(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Children's Library | Biodiversity Heritage Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Goethes Mignon. Eine psychoanalytische Studie."

^1 

4 



■■<i 



viroetnes JWignon 



li/ine psyaioanalytisdie Otudie 



V< 



ou 



X iiilipp ibaraÄl: 



Lpp oaraÄin 

Basel 



iionderahdi-iiiit aus „Imago, Zcilsdtrift für AniDcnduii^ der 
Pavdioanalysc ""/ ^''^ Natur- und Gtiateawiastnadiaften" 
(fierauagtgehen fon Sigm. Freud), Bd. XV (igag) 



1930 

Internationaler Ir sycnoanalytiscner Verlag 

AVien 



V ■ 



i ' . ; Alle Rechte, 

insbesondere die der Übersetzung, 
vorbehalten 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Druck: Christoph Rcisser's Söhne, Wien V 



y^ U nd keine ^eü und keine j\iaait zerstückelt 
Creprägte Jt orm, die lebend sicli entwickelt, 

tt Goetke: Urworte. Oipiiisdi, 



Vorbejnerk 



un^ 



■ \ 



Die Studie, die ich hier folgen lasse, entstand allmählich im Verlaufe 
mehrerer Jahre. Den ersten Anstoß dazu gab Freud selber, der mir auch 
später seinen Rat nicht versagt hat. Ohne ihn ist diese Arbeit überhaupt 
nicht zu denken, denn sie ruht auf den Grundlagen der Psychoanalyse, 
dieser nunmehr historischen Methode und unentbehrlichen Voraussetzung 
jeder biographischen Untersuchung. 

Der Weg, der vor uns liegt, ist außerordentlich mühsam, und zwar aus 
verschiedenen Ursachen. Goethe ist so viel gelesen und so sehr Allgemein- 
gut, daß wir nichts von ihm erwähnen können, ohne mannigfaches Echo 
zu erwecken. Dieses Echo ist aber erwünscht oder gefürchtet, je nachdem 
es hilft, unsere eigenen Gedanken mitzuteilen oder nicht. Wir brauchen 
doch nur einzelne Worte anklingen zu lassen, wie „Götz" oder „Faust", 
\xm beim Leser eine ganze Weh emporzurufen. Diese Welt ist aber in 
jedem Leser eine andere und dieses vielfältige Echo verwirrt und ängstigt 
wiederum den Schreibenden, denn jeder hat ja „seinen" Goethe und da 
läßt man sich nicht gerne hineinreden. 

Die Schwierigkeiten, denen wir begegnen werden, liegen auch im Dichter 
selber. Goethe war den Versuchen, der Genese seiner Phantasiegestalten nach- 
zuspüren, sehr abhold. Wußte er doch selber kaum, wo sie herkommen. 
Dämonisch überfiel ihn die Dichtergewalt, halb nachtwandelnd „wühlt" er 
seine schönsten Gedichte hin und staunt dann über das „Naturgewordene". 

Obgleich der Dichter die Gesamtheit seiner Dichtungen als große Kon- 
fession bezeichnet, gesteht er doch wieder ausdrücklich, daß er sich eigent- 
lich dem Leser immer wieder entziehe und den innersten Kern seiner 
Persönlichkeit mit einer Art „Verschleierungstechnik" verhülle. 



PLilipp Serasin 



Et äußert sich deirüber in einem Briefe an Schiller folgendermaßen: 
Brief Goethes an Schiller: Weimar, den g. Juli 1776. 

„Der Fehler, den Sie mit Recht bemerken, konunt aus meiner innersten 
Natur, aus einem gewissen realistischen Tic, durch den icli meine Existenz, 
meine Handlungen, meine Schriften den Menschen aus den Augen zu rücken 
behaglich finde. So werde ich immer gerne inkognito reisen, das geringere Kleid 
vor dem besseren w^ählen, und in der Unterredung mit Fremden oder Halb- 
bekannten den unbedeutenderen Gegenstand oder den weniger bedeutenden Aus- 
druck vorziehen, mich leichtsinniger betragen als ich hin, und mich so, ich möchte 
sagen, zwischen mich seihst und zwischen meine eigene Erscheinung stellen , . . 

„. . , und ich komme mir vor wie einer, der, nachdem er viele und große 
Zahlen überein andergestellt, endlich inulw^illig selbst Additionsfehler machte, 
um die letzte Summe aus Gott weiß was für einer Grille zu verringern. 

„. . . so werde ich Sie bitten, zuletzt . , . das noch selbst hinzuiLufügen, was 
ich, durch die sonderbarste Naturnotwendigkeit gebunden, nicht auszusprechen 
vermag," (Goethe-Schüler: Brief: iSS. Bd. I. S.2iy.) 

Die Schwierigkeiten, auf die wir stoßen werden, ersehen wir auch aus 
anderen Äußerungen des Dichters. 

Die Grundlage unserer Forschung ist das Verständnis des Infantilen, also 
der Denk- und Urteilsfähigkeit des Kindes. Alles hängt davon ah, wieweit 
wir dem Kinde gegenüber gerecht sind. Hier scheint der Dichter ganz zu 
versagen. In einer Stelle, die er schließlich nicht in seine Lebensbeschreibung 
aufgenommen hatte, äußert er sich folgendermaßen : 

„In dem Verhältnis der Kinder zu den Eltern entwickelt sich der sittliche 
Charakter der ersten eigentlich gar nicht. Der Abstand ist zu groß; Dankbar- 
keit, Neigung, Liebe, Ehrfurcht halten die jüngeren und bedürftigen Wesen 
zurück, sich nach ihrer Weise zu äußern. Jeder tätige W^iderstand ist ein Ver- 
brechen. Entbehrungen und Strafen lehren das Kind schnell auf sich zurück- 
gehen, und da seine Wünsche sehr naheliegen, wird es bald klug und ver- I 
stellt. Damals wenigstens war es so; und mich dünkt, in den neuem Zeiten, 
da man den Rindern mehr Spielraum ließ, da man sie mit den Eltern auf 
gleichen Fuß setzte, da ein gemeinschaftliches Du das Obere und Untere ver- 
band, ist es nicht anders geworden: es gibt wohl grobe Kinder, aber 
keine aufrichtigen." (Goethe, Anmerkungen. Bd. XXII. S. 26^.) 

Damit ist die tiefe Differenz zwischen dem Standpunkt des Dichters und 
dem unsrigen scharf bezeichnet. Er weist auf die bestehende Unaufrichtig- 
keit zwischen Kind und Erwachsenen hin, übersieht aber die Möglichkeit, 
daß vielleicht geradesoviel Unaufrichtigkeit auf der Seite des Erwachsenen 
zu finden ist. Ij 

Ich habe mir im folgenden die Aufgabe gestellt, die bekannte Poesie- 
gestalt der Mignon psychoanalytisch zu bearbeiten, vor allem, die Mignon 



!l 



Goetkej Ätiguoii 



als Phantasieerzeugnis eines Menschen aufzufassen, der in seinem Denken, 
Tun und Leben soweit uns selber verständlich ist, daß wir dieses Phan- 
tasieprodukt aus ihm selber, aus dem Dichter, also aus Goethe heraus ver- 
stehen können. 

Der Versuch, Mignon aus Quellen zu rekonstruieren, ist wirklich schon 
einmal gemacht worden von Eugen Wolff. Er hat die Quellen ausgiebig 
benutzt und gibt eine klare und durchsichtige Darstellung. Er findet das 
Urbild der Mignon in einer zeitgenössischen Sängerin, der Elisabeth Ger- 
trud Schmeling-Mara, die Goethe gekannt hat und in seiner Korrespondenz 
erwähnt. Es liegt viel Überzeugendes in dieser Auffassung. "Wir können 
uns aber nicht recht denken, daß der Übergang aus rezenten Quellen in 
die Dichtung so unvermerkt vor sich gegangen sein sollte, wenn wir uns 
daran erinnern, wie wir „Werther's Leiden" fast Wort für Wort aus den 
Quellen rekonstruieren können. 

Ich möchte damit keineswegs die Verdienste Wolffs schmälern, habe 
aber vor, noch andere Quellen heranzuziehen. Ich verdanke seiner Vor- 
arbeit wertvolle Anregungen; denn er ist ein überlegener Kenner der Goethe- 
literatur. ■ - ■ 

Wir wollen also versuchen, soweit dies möglich ist, in die Gedanken- 
welt des Dichters einzudringen. Die Untersuchung führt uns dazu auf 
langen Umwegen. 

Die Mignongestalt selber ist so objektiv und losgelöst in die Welt hinaus- 
gestellt, daß wir kaum etwas erreichen könnten, wenn wir sie als allein- 
stehendes Phänomen angehen würden. 

Wir müssen den ganzen Mignonkomplex angreifen, der bekanntlich 
in den Meisterroman verflochten ist. Wir wollen daher zunächst auf 
den Meisterroman kurz eingehen, um uns die Welt zu vergegenwärtigen, 
in die der Dichter seine Gestalt hineinversetzt. 



ij Der Jyleisteri'oman 



Zehn inhaltsreiche Jahre waren vergangen, seit der schwächliche Student 
1765 nach Leipzig auf die Universität ging. Die juristischen Studien wurden 
allmählich in Straßburg, Wetzlar und Frankfurt beendet, zugleich entstan- 
den seine Erstlingswerke: Götz, Clavigo, Stella, Werther, der Urfaust, und 
trugen den jungen Menschen in kurzer Zeit unter die größten Dichter 
aller Zeiten, Der Aufenthalt im engen und bürgerlichen Frankfurt, wo 
ihn der Vater zu juristischen und praktischen Arbeiten erziehen will, wird 
allmählich unerträglich, dazu kommt eine tief aufwühlende, aber aussichts- 
lose Leidenschaft zu einer vornehmen Tochter eines Frankfurter Hauses, 
zu Lili Schönemann. 

Wie eine Erlösung kommt darum die Anfrage vom Weimarer Hof, sich 
als Berater am herzoglichen Hofe zu verpflichten. Im November 1775 ver- 
läßt Goethe für immer seine Vaterstadt und trifft am siebenten des Monats 
bei Nacht und Nebel im herzoglichen Hofe ein. Hier wird er Freund, 
Berater, Minister seines herzoglichen Gönners und zehrt sich im schweren 
Staatsdienste beinahe auf. Lieber den Tod, als nochmals solche Jahre, sagt 
er später. Sein unruhiges Herz aber findet in der Hofdame Charlotte von 
Stein einen inneren Ruhepunkt und die geistigen Welten beginnen all- 
mählich um diese zu kreisen. 

Diese erste Weimarer Epoche dauert genau elf Jahre und schließt mit 
Goethes Reise nach Italien ab. Die Sehnsucht nach dem gelobten Lande 
ließ sich nicht länger meistern. Alle poetischen Erzeugnisse dieser Zeit 
sind nun Liebesgaben an die Stein, die den Dichter völlig eingekreist, ihn 
aber auch aus einem unbändigen Geniemenschen zu einem souveränen 
Weltmanne umgewandelt hatte. In dieser Epoche entsteht der Meisterroman. 






I 






(jOttllt.'i MlgllOll 



Am 16. Februar 1777 finden wir die erste Notiz in seinem, Tagebuch es 
ist das Todesjahr seiner Schwester. Allmählich mehren sich die Bemerkungen, 
treten dann wieder zurück, aber Zug für Zug entsteht nun sein „dramati- 
sches Ebenbild" Wilhelm Meister, wie er in der sogenannten „Theatra- 
lischen Sendung" vor uns erscheint, dem „Urmeister", der uns seil 1910 
wieder zur Verfügung steht. 

Zehn Jahre später, unter dem drängenden Einfluß Schillers, wird der 
Stoff nochmals aufgenommen und in der Form der „Lehrjahre' publiziert. 
Die Probleme waren dem Dichter bereits ferne gerückt, er fühlt sich nur 
noch als Herausgeber dieser l'apiere. Der „Mignonkomplex wird aber un- 
verändert aus der ersten Fassung in die neue hinübergenommen, sie ist 
eine Erfindung der ersten Weimarer Epoche und entstand während der 
Liebesbeziehung zur Stein. 

Der Inhalt ist etwa folgender: 

Wilhelm Meister wächst als ältester Sohn ehrbarer bürgerlicher Eltern 
einer mittleren Reichsstadt in geordneten Verhältnissen auf. Frühzeitig meldet 
sich in ihm eine tiefe Neigung zu Poesie und Theater. In der Kindheit ist es 
ein Puppentheater, das ihn fesselt, später das Schauspiel selber, bis ihn eine 
zarte Bindung an die jugendliche Schauspielerin Mariane inniger ans Theater 
kettet. Bald aber stürzt ihn die Entdeckung vermeintlicher Untreue seiner An- 
gebeteten in tiefste Verzweiflung, „und so war der arme Wilhelm von seinem 
Schicksale überwältigt, daß in einem Augenblicke sein ganzes Eingeweide 
brannte , . . Glück und Hoffnung, Wollust und Freuden, Wirkliches und Ge- 
träumtes (gingen) auf einmal scheiternd durcheinander''. (Sendung S. 6S.) 

Wilhelm wendet sich in dieser Enttäuschung vom Theater ab und ver- 
sucht sich in Kontorarbeit zu vergraben. Er läßt sich von seinem Schwager 
Werner bestimmen (der Mann seiner Schwester Amalie), auf einer Geschäfts- 
reise Sorgen und Kummer zu vergessen. — Wilhelm macht sich auf und 
nun beginnt das eigentliche Fortschreiten der Erzählung. Es geht nicht 
lange, so sieht er sich wieder in Gesellschaft von Theaterleuten, die er 
unterrichtet und belehrt und denen er bald unentbehrlich wird; bis er 
nicht mehr von ihnen loskommt. Als Glied dieser Theatergesellschaft findet 
er vorübergehende Aufnahme in einem vornehmen Schlosse, wo er die erslen 
Blicke tut in die damals große Welt der Grafen, Prinzen und Barone. 
„Doch läßt sich manches zu seiner Entschuldigung sagen"', erzählt der Dichter, 
„besonders dürfen wir nicht verschweigen, daß er stille die Spur Marianens 
aufsuchte, . . . wir haben lange dieses Fadens nicht erwähnt, der durch sein 
ganzes Dasein fortzog. " (Sendung, S. ^69.) 



Pliilipj] Sacusiii 



Dieser Faden wird vom Dichter auch in der späteren Bearbeitung nie 
ganz aufgegeben. Allerdings scheidet Mariane als handelnde Person aus, da 
sie der Dichter an der Geburt eines Knaben, eines Sohnes Wilhelms, sterben 
läßt. Felix, den der Dichter bald in die Erzählung einfügt, begleitet aber 
seinen Vater, Wilhelm, den Held des Romanos, bis ans Ende der „Waiider- 
jahre". 

Diese etwas abenteuerliche und romantische Reise kann man in unserer 
Spiache kaum mehr wiedergeben. Man muß sie eben selber lesen. Unter- 
wegs schließen sich Wilhelm zwei seltsame Gestalten an, um die wir uns 
nun kümmern müssen. Beide tauchen auf, man weiß nicht recht wQher, 
ergänzen aber den Helden auf eine besondere Weise und machen eine Art 
wunderbare Familie aus: Mignon und der Harfner. 

Der Harfenspieler wird unvermiltelt vom Dichter eingeführt, als Wil- 
helm mit seinen Schauspielerfreunden bei 'lisch sitxt, Mignon lernen wir 
allmählich kennen. „Nach einigen Tagereisen kam er (Wilhelm) in eine 
mittelmäßige Stadt" . . ., erzählt der Dichter. „In seinem Wirtshaus gefiel 
es ihm noch am besten, denn da ging es lustig zu und gab allerlei Ver- 
änderungen, die ihn interessierten. Eine große Gesellschaft von Seiltänzern, 
Springern, Gauklern, die einen starken Mann bei sich hatten, waren mit 
einer großen Anzahl Weiber und Kinder eingezogen und machten, indem 
sie sich auf eine öffentliche Erscheinung bereiteten, einen Unfug über den 
anderen . . . Auf dem Markte sah er ein weitläufiges Gerüste aufgeschlagen, 
die Schwingbretter angebracht, die Pfosten zu den Schlappseilen befestigt 
und die Böcke zu dem straffen Seile zurechte gestellt. Den andern Morgen 
ging der Zug fort, durch den die Stadt von dem Schauspiele benachrichtigt 
werden sollte, das man ihr bereitete. Vorauf ein Tambour und der Entre- 
preneur zu Pferde, hinter ihm eine Tänzerin auf einem ähnlichen Gerippe 
mit einem Kinde vor sich, wohl mit Bändern und mit Flintern heraus- 
geputzt, darauf Paar auf Paar die übrige Truppe zu Fuß, die Kinder in 
abenteuerlichen Stellungen auf ihren Schultern. (Sendung S. 14).) 

„Ein Fremder, . . ,, bedauerte, daß ein gewisses Kind nicht mehr bei 
der Truppe sei, das verschiedene Kunststücke mit großer Geschicklichkeit 
und besonders den Eiertanz so schön als er ihn niemals gesehen ausgeführt 
hätte." (Sendung, S. I4y.) 

„. . . und indem kam ein junges Geschöpf die Treppe heruntergesprungen, 
das seine Aufmerksamkeit erregte. Ein kurzes Westchen mit geschlitzten 
spanischen Ärmeln und weiten Beinkleidern stund dem Kinde gar artig, 
lange, schwarze Haare hatte es in Locken und Zöpfen um den Kopf ge- 



CjDclLes Al.ieiioii 



wunden. Er sah es scharf an und konnte nicht gleich einig werden, ob 
er es für einen Knaben oder für ein Mädchen halten sollte, doch entschied 
er sich bald für das letztere und grüßte, als sie bei ihm vorbeikam, mit einem 
Guten Morgen diese Erscheinung, — Mit einem schwarzen, scharfen Seiten- 
blick sah sie ihn an, indem sie an ihm vorbei und in die Küche lief, ohne zu 
antworten." (Sendung, S. If2.) 

„Wilhelm erinnerte sich unter den Reden der sonderbaren Figur, die 
ihm begegnet war, und fragte nach ihr. Wir wissen selbst nicht (antwortete 
man ihm), was wir aus dem Kinde machen sollen. Vor ungefähr vier Wochen 
war eine Gesellschaft Seiltänzer hier, die sehr künstliche Sachen zeigte. Unter 
andern war auch dieses Kind dabei, ein Mädchen, das alles recht gut aus- 
führte, besonders tanzte sie den Fandango allerliebst und machte verschiedene 
andere Kunststücke mit vieler Geschicklichkeit und Anstand, doch war sie 
immer still, wenn man mit ihr sprach oder sie lobte oder sie um etwas 
bat. Eines Tages, kurz vor der Abreise, hörten wir einen erschröcküchen 
Lärm unten im Hause. Der Herr von dieser Truppe schalt entsetzlich auf 
das Kind, das er zur Stube hinausgeworfen hatte, und das in der Ecke des 
Saales unbeweglich stand. Er verlangte mit Heftigkeit etwas von ihm, das 
es, wie wir aber hörten, zu tun sich weigerte. Er holte darauf eine Peitsche 
und schlug unbarmherzig auf das Kind zu, es rührte sich nicht, verzog das 
Gesicht kaum, und es überfiel uns ein Mitleiden, daß wir hinunterliefen 
und uns in die Sache mischten. Der ergrimmte Mann schalt nunmehr auf 
uns und schlug immer zu, bis er endlich, von uns aufgehalten, seinen Un- 
willen in einen ungeheuren Strom von Worten ausgoß. Er schrie, stampfte 
und schäumte, und soviel wir verstehen konnten, hatte das Kind sich ge- 
weigert zu tanzen und war weder mit Bitten, noch mit Gewalt zu bewegen 
gewesen. Es sollte auf das Seil, es tat es nicht, viele hundert Menschen 
waren herbeigelaufen, den angekündigten Eiertanz zu sehen, man forderte 
ihn laut, aber vergebens. Der Unternehmer ward rasend, da das Publikum 
unwillig auseinanderging und unter diesem Verwände nicht bezahlte.** 
(Sendung, S. ! S4-'^ 

(Als das Kind hereintrat, blieb es an der Türe stehen), „als wenn es 
gleich wieder hinausschlüpfen wollte, legte die rechte Hand vor die Brust 
und die linke vor die Stirne und bückte sich tief . 

„Tritt näher, liebe Kleine, sagte Wilhelm. Sie sah ihn mit unsicherem 
Blick an und kam herbei. 

„Wie nennst du dich? fragte er. Sie heißen mich Mignon, antwortete sie. 
Wieviel Jahre hast du? — Es hat sie niemand gezählt, — Wer war dein 



r^liilipp LÜa 



1 

II 



Vater? — Der große Teufel ist tot. Die letzten Worte erklärte man ihm, 
daß ein gewisser Springer, der vor kurzem gestorben und sich den großen 
Teufel nannte, für ihren Vater sei gehalten worden. Sie brachte ilire Ant- 
worten in einem gebrochenen Deutsch und mit einer Art vor, die Wilhelmen 
in Verwirrung setzte, dabei legte sie jedesmal die Hände an Brust und Haupt 
und neigte sich tief." (Sendung; S.Ij6.) 

Der Dichter erzählt weiter: 

„Er (Wilhelm) schätzte sie zwölf bis dreizehn Jahre. Ihr Körper war 
gut gebaut, nur daß ihre Knöchel und Gelenke einen stärkeren Wachstum 
versprachen oder einen zurückgehaltenen ankündigten. Ihre Bildung war ^ 

nicht regelmäßig, aber auffallend, ihre Stirne kündigte ein Geheimnis an, 
ihre Nase war außerordentlich schön und der Mund, obschon er ein wenig j 

aufgeworfen war und sie manchmal mit demselben zuckle, doch noch immer 
treuherzig und reizend. Ihre Gesichtsfarbe war bräunlich, mit wenigem Kot 
ihre Wangen besprengt, überiiaupt von der Schminke sehr verdorben, die sie 
auch jetzt nicht anders als mit größtem Widerwillen aullegte. (Sendung, S. i;y.) ' 

„Auch ward ihm Mignons Gestalt und Wesen immer reizender. In allem 
seinen Tun und Lassen hatte das Kind etwas Sonderbares. Es ging die i 

Treppe weder auf noch ab, sondern es sprang, es stieg auf den Geländern 
der Gänge weg, und ehe man sich's versah, saß es oben auf dem Schranke 
und blieb eine ganze Weiie ruhig. Manche Tage antwortete sie mehr auf 
verschiedene Fragen und immer sonderbar; doch konnte man nicht unter- 

I 

scheiden, ob es Witz oder Mangel des Ausdruckes war, indem sie ein gar 
gebrochenes, mit Französisch und Italienisch durchflochtenes Deutsch sprach . . . 
Er fand sie oft, daß sie sich wusch und sie war immer reinlich gekleidet, 
obgleich fast alles doppelt und dreifach an ihr geflickt war . , . und (Wilhelm) 
machte sich tausend Gedanken über diese Gestalt und konnte sich nichts 
Bestimmtes dabei denken." (Ebenda, S. 164/T6J.) 

„Dagegen hörte er sie einmal auf einer Zither klimpern, die mit unter 
dem Theaterhausrat war. Er sorgte dafür, daß sie ordentlich bezogen wurde, 
und Mignon fing an, in abgebrochenen Zeiten darauf allerlei zu spielen 
und zu phantasieren, immer, wie gewöhnlich, in wunderbaren Siellungen. 
Bald saß sie auf der obersten Sprosse einer Leiter, mit übereinandergesctilagenen 
Füßen, wie die Türken auf ihren Teppichen, bald spazierte sie auf den Dach- 
rinnen der Hofgebäude, und der klagende Ton ihrer Saiten, zu dem sich 
auch manchmal eine angenehme, obgleich etwas rauhe Stimme gesellte, 
machte alle Menschen aufmerksam, staunen und stutzen. Einige verglichen 
sie mit einem Affen, andere mit anderen fremden Tieren, und darin kamen 



Gocllies MigiKin 



la 



sie überein, daß etwas Sonderbares, Fremdes und Abenteuerliches in dem 
Kinde stecke." (Ebenda, S. lS6.) 

Sehr charakteristisch für Mignon ist ein artistisches Kunststück, worauf 
sie sich besonders verstand: der sogenannte Eiertanz. 

Eines Tages trat Mignon zu Wilhelm herein, breitete einen Teppich auf 
dem Boden aus, steUte vier Lichter in jede Ecke, legte in gewissem Maße 
Eier voneinander und rief einen Menschen herein, der ihr zum Tanze auf- 
spielen sollte. 

„Sie verband sich die Augen, gab das Zeichen und fing zugleich mit 
der Musik wie ein aufgezogenes Uhrwerk an, indem sie Takt und Melodie 
mit dem Schlage der Kastagnette begleitete. Behende, leicht, rasch, präzis 
führte sie den Tanz. Sie trat so scharf und so sicher zwischen die Eier 
hinein, bei den Eiern nieder, daß man in dem Augenblicke dachte, sie 
müsse eines zertreten oder bei schnellen Wendungen fortschleudern. — Un- 
aufhaltsam wie ein Uhrwerk lief sie ihren Weg, und die sonderbare Musik 
gab dem immer wieder von vorne anfangenden und losrauschenden Tanze 
bei jeder Wiederholung einen neuen Stoß. 

„Wilhelm empfand, was er alles für Mignon gefühlt, in diesem Augen- 
blick auf einmal. Er sehnte sich, dieses verlassene Wesen an Kindes Slatt 
seinem Herzen einzuverleiben, es in seine Arme zu nehmen und mit der 
Liebe eines Vaters Freude des Lebens in ihm zu erwecken. (Sendung, 
S. 218—220.) 

Die tief innerliche Beziehung, die sich allmählich zwischen Mignon und 
Wilhelm hergestellt hatte, wird in folgender Episode besonders klar: 

„Nichts ist rührender, als wenn eine Liebe, die sich im Stillen genährt, 
eine Treue, die sich im Verborgenen befestigt hat, endlich dem, der ihrer 
bisher nicht wert gewesen, zur rechten Stunde nahekommt und offenbar 
wird. Die lang und streng verschlossene Knospe war reif, und Wilhelms 
Herz konnte nicht empfänglicher sein. Sie stand vor ihm und sah seine 
Unruhe. Herr! rief sie aus, wenn du unglücklich bist, was soll aus Mignon 
werden? — Liebes Geschöpf, sagte er, indem er ihre Hände nahm, du bist 
auch mit unter meinen Schmerzen. Sie sah ihm in die Augen, die von 
verhaltenen Tränen blinkten, und kniete mit Heftigkeit vor ihm nieder; 
er behielt ihre Hände, sie legte ihr Haupt auf seine Knie und war gaiiz 
stille. Er spielte mit ihren Haaren und war freundlich. Sie blieb lange 
ruhig. Endlich fühlte er eine Art Zucken durch alle ihre GHeder, das ganz 
sachte anfing und sich stärker verbreitete. Was ist dir, Mignon? rief er aus, 
was ist dir? Sie richtete ihr Köpfchen auf und sah ihn an, fuhr auf einmal 



fM 



Pliili 



pp oorasin 



nach dem Herzen, wie mit einer Gebärde, die Schmerzen verbeißt. Er hub 
sie auf, und sie fiel auf seinen Schoß, er drückte sie an sich und küßte sie. 
Sie antwortete durch keinen Händedruck, durch keine Bexvegung. Sie hielt 
ihr Herz fest und auf einmal tat sie einen Schrei, der mit krampfigen 
Bewegungen des Körpers begleitet war. Sie fuhr auf und fiel auch sogleich 
wie an allen Gelenken gebrochen vor ihm nieder. Es war ein gräßlicher 
Anblick. Mein Kindl rief er aus, indem er sie aufhob und fest umarmte, 
mein Kind, was ist dir? Die Zuckung dauerte fort, die vom Heiv.en sich 
den schlotternden Gliedern mitteilte, sie hing nur in seinen Armen. Er 
schloß sie an sein Herz und benetzte sie mit seinen Tränen. Auf einmal 
schien sie wieder angespannt und angespannter, wie eins, das den höchsten 
körperlichen Schmerz erträgt; und bald, mit einer neuen Heftigkeit, wurden 
alle ihre Glieder wieder lebendig, und sie warf sich ihm, wie ein Ressort, 
das zuschlägt, um den Hals, indem in ihrem Innersten wie ein gewaltiger 
Riß geschah, und in dem Augenblicke floß ein Strom von Tränen aus 
ihren geschlossenen Augen in seinen Busen. Er hielt sie fest. Sie weinte 
und weinte und keine Zunge spricht die Gewalt dieser Tränen aus. Ihre 
langen Haare waren aufgegangen und hingen von der Weinenden nieder, 
und ihr ganzes Wesen schien in einen Bach von Tränen unaufhaltsam 
dahinzuschmelzen. Ihre starren Glieder wurden gelinder, es ergoß sich 
ihr Innerstes, und in der Verirrung des Augenblickes fürchtete Wilhelm, 
sie werde in seinen Armen zerschmelzen und er nichts von ihr übrig 
behalten. Er hielt sie nur fester und fester. Mein Kind! rief er aus, mein 
Kind! du bist ja mein! wenn dich das Wort trösten kann! du bist meinl 
ich werde dich behalten! dich nicht verlassen! Ihre Tränen flössen noch 
immer. Endlich richtete sie sich auf. Eine weiche Heiterkeit glänzte von 
ihrem Gesichte. Mein Vater ! rief sie, du willst mich nicht verlassen ! 
Willst mein Vater sein! Ich bin dein Kind! (Sendung, S. 2jSjf.y' 

Das innerste Wesen der Mignon findet aber ihren Ausdruck in ihrem 
Liede: „Kennst du das Land?" Der Dichter begleitet das Lied mit folgenden 
Erläuterungen : 

„Unter den Liedchen, die Mignon sang, hatte sich Wilhelm eins gemerkt, 
dessen Melodie und Ausdruck ihm besonders wohl gefiel, ob er gleich die 
Worte nicht alle verstehen konnte. Er verlangte es von ihm, ließ sich 
erklären, merkte es sich und übersetzte es in die deutsche Sprache, oder 
vielmehr, er ahmte es nacli, wie wir es unserem Leser mitteilen. Zwar 
die kindische Unschuld des Ausdruckes ging mit der gebrochenen Sprache 
verloren, und der Reiz in der Melodie konnte mit nichts verglichen werden. 



Goethes Migiiou 



Sie fing jeden Vers mit Feier, mit einer Pracht an, als wenn sie auf etwas 
Merkwürdiges aufmerksam machen, etwas Wichtiges erzählen wollte. Bei 
der dritten und vierten Zeile wurde der Gesang dumpfer und düsterer. 
Das ,Kennst du es wohl?' drückte sie geheimnisvoll und bedenklich aus, 
in dem , Dahin! dahin!' lag eine unwiderstehliche Sehnsucht und das 
jGebieter, laß uns ziehn!' wußte sie, so oft sie es sang, zu modifizieren, 
daß es bald bittend, dringend, treibend, hastig und vielversprechend war. 

Einmal, als sie es wiederholt hatte, hielt sie nach geendigtem Liede 
einen Augenblick inne, sah ihren Herrn scharf an und fragte: Kennst du 
das Land? — Es muß wohl Italien gemeint sein, versetzte Wilhelm; woher 
hast du das Liedchen? — Italien! versetzte Mignon, gehst du nach Italien, 
so nimm mich mit, es friert mich hier. — Bist du in Italien gewesen, 
liebe Kleine? sagte Wilhelm, Das Kind war still und nichts weiter aus 
ihm zu bringen." (Sendung, S. 20j/2oS.) 

Die seelische Verfassung des Kindes wird in unzähligen zarten Szenen 
geschildert. Die Lehrjahre berichten dann, wie das Kind berufenen Händen 
anvertraut wird und heranwächst, aber stets ätherisch und wie über- 
menschlich bleibt, bis sie die schmerzliche Entdeckung macht, daß Wilhelm 
sein Herz ernstlich verschenken will und an dieser Erschütterung innerlich 
zerbricht und stirbt. 

Der Mignon innig zugesellt ist nun der Harfner. Wir wissen nicht, 
wo er herkommt, er ist plötzlich da und stellt sich der wandernden Scbau- 
spielertruppe vor, 

„Die Gestalt dieses seltsamen Gastes machte die ganze Gesellschaft er- 
staunen und er hatte schon von einem Stuhle Besitz genommen, ehe jemand 
ihn zu fragen oder sonst etwas vorzubringen das Herz hatte. Ein kahler 
Scheitel, von wenig grauen Haaren umkränzt, große, blaue Augen, die 
unter langen, weißen Augenbrauen hervorsahen, eine wohlgebildete Nase, 
an die sich ein weißer, mittelmäßiger Bart anschloß, mußte der Gesellschaft 
ein sonderbares Bild vorstellen. Ein langes, dunkelfarbiges Gewand bedeckte 
einen schlanken Körper vom Halse bis zu den Füßen. Er nahm die Harfe 
und fing zu präludieren an, — Die Gesellschaft war aber noch darüber 
strittig, ,ob es ein Pfaffe oder ein Jude sei'.'' (Sendung, S. 2j:o/2Si:.J 

Es ist der Sänger von altem Schrot und Korn: 

„Ich singe, wie der Vogel singt, 

Der in den Zweigen wohnet, 

Das Lied, das aus der Kehle dringt, 

Ist Lohn, der reichlich lohnet." (Sendung) S. 2J3.) 



PLiIijip oai'ssiii 



Sein Betragen vergleicht aber der Dichter mit dem der Herrnhuter. Eine 
Unterredung Wilhelms mit dem Harfner wird folgendermaßen geschildert; 

„Auf alles, was der Jüngling zu ihm sagte, antwortete der Alte in der 
reinsten Übereinstimmung durch Anklänge, die alle verwandte Empfindun- 
gen rege machten und ein weites Feld des Denkens eröffneten. Wer einer 
Versammlung Herrnhuter oder anderer Frommen, die sich auf ihre Weise 
erbauen, beigewohnt hat, wird sich auch einen Begriff von dieser Szene 
machen können.' (Sendung; S. 262.) 

Er verkörpert die geheimnisvolle Gestalt des „Wanderers", wie sie in der 
Dichtung der Romantik häufig wiederkehrt und zum Beispiel von Schubert 
musikalisch erfaßt worden war. Er schließt sicli innig an Wilhelm an und 
hilft seine wunderbare Familie bereichern. 

In unserem Roman gedeiht allerdings die Gestalt nur zu mangelhafter 
Größe, trägt aber doch viele Züge, die uns interessieren werden. In ge- 
wissem Sinne ist er ein Doppelgänger Wilhelms, dann aber auch sein 
Gegenspieler. Er ist Dichter und Sänger wie Wilhelm, nur in gesteigertem 
Maße und wächst bis ins Mythologische hinein. Auch zieht er flüchtig und 
unstet in der Welt herum wie Wilhelm. Zeigt aber seine menschenfreund- 
lichen und weichen Züge nicht, die Wilhelm auszeichnen und die Fähigkeit, 
sich um hilflose Wesen zu sorgen und zu kümmern. 

Tn der späteren Bearbeitung des Romanes treten diese Züge deutlicher 
hervor. Der Dichter beschreibt ihn folgendermaßen: Der Harfner leidet an 
einer Zwangsidee, einen Knaben töten oder durch einen solchen umkommen 
zu müssen. „Er behauptete nämlich, daß bei seinem Erwachen zu ieder 
Stunde der Nacht ein schöner Knabe unten an seinem Bette stehe und ihm 
mit einem blanken Messer drohe." (Lehrjahre, Bd. XT-'IIJ, S.)ji.) 

Geradezu phantastisch wird dieser krankhafte Hang in folgender Szene, 
die an Isaaks Opferung durch Abraham erinnert, auf die der Dichter offen- 
sichtlich auch anspielt: 

„Wilhelm ging unruhig einigemal in seinem Zimmer auf und ab . . . 
Auf einmal stürzte Mignon in das Zimmer und faßte ihn an und rief; 
Meister! rette das Haus! es brennt 1 

Wilhelm geht dem Unglücke nach. 

„In diesem Augenblick sprang Mignon herauf und rief: Meister! rette 
deinen Felix! der Alte ist rasend! der Alte bringt ihn um! Wilhelm sprang, 
ohne sich zu besinnen, die Treppe hinab und Mignon folgte ihm an den Fersen. 

Auf den letzten Stufen, die ins Gartengewölbe führten, blieb er mit 
Entsetzen stehen. Große Bündel Stjoh und Reisholz, die man daselbst auf- 



Gocllics MlgllOIl 



gehäuft hatte, brannten mit heller Flamme; Felix lag am Boden und schrie; 
der Alte stand mit niedergesenktem Haupte seitwärts an der Wand. Was 
machst du. Unglücklicher? rief Wilhelm. Der Alte schwieg . . ." 

Durch viele Fragen erfuhr Wilhelm, daß der Harfenspieler, als sie in 
das Gewölbe gekommen, ihr das Licht aus der Hand gerissen und das Stroh 
sogleich angezündet habe. Darauf habe er den Felix niedergesetzt, mit 
wunderlicher Gebärde die Hände auf des Kindes Kopf gelegt und em 
Messer gezogen, als wenn er ihn opfern wolle. Sie sei zugesprungen und 
habe ihm das Messer aus der Hand gerissen. . ." (Lehrjahre, Bd.XVllI, S. 6}.) 
Sein Ende findet der Harfner schließlich in einer Situation, die auf den 
gleichen Gedanken zurückgeht. Er lernte seine Schwermut beherrschen, 
dadurch, daß er stets eine letale Dosis Opium bei sich trug, um sich aus 
freien Stücken jederzeit seinem unerträglichen Zustand durch den Tod 
entziehen zu können. Durch einen unglücklichen Zufall meint er, Wilhelms 
Sohn Felix habe davon getrunken und schneidet sich in seiner Verzweiflung 

die Kehle durch. 

Schließlich erläutert der Dichter Mignons Herkunft. Sie war ein natür- 
liches Kind des Harfners und dessen leiblicher Schwester Sperata, die in 
einem Kloster, ferne von der Welt aufgezogen worden war, Angehörige 
einer vornehmen italienischen Familie. Goethe schildert also in Mignon 
das Geschick und das Verhängnis eines Inzestes. 

Fassen wir noch einmal das Wesentliche zusammen: 

Mignon ist der Urtypus des Seiltänzerkindes geheimnisvoller Herkunft, 
die in hoffnungsloser Leidenschaft zu ihrem Freund und Gebieter vergeht. 
Wie zufällig schließt sich ihr die Gestalt des Harfenspielers an und 
bildet mit Wilhelm die wunderbare Familie (dramatisch-obiektiver 
Gehalt). . ' ■ 

Mignon verzehrt sich aber auch in ihrer Sehnsucht nach der fernen 
Heimat im Süden und gibt dieser Stimmung in ihren Liedern ergreifenden 
Ausdruck (lyrisch-subjektiver Gehalt). 



Sarasln: Goethes Mignon. 



11) (j-oetJies JiigendgesdiiJite 

Freud variierte einmal gesprächsweise Buffons bekannten Ausspruch: 
Je style c'est l'homme" folgendermaßen : Je stjte, c'est Vhistoire de Vhomme". 
Wir dürfen diese Wendung wohl so übersetzen: Was und wie jemand schreibt, 
stammt in jeder Beziehung aus der Vergangenheit und bildet sozusagen 
deren Niederschlag. 

Der Meisterroman und in ihm die Mignon ist mehr als ein anderes Werk, 
ein Niederschlag aus Goethes eigenen Erlebnissen und Erfahrungen und 
wir dürfen es darum wohl wagen, die historische Methode der Psycho- 
analyse auf diese Gestalt anzuwenden. 

Der Meisterroman liegt in zwei Fassungen vor uns. Die erste Fassung, 
die „Sendung", entstand in der ersten Weimarer Epoche vor der italieni- 
schen Reise. Der Minister am herzoglichen Hofe wollte einmal endgültig 
mit seiner romantischen Lebenseinstellung fertig werden und schrieb sich 
während er allmählich die Metamorphose vom unbeholfenen Sturm- und 
Drangmenschen zum geschmeidigen Hofmann durchmachte, seine überlebten 
Theaterphantasien von der Seele. Das vermittelnde Ferment in diesem Prozesse 
war die Stein. Stil und Darstellung atmen Gewitterschwüle und rücken 
mit ihrer ossianischen Stimmung in die Nähe Werthers. 

Die definitive Fassung, die „Lehrjahre", aus den neunziger Jahren, tilgen 
das Ungestüme und Wildstürmende der „Sendung" aus und leuchten in 
ruhigem, sattem Lichte. Zwischen den beiden Fassungen liegt die Flucht nach 
Italien. Wilhelm Meisters Sendung ist eine Art romanhafter Lebensgeschichte 
des Dichters selber. Sie beginnt mit den Jugendjahren des Helden, nimmt 
das Puppenspiel, die ersten Liebesträume und Liebesenttäuschungen aus der 
Lebensgeschichte des Dichters selber auf. Manches stammt aus der un- 



Goettes JMignoii in 



mittelbaren Umgebung des Weimarer Hofes, manches scheint auch an- 
gelesen zu sein. 

Mignon und der Harfner stammen aber wie aus einer anderen Welt. 
Dämonisch, fast wie Mephisto, steigt Mignon aus der Phantasiewelt des 
Dichters empor und gibt dem Psychoanalytiker besondere Rätsel auf. Er 
hat aher gelernt, dämonische Phantasiegebilde Geisteskranker verständlich 
zu machen, und fand den Weg, wirre Träume aufzulösen, Tagesphantasien 
oder Dichtungen zu erklären. Vielleicht besitzt er auch Mittel und Wege, 
die Mignon aus ihrer Isolierung herauszulösen und mit dem Gedanken- 
strom der Goetheschen Innenwelt zu verbinden. 

Die Psychoanalyse lehrt uns, daß der Stoff unseres Denkens nicht nur 
aus jüngster Zeit stammt oder aus Zeitabschnitten, die uns wohl erinner- 
lich sind, sondern aus Zeitepochen, die wir wohl einmal intensiv erlebt, 
aber nicht mehr in Erinnerung haben. Diese frühesten Lebensepochen 
nennen wir „infantile". Ungezählte psychoanalytisch durchforschte Träume 
und Krankengeschichten erweisen, daß diese ersten Lebensjahre für unser 
waches Denken wohl vergessen sind, aber unbewußt weiterwirken. Dieses 
„Infantile" ist ein so sicherer Bestandteil unseres Denkens und Träumens, 
daß wir bei jedem phantasieartigen Stoffe daran denken müssen, darum 
auch hier bei der Mignon. 

Alle Quellen aufzuweisen, aus denen Mignon allmählich entstanden ist, 
gehört nicht zu unserer Aufgabe. Die Vorstellung vom musizierenden Alten 
mit dem bettelnden Kinde ist altes Sagengut und läßt das Wanderermotiv 
„Heimatlos" immer wieder entstehen. Wir nehmen hier die Mignongestalt, 
die eng mit dem Harfner verflochten ist, als feste Größe und achten auf 
die Variationen, die der Dichter auf diese Melodie zu finden weiß. 

Wenden wir uns aber zuerst der Jugendgeschichte des Dichters selber zu. 

Die Jugenagesdiiclite 

In die „Jugendgeschichte" nehmen wir nur die wichtigsten Daten auf, 
um unserer Aufgabe vorzuarbeiten. Ich lasse sie in Form einer erzählenden 
Chronik folgen : 

Johann W^olfgang Goethe kam am 28. August 1749 in Frankfurt am 
Main zur Welt. — Die Mutter war achtzehn und der Vater neununddreißig 
Jahre alt. Ihr Altersunterschied betrug also ganze einundzwanzig Jahre. Die 
Mutter, eine geborene Textor, stammte aus einer alten, angesehenen Frank- 
furter Familie und war ohne höheren Unterricht in fröhlicher Jugendfreiheit 



ao 



Philipp Sa ras in 



aufgewachsen (Bielschowsky)> Ihr Vater war kaiserlicher Rat und Stadt- 
schullheiß in Frankfurt, ihr Großvater Doctor juris und Syndikus. Dieser 
Familienkreis verkörperte die gut bürgerlichen Leben sge wohn lieiten Frank- 
furts. Zwei Schwestern von ihr werden in Dichtung und Wahrheit erwähnt: 
eine lustige und lebhafte Tante: Johanna Maria, seit 1751 mit dem Handeis- 
manne Melber verheiratet, und eine etwas stillere Tante: Anna Maria, 
1756 mit Prediger Starck verheiratet. 

Die großväterliche Familie Textor bewohnte einen Häuserkomplex an 
der Friedberger Gasse in Frankfurt, mit sonnigem Garten, der vom Groß- 
vater teilweise selber besorgt wurde. 

Die Familie Goethe stammte von auswärts. Der Urgroßvater des 
Dichters war Hufschmied in Artern an der Unsirul in der heutigen 
Provinz Sachsen, südlich vom Harz, etwa vierzig Kilometer nördlich von 
Weimar, der späteren Heimat seines berühmten Urenkels, Der Großvater 
des Dichters war Schneider, etablierte sich in Frankfurt und brachte es zu 
ansehnlichem Vermögen, so daß er seinem Sohne eine sorgfältige Erziehung 
geben konnte. Goethes Vater wurde Jurist, studierte an verschiedenen deut- 
schen Universitäten und erweiterte seinen Gesichtskreis auf Reisen in Öster- 
reich, Frankreich und Italien. Frankfurt gegenüber bewahrte er dauernd 
ein Gefühl innerer Fremdheit. Er hatte den Ehrgeiz, vom Rate ein Amt 
ohne Gehalt, aber auch ohne Wahlverfahren übertragen zu erhalten. Da 
diesem Verlangen nicht entsprochen wurde, zog er sich grollend von jeder 
Öffentlichen Tätigkeit zurück. Diese Verstimmung wurde auch nicht durch 
seine eheliche Verbindung mit der Tochter der regierenden Familie Textor 
behoben und sollte später deutlicher hervortreten. 

Ein warmes, inniges Verhältnis scheint zwischen den Ehegatten nicht 
bestanden zu haben. Die seelische Kluft zwischen den Eltern war denkbar 
groß. Der Schauplatz dieser Ehe war das Goethesche Haus am großen 
Hirschengraben. Bei Wolfgangs Geburt lebte der Großvater Goethe nicht 
mehr, dagegen hauste die Großmutter Goethe in einem der hinteren Zimmer 
und ging eben ins einundachtzigste Lebensjahr. Goethe erinnert sich ihrer 
noch „gleichsam als eines Geistes, als einer schönen, hagern, immer weiß 
und reinlich gekleideten Frau. Sanft, freundlich, wohlwollend ist sie mir 
im Gedächtnis geblieben". (Dichtung und Wahrheit — Goethe, Bd. XXli, S. ^). 

Dann lebte noch ein Gehilfe des Vaters in diesen Räumen, ein gewisser 
Rechtskandidat Clauer, der anschließend scheint trübsinnig geworden zu 
sein, aber weiterhin im Hause blieb. Über die Dienstboten, männlichen 
oder weiblichen Geschlechts, bin ich nicht genügend orientiert, es scheint 



Goetkcj Ätigiion 



später ein männliches Faktotum dagewesen zu sein, der auch schneidern 
konnte und Mägde, die nach geringen Andeutungen des Dichters ziemlich 
primitiv gewesen waren. 

Am 7. Dezember des nächsten Jahres 1750 bekam Wolfgang ein Schwester- 
chen Cornelie, an das sich der Kleine von anfang an innigst anschloß. 
Dies ist sozusagen die Urfamilie, in der Mutter und Kinder in schöner, 
ungetrübter Harmonie lebten. Die Sonntage werden im großväterlichen 
Hause Textor verbracht. Diese Herrlichkeit dauerte bis zum 27. Novem- 
ber 1752, also "Irei Jahre und zwei Monate, wenn wir die Welt nun mit 
den Augen des Kindes Wolfgang betrachten. 

Nun tritt aber die erste Trübung ein. Wolfgang bekommt einen kleinen 
Bruder: Hermann Jakob. Die Mutter wendet sich dem neuen Ankömm- 
ling zu. Freud behandelt diesen Zeitpunkt in seiner Arbeit: „Eine Kind- 
heitserinnerung aus , Dichtung und Wahrheit'". Goethe erzählt eine Episode 
aus seiner Kindheit, an die er sich selber nicht mehr erinnert, die ihm 
aber immer wieder erzählt worden sei. Eines Tages, „da alles ruhig im 
Hause war, trieb ich im Geräms mit meinen Schüsseln und Töpfen mein 
Wesen und da weiter nichts dabei herauskommen wollte, warf ich ein 
Geschirr auf die Straße und freute mich, daß es so lustig zerbrach". Dem 
einen folgten bald andere und er hätte die ganze Küche geräumt, wenn 
man ihn nicht daran gehindert hätte. 

Freud weist nach, daß diese Handlung eine Reaktion auf die unerwünschte 
Ankunft des Bruders war, aus dem tiefen Gefühl der Beleidigung, daß ihm 
nun ein anderer den Platz bei der Mutter streitig macht. 

Die Beziehung zum Bruder bleibt dauernd dunkel. Erwähnt wird er nur 
nebenbei, auch wurde er nicht sehr alt. 

Im folgenden .lahre, zu Weihnachten, werden die lebendigen Märchen- 
erzählungen, die die gesprächige und phantasie volle Mutter den Kindern 
erzählte, in Wirklichkeit vorgeführt. Die Großmutter Goethe schenkt den 
Kindern ein Puppentheater (Weihnachten 1755). 

Im folgenden Jahre 1754 bekommt die Familie wieder Zuwachs, ein 
Mädchen Katharina Elisabeth, das aber im Jahre darauf stirbt. Am go. Juni 
wird zu Ehren Wolfgangs eine Kindergesellschaft eingeladen und das Puppen- 
theater wieder aufgestellt. 

Indessen stirbt die Großmutter Goethe am 26. März 1754. 
Für den Vater Goethe ist nun der Zeitpunkt gekommen, sein Haus 
einem völligen Umbau zu unterziehen. Die Pläne waren alle schon sorg- 
fältig vorbereitet. Dabei handelte es sich darum, die alte Bauart des Hauses 



PiiJi; 



pp da rann 



mit den nach der Straße vorspringenden, oberen Stockwerken beizubehalten, 
ohne durch die städtischen Baugesetze, die dies an Neubauten verboten, 
behindert zu werden. Der durchgreifende Neubau wurde darum in Form 
einer großen Reparatur durchgesetzt. Die Familie bewohnte die verfügbaren 
Räume weiter und die Kinder machten die ganze Unruhe und das Ge- 
triebe mit. 

Im November 1755 dringt die Kunde vom Erdbeben von Lissabon in 
den Familienkreis und regt den ahklugen Knaben zu weisen Betrachtungen 
an. Am 32. Dezember wird sein Schwesterchen Katharina Elisabeth begraben. 

Mit dem Jahreswechsel 1755/56 schließt die erste Lebensepoche des 
Dichters ab. 

Wolfgang ist der erklärte Liebling einer phantasicvollen und lebens- 
durstigen Mutter, der etwas gönnerhafte, ältere Freund einer sehr liebes- 
hungrigen und begabten Schwester. Ein jüngerer Bruder wird mögliclist 
nicht beachtet und aus der Bedeutung eines etwas düsteren, steifen, alten 
Herrn, den man Vater nennen muß, wird man nicht recht klug. 

Die Urzeit des Dichters schließt hiemit ab. Der Elternkomplex und der 
Geschwisterkomplex sind nun präformiert und angelegt. 

Die nachfolgenden Jahre sind schon viel reicher. Im Herbste 1 756 bricht 
der Siebenjährige Krieg aus, Die Preußen rücken in Sachsen ein. Die Er- 
eignisse werden im Familien lu-eise lebhaft erörtert. Vater Goethe ist glühender 
Verehrer Friedrichs des Großen, Großvater Textor sieht mit seiner Familie 
auf Seite der angegriffenen Österreicher. Goethe macht kein Hehl aus seiner 
Auffassung. Die beiden geraten hart aufeinander. Wir werden später wieder 
darauf zurückkommen. 

Zu Neujahr 1757 überbringt der kleine Wolfgang ein etwas großartiges 
Neujahrsgedicht seinen Großeltern, an dem die Hand des Lehrers nach- 
geholfen hat. 

„Erhabener GrosPapa 
Erhabene GrosMama" 
beginnen die Strophen, Die Beziehungen der beiden Familien scheinen 
wieder notdürftig geflickt worden zu sein. 

Die Familie bekommt wieder Zuwachs. Am 2g. März 1757 wird ein 
Töchterchen namens Johanna Maria getauft. Es bereichert den Familien- 
kreis die folgenden zwei Jahre. 

Der Unterricht zeitigt die ersten deutlichen Früchte. Wir besitzen aus den 
Jahren 1757 — 175g ein Übungsheft mit Reinschriften Wolfgangs, teils selbst- 
erfundene Zwiegespräche in deutscher und lateinischer Sprache von erstaun- 



Ooethes Migiion 



lieber Lebendigkeit und Naturtreue der Erfindung. Der spätere Dramatiker 
kündigt sich bereits an. Besonders ein Zwiegespräch zwischen Vater und Sohn 
beleuchtet das Verhähnis zwischen den beiden und läßt eine leise Ironie und 
eine tiefe geistige Überlegenheit des Sohnes über den alten Herrn durchblicken. 
Eingreifend ist dann wieder das Jahr 175g. Am 2. Januar besetzen die 
Franzosen die Mainstadt. Die Bewohner bekommen Einquartierung, die volle 
vier Jahre dauern soll. Dem Hause am Hirschgraben wird der so- 
genannte Königsleutnant zugewiesen. Der preußisch gesinnte Rat Goethe 
muß es sich gefallen lassen, aber nur Ingrimmig; denn nach der Schlacht 
bei Bergen am 13. April macht er seinem Zorne dem Grafen von Thoranc 
gegenüber Luft und entgeht nur knapp einer ernsten Maßregelung. 

Am 13. Januar 1759 stirbt der sechsjährige Hermann Jakob, was bei 
Wolfgang keine Spuren zurückgelassen zu haben scheint. Das Ereignis geht 
im Getriebe der neuen Zeit unter. Am 11. August wird die stille und 
angenehme Johanna Maria begraben. 

Die Aufsicht über den Knaben läßt merklich nach. Er streift in der 
Stadt herum, in dem sich französisches Wesen geltend macht. Er lernt die 
neuen französischen Kaffeehäuser kennen. Er ist erst zehn Jahre alt, bekommt 
vom franzosenfreundlichen Großvater ein Freibillett ins französische Schau- 
spielhaus und schließt sich dort dem Sohne einer Schauspielerfamüie, 
de Rosne an. Der Vater scheint schon sehr verstimmt zu sein und den 
Knaben gewähren zu lassen. — Das väterliche Haus ist düster und un- 
freundlich das Reich des Großvaters ist verschlossen und nun treibt er 
sich eben in der Stadt herum. Ein bißchen herrenlos. 

Nach späteren Äußerungen in Briefen an seine Schwester scheint jetzt 
die intensivere Dichtertätigkeit einzusetzen. In den nächsten sechs Jahren 
schreibt er jedes Jahr einen Quartband von 500 Seiten Poesie zusammen 
(Brief an die Schwester aus Leipzig. August 1767). 

Das Jahr 1760 bringt wieder Familienzuwachs. Am 15. Juni wird ein 
Georg Adolph getauft, stirbt aber schon im nächsten Jahre. 

Ostern 1761 wird Wolfgang konfirmiert, also kaum zwölf Jahre alt. Im 
Sommer scheint der Königsleutnant das Haus verlassen zu haben. 

Die dichterische Produktivität tritt nun massiger hervor. Er versucht sich 
mit einem Epos „Joseph", das durch den trübsinnigen Rechtskandidaten Clauer 
abgeschrieben wird. — Cornelie und Wolfgang glänzen in einer Theater- 
aufführung, einem Stücke von Schlegel und in Britannicus von Racine. 

Im Jahre 1763 findet der Siebenjährige Krieg seinen Abschluß, die 
Franzosen räumen Frankfurt. Wolfgang scheint noch mehr in der Stadt 



2^ 



Pliilipp öarasm 



seinen eigenen Wegen nachzugehen. Es beginnt im Herbst die erste Liebes- 
beziehung zu einem schönen Mädchen, das er Gretchen nennt. 

Aber im folgenden J^ahre, genau nach dem glänzenden Krönungsfest 
Josephs des Zweiten, 3, April 1764, das rauschend und prächtig die Main- 
stadt erfüllt hatte, geht ein Ungewitter über den ahnungslos Liebenden 
nieder. Ein junger Mensch des Bekanntenkreises, in dem sich Wolfgang 
bewegt hatte, wurde in einen Rechtshandel verwickelt und unlauterer Dinge 
bezichtigt, Wolfgang in die Sache hineingezogen und von einem Hausfreund 
schonend, aber doch sachlich verhört. Er sieht nun plötzlich seine heim- 
liche, aber tief brennende Liebe ans grelle Tageslicht gezerrt und gerät 
darob in äußerste Scham und Verzweiflung. „Wie wenn ungefähr unter 
der Zurüstung ein Feuerwerk in Brand gerät, gingen in seinem Busen 
Glück und Hoffnung, Wollust und Freuden, Wirkliches und Geträumies 
auf einmal scheiternd durcheinander. (Sendung, S. 68.) 

Es wird ihm nun ein Hauslehrer als eine Art Hofmeister oder Berater 
zur Seite gestellt. Er scheint sich aber vereinsamt zu fühlen und sucht 
um Aufnahme in einen neuen Freundeskreis, Briefe an einen gewissen 
Buri sind erhalten, er scheint aber den Anschluß nicht gefunden zu haben. 

Seine Schwester war nun doppelt froh, endlich den Treulosen wieder 
an sich fesseln zu können, denn sie litt zu sehr unter der Einsamkeit, 
dem trübseligen tmd harten Wesen ihres Vaters. Das Glück sollte aber nicht 
lange dauern, denn im September des folgenden Jahres, 1765, zieht der 
junge Student auf die Universität von Leipzig. j 



i 



V ■ 



III) E'rgänzungen zur J ugendgesaiidite 

Im folgenden möchte ich nun diese Jugendgeschichte mehrfach ergänzen. 
Der eine Versuch bezieht sich auf das Jahr 1756, der andere auf das Jahr 1759 
und schließlich untersuchen wir die Todesursachen der jüngeren Geschwister 
Goethes, soweit es möglich ist. 



\ . 



a) JJas -Ixjiabcniiiärclien 



Eine der frühesten Jugenddichtungen Goethes, die auf uns gekommen 
sind, ist das sogenannte Knabenmärchen: „Der neue Paris." Als Goethe 
diese Jugendphantasie schließlich niederschrieb, hatte er sein sechzigstes Lebens- 
iahr überschritten. Er fügt sie in das zweite Buch des ersten Teiles seiner 
Lebensbeschreibung ein und sagt: „Ich füge daher ein solches Märchen 
bei welches mir. da ich es meinen Gespielen oft wiederholen mußte, noch 
ganz wohl vor der Einbildungskraft und im Gedächtnis schwebt." (Goethe, 
Bd. XXII, S. s6.) Denn „als ich die Fortsetzung meines Märchens hartnäckig 
verweigerte, ward dieser erste Teil öfters wieder begehrt. Ich hütete mich, 
an den Umständen viel zu verändern, und durch die Gleichförmigkeit meiner 
Erzählung verwandelte ich in den Gemütern meiner Zuhörer die Fabel in 
Wahrheit". (Goethe, Bd. XXII, S. -4.) 

Die Frage, wieweit der alternde Dichter diese Jugendphantasie beim 
Niederschreiben wohl verändert habe, beantwortet Goethes Biograph, Biel- 
schowsky, folgendermaßen: „Seine Form müssen wir auf Rechnung der 
späteren Kunst des Dichters setz;en, der es erst 1811 niedergeschrieben hat. 
Den Inhalt aber der Knabenzeit abzusprechen, verbietet die sehr bestimmte 
Erklärung des Dichters." (Bd. J, S. jj.) 



2b Philip]] iSai'a^iii 



Die Erzählung des jugendlichen Dichters lautet in prosaischer knapper 
Form etwa folgendermaßen: 

An einem Pfingstsonntagmorgen hatte er einen Traum. Er stehe vor dem 
Spiegel und wolle sich zum Ausgange bereit machen, werde aber mit dem 
Anziehen der Kleidungsstücke nicht fertig. Da trete Merkur zu ihm und 
übergebe ihm verheißungsvolle Aufträge. Schließlich wache er auf, mache 
sich zum Kirchgange bereit, sei aber immer noch mit seinem Traume be- 
schäftigt, ebenso beim Mittagessen bei den Großeltern Textor. 

Dann streift er nachmittags in der Sladt umher und entdeckt an der 
sogenannten schlimmen Mauer ein Pförtchen, das er sonst noch nie gesehen 
hatte. Er tastet daran herum, bis es sich von innen von selber öffnete und 
ihm Eintritt in einen Garten gewährt. Ein alter, ehrwürdiger Greis in 
weitem, sonderbarem Gewände, mit weißem Barte empfängt ihn. Zuerst 
sieht er einen von Linden überschatteten Plalz. Bald dringt er aber in den 
geheimnisvollen Garten ein. Ein doppelreihiges Gitter senkt sich über einen 
Wassergraben, in dem Gold- und Silberfische hin und wider schwimmen. 
Über schöne Wege gelangt er zuletzt in ein angenehmes Gartenhaus, aus 
dem wohllautende Musik dringt. Er wird im Innern von drei zauberhaft 
schönen Damen empfangen und einei' kleinen munteren Freundin bewill- 
kommt. Lustige Spiele und leckere Speisen, die ein Kinderherz entzücken, 
werden in märchenhaften Mengen aufgetischt, bis Übermut und Streit zwischen 
dem Helden und der kleinen Alerte, so heißt das muntere Mädchen, dem 
Treiben ein Ende bereiten und Wolfgang den Garten wieder verlassen muß. 

Wir wissen nicht genau aus welcher Zeit diese Dichtung stammt. Die 
Zwiegespräche in deutscher und lateinischer Sprache, die auf uns gekommen 
sind, die aus den Jahren 1757 — 1759 stammen, machen einen so reifen Ein- 
druck, daß diese etwas planlose und kindische Geschichte nicht recht hinein- 
passen will. Viel früher dürfen wir abei' auch nicht greifen. Dagegen gibt 
uns die Geschichte selber deutlicheren Aufschluß. 

Schauen wir einmal diesen Märchenstoff genauer an. 

An einem Sonntagsmorgen hat Wolfgang einen verheißungsvollen Traum, 
geht dann zur Kirche und ißt wie gewohnt bei seinen Großeheni Textor 
zu Mittag. Will dann nachmittags seine Freunde aufsuchen, gerat aber beim 
Durchstreifen der Stadt bei jener geheimnisvollen Mauer in einen Feen- 
garten, wo ihm ein würdiger Greis herrliche Dinge zeigt. 

Wir wissen nun aus den Erzählungen des Dichters, daß die Sonntage 
bei den Großeltern Textor zu den vergnügtesten Stunden der Woche ge- 
hörten. Da war ein großer, herrlicher Garten mit Obst und Blumenbeeten, 



Goctiies Migimn »7 



Stachelbeeren so viel man wollte. „In diesem friedlichen Revier fand man 
jeden A.bend den Großvater mit behaglicher Geschäftigkeit eigenhändig Obst- 
und Blumenzucht besorgend. So trug er auch immer einen talarähnlichen 
Schlafrock und auf dem Haupt eine faltige, schwarze Samtmütze, so daß er 
eine mittlere Person zwischen Alcinous und Laertes hätte vorstellen können." 
(Goethe, Bd. XXII, 8.42.)' 

Diese fröhlichen Sonntage wurden aber im Herbst 1756 mit dem Aus- 
bruch des Siebenjährigen Krieges gestört. 

(Aber) kaum hatte ich am 28. August 1756 mein siebentes Jahr 
zurückgelegt, als gleich darauf jener weltbekannte Krieg ausbrach, welcher 
auf die nächsten sieben Jahre meines Lebens auch großen Einfluß haben 
sollte. Friedrich der Zweite, König von Preußen, war mit 60.000 Mann in 
Sachsen eingefallen . . . Die Welt, . . . spaltete sich sogleich in zwei Par- 
teien, und unsere Familie war ein Bild des großen Ganzen. 

Mein Großvater, . . . war mit einigen Schwiegersöhnen und Töchtern 
auf österreichischer Seite. Mein Vater . . . neigte sich mit der kleineren 
Familien half te gegen Preußen. Gar bald wurden unsere Zusammenkünfte, 
die man seit mehreren Jahren Sonntags ununterbrochen fortgesetzt hatte. 
gestört. . . Man stritt, man überwarf sich, man schwieg, man brach los. 
Der Großvater, sonst ein heiterer, ruhiger und bequemer Mann, ward un- 
geduldig. Die Frauen versuchten vergebens das Feuer zu tuschen, und nach 
einigen unangenehmen Szenen blieb mein Vater zuerst aus der Gesellschaft." 

(Goethe, Bd. XII S. SO-) 

Das Zerwürfnis scheint sehr tief gewesen zu sein, denn ich finde fol- 
gende Angabe im Tagebuch eines Zeitgenossen, des Arztes Senckenberg; 
Bei einem Festmahl im Hause des Pfarrers Starck (Gatle von Anna 
Maria Textor, verheiratet 1756) soll der Rat Goethe seinen Schwiegervater 
als bestochenen Verräter verflucht haben; dieser habe darauf mit einem 
Messer nach ihm geworfen, und mühsam habe man die Streitenden ge- 
trennt." (Anmerkung in Goethe -Ausgabe, Bd. XXII, S. 26y.J 

Diese wohltuenden Sonnlage im großelterlichen Hause waren nun gestört. 
Kein Bissen wollte "VVolfgang mehr schmecken, „denn ich mußte meinen 
Helden aufs greulichste verleumden hören. Hier wehte ein anderer Wind, 
hier klang ein anderer Ton als zu Hause. Die Neigung, ja die Verehrung 



1) Freud machte micli auf die ÄlinlicKkeit der beiden Namen Laertes und Alerte 
aufmerksam. Die beiden ersten Buchstaben sind gegeneinander vertaiischt, Goethes 
Beiiehungsreichtum vorbewußter Vorstellungen scheint sich in diesem Wortspiele tu 
spiegeln. 



aS Puili|)p OArasia 

für meine Großeltern nahm ab. Bei den Eltern durfte ich nichts davon 
erwähnen; ich unterließ es aus eigenem Gefühl und auch weil die Mutter 
mich gewarnt hatte. Dadurch wurde ich auf mich selbst zurückgewiesen." 
(Dichtung und fVahrkeit, Bd. XXII, S. ^o/jllj2.J 

Überblicken wir nun noch einmal den Gang unserer Untersuchung, so 
werden wir deutlich gewahr, wie der Umschwung der Stimmung im groß- 
väterlichen Hause sich wie Mehltau auf das Vertrauen des Enkels zu den 
Großeltern legt, so daß der kleine Wolfgang sich an den sonst so fröhlichen 
Sonntagen bei den Großeltern Textor nicht mehr recht freuen kann. Die 
Furcht vor dem Großvater breitet sich, wie es nicht anders zu denken ist, 
auf die ganze Familie Textor aus, auf sein Haus an der Fried berge rgasse 
und auf seinen Garten. 

Wir dürfen also wohl folgende Vermutung wagen: 

Das Knabenmärchen gibt eine phantastische Schilderung von den Herrlich- 
keiten im großväterlichen Garten, die er einmal genossen, die ihm aber 
seit der Verstimmung zwischen den beiden Familien vergällt waren. Die 
entschwundene Herrlichkeit wird, wenn auch in kindlicher Form, poetisch 
aufgearbeitet und den horchenden Freunden aufgetischt. (Herbst 1756.) 

Das Knabenmärchen steht also an der Schwelle zwischen Kindheit und 
Knabenzeit des Dichters und stellt die poetische Verarbeitung eines un- 
ersetzlichen Verlustes dar, Sie ist sozusagen die moderne und individuelle 
Aufarbeitung der Vertreibung aus dem Paradiese und wir dürfen mit Recht 
erwarten , daß das Motiv dieses Urgartens wohl später wi eder aufge- 
nommen wird. 

Das Knabenmärchen aber lehrt uns noch mehr. Wenn der geschilderte 
Garten auf den großelterlichen Garten zurückgeht, so ist der alte, sonder- 
bare Greis sein Großvater, der ihm allerdings durch die Parteinahme gegen 
Friedrich den Großen seltsam genug erschienen ist. Die fidele, kleine Alerte 
aber ist eine poetische Verarbeitung seiner Schwester Kornelie, mit der er 
aufgewachsen ist. Die schönen Damen, die ihn bewirten, aber dürften in 
seinen Tanten, den Schwestern der Mutter, ihr Urbild finden. 

Die Alerte, der würdige Greis, der Feengarten sind poetische Elemente, 
die ich betonen möchte, da sie uns wieder später entgegenkommen werden. 

d) Die IransÖsisdien iSdiauspieler 

Das Jahr 1759 weist uns in andere Richtung. 

Am 2. Januar wird Frankfurt von französischen Truppen überrumpelt 
und besetzt. Die Bevölkerung erhält Einquartierung, auch das Goethesche 



Goetlies Migiion 29 



Haus. Vater Goethe, der sich eben in seinem neu eingerichteten Haus 
anfing wohl zu fühlen, wehrt sich wie ein Löwe dagegen, es nützt ihm 
aber nichts. Der Königskutnant, Frangois de Th^as, comte de Thoranc, 
bezieht die Räume im ersten Stock. 

■'Dazu aber kam folgendes. Die französische Einquartierung brachte auch 
das fran7.ösische Schauspiel in die Mainstadt. 

Von meinem Großvater", erzählt Goethe, „hatte ich ein Freibillett er- 
halten, dessen ich mich, mit Widerwillen meines Vaters, unter dem Bei- 
stand der Mutter, täglich bediente. Hier saß ich nun im Parterre vor einer 
fremden Bühne ..." „. . . da ich (aber) nicht immer die ganzen Stücke 
anzuhören die Geduld hatte und manche Zeit in den Korridors, auch wohl 
bei gelinderer Jahreszeit vor der Tür (es ist Frühjahr 1759) mit anderen 
Kindern meines Alters allerlei Spiele trieb, so gesellte sich ein schöner, 
munterer Knabe zu uns, der zum Theater gehörte und den ich in manchen 
kleinen Rollen, obwohl nur beiläufig, gesehen hatte." . ■. 

Der lunge Derones, so will ich den Knaben nennen, mit dem ich 
me^n Verhältnis immer fortsetzte- war außer seinen Aufschneidereien ein 
Knabe von guten Sitten und recht artigem Betragen. Er machte mich mit 
seiner Schwester bekannt, die ein paar Jahre älter als wir und ein gar 
angenehmes Mädchen war, gut gewachsen, von einer regelmäßigen Bildung, 
brauner Farbe, schwarzen Haaren und Augen; ihr ganzes Betragen hatte 
etwas Stilles, ja Trauriges. Ich suchte ihr auf alle Weise gefällig zu sein; 
allein ich konnte ihre Aufmerksamkeit nicht auf mich lenken. . . Mit einem 
jüngeren Bruder hatte ich kein Verhältnis. . . Der Knabe zeigte mir hinter 
dem Bette seiner Mutter ... das Porträt eines schönen Mannes, und bemerkte 
zugleich mit schlauer Miene: das sei eigentlich nicht der Papa, aber ebenso- 
gut wie der Papa ... so glaubte ich herauszufinden, daß die Tochter wohl 
dem Vater, die beiden andern Kinder aber dem Hausfreund angehören 
mochten. Ich erklärte mir nun ihr trauriges Ansehen und hatte sie nur 
um desto lieber." (Dichtung und W'ahrheit, Bd. XXII, S. lOy.) 

Wir sehen also, wie Wolfgang sich von seinem eigenen väterlichen Hause 
unvermerkt loslöst und beginnt, sich in einer Schau spielerfamilie heimisch 
zu fühlen. Das Interesse für die eigenen Geschwister scheint so zu schwinden, 
daß er gar nicht bemerkt, was sich zu Hause zuträgt, denn Goethe meldet 
mit keinem Worte, daß zu Hause schwere Schicksalsschläge die Eltern 

treffen. 

Am 13. Januar 175g stirbt sein sechsjähriger Bruder Hermann Jakob. 

Am 11. August des gleichen Jahres wird seine kleine Schwester Johanna 



^° P].ilil>p Saraiin 



Maria begiaben, die der Dichter als ein schönes und angenehmes Mädchen 
gerühmt hatte. Der Dichter übergeht diese beiden Ereignisse in seiner 
Lebensgeschichte völlig. 

Nun berichtet der Dichter aus dieser Zeit ein kleines Ereignis, das 
wie ein Reflex der Vorgänge in der Familie am Hirschengraben uns an- 
mutet: 

„Ein anderes Abenteuer, das mir auch im Schauspielhause, obgleich 
später (offenbar im Herbste 1759) begegnet, will ich bei dieser Gelegenheit 

erzählen. 

Ich saß nämlich mit einem meiner Gespielen ganz ruhig im Parterre, 
und wir sahen mit Vergnügen einem Solotanze zu, den ein hübscher 
Knabe, ungefähr von unserem Alter, der Sohn eines durchreisenden fran- 
zösischen Tanzmeisters ... mit vieler Gewandtheit und Anmut aufführte. 
Nach Art der Tänzer war er mit einem knappen Wämschen von roter Seide 
bekleidet, welches in einen kurzen Reifrock ausgehend, gleich den Laufer- 
schürzen, bis über die Knie schwebte ... Ich sagte zu meinem Begleiter: 
Wie schön war dieser Knabe geputzt, und wie gut nahm er sich aus; wer 
weiß, in was für einem zerrissenen Jäckchen er heute Nacht schlafen mag!" 

Die Mutter des Tänzers, die in der Nähe war, hatte diese Worte gehört 
und machte den jungen Goethe beim Verlassen des Theaters gewaltig 
herunter. 

„Da ich mich weder entschuldigen noch von ihr entfernen konnte (wegen 
des Gedränges der Leute), so war ich wirklich verlegen, und als sie einen 
Augenblick innehielt, sagte ich, ohne etwas dabei zu denken: Nun, wozu 
der Lärm? Heute rot, morgen tot! — Ich dachte nicht weiter an meine 
Worte. Nur einige Zeit hernach fielen sie mir auf, als der Knabe, anstatt 
sich nochmals sehen zu lassen, krank ward, und zwar sehr gefährlich. Ob 
er gestorben ist, weiß ich nicht zu sagen." (Dichtung und Wahrheit, Bd.XXII. 
S. lio/lll.j 

Der Knabe Wolfgang stand unter dem frischen Eindruck des Todes seines 
Bruders Hermann Jakob, den er offenbar nicht liebte und wahrschein- 
lich auch seiner Schwester Johanna Maria, die am 11. August beerdigt 
wurde. 

Die Worte: „Wozu der Lärm? Heute rot, morgen tot!" wurden 
instinktiv, ganz unbewußt hervorgestoßen und verlangen darum gebieterisch 
nach ihrer historischen und gefühlsmäßigen Determinierung. 

Wir sahen, wie sich Wolfgang unbemerkt vom elterlichen Hause loslöste 
und seine Gefühle auf das Schauspielermilieu übertrug; wir sind genötigt 



Goctlies Mignoii 



anzunehmen, daß auch unbewußten Inhalten dasselbe geschieht und daß 
irgendwelche Vorkommnisse in der neuen Umgebung ihn an Vergangenes 
erinnert. Wir arbeiten bekanntlich stets nach Mustern. 

Die Sentenz „Heute rot, morgen tot" hat ihre Quelle zweifellos im vor- 
zeitigen Ableben der beiden Geschwister Goethes. 

Die Übertragung aufs Schauspielermilieu machte auch darum keine 
Schwierigkeiten, da Aufführungen, schauspielerische Darstellungen in der 
Kinderstube des Dichters eine hergebrachte Sache war. Wir erinnern an das 
Puppentheater, das in der Kindheit Goethes eine so große Rolle gespielt hatte. 
Der Mittelpunkt schauspielerischer Leidenschaft war ja bekanntlich Goethes 
Mutter. 

c) Zum frülien Toae aer Gesai-wister Goetlies 

Das rasche Dahinsterben der Geschwister Goethes zieht in besonderem 
Maße unsere Aufmerksamkeit auf sich. 

Hermann Jakob stirbt mit sechs Jahren, sechs Monaten. 

Katharina Elisabeth mit einem Jahr, vier Monaten. 

Johanna Maria mit zwei Jahren, vier Monaten. 

Georg Adolf mit acht Monaten. 

Cornelie stirbt im Wochenbett, nachdem sie sich Jahre lang mit halber 
Gesundheit geschleppt hatte. 

Auch Goethe hatte mit Krankheiten zu tun, die damals nicht erkannt 
wurden und heute schwer zu deuten sind. 

Nach der Gretchenkatasirophe im Frühjahr 1764 wird er körperlich krank. 
Auf der Reise von Frankfurt nach Leipzig im Herbst 1765 hat er einen 
Wagenunfall bei Auerslädt. „Ich ermangelte nicht, mich mit Eifer anzu- 
strengen, und mochte mir dadurch die Bänder der Brust überrnäßig aus- 
gedehnt haben; denn ich empfand bald nachher einen Schmerz, der ver- 
schwand und wiederkehrte und erst nach vielen Jahren mich völlig verließ." 
(Dichtung und Wahrheit, Bd. XXIII, S.)S-) In der nämlichen Nacht nahm 
sich seiner ein durchreisendes Ehepaar an und da trat er mit dem Hute 
auf dem Kopfe zum Tischgebet, was nicht geringes Aufsehen machte. Er 
war aber von den Anstrengungen der Reise so ermüdet, daß er dies nicht 

bemerkte. 

Am Ende seiner Studienzeit in Leipzig legt ihn ein Blutsturz ins Bett 

und schließlich kehrt er seeHsch und körperlich erschüttert ins Elternhaus 
nach Frankfurt zurück, wo ihn noch längere Zeit eine Halsgeschwulst und 
Darmgeschichten quälten. 



\'A 



^ 



02 Piiilipp üaiasiii 



Moebius betrachtet es als wahrscheinlich, dai3 Goethe an Lungentuberkulose 
erkrankt war, und wir fügen hinzu, daß sich diese Krankheit bereits auf 
der Reise nach Leipzig gezeigt hatte. Der Biustschmerz wäre dann die 
Wirkung einer plemitischen Reizung eines fiebernden jungen Mannes, 
der sich vor Übermüdung wohl bei einem Tischgebet nicht ganz richtig 
benehmen mag. 

Über die Todesursache der jüngeren Geschwister wissen wir aber nichts. 
Dagegen dürfen wir die Vermutung wagen, da Goethe seine Tuberkulose 
bereits aus Frankfurt nach Leipzig mitgebracht hatte, daß er aus einem 
tuberkulöse verdacht! gen Hause hergekoiumen ist. Ils ist darum nicht von 
der Hand zu weisen, daß die vier jüngsten Geschwister gerade von dieser 
tückischen Krankheit hinweggerafft worden sind. Auch bei Cornelie müssen 
wir daran denken. „Einen Monat noch siechte sie As^hin. ^^ (Wiihoiuslii,S. lyj,) 

Freud bestärkte mich in dieser Annahme und lügte hinzu, hätte Soxhlet 
früher gelebt, so wären diese Kinder der Familie erhalten geblieben, was 
den Lebenslauf des Dichters und damit auch seine Dichtung entscheidend 
beeinflußt und verändert hätte. Davon aber später. 

a) 2usaininenlassuuj der Jiigenagescliidite 

Fassen wir die wichtigsten Daten aus der Jugendgeschichte zusammen. 

Die Temperamentverhältnisse und Altersunterschiede zwischen Vater und 
Mutter Goethes waren denkbar groß und ungünstig. 

Wolfgang wächst mit der fast gl eich alterigen Schwester in der Sonne 
mütterlicher Gunst auf, eine Gunst, die von Liebesbedürfnissen des kargen 
Vaters kaum wesentlich gestört wird. 

Endlich tritt der erste Liebesrivale auf, bei der Geburl von Hermann 
Jakob. Dies ist die erste Zäsur im Leben des Dichters. 

Und nun folgen immer wieder Geschwister, die sozusagen vom Storch 
wieder geholt werden'", wie man in der Kindei'sprache sagen könnte, ver- 
mutlich aber von Tuberkulose hinweggerafft worden sind. Zwei Brüder und 
zwei Schwestern erscheinen und verschwinden wieder. 

Frühzeitig meldet sich die kindliche Phantasie, die durch die begabte 
Mutter bereichert und angeregt wird. 

Wir erhalten Kunde von einer üppigen, wenn auch etwas planlosen 
Kindergeschichte vom geheimnisvollen Feengarten, ein Phantasieerzeugnis 
das wir auf einen ursprünglichen Verzicht, auf einen Verlust realer Ver- 
gnügungen zurückführen konnten. Ein kindliches Milieu, die Familie des 



Goellies Migiioii 



Großvaters Texlor, sein wohl gepflegter Garten untei-liegt einer dichterischen 
Verarbeitung und bildet die reale Grundlage des sogenannten Knaben- 
mäxchens. 

Es wurde mir einmal geringschätzig gesagt: „Ach, dieses Knabenmärchen 
ist eine ,nüchempfundene' Geschichte nach dem Muster der französischen 
Feenmärchen." Ich glaube, es ist mehr. In dieser Geschichte spiegelt sich 
das Zerwürfnis des Vaters Goethes mit der Familie seiner Frau und mit 
seiner Vaterstadt. 

Aus dem Jahre 1 75g ersehen wir, wie ein neuer Schub geistiger Ent- 
wicklung im jungen Dichter vor sich geht. Die Besetzung der Vaterstadt 
durch fremde Truppen, Einquartierung im väterlichen Hause, schwere 
und dauernde Verstimmung des Vaters treibt ihn vom Heimatsherde fort, 
bei neuen Menschen Verständnis, Freundschaft, geistige Nahrung zu finden. 
Er wird im Hause der Schauspielerin de Rosne aufgenommen, verliebt 
sich dort in ein schönes, stilles, älteres Mädchen. Er überträgt also die 
Liebe zu seinen Angehörigen auf ein neues, ganz anderes Milieu, auf eine 
Schauspielertruppe. 

Innerhalb dieser Schauspielererlebnisse heftet sich die Aufmerksamkeit 
besonders auf den kleinen Tänzer eines französischen Tanzmeisters, auf 
den Wolfgang das Geschick seiner eigenen Geschwister überträgt, die alle 
so rasch dahinschwanden. 

Wir sehen also, wie Wolfgang frühzeitig sein bürgerliches Milieu mit 
einem schauspielerischen zu vertauschen die Neigung hatte und werden 
nicht mehr erstaunt sein, wenn wir erfahren, daß er in „Wilhelm Meister" 
schildert, wie ein rechtschaffener Bürgerssohn auf schauspielerische Abwege 
fferät und alle Energie aufwenden muß, um aus diesen peinlichen Verhält- 
nissen herauszukommen. 



Sarasin: Goethes Mignon. 



J y ) A.nali^tisaie Deutung der dramatisdien ALomente 



a) Die Grestalten acs Ateisterr 



Omans 



Betrachten wir nun die Mignon der Sendung genauer, 

Das Seiltanzerkind unbekannter Herkunft, das bei roliem, fahrendem 
Volk aufgewachsen ist, lehnt sich eines Tages gegen seine Peiniger auf, 
weigert sich, einen kunstvollen Tanz aufzuführen und läuft davon. Sie wird 
erst von einer Schauspielertruppe, dann aber vom Helden des Komans auf- 
genommen, und schließt sich Wilhelm innig an. Bald taucht — man weiß 
nicht woher — der Harfner auf, ergänzt die Mignon, wie die Fabel es 
verlangt und bildet mit Wilhelm die wunderlichste Familie. 

„Die beiden waren ihm geblieben, der Harfner, den er brauchte, und 
Mignon, den er nicht entbehren konnte." (Sendung; S. j66.) 

Dies ist die Gesellschaft, in der wir den Helden der theatralischen Sen- 
dung schließlich antreffen: „ein herumziehender Bänkelsänger und ein 
albernes, zwitterhaftes Geschöpf' , wie eine herzlose Bemerkung meinte. 
(Goethe, Bd. XFII, S. 22^.) 

Was führte den Dichter dazu, Wilhelm, sein dramatisches Ebenbild, in 
diese seltsame Gesellschaft zu bringen, die wirklich zu einem jungen, be- 
gabten, strebsamen Menschen nicht passen will? 

Ich will zuerst die einzelnen Personen dieses Dramas genauer, ich möchte 
sagen „phänomenologisch", beschreiben. 

Wilhelm ist der schwankende Charakter, der sich in seine bürgerliche 
Aufgabe und Rolle nicht finden kann und schwärmerischen Ideen nach- 
gehl. Die Identifikation mit einem bestimmten Vorbild scheint ihm nicht 
gelingen zu wollen. 



Giocthea Äligriüii 5^ 



Mignon ist ein exaltiertes, leidenschaftliches Wesen und zeigt eine Menge 
oraler (Beißen, Zucken um den Mund) und anäl-sadistischer Züge (starkes 
motorisches Bedürfnis, trotziges Schweigen). 

Wir können vielleicht von einer prägenitalen Fixierung sprechen. Die 
Genitalstufe scheint nicht erreicht worden zu sein, was auf ein vorzeitiges, 
tragisches Ende hinweist. Sie ist ein Geschöpf der Latenzzeit und steht 
zwischen der ersten und zweiten Sexualbliite. Die sexuelle Erregung bleibt 
rein psychisch und wahrt den Charakter hoffnungsloser Sehnsucht. 

Auch der Harfner, Mignons männliches Gegenstück, ist reine Sehn- 
sucht, deren Schwermut die Sexualversagung erraten läßt. Die Sendung 
schildert ihn als schwärmenden Sektierer herrnhuterischer Richtung. Erst 
die Lehrjahre tragen Züge ernsten, pathologischen Charakters (Zwangs- 
ideen, Brandstiftung, Mordversuch an einem Kinde und Selbstmord). 

Beide Gestallen, die Mignon und der Harfner, sind in gewissem Sinne 
allegorische Gestalten, die Wilhelm, Goethes dramatisches Ebenbild, be- 
gleiten. Beide zeichnen sich durch ausgesprochene Sexualversagung aus und 
beide leiden an Sexualsehnsucht. Allerdings bildet der Sexual verzieht mit 
geglückter Introversion die Grundlage künstlerischeil Schaffens, wenn Natur 
und Begabung diese erhöhte innere Spannung aufzunehmen bereit ist. Wir 
können also von dieser Seite aus verstehen, warum der Dichter sein Eben- 
bild von diesen Gestalten begleiten läßt, über die Jarno so zynisch spottet. 
Anderseils dürfen wir nicht übersehen, daß die Sendung, vor allem die 
Lehrjahre, geradezu darauf angelegt sind, Wilhelm von dieser krankhaften 
Gesellschaft zu befreien, ein Prozeß, den der Dichter offenbar nach außen 
projiziert hat und dem wir nun analytisch nachgehen wollen. 

b) Das Oeiltänzermiiieu 
Das Seiltänzermilieu ist die eigentliche Umgebung der Mignon, zugleich 
aber auch die Keimzelle des ganzen Meisterroma nes. Goethe ist damit von 
frühester Zeit her vertraut. Er schreibt in Dichtung und Wahrheit: 

Hatte man in einer solchen patriotischen Beschränkung kaum ein halbes 
Jahr hingebracht, so traten schon die Messen wieder ein, welche in den 
sämtlichen Kinderköpfen jederzeit eine unglaubliche Gärung hervorbrachten. 
Eine durch Erbauung so vieler Buden innerhalb der Stadt in weniger Zeit 
entspringende neue Sladt, das Wogen und Treiben, das Abladen und Aus- 
packen der Waren, erregte von den ersten Momenten des Bewußtseins an 
eine unbezwinglich tätige Neugierde und ein unbegrenztes Verlangen nach 
kindischem Besitz . . ." (Goethe, Bd. XXII, S. 22.) 

3- 



.1 



3ß Philipp Sa 



pp Oürjisiii 



Aus Briefen der Mutter Goethe erfahren wir etwas mehr Über das 
Treiben dieser Messezeit: ' 

An die Herzogin Anna Ainalia. 

„Frankfurt, den ii.Aprill 177g 
Bei uns ists Messe!!! Weitmäuligte Laffen, Feilschen und gaffen, Gaffen 
und kauffen, Bestien hauffen, Kinder und Fratzen, Affen und Katzen u s w 
(Briefe Frau Rat Goethe, S. 6}.) 

Frau Rat Goethe an die Herzogin Anna Amalia. 

„den 12. September 1780. 
Zumahl in der Messe, da mann vor Trommlen, Posaunen, Leyern, Geigen 
den gantzen Tag nicht zum besinnen komt vielwenif!;er Musick stiuHrcn kan 
Zumahl diese Messe — Wir haben Großmann und seine Truppe, Opera BuiTa 
■ Zwey Gesellschaften Sciltäntzer, ein ditto Luftspringor u. s. w. Nun stellen Sichs 
Ihro Durchlaucht vor, daß die Kerls den ganzen Tag in der Stadt herum 
reiten, und vor sich her Trommlen und pfeiffen lassen, alle der andern Speck 
tackel nicht zu gedencken." (Briefe der Frau Rat, S. '■)■].) 

Moebius macht über dies Seiltänzermilieu eine Anmerkung, der wir uns 
wohl anschließen dürfeÄ: 

„Natürlich kenne ich die Geschichte von dem Seiltänzermädchen in 
Göttingen, die Goethe wahrscheiniich schon in Leipzig erfahren hat. Aber 
diese Anekdote, sowie Goethes Begegnungen mit fahrenden Kindern haben 
doch nur für den Rahmen Mignons gedient. Die Schilderung der Person 
und ihrer Abnormitäten scheint Goethes Eigentum zu sein." (Moehius: 
Goethe, Bd. I, S. 10^, Anmerkung.) 

c) Aiignon und Coi-nelie 

Wendep wir uns nun wieder der Mignon zu. Mignon ist eine schart 
nmrissene Gestalt mit ausgeprägten, eigentümlichen Zügen. Im französi- 
schen bedeutet das Wort soviel wie „delicat, gentü" und Kinder in ihrem 
frühen, narzißtischen Stadium werden gerne „mignon" genannt. Im Deutschen 
sagt man dafür vielleicht „süß". Das Menschlich-J\ührende ist nicht diese 
Gestalt allein, sondern ihre sonderbare und aussichtslose Neigung für Wil- 
helm, der in einer gewissen Verlegenheit mit dieser Anhänglichkeit nichts 
anzufangen weiß, Wolff spricht in seiner Arbeit die Vermutung aus, 
Goethe habe ursprünglich daran gedacht, Mignon heranreifen zu lassen, 
daß sich Mignon und Wilhelm schließlich heiraten könnten, wie es in 
der gleichnamigen Oper von Ambroise Thomas auch wirklich geschieht. 
Über die Absicht des Dichters sind wir nicht unterrichtet, dagegen wissen 






(joellics Aligiiou z 



wir genau, daß ihm dieser Ausgang jedenfalls nicht gelungen ist. Das 
Unbewußte hat dem Dichter dieses heitere Ende nicht gewährt. Darin liegt * 
aber der tragische Kern der Gestalt. Das Schwergewicht in Mignons Tra- 
gödie liegt eben im schlechthin Hoffnungslosen ihrer "Leidenschaft zu ihrem 
Freunde. Sie wird so zum Urbild hoffnungsloser kindlicher Sehnsucht. 

Ich hatte Gelegenheit, bei weiblichen Patienten Züge zu verfolgen, die 
deutlich an Mignons Charakter erinnerten. Frühzeitig bestand das Gefühl 
von ihrer Umgebung nicht verstanden zu werden, in der Atmosphäre des 
Streites, die oft zwischen Vater und Mutter herrschte, zu ersticken oder zu 
erfrieren, wodurch jede Möglichkeit sich auszusprechen innerlich verloren ging. 

Besonders deutlich trat dies Wesen entgegen in Mignons Liede: 

„Heiß mich nicht reden, heiß mich schweigen. 
Denn mein Geheimnis ist mir Pflicht; 
Ich möchte dir mein ganzes Inn're zeigen, 
Allein das Schicksal will es nicht." 

Ein jeder fühlt im Arm des Freundes Ruh, 
Dort kann die Flut der Klagen sich ergießen ; 
Allein mir drückt ein Schwur die Lippen zu, 
Und nur ein Gott vermag sie aufzuschließen." 

(Sendung-, S. 191.) 

Wir wissen nun aus verschiedenen Darstellungen und aus den vor- 
liegenden Quellen, daß Goethes Schwester Cornelie neurotisch schwer 
krank war. Der Dichter bemerkte keine Spur von Sinnlichkeit an ihr 
dagegen hervorragende geistige Gaben. An Tagen von Festen trat bei ihr 
hartnäckig ein Ausschlag im Gesicht hervor, der sie verunstaltete. Die Ehe 
mit Schlosser war eine denkbar unglückliche, sie siechte dahin, der Gatte 
klagte, die Frau habe geradezu Ekel vor ihm, berühmte Ärzte bemühten 
sich um die Unglückliche. In einem Wochenbett starb sie vorzeitig, am 
8. Juni 1777, erst 27 Jahre alt. 

Es liegt uns nicht die Aufgabe vor, die Krankheit Corneliens psycho- 
analytisch aufzulösen. Daß sie schwer neurotisch war, ist bekannt. 

Wir wissen, daß sich Goethe mit dem Plane getragen hat, eine Lebens- 
geschichte seiner Schwester zu schreiben, daß diese aber nicht zustande- 
gekommen ist, daß auch kleine Reste in die eigene Lebensbeschreibung 
eingegangen sind. 

Nach dem Tode der Schwester entsteht dagegen der Wilhelm Meister 
eine romanhafte Verarbeitung der eigenen Lebensgeschichte mit dem sonder- 
baren Geschöpf der Mignon. 



58 i illlipp 0-'ir/*.viii 



Wolfgangs Schwester Cornelie ist Gegenstand vieler Darstellungen ge- 
wesen. Ich weise besonders auf die von Witkuwski hin. Auch Rank hat 
sich mit ihr abgegeben und zuletzt Brunold Springer. Alle Darstellungen 
stimmen darin übereih, daß Cornelie eine begabte, aber seltsame Persön- 
lichkeit gewesen war. 

Lassen wir nun Goethe selber das Won. 

„Sie, nur ein Jahr jünger als ich, hatte mein ganzes bewußtes Lehen 
mit mir herangelebt und sich dadurch mit mir aufs innigste verbunden." 

„Unter diesen Umständen war es nalürlicli, daß Bruder und Schwester 
sich fest aneinander schlössen und sich zur Mutter hielten." 

„Ungern spreche ich dies im allgemeinen aus, was ich vor Jahren dar- 
zustellen unternahm, ohne daß ich es halte ausführen können. Da ich 
dieses geliebte, unbegreifliche Wesen nur zu bald verlor, fühlte ich 
genügsamen Anlai3, mir ihren Wert zu vergegenwärtigen, und so entstand 
bei mir der Begriff eines dichterischen Ganzen, in welchem es möglich 
gewesen wäre, ihre Individualität darzustellen, . . . eine Vorstellung dieser 
merkwürdigen Persönlichkeit mitzuteilen." 

„Sie war groß, wohl und zart gebaut und hatte etwas natürlich Würdiges 
in ihrem Betragen, das in eine angenehme Weichheit verschmolz. Die Züge 
ihres Gesichtes, weder bedeutend noch schön, sprachen von einem Wesen, das 
weder mit sich einig war, noch werden konnte. Ihre Augen waren 
nicht die schönsten, die ich jemals sah, aber die tiefsten, hinter denen man am 
meisten erwartete, und wenn sie irgendeine Neigung, eine Liebe ausdrückten, 
einen Glanz hatten ohnegleichen; und doch war dieser Ausdruck eigentlich 
nicht zärtlich, wie der, der aus dem Herzen kommt und zugleich etwas Sehn- 
süchliges und Verlangendes mit sich führt." (Goethe, Bd. XXlli, S. i; — ip.) 

„Sie war ein eigenes Wesen, von dem schwer zu sprechen ist." 

„. . , das Unheil, daß ihre Haut selten rein war, ein Übel, das sich durch 
ein dämonisches Mißgeschick schon von Jugend auf gewöhnlich an Fest- 
tagen einzufinden pflegte, an Tagen von Konzerten, Bällen und sonstigen 
Einladungen. Diese Zustände hatte sie nach und nach durchgekämpft . . ." 

„Ein fester, nicht leicht bezwinglicher Charakter, eine teilnehmende, 
Teilnahme bedürftige Seele . . ." 

„Zu allem diesen ist noch ein Wundersames zu offenbaren; in ihrem 
Wesen lag nicht die mindeste Sinnlichkeit. Sie war neben mir aufgewachsen 
und wünschte ihr Leben in dieser geschwisterlichen Harmonie fnrizusetzen ■ 
und zuzubringen . . ., als ich nach Wetzlar ging, schien ihr die Einsamkeit 
unerträglich . . ." (Goethe, Bd. XXV, S. y I jf.) . 



Goellies Migntin So 



Diese Beschreibung eines geliebten, unbegreiflichen Wesens, das weder 
mit sich einig war, noch werden konnte, von dem schwer zu sprechen ist, 
mit einem Ausdruck, der etwas Sehnsüchtiges und Verlangendes mit sich 
führt, erinnert nun aber entschieden an Mignon, dessen Wesen der Dichter 
in einem Notizbuch folgendermaßen charakterisiert: 

„Mignon: Wahnsinn des Mißverhältnisses". (Wolff, S. 240.) 

a) Cornelie und iJir üruaer 

Die unbewußt-sinnliche Bindung Corneliens an ihren Bruder, die daraus 
entstandene Neurose und die unglückliche Ehe wurden in einer Studie von 
Brunold Springer trefflich beschrieben. Im folgenden versuche ich diese 
Lebensgeschichie in bezug auf die infantilen Grundlagen aus vorhandenen 
Spuren zu ergänzen. 

Analytiscli dürfen wir wohl voraussetzen: Cornelie habe in der Früh- 
blüte ihrer Sexualilät eine sinnliche Neigung übermäßig erlebt und sich 
gegen eine Wiederholung durch ein Ekzem geschützt, besonders aber durch 
einen Gesichtsaussch)ag, der jeweils bei Anlässen aufzutreten pflegte, bei 
denen sie anmutig und anziehend erscheinen sollte. Wahrscheinlich dürfen 
wir die Quellen dieser Reaktionsweise nicht erst in der Pubertätszeit suchen, , 
sondern müssen in die Zeit der ersten Sexualblüte zurückgehen : in die Kindheit, 

Goethe weist uns in seiner Lebensgeschichte selber auf einen Weg, dem 
wir folgen wollen. Er erzählt: 

„Unglücklicherweise hatte man noch die Erziehungsmaxime, den Kindern 
frühzeitig alle Furcht vor dem Ahnungsvollen und Unsichtbaren zu be- 
nehmen und sie an das Schauderhafte zu gewöhnen. Wir Kinder sollten 
daher allein schlafen, und wenn uns dieses unmöglich fiel und wir uns 
sacht aus den Betten hervormachten und die Gesellschaft der Bedienten 
und Mägde suchten, so stellte sich in uragewandtem Schlafrock und also 
für uns verkleidet genug, der Vater in den Weg und schreckte uns in ^ 

unsere Ruhestätte zurück." (Dichtung und ff^akrkeit, Bd. XXII, S. 1 1.) 

Das Motiv vom Zusammen schlafen von Kindern mit vertrauten Erwach- 
senen nimmt Goethe im Einakter „Die Geschwister" auf, einem Stück, 
das eindeutig mit dem Inzest spielt. Die Szene lautet folgendermaßen: 

Fabrice. „Haben Sie den Kleinen weggeschafft? 

Marianne. „Ich hätt' ihn gern da behalten; ich weiß nur, der Bruder hat's 
nicht gern, und da unterlass' icb's. Manchmal erbettelt sich der kleine Dieb 
selbst die Erlaubnis von ihm, mein Schlafkamerad zu sein. 

Fabrice. „Ist er Ihnen denn nicht lästig? ■ 1/, 






■^o Pliilipp öaraJlin 



Maruinne. „Ach, gar nicht. Er ist so wild den ganzen Tag, und wenn ich 
zu ihm ins Bett komm', ist er so gut wie ein Lämmchen! Ein Schmeichel- 
kätzchen! und herzt mich, was er kann; manchmal kann ich ihn gar nicht zum 
Schlafen bringen. (Die Geschiuister, Bd. XI, S. 30ß.) 

Der Analytiker weiß nun, daß die seelischen Regungen, die im nächt- 
lichen Zusammenschlafen erwachen, im Kinde bereits vorgebildet sind und 
häufig genug zu leidenschaftlichen Entladungen führen, die vom Erwachsenen 
als unverständliche oder lästige Ängstlichkeit ignoriert werden. Diese kind- 
lichen Angstzuslände sind aber nicht weniger ernsthafter Natur als beim 
Erwachsenen, was Rank in nicht mißzu versteh ender Dcullichkeit foigender- 
inaßen darlegt: 

„Wer aus dem Studium der Neurosen weiß, wie häufig ein solches Zu- 
sammen schlafen des Kindes mit einer erwachsenen Person (meist der iVIutter) 
die libidinose Fixierung im Inzestkomplex verstärkt und wie ferner aus Be- 
obachtungen in der Kinderstube das häufige BeisammenschJafeu von ziemUch 
gleichaltrigen Geschwistern und dessen spätere Folf^cn auf die infantile Fixierung 
kennt, der wird in dieser poetischen Schilderung unschwer eine Reminiszenz 
an älmliche sinnhch erregende Erlebnisse und Eindrücke des Knaben Goethe 
erkennen." (Rank: Inzest- Motiv, II. Auflage, S. 4^0.) 

Ich glaube kaum fehlzugehen, wenn ich sage, daß Cornelie als Kind 
hei erwachsenen Personen, vielleicht mit dem Bruder geschlafen hat, wenn 
die Angst des Alleinseins zu unerträglich geworden war und daß diese 
nächtlichen Erlebnisse nicht ohne Einfluß auf die seelische Entwicklung 
der zarten Schwester geblieben sind. 

Die Lehrjahre kennen nun eine bestimmte Szene, die wir hier an- 
schließen wollen. Die langvorbereitete Hamletaufführung war geräuschvoll 
und erfolgreich zu Ende gegangen. Die Schauspieler fanden sich zur heiteren 
Nachfeier zusammen. 

„Mignon ward bis zur Wut lustig. Spät in der Nacht trennte man sich 
und Wilhelm eilte auf sein Zimmer, ins Bett. „Der Schlaf wollte sogleich 
sich seiner bemeistern; allein ein Geräusch, das in seiner Stube hinter dem 
Ofen zu entstehen schien, machte ihn aufmerksam. Eben schwebte vor 
seiner erhitzten Phantasie das Bild des geharnischten Königs; er richtete 
sich auf, das Gespenst anzureden, als er sich von zarten Armen umschlungen, 
seinen Mund mit lebhaften Küssen verschlossen und eine Brust an der 
seinigen fühlte, die er wegzustoßen nicht den Mut hatte." (Lehrjahre, 

Bd. xmi, s. syifS.} 

Die Lehrjahre berichten weiter, daß am Morgen nach der Hamlet- 
aufführung Wilhelm an Mignon die Spuren einer seelischen Wandlung 



tjoolhes Alignon Ji 



bemerkle. „Sie schieji diese Nacht größer geworden zu sein; sie trat mit 
einem hohen, edlen Anstand vor ihn hin und sah ihm sehr ernsthaft 
in die Augen, so daß er den Blick nicht erlragen konnte." (Lehrjahre, 
Bd.XVII[,S.j8.) Das Kindliche war wie abgestreift und ein unnahbares 
Wesen deutete auf ein kaum überstandenes Erlebnis. 

Wir erfahren später, daß sich Mignon in heißer Sehnsucht angeschickt 
hatte, ihren Freund nächtlicherweile aufzusuchen, daß ihr aber Philine, 
die lose Schauspielerin, zuvorgekommen war. 

Nun hat Woligang viel mit seiner Schwester Theater gespielt, überhaupt 
gespielt, wie es Kinder tun, aber besonders leidenschaftlich, wie es Wolfgang 
und Cornelie nicht anders tun konnten. So wie sie miteinander Klopstock- 
verse rezitierten „zwar leise genug, aber doch mit steigender Leidenschaft", 
so daß der Chirurgus, der den Vater im gleichen Zimmer rasierte, heftig 
erschrak und ihm das Seifenbecken in die Brust goß. (Dichtung und 
fVahrheit, Bd. XXII, S. 93.) 

Später dann, Witkoswky vermutet Anno 1761, wurden Theaterstücke auch 
bei Bekannten gegeben, Goethe erzählt selber: 

„Von Olenschlager Iiatte viel Anmut im Umgang. Man sah wenig Gesell- 
schaft bei ihm, aber zu einer geistreichen Unterhaltung war er sehr geneigt, 
und er veranlaßte uns junge Leute, von Zeit zu Zeit ein Schauspiel auf- 
zuführen: denn man hielt dafür, daß eine solche Übung der Jugend besonders 
nützlich sei. Wir gaben den „Kanut von Schlegel, worin mir die Rolle 
des Königs, meiner Schwester die Estrithe . . . zugeteilt wurde. Sodann 
wagten wir uns an den „Britannicus . . . Ich erhielt den Nero, meine 
Schwester die Agrippine . . . Wir wurden mehr gelobt, als wir verdienten, 
und glaubten es noch besser gemacht zu haben, als wie wir gelobt wurden." 
(Dichtung und Wahrheii, Bd. XXII, S. 1S6.} 

Die heißsinnliche Gegenwart Wolfgangs wird wohl nirgends so deutlich 
hervorgetreten sein, als gerade beim Theaterspielen. An dieser dichterischen 
Glut hat sich aber Cornelie buchstäblich versengt. 

„Mignon ward bis zur Wut lustig", berichten die Lehrjahre, „Ihre 
Haare flogen, und indem sie den Kopf zurück- und alle ihre Glieder 
gleichsam in die Luft warf, schien sie einer Mänade ähnlich." (Goethe, 
Bd.XVIII, S.s6.) 

Dies Gebaren erinnert nun stark an das ausgelassene Toben und Spielen 
lebhafter Kinder. Und wenn dann die beiden Geschwister nachts vor Auf- 
regung nicht einschlafen konnten, so krochen sie zu den Bediensteten und 
Mägden ins Bett, bis der im umgewandten Schlafrock unheimlich genug 



■4^ i liMipp Oarasm 



anzusehende alte Rat die Kinder wieder in ihr Bett scheuchte, gespensterhaft, 
wie ein Geist von Hamlets Vater. 

Wolfgangs gemeinsames Theaterspielen mit seiner Schwester Cornelie 
ist eine feststehende Talsache. Ebenso unzweifelhaft historisch ist, daß sich 
die Kinder bei nächtlichen Ängsten in die Betten der Bediensteten und 
Mägde geflüchtet haben, wir dürfen ergänzen, nachdem die gemeinsamen 
Spiele am Tage besonders aufregend gewesen sind. 

Wir dürfen vermuten, daß Corneliens Fixierung an den Bruder und ihre 
spätere Neurose den Ursprung in diesen leidenschaftlichen Kinderspielen 
genommen haben und ihren dichterischen Niederschlag in Mignons nächt- 
lichem Erlebnis nach der Hamletaufführung gefunden haben. 

e) iWignOn und die Vateridentili=Icri:n<^ des Diditers 

Betrachten wir nun eine andere Seite des Mignonkomplexes, wodurch 
wir neue Beziehungen zum Dichter herstellen können. 

Hören wir, wie der Dichter im Roman erzählt: Wilhelm befindet sich, 
nachdem er dem Theaterwesen den Rücken gekehrt hatte, auf einer Geschäfts- 
reise, und sollte für seine väterliche Firma ausstehende Gelder eintreiben. 
Er gerät in eine wandernde Schauspieltruppe zweifelhaften Rufes und 
nimm.t sich eines kleinen, herrenlosen Kindes an, das sich ihm bald eng 
und leidenschaftlich anschließt. Für Wilhelm ist das Kind eine rechte 
Herzenssorge. Er klagt vernehmlich: 

„Du gutes Kind, dachte er bei sich selbst, was wird aus dir werden 
wie kann ich für dich sorgen . . . Wärst du ein Knabe, so solltest du gewiß 
mit mir reisen, und ich wollte dich pflegen und dich erziehen, so gut ich 
könnte. Er ging in der Stube auf und ab, dachte dem Schicksale des Kindes 
nach und fühlte in einem Augenblicke, daß er es verlassen müsse und daß 
er es nicht verlassen könne." (Sendung, S. lyy.) 

Über diesen Zug, jüngere und hilfsbedürftige Menschen an sich zu 
ziehen, ihnen zu helfen, eine Erziehung angedeihen zu lassen — ich 
möchte hier fast an Goethes Zeitgenossen Pestalozzi erinnern — äußert 
sich der Dichter selbst. 

Im September 1771 kehrte der Dichter, also 21 Jahre alt, gesünder und 
stärker aus Straßburg nach Hause zurück und erzählt: 

„In Mainz hatte mir ein harfespielender Knabe so wohl gefallen, daß 
ich ihn, weil die Messe gerade vor der Türe war, nach Frankfurt einlud, 
ihm Wohnung zu geben und ihn zu befördern versprach. In diesem Er- 



CrOOlhes M.igiicni 4^ 



eignis trat wieder einmal diejenige Ge!egenheit hervor, die mich in meinem 
Leben so viel gekostet hat, daß ich nämlich gerne sehe, wenn jüngere 
Wesen sich um mich versammeln und an mich anknüpfen, wodurch ich 
denn freilich zuletzt mit ihrem Schicksal belastet werde. Eine unangenehme 
Erfahrung nach der andern konnte mich von dem angeborenen Trieb nicht 
zurückbringen, der noch gegenwärtig bei der deutlichsten Überzeugung, 
von Zeit zu Zeit mich irre zu führen droht." (Dichtung und Wahrheit, 
Bd. XXIV, S. 68.) 

Dieser lehrhafte, leicht pedantische Zug wird besonders deutlich in den 
Briefen des sechzehnjährigen Leipziger Studenten an seineSchwester Cornelie. 

Er schreibt: „Leipzig, den 6. Dezember 1765, 

"Was willst du von mir lernen ? . . . Schreib deine Briefe auf ein gebrochenes 
Blat und ich will dir die Antwort und die Critick darneben schreiben . . . 
Mercke dies; schreibe nur wie du reden würdest, und so wirst du einen guten 
Brief schreiben. „12. Dezember 1767, 

Dieses nur kann ich dir einstweilen sagen; ich finde, daß deine Ideen über 
die meisten Gegenstände noch sehr brouilHrt sind." 

duiiu dieses sind idles Dinge, die ein Madgen, die meine Schülerin 
werden soll nothweudig besitzen muß." 

Wirst du nun dieses alles, nach meiner Vorschrlfft getahn haben, wenn ich 
nach Hause komme; so garantire ich meinen Kopf, du sollst in einem kleinen 
Jahre das vernünftigste, artigste, angenehmste, liebenswürdigste Mädgen, nicht 
nur in Franckfurt, sondern im ganzen Reiche sein." (Junge Goethe, Ed. I, 
S. lOp und lyj—iyj-J 

Dieser pädagogische Zug Goethes tritt beim Dichter frühzeitig hervor, 
und zwar seltsamerweise einem Menschen gegenüber, den er ursprünglich 
offenbar abgelehnt hatte, ich meine Hermann Jakob. 

Aus Gesprächen mit der Mutter Goethes erfahren wir: 
Sonderbar fiel es der Mutter auf, daß er bei dem Tode seines jüngeren 
Bruders Jakob, der sein Spielkamerad war, keine Träne vergoß, er schien 
vielmehr eine Art Ärger über die Klagen der Eltern und Geschwister zu 
haben; da die Mutter nun später den Trotzigen fragte, ob er den Bruder 
nicht geliebt habe, lief er iu seine Kammer, brachte unter dem Bette 
hervor eine Menge Papiere, die mit Lektionen und Geschichten beschrieben 
waren, er sagte ihr, daß er dies alles gemacht habe, um es dem Bruder 
zu lehren." (Gespräche: Elisabeth Goethe. Max Morris.- Der junge Goethe. 

I. Bd., S. 9).) 

Die Beziehung des jungen Dichters zu seinem jüngeren Bruder ist uns 
aber eine wohlbekannte Sache. Die Geburt Hermann Jakobs bedeutete für 



^4 Iliilipp Saroain 

den dreijährigen Wolfgang eine schwere Erschütterung. Auf die grund- 
legende Arbeit von Freud haben wir schon aufmerksam gemacht. 

Wie unartig Wolfgang gegen andere Kinder, die ihm nicht paßten, 
gerade in jener Zeit sein konnte, zeigt folgende Jugenderinnerung, die 
uns die Mutter des Dichters überliefert: 

„Er spielte nicht gerne mit kleinen Kindern, sie mußten denn sehr 
schön sein. In einer Gesellschaft fing er plötzlich an zu weinen und schrie: 
das schwarze Kind soll hinaus, das kann ich nicht leiden; er hörte auch 
Dicht mit Weinen auf, bis er nach Hause kam, wo ihn die Mutter über die 
Unart befragte; er konnte sich nicht trÜsten über des Kindes Häßlichkeit. 
Damals war er drei Jahre alt . . ." (Elisabeth Goethe, Gespräche. Ma^ Morris, 
Der junge Goethe, Bd. J, S. ^2.) 

Des Kindes Häßlichkeit spielte hier wohl keine Rolle, sondern dies 
Ereignis trifft in die nämliche Zeit, wie die Geburt des üruders, den 
Wolfgang eben aus der Welt schaffen wollte. 

Dem Dichter ist dies auch beinahe gelungen. Wir wissen fast gar nichts 
von diesem Gaste. Goethe erwähnt ihn nur ganz flüchtig: 

„Bei Gelegenheit dieses Familienleidens (Pocken) will ich auch noch 
eines Bruders gedenken, welcher, um drei Jahre jünger als ich, gleichfalls 
von jener Ansteckung ergriffen wurde und nicht wenig davon litt. Er war 
von zarter Natur, still und eigensinnig, und wir hatten niemals ein 
eigentliches Verhältnis zusammen. Auch überlebte er kaum die 
Kinderjahre. Unter mehreren nachgeborenen Geschwistern, die gleichfalls 
nicht lange am Leben blieben, erinnere ich mich nur eines sehr schonen 
und angenehmen Mädchens, die aber auch bald verschwand . . ." (Dichtung 
und Wahrheit, Bd. XXII, S. 40.) 

Das lehrhafte Wesen Wolfgangs hat aber eine bestimmte und wohl- 
bekannte Quelle. Sein Vater hat die Erziehung seiner Kinder, da ihn keine 
andere Beschäftigung in Anspruch nahm, selber geleitet und diese Tätigkeit 
pedantisch, fast nörgelnd durchgesetzt. Die Schwester Cornelie hat nicht 
wenig darunter gelitten, während sich Wolfgang der lehrhaften Autorität 
mit feiner Ironie zu entwinden wußte. Seine Labores iuveniles geben uns 
davon einen guten Begriff. Zwei Zwiegespräche zwischen Vater und Sohn, 
die aus dem Jahre 1757 stammen, sind von erstaunlicher Lebendigkeit und 
■^ Sicherheit und spiegeln die latente Feindseligkeit zwischen Erzieher und 

Zögling wider, im rasch und gewandt geführten Wortgefecht. 

Wolfgang wendet bald die lehrhafte Tätigkeit, die er vom Vater über- 
nommen hat, gegen seine Schwester Cornelie und gegen den jüngeren 



Goethes Migiion ij5 



Bruder Hermann Jakob an, der stirbt, als Wolfgang sein neuntes Lebensjahr 

bereits überschritten hatte, üie erwähnten glänzenden Zwiegespräche waren 
zwei Jahre vorher entstanden. Wir können sagen: Wolfgang begibt sich 
Cornelien gegenüber in die Vateridentifikation, die Wilhelm gegen Mignon 
einhält. 

Der Harfner ist somit das feindselige Gegenstück zu Wilhelm, aber auch 
die andere Seite des Vaters, des unheimlichen, an der Melancholie leiden- 
den, kastrierenden Vaters. Der Harfner mag dem eigenen Vater Goethes 
nachgebildet sein. Übrigens spielte der alte Rat seine Laute, wie der Harfner 
seine Harfe (Dichtung und Wahrheit, Bd. XXIII, S. 149) und Wiikowski 
weiß von Cornelien zu berichten: „Sie sang, indem sie sich selbst auf der 
Zither begleitete, mit Vorliebe Volkslieder und wußte ihre Zuhörer tief zu 
rühren." (Ifitkowski, Cornelia, die Schwester Goethes, S. 2^.) 

Nun erinnern wir uns aber, daß der Harfner wie ein hermhuterischer 
Sektierer geschildert wird. Dies befremdet uns nicht mehr so ganz. Die 
tiefe Grundlage jeder religiösen Regung geht auf das Schuldgefühl zurück, 
das seinerseits seine Spiegelung in den infantilen Konflikten erhält. Wir 
sahen, wie der Harfner seinem Schuldgefühl in der Zwangsidee Ausdruck 
gab, einen Knaben töten zu müssen und wissen, daß Goethe selber dieses 
Schuldgefühl teilte. Wir wissen auch, daß Goethe sich ernstlich mit den 
Gedankengängen der Herrnhuter befaßte, besonders unter Mithilfe seiner 
Freundin Klettenberg, deren Erinnerungen zuletzt in die Bekenntnisse einer 
schönen Seele (VL Buch der Lehrjahre) eingegangen sind. 

Der Gedanke der „Brüdergemeinde", wie sich die Herrnhuter auch 
nennen schiebt sich hier organisch ein, denn der Harfner leidet am Eruder- 
haß der vom Dichter stammt. Eine Brüdergemeinde will aber eben diesen 
Haß der dem Angehörigen eines Geschw ister kreises so nahe liegt, über- 
winden. 

Dieser Zug wirft ein seltsames Licht auf Goethes Neigung, jüngere Leute 
an sich zu ziehen, um sie zu unterrichten. Unter dem menschenfreundlichen 
Trieb, anderen erzieherisch zu helfen, glimmt ein verborgener Haß, den 
Zögling zu vernichten. Dies erklärt die oft ungeschickte Auswahl seiner 
pädagogischen Objekte, die er selber beklagt, vielleicht auch die unge- 
schickte Hand in der Erziehung seines Sohnes August. 

Ich erinnere daran, daß wir schon einmal auf eine seltsame Verarbeitung, 
in die der Bruder Hermann Jakob hineingezogen worden war, aufmerksam 
geworden sind. Es war im Jahre 1759- Frankfurt wurde von den Franzosen 
besetzt, im väterlichen Hause ging alles durcheinander, der zehnjährige 



JG Pliilipp Oorasiti 

frühreife Knabe lernt das französische Theaterleben kennen, schließt sich 
an die Schauspiel er f am ilie De Rosne an, „überträgt deutlich Familien- 
empfindungen von den eigenen unerquicklichen Verbal missen auf diese 
neuen romantischen, verliebt sich in ein stilles, schönes, älteres Mädchen, 
mißt sich spielend mit dem gleichaltrigen Derones und gewinnt zu einem 
kleinen Bruder kein rechtes Verhältnis, Endlich veranlaßt ihn das Auftreten 
des schönen Knaben eines französischen Tanzmeisters zu moralischen Re- 
flexionen, die in der sentenzartigen Äußerung: „Wozu der Lärm? Heute 
rot, morgen tot" gipfelt. 

Wir konnten es wahrscheinlich machen, daß dieser Ausspruch den Ein- 
druck widerspiegelte, den die wiederholten Todesfälle in der Goetheschen 
Familie auf den empfindsamen Knaben hervorgerufen halten. Der Seil- 
tänzerknabe wird deutlich zum Spiegelbild eigener Familienerlebnisse, die 
dem Bewußtsein des Dichters allmählich entgleiten. Wir dürfen es aber 
auch als sehr wahrscheinlich annehmen, daß diese Tänzerfigur in die erst 
viel später konzipierte Mignongestalt eingegangen ist. Auch der Kommen- 
tator meiner Goetheausgabe (Cotta, Jubiläumsausgabe), Richard Meyer, 
bezeichnet diese Tänzerfigur als „mignonartig", aber offenbar ohne etwas 
Tieferes damit andeuten zu wollen. Meyer ist jedenfalls psychoanalytisch 
ganz unverdächtig. 

Die Tanzkunst ist aber auch in Mignon ganz besonders vertreten und 
tritt in ihrem Eiertanz besonders deutlich hervor. Auf diesem Wege haben 
wir aber wiederum eine Verbindung zwischen Mignon und Hermann Jakob 
hergestellt; zwischen Mignon und der frühesten Jugend des Dichters. 

Vielleicht können wir nun einige Sonderbarkeiten an Goethes Mignon 
verstehen. Gleich anfangs bemerkt der Dichter, man wußte nicht recht 
ob man sie für einen Knaben oder ein Mädchen halten sollte. Diese Un- 
sicherheit drückt sich in der Sendung so stark aus, daß fortwährend das 
männliche Geschlecht mit dem weiblichen wechselt und dem sächlichen 
Platz macht. Auch das Alter des Kindes bleibt schwebend und unsicher, 
Wilhelm schätzt das Kind auf zwölf bis dreizehn Jahre. Das Wesen tragt 
aber Züge eines viel jüngeren und eines viel älteren. 

Dieses Schwanken von Geschlecht und Alter wurde zum Beispiel von 
Wulff als Ausdruck eines physiologischen Hermaphrodilismus gedeutet. Ich 
glaube, es handelt sich um etwas anderes. Zweifellos schildert der Dichter 
offenbar völlig unbewußt die krankhaften Züge seiner Schwester, die leiden- 
schaftliche Anhänglichkeit ohne rechtes Liebesvermögen, wir würden sagen, 
in der analytischen Sprache ausgesprochen, anal-sadistische Züge eines Wesens, 



Goellios Migiioii A^ 



das die Genitalstufe nicht erreicht hat. Das Wechseln oder traumhafte Ver- 
schweben des Geschlechtes beruht darauf, daß auch Züge seines Bruders 
Hermann Jakob in die Gestalt eingegangen sind. Das ist aber nicht alles, 

I^ iViigiion lind die anderen descliwister ans Jjicliters 
Kehren wir nun zum Anfang unserer Untersuchung zurück. Wir schlössen 
uns der Ansicht an, im Meisterroman im gewissen Sinne eine romanhafte 
Selbstbiographie des Dichlers zu sehen und erkannten weiter fortschreitend, 
daß in das seltsame Kleeblatt Wilhelm-Harfner-Mignon eine Menge individueller 
Züge des Dichters und seiner Lebensgeschichte eingegangen sind. Suchen 
wir das Fehlende zu ergänzen. 

Besonders seltsam ist die leidenschaftliche Szene, worin Mignon in Wilhelms 
Umarmung einen hysterischen Weinkrampf bekommt. Ich habe diese Szene 
anfangs iti extenso hingesetzt, da sichWolff in seiner Mignon eingehend 
damit beschäftigt hat. Wolff vermutet, daß die pathologischen Züge dieses 
Erlebnisses erst in der zweiten Bearbeitung eingefügt wurden und gibt 
Wort für Wort an, was all und was neu hinzugekommen sei. Wolff hat 
sich aber hier getäuscht. Die ganze Szene mit dem Krampfanfall stammt 
aus den achtziger Jahren. Hätte Wolff die nämliche Untersuchung am Harfner 
vorgenommen, so wäre ihm eine Konjektur genial geglückt. Harfners schwer 
pathologischen Züge mit Zwangsideen und Selbstmord kommen erst in den 
neunziger Jahren hinzu. Wir sind aber mit Wolff in seiner Vermutung 
einig, daß diese Krampfanfalle auffallend sind, besonders wo Mignon wie 
ein Ressort zusammenschlägt. Dies ist mehr als Schauspiel der Hysterie. 
Freud hat mich nun mehrmals ermuntert, eine Vermutung auszusprechen, 
die ich hier hinzufügen will. 

Wir haben erfahren, daß Goethe sicher an Tuberkulose litt. Verdächtig 
ist auch das frühe Hinwelken Corneliens. Außerordentlich auffällig das früh- 
zeitige Sterben von vier jüngeren Geschwistern Wolfgangs. Wir vermuten, eben- 
falls an Tuberkulose. Der Anblick der schwer kranken Geschwister wird Wolf- 
gang kaum erspart geblieben sein, auch nicht der der Krampfanfälle, wenn 
wir eine miliare Tuberkulose mit meningitischer Reizung annehmen dürfen. 
Ein Anblick, solcher .\rt muß allerdings „gräßlich genug" gewesen sein. 
Mignons Weinkrampf erfahrt dadurch seine eigenartige und organische Er- 
gänzung. Zweifellos spiegelte sich in Mignon nicht nur Cornelie und Hermann 
Jakob, sondern die ganze Geschwisterieihe, besonders die liebliche Johanna 
Maria, die der Dichter als ein schönes und angenehmes Mädchen rühmt. 



V ) Jinal^tische Deutung der lyrischen JYLoinente 

Der Italiensehnsucht Mignons müssen wir auf einem anderen Wege 
Herr werden. 

Freud hat in seiner Arbeit „Der Dichter und das Phantasieren" auf 
die engen Beziehungen zwischen der poetischen Produktion, Tag- und Nacht- 
träumen, hingewiesen und äußert sich darüber folgendermaßen: „Eine 
Phantasie schwebt gleichsam zwischen drei Zeiten, den drei Zeitmomenten 
unseres Vorstellens. Die Arbeit knüpft an einen aktuellen Eindruck, einen 
Anlaß in der Gegenwart an, der imstande war, einen der großen Wünsche 
der Person zu wecken, greift von da auf die Erinnerung eines früheren, 
meist infantilen Erlebnisses zurück, in dem jener Wunsch erfüllt war und 
schafft nun eine auf die Zukunft bezogene Situation, welche sich als die 
Erfüllung jenes Wunsches darstellt, eben den Tagtraum oder die Phantasie, 
die nun die Spuren ihrer Herkunft vom Anlasse und von der Erinnerung 
an sich trägt." (Freud, Bd. X, S. 2)}l234.) 

Dieses Schema von der Dreizeitigkeit dichterischer Produktion 
möchte ich im folgenden nttn auf Mignons Lied anwenden: „Kennst 
du das Land?' 

Das Gedicht scheint im November 1782 die definitive Gestalt ge- 
wonnen zu haben. Goethe schreibt am 9. November 1783 an die Stein: 
„Am vierten (Buche des Urmeislers, das mit dem Liede , Kennst du das 
Land' beginnt) schreibe ich akkurat ein Jahr, seit dem is. November 
1782, wie ich angemerkt habe." (Brief an die Stein, Bd. II, S. 268, 
Brief I160.} 

In der späteren Fassung wurden nur ganz geringfügige Änderungen vor- 
genommen, die wir übergehen. 



■-**>■ 



OoetLes Aligiioii Jn 



\ 



Das Gedicht enthält eine volle, südliche Stimmung, die der Dichter erst 
vier Jahre späler in Wirklichkeit erleben sollte. Er antizipiert also in ge- 
heimnisvoller Weise spätere Erlebnisse. 

Wir brauchen uns allerdings nicht so mystisch auszudrücken. Der Dichter 
hatte reichlich Gelegenheit gehabt, sich ein vollständiges Bild von Italien 
zu machen, bevor er seiher hinkam. Die erste Anregung empfing er vom 
eigenen Vater: „Innerhalb des Hauses zog mein Blick am meisten eine 
Reihe römischer Prospekte auf sich, mit welchen der Vater einen Vorsaal 
ausgeschmückt hatte. . . Hier sah ich täglich die Piazza del Popolo, das 
Coliseo, den Petersplatz, die Peterskirche von außen und innen, die Engels- 
burg und so manches andere. Die Gestalten drückten sich tief bei mir ein, 
der sonst so lakonische Vater hatte wohl manchmal die Gefälligkeit, eine 
Eeschreihimg des Gegenstandes vernehmen zu lassen. (Dichtung und fVahr- 
heit, Bd. XXII, S. 12.) 

„Ferner erzählte er mir, daß ich nach Wetzlar und nach Regens- 
burg, nicht weniger nach Wien und von da nach Italien gehen sollte . . . 
Dieses Märchen meines künftigen Jugendganges ließ ich mir gern 
wiederholen, besonders da es in eine Erzählung von Italien und zuletzt 
in eine Beschreibung von Neapel auslief. Sein sonstiger Ernst und seine 
Trockenheit schienen sich jederzeit aufzulösen und zu beleben und 
erzeugte sich in uns Kindern der leidenschaft liehe Wu n s c h, auch 
dieser Paradiese teilhaft zu werden. (Dichtung und Wahrheit, Bd. XXII, 

S. ßS-) 

Die Mutter ergänzt diesen Bericht in ihren Briefen: 

igi. An die Herzogin Anna Amalie. 

„Frankfurth den gten Merz 1787- 
. . . mich haben sie (zwey Briefe) freylich unendlich gefreut, w^eil sein 
innigster und heißester Wunsch erhört worden ist — von früher Jugend 
an war der Gedancke Rom zu sehen in seine Seele geprägt und ich kan mir 
die Freuden sehr lebhaft dencken, die Er jetzt fühlt in dem Genuß der Meister- 
werke der Vorwelt — auf sein gantzes Leben muß ihn das ergötzen ..." 
(Frau Rat, Gesammelte Briefe, S. iS^.) 

Der Dichter sagt selber: 

„Die Begierde, nach Rom zu kommen, war so groß, wuchs so sehr mit 
jedem Augenblicke, daß kein Bleibens mehr war, und ich mich nur drei 
Stunden in Florenz aufhielt. 

Nun hin ich hier und ruhig und wie es scheint, auf mein ganzes Leben 
beruhigt. 

Sarasi n ; Goethes Mignoii . 



üo Pliilipp Onrusin 

Alle Träume meiner Jugend seh ich nun lebendig, die ersten Kupfer- 
bilder, deren ich mich erinnere (mein Vater hatte die Prospekte von Rom 
in einem Vorsaale aufgehängt) ... es ist alles wie ich mir's dachte und 
alles neu. " 

Ebenso kann ich von meinen Beobachtungen, von meinen Ideen sagen. 
Ich habe keinen ganz neuen Gedanken gehabt, nichts ganz fremd gefunden, 
aber die alten sind so bestimmt, so lebendig, so zusammenhängend geworden, 
daß sie für neu gelten können." (Briefe an dieSteiTi, Bd. III, S. II4, Nr. 1600.) 

Diese Italiensehnsucht aber findet ihren Kristallisalionspunkt in der Gestalt 
der Mignon, wie der Dichter selber sagt: 

„Freilich, in dem geistreichen und kunstliebenden Kreise unserer Herzogin 
Amalia war es herkömmlich, daß Italien jederzeit als das neue Jerusalem 
wahrer Gebildeter betrachtet wurde und ein lebhaftes Streben dahin, wie 
es nur Mignon ausdrücken konnte, sich immer in Herz und Sinn erhielt." 
(itaiieiüscke Reise, Rom ^jSy, Bericht Oktober.) 

Frühzeitig formte sich der Wunsch in Goethe, das südliche Land einmal 
zu sehen. Um so seltsamer ist es, daß es so lange gedauert hat, bis der 
Wunsch in Erfüllung ging. Der Vater drängte, der Sohn widersetzte sich 
und nahm still den Unwillen des Vaters auf sich, der ihm Vorwürfe machte 
als er im Jahre 177g nicht nach Italien hinuntergestiegen war. Im Herbst 
desselben Jahres sendet ihn der Vater nochmals nach Italien, ohne daß es 
zur Ausführung gekommen wäre, da ihn der Herzog Karl August nach 
Weimar berief. Am 15. November 177g kehrt er nochmals auf der Höhe 
des St. Gotthard um; er befand sich damals auf einer Schweizer Reise mit 
dem Herzog. 

Erst 1786 entschließt er sich endgültig, das gelobte Land aufzusuchen 
und zwar heimlich, ohne Mitwissen seiner Freunde in Weimar, wie ein 
Dieb in der Nacht. Dies seltsam Schwankende, Zweifelnde, ich möchte sagen 
Zwanghafte in der Italienreise bekommt eine bestimmte Grundlage, wenn 
wir bedenken, daß sie ursprünglich auf einen Wunsch und Befehl des Vaters 
zurückgeht, auf einen breit angelegten Studienplan, den der Vater sich für 
seinen Sohn ausgedacht hatte und den der geniale Sohn fortwährend zu 
durchkreuzen sich alle erdenkliche Mühe gab. 

Das vom Sohne abgelehnte Gebot kämpfte mit dem eigenen Wunsch, 
Italien zu sehen. Als der Vater am 27. Mai 1786 starb, fiel diese hemmende 
Seite weg und der eigene Wunsch setzte sich allmählich durch. Es vergingen 
aber noch vier Jahre bis zur Ausführung des Planes. Inzwischen wuchs aber 
die Verkörperung der Italiensehnsucht heran: Mignon. Im Herbst des näm- 



m 



titiotiies Miqnon 



liehen Jahres entstand das Lied: „Kennst du das Land?" das wir in seiner 
ersten Fassung folgen lassen. 

„Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn, 

Im grünen Laub die Goldorangen glühn, 

Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht, 

Die Myrte still und froh der Lorbeer steht? " . i 

Kennst du das Haus, auf Säulen ruht sein Dach, 
Es glänzt der Saa!, es schimmert das Gemach, 
Und Marmorbilder stehn und sehn mich an: 
Was hat man dir, du armes Kind, getan? 

Kennst du den Berg und seinen Wolkensteg? 

Das Maultier sucht im Nebel seinen Weg, 

In Höhlen wohnt der Drachen alte Brut, 

Es stürzt der Fels und über ihn die Flut . . ." (Senduiig^ S, 201.) 

Die beiden ersten Strophen geben das stimmungsvolle Bild wieder, das 
sich der nordische Dichter vom südlichen Lande gemacht hatte, ich möchte 
sagen, der Dichter der Ossianstimmungen im Werther, Die dritte Strophe 
keimt direkt aus der ersten Schweizer Reise, als er sich auf dem Gotthard 
im Sommer 1775 nicht entschließen konnte, trotz des väterlichen Wunsches, 
nach Italien hinunterzusteigen. 

Er erzählt in Dichtung und Wahrheit: „. . . fand ich mich wieder in 
Frankfurt, wohl empfangen von jedermann, auch von meinem Vater, ob 
dieser gleich seine Mißbilligung, daß ich nicht nach Airolo hinabgestiegen, 
ihm meine Ankunft in Mailand gemeldet habe, zwar nicht ausdrücklich 
aber stillschweigend merken ließ, besonders keine Teilnahme an jenen 
wilden Felsen, Nebelseen undDrachennestern im mindesten beweisen 
konnte . . ., wer Neapel nicht gesehen, habe nicht gelebt." (Dichtung und 
Wahrheit, Bd. XXF, S. 112.) 

Die beiden ersten Strophen scheinen mehr allgemeine Stimmungen 
wiederzugeben, enthalten aber einzelne Bilder, die so deutlich und frappant 
in späteren poetischen Versuchen wiederkehren, daß wir diese Spur verfolgen 
können. 

Es war in Sizilien. Da drängten sich ihm mit erneuter Urgewalt die 
Gestalten der Odyssee, des Phäakenlandes auf, kam er sich doch selber als 
fahrender Odysseus vor und fühlte sich im fremden Lande gastlich auf- 
genommen. 

Er schreibt dort folgende Verse aus einem Gespräch zwischen Odysseus 
und der Phäakentochter nieder: ■ , ■■ 

4" 



i 



Plullpp S 



Nausihaa : 



„In meines Vaters Garten soll die Erde 

Dich umgetrieben vielgeplagten Mann 

Zum freundlichsten empfangen . . . 

Das schönste Feld hat er sein ganzes Leben 

Bepflanzt, gepflügt und erntet nun im Alter 

Des Fleißes Lohn, ein tägliches Vergnügen. 

Dort dringen neben Früchten wieder Blüten, 

Und Frucht auf Früchte wechseln durch das Jahr. 

Die Pomeranze, die Zitrone steht 

Im dunkeln Laube, die Feige folgt 

Der Feige . . , beschützt ist rings umher 

Mit Aloe und Stachelfeigen . . . 

Dort wirst du in den schönen Lauben wandeln, 

An w^eiten Teppichen von Blumen dich erfreuen. 

Im Verse: („Nausikaa", Goethe, Bd. Xl^, S. 6y.) 

„Die Pomeranze, die Zitrone steht 
Im dunkeln Laube 

nimmt der Dichter das südliche Motiv des Mignonliedes wieder auf, aber 
in vollerer Form. Die südliche Landschaft umgibt den Staunenden nun 
auf der Sizilienreise zum erstenmal in der überwältigenden Fülle südlichen 
Frühlings. Im Herbst 1786 kam er nach Rom. Anfangs April 1787 landet 
er an der sizilischen Küste in Palermo. Die Üppigkeit südlicher Vegetation 
macht tiefen Eindruck auf den Ankömmling- 

Besonders der botanische Garten in Palermo gewinnt seine Aufmerk- 
samkeit: „Palermo, Sonnabend, den 7. April 1787. 

In dem öffentlichen Garten, unmittelbar an der Reede, brachte ich 
im stillen die vergnügtesten Stunden zu. Es ist der wunderbarste Ort von 
der Welt. Regelmäßig angelegt, scheint er uns doch feenhaft; vor nicht 
gar langer Zeit gepflanzt, versetzt er ins Altertum. Grüne Beeteinfassungen 
umschließen fremde Gewächse; Zitronenspaliere wölben sich zum niedlichen 
Laubengange; hohe Wände des Oleanders, geschmückt von tausend roten, 
nelkenhaften Blüten, locken das Auge. — Eine hinter dem flachen Raum 
erhöhte Bank läßt einen so wundersam verschlungenen Wachstum übersehen 
und lenkt den Blick zuletzt auf große Bassins, in welchen Gold- und Silber- 
fische sich gar lieblich bewegen, bald sich unter bemooste Röhren verbergen, 
bald wieder scharenweise, durch einen Bissen Brot gelockt, sich versammeln, 
. . . Aber der Eindruck jenes Wundergartens war mir zu tief geblieben; 
... das alles rief mir die Insel der seligen Phäaken in die Sinne sowie 



Goctlies Mignon 53 



ins Gedächtnis. Ich eilte sogleich, einen Homer zu kaufen, . . ." (Italienische 
Reise, Bd. XXVI, S. 2S2.) 

In diese südliche Gegend versetzt der Dichter nun. die Gestaltenwelt 
der Odyssee: 

„. . . so gab ich um so mehr einem Drange nach, die gegenwärtige 
herrliche Umgebung, das Meer, die Inseln, die Hafen, durch poetische 
würdige Gestalten zu beleben." . . . „Ich ergriff nämlich den Gedanken, 
den Gegenstand der Nausikaa als Tragödie zu behandeln . . . Der Haupt- 
sinn (des Planes) war der, in der Nausikaa eine treffliche, von vielen um- 
worbene Jungfrau darzustellen, die, sich keiner Neigung bewußt, alle Freier 
bisher ablehnend, durch einen seltsamen Fremdling aber gerührt, aus ihrem 
Zustand heraustritt und durch eine voreilige Äußerung ihrer Neigung sich 
kompromittiert." (Italienische Reise, Bd. XXFI, S. }SS/3J4.) 

Es war in dieser Komposition (Nausikaa) nichts, was ich nicht aus eigner 
Erfahrung nach der Natur hätte ausmalen können . , ., das alles gab mir 
ein solches Attachement an diesen Plan, an diesen Vorsatz, daß ich darüber 
meinen Aufenthalt zu Palermo, ja den größten Teil meiner übrigen sizi- 
lianischen Reise verträumte. Weshalb ich denn auch von allen Unbequem- 
lichkeiten wenig empfand, da ich mich auf dem überklassischen Boden 
in einer poetischen Stimmung fühlte . . ." (Italienische Reise, Bd. XXFI, 

s. ushs^o 

Das Motiv von der Bevölkerung eines reichen Gartens durch die homerischen 
Phantasiegestalten eines Laertes oder eines Alkinous ist uns aber schon wohl 

bekannt. 

Als der Dichter in seinem zweiundsechzigsten Lebensjahre die frühesten 
Lebenserinnerungen aufzeichnete, vergleicht er seinen Großvater Textor, der 
gemächlich seinen schönen Garten teilweise selber besorgte, mit einem Laertes 
oder Alkinous und verweilt besonders eingehend bei den Handschuhen, die 
sein Großvater alljährlich als Stadtschöffe geschenkt bekam, womit er sich 
vor stechlichten Gewächsen schützte, ganz so wie Laertes in der Odyssee. 
(Voß: Odyssee, 24, 229.) 

Die Schilderung des großväterlichen Gartens entspricht der Wirklichkeit, 
die homerischen Vergleiche werden später hineingetragen. Nun liegt aber 
schon eine poetische Verarbeitung des großväterlichen Gartens vor: im 
Knabenmärchen. Wir erkennen den Großvater in dem sonderbaren altsn 
Mann mit dem talarähnlichen Kleid. Wir gehen darum nicht fehl, wenn 
wir in der poetischen Verarbeitung der südlichen Landschaft, im botanischen 
Garten zu Palermo eine Neubearbeitung, eine Neuauflage des großväterlichen 



^4 Philipp ÖJirasiii 

Garten Textors erblicken dürfen. Das Leitmotiv ist der würdige Greis, der 
einen Garten selber besorgt. 

Wir wissen nicht, aus welcher Zeit der Name der lustigen Spielgenossin 
Alerte im Knabenmärchen stammt. Auffallend aber ist ein merkwürdiges 
Mißverständnis des Dichters, der in der ersten Niederschrift seines Nausikaa- 
stoffes die Heldin Arete nennt, was an den Namen im Knabenmärchen 
anklingt. 

Der Odysseestoff begleitete den Dichter auf der ganz-en ftalienreise. Schon 
am 22. Okiober 1786 weist er in einem Briefe darauf hin (Goethe, Bd.Xi^, 
S. };2j, aber erst in Sizilien, im Garten von Palermo, tritt die poetische 
Wirklichkeit an ihn heran. 

Er schreibt am 14. Februar 1798 an Schiller: „In welchem Glänze aber 
dieses Gedicht vor mir erschien, als ich Gesänge desselben in Neapel und 
Sizilien las! Es war, als wenn man ein eingeschlagenes Bild mit Firnis 
überzieht, wodurch das Werk zugleich deutlich und in Harmonie erscheint." 
(Briefwechsel Schiller-Goethe, Bd. II, S. 4^.) , ,, j 

Analytisch können wir dieses Phänomen dadurch erläutern: Er sieht die 
südliche Landschaft erst dann in ihrem Glänze, als die Übertragung infan- 
tiler Inhalte auf die Gegenwart gelang, als ihm der sonnige großväterliche 
Garten in südlichem Gewände neu entgegentrat. 

Im botanischen Garten von Palermo erlebt der großväterliche Garten 
sozusagen eine Renaissance. . ... 

Schauen wir nun nochmals zurück : , , 

Das Knabenmärchen konzipiert Goethe im Jahre 1756 beim Ausbruch 
des Siebenjährigen Krieges, das Mignonlied im Todesjahr seines Vaters 1782, 
den Nausikaastoff schließlich in Italien selber. 

Alerle bildet im Garten des Knabenmärchens den nämlichen Mittelpunkt, 
wie Mignon in der südlichen Landschaft ihres Liedes oder wie Nausikaa- 
Arete in der homerischen Landschaft des botanischen Gartens von Palermo. 

Alle drei Gestalten gehen aber aufCornelie zurück, den schwesterlichen 
Spielkameraden Wolfgangs im Garten von Großvater Textor. 

Im Todesjahre des Vaters aber, als Goethe noch ferne von Italien war 
und kaum daran denken konnte, das gelobte Land je zu sehen, antizipiert 
er visionär die ganze Fülle südlicher Landschaft. 

Die psychologische Situation des Dichters in der ersten Weimarer Epoche 
ist darum folgende: Er verarbeitet rezente Eindrücke und Kenntnisse süd- 
licher Gegend mit unbewußtem Stofie ;ius frühester Jugend und pro- 
jiziert das gewonnene Bild als mögliches Erlebnis in die dunkle Zukunft, 



A 



Goeites Alignon 55 



wie das schimmernde Bild des Regenbogens vor die dunkle Wand der 
Gewitterwollte. ^ 

Das ist aber genau die Konzeption von Freud: 

„Ein starkes aktuelles Erlebnis weckt im Dichter die Erinnerung an ein 
früheres, meist der Kindheit angehöriges Erlebnis auf, von welchem nun 
der Wunsch ausgeht, der sich in der Dichtung seine Erfüllung schafft; 
die Dichtung liißt sowohl Elemente des frischen Anlasses als auch der alten 
Erinnerung erkennen." (Freud, Bd. X, S. 2)"/.) 



■ '' '-. 



K -// Zusammenfassung und l!^aditräge 

Goethes Beziehungen zu den Frauen waren vielgestaltig und reich. Viele 
sind in seinen Lebenskreis getreten, aber keine hat ihn je ganz besessen. 
Immer wieder wußte er die Fesseln, die ihn innerlich hemmten, abzu- 
streifen, um phönixartig verjüngt aus der überstandenen Krise hervorzugehen. 

Goethe selber empfand dieses Weitergehen zu einer neuen Frau als 
Treulosigkeit, wenn wir hören, wie er sich durch Darstellung eines Clavigo 
XU bestrafen oder zu läutern suchte. Es ist nicht unsere Aufgabe, diese 
scheinbare Untreue aufzuhellen, sicher hat er selber schwer daran gelitten und 
geißelte jede herzlose Äußerung Mephistos erbarmungslos. Schließlich wurde 
Gretchen aber doch von Faust im Stiche gelassen und so ging es Goethen 
mit Friederike Brion, Lily Schönemann, mit der Stein und nicht zuletzt 
mit seiner Schwester Cornelie. Auch Mignon stirbt im Momente, wo sie 
gewahr wird, daß Wilhelm sich anschickt, sein Herz an Therese zu ver- 
geben. 

Es ist, als ob sich Goethe immer wieder vom geliebten Weibe loslöste 
um neuen, drängenden Aufgaben entgegenzugehen, die ihm sein Genius 
stellte, zeichnete aber die Leiden des verlassenen, sich in Sehnsucht ver- 
zehrenden Menschenkindes Zug für Zug nach, mit erschütternder Deut- 
lichkeit, wie der Anatom sein Objekt. 

Wie tief aber der Dichter selber an diesen Loslösungen litt, erkennen 
wir am besten am Harfner, seinem düsteren Doppelgänger, der wie von 
stillem Wahnsinn umhergetrieben wird, den der Dichter aus eigener Er- 
fahrung nur zu genau kannte. Aus seinen Liedern können wir kaum 
erraten, ob hier Mignon klagt oder der Harfner, ob es Faust ist, der sich 
sehnt, oder Gretchen, die verzweifelt, Goethe oder die Stein, 



i 



Goethes Mignon 67 



Vermutlich schauen wir hier in einen seelischen Zustand, der nahe 
an Wahnsinn grenzt, wo die Sehnsucht nach dem geliehten Objekte die 
Grenzen zwischen dem Ich und dem Du verwischt und einen seelischen 
Prozeß einleitet, der uns unter dem Namen der Identifikation bekannt ist. 

Der Harfner trägt aber auch Züge von Goethes Vater. Wolfgangs Be- 
ziehungen zu seinem Vater sind noch reichlich dunkel. Wir dürfen aber 
vermuten, daß der väterliche Einfluß erheblich war, wenn auch der Sohn 
seiner kaum Erwähnung tut. 

Sicher ist, daß erst nach des Vaters Tode das Lied: „Kennst du das 
Land" entstanden und die längstgeplanie Reise nach Italien zur Ausführung 
gekommen ist. Eine Reise, die von Vater und Sohn herbeigesehnt wurde, 
die aber der Sohn erst dann ausführen konnte, als der Vater nicht mehr 

lebte. 

Wir dürfen vermuten, daß sich mit dem Tode des alten Rats eine tiefgreifende 
Wandlung im Dichter vollzogen hat. Ein kaum wahrnehmbarer, aber ständig 
lastender Druck wurde plötzlich aufgehoben und drohende Gewitterwolken, 
die ihn innerlich verdüsterten, losten sich endgültig auf. Es ist, als ob mit 
dem Tode des Vaters plötzlich der Weg nach dem Süden frei geworden wäre. 
Schließlich kehrte Goethe geläutert und gefestigt aus dem Süden zurück. 
Auch seine Beziehungen zur Frau wurden damit tiefer, anhaltender, ge- 
lassener, heiterer. 

Die Spiegelung dieser mühsam errungenen, ausgeglichenen seelischen 
Verfassung, woran auch die Frauen teilnahmen, — denken wir nur an 
Suleika, — finden wir in den Lehrjahren wieder, dem Meisterroman der 
neunziger Jahre. 

Ein Traum, den der Dichter seinen Helden Wilhelm träumen läßt, als 
er schließlich das Theaterunwesen völlig überwunden hatte, enthält fast 
alle Gestalten der Sendung, aber friedlich nebeneinander, ohne die Sturm- 
stimmung, die für den Urmeister so charakteristisch ist und die der reife 
Goethe der neunziger Jahre nicht mehr so recht verstand. Er lautet folgender- 
maßen : 

„Sonderbare Traumbilder erschienen ihm. gegen Morgen. Er fand sich in 
dem Garten, den er ah Knabe öfters besucht hat, und sah mit Vergnügen die 
bekannten Alleen, Hecken und Blumenbeete wieder; Marianne begegnete ihm, 
er sprach liebevoll mit ihr und ohne Erinnerung irgendeines vergangenen Miß- 
verhältnisses. Gleich darauf trat sein Vater zu ihnen im Hauskleide, und 
mit vertraulicher Miene, die ihm selten war, hieß er den Sohn zwei Stühle 
aus dem Gartenkause holen, nahm Mariannen bei der Hand und führte sie 
nach einer Laube . fVilhebn eilte nach dem Gartensaale . . blickte zum 



58 Pl,;|; 



pp 



Fenster hinaus und sah in einem fremden Garten viele Menschen beisammen, 
von denen er einige sogleich erkannte . . . Mignon und Felix lagen im Grase, 
jene ausgestreckt auf dem Rücken, dieser auf dem Gesichte." (Bd. XFIII, S. IJ4.) 

Alle Bestandteile der Mignondichtung, die wir in unserer Arbeit mühsam 
aufgefunden haben, legen sich hier wie selbsttätig auseinander, doch ohne 
seelische Spannung, ohne krankhafte Sehnsucht nach einem fernen, un- 
erreichbaren Lande, in friedlichem Nebeneinander, ohne Verstimmung, ohne 
diesem unheimlichen Wahnsinn geheimer Mißverhältnisse. Ein getreues Ab- 
bild des reifen Goethe, der in Italien schließlich das innere Gleichgewicht 
gefunden hatte. 

* 

Schauen wir nochmals zurück. 

Zweifellos spiegeln sich in Mignon nicht nur Cornelie und ihr Bruder 
Hermann Jakob, sondern die ganze Geschwisterreihe, besonders die liebliche 
Johanna Maria, die der Dichter als ein schönes und angenehmes Mädchen 
rühmt, die aber auch bald dahinschwand, so daß Wolfgang und Cornelie 
schließlich allein übrig blieben. 

Und nun erinnern wir uns, daß auch noch ein Rechtskandidat Clauer 
im elterlichen Hause wohnte und von seinem Studieren und vor Dünkel 
blödsinnig geworden sei. Wir erkennen in ihm die Keimzelle des Harfners. 

Und nun befinden wir uns mitten im Lebenskreise, aus dem Mignon 
herausgewachsen ist, die glückliche Zeit vor dem Jalire 1759. Wir sehen 
Cornelie mit ihren Geschwistern, das Puppentheater, die römischen Prospekte, 
den Vater, der manchmal vertraulich von Italien zu erzählen wußte, dann 
wieder mürrisch und abweisend war, den sonderbaren Clauer, dem oft nicht 
zu trauen war: wir erkennen die ganze Familie, die schließlich in Mignon 
und im Harfner eine geheimnisvolle, vieldeutige, poetische Verarbeitung 
gefunden hat. 



Li 



t e r a t u r 



Icli zitiere folgendermaßen: 

1) (Goethe, Bd. . . ,, S. . . .) oder (Dichtung und Wahrheit) oder (Lehrjahre) oder (Jtalit- 
nische Heise) aus: Goethes Samtliclie Werke. Jubiläumsausgabe. J. G. Coltasche 
Buchhandlung. 40 Bde. 

2) (Briefe an die Stein) aus: Goethes Briefe an Charlotte von Stein. Herausgegeben 
von Julius Petersen. In sei- Verlag. Leipzig 1908. 5 Bde. 

5) (Briefe der Frau Rat) aus: Frau Rat Goethe. Gesammelte Briefe. Herausgegeben 
von Ludwig Geiger. Leipzig. Hesse & Becker. 



» 



Guütiics Migiion 59 



4) (Dm- junge Goethe) aus: Der jimge Goethe. Ausgabe besorgt von Max Morris. 
Insel-Verlag-. Leipzig 1909. 6 Ede. 

5) (Sendung) aus: Goethe. WiUielm Meisters theatralische Sendung. Nach der Schtil- 
theßschen Abschrift herausgegeben von Harry Maync. J. G. Cottasche Buch- 
handlung. 1911. 

6) (Goethe-Schiller, Brief) aus: Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe. Verlegt bei 
Eugen Diedericlis. Jena 1910. 2 Bde. 

7) Eugen Wolff: Mignon. Ein Beitrag lur Geschichte des WilKelm Meister. München 
1909. C. H. Becksche Verlagsbuchhandlung. 

8) Freud: Gesammelte Schriften. Bd. I — XI. Internationaler Psychoanalytischer Verlag. 



--* 



r 



■ 



innaltsverzeictinis 

Seite 

Vorbemerkung 5 

I) Der Meisterroman 8 

II) Goethes Jugendgeschichte 18 

Die Jugendgeschichte 19 

III) Ergänzungen zur Jugendgescliichte 35 

a) Das Knabenmärchen 2g 

bj Die französischen Schauspieler 28 

c) Zum frühen Tod der Geschwister Goethes 31 

d) Zusammenfassung der Jugendgeschichte 3a 

IV) Analytische Deutung der dramatischen Momente 34 

a) Die Gestalten des Meisterromans 34 

b) Das Seiltänzermilieu 35 

c) Mignon und Cornelie 3^ 

d) Cornelie und ihr Bruder 59 

e) Mignon und die Vateridenlifizierung des Dichters . 42 

f) Mignon und die anderen Geschwister Goethes ... 47 

V) Analytische Deutung der lyrischen Momente . . 48 

VI) Zusammenfassung und Nachträge .56 

Literatur 5^ 



V :-,- I- ' I 



Psyclioanalytiscke Blograpliik 



EDUARD HIT5CHMAHN: GottfrieJ Keller. Psyd.o.„alyse de. DiAte«. 
seiner Gestalten und Motive. Geheftet M. 3.So 

„Das VQrlipgpnde Keller-Buch hal mir auch aU LiWr.irhistoriker einige Lichter aufeest.'ckt Das 
Buch veTtiefi unseren Einblick in di« eroUsthen Problcrao bei d^m Mensche,, wie b.-i dem Künstler Keller 
^ erte!«rt die Hemnmneen in seiner persönlichen Liebeswahl und Se^iualilät und beleuchtet ent^rechende 
Motive seiner D.chtung," (Prof. Harry Maync, Bern, im .Litm-^isZnl^h^:) 



EDUARD HITSC HMAKN:Ein Gespenst a«s aerKindKeitK^mH^nsun*. 
Gell. M. st.~. Ganzleinen M. 3.5o 

Inhalt : Eine Kindl.eitseri..neruue Jl^m.uns- Psychoanalytische Deutung der Gespenster ^ Kastrat ion«ymbolik 
„ ^aT ^"^'"' " ^" Kntmannune der Vät^r (Altern und Verarmen) - Das Motiv der Eifersucht ZdTs 
eeschadigtsn Dritten - Grausamkeit und Leidnsechaftlichkeit. Belausehen nnd Zuschauen - Ham,u.,s Ideale 



IMRE HERMANN: Gustav TKeodor Fedmer. Eine psydioaualytisdie 5tudie 
über individuelle Bedingtheiten wissensdaaftlidier Ideen. 
Geh. M. 3. — , Ganzleinen M. ^.^o 

Inhalt: Biographisches - Die schwere Krankheit - Die Idee der Psychophysik - Die „TaKesnnaiclif - na. 
Formale im Denken Fechners - Die Begabungserundlagen - Fechner als Vorläufer p.ychca^'Ilytt scher 



Idee 



ERWIN KOHN: La^saUe - der FüWr. Gek M. ^.-, Ganzleinen M. 6— 

Inhalt: I) Die psychologische Entstehung des Führers - U] Die psycholoeische Technik der Führung bei 
^™ m" Jf ^ Uebesschick^al Las.alle. - IV) Die psychische Struktur des Führertams bei Se - 

VJ Die Nachfolge Lassalles und das Ende der Oreanisation. ■^ussaiie 



JOLAN NEUFELD: Dostojewski. 5L,!zze zu seiner Psydioanalyse. 
Geh. M. 3. — , Ganzleinen M. 5. — 

„Der emsle, etwas analytisch orientierte Leser wird die flüssige und beredte Doitojewski-Skiiee in 

einem Zu^e durchlesen, und ohne Widerspruch." (,Neue Zürcher Zeitung'.) 



i\. UiSoIPO \V: Tolstois K.indKeitserinnerungen. Ein Beitrag su Freuds LjLido- 
tlieorie. Geh. M. 6.~, Halbleinen M. y.So 

Inhalt: I) Vorbemerkungen ~ H) Die „Ersten Erinnerungen" — III) Zwei allererste Erinnerungen [Das Indi- 
vidual-Ich und die Ich-Libido — IV) Über den NarziUmus ~ V) Drei weitere Erinnerungen (Objektlibido) — 
VIj Der Seelenkonüikt ~ VII) .Die A m eise nbrü der" (Das Supra-Ich) — VIII] über die infantile Amnesie 



11- 1 1 - • 1 




X^ie psychoanaiy tische 




^)eA^^egung 




Ersmeint zweimonatnm — Herausgegenen von A. J. iStorfer 




ÄDOnnement 19^0 (11, Jalirgang: b lielte iin 




tresanitumlaiig üoer 000 ijeitenj JVLarJc 10. — 




Der I. Jahrgang (^929) enthielt u. a. 




folgende Beiträge: 




Behrendt Das Problem Führer und Masse und die Psychoanalyse 




Corniokr Sexualsyinbolik in der „Frommen Helene" von Wilh. Busch 




Fertnczi Männlich und Weiblich. Über sekundäre und tertiäre 




Geschlechtsmerkmale 




Graber Geburt und Tod 




liitschmann .... Knut Hamsun und die Psychoanalyse 




W. Jensen (f)..- Drei unwerÖffentUclite Briefe an Sigm. Freud 








Thomas Mann . . Die Stellung Freuds in der modernen Geistesgeschichte 
















Wälder Sexualsymbolik bei Nattirvölkem 




Winierstein ... - Motorisches Erleben im schöpferischen Vorgang 




Witteis Le grand araour 




Zuiliger ^Hysterie infolge Verdrängung ethischer Regungen" 




Arnold Zweig . . Freud und der Mensch 




Preis des I-Jalirgaiigs in Haltlederliand Mart lO.Go 





(jrlcichzeitig ersdieint 

Warum verlief 
vzroetne rriederike i 

£/ine psyaioaiiaiytiscfie JWonoorapnie 
Von 

1 keooor JVeik 

- Geheftet M.C.~, Ganzleinen J\d 8.— 



Inhalt : 

Dichtung und Wahrheit — Ein neuer Versuch — Ein alter Mann 
erzählt die Geschichte seiner Liebe — Friederike — Die Gründe 
der Trennung — Die Verkleidung- — Der Kindtaufkuchen — 
Zwischenspiel (Chronologische und andere Verwirrung) — Die 
Kußangst — Reprise — Sexualität und Gewissensangst — Der 
junge Goethe erzählt ein Märchen — Der Dichter über die „Nene 
Melusine" — Die analytische Deiitting des Märchens — Der Schatten 
des Vaters — Der Text der Zwangsbetürchtung — Capriccio dolo- 
roso — Freimdliche Vision — „Frohe und dankbare Gefühle 
nach dem Sturm" — Coda 



Internationaler Jrsycnoanalytiscner Verlag 

Wien 1, in der Dörsc 



3r 



^ 



I