mutatis mutandis immer von neuem. 

Damit man sich eine Vorstellung mache, wie intensiv der Widerstand 
selbst jener Ärzte ist, die die Säuglingsonanie für die Literatur entdeckten r 
will ich ein paar Aussprüche hier anfügen. Hirschsprung erzählt 
seinen ersten Fall eines masturbierenden 13 monatigen Mädchens und 
fährt dann fort: „Es hieß, daß das Kind schon 8—9 Monate an 
seinen Anfällen (nämlich den Äußerungen seiner Onanie) gelitten hätte, 
was jedoch etwas zweifelhaft sein dürfte." Vogel, der in seinem 
Lehrbuch (1870) den Kraftschen Fall zitiert, macht dazu die Bemer- 
kung: ,,Es ist dieser Bericht einzig in seiner Art, es fragt sich nur, 
ob nicht das Kind einen kleinen Ausschlag oder einen kleinen Fremd 
körper in der Vagina hatte, in welchem Fall dann diese Bewegungen 
(,ein 11 monatiges Mädchen schob sich die beiden Händchen abwechslungs- 
weise in die Schamspalte, immer kräftiger, zog die Beine an den Leib, 
verzerrte die Gesichtszüge grinsend und ließ ein lautes Schnarchen ver- 
nehmen') viel einfacher als juckend zu erklären wären." So ganz unglaublich 
erschien ihm die Sache, daß er lieber eine äußere Ursache heranzog, die, 
wenn sie in diesem Falle schuldtragend gewesen, sicher von Kraft selber 
genannt worden wäre. Fleischmann, der acht Jahre vor Hirschsprung 
über zwei masturbierende Säuglinge berichtete („Über Onanie und Mastur- 
bation bei Säuglingen", Wiener Medic. Presse 1878), leitet seinen Artikel 
ein : „Als der ehrwürdige Onan sein Laster erfand, das später für alle Gleich- 
gesinnten zum Muster geworden, hatte er wohl keine Ahnung davon, daß 
es durch die beständige Fortererbung im menschlichen Geschlechte schließ- 
lich auch an die Säuglinge geraten werde und daß auch diese, getreu dem 
ewig gültigen Grundsatz: .Nachahmung ist die aufrichtigste Schmeichelei' 
Anhänger seiner Sekte würden. Wie? wird man fragen, Selbstbefleckung: 
bei Säuglingen ? Allerdings, wie die folgenden Aufzeichnungen dartun 
werden. Ich habe zwei Fälle rasch hintereinander zu Gesicht bekommen 
und, da diese sowohl durch ihre Seltenheit als durch die Eigenart ihres 
Auftretens sicherlich da? Interesse der Fachkollegen erregen dürften (welche 
Naivetät! ,Les savants ne sont pas curieux', sagt Anatole France), habe 
ich mich zur Veröffentlichung entschlossen." Heubner endlich, der 
in seinem Lehrbuch der Kinderkrankheiten 1911 auch über infantile 
Masturbation schreibt, schließt seine Ausführungen: „Es gibt Fälle, wo von 
Verführung oder Anleitung kaum die Rede sein kann, wo man wohl kaum 
zu einer anderen Annahme gelangen wird, als zu der einer angebornen krank- 



10 



haften Anlage zu dem Laster, wie sie ja übrigens auch im Tierreich vielfach 
beobachtet wird und bei degenerierten, psychisch schwachen Individuen, 
Idioten, Kretins zu den direktesten Zeichen der Entartung gerechnet 
werden kann. Ich meine die merkwürdigen Fälle, die man kaum glauben 
würde, wenn man nicht Gelegenheit hätte, sie unmittelbar zu beobachten, 
wo das Laster bereits von Säuglingen in den ersten Monaten des Lebens 
ausgeübt wird." Hierauf beschreibt er den Fall eines damals halbjährigen 
masturbierenden Knaben, der nach den Angaben seiner Pflegemutter 
bereits vom 9. Lebenstag an sehr häufige Erektionen habe. „Dann 
fange der Knabe an, das Glied mit seinen Schenkeln zu reiben und zu 
quetschen, wobei er ganz rot im Gesichte werde und am ganzen Leibe 
schwitze." Man wird nach diesen Proben begreifen, daß die Kenntnis der 
frühinfantilen Onanie selbst unter den Kinderärzten wenig verbreitet ist. 
Hat doch in einem Zeitalter, wo über jedes winzigste Sympt.ömchen gleich 
ganze Artikel geschrieben werden, einer der letzten Monographen, Eugen 
Net er, in einer umfassenden Literatur-Übersicht, die den Zeitraum 
seit 17 79 umspannt und auch das amerikanische Schrifttum heranzieht, 
nicht mehr als 15 Arbeiten anführen können! 

Woher diese seltsame Unkenntnis und Zurückhaltung? Masturbiert 
haben Säuglinge und kleine Kinder wohl zu allen Zeiten, da doch kaum 
anzunehmen ist, sie hätten auf Hirschsprungs Artikel gewartet, um 
sich jenes Vergnügen leisten zu dürfen. Wie war es denn möglich, daß diese 
Tatsache so vielen mehr weniger scharfsinnigen Ärzten, die ja jeder Zeitraum 
aufzuweisen hat, so ganz und gar entgehen konnte, daß sie erst zu Ende 
des 19. Jahrhunderts als große Neuigkeit entdeckt werden mußte. Nun ist 
es ja wahr, was Strümpell einmal sagte: „Die meisten Ärzte sehen nur 
das, was sie zu sehen gelernt haben!" Aber einzelne hellere, unverbildbare 
Köpfe gab es doch jederzeit, die mehr schauten, als was im Lehrbuch stand. 
Warum hat von diesen niemand die kindliche Onanie gesehen, oder minde- 
stens nicht mit bewußten Sinnen ? Da muß wohl ein Hemmnis bestanden 
haben, das noch um vieles nachhaltiger wirkte, als jene wissenschaftlichen 
Scheuklappen. Hiemit aber bin ich wieder bei dem eingangs erwähnten 
Dogma, das Kind besitze keine Sexualität, was die Arzte völlig seelenblind 
machte. Auch ihnen wäre ein infantiles Geschlechtsempfinden Entweihung 
gewesen, ein arger ünglimpf der kindlichen Reinheit, zumal bei ihren 
eigenen Sprossen. Das mochte keiner sehen, und so brachte man es fertig, 
wirklich nicht zu schauen, was für den Unbefangenen offen zutage lag. 
Denn, wie ich bei anderer Gelegenheit sagte: es ist niemand so blind als 
derjenige, welcher nicht sehen will! 

Wie häufig gerade die infantile Masturbation, ergab sich nämlich, als 
Freud mit seinen „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" den denkenden 
Ärzten den Star gestochen. Nicht bloß seine Schule konnte jene Übung 
direkt als Alltagserscheinung nachweisen, sondern selbst Max Kassowitz 
spricht in seiner „Praktischen Kinderheilkunde" (Berlin 1910, S. 624) von 
der „großen Häufigkeit einer frühzeitig auftretenden sexuellen Libido bei 
Kindern beiderlei Geschlechtes, namentlich aber bei Knaben" und erklärt 
dann geradezu: „Man muß unbedingt jenen Autoren Recht geben, die 






11 

(wie Freud, Stekel u. a.) der Ansicht sind, daß man die Bedeutung der 
infantilen Sexualität bisher stark unterschätzt hat . Sicher ist es, daß schon 
bei gesunden Säuglingen gar nicht selten — zu großer Verwunderung der 
Mutter — im Schlafe Erektionen auftreten und auch im soporösen Stadium 
der Meningitis fällt die fast mit der Regelmäßigkeit eines Reflexes sich voll- 
ziehende Annäherung der Hände an die Geschlechtsteile auf. Ebenso sicher 
und allen Beobachtern bekannt ist aber das Vorkommen masturbatorischer 
Versuche selbst im frühesten Kindesalter, und zwar nicht nur bei Knaben, 
sondern — allerdings viel seltener — auch bei Mädchen 1 ). Diese Versuche 
treten in den verschiedensten Formen auf. Neben den häufigeren Mani- 
pulationen mit den Händen kommen auch Friktionen mit Hilfe der über- 
einander gekreuzten Schenkel, aber auch beischlafähnliche Bewegungen 
in der Bauchlage vc*. wie sie z. B. in meinem Beobachtungskreise von einem 
fünfjährigen Knaben scheinbar im Schlafe ausgeführt wurden. All diesen 
Perioden der sexuellen Erregung ist aber gemeinsam, daß die Kinder, wenn 
man sie nicht rechtzeitig unterbricht, in einen orgastischen Zustand mit 
Rötung des Gesichtes und beschleunigter Respiration geraten, der dann in 
einen Ermattungszustand übergeht". 

Nun will ich einen weiteren Kinderarzt zitieren, der gleichfalls nicht 
der Freud'schen Richtung angehört. Eugen Neter schreibt in einer 
Studie „Die Masturbation im vorschulpflichtigen Alter" (Archiv für Kinder- 
heilkunde 1913, Bd. 60/61) : „Mein Beobachtungsmaterial umfaßt 26 Fälle 
von Masturbation im frühesten Alter. Alle Fälle reichen mit ihren Anfängen 
der Onanie auf das erste Lebensjahr zurück oder mindestens auf das dritte 
Lebenssemester. Die überwiegende Mehrzahl der masturbierenden Säug- 
linge und Kleinkinder waren Mädchen (von 26 waren es 18). Es handelte sich 
bei den zur Beobachtung gekommenen Kindern zumeist um im allge- 
meinen gesunde Kinder, die wegen akuter Erkrankungen, seltener 
wegen chronischer Affektionen (Rhachitis, Enuresis usw.) in meine Behand- 
lung traten. Die Masturbation war von den Eltern kaum beachtet und fast 
niemals als Onanie richtig erkannt worden. In einer Anzahl von Fällen 
wurden die Kinder wegen eigenartiger .Anfälle' und .Krämpfe' mir zuge- 
führt, die sich anamnestisch, respektive bei direkter Beobachtung als 
typische onanistische Akte herausstellten. Wenn auch den Eltern, insbe- 
sondere den, Müttern dieser Kinder, der sexuelle Charakter dieser .Anfälle' 
nicht klar war, so bestand doch oft ein unbestimmtes Gefühl der Furcht 
wie vor etwas Unbekanntem, Ernsten; sie empfanden die sexuelle Natur 
jener Zustände, drängten aber eine jede derartige Vorstellung zurück, weil das 
frühe Alter sexuelle Vorgänge auszuschließen schien. Die Anamnese ergab 
keine für die Aetiologie bedeutungsvollen Momente. Manipulationen des 
Wartepersonals an den Genitalien der kleinen Kinder, zwecks Beruhigung 
der Kinder oder perversen Neigungen entspringend, konnte ich nicht in 



J ) Dieser letztere Ausspruch scheint mit der Zufälligkeit seines Materials zu- 
sammenzuhängen. Denn schon Hirschsprung sagt (1. c.) „Die Masturbation findet 
sich sowohl bei Knaben als auch bei Mädchen, nach meiner Erfahrung im frühen 
Alter sogar am häufigsten bei letztgenannten." Dazu stimmen auch gut die Angaben 
Friedjungs und Eugen Neters. 






12 



Eriahrung bringen. Phimose, Würmer, Intertrigo und sonstige zur Mastur- 
bation in Beziehung gebrachte Faktoren traf ich hier nicht häufiger an als 
sonst. Die Genitalien zeigten nirgends eine aetiologisch zu berücksichtigende 
Abweichung. Es war mir nicht möglich, weder anamnestisch noch durch 
die objektive Untersuchung und längere Beobachtung einen Zusammen- 
hang zwischen der frühzeitigen Masturbation und einer nervösen Belastung, 
respektive neuropathischen Konstitution festzustellen. Bei einigen Kindern 
zeigte sich ein auffälliges Erwachen sexuellen Lebens, indem Sympathie- 
gefuhle und verwandte Empfindungen sich dem physischen Detumeszenz- 
vorgang zugesellten." Aus diesem Berichte will ich hervorheben, daß jene 
onanierenden Kinder keineswegs von Haus aus pathologisch waren, sondern 
im landläufigen Sinne gesund, daß deren Eltern unbewußt von der sexuellen 
Natur jener „Krämpfe" oder „Anfälle" wußten, doch diese Kenntnis stets 
sorgsam unterdrückt hatten, daß äußere oder organische Ursachen nicht 
Schuld an der Masturbation gewesen und endlich einige dieser onanierenden 
Kinder ein auffälliges Envachen des Liebeslebens zeigten. 

Hören wir nunmehr einen Autor der Freud sehen Schule. Josef K. 
Friedjung' erklärt („Die Onanie, 14 Beiträge zu einer Diskussion der 
.Wiener psychoanalytischen Vereinigung'", Wiesbaden, Bergmann, 1912, 
S -15 f.), in zwei Jahren seiner Kinderambulanz 35 Fälle von infantiler 
Masturbation angemerkt zu haben. Was dieser Zahl noch erhöhten Wert 
leiht, ist, daß sie wahrscheinlich viel zu niedrig bemessen. Der Autor hat 
nämlich nicht etwa auf Onanie inquiriert, sondern ausschließlich jene Fälle 
notiert, da die die Masturbation ihm „als zufälliger Nebenbefund" auffiel 
und dann von den Angehörigen manchmal nicht ohne Widerstreben be- 
stätigt wurde. „Bei der Mehrzahl der Kinder fiel mir die Neigung zum Spiele 
mit den Genitalien während der aus anderen Gründen notwendigen Unter- 
suchung auf. Ich glaube annehmen zu können, daß diese Neigung den 
Pflegerinnen gewiß öfter, anderen Ärzten ebensooft begegnen muß. Wenn 
sie doch so selten bemerkt wird, so handelt es sich bei den Beobachtern 
vermutlich um das den Psychoanalytikern bekannte psychische Skotom. 
Von den 35 Kindern meiner Beobachtung waren 18 Knaben und 17 Mädchen. 
Die Geschlechter sind also in gleichem Maße beteiligt. 29 gehörten den 
ersten vier Lebensjahren an; die zufälligen Befunde setzen eben noch jenen 
Mangel an Schamhaftigkeit voraus, der jenseits des vierten Lebensjahres 
fast ausnahmslos bereits verloren gegangen ist. Das jüngste Kind meiner 
Beobachtung stand am Ende des dritten Monats. In der Mehrzahl der Be- 
obachtungen waren keine grobauffälligen psychischen Begleiterscheinungen zu 
vermerken, auch keine Erektion. Wenn man will, ein bloßes Spielen. In einer 
Mmderzahl beobachtete man dabei bei Knaben Erektionen, bei einem 
Mädchen ein .vergnügtes Gesicht', bei einigen Orgasmus bis zum Schweiß- 
ausbruch, zur Unempfindlichkeit gegen Anruf und selbst gegen Kneifen. 
Bei zwei Mädchen beobachtete ich ähnliche Manipulationen am Nabel; 
eines bekam Wutanfälle, wenn man es hindern wollte." 

Hier haben wir kurz die Symptome des kindlichen sexuellen Orgas- 
mus infolge von Masturbation beschrieben, ähnlich wie in den früheren 
I- allen von Kraft, HcubnerundKassowitz, nur daß hier auch die Zeichen 









13 

der Rudimentärformen berücksichtigt sind: die Erektion und das ver- 
gnügte Gesicht. Ich will dies Bild noch durch einige charakteristische 
Züge möglichst vervollständigen. So schildert Hirschsprung einen ,, An- 
fall" seiner ersten Masturbantin, eines 13 monatigen Mädchens: „Der An- 
fall war ganz typisch; das Kind machte eine Reihe auf- und abgehender 
Bewegungen mit dem Becken und den parallel ausgestreckten Beinen Es 
arbeitete fortwährend, wurde ganz still, rot im Gesicht, die Pupillen er- 
weiterten sich, ab und zu kamen Grimassen im Gesicht, Seufzer und 
klagendes Schluchzen, die als Schmerzen aufgefaßt wurden. Während des 
Anfalles betrachtete das Kind mich — ich stand dicht dabei und es hatte 
mich den Augenblick vorher gar nicht leiden mögen — mit 
schmachtenden, erlöschenden Augen." Ähnlich beschreibt Ludwig 
Fleischmann den Fall eines masturbierenden männlichen Säuglings: 
,,Das Glied wurde steif bis zur Größe eines kleinen Fingers. Das Gesicht 
begann sich zu röten, die Augen wurden glänzend und der Ausdruck zeigte 
•die gleichzeitige Erregung des Nervensystems. Während des höchsten 
Orgasmus blinzelte das Kind mit den Augen, schob die Hände in den Mund 
und rotierte mit dem Kopfe nach links und rechts, vorn und hinten; dabei 
ist es gegen alle Liebkosungen der Eltern taub und unempfindlich." Am 
ausführlichsten sind die Angaben Neters: ,,An dem masturbatorischen 
Gharakter des als Onanie der Säuglinge und Kleinkinder bezeichneten 
Vorgangs kann für den Beobachter wohl kaum ein Zweifel bestehen: starke 
unaufhörliche Friktionen des Genitales, zunehmende Erregung und Ab- 
schließung von äußeren Reizen, immer weiter sich öffnende, starr werdende 
glänzende Augen, veränderter Atemtypus, auffallende Rötung des Gesichtes 
und schließlich, nachdem der Akt eine gewisse Höhe erreicht hat, deutliche 
und plötzliche Erschlaffung und wieder sich einstellende Empfänglichkeit 
für äußere Eindrücke, die während des Vorganges stets mit den Zeichen 
ärgerlicher Gereiztheit völlig abgelehnt wurden. Es handelt sich hier um 
mehr als um ein sogenanntes .Behaglichkeitsgefühl'; eine deutliche Akme 
mit unzweifelhaftem Orgasmus schafft eine gewisse Analogie mit den Vor- 
gängen des späteren Alters. Nicht immer kommt es bei der Masturbation 
•der ganz kleinen Kinder zu einer solchen Wollustakme; trotzdem müssen in 
solchen Fällen die Friktionen der Geschlechtsteile etwas ernster beurteilt 
werden wie lediglich als unnütze und asexuelle Spielereien. Der mastur- 
batorische Akt vollzieht sich zumeist ohne Zuhilfenahme der Hände J nur. 
ausnahmsweise benützen einige Kinder aus meiner Beobachtungsreihe eine 
Hand zur Durchführung der Onanie. Zumeist werden die Friktionen des 
Genitales durch Anpressen eines Körperteils (Oberschenkel, Fuß) oder eines 
Fremdkörpers bewirkt. Bei den allerkleinsteu Masturbanten, die sich auf- 
recht zu halten eben kaum gelernt hatten, beobachtete ich eine in sitzender 
Stellung ausgeführte wippende oder neigende Bewegung des Rumpfes nach 
vornüber, unter gleichzeitigem Drängen der Oberschenkel ; die mit 
staunenswerter Ausdauer durchgeführten Bewegungen führten nach kür- 
zerer oder längerer Zeit zu einem mit Erschlaffung einhergehendem 
Orgasmus. Bei der Mehrzahl der Kinder bestand ein sehr starker, fast 
nur durch körperlichen Zwang zu beeinflussender Drang zu mastur- 



14 



bieren; war der Akt einmal begonnen, so versagten Strafen, Ablen- 
kung usw. vollständig." 

Überblicken wir nunmehr jene Symptome, die wir als Ausfluß der 
kindlichen Onanie und des infantilen Orgasmus vernahmen, so wären es 
etwa: verschiedenartige Bewegungen des Körpers (mit oder ohne 
Zuhilfenahme der Hand), die sämtlich eine Friktion der Genitalien be- 
zwecken, auffälliges Rotwerden des Gesichtes, beschleunigte Atmung,. 
Veränderung der Augen, die sich weit öffnen, starr werden und einen be- 
sonderen Glanz bekommen, zunehmende Erregung, ärgerliche Abweisung 
jeglicher Störung, Abschließung gegen die Außenwelt bis zur völligen Un- 
empfindlichkeit selbst gegen Kneifen und schmerzhafte Eingriffe, endlich 
auf der Höhe der Wollust allerlei Grimassen und verschiedene Töne, starker 
Schweißausbruch, hinterdrein dann völlige Erschlaffung. Dies ganze Bild 
deckt sich offenkundig mit dem Orgasmus der Pubertät und der vollen 
Geschlechtsreife, bloß daß die Samenejakulation dem Knäblein noch 
mangelt. Bemerkenswert ist die Beobachtung Hirschsprungs, wie ein 
Kind, das ihn vorher gar nicht leiden mochte, in der Wollustakme ihn mit 
schmachtenden, erlöschenden Augen ansah, sei es nun, daß ihm eine andre, 
geüebte Person vorschwebte, oder im Orgasmus das Gefühl der Liebe alles 
übertönte. 

Eins dünkt mich jetzt wohl ganz unbestreitbar: die infantile Mastur- 
bation ist ein unzweifelhaft sexueller Akt und für das geschlechtliche 
Empfinden des Kindes, ja schon des Säuglings, direkt beweisend. Es steht 
also fest: die sexuellen Empfindungen des Menschen beginnen nicht erst 
in der Pubertät, auch nicht in den späteren Knaben] ahren, sondern können 
bereits beim Säugling anheben, ja, wie wir in Bälde vernehmen werden, 
ist dies auch regelmäßig bei diesen schon der Fall 1 ). Und ich führe die 
Symptome der kindlichen Wollust auch darum mit solcher Ausführlichkeit 
an, weil, sie unbestreitbar sexueller Art sind und uns bei anderen erotischen 
Phänomenen, deren geschlechtliche Natur nicht so auf der Hand liegt., als 
Vergleichs- und Beweismateriai dienen sollen. 

Noch eins sei betont, was zumal aus Friedjungs Schilderung hervor- 
geht : es ist nicht immer das Bild des kindlichen Orgasmus voll ausgeprägt 
mit sämtlichen oben beschriebenen Symptomen. Daneben gibt es eine 
Menge rudimentärer Fälle, ich möchte sagen von formes frustes der Wollust 
bis hinab zum bloßen „vergnügten Gesicht", den Erektionen und einem 
ganz charakteristischen Lachen, Dinge, die doch schon ob der gleichen 
Ursache (Masturbation am Genitale) oder später dazukommender spezi- 
fischer Symptome oder endlich der Analogie mit Vollformen als unzweifel - 
haft sexuell sich darstellen. Auch wenn Kinderunarten sich durch ganz 
besondere Hartnäckigkeit auszeichnen — wie wir später hören werden, 
auch gewisse Krankheitssymptome — und weder durch Güte noch durch 
schwere Strafen, Prügel und Drohungen eine Abgewöhnung herbeizuführen 

») Dies trifft auch nicht bloß, wie Stier vermeint („Über sexuelle Hyperhedonien 
im frühen Kindesalter", Charit6-Annalen 1910, 34. Bd.), bei schwer belasteten Kindern 
zu, sondern ebenso bei ganz gesunden, wie die Erfahrungen von Kassowitz, Neter 
und Friedjung dargetan haben. 



15 

ist besteht ein sehr begründeter Verdacht, der sich fast immer als richtig 
te^t daß jene Unsitten geschlechtlicher Art sind. Nur wo em Sexuelles 
Ursache ist - natürlich abgesehen von nachweisbar organischen Ver- 
änderungen - bleibt jeder Heilungsversuch derart nutzlos. 

II. 

Ehe wir weitergehen, dünkt es mich ersprießlich, zunächst eine 
Anzahl Einwände zu erledigen, die hier entgegenschallen werden. Vor 
allem tritt uns bei den oberwähnten formes frustes der Wollust der typische 
Unglaube an die Sexualität des Kindes störend in den Weg. So muß bei- 
spielsweise Stier zugeben (1. c), daß „Erektionen im frühen Kindesalter 
durchaus keine Seltenheit sind, sondern viel häufiger vorkommen, als 
allgemein angenommen wird". Doch seien diese nicht ohne weiteres als 
sexuelle aufzufassen, weil die Kinder sie manchmal als schmerzhaft be- 
zeichneten und sich über sie beklagten und auch die Eltern ihm in drei 
Fällen versicherten, die Erektionen hätten nicht zur Onanie geführt. Als 
wären hier Eltern aussagen nicht noch minder verläßlich, denn jene der 
oberwähnten ärztlichen Väter, die die Masturbation ihrer eigenen Kinder 
nicht anerkennen wollten ! Und vollends beweist die Schmerzhaftigkeit der 
Erektionen doch nichts gegen ihre geschlechtliche Natur. Man erinnere 
sich nur, daß empfindliche Personen schon bei geringen Exzessen in Venere 
Schmerzen bei Erektionen empfinden. Weiter will Stier nur dann eine 
echte Onanie zugeben, wenn sie zu deutlichen Friktionen geführt hat. Allein 
selbst er muß schließlich bekennen: „Immerhin sei ausdrücklich betont, 
daß die Fälle, in denen bei der Erektion das Lustgefühl ausbleibt, leider 
selten sind und daß auch im frühen Kindesalter schon in der weitaus über- 
wiegenden Mehrzahl der Fälle mit den ersten FZrektibnen sexuelle Lust- 
gefühle erwachen, die an Intensität zunehmen, wenn das erigierte Glied 
manuell oder sonst irgendwie gereizt wird. Der sichtbare Ausdruck dieser 
sexuellen Lustgefühle besteht bei kleinen Kindern darin, daß das Gesicht 
sich im Sinne der Freude verzieht, wenn die Erektion eintritt oder da ist, und 
bei Steigerung der Gefühle, vor allem bei irgendeiner Reizung des Penis, 
lautes Lachen erfolgt, ein Lachen, das sich oft schon hörbar unterscheidet 
von dem Lachen aus anderer Ursache und als sexuell betont erkennen 
läßt. Ein gleiches Lachen tritt bei kleinen Kindern als Ausdruck der sexuellen 
Hyperhedonie oft auch schon ein, wenn das Kind selbst oder ein anderer 
über die Haut der Innenseite des Oberschenkels streicht, ein Reiz, der 
oft momentan zur Erektion führt." 

Durch diese Erklärungen Ewald Stiers, der als Ziehen-Schüler 
wohl nicht verdächtig ist, den Freud' sehen Lehren zu hold zu sein, erledigen 
sich manche Vorhaltungen der Gegner. Nehmen wir als Muster Albert 
Moll der noch 1897/98 in seinen „Untersuchungen über die Libido sexualis" 
das geschlechtliche Empfinden des Kindes fast gar nicht kannte oder minde- 
stenssein Wissenbiszur Unkenntlichkeit verhehlt hatte. Als aber Freud 1905 
mit seinem Hauptwerke hervorgetreten war, erschien vier Jahre spater 



16 



Mo 11s „Sexualleben des Kindes", in dem der Autor tat, als hätten sich die 
Arzte seit jeher mit diesem Thema beschäftigt. 

Und so schreibt er in seiner Monographie: „Wir müssen festhalten, 
-daß nicht alle Vorgänge, die an den Genitalorganen stattfinden, ohne 
weiteres sexuelle sind, wenn auch die Unterscheidung im einzelnen Falle 
überaus schwierig, ja unmöglich sein kann. So sind nicht alle Erektionen, 
die vor der Keimdrüsenreife auftreten, sexueller Natur. Wir wissen, daß es 
beim Erwachsenen nichtsexuelle Erektionen gibt. Am deutlichsten aus- 
geprägt finden wir sie beim Priapismus, dessen Hauptcharakteristikum 
gerade darin besteht, daß es sich um einen dauernden Erektionszustand 
handelt, der nichts mit dem Geschlechtstrieb zu tun hat. Ähnlich liegt es 
mit den meisten Morgenerektionen, von denen es noch nicht feststeht, 
worauf sie beruhen. Meistens führt man sie auf eine Anfüllung der Schwell- 
körper des Gliedes zurück. Jedenfalls sind diese Morgenerektionen weder 
<lurch sexuelle Gedanken ausgelöst, noch meistens von sexuellen Emp- 
findungen gefolgt. Halten wir dies auch für das Geschlechtsleben des Kindes 
fest, so dürfen wir annehmen, daß viele Erektionen z. B. von Säuglingen 
nicht sexueller Natur sind, wenn auch das äußere Bild das gleiche ist. Es 
kann auch beim Säugling durch äußere Reize oder durch Blasen füllung 
eine Erektion eintreten, die wir von der Erektion trennen müssen, die eine 
wirkliche sexuelle Ursache hat. Ebenso wie nicht jede Erektion als sexueller 
Vorgang aufzufassen ist, müssen wir auch mit der Bedeutung manueller 
Reizungen vorsichtig sein Es kommt vor, daß Kinder verschiedene Körper- 
teile reizen. So gibt es Kinder, die sich mit der Hand die Ohrläppchen 
•drücken, andere, die an den Fingern Saugbewegungen machen oder sie 
auch in andrer Weise mit dem Munde reizen Es gibt Kinder, die die häß- 
liche Gewohnheit haben, mit den Fingern in das Nasenloch zu fahren, und 
offenbar steht mit diesen und manchen ähnlichen Gewohnheiten von Kindern 
auch mancher Fall auf einer Stufe, wo das Kind die Genitalorgane manuell 
reizt. Es ist dabei nicht eine spezifische Genitalempfindung, 
<iie das Kind auslösen will 1 ), sondern es handelt sich um eine den 
genannten analoge, vielleicht pathologische, aber nicht sexuelle Handlung. 
In vielen Fällen braucht diese aber nicht einmal pathologisch zu sein. 
Wenn das Kind anfängt, sich seiner Organe bewußt zu werden, so betastet 
es sie. Es betrachtet eben so seine Nase und sein Ohr wie seine Füße, und 
daß auch hiebei die Geschlechtsorgane berührt werden, ist an sich selbst- 
verständlich." 

Es ist der Mühe wert, Mo 11s Argumente näher zu beleuchten, schon 
weil sie ungefähr das Nämliche ausführen, was auch sonst die Gegner der 
Kinder- Sexualität ins Treffen führen. Da sind zunächst die Voraussetzungen 
irrig. Wann immer ich einen Fall von Priapismus analysieren konnte — und 
deren Zahl ist keine geringe — stellte sich heraus, daß, wo nicht geradezu 
eine schwere organische Affektion des Lendenmarkes vorlag oder gewisse 
Intoxikationen, z. B. mit Canthariden, er regelmäßig extrem geschlecht- 
lichen Ursprungs war. Ausnahmslos konnte man hochgradige Sexual- 









3 ) Von mir gesperrt, ebenso wie die späteren Zitate aus Moll. Der Verfasser. 









17 

oriegungen, wenn auch gelegentlich unbewußt bleibende, ursächlich nach- 
weisen. Und vollends an morgendlicher Wassersteife leiden bekanntlich nicht 
alle Männer, sondern lediglich jene, die schon vorher irgend geschlechtlich 
irritiert waren. Der Blasenüberfüllung kommt höchstens die Bedeutung eines 
Leibreizes zu, welcher ja bekanntlich auch bei den Träumen als agent 
provocateur zu wirken vermag, sobald sexuelle Wünsche der Kindheit 
nach Verwirklichung lechzen. 

Doch sehen wir von den Prämissen ab und beleuchten wir lieber, 
was Moll an den Kindern selber gesehen und aus solchen Beobachtungen 
zu schließen sich berechtigt fühlt. Da hören wir zunächst das etwas ab- 
gegriffene Argument: so wie das Kind alle zugänglichen Körperteile be- 
tastet, um seiner Organe bewußt zu werden, betastet es eben auch die 
Genitalien. Ja, hat man denn schon davon gehört, daß ein Kind stets 
wieder und regelmäßig, nicht etwa bloß einmal und ganz gelegentlich — 
und darauf kommt es hauptsächlich an — an seine Zehen, Arme oder Nase 
greift, urn dieser Organe bewußt zu werden? Warum bevorzugt sein 
„Wissensdrang" just die Genitalien in solcher Weise, daß alle Ermahnungen, 
selbst Strafen der Erwachsenen, oft gar nichts fruchten? Seine Gleich-' 
Stellung aber mit dem Ludein, Nasenbohren und anderen „häßlichen 
Gewohnheiten" trifft insofern zu, als all diese Dinge, wie ich später im 
Zusammenhang ausführen werde, nachweisbar sexuell sind. Sie streiten 
also nicht für Albert Moll und seine Behauptung von der Asexualität. 
sondern ganz im Gegenteil wider Beide. 

Hier dünkt es mich nötig, grundsätzlich Einspruch zu erheben gegen 
Moll und andere, die mit solcher Bestimmtheit zu sagen wissen, was ein 
Säugling will oder auch nicht will. Erinnern wir uns nur, daß jener Forscher 
von der frühinfantilen Masturbation kategorisch erklärte: ,,Es ist dabei 
nicht eine spezifische Genitalempfindung, die das Kind auslösen will!" 
Ja, woher weiß denn Moll gar so sicher Bescheid vom Empfinden des 
Säuglings? Daß dieser just ihm sein geheimstes Fühlen offenbart haben 
sollte, ist schwer zu glauben und auch Tagebücher pflegt man in jener Zeit 
noch nicht zu führen. Und woher die apodiktische Sicherheit, daß viele 
Erektionen trotz absoluter Gleichheit des äußeren Bildes bei jenem Säugling 
nicht sexuell sind, vielmehr nur entstanden durch äußere Reize und Blasen 
Überfüllung? Ich glaube, Gewißheit läßt sich nur schaffen durch Prüfung 
des objektiven Befundes. Da stellt sich heraus, daß männliche Säuglinge 
vielfach auch Erektionen bekommen, wenn die Blase gar nicht überfüllt 
sein kann, weil es Stunden währt bis zur nächsten Miktion ; daß manche 
Säuglinge ferner konstant beim Ausgewickeltwerden Gliedsteifung auf- 
weisen, doch ebenso auch wiederholt untertags, wenn sie im warmen Zimmer 
freiliegen. Wie sonderbar nur, daß all diesen Säuglingen geschlechtliches 
Empfinden so völlig abgeht! Berichten doch manche erwachsene Kranke 
in der Psychoanalyse, daß, soweit sie überhaupt zurückdenken können, 
mindestens schon vom dritten Lebensjahr ab, sie stets ihre Genitalien mit 
der Hand gereizt hätten, was in einzelnen Fällen nach dem Bericht der 
Eltern sogar bereits in der Säuglingszeit zu beoachten war. Andere erinnern 
sich, gleichfalls seit den frühesten Jahren, in der Nase oder im äußeren 

Sadger, Geschlechtsverirrungen. 2 



18 



Gehörgang stets mit direkter Wollust, demnach einer zweifellos sexuellen 
Empfindung, gebohrt zu haben 1 ). 

Überhaupt, bedünkt mich, kann man gar nicht vorsichtig genug sein 
wenn man ganz kleinen Kindern, und vollends dem Säugling, bestimmt! 
Empfindungen imputiert. Ein Beispiel aus dem Alltag. Der Säugling schreit 
Cr , .»! } Jnb j: ha g en ™ n ein er Verdauungsstörung her. Die Mutter aber 
erklart dezidiert: „Das Kind will trinken!", legt es an die Brust und der 
Saughng beruhigt sich. Also hatte die Mutter doch wohl recht? Gar kein 
Gedanke! Denn bald darauf hebt das Kind von neuem zu schreien an und 
jetzt beginnt der nämliche Kreislauf. Erst wenn der Arzt genaue Einhaltung 
der Zwischenzeiten fordert, z. B. anordnet, es dürfe die Brust nicht öfter 
als dreistündlich gereicht werden, regelt sich alles wieder von selbst Man 
sieht an diesem Beispiel, wie leicht sich selbst die zärtlich beohachtende 
Mutter tauscht, um wieviel mehr ein Forscher am Schreibtisch. Die Menschen 
sind leider nur zu oft geneigt, das, was sie mit ihrem Verstand" für richti- ■ 
zu erkennen glauben, als Empfindung und Absicht des kleinen Kindes 
auszugeben. Also nicht das Kind will das oder das, sondern die Erwachsenen 
legen sein Gehaben also aus. Dagegen gibt es nur eine Hilfe: sich streng an 
objektive Symptome zu halten. Rein sachlich war im obigen Fall nur da« 
Schreien festzustellen; dessen Gründe blieben erst zu erforschen, doch 
keineswegs nach der Meinung der Großen vorauszusetzen. 

Andere Autoren, die, wie Ewald Stier, im Herzen die sexuelle Natur 
so vieler merkwürdiger Kinderhandlungen nicht zugeben mögen helfen 
sich so, daß sie jene unbequemen Aktionen als „töricht" oder unsinnig" 
bezeichnen, im äußersten Falle als „Instinkt-Handlungen" oder „Atavismen"- 
und bei Angriffen auf Inzestpersonen von einem „Fehlgreifen im Objekte" 
sprechen. Mir scheinen all diese Rettungsversuche völlig verkehrt Es hat 
wirklich keinen Sinn, ein unerwartetes geschlechtliches Tun als töricht" 
zu bezeichnen. Dies würde höchstens auf die gleiche Aktion des Erwachsenen 
passen, von welchem man annimmt, daß er schon gewisse, in frühester 
Kindheit physiologische Sexualgelüste voll unterdrückt habe. Doch wenn 
ein Kind z. B. Befriedigung seiner Analerotik sucht, ißt solches Gehaben 
von seinem Standpunkt alles eher denn töricht oder unsinnig. Soviel wir 

„ m r 3 Wi< \ weit . die Abneigung jenes Forschers gegen das infantile Geschlechts- 
empinden geht mögen einige Stellen seines Buches dartun: „Überhaupt tun wir 
gut, das Sexualleben des Kindes vorsichtig zu begrenzen. Ein Knabe läuft einem Mäd- 
chen nach, beide flirten miteinander, aber lediglich, um den Erwachsenen nach- 
zuahmen Selbst manche Fälle, wobei dieser Nachahmung die Genitalien 
eine Kolle spielen müssen wir von dem eigentlichen Sexualleben des Kindes 
unterscheiden. Wenn Kinder Vater und Mutter spielen, hiezu noch die Hebamme , 
kommt und eine Entblößung stattfindet, so kann dies zweifellos mit einem 
iruhen Erwachen des Geschlechtslebens zusammenhängen, es muß aber nicht der 
i-allsein Es kann sich um Nachahmung Erwachsener handeln, ebenso wie in dem 
k?t u Cn me Reihe klemer Mäd c h en und Knaben, die fast alle lÜnger als 

acht Jahre waren, spielten mit einander Prostituierte, Zuhälter und 
Lebemann. Die kleinen Mädchen verlangten jedesmal einen Nicket 
ualur, wenn sie den Knaben gestatteten, ihre Geschlechtsteile zu . 
berühren Man begreift da wirklich ganz ausgezeichnet, daß solche Dinge nicht 



19 



abzuschätzen vermögen, wird jedes infantile Handeln vornehmlich vom 
Lustprinzipe diktiert, ja vielfach vom Trieb, sich sexuelle Lust zu ver- 
schaffen. Was diese zu erfüllen vermag, erscheint dem Kind zweckdienlich 
und vernünftig. Und wenn sein Verlangen auch nicht vor Inzestpersonen 
Halt macht, ja zu koitusähnlichen Handlungen führt, so geschieht dies 
■ weder bloß instinktiv, noch als Atavismus, noch vollends als Fehlgreifen im 
Objekt. Das Kind hat eben ein ungemein starkes Sexualempfinden und 
lebhafte geschlechtliche Dränge, die die Großen nur zu übersehen gewohnt 
sind, während dann auf der anderen Seite die Inzestschranke noch nicht 
aufgerichtet worden. Das sind geradezu Alltagsdinge, die durch be- 
schönigcnd-ablenkende Worte nicht aus der Welt zu schaffen sind. Mich 
dünkt es klüger, man wirft alle Vorurteile über Bord und bemüht sich zu 
schauen, was tatsächlich vorliegt. 

Vielleicht sind hier die Worte eines scharfsinnigen Kopfes am Platze, 
des Züricher Psychiaters Eugen Bleuler, der* bekanntlich keineswegs 
stramm auf die Fahne Freuds geschworen. Dieser spricht einmal unzwei- 
deutig aus (Jahrbuch für psychoanalytische Forschungen, II. Band, S. 646): 
„Wer die infantile Sexualität nicht sieht, ist einfach blind gegenüber einer 
alltäglichen Sache. Und man kann sie nicht wegdisputieren damit, daß 
man sagt: ja, das, was man beim Kinde .sexuell' nenne, sei etwas ganz 
anderes. Es ist psychisch objektiv und subjektiv das gleiche., wenn auch 
•quantitativ der Detumeszenztrieb vor dem Kontrektationstrieb sehr stark 
zurücktritt. Der Kontrektationstrieb ist in den ersten Jahren ein durchaus 
körperlicher, steht also dem sexuellen Akte im engeren Sinne noch bedeutend 
näher als die Sexualität der Pubertät, die sich normalerweise mehr weniger 
mit psychischer Kontrektation benügt. Die infantile Sexualität dokumentiert 
sich in einer besonderen Freude an der Berührung des anderen Geschlechtes, 
namentlich des nackten, in Liebesverhältnissen, die meist nicht auf koitus- 
artige Handlungen ausgehen, aber sich sonst in keiner Weise unterscheiden 
von denen des Jünglingsalters (unter denen viele des direkten Strebens 
nach Koitus ebenfalls entbehren), und drittens in einer ganz besonderen, 
eben der sexuellen Gefühlsbetonimg des Interesses an den Genitalien des 
anderen Geschlechtes. Wer Kinder beobachten kann, der weiß das, und 
wer sich an seine eigene Jugend erinnern kann, weiß es ebenfalls. Ich habe 
absolut sichere Erinnerungen sexueller Gefühle vom vierten 
fahre an. Mit sechs Jahren kam ich zur Schule; alle 62 Mitschüler und 
Mitschülerinnen waren in dieser Beziehung gleich. Da man untersich ganz 
offen war, kann ich bestimmt, versichern, daß keines onanierte, damals 
und, soweit ich das spätere Leben verfolgen konnte, war überhaupt niemand 
in irgendeiner Weise sexuell abnorm. Es handelt sich also nicht um eine 
Ausnahme." 

v III. 

Ich bin, durch die Polemik verführt, der Beschreibung der einzelnen 
geschlechtlichen . Äußerungen im Kindesleben vorangeeilt. Kehren wir 
nunmehr zu diesem zurück W r ie wir schon oben von Bleuler vernahmen, 
bemüht, man sich, die unbequemen Lehren Freuds dem Publikum dadurch 



20 



schmackhafter zu machen, daß man erklärte, er fasse den Begriff sexuell" 
umfassender, als dies üblich. Mir scheint dieser gutgemeinte Versuch recht 
wenig zutreffend. Was Freud sexuell heißt, ist wirklich geschlechtlich, 
nicht erst m einer künstlich hineinzulegenden Bedeutung. Nur darf man! 
wovor ich schon eingangs warnte, sexuell nicht verwechseln mit genital' 
Die Sexualität ist keineswegs gebunden, ausschließlich verknüpft mit den 
eigentlichen Geschlechtsorganen. Diese sind beim Kinde noch unentwickelt, 
ihre Rolle darum eine recht bescheidene und bloß in der Masturbation vor- 
tretend. Viel wichtiger jedoch sind die extragenitalen Wollustempfindungen 
jedwedes Kindes Daß diese zweifellos sexuell sind, beweist uns außer den- 
jenigen Zeichen, die wir schon bei Besprechung der Selbstbefriedigung kennen 
lernten, noch eine Reihe anderer Symptome, wie etwa gleichzeitige Onanie 
an den Genitalien, aufsteigende Rötung an den Wangen, Feuchtwerden 
.und besonderer Glanz der Bulbi, vollständige Aufzehrung der Aufmerksam- 
keit, die absolute Unbeirrbarkeit und ähnliche Dinge. Die zeitlich wohl 
allererste geschlechtliche Lust empfindet der Säugling vom 

Ludein oder Wonnesaugen. 

Dem Ludein oder Lutschen hat der ungarische Kinderarzt Dr. Lindner 
eine ausführliche Studie gewidmet (Jahrb. f. Kinderheilkunde, N F 
14. Bd. 1879), nachdem schon vorher Johann Steiner, Professor der 
Pädiatrie in Prag in seinem „Kompendium der Kinderkrankheiten" (187a 
S. 324) auf den Zusammenhang des Ludeins mit der Masturbation hinge- 
wiesen hatte. Das Ludein kann sich schon beim Säugling finden und bis 
zur Pubertät, ja das ganze Leben hindurch fortsetzen. Es besteht darin 
daß z. B. der Säugling irgendeine ihm zugängliche Stelle seiner Haut oder 
auch ein Glied des eigenen Körpers, wie Finger oder Zehe 1 ^ in den Mund 
oder zwischen die Lippen nimmt und, daran saugend, rhythmische Be- 
wegungen vollzieht, wobei seine Aufmerksamkeit ganz absorbiert ist und 
er entweder zum Einschlafen kommt oder zu motorischen Reaktionen 
wie wir sie vom Orgasmus her kennen. Sehr häufig lutschen die Kinder 
nicht bloß, sondern reiben oder zupfen gleichzeitig an empfindlichen 
Köiperstellen, z. B. den Genitalien, Brust, Ohrläppchen usw., was, wenn 
es an den Geschlechtsteilen erfolgt, zur Onanie hinleitet 

Dem Grundsatz treu, die geschlechtliche Natur eines Phänomens 
zunächst an extremen Fällen zu erweisen, sei aus Lindners Studie nur 
folgende Stelle angeführt: „Nicht selten sieht man die Ludler im Wonne- 
stadium förmlich in Verzückung geraten, indem sie den Kopf von oben 
nach unten schütteln, die Wirbelsäule wie bei einem Emprosthotonus nach 
vorne krümmen und mit den Füßen auftrampeln, oder, wenn sie liegen, 
zappeln. Das ist dasjenige Stadium, in welchem sich die Exaltierten zer- 
bluten, zerzausen oder das Geruchs- und Gehörorgan verstopfen. Fragt 

») In zweiter Linie werden von etwas älteren Kindern ebensolche Bewegungen 
vollzogen an Leib- oder Bettwäschestücken. Ich kannte z. B. einen zweijährigen 
Buben, der nicht einschlafen konnte, wenn er nicht vorher einen Zipfel seines Kopf- 
kissen Überzuges m den Mund genommen, und einen anderen, der das gleiche mit seinem 
Hemdzipfel tat. 



21 

man die Ludler im Hochgenuß um etwas, so antworten sie nicht, will man 
sie gar stören, dann laufen sie zornig, ohne nur einen Moment vom Ludein 
zu lassen, davon, um sich einen sicheren Platz zu suchen. Manchmal gehen 
sie sogar im Ludein auf; sie beachten keine Drohung und sind für schöne 
Worte taub. . . Eine kleine Zehenludlerin sagte mir: ,Es ist süßer zu ludein 
als zu essen!'" 

Ich brauche wohl nicht erst die Ähnlichkeit dieser Symptome zu 
betonen mit jenen, die wir bei der kindlichen Masturbation kennen lernten. 
Auch Johann Steiner wies schon vor Lindner darauf hin, indem er 
1. c. ausführte: „Was das Alter betrifft, in welchem dieses Laster (die 
Onanie) gepflegt wird, habe ich mich öfter überzeugt, daß der erste Anfang 
oft schon bei ganz kleinen 1 — 2jährigen Kindern beobachtet wird. Bei 
Kindern nämlich, welche nach dem Abstillen an Fingern, Wäsche oder 
Bettzipfel saugen und zummeln, geschieht dies nicht selten unter gleich- 
zeitigen Erektionen, starker Rötung des Gesichtes, ungewöhnlich erhöhtem 
Glänze der Augen und schließlichem Ausbruch von Schweiß." Und Hirsch- 
sprung ergänzt: ,, Lindner zeigt, daß seine , Lukinder' sich oft nicht 
genügen lassen, an Fingern, Handlücken, Oberarm, großer Zehe usw. zu 
saugen, sondern das Vergnügen durch gleichzeitige Reibung versehiedener 
Körperteile ei höhen; wie diese eine Reihe bilden, von vielleicht mehr 
indifferenten bis zu solchen, die in die Geschlechtssphäre gehören, und wie 
die damit verbundene. Reibung sich zu einem Zustande steigern kann, der 
ganz mit der masturbatorisehen Exaltation zusammenfällt Mit dieser 
kurzen Bemerkung, die ich lediglich referiere, da mir jede selbständig- 
Erfahrung darüber fehlt, vielleicht weil meine Aufmerksamkeit nicht 
darauf gerichtet war, vielleicht weil diese Unarten hierzulande seltener 
sind, als in der Heimat des Verfassers, muß ich mich benügen. Die voll- 
ständige Übereinstimmung mit Steiners Äußerungen gibt Lindners 
Abhandlung besondere Bedeutung und ich muß mich bezüglich derAetiologie 
der frühzeitigen Masturbation dahin aussprechen, daß, soweit ich sehe, 
aller Grund für den Arzt vorliegt, ein wachsames Auge auf die Saug- 
bewegungen der kleinen Kinder zu haben und auf das, was damit in 
Verbindung steht." Erwähnenswert ist noch in diesen Ausführungen, daß 
Hirschsprung das Ludein überhaupt nicht sah und Steiner nach einer 
ausdrücklichen Bemerkung wenigstens nicht bei Brustkindern, trotzdem 
man wahrhaftig nicht Kinderarzt zu sein braucht, um dies bei Säuglingen 
und kleinen Kindern alltäglich zu schauen. 

Wie bei größeren Kindern und der mannbaren Jugend die Mastur- 
bation das große Trost- und Beruhigungsmittel ist in allen Widerwärtig- 
keiten des Lebens, so beim kleinen Kinde, ja sogar beim Säugling das Ludein 
oder Wonnesaugen. Dies wissen unter anderem auch die Mütter sehr gut. 
Wenn sie ihren Kleinen etwas wegnehmen oder versagen müssen und diese 
dann weinen, so stecken sie ihnen den Schnuller in den Mund ; ebenso wenn 
jene aus irgendeinem Grund , z. B. aus Hunger oder Verdauungsstörungen 
zu schreien anheben. Das geschieht nun keineswegs, damit das Kind ,,in 
eingebildeter Nahrung ruhig verharre," wie Goethe sich ausdrückt, sondern 
weil durch Reizung der erogenen Mundzone die Unlustempfindungen über- 



22 



tont und zum Schweigen gebracht werden. Das Mittel wirkt prompt und 
schafft stets Ruhe. Wie würde aber die Mutter erschrecken und Einspruch 
erheben, hielte man ihr vor, sie reize dadurch ihr Kind sexuell! Und doch 
wissen dies gewissenlose Kinderfrauen sehr gut, die, um die Kleinen zur 
Kühe oder zm Schlafen zu bringen., den Schnuller geben oder noch häufiger 
ad membrum reizen. Hier tritt uns die Gleichartigkeit mit der geschlecht- 
lichen Befriedigung greifbar entgegen. Es gibt Kinder, die ohne Schnuller 
überhaupt nicht einschlafen können, und allgemein bekannt ist daß auch 
altere Kinder bei jeder Verlegenheit oder Ratlosigkeit einen Finger in den 
Mund stecken. Eine Reihe direkter hieher gehöriger Kinderbeobachtungen 
hat Hug-Hellmuth in ihrem Buche „Aus dem Seelenleben des Kindes" 
zusammengetragen, einem Werk, welches eine Fundgrube bildet für das 
Geschlechtsleben unserer Kleinen. 

■Neuestens ist aus gegnerischem Lager, von dem Schweizer Arzte 
S. Galant, ein „menschliches Dokument" einer jetzt schon erwachsenen 
Ludlerin veröffentlicht worden („Sexualleben im Säuglings- und Kindes- 
alter", Neurolog. Zentralblatt 1919, Nr. 20). Es ist „S'Lutscherli" betitelt 
und stammt, wie der Herausgeber ausdrücklich bemerkt, von einem 
„geistig und körperlich vollkommen gesunden, lebensfrohen und arbeits- 
freudigen Mädchen, das keine Spur neurotischer Symptome oder sonstiger 
Abweichung von der Norm zeigt." Jenes Dokument trägt das Motto (in 
hochdeutscher Übersetzung wiedergegeben) „Es ist viel zu schön für das 
Aufschreiben" und enthält unter anderem folgende überaus charakteristische 
Stellen: „Man kann nicht schreiben, wie wohlig es einem durch den ganzen 
Körper beim Lutschen geht; man ist einfach weg von dieser Welt, man 
ist ganz zufrieden und wunschlos glücklich. Es ist ein wunderbares Gefühl- 
man verlangt nichts als Ruhe, eine Ruhe, die gar nicht unterbrochen werden 
soll. Es ist einfach unsagbar schön: man spürt keinen Schmerz, kein Weh 
undAch, man ist entrückt in eine andere Welt." Dazu bemerkt Galant" 
„Wer das Lutscherli gelesen hat, wird noch kaum zweifeln, daß das Lutschen 
des Kindes in den allermeisten Fällen einen ausgesprochen sexuellen 
Charakter trägt." Ferner: „Das Interessanteste aber im Lutscherli ist eine 
Entdeckung, die unser naiv denkendes Mädchen aus dem Volke machte 
Die Wonne des Lutschens in der Kindheit ist ganz genau 
dieselbe wie die sexuelle Wonne des Erwachsenen... Ist die 
Schilderung des Gefühls beim Ludein nicht dasjenige beim Koitus'" 
Erhöht wird die Beweiskraft dieser Sätze noch dadurch, daß sie ein Kollege 
bringt, der für die „zahllosen phantastischen Theorien Freuds über das 
Sexualleben des Kindes" nur schmähend wegwerfende Worte findet. 

Nach allem Vorberichteten steht es wohl über jedem Zweifel, daß 
Wollustempfindungen geschlechtlicher Art auch außerhalb der eigentlichen 
Genitalzone entstehen, und zwar schon beim Säugling. Das heißt schon 
dieser fühlt unverkennbar sexuelle Lust ganz unabhängig von seinen 
unentwickelten Geschlechtsorganen. Sexuelles Empfinden und Genitalien 
sind also nicht aneinander gebunden. Vielleicht beweist das Beispiel des 
Ludeins, daß es Körperstellen gibt, wie .hier die Schleimhaut der Lippen 
und des Mundes, deren Reizung gleich jener der Genitalien sexuelle Lust 



23 

auslösen kann. Sie verdienen darum den Namen erogene, geschlechtliche 
Lust erzeugende Zonen, von denen wir in Bälde eine Reihe weiterer kennen 

lernen werden. i 

Wenn ein Säugling lutscht, so liegt auf der Hand, daß er es in Er- 
innerung an eine Lust tut, die er beim Trinken an der Mutterbrust oder 
deren Surrogaten schon einmal erlebte. Der Saugreflex, welcher für seine 
Erhaltung ganz unerläßlich, eine wahre Lebensnotwendigkeit ist, stellt 
zweifellos einen ererbten Mechanismus dar 1 ). Um dessen Verläßlichkeit 
noch zu erhöhen, hat dann die Natur der Lippenschleimhaut einen erogenen 
Wert verliehen. Ich brauche nur an die Tatsache zu erinnern, daß ganz 
kleine Kinder alles Erreichbare in den Mund stecken, auch wenn sie keines- 
wegs hungrig sind. Die erogene Partie lechzt eben beständig nach Reizung 
und Befriedigung. Sobald der Säugling die Muttermilch einschluckt, wird 
jene Zone naturgemäß gleichzeitig miterregt. Erüh also vergesellschaftet 
sich die Befriedigung des Hungers mit der Libido. Freud macht hi zu die 
feine Bemerkung: „Wer ein Kind gesättigt von der Brust zurücksinken 
sieht, mit geröteten Wangen und seligem Lächeln in Schlaf verfallen, der 
wird sich sagen müssen, daß dieses Bild auch für den Ausdruck der sexuellen 
Befriedigung im späteren Leben maßgebend bleibt." 



Bei den nun folgenden Phänomenen ist die unzweifelhaft sexuelle 
Natur nicht derart in die Augen springend wie beim Ludein und der geni- 
talen Onanie. Darum hat der Widerspruch unserer Gegner hier auch mit 
Vorliebe eingesetzt. Daß z. B. der Säugling bei seinen exkrem enteilen 
Funktionen geschlechtliche Lust empfinden soll, wird vornehm belächelt 
oder minder vornehm als „absurd" bezeichnet. Daß das Spielen mit Urin 
und Kot, das Bohren in der Nase oder ad anum, das Vibrieren im äußeren 
Gehörgang, die Schau- und Entblößungslust, die verschiedenen Äußerungen 
der Haut-, Schleimhaut- und Muskelelerotik sexueller Natur seien, be- 
streitet man häufig mit tiefster Entrüstung. Was läßt sich nun an Beweisen 
erbringen, daß jene Symptome tatsächlich und wahrhaft geschlechtlicher 
Art sind? Von Säuglingen Auskunft über ihre Empfindungen zu erhalten, 
ist offenkundig aussichtslos. Und selbst die Aussagen etwas größerer Kinder, 
die schon sprechen können, müssen noch nicht als einwandfrei gelten. 

J ) Der Physiologe Preyer („Die Seele des Kindes", IV. Auflage, S. 20 und 155) 
beobachtete beim Einführen des Fingers in den Mund eines Kindes, dessen Kopf eher 
erst aus dem mütterlichen Schöße getreten, und beim rhythmischen Reiben an den 
Zunge deutliche Saugbewegungen. Das Kind schien Preyer nach dem Ausdrucke 
seiner Physiognomie „als aufs angenehmste berührt zu sein". Hiezu bemerkt Hug- 
Hellmuth treffend: „In dieser besonders entwickelten Berührungserapfindhchkeit 
äußert sich vermutlich der Sexualtrieb in seinen ersten Anfängen." Neuestens teilte 
Friedjung, aus eigenen Beobachtungen folgendes mit: „Die Kinder lernen das 
Lutschen nicht deshalb schätzen, weil sie an der Brust getrunken haben, sondern 
die Sache liegt umgekehrt : die Mehrzahl der Kinder kennen das Ludein schon 
von früher her. Es gibt eine Reihe von Kindern, die unmittelbar oder ganz kurz nach 
der Geburt an den Fingern ludein und, wenn man sie dann an die Brust legt, 
-wissen sie sofort, daß sie dort zu lutschen haben. Fried jung meint, das Ludein 
sei aus dem Intrau tei inieben mitgenommen worden. 



24 



Bleiben also zunächst die zweifellosen Zeichen des sexuellen Orgasmus wie 
ich sie beim Nasenbohren, Vibrieren im äußeren Gehörgang und der Onanie 
ad anum an späteren Stellen anführen werde. Doch diese unzweideutigen 
Symptome sind immerhin nur bei maßlos geübten „Unarten" nachweisbar 
Bei den meisten Phänomenen, die ich jetzt bespreche, kommt es noch nicht 
zu vollem, ausgesprochenen Orgasmus, zu einer Akme, deren geschlechtliche 
-Natur nicht mehr zu bestreiten, wie etwa bei der Masturbation oder den 
Extremen deskmdhchen Ludeins. Da müssen wir uns nach anderen zwingen- 
den Beweisen umsehen. Solche werden z.B. dadurch ermöglicht, daß manche 
Symptome von der Säuglingszeit fortdauern bis zur Höhe des Lebens und 
selbst darüber. Dann kann man natürlich von den Erwachsenen präzise 
erfahren, ob sie dabei sexuell empfinden und ob sie von jeher also empfanden 
Ist der Befragte ein ehrlicher Mensch und kann man obendrein, wie dies 
nicht selten möglich ist, durch Erinnerungen älterer Familienmitglieder 
zumal der Eltern, mit Sicherheit feststellen, daß jenes in Rede stehende 
Symptom seit frühester Kindheit stets in nämlicher Form und mit näm- 
licher Wirkung beobachtet wurde, dann läßt sich die subjektive Aussage 
als Beweis verwerten. Ist dieser Beweis einmal erbracht, dann wird auch 
bei anderen Phänomenen der nämlichen Gruppe ein sexueller Ursprung 
hochwahrscheinlich, besonders wenn noch gelegentlich and re Erscheinungen 
hinzukommen, wie z. B. die Unmöglichkeit der Angewöhnung, die wir 
schon früher als typisch sexuell erkannten. 

Beginnen wir nunmehr mit jener Gruppe von Symptomen, die im 
Kindesalter die weitverbreitetste, der sogenannten 

Analerotik 1 ). 

] ) Hier mag eine kurze Auseinandersetzung Platz finden über die Begriffe 
„Sexualität" und „Erotik". Jene leitet sich bekanntlich von „sexus", das Geschlecht 
ab, so daß also Sexualität soviel hieße als Geschlechtlichkeit, und an die Tätigkeit 
der Geschlechtsorgane gebunden wäre. Drum war „sexuell" ursprünglich etwa gleich 
bedeutend mit grobsinnlich, an die Betätigung der eigentlichen Genitalien geknüpft 
Im Gegensatz dazu gebrauchte man dann das Wörtchen Erotik, das sich sprachlich 
von dem Eros herleitet, zu deutsch der Liebe. Erotik entspricht also ethymologisch 
der geistigen Seite unseres Geschlechtstriebes. Man ersetzte und identifizierte weiter 
erotisch auch mit „psychosexuell", um scharf zu betonen, daß man nicht etwa Grob- 
sinnhches meine, sondern einzig und allein die seelischen Äußerungen unseres Ge- 
schlechtstriebs, das, was man gemeinhin „Liebe" betitelt. Diese klare und reinliche 
Scheidung der Begriffe hielt aber nicht vor. Das erste Loch schlug die Verfeinerung 
unserer S.tte^ Man spricht in guter Gesellschaft nicht gern von so gemeinen, anstößigen 
Dingen wie Sexualität oder Geschlechtlichkeit und so entwickelte und fixierte sich 
ein gewisser sprachlicher Mißbrauch, indem man statt „Sexualität" — das Wort 
in grobsinnlicher Bedeutung genommen — nunmehr beschönigend „Erotik" sagte. 
iNach dieser Übung war Erotik also eine Sexualität, die man der Unanständigkeit 
entkleidet hatte was freilich schlecht zur Logik stimmte, da ja z. B. auch die Sexualität 
im Ehebette nicht mehr „unanständig" ist, ohne darum zur Erotik zu werden. Besser 
begründet und darum auch von Freud akzeptiert war eine andere Modifikation. In 
geschlechtlichen Dingen ist Psychisches und Physisches, Sinnliches und Geistiges oft 
kaum mehr auseinanderzuhalten. Gehört z. B. ein Kuß zur geistigen oder grobsinn- 
hchen Seite der Liebe ? Anatomisch zweifellos zur letzteren und dennoch lebt eine 
keusche Liebe oft einzig von Küssen. Wir bezeichnen darum auch jede extragenitale. 
Sexualität trotz ihrer unzweifelhaft physischen Art noch als Erotik" 



25 

Dies Wort besagt, daß die Aftergegend, wir dürfen behaupten: bei 
sämtlichen Kindern und sehr vielen Erwachsenen eine hochwertige erogene 
Zone darstellt. Der Anus ist hier nur als Zentrum gedacht, die Erotik 
jedoch bezieht sich sowohl auf alles, was diesen Punkt passiert, demnach 
auf den Darminhalt in jeglichem Aggregatzustande, als auf die Schleimhaut 
des Enddarmes selber und endlich die Nates, welche für das Kind den Wert 
eines Genitales besitzen. Um die geschlechtliche Natur der Analerotik 
durchsichtig zu machen, will ich zunächst einen Autor zitieren, dem wohl 
niemand ein selbständiges, unabhängiges Urteil bestreiten wird. E. Bleuler 
erklärt in einer kleinen Arbeit 1 ): „Es gibt Erwachsene, die behaupten, beim 
Stuhlgang ein ebenso großes oder noch größeres Wollustgefühl zu haben, 
als beim Geschlechtsakt selbst. Gleiche wollüstige Gefühle können nun 
schon kleine Kinder haben, und zwar nicht bloß während der Defäkation, 
sondern überhaupt, wenn der Darminhalt sich meldet. Sie haben dann die 
Neigung, ihre Fäkalien möglichst hinge zurückzuhalten, um sie immer zu 
spüren. Ich kenne eine Dame, die es schon in sehr früher Kindheit fertig- 
brachte, den Stuhl bis acht Tage zurückzuhalten. Wenn sie des Dranges 
auf die gewöhnliche Weise nicht mehr Herr werden konnte, kauerte sie sich 
nieder und setzte sich auf eine Ferse, mit der sie die Schließmuskeln des 
Afters unterstützte. Sie ist jetzt noch nicht ganz von der Anomalie befreit 
Ein Mädchen, das allerdings noch andere Defekte hatte, fing diese Ge- 
wohnheit zugleich mit der Onanie schon 'im 18. Monate an und es ist allen 
Anstrengungen der besorgten Eltern in den nächsten vier Jahren nicht 
gelungen, des Übels Herr zu werden." Jeder Psychoanalytiker wird das 
Vorstehende aus eigener Praxis überreichlich bestätigen. 

Für keine Äußerung des Geschlechtstriebes drängen sich Beispiele in 
so ungemessener Fülle auf, wie just für die Analerotik. Darum will ich hier 
nur die erstbesten Einfälle kurz skizzieren. Wie viele Erwachsene kommen 
nach ihrer gewöhnlichen täglichen Entleerung, nicht etwa nach einer aus- 
nahmsweise einmal verspäteten, förmlich strahlend ins Zimmer zurück: 
,,Ah! das war eine Erleichterung!" oder noch drastischer: „Ah! das ist eine 
himmlische Wohltat!" Dahinter steckt nun sicherlich mehr als die bloße 
Entbürdung von einem überflüssigen Ballast. Solch verzückte Worte 
braucht man doch nur, wenn Wollust im Spiel ist, zumal bei einer alltäg- 
lichen Verrichtung. Dann ein Gespräch zwischen einem sieben-, einem acht- 
jährigen Buben und der etwa gleichaltrigen Cousine: ,,Du, Lotte, machst 
du das auch so, wenn du hinausgehst, daß du es nicht gleich herausläßt, 
sondern damit spielst ?" Lotte erkrankte als Gattin und Mutter mit 25 Jahren 
an schwerer Hysterie. In der Analyse gab sie als bestimmte Erinnerung an, 
sie wie ihre Schwester hätten sich von klein auf stets den Stuhl aufgehoben. 
Dabei hätten beide oft deutlich verspürt, wie es sich innen hin und her 
schiebe und davon direkt Wollust empfunden. 

So unbestreitbar sexuell wie all diese Fälle ist auch die bei Kindern 
und selbst den Großen recht häufige Onanie ad anum. Ob diese nun mit dem 



l ) „Sexuelle Abnormitäten der Kinder", Jahrbuch der schweizerischen Gesell- 
schaft iür' Schulgesundheitspflege, IX. Jahrgang 1908, S. 638. 



26 



Finger geübt wird oder einem hineingesteckten Fremdkörper, in beiden 
Fällen wird der Ausgang des Darmes genau so benützt, wie etwa die Vulva 
von einem masturbierenden Mädchen. Auch die Folgen sind ganz eben- 
dieselben wie bei der genitalen Onanie, also Erektion, kompletter Orgasmus 
und von der Pubertät ab noch Samenerguß. Daß endlich bei der Pädikatio 
und Päderastie der Anus als vollwertiger Ersatz der Vagina genommen wird, 
braucht wohl nur ausgesprochen zu werden. 

Minder grell in die Augen springend ist das Sexuelle bei anderen 
Formen der Analerotik. Wer kleine Kinder zu beobachten weiß, «wird sich 
der Erkenntnis nicht verschließen können, daß sie von ihren exkrementellen 
Funktionen und dem Hantieren mit ihren Abfallsprodukten entschieden ein 
großes Vergnügen haben. Ich kannte z. B. einen einjährigen Jungen, der 
regelmäßig die halbe Stunde, welche sein Kindermädchen ihn allein ließ, 
um allerlei für ihn herzurichten, dazu benützte, ins Bett zu defäziereh und 
•sich dann mit dem Kote von Kopf bis zum Fuße einzuschmieren. Kam das 
Mädchen ? urück, so zeigte er stets ein äußerst vergnügtes und verschmitztes 
Gesicht. Die längste Zeit fruchteten weder Schelte noch Schläge noch 
irgendeine Drohung, bis endlich mit vier Jahren von selber die Verdrängung 
einsetzte. Andere Kinder führen Ähnliches mit ihrem Urin auf. Und wenn 
manche von ihnen in späteren Jahren geisteskrank werden und damit 
neuerdings zum Kinde, dann frischen sie im Kotschmieren und Urinsalben 
ein längstvergessenes, infantiles Vergnügen wiederum auf. Daß jene Proze- 
duren den Kindern hohes Vergnügen bereiten, lehrt schon der einfachste 
Augenschein. Bliebe nur zu beweisen, daß dies Vergnügen auch geschlecht- 
licher Art ist. Abgesehen davon, daß vermutlich jegliche Lust des Kindes, 
soweit sie nicht erzeugt wird durch Stillung von Hunger oder Durst, minde- 
stens einen sexuellen Unterton hat, wird in unserem Falle das Geschlechtliche 
noch wahrscheinlich durch die Hartnäckigkeit, mit der die Kinder jenem 
Vergnügen nachgehen, und die Erfolglosigkeit jeglicher Strafe. 

Bei dem oberwähnten einjährigen Büblein ist uns etwas begegnet, 
das typisch ist für jedwedes Kind: die geflissentliche Zurückhaltung der 
Abfallstoffe zum Zwecke besondrer Lustgewinnung. Eltern und Erzieher 
wissen genau, welche Mühe es kostet, ihre Kleinen zimmerrein zu bekommen. 
Warum nur braucht es viele Monate, bisweilen selbst Jahre, um Kinder an 
jenes Gebot zu gewöhnen ? Warum wirken Schelte, Drohungen und selbst 
empfindliche Schläge da absolut nichts ? Es könnte dem Kinde doch völlig 
gleich sein, wann es die geforderte Leistung vollbringt, und man sollte 
meinen, die peinlichen Folgen sich zu ersparen, müßte genügen, es dem 
Willen der Erzieher gefügig zu machen. Weshalb trifft diese Annahme nicht 
zu? Warum „vergißt" ein Kind im Spiel so leicht an seine natürlichen 
Funktionen; warum verlangt es erst in zwölfter Stunde, von der Mutter auf 
den Topf gesetzt zu werden, meist, wenn es schon zu spät ist; warum hüpft 
es lieber von einem Bein aufs andere und wehrt sich gegen die Aufforderung 
der Pflegerin: „Nein, nein! Ich brauche noch nicht!" Selbst wenn wir für 
eine Anzahl von Fällen die Trotzeinstellung gelten lassen, so bleibt doch, 
für die allermeisten keine andere Erklärung, als daß die Zurückhaltung dem 
Kinde besondere Lust bereitet, eine Lust, die so groß ist, daß sie die Pein- 






'27 



lichkeit der Straffolgen weit übertönt. Die Stärke dieser Lust und die 
Schwierigkeit der Abgewöhnung ist wiederum etwas, das für den geschlecht- 
lichen Ursprung spricht. Zum Überfluß hörten wir oben von Lotte und ihrem 
Spielgefährtenrdaß sie absichtlich den Stuhl zurückhielten, weil sie von dem 
Hin- und Herschieben desselben und der Retention geradezu Wollust- 
aefühle empfanden Das ist nun die allgemeine Ursache jenes seltsamen 
Betragens. Denn, wie Freud treffend sagt, es kommt dem Kinde nicht 
darauf an, sein Lager oder seine Wäsche zu beschmutzen, es sorgt nur dafür, 
daß ihm der Lustnebengewinn bei der Defäkation nicht verloren gehe. Und 
je stärker der Reiz auf die Schleimhaut des Enddarmes, je heftiger die 
Muskelkontraktionen sein müssen beim Passieren des Afters, desto mächtiger 
die Erregung der Analerotik, desto größer damit die geschlechtliche Lust 
Weitere Formen der Analerotik verbinden sich bereits mit anderen 
sexuellen Teiltrieben, der Schau- und der Riechlust, von denen ich erst später 
handeln werde. Hier sei nur flüchtig angeführt, daß die Kinder oft alles 
mögliche aufbieten, Spielgefährten oder auch Erwachsene bei ihren Ver- 
richtungen zu belauschen, daß sie häufig durchaus der Nates von Großen an- 
sichtig werden, sie betasten -und begreifen wollen. Die Riechlust wieder 
knüpft an das Exkrementelle an, den Duft der Darmgase und das^,,Popo- 
riechen", welches manche Kinder leidenschaftlich lieben. 

Man kann sich allem Anscheine nach die Stärke der Analerotik nicht 
groß genug denken. Nicht bloß, daß ein gutes Stück jener infantilen Lust 
so vielen Erwachsenen erhalten blieb, daß keiner ein Lachen verbeißen kann, 
wenn er hört, daß jemand durch große Bedürfnisse in eine peinliche Situation 
gerät 1 ), so merken wir dies besonders an den gewaltigen Verdrängungs- 
erscheinungen. Was nämlich ehemals Quelle mächtiger Lusterregung, unter- 
liegt als Kulturerbe in einer bestimmten Lebensepoche, ganz sicher bereits 
nach dem vierten Lebensjahr, starker Verdrängung. Eine Wirkung derselben 
ist beispielsweise das Ekelgefühl, so aus der Unterdrückung koprophiler 
Neigungen entsteht. Am durchsichtigsten wird dies an den sogenannten 
Idiosynkrasien. Weil gewisse Speisen — gewöhnlich sind es Pürees und 
Suppen — das Kind an die Fäkalien erinnern, darum werden sie nach ge- 
schehener Verdrängung mit einem Ekel belegt, der sie dem Kinde ungenieß- 
bar macht. Ein anderer Effekt der gelungenen Unterdrückung ist häufig die 
Bildung des sogenannten „Analcharakters" mit den drei kardinalen Zügen: 
peinlicher, pedantischer Sauberkeit und Ordnungsliebe, Sparsamkeit bis 
zum Geiz und Trotz bis zum Eigensinn. Endlich wäre als Kuriosum noch 
anzuführen der erbitterte, ja oft geradezu persönlich gefärbte Widerspruch, 
den die Entdeckung der Analerotik just bei Ärzten fand, zumal bei 
solchen, die die Zeichen noch sehr lebendiger Analerotik ganz deutlich 
aufwiesen. 

i) Vgl hiezu die unwiderstehlich komische Wirkung der „Bäder von Lucca" 
von Heinrich Heine. Dort hat der Marchese di Gumpelino Glaubersalz genommen, 
als ihn ein Billett der Geliebten ruft. Wie nun sein Diener ihm umständlich auseinander- 
setzt, er werde keine Ruhe in ihren Armen finden, wenn jenes Salz zu wirken beginne, 
das weckt ein beinahe krampfhaftes Lachen. 






28 

Etwas minder häufig, doch im Kindesalter meist stark entwickelt ist 
die von mir so betitelte 



Urethral- oder Harnerotik 1 ). 

Wie der Ausgang des Darmes, so ist auch das Endstück des Harn- 
apparates eine wichtige erogene Zone. Urethralerotischen Kindern gewährt 
schon die bloße Entleerung ihrer Blase geschlechtliche Lust, was sich in 
dem halb blöden, halb geistesabwesenden Gesichtsausdruck kundgibt, wie 
er einzig und allein dem Orgasmus eigen. Sie empfinden direkt bei jeder 
Miktion ein Wollustgefühl, was zur Pollakisurie führt und zuweilen noch 
in späte Jahre fortdauert. Manche unterbrechen den Akt stets wieder, und 
zwar geflissentlich, weil sie dahintergekommen, daß die jedesmalige Zurück- 
haltung des Harns wie seine Freilassung mit großem Genuß verbunden sind. 
Gerade urethralerotische Knaben weisen sehr häufig Erektionen auf, auch 
wenn sie noch gar nicht masturbierten, einfach von der erhöhten Reizbar- 
keit der Urethra her. Drei- und Vierjährige bekommen oft fast bei jeder 
Miktion auch eine Gliedsteifung, zumal wenn sie vorher, was bald gelernt 
wird, den Harn möglichst lang zurückgehalten haben. Sowohl die früh- 
zeitige Retention als die Häufigkeit der Urinentleerung sind bei sonst 
gesunden Kindern ganz sichere Zeichen von Haus aus verstärkter Urethral- 
erotik. Charakteristisch endlich für die geschlechtliche Natur derselben ist 
die Hartnäckigkeit, mit der sie festgehalten wird, sowie die Nutzlosigkeit 
aller Strafen. Man mag diese Kinder aufs ärgste verhauen, mit den ent- 
ehrendsten Strafen belegen, sie lassen doch mindest das Bettnässen nicht, 
oft weit über die physiologische Zeit hinaus, bis endlich die Liebe zu einein 
Elternteile oder aber die Aufnahme regelmäßigen Sexualverkehres in der . 
Pubertät da helfend eingreift. 

Solche Kinder empfinden die Bespülung ihres Körpers mit dem eigenen 
Harn oft als große Lust hier wirkt auch die später zu besprechende 
Hauterotik mit — und sind dann durch Drohungen so wenig als durch 
Schläge abzubringen. Wichtig ist auch, daß sie, wenn nicht just die Blase 
überfüllt ist, nur Personen anpissen, welche sie heben, nie eine ihnen un- 
sympathische. Das Nämliche tun sie auch mit ihrem, Kote. Die Verun- 
reinigung der Großen erscheint da direkt als Liebesbeweis. Häufig kann 
man die Beobachtung machen, daß Kinder, die schon zimmerrein geworden, 
Nachschübe von Enuresis nocturna, ja diurna bekommen. Dies geschieht, 
wie meine Erfahrung mich lehrte, ausschließlich bei gesteigerter Sexual- » 

erregung, z. B. bei Mädchen, deren geliebter Vater nach längerer Abwesen- 
heit wiederkehren soll. Bedeutsam wird für das spätere Leben die von der 
Sp ache längst sanktionierte Gleichstellung des Harns mit Wasser und 
wäss rigen Flüssigkeiten. Der von Haus aus erhöhten Urethr alerot ik ent- 
springt die Vorliebe so vieler Kleinen für alles, was mit Wasser zusammen- 
hängt. Sie spielen am liebsten mit Gießkannen, Wasserwannen und Pumpen, 
während kleine Mädchen oft unermüdlich Puppenwäsche waschen. In 

l ) „Über Urethralerotik", Jahrbuch für psychoanalytische Forschungen, 
Bd. II. Daselbst wird auch das Symptomenbild ausführlich behandelt. 



^^ 



29 



späteren Jahren ergeben sich diese jungen Leute mit fanatischem Eifer dem 
Wassersport oder wählen aus dem nämlichen Grund den Beruf des Matrosen 
oder Seefahrers, in höherer Schichte des Wasseringenieurs. Die Unersätt- 
lichkeitin Sport und Beruf macht jedem Kundigen die sexuelle Natur dieses 
Triebes durchsichtig. 

Überblicken wir die bisher besprochenen Äußerungen der infantilen 
Sexualität, so betreffen sie, abgesehen von den Genitalien , nur verschiedene 
Schleimhäute. Die weitere Nachforschung hat im Verein mit der psycho- 
analytischen Erfahrung die Tatsache aufgedeckt, daß die meisten Schleim- 
häute und die Haut in toto inklusive der Sinnesorgane mehr weniger erogene 
Zonen darstellen und ebenso auch die Muskeln des Körpers, wie zumal das 
Studium hysterischer Lähmungen, Gehstörungen und Kontrakturen erweist. 
Ich habe diese Gruppen der mehr infantilen Sexualität — nach Vollendung 
der Geschlechtsreife pflegt sie erheblich nachzulassen oder ganz aufzuhören 
— unter dem Schlagwort 

Haut-,- Schleimhaut- und Muskelerotik 

beschrieben 1 ), aus der ich Beispiele geben will, die vor allem die Kinder- 
sexualität beleuchten sollen. Hug-Hellmuth führt in ihrem Buche aus 
(1. c. S. 13): „Die sexuelle Empfindungsfähigkeit des Säuglings äußert sich 
beim Baden wie bei der sonstigen Kinderpflege in nicht zu übersehender 
Weise. Daß Knaben von wenigen Tagen hiebei deutliche Erektionen zeigen, 
ist den Hebammen tägliche Erfahrung und wird der jungen Mutter als 
Zeichen männlicher Kraft rühmend berichtet. Ein Knäblein von 13 Tagen 
benetzte Kinn und Mündchen mit einem Urinstrahl und ein anderes wies 
bei seinem dritten Bade eine starke Erektion, begleitet von symbolischen 
Eingerspreizen. Letzteres allein wurde auch von Preyer beobachtet, und 
zwar derart, daß die trockenen Finger gespreizt wurden, also die Reaktion 
nicht durch die Nässe bedingt war. .Schon am 7. Tage', fährt er fort, .war 
der Ausdruck der Lust bei weit offenen Augen unmittelbar nach dem Bade 
ein anderer. Kein sinnlicher Eindruck irgendwelcher Art ist 
imstande, zu dieser Zeit einen solchen Ausdruck der Be- 
friedigung hervorzurufen.' Die starke Hauterotik des Säuglings spricht 
sich auch in seiner Reaktion auf Küsse aus; solche Zärtlichkeitsbeweise 
werden auf jeder Stelle des Körpers mit dem gleichen Jauchzen und Lachen 
quittiert." 

Ein anderes Beispiel der infantilen Hauterotik gab uns bereits oben 
die Erfahrung Stiers, daß kleine Kinder ihr charakteristisch sexuelles 
Lachen ertönen lassen, sobald man über die Haut der Innenseite ihrer 
Oberschenkel streicht, „ein Reiz, der oft momentan zur Erektion führt". 
Hier tritt schon beim Kinde die innige Beziehung zum Geschlechtlichen 
hervor, welche jener Art des Hautsinnes zukommt, die wir als Kitzelgefühl 
ansprechen. Gekitzelt zu werden, kann derart wo Hg und lustvoll betont 
sein, daß Kinder davon nicht genug kriegen können, ja in so mächtige 



') Jahrbuch für psychoanalytische Forschungen, Bd. III. 



30 



Erregung geraten, daß sie, endlos lachend, um sich schlagen und die Lust 
geradezu unerträglich wird. 

Eine häufige Form der Schleimhauterotik ist das Nasenbohren, das. 
vornehmlich Kinder, aber auch Erwachsene oft bis zu sexuellem Orgasmus- 
fortsetzen. Man erkennt dies an den verträumten, weltentrückten Blicken, 
am häufigen Aufsteigen einer Röte in die Wangen und endlich am Auf- 
fahren, wenn der Sünder ertappt wird. Es gibt auch Leute, die geradezu 
Nasenonanie betreiben, geheim, unwiderstehlich und krampfhaft und, was- 
besonders bezeichnend, mit denselben psychischen Folgen (Magen- 
erscheinungen, Störungen der Aufmerksamkeit usw.), die wir als Symptome 
der Neurasthenia vera kennen. y 

c A "? h im äußeren Gehörgang wird gar nicht selten Onanie geübt 
So erzahlte mir eine Hysterica, die früher jahrelang genital masturbiert 
Hatte in der Psychoanalyse : „Jetzt onaniere ich gern im Ohr, sobald ich 
erregt bin. Das ist em Ersatz für die wirkliche Selbstbefriedigung und 
bereitet mir ein sehr angenehmes Gefühl. Wenn ich das jetzt im Ohr mache 
habe ich nachher auch Schmerzen, genau wie bei" der Masturbation am 
Geschlechtsteil, und eine Flüssigkeit kommt auch. Wenn mich als Kind der 
heißgeliebte Vater schlug und ich so unbefriedigt war, dann half ich Hin- 
durch Selbstbefriedigung. Ich ging an einen Ort, wo ich allein war und 
onanierte, unten oder im Ohr. Das trieb ich, solange ich mich zurück 
erinnere. Oft plagt mich jetzt abends ein fürchterliches Jucken da lege ich 
mich ins Bett, nehme ein Buch und die Onanie ist gleich fertig Ähnlich 
trieb ich sie auch schon als Kind, weil sie immer ein großes Trostmittel 
für mich war." 

Symptom infantiler Muskelerotik ist verschiedenes lustvolle Tun der 
Kindheit wie Schreien und Strampeln, Laufen und Schlagen Springen 
und Hupfen, auf rein endogene Reize hin. Ein Knabe kann z B schembar 
motivlos zu schreien oder zu laufen anheben, aus unwiderstehlichem Drang 
heraus, sich m solcher Tätigkeit selig zu genießen. Eine andere Äußerung 
der Muskelerotik ist das lustvolle Schlagen ganz kleiner Kinder nicht 
etwa als Abwehr oder Zornsymptom, vielmehr als Ausfluß kindlicher' Liebe 
Sehr bezeichnend ist auch das Raufen und Ringen unserer Schuljugend' 
Da packt so ein Knirps ein zweites Kerlchen aus irgendwelchem Schein- 
grund, nicht selten sogar ohne einen solchen, und fängt ein lustiges Raufen 
an, um für seine mächtige Sexualität einen Ausweg zu finden. Viele Missen 
ganz sicher daß sie bei solchem Raufen ihren ersten Orgasmus empfunden 
haben. Und selbst der Unterliegende und Durchgeprügelte empfindet 
weniger Wut und Schmerz, als ein Gefühl befriedigter Libido, auch wenn er 
sonst gar nicht masochistisch veranlagt. 

Die letztbesprochenen Äußerungen infantiler Erotik erscheinen durch 
zweierlei Kennzeichen bestimmt: sie sind extragenital und autoerotisch 
d. h. die sexuellen Gefühle des Kindes entstehen da nicht durch Reizung 
der eigentlichen Geschlechtsorgane und weiter bedarf es für seine Libido* 
keines zweiten Objektes, vielmehr zieht es Lust aus dem eigenen Körper. 
Beiden nunmehr zu besprechenden Symptomen der infantilen Sexualität 
wird aber die letztere Bedingung hinfällig. 






3f. 



IV. 

Ich berührte schon oben die Erotik unserer Sinnesorgane. Von diesen 
erweisen sich neben dem schon besprochenen Hautsinn noch zwei bedeut- 
samer: Auge und Nase. Die Erotik des Gesichtssinnes führt zur 

• Entblößungs- (Zeige-, Exhibitions-) und Schaulust, 

die der Nase zur Riechlust hin. Die Freude am Nacktsein, das Verlangen,, 
sich entblößt auch den anderen zu zeigen, ist allen Kindern eigen, beginnt 
nachweislich schon beim Säugling und währt dann mindestens bis zum 
vollendeten vierten Jahre, wo wenigstens bei Mädchen die reaktive Ver- 
drängung einsetzt und das Schamgefühl anhebt. Vorher jedoch ist jegliches* 
Kind nach den Begriffen der Erwachsenen schamlos zu heißen, d. h. est 
zeigt ein unverkennbares Vergnügen, seinen Körper zu enthüllen mit be- 
sonderer Hervorhebung der Genitalien 1 ). Man sieht z.B. ein kleines Mädchen 
einem Fremden zu Ehren, der ihm gefällt, sein Röckchen heben oder aber 
sich derart hinsetzen, daß seine Geschlechtsteile sichtbar klaffen. Die 
meisten Kleinen — wir wissen dies aus den Psychoanalysen nützen 
mit Vorliebe die Gelegenheit aus, da sie ihre natürlichen Bedürfnisse be- 
friedigen, um vor geliebten Personen, besonders den Eltern, zu exhibi- 
tionieren 2 ). Und es braucht in der Regel geraume Weile, bis man dem Kinde 
das Schamgefühl beibringt. Durchbrüche der ursprünglichen Entblößungs- 
lust sind eigentlich das ganze Leben zu finden. Um nur einiges zu nennen,, 
besitzt z. B. das weibliche Geschlecht ein besonderes Geschick, seine Reize- 
zu zeigen, in verhüllter und, wo es nur halbwegs möglich, auch unverhüllter 
Form. Der Alkohol, welcher die Hemmungen aufhebt, macht besonders- 
leicht dem Schamgefühl ein Ende. Und das nämliche leistet dann auch die 
•Psychose, die das Unbewußte zunächst von den Fesseln der Kultur befreit. 
Selbst das prüdeste Mädchen, welches sonst einer jeden Annäherung des 
Mannes weit aus dem Wege ging, sucht, geisteskrank geworden, diesen 
anzulocken durch Entblößung und Schaustellung seiner Reize — wie in 
der Kindheit. Endlich ist bei den eigentlichen Exhibitionisten die ursprüng- 
lich infantile Lust zu einer Dauerperversion fixiert. 

Die Exhibitionslust, i. e. das Verlangen, sich beschauen zu lassen,, 
ist deutlich Ausfluß der Erogenität des Gesichtssinnes. Dieser jedoch hat 
zweierlei Seiten: neben der passiven auch eine aktive. Zur passiven Lust 
am Gesehenwerden gesellt sich sehr bald, und zwar schon beim Kinde, 
sei es spontan, sei's durch Verführung, ein großes Vergnügen am aktiven 
Schauen. Gewöhnlich hebt es damit an, daß das Kind seine eigenen Geni- 
talien oder auch seinen - Hintern narzißtisch bewundert und davon den 



') Bei denjenigen Formen der Analerotik, die ich als ,, Gesäßerotik" abtrennte, 
findet eine Exhibition auch mit den Nates statt. 

2 ) Bei der Mutter ist dies Regel, doch auch der Vater bleibt nicht verschont. 
So erinnert z. B. ein männlicher Hysteriker ganz bestimmt, daß er sich seine kleinen 
und großen Geschäfte möglichst aufhob, bis die Mutter wegging und er mit dem Vater 
allein zurückblieb. Dann war dieser genötigt, Jim hinauszuführen, und er konnte 
sich ihm in seiner ganzen Herrlichkeit zeigen, während ihm sonst der Vater nur wenig 
Aufmerksamkeit schenkte. 






32 



kräftigen Anstoß erhält, auch fremde Geschlechtsteile und Nates zu be- 
trachten. Die Fälle, da es Spielgefährten entblößen und beschauen kann 
(z.B. beim Doktor-, sowie Vater- und Mutterspielen), oder Eltern und Ge- 
schwister beim Baden nackt zu sehen bekommt, sind immerhin selten zum 
mindesten in sogen nnten besseren Kreisen 1 ). Die Stillung seiner sexuellen 
Neugier gelingt am ehesten bei Befriedigung der exkrementeilen Bedürf- 
nisse, weshalb ein Kind mit besonderer Schaulust 'sehr leicht Voyeur wird 
eifriger Zuschauer bei Harn- und Kotentleerung der anderen, von Kindern 
sowohl als von Erwachsenen. Wiederum wird dann in der Perversion das 
kindliche Verlangen dauernd fixiert, und zwar nicht bloß beim erwachsenen 
Voyeur, sondern auch bei manchen Homosexuellen und Fetischisten. 
_ Zum Kapitel Schaulust noch einige Beispiele: die meisten kleinen 

Buben fordern mit Heftigkeit, die Mütter sollen sie aufs Klosett mitnehmen 
was ihnen in Anbetracht ihrer „Unschuld" auch meist gewährt wird Einem 
fünfjährigen gesunden und begabten Mädchen aus guter Familie wird das 
Märchen vom Schneewittchen erzählt, und daß der Vater sie so gern gehabt 
habe. „Wie gern hat er sie gehabt?" war die Antwort der Kleinen Hat 
er ihr das und das zuliebe getan?" Und endlich als höchsten Liebesbeweis: 
Ist er auch mit ihr auf den Abort gegangen?" Ein anderer Fall: 
Der Doktor ist zur Magd geholt worden, die an der gastro-intestinalen Form 
der Influenza erkrankt war. Sowie der sechsjährige Hans den Arzt hinein- 
gehen sieht, ist er nur mit Mühe vom Lauschen an der Tür zurückzuhalten 
Hinterdrein quält er die Genesene: „Wie hat Sie der Doktor untersucht? 
Liebe Johanna, ich gebe Ihnen, was Sie wollen, aber sagen Sie mir- wie hat 
Sie der Doktor untersucht?" 

Vielfach leistet gerade das Verhalten der Eltern dieser sexuellen 
Schaulust Vorschub. Sind doch fast alle davon durchdrungen ihr Sprößling 
empfinde durchaus nicht geschlechtlich. „Was versteht denn ein Kind vom" 
Sexuellen?" erhält man zur Antwort, wenn man Bedenken vorzubringen 
wagt, oder direkt entrüstet: „Mein Kind ist rein, das weiß von solchen 
Dingen nichts!" Und weil es so rein ist, wird das Kind jeden Morgen ins 
Bett genommen, wo es oft mehr sieht, als ihm frommt, und nimmt auch 
später die Mutter keinen Anstand, vor ihrem oft schon recht großen Buben 
ganz ungeniert Toilette zu machen, auch wenn dabei die letzte Hülle fällt. 
Ja, manche verlangt von ihrem Jungen, selbst wenn er schon längst in die 
Reife gekommen, beim Waschen und abendlichen Entkleiden noch absolute 
Ungeniertheit und geht mit gutem Beispiel voran. Doch selbstverständlich 
hat weder er noch seine Mutter das geringste sexuelle Empfinden dabei. 
Wenn dann der Sohn schwer neurotisch oder gar pervers geworden, erfährt 
man mit Staunen, wie weit die Selbsttäuschung der Eltern gehen kann. 

Nicht selten wirkt die unbewußte Exhibitionslust der Mutter zu- 
sammen mit der Schaulust des Kindes, die dann gewöhnlich konstitutionell 

l ) Welche Kunststücke solche schaulustige Kinder häufig aufbieten, um ihr 
Ziel zu erreichen, erfahren wir oft zu unserem Erstaunen in der Psychoanalyse. Auch 
die Alltagsbeobachtung lehrt z. B., daß ein Knabe die Mutter oder Schwester in sehr 
geschickter Weise „überrascht", wenn sie Toilette macht, oder gerade im Begriffe 
steht, ins Bad zu steigen. 



33 

• 

verstärkt ist und durch das „unvorsichtige" Verhalten jener natürlich noch 
gesteigert wird. So sind wohl auch manche Fälle Stiers unschwer zu erklären, 
von denen ich zwei als kennzeichnend hersetze. Der erstere betrifft einen 
siebenjährigen Knaben, der seit einiger Zeit immer sexuell erregt wird, 
wenn die Mutter sich entkleidet, besonders wenn er einmal ihre Brüste- 
sehen kann. Sie läßt ihn deshalb im Nebenzimmer schlafen, aber trotzdem 
versucht er auf jede Weise, sie beim An- und Auskleiden zu beschauen und 
ihr auch sonst unter die Röcke zu sehen. Dazu der Kommentar jenes 
Forschers: „Daß der Gegenstand des sexuellen Interesses bei diesem Kinde 
vor allem die Mutter ist, darf man natürlich nicht als etwas Charakteristisches 
ansehen und keinesfalls als Beleg für Freuds Ideen verwenden! Wir müssen 
darin nur ein Fehlgreifen im Objekt erblicken, das die Folge des völligen 
Abschlusses des Kindes von der Außenwelt ist, gerade wie homosexuelle 
oder sodomitische Handlungen in einem Gefängnis, in der Fremdenlegion 
oder auf einem Schiff an sich nicht Ausdruck einer Perversion des Sexual- 
triebes sind." Dann erzählt er von einem anderen, gleichfalls siebenjährigen 
Knaben, der schon nach dem ersten Lebensjahr Erektionen bekam und 
jetzt „oft versucht, der Mutter die Röcke hochzuheben und hinunter- 
zusehen", ja, „der der schlafenden Mutter die Kleidung ganz hochgehoben 
und ihr an die Genitalien gefaßt hat." Dies sei nach Stier nur ein „ver- 
frühtes, rein instinktives Interesse für das andere Geschlecht." 

Nicht ganz so häufig und auch nicht zu so schweren Folgen führend 
ist die geschlechtliche 

Riechlust 

des Kindes. Bekanntlich ist beim Menschen der Geruchsinn viel minder 
ausgebildet als* bei seinen Vorfahren in der Säugetierreihe und tritt da 
stark gegen das Schauen zurück. Dies gilt auch für das Liebesleben, wo 
bei den Tieren die spezifischen Sexualgerüche am mächtigsten anziehen. 
Aber trotzdem ist — man denke nur an Hagens „Sexuelle Osphresiologie" 
— auch beim Menschen ihre erregende Bedeutung nicht gering zu werten. 
Z. B. beruhen auf ihnen zum größten Teil die koprophilen Neigungen der 
Kinder wie der Perversen. Aus Anlaß der Analerotik lernten wir ferner die 
sogenannten „Poporiecher" kennen. Solche kleine „Lüstlinge", wenndieser 
Ausdruck verstattet ist, unterscheiden genau, welche Menschen da „gut" 
riechen und welche nicht. Andere Riechkinder bohren mit Vorliebe ihren 
Kopf in die Achselhöhle von Erwachsenen oder aber in den Schoß ihrer 
Mütter und anderer Frauen, weil sie der Duft dort abgeschiedener Sekrete 
wollüstig reizt. Alis der Psychoanalyse mancher Homosexueller ist mir 
bekannt, daß sie schon als Kinder genau unterschieden den Präputial- 
geruch vor der Pubertät und nach derselben und darum ausschließlich 
für Jungen vor der Reife schwärmten. Auf eine weitere Beziehung hat 
Freud aufmerksam gemacht. Der Geruch der Zwischenzehensekrete 
mancher Menschen sowie der Duft des Frauenhaares wird von späteren 
Fuß- und Haarfetischisten oft schon in der Kindheit lustvoll eingesogen, 
was eine besondere Neigung verrät für jene Perversionen. 

Sadger, Gesdilechtsverirningen. 3 



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■m^Bmmm 

ration keinen Rheinwein mehr trinken wv u u, &g Seit der °P e " 

zurück ich könnte irgendwelche Gerüche wahrnehmen. Das Tt e£nüich 

S?J M r, ^ Sch6U V ° r d6m Penis ' Wenn auch ■** gaL Isse De 
und wohl auch ebenso infantil begründet. Es sieht so aus, als ob ich Ten 

Bruder und vielleicht auch die Mutter berochen hätte und 
mich das jetzt ekelt." natre «na 

Half J^ h ^ tC " u " mehr einer Komponente zu gedenken, die bloß zur 

Ä£Ä?^ ZUgChÖrt ' ZUr a " derfn Hälfte aber denlZ 

die Grausamkeit. 

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nXh* ? Sadismus und Masochismus, die im Leben der Großen oft eine 

SSSS dftSÄ \ ber , aUCh d6m Kinde dUFChaUS nkht f-md i^t kC 
S?^ Grausamke^sregungen zunächst vom Bemächtigungstrieb 

Sj ° Ch - ? e S1Ch durch bes ^dere Grausamkeit gegen^iefe und 
inXnsiv * ££"*""& er c 6Cken ^ ewöh ^h mit Recht dL § Verdacht auf 

WeS der l£5£S S ™^ ttt ! ßUI « V ° n «^^ Z ° nen her " D - 
weglall der Mitleidsschranke, die sich verhältnismäßig spät ausbildet, 



I 



35 

bringt die Gefahr mit sich, daß diese in der Kindheit erfolgte Verknüpfung 
der grausamen mit den erogenen Trieben sich späterhin im Leben als unlös- 
bar erweise." (Freud.) Die direkte Kinderbeobachtung hat nun gelehrt, 
daß bereits den Säuglingen leises Beißen und Kratzen nicht allein keinen 
Schmerz verursacht, sondern geradezu Vergnügen, daß wir also in der 
dabei sich kundgebenden verstärkten Haut- und Muskelerotik eine der 
Wurzeln des Sädo-Masochismus erblicken müssen. *) Aus der Fülle von 
Beispielen, die Hug-Hellmuth in ihrem Buch anführt, seien einige her- 
gesetzt: „Scupins Knaben mußten am ersten Tage schon die Händchen 
eingebunden werden, weil er sich das Gesicht zerkratzt hatte," ein anderer 
brachte sich im ersten Monat seines Lebens „heftige Kratzwunden und 
Schläge im Gesichte bei". Im sechsten Monat zeigt der kleine Scupin 
deutlich eine sadistische Ader; er schlägt nach der Mutter, „krallt sich 
mit den Händchen in ihre Nase und reißt daran," im achten Monat „besteht, 
seine neueste Leidenschaft darin, nach den Augen seiner Eltern zu greifen ; 
es ärgert und erregt ihn sichtlich, daß sie sich jedesmal bei Annäherune 
seiner unbarmherzigen kleinen Hand hinter den Lidern verbergen.. 
Mit Wonne zaust er auch in Vaters Bart." Vom neunten Monat 
berichten die Eltern: „Zerkratzen uns die unbarmherzigen Hände das- 
Gesicht, so daß wir vor Schmerz aufschreien, so kommt oft ein wahrhaft 
grausames Leuchten in des Knaben Augen; die Nasenflügel werden 
aufgebläht und voll höchstem Eifer und Gier fährt er mit seinen Martern 
fort, als da sind: einzelne Haare ausraufen, in die Augen greifen, zwicken- 
und kratzen; streckt man die Zunge heraus, so kräht er jubelnd auf und 
krallt wild die Nägel hinein. Wie scharf die Zähne schon sind, erfährt bei 
der täglichen Mundreinigung, schmerzhaft Mutters Finger, in den dann das 
Kind energisch und mit geradezu diabolischer Gier hineinbeißt." 
lindlich aus dem eilften Monat anläßlich der ersten Bekanntschaft mit 
einem um ein halbes Jahr älteren Mädchen: „Während die Kleine ihn gleich- 
mütig anblickte, war das Mienenspiel des Jungen ein außerordentlich be- 
wegtes: Interesse, Staunen, Freude und eine unbeschreibliche Neugier. 
Als das Mädchen bei seinem Anblick plötzlich .Puppe' sagte, erregte ihn 
die Wahrnehmung, daß sie sprach, in höchstem Grade. Aus Freude darüber, 
oder vielleicht auch nur, um ihr nachzutun, sprudelte er plötzlich lebhaft 
einen unverständlichen Silbenschwall hervor, erregte sich dabei immer 
mehr und mit einem jähen, jubelnden Aufschrei schlug er ihr 
plötzlich ins Gesicht. Es sollte augenscheinlich eine Lieb- 
kosung sein." 

Allgemein bekannt ist, daß ältere Knaben vielfach daran Gefallen 
finden, Fliegen oder Schmetterlingen die Flügel oder Beine auszureißen, 
Käfern die Fühler abzuschneiden und Ähnliches mehr. Am durchsichtigsten 
wird der Sinn dieses Tuns bei einem anderen Grausamkeitszug, wenn 
Knaben nämlich sich paarende Tiere gewaltsam äuseinanderreißen, wobei 
dann gewöhnlich das Membrum des Männchens abgebrochen wird. Auch 

! ) Vergl. hiezu meine Studie „Über den sado-masochistischen Komplex", 
Jahrbuch für psychoanalytische Forschungen, Bd. V. 

3* 



36 



Fühler, Beine und Flügel sind ja, wie wir von Träumen und Neurosen her 
wissen, Pems-Symbole und der Sinn ihres Ausreißens oder Abschneidens 
ist Kastration. 



Mit allem Vorstehenden ist das infantile Sexualleben noch immer 
nicht erschöpft. Ihm fließen noch aus anderen Quellen geschlechtliche 
Erregungen zu, z. B. durch rhythmische, mechanische Erschütterungen 
des ganzen Korpers, wie etwa beim Schaukeln und Fliegenlassen. Unruhige 
Kinder vermag man durch Wiegen einzuschläfern und durch die so erzielte 
Sexualbefnedigung. „Die Erschütterungen der Wagen- und später der 
Eisenbahnfahrt üben eine so faszinierende Wirkung auf ältere Kinder daß 
wenigstens alle Knaben irgendeinmal im Leben Kondukteur und Kutscher 
werden wollen. Den Vorgängen auf der Eisenbahn pflegen sie ein rätsel- 
haftes Interesse von außerordentlicher Höhe zuzuwenden und dieselben 
' im Alter der Phantasietätigkeit (kurz vor der Pubertät) zum Kern einer 
exquisit sexuellen Symbolik zu machen". (Freud). Wie außerordentlich 
lustvoll die Reizung der Vestibularnerven wirkt, erkennt man auch daraus 
daü die meisten Kinder vom sogenannten „Tellerreiben" i) ebensowenig genmr 
kriegen können als vom Schaukeln und Fliegenlassen, wieder andere sich selber 
solange um ihre Achse drehen, bis sie ganz taumelig hinzufallen drohen 
. Auch hier weist die völlige Unersättlichkeit auf den sexuellen Ursprung hin' 
Endlich braucht man nur einmal eine „Berg- und Talfahrt" anzusehen um 
aus dem lustvollen.Kreischen der Kinder und Erwachsenen (besonders der 
Mädchen) die geschlechtliche Erregung zu erraten. 

Weniger bekannt ist, daß sämtliche Affekte, wenn sie eine bestimmte 
Hohe erreichen, auf die Geschlechtssphäre übergreifen, und zwar selbst iene 
die scheinbar alles eher denn histbetont sind, wie Angst, Kummer Schreck' 
Grausen. Einer meiner Kranken mit starker Urethralerotik verspürte in 
membro das größte Lustgefühl seines Daseins, welches wiederzuempfinden 
er nach eigenen Worten „sein halbes Leben hingeben würde'*, als er mit 
13 Jahren bei einem sehr strengen Lehrer zu spät in die Schule kam und 
an der Schuluhr sah, es seien bereits zehn Minuten verflossen seit Beginn 
des Unterrichtes. Viele Jungen bekommen ein Reizgefühl in den Geschlechts- 
organen, das häufig zur Masturbation verleitet, wenn sie die Angst be- 
schleicht, geprüft zu werden, oder ihnen bei einer Schularbeit die Lösung 
einer mathematischen Aufgabe oder die richtige Übersetzung nicht ein- 
iaüen will. Auch viele Erwachsene ermangeln nicht einer sexuellen Mit- 
erregung bei stärkeren, wenn auch peinlichen Affekten. Es ist gar nicht 
selten daß Leichenbegängnisse geliebter Personen hinterdrein mit - ge- 
schlechtlichen Orgien enden, und die Leute würden sich minder zu schweren 
Unglücksfällen drängen oder zu Hinrichtungen, so sich dabei nicht auch 
sexuelle Nebengefühle lustvoll einstellten. Die „tragische" Wirkung auf der 
Buhne beruh t zum Teil, der Effekt so vieler Sensationsstücke direkt und 

streckt™ ^L*?!? Z « Ci ? erso , nen «a^der gegenüber, fassen sich mit ausge- 
SfTf' d ? 1 , H ^ 11 ' l6hnen Sich pichst zurück und wirbeln nun mit 
möglichster Geschwindigkeit um den gemeinsamen Mittelpunkt. 



37 

ganz auf dieser geschlechtlichen Miterregung, der übrigens häufig auch 
kleine Kinder unterliegen, wenn sie gruselige Märchen oder Sagenstoffe stets 
wieder von neuem zu hören verlangen. Auch jede konzentrierte geistige 
Anstrengung, eine jede Anspannung gerichteter Aufmerksamkeit kann bei 
jugendlichen und reifen Personen, z, B. Studenten, die zu einer Prüfung 
lernen, die nämliche sexuelle Miterregung zur Folge haben und Ursache 
werden der vielberufenen „Nervosität infolge geistiger Überanstrengung." 

V 

Ich kann diese Studie über das Geschlechtsleben des Kindes nicht 
schließen, ohne, wenn auch nur kurz, das Kapitel 

„Liebe" 

zu berühren, dies Wort in mehr geistigem Sinne genommen. Freilich wird 
es da ebensowenig als beim Erwachsenen an gelegentlichen körperlichen 
Aggressionen fehlen, sogar mit Hintansetzung der Inzestschranke 1 ). Ich 
wähle aufs, Geratewohl ein paar Beispiele aus der Alltagspraxis. Ein drei- 
jähriger Knirps beginnt urplötzlich auf offener Straße seine gleichaltrige Cou- 
sine an sich zu pressen und zu küssen mit den leidenschaftlichen Worten : ,,Ich 
muß dich küssen, ich hab' dich so lieb !" Ein Siebenjähriger drängt sich stets 
an seine schöne Erzieherin, will sie immer umarmen und küssen, nachts 
zu ihr ins Bett kommen und ist eifersüchtig auf jeden Mann, der ihr zu 
nahen wagt. Von ihrem vierjährigen Büblein erzählt mir seine Mutter: 
„Ich darf mich nicht ausziehen vor ihm, sonst wird er sinnlich erregt, 
springt auf, umklammert meine Schenkel, drückt sich an und schreit förm- 
lich brünstig: ,Mammi, Mammi, Mammü' Wenn ich ihn anfahre: ,Das 
schickt sich nicht!' geht er weg, kommt aber immer wieder. Auf seine 
Großmutter (eine Fünfzigerin) mit stark entwickelter Büste springt er hin 
und sucht mit ihrer Brust herumzuspielen. Ich habe ihm eine Tiroler Leder- 
hose gekauft, die vom einen Latz zum Aufknöpfen hat. Die macht er 
neulich auf und sagt zu mir: , Mammi, nimm 's Lulli in den Mund!'" 

Zwischen Hunderten von amerikanischen Kindern, Buben und 
Mädchen, die nicht mehr als zwei bis vier Jahre zählten, hat SanfordBell 
das Vorhandensein förmlicher Liebesverhältnisse direkt beobachtet 2 ), 
natürlich mit Ausschluß der allerletzten genitalen Konsequenzen. Sie 
küßten und umarmten sich, verfolgten einander und preßten sich an, waren 
zudringlich und eifersüchig, genau wie Erwachsene. In seiner ,, Physiologie 
der Liebe" erzählt Mantegazza nach eigenen Erfahrungen: „Ich erinnere 
mich, die Engelgestalt eines blonden, rosigen Mädchens gesehen zu haben*, 
welches auf einmal einem teuf eis wilden, rabenschwarzen Knaben um den 
Hals fiel. Und die Ausgelassene bedeckte ihn mit Küssen, während er ob 



v ) Von älteren Knaben werden viel häufiger, als man glaubt, selbst Koitus- 
versuche und koitusähnliche Handlungen, besonders an gleichaltrigen Mädchen 
begangen. Vergl. hiezu auch die Mitteilungen Stiers. 

2 i „A preliminary study of the Emotion oi' love betwcen thc sexes", American 
Journal ö't Psychology, Xlll. 1902. 



38 



im entferntesten, daß, während es sein Haupt "aurs^^So^ 111 * 
-Wernes Herz unter jenen Liebkosungen heftig scWäet und weiR f ? ' 5? 
daß wenn das Kind sein krauses ^iÄ^S^^S^ 

SSr» S ° ndem inf ° lge dneS "~n |C*& 

9n Jluff 8 l t n f ic] ? Sind ^biographische Mitteilungen von Dichtern 
l\J* Stendhal, der tiefe Kenner aller menschliche^ Leid^ftra 

mmer auf die Brust, gebend Man geruhe, sich zu v^, ^ 
daß ichsre verlor, als ich kaum sieben Jahre alt war. Sie starb in deT Blüte 
und Schönheit ihrer Jugend. So habe ich vor 45 Jahren das verloren was 
S£? mei M n aU l Erd6n g6liebt habe " F^edrich HebbllSer^ 
I eben ,"; "*"?* **?***" VOm "*** Schulbesuch in seinem vie t en 

H ni Z ?< W1 \ er ^ mit gr ° ßer AngSt h »W»g<* war und anfan " 
gar mch aufzusehen wagte. Als er dann endlich die Augen hob fielTet 

feit" ft^ W* V ° ß - diG T ° chter des KirchspielschreiLs E 
leidenschaftliches Zittern überflog mich, das Blut drang mir zum Herzen 

äSÄISSrV ! SCham miSChtC Skh gldch ii?mein -tes Smp: 
Frevel dW h" g i A T\ S ° raSCh wkder zu Boden - a,s ob ^ einen 
mZ J, 71 t g f U h \ tte " Seit f dieser Stunde kam Emilie mir nicht 
aufent' Z Z^ ü ^ *° gefürchtete Schule wurde mein Lieblings- 
aufenthalt, weil ich sie nur dort sehen konnte, die Sonn- und Feiertaee 
die mich von ihr trennten, waren mir so verhaßt als sie mir sonst erwunsdn 

tmTau'bliers 611 ' £* 5**- "^ ^^ -glüc^ch wTn t 
einmal ausblieb. Sie schwebte mir vor, wo ich ging und stand und ich 

SÄÄ'Ä fÜ H mkh hln lhren Namen'a^^S'^n et 
.X ro ^ T W, ' beSOnderS waren lhre schwarzen Augenbrauen und ihre 

daß nuch SPS mir T me [ g T mVärtig ' WOge g en ich ™ ch «*** erinnere, 
daß aUCh lh re St,mme Eindruck ™* mich gemacht hätte, obgleich späte; 

') Von mir gesperrt. Der Verfasser. 



39 



gerade hievon alles bei mir abhing. Daß ich bald das Lob des fleißigsten 
Schulgängers und des besten Schülers davontrug, versteht sich von selbst, 
mir war dabei aper eigen zumute, denn ich wußte gar wohl, daß es nicht 
die Fibel war, die mich zu Susanna hintrieb, und daß ich nicht, um schnell 
lesen zu lernen, so emsig buchstabierte. Allein niemand durfte ahnen, 
was in mir vorging, und Emilie am wenigsten ; ich floh sie aufs ängstlichste, 
um mich nur ja nicht zu verraten; ich erwies ihr, wenn die gemeinschaft- 
lichen Spiele uns dennoch zusammenführten, eher Feindseligkeiten als 
etwas Freundliches; ich zupfte sie von hinten bei den Haaren, um sie doch 
einmal zu berühren, und tat ihr weh dabei, um nur keinen Verdacht zu 
erregen... Die Neigung dauerte bis in mein 18. Jahr." Was an dieser 
Schilderung besonders auffällt, ist das vollentwickelte Liebesempfinden 
eines Bübchens, das erst im vierten Lebensjahr stand. Läse man nicht die 
Altersangaben und die Buchstabierversuche, so könnte man glauben, es 
handle sich um eine Liebe auf den ersten Blick eines blöden Jünglings zu 
einer voll erblühten Jungfrau. 

Fassen wir nunmehr alles zusammen, was ich in diesem Kapitel 
berührte, so geht wohl eines imstreitig hervor: daß die sogenannte „Rein- 
heit" des Kindes, d. h. seine Unwissenheit und Pulslosigkeit in geschlecht- 
lichen Dingen ein Mythos ist, gar nie und nirgends wirklich bestanden hat ! 
Wer diesem Ergebnisse gram sein sollte, der möge bedenken, daß ein sexuell 
nicht gewecktes Kind überhaupt nicht geweckt ist. Kann man doch ruhig 
die Regel aufstellen, daß die geistige Entwicklung jegliches Kindes direkt 
parallel läuft seiner geschlechtlichen. Wer darum ein gescheites Kind haben 
will, darf nicht Sexualblindheit von ihm heischen. 









II. KfiPITEL. 

Die Stellung des Kindes in der Familie. Der Ödipus-Komplex. 

Einer der wichtigsten und entscheidendsten Punkte in der eeschlecht 
hchen Entwicklung des Kindes betrifft seine Stellung in der Familie 
Zunächst sein eigenes Verhältnis zu den Eltern sowie das Entgegenkommen 
dieser beiden, endlich noch dort, wo mehrere Kinder vorhanden sind 
auch die Beziehungen zu den letzteren. 

Ehe ich dieses wichtige Kapitel einläßlich bespreche, dünken mich 
einige Vorbemerkungen unerläßlich. Ich werde im folgenden eenötiet sein 
bei der Mehrheit der Leser, vor allem bei den Vätern und Müttern nein' 
liehe Empfindungen auszulösen. Es bleibt eine leidige, trotzdem jedoch 
ganz unabweisbare Pflicht der Forschung, so manche der landläufigen 
Ideale entgöttern zu müssen. Wir Psychoanalytiker könnten uns sehr vieL 
Feindschaft ersparen, vermöchten wir dieses Zertrümmern von Götzen 
zu unterlassen. Doch auch hier gilt der Grundsatz: Amicus Pläto, sed magis 
amica veritas. Wir müssen allzeit die Wahrheit aussprechen, selbst wenn 
sie uns selber wider den Strich geht. Und schließlich wird auch die scheinbar 
peinlichste, abstoßendste Wahrheit wieder nur dartun, daß alles lediglich 
der Höherzüchtung der Menschheit dient. 

Beginnen wir mit der Kindesliebe - das Wort subjektiv wie objektiv 
genommen - und fragen wir nach den Grundlagen jener. Da geht das 
gemeine Urteil dahin : das Kind liebt jene Personen, die seiner Hilfsbedürftig- 
keit abhelfen, in erster Linie also die. Mutter und früheste Pflegerin in 
zweiter, viel späterer dann den Vater, welcher für es sorgt und es erhält 
Dabei übersieht man, daß neben dieser dem Selbsterhaltungstrieb ent- 
springenden Wurzel auch eine erotische niemals fehlt, und zwar, wie ich 
gleich hinzufugen will, beim Kinde sowohl als bei den Eltern. Beginnen 
wir mit diesen. Man könnte wähnen, es gäbe nichts Natürlicheres, nichts 
Selbstverständlicheres, als die zärtliche Liebe einer Mutter, die ja schon 
im iierreich durchaus die Regel. Allein die Weisheit der Natur verläßt 
sich bei der Pflege der Brut nicht lediglich auf vererbte Instinkte, sondern 
Hat noch eine besondere Lockprämie auf sie gesetzt: den Preis der Ge- . 
schlechtslust Es ist Tatsache, daß der Mutter das Säugen sexuelle Lust- 
gefühle schafft (durch Aufrichtung und Steifung der Mammilla sowie Kon- 






4r 

traktionen im Uterus) und damit eine Grundlage für seelische Liebe 1 )- 
Vielleicht wird man einwenden, es gibt ja auch Mütter, welche ihre Kinder 
nicht selber stillen, sondern von der Amme säugen lassen oder gar mit der 
bloßen Milchflasche aufziehen. Hierauf ist zu antworten: in solchen Fällen 
sind tatsächlich die Muttergefühle weit minder kräftig. Obendrein werden 
wir in der Folge hören, daß nicht nur die Stillung, sondern auch die Kinder- 
pflege als solche Lustgefühle bringt, die erst alle zusammen das Fundament 
der Mutterhebe bilden. Doch davon später. 

Aber auch das Kind hat, wie wir im ersten Kapitel vernahmen y 
durch Reizung seiner Munderotik bei jenem Gestilltwerden sexuelle Lust. 
Es nimmt hiebei nicht bloß Nährflüssigkeit auf, sondern wird auch immer 
wohlig gekitzelt durch den warmen Milchstrom, in unverkennbar erotischer 
Art, was insbesondere das Studium der Neurosen dartut. Allein das Saug- 
bedürfnis des Kindes wird durch das Trinken nie ganz gesättigt. Selbst 
wenn sein Hunger vollständig gestillt ist, hat es noch ein weiteres Ver- 
langen nach Befriedigung der Organlust, die auch sexuell ist. Starke Ge- 
nüsse fließen ihm dann zu aus der Leibespflege. Muß doch der Säugling 
vielmals im Tag von seinen verschiedenen Abfallsprodukten gesäubert 
werden. Nun erfolgt die Reinigung durchaus an stark erogenen Zonen: den 
eigentlichen Genitalien, After, Damm und Hinterbacken. Mag die Mutter 
noch so vorsichtig sein, sie kann gar nicht anders, als bei ihrem Säugling 
verschiedene Reizungen dieser erogenen Zonen zu setzen, was das Jauchzen 
und Lachen des Kindes beweist und beim männlichen auch die dabei nicht 
allzu seltene Gliedsteifung 2 ) . Man muß den Mut haben, dieser Tatsache 
ins Gesicht zu blicken, darf sich nicht entsetzen ob dieser naturgewollten 
Einrichtung. Die frühe Reizung jener erogenen Zonen wird sich in der 
Folge als äußerst wichtig, ja notwendig herausstellen zur Erzielung normaler 
Geschlechtsentwicklung. Und, was die Mutter hier dem Kinde tut, diese 
unvermeidliche Irritation, erweist sich im Gegensatz zu mancher anderen 
überflüssigen nicht als schädlich und verhängnisvoll, vielmehr als nützlich. 

Wer kleine Kinder vor dem vierten Jahre aufmerksam beobachtet, 
wird stets wieder finden, daß sie den Ekel vor den Exkrementen, zumal 
den eigenen, gar nicht kennen. Sie schöpfen im Gegenteil hohe Lust aus 
der Beschäftigung mit diesen. Auch das ist eine sinnvolle Einrichtung der 

i) Es gibt Mütter, welche ihre Kinder weit länger als 9 Monate stillen, nicht 
zur Verhütung einer neuen Konzeption, sondern aus der Lust heraus, die sie selbst 
davon haben. Einer meiner Kranken mit ausnehmend scharfer Beobachtungsgabe 
erklärte mir geradezu: „Die Mütter müssen am Säugen einen Genuß haben. Sonst 
würde meine Geliebte nicht immer sagen: ,Du, ziag mir dran!' (Zieh mir an der 
Brustwarze!) Für solche Mütter ist ein kleines Kind nichts anderes als ein Objekt 
zur Erfüllung irgendwelcher sexueller Wünsche. Ich habe auch schon direkt gesehen, 
daß die Augen einer stillenden Mutter ganz besonders glänzend sind und daß sie rot 
wird wenn ich sie scharf beobachte. Sie wird sich bewußt, daß ich sie durchschaue. 
Das habe ich im Prater und auf der Gasse unzähligemal gesehen. Sie genieren sich nicht, 
weil man sie anbückt — das ist in diesen Kreisen nicht üblich — sondern weil man sie- 
durchschaut, ihnen daraufkommt auf ihre geheimen Gedanken." 

2) Manche Mütter und Pflegerinnen glauben es besonders gut zu machen, wenn 
sie die Säuberung mit Wucht und Nachdruck am Kinde vollziehen, was dessen sexuelle 
Reizung noch wesentlich verstärkt. 



•42 



.Natur Jene Lust wird nämlich nach gelungener Verdrängung nicht bloß 

J W Zf^ ? e f fÜ Ü ,S ' SOndern «M ^ch einen Jchügen Beit ag 
zur - Mutter hebe. Was das kleine Mädchen ursprünglich mit besonderem 

Kultur zum Opfer brachte, die Exkrementallust, wird später beim er 
wachsenen Weib m der Säuglingspflege wieder lebendig uS chaft der 

rTaf ei^, H mn A rUng "^ *«"* Kin(Wit Gotisches Genießen Feud 
hat emmal den Ausspruch getan.: „Mutterglück ist die vorwurfsfreie Rück 
kehr zu den infantilen Per Versionen." Ergänzen wir noch, daTde \futter 
auch aus dem Saugen selber, ferner aus der Befriedigung ihrer SchaulmtM 
ihrer Haut- und Schleimhauterotik (Berühren, Strdchdn und Tat cheln 
der molligen Kinderhaut, Abküssen des ganzen kindlichen Körpe^ oft 
inklusive Nates und Membrum) Lustquellen zufließen, so haben wir de 
Kern des Muttergluckcs erschöpft. DieErhaltung des Menschengescllchte 
hangt ]a daran daß das Neugeborene von der Mutter gesäugt, das h^bse 
Kmd möglichst gut gepflegt werde. Darum sorgt die Natur durch beider- 
seitige Lustpramien dafür,- daß das Notwendige ja nicht vernachlässigt 
werde, etwa aus Indolenz oder Bequemlichkeit Dem Weibe gab skdie 
Lustgefühle beim Stillen und Warten, dem Kinde eine starke Munderotik 
•die uns spater noch vielfach beschäftigen wird. "erotik, 

Man kann es kaum zutreffend heißen, daß die Mutterliebe ean? 
•selbstlos und völlig unsinnlich sei. Sie giert nur nicht nach gemefne 
.grober genitaler Befriedigung, dafür umso stärker nach jene der hZ- 
und Schleirnhauterotik, der Schau- und Entblößungslust, so sich leblüer 
als ungeschlechtlich ausgeben läßt, als eine durch die G^italien e zie te 
Wer ]e die leuchtenden Augen sah, mit denen eine Mutter ihren Wen 
^ert^sfönnchpriesterliche Opferhandlung, der weiß, wlvielTi 
unemgestandener Sinnlichkeit, da mit im Spiel ist. Am wen igsten aber £ 
■die Mutterliebe durchaus selbstlos. Verschafft sie dem Weüo doch Ge- 
schlechtsgenusse die sonst verfehmt und geächtet sind, umgibt sie sogar : 

Mutfirll h ; W 6 , die K obl ? e 1 eXtrage ' litale Befried ig"ng gäbe es viel weniger 
Mutterhebe Wird beispielsweise die Genitalempfindung höher bewertet 

tLe\7nt t^ niantÜe '^ nn WÜnSCht ^ Ch das Weib üb e™ 
Muttei Off Hl- ' ??**** " Se g en " doch kommt, eine schlecke 

Farn 1 : i° t "i £u ^' aUen V ° n herein, sie wollten keine 

^verl F ; , Un V hre Scbonheit nicht einzubüßen. Eher gewähren sie 

dk feHeSr a i 'AT g6n ' die lhn t n selber Ve ^ügen machen, um stets 
die Geliebte des Mannes zu sein, bloß keine Mutter*). 



A 



«ie nackt au™iehe S r n sfn a d nZgenaU ' ^ - die Mütter ™ Vergnügen daran finden, 
sie Thnen dÄe Be ohn^n^ d h St "" U °f ndeinera Grund * gram, dann entziehen 
2? ?Zn, ^ g 'o b S1C lassen sich von ihnen nich t ausziehen. 

Äeflissenthch nur dllh Ser f S** "* he ™° T8ehohen - daß ich hier *& ™ folgenden 
' dick un tiri" vh Ch , arfst aus g es P"-ochenen Fälle zeichne und obendrein das Typische 



43 

In schroffem Gegensatz zu diesem Verhalten steht der berühmte 
„Schrei nach dem Kinde", d. h. die Behauptung mancher Frauen, sie 
-möchten- recht gerne Sprößlinge haben, nur sollten sie dazu den Mann nicht 
benötigen. Das sind jene, welche es dem Herrgott förmlich übelnehmen, 
daß er die Kinder nicht an den Bäumen wachsen läßt, oder am liebsten 
trotz besseren Wissens am Storche festhielten. Soweit jener Schrei ein 
ehrlicher ist, und picht Deckmantel oder frommer Betrug für uneinge- 
standene Sinnlichkeit, betrifft er Mädchen, deren genitale Libido schwächer 
geraten als die oben besprochene extragenitale 1 ). Es gibt nämlich zweierlei 
Typen von Frauen: Mütter und Geliebte. Bekommt eine „Mutter" einmal 
ihr Kind, dann wird sie die Umarmungen ihres Mannes höchstens noch 
dulden, ohne daß es aber jemals so würde „wie einst im Mai". Nimmt doch 
das Kind jetzt in ihrem Herzen den früheren Platz des Gatten ein. Fortab 
ist sie einzig und lediglich Mutter, gar nicht mehr Geliebte, ein Wandel, 
in den sich viele Ehemänner nur schwer schicken können. Einige sind, die 
ergeben sich drein und bescheiden sich mit der Rolle des Vaters und Familien- 
erhalters. Ihr Leben ist dann überhaupt nichts weiter als Fronen und 
Schuften für Kinder und Frau. Andere hinwieder suchen das Glück, welches 
sie bei der Gattin nicht mehr finden, irgendwo anders. Und es gibt „ge- 
scheite", tolerante. Frauen, die den Männern volle Freiheit gewähren, 
„wenn das Haus nur rein bleibt"; zumal wenn die Furcht vor neuem 
„Segen" immer höher steigt und unzweckmäßige Vorbeugungsmittel die 
Lust auf Nichts herunterdrücken. Es fällt ja so leicht, auf etwas zu ver- 
zichten, was einem kein rechtes Vergnügen mehr macht. Ihren Mutter- 
gefühlen wird der Mann mit seinem sinnlichen Verlangen einfach lästig. 
Also mag er für seine „tierischen Bedürfnisse" Befriedigung irgendwo 
anders suchen, so er sie nur nicht im eigenen Liebesleben stört Und sie 
sind so duldsam, weil sie sich unbewußt in anderer Richtung schuldig 
fühlen. Ihre Liebe gilt nämlich dem eigenen Sohne. Und manche sagt es 
gerade heraus, sie wäre dem Mann schon längst durchgegangen oder untreu 
worden, „wenn die Kinder nicht wären".. 

Vorstehende Schilderung gilt insbesondere für das Verhältns zwischen 
Mutter und Sohn, wo die polare Anziehung der Geschlechter weit mächtiger 
wirkt, als die meisten ahnen. Entscheidend ist: die Mutter nimmt den 
Sohn als Sexualobjekt, was dieser ebenso wie ihr Gatte unklar empfinden. 
Und beide benehmen sich, als wüßten sie darum, wenn auch freilich unbe- 
wußt, und reagieren jeder für sich mit heftiger Eifersucht auf die Mutter. 
In der besten Ehe bekommt es der Mann auf der Stelle zu spüren, wieviel 
■er an Liebe seines Weibes verlor durch Geburt eines Sprößlings, zumal 
eines Knaben. Vom Geliebten seiner Frau sinkt er herab zum „Vater ihres 
Kindes", und das auch dann, wenn sie nicht typisch eine „Mutter" ist. 
Schwer nagt die Eifersucht an seinem Herzen und führt zu allerlei Ge- 
hässigkeiten wider den Sohn, die unbegreiflich wären, so man jenen Affekt 
nicht in Anschlag brächte. Im Gegensatz zur Mutter fehlt es ihm unver- 
kennbar an Liebe, die alle kindlichen Albernheiten versteht und entschuldigt. 



•) Weitere Wurzeln werden wir später kennen lernen. 



44 



Oft schilt er den Jungen wegen Nichtigkeiten aus, bei der kleinsten Unart 
fährt er in die Höhe und gerät wegen etwas größerer Delikte schon in Zorn 
und Wut, die sich gar nicht selten in Ausbrüchen maßloser Heftigkeit 
äußern. All dieser Übellaune und Überstrenge wahrer Grund ist jedoch 
nicht die Ungezogenheit des Kindes, sondern Eifersucht auf die Liebe der 
Mutter, welche der Sohn ihm entzogen oder geschmälert hat. 

Auch bei diesem macht sich der gleiche Affekt ganz unverkennbar 
Luft. Zur Zeit des ersten sexuellen Vorstoßes, vom dritten bis vollendeten 
fünften Jahre, erwacht ein stürmisches Liebesempfinden in der Seele des. 
Knaben, der, die Gefühle der Mutter erwidernd, diese zum Geschlechts- 
objekte erhebt. Er ist gegen sie nicht einfach zärtlich, was ja selbstverständ- 
lich wäre, sondern legt einen ganz besonderen Wert auf die Befriedigung 
seiner sexuellen Neugier. So will er z. B. bei ihrer Toilette immer anwesend 
sein, dringt ins Badezimmer ein, wenn sie gerade in der Wanne sitzt, und 
möchte aufs Klosett stets mitgenommen werden. Nicht selten erzählen die 
Mütter lachend, was für ein zudringlicher, nicht abzuschüttelnder Lieb- 
haber so ein dreijähriger Knirps schon ist. In brünstiger, kaum zu ver- 
kennender Art umschlingt und preßt er ihre Schenkel, vergräbt seinen 
Kopf in ihrem Schoß, erlaubt sich Griffe an ihre Brust oder kriecht unter 
ihre Röcke, um ihrer Genitalien ansichtig zu werden. Ja, es fehlt nicht 
einmal an direkten Verführungsversuchen. Er nimmt z. B. sein Glied heraus 
und geht mit halberigiertem Penis auf die Mutter los: „Mammi! Willst Du. 
mein Lulli sehn?" oder gar noch ärger: „Mammi! Nimm 's Lulli in den 
Mund!" 

Natürlich erscheint einem solchen Liebhaber der Vater als unlieb- 
samer Konkurrent. Unglaublich früh empfindet er ihn als lästigen Rivalen, 
welcher ihm die Liebe der Mutter raubt. Entschieden ist der Vater zuviel! 
Das Büblein sieht es gar nicht gerne, wenn jener nach Hause kommt, und 
gibt dies deutlich genug zu erkennen. Er wünscht ihn weg ins Bureau oder 
Amt, damit er nur selbst mit der Mutter allein sein kann. In Spielen und 
Phantasien schließt er den Erzeuger geradezu aus, da leben die Kleinen 
einzig mit ihrer Mutter zusammen „Kinder haben (oder brauchen) keinen 
Vater!" heißt der abweisende Bescheid, so nach diesem gefragt wird 1 ). 

Wie stellen sich nun die Eltern zu ihren kleinen Mädchen ? Auch da 
wirkt entscheidend die Anziehung der verschiedenen Geschlechter bei 
Abstoßung der gleichen, d. h. das Töchterchen wird vom Vater bevorzugt, . 
während die Mutter meist „streng gerecht", ja oft unerbittlich urteilt, aus 
geringerer Liebe und uneingestandener Eifersucht heraus. Mit Recht 
empfindet das kleine Mädchen die strenge Gerechtigkeit als eine Zurück - 

a ) Mir ist natürlich wohlbekannt, daß neben den regelmäßigen Haßempfin- 
dungen wider den gleichgeschlechtlichen Elternteil auch die liebevolle Einstellung 
zu diesem nie fehlt. Haben doch beiderlei Empfindungen gleichzeitig und nebenein- 
ander in der Seele jedwedes Kindes Platz. Nur ist die erstere meist um vieles deut- 
licher ausgeprägt. Ich werde im Text noch später darauf zurückkommen müssen. 
Hier noch eine Stelle aus der Analyse eines Kranken: „Schon mit vier Jahren war es 
mir stets sehr unangenehm, wenn der Vater die Mutter küßte. Das bereitete mir 
beinahe körperlichen Schmerz. Ich hatte stets das Gefühl, er tut der Mutter damit 
etwas an." Ähnlich äußern sich auch viele andere Patienten. 



_ — , 



45 

setzung. Jedwedes Kind ist ausgesprochen egoistisch, es will bevorzugt, mit. 
-anderen Worten: besonders geliebt werden. Wird ihm bloß das Gebührende 
zuteil, dann liebt man es zu wenig. Drum wendet es sich jenem Eltern - 
teil zu, der ihm mehr als den Pflichtteil Liebe schenkt. So drängt sich die 
Tochter' an den Vater heran mit allen Mitteln der Koketterie, die auch 
schon der Zweijährigen zu Gebote stehen, macht allerlei Anläufe, die 
Mutter zu ersetzen, z. B. in der Wirtschaft oder bei Tisch, erklärt nicht 
selten gerade heraus, sie wolle den Vater heiraten, und wünscht sich, wie 
die Analysen und direkten Beobachtungen ergeben, schon in frühen Jahren 
von diesem — ein Kind. Nur in einem Punkte besteht keine völlige Analogie 
mit dem Verhältnis zwischen Mutter und Sohn : gemeinhin hat der Vater 
nämlich mit der Kinderpflege wenig zu schaffen, wodurch die Tochter ver- 
schiedenen sexuellen Reizungen entgeht. Anderen hinwieder unterliegen 
beide Kindergeschlechter in gleichem Maße. 

Es läßt sich ganz allgemein behaupten: lieben lernt der Knabe von 
seiner Mutter, das Mädchen vom Vater. Große Gefahren erwachsen auch 
daraus, daß, wenn ein Gatte mit dem Ehegespons unzufrieden ist, die Glut 
des Mannes z. B. nachläßt, die Frau allmählich zu altern beginnt, sie beide 
die Kinder als Ersatzobjekt nehmen, auch im Liebesleben, mit uneinge- 
standener, unbewußt gehaltener sinnlicher Färbung 1 ), wenn auch natürlich? 
gehemmtem Sexualziel. Tatsächlich ist die Eifersucht des Vaters auf den 
Sohn, der Mutter auf die Tochter gewöhnlich berechtigt. Gewisse Formen 
von extragenitaler Befriedigung zwischen Eltern und Kindern hat die 
Gesellschaft sanktioniert oder duldet sie mindestens. Man darf den Kindern 
seine Liebe bezeugen, indem man sie ins Bett nimmt, ob sie da auch mehr 
zu sehen bekommen, als ihnen frommt. Wenn sie ihre sexuelle Neugier 
befriedigen, ja sich häufig durch allerlei Berührung erregen, so wären die 
Eltern doch höchlichst entrüstet, so jemand ihnen diese Dinge vorhielte. 
Der ungebetene Warner riskierte mutmaßüch verschiedene Grobheiten 
und selbst aus sonst verständigem Munde würde ihm entgegenschallen: 
„Aber, ich bitte Sie, was versteht denn ein Kind!" Und weil das Kind so 
gar nichts versteht, wie ein Engel „rein und unschuldig" ist, nimmt die 
Mutter z. B. keinen Anstand, vor dem kleinen Buben die Wäsche bis aufs 
Hemd zu wechseln, auf den Topf zu gehen oder den heftig Drängenden aufs 
Klosett mitzunehmen. Auch der Vater pflegt sich oft in dürftigster Toilette 
-vor der Tochter zu waschen, selbst wenn diese schon recht erwachsen ist, 
und manchmal fällt es schwer zu entscheiden, wieviel an all diesem eine 
unbewußte Exhibitionslust und wieviel die Beschränktheit der Eltern 
Schuld trägt. Die Wirkung ist freilich immer die gleiche: unnütze, starke 
geschlechtliche Erregung ihrer Kinder. 

Eine solche wird dann noch stärker gesetzt durch die häufige Beob- 
achtung des elterlichen Sexualverkehres. Auch in guten Familien ist es 
leider Sitte, die Sprößlinge weit über die notwendige Zeit den Schlafraum 
mit den Eltern teilen zu lassen. Mindestens bis zum vierten Jahre ist dies 



i) Vergl. hiezu meine Studie „Zur Psychologie des einzigen und des Lieblings- 
kindes", Fortschritte der Medizin Nr. 26, 1911. 



\ 



46 



.fast Regel doch gar nicht selten geschieht es auch bis zum zehnten ia bis 
zum vierzehnten. Was dies bedeutet, erfahren wir aus den Psychoanalysen 
unserer Neurotiker. doch auch von Gesunden, bei denen wir auf den Busch 
klopfen können Die Eltern lassen sich in ihren legitimen Ehefreuden durch 
die Anwesenheit der Kiemen nicht stören, denn erstens schlafen diese gan^ 

lflrr- 1C t kenne + d0 ? mein Kind! " - ™d zweitens, selbst wenn es schon 
etwas horte, verstünde es gar nichts. In der Psychoanalyse erfahren wir 

d« Fit U T ei r ?T aunen '. daß die Kinder nicht selten auf den Koitus 
der Eltern form ich lauern, sich oft künstlich bis zu dieser Zeit wach er- 

C SSJ * i ^ ^ ? CWafe aufsch ^cken, sobald sie die bekannten 

riJn ru veme »men Fürwahr die Sexualerziehung der Kinder muß bei 
den .Litern ihren Anfang nehmen! 

Ich habe bisher nur die sozusagen normale Liebesentwicklune verfolgt 
Es darf jedoch nicht verschwiegen werden, daß es von der Regel auch Ab- 

Ä3£?J A*™ Z -, B . die Mu " er ihre Tochter beso * de - ^ben, 
wie der Vater den Sohn, und beides von den Kindern in gleicher Weise 

vergolten werden. Ja, in einzelnen Fällen geht dies so weit, daß der Knabe 

sich gegen die Mutter auflehnt, die ihn hart behandelt, und den Vater be 

wundert zumal wenn dieser geistig um vieles höher steht und seinem Spröß- 

Strt fflSSf "W" D f rWeiberhaß mancher bedeutender MXnfr 
hchke t le S ZU ^k g ekomm c en - Bedeutsam erweist sich die Zart- 
sexualim OhnpT ^ uber dem Sohn oft «* ^ Genese der Homo- 
sexualität Ohne dem Spateren vorgreifen zu wollen, sei hier schon erwähnt 

keftsTl ^ lhfei ; ganZ kIdnen BübIein liebevoUe Überaufmerksam: 
?SS' ^beispielsweise nächtelang herumtragen, wenn sie erkranken, 
boder Kinderpflege eifrigst mitwirken, endlich noch gerne spielerisch an 
deren Penis greifen, etwa mit den Worten: „Was hat er denn da?" Dies 
letztere gehört nicht bloß ins Gebiet der überflüssigen Reizungen durct 
hfeL^piomen ^ erfahrui W mäß lan & oft nach in Krank- 

Um das Kapitel Eltern und Kinder zu einem vorläufigen Abschluß 
zu bringen, seien noch aus der späteren Entwicklung allerlei Schädlich- 
keiten zusammengetragen. Ich gehe wieder auf den Normalfall zurück 
daß der Knabe von der Mutter bevorzugt wird, das Mädchen vom Vater 
daß beide sich in der Liebe ihrer Kinder sonnen und ihre unbewußten 
sexuellen Gelüste an diesen erproben. Es gibt viele Frauen, die auf ihre 
bohne als Liebhaber nicht verzichten können 1 ). Eine solche Mutter in- 
spiziert ihn z. B. des Nachts, um sich von seinem guten Schlaf zu über- 
zeugen und ihn gelegentlich - abgedeckt zu sehen. Gern läßt sie ihm eine,. 

w™k ? W ! e frÜh Skh ° ft SCh ° n die Besor 8 ni « entwickelt, den Sohn an ein anderes 
nl wV erheren ',f '8* uns das schöne Bu< * der Meta Schoepp „Mein Junge und ich" 

hrl 7 f erZ f hlt ' S T e v abC fÜr " daS Bündel Leben "' das sie in ^e Welt gesetzt 
5 t ?. Sar ke ' n T e Liebe empfunden. Die Unappetitlichkeiten der Säuglingspflege- 

S£f ÄS"! l 8C TräneD Und laDge litt Sie Unter dem Bewußtsein, e] P n ab - 

erTaTsda?S e 7 i ;^ U ^m", J'T^ S edieh der J™S e ausgezeichnet. Doch 
erst, als das Kind zum ersten Male die Annchen nach ihr ausstreckte : „Mama Mama '" 
begann sie es zu heben. „N,e habe ich Gott so groß und gewaltig erkannt, als in dem 



47 

wie sie behauptet, „liberale Erziehung" angedeihen, deren oberster Grund- 
satz etwa lautet: „Zwischen mir und meinem Jungen gibt es kein Genieren!" 
Auch nicht beim Waschen oder Toilette-Wechseln, selbst wenn dieser 
Junge schon ganz erwachsen. In späteren Jahren setzt sie nicht selten 
einer jeden Heiratsabsicht des Sohnes heftigsten Widerstand entgegen. 
Keine in Frage kommende Braut vermag es ihr recht zu tun, will jede ihr 
doch den Geliebten rauben. Von einer solchen Mutter hörte ich einmal: 
„Meine Jungen sind nicht zum Heiraten, die bleiben bei mir, bis ich sterbe!" 
Und freit ein. solcher Sohn dann doch, wird sie zur typischen Schwieger- 
mutter, 

Ganz ähnlich benimmt sich bisweilen der Vater seiner Tochter 
gegenüber. Es kommt vor, daß jener deren Liebe dauernd für sich bean- 
sprucht und ihre Jugend ruhig verkümmern läßt, zumal wenn sein Weib ihm 
schon früh gestorben. Mitunter steht schon zu Lebzeiten der Mutter seine 
Liebe zur Tochter in vollem Saft. Das junge heranblühende Mädchen 
gefällt ihm begreiflicherweise viel besser als seine eigene schon welkende 
Frau. Ist er nun vollends Witwer geworden, so entpuppt er sich als der 
ausgesprochene Liebhaber seiner Tochter (natürlich wieder mit gehemmtem 
Sexualziel), welcher jeglichen Freier ingrimmig haßt und durch sein direkt 
abweisendes Betragen in der Regel auch glücklich zu verscheuchen ver- 
steht. Da ist keiner ihm gut genug für sein herrliches Mädel, jeder soll sich, 
womöglich auf der Stelle erklären, sonst habe er in seinem Haus nichts zu 
suchen. Und weil man die Katze doch nicht im Sack kauft, zieht jeder 
präsumptive Bräutigam sich vor dem knurrenden Alten zurück. Diese 
Väter sind völlig blind dafür, daß ihre Töchter allmählich verkümmern: 
„Das Mädel hat noch Zeit genug zu heiraten, wenn ich nicht mehr bin!" 
ist die beliebte egoistische Phrase, mit der man ein Weib um seine Zukunft 
betrügt. 

Auch in etwas weniger krassen Fällen führt die allzu starke Liebes- 
bindung der Tochter an den Vater zu schweren Konsequenzen. Die not- 
wendige Übertragung auf einen Bräutigam gelingt nicht recht und das- 
Mädchen kann sich zum Heiraten absolut nicht entschließen. An jedem 
Freier hat sie irgend etwas auszusetzen, wenn dieser vorgeschütze Mangel ' 
in Wahrheit auch nur mikroskopisch ist. Denn einen Hauptfehler besitzt 
er wirklich: er ist nicht der Vater! Und da sie scheinbar zu wählerisch ist, 
weil sie „es nirgends so gut haben kann wie zu Hause", gelingt es ihr häufig,, 
ledig zu bleiben. Nur wenn der Vater selber auf ihre Verheiratung drängt, 
dann setzt er durch, was keinem sonst gelänge. Sie entschließt sich wirklich 
für einen Bewerber, nur daß sie nicht diesen mit ihrer Hand beglückt,. 

Augenblick, da mein Kind .Mama' stammelte." Als der Junge 2, 3 Jahre alt war 
und seinen eigenen Kopf durchzusetzen begann, kam ihr der Einfall: „Nun hat er 
schon seine eigenen Gedanken! Wie wird das später werden? Eines Tages wird er 
mir nicht mehr gehören ! Eines Tages wird er eine Geliebte haben und seine Mutter 
wird er besuchen, wenn er gerade übrige Zeit hat ! Nur für eine andere Frau haben wir 
unsere Söhne geboren! Ich dachte gar nicht daran, daß diese Geliebte noch gar nicht 
geboren war, aber ich hatte einen richtigen Haß auf das unbekannte Geschöpf, das 
mir meinen Sohn nehmen wollte." 






48 



vielmehr den Stellvertreter des Vaters, den von ihm selber empfohlenen 
Mann. In der Ehe wird eine solche Tochter bestenfalls eine musterhafte 
Gattin, die mit peinlicher Sorgfalt, ja übergenau, ihre Pflichten als Mutter 
und Hausfrau erfüllt, im übrigen aber dem Manne nie zur Geliebten wird, 
und stets sexuell anästhetisch bleibt. Stirbt der Vater, so kann es geschehen, 
daß die innerlich nie sehr gefestigte Ehe abzubröckeln anhebt und nach 
Jahr und Tag noch zur Scheidung kommt. 

Das Gegenstück zu dieser natura frigida aus Verlötung an den Vater 
ist dann der Sohn, den die Liebe zur Mutter psychisch impotent oder 
wenigstens zur Eheschließung unfähig macht. Auch wo es nicht zu so 
schweren Fixierungen gekommen ist, besteht doch immer gleichsam ein 
ungeschriebenes Recht des Sohnes auf die Mutter, der Tochter auf den 
Vater. Sinnfällig wird dies, wenn ein Elternteil stirbt und der überlebende 
sich neuerdings vermählen möchte. Da setzt es die heftigsten Familien - 
kämpfe, die Kinder werden geradezu wütend und scheuen bisweilen selbst 
vor der psychiatrischen Internierung des Sünders nicht zurück. Da heißt 
es z. B.: „In einem solchen Hause kann man nicht bleiben", „Vater oder 
Mutter werden sich im Grabe umdrehen", „Man muß den Pflichtvergessenen 
unter Kuratel setzen" und was dergleichen Ausbrüche der Familienliebe 
mehr noch sind. In Wahrheit jedoch geht es nie um den verstorbenen Teil, 
sondern stets um den lebenden. Dieser ist's, der durch seine unbegreiflichen 
Johannistriebe den Kindern selber untreu wird, deren Liebesobjekt er 
bisher gewesen. Bezeichnenderweise empört sich ob des Vaters Vermählung 
besonders die Tochter und dann vielleicht noch deren Mann, über die der 
Mutter aber stets der Sohn. 

Wenn die Kinder selber Eltern geworden, bleibt ihnen die Erinnerung 
an jenes ungeschriebene Recht und hindert sie an — der geschlechtlichen 
Aufklärung ihrer Sprößlinge. Man hat da gut, die vernünftigsten Gründe 
anzuführen, weshalb es am besten sei, wenn der Vater seinen Sohn belehre, 
die Mutter ihre Tochter. Tatsächlich gelingt eine solche Unterweisung nur 
äußerst selten, und zwar darum, weil die Eltern vor nichts so sehr zurück - 
beben, als vor der wahrscheinlichen Frage des Kindes: „Hast Du's mit 
dem Vater, oder hast Du's mit der Mutter ebenso gemacht?" Sozial mag 
der Koitus zwischen den Eltern völlig legitim sein, dem Kinde jedoch tut 
er bitter Unrecht, so daß man am liebsten davon schweigt. Auch die Kinder 
besitzen ein deutliches Empfinden hiefür. Erfahren sie nämlich sexuelle 
Aufklärung von fremder Seite, ist die Reaktion ganz regelmäßig, z. B. 
beim Mädchen: „Andere Leute mögen solche Schweinereien treiben, von 
meinem Vater (eventuell auch von meinen Bruder) glaube ich das 
nimmer!" Wie könnte man einer geliebten Person solche Schändlichkeit 
zumuten ! Und wenn in einer Ehe noch ein Spätling kommt, so schämt sich 
die Mutter besonders vor ihren erwachsenen Töchtern, während diese auf 
sie mit einem Gemisch von lüsterner Neugier, Verachtung und Sexualneid 
blicken. 

Der Gegensatz zwischen Vätern und Söhnen ist ein uralter, hat ver- 
mutlich bereits die Urhorde durchtobt und zur Stunde in Europas Re- 
volutionen einen gewissen Höhepunkt erreicht. Die deutsche dramatische 



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Literatur des 18. Jahrhunderts, Rußlands epische im 19. Säkulum lebten 
vom Kampf zwischen „Vätern und Söhnen". Und heutzutage, da die 
Herrscherfamilien Rußlands, Deutschlands und weiland Österreichs weg- 
gefegt wurden, der Adel gestürzt und das Militär entlassen wurde, ist der 
Sieg der Söhne vielfach schon offenkundig geworden. Tiefinnerlich aber 
lebt noch in vielen Schichten des Volkes der Respekt vor dem Vater und 
damit auch vor dem Herrscher, der Religion und den obersten Gewalten 
Doch darf man nicht wähnen - dies sei noch einmal nachdrücklichst 
betont - es gebe zwischen Vater und Sohn nur Haß und Erbitterung 
Bloß um der besseren Einführung willen ward hier die Sache mehr 
schematisch entworfen. Richtig ist freilich, daß das Verhältnis zwischen 
Vater und Sohn wie zwischen Mutter und Tochter von vielen feindseligen 
Zügen durchtränkt wird. Neben diesen jedoch bestehen ganz regelmäßig 
mindest zu Zeiten, auch liebevoll-zärtliche Herzensbeziehungen. Ja, man" 
darf sogar sagen: die Liebe des Kindes pendelt zwischen beiden Eltern - 
teilen stets hin und her, wenn auch für gewöhnlich der gegengeschlechtliche 
bevorzugt wird. Erfährt man jedoch von diesem eine Liebesenttäuschung 
dann wendet man sich leicht dem anderen zu, dem man nun für länger oder 
kurzer anhängt. Diese Hinneigung zu dem gleichgeschlechtlichen Elternteile 
gibt dann eine Wurzel für gewisse Züge der Homosexualität. 

Vorwaltend ist freilich der Gegensatz zwischen den gleichen Ge- 
schlechtern, den ich oben schilderte. Dieser führt nun zur Zeit des ersten 
großen sexuellen Vorstoßes, d. h. zwischen dem dritten und fünften Jahre, 
zur Bildung des sogenannten „Ödipus-Komplexes". Unter Komplex ver- 
steht die Bleuler- Jungsche Schule eine Gruppe von zusammengehörigen 
Vorstellungen, die an eine Person oder an einen Begriff der Kindheit an- 
knüpfen, vom Unbewußten her einen überaus starken Gefühlston besitzen 
und uns nun beherrschen, oft ohne daß wir dessen inne werden. So kann 
der Vater, die Mutter oder ihr Vorbild, der Gottes- oder Religionsbegriff den 
Kern eines solchen Komplexes ausmachen. Auch das erotische Verhältnis des 
Knaben zu Mutter und Vater gibt Anlaß zu einem bedeutsamen Komplex. 
Die alten Griechen, so in geschlechtlichen Dingen weit unbefangener 
und ehrlicher dachten, als unsere prüden, sexualun frohen Zeitgenossen, 
schufen den Mythos vom König Ödipus, der den Vater erschlägt und seine 
Mutter freit. Und wie sonderbar! Des Sophokles Drama, das diesen Stoff 
behandelt, hat nicht nur vor mehr denn 2000 Jahren seine Hörer gepackt, 
•sondern als es Wilbrandt vor etlichen Jahrzehnten auf die Bühne des 
Wiener Burgtheaters brachte, blieb auch jetzt, bei einem modernen 
Publikum, kein Auge trocken. Es muß also etwas im Stoffe liegen, das jeder- 
mann packt, gleichgültig welchem Volk oder Zeitalter er zurechnet. Tat- 
sächlich lehrten uns sämtliche Psychoanalysen, die bisher an Neurotikern 
ausgeführt wurden, daß keinem Einzigen derÖdipus-Komplex, wie Fr eud ihn 
betitelte, jemals fehlte. Sämtliche hatten als Kinder den Wunsch, die 
Mutter zu freien, nachdem der Vater beseitigt worden. Dieser Wunsch ist 
so typisch und regelmäßig, steht derart im Mittelpunkt des ganzen Nervös- 
sems, daß ihn Freud den „Kernkomplex" der Neurose nannte. Was aber 
:noch wichtiger, es läßt sich nachweisen, daß der Ödipus-Komplex auch 

Sndger, Geschlechtsverirrungen. 



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keinem gesund Gebliebenen mangelt. Viele erzählen in heller Entrüstung, 
sie hätten vom Geschlechtsverkehr mit ihrer Mutter geträumt, ja dies 
sogar zu wiederholten Malen. Daß Träume hier nicht bloß Schäume sind, 
mag uns ein Zitat aus Bleuler erweisen. 

In einer kritischen Studie „Die Psychanalyse Freuds" (Jahrbuch für 
psychoanalytische und psychopathologische Forschungen, 2. Bd., S. 647) 
führt dieser die Meinung unserer Gegner an, der Ödipus-Komplex sei 
„der Gipfel des Unverstandes, der Pietätlosigkeit, das ekelhafte Produkt 
einer ausschweifenden Phantasie, so daß ein unwiderleglicher Gegenbeweis, 
gegen die Existenz sexueller Gefühle zwischen Eltern und Kindern in den 
Ausrufzeichen oder den gleichwertigen Bemerkungen liegt, die man der 
Erwähnung der Mißgeburt zuweilen beifügt. Aber dieser Ödipus-Komplex 
existiert trotz dieses streng wissenschaftlichen Gegenbeweises, und zwar 
wird er, wenn man darnach sucht, so regelmäßig gefunden, daß die An- 
nahme, er sei allen Menschen eigen, die von andersgeschlechtigen Eltern 
aufgezogen sind, die wahrscheinlichste ist. Als ich zum ersten Mal davon 
las, hatte ich genau die gleichen Gefühle wie die meisten unserer Kritiker. 
Schließlich — im Lauf e von zirka vier Jahren - habe ich ihn bei mir selber 
in ganz krasser Form nachgewiesen, und zwar aus Zeichen, die aus der 
Pubertätszeit, also lange vor Freuds Publikation, datieren. Ich mußte 
merkwürdigerweise die betreffenden ganz klaren, in keiner Weise zu deuten- 
den Träume als solche gar nicht aus der Verdrängung holen, ich hatte 
dieselben in anderem Zusammenhange oft erinnert, aber ich war 
charakteristisch genug -- so lange nicht fähig gewesen', die Vorstellung des 
Odipus-Komplexes daran zu assoziieren. Bei meiner Frau habe ich bewußt 
wichtige Ähnlichkeiten mit meiner Mutter erst lange nach der Verheiratung 
entdeckt, aber bevor ich meinen Ödipus-Komplex kannte. Solche Ähnlich- 
keiten sind bei ihr auch von anderen Leuten, die nichts von Freud wissen, 
ganz zufällig konstatiert worden. Und in den allerdings seltenen Träumen' 
in denen meine Frau kurz auftritt, ist sie meist mit meiner Mutter verdichtet* 
An meinem älteren Knaben und meinem Mädchen habe ich den Ödipus- 
Komplex vom ersten Jahre an absolut sicher konstatiert . . . Bei erwachsenen 
Gesunden und Kranken ist der Ödipus-Komplex oft sehr leicht zu finden. 
Was beweist gegen nur einige hundert solcher Fälle ein Ausrufzeichen ?" 
Mutter-Inzest und Vatermord sind die beiden Verbrechen, die eigent- 
lich jeder Junge begeht - in der Phantasie. Wem es unfaßlich däucht, ein 
Knabe solle seinem Vater den Tod wünschen, dem ist zu erwidern, daß ein 
Kind vom Gestorbensein eine durchaus andere Vorstellung hat als etwa 
der Erwachsene. Es weiß ja nichts von den Schrecken des Todes und dem 
Greuel der Verwesung, kennt nicht die Angst vor dem unbekannten Jen- 
seits, „von des Bezirk kein Wanderer wiederkehrt". „Gestorbensein", 
sagt Freud in seiner „Traumdeutung", „heißt für das Kind nur soviel 
als ,fort sein', die Überlebenden nicht mehr stören. Es unterscheidet nicht, 
ob durch Verreisen, Entfremdung oder Tod. Wenn der kleine Knabe neben 
der Mutter schlafen darf, sobald der Vater verreist ist, und nach dessen 
Rückkehr ins Kinderzimmer zurück muß zu einer Person, die ihm weit 
wenigergefällt, so mag sich leicht der Wunsch bei ihm gestalten, daß der Vater 



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immer abwesend sein möge, daß er seinen Platz bei der lieben, schönen Mama 
behalten kann. Und ein Mittel zur Erreichung dieses Wunsches ist es offen- 
bar, wenn der Vater tot ist, denn das hat ihn seine Erfahrung gelehrt: ,Tote* 
Leute, wie der Großpapa z. B., sind immer abwesend, kommen nie wieder." 
Der Ödipus-Komplex, den ich bisher einzig beim Sohne besprach, 
gilt mutatis mutandis auch für die Tochter, nur daß er bei dieser meist 
nicht so krasse Formen annimmt. Immerhin wünscht sie die Mutter weg, 
d. h. mit anderen Worten tot, will den Vater freien und von ihm ein Kind 
kriegen. Der oben zitierte „Schrei nach dem Kinde" hat hier eine weitere 
bedeutsame Wurzel. Das Kind ohne Mann, dafür ist zu setzen: ohne 
fremden Mann. Derjenige, von dem sie das Kind im Grunde gern haben 
möchte, ist nämlich der Vater. Nachdem dieser Wunsch als besonders 
anstößig Verwerfung gefunden, soll es geschehen, ohne daß man den Mann 
überhaupt benötigte. 

Dem Ödipus-Komplex entgeht kein Sterblicher, der in den ersten 
Lebensjahren bei Vater und Mutter aufgezogen wird, was ja wohl das Los 
der meisten Menschen. Auch der beste Vater kann dem Haß seines Sohnes 
nimmer ausweichen, so wenig Grund er diesem auch scheinbar gegeben hat. 
Denn seine Ursünde bleibt immer bestehen, daß er nämlich jenem die 
Mutter wegnahm. Dessen Feindseligkeit also entrinnen zu wollen, ist eitel 
Bemühen, man kann höchstens versuchen, sie in Pietät und Freundschaft 
zu wandeln. Nur darf die Mutter den physiologischen Ödipus-Komplex 
nicht aufs höchste steigern durch übergroße Zärtlichkeiten, zumal durch 
Liebkosungen im Bett.. 

Im Grunde wäre es gar njeht zu wünschen, daß jener Komplex den 
Menschen erspart bliebe. Führt er doch im Bund mit dem Kastrations- 
Komplex .zu wichtigen Reaktionen von hohem kulturellen Werte. Nicht 
nur der Neurotiker erwirbt durch ihn sein Schuldgefühl, das sich bei Manchen, 
den Zwangsneurotikern, in wahre Übermoral umzusetzen pflegt. Freud' 
hat es außerdem wahrscheinlich gemacht, daß die Menschheit in toto ihr 
Schuldbewußtsein, und damit die Grundlage ihres Gewissens, der Religion 
und Sittlichkeit am Ödipus-Komplex gewonnen hat. 

Auch im Alltagsleben verspürt man dessen Wirkung bei jedem 
Gesunden. Betrachten wir einmal das Verhältnis der Eltern zu ihren Kindern 
in späteren Jahren. Nicht der Vater, der seinem Sprößling alles nachgab 
und sich in Liebe zu ihm verzehrte, nicht die Mutter, die ganz in dem 
Sohne aufging, werden von diesem am meisten geliebt, sondern jener 
Elternteil, der eine strenge Hand besaß, die oft zu Zorn oder Unwillen 
reizte. In der Kindheit freilich weckt verzärtelnde Liebe stets Gegen- 
neigung. Heranwachsende jedoch empfinden nicht selten jene allzu große 
Güte als Last und wenden sich von ihr ab, während gerade der strenge 
Vater und die strenge Mutter oft ihr Lebelang mit Verehrung und wirklicher 
Liebe bedacht werden. Eigentlich ist das größte Wunder der Gesittung 
die Liebe des Sohnes zu seinem Vater, dem Erz- und Ur-Feind, der ihm die 
Mutter weggenommen hat. Durchsichtig ist, was beide zu einander zieht, 
das Schuldgefühl des Kindes gegenüber dem gleichgeschlechtlichen Eltern- 
teile. Man muß dem anderen etwas zu vergeben, böse Gedanken auf ihn 






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gehabt haben, nach deren Verdrängung die Liebe mit doppelter Stärke 
erwacht, dieweil sie erwachsen auf dem Boden unterdrückter Feindschaft 1 ) . 
Man sieht, der Ödipus-Komplex führt zur richtigen Pietät für seine Eltern. 
Auch ein Gegenstück gehört hieher. Bei den Juden, wo der Vater in der 
Lage ist, durch die rituelle Zirkumzision seinen schweren, eifersüchtigen 
Haß in eine Art Entmannung umzusetzen, wird das Verhältnis zwischen 
Vater und Sohn oft ein überzärtliches. 

Nun noch eine Beziehung, die für das Thema dieses Buches 
von besonderer Bedeutung. Der Ödipus-Komplex ist, wie ich später 
aufzeigen werde, mit eine der wesentlichsten Grundlagen der Per- 
versionen. Nicht immer wird der. ganze Komplex herangezogen, wohl aber 
mindestens der erste Teil, der Inzest mit der Mutter, und die Kastrations- 
strafe, welche darauf gesetzt ist. 

Kehren wir nochmals zum Kinde zurück und dessen Stellung im Kreise 
der Seinen. Recht häufig erweitert sich der Ödipus- zum Familienkomplex 
durch die Geburt eines Geschwisterchens. Hier hebt für gewöhnlich die 
erste Enttäuschung des Kindes an. Das Neugeborene bedarf naturgemäß 
größerer Pflege als der ältere Sprößling. Dieser sieht sich unverdienterweise 
zurückgesetzt und minder be; chtet, für sein Empfinden also weniger geliebt 2 ) 
und, da sämtliche Kinder egoistisch sind, wird sein Herz von arger Bitter 
keit erfüllt gegen seine Mutter. Überflüssig zu sagen, daß er auch wider dat 
jüngere Geschwisterchen Haß und Eifersucht empfindet, nur dann ge- 
mildert, ja bisweilen ins direkte Gegenteil umschlagend, wenn die Ver- 
schiedenheit der Geschlechter ihre physiologische Anziehung übt. Bei 
gleichen jedoch ist es direkt Regel, daß das ältere Kind das jüngere miß- 
handelt, es anzuschwärzen sucht und seiner Spielsachen beraubt, während 
sich dies in ohnmächtiger Wut wider jenes verzehrt. Bei ganz kleinen Ge- 
schwistern kann es zu noch weit Ärgerem kommen, selbst Mordversuche, 
ja direkte Tötungen wurden schon beobachtet, wie manche Pädagogen, von 
Entsetzen erfüllt, berichten mußten. Es ist tröstlich zu wissen, daß aus der 
Reaktion auf jene Haßimpulse oft zärtlichste, heiße Geschwisterliebe keimt. 
Praktisch bedeutsam ist öfter folgende Kombination. Ein zweites 
Kind soll auf die Welt kommen, weshalb der erstgeborene Knabe zum Vater 
einquartiert wird, ja mit ihm häufig obendrein das Bett teilt. Er wird nun 
vom Vater zu dieser Zeit und noch eine geraume Weile nachher besonders 
verhätschelt, mit allerlei Zärtlichkeiten und Liebkosungen bedacht. Be- 
finden sich beide doch in der gleichen peinlichen Lage, von der Mutter kalt 
gestellt worden zu sein. Bei einer gewissen Disposition des Knaben kann 
dies Verhalten mit eine belangreiche Wurzel werden für die Genese einer 
späteren Homosexualität. 



x ) Umgekehrt wird oft jenes Kind von der Mutter am stärksten geliebt, das 
sie „unwillkürlich" empfangen und vielleicht gar abzutreiben versucht hatte, dem sie 
also noch in ihrem Leibe den Tod gewünscht hatte. 

*) Dies kann sogar eintreten, wenn man sich ein Geschwisterchen lebhaft ge- 
wünscht hat. Einst analysierte ich ein 29 jähriges Mädchen, das sich mit sechs Jahren 
ein Schwesterchen heiß ersehnt hatte. Als nun ein solches tatsächlich in der Nacht 
geboren wurde und der Vater ihr die Botschaft brachte: „Du hast ein Schwesterchen 



■ 



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Ich muß mir versagen, auf weitere Möglichkeiten der Familien- 
konstellation hier einzugehen, da sie mehr für die Neurosen als die Ge- 
schlechtsverirrungen Bedeutung haben. Nur das eine sei erwähnt, daß, 
wenn die Kinder allmählig heranwachsen, vom Knaben nicht selten die 
Schwester zum Liebesobjekt erkürt wird statt der treulosen Mutter. Um- 
gekehrt empfinden die kleinen Mädchen, wenn der Vater in ihren ersten 
Jahren sehr zärtlich war und dies etwa vom fünften Jahre ab nachläßt — 
erstens, weil das Kind nicht mehr so liebenswürdig und reizend ist und 
zweitens, weil man es nicht so verwöhnen will — das als starke Zurück- 
setzung und stellen nun ihren älteren Bruder auf den Platz des Vaters. 

Fesselnd ist besonders folgende Wendung des kleinen Töchterchens. 
Die wünscht sich ganz regelmäßig Kinder vom Vater. Statt ihrer jedoch 
bekommt die Mutter ein solches von diesem. Darüber ist nun die Kleine 
anfangs äußerst unglücklich, dann aber läßt sie sich herbei, dies Ersatzkind 
zu adoptieren. Und wenn sie 6—10' Jahre alt ist, erklärt sie geradezu» 
dies sei ihr Kind, und behandelt es das ganze Leben lang so. Sie erblickt 
z. B. in der jüngeren Schwester fortab das Baby, so sie sich seinerzeit vom. 
Vater wünschte. Sind ausschließlich Buben in einer Familie, dann steigt 
die Sehnsucht nach einer Schwester in jenen oft sehr hoch. Ich hörte z. B. 
einen eilf- und einen siebenjährigen Jungen kategorisch erklären, sie 
wünschten sich zum Christkind bloß ein Schwesterlein, andere Geschenke näh 
men sie nicht an. In einem zweiten Falle waren die Knaben schon mannbar 
geworden (18 und 16 Jahre), als die Mutter nochmals in die Hoffnung kam. 
Voll Beschämung eröffnet sie sich den Söhnen. Doch diese trösten sie äußerst 
liebevoll und freuen sich ungemein auf das Schwesterchen. „Als dann 
wirklich ein Mädchen kam", erzählte mir der Ältere, der mit besonderer 
Innigkeit an der Mutter hing, „gab es keinen glücklicheren Menschen als 
mich. Hatte ich doch sozusagen ein Kind mit der Mutter. Wenn ich den 
Vater sah, kamen mir momentan Zweifel, ob das Schwesterchen von ihm 
wäre, so sehr betrachtete ich es als mein eigen, ja, bis zum heutigen Tage 
hieß ich es immer nur ,das Kind', oder häufiger noch ,mein Kind'". 

Endlich eine Episode aus dem Leben eines vierjährigen, sehr aus- 
gelassenen und jähzornigen Buben. Seine Mutter genas in einem Sanatorium 
eines kleinen Mädchens. Als nun der Junge vom Vater zum ersten Mal hin- 
geführt wurde, fand er zuerst überhaupt keine Worte. Dann zog er tief 
Atem und keuchte: „Das gehört mir! Das ist mein Schwesterchen! Das 
schöne Schwesterchen!" fiel der Mutter um den Hals -und küßte sie ab. 
Von da ab hing er mit ganz besonderer Zärtlichkeit an dieser Schwester 
und zeigte sie allen Besuchern mit Stolz. Benimmt sich dieser Knabe nicht, 
als hätte die Mutter ihm das Kind geboren, als wäre er der Vater und 
küßt er die Wöchnerin nicht ab wie ein Ehemann, dem sie die heißersehnte 



bekommen, bist du nun zufrieden ?" Da antwortete sie nichts und hatte nur eine un- 
bewußte Ahnung: das wird nicht gut enden. Dann sah sie die Mutter glücklich und 
lächelnd und daneben das kleine Kindchen. Ihr aber zuckten die Lippen und sie fiel 
dem Vater um den Hals: „Jetzt ist die da, jetzt werdet ihr die gern haben und mich 
nicht!" 



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Tochter geschenkt P 1 ) Überhaupt ist zu sagen, daß jeder Knabe sich von 
der Mutter ein Kind gewünscht hat, jedes Mädchen vom Vater. Dort wird 
der Vater, hier die Mutter völlig ausgeschaltet. 

Die Stellung eines Menschen in der Kinderreihe ist für die Gestaltung 
seines Gefühlslebens und seines Charakters von enormer Bedeutung. Zweite 
Kinder werden z. B. fast immer zurückgesetzt und empfinden es auch so, 
zumal wenn sie vom nämlichen Geschlechte. Sie werden dann neidisch, 
eifersüchtig und — kommen fürderhin gewohnheitsmäßig immer zu spät! 
so wie sie zu spät auf die Welt gekommen. Nicht bloß die Erbanlagen von 
den Eltern bestimmen nämlich unser Schicksal, sondern ebensosehr, was wir 
dereinst in der Kindheit erlebten. Neben der Heredität ist dies das Wichtigste 
und da ist die Stellung in der Kinderreihe ein entscheidender Umstand. 

Zum Schlüsse kann ich mir nicht versagen, noch mancher Beziehungen 
der Pubertät ein wenig zu gedenken. Es scheint zur Entwicklung eines 
Vollmannes notwendig, daß beide Eltern am Leben bleiben bis zur Be- 
endigung seiner Mannbarkeit. Zu Beginn der Reifezeit erwachen im Jüng- 
ling sinnliche Wünsche auf seine Mutter, genau wie in der Knabenzeit auch, 
nur daß sie jetzt natürlich viel schärfere Ausbildung erfahren und eine weit 
raschere Unterdrückung, womit eine Feindseligkeit Hand in Hand geht 
wider den Vater oder Vater-Ersatz. Daher die regelmäßige revolutionäre, 
gottlose Gesinnung jener Tage. Jeder halbwegs intelligente Junge möchte 
ein Buch schreiben „in tyrannos", mit anderen Worten wider seinen Er- 
zeuger. Es ist vielleicht noch die glücklichste Lösung und vielen Familien - 
konflikten vorbeugend, wenn der Sohn sich wenigstens für einige Jahre 
oder dauernd von den Eltern trennt, um dann in der Fremde eine zweite 
vorwurfsfreie Heimat zu finden (Goethe, Schiller). Oft handelt es sich 
wirklich um ein Davonlaufen vor dem Vater, von dem man für seine ver- 
botenen Wünsche die Kastration oder gar Tötung befürchtet, wenn auch 
freilich meist ganz unbewußt. Als mildeste Form jener Flucht vor dem 
Vater mag etwa gelten, wenn der Sohn nach bestandener Reifeprüfung in 
einer anderen Stadt die Hochschule bezieht und nur in den Ferien die Eltern 
aufsucht. Seltener sind jene Söhne, die nach einer kurzen Periode des 
Aufmuckens homosexuell auf den Vater übertragen, brav, ja übergehorsam 
werden und ganz in jenes Fußstapfen wandeln. Aus solchen Söhnen wird 
freilich auch nie Großes. 

Besonders verhängnisvoll erweist sich, wie die Erfahrung lehrt, der 
Tod des Vaters in den Puber täts jähren seines Sohnes. Gewöhnlich ver- 
meinen da die Angehörigen, jetzt sei es die vornehmste Aufgabe des Jüng- 
lings, der hinterbliebenen Witwe den Gatten zu ersetzen, d. h. den Er- 
nährer. Der Sohn faßt die Sache gewöhnlich durchaus anders auf. Er macht 
vielleicht einen kleinen Anlauf, wirklich Erhalter der Familie zu werden 
Die Regel aber ist das nicht. Wohl möchte er den Vater ersetzen, allein 
nur in sexueller Beziehung, die Mutter solle ihn zum Liebhaber nehmen. 

*) Hierher möchte ich auch einen Zug aus Goethes Leben rechnen. Von diesem 
erzählt Bettina in dem „Briefwechsel mit einem Kinde": „Zur kleinen Schwester 
Kornelia hatte er, da sie noch in der Wiege lag, schon die zärtlichste Zuneigung. Er 
trug ihr alles zu und wollte sie allein nähren und pflegen und war eifersüchtig, wenn man 
sie aus der Wiege nahm, in der er sie beherrschte. Da war sein Zorn nicht zu bändigen." 









Doch da Moral und Religion sich diesem Wunsche widersetzen, so muß die 
Mutter, was sie dem Sohne in geschlechtlicher Hinsicht schuldig bleibt, 
überreichlich ersetzen dadurch, daß sie zeitlebens ihn erhält statt der 
umgekehrten Regel. Wissen wir doch, daß Männer, welche ihre Frauen nicht 
genügend befriedigen, dies wettmachen müssen durch verdoppelte Geld- 
opfer. Kann die Mutter dem Sohn nicht Geliebte sein, so muß sie ihm 
wenigstens Ernährerin bleiben. Durch den Tod des Erzeugers ist gewisser- 
maßen wieder das Urverhältnis hergestellt zwischen Säugling und Mutter, 
bei welchem der Vater ja auch noch keine Rolle spielte und die Mutter 
allein ihm Hunger wie erotisches Verlangen stillte. Es findet da also gleich- 
sam eine Rückkehr in die Säuglingszeit statt. 

Sorgfältig weicht der Sohn fortab jeder Möglichkeit aus, selbständig 
zu werden, auch nur sich zu erhalten, geschweige denn Mutter oder Ge- 
schwister. Hingegen läßt er sich gern von jener oder etwa noch einer 
Schwester ernähren, die da Mutter-Ersatz spielt. Als typische Beispiele 
könnte man anführen Konrad Ferdinand Meyer und Gottfried Keller, 
sowie Friedrich Hebbel, welch letzterer sich zeitlebens von der Mutter 
oder einer Mutter-Imago aushalten ließ. Der Methoden, wie man es ver- 
meidet, jemals auf eigenen Füßen zu stehen, gibt es gar viele. Man wählt 
z. B. einen Beruf, der sich als ungeeignet erweist und vertrödelt damit die 
wichtigsten Jahre seines Lebens, was dann als Irrtum in der Erkenntnis 
seiner Begabung angesprochen wird. Oder man ergibt sich Liebhabereien 
und studiert eventuell eine Menge von Fächern, was an sich sehr schön ist, 
doch nie zum Broterwerb führen kann. Wieder andere warten auf eine 
Inspiration des Genius oder verfallen der Neurose, welche sie an jeder 
Arbeit hindert, und dergleichen mehr. 

Die meisten werden auch typische Junggesellen, vermögen nicht zu 
freien oder versäumen die Überfuhr. Erst wenn die Mutter das Zeitliche 
segnete, können sie, oft noch in überspäten Jahren, ein Weib sich nehmen. 
Nicht selten ist dies eine nahe Verwandte, z. B. eine direkte Cousine, die 
an die Mutter gemahnt, oder aber eine reiche Tochter und Erbin, die durch 
ihr Vermögen den Mann der Selbsterhaltung enthebt und so die Aufgabe 
der Verstorbenen fortsetzt. Derart unsterblich wirkt die Liebesforderung 
nach. Ich möchte ergänzen, daß auch der typische Mitgiftjäger nicht immer 
ein Minderwertiger sein muß, bisweilen ist er nur ein ewig liebehungriger 
Sohn, dem die Mutter oder ein Mutter-Ersatz für immer die Sorge um des 
Lebens Notdurft abnehmen soll. 

Nun noch ein Wort zum Verhältnis zwischen Vater und Tochter, wenn 
die Mutter stirbt, gerade da ihr Mädchen zur Jungfrau heranblüht. Ich 
setze den noch nicht besprochenen Fall, daß der Vater die Liebe seines 
Töchterleins nicht für sich beansprucht, sondern selber von dem Wunsche 
beseelt ist, sie rechtzeitig .unter die Haube zu bringen. Da sieht man recht 
häufig, daß, wenn diese dem Zug ihres Herzens folgt, sie sich regelmäßig 
älteren und verheirateten Männern zuwendet, wie es der Vater ihrer Kind- 
heit gewesen. Und nicht selten treibt sie die Sache so weit, daß der Mann, 
an den sie ihr Herz gehängt, sich von seinem Eheweib scheiden läßt, um 
sie selber zu freien. Das ist dann die späte Erfüllung ihrer Kindheits- 
träume: so sollte der Vater die Mutter verlassen, um ihr anzuhangen. 



III. KAPITEL. 

Der Kastrations- Komplex. >) 

In den letzten Jahren ist unter den verschiedenen Komplexen des 
Menschen einer zu besonderen Ehren gekommen, ja mit dem Ödipus- und 
Fa^ihen-Komplex als der weitaus wichtigste, festgestellt worden: ich meine 
toKastraMijk. Die Drohung, dem Knaben das kostbare 
Membrum abzuschneiden - in anderer, symbolischer Form : ihm die Finger 
abzuschneiden Finger oder Hände abzuhacken, beim Mädchen auch die 
Vulva zuzunähen - -wird meist als Strafe ausgesprochen für die Enuresis 
des Kindes, dessen Masturbation oder Exhibition. Die erste Bedingung für 
den Entmannungs-Komplex ist also gemeinhin vorausgegangene Sexual- 
betatigung Eine ganze Weile pflegt nun der Bub an jener Drohung vorbei- 
zugehen, ohne sich mehr um sie zu bekümmern, als um soviel andere, von 
welchen reiche Erfahrung ihn lehrte, daß sie doch nie zur Ausführung 
kommen, wie etwa: man werde ihn nicht mehr lieb haben usw usw Da 
bekommt er eines schönen Tages ein weibliches Genitale zu schauen, sagen 
wir z. B. der jüngeren Schwester, und das wirkt jetzt wie ein großes Trauma. 
Scheint ihm doch nunmehr zum Greifen erwiesen, man könne tatsächlich 
üas tdied abschneiden, also müsse man ernstlich Angst um dies hegen Mit 
dem Anblick des penislosen Genitales ist nun auch die zweite Bedingung 
erfüllt für die Entstehung des Kastrations-Komplexes. Zum dritten aber 
und pathogen wird dieser erst dann, wenn er in den Kern-, den Ödipus- 
komplex der Neurose einmündet, und zwar erst nach Verdrängung des 
letzteren. Bemerkenswert ist: sobald ein Kind die Eltern als Hemmung 
semer geschlechtlichen Wünsche empfindet, kommt es von selbst auf den 
Kastrations-Komplex, auch wenn jene die Drohung gar nicht aussprachen. 
Es handelt sich mehr um vererbte Momente, die immer eintreten. Das Kind 
wiederholt dann ein Stück Entwicklungsgeschichte der Menschheit. Einmal 
jedoch auf die Entmannung aufmerksam worden, deutet es vieles, was 

') Ich habe dieses Thema in drei größeren Arbeiten behandelt, in denen ich 
manches weiter ausspann, als dies im Texte möglich, und auch eine reichliche Kasuistik 

SiÄÄ^ , ' Ü ? r ä t n Kas trati°ns-Komple X ", Fortschritte derMedi- 
a m a- ' 5Si? (r ' " eue Fors c h ungen ?um Kastrations- Komplex", Fortschritte 
der Median 1920, Nr. 15/16 und „Über den Kastrations-Komplex beim Weibe" noch 
unpubhciert. - 



57 



eigentlich gar nicht dazu gehört, in dieser Richtung, z. B. jede un- 
bestimmte Drohung seiner Eltern, wie etwa: „Du wirst schon sehn, was Dir 
geschieht", oder: ,-,Du wirst schrecklich gestraft werden" und dergleichen 
Reden. 

An vielen Menschen kann man ohne weiter s erkennen, von welcher 
Seite jene mächtige Einschüchterung erfolgte. War es ein Mann, so hat der 
V etreffende oft fortab ein unbedingtes Hindernis gegen das ganze männliche 
Geschlecht und ist für immer auf das Weib angewiesen. War es ein Weib, 
so ist er von da ab für dieses verloren und wendet sich dauernd dem Manne- 
zu, ein wichtiger Umstand für die Entstehung der Homosexualität. Da 
dem Knaben gewöhnlich vom Vater gedroht wird — dessen Drohung jener 
viel ernster nimmt oder überhaupt nur glaubt, bloß bei schwachen Vätern 
•und energischen Müttern gilt das Umgekehrte — dem Mädchen hingegen 
von der Mutter, so fördert dieser Umstand die normale Triebrichtung. 
Stets führt jene Einschüchterung zu gehässiger Einstellung wider den be- 
drohenden Elternteil. Das tritt zumal im Verhältnis des jugendlichen Neu- 
rotikers zu seinem Vater in Erscheinung, eventuell in einer späteren Psycho- 
analyse als unliebsamer Widerstand gegen den Arzt, der gewöhnlich dessen 
Vertreter darstellt. 

Auch das Verhältnis beider Geschlechter zu einander bestimmt der 
Entmannungs-Komplex in ungeahnter Weise. Denn erst mit der Penis- 
angst legt der Knabe soviel Wert darauf, ein Mann zu sein, und wird 
Weiberhasser, während das Mädchen, welches seinen Defekt sehr bald 
bemerkt - weit früher als der Junge einen lebhaften Penisneid emp- 
findet und dann etwa durchaus ein Bub sein möchte. Es ist wirklich er- 
staunlich, wie lange der Knabe den Unterschied der Geschlechter nicht 
schaut, auch wenn ihn der Augenschein überzeugen sollte. Die längste Zeit 
teilt er dem Weibe das nämliche Membrum zu, das er selber besitzt, und 
wenn er es z. B. an der jüngeren Schwester nicht sehen kann, tröstet er 
sich, sie sei ja noch klein, es werde schon wachsen. Man darf es einfach als 
Regel ansprechen, daß er in den ersten Knabenjahren das Weib durch 
Gleichstellung des Genitales zu sich emporhebt 1 ). Erst sehr viel später 
kommt er allmählich zur Überzeugung, daß den Mädchen hier tatsächlich 
etwas fehlt, und beginnt sich über jene zu überheben und sie fortab als- 
minder zu bewerten 2 ). Die Penisüberschätzung des Mannes, der Sexual- 
neid des Weibes geben zusammen, den Grund für. den instinktiven Ge- 

J ) Ein lehrreiches Beispiel danke ich einer meiner Kranken. Da sie sechs 
Jahre zählte, vergnügten sich ihre Brüder damit, „Luftschifferei*' zu treiben. Der 
nächst jüngere, damals vierjährige Bruder verlangte nun von ihr, sie solle auch mit 
in die Luft urinieren. Und als sie entgegnete, das könne sie nicht, erwiderte er zornig: 
„Das ist nicht wahr! Vor einem Jahr hast Du es bestimmt können ! Ich habe es selbst 
gesehen!" 

2 ) Ein Landarzt berichtet mir folgende Szene, die er selber mit ansah. Ein Bub 
und ein Mädchen, beide zwischen drei und vier Jahren, geraten in Streit über ihre 
Vorzüge. Das Mädchen, als die zungenfertigere, droht schon, den Knaben nieder- 
zureden. Da, in höchster Not, macht er die Hose auf, nimmt sein Glied heraus und 
zeigt es jener mit den Worten : „Aber das hast Du doch nicht!" Die Wurzel des ganzem 
Knabenhochmuts läßt sich wahrhaftig nicht besser beleuchten. 



58 



schlechtshaß zwischen beiden, der neben der natürlichen sexuellen An- 
, Ziehung in tiefster Wurzel stets aufzudecken ist. 

Eine besondere Wurzel der Kastrationsangst oder, was mit dieser 
gleichbedeutend, des Abscheus vor dem weiblichen Genitale, hob Freud 
noch hervor. Wenn Knaben vor Vollendung des zweiten Jahres Gelegenheit 
haben, den Koitus der Eltern zu belauschen, so kriegen sie auf folgendem 
Wege Abscheu vor dem weiblichen Genitale. Sie sehen den Phallus, welchen 
sie nach dem eigenen Körper wenigstens später erkennen, und erinnern 
•sich dann, daß nach dem Geschlechtsakt nichts mehr von "ihm zu erblicken 
war. Also ging er zugrunde, ist vom weiblichen Genitale verschlungen 
worden, was ebenso Entmannung bedeutet, als wenn er in anderen Fällen 
„wie gebrochen" herauskommt. Erfahrung lehrt, daß die Kastrationsangst, 
•die Furcht, das kostbare Güed zu verlieren, sich ohne weiteres an Beob- 
achtungen eines Geschlechtsverkehres in jener allerfrühesten Zeit an- 
schließen kann. 

Sehr anziehend ist, was die Kinder dann aus dem Kastrations-Komplexe 
machen. Der von seinem Vater in Wirklichkeit oder nur in der Phantasie 
eingeschüchterte Knabe wird einerseits trotzig und lehnt sich gegen den 
Erzeuger auf. Anderseits aber — und das fehlt niemals — findet er sich 
in die neue Lage und sagt sich etwa: wenn ich keine Aussicht habe, es als 
Mann zu etwas zu bringen, so will ich ein Mädchen sein, dann wird mich 
der Vater wieder gern haben, oder man wird mich überhaupt gern haben 
und jetzt kommt die feminine Einstellung 1 ) . Wird der zum Mann heran- 
gereifte Knabe dann „nervös", so kann sich in ihm der Wunsch entwickeln, 
ein Weib zu sein, was in einer Reihe neurotischer Symptome zutage tritt! 
Nicht minder lehrreich sind die Folgen des Penisneides bei dem 
Mädchen. Wie Freud ausführt, besteht sein „männlicher Protest" in 
folgendem: es fühlt sich ungerecht behandelt, zurückgesetzt, und gerät 
in Wut gegen die Mutter. Denn diese sei schuld daran, daß sie ein Mädchen 
wurde, sie habe sie vor der Geburt schon kastriert. Der Hauptvorwurf 
gegen die Mutter lautet: diese habe sie als Mädchen zur Welt gebracht. In 
Wahrheit stammen die Vorwürfe der Kinder wider den gleichgeschlecht- 
lichen Elternteil aus dem Ödipus-Komplexe. Die erfolgte oder phantasierte 
Kastrationsdrohung wird nur zum Vorwand der Feindseligkeiten genommen, 
um Scheingründe für die uneingestandene Eifersucht zu haben. 

Ich kann in meinen Ausführungen nicht fortfahren, ohne vorher die 
Kastrations-Symbolik entsprechend zu beleuchten. Ich will da anknüpfen 
an das dem Kind so geläufige Spielen mit gleichen, doch nicht gleich- 
bedeutenden Worten. So klagte mir ein Hysteriker über die „Abgeschlagen - 
heit der Glieder" und „Schneiden" im Bauch. Als Lösung ergab sich jene 
kindliche Sexualeinschüchterung. Ihn hatte als Knabe der Vater beim 
Masturbieren erwischt und damit bedroht, er werde ihm „das Glied ab- 

l ) Um keinen Zweifel aufkommen zu lassen, will ich hier einflechten, daß in 
der Seele des Kindes erfahrungsgemäß auch entgegengesetzte Empfindungen ruhig 
neben einander bestehen können. Es kann sich also abkehren von dem Elternteile, 
der jene Drohung aussprach, ja seinem ganzen Geschlechte, und dennoch gleichzeitig 
■dessen Wunsch akzeptieren. 



59 

schlagen" oder ,, abschneiden". Jahrzehnte später neurotisch geworden, 
erfüllte der Mahn in nachträglichem Gehorsam jenes Vaterwort buch- 
stäblich am eigenen Leibe. Zu Anfang des Weltkrieges fand ich als häufigste 
Form der Kastrationsangst die Furcht, an die Front gehen zu müssen und 
seine geraden Glieder zu verlieren. Das also bedrohte , .gerade Glied" 
erwies sich regelmäßig als membrum erectum. Gern wurde dann hinterdrein 
rationalisiert, daß bei gewissen Balkanvölkern die Kastrierung der Feinde 
heute noch allgemein üblich sei. 

Viel häufiger als die Darstellung geradezu scheint der symbolische 
Ersatz des Phallus durch entsprechende Körperteile, wie Arm oder Bein, 
Zahn oder Zunge, Haare oder Nase, Brustwarze oder Auge. Träume z. B., 
ein Zahn werde einem ausgerissen, sind längst bekannt als Kastrations- 
träume. Wenn ein Mann sich seiner falschen Zähne besonders schämt, 
ergab sich mir wiederholt die Auflösung, er komme sich vor, als wäre ein 
falsches Membrum ihm eigen. Ein Kind, welches spielend die Zunge heraus- 
streckt, muß nicht selten hören, man werde sie ihm abschneiden, was ihm 
nachträglich als Entmannungsdrohung erscheinen kann. Die Nase endlich 
eignet sich teils ob ihrer Gestalt, teils wegen der Schwellkörper vortrefflich 
zur Symbolisierung des Penis. Sehr häufig werden bei primitiven Völkern 
dem Feinde statt direkter Kastration nur Nase und Ohren abgeschnitten. 

Besonderes Augenmerk verdient das Haar als Entmannungssymbol. 
Wieso es zu dieser Wertung kommt, ist leicht zu begreifen. Kleine Knaben 
werden ja oft von Müttern, Tanten oder älteren Schwestern ins Familien- 
oder Damenbad mitgenommen oder haben Gelegenheit, mit erwachsenen 
Frauen in der nämlichen Wanne warm zu baden. Der Augenschein überzeugt 
sie dann, daß der Vulva zwar das Membrum fehle, sie aber dafür mit einem 
dichten Haarkranz geziert sei. Zieht der Kastrations-Komplex nun in das 
Bewußtsein des Knaben ein, dann erscheint ihm das Schamhaar 1 ) leicht 
als Ersatz für das abgeschnittene Membrum und empfängt davon besondere 
Mißwertung. 

Auch direkt erscheinen die Haare als Ersatz für das Membrum 
virile und werden in einer Reihe von Handlungen symbolisch für dieses 
eingesetzt. Ihr Abschneiden ist die harmloseste Form der Kastration. 
Darum wird es einerseits als Strafe verordnet, wie z.B. das Kahlscheren der 
Sträflinge, anderseits als ein Zeichen der Hörigkeit und absoluten Unter- 
werfung verlangt. Manche Herrschaften heischen von ihrem männlichen 
Gesinde Bartlosigkeit, während dieses dann mit aller Macht und einer weit 
über den Anlaß hinausgehenden Heftigkeit um Bartfreiheit kämpft. Nicht 
umsonst trugen 1848 revolutionäre Demokraten Vollbarte und Breithüte 
(Hut bekanntes Phallus- Symbol) als Zeichen ihrer Unabhängigkeit von 
der Regierung und des Widerstandes gegen sie. Und im Simson-Mythos 
knüpft sich an das Abschneiden der Haare direkt der Verlust der männ- 
lichen Kraft. 



*) „Alle Frauen haben das", erklärte ein intelligenter vierjähriger Junge, 
..weil sie kein Zipferl haben". Zitiert nach Hug-Hellmuth ,,Aus dem Seelen- 
leben des Kindes". 



60 



Wie das Haar zur Bedeutung eines Penissymbols kommt, ist leicht 
einzusehen. Man erinnere sich nur, daß die Weiber allezeit ihre reichen 
Haare in Zöpfe flochten. Bei den Chinesen tragen noch heutigentags, 
die Männer einen Zopf, was in früheren Jahrhunderten auch bei Weiß- 
rassigen vielfach Übung und Brauch war. Und die Zopfabschneider üben 
ihr Tun nicht bloß als Sadisten, sondern auch um die Weiber zu kastrieren. 
Endlich gehört noch die Sitte der orthodoxen Jüdinnen hieher, die nur 
als Mädchen ihren natürlichen Haarschmuck tragen dürfen. Sobald sie 
jedoch heiraten und damit unter die Herrschaft ihres Mannes geraten, 
müssen sie ihn opfern. 

Wesentlich von der Einstellung zum Kastrations-Komplex ist das. 
Verhalten der Kinder und Erwachsenen zum Abschneiden ihrer verschiedenen 
Körperhaare bedingt. Wir hörten schon oben: einerseits regt sich in dem 
Knaben Angst und Auflehnimg, anderseits aber findet er sich ganz regel- 
. mäßig mit der Drohung ab und fügt sich nicht ungern in die weibliche 
Rolle. Beide Einstellungen pflegen zu verschiedenen Lebenszeiten bei einem 
und demselben Menschen zu wechseln. Ob er aber jeweils entgegenkommend 
oder mit Angst auf die Entmannungsdrohung reagierte, erfährt man am 
besten aus der Art, wie er sich zum Abschneiden semer Haare stellt. Die 
kleinen Jungen sträuben sich meist mit aller Macht gegen jedes Haar- 
achneiden. Weit seltener hat sich ein Knabe bereits mit der weiblichen Rolle 
angefreundet und geht nicht bloß willig, sondern gern zum Friseur. In 
späteren Jahren wird um vieles häufiger, als man denkt, .Kastration sym- 
bolisch ausgeführt von Jünglingen und Männern in „nachträglichem Ge- 
horsam". Da kann z. B. ein halbwüchsiger Bursche urplötzlich auf den 
Einfall kommen, sich die Wimpern abzuschneiden oder auch die Scham- 
haare, ebenso ein Erwachsener, sich Schnurr- oder Backenbart rasieren zu 
lassen. Viele Urninge tragen sich allezeit glatt rasiert und noch viel mehr 
würden es nach Magnus Hirschfeld tun, „wenn sie nicht oft in über- 
triebener Ängstlichkeit fürchteten, beargwöhnt zu werden... Es gibt 
Urninge, die so weit gehen, ihren Bart wie andere Geschlechtszeichen zu 
eliminieren". Urninden hinwieder, die den Mangel des Membrums schwer 
empfinden, „lieben, sich wenigstens vor dem Spiegel gelegentlich einen 
Schnurrbart anzumalen oder anzukleben." 

Weit seltener als das Haar wird im Entmannungskomplex Arm oder 
Bern, statt deren wohl auch Hand, Finger oder Fuß symbolisch gesetzt. 
Ein Kranker, welcher just diese Art von Sinnlichkeit bevorzugt, wird etwa 
eine wahnsinnige neurotische Angst vor jedem Arm- oder Beinbruch 
empfinden und schon als Bub in weitem Bogen jeder Möglichkeit eines 
Sturzes ausweichen. Ein „steifer" Arm, ein „steifes" Bein, ein „steifer" 
Finger sind allgemein bekannte, vom Traum, Mythos, Witz und Folklore 
stets wieder gebrauchte Sinnbilder für den steifen Phallus. Kein Wunder also, 
daß die Befürchtung der Kastration da gerne einsetzt. Ich erinnere ferner, 
daß dem neugeborenen Sohn des König Laios im Auftrag des Vaters die 
Fußgelenke durchstochen werden, worauf er den Namen ödipus = Schwell- 
fuß (soviel als membrum erectum) erhält. Das Durchstechen der Füße als 
Vorstrafe für seine vom Orakel prophezeite Tötung des Vaters und später 



61 

-auch für das Freien der Mutter stellt durchsichtig eine Entmannung dar, 
ganz ähnlich wie die analogen Bestrafungen des Hephaistos und Wieland 
des Schmiedes. 

Hier sei die Erklärung für eine Alltagsfurcht eingefügt, die gleichfalls 
zurückgeht auf die Kastrationsangst. Nicht wenige, auch hochgebildete 
Menschen haben eine fast unüberwindliche neurotische Angst vor jeder 
Operation, oft vor dem kleinsten Schnitte, etwa bei der Impfung, oder eine 
nicht minder übertriebene Blutscheu. „Lieber sterben, als sich operieren 
lassen!", muß man häufig von solchen Leuten vernehmen. Sie zeigen auch 
nicht selten die gleiche Angst vor Arzt und Spital, weil sie in jenem nur den 
Operateur, in diesem ausschließlich den Ort erblicken, in welchem man 
„geschnitten" wird. Hat man Gelegenheit, eine solche Phobie zu analysieren, 
stößt man unweigerlich in jedem Falle auf einen mächtigen Kastrations- 
Komplex. „Schneiden" erscheint da stets gleichbedeutend mit Abschneiden 
des Gliedes oder beim Weibe eines analogen Körperteils. 

Von weiteren typischen Ersatzsymbolen des Membrum virile sind 
noch Brustwarze und Auge zu nennen. Das Auge ist eigentlich ein bisexuelles 
Symbol, d. h. es kann sowohl für das weibliche (wegen der Form) als das 
männliche Genitale stehen, wie jeder Psychoanalytiker weiß. Für das 
letztere ein Beispiel aus meiner Praxis. Ich machte vor kurzem Psycho- 
analyse mit einem Kranken, dem das übliche Taschentuch zum Bedecken 
der Augen nicht genügte. Er mußte sich obendrein immer noch die Hand 
vorhalten. Als Lösung ergab sich: so habe er in der Kindheit sich immer die 
Hand vor das Glied gehalten, wenn einer seiner Angehörigen in der Nähe 
war. Das Auge erscheine ihm jetzt als Phallus, den er vor mir noch ganz 
besonders schützen müsse. Dies um so mehr, als die Angst, vom Vater 
kastriert zu werden, die Hauptfurcht seines Lebens war, was er nun jetzt in 
voller Stärke auf mich übertrug. Wenn das Auge gleichbedeutend mit dem 
Penis steht, kann angeborene oder auch früh erworbene Sehschwäche oder 
Kurzsichtigkeit als Kastration Auslegung finden. Das Kind oder der 
Neurotiker macht dann den Elterriteil, der ihm jenen Augenfehler ver- 
erbte, darum geradezu Entmannung zum Vorwurf. Verschärft wird seine 
Mißstimmung noch häufiger durch das grausame Verhalten der Alters- 
genossen und Schulkameraden, die ein solches Gebrechen stets reichlich 
mit Spott und Hohn begießen, gleichsam als sähen auch sie- darin einen 
fehlenden Phallus. Typischer als das Auge stellt die Brustwarze ein kleines 
Membrum dar. Wenn ein Kind mit von Haus aus gesteigerter Munderotik 
an Brustwarze und Schnuller nicht bloß saugt, sondern direkt beißt, erhält 
man in der späteren Psychoanalyse vielleicht die Aufklärung, es hätte 
dies Beißen aus aktiver Kastrationslust getan, was freilich bloß nachträg- 
lich hineingelegte Deutung ist. Immerhin möge man nicht vergessen, daß 
das Beißen des Penis und ebenso auch sich dort beißen zu lassen — vielleicht 
hinübergenommen vom Beißen an der Brustwarze — im Kindesleben oft 
eine recht bedeutsame Rolle spielt. Es ist gar nicht so selten, daß ein 
Büblein die Entmannung direkt provoziert durch Reizung eines bissigen 
Tieres, vornehmlich des Hundes. Er hält z. B. ihm sein Membrum hin, 
neckt ihn geradezu damit, worauf dieser natürlich den Penis schleckt oder 



62 



spielerisch zu beißen versucht. Aus der Analyse von Tierphobien wissen 
wir jetzt, daß ein jedes Tier, so man neurotisch übertrieben fürchtet den 
Vater vorstellt. Hier wird nun der Hund -r- in seltenen Fällen ist es der 
Hahn - nicht mehr gefürchtet, sondern direkt zur gewünschten Tat 
gereizt, was beweist, daß der kleine Junge sich meist mit der Entmannungs- 
drohung des Vaters befreundet hat und von diesem gebissen, d. h kastriert 
zu werden wünscht 1 ). In anderen Fällen kann von dieser Form des Ent- 
mannungs-Komplexes eine schwere Phobie, die Furcht, von einem tollen 
Hunde gebissen zu werden, ihren Ausgang nehmen. Eignet sich doch der 
tolle oder wutende Hund ganz besonders zum Vertreter des Vaters der ja 
dem Jungen sehr häufig als zorniger Strafer entgegentritt. Nicht selten 
fuhrt die Wut dann jenen dazu, den Vater mindestens insgeheim als Hund 
zu bezeichnen. Sehr begreiflich, daß später die Furcht oder richtiger der 
Wunsch sich regt, von diesem Hund-Vater gebissen, d. h. kastriert zu 
werden. Eine solche Neurose hat das Ende Ferdinand Raimunds ver- 
schuldet. Schon im Jahre 1826 quälte diesen eine Hunde-Phobie. Er hatte 
nämlich ein Stück Brot gegessen, das kurz zuvor ein Hund beschnuppert 
hatte. Doch ließ er sich damals vom Hausarzt beruhigen. Als Luise 
Gleich dem Dichter am Hochzeitstag einen Biß versetzte, verschwand 
jener wortlos, Braut und Gäste im Stiche lassend. Im Jahre 1836 wurde er 
endlich von einem Hund gebissen, wenn dieser auch, wie sich später heraus- 
stellte, gar nicht wütend gewesen. Unser Dichter aber jagte sich, ohne den 
Arzt überhaupt noch zu fragen, eine Kugel durch den Kopf. ' 

Nach allem, was ich vorausgeschickt, wird manche Entmannungs- 
symbohk des Alltags jetzt durchsichtig sein. In der Kinderstube packt ein 
Bublein die Puppe seiner Schwester. Diese Schwester hat er schon lang 
auf dem Korn. Wird sie doch offensichtlich vom Vater bevorzugt. Da 
rächt sich jener, indem er mindestens ihrer Puppe Arme oder Beine aus- 
zureißen sucht, so die Kastrationsstrafe an der Schwester besorgend. Eine 
Gruppe von Buben auf dem Spielplatz. Einer von ihnen trägt ein Kinder- 
gewehr, mit dem er auf den Gefährten zielt und - ihm ein Auge ausschießt. 
Auch hier wird in einer durchsichtigen Verkleidung die Entmannung voll- 
zogen. Ein vierjähriger Schusterssohn versteckt seinem Vater Tag für Tag 
alles Handwerkzeug. Als er wegen einer traumatischen Neurose zwanzig 
Jahre später sich einer Psychoanalyse unterzieht, erklärt er seine kindlichen 
Streiche damit, er habe wiederholt die Mutter mit dem Vater koitieren 
gesehen und darum ihm das Glied wegnehmen wollen. Da dies auf direktem 
Wege unmöglich, versteckte er ihm wenigstens das Arbeitsgerät, weiches- 
vielfach geradezu Penisform hatte. 

Ohne weiteres verständlich ist die Leidenschaft mancher Frauen, 
Wurstel zu essen, oder älterer Schwestern, ihren jüngeren Brüdern alles 
wegzunehmen, Spielzeug, Bücher usw., da sie ihnen doch das wichtigste 
Spielzeug, den Phallus nämlich, nicht entreißen können. Einem Kranken 



x ) Daran darf einen das nachträgliche Geschrei eines solchen Kindes nicht 
irre machen. Einmal gebissen, sucht es von seinen Angehörigen dafür noch besondere 
.Liebe zu erpressen. 






63. 

danke ich folgende Mitteilung: wenn man Blumen z. B. mit dem Stocke 
köpfe, so gerieten die Frauenzimmer alle in kolossale Aufregung und würden 
furchtbar nervös, weil sie darin offenbar mindestens unbewußt, eine Ent- 
mannung erblickten. Auch dem anderen Geschlecht ist dieser Zusammen- 
hang nicht fremd und bleibt ihm meist ebenso unbewußt. Das gehobene 
Kraftgefühl des Jünglings wie der Zorn des Mannes äußern sich nicht selten 
in jener symbolischen Kastration, die vielleicht ursprünglich auf das 
Membrum des Erzeugers geht. Sehr bezeichnend ist auch das Verhalten 
Vieler, namentlich der Frauen, wenn sie im Walde einen Herrenpilz finden, 
den sie dann abb rocken und nach Hause tragen. Sie empfinden darüber so- 
helle Freude und eine derart hohe Genugtuung, daß beides durch den an 
sich nicht allzu kostbaren Fund kaum zu erklären ist. Verständlich wird 
die Sache erst, wenn man sich erinnert, daß ein Herrenpilz unverkennbar 
dem Phallus gleicht. Sein Abbrock en kommt also der Kastration gleich 
und es erscheint gewiß nicht gleichgültig, wenn das Weib sich einen Phallus- 
aufheben darf. 

Symbolische Kastration bedeutet das spielerische Abbrechen von 
Baumästen, Zerbrechen von Zündhölzchen, Zahnstochern und Zigarren- 
spitzen, endlich dann noch das Ausreißen von Blumen, die man gleich 
darauf wegwirft — auch wenn jenes sexuelle Motiv in all diesen Fällen ganz 
unbewußt bleibt. Jungen lieben es mitunter, ihren Müttern oder Schwestern 
die Schürzenbänder abzuschneiden. Die Wenigsten, welche sich an Fingern 
und Zehen maniküren lassen, wissen darum, daß sie nebst eingestandenen 
kosmetischen Zwecken auch uneingestandene und meist auch unbewußte 
Entmannungswünsche damit erfüllen. Ähnliches gilt von dem habituellen 
Nägelstutzen. Viele Kinder wehren sich äußerst standhaft, daß ihnen. die 
Mutter die Nägel schneide — aus ihrer Kastrationsangst heraus. Hingegen 
gibt es erwachsene Menschen, die bei jeder, auch der unpassendsten Ge- 
legenheit sich in diese Form der Kastrationslust flüchten, z. B. nicht auf- 
merksam zuhören können, ohne an ihren Fingern zu schnitzeln. Eine Abart 
dieses Tuns, das Nägelbeißen, zeigt unseren Komplex bereits mit der Mund- 
erotik 1 ) verknüpft. Symbolische Entmannung bedeuten endlich gewisse 
Formen von Vandalismus, wenn Buben und — Männer Bänke oder Bäume 
einschneiden, Bildsäulen besudeln oder ähnliche nutzbringende Tätigkeit 
entfalten. 

Sehr wichtig erweist sich auch die Verknüpfung des Kastrations- mit 
dem Ödipus-Komplex. Die Entmannung, die ja zum Schlüsse vom theba- 
nischen König in Form der Selbstblendung vollzogen wird, ist wenigstens 
als entsetzlichstes Angstmotiv ein niemals fehlender, unerläßlicher Be- 
standteil jenes Komplexes. Haß und Wut eines jeden Knaben gegen seinen 
Erzeuger stammen ganz regelmäßig aus diesem Endstück. Wird dann z. B.. 
ein solcher Junge von der Angst befallen, ein Mann, mit einem Messer 
bewaffnet, liege unter seinem Bett, so stellt sich immer wieder heraus, daß 



') Ebenso zu deuten ist die Gewohnheit mancher Leute, sich die Haut an den 
Fingern wegzubeißen oder wegzureißen. 






' 



64 



dieser Mörder kein anderer ist als der eigene Vater, der ihn ob seines sündigen 
Verlangens mit dem Messer das Membrum abschneiden wird. 

Ein Größteil der neurotischen Angst, zumal bei Männern, und auch 
•des Affektes in den Angstträumen, scheint abzuleiten von der Kastration 
Diese ist die typische, die Bubenstrafe xat' s£o X 7Jv. Auch wenn ein Knabe 
Strafe zu befurchten Ursache hat, sie aber nicht bekommt, sondern lediglich 
in steter Angst vor ihr lebt, ergibt sich ausnahmslos, daß ihn die Sorge um 
sein Membrum plagt. Überhaupt ist zu sagen, daß vom Kastrationsstück 
desOdipus-Komplexes her in jeglichem Menschen eine frei flottierende Angst 
besteht, die gleich den Schatten des Achill nur darauf wartet, Blut zu trinken 
um lebig zu werden. Nicht umsonst ist z. B. die Scheu vor dem scharf ge- 
-schhffenen Rasiermesser, dem Entmannungsinstrument par excellence so 
ungemein verbreitet. Es gibt wenig Männer, die unter den Händen des 
Barbiers nicht wenigstens von einer unbehaglichen Empfindung befallen 
werden. Im Grunde ihrer Seele lauert da die Furcht, zur Strafe für verpönte 
Wunsche ihrer frühen Kindheit würde ihnen jetzt der Hals abgeschnitten 
Daß die Sorge um das kostbare Membrum Furcht erzeugt scheint 
•ohne weiteres verständlich. Minder durchsichtig ist dem ersten Blick daß 
die Aussicht auf Entmannung auch eine Lust auszulösen vermag, und zwar 
•sowohl die aktiv an anderen durchgeführte, als die selbst erlittene Leichter 
zu begreifen ist natürlich jene. Allzeit haben die Menschen ein besonderes 
Vergnügen an der Strafe der Kastration empfunden. Sonst kehrte nicht 
in den verschiedensten Mythologien wieder, daß der Sohn seinen Vater 
überfällt und entmannt, sonst würden nicht alle primitiven Völker die 
gefangenen Feinde direkt oder symbolisch (an Augen, Ohren, Zunge, Händen 
•oder Füßen) kastrieren und wären nicht endlich im ganzen Mittelalter bis 
tief in die Neuzeit die Entmannungsstrafen so beliebt gewesen. 

Doch auch bei der Aussicht auf eine zu erleidende Kastration kann 
die Angst sehr leicht in Lust umschlagen. Körperlich besonders dann 
wenn eine von Haus aus verstärkte Urethralerotik den Boden bereitet. So 
meinte ein Paranoider, der infolge seiner Geisteskrankheit sein Unbewußtes 
weit besser durchschaute als jeder Normale oder Neurotiker: „Die Furcht 
vor Entmannung erzeugt in mir fast immer Wollust, ein leichtes Gruseln 
an der Wurzel des Gliedes, das sehr, angenehm wirkt. Es ist genau die 
nämliche Empfindung, wie wenn schon Samenerguß eintreten sollte beim 
Geschlechtsverkehre und man vorher noch ein wohliges Gruseln verspürt." 
Und noch deutlicher ein späteres Mal: „Kastrationslust ist ein leichtes 
Kribbeln oder Gruseln an der Wurzel des Gliedes, das ich herbeisehne. 
Auch muß ich denken: dort geht etwas vor, was mit der Kastration zu- 
sammenhängt. Dies bezieht sich zweifellos auf die Entmannungslust. 
Ganz leise ist ein Wollustgefühl angedeutet, das den ganzen Tag anhält 
und das ich selbst hervorrufe. Es ist wie das Vorzeichen einer Pollution. 
•Ob es nicht mit dem Zurückhalten des Harns in der Kindheit zusammen- 
hangt ? Da hatte ich anfangs auch ein leichtes Kribbeln und Wollustgefühl. 
Nur wenn es zu lange währte, kam eine Schmerzempfindung, als würde 
dort die Wurzel des Gliedes abgeschnitten, also Kastration." Endlich kann 
auch die üble Sitte mancher Väter, ihrem Büblein ad membrum zu greifen 



63 

oder dies spielerisch hin- und herzuschwenken, einen organisch-psychischen 
Anlaß zur Kastrationslust geben. Dazu berichtet der oberwähnte Kranke: 
Außer daß mein Vater mir gelegentlich beim Urinieren half, hat er meinen 
Penis auch sonst noch in die Hand genommen und geschüttelt, wobei ich 
Angst und Lust zugleich empfand. Das ist keine Phantasie, sondern eine 
deutliche Vorstellung. Ich habe die Empfindung, als ich vier, fünf Jahre 
zählte, hat der Vater dies wiederholt mit sichtlichem Vergnügen getan; 
wenigstens hat er jedesmal dabei gelacht. Und ich dachte, er macht dies 
so stark, daß mein Glied ihm schließlich in der Hand bleiben wird. Später 
hatte ich öfters Verlangen, er soll es wieder tun, um ihm eine Freude zu 
bereiten und seine Liebe auf diese Art zu erringen. Außerdem wurde ja so 
die Kastration vollzogen." 

Rein seelisch ließ sich das Umschlagen der Entmannungsangst in die 
gleiche Lust nicht selten während des Weltkrieges verfolgen, zumal bei 
dem symbolischen Ersatz der Kastration durch Verlust von Gliedmaßen. 
Viele Amputierte wurden heiter und zufrieden, während sie früher, noch im 
Vollbesitz ihrer geraden Glieder, oft tiefe Niedergeschlagenheit zur Schau 
getragen hatten. Ein solches Ein-Bein erklärte auf Befragen, dies wäre 
bei seinen Unglücksgefährten geradezu Regel. Ich fühle mich jetzt als der 
glücklichste Mensch. Nun muß für mich gesorgt werden, jetzt muß ich 
einen Posten bekommen!" Daß die bloße Aussicht auf Versorgung diesen 
Wandel nich 1 : bewirkt haben kann, erhellt schon daraus, daß gleiche oder 
ähnliche Gedankengänge auch bei jenen zu finden, die von Haus aus be- 
mittelt sind und obendrein durch familiäre Beziehungen jeder Sorge um 
die Zukunft enthoben wären. 

Dem Verständnis werden wir näher kommen, wenn wir analoge 
Friedenserfahrungen zum Vergleiche heranziehen. Leute, die, von einer 
Maschine erfaßt, eine Extremität verloren haben, legen oft eine merkwürdige 
Gefaßtheit ihrem Unglück gegenüber an den Tag. Hat man später Gelegen- 
heit, einen solchen psychoanalytisch, zu befragen, dann erfährt man aus- 
nahmslos, daß die zur Katastrophe führende Unvorsichtigkeit nicht völlig 
unbeabsichtigt gewesen, sondern unbewußten Motiven entsprang. Fast 
immer handelt es sich um Menschen, die ein schweres, drückendes Schuld- 
bewußtsein mit sich herumschleppten, in letzter Linie aus ihrem Ödipus- 
Komplex heraus. Sie verunglückten dann zur Vergeltung und Sühne, ge- 
wissermaßen als Selbstbestrafung. 

Kehren wir nunmehr zu den amputierten Soldaten zurück. Solange 
diese mit schwerem Schuldbewußtsein herumgingen, war ihnen Lebens- 
genuß versagt. Sie blieben gedrückt und niedergeschlagen, ohne es äußer- 
lich begründen zu können. Nun ihre Sünden durch jene symbolische Kastra- 
tion mehr minder gebüßt, sind sie erlöst und ihr Geist erleichtert. Jetzt 
können sie wieder frei aufatmen und sehen rosigen Blickes in die Zukunft. 

Nicht wenige meldeten sich freiwillig ins Feld, unmöglich gewordenen 
Lebenslagen zu entfliehen. Vor direktem Selbstmord, der allerradikalsten 
Kastration, nicht bloß des Membrums, sondern des ganzen Ichs 1 ), scheuten 

l ) „Das Sterben ist der Gipfelpunkt der Kastration, ich kann es nicht anders 
bezeichnen", sagte einer meiner Kranken. 

Sadgcr, Geschlechtsvcrimtngen. ä 






66 



so wurden sie oft die SpS^^^^P^^^urig, und 

ihnen bot der Tod keine SchXnteZlnä^r "f^ j& Sterben ' 
nicht zufrieden wenn die fehSKS v , • GrUnde waren sie e * gar 
sie jedoch mii^^^^^.^ fönten. Kj m 
Kastration vollzogen für das ,™ld k d t avon ' dann war J a die 

zogen durch den Gott der tffl ?1 V. ni "!, cht an ihrem Vater voll- 
Gerade der ödipus -KomS^,,S h ,a ^ ^ W ^ dMd Vater ste ht- 
Schuldbewiißts^ÄffiT fe^T ^springende schwere 
mehr den Erwachsenen £ "Z^teTden l^ ^^ md n ° ch 
typische Selbstbestrafung ia SÄ Selbs tbestrafung führt. Die 

irgendeiner Form, von ff Ä32^5i52£ £ M* £*»?5 " 

beschädigung, ja sogar zum Selh^tmlT tt i I g blS tunauf zur Selbs t" 

nungs-K^pleies sind SJ ?S vollL^ ^ 2??? deS Entma "- 
Stimmung. Man opfert sXn i™T ; KaS A tratlonslust «t eigentlich Opfer- 

zu tun 4d dadmch noch SSÄT . ' ""J £ ^ UrSchuId ** 

Zwei FomicTd^n^S S^^^- ¥teteu8Cwi,men - 
lichereBehandlung- frühzeitig V^S. + i! verdienen noch einläß- 

sucht. Nicht wenigfSben wS*"^! 8 ? Und die Vers chwendungs- 
auf LieblingsspTen weu 2 IT u ^ ? dWÜ% ' ver2i ^ten z. B. 
g^Ärt^Sj^^ g erlaubte 

^l^alsTud^ 

*u den Schwärzend gehen Snd £fr dtn k' MlSSi ° när ™ Werden > 
aus Selbstentmannungi ZShmS*? SSÄ? ^ ZU W6rden ' 
tisch noch wichtiger ist die VtS*Z °P ferstl ™ mun g heraus. Prak- 
Diese werfen, geleitet vom K^li^^T^ mancher Menschen - 
zum Fenster hinaus. StauTes *£ ~ÄSS?' -^ £?** förmlich 
entäußern sie sich des WertvoSn h™ 6 doc \ mcht abs chneiden können, 

genossen mit reTchef ! Hand 7 , ^Ä** g ^ l*** den Stammes ~ 



67 



verlangt Jehowa zum Zeichen des Bundes mit den Seinen deren Beschnei- 
dung, d. h. nach dem allgemeinen Glauben ein Stück Entmannung. 

Ob die Juden sich nicht darum als „das auserwählte Volk" betrachten, 
weil jeder Mann gleich in den allerersten Lebenstagen die Kastration vom 
Vater erlitt, d.h. von Gott? Das ergab als naturgemäße Reaktion, die 
selbstverständlich rationalisiert wird: Gott-Vater habe sie auserwählt vor 
allen anderen. Tatsächlich waren sie zur Zeit des jüdischen Reiches stolz 
auf die Beschneidung und sahen mit Verachtung auf die unbeschnittenen 
Völker herab, genau wie später aus dem gleichen Grunde die Anhänger 
Mohammeds. Wie die Zirkumzision von damals bis zum heutigen Tage den 
Juden zum Quell der Selbstüberschätzung wurde, so später vielfach der 
Selbstunterschätzung. Und beide Wirkungen nebst dem raschen Wechsel, 
von einem zum anderen gelten noch heute als jüdische Charakterzüge. 
Vor Jahren bereits erklärte Freud: „Der Kastrations- Komplex ist 
die tiefste unbewußte Wurzel des Antisemitismus, denn schon in der Kinder- 
stube hört der Knabe, daß dem Juden etwas am Penis — er meint ein 
Stück des Penis — abgeschnitten werde, und dies gibt ihm das Recht, den 
Juden zu verachten." Und ähnlich sprach es ein verflossener Abgeordneter 
des deutschen Reichstages, Dr. Adolf Neumann-Hofer, aus: „Die 
Beschneidung ist es, die allen Juden für ihre ganze Lebensdauer den 
Stempel des Judentums unauslöschbar aufdrückt und dadurch den Kreis 
der Juden auf das schärfste auch durch ein äußerliches Merkmal gegen 
alle anderen Volkskreise abgrenzt." 1 ) 

Wegen der Gleichstellung der Zirkumzision mit der Kastration 
halten die Christen die Juden für grausam, da sie fähig seien, ihre eigenen 
kaum geborenen Knäblein zu entmannen. Viel Antisemitismus rührt auch 
daher, weil jene ihre Kindersorge, der Vater könnte sie doch einmal kastrie 
ren, bei den beschnittenen Judenknaben tatsächlich erfüllt sehen. Nebenbei 
bemerkt, dünkt mich dies auch ein Grund für die Unsterblichkeit des 
Ritualmordmärchens, natürlich neben verschiedenen masochistischen 
Motiven. Wenn die Juden das Blut ihrer eigenen Söhne beim Beschneiden 
vergießen warum sollten sie vor dem Blute fremder Kinder zurück- 
schrecken ? *) Aus der gleichen Vorstellung ist auch der Mythos vom Juden 
Shylock geschaffen worden, der ein Pfund Fleisch aus dem Leibe seines 
Schuldners schneiden will, ganz nahe dem Herzen. Das bedeutet mit einer 
durchsichtigen Verschiebung das Abschneiden des Fleisches an einer, ganz, 
anderen Stelle (Heisch = Penis, man denke an Fleischeslust und Carne-val). 

] ) Eine glänzende Bestätigung gab mir noch ein früher sehr antisemitischer 
Patient in seiner Psychoanalyse: „Die Kinder haben oft ungeheuerliche Vorstellungen 
von der Bcschneidung, daß da ganze Stücke vom Penis weggeschnitten werden 
Deswegen hält das Kind dann den Juden für minderwertig. Es fehlt diesem etwas 
und das erscheint ihm wie ein Makel. Ich war als Kind auch sehr neugierig, wie so 
ein beschnittener Penis aussieht, ich hatte ein gruseliges Interesse dafür und daneben 
eine Angst, daß mir auch so etwas passiert." Ebenso hörte ich von einem sonst gar 
nicht prüden Dienstmädchen folgenden Ausspruch: „Mit einem Juden fange ich kein 
Verhältnis an, der hat unten etwas zu wenig!" 

*) Gegen die Urchristen. welche noch an der Beschneidung festhielten, wurde 
das gleiche Märchen von den Römern aufgebracht. 



68 



Auch ob man Anti- oder Philosemit wird, hängt keineswegs etwa 
von freigewonnenen Überzeugungen ab, sondern' von der SSSL f& 
Entmannung. Da die meisten in steter, wenn auch unbewußter Kastrations- 
angst leben, so sind sie triebhafte Antisemiten. Die Neigung hingegen zur 
Selbstentmannung auch der bloß symbolischen, macht 5 j22 

KmZi? S , Cht 7* J6nen identifiziert ' ^ sich schon in allerzartes^ 
Kindheit kastrieren lassen mußten, oder wenigstens Mitleid mit ihnen 
empfindet, die gleiches erduldeten, wie man selber möchte. Ähnl ch wir 
man auch wütender Impfgegner oder Antivivisektionist. KaumemtZn 

SSTr.« * • ä "SF Ul *r P u r ° bleme g6naU Und wissenschaftlich ge'ru" 
S? a TS l l e \ mit tnebhafter Stärke, er sei ein Feind jeder Kastra- 
tion, und dadurch gelangt er zu seiner „Überzeugung" ■ 

Zum Schlüsse noch Einiges über den Kastrations-Komplex des 
Weibes aus meinen Erfahrungen der allerjüngsten Zeit. Ich erwähnte 
schon eingangs, daß das Mädchen, sobald es den Unterschied X S e 
schlechter erkennt, von argem Penisneid erfüllt wird. Nicht selten schließt 
sich an diesen später ein dauerndes Gefühl der Minderwertigkeit an Seh. 
lehrreich ist wie. das Mädchen einerseits seinen peinlichen Defekt un 
geschehen oder doch möglichst belanglos zu machen trachtet, anderseits 
wieder den leidigen Mangel in Grund zu besonderem Stolze umlü7t Es 
wird also etwa für das Glied des Bruders eine mit scheinbarem Ekel 

£?S n? V w? htUng , ZUF SchaU tragen ' in Phant ^n aber das Ch au 
der Welt schaffen und im Leben eventuell eine ungeheuerliche Scheu vo 
Höhlen zeigen. Weiter werden dann die Frauen gerade wegen knes 
Mangels ihre sonstigen Vorzüge besonders -unterstreichen, was eine aus 
nehmende Verstärkung des Narzißmus und Exhibitionismus setrf Weil 
ihnen unten etwas fehlt, darumsind sie erpicht auf alles, was etwa ihre 
Wert noch irgend zu erhöhen vermöchte. Sie sind deshalb nTcht bbß au 
jeden selbsterworbenen Titel um vieles stolzer als der Mann in Reicher 
Lage sondern legen sogar auf Würden ihrer Gatten, welche sie doch im 
Grunde gar nichts angehen, viel mehr Gewicht als diese selbst 

Der Mutter macht das Mädchen zeitlebens zum Vorwurf daß sie es ' 
kastriert zur Welt gebracht hat, und sobald die sexuellen Wünsche auf den 
Vater und damit das Schuldbewußtsein erwacht, kombiniert es gewöhnlich 

es sei für sein so strafbares Verlangen mit Entmannung gebüßt worden! 
Man sieht wie auch h icht blQß be . m Mannej der K *y> rat . 

Tr am 8 ,? W A * UT ? h Emmündun g ^ den Ödipus-Komplex Auch 
f^ M f de " Bruder sichtbar bevorzugt, führt das Mädchen auf das 
ihr Fehlende zurück. Aus dieser unverschuldeten Zurücksetzung entwickelt 
sich nicht selten gerade bei den tüchtigsten, zerebralsten Vertreterinnen 
des weiblichen Geschlechtes eine lebenslängliche Männerfeindschaft, ia 
geradezu wütender Männerhaß. J 

Noch einer wichtigen Reaktion auf das fehlende Membrum muß ich 
hier gedenken. Manche Frauen wissen sich etwas damit, daß' nur sie 

wÄf^ P n ' Km A deT ™ f ^ Welt zu bringen. Deshalb erblicken sie im 
Weib das Prinzip des Guten, wie im Mann des Bösen. Das führt nun zu 
einer bedeutsamen Erfahrung: dem Weibe ersetzt das Kind den mangelnden 



69 

kastrierten Penis. Durch das Kind, so ihr der Geliebte schenkt, wird sie 
für das Verlorene entschädigt, bekommt sie ein neues Membrum virile. 
Nichts neidet ein Weib dem anderen derart als Kindersegen. Man braucht 
da bloß die Geringschätzung zu beachten, mit der so manche Multipara 
auf jene herabblickt, die nur ein oder höchstens zwei Kinder hatte, von 
Kinderlosen gar nicht zu reden. Darum setzt es das schwerste, heftigste 
Minderwertigkeitsgefühl, bis zur tiefsten Depression sich steigernd, wenn 
ein Weib erfährt, ihr sei für immer Nachkommenschaft versagt. Ich habe 
einmal den Ausbruch einer Dementia paranoides anknüpfen sehen an eine 
derartige Mitteilung des Arztes. Wie grundumwälzend auf des Weibes 
Fühlen nachträgliche Kinderlosigkeit zu wirken vermag, hat mit unüber- 
troffener Meisterschaft uns Shakespeare in Lady Macbeth gelehrt. 
Endlich sei auch noch daran erinnert, daß in der Traumsymbolik Kind 
häufig für den Phallus steht. 

Ich muß wieder zurückkommen auf gewisse Folgen des Penisneides 
Es ist gar nicht so selten, daß ein kleines Mädchen ihrem Brüderchen das 
Membrum wegnehmen möchte. Weiter lehrt die psychoanalytische 
Erfahrung, daß, wenn jenes einmal Gelegenheit fand, den Verkehr der 
Eltern zu belauschen — und das ereignet sich um vieles häufiger, als die 
landläufige »Meinung annimmt - - ferner wenn es das väterliche Glied bei 
der Miktion oder bei überflüssigen Bettbesuchen zu sehen oder zu fühlen 
bekommt, in der Kleinen nicht selten der Wunsch erwacht, das ihr Fehlende 
dem Vater wegzunehmen und damit — ihre Mutter zu begatten. Besonders 
lehrreich erschien mir der Fall einer älteren Hysterica, die sehr früh, schon 
mit zwei, drei Jahren, den Geschlechtsverkehr der Eltern belauscht, ja sich 
oft künstlich wach erhalten hatte, damit ihr nur nichts entgehe. An diese 
Wahrnehmungen schloß sich der Wunsch und die häufige Phantasie an, 
ihrem Vater den Penis abzuschneiden und mit ihm die Mutter zu koitieren, 
was sie später auf alle Frauen übertrug. War damit der Übergang zur 
Homosexualität gegeben, so wurde anderseits ihr Wunsch, das väterliche 
Membrum zu stehlen, eine Hauptwurzel ihrer Kleptomanie. In weiterer 
Folge hatte sie dann später und bis zum heutigen Tage das Verlangen, 
jedem Mann seinen Phallus abzuschneiden. „Meinen eigenen Mädeln 
suchte ich 'ihre Gatten abspenstig zu machen, d.h. ihr Glied zu rauben, 
bei der Jüngsten hintertrieb ich die Verlobung, meiner Schwiegertochter 
gönne ich nichts und dem Sohn, der mich materiell erhält, möchte ich am 
liebsten sein Geld wegnehmen. Alle sollen sie arm werden, weil ich selber 
so arm bin und keinen Penis besitze !" Ihr ganzes Leben, ihr ganzer Charakter 
wurde' von der Tatsache beherrscht, daß sie kein Membrum habe und 
das des Vaters, welches sie begehrte, nicht erreichen konnte. Fortab 
wünschte sie allen Menschen, sie sollten sterben oder mindestens arm 
werden, beides ein dürftiger Kastrations-Ersatz. Sie wurde schlecht, weil 
sie keinem Weibe den Penis ihres Gatten gönnte, keinem Mahn seinen 
Phallus, den sie selber begehrte. Im allgemeinen werden Kinder schlimm, 
wenn sie den Verkehr der Eltern belauschten und sich Entmannungs- 
wünsche meldeten. Frauen mit starkem Kastrationsverlangen lieben auch 
nur selten Kinder, eigene so wenig als die fremden. Sie wollen ja das Kind, 



70 



^^e A b scS„ s rs£Ä, v *-' dh - * 

auch nur 'durchzuhauen *Ä fflÜÄ **? ? bdtal «^ 
zurück, jenes auf das Beißen der «, -^i'« auf die Kinderzeit 
tioneü vUrirter ^tSSÄ? ■?"*!* 

zur Zei, der SSSÄw £ ÄÄ Z f T^T' am eheStel 



IV. KAPITEL. 



Allgemeines über die Sexualentwicklung. 

Wenn ich im ersten Kapitel betonte, man solle sexuell und genital 
miteinander nicht verwechseln, so muß ich jetzt anderseits doch hervor- 
heben, daß das letzte Ziel der geschlechtlichen Entwicklung die Fort- 
pflanzung bleibt und diesem Endziel von der Natur dann schließlich alles 
unterordnet wird. 1 ) Nun ist die Fortpflanzung beim Menschen wenigstens 
an eine genitale Betätigung gebunden, bei welcher der Mann seine Ge- 
schlechtsprodukte ausstoßen muß, eine Forderung, die normalerweise 
erst von der Pubertätszeit ab zu erfüllen ist. Beim Kinde hingegen fällt 
durch den Mangel jener Produkte und durch die physiologische Unent- 
wickeltheit das Hauptmotiv weg zum Gebrauch der eigentlichen Ge- 
schlechtsorgane. Vielmehr gebärdet sich da eine Reihe erogener Zonen 
wie Genitalien, der Geschlechtstrieb zerfällt in seine Teiltriebe, die durch- 
aus selbständig und unabhängig voneinander auf Lusterwerb ausgehen. 
Kein Gedanke an Vorherrschaft eines dieser Partialtriebe, dem alle anderen, 
willig oder nicht, Gefolgschaft leisten müßten. 

Erst in der Pubertät, "wenn unter dem Einfluß der inneren Sekretion 
ein mächtiges Wachstum der Geschlechtsteile erfolgt, welches dann zu 
lustvoller Betätigung drängt, wird — normale Entwicklung vorausgesetzt 
— das Primat der 'Genitalien aufgerichtet. Ihre Lust und Befriedigung 
wird jetzt zur Endlust, zur eigentlichen „Geschlechtslust", während die 
der anderen erogenen Zonen, sofern sie noch überhaupt beim Sexualakt 
Verwendung findet, zur Vorlust herabsinkt. Um dieses Ergebnis ganz 
sicher zu erzielen, schuf die Natur eine Anzahl Einrichtungen wie die 
genitalen Reizungen der Kinderpflege, die Eigenonanie der Säuglinge 
wie der kleinen Kinder an den äußeren Schamteilen und endlich die Durch- 
brüche der sogenannten Latenzzeit, von der in Bälde zu sprechen sein 
wird. Man sieht, die Onanie hat biologischen Sinn und Zweck; sie dient 

») Bei den Tieren ist Deckung und Befruchtung fast gleichbedeutend. Stuten 
und Hündinnen lassen das Männchen nach der Befruchtung nicht mehr zu. Bei den 
Menschen wird die Brunftzeit ersetzt durch andauernde Sexualbereitschaft, die oben- 
drein nach der Richtung der Perversionen erweitert ist. Immerhin bleibt auch da die 
Fortpflanzung für die Natur Hauptsache. 



72 



vorerst zur Kräftigung der genitalen Sinnlichkeit und Festlegung ihres 
künftigen Primates. fa 

Erfahrungsgemäß ist jegliches Kind durch Verführung leicht zu 
alen möglichen Überschreitungen zu bringen, die man beim Erwachsenen 
als Geschlechtsverirrungen bezeichnen würde. Also muß es wenigstens 
Anlagen dazu von Haus aus mitbringen, es ist nach dem treffenden Worte 
Freuds mindestens fakultativ „polymorph pervers". Die starken Dif- 
lerenzen zwischen seinem Sexualleben und dem der Großen beziehen sich 
auf das was wir normales Geschlechtsleben heißen. Vom krankhaften 
aber findet sich sehr viel in der Vita sexualis der Kinder wieder. Dies 
unterscheidet sich von dem der Erwachsenen nach Freud in folgenden 
fünf Punkten: 1. durch Überschreitung der Artschranke, indem nicht bloß 
ein Mensch, sondern auch ein Tier gewählt werden kann; 2. durch Über- 
schreitung der Ekelschranke; 3. der Inzestschranke; 4. der Schranke der 
Gleichgeschlechtlichkeit; 5. endlich, noch dadurch, daß das Kind die 
Sexualbefriedigung nicht von den Genitalien allein erwartet sondern 
im Grunde von aUen anderen Organen, die sich sehr häufig an Stelle der 
eigentlichen Genitalien setzen. Des Kindes Geschlechtsleben setzt sich 
nun über sämtliche obige Schranken hinweg. Das Kind macht zwischen 
Mensch und Tier keinen großen Unterschied und fühlt sich diesem so 
nahe verwandt, daß es gelegentlich auch ein Tier zum Objekt sexueller 
Kegungen nimmt. Den Ekel kennt es überhaupt nicht, beschäftigt sich 
vielmehr mit seinen Exkrementen wie mit einem harmlosen Gegenstand ' 
ja oft geradezu liebevoll. Der Ekel entwickelt sich erst allmählich unter 
starkem Nachdruck der Erziehung. Der Knabe schreibt ferner beiden ' 
Geschlechtern lange Zeit hindurch das nämliche Genitale zu und liebt das 
eigene nicht anders und nicht minder als das fremde. Und wie wenig: 
die Inzestschranke stört, habe ich in früheren Kapiteln schon überreichlich 
ausgeführt. Wie man sieht, ist das Meiste, was man bei Erwachsenen 
„pervers" tituliert, in der Kindheit völlig und durchaus normal. 

Der Mensch weist zweimal eine besondere Blütezeit auf, somatisch 
wie psychisch, vom dritten bis zum vollendeten fünften Jahre, und dann in 
der Epoche der Reifung, der Pubertät 1 ). Beidemal kommt es vermutlich 
unter Einfluß der Geschlechtshormone zu einer rapiden Gefühlsentwick- 



.»*+ rJ ♦J? 01 *? • Gemes Seiltet sich das Leben noch reicher. „Es gibt Menschen". 
rSL Th ' " a ! 1D t wiederholte Pubertät erleben". Er selbst war ein bezeichnendes 
■K™> ^ l ,• FUnde J? enomnjen existiert noch eine ganz frühe sexuelle 
öluteze.t die des Säuglings nämlich. In dieser archaischen Periode lernt das kleine 
Menschenkind die Mutter, Amme oder erste Pflegeperson wirklich heben, was bei der 
spateren Objektwahl nachweisbar wird. Es finden sich da auch bereits Ansätze von 
exhibitionistischen und sadistischen Zügen, die ein Ausbrechen jener Perversionen 
ik 1I \,r. er J ? 1 ? dhei . t m °g lich machen, wenn auch ohne dauernde Festlegung der- 
selben. Wir dürfen vielleicht als anatomische Grundlage dieser archaischen Blüte- 
zeit die neuestens nachgewiesene Hypertrophie der Pubertätodrüse beim männlichen 
SE T'k d, : e R Fo » lke ] i ; eifu ng ™ Ovarium des neugeborenen Mädchens ins Treffen 
ItwlCu £** dCr U 5 e ™ S d6S letzteren » der Regel größer ist als der von 

etwas alteren Kindern und dann extrauterin Rückbildung erfährt, ist wohl in der« 
nämlichen Richtung zu deuten. 



7$ 



lung und einem Hervorbrechen der genitalen Masturbation. Die Mensche» 
werden in beiden Epochen besonders schön und liebenswert und schreiten 
auch ihrerseits zur Objektwahl vor. Gegen Ende des fünften Lebensjahres- 
setzt ein ganz merklicher Nachlaß der ersten Blütezeit ein, um in den Jahren 
6-12 der sogenannten „Latenzzeit" Platz zu machen. In dieser zeigt die 
Sexualität überhaupt keine Fortschritte oder läßt doch mindestens an 
Intensität erheblich nach, daher dann der Name. In einer Anzahl von 
Fällen hört überhaupt alle geschlechtliche Betätigung auf und jedes sexuelle 
Wünschen, jene Zeit ist meist auch masturbationsfrei. Doch sind Unter- 
brechungen der Latenz nicht selten bald an dieser, bald an jener Stelle, 
ja es kann z B. die Onanie von der ersten bis in die zweite Blütezeit hinein 
ohne Aufhören fortdauern. Immerhin ist dies doch eine Ausnahme. Übri- 
gens werden auch in der Latenz sexuelle Erregungen fortlaufend geliefert, 
doch nur in einem Maße, daß sie seelisch voll zu bewältigen sind. Es treten 
keine neuen geschlechtlichen Symptome auf und die groben Äußerungen 
sind unterbrochen oder mindestens verringert. Jene zuströmenden sexuellen 
Erregungen dienen als mächtige Energiequelle und werden unter Mit- 
Wirkung der Erziehung zum größten Teile „sublimiert" d. h. nunmehr 
ungeschlechtlichen, doch kulturell wertvollen Zwecken und Zielen zugeführt. 
Noch einen Punkt muß ich hervorheben: die zweizeitige Objektwahl 
in den sexuellen Blütezeiten und die Rolle der Masturbation hiebei. Die 
Obiektwahl erfolgt nämlich in zwei Ansätzen. Der erste fällt in die Jahre 
zwischen drei und fünf, dann kommt die Latenzzeit, wo gewisse Liebes- 
beziehungen sich zwar fortsetzen, doch keine neuen angeknüpft werden. 
Einen zweiten stürmischen Vorstoß bringt dann die Pubertät. Dies zwei- 
malige Anheben hat gewisse Folgen. Im ersten Ansatz bringen es die 
Kinder verschieden weit. Die einen bleiben bei den Wartepersonen stehen, 
den Eltern, Pflegerinnen etc., andere hingegen zeigen schon da sehr deutlich 
Verliebtheit in fremde Personen. Beim Eintritt der Reife nimmt das Kind 
die alte Objektwahl wieder auf mit all den inzestuösen Gefühlen, von denen 
im zweiten Kapitel die Rede. Also beginnt der Knabe Mütter und Schwester 
xu lieben, das Mädchen ihrerseits Vater und Bruder, nur wird die Intensität 
des Affektes jetzt außerordentlich vergrößert. Doch vollzieht sich all dies- 
infolge der unterdes aufgeführten Inzestschranken im Unbewußten. Jene 
Dinge sind derart unmöglich geworden, daß sie nicht mehr die Helligkeit 
des Bewußtseins erzielen, sondern oft nur in Träumen deutlich hervor- 
treten. Natürlich bleiben die verbotenen Wünsche auf die Eltern dann 
noch mehr unbewußt, als die auf die Geschwister zielenden. Soll schließlich 
sich das Liebesleben normal gestalten, dann muß in der Reife sexuelle 
Ablösung von beiden erfolgen und eine Übertragung auf andere Objekte,, 
die kulturell und moralisch einwandfrei sind. In der Regel geschieht dies 
zu Anfang wenigstens entlang jener ersten Inzestpersonen und nach 
deren Vorbild. Als Wirkung des „ProbepfeüV liebt dann der Jüngling 
eine reifere Frau, durchsichtig eine Mutter-Imago, das Mädchen hin- 
wieder einen älteren Mann, der ihr den Vater repräsentiert. 

Die Objekt wähl in Anlehnung an die ursprünglichen Pflegerinnen 
(Mutter, Amme, Kinderfrau etc.) wird wesentlich erleichtert, ja vielleicht 



74 



-erst geweckt durch die genitale Masturbation 1 ). Man erinnere sich an das, 
was ich im ersten Kapitel von Hirschsprung erzählte. Dieser wurde 
zu einem 13 monatigen Mädchen gerufen, die an merkwürdigen „Anfällen" 
litt, die sich als typische Masturbation entpuppten. Hirschsprung 
berichtet: „Das Kind macht eine Reihe auf- und abgehender Bewegungen 
mit dem Becken und den parallel ausgestreckten Beinen. Es arbeitete 
fortwährend, wurde ganz still, rot im Gesicht, Seufzer und klagendes 
Schluchzen, die als Schmerzen aufgefaßt wurden." Und nun kommt 
folgende bezeichnende Stelle: „Während des Anfalles betrachtete das 
Kind mich — ich stand dicht dabei und es hatte mich den Augenblick 
vorher gar nicht leiden mögen - mit schmachtenden, er- 
löschenden Augen." Man erkennt hier deutlich, wie die Erinnerung an 
ursprüngliche genitale Genüsse, die das Kind im Anfall wiederholt, zur 
Liebesbeziehung mit der Pflegerin führt. Nur daß infolge ererbter Anziehung 
verschiedener Geschlechter die Mutter hier schon durch den Arzt-Vater 
ersetzt worden ist. 2 ) 

Es scheint ganz allgemein, daß die Verliebtheit gebunden ist an die 
Reizung unserer Genitalien oder mindestens die Erinnerung daran. Des- 
halb ihr Erwachen in der Kindheit gegenüber Mutter oder Pflegerin, 
zwischen drei und fünf Jahren die Neigung dazu nach Genital-Onanie, zur 
Zeit der Reife in den typischen Masturbationsphantasien auf Inzestpersonen 
-oder andere Objekte nach ihrem Vorbild. Auch der Vater scheint eine Rolle 
zu spielen, sowohl durch seine Beteiligung an der Kinderpflege, als durch sein 
spielerisches Hingreifen ad genitalia, als endlich noch durch die Kastrations- 
drohung und die sich oft daran knüpfende Lust. Die Masturbation scheint 
eine Einrichtung der Natur, das Primat der Genitalien früh vorzubereiten 
und den Übergang von der Autoerotik zur Objektwahl zu sichern. 

Wenn ich vorhin erklärte, letztere beginne zwischen drei und fünf 
Jahren, so trifft dies auch, abgesehen von den Ansätzen in der Säuglings- 
periode, eigen Üich nicht völlig zu. Im Grunde wird schon weitaus früher 
ein Objekt gewählt, nur daß dies kein fremdes Wesen ist, sondern das eigene 
Ich. Bekanntlich äußert sich die erste Sexualität des Kindes autoerotisch, 
d. h. dies findet seine Befriedigung am eigenen Leibe. Werden nun die 
einzelnen geschlechtlichen Teiltriebe zu einer Einheit zusammengefaßt, 
<las ganze Selbst zum Liebesobjekt genommen, so belegen wir diese Zwischen- 
stufe von der Autoerotik zuf Objektliebe mit dem Namen Narzißmus 
oder Selbst Verliebtheit. Im Stadium des Narzißmus sind Ich- und Ge- 
schlechtstriebe noch nicht geschieden, Egoistisches und Sexuelles noch 
beisammen. Man kann auch sagen: Narzißmus ist ein Grenzbegriff, in 
welchem die Trennung von Geschlechts- und Ich-Trieben auf die zugrunde- 
liegende Einheit reduziert wird. 



K 



') Ansätze zur Objektwahl finden sich jedoch bereits beim Säugling. „Fast 
alle länger gestillten Kinder benützen vom fünften, sechsten Monat ab die Brust 
nicht bloß als Nahrungsquelle, sondern betasten sie auch. Sie wird ihnen also ein Quell 
-der Berührungslust." (Josef K. Fried jung.) 

2) Auch die Lösung wäle möglich, daß der Vater des Mädchens sich, wie so 
häufig, an der Säuglingspflege beteiligt hat. ' 




75 



Der Narzißmus ist etwas durchaus Normales. Nur seine Fixierungen 
und Überschreitungen muß man als pathologisch bezeichnen. Auch was 
wir auf den normalen Egoismus der Menschen schieben können, dürfen 
wir nicht zum Narzißmus rechnen. Wohl aber kann einer ruhig Narzißt 
sein und außerdem noch eine Objektliebe haben. Jeder Mensch ist bis 
zu einem gewissen Grade selbst verliebt. Krankhaft wird die Sache erst 
dann, wenn ein Mehr vorhanden. Auch ist scharf zu unterscheiden zwischen 
dem eigensüchtigen Egoismus und dem libidinösen Narzißmus. 

Dieser rührt her von der Überschätzung des eigenen Körpers, die 
schon dem ganz kleinen Kinde eigen und zu der auch die liebende Bewun- 
derung der Eltern ihr reiches, oft allzu reiches Scherflein beiträgt. Es ist 
recht lehrreich, wie die Selbstverliebtheit das Verhalten jedwedes Kindes 
bedingt, was die Pädiater ganz trefflich auszunützen verstehen. Sobald 
sich die Kleinen zu der Umgebung nicht recht in Beziehung setzen können, 
empfinden sie diese geradezu als feindlich. Der Arzt, der ein Kind unter- 
suchen will, muß, wie Fried jung einmal ausführte, zunächst an dessen 
Narzißmus appellieren, darf also nicht etwa stumm und wortlos an dessen 
Untersuchung schreiten, sondern wird etwa sagen: „Was hast du denn 
für ein schönes Mascherl?" oder „Wo hast du denn dein Ohrli?" — kurz, 
er wird sich für das Kind interessieren, dann wird die Untersuchung häufig 
ein Spiel (z. B. mit dem Hörrohr). Ich erwähnte schon früher, daß das 
Kind den Ekel vor den Fäkalien nicht kennt. Dieser entwickelt sich 
stets aus dem Ekel vor den Fäkalien anderer, bei den eigenen kommt es 
niemals dazu. Der Ekel gilt bis in die späteste Lebenszeit hinein fast immer 
nur den anderen, nicht den eigenen Stühlen, denn bei diesen widersetzt 
sich der ursprüngliche Narzißmus stets mit Erfolg, während er bei fremden 
Stühlen fortfällt. Auch im Familien-Komplex spielt der Narzißmus des 
Kindes eine gewisse Rolle. Wenn beispielsweise ein zweites Brüderchen 
auf die Welt kommt und der ältere Junge mindestens zeitweise die Liebe 
seiner Mutter verliert, so hebt er -sich selbst dafür um so mehr, wird er 
stärker narzißtisch durch die Rückkehr zu einer früheren Entwicklungs- 
stufe. In einem solchen Falle geht die Regression entweder bis zur anal- 
erotisch-sadistischen Vorstufe, über die ich in Bälde reden werde, oder aber 
der Knabe zieht die Liebesbesetzung zurück auf sich selbst, d. h. er regre- 
diert bis zum Narzißmus. 

In der Mehrzahl der Fälle ist die Liebe des Weibes im Stadium des 
Narzißmus stehen geblieben. Dieses liebt nämlich vor allem sich selbst 
und den Mann bloß darum, weil er sie liebt, nicht aber wegen seiner Vorzüge. 
Ihr Bedürfnis geht nicht dahin, ihn zu lieben, sondern geliebt zu werden. 
Deshalb fehlt ihr auch die Sexualüberschätzung, die dem Manne in der 
Liebe eigen. Die Objektliebe kommt ihr erst beim Kind, und zwar auch 
da vom Narzißmus her, weil das Kind ein Stück von ihr selber ist. Was 
ihr die Entjungferung so peinlich macht, ist die narzißtische Kränkung, 
die aus der Zerstörung eines Organs erwächst. Das wird dann später ratio- 
nalisiert durch das Wissen um die Herabsetzung des sexuellen Wertes 
durch die Defloration. Die reichlich mit Geringschätzung versetzte Ab- 
lehnung des Weibes durch den Mann geht auf dessen narzißtische Genital- 



76 

libido, i. e. die Bewunderung des eigenen Penis, und auf die an jener ver- 
meintlich vollzogenen Kastration zurück. Die Reaktion auf den Penisneid 
verstärkt dann wieder den Narzißmus des Weibes. Gerade weil sie den 
Mangel des Membrums so schwer empfindet, will sie stets wieder zu hören 
bekommen, daß man sie trotz allem und allem liebt. 

Auch die Quelle der Freundschaft ist nicht, wie man gewöhnlich meint,, 
vergeistigte Homosexualität, sondern der Narzißmus. Nicht umsonst 
bezeichnet man seinen Freund als , .alter ego". In Wilhelm Schäfers 
„Karl Stauffers Lebensgang" findet sich folgende Äußerung des genialen 
Radierers: „Es ist mir auch mit anderen Freunden — von Frauen nicht 
zu reden — das gleiche Mißgeschick begegnet, so daß ich mich vielfach ais- 
treulos selber anklagen mußte. Was aber ist solche Freundschaft, als 
daß man irgendwo im Leben sich mit anderen in einer ähnlichen Lage 
befindet und aus der Not hilfloser Einsamkeit zusammenhält; es ist da 
nie der Mitmensch, den man findet; man ist es selber, der sich in 
ihm bestätigt sieht und eine Aussprache sucht." Überhaupt 
ist zu sagen, daß beim Künstler wie beim Neurotiker der Narzißmus- 
ausnehmende Wichtigkeit besitzt. Es ist eine Entwicklungshemmung, 
die zum Künstler disponiert, da ein besonderer Grad von regem Narzißmus 
zur Ausführung der Produktionen gehört. Der Künstler hat Gründe, im 
Stadium der Selbstverliebtheit zu verharren, weil er auf diese Art am 
besten bei seiner Kunst bleiben kann, nur darf er nicht egoistisch geblieben 
sein. Wohl aber muß er des Narzißmus fähig, d. h. imstande sein, sich in 
das eigene Ich zu verlieben und diese Überschätzung darstellen können . 
Beim Neurotiker bildet die Selbstverliebtheit eine der Grenzen unserer thera- 
peutischen Leistungsfähigkeit, denn wir können jenen nur soweit ändern, als 
seine Libido auf Objekte verschoben ist. Die Krankheiten, welche eine 
Rückkehr zum reinen Narzißmus darstellen, sind nicht zu beeinflussen. 
Auch wenn wir beim Gesunden auf den Narzißmus stoßen, benimmt er 
sich wie ein Paranoiker. Und diesen können wir darum nicht heilen, weil 
er ein Selbstverliebter ist. 

Wir unterschieden bisher in der Sexualentwicklung das Stadium' 
der Autoerotik, wo die einzelnen Teiltriebe noch selbständig sind und auf 
eigene Faust dem Lustgewinn nachgehen, und dann ihre Zusammenfassung 
unter das Primat der Genitalien zwischen drei und fünf Jahren und in der 
Pubertät, was beidemal mit Objektwahl einhergeht, Dann sahen wir uns 
bemüßigt, zwischen das autoerotische und genitale Stadium jenes des 
Narzißmus einzuschieben, bei dem auch schon die Wahl eines Objektes 
stattgefunden hat, nur daß dieses kein fremdes Wesen ist, sondern das 
eigene Ich. Die fortschreitende psychoanalytische Erfahrung hat Freud 
genötigt, zwei prägenitale Vorstufen ' anzunehmen, und zwar 1913 die 
analerotisch-sadistische als Disposition zur Zwangsneurose und dann in 
der dritten Auflage der „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" (1915) 
als primäre und älteste die orale oder kannibalische, deren Sexualziel die 
Einverleibung des Objektes ist, was späterhin als Identifikation eine hoch- 
bedeutsame Rolle spielt. Wir kennen also eine genitale Stufe und zwei 
prägenitale. Narzißmus aber kann bei jedem dieser drei Stadien dabei sein. 



77 



Was die prägenitalen Phasen betrifft, gehen sie de norma so glatt 
vor sich, daß man sie kaum oder gar nicht bemerkt. Bestenfalls verraten 
sie sich durch Andeutungen, wie beispielsweise die orale dadurch, daß die 
Kinder alles in den Mund stecken. Erst unter pathologischen Verhältnissen 
werden sie auffällig, wenn das betreffende Individuum von einer späteren, 
genitalen auf eine frühere Entwicklungsstufe zurückgeworfen wird. Nach- 
dem z. B. das Kind durch eine Kastrationsdrohung in seiner Masturbation 
gestört wurde, kann etwa eine Regression erfolgen ins analerotisch-sadi- 
stische Stadium. Am leichtesten machen die Kinder diesen Schritt zurück, 
wenn sie, wie dies häufig vorkommt, eines jener Entwicklungsstadien über- 
sprungen haben. 

Von diesen prägenitalen Stufen zeigt die spätere, immer schon deut- 
liche Objektwahl, und zwar die Wahl eines fremden Objektes, zu welchem 
das Kind sich entweder aktiv stellt, indem es sich seiner bemächtigen will, 
oder passiv durch Darbietung seiner Afterzone, z. B. bei der Kinderwartung. 
Dort also wirkt der Bemächtigungstrieb, den wir, sobald er sexuell gefärbt 
ist, Sadismus heißen, hier wiederum die Analerotik, und jede dieser beiden 
Komponenten sucht sich ihr eigenes Objekt, das solcherart in zweifacher 
Zahl vorhanden. Statt des sonstigen Gegensatzes in sexuellen Dingen 
zwischen männlich und weiblich können wir auf dieser Stufe nur das aktive 
und passive Sexualziel unterscheiden. Die Betonung der erogenen After- 
zone hinterläßt beim Mann eine Disposition zur Päderastie. Es ist sicher 
kein Zufall, daß Homosexualität, Päderastie und Sadismus so häufig 
miteinander Hand in Hand gehen, wie auch die Werke des Marquis de Sade 
unzweifelhaft dartun. 

Zum Sadismus liefert auch die erste prägenitale Stufe, die orale 
Erotik, einen bedeutsamen Beitrag, besonders zu jener Form, die man als 
Beiß-Sadismus bezeichnet. Ich führte schon mehrfach an, daß der Säug- 
ling beim Gestillt werden nicht bloß Befriedigung seines Hungers erfährt, 
sondern auch kaum minder seiner Munderotik. Ein Rest der oralen Ent- 
wicklungsstufe ist das Ludein oder Wonnesaugen, bei welchem die Nahrungs- 
aufnahme gar nicht mehr in Betracht kommt. Manche Kinder saugen, 
ja beißen so heftig an der Brust, daß die Mütter mindestens Schrunden 
davontragen oder es gar zu Blutungen kommt und die Kinder abgesetzt 
werden müssen. Hier liegt eine Wnrzel für die so häufige innige Verknüp- 
fung von Beiß- und Blut-Sadismus. In anderen Fällen wieder führt die 
Munderotik später zur Fellatio und Cunnilinctio. Verstärkung dieser 
Erotik von Haus aus zeigen dann ferner sogen. „Fresser", alle Neurotiker 
mit nervösem Heißhunger, Männer und Frauen, die sich beim Küssen 
förmlich ansaugen und in Verzückung geraten, weiter auch leiden- 
schaftliche Raucher und Trinker. Man denke auch an die bekannte Rede: 
,,Ich habe dich so gern, daß ich dich vor lauter Liebe auffressen könnte." 
Einen lehrreichen Beitrag zur Munderotik, hat Karl Abraham geliefert 
(„Untersuchungen über die früheste prägenitale Entwicklungsstufe der 
Libido", Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse, IV. Jahrg. 
1916, Heft 2) 



V. KAPITEL. 



Allgemeines über die Perversionen. 

Wenn man von Perversionen spricht, so denkt man da stets an 
abnorme Handlungen aus der Psychopathia sexualis, die man je nach 
Erlebnissen und Temperament mehr lächerlich findet oder mehr verwerflich. 
Man vergißt dabei ganz, daß aus der Reaktion auf diese Teiltriebe unsere 
größten Tugenden, die bedeutsamsten Kulturfortschritte erwuchsen. Es 
geht uns da ähnlich wie mit den Bakterien. Auch bei diesen hält man sich 
lediglich nur an die pathogenen, an jene verhältnismäßig kleine Gruppe, 
die Krankheiten erzeugt. Daß ohne Bakterien ein Leben auf Erden wahr- 
scheinlich nicht möglich wäre, ja mutmaßlich gar nicht angehoben hätte, daß 
die Bakterien in der Landwirtschaft und Industrie eine ungeheure Be- 
deutung besitzen, wird selten bedacht. Wohl ebenso selten, als daß für die 
Menschheit die sexuellen Perversionen von nicht viel geringerer Bedeutung 
sind. Denn ohne diese wäre die gegenwärtige Kulturhöhe weder zu erreichen 
gewesen noch zu behaupten. 

Gleichwohl stellen sich alle Leute wider die Geschlechtsverirrungen 
äußerst feindselig. Diese unterhegen besonderer Ächtung, im Gefühlsleben 
sowohl als in der Wissenschaft. Man will mit ihnen nichts zu schaffen haben.. 
Sie gelten als häßlich, ja geradezu gefährlich und jedermann nimmt Partei 
gegen sie. Es ist, als hätten die Menschen eine heimliche Angst vor jenen 
Verirrungen. Merkwürdig ist, daß man sie beim Weibe verhältnismäßig 
milde beurteilt, während man die gleichen Perversionen des Mannes nicht 
scharf genug zu verdammen weiß. Sie sind billig, ungefährlich und schadlos, 
das ist der Grund, weshalb man sie derart häufig pflegt und es dem Weibe 
freigestellt wird, sich auf diese Weise Befriedigung zu verschaffen. Hingegen 
heben sie, wie Freud sich ausdrückte, die steuerpflichtige Liebe des Mannes, 
auf, der unter der Peitsche seines Sexualtriebes gezwungen werden soll, 
sich ein Weib zu nehmen und eine Familie zu gründen. Jenes aber gönnt 
ihm die Gesellschaft nicht und deshalb wird der perverse Mann als Schäd- 
ling betrachtet 

Im Grunde besteht zwischen den perversen Sexualakten und den 
normalen oft überhaupt kein Unterschied. Entscheidend ist einzig, wie 
Freud ausführte 1 ), daß beim Normalen die perverse Handlung als Vor- 

1 ) „Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse", 3. Teil. 







79> 

verii\ U en g entw J^ ^ Schließlichen Koitus, der beim Geschlechts- 
Sf entweder ganz zurücktritt, überhaupt vermieden wird oder 
höchstens eine Zutat bildet, während Hauptsache die Perversen bldbt 
M f ^ das v Ge + m f 1 lnsame a "er Perversionen, daß sie das Ziel oder sLn wt 
Ide a ' der Fortpflanzung aufgeben. Ihr Hauptcharakterzug ist nch" Ersitz 
der Gemtalien durch andere Körperteile, wie bei der Hysterie auch nfcta 
ÄS^S^ Sexualobjektes, vielmehr & bestimmend d"e- 
Ausschheßhchkeit, mit der sich jene perverse Betätigung an Stelle des 
- normalen Vorgehens setzt und die Fortpflanzungsfunktion beSite schiebt 
Die Perversionen definierte Freud als die vererößerfr» in fhL w i 
erregungen zerlegte infantile Sexualität.» Was geschlehfnun mi 1 t~ 
geschechtlichen Teiltrieben eines S^J^^^^^ 

büdtg SST^TSSf ° der h SubIimiert ' ein anderer zur Re S aktio k nt 
nach Uro TnH Mn !"vr^ T* unterdrückter Exhibitionslust, Ekel 
nach Uro- und Koprophihe usw. , ein dritter hinübergerettet ins Leben 

£££3 lchse " en -.° de ; endlich man kehrt ' was bei den Pervezen die 
Regel ist nach einer Enttäuschung in der normalen, genitalen 2& zu 

AT* durch » Re ^f°ü in das InfantiJe " »itoSa ££ 

auf die Perversionen so schlecht zu sprechen, weil sie sie glücklich mTr 
weniger unterdrücken lernten und jetzt bei den anderen minder Glücklkhen 
als Laster" empfinden. Sie selber scheinen von den kindlichen Trieben 
recht wenig oder gar nichts mehr aufzuweisen, ohne daß sie gerade sehr 
subhmiert aussehen Was ist da geschehen ? Ich glaube, die Sache liegt nur 
scheinbar so, die Wirklichkeit aber sieht anders aus 

Es wird da vielleicht von Nutzen sein, die Entwicklung der infantilen 
1 eiltriebe nach Geschlechtern zu sondern. Beim Manne zeigt sich die soge- 
nannte Perversität" zumeist in der Ehe oder sagen wir allgemein: im 
Verhältnis zum Weib, in dem, was er nämlich von diesem als Liebesbeweis- 
verlangt oder selbst als „Liebe" anzubieten wagt. Festzuhalten ist, daß die 
bloße imrmssio membri in vaginam ohne jede Zutat außer in preußischen 
Pastorenfamihen wohl kaum je auf die Dauer geübt wird. Ein Stückchen 
Perversion ist fast immer dabei, auch im normalsten Geschlechtsverkehre 
Nur dringt hievon äußerst wenig hinaus, teils aus äußerer Scham, teils 
weil die Perversität des Mannes die gleiche des Weibes wohlig anregt oder 
zumindest als Liebesbeweis von diesem angenommen wird. Bei den Süd- 
slawen z. B. sind nach Friedrich S. Kraus sadistische Züge beim Koitus 
so verbreitet daß sie geradezu als Regel gelten. Mann und Weib püegen 

ÄÜT5 f u h ? verbeißen ". ** Bißkuß oder das Beißen n die 

Brüste st ungemein häufig und mit den Zeichen dieser Manneshebe« 
prunkt förmlich das Jungverheiratete Weib »wannesiiebe 

PprvPr XUCH beim r^? 011 ^ GeschIech te ist die Fähigkeit und Lust zu allen 
Perver sionen vorhanden. Man denke da nur, wie leicht ein Weib wenn es 
wirklich hebt allen Wünschen des Mannes entgegenkommt und n die 

d P ef S2SS ^ D ! men - In alle ^ öß ^ Maßstab edoch S md 

de> Weibes Perversionen zu schauen bei der Krankenpflege und vor illem 
in der- Mutterliebe. Wenn die Frau so gern als Hüterifde guten S t"e 
gefaert wird und tatsächlich in den besseren Mittelständen in cSech"! 



so 

verirrungen weit weniger zu leisten scheint als etwa der Mann, so liegt dem 
nicht eine höhere Sittlichkeit zugrunde, sondern die seit Jahrtausenden 
anerkannte, ja gefeierte Möglichkeit, viele extragenitale perverse Gelüste 
in der Kinderpflege ausleben zu dürfen. Da obendrein ihre vita sexualis 
kürzer währt als die des Mannes und gewöhnlich in deren Hauptzeit die 
Wartung ihrer Kinder fällt, kann sie jenen Mythos auch leicht festhalten. 

Von vornherein ist es ganz unwahrscheinlich, daß das Weib, für welches 
die Liebesbeziehungen, i. e. vergeistigte und un vergeistigte Sexualität, 
durchaus im Mittelpunkt ihres Lebens stehen — so sehr im Mittelpunkt, 
•daß daneben eigentlich nichts anderes mehr Platz hat — daß just diese 
bessere Hälfte der Menschheit von Per Versionen um so viel mehr verschont 
bleiben sollte. In Wahrheit unterscheiden sich beide Geschlechter hier 
einfach dadurch, daß der Mann seine sexuellen Verirrungen offener zeigt, 
als das stets zum Verstecken geneigte Weib, welches obendrein einen 
■sanktionierten Ausweg zur Verfügung hat. Darum bleibt ein jedes richtige 
Weib, dem das Schicksal Kindersegen versagt hat, unzufrieden, weil ihm 
damit die Möglichkeit vorenthalten wird, seine wichtigsten Perversionen 
in natürlicher Weise ausleben zu dürfen. Wir wissen von vielen hysterischen 
Frauen, daß ihr Zustand sofort und für lange hinaus sich erheblich bessert, 
wenn sie Mütter werden und sich für einige Jahre der Kinderwartung 
hingeben können. Dies auch der Grund, warum der Ratschlag älterer 
Ärzte, hysterische Frauen müßten heiraten, nicht ganz von der Hand zu 
weisen bleibt, wenn auch natürlich die Eheschließung nichts weniger als 
ein Heilmittel darstellt für diese Neurose. 

Es ist ein genialer Witz der Natur, daß sie für die große Mehrheit 
der Frauen die höchsten Lustgefühle an die Erfüllung der Kinderpflege 
band. Bezeichnend ist auch, wie ihr Verhältnis zum Gatten sich wandelt, 
wenn ein Kleines auf den Plan tritt. Man hat da durchaus richtig bemerkt, 
daß der Mann durch seinen Nachwuchs sich selber die größten Feinde 
heranzieht. Die Mutter kann nach bürgerlichem Gesetz ihm absolut treu 
sein, d. h. nämlich anderen Männern gegenüber. Doch mit ihrem Kinde 
betrügt sie ihn fast stets, will sagen: sie lebt nunmehr an diesem ihre 
Sinnlichkeit aus. Gemeinhin wird die genitale Sexualität ihr gleichgültig 
oder ist doch mindestens nicht mehr Hauptsache, sobald sie das Glück 
der infantilen Perversitäten genießen kann mit ihrer Uro- und Koprophilie, 
der Befriedigung ihrer Schaulust und Hauterotik. Jene dient dann oft 
nur als Mittel zum Zweck, um, wenn ein Kind etwas größer geworden, 
-ein zweites zu empfangen und damit die Aussicht auf neues Perversions - 
vergnügen. Nichts neidet eine Frau der anderen so sehr, als deren Kinder, 
zumal wenn sie selber keine besitzt. Und nicht selten verfolgt die Mutter 
den Sohn mit ihrer „Liebe", auch wenn derselbe schon groß geworden, 
ganz besonders aber, wenn sie den Gatten verliert, was sie oft mit großem 
Gleichmut erträgt. Die nämlichen Frauen prunken dann gern nach außen 
mit ihrer „Anständigkeit". 

Viele Frauen wissen sich etwas damit, daß ihnen der normale Ge- 
schlechtsverkehr nichts mehr bedeutet, sondern nur die erhabene „reine" 
Mutterliebe, i, e. die Befriedigung ihrer infantilen Sexualgelüste. Sie be- 



81 






trachten jenen fast als unanständig, um nicht zu sagen als unmoralisch 
oder tun da bestenfalls die gebotene eheliche Pflicht. Erst wenn der Mann 
schwer krank geworden, schwelgen sie darin, ihm zu helfen wie einem 
kleinen Kinde 1 ). 

Dies Verhalten der Frauen gegen Kinder und Kranke ist als Glück 
und mächtiger Kulturfortschritt zu werten. Man denke an das Wort Jouys" 
,.Sans les femmes le commencement de notre vie seroit prive de secours le 
milieu de plaisirs et la fin de consolation." Mich dünkt jene scheinbare 
Sublmuerung der infantilen Gelüste des Weibes zur Kinder- und Kranken 
pflege höchst bedeutsam. Zu beiden taugt es weit besser als der Mann und 
findet dann seit vielen Jahrtausenden seine Domäne'-). Auch wäre ohne 
jene Nagung die Zahl der verwahrlosten Kinder noch größer. So aber kann 

SÄST T TkV,Ü f lgen , Verkeh ™g kommen, daß just das idiotische 
bresthafte oder verkrüppelte Kind, welches ungeheuere und vor allem 
bestandige Pflege braucht, zum Liebling seiner Mutter aufrückt, dieweil 
es diese nie entbehren kann«). Sie kann sich mit ihm weit länger und 
^^er beschäftigen als mit dem normal entwickelten Kinde. Endlich 
laßt sich „der Schrei nach dem Kinde- d. h. das Verlangen mancher 
Madchen, ein Kind zu bekommen, doch ohne Mann, auch von hier aus mit 
«klären. Diesen Mädchen bietet die Befriedigung ihrer uro- und kopro- 
philen Gelüste bei Wartung des Kindes weit mehr an Genüssen als jeder 
genitale Geschlechtsverkehr. J 

Warum gelingt es nun manchen Menschen nicht, mit ihren infantüen 
Fei Versionen fertig zu werden, diese wenigstens soweit zu unterdrücken 
<laü I ihre Trager bei oberflächlicher Prüfung wie normal erscheinen ? Hiefür 
wird allgemein schuldtragend gemacht die neuro- oder psvchopathische 
Konstitution, mit anderen Worten eine meist vererbte krankhafte Anlage 
ihres zentralen Nervensystemes. Stets wird diese Konstitution oder 
Disposition als eigentliche Grundlage sämtlicher Perversionen bezeichnet 
erst auf ihrem Boden gedeihe die Geschlechtsverirrung als angeborenes 
Schicksal, wahrend dagegen perverse Handlungen auch von Normalen 
Unbelasteten verübt werden könnten. Drum schied auch Krafft-Ebing 
in seiner „Psychopathia sexualis" die letzteren als erworbenes Laster, als 
„Perversität", scharf von dem angeborenen Verhängnis, der „Per- 
version". Hier spielte auch ein Gefühlsmoment erheblich mit "denn 
„von den monströsesten und schrecklichsten Sexualdelikten (besonders den 
sadistischen)", meint der Genannte: „sie würden die Menschheit schänden 
wenn sie von normalen Menschen begangen werden könnten." Forscht 
man dann bei den Autoren weiter, worin denn jene merkwürdige Disposition 

*) Einen anderen Teil ihrer Analerotik leben sie in der bekannten Hausfrauen- 
psychose, der Neigung zum steten Groß-Reinemachen aus. Vergl. hiezu meine Studie 
..Analerotik und Analcharakter", die Heilkunde, Februar 1910. 

2 ) Unter den Männern drängen sich zur Krankenpflege hauptsächlich feminine 
Urninge, deren gleichgeschlechtliches Empfinden hier voll auf seine Rechnung kommt 
nebst den nämlichen infantilen Sexualkomponenten, die den Weibern das Pflegen 
so lust voll -machen. 

f-w 3) J " der TierweI t is * da * anders. Da werfen z. B. Vogelweibchen ihre lebens- 
unlahigen Küchlein aus dem Nest, damit sie zugrunde gehen. 

Sadger, Geschlecht>verirrungen. ß 



82 



bestehe, dann wissen sie Näheres nicht anzugeben. Sie nehmen sie einfach 
immer dort an, wo in der Aszendenz oder höchstens noch in den Seiten- 
linien schwere Nerven- oder Geisteskrankheiten bestanden oder eine Reihe 
von sogenannten körperlichen Degenerationszeichen bei den Kranken 
selber zu finden sind. Auf anderen Gebieten ward der Begriff der Kon- 
stitution in den letzten Jahren schon etwas greifbarer, nur der Begriff der 
„nervösen" Disposition ist vorläufig noch ein leerer Schall, unter welchem' 
sich jeder ein anderes denkt. 

Hier hat nun Freud zumindest einiges Licht gebracht. Er hat vorerst 
den Nebelbegriff der „nervösen" Konstitution stark eingeschränkt auf die 
schon erheblich faßbarere „geschlechtliche" Konstitution. Diese wird nach 
ihm wesentlich bestimmt durch verschiedene Ausbildung der einzelnen 
erogenen Zonen und durch die verschiedenartige Wirkung der indirekten 
Quellen für geschlechtliche Erregung, wie rhythmisch-mechanischer Er- 
schütterungen, starker Affekte, mächtiger Lust-' und Unlustempfindungen, 
sehr angestrengter geistiger Arbeit und ähnlichen mehr. Jene sexuelle' 
Konstitution kommt aber nicht bloß den Perversen zu, sondern ebensosehr 
auch den Psychoneurosen (Hysterie und Zwangsneurose) und gewissen 
Psychosen (Dementia praecox und Paranoia). Läßt sich doch immer wieder 
nachweisen, daß ein gut Teil der „nervösen" Symptome sich auf ver- 
drängten perversen Sexualtrieben aufbaut. „Die Neurose", sagt Freud, 
„ist sozusagen das Negativ der Perversion... Nicht selten findet man 
Perversion und Psychoneurose in denselben Familien auf die verschiedenen 
Geschlechter so verteilt, daß die männlichen Mitglieder oder eines derselben 
positiv pervers, die weiblichen aber, der Verdrängungsneigung ihres Ge- 
schlechtes entsprechend, negativ pervers, hysterisch sind, ein guter Beleg 
für die von uns gefundenen Wesensbeziehungen zwischen den beiden 
Störungen." 

Ich will hier zum besseren Verständnis das Beispiel der sexuellen 
Konstitution einer Hysterica anführen, die starke homosexuelle Züge 
aufwies, sowie eine besondere Freude an Gewitter, Sturm und Feuers- 
brünsten. Bei ihr traten die indirekten Quellen geschlechtlicher Erregung 
mächtig hervor. Sie begann einmal in der Psychoanalyse: „Ob nicht meiner 
Gewitterfreude etwas Sexuelles zugrunde liegt ? Wenn ich blitzen sah und 
donnern hörte, war es mir, als würde ich innerlich emporgerissen, so ein 
ähnliches Gefühl wie beim Anblick eines brennenden Hauses. Ich habe 
das Feuer immer als etwas Großes empfunden, gegen das man sich nicht 
auflehnen kann, das hereinbricht, ohne daß man sich zu wehren vermag, 
das auch keine Rücksicht nimmt, ob es ein reiches oder armes Haus trifft. 
Ich hatte das Gefühl, ich muß mich beugen vor der Macht, das nämliche 
Gefühl wie bei einem starken Sturme. Den Blitz empfand ich öfter, als 
würde er mir durch den Körper fahren, vom Kopf durch bis zur Scheide 
und beim Donnerrollen verspürte ich in der Vagina ein ähnliches rollendes 
Gefühl. Auch im Sturm muß ich etwas Sexuelles erblickt haben, denn mit 
fünfzehn Jahren sagte ich einmal meiner Mutter: ,Ich gehe hinaus, ich 
werfe mich dem Sturm in die Arme!' Beim Blitzen war auch ein prickelnder 
Reiz dabei, ob ich lebend davonkomme oder nicht." 



83 

„Ein Sexuelles muß auch an der Lockung sein, wenn ich ein Tablett mit 
Geschirr trage, es recht schief zu halten, so daß es schon im Herunterfallen 
ist, und im letzten Augenblick noch gerade zu richten. Das übt einen be- 
sonderen Reiz auf mich aus, das gibt Angst, die gleichzeitig etwas Prickelndes 
hat. Wenn ich bei momentanem Lärm, Krachen oder Schreien zusammen- 
schrecke, verspüre ich das immer auch in der Scheide, so als wäre mir der 
scharfe Ton oder Lärm dort eingedrungen wie ein Pfeil 1 ). Vielleicht wollte 
ich auch so einen Lärm provozieren durch das Herunterfallenlassen des 
Geschirres. Ähnlich treibt auch meine Schwester das Verlangen, wenn im 
Geschäft alles ruhig ist, eine Schere oder sonst etwas Lärmendes fallen 
zu lassen. .Alle sind erschrocken', sagte sie einmal, ,mir aber hat das Herz 
vor Vergnügen gehüpft. 4 Ich bin überzeugt, sie empfand das auch als ge- 
schlechtliche Reizung, das ersah ich schon aus ihrem Mienenspiel und aus 
der Art, wie sie es erzählte. Ebenso hatten wir beide als Kinder das Be- 
dürfnis, wenn alles still war, einen scharfen Ton auszustoßen. Großes Ver- 
gnügen machte ferner uns beiden das Reißen von Leinwand. Wenn da der 
betreffende zu reißen begann, verspürte ich es vom Kopf bis zum Ge- 
schlechtsteil. In der Scheide wurde es immer stärker und zum Schluß, 
wenn die beiden Leinwandteile ganz getrennt wurden, habe ich den Ruck[ 
das Auseinanderreißen förmlich im Geschlechtsteil empfunden." 

„Auch das Kratzen mit" Messer oder Gabel auf den Teller machte 
meiner Schwester, nach ihrer Miene zu urteilen, sicherlich ein wollüstiges 
Vergnügen, während ich es wieder nicht hören konnte. Hingegen verspürte 
ich schon mit fünfzehn Jahren starke Blechmusik, die scharfen Töne der 
Militärmusik, als Reiz in der Scheide, genau wie den Sturm, als ein innerlich 
Emporgerissenwerden. Meine schönsten Gefühle standen eigentlich immer 
mit geschlechtlichen Dingen in Zusammenhang. Ich habe auch sehr gern 
getanzt und, wenn ein flotter Marsch gespielt wurde, empfand ich die 
starken Töne als sexuellen Reiz. Doch habe ich das Gefühl nie auf den 
Tänzer übertragen." 

„Ich empfinde auch ein richtiges Vergnügen an der Angst, weshalb 
ich sie mitunter -selbst künstlich steigere. Wenn ich auf einem Bahnhofe 
stehe und die Lokomotive heranbraust, habe ich enorme Angst, dabei aber 
gleichzeitig auch Vergnügen, so daß ich bis zum letzten Augenblick stehen 
bleibe, bis der Zug schon ganz nahe ist. Ehe ich meinen letzten Posten 
bekam, mußte ich mich ein paar Mal vorstellen und jedesmal hatte ich 
große Angst, ob man mich aufnehmen wird. Diese Angst verspürte ich als 
sehr starken Reiz in der Scheide, am stärksten das letzte Mal, bevor ich 
aufgenommen wurde. Überhaupt kann ich sagen: Angst habe ich stets 
als starke Lust im Geschlechtsteil empfunden. Dies ging so weit, 
daß ich mich oft unten feucht werden fühlte. Ein ähnliches Feuchtwerden 
trat auch sehr häufig nach besonderen Anstrengungen ein, wie z. B. im 
ersten Jahre, als ich im Bureau soviel Überstunden machen mußte, ferner 
wenn ich mich aufgeregt hatte und endlich, wie gesagt, häufig bei Angst. 

l ) Es liegt wohl für jeden auf der Hand, was der Pfeil, der in die Scheide ein- 
dringt, bedeutet. 

6* 



«4 



Von der Angst empfand ich zuerst eine große sexuelle Lust. War diese 
vorüber, kam der« Erguß 1 )." 

Von ihren erogenen Zonen zeigt besonders die Haut konstitutionell 
gesteigerte Reizbarkeit, was sich zumal in ihrer häufigen Puritus cutaneus, 
sowie in ihrer enormen Kitzlichkeit verrät. „Das Kitzeln vertrage ich über- 
haupt nicht", erklärte sie einmal. „Wenn die Schwester mich in früheren 
Zeiten kitzelte, geriet ich in so maßlose Wut, daß ich sie hätte niederschlagen 
können, und als mich einmal mit sechzehn Jahren die Mutter auf den 
Nacken küßte, fuhr ich auf, wie von einer Tarantel gestochen. Mit dreizehn 
Jahren haben mich zwei Kolleginnen, die meine Schwäche, kannten, fest- 
gehalten, während eine dritte mich unter den Armen kitzelte. Da verzerrten 
sich meine Gesichtszüge derart, daß sie mich erschrocken ausließen. Ich 
war so aufgeregt, daß ich mich nicht einmal herumstreiten konnte, sondern 
hinauslief und mich in einem Winkel ausweinte. Auf der anderen Seite 
war es mir aber sehr angenehm, wenn z. B. meine Mutter mich an den 
Vorderarmen, an Stirne oder Rücken streichelte." 

Kehren wir nunmehr zur Psychopathia sexualis zurück, so möchte 
ich sagen ; was alle bisherigen Einteilungen der Geschlechtsverirrungen so 
unfruchtbar machte, war, daß man den Geschlechtstrieb stets in toto 
nahm als eine Einheit/Man sprach z. B. mit Krafft-Ebing von einer 
An-, Hyper- oder Parästhesia sexualis und unterordnete der letztgenannten 
die hauptsächlichsten Perversionen. Da jeder Sexualforscher sein Süppchen 
am eigenen Herd kochen möchte, modifizierten andere die griechischen 
Namen und bildeten Ausdrücke wie An-, Hyper- und Parerosie, -laghie 
oder -hedonie. Ich kann in all diesen Wortneubildungen keinen Vorzug 
erblicken. Denn daß die Betätigung des Geschlechtstriebes Vergnügen 
bereitet, weiß füglich jeder, auch ohne besonderen griechischen Hinweis, 
und daß man hiebei stets sinnlich erregt wird, liegt wiederum in der Natur 
der Sache. All diese mühsam konstruierten Bezeichnungen sind überflüssig 
wenn nicht irreführend. Liegt doch der Grundfehler immer darin, daß sie 
so tun, als zeige der Geschlechtstrieb im ganzen, mit anderen Worten seine , 
sämtlichen Teiltriebe, die gleiche quantitative oder qualitative Abänderung 
Das ist nun, wie die Erfahrung lehrt, von Grund aus falsch. Noch bei 
keinen Menschen hat man gesehen, daß alle Komponenten seines Sexual- 
triebes an- oder hyperästhetisch waren oder sich von dem Durchschnitt 
artweise unterscheiden. Wohl aber geht bei allen Perversionen Überent- 
wicklung und Überreizbarkeit einzelner Teiltriebe mit Unterentwicklung 
anderer einher. 



x ) Ein anderer Patient, ein Angsthysteriker, beschrieb seine Angstlust folgender- 
maßen: „Wenn mir frühmorgens beim Erwachen gar nichts ist, ich mich vollkommen 
frei fühle, dann lasse ich mir auf einmal die Angst kommen mit dem Herzklopfen — 
diese beiden Symptome sind immer beisammen — dann ist einem so, als ob man 
onanierte oder koitierte, es kommt einem die Natur. Es rieselt einem durch den ganzen 
Körper, wie bevor man den höchsten Genuß empfindet". Ein andermal beschrieb er 
seine Gefühle so: „Ich möchte sagen, ohne Angst ist mir nicht wohl, die Angst ist eine 
seelische Erektion. Ich merke, es schwillt mir in der Brust etwas an. Der Platz, wo 
in der Brust die Angst sitzt, ist hohl. Da sitzt der Penis drin, der bei Angst anschwillt." 



1 \ 
85 



." ^ Praktisch am bedeutsamsten ist, daß wir bei den meisten Sexual- 
verirrungen eine konstitutionelle Unterentwicklung des genitalen Ge- 
schlechtstriebes antreffen. Das ist darum so wichtig, weil dieser infolge seiner 
angeborenen Schwäche sich zur Pubertätszeit unfähig erweist, die übrigen 
Teiltriebe seinem Primate zu unterwerfen. Die stärkste der übrigen Kompo- 
nenten wird dann ihre Betätigung al$ Perversion durchsetzen Man sieht 
sehr häufig," heißt es bei Freud, „daß in der Pubertät zunächst eine 
normale Sexualströmung einsetzt, welche aber infolge ihrer inneren 
Schwächen vor den ersten äußeren Hindernissen zusammenbricht und dann 
von der Regression auf die perverse Fixierung abgelöst wird." 

Unter jenem Gesichtswinkel ließe sich etwa folgende Einteilung der 
1 erversionen denken. Man könnte unterscheiden solche mit konstitutionell 
gesteigerter und solche mit ebenso herabgesetzter Genitalerregbarkeit 
/u den ersteren gehören die meisten Fälle von Inversion, zur zweiten 
Gruppe alle übrigen Geschlechtsverirmngen. Die gesteigerte Erregbarkeit 
fuhrt notgedrungen sehr früh und vielfach zu einer Objektwahl, hingegen 
tritt in der zweiten Gruppe die genitale Betätigung naturgemäß zurück 
gegen allerlei andre geschlechtliche Wünsche. Das Sexualobjekt kann 
bei dieser Gruppe entweder dem zweiten Geschlecht angehören oder auch 
dem eigenen. Eine andere Einteilung versuchte Freud, indem er die Per- 
versionen unterschied, je nachdem das Sexualobjekt sich gewandelt hat, 
wie bei den Homosexuellen, oder aber vornehmlich das Sexualziel. Allein 
ich möchte auf diese verschiedenen Einteilungsmöglichkeiten überhaupt 
kein Gewicht legen, weil nämlich die Erfahrung lehrt, daß sie stets etwas 
Konstruiertes haben. In Wahrheit nämlich gibt es keinen Kranken mit 
einer bloßen Einzelperversion, sondern immer sind mehrere gleichzeitig 
vorhanden, wenn auch regelmäßig eine oder zwei im Vordergrund bleiben. 
Gemeinhin bestehen nebst mehreren entwickelten Geschlechtsverirmngen 
Ansätze zu allen, entsprechend der polymorph-perversen Anlage jegliches 
Kindes. 

Auch sonst bekunden die unterschiedlichen Perversionen mancherlei 
Gemeinsamkeiten. Alle stützen sich, wie ich noch später ausführen werde, 
auf den Ödipus- und Kastrations-Komplex, die Inversion und Exhibition 
auch noch auf Narzißmus, aktive oder verdrängte Schaulust. Regelmäßig 
verbinden sich ferner Sadismus und Masochismus und dieser wieder oft mit 
dem Fuß- und Schuh-Fetischismus oder der Homosexualität. Endlich 
zeigen vielleicht sogar alle den gleichen Mechanismus der Fixierung. 

Ich muß vollenden, was uns bisher noch bekannt geworden von der 
geschlechtlichen Konstitution. Diese zeichnet sich nach Freud durch zwei 
besondere Eigenschaften aus: die spontane sexuelle Frühreife und eine 
ausnehmende Haft- oder Fixierbarkeit für alle Eindrücke des Geschlechts- 
lebens. Jene führt zur Durchbrechung, Verkürzung oder Aufhebung der 
infantilen Latenzzeit bei den Neurosen sowohl wie den Geschlechtsver- 
irrungen und damit zu allerlei perversen Handlungen, in welchen sich der 
noch unfertige Geschlechtstrieb jener Jahre einzig und allein zu äußern 
vermag. Diese hingegen macht erst verständlich, warum die nämlichen 
Sexualerlebnisse bei gesund Verbleibenden sich nicht so tief einprägen, 



86 



daß sie zwangsmäßig nach Wiederholung drängen. Zur mitgebrachten 
Anlage darf man wohl auch die Hormone unserer Keimstöcke zählen, 
deren Tätigkeit sich nicht bloß in der Reifezeit geltend macht, sondern! 
wie ich vermute, schon in der ersten sexuellen Blüte, d. h. vom dritten bis 
zum vollendeten fünften Jahre, wo vielfach auch die ersten Grundlagen 
zur späteren Perversion gelegt werden, ja vielleicht sogar schon in der 
Säuglin£;szeit. Es ist nur schwer, da etwas Bestimmtes vorzubringen, weil 
bis zur Stunde nicht einmal noch die Hormone unserer Keimstöcke bekannt 
sind. Mehr als bloße Annahmen oder Hypothesen sind nicht zu geben, die 
man natürüch bereit sein muß, beim Auftauchen neuerer, tieferer Erkennt- 
nisse gegen bessere,, richtigere zu vertauschen. 

Der Konstitution reihen sich an Wichtigkeit zunächst an Erlebnisse 
und Traumen einer zartesten Kindheit, bisweilen sogar von der Säuglings- 
zeit ab. Besonders kommen hier jene der ersten sexuellen Blüte (drittes bis 
vollendetes fünftes Lebensjahr), in zweiter Linie erst die der Pubertät in 
Betracht. In der Wissenschaft ist man heute noch geneigt, von der einst 
herrschenden Degenerationslehre her auf die Konstitution das Haupt- 
gewicht zu legen. Demgegenüber ist zu betonen, daß die erbliche Anlage 
freilich conditio sine qua non ist, daß diese aber niemals genügt, um irgend- 
eine Geschlechts verirrung aus sich allein hervorzurufen. Auch die alier- 
schwerste Konstitution muß immer erst auf Erlebnisse warten, um über- 
haupt zur Geltung kommen zu können. Soll eine Perversion geschaffen 
werden, so muß zunächst eine besondere Anlage von Haus aus bestehen ■ 
dann wirken Früh-Traumen einer zartesten Kindheit als weckende oder 
auslösende Ursache; und endlich führen Traumen der Reifezeit zur dauern- 
den Fixierung. Erst wenn all diese Dinge zusammenwirken, entsteht eine 
wirkliche Geschlechtsverirrung. Während sämtliche bisherigen ätiologischen 
Vermutungen, ähnlich wie bei organischen Krankheiten, stets auf das 
Finden einer einzigen, spezifischen Ursache losgingen, lehrt die psycho- 
analytische Erfahrung, daß hier ein Zusammentreffen mehrerer Bedingungen 
unerläßlich ist. Und obendrein kann ich jetzt noch hinzufügen: eine Per- 
version entsteht bloß dann, wenn die Schädlichkeiten in genügender Stärke 
und Häufigkeit wirkten.Die nämlichen Umstände können auch den Normal- 
bleibenden treffen und tatsächlich sind die Bedingungen für das Zustande- 
kommen der sämtlichen Geschlechtsverirrungen weit öfter vorhanden als 
diese selbst. Wird aber ein gewisses Maß überschritten, dann kippt es 
schließlich einfach um. Die dauernde Wirkung ist also auch noch von 
•quantitativen Faktoren abhängig. 

Ich kann nicht umhin, nachdrücklichst zu betonen, daß man diesen 
Umstand bislang so gut wie völlig übersehen hat. Man unterschätzte die 
Häufigkeit der Sexualeinschüchterungen und der Abweisungen kindlich - 
geschlechtlichen Begehrens durch die Großen meist ganz gewaltig. Je 
tiefer man Psychoanalysen führt, desto stärker drängt die Erkenntnis sich 
auf, daß jene Traumen mitunter schon beim Säugling anheben, dann aber 
jedenfalls, sich üppig wiederholend, die erste sexuelle Blütezeit füllen, wenn 
dies auch scheinbar spurlos vorübergeht. Selbst in der Latenzzeit können 
sich jene Dinge fortsetzen. Ausnahmslos endlich feiern sie wieder Auf- 



87 

erstehung zu Beginn der Mannbarkeit und führen dann unter günstigen 
Umständen zur Dauerfixierung der Perversion. 

Wie ist nun der Mechanismus dieser? Wir wissen seit Freud, daß 
jedwedes Kind der Anlage nach polymorph-pervers ist und durch Ver- 
führung zu verschiedenen Perversionen verleitet werden kann. Doch 
niemals sind diese beim Kind schon fixiert. Zur Festlegung kommt es 
erfahrungsgemäß erst in der Reife, wenn auch z. B. viele Invertierte nach- 
träglich behaupten, bereits in der Kindheit nur fürs eigene Geschlecht 
empfunden zu haben. Vielleicht, daß die Pubertäts-Hormone unerläßlich 
sind zur Dauerfixierung. Hingegen kommt es vor, daß eine Perversion 
schon vor der Reifezeit zu Ende geht, sich in der ersten sexuellen Blüte 
und den darauf folgenden Kinderjahren ausgelebt hat. 

Für die Dauerfixierung gäbe es theoretisch zwei Möglichkeiten 
der Entstehung: entweder eine Entwicklungshemmung, Fortdauer der 
kindlichen Anlage und Betätigung, oder aber eine Regression in das In- 
fantile. Im ersteren Falle würden die perversen Teiltriebe der Kindheit 
sich einfach ins spätere Leben fortsetzen, weil die genitale Komponente 
jene zu unterjochen sich zu schwach erweist. Erfahrungsgemäß hat diese 
geradlinige Entwicklung, die viele Perverse, zumal Invertierte zu be- 
haupten nimmer müde werden, kaum jemals statt. Es wäre höchstens 
möglich, daß gewisse einfache Geschlechts verirrungen, wie etwa Uro- 
und Koprolagnie, abgekürzt verlaufen, derart daß die Perversion der 
späteren Kinder jähre sich direkt in jene der Reifezeit fortsetzt. Doch auch 
hier findet mindest eine Regression statt in die Erotik der Säugüngszeit 
nach schon erlangter Zimmerreinheit 1 ). Alle übrigen Perversionen jedoch 
entwickeln sich nach dem anderen Schema der Regression in das Infantile 
zur Pubertätszeit. Nicht selten herrscht eine Geschlechts verirrung in der 
späteren Kindheit eine Weile vor. In den Jahren des Reifens aber findet 
der Trieb dann trotzdem noch den „Weg ins Freie", d. h. empor zur üblichen 
genitalen Entwicklung. Auch wo eine dauernde, zwangsmäßige Fixierung 
der Perversion erfolgt, wird regelmäßig in der Pubertät — so lehrt die 
Erfahrung — eine Weile der normale Pfad begangen, bis dann infolge 
größerer oder geringerer Hemmungen die rückläufige Bewegung zur in- 
fantilen Verirrung einsetzt. 

Ein Punkt verdient noch besondere Erwähnung, weil er bestimmte 
Gefahren im Gefolge hat. Es kommt nämlich vor, daß die Entwicklung 
einer sexuellen Triebregung zu rasch verläuft, vor der phylogenetisch fest- 
gelegten Zeit. Z. B. pflegt bei den später Invertierten die Neigung zu dem 
anderen Geschlechte sehr früh, schon allzu zeitig anzuheben, was dann 
die Möglichkeit arger Rückschläge und dauernder Verdrängung setzt. 
Man vergesse nicht, alle Perversionen sind neurologisch als Zwangsantriebe, 
zwangsmäßige Handlungen zu bezeichnen, für deren Bildung einzig die 
Gesetze der Zwangsneurose gelten. Es hat nun den Anschein, daß das 



l ) Dieselbe Regression zur Sauglings-Erotik findet auch statt bei jenen kurz- 
lebigen Perversionen, die schon in den späteren Kinderjahren au Ende gehen. 



88 



Zustandekommen jeglichen Zwanges, sowohl in der Zwangsneurose als der 
Perversion, gebunden ist an die Regression in das Infantile. 

Von hier aus läßt sich auch die Frage der Heilbarkeit lösen. Wo eine ■ 
Perversion als peinlicher Zwang empfunden wird, von welchem man ehrlich 
Befreiung sucht, dort ist auch Heilungsmöglichkeit vorhanden, und zwar 
ausschließlich durch Psychoanalyse. Allerdings nur dort. Denn wer im 
Grunde nicht anders werden will, ob auch der Mund das Gegenteil be- 
hauptet, der läßt sich natürlich ebensowenig heilen, als ein Hysteriker oder 
Zwangsneurotiker, der an seiner Psychoneurose festhält. Ferner ist zu be- 
achten: je länger einer seine Zwangsneurose hat oder seine Perversion, 
desto mehr ist er erfahrungsgemäß in sie verliebt, desto minder ist er über- 
haupt willens, sich noch zu ändern. Das aber ist natürlich Vorbedingung 
jener mühsamen Kur, die an das Mitgehen des Patienten bekanntlich so- 
hohe Forderungen stellt. Glücklicherweise gehen Kranke, die zäh an ihrer 
Perversion festhalten, überhaupt nicht zum Arzt, oder, wenn sie von ihren 
Angehörigen zu diesem geschleppt werden, kneifen sie dann in Bälde aus. 
Andere wieder sind sehr unzufrieden mit ihrer Perversion, trotzdem sie 
im Grunde sich von dieser gar nicht trennen mögen. In solchen Fällen 
erwächst der Psychoanalyse die Aufgabe, herauszubringen, warum sie sich 
so gegen jene sträuben, und die Leute mit ihrer Verirrung auszusöhnen. 
Wenn man sie von dieser Seite aus behandelt, bleiben sie pervers, doch sie 
werden zufrieden und geben Ruhe, -was individuell sehr wertvoll ist. 

Ich muß noch einmal auf Nutzen und Schaden der Perversionen 
zurückkommen. Ihr Schaden ist ja allgemein bekannt und bedarf wohl 
keiner näheren Ausführung. Minder geläufig ist der hohe Nutzen, den mehr 
oder weniger alle Perversionen der Menschheit gewähren. Von einigen 
sprach ich eingangs bereits. Im Gegensatz zu den perversen Anlagen unserer 
Kindheit, so der Kulturentwicklung zum Opfer fallen, gibt es nämlich 
andere, welche durch sie geradezu gezüchtet werden, die Sexualkompo- 
nenten der Krankenpflege und Mutterliebe. Weiters baut sich die mensch- 
liche Gesittung weit mehr auf Kosten der perversen Regungen als auf 
Rechnung der normalen Betätigung auf. Aus dem gewöhnlichen Genital- 
trieb ist für die Kultur nicht allzuviel herauszuholen. Erzeugt er ja weder 
Reaktionsbildung noch Sublimierung, sondern muß sein Verlangen einfach 
ausleben. Höchstens vermag da die Versagung, also die Askese, in mancher 
Beziehung förderlich zu wirken. Hingegen gibt es kaum einen einzigen 
perversen Teiltrieb, welcher sich nicht in einen Vorzug, in eine Tugend 
verwandeln könnte, ob dies in Wirklichkeit auch keineswegs immer so 
geschieht. Also nicht durch normale genitale Entwicklung und Betätigung 
wird man ein Edelmensch, ein hochgesitteter Westeuropäer, sondern vor- 
nehmlich auf Grund der verpönten perversen Triebe. 

Noch ein Gesichtspunkt ist festzuhalten: eine angeborene Tugend 
ist nie so stark, als die Tugend nach bereuter Sünde. Nicht umsonst ist im 
Himmel mehr Freude über einen Sünder, der Buße getan, denn über 
99 Gerechte. Wer peinlich, unerschütterlich ehrlich ist, war es schwerlich von 
Haus aus. Vielmehr ist bei Leuten von fabelhafter Rechtlichkeit mit Sicher- 
heit das Gegenteil in ihrer Kindheit anzunehmen, daß sie sich z. B. in einem 



8$ 



• noch nicht verantwortlichen Alter kleine Diebereien zuschulden kommen 
ließen und ähnliche Dinge. Oder ein anderes Beispiel : Der bekehrte Saulus, 
der seinen Tag von Damaskus erlebte, hat für die Ausbreitung und Fort- 
bildung des Christentums mehr getan als sämtliche übrigen Apostel zu- 
sammen, die von vornherein Jesu Anhänger gewesen. 

Und nun zurück zu unserer Kultur. Da können wir sagen : nicht sc* 
sehr die Not bedingte den Fortschritt der Gesittung, weit mehr die Liebe; 
viel weniger war es der nagende Hunger als der unersättliche Geschlechts- 
trieb des Menschen. Die Kultur entstand als eine Reaktion auf diesen, und 
da wieder wesentlich auf seine unterdrückten perversen Komponenten. 
Sie. erscheint darum so fest verankert, weil ihr ein Stadium mehr weniger 
kulturloser Urzeit vorausging, in der jene Triebe sich ungehindert ausgelebt 
haben. Die Perversionen überhaupt jedoch, bewußt und leidenschaftlich 
geübt, mit Ausschluß oder mindest Hintansetzung des normalen Geschlechts- 
aktes, kommen lediglich dem Menschen zu trotz angeblichen homosexuellen 
Tuns mancher Maikäfer oder jugendlicher Tiere. Erst mit der Verviel- 
fältigung des Geschlechtstriebes, vornehmlich nach der perversen Seite,, 
begann die Möglichkeit eines erhöhten Liebeslebens und damit der Mensch- 
werdung. 

Wenn Haeckels biogenetisches Gesetz der Wahrheit entspricht, dann 
muß jedes Kind — der Embryo kommt für das Liebesleben ja nicht in 
Betracht — in seiner Sexualentwicklung abgekürzt jene der ganzen 
Menschheit wiederholen. Dies trifft nun wirklich genau so zu. Das Kind 
besitzt Anlagen zu sämtlichen Perversionen und kann sie jeweils auch 
alle ausüben. Dann aber treten unter dem Einfluß der Erziehung, doch auch 
ohne diesen, rein auf Grund von altvererbten Einflüssen, jene zurück, um 
der Alleinherrschaft des Genitaltriebes Platz zu machen — normale Ent- 
wicklung natürlich vorausgesetzt. 

Überblicken wir nunmehr, was aus den perversen Triebregungen 
wird, so können wir etwa drei Gruppen unterscheiden: Reaktionsbildung 
mit oder ohne Sublimierung, Charakterformung und Berufswahl. Nehmen 
wir z. B. als typische Perversion die Analerotik. Diese kann als direkte 
Reaktion zur peinlichen Sauberkeit und zum Ekel führen, zur Bildung des- 
sogenannten Analcharakters und endlich auch Komponenten abgeben für 
manche Berufswahl, z. B. des Malersoder Sammlers, beim Weibe der Kranken- 
und Kinderpflege. Der. Urethralerotiker kann später von brennendem Ehr- 
geiz verzehrt werden oder sich in Wassersport, als Wasseringenieur oder See- 
fahrer ausleben. Nicht selten wird die sexuelle Schaulust in reiferen Jahren 
zur wissenschaftlichen Neugier und zum unersättlichen Forschungsdrang, 
während eine mächtige Hauterotik, mit starker Entblößungslust gepaart, zu 
Licht-, Luft- und Sonnenbädern oder zur. Wasserheilkunde hin treiben kann. 
Die Inversion sublimiert sich erfahrungsgemäß oft zu wertvollen sozialen 
Gefühlen, der Sadismus ist Quelle unserer Energie, er kann aber auch als 
Reaktionsbildung zu besonderem Mitleid und weitgehender Philanthropie 
hinführen oder endlich in gewissen Berufen (Chirurg, Richter usw.) be- 
deutsame Sublimierung erfahren. 

Was den menschlichen Geschlechtstrieb so eigenartig macht, ihn 
wesentlich unterscheidet von dem der Tiere, aber auch vom Selbsterhaltungs- 



90 

trieb der eigenen Spezies, ist zunächst seine außerordentliche Variabilität, 
zum zweiten seine UnersätÜichkeit und drittens endlich das zwei- bis 
dreimalige Ansetzen desselben. Nie dauert er lange Zeit unverändert fort, 
vielmehr unterliegt er beständiger Veränderung, ähnlich wie das Eiweiß- 
molekül. Bald ist es Verdrängung oder Unterdrückung, bald Reaktions- 
bildung, bald Sublimierung, bald Wendung auch gegen das eigene Ich, die 
seine verschiedenen Komponenten umformt. Seine Rolle wäre am ehesten 
vergleichbar der des Kohlenstoffatoms in der Chemie. Noch wichtiger ist 
seine Unersättlichkeit, die zu immer neuen Leistungen .spornt. Das ist sein 
ungeheuerer Vorzug gegenüber sämtlichen anderen Trieben. Hunger und 
Durst sind beispielsweise durch entsprechende Zufuhr für länger oder 
kürzer völlig zu stillen, unser Geschlechtstrieb, richtiger unsere ver- 
schiedenen Geschlechtstriebe, niemals ganz. Es ist seine nicht hoch genug 
zu wertende Grundeigenschaft, daß er alle übrigen egoistischen, fast hatte 
ich gesagt, unedlen Triebe durch seine libidinösen Komponenten zu adeln 
vermag. Darum verdient er so wenig die übliche Mißachtung. Mich dünkt 
er im Gegenteil der Kulturtrieb des Menschen xat' s^v. Wenn die 
Not uns beten lehrte, so der Geschlechtstrieb wirkliche Gesittung. Ist er 
doch der einzige, welcher sogar in seinen Ausschreitungen noch kultur- 
fördernd wirkt. Nicht das ist seine Naturbestimmung, bekämpft zu werden, 
wie der Frommen landläufige Lehre heißt, welche nur die Sünden des 
Fleisches sieht, vielmehr vergeistigt und veredelt zu werden und seme 
Heizkraft in den Dienst des menschlichen Fortschrittes zu stellen. Also 
nicht bekämpfen soll man ihn, wie so häufig geheischt wird, sondern fort- 
entwickeln, nicht heuchlerisch verwerfen, sondern nutzbar machen! Für- 
wahr, wir Menschen haben allen Grund, in Ehrfurcht zu stehen vor diesem 
erhabensten unserer Triebe! 



B. Spezieller Teil. 



I. KAPITEL. 

Die psychische Impotenz des Mannes und die vaginale Un- 
empfindlichkeit (sogenannte Anaesthesiasexualis) des Weibes. 

I. 

Wohl kein Symptom mit Ausnahme der Angst ist bei der psycho- 
analytischen Behandlung der Neurotiker so häufig zu finden als die Herab- 
setzung oder gar Aufhebung der sexuellen Leistungsfähigkeit. Sie kann 
als Hauptklage vorgebracht werden und tritt dann oft derart beherrschend 
in den Vordergrund, daß der Anschein einer monosymptomatischen Hysterie 
entsteht. Andere Male wird darauf mindestens das Hauptgewicht gelegt 
und verschiedene Beschwerden, wie etwa die einer, geistigen Arbeitsunfähig- 
keit auf jenen Urgrund zurückbezogen. Am häufigsten beobachtet man 
psychische Impotenz als eines der neurotischen Krankheitszeichen, selbst 
wenn der Patient nicht gleich bei der ersten Konsultation von ihr erzählt 
und auch gar nicht deshalb den Arzt aufsuchte. Sie fehlt eigentlich selten 
im Krankheitsbilde der Neurose. Endlich wäre noch, was praktisch nicht 
unwichtig ist, hervorzuheben, daß der größte Teil der Geschlechtsver- 
irrten den normalen Sexualakt aus seelischen Gründen zu leisten nicht 
imstande ist. Nur zu begreiflich. Der Urning z. B. mit seinem Horror 
feminae kann mit dem Weibe naturgemäß den Beischlaf nicht ausüben. Der 
Fetischist hinwieder — um einen recht häufigen Typus der Impotenz zu 
nennen — befriedigt sich meist in onanistischer Art an seinem Fetisch und 
hat dann kaum Verlangen nach der Vulva. Eher noch als diese beiden 
Gruppen werden Sadisten und Masochisten am Schlüsse wenigstens den 
Geschlechtsakt leisten, obwohl auch bei ihnen dieser nicht allzu selten 
gehemmt ist. Manche Perverse bringen den Koitus schließlich fertig, 
indem sie ihre spezifischen Phantasien zu Hilfe nehmen, also sich etwa 
statt des Weibes einen Jüngling vorstellen oder eine sadistische Szene 

ausmalen. 

Nächst der Kastration, die ja in Kulturländern heutzutage eine Sel- 
tenheit ist und meist nur noch wegen schwerer Erkrankung oder Verletzung 
der Genitalien geübt wird, gibt es kaum etwas, das beim Mann auf die 



92 



*S *fe fr?" 011611 f Zt ^ ™ SOkhes Gefühl ^r Minder- 
S 1 ; S • >P° ten ?f J a häufi & sogar schon bald vorübergehende 
Herabsetzungen der sexuellen Leistungsfähigkeit. Die meisten Impo- 
tenten sind Hypochonder, die sich alle möglichen Krankheiten einbilden; 
oft tragen sie ein tiefes Schuldbewußtsein mit sich herum, angeblich wegen 
der ja niemals fehlenden Onanie, in Wahrheit natürlich ob ihrer Mastur- 
bationsphantasien auf die Mutter, welche in die Rechte des Vaters griffen ; - 
endlich sind sie gleich den typischen Onanisten in der Regel menschenscheu . 
und die Einsamkeit suchend. Neben dieser häufigsten Erscheinungsform 
beobachtet man bei einer Minderzahl als Reaktion ein durchaus gegensätz- 
liches Verhalten. Sie meiden Gesellschaften nicht nur nicht, ergeht n sich 
vielmehr vor ihren Bekannten in Frivolitäten, ja schwelgen oft geradezu in 
obszönen Reden. Wenn ein geistig sonst hochstehender Mann, der obendrein 
eine sorgfältige Erziehung genossen hat, dann einen extremen Zynismus 
zur Schau trägt, mit besonderer Vorliebe „Sauglocken läutet", wie es. 
sehr treffend im Volksmund heißt, so handelt es sich aller Wahrschein- 
lichkeit nach um einen Impotenten. 

Zergliedert -man nun solche Fälle sexueller Unfähigkeit, dann ergibt 
sich als erste, nie fehlende Lösung die Haftung des Kranken an einer Inzest- 
Person, zumal die Mutter, eventuell noch die Schwester. Weil der Mann 
an jene verlötet ist und von ihr nicht loskommt, in jeglichem Weibe die 
Mutter erbückt, die man geschlechtlich nicht begehren darf, drum ist er 
bei keiner mehr leistungsfähig oder in milderen Fällen höchstens noch bei 
Dirnen, jedoch gar nie bei einem anständigen Mädchen. Für letzteres 
bedeutet die psychische Impotenz ihres Liebhabers den Ausdruck ganz 
besonderen Respektes, daß es nämüch geachtet wird wie Mutter oder 
Schwester. Darum kann er mit ihr nicht normal verkehren, hält er seine 
Liebe asexuell und leitet höchstens seine physischen Bedürfnisse auf 
minderwertige Frauen ab. 

Sehr häufig wird die psychische Impotenz hervorgerufen durch das 
Verhalten der Mutter, die den Sohn zum Liebesobjekte nimmt, wie ich 
im zweiten Kapitel des allgemeinen Teiles ausführte. Sie vermag sich mit dem 
Gedanken der notwendigen Ablösung ihres Jungen in der Pubertät durchaus 
nicht zu befreunden und, je nach Gemütsart und Geschicklichkeit, wird sie 
ihn entweder überhaupt vom Verkehr mit Mädchen abhalten, etwa durch, 
die wiederholte Mahnung: „Gib acht, daß Du Dir nichts holst", oder 
„daß Du nicht irgendwo hängen bleibst", oder sie wird an jedem Weib, 
das dem Sohne gefällt, so lange mäkeln, bis dieser es aufgibt. Solche Söhne 
bleiben oft unfähig zu freien, solange die Mutter lebt. Diese Unmöglichkeit 
einer Eheschließung ist die mildeste Form der psychischen Impotenz und. 
paart sich in der Regel mit vollem Können gegenüber minderwertigen 
Objekten. Es kommt auch vor, daß jene Mütter es nicht ungern sehen, 
wenn ihre Söhne losere Herzensbande knüpfen, ja sie hiezu sogar noch 
ermuntern. Gelegentlich sind sie darauf noch stolz und prunken mit den 
Beziehungen des Jungen, nur dürfen diese nicht dauernd sein oder gar in 
eine Ehe ausarten. Mit der Abhaltung vom Mädchen beginnen die Mütter 
oft schon in der Knabenzeit und flößen dadurch ihrem Sohne die Meinung 



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93 

ein, so freilich mehr gefühlt als klar erfaßt wird, sie machten selber An- 
sprüche auf ihn. Kein Wunder alsdann, daß der Junge von ihr so lang • 
nicht mehr loskommt, als sie das Zeitliche noch nicht segnete. 

In den jüngsten Jahren haben mich verschiedene Analysen belehrt, 
daß die psychische Impotenz des Erwachsenen ganz regelmäßig eine Vor- 
stufe besitzt in der physiologischen Impotenz des Knaben. Je mehr dieser 
an der Mutter hängt, um so eher begehrt er sie auch sexuell, was sich 
natürlich bloß in infantiler Weise äußert. Er reibt also beispielsweise 
seinen Penis an der Mutter oder geht mit entblößtem Membrum auf sie 
los, die ihn natürlich zurechtweist und straft, vielleicht sogar mit Kastration 
bedroht, oder endlich diese oder, eine ähnliche Strafe vom Vater in nahe 
Aussicht stellt. Auch bei der psychischen Impotenz des Mannes handelt 
es sich wie bei allen neurotischen Phänomenen Erwachsener nicht um 
Neuerscheinungen, sondern immer um ein Wiedererleben kindlicher 
Symptome. Man begreift jetzt gut, warum die psychische Impotenz so 
überaus häufig bei Neurotikern zu finden, ja weshalb im Grunde jedem 
erwachsenen Manne doch irgendeinmal in seinem Leben vor einem ge- 
schlechtlichen Versager bangte. Auch daß die Impotenz gleich der Angst 
sich wenigstens mit durch die Kastrationsdrohung erklären läßt, bedingt 
die besondere Häufigkeit der beiden Symptome. 

Damit aber bin ich bei einer weiteren Bedingung der psychischen 
Impotenz, deren große Bedeutung wir erst in den letzten Jahren kennen 
lernten. Wie mir nämlich gehäufte Erfahrung bewies, gehört zum Zustande- 
kommen der psychischen Impotenz noch die Kastrationsangst. Diese ist 
und bleibt das beste Mittel, den Mann von seinem Seelischen her unver- 
mögend zu machen, und erweist sich auch praktisch als stärkste Wurzel 
des ganzen Defektes. Sehr bezeichnend ist das Benehmen des Kranken. 
Nicht wenige werden von heftigsten Erektionen geplagt, so lange sie noch 
fern von dem Mädchen weilen. Beim Weibe selber zittert vielleicht ihr 
ganzer Körper vor geschlechtlicher Erregung, das Membrum jedoch bleibt 
schlaff und tot und wird durch keine Aufmunterung stehend. Geht dann 
der Mann verzweifelt fort und biegt nur um die nächste Ecke, flugs stellt 
sich wieder Gliedsteif ung ein. Da droht ja keine Entmannung mehr, weder 
von dem Weibe, d. h. der Mutter, noch auch vom Vater, in dessen Vorrechte 
er greifen wollte. 

Einer meiner Kranken sagte geradezu: „Ich fürchte besonders den 
Augenblick, wo die Dirne ihre Hand an meinen Penis legt, ihn also ab- 
schneiden könnte. Im Gegensatz dazu verlieren die meisten erst dann ihre 
Impotenz, wenn das Weib manuell Nachhilfe leistet. In der Psychoanalyse 
schildert dies ein Patient anschaulich: „Sobald ich bei einem Mädel bin 
und ans Verkehren denke, ziehe ich sofort die Beine ein, ja, ziehe mich 
mit dem Körper zurück, als wollte ich mein Glied in Sicherheit bringen. 1 ) 

*) Ein anderer sagte: „Bei jedem Erschrecken spüre ich ein Kteinerwerden 
■des Gliedes, es schrumpft förmlich ein, so daß ich die Empfindung habe, es gar nicht 
mehr zu spüren." Hierher gehört auch, daß viele psychisch Impotente der Meinung 
sind, sie hätten durch ihre jahrelange Masturbation, die sie ursächlich anschuldigen, 
ein Kleinerwerden des Membrums erzeugt. 



94 

Ich glaube, ich fürchte für mein Begehren auf die Mutter, das ja in die 
Machtsphäre des Vaters greift, . von diesem dort gestraft zu werden, wo 
ich sündigen wollte, d. h. daß er mir den Penis abschneiden könnte. Das 
unausgesprochene, doch vorausgesetzte Verbot des Vaters muß erst be- 
hoben werden, am besten, indem das Mädchen meinen Penis streichelt. 
Nimmt sie ihn nämlich in die Hand und masturbiert ihn, dann ist mir,: 
als würde sie damit erklären: ,Du brauchst Dich nicht zu fürchten, ich 
fordere Dich ja direkt dazu auf!' So wird das Verbot in mir überwunden 
und ich bekomme die Erektion." 

Ein weiteres Motiv von erheblichem Belang fügte er in einer spä- 
teren Stunde hinzu: „Ich weiß, ich habe schon im zartesten Alter, da die 
Eltern sich noch nicht vor mir genierten, ihren Geschlechtsverkehr be- 
obachtet und dabei das Glied des Vaters verschwinden sehen. Ob nicht 
mein ängstliches Gefühl vor jedem Weibe auf diese frühe Angst zurückgeht,, 
der Penis könnte im Koitus verloren gehen?" Manche Männer führen 
auch den Ekel vor dem weiblichen Genitale als Ursache ihres Versagens an. 
Dieser Ekel wird dann auf vielfache Weise rationalisiert, z. B. „Die Vagina 
riecht, ist feucht und dient der Ausscheidung des Urins." Der wahre 
Grund aber ist regelmäßig die Scheu vor dem kastrierten Genitale. 

Viele Nervöse bringen aus unbewußter Furcht vor Entmannung es 
nicht zuwege, ihren Penis durch den Beischlaf mit einem Weibe Gefahren 
auszusetzen, und werden so seelisch leistungsunfähig. Eine andere, aller- 
dings seltene Wurzel kann, wie ich aus Analysen weiß, dann auch die Angst 
sein, in der Scheide der Mutter, später eines jeden Weibes, das schon Ver- 
kehr gepflogen hat, des Vaters Penis anzutreffen, welcher den seinen 
kastrieren würde. Es gibt Männer, die vor der immissio membri stets 
eine starke Gliedsteifung zeigen. Im Augenblick aber, da sie den Penis 
in die Scheide stecken, klappt er zusammen, und zwar, wie die Auflösung 
ergibt, aus der unbewußten Vorstellung heraus, im Moment des Herein- 
steckens werde er ihnen auch schon kastriert. In Vielen endlich, die frühzeitig 
den Koitus der Eltern belauschten, entsteht der Wunsch, kein Glied zu haben,, 
um die Rolle der Mutter spielen zu können und vom Vater als Weib ge- 
braucht zu werden. Daß eine solche feminine Einstellung zur Homosexualität 
führt und den Weibern gegenüber impotent macht, liegt auf der Hand. 

Wenn ich jetzt zusammenfassend alles überblicke, so möchte ich 
sagen: man kann bei der psychischen Impotenz drei Grade unterscheiden. 
Im ersten, mildesten vermag, der Mahn nur nicht zu freien, ist aber sonst 
in seiner geschlechtlichen Leistungsfähigkeit dem Weibe gegenüber ganz 
ungestört. Er pflegt den richtigen Termin zur Werbung zu versäumen, 
„die Überfuhr zu verpassen", oder aber er wartet mindestens den Tod 
seiner Mutter ab, um heiraten zu können. Hieher gehören die meisten 
hartgesottenen Junggesellen, die im übrigen Lebemänner sind. Beim 
zweiten Grad der Impotenz ist bloß der Verkehr mit Dirnen möglich, 
nicht aber mit anständigen Mädchen und Frauen. Im dritten end- 
lich bleibt beim versuchten Coitus überhaupt eine jede Gliedsteifung 
aus, während man gleich darauf fern vom Weibe nicht selten 
von kräftigen Erektionen geplagt wird. Fast physiologisch ist die 






95 

Impotenz des Jünglings beim ersten Geschlechtsverkehr infolge der Un- 
möglichkeit, sinnliche und ideale Regungen auf ein Objekt vereinigen zu 
können. Es pflegt dann eine Spaltung einzusetzen: einerseits die Dirne,, 
ursprünglich die Mutter, welche sich dem Vater allzu leicht hingegeben 
hatte und heute noch hingibt, anderseits die hehre, ideale, jungfräuliche 
Mutter der Phantasie, die mit dem Vater überhaupt nichts zu tun hatte. 
Die nämliche Spaltung des Empfindens zeigen dann auch die Impotenten 
zweiten Grades, indem sie mit dem älteren, erfahreneren Weibe vom 
Mutter-Dirnen -Typus verkehren können, zumal es sie ja am eigenen Leibe 
ins Geschlechtsleben einführt, während sie unvermögend bleiben der Jung- 
frau genüber, welcher sie sich auch körperlich nicht zu nähern wägen. 
Leistungsunfähige dritten Grades, die nicht gerade Perverse sind, werden 
häufig von einem Gedankengange beherrscht, den einer meiner Kranken 
so formulierte: ,,Ob ich in meiner Mutter nicht jene erblickte, die mich 
strafen wird, wenn ich mit Frauen verkehre? Sie hat mir sozusagen den 
Koitus verboten. Tue ich es doch, dann werde ich kastriert." Bei allen 
dauernd psychisch Impotenten stellt sich in tiefster Schicht heraus, daß 
sie als kleine Kinder wiederholt sexuelle Angriffe auf die Mutter unter- 
nahmen, und da 1. physiologisch versagen mußten und 2. entweder geradezu 
mit der Kastration bedroht wurden oder mindestens die Abwehr und 
Drohung der Mutter als solche auffaßten. 

Praktisch von großem Belange ist, daß sich die psychische Impotenz 
sehr häufig mit geistiger Leistungsunfähigkeit verbindet. Oft gehen beide 
so Hand in Hand, daß mit der Besserung des einen Zustandes sich auch 
der andere auf der Stelle bessert und bei jedem Rückfall auch beide Symp- 
tome sich wieder verschlimmern. Ein Beispiel für viele. Ein solcher 
Kranker, der in der Kindheit wiederholt den Verkehr der Eltern belauscht 
hatte, berichtete mir einmal: ,,Als mir gestern zum ersten Mal der Koitus 
geläng, waren sofort auch gewisse Widerstände weggeräumt gegen die 
Arbeit, die ich zu machen hatte und all die Zeit über nicht leisten konnte 
Wenn man auf der Frau liegt, ist man gezwungen zu arbeiten, namentlich 
wenn sie selber nichts dazu tut'. In diesem Zwang zur Arbeit beim Verkehr 
steckt zugleich der Zwang zur Arbeit im menschlichen Leben. Früher hatte 
ich stets das Gefühl, daß ein gewisser geistiger Druck auf mir lastet. Dies 
scheint dasselbe zu sein, was ich mit der Mutter erlebte, wenn der Vater 
auf ihr lastete. Gestern reflektierte ich über den Widerstand bei der Arbeit: 
das ist eigentlich der Widerstand des Kindes gegen die Arbeit des Vaters 
auf der Mutter." Als er von seiner Geliebten dann betrogen wurde, häuften 
sich bei ihm die Fehlleistungen im gewohnten Kartenspiel und, was er auch 
geschäftlich unternahm, mißglückte ihm immer : „Ich kann jetzt meine Potenz- 
nicht mehr zeigen und, wo ich sie zu zeigen versuche, erleide ich Schiffbruch. 
Nun kann ich schon wieder nichts leisten, ob aus diesem oder jenem Grunde., 
ist einerlei." 

Was endlich die Behandlung der psychischen Impotenz betrifft, sc« 
ist sie eine der dankbarsten Aufgaben für die psychoanalytische Methode. 
Nur durch sie ist eine wirkliche Dauerheilung jenes Leidens erzielbar, eine 
Heilung ohne Gefahr von Rückfällen. Wenn ich eingangs erklärte: es gibt 



D6 



kaum ein Symptom, das beim Neurotiker so häufig zu finden als die Herab- 
setzung der sexuellen Leistungsfähigkeit, darf ich jetzt ergänzen: und auch 
keines, das so rasch und oft ohne jede darauf gerichtete Behandlung im 
Laufe einer Psychoanalyse schwindet. Man kann dreist behaupten: unter 
allen neurotischen Krankheitszeichen weist es die größte Heilbarkeit auf. 
In einem allerdings ganz besonders günstig verlaufenden Falle erzielte ich 
eine Dauerheilung bereits nach vier Sitzungen allein durch Auflösung 
der Mutterbindung. Dies war nun freilich ein Ausnahmsfall. Doch ist es 
durchaus keine Seltenheit, daß nach ein bis zwei Wochen jener Kur, wo 
man auch den Ödipus-Komplex schon besprach, die Impotenz aber kaum 
nur streifte, einem diese sozusagen unter den Händen schwindet. Eines Tages 
überrascht der Kranke den Arzt durch die freudige Mitteilung, gestern 
habe er einen Koitus mit glänzendem Erfolg verübt, welche Wendung 
zum Guten fortab bleibt. Doch darf man eine solche Heilung gewisser- 
maßen als Nebengewinn nur dort erwarten, wo auch das mangelhafte 
geschlechtliche Können nur Nebensymptom ist. In schweren Fällen bedarf 
es oft Monate mühsamer, angestrengter Arbeit, um aller Bindungen Herr 
zu werden. Immerhin wird kaum je ein Fall der psychoanalytischen Be- 
handlung auf die Dauer widerstehen. Auszunehmen wären da höchstens 
manche Fälle von Inversion oder Perversion, die sich von ihrer Abnormität 
gar nicht befreien lassen wollen und dann natürlich auch ihre Impotenz 
nicht verlieren. 



II. 



In jedem Betrachte das Gegenstück zur psychischen Impotenz des 
Mannes ist die ,, sexuelle Anästhesie" des Weibes, richtiger gesagt: dessen 
vaginale Unempfindlichkeit. Bei der passiven Rolle, die das Weib im 
normalen Liebesleben spielt, kommt die Unfähigkeit, den Geschlechtsakt 
zu vollziehen, bei ihm nicht in Anschlag, wohl aber kann, was kaum minder 
bedeutsam, die Lustempfindung fehlen, zum wenigsten bei bloßer Reizung 
des Scheideneinganges. Hingegen ist die Reizbarkeit des Kitzlers nicht 
nur erhalten, sondern gemeinhin sogar verstärkt, und zwar schon ab ovo. 
Darum mißlingt auch so leicht der notwendige Übergang dieser Reizbarkeit 
von der Klitoris auf den Introitus vaginae, was eben die „natura frigida" 
ergibt, das vaginal-anästhetische Weib. 

Ehe ich auf dessen „mangelnde Geschlechtsempfindung" oder Dyspa- 
reunie, wie man sie noch betitelte, des näheren eingehe, sei mir eine Vor- 
bemerkung gestattet. Oft wird eine Frigidität behauptet, wo gar keine 
solche vorhanden ist. Nur der Anschein entsteht, weil die Frau gar nie 
Gelegenheit bekommt, ihr sexuelles Empfinden zu erproben. Sie hat ein 
furchtbar eingeschränktes Liebesleben mit nur einem Mann und bloß in 
einer einzigen Form. Nicht selten bleibt sie deshalb kalt, weil sie ausschließe 
lieh eine Seite ihres Liebeslebens befriedigen kann, den normalen Bei- 
schlaf, nicht aber z. B. die sadistische, und auch jene nur bei dem eigenen 
legitimen Ehemanne oder höchstens noch einem einzigen Liebhaber. Frigide 
Frauen sind meist nur vaginal-anästhetisch, dafür aber häufig starke 






97 

Sadistinnen oder haben andere Sexualkomponenten, von denen aus sie zu 
befriedigen wären. Ließe man sich nur die Mühe des Suchens nicht ver- 
drießen, dann käme man nicht zu der Absurdität, daß 40% aller deutschen 
Frauen des geschlechtlichen Vergnügens bar sein sollen. 

Eine erkleckliche Zahl von kalten Frauen sind wesentlich zu gut 
erzogene Töchter. Mit der Erziehung ist es eine eigene Sache. Manchmal 
nützt sie gar nichts, manchmal zuviel und schüttet das Kind mit dem Bade 
aus. Bei diesen Mädchen hat man die Sexualverdrängung angeregt und zuviel 
bekommen, zu großen Abscheu vor der Sinnlichkeit und zuviel Sublimierung. 
Gibt man ihnen später den Ehemann frei, bei dem geschlechtliche Emp- 
findungen erlaubt sind, können sie nicht mehr. Gegen die Dreißiger]" ahre 
pflegt dies dann freilich zurückzugehen, doch der Zweck der Ehe ist schon 
verfehlt. Entweder ist der Mann nicht mehr leistungsfähig, oder aber die 
Frau findet in ihm nicht mehr das, was sie braucht, oder endlich sie findet 
sich einen anderen. 

Seit Otto Adler schuldigt man gewöhnlich die Masturbation der 
Frauen an, die sexuelle Lust getötet zu haben. „Die Masturbation", sagt 
dieser Autor, „ist ein häufiger, vielleicht der häufigste Grund mangelhafter 
weiblicher Geschlechtsempfindung". Meist trifft dies auch zu, wenn man 
statt der bloßen Onanie die begleitenden Phantasien setzt auf die primären 
Liebesobjekte: Vater und' Bruder. Wenn Kultur und Erziehung das Weib 
bemüßigen, auf diese Phantasiegenüsse zu verzichten, jene Wünsche ins 
Unbewußte zu verdrängen, wo sie verborgen weiterleben, dann wird es 
bewußt scheinbar unempfindlich, weil jeder Mann ihm als Vertreter von 
Vater oder Bruder erscheint 1 ). In Wahrheit jedoch sind solche Frauen oft 
geistige Messalinen, die keinen Mann mit ihren Gedanken in Ruhe lassen. 
Durch jeden werden sie geschlechtlich erregt, einen jeden mustern und 
prüfen sie auf seine voraussichtliche Potenz — und dies alles, obgleich sie 
äußerlich still, ja sogar phlegmatisch scheinen können. 

Besser als Worte beleuchtet ein Beispiel. So erzählt eine fünfundzwanzig- 
jährige Frau, seit fünf Jahren verheiratet und Mutter zweier Kinder, sie 
habe beim Geschlechtsverkehr mit ihrem Manne nie Wollust empfunden 
und ihn darum nur pflichtmäßig erduldet, sonst aber bis vor einem Jahre 
sich vom Gatten stets nur reizen lassen, teils ad genitalia mit der Hand, 
teils psychisch durch Erzählungen, wie er in seinen Jugendjahren den Akt 
mit anderen Frauen ausführte 2 ). Dadurch sei sie vollständig befriedigt 
worden, der Akt selber habe sie nur angeekelt. Vor einem Jahre endlich gab 
,sie das Reizenlassen durch den Ehemann ganz auf und begann sich ein 
paar Monate später ohne dessen Wissen selber zu befriedigen. Sexuelle 
Wünsche hege sie auf den Gatten jetzt überhaupt nicht mehr. Beim Koitus 
sei sie so apathisch, daß sie fast einschlafe. Diese Unempfindlichkeit habe 
sie übrigens von der Mutter; wie sie aus deren wiederholten Äußerungen 



*) Eine andere Folge jener Onanie ist oft auch die Vorstellung, man werde 
fortab nicht imstande sein, zu heiraten oder mindestens zu lieben, das Genitale sei 
verändert, verkleinert, rückgebildet oder geschrumpft, mit anderen Worten kastriert. 

2 ) Durchsichtig: wie der Vater mit der Mutter verkehrte. 

Sa dg er, Geschlechtsverirrungen. 7 



98 



und Benehmen wisse, dabei sei sie aber keineswegs fühllos. Äußerlich 
freilich fiel sie schon als Kind durch ihre besondere Ruhe auf und auch jetzt 
erscheine sie den Leuten immer so phlegmatisch, genau so wie die Mutter. 
„Und doch bin ich eigentlich sehr leicht erregbar", fährt sie dann fort, 
,,und warte stets auf irgend etwas, auf sinnliche Befriedigung. Die erhoffe 
ich sicher von allen Männern, weil mich mehr oder weniger jeder reizt. 
Das Gefühl habe ich seit meiner Verheiratung und vorher auch schon. Wenn 
ich in die Nähe eines Mannes komme, spüre ich immer ein Kitzeln in der 
Scheide." Als Tiefstes ergab sich auch hier die Beziehung zu ihrem Vater, 
der sie als ganz kleines Kind spielerisch ad genitalia berührt und dabei 
gekitzelt hatte. Dies setzte sich dann in gleiche Wünsche auf alle anderen 
Männer um und führte auch dazu, daß sie sich vom Gatten anfangs stets 
unten reizen ließ 1 ). 

Nicht selten suchen fühllose Frauen immer wieder den Arzt auf, um 
wegen irgendwelcher Beschwerden eine körperliche Untersuchung per 
vaginam zu erzielen und hiebei durch Berührung ihres Kitzlers befriedigt 
zu werden. Natürlich dichten sie dann jeglichem Arzt einen Anschlag auf 
ihre Ehre an. Hieher gehören die gefährlichen hysterischen Frauenzimmer, 
die zu Anfang des 19. Jahrhunderts Zahnärzte beschuldigten, sie in der 
Lustgasnarkose mißbraucht, ja vergewaltigt zu haben, und auch heute 
jedem Arzt vorwerfen möchten, er habe sie mindestens unzüchtig berührt, 
wenn nicht weit Ärgeres, so daß manche Neurologen derartige Kranke nie 
ohne Zeugen auch nur verhören. Über kurz oder lang sind sie enttäuscht 
und wandern von einem Arzt zum andern, weil keiner ihre geheimen Wünsche 
erfüllen mag. Analysiert man solche Fälle, so kommt man häufig auf die 
infantile Wunschphantasie, vom Vater unten gereizt zu werden, wie von 
der Mutter bei der Säuglings- und Kleinkinderpflege. In der Analyse wird 
diese Phantasie nicht selten als Wahrheit ausgegeben. In jedem von ihr 
beschuldigten Mann erblickt dann jene kalte Frau das Ebenbild des Vaters, 
wie er in ihrer Kindheit war — oder ihr erschien. Weil ein solcher jedoch so 
gar nie existierte, darum bleibt ihr Suchen ewig umsonst und will sich der 
Geschlechtsgenuß durchaus nicht einstellen. Vergeblich ist da alles Gieren 
nach einem Mann, der ihr die ersehnte Lust bringen soll, die beide nur in 
ihren Kindheitstagen und deren Phantasien wirklich bestanden. Das ewig 
unstillbare Verlangen kann sie höchstens zur Messaline machen. Nicht 
wenige Frauen, die berüchtigt sind ob ihrer unzähligen Liebesabenteuer, 
waren anästhetisch und suchten zeitlebens die große Liebe, welche be- 
friedigt. Hingegen sind Herrscherinnen nie unempfindlich, wie die Welt- 
geschichte zur Genüge erweist. 

Wenn man ein vollständiges Schema entwirft der vaginalen Un- 
empfindlichkeit, so findet man in tiefster Schichte die häufige Beobachtung 



*) Es ist durchaus nicht nötig oder auch nur Regel, daß der Vater tatsächlich 
sich irgendwelche Ungebühr gegen sein kleines Töchterlein erlaubt hat. In den meisten 
Fällen ist reell nichts weiter geschehen, als daß er die Kleine wegen Enuresis nocturna 
oder sonst, wenn die Mutter gerade nicht zur Hand war, auf den Topf setzte und ge- 
legen thch mit ihr im Bett herumhetate. Dies wird dsuin yohl dieser in sexuelle Attentate 
«mgedichtet. 



9* 



elterlicher Zärtlichkeiten, gewöhnlich bereits in den ersten beiden Lebens- 
jahren, da das Kind noch den Schlafraum, nicht selten sogar das Bett mit 
seinen Eltern teilt. Ich werde auf diesen wichtigen Umstand bei Beleuchtung 
der Homosexualität wie des Sado-Masochismus noch ausführlicher zu 
sprechen kommen. Hier will ich bloß festlegen, daß ein Kind, das die Mütter 
stöhnen hört, zuerst vermeint, diese werde vom Vater geschlagen oder 
überwältigt. Folgt dann aber den stöhnenden Lauten ein gewisses eigentüm- 
liches Lachen, so dämmert dem Kinde die Ahnung auf, hier müsse etwas 
Lustvolles stattgefunden haben, was ihm die Großen nur wiederum hehlen 
und was es nach Analogie mit anderen Erfahrungen bald richtig als sexuelles 
Genießen einschätzt. Von da ist bloß ein kleiner Schritt zu dem weiteren 
Wunsche, besonders des Mädchens, an Stehe seiner Mutter zu sein und vom 
Vater die gleiche lustvolle Behandlung zu erfahren, also auch in solcher Art 
geschlagen oder vergewaltigt zu werden 1 ). 

Der Ödipus-Komplex wird besonders lebhaft in der ersten geschlecht- 
lichen Blütezeit zwischen drei und fünf Jahren und zu Masturbations- 
phantasien benützt. Es fehlt auch nicht der Wunsch, der störende Eltern- 
teil, beim Mädchen also die Mutter, möge weg-, mit! anderen Worten tot 
sein. Gegen Ende des fünften Jahres wird das Kind mit jenem Komplex 
fertig, die Verdrängung ist normaliter gelungen, doch ist an seine Stelle ein 
latentes Schuldbewußtsein getreten. Wenn in der Pubertät, gewöhnlich 
nach der sexuellen Aufklärung, die ersten Liebesobjekte aufgefrischt 
werden, das Verlangen nach dem Vater wiederum erwacht, dann regt sich 
auch das Schuldbewußtsein von neuem. Um dies zu umgehen und ohne 
Schuld genießen zu dürfen, taucht etwa plötzlich die Vorstellung auf, vom 
Vater zur Duldung des Sexualaktes gezwungen zu werden. Und dem Gebote 
des Vaters muß ja das Kind unweigerlich gehorchen ! Es wird sich vielleicht 
recht heftig sträuben, am Ende jedoch überwältigen lassen und — so 
schuldfrei werden. Aber auch an den Akt des Genießens selber heftet sich 
das Schuldbewußtsein an, jenen arg vergällend. *Man wird zwar dann den 
Geschlechtsakt noch vollziehen, doch ohne Vergnügen, wodurch die Tod- 
sünde zu einer läßlichen herabsinkt 2 ). Wenn solche Mädchen später freien, 
lassen sie sich zwar vom Ehemann . als dem Vater-Ersatz gewissermaßen 

V 

») Besonders anschaulich dünkt mich die Schilderung einer Masochistin, welche 
die Erinnerung an einen Koitus der Eltern aus ihrem achten Jahre bewahrte, obwohl 
sie einen solchen nach ihren Träumen schon um vieles früher, und zwar recht häufig 
beobachtet haben muß. Sie berichtete mir: „Als ich damals den Verkehr der Eltern 
belauschte, hörte ich zuerst ein Stöhnen und dann ein Lachen. Beim Stöhnen hatte 
ich den Wunsch, der Mutter zu helfen und gleichzeitig den Vater zu rufen. Als ich aber 
vernahm, daß die Mutter lachte, dachte ich, das kann nichts Schreckliches sein. Und 
dann hörte ich, daß die Mutter zum Vater sagte : .Laß mich gehn I' und daß sie sich 
scheinbar wehrte und jammerte und doch dabei lachte. Da kam ich in eine innerliche 
Aufregung und wünschte mir eine Sekunde lang, ich möchte wissen, was das ist, ich 
möchte das auch haben. Offenbar habe ich geglaubt, der Vater überwältigt die sich 
sträubende Mutter, und das muß besonders lustvoll sein. Daher rührt wohl auch meine 
spätere Onanie- Phantasie, von einem älteren Manne überwältigt und zum Verkehre 
gezwungen zu werden." 

2 ) Ein Gegenstück hiezu bildet der Mann, der zwar äußerlich potent ist, d. h. 
beim Weibe einen Ständer bekommt, doch ohne dabei eine Lust zu empfinden - 



100 

notzüchtigen, allein sie empfinden wenigstens nichts und liegen auch beim 
Begattungsakt wie tot und fühllos, gleich einem Stück Holz. Bei der Vor- 
bildlichkeit, die das sexuelle Verhalten für die ganze Lebensführung besitzt, 
erscheinen solche Frauen äußerlich als besonders ruhig, „gar nicht nervös", 
ja direkt phlegmatisch. An Frauen erscheint auffällige Ruhe in allen Lebens- 
lagen stets als äußerst verdächtig für vaginale Anästhesie. 

Noch eine Seite dieses Phänomens erheischt hier Besprechung. Wir 
wissen, jeder Bub wünscht, mit seiner Mutter ein Kind zu haben, und noch 
viel stärker ein jedes Mädchen, vom Vater ein Baby zu bekommen. Nach 
Verdrängung des Ödipus-Komplexes wird besonders dieses letztere Be- 
gehren mit Abscheu belegt. So fand ich bei Neurotikern häufig die Vor- 
stellung, nicht der, Wunsch, mit Mutter oder Vater geschlechtlich zu ver- 
kehren, sei das Verwerfliche, sondern mit ihnen ein Kind zu bekommen. 
Die bloße Begattung sei an sich noch keine so arge Sünde, das eigent- 
lich Verbotene sei die Erzeugung von Nachkommenschaft. Es hängt 
wohl mit dieser Vorstellung auch der weitverbreitete Irrtum zusammen, 
ein Weib empfange nicht, wenn es beim Akt gefühllos bleibe, was ja bis zu 
einem gewissen Punkte auch physiologisch begründet ist. Die FühUosigkeit 
beim Geschlechtsverkehr ist dann Kompromiß zwischen untilgbarem 
Inzestverlangen und seiner Verwerfung. In gelinderen Fällen führt dieser 
Weg bloß zu absoluter Genußlosigkeit beim schließlich doch erkämpften 
Verkehr, in ärgeren jedoch zu besonderer Angst vor jeder Begattung und 
übergroßer Schmerzhaftigkeit bis zum Vaginismus. Nicht selten vernimmt 
man in der Analyse neurotischer Mädchen die ängstliche Vorstellung aus 
der Kindheit oder Pubertät: wie kann das riesengroße Glied des Vaters in 
meine kleine Scheide eindringen ? Die neurotische Angst und Schmerz- 
haftigkeit kann auch die Zerreißung des Hymens überdauern, ja unter 
Umständen sogar die Erweiterung aller Geburtswege durch das erste Kind. 
Im allgemeinen pflegt man dauernde Anästhesie erst dann anzunehmen, wenn 
ein Weib nach dem ersten Kind noch fühllos bleibt. Bedenkt man, daß hier 
der Wunsch des kleinen Mädchens, vom Vater ein Baby zu bekommen, 
sozusagen straffreie Erfüllung fand, so kann man jenem Brauch Be- 
rechtigung nicht absprechen. 

• Oben erwähnte ich Otto Adlers Meinung, die FühUosigkeit der Frauen 
rühre von ihrer früheren Selbstbefriedigung her. Ich kann dazu jetzt einen 
Nachtrag liefern: Nicht selten stellen sich Mädchen nämlich vor, als Strafe 
für ihre Masturbation würden sie nie heiraten, nie ein Kind haben können. 
In der Psychoanalyse klagte mir eine: „Mich dünkt, ich habe dadurch für 
immer die Fähigkeit zu heben verloren und aus Mangel an Liebe kann ich 
vom Manne nicht empfangen. Mir war, infolge der Selbstbefriedigung sei 
innerlich etwas zerstört in mir und darum könne ich keine Kinder kriegen. 
Auch hörte ich, daß Mädchen, die onanierten, keine Empfindung mehr 
haben für den normalen Geschlechtsverkehr. Dann würde ich auch deshalb 
kein Kind mehr bekommen, so als ob ich den Samen des Mannes nicht 
mehr aufnehmen könnte. Ich dachte: nur wenn man etw'as empfindet, 
kann man schwanger werden. Die Onanie war ein Verbrechen gegen mich, 
die Natur und die Religion!" Man erkennt hier deutlich die schwere 



' 



101 

psychische Schädigung gewisser Masturbationsvorstellungen für das weib- 
liche Geschlecht. 

Im Grunde ist es recht verwunderlich, daß psychische Impotenz oder 
vaginale Anästhesie sich nicht bei sämtlichen Menschen finden. Fehlt doch 
der Ödipus-Komplex keinem einzigen Sterblichen, der Vater und Mutter 
in der Kindheit gekannt. Tatsächlich finden sich mindest Ansätze zu jenen 
beiden Phänomenen am Beginn eines jeden Geschlechtsverkehres. In der 
Regel ist ein blöder Jüngling das erste Mal beim Weibe impotent und erst, 
wenn die Dirne manuell ihm nachhilft, ihn also in die Geheimnisse des 
Sexuallebens am eigenen Leib einführt, was er Ja immer von der Mutter 
ersehnte, wird jene Hemmung überwunden. Dies mit ein Grund für die oft 
befremdende Anhänglichkeit sovieler Männer an Dirnen und Frauen vom 
Dirnentypus. Auch das Weib ist selbst dem Geliebten gegenüber, sofern 
sie nicht überlibidinös ist, zu Anfang ihrer intimeren Beziehungen fast 
immer vaginal-anästhetisch. Erst dem fortgesetzten Werben des Mannes 
und der klugen Berücksichtigung ihrer Eigenart und ihrer spezifischen 
Liebesbedingungen gelingt es zumeist, das Weib zu vollem Genüsse zu 
führen. 

Wie jedes Übel hat auch die geschlechtliche Kälte des Weibes eine 
gute Seite, indem sie reaktiv z. B. wirtschaftliche Vorzüge heraustreibt. 
Je mehr die anständige Frau empfindet, daß sie ihrem Gatten nichts zu 
bieten vermag, ihm das notwendige sinnliche Entgegenkommen zu ge- 
währen nicht imstande ist, desto musterhafter wird sie dann oft als Haus- 
frau. Nicht umsonst schuf das Land der 40% anästhetischen Frauen das 
Ideal der „Hausehre" und steht die Tugend, eine gute Hausfrau und Mutter 
zu sein, dort am höchsten im Werte. In Frankreich hingegen, Amerika oder 
England wird man dieser Spezies weit seltener begegnen. Andere Frauen 
treiben die Sublimierung noch höher und zeigen ein ganz besonderes 
Interesse für Musik, für Künste und Wissenschaften, ja können für alles 
Mögliche schwärmen. 

Was nun die Therapie betrifft, so sollte diese theoretisch gleich günstige 
Resultate ergeben als die psychische Impotenz des Mannes. Wenn dies 
in praxi nicht stets zu erzielen, so einfach darum, weil äußere Hindernisse 
oft unüberwindlich im Wege stehen. Man müßte z. B., um die Frau zu 
kurieren, nicht selten erst die gesunkene Geschlechtskraft des Mannes auf 
den Höchststand bringen, wovon jedoch dieser nichts hören mag. In 
leichteren Fällen von Geschlechtskälte erzielt meist schon die Belehrung 
des Gatten eine günstige Wirkung. Es ist für diesen eine Mühe, die sich 
hundertfach verzinst, herauszubekommen, auf welche Weise sein Ehe- 
gespons zum Wollustgipfel zu steigern ist. Man denke da nur an die nach- 
mals so lebenslustige-und-kinderreiche-Maria Theresia, die zu Anfang 
ihrer Ehe ganz anästhetisch und unfruchtbar war. Hier half der Rat des 
weit- und seelenkundigen van Swieten: „Ceterum censeo, vulvam 
Sanctae Majestatis magis esse titillandam". Die meisten Männer sind leider 
gerade in diesem Punkte ebenso unwissend als unvernünftig egoistisch. 
Sie vermeinen, wenn sie nur genügend potent sind, die immissio membri 
auszuführen, damit schon alles geleistet zu haben, was man billig von ihnen 






102 



verlangen könne. Daß jegliches Weib nur auf seine eigene Art zum Orgas- 
mus zu bringen wissen sie nicht, ja wollen es häufig gar nicht wisien 

SSiER? r ^ erStandeneV E S° ismus sie -'größten Bedach J 
nähme auf ihre Gefährtin veranlassen sollte 

TTm.t^^T 611 ! FäUe T, D y s P areu nie, bei denen jedoch die äußeren 
Umstände gunstig hegen, sind gleich der seelischen Impotenz des Mannes 
Irin, Ä ^ ^ P^ choanal ytische Methode. Wenn man die Ver- 
r i u- 1 6n Vater ° der Bruder ^gedeckt hat, gelingt es die sexuelle 
Genußfähigkeit, welche seit den Kindertagen vekLn gegangen S« 
zu erwecken und neu zu beleben. Nur, wo des Weibe! Inversion oder 
*nSt£ ^ o e ß m S findliChkeit b6im n ° rmaIen G^hlechtsakte führte 
heben k ^nn ™ ^^ W6nn man das Grundübel be^ 






1 >l 



-r-. 



II. KAPITEL. 

Beiträge zur Onanie. 

Es liegt mir fern, in dem folgenden ganz kurzen Abriß Erschöpfendes 
über die Masturbation aussagen zu wollen. Nur einige praktisch bedeut- 
same Punkte will ich herausgreifen, besonders solche, die für die Geschlechts- 
verinungen belangreich und endlich auf einige Kulturprobleme ein Streif- 
licht werfen. 

Fragt man die Menschen, ob sie masturbiert haben, so denken sie 
fast ausnahmslos nur an die Onanie der Pubertät. Die Männer erinnern 
sich vielleicht, schon in der "Volksschulzeit masturbiert zu haben, zählen 
dies aber darum nicht, weil sie damals noch keinen Samen produzierten. 
Den meisten gilt nämlich als Onanie bloß, was mit einer Ejaculatio seminis 
endet oder bei Frauen mit Ausstoßung von Flüssigkeit aus der Vulva. 
Noch wichtiger ist, daß gemeinhin nur an das exekutive, periphere Tun 
ad genitalia gedacht wird, nicht aber an das, was wirklich entscheidend: 
die sie begleitenden Phantasien. Endlich begeht man den großen Fehler, 
die Selbstbefriedigung als klinische Einheit aufzufassen, als eine bestimmte 
Verirrungsform, die höchstens Unterabteilungen zuläßt. In diesen drei 
Punkten werden beständig Irrtümer begangen, die Schuld an dem Chaos 
und der Verwirrung tragen, die heute noch alle Probleme der Masturbation 
beherrschen. 

Die Onanie beginnt nicht erst in den Jahren der Pubertät. Da fällt" 
sie bloß am meisten auf und bleibt am deutlichsten in Erinnerung. Vor 
dieser abter gibt es, wie ich zum Teil schon früher ausführte, ganz regelmäßig 
eine Masturbation der Säuglingszeit und der Kleinkinder] ahre zwischen 
drei und fünf. Der Säuglingsonanie, und zwar zunächst der passiv durch 
die Pflegepersonen geübten Reizung ad genitalia, entgeht wohl kein Mensch. 
Sie ist notwendige Begleiterscheinung der Kinderwartung und hat, wie wir 
später vernehmen werden, ihren guten Zweck im Haushalt der Natur. 
Die passive Reizung wird dann vom Säugling irgendwie aktiv wiederholt, 
ob dies auch gemeinhin nicht allzusehr in Erscheinung tritt. Bedeutsamer 
wird die Masturbation zur Zeit des großen geschlechtlichen Vorstoßes in 
den Jahren zwischen drei und fünf. Die Selbstbefriedigung, der da gefröhnt 
wird, gibt nämlich eine sichere Kunde von der sexuellen Konstitution des 
betreffenden Kindes. Und wenn manche ,, unvernünftige" Mütter die 
Masturbation ihrer kleinen Buben nicht nur nicht stören, sondern sich 
über diese geradezu freuen, weil sie darin ein Zeugnis für deren „männliche 



104 

Kraft" erblicken, haben solche Frauen mit ihrem Empfinden eigentlich 
recht, ob wir auch ihre Duldsamkeit aus anderen Gründen kaum billigen 
werden. 

Aus dem Gesagten ergibt sich auch unsere Stellungnahme zur Frage 
der Häufigkeit der Onanie. Hier ging man stets nur von jener der Puber- 
tätszeit aus oder höchstens noch der Vorpubertät. Die Zeit vor dem 
siebenten Lebensjahr deckt nun bekanntlich die infantile Amnesie, sie 
ist bei den Meisten in undurchdringliches Dunkel gehüllt, das höchstens 
gelegentlich einzelne Erinnerungsbrocken durchleuchten, die aber kaum 
je eine Äußerung der Selbstbefriedigung betreffen. Naturgemäß wird dann 
die Säuglings- und Kleinkinderonanie auch völlig vergessen. Befragt man 
also selbst ehrliche Menschen, so muß dann die Auskunft notgedrungen 
höchst mangelhaft sein. Nun ist Ehrlichkeit in sexuellen Dingen sicherlich 
nicht die stärkste Seite der meisten Menschen. Nirgends wird derart 
geradezu ungeheuerlich gelogen wie just in Sachen der Geschlechtlichkeit. 
Und wenn man vollends, wie dies neuerdings geschehen, dem Problem mit 
Fragebogen beizukommen trachtet, wird man natürlich schandbar betrogen. 
Aus solchen Gründen erklären sich die weitgehenden Differenzen der ein- 
zelnen Forscher. Je ,, anständiger", gutgläubiger ein solcher ist, desto 
niedriger schätzt er die Zahl der Selbstbef riediger ein, desto mehr unterlag 
er verschiedener Täuschung. Das Richtige dürfte wohl Berger treffen, 
der meint, daß von 100 Menschen ohne Unterschied des Geschlechtes 
99 einmal masturbierten und der hundertste, der „reine" Mensch, ein 
Schwindler ist, der die Wahrheit hehlt 1 ). 

Das Wichtigste bei der Selbstbefriedigung ist nicht das äußerliche 
Tun, mag dies in welcher Form immer erfolgen, sondern die sie beglei- 
tenden Phantasien. Man lasse sich ja nicht dadurch täuschen, daß manche 
Onanisten sich scheinbar vergnügen, ohne das Geringste dabei zu denken. 
Dies kann gelegentlich für kurze Zeit zutreffen, oder es können bestandene 
Vorstellungen gewaltsam unterdrückt worden sein, die dann im Vorbewußten 
lauern. Doch früher oder später brechen diese durch und beherrschen das 
Bild der Masturbation, wie man in jeder Analyse erfährt. Man kann ruhig 
behaupten: Nicht die Onanie macht die Menschen krank, ob auch sämtliche 
Neurotiker sie als Quelle ihrer Leiden anschuldigen — diese schwere 
Bezichtigung verdient die Selbstbefriedigung nicht - vielmehr sind es 
wesentlich die dahinter steckenden Phantasien, bei Männern vor allem 
jene auf die Mutter, welche, pathogen wirkend, Neurosen erzeugen. 

Es mag hier der Ort sein, den Wandel der Meinungen über die Schäd- 
üchkeit der Masturbation des näheren zu besprechen. Seitdem Tis so t 
im Jahre 1760 mit seinem berühmten Buch „De l'Onanisme" hervorge- 
treten und 1836 Lallemand mit seinem „Des pertes seminales involon- 
taires" ihm sekundiert hatte, war das ärztliche Denken Jahrzehnte hindurch 

J ) Nach Moll äußerte ein Arzt: „Wer es bestreitet, je onaniert zu haben, 
hat es oft nur vergessen." Ein anderer Arzt tat den bekannten Ausspruch: „Wer 
behauptet, nie onaniert zu haben; tut es noch." Zitiert nach Hermann Cohn 
„Was kann die Schule gegen die Masturbation der Kinder tun ?", Berlin 1894, Richard 
Schoetz. 



105 

von dem Glauben an die schweren Folgen der Onanie beherrscht. Tabes- 
und Paralyse, Epilepsie, Katatonie, Blödsinn etc. hat man dieser aufs- 
Kerbholz geschrieben. Erst von den Achtziger jähren des vorigen Jahr- 
hunderts ab, seitdem man erkannte, daß Tabes und Paralyse durch Lues- 
bedingt seien, vollzog sich auch hier ein mächtiger Umschwung. Der ging 
schließlich so weit, daß die Ärzte jetzt ins andere Extrem verfielen und 
kaum mehr Schäden der Selbstbefriedigung anerkennen mochten. Hier 
aber stießen sie auf nicht zu erschütternden Unglauben der Kranken, 
zumal der Neurotiker. Solange die ältere Schreckensliteratur die Gemüter 
beherrschte, hatten sich weite Laienkreise ihr angeschlossen. Die milde 
Auffassung fand keinen Anklang und, wie wir heute einräumen müssen, 
nicht ganz mit Unrecht. Zwar trifft es zu, daß die Onanie jene schweren, 
ihr früher nachgesagten Krankheiten niemals erzeugt, sondern höchstens 
eine echte Neurasthenie, wohl aber wird sie tatsächlich zum Quell der 
Psychoneurosen, oder richtiger nicht die Masturbation, sondern ihre 
Phantasien. Und diese kann man sich nicht abgewöhnen, sie bestehen fort, 
auch wenn das Exekutive unterdrückt wird. Wer sich die Onanie versagt, 
enthält sich in Wahrheit nur des äußeren körperlichen Tuns, nicht der 
entscheidenden Begleit Vorstellungen. Sind doch die Neurotiker stets- 
Personen, die es nicht zur Ablösung von den ersten Sexualobjekten, den 
Eltern und Geschwistern, brachten. Und der Inhalt ihrer primitiven 
Phantasien, die Unverträglichkeit jener festgehaltenen, frühen Objektwahl 
mit der späteren Entwicklung, wird dann zum Ursprung der Psycho- 
Neurosen. Denn alle, welchen die Ablösung gelang, werden nicht neurotisch r 
übrigens sind das stets auch solche," die früh koitieren. 

Jener inzestuöse Inhalt der Masturbations-Phantasien ist nicht 
der einzige, wenn auch in letzter Linie der häufigste. Denn map kann in 
fast allen Onanie-Vorstellungen von schönen Weibern das Urbild der Mutter 
oder Schwester nachweisen, bei schönen Männern des Vaters oder Bruders. 
Daneben jedoch gibt es noch andere Phantasien. Sehr bezeichnend meint 
Moebius: „Die Onanie ist der natürliche Ausweg für den, der seinem Leibe 
keinen Rat weiß." Also jeder geschlechtliche, normal überhaupt nicht 
oder mindestens schwer zu erfüllende Wunsch, zumal in der Kindheit und 
Pubertät, setzt sich sehr leicht in masturbatorische Handlung um, welche 
das Ersehnte in einer gleichzeitigen Vorstellung gewährt. Die Phantasie 
kann beispielsweise auf einen sadistischen oder masochistischen Akt 
hinauslaufen, Gelüste befriedigen hetero- wie homosexueller Art, exhibi- 
tionistische Szenen ausmalen, einem Fetisch huldigen und dgl. mehr. Für 
all diese Dinge ist das gemeinsame Exekutive die Onanie. Die Masturbation 
ist also wirklich nach keiner Richtung hin als Einheit zu nehmen, weder 
in dem peripheren Tun, von dem man verschiedene Formen unterscheidet, 
und noch viel minder im seelischen Inhalt. Dieser jedoch ist immer ent- 
scheidend. Und jetzt vermag ich zu ergänzen: wenn die Neurotiker alles, 
auf ihre Onanie beziehen, so meinen sie unbewußt nicht ihre Pubertäts- 
phantasien, so sie anschuldigen, sondern ihre kindliche Masturbation, die 
wirklich das Pathogene ist. Und darin haben sie tatsächlich recht. Die 
Onanie ist Ausfluß der infantilen Sexualität. 



106 



Aus diesem Gesichtspunkt sind viele Symptome der Selbstbefriedi- 
gung zu erklären, z. B. das große Schuldbewußtsein und die schwere 
Depression so vieler Masturbanten. Erwägt man, daß die Onanie in letzter 
Linie auf Inzestpersonen geht, die Eltern und Geschwister, daß ferner 
gar keine Aussicht besteht, das Ziel der kindlichen Wünsche zu erreichen, 
.so begreift man beide Symptome gut. Das Schuldbewußtsein ist voll 
berechtigt. Hat es doch der Knabe dem Vater gegenüber, dem er die 
Mutter wegnehmen möchte und den er weg-, mit anderen Worten tot 
wünscht, beides aus dem Ödipus-Komplex heraus. Und wenn er für seine 
Masturbation gelegentlich noch mit Kastration bedroht wird steht die 
Gefahr ihm greifbar vor Augen. 1 ) Ähnliches gilt dann natürlich auch von 
1 ochter und Mutter. Daß die Menschen sich häufig ihrer Masturbation 
weit arger schämen, als bei deren ungeheurer Verbreitung gerechtfertigt 
. fn nt ' erheüt dann £ leichfalIs aus i en en inzestuösen Ursachen Ebenso 
daß die geistige Onanie, bei welcher man bloß in Phantasien schwelgt und 
nicht einmal physische Ablenkung erfährt, noch schwerer schädigt als 
die gemeine, peripher geübte. Ich bemerke übrigens, daß das Schuld-' 
■bewußtsein nicht auf die Masturbations-Phantasien der Reifezeit geht 
•sondern auf die frühinfantile Onanie der Jahre zwischen drei und fünf.' 
Karl Kraus hat einmal den Ausspruch getan: „Der Koitus ist ein 
schlechtes Surrogat für die Onanie!" Das ist gar nicht selten blanke Wahr- 
heit und mehr als ein Witz. Denn, wenn man bedenkt, daß der Koitus 
m der Regel mit einem nicht blutsverwandten Weibe geübt wird während 
man in den Onanie-Phantasien die eigene Mutter besitzt und genießt 
wird jener Aphorismus sofort einleuchtend. Und man begreift auch die 
wichtige Rolle der Selbstbefriedigung als des großen Trost- und Beruhi- 
gungsmittels. Bei jeglichem Ungemach, dem größten wie dem kleinsten 
greift schon das Kind und später vielfach auch der Erwachsene nach jenem 
rrostmitteP), d. h. er flüchtet zurück zu der unendlichen Liebe seiner 
Litern Dies setzt auch die ungeheure Schwierigkeit der Abgewöhnung 
Die hohen Genüsse der Masturbation gibt man gemeinhin nur aus Liebe 
zu einem andern auf, der einem Eltern und Geschwister ersetzt Solche 
Liebe jedoch ist natürlich nicht auf der Straße zu finden und auch höchst 
selten in der ärztlichen Sprechstunde. Wenn schließlich die Onanisten sich 
noch vor Impotenz fürchten, so wissen wir aus dem, was ich im vorigen 
Kapitel sagte - Impotenz bedeutet Verlötung an eine Inzestperson - daß 
sie damit eigentlich ins Schwarze treffen. Die Unablösbarkeit von Mutter 
Vater läßt wirklich für spätere Liebesobjekte nichts mehr übrig. . 
Man hat die merkwürdige Erfahrung gemacht, daß oft Masturbanten - 
-die exzessiv sich selbst befriedigten, kaum Schaden nahmen, während 
anderseits Leute, die den Trieb nach Möglichkeit unterdrückten und nur 
hochst selten einer wirklichen Notonanie erlagen, unter Selbstanklagen 



*) Sehr häufig stellt sich ein mächtiges Schuldbewußtsein ein unmittelbar 
nach Unterdrückung der Mordphantasien auf den Vater und der Inzestwünsche auf 
oie Mutter. 

2 ) Auch der hysterische Anfall ist ein Ersatz der kindlichen Onanie-Betätigung. 



107 



fast zusammenbrachen. Die Psychoanalyse dieser Fälle ergab, daß jene 
Exzessiven die Objektliebe weiter entwickelt haben und schon längst nicht 
mehr bei der Mutter halten, während hingegen die Notonanisten an dieser 
selber hängen. 1 ) All das führt zum Thema der schädlichen Folgen der 
Masturbation. 

Von diesen lassen sich drei Arten unterscheiden: somatische 
psychische und endlich noch die seelischen Konflikte, von welchen ich 
schon gesprochen habe. Am kürzesten sind die ersten zu erledigen Schädlich 
wirkt die Onanie bereits dadurch, daß sie Gelegenheit zu übermäßiger Be- 
tätigung gibt. Der Mann zumindest kann bei weiten nicht sooft koitieren 
als masturbieren. Denn jenes verbietet schon die dann ausbleibende Erektion 
wahrend dagegen der Selbstbefriedigung von der Natur keine Grenze ge- 
zogen ward. Weiterhin ist die Masturbation keine adäquate Sexual- 
betatigung, sie nimmt nicht sämtliche physiologische Reizquellen in An- 
spruch. Und endlich schädigt sie die normale Potenz, was übrigens, wie 
wir noch hören werden, auch Nutzen stiftet. Auf welchen Wegen diese 
Minderung des geschlechtlichen Könnens zustande kommt ist derzeit 
noch unbekannt. Vielleicht spielt da die innere Sekretion eine wichtige Rolle. 

Von den seelischen Schädigungen wäre zunächst die psychische Vor- 
bildlichkeit anzuführen. Die geschlechtliche Betätigung jedwedes Menschen 
wird zum Muster seines Vorgehens auch im übrigen Leben. Wer im Sexuellen 
kraftig handelt, tut es auch in sämtlichen sonstigen Beziehungen. Nun er- 
möglicht aber die Selbstbefriedigung Erreichung des geschlechtlichen 
Zieles durch geringere Arbeit, gewissermaßen durch einen Kurzschluß, 
indem der Weg zwischen Wunsch und Erfüllung abgekürzt wird. Es braucht 
keine Mühe und keine Anstrengung, das Liebesobjekt sich erst zu erobern, 
in der Phantasie steht es immer bereit. Dies Überflüssigmachen des sonst 
nötigen Aufwands an Energie wird nun zum Verhängnis. Sie setzt sich leicht 
auch ins Leben fort, wo der Masturbant meist eine Abnahme seiner Tatkraft 
bemerkt und eine Unfähigkeit, größere Spannungen zu ertragen. Indem er 
sich unabhängig von den Andern stellt, büßt er den Zusammenhang mit 
den Nebenmenschen ein, verliert die Außenwelt an Bedeutung für ihn 2 ). 
Die Selbstbefriedigung macht antisozial, das ist ihre zweite psychische 
Schädlichkeit. Weitere erwachsen aus dem Überwuchern des Phantasie- 

*) Ein weiterer Umstand ist noch die Verschiedenheit der Konstitution, auf 
■vvelcne icn spater zurückkommen werde. 

2 Sehr - gUt *? at dies einer meiner männlichen Hysteriker präzisiert: ..Bei der 
Masturbation ist eigentlich keine besondere Anstrengung nötig außer der Hand- 
tatigkeit, man spielt da gewissermaßen das Weib, das sich von der Hand als Mann 
koitieren läßt, von dem fünffachen Phallus- Symbol. Wenn man auf der Frau liegt 
ist man gezwungen zu arbeiten, namentlich dann, wenn die Frau selber gar nichts 
arbeitet. In diesem Zwang zur Arbeit beim Koitus steckt zugleich der Zwang zur Arbeit 
im menschlichen Leben und meine hysterische Faulheit war zum großen Teil darauf 
zurückzuführen, daß .ich auch beim Koitieren faul war. Ich pflege eine Arbeit gern 
zu organisieren, habe jedoch nicht die Konsequenz, sie durchzuführen. Dies stammt 
vielleicht von meiner Onanie. Ich habe zwar die Fähigkeit zu masturbieren, doch nicht 
die Konsequenz zu koitieren. Und auch jetzt, wo ich endlich zu koitieren beginne, 
muß ich erst unterbrechen, onanieren, bis er mir endlich steht, dann erst kann ich 
weiter koitieren." 



108 



lebens über die Realität, was abermals vorbildlich wirkt. Wie der Onanist 
an seine Einbildungskraft übergroße Ansprüche zu stellen gewohnt ist, so 
dann auch stets an die Wirklichkeit. Kein Wunder, daß ihn diese nicht 
mehr befriedigt. Er verträgt Einschränkungen äußerst schwer, vor allem 
auch jene, die selbst eine gute Ehe nötig macht. Vielleicht die schwerste 
psychische Schädigung entsteht aber daraus, daß die Onaniebetätigung 
und -befriedigung nach jeder Richtung den infantilen Zustand fixiert, 
sowohl was die kindlichen Sexualobjekte, als die perversen Wünsche 
betrifft. Man verbleibt im Stadium des Autoerotismus, der kennzeichnend 
ist für die infantile Geschlechtlichkeit. Dies setzt dann eine Disposition, in 
diesem zurückgebliebenen Zustande dauernd zu verharren oder in die 
Neurose überzugehen. Endlich erniedrigt sich dem Onanisten dasGeschlechts- 
leben überhaupt, was sich aus der Billigkeit, Bequemlichkeit und geringen 
sozialen Einschätzung dieser Akte ergibt. Masturbanten verachten das 
Sexualobjekt, statt es hochzuschätzen. Sie werden darum auch leicht 
Weiberhasser. 

Es gibt wohl kaum ein psychisches Geschehen, das nur und aus- 
schließlich nützlich oder schädlich wäre. Gelegentlich kann die Tugend 
fürchterlichen Schaden stiften, Onanie und andere schlimme Dinge geradezu 
Nutzen. Betrachten wir einmal die möglichen Vorteile der Masturbation. 
Da können wir sagen: ein Teil des Nutzens liegt — in ihrem Schaden. Es 
ist kein Zweifel, daß jahrelang fortgesetzte Onanie die Potenz ermäßigt, 
was in unserer Kultur notwendig ist, die Bedingungen des Ehelebens ein- 
zuhalten. Die Menschen sind umso tugendhafter, umso minder unter- 
nehmend, umso bessere ,Ehemänner, je weniger potent sie sind. Die Kultur- 
einrichtungen unserer Gesellschaft sind nicht zu brauchen für Männer mit 
ungeschwächter Geschlechtskraft. Setzt doch die Tugend der Mäßigung, 
so man heute allgemein von jedem anständigen Menschen fordert, eine minde- 
stens einigermaßen herabgesetzte Potenz voraus. Die stärksten psychischen 
Handlungen werden gelegentlich vom Geschlechtstrieb über den Haufen 
geworfen und da ist als Grundlage der Moral die Schwachheit der Hoden 
nicht ganz zu verachten. Sehr viele ehrenfeste Leute, denen dieses Beiwort 
mit Recht gebührt, verdanken ihre Anständigkeit der Herabsetzung ihrer 
ursprünglich allzustarken Potenz durch die Masturbation ihrer Pubertäts-, 
ja vielleicht sogar schon der Kinder jähre. Sie ermöglicht allein auch dem 
jungen Mann, in der zweiten kulturellen Latenzperiode, da er sich seinen 
anderen Arbeiten widmen soll, diese durchzuführen, natürlich nur dann, 
wenn er den Schädlichkeiten der Masturbation gewachsen ist, wovon ich 
später noch sprechen werde. Bei Mädchen hinwieder führt jahrelang fort- 
gesetzte Masturbation leicht zu vaginaler Anästhesie, dem Gegenstück der 
psychischen Impotenz des Mannes. Und diese sexuelle Fühllosigkeit ge- 
währt dann einen vortrefflichen Schild gegenüber Anfechtungen ihres 
Geschlechtstriebes. 

Um jetzt zu beenden, wozu die Onanie noch nütze sein kann, so 
kämen da weiter folgende Punkte in Betracht. Sie arbeitet zunächst 4er 
Abstinenz entgegen, ist mindestens eine sexuelle Übung. Des ferneren 
behütet sie vor jeder venerischen Infektion im Geschlechtsverkehre. Und 



109 

•endlich setzt sie noch eine gewisse Unabhängigkeit von den Eltern, die ja ein 
notwendiges Postulat der modernen Gesellschaft ist. Wir haben gehört, 
welch schwere Folgen die Fixierung des Sohnes an die Mutter, der Tochter 
an den Vater mit sich bringt, daß sie direkt kulturstörend wirkt. Auf der 
anderen Seite kann gerade der Trotz gegen seine Eltern mit ein Motiv 
sein, weshalb man beim Onanieren verharrt. Übrigens geht auch ein gut 
Teil der psychischen Schädlichkeiten der Masturbation vom Widerspruche 
der Eltern au$, besonders wenn sie dem Kinde für jene mit der Kastration 
drohen. Endlich erweist sich die Onanie oft nützlich zur Verhütung von 
Neurosen, perverser Akte und krimineller Handlungen, so daß sie in all 
diesen Fällen als kleineres Übel Duldung verlangt. So und soviele Neurosen 
beruhen darauf, daß der Kranke seine Selbstbefriedigung aufgegeben hat, 
und wir betrachten es einfach als Fortschritt, wenn er während der Psycho- 
analyse wieder zu masturbieren beginnt, also wieder zum Ausgangs- 
punkt der Neurose zurückkehrt. 

Ein Wort noch über das konstitutionelle Moment. Das Rätsel der 
Masturbation ist vielleicht, daß sie dem normalen Menschen nichts schadet, 
nur dem abnormen. Sie schadet dort, wo die Sexualität nicht oder nur 
schlecht vertragen wird oder wenigstens nicht jede Art von Geschlecht- 
lichkeit. Die Masturbation ist dann jene Betätigung, welche diese Abträg- 
lichkeit der Sexualität zum Vorschein bringt. Mit ihrer Beseitigung ist aber 
der Schaden noch nicht beseitigt, weil hinter ihr erst die eigentliche Noxe 
zutage tritt, so in konstitutionellen Momenten begründet. Die letzteren 
sind es, die in tiefster Schichte und neben der psy einsehen Überdetermi- 
nierung Aufklärung geben, warum ein exzessiver Masturbant durch Jahre 
scheinbar ganz straflos onaniert, während die Notonanie eines Schwer- 
belasteten verhängnisvoll wirkt. Der erstere ist gewöhnlich ein Mensch mit 
von Haus aus überstarker Sexualität, dessen Können selbst durch jahre- 
lange Masturbation dann höchstens auf das Normale gedrückt wird. Wirk- 
lich sind diese Onanisten, wenn sie später heiraten, alles eher denn impotent, 
ja sie werden oft ihren Frauen noch lästig durch große geschlechtliche 
Bedürftigkeit. 

Läßt sich nun der Hang zur Masturbation therapeutisch beein- 
flussen? Da muß man sagen: sämtliche landesübliche Methoden versagen 
hier völlig. Und nur zu begreiflich. Waren doch alle die kleinen Mittelchen , 
welche man vorschlug, nur äußerlicher Art, bloß gegen das Exekutive 
gerichtet, nie wider die Phantasien selber. Darum haben sie gemeinhin 
mehr Schaden als wirklichen Nutzen gestiftet. Wirksame Mittel gegen die 
Onanie kenne ich nur zwei: vorerst Benutzung der hetero- wie homo- 
sexuellen Verliebtheit des Masturbanten und dann die psychoanalytische 
Methode. Am häufigsten, wenn auch meist unbewußt, wird die Liebe 
therapeutisch verwendet und dürfte für die Mehrheit der Fälle noch das 
praktisch wichtigste Heilmittel darstellen. Nur aus Liebe verzichtet man 
freiwillig und völlig, inklusive Phantasien, auf die große Befriedigung der 
' Onanie. Im Grunde wissen das kluge Eltern und gewiegte Erzieher bereits 
seit langem, doch ohne sich freilich bewußt darüber Rechenschaft zu geben. 
So kann die aufflammende Neigung zur Mutter oder zu einem neuen von 



110 



den Schülern hochgeschätzten Lehrer oder einem klugen, erfahrenen 
Kameraden den Anstoß zu dauerndem Verzichte geben. Besonders be- 
zeichnend ist das Verhalten in der Pubertät. Wie häufig geschieht es daß 
ein Jüngling in seiner sexuellen Not allüberallhin seine Fühler ausstreckt 
Zunächst sucht er bei der Mutter Hilfe, der Urgeliebten. Darauf beruht 
nebenbei bemerkt, das Erlösermotiv. Wenn die Mutter sich ihrem Jungen 
preisgäbe, wäre das Erlösung, dann brauchte er nicht mehr sich selbst zu 
befriedigen. Doch die Mutter versagt und nunmehr heischt er vom Vater 
Rettung, der eigentlich am berufensten wäre, ihn aufzuklären und in die 
richtige Bahn zu lenken. Doch da erlebt er in der Regel eine neue Ent- 
täuschung, weil dieser in den meisten Fällen sich geradezu schämt mit 
seinem Sohne Sexuelles zu besprechen. Am häufigsten sieht er dessen Not- 
lage überhaupt nicht, oder will sie nicht sehen. Naht- sich ihm jener wirklich 
einmal zu vertrautem Gespräche, so ist sein Lohn im besten Falle wohl- 
meinend oberflächlicher Trost, allein fast nie Eingehen bis zum Tiefsten 
Und doch blühte hier dem Vater die beste, nie wiederkehrende Gelegenheit' ' 
sich Freundschaft und wirkliche Liebe seines Sohnes für alle Ewigkeit zu 
sichern. Es ist noch das Klügste, wenn solch ein Vater, der den Mut nicht 
aufbringt, Geschlechtliches offen mit dem Sohne zu bereden, diesen min- 
destens an den Hausarzt weist. Ja, mich dünkt dies fast die trefflichste 
Lösung, wenn es nur mehr wirkliche Hausärzte gäbe, zumal mit psycho- 
sexueller Schulung. Mitunter findet der suchende Jüngling endlich einen 
Helfer in einem älteren, erfahrenen Kollegen. In den allermeisten Fällen 
jedoch ist nirgends ein Rettungstau zu erblicken, so daß er sich selber über- 
lassen bleibt samt allen Gefahren, die daraus entspringen. 

Der zweite Weg zur Heüung der Onanie, und zwar einer wirklichen 
Dauerheilung, ist die Psychoanalyse. Man erschrecke nicht, daß ich für ein 
so verbreitetes Leiden wie die Masturbation eine derart zeitraubende und 
kostspielige Kur anzuraten wage. Mindest in allen schweren Fällen bleibt 
gar nichts sonst übrig. Ist doch die habituelle Onanie eine Psychoneurose 
die häufigste Form einer wirklichen Zwangshandlung. Die gewohnheits- 
mäßige Selbstbefriedigung hat unzweifelhaft zwangsartigen Charakter und 
kann wie jede Zwangsneurose bloß durch Psychoanalyse ausgerottet werden. 
Von selber heilt sie gar niemals aus, auch ist sie weder durch Verstandes- 
grunde, noch durch bloßen regelmäßigen Beischlaf, den man zur Heilung 
immer auch noch heranziehen muß, je zu beseitigen. Bestenfalls können 
sehr Willensstärke Menschen die physische Masturbation aufgeben, doch 
niemals die geistige. Auch kommen sie im normalen Verkehr vielleicht zu 
einer geringen Lust bei der Entladung, doch nie und nimmer zu voller Be- 
friedigung. Sind doch auch alle Sexualanästhetischen männlichen und be- 
sonders weiblichen Geschlechtes zum mindesten gewesene Onanisten, meist 
aber solche, welche diese Abirrung dauernd treiben. Auch hier muß erst eine 
Psychoanalyse die Möglichkeit schaffen, am normalen Geschlechtsakt Lust 
zu empfinden. 

Wie verläuft nun die Heilung unter dieser psychoanalytischen Be- 
handlung ? Als wichtige Regel ist zu beachten, daß man den Kranken mit 
allen Ermahnungen zur Abstinenz verschonen muß. Nie habe ich einem, 



111 



meiner Patienten das Masturbieren ausdrücklich verboten. Denn nicht nur 
daß solches Verbot nichts nützt, solang die Vorstellungen nicht weggeschafft 
wurderi, so schadet es direkt, indem es das Schuldbewußtsein des Kranken 
oft noch wesentlich steigert. Man verhalte sich also durchaus passiv und 
selbst, wenn Patient geradezu fragt, erwidere man nur, er solle es zu meiden 
versuchen, doch gelänge das nicht, so habe es auch nichts weiter auf sich. 
Wenn die Analyse ihrem Ende zugehe, käme er von selber ins normale 
Geleise. In den minder schweren Fällen, wo etwa neben der ununterdrück- 
baren Onanie auch noch der normale Geschlechtsverkehr mit Lust geübt 
wird, fallen doch im Laufe der Psychoanalyse leidige Begleiterscheinungen 
weg. Die Kranken, welche durch die Masturbation ihr Selbstbewußtsein 
verloren hatten, oder mindestens anderen gegenüber stets befangen, scheu, 
ja gedruckt erschienen, werden durch die Aussprache mit dem Arzt wieder 
unbefangen, wagen mit ihrer Ansicht hervorzutreten und in der Öffentlich- 
keit zu reden. Auch merken sie häufig, daß die Masturbation ihnen nicht 
mehr dieselbe sinnliche Befriedigung wie früher gewährt, nicht mehr das. 
namhche Lustgefühl bei der Ejakulation. Einer meiner Kranken, der beim 
Onanieren stets einen Nebel im Kopfe verspürte, verlor den sofort, nachdem 
wir die begleitenden Phantasien als Gelüste auf die frühverstorbene Schwester 
nachgewiesen hatten. Ein anderer wieder, der die Masturbation fast bis zu 
Ende der Psychoanalyse festzuhalten wußte, trotzdem er mit seinem Eheweib 
einen durchaus genußvollen Koitus übte, erklärte schließlich: „Mir kommt 
vor, als wäre ich die Lust, die mir auftaucht, zu bekämpfen imstande. Es. 
kommt mir so vor." Und tatsächlich ward er nach Schluß der Kur derselben 
ganz Herr, und zwar spontan, ohne irgendein Gebot von meiner Seite. Als ich 
ihn befragte, warum er die Masturbation aufgegeben, erklärte er, es sei ihm 
zu dumm geworden. Damit es freilich ,,zu dumm werden" konnte, mußte 
ich vorher die Phantasien abbauen, sonst hätte das Zudummwerden so- 
wenig genützt, als in früheren Abgewöhnungsversuchen. 

In ganz schweren Fällen, wo z. B. die Onanie eine jede normale Be- 
tätigung unmöglich macht, oder, wenn schon der Akt mit Mühe gelingt, 
die Lust völlig fehlt, geschieht der Wandel meist in solcher Art, daß zunächst 
die Masturbationsphantasien wieder normal werden, auf den korrekten 
Geschlechtsakt gerichtet, bis dieser selbst unter steter Aneiferung von seiten 
des Arztes gelmgt. Vielleicht am schwersten zu bekämpfen ist die sogenannte 
„geistige Onanie" der Psychoneurotiker, die gar nichts Peripheres mehr 
treiben. Bei diesen ist es direkt ein Gewinn, wenn sie wieder zu masturbieren 
anheben, was nicht eher eintritt, als bis man den Kern ihrer Phantasien auf- 
decken konnte. Dann freilich erfolgt der Übergang von der Masturbation 
mit normalen Vorstellungen zum regelrechten Beischlaf häufig sehr rasch. 

Bei der Bekämpfung der Onanie ist zum Schlüsse auch immer darauf 
zu dringen, daß der normale Geschlechtsverkehr nicht bloß aufgenommen, 
sondern in den üblichen Intervallen fortgesetzt werde. Dem steht nun bei 
dem männlichen Geschlechte meist nichts im Wege, wohl aber beim weib- 
lichen, weshalb die Heilung der Masturbation bei diesem weit schwerer, ja 
nicht selten ganz unmöglich wird. Ist doch der ärztliche Rat zu heiraten für 
viele Frauen aus den bekannten sozialen Mißständen einfach nicht gangbar. 



III. KAPITEL. 

Die Homosexualität. 

■ 
» • 

Einleitung. 

Wenn bei irgend einem Teil der Lehre von den Geschlechtsverirrungen 
•es zu betonen notwendig erscheint, man suche nur Erkenntnis, bloß reine 
Erkenntnis, man treibe nicht etwa Gefühlswissenschaft, welche dies oder 
jenes beweisen soll, so ist dies der Fall bei den Fragen der gleichgeschlecht- 
lichen Liebe. 1 ) Sonst ist jene Betonung ganz überflüssig, weil selbstver- 
ständlich. Nur in Sachen der Homosexualität sind die strittigen Fragen 
durch das Gehaben der urnischen Wortführer derart verdunkelt, daß eine 
vorurteillose Forschung kaum noch zu Wort kommt. Darum muß ich von 
vornherein unterstreichen, daß die Wissenschaft nicht arbeitet, um dieses 
oder jenes Ergebnis zu sichern, nicht für oder wider vielleicht rückständige 
Gesetzesparagraphen, auch nicht um das Los Unglücklicher zu mildern 
oder zu ähnlichen meinethalben auch guten Zwecken, sondern einzig und 
allein, um die Wahrheit zu finden, falle sie dann wie immer aus. Es gibt 
nur dieses einzige Ziel für jegliche Forschung, alles andere ist höchstens 
Gefühlspolitik, doch keine Wissenschaft. 

Hier begegnet uns gleich eine merkwürdige Erscheinung. Hat sich 
da nämlich in deutschen Landen eine Gesellschaft aufgetan, aus lauter 
Beteiligten bestehend, die in den meisten anderen Ländern Vertrauens- 
männer hat, und diese Gesellschaft unternimmt es nun, alle einschlägigen 
wissenschaftlichen Fragen gewissermaßen unter Verbandshilfe zu lösen. 
An ihrer Spitze steht allerdings ein Arzt: Dr. Magnus Hirschfeld, dem 
zweifellos die größte Erfahrung auf diesem Gebiete zukommt, während die 
übrigen Mitglieder der Gesellschaft meist Nichtärzte sind. Als „wissen- - 
schaftlich -humanitäres Komitee", wie es sich betitelt, erhebt es den An- 
spruch, richtunggebend zu sein in allen Fragen der Gleichgeschlechtlichkeit. 
Betrachtet man nun die Tätigkeit jenes Komitees, zumal ihres Wortführers 



*) Hier einige Synonyma für gleichgeschlechtliche Liebe: „Homosexualität", 
von dem ungarischen Arzte Benkert, ,, Konträre Sexualempfindung", von Karl 
Westphal, „Sexuelle Inversion", von Chevalier und „Uranismus", von Numa 
Numantius (Assessor Karl Heinrich- Ulrichs) eingeführt. Letzterer schuf auch die 
Bezeichnung Uranier für Homosexuelle, Urning und Urninde für männliche und weib- 
liche Invertierte. Den Ausdruck Päderastie reserviert man am besten für die immissio 
..membri in anum viri, das Wort Sodomie für den sexuellen Verkehr mit Tieren. 



113 

und eigentlichen Inspirators Magnus Hirsehfeld, so sieht man, daß 
alles eingestellt ist auf den Kampf gegen die schädlichen Urningsparagraphen . 
Es soll da einerseits der wissenschaftliche Beweis erbracht werden, daß 
die Voraussetzungen jener Paragraphen durchaus nicht zutreffen, ander- 
seits durch Erweckung von Mitleid und Erbarmen das Los der unglück- 
lichen Homosexuellen gebessert werden. Dem letzteren humanitären 
Zwecke dient auch der Zusammenschluß, durch welchen der Fluch des 
Allein- und Verlassenseins in einer feindlichen Umwelt von den Beteiligten 
genommen wird. 

Das letztere Ziel ward prompt erreicht, beinahe zu gut, möchte ich 
im Hinblick auf Späteres sagen. Denn wenn noch Westphal in seiner 
führenden Arbeit „Die konträre Sexualempfindung" auf Grund der Berichte 
seiner Kranken jene definierte „als eine angeborene Verkehrung der 
Geschlechtsempfindung mit. dem Bewußtsein von der Krank- 
haftigkeit dieser Erscheinung", so ist dies Bewußtsein nicht zum 
wenigsten dank der Tätigkeit des ,, Wissenschaftlich-humanitären Ko- 
mitees" den Homosexuellen fast verloren gegangen. Noch Numa Nu- 
mantius, der auch von Hirschfeld gepriesene Vorkämpfer, sagt in seinem 
Schriftchen „Jnclusa": „Ich für meine Person stehe nicht an zu erklären: 
Läge es in meiner Gewalt, Liebe zu Männern oder zu Weibern zu wählen : 
die zu Männern würde ich nie gewählt haben und die zu Weibern würde 
ich unbedingt noch heute wählen. Nicht Eurer Verfolgungen wegen, 
sondern wegen der wirklich vorhandenen großen Mangelhaftigkeit der 
urnischen Liebe im Vergleich mit der dionischen ; weil nämlich die urnische 
statt Gegenliebe jene unglückliche Abstoßung in ihrem Gefolge hat, und 
dann, weil sie unfruchtbar ist. Liebten wir Burschen durch eigenen Willen 
und nicht vielmehr deshalb, weil wir nicht anders können, dies ist 
von Natur: wir wären die törichtesten unter den Menschen. Wahrhaftig, 
absurd würde es sein, uns für so törichte Menschen halten zu wollen." 
Hingegen spricht Hirschfeld in seinem jüngsten Buche „Sexualpathologie" 
von dem „geringen Heilungsbedürfnis" der Uranier und erklärt geradezu: 
„Die Homosexuellen selbst sagen oft, daß sie geheilt sein würden, wenn die 
anderen von den falschen Auffassungen geheilt wären, mit denen sie ihnen 
gegenüberstehen; ihre währen Leiden lägen nicht in, sondern außer ihnen." 
Die Homosexuellen sind also gar nicht krank und haben nicht Ursache 
sich zu ändern, nur die anderen, sogenannten „Normalen" müßten ihre 
Anschauungen revidieren, von ihrer ganz falschen Auffassung zurück- 
kommen. 

Wer viel mit Homosexuellen zu tun hatte, in ihre Kreise Einblick 
gewann, der weiß, daß sie alle im Grunde der nämlichen Meinung sind, ob 
sie auch aus Klugheit und Diplomatie nicht alle gleich reden. Die Ehrlich- 
sten und Radikalsten unter ihnen, die „Eigenen" um Brandt, auch Leute 
wie etwa Benedikt Friedländer, erklären sich geradezu für eine be- 
sondere Edelrasse, deren reines Tun mit dem unsauberen der Hetero- 
sexuellen nicht zu vergleichen, sei. Sie machen also aus ihrem Herzen keine 
Mördergrube, sondern sagen aufrichtig un4. frei heraus, was sie sich denken. 
Es sind ehrliche Leute, welchen man trotz alles sachlichen Widerspruchs 

Sadger, Geschlechtsverirningen. 8 






114 






• 



eine gerade, mannhafte Gesinnung nicht absprechen wird. Natürlich stößt 
jenes offene Bekenntnis die ungeheure Mehrheit der normal Empfindenden 
arg vor den Kopf, und so hat die Hauptmasse der Homosexuellen, die ge- 
mäßigte Partei unter Führung von Hirschfeld es vorgezogen, zumal nach 
gewissen schlimmen Rückschlägen, wie dem Harden-Eulenburg- 
Prozesse, minder herausfordernde Töne anzuschlagen. Nicht etwa, daß sie 
anders dachten, den „Eigenen" innerlich widersprachen, sie hielten es nur 
für inopportun und unzeitgemäß, jetzt schon mit offenem Visir zu kämpfen. 
So suchten sie mehr durch gehäufte rührselig-erbauliche Geschichten Mit- 
leid zu wecken für die „Enterbten des Glücks" und erzählten mit Vorliebe 
von Selbstmorden der Urninge und Erpressungen an ihnen. 

Hand in Hand mit dieser „Aufklärung" ging eine geschickte „wissen- 
schaftliche" Mache, die zunächst zwei Sätze beweisen wollte: 1. sei die 
Triebrichtung auf das eigene Geschlecht etwas Angeborenes, nie etwas 
Erworbenes; 2. handle es sich bei der Homosexualität nicht um ein Degene- 
rationssymptom, überhaupt nicht um Krankheit, sondern um eine Ab- 
oder besser Spielart des normalen Geschlechtstriebs. Zur Erreichung des 
guten Zweckes wurde ferner alles verschwiegen oder mindestens tunlichst 
beschönigt, was der urnischen Sache schaden könnte, und endlich stets 
darauf ' Rücksicht genommen, Urninge, die mit dem Strafgesetz in Kon- 
flikt geraten, heraushauen zu können. 

Betrachten wir diese Punkte genauer. Zunächst „die angeborene 
Triebrichtung". Da ist zu sagen: es gibt eine solche überhaupt nicht, 
sondern nur einen angeborenen Geschlechtstrieb. Die Erfahrung lehrt, 
daß die verschiedenen Liebesobjekte erst im Lauf der Sexualentwicklung 
gewählt und — was entscheidend — obendrein vielfach gewechselt werden. 
Die längste Zeit pendelt jedweder Knabe, auch jener, der sich zum Urning 
auswächst, zwischen beiden Geschlechtern hin und her und begehrt von 
beiden Befriedigung in grobsinnlicher Art, wie ich im Späteren ausführen 
werde. Erst von einem bestimmten Zeitpunkt ab erfolgt die Fixierung an 
Personen des einen oder anderen Geschlechtes. Die Triebrichtung also — 
das läßt sich mit aller Bestimmtheit nachweisen — ist nicht angeboren. 
Daß die Homosexualität an sich noch kein Degenerationsphänomen ist, 
kann zugegeben werden, ob dies auch die meisten Psychiater noch heute 
behaupten. 1 ) Anders hingegen wird man den Versuch beurteilen, das 
Pathologische da überhaupt zu leugnen. Auch davon wird später gehandelt 
werden. 

Hingegen knüpft sich an diesen zweiten Punkt ein eigentümlich 
zwiespältig Verhalten in Sachen der Entartung, Neuro- und Psychopathie 



*) So z. B. die Schule Kraepelins. Bei Rudolf Fleischmann („Beiträge 
zur Lehre von der konträren Sexualempfindung", Zeitschrift für die gesamte Neuro- 
logie und Psychiatrie, Orig.-Bd. 7, 1911) heißt es, um nur einen Autor zu zitieren: 
,,Die allgemeine Ansicht ist heute wohl die, daß die konträre Sexualempfindung schon 
allein — ohne eine andere psychische Erkrankung — als Geisteskrankheit zu betrachten 
oder zum mindesten -der Psychopathie zuzurechnen sei, da sie doch sicher oft ethische 
Defekte und große Willensschwäche'bedingt. So stellen denn auch die Psychopathen 
das Hauptkontingent der Konträrsexuellen." 






\ 



115 






der Konträren. Man möchte ja gerne all diese Dinge in Bausch und Bogen 
schlankweg ableugnen, gäbe es nur keine Straf paragraphen. Vor dem Rich- 
ter jedoch ist es äußerst zweckmäßig, wenn man etwas im Hintertreffen 
hat, sich auf Degeneration und erbliche Belastung, nervöse oder psycho- 
pathische Konstitution ausreden kann. 

Vermag noch etwas den Urning zu retten, so ist's für gewöhnlich der 
Hinweis auf diese Minderwertigkeiten. Drum stellt man all jene argen 
Punkte geflissentlich zur Schau, sobald die Anklage erhoben ist, um sie 
fein säuberlich einzupacken und nur mehr auf Spielart zu plädieren, wenn 
die schwarzen Wolken sich verzogen haben. Auch die förmliche Zeugnis- 
und Bekenntnissucht eines Magnus Hirschfeld — man lese nur seine 
„Sexualpathologie" — dankt diesem von seinem Standpunkte aus gewiß 
verständlichen Bestreben seine vornehmste Wurzel. Die Wahrheit liegt 
wohl auch hier in der Mitte. An sich bedeutet Homosexualität noch nicht 
Entartung, wohl aber sicher krankhafte Abweichung, nicht bloße Spielart. 
Obendrein verbindet sich die Inversion viel häufiger als das normal- 
geschlechtliche Empfinden mit schweren neuro- und psychopathischen 
Zügen. 

Noch schärfer muß man Einspruch erheben wider die schon mehr als 
unwissenschaftliche Art, in welcher z. B. der letztgenannte Autor in seinen 
Schriften vorgeht. So dürftig die anatomisch-biologischen Tatsachen — 
nicht Hypothesen — zum Aufbau der Lehre von den Geschlechtsverir- 
rungen zur Stunde noch sind, so sehr da alles zu seelischen Beziehungen 
förmlich drängt, zeigt doch die Lektüre, daß da geradezu ein horror psychi- 
cus besteht bei maßloser Überschätzung jener Hypothesen. Schon mehr 
als einmal mußte ja Hirschfeld den Rückzug antreten und seine An- 
schauungen vom Grund aus ändern. Welch weiter Weg von den „für 
Frauen fühlenden Nervenzentren und Neigungsfasern" seiner Erstlings- 
schrift bis zur allein selig machenden, alles erklärenden inneren Sekretion 
der „Sexualpathologie". Doch jedesmal wird mit dogmatischer Sicherheit 
der eben herrschende medizinische Irrtum als untrügliche Wahrheit vor- 
getragen, während er jedes psychische Ergebnis als Phantasie, wenn nicht 
Ärgeres abtut. Gilt doch vornehmlich eins zu erhärten: die Angeborenheit 
und damit natürlich auch Unabänderlichkeit der Homosexualität. Was 
sich dazu nicht eignet oder gar widerspricht, soll nicht existieren oder 
mindestens im Wert so herabgedrückt werden, daß man es füglich vernach- 
lässigen darf. Da kann man psychoanalytische Forschungen, die zu 
wesentlich anderen Resultaten kommen, durchaus nicht brauchen. 

Ebensowenig darf zugegeben werden, was der Sache der Urninge 
schaden könnte. Nur zögernd und schrittweise, in jedem neuen Buche ein 
klein wenig mehr, doch stets zurückhaltend und sichtlich ungern räumt 
Hirschfeld schließlich ein, was sich nicht länger mehr hehlen läßt: z. B. 
die überhäufigen Neurosen und Psychosen Invertierter, daß die Kranken- 
geschichten vielfach erlogen sind, die Päderastie und Pädophilie, das besondere 
Hängen an der Mutter und dergleichen Dinge. Doch immer beschönigend, 
immer mit einer wohlwollenden „Erklärung", die dem zugestandenen Übel 
das Anstößige nehmen, es wenigstens mildern und mäßigen soll. Da wird 

I 's. 






116 

z. B. die Zahl der Päderasten und Pädophilen möglichst herabgedrückt, die 
Häufigkeit der Nerven- und Geisteskrankheiten sei ein Grund zu ganz 
besonderem Erbarmen, an die Mutter endlich schließe sich der Urning nur 
,,in dem unbestimmten Gefühl seiner Schwäche und Sonderart an", usw. 

Wir sind hier bei einem entscheidenden Punkt, der zur Steuer der 
Wahrheit nicht verschwiegen werden darf: der mangelnden Ehrlichkeit, 
um nicht zu sagen: der Verlogenheit der meisten Homosexuellen. Nach 
den sogenannten Aufklärungsschriften des „Wissenschaftlich -humanitären 
Komitees" müßte man notwendig zu dem Schlüsse kommen, es gäbe keine 
bessere Gesellschaft als einen Kreis von Invertierten. Wenn die Leute in 
ihren „Kaffeekränzchen" zusammenkämen, flössen sie über von Menschen- 
liebe und Idealismus, wären sie einzig darauf bedacht, einander stets geistig 
und selbst materiell aufs kräftigste zu fördern und sogar ihre Liebe bewege 
sich immer in „anständigen" Bahnen. Mehr als Umarmung und höchstens 
ein Küßchen wäre kaum üblich. Daß es daneben auch etwas wie sexuelle 
Betätigung gebe, wurde zwar nicht ausdrücklich geleugnet, doch höchstens 
beiläufig abgetan. Und vollends vor der Päderastie, dem am meisten Ver- 
pönten, schien geradezu ein Abscheu vorhanden. Wenn man diesem 
Wörtchen nur in die Nähe kam, dann ging ein irres, weltschmerzliches 
Staunen durch alle Reihen: „Mama, was ist das ein Leutnant?" Kurz man 
fühlte sich, um mit Rheinbaben zu reden, beinahe auszurufen versucht: 
„Eigentlich eine Schande, nicht auf dieser Liste zu stehen!" 

In jener Schilderung der Invertierten ist nur wenig Wahrheit, das 
Meiste ist eitel Schönfärberei. Es trifft z. B. gar nicht zu, daß das Trachten 
der Urninge in der Regel rein und ideal sei. Wenn der Homosexuelle in 
seinen Verhältnissen wirklich ganz rein bleibt, so sind ihm sicher die Trauben 
zu sauer. Er muß, wenn auch schweren Herzens, so harmlos bleiben, weil 
der andere, gewöhnlich ein Heterosexueller^ die geschlechtliche Beziehung 
<ler Freundschaft nicht ahnt und jeder Versuch in dieser Richtung unfehl- 
bar zum Bruche, ja vielleicht zu gerichtlicher Anzeige führte. Nur mache 
man nicht aus der Not eine Tugend und rechne sich zu hohem Verdienst, 
was schwer empfundene Notwendigkeit ist. Wo immer es angeht, sucht 
auch der Urning letzten Endes grobsinnliche Lust, gleich den gemeinen 
Heterosexuellen. Wie denn auch anders? Erwartet man etwa von einem 
normal empfindenden Manne, daß er sich mit Schmachten, Umarmen und 
Küssen für alle Dauer zufrieden gebe ? Wird er nicht schließlich auch den 
Koitus vom Weibe begehren ? Wer dies nicht tut oder doch erträumt, wird 
mit Recht den Verdacht auf physische oder psychische Impotenz Wecken. 
Supponiert man nun, was wohl kaum zu umgehen, daß der Homosexuelle 
ein natürliches Liebesempfinden besitzt, ob auch nur für sein eigenes Ge- 
schlecht, dann kann man ja billig gar nicht verlangen, daß er ewig ein Ritter 
Toggenburg bleibe. Nur soll man uns da keinen Wind vormachen. Es ist 
einfach lächerlich, uns zuzumuten, und stimmt auch gar nicht zu meiner 
Erfahrung, daß jene Zusammenkünfte von Homosexuellen nur „Kaffee- 
kränzchen" seien, bloß der gegenseitigen Unterstützung und Belehrung 
dienten. Am Ende sind jene doch auch Menschen, für die der Geschlechts- 
trieb der stärkste aller Triebe bleibt, dessen mächtiger, unwiderstehlicher 






117 



Urkraft kein Sterblicher entgeht. Mag auch der Anfang' einer solchen 
„Freundschaft" ganz ideal sein, zum Schlüsse geht es doch immer auf sinn- 
liche Betätigung hinaus, weil dies eben im Wesen des Geschlechtstriebes 
liegt. Es wäre ehrlicher und würde einen Teil des Mißtrauens bannen, wenn 
dies von homosexueller Seite als selbstverständlich einbekannt würde. 

Um nicht unbillig zu sein, darf ich nicht verschweigen, was dieses 
ominöse Verhalten erklärt und zum Teil auch entschuldigt. Solange wenig- 
stens in germanischen Ländern die gleichgeschlechtliche Liebe als Ver- 
brechen bestraft wird, was die Urninge nicht bessert, wohl aber Erpressern 
Vorschub leistet, ist es sehr begreiflich, daß jene vor Verrat stets zittern, 
sogar beim Arzte, der zur Wahrung des Berufsgeheimnisses verpflichtet ist 1 )! 
Es müssen sich mit Notwendigkeit in ihnen die Laster unterdrückter 
Menschen und Völker entwickeln, von welchen der Arzt am peinlichsten 
dann die Unaufrichtigkeit, ja Verlogenheit empfindet. Daß diese nicht 
etwa eine spezifisch homosexuelle Untugend, lehrt schon die einfache Über- 
legung. Man vergleiche z. B. das Verhalten des weiblichen Geschlechtes, mit 
dem ja der Urning weit mehr als eine Ähnlichkeit teilt. Auch bei jenen sind 
durch die Eigentümlichkeiten seines Sexuallebens und jahrhundertelange 
Verdrängung natürlicher Gefühle Charakterzüge herrschend geworden, die 
den Mann abstoßen, wenn auch zugleich oft stark anziehen. Selbst' das 
ehrlichste Weib wird beispielsweise die Beschwerden ihrer Menstruation 
oder einer beginnenden Schwangerschaft nicht an die große Glocke hängen. 
Und daß die Gesellschaft es dazu zwingt, seine Liebesgefühle, die stärkste 
Leidenschaft der menschlichen Seele, für sich zu behalten, ruhig abzu- 
warten, bis sich vorschriftsmäßig ein Mann erklärt, zieht nur Heuchelei 
und Verstellung groß. Wenn also auch der Urning seine Perversion zu ver- 
bergen trachtet, da auf deren Enthüllung oft Zuchthaus steht, so ist das 
nicht weiter verwunderlich. Und er wird diese Scheu auch dort nicht ab- 
legen, wo er ehrlich sein dürfte, d. h. beim Arzt, zumal die wenigsten von 
diesen ihm wirkliches Verständnis entgegenbringen. 

Man vergesse auch nicht, daß alles, was mit dem Geschlechtsleben 
zusammenhängt, auch dem normalen, einer starken Verdrängung unterlegen 
ist, so daß die Leute nur in den seltensten Fällen da aufrichtig reden. Ein 
berühmter französischer Syphilidologe des vorigen Jahrhunderts hatte 
über der Türe seines Sprechzimmers stehen: „Hier wird gelogen." Gilt 
dies schon von den einfachen Geschlechtskrankheiten, um wie viel mehr von 
den noch' hundertmal mehr verpönten Geschlechtsven rrungen. Und so 
beginnen die Homosexuellen oft mit einem Versteckenspiel, noch ehe sie 

') Hiezu ein kleiner Beitrag. Rudolf Fleischmann erzählt 1. c: „Bei 
sehr vielen Konträrsexuellen ist über Päderastie aus Furcht vor Strafe nichts zu 
erfahren, während die viel harmlosere mutuelle Onanie (die nach dem deutschen 
Strafgesetz keiner Verfolgung unterliegt) ruhig zugegeben wird; dies können dann 
auch die meisten sehr überzeugend darlegen; sind sie doch nach Raffalovich die 
verlogenste Klasse von Menschen. Bei unserem vorliegenden Material wurden die 
Kranken durch polizeiliche Personalakten, durch Strafakten, sowie durch Angaben 
der Angehörigen soweit als möglich kontrolliert. Alle Betätigungsarten, die gesetzlich, 
strafbar waren, wurden entrüstet in Abrede gestellt." Dabei fand der Verfasser 
unter seinen 30 Fällen 18, die der Päderastie huldigten. 



118 



zu dem Arzte gekommen, den sie konsultieren oder dem sie sich offenbaren 
wollen. Selbst wenn man von Urningen empfohlen ist, kann man erleben, 
daß solch ein Perverser, der angeblich „alles sagen" will, vorerst einen post- 
lagernden Briefwechsel unter einer Chiffre anfangen möchte, bis er sich von 
der strengsten Diskretion des Arztes überzeugt hätte. Andere wieder erklären 
sich zu jeder Antwort bereit, doch, vor spezielle Fragen gestellt, kneifen 
sie dann regelmäßig aus. Man kann da z. B. die Antwort bekommen: „Meine 
Beobachtungen über mich selbst sind rein und natürlich", oder „einen 
schönen, jungen Mann in meine Arme zu schließen, ist für mich der Inbe- 
griff höchster Seligkeit, auf intimere Ergüsse kann ich leicht verzichten" — 
Wendungen, welche den Stempel der Unwahrheit ganz unverkennbar an. 
der Stirne tragen. Manche endlich entschließen sich noch eben, einen all- 
gemeinen Fragebogen auszufüllen, wie ihn vor Jahren Hirschfeld aus- 
schickte, verweigern aber jedes Eingehen in die Tiefe. 

, Man wird das Verhalten der Homosexuellen noch milder einschätzen, 
wenn man bedenkt, wie auch die Normalen, selbst hochgebildete und scharf- 
sinnige Forscher, alsbald die Unbefangenheit des Urteils verlieren, so man an 
ihre eigenen, stark verdrängten Komplexe rührt. Ich nehme als Beispiel die 
Urteile der Neurologen und Psychiater in Sachen der Päderastie und Pädo- 
philie. Krafft-Ebing z. B., der schließlich von den Homosexuellen so 
weit gebracht wurde, die Inversion kaum noch als krankhaft einzuschätzen 1 ), 
entrüstet sich folgendermaßen : „Nur ganz ausnahmsweise, bei tief stehender 
Moralität, d.h. moralischem Defekt, oder bei temporär oder dauernd abnorm, 
heftigem und jedenfalls krankhaft gesteigertem sexuellen Drang gelangt der 
konträrsexuelle Mann zu aktiv päderastischen Akten, eher noch, aber nur 
als schwer degenerativer Weibmann gibt er sich zu passiven her. Im all- 
gemeinen läßt sich sagen, daß die Päderastie, abgesehen von den obigen 
Bedingungen, der Homosexualität fremd ist, eine Komplikation darstellt 
und, wo immer sie sonst vorkommt, auf dem Boden der sittlichen De-, 
pravation, nicht der neurotischen Degeneration sich entwickelt, somit als 
Laster (Perversität), nicht als Krankheit (Perversion) zu betrachten ist. 
Tatsächlich' ist sie die abscheuliche Praktik tiefstehender libidinöser 
Menschen, die zur Abstinenz vom Koitus genötigt sind (Bagnos, Ge- 
fängnis usw.) oder verkommener Wüstlinge, die dann besonders Knaben 
gefährlich werden, oder endlich die Erwerbsquelle männlicher Hetären. 
Der Konträrsexuale wird der Jugend nicht gefährlich, denn sowenig als 



*') Ich kann mir nicht versagen, hier eine Bemerkung von M. Raffalovich 
anzuführen, der über die Invertierten, wenn auch nicht immer das Zutreffendste, so 
■doch jedenfalls das Geistreichste ausgesprochen hat. (.jDie Entwicklung der Homo- 
sexualität", Berlin 1895, H. Kornfeld.) „Krafft-Ebing, der Autor der .Psychopathia 
sexualis', eines wertvollen Buches, das jedoch die Lügen der verlogensten Rasse, 
nämlich der Konträren und Perversen, etwas zu bereitwillig aufnimmt, scheint mir 
den Versicherungen seiner Patienten zuviel Glauben zu schenken; die Homosexualen 
lassen es sich natürlich angelegen sein, einen Mann von der Berühmtheit und vom. 
"Verdienst Krafft-Ebings für ihre Sache zu gewinnen, und man versteht es leicht, 
daß sein gutes Herz, das warm für die Menschheit schlägt, sich mehr als einmal hin- 
reißen ließ. Ich halte die Homosexualen nicht für so beklagenswert, wie Krafft- 
Ebing das tut." 



119 

der Normalempfindende kann er das Unreife lieben. In der Tat gehören 
Sittlichkeitsvergehen an Knaben, begangen von Konträrsexualen, zu den 
größten Seltenheiten." („Der Konträrsexuale vor dem Strafrichter. "■ 
2. Auflage. 1895.) 

Ebenso betrachten auch Moll und Hammond die Päderastie als eine 
sehr seltene Betätigung der Invertierten. Letzterer meint sogar, sie komme 
nur bei Wollüstlingen vor, „denen der Reiz am normalen Geschlechtsverkehr 
verloren gegangen, sei mehr Laster als Krankheit." Also ganz wie Krafft- 
Ebing. Und selbst ein durchaus heller Kopf wie Paul Julius Möbius 
schlägt hier die schärfsten Töne an: „Die Päderastie wird mit Recht 
verachtet, sie ist nicht zu entschuldigen, denn es gibt keinen Trieb 
zur Päderastie! Sie ist immer eine schimpfliche Handlung, beinahe 
so schimpflich wie die Verführung eines Mädchens!" („Geschlecht und 
Entartung'', S. 39.) Welch überflüssiger Aufwand von Moralinsäure in 
all diesen Äußerungen ! 

Woher dieser Eifer im Verdammen bei einer Sache, der selbst ein 
Hirschfeld verhältnismäßige Häufigkeit nicht abstreiten kann ? Sind doch 
nach ihm 5% der Urninge pädophil und 8 — 10% Päderasten, wobei noch zu 
bemerken, daß die letztgenannte Ziffer Schönfärberei, ganz sicher viel zu 
tief gegriffen ist. Hier werden wohl die nämlichen Gründe im Spiele sein, 
welche wir bei Besprechung der Analerotik fanden. Nicht umsonst ist diese 
der bestunterdrückte sexuelle Teiltrieb der meisten Menschen. Was sie einst 
mit besonderer Lust getan, verfolgen die Leute nach der Verdrängung mit 
doppelter Schärfe. In Wahrheit wird einer Päderast, nicht weil er von 
lasterhaftem Charakter, besonders entartet oder gar ein verkommener 
Lüstling ist, sondern weil ihm eine von Haus aus verstärkte Analerotik 
eigen, die* nur geringe Verdrängung erfuhr, und obendrein akzidentelle 
Umstände der frühesten Kindheit zum Persistieren dieser Erotik beitrugen. 
Er verdient also weder die echte Entrüstung der Heterosexuellen, noch die 
gespielte sovieler Invertierter. Päderasten sind wahrlich weder schlechter 
noch besser als andere Urninge und brauchen auch gar nicht gegen Hetero- 
sexuelle zurückzustehen. Diese empfinden nur jenes Vergnügen als be- 
sonders ekelhaft aus eigener unterdrückter Analerotik. Und auch die Pädo- 
philie mancher Urninge erscheint, von deren Standpunkt betrachtet, nicht 
als besondere Verworfenheit. Gewiß, sie wird verstärkte Abwehr notwendig 
.machen zum Schutze der Jugend, die sich noch selber nicht schützen kann. 
Allein ich habe niemals gefunden, daß Pädophile ruchloser sind als andere 
Invertierte und Heterosexuelle. Worauf sie beruht, das werden wir erst in 
einem späteren Kapitel erfahren. 



I. Unser heutiges Wissen von der Inversion Die ersten Erfahrungen. 

An die Spitze fast jeder Betrachtung über gleichgeschlechtliches 
Liebesempfinden wird die Frage gestellt: ist diese Neigung angeboren oder 
erworben? Den älteren Psychiatern und Gerichtsmedizinern, welche oben- 






120 



drein die Homosexualität mit der Päderastie zusammenwarfen, erschien 
die genannte Perversion derart abscheulich, als eine so unbegreifliche 
Verirrung, daß sie vermeinten, sie nicht anders erklären zu können, als 
durch eine schwere angeborene Degeneration. Hiezu schienen auch die 
häufigen neuro- und psychopathischen Begleitsymptome sehr gut zu passen . 
Ferner überhob die Annahme konstitutioneller Entartung jedweder tieferen 
seelischen Forschung, die ja bekanntlich in der Medizin nie sonderlich 
beliebt gewesen. Immerhin tat schon 1852 der Altmeister der gerichtlichen 
Medizin Johann Ludwig Casper in seiner ersten einschlägigen Publi- 
kation 1 ) den Ausspruch: „Die Geschlechtshinneigung von Mann zu Mann 
ist bei vielen Unglücklichen — ich vermute aber bei der Minderzahl — 
angeboren, während sie bei vielen anderen Männern erst im späteren Leben 
als Folge einer Übersättigung im gewöhnlichen Dienste der Venus auf- 
taucht." Hier wird also schon die sogenannte „Erwerbstheorie" — In- 
version erworben z. B. durch Übersättigung am Weibe — ganz deutlich 
angeschlagen. Elf Jahre später hat Casper freilich seine Ansicht bereits 
dahin abgeändert 2 ), „der Päderast 3 ) fühlt sich in vielen, vielleicht in den 
.meisten Fällen durch einen wunderbaren, dunklen und unerklärlichen 
angeborenen Drang zu Individuen seines eigenen Geschlechtes hinge- 
zogen und wendet sich mit demselben Ekel vom Weibe ab, wie der nicht 
so unglücklich geborene Mann von Männern, so daß also darin quasi eine 
Entschuldigung für seine Sünden gesucht werden müßte." 

In der letzten Wendung ist schon enthalten, warum die Uranier mit 
soviel Interesse, ja Feuereifer die Angeborenheit ihrer Neigungen ver- 
teidigen. Denn wäre diese Behauptung richtig, entsteht die Inversion 
durch ein schlimmes Fatum, ein verhängnisvoll-unentrinnbares Schicksal, 
so ist man natürlich in keiner Weise verantwortlich und schuldbar zu machen. 
Dann kann man mit Recht Straffreiheit verlangen und völlige Duldung, 
ja eigentlich Anerkennung ihrer Berechtigung. Ganz anders liegt hingegen 
die Sache, wenn die Erwerbstheorie zu Recht besteht. Wäre richtig, was 
da behauptet wurde; nur ausgepichte Wüstlinge ergäben sich der gleich- 
geschlechtlichen Liebe, man komme zu ihr durch Übersättigung oder 
Enttäuschung am Weibe, durch Verführung oder auch nur durch den 
Zwang, ausschließlich mit Personen des eigenen Geschlechtes leben zu 
müssen, dann ist es selbstverständlich mit der Straflosigkeit aus, ja die 
Gegner könnten für die schweren Strafen Rechtsgründe anführen. 

Wo liegt nun die Wahrheit? Ehe ich diese Frage eingehend unter- 
suche, will ich zwei Punkte vorweg behandeln. Zunächst lehrt uns die 
stete Erfahrung: wenn ein Symptom so frühe auftritt, daß man der voraus- 
gegangenen Umstände sich nicht mehr erinnert, oder man die wahren 
Ursachen verdrängt hat, nennen es die Menschen gern angeboren. Falls 
beispielsweise die Neigung zum anderen Geschlecht bei Homosexuellen 



J ) „Über Notzucht nnd Päderastie und deren Ermittlung seitens des Gerichts- 
arates", Vierteljahrsschrift für gerichtliche und öffentliche Medizin, 1. Bd. 

2 ) „Klinische Novellen zur gerichtlichen Medizin", Berlin 1863, Aug. Hirschwald. 
s ) Gemeint ist der Urning im allgemeinen. 



12* 

vor dem 4. Lebensjahr schon manifest geworden, dann wird sie von der 
Umgebung gewöhnlich übersehen und vom späteren Urning völlig ver- 
gessen. -Und doch wird immer der frühzeitige Beginn des gleichgeschlecht- 
lichen Empfindens für dessen Angeborenheit ins Treffen gefühlt. So sagt 
Magnan von ihm in seinen Vorlesungen über Entartung: „Es zeigt sich, 
oft schon in früheren Jahren und gerade das ist charakteristisch; nichts- 
spricht deutlicher für die ererbte Beschaffenheit dieser Anomalie als ihr 
frühzeitiges Auftreten ... Es handelt sich bei diesem Zustand um ein 
ab ovo krankhaftes Gefühl. Denn die Störung macht sich in der frühen 
Jugend, zuweilen vom fünften Jahr an, geltend, also bevor fehlerhafte 
Erziehung oder lasterhafte Gewohnheit den Menschen verderben kann." 
Ob dieser angeblich so frühzeitige Beginn eines ausschüeßlich homosexuellen 
Empfindens gar so häufig auftritt und so regelmäßig, als manche Autoren 
auf Grund von Mitteilungen Invertierter angeben? Ich möchte da einen 
neueren Forscher anführen, Ewald Stier, der als Leiter der Kinderabtei- 
lung der Berliner Nerven-Poliklinik jener Frage besonderes Augenmerk 
zuwandte. Dieser erklärte nun geradezu 1 ), er habe „unter den 3000nerven- 
und geisteskranken Kindern und Jugendlichen keinen einzigen Fall von 
homosexueller Perversion gefunden. Dieses Fehlen der homosexuellen 
Perversion bei diesen Jugendlichen ist umso auffallender, als andere 
Formen von Störungen des sexuellen Verhaltens und echte Perversionen 
anderer Art in unserer Poliklinik in großer Anzahl zur Beobachtung ge- 
langten." Er fährt dann fort: „Durch eine ungenügende Beobachtung 
sexueller Anomalien seitens der Eltern, einen Mangel in der Erkennung der 
pathologischen Grundlagen oder eine Scheu, die Poliklinik deswegen 
aufzusuchen, kann dieses Fehlen geeigneter Beobachtungen von Homo- 
sexualität also unmöglich erklärt werden, es bleibt vielmehr als einzige 
Erklärung die Annahme eine's tatsächlich fast völligen Fehlens- 
solcher Zustände bei den Kindern und Jugendlichen. Wenn aber solche 
Fälle bei den Jugendlichen unserer Poliklinik tatsächlich so gut wie ganz 
fehlen, so glaube ich darin ein sehr bemerkenswertes Argument sehen zu 
dürfen gegen die Annahme, daß die Homosexualität überwiegend, daß sie 
oft, ja vielleicht auch, daß sie überhaupt als ein angeborener Zustand 
anzusehen sei, oder auch nur, daß sie sehr frühzeitig in Erscheinung zu 
treten pflegt." 

Zutreffend dünken mich auch die folgenden Bemerkungen Stiers: 
„Die Autoanamnese der meist schon im mittleren Lebensalter stehenden 
Homosexuellen über das Zurückreichen ihrer geschlechtlichen Anomalie 
bis in die frühe Kindheit kann nicht als beweisend angesehen werden. 
Denn diese Zurückführung der zur' Zeit der Untersuchung bestehenden 
Perversion auf eine primäre, angeborene Abweichung ist die beste Ent- 
schuldigung, die es für den Betroffenen gibt; ihr Handeln und vielleicht 
auch ihr Fühlen zu entschuldigen, liegt aber so lange in ihrem wohlver- 
standenen Interesse, als das Gesetz Päderastie und der Päderastie ähnliche 



*) „Zur Ätiologie des konträren Sexualgefühls", Monatsschrift für Psychiatrie 
und Neurologie, Heft 3, 1912. 



122 



i 



Handlungen unter Strafe stellt und die bürgerliche Moral derartige Hand- 
lungen als Laster verdammt. Ich denke dabei weniger an absichtliche 
Fälschungen der Angaben, obwohl auch diese, besonders in forensischen 
Fällen, gewiß vorkommen, sondern vor allem an die unbewußte Fälschung 
•der Angaben, die durch Erinnerungstäuschungen, Ausfüllung von 
Erinnerungslücken, unrichtige, nachträgliche Interpretation harmloser 
Handlungen und Gefühle der Kinderzeit im Sinne der Sexualität überhaupt 
und im Sinne homosexueller Neigungen im speziellen, an die unbewußte 
Umdeutung der Erlebnisse als Folge der meist von diesen Leuten reichlich 
•studierten, an sich überreichen Literatur über sexuelle Perversionen, an 
-den suggestiven Einfluß in der Fragestellung von Ärzten, die in ihrer Auf- 
fassung von der Homosexualität seit langem schon zu einem Abschluß 
gekommen sind, schließlich aber auch an die Renommiersucht und das 
Verlangen, sich interessant zu machen." 

Was sagt nun die psychoanalytische Forschung zu diesem Problem ? 
Freud schuf bekanntlich seine Methode zur Heilung von Hysterie und 
Zwangsneurose. Da ergab sich ihm, daß die neurotischen Symptome eine 
geschlechtliche Betätigung der Kranken darstellen und sich größtenteils 
entwickeln auf Kosten ihrer perversen Trieb regungen. Ging man den un- 
bewußten Phantasien nach, die regelmäßig hinter den manifesten Krank- 
heitszeichen stecken, dann stellte sich immer wieder heraus, daß sie Sexual- 
phantasien waren, ganz ähnlich jenen, welche die Perversen direkt und 
voll bewußt sich ausmalen oder bei Gelegenheit realisieren. Was besonders 
auffallend, bei sämtlichen Neurotikem ohne Ausnahme fanden sich im 
unbewußten Seelenleben mindestens Regungen von Inversion, daneben 
aber meist noch eine größere Anzahl perverser Triebe, ja in der Regel 
Spuren von allen. Das ist ein so regelmäßiger Befund, daß ich mich in einer 
früheren Arbeit 1 ) zu der Auffassung gedrängt fühlte: „Hinter jedem 
hysterischen Symptom stecken nicht bloß eine Unzahl heterosexueller, 
sondern neben diesen mindestens ebensoviele und häufig noch wichtigere 
homosexuelle Wurzeln und Wünsche" — eine Behauptung', die ich auch 
heute noch vollkommen aufrecht halte. 

Durch diese neugewonnene Erkenntnis war, die Zahl der Menschen, 
die den Perversen zuzurechnen waren, ausnehmend gestiegen. Denn nicht 
nur, daß jetzt die so zahlreiche Klasse der Psychoneurotiker hinzukam, 
war noch in Betracht zu ziehen, daß die Neurosen in lückenloser Reihe 
zur Gesundheit abklingen. Wenn man sich früher darum stritt, ob die 
geschlechtlichen Per Versionen angeboren seien oder erworben, so konnte 
man sich jetzt mit Freud entscheiden, daß allen Sexualverirrungen ein 
Angeborenes zugrunde liege, das ab* dann sämtlichen Menschen zu- 
komme. Nur die Stärke der Anlagen wechselt von Fall zu Fall und ferner 
die Auslösung oder etwaige Fixierung der Perversionen durch Lebens- 
•einflüsse. Bei der ausgesprochenen sexuellen Frühreife und der erhöhten 
Haftbarkeit für alle Eindrücke des geschlechtlichen Lebens, die Grund- 






*) „Die Bedeutung der psychoanalytischen Methode nach Freud", Zentralblatt, 
für Nervenheilkunde und Psychiatrie, 15. Jänner 1907. 



123 

eigenschaften der sexuellen Konstitution sind, haben dann just die ersten 
Erlebnisse, besonders solche der zartesten Kindheit, große und vor allem 
formgebende Bedeutung. Für jede Perversion ist also zweierlei in Anschlag 
zu bringen: ein Angeborenes und ein Erworbenes, also nicht das eine oder 
das andere. Erst durch das Zusammenwirken beider Zuflüsse, der Anlage 
von Haus aus, wie der erlebten Traumen, entsteht die jeweilige Geschlechts- 
verirrung, vor allem auch erst die Inversion. 

Bei dieser wird der Hauptfehler gemacht, daß man sich die Ver- 
knüpfung zwischen Geschlechtstrieb und Sexualobjekt viel zu innig vor- 
stellt. Die landläufige Anschauung geht nämlich dahin, daß der Trieb beim 
richtig liebenden Mann von Haus aus sich lediglich dem Weibe zuwendet, 
beim Urning hingegen nur dem Manne, und natürlich umgekehrt bei dem 
normal empfindenden Weib sowie der Urninde. Nach dieser Auffassung 
brächte der Trieb sein Objekt gewissermaßen von vornherein mit. Dies hat 
nun die psychoanalytische Forschung als unrichtig erwiesen. Zunächst 
ist der Geschlechtstrieb völlig unabhängig von seinem Objekt und kann 
sich beiderlei Geschlechtern zuwenden. Er tut dies auch ganz regelmäßig, 
wenn auch minder in den Jahren der sexuellen Vollkraft, wohl aber in der 
Kindheit bis einschließlich des Pubertätsbeginnes sowie in den Jahren 
der absinkenden und erlöschenden Geschlechtskraft. Am deutlichsten 
läßt sich diese allgemein-bisexuelle Triebrichtung, welche ausnahms- 
los jeglichem Menschen eignet, am Kinde verfolgen. Von Anfang an 
schwankt die Libido und Zärtlichkeit desselben zwischen beiden Geschlech- 
tern, in erster Linie zwischen Vater und Mutter. Und wenn es von einem 
der beiden enttäuscht ist, wendet es sich unschwer dem andern zu. 1 ) Jene 
immer wieder auftauchende Tante, welche dem Kinde die Frage vorlegt: 
„Wen hast du lieber, Vater oder Mutter?" erhält seit Jahrhunderten stets 
•die gleiche Antwort: „Beide"! Das ist nun nicht etwa ausweichend gesagt, 
sondern eine Wahrheit und ein Bekenntnis zur Bisexualität. Es hebt 
tatsächlich beide Geschlechter und in jedem derselben den entsprechenden 
Elternteil am meisten. Darum halte ich auch Dessoirs Periode des in- 
differenzierten Geschlechtstriebes für eine unrichtige Abstraktion. Die 
Kinder und Werdenden empfinden nicht geschlechtlich undifferenziert, 
sondern schwanken noch zwischen beiden Geschlechtern, d. h. sie können 
noch beide lieben, haben sich noch nicht an eines ausschließlich festgelegt. 

Von dieser bisexuellen Anlage macht nun auch der Invertierte keine 
Ausnahme. Es wird vielleicht am besten sein, das Werden und Wachsen 
unserer Kenntnisse chronologisch zu verfolgen, wobei ich von jenem Falle 
ausgehe, den ich schon auf dem ersten psychoanalytischen Kongreß in 
Salzburg 1908 vortrug. Es handelte sich da um einen invertierten Maso- 
chisten, der "nebenbei noch eine Reihe geschlechtlicher Perversionen bot 



] ) Hiezu folgendes Beispiel, das ich selbst erlebte. Ein noch nicht ganz drei- 
jähriger Knirps ist vermeintlich zu Unrecht von seiner Mutter verwiesen worden. 
Drauf eilt er zum Vater, mit dem sich folgendes Zwiegespräch entwickelt : „Du, Papa, 
ich suche mir eine andere Mama!" — „Ja, warum denn ?" — „Weil sie immer bös ist." 
— ,, Ja, wen suchst du dir denn als Mama ?" — „Na, die (ihn verzärtelnde) Großmama 
oder den Papa!" 



124 



und eine Fülle hysterischer und zwangsneurotischer Symptome. Der 
damals einundzwanzigjährige Student, familiär stark belastet, wurde 
mir gesandt, weil ihn seine homosexuellen Neigungen quälten, die be- 
sonders auf Jünglinge von 14 bis 20 Jahren gerichtet waren, nebst allerlei 
masochistischen Gelüsten. Jene Neigungen gingen, wie er versichert, 
darauf zurück, daß er in der Kindheit und Jugend, von den Eltern abge- 
sehen, fast nur mit Knaben und jungen Burschen in Verkehr gestanden. 
Er habe bisher sein Glück nur dreimal beim Weibe (einer Prostituierten) 
versucht, war aber stets vollkommen impotent, so daß er jedesmal, um doch 
irgendeinen Genuß zu haben, von der Dirne eine masochistische Szene 
aufführen ließ. Doch kam es auch da nur zur Erektion, nie zur Ejakulation, 
„vermutlich, weil ein Weib und nicht ein Mann den Akt an mir ausführte." 
Auf Befragen, ob er schon irgendeinmal eine Neigung zum anderen Ge- 
schlechte verspürt habe, erinnerte er sich bloß, im zweiten oder dritten 
Lebensjahre einem gleichaltrigen Mädchen in besonders galanter Weise 
das Gartentor geöffnet zu haben. Demnach ein scheinbar reiner Fall 
sexueller Inversion mit vorstechenden masochistischen Zügen. 

Die bei dem intelligenten Kranken etwa sechs Monate durchgeführte 
Psychoanalyse ergab jedoch wesentlich andere Resultate. Zunächst 
erwies sich als völlig unrichtig, daß er für das Weib nur einmal, in erster 
Kindheit fühlte. Vielmehr ergab sich für sein Sexualleben eine bunte 
Reihe von Männern und Frauen, und zwar nach seiner eigenen Darstellung. 
Es fehlten auch keineswegs in seiner Vorgeschichte Hinneigungen zu Per- 
sonen beiderlei Geschlechts, ganz wie bei andern durchaus Normalen 
welche Neigungen wir wohl ein Recht besitzen, sexueller Verheb theit 
gleichzustellen, weil sie in der späteren Pubertät die Objektwahl deutlich, 
determinierten. Die Erstgeliebte war, wie in all solchen Fällen, die eigene 
Mutter, von der er sich freilich später abkehrte, nachdem er in der 
Pubertät alle möglichen Koitusphantasien mit ihr verübt hatte. Mit zwei 
Jahren fühlte er sich mächtig zu einer alten Wartefrau hingezogen, der er 
nach typischer Kinderart einen Heiratsantrag machte und weiche er 
gleichfalls in wiederholten Träumen der Pubertät zu Koitusphantasien 
benutzte. Etwas später folgte seine besondere Galanterie gegen das gleich - 
alterige Mädchen, die so auffallend war, daß ihn seine Mutter darüber 
aufzog und er sich gewaltig genierte und ärgerte. Dann schenkte er sein 
Herz in jenen allerersten Lebensjahren noch einem Dienstmädchen, das in 
späteren Verliebtheiten ganz unverkennbar wiederkehrte. Schon vom 
ersten Jahr ab lebte er im Sommer mit zwei um etwa zehn Jahre älteren 
Vettern zusammen, in die er sich sehr rasch glühend verliebte, obwohl sie 
ihn fleißig prügelten und zum Scherze auch banden. Diese beiden Cousins, 
welche seine ganze Kindheit begleiteten, wurden für seine späteren maso- 
chistischen und homosexuellen Neigungen entscheidend, nebst einem 
neunjährigen, sehr gewalttätigen .Baron, für den schon der Zweijährige 
in Liebe entflammte. In das vierte Jahr fällt eine Neigung zu einem gleich- 
altrigen Buben, welcher ihn lehrte, das Präputium auf und ab zu ziehen, 
dann zu dem Vater und bald darauf zur Schwester; in das sechste oder 
siebente Jahr die Verliebtheit in einen Hauslehrer, gegen den sich auch 



125 

verschiedene sadistische Phantasien richteten. Im siebenten oder achten 
Jahre kommt es zu heterosexuellen Verliebtheiten in drei oder vier Schul- 
mädel, von welchen jedes für einen Typus von Jünglingen oder Mädchen, 
die in späteren Jahren sein Wohlgefallen erregten, irgendetwas hergab. 
Mit zehn Jahren folgt eine neuerliche homosexuelle Verliebtheit in einen 
Volksschulkollegen. In den ersten Gymnasialklassen bildeten sich dann 
seine masochistischen Phantasien immer mehr aus, zumal die vom Ge- 
bundenwerden, aber es blieb noch für lange hinaus unbestimmt, ob von 
Mann oder Weib, endlich ganz plötzlich sein Handschuh-Fetischismus. 
Daß er invertiert sei, kam ihm nicht eher als mit 15 Jahren zum Bewußtsein. 
Was lehren uns diese in mühsamem, monatelangem Zusammenarbeiten 
erzielten Ergebnisse? Zunächst, wie wenig der Mensch sich selber kennt, 
auch wenn er subjektiv ehrlich berichtet- Zum zweiten, daß die Angeboren- 
heit der gleichgeschlechtlichen Triebrichtung oder nach Moll die Schwäche 
der „heterosexuellen Reaktionsfähigkeit" ein Irrtum ist. Auch ein schein- 
bar absolut Invertierter, als der sich der Kranke mir in der ersten Stunde 
vorstellte, hat seine Frühperiode gehabt, da er für das andere Geschlecht 
empfand, ja für dieses weitaus mächtiger schwärmte, als der sich später 
normal Entwickelnde. Dies hat dann jede spätere Erfahrung als geradezu 
typisch, als Regel erwiesen. Es klingt ja recht sonderbar und jeder land- 
läufigen Lehre widersprechend, ward aber seitdem stets wieder festgelegt : 
ein richtiger Urning wird nur der, so schon in zartester Kindheit die Weiber 
liebte und sie, wie wir später vernehmen werden, grobsinnlich begehrte. 
Als ich nun meinem Kranken die Frage vorlegte, was er denn eigent- 
lich vom Manne begehrt habe, erwiderte er: vorerst durchgeprügelt und 
schließlich im Anus koitiert zu werden. Sein Sexualideal sei nur der junge 
Mann, solange er noch keinen Bart trage; bekomme er schließlich einen 
solchen, errege er ihn fürderhin nur noch sehr wenig. Pate gestanden zu 
diesem Ideal hätten wohl seine um etwa zehn Jahre älteren Vettern, die 
ihn so häufig schlugen, des weiteren auch der gewalttätige Baron, zumal 
für Männer mit einem spöttischen, rauflustigen Zuge um den Mund. ,,Ich 
liebe zwei Typen von jungen Leuten," berichtet der Kranke, „rauflustige, 
kräftige, gewalttätige Jünglinge — Muster Baron und zum Teil auch jene 
beiden Vettern, ja, diese eigentlich in erster Linie — dann einen zarten 
und geschmeidigen Typus, zu welchem vornehmlich der Baron gesessen, 
der bei aller Rauflust doch zart und geschmeidig war, sowie — mehrere 
Frauen. Von älteren Männern liebte ich eigentlich nur meinen Vater, der, 
selber etwas homosexuell, mein Herz in der Kindheit durch übergroße 
Zärtlichkeit gewann, im Gegensatz zur überstrengen Mutter. Ich weiß, er 
hat mir als Kind öfter Lieder vorgesungen und mich mehr abgeküßt, als 
man von einem Vater erwartet. Da meine Mutter mit der seitdem ver- 
storbenen Schwester in die Wochen kam, das heißt in meinem vierten Jahre, 
schlief ich eine Zeitlang mit ihm in einem Bette, woran sich dann später 
eine Reihe homosexueller Phantasien und Träume anschloß." Und nun 
machte mich der Kranke selber auf etwas aufmerksam, das sich aus der 
Analyse als richtig erwies. Zunächst, daß er eine Vorliebe für manche 
Knaben hätte, hinter welcher die Liebe zur eigenen Schwester sich ver- 



126 

berge, die entschieden etwas knabenhaftes an sich hatte, besonders knaben- 
hafte Gesichtszüge. Dann aber auch, was in der Übertragung an charakteri- 
stischen Zügen zu erkennen, daß hinter den Gestalten geliebter Jünglinge 
— Frauengestalten seiner Kindheit auftauchten, z. B. das Dienstmädchen 
oder eine amphigen invertierte Cousine oder eines jener Schulmädchen, in 
die er sich mit sieben, acht Jahren verliebt hatte, und zwar nicht etwa 
bloß ganz vereinzelt, sondern regelmäßig und völlig konstant.- 

Es bliSb noch eines zu erklären : die Eigenheit seiner Sexualphantasien,, 
just im Anus koitiert zu werden, was er gleichfalls von Kindereindrücken 
ableitete. Er mußte nämlich wegen chronischer Verstopfung sehr oft von 
seiner Mutter kly stiert werden, da er zu jenen Kindern gehörte, die den 
Stuhl sich aufheben, um den bekannten Lustnebengewinn bei der Defäkation 
nicht zu verlieren. Mit einem Wort: er ist ein Mensch mit Analerotik. 
Nimmt man dazu, daß seine Mutter etwas Männliches an sich hatte und ihn 
häufig schlug gleich den beiden Vettern, so begreift man die Erklärung r 
die er in seiner Analyse gibt: „Wenn ich mir vorstelle, von einem Manne 
geprügelt und dann im After koitiert zu werden, so ist es leicht möglich, 
daß die beiden Vettern einfach an Stelle der Mutter treten. Ich habe auch 
die Empfindung gehabt, daß hinter diesen Phantasien die Mutter steckt 
mit ihrem männlichen Gehaben, nicht bloß die Vettern." 

Wir hätten demnach zwei neue Gesichtspunkte. Erstens, daß die 
Päderastie nichts anderes darstellt als die Fortdauer eines kindlichen 
Organtriebes, der die rjäufigen Reizungen, z. B. durch das Klystiertwerden, 
für seine Zwecke ausnutzt. Es kommt also in der Päderastie die Analerotik 
des betreffenden zum Durchbruch. Natürlich ist Klystierspritze oder Mast- 
darmansatz und Membrum virile in Sexualphantasien ein und dasselbe. 
Als weitere Reizungen und psychische Determinierungen wurden mir von 
anderen Päderasten noch angegeben häufige Temperaturmessungen in ano 
oder das Sitzen auf dem Schöße des Vaters, wobei dessen großes Glied in 
der Nähe des Afters gefühlt wird, das Reiten in dünnem Gewände auf dem 
gleichfalls dünn bekleideten Beine eines Erwachsenen (hier Bein = Phallus) 
u. dgl. mehr. Entscheidend wirkt aber und pathogen für die Päderastie 
die von Haus aus verstärkte Analerotik. Die zweite noch wichtigere Er- 
kenntnis betrifft die Urbilder des homosexuellen Begehrens. Hinter diesen 
stecken nämlich nicht bloß Männer, wie bisher fast allgemein angenommen 
wurde, sondern ebensosehr Frauen, zumal mit männlichen Zügen und Ge- 
haben, wozu sich dann wieder am allerbesten die Nächststehenden eignen: 
Mutter und Schwester. Man darf also sagen: es ist nicht der Mann, den der 
Homosexuelle liebt und begehrt, sondern Mann und Weib zusammen- 
genommen in einer Gestalt. .Nur weil das Heterosexuelle später unterdrückt 
wird, entsteht der Anschein der reinen Inversion. 

Wenn man bisher auf Familiengeschichten und Erblichkeit einging, 
so geschah es stets nur in der einen Richtung, ob Homosexualität in der 
Aszendenz zu finden wäre. Noch wichtiger aber bedünkt mich ein anderes, 
das bei unserem Patienten in ganz besonderem Maße hervortritt: die 
Mischung von männlichen und weiblichen Zügen bei den Allernächst- 
stehenden. Die Mutter z. B. unseres Patienten hatte verschiedenes Mann- 






127 



liehe an sich, der Vater wieder verschiedenes Weibliche, die jung verstorbene 
Schwester endlich etwas typisch Knabenhaftes. Vielleicht darf man an- 
nehmen, daß die männlichen Neigungen seiner Mutter besonders häufig zu 
Verkleidungen führten, und zwar schon in frühester Kindheit des Kranken. 
Nicht selten zog sich die Mutter nämlich, wenn sie Eile hatte, den Rock und 
Überzieher, ja die Stiefel ihres Mannes an, um bei Regenwetter draußen 
im Hof Anordnungen zu treffen. Wo solches Singulare fehlt, wirken andere 
infantile Verkleidungen und Maskeraden unterstützend, wie gelegentlich 
auch bei unserem Patienten. Ich fand auch häufig, daß Kinder in ihren 
Spielen die Geschlechter wechseln, derselbe Knabe und dasselbe Mädchen 
jetzt Vater agieren, dann wieder Mutter, gleichgültig welchen Geschlechts 
sie in Wirklichkeit sind: Und wenn man Analysen bei scheinbar Invertierten 
durchführt, so kommt man hinter dem geliebten Mann ganz regelmäßig 
auf — geliebte Frauen, wie beim Palimpsest nach Beseitigung der Ober- 
schichte die ursprüngliche Schrift ganz deutlich hervortritt. Auch die 
Heilung eines solchen Konträrgeschlechtlichen geht derart vor sich, daß 
mit dem Bewußtmachen der früheren weiblichen Sexualobjekte die ur- 
sprüngliche Neigung wieder zurückkehrt. Zu jener Auffassung stimmt 
auch sehr gut, daß Homosexuelle oft ältere Knaben oder Jünglinge noch 
ohne Bart begehren. Abgesehen von der direkten sexuellen Beziehung zu 
solchen rührt dies einfach daher, daß in der Jugend bei fehlender Bart- 
entwicklung die Ähnlichkeit mit dem Weibe noch stärker hervortritt 1 ). 
Sie eignen sich darum so trefflich zu einer Kontamination für verschiedene 
Personen beiderlei Geschlechts, die der Invertierte eigentlich begehrt. 

Zwei Tatsachen hätten wir bislang gefunden. Erstens, daß die In- 
vertierten in ihrer Entwicklung regelmäßig Neigungen zum anderen Ge- 
schlecht aufweisen und die konträre Sexualempfindung überhaupt erst 
ein späteres Stadium darstellt. Zum zweiten, daß sie ihre Erlebnisse mit 
weiblichen Sexualobjekten dann zur Erzeugung eines homosexuellen 
Ideals verwerten. Sie lieben also im Manne noch das Weib, transskribieren 
gleichsam ihre Liebe vom Weibe später auf den Mann. Diese beiden Tat- 
sachen ergänzen einander. Was der Invertierte einmal am Weibe liebte 
und begehrte, das' liebt und begehrt er noch heute am Mann. 

Wieso aber kommt es, daß er dann später einen anderen Weg ging, 
die Neigung zum Weibe überhaupt veränderte? Warum fand eigentlich 
die Verdrängung statt? Den Invertierten kommt ihr abnormes Sexual- 
empfinden nicht vor der Pubertät zum Bewußtsein, gewöhnlich zwischen 
vierzehn und achtzehn Jahren 2 ). Das ist nicht allzu schwer' zu erklären 
Sind die Jahre der Mannbarkeit doch nicht bloß die Zeit des vorbrechenden 
Sexualverlangens, sondern auch der so wichtigen Sexualablehnung. In 
ihnen finden die großen Entscheidungen und Verdrängungen statt. Ein 



*) Die richtige Übersetzung des Wörtchens Päderastie ist, wie Moebius schon 
hervorhob, ,, Jünglingsliebe", nicht „Knabenliebe". tio.-.<; ist der Jüngling von 
15 bis etwa 18 Jahren, vom Beginn der Pubertät bis zur Entwicklung des Bartes. 

2 ) Erst wenn später die Erinnerungen des Urnings geordnet werden, glaubt 
er von jeher, also auch schon in der Kindheit, so empfunden zu haben. Vergl. hiezu 
auch die Erfahrungen Stiers. 



128 



Jüngling, der bisher scheinbar indifferent geliebt hat, vielleicht sogar vor- 
nehmlich seine Lemgenossen, wird jetzt fortab bloß das Weib begehren, 
-während ihn der Mann sexuell nun kalt läßt. Der Homosexuelle wird zur 
nämlichen Zeit wieder inne werden, daß sein Geschlechtstrieb zum Manne 
<3rängt, das Weib ihm nichts sagt. Ja gemeinhin fühlt der letztere sogar in 
•sexueller Hinsicht einen Horror feminae, nicht bloße Kälte, der normal 
empfindende Mann hingegen nur Gleichgültigkeit gegen das eigene Ge- 
schlecht. Das ist ein Punkt, der zu denken gibt. In Analysen von Psycho- 
neurosen ist ein solcher Horror stets äußerst verdächtig, daß hinter ihm 
sich das Gegenteil birgt. Eine Hysterika z. B., die den Vater mit glühendem 
Haß verfolgt, oft aus scheinbar ausgezeichneten Gründen, hat jenen früher 
.ausnahmslos ebenso heiß geliebt und — ward in dieser Liebe getäuscht. 
Wie, wenn nun hinter der akuten Neigung zum eigenen Geschlecht sich 
»eine Abkehr vom anderen versteckte, aus getäuschter Liebe, betrogener 
Hoffnung, Entstellung eines bewunderten Ideals? Dann käme vielleicht 
die Vermutung auch zu Recht, daß Übersättigung am Weibe (nur freilich 
bloß in der Phantasie) der Inversion zugrunde hege. Man vergesse auch 
nicht, die Pubertät ist stets das unduldsamste Alter. Dem Jüngling ist das 
Weib stets eine Göttin oder eine Dirne, ein hehres, anbetungswürdiges 
Ideal oder Gegenstand des Abscheus. 

Was geht nun bei einem Homosexuellen um diese Zeit seines Lebens 
vor? Nehmen wir z. B. unser Paradigma, den invertierten Masochisten. 
Dem trat, wie er sagt, seine Homosexualität ganz plötzlich mit fünfzehn 
Jahren ins Bewußtsein, da er sich eine Koitusszene ausmalte. Als ich nach 
weiteren Anlässen forschte, kam folgendes heraus: „Ich war zu Weihnachten 
zu Hause gewesen. Meine Mutter, an der ich so mächtig hing, war damals 
schon stark durch Wassersucht entstellt. Sie, die eine furchtbar starke 
Person war, mußte fünf- bis sechsmal angezapft werden, was alles eine 
-entsetzliche Häßlichkeit gab, die mich gröblich enttäuschte. Als ich dann 
am Neujahrstag wieder nach X. zurückkam (wo er studierte), da malte 
ich mir in der Phantasie aus, wie ich zuerst durchgeprügelt und dann im 
Anus koitiert werde, und dann ward es mir auf einmal klar, es sei ein Mann, 
den ich mir dabei vorstelle. Ich glaube, ich war damals auch in einen 
Kollegen verliebt, der mich wieder an die bisexuelle Cousine erinnerte." 
Jetzt haben wir etwas vom Zusammenhange: Abkehr von der Mutter, die 
so entstellt ist, und endgültige Hinwendung zu einem Mann, hinter welchem 
sich freilich (ihm damals noch unbewußt) stets Mädchen oder Frauen bergen 
mit männlichen Zügen oder Charakter. Warum aber wirkt die Wassersucht 
4er Mutter so stark ? Kann die bloße Entstellung eines Ideals zur Inversion 
ausreichen ? Eine totkranke Mutter sollte doch eher die Teilnahme ihres 
Sohnes wecken, als endgültige Abkehr vom ganzen Geschlecht ? Diese un- 
verhältnismäßige Reaktion wird nur durch früheres verständlich. Wie 
unser Kranker bestimmt versichert, trug er schon als Säugling, noch mehr 
in den frühesten Kinderjahren, sinnüches Verlangen nach seiner Mutter. 
-Zwischen drei und sechs Jahren erinnert er sich dunkel, aggressiver ge- 
worden zu sein, wofür ihn die Mutter entsprechend scharf zurückwies. Er 
versuchte, ihr immer an die Brust zu greifen, wollte durchaus stets zu ihr 



129 



ins Bett und einmal sogar um jeden Preis in das Badezimmer, da sie just 
nackt in der Wanne saß. Es gab also damals schon starke und vorzeitige 
libidinöse Regungen zum anderen Geschlecht. Noch mehr, gerade in diese 
Zeit fällt ein Ereignis, das Ähnlichkeit hatte mit der Wassersucht. Die 
Mutter bekam nämlich gleichfalls einen großen, entstellenden. Bauch, weil 
sie mit seiner Schwester schwanger ging. Und als dann ihre Entbindung 
bevorstand, ward der Knabe ausquartiert und schlief eine Zeitlang mit dem 
Vater zusammen in einem Bette, was zur Quelle verschiedener homo- 
sexueller Phantasien wurde. 

Doch jene Episode, die in das vierte Lebensjahr des Kranken fällt, 
brachte noch eine Reihe schwerwiegender Momente. Wie wir' aus Psycho- 
analysen wissen, doch auch aus den Träumen gesunder Menschen, haben 
alle Knaben die Phantasie, sich an die Stelle des Vaters zu setzen und ihrer 
Mutter ein Kind zu zeugen. Auch unser Patient hatte schon von Kind ab 
bis zur Erledigung durch die Analyse sexuelle Phantasien, in denen er die 
Mutter mit einem großen Bauche sah, an dem er Schuld trug 1 ). Nun be- 
kommt in seinem vierten Jahr die Mutter wirklich einen solchen und er 
bald darauf ein Schwesterchen vom gefährlichsten Rivalen, dem eigenen 
Vater. Der große Bauch gibt also eine gröbliche Enttäuschung, wie später 
ähnlich mit fünfzehn, sechzehn Jahren aus Anlaß der Wassersucht. Noch 
ein zweiter Umstand spielte da mit, gleichfalls als Folge jener Entbindung. 
Die Mutter bekam nach dem Puerperium einen Fluor albus, der den für 
Gerüche überempfindlichen Patienten schon in der Kindheit immer zurück- 
stieß, wenn er der Mutter mit Liebkosungen nahte, wie später auch zur Zeit 
der Wassersucht. Fand nun einmal die Abkehr von der Mutter statt, so 
werden natürlich Berechtigungsmotive von allen Seiten zusammenge- 
schleppt. Z. B. in unserem Fall: „Die Mutter war immer zu streng und 
mürrisch, hat mich zu viel geschlagen, riecht endlich ekelhaft." Dann mehr 
grotesk: „Wenn ich mich zur Schwester erotisch hingezogen fühlte, hatte 
ich vor allem die Mutter gegen mich." Endlich noch ein späteres aus der 
Pubertät. Da hörte er nämlich, die Mutter habe ihn zuerst selbst gesäugt, 
dann aber eine Amme genommen, weil sie das Säugen nicht mehr vertrug. 
Als er sich einst krank und elend fühlte, gab er seiner Mutter schuld, sie habe 
ihn krank gemacht. 

Wie man sieht, hat die Wassersucht nur darum so nachhaltig wirken 
können, weil sie an eine kindliche Enttäuschung in Liebessachen knüpfte, 
an den großen Bauch mit seinem Hintergrund sexueller Wünsche. Sowie 
ihm die Mutter jetzt gröblich aus allen Himmeln warf, so hatte sie seine 
Liebesgefühle als Kind schon enttäuscht 2 ). Darum wendet er sich fortab 
vom ganzen undankbaren Weibervolk ab und lieber dem eigenen Ge- 
schlecht zu, das ihm bereits in Gestalt des Vaters, dann seiner Spiel- 



l ) Ein bezeichnend Detail: ,*Mit acht, neun Jahren habe ich an der Tafel der 
Volksschule immer ein liegendes Weib gezeichnet mit riesig großem Bauch (natürlich 
meine schwangere Mutter) zum größten Gaudium meiner Kollegen, die das sehr wohl 
verstanden, während ich selbst zu jener Zeit noch keine sexuelle Aufklärung erhalten."' 

*) Auf eine noch frühere Enttäuschung (zur Säuglingszeit) werde ich in einem 
späteren Kapitel zurückkommen. 

S adger, Geschlechtsverirrungen. 11 



130 



und Lerngenossen mit großer Liebe begegnet war. So stellt sich dein 
Kranken die Abkehr vom Weibe psychologisch dar. 

Ist damit jedoch das Problem seiner Inversion gelöst, daß unser 
Patient mit der Mutter und ferner mit dem Weibe überhaupt vollständig 
brach? Ich glaube mit nichten. Die Psychoanalyse hat nur aufgedeckt, 
wieso es zur Festlegung der mannmännlichen Liebe bei ihm kam. Sie 
entstand, wie wir sahen, durch Verdrängung des heterosexuellen Emp- 
findens, wie umgekehrt bei jedem Normalgeschlechtlichen die Unter- 
drückung des Homosexuellen Voraussetzung ist. Kommt ja ein solcher 
einseitiger Zwang überhaupt nur zustande durch Verdrängung des anders- 
geschlechtlichen Objekts, wobei es natürlich auch nie an akzidentellen 
Momenten, an unterstützenden Faktoren fehlt. Die letzten entscheidenden 
Gründe jedoch, warum es zur Verdrängung in der einen oder anderen 
Richtung kommt, sind konstitutionell-organischer Art und bisher noch 
wenig aufgeklärt. Höchstens bei unserem Kranken in dem einen kleinen 
Nebenpunkte, daß seine offenbar von Haus aus verstärkte Analerotik 
ihm passiv-päderastische Wünsche diktierte. 

Ich habe oben ausführen können, daß der Homosexuelle an den 
Folgen der Verdrängung nach zu starken und vorzeitigen libidinösen 
Regungen zum Weibe leidet, gewöhnlich seiner eigenen Mutter, geradeso 
wie der Mann mit zwangsartiger heterosexueller Liebe,- der sogenannte 
Weiberknecht, sich in der Analyse als einer enthüllt, welcher in der Urzeit 
seines Lebens in starker Inversionsgefahr schwebte und dem Manne entlief. 
Es verhält sich mit dem Schwanken der Libido zwischen Mann und Weib 
wie etwa mit der Gesichtsinnervation, die ja bekanntlich auf dem Gleich- 
gewicht fußt der von beiden Faziales innervierten Muskeln. Die Lähmung 
eines einzelnen Fazialis jedoch führt nicht nur zur Schwäche der betreffen* 
den Gesichtshälfte, sondern obendrein auch noch zum Krampf der anderen. 
Dieser Krampf ist dasjenige, was wir dem Zwange der Sexualobjektwahl 
gleichsetzen können. Außer den uns recht wenig bekannten konstitutio- 
nellen Faktoren und den spezifischen, die ich früher berührte, kommen 
ganz entschieden auch akzidentelle in Betracht, wie neben den immer 
wieder zitierten auch noch Charakter und Verhalten der Eltern oder, was 
ich jetzt noch als wichtigen Umstand beifügen möchte, der frühzeitige 
Verlust eines Eltern teiles, wodurch das Gleichgewicht erheblich ge- 
stört wird. 

Überhaupt ist lehrreich, daß an sämtlichen ätiologischen Vermutungen 
über die Inversion ein Körnchen Wahrheit. Von jener behaupten die einen 
Forscher, alles sei ausschließlich angeboren, die anderen wieder ebenso 
fest, alles sei erworben. Und beides ist tatsächlich richtig und irgendwie 
zutreffend. Auch die weiteren Behauptungen, nur Wüstlinge, die sich am 
Weibe übersättigt hätten, wendeten sich fortab dem Manne zu oder, minder 
beleidigend, getäuschte Liebe sei die Triebfeder der Homosexualität, dann 
weiter bei anderen: Verführung trage die Hauptschuld derselben, oder 
endlich die Gelegenheit, das gemeinsame Leben einzig und allein mit dem 
einen Geschlecht bei Ausschluß des anderen, all dies ist mehr oder minder 
wahr, nur just nicht so, wie es angegeben wird. Es sind wirklich ausgepichte 
Wüstlinge, Männer, die des Weibes überdrüssig geworden, Personen, die die 



131 

Liebe zum anderen Geschlecht täuschte. Nur betrifft es nicht eigentlich 
den reiferen Menschen, sondern schon die Kinder, es sind auch weniger 
Wüstlinge der Tat als der Phantasie und endlich spielt wirklich getäuschte 
Liebe gewaltig mit, nur nicht erst beim erwachsenen Menschen, vielmehr 
beim ganz kleinen Kinde bereits. Für dies gilt besonders der wichtige 
Faktor der Verführung und des fast ausschließlichen Zusammenspielens 
mit dem eigenen Geschlechte, nur sind das durchaus bloß einzelne und in 
ihrer Vereinzelung erheblich überschätzte Momente. 

IL Weitere Erkenntnisse. 

Der nächste Fortschritt knüpfte an eine Erkenntnis an, die sich mir 
bei mehreren Analysen aufdrängte, daß nämlich des Urnings Liebesobjekte 
in einer Reihe von Einzelzügen eine unverkennbare Ähnlichkeit besaßen 
mit — ihm selber. Also liebte der Homosexuelle wohl in seinen verschie- 
denen Sexualobjekten auch noch das eigene herrliche Ich. Oder, wie ich 
das in meiner Studie „Ein Fall von multipler Perversion mit hysterischen 
Absenzen" 1 ) ausführte, „Der Weg zur Homosexualität führt über den 
Narzißmus, d. h. die Liebe zu sich selbst, wie man tatsächlich ist, war, 
oder, idealisiert, gern gewesen wäre. Im Sexualideal des Invertierten 
finden sich also nicht nur Züge früherer weiblicher und männlicher Sexual- 
objekte, sondern noch viel mehr des eigenen geliebten Ichs." Nun ist der 
Narzißmus ein nie fehlendes Entwicklungsstadium beim Übergang vom 
Autoerotismus zur Objektliebe. Der Mann hat zwei primäre, ursprüngliche 
Sexualobjekte: die Mutter (beziehungsweise erste Pflegerin) und die eigene 
Person. Um gesund zu bleiben, muß er beide los werden, bei ihnen nicht 
allzu lange verweilen. An beiden Aufgaben scheitert der Urning ganz regel- 
mäßig. Zunächst kommt er nie von sich selber los, den er immer wieder 
in neuen Sexualobjekten sucht. Doch auch die Ablösung von der Mutter, 
die scheinbar gelingt, indem er sich selbst an deren Stelle setzt — eine 
Identifikation, die wir von den Psychoneurosen her gut kennen — ist in 
Wahrheit eine mißglückte Verdrängung. Denn, um mit Freud zu reden 2 ), 
„durch die Verdrängung der Liebe zur Mutter konserviert er dieselbe in 
seinem Unbewußten und bleibt von nun an der Mutter treu. Wenn er als 
Liebhaber Knaben nachzulaufen scheint, so läuft er in Wirklichkeit vor den 
anderen Frauen davon, die ihn untreu machen könnten." 

Beide Mißglückungen verdienen noch etwas nähere Beleuchtung. 
Zunächst wird der Narzißmus 3 ) entscheidend für die Objektwahl des 



') Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen. Bd. II. 

2 ) ,,Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci." Schriften zur ange- 
wandten Seelenkunde, Heft 7. 

3 ) Ein Teil des für die Inversion so bezeichnenden Narzißmus rührt davon her, 
daß urnische Kinder in frühen Jahren oft ganz besonders und lange Zeit im Mittelpunkt 
der Aufmerksamkeit standen, bei Vater und Mutter ebenso wie bei den sie verzärtelnden 
Frauen. Das wollen sie dann ihr ganzes fürderes Leben bleiben. Also stets auffallen. 
Aufsehen machen, und sei es auch um den Preis von allerlei Verstiegenheiten. Sie 
gefallen sich selber nur allzugut, wie sie als Büblein den anderen gefielen, und bilden 
sich ein, sehr hübsch zu sein, auch wenn dies nicht zutrifft, bloß weil es in der Kindheit 
ihnen gesagt wurde. 

9* 



132 



Urnings. In der Regel liebt dieser nach der Pubertät nicht eine, sondern 
mehrere Typen, wenn auch stets einer im Vordergrund steht. Also bei- 
spielsweise gleichaltrige Männer - durchsichtig er selbst - außerdem 
noch etwas jüngere - wieder sein Ich aus früheren Jähren - und endlich 
solche mit Vorzügen, die er stets schmerzlich entbehrte - demnach den 
idealisierten Urning. Natürlich weisen all diese Objekte auch Züge auf von 
weiblichen und männlichen Geliebten der Kindheit, entsprechend der 
Inversionsentstehung. Mitunter bleibt der Urning an sich selber in den 
letzten Jahren haften, ehe er die große Liebesenttäuschung erfuhr, die ihn 
für immer dem Weibe entfremdete. Das Alter des Geliebten ist dann die 
Jahresmarke, welche anzeigt, wann ein Homosexueller seine Liebe von 
der Mutter zurückzog auf das eigene Ich. Auf solche Weise kann ein 
Invertierter auch pädophil werden. Durch die Kastrationsdrohung gekränk- 
ter Narzißmus spielt endlich eine wichtige Rolle in der Paranoia, die sich 
nach Freud ganz regelmäßig an dem Widerstreben gegen gleichgeschlecht- 
liche Verliebtheit entzündet. 

Wie sehr der Urning die Mutterrolle spielt, hier übrigens analog den 
Normalempfmdenden, verrät sich in einer Reihe von Zügen. So etwa 
dann, daß er den Geliebten stets unterrichten und belehren will bezeich- 
nenderweise meist in jenen Dingen, die ihn selber fesseln, ohne Rücksicht 
darauf, ob der Geliebte sie jemals werde brauchen können. Fügt er dann 
noch Belehrung hinzu in sexuellen Dingen, so erfüllt er durchsichtig was 
er dereinst von seiner eigenen Mutter ersehnt hatte. Von hier aus dünkt 
mich auch eine Behauptung der Homosexuellen leicht zu erklären. Immer 
wieder wird von den letzteren betont, wie rein und lauter ihre Absichten 
seien, Grobsinnliches liege ihnen völlig fern: Sie wünschten nichts anderes 
als in der Nähe des Geliebten zu weilen, eventuell seine Hände und Schul- 
tern zu berühren, oder höchstens noch ihn zu umarmen und zu küssen 
Diese Angabe ist, wie ich oben schon ausführte, für die große Mehrheit der 
Invertierten einfach nicht wahr, oder, wenn sie zutrifft, so wird die Ent- 
haltsamkeit lediglich notgedrungen geübt. Daneben jedoch besteht bei 
einer allerdings verschwindend kleinen Zahl von Fällen tatsächlich eine 
gewisse dauernde Zurückhaltung gegenüber den Sexualobjekten und für 
diese ganz wenigen trifft jene obige Allgemeinbehauptung wirklich zu. 
Ja, einzelne kälter geartete Urninge oder solche mit bestgelungener Ver- 
drängung finden es sogar geradezu abscheulich, es solle zwischen ihnen und 
ihren Gehebten zu grobsinnlichen Akten kommen. Sowie sie eigener 
geschlechtlicher Regungen inne werden, oder aber der andere mit einem 
sinnlichen Vorschlag herausrückt, brechen sie das Verhältnis kurzer Hand 
ab. Die tiefste Wurzel dieses Zurückscheuens ist aber die Erinnerung "an 
die Mutter. Wenn diese mit ihrem Knäblein spielte, so hat sie genau das 
mit ihm getrieben, was er sich heute mit seinem Geliebten noch gestattet, 
ihn also geherzt, umarmt und geküßt. Doch hat sie jede grobsimüiche Be- 
tätigung, mindest bewußt, sorgfältig vermieden. Wenn der Urning dann 
ihre Rolle agiert, geht er natürlich, wenigstens zu Anfang, nicht weiter als 
jene. Nicht selten geben die Urninge in der Analyse auch an, sie hätten 
eigentlich keine Klarheit über ihre geschlechtlichen Wünsche. Soweit 



133 



dies nicht einfach Heuchelei ist, erklärt es sich aus dem mangelnden mütter- 
lichen Vorbild oder aber einer überstarken Verdrängung. In den meisten 
Fällen aber, wo der genitale Sexualtrieb nicht gar zu schwach ist, kommt 
es dann schließlich von selbst zu irgendwelchen Sinnlichkeiten, genau wie 
bei den normal Empfindenden. 

Der Mutter kommt im Liebesleben eines jeden Urnings eine außer- 
ordentliche Bedeutung zu. Nun ist die Mutter oder ihre erste Vertreterin 
nicht bloß für diesen, sondern überhaupt für einen jeden Mann das aller- 
erste Liebesobjekt. Was den Homosexuellen vor den übrigen auszeichnet, 
ist 1. ein abnorm frühes und starkes Liebesleben, 2. daß er in den frühesten 
Lebensjahren, und zwar besonders nach der Mutter ein ausgesprochen 
sinnliches Verlangen trägt, und daß er 3. sein Lebtag von diesem primären 
Sexualobjekt nimmer loskommt. Er ist der denkbar treueste Liebhaber, 
denn er hat sich bereits in erster Kindheit und da für alle Lebensdauer 
an eine einzige festgelegt und, wenn er scheinbar die Weiber flieht, so 
geschieht dies bloß, um jener einzigen treu zu bleiben. 

Versuchen wir diese drei Punkte nunmehr etwas weiter zu verfolgen. 
Um zunächst mit dem letzten anzuheben, so ist die Fixierung an die Mutter 
uns aus der Neurosen-Psychologie gar wohl vertraut. Am auffälligsten 
und verhängnisvollsten schlägt sie ja durch im Krankheitsbilde der psychi- 
schen Impotenz. Wir kennen Männer, die mit ihrer Libido an die Mutter 
oder seltener an die Schwester fixiert sind. Sollen sie dann in Beziehungen 
treten zu anständigen Mädchen, wird auf der Stelle die Erinnerung an die 
Urgeliebte lebendig, die als Sexualobjekt Verpönte, was sie unfähig macht, 
den Koitus zu leisten. Solange sie fern von den Mädchen weilen,, werden 
sie von heißem Verlangen geschüttelt, stehen sie ihm aber leibhaftig gegen- 
über, dann packt sie bloß eine heftige Aufregung, ohne mindesten Ansatz 
zur Erektion. Solche Männer sind nicht selten bei einem minderwertigen 
Objekt, z. B. einer Dirne, die mit der Mutter nicht verglichen werden kann, 
noch völlig potent. Der Geschlechtsakt mit einem anständigen Mädchen 
gelingt noch am ehesten, wenn diese manuelle Nachhilfe leistet, d. h. das 
Membrum ihres Liebhabers angreift. Hier erfüllt sie nämlich eine spezifische 
Liebesbedingung desselben, sie leistet just das, was seine Mutter einst 
bei der Pflege ihres Säuglings tat. Genau so benimmt sich oft auch der 
Urning. Ein solcher erzählte mir: „Von einer Dirne fordere ich immer, daß 
sie mein Glied herausholt und angreift. Anders ist es mir bei einem Weibe 
nicht möglich, Erektionen zu bekommen, während bei einem Knaben 
schon das bloße Denken genügt." ' Man sieht, mein Urning verlangt hier 
gleich dem Impotenten von einem Mädchen das Angreifen ad membrum, 
damit sie ihm die Mutter ersetze. Nicht umsonst ist gerade dieses Hingreifen, 
bzw. die Masturbation, eine so häufige Sexualbetätigung des Invertierten. 
Denn wenn er, sagen wir von der Pubertät ab, selbst die Mutter bei seinen 
Liebesobjekten spielt, dann muß er diesen auch die nämliche infantile Lust 
gewähren, die er selber von seiner Gebärerin empfing. Beim männlichen Ge- 
liebten agiert er die Mutter, die solches tut, entschließt er sich aber einmal 
zum Verkehr mit einem Mädchen, dann verlangt er stracks, sie solle die 
Rolle der Mutter übernehmen und ihm durch Hingreifen entgegenkommen. 



131 



Schließen wir hier die Besprechung des ersten Punktes an, als den 
wir bezeichneten : das ungewöhnlich frühe und starke Liebesleben jegliches 
Urnings. Wodurch kommt dieses eigentlich zustande? Wenn ich die 
früheste Sexualgeschichte der von mir behandelten Uniinge überblicke, 
wie die Psychoanalyse sie enthüllte, so fällt mir regelmäßig zweierlei auf: die 
Herabsetzung der Muskel- und die Steigerung der genitalen Erotik von 
Haus aus. Diese beiden Komponenten unseres Geschlechtstriebes stehen 
offenbar in inniger Wechselbeziehung. Bekanntlich ist die genitale Erotik 
beim kleinen Kinde von der Natur in den Hintergrund gestellt. Das hat 
seine guten, besonderen Gründe. Bei der anatomischen Unausgereiftheit 
aller eigentlichen Geschlechtsorgane ist eine physiologisch wertvolle 
Leistung ganz ausgeschlossen. Da aber just die sexuellen Triebkräfte für 
die geistige Entwicklung jedewedes Kindes von außerordentlichem Be- 
lange sind, werden jene normalerweise beigestellt von anderen Kompo- 
nenten seines Geschlechtstriebes, von der Erogenität der Haut, inklusive 
Sinnesorgane, dann diverser Schleimhäute und der Muskulatur. Sind in 
allerfrühester Lebenszeit gewisse Schleimhäute die hauptsächlichsten 
erogenen Zonen, wie die Schleimhaut des Mundes, Afters und der Harn- 
röhre, so werden mit zunehmender Kräftigung der Muskeln diese zum 
Hauptquell geschlechtlicher Lust für das normale Kind. Im Laufen, 
Springen, Hetzen, Raufen, endlich auch noch im Schreien kann es seine 
mächtige Sexualität am besten und auch unschädlichsten austoben. 
Während Haut-, Schleimhaut- und Muskelerotik ausschließlich oder 
doch in der Hauptsache autoerotisch sind, drängt alle genitale Betäti- 
gung, wie ich früher schon ausführte, rasch und unausweichlich zur 
Objektliebe. 

Nach dem Vorgesagten liegt es auf der Hand, daß Muskel- und Geni- 
talerotik in verkehrtem Verhältnis zueinander stehen. Sinkt die Erotik 
der Muskulatur, so steigt das Verlangen der eigentlichen Geschlechts- 
organe und vice versa. Das ist nun der typische Fall des Urnings. Allen 
Kennern der Inversion fiel auf, daß die später urnisch werdenden Knaben 
kein rechtes Gefallen an den üblichen Bubenspielen finden. Diese sind 
ihnen zu wild, zu stürmisch und zu ausgelassen. Jene lieben es auch nicht, 
sich mit Kameraden herumzubalgen, sondern ziehen es vor, mit Freun- 
dinnen Blindekuh zu spielen oder Ringelreigen, wenn sie nicht gar durch 
die Felder streifen, um Blumen zu pflücken. Im Gegensatz zu richtigen 
Buben sind sie unnatürlich „artig", wahre Musterkinder, die den Eltern 
kaum je einen Anlaß geben, sie durchzuprügeln. Ein solcher Junge hat es 
sehr leicht, Musterknabe zu sein und ,, artig" zu bleiben, weil ihm das motori- 
sche Austoben der anderen keine Freude bereitet, die Lust an ausgiebiger 
Muskelbetätigung mehr weniger abgeht. Im Gegensatz zu diesem Mini- 
mum an Muskelerotik steht die früh entwickelte und ausnehmend starke 
genitale Libido. Der letzteren schließt sich dann noch eine bei der Inversion 
ganz besonders stark entwickelte Schaulust an, die primär den eigenen, 
später aber den Sexualorganen zunächst des weiblichen Geschlechtes gilt, 
erst in letzter Linie jenen des männlichen. In dieser Trias, der konsti- 
tutionellen Herabsetzung der Muskelerotik bei Verstärkung der genitalen 



_ 



135 

und endlich auch der Schaulust, liegt ein Stück der organischen Disposition 
zur Homosexualität des Mannes. 

Betrachten wir uns einmal die sexuelle Schaulust näher. Schon 
im Jahre 1891, in der ersten Auflage seiner „Konträren Sexualempfindung" 
schrieb Albert Moll: „Von allen Zeichen, die zur Erkennung des Urnings 
angegeben werden, ist keines so wichtig, wie dasjenige, das mir Herr N. N. 
mitteilt. Der Urning sieht, wenn er sich gehen läßt, mit Vorliebe in eam 
directionem, ubi membrum virile est, praesertim cum vestes solum mem- 
brum, non formam membri obtegunt." Ferner ist die Vorliebe der meisten 
Urninge für Männer in enganliegender Uniform oder Livree, die die Formen 
der Genitalien und der Nates deutlich hervortreten läßt, wenn auch nur 
zum Teil hieher zu rechnen. Geht da die Schaulust des erwachsenen Ur- 
nings auf die Genitalien des gleichen Geschlechtes, so lehrt die direkte 
Kindesbeobachtung, sowie die psychoanalytische Forschung, daß jegliches 
Urnings infantile Neigung, abgesehen von der primären Betrachtung der 
eigenen Genitalien, besonders den Pudendis des weibliches Geschlechtes 
gilt. Zwei Gelegenheiten sind es da vornehmlich, bei welchen er des er- 
sehnten Anblickes teilhaftig wird: das Baden und Urinieren weiblicher 
Personen. Und es ist bezeichnend, daß später auch der erwachsene Urning, 
der die Libido bereits auf Männer verschob, mit Vorliebe seinen Schau- 
gelüsten in Badeanstalten und Pissoirs fröhnt. Obendrein kommt es nicht 
selten vor, das Mütter ganz ungeniert vor ihren Jungen sich an- und aus- 
ziehen, wodurch dann diese viel mehr sehen, als ihnen dienlich. Sehr viele 
später urnische Knaben werden geradezu aggressiv, um das ersehnte Ziel 
zu erreichen. Daß sie auf eine gelegentliche Entblößung ihrer Mutter oder 
anderer Frauen förmlich lauem, sie bei der Toilette, oder, wenn sie nackt 
in der Badewanne sitzen, „zufällig" überraschen, oder endlich komplizierte 
Vorkehrungen treffen, um das sie so Reizende zu erspähen, wäre nicht das 
ärgste. Wiederholt aber konnte ich feststellen, daß sie ihre Schwestern, 
Cousinen oder Spielgefährtinnen mit Überredung oder halber Gewalt 
einer genauen genitalen Inspektion unterwarfen oder mindestens urinieren 
ließen, um so ihre Neugier, befriedigen zu können. 

Als letzte Triebfeder hätten wir endlich in den meisten Fällen die 
Verstärkung der genitalen Libido, und zwar von Haus aus, also konsti- 
tutionell. Ich vermute, daß darum bereits die notwendige Reizung des 
Membrums bei der Säuglingspflege von urnischen Knaben lustvoller 
empfunden wird als von den anderen mit normaler Triebrichtung. Hiezu 
kommt häufig als weiterer unterstützender und überdeterminierender 
Umstand das Verhalten des Vaters. Ganz regelmäßig fand ich in meinen 
.Analysen von Urningen, daß sie zumindest in einer Periode ihrer Kindheit 
bisweilen das ganze Leben hindurch von dem Erzeuger noch mehr geliebt 
und verzärtelt wurden als von der Mutter. Ja, es kann passieren, daß 
sich das Verhältnis gegen die Norm geradezu verkehrt, die Mutter also die 
strengere ist, während der Vater mit seinem Jungen spielt, ihn den halben 
Tag herumträgt, abends entkleidet und zu Bett bringt, ihm zärtlich spie- 
lerisch stets wieder ans Glied greift und dergleichen Scherze und Lieb- 
kosungen mehr. Wenn man bedenkt, daß die Liebe jedes Kindes zwischen 









136 



Vater und Mutter hin- und herpendelt, so wird man begreifen, wie bedeut- 
sam es ist, wenn der Vater noch närrischer in den Buben verliebt ist als 
selbst die Mutter. Nicht gar zu selten ist der erste Verführer zur Homo- 
sexualität nicht ein Knabe oder Jüngling, sondern des Kindes eigener 
Erzeuger. 

Doch auch wo diese Reizung nicht erfolgt, besteht eine ganz beson- 
dere Überschätzung des männlichen Gliedes beim erwachsenen Urning, 
aber auch schon beim Knaben. Ich will zwei Proben aus Analysen her- 
setzen. Ein Urning, welcher just aus diesem Grunde ein besonderer Ver- 
ehrer von Rops geworden, der bekanntlich das übergroße Membrum ver- 
herrlicht, es nach den Worten dieses Patienten ,, förmlich wie ein selb- 
ständiges Wesen darstellt", welcher Menschen zeichnet mit einem 
schlangenartigen Penis, der sich um den Körper dreht, in der Luft wie 
eine Schlange bewegt, erhebt und emporrichtet, sagte von sich selber: 
„In meiner Pubertät litt ich besonders unter erotischen Phantasien. Ich 
hatte stets solche von riesenhaften, schlangenartigen Membris, die mir 
gar keine Ruhe gaben, mich in der Arbeit und im Schlafe störten." Noch 
ärger trieb es ein anderer, neunzehnjähriger Urning: „Mich verfolgt 'der 
Penis bei Tag und bei Nacht. Überall sehe ich Glieder und denke an sie, 
an Minette und an den Penis. Manchmal, wenn ich sitze und schaue, kommt 
es mir vor, ich sehe eine endlose Reihe von Gliedern aufgefädelt wie einen 
Rosenkranz. Der Penis ist mein Dämon. Überall ist er bei mir. Am 
liebsten möchte ich selber ein Glied sein, dann wäre mir leichter. Als ich 
in meinem 15. Lebensjahre eine Uhr bekam, habe ich beim Tick-Tack 
ineinemfort gemeint, ich sehe ein erigiertes Glied, das so pulsiert. So oft 
ich auf die Uhr sah, hatte ich diesen Gedanken, weshalb ich sie auch immer 
mit ins Geschäft nahm, vor mich hinlegte und dabei stets das Bild eines 
steifen Güedes vor Augen hatte. Meine frühesten Erinnerungen sind, daß 
ich beim Gebadetwerden in der Wanne oder abends beim Ausziehen mit 
meinem Gliede spielte. Im Kindergarten habe ich den anderen Buben 
dort hingegriffen und sie auch zu verleiten gesucht, mir ihr Glied zu zeigen. 
In meinem dritten, vierten Jahre habe ich, wenn Verwandte mit kleinen 
Jungens zu Besuch kamen, immer gesucht und gegriffen nach ihrem 
Gliede. Ich kannte die Cousins noch nicht beim Namen, als ich sie schon 
am Penis kannte. Und noch heute würde ich alle, mit denen ich geschlecht- 
lich zu tun hatte, am Penis wiedererkennen." 

Hier begegnet uns etwas, das typisch ist für den echten Urning: 
die lebenslange Lust zum Hingreifen ad membrum. Es liegt auf der Hand, . 
daß dies zur Masturbation führen muß. Wenn man auch bei der ungeheuren 
Verbreitung der Onanie nicht annehmen kann, sie sei ein homosexuelles 
Laster, so ist doch die öfter gehörte Behauptung, man gelange durch 
exzessive Onanie zur Inversion, nicht ganz ohne Grund. Freilich so, wie 
sie aufgestellt wurde, ist jene Behauptung nicht zu halten. Eine noch so 
exzessive Masturbation erzeugt gar niemals Homosexualität. Wohl aber 
weisen früh Invertierte einen besonderen Hang zur Onanie auf, ferner sind 
die typischen „Verderber", d. h. jene Jungen, die ganze Schulklassen zur 
Masturbation verführen, sehr häufig „absolut" homosexuell, ein Punkt, 



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137 

auf welchen, wie ich sehe, in der Ätiologie der Masturbation kaum hinge- 
wiesen wurde. Ich kann nicht behaupten, daß alle Verderber Urninge seien, 
doch ein ausnehmend hoher Prozentsatz von ihnen ist es ganz sicher und 
namentlich scheinen die Rädelsführer es fast immer zu sein. 

Ich habe schon oben auseinandergesetzt, daß sämtliche Urninge 
ohne Ausnahme sehr bald zumindest auf ihre Mütter oder deren erste Stell- 
vertreterinnen grobsinnliche Gelüste entfalten, von denen ich einige 
Proben gab. Wenn meist auch noch die Schwestern, Cousinen oder Spiel- 
gefährtinnen mit solchen tätlichen Angriffen bedacht werden, so gehört 
die erste und wichtigste Liebe jedwedes Urnings doch allzeit der Mutter. 
Allein just bei dieser erlebt er fast immer in frühester Kindheit eine 
große Zurückweisung, die mitbestimmend wird für sein ganzes Leben, 
wenn dies auch nicht gleich in Erscheinung tritt. Jene schroffe Zurück- 
stoßung ist ja selbstverständlich. Denn, mag eine Mutter ihrem Sprößling 
noch so abgöttisch anhängen, gewisse allzudeutliche Angriffe muß sie ja 
notgedrungen abschlagen. Das ist nun die eine große Enttäuschung im 
Liebesleben jegliches Urnings. Eine zweite kaum minder bedeutsame für 
ihn ist dann die Entdeckung, daß das erst- und höchstgeliebte Weib keinen 
Penis besitzt. 

Wir stehen hier vor dem Kastrationskomplex, der zumindest beim 
Urning, in einer gewissen Hinsicht jedoch auch bei der Urninde, von ganz 
entscheidender Wichtigkeit ist. Die Homosexualität wäre ohne ihn über- 
haupt nicht verständlich. Nie würde sich der Urning vom Weibe abkehren, 
müßte er nicht die Entdeckung machen, daß diesem das kostbare Mem- 
brum fehlt, und zwar wie er als Kind zu vermuten sich gedrängt fühlt, weil 
es ihm abgeschnitten worden. Da aber beim Urning der Penis so ausneh- 
mend, so über die Massen lustbetont ist, wird er unfähig, beim anderen 
Geschlecht auf ihn zu verzichten. „Diese Hochschätzung des männlichen 
Gliedes", sagt Freud in seiner Analyse des kleinen Hans, „wird zum Schick- 
sal für die Homosexuellen. Sie wählen das Weib zum Sexualobjekt in 
ihrer Kindheit, so lange sie auch beim Weibe die Existenz dieses ihnen 
unentbehrlich dünkenden Körperteils voraussetzen ; mit der Überzeugung, 
daß das Weib sie in diesem Punkt getäuscht hat, wird das Weib für sie als 
Sexualobjekt unannehmbar. Sie können den "Penis bei der Person, die 
sie zum Sexualverkehr reizen soll, nicht entbehren und fixieren, ihre 
Libido im günstigsten Fall auf das Weib mit dem Penis, den feminin 
erscheinenden Jüngling. Die Homosexuellen sind also Personen, welche 
durch die erogene Bedeutung des eigenen Genitales gehindert worden 
sind, bei ihrem Sexualobjekt auf diese Übereinstimmung mit der eigenen 
Person zu verzichten. Sie sind in der Entwicklung vom Autoerotismus zur 
Objektliebe an einer Stelle, dem Autoerotismus näher, fixiert geblieben." 

Auch daß die Drohung mit der Kastration beim Invertierten gemein- 
hin von der Mutter ausgeht, kommt eine hohe Bedeutung zu. Die innige 
Verliebtheit des Urnings in sie und seine spätere Vermeidung des Weibes 
erklären sich daraus, daß es sich gewöhnlich um eine Mutter handelt, die 
in üiren Buben sehr verliebt ist, doch sein Geschlechtsleben sehr energisch 
überwacht und selbst die Sexualeinschüchterung besorgt. Solche Jungen 



138 



bleiben an die Mutter gebunden und werden gleichzeitig vom Weibe ent- 
fernt. Dann bleibt ihnen wirklich nichts anderes übrig, als durch die 
bekannte Identifikation mit jener selbst homosexuell zu werden. Gewöhn- 
lich legt dann der Urning auch die Drohungen der Mutter bei Zurück- 
weisung seiner sexuellen Angriffe im Sinne der Entmannung aus, was 
natürlich die Abkehr vom ganzen weiblichen Geschlecht befördert. 

Sehr beachtenswert ist auch sein Verhalten bei der Entdeckung, 
daß die Weiber keinen Penis besitzen. Der normale Junge reagiert auf diese 
typische Enttäuschung mit mächtiger Steigerung des Selbstbewußtseins 
und einem Hochmut, der ihn ein paar Jahre vor der Pubertät auf „das 
dumme Mädelzeug'* verachtungsvoll herabblicken läßt. Was freilich nicht 
hindert, daß der nämliche Junge, wenn er die gewöhnliche Entwicklung 
nimmt, den Weg zum anderen Geschlecht findet und seinem membrum- 
losen Genitale. Höchstens wird er sich, und vielleicht zeitlebens, etwas 
Besseres dünken, bloß weil er ein Mann ist. Ganz anders der Urning. Der 
gelangt infolge jener Enttäuschung bis zum Horror vaginae und findet 
den natürlichen Weg zum Weibe überhaupt nicht mehr. Woher diese 
mächtige Übertreibung? Wenn ich die Analyse meiner Urninge überschaue, 
so finde ich ganz regelmäßig, daß, wenn sie zum ersten Male die Genitalien 
weiblicher Personen untersuchen oder bei Großen auch nur erspähen, 
eine schwere, langdauemde Enttäuschung die nie ausbleibende Folge ist' - 
Der eine sagt z.B.: „Ich war eigentlich enttäuscht, denn ich habe mir 
mehr Vorgestellt", d. h. durchsichtig einen weiblichen Penis. Ein anderer 
begründet seine Ernüchterung: „Ich habe mir die Sache viel schöner 
gedacht", ein dritter endlich bringt es selbst zum Ekel schon in jenen 
Jahren. Aber gründlich enttäuscht sind sie eigentlich alle! Das rührt zum 
Teil von ihrer Überschätzung des männlichen Gliedes, die sie dessen Fehlen 
nicht verwinden läßt, des ferneren daher, daß sie in der Kindheit weit 
intensivere Sexualforscher sind, als die später normal empfindenden 
Buben und sie ihre erhöhte Genital-Libido infolge mangelhafter Muskel- 
Erotik nicht ableiten können. 

Em dritter Grund führt zur ersten großen Enttäuschung zurück 
im Leben des Urnings, daß ihn die Mutter ablaufen ließ bei seinem ver- 
pönten sexuellen Begehren. Was tut nun der Knabe, wenn er in seinem 
wichtigsten Verlangen, dem Wunsch, zu lieben und geliebt zu werden, 
zurückgestoßen wird von dem hehrsten Weibe? Wir wissen aus der Alltags- 
beobachtung, daß die Zärtlichkeit eines jeglichen Kindes fortwährend 
zwischen den Eltern pendelt, daß das von der Mutter abgestoßene Kind 
sich dem Vater zuwendet und vice versa. Der Urning nun kann dies um so 
leichter, als der Vater ihm, wie wir oben vernahmen, mehr Liebe schenkt, 
als sonst wohl üblich. So käme der Erzeuger leicht in die Lage, für ihn das 
einzige Sexualobjekt zu werden, wenn nicht der Oedipus-Komplex die 
dauernde Fixierung an den Rivalen hemmte. Immerhin zeigt sich in der 
Zärtlichkeit für den Vater das erste Abschwenken zum eigenen Geschlecht. 
Doch der Mensch verzichtet nicht leicht auf einen liebgewordenen Wunsch 
und wir werden noch sehen, wie unsterblich die Sehnsucht nach seiner 
Mutter, genauer gesagt nach der Mutter mit dem supponierten Penis, im 



139 

Urning fortwirkt. In seiner Kindheit freilich führt ihre Zurückweisung 
häufig dazu, daß andere weibliche Liebesobjekte, die minder verpönt und 
zugänglicher sind, herangezogen werden, wie Schwestern, Cousinen und 
Spielkameradinnen . 

Dann kommt die Pubertät mit ihrer mächtigen Sexualwelle. Sie 
bewirkt zunächst bei jeglichem Menschen, daß das Liebes verlangen der 
ersten Kindheit Auferstehung feiert. Wiederum wendet der Urning sich der 
Mutter zu, nur daß sein Verlangen sich nicht so unverhüllt mehr äußert. 
Er geht jetzt nicht mehr geradezu, wie einst als Büblein, auf die Mutter los, 
verrät nicht mehr offen grobsinnliche Gelüste. Wurden derweil doch 
verschiedene moralische Hemmungen aufgebaut, deren Fehlen dem Kinde 
das Naive und Unbefangene gab. In verhüllter Form aber sind es im Grunde 
die nämlichen Wünsche, bloß modifiziert durch die unterdessen anderwärts 
erfolgte sexuelle Aufklärung. Was jedes Kind ersehnt, ist, von der Mutter 
unterrichtet und eingeführt zu werden ins geschlechtliche Leben. Schon in 
sehr frühen Jahren und dann immer von neuem heischt es Aufklärung, 
woher die kleinen Kinder kommen. Das aber ist der kritische Punkt, wo 
die allermeisten Mütter versagen. Bringen es doch die wenigsten fertig, 
ihrem Sohn die verlangte Aufklärung zu geben. Viel eher belügen sie ihn 
mit allerlei Märchen, wenn sie ihn nicht geradezu abweisen. Dies rächt sich 
dann in der Pubertät, zur Zeit des stärksten geschlechtlichen Wachstums, 
am allerschwersten. Nie verzeiht der Knabe seiner Mutter, in weiterer 
Linie auch seinem Vater, daß sie ihm die Geheimnisse des Liebeslebens 
völlig verschwiegen, ja oft jede Aufklärung schroff verweigerten. Das ist 
die tiefste Wurzel der Entfremdung, die ganz regelmäßig in der Pubertät 
zwischen Eltern und ihren Kindern einsetzt, wenn sie nicht schon früher 
angehoben hat. 

Am verhängnisvollsten aber sind die Folgen für den männlichen 
Invertierten. Nicht sämtliche Urninge hängen zeitlebens zärtlich an der 
Mutter oder mindestens nicht ungemischt zärtlich. Ein erklecklicher 
Prozentsatz hegt wenigstens von der Reifezeit ab, nicht selten auch früher 
schon, tiefe Verbitterung, ja gelegentlich selbst fanatischen Haß oder ver- 
harrt zumindest in Trotz und Wut gegen sie, allerdings als Reaktion auf 
verdrängte Liebe. Geht man den Gründen dieses Verhaltens dann psycho- 
analytisch nach, so wird übereinstimmend der Vorwurf erhoben, die Mutter 
habe die geschlechtliche Aufklärung vorenthalten. Dahinter aber birgt sich 
— und das ist entscheidend — ein weit ernsterer Vorwurf, der nämlich, sie 
habe dem heranwachsenden Sohn in seinen sexuellen Nöten nicht geholfen, 
was sie doch leicht konnte — am eigenen Leibe. Das wird auf verschiedene 
Weise umschrieben. So sagte z. B. einer meiner Urninge: „Ich habe das 
Gefühl, meine Mutter hat mich nie verstanden." Ein anderer wieder: „Nie 
konnte ich offen über erotische Dinge mit ihr reden. Vom Sexuellen hat 
sie mir ein durchaus falsches Bild gegeben, jeder außereheliche Verkehr 
wurde mir als Sünde dargestellt. Nie habe ich Verständnis bei ihr gefunden." 
Am deutlichsten endlich sprach ein dritter aus, was er begehrte, ein „absolut" 
Invertierter, bei welchem die Tante früh Mutterstelle vertreten hatte. 
Auf sie hatte er, wie er sich deutlich erinnert, noch in der Pubertät ver- 



140 



schiedene Angriffe unternommen. Er ging ihr überallhin nach, drang 
„zufällig" ins Badezimmer, just wenn sie sich wusch oder in der Wanne 
saß, suchte sie beim Wäschewechsel zu überraschen und endlich wenigstens 
irgendwie mit ihrem bloßen Körper in Berührung zu kommen. Allmählich 
erst kam durch die Analyse ihm zum Bewußtsein, daß er noch mehr von 
ihr begehrte: „Sie hätte mich damals ganz gut ins Geschlechtsleben ein- 
führen können. Es gibt Momente, wo ich ihr zürne und wütend bin auf sie. 
Oft kam mir der Gedanke, ich könnte von meiner Homosexualität geheilt 
werden, wenn ich mit der Tante verkehren dürfte. Hätte sie mehr Liebe 
zu mir gehabt und es früher zugelassen, dann wäre ich überhaupt nicht so 
geworden! Dieser Gedanke kam mir häufig." 

Was dieser Patient mit klaren, dürren Worten aussprach, haben 
eigentlich alle Urninge ersehnt, wovon unter anderem ihre häufigen Träume 
vom Koitus mit der Mutter zeugen. Nicht selten verwirklichen sie dann 
den Inzest, der ihnen verwehrt ward, später auf irgendeine Art. Sie gehen, 
z. B. zu einer Prostituierten und verlangen, diese solle dasMembrum ihres 
Besuchers selbstätig in ihre Scheide einführen und dazu noch die nötigen 
Bewegungen machen. So muß die Dirne sie ausübend in das Geschlechts- 
leben einführen, wie sie es dereinst von der Mutter ersehnten. Oder sie 
übernehmen die Rolle der letzteren in eigener Leitung und führen dem 
gehebten Jüngling vor, wie es vollkommene Mütter anstellen müßten. 
Sie klären ihn etwa geschlechtlich auf und lehren ihn an ihrem eigenen 
Leibe, sich sexuell zu betätigen. Wieder andere suchen Heilung ihrer 
„Krankheit" durch „die Flucht in die Ehe". Sie wählen ein Weib nach dem 
Vorbild der Mutter, um an ihr den Inzest in einer erlaubten Form auszu- 
führen. Leider gelingt dieser letztere Ausweg, der eine ideale Lösung 
darstellte, wie sie 'auch der Heterosexuelle oft wählt, nur. in seltensten 
Fällen. Gemeinhin erweisen sich all diese Auswege und Versuche, dem 
Kindheitsideal in irgendeiner Art zum Dasein zu verhelfen, beim echten 
Urning als völlig fruchtlos. Am Ende greift dieser immer wieder, was 
typisch ist für die Inversion, zu dem Auskunftsmittel, seine unaufhörliche 
geschlechtliche Erregung beständig vom Weib auf den Mann zu über- 
schreiben, wovon ich später eine Probe geben werde. 



III. Neueste Forschungen. 



Überblicke ich das Tun und Lassen der Homosexuellen, so scheint 
mir im Mittelpunkt der Symptome zu stehen der Penis-Komplex. Ich 
führte schon aus, daß ihre Schaulust auf das membrum virile gerichtet ist, 
dessen Erogenität meist konstitutionell verstärkt erscheint. Wir vernahmen 
ferner, daß alle Urninge für das Glied eine übergroße Wertschätzung haben, 
ja sich förmlich von ihm verfolgt fühlen können. Auch der Ekel vor ihm 
und aller zur Schau getragene Widerwille so vieler Urninden scheint nur 
Reaktion auf verdrängte Überschätzung zu sein. Nimmt man endlich dazu, 
daß sich nach Hirschfeld je zwei Fünftel der Homosexuellen durch 



1-11 



wechselseitige Masturbation und Fellatio 1 ) befriedigen, so scheint mir all 
dies eine tiefere Erklärung herauszufordern. Erinnern wir uns an die aus 
der Traumdeutung und Neurosenlehre geläufige Erfahrung, daß, wenn ein 
Ding mit besonderer Schärfe hervorgekehrt wird, sich dahinter noch etwas 
anderes birgt, daß also jene Überbeleuchtung Deck erschein ung ist für ein 
im Unbewußten Zurückgehaltenes. Was sollte nun hinter dem Penis stecken 
und ihm eine Überbedeutung verleihen, so daß ein Losreißen gar nicht 
mehr möglich? 

Den Anstoß zur Lösung dieser Frage gab mir ein im allgemeinen 
heterosexuell empfindender Neurotiker mit verschiedenen merkwürdigen 
Schleckphantasien. In diesen trieb er nicht nur Cunnilinctio mit vielen 
Weibern, verlangte nicht nur die Fellatio von ihnen, sondern hatte auch 
ähnliche Gelüste auf den Mann. Als er sich einmal in einen Kameraden 
verliebte, plagte ihn nämlich das stete Verlangen, dessen Penis in den 
Mund zu nehmen, ja sich von diesem hineinschiffen zu lassen. „Die größte 
Aufregung", gestand er in der Psychoanalyse, „wäre für mich gewesen, 
wenn der Julius — so hieß sein geliebter Kamerad — die Hose geöffnet 
und das Glied herausgenommen hätte. Ich mußte schon denken: Das ist 
genau so, wie wenn eine Mutter die Bluse öffnet, um ihr Kind trinken zu 
lassen 2 ). Auch bei meiner Onanie war stets das Erregendste und lustvoll 
Betonteste das öffnen der Hose und Herausnehmen des Gliedes. Dies hatte 
stets Erektionen zur Folge. Auch wenn ich das Verlangen hatte, den Penis 
des Julius in den Mund zu nehmen und mir hineinschiffen zu lassen, so 
war das einfach Hineinfließen von Milch in meinen Mund aus Mutters 
Brustwarze." 

Hier wird mit deutlichen Worten gesagt, was von vornherein zu ver- 
muten stand, daß für die Fellatio eine Lust aus des Kindes Urzeit maß- 
gebend: die Stillung des Säuglings, und ferner daß. ihre Entstehung ge- 
knüpft ist an eine konstitutionelle Vorbedingung: die Verstärkung der 
oralen oder Munderotik. Sie erst macht jene Urlust unsterblich, so daß. 
sie nie vergessen werden kann, stets Erneuerung heischt und endlich in 
die Fellatio sich umsetzt. Durch diesen neuen Gesichtspunkt werden dann 
sämtliche eingangs berührten Symptome einem vollen Verständnis näher 
gebracht . 

Desgleichen ein anderes, das ich noch nicht berührte: der durchaus 
unerschütterliche Glaube jedwedes Urnings, daß alle Weiber oder minde- 
stens seine eigene Mutter ein membrum virile besitzen müssen. Ob er auch 
hundertmal durch genauesten Augenschein — und jeder Urning ist auch 

») Hier noch die Erklärung oft gebrauchter Fachausdrücke: Fellatio heißt 
einen Penis in den Mund nehmen und daran schlecken. Sic kann aktiv oder passiv 
geübt werden, indem man sein eigenes Membrum dem andern in den Mund gibt oder 
ein Gleiches von diesem erfährt; Cunnus = vulva, Cunnilinguus oder Cunnilinctio 
das Schlecken am weiblichen Genitale; Tribade oder Lesbierin soviel wie Urninde, 
Kinaede oder Pathicus = passiver Päderast. 

2 ) Es kommt öfter vor, daß kleine Kinder der Mutter auf den Schoß steigen 
und ihr die Bluse aufknöpfen, um nach der Brust zu greifen, doch tun dies bezeich- 
nenderweise nur Knaben, fast niemals Mädchen. Wenn dies ausnahmsweise ein Mäd- 
chen tut, erweist sich der homosexuelle Einschlag bei ihm sehr stark. 



142 



Voyeur - sich überzeugte, daß dem anderen Geschlecht hier etwas fehle 
er also bewußt und mit dem Verstände das Irrige seiner Meinung einsieht' 
sie lebt darum doch im Unbewußten unsterblich fort und ist durch keine 
Macht auszuroden. So erklärte mir ein schon mehrfach angezogener Urning 
der mit neunzehn Jahren noch bewußt am Glied seiner Tante festhielt die 
Mutterstelle an ihm vertreten und die er als Knäblein einst nackt in' der 
Wanne baden gesehen hatte: „Ich weiß, sie hat keinen Penis und sehe 
auch keinen. Aber nach meinem Empfinden gehört er dazu und ist er 
irgendwo in ihrem Geschlechtsteil." Wenn eine solche Wahnvorstellung 
trotz besserer Einsicht nicht auszutilgen ist, muß ihr eine allgemein mensch 
liehe Erfahrung zugrunde liegen, die mindestens eine Stütze bietet Und 
eine solche besteht nun tatsächlich. Wenn der Säugling gestillt und hiebei 
nicht bloß sein Nahrungsbedürfnis befriedigt, sondern, auch die hoch- 
erogene Mundzone lustvoll gereizt wird, geschieht dies durch etwas dem 
tatsachlich eine Ähnlichkeit zukommt mit dem membrum virile'- die 
Mammillanamlich. Und nunmehr kann man den Satz aufstellen- Die Brust 
warze der Mutter -ist der ewig gesuchte, niemals' gefundene 
Ur-Penis des Weibes! Darum, ob auch alle anderen Weiber kein Glied 
besitzen, die eigene Mutter, so ihn gestillt hat, besitzt für den Urning doch 
stets ein solches. Es ist ja wirklich etwas wie ein weibliches Glied das sie 
dem Knablein da in den Mund steckt 1 ), so wie es später als Erwachsener 
sein eigenes Membrum in die Scheide eines Weibes steckt. Auch pflegt die 
Brustwarze beim Säugungsakt sich aufzurichten und steif zu werden und 
sondert eine weißliche Flüssigkeit ab gleich dem Sperma des Mannes Alle 
Urninge geben in der Psychoanalyse auch direkt an, daß sie jenes so'lust- 
yolle Gesäugtwerden hinterdrein als Geschlechtsakt mit der Mutter auf- 

Ein stark invertierter Paranoider, der als Geisteskranker sämtliche 
Verdrängungen aufgehoben hatte, erklärte spontan in der Psychoanalyse - 
„Mir schwebt immer ein Penis vor, der ungeheuere Wollust in mir 
erregt. Bei meinem Glied habe ich keine solche Freude, auch nicht wenn 
ich es anrühre. Der Penis, der mir vorschwebt, ist sicherlich jener, den ich 
als Kind meiner Mutter angedichtet habe, er schwebt mir auch stets in 
erigiertem Zustande vor. Da aber muß ich immer Halt machen, ich komme 
nicht weiter. Und ich weiß, er ist eine der tiefsten Wurzeln meiner Wollust- 
empfindungen, die in Wirklichkeit gar nicht existiert, so wenig als der 

~a \5™ fSt als ° eine Art des Verkeh res, bei welcher das Kind von seiner Mutter 
oder richtiger von ihrem Glied koitiert wird. Man begreift jetzt die Vorstellung und 
auch den Wunsch mancher Paranoider, vom mütterlichen Penis koitiert zu werden 
sowie die Schwierigkeit des Ausdrucks, wenn ein Urning erklärt, er möchte von einem 
Manne koitiert werden, verabscheue aber die Päderastie. Zum gewöhnlichen Koitus 
genort ja bekanntlich Penis und Vagina. Wenn die letztere fehlt, denkt der Hetero- 
sexuelle höchstens an den Anus als Ersatzöffnung, dem Urning jedoch genügt das 
«ineinstecken des Membrums in den Mund, wie Mutter seinerzeit mit ihrem Brust- 
warzen-^ems an ihm tat. Anderseits kommt auch das Umgekehrte vor. Viele Ammen 
— namentlich wird dies von den Iglauerinnen behauptet — haben den Brauch, die 
baughnge dadurch zu beruhigen, daß sie deren Glied in den Mund nehmen, daran 
schlecken oder gar hineinbeißen. 



143 

Penis der Mutter." Und bald darauf ergänzte er: „Die Mutter besitzt in 
meiner Vorstellung auch einen Penis, der erigiert ist, wenn man sie koitiert. 
Und der ist etwas, das einzig ihr zukommt und sonst bei keinem Weibe zu 
finden. Daher dann auch mein stetes Verlangen, die Mutter zu koitieren, 
denn bei ihr hoffe ich doch, den Penis zu finden. Dies Besondere hat gerade 
nur sie und deshalb kann ich von ihr nicht lassen. Wenn ich dann onaniere, 
kommt mir nicht die Vorstellung, am eigenen Glied zu spielen, sondern an 
dem der Mutter. Und bei der wechselseitigen Onanie entspricht der Penis 
des Geliebten dem der Mutter oder ihrer Brust, an der man gefingerlt hat 
Hieher gehört übrigens auch meine Vorliebe für die bloßgelegte Eichel 
Diese gleicht der Brustwarze." Endlich noch direkt: „Warum will ich stets 
von der Mutter koitiert werden ? Dazu fällt mir ein : ich liege an der Mutter- 
brust und ihre Warze steckt in meinem Munde." 

Den Übergang vom Gestilltwerden zur Fellatio beleuchtet am besten 
der neunzehnjährige Urning: „Wenn ich das Glied des Burschen in den 
Mund nehme, so habe ich dasselbe Gefühl, wie wenn ich als Kind an der 
Brustwarze saugte. Ja, öfter habe ich einem geliebten Jungen mit hoher 
Lust an der Brustwarze gesaugt. Wenn ich mir vorstelle, diese sitzt an 
der Brust, so habe ich gleichzeitig die Empfindung, die Brust wäre der 
Penis und die Warze, die ihr aufsitzt, entspräche dann der Eichel. Be- 
zeichnend ist auch, wenn ich Frauen mit stark entwickelten Brüsten auf 
der Straße sehe, muß ich unmittelbar darnach an ein stark entwickeltes 
Glied denken 1 )." Den Samen des Geliebten nannte er geradezu „männliche 
Milch" und in seinem Tagebuch schwärmte er einmal: „Es geht nichts 
über das Saugen an einem Penis! Alle Wonnen, welche die Erde erzeugt, 
sind nichts im Vergleich zu dem, was ich dabei empfinde. Als den schönsten 
Tod denke ich mir, an dem zu weit hineingesteckten Gliede des Geliebten 
zu ersticken." 

Durchaus dem Ausfließen der Muttermilch entspricht für das urnische 
Empfinden der Austritt des Samens bei der Masturbation wie beim Koitus 
und koitusähnlichen Akten, einschließlich der Fellatio. So erzählte mir 
z. B. ein Invertierter: „Mich interessierten besonders die Zuckungen vor 
dem Samenerguß, als ich mit 13 Jahren onanierte, und zwar sowohl bei 
mir selbst als den anderen. Darauf gingen auch verschiedene Phantasien. 
Ich stellte mir z. B. den Augenblick der höchsten Spannung vor und wie 
ich dabei das Glied des anderen in den Mund nehme und alles mitfühle. 
Und weiter, dachte ich, dies müßte sich auch in seinem Gesicht als Höhe- 
punkt der Lust ausdrücken, wie ich das immer so gern bei andern beob- 
achtet hätte." Aus dem nämlichen Grunde zahlt mancher Uranier dem 
Geliebten direkt eine Dirne, um dessen Erguß beobachten und mitgenießen 
zu können. „Ich fühle da förmlich, wie wohl ihm dabei wird," erklärte 
mir einer. Und von der eigenen Empfindung bei der Fellatio: „Wenn 
mir der Samen in den Mund fließt, bekomme ich auch sofort Erguß. Schon 
die Aufregung vor dem Austreten des Spermas, das Zucken davor ist der 

') Ein anderer Urning verglich die Mutter brüst auch darum mit dem Penis, 
weil sie hängend war wie sein eigenes Glied im Ruhestande. 



144 



größte Reiz. Es ist nicht zu sagen, was man für ein Gefühl' hat, wenn 
es dem anderen kommt und man kriegt es in den Mund! Das ist einfach 
großartig! Nichts befriedigt mich so. Dabei brauche ich nicht einmal 
selbst fertig zu werden. Ich habe dann für zwei bis vier Tage vollauf genug 
und darnach tritt sogar die volle körperliche Ermüdung ein, selbst wenn 
ich nicht entleert habe." 

Minder bekannt ist, daß gleich dem Samen auch der Urin für die 
mütterliche Milch eintreten kann, wobei noch obendrein der Anblick der 
Miktion oft hohe Befriedigung der Schaulust setzt. Von da zum Harn- 
trinken; in Analogie und gleichbedeutend mit dem Schlucken der Milch, 
ist dann nur ein Schritt 1 ). So meint der obgenannte Urning, den die 
Zuckungen des Penis besonders interessierten: „Früh habe ich bei meinen 
Liebesobjekten auch auf das Zucken beim Urinieren geachtet, ob sie, wenn 
es zu Ende geht, auch ein paar Mal den Urin ausstoßen. Ich ging'einem 
solchen gern aufs Klosett nach, um sein Glied zu sehen und wie er uriniert 2 ) 
Beides regte mich sexuell sehr auf. Dann stellte ich mir ferner vor, daß 
ich sein Glied in den Mund nehme und er mir hierauf in diesen uriniert. 
Öfter habe ich seinen frisch gelassenen Harn auch direkt gekostet." 

Hier schüeße ich passend ein Phänomen an, das ich in einer früheren 
Arbeit als „sekundären Autoerotismus" bezeichnete 3 ). Nicht selten findet 
sich nämlich bei Neurotikern, noch mehr bei Invertierten, ein starkes Ver- 
langen, sich derart kunstvoll zu verdrehen, daß man imstande ist, sich 
selbst das Glied in den Mund zu stecken, oder, was ich auch bisweilen fand, 
sich in den eigenen Mund zu pissen. Auf diese Art spielt man Mutter und 
Kind in einer Person und trachtet, den mütterlichen Brustwarzen-Penis 
sich selber in den Mund zu stecken 4 ), oder auch noch Flüssigkeit einrinnen 
zu lassen. Befördert wird die Entstehung des sekundären Autoerotismus 
noch durch die Unsitte mancher Mütter, ihr Büblein am ganzen Körper 
abzuküssen, einschließlich des Membrums, ja dies bisweilen sogar ein wenig 
m den Mund zu nehmen. So erklärte der schon mehrfach zitierte Paranoide- 
„Es taucht nicht selten der Wunsch in mir auf, das eigene Glied in den 
Mund zu nehmen, was ich erst vor kurzem wieder versuchte. Das würde 
heißen : ich spiele selbst alles an mir, d. h. ich schlecke eigentlich am Penis 
der Mutter, nehme ihren Penis in den Mund. In Wahrheit scheint beides 
stattgefunden zu haben: daß ich an ihrer Brustwarze saugte, und daß 






J ) Bei diesen Formen spielt natürlich auch eine konstitutionell verstärkte 
Harnerotik mit. 

2 ) Urninge suchen mit Vorliebe Pissoire auf, um beiden Genüssen nach Herzens- 
lust zu fröhnen. 

3 ) „Ein Fall von multipler Perversion mit hysterischen Absenzen", Jahrbuch 
für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen, 2. Bd., 1. Hälfte. 

*) Wiederum lieferte mein Paranoider, der gleichfalls jenem sekundären Auto- 
erotismus huldigte, das gewünschte Mittelglied zum Verständnis. Er trachtete nicht 
nur, sich das Membrum in den Mund zu stecken, sondern auch die Brust. „Öfter 
versuchte ich auch, die Brusthaut soweit zu verschieben, daß ich sie in den Mund 
bringen könnte. Also Saugen an meiner eigenen Brust, in durchsichtiger Nachahmung 
des Kindes an der Mutterbrust." 




1-15 

sie, als ich noch ein Säugling war, mein Glied in ihrem Munde hatte 1 ). 
Später nahm ich dann, den Penis des Bruders in den Mund. Heute ist 
mir schon völlig klar, daß all diese Dinge Wirklichkeit waren." Man 
begreift jetzt gut, daß einer auch in der Mutterrolle nicht bloß aktiv dem 
anderen die Fellatio auferlegt, sondern auch passiv das Saugen über- 
nimmt. 

Nach alledem wird wohl durchsichtig sein, warum der Glaube 
an den mütterlichen Penis nicht auszurotten ist. Hat dieser doch wirklich 
•existiert, wenn auch nicht für die landläufige genitale Erotik, welche im 
normalen Geschlechtsverkehr gipfelt, wohl aber für die kindliche Sexualität. 
Weil der Knabe tatsächlich die ersten geschlechtlichen Lustgefühle von 
Mamma und Brustwarze der Mutter empfing, weil ferner diese Lust bei 
den späteren Uraniern noch konstitutionell erheblich verstärkt ist, darum 
bleibt der Glaube an den Penis der Mutter geradezu unsterblich. Natür- 
lich ist dann der Urning ausschließlich an -die Mutter verlötet oder höchstens 
eine frühe Vertreterin dieser, die für sein Erinnern und Empfinden später 
mit jener zusammenfließt. Denn nur die Mutter hat ihn einst gesäugt, 
nur bei ihr ist er sicher, den Penis zu finden. Sein ganzes Trachten läuft 
darauf hinaus, jene ursprünglich erfahrene geschlechtliche Lust noch einmal 
zu erleben. Man wird mir da vielleicht einwenden: was ist mit den Uraniern, 
die nicht von einer Mutter oder Amme gesäugt worden, sondern mit der 
Milchflasche aufgezogen wurden ? Darauf ist zu antworten, daß erstens 
auch der Gummi- oder Zelluloid-Sauger an der letzteren die Form des 
Penis oder der mütterlichen Mammilla hat und daß zum zweiten auch nicht 
alle Urninge Fellatio üben, sondern -bloß ungefähr zwei Fünftel der männ- 
lichen Homosexuellen, wie Hirschfeld angibt. Diese Zahl dürfte etwa 
mit jener der Brustkinder übereinstimmen, die obendrein noch eine kon- 
stitutionelle Verstärkung der Munderotik aufweisen müssen, um die Vor- 
bedingung für eine Verkehrung der Triebrichtung zu haben. 

Nach völliger oder zeitweiser Verdrängung des Verlangens nach 
einem Brust-Koitus kann eine Verlegung nach unten stattfinden, an die 
eigentlichen Geschlechtsorgane, und zum Cunnilinguus beziehungsweise 
zum sogenannten „69-Spiel" führen. So gesteht mein Paranoider: ,,Wenn 
ich zum Weibe gehe, verspüre ich oft Lust, mich so zu legen, daß mein 
Glied an ihren Mund kommt und mein Mund hinwieder zu ihrem Geschlechts- 
teil. Dabei habe ich stets die Vorstellung, sie habe doch auch einen Penis, 
den ich in den Mund nehmen könnte, mindestens ließe sich das mit ihrem 
Kitzler oder Schamlippen machen. Dieser Wunsch taucht mir häufig auf. 
Mit der Mutter tat ich es sicher nicht, wohl aber mit dem Bruder und am 
meisten mit dem Freunde. Wir legten uns da so aufeinander, daß ich 
seinen Penis in den Mund nahm und er den meinigen. Wenn ich ferner 



J ) In einer späteren Analysenstunde ergänzte er: „In der Kinderzeit hat die 
Mutter mit meinem Glied gespielt, es angeschaut, und ich kann mich sogar erinnern 
und habe deutlich das Gefühl, wie wenn sie es geküßt hätte. Mindestens war sie mit 
ihrem Munde bei meinem Penis. Und zwar geschah dies in frühester Kindheit Ich 
sehe mich als ganz kleines, strampelndes Kind." 

Sa dg er, Geschlechtsverirrungen. 10 






146 



beim Weibe einen Versager hatte, so war das einzige Mittel, an ihrem? 
Kitzler oder Schamlippen zu schlecken, dann bekam ich auf der Stelle eine 
Erektion. Es ist ohne weiteres klar, daß mir Schamlippen und Kitzler 
für den gesuchten Penis stehen, und ich weiß, daß das Schlecken an jenen 
mich direkt berauschte. Warum aber war just dies imstande, eine Glied- 
steifung hervorzurufen, wenn sonst alles versagte?" 

Die Antwort fand er einen Monat später: „Ich habe die Vorstellung,, 
das Schlecken ist auch nichts anderes als ein Saugen und bin auch von 
dem Streben erfüllt, soviel als möglich von der Scheidenabsonderung in 
mich aufzunehmen und auch den Samenerguß des Weibes, wenn es ihr 
kommt. Das hat mir deutlich Wollust erzeugt. Ich behaupte, wenn ich 
an der Scheide schlecke, so ist dies dasselbe, wie das Saugen an der Brust. 
Nur aus einem anderen Grunde erregt es mich mehr als diese selbst : weil 
die Scheide nämlich feucht ist. Ich spüre eine Feuchtigkeit, wie ich sie 
als Kind tatsächlich an der Brustwarze der Mutter verspürte. Sauge ich 
jetzt unten, so ist das eine Verschiebung. In der Kindheit erregte mich 
geschlechtlich am meisten, sogar mit Erektionen, die Brust meiner Mutter. 
Mir ist, als hätte sich damals wirklich alles ausschließlich auf die Brust 
konzentriert als alleinigen Erreger. Sie machte mich geil und sonst gar 
nichts. Darum bin ich auch jetzt noch an die Mutterbrust fixiert." Wie 
man sieht, ist auch der Cunnilinguus nichts anderes, als modifizierte Säug- 
lingserotik. 

Nun wird eine Reihe von Zusammenhängen vollständig klar. Nicht 
bloß aus konstitutionellen Gründen überschätzt der Urning das männliche 
Glied und muß bei jedem Mann darauf hinstarren, sondern auch weil er 
hinter jeglichem Penis die mütterliche Brustwarze sucht, so die ersten 
Genüsse seines Lebens gewährte: Befriedigung des Hungers und seiner 
Munderotik. Diese mächtige Urlust beim Trinken des Säuglings wieder 
zu erleben, übt er die Fellatio und läßt sich Harn oder selbst den Samen des- 
geliebten Mannes in den Mund strömen und schluckt's hinunter. Derart 
kommen auch die Tribaden zur Cunnilinctio, trotzdem ihre weiblichen 
Liebesobjekte kein Membrum besitzen und dieses höchstens durch die 
Klitoris oder die Labien ersetzt wird, beides übrigens keine unähnlichen 
Surrogate der Mammillen. Die Vorliebe gar nicht weniger Urninge für den 
halbverhüllten, verdeckten Penis im Hosenschlitze imitiert die Urszene,. 
da die Mutter ihre Brust auch nicht voll herausnahm, sondern nur zum 
Teil, und sie sodann ihrem Büblein reichte. Wenn des Säuglings Händchen 
an ihre Mamma hintappen, so setzt dies mit eine Wurzel der wechsel- 
seitigen Masturbation. Erzeugt doch diese Berührung nicht selten Erektion,. 
Steifwerden der Brustwarze. Das Büblein hat also gewissermaßen die 
Mutter onaniert, wie andererseits diese ihn bei der Wartung ganz regel- 
mäßig ad genitalia reizte. Wenn später der Urning sein Glück bei einer 
Dirne versucht, die ihm den Penis aus der Hose herausholt, berührt und 
streichelt und dadurch schließlich Erektion erzielt, so spiegeln sich da mit 
geringer Abweichung Urerlebnisse seiner Kindheit wieder. Endlich wirken 
auf die meisten Urninge enganliegende Kostüme, z. B. knapp sitzende 
Uniformen oder Livreen, sehr stark reizend durch die Erinnerung an die 



117 



Mutter, die sich vor ihrem kleinen Jungen mit einem Korsett fest zusammen- 
schnürte, wobei die Brüste besonders hervortraten 1 ). 

Des Urnings ganz besondere Scheu vor dem kastrierten Geschlcchte 
sein . horror vaginae, entspringt nicht bloß beleidigter narzißtischer Genital- 
Libido woran man in erster Linie denkt, sondern auch einer anderen 
symbolischen Kastration: der Entziehung der Brustwarze. Wir haben 
bislang angenommen, die Ur-Enttäuschung wäre die Entdeckung gewesen 
dem Weibe fehle das Membrum virile. Dies läßt sich nicht mein ?££ auf ' 
recht erhalten, weü das Weib oder mindestens seine Mutter in der R n «t 
warze einen Penis besaß. Doch in einem noch tiefer liegenden Punkt hat 
sie seine Liebe mächtig enttäuscht, sie hat. ihm nämlich dereinst sogar den 
ursprünglichen Brustwarzen-Penis entzogen, als er abgesetzt wurde * über 
diese Ur-Enttauschung der Entwöhnung kommt der Urning sein Lebtag 
nicht mehr hinweg. Schon für das normal sich entwickelnde Kind bedeutet 
jene ein psychisches Trauma, das oft nur schwer überstanden wird Doch 
wird sie der später Heterosexuelle noch eher verwinden, als der Urning 
mit seiner konstitutionellen Verstärkung der Munderotik. Wo eine solche 
auch Normalen eignet, fehlt es kaum je an mächtigem gleichgeschlecht- 
lichen Empfinden. 

Wenn der Invertierte in der Pubertät seine Liebesenttäuschung bei 
der Mutter erfährt, flüchtet er zurück in jene Zeit, da noch kein Rück- 
schlag zu besorgen war, sie also einen Penis besaß und ihm den Genuß 
der Reizflüssigkeit noch nicht versagte. Die Fixierung an das gleichge- 
schlechtliche Objekt bedeutet demnach eine Regression in die Säuglings- 
zeit, die Epoche der liebevollsten Pflege durch seine Mutter, deren Mani- 
pulationen in verschiedenen homosexuellen Übungen wiederkehren 
(wechselseitige Masturbatio = Gereiztwerden durch die Pflegerin und 
Hintappen der Kinderhände ad mammas, Päderastie = Stuhlzäpfchen 
Irrigator oder Klystierspritze, eventuell auch, wie ich von Neurotikem 
weiß, Eindringen des mütterlichen Fingers bei analer Reinigung, Fellatio 
- Brustwarze im Munde), während der Koitus inter femora, der allein 
und ausschließlich wohl kaum je geübt wird, wahrscheinlich Nachahmung 
des fruhbelauschten elterlichen Beischlafes ist. Natürlich hängt die Wahl 
der einzelnen Praktiken wesentlich von der gleichzeitigen konstitutionellen 
Verstärkung sexueller Einzeltriebe ab, z. B. der Analerotik (Päderastie) 
.oder der oralen (Fellatio und Cunnilinctio), während der Verführung nicht 
mehr als auslösende Bedeutung zukommt. 

Nur scheinbar, durch die Betonung des Membrums gehört die urnische 
Perversion der genitalen Entwicklungsstufe an. Birgt sich doch, wie ich 
oben ausführte, hinter dem gesuchten und begehrten Penis noch regel- 
mäßig die Brustwarze der Mutter oder deren Ersatz. Die Regression in 
das Infantile geht auf eine längere Strecke zurück, die einerseits begrenzt 
wird durch die Säuglingsperiode, andererseits den sexuellen Vorstoß in den 
Jahren zwischen drei und fünf, sie umfaßt demnach genitale wie prägenitale 

Inv, 1] Übr l g » S mit dne PsVchische Wurzel für die so häufige Kombination von 
Inversion und Masochismus. 

10* 



148 



Zeiten. Gemeinsam jedoch ist beiden der sie begleitende Narzißmus. Man 
kann von der Homosexualität behaupten, sie sei die narzißtische Perversion 
v.nx sto/fjV. Fließen auch, wie ich schon früher bemerkte, den urnischen 
Idealen Züge aus genitaler Objektwahl zu, entscheidend bleibt da doch 
stets der Narzißmus. 

Hier will ich von einer Form desselben, dem sogenannten Identi- 
fikations-Narzißmus, einiges einflechten, da er für die Umkehr der Trieb- 
richtung von ganz entscheidender Bedeutung ist. Die Identifikation hat 
immer eine große Rolle gespielt und ist eine Art Objektwahl, wie wir von 
der Hysterie her wissen. Nur ist sie bei der Inversion nicht jene Objekt wähl, 
die wir gewohnt sind, sondern eine besondere Art der Verliebtheit vom 
Narzißmus aus, eine Objektwahl auf narzißtischer Stufe. Wenn das Kind, 
das noch keiner Objektwahl fähig ist, sie doch vollziehen soll, so macht es 
dies so, daß es sich mit dem Vater oder Mutter identifiziert. Die erste 
Objektwahl, die der Mensch nach dem Narzißmus vornimmt, ist die Identi- 
fikation, zu welcher man auch später gelegentlich zurückkehrt. So findet z. B. 
bei der Dementia praecox eine außerordentliche Regression der Libido 
auf jenes narzißtische Stadium statt. Bei der Inversion ist der Junge 
wieder intensiv in seine Mutter verliebt. Er hat sie zum Sexualobjekt 
genommen, genau in der Weise wiq der Erwachsene. Da tritt eines Tages 
etwas ein, was eine regressive Katastrophe bedeutet. Er gibt die Mutter 
als Sexualobjekt auf, identifiziert sieht jedoch von diesem Moment an 
mit seiner Mutter. Nachdem er diesen Schritt zurückgetan hat, ist fortab 
eine neue Objekt wähl möglich. Nun ist zu beachten: beim Übergang von 
der narzißtischen zur genitalen Objektwahl findet immer auch eine Um- • 
keürung des Geschlechtes statt. Narzißtisch liebt man das eigene Ich, 
demnach natürlich das eigene Geschlecht, bei der genitalen Objekt wähl 
aber stets das andere. So findet bei der Regression von der genitalen zur 
narzißtischen Identifikations-Objektwahl eine komplette Umkehrung der 
Triebrichtung statt, es wird jetzt das ■ gleichgeschlechtliche Empfinden für 
immer festgelegt. 

Nun zurück zum allgemeinen Urnings-Narzißmus. Dieser wird schon 
beim Säugling und ganz kleinen Bübchen wesentlich verstärkt durch die 
liebende Bewunderung nicht bloß der Mutter, sondern auch des Vaters, 
der hier eine besondere Rolle spielt. In späteren Kinderjahren verrät 
sich der Narzißmus häufig durch mächtige Eifersucht, wenn z. B. die Mutter 
auch ein anderes Kind schön findet oder sich um dieses irgendwie beküm- 
mert. Der Hauptcharakterzug der Invertierten ist nämlich ihre besondere 
Eitelkeit und Selbstgefälligkeit, in der sie keinem Frauenzimmer nach- 
stehen. So friedfertig und wohlwollend, so menschenfreundlich und ent- 
gegenkommend sie sonst auch sind, doch eine Verletzung ihres Narzißmus 
verzeihen sie niemals. Die tragen sie ein ganzes Leben lang nach. 

Ungemein häufig besteht auch die Neigung, Autobiographien zu ver- 
fassen und sie den Ärzten, bei denen sie Interesse hiejür vermuten, meuch- 
lings zu versetzen, eventuell sogar noch mit der direkten Aufforderung, jene 
Selbst Verherrlichung zu publizieren. Nicht wenige Urninge zeigen geradezu 
Bekenntnissucht, natürlich auf narzißtischer Grundlage. So kann es be- 



1-19 



gegnen, daß einem ein unbekannter Homosexueller als Beilage eines förm- 
lichen Liebesbriefes ein dickes Manuskript einsendet, welches in Prosa 
oder gebundener Rede sein großartiges Leben ebenso pathetisch als ver- 
logen darstellt. Und man darf noch froh sein, wenn nebst einer möglichst 
raschen Veröffentlichung nicht auch die Erwirkung eines großen Honorars 
von dem also Überfallenen begehrt wird. 

V.ri-.w 1 " dÜnkt miC , h d6r ° rt ' Über die Selbstbeschreibungen geschlechtlich 
Inttn VI* S1C d, l meiSten Werke ziere ". einige, Betrachlungen anzu- 
Äl' Wie \ ch ' seit ein - er Reihe von Jahren bei Psychoanalysen 

stößt auch dorT wo ? V ™^™°f™ «* aUe möglichen Perversionen 
stoßt, auch dort wo , er sie gar nicht erwartete und der Kranke sie lange 
Zeit mit keiner Silbe auch nur andeutete, wer endlich auch scheinbar reine 
Perversionen nach der gleichen Methode zu zergliedern vermochte, dem 
wird sich gar bald die Überzeugung aufdrängen, daß jene berühmten 
Autobiographien, die jede Neuauflage „vermehren und verbessern" kaum 
allzuviel blanke Wahrheit enthalten. Man erfährt aus ihnen nur eines 
deutlich: wie der Kranke vom Arzte angesehen werden will, nicht wie er 
in Wahrheit beschaffen ist; also nicht, wie er zu seiner geschlechtlichen 
Verirrung kam, sondern was er sich darüber, wenn auch bona fide kon- 
fabuliert hat; nicht warum. er sich z. B. vom Weibe abkehrte und all seine 
Perversitäten beging, sondern seine verstandesmäßigen Phantasien über 
diesen Punkt. Die Selbstbeschreibungen von Urningen z. B., die bekanntlich 
immer die Hauptmasse ausmachen, sind in Wahrheit keinen Schuß Pulver 
wert. Verhehlen diese Konträrgeschlechtlichen doch stets die wichtigsten 
und entscheidendsten Momente, selbst wenn sie subjektiv ehrlich sind, 
weil die bestimmenden Erlebnisse und Phantasien, die zur Homosexualität 
erst hingeführt haben, ganz unbewußt worden. Läßt man sich von einem 
Invertierten zu Beginn der Analyse seine Autobiographie applizieren, die 
er nicht selten schon druckfertig mitbringt, und vergleicht sie mit dem, 
was die ersten Wochen-Analyse ergeben, so sieht man klar, wie wenig die 
Kranken von sich selber wissen, selbst wenn sie die ehrlichsten Absichten 
nähren. Nun lügt aber obendrein jedweder Mensch in sexuellen Dingen, - 
zum mindesten unbewußt, gemeinhin jedoch auch direkt bewußt, wenn 
seine Sachen zu anstößig scheinen oder seine Eitelkeit zu sehr verletzt 
wird. Und sobald er vollends Schriften oder allerlei Theorien über seine 
Perversion zu lesen bekam, dann wird sein Bekenntnis oft völlig wertlos. 
Wenn ihm eine solche ad hoc aufgestellte Theorie sehr gut in den Kram 
paßt, dann werden die Erinnerungen solange gemodelt, bis sie ungefähr 
zu jener passen. Ganz treffend sagt Raffalovich („Uranisme et Urii- 
sexualite", Lyon 1896): „Es ist nur natürlich, daß der Konträrsexuale 
sich an das frühzeitige Auftreten seines abnormen Triebes erinnert. In 
dem Dasein eines jeden kommt der Moment, wo er das Rätsel seiner homo- 
sexuellen Neigungen löst. Dann ordnet er all seine Erinnerungen und 
rechtfertigt sich vor sich selbst durch das Faktum, daß er von seiner 
ersten Kindheit an so gewesen ist. Die Homosexualität hat seinem ganzen 
jungen Leben ihren Ton gegeben, er hat an sie gedacht, von ihr geträumt, 
sich mit ihr beschäftigt, sehr oft in aller Unschuld." 



150 



, 



Wenn der Homosexuelle seine gleichgeschlechtlichen Liebesobjekte 
aufgeben soll, dann gibt es unter den möglichen Ausgängen zwei, die 
wenig zu rühmen sind, weil beide ein Verharren im Narzißmus bedeuten. 
Mitunter verzichtet der Invertierte auf seine Liebe und ergibt sich dafür 
gewinnreichem Glückspiel. Es gibt viele Leute, die absolut nicht ver- 
lieren können. Besonders sehen sie Verluste im Hasard, bei dem es minder 
auf Berechnung, als auf die Gunst Fortunas ankommt, als eine persönliche 
Kränkung an, einfach aus ihrem Narzißmus heraus. Gott oder das Schicksal 
müssen sie so gern haben, daß sie ihnen zum Gewinn verhelfen. Umgekehrt' 
heißt es: Unglück im Spiele, Glück in der Liebe, mit anderen Worten: 
wenn die narzißtische Befriedigung ausbleibt, wird man reichlich Ersatz 
dafür finden in der Objektliebe. Auch unerlaubte Korrekturen im Spiel 
kann man auf den Narzißmus zurückführen, ja, aus diesem heraus sogar 
zu einem Falschspieler werden. Bereits die Kinder vertragen es nicht, 
hinter den Anderen zurückzustehen, sie wollen direkt begünstigt und immer 
vorgezogen sein. 

Noch unangenehmer ist ein anderer Ausgang therapeutischer Be- 
mühungen : der Umschlag nämlich der Perversion in paranoische Zustände. 1 ) 
Beim Verfolgungswahn handelt es sich um die Abwehr einer ausnehmend 
mächtigen homosexuellen Neigung. Der Geisteskranke müßte eine über- 
starke homosexuelle Verliebtheit zeigen und bei einer gewissen Disposition 
kommt es zur Paranoia. Meist stellt sich heraus, daß jene Person, die als 
Verfolger erkannt wird - - sie gehört fast immer dem gleichen Geschlecht 
an, wie der Kranke — vorher in gesunden Zeiten die geliebteste war und 
erst später in den Verfolger verwandelt wurde. Mitunter tritt an Stelle 
des Geliebtesten ein Ersatzmann : Vater, Lehrer, Vorgesetzter, die höchste 
Person im Staate und dgl. Die Paranoia ist eine Abwehr gegen die un- 
bewußte Homosexualität des Menschen. Das hängt mit dem Übergang 
vom Narzißmus zur Objektwahl zusammen. Zwei Wege gibt es für die 
Objektfindung. Ursprünglich liebt der Mensch niemand anderen als sich 
selber, also reiner Narzißmus. Später erst kommt er dazu, diese Liebe auf 
Objekte zu übertragen. Ein anderer Weg ist aber näher und gerader: von 
sich nämlich auf ein Objekt zu übertragen, das ihm möglichst ähnlich. Er 
sclüebt seine Liebe also nur ein kleines Stückchen weiter auf eine Person, 
die in Alter und Geschlecht ihm am ähnlichsten ist, er liebt im Anderen 
einfach sich selbst. Das ist der narzißtische Typus der Objektwahl, der der 
Homosexualität sehr nahe steht, und wer nicht weiter kommt oder wieder 
zu ihm zurückkehrt, erscheint dann tatsächlich invertiert. Die Disposition 
zur Paranoia ist wohl darin zu suchen, daß der Übergang vom Narzißmus 
sich auf diese Art vollzogen hat. 

Die narzißtischen Zusammenhänge erschweren auch sehr die Heilung 
der konträren Sexualempfindung. Wir wissen, je narzißtischer ein Kranker 
ist, desto minder ist er therapeutisch zugänglich. Dies gilt auch für den 
Homosexuellen. Hiezu kommt überdies ein sehr geringer Heilungswille, 



: 






') Darauf hat Freud uns aufmerksam gemacht, dem ich in den Ausführungen 
dieses Absatzes folge. 



151 

der von Jahr zu Jahr noch immer abnimmt, so daß nach der Schätzung 
von Magnus Hirschfeld die Zahl der Invertierten, die anders werden 
möchten, noch keine 20 vom Hundert erreicht. Überblickt man die ältere 
Literatur, so sieht man, wie unglücklich die Leute meist waren über ihre 
Perversion und wie häufig sie zum Selbstmord griffen, um den Anfechtungen 
ihres Triebes zu entgehen, wider den sie vergeblich Hilfe gesucht hatten. 
Das ist jetzt wesentlich anders geworden, nicht zum wenigsten durch die 
Bemühungen des „Wissenschaftlich-humanitären Komitees". In dessen 
Vorträgen und „ Auf klärungs" -Schriften wurde stets wieder propagiert, 
•daß die Homosexualität etwas rein und ausschließlich Angeborenes und 
darum Unabänderliches sei, welchen Standpunkt die Gesellschaft und 
last not least auch unsere Gesetzgebung leider nur allzu wenig beachte. 
Da wurde nun durch Professor Freuds und meine Untersuchungen zur 
Evidenz erwiesen, daß jeder, auch der männlichste Urning, eine Periode in 
seinem Leben hatte, da er für das Weib sehr intensiv empfand mit allen 
Merkmalen wirklicher Liebe; das gab ja die Möglichkeit, welche bis heute 
schon vielfach erprobt ward, solche Homosexuelle tatsächlich zu heilen, 
zum Empfinden für das Weib zurückzuführen, sofern sie dies Ziel nur ehrlich 
anstreben. Hier setzte nun der Widerstand jenes Komitees ein, der zu 
■wenig erbaulichen Folgen führte. Denn einem Unglücklichen, der seine 
Perversion als entsetzlich empfindet, ist bloß für den Augenblick gedient, 
"wenn er in einen Kreis von gleichempfindenden Männern gelangt, die ihn 
nur trösten, ihm weinen helfen. Bekommt er dort vollends die „wissen- 
schaftliche Aufklärung", daß seine Perversion etwas Berechtigtes sei, 
wenn nicht gar noch ein besonderer Vorzug, eine Aufklärung, der sich die 
Gesellschaft nur leider noch immer verschließe, dann verliert er gemeinhin 
jegliche Lust, eine Änderung seines Zustandes anzustreben. Dies kann 
für seine ganze Zukunft verhängnisvoll werden. Lehrt doch die Erfahrung, 
daß ein Urning um so eher zu kurieren ist, je früher er an den Arzt sich 
wendet und die psychoanalytische Methode versucht, die sich als wirklich 
heilend erwies. Je älter ein Homosexueller geworden und je mehr er von 
jenen „Aufklärungen" verdaute, desto minder ist er willens, sich noch zu 
bekehren, auch wenn ihm die Möglichkeit dazu winkt. Dann hat er in der 
Regel nur noch ein Ziel, den verkehrten Gesetzen ein Schnippchen zu 
schlagen und der sozialen Ächtung zu entgehen. Man kann es erleben, 
daß, wenn man einem etwas älteren Urning, sagen wir in den dreißiger 
Jahren, die psychoanalytische Methode vorschlägt, und ihm, sofern er 
nur ehrlich mitgeht, vollständige Heilung in Aussicht stellt, man zur Ant- 
wort erhält: „Jetzt habe ich meine Perversion schon so lange und bin mit 
ihr ausgekommen, da werde ich sie auch den Rest meines Lebens noch 
ertragen können!" 

An dieser mangelnden Bereitwilligkeit so vieler Urninge, sich noch 
zu ändern, ist nicht zum wenigsten jene „wissenschaftliche" Belehrung 
schuld, die ein für allemal das Dogma prägte: „Homosexualität ist konsti- 
tutionell, also nicht zu ändern, darum muß der Staat und die Gesellschaft 
diesem Faktum ihrerseits Rechnung tragen!" Bedenkt man weiter die 
Alltagserfahrung, welche wir schon bei den Neurotikern machen und dann 






152 

noch mehr bei den Perversen, daß im günstigsten Falle eine Seele in ihrer 
Brust die Heilung wünscht, die andere hingegen sich dieser widersetzt, 
weil an den nervösen" und perversen Symptomen eine besondere Sexual- 
befriedigung haftet, dann wird man begreifen, daß jene stets wieder vor- 
getragenen Dogmen den Widerstand mächtig stützen müssen. Die ver- 
neinende Seele ist ja totfroh, wenn ihr wieder ein Vorwand geboten wird, 
jeder Änderung des Bestehenden auszuweichen. Am bequemsten ist da die 
Theorie vom Angeborensein der Perversion. Wenn meine Neurotiker, 
in die Enge getrieben, sich hinter ihre „Degeneration" verschanzen, 
welche die Psychoanalyse doch nicht ändern könne, pflege ich zu erwidern : 
„Die meisten Tuberkulösen haben von Geburt aus einen besonderen. 
Habitus, einen Brustkorb, welcher die Festsetzung der Tuberkelbazillen 
besonders begünstigt. Obwohl wir diese organische Disposition in keinerlei 
Art zu ändern vermögen, können wir doch heute einen solchen Schwind- \ 
süchtigen, wenn er nur rechtzeitig in sachgemäße Behandlung kommt, 
vollständig ausheilen, und zwar nicht nur vorübergehend, sondern dauernd 
und für immer. Behalten Sie also Ihre Degeneration, ich werde mich 
begnügen, Sie zu kurieren." Auch der Urning wird zweifellos irgendeine 
besondere Anlage aufweisen, von der wir zur Stunde noch wenig wissen, 
und welche ihn für den Ausbruch seiner Perversion besonders disponiert. 
Das hindert uns nicht, ihn, wenn er nur will, zum normalen Empfinden 
zurückzuführen. Doch hat da der Arzt gemeinhin gut reden. Auch wenn » 

er mit Engelszungen spräche, wird er den anderen nimmer bekehren, sc* 
dieser sich bereits auf eine Hypothese festgelegt hat, die seinem innerlichen 
Widerstreben ein wissenschaftliches Mäntelchen umhängt. Diesem Ein- * 

gefrorensein vieler älterer Urninge in unhaltbare Theorien, die obendrein 
praktisch ihm gar nichts nützen, sondern nur zur Entschuldigung dienen 
sollen, warum er sich schlechterdings nicht ändern könne, ist mit ein 
Verdienst jener „wissenschaftlich aufklärenden" Tätigkeit. 

Wie wenig dem Komitee daran liegt, Perverse wieder in das normale 
Geleise zu bringen, erhellt am besten aus Hirschfelds Schriften und der 
besonders absprechenden Art, in der er alle Heilbestrebungen und Heilerfolge, 
zumal von psychoanalytischer Seite zu verkleinern und zu diskreditieren 
trachtet. Hat er doch in einem seiner jüngsten Bücher („Sexualpathologie", 
II. Teil, S. 218) bei Besprechung der Steinach'schen Versuche, die sonst 
ihm trefflich in den Kram passen, gerade heraus gesagt, daß „Heilungs- 
möglichkeit (so bewunderungswürdig solche Großtaten menschlichen 
Forschergeistes sind), nicht immer Heilungsbedürftigkeit erweist". Das 
heißt, es wäre gar nicht zu wünschen, daß die Invertierten anders würden. 
Wie soll man es nennen, wenn er dann in salbaderndem Tone fortfährt: 
„Die Wirksamkeit des Arztes für diese Personen ist damit aber nicht 
ausgeschaltet. Kann er auch nicht die Homosexualität, so kann er doch den 
Homosexuellen behandeln und ihn in den mannigfachen nervösen, seeli- 
schen und körperlichen Störungen beraten, die mehr oder weniger mit 
seiner Anlage im Zusammenhang stehen. Hier eröffnet sich dem Arzte ein 
weites Feld, das ihm durch mangelndes Verständnis für Sexualbiologie 
und Sexualpathologie bisher fast völlig verschlossen geblieben ist." Wie 



153 

diese Behandlung in Wahrheit aussieht, erkennt man aus seiner „Adap- 
tionstherapie" in dem Buche „Die Homosexualität des Mannes und Weibes", 
von der ich andernorts weitläufiger sprach. 1 ) 

Hier will ich nur folgendes ergänzen: Wer jenes Kapitel aufmerksam 
durchliest, dem wird sich als Kern und Sukkus aufdrängen, daß diese 
sogenannte Therapie, abgesehen von der ärztlich ja immer zu übenden 
Beruhigung, im Grunde vornehmlich auf Ratschläge hinausläuft, wie man 
Gesetz und Erpressern gleicherweise ein Schnippchen schlagen und seiner 
Perversion weiter frönen kann. Das wird zwar mit Rücksicht auf die Moral 
nicht so drastisch und geradezu herausgesagt, wie ich es hier tue, doch ist 
dies für jeden ganz unverkennbar herauszulesen und wird wohl auch von 
den Urningen nicht anders genommen werden. Nun ist ja im Grunde 
nichts einzuwenden, wenn ein Homosexueller, der von der verhängnis- 
vollen Ungerechtigkeit des Strafparagraphen durchdrungen ist, einem 
Schicksalsgenossen unter vier Augen solche Ratschläge gibt, nur weiß ich 
nicht recht, was solche Auskunft mit ärztlicher Therapie zu tun hat. 
Therapie heißt zu deutsch ja Behandlungs- oder Heilverfahren. Die 
„Adaptions-" oder „Anpassungs-Therapie" von Hirschfeld jedoch 
besteht im wesentlichen aus einer Reihe von Winken, wie das Gesetz zu 
umgehen wäre, und prätendiert durchaus nicht Behandlung oder Heilung 
des Urnings. Sie hat etwa zum Inhalt: Leg dir in deinen perversen Nei- 
gungen keinen Zwang auf, aber gib Acht, daß du weder dem Staatsanwalt 
noch einem Erpresser in die Hände fällst, dazu will ich dir gern ein paar 
Ratschläge geben. Wie gesagt, mag dies alles vom urnischen Standpunkt 
gerechtfertigt sein, mit ärztlicher Behandlung hat es gar nichts zu schaffen. 
Und auch vom „Wissenschaftlich-humanitären Komitee" kann ich nur 
sagen, es ist im Grunde ein Verein zur straffreien Betätigung homosexueller 
Delikte, was freilich weder mit Wissenschaft, noch mit Humanität das 
geringste zu tun hat. 

Noch ein anderer Punkt heischt scharfen Widerspruch. Da hören 
wir von Hirschfeld bei der Frage des Schutzalters der Jünglinge die alte 
Rattenfängermelodie von der „pädagogischen und nutzbringenden" Seite 
der urnischen Liebe, d. h. wenn ein Junge von 14 bis 21 Jahren durch 
einen Homosexuellen, sagen wir auch nur zur „Digitatio 2 )" verführt wird 
— denn ohne Sinnlichkeit, und zwar in der Regel recht arge Ausschweifung 
geht es ja doch gar niemals ab — dann hat dies Verhältnis „eine päda- 
gogische und nutzbringende Seite zum besten des Staates" (S. 993), die 
mindestens Duldung, wenn nicht geradezu Förderung verdiene. Wie liegt 
die Sache nun in Wahrheit ? Gewiß, die wechselseitige Masturbation kommt 
auch sonst unter Jungen viel häufiger vor, als die Laien annehmen und 
'zumal in Internaten, Pensionaten und Konvikten blüht sie geradezu 



J ) In meiner Kritik dieses Werkes . in der „Internationalen Zeitschrift für 
ärztliche Psychoanalyse", 1914, He{t 4. 

2 ) Mit diesem euphemistischen Wort hat Hirschfeld das Masturbieren der 
Urninge belegt. Ein Patient von mir nannte es minder vornehm, dafür aber ehrlicher 
einlach „Fingerin". 



154 ^ 

unkrautmäßig. Dort bestehen ferner zwischen Knaben älterer Jahrgänge 
und solchen der unteren Klassen nicht selten ausgesprochene Liebesver- 
hältnisse, die für das spätere Leben keinen allzugroßen Schaden stiften. 
So wenig ich für diese Beziehungen schwärme, so sind sie doch gegenüber 
den anderen zwischen erwachsenen Urningen und halbwüchsigen Jungen 
noch geradezu ideal zu heißen. Die beiden Knaben aus der höheren und 
der niederen Schulklasse empfinden für einander nämlich wirklich Liebe 
oder mindestens ein hochwertiges Surrogat derselben. Der Ältere wird |j^ 

den Jüngeren nicht durch Geld sich gefügig zu machen suchen und keines- 
wegs ledigüch zu Ausschweifungen verleiten. Gewiß, es kommt auch da 
gelegentlich zu Intimitäten, aber dennoch ruht zum wenigsten über den 
besseren Verhältnissen dieser Art ein Hauch vom griechischen Tiawtov sp ( °S : 
bei dem die Sinnlichkeit fast ganz zurücktritt. Ganz anders liegt dagegen 
die Sache, wenn ein erwachsener Urning einen Jungen verführt. Der 
letztere, welcher gemeinhin normalgeschlechtlich fühlt, empfindet kaum 
jemals wirkliche Lieb« zum Invertierten. Vielmehr sind es ausschließlich 
Geld- oder andere materielle Vorteile, die ihn verleiten, sexuelle Beziehungen 
anzuknüpfen oder zu dulden. Und der Urning, welcher sich dem Knaben 
nähert, mag hundertmal von Freundschaft und Menschenliebe faseln oder 
vorschützen, daß er ihn nur bilden und erziehen wolle, am letzten Ende 
meint er doch immer nur sein Vergnügen und verführt den anderen zur 
Prostitution. 

Man wende nicht ein, die Verhältnisse lägen bei Verführung eines 
Mädchens auch nicht anders, ohne daß die Gesellschaft sich darum auf- 
rege. Höchstens bestimme das deutsche Reichsstrafgesetz für unbescholtene 
Mädchen ein Schutzalter bis zum vollendeten 16. Lebensjahre. Mich 
dünkt, hier besteht zwischen Knaben und Mädchen doch ein gewaltiger 
Unterschied. Ein Mädchen von 14 bis 18 Jahren wird vorerst, wenigstens 
in besseren Kreisen, weit sorgsamer behütet als ein gleichaltriger Knabe. 
Dieser bleibt um vieles unbeaufsichtigter, kommt dadurch vielmehr mit 
allerlei zweifelhaften Leuten in Berührung und ist darum der Verführung 
weit eher ausgesetzt als jenes. Das Mädchen der genannten Jahre ist sowohl 
in puncto Charakterentwicklung als dem sexuellen Verständnisse nach 
dem reifenden Jüngling bedeutend über und, was man von dessen „männ- 
lichem Charakter" faselt, der ihn „befähige, sich ganz anders als ein Mädchen 
gegen Verführungsversuche zu wehren", widerspricht einer jeden psycho- 
logischen Erfahrung. Die Entwicklung seines Charakters steckt noch in 
den Anfängen und dieser ist auch alles eher denn fest und gestählt. Just 
jene Jahre sind geschlechtlicher Verführung stark ausgesetzt — man denke 
nur an die Masturbation — und der werdende Jüngling erliegt ihr er- 
fahrungsgemäß nicht selten, zumal er recht oft, wenn sich der Genital- 
apparat entwickelt, auch homosexuelle Neigungen zeigt, selbst wenn er 
später normalgeschlechtlich empfindet. Altersgenossen, weltkundige 
Männer, Lehrer, die psychologisch geschult sind, können in dieser Zeit 
einfach durch Benutzung der konträrsexuellen Verliebbarkeit erhebliche 
Macht über ihn gewinnen. Wird der Einfluß bloß zum Guten verwendet, 
fördert er den Jüngling ganz außerordentlich. Fällt dieser jedoch in der 



^ 



155 

kritischen Zeit einem Urning in die Hände, der trotz alles Geredes von 
Förderung und Liebe vornehmlich Befriedigung seiner Sinnlichkeit sucht, 
kann jener sein Lebtag darunter leiden. 

Man beachte noch folgende wichtige Unterschiede. Ein Mädchen, 
das ein Erwachsener verführt, lernt etwas im physiologischen Sinne 
Normales". Es soll ja auch fürder Ehefrau und Mutter werden und der 
Liebe mit dem Gatten pflegen. Ganz anders der Jüngling. Was dieser von 
einem Urning lernt, ist immer eine Perversität, die er später — normale 
Entwicklung vorausgesetzt — absolut nicht brauchen und verwerten 
kann, nicht einmal in Form der Digitationen. Ein Mädchen gibt sich ferner 
nicht selten aus wirklicher, echter Liebe hin, die immer adelt, und gar 
manche Liaison, die als „Verhältnis" begonnen, mündet dann später in 
eine glückliche Ehe. Selbst wenn der Verführer es aber im Stich läßt, verliert 
es mindestens in den unteren Kreisen durchaus nicht die Möglichkeit, einen 
anderen zu freien. All diese Dinge kommen beim Knaben kaum in Betracht. 
Er ergibt sich höchst selten aus heißer Liebe dem erwachsenen Urning, 
sondern bestenfalls aus Neugier und Leichtsinn, gewöhnlich aber um Geld 
oder anderer Vorteile willen. Er verkauft sich also und wird dadurch zur 
männlichen Dirne. Natürlich ist auch später trotz gelegentlicher komödien- 
haften Trauungen eine richtige Ehe zwischen Männern völlig ausgeschlossen. 
Die Schädigung des Knaben geht aber noch weiter. Man lernt nicht ungestraft 
in jungen Jahren sich mühe- und arbeitslos Geld verdienen durch Verkauf 
seines Leibes. Die Erfahrung lehrt, daß solche ursprünglich verführte Bur- 
schen oft Strichjungen werden, Erpresser oder Zuhälter, weil sie durch jenes 
frühe Genußleben unfähig wurden zu einer ehrbaren bürg erhöhen Tätigkeit. 

Von dieser Seite sind auch die beweglichen Klagen der Urninge über 
das Erpressertum einzuschränken. Gewiß, diese Sorte von Ehrenmännern, 
die ihre Opfer bis auf's Blut aussaugen oder gar in den Tod treiben, ver- 
dient die schärfste, gesetzlich noch irgendwie zulässige Strafe. Doch gar 
nicht wenige dieser Erpresser wurden es erst durch frühe Verführung von 
seiten eines Homosexuellen. Es mag geborene Verbrecher geben, allein 
wohl kaum je geborene Erpresser. Auch existiert eine Geschlechtsehre des 
Mannes, nicht bloß des Weibes, und sowie dieses leicht völlig sinkt, sobald 
es sich einmal nicht aus Liebe ergab, sondern um Geld verkaufte, so auch 
sehr häufig ein unfertiger Junge, der auf diese schiefe Bahn gerät 1 ). Die 
ersten Male hat er vielleicht sich lediglich verkauft, die folgenden lernt er, 
z. B. durch Bekannte, daß man den Ertrag noch steigern könne durch eine 
regelrechte Erpressung. Daß er so weit gekommen, rührt keineswegs her 
von den Umingsparagraphen, wie die Homosexuellen so gern versichern, 
— auch Länder ohne jenen haben ja die gleiche Erpressergilde — vielmehr 
gewöhnlich von früher Verführung durch einen Urning. Dieser hat es sich 
häufig selbst zuzuschreiben oder einem Vorgänger, wenn er ein Opfer der 



») Bezeichnend ist, wenn in Internaten ein jüngerer Schüler von einem älteren 
geliebt wird, so führt dies niemals zu späteren Erpressungen. Hier handelt es sich 
nämlich um wirkliche Neigung von beiden Seiten, nicht um Geld oder materielle 
Vorteile, selbst wenn der Liebende seinem Freunde alles Mögliche zuzuwenden trachtet. 



156 



Erpressung wird. Der ominöse Paragraph vermehrt da höchstens den 
Anreiz zu ihr 1 ). Wenn die Homosexuellen stets gar so heftig nach einem 
Schutz vor Erpressungen rufen, so dünkt mich, haben die normal Empfin- 
denden auch ein Recht auf Schutz ihrer Jungen vor homosexueller Ver- 
führung etwa durch gesetzliche Festlegung eines Schutzalters für Knaben 
bis zum vollendeten 18. Jahre, dem Alter der vollen Straf mündigkeit in 
Deutschland. 

Mich rührt es da gar nicht, daß Hirschfeld erklärt, „durch Be- 
seitigung des Urningsparagraphen bei Beibehaltung eines hohen Schutz- 
alters würde den Erpressungen kein wesentlicher Einhalt geboten werden" 
(S. 878), das ,,käme einer Entmündigung der in diesem Alter befindlichen 
Personen nahezu gleich" (S. 993). Die Gesetze sind wohl nicht dazu da, 
um den Invertierten minderjährige Jungen zu einer straffreien Betätigung 
zu liefern. Maßgebend ist einzig der Schutz der Jugend, nicht aber die 
Liebhabereien jener. Man kann aus verschiedenen Gründen verfechten, 
daß homosexuelle Akte zwischen Erwachsenen, die unter einander einig 
geworden und ihr "Werk nur in der Verschwiegenheit eines Schlafzimmers 
treiben, straflos bleiben sollen. Doch die Jugend muß geschützt werden, 
und zwar um so länger, je minder sie die Tragweite sexueller Handlungen 
zu fassen imstande. Ich glaube, es wird sich, und zwar mit Recht, keine 
Milderung oder Aufhebung des Urningsparagraphen durchsetzen lassen ohne 
gleichzeitige Schaffung eines ziemlich hohen Schutzalters für Jünglinge, 
sagen wir bis zum vollendeten 18. Lebensjahre, wie es unter andern auch 
Krafft-Ebing vorschlug, der von Homosexuellen so hoch Geschätzte. 
Wenn ich früher meinte, man käme für Knaben mit den nämlichen Gesetzen 
aus wie bei den Mädchen, so haben mich Erfahrungen der letzten Jahre 
belehrt, daß für.jene doch ein höheres Schutzalter nötig sei. Mag man nach 
aller Geschichte und Erfahrung die Prostitution von Frauen für unaus- 
rottbar und notwendig halten, die von Jünglingen ist es sicherlich nicht. 
Und man verhütet diese am besten durch Festlegung eines legalen Schutz- 
alters, das die Burschen möglichst vor einer frühen Verführung schützt und 
davor, durch den Verkauf ihres Leibes einen leichten Geldverdienst zu 




') Ich kann mir hier einzuflechten nicht versagen, daß auch ein Gegenstück 
zu jenen Erpressungen existiert. Es gibt da nämlich auch Erpressungen, welche 
Invertierte an normalgeschlechtlich Empfindenden üben. Abgesehen von der Aus- 
nützung eines Dienstverhältnisses, wo der Vorgesetzte den Untergebenen zu miß- 
brauchen weiß, erreichen manche Urninge ihr Ziel noch auf verschiedenen Wegen. 
Sie bieten z. B. einem Kollegen, den sie in materieller Bedrängnis wissen, bereitwilligst 
Geld an und leihen ihm wirklich einen größeren Betrag, den dieser nicht sobald zurück- 
zahlen kann. Ist er schließlich so in dauernde Abhängigkeit gekommen, dann erreicht 
der Homosexuelle seine letzten Wünsche, indem er sein Opfer zu einem Schoppen 
Wein lädt und dessen Widerstandskraft noch durch Alkohol schwächt. Ich kenne 
Fälle, wo ein Urning seinen durchaus heterosexuellen Kollegen, der trotz alles Ekels 
im Gefühl seiner Schuld keinen Widerstand zu Jeisten wagte, die „Zinsen" auf solche 
Art ,, abzuverdienen" zwang. Man wende nicht ein, das Opfer hätte sich unschwer 
durch Drohung mit einer Anzeige helfen können. Handelt es sich doch meist nur um 
leichtsinnige, sonst aber durchaus anständige Männer, die nicht zu Angebereien neigen 
und obendrein von der Existenz eines Urningsparagraphen keine Ahnung haben. 



157 

erzielen. Man könnte höchstens, um Erpressungen möglichst vorzubeugen, 
den geschlechtlichen Schutz für jene ausschließen, die sich gewerbsmäßig 
prostituieren oder schon als Erpresser hervorgetan haben. Hier entsprechende 
Schutzmaßregeln - zu schaffen und alles in richtige Paragraphen zu gießen, 
ist Sache des Juristen, nicht mehr des Arztes. 

Ich muß noch einmal auf die Frage der Heilbarkeit einer gleich- 
geschlechtlichen Triebrichtung zurückkommen, zumal gegen diese von 
Sigmund Freud selber schwere Bedenken ausgesprochen wurden. „Die 
Beseitigung der genitalen Inversion oder Homosexualität ist meiner Er- 
iahrung niemals leicht erschienen", schreibt dieser Forscher 1 ). „Ich habe 
vielmehr gefunden, daß sie nur unter besonders günstigen Umständen 
gelingt, und auch dann bestand der Erfolg wesentlich darin, daß man der 
homosexuell eingeengten Person den bis dahin versperrten Weg zum 
anderen Geschlecht frei machen konnte, also ihre volle bisexuelle Funktion 
wiederherstellte. Es lag dann in ihrem Belieben, ob sie den andern, von 
der Gesellschaft geächteten Weg veröden lassen wollte, und in einzelnen 
Fällen hat sie es auch so getan. Man muß sich sagen, daß auch die normale 
Sexualität auf einer Einschränkung der Objektwahl beruht, und im all- 
gemeinen ist das Unternehmen, einen voll entwickelten Homosexuellen in 
«inen Heterosexuellen zu verwandeln, nicht viel aussichtsreicher als das 
umgekehrte, nur daß man dies letztere aus guten praktischen Gründen 
niemals versucht. Die Erfolge der psychoanalytischen Therapie in der Be- 
handlung der allerdings sehr vielgestaltigen Homosexualität sind der Zahl 
nach wirklich nicht bedeutsam. In der Regel vermag der Homosexuelle 
sein Lustobjekt nicht aufzugeben; es gelingt nicht, ihn zu überzeugen, 
daß er die Lust, auf die er hier verzichtet, im Falle der Umwandlung am 
, anderen Objekt wiederfinden würde. Wenn er sich überhaupt in Behand- 
lung begibt, so haben ihn zumeist äußere Motive dazu gedrängt, die sozialen 
Nachteile und Gefahren seiner Objektwahl, und solche Komponenten des 
Selbsterhaltungstriebes erweisen sich als zu schwach im Kampfe gegen 
die Sexualstrebungen. Man kann dann bald seinen geheimen Plan auf- 
decken, sich durch den eklatanten Mißerfolg dieses Versuches die Be- 
ruhigung zu schaffen, daß er das Möglichste gegen seine Sonderartung 
getan habe und sich ihr nun mit gutem Gewissen überlassen könne. Wo 
die Rücksicht auf geliebte Eltern und Angehörige den Versuch zur Heilung 
motiviert hat, da liegt der Fall etwas anders. Es sind dann wirklich libidinöse 
Strebungen vorhanden, die zur homosexuellen Objektwahl gegensätzliche 
Energien entwickeln können, aber deren Kraft reicht selten aus. Nur wo 
die Fixierung an das gleichgeschlechtliche Objekt noch nicht stark genug 
geworden ist, oder wo sich erhebliche Ansätze und Reste der heterosexuellen 
Objektwahl vorfinden, also bei noch schwankender oder bei deutlich 
bisexueller Organisation darf die Prognose der psychoanalytischen Therapie 
günstiger gestellt werden." 



J ) „Über die Psychogencse eines Falles von weiblicher Homosexualität", 
Internat. Zeitschrift f. Psychoanalyse, 6. Jahrg. 1920, Heft 1. 



158 



sage So wen l c rf' ^ "? Verhältnismäßi S «* trübe Vorne* 

mTr Hr rh g T lhm an S eführte * Gründe bestreite, so gestatten 

mir doch meme .eigenen Erfahrungen etwas hoffnungsvoller in die Zukunft 
LwT?'i l St frCllich aus g eschl ^sen, eine voll ausgebildete und etwa 
janrzeiinteJang betätigte Neigung zum eigenen Geschlechte in eine gleiche 
ur das andere umkehren zu wollen. Auch über die Motive zu den Heil- 
bestrebungen, ernstgemeinten, wie bloß vorgeschützten, hat Freud 
durchaus zutreffend geurteilt. Aber gleichwohl verfüge ich nebst einer 
Anzahl von Mißerfolgen doch über eine Reihe günstiger Ergebnisse, die 
mir weitere psychoanalytische Bemühungen durchaus gerechtfertigt 
erscheinen lassen. 

Mein ältester Fall liegt jetzt 14 Jahre zurück, also hinreichend lang, 
um ein abschließend Urteil fällen zu dürfen. Es handelt sich um den im 
zweiten Abschnitt dieses Kapitels erwähnten Urning mit dem stark 
masochistischen Einschlag. Er hatte bloß fünf Monate Analyse gemacht, 
demnach eine viel zu kurze Zeit. Trotzdem verfehlte sie ihre Wirkung nicht'. 
Gleich nach Beendigung der Behandlung verkehrte er in kurzen Zwischen- 
räumen zweimal spontan mit öffentlichen Mädchen, unter vollem Genuß 
und durch den normalen Akt zufriedengestellt. Diese Fähigkeit hat er 
fortab auch nicht mehr eingebüßt. Im Vorjahre suchte er mich auf, mit 
der Bitte, ihm einen Laden anzugeben, wo er gute — Kondome kaufen 
könnte. Die überall erhältlichen seien in der jetzigen Nachkriegszeit alles 
eher denn verläßlich. Schon dieses Begehren wies daraufhin, daß der vormals 
„absolut Invertierte" den Weg zum Weibe gefunden haben mußte. Als ich 
ihn - er ist jur. Dr. und recht intelligent - nun geradeheraus fragte, ob 
er sich denn wirklich zum Heterosexuellen entwickelt habe, erklärte er 
sofort : „Der Mann ist mir jetzt ganz gleichgültig. Sie können ruhig schreiben, 
daß ich nur mehr für das Weib empfinde, wenn ich mich auch nicht über- 
mäßig häufig betätige. Das Gelüste nach dem Manne und masochistischen 
Szenen habe ich seit der Analyse vollständig verloren." Ein zweiter Fall, 
der allerdings auch bisexuelle Züge aufwies, ob auch der Trieb zum eigenen 
Geschlechte stark vorherrschte, liegt jetzt bereits 12 Jahre zurück. Der 
Mann lebt seit etwa einem Dezennium in glücklicher Ehe und hat „zu 
seinem Ärger" keinen Rückfall zu verzeichnen. Das sind die ältesten 
meiner Fälle. Nun einen von den frischen Fällen. Eine ausgesprochene 
Urninde, die ich im ganzen vier Wochen analysierte, kam in den letzten 
Stunden der Behandlung zur Überzeugung, es sei doch eigentlich sehr 
schön, zu heiraten und Kinder zu bekommen. Wirklich trat sie, die vor der 
Behandlung sogar den ehelichen Geschlechtsverkehr als „Unkeuschheit" 
und das membrum virile als ekelhaft angesehen hatte, im folgenden Winter 
zwei Heiratsprojekten ernsthaft näher und, wenn es nicht zur Hochzeit 
kam, so einzig darum, weil beide Bewerber in so unsicherer Lebensstellung 
waren, daß die Mutter der Urninde die Eheschließung nicht zugeben wollte. 
Bei einer Anzahl von Inversionen, in denen ich keine Heilung erzielte, 
bemerkte ich doch, daß das unstillbare Verlangen nach dem eigenen Ge- 
schlechte sowie die häufige Masturbation schon nach kürzester Zeit erheblich 
nachließen, das Interesse für das andere sich merklich steigerte und hatte 



159 



die Empfindung, es habe wiederholt nur an äußeren Umständen oder an 
der Kurze der vorzeitig abgebrochenen Behandlung gelegen, wenn kein 
Dauererfolg erzielt werden konnte. 

Nur muß man sich bei Heilungsversuchen an Invertierten mit be- 
sonderer Strenge an die Kontraindikationen halten, noch um vieles genauer 
als bei Hysterischen und Zwangsneurotikern. Außer den auch für diese 
allgemein gültigen Gegenanzeigen ergaben sich nämlich für die Homo- 
sexualität noch einige besondere, wichtige Einschränkungen. Besteht schon 
für gemeine Analysen die feste Regel, nie einen Bewerber anzunehmen 
Afn ZUI \? , Ung SPScMeppt werden muß, so gilt dies hier in erhöhtem 

Maße Man soll auch nie mit einem beginnen, der sich zur Behandlung 
nur darum drängt, weil er in strafgerichtlicher Untersuchung steht So 
wie eine gestrenge Staatsanwaltschaft die Anklage zurückgezogen hat 
weil wir etwa ein exkulpierendes Gutachten auszustellen uns bereden 
ließen, wird der Analysand akut erkranken oder ganz urplötzlich zur 
Einsicht kommen, die Psychoanalyse sei doch nicht das Richtige, kurz er 
wird auf irgendeine Weise den „Weg ins Freie" zu finden wissen.' Sobald 
darum ein gerichtlich Verfolgter in meine Behandlung treten will, erkläre 
ich ihm von vornherein und rundheraus : wenn er nur ein Zeugnis ergattern 
wolle, um vor dem Staatsanwalt Ruhe zu haben, sei er an die unrichtige 
Schmiede gekommen. Zeugnisse gebe es bei mir überhaupt nicht. Nur 
wenn er die ehrliche Absicht hege, ein Anderer zu werden, nicht etwa 
bloß so lange zu bleiben, bis die Zuchthausgefahr sich verflüchtigt habe, 
und wenn er sein vorgegebenes redliches Bestreben durch sofortige, an- 
haltende Mitarbeit beweise, wäre an eine so peinliche, kostspielige' und 
langdauernde Behandlung wie die Psychoanalyse überhaupt zu denken. 
Eine weitere entscheidende Gegenanzeige ist weiterhin das zu hohe 
Alter. Setzen wir bei den Psychoneurotikern als Grenze etwa das 50. Lebens- 
jahr, nach welchem wir nicht mehr gerne behandeln, so müssen wir 
bei der Inversion noch viel tiefer hinabgehen. Wer das 30. bis 35. Lebens- 
jahr überschritten hat, wird sich in der Regel da kaum mehr eignen, weil er 
gemeinhin sich schon zu lang in homosexueller Richtung geschlechtlich 
betätigte. Bloß wenn er ohne äußeren Zwang, d. h. weder von Verfolgern 
gejagt, noch auf Betreiben der Angehörigen, sondern einfach aus innerem 
Verlangen heraus sich zu einer psychischen Behandlung drängt, wenn er 
endlich gar nicht oder wenigstens noch nicht allzulange grobsinnlicher 
Betätigung frohnte darf man auf eine Heilwirkung hoffen. Im all- 
gemeinen laßt sich behaupten: die Psychoanalyse scheitert am häufigsten, 
und zwar nicht bloß bei der Inversion, weil sie die Kranken im Grunde gar 
nicht mögen, sondern lediglich zu wollen vorgeben. Darum ist es speziell 
bei der Behandlung Invertierter von entscheidender Wichtigkeit sich 
über die Gründe Klarheit zu schaffen, die den Homosexuellen zu uns treiben 
Nur den, der aus innerer Nötigung heraus uns aufsuchen kam, wird man 
gern akzeptieren. Gerichtliche Fälle, junge Leute beiderlei Geschlechtes 
die ihre Eltern oder Angehörigen zu uns zerren, endlich solche, die sich 
jahrelang gleichgeschlechtlich betätigten (nicht bloß „liebten") wird man 
wenn überhaupt, nur mit Vorsicht annehmen, mindestens eine Probezeit 



160 • 

bedingen, in der sich weisen mag, ob der Kranke mitgeht, und die Prognose 
jedenfalls recht zweifelhaft stellen. 

Ein Wort noch zum Schlüsse über die Steinach'schen Heilversuche 
der Umwandlung einer gleichgeschlechtlichen Triebrichtung durch Ein- 
pflanzung etwa eines kryptorchen Hodens bei einem Urning. Wie man weiß, 
hat die Lehre von der inneren Sekretion nicht bloß allgemein berechtigtes 
Aufsehen gemacht, sondern ganz besonders im Lager verschiedener Sexual- 
forscher mächtiges Entzücken hervorgerufen. Zumal jene, welchen die 
psychologischen Erfahrungen der Freud'schen Schule nicht in den Kram 
paßten, weil sie die Lehre von der rein organischen Bedingtheit der Inversion 
zu zertrümmern drohten, jubelten auf. Da sah man ja deutlich, die Liebe 
zu dem eigenen Geschlecht war lediglich Wirkung der Hormone unserer 
Keimdrüsen, also unabänderlich, ein Fatum, ein Schicksal der Homo- 
sexuellen. Schreibfertige Leute wie Magnus Hirschfeld wußten 
bereits genau zu sagen, daß es zweierlei Hormone gebe, andere für den 
Mann und andere für das Weib, ja bildeten sogar schon Namen dafür. Es 
störte sie gar nicht, daß bis zur Stunde noch niemand die Hormone unserer 
Keimstöcke dargestellt hat. Operiert doch Hirschfeld mit seinem ,,An- 
drin" und „Gynaecin", als wären das nicht bloß Wortneubildungen, sondern 
völlig unumstößliche Tatsachen. Und doch besagen jene beiden Namen 
eigentlich gar nichts, als daß das eine Hormon vom Manne, das andere vom 
Weibe herrühren soll. Freilich hat man in der Medizin seit jeher das Bilden 
griechischer und lateinischer Ausdrücke schon für ein neues Verstehen 
genommen. 

All solchen Auswüchsen gegenüber wies, Freud von vornherein 
darauf hin, daß in der gesamten Psychopathia sexualis nie eins entscheide, 
das Anatomische oder das Psychische, nicht das Angeborene oder Erwor- 
bene. Immer und ausnahmslos wirke beides zusammen, ja noch mehr, 
es finde' stets reichlicher Wettbewerb bestimmender Ursachen und Ein- 
flüsse statt. Also etwa bestimmte konstitutionelle Anlagen als wahre 
conditio sine qua non, dann eine Reihe von Früherlebnissen spezifischer 
Natur, des weiteren eine Fülle von Hilfsumständen, zum Schlüsse endlich 
noch verschiedene unmittelbar auslösende Geschehnisse, die zur Regression 
in das Infantile und damit zur Dauerfixierung führen. Erst all diese Dinge 
zusammengenommen erzeugen dann das, was uns als sexuelle Perversion 
entgegentritt. Man begreift auf der Stelle, daß die Psychoanalyse weder 
den Wert der Anatomie noch den der endokrinen Mechanismen unter- 
schätzt, 1 ) sie behauptet bloß und kann dies mit aller Bestimmtheit dartun, 
daß jene lediglich einen gewissen Teil der Bedingungen stellen, sie aber 
beileibe nicht erschöpfen. Nur weil die anderen das Anatomische und die 
Tätigkeit der Drüsen dermaßen in den Vordergrund stellen, von ihnen aus 
alles erklären möchten, erscheint es notwendig, solchen Nachdruck auf das 
Seelische zu legen, ja zu betonen, daß dieses erst spezifisch wirkt. 



;„ 



*) Schon 1905, als die Lehre von der inneren Sekretion noch in den Windeln lag, 
wies Freud auf den sexuellen Chemismus als Grundlage der geschlechtlichen Er- 
regung hin. 



K 



/ 161 

■ 

Auch wenn unser Wissen von der inneren Sekretion nicht erst am 
Anfang des Anfanges stünde, sondern alles, was sie zu bieten hat, schon 
bekannt geworden, so wäre damit für die Sexualwissenschaft nicht mehr 
gewonnen, als bestenfalls Aufklärung über Einiges von dem Konsti- 
tutionellen, wohl kaum über alles. Über diesen engen Rahmen hinaus 
vermag keine innere Sekretion zu tragen. Vor allem versagt die Wirkung 
der Hormone ganz, wo das Psychische entscheidet, wie etwa im Liebesleben 
der Menschen. Wie will man je durch chemische Funde die spezifischen 
Liebesbedingungen ergründen? Wie soll z. B. irgendeine Gehimanlage 
oder ein Hormon die Tatsache aufklären, daß der eine Mann bloß für blonde 
Frauen schwärmt, der andere für schwarze; daß eine Jungfrau Männer 
bevorzugt mit dem Scheitel auf der rechten Seite oder, was auch schon 
vorgekommen ist, nur Männer mit strahlender Glatze begehrt; daß hier 
das Auge, dort die Stimme, ein drittes Mal wieder eine bestimmte Aus- 
dünstung einzig und allein die Liebe weckt, während alles andere gleich- 
gültig wird ? Und stellen nicht auch die Geschlechtsverirrten ganz bestimmte 
Forderungen, wie ihr Liebesideal beschaffen oder bekleidet sein müsse, damit 
•sie zur höchsten Lust gelangen, ja meist sogar überhaupt erst zur' Lust ? 
Man darf auch nicht einfach Versuchsergebnisse an Ratten und 
Meerschweinchen, die obendrein unter ganz bestimmten Bedingungen 
■erfolgten, ohne weiteres auf Menschen übertragen. Abgesehen davon, daß 
bei jenen Nagern die spezifischen Liebesbedingungen, das Psychischealso, 
anscheinend keine Rolle spielt, so wurden außerdem jene Versuchstiere 
vorher kastriert und hinterdrein ihnen erst fremde Keimstöcke einge- 
pflanzt, die dann nach ihrer Implantation ganz regelmäßig Atrophie des 
generativen und Wucherung des Zwischengewebes aufwiesen. Man sieht, 
das ist himmelweit verschieden von den gewöhnlichen Verhältnissen beim 
Menschen. Neuestens beruft man sich wieder gern auf zwei von Lichten- 
stern im Einvernehmen mit Steinach operierte Menschen, die beide 
vorher ihrer Keimstöcke verlustig gegangen waren und dann 'kryptorche 
Hoden eingepflanzt bekamen. Beim ersten sei die verlorene Libido wieder- 
gekehrt beim zweiten, einem angeblich Invertierten sogar die Triebrichtung 
durch die Operation im Sinne des Normalen abgeändert worden. Wie 
hinfällig diese Schlußfolgerungen sind und vor allem wie wenig verall- 
gemeinemngsfahig, tat ich schon anderen Ortes dar.*) Jedenfalls führt 
von den Lichtens-ternschen Operationen weder ein Weg zu neuem Ver- 
ständnis noch minder aber zur Behandlung oder Heilung des gleichge- 
schlechtlichen Empfindens. Wer Homosexuelle kurieren will, wird dies 
auch furder lediglich erreichen durch die psychoanalytische Methode, nie 
durch Chirurgie. 

IV. Ergänzungen. 

Ich begann den vorigen Abschnitt damit: im Mittelpunkte der In- 
version scheine mir der Penis-Komplex zu stehen. Jetzt kann ich ergänzen: 

N 1 '] »J^hopathia sexualis und innere Sekretion", Fortschritte der Medizin, 
Sadger, Geschlechtsverirrungen. .. 



162 

auch der keinem Urning fehlende Narzißmus dünkt mich eine Wurzel aus 
dieser Überschätzung des Membrurns zu ziehen. Wir wissen ja, daß der 
Alleinbesitz des Gliedes zur Überhebung des ganzen männlichen Ge- 
schlechtes führt, daß dieser einzige große Reiz alle anderen des Weibes 
völlig schlägt. Fast könnte man sagen: des Mannes Selbstverliebtheit 
fängt, wo sie vorhanden, beim Phallus an. Und es entspricht dann durchaus 
der gemeinen Erfahrung, daß der Mangel jenes Ur-Kleinodes das Weib 
zu doppelter Anstrengung spornt, zur Unterstreichung, ja besonderer 
Züchtung aller anderen Reize, ihren Narzißmus also reaktionsweise 

steigert. m . 

Doch noch in einer anderen Beziehung scheint mir, wie ich schon 
oben ausführte, der Phallus im Mittelpunkt der Inversion zu stehen, nicht 
als männlicher nämlich, sondern als weiblicher, d. h. in Gestalt der mütter- 
lichen Brustwarze. Ist es im Grunde nicht recht verwunderlich, daß auch 
bloße Naturkinder ohne jede Anleitung den Weg zur immissio membri 
in vaginam treffen? Man kann nicht gut dieses immerhin recht kom- 
plizierte Tun als einen ererbten Reflex erklären, wie etwa das spontane 
Saugen des Neugeborenen beim Gestilltwerden. Wird doch auch diesem 
von der Mutter die Brustwarze in den Mund gesteckt und damit ent- 
scheidend nachgeholfen. Allein schon Kinder haben den Weg zum normalen 
Geschlechtsakt von selber gefunden, auch wenn sie niemals den Verkehr 
der Eltern belauschen konnten, noch je sexuelle Aufklärung erfuhren. 
Woher diese Möglichkeit? Irgendein Vorbild muß da doch gewesen sein 
und dieses ist das Erlebnis des Säuglings beim ersten Gestilltwerden. Wie 
die Mutter ihm da ihren Phallus, d. h. ihre Brustwarze in den Mund gesteckt 
hat, so tut er dann später mit Verschiebung nach unten ein Ähnliches 
beim Weibe. Es ist also nicht ein angeboren Tun, sondern einfach Wieder- 
holung von Selbsterlebtem. Wissen wir ja allgemein: was der Knabe an 
Zärtlichkeit von der Mutter dereinst erfahren hat, gibt er in späteren Jahren 

dem Weibe wieder. 

Beim angezogenen Beispiel ist noch ein Umstand wohl zu beachten . 
Wenn das Neugeborene von seiner Mutter gestillt wird, so spielt diese 
eigentlich die aktive, sozusagen männliche Rolle, das Kind (gleichgültig 
welchen Geschlechtes) die passive und damit weibliche Rolle. Denn wenn 
irgend etwas die Bezeichnung „männlich" mit Fug verdient, so ist es die 
lebhafte Aktivität, das selbsttätige Handeln, während dem Weibe das 
Leidende, Ruhende, Abwartende zusteht. Schon die Spermatozoen zeigen 
stets tatkräftig eindringende Bewegung, während das Ovulum gemächlich 
abwartet, bis die Samenfäden es aufsuchen. Also, um es nochmals zu sagen: 
die Mutter spielt dem Kinde gegenüber den männlichen Part, während 
dieses selbst sich passiv oder weiblich verhält. 

Nun ist die Mutter aber nicht bloß solche, sondern obendrein Ehe- 
weib oder Geliebte. Mag sie als jene sich männlich gehaben, als Gattin 
ist sie typisch weiblich, sobald sie ein Membrum in ihren Schoß aufnimmt- 
Weiblich beträgt sich also nicht nur das Kind, sondern auch die Gattin . 
Die Doppelleistung des erwachsenen Weibes erweist sich von entscheiden- 
der Bedeutung in der Entwicklung der Inversion. 



163 

Ich sagte schon in einem früheren Abschnitt, daß jedweder Urning 
von einem gewissen Zeitpunkt ab sich als Mutter gehabt. Dieser Satz 
steht auch jetzt noch unverrückt fest. Doch kommt es nunmehr darauf 
an, ob der Urning als Mutter aktiv sieh einstellt gegenüber dem Kinde 
oder aber passiv, als Ehegattin gegenüber dem Mann. Fühlt er aktiv, 
dann liebt er in dem begehrten Knaben oder Jüngling sein eigenes Ich, 
also rein narzißtisch. Und da die Fixierung der gleichgeschlechtlichen 
Triebrichtung gewöhnlich in der Pubertät erfolgt, so ist's in der Regel ein 
gleichaltriger Jüngling, an den er sein Herz hängt, seltener schon ein 
jüngerer Gefährte bis hinab zum Knaben, d. h. sein Ich in früheren Jahren. 
In der passiven Mutterrolle hingegen hebt er vor allem ältere Männer, 
bis hinauf zu Greisen, durchsichtig also seinen Vater 1 ). Im ersteren Falle 
ist er viril oder hyperviril, ein ,, Mannimg" nach dem Ausdrucke Ulrichs, 
im zweiten feminin oder effeminiert, ein sogenannter „Weibling". Doch 
ist dieser Unterschied nicht durchgreifend. Denn auch der übermännliche 
Urning pflegt sich gelegentlich in der passiven Einstellung zu gefallen, 
wie umgekehrt dann der effeminierte in der aktiven. Ein jeder von beiden 
ist der anderen Rolle mindestens fähig und 'handelt mitunter tatsächlich 
darnach. Immerhin wird der eine oder andere Part ihm doch besser liegen 
und darum mit Vorliebe festgehalten werden. Es steht zu vermuten, 
daß an der Entscheidung, ob man sich mehr männlich oder weiblich ge- 
bärdet, die Sexualhormone Anteil haben, was oft sich schon äußerlich in 
allerlei körperlichen Zeichen verrät. 

Wenn ein Mannling in der Pubertät die Mutter mimt, die für den 
Geliebten stets sorgen möchte, ihn unterrichten, ins Leben und in die 
Sexualität einführen — Dinge, die er ja einst von seiner leiblichen Mutter 
ersehnte — so tut all dies der Weibling auch bei seinen gleichaltrigen 
Liebesobjekten. Noch mehr jedoch reizt ihn, Gattin zu sein, die sich dem 
älteren Manne hingibt, ihm aber auch die Wirtschaft führt, wie Mutter es 
dem Vater tat. Außerdem spielt er dem gleichaltrigen Freunde gegenübef 
auch oft die passive Rolle des Kindes, dem die Mutter die Brustwarze in 
den Mund steckt, d. h. er nimmt jetzt dessen membrum ebendort auf, so 
dem Freund die Stelle der Mutter anweisend. Es ist interessant, wie die 
Dauerfixierung in der Pubertät beim Weibling erfolgt. Zuerst ist bei 
ihm wie bei jedem Urning eine Entwicklungsstufe festzustellen, da er seine 
Mutter oder den Mutterersatz grobsinnlich und aktiv begehrte. Sogleich 
nach der ersten Zurückweisung jedoch wendet er sich fortab dem eigenen 
Geschlechte zu, und zwar vornehmlich in der passiven Einstellung als 
Kind oder Gattin. Wenn er sich z. B. einen Jungen kürt, so wird er neben 
der rein mütterlichen, aktiven Fürsorge, die ja niemals fehlt, etwa den 
Gedanken im Hirne wälzen : wie nehme ich seine ganze Schönheit in mich 
auf? und diesen dann durch Fellatio erfüllen. Oder aber er gibt sich einem 



') Außerdem spielen bei all den genannten Liebesobjekten, gleichaltrigen und 
Jüngern, älteren und Greisen, natürlich noch andere Personen mit aus der frühen 
Kindheit, Personen beiderlei Geschlechtes, deren Eigenschaften im geliebten Tvpus 
wiederkehren. Doch geben sie stets nur Nebenzüge bei diesen ab. Auf diese Verhält- 
nisse gehe ich hier nicht näher ein, um die Sache nicht unnötig zu komplizieren. 

. ' 11* 



IG 1 



älteren Manne, Welcher ihn aushält gleich einem Weibe, als Pathikus hin, 
zu päderastischen Akten, oder läßt sich von ihm auch nur willig mastur- 
bieren. Diese passive Einstellung führt naturgemäß leicht zur Prostitution, 
zur gewohnheitsmäßigen, bezahlten Hingabe, und tatsächlich sind die 
Strichjungen Weiblinge, soweit sie nicht zur Gilde heterosexueller Er- 
presser gehören. 

Noch komplizierter läßt die Sache sich an, wenn nach der Zurück- 
weisung durch die Mutter der Urning seine sexuellen Angriffe bei einem 
gleichaltrigen oder etwas älteren Freund wiederholt, der sich durch weib- 
liche Formen auszeichnet. In diesem erblickt er die ersehnte Mutter mit 
dem Penis, die er jetzt aktiv als Vater koitiert, sowie er dies einst in der 
Kindheit wünschte. Aber noch in einer anderen Weise vermag er die Rolle 
des Vaters zu spielen. In der Urgeschichte vieler Urninge spielt dieser 
nämlich eine bedeutsame Rolle. Nicht selten zeigt er in den ersten Lebens- 
jahren seines Kindes diesem noch größere Zärtlichkeit als selbst die Mutter 
und ersetzt sie auch vielfach als Pflegerin, zumal beim An- und Ausziehen 
des Kleinen. Wenn dann bei diesem in späteren Jahren die homosexuellen 
Regungen durchbrechen, übernimmt er nicht selten den Part des Vaters 1 ), 
während der Geliebte durch Schüchternheit, Zurückhaltung und Hilfs- 
bedürftigkeit (letztere auch ersetzbar durch geringere soziale Stellung oder 
durch Unbildung) für die Rolle des Kindes berufen erscheint. 

Welche Fülle von Möglichkeiten sich bei Urningen ergeben können, 
zeigt am besten der Fall eines stark invertierten Frühdementen. Nach 
mehrmonatiger Psychoanalyse, die wesentliche Besserung und weitgehende 
Erkenntnis gebracht hatte, faßte dieser seine Wünsche so zusammen: 
„Ich habe drei Typen von Liebesobjekten : 1. Ältere Männer, die mir den 
Vater vorstellen, 2. gleichaltrige oder etwas ältere Männer von vollen 
Formen und glattem Gesicht, die mir die Mutter ersetzen, und 3. um sechs 
bis sieben Jahre jüngere, in denen ich mich selbst als Kind erblicke. Bei 
den letztgenannten spiele ich die Mutter, die mich als Kind geschlechtlich 
befriedigt. Beim zweiten Typus handelt es sich um meinen Koitus mit der 
Mutter, die ich in all diesen Männern erblicke; der Mutter mit den weib- 



x ) Ein besonders lehrreiches Beispiel schrieb mir einmal ein Urning: „Um 
mein viertes Jahr herum ging meine alte Kinderfrau fort und nun trat nicht die Mutter, 
sondern der Vater an ihre Stelle. Er war es, der mich ins Bett brachte und auszog und, 
mußte mich einmal aus irgendeinem Grunde die Mutter für die Nacht zurechtmachen, 
so wollte ich nicht und wehrte mich aus Leibeskräften. Mein Vater machte dies 
Auskleiden so, daß er mich auf das linke Knie nahm, mit dem linken Arme fest um- 
schlang und mit der rechten Hand die Knöpfe des Rockes und der Hose öffnete. Bei 
diesen Szenen lachten wir immer sehr und ich freute mich den ganzen Tag darauf. 
In ganz genau der nämlichen Stellung, in ganz genau derselben Art kleide ich heute 
meinen Freund aus und wir lachen ebenfalls sehr dabei. Als ich eine ähnliche Dar- 
stellung des Entkleidens in einer Ihrer Schriften auf einer Fahrt in der Elektrischen 
las, kam mir blitzartig die Erinnerung an jene Kindheitsszenen, u. zw. von so heftigem 
Lachen begleitet, daß ich den Wagen verlassen mußte. Dabei hatte ich auch die deut- 
liche Erkenntnis, daß ich in der Liebe besonders den Vater spielen will." Ich habe 
den Eindruck, daß gerade jene Urninge sich hyperviril dünken, die den Vater agieren. 
Erscheint ja doch einem jeden Kinde sein Vater als ein Über-'Mann, als Mann über ' 
alle anderen Männer. 



165 

liehen Formen, aber einem Penis, die zu gewinnen die Sehnsucht schon 
meiner Kindheit war. In den älteren Männern sehe ich endlich stets den 
Vater und fühle mich in ihrer Nähe geborgen. In solche verliebe ich mich 
und will von ihnen koitiert werden. Sie sollen mich in die Arme nehmen 
und koitieren, während ich dies mit Männern des" zweiten und dritten 
Typus selber besorge. Bei diesen bin ich stark aktiv, bei Männern des 
ersten Typus passiv. Von einer .Mutter' z. B. könnte ich mich nicht päde- 
rastieren lassen, da muß ich aktiv sein. Ich merke, die Liebe zu dem Manne 
ist nichts anderes als die Liebe zur Mutter mit dem Penis. Der Mann muß 
in den äußeren Körperformen der Mutter ähneln, dann erscheint er mir, 
da er obendrein noch ein Glied besitzt, als das begehrenswerteste Sexual- 
objekt. Die vom dritten Typus bemuttere ich. Wenn so einer z. B. seinen 
Kopf in meinen Schoß legt, durchzuckt es mich im Penis." 

Doch bald kam er mit einer neuen Lösung, die deutlich zeigt, daß 
er auch den , .Müttern" gegenüber nicht bloß aktiv, in der Rolle des Vaters 
und Gatten etwa, sondern häufiger noch passiv eingestellt ist, und zwar 
als Kind: ,,Ein anderes Motiv für meine Inversion ist, daß ich einen Rück- 
halt brauche, und dazu dünkt mich der Mann geeigneter als das Weib. 
Wenn ich einen gleichgeschlechtlichen Genossen zur Seite habe, fühle ich 
mich sicherer als bei dem Weib. Dies braucht ja mich zu seiner Stütze, 
ein Kamerad hingegen kann mich stützen. Ich will nicht lieben und Be- 
schützer sein, sondern selber geliebt und beschützt werden. Dies wäre 
das klare Bild des Kindes und der Mutter, die es beschützt. Darum, wenn 
ein Weib mich aufsucht, das mir zeigt, sie liebe mich und sei bereit, für 
mich alles zu tun, dann fühle ich für ein solches auch mehr. Wenn ich 
aber sehe, sie will selber geliebt sein, dann bringe ich kein Gefühl für sie auf." 

Daß er in den gleichaltrigen oder etwas älteren Männern die Mutter 
erblicke, gilt, wie eine spätere Mitteilung beweist, 'nicht für alle Fälle. 
„Wenn ich meinen Freund (der in denselben Jahren ist, wie ich und mütter- 
liche Formen besitzt) päderastierte, so war das eigentlich nichts anderes, 
als was ich an mir selber erleben wollte und heute noch erstrebe : die Mutter 
soll mich im After koitieren. Ja, das ist die richtige Lösung: ich päde- 
rastiere im Freunde mich selbst, und zwar als Mutter. An ihm führe ich 
bloß durch, was ich von einem anderen, nämlich der Mutter, gern an mir 
selber durchgeführt gesehen hätte 1 ). Also nicht dem Freunde verschaffe 
ich das Wollustgefühl, sondern mir selbst. Denn bei dem Akte habe ich 
die Empfindung: das führe ich an mir selber durch, oder die Mutter macht 
es bei mir." Man sieht, er spielt hier deutlich die Mutterrolle, der gleich- 
altrige Freund ist dann er selbst. 

Noch durchsichtiger wird dies bei jüngeren Geliebten, wie beim B. 
„Als ich diesen einmal im Bette traf", erzählte er in der Psychoanalyse, 
„hatte ich das Gefühl, er sei mir gegenüber ein Kind, und sagte ihm auch 



*) Was wieder zurückgeht auf die häufigen von der Mutter applizierten Klysmen, 
die wegen seiner konstitutionell verstärkten Analerotik ihm bereits als Kind ein ganz 
besonderes Vergnügen gemacht hatten. Das Klystierrohr war ihm natürlich stets 
der Penis der Mutter. 



166 

,Bubi'. Ich spiele da ganz bestimmt die Mutter, auch wenn ich ihn küsse 
und umarme, ja täte es sogar, wenn es einmal zum Geschlechtsakt mit 
ihm käme, denn das war eigentlich, was ich immer von der Mutter wollte, 
war aber niemals eintrat. Einerseits fühle ich, mein Wunsch wird nie in 
Erfüllung gehen, in der Phantasie aber hatte ich stets die Vorstellung: die 
Mutter koitiert mich, wenn ich auch nicht weiß wie. In der Kindheit habe 
ir den Verkehr der Eltern wiederholt belauscht, nicht bloß, wie der 
Vater auf der Mutter lag, sondern auch umgekehrt. Und ich kann jetzt 
weiter sagen: ich spiele beim Geschlechtsakt mit den Freunden die Mutter, _••- 

die mich selbst koitiert. Die gleichaltrigen wie die jüngeren Freunde sind 
Inkarnationen meines eigenen Ichs. Noch etwas muß ich sagen: die Wol- 
lust, die da ausgelöst wird, ist nicht die des Geschlechtsverkehres, sondern 
eine ganz andere, eine übertragene. Ich baue sie mir auf aus der Wollust 
des B. oder des ersten Freundes. Ich stelle mir vor, welche Wollust jetzt 
diese beiden empfinden. Das ist nämlich jene, welche ich selbst zu emp- 
finden glaubte, als mich die Mutter in der Vorstellung koitierte, welche ich 
empfände, wenn sie es täte, und diese Wollust unterschiebe ich jetzt 
meinen Liebesobjekten. Darum gebe ich bei jedem Geschlechtsakt so acht 
und betone stets, ich kümmerte mich gar nicht um meine eigene Wollust, 
nur um die des Weibes, eventuell des Freundes, und zwar darum, weil ich 
ja das selbst bin. Nur zu begreiflich, daß ich da bloß den anderen Teil 
befriedigen will. Denn dieser andere bin ich ja selbst, ich bin das gebrauchte 
Sexual-Objekt, obwohl ich scheinbar den Vater oder die Mutter spiele. In 
der Kinderzeit hatte ich stets die Vorstellung: Vater oder Mutter würden 
mich koitieren, welche Wollust das in mir erzeugen müßte. Dies war 
tatsächlich ein überaus heftiger Wunsch von mir. Darum erblicke ich in 
meinen Sexual-Objekten immer mich selbst, mich nämlich als Kind, das ich 
dann als Vater oder Mutter koitiere. Ich denke also nicht an den anderen 
Teil, sondern die Mutter ist dazu da, um mir jene höchste Wollust zu 
verschaffen." 

Endlich gab er für sich noch eine Beziehung an, die freilich nur 
selten so zu finden sein dürfte. Im Gegensatz zu seinem sexuellen Tun ist 
er nämlich im Alltag von weibischem Gehaben. „Schon als Kind wollte 
ich nicht aus dem Hause gehen, nur Frauenarbeit verrichten, aufräumen, 
kochen etc. Es scheint mein tiefster Wunsch zu sein, die Stelle der Mutter 
einem Vater gegenüber einzunehmen. Ich möchte das Weib sein, um- vom 
Vater so koitiert zu werden. Und mich dünkt, bei der frühen Beobachtung 
des elterlichen Verkehrs war mein erster Gedanke nicht, die Mutter zu 
beschlafen, sondern selber die Mutter zu sein, welcher beigewohnt wird. 
Ich glaube nämlich beobachtet zu haben, sie sei in ihren Wollustäußerungen 
viel heftiger und leidenschaftlicher als der 1 Vater, habe also mehr Genuß 
davon. Wenn ich an jene Beobachtungen denke, schwebt mir überhaupt 
nur die Mutter vor mit ihren unterschiedlichen Wollust äußerun gen. Dies 
muß damals so großen Eindruck auf mich gemacht haben, daß ich mir 
sagte: ich möchte viel eher an Stelle der Mutter sein. So dürfte sich der 
Gedanke in mir fixiert haben. Seit damals, glaube ich, besteht auch meine . 
Schwäche für alle weibliche Hantierung, um schließlich als Mutter vom 



167 

Vater koitiert zu werden. Aus diesem Grunde will ich mir ja auch den 
Penis wegschneiden, der mir so widerlich ist als Stempel des Mannes. Ich 
kann noch anführen: wegen meiner Lust zu häuslichen Arbeiten wurde 
ich oft von der Mutter belobt. Und dann dachte ich auch : der Vater kann 
ich doch nicht werden, so will ich überhaupt kein Mann sein ! Mein Haupt- 
motiv aber für die Verweiblichung bleibt: die Mutter hat beim Verkehr 
mehr Vergnügen als der Vater. Man muß also ihre Rolle spielen." 1 ) 

• Um aus dieser geradezu verwirrenden Fülle von Möglichkeiten den 
rettenden Ariadne-Faden zu finden, ließen sich für den gleichgeschlecht- 
lichen Verkehr etwa die folgenden Leitsätze aufstellen. In dem Verhältnis 
Vater, Mutter und Kind ist der Vater stets aktiv, das Kind stets passiv, 
<lie Mutter bald passiv dem Vater und Gatten gegenüber, bald aktiv zum 
Kinde. Der Urning kann nun sämtliche, genannten Rollen spielen, sowohl 
■die des jedenfalls aktiven Vaters, als die des jedenfalls passiven Kindes, 
als endlich auch noch und neben einander die aktive und passive Rolle der 
Mutter. Daraus ergibt sich eine Reihe verschiedenster Kombinationen. 
Die Nicht-Analytiker unterscheiden gewöhnlich virile und feminine Ur- 
ninge, je nachdem sich diese den Geliebten gegenüber mehr als Männer 
oder Weiber gehaben. Nach dem oben Gesagten ist diese Einteilung 
■erstens unvollständig — denn der Urning kann ja auch das Kind darstellen 
'— und zweitens geradezu irreführend. Denn der Invertierte kann zwar 
als Vater stets nur aktiv sein, als Mutter hingegen aktiv' wie passiv und 
nicht selten beides neben einander. Lediglich in der passiven Rolle erscheint 
er wirküch feminin, in der aktiven aber, nicht bloß als Vater, sondern auch 
als Mutter gegenüber dem Kinde, direkt viril. Recht selten ist ein Mutter- 
Urning rein feminin, ausschließlich passiv. In der Regel wirkt auch der 
Femininste gelegentlich aktiv, d. h. mit anderen Worten männlich. Darum 
tut man besser, nicht von männlicher und weiblicher Einstellung zu spre- 
chen, sondern von aktiver oder passiver, und im Auge zu behalten, daß man 
-sehr häufig beides neben einander ist. Graphisch ließe sich die Sache etwa 
so darstellen: 

Aktiv Passiv 




a 



Vater (gegenüber dem Kinde) %. c) Gattin d) Kind 

und Gatte (gegenüber der Frau) \ (gegenüber dem gegenüber beiden 

b) Mutter Ehemann) Elternteilen) 

(gegenüber dem 
Kinde) 



*) Das gleiche Motiv des höheren Genusses der Mutter beim Koitus fand ich 
auch bei einem anderen Früh-Dementen als psychisches Motiv der Effemination. 
Daneben berichtet dieser aber noch aus seiner frühesten Kindheit den Ausspruch 
des Vaters : ,,Du hättest ein Mädel werden sollen !" „So verweichlicht war ich nämlich" , 
setzte er dann erklärend fort. „Jenes Wort nahm ich später als Wunsch des Vaters, 
mich koitieren zu wollen. Das ist die wichtigste Lösung für mein ganzes Wesen". 



168 



Aus der häufigen Verbindung endlich von aktiv und passiv ergeben 
sich dann die vielen Kombinationsmöglichkeiten für den Urning. 

Gerade das feminine Gehaben so vieler Weiblinge, oft schon von früher 
Kindheit ab, hat dazu verführt, auch ihre spätere Neigung zum eigenen 
Geschlecht, demnach die eigentliche Inversion, als angeboren zu betrachten. 
Sie waren ja offenbar wirklich Weiber, welche lediglich durch ein Spiel 
der Natur die Attribute der Männlichkeit abbekommen hatten. Kein 
Wunder also, daß sie Männer begehrten. Nur leider widersprach dem eine 
Erfahrung, die sich nicht mehr vom Äußeren blenden ließ, sondern von den 
körperlichen Kennzeichen ausging, den „sekundären Geschlechtsmerk- 
malen". Da wies sich nämlich, daß diese leiblichen Sexualcharaktere, 
die den ausgesprochen „weiblichen" oder „männlichen" Eindruck beim 
Beschauer erzeugen, der entsprechenden Triebrichtung durchaus nicht 
gleich zu laufen brauchen. Man kann z. B. Gynäkomast sein, keine Spur 
von Bartwuchs im Gesichte tragen oder auch die Neigung 'besitzen in 
Frauenwäsche und -Kleidung zu gehen, und dennoch nie anders als ganz 
normal das Weib begehren. 1 ) Umgekehrt wiederum gibt es, wenn auch 
seltener Urninden, also Frauen, die ausschließlich nach dem eigenem 
Geschlechte Verlangen tragen, ansonsten aber in keinem körperlichen 
Symptom den weiblichen Habitus verläugnen. Sie zeigen ausgesprochen 
feminine Mammae, das -Becken ist breiter als die Schulterweite, Gesicht 
undBehaarung erscheinen durchaus mädchenhaft. Niemandem, der sie nicht 
näher kennt, käme je zu Sinn, er habe ein Weib mit homosexueller Trieb- 
nchtung vor sich. Es läßt sich also die Behauptung aufstellen: die Objekt- 
wahl erfolgt in vielen Fällen ganz unbeirrt von der körperlichen Entwick- 
lung oder, wie es neuerdings Freud ausdrückte: „Das Maß des physischen 
Hermaphroditismus ist von dem des psychischen in hohem Grade un- 
abhängig." 

An diesem Ergebnis dürfen auch weitere Erscheinungen nicht irre 
machen. Es wird sehr häufig angegeben, daß männliche Invertierte schon 
von Kindheit ab nur an Mädchenspielen und weiblicher Hantierung Ge- 
fallen finden, Urninden hinwieder Bubenspiele vorziehen und von Hand- 
arbeiten sowie Beschäftigung in Küche und Haus nichts wissen mögen. 
Nicht selten wird von den Urningen selber die Entwicklung zum gleich- 
geschlechtlichen Empfinden auch noch damit in Zusammenhang gebracht, 
daß die Eltern sich statt ihrer ein Mädchen, von weiblichen Homosexuellen 
wieder, daß jene sich einen Buben gewünscht hätten. Die Mutter — so 
lehrt dann die Erfahrung - findet sich mit dieser Enttäuschung oft nicht 
ab, sondern strebt, was das grausame Schicksal versagte, durch ihre Er- 
ziehung wettzumachen. Sie behandelt den Jungen, als wäre er ein Mädchen, 
läßt ihn z. B. weit über die Zeit hinaus das geschlechtslose Kleidchen und 
bis zur Mittelschule lange Haare tragen, zieht ihn zu häuslichen Geschäften 

*) Im „Memnon" erklärt Karl Heinrich Ulrichs schon 1868: „Der eigentliche 
bloße Korperbau eines Urnings, Konstitution und Form, zeigen wohl nie etwas Weib- 
liches: das Weibliche werden nur Bewegungen, Gebärden und Manieren verraten. 
Mancher Urning erscheint drum auf der Photographie oder im Schlafe als durchaus 
männlich, den man im persönlichen Verkehr im höchsten Grad weiblich finden würde.'* 



169 



heran und hält ihn von den „schlimmen Buben" fern, kurz sie züchtet ihn 
tunlichst zum Mädchen um. Je inniger nun ein Junge an der Mutter hängt 
und sie begehrt — und wir wissen ja, wie früh bei dem späteren Urning 
der Geschlechtstrieb erwacht — desto eher geht er aus Liebe auf all ihre 
Absichten ein, ja identifiziert sich möglichst mit jener. Er wird also nicht 
darum kochen und waschen, weil er von Haus aus „ein verpatztes Mädchen", 
sondern um der Mutter gefällig zu sein und ihr ähnlich zu werden. Umge- 
kehrt und mutatis mutandis sieht man dann Gleiches aus gleichartigen 
Gründen bei der Urninde. Sie, welche mit Leidenschaft am Vater hängt, 
mag beispielsweise nie mit Puppen spielen, wohl aber gern mit dem Stein- 
baukasten, wie einen solchen der Vater als Knabe sich zum Spielen ge- 
wünscht hatte. Als zwölfjähriges Mädchen - ich spreche von einem be- 
stimmten Falle - sieht sie ein Herbarium bei der Freundin. Zu Anfang will 
sie davon nichts wissen. Es täte ihr leid, die schönen, lebenden Blumen 
zusammenzupressen. Als aber ihr Vater die Bemerkung hinwirft • das 
habe er als Bub mit Vorliebe geübt, erfaßt sie alsbald ein großer Eifer 
desgleichen zu tun. Von weiblichen Hand- und Hausarbeiten mag sie 
nichts hören, die hatte jener doch nie .geübt. Hingegen macht sie beim 
Vater- und Mutter-Spiel niemals die Mutter, sondern stets nur den Vater 
und später beim Tanzen der Mädchen untereinander immer bloß den 
führenden Herrn. Was also wie angeborene Anlage aussieht, ist in Wirk- 
lichkeit Erziehungsprodukt und Wirkung der Liebe zu den Eltern. 

Um diesen gleich oder ähnlich zu werden, kann es auch geschehen 
daß ein späterer Urning schon als dreijähriger Bub sich die Zöpfe seiner 
Mutter aufsteckt, ein paar Jahre später auch ihr Schleppkleid anzieht 
und so herumläuft, eine Urninde hinwieder die Hosen des Vaters oder 
Bruders anlegt. Man sieht, dies führt zum sogenannten „Transvestitismus", 
d. h. der Neigung, sich in Wäsche und Kleidung des anderen Geschlechtes 
zu ergehen, woraus Magnus Hirschfeld mit Unrecht eine besondere 
Stufe der Inversion gemacht hat. Mit Unrecht schon darum, weil nach 
meiner Erfahrung der Transvestitismus, zumal in seinen leichteren Formen, 
sich fast noch häufiger bei sonst normaler Triebrichtung findet als bei 
Invertierten. Ich will ein paar Beispiele hier anführen: 

Ein sonst gar nicht mädchenhafter und durchaus heterosexuell 
empfindender Offizier erzählte mir folgendes: „Als fünf- bis sechsjähriger 
Junge hatte ich den Wunsch, ein Mädel 'zu sein, weil die Mutter einmal 
geäußert hatte: ,Es wäre viel besser, du wärest ein Mädel!' Da kam mil- 
der Gedanke: wenn ich ein Mädel wäre, hätte mich die Mutter 
lieber. Das blieb lange in mir. Als zehnjähriger Bub habe ich gern 
mit Puppen gespielt und mir Weiberkleider angezogen, als Untergymnasiast 
mir die Haare onduliert, mein Gesicht gepudert und die Augenbrauen 
gefärbt! Nach dem zwölften Jahre hörte dies auf. Aber mit sechzehn 
ging ich einmal, als Mädchen angezogen, mit Hut und Schleier zu Be- 
kannten und spielte meine Rolle so gut, daß meine Kameraden mich nicht 
erkannten. Die Lust, mich zu verkleiden, ist mir bis heute geblieben und, 
wenn ich mit einem Mädel einen Ausflug mache und wir allein sind, setze 
ich mindestens ihren Hut auf oder lege ihren Mantel über. Ihre Röcke 






170 

anzuziehen, scheue ich mich jetzt, während ich es früher gerne tat. Ich 
trage auch eine Damenuhr statt einer Herrenuhr. Wenn wir einen Herren- 
abend hatten, machte ich, als Mädchen verkleidet, geradezu Furore. Das 
Wort der Mutter hat sicher nachgewirkt. Ich habe mir wahrscheinlich 
auch gedacht: das Mädel wird fast von jedem geliebt; wenn 
ich also ein Mädel bin, werden mich alle gern haben! Mädchen- 
haft sind an mir auch meine Schüchternheit und Befangenheit, mein leichtes 
Erröten und daß ich kein richtiges Männerlachen kenne, sondern mehr ein 
Kichern. Bezeichnenderweise wird dies immer stärker, wenn ich einen 
Weiberhut aufsetze oder mit Mädeln verkehre. Sehr gern habe ich es auch, 
wenn ein Mädchen raucht. Sie kommt mir dann vor wie ein Mann, der 
seinen Penis zeigt. Ich zwinge darum jedes Mädel, daß sie raucht, ohne 
es aber selber zu tun. Im Verkehr mit unerfahrenen Mädchen fühle ich 
mich förmlich als Mutter, die sie belehrt, bei reiferen Frauen hingegen 
als Kind." 

Eine weitere Seite des Transvestitismus beleuchtet der Fall eines 
anderen, gleichfalls ganz Heterosexuellen: „Ich hatte schon als Bub sehr 
große Lust zu ministrieren, höchst wahrscheinlich, um mir die Gestalt 
eines Weibes zu geben. Ich wollte überhaupt immer wie ein Weib aussehen 
und zog mir auch öfters schon als Kind die Bluse oder den Rock meiner 
Mutter an. Einmal bin ich darüber gestolpert und schlug mich am Kopfe 
tüchtig an. Ich konnte auch keinen Rock liegen sehen, den Mutter, 
Schwester oder irgend ein Weib getragen hatte. Ich mußte ihn in die Hand . 
nehmen, ihn von innen besehen, zum ganzen Rock riechen und dann 
dachte ich mir die Gestalt hinein, die den Rock angehabt hatte. So fand 
ich an ihm fast dasselbe Gefallen wie an dem Weib selber. 
Wenn ich als Kind allein in der Wohnung war, habe ich mir auch sehr oft 
die Brust mit Taschentüchern ausgestopft, um einem Weibe ähnlich zu 
sehen, und fühlte mich dann selbst als Mutter oder Schwester." 

Aus einer Reihe von weiteren Fällen mit normaler Triebrichtung 
will ich noch einen als lehrreich hervorheben. Es handelt sich um einen 
Neunzehnjährigen, der als Kind sehr lange den Schlafraum mit den Eltern 
geteilt und da recht oft Beobachter ihrer Umarmungen gewesen. Er hatte 
auch noch in späteren Jahren besondere Vorliebe, sich die Strümpfe seiner 
Mutter anzuziehen. „Wenn ich die anlegte, hatte ich die Empfindung, 
selbst ein Weib zu sein, nämlich die Mutter, und stellte mir vor, wie ich 
durch diese Strümpfe den Vater reize. Ich wollte, er soll mit mir dasselbe 
machen wie mit der Mutter. Es gab eine Zeit, so mit vier, fünf Jahren, 
da ich gern ein Mädchen gewesen wäre und Formen gehabt hätte wie die 
Mutter. Einmal zog ich mir ihre Strümpfe und Unterrock an, um dem 
Vater zu gefallen. Ich glaubte damals, Mutter zieht sich nur deshalb so 
schön an, um diesen zu reizen, und wollte ein Gleiches tun. Natürlich kam 
ich sehr schlecht an, als ich mich so vor ihm präsentierte. Er schimpfte 
mich zusammen, was ich denn für Allotria treibe, worüber ich mich schwer 
kränkte. Ich gab es dann auf, mich vor ihm zu produzieren, und tat es 
nur allein oder höchstens vor dem jüngeren Bruder, der den Vater spielen 
mußte." Als ich ihn fragte, warum er denn eigentlich das Wohlgefallen des 



> 



• 



171 

Vaters derart erstrebte, entgegnete er: „Den Vater bei der Mutter zu ver- 
drängen, gab ich bald auf. Er imponierte ihr ja mehr als ich, weil er einen 
größeren und stärkeren Penis hatte. Da trachtete ich, die Mutter bei ihm 
auszustechen, und wollte, daß der Vater mich koitiere. Sie habe ich als 
kastriert angesehen, sie hat ja gar keinen Penis, ich doch wenigstens etwas. 
Und wenn ich dann noch ihre Kleider anziehe, so muß ich natürlich umso- 
mehr reizen." 

Fassen wir nunmehr die Gründe zusammen, welche jene völlig normal 
Empfindenden zur Verkleidung führten, so waren es folgende: als Weib 
werde ich von meiner Mutter, ja eigentlich von allen mehr geliebt; wenn 
ich den Kittel der Mutter anlege, ist mir als wäre ich sie selbst und könnte 
als solche den Vater reizen oder sie sogar bei ihm ausstechen ; endlich findet 
«in dritter am Rocke des Weibes das gleiche Gefallen wie an diesem selbst 
erblickt also m dem Anlegen des Kittels einen Geschlechtsakt, was gerade- 
wegs zum Fetischismus hinleitet. In all den genannten Fällen jedoch bleibt 
die Triebrichtung ganz unbeirrt, so daß man nicht gut von Inversion oder 
einer Unterstufe derselben zu reden vermag. Allerdings findet sich der 
erotische Verkleidungstrieb oder Transvestitismus auch bei den typischen 
Homosexuellen beiderlei Geschlechtes und hat dann ebenso wie bei den 
anderen normal Empfindenden die Bedeutung: Mutter oder Vater sein zu 
wollen. 

In den schwersten Formen der Inversion bleibt es nicht mehr beim 
bloßen Wunsche, Mutter zu sein, beziehungsweise Vater, sondern dies 
Verlangen setzt sich in die entsprechende paranoische Wahnvorstellung um, 
die fortab das ganze Leben beherrscht. Der Wahn einer solchen Geschlechts- 
verwandlung ist typisch für die paranoiden Psychosen. Sämtliche Fälle 
von Paranoia und Dementia paranoides, welche ich zu analysieren Ge- 
legenheit hatte, wiesen — sie betrafen alle Männer — die Vorstellung auf, 
vom heißgeliebten Vater zunächst kastriert und dann als Weib, genauer 
als Mutter, koitiert zu werden. Regelmäßig ist ja auch der Verfolger des 
paranoischen Wahns kein anderer, als der eigene Vater oder höchstens noch 
ein Vater-Ersatz, derselbe, von dem man die v Entmannung befürchtete 
oder — wünschte. Ebenso entzünden sich jene Psychosen, wie Freud 
schon nachwies, an dem Konflikt des moralischen Ichs mit seinem homo- 
sexuellen Verlangen. 

Ich möchte hier nochmals unterstreichen die besondere Bedeutung 
des Kastrations-Komplexes nicht bloß für das paranoische Wahngebäude, 
sondern allgemein für die Inversion, wovon ich schon früher ausführlich 
sprach. Hier sei zur Ergänzung nur noch auf die symbolische Entmannung 
hingewiesen. Die so häufige Scheu, ja der direkte Ekel vieler Urninge vor 
allen weiblichen, mitunter auch vor den männlichen Schamhaaren rührt 
beispielsweise daher, daß der Ekel vor dem kastrierten Penis übertragen 
wird auf die crines pubis, die sich beim Weibe als Ersatz des fehlenden 
Membrum präsentieren. Bei Urninden hinwieder ist der Abscheu und 
Ekel vor dem Penis sehr groß, worüber ich in dem folgenden Abschnitt 
«inläßlicher zu reden haben werde. Nicht selten empfinden sie auch Ver- 
langen, sich ihre Klitoris abzuschneiden oder aber einen symbolischen 



172 

Ersatz des verhaßten Gliedes, wie Haare oder Brüste. Virile Urninden 

gehen, wie Magnus Hirschfeld berichtet 1 ), manchmal so weit, sich die 

Brüste wirklich amputieren zu lassen, oder empfinden von früher Jugend 

an „einen förmlichen Haß gegen das eigene lange Haar". „Sehr schwer 

wird es femininen Männern dagegen oft, sich das Haupthaar scheren zu 

lassen. Ich kannte mehr als einen Femininen, dem es eine wahre Qual 

bereitete, sich dieser .Operation', wie er es nannte, zu unterziehen; einer 

meiner Klienten brach bei dieser Prozedur stets in Tränen aus" 2 ). Das 

Streben nach völliger Effemination, selbst unter Zuhilfenahme einer sym- _/^_ 

bolischen Kastration, erklärt eine weitere Erfahrung von Hirschfeld: 

„Einen förmlichen Haß haben viele feminine Männer auch gegen den 

.Adamsapfel' 3 ), dem von virilen Personen doch nur sehr selten Beachtung 

geschenkt wird. Ich bin von mehr als einem angefragt worden, ob es denn 

kein Mittel gäbe, den häßlichen ,Knubbel' am Halse fortzubringen. 2 )" 

Noch möchte ich die Aufmerksamkeit lenken auf einen Umstand, der 
in der Verursachung der Inversion gewisser Bedeutung nicht entbehrt. 
Wir vemalimen oben von zwei invertierten Paranoiden, sie hätten sehr 
früh und wiederholt die Umarmungen ihrer Eltern belauscht und aus 
der Annahme, die Mutter empfände hiebei viel höheren Genuß als der 
Vater, den Wunsch abgeleitet, auch ein Weib zu sein, um der höheren 
Wollust teilhaftig zu werden. Von Urninden hinwieder werden wir im 
folgenden Abschnitt hören, daß sie bei ihrer konstitutionell gesteigerten 
sexuellen Schaulust sehr früh auf den Penis des Vaters achten und dessen 
Steifung beim Verkehr mit der Mutter, was in der späteren Reaktion zur 
Verwerfung des Phallus überhaupt führt, zu Ekel und Abscheu vor dem- 
selben. Als eine entferntere psychische Wurzel der Inversion hat endlich 
Freud das „Ausweichen" gefunden 4 ). Ein Sohn will etwa seinem Vater, 
dem nach kindlicher Anschauung alle Frauen gehören, auf diesem Felde 
ausweichen und flüchtet zu den Männern. Ebenso ein Zwillingsbruder, weil 
der andere ein Schürzenjäger ist. Um diesem nicht ins Gehege zu kommen 
oder gar ob seiner Ähnlichkeit bei intimen Anlässen verwechselt zu werden, 
schlägt er sich auf die homosexuelle Seite. Auch bei einer Urninde hat 
Freud das gleiche Mit-Motiv gefunden. 

Zum Schlüsse seien noch die sexuellen Träume der Invertierten 
berührt. Von diesen behaupteten manche Psychiater und Sexologen — 
am heftigsten tat dies der Vielschreiber Na ecke — sie bezögen sich stets 
nur auf geliebte Personen des gleichen Geschlechtes. Darum sei der Traum 
„das beste Diagnostikum" und „das feinste Reagens" für wirkliche Homo- 
sexualität. Ich muß dieser Lehre nach meinen Erfahrungen entschieden 
widersprechen,! Abgesehen davon, daß sie sich lediglich auf die manifesten 
Trauminhalte stützt, welche ja gar nicht maßgebend sind, die latenten 
Traumgedanken aber, die wirklich entscheidend, gar nicht herausholt, 

J ) ,, Sexualpathologie", II. Teil, S. 130 ff. 
") 1. c. 

s ) Dieser erscheint wegen seiner Form als typische Phallus-Symbol. 
*) „Über die Psychogenese eines Falles von weiblicher Homosexualität". 
Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, 6. Jahrgang 1920, Heft 1. 



I 



i 



173 

daß ferner Invertierte nur jene Träume, im Gedächtnis behalten und dem 
Arzte vorsetzen, die zu ihrer „angeborenen Triebrichtung" passen, alle 
anderen jedoch, welche dieser Annahme widersprechen, prompt vergessen, 
so trifft die Behauptung jener Psychiater nicht einmal für die manifesten 
Trauminhalte zu. Manche Homosexuelle sind nämlich äußerst lebhafte 
Träumer und, wenn man sie in der Psychoanalyse dazu verhält, ihre sämt- 
lichen Träume alltäglich zu berichten, dann stellt sich regelmäßig heraus, 
daß die Mehrzahl derselben schon manifest und ohne jede Deutung bei 
Urningen wie Urninden einen heterosexuellen Charakter besitzt. 1 ) Wie 
denn auch anders! Taucht doch der Traum in die tiefsten Tiefen, zu den 
Urbildern homosexuellen Begehrens, dem andersgeschlechtlichen Elternteil, 
und jenen Personen des andern Geschlechts, die Pate standen für die Liebes- 
objekte der Inversion. Jene Träume bestätigen nur vollinhaltlich, was wir 
in den früheren Abschnitten fanden. Wenn sie also wirklich das feinste 
Reagens für das geschlechtliche Empfinden sind, so beweisen sie nur, daß 
der Invertierte wie überhaupt jedweder Mensch von Haus aus bisexuell 
veranlagt und seiner homosexuellen Periode ganz regelmäßig eine hetero- 
sexuelle vorausgegangen ist. 



V. Die Homosexualität beim Weibe. 

Ehe ich diese einläßlicher bespreche, sei Einiges noch vorausgeschickt. 
Ich glaube nicht, daß sie seltener ist, als die des Mannes, nur kommt sie 
den Ärzten um vieles minder häufig vor Augen, weil erstens bei ihr Zu- 
sammenstöße mit dem Strafgesetze nur Ausnahmen sind und zweitens 
auch die sozialen Schäden weit geringer ausfallen als bei unserem Ge- 
schlechte. So hat es sich gefügt, daß erst in der jüngsten Zeit Urninden 
sich der psychoanalytischen Behandlung stellten. 2 ) Naturgemäß sind da 
unsere Kenntnisse, die sich doch stets bloß auf die Erfahrung stützen dürfen, 
noch als recht lückenhaft zu bezeichnen. Immerhin haben ein paar Analysen! 
die ich in den letzten Jahren durchführte, mir einiges Wissen hierüber 
vermittelt. 

Da zeigte sich zunächst, daß der größte Teil jener neuen Erkenntnis, 
die wir durch Urnings-Psychoanalysen gewonnen haben, .auch für ihre 
weiblichen Schicksalsgenossen Geltung besitzt. Bei jenen sind wir zum 
Schlüsse gekommen, daß konstitutionell in den meisten Fällen eine Ver- 
stärkung der genitalen bei Herabsetzung der Muskel-Erotik besteht und 
ferner immer die sexuelle Schaulust von Haus aus erhöht ist. Die Stei- 
gerung der genitalen Libido sowie der Schaulust fand ich auch bei meinen 
Urninden wieder, während über die Muskel-Erotik bei Frauen im allgemeinen 
wenig auszusagen. Denn abgesehen von der Sportmaid oder Tänzerin, 
also immerhin selteneren Sonderfällen, pflegt die Muskel-Erotik beim Weibe 



1 ) Vgl. hiezu meine Studie „Fragment der Psychoanalyse einer Urninde". 

2 ) Publiziert wurde bisher nur von Freud „Über die Psychogenese eines 
Falles von weiblicher Homosexualität", Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse 
1920, Nr. 1. 



174 

ja überhaupt zurückzutreten, so daß, wenn eine Herabsetzung hier tat- 
sächlich bestünde, sie mindestens wenig in Erscheinung träte. Auch die 
Erhöhung der genitalen Libido muß beim Weibe keineswegs offenkundig 
werden. Sie äußert sich vielfach nur in Selbstbefriedigung oder auch bloß 
in häufigem Feuchtwerden ihrer Scheide bei geringen Anlässen. Vielleicht 
ist sogar — ich wage dies noch nicht zu entscheiden — die „reine" Homo- 
sexualität, d. h. eine solche mit minimalem geschlechtlichen Tun trotz 
starker gleichgeschlechtlicher Neigung bei Weibern häufiger anzutreffen 
als bei den Männern. 

Hingegen fand ich die sexuelle Schaulust fast noch stärker entwickelt, 
was vielleicht von ganz besonderer Bedeutung. In mehrfacher Richtung. 
Sie führt zunächst in den frühesten Lebensjahren des Kindes, da die 
Eltern jede Vorsicht außer Acht lassen, weil die Kleinen vermeintlich 
„ja doch nichts verstehn", diese zu wiederholter Beobachtung ihrer Um- 
armungen. Man wird mir vielleicht entgegenhalten, das sei kaum möglich, 
denn erstens pflegt ja der Koitus nicht bei festlicher Beleuchtung statt- 
zufinden, sondern wohl meist im Dunkel der Nacht und zweitens schliefen 
die Kinder bumfest. Leider erweisen sich beide Einwände in praxi gar 
nicht selten als hinfällig. Es gibt mondhelle Nächte, sowie einen Geschlechts- 
verkehr bei Morgengrauen, was zu mancher Beobachtung Möglichkeit 
bietet, zumal wenn der Mißbrauch so weit getrieben wird, das Kind nicht 
bloß den Schlafraum mit den Eltern teilen zu lassen, sondern auch das Bett. 
Des weiteren brennt recht oft zumindest ein dürftiges Nachtlicht in der 
Stube, z. B. weil die Kleine so „ängstlich" ist und derart jene primitive 
Beleuchtung durchzusetzen weiß. Endlich steht zu Beginn oft nicht eine 
direkte Beobachtung mit den Augen, sondern bloß ein Belauschen. Das 
Kind ist das erste Mal darüber aufgewacht, daß etwa die Betten allzusehr 
knarrten oder erschüttert wurden. Ist aber einmal seine Neugier geweckt 
und besonders die Schaulust, dann paßt die Kleine fortab auf, hält sich 
künstlich wach oder wird zum wenigsten bei verdächtigen Geräuschen 
alsbald munter. Früher oder später bekommt sie gewöhnlich auch etwas 
zu schauen, und gar nicht selten zu wiederholten Malen, wovon z. B. eine 
Reihe von Träumen uns ganz untrügliche Kunde gibt. 

Die von Haus aus verstärkte und nun so geweckte Schaulust des 
Mädchens sucht ununterbrochen nach neuer Nahrung. Vor allem ist es 
der Phallus des Vaters, in zweiter Linie der des älteren Bruders, auf den 
ihre Neugier gerichtet ist, und den sie bei Unvorsichtigkeiten jener, z. B. 
im Bett, noch öfter beim Miktionsakt zu sehen bekommt. Auch das wird 
berichtet, daß Bruder und Schwester gegenseitig ihre Genitalien inspizieren, 
oder daß die Kleine den Vater, welcher zuzuriegeln vergessen hatte, auf 
dem Klosett „zufällig überrascht". Dessen Phallus erscheint ihr in jedem 
Falle riesengroß und fortab quält sie dann der Gedanke, wieso ein solcher 
in ihre kleine Scheide eindringen könnte. Sobald sie nämlich Zeuge des 
elterlichen Verkehres geworden, wünscht sie sofort wie alle kleinen Mädchen 
auch hier an Mutters Stelle zu treten und vom Vater ebenso begattet zu 
werden. Bei der Kleinheit ihres eigenen Genitales und der Größe des väter- 
lichen ist es dann nur zu begreiflich, daß sich auch der Gedanke festsetzt, 



"- ' 



175 

dies müsse furchtbar schmerzhaft sein. Hatte doch sogar die Mutter ge- 
stöhnt, ob, sie auch nachher lustig und guter Dinge gewesen. 

Sowie dem Urning ein besonderer Horror vor der kastrierten Vulva 
eignet, so dann der Urninde ein tiefer Ekel vor dem Penis. Woraus ist 
dieser zu erklären? Wir wissen aus der Neurosenlehre, daß, was jetzt so 
großen Ekel setzt, z. B. die Faeces, dereins't mit hoher Lust begehrt ward 
— vom kleinen Kinde. Der Ekel ist Reaktionserscheinung nach verdräng- 
tem Begehren. Dies gilt nun auch für das männliche Glied und dessen 
Funktionen. Ich füge hier zu besserem Verständnis einen Zwischenfall ein 
aus der Analyse einer 29jährigen Hysterica mit stark hervortretenden 
homosexuellen Zügen. Sie zeigte eine konstitutionell außerordentlich 
verstärkte Schaulust und hatte, wie zahllose Träume erwiesen, schon in 
zartester Kindheit wiederholt den Verkehr der Eltern beobachtet. Bewußt 
erinnert sie diesen vom achten Jahre ab. 

Sie berichtet nun, nicht als Erinnerung, sondern aus den Erzählungen 
ihrer Mutter: „In meinem vierten Lebensjahre soll in unserem Hause ein 
häßlicher, rothaariger, etwa sechsjähriger Junge gewesen sein, von dem 
ich nicht wegzubringen war und dem ich immer nachging. Einmal kommt 
meine Mutter in den Hof und sieht, wie der Junge seine Notdurft verrichtet, 
während ich daneben auf dem Boden spiele und ihm zuschaue. Plötzlich 
dreht sich der Junge um und sagt: /Wart', ich spritz' dich an!* und schifft 
mir ins Gesicht; die Mutter stürzt hinzu und reißt mich weg. Ich aber 
schreie: ,Laß mich aus, laß mich aus!' Und als sie mir Vorwürfe machte, 
daß ich sitzen bleiben konnte, soll ich geantwortet haben: ,Ich hab' ihn 
aber trotzdem gern!'" 

Hier schließen sich passend zwei Episoden an, die eine gelungene 
Verdrängung beweisen. So schrieb sie bereits im sechsten Lebensjahre, 
da die Schwester auf die Welt kam, zahllose Briefe an den Storch, er möchte 
ihr ein Schwesterchen bringen. „Aber ja kein Brüderchen, und zwar deshalb, 
wie ich einmal meiner Mutter gestand, weil der auf der Gasse wisch er lt und 
das so häßlich ist." Die zweite Episode zeigt deutlich schon die Reaktion 
des Ekels: „Mit zehn, elf Jahren sah ich einmal einen Hengst strahlen. 
Ich war zuerst über sein großes Glied entsetzt und dachte: es ist gemein, 
daß das Pferd dies auf der Gasse macht. Später mußte ich noch einige 
Male daran denken. Ja, noch eins: als ich das sah, war meine erste Emp- 
findung nicht Ekel, sondern Neugier, der Wunsch, jenes große Glied noch 
genauer anzusehen; erst die zweite Empfindung, die sich unmittelbar 
anschloß, war die des Ekels." Man wird wohl nicht fehlgehen, wenn man 
die Gemeinheit jenes Hengstes, auf der Straße zu strahlen — ein Ding, 
das Kindern sonst höchstens Interesse abgewinnt, doch gewiß kein Ent- 
setzen — teils auf die Äußerung ihrer Mutter zurückführt, die das Gehaben 
des rothaarigen Jungen als Gemeinheit bezeichnete 1 ^, teils auf die Länge 
des Pferdegliedes, das sie an den riesengroßen Phallus ihres Vaters gemahnte. 

Hier zeigte sich noch eine weitere Verdrängung bereits am Werke. 
Sie hatte das lange Membrum des Hengstes zuerst nicht so sehr mirEkel 



') Dies wurde nachträglich von der Kranken auch bestätigt. 



! 



II! 






176 



gesehen, als mit dem Wunsch, es noch genauer betrachten zu können. 
Der Ekel kam also erst hinterdrein, als zweite Empfindung, die jenes 
unanständige" Begehren wieder gut machen sollte. Nun ging aus vielen 
ihrer Träume hervor, daß sie die Erektion ihres Vaters, die sie sehr früh 
zu beobachten Gelegenheit fand - schlief sie doch bis zum sechsten Jahre 
im Bett der Eltern - mit großer Freude, ja mit Entzücken aufgenommen 
hatte, \ermuthch empfand sie da auch den Wunsch, den Phallus des 
Vaters naher zu betrachten. Alles spätere Entsetzen, aller spätere Ekel 
war auch hier nur wieder Reaktions-Phänomen. 

Warf doch die Mutter ihrem Töchterchen vor, daß sie dem Tungen 
zugesehen hatte. Die Kleine aber glaubte, da noch etwas anderes heraus- 
zuhören. Offenkundig sprach ja die Mutter bloß von dem rothaarigen 
Buben. Das böse Gewissen der Tochter jedoch vermeinte dahinter den 
tieferen Vorwurf zu erblicken, daß sie dem Vater zugeschaut, da er zur 
Mutter kam, daß sie ferner sich gewünscht, seinen Phallus näher betrachten 
zu können ja noch mehr, ein Gleiches vom Vater zu erleben wie ihre Mutter. 
Darum belegte sie zunächst den unmittelbaren Gegenstand des mütterlichen 
Vorwurfes, das „Wischerin auf der Gasse", mit Acht und Bann. Als sie 
ciann spater, mit etwa acht Jahren, im Katechismus von der Unkeuschheit 
las und daß man sich selbst nicht beschauen dürfe, natürlich noch weniger 
das Genitale des Vaters*), fiel die Reaktion noch stärker aus, wie die Sz?ne 
mit dem Hengst beweist. Festgelegt aber wurde der Ekel erst durch die 
Ereignisse, die an ihre sexuelle Aufklärung knüpften. 

Ich setze wohl am besten die betreffenden Stellen aus ihrer Psycho- 
analyse her: Selbst wenn ich später einen Mann gern hatte und dachte 
dann an das Geschlechtliche, so überlief mich ein Schauer, ja, ich kann 

fiel schiel °w,S ^f^haftlichen Beschreiben! der konträren Sexualempfindung 
KffiäLTKiEf' edeU , tUn§ gerade der Zeit Um acht J ahre he™», 1 ™ am 
WcstphaL Die ET SC £ WUrde ' NehmCn Wir Z - B ' dle bcrühmt e Publikation von 
pathischenl SnÄ Sexualempfindung, Symptom eines neuropathischen fpsycho- 
die^Se nS5? ¥ ' rChl fÜr P ^ chiatrie und Nervenkrankheiten, 2. Bd 1870), 
betraT jHSÄIX W*** W **"*!** empfindenden TransvesXen 
nicht zu J ZÄ Cm a ? htCn Jahr ab eine Neigung zu J u "gen Mädchen, 

arfesselten und don, r n ?* *" T* bes * immte ^ welch e sie von der ersten Begegnung 
im W - SÄ A C AV° f0rt an den Augen ansah - " Es ist merkwürdig es liegt 
&hau£,t dL A u Ma 8! ,c V smüs der raich anzieht " M an achte hier auf die 

fort Tucht™ T g W ° hl k S Phalluss y mb0 '- Westphal selber jedoch fährt 
Besinn deVp™" 1 ! «° ü "S ^»"ebenen Fall wurde das achte .Lebensjahr (als 
daß er a k SS»^^ Caspersche Unbekannte erzählt gleichfalls. 
Seh l- iickl H, f,-M, htjähnger Schulknab * "eben einem etwas älteren Knaben saß. 
m bSäS^-^T ihm 5. erährt WUrde - Griesinger. welcher die von 
der BS ? W ,♦ , k lle , mcht u kannte..hat von einem soliden, feingcbildeten und in 
das GestänS* 1 f enden - aber allerdi "g s hereditär stark belasteten Individuum 
bei ieder r,W ^egengenommen, daß er seit seinem achten Lebensjahr einen 
habe Aslc fe f*, ^"««nden Sexualtrieb zum eigenen Geschlecht verspürt 
SSiuÄ^KÄ ' Ä Jahr . ! WenD Wir bedenk en. daß im achten Jahre die 
Gebott von rrs r . E ' C ' " 1 beginnen - aus dem -Beichtspegel" und den zehn 
i w£fd2 akh\> ( ? \ ,- U " keuschh eit" und des „Selbstbeschauens" erfahren, 
OdeTperVerdÄ e ' nSCtz ^ de Verdrängung und die daraus entspringende Neurose 
«.aer ferversion in ihrem Ursprung verständlicher werden. 



m 

behaupten, es ekelte mich. Ich sagte mir schon selber: das ist unsinnig, es 
muß krankhaft sein, sich vor dem Geschlechtsverkehre zu ekeln. Der 
liegt doch in der Natur begründet. Ich habe selbst Verlangen und trotzdem 
ekelt es mich. Vielleicht hängt dies auch mit Folgendem zusammen. Als 
ich zehn, elf Jahre alt war, kam eine Frau zu Besuch, die unter anderem 
auch vom Heiraten sprach und sich schließlich scherzend an mich wandte: 
,Wen wirst denn Du heiraten?' Da ging ich zum Vater hin und sagte: 
, Ich heirate nur dich!' Also hatte ich Wünsche auf den Vater. Als mich 
sodann, mit elf, zwölf Jahren meine Schulkameradinnen geschlechtlich 
aufklärten, hat mir geekelt, meine Eltern sollten auch so etwas tun. 
Wochenlang konnte ich sie nicht ansehen, besonders die Mutter. Ich war 
zuerst völlig niedergedrückt von jener Aufklärung und glaubte sie nicht, 
das kann nicht sein! Da ich es schließlich von vielen Seiten hörte, mußte 
ich es glauben, allein ich bekam einen fürchterlichen Ekel davor und schwur 
mir zu, so etwas selber niemals zu tun." 

„Wir Mädchen klärten uns zwar nach bestem Wissen gegen- 
seitig auf, doch im Grunde wußte keine, wie ein männliches Glied aussieht. 
Ich glaube, wir haben alle gehofft, einmal ein solches zu Gesicht zu be- 
kommen, wenn wir einen Mann überraschen könnten, wie er sein Wasser 
abschlägt. Anderswie hätten wir ja in diesem Alter keine Gelegenheit 
gehabt. Wir haben an alles Mögliche gedacht. So waren z. B. in unserem 
Hofe ein Klosett und wir wollten schon irgendwie hinaufsteigen, um von 
oben hineinzuschauen. Aber das ging doch nicht, weil die anderen Leute 
uns gesehen hätten. Dann dachten wir: vielleicht wird einer einmal zuzu- 
riegeln vergessen und wir können ihn .überraschen'. Das wäre eine 
Entschuldigung für uns gewesen. Da hätte niemand etwas sagen können, 
warum macht er die Türe nicht zu? Aber auch diese Hoffnung fand keine 
Erfüllung. Endlich paßte ich noch auf, ob der Vater nicht einmal im 
Zimmer urinieren wird. Vielleicht wendet er sich da so, daß ich sein Glied 
•erblicken kann. Aber, wie gesagt, das alles führte nicht ans Ziel." 

„Da kam eines Tages eine Kollegin mit der Botschaft, sie habe einen 
Mann urinieren gesehn und beschrieb ausführlich dessen Geschlechtsteil. 
Ich war ganz entsetzt: ,Wie kannst du das ansehn! Wenn ich das müßte, 
träfe mich sofort der Schlag!' Ja, richtig, so war es. Als der Mann die 
Kollegin erblickt hatte, kam er auf sie zu und sie lief davon. Darauf be- 
merkte ich: .Wenn mir so etwas passierte, würde mich vor Entsetzen und 
Ekel der Schlag treffen!'" 

„Bald darauf bekam ich selber Gelegenheit, etwas zu sehen, noch 
dazu bei meinem eigenen Vater. Ich hatte mir schon als kleines Mädel 
immer gewünscht, ein Kind zu kriegen. Eines Tages nun kam beim Morgen- 
grauen der Vater vom Klosett herein, ohne vorher seine Sachen geordnet 
zu haben, so daß sein Glied entblößt war. Da stieg in mir der Gedanke auf: 
wenn der' Vater jetzt zu mir käme, würde ich ein Kind kriegen. Über diesen 
Gedanken erschrak ich sehr und weinte heimlich über meine scheußlichen 
Wünsche Wenn das wirklich geschehe, müßte ich mich umbringen, so 
•etwas könnte ich der Mutter nicht antun. Ich habe mir noch einige Tage 
die bittersten Vorwürfe gemacht, dann aber allmählig daran vergessen. 

Sadger, Geschlechtsverirrungen. 12 



178 






Bei meiner späteren Selbstbefriedigung spielte ich oft mit der Phantasie, 
von einem älteren Manne zum Verkehr gezwungen zu werden, was seinen 
Ursprung wahrscheinlich in jener Episode hatte. Wenn ich an sie zurück- 
dachte und daß ich vom Vater ein Kind bekäme, zuckte mir der Gedanke 
durch den Kopf: was hätte ich dafür können, wenn mich der Vater ge- 
zwungen hätte ? Ja richtig, so war es: als damals der Vater aus dem Klosett 
kam und ich sein Glied erblickte, tauchte der Wunsch auf, er solle zu mir 
kommen, sofort aber anschließend ein Entsetzen darüber, daß ich so 
etwas wünschen könne, und damit ein Ekel vor dem männlichen Glied. 
Ich habe mich in das Entsetzen über meine Verdorbenheit so hineingeredet, 
daß sich dann der Ekel vor dem väterlichen Penis einstellte, vielleicht noch 
nicht am selben Tag, doch bald darauf. Und je mehr ich daran dachte, 
desto stärker wurde er." 

„Vielleicht geht darauf mein Verhalten in einer wenig späteren 
Episode zurück. Als ich einmal beim Spazierengehen um eine Ecke bog, 
sah ich einen Mann sein Wasser abschlagen. Da er das Geräusch hörte, 
drehte er sich um, hatte aber wahrscheinlich gar nicht die Absicht, auf 
mich zuzukommen. Ich aber erschrak derart, daß mir das^Blut bis in den 
Kopf pochte, und lief wie gehetzt davon. Auch da verspürte ich das Gefühl 
des Ekels, ohne eigentlich etwas gesehen zu haben. Denn schon wie ich 
den Mann dort stehen sah, erschrak ich darüber, daß ich sein Glied er- 
blicken könnte. Auch das muß ich noch sagen: bei der Erzählung der 
Kollegin hatte ich zuerst auch nur die Empfindung eines großen Schreckens. % 
Ekel empfand ich hauptsächlich darüber, daß der Mann seinen Geschlechts- 
teil so offen zur Schau trug und der Kollegin so entgegen kam. Denn nach 
der Religion ist es ja Sünde, seinen Körper zu beschauen, besonders die 
Geschlechtsteile." 1 ) 

„Aber das erklärt den Ekel doch nicht. Ob der Ekel so echt war, 
den ich bei der Erzählung der Kollegin empfand und auch bei meinem 
eigenen Erlebnis mit dem Herrn ? Es war wohl eine Angst in mir, der Mann 
könnte sich umdrehen und ich sein Glied erblicken, allein ich glaube, den 
Ekel habe ich mir mehr eingeredet. Es war auch Neugier da, seinen Penis 
zu sehen, und erst als ich diese sofort verdrängte, kam Angst und Ekel, 
genau wie damals beim Hengst. Ob sich hinter meiner Angst nicht eher 
der Wunsch birgt, da etwas zu sehen? Mir kommt vor, als wenn ich bei 
der Erzählung der Freundin den Ekel stärker empfunden hätte, als da 
ich selber den Herrn sein Wasser abschlagen sah und Gefahr bestand, 
ich könnte seinen Penis erblicken. Selbst als ich der Freundin mein Erleb- 
nis mitteilte, ekelte mich mehr, als da es geschah. Woher kommt das? 
Ich glaube, das wirkliche Erlebnis wirkte auf mich, als wäre der Vater 
zu mir gekommen, während die Erzählung, sowohl die der Kollegin als 
meine eigene, mich etwa berührten wie ein Geschlechtsverkehr der Eltern, 
von dem mir jemand berichtete oder den ich selber belauschte. Das wäre 
also eine Art Eifersucht oder Neid. Mir ekelt also nicht vor dem eigenen 



*) „Auch hatte ich in der Religion gelernt, man dürfe über unkeusche Dinge 
micht reden", ergänzte sie später. 



179 



Erlebnis — das erschien mir wie ein Verkehr mit dem Vater — sondern 
vor dem der anderen, d. h. also wohl in letzter Linie vor dem Verkehr der 
Mutter, daß der Penis des Vaters in sie eindrang." 

Überlegen wir noch einmal diesen Bericht. Wenn der Vater zu ihr 
käme oder ein anderer an seiner statt, so würde dies kaum ihren Ekel 
erregen, wohl aber, wenn solches einer anderen passierte oder sie davon 
hörte, weil beides an die Umarmungen ihrer Eltern erinnerte. Demnach 
galt ihr Ekel nicht dem Membrum des Vaters überhaupt, sondern diesem 
nur dann, wenn es in die mütterliche Scheide eindrang, also eigentlich 
nicht dem Penis des Vaters, sondern der Vagina der Muttdfr. Wir wissen 
des weiteren von der Miktion, daß sie dem Kinde oft als eine Art Sexualakt 
erscheint. Dieser wird von den Eltern vermeintlich so vollzogen, daß der 
Vater in die Mutter hineihschifft. Drum ließ sich unsere Kranke' von dem 
rothaarigen Jungen, in den sie offenbar verliebt gewesen, ganz gern be- 
nässen und erklärte der Mutter : „Ich hab' ihn aber trotzdem gern !" während 
ihr vor dem strahlenden Hengste ekelte, weil dieser ihr den Vater dar- 
stellte, der also mit der Mutter verkehrte. 1 ) Der Ekel unserer Kranken 
und, ich darf jetzt hinzufügen, jeder Uminde vor dem männlichen Glied ist 
also erstens Ekel vor der mütterlichen Scheide, zum zweiten ihr Wunsch 
der, zwar verdrängt, doch stets lebendig: der Penis des Vaters solle bei 
ihr eindringen statt bei der Mutter und sie davon ein Kind bekommen 
und drittens zutiefst die gleichfalls verdrängte lustvolle Neugier auf das 
väterliche Membrum. Daß der Ekel vor dem männlichen Glied nicht ganz 
echt sein kann, erhellt auch daraus, daß soviele Urninden sich einen künst- 
lichen Phallus vorbinden, mit dessen Hilfe sie den Koitus an der Geliebten 
vollziehen. Wieder andere malen sich wenigstens in der Einbildung aus, 
daß sie einen Penis besitzen, mit dem sie ihr Liebesobjekt begatten. Sie 
spielen da ganz durchsichtig den Vater, von dem sie ja immer ein Kind 
sich wünschten. 

Von jener Patientin wäre noch zu berichten, daß sie zwischen 13 und 
14 Jahren einen anonymen Brief bekam, ihr Vater unterhalte ein Verhält- 
nis. Sie war aufs tiefste entrüstet und wollte es nicht glauben. „Dann aber 
dachte ich: sowie der Vater mich betrogen hat, betrügt er jetzt die Mutter 
Es war mir, als wäre das Beste, was ich besessen hatte, zusammenge- 
brochen. Ich sagte mir fortwährend: .Das ist nicht wahr, das ist nicht 
wahr! Das ist alles nur Lüge!' Allein eine innere Stimme entgegneter 
,Es ist doch wahr!' Auch empfand ich einen wahnsinnigen Haß gegen die 
Bnefschreiberin, weil sie mir die Möglichkeit genommen hatte, den Vater 
zu lieben. Jetzt kann ich ihn nicht mehr gern haben, ich darf ihn nicht 
mehr gern haben! Wochenlang war ich wie vernichtet. Anfangs empörte 
mich auch, daß die Mutter sofort daran glaubte, aber das habe ich dann 
schließlich begriffen. Von jenem Briefe an wandte ich mich vom Vater ab 
und der Mutter zu." 

\ 



•• *L E i n L Nachtra S 2U ihrem Erlebnis mit dem Herrn: „Später, so rwischen 
13 und 14 Jahren, packte mich auch eine förmliche Angst, wenn der Vater im Zimmer 
sein Wasser abschlug, daß ich sein Glied erblicken könnte." 

12* 






180 



Hier tritt ein Stück des Mechanismus der Fixierung ans eigene 
Geschlecht schon klar zutage. In der Kindheit hatte sie der Vater mit der 
Mutter betrogen, was eine schwere Enttäuschung setzte, besonders da ihre 
eigenen Wünsche nie Erfüllung fanden. Zu Beginn der Pubertät erfolg 
die Aufklärung über den Verkehr der Eltern, worüber sie schon Ekel 
empfindet, zumal vor der mütterlichen Vagina. Als ihr endlich zugetragen 
wird der Vater halte es noch mit einer anderen, wendet sie sich fortab von 
ihm und seinem ganzen treulosen Geschlechte ab und dem eigenen zu, 

genauer der Mutter. . . 

Als Ergänzung, Abschluß und Zusammenfassung früherer Aus- 
führungen möchte ich noch sagen: dem Ekel vor dem männlichen Ghede 
eeht bei der Urninde eine Periode voraus, wo eine ganz besondere Schau- 
lust auf dieses besteht, in letzter Linie auf das Glied des Vaters das sie 
auf jede mögliche Art zu erspähen trachtet. Ferner wünscht sich bereits 
in frühesten Jahren jedwedes Mädchen, auch die Urninde, von ihrem Vater 
ein Babv zu bekommen. Schon die Kinder bringen, selbst ohne jede 
geschlechtliche Aufklärung, den belauschten Koitus ihrer Eltern mit dem 
Erscheinen eines neuen Geschwisterchens in richtige Beziehung Drum 
dünkt die Urninde sogar der eheliche Verkehr, den Moral und Religion ja 
nicht verbieten, eine arge Unkeuschheit und ekelhaft. In der Pubertät, 
zu deren Beginn gemeinhin auch die sexuelle Aufklarung erfolgt er- 
wacht dann jener Kinderwunsch von neuem, zusammen mit den Schau- 
gelüsten. Sie ersehnt nun abermals das väterliche Glied zu sehen, daß es . 
in sie eindringe und ein Kind ihr zeuge, genau wie es einst bei der Mutter 
gewesen Dann aber stehen die moralischen und religiösen Hemmungen 
auf und, wenn sie die Rolle der Mutter übernehmen möchte vergällen ihr 
die Skrupel alles Vergnügen und wecken die Reaktion des Ekels Dieser 
Ekel wird dann auf das Membrum des Vaters, in weiterer Linie auf das der 
Männer überhaupt verschoben. 

Einmal erlebte ich folgenden überaus lehrreichen Fall. Einer Ur- 
ninde, die mir erzählte, sie habe den Verkehr selbst von Hauten und 
natürlich noch weit mehr von ledigen Mädchen als schwere Unsitthchkeit 
empfunden, setzte ich mit kurzen Worten auseinander, es käme haupt- 
sächlich auf die Ehrlichkeit des Empfindens an und daß em starkes heiliges 
Gefühl auch illegitime Genüsse adle. Diese wenigen Worte welche ich 
sprach, hatten eine von mir kaum geahnte Wirkung. Die Urninde begann 
auf der Stelle die Dinge mit anderen Augen anzusehen und woran isie 
jahrelang geglaubt, als falsch zu verwerfen. Der Geschlechtsverkehr 
erschien ihf nicht mehr abscheulich, eine Verehelichung plötzlich wün- 
schenswert und in Bälde tauchten sogar zwei Heiratsprojgkte a^» 
diese rasche zauberhafte Wirkung? Ich hatte in der Rolle des Erzeugers 
- die^teite sie mir in verschiedenen ihrer Träume zu - ihr indirekt 
erklärt es wäre keine Sünde gewesen, daß sie als Mädchen sich von dem 
Vater eh; Kind gewünscht; Sil dürfe an einen Geschlechtsverkehr denken 

^ tu" n V oTefn rS dunkler Punkt zu lösen .Wie ist j zu deuten, 
daß jede Urninde, obgleich sie vor der mütterlichen Scheide Ekel empfand, 



181 



dann gleichwohl nur das Weib begehrt, und obendrein noch ihre ärgste 
Rivalin, die eigene Mutter? Um dies zu beantworten, muß ich abermals 
statt einer reinen Urninde, bei der die Zusammenhänge nicht so gut zu 
durchschauen, einen anderen Fall heranziehen, den einer beginnenden 
Frühdemenz mit stark hervortretenden homosexuellen Zügen. Diese — 
ein 17 jähriges Mädchen — erklärte mir mit der Hellsichtigkeit, die solche 
Kranke auszeichnet: „Wenn ich es mir recht überlege, so sehe ich, daß 
mein Leben von zwei Prinzipien beherrscht wird: Vater 
haben und Vater sein. Nehmen wir z. B. meine Depression beim 
Gottglauben, bei meinem Kampf um das Absolute. Da hat es zwei Phasen 
gegeben. Zuerst glaubte ich, daß etwas Göttliches bestehe, etwas Festes, 
Unabänderliches, ein Zwang außer mir, dem ich aber unterworfen bin. 
Dies war alles Ersatz für den Vater, der mich zwingt. Als ich dann zur 
Erkenntnis kam, das Ganze wäre nur von den Menschen selber erfunden, 
warf ich den Glauben an das Absolute, diese Form des Vaters hinaus.' 
Nachdem die erste Depression vorrüber war, dachte ich: in mir selber 
muß etwas sein, das ich in jedem Ding wiedersehe, das ich nach außen 
projiziere und mir dann einbilde, die Welt sei darnach geordnet. Schließlich 
kam ich darauf, das ist nichts anderes als: ich will Gott sein, mich selber 
in der Welt erkennen. Meine, Ordnungswut heißt: ich will der ordnende 
Gott sein, in alles mein eigenes Wesen hineinlegen. Das Ganze war also 
eine andere Form für Vater sein. Noch etwas Merkwürdiges. In dem Augen- 
blick, da ich festsetzte, ich will der Vater sein, kam mir zum Bewußtsein: 
wenn ich der Vater bin, besteht außer mir noch ein Vater, der wirkliche 
nämlich, und diese Beziehung hat mich wieder an meinen Kastrations- 
Komplex erinnert, den ich schon ganz vergessen hatte. Da wußte ich, 
jetzt habe ich den richtigen Knotenpunkt, wo ich anknüpfen kann an mich 
als Vater dem wirklichen Vater gegenüber." 

Wie diese Anknüpfung beschaffen war, erwies sich in einer späteren 
Stunde. Da begann sie plötzlich: „Ich wollte der Vater sein und ihm den 
Penis wegnehmen." — „Ist das der Sinn Ihres Vaterseins?" — „Ja. Und 
dann habe ich auch eine Wut auf den Vater. Das ist aber nicht der einzige 
Grund. Wenn Oedipus den Vater umbringt, ist das eigentlich auch eine 
Kastration: er wollte Vater sein und die Mutter haben! Das 
wußte ich ganz genau, aber es fiel mir merkwürdigerweise gar nicht ein, 
hier Parallelen zu ziehen. In der gestrigen Stunde wollte ich Ihnen diesen 
Grund nicht sagen, obgleich ich ihn eigentlich wußte. (Unter größtem 
Widerstand) Ich wollte mit der Mutter geschlechtlich ver- 
kehren! Es war schon nimmer schön. Als mir das einfiel, war ich zuerst 
sehr böse auf mich und mochte es 'absolut nicht glauben. Es wird aber 
doch wahrscheinlich so sein müssen, denn es hat mich derart beschäftigt, 
daß ich bis heute beständig daran dachte und mir auch eine Menge anderer 
Sachen dazu einfielen." 

„Ich will chronologisch erzählen. Als mir das gestern zuerst in den 
Sinn kam, war ich sehr böse und begann, an der Psychoanalyse selber zu 
zweifeln, das sei alles doch Blödsinn. Kurz vorher hatte ich vom Oedipus- 
Komplex gesprochen und da fiel mir wahrscheinlich unbewußt ein, daß 



182 



Oedipus bei der Mutter schlafen wollte und deswegen kastriert wurde. 
Dann kam mir vor, als ob ich es wollte, obwohl mir das vom Oedipus- 
Komplex erst nachher eingefallen war, nachdem ich schon gefunden hatte, 
ich hatte die Mutter begehrt. Lauter so unstichhältige Ausreden, um sagen 
zu können: wenn das nicht gilt, gilt das Andere auch nicht und die ganze 
Analyse ist falsch. Hierauf fiel mir ein, daß ich schon vor zwei, drei Wochen 
ein Begehren auf die Mutter hatte, was ich natürlich schleunigst als Blöd- 
sinn abwies. Dann kam vor ein, zwei Monaten eine homosexuelle Tag- 
träumerei, eine Szene aus dem Lagerleben des 16. Jahrhunderts. Ich lebte 
jfls Soldat unter meinen Kameraden. Deren Mädel wohnten, wie es damals 
üblich war, auch im Lager und besuchten ihre Schätze. Da verhielt ich 
mich zu ihnen, als wäre ich ein Mann und wirklicher Soldat. All meine 
heimlichen Sünden kommen jetzt ans Tageslicht! Heute endlich wollte 
Mutter mich küssen und da war es das erste Mal, daß ich dies ablehnte. 
Sie war sehr böse darüber, allein ich konnte mir nicht helfen und sagte: 
,Nein! Ich bin kein kleines Mädchen mehr!' In Wahrheit war mir klar 
geworden, daß ich Vater sein und die Mutter besitzen will." 

„Die Reaktion auf diese Erkenntnis war ebenso komisch, als da mir 
bewußt ward, die Situation zwischen mir und meinem ersten Liebhaber 
auf der Wiese 1 ) wiederhole eine Kinderszene mit dem Vater. Auch davon 
wollte ich zuerst nichts wissen, dann aber konnte ich mein Verhalten doch 
nicht anders erklären als durch diese Erinnerung. Als Kind habe ich etwas 
vom Vater erwartet, wie später vom Liebhaber. Und seit jener infantilen 
Episode verwandelte ich alle positiven Beziehungen zum Vater in Haß. 
Vorher war ich oft genug bei ihm im Bette und er hielt mich im Arm, was 
mir sehr lieb war. Dann aber muß eine intime Szene, die ich nur nicht 
erinnere, die Liebe in Haß verwandelt haben, welche Erinnerung später 
auf der Wiese lebendig wurde. Beim Vater wie beim Liebhaber war ich 
furchtbar aufgeregt. Es war, als ob in mir etwas brechen oder sich loslösen 
würde, meinetwegen eine Art Befreiung." 

„Ebenso erging es mir gestern Abend, als mir bewußt ward, sexuelle 
Gedanken auf die Mutter zu haben. Ich war sehr erstaunt darüber und 
wollte mir immer noch sagen, daß sei alles nur Ausrede, Unsinn und un- 
bewußte Analogie mit dem Oedipus-Komplex, allein es ging nicht, die 
Sache hatte zu starke Wirkungen. Ich erzählte Ihnen einmal einen Traum, 
wo der Vater mit dem Messer hereinkommt und mich umbringen will, 
während ich bei der Mutter liege. Sie meinten damals, ich wolle an Stelle 
der Mutter sein, wasoücht unrichtig ist. Anderseits war aber doch die 
Mutter da und ich in ihren Armen, das weiß ich bestimmt. Der Traum 
wird also noch eine zweite Bedeutung haben. Ich bin nämlich nicht an 
Stelle der Mutter gelegen, sondern bei derselben, habe also bei ihr den Vater 

gespielt." s . 

Zum Schluß der Behandlung kamen noch ein paar Träume, die über 
die Entstehung ihres Begehrens alle wünschenswerte Aufklärung gaben. 



») Als sich bei diesem ersten Verkehr der Liebhaber auf sie legte und sie unten 
berührte, ergriff sie Sofort ein derartiger Ekel, daß sie ihn heftig zurückstieß. 



183 

Zunächst ein Traum, wo ein Mädchen vor einem verfolgenden Hund 
einen Baum hinaufklettert. Plötzlich wird der Hals des Hundes ungeheuer 
lang und schlängelt sich auf den Baum hinauf. Die Verfolgte springt 
herunter, die Träumerin selber aber packt das Tier beim Hals und drückt 
ihn zusammen, worauf jenes wiederum auf die normale Größe zusammen- 
schrumpft. Sie gibt gleich selbst einen Teil der Lösung: das Mädchen wäre 
die Mutter, der Hund ihr Vater. Als ich nun ergänze: „Also kann der Traum 
nur den Sinn haben, daß Sie eine Erektion des Vaters bei der Mutter be- 
obachteten und den Wunsch empfanden, ihn zu kastrieren", gibt sie dies 
alles verstandesmäßig zu, nur könne sie sich nicht erinnern. Wohl aber 
kam ihr jetzt ein anderer, öfter wiederholter Traum in den Sinn, wo sie 
direkt sah, wie der Vater bei der Mutter schlief. — „Und wo Sie wahrschein- 
lich im Anschluß daran den Wunsch empfanden, den Vater seiner Männlich- 
keit zu berauben und damit die Mutter zu begatten." — „Da haben Sie 
natürlich recht. Aber die Unmöglichkeit, so etwas zu tun, ist doch em- 
pörend. Ich bin böse, daß ich kein Mann bin, die ganze Homosexualität 
hilft doch nichts. Übrigens hatte ich diesen Traum jetzt nicht zum ersten 
Mal, sondern schon mehrmals, zuerst bereits mit sieben, acht Jahren. 
Und dann hatte ich beim Erwachen die Erinnerung an etwas Bekanntes, 
nur weiß ich nicht woran. An den reellen Verkehr der Eltern kann ich 
mich nicht erinnern." 

Statt dieser Erinnerung kam ein neuer Traum, der deutlich besagte, 
daß sie jenen Verkehr nicht nur belauscht, sondern anschließend daran 
auch den Wunsch genährt hatte, der Vater solle mit ihr ein gleiches tun. 
Ja noch mehr, in einem Traume derselben Nacht, der inhaltlich also zum 
ersten gehörte, bekam sie vom Vater sogar ein Kind, den jüngeren Bruder 
nämlich. Trotz all dieser Träume wollte sich noch immer keine klare 
Erinnerung an die Belauschung des elterlichen Verkehres einstellen. Da 
kam mir endlich ein Zufall zu Hufe, der jegüchen Widerstand zu Boden 
schlug. Eines Tages nämlich erschien sie ärgerlich und empört: die Nacht 
vorher hatte sie als erwachsenes 17 jähriges Mädchen Gelegenheit gehabt, 
den Verkehr der Eltern direkt zu beobachten. Natürlich war nicht mehr 
aufrecht zu erhalten, daß sie diesen niemals früher gesehen. Denn, betrugen 
sich die Eltern vor der Erwachsenen so unvorsichtig, um wie viel mehr 
dem Kinde gegenüber, das ja doch nichts versteht. 

Was ist aus diesem Fall zu lernen? Zunächst daß das Leben der 
gleichgeschlechtlich empfindenden Mädchen deutlich von zwei Grund- 
wünschen beherrscht wird: Vater haben und Vater sein. Zum anderen 
sodann, daß beim Vater sein der Kastration eine recht bedeutsame Rolle 
zukommt. Beides knüpft wieder an früheste Beobachtungen der elterlichen 
Umarmungen an. Wir wissen ja schon, jedes kleine Mädchen, das diese 
belauschte, hat zweierlei Wünsche. Vorerst an Stelle der Mutter zu sein 
und daß der Vater mit ihr ebenso tue wie mit dieser, dann aber später die 
Stelle des Vaters selbst einzunehmen und die Mutter zu lieben. Also 
wiederum Vater haben und Vater sein. Zum letzteren gehört bei dem Mangel 
eines eigenen Membrums noch der weitere Wunsch, sich das Glied des 
Vaters anzueignen, mit anderen Worten: diesen vorher zu kastrieren. 



18'1 

Einen solchen weggenommenen Vater-Penis gürten sich häufig Urninden 
um in Form eines künstlich gefertigten Phallus. In geeigneten Fällen 
kann sich sogar die Vorstellung, ja der Wahn ausbilden, den Penis des 
Vaters tatsächlich zu besitzen 1 ), was mählig hinüberführt zum paranoischen 
Wahn einer Geschlechtsverwandlung. 

Man sieht, wie der Urning von seiner Mutter nicht loskommt, so die 
Urninde nicht vom Vater. Eigentlich wird auch jener von zwei analogen 
Leitgedanken beherrscht, wie seine weiblichen Schicksalsgenossen, von 
Mutter haben und Mutter sein, während der Kastrations-Komplex seine 
Stelle findet im Widerwillen vor dem penislosen Genitale des Weibes. 
Weiterhin bleibt noch zu beachten, daß von den Perversen, welche diese 
Beziehungen am deutlichsten aufweisen, lückenlose Übergänge führen 
über die Neurotiker mit* ihrem steten gleichgeschlechtlichen Einschlag 
bis zu den sogenannten Gesunden, die jener Prinzipien und jenes Komplexes 
im Liebesleben gleichfalls nicht entbehren. 

Endlich finden wir bei der Urninde noch den nämlichen Identi- , 
fikations-Narzißmus wie bei dem Urning. Dieser nimmt, wie wir wissen, 
sein Liebesobjekt in sich auf und wird dafür die libidinöse Bindung an 
dieses los. Er war in der Kindheit ganz außerordentlich an die Mutter 
attachiert. Zur Zeit der Reife und nach wiederholter Enttäuschung zieht 
er diese Libido wieder zurück, und zwar in der Form, daß er sich mit der 
Mutter, dem Liebesobjekte, identifiziert. So Mutter geworden, geht er 
als solche zu neuen Objekt-Besetzungen über. Also Mutter haben und 
Mutter sein, in die Sprache der Libido -Theorie übersetzt. Denn das Mutter 
haben erreicht ja den Gipfel, wenn man sich jene einverleibt, völlig eins 
wird mit ihr, selbst zur Mutter sich wandelt. Ganz ähnlich ergeht es auch 
der Urninde, die Herz und Verlangen an den Vater gehängt hat. Wenn 
dann, gemeinhin nach der sexuellen Aufklärung zu Beginn der Reife, 
ihre heißen Wünsche von neuem aufflammen, um abermals keine Erfüllung 
' zu finden, zieht sie die Libido vom Vatef zurück, oder richtiger sie zieht den 
Vater in sich selbst hinein — wird selber Vater. Als solcher aber trifft sie 
die nämliche Objektwahl wie er, d. h. sie liebt fortab die Mutter oder 
irgendeinen Mutter-Ersatz. Ermöglicht wird diese Identifikation mit dem 
andersgeschlechtlichen Elternteil durch die in der Einbildung vollzogene" 
Entmannung ihres Vaters, dessen Glied sie sich beilegte. Das stärkere 
Hervortreten des Kastrations-Komplexes erklärt dann wieder die häufige 
Verbindung von Sadismus und weiblicher Homosexualität. 

Ich bin mir nur zu gut bewußt, vorstehend bloß den kleineren Teil 
des Urninden-Problems erörtert zu haben. Doch ein Schelm, der mehr 
gibt, als er besitzt. Urninden haben sich erst so spät überhaupt zur Psycho- 



') So zitiert MagnusHirschfeld den Brief einer Urninde: „Es ist merkwürdig, 
ich fühle meine weiblichen Geschlechtsteile nicht mehr als solche, sondern als mann- 
liche. Meine Illusion hat sich soweit darin entwickelt, daß ich mir künstlich einen 
solchen Geschlechtsteil machte und ihn stets trage. Und noch merkwürdiger, ich 
empfinde damit Lustgefühle und diese Tauschung wird von der Person, mit der ich 
geschlechtlich verkehre, nicht einmal bemerkt." („Die Homosexualität des Mannes 
und des Weibes", S. 289 f.) 



1S5 



-analyse gestellt, daß wir vorläufig nicht mehr mit Sicherheit auszusagen 
wissen. Alles andere wäre lediglich Vermutung, die nicht durch Kranken- 
geschichten zu stützen. 



VI. Zusammenfassung. 

Überblicken wir nunmehr das bislang Erkundete, so können wir 
sagen: wir haben bei der konträren Sexualempfindung ein Stück des 
Konstitutionellen durchschaut, ob auch bei weitem nicht das Ganze, wir 
kennen gewisse Hilfsumstände und endlich am besten den Mechanismus 
der Eixierung, wieso es in der Pubertät zur dauernden Festlegung der 
Perversion gekommen. 

Umreißen wir diese drei Punkte genauer. Allen Invertierten ist von 
Haus aus eigen: ein mächtiger Narzißmus und erhöhte sexuelle Schaulust, 
den meisten ferner Verstärkung der genitalen und Mund-Erotik bei 
Minderung der Muskel-Erotik, endlich dann noch einer wechselnden Zahl 
eine Hypertrophie der Anal- und Urethral-Erotik (Neigung zur Päderastie, 
Harn trinken usw.). Zum Konstitutionellen gehört wohl auch die Wirkung 
der Hormone, von denen mir besonders das feminin-juvenile Aussehen 
vieler Urninge abzuhängen scheint. Auch daß sich die genitale Libido so 
frühzeitig regt und dann stets wieder zum Begehren des anderen Ge- 
schlechtes führt, scheint mit ein Werk der Hormone zu sein. 

An das Konstitutionelle schließt sich unmittelbar an der Einfluß 
der Eltern auf den zur Inversion Bestimmten. In der Urgeschichte vieler 
Urninge spielt der Vater eine bedeutsame Rolle. Oft zeigt er in den ersten 
Lebensjahren seines Kindes diesem noch größere Zärtlichkeit als selbst 
die Mutter, ersetzt sie auch vielfach als Pflegerin, zumal beim An- und 
Ausziehen des Kleinen, und reizt diesen endlich nicht gar zu selten durch 
spielerisches Hingreifen ad genitalia. Wenn in späteren Jahren die homo- 
sexuelle Triebrichtung durchbricht, spielt der Urning die Rolle von Vater 
oder Mutter, während der Geliebte durch Schüchternheit, Zurückhaltung 
und Hilfsbedürftigkeit (letztere ersetzbar durch geringere soziale Stellung 
oder durch Unbildung) für die Rolle des Kindes berufen erscheint. Wieder- 
holt fand ich auch, daß die Väter Invertierter (zumal von „reinen", die. 
sich genital nur spärlich betätigten) geringe sexuelle Aktivität besaßen, 
z. B. keusch blieben bis zur Eheschließung und auch von der Gattin nur 
wenig verlangten. Sogar eine Unterentwicklung der Genitalien, gelegentlich 
selbst auf den Sohn vererbt, stieß mir schon auf oder wurde zumindest 
von diesem berichtet. 

Erfahrungsgemäß wird die Inversionsneigung durch den frühen 
Tod eines Elternteiles mächtig gefördert, wobei es keinen Unterschied 
macht, ob der Vater oder die Mutter stirbt. Notwendig erlangt der am 
Leben bleibende das Übergewicht. Ist's. die Mutter, so hängt der Sohn 
naturgemäß noch erhöht an ihr, was, wie wir aus dem Früheren wissen, 
psychische Vorbedingung für das gleichgeschlechtliche Empfinden ist. 
L beriebt der Vater, dann facht das die Neigung zu diesem an, was gleich- 



186 

falls wirkt im Sinne der Homosexualität 1 ). Überhaupt ist zu sagen: das 
Aufwachsen mit nur einem Geschlecht — also unter lauter Weibern oder 
lauter Männern — wobei der Vater nicht mitzurechnen — unterstützt die 
Entstehung der Inversion, desgleichen auch schon die bloß relative Schwäche 
des Vaters, wenn dieser z. B. ein haltloser Charakter, die Mutter aber 
energisch ist. Das Vorbild eines tatkräftigen Famiüenoberhauptes ist ein 
ausgezeichnetes Vorbeugungsmittel gegen die konträre Sexualempfindung. 
Ist ja der Sohn doch stets bestrebt, den Vater zu erreichen und, wenn 
irgend möglich, zu übertreffen. 

Der Einfluß der Mutter auf den Ausbruch gleichgeschlechtlicher 
Neigung rührt hauptsächlich daher, daß sie Erzieherin des Kindes ist. 
Hat sie sich etwa ein Töchterchen gewünscht statt des dann wirklich 
geborenen Sohnes, dann sucht sie nicht selten, mindestens für die eigene 
Person ihre Wunschillusionen festzuhalten, indem sie den Knaben wie 
ein Mädchen erzieht. Aus Liebe zur Mutter und um ihr Wohlgefallen zu 
erringen, gehabt sich dann dieser tatsächlich wie ein Mädchen. Umgekehrt 
wird die künftige Urninde dem heißgeliebten Vater zu Gefallen sich an 
Bubenspiele und -tätigkeit halten, wenn dieser sich einen Jungen ersehnt 
hatte. Ein weiterer Hilfsumstand ist ferner, daß die Mutter ihr Kind oft 
sogar vom Verkehr mit Spielgenossen abzuhalten bemüht ist aus unein- 
gestandenem Egoismus. Solcherart entfällt dann auch die Korrektur, 
welche jene sonst in wohltätiger Weise gegenseitig üben. 

Nun zum Mechanismus der Fixierung. Dieser liegen drei große Ent- 
täuschungen zugrunde, die jedoch nicht erst in der Reifezeit erfolgen, 
vielmehr bereits in der ersten Kindheit. Chronologisch geordnet sind sie 
1. für gewöhnlich die Entziehung der Mutter- oder Ammenbrust, 2. die 
Abweisung häufiger geschlechtlicher Angriffe auf die Mutter in der Zeit 
der ersten sexuellen Blüte zwischen drei und fünf Jahren, endlich 3. die 
Erkenntnis, daß die Mutter keinen Penis besitze, demnach kastriert sei. 
So verhängnisvoll sämtliche drei Enttäuschungen im Leben eines Urnings 
nachwirken, so hat es zu Anfang doch fast den Anschein, als gingen sie 
alle spurlos vorüber. Der in Zukunft zur Inversion Bestimmte hängt 
weiter an der Mutter, verliebt sich auch fürder kraft seiner verstärkten 
genitalen Libido in verschiedene Personen des anderen Geschlechtes, kurz 
es sieht zunächst gar nicht darnach aus, als würfe die Perversion ihre 
Schatten voraus. Diese scheint im Gegenteil völlig zu ruhen, höchstens, 
daß neben der Neigung zu Frauen auch etwas später solche zu Männern 
nachweisbar wird. Gerade die frühzeitige Verliebtheit aber in ältere Per- 
sonen des anderen Geschlechtes führt den Knaben leicht dazu, daß er 
deren Tätigkeit mit Eifer nachahmt und weibliche Handarbeiten sowie 
allerlei häusliche Geschäfte besorgt. Oft waren die Urninge hübsche 
Buben, die als solche von den Frauen arg verwöhnt wurden, während sich 
die Männer, mit Ausnahme des Vaters, nicht um sie kümmerten. Ist nun 
das Kind abnorm liebebedürftig, so nimmt es die dargebotene Neigung 
mit Heißhunger auf und vergilt sie mit gleichem. Und es wird trachten, 



a ) Die analogen Verhältnisse bei Urninden sind noch nicht durchforscht. 



187 



den geliebten Frauen in allem und jeden behilflich zu sein, um deren Zärt- 
lichkeit sich noch zu mehren. 

In der Zeit der Reife, frühestens in der Vorpubertät, beginnt dann 
endlich die zwangsmäßige Fixierung an das eigene Geschlecht. Vermutlich 
unter dem Einfluß der Geschlechtshormone entfalten jene sexuellen Teil 
triebe, die konstitutionelle Verstärkung zeigen, also Schautrieb und genitale 
Libido, erhöhte Tätigkeit. Wie bei sämtlichen Menschen werden da zu- 
nächst die allerersten Liebesobjekte wieder belebt, beim Urning die Mutter 
bei der Urninde der Vater. Beide erstreben vor allem zu schauen. Der 
Urning trachtet die Mutter etwa zu „überraschen", wenn sie Toilette 
macht die Wasche wechselt oder nackt in der Badewanne sitzt, die Urninde 
das Glied des Vaters zu sehen bei der Miktion oder gar beim Koitus. In 
anderen Fallen sucht ein Urning, was bei der Mutter nicht gelang, dann 
etwa bei der Schwester oder Muhme zu erblicken, indem er deren Genitalien 
einer genauen Inspektion unterwirft. Auch die Lust, sich beschauen zu 
lassen, tritt manchmal hervor, wenn z. B. ein Urning Harnbeschwerden 
vortauscht, damit die Mutter sich mit seinem Gliede beschäftigen müsse 
Kr halt es sozusagen für ihre Pflicht, ihn in das Geschlechtsleben ein- 
zuführen, am besten - was er freilich bewußt sich nicht eingesteht - an 
ihrem eigenen Leibe. In späteren Jahren drängt sich nicht selten der Ge- 
danke ihm auf, die Mutter hätte ihn vor der Inversion bewahren können 
so sie ihm geschlechtlich alles gewährte. In Wirklichkeit findet er bei 
seiner Mutter natürlich kein Entgegenkommen in diesem Punkte Ist sie 
doch in der Regel nicht einmal fähig, ihm die sexuelle Aufklärung zu geben 
die er so ersehnte. Hier setzen besonders gern die Vorwürfe ihres Sohnes" 
an die oft zur Entfremdung, gelegentlich sogar zu Haß und arger Feind- 
schaft fuhren. Er meint dann z. B., sie habe ihn sexuell ganz schlecht 
erzogen. Nie konnte er mit ihr wie mit anderen Müttern über Erotisches 
reden, vom Geschlechtlichen habe sie ein durchaus falsches Bild gegeben 
jeder außereheliche Verkehr erschien ihr als sündig. Ja, schon wenn sich 
, ein junger Mann einem Mädchen nur näherte und mit ihr scherzte fand 
sie es für Unrecht. Nie habe sie ihn gefördert, nie habe er Verständnis 
bei ihr gefunden 1 ). 

Wir sind hier bei einem wichtigen Punkt, der selten vermißt wird 
Nicht bloß daß die Mutter zur kritischen Zeit sich dem Sohne nicht hingibt 
sie trachtet ihn obendrein vom Verkehr mit jeglichem Frauenzimmer ab- 
zuhalten. Das führt nun schon bei normal Veranlagten häufig zur psychischen 

h*W«2 W n" h r Cbe f n ? et ! lom ° sexueIlen Triebrichtung noch mindestens Spuren 
heterosexuellen Empfindens bestehen, dann kann es passieren, daß ein solcher Urning 
SSL" D ™ C land . et ; » enn von dieser bekommt er sowohl die gewünschte sexuell! 
ersehnt % l eme Anleitung an ihrem Körper. Was er ja beides von der Mutter 
EroSh' be " chtet ." ner m «ner Urninge: „Mit Dirnen konnte ich jederzeit über 

Erotisches sprechen, ihnen alle geschlechtlichen Nöte klagen, und wenn ich an 
Depressionen htt. ging ich immer wieder hin. auch wenn ich gar nicht v"rkehren 
mochte. Mir genügte vollkommen, mit ihnen zureden und mich vor^ ihnen TrSeS 
zu lassen.- Von einer Dirne verlangte er auch geradezu, sie möge akdv sein Mem 

X P tsi;. ch bieTbt hren und die noch nötigen **«■■•* macheQ - ä 



188 

Impotenz, weil der Sohn darin zu erblicken vermeint, daß die Mutter ihn 
für sich selber aufspare. Beim Urning jedoch geht die Sache noch weiter. 
Wenn jene trotz all ihrer schönen Reden sich ihm dennoch versagt, oder 
in der kritischen Zeit erkrankt oder vollends gar stirbt und seine Wünsche 
so unerfüllbar werden, dann übernimmt er selbst ihre Rolle und verführt 
in dieser andere Jünglinge nach seinem Vorbild, wie Mutter ihn hätte 
verführen sollen. Im allgemeinen kann man etwa sagen: beim Urning 
sind die Erwartungen viel zu hoch gespannt, als daß sie noch Wirklichkeit 
werden können. Wenn in der Reifezeit dann ihn jene herbe Versagung 
trifft, kann es zu schweren Depressionen kommen, zu langandauernder 
Gemütsverstimmung und einem Gefühl der absoluten Hoffnungslosigkeit. 
Er vermag sein Objekt nicht mehr zu wählen, wie der normalgeschlechtlich 
Empfindende, der anfangs ja auch seine Mutter begehrt, bald aber sich 
abfindet, ein reiferes Weib nach ihrem Vorbild zu küren, wenn er nicht, 
wie in anderen Fällen, nach dem Typus der Schwester, einer Jugendfreundin 
oder eines dienstbaren Geistes wählt, die er in seiner Kindheit liebte. 
Nie wählt der Urning nach einem Muster, er bleibt vielmehr ganz aus- 
nahmslos beim Vorbild selbst, und müßte er dazu mit ihm eins werden. 
Er zieht die Libido von der einzig geliebten Mutter zurück in das eigene 
Ich und, nachdem er so selber Mutter geworden, kann er sich als solche in 
Jungen verlieben, die seine eigenen Züge tragen. Sein Leben beherrschen 
also wirklich die beiden Leitgedanken: Mutter haben und Mutter sein, 
wie bei der Uminde die gleichen Gedanken auf ihren Vater. Nachdem der 
Urning die Identifikation mit der Mutter vollzogen hat, ist er an sie zwangs- 
mäßig für alle Zukunft verlötet. 

Doch nicht an die Mutter der Gegenwart, die seine Empfindungen so 
schnöde zurückwies. Da wird ja sofort die Erinnerung wach an viel früher 
erlittene Abweisung, Kränkung und arge Enttäuschung. So, daß sie ihn 
schon zwischen drei und fünf Jahren wiederholt zurückstieß mit seinen 
sexuellen Anerbietungen, daß sie ihn einmal schlimm enttäuschte durch 
den Mangel eines Membrum virile und endlich gemeinhin als Ur-Ent- 
täuschung und Ur- Ablehnung : die Entziehung der Mutterbrust. All das 
erhebt im Zusammenwirken die banale Schädlichkeit der Pubertät, welche 
keinem Jüngling jemals erspart bleibt, der noch die Mutter sein eigen 
nennt, zur spezifischen Noxe. Man achte auch sehr, weil es geradezu ent- 
scheidend wirkt, auf das Quantitative. Weit öfter und früher als der 
normal Empfindende begehrt der Urning mit seiner so verstärkten genitalen 
und Schaulust Mutter und Weib und wird weit häufiger zurückgestoßen 
und enttäuscht 1 ). Als typische Reaktion erfolgt dann endlich die Rückkehr 



>) Stets scheint der Inversionsfixierung ein besonders heißes Aufflackern des 
normalen Liebeslebens unmittelbar vorauszugehen, und zwar zumindest bei der 
Mutter. Doch auch das kommt vor, daß dem Umschlag in das gleichgeschlecht- 
liche Empfinden unmittelbar eine richtige Liebesgeschichte vorausgeht, etwa 
mit einem gleichaltrigen Schulmädchen. Wenn diese naturgemäß zu keinem 
richtigen Abschluß führt, die Liebenden getrennt werden und später dann noch 
die Enttäuschungen bei der Mutter ! hinzutreten, kann es zu einer besonders 
schweren Fixierung kommen. 






189 

i 

ins Infantile, und zwar in die Zeit, da die Mutter ihn noch wirklich liebte 
und gar nichts versagte, zwischen ihnen nicht einmal der Vater stand und 
sie tatsächlich noch ein Membrum besaß in Gestalt der Brustwarze. Ich 
meine die Zeit, da er als Säugling an der Mutterbrust lag und seine Welt 
überhaupt nur bevölkert von, Mutter und Kind war. 

Zur zwangsmäßigen Fixierung der Homosexualität ist also nötig 
■eine oder mehrere arge Enttäuschungen im Liebesleben der Pubertät, 
und zwar Enttäuschungen an der Mutter oder deren Vertreterin, die sämt- 
liche anderen ähnlichen Enttäuschungen aus früher Kindheit wiederum 
in Erinnerung rufen. So wird der Wunsch nach Rückkehr zum infantilen 
Glück ganz übermächtig und von dem betreffenden derart verwirklicht, 
daß er in eigener Person den Part der Mutter übernimmt und an ihrer 
Stelle sich selber liebt, wie sie ihn stets hätte lieben sollen. Damit aber sind 
wir beim spezifischen Kern des gleichgeschlechtlichen Empfindens. Von der 
Homosexualität kann man etwa sagen: sie ist die narzißtische Perversion 
xocc' sgoy/jv mit Rückkehr bis in das Säuglingsalter. Der Narzißmus ist 
das, was die entscheidende Färbung gibt, und es ist bezeichnend, daß jene 
Gilden, bei denen ein mächtig entwickelter Narzißmus gewissermaßen 
zum Berufe gehört, vor allem die Künstler, ganz regelmäßig auch eine 
starke homosexuelle Komponente besitzen. Da nun der Narzißmus sowohl 
den genitalen als den prägenitalen Sexualstufen zukommt, so fließen tat- 
sächlich auch der Inversion dann Quellen aus allen drei Perioden zu, wenn 
auch die wichtigsten, grundlegenden und ersten aus der Säuglingszeit. 

Von einem anderen Standpunkt aus läßt sich zum Mechanismus der 
Fixierung noch folgendes anführen. Bei den meisten Invertierten besteht 
von Haus aus eine Verstärkung der genitalen Libido, bei allen eine solche 
der Schaulust. Wenn in der Reife unter dem Einfluß der Hormone beide 
Teiltriebe zu neuem Tätigkeitsdrang erwachen, richten sie sich zunächst 
- auf die Eltern, beim Urning auf die Mutter, bei der Urninde auf den Vater. 
Zumal unter dem Einfluß der sexuellen Aufklärung führt dann die genitale 
Libido zu Koituswünschen auf den andersgeschlechtlichen Elternteil, die 
Schaulust ferner auf den Wunsch, dessen Genitalien nackt zu sehen. 
Beiderlei Verlangen erfährt naturgemäß schroffe Zurückweisung und jetzt 
«rfolgt die Reaktion: Das zu Schauende wird mit einem besonderen Ekel 
belegt, es kommt zum horror vaginae aut membri, unterstützt noch etwa 
durch die Lehren des Katechismus. Das sinnliche Verlangen jedoch wird 
auf das gleiche Geschlecht übertragen, teils in Wiederholung des Hin- und 
Herpendeins zwischen den Eltern in der Kindheit, teils nach dem Grundsatz : 
Mutter (Vater) haben und Mutter (Vater) sein, welch letzterer Übergang 
ermöglicht wird durch den von Haus aus verstärkten Narzißmus. 

Im Grund ist die Liebe junger Leute gleichen Geschlechtes zu ein- 
ander etwas Selbstverständliches. Es gibt nämlich eine physiologische 
Homosexualität der Pubertäts jähre, die regelmäßig anknüpft an die Ent- 
täuschung, die man beim andersgeschlechtlichen Elternteil erfuhr, den 
man sinnlich begehrte und der einen hätte einführen sollen in das Ge- 
schlechtsleben. Der Jüngling flüchtet dann vor dem Weibe, das ihn zurück- 
stieß, die Jungfrau vor dem Manne, und beide wenden sich dem eigenen 



190 



Geschlechte zu, gewöhnlich einem Kameraden, der sein alter ego ist. Daraus 
entsteht die physiologische Pubertätsliebe zum eigenen Geschlecht, nicht 
die Dauerfixierung der späteren Perversion. Freilich wird der normal Ver- 
anlagte früher oder später zum anderen Geschlechte wieder zurückfinden, 
weil die konstitutionellen wie akzidentellen Vorbedingungen der Perversion 
ihm mangeln. Aber jene natürliche Pubertätsinversion hat biologisch 
beträchtlichen Wert. Gibt sie doch die Möglichkeit, sich für Lebensdauer 
Freunde zu schaffen, heiße Liebe zu empfinden für die ganze Menschheit,, 
was die Grundlagen sozialen Empfindens abgibt, und endlich noch für y^ 

Kunst und Wissenschaft voll aufnahmsfähig und empfänglich zu bleiben. 
Wer sich bei dem anderen Geschlechte auslebt und da in der Regel noch im 
Übermaß, wird nichts kulturell Wertvolles leisten. Die physiologische 
Homosexualität wirkt am besten dem vorzeitigen und intensiven Verbrauch 
der genitalen Libido entgegen, der zur Sublimierung unfähig macht. Sie 
erlaubt eine Verlängerung des Studiums, der Zeit, welche man der Wissen- 
schaft und kulturellen Zwecken widmet. 

Interessant ist auch das geistig-homosexuelle Verhältnis zwischen 
älteren und jüngeren. Jener sucht diesem Vorbild und ein Lehrer zu 
sein, mit anderen Worten, Vater zu spielen, der jüngere hingegen sieht 
solcherart erfüllt, was er dereinst von seinem Vater tatsächlich ersehnte. 
Die besten Lehrer sind solche mit stark homosexuellem Einschlag, wobei 
natürlich nicht an homosexuelle Betätigung zu denken ist, sondern nur an 
eine derartige Einstellung. So wie der Lehrer mit aktiver, wenn auch un- 
bewußter Homosexualität der beste, wohlwollendste, förderndste ist, so 
der mit verdrängter Inversion der strenge, grausame, gefürchtete Lehrer. 
Man kann auch sagen : Der gute Lehrer hat regelmäßig eine starke homo- 
sexuelle Ader, der strenge eine sadistische. Zu beachten ist ferner, daß bei 
der Übertragung auf den Lehrer neben der Liebe zu ihm auch die negative 
Seite zu ihrem Rechte kommt, wie Spott, Hohn usw. Das ist ein stetes 
Bedürfnis der Schüler und der Lehrer muß lernen, seine Ruhe nicht zu 
verlieren, auch wenn er selber einmal zur Zielscheibe ihres Spottes wird. 
Seine Selbstbeherrschung in diesem Punkte werden ihm jene später durch, 
doppelte Liebe lohnen. 



Im nächsten Abschnitt gebe ich als einziges Beispiel für die Inversion 
die Krankengeschichte eines stark verweiblichten, degenerierten Strich- 
jungen, die wohl in solcher Art noch nicht geboten ward. Psychoanalysen 
von Homosexuellen wurden schon mehrfach von mir und anderen publiziert.. 
Doch betrafen sie fast ausnahmslos ausgesprochene Mannlinge, also Urninge, 
die sich als Männer fühlten. Hier aber geht es um einen typischen Weibling, 
der schwer entartet und eine männliche Dirne war. Wenn man auch im 
allgemeinen Prostituierten beiderlei Geschlechtes mit Recht sehr wenig" 
Glauben schenkt, so konnte ich mich doch in diesem Falle von der Ver- 
läßlichkeit der Angaben meines Analysanden mehrfach überzeugen. Ich 
habe aus jenem Zweifel heraus und weil ich voraussah, der Urning würde 






191 

nicht lange ausharren, etwas getan, was sonst nicht zur Psychoanalyse 
gehört, nämlich Vater und Tante des Perversen wiederholt eingehend und 
einzeln verhört. Ferner hatte ich als Sachverständiger bei Gericht auch 
Kenntnis von den Strafakten und immer wurden die vorher berichteten 
Angaben des Beschuldigten mir vollauf bestätigt. Auch machte er keines- 
wegs den Eindruck der Unehrlichkeit, er gab sich im Gegenteil weitaus 
offener und unbefangener als andere Homosexuelle. 

VII. Fragment der Psychoanalyse eines Strichjungen. 

Vor Jahren konsultierte mich ein damals lOjähriger Urning wegen 
Schlaflosigkeit und gewisser Paraesthesien am Kopf, welch beide Symp- 
tome er auf sein starkes homosexuelles Verlangen zurückführte. Nach 
jedem gleichgeschlechtlichen Akte sei es, als würde ein scharfkantiger 
Eisenreif oberhalb der Augenhöhlen um seinen Kopf gezogen und der 
obere Teil der Schädeldecke abgehoben. Gelinge es ihm, am Abend einen 
Jungen zum , .Verkehr" zu bekommen, dann schlafe er wenigstens bis gegen 
Morgen. Finde er jedoch ein paar Tage niemand, so werde er schlaflos, 
obwohl er zum Ersätze täglich zwei- bis dreimal masturbiere. Seit einem 
Jahre schlafe er meist nur bis gegen 11 oder %12 Uhr nachts, dann schrecke 
er auf, zwar ohne Traum, doch mit dem Gefühl, es geschehe ihm etwas, 
nur wisse er nicht was *) . Jedenfalls habe er Angstgefühle. Er liege dann 
bis gegen 5 Uhr wach, und wenn er um diese Zeit auch vor Ermüdung 
einschlafe, so müsse er leider um sechs Uhr wieder auf, sich zum Gange 
ins Geschäft zu rüsten. Morgens sei er auch immer gereizterer Stimmung 
als untertags und käme es im Geschäft zu Konflikten, dann sicher bis 
neun Uhr früh nach schlaflosen Nächten. Wenn er schlaflos daliege, habe 
er auch den Stirnreif „zum Wahnsinnigwerden". Tagsüber käme ihm das 
minder zum Bewußtsein. Besonders arg sei die Schlaflosigkeit seit vierzehn 
Tagen infolge unfreiwilliger Abstinenz. Vorher habe er in seiner Wohnung 
mit einem Geliebten täglich mehrmals gegenseitige Fellatio geübt. Als 
jener dann in seine Heimat abreiste, fand er keinen Ersatz und litt seitdem 
an Schlaflosigkeit und Angstzuständen. *- 

Sein Typ seien Jünglinge von 17 bis 20 Jahren, grobe, derbe, kräftige 
Leute, Cabskutscher etc. Zarte, geschminkte Jungen, die man um Geld 
haben könne, möge er nicht. ,,Ist der betreffende selber bei der Sache, 
ohne auf Geld zu spekulieren, dann nehme ich am liebsten sein Glied in 
den Mund und mache Minette, wobei ich fertig werde. Mit einem, der es 
nur um Geld tut, treibe ich wechselseitige Onanie, doch bin ich nicht so 
dabei. Oft sehe ich am Donaukanal junge Burschen mit ihren • Mädels. 
spazieren gehen und bin dann durch ihren Anblick allein befriedigt. Wann 
sie baden und schwimmen gehen, ist es eine Passion für mich, sie zu be- 
trachten, weil die Leute so braun, abgebrannt und kräftig sind. Ein breiter 
Stiernacken ist nichts für mich, aber wenn so ein junger Mensch schöne, 
proportionierte Formen hat, wenn sich gewissermaßen in der Entwicklung 

') Das war, wie sich später ergab, Kastrations-Angst. 



/ 



192 






der Muskulatur sein Beruf ausprägt, das interessiert mich." Wie man sieht, 
gehen seine sexuellen Wünsche teils auf das membrum virile geliebter 
Personen, teils auf das bloße Beschauen ihrer Formen. „Hingegen habe ich 
vor einem Weibe geradezu Abscheu. Es geht beim besten Willen nicht. 
Wenn ich Frauenzimmer sehe oder sie Andeutungen machen, daß sie 
verkehren wollen, wird mir direkt übel. Als meine Schwester, die in mich 
verliebt ist, mir dies neulich gestand, bekam ich förmlich Brechreiz." über 



seine 

Familie 



macht er folgende Angaben, die sich durch Erkundigungen bei Tante und 
Vater bestätigen und ergänzen ließen: _ 

Der Vater ist ein gutmütiger, aber sehr leicht erregbarer Mensch 
und manchmal nervös bis zur Bewußtlosigkeit, so daß er überhaupt nicht 
mehr weiß, was er sagt und macht. Wie er mir selbst erzählte, hatte er 
nie Interesse für Mädels gehabt; bis zum 17., 18. Jahre habe er onaniert, 
dann völlig abstinent gelebt, bis er die Mutter kennen lernte." Und die 
Tante ergänzt von ihrem Bruder: „Er hat bis zum 26. Jahre kein Mädel 
angesehen. Da haben die Eltern seiner jetzigen Frau ihm Gelegenheit 
gegeben, zumal diese schon als Mädchen häßlich, unliebenswürdig, un- 
leidlich und darum gar nicht anzubringen war. Dann haben sie ihn gepackt. 
Trotzdem die Frau heute noch die gleichen schlechten Eigenschaften 
^besitzt und ihn durch ihre hysterischen Anfälle ökonomisch ganz herunter- 
brachte, übte sie doch immer großen Einfluß auf ihn aus. Da mein Bruder 
außer mit Frau und Tochter gar keinen Verkehr hatte, kam er geistig 
immer mehr herunter." Interessant ist, daß eine mächtige Sexualver- 
drängung auch bei dieser Tante, der Schwester des Vaters, stattgefunden 
hat. Zwischen sechs und acht Jahren, dann aber auch später mit 15, 16 
befiel sie vor einer schwangeren Frau „ein förmliches Grausen" und sie 
hätte um alles in der Welt nichts von ihr gegessen. „Mit 19 Jahren", 
erzählte sie mir, „war ich noch so naiv, daß meine Brüder mich auslachten." 
Sie ist auch unvermählt geblieben. 

In der mütterlichen Familie unseres Patienten litt der Groß- 
vater nach Angabe der Tante an häufigen „Nervenanfällen" und war 
Potator, die Schwester der Mutter starb in der Irrenanstalt an einer nicht 
näher bekannten Psychose. Von der Mutter selber berichtet unser Kranker: 
„Sie bekam öfter epilepsieartige Krämpfe von viertel- bis halbstündiger 
Dauer mit Bewußtlosigkeit, Zuckungen in Armen und Beinen und Ver- 
zerrung des Gesichtes. Hinterdrein hat sie von nichts mehr gewußt. Wieder 
Arzt behauptet, soll sie auch Pupillenstarre gezeigt haben." Als sie mit 
dem Sohne schwanger ging, hatte sie nach Aussage der Tante „furchtbare 
Anfälle. Dabei hat sie sich hingeworfen, gesungen und geweint gab aber 
prompt Antwort, wenn man sie fragte. Nach der Entbindung hat sie ge- 
weint und geschrien, weil sie ihren Bauch verloren habe, sie war geradezu 
desperat darüber. Immer hat sie gerufen: Jetzt gefaUe ich mir gar nicht 
mehr, letzt gefalle ich mir gar nicht mehr!' Als im Vorjahr nach einem 
Blutsturz im Wechsel ihr Bauch wieder stärker zu werden begann, war sie 



k 



193 

ungemein zufrieden damit. Sie gefällt sich jetzt wieder und hört es gerne, 
wenn ich sie necke: ,Mir scheint, da kommt noch etwas!'" Am inter- 
essantesten ist endlich die Erzählung des Mannes: „Schon als Mädel war 
sie aufs Beobachtungszimmer gekommen wegen eines allerdings nicht ganz 
ernst gemeinten Selbstmordversuches, den sie um eines Burschen willen 
begangen. Acht Tage nach der Hochzeit hatte sie Gesichts- und Gehörs- 
halluzinationen. Sie sah Gestalten auf dem Sofa sitzen und hörte Stimmen, 
die sie aufforderten, die Pendeluhr herunterzunehmen u. dgl. Auch hatte 
sie Anfälle von Starrsucht, in denen sie ganz blau wurde. Die Gehörs- 
halluzinationen haben aufgehört, dafür wurde sie ungeheuer nervös. In 
den ersten zwei Jahren der Ehe war es am ärgsten. Da war sie wütend, 
weil es ihr nicht so gut ging wie zu Hause. Zwei-, dreimal täglich hat der 
Spezialarzt wegen ihrer Zustände kommen, ich habe ebenso oft mein 
Geschäft zusperren und zu ihr eilen müssen. Dadurch und weil mich ihre 
Behandlung in jeaen zwei Jahren sicher 4000 — 5000 fl. kostete, ging ich 
finanziell zugrunde. Später haben ihre Anfälle nachgelassen. Seit min- 
destens drei Jahren sträubt sie sich gegen den ehelichen Verkehr, und wenn 
ich mein Recht durchsetzen will, stößt sie mich weg, ja, es kam vor, daß 
sie mich durch den Rock durch so heftig in den Arm biß, daß ich tagelang 
blaue Flecken hatte. Sie hat auch einen eigentümlich starren, steifen Blick 
und nahm trotz eines glänzenden Gedächtnisses gar keinen Anteil an meinem 
Geschäft. Ich bin jetzt auch dadurch so herunten, daß sie sich nichts 
einteilen, nicht wirtschaften kann. Wieviel ich auch verdiene, es ist immer 
zu wenig, trotzdem man in unserem Nest Geld eigentlich kaum ver- 
hauen kann." 

Die Schwester unseres Urnings, fast vier Jahre jünger als er, 
scheint nach seinen Angaben, die mit denen des Vaters und der Tante 
übereinstimmen, schwachsinnig zu sein. „Sie ist in allem so zurück. Sie 
macht- eventuell auch Handarbeiten wie ich, aber ohne Schwung, es ist 
nicht das Richtige. Sie hat dazu ebensowenig Talent wie zum Kochen und 
zur Hauswirtschaft. Dann entbehrt sie auch jeder Grazie. Sie ist grob- 
knochig und stärker als ich und, obwohl sie um einen halben Kopf kleiner 
ist, macht sie entschieden den Eindruck eines Mannes; sie geht auch mit 
großen, männlichen Schritten, nur die Hüften sind weiblich. Ihr Benehmen 
ist direkt das einer Bäuerin, auch entbehrt sie aller Weiblichkeit. Seit 
zwei, drei Monaten himmelt sie übrigens einen Burschen an, der obendrein 
Epileptiker ist." Die Tante ergänzt noch: „Sie ist immer furchtbar schwer 
von Begriffen gewesen, im Lernen und in allem." 

Interessant ist auch 

der Lebenslauf 

des Kranken. Wie die Tante erzählt, habe die Mutter ihn schon als Säug- 
ling schlecht behandelt. „Sie hat sich nämlich eingebildet, er darf nicht mehr 
als eine Windel im Tag verbrauchen. Zu Hause mochte sie nämlich nicht 
waschen, sondern hat die Windeln zum Wäscher gegeben, der ihr angeblich 
nicht mehr waschen wollte. Wenn wir kamen, trafen wir den Kleinen 

Sadger, Geschlechtsverimingen. .o 






194 

oft in der Nässe schwimmen. Er war infolgedessen am ganzen Körper 
aufgebissen undi als wir ihn das erste Mal übernahmen, hatte er fünf, sechs 
tiefe Löcher am Rücken. Sie hat ihn auch oft schon als Säugling geschlagen. 
Einmal, da er fünf, sechs Monate zählte, war ich selbst dabei." Und ihr 
Bruder, der Vater des Kranken, bestätigt alles: „Einmal hat er als Säug- 
ling an so starker Verstopfung gelitten, daß die Hebamme geholt werden 
mußte. Natürlich hat er fürchterlich geschrieen. Da ist seine Mutter hin- 
gegangen und hat ihn fest durchgehauen (am Gesäß). Um ehrlich zu sein, 
die Liebe einer Mutter hat er nie kennen gelernt. Die ganze Heiraterei Jb- 

war ein Unglück!" 

„Mit 15 Monaten", fährt die Tante fort, „übernahmen wir ihn zum 
ersten Male, als die Schwägerin mit einem Mädel niederkam, das schon 
nach wenigen Monaten starb. Doch haben wir meinen Neffen damals nur 
sechs Wochen draußen gehabt. Als ich ihn dann seiner Mutter zurück- 
brachte, klammerte er sich krampfhaft an mich an und wollte durchaus 
nicht zu ihr. Tagelang hat er nach seiner Großmutter (väterlicherseits) 
und mir geweint, so daß ich absichtlich 14 Tage nicht hinging, damit er 
sich abgewöhnen kann. Bei seinen Eltern blieb er noch etwa zehn Monate, 
dann hat ihn der mütterliche Großvater wieder zu mir und meinen Eltern 
gebracht, weil ihn seine eigene Mutter gar nicht betreute. Noch nie habe 
ich ein Kind gesehen, das so gar nicht gepflegt war. Nicht einmal lachen 
hat er können, sondern höchstens ein bißchen grinsen. Ein halbes Jahr 
später war er bei uns wieder normal geworden, hat gejauchzt und geschrieen 
wie ein anderes Kind. Er litt auch an Rhachitis. Mit vier, fünf Jahren 
sagte der Doktor von ihm, er sei ein sehr nervöses Kind. Er war bei Nacht 
unruhig, schlug um sich, fiel auch aus seinem Bett heraus, schlief aber bei 
alledem weiter. Mit sechs Jahren begann er bei Nacht zu nässen, ganz 
kurze Zeit, doch gewöhnte er sich das auf Schläge wiederum ab." 

Fügen wir hier die Bemerkungen seines Vaters ein: „Unter uns ge- 
sagt: die Tante hat viel Schuld, daß er sich so entwickelt hat. Vor lauter 
Liebe hat sie ihn so verzogen, daß ihm dann gar nichts mehr gut genug 
war. Das meinte auch die Hausfrau meiner Schwester. Sie hat ihm in 
allem nachgegeben, auch im Essen und ihn mit Näschereien gefüttert. 
Noch heute, wenn ich ihm einen Gulden gebe, läuft er zum Konditor und 
verfrißt ihn. 1 ) Wenn er dann am Sonntag zu seinen Eltern kam, war ihm 
kein Essen gut genug. Auch die Großeltern (väterlicherseits) haben ihn 
unendlich gern gehabt. Der Großvater z. B., der doch schon ein hoher 
Sechziger war, hat sich mit ihm auf dem Teppich gespielt und das Hunderl 
gemacht. Der Junge war halt ungeheuer verzogen und verdalkt, die 
Riesenliebe, die er gehabt hat, auch von den Großeltern! Was er wollte, 
hat er haben können! Ich glaube, das Leben bei Onkel, Tante und 
den Großeltern trug viel dazu bei, daß er so geworden. Mein Bruder hatte 
eine sehr einträgliche Stellung, die ihm obendrein nicht viel Arbeit gab, 
und eine große Wohnung von sechs schön eingerichteten Zimmern. Das 



l ) Das war lange vor dem Weltkrieg, da die Bäckereien durchschnittlich nicht 
mehr als 5 Kreuzer kosteten. 



i 



195 

wird den Jungen auf den Gedanken gebracht haben: der Onkel plagt sich 
nicht und hat es doch so schön, da brauche ich auch nicht zu arbeiten.-' 
Zum besseren Verständnis füge ich bei, daß Onkel und Tante mit ihren 
Eltern (also den Großeltern des Kranken) zusammenlebten. Nach dem 
Tode der Großeltern führte die Tante dem Onkel die Wirtschaft weiter,. 
Nur die ersten zwei Klassen besuchte unser Urning die öffentliche, 
allgemeine Volksschule. Er lernte sehr leicht, galt als sehr begabt, zugleich 
aber auch als lernfaul. Von acht bis elf Jahren wurde er im Internat einer 
katholischen Schule untergebracht, dann gab ihn der Onkel in ein Wiener 
Gymnasium. „Nach drei, vier Monaten aber blieb ich dort weg," erzählte 
der Kranke, „weil ich nicht nachkam und das Studium mir nicht zusagte. 
Ich ging einfach nicht mehr hin, ich wollte nicht mehr. Dann besuchte ich 
noch die zweite Bürgerschulklasse in Wien, worauf mich der Onkel ins 
Waisenhaus brachte." 

Endlich wurde er Kommis, beziehungsweise zunächst Praktikant. 
„In der Lehrzeit", vermeldet mir die Tante, „war er sehr anständig, erst 
in den letzten zwei Monaten begann der Umschwung. Sein Lehrherr wollte 
es gar nicht glauben, weil nie eine Klage gegen ihn gewesen war. Zu Hause 
begann er störrisch und unhöflich gegen, mich zu werden, was er bis dahin 
nie gewesen war. Ich sah, das geht nicht so weiter, und sagte ihm, er solle 
schauen, daß er weiterkomme, und da kam er eines Tages gar nicht mehr." 
„Ich ging", setzte der Patient fort, „vom Geschäfte selber weg, weil ich 
mit einem 26jährigen Manne ein Verhältnis angeknüpft hatte, das ich 
freilich nach zwei Monaten abbrach. Dann war ich drei, vier Wochen 
vazierend und lebte von meinen Freunden. Unterdessen hatte Tante dem 
Vater geschrieben, in welcher Gesellschaft ich mich herumtreibe. Der 
Vater kam herein, machte mir einen Skandal und führte mich zum Polizei- 
bezirksarzt. Dieser schickte mich aufs Beobachtungszimmer, wo ich zwei 
Monate blieb. Nach meiner Entlassung kehrte ich in das Geschäft zurück, 
ging jedoch nach zwei Wochen wieder weg, weil es mir nicht mehr paßte 
und ich die ewigen Fragen, wo ich denn gewesen sei, bald satt bekam. 
Dann hat man mich im Prater aufgegriffen, als ich mich aus Not von einem 
bosnischen Soldaten päderastieren ließ. Der Soldat entkam, ich aber 
wurde gefaßt und bekam zwei Monate, die ich sogleich absaß. Hierauf 
wurde ich über Antrag meines Vaters der Korrektionsanstalt übergeben, 
in welcher ich zwei Jahre zubrachte. Dann erhielt ich durch Vermittlung 
des Onkels eine Stelle in einem großen Warenhause, wo ich vier Monate 
aushielt." Hier lasse ich wieder der Tante das Wort: „Wenn es über ihn 
kommt, wird er direkt arbeitsscheu. Anderseits, wenn er normal und in 
Stimmung ist, arbeitet er wie ein Pferd, da ist ihm nichts zu schwer. Als 
es ihn im Warenhaus packte, verschwand er plötzlich mitten im Winter 
und wir hörten nichts mehr von ihm, bis wir schließlich Nachricht aus. 
einem steirischen Wallfahrtsort bekamen, wohin- er zu Fuß gewandert war. 
Er hatte sich auf den Gehöften herumgetrieben, Wäsche geflickt, Aus- 
besserungen vorgenommen und sich dadurch den Lebensunterhalt verdient. 
In dem steirischen Orte selber machte er Handarbeiten für die Kirche.' 1 
„Als dann dort nichts mehr zu tun war," fährt der Kranke fort, „ging ich 

13* 



196 



wieder nach Wien zurück und suchte um eine Pflegerstelle in einem Spital 
an, wo ich aber nur sechs Wochen blieb, da man von meiner Abstrafung 
erfuhr. Auch in einem anderen Spitale blieb ich nur zwei Wochen, dann 
vazierte ich zwei Monate, worauf ich nacheinander Hausdiener in der Villa 
eines Kaufmannes und einer Handelsschule wurde." Zum Schlüsse kam 
er auf seinen jetzigen Posten, den er nach Angabe der Tante zu Beginn der 
Analyse seit vier, fünf Monaten ordentlich ausfüllt. Sein Vagabunden - 
leben wird erst voll verständlich, wenn man auf 



die Entwicklung seines Sexuallebens im allgemeinen 

eingeht. Dies schildert er in großen Zügen so: Der erste homosexuelle Zug, 
an den ich mich erinnern kann, fällt in mein fünftes Jahr. Damals lebte ich 
noch auf dem Lande bei meinem Onkel. Mit dem gleichaltrigen Enkel 
des Hausherrn spielte ich Doktor und da onanierten wir uns gegenseitig, 
woran ich schon damals Vergnügen empfand. Im katholischen Internat 
trieben alle Jungen wechselseitige Masturbation und ebenso später im 
Waisenhaus. Während meiner Lehrzeit kam ich im Abendkurs des Gremiums 
mit Burschen aus der Handelsschule und anderen gleichaltrigen Jungen 
zusammen. Unter ihnen war ein außerordentlich schöner Bursch und ich 
wußte nicht, wie soll ich seine ganze Schönheit in mich aufnehmen. Da 
stieg mir von selbst der Gedanke auf, sein Glied in den Mund zu nehmen, 
was ich auch ausführte. Damals war ich das erste Mal in meinem Leben 
vollauf befriedigt. Hieran schloß sich die Geschichte mit dem 26 jährigen. 
Der sprach mich im Rathauspark an, ich solle mit ihm ins Kaffeehaus 
gehen. Dort sagte er mir, er wolle einen Freund, mit dem er gehe, ohne 
Geldrücksichten, und da tat ich es. Es war eine Zeit, wo ich nicht genug 
kriegen konnte, da nahm ich jeden, Alte und Junge. Nachdem er mir den 
Antrag stellte, ging ich zu ihm in die Wohnung schlafen und war mittags 
und abends mit ihm. Schließlich aber wurde er mir langweilig, da er nicht 
mein Fall war, und als er mir auch nicht soviel gab, als ich verlangte, verließ 
ich ihn. In solchen Fällen, wo ich nicht verhebt bin, verlange ich nämlich 
außer dem Lebensunterhalt noch ein Taschengeld. Nachdem er mir aber 
das letztere nicht geben wollte, sondern stets behauptete, ich müsse in 
ihn verliebt sein, ging ich weg. Nun stand ich mittel- und erwerbslos da. 
Weil ich jedoch sehr viele Leute kannte, die ,so so' sind, ging ich zu ihnen 
hin und sagte: ,Mir geht es schlecht, gebt mir Geld!' Ohne Gegenleistung 
schenkt aber einem niemand etwas, da mußte ich mich hingeben. In der 
Regel habe ich mit drei bis fünf Leuten im Tage verkehrt, wo ich mich 
brauchen ließ. Erst seitdem ich im großen Warenhaus bin, zahle ich auch 
selber Burschen, die mir zuwillen sind, und spare mir dazu direkt das Geld 

vom Munde ab." 

. Zu seinem Vagabundentum gibt er noch die folgende Aufklärung: 
„Seitdem ich das erste Mal, noch in der Lehre, vom Onkel weggezogen war, 
habe ich xmal die Wohnung gewechselt, weil ich es nirgends lange aushielt. 
Es wird mir überall langweilig sowie mich auch jeder Posten langweilt, 
wenn ich eine Zeitlang dort war. Sobald ich einmal alle Sachen kenne, 



197 



wird er mir widerlich; ich bekomme direkt körperlichen Ekel und muß 
anderswohin, neue Aufregung suchen, ich brauche immer neue Aufregung." 
Und noch klarer ein andermal: „Von jedem Posten, den ich hatte, mußte 
ich bald weg, entweder weil man Wind bekam von meiner Perversion, 
oder weil ich es selber nimmermehr aushielt. Ich muß Abwechslung haben, 
da hält mich nichts. Und wenn ich sofort am nächsten Tage anderswo 
zugreife, so geschieht es mit frischen Kräften, schon um des Reizes der 
Neuheit willen. Ich brauche von Zeit zu Zeit Abwechslung und Aufregung, 
Aufregung wegen irgend etwas, z. B. wie wird der neue Posten oder die neue 
Wohnung sein ? Da rege ich mich immer auf und, je toller es zugeht, desto 
lieber ist es mir. Die Aufregung kommt, wie ich eine bestehende Sachlage 
ändere. Deswegen habe ich auch lauter kurze Zeugnisse. Ich fange hundert - 
zwanzig Sachen an und mache keine fertig, ich möchte alles machen, alles, 
alles, und weil ich das nicht kann, mache ich gar nichts. Nur in dem Ge- 
schäft, wo ich Praktikant war, hielt ich um des Onkels willen, der mit dem 
Besitzer sehr befreundet war, 2% Jahre aus". Ist uns dies Nirgendswo- 
aushaltenkönnen und der beständige Wechsel der Arbeit als Assoziations- 
widerwille des Schwerbelasteten wohl bekannt 1 ), so weist uns anderseits 
das Verlangen nach stets neuer „Aufregung" auf die Vita sexualis des 
Patienten hin, die immer wieder neue Reize verlangt. 

Überblicken wir den vorhin geschilderten Entwicklungsgang der 
letzteren, so scheint die Neigung für das andere Geschlecht da durchaus 
zu fehlen. Es ist, als hätten wir einen Urning vor uns, bei dem die invertierte 
Triebrichtung ab ovo bestand, der stets und ausschließlich nur für Jungens 
empfand. Der Kranke weiß sich absolut an keinen Fall zu erinnern, daß 
er je für das Weib eine Neigung oder gar Liebe verspürt habe. Das scheint 
nun der Regel völlig zu widersprechen, daß hinter den homosexuellen 
Objekten sich immer Geliebte des anderen Geschlechtes nachweisen lassen, 
deren Eigenschaften auf jene des eigenen übertragen werden. Doch als 
die Analyse etwas tiefer schürfte, konnte ich schon am fünften Tage auf- 
decken, daß dem Kranken bereits zwischen ein und sechs Jahren die Liebe 
zum Weibe nicht fremd gewesen, ob er sie auch gänzlich vergessen hatte, 
und daß diese Liebe bis zum heutigen Tage in einer Reihe von Zügen 
nachwirkt. 

Das bezog sich nun freilich nicht auf die Mutter, die sich schon am 
Säugling so versündigt hatte. In späteren Jahren ließ sie Zeiten, in welchen 
sie ihre Kinder direkt haßte und die Tochter beispielsweise mit der Hunds- 
peitsche traktierte, abwechseln mit anderen, in denen sie von Freundlich- 
keit förmlich troff, allerdings nach den Worten unseres Patienten „mit 
einem Beigeschmack von furchtbarer Süßlichkeit". An Stelle der Mutter 
hegten den Knaben zwei andere Frauen, welche er nachweisbar innigst 
liebte: Großmutter und Tante väterlicherseits. Er zahlte damit nur zurück, 
was er von beiden in überreichem Maße empfangen hatte. Muß er doch 
bekennen: „Vater erzählte mir erst kürzlich, als ich ein kleines Kind war, 

') Vergl. hiezu meine Studie „Belastung und Entartung". Leipzig 1910. 
Ed. Demme. 



198 

sei die Tante derart in mich verliebt gewesen, daß sie nicht wußte, was sie 
aus lauter Liebe zu mir machen sollte und ebenso die Großmutter. Diese 
hätte mich fast aufgefressen vor lauter Liebe und hat mir in allem nach- 
gegeben. Für sie und Tante sei ich der Mittelpunkt des Interesses gewesen." 

„Großmutter starb, ajs ich acht Jahre zählte. Merkwürdig ist, daß 
ich mich so gar nicht an sie erinnere, nur daß sie eine liebe, gute, elegant 
gekleidete, schlanke Frau war. Auch heute gefällt mir an einer Frau nur, 
wenn sie elegant angezogen ist und eine schlanke Figur besitzt, was offenbar 
beides auf die Großmutter zurückgeht. Übrigens müssen auch die 
jungen Leute, welche mir gefallen sollen, eine schlanke 
Figur haben. Ja, an noch etwas erinnere ich mich. Am liebsten war mir 
die Großmutter im braunen Kaschmirkleid, was sie solange trug, als ich 
zurückdenken kann, z. B. wenn sie in die Kirche ging und mich an der 
Hand führte. In anderen Kleidern gefiel sie mir lange nicht so gut und nun 
ist es merkwürdig, all meine schönen Anzüge habe ich in Braun, nie habe 
ich eine andere Farbe gewählt und werde sie auch nie wählen, obwohl ich 
deshalb schon viel ausgelacht wurde. Ich glaube, ich könnte solche Anzüge 
in hundert Nuancen tragen, nie würde es mir zuviel. Übrigens hat auch 
Tante in meiner Kindheit lange Zeit ein solches Kleid getragen." , .Wieso 
kommt es nur", fährt er dann fort, ,,daß mich jetzt das Bild der Großmutter 
in unserem Zimmer so völlig kalt läßt. Nur die Augen des Bildes berühren 
mich eigen und erzeugen ein unbestimmtes sentimentales Gefühl. Sie 
sehen nämlich auf dem Bilde furchtbar tief aus, als würden sie mich durch 
und durch blicken, nicht ernst und streng, sondern gütig:" — Hier, warf 
ich die Frage ein: „Suchen Sie vielleicht solche Augen auch bei Ihren ge- 
liebten Jungen P 1 )" — „Ich suche meist dunkle Augen, die intensiv blicken 
können. Je länger mir ein Junge in die Augen schauen kann, desto lieber 
ist es mir. Da verschwimmt dann sein ganzes Gesicht, alles wird für mich 
Auge und ich sehe nur dieses." — „Hat Sie Ihre Großmutter auch so ange- 
sehen?" — „Ja, fragend hat sie mich oft angesehen, ihren Blick habe ich 
heute noch im Gedächtnis und so intensiv war er trotz ihrer 76 Jahre. 
Die Erinnerung an die Großmutter wirkt heute noch nach. Wenn mir auf 
der Stralie einer direkt in die Augen sieht, gehe ich ihm nach, ob er schön 
ist oder nicht, öfter habe ich schon ältere Damen auf der Straße für meine 
Großmutter gehalten. Gelegentlich ging ich auf solche sogar mit dem 
freudigen Ruf zu: .Großmutter!' Ich denke auch verhältnismäßig oft an 
sie und merkwürdig ist es, sie hält mich nicht von meinen homosexuellen 
Wünschen ab, sondern sagt in meinen Phantasien immer: ,Tu, was du 
willst, du hast recht!' So nachgiebig war sie auch in Wirklichkeit." 

Seine Liebe zur Tante verrät sich wieder in der Wahl seines Spitz- 
namens. „Die jungen Urninge geben einander Mädchennamen und ich 
erhielt den Namen ,Mimi', worüber ich mich sehr glücklich fühlte. Nun 
ist Mimi der Name meiner Tante. Ich glaube sogar, ich sagte einmal direkt : 
,Mimi ist hübsch!' Daher datiert es auch, daß sie mich fortab Mimi 



') Daß trotz seines Widerspruches meine Vermutung richtig war, erwies sich 
bei der späteren Verliebtheit in den Hans. 



199 

riefen." Es gibt wohl keinen bessern Beweis für seine Zuneigung zu der 
Tante, als daß er jener Person, die er am liebsten hatte, d. h. sich selbst, 
ihren Namen beilegte. Die Tante sagt von ihm: „Er hängt nur an seinem 
Vater und mir. Zärtlich war er eigentlich nie besonders, aber was immer 
gewesen war, stets kam er wieder zu mir zurück." Und dann ein andermal: 
,,Er hat überhaupt niemand, der ihm näher steht, als ich. Mit Vater, 
Mutter und Schwester war er eigentlich immer grob, während er mit mir 
stets artig war, bis auf das eine Mal gegen Ende der Lehrzeit, als er das 
erstemal durchging. Damals wurde er frech. Sonst aber war er im Verkehr 
mit mir stets besonders artig und höflich und benahm sich immer wie ein 
kleiner Kavalier. Er sagte mir z. B. stets: .Das kleidet Dich gut oder 
schlecht!* oder, wenn ich mich einmal schön angezogen hatte: .Schau. 
Tante, so solltest du immer gehen, so gefällst du mir!"' Endlich will ich 
noch erwähnen, daß seine Tante ihn allzeit sehr bemutterte. Bezeichnender- 
weise übte er später die nämliche Bemutterung bei seinen geliebten Jungen. 

Er hatte noch gewisse sexuelle Beziehungen zu einer um zwei Jahre 
älteren Cousine. „Als ich acht, neun Jahre zählte, kam sie für drei Wochen 
zu uns aufs Land. Damals ging ich mit ihr in eine Laube von wildem Wein, 
zeigte ihr mein Glied, urinierte vor ihr und habe sie dabei unabsichtlich 
naß gemacht 1 ). Vier Jahre später, als ich in die zweite Bürgerschulklasse 
ging, war ich bei fremden Leuten in Kost und Quartier Bei diesen fand ich 
nun Bücher über Entbindung und Geschlechtskrankheiten und da riß ich 
die betreffenden Blätter heraus und brachte sie meiner Cousine, die leb- 
haftes Interesse dafür bezeugte." „Hat sie Sie beauftragt, ihr solche 
Bilder zu bringen?" - „Das erstemal brachte ich es ihr aus freien Stücken. 
Auf der Abbildung war das Glied des Mannes in allen möglichen Variationen 
zu sehen. Da ihr das anscheinend sehr gut gefiel, sagte sie mir, ich solle ihr 
öfter solche Bilder bringen."* 

Als wir soweit gekommen waren, schrieb er ins Tagebuch: „Immer 
reden wir Urninge, daß wir das Weib nicht wollen; das kann doch nicht 
wahr sein! Denn unbewußt suchen wir stets im Partner ein früher geliebtes 
Weib." Und später, als er seine Erfahrungen mit Urningen sammelte: 
,, Komisch ist, wir wollen keine Frau und können es doch nicht lassen. Je 
weibischer einer ist, desto lieber ist er uns, aber er muß nicht gekünstelt 
weibisch sein,- sondern von Natur aus." 

In der Krankengeschichte vieler Urninge hören wir von einer 

sehr frühzeitigen femininen Einstellung, 

die mit als Beweis gilt für das Angeborensein der Perversion. Hiezu weiß 
der Kranke folgendes zu sagen: „Schon als ganz kleines Kind zeigte ich 
eine besondere Lust zu weiblichen Handarbeiten, während meine Schwester 
sich mehr mit Pferden und Ziegen beschäftigte und mit Buben verkehrte, 



« ') Ich habe in meiner Studie „Über Urcthralerotik" (Jahrbuch für psycho- 

analytische und psychopathologische Forschungen, II. Bd.) ausgeführt, daß solches 
Anpissen geliebter Personen einen Sexualakt darstellt. 



200 



Im Kindergarten habeich mit Vorliebe Handarbeiten gemacht und zu Hause 
der Großmutter beim Strümpfestopfen, Sticken, Ausnähen und allem 
Möglichen geholfen. Das setzte ich auch in der Volks- und Bürgerschule 
und eigentlich bis auf den heutigen Tag fort und habe mir mit Heim- 
arbeiten, Nähen, Sticken usw. manches Stück Geld verdient." Als ich ihn 
fragte, ob vielleicht jemand ihn dazu angehalten habe, meinte er: „Nein! 
Ich sah, wie es die Leute machen und fand Geschmack daran, sicher schon 
mit vier, fünf Jahren. Mit sechs, sieben Jahren habe ich ferner mit größtem 
Vergnügen gebügelt, so daß der Onkel noch sagte, ich sei ein verpatztes 
Mädchen, das sei eine Schande. All diese Dinge gefielen mir besser als die 
Bubenspiele. An diesen beteiligte ich mich überhaupt nie, so gern ich auch 
die Jungen hatte. Pferderl-, Fußballspiel usw. sagten mir nichts. Hingegen 
weiß ich, daß ich mich bis zur ersten Bürgerschulklasse mit einer alten Holz- 
puppe spielte, die man bei einem Krowoten gekauft hatte. Ich war wahn- 
sinnig in sie verliebt, obwohl sie keine Farbe und kein Gesicht mehr hatte. 
Selbst nachdem ich schon nicht mehr mit ihr spielte, dachte ich perioden- 
weise immer wieder an sie bis zum heutigen Tage. Oft und oft, alle drei, 
vier Monate kommt mir der Gedanke an jene Puppe." Auch die Tante be- 
stätigt, daß er schon in der Kindheit gern Mädelsachen trieb und nur mit 
Puppen spielte. 

Er habe sich auch gern einen Zopf aufgesteckt und sei schon im 
Kindergarten den ganzen Tag so herumgelaufen. Der Vater ergänzt noch, 
sein Sohn habe schon im Alter von höchstens drei Jahren sich einen Zopf 
der Mutter oder Großmutter aufgesteckt, mit dem er durch den ganzen Ort 
gelaufen, so daß ihn die Leute den „Narrischen" hießen. Auch den Kittel 
der Schwester zog er immer wieder an. Diese Vorliebe für Frauenkleidung 
zeigt er noch heute. Er kommt zur Analyse stets in Blusen, die durch einen 
Gürtel zusammengehalten werden und sieht da mit seinen langen, schlichten 
Haaren, dem absolut bartlosen, blassen Gesicht, das er gern noch pudert, 
einem Mädchen zum Verwechseln ähnlich, was ihm auch die Kollegen im 
Geschäfte öfter sagten. „An Samstagen und Sonntagen", erzählte er 
einmal, „wenn ich mehr Freiheit habe, ziehe ich statt der Socken Strümpfe 
an, violette, rote, blaue etc. Zu Ende meiner Lehrzeit, als ich mit soviel 
Männern verkehrte, habe ich mich auch furchtbar geschminkt mit Poudre 
und Rouge, so daß mir die Leute auf der Straße nachliefen. Ich würde 
auch sehr gern in Frauenkleidung gehen, aber nur in Schleppkleidern. 
Je länger die Schleppe ist, desto hübscher. Ich habe Interesse für die Frauen, 
aber nur für deren Kleidung, und korrigiere auch die Tante, wie sie sich 
alles machen soll lassen. 1 ) Gelegentlich habe ich mir auch ein großes Tuch 
als Schleppe genommen und ging sogar so auf die Straße, in einem Wetter- 
kragen, damit man nicht erkennt, ich sei ein Mann, und einem Spitzentuch 
herum, so daß ich wirklich wie eine Frau aussah. Ich verstehe mich auch 



l ) Die Tante sagt von ihm: „In Damenkleidung hat er einen außergewöhnlich 
guten Geschmack und interessiert sich für jede Einzelheit der Damentoilette viel mehr* 
als ich. Mit einem Blick hat er alles weg: Schuhe, Strümpfe, Schnallen, ob der Stoff 
fein ist und das Kleid gut sitzt." 



201 

so zu halten wie ein Weib und trug eine Zeitlang Mieder, die ich der Tante 
aus ihrem Kasten stibitzt hatte, zu ihrem großen Ärger. Ferner weiß ich 
sehr gut die Brust heraus und den Hintern zurückzudrücken, so daß ich 
wirklich einem Mädel gleichsehe. Dann lasse ich die Haare hängen und 
mache Bewegungen wie eine Soubrette. Im Viertelprofil habe ich wirklich 
ein Mädelgesicht, da gefalle ich mir selber sehr gut." 

Und jetzt kam spontan eine wichtige Erklärung, die seinen Narzißmus 
schlagend dartat": „leb gefalle mir selbst immer am besten und, wenn ich 
einen Jungen fände, der so wäre wie ich, wünschte ich überhaupt nichts 
mehr. Ich war von jeher in mich verliebt und bin es noch 
heute, weniger als Egoist, als weil ich mir körperlich sehr gut gefalle. 
Ich bilde mir z. B. ein, ich sei sehr hübsch, obwohl es die Leute bestreiten, 
und wenn ich mich anziehe und mir im Spiegel zulächle, bin ich ganz 
glücklich und gefalle mir ausgezeichnet. Ich will auch immer Aufsehen 
machen, im Mittelpunkt des Interesses stehen und wäre es auch nur für 
zwei, drei Tage und durch eine Marotte. Mein Bestreben war von jeher, 
nicht so zu sein, wie die anderen, immer extravagant oder mindestens 
eigen. Ich will etwas Eigenes haben, was nicht alle besitzen. Wenn ich 
könnte, würde ich mir einen Jungen modeln nach eigenem Geschmacke, 
aber nur für mich, der müßte für mich allein empfinden und nur mit mir 
gehen." Wie man sieht, -hat unser Patient, wie jeder Urning, den mächtigen 
Narzißmus mit dem Weibe gemein. 

Seine Perversion führte aber auch dazu, daß er eine Reihe typisch 
weiblicher Eigenschaften entwickelte, natürlich auf Grund einer besonderen 
organischen Disposition. „Wenn ich z. B. darauf ausging", erzählte 
Patient, „daß ein Alter mit mir gehe, war ich stets furchtbar weibisch im 
Gehen, kokett mit den Augen und eine Zeitlang habe ich mich zum Ent- 
setzen der Tante auch furchtbar geschminkt. Wenn ich in richtiger Laune 
bin, wandelt sich sogar mein Organ in eine Weiberstimme um. Da sprudle 
ich förmlich, werde übermütig und lustig und da geht jeder mit, ob er will 
oder nicht. Auch im Geschäft benehme ich mich überaus weibisch in 
Sprache und Gesten. Es erschien mir selbst schon oft als Rätsel, daß wir 
Urninge keine Weiber sein wollen und uns doch furchtbar weibisch geben." 

„Schon als Kind hatte ich, wenn auch minder wie jetzt, das heiße 
Verlangen, einen Mann zu heiraten und mit ihm zu wirtschaften. Ich könnte 
dann zu Hause bleiben, ihm die Wohnung instand halten, seine Kleider 
und Wäsche flicken und für ihn kochen. Abends hätte man dann gleich 
etwas Warmes, einen warmen Körper im Bett und brauchte ihn nicht 
erst auf der Gasse zu suchen." — „Bei wem sahen Sie als Kind, daß er die 
Wirtschaft so in Ordnung hielt?" — „Bei der Tante, die ihrem Bruder, 
dem Onkel, das Haus führte. Ich weiß ganz bestimmt, daß mir dies immer 
besonders gefiel." Da hatte ihn also das Verlangen geleitet, die Rolle seiner 
Tante zu spielen. Doch die Sache geht noch tiefer, was erst . den Wunsch 
nach gemeinsamem Schlafen mit einem Jungen erklärt. Zunächst erinnert 
er sich noch selber, daß er als Kind mit dem alten Großvater gern ein 
„Brautspiel" aufführte. Er hatte nämlich einmal in der Kirche einer 
Trauung beigewohnt und die vielen geputzten Leute, der lange Braut- 



202 



schleier, die Kranzeljungfern, hatten ihm großen Eindruck gemacht.. 
Beim Brautspiel nahm er sich nun „irgend einen Fetzen als Brautschleier" 
und mimte bezeichnenderweise die Braut, während der Großvater „zum 
Gaudium der anderen als Bräutigam mitgehen mußte". Es liegt auf der 
Hand, daß unser Urning sich hier mit der geliebten Großmutter identifiziert. 
Doch erklärt dies noch immer nicht den Wunsch nach gemeinsamem 
Schlafen. Ich vermute, was freilich bei der Kürze der Behandlung nicht 
anfzudecken war, wohl aber gut stimmt zu sonstigen psychoanalytischen 
Erfahrungen, daß jener Wunsch auf unbewußt gewordene Erinnerungen 
zurückgeht aus dem Ende seines ersten und Anfang des zweiten Lebens- 
jahres. Als er damals im Zimmer der Eltern schlief, muß er oft Zeuge 
ihrer ehelichen Intimitäten gewesen sein, die er jetzt bei geliebten Jungen 
in der Rolle der Mutter nachahmen möchte. Deren Rolle liegt ihm nach 
beiden Richtungen, als Gattin wie als Mutter. Er schrieb nämlich einmal 
in Tagebuchnotizen über sein Ideal, am liebsten wollte er einem geliebten 
Jungen die Hauswirtschaft führen, nur wisse er nicht, ob als Frau oder 
Mutter. Und mündlich ergänzt er: „Das ist auch ein ewiger Zwiespalt 
in mir. Frau möchte ich ihm sein zum sexuellen Verkehr, doch anderseits 
auch Mutter, die ihn zusammenhält im Leben und ihn stets auf den rich- 
tigen Weg weist. Also Frau und Mutter in einer Person. Und endlich, 
was aber stets im Hintergrund bleibt, möchte ich noch, daß er mein eigenes 
Kind wäre, ich also seine wirkliche Mutter. Das letztere jedoch ist nur 
schattenhaft und undeutlich. Hingegen hatte ich oft den Wunsch, wenn 
ich einmal verheiratet wäre, was ich ja eigentlich gar nicht will, und wenn, 
ich dann in der Ehe einen Jungen bekäme, ihn mir zum Homosexuellen 
zu erziehen, weil ich ihn selber brauchte. Ich würde ihn selber lutschen 
(er meint die Fellatio) und schon, da er noch Kind ist, mit seinem Penis 
spielen." Die Mutterphantasien begannen schon zur Zeit, da er mit dem 
Großvater das Brautspiel trieb, ja vielleicht noch früher. Schon damals 
hätte er gern kennen gelernt, was das denn eigentlich für ein Gefühl sei, 
wenn man ein Kind in sich herumtrage. Anderseits wieder reizten ihn die 
Gefühle der Frucht. „Schon als Kind habe ich immer nachgedacht, wie 
das sein muß, wenn eines neun Monate eingesperrt ist und lebt und keine 
Luft dabei kriegt. Das Kind muß doch irgend ein Empfinden haben." 
Gehen wir nunmehr auf seinen 

Uranismus 



ein. Bereits im Anfang dieser Studie führte ich einiges über seinen „Typ" 
an. Später ergänzte der Kranke noch: „Schon als Kind verlangte ich immer 
nach etwa Gleichaltrigen, zog aber stets die Kräftigeren vor, die stärker 
und hübscher waren als ich. Ferner mag ich nur Grobknochige, keine 
Dicken. Ausgesprochen Fette widern mich an. Auch Behaarung auf der 
Brust sagt mir nicht zu. Unbehaarte sind mir lieber. Am liebsten waren 
mir immer Weißblonde, die sind für mich ein Leckerbissen, den ich jedem 
anderen vorziehe, nur sind just die besonders schwer zu kriegen. Meist 
findet man sie nur unter Arbeitern, wenn man sie überhaupt bekommt. 



203 

nie unter Studenten. Meinen Geliebten wünsche ich mir auch furchtbar 
geil, er soll nie genug kriegen. Dann soll er auch ein sympathisches Gesicht 
haben, über alles sprechen können, nicht bloß über das Sexuelle, und sich 
auch zu benehmen wissen, ein bißchen Schliff haben. Mir ist es auch ent- 
schieden lieber, wenn er selbst ganz dabei ist, obwohl es unter uns sehr 
viele gibt, die keinen .warmen Jungen' haben wollen, sondern viel lieber 
einen .Franken', d. h. einen Burschen, der mit Frauen verkehrt, schon 
darum, weil ein .Warmer' meist viel zu ausgepumpt ist. Im Notfalle nehme 
ich auch mit älteren Männern vorlieb, nur dürfen sie nicht so alt aussehen, 
als sie sind. Er kann sogar 60 Jahre alt sein, aber er muß, sagen wir aus- 
sehen wie ein Dreißiger. Und vor allem muß sein Glied kräftig sein, daß 
man sich nicht plagen muß, es in die Höhe zu bringen." 

Um zu begreifen, wieso er zu seinen Idealen kam, müssen wir seine 
homosexuellen Liebschaften Revue passieren lassen. Da hätten wir zunächst 
von den Erwachsenen seiner Kindheit Großvater und Onkel väterlicher- 
seits zu nennen, sowie einen Vetter, der Oberleutnant war und welchen er 
öfter fellieren durfte. Der Onkel imponierte ihm außerordentlich, so daß 
er mit großer Liebe an ihm hing, wenn auch anderseits freilich mit einer 
gewissen Furcht. Interessant ist, daß er von diesem letzteren eine Kastra- 
tionsdrohimg besonders in Erinnerung behielt. ,,Ich hatte nämlich einmal 
auf Blumen uriniert und da drohte er mir mit dem Wegschneiden des 
Gliedes. Wochenlang grübelte ich nach: Wie kann er das machen, da kann 
ich ja*nicht urinieren? Ich glaube, ich fragte ihn sogar, wie er das machen 
wolle." — ..Hatten Sie Angst davor?" - „Nein, im Gegenteil. Ich verband 
damit die Vorstellung, daß wieder etwas Neues käme, also eher etwas 
Angenehmes. Nur weiß ich nicht, wäre mir die Handlung als solche an- 
genehm gewesen, oder weil es von der Hand des Onkels geschehen wäre. 
Ich hatte wohl besonders den Wunsch, ein Mann solle mein Glied in die 
Hand nehmen, denn von der Tante, die es beim Waschen öfter in die Hand 
nahm, berührte es mich gar nicht. Es war mir sogar unangenehm, während 
ich es vom Manne gewünscht hätte." 1 ) Endlich spielen noch zwei Erwach- 
sene, die er seit seinem vierten Lebensjahr kannte, eine große Rolle in seinem 
Liebesleben: der 50 jährige Solm seines damaligen Hausherrn und dieser 
selber. „In beide war ich unstreitig verliebt, doch vielleicht noch mehr in 
den Alten, der ein feudales Aussehen hatte. Er war kurz angebunden und 
konnte auch kotzengrob werden. Gerade das aber zog mich so an. Sein 
Sohn ging immer in Röhrenstiefeln, was mir ausnehmend gut gefiel. Grob- 
knochige Menschen haben gerade dadurch, daß sie so kräftig sind, einen 
eigenen Gang, keinen so leichten, elastischen, sondern einen schweren, 
wenn auch keinen schwerfälligen. Das war nun bei dem Sohn des Hausherrn 
der Fall. Er war auch grobknochig und trug obendrein die Röhrenstiefel. 
Was mich an diesen so anzog, die langen Röhren oder sonst was. weiß ich 
nicht anzugeben, nur daß es mir immer großartig gefiel. Sie paßten auch sehr 
gut zu seiner Figur." 



*) Man sieht hier deutlich den Beginn der passiven Kastrations-Lust, wenn 
auch falsch erklärt. 



204 



Von Knaben, die besonders auf ihn wirkten, sind anzuführen der 
schon mehrfach zitierte erste Hausherrnenkel, mit welchem er das Doktor- 
spiel trieb, dann ein anderer kleiner, zweijähriger Enkel des ob genannten 
feudalen Hausherrn, doch von einer Tochter desselben. In diesen Enkel 
sei er verliebt gewesen und habe mit dessen schönen, flachsblonden Locken 
gerne gespielt. Ferner will er mit seinem eigenen, etwa um ein halbes Jahr 
jüngeren, blonden Vetter schon in der Kindheit viel Sexuelles getrieben 
und dies dann auch später stets fortgesetzt haben, sooft dieser nach Wien 
kam. Mit noch nicht sechs Jahren lief er einem etwa gleichaltrigen Jungen 
überallhin nach, um dessen Glied zu erschauen, worauf ich in anderem 
Zusammenhange noch zurückkommen werde. Endlich war er in seiner 
Kindheit noch in einen gewissen Maxi verliebt. „Ein paar Mal habe ich 
ihn zum Angreifen und Spielen bekommen. Er war armer Leute Kind, 
und da es uns damals noch besser ging, hat er sich noch etwas darauf 
eingebildet, daß er mit mir gehen durfte. Ich brachte ihm auch alles 
mögliche mit, wofür er sich dann von mir unten angreifen ließ. Auch habe 
ich sein Glied in den Mund genommen unter dem Vorwand: ,Ich koste, 
ich koste!' Nur wußte ich damals noch nicht, daß Samen aus dem Gliede 
kommen könne." 

Als er, der mit soviel Jungen sexuell verkehrt hatte, später einen Rück- 
blick auf seine Liebschaften warf, kam er zur Erkenntnis: „Es sind eigentlich 
furchtbar Wenige, die ich länger und nachhaltig wirklich geliebt habe." 
Trotz allen Nachdenkens kann er nicht mehr als etwa sechs Jungen nam- 
haft machen. Dann aber kam eine wichtige Erkenntnis: „Diese Jungen 
haben sämtlich den gleichen Gesichtstypus. Sie sehen alle mir ähn- 
lich. Und jetzt suche ich ein Ideal und kann es nicht finden." Hier hatte 
der Kranke also selbständig gefunden, was ich in einer Reihe von Fällen 
nachwies, daß der Weg zur Homosexualität über den Narzißmus führt, 
die Verliebtheit in sich selbst und daß einer der allerwichtigsten Grund- 
typen der urnischen Objektwahl das eigene Ich ist. 

Wie dieser nie fehlende Urtypus nun auch in unserem Falle Ver- 
stärkung findet durch andere Liebesobjekte der Kindheit, die ihn über- 
determinieren oder aber ergänzen, läßt sich mit aller Deutlichkeit verfolgen. 
Zu seiner Vorliebe für weißblonde Jungen, die ihm ein besonderer Lecker- 
bissen seien, stellt sich z. B. im Laufe der Psychoanalyse heraus, daß er 
selber in der Kindheit ganz flachsblond gewesen und daß er „entsetzliche 
Manöver" aufgeführt habe, als ihm seine Locken abgeschnitten wurden. 1 ) 
Doch ähnliche flachsblonde Locken trugen auch geliebte Jungen, wie der 
zweijährige Enkel seines Hausherrn und sein eigener um ein halbes Jahr 
jüngerer Vetter. Die Erinnerung an seine Verliebtheit in beide spielt heute 
ganz erheblich mit, wenn er just solche Köpfe am heißesten sucht. Die 
unbehaarte Brust und die schlanke Gestalt, desgleichen der Wunsch, sein 
Partner möge ein „Warmer" sein und vom Sexuellen nie genug bekommen, 
dann aber auch sich benehmen und über alles reden können, ist unverkenn- 






l ) Damals bestand also noch Kastrations- Angst, die Entmannungs-Lust ist 

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späteren Datums. 



205 

bar und vielleicht ausschließlich von seinem eigenen Ich genommen. Hin- 
gegen weist Sie Möglichkeit, daß auch ein Älterer ihn reizen kann, die Vor- 
liebe für kräftige, grobknochige Leute auf den 50jährigen Hausherrnsohn 
hin, der es ihm in seiner Kindheit so angetan hatte, und zum anderen Teil 
auf seine so männliche Schwester. 

Was seine homosexuelle Betätigung betrifft, so zielt dieselbe, ab- 
gesehen von der sexuellen Schaulust, vornehmlich auf zweierlei: wechsel- 
seitige Masturbation und vor allem die Fellatio, welche er aktiv am 
Phallus des Geliebten übt. Seine erste mutuelle Onanie will er, wie wir 
schon oben vernahmen, als Fünfjähriger mit dem Hausherrnenkel beim 
Doktorspiel getrieben haben. Zu voller Blüte aber kam sie erst im 
katholischen Internat, das er zwischen acht bis elf Jahren besuchte: „Dort 
spielten wir in allen Kästen Versteckens, zum Schlüsse jedoch suchten wir 
stets wieder bloß nach dem Gliede. Noch ärger war es dann im Waisen- 
haus. In allen Instituten, wohin man mich brachte, herrschte unter den 
Jungen furchtbare Onanie. Die wird einem dort erst gelehrt, wenn man 
•sie nicht mitbringt." -- „Waren Sie vielleicht selber häufig der Anführer?" 
- „Möglich. Mindestens habe ich den Verkehr gesucht." — „Waren Sie 
vielleicht sogar Rädelsführer?" - „Häufig, aber nicht immer! Man hat 
mich öfter als solchen bezeichnet, doch kann ich sagen, ich war nicht der 
ärgste. Besonders glücklich war ich, wenn einer von der höheren Klasse 
mich zu wechselseitiger Onanie aufforderte, auch wenn er nur zwei Jahre 
älter war als ich." Später aber muß er direkt zugeben, all seine Lehrer und 
Erzieher hätten von ihm behauptet, er sei der Verführer. Auch jetzt noch 
zeige er gern den Jungen die Masturbation. Als ich ihn fragte, ob er vielleicht, 
selbst dazu verführt worden sei, erklärte er: „Solange ich zurückdenke' 
suchte ich immer die anderen zu diesem Zwecke auf. Auch wenn ich not- 
gedrungen allein onanierte, stellte ich mir immer vor, es sei nicht mein 
Glied, das ich bearbeite, sondern das eines zweiten." Schließlich aber 
stellte sich doch heraus, daß die erste „Verführung" die Reizung seiner 
Genitalien durch Großmutter und Tante bei der Kinderpflege gewesen war. 
Erst nachdem er jahrelang wechselseitige Masturbation getrieben, 
sei er auf seine jetzige Hauptleidenschaft gekommen, auf die Fellatio.' 
Wir hörten, er leitete sie vom Bestreben ab, die ganze Schönheit eines ge- 
liebten Jungen in sich aufzunehmen, was angeblich erst zu Ende seiner 
Lehrzeit, mit siebzehn Jahren etwa, erfolgt sein soll. Später jedoch er- 
innerte er sich, schon vom zehnten oder elften Jahre ab, wenn er solitäre 
Masturbation betrieb, dabei die Vorstellung gehabt zu haben, er bearbeite 
das Glied des anderen in seinem Munde. Und endlich stellte sich auch 
heraus, daß er noch vor der Volksschule das Glied des Maxi „zum Kosten" 
in den Mund genommen habe. Seit zweieinhalb Jahren sei es sein Haupt- 
genuß, bei der Fellatio auch das Sperma des Geliebten herunterzuschlucken. 
„Früher habe ich das nicht geschluckt, sondern nur so gemacht, erst um 
diese Zeit drängte sich mir der Gedanke auf, es wäre schade, wenn etwas 
verloren ginge. Wenn ich den Samen in den Mund kriege, bekomme ich 
auch sofort Erguß. Schon die Aufregung vor dem Austreten des Spermas, 
■das Zucken davor, ist der größte Reiz. Es ist nicht zu sagen, was man für 



206 

ein Gefühl hat, wenn es dem anderen kommt und man kriegt es in den 
Mund. Das ist einfach großartig ! Nichts befriedigt mich so. Dabei brauche 
ich nicht einmal selbst fertig zu werden. Ich habe dann für zwei bis vier 
Tage vollauf genug und darnach tritt sogar die volle körperliche Er- 
müdung ein, selbst wenn ich nicht entleert habe." Am bezeichnendsten 
für sein Empfinden ist vielleicht die folgende Tagebuchstelle: „Es geht 
nichts über das Saugen an einem Penis! Alle Wonnen, welche die Erde 
erzeugt und die Menschen auf ihr, sind nichts im Vergleich zu dem, was 
ich dabei empfinde. Als den schönsten Tod denke ich mir, wenn ich an dem 
zu weit hineingesteckten Gliede des Geliebten erstickte." 

„Habe ich ein Verhältnis mit einem geliebten Jungen, dann küssen 
wir uns auch auf französisch, d. h. wir stecken uns gegenseitig die Zunge 
in den Mund. Das treibe ich leidenschaftlich gern. Darum küsse ich einen 
Jungen auch gern vom Scheitel bis zu den Füßen, besonders natürlich am 
Glied. Das ist ein Küssen und Saugen. Es gibt keine Stelle an ihm, die 
ich nicht gern küßte." Ein andermal sagte er: .„Wenn ich den Samen 
schlucke und spüre, er geht hinten hinunter, das ist gut!" 

Hier wird durchsichtig auf die Quelle jener hohen Lust verwiesen, 
welche die Eellatio und das Ablecken bei dieser Sorte von Urningen erzeugt. 
Es ist die besondere Erogenität, die bei gewissen Menschen das Anfangs- 
stück des Verdauungstraktes zeigt," also Lippen und Zunge, Mund- und 
Rachenschleimhaut. Am meisten wird in unserem Falle diese Erogenität 
aber angeregt durch das membrum virile, das offenbar im Mittelpunkt der 
ganzen Sexualität des Kranken steht. Man kann geradezu behaupten: 
was vom Penis ausgeht, wirkt am stärksten aufreizend auf das Geschlechts- 
empfinden dieses Patienten. 

Wir haben z. B. vorhin vernommen, daß das Zucken des Gliedes vor 
der Ejakulation den größten Reiz auf ihn ausgeübt hat. „Ich führe sehr 
gern das Manöver auf, daß ich einem geliebten Jungen die Dirne zahle 
und beim Akte zuschaue. Doch interessiert mich dabei nur einzig der Mann, 
insbesondere das Zucken seines Gliedes, bevor er fertig wird. Ich fühle 
da förmlich mit, wie wohl ihm dabei ist." Und später ergänzt er: „Ich 
will sehen, wie es ist, wenn es dem Jungen kommt, und zu gleicher Zeit das 
Glied selbst. Und weiter in der höchsten Erregung vor dem Erguß, da 
will ich wieder sehen, wie dem Kitzler zumute ist und dem Penis des 
Burschen." 

Hier stehen wir neuerdings vor der sexuellen Schaulust des Kranken, 
von der wir zu Eingang bereits vernahmen, daß sie größtenteils auf das 
Membrum gerichtet ist, aber auch lediglich den äußeren Formen von 
Jünglingen gelten kann. Um beide Gelüste zu befriedigen, geht er häufig 
ins Volksbad, ja, wie er bekennt, nur aus diesem Grunde. „Wenn ich 
öfter Gelegenheit hatte, das Glied eines Jungen in den Mund zu nehmen, 
ohne ihn nackt zu sehen, dann setze ich alles daran, ihn entweder in meine 
Wohnung zu locken oder zu ihm zu kommen, damit ich ihn auch nackt 
sehe. Doch wird das Verlangen immer erst rege, nachdem ich ihn schori 
ein paar Mal gehabt habe. Wenn ich recht kräftige Leute, die mein 
Haupttypus sind, auf der Straße sehe, so werde ich fertig durch bloßes 



'207 

Anschauen. Ich kann vier- bis fünfmal zum Ergüsse kommen, wenn 
ich einen nur sehe und mir dabei vorstelle, ich hätte ihn in meinem 
Kabinett." 

Die Vorliebe für Fellario erklärt auch seinen merkwürdigen Kopf- 
schmerz, den „Eisenreif, welcher um seinen Kopf gezögen ist" und. der 
„zum Wahnsinnigwerden" ist, wenn Patient unbefriedigt und schlaflos 
daliegt. Es stellt das Ganze mit einer kleinen Verschiebung einfach am 
eigenen Körper dar, was er mit dem Jungen ausführen möchte. Wie er 
selber herausbringt, entspricht der Reifen um den Kopf dem Einschneiden 
mit den Zähnen, wenn er das Membrum des Geliebten im Munde hat. 
Vortrefflich stimmt auch die weitere Schilderung des Patienten: „So 
stark ist es bei mir, als ob es Wellen schlüge nach vorn, nach der Stir'ne. 
Das ist genau das nämliche Gefühl, als wenn bei Minette (er meint die 
Fellario) die Eichel an den Gaumen ankommt." Bezeichnenderweise 
quält ihn der starke Kopfschmerz erst, seitdem er notgedrungen enthaltsam 
lebt. Jener bildet den Ersatz für die fehlende Befriedigung durch Fellario. 
„Auch das ist merkwürdig, wenn der Kopfschmerz nachläßt, überfällt 
mich die gleiche Erschöpfung, wie wenn ich verkehrt habe." 

Nun endlich sein besonderes Interesse für den Phallus. Schon am 
zweiten Analysentage beginnt er: „Matrosen in ihrer geschlossenen Hose, 
die keinen Schlitz hat, regen mich oft fürchterlich auf; gerade weil man da 
mit den Fingern nicht hereinfahren kann, reizt es mich besonders, wie 
alles, was schwer zu erreichen ist. Auch wenn jemand eine enge Hose trägt, 
so daß die Form des Gliedes hervortritt, bringt mich dies zum Wahnsinn, 
viel mehr, als wenn ich es direkt sehe. Im ersteren Falle kann ich mir alle 
möglichen Vorstellungen machen, während, wenn ich den Penis frei schaue, 
die Tatsache jede Phantasie ausschließt. Bekomme ich ihn vollends in die 
Hand, so bin ich nicht mehr ich selbst, sondern nur für den Jungen da. 
jede Rücksicht auf mich und mein Interesse schwindet, da bin ich Tier 
und nicht mehr Mensch und habe bloß den einen Wunsch, dem Jungen volle 
Befriedigung zu gewähren, wie immer er will." Er kann von mir verlangen, 
was er mag!" 

.Diese homosexuelle Betätigung muß schon sehr früh eingesetzt 
haben. So erzählt Patient, was ich ja zum Teile bereits anführte, daß er 
mit fünf, sechs Jahren, noch auf dem Lande, nicht bloß mit dem Haus- 
herrenenkel das Doktorspiel trieb, indem sie einander wechselseitig mastur- 
bierten, sondern sie steckten sich auch kleine Steinchen in die Vorhaut, 
griffen einander an die Testes, inspizierten häufig die Schleimhaut des 
Anus und ähnliche Scherze. Dies Herumspielen und Nachschauen übte 
er später auch bei anderen, namentlich den größeren Burschen des Ortes, 
die er besonders um die Größe ihrer Glieder beneidete. Wenn sich nach der 
Volksschule die Jungen balgten, griffen sie einander mit Vorliebe an die 
Geschlechtsorgane. Unser Patient erinnert sich genau, daß ihm dies sehr 
wohl tat, ebenso die Prügel, die regelmäßig dabei abfielen. 'Aus der Gegen- 
wart endlich vermeldet er von seiner Schaulust : „Wenn ich jetzt im Museum 
d\irch Säle gehe, wo Rüstungen ausgestellt sind, regt mich dies immer 
furchtbar auf. Besonders die Rüstungen, von denen ich annehme, daß sie 



208 



Jungen von 19, 20 Jahren trugen, und da vor allem die Vorstellung, wie 
die Gliedpartie des Harnisches ausgesehen haben mag, als sie jener anhatte. 
Ich kann durch solche Säle nicht hindurchgehen, ohne wenigstens zweimal 
Erektionen zu bekommen. Ich sehe da förmlich, wie der Penis aussieht 

und was er macht." 

Die Libido unseres Urnings beschäftigt also vornehmlich zweierlei: 
der Anblick des Phallus, später erweitert und übertragen auf den Anblick 
der äußeren Formen von Männern und dann die direkte Betätigung am 
Membrum, Hingreifen, Masturbation und die Fellatio. Sowohl für die 
Schaulust als die Masturbation ergibt sich, je weiter die Analyse fort- 
schreitet, desto mehr und früher beweisend Material. So erzählt Patient 
aus seiner ersten Volksschulzeit, also sechs bis acht Jahren: „In dem 
kleinen Neste, wo ich damals wohnte, gibt es keine öffentlichen Bedürfnis- 
anstalten. Da hockten sich die Jungen oft auf der Straße hin, um ihre 
großen Geschäfte zu verrichten, und ich schaute immer sehr gerne hin, 
nicht wegen des Stuhles, sondern weil mich das hängende Glied interessierte 
Ja, ich suchte direkt die Gegenden auf, wo die Burschen hinkamen, ihre 
Bedürfnisse zu verrichten." Später brachte ihm ein Traum ins Gedächtnis, 
daß er im Alter von noch nicht sechs Jahren einem gleichaltrigen Jungen, 
den er sehr gerne hatte, überallhin nachlief, ins Bad und anderswohin,-.wo 
immer er hoffen durfte, sein Glied zu sehen. 

Dann kamen noch frühere Erinnerungen: „Ich sehe im Penis ein 
Mittel zum Zweck, um dem Jungen etwas Gutes zu tun, damit ihm wohl 
wird. Die Sache hat mir immer großartig gefallen, schon in der Kindheit. 
Wenn jemand ein großer Näscher ist, geht er zum Konditor, legt sich ganz 
hinein und vergißt darüber alles. Ebenso ein Trinker bei einer Flasche 
guten Weines. Auch mir ergeht es ganz genau so, während ich das Glied 
eines anderen habe. Das wird schon mit fünf, sechs Jahren so gewesen sein, 
ja wohl noch früher. Erst hat es mir selbst so gut gefallen, dann übertrug 
ich es auf andere." Und als ich ihn fragte, was er vom Gefallen am eigenen 
Phallus wisse, erwiderte er: „Wenn ich in der Badewanne saß oder beim 
Ausziehen im Bett, habe ich stets mit meinem Gliede gespielt. Das kann 
bei mir bis auf zweieinhalb Jahre zurückgehen, die alleräußerste Er- 
innerungsspur, die ich selbst noch besitze. Aus noch früherer Zeit weiß ich 
nur aus Erzählungen, daß ich schon als ganz kleines Kind den Anderen 
ans Glied griff. Von eigenen Erinnerungen kann ich nur anführen, daß ich 
" schon im Kindergarten immer versuchte, andere zu verleiten, sie sollten 
mir das zeigen, und vordem noch, mit drei, vier Jahren, daß ich meinen 
Vettern, wenn sie zu Besuch kamen, stets dorthin gegriffen und gesucht 
habe. Ich kannte sie noch nicht beim Vornamen, als ich sie schon am 
Penis kannte. Noch heute würde ich alle Leute, mit denen ich einmal zu 
tun hatte, am Glied erkennen, auch wenn ich sie am Körper sonst nicht 

agnoszierte." 

Bald kam auch eine psychologische Erklärung für die besondere 
Aufmerksamkeit, welche er dem Membrum immer zuwandte: „Ich habe 
ein verhältnismäßig kleines Glied. Mindestens wünsche ich es mir viel 
größer. Auch wurde ich von den anderen wegen meines kleinen Penis viel 



209 

ausgelacht. 1 ) Die hatten alle so große Glieder, um die ich sie beneidete." 
— „Hatten Sie von jeher solch ein kleines Glied?" — „Ja, immer war es 
so klein, daß ich mich schämte. Ich versuchte alles Mögliche, um es größer 
zu bekommen. Noch in meiner ersten Volksschulzeit habe ich alle Abende 
zehn-, zwölf mal daran gezogen, damit es größer werde, doch hat es nichts 
gefruchtet. Wenn ich mich recht besinne, hatte ich schon als Kind von 
eineinhalb bis zwei Jahren das Schamgefühl, weil mein Penis so klein war 
und Neid auf, die Vettern, die ihn viel größer hatten. Die Cousins und ich 
haben sogar mit dem Zentimetermaß verglichen, von vierzehn zu vierzehn 
Tagen haben wir Messungen veranstaltet und ebenso später im Waisenhaus. 
Wenn sich herausstellte, daß mein Glied im Laufe eines halben Jahres um 
einen Millimeter zugenommen hatte, empfand ich darüber die größte 
Freude." 

„Der Gedanke an das große Glied verfolgte mich eigentlich beständig. 
Als ich mit 13, 14 Jahren meine erste - Uhr bekam, habe ich beim Ticktack 
immer gemeint, ich sähe einen stark erigierten Penis vor mir. Sogar im 
Geschäft, wo ich Praktikant war, legte ich die Uhr dann vor mich hin und 
hatte dabei stets das Bild eines steifen Gliedes vor Augen. Jetzt geht mir 
der Penis am stärksten nach, bei Tag und bei Nacht. Überall sehe ich solche 
Glieder. Manchmal, wenn ich sitze und schaue, kommt mir vor, ich sähe 
eine endlose Reihe von diesen, aufgefädelt wie einen Rosenkranz. Der Penis, 
das ist mein Dämon, überall sehe ich ihn vor mir. Es wäre mir lieber, ich 
wäre selber einer, dann wäre mir leichter. Manchmal möchte ich auch 
im Anus eines anderen geborgen sein, aber nicht nur mit dem Glied, son- 
dern mit dem ganzen Körper. Wenn ich selber ein Penis wäre, könnte ich 
leicht hereinkommen und drin bleiben." 

Fragen wir. wieso kommt denn unser Urning zu dieser kolossalen 
Überschätzung des Gliedes, so darf man in diesem speziellen Falle auf eine 
vererbte Disposition hinweisen und das Vorbild der Mutter. Von der letz- 
teren erzählt unser Kranker nämlich: „Sie ist eine furchtbar geile Person. 
Trotzdem sie schon über 40 zählt, redet sie auch mit mir stets nur von 
Geschlechtlichem oder deutet bei Anwesenheit des Vaters es wenigstens 
durch Zwinkern mit den Augen an. Wie der Vater jedoch aus dem Zimmer 
geht, beginnt sie sofort: ,Das ist ein hübscher Bursch oder ein hübsches 
Mädel!' oder: ,Der und der gefällt mir!' Möglicherweise hat sie auch 
homosexuelle Neigungen, weil sie seit zehn Jahren immer mit einer Frau 
geht, ihrer einzigen Freundin. Ich denke aber, sie interessiert sich mehr 
für Jungens und schaut stets einem jeden Burschen auf der Straße nach, 
genau so wie ich. Sie scheint auch denselben Gusto zu haben. Höher wie 
bis 24 wird sie auch nicht gehen, wenigstens redet sie nie von älteren. 
Wohl aber verlangt sie gleichfalls immer kräftige Leute wie ich und die 
Schwester. Je kräftiger einer ist, desto mehr schwärmt sie für ihn. Mutter 
hat sich stets für das männliche Glied sehr interessiert. Vater sagt jetzt 
noch, daß sie früher furchtbar geil war, und auch die Tante bestätigt das 



') Weiter gibt er noch an, sein Präputium stelle so weit zurück, daß man ihm 
immer sagte, er sei beschnitten. 

Sauger. Geschlechtsverirrungen. 14 



210 



Jetzt fällt mir ein schlagender Beweis dafür ein. Ich kaufte eine Karte 
von der Adria-Ausstellung, auf der vorne ein Offizier zu sehen war mit 
deutlich erigiertem Penis, und schickte die Karte mit dem Vater hinaus. 
Dieser hat nichts bemerkt, wohl aber die Schwester. Am allerehesten jedoch 
die Mutter, welche dann auch nicht dulden wollte, daß jene Karte vernichtet 
werde. Vater sagte sogar zu ihr: .Mir scheint, Du bist in den Offizier 
verliebt!' Sie lachte auch so, wahrscheinlich wird sie sich begeilt haben. 
Als ich noch im Waisenhaus war und gelegentlich herüberkam, erzählte 
ich oft, daß ich den und den Mitschüler gern habe, und da fragte sie mich 
wiederholt : .Was hast du an ihm gern, ihn selber oder so so ?' Sie meinte 
damit sein Glied. Dann hat sie im Gespräch auch öfter zu mir herüber- 
gezwinkert, als wollte sie stets nur vom Penis und Verkehr hören. Davon 
redet sie immer sehr gern." 

Während er sich offenbar in dieser Vorliebe für das männliche Glied 
mit der Mutter identifiziert, besitzt er noch eine andere Erinnerung, die 
jener Vorliebe zu widersprechen scheint. Sein männliches Ideal war in 
frühester Kindheit hauptsächlich der Vater und ein wenig der Onkel, 
welch letzteren er freilich noch mehr fürchtet. Von diesem berichtet er 
nun folgendes: „Zwischen drei und vier Jahren sah ich ihn im Sitzschaff 
just in dem Augenblick, da er sich mit einem Schwamm abduschte. Dabei 
erblickte ich auch sein Glied, das mich aber erschreckte, weil es so lang 
und schwarz war, indem der Onkel überhaupt eine dunkle Hautfarbe be- 
sitzt. Ich dachte mir noch: wieso kommt das? Bei mir ist das klein, weiß 
und schön und bei ihm groß und dunkel und vor allem behaart. Das Haar 
hat mich geekelt. Noch weniger haben mir die Hoden gefallen. Dann 
dachte ich mir noch, wenn ich einmal so groß sein werde wie der Onkel, 
werde ich es auch so haben, was mich aber gar nicht entzückte. Ich wollte 
es immer so klein und lieb und rosig haben wie einst als Kind. So liebe ich 
auch jetzt noch die Gesichtsfarbe eines Jungen, so rosig oder auch ganz 
abgebrannt." Auf Befragen gibt er endlich noch an, daß jene Szene mit 
dem Onkel die erste bewußte Erinnerung darstellt an den Penis eines Er- 
wachsenen. 

Ebensowenig wie vom Membrana des Onkels war" er vom weiblichen 
Genitale erbaut. „Mit fünf, sechs Jahren sah ich es öfter im allgemeinen 
Familienflußbad bei Tante, Hausfrau und Großmutter, aber das war noch 
grauslicher. Damals dachte ich mir schon, da drin muß es grauslich sein. 
Ich hatte den Eindruck, daß direkt vom Spalt herein der Urin wäre, und da 
habe ich mich immer so geekelt wie überhaupt vor Urin. Auch den Busen 
von Frauen mag ich nicht, der ist nicht schön, auch liebe ich es nicht, 
wenn Jungens eine starke Brust besitzen." Interessant ist ferner, daß er 
gleichfalls mit sechs Jahren Tante und Großmutter einen Penis wünschte. 
„Manchmal dachte ich, ob sich ihr Penis vielleicht schämt, in der 
Scheide versteckt ist und nicht heraus will, alle möglichen Phantasien 
machte ich mir, nur habe ich sie immer bedauert, daß sie keinen Penis 

besitzen." 

Zum Schlüsse sei noch eine wichtige Episode aus seinem fünften, 
sechsten Jahre erzählt. Damals machte er einen geschlechtlichen Angriff 



211 

auf seine etwa zweijährige Schwester, angeblich seinen ersten und letzten 
Versuch beim Weibe. Beide waren sie nach dem Baden im Mühlgang 
nackt herausgestiegen und da hatte er ihr an die Scheide gegriffen. Sie 
sträubte sich noch, er aber sagte: „Laß doch, das macht nichts!" und griff 
ihr ad vaginam. Da er sich über seine Gefühle damals nicht ganz klar ist,, 
setze ich das betreffende Analysenstück wörtlich her: „Ich hatte danach 
ein komisches Gefühl, dessen entsinne ich mich noch." — „Was heißt 
das?" — „Unausgesprochen." — „Was wollen Sie damit sagen?" — „War 
es Ärger, weil sie sich nicht ruhig gehalten hat, oder weil sie doch wollte, 
aber Angst hatte, daß jemand kommt? Sie sagte: ,Ich bitte Dich, wenn 
Dich der Vater sieht!' so daß mir der Anblick ihrer Scheide nicht gut 
getan hat. Es. ekelt mich noch jetzt davor." — „Hat es Sie damals ge- 
ekelt?" — „Damals nicht ausgesprochen, aber jetzt noch, wenn ich daran 
denke. Ebenso, wenn ich jetzt die Scheide einer Frau sehe, habe ich gleich 
Übelkeiten, wodurch natürlich jede Erektion ausgeschlossen ist." — 
„Ekel können Sie damals noch nicht gehabt haben, sonst hätten Sie es 
gar nicht von der Schwester verlangt." — „Doch. Ich glaube zu gleicher 
Zeit. Es ist wohl ebenso, wie wenn mir jetzt ein Junge, im Gesicht nicht 
gefällt, ich aber sein Glied zum Verkehre möchte. Wenn ich seinen Penis, 
von ihm isolieren könnte, dann wäre er mir recht." — „Also Sie meinen, 
bei der Schwester hätten Sie zugleich Verlangen und Ekel gehabt?" — 
„Ja, sowie jetzt eventuell bei einem Jungen." — „Warum bestand aber 
Ekel bei der Schwester?" — „Das weiß ich nicht, er war halt da. Vielleicht 
hing er auch mit dem üblen Geruch zusammen, der beim Mühlgang herrschte, 
weil dort eine Menge Fische krepiert waren. Vielleicht, daß der Ekel auf 
diesen gleichzeitigen Geruch zurückgeht." Übrigens hat er sich schon als 
Kind, vermutlich nach der Verdrängung seiner sexuellen Gelüste, mit der 
Schwester stets gerauft und gestritten. 1 „Ich bin auch jetzt noch immer 
grob gegen sie, während sie mich außerordentlich gern hat und ich ihr alles 
bin. Ich mochte sie nie gut leiden." — „Aber damals haben. Sie ihr doch 
hin gegriffen?" — „Das hätte ich bei jedem Mädel versucht, das ich nackt 
gesehen hätte." 

Nachdem die psychoanalytische Behandlung etwa 14 Tage gewährt 
und die vorstehenden Ergebnisse zutage gefördert hatte, wurde sie durch 
meinen Sommerurlaub unterbrochen. Vier Wochen später — auch die Tante 
war unterdes auf Urlaub gegangen, sp daß er gar keinen Anhalt besaß - 
geschah nun folgendes: Er hatte dem Prokuristen seines Geschäftes in 
grober Weise die Wahrheit gesagt und war auf der Stelle entlassen worden. 
Als er nimmehr keinen neuen Posten erlangen konnte und immer tiefer in 
Not geriet, pumpte er zunächst alle Verwandten und Bekannten an und 
versetzte, was er noch besaß. Schließlich aber machte ihn die Liebe zu 
einem Jungen kriminell. Um diesen honorieren zu können, stahl er der 
Tante Ring und Armband, doch, wie er erklärte, „ohne Schädigungs- 
absicht." Als aber dann auch der Junge noch ausblieb und er obendrein seine 
Wohnung nicht mehr bezahlen konnte, war er sehr deprimiert und stellte 
sich dem Polizeikommissariat mit der Selbstbezichtigung, seine Tante 
bestohlen zu haben. Als Motiv der Selbststellung gab er mir zunächst an: 

14* 



212 



die Tante sollte in zwei Tagen zurückkommen, da hätte sie die Anzeige 
gemacht und, um einer Verhaftung zu entgehen, hätte er sich selber gestellt. 
Ihr seine Schuld einzugestehen, habe er nicht gewagt, überhaupt nicht, ihr 
mehr unter die Augen zu treten. Bald aber kam noch mehr heraus, was sich 
als das wirklich Entscheidende erwies. Nachdem dazumal der geliebte 
Junge nicht erschienen war, strebte unser Urning durchaus ins Landes- 
gericht zu kommen, das für ihn keine Schrecken besaß. Denn erstens 
wollte er versorgt sein und zweitens hatte er dort einen Freund, der wegen 
eines gleichen Deliktes in Untersuchungshaft saß. Das zeigte sich sehr 
bald, als die vorgeladene Tante sich als nicht geschädigt erklärte. Er hätte 
jetzt einfach entlassen werden müssen. Um dies zu verhüten, gestand er 
aus freien Stücken verschiedene homosexuelle Akte ein, zumal der Kom- 
missär, der ihn von der ersten Verhaftung her kannte, ihm vorgehalten haben 
soll, er habe gewiß nur vom Strich gelebt. Aus Trotz erklärte er: ,,Na, 
nicht werde ich davon gelebt haben!" und schritt zu einem vollen Geständ- 
nis, dabei nur hervorzuheben beflissen, er habe es nicht um des Geldes 
willen, sondern einzig aus Liebe zur Sache getan. Weitere Motive seiner 
Selbs'tstellung seien ferner gewesen, daß er nicht noch tiefer sinken mochte, 
eventuell aus Not bis zum Defraudanten, und endlich, worauf ich noch 
zurückkommen werde, daß das Abgestraftwerden für ihn einen besonderen 
Reiz besaß. Er wurde zu sechs Monaten Kerker verurteilt, nach deren 
Verbüßung er abermals in meine Behandlung trat, allerdings auch wieder 
nur für zwei Wochen. Immerhin lernte ich auch in diesen vierzehn Tagen 
neuerdings ein Stück seiner Psyche verstehen. 

Vor allem als Kehrseite seines Liebesverlangens eine intensive Trotz- 
einstellung, ursprünglich gegen seine Angehörigen, später gegen alle Welt 
gerichtet und da bis zum Kriminellen führend. Seine Trotzeinstellung 
wider die Nächsten ließ ihn oft boshaft, frech und renitent erscheinen. So 
erzählte er z. B. von seiner Tante: ,,Es machte mir häufig Spaß, sie zu 
sticheln, ganz harmlos, aber sie ging gleich in die Höhe. Dann bereitete 
es mir von jeher Vergnügen, ihr Kleinigkeiten zu verstecken, oder sie auf- 
zuhalten, wenn sie es just recht eilig hatte. Dabei habe ich Tante aber 
doch sehr gern. Auch bei Ihnen freue ich mich alle Tage, daß ich her- 
kommen darf, und trotzdem sagt eine Stimme in mir: ,Du, geh' nicht!' 
und dann eine zweite: Ja!' Als ich einmal vor ein paar Tagen ohne 
mein Verschulden ausbleiben mußte, war ich innerlich froh, weil ich mir 
dachte, Sie würden sich ärgern. Da ich das erste Mal aus dem Geschäfte 
fortblieb, wo. ich meine Praktikantenzeit durchmachte, und mit dem Herrn 
ging, machte ich mir auch hundertmal Vorwürfe: ,Geh' nicht! Geh' 
nicht!' und zum Schlüsse ging ich dann doch mit ihm. Ebenso, wenn ich 
später Schulden entrierte oder sonst etwas anstellte, was die Tante dann 
wieder gutmachen mußte, sagte ich, mir immer: .Ich soll's nicht tun!' 
und während ich dies sagte, tat ich es doch. Es ist eine stete Opposition 
in mir. Wenn ich etwas tun will, mache ich gewiß das gerade Gegenteil. 
Das war schon in meiner Kindheit so. Mit neun Jahren war ich vom katho- 
lischen Internat durchgegangen und längs der Schienen nach Hause zu 
meinen Leuten gelaufen. Es war mein ausdrücklicher Wunsch, zum Vater 



213 



zu gehen, dann aber landete ich unversehens bei meiner Tante. Es war, 
wie wenn mich jemand dahin lotste." 

Gewisse Formen dieses inneren Widerspruches führen zu tieferen 
Quellen hinab. Da hatte man z. B. wegen seiner Onanie einen Arzt kon- 
sultiert, der Essigwaschungen des Kreuzes verordnete: „Aber just, weil 
die Tante sie mir machte und mir dabei vorhielt : ,Du wirst gesund werden 
und es nicht mehr tun!' sträubte ich mich. Ich hasse das Gesundwerden 
in dieser Weise, wenn mir die Leute z. B. Gusto machen auf einen gesunden 
Jungen: .Schau, was (ür ein kräftiger Bursche das ist!' Ich vibrierte vor 
Zorn am ganzen Körper, wenn es hieß: ,Da wirst du gesund werden und 
nicht mehr solche Schweinereien treiben!' Mir ward leid um die Onanie 
es erschien mir wie Verrat an der guten Sache und ich ließ mich nicht 
waschen. Damals hat es fürchterliche Auftritte gegeben. Überhaupt 
vertrage ich nicht, wenn jemand als brav herausgestrichen oder mir als 
Muster vorgehalten wird. Ich hatte immer eine Wut auf Musterknaben 
und in den größeren Geschäften, wo ich war, erschien mir der ausgespro- 
chene Liebling des Chefs stets als Speichellecker, den ich nicht ve. tragen 
konnte. Soweit ich zurückdenken kann, waren mir Musterkinder nie recht 
In der Schule hat mir einer, der dem Lehrer nicht parierte, viel besser ge- 
fallen als ein Musterknabe, abgesehen davon, daß ich auch nie so gut 
lernte wie cm solcher. Ich ärgere mich immer, wenn mir jemand als Bei- 
spiel vorgehalten wird. Warum ist der eigentlich besser als ich ? Ich fühle 
mich immer noch zwanzigmal besser als der, in allem und jedem ! Das ist 
ein konstanter Zug bei mir." 

Wie man sieht, durchschaut er hier selbst den Narzißmus als eine der 
Quellen seiner Renitenz. Ein wenig scheint diese Selbstverliebtheit auch 
mitzuwirken wenn er auf die Frage, warum er denn nicht gesund werden 
wollte, zur Antwort gibt: „Eben weil mir die Leute das als etwas so Gutes 
anpriesen, mochte ich nicht. Ich will nicht so sein wie die anderen Leute 
sondern für mich allein." Doch die fortgesetzte Analyse deckte noch 
andere Motive auf. Zunächst erzählte er: „Schon in ganz frühen Jahren 
hat mir die Tante immer gesagt: ,Da wirst Du gesund werden und ein 
gesunder, braver Mensch!' wenn ich irgend etwas lassen und nicht tun 
sollte. Solche Redensarten hasse ich in den Tod!" Die tiefste Ursache 
dieses seines Verhaltens aber gaben Ereignisse seines zweiten und dritten 
Lebensjahres. Eingangs haben wir vernommen, daß er vorerst mit 15 Mo- 
naten zu den Großeltern "und der Tante kam, wenn auch bloß für sechs 
Wochen. Hierauf zurückgebracht, blieb er nur zehn Monate bei seinen 
Eltern, dann nehmen ihn jene neuerdings zu sich, weil er völlig zu verwahr- 
losen drohte. „Nie", sagte mir die Tante, „habe ich ein Kind gesehen, daß 
so wenig gepflegt war." Er kam also von Vater und Mutter weg,' um gesund 
zu werden. Da verfiel nun unser Urning selber darauf, seine stete Oppo- 
sition stamme wohl daher, daß er jenes erste Mal zwar recht gern zu den 
Großeltern mochte,- nicht aber von Vater und Mutter weg, wie nach den 
sechs Wochen (was die Tante bestätigte) wiederum nicht zu den Eltern 
zurück. Kaum aber begann er sich bei diesen etwas einzugewöhnen, mußte 
er ein drittes Mal, jetzt aber für immer, von ihnen fort mit der Motivierung, 



214 



! 



bei Großeltern und Tante würde er gesund werden. Die jedesmalige 
Trennung bedeutet ein Losreißen von geliebten Personen. Da begreift 
man, daß er um diesen Preis nicht gesund werden mochte, ja, daß ihm die 
Aussicht, gesund zu werden, zum Greuel wurde. 

Besonders der Widerspruch gegen die Tante, in zweiter Linie gegen 
den Onkel, hat ihn sein ganzes Leben verfolgt. Noch einmal hatten diese 
beiden losreißend und trennend über ihn verfügt. Als in seinem achten 
Lebensjahre die Großmutter starb und die Tante ins Bureau mußte, blieb 
nichts anderes übrig, als ihn ins katholische Internat zu stecken. Er erinnert 
sich noch genau, daß er damals „nicht und nicht hinein wollte". Sah er 
es doch als Lieblosigkeit an, daß Tante und Onkel sich leichten Herzens 
von ihm trennen und ihn in eine Schule geben konnten. Von der Tante 
hätte er dies am allerwenigsten erwartet. Fortab verbheb auf dem Grund 
seiner Seele die Neigung zu steter Opposition, vor allem gegen diese Meist- 
geliebte. „Während mich sonst Widerspruch gar nicht berührt", erklärte 
er einmal*, ,hat er mich bei der Tante von jeher geärgert, selbst bei Kleinig- 
keiten, wenn sie mir nicht nachgab, sich z. B. nicht so kleidete, wie ich es 
wünschte. Manchmal, wenn sie nicht so tat, wie ich wollte, hätte ich Lust 
gehabt, sie zu prügeln. Kam ich ihr einmal mit einer Bitte, die sie mir 
verweigerte, so rief dies immer langandauernden Widerstand hervor. Ich 
wurde widerspenstig und unfolgsam und es machte mir Freude, wenn sie 
sich über mich ärgerte." Ja, ein wichtiger Grund für seine Streiche war, 
daß er die Tante damit strafen wollte. 

Eine Äußerung seiner steten Opposition war auch, daß er sich gern an 
Verachtete und Zurückgesetzte anschloß. „Nichts kann mich so ärgern", 
begann er einmal, „als wenn einer, der vielleicht auch nicht besser ist, sich 
über den anderen erhebt. Das habe ich stets so gehalten und für den, der 
von allen Seiten geschmäht wird, hatte ich immer besonderes Interesse, 
schon aus Lust am Widerspruch. Und um die anderen zu ärgern, tat ich 
einem solchen alles Gute, was in meiner Macht stand." Die wahre Ursache 
lag freilich tiefer, worauf er übrigens von selber kam. „Vielleicht stammt 
meine Vorliebe für Zurückgesetzte davon, daß zu Hause von meinem 
Vater immer als dem enfant terrible die Rede war. Onkel, Tante und Groß- 
eltern sprachen von ihm als dem Schreckens- und Schmerzenskind, was 
mich immer so ärgerte. Eine Episode ist mir besonders in Erinnerung. Als 
wir etwa in meinem siebenten Jahre Weihnachten feierten, war er nicht zu 
uns eingeladen, was mich furchtbar peinlich berührte. Unten hatten wir 
eine schöne, große und komfortable Wohnung, während Vater oben mit 
Mutter und Schwester in Zimmer und Küche hausen mußte. Das war mir 
nie recht. Auch jetzt noch hält seine Lage keinen Vergleich aus mit jener 
des Onkels und von der ganzen Familie wurde er immer als minderwertig 
qualifiziert. Dann habe ich selber soviel absichtliche und unabsichtliche 
Kränkung erfahren, soviel Jammer und Elend und Seelenkämpfe durch- 
machen müssen schon in meiner Kindheit, daß jenes Mitleid sich immer 
stärker entwickelte." Es ist also durchsichtig geboren aus Narzißmus, 
aus der Liebe zu sich selbst, wie anderseits aus der Liebe zum Vater. 
Schwankt doch die Zärtlichkeit unseres Urnings nicht bloß in der 



215 
\ 

Kindheit, sondern heutigen Tages noch beständig zwischen Tante 
und Vater. 

Wie heiß er an dem letzteren hängt, beweißt auch seine Stellung zu 
den Enterbten des Glücks, den Tunichtguten und Verbrechern. Noch 
heute besitzt ein Abgestrafter einen ganz besonderen Reiz für ihn. „Er 
ist für mich ein Held, ein höheres Wesen! Ich rechne mich persönlich nicht 
zu den Dutzendmenschen, und weil sich dieser etwas herausnimmt, aus 
welchem Grund immer, weil er anders ist als die übrigen, der öffentlichen 
Meinung ins Gesicht schlägt und dadurch Haß und Verachtung der anderen 
heraufbeschwört, darum habe ich Neigung für einen solchen Menschen. Ich 
erinnere Sie übrigens an mein Mitleid mit den Verfolgten und an meinen 
Wunsch, auch so bemitleidet zu werden. Auch für meine Neigung zu den Aus- 
gestoßenen und Verbrechern wird die Liebe zum Vater Vorbild sein. Wurde 
er doch immer, ja er wird noch heute von der Verwandtschaft beinahe als 
■solcher behandelt. Darum hat das Landesgericht gar keinen Schrecken 
für mich, ja im Gegenteil, es dünkt mich eine zweite Heimat, weil dort 
lauter vom Schicksal Verfolgte sind, die unter der gesellschaftlichen Ächtung 
leiden, was wiederum auf den Vater zutrifft." 

Wie da immer die Liebe bestimmend wurde für seine stete Opposition, 
uo auch bei seinen Hausdiebstählen. Dies wird am durchsichtigsten in 
folgendem Stückchen. „Mit zwölf Jahren etwa habe ich wiederholt früh- 
morgens nach dem Aufstehen dem Onkel zehn Kronen weggenommen, sie 
in ein Kuvert gesteckt und der Tante mit der Erklärung, gegeben, ich hätte 
sie gefunden. Ich hörte sie nämlich öfter jammern, es gehe ihr mit deni 
Gelde nicht aus. Freilich war jetzt der Onkel ein paar Mal trostlos, weil 
er glaubte, die Kronen im Kaffeehause verloren zu haben. Schließlich führte 
der Zufall, daß ich allemal etwas fand, wenn dem Onkel Geld fehlte, doch 
zur Aufdeckung, oder vielmehr meine Leute merkten endlich, daß ich es 
genommen haben müsse. Tante meinte einmal, warum ich ihr das antue; 
was sie davon hätte, wenn ich es dem Onkel wegnähme und ihr gäbe. Da 
bot ich meine ganze Beredsamkeit auf, ihr begreiflich zu machen, daß ich 
es wirklich gefunden habe. Ich trat sogar auf dem Kuvert herum, damit 
ich den Fund wahrscheinlicher mache, und es bereitete mir große Freude, 
als sie das Geld schließlich doch annahm." 

„Später, mit fünfzehn Jahren, hat man mir einmal groß Unrecht 
getan mit der Beschuldigung, ich hätte dem Onkel eine silberne Zigaretten- 
dose genommen, auch allerhand Löffel seien weggekommen, und damals 
war ich es wirklich nicht. Noch früher, mit zehn Jahren, bezichtigte mich 
fälschlich die Kostfrau, bei der ich wohnte. Allerdings habe ich damals 
dem Zimmerkollegen, während er schlief, zehn Kronen gemaust, aber jene 
Quartiersfrau gab bei der Polizei zu Protokoll, ich hätte ihr auch Schmalz 
und Butter genommen, Dinge, die gar kein Interesse für mich hatten. Für die 
gemausten zehn Kronen erfüllte ich mir allerhand ideale Wünsche, um 
derenwillen ich es ja getan. Zunächst vertilgte ich beim Zuckerbäcker 
ganze Berge von Cremeschnitten. Dann kaufte ich mir trotz meiner zehn 
Jahre eine Puppe, nach der ich ein besonderes Verlangen trug. Noch heute 
habe ich Interesse dafür und bleibe vor Puppenläden stehen." Hier konnte 






216 



ich mir den Einwand nicht versagen: „Es ist bezeichnend, daß Sie völlig 
empfindungslos bleiben für Ihre wirklichen Diebstähle..." — „Ja, auch 
jetzt noch?" — „Hingegen sich entrüsten, wenn man Ihnen zur selben 
Zeit etwas Falsches unterschiebt." - „Das ist Tatsache. Jetzt z. B. habe 
ich doch der Tante wirklich Ring und Armband gestohlen, allein das be- 
rührt mich weiter nicht, nur die Nebenpersonen. Ich habe in der Weise 1 
gar kein Empfinden, weil mir jedes Schuldgefühl dafür mangelt. Freilich 
habe ich oft und oft gehört, daß man nicht stehlen soll, aber in diesem 
Artikel fehlt mir jedes, selbst nur normale Verständnis; ich begreife es ein- 
fach nicht, warum dies nicht erlaubt sein soll. Denn ich weiß, im Kinder- 
garten haben die anderen gestohlen, ebenso im Internat und dann im 
Waisenhaus. Die Lehrer, Schwestern und Dienstmädel, alle haben sie ge- 
stohlen von meiner frühesten Kindheit an und ich war selbst zu wieder- 
holten Malen Zeuge. Da ging mir schon in frühester Kindheit der Begriff 
des Verbotenen völlig verloren. Im Gegenteil, ein Stück gestohlenen 
Zuckers macht einem mehr Freude als ein geschenktes Kilo. Und dann 
habe ich namenloses Mitleid mit den Leuten, die wegen Diebstahls ein- 
gesperrt werden. Vielleicht nur darum, weil es ihnen dadurch unmöglich 
gemacht wird, sexuell mit mir zu verkehren. Denn ich gehe von dem Stand- 
punkte aus, daß alle Welt zu mir kommen muß. Trotzdem ich nicht hübsch 
bin, bilde ich mir ein, soviel Anziehungskraft zu haben, um jeden Jungen 
an mich zu ziehen und zu fesseln. Die mich kennen, wissen, daß ich sie 
vollkommen zufriedenstelle, und darum glaube ich, jeder muß zu mir 
kommen. Insbesondere, wenn ich in der Zeitung lese, daß einer, der ge- 
stohlen hat, jung war, tut es mir leid um den Menschen." 

„Haben wirklich alle die Leute gestohlen, die Sie dessen beschuldigen ?" 

— „Gewiß! Z. B. die Lehrer im Waisenhaus. Es war nicht erlaubt, auf 
Kosten der Anstalt zu essen, was sie immer taten. Das ist doch Diebstahl. 
Und die Schwestern waren auch nicht besser. Wenn ein Junge eine gute 
Seife oder etwas anderes hatte, das sie gut brauchen konnten, dann ver- 
schwand es spurlos, um später gelegentlich bei der Schwester wieder auf- 
zutauchen. In Kindergarten nahmen die Kinder ' einander die Butter- 
semmeln weg, in der Volksschule die Lehrbücher." — „Zum Diebe wird 
man in der Regel nur entweder aus Liebe, sowie Sie z. B. der Tante zuliebe 
den Onkel bestahlen. .." — „Und jetzt dem Jungen zuliebe die Tante." 

— „. . .oder wenn man in einer sehr geliebten Person ein Vorbild hat, das 
auch stiehlt." — „Vielleicht folgendes aus meinem siebenten oder achten 
Jahre. Der Großvater hatte die Gewohnheit, Tabak und ein paar Kreuzer 
im Nachtkastei aufzuheben und das hat die Tante immer weggeräumt." - 
„Glaubten Sie denn, daß sie es einsteckte?" — „Das wußte ich nicht, aber 
ich habe beobachtet, wie sie das wegräumte. Wenn z. B. am Tisch etwas 
stand, und sei es auch nur ein Glas Milch, so nahm sie es immer dann weg, 
wenn außer mir kein anderer im Zimmer war, kein Erwachsener. Das war 
sicherlich nicht gestohlen, aber ich hatte stets den Eindruck, daß es nicht 
recht wäre, es hat mich immer unangenehm berührt. Das ist seit langem, 
langem so. Aus ganz früher Zeit kann ich mich erinnern, daß mir dies 
stets zuwider war. Wie irgend jemand etwas wegnimmt, verbinde ich 



217 



damit die Vorstellung, daß es gestohlen sei." ,, Haben Sie vielleicht 
einmal wirklich einen Diebstahl dieser Art gesehen?" — „Vielleicht habe 
ich ganz früh etwas derartiges gesehen oder gehört, wenn ich mich auch 
nicht entsinne." 

Hier ein paar Worte zur Erläuterung. Man wird bei diesen Kinder- 
diebstählen kaum je die erotische Wurzel missen. Abgesehen davon, daß 
unser Urning noch jetzt jeden jungen Langfinger bedauert, weil dieser mit 
ihm nicht verkehren könne, daß ferner der Begriff des' Verbotenen ihm ver- 
loren ging, weil er geliebte und Respektspersonen selbst stehlen oder Un- 
erlaubtes tun sah, so sind selbst jene seiner Diebstähle, die nicht in dies 
Schema zu passen scheinen, doch auf die nämliche Rechnung zu setzen. 
Er hatte z. B. mit zehn Jahren seinem Zimmerkollegen ein paar Kronen 
gemaust, um sich eine Puppe und Cremeschnitten zu kaufen, also sich 
wie er selbst sagt, „ideale Wünsche" zu erfüllen. Das sind nun nicht einfach 
Begehrungsvorstellungen, sondern mehr als das: die Erfüllung seiner Liebes- 
wunsche In der Puppe hat er das ersehnte Kind, während Süßigkeiten 
ihm direkt ein Beweis sind für die Liebe seiner Nächsten und eine Be- 
friedigung seiner Munderotik. Berichtet er doch einmal: „Bis zum Beginn 
meiner Lehrzeit bin ich von Onkel und Tante mit Geschenken und An- 
nehmlichkeiten stets überhäuft worden, wenigstens, wenn ich zu Hause 
war. Nun hatte er damals vorübergehend auf diese Liebesbezeugungen 
verzichten müssen. War er doch bei einer Kostfrau untergebracht, die 
bloß für seinen Hunger sorgte, nicht für sein Herz. So schuf er sich die 
fehlende Zärtlichkeit selbst, indem er für das gemauste Geld seine Liebes- 
wunsche sämtlich erfüllte, so die Rolle von Onkel und Tante übernehmend. 
Daraus erklart sich auch sein mangelndes Schuldgefühl. 

Dieser Urning, welcher scheinbar nur nach Jungens Begehr trug, ward 
doch zeitlebens das Verlangen nach der Großmutter und Tante nicht los 
Das laßt sich immer wieder verfolgen. Zunächst aber will ich noch von 
einer anderen Geliebten reden, die erst in seiner zweiten Behandlungs- 
penode zur Sprache kam, einer sogenannten „Cousine", in Wahrheit der 
Tochter emes Freundes vom Onkel. Er lernt die um zwei Jahre Jüngere - 
ich will sie einmal Anna heißen - in seinem achten Lebensjahr kennen. 
„Sie hat mir immer besonders gefallen und ich hatte damals den Wunsch 
und die unklare Vorstellung, sie zu heiraten. Auch später noch, mit vier- 
zehn Jahren trat dieser Wunsch gelegentlich leise hervor wie eine Erinnerung. 
Als ich sie das erste Mal sah, lag sie mit Halsweh im Bett und gerade das. 
gefiel mir so gut, es paßte so vortrefflich zu ihrer Figur." - „Wieso das ?" — 
„Der Umschlag stand ihr so großartig und außerdem saß sie im Bett in einem 
weißen Korsett. Halt ! Jetzt fällt mir ein, warum sie mirso gut gefiel. Ich hatte 
auch eine um fünfzehn Monate jüngere Schwester, die aber nur zwei, drei Jahre 
lebte. Da sie bald in die Fremde zu einer Kostfrau gegeben wurde, habe ich sie 
nur auf dem Totenbette gesehen, wo sie mir ausnehmend gefiel. Sie war 
auch weiß angezogen und wunderschön. Ich verstand gar nicht, daß sie 
tot sei, sondern dachte, sie schliefe, wie Schneewittchen im Märchen. Ja 
und Anna hieß sie auch. Vielleicht habe ich darum die spätere Anna gleich 
so gern gehabt. Am Ende spielt auch die Verliebtheit in mich selber mit. 






.218 



Denn ein paar Jahre zuvor, mit fünf Jahren, habe ich selber Halsweh gehabt. 
Ich bekam damals Mandelmilch, die mir riesig gut schmeckte, und Groß- 
mutter und Tante waren furchtbar besorgt um mich und wichen fast nicht 
von meinem Bette. Möglich, daß mir gerade deshalb die Anna so gut gefiel, 
weil ich damals die nämliche Krankheit gehabt habe und seitdem nie wieder. 
Ich weiß nicht, war es Halsweh oder Diphtherie gewesen, nur daß man mich 
furchtbar verzärtelte und verhätschelte." — ,, Saßen Sie damals auch so 
im Bett?" — „Ja, ja, ja, dessen entsinne ich mich genau." — „Und waren 
die Angehörigen auch so besorgt um die Anna?" — „Ja! Ja!" — „Daraus 
erklärt sich Ihre Liebe auf den ersten Blick. Weckte doch die halskranke 
Anna die Erinnerung einerseits an die tote Schwester, anderseits an Sie 
selbst, der in der gleichen Krankheit so verhätschelt worden. Wünschten 
Sie vielleicht auch öfter, abermals krank zu werden, um neuerdings soviel 
Liebe zu erfahren?" — ,,Ja, namentlich in den letzten Jahren, wo bei der 
Verwandtschaft ein bedeutender Rückgang an Zärtlichkeit zu konstatieren 
war. Jetzt fällt mir noch etwas ein, was vielleicht auch dazu gehört. Als 
Großmutter gestorben war, saß ich im Bett und die Tante kam zu mir 
herein, weinte und sagte : .Der liebe Gott hat die Großmutter zu sich ge- 
rufen und sie ist fortgegangen.' Mir gefiel so gut, daß Tante zu mir kam 
und weinte. Dann bin ich hinein zur Großmutter und kam gerade dazu, 
wie die Leichenfrau ihr den Rücken wusch und sie sitzend hielt. Bald 
nachher habe ich die Tante in Erinnerung, wie sie mit verbundenem Halse 
im Bette sitzt und der Gemeindearzt zu ihr kommt. Ich weiß noch be- 
stimmt, es hat mir gefallen, daß der Doktor sie untersucht und ihr in den 
Hals schaut." — „Sie sehen, wieviel lustvolle Erinnerung lebendig wird 
-durch die halskranke Anna: Erinnerungen an die Schwester, Großmutter 
und Tante, sowie an die Zärtlichkeit, die Sie selber erfuhren." 

Die Eigenschaften und Besonderheiten von Großmutter, Tante und 
dem eigenen Ich, verschieden zusammengesetzt und durcheinandergerüttelt, 
kehren in seinen sämtlichen Jungen-Liebschaften wieder, ja einzelne wirken 
.geradezu als „spezifische Liebesbedingungen." So fiel ihm z.B. eines Tages 
auf, daß ein altes Weib ihm viel mehr Mitleid einflöße als ein alter Mann, 
was er auf der Stelle richtig deutete: die Matrone, welche er heute gesehen, 
habe ihn an die Großmutter erinnert. Dann fährt er unvermittelt fort: 
„Ich mußte sofort an meinen Freund Hans denken, mit dem ich im Landes- 
gericht ein Verhältnis angefangen habe. Er hat auch das lebhafte Mit- 
gefühl mit den anderen und die guten Augen mit der Großmutter gemein." 
— „Was zog Sie denn am Hans besonders an?" — „Er hatte am Hintern 
gerade beim Übergang in den Schenkel ein großes braunes Muttermal, 
das hat ihm aber sehr gut gepaßt (lacht). Ich sah es einmal zufällig, als 
ich noch nicht in ihn verliebt war. Das hat meine Neugier geweckt 
und von dem Moment ab datiert meine Leidenschaft." — „Hatte 
Ihre. Großmutter vielleicht auch ein solches?" — „Ja, ja, ein kleines 
braunes Mal am Halse, nicht so groß wie das von Hans, aber ich weiß, 
■das gefiel mir immer besonders und ich habe sie gern darauf geküßt." 
Hier ist die spezifische Liebesbedingung sowie die Übertragung vom Weib 
auf den Mann mit Händen zu greifen. In Hans aber findet er nicht bloß 



219 



die geliebte Großmutter wieder, sondern auch die Tante. So beginnt er 
einmal: „Wissen Sie, von wem ich meine, daß er der Tante ähnlich sieht ? 
Mein Vater hat einen kleinen Hund draußen und, als mir vor einem Jahre, 
der Gedanke kam, der Hund erinnere mich an meine Tante, habe ich ihn 
am Penis gekitzelt im Gedanken an die Tante." — „Da hätten Sie also 
der Tante an die Genitalien greifen wollen, richtiger an deren gesuchten 
Penis?" - „Ja, gewiß!" - „Wieso aber kommen Sie vom Hund auf die 
Tante?" — „Der Kopf des Hundes erinnert mich an den des Hans. Der 
Hans, die Tante und der Hund haben alle drei die gleiche runde Gesichts- 
form, die ich immer suche und nicht finde." „Also könnte man fast 
meinen, Sie liebten im Hans die Tante?" - „Ja, um so mehr, als er etwa 
auch ihre Größe hat, und die Augen stimmen auch." 

„Sie erwähnten vorhin, Sie wollten die Tante an den Genitalien 
kitzeln. Da hätten Sie also sexuelle Gedanken auf diese gehabt?" - 
Gewiß ich bin ihr schon als Kind immer nachgestiegen und hatte wieder- 
holt Gelegenheit, sie im Adamskostüme zu sehen, wenn sie sich wusch oder 
badete, aber das gefiel mir nicht. Sie tat das zwar in einem abgesonderten 
Raum, aber ich steckte die Nase überall hinein." - „Darf ich annehmen 
daß Sie ihr nachgingen, um sie nackt zu sehen?" - „Ein paar Mal, kann 
ich mich erinnern, ja, denn ich wollte wissen, wie eine Frau nackt aussieht 
bin aber regelmäßig enttäuscht worden. Erstens ist die Tante doch 
eigentlich nicht mager, und dann die Fettwülste, gar kein Vergleich mit 
einem Mann." - „In welchen Jahren stiegen Sie ihr denn nach?" - 
„Mit sechs Jahren, aber auch im Mai vorigen Jahres ging ich ihr noch 
absichtlich nach, als sie sich im Badezimmer wusch. Ich wußte, sie ist 
drin, tat aber, als wüßte ich es nicht, und wollte etwas holen " -' Wenn 
Ihnen der Körper Ihrer Tante so widerlich war?" - „Ich weiß nicht wie 
ich das sagen soll.." - „Da scheint deren Körper doch nicht so abstoßend zu 
wirken ?"- „Aber, wenn ich siesehe, habe ich dann doch einen ausgesprochen 
körperlichen Ekel und dabei gleichzeitig den Wunsch: einen Mann, einen 
Mann! Wenn es auch nur Arm oder Bein eines Mannes wäre!" Wiederum 
springt die Transskription in die Augen vom Weib auf den Mann, die zum 
psychischen Mechanismus der Homosexualität gehört. Arm und Bein 
sind aber, wie er selber bald angibt, nur Symbole für den Penis und darum 
gewählt, weil die Extremitäten beiden Geschlechtern gemeinsam sind. Im 
Augenblick, da er am nackten Leibe der Tante sieht, daß sie kastriert ist, 
packt ihn das Verlangen nach einem Mann mit unversehrtem Glied oder 
mindestens einem Penis-Ersatz in Form eines Armes oder Beines. 

Es ist sehr lehrreich, wie bei unserem Urning in den Jahren des 
Reifens das sinnliche Verlangen nach der Tante von neuem erwachte 
und dann auf Jungen übertragen wurde. Ein Cousin, mit dem er verschie- 
denes Sexuelles getrieben hatte, sagte ihm da einmal: „Du solltest die 
Tante vögeln, dann könntest Du alles von ihr haben." Das wies er zunächst 
mit Entrüstung zurück. Mit 15 Jahren machte er dann einen Versuch bei 
einer Dirne, der aber völlig mißlang. „Als ich damals nach Hause kam," 
erzählte er in der Analyse, „fragte mich Tante, wo ich gewesen sei, worauf 
ich verlegen wurde. Da meinte sie: , Pfui, wo warst Du?' Sie sagte das so, 



220 



als wenn sie wüßte, ich sei bei einem Mädel gewesen. Und als ich ihr den 
üblichen Begrüßungskuß geben wollte, stieß sie mich zurück, was mich 
fürchterlich wütend machte. Schon dazumal dachte ich — das fällt mir 
gerade jetzt ein — wenn die Tante es mir damals erlaubt hätte, hätte ich 
mir den Gulden ersparen können. Nachdem ich bei der Dirne nicht reüssiert 
hatte, suchte ich bei der Tante Ersatz für das nicht erreichte Vergnügen. 
Sie sollte mir den Koitus gewähren. Zuerst ging ich ihr ins Badezimmer 
und überallhin nach und suchte die Berührung ihres bloßen Körpers, 
wenn es auch nur der Arm war. Ich befliß mich z. B., ihr die Bluse auf- 
zuknöpfein, wobei ich ihr an den Rücken oder Arm oder gar vorn an die 
Brust greifen konnte. Dann trachtete ich öfter, sie beim Wäschewechseln 
zu überraschen. Und weil sie das natürlich zu vereiteln suchte, mir ein 
paar Mal einen Schlag auf die Hand gab, ich solle sie in Ruhe lassen, oder 
mir gar den Kuß verweigerte, wurde mein Widerstand wach und meine 
Opposition, die sie sich nicht zu erklären wußte. Ich wurde nie ganz deut- 
lich, aber trotzdem hatte ich die Empfindung, sie weist mich zurück, und 
dann bin ich mit dem Herrn gegangen." 

„Wenn ich mir alles überlege, so habe ich der Tante eigentlich eine 
mehrfache Rolle zugedacht, ja tue es eigentlich heute noch. Sie sollte mir 
zunächst dasselbe leisten wie die Dime, dann zweitens mich in das 
Geschlechtsleben einführen." — „Haben Sie sich das nicht bloß ange- 
lesen?" — „Nein, nein, das ist reine Wahrheit, sonst würde ich es nicht 
sagen. Und drittens will ich ihr mehr minder die Rolle des Mannes zu- 
teilen, indem ich ihr einen Penis andichte, den sie doch nicht hat, den ich 
aber mehr oder weniger an jeder Frau suche." — „Wie war denn der 
weitere Übergang zum Manne in Ihrem 17. Jahre?" — ,,Da mein Penis 
klein war, hatte ich Verlangen nach einem größeren. Bei den Kollegen, 
mit denen ich sexuell verkehrte, war er auch nicht viel größer als bei mir, 
da, konnte ich keinen solchen finden. Also machte ich mich allmählich 
(denn ich war zuerst furchtbar feig) an Männer heran, und als ich sah, daß 
ich, obwohl ich nicht um Geld ging, von den Männern beschenkt wurde, 
sogar reichlich, dachte ich mir: Du kannst das Angenehme mit dem Nütz- 
lichen verbinden und nicht bloß Vergnügen, sondern auch Verdienst 
haben." — „Wenn ich Sie recht verstanden habe, schreiben Sie also der 
Tante die Schuld zu, daß Sie so geworden sind, weil sie sich Ihnen nicht 
ergab?" — „Ja, direkt. Das habe ich von jeher getan und hätte es Ihnen 
schon längst sagen können, hielt aber damit immer zurück." — „Weshalb 
denn?" — „Vielleicht, weil ich mich schämte, daß ich nicht von Geburt 
aus homosexuell bin, sondern es erst wurde nach Verdrängung des Weibes." 1 ) 
Ein andermal sprach er es in der Analyse noch deutlicher aus: „Sie hätte 
mich damals ganz gut ins Geschlechtsleben einführen können. Es gibt 
Momente, wo ich ihr zürne und wütend bin auf sie. Ich habe oft daran 



*) Dieser Wunsch, angeboren homosexuell zu sein, scheint bei allen Urningen 
zu bestehen, die sich einmal mit ihrer Perversion abgefunden haben oder gar nicht 
mehr wünschen, anders zu werden. Die „Angeborenheit ihrer Triebrichtung" ist dann 
die allerbeste Rechtfertigung, sowohl vor sich selber als der Gesellschaft. 



221 

gedacht, ich könnte von meiner Homosexualität geheilt werden, wenn ich 
mit der Tante verkehren dürfte. Hätte Sie mehr Liebe zu mir gehabt 
und es früher zulassen, dann wäre ich überhaupt nicht so geworden! Dieser 
Gedanke kam mir häufig." 

Als er aus dem Gefängnis herausgekommen war und von der Tante 
nicht mehr vorgelassen wurde, verzehrte er sich in Liebessehnsucht sowohl 
nach ihr als nach dem Hans. Ja, was am verblüffendsten, es bestand die 
Liebe zu beiden nicht nur nebeneinander, sondern die eine ging sichtlich 
in die andere über. So sprach er wiederholt von seinem Verlangen nach der 
Tante, um gleich darauf an den Hans zu denken, den er ebenso begehre. 
Die Transskription war hier geradezu mit Händen zu greifen, ähnlich wie 
in früheren Fällen beim Hund und dem braunen Mal der Großmutter, oder 
wenn er beim Anblick der nackten Tante sich Arm oder Bein eines Mannes 
wünschte. Einmal trat dieser Übergang geradezu plastisch hervor. Da 
sah er nämlich in Gedanken eine nackte Figur, die zugleich Tante und 
Hans war. „Die untere Partie glich der Tante, die obere dem Hans " Da, 
sagt wohl mit aller wünschenswerten Klarheit, daß beide ihm zu einei 
Person geworden. 

Noch früher und zum Teile noch stärker scheint die Liebe zu seiner 
Großmutter gewesen zu sein. Hier sei dem, was ich bereits erzählte 
noch einiges angefügt. So sagte er einmal: „Ich konnte und kann mir 
keine Frau vorstellen in kurzem Kleide. Für mich ist Frau und Schleppe ein 
Begriff, selbst jetzt, wo die Mode schon lange nicht so ist. Eine solche 
Schleppe aber trug - das erinnere ich mich noch genau - die Großmutter 
in meiner Kindheit." Wir hörten schon oben, in dem Brautspiel, das er 
mit semem Großvater aufführte, spielte er selber regelmäßig die Rolle der 
Braut mit langer Schleppe, also durchsichtig die Frau des Großvaters. Im 
Gegensatze dazu schienen andere Phantasien zu stehen. Er hatte ein Puppen- 
spiel bekommen, mit dem er bis zum vierzehnten Jahre leidenschaftlich 
Theater spielte. In den Stücken, die er sich selber dichtete, drehte es sich 
immer um eine Hochzeit. „Ich hatte eine sehr reiche Phantasie und baute 
mir auch aus Dominosteinen Häuser auf, vor denen ich stundenlang sitzen 
konnte und die ich in meiner Einbildung mit allen möglichen Frauen 
bevölkerte. Ich ließ sie ganze große Handlungen aufführen, meist Hoch- 
zeiten mit weißgekleideten Bräuten. Daran erinnere ich mich besonders 
aus meinem fünften, sechsten Jahre. Dann ließ dies etwas nach." 
„Spielten Sie selber in diesen Hochzeits-Phantasien eine Rolle?" - „Ja, 
ich selber hielt Hochzeit, und zwar immer als Mann. Darum interessierten' 
mich auch Dornröschen und Schneewittchen so, wo auch zum Schlüsse 
Hochzeit ist, und Schneewittchen in ihrem weißen Kleide auf der Toten- 
bahre erinnerte mich auch wieder an meine Schwester Anna." — „Mir 
fällt auf, daß Sie in diesen Phantasien den Mann darstellen, während Sie 
im Brautspiel mit dem Großvater die Braut mimten." — „Ja, soll das 
vielleicht in der Phantasie den unbestimmten Wunsch darstellen, den 
Koitus mit der Großmutter auszuführen?" - „Meinen Sie, daß Sie in 
Ihrer Phantasie die Großmutter geheiratet haben?" — „Ja, eben das." 
„Warum haben Sie dann im Brautspiel mit dem Großvater die Rolle 



222 



der Großmutter gespielt ? Da haben Sie sich doch wieder mit dieser identi- 
fiziert." — „Ich empfinde das als zweite Rolle. Einerseits wollte ich die 
Großmutter heiraten, anderseits aber auch in ihrer Lage sein und wissen, 
wie das ist, wenn man einen Mann bekommt. 1 ) Denn ich hörte schon in den 
allerersten Kinder jähren, in welche meine Erinnerung noch zurückreicht, 
die oder die hat geheiratet, und ioh konnte mir nie vorstellen, was das Hei- 
raten eigentlich sei. Auch in Märchen habe ich viel von Hochzeiten gelesen, 
was meinen Wunsch und meine Neugier noch steigerte. Da habe ich mich 
in Gedanken viel mit Hochzeit beschäftigt und dem, was drum und dran 
hängt." Es ist wohl durchsichtig, daß ihn sehr früh das sexuelle Problem 
interessierte und er die Genüsse beider Gatten auskosten wollte, als Mann 
wie als Weib. 

Hier schließt sich passend eine andere Kindererinnerung an. Als er, 
noch ganz klein, zu Großmutter und Tante kam, nahm ihn die erstere oft 
zu sich ins Bett, was späterhin die Tante fortsetzte und ihm stets hohe 
Lust bereitete. Sogar noch in den Jahren der Reifung liebte er es, nachdem 
Tante aufgestanden war, in ihr warmes Bett zu steigen. „Selbst heute noch 
berührt es mich ganz angenehm, wenn ich mit einem Mann beisammen 
bin und von meinem Bett in seines hinüberschlüpfen kann. Ja, ich kann 
sagen, ich betrachte einen Sexualverkehr nur dann als vollwertig, wenn 
ich die ganze Nacht hindurch mit ihm im Bette schlafe. Das ist auch mit 
ein Grund für meine große Anhänglichkeit und Liebe zum Hans. Denn mit 
dem lag ich durch 3 x /s Monate in einem Bett." Ich brauche wohl nicht erst 
auszuführen, daß er hier die Erlebnisse mit Großmutter und Tante auf 
den Mann überträgt. Desgleichen spielt er jene dann auch, wenn sein 
Hauptwunsch ist, einem geliebten Manne die Wirtschaft zu führen. 

Überhaupt ist die absolute Identifikation mit gehebten Frauen der 
frühesten Kindheit wie just bei ihm ganz deutlich zu schauen, ein Haupt- 
zeichen des femininen Urnings. Vernahmen wir doch bereits zu Anfang 
dieser Zeilen, daß unser Invertierter schon als ganz kleines Kind besondere 
Lust zu weiblichen Handarbeiten zeigte und zu Hause der Großmutter 
beim Strümpfestopfen, Sticken, Ausnähen und atiem möglichen half, was 
er im Grunde bis heute noch fortsetzt. Mit höchstens drei Jahren habe er 
sich einen Zopf der Großmutter aufgesteckt, mit welchem er durch den 
ganzen Ort lief, so daß ihn die Leute den „Narrischen" hießen. Auch zog 
er von der Schwester immer wieder den Kittel an und die Vorliebe, in Frauen- 
kleidern zu gehen, vorzüglich mit langer, wallender Schleppe, ist ihm bis 
zum heutigen Tage geblieben. Wieso aber kam nun unser Urning und 
so viele andere zu dieser Vorliebe für weibliche Beschäftigungen? Daß 
sie aus Liebe etwa zur Mutter so geworden sind, scheint nicht genügend. 
Auch andere Jungen haben diese ja gern bis zur Schwärmerei, ohne darum 
ihre Bubennatur so völlig zu verleugnen. Trotz aller Liebe führen sie doch 
ausschließlich Jungenspiele auf und sehen verächtlich auf das Mädelzeug 
herab mit seinem Kochen, Nähen und Puppengetriebe. Warum sind gerade 



•) Man erkennt hier deutlich wieder die beiden Prinzipien : Mutter (oder Groß- 
mutter) haben und Mutttr sein. 



22S 



so viele Urninge auf die Mädchenspiele derart erpicht ? Ein Teil der Ursachen 
ist gewiß organisch und, wie ich schon früher ausführte, daher rührend,, 
daß die Muskelerotik bei den Invertierten von Haus aus herabgesetzt ist, 
ihnen also die wilden Bubenspiele kein Vergnügen machen. Anderseits 
aber drängt die konstitutionelle Verstärkung sowohl der genitalen Libido 
als ihrer Schaulust sie weit mehr zu den weiblichen Sexualobjekten als 
den normal empfindenden Jungen. Nun ist so frühes sexuelles Begehren 
des anderen Geschlechtes alles eher denn gleichgültig. Zunächst ist die 
genitale Libido weit minder sublimirbar als die autoerotischen Kompo- 
nenten des Sexualtriebes. Wer, statt sich autoerotisch auszutoben, immer 
von neuem zum anderen Geschlechte, sagen wir beim Buben zum Weibe 
gedrängt wird, kommt notwendig dazu, einerseits im genitalen Ausleben 
seine wichtigste Lebensaufgabe zu erblicken, anderseits sich mit den erst- 
geliebten Weibern zu identifizieren. Er liebt, sie weit stärker, bis zum völligen 
Aufgehen, als etwa normal empfindende Jungen und ein Ausdruck dieses 
völhgen Autgehens ist eben die Selbstbetätigung als Weib. Sie betreiben 
also weibliche Arbeiten nicht wegen ihrer angeborenen Mädchennatur, 
weil sie etwa einem dritten Geschlechte angehören mit äußeren männlichen 
Genitalien, aber weiblichem Fühlen, sondern hauptsächlich darum, weil 
sie aus Liebe zu einem Weibe sich eins mit ihm fühlen und darum selber 
als Weib gehaben. 

Allerdings als Weib von einer ganz besonderen Art. Sowie der 
Urning Mädchensachen treibt, Sticken, Nähen, Kochen etc., dabei aber 
doch ein Membrum besitzt, so sucht er auch als Liebesobjekt zwar die Mutter 
seiner Kindheit oder eine frühe Vertreterin derselben, diese Mutter aber hat, 
wie jede Analyse von neuem aufdeckt, einen Penis gehabt. Er kann nicht 
glauben trotz aller Gegenbeweise seiner Augen, daß jenes ersehnte Weib 
mit dem Membrum gar nicht existiert. Wenn Verstand und Erfahrung 
im stets wiederholen: „Ein Weib mit einem Penis gibt es nicht!" entgegnet 
sein Unbewußtes hartnäckig: „Aber, da ich klein war, hatte meine Mutter 
doch einen Penis!" Wie zäh dieser Glaube, ließ sich gerade bei meinem 
Patienten glänzend verfolgen. Aus seiner Analyse sei hiezu folgende 
Stelle zitiert: „Tante hat meine Onanie oft als .Schweinerei' bezeichnet, 
,das tut man nicht!' Nun ist sie nicht verheiratet und hat auch niemals 
geschlechtlich verkehrt. Aber irgend etwas muß sie doch tun, mindestens- 
muß sie onanieren, wenn sie mit keinem Manne verkehrt. Diese Vorstel- 
lung kam mir erst spät zum Bewußtsein, aber unbewußt muß sie schon 
früher dagewesen sein." Da diese Tante bereits eine Fünfzigerin ist, 
fragte ich erstaunt: „Haben Sie denn geglaubt, daß sie onaniert?" -- „Das 
ist möglich." — „Meinten Sie das wirklich?" — „Ja, gewiß!" — „Wie 
stellten Sie sich denn das Onanieren der Frauen überhaupt vor?" — „Da 
hatte ich keine Ahnung und weiß es auch jetzt noch nicht. Nur habe ich 
heute die Idee, daß sie es auf eine uns ähnliche Art machen müssen.. Und 
obwohl ich jetzt ganz gut weiß, daß das nur durch Befleckung des Kitzlers 
geht, so ist doch immer noch der Gedanke da, daß die Frau so onaniert 
wie ich." — „Sie hat aber doch keinen Penis?" — „Den wünsche ich un- 
eben." — „Sie haben sich doch aber überzeugt, daß sie keinen besitzt?" — 






\ 






224 



Für mich ist der Penis überall. Ich weiß, sie hat keinen und sehe 
auch keinen, aber nach meinem Empfinden gehört er dazu 
und ist er dort." - „Wodenn?" - „Im Genitale." -Das heißt wohl, 
Sie kommen von der Vorstellung nicht los, daß auch das Weib einen Penis 
besitzt'" - „Ganz gewiß. Ich sagte schon früher, daß eine Frau ohne 
Penis nicht ganz ist, daß mir vorkommt, als wäre ihr irgend etwas amputiert, 
wie Fuß oder Arm." - - „Da Sie nun die Neugier nimmer los werden wie 
sieht die Tante im nackten Zustand aus, die nämliche Tante welche Mutter- 
stelle bei Ihnen vertritt, so könnte man fast glauben, Siehoffen noch immer, 
die Mutter mit dem Penis zu treffen." - - „Ja, das sehe ich ganz deutlich 

ein. Das ist auch so!" 

Das Verlangen nach dem Penis der Tante tritt auch in der Symbolik 
hervor Die Tante ließ ihren Neffen nach Verbüßung seiner Strafe nicht 
mehr vor, wohl aber schickte sie ihm auf seinen Wunsch ein Hemd, eine 
Seife und eine Kerze. „Und alles andere hat mir nicht soviel Freude 
gemacht wie die Kerze allein." - „Heißt das: die Tante schickt Ihnen 
ihren Penis?" - Ja, das heißt es wahrscheinlich, sogar ganz sicher. 
Denn seitdem ich hier auf dem Sofa liege, spiele ich mit einem Bleistift 
und denke dabei immer, es wäre der Penis vom Hans^ Ich habe überhaupt 
für Kerzen eine besondere Vorliebe. Bloß wenn der Priester m der Kirche 
eine Kerze in die Hand nimmt, kommt mir das wie eine Entweihung vor. 
Tante putzte mir auch zu Weihnachten immer selber den Baum auf 
und mir würde er nie gefallen haben, hätte dies ein anderer getan. Den 
Hauptreiz übt übrigens nicht der Baum, sondern das Hängende an ihm, 
die Richtung der Schnüre nach hinunter. Ich weiß, schon als Kind von 
zwei, drei Jahren gefiel mir das besonders gut, während die Süberfaden 
zwischendurch mich immer nur störten." „Wissen Sie, was das Han- 

gende bedeutet?" - „Ja, den Penis. Jetzt fällt mir noch etwas ein Ich 
erzählte Ihnen schon, daß ich mit drei, vier Jahren den Onkel nackt im 
Sitzschaff sah und daß mir vor seinen vielen schwarzen Haaren darauf 
so grauste. Außerdem waren das Glied und die Hoden so furchtbar han- 
gend, was mich derart ekelte, daß ich aus dem Zimmer hinauslief. Vielleicht 
hätte ich den Ekel nicht gehabt, wenn der Penis erigiert gewesen wäre. 
Noch jetzt ist mir ein steifes Glied lieber als ein hängendes und wenn ich, 
z.B. im öffentlichen Pissoir, jemanden mit erigiertem Penis sehe, mochte 
ich gleich zugreifen. Hängt er aber, so drehe ich mich um und gehe hinaus. 

- Aber woher der Ekel damals?" - - „Vielleicht hat mich als Kind ge- 
schreckt, daß er so groß war gegenüber meinem kleinen Penis^" - Das 
würde noch immer keinen Ekel erzeugen, Ekel ist gewöhnlich Reaktion 
auf ein unterdrücktes anstößiges Verlangen." „Ja. Eine Möglichkeit 
bestünde noch, für die ich freilich keine Erinnerung besitze. Vielleicht 
schlief ich in ganz früher Kindheit beim Vater und hatte wiederholt Ge- 
legenheit, sein Glied anzugreifen. Ich sage nur .vielleicht', ich weiß es 
nicht, sondern vermute nur, daß er mich abends oder früh manchmal ins 
Bett nahm und daß ich dann zufällig oder absichtlich seinen Penis berührte. 
Vielleicht gehört auch das noch her: Ich erzählte Ihnen schon, daß der 
Onkel mir einmal mit fünf, sechs Jahren drohte, das Glied abzuschneiden, 



; 



. 



22;. 



■weil ich auf Blumen uriniert hatte. Die Sache erschien mir durchaus 
nicht unangenehm, nur weiß ich nicht, ob das Abschneiden als solches, 
oder weil es von der Hand des Onkels geschehen wäre. Ich hing ja damals 
sehr an ihm und es wäre mir recht angenehm gewesen, wenn er mein Glied 
in die Hand genommen hätte, während es mich von der Tante, die es beim 
Waschen öfter in die Hand nahm, gar nicht berührte, ja eher unangenehm." 
All diese Dinge sind ohne weiteres aus dem Entmannungs-Komplex 
verständlich. Dem Urning graut zunächst vor den Schamhaaren, die ihm 
vom Weibe her als Ersatz erschienen des vermeintlich abgeschnittenen 
Gliedes. Es graut ihn ferner vor dem hängenden, schlaffen, gebrochenen, 
i. e. kastrierten Penis. Anderseits quillt ihm aus dem Ödipus-Komplex 
eine gewisse Kastrationslust, aus der Selbstbestrafungs-Tendenz geboren, 
die besonders dem Vater und Onkel (Bruder des Vaters) gegenüber zur 
Geltung kommt. 

Auf die Erlebnisse der Säuglingszeit geht teilweise auch unseres 
Urnings Vorliebe für die Fellatio zurück, natürlich abgesehen von der 
organischen Grundlage, seiner von Haus aus verstärkten Munderotik. 
Er sagte einmal in der Psychoanalyse: „Wenn ich einem Jungen Minette 
mache, habe ich dasselbe Gefühl, wie wenn ich als Kind an der Brustwarze 
saugte. Ja, öfter habe ich einem geliebten Jungen, wie zuletzt noch dem 
Hans, mit hoher Lust an der Brustwarze gesaugt. Wenn ich mir vorstelle, 
diese sitze an der Brust, so habe ich gleichzeitig die Empfindung, die Brust 
wäre der Penis, der dann die Brustwarze aufgesetzt hätte, vielleicht als 
Eichel. Bezeichnend ist auch, wenn ich Frauen mit stark entwickelter 
Brust auf der Straße sehe, so muß ich unmittelbar danach an ein stark 
entwickeltes Glied denken. Beim Hans, der gar keine weiblichen Brust- 
warzen besitzt, hatte ich beim Saugen stets die Vorstellung, die Rippe 
wäre die direkte Fortsetzung der Brustwarze und beide zusammen machten 
erst den Penis aus." Man sieht, wie in der Fellatio das ursprüngliche Ver- 
langen, der Mutter an der Brust zu saugen, für Lebenszeit fixiert ist. Auch 
hier bleibt der Urning lebenslänglicher Liebhaber seiner Mutter. 

Zum Schluß noch ein weniges über den therapeutischen Erfolg. 
Natürlich läßt sich von einer Behandlung, die jedesmahnur 14 Tage währte, 
wo die zwei kurzen Behandlungsepisoden durch eine monatelange Pause 
voneinander getrennt waren, nicht viel erwarten. Gleichwohl zeigte er 
in dieser zweiten Behandlungsperiode zu meinem Erstaunen eine merk- 
würdige Wandlung. Vor allem war ihm jetzt klar bewußt, daß er in dem 
einzig geliebten Hans nur die Tante liebe. Gegen Schluß dieser Episode 
erklärte er spontan, in der Psychoanalyse: „Ich glaube, ich würde nicht 
irre gehen, wenn ich sagte, mein Haupt-Lebensinteresse gruppiert sich um 
die Tante." Und es war erstaunlich, wie heftig sowohl seine zärtlichen als 
seine sinnlichen Gefühle für diese wurden. Hand in Hand mit der neu 
erwachenden Liebe zu einer Person des anderen Geschlechtes trat die zu 
dem eigenen trotz aller Neigung für seinen Hans doch deutlich zurück. 
Vor allem wurde er im Gegensatz zu früher jetzt ausgesprochen monogam 
und floß ersichtlich die Liebe zum Hans mit der zur Tante in eins zusammen. 
Wenn er nunmehr aus Not, um etwas zu verdienen, da er keinen Posten 

Sadger, GeschlechtsYerirrungen. i = 



226 



bekommen konnte, wieder auf den Strich ging, so geschah es mit einem 
Gefühl von Ekel, das ihm früher fremd war. „Es gibt jetzt Momente", sagte 
,er mir einmal, „wo ich der Tante zürne und wütend bin auf sie, daß sie mir 
damals nicht geholfen hat und wo mich meine Homosexualität direkt an- 
ekelt. Nach solchen Momenten bin ich ganz schlaff und matsch und dann 
doch wieder froh, daß ich so bin. In mir streitet ewig und immer die Zu- 
friedenheit mit und die Abneigung gegen meine Veranlagung. Ich beneide 
die Heterosexuellen nicht, in keinerlei Weise, aber ich habe vielleicht 
darum eine Abneigung gegen meine Anlage, weil der Ursprung der war, 
daß meine Tante sich mir versagte. Andernteils bin ich ja froh, denn meine 
Anlage hat mir schon viele genußreiche Stunden bereitet, mehr als mir 
irgendein Mädel bereiten kann." 

Noch eine zweite heilsame Wirkung brachte die fortgesetzte Psycho- 
analyse. Eine Zeitlang konnte er überhaupt mit der Onanie aussetzen — 
und zwar spontan, ohne jede Aufforderung von meiner Seite — dann 
begnügte er sich mit einer verhältnismäßig seltenen Übung. Gegen Ende 
der zweiten Behandlungsperiode erklärte er mir aus freien Stücken: ,,In 
dem Maße als das Verlangen nach Männern zurücktritt, fühle ich, daß sich 
viel mehr geistige Regsamkeit geltend macht, die mir früher ganz abhanden 
gekommen war. Es erwachte in mir eine starke Lust über alles mögliche 
zu schreiben. Während es mir vor der Behandlung schwer fiel, in logischer 
Folge längere Zeit zu denken, so wird mir das jetzt leichter. Auch bin ich 
nunmehr unbefangen im Verkehr mit Frauenzimmern, die reichlich zu 
meiner Quartiersfrau kommen. Früher habe ich mich immer über sie 
geärgert, vielleicht weil sie sich, wie die Anna, häufig über mich mokierten." 



k 



i. 






IV. KAPITEL 

Der sado-masochistische Komplex. 

I. Der ungeschlechtliche Bemächtigungstrieb. Allgemeines über den Sado- 

Masochismus. 

Das Verständnis des sadomasochistischen Komplexes wird dadurch 
ganz erklecklich erschwert, daß zu seiner Bildung nicht bloß sexuelle 
Komponenten zusammentreten, also nicht nur der Geschlechtstrieb be- 
teiligt erscheint, sondern auch ein Ich-Trieb: der Bemächtigungs- Macht- 
Aggressions- oder Unterwerfungstrieb, dessen wesentlicher Träger die 
Muskulatur ist. Man kann auch sagen: Sadismus ist die sexuelle Seite -des 
Bemachtigungstriebes, der Punkt, wo Aggression- und Sexualtrieb zu- 
sammenfallen. Nim ist da freilich zuzugeben, daß die meisten Ich-Triebe 
wie sie die verschiedenen Autoren aufstellen, eigentlich Artefakte sind' 
man kann sie nach Art einer Ziehharmonika beliebig auseinander- und 
zusammenschieben. Es lassen sich wenig und viel Ich-Triebe annehmen 
und es steht im Belieben eines jeden Philosophen, in wieviel Teile er diesen 
letzteren zerspalten will. Immerhin hat man ein gewisses Recht, einen wirk- 
lichen Bemächtigungstrieb anzunehmen aus dem Studium des normalen 
Liebeslebens und des Sadismus heraus, wie endlich aus direkter Kinder- 
beobachtung 

Ctf i S i° ^t^ J* Defloration, selbst im Ehebette, fast immer ein 
Stuckchen Notzucht dabei. Und wie der Australneger das Weib welches 
er besitzen will, zuerst mit der Keule niederschlägt, ist auch beim Werben 
des Kultureuropäers ein größerer oder geringerer Zusatz von Aggression 
ganz unerläßlich, den Widerstand des Sexualobjektes endlich zu brechen 
Ich kann mir ersparen, auf diesen Punkt ausführlicher einzugehen weil 
er so ziemlich in jeder Psychopathia sexualis um so stärker betont wird 
je weniger man über das eigentliche Wesen des Sado-Masochismus aus- 
zusagen weiß. Von der Werbung bei Tieren angefangen über Raubehe 
und Liebesbiß bis hinab zur „Lust des Mannes an Betätigung seiner Kraft" 
und dem „Verlangen des Weibes nach Erleiden von Zwang" ist wohl schon 
alles zusammengetragen worden, was irgend über den Bemächtigungs- 
trieb im normalen Liebesleben zu finden ist. 

Sehr lehrreich bedünkt mich, was die wissenschaftliche Beobachtung 
an Kindern, ausgeführt von Nicht-Psychoanalytikern, über den Aggressions- 
tneb zutage förderte. Eine Anzahl Beispiele gab ich bereits im ersten 



15* 



228 



Kapitel des allgemeinenTeiles, da ich von der kindlichen Grausamkeit sprach. 
Dem dort Erzählten sei hier noch einiges angefügt. So heißt es in dem besten 
Buche dieser Art 1 ) von dem kleinen Scupin: ,, Schon am ersten Lebenstage 
mußten ihm die Hände eingebunden werden, weil er sich das Gesicht zerkratzt 
hatte". Am zweiten Tage: „Großmama, die, sich zärtlich herabneigend, 
auf das Kind einsprach, erhielt zum Dank ein paar Kratz wunden; die 
Fingerchen hatten sich so fest eingekrallt, daß es ihr einen Schmerzlaut 
entlockte." Dann vom selben Tage: „Ein sein Händchen berührender 
Finger wurde sofort umspannt und erst bei einer ruckweisen Armbewegung 
wieder losgelassen." Da der Kleine etwa 3 1 /., Monate zählt, wird von ihm 
vermeldet: „Ein Stab wird von den Fingern fest umklammert und nicht 
wieder hergegeben. Vergnügt und eifrig haut der Knabe damit auf alle 
ein. Die Nasenflügel werden dabei aufgebläht, der Mund gespitzt und der 
Speichel läuft ununterbrochen daraus hervor." Dann etwa einen Monat 
später: „Großes Vergnügen bereitet es dem Kinde, Spielzeug heftig auf 
den Tisch zu hauen, sich selbst damit auf den Kopf zu schlagen und es 
schließlich mit heftigem Ruck auf die Erde zu werfen. Zwanzig- bis dreißig- 
mal geschah dies heute hintereinander; geduldig wurde das Spielzeug 
immer wieder aufgehoben und jedesmal mit Aufjauchzen und leuchtenden 
Augen in Empfang genommen." Schließlich ließ es die Mutter liegen. 
Da -trieb das Kind so lange, bis die Mutter es wieder aufhob. 

Überblickt man den vorstehenden Bericht, so scheint es sich lediglich 
um den Bemächtigungstrieb zu handeln, der sich vorerst in Kratzen und 
Einkrallen, sodann in festem Umklammern dargebotener Gegenstände 
äußert. Merkwürdig ist, wie lustvoll hiebei die Muskeltätigkeit empfunden 
wird. Wenn einmal sogar die Nasenflügel gebläht und der Mund gespitzt 
wird, obendrein ununterbrochen Speichelfluß besteht, so denkt man un- 
willkürlich daran i wie stark die Muskelerotik schon des Säuglings ist, und 
ob da nicht eine Brücke sich auftut zwischen Ich- und Geschlechtstrieben. 
Auffällig wirkt ferner das Fehlen der Schmerzempfindlichkeit des Jungen, 
der sich mit dem Spielzeug selber auf den Kopf schlägt. Wir wollen uns 
dies für später merken, doch jetzt schon betonen, daß vieles, was uns beim 
kleinen Kinde als grausam erscheint, dies gar nicht ist, weil das Kind, 
welches selbst keinen Schmerz empfindet, diesen auch bei dem anderen 
nicht annehmen wird. Es fehlt ihm noch völlig die Fähigkeit des Mitleidens, 
die an die Entwicklung der vollen Schmerzempfindung gebunden. Nicht 
selten erschrecken die Großen über das Zusammenstoßen, sagen wir des 
kindlichen Kopfes mit harten Dingen der Außenwelt, während hingegen 
der Kleine selber ganz ruhig bleibt oder höchstens eine Weile betroffen 
dreinsieht. Setzen da aber Tröstungen der Pflegepersonen ein, so benützt 
er nicht selten das erfahrene Ungemach, das ihn sonst wenig berührt haben 
würde, als Quelle der Lust, um die Liebe jener herauszufordern. Wenn 
man ihm die Schmerzeh, die er wenig oder gar nicht empfindet, einfach 
„fortbläst", ist er gleich beruhigt. Ja, recht häufig kommt er zur Mutter 



') Ernst und Gertrud Scupin: „Bubis erste Kindheit", Leipzig 1907, Th. Grieben. 



229 



gelaufen, sie solle ihm ein Weh wegblasen, das gar nicht besteht, weil jenes 
Liebesspiel gar so. lustvoll. 

Gleich von vornherein war bei dem kleinen Scupln die Munderotik 
nachweisbar. Denn schon an seinem ersten Lebenstage notieren die Eltern • 
„Als er hungrig war, schnappte er seitwärts in das Federbett hinein stram- 
pelte die eingebundenen Händchen wieder frei und saugte gierig daran" 
Dann vom achten Tage: „Bei Hunger saugt der Knabe laut schmatzend 
an den Fingern, doch beruhigt ihn das nur für kurze Zeit " Zwei Wochen 
spater: „Berührung der Lippen hat sofortige Saugbewegung zur Folge 
selbst wenn das Kind satt ist. Während des Saugens reagiert es fast gar' 
nicht auf Schal reize." Genau also das, was wir bei Besprechung <£ Ludeln 
tÄS em ^ ?*?***« Säugling schreibt die Eltern! 
e'rt „th t f f?f nannten ^tschpfropfens haben wir den Jungen 

erst nicht gewohnt, dafür saugt er mit Vorliebe an den Fingern steckt 
auch wohl die ganze Faust in den Mund, selbst wenn er getrau len hat « 

23 ^ K ar n. Uf: -"^ aS Kind ** diC #W fast mchfmehr aus dem 
Munde und beißt mit den Zahnlosen Kiefern eifrig daran herum « Weitet 
aus spateren Monaten (neun Monate, fünf Tage) : „Das Fingersaugen st 
nun endgültig an Stelle des früheren Schreiens |etreten. ist al f e n Zechen 
des Hungers sowohl als der. Resignation; wenn nun dem Kinde ein Gegen 
stand verweigert wird, es schlafen gehen soll oder dergleichen, dann steckt 
es zum Trost den Finger in den Mund." (Im elften Monat:) „Der Daumen 
der bei Resignation immer in den Mund gesteckt wird, we st stets e S 
Bißwunden auf." (Endlich aus dem zwölften Monat:) „Bubi e, hielt heute 
den ersten ernst gemeinten Klaps. Seine üble Angewohnheit, beständig den 
Daumen im Munde zu haben, hat diesem das aufgeschwen mite When 
eines Waschfrauen fingers verschafft. Zwanzig- bis dreißigmal hTnterein 

wurde Zk h i UtG d f ?**■[ ^ Sdnem Munde ^ogen S werden. Dann 
wurde der Knabe wütend und schlug nach der Mutter? diese schlug ihm 
nun derb auf die Hand." Trotz der Schläge saugte er immer wieder an dem 
Finger offenbar „geleitet von einem unwiderstehlichen Bedürfnis " 
m a X unve *? ra 5 ar tritt «ns in diesen Schilderungen die infantile 
Munderotik spezieller das Wonnesaugen entgegen, das nur zu Anfang noch 
einen Berührungspunkt mit einem Ich-Trieb hat, dem Hunger oder Nah- 
rungstriebe. Später jedoch entwickelt es sich von diesem durchaus unab- 
hängig, selbst dann, wenn der Kleine völlig gesättigt. Eine Brücke zwischen 
den Ich- und Geschlechtstrieben, schärfer umrissen zwischen Mund- 
erotik und Bemächtigungstrieb, bietet etwa nachfolgende Stelle des Tage- 
buches: (sechster Monat) „Feststehende Dinge, wie Pfosten, Stuhllehnen 
und anderes ergreift er, zieht sich an dieselben heran, berührt sie mit dem 
Gesicht und beginnt daran zu lecken." 

Gleichartige Beobachtungen wurden an der kleinen Shinn gemacht 1 ) 
Von dieser berichtet ihre Tante: „Wenn wir das Kind in der neunten Woche 
an die Wang e lehnten, so pflegte es, wenn es hungrig war, diese zu fassen 

») „Körperliche und geistige Entwicklung eines Kindes in biographischer 
Darstellung nach Aufzeichnungen von Milicent Washburn Shinn", bearbeitet von 
Glabbach und Weber, 1905, Langensalza, Verlag von Greßler. 



230 



und daran zu saugen. War es nicht hungrig, so drückte es seine Lippen 
darauf und leckte daran. Ein besonderes Vergnügen empfand es von dieser 
Zeit an, seine Lippen dem Gesichte einer Person zu nahem, um es mit dem 
Munde' zu bearbeiten." In der neunten Woche versuchte meine Nichte 
häufig, die Hände in den Mund zu stecken. Vorher hatte sie daran gelutscht 
und sie mit dem Munde berührt, wenn sie ihn zufällig fanden. Gegen die 
zehnte Woche hin wären ihre Hände fast beständig am Munde . . . Nachdem 
sie greifen gelernt hatte (17. bis 18. Woche), steckte sie zeitweise alles in 
den Mund, namentlich im sechsten und weiter im siebenten Monat 1 ). 

Wir stehen hier vor einem weiteren Übergang vom Bemächtigungs- 
trieb zur Munderotik. Aus der Alltagserfahrung ist männiglich bekannt, 
daß jedwedes Kind, sobald es einmal greifen gelernt hat, alle möglichen 
Dinge in seinen Mund steckt, sich dieser also nicht nur bemächtigt, sondern 
mit denselben auch seine Munderotik reizt, wobei das Nahrungsbedürfnis 
ganz ausgeschlossen bleibt. Ich bin geneigt, in diesem Brauch den Urkeim 
des Sadismus zu erblicken. Es liegt auf der Hand, daß sowohl eine kon- 
stitutionelle Verständigung des Bemächtigungstriebes als der Munderotik 
die Neigung zur Lustgrausamkeit, welche niemandem fehlt, notwendiger- 
weise verstärken muß. 

Ich habe vorhin zum Teil die Gründe angeführt, welche uns das 
Vorhandensein eines Bemächtigungstriebes dartun, der aber nur leider 
psychologisch ebensowenig durchforscht ist als sämtliche anderen Ich- 
Teiltriebe. Was man über diese zu lesen bekommt, ist im Grunde nichts 
anderes als ein sich weise gebendes Geschwätz. Mit dem Aufwand großer, 
tönender Worte wird übertüncht, daß man da eigentlich gar nichts zu 
•sagen hat. Statt greifbarer Kenntnisse schwelgt man stets in Worten 
und Begriffen. Einteilungs- und Benennungskünste, beliebte philosophische 
Requisiten müssen herhalten, etwas wie ein Wissen vorzutäuschen. Es 
gebricht uns zur Stunde noch völlig an einer brauchbaren Trieblehre, 
mindestens, was die Ich-Triebe anlangt. Denn über die unterschiedlichen 
Geschlechtstriebe haben die tiefschürfenden Forschungen Freuds doch 
vielerlei Licht und Erkenntnis gestreut und uns bereits instand gesetzt, 
ein tragfähiges Gebäude aufzurichten. Hingegen ist es um die Ich-Triebe 
noch recht traurig bestellt, trotzdem sich um diese „anständigen" Triebe 
seit Jahrtausenden schon die Philosophen mühen. Hat doch vor wenigen 
Jahren erst ein so heller Kopf wie der Neurologe P. J. Möbius, der oben- 
drein auch ein philosophisch geschulter Denker, die Frage : Was ist ein Trieb ? 
bloß dahin zu beantworten gewußt: „Etwas — das treibt." Und dann zur 
Entschuldigung angefügt : „Das ist eine kümmerliche Antwort. Aber nur ein 
Schelm gibt mehr als er hat und wir wissen schlechterdings nichts über die 
Natur des Triebes. Wir können nur beobachten, wie der Trieb Wirkt." 2 ) 



!) Vom kleinen Scupin heißt es aus der 16. Woche zunächst: „Alles wird zuerst 
zum Munde geführt", dann drei Tage später „packt an, was ihm erreichbar ist", dann 
aus der 17. Woche : „Jeder ergriffene Gegenstand wird auf seine Eßbarkeit hin geprüft. 
Endlich aus dem sechsten Monat: „Jedesmal wird der Mund beim Greifen geöffnet." 

») „Die Hoffnungslosigkeit aller Psychologie", 2. Auflage, S. 28, 1907, Halle 
a d. Saale, Karl Marhold. 



231 



Ich hätte diese ganze, recht unerquickliche Betrachtung mir am liebsten 
erspart, wenn nicht gerade der Sado-Masochismus unter jenem Nicht- 
wissen so gewaltig litte. Daß wir vom Bemächtigungs- oder Machttrieb 
so wenig wissen, stört nämlich unser Verständnis beträchtlich. Im all- 
gemeinen streiten in der Literatur da zwei etwas gegensätzliche Ansichten. 
Krafft-Ebing als Wortführer der älteren Richtung erklärt in seinem be- 
kannten Hauptbuch; „Unter Masochismus verstehe ich eine eigentümliche 
Perversion der psychischen vita sexualis, bei der das betreffende Indi- 
viduum m seinen sexuellen Gefühlen und Gedanken von der Idee einer 
absoluten bedingungslosen Unterwerfung unter den Willen einer Person 
des anderen Geschlechtes beherrscht ist. von der es herrisch behandelt 
gedemutigt und mißhandelt zu werden wünscht. Diese Idee ist stets 
sexuell gefärbt." Das Hauptgewicht ist hier auf die Idee der Unterwerfung 
und Demütigung gelegt, also auf die Vorstellung, unter die Macht einer 
geliebten Person zu kommen. Freilich fehlt noch jedes Verständnis, warum 
diese passive Leistung des Bemächtigungstriebes sexuell gefärbt ist 

Im Gegensatze zu Krafft-Ebing führtedannSchrenck-Not/in«') 
im Jahre 1892 die Beziehung „Algolagnie" oder „Schmerzgeilheit" ein 
und nannte Sadismus und Masochismus „aktive und passive Algolagnie" 
welche 1- achausdrücke seitdem durchgegriffen haben. Hier lag das Schwer- 
gewicht nicht mehr auf einem Ich-Teiltriebe, sondern auf der sexuellen 
Lust beim zugefügten oder erlittenen Schmerz. Allerdings ward auch 
hier nicht erklärt, warum der Schmerz mit eins geschlechtlich lustbetont ist. 

Gegen jene neuen Kunstausdrücke und die in ihnen enthaltenen An- 
schauungen wandtesich Krafft-Ebing mit großer Hoftigkeit, anknüpfend 
an die -Formen des sogenannten „ideellen Masochismus": „Aus diesen 
Fällen von ideellem Masochismus wird vollkommen klar, daß es den mit 
dieser Anomalie Behafteten durchaus nicht darauf ankommt, Schmerz zu 
erleiden, und daß demnach die von Schrenck-Notzing und von Eulen- 
burg versuchte Bezeichnung dieser Anomalie als Algolagnie nicht das 
Wesen, den seelischen Kern masochistischer Gefühls- und Vorstellungs- 
weise trifft. Dieser ist das wollüstig betonte Bewußtsein, dem Willen einer 
anderen Person unterworfen zu sein, und die ideelle oder wirkliche 
Markierung einer Mißhandlung seitens einer solchen Person ist nur Mittel 
zum Zwecke der Erreichung eines solchen Gefühls." 

Ich habe nicht die Absicht, schon an dieser Stelle zu entscheiden, 
wieviel an jeder der beiden Meinungen Richtiges ist. Nur das eine sei 
bereits hier festgestellt, daß allerdings eine Reihe von Sado-Masochisten 
die von Krafft-Ebing verfochtene Anschauung zum Ausdruck bringt 
daneben aber, einer wohl, kaum geringeren Zahl die aktive und passive 
Unterwerfung oder gar Demütigung wenig oder gar nichts sagt und ledig- 
lich die Schmerzzufügung Lust bereitet. Es sei noch ergänzt, daß von 
Krafft-Ebing an anderer Stelle als Grundlage des Sado-Masochismus 
eine Hyperaesthesia sexualis annimmt, also eine Überreizbarkeit des ge- 

') „Die Suggestions-Therapie bei krankhaften Erscheinungen des Geschlechte- 
sinnes , Stuttgart. Ferdinand Enke. 






232 

samten Geschlechtstriebes, wofür die Beweise allerdings fehlen. Ja, es 
läßt sich im Gegenteil der Nachweis führen, daß jene Annahme geradezu 
falsch ist, zum mindesten was die genitale Sexualität betrifft, also das, 
was gemeinhin als „Geschlechtstrieb" schlechtweg bezeichnet wird. Doch 

davon später. 

Nun noch einige allgemeine Bemerkungen. Es gibt alle möglichen 
Übergänge von der sozusagen normalen Grausamkeit, die nur einen Zusatz 
von Sexualität besitzt, bis zur ausnehmend geschlechtlich betonten Grau- 
samkeit des Sadismus. Beim echten Sadismus ist das Geschlechtliche voll- 
kommen ersetzt durch Grausamkeit und die Leute empfinden von dieser 
höchsten sexuellen Genuß. Im Grunde genommen verdient nur diese 
letztere Form den Namen Perversion oder Geschlechtsverirrung. f 

Wenn ich in der Überschrift dieses Kapitels vom sado-masochistischen 
Komplexe sprach, so geschah dies darum, weil Sadismus und Masochismus 
isoliert und für sich allein bestehend kaum je vorkommen. Beide Gegen- 
sätze sind stets vereint, so daß man ruhig behaupten darf: wer am Zufügen 
von Schmerzen oder Qualen Lust empfindet, hat auch Vergnügen, wenn 
er selber Schmerz oder Qual erleidet und vice versa, wie dies am schärfsten 
von Havelock Ellis ausgesprochen wurde 1 ). Des weiteren hat Freud 
die Behauptung aufgestellt, daß es einen primären Masochismus überhaupt 
nicht gebe, dieser sei nichts anderes als Autosadismus, d. h. geschlechtlich 
betonte Grausamkeit, die wider das eigene Ich gekehrt worden 2 ). Unter 
den typischen Schicksalen unserer Triebe ist nämlich eines: die Wendung 
gegen die eigene Person. So kann ein Sadist Selbstquäler werden und 
dadurch dem Masochisten ähnlich. Sein Sadismus hat sich in Masochismus 
verwandelt, allein nur dadurch, daß er die Triebhandlung wider sich selber 
kehrte. Auch hysterische Schmerzen seien ein nach innen gewandter 
Sadismus. 

Ganz regelmäßig sind endlich Beziehungen aufzuweisen zwischen dem 
Sadismus und der Zwangsneurose 3 ) . Nie fehlen bei dieser verschiedene unter- 

») „Eine genaue Untersuchung des Sadismus und Masochismus hat uns zu dem 
Ergebnis geführt, daß zwischen diesen beiden Erscheinungen keine bestimmte Grenz- 
linie besteht. Selbst de Sade war kein reiner Sadist, wie aus Dührens sorgfältiger 
Untersuchung hervorgeht, ja, man könnte vielleicht behaupten, de Sade wäre eigent- 
lich Masochist gewesen. Alle bekannten Fälle von Sadismus und Masochismus, selbst 
die von Krafft-Ebing zitierten, zeigen bestandig Spuren beider Gruppen von Er- 
scheinungen an einem und demselben Individuum. Man kann daher die beiden Be- 
griffe nicht in einen ausgesprochenen Gegensatz zu einander bringen ... , Sadismus 
und .Masochismus', sind einfach bequeme klinische Bezeichnungen für Erscheinungen, 

welche in der Regel bei einem Individuum neben einander vorkommen Sadismus 

und Masochismus sind Gefühlsvarianten, die einander ergänzen." (Das „Geschlechts- 
gefühl", Würzburg 1903.) ' v, 

») Neuestens hat Freud dies nun freilich zurückgenommen: „Der Masochismus 
könnte auch ein primärer sein." („Jenseits des Lustprinzips", S. 52.) 

s ) Neuestens wurde dies auch von nicht-psychoanalytischer Seite bestätigt. 
So sagt Wilhelm Strohmayer („Über die Rolle der Sexualität bei der Genese 
gewisser Zwangsneurosen", Zeitschrift f. d. ges. Neurol. u. Psych., 45. Bd.. 1919): 
Die Zwangsvorstellungsneurose läßt sich mit Leichtigkeit als eine Art von sadistisch- 
masochistischem Äquivalent erkennen, insofern als die Zwangsvorstellungen unver- 
fälscht sadistischen oder masochistischen oder aus beiden Komponenten gemischten 



233 



drückte böse Impulse, gewöhnlich sadistische Mordgelüste wider den Vater. 
Eine Weile bleiben diese sehr mächtig. Nachdem sie jedoch zumeist in den 
Jahren vor der Pubertät Verdrängung erfuhren, werden jene Menschen 
übermoralisch und übergut. Auch dem Analerotiker eignen sehr häufig 
Züge sexuell betonter Grausamkeit. Zumeist sind es Sadisten. Umgekehrt 
spielt die Analerotik beim Sadismus eine mächtige Rolle. Wer je die 
Schriften de Sades gelesen, zumal „Justine et Juliette", oder „Die 
120 Tage von Sodom", wird immer von neuem mit Überraschung ver- 
nehmen, wie bei diesem Lüstling der Grausamkeit die normale Geschlechts- 
betätigung gegenüber der Analerotik, etwa Päderastie und Pedikatio oder 
den verschiedensten Kotpraktiken, völlig zurücktritt. Ich erinnere ferner 
an die von Freud jüngst aufgestellte analerotisch-sadistische Stufe der 
prägenitalen Sexualentwicklung. Auf den innigen Zusammenhang zwischen 
Analerotik, Haß und Zwangsneurose hat mit besonderem Nachdruck 
Ernst Jones hingewiesen. Zum Schlüsse möchte ich noch erwähnen die 
ungeheuerliche An timoral der schweren Sadisten, von der z. B. die 
Schriften de Sades geradezu triefen. Von all dem soll später noch ge- 
handelt werden. 



II. Haut-, Schleimhaut- und Muskelerotik in ihrer Beziehung zum Sado- 

Masochismus. 

Nach Beleuchtung des Bemächtigungstriebes sowie der allgemeinen 
Beziehungen des Sadö-Masochismus ist es an der Zeit, auch dessen ge- 
schlechtliche Komponenten einläßlich zu besprechen. Mich dünkt es am 
besten, auch hier wie bei der Inversion chronologisch vorzugehen, d. h. 
darzulegen, wie unsere Kenntnisse sich auf Grund der psychoanalytischen 
Forschungen allmählich aufbauten. 

Ich bin dem sado-masochistischen Probleme durch drei Erfahrungen 
näher gekommen. Einmal behandelte ich einen homosexuellen Jüngling, 
der auch starke masochistische Neigungen hatte, vor allem sich selber binden 
zu lassen. Schon nach wenigen Stunden der Psychoanalyse kam er eines 
Tages froh bewegt zu mir: „Herr Doktor, ich hab's, woher meine masochisti- 
schen Wünsche stammen!" Und da ich ihn erwartungsvoll ansah, kam der 
Bescheid: „Vom Eingewickeltwerden als Säugling!" — „Das werden ja 
alle Kinder", entgegnete ich, „da müßten sie sämtlich masochistisch werden. 



Charakter tragen. Sie weisen in dem peinigend-versuchenden Zwang aggressive oder 
leidende Tendenz auf. Das Äquivalent des sadistischen Partialtriebes sind im Ge- 
wände der Zwangsvorstellung verhüllte .Schädigungsgedanken'. Das Individuum 
wird gequält von der Zwangsbefürchtung, es könne durch irgendeine Handlung 
seine Mitmenschen in irgendeiner Weise geschädigt, verletzt, getreten, 
gestoßen, gewürgt (!) haben. Besonders der .Würggedanke', der sich mit Vor- 
liebe auf Kinder bezieht, ist mir als sadistisches Äquivalent in der Zwangsvorstellungs- 
neurose begegnet. So regelmäßig, daß ich mich den Patienten mit ausgesprochenen 
Würge-Zwangsvorstellungen die sadistischen Kindheitsphantasien auf den Kopf 
zuzusagen getraue. Als masochistisches Äquivalent habe ich Zwangsgrübeln, 
Zwangsbefürchtungen für die eigene Person und Zwangszweifel mit 
der Folge des Wiederholungs- und namentlich des Waschzwanges gefunden." 






234 



was ja doch nicht zutrifft." Etwas niedergeschlagen, gab er die Richtigkeit 
des Einwandes zu, fuhr aber gleich fort: „Ich kann nur sagen, als mir dies 
gestern eingefallen war, da wurde mir auf der Stelle leichter." Hier hatte 
nun wieder der Kranke recht. Wir kennen ja die psychoanalytische Regel: 
wenn dem Patienten nach einem Einfalle besser wird, dann ward zumindest 
-eine Teillösung gefunden 1 ). Ich wußte mir nur keinen Vers zu machen auf 

-diesen Fund. 

Die zweite Erfahrung folgte in Bälde. Da hatte ich ein „süßes Madel 
in Behandlung, das nicht bloß ein reiches normales Liebesleben pflog, sondern 
auch eine Fülle sado-masochistischer Züge aufwies. In der Psychoanalyse 
erzählte sie von ihrer Defloration 2 ) eine merkwürdige Geschichte. Nach- 
dem die erste Blutung vorüber war, verhielt sie sich nicht gleich anderen 
Mädchen nach Tunlichkeit ruhig, sondern setzte sich an die Nähmaschine, 
um durch deren übertriebenes Treten die Blutung von neuem anzuregen 
und möglichst zu steigern. Sie brachte es dadurch wirklich so weit, daß 
infolge ganz profuser Blutungen ein Arzt zu Rate gezogen werden mußte, 
der mit ihrer Bekämpfung soviel zu tun hatte, daß er schon die Überführung 
der Patientin ins Krankenhaus erwog. Gab dies schon zu denken, so wirkte 
ein zweiter Zug noch mehr verblüffend. Die Kranke war scheinbar von 
einer ständigen Angst beherrscht, gravid' zu werden. Das schien bei ihrem , 
ausgedehnten Sexualverkehr nur zu begreiflich. Doch bald stellten sich 
Symptome ein, welche dieser harmlosen Deutung widersprachen. Wenn 
Patientin nämlich die Menstruation soeben erst überstanden hatte, kam 
sie bereits am nächsten Tage mit dem Verlangen nach einem Mittel, um 
sie aufs neue hervorzurufen. Das war nun offenbar schon mehr als die 
Furcht, in Hoffnung zu kommen, und sprach für einen heimlichen Wunsch, 
genau wie nach der Defloration, recht viel und beständig Blut zu verlieren. 
Woher dieser Wunsch und was er bedeute, verstand ich damals freilich 

noch nicht. . 

Ein tieferes Begreifen ermöglichte erst meine dritte Erfahrung. Da 
behandelte ich einen klinischen Assistenten der Psychiatrie wegen Morphi- 
nismus, psychischer Impotenz und einer Reihe hysterischer Symptome. 
Nachdem die Impotenz in etwa acht Tagen behoben worden, trat eine 
merkwürdige sadistische Seite der Krankheit zutage. Um nämlich über- 
haupt verkehren zu können, später dann, um den möglich größten Genuß 
zu finden, mußte Patient sich immer vorstellen, daß der weibliche Partner 
durch seine Angriffe zu leiden habe. Eine Dirne, welche seine spezifische 
Liebesbedingung sehr rasch weg hatte, wußte ihn bald derart zu reizen, 
daß er nun fortab dauernd potent blieb. Am merkwürdigsten war mir 
folgende Szene. Nach etwa dreiwöchiger Behandlung kam er eines Tages 



») Vor kurzem hörte ich von einem Koprophilen folgende Lösung: „Als Säug- 
line hatte ich. wie eigentlich mein ganzes Leben lang, große Lust an meinem eigenen 
Kote und wollte hineingreifen, konnte aber nicht, weil ich eingewickelt war. Wahr- 
scheinlich hat Mutter gesehn, daß ich mich mit meinem Abfall so spiele, und wickelte 
mich ein, um es zu verhindern. Jetzt ist mir viel leichter." .*-.'*>:. u 

*) Wie sich spater herausstellte, geschah das Folgende in Wahrheit erst nach 
dem zweiten Koitus, acht Tage später. *» 



235 

mit freudestrahlendem Gesicht zu mir: „Herr Doktor, gestern ist es mir 
großartig gegangen! Ich habe nur eine Nummer gemacht, allein ich habe 
einen halben Tag danach Schmerzen gehabt!" Ich sah den Kranken mit 
einem begreiflichen Erstaunen an. Man stelle sich vor, ein Patient empfinge 
den Arzt in der Sprechstunde: „Mir ist es großartig gegangen, ich habe 
einen halben Tag Zahnschmerzen gehabt!" Wäre man da nicht leicht 
versucht, ihn sofort aufs Beobachtungszimmer zu schicken ? Und der mir 
die freudige Botschaft brachte von jenen großartigen halbtägigen Schmerzen, 
war ein neunmal gesiebter, erfahrener Fachmann und klinischer Assistent 
der Psychiatrie, also etwas, das gleich nachdem Herrgott rangiert, -Hier, 
mußte ein Besonderes stecken, das vielleicht anknüpfte an die Blut- 
lust jenes süßen Mädels. Wie dieses offenbar vom Blutfließen nicht genug 
kriegen konnte und daraus eine besondere Lust zog, so mein Psychiater 
aus den Schmerzen in Urethra, die er ja mit ausdrücklichen Worten hervor- 
hob. Es mußte also wohl in beiden Fällen mit der starken Reizung der je- 
weiligen Schleimhaut eine Lust verknüpft sein, welche jene Schmerzen 
weit übertönte. Das bestätigte auch der psychiatrische Kollege, indem er 
seinen freudigen Bericht fortsetzte: „Die Lust kam erst dann, als es anfing, 
wehzutun, noch bei der Dirne, und das ist dann immer ein Zeichen von 
starker Erektion. Das Mädel hat auch gesagt: ,No, heut' ist das ganz 
anders als das letzte Mal!' Im Momente, da es mir weh tut, habe 
ich das Gefühl, es muß ihr auch weh tun, und dadurch steigt 
die Lust ganz rapid bis zum Ergüsse. Das ist förmlich sadistisch." 
Aus diesem Berichte wollen wir uns zwei Dinge merken. Vorerst, 
daß die Entstehung der masochistischen (Gefühle in der eigenen Urethra) 
wie sadistischen Lust direkt an die Schmerzempfindung gebunden war. Denn 
erst als es anfing, wehe zu tun, begann die Lust mächtig anzuschwellen bis 
zum höchsten Gipfel. Darum vermochte sie ein anderer Kranker sehr richtig 
als „Weh-Lust" von der normalen „Wollust" zu trennen. Zum zweiten 
sodann, daß man dem Partner im Liebesleben nicht darum weh tut, um 
ihn zu quälen, sondern weil man vom eigenen Schmerz Lust empfindet, 
die man nun dem anderen auch schaffen möchte. l ) Ja, der vorausgegangene 
Schmerz wird dann zu einer ganz besonderen Würze der folgenden Lust, 
die er nach dem Gegensatzprinzip noch erheblich steigert, sowie auf einem 
anderen Felde die feinsten Eßschokoladen nicht einfach süß sind, sondern 
einen Beigeschmack von Bitterkeit haben. Für diese Zusammenhänge lassen 
sich aus den Psychoanalysen 1 stets wieder neue Beweise erbringen. So 
hörte ich z.B. von einer Kratz- und Beißsadistin : „Wenn ich einen kratze, 
muß ich das Gefühl haben, daß es ihm weh tut und wohl zugleich. Merke 
ich nicht, daß es ihm auch wohl tut, bleibt das Vergnügen völlig aus. Als 
junges Mädchen, das vom Koitus nichts wußte, stellte ich mir vor, daß man 
bei der Vereinigung den Mann nur umarme, küsse und die Nägel einsetze." 
Und ein männlicher Patient erklärte geradezu, wenn auch nicht erschöpfend: 
„Der Sadismus ist überhaupt nur denkbar, wenn das Kind eine Freude an 



*) Dies Bewußtsein kann späterhin bei extremen Sadisten völlig verloren 
gehen und bewußt nur die Lust am Schmerzzufügen übrig bleiben. 



236 



Schmerzen hat und dann den anderen diese Wohltat nun auch erweisen 
will*) es also Lust empfindet, sobald es das erste Mal Prügel erhalt. 

Wie kommt es nun aber zu jener Wehlust, zu dem Vergnügen am 
eigenen Schmerze? Warum empfanden bei meine n ersten Erf jungen 
die Kranken eine solche Freude, wenn man sie band, oder Blut ihre Scheide 
reichlich überströmte, oder endlich Schrnerzen in der Harnohre auftraten ? 
Warum verspürten all diese Menschen dort eine Lust, wo andere Sterb- 
liche nichts Leiter empfinden als Schmerz und Unlust? Die P^hen 
Schmerzen fehlten auch jenen natürlich niemals,_ ja es schien, als ob die 
sadomasochistische Lust überhaupt an einen ziemlich hohen Giad des 
Schmerzes gebunden oder mindestens durch einen solchen erst auf den 
Gipfel getrieben werde. Was- liegt nun diesem Rätsel zugrunde? 

Da kamen mir einige Alltagserfahrungen in den Sinn Nicht wenige 
Menschen empfinden, wenn harte Stuhlmassen unter ziemlichen Schmerzen 
durchgetreten sind, hinterdrein ein direktes Wohl ustgef uhl . Es taussen 
dies durchaus nicht starke Analerotiker sein, wenn bei diesen auch freilich 
die Lust schon konstitutionell verstärkt ist. Ferner pflegt bei der Sonden- 
behandlung der Impotenz die schmerzhafte Reizung der Harnröhrenschleim- 
haut periphere Lust und Fähigkeit zu Erektionen zu wecken. Jedermann 
kennt weiter die Wollust des Kratzens bei starkem Jucken, wobei oft 
geradezu schmerzhafte Eingriffe mit höchstem Vergnügen empfunden 
werden. Am auffälligsten tritt dies beim nervösen Pruritus cutaneus 
zutage Wie in den ersten, zwei Fällen die starke Reizung der Schleim- - 

häute und Muskeln, so wirkt im letztgenannten die mächtige Reizung 
der Haut erogen. Endlich kann man alle Tage schauen, daß Buben mit- 
einander zu raufen beginnen aus reinem Vergnügen an der Muskelbetätigung 
und Hautberührung, Körper an Körper, wobei sogar der unterliegende 
Teil trotz erhaltener Prügel noch Lust empfindet. Daß diese wieder aus- 
gesprochen sexueller Art ist, beweist wohl der Umstand, daß viele ihre 
ersten Erektionen bei solchen Raufszenen wahrgenommen haben. 

Es lag nun nahe, von diesen schmerzhaft -lust vollen Erscheinungen 
auf ähnliche beim Algolagnismus zu schließen. Wissen wir doch, daß, 
während die Mehrzahl aller Menschen bei Aufnahme regelmäßiger 
Geschlechtsbeziehungen die im Kindesalter so mächtige Haut-, 'Schleim- 
haut- und Muskelerotik verliert, es manche gibt, bei denen die letztere 
konstitutionell derart verstärkt ist, daß sie auch späterhin in reiferen 
Tahren noch fortbesteht. Vielleicht, daß just die Sado-Masochisten 
Menschen wären mit angeboren verstärkter und darum fortdauernder 
Haut- Schleimhaut- und Muskel-Sexualität, die durch Schmerzen lustvolE 



M Hierher Rehört auch folgender Fall: Ein zärtlicher Großvater pufft, balgt 
sich und Shtgt feinen Enkel, endet aber stets das Spiel: Schlag mich zu ruck! 
Dann eibt er ihm einen Klaps aufs Gesäß, fügt aber gleich die Aufforderung hinzu 
Hau' mich 4der!'" Zum Schlüsse dieses erbaulichen Treibens nennt er das Kmd 
auch nSheiwn Hund, heischt aber sofort: „Sag mir auch daß ich ein Hund bn 
be chimp? ZI sag' mir Schweinereien I» Hier sieht -an deutlich ™ <^fvat~ 
die physische und moralische Unbill Vergnügen macht, die er darum auch akfaT 



seinem Enkel antut. 






237 

miterregt wird. Als ich mein analysiertes Material von etwa einem Dutzend 
Algolagnisten daraufhin prüfte, stellte sich heraus, daß die genannte 
besondere Erotik keinem einzigen Falle fehlte. Wohl aber waren fast 
' regelmäßig mehrere Faktoren kombiniert, also beispielsweise mehrere 
Schleimhäute besonders erogen, oder Haut- und Muskulatur bestimmter 
Partien oder alle drei zusammengenommen, natürlich noch abgesehen von 
der psychischen Überdeterminierung der einzelnen Fälle. Dies fand ich 
nun auch bei jenen weit häufigeren Sado-Masochisten bestätigt, bei welchen 
aus ungünstigen äußeren Umständen keine Vollanalyse zu machen war, 
sondern nur eine kurze Nachprüfung möglich. Auch hier versagte die oben 
angeführte Ätiologie in keinem einzigen Falle. Ebenso führte die Gegen- 
probe zu günstigem Ergebnis, d. h. dort, wo in reiferen Jahren keine nennens- 
werte Haut-, Schleimhaut- und Muskelerotik vorhanden, dort fehlten auch 
algolagnische Züge. So drängte sich mir allmählich die Überzeugung auf, 
daß eine der Wurzeln des Sado-Masochismus die von Haus 
aus verstärkte Haut-, Schleimhaut- und Muskelerotik bilde. 
Um gleich einem möglichen Mißverständnis vorzubeugen: ich 
meine mit dieser Annahme nicht, daß etwa die gesamte Haut-, Schleim- 
haut- und Muskelerotik konstitutionell verstärkt sei - das schlösse ja die 
ganze Sexualität ein — sondern jeweils sind diejenigen Partien des mensch- 
lichen Körpers, die den Ausgangspunkt oder Sitz einer starken Schmerz- 
geilheit bilden, von Haus aus besonders erogen. Demnach z. B. beim 
Urethral-Sadismus die Schleimhaut und Muskulatur der Harnröhre, beim 
Beiß-Sadismus die Schleimhaut und Muskulatur der Kiefer, die orale 
Erotik, bei dem Verlangen endlich, kräftig ad nates verhauen zu werden, die 
Gesäßerotik, will sagen die Haut- und Muskelerotik der Hinterbacken usw. 
Als ich mich nach Bestätigungen für meine Hypothese umsah, fand 
ich zunächst in all meinen Fällen von Fetischo-Sadismus und -Masochismus 
neben der für den Fetisch anscheinend notwendigen konstitutionellen Ver- 
stärkung der Riech- oder Schaulust ganz regelmäßig die Haut- und Muskel- 
sexualität im Vordergrund stehend. Es ist ferner bezeichnend, daß Masoch 
selbst, nach dem jene Perversion getauft wurde, an argem Pelz-Fetischismus 
litt und daß die geistige Miterregung seiner Hauterotik stets erst den höchsten 
Orgasmus setzte. Die Venus, von der er gequält und gedemütigt zu werden 
begehrte, mußte sich dazu stets in Pelz werfen. Auch seine besondere 
Vorliebe für Katzen und ihr weiches Fell - gleichfalls eine Kombination 
• von Fetischismus und Kratzmasochismus - die ich übrigens seitdem bei 
vielen Masochisten wiederfand, weist auf den tieferen Zusammenhang mit 
der Hauterotik hin. 

Einen weiteren Beweis nehme ich von den Erstlingsdramen unserer 
Dichter. Jedweder Dramatiker ist notwendig Sadist. Beruht der Genuß 
beim Anhören einer Tragödie doch wesentlich auf sadistischer Befriedigung : 
dem Untergang des Helden. Dem entspricht auch der Ursprung der Tra- 
gödie, die zu Anfang bei Opferungen gespielt ward. Ursprünglich wurde ein 
Tier geschlachtet, jetzt im Drama ein Mensch. Die Lust an der Traurigkeit 
ist die Grundlage alles tragischen Genießens. Nun erscheint mir auffällig, 
daß es fast in allen Erstlingsdramen der großen Poeten von Mord und 






238 



Totschlag förmlich wimmelt. Ich nenne z. B. Schillers „Räuber , Grill- 
parzers „Ahnfrau", Hebbels „Judith" und Grabbes „Herzog von Goth- 
fand" Woher diese Freude an der Grausamkeit, am Morden und Nieder- 
stechen bei den im Leben doch zumindest nicht ausnahmslos sadistischen 
Dichtern ? „Es gibt Menschen", hat Goethe einmal gesagt, „die eine wieder- 
holte Pubertät erleben". Dies gilt nun wohl in erster Linie von den Genies, 
insonderheit von den großen Poeten. Vor allem dauert bei den letzteren 
die normale Pubertät der Jünglings] ahre weit länger als bei den anderen 
Menschen und auch die Abfassung ihrer Erstlingsdramen fällt regelmäßig 
in diese früheste Pubertät. Nun führte ich an anderer Stelle schon aus, 
wie die Genialität der Mannbarkeitsjahre zum großen Teile daher rühre, 
daß eine Zeitlang die rein genitale neben der infantilen Haut-, Schleim- 
haut- und Muskelerotik bestehe. Diese letztere Gruppe gibt nun das 
treibende Moment für den in den Erstlingen so stark hervortretenden 
Sadismus der Dichter, der sich dann in den folgenden Dramen meist von 

selber verliert 1 ). 

Nun einige Belege aus meiner psychoanalytischen Praxis. Line 
Kranke erzählte von ihrer offenbar etwas invertiert-sadistischen Cousine: 
Wenn sie mich allein sieht, eilt sie auf mich zu und stürzt sich auf mich, 
ich dürfte ein Mann sein. Sie zwickt mich an den Schenkeln und am Gesäß 
und sagt dabei: .Laß mich doch ein bißchen, das tut so wohl, wenn das 
Fleisch so hart ist! Ich kann Dich so gut zwicken! 4 Sie hat davon sicher 
ein sexuelles Vergnügen, was ich ihr am Gesicht ablese. Denn bei sexuellen 
Dingen hat sie die Gewohnheit, die Zunge zusammenzurollen und zwischen 
den Zähnen hervorzustrecken, wobei ihre Augen noch besonders leuchten." 
Von der eigenen Libido berichtet sie folgendes: „Im Augenblick der 
höchsten Leidenschaft muß ich meinen Mann in den Oberann beißen. 
Ich weiß nicht, was ich vor Lust machen soll, da beiße ich eben. Ich spüre 
in dem Moment eine solche Kraft in mir, daß ich meinen Mann erdrücken 
würde und da ich das nicht will, beiße ich ihn wenigstens. Darauf ist mir 
dann ein Wenig leichter. Wenn ich meinem Gefühle nachgäbe, hätte ich 
ihn, glaube ich, schon erwürgt. Eigentlich habe ich im Augenblick der 
größten Lust das Bedürfnis, ihn zu erdrücken, doch ich verliere nie die 
Besinnung beim Akte und halte mich zurück, damit ich ihm nichts tue. 
Gäbe ich meinem Verlangen nach, so käme er nicht lebend davon. Das 
Beißen ist also Ersatz für das Erdrücken. Das Umarmen spielt die Haupt- 
rolle bei mir das ist dasjenige, was mich am meisten reizt und zum 
Geschlechtsverkehr animiert." Von der Kindheit eines Sadisten gibt 
seine Schwester folgende Kunde: „Er hatte schon als kleiner Knabe 
Zerstörerhände. Was er bekam, machte er rasch kaput. Einmal köpfte er 
die Soldaten meines Bruders, angeblich weil sie ihm nicht gefolgt hatten. 
Meine Puppen zertrümmerte er, doch scheinbar unabsichtlich. Die lassen, 
aus denen er trank, stellte er stets so heftig nieder, daß entweder die Tasse 



»] Die pädagogische Erfahrung lehrt auch, daß nur solche Bucher Kinder 
auf die Dauer fesseln, in denen es von sadistischen Zügen nur so wimmelt, wie „Struwel- 
peter" Max und Moritz" und wohl die meisten Märchenbucher. 



' / 



239 

oder der Untersatz in Scherben ging und er eine Emailschale bekommen 
mußte. Auch Bücher zerriß er häufig, weil er Düten brauchte." 

Auch wenn die mächtige Muskelerotik, die in all diesen Fällen im 
Vordergrund steht, dann künstlich unterdrückt wird, etwa durch die 
Eltern, kann- sie *zu einer Wichtigen Quelle des Sado-Mäsochismus werden. 
In einer Anzahl von Fällen schien es mir geradezu, als wäre just diese künst- 
liche Unterdrückung die psychische Ursache der Algolagnie. Wenn z. B. 
ein Säugling das gewaltsame Eingewickelt- und Eingeschnürtwerden 
infolge seiner gesteigerten Haut- und Muskelerotik lustvoll empfindet 
und später dem Knaben das Turnen von der Mutter untersagt wird, wofür 
er dann Ersatz in leidenschaftlichem Lesen sucht ; wenn ein Mädchen 
stets angehalten wird, schön sittsam neben der Mutter zu gehen, statt, 
wie sie möchte, herumzutollen; wenn ein Schuljunge ganz geflissentlich 
von selber „brav" wird, d. h. seine Muskelerotik unterdrückt und, statt 
umherzutreiben, lieber hinter seinen Lehrbüchern hockt, um so die Liebe 
seiner Mutter zu gewinnen; wenn endlich eine andere Mutter ihrem Jungen 
das Raufen mit der Schwester wehrt und sich dieser dann ungesühnt 
von seinen Kollegen verhauen läßt, weil er „nicht so ordinär sei, sich 
herumzuschlagen", dann hat sich in all den genannten Fällen eine schwere 
Algolagnie entwickelt. Auch psychologisch ist es gut zu begründen, daß 
die Unterdrückung einer Erotik sie in ganz ausnehmendem Maße erhöht. 
Gibt es doch bekanntlich kein besseres Mittel, das Verlangen nach einem 
Mann zu steigern, als indem man einer Liebenden diesen verweigert. Eine 
Dame schrieb treffend an Havelock Ellis (1. c. S. 171, Anm.l): „Der 
Mann kann ein Weib erregen, wenn er ihr verbietet, seine Liebkosungen 
zu erwidern; man kann das nur wenige Sekunden aushalten; in dieser 
Zeit nimmt aber die Erregung mächtig zu." 

Noch eine Frage hätte ich zu beantworten : was schafft denn im Grunde 
das masochistische Vergnügen ? Ist es gebunden an spezifisch verändertes 
Schmerzempfinden oder an die erogene Reizung der Haut ? Im ersteren 
Falle bestünde ein Qualitätsunterschied gegenüber dem normalen, im 
letzteren empfände der Masochist trotz des gleichzeitig bestehenden 
Schmerzes gleichwohl Lust, weil die Wonne der gesteigerten Hauterotik 
alles Peinliche um vieles übertönt. Das gäbe also eine quantitative Lösung. 
Freilich könnte von einer gewissen Stufe ab das Quantitative ins Qualitative 
übergehen, der Größenunterschied wie einer des Grades und der Art emp- 
funden werden. Wir wollen untersuchen und da wieder von der Erfahrung 
ausgehen. 

Da wäre zunächst nochmals zu betonen, daß auch der verbohrteste 
Masochist neben seiner Lust und vor derselben auch immer und ausnahmslos 
Schmerz empfindet, jene also gebunden ist an die vorherige Erzeugung 
des Schmerzes. Nun lehrt die Beobachtung schon der Gesunden, daß jede 
starke Gemütsbewegung auch lädiger Art eine sexuell lustvolle' Komponente 
abspaltet. Dies erklärt die Fähigkeit ziemlich aller Menschen, die nicht 
schon in diesem Punkte verdrängten, aus großen Affekten stets auch 
geschlechtliche Lust zu ziehen, sogar aus peinlichen und überaus traurigen. 
Ich brauche nur an das wonnevolle Entsetzen zu erinnern, mit dem man 

/ 



240 

Gruselgeschichten anhört, Hinrichtungen beiwohnt den Schauplatz eines 
Rp. TTnAücks besuch oder halsbrecherischen Produktionen zusieht, 
IS den^n es *fj ^ Tod und Leben geht. So unglaublich es .klingt, «s 
Sen sogar die schweren depressiven Affekte, wie: Kummer, Trauer und 
große *£* oft starke sexuelle Erregungen aus. Darum arten nicht selten 
Leichenschmäuse zu wahren geschlechtlichen Orgien aus^ 

Was ich hier von den Affekten ausführte, hat nahe Verwandtschaft 
zu den Lust und Unlustempfindungen überhaupt. Es spricht ein« .hohe 
Wahrscheinlichkeit dafür, daß selbst beim Normalen jeder körperliche 
Wanrscnemncnkeit , Lust g e fühle auslöst, und zwar durch 

Sl^^emeS^I Nur sind diese Miterregungen im allgemeinen 
T ä w^l daß slf gar nicht ins Bewußtsein dringen. Anders jedoch 
SdÄ*ÄT2 Sado-Masochisten, d. h. bei Leuten mit gestei- 
S tef Haut Schleimhaut- und Muskelerotik. Da findet regelmäßig 
Seht bloß ein Überspringen statt ins Sexuelle, sondern dieses wird auch 
höchs ^ lustvoll empfunden. Solche Masochisten verspüren dann nicht 
Sich Unlu S t, sondern diese mit starker Lust gepaart, ja durch sie 
fast verdeckt von ihrer verstärkten Erotik her. Es ist demnach tatsächlich 
Wählst w e Ter meiner Kranken es nannte. Auch ist die ^sochistisch 
Lust an eine ziemlich hohe Intensität des Schmerzes gebunden die erst 
das ÜbeiCrmgen ins Geschlechtliche voll ermöglicht. Hier geht demnach 
das Oun ive tatsächlich ins Qualitative über. Das Spezifische der 
mLStischen Lust besteht also darin, daß die Schmerzempfindung 
vSSSen Höhe ab durch starke Miterregung der jeweiligen Haut-, 
Schleimhaut- und Muskelerotik eine qualitative Änderung erleidet so daß 
was sonst nur peinlich gefühlt wird, nunmehr sexuelles Vergnügen bereitet. 
Tch k^nn das Organische hier noch ergänzen durch einige anatomisch- 
physiologische Tatsachen. Schläge, in' mäßigem Grade ^angewende ^^ wirken 
Sezu tonisierend auf den Empfänger, wie Galen schon wußte und neuer 
^™f Charles Fere betont, während der Austeiler in einen sthemschen, 

rehr XelSiaften Apparaten, wie z.B des ^tfi^SSSm 
Veit mit der die ärgsten physischen Schmerzen, z. B einer schweren 
Emkndnng vtgessfn nnd" eTne nene Schwangerschaft verlangt wird, 

fet 'thlSubeToga^daß phyiogenetisch die Entstehnng des Hymens 



241 

andere überflüssige Körperteile, z. B. unser processus vermiformis, als ' 
bedeutungslos gewordenes, ehemals aber sehr wichtiges Organ unserer 
tierischen Vorfahren angesprochen werden, ganz abgesehen davon, daß 
■es nie einem anderen Zwecke diente, als unter Schmerzen und wohl auch 
Lust zerrissen zu werden. Mich dünkt vielmehr, daß seine Entstehung 
zusammenhängt mit dem seit den Menschenaffen so gesteigerten Liebesleben 
der „Herrentiere". Es ist eine immer von neuem zu bestätigende Tatsache, 
daß das Weib dem Manne, welcher sie mit Genuß deflorierte, zeitlebens 
treue Anhänglichkeit bewahrt. Nicht selten ruft ein Weib nach Zerstörung 
des Hymens aus: .Jetzt hab' ich Dich noch einmal so gern!" was zweifellos 
buchstäbliche Wahrheit ist. Mädchen sind es auch gar nicht zufrieden, 
wenn sie ..schonend" entjungfert werden. Als dies z. B. einer meiner 
Kranken in der Hochzeitsnacht mit den Fingern besorgte, ,-,um seiner 
Frau nicht zu weh zu tun", da sagte ihm diese auf den Kopf zu: „Du liebst 
mich nicht, sonst hättest Du nicht so gehandelt! In diesem Punkte wollen 
wir Frauen nicht geschont sein!" Und der oben zitierte psychiatrische 
Kollege ergänzte aus seinen Liebeserfahrungen: „Im Augenblicke, da 
man einem Mädchen Schmerzen bereitet, hat sie einen viel lieber, küßt 
sie leidenschaftlicher und wird viel inniger. So wie man ihr weh tut, er- 
wacht die Liebe." Überhaupt scheint beim Kulturweibe alles, was mit 
dem Geschlechtlichen zusammenhängt, auf Schmerz gestellt. Schmerzhaft 
sind die Krämpfe bei der Menstruation, die man so bezeichnend „das 
Unwohlsein" heißt, schmerzhaft Defloration und Wehen, schmerzhaft 
die verschiedenen Neuralgien in der Gravidität und nicht selten endlich 
auch das Stillen des Kindes infolge von Schrunden an den Brustwarzen. 
Man könnte diese allgemeine Schmerzhaftigkeit beinahe als Züchtungs- 
«rfolg ansprechen, um des Weibes Erotik aufs höchste zu steigern. Meint 
doch Otto Adler mit vollem Recht („Die mangelhafte Geschlechts- 
empfindung des Weibes"): „Der Schmerz im Genitale ist eine bedauerns- 
werte Domäne des weiblichen Geschlechtes und gibt vielleicht dem ganzen 
weiblichen Geschlechtstriebe die besondere Signatur, die ihn von dem 
männlichen unterscheidet." Vielleicht liegt das Bedürfnis des Weibes 
nach starker sexueller Schmerzlust auch seinem Unterwerfungstrieb 
zugrunde, d. h. seinem passiven Bemächtigungstrieb. 

Ich kann meine oben ausgeführte Hypothese, die ich im Jahre 1912 
aufstellte, auch jetzt noch, trotz reichlich gemehrter Erfahrung nicht 
als falsch bezeichnen. Nur war mir gleich von vornherein klar, daß sie 
nicht für alle Fälle zureiche, z. B. den ideellen und symbolischen Sadismus 
nicht erkläre und auch nicht das häufige Verlangen nach Demütigung. 
Nahm sie doch lediglich Rücksicht auf die geschlechtlichen Beziehungen 
des Sado-Masochismus, nicht auf den allerdings so wenig durchforschten 
Bemächtigungstrieb. Immerhin dünkt mich auch heute noch, ich habe 
mit meiner Hypothese ein Stück der konstitutionellen Bedingungen des 
Sado-Masochismus aufgedeckt. Was von diesen außerdem zu sagen, 
ferner welche Umstände obendrein noch zur Perversion beitragen, in welche 
Urzeit sie weiter zurückführt und endlich über den Mechanismus der 
Fixierung will ich in den folgenden Abschnitten sprechen. 

Sadger, Geschlechtsverirrungen. Iß 



' 



242 

III. Prügel- und Blutlust, Ödipus- und Kastrations- Komplex in ihren 
Beziehungen zum Sado-Masochismus. 

In dem vielleicht Witzigsten, was in deutscher Sprache geschrieben 
wurde, in den „Bädern von Lucca" hat Heinrich Heine den Ausspruch 
getan- Was Prügel sind, das weiß man schon, was aber die Liebe ist, das 
hat noch keiner herausgebracht." Ist dies nun ein Witz oder gilt von dem 
ungezogenen Liebling der Grazien, was Goethe einmal über Lichtenberg 
prägte- wo der einen Witz macht, da liegt ein Problem verborgen ? Erwägt 
man daß die Bemerkung Hein es für einen Witz doch recht dürftig klingt, 
und ' anderseits wieder, daß jener Dichter mit der Miene des Spötters 
die tiefsten Wahrheiten auszusprechen liebte, dann läge die Vermutung 
nahe, hinter jenem „Witz" ein mindest geahntes Verständnis zu wittern 
der Beziehungen zwischen Liebe und Sadismus. Scheint es doch an das 
große Rätsel des letzteren zu rühren, wieso es denn möglich, daß man 
ein innigstgeliebtes Wesen mit Schlägen, Mißhandlungen und Quälereien 
traktieren muß, um selbst zur höchsten Lust zu gelangen, und warum 
dann auf der Gegenseite z. B. ein Weib an die Liebe des Mannes erst zu 
glauben vermag, 'wenn sie solche Unbill von ihm erlitt. 

Im früheren Abschnitt konnten war eine der konstitutionellen 
Bedingungen des Sado-Masochismus aufdecken. Das weitere Verständnis 
nahm seinen Ausgangspunkt vom ödipus- und Kastrations-Komplex. 
Wir wissen ja längst, ein jeder Knabe hat sinnliches Begehren auf seine 
Mutter, jedwedes Mädchen auf seinen Vater, wobei der gleichgeschlechtliche 
Elternteil als Hindernis empfunden und weg- oder anders totgewünscht 
wird. Aus diesem streng verbotenen Begehren und Wünschen quillt nun 
ein mächtiges Schuldbewußtsein, das unwiderstehlich nach Sühne drängt. 
Die schwerste, doch einzig adäquate Buße beim Neurotiker wie bei dem 
Gesunden ist dann die Opferung jenes Organs, mit dem man in Gedanken 
sündigte, also Kastration, welche oft sogar noch in späten Jahren, zu- 
mindest in symbolischer Form, vollzogen wird 1 ). Als Entmannungs-Ersatz, 
der freilich niemals völlig befriedigt, dienen dann Prügel. 

Im Vordergrund des sado-masochistischen Bildes stehen 3 rugel- 
und Blutlust. Gewöhnlich wird da angegeben, man sei sich der Perversion 
bewußt geworden, als zu Hause ein Geschwister oder in der Schule ein 
Kamerad geschlagen wurde, oder als man einmal Hühner schlachten sah. 
Prügel- und Blutlust fließen, wie ich später ausführen werde, dann 
zusammen im Kastrations-Komplex. • . • 

Wer Kinder mit sehenden Augen beobachtet, wird zuallermeist 
finden, daß sie eines nicht vertragen: von Menschen, die sie heben nicht 
beachtet zu werden. Das tritt am deutlichsten hervor, wenn Besuch 
gekommen. Da hat die Mutter, die sich sonst immer mit dein Kind beschäf- 
tigt, nach dessen Meinung nur Aug' und Ohr für ihren Gast. Dies hält 
kein Kind auf die Dauer aus und, kann es im Guten der Mutter Beachtung 
nicht auf sich lenken, dann wenigstens durch Unart. Bekanntlich sind 



i) Vergl. hiezu meine Studie „Neue Forschungen zum Kastration*- Komplex", 1. c. 



243 

Kinder, namentlich verzogene, niemals so schlimm, als wenn Besuch da ist. 
Doch neben der Mutter lebt im Hause noch eine andere geliebte Person, 
die es nicht bloß gelegentlich, sondern beinahe täglich durch Nicht- 
beachtung kränkt: der Vater nämlich. Zumal mit den Buben, bei welchen 
die sexuelle Anziehung fehlt, gibt sich der. vielgeplagte und beschäftigte 
Mann nur ausnahmsweise ab, oft einzig dann, wenn er zur Züchtigung 
herbeigerufen wird. So entwickelt sich im Knaben leicht der Gedanke 
des Herostratus, der, weil er nicht durch Leistungen seiner "Mitbürger 
Beachtung erringen konnte, diese dann durch eine Untat erzwang. Ähnlich 
meint der Junge: eh' sich der Vater gar nicht um mich schert, soll er wenig- 
stens mich schlagen ! Prügel zeugen zwar nicht von Liebe, sind aber doch 
zumindest ein Zeichen, daß der Vater mich beachtet. Man kennt ja das 
Wort: nur ein geliebtes Kind züchtigt Gott-Vater! 

Und so sehen wir häufig, daß Kinder sich solange ungezogen auf- 
führen, bis sie durchsetzen, daß man sie schlägt 1 ). Damit verfolgen sie 
unbewußt zwei Tendenzen: verhauen zu werden von einer Person, die 
sie innigst lieben — masochistische Befriedigung und, was wieder zu 
Früherem zurückführt, Milderung ihres Schuldbewußtseins aus dem 
Ödipus-Komplex heraus. Der Knabe z. B. hätte für seine Wünsche auf 
die Mutter Entmannung durch den Vater zu befürchten. Seine Schuld 
wird durch erlittene Schläge, wenn auch nicht gebüßt, so docli gemildert. 
Gleichzeitig steht er zum Vater ganz regelmäßig in zärtlicher Einstellung. 
In. beiden Richtungen kommt er durch die provozierten Prügel auf seine 
Rechnung 2 ). Der Masochismus der erwachsenen Männer ist dann oft Fort- 
setzung jenes Kinderverhaltens. Es ist ihre Art, mit der Homosexualität 
fertig zu werden. Ursprünglich geht ihr Masochismus auf den Vater zurück 
und wird erst dann auf das Weib übertragen. Daher die häufige Verknüpfung 
von Inversion und Masochismus. Regelmäßig findet sich da die Vorstufe: 
vom Vater geliebt zu werden. Kommt aber das Schuldbewußtsein aus 
dem Ödipus-Komplex hinzu, dann wird das Geliebt- erniedrigt zum 
Gesc.hlagenwerden 3 ). Sehr häufig wird diese Phantasie auch zur Unterlage 
onanistischer Akte 4 ). 

Das schönste Beispiel für die homosexuell -masochistische Einstellung 
zu seinem Vater hat uns ein Dichter aus seinem eigenen Leben beschert. 
In einer kleinen Studie „Ums Vaterwort" erzählt Peter Rosegger, daß 
in semen Kinderjahren der Vater sich nur dann mit ihm abgegeben habe, 
wenn er schlimm gewesen. In diesem Falle stellte der Alte sich vor den 
Jungen hin und hielt ihm mit schallenden, zornigen Worten seinen Fehler 
vor. Den Knaben jedoch, der mit niederhängenden Armen, wie ver- 



J ) Ein Vater sagt hellsichtig zu seinem Buben: „Dir ist nicht wohl, eh' du 
nicht deine Prügel bekommst." 

2 ) Ganz ähnlich ist es bei dem Mädchen, das von der Mutter geschlagen zn 
werden begehrt und dies mit hoher Lust empfindet. 

a ) Darum fehlt dem Masochisten das Schuldbewußtsein ganzlich. Das liegt 
eben in seiner Betätigung drin. 

*) Vergl. zu diesen Ausführungen Freuds Studie „Ein Kind wird geschlagen". 
Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse 1919, Heft 3. 

16» 



L 






244 

steinert vor ihm stand und ihm ins zornige Auge schaute, überkam bei 
allem Gefühl der Schuld doch stets noch eine andere Empfindung: „es 
war ein eigenartiges Zittern in mir, ein Reiz- und Lustgefühl wenn 
das Donnerwetter so recht auf mich niederging. Es kamen mir die Tranen 
in die Augen, sie rieselten mir über die Wangen, aber ich stand wie ein 
Bäumlein, schaute den Vater an und hatte ein unerklärliches Wohl- 
gefühl, das in dem Maße wuchs, je länger und je ausdrucksvoller mein 
Vater vor mir wetterte." Waren dann wieder ein paar Wochen vergangen, 
ohne daß er etwas heraufbeschworen hatte, weshalb der Vater wieder 
still an ihm vorüberschritt, dann „begann in mir allmählich wieder der 
Drang zu erwachen und zu reifen, etwas anzustellen, was den Vater in Wut 
bringe Das geschah nicht, um ihn zu ärgern, denn ich hatte ihn überaus 
lieb es geschah gewiß nicht aus Bosheit, sondern aus einem anderen Grunde 
dessen ich mir damals nicht bewußt war". So hatte der Knabe einmal 
am Weihnachtsabend ein Kruzifix auseinandergelegt und damit verdorben. 
Um eines solch argen Frevels willen ging der Vater sich eine Birkenrute 
schneiden. Da der Junge Prügel noch nie erfahren, versteckte er sich 
angstvoll im Uhrenkasten und vernahm dort Worte schwerer Sorge, aber 
auch der heißen Liebe des Vaters, der ihn erfroren und verloren wähnte. 
Mir ist in diesem Augenblicke die Erkenntnis aufgegangen. Ich sah, 
wie abscheulich es sei, diesen Vater zu reizen und zu beleidigen. Aber 
ich fand nun auch, warum ich es getan hatte. Aus Sehnsucht, das Vater- 
antlitz vor mir zu sehen, ihm ins Auge schauen zu können und seine zu mir 
sprechende Stimme zu hören. Sollte er schon nicht mit mir heiter sein, 
so wie es andere Leute waren, so wollte ich wenigstens sein zorniges Auge 
sehen, sein herbes Wort hören: es durchrieselte mich mit süßer 
Gewalt es zog mich zu ihm hin. Es war das Vaterauge, das Vaterwort. 

Auch hier erfahren wir, daß Schelte und Schläge von gehebten 
Personen als Liebesbeweis genommen werden, trotzdem sie im Grunde 
Demütigungen sind*) Jedermann kennt auch die liebevollen, aber sadistischen 
Väter die mit ihren Söhnen anders nicht verkehren können, als in dem ione 
zärtlichen Schimpfens. Ausdrücke wie: „Du Lump! Du Gauner! Du 
Galgenvogel!" werden nicht etwa im Zorne gebraucht, vielmehr als Zartel- 
worte der Alltagsrede, wie etwa eine Mutter von „Bubi" Hera oder 
Schatzi" spricht. Wir wollen uns dies merken für die Würdigung des 
masochistischen Verlangens nach Demütigungen Von den slawischen 
Frauen der niederen Volksklassen wird weiter behauptet, sie fühlten 
sich beleidigt, wenn sie nicht ab und zu von ihren Männern geschlagen 
würden. Ähnliches wird aber auch von den ungarischen Bäuerinnen den 
Frauen der italienischen Kamorristen und des Londoner Eastends. 
schließlich noch von den französischen Prostituierten erzählt in dem 
Verhalten gegen ihre Zuhälter 2 ). 

i) Verbera linguae", also Zungen- oder Worthiebe nennt Horaz die Schelt- 
worte, die ein Vater seiner verliebten Tochter gibt^ Vraffi Fhin „ Psvch o- 

i) Vergl. Havelock Ellis 1. c, S. 80-82, ferner Krafft-Ebing .£sycB^ 
pathia sexuahs", 13. Aufl.. S. 29-31, endlich .Thomas BarthoUnus, «ü«t be. 
D Uhren „Das Geschlechtsleben in England' Bd. II, S. 378«. 



245 

Von solchem Verhalten ist dann nur ein Schritt zur masochistischen 
Auffassung, welche Schläge von der geliebten Person als eine Art Geschlechts- 
akt mit dieser nimmt, zumal wenn durch jene die von Haus aus verstärkte 
Hauterotik wollüstig gereizt wird. So brachte mir eine solche Perverse 
in der Psychoanalyse als plötzlichen Einfall: „Wenn ich vom Vater (einem 
schweren Sadisten) geprügelt werde, so ist das soviel, als würde ich von 
ihm koitiert." Gegen ihren Geliebten war sie oft recht gewalttätig, was sie 
damit entschuldigte: „Es ist ja ein großes Vergnügen, einen zu beißen und 
zu schlagen. Wenn ich jemand prügelte, wäre dies eine Aufforderung, 
mich zu vergewaltigen." Von hier aus wird auch ein Stück der Prügellust 
gut begreiflich. Wenn so viele behaupten, ihre allerersten masochistischen 
Regungen empfunden zu haben, als ein anderer geschlagen wurde, z. B. 
Bruder oder Schwester vom Vater, ein Schulkamerad vom Lehrer, so 
galten ihnen die erteilten Schläge als Koitus-Ersatz. Sie identifizierten 
sich dann mit den Verprügelten, versetzten sich selbst in seine Lage und 
genossen so die Freuden des Geschlechtsaktes. Hier baut sich die maso- 
chistische Wonne so auf: mitfühlen, mitleiden und mitgenießen. 

Allein die Gleichstellung von Prügeln mit Liebe, Geschlechtsakt und, 
wie wir bald hören werden, auch der Kastration hat einen noch weit tieferen 
psychischen Grund, der in die früheste Kindheit zurückführt. Auch in 
guten Familien pflegt man die Kleinen mindestens bis zum zweiten oder 
vierten Jahre, nicht selten jedoch auch noch sehr viel länger im Schlaf- 
zimmer der Eltern zu belassen. Da diese regelmäßig annehmen, ein so 
unschuldiges Kiiid verstehe noch nichts und schlafe obendrein immer 
fest, fehlt jeglicher Grund, sich in ihren rechtmäßigen Zärtlichkeiten Zwang 
aufzuerlegen. So kommt es recht häufig vor, daß die Kinder gelegentlich 
jene belauschen, ob sie das Erlauschte auch nicht richtig deuten. Immerhin 
bleibt das also Vernommene oder gar Gesehene innerlich haften, um bei 
späterer Auffrischung und Deutung Verwendung zu finden. Diese kann 
schon einsetzen bei der ersten infantilen Sexualforschung, etwa nachdem 
ein Geschwisterchen auf die Welt gekommen, das ihm ein Großteil der 
elterlichen Liebe raubt; doch auch ohne diesen treibenden Umstand in der 
Vorpubertät, ja oft sogar schon um das achte Jahr als Folge geschlechtlicher 
Aufklärung der Kinder untereinander oder aber nach zufälliger neuerlicher 
Belauschung des elterlichen Verkehres, wodurch das Kind sexuell mit- 
erregt wird. Für den Knaben hat Freud einmal ausgesprochen 1 ), daß 
„mit dieser Erregung Antriebe verbunden sind, die das Kind sich nicht 
zu deuten weiß, dunkle Impulse zu gewaltsamem Tun, zum Eindringen, 
Zerschlagen, irgendwo ein Loch aufreißen". Das Mädchen hinwieder 
fühlt (wie Fall 1 der nachfolgenden Kasuistik zeigt) mitunter eine mächtige 
Erregung im ganzen Körper und auch in der Scheide, es ist „als müßte 
diese große Erregung in ihrem Innern sie emporreißen und mit der Brust 
gegen irgend etwas schleudern". Wenn das Kind die Mutter stöhnen 
oder keuchen hört, verführt das in Erinnerung an selbsterlebte Raufereien 



» ') „Über infantile Sexualtheorien", Sammlung kleiner Schriften zur Neuroscn- 

r lehre, 2. Folge, S. 167. 



24G 

und Prügelszenen sehr leicht zu der Meinung, der Vater habe die Mutter 
geschlagen, ihr Gewalt angetan — die bekannte sadistische Koitus-Theorie 
der Kleinen — worüber es in Angst und Aufregung gerät. Zu jener An 
nähme stimmt nur schlecht, daß die Mutter hinterdrein so eigentümlich 
kichert oder sonstwie ihre Lust verrät, am nächsten Tage keineswegs ver- 
drießlich erscheint und sich gegen den Vater nicht feindlich stellt. Also 
hatte sie offenbar weniger Schmerz als Lust genossen, die das Kind dann 
ebenso zu erfahren wünscht. Erblickt aber einige Monate später gar ein 
Geschwisterchen das Licht der Welt, so errät der Kleine, daß auch sein 
Erscheinen irgendwie mit ähnlichen Szenen zusammenhängt Und da 
jeder Knabe mit seiner Mutter ein Kind zu haben wünscht, jedes Mädchen 
sich ein solches vom Vater ersehnt, so kann das Verlangen nach den ver- 
meintlich so lust vollen Schlägen, die späterhin ein Geschwisterchen bringen, 
sehr mächtig werden und damit eine psychische Wurzel des Sado-Maso- 
chismus. Hier sehen wir auch schon die enorme Bedeutung aller frühest er 
Kindheitserlebnisse für die Entstehung dieser Perversion. Zumal die 
infantile Beobachtung der elterlichen Zärtlichkeiten und die vermeintliche 
Gewalt, die der Vater dabei der Mutter antat, wird als Ätiologie uns 
stets wieder begegnen. 

Sie erklärt z. B. folgende Erfahrung. Es gibt Mädchen, die zu allem 
schon bereit sind, dem Geliebten etwa willig ins Hotel folgen. Im letzten 
Moment jedoch sträuben sie sich plötzlich, beginnen zu weinen oder fangen 
gar zu schimpfen an. Sie wollen mit Gewalt zum Koitus gezwungen werden, 
sonst kommen sie nicht zum rechten Genuß 1 ). Versteht der Partner sie 
richtig zu behandeln und zwingt sie gewaltsam zur Duldung des Aktes, 
dann werden sie die willigsten, fügsamsten Geliebten, die mit größter 
Zärtlichkeit am Manne hangen. Die nämlichen Motive erklären auch die 
Anhänglichkeit einer Dirne an ihren Zuhälter, der sie verprügelt, oft arg 
mißhandelt oder gar dem Tode nahe bringt. 

Das Gezwungenwerden zur Duldung des Aktes kommt aber auch 
noch einem weiteren tiefempfundenen Bedürfnis des Weibes entgegen. 
Ich sagte schon oben: aus dem Ödipus-Komplex quillt allen Menschen ein 
nie ganz verlöschendes Schuldgefühl. Nun verzichtet man bloß unter 
schwerstem Zwange auf eine sexuelle Lust, die man einmal erlebt hat. 
Lieber versucht man es so einzurichten, daß die Schuld mehr weniger 
aufgehoben wird. Und dies gelingt am besten dadurch, daß man sich 
zu jener erstrebten, aber verbotenen Lust von einem anderen zwingen läßt. 
Mädchen phantasieren z. B. davon, der Vater nötige sie zur Duldung 
des Verkehres mit ihm. ,,Was hätte ich dafür können, wenn er mich ge- 
zwungen hätte?", vernahm ich von einer und von einer zweiten: „Wenn 
der Vater befiehlt, muß man ja gehorchen!" Als Onanie-Phantasie eines 
16 jährigen Mädchens fand ich die Vorstellung, von einem älteren Mann 
zum Koitus genötigt zu werden, sowie sie dereinst beim Belauschen der 



^g~- 



l ) Auch der Brunhilden-Sage liegt zugrunde diese weibliche Lust am Ge- 
zwungenwerden zum Koitus, der freilich noch Unterwerfungslust von den Ich-Trieben 
her stets beigemengt ist. 



IM 

• 

Eltern angenommen hatte, der Vater zwinge durch Schläge die Mutter, 
ihm zu Willen zu sein. Ehefrauen wieder begnügen sich damit, beim 
Verkehr mit dem Gatten, dem Vater-Ersatz, empfindungslos zu bleiben. 
Wenn man keinen Genuß verspürt, sinkt ihre Todsünde zur läßlichen 
. herab, so man da überhaupt von Sünde noch zu reden vermag. Das ergibt 
dann eine oft recht bedeutsame Wurzel der Anaesthesia vaginalis. 

Noch ein weiterer Umstand wird jetzt gut verständlich. Wenn man 
aus irgendeinem Grunde von der schon erreichten genitalen Stufe auf eine 
prägenitale zurückgeworfen wird, die Rückkehr ins Kindliche erfolgt, 
so wird man am leichtesten vom genitalen Geschlechtsverkehr auf jene 
frühere Betätigung zurückgreifen, der gleichfalls Koitus-Bedeutung zukam: 
die lustvollen Schläge. Das ist die oben beschriebene Erniedrigung des 
Geliebt- zum Geschlagen werden. 

Hiebe sind eines der häufigsten Surrogate der Kastration. So 
erzählte mir ein Kranker: ,,Wenn Vater oder Mutter mich prügelten, 
wurde vor Angst mein Glied ganz klein und ich hatte die Empfindung, 
kastriert zu sein." Diese birgt sich nicht selten hinter der Erinnerung 
an eine Prügelszene, wenn ein Junge z. B. dem Vater zeitlebens nicht 
vergessen kann, daß er ihn einmal zu Unrecht versohlte. Wegen seiner 
Inzest-Wünsche auf die Mutter hätte er mit Fug entmannt werden dürfen. 
Dies deckt er nun zu mit dem erlittenen Unrecht. Frühmasochistische 
Phantasien beginnen oft damit, daß Knaben sich vorstellen, geschlagen zu 
werden, besonders auf das Membrum. Geschlagen wird ferner mit Stock. 
Rute, Riemen, Peitsche, durchwegs also mit Penis-Symbolen, spezieller Sym- 
bolen des väterlichen Gliedes, und_ auch die Hand hat fünf Finger — Phalli 
Es gibt rohe Kutscher, die ihren Gaul mit der Peitsche über den Penis 
schlagen oder über Hals und Schwanz, also Phallus-Symbole, und 
hiebei in eigener Weise lachen. Sie peitschen das Pferd nicht aus bloßem 
Ärger, oder um rascher vorwärts zu kommen, sondern weil das Schlagen 
ihnen offenbar ein starkes, erotisch betontes Vergnügen bereitet. Ein 
sadistischer Kranker, bei welchem die Blutlust schon mächtiger Verdrängung 
unterlegen war, erzählte mir einmal: „Ich hatte ein besonderes Vergnügen 
daran, wenn ein Roß geschlagen wurde; nur wenn schon Blut floß.verwan- 
delte sich meine Lust in Ekel. Ebenso empfand ich in der Schule, sobald 
ein Kamerad geschlagen wurde und Blutstriemen zeigte, auch immer Ekel. 
Das Schlagen und sein Schreien machte mir noch Vergnügen. War mir 
doch schlagen oder abschlagen stets gleich kastrieren. Oft wünschte ich 
mir selber, Prügel zu bekommen, konnte es aber, weil von vornehmer 
Familie, niemals durchsetzen. Auch von meiner Erzieherin hatte ich 
das Verlangen, geprügelt zu werden. Später ließ ich mich sehr gern von 
einem bildhübschen Mädchen, in das ich verliebt war, auf die Finger klopfen, 
also wieder durchsichtig Kastration." 

Dieser Fall berührt mehrfach die andere als typisch zu bezeichnende 
Seite des Sado-Masochismus, nämlich die Blutlust, die geradenwegs zum 
Kastrations-Komplex führt. Aus dessen Analyse wissen wir ja: schneiden, 
blutig schneiden oder stechen, im Blute schwelgen, heißt soviel wie ent- 
mannen. Blut ist das Zeichen der vollzogenen oder mindest versuchten 



248 

Kastration. Viele zeigen aus Entmannungslust heraus besondere Vorliebe 
für das Blut, trinken es z. B mit ausnehmendem Vergnügen von einem 
frischgeschlachteten Tier oder schneiden mit Genuß sich und andere 
blutig. Kindern erscheint nicht selten das Menstruationsblut der Mutter 
eine Folge ihrer Kastration durch den Vater und manche Mädchen und 
Frauen können von dieser Verschneidungslust her allmonatlich nicht genug 
Blut verlieren. Umgekehrt gibt es dann wieder Leute, die nach Verdrängung 
dieser Lust kein Blut mehr fließen zu sehen vermögen oder bei der kleinsten 
Operation schon ohnmächtig hinschlagen, weil sie darin stets die voll- 
zogene Entmannung erblicken. 

Ein lehrreiches Beispiel danke ich der Mitteilung eines Kranken mit 
mächtigem Kastrations-Komplex : „Blut hat in meinem Leben schon ziemlich 
früh eine Rolle gespielt, vor allem eine komische Vorliebe für Menschenblut. 
Es gab zu Hause nie eine Wunde, die. ich nicht ausgesaugt hätte. Mir 
machte es direkt ein Vergnügen, ich wartete geradezu darauf, daß sich 
jemand schneidet, damit ich die Wunde aussaugen könne. Meine Mutter 
verwahrte sorgfältig alle schneidenden Instrumente vor mir und ich bekam 
bis zum 15. Jahre kein Messer in die Hand, weil ich mir sonst regelmäßig 
alle Finger aufschnitt. Die Ritzer und Kratzer genügten mir nicht, da floß 
mir zu wenig Blut. Ich habe mir z. B. mit 14 Jahren einmal das ganze 
Kapperl vom Zeigefinger weggeschnitten. Endlich ist mir noch eine be- 
sondere Vorliebe eigen, Weiber während ihrer Menstruation zu koitieren. 
Und wenn ich anführen soll, was mich da vornehmlich reizt, so muß ich 
sagen: das geronnene Blut in ihren Schamhaaren. Fährt man dann in die 
Scheide hinein, so ist's als begegnete . man einem starken Widerstände. 
Bevor man hineinkommt, muß man noch ein anderes Hindernis passieren. 
Erstens ist es für die Frau mit großen Schmerzen verbunden und, wenn 
die Haare ganz verklebt sind, müssen sie oft mit einem Schwamm gelöst 
werden, bis man in die Scheide gelangt. Nachdem wir herausgebracht 
haben, daß ich als Knabe der Ansicht war, die Mädchen würden zur Zeit 
der Menstruation kastriert, so will ich wahrscheinlich diesem kastrierten 
Penis begegnen." 

Mit dem Entmannungskomplex hängen auch die sadistischen 
Kindermißhandlungen durch „entmenschte" leibliche Mütter zusammen. 
Regelmäßig geben diese nämlich an, sie seien zum Strafen genötigt gewesen, 
weil die Kinder geschlechtliche Unarten trieben, z. B. Onanie, Bettnässen 
u. dgl. Die Hauptwirkung, welche der Anblick des Kindes in der Mutter 
hervorbringt, besteht in der Erweckung ihrer eigenen Kindersexualität 
und damit eines gewissen Geschlechtsneides. Sie wird deshalb so unbarm- 
herzig gegen ihren Sprößling, weil sie dieser an die mühsam verdrängte 
Sexualität ihrer eigenen Kinderjahre erinnert und an die Drohung mit 
der Kastration, welche jener erst ein Ende setzte. Diese Kastration wieder- 
holen sie nun durch die Mißhandlungen ihrer Nachkommen. 

Beim Sado-Masochismus kommt der Entmannung als Furcht wie 
als Lust eine ganz entscheidende Rolle zu, und zwar bereits in den Kinder- 
jahren. So fand z. B. Freud die analerotisch-sadistische Stufe gewöhnlich 
nur dann scharf ausgeprägt, wenn der Knabe bei der Onanie ertappt 



k 






249 

und mit der Kastration bedroht ward. Das erzeugt besondere Wut wider 
den Vater, wodurch jene Drohung zu einer Quelle des Sadismus wird. Es 
findet da eine Regression statt von der schon erreichten genitalen Stufe 
zur prägenitalen sadistisch -analen. Aus den Volksschuljahren ist all- 
gemein bekannt, daß viele Knaben Gefallen daran finden. Fliegen oder 
Schmetterlingen die Flügel oder Beine auszureißen, Käfern die Fühler ab- 
zuschneiden und Ähnliches mehr 1 ). Durchsichtig wird der Sinn dieses Tuns 
bei einem anderen Grausamkeitszug, wenn Knaben nämlich sich paarende 
Tiere gewaltsam auseinanderreißen, wobei dann gewöhnlich das Membrum 
des Männchens abgebrochen wird. Auch Fühler, Beine und Flügel sind 
ja Phallus-Symbole und der Sinn ihres Ausreißens ist natürlich Kastration. 
Dies führt dann weiter zur Genese jener Grausamkeitsakte. Soviel ich sehe, 
erfolgen sie gemeinhin wieder auf Belauschung des elterlichen 'Geschlechts- 
verkehres hin. Da entsteht nicht selten der böse Wunsch, die Eltern zu 
trennen oder gar des Vaters Glied abzuschneiden, damit er nicht mehr zur 
Mutter könne, ein Verlangen, welches dann realisiert wird durch jene 
Grausamkeiten an Tieren. 

Doch nicht nur bis zur analerotisch-sadistischen Vorstufe kann 
später infolge von Kastrationsdrohung Regression stattfinden, sondern 
noch viel weiter bis zur oralen, zumal wenn diese noch konstitutionelle 
Verstärkung zeigt. Und jene Regression kommt auch sehr häufig beim 
weiblichen Geschlechte vor. Die Verstärkung von Haus aus verrät sich 
schon beim Säugling dadurch, daß er beim Gestilltwerden nicht nur saugt, 
sondern an der Brust bis zur Schmerzhaftigkeit zieht, ja sie direkt beißt, 
so daß sogar blutende Schrunden entstehen und die Mutter ihn vorzeitig 
absetzen muß. In späteren Jahren wird dies häufig dahin ausgelegt, 
man habe der Mutter die Brustwarze abgebissen, d. h. ihren Penis auf diese 
Art kastriert 2 ). Kommt es zu einer ausgesprochenen Perversion, dann 
beißen solche Sadisten oft wirklich dem Weibe in die Brust, wobei die 
ganze Mamma für die Brustwarze eintritt. 

Es dünkt mich nunmehr hoch an der Zeit, einmal festzulegen, wie 
die Kastrationslust, die aktive wie die passive, eigentlich zustande kommt, 
was ihre organisch-konstitutionellen Bedingungen und was ihre psychischen 
Wurzeln sind. Da zeigt sich zunächst, daß bei ihr wie beim Sado-Masochis- 
mus Kräfte mitwirken von den Ich- wie von den Geschlechtstrieben her, 
nur daß deren Verbindung bei der Kastrationslust noch inniger ist, weil 
beide direkt gerichtet sind auf das Membrum oder einen Penisersatz. Von 
den konstitutionell-organischen Bedingungen finden wir zu allererst 
den von Haus aus verstärkten Bemächtigungstrieb, über den ich freilich 
nicht mehr sagen kann, als ich bereits bisher angeführt habe. Als wichtigste 
sexuelle Triebkraft wirkt hier die Angstlust, die ich ganz kurz besprechen 
will. Ich erwähnte schon oben, die Menschen besäßen die Fähigkeit, auch aus 
peinlichen Affekten, wie Angst, Kummer, Sorge usw. geschlechtliche 

l ) Gewöhnlich sind dann solche Knaben auch sogenannte ,, Schweine", d. h. 
sie betätigen sich analerotisch in lebhafter Art. 

*) Ebenfalls wird es als Kastration der Mutter betrachtet, wenn sie durch das 
Stillen Mastitis bekommt und an der Brust geschnitten werden muß. 



250 



Lustempfindung abzuspalten. Diese Gabe ist nun bei manchen von Haus 
aus ganz erheblich verstärkt, die darum jenen nicht aus dem Weg gehen 
wie normale Menschen, vielmehr sie geradezu aufsuchen und genießen. 
Diese konstitutionell verstärkte „Angstlust", wie wir sie mit Hattingberg 
heißen wollen, ist eine hochbedeutsame Quelle aller nervöserAngstzustände, 
wie auch der Kastrationslust und des Sado-Masochismus. „Ich habe ein 
heimliches Vergnügen an der Angst," gestand mir eine Sado-Masochistin, 
„so daß ich sie bis zum letzten Augenblick auskosten muß, ohne daß mir 
■das übrigens klar wird." Es liegt auf der Hand, daß, wer so begabt ist, 
die Gelegenheit, sich ängstigen zu müssen, etwa wegen drohender Schläge 
oder Scheltworte, geflissentlich herbeiführen wird, zumal wenn sich diese 
Neigung noch paart mit der sadistischen Koitustheorie sowie dem Wunsch, 
das Schuldgefühl aus dem Ödipus-Komplex irgendwie zu mildern. Man 
beachte ferner, daß, sobald ein Kind frühzeitig die Umarmungen der Eltern 
belauscht, es Angst und Lust zugleich empfindet. Also auch noch aus dem 
zeitlichen Zusammentreffen kann sich die Verbindung Angstlust ergeben. 

Neben diesen beiden konstitutionellen Umständen, die stets und 
regelmäßig bei jeder Entmannungslust nachweisbar sind, gibt es noch 
andere, die häufig, aber doch nicht konstant sind. So ist z.' B. in einer 
Reihe von Fällen die Munderotik, in anderen wieder die urethrale von Haus 
aus erhöht. Von jener ward oben ausführlich gehandelt, von dieser hin- 
gegen, die ein Umschlagen der Entmannungs-Angst in die gleiche -Lust 
am leichtesten herbeiführt, im allgemeinen Teile dieses Buches (S. 63) 
Hier kann ich ergänzen; die erhöhte Urethralerotik ist jene, die Vor- 
stellungen von Entmannung förmlich aufdrängt. Mich dünkt es nach 
meinen Erfahrungen wahrscheinlich, daß mindestens der Mann, nicht 
selten aber auch das Weib alle Sensationen, Parästhesien und Schmerzen 
in der Harnröhre als eine Art Kastration empfindet. Daher die so häufige 
Beteiligung der Urethralerotik am Sado-Masochismus, worauf besonders 
Federn hinwies („Beiträge zur Analyse des Sadismus und Masochismus". 
Internat. Zeitschrift f. ärztl. Psychoanalyse, 1013, S. 28 ff.). 

Nun zu den psychischen Wurzeln der Entmannungslust. Solche 
bestehen für die aktive wie die passive Lust. Bei jener herrscht der Wunsch, 
sich des väterlichen Gliedes oder der mütterlichen Brustwarze zu be- 
mächtigen, den Eltern also das Kostbarste, Wertvollste wegzunehmen, 
bei dieser wieder das Verlangen, sich das eigene Glied wegnehmen zu lassen 
und damit den vermeintlichen Wünschen der Eltern zu unterwerfen. 

Von den seelischen Gründen der aktiven Lust, die als Phantasien 
in der Psychoanalyse auftreten, kennen wir schon das angebliche Ver- 
langen des Säuglings, welcher entwöhnt wird, die mütterliche Brustwarze 
abzubeißen, um sie so stets bereit zu haben zu neuem Genießen 1 ). Voraus- 
setzung ist auch zu dieser nachträglichen Phantasie Verstärkung der 
Munderotik und des Bemäch tigungstriebes. 'Tatsache ist, wie ich oben 
schon ausführte, daß manche Brustkinder an den Mammillen trotz reich- 



*) Natürlich Hat der Säugling dies Verlangen nicht wirklich klar bewußt gehabt, 
oder mindestens wissen wir nichts davon; wohl aber phantasieren dies viele Sadisten 
nachträglich zurück. 



251 

liehen Milchstromes so heftig ziehen, daß den Müttern ist, als wollten jene 
sie ihnen abbeißen oder ausreißen. 

Der Wunsch nach Abschneiden des väterlichen Gliedes knüpft, 
soviel ich sehe, wieder gern an die Belauschung des elterlichen Verkehres 
an. Und zwar geht er in jene Urzeit zurück, da Vater und Mutter noch 
nicht das Kind beachten, es überhaupt nicht als Hindernis nehmen, also 
sagen wir etwa: in seine ersten zwei Lebensjahre. Da kann schon die 
eifersüchtige Sorge des Kindes um die Mutter dazu führen, dem Erzeuger 
sein gefährlich Werkzeug wegnehmen zu wollen. Wenn weiter in dem 
Knaben der Wunsch erwacht, das nämliche wie der Vater zu tun, sich 
also mit diesem zu identifizieren, wird er sich gar bald der Kleinheit und 
Schwäche seines kindlichen Zeugungsorganes bewußt und möchte statt 
dessen den soviel kräftigeren und leistungsfähigeren des Vaters besitzen, den 
ja auch die Mutter sichtlich vorzieht. Besonders in der ersten sexuellen 
Blütezeit, zwischen drittem und vollendetem fünften Jahre, da auch die Ver- 
suche, die Mutter zu verführen, beim Knaben auf der Tagesordnung stehen, 
wird jener Wunsch wiederholt sich regen. Er gibt dann die Grundlage für 
manchen späteren Sadismus, wenn in der Pubertät das alte Inzestverlangen 
der Kindheit zu neuem, verstärktem Leben erwacht und Fixierung erfährt. 

Nun zu den psychischen Wurzeln der passiven Kastrationslust. 
Von diesen sind mir aus Psychoanalysen sechs bekannt geworden : 1 . Die 
Schuld aus dem Ödipus-Komplex, die man durch Entmannung büßen will, 
was sich zur Reifezeit in förmliche Opferwut umsetzen kann ; 2. der Wunsch, 
zum Weibe zu werden, sei's um dem Vater als Liebesobjekt zu dienen, 
sei's um der Mutter ähnlicher zu werden und ihr besser zu gefallen; :i. die 
Absicht, der Mutter sein Glied zur Verfügung zu stellen, weil sie kein 
eigenes besitzt; 4. die Idee, sich entmannen zu lassen, um seiner Mutter 
stets treu bleiben zu können und f>. ewig ein Kind zu bleiben, für das die 
Eltern sorgen müssen; endlich 6. der Gedanke, daß mit der eigenen 
Kastration auch der Vater mit entmannt wird, aus dessen Penis man ja 

entsprossen. 

Vom Kastrations- Komplex allein sind eine Reihe merkwürdiger 
Symptome des Sado-Masochismus zu verstehen, die ich zu Eingang dieses 
Kapitels besprochen habe, vor allem der geradezu wütende Haß gegen 
Moral, Gesetz und Religion in samtlichen Schriften des Marquis de Sade 1 ). 



l ) Hier ein paar Proben aus den ,,120 Tagen von Sodom". Die vier Freunde, 
die sich da zusammentun, haben vorher in Blutschande mit ihren Töchtern gelebt, 
der Herzog auch noch mit seiner Schwester. In ihrer Potenz sind sie alle schwer 
geschädigt, zwei sogar direkt impotent. Der Bischof hat nur ein einziges Mal in seinem 
Leben ein Weib koitiert, und zwar seine Schwägerin, mit der Absicht, ein Kind zu 
erzeugen, das ihm eines Tages die Vergnügungen des Inzestes verschaffen sollte. 
Sämtlichen gemeinsam ist eine ganz ungeheuerliche Vorliebe für Analerotik bei fana- 
tischer Verachtung der weiblichen Genitalien und des natürlichen Beischlafes. Sie 
haben „Bestimmungen" festgesetzt, in welchen folgender Punkt sich findet: „Die 
kleinste religiöse Handlung von Seite eines Subjektes wird, sei es wer immer, mit dem 
Tode bestraft. Der Name Gottes wird nur in Verbindung mit Flüchen und Verwün- 
schungen, in dieser Weise aber möglichst oft ausgesprochen." Der Herzog sagte oft. 
daß ein Mann, um wahrhaftig ein Mann von Welt zu sein, nicht nur sich allen Lastern 
hingeben müsse, sondern sich auch niemals eine Tugend erlauben dürfe. 



_ 



252 



Wenn man bedenkt, daß Gott, Herrscher, Minister und Regierung nur 
Imagines des Vaters vorstellen, der einen mit der Entmannung bedrohte, 
wird jenes Verhalten unschwer einleuchten. 

Nun noch etwas zu den sadistischen Zügen der Zwangsneurose, die 
nach J on es bedingt sind durch das Vorherrschen von Haß und Analerotik 1 ). 
Die typische Beziehung von Liebe und Haß ist hier mit durch den Kast- 
rations-Komplex gegeben. Man haßt etwa den Vater, weil man von ihm 
die Entmannung fürchtet, und möchte sie anderseits ihm zuliebe nicht 
ungern erleiden. Auch die regelmäßige Beimischung von Furcht bei der 
Haßempfindung wird dann gut verständlich. Zu dieser liefert weiter 
einen mächtigen Beitrag die Analerotik, welche ihrerseits wieder zur 
Kastration führt. Das Kind wird ja genötigt, seine Exkremente herzu- 
geben, sich von etwas zu trennen, was ihm teuer ist und obendrein wegen 
seiner Form als Penissymbol erscheint. Gerade analerotische Kinder, 
die den Stuhl möglichst lang zurückzuhalten trachten, empfinden die 
Trennung von ihm recht peinlich, oft geradezu als Kästration. Kein 
Wunder, daß sie wider alle Personen, die sie zur Hergabe des Abfalles 
zwingen, einen ganz ausnehmenden Haß bekommen und mit Trotz, ja 
Wut gegen sie reagieren. Das Gemeinsame also von Zwangsneurose, Sadis- 
mus, Haß und Analerotik ist die Kastration. 

Noch eine andere Kastrationsbeziehung rührt her von der Anal- 
erotik. Geht die Furcht, seinen Penis zu verlieren, hauptsächlich auf den 
Vater, so die, seines Stuhles beraubt zu werden, auf die Mutter oder eine 
andere Warteperson, die später mit der Mutter verschmilzt. Hier wird nun 
einerseits ein Zwang auf das kleine Kind geübt, anderseits fühlt dieses 
eine gewisse Macht, indem es nicht so ohne weiteres seiner Exkremente 
beraubt werden kann. Es besteht also eine doppelte Macht, woraus der 
aktive und passive Unterwerfungs trieb und damit der Sadismus wieder 
von neuem Nahrung gewinnt. 

Ich führte oben aus, das Kind empfinde regelmäßig Wut und Haß 
auf jenen Elternteil, der die Kastrationsdrohung ausgesprochen hat, und 
diese gebe eine Wurzel zum Sadismus ab. Wenn man später jenen Haß 
unterdrückt, wird man besonders rücksichtsvoll, besonders brav, über- 
ethisch, hypermoralisch, was ja den Zwangsneurotiker auszeichnet. Bei 
jedem solchen Kranken handelt es sich um unterdrückte böse Impulse, 
z. B. um sadistische Mordgelüste auf den Vater. Die kräftige, grausame, 
wütende Bemächtigungskomponente bei der Zwangsneurose ist exquisit 
männlich. Darum findet sie sich auch viel häufiger bei Männern als bei 
Frauen. Wenn diese an Zwangsneurose leiden, lassen sich in ihrer Kindheit 
stets böse, grausame Gelüste nachweisen, wieder im Zusammenhang mit 
dem Kastrations-Komplexe. Die Unterdrückung der sadistischen Triebe ist 
eigentlich der Weg unserer ganzen Kultur. Der Zwangsneurotiker karikiert 
gewissermaßen die Menschheitsentwicklung, doch hat er selber von dieser 
Entwicklung keinen Gewinn. Denn mit der Wegnahme der sadistischen 



l ) „Haß und Analerotik in der Zwangsneurose", Internationale Zeitschrift 
für ärztliche Psychoanalyse, S. 425 ff. 



253 

I 

Komponente wird ihm auch ein gut Stück Tatkraft genommen. Er kann 
dann keine Entscheidung mehr fällen. Der Normale vermag nicht zu 
•existieren, ohne ein Stück Brutalität, das zur Energie verwandelt wird, 
zunächst auf sexuellem Gebiete. Und eine ganze Reihe von Menschen sind 
genötigt, sich auf allen Gebieten des Lebens zu verhalten wie im Geschlecht- 
lichen. Man erkennt hier deutlich die hohe Bedeutung des Sadismus und 
des mit ihm untrennbar verbundenen Kastrations-Komplexes für den 
einzelnen wie für die ganze Menschheit. 

Aus allem Vorstehenden geht wohl zur Evidenz hervor, daß dem 
Kastrations-Komplex in der Ätiologie des Sado-Masochismus eine ungemein 
vielseitige Rolle zukommt, um nicht zu sagen, geradezu die Hauptrolle. Wir 
wollen dies für die spätere Zusammenfassung im Auge behalten. 

IV. Der Einfluß der Kindheit. Entferntere psychische Beziehungen. 

Wir haben in den früheren Abschnitten die konstitutionellen Vor- 
bedingungen sowie die Zuflüsse aus dem ödipus- und Kastrations- 
Komplex eingehend beleuchtet. Von all diesen wirklich entscheidenden 
Dingen weiß für gewöhnlich der Sado-Masochist nicht das geringste. 
Was er in bestem Falle erzählt, ist etwa ein erstes Auftreten seiner perversen 
Symptome schon im Kindesalter, gewöhnlich aber erst in der Pubertät 
sowie allerlei seelische Beziehungen oder Überbesetzungen. Unterzieht er 
sich einer psychoanalytischen Behandlung, so wird vielleicht, wenn ihm 
die Bedeutsamkeit der ersten Erlebnisse aufgegangen, der Einfall auf- 
tauchen, seine Perversion sei bis in die allerfrüheste Kindheit, ja bis in die 
Säuglingszeit zurückzuv erfolgen. So vermeinte z. B. ein früher besprochener 
Masochist, er wolle jetzt darum vom Weibe immer gebunden werden, 
weil die Mutter ihn als Säugling in die Windeln gepackt und dann ein- 
geschnürt hatte. Ein anderer Kranker leitet seine sadistischen Phantasien, 
Weiber mit einem Stricke zusammenzubinden, davon her, daß er seine 
Mutter wederholt ihr Korsett fest zusammenschnüren sah. Es liegt auf 
der Hand, daß beide Erfahrungen, die einfach jegliches Kind erlebt, nicht 
erklären können, warum just die beiden pervers geworden und nicht sämt- 
liche Menschen, die über die gleiche Erinnerung verfügen. Verständlicher 
wird die Sache erst, wenn wir etwa folgern: just diese beiden mußten bei 
sonst identischen Erlebnissen eine Dauerperversion davontragen, weil 
ihre konstitutionell verstärkte Haut- und Muskelsexuaütät j sie jene all- 
täglichen, banalen Erlebnisse ganz besonders lustvoll empfinden ließ, 
während andere Kinder da gleichgültig bleiben. 

Wohl aber beweisen jene und andere Einfälle Perverser die große, 
wenn auch nicht spezifische Bedeutung der Eindrücke jeglicher Kinder- 
stube, ja sogar der Säuglingszeit für das Symptomenbild unserer Per- 
version. Hätte man die frühesten Kindheitsjahre nur besser durchforscht, 
dann läse man in den Autobiographien der Sado-Masochisten nicht so häufig 
die Wendung, daß sich ihre perversen Phantasien und Gelüste schon vor 
jeder möglichen Erfahrung zeigten. Und auch Krafft-Ebing 



254 

würde nicht immer nachdrücklichst hervorheben, daß „beim Masochisten 
der Trieb zur .passiven Flagellation fast immer ab origine bestehe. Er 
taucht als Wunsch auf, bevor eine Erfahrung über reflektorische 
Wirkung gemacht wurde, oft zuerst in Träumen 1 )." Just diese letzte 
Bemerkung, gerade das erste Auftreten in Träumen, daß z. B. ein Masochist 
mit sechs Jahren wiederholt in gleicher Weise träumt, ,,es prügle ihn ein Weib 
ad nates 2 )," deckt jedem Kundigen den Zusammenhang auf. Wie alle 
Träume besitzen auch diese Wurzeln aus den allerersten Lebensjahren 
und es müssen da ähnliche Erlebnisse vorausgegangen sein, die der Kranke 
dann freilich nur im Unbewußten weiß und— in seinen Träumen. 

Mitunter werden die Symptome des Sado-Masochismus nicht erst 
durch Erlebnisse des Kindes bestimmt, sondern schon des Säuglings, natür- 
lich erst nach der Regression ins Infantile. Eine Reihe von Kranken 
kommt im Laufe der Analyse selber darauf, daß die Phänomene ihrer 
Perversion ein Vorbild in den Erfahrungen ihres Steckbettes haben, dem- 
nach das konstitutionell Verstärkte, die Haut- und Muskelsexualität dort 
zum ersten Male in Erscheinung trat und dann die einmal gewonnene 
Gestalt nun dauernd und für immer festgehalten wurde. So vernahmen 
wir mehrfach die typische Phantasie, von einem Weibe gefesselt zu werden, 
und wie sich dieser masochistische Wunsch von lustvollen Säuglings- 
erlebnissen herschrieb. Noch charakteristischer ist ein anderes masochi- 
stisches Gelüste: überfallen, gefesselt und fortgeschleppt zu werden. Auch 
dieses enthüllt sich als Reproduktion lustvoller Spiele zwischen Mutter 
und Kind. Schließlich muß aber jene doch ein Ende machen, packt ihren 
Knaben, schlägt ihn in Windeln und schnürt ihn zu (überfallen und fesseln), 
um ihn dann in die Wiege zu tragen. Man sieht, wie die spätre perverse 
Phantasie sich genau an das Erlebte hält. Auch der lust volle Zwang, den 
einzelne Masochisten ersehnen, hat die nämliche Genesis. Von der Mutter 
in die Windeln gepackt zu werden, ist wohl der erste lustvolle Zwang, 
zu welchem dann als zweiter noch kommt, seine Bedürfnisse rechtzeitig 
befriedigen zu müssen. Hingegen ist der häufige Wunsch, einem schönen 
Weib als Tragtier zu dienen, wohl einfach Umkehrung des in der allerersten 
Kindheit selber Erlebten. Damals wurde man ja von der Mutter oder 
Pflegeperson tatsächlich getragen, was sicher hohe sexuelle Lust gab. 

l ) „Psychopathia sexualis", 13. Aufl., S. 107. Ähnlich urteilt selbst Havelock 
Ellis (1. c'. S. 159f ): „Diese Assoziation (zwischen der Vorstellung des Gefesseltseins 
und angenehmen sexuellen Empfindungen) tritt oft in sehr zartem Alter auf und ist 
von ganz besonderem Interesse, weil sie in vielen Fällen durchaus auf keine 
persönliche Erfahrung oder zufällige Ideenverbindung zurückzu- 
führen ist. Es scheint sich hier um rein psychische Phantasien zu handeln, gegründet 
auf die elementare physische Tatsache, daß Beherrschung des Affektes wie die Ver- 
zögerung seiner Entladung den Affekt steigert." Ferner S. 137: ,,In vielen, wenn 
nicht den meisten Fällen, übt die Idee des Peitschens ihren Einfluß auf das Sexualleben 
aus, ganz unabhängig von persönlichen Erlebnissen, manchmal bei 
Personen, die nie geschlagen worden sind, ja selbst bei solchen, die Schläge 
kennen und nichts als Widerwillen gegen ihre tatsächliche Verabreichung fühlen» 
während sie sich von der Vorstellung derselben angezogen fühlen." 

*) Vergl. 1. c. Beob. 52, S. 105, auch Beob. 55. 



255. 

Wenn so viele Masochisten zu betonen nimmer müde werden, nicht 
Schläge machten den Hauptreiz für .sie aus, sondern- das -Bewußtsein, 
in Gewalt und Botmäßigkeit eines geliebten Weibes zu stehen, so haben 
sie recht. Es ist wohl überflüssig zu erklären, wer diese Geliebte ursprünglich 
war, die typische ,, Herrin" oder „Göttin", und wann sich deren despotische 
Gewalt ganz unumschränkt geltend zu machen vermochte. Gibt es doch 
keine größere Abhängigkeit als die des absolut hilflosen Säuglings von 
seiner ersten Pflegeperson, die allgemein als ,, Mutter" erinnert wird. Wenn 
Eulenburg meint, daß zur sinnlichen Erregung die Vorstellung beitrage, 
„eine geliebte oder doch erotisch begehrte Person ganz als Kind be- 
handeln zu dürfen, sie völlig unterjocht und unterwürfig 
zu wissen, über sie despotisch schalten .zu können 1 )", so hat 
er den Nagel weit besser getroffen, als er selber wohl ahnte. Nun schlägt ja 
die Mutter ihren Säugling wenigstens nicht ständig, nicht einmal tätschelnd 
und zur Liebkosung, wohl aber steht dieser fast immer willenlos in ihrer 
Gewalt und sie kann despotisch über ihn verfügen. Diese lustvolle Ur- 
Erinnerung der Kindheit nochmals zu erleben bei einem herrischen, stolzen 
Weibe, ist darum für so viele Masochisten der Gipfel ihrer Lust. Die sexuelle 
Hörigkeit und Unterwürfigkeit findet nicht erst, wie Krafft-Ebing 
meint, in dem Liebesleben zwischen dem reifen Mann und der reifen Frau 
statt, sondern in einer weit früheren Epoche, in der Liebe zwischen Mutter 
und Säugling. Wenn Masochisten nicht selten angeben, ihre Neigung 
wende sich ausschließlich solchen Frauen zu, die älter seien als sie selber, 
junge Mädchen interessierten sie gar nicht, so liegt die Beziehung zur 
Mutter auf der Hand. Aber auch wo ein jüngeres Mädchen begehrt wird, 
ist es häufig die Mutter, die dem Säugling eben als solches erschien. Ein 
Masochist berichtet: „Ich stelle mir immer ein großgewachsenes Weib 
von 25 bis 28 Jahren vor, üppig, ich unter ihr liegend, überhaupt ganz in 
ihrer Gewalt. Sie kann mit mir machen was sie will, sie kann mich sogar 
zwingen, sie an den Genitalien zu schlecken." Als Lösung dieser Phantasie 
ergab sich in der Psychoanalyse: Bei seiner Geburt war die Mutter etwa 
25 — 28 Jahre alt, groß und üppig. Die junge Mutter war es, die ihn zwang, . 
ihren Brustwarzen -Penis in den Mund zu nehmen. Und die damalige große 
Säuglingslust wiederholter nun mit durchsichtiger Verschiebung nach unten 
in seinen masochistischen Phantasien. Ursprünglich zwang das Weih ihn 
nicht, ihre Vagina zu schlecken, sondern ihren heiß ersehnten Penis. 

Eine Reihe seltsamer sadistischer wie masochistischer Gelüste wird 
erst verständlich, wenn man das Verhalten der Mutter zu ihrem Säugling 
heranzieht, in zweiter Linie zu ihren etwas größeren Kindern. So äußert 
sich ihre Affenzärtlichkeit häufig darin, daß sie den Säugling am ganzen 
Körper abküßt, auch an den allerintimsten Partien, wie den Genitalien, 
ad nates vel anum 2 ). Die gelegentliche Forderung eines Sadisten, die 



1 ) „Sexuelle Neuropathie", Leipzig 189. r >, S. 121. 

2 ) Ich glaube auch, daß die Redensart „Du kannst mich gern haben!'" oder 
das synonyme und noch vulgärere Zitat aus „Götz von Berlichingcn" von dieser 
mißbräuchlichen Zärtlichkeit stammt und ursprünglich völlig ernst gemeint war. Man 
denke ferner an die Huldigung der Hexen für den Teufel durch den Kuß auf den Hintern . 



_ 



256 



Geliebte solle ihn ad posteriora küssen, womöglich sogar noch vor anderen 
Leuten, spricht direkt für gleiche Erlebnisse des Säuglings, die damals 
wenig Anstößiges hatten. An anderem Orte 1 ) sprach ich schon aus, daß, 
abgesehen von Überfüllungserscheinungen ganz kleine Kinder nur geliebte 
Personen mit ihrem Urin oder ihren Exkrementen bedenken, was ihnen 
geradezu Liebesbeweis ist. Die ganze Uro- und Koprolagnie hängt mit 
diesem infantilen Verhalten zusammen und fußt noch tiefer und organisch 
auf verstärkter Urethral- und Analerotik. Hält man sich dies vor Augen, 
dann erscheint es nicht mehr ungeheuerlich, daß gleiche Beschmutzungen 
von Sadisten oder Masochisten erfolgen oder lustvoll begehrt werden. 
Der Begriff der Besudelung kann später auch auf andere schädigende 
Flüssigkeiten ausgedehnt werden, wie z. B. Tinte oder Schwefelsäure. 
Weitere Symptome des Sado-Masochismus gehören schon einem 
etwas späteren Kindesalter an. So das Knien des Masochisten vor der 
Geliebten, ferner Liegen oder Sitzen zu ihren Füßen, was ein Klient Krafft- 
Ebings als „Pagismus" bezeichnet, d. h. das Verlangen, der Page eines 
schönen Weibes zu sein. Das letztere übte auch Sacher-Masoch selbst, 
der mit Frau von Kottowitz, der Fürstin Bogdanoff und der Baronin 
Pistor solche Szenen aufführte und sich sogar in dieser Position photo- 
graphieren ließ. Daß die Mutter spielerisch dem geliebten Kinde auf den 
Nacken tritt 2 ), es ein andermal wieder wegen eines Vergehens beschimpft, 
auszankt oder selbst stundenlang knien läßt oder endlich .das Kind die 
Mutter um Verzeihung bitten muß, bisweilen sogar mit aufgehobenen 
Händen, dies alles kehrt in sado-masochistischen Veranstaltungen wieder. 
So heischt ein Sadist von seiner Geliebten, sie solle ihm die Hand küssen, 
ihm „untertänig sein", was natürlich einst sein eigenes Verhalten zur 
Mutter gewesen, und endlich sogar die Pedicatio, weil er einst von jener 
mit Lust klystiert worden und nun selber die Rolle der Mutter spielt. 
Beim Verlangen aktiver und passiver Flagellanten nach Schlägen, am 
liebsten auf entblößte nates, wirkt neben einer Reihe anderer Umstände 
auch die Erinnerung mit an das liebevolle Getätscheltwerden des nackten 
Säuglings, in zweiter Linie an die Exekutionen der ersten Kindheit, die der 
Algolagnist wegen seiner erhöhten Haut-, Muskel- und Urethral-Erotik 
lustvoll empfand. Hier ist auch der Ursprung der „strengen Herrin",' 
der „Gebieterin" zu suchen. Daß sich dies masochistische Ideal von der 
„strengen Herrin" in Wirklichkeit so selten findet, während jene Sehn- 
sucht das perverse Denken so häufig tyrannisiert, rührt einfach daher, 
daß es viele strenge Mütter gibt, die darum noch keineswegs auch geschlecht- 
lich den Mann beherrschen. Sehr treffend bemerkt ein solcher Patient, 
dessen Selbstbiographie Krafft-Ebing 3 ) mitteilt: „So oft ich zu weib- 
lichen Wesen in nähere Beziehungen getreten bin, habe ich den Willen 
des Weibes dem meinigen unterworfen gefühlt, nie umgekehrt. Ein Weib, 



x ) „Über Urethralerotik", Jahrbuch für psychoanalytische und psychopatho- 
logische Forschungen, Bd. II, S. 414ff. 

2 ) Der Wunsch des Masochisten, die Herrin solle ihm den Fuß auf seinen 
Nacken setzen, hat freilich auch noch andere Wurzeln. 

3 ) „Psychopathia sexualis", 7. Aufl., S. 95f. 



257 

das Herrscherlust innerhalb der geschlechtlichen Beziehungen manifestiert, 
habe ich niemals begegnet. Frauen, die im Hause regieren wollen, und 
sogenanntes Pantoffelheldentum sind etwas von meinen erotischen Vor- 
stellungen ganz Verschiedenes." 

Eine weitere und entscheidende Beziehung besprach ich schon 
im vorigen Abschnitt: die homosexuell-masochistische Einstellung zum 
eigenen Vater, die. später auf das Weib übertragen wird. 

Zusammenfassend kann man etwa sagen: nicht der Sado-Masochismus 
wird durch jene frühesten Erlebnisse erklärt, wohl aber öfter seine 
Symptomatologie, 

Nun noch ein Wort zu den entfernteren psychischen Beziehungen 
und den seelischen Überdeterminierungen des sado-masochistischen 
Komplexes. Zwar reichen sie an Bedeutsamkeit bei weitem nicht an die 
Erlebnisse der Säuglings- und Kinderzeit, noch minder an die Zuflüsse 
aus dem ödipus- und Kastrations-Komplex und am allerwenigsten an die 
organischen Grundlagen der Perversion, doch besitzen sie immerhin einen 
gewissen sekundären Wert und werden vor allem von den Kranken selber 
als vermeintliche Wurzel ihrer Abirrung gern ins Treffen geführt. Einige, 
die sich mit frühesten Kindheitseindrücken paaren, haben wir bereits oben 
vernommen, z. B. das Eingewickeltwerden des Säuglings 1 ) und das Zu- 
schnüren des mütterlichen Korsetts als Grundlage sado-masochistischer 
Phantasien, sich von einem Weibe fesseln zu lassen oder aber selber Weiber 
zu binden. Wieder andere Beziehungen bieten manchen Perversen fest 
einschnürende Handschuhe, um den Gürtel recht eng zusammengezogene 
Frauenröcke oder gar Strumpfbänder, die Gewohnheit mancher Mütter, 
ihre Kinder auf dem Topfe festzuhalten, indem sie sie an beiden Hand- 
gelenken packen, die zärtliche Umschlingung der Mutter, die das Kind 
aus Leibeskräften versuchte, so daß jene sich vermeintlich nicht wehren 
konnte, und ähnliches mehr. 

Auch das Schlagen gibt außer dem, was ich im zweiten Abschnitt 
schon anführte, noch mancherlei psychische Beziehung. Zu beachten ist 
vorerst, daß Tätscheln und leichtes Schlagen aufs Gesäß die am häufigsten 
geübte Zärtlichkeit der Eltern darstellt, welche dann beim Kinde die 
hochbedeutsame Gesäßerotik weckt. Im Grunde sind ja Prügel nichts 
anderes als eine quantitative Verstärkung jenes zärtlichen Tätscheins. 
Bei manchen Kindern wirkt ferner mit, daß sie nach applizierten Schlägen, 
wenn sie gebührend um Verzeihung gebeten, doppelte Liebkosung von 
unvernünftigen Eltern erhalten. Wo solche günstige Bedingungen vorhanden, 
provoziert ein Kind nicht selten direkt durch Schlimmsein Prügel, also 
nicht nur aus dem ödipus- und Kastrations-Komplex heraus. Mütterliche 
Zärtlichkeit schlägt oder tätschelt weiter noch gern auf die prallen Schenkel, 
was viele dann später vermeintlich spontan an sich selber wiederholen. 
Die Lust am Prügeln und Geprügeltwerden wird oft verstärkt durch die 



*) Man könnte einwenden, daß es sich bei diesen und anderen Beziehungen 
doch wesentlich um Physisches und nichts Psychisches handelt. Demgegenüber 
muß man festhalten, daß nicht das Körperliche lustbetonte Hauptsache ist, vielmehr 
s , die Vorstellung der Zärtlichkeit oder auch die Identifikation mit geliebten Personen. 

Sadger, GeschlechUvcrirrungen. 17 



258 

Lektüre schlechter Märchen, in welchen es von geschlagenen Kindern nur 
so wimmelt. Wie einer meiner Kranken sich ausdrückte, sind schlechte 
Märchen die Kolportageromane der Kleinen. Eine weitere Beziehung 
gibt endlich noch das mitunter geduldete Zurückschlagen der Kinder 
in Scherz und Ernst. Bedenkt man, daß die sadistische Koitustheorie als 
Geschlechtsverkehr annimmt, die Mutter werde vom Vater gehauen, so 
wird man auch hier die sexuelle Absicht des Kindes durchschauen. Am 
höchsten endlich steigt die Lust, wenn die Großen sich anstehen, als 
täten ihnen die Schläge weh und vielleicht noch hinterdrein mit Kuß 
oder anderer Zärtlichkeit lohnen. Sadistische Eltern pflegen wohl auch — 
ich kenne mehrere solcher Fälle - ihre Kinder aus Liebe in den Bauch, 
die Wange oder Fingerchen zu beißen, was von den Sprößlingen stets mit 
Behagen und sichtlichem Lustgefühl aufgenommen wird. 

Ich muß jetzt noch einmal auf das von Krafft-Ebing in den 
Vordergrund gestellte Verlangen nach aktiver oder passiver Demütigung 
und Unterwerfung zurückkommen. Dasselbe bezieht ganz zweifelsohne 
eine Hauptwurzel vom Bemächtigungstriebe, der uns nur leider so wenig 
bekannt ist, dessen konstitutionelle Verstärkung aber sicherlich bei dem 
Sado-Masochismus eine ganz erhebliche Rolle spielt. Ich gehe auf diesen 
hier nicht weiter ein, wo bloß vom Sexuellen die Rede. Hingegen will ich 
zu dem, was ich schon in früheren Abschnitten dieses Kapitels ausführte, 
noch ergänzen, daß viele sogenannte Demütigung gar nicht als solche 
aufzufassen ist, vielmehr als Wieder erleben von Dingen, die der Perverse 
wegen seiner Haut- und.Muskelerotik als Kind mit besonderer Lust empfand. 
Was jetzt beim Erwachsenen den Anschein von Demütigung, Unterwerfung 
und Erniedrigung gibt, das hatte für den Säugling ganz andere Bedeutung. 
Es war der Ausdruck seiner Hilflosigkeit und der großen Lust, welche 
er dabei durch das liebevolle Tun der Mutter empfand. Weil dieses Tun, 
die Pflege wie das Spiel, nur an seinem Körperchen stattfinden konnte 
durch wollüstige Erregung seiner Haut-, Schleimhaut- und Muskelerotik, 
darum kam es dann eben bei Disponierten zum Sado-Masochismus. Ist 
es doch bezeichnend, daß selbst, was, als tiefste, erniedrigendste Demütigung 
imponieren konnte, wie etwa die Uro- und Koprolagnie oder Küsse ad nates, 
wenn nicht gar ad anum, im Leben des Säuglings ganz ausgesprochene 
Liebesakte darstellen, ohne auch nur den allermindesten Beigeschmack 
von Unterwerfung oder arger Demütigung. Also nicht eine Knechtung 
oder gar Erniedrigung heischt der Masochist in solchen Fällen, sondern 
einzig nur Liebe, jene heißeste Liebe, die er je erfuhr in seinen genuß- 
reichen Säuglingstagen 1 ). Sehr schön sagt Ellis (1. c. S. 163): „Der 
Masochist wünscht Schmerz zu erfahren, doch er soll ihm in Liebe zugefügt 
werden; der Sadist wünscht Schmerz zuzufügen, aber in manchen, wenn 
nicht in allen Fällen, wünscht er, daß jener als Liebe gefühlt werde." 2 ) 

*) Gerade in der Beherrschung des Säuglings durch seine Mutter fällt zusammen, 
der passive Bemächtigungs- oder Unterwerfungstrieb mit den verschiedenen ge- 
schlechtlichen Reizungen, die. der Säuglingspflege notwendig anhaften. 

2 ) Ähnlich sagt Erich Wulffen („Der Sexualverbrecher", S. 315) vom 
Sadisten: „Er ist nicht grausam zu dem Endzwecke, anderen Schmerzen zu bereiten. 






259 

Auch allerlei sekundäre psychische Bedeutung vermag bei jener 
Lust am Gedemütigtwerden mitzuspielen. So erzählte mir eine Masochistin, 
die an den schweren Zwistigkeiten zwischen den Eltern lebenslang litt: 
„Das langandauernde Gefühl der Kränkung und Demütigung, welches 
ich meinem Vater bei harten Worten der Mutter anmerkte, zumal wenn 
dies vor uns Kindern geschah, dies Gefühl dürfte ich von ihm übernommen 
haben. Weil er, den - ich über alles liebte, so gedemütigt ward, drum 
wollte ich ihm dies bittere Gefühl abnehmen. Ich dachte mir etwa: O Vater, 
ich habe Dich so lieb, daß ich Dir diese Demütigung gern ersparen würde, 
ich möchte sie statt Deiner ertragen, es wäre mir eine Freude, für Dich die 
Demütigung zu erdulden. Anderseits hörte ich mit neun Jahren die Mutter 
schelten: .Schämen muß ich mich, wie mich der Vater vor fremden Leuten 
herstellt!' Da werde ich wohl auch den Wunsch gehabt haben, die vom 
Vater gedemütigte Mutter zu spielen." 

V. Die einzelnen Formen des Sado-Masochismus. 

Aus den in den vier vorstehenden Abschnitten behandelten Grund- 
lagen, dem von Haus aus erhöhten Bemächtigungs- und Unterwerfungs- 
triebe, der Steigerung der jeweiligen Haut-, Schleimhaut- und Muskelerotik, 
der enormen Kastrationslust aktiver sowie passiver Art und endlich 
der Rückkehr zu kindlicher Anschauung und Empfinden, aus der Kom- 
bination all dieser oder doch mehrerer Grundlagen lassen sich unschwer 
sämtliche Formen des Sado-Masochismus erklären. 

Nehmen wir z. B. einen verhältnismäßig einfachen Fall. Ein sadi- 
stischer Ehemann liebt es, seine Frau beim Verkehr zu drosseln. Es 
ergibt sich in diesem wie auch in sämtlichen gleichartigen Fällen, daß 
Hals symbolisch für den Penis steht und sein Drosseln und Würgen das 
Zusammendrücken, also Kastrieren des Membrums bedeutet. Die Wahl 
des Symbols hat den großen Vorzug, daß man auch den vielgesuchten 
Penis des Weibes auf diese Art zu entmannen vermag. Daß aber auch die 
anderen Grundlagen mit im Spiele sind, ist leicht aufzuzeigen. So liegt 
es auf der Hand, daß dem Bemächtigungs- oder Unterwerfungstriebe 
da eine wichtige Rolle zukommt. Nun zu der infantilen Begründung. 
Einer meiner Kranken veranstaltete mit Dirnen masochistische Szenen. 
Unter anderem mußten sie ihm ein enges Halsband umlegen wie einem 
Hund. ,,Dies dünkt mich aus meiner Säuglingszeit zu stammen", erklärte 
er in seiner Psychoanalyse, ,,da das Hemdchen noch keine Knöpfe hat, 
sondern um den Hals in einer Schlinge gesclilossen wird. Und ich glaube, 
daß hin und wieder die Mutter in der Eile heftig an der Schlinge zog, 



sondern auch sich eine Wollust zu verschaffen. Er ist grausam, nicht aus Brutalität, 
sondern aus sexueller Erregung, aus erotischer Neigung, die zuweilen wirkliche Liebe 
ist. Nach Kiermann tut es dem Sadisten häufig leid, dem andern Schmerzen zu- 
zufügen, und er wünscht, der andere möge die Schmerzen selber als Liebe empfinden, 
wie das der Masochist auch so auffaßt. Hier finden wir im Sadisten selbst eine maso- 
chistische Komponente. Sadisten sind außerhalb der Gcschlechtlichkeit überhaupt 
eher mitfühlend. Auch Marquis de Sade hatte einen solchen Charakter." 



17 



» 






260 



j 



wenn sie nicht gleich aufging und dabei wird man sehr leicht gewürgt " 
Die Rolle der passiven Kastrations lust und der Hauterotik hebt wieder eine 
Dame in einer Zuschrift an Havelock Ellis hervor i) : „Viele solche (Würge-) 
Handlungen finden in mir in passivem Sinne ein Echo. So der Gedanke 
von jemandem, den ich liebe, stranguliert zu werden. Dabei spielt 
sowohl die große Empfindlichkeit von Hals und Nacken 
eine Rolle wie das Verlieren des Atems*). Als ich mich einmal 
von einem Manne trennen mußte, den ich sehr gern hatte, legte ich seine 
Hände an meinen Hals und bat ihn, mich zu erwürgen. Das war ein 
Augenblick des Wahnsinns, der mir den Zustand Geisteskranker verständlich 
macht. Selbst jetzt, wo ich kühl und besonnen bin, fühle ich daß 
wenn ein Mann, den ich sehr liebte, mich töten wollte, besonders 'durch 
Erwürgen, ich keinen Versuch machen würde, mich zu retten, wenn auch 
die Natur im letzten Augenblicke ohne meinen Willen eingriffe Ich glaube 
es ist mir nicht schwerer, mir den inneren Zustand eines Lustmörders 
vorzustellen, als den eines normalen Mannes, der Genuß bei einem Weibe 
sucht, das er nicht liebt. Ich glaube, wenn mir meine heutige Art zu fühlen 
bliebe und ich mich in einen imbezillen Mann verwandeln könnte - d h 
wenn ich so stark wäre wie ein Mann, aber nicht reflektierte - würde 
ich auch in jener anscheinend grausamen Weise handeln wollen." 

Diese Lust am Würgen leitet geradenwegs zur schwersten Form des 
badismus hin, zum Lustmord nämlich, dessen Einleitung er gar nicht so 
selten ist, ja bisweilen dessen einzige Betätigungsform. Ich bin hier auf die 
Literatur angewiesen, der ich die folgenden Beispiele entnehme. Vinzenz 
Verzem ein italienischer Lustmörder, gestand: schon wenn er seine Opfer 
am Halse kaum berührt hatte, stellten sich sexuelle Empfindungen ein 
Es sei ihm ganz gleich gewesen, ob die Frauen alt, jung, häßlich oder 
schon waren. Gewöhnlich habe schon das einfache Drosseln derselben 
ihn befriedigt und dann ließ er seine Opfer am Leben; wenn aber der 
Orgasmus sich verzögerte, habe er zugedrückt, bis sie tot waren Auf 
seine perversen Akte sei er ganz von selber gekommen, nachdem er, 12 Jahre 
alt bemerkt hatte, daß ihn ein seltsames Lustgefühl überkomme, wenn 
er Huhner zu erwürgen hatte. Deshalb habe er auch öfter Massen davon 
getötet und dann vorgegeben, ein Wiesel sei in den Hühnerstall eingedrungen. 
Gleich dem Erwürgen ist auch das Zerstückeln eines Leichnams, 
das Herausschneiden der inneren und äußeren Genitalien, durchsichtig 
Kastrationslust. Jack, der Aufschlitzer, pflegte seinen Opfern zunächst 
den Hals abzuschneiden, dann die Bauchhöhle zu öffnen und in den Ein- 
geweiden zu wühlen. In zahlreichen Fällen schnitt er sich äußere und 
innere Genitalien heraus und nahm sie mit sich. Andere Male begnügte 
er sich, dieselben an Ort und Stelle zu zerfetzen. Wenn dann der Lust- 
morder diese Genitalien oder ein herausgeschnittenes Penis-Symbol noch 
brat und ißt, so hat man dafür besondere Geruchs- und Geschmacks- 
Perversitäten anschuldigen wollen. Mich dünkt diese Erklärung wenig zu- 



1 ) L. c. S. 154ff. 

2 ) Das geht auf die Angstlust, die ja auch der Kastrationslust mit zugrunde hegt. 



261 

treffend, wenn ich auch den richtigen Zusammenhang aus Mangel an 
psychoanalytisch durchforschten Fällen nicht aufklären kann. Als 
psychisches Motiv könnte etwa gelten die infantile Sexualtheorie, die 
Mutter sei schwanger geworden, indem sie etwas vom Vater (seil, dessen 
Membrum) gegessen habe, was der Perverse in der Mutterrolle wiederholt. 
In manchen Fällen besteht ein ganz unverkennbarer Abscheu vor dem 
kastrierten weiblichen Genitale und statt dessen die Neigung, sich irgendein 
Symbol herauszuschneiden, das für den gesuchten Penis des Weibes gelten 
kann, wie z. B. bei Verzeni. Hieher gehört auch das häufig vermeldete 
Wühlen in den Eingeweiden. Nach Aussagen von Kranken, die Lust- 
mörder in der Phantasie waren, bin ich geneigt, dies als. stetes Suchen 
des schwer vermißten weiblichen, mütterlichen Penis anzusehen 1 ). 

Nun zu den Sadisten, die das Weib blutig stechen, schneiden oder 
peitschen müssen, um vollen Orgasmus zu erzielen. Daß solches Tun durch- 
wegs eine Kastration bedeutet, liegt auf der Hand. Jedes Blutvergießen 
im Geschlechtsverkehr ist ja aktive Kastrationslust. Hiezu kommt in 
unserem Fall noch als psychische Überdeterminierung die sadistische 
Koitustheorie der Kinder: der Vater schlage die Mutter beim Verkehr 
blutig — Beweis die menstruellen Spuren in der Wäsche — oder steche 
sie auch mit seinem Penis blutig ad pudenda oder nates, wie ich aus Träumen 
von Perversen weiß. Der Sadist wiederholt dann an seinem Opfer, was. 
vermeintlich dereinst der Vater geübt an seinem Weibe. Es begreift sich 
jetzt leicht, daß Mädchenstecher mit besonderer Vorliebe in die nates 
oder Schamgegend stechen oder ebendaselbst mit einer Lanzette schneiden ; 
daß ferner de Sade in der einzig beglaubigten sadistischen Affäre mit der 
Rosa Keller diese vorerst blutig peitschte, um sie mit einem Messer dann 
am ganzen Körper zu zerschneiden; und endlich, daß einer meiner Kranken 
noch die ganze Pubertät hindurch wähnte, die Mädchen kämen ohne 
Schamspalte auf die Welt, erst später erzeuge der Vater sie ihnen mit 
seinem Penis. Bezeichnend ist auch die Geschichte des „Messerstechers, 
von Bozen". Anfangs befriedigte sich dieser Unhold durch Sodomie 
und durch Masturbation an und später auch vor unschuldigen Mädchen. 
„Da sei nach und nach die Vorstellung in ihm Herr geworden, wie reizend 
es sein müsse, schöne, junge Mädchen mit einem Messer in die Scham- 
gegend zu stechen und sodann das Blut ablaufen zu sehen." Überflüssig 
zu sagen, daß das junge, hübsche Mädchen seine Mutter vorstellt, das 
Messer ursprünglich den Penis des Vaters, in der Folge natürlich seinen 



») Die Nekrophilie, die Leichenschändung, wird, wie mich bedünkt, nicht ganz: 
mit Fug zum Sadismus gerechnet. Oft fehlt liier gerade die Grausamkeit, so unbedingt 
zum Wesen dieser Perversion gehört. Der geschlechtliche Mißbrauch von Leichen 
allein ist noch kein Sadismus, sondern Leichenschändung. Freilich gibt es Nekro- 
phile, die ein totes Weib zunächst gebrauchen und hinterdrein verstümmeln oder 
zerstückeln. Wieder andere strecken eine sich Sträubende vorerst nieder, um hinter- 
drein dann die Ermordete zu schänden. Hier tritt zur Leichenschändung noch wirk- 
licher Sadismus hinzu. Die Nekrophilie ist in abgeschwächter Form, d. h. als ein 
bloßes Phantasieverlangen, nicht gar so selten bei Neurotikern zu finden und be- 
deutet nichts anderes als den Kinderwunsch, die schlafende, scheinbar tote Mutter, 
die sich eben darum nicht wehren kann, zu koitieren. 



262 



eigenen. Sowie er ein Mädchen gestochen hatte, ihr Blut am Messer herunter- 
fließen sah, fühlte er, wie er sich ausdrückt, „es wirklich so, als ob er 
sie gebraucht hätte." 

Eine weitere Form, das Blutigbeißen, knüpft, wie schon oben aus- 
geführt wurde, daran an, daß mancher Säugling mit Lust in die mütterliche 
Brustwarze biß. Wie man sieht, ist hier neben der aktiven Kastrationslust 
noch Verstärkung der oralen Erotik im Spiele, d. h. erhöhte Erogenität 
der Schleimhaut und Muskulatur des Mundes. Das Beißen ad coitum 
wird in der antiken wie modernen Literatur, der östlichen und westlichen, 
häufig behandelt 1 ) und ist speziell bei Frauen und Mädchen der Naturvölker 
ebenso wie der zivilisierten dermaßen im Schwange, daß sie Havelock 
Ellis beim weiblichen Geschlechte geradezu als normale Betätigung 
des Geschlechtstriebes ansieht. Eines steht über jedem Zweifel, daß nirgends 
der Übergang zum Physiologischen so fließend ist, wie gerade beim Morsus 
Venens. Immerhin sind stärkere Grade sicher pathologisch, auch schon 
bei Frauen. Den Zusammenhang mit der Munderotik beweist auch der 
Umstand, daß die nämlichen Personen gern Dinge zwischen die Zähne 
nehmen, an welchen sie nagen und die Kraft ihrer Kiefer üben können 
z. B. einen Grashalm, ein Stückchen Holz, einen halbharten Radiergummi 
, und ähnliche Sachen. Andere wieder zerbeißen alle Bleistifte und Feder- 
stiele, Mundstücke von Pfeifen oder Zigarren, ja selbst Trinkgläser rein 
•nur zum Spaß". Ein Sadist erklärte mir geradezu: „Wenn mir recht 
wohl war, habe ich stets etwas beißen müssen." 

Der Säugling, der die Mammilla blutig beißt, kann sehr leicht Blut 
zu saugen oder zu trinken bekommen, was bei manchen Erwachsenen zu 
typischen Erscheinungen führt. So schreibt A Ion zi von den sizilianischen 
Bäuerinnen (zit. nach Havelock Ellis 1. c. S. 89 f.): „Die Frauen aus 
dem Volke, besonders in den Gegenden, wo blutige Verbrechen häufig 
sind, äußern ihre Liebe zu ihren Kleinen dadurch, daß sie sie an Hals und 
Armen solange küssen und saugen, bis die Kinder krampfhaft schreien. 
Alle Augenblicke hört man sie mit größter Zärtlichkeit sagen : , Wie süß 
Du bist. Ich möchte Dich beißen, ich möchte Dich über und über benagen 2 ) !' 
Wenn ein Kind sich irgendeines kleinen Vergehens schuldig macht, be- 
gnügen sie sich nicht damit, es durch Schläge zu strafen, sondern verfolgen 
das kleine Wesen auf die Straße hinaus und beißen es ins Gesicht, in Ohren 
und Arme, bis Blut fließt. In 'solchen Augenblicken sieht selbst die schönste 
Frau entsetzlich aus: die Züge sind verzerrt, konvulsivisch zuckend, 
die Augen mit Blut unterlaufen, die Zähne knirschen. Die Drohung: 

*.) Vergl. hiezu H. Ellis I.e. S. 87ff. 

2 ) Die vermutlich regelmäßige Verbindung von Blut- und Beißlust ist auch bei 
der Blutgrafin Elisabeth Bäthory mit Sicherheit nachweisbar. Von ihr geht aus den 
amtlichen Verhörsprotokollen (vergl. R. A. v. Eisberg „Die Blutgräfin", Breslau 1894, 
b Schottländer, S. 187 f.) hervor, daß sie mit einer Magd das nämliche tat wie Penthe- 
silea mit der Leiche des Achill. Wie ihre Helfershelferinnen Helene Jö und Dorothea 
Szentes bezeugen, ließ sie eine solche an ihr Bett, wo sie kfank lag, heranzerren, worauf 
dem Mädchen Stücke Fleisch aus dem Gesichte und von den Schultern herausgebissen 
wurden. Sie hieb auch mit Messern auf die Mädchen ein, schlug und marterte sie 
überhaupt auf mannigfache Weise. 






263 

,lch werde Dein Blut trinken!' ist bei sizilianischen Männern und Weibern 
etwas sehr häufiges. Ein Augenzeuge berichtet von einem Manne, der 
einen anderen im Streite erschlagen hatte und von der Hand das warme 
Blut des Toten ableckte." 

Hier spielt wohl neben der Munderotik auch der atavistische Be- 
mächtigungstrieb mit, den schon unsere prähistorischen Ahnen, doch auch 
heute unzivilisierte Völker sehr gern üben. Ist doch Blut „das Leben", 
wie in der Bibel zu lesen, und wer das Blut seines Feindes getrunken, hat 
seine Lebenskraft in sich aufgenommen. Auch die hohe Erregung zahl- 
reicher Menschen, die Blut fließen sehen, rührt einerseits her von befriedigter 
Kastrationslust, anderseits vom Bemächtigungstriebe. 

Nun zu jener Form des Sado-Masochismus, die weitaus am ver- 
breitetsten ist, dem Flagellantismus, der Lust am Schlagen und Geschlagen- 
werden, von welcher ich schon in früheren Abschnitten gesprochen habe, 
auf die ich aber noch einmal zurückzukommen mich genötigt sehe. Auch 
beim Flagellantismus sind nicht minder die frühinfantilen Beziehungen als 
die Haut- und Muskelerotik als endlich die Kastrationslust deutlich zu 
schauen. Die ersten beiden Umstände waren schon den älteren Autoren 
bekannt. So schreibt z. B. Giovanni Frusta („Der Flagellantismus und 
die Jesuitenbeichte", 18-16) 1 ): „Den Flagellierten erfüllt ein mystisches, 
aus Sinnlichkeit und Phantasie zusammengesetztes Gefühl von Demütigung 
unter die Gewalt eines Stärkeren, von Zurückversetzung seiner Persönlich- 
keit in das kindliche Alter, sodann eine tiefe Scham und Freude zugleich 
über die zugefügte Mißhandlung." Also man fühlt sich durch das Ge- 
prügeltwerden in die früheste Kindheit zurückversetzt, in die Lust oder 
Freude, die man damals bei den Schlägen empfunden haben muß. Ähnliches 
erzählt auch Pisanus Fraxi von den Wünschen der Besucher englischer 
„Flagellationsbordelle". Die von ihren ,, Zöglingen" schriftlich eingesandten 
Wünsche waren oft sehr merkwürdig. Einige Männer wünschten, wie 
Kinder übers Knie gelegt zu werden, andere wollten auf dem Rücken 
einer Dienstmagd abgeprügelt 2 ), noch andere gefesselt werden. Be- 
zeichnenderweise wünschte die Mehrheit der männlichen Flagellomanen 
nicht aktive, sondern passive Peitschung, und zwar, wieder bezeichnend, 
„von der Hand eines schönen Weibes", also durchsichtig der Mutter. In 
der Analyse der Flagellanten berichten diese ganz regelmäßig, daß die 
Mutter oder erste Pflegeperson mit Lust und Freude zugehauen habe. Ob 
dies so allgemein wirklich zutrifft, stehe dahin, wohl aber wird es — und 
das ist entscheidend — von den Geißelwütigen vorausgesetzt und späterhin 
auch bei der passiven Flagellation verlangt. Dies bedingt dann die häufige 
schwere Enttäuschung solcher Masochisten, die bei der Puella eine Aus- 
peitschung bestellen. Das bloß geschäftsmäßig geübte Durchhauen ohne 
Gemütsbeteiligung des aktiven Teiles weckt nie die Lustvorstellung der 




Dühren 

2 ) Die in England 
Vergl. Dühren I.e. S. 460. 



261 



Kindheu. Erst wenn das Weib, wie in den englischen Flagellations- 
bordellen aus eigener sinnlicher Freude am Geißeln dies wirklich mit Liebe 
und Freude besorgt stellt sich die volle Zufriedenheit der Besucher ein 
Gesteigert wird das Vergnügen am Gegeißeltwerden durch drei 
Umstände: die Exhibitionslust, daß man sein Gesäß so gewissermaßen 
zur Schau gestellt weiß, dann bei Urethralerotikern. daß durch Thläge 
ad na es auch die spezifische Erogenität der Harnröhre geweckt wird Sä 
Ä WÜÄÄ" h SCh ' ä f n foI ^ de Wärmegefühl g welches, um m* 

Wo ffell^M fff« ^ "' " de " g f Z6n Hinter " wic in ein warm-weiches 
Wollfell einhüllt' und ein angenehmes Prikeln im Gesäß erzeugt, also 

SÄT <; > ^k H t Ut ?f 0tik - Sehr richtig sagt der genannt! W 
in seinem „Sexualverbrecher", was ich nach Analysen bestätigen kann- 
„Geschlagene Knaben wundern sich oft über das einer starken Züchtung 
:»£ annehmliche Wärmegefühl in dem Gesäße und suchen 2 
mal aus diesem Grunde zu neuen Züchtigungen zu gelangen" (1. c S S 
Merzbach („Die krankhaften Erscheinungen des Lschlechtssinnl«'' 
Wien 1909) zitiert den Bericht eines dreizehnten Knab f^ emnai 
beim Masturbieren erwischt, von seiner Erzieherin heftig vSrügeltS 
Es brannte hinten wie wenn man auf Feuer säße, aber dabei sfaThTs so 
wohlig, wollustig auf, gerade die Schläge machten es besonders schön nie 
war es so schön wenn wir uns daran spielten, denn wir taten e ; Sh Äer - 

am Ges^3 irrean^T 6lSPiel f ^ ^^ deS Geschlagenes 
am üesaß ist Jean Jacques Rousseau. Mit acht Jahren erlebte er 

l^i' r er ,' ^ kh "^ ^ W ° rten deS Dichters wLeigebe? Da 
Haulein Lambercier uns mit der Liebe einer Mutter zugetan war nahm 

' soweit dJl uTf ?t ^ ? ^^ «* ^ ^selblmitunter 
so weit, daß sie uns auch, wenn wir es verdient hatten, wie eine Mutter 

hr Kind, züchtigte. Ziemlich lange ließ sie es bei der Drohung bewege, 

.roßtT^Inre ^ T" ^f? *** *** V6r * etzte *K 
großen Schrecken, aber nach ihrer Erduldung fand ich sie weniger 

eSümther 2 1 ^ % d \ E ™^ -gesU hatte, jf^S 
£2^ 1S V d,ese Züchtigung flößte mir noch größere 
Zuneigung zu der ein, die sie mir erteilt hatte. Es gehörte sogar 

k Ä ^ff di6Ser Z r 6igUng Und mdne -türl4e FolgsX 
gehen S Z,T u ^T Zu u rückzuhaIte ". absichtlich eine Unart zu be- 
Schm.rl ? fu WeiSe häUe S eahndet werden müssen. Denn der 

S nu Skert v S6l K bSt , die S0ham War mit einem Gefü *le von 
von deSlhen ^ er ^ Unden gewesen, das in mir eher das Verlangen, es 

ScS£n Wt T„ neUem u Crregt ZU Sehen ' a,S die Furcht davor 
Sft r \? a u 16S ° hne Zweifel von einer vorzeitigen 
in der ifjS \ G % sc hlechtstriebes herrührte, würde ich allerdings 
ehml ^ H Cn Züchtigung von der Hand ihres Bruders nichts Ange 
deMrh nt *r e \-- Die Wiederholung der körperlichen Strafe, 

srhnlrf«, V IC i ? Chte "' aUS d6m We S e ^S. geschah ohne mein Ver- 
schulden, und ich kann sagen, daß ich sie getrost und nicht ohne einen ge- 



') „Rousseaus Bekenntnisse", Übersetzung vonDenhardt. Leipzig, R e kl 



am. 



V 



265 

heimen Reiz über mich ergehen ließ. Aber dieses zweite Mal war auch das 
letzte, denn Fräulein Lambercier, die ohne Zweifel an irgendeinem 
Zeichen gemerkt hatte, daß diese Züchtigung ihren Zweck 
nicht erfüllte, erklärte, daß sie mit einer solchen Bestrafung nichts mehr 
zu tun haben wollte, da dieselbe sie zu sehr ermüdete. Bis dahin hatten wir 
in ihrem Zimmer geschlafen und im Winter sogar hin und wieder in ihrem 
Bette. Zwei Tage später erhielten wir ein besonderes Schlafzimmer und ich 
genoß Von nun an die Ehre, auf die ich gerne verzichtet hätte, von ihr ais- 
erwachsener Knabe behandelt zu werden." 

Es ist wohl durchsichtig, was hier geschehen. Der Knabe bekam von 
jenen Schlägen trotz seiner Jugend kräftige Erektionen, die wieder zu- 
sammenhängen mit seiner auch sonst gut nachweisbaren Urethralerotik. 
Und wir dürfen vielleicht nach dem, was wir sonst von Masochisten erfahren, 
die Annahme aufstellen, daß er in der „mütterlichen" Züchtigung auf das 
entblößte Gesäß eine Art Geschlechtsakt mit Fräulein Lambercier erblickte 
Darum fühlt er seit diesem Prügel koitus fortab noch größere Zuneigung 
zu ihr. Rousseau fährt dann fort: „Wer sollte glauben, daß diese in einem 
Alter von acht Jahren von der Hand eines Mädchens von dreißig Jahren 
empfangene Züchtigung über meine Neigungen, meine Begierden, meine 
Leidenschaften, über mich selbst für meine ganze übrige Lebenszeit ent- 
schieden hat, und noch dazu in einer Weise, daß gerade das Gegenteil der 
von ihr erwarteten Folgen hervorgerufen wurde. Von dem Augenblicke 
des Erwachens meiner Sinnlichkeit an verwirrten sich meine Begierden 
dergestalt, daß sie, da sie sich auf das, was ich empfunden hatte, be- 
schränkten, nie den Antrieb fühlten, etwas anderes zu suchen. Trotz 
meines fast von Geburt an sinnlich erhitzten Blutes hielt ich mich bis zu 
dem Alter, in dem sich auch die kältesten und am langsamsten heran- 
reifenden Naturen entwickeln, von jeder Befleckung rein. Lange gepeinigt, 
ohne zu wissen wovon, verschlang ich mit brennenden Augen schöne 
Mädchenerscheinungen; unaufhörlich stellte meine Einbildungskraft mir 
ihr Bild wieder vor die Seele, einzig und allein um sie mir in der Ausübung 
des Strafaktes zu zeigen und ebenso viele Fräulein Lambercier aus ihnen zu 
machen." Das einzige, worin der Dichter in diesen klassischen Ausführungen 
irrt, wie eigentlich ähnlich sämtliche Masochisten, ist, daß er von jenen 
beiden Züchtigungen alles herleitet. In Wahrheit aber handelte es sich da 
nicht um erst erlebte Lust, sondern sicherlich um ein Wiedererleben von 
längst Verdrängtem. Nur ist dieses leider nicht mehr zu eruieren oder 
höchstens zu vermuten, da unser Dichter selber bekennt: „Ich erinnere 
mich nicht, was ich bis zum Aller von fünf oder sechs Jahren tat." 

Das aktive Geißeln wird entweder an anderen Personen geübt oder 
als Autoflagellation, in welchem Falle man Kind und prügelnde Mutter 
(seltener Vater) in eigener Person darstellt. Bei dieser Selbstgeißelung 
werden gemeinhin bloü Rücken und Schultern, in anderen Fällen wieder 
nur die Schenkel von den Schlägen getroffen, während das eigentlich ver- 
meinte Gesäß nicht gut zu erreichen ist. Daß die genannten Ersatzpartien 
wirklich bloß faute de mieux gewählt werden, erfahren wir nicht nur aus 
Psychoanalysen, sondern auch die Religionsgeschichte lehrt, daß die „obere 



266 



Disziplin" sehr rasch und konstant mit der „unteren" vertauscht wird. 
Übrigens scheint es, daß bei Disponierten auch Schläge auf den Oberkörper 
<lie Urethralerotik anregen können und zu Erektionen, ja Ejakulationen 
führen. 

Beim Geißeln der anderen steht natürlich in allererster Linie die 
Gesäßerotik. Außerdem aber kommt noch eine Reihe von Momenten in 
Betracht, die wieder an die infantile Sexualität anknüpfen. So vor allem 
die Schaulust, die Erotik des Auges. Wir wissen, welch ungeheueres 
Interesse die Kinder dem Hintern entgegenbringen und daß sie oft un- 
glaubliche Kunststücke aufführen, um jenes Anblickes bei Gleichaltrigen 
und Erwachsenen teilhaftig zu werden. Neben den einfach kalhpygischen 
Reizen, für die selbst Ästhetiker wie Schasler und Friedrich Theodor 
Vis eher eine Lanze brachen, werden besonders die Hautveränderungen 
nach den Schlägen, Rötung und Wärme, Striemen oder gar Blutunter- 
laufung mit höchstem Interesse beschaut und befühlt. Erwachsenen be- 
reiten die koitusartigen Zuckungen der gegeißelten Muskeln oft hohen 
Genuß, auch werden bei Apparaten zu passiver Flagellation nicht selten 
Spiegel angebracht, damit der Geschlagene diese Veränderungen selber 
studiere. Auch hier ist Blutfließen oft Gipfel der Wollust. Ein psychisches 
Moment, welches regelmäßig wiederkehrt, ist die Gleichstellung mit Vater 
oder Mutter bei der Exekution. Wie verbreitet die Lust am Schlagen ist, 
schon in Erinnerung an das eigene lustvolle Getätscheltwerden durch die 
Eltern, erhellt auch daraus, daß es wenige erwachsene Menschen gibt, die, 
wenn sie ausdrucksvolle, selbst bekleidete Hinterbacken erblicken, nicht 
mindestens ein leises Verlangen anwandelt, dorthin zu hauen. 

Das aktive Prügeln führt endlich auch noch zu starker Betätigung 
der eigenen Muskellust, und zwar entweder bloß präparatorisch, als Vor- 
bereitung zum eigentlichen Geschlechtsakt (Vorlust), oder, wie zumal bei 
Mädchen und Witwen, als Ersatz für eine fehlende Begattung. Elisabeth 
von Genton geriet durch Autoflagellation förmlich in bacchantische Wut, 
wobei sie mit Gott vereint zu sein wähnte, den sie sich als schönen, nackten 
Mann in der beständigen Verzückung des Bräutigams ausmalte. Friedrich 
S. Krauß erzählt in seiner Studie „Die Zeugung in Sitte, Brauch und 
Glauben der Südslawen'* (Kpu-iäoia , Bd. VI) von einem krowotischen 
Volksschullehrer, der nur allzu häufig fünf bis sechs der seiner Zucht an- 
vertrauten Knaben auf nacktem. Leibe blutig zu hauen pflegte, um nach 
stundenlanger Abschindung der hilflosen Jungen schnurstracks zu einer 
Dirne zu eilen. Er lachte vor Vergnügen bei dem- Jammergeschrei- der 
Knaben und seine blauen Augen funktelten dabei vor Wollust." Nicht 
selten prügeln sadistische Witwen ihre eigenen Kinder täglich wegen deren 
angeblicher Masturbation, bekommen dabei auch objektiv Zeichen von 
starker sexueller Erregung und stürzen, wenn es 1 angeht, zum Schlüsse in 
die Umarmungen von Männern. Die Abschaffung der Prügelstrafe, zumindest 
in der Schule, sowie ihre möglichste Einschränkung im Hause ist auch vom 
Arzte gut zu vertreten. Nicht wenige Lehrer mögen zu Anfang geprügelt 
haben ohne einen bewußt sexuellen Gedanken. Doch vergesse man nicht, 
daß etwas von jener Lust am Schlagen in jedem, auch dem Gesündesten' 



267 

schlummert seit frühester Kindheit und daß man da leicht „auf den Ge- 
schmack" kommt, zumal wenn eine konstitutionell verstärkte Erotik die 
Disposition setzt. 

Zur Haut- und Muskelerotik des Säuglings selber führt jene Algolagnie- 
form zurück, die im Verlangen gipfelt, ein Opfer zu binden oder sich selber 
fesseln zu lassen. Ich kenne einen Masochist en, der unter seinen wenigen 
sadistischen Zügen auch den offenbarte, er hätte einmal im elften Jahre 
einen Schulkameraden, der ihm gefiel, am ganzen Körper über und über 
mit Stricken gebunden. Der also Gefesselte fiel dann hin und tat sich weh, 
was dem Missetäter eine tüchtige Strafe von den Eltern zuzog. Es liegt 
auf der Hand, daß dieses Über-und-über-Binden nichts anderes bedeutet, 
als das Einschnüren des Säuglings in seine Windeln und der also Handelnde 
die Rolle seiner Mutter spielt. Weit häufiger wird, entsprechend den eigenen 
Erlebnissen als Säugling, das Gefesseltwerden von Masochisten begehrt. 
Erwähnenswert ist noch, daß durch das Einschnüren eines Säuglings 
nicht selten dessen sexuelle Gelüste, z. B. Hingreifen ad genitalia sua 
oder ad mammas matris oder auch einfach nur Erektionen verhindert 
oder besänftigt werden. Wie jede Unterdrückung geschlechtlicher Betäti- 
gung erhöht auch diese die entsprechende Lust. 

Je mehr man von den schweren Fällen des Sado-Masochismus zu 
den abortiven heruntersteigt, zur ideellen, symbolischen und larvierten 
Perversion, desto minder sind dann die oben angeführten Grundlagen 
ausgeprägt, so daß schließlich nur die eine oder andere Wurzel hervor- 
zutreten scheint und auch diese oft nur in verkümmerter Form. Am wenig- 
sten gilt dies noch für die ideellen Perversionen. Sind wir doch von den 
Neurosen her gewohnt, bloße Phantasie und reale Betätigung gleichzusetzen. 
Wenn aber dann beispielsweise ein symbolischer Sadist sich damit be- 
gnügt, seiner Geliebten einmal im Monat die über die Stirn herabhängenden 
Haare abzuschneiden, so heißt dies durchsichtig nichts anderes als die 
Kastration des immer wieder nachwachsenden Membrums dieser Geliebten. 
Ebenso ist es markierte Entmannung, wenn man sich von der Dirne das 
Gesicht einseifen und dann mit dem Rasiermesser darüberfahren läßt, 
als wollte sie einem den Bart abscheren. Nur würde man hier vermutlich 
auch die Hauterotik von Haus aus verstärkt finden — so man bloß danach 
suchte. Die infantile Beziehung tritt wieder besonders stark hervor in den 
Formen von Uro- und Koprolagnie, von welchen ich im vorigen Abschnitte 
sprach. Überhaupt ist nachdrücklichst zu betonen, daß die in der Literatur 
berichteten Fälle keine psychoanalytische Aufklärung erfuhren, so daß, 
was nicht offenkundig zutage liegt, vom Leser kaum zu erraten ist. Ich 
vermute, sorgfältige seelische Durchforschung würde ausnahmslos in 
sämtlichen Fällen die oben erwähnten Grundlagen aufdecken. 

Eine Form des symbolischen Sadismus verdient noch etwas nähere Be- 
sprechung: der Wort-Sadismus und -Masochismus, von dem uns Rosegger 
eine so prächtige Probe gab. Wir vernahmen, damals: das Geschimpft- 
wie das Geprügeltwerden schien ihm Ersatz für die sonst nie sich äußernde 
Liebe seines Vaters. Von einem homosexuellen Masochisten hörte ich einmal : 
„Es berührt mich sehr angenehm, mich von älteren Freunden ermahnen 



268 



und zurechtweisen zu lassen, besonders tut mir die väterliche Ermahnung 
wohl, nur darf sie nicht heftig sein, sondern eine Ermahnung bei der 
ich sehe, daß sie eigentlich aus Liebe erfolgt." Eine der häufigsten Formen 
des Wort-Sadismus ist das mordsmäßige Schimpfen. Nicht alle Leute 
können schimpfen, selbst wenn sie im Parlamente sitzen. Wohl aber neigen 
dazu Leute, besonders Frauen, die bei geringer allgemeiner Muskelkraft 
über eine starke Hals- und Munderotik verfügen, den also die Betätigung 
dieser Schleimhäute und Muskeln erhöhte Lustgefühle verschafft Da sie 
dem Gegner mit den Fäusten nicht weh tun können, unternehmen sie es 
mit scharfen Worten, in welchen sie ihren Sadismus ausleben. Eine feinere 
und gemilderte Form des Wort-Sadismus ist die Spottlust und das Ver- 
gnügen an blutiger Satyre. Kinder endlich werden oft aus ihrem Sadismus 
heraus zu Denunzianten, um zu sehen, wie Kameraden vor ihnen geschlagen 
oder sonstwie gestraft werden. ^ 



VI. Aufbau des sado-masochistischen Komplexes und Zusammenfassung. 

• ^ a ES J S \ a " der , Zeit - zusammenzufassen und genau zu entwerfen, wie 
sich der Sado-Masochismus beim Perversen entwickelt und dauernd fixiert 
Zu Begmn steht der von Haus aus verstärkte Bemächtigungstrieb, demnach 
ein reiner Ich-Trieb noch durchaus ungeschlechtlicher Art. Doch schon 
am ersten Lebenstage werden ihm durch Reizung der Munderotik sobald 
sich der Säugling der Brust bemächtigt und zu trinken anhebt, sexuelle 
Komponenten beigemengt, er wird sozusagen geschlechtlich gefärbt Dies 
setzt die Anfänge des Sadismus, will sagen des geschlechtlichen Aggressions- 
tnebes. Allein noch eines rührt sich da gleichzeitig oder doch binnen einer 
ganz kurzen Zeit: der Kastrations-Komplex. Denn im Kinde, das an der 
Mutterbrust saugt, und später in jenem, das entwöhnt werden soll regt 
sich gar leicht, wenn auch nur ansatzweise und ganz unbewußt etwas wie 
ein Verlangen, die lustspendenden Mammillen auszureißen oder abzubeißen 
und zwar erfolgt dies besonders dann, wenn die Munderotik von Haus 
aus verstärkt ist. Das gibt eine zweite konstitutionelle Wurzel des Sadismus 
und zwar von den Geschlechtstrieben her, spezieller von der aktiven 
Kastrationslust. Als weitere konstitutionelle Umstände stehen ferner 
noch fest die erhöhte Angstlust und endlich in den meisten Fällen Ver- 
stärkung der jeweiligen Haut-, Schleimhaut- und Muskelerotik 

Nun zu den anderen, den psychischen Wurzeln, durchwegs Äußerungen 
des Kastrations-Komplexes. Sie entspringen zunächst der frühzeitigen 
Beobachtung des elterlichen Geschlechtsverkehres, die in der Regel Entman- 
nungsgeluste auf das väterliche Membrum weckt, also aktive Kastrations- 
lust Der gleichzeitige Odipus-Wunsch auf die Mutter 1 ) bedingt dann 
wieder Kastrationsangst sowie ein schweres Schuldgefühl, doch aus diesem 
entspringend auch die Idee, durch Opferung seines sündigen Phallus 
die Schuld zu büßen, also passive Kastrationslust. Jene ist dann noch 

•) Ich spreche zunächst vom Knaben, doch gilt das gleiche mutatis mutandis 
dann auch vom Mädchen. 



269 

I 

der Ausdehnung fähig, sich auch für andere opfern zu wollen, ja zuletzt 
sogar für die ganze Menschheit, was durchsichtig hinleitet zum Christus- 
Lind Erlösermotiv. Erhöht wird die passive Kastrationslust durch das 
Verlangen, von seinem Erzeuger entmannt zu werden, um als Weib dann 
dessen Gelüsten zu dienen. Man merkt, die aktive Entmannungslust führt 
zum Sadismus, die passive aber zum Masochismus. Doch muß man sich 
hüten, aktive und passive Kastrationslust dem Sadismus und Masochismus 
gleichzusetzen. Denn jene geben doch nur eine Seite der Perversiön, 
nicht aber die weiteren, wie den erhöhten Bemächtigungstrieb, die ver- 
stärkte jeweilige Haut-, Schleimhaut- und Muskelerotik, sowie vermutlich 
noch andere Bedingungen, die wir zur Stunde nur noch nicht kennen. 

Von der früheren Beobachtung der elterlichen Zärtlichkeiten zweigt 
aber noch etwas anderes ab. Sie, wie etwaige menstruelle Blutspuren im 
Leintuch oder Hemd der Mutter, wecken im Kinde gar leicht die Vor- 
stellung, der Vater habe seine Frau beim Zusammensein geschlagen oder, 
noch bezeichnender, ihren vermeintlichen Penis kastriert. Nun äußerte 
sie aber keineswegs Schmerz, weder bei der Tat noch auch hinterdrein, 
ja, im Gegenteil nur Wonnestöhnen und eine eigentümliche Lust. Sie hatte 
also von der vermuteten Kastration noch mehr Vergnügen als der Vater 
selbst. Darum erscheint es dem Kinde leicht wünschenswert, ihre Rolle 
zu spielen, d. h. vom Vater geschlagen oder kastriert zu werden, sich 
also masochistisch einzustellen. Das ist die Genese des primären Masochismus, 
also jenes, der nicht erst durch Wendung des Sadismus wider die eigene 
Person erfolgt. 

Eins scheint mir nach allem festzustehen: der Hauptsache nach ist 
der Sado-Masochismus die Perversion der direkten oder symbolischen 
Entmannung. Wenn auch andere Triebfedern, besondere konstitutioneller 
Art, mehr weniger mitwirken, im Vordergrund jener Geschlechtsverirrung 
aber steht doch die Kastration, die aktiv geübte wie die passiv erlittene. 
Und noch eines lehrt dann die Erfahrung: keine zweite Perversion, nicht 
einmal die Entblößungslust, tritt so früh in Erscheinung als der Sado- 
Masochismus. Verrät sich doch dieser oft schon beim Säugling im Blutig- 
beißen der mütterlichen Brustwarze. Dies vor Augen gehalten, wird man nicht 
sehr erstaunen, daß mitunter die ausgesprochene Perversion schon in der 
ersten sexuellen Blüte, zwischen drittem und vollendetem fünften Jahre oder 
bald darauf ans Tagesücht tritt, in anderen Fällen erst zur Zeit der höheren 
Volksschulklassen. Mit diesem frühzeitigen Auftreten sowohl des Sado- 
Masochismus als der Exhibition hängt auch zusammen, daß diese beiden 
Perversionen sich oft schon in der Kindheit erschöpfen und verbrauchen, 
ohne Fortsetzung in der Reifezeit. Dauernd und für immer festgelegt aber 
wird der Sado-Masochismus erst in der Pubertät, wenn die Schwäche des 
genitalen Triebes zur Geltung gekommen. Zwar ist diese keineswegs so aus- 
geprägt wie beim Fetischismus und Exhibitionismus, ja zumeist wird sogar 
nach entsprechender spezifischer Vorbereitung der normale Geschlechts- 
verkehr ausgeübt, welcher bloß in den allerschwersten Fällen vollständig 
durch die perverse Betätigung ersetzt erscheint. Immerhin besteht ganz 
ausnahmslos eine Schwäche des genitalen Apparates und es läßt sich 



270 



feststellen, daß der Ausbruch einer dauernden Perversion ganz regelmäßig 
anknüpft an das Versagen des geschlechtlichen Könnens. 

Das muß nun nicht direkt erfahren werden, oft genügt schon die 
Selbstversagung sexueUer Wünsche auf Vater und Mutter, die in der 
I hantasie dann Erfüllung finden - in sado-masochistischer Form. Am 
durchs,chtig.sten 1S t dies beim Weibe zu schauen. In diesem erwächst 
zur 1 ubertatszeit neuerdings das infantile Verlangen, von seinem Vater 
beschlafen zu werden, was natürlich die Moral jetzt sofort verwirft Dafür 
aber wird zu abgeänderter Befriedigung und um das Schuldbewußtsein 
zu dampfen eine Strafe ersonnen, die im Wesen wieder auf den ersehnten 
Geschlechtsakt hinausläuft: von irgendeinem Vater-Ersatz geschlagen 
mißhandelt oder gefoltert zu werden; in. einer Art, die mehr weniger ein 
Koitus-Aqmvalent vorstellt»). Besonders gern tritt diese Umwandlung 
des direkt sexuellen Empfindens in masochistisches ein, wenn das Mädchen 
sich etwa ob semer Onanie - richtiger wegen der. Onanie-Phantasien - 
die Vorstellung bildete, es werde überhaupt nicht koitieren können oder 
werden S m ° htS empfinden oder mul <kstens niemals Mutter 

Der Mann zeigt gewöhnlich nach dem ersten Mißerfolg beim Weibe 
oder auch schon wenn die Ödipus-Phantasie von seinem Bewußtsein 
verworfen worden einen vollständigen Rückschlag ins Infantile, auf frühere 
geschlechtliche Entwicklungsstufen, wie die anaUadistische oder gar 
che orale. Weil die genitale Potenz vermindert, tritt jene Haut-, Schleim- 
haut- und Muskelerotik stärker hervor, die konstitutionell wie seelisch 
verstärkt ist, und endlich regt sich auch noch das Verlangen, sich kastra- 
tionsmaßig auszuleben, selbsttätig oder leidend. Von einem Sadisten 
hcrte ich den Ausspruch: „Einer Geliebten wehtun, in welcher Form immer 
galt mir stets als Kastrieren, sowie der Vater in meiner Kindheit die Mutter 
vermeintlich auch kastriert hat. Der Schmerz, den man ihr antut ist 
gewissermaßen Symbol der Verschneidung und soll von ihr mit so größer 
Lust empfunden werden, wie damals der Koitus von der Mutter * Tener 
ist Geschlechtsakt und Kastration zugleich." Natürlich gilt das umgekehrt 
fast noch mehr. Die Qualen, die ein Mann von der Geliebten erleidet sind 
ihm ein Sinnbild der Entmannung, die er von ihr und um ihretwillen 
gern, ja geradezu lustvoll erduldet. 

( Welche Form der Sado-Masochismus im Sonderfall annimmt hähgt 
endlich ab von den jeweils verstärkten Einzeltrieben und den spezifischen 
Kindheitserlebmssen, wie ich solches des Langen und Breiten in früheren 
Abschnitten auseinandersetzte. Hier wäre nur noch hervorzuheben, daß 
beide Umstände Erweiterung erfahren über das gewöhnliche Perversions-' 
™ hinaus, die konstitutionellen Momente durch Übergreifen auf die 
Ich- 1 riebe, sowohl im allgemeinen Bemächtigungstrieb als im Entmannungs- 
komplex, die spezifischen Kindererlebnisse durch Zurückgehen bis in die 
bäughngszeit hinab. Ich will zum Schlüsse noch offen bekennen, daß ich 
über den Sado-Masochismus nichts Abgerundetes, völlig Abschließendes vor- 

*) Siehe hiezu besonders Fall 1 der nachfolgenden Kasuistik. 



' 



K 



271 



tragen kann. Nur allzu gut bin ich mir da bewußt, bloß Vorläufiges gegeben 
zu haben, das dringend der Ausgestaltung bedarf. Hoffentlich wird eine 
psychoanalytisch vertiefte Durchforschung unserer Ich-Triebe mir einmal 
erlauben, auch das Kapitel Sado-Masochismus mit kristallner Klarheit 
darzulegen. 

* * 

* 

Ehe ich im nächsten Abschnitt die Kasuistik vortrage, möchte ich vor- 
ausschicken, was alle noch zu bringenden Krankengeschichten, auch die aus 
.späteren Kapiteln angeht. Ich habe, um nicht zu weitschweifig zu werden, 
aus sämtlichen Psychoanalysen bloß die Ergebnisse verschiedener Stunden 
zusammengetragen. Doch darf man nicht wähnen, ich sei zu diesen Resul- 
taten ohne Mühe gekommen oder gar die Patienten hätten mir ihre Kranken- 
geschichten druck fertig mitgebracht. Vielmehr ging ohne Ausnahme voraus 
ein überaus mühsames Arbeiten, ja Ringen mit dem Unbewußten der 
Perversen. Ich habe sehr fühlbar zu spüren bekommen, daß vor den Erfolg 
die Götter den Schweiß setzten. Nur unterließ ich im Interesse des Lesers, 
die technischen Schwierigkeiten aufzuzeigen. Wer sich am fertigen Bilde 
weidet, braucht nicht die Earbenklecksereien der Palette zu sehen. 

» 

VI. Kasuistik. 

Fall 1 : Neunundzwanzigjährige Hysterica, die seit ihrer Kindheit 
schwer unter dem Zwist ihrer Eltern leidet. „Seit meinem achten Lebens- 
jahre sah ich, wie der Haß zwischen den Eltern immer mehr anwuchs, und 
betete zu Gott, er möge ihnen Frieden schenken und alles wieder so werden 
wie früher. Zur selben Zeit hatte ich auch öfter Gelegenheit, in der Nacht 
den Geschlechtsverkehr meiner Eltern zu belauschen. Am nächsten Tage 
jedoch standen die Eltern einander genau so feindselig gegenüber wie 
vorher, was bei mir tief nachwirkte." Ich ergänze aus ihrer Psychoanalyse, 
daß sie nach den Träumen schon viel früher die Umarmungen ihrer Eltern 
belauscht haben muß, und zwar bereits in den ersten beiden Lebensjahren 
Bis zum sechsten Lebensjahr schlief sie mit jenen in einem Bette, bis zum 
vierzehnten im selben Zimmer. 

An diese frühen Erfahrungen des Kindes knüpft eine merkwürdige 
Onanie-Phantasie, der sie mit 16 1 /.' Jahren frönte. „Ich stellte mir vor, 
ich würde von einem älteren Manne entführt und zum Geschlechtsakt ge- 
zwungen. Dieser ältere Mann ist wohl der Vater. Wenn ich als Kind ge- 
lauscht hatte, empfand ich den Wunsch, vom Vater auch so überwältigt 
zu werden, wie vermeintlich die Mutter. Als ich zwölf Jahre alt war, kam 
einmal der Vater beim Morgengrauen vom Klosett herein, ohne vorher 
seine Sachen geordnet zu haben, so daß sein Glied entblößt war. Da stieg 
in mir der Gedanke auf: wenn der Vater jetzt zu mir käme/ würde ich ein 
Kind kriegen. Über diesen Gedanken erschrak ich sehr und weinte heimlich 
über meine scheußlichen Wünsche. Hinterdrein aber, wenn ich an jene 
Episode zurückdachte, zuckte mir der Gedanke durch den Kopf: was hätte 
ich dafür können, wenn mich der VateF gezwungen hätte?" 



272 



„Mit fünf, sechs Jahren. hat mich ein Mädel beim Spielen ziemlich 
viel geschlagen, worüber ich starke Wollust empfand. Als sie zu prügeln 
aufhörte, wagte ich nicht zu sagen, sie solle mich weiter schlagen. Drum 
ersann ich ein Spiel, bei dem als Strafe eingeführt wurde, daß die betreffende 
mich zu schlagen hat, um so meine Wünsche durchzusetzen. Ich weiß noch, 
ich hatte einen förmlichen Schreck über diese Wollust des Geschlagen- 
werdens. Von den Eltern kannte ich das nicht, weil mich die nie prügelten." 
,, Vater hat mich nur einmal mit sieben, acht Jahren geschlagen, ich 
glaube, weil ich gelogen hatte. Jedenfalls empfand ich in dem Augenblick, 
da er mich auf das nackte Gesäß schlug, einen derartigen Haß, daß mir vor 
, den Augen ganz dunkel wurde. Ich glaube, ich hätte ihn auf der Stelle 
niederstechen können. Ich sann auch auf Rache und, als ich dann allein 
war, dachte ich darüber nach, welch böse Gedanken ich gehabt hatte, und 
aus Reue darüber weinte ich dann. Ja, nach den Schlägen stellte mich der 
Vater in den Winkel und ich sollte nicht heraus, ehe ich um Verzeihung 
gebeten hätte. Aber ich tat es doch nicht. Mutter hat mich nie geschlagen. 
Nur einmal, als ich auf der Bettkante saß und nicht heruntergehen wollte, 
■drohte sie mir erst mit Schlägen, was ich aber nicht glaubte, dann zog sie 
mich herunter und gab mir eine leichte Ohrfeige. Darüber empfand ich 
aber keinen Haß, sondern nur Erstaunen, daß die Mutter so etwas tun 
konnte. Das dürfte nicht viel später gewesen sein als die Episode mit dem 
Vater." 

, .Meine Reaktion auf dessen Schläge lege ich mir so aus : Ursprünglich, 
als ich noch ganz klein war, hatte ich Vergnügen daran, geschlagen zii 
werden, z. B. von. dem Mädchen. Später weckte vielleicht gerade 
das den Haß, weil es mir früher Vergnügen gemacht hatte, und ich 
empfand, ich muß es bekämpfen. Ich weiß nicht, ob ich erst jetzt, den 
Gedanken hineinlege, aber mir ist in Erinnerung, daß ich es damals als 
Demütigung empfand, vom Vater geschlagen zu werden. Ich war verletzt, 
beschämt und niedergedrückt, ich war das nicht gewohnt, weil ich nie 
Schläge bekommen hatte." 

Nun warf ich ein: „Haben Sie damals, als Sie den Verkehr der Eltern 
belauschten, geglaubt, der Vater schlage die Mutter?" - „Ja, im ersten 
Augenblick. Ich hatte momentan nur Angst für die Mutter und das Gefühl, 
ich muß heraus und ihr helfen. Dann hörte ich sie aber lachen, und zwar 
so eigentümlich leise. Ich hob den Kopf und horchte, wagte aber nicht, 
mich aufzusetzen. Es war ein Gefühl der Aufregung in mir, gesehen habe 
ich aber nichts. Ich denke jetzt an meine späteren Vorstellungen beim 
Onanieren: ein Mädchen wird von einem älteren Mann durch Schläge zum 
Geschlechtsakt gezwungen." 

„Mit zwanzig Jahren ist mir folgendes passiert: Ich war in einem 
Geschäft angestellt, wo auch ein vierzigjähriger Mann als Verkäufer tätig 
war, ein sehr kräftiger, aber nicht hübscher Mensch, der mir und den anderen 
jungen Mädchen nachstellte. Einmal mußte ich in das Magazin gehen, etwas 
holen, und als ich herauskam, packte er mich bei den Armen: Jetzt werde 
ich Sie küssen!' Ich wehrte mich dagegen, fühlte aber doch, wie er mich 
mit seinen derben Armen anpackte, daß mir dies ein Wollustgefühl be- 



273 



reitete. Ich war innerlich ganz auf und sah auch dermaßen aufgeregt aus, 
daß er mich sofort losließ. Dann ging ich hinaus und weinte auf dem Klosett 
vor Aufregung. Wenn er mir aber später in die Nähe kam, tauchte der 
Wunsch in mir auf, er solle mich wieder so packen." 

„Und später, wenn mein Bräutigam mir im Spaß die Hand preßte, 
machte mir das keinen Schmerz. Ich habe nur gelacht, ohne den Mund zu 
verziehen, es war mir direkt angenehm, wenn ich auch keine eigentliche 
Wollust empfand 1 ). Ich habe auch sehr häufig das Bedürfnis, Männern die 
Hand zu geben, einen recht herzlichen, kameradschaftlichen Händedruck 
mit ihnen zu tauschen. Ich empfand dabei nicht geschlechtlich, aber es 
ist mir ein Vergnügen. Bei Mädchen passiert es mir auch, aber sehr selten, 
nur wenn ich sie gern habe. Wenn ich mit einem Manne gehe, der mir an- 
genehm ist, habe ich stets den Wunsch — manchmal so stark, daß ich direkt 
erschrecke — ich möchte mich in ihn einhängen. Mir ist, als fände ich dann 
viel leichter Worte, als könnte ich dem Thema weit mehr auf den Grund 
gehen, es fiele mir viel mehr und Besseres ein. Uneingehängt wird es mir 
viel schwerer." 

Zur Lust mit fünf Jahren, von einem Mädchen geschlagen zu werden 
gab sie spater einige Ergänzungen: „Ich empfand dies Schlagen nicht bloß 
als Wollust, sondern auch als Demütigung, weil ich vor den anderen ge- 
schlagen wurde. Doch gerade das war mir angenehm. Unter vier Augen 
geschlagen zu werden hätte mir lange nicht soviel Vergnügen gemacht. Ja 
ich führte sogar die Variation ein: während des Schiagens mußte man sich 
auf einen erhöhten Stein, ,an den Pranger« stellen, damit alle anderen 
einen sehen und dann mußten diese im Chorus verlangen: .Schlaget sie oder 
schlaget ihn! Jetzt fällt mir ein, daß ich auch wünschte, das Mädel soll 
mich nackt ausziehen und dann schlagen." Endlich kam zum Sclüusse 
noch eine Erinnerung, die ganz in die Tiefe führte: „Ich bin damals er- 
schrocken über meine Wollust beim Geschlagen werden, weil sie mit einem 
Schuldgefühl verbunden war. Ich kann so gut den Schreck über das neue 
Gefühl der Wollust nachempfinden, ein Gefühl, das ich bisher noch nie 
empfunden hatte. Es erschien mir als etwas Neues und Fremdes." 

Als ich nach der Begründung des Schuldgefühls fragte, kamen folgende 
Einfalle: „Meine Mutter erzählte einmal, als meine (um sechseinhalb Jahre 
jüngere) Schwester drei Jahre alt war, habe sie sie zum Spaß auf das nackte 
Gesäß geschlagen, und dann habe meine Schwester immer wieder verlangt, 
die Mutter solle sie von neuem schlagen, worin sie ihr unvernünftigerweise 
nachgab. Ich weiß, meine Schwester hat eine Lust am Schlagen. Bis vor 
wenigen Jahren sagte sie, wenn sie einmal ein Baby bekäme, würde sie es 
den ganzen Tag schlagen. Wenn irgendwo ein Kind schrie, hat es ihr direkt 
Vergnügen gemacht, es zu hauen. Mutter hat. also der Schwester ihren 
Wunsch erfüllt und sie geschlagen. Sie wunderte sich noch darüber, daß es 

l ) Hiezu die nachträgliche Ergänzung: ,,Es war mir so angenehm, daß es den 
Schmerz übertönte. Nur selten habe ich einen Schmerz verspürt. Ich glaube, es hat 
mir dann mehr weh getan, wenn ich nicht gut aufgelegt war. mir Gedanken über die 
Zukunft, über meine Ehe machte." 

Sadger, Geschlechtsverirrungen, jg 



274 



ihr Vergnügen machte: ,Sie weint nicht und es tut ihr nicht weh. Sie schreit 
nicht, trotzdem ich fest zuschlage.' Die Schwester war im Gegenteil ganz 
rot und glühend im Gesicht und hat förmlich geschwitzt. Ich habe es auch 
als Unrecht empfunden, daß die Mutter ihr diesen Wunsch erfüllt und sie 
schlägt, wahrscheinlich in Erinnerung daran, daß mir das auch einmal Ver- 
gnügen gemacht hat." — ,,D. h. die Mutter wird Sie wohl auch, da Sie im 
gleichen Alter standen wie die Schwester, auf das nackte Gesäß geschlagen 
und Sie davon auch Vergnügen gehabt haben. Die Episode mit fünf Jahren 
wäre dann eine Art Wiederholung. Es ist gar nicht selten, daß man eine 
Sache nicht von sich erinnert, sondern von den Geschwistern." — ,,Ja, 
das kann sein. Ich habe auch der Mutter gesagt: ,Du sollst das nicht tun, 
das tut man nicht!' — .Was ist denn dabei?' meinte die Mutter. Ich hätte 
ihr nichts erklären können, aber ich war wütend auf die Mutter, ich habe es 
für eine Dummheit von ihr angesehen." 

Nun warf ich ein: „Ob Sie nicht auch die Hiebe, die Sie vom Vater 
aufs nackte Gesäß erhielten, herausgefordert haben ? Wollten Sie ihn nicht 
durch eine arge Sünde zwingen, Sie auch so zu schlagen ?" — „Ja, aber ich 
habe keine Wollust dabei empfunden, sondern zuerst Entsetzen darüber, 
daß er mich so behandelt, und dann einen Haß. Ob das Gefühl der Wollust 
beim Geschlagenwerden durch die Kollegin nicht darauf zurückgeht, daß 
ich mir vorstellte: ich werde geschlagen wie die Mutter vom Vater? Sie 
schreit zuerst und dann hat sie doch Lust und lacht. So ist es bei mir auch. 
Ich kann mich nicht erinnern, daß ich mir das damals bei dem Mädchen so 
dachte, aber ich erkläre es mir heute so. Kann sich aus jener Vorstellung 
nicht der Wunsch entwickelt haben, so geschlagen zu werden wie die Mutter ? 
Und dann wollte ich auch immer, die anderen sollten zuschauen, so wie ich 
zuschaute, als die Mutter vermeintlich geschlagen wurde." 

„Noch etwas zum Sadismus meiner Schwester. Als sie vier Jahre 
alt war, machte es ihr ein großes Vergnügen, Fliegen mit einem Pracker 
zu erschlagen. Da wir sehr unter der Fliegenplage zu leiden hatten, trug 
mir Mutter dieses Geschäft auf. Ich habe aber keine Fliege getroffen, nicht 
so sehr aus Ungeschicklichkeit, als weil ich keine Fliege töten wollte.. Bei 
der Schwester war es offenbar Sadismus. Auch Tiere, die auf der Erde 
krochen, trat sie mit wahrer Wollust zusammen, ja, weidete sich an meiner 
Angst, wenn ich sie davon abhalten wollte. Sie hatte ferner bis in die letzten 
Jahre nicht nur Lust, Kinder zu schlagen, sondern hat auch immer sehr 
gern gerauft. Sie hat z. B. in ihrem Geschäft mit einem älteren Kollegen, 
einem Manne von etwa fünfzig Jahren, der einen Kopf größer war wie sie 
und durchaus nicht schwach, gerungen und es gelang ihr sehr oft, ihn 
niederzuringen, worüber er wütend wurde. Auch einen jüngeren Kollegen 
hat sie niedergerungen, und ich weiß, das Ringen bereitete ihr sehr großes 
Vergnügen. Sie ging oft mittags früher ins Geschäft, um mit dem Kollegen 
zu ringen. Und zu Hause erklärte sie: ,Wenn ich einen Tag nicht ringen 
kann, ist der Tag nicht voll für mich!' Sie hatte auch von jeher körperliche 
Arbeit sehr gern und liebte es auch, Kuchen oder Gugelhupf zu rühren, 
wobei sie obendrein aus voller Brust sang, also doppelte Anstrengung. 
Am liebsten machte sie eine Mehlspeise, wo sie recht lange rühren konnte, 






— 






275 



ebenso Teig kneten. Ich weiß nicht, ob sie bei dieser Arbeit etwas Sexuelles 
im Sinne hatte, aber sie wurde dabei immer hochrot im Gesicht und hatte 
Schweißperlen im Gesicht wie bei geschlechtlicher Erregung " 

Mutter hat öfter geäußert, sie hätte gern einen Fleischhauer geheiratet 
das Schlachten von Hühnern, Schafen oder Ziegen habe ihr besondere 
Lust bereitet. Ihre Eltern hatten eine kleine Wirtschaft da wurde das 
immer zu Hause gemacht und Mutter hat sich zum Schlachten gerade/u 
gedrangt. Als ihr Vater einmal selber einen Hasen schlachten mußte da 
seine Frau beschäftigt war und er darüber ganz weiß im Gesichte wurde 
es kam ,hm sehr schwer an, das Tier zu töten - da sah sie mit Verachtung 
und Empörung auf ihn herab. Am liebsten hätte sie ihm den Hasen are 
der Hand gerissen und selber geschlachtet. Im Fleisch herumzuschneiZ 
und herumzuwühlen, war ihr eine besondere Wollust, deshalb h te sie 
gern einen Heischhauer geheiratet. Daneben hatte sie aber auch große 
Lust und Liebe zu I leren, sie hat z. B. eine Katze, die schon halb ertnu ken 
war gepflegt, bis sie wieder genesen war, auch kleine Hühner und Enten 

fw rU geZ ° g f n - D ! C TierC ' die Sic Selbst ^gezogen, wollte sie n ch 
schlachten, andere schon." Es liegt wohl auf der Hand, daß dieses Ver 
langen, here zu schlachten, ebenso wie ihrer Tochter Lust am Töten von 
Fliegen und Zertreten von Raupen aktive K astrat ions lust bedeu et 

wSZ»£.i£!SL Lust am Ringen mit dcm Hffm ™ f V Ä 

Nun wieder zurück zu unserer Kranken. Vorerst ein paar Ergänzungen 
zu schon früher Berührtem. „Nach der sexuellen Aufklärung SSffKS? 
SÄ M T l 6hr f ni £* W " d « ™" » fest an sidi drücken ,- 

e tc n% d \her rl SC , h ' i daß " mh ' WCh tUn " mir **»»■ * 

reiten wird. Aber das ist ganz gut, wenn er mich so fest drückt Vielleicht 

v^cht d cnte!ch- n ° Ch **? ^J^ " "** -hmerz^Oder 
mc eicht dachte ich wenn er meinen Schmerz sieht, wird er dann noch 

zärtlicher sein. Vielleicht hatte ich auch den Wunsch, von ihm ges rei eh 
zu werden, denn bei jedem großen Schmerz hatte ich das Verlangen es 
solle mich jemand streicheln, wie Mutter es tat. wenn ich z. B. über Ko, [ 
wehklagte. Sie hätte es auch sonst getan, allein ich habe mich zurück- 
gehalten, um den Vater nicht zu kränken. War ich aber krank oder litt 
ich Schmerzen, dann konnte er nichts sagen." 

„Als ich von acht Jahren ab das Verhältnis der Eltern zu begreifen 
begann, war ich ganz verzweifelt und habe mich leidenschaftlich gegen das 
Leid gewehrt und daß ich es nicht einmal sagen durfte. Mit vierzehn etwa 
nahm ich das Leiden als etwas Selbstverständliches und. wenn mich jemand 
beleidigte oder kränkte oder ich mich zurückgesetzt fühlte, vielleicht wegen 
kleiner Beleidigungen, die der andere gar nicht merkte, die ich aber bei 
meiner Empfindlichkeit sehr stark empfand, da lehnte ich mich nur eine 
bekunde dagegen auf, dann nahm ich das resigniert auf mich: ich muß auch 
das tragen ich bin ja zum Leiden auf der Welt. Ich habe schon soviel 

fw ri u U l em blßchen mehr 0der weni & er kommt « schon nicht mehr 
an. ich habe mich da förmlich in einer interessanten Rolle gefühlt Noch 
spater gelang es mir, diese kleinen Zurücksetzungen doch von mir abzu- ' 

18* 



276 

wälzen und sie nicht so tragisch zu nehmen. Wenn mich einer verletzte, 
dachte ich: das ist ein taktloser Mensch. Wenn der es nicht besser ver- 
steht, soll ich mich darüber kränken? Das ist doch nicht der Mühe wert. 
Und so kam ich darüber hinweg." 

„Das langwährende Gefühl der Kränkung und Demütigung, welches 
ich meinem Vater bei harten Worten der Mutter anmerkte, besonders 
wenn dies vor uns Kindern geschah, dürfte ich von ihm übernommen 
haben. Weil mein Vater, den ich liebte, von der Mutter vor uns Kindern 
gedemütigt wurde, wollte ich ihm das Gefühl der Demütigung abnehmen, 
vielleicht mit dem unbewußten Gedanken: O Vater, ich habe Dich so lieb, 
daß ich Dir diese Demütigung gern ersparen würde. Ich möchte sie gern 
statt Deiner ertragen, es wäre mir eine Freude, für Dich die Demütigung 
zu erdulden. Vielleicht knüpfte daran auch die Vorstellung, es müsse 
ein Genuß sein, beim Koitus gedemütigt zu werden. Es sollen andere 
Leute dabei zuschauen, so wie wir einst als Kinder der Demütigung meines 
Vaters beiwohnen mußten." 

„Als ich mit zwölf Jahren sein Glied sah, da Vater beim Morgengrauen 
aus dem Klosett kam, hatte ich, wie erzählt, das brennende Verlangen, 
er solle zu mir kommen. Dies erschien mir sofort als eine Todsünde, und 
zwar nicht bloß als eine Gedankensünde, sondern als hätte ich es wirklich 
mit dem Vater gemacht. Ich stellte mir vor, wie Gott mich dafür strafen 
wird, und zwar dachte ich an ein Herausschneiden der Geschlechtsteile, 
also an Kastration. Mit zehn Jahren hatte ich im Kloster gehört, schlechte 
Menschen kämen in die Hölle, wo sie von Teufeln mit glühenden Eisen - 
Stangen gestochen würden, und so dachte ich jetzt, Gott wird mir, bevor 
er mir das herausschneidet, noch zur Strafe ein glühendes Eisen oder eine 
brennende Fackel hineinstoßen 1 ) und mich dann erst kastrieren. Ich 
habe mich vor der Strafe gefürchtet, anderseits aber sie mir auch mit 
Wollust ausgemalt. Ich dachte, geschieht mir schon recht, daß ich 
gestraft werde. Ich muß die Strafe willig auf mich nehmen, alles 
geschehen lassen, was Gott mit mir tut. Und dabei empfand ich Wollust, 
auch die Strafe empfand ich so, wenn ich mir vorstellte, die Engel würden 
alle sehen, wie Gott mich straft. Ob das nicht in Verbindung steht mit 
meinen Onanie-Phantasien, von einem älteren Manne zum Verkehr ge- 
zwungen zu werden, wobei Leute zuschauen sollten?" 

„Als ich acht Jahre alt war, erzählte Mutter, in früheren Jahrhunderten 
habe man Frauen, die man für Hexen hielt, entsetzlich gemartert. Damals 
stellte ich mir vor, ich müsse auf Eisenspitzen gehen und diese drängen in 
meine Sohle ein, worüber ich direkt Wollust empfand; desgleichen bei 
dem Gedanken, über den Rücken mit einer Geißel geschlagen zu werden 2 ). 
Einmal hat die Mutter auch die .Eiserne Jungfrau' geschildert und ich 
drang in sie, mir das immer wieder zu erzählen. Bei ihrer Erzählung malte 
ich mir lebhaft aus, wie das wäre, wenn ich da hineingepreßt würde. 



l ) Man beachte die durchsichtige Koitus-Symbolik. Gott=Vater, das glühende 
Eisen oder die brennende Fackel ist das membrum erectum, das hineingestoßen wird. 
*) Die einzelnen Geißelschnüre sind natürlich Phalli. 



277 

Solange ich dachte, diese Stacheln dringen in mich ein, empfand ich Wol- 
lust. Wenn ich aber weiter an den Schmerz dachte, den der betreffende 
empfinden muß, wenn er ganz eingequetscht wird, war die Wollust mit Angst 
und Grauen gemischt." — „Sie haben wohl das Eindringen der eisernen 
Spitzen als Koitus genommen?" — „Ja. Und ich habe auch gefürchtet 
und zugleich gewünscht, daß ich beim Gegeißeli werden auch am Ge- 
schlechtsteil verletzt werden sollte; wurde ich doch am ganzen Körper 
geschlagen. Ich stellte mir vor, wie groß die Verletzung sein könnte und 
ob es nicht möglich wäre, daß ich in der Mitte auseinandergespalten würde, 
bei welcher Vorstellung ich immer starke Wollust empfand. Ob nicht 
mein Wunsch, zum Koitus gezwungen zu werden, auch darauf zurückgeht ? 
Ich stellte mir vor, man nimmt mich bei den Füßen und zerreißt mich, 
was mir Angst und Wollust zugleich bereitete. Eigentlich malte ich mir 
das Zerrissenwerden nie anders aus, als daß die Scheide zerrissen wird, 
vielleicht bis zur Hälfte des Bauches. Bei dieser Tortur habe ich nur 
an Männer gedacht, die mich bei den Füßen packten und aus- 
einanderrissen, erst nur einen Mann, später mehrere, und ich malte 
mir aus, ich werde mit einem Schwert entzweigeschnitten. Ob ich nicht, 
wenn ich als ganz kleines Kind bei den Eltern schlief, gesehen habe, wie 
der Vater der sich sträubenden Mutter die Füße auseinanderriß und dann 
mit dem Schwerte, d. h. seinem Gliede eindrang? Als in der Hochzeits- 
nacht mein Mann mir die Beine spreizte, habe ich sie furchtbar weit aus- 
einandergegeben und das Spreizen mit großer Wollust ertragen." 

„Ob das Zerrissenwerden nicht auch Kastration bedeutet ? Dann wäre 
ja mein Geschlechtsteil auch vernichtet oder unfähig. Mit vier, fünf Jahren 
habe ich öfter die Zunge vorgestreckt, so daß mir die Mutter drohte: 
,Wenn Du nicht aufhörst, werde ich Dir die Zunge abschneiden!' Und 
später stellte ich mir vor, die Männer, welche mich peinigen, werden mir 
etwas wegschneiden. Ich kann dabei nur an eine Verletzung oder ein 
Wegschneiden der Scheide gedacht haben, denn wenn ich mir ausmalte, 
wie die Leute mich peinigten — sie kamen z. B. mit spitzen Lanzen auf 
mich zu — so machte ich mit den Händen unwillkürlich eine Bewegung, 
um die Scheide zu schützen. Die Lanze wird wohl das Glied des Vaters 
gewesen sein, der die Mutter peinigt. Denn ich erinnere mich noch bestimmt 
daran, wie sie einmal sagte: ,Laß mich in Ruh', quäl mich nicht!' Vielleicht 
werde ich gewünscht haben, der Vater solle lieber mich quälen. Da wäre 
also mein Wunsch, gequält oder gemartert zu werden, gleichbedeutend 
mit dem Verlangen, den Koitus vom Vater zu erreichen. Und das Zerrissen- 
werden geht wohl darauf, daß Mutter schrie: ,Du zerreißest mich ja!' Hier 
liegt vielleicht auch noch eine Wurzel der Demütigung: der Vater demütigt 
die Mutter vor mir,- er zwingt sie, den Koitus in meiner Gegenwart zu 
erdulden.". 

„Nun noch einen Beitrag zum Gemartertwerden. Ich machte mir 
schon selber Vorwürfe, daß ich von der Selbstbefriedigung mehr Genuß 
empfand als vom Verkehr. Mit 16 Jahren las ich, daß die Onanisten später 
beim normalen Geschlechtsakt nichts spüren. Es hat sich also scheinbar 
meine damalige Angst erfüllt, ich werde nie normal empfinden können 



278 



Wenn ich mich selbst befriedigte, empfand ich das als Sünde, für die ich 
von Gott bestraft werden mußte, und zwar nach dem Wort der Bibel: 
womit Du gesündigt hast, damit wirst Du gestraft werden. Und da stellte ich 
mir eben vor, Gott würde mir mit einer brennenden Fackel die Geschlechts- 
teile ausbrennen oder mit einem glühenden Eisen hineinstechen. Beim 
Gedanken daran habe ich den Unterkörper immer zurückgezogen und 
unwillkürlich die Hand vorgehalten. In diese Angst mischte sich aber 
gleichzeitig auch Wollust hinein. Dann dachte ich auch, Gott wird mir 
die Genitalien ausschneiden, wie man einen faulen Apfel ausschneidet. 
Ich stellte mir vor, er wird vom Himmel mit einer großen Stange herunter- 
fahren, die am unteren Ende scharf wie ein Messer ist, und mit diesem 
schneidet er mir die Geschlechtsteile aus. Dabei hatte ich keine klare 
Vorstellung, wie die Stange unten aussieht, weil ich dies Messer als Gottes 
Penis ansah und den nicht kannte. Noch eins: ich war sonst gegen Schmer- 
zen nicht sehr empfindlich, hingegen sehr gegen einen Schlag, sogar im 
Spasse. Dies rührt vielleicht daher: wenn ich mir dachte, Gott wird mich 
stechen oder mir die Geschlechtsteile ausschneiden, wobei ich Angst und 
Wollust empfand, daß ich mir die Angst vielleicht selber vormachte, 
um damit das Wollustgefühl zurückzudrängen. Ich dachte mir wahr- 
scheinlich das Ausschneiden und Ausstechen nicht als wirkliches Aus- 
stechen, sondern als Geschlechtsakt, den ich eigentlich wünschte und von 
dem ich Wollust erwartete. Der Schmerz war vielleicht sozusagen Selbst- 
bestrafung dafür: ich will es ja und es schmeckt vielleicht gut, aber es ist 
ja doch mit Schmerzen verbunden, also gewissermaßen eine Entschuldigung 
dafür. Durch die Schmerzen wäre vielleicht die Sünde geringer geworden, 
ich hätte schon gelitten, für jene Schuld also schon gebüßt. Und wenn ich 
gebüßt habe, dann bleibt mir eigentlich die Wollust frei, dann ist es 
schließlich keine Sünde mehr. Ich habe mir die Wollust sozusagen mit 
dem Schmerz erkauft, der Schmerz ist eigentlich die Sühne, welche mir 
die Sünde auferlegte." 

„Zum Thema Angstlust kann ich noch folgendes vorbringen: wenn 
ich Angst hatte, gestraft zu werden, so empfand ich dabei gleichzeitig 
auch immer ein Lustgefühl. In der Schule z.B. habe ich manchmal absicht- 
lich nicht gut gelernt, um den Zorn der Lehrer herauszufordern, und wenn 
ich dann geprüft wurde, hatte ich Angst, man wird mich strafen, gepaart 
mit sexuellem Reiz. Der Lehrer steht ja für den Vater und der wird mich 
vor allen anschreien. Das habe ich gefürchtet: die Blamage vor den 
anderen. Das Gefühl kommt mir so ähnlich vor, wie damals mit fünf Jahren, 
als mich die Kollegin vor anderen schlug und mich so demütigte, nur 
war dies beim Geschlagen werden viel stärker. Wenn ich in der Schule 
unvorbereitet war, so empfand ich die Hauptlust und -angst zugleich bei 
dem Gedanken, er könnte mich prüfen. Geschah dies wirklich und ich 
konnte nichts, dann war das lustvoll-ängstliche Gefühl sehr rasch vorüber, 
denn ich habe mich vor den anderen geschämt, weil ich sonst eine gute 
Schülerin war. Solange mich der Lehrer anschrie, bestand noch mehr ein 
Lust- als Angstgefühl, nur nachher war es rasch vorüber, sobald ich mich 
vor den anderen schämte und mir Selbstvorwürfe machte: warum tue 



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279 

ich das, ich kann es doch lernen ? Jetzt fällt mir ein : als ich die Eltern 
beim Verkehr belauschte, empfand ich auch Angst und Lust zugleich 
und dachte mir: ich möchte das auch wissen und machen, was die Eltern 
gemacht haben. Wer weiß, ob ich das kann ? Sollte da nicht ein Zusammen- 
hang mit dem Geprüftwerden bestehen, daß mich bei der Frage des Lehrers 
die Angst befiel: wer. weiß, ob ich das kann? Aber warum ich dies Emp- 
finden noch provozierte? Wenn mich der Lehrer etwas fragte, was ich 
wußte, so war das wie ein geistiger Sexualakt. Natürlich erschien es mir 
damals nicht so, aber wenn ich jetzt daran denke, so weiß ich, es war mir 
damals so, als wäre ich dadurch nicht bloß in seiner Gunst gestiegen, sondern 
auch körperlich ihm näher gerückt. Heute lege ich mir das so aus wie einen 
Sexualakt, bei dem ich leistungsfähig bin, wo der Lehrer mit mir zufrieden 
war. Der Vergleich mit dem geistigen Sexualakt drängt sich mir immer 
wieder auf. Ich kann mich jetzt deutlich erinnern: wenn ich in der Bürger- 
schule aufgerufen wurde und gut entsprach, so war das so, als ob mein 
Geist sich geöffnet hätte und der Blick meines Lehrers wohlwollend in mich 
eingedrungen wäre." — „Der Blick, der Augenstrahl, der in Sie eindringt, 
entspricht wohl dem Penis, da haben Sie also tatsächlich einen Sexual- 
akt mit ihm begangen." — „Ja, in der fünften Volksschulklasse hatten 
wir einen Religionslehrer, der immer sehr milde prüfte und für den ich viel 
mehr lernte, als notwendig war. Wenn der mich aufrief, liebevoll ansah 
und dann lobte, so war es mir, als hätte er mich gestreichelt und körperlich 
geliebkost. Ich habe seine freundlichen Worte förmlich als Wärme emp- 
funden, die mir leiblich wohltat, meinem Körper wie meinem Herzen. 
Als vor einigen Jahren die Frau meines ehemaligen Vorgesetzten anonyme 
Briefe bekam, ich unterhielte ein Verhältnis mit ihm, hatte ich merk- 
würdigerweise ein Schuldgefühl, trotzdem dies ganz unbegründet war. 
Jetzt empfinde ich, daß ich durch die gemeinsame Arbeit, das geistige 
Zusammengehören, das besondere Verständnis, das wir für einander 
hatten, seiner Frau etwas entzogen habe. Auch wenn ich bei ihm geladen 
war, habe ich es oft als Unrecht empfunden, daß ich ihn besser verstand 
als die eigene Frau. Ob ich nicht in meiner Kindheit auch beim Vater 
die Empfindung hatte, ich verstünde ihn besser als die Mutter? Daher 
später dann das Gefühl des geistigen Sexualaktes und mein Schuld- 
bewußtsein." 

Endlich noch ein merkwürdig Phänomen. In ihrer jungen Ehe war 
sie anfänglich anästhetisch gewesen. Während der psychoanalytischen 
Behandlung begann sie nach den Auflösungen, die sich auf den Vater 
bezogen, sexuell zu empfinden, ja spürte voraus, daß sie in Bälde noch viel 
mehr empfinden werde. Eines Tages kam sie: „Sonst fühlte ich manchmal, 
als wäre ich gefesselt und zu Boden gedrückt, gestern aber spürte ich beim 
Verkehr, als wäre die Einschnürung wie eine Hülle von mir abgefallen. 
Wenn mir die Empfindung des Eingeschnürtscins und Niedergedrückt- 
werdens so stark zum Bewußtsein kommt, habe ich doch immer auch 
das leise Gefühl, es läge in meiner Macht, diese Ketten zu zerreißen, es 
käme nur auf meinen Willen an, mich zu befreien. Gleichzeitig verhöhne 
ich mich innerlich: ich bin ein Schwächling, habe keinen starken Willen! 



280 



Ob diese Willensschwäche nicht auf den willensschwachen Vater geht, 
mit dem ich mich identifiziere, und daß ich mir Vorwürfe über diese 
Schwäche mache, sowie ich sie innerlich Vater vorwarf? Die Fesseln 
wären eigentlich jene, die ihn umschlangen in seiner unglücklichen Ehe. 
Anderseits kann es aber auch auf mich gehen, die sich unglücklich fühlte 
durch den Zwist der Eltern, daß dies die Fesseln sind, die mich selber 
einengen." Lacht. „Etwas Dummes. Ich habe jetzt an die Säuglingszeit 
und die Wickelbänder gedacht. Mutter erzählte mir, sie habe mich eigentlich 
nur eingewickelt, wenn sie fortging. Vater wollte immer, sie solle mir die 
Hände hineinbinden, sonst bekäme ich krumme Hände. Mutter aber tat 
es nie, ließ mir die Hände immer draußen und hat mich überhaupt so wenig 
als möglich eingebunden. Zu Hause niemals, da ließ sie mich immer 
frei herumliegen, weil sie beim Einschnüren eines Kindes die Empfindung 
hatte, sie werde selber eingeschnürt. Sie hat förmlich gefühlt, wie dem 
Kinde die Luft ausgeht. Dies Einbinden der Hände soll auch den ersten 
Streit zwischen den Eltern gesetzt haben." — „Und dem Vater zuliebe 
fühlten Siesich dann später immer gefesselt." — „Ja, bis ich gestern beim 
Verkehr soviel Genuß empfand, wobei ich fühlte, als bb momentan die 
Hülle von mir gefallen und ich innerlich ein größerer und besserer Mensch 
geworden wäre." 

Nun allerlei wichtige Nachträge zu ihren ursprünglichen masochi- 
stischen Gelüsten und Phantasien. „Ich habe mir auch vorgestellt, ich sei 
in einem Wald, aber merkwürdigerweise war ich nie allein, sondern wir 
waren stets mehrere Mädel und da schleppt man uns in den Wald hinein 
und wir werden zum Koitus gezwungen. Sollten die Mädels ich und die 
Kameradinnen sein, die wir uns gegenseitig sexuell aufklärten? Oder 
noch besser: der Vater soll nicht bloß die Mutter, sondern auch mich 
zum Koitus zwingen. Dann malte ich mir aus, daß wir uns sehr wehren. 
Die weitere Phantasie bezog sich aber nur auf meine Person, die übrigen 
waren nur ganz schattenhaft. Ich stellte mir vor, daß ich mich nicht so gut- 
willig ergebe, sondern mich sehr wehre und schreie und der Gedanke, 
daß der andere trotz meines Wehrens und Schreiens doch stärker ist 
und es erzwingt, hat mich auch erregt. Die Sache ist mir schon öfter ein- 
gefallen, doch habe ich mich immer geschämt, sie Ihnen zu sagen. Ob 
ich da nicht die Mutter spiele, die sich auch gegen den Koitus wehrte, 
schließlich aber doch vom Vater als dem stärkeren gezwungen wurde?" 

„Aber meine Phantasien gingen noch weiter. In meiner Onaniezeit, 
etwa mit 16 Jahren, stellte ich mir vor, ich besitze einen Mann, den ich 
sehr gern habe. Er reizt mich irgendwie, sagen wir durch Küssen, so daß ich 
sehr erregt werde und mir den Beischlaf wünsche, er aber tut es nicht 
und ich bitte ihn darum. Einige Male stellte ich mir sogar vor: ich kniee 
vor ihm und bitte ihn mit aufgehobenen Händen, was meine Erregung 
noch mächtig steigerte. Halt! Jetzt fällt mir etwas ein, das kann aber doch 
nicht die Lösung sein. Ich war damals sehr religiös und, wenn ich über 
die Eltern verzweifelt war, bat ich oft in der Kirche knieend und mit auf- 
gehobenen Händen, Gott möge zu mir kommen und mich trösten." — „Das 
wird wohl heißen : der Vater solle zu Ihnen kommen und Sie durch einen 



•281 

Koitus trösten." — „ Ja, und die vorherige Reizung durch Küsse wird darauf 
gehen, daß ich immer ein starkes Verlangen nach diesen hatte, mich aber 
nicht traute, eines der Eltern zu küssen aus Furcht, es würde dem anderen 
nicht recht sein. Nachdem dieser Wunsch aber so stark war, habe ich 
dann beide Wünsche vereinigt." 

„Ich muß jetzt nochmals auf die Überwältigungsphantasie im Walde 
zurückkommen. Manchmal dachte ich: ich werde mich derart wehren, 
daß der betreffende mich nicht bändigen kann und genötigt sein wird, 
um Hilfe zu rufen. Dann werden Männer kommen, die mich fesseln, worauf 
sie fortgehen. Der erste Mann aber zwingt mich zum Beischlaf. Der Ge- 
danke an das Gebunden- und Gefesseltwerden hat mich auch erregt. Mütter 
erzählte öfter, ich hätte als Kind sehr schöne Augen gehabt. Als ich 
zwischen zwei und drei Jahren war, kam wiederholt ein Nachbar zu uns, 
der mich sehr gern hatte und immer verlangte, ichsolle ihm in die Augen 
sehen. Ich mochte aber nie, sondern schloß meine Augen sofort und war 
nicht zu bewegen, sie wieder aufzumachen. Der Vater soll mir auch öfter 
zugeredet und mich an der Hand gefaßt haben und trotzdem tat ich .es 
nicht. Es war vielleicht so, daß mich der Nachbar an der einen, der Vater 
an der anderen Hand faßte und beide auf mich einredeten. Daß mich 
diese zwei Männer an der Hand packten, gab dann vielleicht die Fesselung 
in meiner Phantasie. Jene beiden wollten mich ja zu etwas zwingen, was 
ich nicht mochte. Wahrscheinlich hat der Nachbar auch den Vater zu 
Hilfe gerufen, weil er mit mir nicht fertig wurde." 

„Damals als ich mit fünf Jahren von der Kollegin geschlagen 
zu werden wünschte, habe icli diese neue Empfindung gleich- 
zeitig als ein Unrecht empfunden, als etwas Schlechtes, wahrscheinlich 
als etwas Sexuelles. Und nachdem es mich damals so erregt hatte, ver- 
drängte ich die Lust und, als der Vater mich schlug, war ich dann furchtbar 
empört und wütend, so daß, wenn die Möglichkeit gewesen wäre, ich ihn 
auf der Stelle hätte ermorden können. Ich hatte das Bedürfnis, ihm ein 
Messer hineinzustoßen. Beim Schlagen der Kollegin, kam noch etwas 
in Betracht. Sie wollte mir die Röcke aufheben, ich aber spürte, das würde 
die neue Empfindung steigern, und schämte mich auch vor den anderen 
und so habe ich mir die Röcke heruntergezogen. Das Schlagen jedoch 
habe ich nicht nur geduldet, sondern ihr sogar aufgetragen, sie muß mich 
stark hauen. Und als sie meinte: ,Das wird Dir ja weh tun, ich schlage 
Dich zuviel, der Verbrecher (den ich spielte)? hat schon genug Strafe be- 
kommen!' entgegnete ich: .Nein, der Verbrecher hat so Schweres getan, 
er muß unbedingt mehr gestraft werden!' Dann hat sie mich noch ge- 
schlagen, , bis sie endlich sagte: Jetzt höre ich auf, die Hand tut mir 
schon weh!' Das hat mir sehr, leid getan, ich hätte mich gern noch mehr 
schlagen lassen. Ich hatte auch das warme Gefühl im Hintern und das 
war nachher auch ein sehr angenehmes Gefühl. In dieser Wärmeem-pfindung 
habe ich eigentlich die Schläge nacherlebt, ebenso wie jetzt, da ich dies 
erzähle." 

„Wenn mich vom neunten Jahr ab die Mutter scherzweise schlug (ernst- 
lich tat sie es nie), empfand ich dabei nie Lust, sondern bloß Schmerz. Ich 



282 

war gegen Schläge äußerst wehleidig. Auch wenn sie mich nur leicht schlug, 
war ich immer wütend darüber. Jetzt fällt mir ein: uneingestanden hatte 
ich die Empfindung, die Mutter schlägt mich aus sexuellen Gründen, es 
ist ihr angenehm, das zu tun. Wahrscheinlich schob ich das, was ich früher 
selbst empfand, ihr unter. Bei der Phantasie vom Überfallenwerden 
dachte ich nicht immer bloß an einen brutalen Überfall, sondern auch, 
daß der betreffende mir schmeichelt, um mich auf diese Art willfährig zu 
machen. Im letzten Moment wehre ich mich dagegen, und da erst packt 
er mich, fest, umschlingt mich und schleppt mich auch fort. Das würde 
vielleicht stimmen zur Mutter und zur Säuglingspflege und auch zu den 
vorherigen Liebesspielen. Dann weiter: das warme Bad war mir sehr 
häufig wie eine Liebkosung, wie die Einleitung zu einem Koitus. Denn 
ich war eine ziemlich lange Zeit nach dem Bade immer sehr erregt, wenn 
ich es auch vorher gar nicht gewesen war (das habe ich aus dem 16., 17. Jahr 
in Erinnerung). Wenn ich zu Hause badete und Mutter dabei war, hatte ich 
das nicht, nur wenn ich allein badete." — ,,Da konnten Sie wohl einen 
Mann hinzuphantasieren? 44 — „Ja, eben. Vielleicht ist mir brutale Ge- 
walt heute auch deshalb so zuwider, weil ich jene Phantasie von der 
brutalen Gewalt verdrängt habe." 

Hier will ich noch ihren äußerst lehrreichen Bericht über die frühen Be- 
lauschungen des elterlichen Geschlechtsverkehres sowie ihre Reaktion darauf 
ganz wortgetreu hersetzen: „Mit zirka acht Jahren belauschte ich einmal 
in der Nacht (ohne Absicht) den Verkehr der Eltern. Ein eigentümliches 
Geräusch hatte mich aus dem Schlaf geweckt. Ich horchte und hatte Angst, 
es könnten Einbrecher sein, da einige Tage vorher in unserer Gasse ein 
Einbruch verübt worden war. Meine Angst vor Einbrechern verwandelte 
sich aber bald in eine schreckliche Neugierde, was im Dunkel der Nacht 
vor sich gehe. Ich hörte, daß der Vater der Mutter irgend etwas tue; ich 
fürchtete zuerst, er schlage sie (was tatsächlich nie geschehen war), oder 
füge ihr sonst einen Schmerz zu, denn ich hörte die Mutter leise stöhnen : 
,Hör auf, laß mich, Du tust mir weh !' Gleich darauf aber lachte sie wieder, 
doch nicht so, als wenn man jemandem etwas Lustiges erzählt, sondern 
unterdrückter und heimlicher, so als wenn man jemanden kitzelt. Ich 
hörte auch die Bewegungen der Eltern im Bette, konnte aber trotz ange- 
strengtesten Schauens nicht sehen, was vorging." 

„Wenn ich heute zurückdenke, so kann ich mich noch sehr gut in 
meine damaligen Empfindungen und Gefühle versetzen. Jeder Nerv in 
mir war förmlich aufs äußerste gespannte Aufmerksamkeit. Ich öffnete 
gewissermaßen alle meine Sinne, besonders aber Augen und Ohren, um 
zu sehen, zu hören, zu erfahren. Diese ungeheure Neugierde schlug plötzlich 
in eine große Erregung um, ich spürte ein Summen im ganzen Körper 
vom Kopf bis in die Schenkel, ausstrahlend in die Waden und Vorfüße, 
es war mir, als müßte diese große Erregung mich in meinem Innern 
«mporreißen und mit der Brust gegen irgendeinen Gegenstand schleudern. 
Ich spürte dieses Erregungsgefühl auch in der Scheide stark, allein es war 
nicht auf diese ausschließlich beschränkt. Ich hatte den glühenden Wunsch, 
.etwas ganz Großes', d. h. das gleiche zu erleben, wie ich gehört hatte." 



■J 



V! 




* 



283 

„Mein nächstes Empfinden war Schrecken über dieses angenehme 
und schöne Gefühl, das ich in diesem Augenblicke bereits als etwas Ver- 
botenes empfand, trotzdem mir die Art desselben nicht bekannt war. 
Vielleicht entstand der Gedanke des Verbotenen auch dadurch, daß ich 
mir dachte, die Eltern tun etwas Verbotenes in der Nacht, wofür sie sich 
am Tage vor mir schämen müßten. Ich horchte die folgenden Tage ange- 
strengt, um wieder und hoffentlich mehr zu sehen und zu hören, und 
schwankte so tagelang zwischen schrecklicher Neugier und dem Willen, 
das Verbotene nicht zu belauschen." 

„Ich erwachte beim leisesten Geräusch und befand mich vor dem 
Einschlafen in ununterbrochener Aufregung, welche mich im Gegensatz 
zu früher oft ziemlich lange munter hielt, trotzdem ich gern ( ?) einge- 
schlafen wäre. Je mehr Tage seit dieser Episode vergangen waren, desto 
verbotener erschien mir die Sache, und ich nahm mir vor, ich dürfe davon 
nichts mehr hören. Um dies zu erreichen, kroch ich vollkommen unter die 
Duchent und schlief, darunter schwitzend, auch die ganze Nacht, wenn 
die Mutter mir sie nicht zurechtrückte. Früher ärgerte sich Mutter oft, 
weil ich häufig ganz oder halb nackt lag und die Duchent gewöhnlich 
auf der Erde zu finden war, statt im Bett. Sie konnte diese plötzliche 
Änderung meiner Gewohnheit auch nicht begreifen und meinte, ich wäre 
krank. In den ersten Tagen konnte ich meinen Eltern nicht ins Gesicht 
sehen und bekam Herzklopfen, wenn mir eines von ihnen in die Nähe kam. 
Es drängte mich, sie nach dem nächtlichen Vorgang zu fragen, allein, 
weil er mir etwas Verbotenes dünkte, unterdrückte ich das Verlangen, 
trotzdem ich so gern alles erfahren hätte. Gleichzeitig jedoch lebte ich 
stets in der Angst, besonders die Mutter, mit der ich ja öfter allein war, 
könnte sich nach der Ursache meines veränderten Benehmens (mindestens 
erschien es mir selber verändert) erkundigen und ich müßte sie dann 
nach jenem Vorgang fragen, ob ich wolle oder nicht. Es fällt mir jetzt 
ein, daß die Angst vor einer solchen Frage der Mutter auch -mit einer Art 
Wollust (Angstwollust) gemischt war. Ich fürchtete und wünschte, 
Mutter würde mich zu der verbotenen Frage zwingen. Ob das nicht auch 
einen Zusammenhang hat mit meiner Idee, es würde mich jemand zum 
verbotenen Koitus zwingen?" 

„Die Verdrängung dieser Episode gelang mir in kurzer Zeit jedoch so 
gut, daß ich mich erst wieder mit etwa zwölf Jahren an den Vorfall erinnerte, 
und zwar aus Anlaß einer neuerlichen nächtlichen Belauschung, die ich 
aber dadurch abbrach, daß ich voll Schreck schleunigst unter die Duchent 
kroch. Ich diesem Alter hatte ich schon durch Schulkolleginnen, vom 
Geschlechtsakt gehört, vor dem mich ein schrecklicher Ekel erfaßte, 
merkwürdigerweise aber nur der Mutter gegenüber. Mit acht Jahren war 
mir dieses Ekelgefühl noch fremd." . 

Endlich kamen noch einige letzte Ergänzungen, die manches Dunkel 
aufzuhellen geeignet sind. Jeder Geschlechtsakt mit ihrem Gatten war 
ihr zu Anfang äußerst peinlich und vor seinem eindringenden Membrum 
scheute sie immer wieder zurück. Als Lösung fand sie: Mit neun, zehn 
Jahren sah ich in einer illustrierten Zeitschrift die Abbildung einer .Eisernen 



281 






l ) Später ergänzt sie dazu noch: „Ich versetzte mich auch in die Rolle der 
eingeschlossenen Sünderin und dachte mir, die eiserne Jungfrau muß eigentlich ein 
Vergnügen empfinden, die Verbrecherin einzuschließen. Sie wird dasselbe Lustgefühl 
haben beim Einschließen, wie die Frau, welche eingeschlossen wird. Doch stellte ich 
mir Letzteres, also das Eingeschlossenwerden, als das größere Vergnügen vor." 



■ 



Jungfrau' sowie eines Weibes, das eingeschlossen werden- sollte. Vater 
erklärte mir, das sei eine große Verbrecherin, die zur Strafe für ihre Sünden 
eingeschlossen würde und die Stacheln drängen in ihren Leib. Ich war 
sehr erschrocken darüber und hatte förmlich die Empfindung, wie mir 
die Stacheln in meinen Leib eindringen. Vielleicht darum jetzt meine 
Empfindlichkeit, wenn mein Mann zu mir kommt." 1 ) 

„Gestern wurden uns beim Kurs allerlei Marterinstrumente ge- 
zeigt und, wenn ich mir die Leute in diesen Folterwerkzeugen dachte, 
hatte ich ein Wollustgefühl, wenn auch nicht sehr stark. Es reizte 
mich auch weniger der Gedanke zuzusehen, wie andere gefoltert würden, 
als die Vorstellung, selber gefoltert zu werden. Und das Empfinden 
hatte ich besonders bei Instrumenten, die als Ehrenstrafen gedacht waren, 
wie Schandgeige usw., also den leichteren Strafen. Es ist, als ob es sich 
mir hauptsächlich um das Zur-Schaugestelltwerden handelte, nicht die 
Marter an sich. Ob nicht die Blicke der mich beschauenden Menge ein 
Koitus-Ersatz sind ? Es ist als drängen die Blicke der mich beschauenden 
Leute in mich ein, was einem vervielfachten Koitus entspricht. Doch gilt 
dies nur für die Phantasie, denn im täglichen Leben habe ich gar kein Be- 
dürfnis, mich zu entblößen." 

„Ich glaube, wenn ich als Kind den Verkehr der Eltern belauschte, 
deckte ich mich auf, so daß ich nackt oder halbnackt dalag, vielleicht mit 
dem Wunsche, der Vater soll mich sehen und mit mir das gleiche tun wie 
mit der Mutter. Ich werde damals fünf, sechs Jahre gezählt haben, es war 
kurz vor dem ,am Pranger stehen', mit dem es zusammenhängen dürfte. 
Wenn ieli mich aufdeckte, stellte ich mich schlafend, war also ganz ruhig. 
Auch der Verbrecher am Pranger muß sich ganz ruhig verhalten." — „Da 
sind Sie also für den Vater am Pranger gestanden ?" - „Ja. Beim Abdecken 
und Nacktliegen war immer die Empfindung dabei: eigentlich ist das etwas , 
Verbotenes ! Trotz dieses Empfindens habe ich mich doch selbst zur Schau 
gestellt, während das zur Schaugestellt werden eigentlich Erfüllung eines 
Wunsches ist ohne Selbstvorwürfe. Schon der Gedanke, man wird ge- 
zwungen, sich zur Schau stellen zu lassen, setzt besondere Wollust. Mit 
fünf Jahren entblößte ich mich, damit der Vater mit seinem Glied in mich 
eindringt wie in die Mutter, später waren die eindringenden Blicke der 

Leute mir Ersatz dafür." 

„Ob das Abdecken nicht auf die Kleinkinderpflege zurückgeht, wo 
die Mutter mich entblößte, um mich zu reinigen ? So etwas muß sicher 
vorhanden gewesen sein, weil Mutter mir öfter erzählte, es war nicht möglich, 
mich im Bette zugedeckt zu halten, ich hätte fortwährend die Duchent 
heruntergeworfen (von einem Jahre aufwärts). Auffallend ist auch, daß ich 
alle meine Puppen auszog, ich duldete keine mit Kleidern, sie mußten alle 
nackt sein. Ob nicht der Gedanke, auf einem erhöhten Punkte festgehalten 
zu werden (,am Pranger zu stehen'), alle schauen auf einen, man ist höher 



285 

als sie, ob das nicht auf den hohen Kinderstuhl geht, wo ich auch nicht 
herunter konnte ? Und da ich schwer festzuhalten war und immer herunter 
wollte, ob ich nicht schließlich ein paar auf den nackten Popo bekam, was 
mir eventuell Lustgefühle machte? Mit fünf Jahren schlug mich das 
Mädchen ja auch dorthin und ich hatte die Empfindung: noch mehr Ver- 
gnügen, hätte ich, wenn es auf den nackten Popo geschähe, schämte mich 
aber vor den anderen, es zu verlangen. Vielleicht hielt mich auch der 
Vater im Stühlchen fest, während die Mutter das Vorlegebrett vorgab. 
Denn bei dem Gedanken an Marterwerkzeuge hatte ich auch sehr oft die 
Empfindung, an den Handgelenken festgehalten zu werden. Das Kinder- 
stühlchen wäre also das erste Marterwerkzeug gewesen. Dann ist auch die 
Phantasie sehr leicht erklärlich, daß jemand mich an den Handgelenken 
festhält, während ein zweiter mich bindet, so daß ich nicht loskann. In 
meinem fünften Jahr hat mich einmal der Vater, weil ich etwas angestellt 
hatte, in den Winkel gestellt. Das war eigentlich auch ein an den Pranger- 
gestelltwerden. Und ich kann mich erinnern, der Mutter war es nicht 
recht und sie sah mich mitleidig an. Da verspürte ich ein angenehmes 
Gefühl, ihr Mitleid hat mir wohlgetan. Es war mir, als müßte ich recht 
lange dort stehen, damit die Mutter sieht, wie schlecht der Vater ist. Da 
steckte also hinter dem Am-Prangerstehen der Wunsch, mir die besondere 
Liebe der Mutter zu erringen." 



Fall 2: 16 2 / a jährige Studentin mit sehr ungezügeltem Sexualleben. 
Sie hatte einen um ein Jahr älteren Bruder, der schon in den ersten Schul - 
klassen geisteskrank wurde und später in einer Irrenanstalt verstarb. 
Von ihrer fast fünfzehnjährigen Schwester und ihrem fast zwölfjährigen 
Bruder wird später noch gehandelt werden. 

Der Vater soll nach ihrer Schilderung „ein sehr unappetitlicher 
Mensch" sein, „von häßlichen Formen, unfein und unzart, im Gegensatz 
zur Mutter taktlos, mit verdeckten sexuellen Gedanken. Wenn er mich 
küßt, sieht er genau so aus, als wäre er in Frauengesellschaft und sinnlich 
erregt. Wenn ich sagte, ich könne ihn nicht leiden, so ist dies eigentlich 
nicht ganz richtig, denn ich habe mir meinen Geliebten mit Absicht so 
ausgesucht, daß er alle Leidenschaften des Vaters hat, ebenso sinnlich und 
sadistisch ist, nur nicht taktlos. Als wir kleine Kinder waren, hat uns der 
Vater mit Vorliebe in die Wangen gebissen, manchmal auch ins Gesäß, 
und hatte eine ungeheure Freude, wenn wir vor Schmerz brüllten. Ein 
normaler Mensch haut übrigens seine Kinder auch nicht auf solche Art 
durch und mit solcher Erwartung. Jüngst badete die Schwester in der 
Küche. Er wollte etwas daselbst holen, findet die Tür verschlossen und 
verlangt, sie solle sofort öffnen. Sie beschwört ihn, sich zu gedulden, bis 
sie fertig sei, er aber schreit und schimpft und droht ihr mit fürchterlichen 
Schlägen, sobald sie herauskomme. Dann stellt er sich zur Türe und wartet 
vielleicht fünf Minuten, bis sie herauskommt. Daneben steht die Mutter 
ganz unglücklich und drin heult das Kind. Jeder andere an Stelle des 
Vaters wäre zur Besinnung gekommen und schon aus Scham vor den 



286 

Kindern und aus Rücksicht für die Mutter abgezogen. Er jedoch läßt sich 
nicht ablenken, und als sie die Türe öffnet, schaut er sie noch ein Mal gut 
an, weidet sich förmlich an ihrer großen Angst und dann haut er sie durch. 
Er ist ihr nachgelaufen und hat mit einem Riemen auf sie losgedroschen. 
Übrigens beschwört meine Schwester solche Szenen derart häufig herauf, 
daß ich glauben muß, sie tut es mit Absicht, sie hat offenbar Vergnügen am 
Geschlagen werden durch den Vater. Sonst hat ein vernünftiger Mensch an 
einem solchen Fall genug und wird jedem ähnlichen Konflikt in weitem 
Bogen aus dem Wege gehen." 

,,Ich selber habe ein heimliches Vergnügen an der Angst, 
so daß ich sie bis zum letzten Augenblick auskosten muß, ohne daß mir dies 
übrigens klar wird. So z. B. bei einer Prüfung oder einem Rendez-vous mit 
dem Geliebten. Als ich schließlich daraufkam, daß ich mit besonderer 
Vorliebe Angst nähre vor dem Vater oder Arzt, waren die Angstzustände 
auf einmal weg. In derVolksschule hatte ich immer solche Furcht, zu spät 
kommen, obwohl ich wußte, daß ich in Wirklichkeit gar nicht zu spät 
komme und mir auch dann gar nichts geschähe. Aber vor lauter Angst 
habe ich jeden Morgen gebrochen, wie vor kurzem auch meine Geschwister 
aus gleichem Grunde. Auch aus meinen Schlangenträumen *) wachte ich 
immer mit größter Angst auf und rief lauf. .Mutter, hilf mir!' und ver- 
langte dann durchaus zu ihr ins Bett, während ich absolut nicht zu be- 
wegen war, zum Vater, der mich beruhigen wollte, ins Bett zu gehen. Als 
ich daraufkam, was die verschiedenen Schlangenträume bedeuten, hatte 
ich einen solchen auch von einem Geliebten, den ich mir instinktiv nach 
dem Vorbild des Vaters ausgesucht hatte, und fortab gar keine Angst vor 
Schlangen mehr. Wenn ich in die Analysenstunde kommen soll, packt mich 
vorher immer Angst, bis ich bewußt werde, daß ich ein Vergnügen an der 
Angst empfinde. Dann mache ich mich auf die Strümpfe und gehe her." 

,, Gegenwärtig konzentrieren sich all meine Angstgefühle darauf, ich 
könnte nicht Mutter werden, weil ich ein Weib bin, das nicht zu koitieren 
vermag. Wenn es zum Verkehr kommt mit dem Geliebten, so stoße ich im 
entscheidenden Momente sein Glied hinaus. Sobald jemand mich zu ent- 
jungfern versucht, dann rufe ich ihm zu: ,Du Schuft!' und haue ihn durch. 
Es ist ja ein großes Vergnügen, einen zu beißen oder zu schlagen. Wenn 
ich jemanden prügelte, wäre es eine Aufforderung, mich zu vergewaltigen. 
Natürlich täte ich das, bevor er mich notzüchtigte. Vor einem Monat hatte 
ich eine ganz wüste Tagträumerei. Ich stellte mir vor, ich gehe zu meinem 
Liebhaber hinauf, ich weiß nicht, gehe ich freiwillig oder schleppt er mich 
hinauf. Jedenfalls komme ich hinauf, um wirklich von ihm koitiert zu 
werden, und im letzten Augenblick habe ich eine derartige Wut und einen 
solchen Ekel vor ihm, daß ich ihn zurückstoße und mit ihm raufe. So 
geht die eine Geschichte. Dann geht es auf der anderen Seite weiter: er 
vergewaltigt mich wirklich und daraufhin bringe ich ihn mit den Nägeln 
oder einem Messer, das ich von irgendwoher habe, um. So eine Gemeinheit! 
Dann fällt mir noch etwas anderes ein : Als ich neulich das Bett des Vaters 



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*) Über diese siehe später. 



287 

machte und es so schön offen dalag zum Hineinlegen, dachte ich: wie wäre 
es, wenn der Vater ganz nackt läge und tot wäre und ich könnte seinen 
Penis sehen." 

Hier schließen sich am besten einige ganz durchsichtige Träume an, 
die untrüglich dartun, daß die Träumerin sehr früh den Verkehr der Eltern 
belauscht, des Vaters Membrum hiebei entblößt und außerdem den Wunsch 
gehabt haben muß, vom Vater in gleicher Art befriedigt zu werden wie die 
Mutter. 

1. Traum mit zwölf, dreizehn Jahren: „Ich bin bei der Mutter im 
Bett, auf einmal geht die Schlafzimmertür auf, der Vater kommt herein, 
sehr stark erregt, mit einem Küchenmesser in der Hand, ich schreie entsetzt 
auf, bis ich erwache." Sie weiß selbst sofort die Deutung, daß das Küchen - 
messet; das Glied des Vaters vorstelle, mit dem er auf die Mutter losge- 
gangen, worüber sie furchtbar erschrocken sei. Noch durchsichtiger ist der 

2. Traum: „Ich lese in einem Märchenbuch. Auf dessen letzter 
Seite habe ich das Gefühl .Liebhaber'. Und zwar steht mein Vater daneben 
und wartet, bis die letzte Seite kommt. Da auf einmal ist ein Kontakt 
zwischen ihm und dem Liebhaber. Jedenfalls sagt er zu ihm: ,So macht 
man das nicht!', verwandelt sich plötzlich in eine Schlange, die in meine 
Scheide dringt, verwandelt sich dann wieder zurück und sagt zu diesem 
fingierten Liebhaber: ,So macht man es!'' Dann ein 

3. sich häufig wiederholender Traum. „Mein Vater ist mit mir 
irgendwo in einem Zimmer, plötzlich geht die Tür auf und herein kommt 
ein Schlangenhund (ein Hund, der wie eine Schlange kriecht). Ich habe 
gräßliche Angst, kann mich aber nicht rühren. Er kommt immer näher 
und ich sage dem Vater, der neben mir steht : .Mach' ihn tot, mach' ihn tot !' 
Dies fällt dem Vater aber gar nicht ein und auf einmal merke ich, daß 
zwischen ihm und dem Tiere eine. ganz ähnliche Beziehung besteht, die ich 

'nie zerstören kann. Im letzten Augenblick, da er mich beißen will, wache 
ich auf. Dann träume ich auch von meinem Liebhaber und da kam ich 
erst darauf, daß Vater und Liebhaber identisch sind." 

4. Traum: „Ich gehe durch einen Wald und plötzlich kommt etwas 
Großes, Gräßliches hinter mir. In dem einen Traum ist es eine Eisenbahn, 
die mich überfähren will, in dem anderen ein großer, schwarzer Hund. Der 
Vater ist auch schwarz. Dann fiel mir auf, welche Ähnlichkeit zwischen 
Träumen und Märchen bestellt, z. B. dem Märchen vom Rotkäppchen und 
dem Wolf, der sie auffrißt. Ich hatte Angst, der Hund wird mich auffressen. 
Einmal habe ich in diesen Träumen große Angst und dann wieder große 
Freude. Von der Eisenbahn überfahren und vom Hund gefressen zu werden 
bedeutet wohl das gleiche: vom schwarzen Vater koitiert zu werden." 
Man schaut hier deutlich den Zusammenhang von Angst und Lust, zumal 
wo es sich um sexuelle Befriedigung durch den Vater handelt. 

Nun zurück zum Schlagen. Sie hat ihre mächtigen sadistischen 
Neigungen teilweise verdrängt und erzählt von ihren Reaktionserschei- 
nungen: „Sooft ich auf dem Kalvarienberg die bekannten sieben Leidens- 
stationen sah, packte mich eine scheußliche Angst, so daß ich möglichst 
rasch vorüberlief. Besonders regte mich die Geißelung Christi auf, solche 



288 •• 

Bilder waren das Scheußlichste für mich. Ich habe auch nicht zusehen 
können, wie ein Pferd geschlagen wird und vertrage es auch nicht, wenn 
der Vater uns Kinder durchhaut, obwohl ich, wenn ich persönlich ge- 
schlagen werde, es vor lauter Aufregung gar nicht spüre." Und plötzlich 
kam es wie eine Erleuchtung heraus: „Wenn ich vom Vater geprügelt 
werde, so ist das soviel, als würde ich von ihm koitiert." 

Einmal hatte sie eine Analysenstunde versäumt, weshalb ich sie zur 
Rede stellte. „Ja, ich bin so eine Kreatur", war ihre Antwort, „daß ich 
mich freue, zusammengeschimpft zu werden. Das ist ein&Form dermasochi- 
stischen Befriedigung und eine Art Sexualakt, ebenso wie das Geschlagen- 
werden. Obwohl ich z. B. ganz genau weiß, daß man mit Vater über nichts 
sprechen kann, weil er sich nicht von vernünftigen Erwägungen leiten läßt, 
sondern nur darauf ausgeht, sich herumzuraufen und sich und die anderen 
zu ärgern, komme ich doch immer wieder zu ihm und versuche, vernünftig 
mit ihm zu reden. Ich will offenbar auch dieses Vergnügen genießen, mich 
stets mit ihm herumzuraufen, trotzdem es zwecklos ist und er mich mit 
seiner Stimme überschreit, während für die Sache gar nichts gewonnen wird. 
Ein andermal macht es mir wieder Vergnügen, ihn schreien zu lassen und 
innerlich über ihn zu schimpfen, weil man es offen sich nicht getraut." 

„Meine Schwester sagt ihm direkt ins Gesicht: , Idiot ! J , aber nur 
damit er sie durchhaut. Sie bleibt nicht vernünftig, sondern fordert ihn 
immer heraus, weil sie ebenso triebhaft ist wie er. Und zum Schluß wird 
sie durchgehaut, regt sich dabei furchtbar auf,_ kriecht dann ins Bett und 
ist absolut nicht zu sprechen. Mein Bruder ist genau so, wenn auch nicht 
gegenüber dem Vater, sondern der Mutter. Er macht es so, daß er sich über 
die geringsten Dinge, die ein anderer gar nicht bemerkt, aufregt, dann 
hinsetzt und anfängt zu heulen und mit aller Welt unzufrieden ist. Das 
nämliche Talent, sich in eine Unzufriedenheit hineinzureden, hatte ich mit 
zwölf Jahren auch. Und als ich gestern meiner Mutter sagte, sie sei Ma- 
sochistin, gab sie dies ohne weiteres zu. Ich warf ihr vor, als sie heiratete, 
habe sie genau gewußt, wie das sein wird, denn sie sei sechs Jahre verlobt 
gewesen. Wenn man mit einem Menschen wie der Vater wirklich zusammen- 
lebt, muß ein jeder davonlaufen. Ihr aber sei dies absolut unmöglich ge- 
wesen, trotzdem, sie alles ganz genau eingesehen habe und mir selber er- 
klärte, sie hätte sich ganz gut selbst erhalten und vom Vater in der Ehe 
unabhängig machen können. Auch zu Hause habe sie sich vom Urteil der 
anderen so abhängig gemacht, daß diese stets über sie hinwegschritten. 
Dies mangelnde Selbstbewußtsein und dieses Sich-Hineinreden in das 
Nichtssein und Nichtsbedeuten ist bei ihr offenbar auch masochistisch, 
weil sie bei jeder Gelegenheit es wieder vorspielt und sich hinein verbohrt." 

Bald fand sie dafür auch eine Erklärung: „Wenn man seelisch 
leidet, hat man das Leiden so lieb, daß man es gar nicht 
hergibt. Das beste Beispiel ist meine Mutter, die jede Stecknadel tragisch 
nimmt, obgleich sie das leugnet. Sie stolpert so oft, bis sie sich den Arm 
bricht. Ich sagte ihr neulich: .Selbst wenn Du vollkommen frei wärest, 
könntest Du mit Deiner Freiheit nichts anfangen.' Von mir selbst kann ich 
sagen: so oft ich Menschen leiden sehe, freue ich mich darüber. Die Leute 



Ob» 



28<> 

tun mir so leid, daß ich mich darüber freue. Ich freue mich, wenn ich sehe, 
daß jemand sich vor mir herumwälzt und quält, und dabei hat mir die 
Mutter leid getan, weil es auch objektiv schade ist um sie." 

„In meinen Bruder war ich eine Zeitlang so unglaublich verliebt, 
daß ich sehr böse war, wenn er sich nicht um mich kümmerte, ebenso auch 
in meine- Schwester, wenn auch nicht so stark. Sie ist sehr grausam und 
sadistisch und schlägt mit Vorliebe jeden, der ihr in den Weg kommt. Ich 
weiß, ich habe mich öfters von ihr schlagen lassen. Wenn sie anfängt zu 
raufen, gibt sie nicht eher Ruhe, als bis sie entweder vollständig durch - 
gehaut ist oder selber den anderen völlig durchgehaut hat. Meine Ethik 
ging damals dahin, schwächere Kinder dürfe man nicht schlagen, so daß 
ich mich lieber selber schlagen ließ." — „Hatten Sie nicht vom Sich- 
schlagenlassen höheren Genuß?" — „Ganz gewiß, aber ich glaube, ich 
hatte auch den Wunsch, sie durchzuhauen. Nur machte es mir noch größeren 
Genuß, diesen Willen zu überwinden." — „Wieso das?" — „Ja, wenn ich 
das wüßte! Die christliche Religion verlangt dies ja, ich kann sie deshalb 
auch nicht ausstehen. Als ich in einem Buche die Stelle las: ,Es kommt 
immer auf das Verhältnis zum Kreuz an, die einen tragen es gern, die 
anderen widerwillig, aber jedenfalls bedeutet das Kreuz für sie etwas Be- 
sonderes' da stellte ich mir unter Kreuz das männliche Glied vor, 
während im Buche darunter das Leiden gemeint war. Mit zehn, eilf Jahren 
hatte ich immer Gewissensbisse, weil ich mir bewußt war, an etwas anderes 
zu denken, als an den lieben Gott. Ich betonte zu sehr meinen eigenen 
Willen im Gegensatz zu dem Gottes und das darf man nicht. Aber warum 
eigentlich ? Vermutlich wegen des Vaters, der hinter dem lieben Gott steht, 
und der immer erklärte: ,Ich kann mit meinen Kindern anfangen, was ich 
will!' Wir hätten demnach keinen eigenen Willen." 

Ich berührte schon eingangs das ungezügelte Sexualleben der Kranken. 
Jeden Tag versuchte sie es mit einem neuen Geliebten, der sie von ihrer 
Jungfräulichkeit erlösen sollte, was ihr jedoch wegen ihres ausgesprochen 
infantilen Genitales und weil sie jeden im entscheidenden Augenblicke 
zurückstieß, nimmer gelang. Als sie gegen Schluß der einmonatigen Psycho- 
analyse wieder von einem mißlungenen Versuche erzählte, entschlüpfte 
ihr plötzlich: „Ich wollte, mein Vater wäre jünger!" — „Warum?" — 
,,Dann ließe ich es mir von ihm machen." - „Würden Sie sich gegen diesen 
nicht sträuben?" — „Natürlich, allein es würde mir ungeheuren Spaß 
machen, daß ich nicht will und der andere doch tut, was ich will. Ich will 
ja vom Vater defloriert werden oder einem, der ihm ähnlich ist. Was soll 
ich nur tun, ich halte es ohne Männer nicht aus!" 

Es ergab sich in Übereinstimmung mit anderen psychoanalytischen 
Ergebnissen, daß die unendliche Reihe der Liebhaber ihr den einen un- 
erreichbaren Vater ersetzen sollte; daß sie ferner als ganz kleines Kind den 
Verkehr der Eltern, mit denen sie zusammen schlief, belauscht hatte und 
davon heftig sexuell erregt worden war. Sie glaubte dann nach typischer 
Kinderart, der Vater überwältige die Mutter und wünschte, das gleiche 
von ihm zu erfahren. Wesentlich gefördert wurde dieser Kinderwunsch 
noch durch des Vaters sadistisches Benehmen. „Wenn der Vater die Kinder 

Sa dg er, C-cschleclitsverirrungen. ^ 



290 

schlägt oder beißt oder sie zu etwas zwingt, was ihnen sehr unangenehm 
ist, oder wenn er sie bei sich .schlafen läßt und dabei küßt und an sich drückt, 
so muß das doch besonders reizen." — „Worin besteht denn der Reiz, 
wenn man geschlagen oder zu etwas Unangenehmem gezwungen wird?" — 
„Das ist eine Art Unterwerfung." — „Und warum empfinden Sie dabei 
geschlechtlichen Reiz?" — „Die Sache ist doch so klar, daß ich es seltsam 
finde, dies noch besonders erklären zu müssen. Das ist halt eine Anlage." 
- „Wo spüren Sie denn den Reiz und in welcher Weise?" — „Meist in der 
Wirbelsäule (sie zeigt auf die Partie zwischen den obersten Brustwirbeln 
und dem Kreuz) und das Gefühl ist ein Mittelding zwischen Kribbeln und 
Gänsehaut." „Und was löst dieses Gefühl aus?" — „Wenn man ge- 
schlagen wird, hat es gewöhnlich einen Grund, man ist sich bewußt, etwas 
getan zu haben, was dem Vater nicht paßt und erwartet schon eine Viertel- 
stunde vorher, gescholten oder durchgehauen zu werden." — ,,D. h. wohl, 
man hat es deshalb getan?" — „Das ist wieder eine andere Frage. Aber 
sicherlich spielt dieser Wunsch mit. Es ist so wie beim Zahnarzt. Man weiß, 
daß man sofort darankommt, und die Augenblicke scheinen einem unendlich 
lang und man erwartet, daß einem irgend etwas Schreckliches geschehen 
wird, obwohl man ja ganz genau weiß, daß das Hauen einem nicht weh tut 
oder mindestens doch nicht so, daß diese Angsterwartung gerechtfertigt 
wäre. Allein man hat sie auf alle Fälle. Und da geschieht es, daß man 
diese Gefühle in der Wirbelsäule hat und im Augenblick, da man herein- 
kommt und es sich entscheidet, ob man geprügelt wird oder nicht, ist es 
fast am stärksten. Im Augenblick, da man die erste Ohrfeige bekommt, ist 
der Höhepunkt da und man wird sich klar, daß es eigentlich eine große 
Gemeinheit ist, Kinder zu schlagen. Man wird ungemein vernünftig und 
erklärt den Eltern, daß das Schlagen sehr unpädagogisch ist." — „ Ja, aber 
zuerst wartet man die Ohrfeige ab." — „Natürlich. Und schließlich löst sich 
alles in Wohlgefallen auf." — „Also Sie haben Ihr Vergnügen gehabt und 
die weitere Fortsetzung ersparen Sie. sich durch Vernunftgründe." 7- 
„Ja. Aber auch der Vater hat sein Vergnügen gehabt." 

„Als ich klein war, begann ich zu heulen, sobald ich geschlagen wurde. 
Dabei war ich so erregt, daß mir sofort Tränen in die Augen kamen und ich 
gottsjämmerlich heulte." „Hatten Sie da kein Vergnügen?" „Da 

erst recht, allein ich hätte es mir um Gotteswillen nicht eingestehen mögen. 
Der Affekt war der nämliche wie jetzt. Als ich größer wurde, ward er noch 
weiter ausgelebt. Ich habe schrecklich geheult und wurde länger geschlagen. 
Auch wenn ich mit dem Heulen schon längst fertig war, bemühte ich mich, 
weiter zu heulen und dabei zu denken, daß ich unschuldig verfolgt werde 
usw. usw. Und habe alle möglichen Phantasien daran geknüpft, z. B. ich 
sei gar nicht das richtige Kind der Eltern und ähnliches. Übrigens sorgte 
ich dafür, daß ich am wenigsten Schläge bekam, habe aber mitgenossen, 
wenn die Schwester durchgebläut wurde. So oft die Geschwister etwas 
angestellt hatten, empfand ich für sie und mit ihnen Angst. Wenn sie ge- 
schlagen wurden, heulte ich mit ihnen mit, kurz in diesem Punkt waren wir 
ein Herz und eine Seele. Und, was das Angenehmste, bei den anderen kann 
man von Mitleid überfließen, trotzdem es einem große Freude macht, wenn 






s. 



291 

sie durchgehauen werden. Es ist nur schade, daü man nicht der Vater ist. 
Das darf man aber bei Gott nicht wissen, im Gegenteil, man ist. so von 
Mitleid erfaßt, vielmehr man betont es so sehr, weil man den Geschwistern 
gegenüber doch nicht solche sadistische Anwandlungen haben darf. Erstens 
weil es eine Gemeinheit wäre, man würde ja den Vater verdrängen und an 
seiner Stelle sein wollen und das soll nicht sein. Auch darf man die Kinder, 
die dem Vater gehören, nicht haben wollen. Was dem Vater gehört, darf 
man nicht besitzen wollen, die Kinder sind das Eigentum des Vaters, er 
kann sie strafen, aber nicht ich. Weiter: jedes Kind hat vor dem geschlagenen 
Kinde dasselbe Gefühl wie der Bourgeois vor einem Verbrecher, er kommt 
sich als etwas Besseres vor. Das darf man aber um Gotteswillen nicht 
sagen, man ist ja selbst klein und hat gar keine Berechtigung, sich besser 
zu fühlen als der andere. Im Gegenteil, es fallen einem alle Sünden ein, 
die man begangen hat und für die man nicht gestraft wurde und dabei 
kommt natürlich der heimliche Wunsch, ebenso durchgehauen zu werden, 
aber (schreiend) das weiß man nicht um Gotteswillen!" 

,,Es ist den geschlagenen Kindern gegenüber ein gemischtes Gefühl 
von Neid, Mitleid, Schadenfreude und Eifersucht." — „Warum Eifersucht ?" 
„Weil man gern an ihrer Stelle gehauen worden wäre." — „Warum 
das?" — „Das ist nicht wichtig, sondern man ist böse, daß der Vater sie 
haut, mich aber nicht. Weshalb muß da erst etwas angestellt werden, um 
gehauen zu werden?" „Also, da erblicken Sie im Geschlagenwerden 
gewissermaßen einen Liebesakt?" „Ja, ganz richtig. Aber das weiß 

man nicht, es ist unbewußt, es darf um Gotteswillen nicht beantwortet 
werden. Bewußt denkt man, es ist schändlich, daß in einem gesitteten 
Staat so etwas vorkommen darf, daß ein starker Mann so kleine Kinder 
schlägt. Er ist doch viel vernünftiger, kann nicht dieselben Anforderungen 
stellen wie an erwachsene Menschen und lauter solche Vernunftgründe. 
Wenn man dann älter wird, sieht man ein, der Vater ist im wirklichen 
Leben gar kein solches Ideal wie im Sexuellen, was sehr betrüblich wirkt. 
Anderseits ist der Vater doch der liebe Gott und wie darf ein kleines 
Kind sich unterstehen, den lieben Gott" abzusetzen ? " 

„Nun zurück zum Gefühl im Rückenmark beim Geschlagen werden^ 
Es ist die nämliche Empfindung," wie wenn man in Abgründe hinunter- 
schaut oder sieht, wie Tiere umgebracht werden oder andere Kinder sich 
raufen, oder wie ich z. B. als kleines Kind einen anatomischen Atlas in die 
Hand bekam und da Muskeln und das Gerippe abgebildet sah, hu! das war 
schauerlich! 1 ) Das ist das Hauptgefühl bei der Angst. Ich erinnere mich 
wie wir einmal neben einem langen Kanal gegangen sind, durch den Wasser 
floß. Es war nur ein ganz schmaler Weg am Rande trocken, auf dem man 
gehen konnte. Das war auch so gräßlich." Dann hat man die nämliche 
Empfindung, wenn man z. B. denkt, man sei ganz allein im Weltraum: 
' das Gefühl, ich bin so klein und die Unendlichkeit ist so lange. Oder die- 
Angst, daß man verloren geht, daß man auf einmal nicht da ist, daß man 
so ganz winzig klein ist und gar nichts kann und gar keine Kraft hat und 



1 ) Ursache: Todeswünschc auf den Vater. 

19' 



292 



daß man plötzlich tot sein kann und verwesen und das sozusagen noch 
miterlebt, trotzdem man tot ist. Und dann, wenn man irgendetwas gern 
tun möchte und es wird einem verboten, oder etwas nicht gern tun möchte 
und es wird einem befohlen. Oder wenn man zum Zahnarzt geht und im 
Wartezimmer sitzt, das ist besonders arg. Oder wenn man in die Schule 
kommt mit Angst, man komme zu spät und findet die Klassenzimmertür 
geschlossen, steht davor, traut sieh nicht hinein und kann kein Glied 
rühren. Dann hat man dasselbe Gefühl, wenn man als ganz kleines Kind 
in einem dunklen Zimmer steht oder abgelöscht wird, ehe man einge- 
schlafen ist, und die Erwachsenen gehen hinaus, oder man hat nicht mehr 
ihren Schutz, sondern ist ganz, ganz allein. Ebenso wenn man als Kind 
aufs Klosett geht und das nämliche Gefühl hat man in allen Angstträumen." 
,,Es ist wohl das Überspringen der Angst in sexuelle Lust, jede Angst 
spaltet schließlich geschlechtliches Vergnügen ab." — „Ja, dasselbe Gefühl 
hatte ich ja auch zu Weihnachten, wenn der Christbaum angezündet 
wurde und ich noch draußen vor der Tür stand. Das ist also ausgesprochene 
Lust. Es gibt tausend Gelegenheiten, bei denen man diesen Genuß hat, 
vernünftige und unvernünftige, und man läßt sich keine entgehen, solche 
Angstgenüsse zu bekommen, auch wenn der Grund ganz unvernünftig ist. 
Ist ein vernünftiger da, dann um so besser, dann ist es natürlich 
sanktioniert." 

„Am schönsten sind vielleicht die Depressionen. Wahrscheinlich 
habe ich schon lange keine solche gehabt, daß ich eine große Sehnsucht 
danach empfinde. Depressionen sind schön!" — „Haben Sie einmal 
eine solche gehabt mit großem Genuß ?" — ,,0, genug oft ! Soweit ich zurück- 
denke, schon als ganz kleines Kind, hatte ich sie. Da ich ganz klein war, 
mußte ich hinaufschauen, wenn ich mit Erwachsenen sprach, da war es 
eine Depression: die sind alle so groß und ich bin so klein! Man wandelt 
unter lauter Göttern und fühlt seine eigene Ohnmacht so recht deutlich 
und mit vollem Genuß." — „Das ist doch eigentlich keine Depression?" 
- „0 ja! Es kommen eigentlich zwei Gefühle heraus. 1. Man ist depri- 
miert, weil man so gär nichts ist, und 2. sagt man sich: jetzt will ich aber 
gleich viel größer werden, daß ich über die hinauskomme und die anderen 
so klein sind wie ich jetzt und das Verhältnis umgekehrt ist." — „Und was 
hatten Sie sonst noch für Depressionen?" — „In den ersten Schulklassen 
meinte ich immer, ich weiß gar nichts. Ich war so fabelhaft gewissenhaft 
und habe meine Sachen lieber zehnmal gelernt, damit ich sie ein halb Mal 
weiß. Und wenn ich etwas nicht gewußt habe, was selten vorkam, war ich 
sehr deprimiert und dachte: werde ich denn nie etwas wissen? und war 
vollständig mutlos. Das war bei Sachen, die ich nicht gewußt habe, ob- 
wohl ich sie eigentlich hätte wissen sollen. Und bei Sachen, die ich nicht 
wußte, weil ich zu klein war, wo ich also eigentlich ganz unschuldig daran 
war, machte ich mir Gewissensbisse, daß ich es nicht wisse. Warum weiß ich 
es nicht? Jedenfalls hatte ich Gewissenbisse." — „Vermutlich weil Sie 
davon Genuß haben wollten." — „Natürlich. Aber das durfte ich mir 
beileibe nicht eingestehen. Und dann behauptete ich: die Erwachsenen 
verstehen nichts davon, wenn ich mich schäme, daß ich etwas nicht weiß 



293 

Jeder Maßstab war mir immer noch zu gering. Wenn ich etwas gewußt 
habe, war ich immer furchtbar beschämt." — „Warum das?'* - „Weiß 
ich ? Einerseits freute ich mich ein bißchen, anderseits war ich sehr 
betrübt, daß ich etwas wußte, wenn ich gefragt wurde." -- „Also Sie waren 
deprimiert, ob Sie nun etwas wußten oder nicht." — „Ja. Wenn ich etwas 
wußte, war noch folgendes ' dabei : Ich habe mich teilweise gefreut, mir 
aber sofort darauf gesagt: wie lächerlich, Dich zu freuen, wenn man das 
Selbstverständliche weiß!" - „D. h. Sie wollten um jeden Preis deprimiert 
t» sein, um den Genuß nicht zu verlieren?" — ,,Ja, selbstredend. Aber das 

darf man nicht wissen. Und die Neigung zur Depression macht dann den 
Masochisten aus." — „Es kommt darauf an, zu erklären, warum das Leiden 
lustvoll empfunden wird. Geht das so zu, daß durch das Leiden sexuelle 
Gefühle mit ausgelöst werden, die dann als Lust empfunden werden?" — 
,,Ja, ja, das stimmt, das kann ich aus eigener Erfahrung wie aus Beob- 
achtung meiner Geschwister, Cousinen und anderer bestätigen. Das ist 
eben die Hauptsache. Sonst sind Prügel wirklich nicht angenehm, wenn 
sie den Betreffenden nicht gerade an sexuelle Erlebnisse erinnern, geschlecht- 
liche Empfindungen wecken oder sie verstärken." 

„Wenn ich das Angstgefühl im Rückgrat hatte, half ich mir derart, 
daß ich mir am Rückgrat herunterstreichen ließ oder aber es an eine scharfe 
Kante legte oder an ein Bett, damit alle Teile berührt werden. In dem 
Augenblick, da ich fühlte, daß dort etwas Eestes ist und keine Leere, daß 
i jetzt nicht mehr die Möglichkeit besteht, es könnte mich etwas von hinten 

überfallen, daß ich also die Gefahr, das Schreckliche vor mir habe, dann 
war das ärgste vorüber. Wenn es von hinten kommt, dann ist es ekelhaft, 
man kann sich nicht wehren. Weiter: wenn ich Angst empfinde, habe ich 
sie nicht bloß an der Wirbelsäule, sondern auch an beiden Seiten des Brust- 
korbes, an den beiden Bauchseiten und Schenkeln, am Genitale nicht. 
Es ist so, als ob man an einem kühlen Sommermorgen nackt in den Garten 
hinausginge und den Wind spürte, es ist eine Art Gänsehaut. Am unan- 
genehmsten ist es am Magen innerlich. Dann zieht es sich aber weiter in 
die Bauchseiten und schließlich vergeht es wieder, wie es gekommen ist." 
— „Ob da nicht ein wirkliches Streicheln des Körpers, etwa in der Kindheit, 
dahintersteckt?" „Natürlich, es ist ja dasselbe Gefühl. Eolgendes 

könnte noch als Bestätigung dienen. Meine Mutter lehnt es immer sehr ab, 
daß man kleine Kinder, wenn sie nackt sind, streichelt. Nun weiß ich, 
wenn meine Mutter etwas ablehnt, und zwar mit derartiger Heftigkeit, so 
ist es gewöhnlich dasjenige, yas der Vater getan hat. Von ihm kann ich 
mir auch sehr gut vorstellen, daß er so etwas gemacht hat. Eine Cousine 
von mir war mit drei Jahren bei uns und da hat der Vater mit großem 
Vergnügen mit ihr herumgespielt. Er hat sie .gebissen, gestreichelt und 
herumgehetzt. Unter anderem ist er auch ganz plötzlich mit seinen Fingern 
an ihre Brust- und Bauchseiten gefahren." — ,,D. h. bei sich selber erinnern 
Sie sich nicht, wohl aber, daß er es bei der Cousine gemacht hat. Das ist 
natürlich Deckerinnerung für Sie selber und vermutlich hatten Sie damals 
sexuelle Lust, Angstlust, die Sie jetzt wiederzuerleben wünschen." 
„Unbewußt mag es ja sein." 



294 

Wenige Tage vor Abbruch der Analyse begann sie plötzlich: „Gestern 
bekam ich drei Ohrfeigen vom Vater, ohne Lustgefühle dabei. Es kamen 
mir schließlich folgende Erwägungen: Entweder muß ich jetzt schauen, 
daß ich mich bald selbständig mache und davonlaufe, oder ich bleibe zu 
Hause, kusche, lasse mir alles gefallen und habe womöglich noch irgend- 
welche Lustgefühle beim Geschlagen werden, oder ich ärgere mich, und 
zwar noch mehr als sonst. Es ist nämlich eine ganz besondere Lust, sich in 
Ärger hineinzureden. Es gibt Leute, die haben ein ungemein großes Ver- 
gnügen daran, wenn sie sich in Wut hineinreden und diese dann an ihrer 
Umgebung auslassen können. Sie spielen z. B. die gekränkte Unschuld 
oder empfinden direkte Lust davon, ihren Ärger an anderen auszulassen 
und sie zu quälen, oder sich in das Unschuldigverfolgtwerden hineinzuleben. 
Als Kind, erinnere ich mich, nach einer Züchtigung das Gefühl gehabt zu 
haben, gar nicht das richtige Kind meiner Eltern zu sein. Gestern empfand 
ich auch so eine Art von Genuß, als ich mich hinsetzte, trotzte und mir 
vorstellte, ich sei unschuldig verfolgt worden. Zumindest hatte ich große 
Lust, den Vater zu erwürgen. Mit welchem Recht behauptet er, ihm stehe 
die Befugnis zu, mit uns zu tun, was er will? Worin besteht das Rätsel, daß 
man von Prügeln Lust empfindet? Etwas fanden wir ja schon: daß man 
sexuelle Lust dabei empfindet, aber der physische Schmerz müßte doch 
viel -wichtiger und stärker sein. Die Sache ist nun aber so, daß man es gar 
nicht spürt, so daß also gar kein physischer Schmerz besteht. Die Haupt- 
sache ist, man wird gehauen und sieht das wütende Gesicht vor sich und beim 
Geliebten hat man noch das Recht zurückzuhauen oder ihn an den Haaren 
zu reißen, was auch kein kleines Vergnügen ist. Beim Vater muß man sich 
beherrschen, daß man nichts tut, was auch wieder ein Genuß ist." — 
,, Wieso das?" — ,,Das ist ja eben das Rätselhafte, was ich nicht weiß. 
Weshalb ist man oft imstande, zu sagen, wenn man zwischen zwei Wünschen 
zu wählen hat: der ist altruistisch und der egoistisch und ich kann mich 
entscheiden, und merkwürdigerweise, wenn man einen .bösen' Wunsch 
unterdrückt hat, so freut man sich darüber. Es scheint auch ein Genuß 
dabei zu sein. Ich weiß, ich habe oft auf etwas Erlaubtes verzichtet, weil 
ich von meinen Eltern mehr geliebt oder gelobt werden wollte und dann 
nahm ich es auch als Strafe für die bösen Wünsche auf die Mutter aus dem 
Ödipus-Komplex." — „Ja, das ist die Hauptsache." — ,,Ja. Je mehr ich 
dann gelobt wurde, desto unglücklicher war ich und dieses Unglücklichsein 
war auch ein Genuß, aber es ist so komisch, finde ich, daß zum Schlüsse 
großer physischer Schmerz sogar wie bei Märtyrern eine Quelle der Lust 
wird. Das habe ich nie begriffen. Nur in der Vorstellung konnte ich da 
mitgehen, wenn ich es aber in der Wirklichkeit nahm, kam ich'zum Begriff e : 
das tut eigentlich weh ! und lief davon. Im Augenblick, da es weh tat, wurde 
ich sehr vernünftig. Meine Liebhaber haue ich immer durch oder täte es 
mindestens sehr gern, d. h. ich reiße sie an den Haaren, beiße und schlage 
sie und sie reagieren darauf nicht." — „D. h. Sie bändigen sie nicht." 
„Ja, das ist eine Bagage!" — „Sie spielen wohl ein wenig die Brunhild ?" — 
„Ganz richtig, sie war mir auch immer besonders sympathisch. Also die 
Männer laufen dann schließlich davon. Oder gelegentlich sagt einer: ,Ich 



L 



295 

weiß schon ganz genau, was das heißt, aber ich werde Dich nicht durch- 
hauen !"' — „Also Sie wünschen, von einem Mann durchgehauen zu werden ? 
— „Ja. Es würde mir großes Vergnügen machen zu spüren, daß einer 

stärker ist, als ich." 

Ich muß noch einmal auf ihr Verhalten zum Vater zurückkommen 
und wie dies bestimmend wurde für ihr Benehmen gegen die Liebhaber 
und ihren sado-masochistischen Komplex. ;,Bis zum dritten Lebensjahre war 
es positiv Liebe, die ich für den Vater empfand, dann schaute ich in Ehr- 
furcht zu ihm empor, bis zu dem Augenblick, da ich anfing, ihn zu kriti- 
sieren. Das erfolgte zwischen sechs und sieben Jahren, als er einmal den 
Bruder schlug, weil der sich nicht photographieren lassen wollte. Ich fand 
diese Züchtigung empörend. Überhaupt, ein Kind zu etwas zwingen, was 
es nicht will! Dann fiel mir auch auf, daß er oft anders handelte, als er 
sprach." Erinnern wir uns, daß das Geschlagenwerden für sie einen Sexual- 
akt bedeutete, so dürfen wir wohl annehmen, daß die Eifersucht auf den 
Bruder mindest stark mitspielte bei dieser Auflehnung und Abwendung. 
„So um das zehnte Lebensjahr herum kam ich in die abscheulichsten 
Konflikte. Der Bruder, der in der griechischen Mythologie las, begann 
plötzlich: ,Zeus ist ein elender Kerl, der entmannt seinen Vater! Wie darf 
er sich unterstehen, mit seinem Vater solche Dinge zu machen!' Merk- 
würdig war, wie dieser Ausbruch auf mich wirkte. Einerseits freute ich 
mich, weil ich wußte, was das heißt, anderseits war ich gekränkt darüber, 
daß sich der Bruder auf Seite des Vaters stellt und auch kastriert werden 
will. So habe ich mit zehn Jahren meinen Glauben an Gott verloren. In 
der Nacht habe ich mich stets vor dem lieben Gott gefürchtet, daß er mir 
etwas Gräßliches tun kann, mich plötzlich für meine Sünden am Tage töten 
wird und ich komme dann ungesühnt in die andere Welt. Jetzt fällt mir 
ein, mit elf Jahren sagte ich einmal zur Mutter: ,Der Vater ist doch 
eigentlich gar nicht verwandt mit mir. Was hat er hier zu tun?'" 

„Von meiner Geburt bis zum vollendeten zweiten Jahre schlief ich 
bei den Eltern 1 ). Als dann in meinem dritten Jahre die Schwester meine 
Stelle bei den Eltern einnahm und später der Bruder, war ich zuerst eifer- 
süchtig. Dann bekam ich allerlei Wahnideen: meine Eltern kümmerten sich 
nicht um mich, ich sei ganz verlassen oder gar nicht ihr Kind, sie dürften 
mich also sekkieren, sie hätten etwas gegen mich u. dgl. m. Vor meinem 
zehnten Jahr stand ich auch zu Mutter so, daß sie mir gar nicht als die 
rechte, leibhafte Mutter erschien, sondern als Stiefmutter. In meinen 
Tagträumen war sie gar nicht meine echte Mutter, sondern mir fremd und 
bei Nacht habe ich schlechte Sachen von ihr geträumt." 

Aus dem Verhältnis zum Vater ist auch ihr jetziges Benehmen gegen- 
über ihren vielen Liebhabern zu erklären. „Als sich der erste nach den 
einleitenden Liebkosungen auf mich legen wollte und mich unten be- 
rührte, ergriff mich ein derartiger Ekel, daß ich ihn zurückstieß. Ich 
war so außer mir, daß ich überhaupt nichts anderes merkte. Warum ich 



l ) Damals erfolgte wohl auch die typische Beobachtung des elterlichen Ver- 
kehres. 



296 



nur so einen dummen Ekel hatte? Da fällt mir etwas vom Vater ein Als 
ich noch ein kleines Kind war und bei den Eltern schlief, hat mich der Vater 
hebkost und geküßt. Das war mir ebenso ekelhaft oder noch viel mehr " 
„Das ist wohl nicht das Ursprüngliche, sondern schon Reaktion ur- 
sprünglich war es Ihnen vermutlich sehr lieb." - „Ja. Da muß ich aber 
so ganz klein gewesen sein, daß ich mich nicht erinnern kann. Ich erschließe 
es nur aus dem Ekel und daß wir doch jeden Morgen in das Bett des Vaters 
gingen, ehe wir zur Mutter krochen. Selbst wenn wir den Vater absolut 
nicht hatten mögen wollen und er hätte verlangt, wir sollen zu ihm kommen 
hatten wir ja Mittel und Wege gefunden, erst zur Mutter zu gehen oder über- 
haupt nicht zu ihm. Aber er hat es in einer Weise getan, die unseren Ma- 
soclnsmus sehr befriedigte. Er hat es z. B. derartig befohlen und uns derart 
■ angeschrien, überhaupt, er- ist ein Schuft, unser Vater." - Also Sie 
mußten es schließlich tun und haben es gern getan?" - „Ich kann mich 
nicht erinnern, weiß nur, mein Bruder geht immer mit Zittern und Za-en 
hinein, aber er geht hinein, also muß es ihm doch eine Befriedigung gewähren 
Wenn ich den Bruder heute sehe, wie er nicht gehen will, und dabei doch 
geht, so erinnert mich das sehr lebhaft an die Schwester, die aus dem Bade 
hatte davonlaufen können, es aber doch nicht tat, und an mich die 
nicht zum Liebhaber gehen wollte und Schritt für Schritt hingezogen würfe " 
„Zum Erlebnis mit meinem ersten Liebhaber ist mir gestern noch 
folgendes eingefallen: Ich erzählte Ihnen schon, daß ich, solange ich das 
jüngste Kind war, immer bei den Eltern schlief und später jeden Sonntag 
Morgen zu den Eltern ins Bett kam, erst beim Vater und dann bei de? 
Mutter lag. Damals muß zwischen Vater und mir eine ähnliche Situation 
gewesen sein wie später zwischen mir und dem Liebhaber. Ich erinnere 
mich absolut an nichts Positives, aber, als mir einfiel, daß hier ein Zu- 
sammenhang bestehen könnte, erfolgte eine komische Gefühlsreaktion 
ich war plötzlich so erregt, wie wenn ich bei meinem Liebhaber gewesen 
wäre. Daß solche Reaktionen aus einem rein gedanklichen Schluß ge- 
kommen sind, ist mir noch nicht begegnet." - - „Da dürfen wir wohl an- 
nehmen, daß Sie auch bei Ihrem Vater die gleichen sexuellen Gefühle 
hatten, wenn Sie bei ihm im Bette lagen ?" - „Ich bilde diesen Zusammen- 
hang rein verstandesgemäß. Wenn ich einen Schluß zog von dem, was in 
der Nacht au der Wiese mit dem Liebhaber passiert ist, auf das, was vorher 
m der Nacht beim Vater geschehen sein wird, so hat mich das gefühlsmäßig 
sehr befriedigt und eben diese Reaktion in mir ausgelöst. Dann noch etwas 
höchst Sonderbares vom selben Abend, aber vorher. Mein Verhältnis zum- 
Vater wird merke ich, langsam ganz anders. Früher hätte ich ihn nicht 
angerührt. Wenn er mich mit dem Finger berührte, reagierte ich genau wie 
wenn er mich küßte, als ich bei ihm im Bette lag. Ihn selber hätte ich nur 
angerührt, wenn es unbedingt hätte sein müssen. Und gestern, als ich zum 
Spaß die Großmutter an den Ohren zupfte und streichelte, worüber er böse 
wurde, sagte ich ihm: ,Du bist bloß eifersüchtig, ich werde es Dir auch 
machen!« was ich dann auch ausführte. Das wäre ich vor der Analyse nicht 
imstande gewesen." 



297 



frall 3. Klinischer Assistent der Psychiatrie an einer deutschen 
Universität, 28 Jahre alt, wünschte von mir wegen Morphinismus, Impo- 
tenz und verschiedener hysterischer Symptome psychoanalytische Behand- 
lung. Aus. dieser zitiere ich nur, was auf seinen Sadismus Bezug hat. 

Dessen verhältnismäßig einfachste Seite ist seine ganz außerordent- 
liche Beißlust. Ein leidenschaftlicher Raucher, zumal von Zigaretten, 
verträgt er doch niemals solche mit Mundstück, sondern zerbeißt das 
letztere sofort. „Im Gymnasium und auch noch an der Universität habe 
ich passioniert Pfeife geraucht, aber die Mundstücke sind alle zerbissen. 
Ich habe geradezu meine überflüssige Energie an ihnen ausgelassen. Meine 
Schwester kaut wieder jeden Bleistift, mit dem sie schreibt, wobei sie 
also .durchsichtig einen Penis beißt. Ich beiße auch oft so lange darauf los, 
bis es mir in den Kiefern schon weh tut, mit Vorliebe auf einen Zahn! 
von dem ich weiß, daß er ein bißchen empfindlich ist, nur damit ich irgendwo 
e : nen Schmerz, mindestens eine intensivere Änderung der Gefühle verspüre." 
Wie man sieht, empfindet der Kranke Vergnügen am eigenen Schmerze, 
das er dann auch anderen zu verschaffen sucht. , .Meine Schwester habe 
ich oft genug in die Wange gebissen als starken Kuß. Auch bei einer geliebten 
Cousine hätte ich es gerne so gemacht, habe mich aber nicht getraut " 
Noch früher liegt das Beißen der mütterlichen Brustwarzen 1 ), das den 
Kastrationssinn des ganzen Symptoms , bis zur konstitutionellen Ver- 
stärkung aufdeckt. Mundstück. Bleistift, Zigarette und Mammilla sind 
natürlich stets nur Symbole des Membrums. Die nämliche konstitutionelle 
Verstärkung verraten auch seine Fieberphantasien sowie verschiedene 
spatere Symptomhandlungen. „Noch vor meinem dritten Lebensjahre - 
das sind meine allerfrühesten Erinnerungen - und bis ins zehnte hinein 
san ich bei Fieber Schlangen, die sich ineinanderwanden, was mich stets 
zum Lachen brachte. Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, wie wenn ich in 
etwas hineinbisse, was nicht zu zerbeißen ist, was zum Hineinbeißen 
ist, aber doch nicht nachgibt, doch hart ist*), so daß ich im unklaren war, 
in was ich eigentlich beiße, und wenn ich drauf losbiß, erwachte ich meist. 
Auch jetzt noch bin ich ein leidenschaftlicher Beißer. Das Abnagen von 
Knochen ,st für m.ch eine Passion, in welcher ich es zu einer gewissen 
Virtuosität gebracht habe. Ich bringe fast alles weg und wenn ich mir 
de Zeit vertreiben will, muß ich immer etwas zum Beißen haben, einen 
Zahnstocher oder Grashalm, auch wenn ich in einer langweiligen Gesell- 
Schaft bin. Hier ist die Gleichsetzung aller länglichen Gegenstände 
(Schlangen, Knochen, Grashalm und Zahnstocher) mit Penis oder Brust- 
warze und die tröstende Kastrationslust wohl ohne weiteres verständlich 
Den Übergang von seinem Beiß-Sadismus zu einer anderen Form 
die die Kastrationslust auf Grundlage verstärkter Urethralerotik zeigt' 
bietet folgende sehr bezeichnende Episode: „Mit drei Jahren wurde ich 

') Über mein Beiragen schrieb mir die Mutter: „Ich kann mich sehr wohl 
erinnern, daß er beim Stillen ungeheuer saugte. Es war fast schmerzhaft." 
*) Erinnerung an die mütterliche Brustwarze. 



298 

von einem Hunde in das Membrum gebissen. Ich habe riesig geschrien, 
doch heilte es ganz von selber. Seit damals empfand ich von Zeit zu Zeit 
,G langer lweh', wie ich es nannte (von .glangerln' = hin- und herpendeln), 
eigentlich ziehende Schmerzen, die ganz von selbst kamen, da ich ein 
kleines Kind war. Ich erinnere mich, einmal lag ich abends im Bette und 
klagte über Schmerzen, die meine Mutter immer für sehr wichtig hielt. 
Man könne nicht wissen, man müsse da sehr acht geben, und hat mir einen 
Ölfleck daraufgelegt. Dieses Weh bekam ich nun" öfter und meine Schwester 
sekkierte mich deshalb sogar: ,Hast Du wieder G langer lweh?'" Als ich 
nun mein Befremden ausdrückte, daß der Hund ihn just in das Membrum 
gebissen, gab er folgende Ergänzung : ,,Ich glaube, ich werde mit meinem; 
Penis herumgespielt haben. Der Hund muß mich ja eigentlich gekannt, 
also muß ich ihn rein mit meinem Penis geneckt haben. Auch biß er keines- 
wegs stark hinein, sondern mehr im Spiele. Trotzdem schrie ich fürchter- 
lich, nur, glaube ich, war da weniger los, als aus großem Schrecken 1 )." 
Wir dürfen nach dieser Erklärung wohl annehmen, daß er geflissentlich 
ins Membrum gebissen sein wollte und dann fürchterlich schrie, teils aus 
Kastrationsangst, beziehungsweise -lust, teils um die besondere Zärt- 
lichkeit der Mutter, die in diesem Punkte ausnehmend besorgt war, zu 
provozieren. Entscheidend aber für sein Verlangen, sich von einem Hunde 
beißen zu lassen, war die Kastrationslust, die hier eine wichtige Wurzel 
zog aus seiner verstärkten Urethralerotik. 

Von dieser führte ich bereits an anderer Stelle aus 2 ), daß sie schon 
in frühester Kindheit entweder Poly- oder Pollakurie setze bis zur In- 
kontinenz, oder anderseits eine Retentio urinae, in dem die Kinder 
mit Vorliebe ihren Harn zurückhalten, weil sowohl die Miktion als deren 
Produkt ganz ungemein lustvoll empfunden wird; daß ferner eine enorm 
frühe Reizbarkeit der corpora cavernosa urethrae vorhanden, zumal bei 
zurückgehaltenem Urin, und infolgedessen Erektionen bereits des Säug- 
lings und des ganz kleinen Knaben zur Tagesordnung zählen; endlich 
daß auch sehr " häufig Parästhesien und Sensationen schmerzhafter Art 
im peripheren Harn- und Geschlechtstrakt auftreten. Diese frühe Harn- 
oder Urethralerotik wird in der Pubertät vorbildlich für die Sexualentwick- 
lung, so daß z. B., wo ehemals Incontinentia urinae bestand, es nunmehr 
zu Pollutionen kommt, zu Spermato-, Urorhoe oder Ejaculatio praecox, 
während wieder die Verwerfung der infantilen Erektionen vonseiten der 
Mutter sich in psychische Impotenz, die Schmerzen in Urethra in ver- 
schiedene Genital- und Harnröhrenneuralgien umsetzen können. 

Auch bei unserem Kranken ist die Tafel überreichlich gedeckt. 
So erzählte die Mutter, daß, wenn sie den Säugling trocken legte, sie öfter 
Gliedsteifungen an ihm wahrnahm. ,,Es kam auch später vor, berichtet 
Patient, ,,daß wenn sie mich an- und auszog, ich Erektionen hatte, deren 
ich mich vor ihr schämte. Ebenso im Bade, wenn sie dabeistand 
und meinen Penis erblickte. Zumal beim Kaltüberschütten am Schlüsse 



') Von der Mutter wird diese Szene und ihre Folgen bestätigt. 
2 ) „Über Urethral-Erotik*', l. c. 



299 

bekam ich gewöhnlich eine Gliedsteifung. Es kommt mir auch vor, daß sie 
öfter, wenn sie schon im Bette lag, mit der Hand über die Decke streifte, 
als wollte sie die Erektion niederlegen. Daran erinnere ich mich deutlich, 
daß, wenn zwischen meinem fünften und zehnten Jahre die Schwester 
sich auf den Bettrand setzte oder gar auf meine Beine, ich öfter Erektionen 
unterdrücken mußte. Ebenso war ich zwischen 16 und 17 wiederholt 
genötigt, direkt vom Tische aufzustehen und ans Fenster zu treten, damit 
niemand die Steifung meines Gliedes sehe." 

Den innigen Zusammenhang mit der Harnerotik, weiter aber auch mit 
der Kastration verraten nachfolgende Bemerkungen des Kranken: ,,Beim 
Urinieren hatte ich auch stets eine Art Status, so daß ich mich auf das 
Klosettbrett stellen und das Membrum hinunterdrücken mußte, damit 
es ins Loch trifft. Sogar heute noch stellen sich beim Urinieren Erektionen 
ein. Hie und da ist auch Samen mit abgegangen. Außerdem hatte ich 
auch noch das Gefühl, jetzt muß ich Wasser lassen, und wenn auch schon 
der Harn fließt, bleibt doch das Gefühl, als wäre noch viel darin und es 
könnte nur ein geringer Teil heraus. Es ist ein gewisses Krampfgefühl 
und, wenn sich das einstellt, kommt auch sehr häufig Sperma nach. Mit 
vier bis sechs Jahren habe ich oft einen fürchterlichen Harndrang be- 
kommen, dem ich absolut Folge leisten mußte. Da verging mir Hören und 
Sehen. Damals habe ich auch zu zittern begonnen und w.ar ganz starr. 
Ich konnte die Beine nicht bewegen, ich muß oft dagestanden haben 
wie eine Bildsäule, die Beine zusammengedrückt und wagte nicht, mich 
zu rühren. Dabei Angstschweiß, Zittern und Bleichsein und die stete 
Furcht : jetzt und jetzt muß ich dem nachgeben. So stand ich eine Zeitlang, 
dann hatte ich es gewissermaßen dadurch unterdrückt und konnte ein 
bißchen gehen. Jetzt mußte ich aber schnell die Blase entleeren und da 
geschah es oft, daß ich nicht rasch genug die Hose öffnen und den Mantel 
wegschieben konnte, so daß es auf beide ging. In Volksschule und Gym- 
nasium hatte ich oft Schmerzen, wie wenn ein Faden der Kleidung in die 
Harnröhre gelangt wäre und bei einer gewissen Bewegung zurückgezogen 
würde. Es war ein eigenartiges, stechendes, schneidendes Gefühl vorn 
in der Urethra, obwohl es natürlich nur eine Parästhesie darstellte. Doch 
immerhin* bestand ein momentaner, ziemlich heftiger Schmerz, der bei 
Lageveränderungen des Penis wiederum wich, welches Weichen des 
Schmerzes dann wohltuend wirkte. Damit scheint mir im Zusammenhang 
zu stehen, daß ich jetzt beim Koitus dann dafe höchste Vergnügen habe, 
wenn ich vor demselben einen heftigen Schmerz empfinde. Mit der 
Ejakulation erfolgt dann die Lösung des letzteren. Nicht selten bekam 
ich auch plötzlich ein starkes Wollustgefühl in membro nebst einem starken 
Zittern daselbst, wie wenn beim Koitus die Ejakulation kommt. Oft stellte 
sich ein förmlicher Klonismus ein, mit oder ohne vorausgegangene Erektion, 
z. B- häufig auf der Gasse, so daß ich dachte, es folge eine Pollution. 
Doch kam es nie zu dieser, nur zu einer Urorhoea ex libidine 1 )." 

l ) Auf seine übrigen urethralerotischen Symptome, wie Retention des Urins 
von Jugend auf bis zum heutigen Tage, Spermatorrhoe, Ejaculatio praecox etc. will 
ich hier nicht eingehen. 



300 



Wir vernahmen vorhin die merkwürdige Tatsache, daß unserem 
Kranken der Koitus erst dann das intensivste Vergnügen schuf, wenn er 
vor dem Ergüsse einen heftigen Schmerz empfunden hatte. Das wird 
verständlich, wenn wir an die passive Kastrationslust denken und uns. 
erinnern, daß. Schmerzen in Urethra als solche der Entmannung gedeutet 
werden. Umgekehrt wieder ist die Lust, seinem Mädchen Schmerz zuzu- 
fügen, nichts anderes als aktive Kastrationslust. Nach dreiwöchiger 
Behandlung kam dann die im zweiten Abschnitt geschilderte Episode, 
wo der Kranke freudestrahlend zu mir kam, weil er nach einem Koitus 
einen halben Tag lang Schmerzen empfunden hatte. Als Ergänzung 
fügte er noch hinzu: „Eigentlich ist mein einziges "Reizmittel bei einer 
Dirne das Bewußtsein, wenn ich recht heftig in sie hineinkoitiere, so muß 
auch sie eine Art von Schmerz dabei empfinden. Das ist ganz allgemein 
der Höhepunkt meines Genusses, wenn es so anfängt zu schmerzen. 
Bei einem besseren Mädchen hat man das Bewußtsein, daß es sie eine 
Art Überwindung kostet, es ist gleichsam ein psychischer Schmerz, sie 
muß nachgeben und e sich gefallen lassen. Bei einer Prostituierten, 
wo man das nicht annehmen kann, macht höchstens eine recht starke 
Erektion, die sie spürt, Eindruck. So eine erzählte mir einst von einem 
starken Herrn, der ihr fast den Unterleib durchbohrte; das wäre mein 
Ideal gewesen. Ich war direkt eifersüchtig, daß einer existiert, der noch 
stärker ist als ich und eine Dirne verletzen kann durch die Gewalt seines 
Gliedes. Ich bin geradezu neidisch geworden." 

Der Kastrationsgedanke, das Mädchen empfinde beim Koitus 
Schmerz, war für ihn beinahe conditio sine qua non. Denn als er noch 
während der ersten Analyse eine Geliebte fand, die sich ihm nach monate- 
langer Werbung schließlich aus vollem Herzen ergab und bei der Deflo- 
ration auch gar nicht wehrte, ja, geflissentlich jede Schmerzäußerung 
unterdrückte, blieb ihm fast jegliche Wohllust aus. Eine Dirne hingegen, 
die er bald darauf brauchte und welche, seine Eigenart erkennend, die 
Pein der Überwältigung geschickt markierte, erregte ihn heftig, obwohl 
er natürlich das Spiel durchschaute. Und er war genötigt, um bei der 
Geliebten potentzu sein, sich vorzustellen, daß sie psychisch leide. ,,Bei 
der Dirne spielte übrigens auch das Bewußtsein mit, daß ich ihrtlurch den 
Koitus gewissermaßen meine Verachtung ausdrückte. Sie ist rein dazu da, 
meine Lust zu befriedigen. Ja, eigentlich ist durch diese Vorstellung 
erst wieder meine Potenz erwacht. Noch eins gefiel mir bei dieser Pro- 
stituierten: sie sprach nicht und sah mich auch beim Akte nicht an und 
dies war das Richtige. Wenn eine in solcher Lage zu sprechen beginnt, 
wie z. B. später meine Braut, so ist das ein Zeichen, daß sie in keiner 
leidenden Lage ist, es kommt mir zu resolut von ihr vor. Mein Ideal wäre, 
daß sie sich gewissermaßen fürchtet und seufzt oder Zeichen der Klage 
gibt, so wie jene Dirne, die beim Koitus immer schnaufte und ächzte. Bei 
meiner Braut hatte ich solange starke Erektion, als sie mir den Koitus 
weigerte. Da sie sich endüch bereit erklärte, war ich durch ihr Verhalten 
anfangs impotent. Es gelang mir schließlich durch folgende Veranstaltung: 
ich stellte mir vor, daß sie quasi Versuchskaninchen sei. Sie müsse gleichsam 



301 



dazu herhalten, daß ich me'ne Lust auf irgendeine Weise befriedige ob 
sie dabei Vergnügen empfinde oder nicht. Infolgedessen kam sie "mir 
vor wie meine Sklavin. Vorher hatte ich ihr aufgetragen, stillzuhalten 
wodurch mein Ideal vorgetäuscht wurde: ein Weib, das gezwungen ist 
zu einem Sexualakte. Förderlich war noch, daß ich die ersten paar Male 
mich nicht getraut hatte, meinen Penis vor ihr sehen zu lassen und 
plötzlich habe ich mich getraut. Und während er größer wurde, dachte 
ich mir, das muß auf sie einen sozusagen erschreckenden Eindruck machen 
und bei ihrem schwächlichen und grazilen Bau sein Eindringen für sie mit 
einer bedeutenden Anstrengung verbunden sein. Und wenn sie am Ende 
dann und wann auch noch wirklich seufzte oder stöhnte, stieg mein Genuß 
auf den Gipfel." 

Nun noch ein paar Formen seines Sadismus. „Schon mit fünf 
sechs Jahren hatte ich Phantasien merkwürdiger Art. Ich stellte mir alle 
jüngeren (etwa 20jährigen) Mädel meines Geburtsortes vor, ganz nackt 
und mit einem Stricke umfaßt und dann zog ich eine oder die andere 
mit diesem Stricke 1 ). Ausgelöst dürfte dies worden sein durch das berühmte 
Bild, wo ein schönes Weib mit Stricken an einen Pfahl angebunden ist 
Als ich dies Bild mit fünf, sechs Jahren gemeinsam mit meiner Schwester 
sah. fürchtete ich schon damals, sie könne mir ansehen, wie geil mich das 
mache. Dann habe ich Miederdamen gesammelt aus der , Modenwelt ' 
Da hat mich auch die Art Fesselung angezogen, der diese Damen unter- 
lagem Naturlich, werde ich auch oft die Mutter gesehen haben, wie sie 
sich das Korsett zuschnürte." - - „Hatten Sie vielleicht das Verlangen ihr 
dabei zu helfen?" _-j ja, das mag schon sein. Vielleicht, weil ich oft sah. 

Z^TZt'tr * MlGder , SChnÜrte ' daß ich darum die P1 «Ätasie ^tte. 
mehrere nackte Frauen wurden mit einem Strick zusammengebunden. Dann 

Z ^J^nT^Vt- T iC , h Mutt6r die Hände'zusammenhiel 

daß cl hr voThS^ , , n ' Cht TÜhT " n - ÄUch weiß ich g™ z bestimmt, 
daß ich ihr von der Seite herumgegriffen und sie festgehalten habe indem 

ich ihr von vorne und von hinten die Arme um den Leib schlang" - lZ 
Fesselung aus Liebe." - , J a . Übrigens merke ich auch jetzt noch wenn ich 
ein Madchen, wie meine Braut, besonders Rtart „™ a mu* 
presse, bekomme ich eine Erektion " ?* M, " e Zusammen - 

„Mit 15, 16 Jahren dachte ich bei erwachsenen Frauen, zumal der 
lante, wenn ich nur in die Lage käme, sie auf eine unverfängliche Art. 
die meine Geilheit nicht verrät, quälen oder umschlingen zu können. Zur 
selben Zeit phantasierte ich auch oft, daß ich eine Sterbende oder K ar 
Tote koitiere. Da wäre ich doch ganz sicher gewesen, nicht verraten zu 
werden. Sie ist doch stumm und tot und sieht meine Geilheit nicht Ich kann 
mit ihr machen, was ich will.*) Ebenso hätte ich bei anderen weiblichen 
Personen getan, die in einem Zustand sind, wo man ihnen gleichsam zu 

*) Später erzählt er die Phantasie in einer etwas anderen Version. Er habe 
die Madchen zusammengebunden und nachgeschleppt wie Sklaven, gleichsam" zur 
Züchtigung. „Mir kommt dies auch wie eine Reaktion oder Rache vor, weil sie mich 
nicht gehätschelt haben." Die wahren Gründe werden wir später erfahren. 
) Das eine Wurzel für Nekrophilie und Leichenschändung. 






302 

Hilfe kommt. Sagen wir: sie sind geknebelt und ich fände sie so oder 
bewußtlos liegend. Und dann beschäftigte ich mich auch sehr in der 
Phantasie, eine aus dem Wasser zu ziehen oder aus dem Feuer zu retten. 
Daß dabei das Sexuelle nicht hervorleuchtet, war der Hauptgrund. Später 
an der Klinik kamen gynäkologische Untersuchungen an die Reihe, 
wo die Patientin ja auch nicht denkt, daß man seine Libido dabei befriedigt. 
Auch für Hexenprozesse hatte ich immer sehr großes Interesse. Da wird 
ja auch die Frau gemartert, ohne zu wissen, daß dies einen sexuellen 
Hintergrund hat. Immer möchte ich durch Grausamkeit das Sexuelle 
verdecken. Ich möchte grausam sein, damit sie nicht merkt, es geschehe 
aus Sinnlichkeit. Dazu eignet sich besonders das Verbrecherische. Fen- 
sterin allein hätte mir nicht imponiert, wohl aber als Verbrecher bei einem 
Mädchen eindringen, sie fesseln, fortschleppen und vergewaltigen." 

„Ob nicht die Ursache all dieser Phantasien ist, daß ich die Mutter 
einmal so daliegen sah und sexuelle Wünsche auf sie hatte? Das würde 
ja erklären, warum ich meine Libido immer verbergen will. Die durfte 
ja die Mutter nicht durchschauen. Als Kind von vier bis fünf Jahren 
habe ich oft gedacht, warum sie doch nie krank wird und sich niederlegt 
wie Tante und andere. Ich hatte geradezu den Wunsch, wenn sie nur einmal 
krank würde, daß sie sich nicht bewegen und ich mit ihr sexuell alles machen 
könnte, was ich wollte. Ich weiß, es war meine liebste Beschäftigung, hin 
und her zu denken, wie ich einmal meine Befriedigung bekommen und 
irgend etwas • Sexuelles an Tante oder Mutter tun könnte. Da habe 
ich die längste' Zeit herumphantasiert und tue das auch heute noch. 
Vielleicht ist dies sogar der Ursprung, daß ich meine Mutter gern hätte 
sterben lassen, was sich später in die Zwangsfurcht umsetzte, sie könnte 
leicht sterben. Auch die passive Rolle fehlt mir nicht, das Verlangen 
in meinen Phantasien, die Mutter solle mich selber in wehrlosem Zustande 
gebrauchen, z. B. mein Membrum bei sich einführen, während ich schlafe. 
Wahrscheinlich produzierte ich auch deswegen immer das Glangerlweh, 
damit die Mutter sich liebevoll mit meinem Penis beschäftige, und auch 
die eigenartigen Schmerzen in den Beinen. Ob die Empfindung in der letz- 
teren nicht auf das Eingeschnürt werden in die Fatschen zurückgeht, 
wo ich ja auch ganz wehrlos war? Wenn die Beinschmerzen da sind, 
ist es, als dürfte ich mich nicht rühren." 

Wir stehen hier vor einer weiteren Wurzel des Sado-Masochismus, der 
verstärkten Haut- und Muskelerotik, während das entsprechende Zeremoniell 
bedingt wird durch die Erlebnisse einer frühen Kindheit, ja, direkt des Säug- 
lings. Nun noch einige Details: „Oft denke ich mir, wenn ich meine Braut 
gleich hinschleifen könnte auf einen Diwan und die Geschichte ganz brutal 
abmachen, dann wäre ich sofort potent. Auch habe ich das häufig als 
Kunstkniff geübt, daß ich ihr die Brüste stark kniff, bis sie Schmerzen 
äußerte. Es ist hochbezeichnend, im Augenblick, wo man einem Mädchen 
Schmerz bereitet, hat sie einen viel lieber, küßt sie leidenschaftlicher und 
wird viel inniger. Bei mir verdeckt und ersetzt das gewissermaßen das Fiasko 
beim Koitus. Sowie man ihr einmal wehe tut, erwacht erst die Liebe." 

Zum Schlüsse noch ein paar Äußerungen, die die Rolle der Haut- 
und Muskelerotik ins .hellste Licht stellen: „Auch das scheint mir wichtig: 



>■ 



■JOS 

wenn ich meine Kräfte entfalten und mit der Schwester raufen wollte, 
hat mich meine Mutter zurückgerissen. 1 ) Ich wäre auch ein passionierter 
Turner geworden, hätte ich nicht das Gefühl gehabt, ich darf keiner sein. 
Ich habe die Lust an den Bewegungen verloren und das Turnen als etwas 
Minderwertiges angesehen, weil es nichts Geistiges ist, und dadurch ward 
ich auch ein schlechter Turner. Weiter erduldete ich auch Hiebe von 
meinen Kollegen, ohne sie zurückzugeben. Ich habe mich dann gleichsam 
selbst damit entschuldigt, ich sei kein Mensch, der herumschlägt und -haut. 
Das war schließlich auch im Sinne meiner Mutter und erst jetzt, da ich mich 
eigentlich gesünder fühle, empfinde ich das Bedürfnis, irgend etwas zu 
tun, z. B. über einen Zaun zu springen. Es kommt mir vor, was jetzt noch 
an Schüchternheit in mir ist, hängt dahiit zusammen, daß ich früher 
nicht schlagen und nicht raufen durfte nach Belieben und Verlangen 
und auch im Gymnasium stets daran denken sollte, daß meine Mutter 
Schulgeld zahlen muß. Und ich hätte oft so gern mitgeholfen beim Raufen 
und war auch hin und wieder dabei und einmal mußte ich es mit Karzer 
büßen und fürchterlichen Szenen von der Mutter. Dazu sagte sie noch: 
Du bist halt der Dumme und fällst hinein, die anderen sind viel gescheiter !'„ 
was mein Insuffizienzgefühl noch erheblich verstärkte." 



Fall 4. 23jährige Hysterica, ,, süßes Mädel". Trat mit einem Heer 
von hysterischen Beschwerden, welche ich hier nur gelegentlich streife, 
in psychoanalytische Behandlung. Während dieser stellte sich bald heraus, 
daß jenes so überaus lüsterne Mädchen, das eine Legion von Männer- 
verhältnissen hinter sich hatte, eigentlich viel stärker homosexuell empfand. 
Von sonstigen Besonderheiten ihres Falles hebe ich noch hervor, daß 
sie gleich ihrer Mutter an Nachtwandeln und Mondsucht litt. 

Zur Ätiologie ihres Sado-Masochismus wäre anzuführen, daß diese 
Perversion in ihrer Familie, namentlich mütterlicherseits, zu Hause ist. ' 
Der Großvater war ein arger Potator und Epileptiker, der, sonst seelengut, 
sich im Zustand der Trunkenheit durch Grausamkeit und Lust am Prügeln 
auszeichnete. Diese beiden letzteren Eigenschaften erbte seine Tochter, 
die Mutter unserer Kranken, die dieser gegenüber, schon da sie noch Kind 
war, oft aus einem ganz minimalen Anlaß eine Härte und Grausamkeit 
entwickelte, ,,wie man sie selten finden dürfte. Wenn sie etwas mehr gereizt 
war, war sie kaum mehr zu erkennen, so entstellte der maßlose Zorn ihre 
Züge. Sie war wie ein Mensch, der der Vernunft beraubt ist", und drohte 
ihrer Tochter oft, sie zu erwürgen. Anderseits verrauchte ihr Zorn aber 
auch bald und, wenn die Kleine um Verzeihung gebeten hatte, konnte 
die Mutter doppelt zärtlich werden. Ihre beiden Söhne zeigten stark sadi- 
stische Züge und können noch heute „roh bis zum Exzeß sein". Der ältere 



*) Dies bestätigte mir die Mutter mündlich: ,, Vielleicht bin auch ich schuld 
an seinem Sadismus. Seine Stiefschwester ist überaus empfindlich und nervös. Darum 
hielt ich den Buben stets zurück. ,Ich bitte dich, tu' ihr nichts, laß sie gehn, tu's mir 
zuliebe !' und das war schlecht. Er konnte sich nicht austoben wie andere Buben, 
die sich mit ihren Geschwistern prügeln." 



304 

war furchtbar jähzornig und gewalttätig, würgte seine Geschwister nicht 
selten, bis sie blau wurden, und schlug, wenn er in Wut geriet, was bei dem 
geringsten Anlaß geschah, alles kurz und klein. Wenn die Mutter ihn prü- 
gelte, gab es oft die fürchterlichsten Szenen. Der jüngere hatte als Kind 
eine wahrhaft diabolische Lust, alles zu zerstören und zu demolieren, z. B 
auch auf die Puppen seiner Schwester mit Messer und Schere loszustechen. 
Wie sehr das Beispiel der Mutter auf die Patientin fortwirkte, beweist, 
daß sie auch späterhin nur solche Menschen wirklich lieben konnte, die 
wenigstens bis zu einem gewissen Grade grausam waren. „Dann erst 
vermochte ich für eine solche Person Liebe zu empfinden, gleichgültig ob 
sie Mann oder Weib. Dieses muß in meiner Phantasie stets voll Tatkraft 
sein und je rauher so eine Natur im Verkehre ist, desto größer meine Be- 
wunderung und Verehrung. Die" Liebe eines solchen Mädchens zu erringen 
erweckt die größte Wollust in mir. Während man aber selten Mädchen 
findet, die sich mit der Liebe eines sie anschmachtenden Weibes zufrieden- 
geben, findet man oft bei einem Manne, der ja meist von Natur aus rauher 
und energischer ist, manche weibliche Eigenschaften, wie z. B. schneeweiße 
Haut oder etwas rundliche, volle Formen. Dies vereint mit Energie versetzte 
mich später in höchste Wollust und ließ mich den größten Geschlechts - 
genuß finden, von dem ich bis dahin stets nur gehört hatte, ohne ihn 
jemals für möglich zu halten. Von einem solchen Manne könnte man dann 
die größten Qualen, die ärgsten Beleidigungen erdulden, auch wenn man 
sonst noch so empfindlich ist. Sie trügen nur dazu bei, die Lust in enormem 
Maße zu erhöhen. Ich bin der Meinung, es gibt keinen höheren und größeren 
Genuß, als von einem Manne, der mich kurz vorher gepeinigt, gequält und 
geschlagen hat, Liebe zu empfangen." 

Sehr f ruh schon zeigte sich bei ihr eine mächtige Lust am Geschlagen- 
werden. So berichtete sie in der Analyse: ,,Wenn ich als kleines Kind 
schlimm oder unfolgsam war, so bekam ich Schläge von der Mutter meist 
mit der Rute auf das nackte Gesäß. Dies erzeugte mir immer große Lust, 
wozu die Entblößung wohl auch viel beitrug. Je mehr ich heulte und schrie, 
desto mehr schlug mich die Mutter und mein eigenes Geschrei machte 
mir die größte Lust. Ich stellte mir immer vor, ich sei derjenige, der schlägt 
und das Jammern und Weinen der von mir geschlagenen Person regte 
mich so auf, daß mir meine eigene Stimme fremd, wie die eines anderen 
vorkam und ich auch keine Schläge spürte. Diese Lust am Geschlagenwerden 
dürfte auf meine allerfrüheste Kindheit zurückgehen. Mutter hebte es 
nämlich, mir die Kleidchen aufzuheben und mich aus Zärtlichkeit etwas am 
Popo zu schlagen. Auch streichelte und küßte sie mich dort sehr gern, 
was in mir immer große Lust weckte, besonders das Küssen. Dies kitzelte 
mich vorn und rückwärts und erregte mich sexuell, so daß ich immer 
zu laufen begann." 

„Auch das eigene Schlagen reizte mich sehr und erzeugte mir Lust. 
So erinnere ich mich deutlich, daß ich etwa mit zwei Jahren anfing, auch 
die Mutter zu schlagen. Ich sehe sie beim Wäschekasten stehen, wo sie 
Wäsche für den Vater herrichtet, und es erwacht das Verlangen in mir, ein- 
mal auch sie zu schlagen, wie sie es sonst mir tat. Ich gehe hin, spanne ihr 






i. 






305 

■die Röcke über dem Gesäß, wie es Vater machte, wenn er die Brüder 
prügelte, und fange an, fest zu schlagen. Ich plage mich, soviel ich kann, 
werde dabei im Gesichte vor Anstrengung hochrot und schlage immer 
heftiger zu, um so mehr als Mutter tut, als ob sie weine, was meine Lust 
noch erhöht. Da auf einmal muß ich abbrechen, meine Arme fallen kraftlos 
herunter, ich bin außerstande, sie vor Schmerz und Müdigkeit nochmals 
zu heben. Doch nur für kurze Zeit, dann gehe ich über meine Puppe, der ich 
auch erst die Kleidchen aufhebe, ehe ich sie prügle. Ihr Heulen und Schreien 
führe ich natürlich selber auf, während ich beständig zuhaue. Die nächste 
Person, die ich oft schlug, war unsere alte Bedienerin, die lange vor meiner 
Geburt schon immer ins Haus kam und an die ich mich hielt, wenn Mutter, 
wie so häufig, mit Bluthusten lag. Diese Bedienerin durfte ich nach Herzens- 
lust hauen. Auch sie weinte und lamentierte zum Steinerweichen und ich 
drosch auch hier wieder fort, bis meine Arme ermüdet herunterfielen. 
Täglich hatte sie über Auftrag der Mutter mir eine kleine Bäckerei vom 
Einkaufen mitzubringen. Wehe, wenn sie dies einmal vergaß! Ich wartete 
schon bei der Tür auf sie. Hatte sie die Bäckerei angeblich vergessen, 
was aber m Wirklichkeit niemals geschah, dann spannte ich ihr ebenfalls 
die Röcke und schlug, so fest und so lang ich konnte. Sie weinte und 
lamentierte genau wie die Mutter, und wenn ich vor Erschöpfung endlich 
aufhören mußte, dann drehte sie sich um und gab mir lächelnd die Bäckerei. 
Als sie es mir einige Male so gemacht hatte, fragte ich sie gar nicht mehr 
nach der Bäckerei, sondern fing sofort zu schlagen an. Ich glaube, daß 
ich mich mehr- auf das Schlagen als auf die Bäckerei gefreut habe."' Aus 
dieser Schilderung ist zu ersehen, daß die »Kranke sich zunächst mit dem 
Vater identifizierte, der die Brüder verhaut, daß sie ferner jenes Lust- 
gefühl, welches sie ursprünglich selber empfand an der Haut der Nates, 
dann auch der geliebten Mutter gönnte, sowie ihrer Vertreterin, der Be- 
dienerin, wozu noch endlich ihre mächtige Muskelerotik kam. Daß 
diese stark im Spiel ist, erhellt auch daraus, daß die Kranke in ihrer Pubertät 
von einer hysterischen Lähmung des rechten Armes befallen wurde, welche 
einzig die am Schlagen beteiligten Muskeln erfaßte. 

„Als zwei- bis dreijähriges Kind, da ich nachts zwischen meinen 
Eltern lag, schlug ich mit Händen und Füßen herum, sie beide treffend. 
Ich tat dies vollkommen bewußt, doch mit geschlossenen Augen, so daß 
die Eltern meinten, ich mache dies im Schlafe und mich darum entschul- 
digten. Als ich dann mit sieben Jahren zusammen mit meiner 13jährigen 
Schwester lag, schlug ich auch diese fortwährend mit Händen und Füßen, 
aber nun wirklich im Schlafe. Schließlich hielt es die Schwester nicht mehr 
neben mir aus und ich wurde nachts zur Mutter gelegt, bei der ich das 
nämliche Treiben wiederholte. Dies währte bis zu meinem 16. Jahre, 
bis ich zu Männern in Beziehung trat. Mein Verhalten zu Schwester und 
Mutter rührt wohl daher, daß ich auch bei Tage unbewußt die nämlichen 
Wünsche hatte, die ich dann nachts im Schlafe ausführte, weil man für 
das, was man bewußtlos tut, nicht zur Verantwortung gezogen werden kann." 
Man sieht, das Schlagen der Angehörigen entspricht einem Sexualakt mit 
diesen. 

Sa dg er, Geschlecktsverinungen . 20 



:W6 



Als Mädel von neun bis zehn Jahren schleppte .sie sich lange Zeit 
mit ganz kleinen Kindern herum, die sie trotz ihrer Schwächlichkeit auf 
den Armen trug, doch nur um mit ihnen genau das nämliche treiben zu 
können, was seinerzeit die Mutter mit ihr getan. Auch sie mimt also in 
ihrer Perversion die eigene Mutter. „Ich spielte z. B. mit einem eineinhalb- 
jährigen Buben, hob ihm das Kleidchen auf, begeilte mich an seinem 
Fleische, schlug ihn öfter auf den Popo und liebkoste ihn dann um so mehr. 
Nur konnte ich ihn leider nicht viel schlagen, da ich von den Eltern des 
Knaben viel überwacht wurde." Andere Untaten, die sie mit Kindern 
beging, werde ich später erzählen. 

„Der jüngere meiner beiden Brüder, der, offenbar auch selbst stark 
sadistisch ist, fand seinen größten Genuß darin, mich zu quälen und mir 
alle Spielereien zu ruinieren. Er bekam dann oft so fürchterliche Prügel 
von der Mutter, daß ich glaubte, er werde nicht mehr aufstehen. Ich aber 
empfand dabei heftige Lust, besonders wenn er die Schläge auf den nackten 
Popo bekam und furchtbar schrie. Hinterdrein tat ich, als bedauerte ich 
ihn, ja, weinte sogar mit, um ihm so meine Liebe zu bezeigen. Im Innern 
aber wünschte ich ihm noch viel mehr Prügel. Mein Genuß wurde vermehrt, 
wenn er die Schläge auf meine Anklage hin bekam, was er freilich nicht 
wußte. Dann ließ ich mir die Striemen an seinem Gesäß zeigen, die ich dann 
küßte, fing an, ihn zu liebkosen und verleitete ihn zu sexuellen Spielereien, 
die mir den höchsten Genuß bereiteten, so daß ich sogar unten ein Sekret . 
auspreßte. Übrigens zahlte mir mein Bruder mit Gleichem, verklagte auch 
mich heimlich bei der Mutter und weidete sich dann an den Schlägen, die 
ich kriegte." Hier haben wir neben der sexuellen Schaulust zum ersten Male 
etwas, das später im. Zusammenhang abgehandelt werden soll: die Lust an 
der Grausamkeit, so daß das Vergnügen unserer Patientin desto höher 
stieg, je größer das Leiden des geliebten Partners. 

Ehe ich auf diese und den Blutsadismus näher eingehe, will ich 
vorerst die ganz enorme Haut-, Schleimhaut- und Muskelerotik der Kranken 
besprechen. Nichts tat sie so gern, schon als ganz kleines Kind, denn sich 
an den nackten, molligen Leib ihrer Mutter anschmiegen. Wenn diese gut 
aufgelegt war, durfte sie zu ihr unter das Federbett schlüpfen und sich an 
sie anpressen, deren volle Formen es ihr angetan hatten. „Das war kein 
Anschmiegen mehr, meint die Patientin, „sondern ein förmliches Anwinden. 
Ich suchte mich ihrem ganzen Körper durch Winden anzupassen. Der erste 
Mann, mit dem ich später als Sechzehnjährige zusammenlag, sagte mir 
auch: ,Du windest dich an meinen Körper wie eine Schlange!' Ohne mir 
dessen bewußt zu werden, suchte ich aber an seinem Körper nur den Leib 
der Mutter und fand volle Befriedigung in bloßem Anpressen und Küssen, 
so wie bei dieser, während ich den Koitus damals noch nicht zuließ." Auch 
weiterhin kam es noch öfter vor, daß sie einem Manne den Beischlaf 
wehrte, dafür aber sich mit größter Leidenschaft an seinen nackten Körper 
anpreßte. Da sie ein Schulmädel war und sogar noch früher, schützte sie 
allerlei Beschwerden vor, um von der Mutter ins Bett genommen zu werden. 
Als ganz kleines Kind will sie endlich, wenn diese sie auf dem Arme trug, 
ihren Kopf fest an deren Brust gepreßt haben, während die gespreizten 



307 

Finger ihrer Hände die zweite Brust der Mutter zu umfassen suchten ,,in 
unendlicher Wollust". Wie stark hiebei ihr Vergnügen gewesen, erhellt 
auch daraus, daß selbst organisch begründete Leiden, wie Zahnschmerzen, 
aufhörten, sobald sie von der Mutter so getragen wurde. Auch wenn sie 
auf deren Schöße saß, machte sie sich besonders gern mit ihren Brüsten zu 
schaffen oder knöpfte ihr die Bluse auf, um hineinzufahren. Nächst den 
Mammae waren es vor allem die Nates ihrer Mutter, die sie besonders 
leidenschaftlich drückte. 

Neben einer in der Schule sich unliebsam bemerkbar machenden 
Incontinentia urinae litt sie auch' sehr lange an Enuresis nocturna. Ferner 
bestand eine besondere Lust am Jammern und Schreien, wenn sie oder 
andere Prügel bekamen, wie wir bereits oben vernommen haben. Später 
pflegte sie beim Koitus in höchster Lust zu winseln. „Wenn ich mich an der 
Mutter erregte, so preßte ich immer zwischen meinen Beinen entweder 
ihren Schenkel oder als ganz kleines Kind ihre Hand. Später gab ich dann 
meine eigene Hand zwischen die Beine. Immer, wenn ich fest zusammen- 
preßte, kam unten eine Flüssigkeit heraus; dabei bestand stets ein 
Drang zum Urinieren, der sich auch nachts im Schlaf einstellte, wenn ich 
von jenen Szenen träumte." Eine ähnliche Miterregung der Urethralerotik 
erfolgte endlich später, als sie jene onanistischeir Akte mit dem Bruder 
fortsetzte. 

Ihre Muskelerotik verriet sich sehr früh in einer intensiven Lust am ' 
Tanzen.. Als sie vier Jahre zählte, gab es zu Hause ein Fest, an dessen 
Schlüsse ein Tänzchen arrangiert wurde. „Ohne es je gelernt zu haben, 
fing ich im Walzerschritt Solo zu tanzen an, was mir allgemeinen Beifall 
erwarb. Dann tanzte ich mit meinem Bruder, wobei es jedermann auffiel, 
daß ich unbewußterweise den Herrn beim Tanze machte. Die Eltern waren 
über meine unerwartete Geschicklichkeit hoch erfreut und besonders Vater 
konnte sich nicht satt sehen. Als wir bald darauf ein Ariston bekamen, 
begann ich zu dessen Klängen immer zu tanzen, wobei ich wieder die alte 
unendliche Wollust verspürte. Meine Augen glänzten, meine Wangen 
wurden hochrot, wie immer, wenn ich sexuell sehr erregt war. War ich mit 
dem Tanze fertig, dann stürzte ich auf den Schoß der Mutter, mich fest an 
ihre Brust pressend. Angeblich war es Müdigkeit, in Wahrheit aber die höchste 
Wollust infolge der schwindelnden Bewegung, die mich in ihre Arme trieb. 
Dieselben schwingenden Bewegungen wie beim Tanzen habe ich auch 
verspürt, wenn Mutter mich als kleines Kind einschläferte. Auch mit 
zehn Jahren gab es eine Epoche, wo ich, ohne es je gelernt zu haben, die 
schwierigsten Tänze mit den Großen tanzte. Nach Vaters Tode drang ich 
in die Mutter, mich zur Tänzerin ausbilden zu lassen, was aber an unserer 
Armut scheiterte. Später wurde ich dann eine ganz leidenschaftliche 
Tänzerin auf kleinen Kränzchen." 

Nun zum Blutsadismus. Für diesen sind hier zwei Ursprünge nach- 
weisbar. Zunächst die mächtig gesteigerte Vaginalerotik, die ad menstrua- 
tionem besonders wollüstig angeregt ward und bei unserer Kranken sehr 
früh zu maßlosem Masturbieren und später zu einem zuchtlosen Leben ver- 
leitete. Zum zweiten dann ihre konstitutionell erhöhte Munderotik, die zu 

20* 



308 

extremer Beiß- und Sauglust führte. Patientin soll, wie ihre Mutter heute 
noch erzählt, so häufig und stark an deren Brüsten gesogen haben, daß sie 
ihr, die ohnehin an Haemoptoe litt, angeblich „das Blut durch das Saugen 
herbeizog." Die Kranke behauptet, einmal mit sechs Monaten direkt Blut 
statt Milch in den Mund bekommen zu haben, was nach der Verdrängung 
die tiefste Wurzel ihres späteren hysterischen Erbrechens geworden. Soviel 
bestätigt auch die Mutter, daß sie die Kleine mit sechs Monaten wegen 
Blutungen aus der Lunge absetzen mußte. „Um mir den Übergang zu er- 
leichtern, durfte ich, als sie wieder wohl war, etwas und ganz leicht an ihrer 
Brust saugen und obendrein dort mit ihren Händen spielen. Später so 
zwischen «ein und zwei Jahren fing ich an sie in die Brust zu beißen und zu 
zwicken. Ich wollte ihr weh tun und vielleicht unbewußt Blut durch eine 
Verletzung wieder herbeiziehen 1 ). Saß ich auf ihrem Schoß, so riß ich ihr 
rasch die Bluse auf und biß sie in die Brust. Anfangs lamentierte und weinte 
sie im Scherz, als hätte ich ihr weh getan. Ich fuhr nun jedesmal auf ihre 
Brust los, daß sie sich meiner kaum erwehren konnte, biß, kratzte und 
schlug, und wenn sie dann die Hand vors Gesicht gab und tat, als ob sie 
weinte, empfand ich die allergrößte Wollust. Erst zum Schlüsse fing sie 
laut zu lachen an, was eine Wurzel wurde für meine Verstellung mein ganzes 
Leben lang. Ich konnte lamentieren und weinen, um dann im nächsten 
Augenblicke aufzulachen." 

Dann erinnert sie eine sehr frühe Episode. Mutter klagte immer, ehe 
der Bluthusten kam, über süßlichen Geschmack im Munde, große Angst- 
zustände und starkes Würgen im Halse. Einmal, mit zirka zwei Jahren, 
saß ich nun auf ihrem Schoß und plagte mich gerade, die Knöpfe ihrer 
Bluse zu öffnen, was mich schon sehr erregte, als sie plötzlich sich zu 
räuspern begann und ich auf ihren Lippen Blut erblickte. Dies übte in 
meinem erregten Zustand einen unendlichen Reiz auf mich aus. Ich griff 
nach ihren Lippen, um dann die Finger abzulecken. Eben wollte ich das 
Blut zum Munde führen, als sich die Mutter nochmals räusperte und nun 
viel Blut kam. Mutter mußte rasch ins Bett und durfte sich nicht bewegen. 
Ich aber stand bei ihr und wartete sehnsüchtig, ob nicht vielleicht noch Blut 
über ihre Lippen komme. Man schickte mich fort, weil Mutter Ruhe, viel Ruhe 
haben müsse, um wieder gesund zu werden. Aber ich wollte ja gar nicht, 
daß sie gesund würde, nur recht viel Blut sehen, was mir ja solche Lust 
bereitete. Ich versuchte nun, mich recht fest zu räuspern, vielleicht kam 
dann auch Blut. Ich tat dies so stark, daß ich einen ganz rauhen Hals 
bekam, aber nie kam Blut. Dann versuchte ich es, mich selber in die Lippen 
zu beißen, doch ohne wesentlichen Erfolg. Als mich kurz darauf Vater 
auf seinen Schoß nahm, kamen mir seine prächtigen roten Lippen wie 
blutiges Fleisch vor, weshalb seine Küsse mich besonders aufregten. Einige 
Male glaubte ich direkt, bei diesen Küssen Blut zu verspüren, ja, bald fing 
ich an, ihn während derselben in die Lippen zu beißen und an seinem Mund 






l ) Das ist natürlich nachträgliche Rationalisierung ihrer infantilen Beißlust. 
In Wahrheit handelt es sich auch hier um Kastrationslust, nur wird statt der Mammilla 
die ganze Brust abzubeißen versucht. 



309 

zu saugen, er konnte mich kaum loskriegen . . . Auch wenn Mutter sich mit 
uns aufregte, weil wir z. B. nicht folgten und sie uns schlagen mußte, 
bekam sie oft Bluthusten. Die Spuren desselben hatte ich häufig Gelegen- 
heit in der Wäsche, im Leintuch und im Nachttopf zu sehen." Ich darf 
noch hinzufügen, daß auch ihre sadistische Koitustheorie dahin gefärbt 
war, der Vater steche die Mutter beim Verkehre blutig. 

Seit frühester Kindheit durchzieht eine kolossale Blutlust ihr ganzes 
Leben, ein Verlangen, fremdes Blut zu schauen, wie ihr eigenes bei jedem 
Anlaß zu verspritzen. Wenn sie mit den Geschwistern das Lied vom Heide- 
röslein singt, dann stellt sie sich bei den Versen: „Knabe sprach, ich breche 
dich, Röslein auf der Heiden! Röslein sprach, ich steche dich. . ." regel- 
mäßig ein Mädchen vor, vermutlich sie selbst, auf einem Küchenbrett liegend, 
und vor ihr einen Knaben (ihren jüngeren Bruder), der mit dem großen 
Küchenmesser der Mutter - unverkennbar dem Membrum des Vaters - 
auf sie lossticht, vornehmlich auf Brust und Bauch, bis sie über und über 
von Blut trieft. Dabei erfüllt sie „unsagbare Wollust" und jedesmal steigt 
ihr das Blut zu Kopf. Öfter erzählt ihr die Mutter Märchen, wenn sie auf 
deren Schöße sitzt. Eines erinnert sie noch von einem Häschen, das zwei 
Mädchen mit einem Karren überfuhren, worüber diese hinterdrein furcht- 
bar jammerten.^ Unsere Kleine hört mit vor Erregung geröteten Wangen 
zu und weint äußerlich auch heftig. Insgeheim aber wünscht sie dem 
Häslein „recht viel Schmerzen und arges Blutvergießen." Mit leuchtenden 
Augen steht sie dabei, wenn Mutter in der Küche Wild tranchiert, und mit 
zehn Jahren stiehlt sie sich trotz strengsten Verbotes in den Nachbarkcller 
des Geflugelhändlers, wo Hühner abgestochen werden, was sie hochgradig 
sexuell erregt (Kastrationslust). 

Auch das Vergießen des eigenen Blutes macht ihr hohe Lust. ; ,Ich 
blutete sehr leicht vom Zahnfleisch, auch wenn ich nur saugte, und hatte 
nicht selten morgens auf dem Polster Blut. Auch beim Zähneputzen bekam 
ich den Mund oft voll. Später, so von acht Jahren-an, stach ich mich öfter 
selber ins Zahnfleisch, um das mich so erregende Blut zu sehen. Auch 
brauchte ich das Zahnfleisch bloß etwas zusammenzupressen, damit Blut 
herauskam. Manchmal, wenn ich lachte, riefen sie zu Hause oder in der 
Schule: ,Gott, Du hast ja den ganzen Mund voll Blut!' Vermutlich spielt 
auch der Wunsch mit, Blut zu husten wie die Mutter und mich daran zu 
erregen, dann ferner auch soviel Liebe zu empfangen, wie Mutter, wenn 
sie krank war." Neben diesem Psychischen besteht bei ihr auch eine 
gewisse hämorrhagische Diathese, vielleicht eine größere Zerreißlichkeit 
ihrer Blutgefäße. Als sie z. B. mit fünfzehn Jahren sich einen Zahn, 
extrahieren ließ, ging das ganz leicht, hinterdrein aber stellte sich eine 
mächtige Blutung ein, die nur mit größter Mühe gestillt werden konnte. 
Der Arzt hieß sie geradezu eine „Bluterin." Metro- und Menorrhagien von 
ähnlicher Heftigkeit werden uns' später beschäftigen. Hier will ich nur 
ergänzen, daß sie mit acht Jahren von ihrem Bruder angeleitet ward, sich, 
mit der Kleiderbürste auf die Hand zu schlagen, wobei stets kleine Bluts- 
tropfen austraten. Schlug sie nur etwas länger, so glich es bei ihr angeblich 
einem Blutmeer, so mächtig quoll das rote Blut hervor. Später versuchten 



310 

sie und ihr Bruder, sich gegenseitig zu tätowieren, wobei sie sich mit Nadeln 
stachen, ,,bis das Blut nur so herniederrieselte," was auf sie einen ,, stark 
sinnlichen Reiz" ausübte. Andere Male wieder schlugen sie sich gegenseitig 
ad nates und ruhten nicht eher, als bis das Holzstäbchen, mit dem sie los- 
droschen, ganz rot gefärbt war. Endlich wäre noch anzuführen, daß sie 
schon als kleines Mädchen schmerzhafte Operationen oft lautlos ertrug, 
zu großer Verwunderung der Eltern und des Arztes, weil ihr „das schöne, 
rote Blut" und auch der Schmerz als solcher hohe Lust bereiteten. Bisweilen 
rüstete sie sogar selber alles Nötige her, wie Stühle, Watte, Wasser usw. 

Von besonderer Wichtigkeit waren natürlich die Blutungen aus dem 
Genitale. ,,Als mit vierzehn Jahren meine erste Periode eintrat, da konnte 
ich sie kaum erwarten. Ich wollte nur Blut sehen, recht viel Blut. Als ich 
eines Morgens beim Erwachen dies auf meinem Lager sah, erfaßte mich ein 
Glücks- und Wollustgefühl, das ich nicht beschreiben kann. Ich wünschte 
mir nur recht viel Blut zu verlieren und tatsächlich währte die erste Men- 
struation zirka zehn Tage und hörten die Blutungen fast gar nicht auf. 
Dies wiederholte sich dann regelmäßig, bis die Psychoanalyse ihre Dauer 
auf fünf Tage herabsetzte und auch den Blutverlust geringer machte. Was 
ich während dieser neun Jahre an Blut verloren habe, würde niemand für 
möglich halten. Oft lag ich nachts während der Menstruation in einem 
förmlichen Blutbad. Wenn ich Blut sah, fingen meine Augen förmlich zu 
glühen an. Als Kind verdrehte ich sie bei solchen Anlässen. Schon kleine 
Ursachen, vor allem aber Gemütsaufregungen reichten hin, um auch in der 
Zwischenzeit entweder sofort oder in wenigen Tagen Blutungen hervor- 
zurufen. Es gab öfter Zeiten, wo ich fast jede Woche Blutungen hatte." 

Mit 16 Jahren wurde sie unter „fürchterlichen Schmerzen 1 )" und 
profusen Blutungen defloriert. Noch stärker waren die letzteren beim 
zweiten Koitus, acht Tage später. Als sie wenige Stunden später „zufällig" 
an der Nähmaschine zu tun hatte, wurde durch das Treten die Blutung 
so arg, daß der nach einiger Zeit geholte Arzt an einen Abortus glaubte, 
die Haemorrhagie nur mit größter Mühe zu stillen vermochte und schon 
an Überführung der Patientin ins Krankenhaus dachte. Trotz der Tam- 
ponade begannen in der Nacht die Blutungen von neuem, so daß am Morgen 
der Arzt von der Möglichkeit einer Auskratzung sprach. Dies war, wie sie 
meint, die Ursache einer Zwangsfurcht, welche sie nun eine Zeitlang verfolgte, 
bei Wiederholung des Koitus einen Blutsturz zu bekommen. Darum 
gab sie in den nächsten Monaten zwar nicht den Verkehr mit Männern 
auf, wohl aber wehrte sie ihnen das letzte. Während der Analyse zeigte 
sich dann eine andere Phobie. Kaum waren die Menses nämlich jeweils 
vorüber, so quälte mich die Kranke gleich am nächsten Tage um ein Mittel, 
sie neuerdings wieder in Gang zu bringen. Das war nun natürlich weniger 
Furcht vor Schwangerschaft, die sie bei ihrem infantilen Genitale über- 
haupt nicht zu befürchten hatte, als teils der Wunsch, ihre Vagina ständig 



l ) Diese werden dadurch glaubwürdig, daß ich acht Jahre später von ihrem 
Frauenarzte vernahm, sie besitze ein durchaus infantiles Genitale. 



I 



311 



&» 



von. Blut überströmt zu fühlen, aus ihrer Schleimhauterotik heraus, teils 
Kastrationslust. 

In der ersten Kindheit wähnte sie stets, Blut trete nur bei Angst- 
zuständen, wie bei der Haemoptoe der Mutter, oder unter großen Schmerzen 
auf. „Und wenn ich sah, daß jemand große Schmerzen ausstand und Angst- 
gefühle hatte, so konnte ich den größten Genuß empfinden. War die Mutter 
z. B. an Bluthusten erkrankt oder der herzleidende Vater an einem 
Asthmaanfalle, dann weinte und jammerte ich angeblich, so bei der Mutter 
bereits mit zwei Jahren. Würde man mich aber in einem unbewachten 
Moment gesehen haben, dann hätte man ein Lachen auf meinem eben 
noch so traurigen Gesicht entdeckt. Ich versteckte meinen Kopf 
in den Händen, nur um lachen zu können. Wenn meine Angehörigen 
glaubten, ich weine, und mich zu trösten begannen, ließ ich es ruhig ge- 
schehen, ja, weinte wirklich, um hinterdrein, allein gelassen, schnell in ein 
vom gewöhnlichen ganz verschiedenes Lachen auszubrechen. Ja, noch 
mehr, Trauer oder Schmerzen weckten in mir seit der ersten Kindheit 
die stärkste Lust. Mich an dem Menschen, dem ich eben, noch die größten 
Qualen gewünscht hatte, oder der viele Schmerzen litt, oder der mich 
. selber peinigte und schlug, wie in erster Linie meine eigene Mutter sexuell 
zu erregen, war mein höchster Genuß. Dies ist wohl darauf zurückzuführen 
daß mich Mutter nach dem Schlagen, wenn ich sie ordnungs- und pflicht- 
gemäß, wie es bei uns eingeführt war, um Verzeihung gebeten hatte gleich 
wieder liebkoste. Soviel Liebe tat nach den Prügeln doppelt wohl 'so daß 
ich mich alsbald geschlechtlich aufzuregen begann. Um diesen erhöhten 
Genuß zu erlangen, ging ich oft geradezu darauf aus, meine Mutter durch 
Unlolgsamkeit oder Lüge so lange zu reizen, bis sie mich schlug. Bezeichnend 
5 ar ' , 7 ort: - Dir lst nicht leichter, wenn Du nicht Prügel bekommst!' 
Freilich ahnte sie keineswegs, wie sehr sie den Nagel auf den Kopf getroffen " 
Besonders charakteristisch war der Kranken Betragen beim Asthma 
cardiacum ihres Vaters. Zwei Jahre vor seinem Tode - dieser erfolgte 
als sie sieben Jahre zählte - häuften sich die Anfälle und sie hatte öfter 
Gelegenheit zu sehen, wie der Vater Beklemmungen und furchtbare Angst- 
zustände bekam und mit dem Atem rang. Öfter kam der Anfall unerwartet 
und dann hieß es: „Nur rasch die Kinder hinaus!" „Wir schlichen nun 
davon," setzte die Kranke fort, „aber langsam, sehr langsam ging es bei 
mir. Keinen Blick wandte ich von Vaters nun entsetzlich weiß gewordenem 
Antlitze. Ich sah ihn leiden und verspürte nicht nur kein Mitleid, sondern 
direkte Wollust. In meinem Gesichte prägte sich tiefste Teilnahme aus, 
ich klagte, daß der Arme soviel Schmerzen litte, meine Augen waren 
meist mit Tränen gefüllt, allein, wie es in meinem Innern aussah, hätte 
niemand erraten. Wünschte ich doch dem besten aller Väter, der nur für 
seine Familie lebte und ganz besonders mir alles zuliebe tat, die ärgsten 
Anfälle mit den größten Schmerzen, ja sogar den Tod! Doch es sollte 
noch ärger kommen." 

„Vater war schon sehr miserabel, mußte ständig das Bett hüten 
und die eiskalten Beine mit warmen Tüchern eingewickelt bekommen 
Es war Nachmittag und Mutter schickte uns ins Nebenzimmer, wir sollten 









312 

beten, daß der Vater nicht sterben müsse. Dies taten wir nun auch, ich aber 
setzte meiner Grausamkeit die Krone auf, denn ich betete um seinen Tod. 
Als Mutter dann mit der Botschaft kam, es sei alles vorüber, da war ich in 
meinem Innern sicher, der Tod sei nur auf mein Beten erfolgt, und schon 
begannen sich schwere Selbstvorwürfe zu regen. Ich weinte und schrie 
lind warf mich am Boden herum und konnte kaum beruhigt werden. Dann 
ging ich schnell ins andere Zimmer, stellte mich zum Spiegel und lachte. 
Es tat mir wohl, mich selbst lachen zu sehen, wo alles weinte. Trat nun 
jemand an mich heran, so fing ich mein Heulen wieder von vorne an, um 
nur recht bedauert zu werden und recht viel Mitleid zu erhalten. Nach 
zwei Tagen war mein Gesicht vor lauter Weinen kaum mehr zu erkennen. 
Mir tat es so wohl, zu Hause von Mutter und Verwandten zuhören: .Armes- 
Kind, so gern hast Du Deinen Vater gehabt!' oder »Jetzt hast Du keinen 
Vater mehr und gerade Du warst sein Liebling!' Solche Reden brachten 
immer einen neuen Tränenstrom zum Ausbruche. Ehe man Vater auf 
den Friedhof hinaustrug, bat ich die Mutter, ihn noch einmal küssen zu 
dürfen. Das letzte Busserl sollte er von mir bekommen. In Wahrheit hatte 
ich nur den Wunsch, mich an seinen Lippen noch einmal recht erregen 
zu können. Aber, oh weh! Seine Lippen waren nicht mehr rot, sondern 
bläulich und eisig kalt und ein noch ärgerer Geruch entströmte dem Munde. 
So küßte ich die Lippen des Vaters nur flüchtig. Hinterdrein trat Brechreiz: 
und Ekel auf, die sich später nach dem Geschlechtsverkehr regelmäßig 
wiederholten." 

Nun noch einige Ergänzungen zu ihrem Masochismus und dessen 
Begründung. Die Patientin liebte es, sich zum Genüsse zwingen zu lassen, 
indem sie tat, als sträubte sie sich, um durch gewaltsame Besiegung ihres 
Widerstandes die Lust zu erhöhen. Insbesondere in den Liebesspielen 
mit dem Bruder reizte sie ihn vorerst auf das äußerste, dann aber weigerte 
sie sich unter irgendeinem Vorwande, um von dem Stärkeren genötigt 
zu werden: „Wenn der Bruder über mich kam, mich mit beiden Händen 
festhielt und dann rückwärts entblößte, war der Gipfel meiner Lust erreicht. 
Meist schlug er mich dafür, daß ich ihm nicht folgte, und ich glaube, es 
war wieder nur die Erinnerung an die Mutter, was mich so erregte. Auch 
bei dieser widersetzte ich mich ja den meisten Anordnungen und bekam 
Schläge, gegen die ich mich sträubte, nur um so den höchsten Genuß zu 
erreichen." 

,,Von meiner Kinder- und Schulzeit ab bis zum 19. Jahre war mein 
sehnlichster Wunsch, ein Kind zu bekommen. Eigentlich wollte ich nur 
Mutter imitieren und etwas haben, über das ich allein zu verfügen hätte, 
das geduldig, ohne sich wehren zu können, alles über sich ergehen lassen 
müsse. So ein Kind könnte ich sowohl auf die Lippen als zwischen die 
Schenkel küssen, vorn und rückwärts, es kitzeln, an seinem Munde saugen 
und mich nach Herzenslust an ihm erregen. Dann wieder könnte ich es 
schlagen und quälen, um es hinterdrein doppelt gern zu haben. All das 
hatte Mutter mit mir getan, indem sie mich zuerst wegen des kleinsten 
Unrechtes fest mit der Rute züchtigte, oft stundenlang am Boden knieen 
ließ, dann aber, nachdem ich um Verzeihung gebeten, wieder in ganz 



3ia 

überschwänglicher Weise liebkoste. Schläge oder harte Strafe erhöhten 
die Liebe zur Mutter und oft, wenn ich wegen eines kleinen Ungehorsams 
ahnte, daß mir Schläge bevorstanden, brachte ich schon selbst die Rute, 
d. h. ich ließ sie, indem ich heimlich am Spiegel rüttelte, zu Boden fallen, 
damit sie Mutter nur rasch bei der Hand hätte. 1 ) Einige Male mußte ich auf., 
ihren Befehl sogar selber die Rute zu meiner Bestrafung holen. Ich tat, 
als fiele mir dies ungemein schwer, so daß sie mich förmlich dazu zwingen 
mußte. Und doch ließ ich mich so gerne zwingen, weil dies den Reiz und 
die Lust besonders erhöhte. Ob dies nicht in tiefster Wurzel darauf zurück- 
geht, daß ich schon als ganz kleines Kind, wenn Mutter mich anzog, 
oder, wie ich vermute, vielleicht noch früher, wenn ich als Säugling ein- 
gewickelt wurde, mich aus Leibeskräften wehrte, bis Mutter, mir einen 
leichten Klaps auf den Popo gab oder mich gewaltsam umwendete?" Wie 
man sieht, führt diese Patientin ihren Masochismus, die Lust am Zwange 
und Geschlagenwerden, auf die Säuglingspflege zurück. 

Nun noch eine aktive, also sadistische Anwendung des also Erlebten 
Mit zehn Jahren gab sie sich viel mit dem zweijährigen Mädchen einer 
Nachbarin ab, die froh war, wenn ihr jemand die Sorge um die Kleine 
abnahm. ,,Ging ich mit dem Kinde spazieren", erzählte die Patientin, 
,,so fing ich meine Grausamkeiten an. War ich allein in einem Parke, 
so zwang ich es, mir unfolgsam zu sein. Ich sagte ihm auf eine Frage von 
mir kecke Antworten vor, die es ahnungslos wiederholte, wofür ich es 
schlug. Am liebsten ließ ich es mir widersprechen, was ihm die ärgsten 
Prügel eintrug. War das Kind mit mir allein, so war es nicht wiederzu- 
erkennen. So trotzig und widerspenstig zu Hause, so folgsam und scheu 
mir gegenüber. Ich zerrte die Kleine oft schauerlich herum und schlug sie, 
wenn sie mir etwas nachsagen mußte, so fest auf den Mund, daß die Lippen 
zitterten. Wollte sie in Weinen ausbrechen, so verbot ich es ihr. Sie wagte 
es nicht zu tun, konnte es aber oft nicht mehr zurückhalten und rang 
förmlich damit. In der Nähe hatten wir eine sehr steile Gasse, über die zu 
gehen das Kind sich fürchtete. Ich aber zwang es dazu, indem ich es an 
die Hand nahm und dann, so rasch es ging, über den Abhang hinunterlief. 
Die arme Kleine hat gewiß Todesangst ausstehen müssen, da sie natürlich 
den Boden unter den Füßen verlor und fast in der Luft hing. So zerrte 
ich sie fast täglich über jenen Abhang." 

„Mit diesem Hinunterlaufen und dem Nachschleppen des sich fürch- 
tenden Kindes wiederholte ich etwas, das ich als kleines Mädchen selber 
erlebt hatte auf einem Abhänge in Schönbrunn und wobei ich ebenfalls 
Todesangst ausstand. Überhaupt ist bezeichnend, daß ich das Kind jetzt 
zu all dem zwang, zum Widersprechen, mit dem Fuße strampfen und 
Hinunterlaufen, was mir einst selber Schläge oder Angst eingetragen hatte. 
Und auch die Strafe, Aufheben des Kleidchens und Schläge aufs Gesäß 
beim geringsten Widerspruch, war genau das gleiche, was mir widerfahren." 



l ) Auch bei ihren späteren Liebesverhältnissen kam es öfter vor, daß sie dem 
Amant eine direkt dazu gekaufte Rute brachte, er solle sie vor dem Akte schlagen, 
weil das ihre Lust auf das höchste steigerte. 



314 



Zu erganzen ist nur, daß auch unsere Kranke damals vermutlich Lustgewinn 
zog aus der sexuellen Komponente, die jede größere Angst abspaltet und 
daß sie diese Lust jetzt dem anderen Kinde gleichfalls zuteil werden lassen 
wollte. 

* * 

* 

Fall 5. Fetischo-Masochismus: 21 jähriger Student, der 
scheinbar völlig invertiert, noch einen lebhaften Handschuhfetischismus 
und schwere masochistische Neigungen aufwies. Von seiner Homosexualität 
habe ich bereits im zweiten Abschnitt des betreffenden Kapitels dieses 
Buches (S. 123 ff.) ausführlich gesprochen. Auch den Fetischismus muß ich 
doch wenigstens flüchtig streifen, weil er mit dem Masochismus des Kranken 
innig verflochten. Doch sei zunächst ein chronologischer Überblick gegeben 
über das Auftreten dieser beiden letzten Perversionen, wie sie Patient in 
der Analyse vorbrachte. 

Schon vom ersten Jahre ab lebte er im Sommer mit zwei um etwa 
zehn Jahre älteren Vettern zusammen, in die er sich sehr rasch glühend ver- 
liebte, obwohl sie ihn von seinem dritten Jahr ab fleißig prügelten und zum 
Scherze auch banden. Mit etwa zwei Jahren faßte er eine tiefe Neigung 
zu einem neunjährigen, sehr gewalttätigen Baron, der zum Vorbilde wird 
für seine gelegentlichen sadistischen Anwandlungen. So hatte er z B im 
sechsten oder siebenten Jahre die Phantasie, . einen geliebten Hauslehrer 
durchzuprügeln oder von dritter Hand durchgeprügelt zu sehen. Zwischen 
acht und zehn Jahren bekommt er ein Degout vor allen masochis tischen 
Phantasien, teils weil er diese gar zu häufig und stark getrieben teils 
weil ihm die Mädchen doch besser gefielen. Hingegen bildeten sich in den 
-ersten Klassen des Gymnasiums die masochistischen Phantasien immer 
mehr aus, so namentlich die vom Gebundenwerden, allein es blieb noch 
unbestimmt, ob von Mann oder Weib. Zu gleicher Zeit entwickelte sich 
auch fast plötzlich der Handschuhfetischismus, der üim im Verlaufe weniger 
Tage zum Bewußtsein kam. Hatten die masochistischen Akte und Phanta- 
sien im Gymnasium zu Erektionen geführt, so brachte ein masochistischer 
Traum im dreizehnten Jahre die erste Ejakulation des Kranken. , Dann 
aber folgte", erzählt Patient, „eine Periode von allerlei Handschuhphanta- 
sien und ein unbestimmtes Wohlgefühl, ohne daß ich wußte, woher. Mit 
vierzehn Jahren etwa bekam ich eine Ejakulation im Wachen infolge einer 
Handschuhphantasie und von diesem Augenblicke an wußte ich wenigstens, 
daß jene masochistischen und fetischistischen Ideen sexueller Natur sind." 
In all seinen homosexuellen Phantasien müssen die Männer Glacehand- 
schuhe tragen, die förmlich zum Fetisch für ihn geworden. Hiefür gibt der 
Kranke folgende Erklärung: „Die Vorliebe für Glanzhandschuhe röhrt 
zunächst daher, daß sie glatt sind und an die menschliche Haut erinnern, 
und zwar besonders jener Stellen, die von Kleidern bedeckt sind und da- 
durch so glatt erhalten werden, vor allem also die Genitalien 1 ). Darum 

*) Das ist natürlich nur Phantasie des Kranken, sexuelle Delirien, die erklären 
sollen, warum er die Handschuhe zum Fetisch macht. Daß ein richtiger Kern in dieser 
Phantasie, werden wir später vernehmen. * 




315 

wirken nichtglänzende Handschuhe weitaus minder, gestrickte gar nicht, 
Eine zweite Wurzel ist die Beziehung zum Kot. Ich hatte die Gewohnheit, 
immer zu den Glaces zu riechen. Wenn das Leder frisch ist, habe ich ein 
so eigentümlich pikantes Gefühl, es riecht wie Kot. Deshalb bevorzuge ich 
auch an den Handschuhen gewisse Farben, gelb oder rot, am liebsten habe 
ich gelblichrote oder eigelbe Handschuhe, weil das die Farbe der Fäces 
ist. Auch rote habe ich nicht ungern, die an Blut erinnern, hingegen viel 
minder weiße oder schwarze. Höchstens goutiere ich noch eisengraue, 
welche an das Eisen von Handschellen gemahnen, die in meinen masochi- 
Stischen Phantasien eine Rolle spielen, gleich dem Blute. Des weiteren 
sollen sie möglichst blank und rein sein, nicht schmutzig oder abgerissen, 
also möglichst saubere, neue Handschuhe. Hat ja auch der Kot eine gleich- 
mäßige, reine Färbung 1 ). Ferner interessieren mich an den Glaces die 
Kückennähte, dann, wenn der Handschuh geschlossen ist, vorne das Loch, 
wo man die Haut durchsieht, und namentlich die aufgeworfenen Ränder um 
dieses Loch. Die Erklärung dürfte folgende sein: schon von Kindheit ab 
habe ich die Gewohnheit, an kleinen Wunden, die sich bilden, die Krusten 
abzureißen, was mir ein quasi sexuelles Vergnügen bereitet. Die Rücken - 
nähte sind nun nichts anderes als lange Krusten und, wenn man sie ablöst, 
entsteht eine Spalte, die mit der Scheide identisch sein dürfte. Die Nähte 
selber sind soviel alsPenisse, wie ich aus verschiedenen Phantasien weiß 2 .) 
Eine dritte Wurzel ist masochistischer Art. Die Handschuhe sind gewisser- 
maßen eine Fessel, in welche die Hände eingewickelt werden. Ich habe die 
Vorstellung vom Gefesseltsein, daß meine Hände von etwas überzogen und 
gefesselt sind." 

Man sieht, wieviel Schau- und koprophile Riechlust verborgen ist 
hinter dem Handschuhfetischismus, dazu kommt als weitere infantile Lust 
die Hauterotik, die sich in der gesuchten Glätte und dem Abreißen der 
Krusten manifestiert. Ich muß hier einfügen, daß unser Patient in der 
Kindheit ein arger Analerotiker war, der sich mit seinen Abfallstoffen die 
unappetitlichsten Dinge erlaubte. Darum zieht er nicht allein Handschuhe 
vor, welche Kotfarbe haben, sondern diese müssen in der Verdrängung auch 
besonders rein sein. Eine andere noch bedeutsamere Wurzel ist, daß Patient 
sehr früh, wahrscheinlich bereits als Säugling, masturbierte und davon 
unsaubere Hände bekam. Die nackte, unsaubere Hand wird verdrängt, 
dafür aber der sie bedeckende Handschuh zum Fetisch erhoben 3 ). 

Komplizierter schon ist die Genese seines Masochismus, der sich 
besonders im Wunsche, gefesselt zu werden, ausspricht. Ich folge den 
Ergebnissen der mit ihm durchgeführten Psychoanalyse. Am zwölften 
Tage überraschte mich der Kranke mit der Erklärung, er glaube die Lösung 



*) Hiefür werden wir später eine andere Erklärung kennen lernen. 

B ) Hiefür gilt das in Anmerkung l ) Gesagte. Die wahre Ursache ist seine Haut- 
erotik. 

*) Später berichtet er, in dieses Handschuhloch tatsächlich wiederholt sein 
Membrum hineingesteckt zu haben, mit dem Gedanken, so den Koitus zu vollziehen. 
Dann sei auch das Hineinfahren mit der Hand in den Handschuh eine Immissio membri 
in vaginam. 



316 

gefunden zu haben: jenes masochistische Gelüste rühre vom Eingewickelt- 
werden des Säuglings her. Auf meine Entgegnung, es würden doch alle 
Säuglinge gewickelt, ohne darum Masochisten zu werden, kam vorerst die 
Antwort, er habe sich nach der Entdeckung dieses Zusammenhanges viel 
freier gefühlt, was wohl einem jeden Analytiker beweist, daß mindestens 
eine bedeutsame Teillösung gefunden wurde, dann aber eine nähere Aus- 
führung: „Wenn ich als Säugling eingewickelt wurde, so war ich der Mutter 
gegenüber und hatte vermutlich das Verlangen, nach ihrer Brust zu greifen, 
konnte es aber nicht, konnte mich nicht rühren, weil ich eben eingepackt war. 
Direkt erinnere ich mich an das natürlich nicht, wohl aber erschließe ich es 
daraus, daß ich mir dies öfter in meinen späteren Phantasien vorstellte. 
So hatte ich z. B. die Phantasie, ich sei bei einer Dirne, die mich gebunden 
hat. Sie stellt sich vor mich hin und ich möchte gern zu ihr, sie womöglich 
koitieren. Sie läßt mich aber nicht, sondern hält mich erst eine Weile zum 
besten, bevor sie mich zuläßt. Meinen masochistischen Veranstaltungen 
jetzt liegt wohl der Kinderwunsch zugrunde, zur Mutter zu kommen, um 
mit ihr geschlechtlichen Verkehr zu pflegen 1 ). Dieser anstößige Wunsch 
wurde nun unterdrückt, und das bloße Eingewickelt werden, das Nicht - 
können und Gefesseltsein, also das Harmlose, blieb erhalten. In der Pubertät 
habe ich wiederholt Mägden und Mädchen an die Brust gegriffen oder dies 
wenigstens versucht und habe auch jetzt noch starkes Verlangen, ein 
Gleiches zu tun." 

,,Ein weiterer, vermutlich noch wichtigerer Punkt ist, daß ich schon 
als ganz kleines Kind sehr viel onanierte, ich glaube schon als Säugling, 
•und durch das Eingewickeltwerden vom Masturbieren abgehalten wurde 
Als ich in den .Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie' las, daß schon 
Säuglinge onanierten, hat mir dies alsbald eingeleuchtet und war mir 
augenblicklich verständlich. Ganz bestimmt erinnere ich mich, schon sehr 
früh masturbiert zu haben, sicher bereits mit drei, vier Jahren, und wahr- 
scheinlich viel häufiger denn jetzt als Erwachsener. Ob sich nicht die 
ungestillte Libido dann vom Onanieren auf das Gebundensein übertrug? 
Vielleicht ließen sich noch andere Sachen mit den Händen ausführen, z. B. 
die Mutter an der Brust zu zupfen, was ich jetzt noch gern bei Prostituierten 
mache, und auch daran hinderte mich das Eingewickeltwerden." Weniger 
ausgeprägt ist bei ihm eine andere, Phantasie, die in Erzählungen vieler 
Masochisten eine Rolle spielt. Er kniet zu Füßen eines Weibes, das ist aber 
ganz unbestimmt, er hat nur das Bewußtsein, von ihr abhängig, unter ihrer 
Herrschaft zu sein, oder auch bloß, sie um etwas zu bitten, woran ihm sehr 
viel lag. Im Stenogramm der Analyse heißt es weiter: „Dies geht vermut- 
lich auch auf meine Mutter zurück. Vielleicht, daß ich als ganz kleines 
Kind bei ihr saß oder zu ihren Knien und sie um die Eingeweide fragte." — 
„Wobei aber Ihre Wißbegierde vermutlich auf die Genitalien ging?" — 

') Er erinnert sich dunkel, aber ganz bestimmt, zwischen 3 und 6 Jahren 
aggressiver geworden zu sein, wofür ihn die Mutter entsprechend scharf zurückwies. 
Er versuchte, ihr immer an die Brust zu greifen, wollte durchaus immer zu ihr ins. 
Bett und einmal sogar um jeden Preis ins Badezimmer, da sie just nackt in der 
Wanne saß. 



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,, Jedenfalls, aber nicht recht bewußt. Ich weiß bloß, daß ich sie öfter nach 
solchen Dingen fragte." Hier sei eine kurze Charakteristik der Mutter ein- 
gefügt. „Sie hat an, mir unsinnig viel herumgepredigt und -gestraft. Kein 
Zweifel, daß viel von meinem Masochismus davon herrührt." - „Hat sie 
Sie soviel geschlagen?" — „Nicht einmal; gar so viel, aberknieen lassen und 
bei meinen masochistischen Veranstaltungen habe ich gleichfalls aus- 
nahmslos gekniet. Auch wenn sie mich durchprügelte, habe ich merk- 
würdigerweise stets vor ihr gekniet. Sie schlug mich aber mehr auf Rücken 
-und Hände" J ). 

Auch zwei weitere masochistische Phantasien führt er auf die Kinder - 
und Säuglingszeit zurück. Ich habe die Idee gehabt, wenn ich zu einer 
Prostituierten gehe, mich nur halb auskleiden zu lassen, zunächst nur den 
Oberkörper, dann mir die Hände auf den Rücken binden und endlich die 
Unterkleider langsam, ein Stück nach dem anderen, von der Dirne weg- 
nehmen zu lassen, was offenbar auf das Auskleiden abends durch die Mutter 
zurückgeht. Gefesselt wurde ich durch die Windeln als Säugling. Da Wird 
es schon vorgekommen sein, daß man mit dem Einfatschen oben begann 
und mit den Beinen aufhörte, beim Auswickeln aber mit den Füßen anfing, 
so daß der Unterkörper schon frei war, die Arme aber noch nicht." 

„Dann habe ich bei der ersten Prostituierten, bei der ich war, nachdem 
ich vergeblich einen Koitus; ja selbst nur Erektion zu erzielen versucht 
hatte, folgende Szene aufgeführt: Sie mußte sich ausziehen, dann Glace- 
handschuhe anlegen und eine Hundspeitsche in die Hand nehmen. Vorher 
ließ ich mir von ihr mit einer Radfahrkette die Hände auf dem Rücken 
zusammenbinden und ein Halsband, wie das eines Hundes, umlegen. Ich 
selbst legte gleichfalls Glacehandschuhe an, kniete nackt vor sie hin und sie 
mußte mir Brust und Rücken peitschen, was mir starke Erektionen, aber 
keine Ejakulation verursachte. Während sie mich so peitschte, drückte 
ich wiederholt meinen Mund sowohl an ihre untätige Hand als an die Peitsche, 
dann krümmte ich den Kopf ganz zu Boden und hieß sie den Fuß auf 
meinen Nacken setzen und mich abermals peitschen. Wiederum Erektion 
ohne Ejakulation. Nun ließ ich mir von ihr in einem Spiegel die gefesselten 

') Hier noch ein Stück aus der Analyse: „Merkwürdigerweise muß ich bei 
dem Worte .Frau' stets an die Mutter denken, beim Wörtchen ,Weib' aber eigentlich 
nie. Dazu fällt mir eine Bemerkung Weiningers ein aus seinem Nachlasse : .Das Wort 
Frau bezeichnet eine masochistische Vorstellung, das Wort Weib eine sadistische." 
Das eine ist sicher: Unter Frau denke ich mir immer ein sehr großes und kraftiges . . ." 
Er stockt und ich helfe ein: „Frauenzimmer. Mit einem Worte: Ihre Mutter." — „Ja. 
Unter Weib eine kleine und dicke Person sowie die Schwester. Dann habe ich noch 
einen Typus, den ich auch zum Weibe oder Mädchen rechnen muß. Das ist ein 
Mädchen, schlank und nicht gar zu groß, aber doch größer als das sogenannte Weib 
und das dürfte auf meine bisexuelle Kusine zurückgehen. Ich glaube übrigens, mit 
den zwei letzten Typen könnte ich verkehren und verkehre ich auch, aber mit einet 
so großen Per.-on könnte ich es nicht." — „Die so große Person in den Augen des Kindes 
ist natürlich die Mutter und Inzestwünsche auf diese bilden fast stets die Grund- 
lage der psychischen Impotenz." — „Dagegen dürften sich beim ersten Typus maso- 
chistische Regungen einstellen, bei dem andern nicht. Darin liegt auch der Grund, 
weshalb bei Prostituierten, die immerdem letztenTypus angehörten, die masochistischen 
Versuche stets mißlangen.''