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INTERNATIONALE PSYCHOANALYTISCHE BIBLIOTHEK
Nr. XXI
Sexualität und
Schuldgefühl
Psydioanalytisdie Studien
von
Dr. Otto Rank
1926
Internationaler Psydioanalytisdier Verlag
Leipzig / Wien / Züridi
Alle Reite,
insbesondere die der Übersetzung, vorbehalten
Copyright 1926
by „Internationaler Psydioanalytisdier Verl^,
Ges. m. b. H.", Wien, VH.
INTERNATIONAL
PSYCHOANALYTIC
UNIVERSITY
DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN
Drude: Elbemühl, Wien, Hl., Büdengasse 11
Inhaltsverzeichnis
Seite
Sexualität und Schuldgefühl , g
Masturbation und Charakterbildung 8
[Diskusnonsbeitrag in der „Wiener FsA. Vereinigung 1^12;
zuerst veröffentlicht in „Die Onanie, 14 Beiträge zu einer Diskussion
der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung", Wiesbaden J<>!2]
Ein Beitrag zum Narzißmus (Das Ich im Traume) .... 41
[Zuerst erschienen im „Jahrbuch für psychoanalytische und
psychopathologische Forschungen", Bd. III, Ipll]
Perversion und Neurose „«
[Vortrag auf dem Vit. Internationalen Psychoanalytischen
Kongreß, Berlin, 2j. Sept. 7922; zuerst veröffentlicht in .Inter-
nationale Zeitschrift für PsA,", Bd. VIII, 1^22]
Die psychische Potenz jog
[Erweiterung einer kurzen Mitteilung in der „Wiener FsA.
Vereinigung" am 16. Man Ip2ij
Idealbilrtung und Liebeswahl ^^i
[Diese Arbeil und die vorherstehmde wurden zuerst ira!
dem gemeinsamen Obertitel „Zum Verständnis der Libidoentiuicklung
im Heilungsuorgang" ~ veröffentlicht in „Internationale Zeit-
schrift für PsA.'', Bd. IX, ip2}J
^'^"''' 155
Sexualität iind Schuldgefühl
Die Verknüpfung von Sexualität und Schuldgefühl, die an-
scheinend zum ältesten seelischen Besitzstand der Menschheit
gehört, ja vielleicht sogar das eigentliche Menschtum psychisch
charakterisiert, wird in den nachstehenden fünf Abhandlungen,
die in dem langen Zeitraum von zwölf Jahren unabhängig von
einander geschrieben wurden, nur als Problem aufgezeigt, um
dessen Lösung sich die psychoanalytische Forschung erst neuerdings
wieder besonders bemüht hat. Namentlich in seinen letzten
Arbeiten zur Ichpsychologie hat sich Freud dem Problem des
Schuldgefühls von verschiedenen Seiten her genähert, um Licht
auf die verborgenen Quellen dieser für die Individual- und Sozial-
psychologie gleich wichtigen Einstellung zu werfen.
Wenn man jetzt auf die reichen Erfahrungen der Neurosen-
psychologie zurückblickt, darf man vielleicht sagen, daß wir im
Problem des sexuellen Schuldgefühls das psychologische Kern-
problem überhaupt vor uns haben, in welches nicht nur das zum
Verständnis der Psychoneurosen wohl wichtigste Problem der
Angst einmündet, sondern auch die Wurzel des ethisch-religiösen
Sündenbegriffs, des rechtlichen Schuld- und Strafbegriffs, mit
einem Worte das Wesen des sozialen Geselligkeitslebens beschlossen
liegt, das neuerdings auf einen biologisch gegebenen Herden-
Dr. Otto Rank
Instinkt zurückgeführt wird. Neben der Sozialanpassung als
solcher hängen aber auch die individualpsychologischen Probleme
der Charakterbildung, insbesondere einzelner typisch ausgeprägter
Charakterzüge — ähnlich wie die verschiedenen Neurosenformen
— aufs engste mit der Genese und weiteren psychischen Ver-
arbeitung des Schuldgefühls zusammen.
Dieses tritt, wenn die Beobachtimg darauf eingestellt ist, schon
so ungemein früh im Kindesalter in Erscheinung und wird bald
deutlich mit den ersten Äußerungen sexueller Regungen ver-
knüpft, daß man sich versucht fühlte, fast im Sinne der christ-
lichen Erbsünde, von einem überkommenen Schuldkomplex des
Menschengeschlechts zu sprechen, für dessen mögliche Genese
die psychoanaljrtischen Untersuchungen Freuds über die Ur-
geschichte der menschlichen Gesellschaft eine erste, auch individual-
psychologisch fundierte Aufklärung bieten.
Ein viel bescheideneres Ziel hatten sich die folgenden Unter-
suchungen gesetzt, die — von vereinzelten Beobachtungen aus-
gehend — die Beziehungen von Sexualität und Schuldgefühl im
Individuum zu verfolgen und soweit es auf Grund unserer
jeweiligen Erfahrungen möglich war, aufzuzeigen suchten. Der
Knotenpunkt, in den diese tastenden Versuche vorläufig mündeten,
waren die (egoistischen und narzißtischen) Ichstrebungen
des Individuums, das offenbar gerade an den Punkten der biologisch
vorgebildeten Sexualentwicklung mit den überindividuellen Ten-
denzen der Gattung in Konflikte gerät, bei deren notwendigen
Lösung das Individuum in jedem Falle den Kürzeren zieht: sei
es in der endlichen Anpassung an das normale Sexualziel, das
nur mit teilweisem Verzicht auf die mannigfachsten individuellen
Lustquellen erreichbar ist, sei es in Versuchen, die durch die
Gattung und ihren sozialen Vertreter, die Gesellschaft, gesetzten
Schranken zu durchbrechen, wie wir sie in den mißglückten
Sexualität und Sdiuldgefühl
Ausgängen, von Perversion, Neurose, Verbrechen kennen und
analytisch verstehen gelernt haben.
Die nachstehenden Abhandlungen zeigen in ihrer chrono-
logischen Folge den Weg des Individuums von der Masturbation,
als der Vorstufe der normalen Sexualbefriedigung, die allerdings
ihre mehr minder bedeutungsvollen Niederschläge in der seelischen
Entwicklung des Individuums zurückläßt, über die bei allen
Menschen ausgeprägte Verliebtheit in das eigene Ich (Narzißmus)
zu den weitverbreiteten asozialen und antigenerativen Per Ver-
sionen, um schHeOlich den Weg zum sogenannten normalen Liebes-
leben zu finden, dessen komplizierte Entwicklung wir seit Freuds
„Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" kennen, und in dessen
feinere Genese wir aus der Analyse der Verliebtheit sowie der
monogamen Bindung an Ehegatten und Kind hier einen ersten
Einblick gewinnen. In meinen nächsten in Vorbereitung befind-
lichen Arbeiten hoffe ich, die hier aufgeworfenen Probleme, die
mi t unseren bisherigen Erkenntnissen nur unzulänglich zu
bewältigen waren, einer weiteren Lösung zuführen zu können.
Masturbation und Charakterbildung
Von wie großer praktischer Bedeutung bei der Masturbation
die Frage nach der Schädlichkeit auch sein mag, die in fast allen
wissenschaftlichen Diskussionen dieses Themas zum Ausgangs- und
Kernpunkt genommen wird, so scheint sie doch einem derart
komplizierten Problem gegenüber völlig unangemessen und allgemein
nicht zu beantworten. Das anscheinend einheitliche Bild der
Masturbation erweist sich bei näherem Zusehen als ein Mosaik-
gebilde aus den verschiedensten sexuellen Regungen, Betätigungen,
Vorstellungs- und Gefühls komplexen, so daß es, wenn man die
Verschiedenheiten der einzelnen sexuellen Konstitutionen hinzu-
nimmt, begreiflich wird, wieso die Onanie bei dem einen für
gewisse Störungen seines Sexual- oder Gemutslebens verantwortlich
gemacht werden kann, dem anderen gar zum Verhängnis wird,
während sie in einer ebenfalls nicht geringen Anzahl von Fällen
ohne besondere Schädigung vertragen wird, ja unter gewissen
Voraussetzungen von einem späteren Nutzen dieses anscheinend vor-
zeitigen sexuellen Lustmechanismus gesprochen werden kann. Dazu
kommt die durch Freuds Untersuchungen über die Kinder-
sexualität nahegelegte Erwägung, daß die masturbatorische
Befriedigung als eine der Formen autoerotischer Betätigung bis zu
einem gewissen Ausmaße im Kindesalter als normales Entwicklungs-
Masturbation und Charakterbildung
Stadium anzusehen ist, das allerdings durch übermäßige Ausdehnung
und Fixierung ebenso schädlich wirksam werden kann, wie jede
andere Entwicklungsstörung der Psychosexualität. Ist es unter diesen
Verhältnissen unmöglich, die Masturbation in ihren Folgen allgemein
zu werten, so wird auch bei individuellem Eingehen auf einzelne Fälle
oder abgesonderte Teilproblem.e des weitverzvve igten Onanieproblems
die Frage nach der Schädlichkeit zurückzutreten haben hinter der
von utilitaristischen Voraussetzungen unbeeinflußten Erforschung
der Tatsachen und der ihnen zugrunde liegenden psycho sexuellen
Zusammenhänge. Es wird dann vielleicht in einem tieferen Sinne,
als es der Gesichtspunkt der Scliädliclikeit und Unschädlichkeit
gestattet, von der Bedeutung der Onanie nicht nur für das
Sexualleben des Individuums, sondern für dessen gesamte psychische
und Charakterentwicklung zu sprechen sein.
Über die allgemeinen Ursachen, den weiteren Entwicklungs-
und Ausgang sowie über gewisse Begleiterscheinungen und Folgen
der masturbalorischen Sexualbetätigung haben uns die psycho-
analytischen Untersuchungen wesentlich Neues gelehrt. VVir wissen,
daß die „physiologische" Säuglingsonanie, die natürlich nicht dem
bewußten masturbatorischen Akt des Erwachsenen gleichzusetzen
ist, dazu dient, das künftige Primat der Genitalzone festzulegen,'
daß dieser vorwiegend reflektorische Lustmechanismus nach einer
gewissen Latenzzeit in der Masturbation sbetätigung der Kinderjahre
als erste Form der Sexualbetätigung wieder auflebt, die dann in
der Regel mit weiteren Unterbrechungen, nicht selten aber auch
kontinuierlich bis in die Pubertätszeit fortgesetzt wird, womit nach
Freud bereits die erste große Abweichung von der für den
Kulturmenschen anzustrebenden Entwicklung gegeben sein karm.
Aus der mehr oder minder langen und kontinuierlichen
j) Freud: Drei Abhandlungen lur Sexunitheorie, 1905 [Ges. Schriften,
Bd. V],
JO Dr. Otto Rank
Fortsetzung der Selbstbefriedigung, die natürlich wieder ihre
besonderen Ursachen hat, erklärt sich zum Teil die widerspruchs-
volle Talsache, daß sie mitunter ohne besondere Schwierigkeiten
von der normalen Sexualbetätigung abgelöst wird, während in
vielen Fällen heftige innere Kämpfe vorausgehen, in denen nicht
immer das Individuum siegreich bleibt. Aus dem Studium der
Triebregungen und ihrer Verdrängungsvorgänge glauben wir jedoch
erkannt zu haben, daß der oft fürchterliche und in seinen
psychischen Folgen gewiß lange noch nicht voll gewürdigte
Abwehrkampf gegen die Masturbation zunächst nicht — wie
man annimmt — durch äußere Einflüsse der Erziehung tmd Ab-
schreckung eingeleitet zu werden braucht, sondern sich unter
gewissen Bedingungen als spontane psychische Reaktion in der
Form von Schuldbewußtsein einstellen Icarm. Es kann sich hier
natürlich nicht um die Vertretung der kaum beweisbaren Behauptung
handeln, daß das masturbierende Individuum in solchen Fällen
zu keiner Zeit und in keiner Form eine direkte warnende Ein-
wirkung erfahren hätte, obwohl es auch solche Fälle geben mag
Das Problem bleibt im Grunde unverändert bestehen, wenn wir
die große Zahl von Fällen hinzunehmen, wo eine zufällig auf-
gefangene oder harmlos gemeinte Bemerkung die gleichen schweren
psychischen Folgen nach sich zu ziehen vermag, wie wir sie sonst
nur von den schwersten, bald intensiv verdrängten Drohungen
(Kastration, Todsünde, gesundheitliche Schädigung) autoritativer
Personen (Vater, Priester, Arzt) ausgehen sehen. Anderseits brauchen
selbst so schwere Drohungen, wie uns Freud s Analyse des fünf-
jährigen Hans' gezeigt hat, nicht unmittelbar zu wirken, weil sie
es eben nur dann vermögen, wenn sich das Individuum selbst bereits
in der entsprechenden psychischen Verfassung (Verdrängungs Stadium)
befindet und also dem Trauma entgegenkommt, das somit nicht
i) 1909 [Ges. Schriften, Ed. VIII].
Masturbation und Charakterbildung 11
durch die im Erfolg so wechselvolle äußere Einwirkung, sondern
durch die entsprechende psychische Konstellation — eventuell auch
ohne Einwirkung von außen — geschaffen wird.
Die ersten Anzeichen dieses rein innerlichen Konfliktes sind
die oft schon recht frühzeitig auftretenden Schuldgefühle
und Selbstvorwürfe, die zunächst unklar und ganz allgemein die
masturbatorische Befriedigung verwerflich erscheinen lassen, recht
bald aber diese Abwehrtendenz zu rationalisieren suchen durch die
bekannten Befürchtungen zu verblöden, dauernd organisch zu
erkranken, die Zeugungsfähigkeit zu verlieren, von jedem als
Onanist erkannt und verachtet zu werden usw. Bei diesem Prozeß
der bewußten Rechtfertigung unverstandener Ablehnungsgefühle
spielen die äußeren, durch Erziehung, Verkehr und Lektüre
gegebenen abschreckenden Einflüsse, die man für das Movens des
ganzen Zustandes ausgegeben hat, die Rolle von willkommenen
Anlässen zur Rationalisierung der instinktiven Abwehrtendenzen.
Ihre mächtige, aber nur scheinbar autonome Wiikuug erklärt sich
eben daraus, daß sie auf einen in jeder Hinsicht bereits vorbereiteten
Boden fallen. Nach den wenigen mir in diesem Punkte zu Gebote
stehenden Erfahrungen scheint es, daß selbst eine bis über die
normale Altersgrenze lange fortgesetzte Onanie, so lange und so weit
sie als vollwertige Sexualbefriedigung wirkt und nicht als unbefriedi-
gender und unzureichender Akt empfunden oder erkannt wird, ohne
besondere Schuldgefühle einhergehen kann, während das Schuld-
bewußtsein in jenen Fällen am schwersten empfunden wird, wo die
masturbatorische Befriedigung dem Individuum, meist unter der
Tendenz nach dem normalen Sexualakt, zu einer inadäquaten geworden
ist. Mitunter äußert sich das in krasser Weise darin, daß dem Individuum
die ehemalige Sexualbefriedigung direkt zu einer Unbefriedigung wird,
von der es aber doch nicht ablassen kann. Diese so paradoxe Er-
scheinung würde aber gerade aus der unvollkommenen Befriedigung
12 Dr. Otto Rank
des einzelnen onanistischen Aktes verständlich, die das Individuum,
nötigt, zur Erlangung einer vollständigeren Befriedigung den Akt
immer wieder und in gehäufter Weise auszuführen, wodurch es
— ein entsprechend verstärktes Sexualbedürfnis vorausgesetzt —
zur exzessiven Onanie gelangt, die dann als Ursache des Schuld-
gefühls erscheint, während sie doch eiienso wie dieses selbst nur
als Folge der inadäquaten und unvollkommenen Befriedigung auf-
tritt. Nehmen wir noch hinzu die häufigen und oft schweren
Angstzustände, die sich fast immer im Gefolge exzessiver Mastui^
bation beim Kinde einstellen, so können wir uns das Schuldgefühl
entstanden denken, ähnlich wie die von Freud' aufgeklärte Angst
bei der Angstneurose, aus-psychisch nicht voll bewältigten Trieh-
regungen, die im Kiadesalter trotz exzessiver Masturbation nicht
restlos verarbeitet werden können, weil der psychische Apparat
der vorzeitigen intensiven Sexualbetätigung entsprechend noch nicht
hinlänglich entwickelt ist, während im späteren P üb ertäts alter
wieder ein Teil der bereits voll entwickelten, dem Objekt geltenden
Sexualerregungen im Masturbationsakt unbefriedigt bleibt und auf
diese Weise zur Angstentbindung mittels des gleichen Mechanismus
führt. Eine dritte Quelle der Angstentwicklung auf der Basis der
Masturbation ergibt sich nach Freud (a. a. O.), wenn der Er-
wachsene die bis dahin geübte Onanie aus Schuldbewußtsein auf-
gibt, ohne den Geschlechtsverkehr aufnehmen zu können. Es kann
in diesem Falle der im Kindosalter bereits vorgebildete und später-
hin, in Funktion erhaltene Mechanismus der Angstentwicklung zur
Angstneurose führen, weil infolge der Abstinenz nicht einmal
mehr eine relative Befriedigung zustande kommt, während die
Sexualerregung immer wieder entsteht. Das Auftreten der Angst
i) Über die Berechtigung', von der Neurasthenie einen bestimmten
Symptomenkomplex als „Angstneurose" abiit trennen (1S33), [Ges. Sehr.,
Bd. I.]
Masturbation und Charakterbildung 13
im Gefolge der Kinderonanie hängt mit der Entstellung der Angst
im Kindesalter überhaupt zusammen, ebenso wie ja die Onanie
sich mit der infantilen Sexualbetätigung im allgemeinen deckt
und nur der deutlichste Ausdruck derselben ist. Während nun
dem Kinde diese Angst meist als solche bewußt wird und sich, —
wo sie nicht zur Phobie führt — von anderen Komplexen
beeinflußt, als Todesangst manifestiert, bewirken die heim reifen
Individuum bereits entivickelten moralischen Hein m.un gen die
psychische Verkleidung der Angst in das Schuldgefühl. In diesem
Sinne wäre also das Schuldgefühl selbst — und nicht bloi3 sein Inhalt
— schon eine rationalisierte, psychisch verkleidete Angst, und die
Tatsache, daß es die Schädlichkeit des onanistischen Aktes in
irgend einer Form zum Inhalt hat, erscheint von diesem Gesichts-
punkt als wohlberechtigter Ausdruck wirklich bestehender psychischer
Zusammenhänge, die natürlich in den rationalisierten Motivierungen
(Verblödung usw.) nur mehr entstellt zum Ausdruck kommen
können. Wie die Angst bei der Onanie überhaupt mit der aus
Triebhemmungen stammenden Angst im Kindesalter zusammenfällt,
so deckt sich das Schuldgefühl als Folge der Onanie mit dem kind-
lichen Schuldbewußtsein im allgemeinen, das aber gewiß nicht
immer von der Masturbationsbetätigung erzeugt sein muß, doch fast
regelmäßig mit ihr verknüpft und von ihr rationalisiert wird.
In diesem Stadium des Konfliktes und als Folge desselben taucht
auch erst die deutlich bewußte Verwerfung der Masturbation und
der entschiedene Vorsatz ihrer Abgewöhnung auf, den man bisher
konsequent im Sinne der Überschätzung der äußeren Momente für
den Ausgangspunkt halten mußte. Dieser bewußte Abwehrkampf
ist in der Regel von einem ersten Erfolg hegleitet: die Mastur-
bation wird seltener geübt ■ — was aber andererseits der früheren
Abstumpfung gegenüber eigentlich zunächst nur neuen Genuß
bedeutet — bis die Hemmungen mächtig genug geworden
14 Dr. Otto Rank
sind, um das Schuldbewußtsein von der Häufigkeit des Aktes auf
diesen selbst zu übertragen. Der so verschärfte Abwehrkampf läßt
sich normalerweise nur durch den Übergang zum. Geschlechts-
verkehr beenden, „denn das einmal geweckte und durch eine
geraume Zeit befriedigte Sexualbedürfnis läßt sich nicht mehr
zum Schweigen bringen, sondern bloß auf ein anderes Objekt
verschieben" (Freud). Ist die Erreichung des normalen Sexual-
zieles infolge innerer Hemmungen oder äußerer Schwierigkeiten
nicht möglich, so muß der aussichtslose Kampf zu neuen Ver-
schärfungen des Konfliktes führen, die dann in der Form nervöser
Störungen, neurotischer Symptome und verschiedener bis zur
Lebensunlust gesteigerten Verstimmungszustände manifest werden
können. In diesem Abwehr- und Verdrängungs kämpf der Mastux-
bationsneigung kommt, wie spätere psychoanalytische Forschungen
gezeigt haben, den Phantasien, welche in der Regel den
masturhatori scheu Akt begleiten, eine entscheidende Bedeutung zu.
Nicht nur, wie Freud gezeigt hat,' als Vorstufe einer Reihe von
hysterischen Symptomen, die sich bei Aufgeben der onanistischen
Befriedigung als konvertierter Ersatz der ins Unbewußte verdrängten
Befriedigungsphautasie einstellen können, sondern auch als Agens
der normalerweise zu leistenden Verdrängungs arbeit, da von Inhalt,
Ilitensität und Affektbesetzung der Phantasien die Tiefe des
Schuldbewußtseins und der Erfolg des Abwehrkampfes zum guten
Teile abhängt. Diese den Akt einleitenden und begleitenden
Phantasien sind nämlich wegen ihres meist anstößigen Inhalts an
sich schon zur Verdrängung disponiert und die nicht selten perverse
Befriedigungssituation, welche sie anstreben, macht nicht nur die
Höhe der Lustempfindung begreiflicher, sondern spezialisiert und
verstärkt damit das Schuldgefühl. Ein großer Teil der pathogenen
i) Hysterische Phantasien und ihre Beuiehung zur Biaexualität (1908).
(Ges. Sehr., Bd. V.]
Masturbation und Charakterbildung 15
Bedeutung fallt so auf die den Akt begleitenden oder ihn
vertretenden Phantasien, die übrigens nicht nur durch ihren
unverträglichen Inhalt, sondern ebensosehr durch ihre häuftg
unverkennbare Tendenz nach einem Sexualobjekt die Abneigung
gegen die Selbstbefriedigung verstärken. Nehmen sie doch fast
immer geliebte Personen der Umgebung, wenn auch mit Vorliebe
verbotene oder unerreichbare (inzestuöse), zum Ziele der Befriedigung,
wodurch das Individuum eben auf den masturbatorischen Akt
angewiesen bleibt, der sich aber doch auf die Dauer zur vollen
Befriedigung unzulänglich erweist, wie er sich auch in seiner
Ausführung nicht selten den Formen des Geschlechtsverkehrs
anzunähern pflegt. Es offenbart sich darin der spontane Einfluß
der erwachenden Objektliebe auf die Verdrängung der auto-
erotischen Betätigung sowie auf die Entstehung der Schuld-
gefühle; einen Beweis für die Innigkeit dieser Beziehung bietet
die Tatsache, daß zur Pubertätszeit, wo die biologische Forderung
des Liebeslriebes nach dem Objekt in ihrer vollen Stärke hervor-
tritt, auch der Abwehrkampf gewöhnlich akute Form anzunehmen
beginnt.
Die einzelnen Phasen dieses langen und vielfach komplizierten
Entwicklungsganges der Masturbationsbetätigung und ihrer Ver-
drängung sind in ihren Beziehungen zu späteren neurotischen
Störungen und Leiden Gegenstand psychoanalytischen Studiums
geworden und stehen ja zum Teil heute noch in Diskussion.
Es scheint aber berechtigt, das Problem einmal von anderer
Seite im psychoanalytischen Sinne anzugehen und zu fragen,
ob eine so frühzeitig auftretende, intensiv betriebene und so
stark gefühlsbetonte Betätigung, wie es die Masturbation so häufig
wird, nicht auch bei jenen Personen, die von ausgesprochen
nervösen oder neurotischen Erscheinungen verschont geblieben
sind, irgendwelche nachweisbaren Spuren hinterlassen müsse, die
16 Dr. Otto Rank
sich als Folgen dieser Sexiialbetätigung darstellen.' Auf Grund
unserer bisherigen Kenntnis der Verdrängungs Vorgänge müssen
wir erwarten, daß dies in ausgiebigem, Maße der Fall sein viiri,
und auch eine einfache Überlegung muß uns ja sagen, daß ein
im Verlauf der Entwicklung ausgebildeterBefriedigungsmechanismus,
der zur Quelle so ho chge werteter Lustempfindungen und so
deprimierender Schuldgefühle geworden ist, nicht plötzlich in
seinen Folgen aufgehoben und zum spurlosen Verschwinden ge-
bracht werden kann. Die Forschungsergebnisse Freuds haben
uns im Gegenteil darauf vorbereitet, daß die Unterdrückung
einzelner asozialer Triebtegungen und -befriedigungen zur Ge-
staltung einer Reihe sozial bedeutungsvoller Charakterzüge führen
kann, die „entweder unveränderten Fortsetzungen der ursprünglichen
Triebe, Sublimierungen derselben oder Reattionsbildungen gegen
dieselben entsprechen.*
Wollen wir nun die mit nachhaltigen psychischen Wirkungen
geübte masturbatorische Befriedigung der Genitalzone in ihren
nichtneurotischen Folgeerscheinungen für die Psyche, insbesondere
mit Rücksicht auf die spätere Ausprägung einzelner auffälliger
Charaktereigentümlichkeiten, würdigen, so genügt es nicht, in
landläufiger Weise auf die offenkundigen Züge von Schüchtern-
heit, Gesellschaftsscheu und Elrrötungsneigung der Masturbanten
biazuweisen, die sich leicht aus ihrem Schuldbewußtsein und dem
autoeroti sehen Sexualleben ergeben, das kaum Libido zur Her-
stellung einer positiven Gefühlsbeziehung zur Außenwelt verfügbar
läßt. Das sind Züge, die zwar ohne weiteres den Masturbanten
verraten, aber bei normaler Gestaltung des Sexuallebens bis auf
l) Die folgenden Ausführungen fußen auf einem im April igog in der
„Wiener Psychoanalytischen Vereinigung" gehaltenen Vortrag : „Zur
Psychologie des lügenhaften Charakters".
al Freud: Charaiter und Analerotik. [Ges. Sehr., Bd. V.]
Masturbation und Charakterbildung 17
gewisse Rudimente zu schwinden pflegen. Dagegen scheint es
dauernde vom Pathologischen ins Normale abklingende Gharakter-
züge zu geben, die sich nicht so sehr als Begleit- wie als
Folgeerscheinungen der überwundenen Mastur-
bation erweisen imd die festzustellen, sowie genetisch aus dem
Onaniekomplex abzuleiten im folgenden versucht werden soll.
Ich darf dabei von einer Beobachtung ausgehen, die ich häufig
genug machen konnte, um sie nicht für zufällig halten zu müssen.
Jugendliche Personen beiderlei Geschlechtes, bei denen sich ein
auffälliger Mangel an Wahrheitsliebe bemerkbar machte, den man
vielleicht schon als pathologisch ansehen durfte, zeichneten sich
bei näherem Eingehen auf ihr Sexualleben auch durch eine in
früher Kindheit begonnene und bis in die Jahre der Reife fast
kontinuierlich in exzessiver Weise fortgesetzte Masturbation aus,
die, von intensiven Schuldgefühlen begleitet, zu einem heftigen
Abwehrkampf geführt hatte. War auch das Zusammentreffen
dieser beiden Faktoren gewiß nicht zufällig, so war andererseits
ein Jcausaler Zusammenhang dieser beiden Erfahrungstatsachen
zunächst nicht ersichtlich. Zwar konnte man sich sagen, daß die
Ausübung einer verpönten und jahrelang in beständiger Heimlich-
Iteit und Furcht vor Entdeckung fortgesetzten Sexualhandlung zur
Verstellung und Unaufrichtigkeit führen müsse; allein das zwingende
Moment, wie es sich in der pathologischen Lügenhaftigkeit aus-
prägt, war damit nicht erklärt. Es konnte also nicht die abnorme
Masturbation als solche, die sich übrigens auch weit häufiger findet
als pathologische Lügenhaftigkeit, den zwanghaften Charatterzug
bedingen, sondern seine Gestaltung mußte nach Analogie der uns
bei der Bildung anderer Charakterzüge bekannten Vorgänge von
der Art der Überwindung der Masturbation und dem Grad der
Hemmung des Triebes abhängen. Es ist beachtenswert und
Lfür das frühzeitige und spontane Auftreten der Schuldgefühle
Hank, Sexualität und Schuldgeiülil a
18 Dr. Otto Rank
aus dem Rahmen der Sexualsphäre beweisend, mit welch raffi-
nierter Heimlichkeit das Kind und das heranwachsende Indivi-
duum die Masturbation sowie deren etwaige Anzeichen und
Folgen zu verbergen sucht. Zumeist gelingt dies auch so gut, daß
kaum der Kundige, geschweige die weniger scharfsichtige und
durch Vorurteile mancher Art geblendete Umgebung etwas von
den Konflikten merkt. Ob sich innerhalb dieser allgemeinen
Sphäre von Heimlichkeit, mit welcher die Masturbation von Haus
aus umgeben ist, für das Kind eine direkte Nötigung zur Lüge
zum Zwecke der Verheimlichung der MasturlDation ergeben hat
oder nicht, scheint weniger von Bedeutung als die Tatsache, daß
diese ganze psychische Konstellation durch ihre Verankerung im
Sexuellen einerseits zur späteren Verdrängung mit allen ihren
Folgen disponiert jvird, andererseits sich der so fixierte Mechanis-
mus der Verheimlichung infolge des „psycho sexuellen Paral-
lelismus", sowie zur Verhüllung seines Ursprungs, allmählich auf
die verschiedensten Beziehungen überträgt. So halten diese Menschen
bald auch ihre Phantasien, selbst wenn sie in keiner direkten
Beziehung zum Masturbationsakt mehr stehen, mit einer oft
erstaunlichen Schamhaftigkeit und Hartnäckigkeit geheim, werden
verschlossene Naturen und Heimlichkeitskrämer, die auch in ihre
normalen Liebesbeziehungen immer ein Stück Heimlichkeit hinein-
zutragen wissen,^ die alles sorgfältig verschließen, sich immer
überrascht fühlen, in Gesellschaft allerlei Unzulänglichkeiten und
Unfähigkeiten zeigen, die mitunter in Form neurotischer Störungen
übermächtig werden (besonders Eß- und Sprechstörungen). Ergeben
]) Diese Beziehung auf die Masturbation hat Kollege R, W a g n e r zur
Aufklärung der für eine Sagengruppe typischen Fe enge stalten verwertet,
die dem Helden unter der Bedingung strengster Geheimhaltung immer
und überall und für andere unsichtbar auf seinen Wink lur Li eh es Umarmung
erscheinen. {Versucli einer Deutung von Stuckens „Lauval". Zentralbl.
f. PsA., I. Jg., S. 518.)
Masturbation und Charakterbildung ig
sich diese oft zu dauernden Eigenschaften fixierten Züge als
direkte Folgen der Masturbations Verheimlichung und ihrer Aus-
breitungstendenz, so müssen wir zum Verständnis des zwangs-
lügenhaften Charakters die Verdrängungs Vorgänge innerhalb des
Masturbationskomplexes heranziehen. Dabei kann die frühzeitig
begonnene und lange fortgesetzte Masturbation mit ihrer innerlichen,
das Schuldgefühl fixierenden Nötigung zur Verheimlichung sowie
der Erfolg derselben, das Unentdecktbleiben, nur als Vorbedingung
für das Zustandekommen der besonderen Charakterbildung gelten.
Es muß hier nachdrücklich darauf hingewiesen werden, daß es
sich bei der im folgenden aufgezeigten Charakterentwicklung,
ganz im Sinne der spontanen Entstehung des Schuldgefühls, um
den Fall handelt, wo die Onanie des Individuums geheim
geblieben ist, also nicht entdeckt und demgemäß auch nicht ver-
boten oder bestraft werden konnte. Wird die Onanie des Kindes
entdeckt und mit einem Verbot belegt, so ergeben sich andere
psychische Folgen für das Individuum, die hier nicht erörtert
werden können ; es mag jedoch erwähnt sein, daß in vielen Fällen
späterer neurotischer Erkrankung derartige Verbottraumen aus der
Verdrängung pathogen wirksam werden.
In diese Sphäre der Unaufrichtigkeit vor sich und vor anderen
greifen der Abwehrkampf und die Veränderungs Vorgänge mächtig
ein. Wie dies im Detail vor sich geht, ließe sich übei^eugend
nur am ausfuhrlich mitgeteilten psychoanalj^i sehen Material
zeigen; doch kann man sich auf Grund gewisser typischer Er-
fahrungen etwa folgende schematische Vorstellung davon machen.
In dem lange schwankenden und wechselvollen Kampf, dessen
Erfolg die bewußte Verheimlichung des „Lasters" entbehrlich
machen soll, kommt es gelegentlich der unvermeidlichen Häufung
von Rückfällen zur Verdrängung der aufdringlichen und störenden
Selbstvorwürfe sowie des bewußten Abstinenzvorsatzes. Es tritt dann
20 Dr. Olto Rank
an Stelle der bewußt gewesenen psychischen Abwehrein Stellung,
die sich etwa in der Forderung ausdrücken ließe: du darfst nicht
mehr masturbieren (weil es schädigend, entwürdigend, verwerflich
ist), im Bewußtsein der Zwang zur Ableugnung, zur Ver-
heimlichung der Wahrheit gleichsam als Antwort auf den ans der
Verdrängung wirkenden Von^■urf des Schuldgefühls, daß die Mastur-
bation doch nicht überwunden sei. Wir würden also sagen: der
„pathologische" (= unbewußte) Zwang zum Lügen, oder präziser
ausgedrückt, der Zwang zur Verheimlichung der Wahrheit, stellt sich
ein als Reaktion auf den mißglückten Abwehrkampf gegen die uner-
träglich gewordene Masturbationsgewohnheit, die das Individuum end-
gültig doch nicht aufzugeben vermag. Die Verschiebung des Wahr-
heitsbegriffes vom Sexuellen auf anderes Gebiet, welche der verhüllen-
den Verallgemeinerung der Zwangsneurose gleichkommt,' wird
gestützt durch die psychoanalytisch erwiesene Tatsache, daß auch
der ursprüngliche Erkenntnis- und Wahrheits drang des Kindes sich
aus der sexuellen Neugierde entwickelt, ein Zusammenhang, der
seinen Niederschlag nicht nur in verschiedenen Redewendungen
und Gleichnissen gefunden hat (die nackte Wahrheit,' den Schleier
der Wahrheit lüften, die Wahrheit enthüllen, erkennen = bei-
schlafen usw.), sondern auch in der Neurose deutlich zum Vorschein
kommt.3 Das Zwangmäßige im lügenhaften Charakter wird
auf Grund des psychischen Mechanismus der Reaktionsbildung * ver-
ständlich, demzufolge einem unvollkommen verdrängten Gedankenzug
eine überwertige Einstellung meist entgegengesetzten Inhalts im
1) Siehe Freud: Ges. Sehr. Bd. VIII, S. 349.
2) Vgl. die Mitteilung Dr. F urt m ii 11 e r s: Nuda veritas im ZbL f.
PsA., I. Jahrg., 1911, S, 273.
,1L Eins wangers Patientin Irma, mit der wir uns noch beschäftigen
werden, identifiziert direkt Wahrheit mit sexuellem Wissen (Versuch einer
Hysterieanalyse., Jahrb. f. psa. Forschg. I., S, a6a).
4,) Freud: Ges. Sehr. Bd. VIII, S. 55-
Masturbation und Charakterbildung 31
Bewußtsein das Gleichgewicht zu halten hat,' Die Nötigung zur
Verheimlichung oder Ahleugnung der Wahrheit erklärt sich
so als beständige, aufs intellektuelle Gebiet verschobene Abwehr
des beschämenden Selbstgeständnisses der Sexualwahrheit, als
kontinuierlich aufrechterhaltene Beruhigung der aus der Verdrängung
wirkenden Selbstvorwürfe und Schuldgefühle sowie als stete Selbst-
versicherung der gelungenen Verheimlichung der nicht völlig
überwundenen Masturbationsneigung.
Es muß jedoch hervorgehoben werden, daß der supponierte Ver-
drängungsvorgang zu einer ganz bestimmten Form der Lügen-
haftigkeit führt, die sich in den mir bekannt gewordenen Fällen
übereinstimmend fand und auch auf Grund unserer theoretischen
Erwägungen verständlich wird. Es ist ohne weiteres klar, daß wir
von den landläufigen Not- und Gelegenheitslügen hier vollkommen
absehen, die wir als ein notwendiges soziales Übel zu betrachten
gelernt haben. Ebenso von den gelegentlichen Lügen der Kinder,
die sie — wie so vieles andere — von den Erwachsenen lernen.
Auch die psychologisch interessantere, manchmal schon pathologisch
zu nennende Lügensucht (Aufschneiderei), die in gewisse para-
noische Wahnbildungen übergeht, müssen wir trotz naher Be-
ziehungen zu unserem Thema zunächst ausschließen. Diese Lügen-
gewebe, die sich als streng determiniert erweisen und als wunsch-
erfüllende Korrekturen des realen Lebens meist Kompromisse
zwischen der Wirklichkeit und der Unerreichbarkeit herzustellen
suchen, sind nicht nur, wie Delbrück'' ausgeführt hat, mit der
„Phantasie" eng verwandt, sondern erweisen sich bei psychoana-
i) In der Diskussion hat Dr. Federn darauf hingewiesen, daß der
/wanghafte Zug von einer frühzeitig und intensiv erwachten, bald ver-
drängten Xinderonanie verstärkt wird, die — in der Pubertät aufgefrischt —
hei dem neuerlichen Verdrängungsversuch im Sinne des Reaktionsmechan Is-
mus aus dem Unhewuöten nachwirkt.
a) Die pathologische Lüge usw. Stuttgart i8gl.
32 Dr. Otto Rank
lyrischer Betrachtung direkt als zum Bewußtsein zugelassene
zensurierte Phantasien des Unbewußten. Die Sicherheit und Ge-
schlossenheit, mit der das Lügengespinst (Roman) scheinbar spontan
produziert wird, verraten uns schon rein forma], daß längst fertige
Phantasien oder Bruchstücke von solchen nach Art der Traum-
arbeit zusammengeschmolzen und nach entsprechender Bearbeitung
nicht bloß zum Bewußtsein, sondern zur Mitteilung zugelassen
werden. Was subjektiv den Charakter der Phantasie aufweist,
erscheint, objektiv und kritiklos m.it dem Anspruch auf Glaub-
würdigkeit vorgebracht, als leicht zu durchschauendes Ijügen-
gewebe. Auch dieser Hang zur pathologischen Aufschneiderei, der
das sexuelle Gebiet deutlich bevorzugt, scheint nait dem Mastur-
bationstomplex zusammenzuhängen, da ja gerade die ehemals zui
Herstellung der Befriedigungs Situation verwendeten Phantasien der
intensivsten Verdrängung und Nachwirkung aus dem Unbewußten
fsLhig sind. Bei dem in Rede stehenden Spezialfall des lügenhaften
Charakters handelt es sich jedoch weniger um diese aufdringliche
Form der Lügensuclit, als vielmehr um ein sozusagen passives
Verheimlichen oder trotziges Ableugnen der geforderten
Wahrheit. Das Wesentliche daran scheint die Verheimlichung zu
sein und auch wo es zur aktiven Lüge kommt, scheint sie weniger
dem Zweck der (wünsch gemäßen) Entstellung von Tatsachen als
dem Bedürfnis nach Verleugnung eines psychi-
schen Tatbestandes zu dienen. Unsere Auffassung, daß es
sich bei dieser Form der pathologischen Lügenhaftigkeit um den
aus dem Unbewußten wirkenden Zwang der fortgesetzten Ver-
heimlichung eines abgelehnten Komplexes handle, wird gestützt
durch die auffällige und eigentlich pathologische Widerstandskraft
dieser Lügen. Sie sitzen fest wie ein Wahn, werden wiederholt
als Wahrheit beteuert und sind logischen Einwendungen unzu-
gänglich. Werden sie unter dem Zwang von Gegenbeweisen end-
lieh eingestanden, so erfolgt das unter Äußerungen von Scham;
die Entdeckung der Lüge wirkt wie die Aufdeckung eines
sexuellen Geheimnisses. Die hier charakterisierte Eigenart dieser
Form der Zwangslüge vermochte am besten ein Beispiel zu illu-
strieren, das wir seines allgemeinen Interesses und der besonderen
Beweiskraft wegen jedem anderen Material vorziehen müßten,
wenn uns die notwendige ausführliche Mitteilung desselben nicht
zu weit von unserem Thema abbrächte. Doch sei nicht versäumt,
wenn auch nur in flüchtiger Weise, auf das jedem leicht zugäng-
liche Grimm sehe Märchen (Nr. 5) vom „ Marien kind" hinzu-
weisen, wo ein vierzehnjähriges Mädchen ihr Vergehen, das in der
Öffnung einer verbotenen Türe besteht, schamhaft zu verheim-
lichen und dann mit einer Hartnäckigkeit abzuleugnen sucht, die
sich wie die „funktionale Darstellung"'' der Entwicklung des hier
geschilderten lügenhaften Charakters ausnimmt. Die Treffsicherheit,
mit der hier alle Charaktere dieser aus dem Zwang zur Ver-
heimlichung hervorgegangenen Lügenhaftigkeit geschildert werden,
vermag nur der voll zu würdigen, der ähnliches wirklich gesehen
und sich davon überzeugt hat. Der beständig aufrechterhaltene
und durch Jahre fortwirkende Zwang zur Ableugnung des längst
entdeckten Vergehens, die Zwecklosigkeit und Hartnäckigkeit der
Lüge also, ferner die Unempfindhchkeit gegen die schwersten
Strafen und schließlich das aus dem Schuldbewußtsein mächtig
hervorbrechende Gefühl der Reue ist als charaktero logische
Schilderung so scharf beobachtet und so echt dargestellt, daß wir
es kaum mehr wunderbar finden können, wenn dasselbe Märchen,
zwar nicht in einer psychologischen Formel, aber in deutlicher
symbolischer Einkleidung auch die ätiologische Bedingtmg für
1) Diesen Begriff hat Herbert Silberer aufgestellt und an reichem
Material erläutert. (Arbeiten iiu Jabrb. f. psa. Forschg. vmd im Zentralbl.
f, PsA.)
die Entstehung dieses lügenhaften Charakters verrät. Das von der j
reinen Jungfrau ausgehende Verbot, die Heimlichkeit der Aus-
führung, die unmittelbar folgenden Angstzustände und Schuld-
gefühle, die Furcht, man konnte ihr die Sünde anmerken, sowie
die Art ihrer weiteren hartnäckigen Ableugnung und endlichen
reumütigen Eiiibekennung weisen unzweideutig auf die symbolische
Darstellung eines sexuellen Vergehens hin, dessen Art bei dem
Alter des Mädchens sowie auf Grund der verwendeten Symbole
(Türe, Schloß; Schlüssel, Finger; Stummheit usw.) in diesem
Zusammenhang nicht zweifelhaft sein kann.' 1
Glauben wir so psychologisch verständlich gemacht zu haben, |
wie eine besondere Art des lügenhaften Charakters aus dem Ab-
wehrkampf gegen die Masturbation entstehen kann, so ist dies
doch nicht der einzig mögliche Ausgang dieses Konfliktes. Muß
der beständige Zwang zur Verheimlichung der Wahrheit, auch
wenn er äußerlich als Charakterzug fixiert erscheint, als Erfolg
des ungelösten Konfliktes angesehen werden, so kann derselbe
Mechanismus unter den gleichen Vorbedingungen bei endlich
gelungener Überwindung der Masturbation zu einer Charaktei-
gestaltung führen, die der ersten direkt entgegengesetzt ist. Diese
befremdende Tatsache verliert durch eine ganze Reihe ähnlich
überraschender psychoanalytischer Befunde nicht nur ihre Paradoxie,
sondern ordnet sich damit einer erkannten Gesetzmäßigkeit des
psychischen Lebens unter, für welches der Satz les extrSmes se
touchent wie für nichts anderes Geltung zu haben scheint.* Wir
i) Zu dieser typischen Masturbationssjniholik vergl. man des Verfassers
Arbeit : „Ein Traum, der sich selbst deutet" im Jahrb. f. psa. Forsch^.,
Bd. 11, 1910, S. 486 u. fg.
2) Diesem Geseti oränet sich auch die Bemerkung von Ellis (Geschl.
Trieb u. Schamgefühl, 5, Aufl., S. 554) unter, der als häufigstes und
chaxaiteristischestes Zeichen übertriebener Masturbation ein krankhaft
gesteigertes S elb s tb e w ufl t 3 e i n als Gegengewicht gegen die
mangelnde Selbstachtung anführt. Als Gegenstück dasu braucht nur auf die
Masturbation und Charakterbildung 25
werden daher auch beim Eingehen auf diese konträre Charakter-
entwicklung zunächst nur eine extreme Ausgestaltung zu berück-
sichtigen haben und müssen das weit abgesteckte Gebiet des
sogenannten Normalen ausschalten. So ist dieser vielleicht nicht
pathologisch zu nennende, aber doch abnorme Zwang zur Wahr-
heit wohl zu unterscheiden von jener rücksichtslosen Aufrichtigkeit
gewisser Flegel- und Back fisch jähre (vgl. Sadgers Diskussions-
ausführungen), die ihren Stolz darein setzt, sich mit revolutionärer
Hinwegsetzung über alle diplomatischen Höflichkeitsphrasen und
die konventionellen Formen des gesellschaftlichen Verkehrs un-
liebsam zu machen. Während jedoch diese vorübergehende
bekannte Schüchternheit und B e s c h e i d e nh e i t vieler Onanisten
hingewiesen ^u werden. S p i 1 1 k a (nach E 1 1 i s) bemerkt direkt, daß die
Masturbation beim Weibe luweilen Selbstvorwürfe und Sehüchtemheit her-
vorrufen könne, daß sie aber häufig auch dreist zu machen scheine. Diese
scheinbar so paradoxen und doch richtigen Beobachtungen werden verständ-
lieh auf Gnuid der psychoanalytischen Erkenntnis, dafl übertriebene
Bescheidenheit und SohücHtemiieit mühsam errungene Verdrängungs-
produkte eines gesteigerten Selbstbewußtseins und Aggressions oranges sind.
Der Vecdrängungserfolg der Masturbation dürfte mitentscheiden, ob sich die
positive oder negative Seite dieses Cbarakteriuges fixiert. — Es wird hier
klar, daß der relativ späte, aber'gerade lur Zeit der endgültigen Ghornkter-
gestaltung (in der Pubertät) aktuell werdende Verdrängungsproieß des
Masturbationskomplexes seinen chaiakterolugi sehen Einfluß nicht bloß in
der Bildung neuer Züge offenbart, sondern auch auf die endgültige Ge-
staltung bereits vorgebildeter Gharakteriüge entscheidend oder modifilierend
wirken kann, wie beispielsweise im folgenden an ei meinen Zügen des
„Analcharakters" gezeigt werden soll.
ZutreiTend ist auch die Bemerkung von Ellis (S. 552), daß exzessive
Masturbation bei Frauen im späteren Leben au einer Trennung der
physischen, sinnlichen Triebe und der idealen Empfindungen, man möchte
sagen, von Sexualität und Erotik führe. Nur gilt sie, und vielleicht sogar
in weit größerem Ausmaße, auch für den Mann, bei dem es auf diesem
Wege oft zu einer völligen erotischen Unfähigkeit kommt, die ein auf-
fallendes Gegenstück zu der in den Phantasien wuchernden Hypererotik
bildet. Diese Männer verlieren unmittelbar nach dem Sexualakt sofort
jedes Zärtlichkeitsgefühl und -bedürfnis für das Objekt und zeigen dieses
autoerotische Verhalten auch in gewissen Temperaments- und Charakter-
eigen tümlichkeiten.
26 Dl'. Otto Rank
Erscheinung mit Ablauf der kritischen Jahre der sozialen Ein-
ordnung weicht, handelt es sich bei dem vöUig anderen Typus,
mit dem wir es hier zu tun haben, um den von der sozialen
Wertung verschieden eingeschätzten Wahrheitsfanatiker,
der es als seine Lehensaufgabe betrachtet, der W^ahrheit in jeder
Form und mit allen Mitteln zu ihrem Rechte zu verhelfen gegen
eine Gesellschaft, welche diesen Opfermut zwar oft genug
bewundern, seinen Erfolg aber fast niemals wünschen kann. Auf
Grund unserer bisherigen Einsichten wird uns die Entwicklung
dieses Charakterbildes leicht verständlich. Konnten wir den Hang
zur Heimlichkeit in seinen verschiedenen Formen im Sinne
Freuds als direkte Folge der geheim gehaltenen Sexual-
betätigung, die Fixierung des Zwanges zur Ableugnung der Wahrheit
als Reaktionsbildung gegen den verdrängten Selbstvorwurf
der Masturbation auffassen, so ist der Umwandlung zum Wahrheits-
fanatismus der Charakter einer Sublimierung nicht abzusprechen.
Wie jedoch die Fixierung des lügenhaften Charakters erst mit dem
Unbewußt werden (der Verdrängung) der Abwehrgedanken möglich
wird, so scheint mit dem endlichen Gelingen ihrer bewußten Fest-
haltung und der dadurch erreichten Unterdrückung der Mastur-
bation sgewohnheit die Bedingung für die Sublimierung zum Wahr-
heitshang gegeben. Es bleibt hier gleichsam die Forderung: du
darfst nicht mehr masturbieren, bewußt und führt schließlich zu
einem gewissermaßen übertriebenen Erfolg, der sich auch auf die
früheren Konsequenzen des Abwehrkampfes zu erstrecken sucht,
Dieser übermäßigen Hewußthaltung der Abwehr- und Reue-
impulse entspricht gleichsam ein unbewußtes Gebot: Du darfst
auch nicht mehr lügen, das sich bewußterweise als Zwang ztir
Wahrheit kundgibt.' Der Abgowöhnungskampf zeigt sich oft direkt
i) Es sei hier erivälmt, daß diese knappe Formulierung der ganzen
psychischen AbwehreinsteEung des Individuums nicht bloß eine logische
Masturbation und Charakterbildung 27
von der bereits aufgegebenen Masturbation auf die noch bestehende
Lügenhaftigkeit übertragen. In diesem Sinne erscheint der Wahr-
heitsfanatismus bereits als Reaktionsbildung gegen den lügenhaften
Chai-akter, wie dieser selbst sich als Folge der mißglückten Abwehr
der Masturbationsgewohnheit einstellte. Zu dieser Auffassung stimmt
auch die Tatsache, daß der Entwicklung des Walirheitsfanatismus
nach meiner Erfahrung fast immer eine Periode der Lügenhaftig-
keit vorausgeht, die uns als Übergangsstadium des noch unerledigten
Abwehrkampfes die für eine gewisse Entwicklungszeit typische
Lügenhaftigkeit auch der Individuen verständlich macht, bei denen
sie späterhin zu keinerlei abnormen Ausgestaltung und charaktero-
logischen Fixierung führt.
Wenn wir dem Zusammenhang der abnormen Masturbations-
hetätigung und ihres Abgewöhmingskampfes mit dem Aufbau der
später so genannten Charakterzüge weiter nachgehen, so können
wir auf diesem Wege vielleiclit zu einer Psychologie und Cha-
rakterologie des „Masturbanten", d. h. aber der Verdrängungs-
schicksale der genitalen Libido gelangen. Im Gegensatz zu dem im
allgemeinen sozial wertvollen „Analcharakter weisen jedoch die
charakterologischen Spuren der Masturbation, entsprechend der
Betätigung selbst, vorwiegend asoziale Züge auf. Denn neben der
Lügenhaftigkeit, die nicht allzu häufig zum Wahrheitsfanatismus
führt, erscheint als bedeutsamster Charakterzug übermäßiger onani-
Btischer Betätigung und ihrer un vollkom menen Verdrängung der
Fiktion lum Zwecke der vereinfachten Darstellung ist, sondern oft genug
auch im speiiellen Falle selbst im Bewußtsein die Abwehrtondeni repräsen-
tiert. So leigt die bereits erwähnte Patientin Eins wangers direkt den
Vorsatz; „Du darfst nicht mehr lügen" a]s Ersatz der unbewußten Mastur-
bationsabwehr im Bewußtsein fixiert.
Auch liier tritt wieder die schon hervorgehobene Bedeutung der „Wahr-
heit" im Sinne der Losung' des Sexualgeheimnisses hiniu, die der Mastur-
bant ja eigentlich sucht, während erst die intellektuelle Verkleidung dieses
Wahrheitsdtangcs seine Fixierung im Bewußtsein ermöglicht.
28
Dr. Otto Rank
Aneignungs- oder Stehltrieb, nicht selten in der pathologischen
Ausprägung der Kleptomanie, die schon äußerlich in ihren
Charakteren der pathologischen Lüge durchaus entspricht und ins-
besondere bei Frauen häufig neben dieser zu finden ist. Wie die
pathologische Lüge so pflegt auch die kleptomanische Handlung
sich nicht durch zwingende äußere Motive zu rechtfertigen, sondern
erfolgt aus einem unwiderstehlichen Zwang um der Tat selbst
willen, die nicht bloß aus Furcht vor Bestrafung geheimgehalten,
hartnäckig abgeleugnet und schließlich unter Äußerungen von
Scham zugegeben wird. Wie wir als das Wesentliche an der patho-
logischen Lüge die Verheimlichung hervorhoben, so hat Otto
Groß' die Kleptomanie allgemein so aufgefaßt, daß es sich darum
handle, „etwas Verbotenes heimlich zu tun". Mit Rücksicht dar-
auf, daß diese meist von Frauen begangenen Delikte nicht selten
ziemlich wertlose oder unnütze Dinge betreffen," die jedoch auf-
fällige sexualsymbolische Bedeutung zeigen, hat nach ihm S t e k e 1
„die sexuelle Wurzel der Kleptomanie"^ nachdrücklich betont. Er
fand in seinen Fällen, daß unbefriedigte und im Konflikt der Ehe-
bruchs Versuchung kämpfende Frauen diese meist offensichtlichen
Penissymbole* gleichsam als eine Art Ersatzbefriedigimg an sich
nehmen. Die symbolische Bedeutung sowie der Ersatzcharakter der
entwendeten Dinge sind kaum zweifelhaft imd die Motivierung
der Tat aus dem aktuellen psychischen Konflikt der Untreue
scheint wohl zutreffend, wenngleich nicht ausreichend, um das
i) „Das Preudsche Ideogenitätsmoment und seine Bedeutung im
manisch-depressiven Irresein K r a e p e 1 i n s." Leipiig, J907.
2) So ist mir ein. exzessiv onanierender Knabe bekannt, der iwei große
dicke Malerpinsel zu stehlen versuchte, ohne für sie Verwendung zu haben,
obwohl er das Geschäft mit dieser impulsiven Absicht betreten hatte.
5) Zeitschr. f. Sexualwissenschaft, 1908, Nr. 10.
4) Dazu stimmt, daß gerade die Frauen, die in der Ehe unbefriedigt
und darum lur Untreue geneigt sind, nicht selten eine Anästhesie als Folge
früherer exzessiver Klitoris onanie aufweisen (Freu d).
Masturbation und Charakterbildung 29
Zustandekommen eines derartigen Zwangsimpulses zu erklären. Es
ist dazu neten dem aktuellen Konflikt ein bereits aus der Ver-
drängung wirksamer nötig, der den Impuls erst zwanghaft und
damit pathologisch macht. In zwei Fällen, von denen der eine
ein pathologischer Lügner geblieben, der andere später zu einem
mit peinlichem Rechtsgefühl ausgestatteten Wahrheitsfanatiker
geworden ist, konnte ich nun tatsächlich den Zusammenhang des
pathologischen Stehltriebes mit dem Abwehrkampf gegen die Mastur-
bation deutlich ersehen und getraue mich, ihn auf Grund der
entwickelten psychologischen Zusammenhänge für gesetzmäßig zu
halten. Mit der St ekclschen Auffassung ließe sich dieser Befund
sehr gut in Einklang bringen, wenn man annimmt, daß der
psychische Konflikt der Untreue nur den Anlaß zur Entfaltung
einer tiefer wurzelnden Verknüpfung bietet. Der Zwang, etwas
Verbotenes heimlich zu tun, ist in weiterer Folge ein Ersatz der im .
Abwehrkarapf zurückgedrängten Masturbation und der Kampf
gegen die Versuchung der Untreue kann nur darum zu einem
„psychischen Konflikt" führen, weil er nichts anderes ist als der
auf heterosexuellem Gebiet fortgesetzte Kampf gegen die seiner-
zeitige Versuchung des Verbotenen. Es darf hier, ebensowenig wie
bei den anderen entwickelten Charakterzügen, der Vorstellungs-
inhalt, ' der die verschiedensten Dinge betreffen kann, verwechselt
werden mit dem psychischen Mechanismus, von dem natürlich
allein die Rede ist. Wie beispielsweise der Wahrheitsfanatiker irgend-
eine Sache aus den verschiedensten und kompliziertesten Motiven
vertreten kann, so wird sich bei der Analyse auch die Versuchung
des Kieptoni anischen auf die verschiedensten verbotenen Sexualakte
übertragen zeigen (S t e k e l envähnt untreue, Homosexualität,
Minderjährige usw.); bei tieferem Eindringen ergibt sich aber, daß
der Mechanismus, der natürlich verschiedenen Inhalten dienen
kann, aus dem Abwehrkarapf der Masturbation stammt. Das
30
Dr. Otto Rank
Siiciien oder Greifen nach dem verbotenen Penis (-Symbol)
scheint mir sowohl beim männlichen als auch fceim weiblichen
Geschlecht eher der Abwehr der Masturbation in Form einer
Ersatzhandlung als beispielsweise dei Ehebruchs Versuchung zu ent-
sprechen. Von unserem Standpunkt aus erscheint es auch einer
tieferen Begründung fähig, daß sich pathologische Lügenhaftigkeit
und kleptomanische Neigung, insbesondere bei Frauen, so häufig
beisammen findet. Wie die pathologische Lügenhaftigkeit aus dem
Zwang zur Verheimlichung der schlecht verdrängten Masturbations-
neigung entspringt, also der Abwehr dient, so verrät die zwangs-
mäßige Symptomhandlung der Kleptomanie, daß das Individuum
doch das Verbotene heimlich tun, d, h. masturbieren will. Patho-
logische Lugensucht und pathologischer Stehltrieb sind also kom-
plementäre Äußerungen der mißglückten Verdrängung des gleichen
Komplexes, die zu Abwehrhandlungen und Ersatzbildungen der
verdrängten und verdrängenden Instanz führen: Die mißglückte
A b w^ e h r der verpönten Sexualhandlung schafft den aus dem
Unbewußten stammenden Zwang zur Lüge, die Sexual-
Handlung selbst äußert sich bei mißglückter Verdrängung
als Ereatzhandlung in Form des Stehlzwanges, wobei natürlich
auch die eigensüchtigen Regungen und die Bomächtigungslust
in einem hohen Grade auf ihre Rechnung kommen, Die
Fixierung zum pathologischen Charakterzug setzt jedoch frühere
Bahnungen voraus, die wir in der verstohlenen Ausführung des
masturbatorischen Aktes und den entsprechenden Verdrängungs-
vorgängen vorgebildet fanden.'
i) Die allgemeine Andeutung Stekels (1, c. S. 536), daß solche Kinder,
die stehlen, „mit ihren Begierden schon früh aiifa Unerlaubte gerichtet
sind", behauptet den hier dargelegten kausalen Zusammenhang ebenso-
wenig wie Rikliiis Bemerkung hinsichtlich einer Beziehung der Mastur-
bation zur Kleptomanie in einem bestimmten Falle („Eine Lüge", Zentralbl.
f. Psa., I, 197). Auf eine BeherrseKungsmoglichkeit des Stehltriebes hat
Masturbation und Charakterbiidung 31
Von den übrigen, bald mehr, bald minder deutlich ausgeprägten
Charakterzügen oder psychischen Eigentümlichkeiten, die dem
xmter Schwierigkeiten von der Masturbation frei gewordenen Indivi-
duum verbleiben können, seien schließlich einige genannt, die
auffallenderweise gänzhch ungesuchte Beziehungen zu den von
Freud gefundenen Zügen des Analcharakters aufweisen. Aber
nicht bloß in der Weise, daß sich die aus verschiedenen
Quellen stammenden Charakterzüge gegenseitig unterstützten, wie
etiva zum hartnäckigen Festhaken an der Lüge eine tüchtige
Portion Trotz gehört, die aus dem Analcharakter stammt, sondern
einzelne Charaktere des einen Komplexes überschneiden sich gleich-
sam mit anderen Zügen des zweiten Charakterbildes, wobei der
früher und konstanter ausgebildete Analcharaktei durch die spätere
Gestaltung der Masturbationscharaktere weniger modifiziert als
erweiterungsfähig und gleichsam schmiegsamer gemacht wird. Die
zur ParallelJsierung von Anal- und Genital Charakter erforder-
liche Gleichartigkeit der beiden erogenen Zonen ist keineswegs
bloß in der Tatsache gegeben, daß auch die anale Zone der
masturbatorischen Befriedigung im Sinne Freuds dient (After-
bohren), sondern auch durch die bis zu einem gewissen Grade
parallel verlaufende Sexual Verdrängung an diesen beiden erogenen
Zonen. Diese ist bei aller zeitlichen und organischen Verschieden-
heit zvvischen der Betätigung der kulturell un verwendbaren Anal-
erotik und der für das biologische und soziale Leben so bedeut-
samen Erogenität der Genitahone doch so weit identisch, als auch
zur kulturellen Einfügung der Genitaler ogenitat jedenfalls die
Verdrängung jedes Übermaßes von Autoerotik an dieser Zone
erforderlich sein wird. Besonders deutlich zeigt sich dies beim
Stekel dagegen mit der Bemerkung hingewiesen, daß solche Kinder im
späteren Lehen oft Menschen werden, die sich durch ein peinliclies Rechts-
gefühl ansieichnen.
32
Dr. Otto Rank
Weibe in dem von Freud (Sexualttieorie) sogenannten Ver-
drängungsschub der Pubertät. Charakteristischer weise fanden sich
in der Mehrzahl der mir bekannt gewordenen Fälle neben einer
Reihe charakterologischer Masturbations Symptome deutlich aus-
geprägte Züge des Analcharakters, was jedenfalls eine Periode
gesteigerter Autoerotik voraussetzt, die sich nacheinander der ver-
schiedenen Zonen zur Befriedigung bedient hat. Dieser Paralleli-
sierung scheinen nun einzelne auffällige Ähnlichkeiten der beiden
Charakterbilder zu entsprechen. So ist nach Freud eine der
pathologischen Abwehrformen der Masturbation der insbesondere
den Händen geltende neurotische Waschzwang, der sich aber auch
bei sonst gesimden ■ Personen in der milderen Form des Rein-
lichkeil s f an ati s mus in bezug auf den eigenen Körper
findet (Baden, besonders Waschen der Genitalien)' und sich der
den Objekten geltenden Ordnungs- und Sauberkeitsliebe des Anal-
charakters angliedert und einordnet. Dieser Parallelismus macht
es -weiterhin verständlich, wie sich eine bestimmte Form der Spar-
samkeit, die aus dem Masturbations komplex stammt, mit dem ent-
sprechenden Analcharakter des Geizes und der Filzigkeit assoziieren
kann. Der Abgewöhnungskampf gegen die Masturbation kann mit
Unterstützung anderer Triebkomponenten über die Brücke der
Samensparung" zu einer allgemeinen Sparsucht führen, welche die
verschiedensten Dinge betreffen kann — der anale G eiz bezieht
i) Ein dem Puhertätsalter nahestehender Jüngling, der im Abge-
wöhnungskampf der Masturbation nach jedem „letiten" oiianisli sehen Akte
das Bedürfnis nach einem „reinigenden" Bade halte, gestand, der mit der
Waschung (Seife) der Genitalien verbundene Kitiebeii sei dabei oft so
groß geworden, daß er'im Bade wieder onanieren mußte. Hier leigt sich
deutlich, wie in der Abwehrhandlung (Waschen) der ursprünglich lurüek-
gedrängte Impuls sich wieder durchiusetien weiß fvergl. die Ausführungen
bei der KleptomanieJi liier vermutlich in Anlehnung an die bei der Säug-
lingspflege erlebte frühinfantile Befriedigung.
2) Diese Andeutungen scheinen mir inPerenciis „Araphimixia" („Genital-
theorie", 1922) eine glänzende theoretische Begründung gefunden lu haben.
MasturbatioD und CbarakterbUduDg 33
sich bekanntlich auf Geld — und den Übergang bildet zu gemssen
Formen der Sammelwut, die nicht selten Gegenstände mit
unzweifelhaft sexualsjmbolischer Bedeutung betrifft, was als Gegen-
stück zur Kleptomanie, die sich ja häufig bei leidenschaftlichen
Sammlern findet, Hervorhebung verdient.' Zur charakteristischen
Unterscheidung vom analen Geiz sei hier der merkwürdigen
„Sparsamkeit" eines jungen Neurotikers aus wohlhabendem Hause
gedacht, der niemals, wenn er ausging, sein Taschengeld zu sich
steckte, um nicht, wie er sich ausdrückte, „der Versuchung der
Ausgabe zu verfallen". Er selbst machte seine lange fortgesetzte
Masturbation mit Recht für eine Reihe seiner neurotischen
Erscheinungen verantwortlich, ohne natürlich die Verschiebung der
Onanieversuchung auf die der Geldausgabe zu kennen, an der ihm
zunächst nur die Beziehung auf die Prostitution bewußt wurde.
Diese auf das Geld bezügliche, ursprünglich anale Sparsamkeit
wird im Dienste der Masturbationsentwöhnung häufig in der Weise
sekundär verwendet, daß die im Unbewußten der Samensparung
gleichgesetzte Gelderspaxnis einerseits zur Enthaltung von Genüssen
zwingt und in dieser Richtung sich bis zur Buße und Selbst-
peinigung steigern kann (siehe später die Enthaltung vom Essen),
i) In einem Falle war es weniger das wechselnde Objekt, als die Art
der Sammellust, was mir einen überseugenden Eindruck verschaffte. Der
Junge, von dem ich den PinseldiebstaM berichtete, war ein eifriger Sammler
und hat im Verlauf seiner Kinder- und Knabenjahre die verschiedensten,
meist unnützen Dinge gesammelt. Unter anderem hat er auch versucht,
seine Briefmarkensammlung durch Dieb Stahls versuche zu bereichern. Vcn
Interesse ist die Tatsache, daß er zur Zeit, wo der Verdrängungskampf
gegen die Masturbation akut zu werden begann, seine recht stattliche und
hebgewonnene Sammlung plötilich weggab, da er alle Lust daran verloren
hatte. Nach völliger Überwindung der Masturbation hat sich diese Sammel-
lust in ihrer Maßlosigkeit und Intensität bedeutend eingeschränkt, aber
nicht gänzlich verloren, da sie aus der Sparsamkeits- imd Ordnungskom-
ponente der verwandelten Analerotik beständig gespeist blieb; er hat aber
späterhin mehr niitilicbe Dinge zum Gegenstand seines sozial eingeordneten
Sammelinteresses gemacht (Bibliophiliel.
Rank, SexiialitSt und Schuldgefühl •
34 Dr. Otto Rank
andererseits einen zu erwartenden Ersatz für die momentan auf-
gegebene Befriedigung insofern bieten soll, als ja das gesparte Geld
den Übergang zur Prostitution ermöglicht. Wenn aber der Neuro-
tiker auch dieser Versuchung zu entgehen strebt, so verrät er damit
nur, daß er den alten Kampf gegen die verpönte Selbstbefriedigung
nunmehr auf das heterosexuelle Gebiet verschieben und sich
dadurch wieder die Rückkehr zur Masturbation ermöglichen will.
Im Zusammenhang mit dieser Sparsucht darf ich eine Äußerung
Professor Freuds heranziehen, welche die Aufklärung für einen
eigenartigen, bei Kindern häufig zu beobachtenden Zug gebracht
hat; nämlich die Gewohnheit, Geschenke, und zwar meist
Näschereien, die ja dem Verderben ausgesetzt sind, sich für einen
späteren Zeitpunkt aufzuheben, aufzusparen, Professor Freud
konnte dieses Verhalten als typischen Masturbation seh arakterzug
agnoszieren und meint, daß darin einerseits der Zug zur Enthalt-
samkeit zum Ausdruck komme, andererseits das Schuldbewußtsein,
das sich des Geschenkes nicht würdig fühle. ^ VVir stoßen hier auf
einen speziellen Zug der Sparsamkeit, der sich auf das Essen
richtet und gleichfalls dem Abwehrkampf gegen die als Laster
empfundene Masturbationsgewohnheit entspringt. So ist mir ein
Student bekannt, der angeblich aus Gelderspamis, wie sich später
herausstellt aber aus einem unbewußten Bußzwang wegen seiner
Unfähigkeit, die Masturbation aufzugeben, an mehreren Tagen der
Woche fastete. Die Enthaltung vom Essen sollte die vergeblich
i) In dem Roman „Der Knabe Wlaß" von Ossip D J m o w (Berlin,
Paul Cassirer, igio), den ich wegen seines psjclio analytischen Interesses
an anderer Stelle („Imago", I. Jahrg., 1912) besprochen habe, findet sich
(S. 160) eine in diesem Sinne aufiufassende Stelle. Ein junges Mädchen
bricht angesichts der lu seinem Geburtstag eingelangten Glückwünsche
luid Geschenke in Weinen aus und erklärt auf die Präge der Mutter:
„Wofür lieben mich alle so sehr? Ich hab' es mit nichts verdient. Ver-
schließe aCe meine Geschenke und wenn ich dann das ganze Jahr brav
gewesen bin, gib sie mir wieder."
Masturbaiion und Charakterbildung 35
angestrebte Enthaltsamkeit von dem verpönten Laster ersetzen und
zugleich die Unfähigkeit dazu bestrafen. Die Verlegung des Abge-
wöhnungskampfes auf die Mundzone fanden wir bereits in der
Stummheit des sündigen Marienkindes angedeutet (Lügenmaul),
haben sie in der Kindergewohnheit des Aufhebens von Näschereien
wieder erkannt und sehen sie in mannigfachen neurotischen Eß-
und Sprachstörungen am Werke.' So ist bei Bin s wangers
Patientin, die auch an Waschzwang litt (1. c. S. 253), „neben den
Anfallen die interessanteste und wichtigste Symptomen gruppe
Irmas Verhalten gegenüber der Nahrungsaufnahme, dem Essen.
Wir hörten von vollständiger Nahrungsverweigerung (F a s tt a gel)
infolge Ekels vor dem Essen, und dem Gegensatz, enormem Hei ß-
hunger, ferner von einer starken G@ae, mit anderen Menschen
zu essen; sie nimmt ihre Mahlzeiten allein ein" (Jahrb. f. psa.
Forsch., L, S. 205). All das sind charakteristische Masturbations-
symptome, was bereits der Bericht der Mutter wie die Auffassung
der Patientin selbst verrät. Auf einer Erholungsreise mit der
Mutter verlangt sie schon in den ersten Tagen die Erlaubnis, „ein
paar Tage fasten zu dürfen, da sie sich dann wohler fühle, sie
würde später ganz pünktlich essen . . . Sie stellte mehrfach das
Ansinnen an mich (heißt es in dem Bericht der Mutter), ihr
Essen wegzuschließen, da ihr Wille nicht stark
genug sei, es zu verschmähen (1. c. p. 185). Deutlicher
läßt sich der verdrängte Wunsch nach zwangsmäßiger Abgewöhnung
der unerträglich gewordenen Masturbationsneigung der für das
Sexuelle gänzlich verschlossenen Umgebung kaum mehr ins Gesicht
sagen. Erscheint so das Fasten als Ersatz der Onanie ab stinenz, so
ist der abwechselnd damit auftretende Heißhunger ein Äquivalent
j) Die psjchogenetische Erklärung' dieser „Verschiebung' nach oben" habe
ich erst kürzlich in meiner Arbeit „Zur Genese der Genitalitat" (Internat.
Ztschr. f. Psa., £d. XI, 1925) gegeben.
3Ö Dr. Otto Rank
des neuerlich hervorbrechenden Befriedigungswunsches. In diesem
Sinne ist Irmas Erklärung zu verstehen, der Heißhunger „sei ein
tierischer Zug bei ihr, der unterdrückt werden müsse, und nun
fing sie wieder zu fasten an" (S. 186).' Weiter berichtet die
Mutter: „Am Tage vor ihrem Eintritt in die Anstalt sagte sie
plötzlich, sie wolle mir noch mitteilen, weshalb sie oft trotz
größten Htmgers nicht gegessen habe, es sei eine selbst-
auferlegte Buße für die vielen Lügen, die sie im Leben
gesagt habe" (S. 188). Und obwohl die Mutter pseudologische
Anwandlungen erst seit dem 20. Lebensjahre bemerkt haben will
(S. 181 u. 365), berichtet Irma doch in der Hypnose, „wie sehr
sie darunter gelitten habe, daß sie oft nicht bei der Wahrheit
blieb, Dinge anders wiedergab, als sie waren. An ihrem Kon-
firmationstage, habe sie nur eine Bitte gehabt, nämlich, daß
sie nicht mehr lügen mächte oder daß sie eher am selben Tage
sterben sollte^ (Janets manie des pactes): Und ich habe es felsen-
fest geglaubt, daß das eine oder andere eintreten würde. Als nun
nichts eingetreten wai, glaubte ich mich erlöst" (S. 315). Sie habe
schon früh angefangen, sich für das Lügen selbst zu strafen, zuerst
durch Fasttage. Sie habe dann drei Tage überhaupt nichts gegessen
(S. 515). In ihren Phantasien drängt sich vielfach der WahJ^
heitsbegriffin verschiedenen Bedeutungen und Auffassungen
1) Hinter dem Heißhunger deckt die Analyse bei Irma den Hunger
nach Liebe auf (S. 253). Vergl. daiu auch Binswangers Anmerkung
Hilf S. 228 und seine Ausführungen auf den folgenden Seilen.
j} Hier zweigt ein häufiges Motiv jugendlicher Selbstmorde ah, die oft
diu-ch das unbewußte SeDistgeständiiis der Unfähigkeit lur Übenvindiing
der Masturbation veranlaßt werden, Vergl. die Wiener Diskussion über den
Selbstmord. Über Irmas Suizidge danken siehe 1. c. S. 2G2. Der für diese
Fälle typische Wechsel von Todesselmsucht und Todesangst entspricht voll-
auf dem Wechsel von Heißhunger und Fasten, von Sexiialbefricdigiuig und
Sexualablehnung, also einem für die Maslurbatiun typischen Mechanismus,
der in der ursprünglichen Angslentbindmig im Gefolge des masturhatorischen
Aktes seine Parallele hat.
I
Masturbation und Charakterbildung 37
hervor, die jedoch durch die Analyse zunächst auf einen einzigen
Sinn, den der sexuellen Wahrheit, reduziert werden können.
Daß der Abwehrkampf bei ihr sehr früh und intensiv ein-
gesetzt haben muß, geht daraus hervor, daß sie „sich schon als
Kind ekelte (oder entsetzte S. 227), wenn sie unschön essen sah
(S. 205). Die Beziehung der Bedingung des Alleinessens zu
dem Masturbatiouskoraplex verrät sich außer als Zug der
charakteristischen Heimlichkeitskrämetei auch darin, daß selbst
die Mutter der Fat. das Zimmer verlassen mußte, während diese
ihre Mahlzeiten einnahrn (S. 182).' In einem Falle konnte ich
die gleiche Scheu, die sich gerade auf die nächsten Angehörigen
bezog, auf die Furcht zurückführen, sich bei dem nahen und
längeren Beisammensein, wie es die gemeinsame Mahlzeit bedingt,
sei es durch das Aussehen, sei es durch Erröten beim Gespräch
zu verraten. Doch zeigt das voll ausgeprägte Symptom bei Irma,
daß es sich dabei um eine direkte Identifizierung des Essens mit
dem ebenfalls heimlich und allein ausgeführten Sexualakt handelt.
Wie bei der Entwicklung des Wahrheitsfanatisnius der Ab-
gewöhnungs kämpf vom eigentlichen Sexualakt auf die ebenfalls
verbotene Lügensucht verschoben erschien, so ist er hier auf den
Akt der Nahrungsaufnahme verschoben, was sich auch in der
Bestrafung der Masturbation durch Fasten (verschobene Enthalt-
samkeit) äußert. Bewußt ist der Pat. allerdings nur, daß sie sich
für das Lügen straft, daß sie also ebenso für das sexuelle Ver-
gehen die Masturbation einsetzt wie das Fasten für die sexuelle
Abstinenz, Daß sie auf eine direkte Frage des Arztes die Aus-
übung des autoerotischen Sexualaktes ableugnen und ohne ver-
1) Hierin wohl auch ein deutlicher Hinweis auf das tiefer liegende
„Entwöhnungslrauma", dessen Verleugnung in den unbewußten Mastur-
bationsphantasien der Frauen die größte Rolle spielt. Die zutiefst verdrängte
Masturbaliousphantasien beliehen sich — wie ich in meiner „Neurosenanaljse
in Träumen" (1924.) bemerkte, auf die Saugesituation. [Zusaa 1^26.']
1
38 Dr. Otto Rank
räterischen Affektausbruch ruhig behaupten kann, „mit Mastur-
bation niemals etwas zu tun gehabt zu haben" (S. 503), ist uns
selbstverständlich als Folge der gelungenen Verschieliung auf den
Eß- und Lügenkomplex, der sich eben in verdächtiger Weise
vordrängt. Andererseits erfährt der bei diesem Thema naturgemäß
vorauszusetzende psychische „Widerstand" der Kur eine besondere
Verstärkung durch den lügenhaften Charakter, der ja gerade aus
der Verheimlichung des Masturbation skomplexes genährt wird.
Die Patientin Binswangers zeigt uns endlich noch eine
weitere für den Masturbanten typische Eigentümlichkeit, die sich
„in den letzten zwei Jahren bei ihr geltend gemacht hat" und die
den Indizienbeweis für die überragende Bedeutung des Mastur-
bationskomplexes in ihrem Krankheitszu stand schließt. Die Mutter
berichtet: „Anfang 1905 fing sie an, einzelne Tage auf dem
Kalender mit Strichen zu bezeichnen ; auf meine Frage, was das
bedeute, schwieg sie. Nach und nach wurden mehr Tage be-
zeichnet und auch mit Zahlen versehen. Sie legte sich kleine
Taschenkalender zu, die auch gezeichnet wurden, und ihre ständige
Bitte war, ihr einen solchen zu kaufen. Mir war das ganze lange
Zeit rätselhaft, bis ich merkte, daß sie mit den Strichen
ihre Fasttage bezeichnete, und zwar auf Wochen voraus.
Hatte ich sie durch irgend eine Ursache veranlaßt, an einem
solchen Tage zu essen, gab's danach eine heftige Szene (S. 188).
Nun kennen wir diese Bestimmung von Zwangsterminen,
die der Masturbation ein Ende setzen sollen, als häufige Er-
scheinung des Abwehrkampfes.' Auch gewisse geheime Zeichen
in Tage- oder Notizbüchern sind oft in diesem Sinne aufzufassen,
1) In manchen Fällen mögen einem Terminal wang, wie Preud ge-
legentlich bemerkte, auch die Mens truations zelten zugrunde liegen, was
aher hier, trotz Irmas Ekel vor der Periode (S. 205) mit Rücksicht auf
die Häufung der Termine und die dominierende Stellung der Masturbation
nicht der Fall sein dürfte.
Masturbation und Charakterbildung
und ich möchte auf Grund meiner Erfahrungen die auch von
anderer Seite zu stützende Behauptung aussprechen, daß eine der
Wur7:eln für eine gewisse Form des Tagebuchführens überhaupt
in dieser Richtung zu suchen ist (geheimgehahene Beichte,
Termine). Auch diese zeitliche Form des Abwehrkampfes mittels
der Zwangstermine kann bei günstigem Erfolg der Verdrängungs-
arbeit zu einer charaiterologisch bemerkenswerten Eigenart führen,
nämhch zu einer übertriebenen Pünktlichkeit, die sich einer
seits der Pedanterie und Ordnungsliebe des Anal Charakters an-
schließt, andererseits aber den Zug des Analcharakters, alles erst im
letzten Moment zu machen,' insoferne widerspricht, als sie es
vorsorglich niemals auf den äußersten Termin ankommen läßt, in
dem kompensatorischen Bestreben, ja keinen Termin mehr zu
versäumen.* Doch werden dies nicht selten auch Menschen, die
bei besonderen Zeitabschnitten neue Epochen beginnen und gute
Vorsätze fassen, — häufig eine unmotivierte oder schlecht rationali-
sierte Alkohol-, Raucher- oder geschlechtliche Abstinenz betreffend,
— die sie aber auf die Dauer selten durchführen, weil eine
gewisse Lässigkeit und Unfähigkeit zu konsequentem Handeln
ihnen als Niederschlag der ewigen Rückfälle verblieben ist. Diese
Menschen gelangen in der Regel sehr spät zur sozialen Selb-
ständigkeit, weil sie nach großen Anläufen die Erreichung des
End/.iels immer hinauszuschieben versuchen. Auffallend war auch
in fast allen Fällen psychisch folgenschwerer Masturbation, die ich
gesehen habe, ein langes Schwanken in der Berufswahl und oft
auch späterer Berufswechsel oder zumindest die Sehnsucht danach,
als Ausdruck einer allgemeinen Unzufriedenheit mit sich selbst
und der Welt, Andererseits befähigt diese Menschen gerade ihre
i) I. S a d g e r, Analerotik und Analcharakter. (Die Heilkunde, Febr. igio.)
2) Diese neurotische Einstellung- vieler Mensehen zu den. Zwangsterminen
rechtfertigt, wie ich anderwärts ausführen werde, aucli die therapeutische
Maßnahme der „Terminsetzung" in der Analyse. [Zusetz 1^26.']
40 Masturbation und Charakterbildung
lange psychische Unselbständigkeit oft, in der rücksichtslosen und
energischen Verfolgung eines Zieles, Großes zu leisten, sobald es
ihnen gelingt, ihrem zwischen Hoffnung und Verzweiflung
immerfort schwankenden Verhalten durch eine bis zum Fanatis-
mus getriebene Einseitigkeit zu entrinnen.
In einem leider nicht gründlich analysierten Falle hatte ich
aus dem Umstand, daß der Tag des Selbstmordversuches auf
einen solchen Zwangstermin verlegt erschien, den überzeugenden
Eindruck, der Abwehrkampf gegen die Masturbation, die über-
haupt von entscheidender Bedeutung für die weitere psychische
Entwicklung des Individuums zu sein scheint, habe auch an den
Selbstmordversuchen jugendlicher Personen einen noch bedeut-
sameren Anteil, als wir heute schon anzunehmen geneigt sind.
Es konnte nicht_ in meiner Absicht liegen, die psychischen
Folgeerscheinungen der Masturbation erschöpfend zu behandeln.
Ich wollte nur auf das auffällige Zusammentreffen gewisser Eigen-
tümlichkeilen im späteren Charakterbild mit einer unter psychi-
schen Schwierigkeiten überwundenen vorzeitigen Genitalbetätigung
hinweisen, wenn es mir vielleicht auch nicht gelungen sein sollte,
diese Zusammenhänge in völlig befriedigender Weise aufzuklären.
Ein Beitrag zum Narzißmus
Das lA im Traume
Seitdem Havelock Ellis zuerst die Aufmerksamkeit auf den
pathologischen Zustand der Verliehtheit in die eigene Person als
einer besonderen Form des Autoerotismus gelenkt hat,' wurde
diese Erscheinung, die Näcke, einem Winke von Ellis folgend,
„Narzißmus nannte,* von einzelnen Forschern gelegentlich
gestreift.' Doch ist außer ein paar recht interessanten kasuistischen
und literarischen Hinweisen, insbesondere bei Ellis, nichts über
den Ursprung und den tieferen Sinn dieses seltsamen Phänomens
bekannt geworden. Der psychoanalytischen Forschung war es auch
hier vorbehalten, ein erstes Licht auf die Genese und die ver-
mutlichen psychosexuellen Zusammenhänge dieser eigenartigen
Libido eins teil ung zu werfen, ohne daß es jedoch damit gelungen
wäre, deren Bedeutung für das Seelen- und Liebesleben der
Menschen ihrem vollen Umfang nach würdigen zu lernen.
Weitere psychoanalytische Erfahrungen, insbesondere an Patienten
mit gleichgeschlechtlichen Neigungen, haben es zunächst nahe-
i) Auto-Erotism. A psych. Studj. The Alienistand Neurologist; April 1898.
a) Siehe H. Ellis: Geschlechtalrieb und Schamgefühl {deutsch von
K ö t s c h e r), drLtte vermehrte Auflage, Würihurg, 1907,5.280, ^Studios
in the Psychology of Sex. Vol, I, 5, Ed. igio p. 20G ff,
5) Vgl, J. Bloch: Beiträge im- Ätiologie der Paychopathia äeiualis,
I (igos), S. 201.
43
Dr. Octo Rünk
gelegt, den Narzißmus, die Verliebtheit in die eigene Person,
als ein norm fd es Entwicklungs Stadium aufzufassen, welches die
Pubertätszeit einleitet tind dazu bestimmt ist, den notwendigen
Übergang vom xeinen Autoerotismus zur Objektliebe zu vermitteln.
Wie das Verweilen auf dieser narzißtischen Übergangs stufe die
Richtung der gleichgeschlechtlichen Neigung bestimmen kann, hat
die Psychoanalyse männlicher Invertierter gelehrt:' diese haben
„in den ersten Jahren ihrer Kindheit eine Phase von sehr intensiver,
aber kurzlebiger Fixierung an das Weib (meist an die Mutter)
durchgemacht, nach deren Übenvindung sie sich mit dem Weib
identifizieren und sich selbst zum Sexualobjekt nehmen, d. h. vom
Narzißmus ausgehend jugendliche und der eigenen Person ähn-
liche Männer aufsuchen, die sie so lieben wollen, wie die
Mutter sie gelieh;t hat" (Freud 1. c). Liegt nun dieser Ver-
drängungsmechanismus einem hestimmten Typus der männlichen
Homosexualität zugrunde, so stehen für die manifeste Inversions-
neigung der Frau ähnliche Aufklänmgen noch atis." Dies ist
um so bedauerlicher, als sich gerade im Seelen- und Liebes-
leben auch der normalen Frau die latenten (unbewußten) gleich-
geschlechtlichen Neigungen weit intensiver und ungehemmter
zu äußern scheinen, als es in den meist hochsuhlimierten Freund-
schaften des Mannes zu beobachten ist. Die nachstehende kleine
Mitteilung prätendiert nun keineswegs, diese Lücke in unserem
Verständnis ausfüllen zu können, sondern möchte nur einen
bescheidenen Beitrag zum Thema des weiblichen Narzißmus
liefern, der zu zeigen vermag, wie die Verliebtheit in den eigenen
i) Freu d: Drei Abhandlungen lur Sexualtheorie (Ges. Schriften, Bd. V,
S. 8, Anmerkung) und I. Sadger: Ein Fall von multipler Perversinn
mit hysterischen Absenien (S. iiz). Jahrb. f. psychoanaljt. u. psyohopatholog,
Forschungen, II, Bd. (igio).
2) Seither haben Freud (Ein Fall von weiblicher Homosexualität, Gea.
Schriften. Bd. V) und Andere hienu Beiträge geleistet.
Ein Beifrag zum Narzißmus 43
Körper ein gutes Stück der notmalen weiblichen Eitelkeit bedingt,
wie sie anderseits mit einer, wenn auch unbewußten Inversions-
neigung in innigem Zusammenhang steht und wie sie sich endlich
auch im normalen heterosexuellen Liebesleben Geltung zu ver-
schaffen weiß.
Es handelt sich um ein weder neurotisches noch ihrem mani-
festen Empfinden nach invertiertes Mädchen, dessen latente gleich-
geschlechtliche Neigung jedoch durch die ausführliche Analyse
eines ihrer Träume' als erwiesen angesehen werden darf. Sie
berichtet nun folgenden exquisit narzißtischen Traum, dessen
Deutung im wesentlichen auf den auch im Trauminhalt domi-
nierenden narzißtischen Komplex beschränkt werden soll, während
die entfernteren Beziehungen, die bloß zur Umrahmung dieses
Kernkomplexes dienen, auch nur gestreift zu werden brauchen.
Traum:
„Es hat draußen geläutet ; das Mädchen klopft an meine Türe
und sagt -. ,Ein Brief ist für Sie da, Fräulein, und bringt ihn mir
ins Bett. Es war ein blaues Kuvert, schwarz bedruckt, wie von
einem Geschäftshaus. Ich dachte .- von wem wird denn der Brief
sein ; es fiel mir aber dann gleich ein, daß er von W, ist. Ich
war darüber sehr erfreut, habe mich aufgesetzt und den Brief
rasch geöffnet. Sein Inhalt bestand aus drei Briefen, die wie ein
Buch zusammengefaltet waren. Der erste Teil war ein Liebes-
brief, ungefähr des Inkaltes;
er freue sich sehr, daß ich ihm geschrieben habe, und er
nun meine Adresse wisse. Er sei überrascht gewesen, noch etwas
von mir zu hören. Er denke immer an mich, schaue
jeden Tag mein Bild [ein großes Ölgemälde] an und
i) Vgl. Rank: Ein Traum, der sich, selbst deutet. Jahrb. f. psa.
Forschungen, 11, Bd. (1910).
^4 Dr. Otto Rank
beneide den, der mich in fF irhlicliheit sehen
könne. Er teilt mit, daß er verheiratet ist, und fragt, wie
es mir gehe ; er glaube, daß ich auch glücklich verheiratet sei
und daß es mir gut gehe. Trotzdem er eine Frau habe, denke
er doch, mehr an mich [dabei dachte ich, er hätte mich doch
gerne geheiratet, hat aber vielleicht eine Frau mit viel Geld
nehmen müssen]. Übrigens schicke er das Bild seiner Frau mit,
das sich in dem Brief befinde.
Ich nahm nun den zweiten Brief zur Hand, auf dem oben
schwarz gedruckt stand: Im Traume. Vom Inhalt, der sehr
poetisch und schön war, habe ich mir nichts gemerkt. Ich dachte
mir nur, daß er den Brief im Traume schreibt, d. h. im Tag-
traume [Phantasie], wo er ausgestreckt daliegt und ,lebend'
träumt- — Dann .habe ich mir gedacht, jetzt muß ich seine Frau
suchen, und habe den dritten Brief zur Hand genommen, der Bilder
entkielt, die wie zu einem Buch zusammengeheftet waren. Ich
blätterte vom Anfang; erst kamen einige verschwommene Brust-
bilder, die mich nicht interessierten: als ich dann weiter blätterte,
kam ein schönes Bild, bei dem ich mir dachte, das kann doch nicht
seine Frau sein, sollte er eine so schöne Frau haben! Ick blätterte
dann ein Blatt weiter, schlage aber gleich wieder das schöne Bild
auf, um nachzusehen, was darunter steht, ob es nicht doch vielleicht
seine Frau ist. Da habe ich gesehen, daß sie es nicht ist, denn es
stand ein anderer Name darunter {er war mir bekannt, aber ich
weiß mich seiner nicht zu erinnern). Da blätterte ich also doch
weiter und es kam wieder eine Frau, die weniger schön war und
unter deren Bild ich den Namen seiner Frau (d. h. also seinen
Namen) gelesen habe. Ich dachte mir dabei: Nun, bei der Frau
glaube ick schon, daß er immer an mich denkt. Dann blättere ich
wieder zurück ZM dem schönen Bilde und habe mich in den An-
blick vertieft.
Ein Beitrag zum Narzißmus 45
Es war eine nackte (oder wie mit einem Trikot bekleidete)
weibliche Gestalt in sitzender Stellung ; die Arme hatte sie über
der Brust verschränkt und die Beine gerade ausgestreckt und
unten gekreuzt.'' Ich habe hauptsächlich das Gesicht und die
untere Körperhälfte gesehen. Vor allem ist mir aber ihr Ge-
sicht aufgefallen : zuerst das Haar und die Frisur mit dem
durchgezogenen Bande, wobei ich mir dachte, das trägt sie so
wie ich. Die Augen erinnerten mich an die meinigen auf
einem meiner Bilder und auch die Gesichtsfarm war die meine.
Dann sind mir die schönen Beine aufgefallen und der Unter-
leib, der mich auch an meinen Körper erinnerte. Das Bild hat
mir sehr gut gefallen und ich versenkte mich wie mit einer
Verliebtheit in seinen Anblick. Ich habe es sehr lange ange-
schaut und Tnir gedacht, es dürfte wie von Rubens gemalt sein
{das hat vielleicht Rubens gemalt).
Dann kommt es mir vor, als hätte ich mit W. gesprochen, nur
weiß ich nicht, ob es wirklich der Fall war und auf welche Weise:
ob ich dort war oder er hier. Ich sah nur sein Gesicht, seinen
Kopf vor mir.
Die aktuelle Situation der Träumerin, welche die Oherfläcbe
des Traurnea beherrscht und gleichsam den Rahmen für das be-
deutsaaie Spiegelbild ihres unbewußten Seelenlebens abgibt, sei
kurz skizziert. In einem psychologisch tiefbegründeten und äußer-
lich verstärkten Widerstreit mit sich selbst, der in der Alternative
gipfelt, sich entweder eine selbständige soziale Position oder einen
Mann zu verschaffen, schwankt das Mädchen, ob sie ihren gegen-
wärtigen Wohnort verlassen und sich auf gut Glück nach einer
bestimmten Stadt Mitteldeutschlands begeben soll, für die sie be-
i) Das zweite Bild, das seiner Frau, leig-te auch den nackten Korper
in ähnlicher, nur mehr sitzender Stellung; die Beine herabhängend und
nicht gekreuzt, das Haar wirr, das Gesicht nicht individuell, Durchschnitts-
typus, etwas frech.
^Q Dr. Otto Rank
sonders schwärmt. Es erklärt sich dieser sonst ziemlich unmotivierte
Impuls daraus, daß sie im geheimen hofft, in dieser Stadt einen
bestimmten jungen Mann zu treffen, der sie früher einmal ver-
ehrt hatte und der ihr in liebevoller Erinnerung geblieben war,
von dem sie aber seit einigen Jahren nichts mehr gehört hatte.
Dieser junge Mann ist die mit W. bezeichnete Person des Traumes,
und eine Reihe von Detaüs in demselben erklären sich als ein-
fache Reminiszenzen aus der Zeit der Beziehungen zu ihm. So
das blaue Kuvert mit dem schwarzen Aufdruck, wie er es zu
seinen Briefen zu verv/enden pflegte, die er in der ersten Zeit
seiner Abwesenheit an sie gerichtet hatte. Ebenso entstammt der
eingerückt gedruckte TeU des Briefes, den sie im Traume liest,
einem seiner Schreiben, das sie so oft gelesen hatte, daß sie
seinen Inhalt aufwendig wußte. Er hatte als Andenken von
dem Mädchen ein großes, sie darstellendes Ölgemälde erhalten
und schrieb in dem erwähnten Brief den auch im Traume
zitierten Satz: er denke immer an sie, betrachte jeden Tag
das Bild und beneide ihre Umgebung um ihren realen An-
blick. Was diesem einfach erinnerten Satze im Traumbild
vorausgeht und was ihm folgt, entstammt nicht mehr der Reminis-
zenz aus wirklichen Briefen, sondern ist zum Teil oberflächliche, zum
Teil verhüllte Wunscherfüllungsphantasie. Sie hatte nämlich daran
gedacht, ehe sie aufs Geratewohl nach Deutschland reise, versuchs-
weise an W. ein Lebenszeichen zu schicken, um so eventuell zu
erfahren, ob er sich noch dort aufhalte und ob er nicht vielleicht
schon verheiratet sei. Sie war aber infolge ihrer allgemeinen
Unentschlossenheit wieder von diesem Gedanken abgekommen.
Der Traum zeigt nun diesen Vorsatz, ihm zu schreiben, ver-
wirklicht, da ja sein Brief als Antwort atif ihre Zuschrift und
Adressenangabe in Empfang genommen wird. Die Wunsch-
erfüllungstendenz hat es hier durchzusetzen gewußt, daß sie von
Ein ISeitrag zum Narzißmus 47
ihm einen Brief erhält, ohne den für sie genannten Anfang
machen zu müssen. Der Schluß des Briefes, worin er seine Ver-
heiratung meldet, drückt ihre geheime Befürchtung aus und steht
so in Widerspruch nicht nur mit dem ersten Teil des Briefes,
sondern auch mit der Wunsch erfüll ungstendenz, deutet aber
andererseits die Verheiratung der Träumerin selbst (allerdings mit
einem anderen Manne} als vollzogen an. Der scheinbare Wider-
spruch gegen die Wunsch erfüll ung, der in der Mitteilung von
W.s Verheiratung liegt, findet seine Lösung und Aufklärung aus
der Wiederbelebung einer infantilen Konstellation, die für das
Mädchen zur Lieb esbeding ung geworden ist und zu der uns die
Deutung der narzißtischen Szene, der wir uns nun zuwenden
wollen, führen wird.
Mit den auf W. bezüglichen Heiratsgedanken beschäftigt, inter-
essiert es sie begreiflicherweise, ob der in Aussicht genommene
Bewerber nicht vielleicht schon verheiratet ist und wie in diesem
Falle seine Frau aussieht, die ihren Platz einnehmen durfte, wie
sie ja auch auf der Photographie ihre „Stellung" einnimmt (vgl,
Anmerkung S. 45 und 66). Der Traum beruhigt sie darüber,
daß er nur aus materiellen Rücksichten eine andere geheiratet
hätte, die jedoch minder schön ist und „ihr Bild'' aus seiner
Erinnerung nicht zu tilgen vermag. Dieser narzißtische Triumph
über die Nebenbuhlerin, dem zuliebe sogar die Heiratsaussicht
mit W, zunichte gemacht tmd die Konkurrentin eingeführt v^ird,
ist eine ihrer Liebesbedingungen, denn diese ihre infantile Ein-
stellung zu den Eltern wiederholt das Verlangen, die Mutter
an Schönheit zu übertreffen ' und sie dadurch beim Vater auszu-
i) Die Gegenwehr der (Stief-) Mutler gegen die Eiteljteit der Tochter
findet sich im Märchen von „Schneewittchen", wo die Konigin als
Btoli uijd übermütig geschildert wird und „nicht leiden konnte, daß sie an
Schönheit von jemand sollte übertroffen werden". Ihre eitle Selbstbetrachtung
befriedigt sie beim Anblick ihrer eigenen Person in einem wunderbaren
48
Dr. Otto Rank
stechen. Und ahnlich wie im Märchen vom schönen Schneewittchen
die Königin nach ihrem Triumph über die Konkurrentin sich
wieder der eiteln Betrachtung ihres Ich im Spiegel zuwendet, so
greift bei unserer Träumerin die in ihren Erwartungen enttäuschte
Libido auf die eigene Person zurück,' deren liebevoUer Betrachtung
und Ausmalung ihrer Vorzüge die ganze folgende Traumszene
gewidmet ist.
Daß in dem schönen Bilde die Träumerin sich selbst bewundert,
dürfte nach der Schilderung im Traume kaum zweifelhaft sein;
bewTißterweise erkennt sie sich auf einen Wink leicht in dem
Bilde und fügt hinzu, daß schon die im l'raume herrorgehobene
Kreuzung der Füße allein zur Agnoszierung ihrer Person ausreichen
würde; das sei ihre Lieblingsstellung, besonders wenn sie so daliege
„und lebend träume" (phantasiere), wie sie es im Traume W.
zuschreibt.^ Daß sie im Traume ihre Person nicht erkennt, ist
zunächst ein Werk der verhüllenden Zensur, welche die bewußte
Spiegel, der ihr solange veTäichert, sie sei die Schönste im ganzen Lnnde,
bis ihre Stieftochter Schneewittchen sie an Schönheit Überstrahlt. — Natürlich
spricht der Spiegel nur ihr eigenes „ eingeh ildetes" Urteil aus.
i) So sagt eine Patienün Sadgers: „Wenn mich schon niemand gern
hat, muß ich mich selber gerne haben. Das sage ich aher wahrscheinlich
nur wie lur Entschuldigung, daß ich es tue." (S a d g e r : Psychiatrisch -Neuro-
logisches in psychoanalytischer Beleuchtung, ZentraJblatt für das Gesamt-
gebiet der Mediiin und ihrer Hilfswissenschaften. Jahrgang 1908, Nr. 7 u. 8.)
2) Diese Verschiebung auf die Person W.s demonstriert üb erflüssig er-
weise, daß alle im Traume W. ungeschriebenen Gedanken ihrer eigenen
Phantasie angehören, was sich später direkt bestätigen wird. In diesem
Sinne entspricht die Aufschrift: „Im Traume" einerseits einem Trost-
gedanken, der ihr sagt: Er ist ja nicht verheiratet usw., das ist ja alles em
Traum (vgl. Stekel: Der Traum im Traume; Jahrbuch I, S. 4,59 ff.);
andererseits scheint sich darin das au anderer Stelle abgelehnte bessere
Wissen der bewußten Instanz durchin drängen, auf Grund dessen sie ja ihr
eigenes Bild im Traum erkennen müßte. Anstatt sich aber im Traume in
sagen: Das bin ja ich, womit natürlich die eigentliche Befriedigung ver-
eitelt wäre, zeigt sicli die bewußte Urteilsleistung an anderer SteUe, indem
sie sich sagt: Das ist ja nur ein Traum.
Ein Beitrag zum Narzißmus 49
I
Verliebtheit in die eigene Person 7m anstößig findet, zugleich aber
ein feiner Zug, welcher die narzißtische Grundlage der homo-
sexuellen Verliebtheit allzu deutlich verrät; denn dem manifesten
Inhalte nach verliebt sie sich ja in ein weibliches Bildnis, das
ihr „zum Verwechseln' älmlich sieht, natürlich gerade deshalb,
weil es ihr so ähnlich ist.
Diese Verliebtheit in das eigene unerkannte Ebenbild, w^elche den
narzißtischen Einschlag in der homosexuellen Liebeswahl deutlich
verrät, liegt auch der euboiisch-boioti sehen Sage von Narkissos
zugrunde, der sieb nach O vid (Metam. III, 402 — '510) in sein
eigenes, im Wasser geschautes Spiegelbild, das er für einen schönen
Knaben hält, dermaßen verliebt, daß er dahinsicht. Der römische
Dichter stellt diese quälende Selbstliebe, wie es scheint, in freier
Erfindung, als Strafe für die verschmähte Liebe der Echo dar,
während Wieseler (Narkissos, Göttingen 1856) den Mythus auf
die kalte Selbstliebe bezieht. Doch weist der Mythus auch homo-
sexuelle Züge auf: Amainas entleibt sich vor der Tür des Narkissos,
als dieser ihm ein Schwert als Antwort auf seine Werbung schickt.' —
Nach Darstellungen auf pompejanischen Wandgemälden entblößt
Narkissos (siehe Rose hers Lexikon der griechischen und römischen
Mythologie) auch seinen Körper, um die schönen Formen im
Wasser zu bewTindem.*
1) Der ursprünglichen Narkissos-Sage fremd ist das aLnliclie, von O v i d
(Metam, III, 3+2 ff.) emählte Schicksal der Echo, — einer Personifikation
der gleichsam akustischen Selb stbe Spiegelung, — das ihr von äeia für jede
Art von OBjektliebe sclieinbar unempfänglichen Narkissos bereitet wird. Sie
verlieht sich in ihn, findet aber kein Gehör und vergeht vor Gram; endlich
schwindet sie so dahin, daß: -box tanlum atque ossa luptrsunt. — Die
Beiiehvmg lur Masturbation scheint in entfernterer Weise ein Gegenstück
dieser Sage anzudeuten: Nach Dion Chrysostomos war Pan in die Echo
verliebt; da er sie aber nicht bekommen konnte, sei er Tag und Nacht in
Qual auf den Bergen umhergeirrt. Endlich hahe Hermes sich der Not
seines Sohnes erbarmt und ihn die Masturbation gelehrt, als deren Erfinder
Pan bei den Griechen galt (Röscher).
a) Der spanische Dichter C a 1 d e r o n hat im zehnten Gesänge seiner
epischen Dichtung: El laurel de Apolo die Fabel von dem in seine eigene
Person verliebten Nariissus ein geflochten. (Vgl. Grillparzer: Studien
zum spanischen Theater.) — Brachvogels erfolgreiches Trauerspiel:
NariiB (Reclam, Nr. 5068), dessen Stoff Diderots Dialog: Rameaus
Hank, Sexualitdl und Schuldgefühl 4
1
50 Dr. Otto Rank
Deutlicher noch als in, diesen Versionen kommt die Personifi-
kation des eigenen Spiegelbildes in einer Parallelsage zum Ausdruck,
die Plutarch (Moraiia, quest. conv, V, 7, 3) von Eutelidas
erzählt, dem sein eigenes Gesicht im Wasserspiegel so schön erschienen
sein soll, daß er von einem bösen Blick desselben erkrankte und sein
Wohlbefinden zugleich mit seiner Schönheit verlor:
Crinibus Eutelidas olim vel Apalline dignis
coaspicuus, visu se fascinat ipse malign.0
ßuminis in speculo: turpis tunc excipit aegror . . .
Auf direktes Befragen gibt die Träumerin unumwunden zu,
seit der Putertätszeit eine gewisse Verliebtheit in die eigene Person
empfunden zu haben, die sich im Laufe der Jahre durch die
Verehrung und Bewunderung, die ihr gelegentlich von Männern
wie Frauen entgegengebracht wurde, noch verstärkt hätte.' Zunächst
gefällt ihr natürlich ihr Gesicht besonders gut, dann aber haupt-
sächlich der Unterleib von den Hüften angefangen und überhaupt
in erster Linie die BeLne.^ Dieselben Körperteile sieht sie auch
bei schönen und wohlgebauten Frauen, insbesondere auf Bildern,
gerne und hebt sie ja auch im Traume ausdrücklich hervor,
ebenso wie das schöne volle Haar und die eigenartigen Augen,
auf welche Vorzüge sie in Wirklichkeit sehr stolz und eitel ist.
Diese hebevolle Ausmalung der eigenen Körperschönheit im Traume
gemahnt nichtbloß äußerlich an die zahlreichenSelbstportrHte,die
fast alle bedeutenden Maler hinterlassen haben. Es scheint unzweifel-
haft, daß diesem eingehenden Studium und der liebevollen Wieder-
gabe der eigenen Gesichtszüge eine narzißtische Verliebtheit in die
Neffe {deutsch von Goethe, Reclam Nr. 1229) entnommen ist, bietet
nur einielne Anspielungen auf unser Thema. Narziß: „Aber ich habe mich
doch so lieb, mein Gott! — so lieb!« (S. 29). S. auch Jos. Mich. Eisler:
Narüiß an der Quelle (Berlin igii).
1) Auch Ellis (Lc.S.aSi) fand den Narzißmus „deutlicher ausgeprägt
hei solchen Frauen, die eine Aniiehungskraft auf andere Personen besitien".
2) Ähnlich fühlt bei Ellis (1. c. S. 182) eine i8 jährige hübsche, schön
gebaute Dame, ohne besondere Neigung zum anderen Geschlecht, eine
intensive Bewunderung für ihre eigene Person, insbesondere für
ihre ünterextremität ejn.
I
V
Jün Beitrag zum Narzißmus 51
eigene Person zugrunde liegt und die Reihe von Selbslhildnissen
(zirka 70), die der größte Porträtkiinstler Remiirandt mit unver-
gleichlicher Meisterschaft auf der Leinwand festgehalten hat, lassen eine
tiefe Beziehung der Porträtierungskunst zu einer gewissen Suhlimierungs-
form der narzißtischen Verliebtheit ahnen.
In seinem schönen Buch über Rembrandl hat der flämische Dichter
Emile Verhaeren diese Eigenart des Künstlers stark betont: „Der
letzte Wesensgr und von Rembrandts Charakter ist ein unbewußter,
aber ungeheurer Egoismus. Alle ganz bedeutenden Menschen
sind so veranlagt. Sie leben ausschließlich für ihre Kunst, und ihre
Kunst ist nichts anderes als sie selbst. Rembrandt ist ein
Schüchterner. Eines seiner ersten Bilder, das Knabenporträt aus der
Sammlung Pierpont Morgan, zeigt ihn in einer aufmerksamen Haltung
mit gleichsam verborgenen Gebärden, sanften Antlitzes und verinner-
iichten Blicks. Hier tut sich eine Tür in seine eigene Natur auf und
die große Innigkeit dieses Menschen wird klar. Und dieser Schüchterne
ist gleichzeitig kindisch knabenhaft. Er bleibt es in allen Wechsel-
fallen seines Lebens bis zum Tode. Er hat eine naive Liebe
für sich selbst. Ob es ihm gut geht oder schlecht, in Freude
oder Trauer, immer bildet er liebkosend seine eigenen
Züge, seine Geste und seine Kleidung nach. Wie ein
Kind vor dem Spiegel freut er sich, sein Lachen, seine
Tränen, seine Grimasse zu betrachten. Er malt sie imnier so, wie er
sie sieht, ohne je daran zu denken, daß er Angst haben sollte, damit
lächerlich zu werden. Er findet alles, was er tut, für recht, und
will, daß man's wisse und sehe. Er gestattet nicht, daß man Interesse
dem verweigere, was ihn beschäftigt. Seine Freude schäumt über bis
zur Herausforderung, sie kennt keine Zurückhaltung, keine Scham.
Und diese maßlose Selbstliebe erstreckt sichbeiihm
auch auf alle, die an seiner Seite leben. Die Seinen, das
ist ja nochmals er selbst, und für sein Empfinden leben sie ja nur
in seinem Leben. Sind sie schön, so empfindet er Stolz, als ob er's
selber wäre. Sein Vater, seine Mutter, sein Bruder, seine Schwester,
seine Frau, seine Kinder, seine Magd, seine Freunde, er malt sie
alle mit derselben Freude wie sich selbst. Er beleuchtet sie mit
seinem Glanz, sie leben gemeinsam mit ihm, sie dienen seinem
Glück, durch ihn werden sie ihrer eigenen Existenz entrissen luid
emporgetragen, ganz empor in seinen Traum. Immer hätte er
sich selbst mit dieser bewundernden und knabenhaften Eigenliebe
gemalt. Immer wieder mit vielfachen Formen die Züge der
F
P
52 Dr. Otto Rank
Seinen wiedergegeben." (Deutsch von Stefan Zweig, Insel-Verlag,
Leipzig 1912).
In Oskar Wildes Roman : Das Bildnis desDorian Gray
(Zit. nach Reclams Universalbibliolhek), wo es sich auch zunächst
um die Verliebtheit in das eigene Bild handelt, das dem Helden
z,uerst seine eigene Schönheit offenbart (S. 58), sagt der Maler Basil
Hallward direkt: „Jedes Bildnis, das mit Empfindnis gemalt ist, ist
das BUdnia des Künstlers, nicht das der Person, die ihm gesessen hat.
Diese hat nur den Anlaß, die Gelegenheit dazu gegeben. Nicht sie
ist durch den Maler dargestellt worden, sondern der Maler hat sich
selbst auf der farbigen Leinwand offenbart." (S. 16.)
Eine ähnliche Einstellung scheint den poetischen Selb stdar Stellungen
zugrunde zu liegen, aber auch mitzuwirken, wenn Schauspieler für sich
seihst RoUen schreiben oder Dichter in ihren eigenen Stücken spielen.
Überflüssig schiene es, noch ausdrücklich hervorzuheben, daß
sich das eitle Mädchen oft und gerne im Spiegel beschaut, nicht
selten auch ihreij nackten' Körper, den sie nach ihrem eigenen
Zugeständnis häufig am Morgen, wenn sie ausgestreckt und mit
gekreuzten Beinen im Bette liegt, betrachtet. Doch ist diese nar-
zißtische Bewunderung des eigenen Spiegelbildes, die schon
der griechischen Fabel von Narkissos zugrunde liegt, eine so häufig
und in so typischer Weise sich wiederholende Erscheinung, daß sich
eine kleine Abschweifung in das Gebiet dieses Detailproblems lohnt.
i) Die Nacktheit des Traumbildes motiviert sie natürHch nicht mit ihren
nariißtischen Interessen, sondern damit, daß W. sie wohl g-eme nackt
gesehen hätte, verrät aber damit nur ihr eigenes Selbstbetrachtungs gelüste ;
in vollem Einklänge damit steht ihr bis jetit noch unverwirkEchter Wmisch,
eine Photographie ihres nackten Korpers lu besitzen. Das GesicKt des
Traumes ist einer ihrer bestgelungenen Aufnahmen entnommen, an der das
übereitle Mädchen das auf einer Seite etHras mehr vortretende Haar lu
tadeln fand, das den Eindruck störe. Dieser Fehler ist nun nach ihrer aus-
drückhchen Angabe auf dem Traumbilde retuschiert und nicht sichtbar.
Diese Korrektur legt es nahe, als einen derreienten Traumerreger
eine speiiehe Regung ihrer Eitelkeit aniusehen: ihr Gesicht war nämliob
lur Zeit des Traumes durch eine Geschwulst entstellt, über die sich das
Mädchen aufs tiefste kränkte \uid deren Verlauf sie nicht oft genug im
Spiegel verfolgen konnte. Der Traum zeigt ihr das Gesicht auch von diesem
entstellenden Zusati befreit.
Ein Beitrag zum Narzißmus 53
In einem anderen ihrer Träume sah sie in einem großen stehenden
Spiegel (nach Art einer Staffelei) ihr bis zur Brust entblößtes Spiegel-
bild, das ihr sehr gut gefiel; doch sah sie nur das Bild im Spiegel
und nicht auch ihre eigene vor dem Spiegel stehende Person, was
riarauf zurückgeht, daß sie ahends zuvor in einer Bilderhandlung ein
ähnliches „Bild im Bilde" gesehen hatte: ein nacktes Mädchen, das
sich im Spiegel beschaut, dessen Gesicht also der Beschauer nur im
Spiegel erblickt. — Auch in ihrem früheren Traum (Jahrh. II) spielen
Spiegelszenen im Zusammenhang mit Eitelkeitsjiügen eine große RoUe.
Bei einer späteren Gelegenheit giht sie direkt an, öfter in sexuelle
Erregung geraten zu sein, -wenn sie sich lange vor dem Spiegel
frisiert habe. Mitunter seien dabei auch Verstimmungen aufgetreten.
Für Bloch (1. c.) ist es „nicht zu bestreiten, daß mancher
Knabe, manches Mädchen zuerst durch den Anblick ihres Spiegel-
hildes sexuell erregt werden. Unter Umständen kann die DarsteUung
des eigenen nackten Ich im Spiegelbilde die Phantasie auch in
abnormer Richtung beeinflussen, besonders bei noch undifferenziertem
geschlechtlichem Empfinden und bei Unkenntnis des anderen Ge-
schlechtes". Moll (Libido sex. I, 834) erwähnt einen heterosexuellen
Mann, der eine Leidenschaft hatte, sich nackt auszuziehen und sich
seihst vor Spiegeln zu untersuchen, und nach dem gewonnenen Bilde seine
Schönheit mit derjenigen anderer Manner zu vergleichen. Er zeichnete
auch die Genitalia virorum und bekundete homosexuelle Neigungen.
Nach Ellis (1. c. S. aSi) beschrieb der spanische Novellist
Valera in Genio y figura diesen Trieb, sich im Spiegel zu be-
wundern. Seine Heldin Rafaela läßt er nach dem Bade sagen: „Ich
ahme Narziß nach, lege meine Lippen auf das kalte Glas und
küsse mein Spiegelbild." — N ä c k e berichtet von einem jungen
Mann mit Dementia praecox, der sein eigenes Spiegelbild küßte
(Der Kuß bei Geisteskranken; Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie,
Bd. 63, S. 1Z7). Im selben Sinne schreibt die wirkliche Heldin des
Tagebuches einer Verlorenen (S. 114): Ich bin hübsch, es macht mir
Freude, ein Kleidungsstück nach dem anderen abzuwerfen und mich
im Spiegel zu betrachten.
Auch Goethe hat in „Wilhelm Meisters Lehrjahre" (VI, Buch:
Bekenntnisse einer schönen Seele) ähnliches angedeutet. Dort wird
ein wegen selbstgefälligen Wesens im Scherze Narziß genannter
junger Mann von einem eifersüchtigen Hauptmann verwundet und
seine spätere Verlobte, die ihn verbindet, besudelt sich dabei mit
Blut: „Nun führte mich die Hausfrau in ihr Schlafzimmer; sie mußte
54
Dr. Otto Rank
mich gana auskleiden, und ich darf nicht verschweigen, daß ich, da
man sein Blut von meinem Körper abwusch, zum ersten Male zufällig
im Spiegel gewahr wurde, daß ich mich auch ohne Hülle für schön
halten durfte.
Sie sieht sehr gerne schöne Frauenhildnisse („Ruhens"), fast
lieher als lebende Frauen,' aber weniger des nackten Körpers
wegen, als aus Interesse für den Kopf und die Gesichtszüge, die
s ie immer mit ihren eigenen vergleicht, wie im Traume die beiden
B ilder. In diesem Zug äußert sich wieder die innige Abhängigkeit
der gleichgeschlechtlichen Interessen von den narzißtischen.
Immerhin scheint jedoch der erst zur Pubertätszeit deutlich hervor-
tretende Narzißmus nur die nähere Objektwahl im Sinne der
eigenen Person zu beeinflussen, während die ebenfalls zur Puber-
tätszeit im entscheidenden Sinno hervortretende Homosexualität
das Geschlecht des zu wählenden Lieb es Objektes bestimmt. Auch
hi er zeigt sich aber wieder, wie diese beiden Determinanten der
L iebeswahl auf dem Umweg über ein infantiles Ideal vereinigt
werden. Es wurde schon angedeutet, daß die „weniger schöne"
Kon kurrentin auf dem zweiten Bild eine Ersatzpeison der Mutter
dar stellt, von der in letzter Linie die homosexuelle Gefühlsrichtung
de s Mädchens geweckt und festgelegt wurde.^ Ihre primäre Ein-
stellung müssen wir uns bisexuell, d. i. indifferent denken ^ dann
ma chte sie — ähnlich wie wir es von einem Typus homosexueller
M änner wissen — eine Periode intensiver, aber kurzlebiger
Fixierung an die Mutter durch, die jedoch ausreichte, nach ener-
gischer Verdrängung dieser homosexuellen Neigung und normaler
Weiterentwicklung zu manifestem heterosexuellem Empfinden
1) hl auffälliger Üiereinstimmung damit äuBert eine Patientin S a. d-
gers (Psych o-Neur. in psychoanaljt. Beleuchtung): „Im allgemeinen
interessiere ich mich für Weiber gar nicht, unterhalte mich nur gern mit
M ämiem, aber ich sehe sehr gerne schöne Frauen, schone Gesichter und
schöne nackte Figuren."
2) VgL Ein Traum, der sich selbst deutet; Jahrbuch, II, 1910.
(Inzesteinstellung) einen übermäßigen Anteil unbewußter homo-
sexueller Gefühle in Permanenz zu erhalten. Dieses Urbild der
erstgeliebten Mutter kann nun, einerseits infolge der Verdrängung
der Neigung zu ihr, andererseits infolge des Altersunterschiedes
(Schönheit), der dem geschlechtsreifen Individuum anstößig ist, in
den Liebesobjekten nicht direkt wiederbelebt werden, und hier
scheint der Narzißmus modifizierend einzuwirken, indem die
Objektwahl nach dem Vorbild der eigenen Person
vor allem in Alter und Schönheit entsprechendere Personen zu
wählen gestattet, die jedoch infolge der Ähnlichkeit, die gewöhnlich
zwischen Mutter und Kind in irgend einer Form besteht, eigentlich
aufgefrischte, sozusagen verjüngte Atiflagen der erstgeliebten Per-
sonen, kurz gesagt Resultanten zwischen dem Ich und
dem betreffenden Elternteil (der Mutter) darstellen.'
Die Verjüngungstendenz, zugleich aber ihre Herkunft
aus der Verliebtheit in das eigene Subjekt, verrat sich deutlich in
dem offen ausgesprochenen Wunsch unserer Träumerin, immer
so jung und schön zu bleiben, wie sie es Jetzt ist. Den gleichen
Wunsch weiß eine Gruppe von männlichen Homosexuellen in der
Form zu realisieren, daß sie in der stets erneuerten Wahl von
Jünglingen, die ihnen ähnlich sind, ihre eigene Person, wie sie
sich in einem bestimmten Entwicklungsstadium präsentiert hatte,
als Liebesobjekt festzuhalten suchen.^
1) Nach Sadgers Analysen würde auch die narzißtische Neigrmg
seihst direkt auf die Mutter zurückgehen, da er in seinen ziemlich weit
analysierten PäUen (Psych.-Neur. in psychoanalytischer Beleuchtung,
1. c. S. 11/13) als Grundlage des Narzißmus die Bewun-
derung desXindes durch seine Mutter und auf dem Wege
der Identifikation mit dieser die Bewunderung der eigenen
Person aufdecken konnte. Der Narzißt würde dann, die Mutter agierend,
sich selbst als Kind bewimdern, also am eigenen Leibe Mutter und Kind
vereinigt darstellen.
2) „Er hauste mit ihr über Jahr und Tag, über viele Tage vieler Jahre,
stumm, höflich und gemessen. Er aB mit ihr am selben Tisch und schlief
56 Dr. Otto Rank
Einen ähnlichen, nur noch deuthcher narzißtischen Sinn hat es,
■wenn in Wildes interessantem Roman dem zweifellos homosexuellen
Helden (vgl. bes. S. 178 f.) Dorian Gray sein übereilter Wunsch in
Erfüllung geht, daß er stets so schön und unberührt bleiben möge,
■wie sein Jugendbildnis ihn zeigt, w^ährend die Spuren des Alters, der
Sünde und des Verfalles sich dem Bilde einprägen mögen (S. 59 f.,
S. 111). Zunächst liebt Dorian, der direkt als Narziß bezeichnet
wird (S. 13), sein eigenes Bild und darin seinen eigenen Körper:
„Morgen für Morgen hatte er vor dem Bilde gesessen und seine
Schönheit beiATindert, oftmals war er darüber in Verzückung geraten.
— „Einmal hatte er ■wie ein knabenhaft ausgelassener Narzissus die
gemalten Lippen geküßt." Dann aber, als das Bild älter und häß-
licher zu werden beginnt und ihm alle seine Sünden w^ie ein Spiegel
seiner Seele zeigt, da beginnt er es zu hassen und entfernt es aus
seinen Augen.' Aber nicht nur dieses Abwehrstadiura des Narzißmus
und der narzißtischen Objektliebe (der Homosexualität) kennt der
intuitive Dichter, sondern auch die auf der Griuidlage des äußerlich
zwar überwundenen, aber doch nicht völlig verdrängten Narzißm.us
entstehende Neurose. Wie das malertechnische Kunststück des Bildes
im Bilde mutet es an, wenn der Dichter seinen Romanhelden selbst
wieder einen Roman lesen läßt, dessen Held — in direkt hervor-
itiit ihr im selben Zimmer und sah ihr kindliches Lächeln, wenn sie sich
sclimückte und das Rothaar türmte, und war erstaunt über das beständige
Entzücken, in dem sie mit einem Spiegelbild ihres gewesenen Ich
lebte, so sehr damit lebte, daß sie nichts von den Runzeln in ihrem Gesicht
imd von dem Verfall ihres Körpers zu wissen schien." (Jakob Wasser-
mann: Das letzte Fest.)
i) Daß diese Sünden sich vornehmlich auf die auch straf gesetzlich ver-
pönte Homosexualität beliehen, wird jedem Leser des Romans und Kenner
von des Dichters traurigem Schicksale klar sein. Zum Überfluß ist nach
dem. kürzlich (Frühjahr igii) im Irrenhaus erfolgten Tode Lionel Forsters,
der igjährig imd in der Blüte seiner Schönheit dem Dichter als leiden-
schaftlicher Freund und Modell in seinem Dorian Gray nahestand, die
Entstehungsgeschichte des Romans psychologisch vollauf verständlich ge-
worden. An einer Stelle (S. 169) meint Dorian, er müsse das mysteriöse
Bild verstecken und verschleiern, denn wenn es jemand sähe, „würde die
Welt sicher sein Geheimnis erfahren". Daß die Phantasie
des abstoßenden (Spiegel-) Bildes auch a"uf die Abwehr der Masturba-
tion, zurückgeht, kann hier nur angedeutet werden, da der anscheinend sehr
innige Zusammenhang des Narzißmus mit der Masturbation hier uner-
örtert bleiben muß.
Ein Beitrdg zum Nari^ißmus 57
gehobenem Gegensatz zu Dorian Gray (S. 152 f.) — ■ eine „groteske
Furcht vor Spiegeln, politierten Metallpiatten und stehendem Wasser
liatte, die sich des jungen Parisers schon sehr früh ira Lehen
bemächtigt hatte, und die verursacht worden war durch den plötz-
lichen Verfall seiner außerordentlichen Schönheit".
Übrigens erwähnt der Dichter, scheinbar völlig unabsichtlich, die
„auifallende Ähnlichkeit" Dorians mit seiner Mutter
(S. 147), von der er „seine Schönheit und seine Leidenschaft für
fremdartige Schönheit geerbt hatte" (S. 172). Hier zeigt sich, daß
der Narzißt nicht nur insofern seine Ohjektliebe betätigen kann,
als er sich homosexuell in sein junges Ebenbild verliebt, sondern daß
er a priori schon am eigenen Körper den Körper einer
anderen ehemals geliebten Person mit- und wieder-
liebt (hier der Mutter). — Ganz ähnlich nun bewundert und
liebt nach der Version des Pausanias (9, 51, 6) der Narkissos
der griechischen Fabel im eigenen Spiegelbild nicht so sehr sich
selbst als seine geliebte, ihm. an Aussehen undKleidung
völlig gleiche Zwillingsschwester,' die er durch den Tod
verloren hatte. ^
Darf man nun von der unentwickelt gehliebenen latenten
Homos es ual (tat unseres Falles sowie aus analogen kasuistischen
und literarischen Belegen schließen, so käme eine Gruppe von
Urninden zur Fixierung der Inversionsneigung und zur näheren
Wahl ihrer Liehesobjekte durch intensive Verdrängung einer
ursprünglich starken Fixierung an die Mutter auf dem Wege der
Identifizierung mit dieser und Wahl des Sexualobjektes nach dem
Vorbild der Mutter im Sinne der narzißtischen Neigung (Ver-
i üngungstendenz) ,3 Dieser Mechanismus entspräche also ganz dem
i) Ein in diasem Zusammenhange interessanter Beleg für die innige Ver-
knüpfung des Narzißmus mit der Homosejtualität bietet die von Kraff t-
Ebing (Psychopath, sex., neunte Auflage, S.411) mitgeteihe Tatsache, da!3
„Sapphi steil paare" (weibliche Horaosexueüe) es heben, sich ganz gleich lu
kleiden, lu schmücken usw. Man nennt sie dann „petita socurs".
2) Diese Fabel behandelte der spanische Dichter Galderon in einem
seiner lahlreichen mythologischen Stücke nach der gleichlautenden Erzäli-
lung Periegets.
3) Ahnliche Verjiingungsphantasien spielen in den mannigfachen Motiv-
gestaltungen des Inzestkomplexos eine ungeheure Rolle; vgl. auch die
k
58
Dr. Otto Rank
von Freud und S a d g e r für eine Gruppe männlich Invertierter
aufgedeckten,' Nun ist aber unsere Träumerin ihrem manifesten
Empfinden nach heterosexuell und der Anteil der Mutter an ihrer
Objektwahl darum gering, weil die intensive Verdrängung der
Neigung zu ihr diesen Einfluß in ihrem Liebesleben abgeschwächt
und auch das Manifest werden der Homosexualität gehindert hat.
Dafür ist jedoch, wie auch der vorliegende Traum deutlich zeigt,
die narzißtische Komponente starker betont und weiß sich in
einer interessanten Form auch im normalen Liehesieben des
Mädchens durchzusetzen. Sie behauptet nicht das geringste Ver-
ständnis für Mädchen zu haben, die ohne oder bei relativ schwacher
Gegenneigung einen Mann zu lieben imstande sind. Sie verlangt
eine besonders schwärmerische (vgl. den poetischen, „im Traume"
geschriebenen Bri§f) anbetende und verehrungs volle Liebe von
dem Manne, den sie lieben solL^ Sie sagt; „Ich kann ihn
nur lieben, wenn er mich liebt, sonst könnte ich es
nicht und verrät uns damit, daß sie den nach gewissen anderen
Bedingungen 3 gewählten Mann nur auf dem Umweg über ihre
eigene Person zu lieben vermag:* sie liebt ihn, weil er sie liebt,
„junge" (Stief-) Mutter im Schneewittchen. [Ausführliches darüher in meinem
Bucli über „Das Iniestmotiv in Dichtung und Sage", iweite, wesentlich
verraehrte Auflage, Wien und Leipiig, igaG.]
i) Eine weitere, nicht formale, sondern soiusagen dynamische Bedin-
gung des Objektes der Invertierten ist dann je nach der eigenen Einstellung
die Fordenmg der Aktivität oder Passivität (oder heider) im. ganzen Ver-
halten wie heim Sexualakt.
2) W war ihr mit einer solchen Liebe entgegengekommen und sie
empfand auch im Traume Freude darüber, daß er selbst in seiner Abwesen-
heit sie (resp. ihr Bild) so verehre und schätze.
g) Gani deutlich nach dem Tjpus des jugendlich verstorbenen Vaters
mit der Bedingimg einer gewissen Weiblichkeit in Benehmen imd Habitus.
W. war liemlich zurückhaltend, schüchtern, hartlos.
4) Sieht sie i. E. auf der Straße einen jungen Mann, der sich für sie
interessiert und der auch ihr gefällt, so denkt sie sich nicht etwa; den
könnte ich liehen oder dem mochte ich mich hingehen, scndem sie sagt
Ein Beitrag ziiin Narzißmus 59
gleichsam zur Belohnung dafür, daß er ihre Schönheit und ihren
Wert voll anerkennt, Oder mathematischer ausgedrückt : sie liebt
ihre Person und e r liebt ihre Person, folglich liebt sie auch ihn,
aber eigentlich nur sich selbst in ihm.
Der eigentliche Sinn des Traumes, seine Stellung und Bedeutung
im ganzen seelischen Geschehen wird nun besser verständlich.
Aus der gegenwärtigen Unentschiedenheit der Heirats ab sieht und
der Ablehnung des heterosexuellen Liebesleben sowie aus der
daraus folgenden Unentschlossenheit in der Wahl des Mannes
flüchtet sie auf dem Wege der Regression in das frühere Stadium
des Narzißmus und gibt damit eigentlich einem Gedanken Ausdruck,
den man kurz so formulieren könnte: Am besten, ich bleibe
gleich bei meiner eigenen Person tmd liebe mich selbst.^ Von
sich nur: ist der aber verliebt in mich! Sie empfindet also durchaus nicht
weiblich hingebend, sondern rein nariiÖtiscJi.
j) In einem andern aas derselben Zeit der schwankenden Empfindungen
stammenden Traume greift die Libido der Träumerin in die frühe Kind-
heit luciick und sucht ihren Konflikt durch die Heirat mit dem Vater lu
lösen. Der Traum führt eine Ehebruchsphantasie der Mutter mit einem
Bewerber des Mädchens vor imd der Vater, der das entdeckt, nimmt eine
Heirat mit der Tochter in Aussicht, deren Legitimität und Blutsverwandt-
schaft mit dem Vater durch die die Mutter betreffende Ehebruohsphantasie
abgeleugnet werden soU. Hier weist die Liebesbedingung des Sieges
über die Konkurrentin auf eine Beziehung lu der infantilen Ein-
stellung lu den Eltern. Besonders interessant "wird der Traum durcli feinen
rezenten Anlaß, der leigt, dai3 man Träume nicht nur durch somatische
Reize experimentell erzeugen und erklären kann, sondern soiusagen auch
durch „psychische Reiie". Der Traum ist nämlich in der Thomasnacht
geträumt und das Mädchen hatte, einem alten Aberglauben folgend, yor
dem Schlafengehen unter ilir Kopfpolster drei Zettel gelegt, auf denen
die Namen der drei in Betracht kommenden Bewerber geschrieben standen.
Der unmittelbar beim Aufwachen ivahllos ergriffene Zettel soll den künftigen
Mann anzeigen. Nun ist der Traum, aus dem die Schläferin jäh geweckt
wurde, spät morgens unmittelbar vor dem Erwachen geträumt, nach welchem
das Mädchen sofort ejnen der Zettel lu ergreifen suchte, lu jlirem. Bedauern
aber zwei zu fassen bekam, was das Ergebnis der dann doch irgendivie
korrigierten Probe sehr in Frage stellte. Wir möchten diese Symptom-
1
6o Dr. Otto Rank
dieser Verliebtheit in die eigene Person wird auch ein gutes Stück
ihres gesteigerten Egoismus getragen. Das Bild, das sie W. als
Andenken geschenkt hatte, hätte sie lieber für sich behahen und
möchte es auch jetzt noch sehr gerne haben. Logisch begründet sie
diesen narzißtisch-egoistischen Wunsch, der deutlich die Ablösung
ihrer Person (ihres Bildes) vom Manne (W.) und die Rückwendung
der Libido auf die eigene Person symbolisiert, damit, daß er bereits
verheiratet sei und das Bild für ihn daher keinen Wert mehr
habe (der Traum zeigt das Gegenteil: er ist zwar verheiratet, aber
das Bild hat dadurch an Wert für ihn nur gewonnen) ; auch ver-
diene er es nicht zu besitzen, wenn er es nicht mehr, wie
er seinerzeit schrieb, ' jeden Tag anschaue; sie möchte gerne
wissen, ob er es wirklich noch so verehrt, und auch darüber
beruhigt sie der Traum. Sie vergönnt ihm also ihr Bild nicht,
wie sie ihm den Besitz ihrer Person ja auch nicht vergönnt
(es ist nicht möglich, daß er eine so schöne Fiau hat; dann
blättert sie zurück,^ ob es nicht doch vielleicht seine Frau ist,
ob sie ihn nicht doch heiraten soll, und kommt wieder zu
einem Nein). Sie hat sich eben selbst viel zu lieb, als daß
sie ihren Besitz einem andern vergönnen würde, und kann nur
auf dem Umweg über ihre eigene Person einen anderen
handhiQg im Hinblicke darauf, daß auct im Traume iwei Bewerber auf-
treten (ein jmiger. den ihr die Mutter wegnimmt, und die in einem Hpf-
wagen vorfahrende Personifikation des Vaters) als Ausdruck der auch
durch die Tliomaanachtprohe nicht behobenen Unentschieden}! eil auffassen.
Auch wenn der Traum nicht zwischen dem vielleicht wiederholten Klopfen,
das sie weckte, und dem Momente des Envachens geträumt wäre, steht
doch soviel fest, daß sie unmittelbar, bevor ihr die Wahl der Zettel bevor-
stand, ihr infantiles Liebesideal wachruft und damit eigentlich keinem der
drei Bewerber, sondern lediglich dem, der diese Liebesbedingungen -Lii
erfüllen veTm.ag, den Vorzug einräumt.
i) Dieses mehrmalige Hin- und ZuruckHättem ist ein hübscher Aus-
druck für die Vergleichung ihrer Person mit der erwähnten Nebenbuhlerin,
ein Thema, das sie ja intensiv beschäftigt.
Ejn Beitrag zum Narzißmus 6l
lieben.' Die Heiratsgedanken finden also einen Widerstand an
dem doppelsinnigen Bedenken, daß sie sich dazu viel zu gern habe"
und lieber einen übergroßen Anteil der Libido an die eigene
Person fixiert lasse. Darum zeigt auch die Traum analyse den
Hauptanteil des Affektes auf das eigene Bild und nicht, wie es
den Anschein, hat, auf den Bewerber konzentriert ,3 der ihrer
Selbstbewunderung und Eigenliebe nur als wirksame Folie dient.
Endlich sei noch ein Hinweis auf die eigenartige Struktur und
Technik dieses Traumes gestattet, der die Kette der aktuellen
Tagesgedanken und damit die Umrahmung des Traumbilrles ab-
zuschließen vermag. Am Anfang, der den Gedanken- und Milieu-
konflikt darstellt zwischen heiraten oder nicht heiraten, W. oder
einen anderen, wegfahren oder dableiben, steht W. und sein
Schreiben im Vordergrunde. Dann geht der Traum atif dem Um-
wege von W.s Verheiratung zur nai-zißtischen Kernsituation über,
um ganz plötzlich wieder bei W., der inzwischen ganz ausgeschaltet
war, zu enden. Sie sieht am Schluß des Traumes das Gesicht von
W. und spricht mit ihm, was doch ein Beisammensein voraussetzt.
Aber wie eine überlegene Einsicht in ihre Unentschiedenheit sieht
es aus, wenn sie im Traume nicht weiß,- ob sie dort oder er hier
"bei ihr ist, wie sein Brief. Es ist also vielleicht mehr als ein bloßes
1) Prof. Freud macht mich, aufmerksam, daß diese nariißtisclie Ein-
stellung des Weibes eine bedeutende Rolle im Liebeslehen der Menschen
spiele und manches Rätsel desselben erkläre. [Vgl. daiu Freuds später
veröffentlichte Arbeit „Beiträge z\iz Psychologie des Liebeslebens", Ges.
Schriften Bd. V.]
2) LFnsore Redensart, „jemand habe sich lu gerne", nm sich einen Wunsch
zu versagen oder irgend etwas auf sicli lu nehmen, zielt scheinbar nur auf
den Ichkomplex, auf die egoistischen Regungen.
3) Sie gibt an, das Bild aus dem Traume sei ihr nicht aus dem Kopf
gegangen, sie habe es überaus dentlich und plastisch den ganzen Tag über
vor sich gesehen: sie vorsetzt sich damit wieder an die Stelle von W.,
der ja ihr Bild fortwährend anschaut und es besitit, wie sie selbst gerne
mochte.
P
62
Dr. Otto Rank
Gleichnis, wenn wir in einem übertragenen Sinne des zentralen
Traum Inhalts von einem Rahmen aktueller Tagesgedanken und
Phantasien und von einem aus dem Unbewußten hineinprojizierten
Bilde ihrer seelischen Verfassung sprechen, das in der narzißtischen
Szene Ausdruck findet. Den Anschein der Gezwungenheit verliert
diese Auffassung durch die Erkenntnis, daß gar nicht so selten
Stücke des Trauminhalts in gewissen Seltsamkeiten der Traumform
zutage treten (Fr eu d; Traumdeutung, Ges. Sehr,, Bd. III, S. 70) und
durch die Tatsache, daß diese Rahmentechnik innerhalb des vor-
liegenden Traumes noch ein zweites Mal Verwendung gefunden
hat. Wie Anfang und Schluß des ganzen Traumes, die eng zu-
einander gehören, durch Einschaltung der narzißtischen Bilder-
szene (eingerückter Satz) gleichsam voneinander getrennt sind, so
gehören auch im Traumbrief (ebenfalls eingerückt gesetzt) Anfang
und Schluß als Tageswunsch und Befürchtung zusammen und auch
hier ist dazwischen eine Anspielung auf das Bild {„schaue jeden
Tag mein Bild an") eingeschoben, die sich schon als wörtliches
Zitat vom übrigen Inhalt abhebt.' Es klingt fast komisch, diese
Rahmen- und Bildtechnik des Traumes als Ausdruck seines
wesentlich hildhaften Inhalts anzusehen,* und doch scheint dieser
Zusammenhang dem psychologischen Tatbestand bei der Träumerin
zu entsprechen, die ihre ganze Umgebung nur als Folie, als
Rahmen für ihr geliebtes und bewundertes Ich zu betrachten
gewöhnt ist.
1) Wie also der ganie Traum und der erste Brief, so besteht auch der
Inhalt des Kuverts aus drei Teilen und dreimal blättert sie auch lu ihrem
Bilde zurück. Nach gewissen Andeutungen halte ich es nicht für unwahr-
scheinlich, daß dieser Dreitakt des Traumes auch damit zusammenhangen
dürfte, daß sie in der Wahl zwischen drei Bewerber» schwankt (drei Briefe),
die sie auch in der Thoraasnacht einer Zettelprobe unterwarf.
2) Diese Auffassung hat seit ihrer mir selbst gewagt erschienenen
Niederschrift durch die interessanten Untersuchungen von Herbert
S i 1 b e r e r (Jahrbuch, Bd. I und II) viel an Wahrscheinlichkeit gewonnen.
Ein Beitrag zum Narzißmus 63
Naditrag
Als Reaktion auf die Kenntnisnahme der vorstehenden Traum-
deutung, zu der die Träumerin selbst das Material geliefert hatte,
träumt sie einige Tage nach der Lektüre derselben auf einen
neuerlichen rezenten Anlaß hin nachstehenden Traum, der nicht
nur darum interessant und wertvoll ist, weil er jedem Einsichtigen
ohne weiteres die Richtigkeit der aufgedeckten Zusammenhänge
bestätigt, sondern dessen Deutung auch ein wesentliches Stück
Erinnerungsmaterial zutage fördert, welches zum Aufbau des ersten
Traumes gedient hatte.'
1) Derartige B estätigun^sträume, welche die durch eine vor-
ausgegangene Deutung aufgerührten Komplexe lum Inhalte hahen und
damit dem Kimdigen deren Intensität und Wirksamkeit verraten, hahen,
wie mir Herr Prof. Freud mitteilt, in g-ewissen Erscheinungen der psycho-
analjtiscken Kur ihr Vorbild und gehören m den beweiskräftigsten Betäti-
gungen der Traumdeutungslehre. Man könnte sie als Pendant zu den „Gegen-
wunschträiunen" (Traumdeutung, Ges. Schriften, Bd. III, S. 28 ) auffassen,
welche der Traumtheorie stets unrecht geben wollen, ohne in beachten,
daß in dieser negierenden Tendern oft auch eine Wunscherfiillung liegt. —
Pur die Leser, welchen der im II. Baude des Jahrbuches, mit-
geteihe „Traum, der sich selbst deutet" noch in Erinnerung ist, möchte
ich etwas gekiirit \md ohne jede Deutung den Traum hersetzen, welchen
die Träumerin eine Wacht nach der Lektüre der gedruckten Arbeit träumte.
Vorausgeschickt sei nur, daß sie die Noüi dieses Reaktionstraumes mit
der Bemerkung begleitete, sie sei mit der Deutung im großen und ganzen
einverstanden, nur habe es sie geniert, daß sie gleichsam als ein abnormes
Weib geschildert werde. Unter anderem versucht nun ihr Reaktionstraum
auch diese Zumutung abzulehnen. Trauminhalt: Con einem großen Berg
rodeln Herten und Damen über schönes reif es Getreide herunter, was sie für eine
Sünde erklärt. Sie muß in ein nebenan liegendes Feld ausweichen, wo sie in einem
Hohlweg fast versunken wäre. Da kommt ein junger Mann [der Traumdeuter] und
sagt: Fräulein, da darf man nicht gehen, das ist nur für Mannw ei her. Sie wußte
erst nicht, was das sei, erinnerte sich aber dann, daß es solche gebe und ging
zurück. (Sie dachte sich auch im Traume direkt, jetzt bin ich wieder in Ähren, so wie
mit dem Kuß in Ähren.) Dann geht sie nach Hause und zieht sich ein ganz weißes
Kleid an (Unschuld; Abwehr der Sünde). Am Schlüsse des Traumes sieht sie in einem
Garten Katzen; erst läuft das Männchen dem Weibchen nach, äaim aber legt sich
das Männchen auf den Rücken und das Weibchen legt sich drauf. — Auch dieser
Traum nähert sich ganz außerordentlich dem Pollutionscharakter und zeigt in
der letiten Siene die in der ersten abgelehnte „Mann Weiblichkeit" deutlich.
54 Dr. Otto Rank
Sie träumt, daß ihr — entweder durch die Post oder in ihrer
Abwesenheit vom Hause durch einen Herrn — ein sch%verer,
dicker Brief zugestellt wurde. „Er entkielt drei Photographien von
mir: eine sitzend, eine im Hut und ein koloriertes Brustbild. Dabei
lag ein Brief, in dem M., der, glaube ick, auch das Paket ge-
bracht hatte, schrieb: „Ick schicke Dir Deine Bilder zurück, weil
Du ja nichts mehr von mir wissen willst und ich mich immer an
Dick erinnere, solange ich die Bilder habe. Deswegen möchte ich
sie weg haben: sei also nickt böse, daß ich sie Dir schicke." —
Ick sah mir nun die Bilder an, erst das kolorierte, und dachte
mir: Gott, wie schau' ich denn da aus, da bin ich ja ganz alt
darauf. Ich habe gespkaut, ob auch das andere Bild so ist, und
fand es gerade so. Es hat so alt ausgesckaut, und ick dachte mir,
wie komtne ich denn da dazu! Es sollte doch im Gegenteil das
Bild, das aus einer früheren Zeit stammt, jünger aussehen als ich
jetzt, aber nicht so alt. Wenn Uh mich jetzt aufnehmen ließe,
könnte es eher so aussehen; ick bin zwar jetzt auch noch nü:kt so
alt, aber könnte dock immerhin älter aussehen als damals. Dann
aber habe ich mir gedacht, sollten vielleicht die Bilder älter ge-
worden sein? Das wäre gut, wenn sie älter würden und ich jünger.
— Dann habe ich mir gedacht, wenn er meine Bilder zurückschickt,
brauche Wh auch seine zwei Bilder nicht (seine Briefe habe ich
ohnehin schon verbrannt). Aber dann dachte ick mir wieder, da
er sie nickt zurückverlangt, so kann wh sie dock behalten und
habe mir wieder meine Bilder angeschaut und fort angeschaut und
konnte mich nickt trennen von dem kolorierten, obzwar es sckon
ganz ausgeblaßt war (wie eben ein altes Bild). Über dem An-
schauen bin ich dann aufgewacht."
Es scheint überflüssig, die weitreichende und bis ins Detail
gehende Übereinstimmung mit dem ersten Traum im einzelnen
hervorzuheben. Wir greifen zunächst nur jenes Stück realer Er-
Ein Beitrag 7um Narzißmus 65
I
innerung heraus, welches auch dem ersten Traum zugrunde liegt.
M., der ihre Photographien zurückschickt, oder ihr sie eigentlich
persönhch ins Haus bringt, ist tatsächlich ihr gewesener Bräutigam.
Sie hatte seinerzeit die Verlobung gelöst und als sie hörte,
er sei neuerdings Bräutigam, ihre beiden Bilder {das mit dem
Hut und das kolorierte) schriftlich zurückverlangt mit der
Motivierung, er brauche sie jetzt nicht, da er ja eine andere habe.
M. hatte darauf nicht reagiert, und als sie bei einer späteren
Gelegenheit ihre Forderung mündlich wiederholt hatte, bat M.,
die Bilder als Andenken behalten zu dürfen und zeigte ihr, daß
er sie stets bei sich in der Brusttasche trage. Die Träumerin hebt
hierbei ausdrücklich hervor, daß diese Worte das direkte Gegenteil
von dem seien, was er ihr im Traume schreibe, und wir wollen
nicht versäumen zu ergänzen, daß dieses freiwiUige Zurückschicken
der Bilder nach der Verheiratung wieder im Gegensatz 7.11m
Verhalten W.s im ersten Traume steht. Bei dieser Gelegenheit
hatte er ihr auch sein Bild gezeigt, wo er als Bräutigam mit seiner
neuen Braut aufgenommen war, und sie hatte gesagt: „Die ist
doch so häßlich, wie kannst du dir nur so eine Frau nehmen!
Dann hat sie aber doch wenigstens Geld gehabt und du hast sie
deswegen genommen?" — Doch hatte er dies verneint.
Wenn ihr nun in diesem Traume M. ihre Bilder zurück-
schickt, 50 erfüllt sich damit nicht nur der alte Wunsch, dem
erledigten Bräutigam diese Erinnerungen abzunehmen, sondern
ebenso ihr gleichsUebendes Verlangen, möglichst viele Photo-
graphien ihrer eigenen Person aus den verschiedensten Zeiten zu
besitzen und betrachten zu können: eine offenkundig narzißtische
Regung, die sich ganz speziell noch in dem Umstand verrät, daß
ihr M. im Traume drei BUder zurückschickt, während er in
Wirklichkeit nur zwei von ihr hatte (das im Hut und das kolo-
rierte). Das dritte, „sitzende", wünscht sie nur möglichst bald zu
Rank, Sejtualität und SehuldeefühJ
1
66 Dr. Otto Rank
bekommen und hat noch vor dem Einschlafen im Bett daran
gedacht, wie hübsch es sich machen würde. Daraus erklärt sich
auch, warum das Bild im ersten Traume sie in sitzender Stellung
zeigt." Die geringere halluzinatorische Deutlichkeit des bloß
gewünschten „sitzenden" Bildes gegenüber der visuellen Realität
der wirklich besessenen verrät sich im Traume darin, daß weiter-
hin nur von den beiden wirklichen Bildern die Rede ist, was die
Träumerin selbst in diesem Sinne betont. Andererseits scheint
aber dem Wunsche, sich jetzt in sitzender Stellung aufnehmen zu
lassen, eine Gegenströmung zu entsprechen, welche das Mädchen
gleichsam schonend darauf vorbereitet, daß sie jetzt schon älter sei
und die Bilder vielleicht nicht mehr so schön ausfallen würden
wie in früheren Jahren („wenn ich mich jetzt aufnehmen ließe,
könnte es eher so aussehen; ich bin zwar jetzt auch noch nicht
so alt, aber könnte' doch immerhin älter aussehen als damals"). —
Ebenso deutlich ist aber die Anspielung darauf, daß diese alt
aussehende Photographie, die ihr M. schickt, seine jetzige Frau
darstellt, die ihr ja schon damals „so häßlich" erschienen war
(häßlich und alt wird hier im infantilen Sinne gleichgesetzt).
Denn auch im ersten Traume schickt ihr W, das Bild seiner
Frau, die ja älter und weniger hübsch ist. Nur wird hier dieser
Gegensatz zwischen ihr und ihrer Nebenbuhlerin im Sinne der
narzißtischen Einstellung und der bedeutungsvollen Beziehung
auf die Mutter so dargestellt, daß der Dorian- Gray- Wunsch,
immer so jung, schön und liebenswert zu bleiben und Alter sowie
Häßlichkeit den Nebenbuhlerinnen (den Bildern) zuzuschieben,"
i) Daß auch W.s supponierte Frau des ersten Traumes in der gleichen
Stellung, nur ohne die charakteristische Pußkreuzung, aufgenommen ist,
symbolisiert sehr hübsch die Identifizierung, den Gedanken, daß diese andere
jetzt ihre „Stellung" einnehmen durfte, sie aLer nicht ideal ausfülle, sie
doch nicht ersetzen könne.
i) Mit dieser alten Frau straft sie zugleich M. und rächt sich an ihm.
Ein Beitrag zum Narzißmus 67
dabei in den Vordergrund tritt. Daß aber diese Nebenbuhlerinnen
ihr Vorbild in der älteren und weniger hübschen Mutter haben,
verrät sich, abgesehen von der ganzen psychischen EinsteUung des
Mädchens, in der direkten Angabe, daß die Photographien des
Traumes so gegen 40 Jahre alt ausgesehen hätten, „etwa im
Alter der Mutter", und daß sie dieselben nur an den
Augen' und der oberen Stirnpartie als ihr Bild erkannt habe.
Mit der Kenntnis dieser realen Grundlagen des Traumes wird
auch klar, daß dasselbe Erlebnis der Einkleidung des ersten
Traumes zugrunde liegt. Auch dort bekommt sie ja von einem
ehemaligen Verehrer Bilder zugeschickt, von denen eines sie selbst,
das andere die ältere und häßlichere Frau des Absenders dar-
stellt, wo also noch die alte häßliche und die junge hübsche Frau
als zwei verschiedene Personen erscheinen, während sie im zweiten
Traume vermöge der Identifizierung mit der ähnlichen, aber
älteren Mutter in der Person der alten und der jungen Träumerin
selbst vereinigt sind. Es erhebt sich nur die Frage, warum sie
dieses, wie der Nachtragstraum zeigt, auf M. bezügliche Erlebnis
im ersten Traume W. andichtet? Wer nun die Sprache des
Traumes versteht, wird sofort wissen, daß mit Hilfe dieses Dar-
stellungsmittels eine Gleichsetzung, eine Identifizierung der beiden
Personen erreicht werden soll. Was sie aber mit dieser Ver-
gleichung der beiden Anbeter sagen will, errät man leicht, wenn
man ihren Charakter und ihre gegenwärtige Situation nur ein
wenig kennt. W.s einesteils zurückhaltende, andemteils schwär-
merisch anbetende Neigung war ihr immer außerordentlich
sympathisch gewesen und sie hatte oft bedauert, daß diese
Beziehung nach kurzem Verkehr abgebrochen worden war. Es ist
daher nicht zu verwundern, daß bei ihren verschiedenen Heirats-
1) Die Augen sind das einzige, was sie zugeben will, von der Mutter
zu haben.
■
68 Dr. Otto Rank
absiebten und Gedanten die Gestalt W.s wiederholt aufgetaucht
war, und wir wissen ja aus der Vorgeschichte des ersten Traumes,
daß sie sogar in seine Nähe reisen wolhe, wenn sie nicht hätte
fürchten müssen, ihn schon als Ehemann anzutreffen. Der Traum
sagt ihr nun in der Wunscherfüllungsform des Ewig-jung^Bleibens;
Ich werde auch nicht immer so jung bleiben, ich bin ja schon
so viel älter geworden, ich muß schauen, daß ich heirate. Am
liebsten möchte ich W., wenn ich nur wüßte, ob er es nicht
genau so gemacht hat wie M. (Identifizierung), der sich
auch mein Bild behalten hat, sich aber dabei mit einer Anderen
älteren, häßlicheren, die nicht einmal Geld hatte, verheiratete.
Die Männer sind docl\ alle schlecht und gar nicht wert, mich
oder mein Bild zu besitzen. Ich Jcann keinen von ihnen lieben,
ich ziehe es vor, mich selbst zu lieben. Oder wie DorJan Gray
(S. 240) es in Form eines Abwehr Wunsches ausdrückt: „Ich
wünschte, ich könnte lieben. Aber es scheint, daß ich die Leiden-
schaft verloren und den Wunsch vergessen habe. Ich habe
mich zu stark auf mich selbst konzentriert. Die
eigene Persönlichkeit ist mir eine Last geworden."
Wir haben schon bei der Deutung des ersten Traumes darauf
hinweisen können, daß die intensive Wiederbelebung der
narzißtischen Wünsche eine Enttäuschung des Mädchens in
ihren hochgespannten Liebesanforderungen zur Voraussetzung hat,
und stoßen nun bei diesem Traum wieder auf den gleichen
unbewußten Gedanken, die Männer seien so schlecht und tmfähig
zur Liebe, so voll Unverständnis für die Schönheit und den Wert
der Frau, daß sie besser täte, zu ihrer früheren narzißtischen
Einstellung zurückzukehren und unabhängig vom Manne selbst
ihre eigene Person zu lieben. Daß nun tatsächlich eine solche
Liebesenttäuschung fähig ist, eine Regression der Libido in die
Bahnen der narzißtischen Selbstliebe zu bewirken, lehrt in
Ein Beitrag zum Narzißmus 69
I
überzeugender Weise ein späterer, gleichfalls narzißtischer Traum
des Mädchens, dessen Text und Deutung hier nur so weit mit-
geteilt werden soll, als zum Erweise dieses Zusammenhanges
nötig scheint:
Ich träumte, daß ich auf einer Wiese bin, in der Nahe eines
Wassers, wo ich mich baden wollte. Kaum bin ich nackt ins Wasser
geschlüpfi, so kommt eine Freundin und stört mich im Bade, so
daß ick heraus mußte, was mir sehr unangenehm war. Wir gingen
zusammen über die Straße auf eine andere Wiese" mit schönen
Blumen und auf einmal sehe ich, daß wir drei Personen sind,
zwei andere Mädchen und ich. Wir liegen auf der Wiese ganz
nacht, ich in der Mitte; die Füße hatten wir enge beisammen und
die Körper auseinander, so daß wir einen Fächer bildeten, was
wunderschön aussah, und ich die Szene nicht genug anschauen
kannte. Da sehen wir von der Ferne einen Wagen kommen, ick
sagte schnell: Auf! und die beiden Mädchen sind verschwunden.
Ich selbst befinde mich plötzlich in einem eleganten Zimmer
und bemerke zu meinem Erstaunen in einer Ecke ein herrliches
Bild in einem goldenen Rahmen an die Wand gelehnt. Es stellte
ein schönes Mädchen in Lebensgröße dar. Es luar nackt und hatte
nur um die Taille einen türkischen Gürtel mit einer Masche. Sie
hatte langes, schwarzes, gewelltes Haar, das offen herabhing und
mir sehr gut gefiel, tiefschwarze Augen, rote Backen, die Hände
nach rückwärts verschränkt, schon geformte Brust, in der Gestalt
so wie ich; auch ihre Beine waren nackt zu sehen; sie schaute zu
Boden. Das Ölgemälde war so schön, wie ich noch keines gesehen
hatte, ick konnte mich nicht genug satt sehen an diesem Bilde. Es
kam mir so sehr bekannt vor und ich studier te immerfort, mit wem
i) Nachtrag: Unterwegs merke ich, daß ich meine Haarnadel verloren, hatte
und will zum Wasser zurückgehen, sie holen, damit ick mir eine schönere Frisur
machen kann. Die Freundin aber sagt, daß ich so auch schon schSn bin,
und wir gehen weiter.
I
70 Dr. Otto Rank
es denn Ähnlichkeit habe. Ich sagte mir, wenn das P. sehen könnte,
es würde ihm gewiß gefallen.
Das Bild verschwindet und ich stehe in einem, großen Saale, wo
das Publikum herumsitzt. Ich habe mich geniert und gehe nach
vorn; wie ick dort stehe, kommt ein Mädchen in weißem Prinzeß-
kleid mit offenem Haar, das dieselbe Farbe hatte wie vorhin auf
dem Bilde. Sie schaut zu Boden und macht ein trauriges Gesicht.
Dann kommt ein Ritter in braunroter Kleidung, einen Gurt mit
einem Säbel und einen großen ,spanischen Hut mit einer rosa
Straußfeder ; er war glatt rasiert. Sie spielten beide die Bösen. Er
klopfte ihr rückwärts auf die Schulter, sie drehte sich ein wenig
nach der Seite um, warf ihm einen halbbösen und doch lächelnden
Bück zu. Dann ging er wieder weg. Da nahm ich eine unge-
zwungene Haltung an und schaute mich im Saale um. Inzwischen
sagte ich mir, daß ich das ja sei, die hier Vorstellung mache. Ich
erkannte mich an den etwas schwärmerischen, mir angeborenen
blauen Ringen unter den Augen und wurde immer sicherer darin,
daß ich das bin. Dabei wundere ich mich aber, wie das möglich
sei, daß ich dastehe und zuschaue während ich mich zugleich
spielen sehe. Ich stand ja die ganze Zeit neben ihr und was ich
machte, das machte sie auch nach Art einer Puppe (oder wie mein
Schatten). Ich lächelte darüber, daß ich in der gespielten Szene
ein so mürrisches Gesicht und einen gespitzten Mund {,einen Schnabel')
machte, wie es sonst zwischen Weinen und Lachen meine Gewohn-
heit ist. Dann sehe ich, daß der junge Ritter wieder kommt, und
nehme meine vorige Stellung wieder ein; ich hatte das Gefühl, als
sollte ich das Schauspiel geben. Er wollte das Mädchen^ wieder gut
machen, sie drehte sich um, warf ihm einen freundlichen Blick zu
1^ In ihrer Niederschrift des Texteg steht vor dieser Stelle als Schreib-
fehler durchstrichen : „Er wollte mich wieder gutmachen", was ihre
Identifiiierung mit dem spielenden Mädchen deutlich verrät.
Ein Beitrag zum Narzißmus 7I
und lief ihm davon. Damit war die Vorstellung zu Ende, die
Leute gingen hinaus und ich wachte auf."
Ohne im einzelnen auf die Deutung dieses reichen Traumes
eingehen zu können, sei nur summarisch hervorgehoben, daß es
sich wieder um die Selhstbewunderung ihrer eigenen Person
in dem uns schon bekannten Sinne handelt. In der ersten Szene
des Traumes vergleicht sie ihren schönen Körperbau mit dem von
zwei anderen, gleichfalls nackten Mädchen, zwischen denen sie in
der Mitte Hegt, In einer nachträglichen Erläuterung dieser Szene
erwähnt sie ausdrücklich, daß sie abwechselnd ihren eigenen
Körper mit dem der beiden Mädchen verglichen habe, um zu
sehen, welcher schöner sei. Sie habe auch gefunden, daß sie
größer und stattlicher ausgesehen habe; wie sie meint, vielleicht
deswegen, weil sie gerade und in der Mitte gelegen sei.
Diese seltsame bildliche Darstellung erweist sich als ein geist-
reicher, auf den Doppelsinn des Wortlautes gestützter Ausdruck
des am Vorabend in einer eifersüchtigen Anwandlung gehegten
Gedankens : Ich kann mich getrost mit jedem Weibe messen. Das
zu dieser Darstellung verwendete Material wird deutlich als infan-
tiles kenntlich, wenn man sich an die von der typischen Größen-
sucht der Kinder eingegebenen Messungen erinnert, die sie unter-
einander zu veranstalten pflegen, wobei sie den auch von der
Träumerin geschilderten Vorgang einhalten, um jeder Unredlich-
keit vorzubeugen (Füße eng beisammen, die Körper nebenein-
ander). Daß unsere Träumerin dabei doch nicht ganz korrekt ver-
fahrt, deutet sie ja mit ihrer Bemerkung an, sie erscheine wohl
nur darum größer, weil sie gerade und in der Mitte liege ; gewiß
hat auch der alle (Kinder-) Wunsch, wirklich größer zu sein,
an dieser Traum dar Stellung seinen Anteil, obwohl sich das
„Messen" und „Überragen" hier auf andere körperliche Vorzüge
bezieht.
72 Dr. Otto Rank
In der zweiten Szene bewundert sie wieder ihr eigenes uner-
kanntes Bild wie in einem Spiegel und verliebt sich in dasselbe,
und erst in der letzten Szene erkennt sie in der dem Bilde ähn-
lichen Schauspielerin unter großer Verwunderung ihre eigene
Person." Diese letzte Szene enthält aber zugleich die Tages-
anfcnüpfung, welche die Regression der Libido auf die eigene
Person und damit den Traum bewirkt hat. Die Träumerin selbst
fügt dem Tranmtext an Deutungsmaterial hinzu, daß sie am
Abend vor dem Traume dem jungen Manne P., ihrem Geliebten,
eifersüchtige Vorwürfe gemacht und sich mit ihm zerzankt hatte.
Vor dem Einschlafen hatte sie dann zum Tröste an den uns
schon aus dem ersten' Traum bekannten W. gedacht, der ihr von
allen Bekannten in liebevollster Erinnerung geblieben war. „Ich
dachte daran, ob er wohl mein Bild noch besitze, und sagte mir
dann : gewiß ! er hat mich doch so lieb gehabt, er wird es an
der Wand hängen haben und wird oft an mich denken," — ■
Dieses Bösesein des Vorabends wird nun in der letzten Traumszene
von dem mit der Träumerin identischen Mädchen und einem
jungen Manne dargestellt, der eine Verdichtung aus der Person
des P. (der Anzug) und des W. (glatt rasiert) ist. Daß dieses Er-
lebnis aber nicht einfach erzählt, erinnert oder agiert, sondern in
Form einer schauspielerischen Produktion dargestellt wird, hat
seinen guten Grund. Die Träumerin hatte nämlich am Abend
den bestimmten Eindruck gehabt und auch ausgesprochen, daß
P., wie das so häufig bei Liebschaften der Fall ist, das Bösesein
gar nicht so ernst meine, sondern nur „Komödie spiele , eine
Redensart, die der Traum in sinnfälligster Weise darstellt. '^ Nur
i) Wir sehen hier wieder die Verschiebung ihrer bewußten besseren
Einsicht von der Bildszene auf ein anderes Element des Traumes (vgl.
Anm. 2, S. 48).
2) Nicht ohne Einfluß auf die besondere Art dieses Schauspieles im
Traume dürfte es gewesen sein, daß die Träumerin einige Zeit vorher mit
Ein Beitrag zum Narzißmus 73
hatte in Wirklichkeit das Mädchen im Schuldbewußtsein ihrer
grundlosen Eifersucht P. zu versöhnen gesucht, während im
Traume sie selbst es ist, die um Verzeihung gebeten wird,
welche Umkehrung einerseits der Wunscherfüllungsteudenz zu ge-
nügen sucht, andererseits sich weniger auf P. als auf W. bezieht,
von dem sie wünschte, daß er wieder mit ihr anknüpfen möge.
Der Traum ist also eine direkte Reaktion auf die Liebesent-
täuschung des Abends, die sie vor dem Einschlafen bewußterweise
durch Auffrischung der zärtlichen Erinnerung an W. zu ver-
wischen und sich darüber zu trösten versuchte, indem sie sich
sagt : W, war doch zärtlicher und lieber, er hätte mich nie so
behandelt. Der Traum geht aber vermöge der Verknüpfung W.s
mit dem Bilde, das er von der Träumerin besitzt, noch weiter,
indem er auch seine Liebe anzweifelt (der Gedanke vor dem
Einschlafen, ob er das Bild noch habe) und die Träumerin zur
narzißtischen Selbstliebe (Verliebtheit in ihr eigenes Bild, ihr
Ebenbild) zurückzukehren zwingt.
Wir gewinnen nun auch einen ersten Einblick in die Struktur
dieses Traumes, der sich deutlich in drei Szenen sondert, und
verstehen den Übergang von einer Szenerie in die andere. Sie
hatte am Abend P. Vorwürfe gemacht, daß ihm andere Frauen
besser gefielen als sie, und denselben Vorwurf hatte sie ja nach
dem latenten Gehalt des ersten Traumes gegen W. erhoben (er
habe eine andere geheiratet, wie es M. tatsächlich getan hatte).
In der ersten Szene streicht sie nun die Vorzüge ihres Körpers
vor denen eines anderen Mädchens (später sogar zweier)' recht
P. ein Marionettentheater besucht hatte, wo ein Stück mit einer ähnlichen
Liehesiene gespielt worden war. Im. Marionettentheater macht ja auch die
Figur der Puppe die Bewegungen, wahrend der eigentliche Sprecher hinter
der Szene steht.
i) Offenbar Mutter und Schwester, deren Rolle hier lu wenig als
Konkurrentin (beim Vater) gewürdigt ist. Ich kann es mir nicht versagen.
74 Dr. Otto Rank
heraus, was natürlich nur auf Grund ihrer narzißtischen Selbst-
bewunderung möglich ist, die die zweite Traumszene beherrscht.
Nachdem sie sich also ihrer Schönheit anderen Frauen gegenüber
gewissermaßen vergewissert hat, geht sie in der nächsten Szene
zur intensiven Selbstbewunderung über. Der vorbeifahrende Wagen,
der die Verwandlung der Szene bewirkt, spielt vermutlich an den
vor Jahren weggefahrenen W. an, der ihre Gedanken wieder auf
ihr Bild lenkt. In ähnlicher Weise vollzieht sich der Übergang
von der narzißtischen Bilderszene zur Schauspielszene. Sie be-
wundert ihr Bild imd sagt sich im Traume : wenn P. das sähe,
es würde ihm gewiß gefallen, er würde sich in mich verlieben.
hier auf eine merkwürdige Parallele m verWHisen, In seinem Aufsati
„Über das Marionetten theater" berichtet H. v. Kleist einen
Vorfall, an dem er die Unfähigkeit des Menschen demonstriert, b e-
wußterweise die natürliche Grazie nachiuahmen. Er habe einst mit
einem jungen Mann von etwa iG Jahren gebadet, „über dessen Bildung
damals eine wunderbare Anmut verbreitet war" und bei dem sich, „von
der Gunst der Frauen herbeigerufen, die ersten Spuren von Eitel-
keit erblicken ließen". Dieser Jungling glaubte einmal, in dem Augen-
blick, da er den Fuß auf den Schemel setzte, um ihn abzutrocknen, in
einem großen Spiegel zu erkennen, daß er unwillkürlich die Stellung des
berühmten Domaus ziehers nachgeahmt habe, wa? ihm bewußter weise
absolut nicht glücken wollte. „Von diesem Tage, gleichsam von diesem
Augenblick an ging eine unbegreifliche Veränderung mit dem jungen
Menschen vor. Er fing an, tagelang vor dem Spiegel lu stehen;
und immer ein Reiz nach dem anderen verließ ihn. Eine unsichtbare und
unbegreiniche Gewalt schien sich wie ein eisernes Netz um das freie
Spiel seiner Gebärden zu legen, und als ein Jahr verflossen war, war
keine Spur mehr von der Lieblichkeit in ihm lu ent-
decken . . ." (Vgl. den VerfaU von Wildes Dorian). Es ist
hier nicht der Ort, um auf die Bedeutung der homosexuell-narzißtischen
Einstellung im Leben und Schaffen des Dichters einzugeben (vgl. dazu
L Sadgers Studie über Kleist, Wiesbaden 1911), doch sei auf den Brief
an den jungen Pfuel (vom 7. Januar 1805) verwiesen, dem der Dichter
u. a. schreibt: „. . . ich hätte bei Dir schlafen können. Du lieber Junge;
so umarmte mich Deine ganze Seele ! Ich habe Deinen schönen Leib oft,
wenn Du in Thun vor meinen Augen in den See stiegest,
mit wahrhaft mädchenhaften Gefühlen betrachtet ... Ich heirate niemals,
sei Du die Frau mir, die Kinder und die Enkel!"
Ein Beitrag zum Narzißmus 75
Sie setzt damit den Gedanken des Vorabends sowie der ersten
Traumszene fort, daß ihre Schönheit von der anderer Frauen
nicht übertroffen werde und daß man sich in sie verlieben
müsse, wenn man sie nur recht anschaue, sie recht zu würdigen
wisse. Sehr schön zeigt sich aber, wie die scheinbar bloß äußer-
liche Erinnerung an P. (am Schluß der zweiten Szene) sogleich
die ganze Streitsiene des Vorabends wieder heraufbeschwört, und
es scheint auch da nicht zufallig, daß, ähnlich wie in der ersten
Szene, zwei Mädchen einander gegenüberstehen und in der zweiten
Szene die Träumerin ihrem eigenen Ebenfailde gegenübersteht,
auch in der Schlußszene eine solche Spaltung der Persönlichkeit
sich zeigt, so daß der junge Mann zwar einer anderen den Hof
zu machen scheint, daß aber diese Person doch die Träumerin
selbst ist.
Der Traum sagt also einfach : Ich Itann mich mit jeder Frau
messen, ja ich überrage sogar meine Konkurrentinnen (Mutter
und Schwester) an Schönheit. Die Männer (P., W., M.) sind nur
unfähig, das zu würdigen, während die Frauen zu neidig sind,
um es anzuerkennen. Ich habe P. gegenüber doch recht gehabt
und er hätte mich um Verzeihung bitten müssen. Aber besser,
man verläßt sich überhaupt nicht auf sie und läßt sich nicht
mit ihnen ein; ich bin mir dazu viel zu schön und zu gut. Ich
könnte mich wirklich selbst in mich verlieben, wenn ich das Bild
meiner Schönheit vor mir sehe.
Perversion und Neurose
I
Wie Freud uns in seiner Analyse der Phantasie „Ein Kind
wird geschlagen"' gezeigt hat, entspricht diese typische Schlage-
Torstellung einer infantilen Libidosituation, die in einer bestimmten
Phase der ödipusein Stellung und ihrer Verdrängung manifestiert
war. Das Kind sucht in seinem Libidohunger zunächst seine um
die Liebe der Eltern mitkonkurrierenden Geschwister dureh die
Phantasievorstellung ihres Geschlagen Werdens (d. h. wohl Erschlagen-
werdens) von Seiten des geliebten Elternteils auszuschalten. Bald
aber wendet es diese Kegung, deren libidinöse Wurzeln unbewußt
bleiben und die darum als grausam -egoistisch im Sinne des Ich-
ideals vom Bewußtsein verpönt wird, mit Hilfe des Schuld-
bewußtseins als Strafe gegen die eigene Person, die nunmehr auf
diese Weise zum Objekt der Schlagephantasie geworden ist. Dieses
zweite Stadium wird dann schließlich tertiär — aus der sogenannten
„sadistischen Auffassung des Geschlechtsaktes" — libidinisiert und
auf diese Weise gegen die vom Ich ausgehende Unlust widerstands-
fähig gemacht. Diese libidinöse Fixierung der zweiten Entwjcklungs-
phase der Phantasie „Ein Kind wird geschlagen", als Lust am
eigenen Geschlagen werden, kann zum Bild des typischen „Maso-
i) Ges. Sehr., Bd. V. ~
Perversion und Neurose 77
chisten führen, dessen komplizierte Genese Freuds Daistellung
in gewohnter Klarheit und Anschaulichkeit vermittelt.
Ich möchte nun versuchen, den allgemeinen Gesichtspunkt,
der der Freud sehen Auffassung dieser Perversionsbildung zugrunde
liegt, herauszuheben und zu sehen, wie weit er sich auf die
Perversionen überhaupt und ihre Genese anwenden läßt. Das
Verständnis der mas och istischen Perversion ergibt sich Freud
scheinbar als bloßes Nebenprodukt seiner Arbeit, denn er analysiert
eigentlich die Phantasie „Ein Kind wird geschlagen", die sich an-
scheinend häufig in verschiedenen Formen auch des normalen
Seelenlebens findet.' Aber von dort her wäre ein Verständnis ihrer
eigentlichen Bedeutung ebensowenig zu erlangen gewresen wie von
der voll ausgebildeten Perversion her, abgesehen davon, daß diese
normalen, bzw, rein perversen Formen der Lihidobefriedigung
eher geeignet erscheinen, das Ich von einer Analyse abzuhalten
als ihr zuzuführen.
Wie uns jedoch die psychoanalytischen Forschungen bereits
am Beispiel der Homosexualität gelehrt haben, stammt das erste
und wichtigste Verständnis dieser Perversion aus der Neurosen-
psychologie, d. h. aus der Analyse solcher Menschen, welche es
nicht zur voll ausgebildeten Perversion gebracht haben, sondern
auf dem Wege dazu sozusagen in der Neurose stecken geblieben
sind. Wenn sie dann die Hilfe des Psychoanalytikers aufsuchen,
zeigt sich oft genug, daß er durch Lösung des neurotischen Kon-
fliktes der gehemmten Perversionstendenz den Weg frei gemacht
hat und manchmal auch nach Beseitigung der lebens stören den
neurotischen Hemmungen keinen besseren Ausweg für das Sexual-
leben des Patienten sieht, als die bereits vorgebildete Perversion
sozusagen zu sanktionieren. Allerdings muß dies nicht immer, ja
1) Vergl. dam Anna Preud: Scblagephantasie und Tafftraum. Imaco
vni, 1922.
I
78 Dr. Otto Rank
nicht einmal in der Mehrzahl der Fälle der analytische Ausgang
sein; der ideale Fall besteht darin, daß zugleich mit den Ursachen
der Neurose und ihrer Symptombildung auch die Ursachen zur
Fixierung der Pervetsion aufgedeckt und unschädlich gemacht
werden, wobei natürlich die analytische Neuregelung der Libido-
ökonomie des Patienten von ausschlaggebender Bedeutung ist. Im
eigentlich anal3rtischen Verständnis derselben ist aber zugleich auch
die einzige Quelle für ein befriedigendes Verständnis der
Verursachung, Bedeutung und Behebung der Perversionen zu
finden.
Wir sagen damit natürlich nichts Neues, wiederholen im Gegen-
teil eine sehr frühe analytische Einsicht, die Freud in den „Drei
Abhandlungen zur Sexualtheorie" (1905) dahin formulierte, daß
die Neurose als Negativ der Perversion betrachtet werden könne.
Wir betonen diesen bekannten Gesichtspunkt hier darum wieder,
weil der Sinn dieser knappen Formulierung teils unverstanden
geblieben ist, teils mißverstanden wurde und dadurch allmählich
sogar zu einer Verwaschung gerade der Begriffe geführt hat, deren
immer schärfere Abgrenzung um so wünschenswerter gewesen
wäre, als sie nicht bloß ein Stück Fortschritt unseres Wissens,
sondern auch unseres therapeutischen Könnens bedeutet hätte.
So aber hören wir noch immer beispielsweise von „Homo-
sexualität" bei Patienten sprechen, die niemals eine Spur von
manifester In Version sn ei gung gezeigt haben, sondern etwa in der
Analyse verdrängte Züge von feminin -passiver Libidoeinstellung
zum Vater verraten; wir lesen von „Exhibitionismus" bei patho-
logisch prüden Frauen, deren Entblößungslust die stärkste Ver-
drängung bis zur neurotischen Symptombildung erfahren hat, und
sollen Außenstehende etwa an „Sadismus" glauben lassen, wo sich
auch dem analytischen Beurteiler zunächst nichts als masochistische
Wünsche (etwa nach Geschlagen werden) aufdrängen.
r
Perversion und Neurose 79
Es mag besonders Ihnen allen scheinen, als ob ich offene
Türen einrennen und Ihnen den Unterschied zwischen bewußt
und unbewußt, bzw. zwischen manifester und verdrängter Phan-
tasiebildung nahebringen wollte. Aber abgesehen davon, daß es
nie schadet, sich an das Abc unserer so kompliziert gewordenen
„Grundsprache zu erinnern, habe ich es zu viele Male gerade in
analytischen Diskussionen und Publikationen erfahren, daß diese
unscharfe — oder wie wir in Wien sagen würden „schlampige"
— r Begriffsbezeichnung mehr als das ist, nämlich ein Ausdruck
der Unwissenheit gewissen Phänomenen gegenüber, deren Klärung
mir durch ein paar einfache Überlegungen möglich scheint.
Eine eiste Schwierigkeit kommt wohl daher, ^daß die Analyse
die Bezeichnung für die Perversionen, mit denen sie sich aus
therapeutischen Gründen beschäftigen mußte, aus der deskriptiven
Psychiatrie (Krafft-Ebing) entlehnte, die zu ihrer Zeit mit
der Sammlung, Sichtung und Benennung dieser früher der Gebeim-
literatur vorbehaltenen Phänomene gewiß eine auch heute noch
nicht zu unterschätzende Leistung vollbracht hat. Da aber diese
Entlehnung nun einmal geschehen ist und auch die wenigen Ver-
suche, diese teilweise populäre Terminologie (Sadismus, Maso-
chismus usw.) durch eine wissenschaftliche zu ersetzen, fehl-
geschlagen sind (Algolagnie usw.), so würde sich vor allem emp-
fehlen, diese eingebürgerten Termini wenigstens nur zur Be-
zeichnung dessen zu verwenden, was sie vorher auch schon
bedeutet hatten: nämlich die manifesten Äußerungs formen der
betreffenden Perversionen, Sie werden aber dann sogleich die Frage
stellen, wie wir denn die durch Analyse im Unbewußten auf-
gedeckten Spuren und Zeichen dieser Perversionen bei den Men-
schen nennen sollen, die kein perverses Sexualleben im Sinne
dieser strengen Terminologie aufweisen. Vielleicht werden manche
bei dem bequemen Ausweg bleiben wollen, jeweilen von „unbe-
k
8o Dr. Otto Rank
wußter , bzw. „verdrängter Homosexualität, Exhibitionismus,
Masochismus usw. zu sprechen. Nun meine ich aber, daß wir
doch nicht so ohne weiteres das Recht haben, diese aus der
Deskription stammenden P ervers ionsbezeichnun gen auf das Unbe-
v™ßte anzuwenden, in dessen Bereich bekanntlich andere Gesetze
herrschen und wo wir gerade die Elemente auffinden können, aus
denen die manifesten Phänomene hervorgehen.
Ich halte daher vor allem eine Klärung der hinter unserer ein-
gebürgerten Nomenklattur verborgenen Probleme für wünschens-
wert, wobei sich nach ähnlichen Erfahrungen vermutlich zeigen
dürfte, daß das, was wir gewohnheitsmäßig unter dem Namen
„Perversionen" zusammenfassen, im Sinne unserer Metapsychologie
höchst verschiedenartige Mechanismen und ganz ungleichwertige
Libidobefriedigungen darstellt. In diesem Sinne ist der termino-
logische Ausgangspunkt unserer Überlegungen viel allgemeiner zu
fassen, da wir damit an der Subsumierung dieser verschieden-
dimensionalen Äußerungsformen der Libido unter eine rein deskrip-
tive Begriffsbestimmung rütteln. Was die Psychiatrie unter dem
Begriff der „Perversionen" zusammenfaßt, erweist sich bei ent-
sprechend tiefgehender Analyse als ganz verschiedenen Evolutions-
schichten und den ihnen entsprechenden Systemen des Seelenlebens
entspringend. Außerdem bekommen dann diese Quellen und
Strömungen ganz verschiedenartige Zuflüsse und münden schließ-
lich auch an verschiedenen Stellen der psychischen Oberfläche in
die uns durch die Beschreibung bekannten Phänomene.
II
Aus Freuds Analyse der Schlagephantasie können wir nicht
nur die unbewußten Vorstufen und Materialien der masochis tischen
Perversionsbildung erkennen, sondern auch die wichtige, oft aus
begreiflichen Widerständen vernachlässigte Einsicht, daß das, wa«
I
Perversion und Neurose gl
I
uns als angeborene Libidohefriedigung des Perversen imponieren
mag, der Endprozeß einer überaus komplizierten Libidoentwicklung
und Veidrängungsarbeit ist, die häufig in Neurose ausgeht, jeden-
falls häufig genug, um uns die Wege der Perversionsbildung und
-fixierung verfolgen und verstehen zu lehren. Dabei erfahren wir,
daß es sich mit den Perversionen ähnlich verhält, wie mit dem
schwimmenden Eisberg, dessen all erkleinster und ungefährlichster
Teil sichtbar ist, während sein Schwergewicht — gleich dem des
bedrohten Schiffes — unter der Oberfläche verborgen, durch seine
ungeheure Wasserverdrängung überhaupt erst den Auftrieb der
Spitze ermöglicht, um dann beim Zusammenstoß mit dem
Hindernis die ganzen in ihm gebundenen Elementarkräfte zu
entfalten.
Da es sich in meinem Vortrag nur um die Betonung einiger
prinzipiellen Gesichtspunkte handelt, muß ich es mix versagen, an
der Hand von durch analysierten Beispielen für alle Perversionen
zu zeigen, aus welcher vorzeitlichen Libidoevolution sie als erstarrte
Niederschläge in das bewußte Sexualleben des Individuums hinein-
ragen. Auch ist mir ja diese Aufgabe durch die psychoanalytischen
Arbeiten, die seit und auf Grund Freuds „Sexualtheorie"
geleistet wurden, zum größten Teil erspart. Wir brauchen uns
beispielsweise nur an die fast erschöpfende Aufklärung der Homo-
sexualität zu erinnern, die wir der Neurosenanalyse verdanken,
um zu erkennen, daß es eher gerechtfertigt wäre, die manifeste
Homosexualität nach den „Komplexen" oder richtiger nach den
Mechanismen zu benennen, aus denen sie jeweils entstanden ist,
als — wie es bis jetzt vielfach geschieht — umgekehrt diese Kom-
plexe und Mechanismen in einer verhängnisvoll werdenden Nach-
lässigkeit als „homosexuell" zu bezeichnen. Für die Fixierung der
Inversion kennen wir unter anderem den simplen Mechanismus
der sogenannten Inzestflucht, der natürlich auf Grund einer
Rank, Senufllität und Schuldgefühl 5
82 Dr. Otto Rank
besonderen Einstellung — möglicherweise auch einer speziellen
Veranlagung ~ zur Ahwendung vom anders geschlechtlichen und
zur Verlötung an das gleichgeschlechtliche Objekt führt. Ich denke,
ich brauche diese Mechanismen, die für beide Geschlechter in
gleicher Weise Geltung haben, hier nicht mehr näher zu
beschreiben,' möchte aber nochmals darauf hinweisen, daß wir
ihre Kenntnis den manifest nicht homosexuellen Neurotikem ver-
danken, bei denen die gleichen Mechanismen — besonders der
für die Homosexualität so bedeutsame der Identifizierung ■ — ■ in
der Symptombildung stecken geblieben und so der Analyse zugäng-
lich geworden sind. Wenn ich die weibliche Homosexualität
besonders erwähne, deren Genese aus der Ödipusein Stellung uns
Freud an einem Falle gezeigt hat, so geschieht es darum, weil
die Sicherheit der meisten Analytiker in bezug auf den Mecha-
nismus der weiblichen Inversionsneigung mangels genügender
Erfahrung rücht so groß zu sein scheint, wie bei der männlichen.
Homosextialität. Ich selbst kann aus einer Reihe weiblicher Neu-
rosenanalysen, unter denen sich auch einige mit deutlich mani-
festen „homosexuellen" Zügen befinden, nur den einen fundamen-
talen Mechanismus der sogenannten „ Inzestabwehr " bestätigen, der
aus der ursprünglich normal-geschlechtlichen Ödipusein Stellung
durch Affektverkehrung von Liebe und Haß in bezug auf die
beiden Geschlechter (Vater und Mutter) den Anschein „homo-
sexueller" Gefühlsbjndung entstehen läßt, die sich durch Bewußt-
machen und Abreagieren des dahinter wirkenden Schuldgefühls
lösen läßt. Oft verleitet die manifeste Starrheit einer solchen
Libidoverschiebung, die eine Folge des Abwehrmechanismus ist,
manche Beobachter, auch unter den AnaljTiikem, dazu, die an-
i) Siehe die knappe Zusammenfassung Freuds in „Einige neurotische
Mechanismen bei Eifersucht, Paranoia und Homosexualität" (Ges. Schriften,
Bd. V).
Perversioii und Neurose 83
scheinende Uaantastbarkeit dieser Libidofixierung zu einem wissen-
schaftlichen und therapeutischen Dogma zu erheben.
Gilt dies heute noch vielfach für neurotische Fixierungen,
welche auf das gleiche Geschlecht Bezug haben und kurzweg mit
der Etikette „homosexuell" abgetan werden, ohne daß ihre tiefere
Genese und Auflösung auch nur versucht würde, um wie viel
mehr für andere, weniger gründlich studierte Arten der perversen
Libidobefriedigung. Nach dem bisherigen Tempo der Aufnahme
und Verarbeitung analytischer Erkenntnisse dürfte es noch einige
Zeit dauern, bis beispielsweise die Freud sehe Aufklärung der
„masochistisch genannten Einstellung sich in der Terminologie,
Technik und Therapie durchgesetzt haben vrird. Man sollte nichts
von vornherein „masochistisch" nennen und als solches behandeln,
ehe man es nach der Freud sehen Anleitung in den allge-
meinen Lihidokreislauf eingeschaltet hat, wobei sich meist die
Notwendigkeit, es als „masochistisch" zu klassifizieren, erübrigen
dürfte.'
Noch deutlicher ist dies beim Exhibitionismus, der ana-
lytisch am wenigsten durchforscht ist,^ obwohl — oder weil —
er am besten geeignet scheint, die hier vertretene Auffassung zu
illustrieren. Der klassische Exhibitionismus erweist sich bei Ana-
1) Man darf dabei auch nicht daran vergessen, daß regelmäßig ein
Stück Krankheitsgewinn aus den Leidens Symptomen „masochistisch er", das
heißt speiifisch libidinoser Natur ist, und daJ3 dieser Krankheitsgewinn bei
der Analyse irgendwo vom Patienten hereingebracht werden muÜ. Die
Linie, längs deren das in ausgiebiger Weise erfolgt, ist der Widerstand,
der ja der Aufdeckung des Symptoms vorgeschaltet ist und es ermöglicht,
dessen „masochistische" Befriedigung durch das Leiden in der Analyse lu
ersetien.
2) Trotz der fleißigen und ehrlichen Arbeit S a d g e r s {Psjchopathia
sexualis auf psychoanalytischer Grundlage, Wien und Leipzig, 1921), die
bei allen Vonügen gegenüber früheren Darstellungen dieses Themas daran
leidet, daö sie nun in der analytischen Deskription stecken bleibt
und die dynamischen wie die ökonomischen Gesichtspunkte (Schichtung!)
allzusehr vernachlässigt.
k
84 Dr. Otto Rank
lyse seiner unbewußten und neurotischen Vorstufen als letzter,
weit entfernter Ausläufer — oder, wenn man will, mit Rücksiclit
auf das infantile Moment, als Wiederkehrer — einer überaus kom-
plizierten Libidoent Wicklung, die sich zwischen die infantile Ent-
biößungslust, welche in der Perversion wiederkehrt, und diese
selbst eingeschaltet hat, Der ganze Prozeß, den wir in den ent-
sprechenden Neurosen voll bewußt machen können und müssen,
verbleibt bei der Perversion im Unbewußten ; die Perversion selbst
stellt einen aus den verschiedensten Libido Strömungen verdichteten
Befriedigungsmechanismus dar, hinter dessen Fassade sich alle
möglichen, nicht nur exhibitionistische Regungen verbergen können.
Bei der Analyse von „exhibitionistischen" Zügen wird es unzweifel-
haft, daß die sogenannten „Perversionen", ganz ähnlich wie der
Traum, nur Formen zur Unterbringung von LJbidobefriedigungen
darstellen, deren Inhalt oft genug durch Verschiebung, Ver-
dichtung, sekundäre Bearbeitung und insbesondere Darstellung
durchs Gegenteil' erst zur Unterbringung in die betreffende Per-
versionsform geeignet gemacht werden mußte,
m
Ehe wir darangehen, daraus einige Konsequenzen abzuleiten,
möchte ich ganz kurz - — mehr zur Illustration als zur Instruktion —
aus der Analyse einer Hysterika die Gesichtspunkte heraus-
heben, die zum Verständnis der Wurzeln führen, aus denen der
Exhibitionismus unter bestimmten Voraussetzungen erwachsen
kann.
Die Patientin, ein Mädchen, das seit Jahren an verschiedenen
j) Es scheint mir auch van diesem Gesichtspunkt her bedeutungsvoll,
daß im Traume so häufig die „Homosexualität" durch „Umgekehrtes" dar-
gestellt wird, weil nämlich der Mechanismus der homosexuellen Einstellung
eine Umkehnuig des Ödipusatfektes voraussetzt.
Perversion und Neurose 85
Konversionssymptomen litt, brachte in die Analyse wirklich
exhibitionistisch zu nennende Träume mit, in denen sie sich
immer wieder völlig unbekleidet — meist auf der Straße — liegen
sieht, bemüftt, die Blicke der zahlreichen vorübergehenden Männer
auf sich zu lenken, was ihr aber nicht gelingen will. In ihrem
eigentlichen perennierenden Haupttraum, der seit vielen Jahien
die einzige Sexualbefriedigung des unberührten jungen Mädchens
darstellt, ist ihre unter größtena Widerstreben geschilderte Stellung
nach Art des arc de cercle ein Hochwölben des Rückens mit
Hervorkehren des Genitales, wobei sexueller Orgasmus und
Befriedigung eintritt.' Also die volle manifeste Perversion
als manifester Traumin halt, bei so weitgehender bewußter
Verdrängung der exhibitionistischen Regungen, daß Patientin
diese im Laufe der Analyse sich wandelnden Traumsituationen
nur unter den denkbar größten Widerständen, von viertelstunden-
langem Stillschweigen unterbrochen, schildern konnte und sich
dabei — einer umgekehrten Salome ähnlich — mit siebenfachen
Mänteln und Decken verhüllte. Dieser wirklich „exhibitionistische"
Traum läßt im Gegensatz zum typischen Nacktheitstraum des
Normalen, aber im Einklang mit dem Perversen, die Empfindung
der Scham vermissen und verrät, daß sich die Zeigelust im
Traumzustand voll auslebt, während die zugehörige Verdrängung
sich im Sinne der Neurose als Widerstand manifestiert, der
zugleich den Lustgevrinn in „mas och istischer" Form in die Ana-
lyse zu retten sucht, welche als „seelische" Exhibition die gleiche
Libidöbe Setzung erfahren hat.
1) Gerade während der Niederschrift dieser Zeilen kommt mir ein
Zeitungsbericht in die Hände, in welchem die Verhaftung eines Eihihitio-
nisten gemeldet wird, der lahlreiche junge Mädchen in uniüchtigen Schnu-
tänien engagierte, unter denen das oben geschilderte „Brückestellen" die
Hauptrolle spielte. Es scheint sich dabei also tatsächlich um eine allgemein
verhreitEte typische Exhihitionsstellung lu handeln.
fc
86 Dr. Otto Rank
Dürfen wir also im Sinne unserer analytischen Einsichten die
Perversion als den manifesten Ausdruck für verschiedene ver-
drängte Libido Btrebun gen auffassen, so vermag uns der erwähnte
Exhibitionstraum geradezu als klassisches Paradigma zum Studium
der unbewußten Wurzeln des Exhibitionismus dienen, wenn
es uns gelingt, seinen latenten Inhalt zu rekonstruieren.
Der Schlüssel zum Verständnis dieses Traumes ergab sich bei
etwas fortgeschrittener Analyse aus den Wurzeln der Neutose in
der infantilen ödipus einstell ung. Die Assoziationen führten immer
wieder zu einer Kinderszene aus dem zweiten Lebensjahr der
Patientin zurück, wo der Vater die ältere Schwester mit einem
Stock auf die Nates gfeschlagen hatte. Dieses frühe und harmlose
Erlebnis hatte — offenbar im Zusammenhang mit der unglück-
lichen Familienkonstellation der Patientin — später eine besondere
Wirkung zu entfalten vermocht. Als sie ein Jahr alt gewesen
w^ar, starb ihre Mutter und ihr Vater heiratete bald darauf wieder
(Stiefmutter); ins zweite Lebensjahr fällt dann die oben erwähnte
Szene, im jungen Leben der Patientin bereits das zweite Trauma
einer Libido versagung (Bevorzugung der Schwester). Als sie
zwischen drei und vier Jahren alt war, starb ihr Vater (neuer
Libido Verlust) und im Alter von fünf Jahren heiratete ihre Stief-
mutter wieder, aus welcher Ehe sie dann noch eine Stiefschwester
bekam. Für ein fünfjähriges Kinderleben genug der schweren
Erschütterungen. Auch ihre späteren Erlebnisse sind nicht gerade
günstig, obwohl sie selbst - — gleich einer traumatischen Neurose
— immer wieder die Situation der Zurücksetzung (durch den
Vater) herzustellen oder zu übertreiben sucht, die in der Schlage-
szene der Kindheit in lihidinöser Form realisiert war. Ihre eigent-
liche Neurose bricht denn auch in der Pubertät aus, als der
Pfarrer ihre Schwester ganz offenbar vor ihr bevorzugt, also in
dem Moment, in dem sich sozusagen die Realität erlaubt, dem
Perversion und Neurose 8?
herangereiften Individuum eine infantile Situation entgegen
zustellen, deren Wiederholung sich das Unbewußte in Form von
Wunschphantasien vorbehalten hatte.'
Ohne auf die Entwicklung der Neurose aus dieser Odipus-
konstellation einzugehen, möchte ich nur die Bedeutung der das
Sexualleben der Patientin repräsentierenden Exhibitionsträume und
ihre entsprechende Wandlung im Verlauf der Analyse aufzeigen.
Ein erstes Verständnis der unbewußten Wurzeln des manifesten
Exhibitionstraumes ergab sich durch Umkehrung der aufdring-
lichen genitalen Entblößung im Traume in eine anale Ent-
blößung, eine Deutung, welche durch den direkten Zusammen-
hang mit der reproduzierten Kinderszene und die daran geknüpften
Assoziationen nahegelegt wurde. Die vielen Männer ersetzen wie
gewöhnlich den einen libidinös betonten Mann (Geheimnis mit
dem Vater), und ihr Wunsch, daß der Vater sie (statt der
Schwester) beachten (anschauen) möge, ist zugleich mit der
Position ins trotzige Gegenteil verkehrt worden (er schaut sie
nicht an). Dabei entspricht die Verkehrung der frühen anal-libi-
dinösen Entblößung in die genitale dem Entwicklungsschub der
reifenden Libido, aber mit der für Neurose wie Perveision
charakteristischen Rückkehr auf eine frühinfantUe autoerotische
Befriedigungs stufe und ihrem Effekt, der I nf antil isie rung
der Genital funktion. Dementsprechend kehren die Träume
der Patientin im Laufe der Analyse von der passiven Entblößungs-
lust zur aktiven Entblößung der frühesten Phase (Beinigung,
]) Ich vermute, daß die pathogene Kraft der sogenannten trauma-
tischen Erlebnisse der Spannungadiffereni entspricht iwiachen dem
VersagTAngs- beiiehungs weise Schul dm oraent, das die reale Wiederholung
mit sich bringt (zum Beispiel wirklicher Tod eines Elternteiles usw.) mid
dem Wunsch moment, welches der phantasierten Wiederholung zugrunde
liegt. Mit anderen Worten, daQ nur die — meist typischen — Erlebnisse
traumatisch wirken, welche den — auch meist typischen — unbewußt
gewordenen Phantasien entsprechen.
88 Dr. Otto Kank
Masturbation) zurück, die genital, und zwar maskulin betont ist
(buhenhaftes urinieren). Diese Phase ihrer analytischen Entwick-
lung kulminierte in nachstehendem Traum:
Ein Bub (aus einer großen Schar von Knaben) hat gegen
mich uriniert. Ich habe einen Regenschirm dagegen aufgespannt,
aber es war noch Frau W. dabei, die sich auch schützen wollte.
Ich sagte, es geht nicht, da, ein Sturm war, der den Schirm immer
an der Seite umlegte, und ging weg.
Frau W. hatte bei ihr später wirklich Mutterstelle vertreten
und Patientin erinnert zu ihr eine Kinderszene, wo sie nicht im
Klosett urinieren woihe, weil es „zu hoch" sei und ihre Stief-
mutter sie rief, um ihr die Höschen herunterzulassen, wobei sie
böse wurde, da sie naß waren. Sie will also urinieren wie ein
Bub, es geht aber nicht. An diesem Punkt der Deutung fällt ihr
ein zweiter vergessen gewesener Traum derselben Nacht ein.
Bin Bub, dessen Anzug (rückwärts!) zu kurz war
und der sich bemühte, die dadurch entstandene Blöße zu verdecken.
Er sah die Mutter nicht (oder sie konnte ihn nicht sehen).
Der Traum bringt deutlich den kindlichen Wunsch wieder,
den Buben gleich zu sein, und die Scham, keinen Penis zu
haben, diesen Mangel zu verbergen, der normalerweise das Mehr
an Schamgefühl determiniert, das wir als weibliche Tugend
schätzen und das im Exhibitionismus aufs äußerste verleugnet
wird. Dieser Zusammenhang des Exhibitionismus mit der Kastra-
tionsphantasie macht es verständlich, daß der klassische (Genital-)
Exhibitionismus vorwiegend heim Manne zu finden ist, während
sich die Frau normalerweise gestattet, alle anderen Reize zur
Schau zu stellen, was aber im Sinne der Perversion eher
den Namen eines Exhibitionsersatzes verdient. Der besprochene
Analysentraum ist nun ein typischer Nacktheitstraum mit der
zugehörigen Scham emp findung — und ihrer
Perversion und Neurose 89
Quelle, der K astrati on s ph an tas ie' — und zeigt, daß
die zahlreichen Knaben, mit denen sie sich in der Kindheit
identifiziert hatte, in ihren späteren Träumen zu den Zuschauern
geworden sind, deren Aufmerksamkeit sie auf sich lenken will.
Im Traum sieht sie diese Knaben nicht — nur den einen, der
uriniert, ebenso wie im zweiten Traum, der andere exhibierende
Knabe von der Mutter nicht gesehen wird. Hier kommt zugleich
mit dem Schamgefühl das Verbots- und Schuldmoment zum Vor-
schein, das in der infantilen Schlageszene und der daraus ent-
wickelten „masochistischen" Einstellung kulminiert. Während
aber diese libidinösen Phantasien in ihre neurotischen Symptome
münden, die in Rückenschmerzen (Schlagen — anales Kind),
Kopfschmerzen (Vateridentifizierung) und Üblichkeiten (Schwanger-
schaft) bestanden, zweigt der Ansatz zu ihrem latenten Exhibitio-
nismus deutlich an anderer Stelle ab, und zwar von der früh-
infantilen (narzißtischen) Genitalbetonung, die in der Regel vor
der (femininen) ObjektUbido in Penisneid und Kastration sangst
dominiert. Das kleine Mädchen macht nach Freuds Beobach-
tungen° regelmäßig eine Phase durch, wo es die Knaben um den
Penis beneidet. Diese Phase wird normalerweise von der Identifi-
zierung mit der Mutter bei gleichzeitiger Libidoüb ertragung auf
den Vater abgelöst: das Zwischenstadium ist die Verlegung der
Libido auf die bisexuelle Analzone (siehe die Gleichsetzung von
Kind — Kot — Penis), die schließlich vom normalen Koitus- und
Kinderwunsch (Bubi) abgelöst wird.
Bei unserer Patientin zeigte sich die analytische Auffassung
bestätigt, daß es weniger ein von Haus aus überstarker Penis-
1) Daher kann die Nacktheit im Traujn. oft durch einen kleinen
Defekt in der Kleidung-, etwa durch Fehlen eines Knopfes, vertreten
sein.
2) „Das Tabu der Virgiaität". Ges. Sehr. Ed. V,
l_
90 Dr. Otto Rank
wünsch als die zahlreichen und frühzeitigen intensiven Libido-
versagungen waren, welche sie nötigten, auf frühere narzißtische
Befriedigungen zurückzugreifen und sie so am Peniswunsch fixiert
hatten. Auch in einer anfangs ganz normalen weiblichen Ent-
wicklung kann der bereits überwundene Peniswunsch wieder
aktiviert werden, sobald eine aktuelle Libidoenttäuschung (z, B.
im Vaterverhältnis) eintritt. Der Männlichkeitswunsch bedeutet
dann aber nicht nur einen — übidinSsen — Protest („ich
brauche dich nicht"), sondern gleichzeitig in einer tieferen Schichte
die Identifizierung mit dem geliebten Vater, dessen Verlust man
auf diese Weise ersetzen will. Unsere Patientin hatte nun vor
allem tatsächlich — nicht bloß libidinös — den Vater verloren,
was sie zur vorzeitigen Identifizierung drängte, ehe noch der
normale Penisneid yon der femininen Einstellung zum Vater
aufgesogen worden war. Diese beiden Momente — sowohl inhalthcher
wie zeitlicher Natur — veranlaßten, so weit ich sehen konnte,
die Fixierung des Penisneides, damit aber auch seine Isolierung,
die ihn vor der weiteren Verarbeitung, auch in der Neurose,
schützte. Eine solche vorzeitige Isolierung einer
infantil narzißtischen Lib ido situ a tion scheint
aber der Perversionsbildung günstig zu sein, die jedoch
bei unserer Patientin nur bis zu den latenten Ansätzen ge-
diehen ist.
Man könnte sagen, ihr keimender Exhibitionismus wurde vor-
zeitig neurotischen, d. h. übersiarken objektlibidinösen Tendenzen
dienstbar gemacht und zeigt daher pseudo- exhibitionistische,
neurotische Verwendungen. Von dieser Seite betrachtet, verrät
ihre Exhibitionslibido den Sinn, die Aufmerksamkeit des Vaters
auf sich zu ziehen : er soll mich beachten, nicht meine Kon-
kurrentin, und zwar anal, wie meine Konkurrentin (Schwester
— Mutter), damit ich ein Kind bekomme wie sie (die Mutter);
PeirersioB und Neurose 91
und zwar auch durch Schlagen (wie die Schwester}.' Dies ist die
eine (objekt-) libidinöse Strömung aus der ödipusein Stellung, Die
andere entspricht der Verleugnung dieser Tendenzen aus der
trotzig akzeptierten Versagung von selten des Ich (Männlich-
Iteitskomplex) ; Der Vater hat mich nicht beachtet, also brauchen
es auch die anderen Männer nicht (die Männer in ihrem
Traum können die Augen nicht auf sie wenden), und zwar
damit sie nicht sehen, daß ich weiblich bin ; denn ich will
männlich sein, will gar kein Kind vom Vater, sondern einen
Penis und schäme mich der Kastration. Es ist der Patientin
also nicht gelungen, den frühinfantil-narzißtischen Peniswunsch
durch den objektlibidinösen Kindeswunsch zu ersetzen, was wohl
mit dem vorzeitigen Wegfall des Vaters und der Libidoenttäuschung
am Objekt zusammenhängt. Als Ausdruck dieses Konfliktes spielte
in der Analyse ein von der Patientin erinnertes Bild eine große
Rolle, auf dem eine liegende (tote) Frau ein Kind auf ihrem
Schoß so sitzen hat, daß es nach den Worten der Patientin den
Eindruck eines Penis macht.
Nach alledem kann man die latente Eshibitionsneigung unserer
Patientin als überbetontes Detail einer stark verdrängten Schlage-
phantasie auffassen, das als einzige libidinöse Dauerbefriedigung
in der Verdrängung festgehalten wird. Mit der Schlagephantasie
ist der (weibliche) Kindeswunsch verdrängt worden, zugunsten des
(männlichen) Peniswunsch es, der aber auch — in unserem Falle
— nicht so weit dominiert, um zur vollen Perversion der
i) Die Schlagephaiitasie enthalt natürlich zugleich den Ausdruck von
Schuldgefühl und Strafe. Patientin hatte sich in der Schule manchmal etwas
indezent benommen (Röcke lu hoch gehoben usw.), um geschlagen zu
werden. Wahrend der Analyse träumte sie, sie stehle in einem Laden
Danienunterhosen, die eine Art fetischistischer Bedeutung aus der
Kindersiene des Schiagens für sie behalten hatten. In anderen Träumen
machte sie in infantiler Weise die Hose naß, um sich entblößen und die
Strafe dafür empfangen lu können.
92 Dr. Otto Rank
narzißtischen Entblößung zu führen.' Es zeigt sich, daß die
objektiibidinösen Tendenzen durch die vom narzißtischen Ich
ausgehenden „perversen" Strebungen gestört und teilweise para-
lysiert werden, daß aber bei unserer Patientin keiner von beiden
ein voller Sieg beschieden war. Dies macht den Fall so kompliziert,
verleiht ihm aber auch den instruktiven Charakter, der uns in
den Konflikt zwischen narzißtischer und Objektlibido unmittelbar
Einblick gewährt.
IV
Wir acheinen so auf dem Umweg über unsere Analysen zu
der banalen Auffassung der Perversionen zurückzukommen,
welche sie als Lihidobefriedigungen mit Ausschaltimg des normalen
Sexualzieles charakterisiert. Freud hat diesen Charakter der
Perversionen aus ihrem infantilen Ursprung verständlich gemacht.
Sie entsprechen Fixierungen, bzw. Regressionen auf Entwicklungs-
phasen, in denen nicht nur das normale Sexualziel, sondern auch
dessen Voraussetzung, der Unterschied der Geschlechter, dem Kind
noch unbekannt oder von ihm nicht akzeptiert sind. In dieser
Zeit macht das Kind keinen Unterschied in der libidinösen Be-
ziehung ztim gleichen und zum anderen Geschlecht („Homo-
sexualität"), findet daher auch noch volle Lust in der Ent-
blößung vor anderen, ebenso wie in der vorwurfsfreien Äußerung
seiner egoistischen und grausamen Regungen (Schlagen), Merk-
würdig und wie mir scheint nicht gleichgültig für den
Mechanismus der Fixierung dieser ungehemmten Triebäuße-
rungen zur Perversion ist aber der folgende aus der Neurosen-
psychologie bekannte Tatbestand. Während das Kind autoerotische
(und narzißtische) Refriedigung aus der ungehemmten Tri eh -
i) Auch in zwei anderen analysierten Fällen erwies sich der „ver-
drängte" oder nicht lur Entwicklung gekommene Exhibitionismus als ein
Rest der Sehlagephantasie und stand in deren Dienst.
t
Perversion und Neurose 93
betätigung jeder Art gevrinnt, kennt es schon unglaublich früh-
zeitig ein Ziel der Libidobefriedigung, das der Erwachsene gerne
bewußterweise als sein eigentliches Sexualziel hinstellt, nämlich
das Kinderbekomnaea. Tatsächlich können wir bei der Entwicklung
des Kindes beobachten, wie sehr bald die autoerotischen Trieb-
äußerungen in den Dienst dieser „erwachsenen" Tendenz gestellt
werden, und je nachdem, ob, bzw. inwieweit diese Verschmelzung
gelingt, können wir in ihrem Ergebnis die Voraussetzung für die
Entwicklung zu Perversion oder Neurose — oder Normalität
erkennen.
Das Kind wird, bald nachdem es sich durch die Geburt aus
dem mikrokos mischen Kreislauf des Biologischen befreit und seine
Triebe auf die Selbsterhaltung einstellen gelernt hat, sofort wieder
in den großen biologischen Kreislauf hineingezwängt, indem es
durch die — auch der Selbstentwicklung dienende — Identi-
fizierung vorzeitig ein biologisches Sexualziel der Erwachsenen in
sein unfertiges Sexualsystem aufnimmt. Ein Kind vom Vater au
bekommen, — so wie die Mutter, — sich also, um der ersehnten
ausschließlichen Liebe des Vaters teilhaftig zu werden, mit der
Mutter zu identifizieren, ist tatsächlich das oft nur schüchtern
eingestandene, regelmäßig aber sehr bald intensiv verdrängte
Libidoziei des Kindes beiderlei Geschlechts. Von diesem analytisch
aufgedeckten Konflikt her erhält die infantile Libidoentwicklung
ihren pathogenen Einschlag („Ödipuskomplex"), der je nachdem
zvi den verschiedenen Formen von Neurose oder Perversion führen
kann.
Das Kind scheint biologisch dazu verurteilt, — und unsere
konventionelle Erziehung tut noch das ihrige dazu, — ■ das
erwachsene Sexualziel, ein Kind, zu wünschen, lange, ehe es über-
haupt begreifen kann, woher die Kinder kommen, und lange, ehe
es das begreifen will, weil ihm selbst die Fähigkeit dazu abgeht.
94 Dr. Otto Rank
Die berühmte Frage, woher die Kinder kommen, die das Eind
bekanntlich lange vor ihrer bewußten Formulierung in vielfachem
Fragediang stellt, ist nichts anderes als ein Ausdruck dieses
Konfliktes und heißt eigentlich: ich kann mir nicht vorstellen,
woher die Kinder kommen, weil ich selbst keines bekomme oder
nicht will, daß die Eltern eines (ein anderes) bekommen. Aus einer
solchen Einstellung wird auch die negative Reaktion gegen bereits
vorhandene oder neuankommende Geschwister verständlich, denen
das Kind einfach die Existenzberechtigung abspricht, weil es ihre
Herkunft nicht kennt,' ein Vorgang, den bekanntlich unsere
Behörden wiederholen, für die nur der existiert, der dies durch
einen Geburtsschein beweisen kann.
Dieses „gefährliche Alter" des Kindes kann man vielleicht am
einfachsten charakterisieren, wenn man es biologisch als den
Zusammenstoß der 'individuellen und generativen Tendenzen,
psychologisch als den ersten Zwang der Libido in den Dienst der
Fortpflanzungsidee beschreibt.
Die Fortpflanzung ist zweifellos ein biologisches Faktum, ja
geradezu das Biologische selbst im engeren Sinne. Das darf uns
aber nicht hindern, in ihrer übertriebenen Betonung, die ein Produkt
imserer Kultur ist, die wissenschaftliche Formulierung einer infan-
tilen Sexualtheorie zu erkennen.* Für den Erwachsenen ist in der
i) Eine Patientin erklärte, sie habe nach einer schweren Gehurt, die
eine lange Narkose erforderte, ihr Kind gar nicht als das ihrige empfanden,
weil sie hewußtlos gewesen sei. Sie hat nicht einmal in dieser ganz
erwachsenen Situation ihren alten Kinderwunsch erfüEen können, endlich
wirklich m erfahren, woher die Kinder kommen. — Dieser Gesichtspunkt
mag vielleicht ein Licht auf manche scheinbar nur physiologische Probleme
des Gehortsvorganges werfen. Siehe jetzt „Das Trauma der Geburt" (In-
ternat. PsA. Bibh Nr. 14., 1924).
2) Es lieSe sich manches kulturgeschichtlich Interessante auch über die
naturwissenschaftliche Erkenntnis der Fortpflanzungs Vorgänge und die dabei
wirksam gewesenen unbewußten Verdrängungamotive sagen, die unsere
Auffassung iUuBtrieren würden. Jedenfalls scheint es mir im Sinne der
Perversion und Neurose 95
Regel weder das Kind noch die Fortpflanzung das bewußte Sexual-
ziel, sondern der in der Vereinigung der Geschlecliter bestehende
Sexual afct, der selbst wieder nur tieferen n anißtischen Libido-
befriedigimgen dient. Die Auffassung, daß der Sexualakt der Fort-
pflanzung diene, ist ein Schluß post hoc, den das Kind auf Grund
der libidinösen Identifizierung von den Erwachsenen übernimmt.
Da dem Kind der Akt der Vereinigung von Vater und Mutter
unbekannt bleibt, setzt es naiverweise das vermutete Produkt des-
selben, das Kind, an die Stelle des Aktes und bleibt so am Kindes-
wunsch libidinös fixiert, der im Gegensatz zum Sexual wünsch
etwas Greifbares und Gestattetes repräsentiert und so die Phantasie-
bildung der Kinderjahre beherrscht. Wie das Kind psychologisch
den Eltern die Befriedigung sowohl narzißtischer (Ichorweiterung)
wie auch objektlibidinöser Regungen gestattet, so ist es selbst
biologisch der deutlichste Repräsentant des Konfhktes zwischen
Ich und Gattung, und diese großartigen Eigentümlichkeiten
machen dann den von den Eltern übernommenen Kindeswunsch
zu einem so vollwertigen Lihidosymbol für das Unbewußte. Die
Resistenz dieses frühinfantilen Kinderwunsches erklärt sich, abgesehen
von diesem biologisch begründeten Urcharakter, aus der Tatsache
der Unmöglichkeit seiner Realisierung für das Kind. Er ist so dazu
verurteilt, der intensivste Wunsch zu bleiben, weil er das un-
überwindlichste Hindernis der vollkommenen Identifizierung mit
den Erwachsenen (Eltern) war. Am Kindeswunsch scheitert so in
obigen Ausführungen bemerkenswert, daß die Naturforschung im Begriif
ist, diese „infantilen Sexualtheorien" stückweise zu üienvinden. So haben
neuere Forschungen über die Sexualität der Pilie (vom Würzburger
Botaniker Hans Kniep und der ftaniösischen Forscherin Mathilde
Beasaude) nicht nur bestätigt, daß die Koppelung des Sexualaites mit
FortpflaniungB- und Vermehnmgseinrichtungen im wesentlichen auf die
höher entwickelten Organismen beschränkt ist, sondern unzweideutig
erwiesen, daß Fortpflanzung und Vermehrung mehr oder
weniger unabhängig vom eigentlichen Sexualakt ver-
laufen.
96 Dr. Otto Rank
der Regel ■ — ■ man möchte sagen: glücklicherweise - — die
Identifizierungstendeiiz des Kindes und nötigt es bis zur Zeit der
Reife zur Ichentwicklung, die, durch Festhalten am verdrängten
Kindeswunsch bedroht, in die Neurose mündet.'
Im Sinne dieser hier bloß angedeuteten Auffassung kann man
den Kindes wünsch, der sich dann später als Fortpflanzungsidee
breit im Bewußtsein etablieren darf, als ein Sublimierungsprodukt
der ödipuslibido betrachten, und vielleicht behält die Libido von
dieser ersten biologisch motivierten Verschiebung neben anderen,
gleich zu erörternden Eigentümlichkeiten auch den Charakter der
Unbefriedigbarkeit, der dem homo sapiens ein wesentliches Stück
seiner Eigenart verleiht. Wie in allen infantilen Sexualtheorien,
steckt natürlich auch in der erwähnten, wonach die Libido nur
Mittel zum Kinderkriegen sei, ein Kern von Wahrheit, der aber
von den Erwachsenen nur zu gerne als die ganze ausschließliche
Wahrheit hingestellt wird, was sie weder biologisch, noch weniger
aber psychologisch ist.
Wenn wir uns nun erinnern, daß der erwachsene Perverse mit
seiner Perversion zu einer Form der infantil- narzißtischen Libido-
befriediguug zurückkehrt, wenn er nicht überhaupt daran fixiert
geblieben ist, so müssen wir doch Vfohl fragen, was der Sinn
dieser Regression sein mag. Bereits auf der Stufe der ungehemmten
Triebbefriedigung, wo also das Kind nach dem Ausdruck von
Freud sich sozusagen „polymorph-p ervers" benimmt, hat es, wie
uns die Analysen überdeutlich zeigen, ein erwachsenes Sexualziel
mehr oder weniger ausgebildet, das in dem Wunsch gipfelt, ein
t) Andererseits liegt im Kindeswunsch selist auch ein wesentliches
Stück der Ichentwicfclimg beschlossen, was besonders deutlich in der
Psychologie einziger Kinder in negativer Form zu beobachten ist, während
bei Geschwistern die von außen geforderten Einschränkungen und An-
passungen dem Kinde sowohl die Ichbildimg erleichtern als auch die
harmonischere Entwicklung der generativen Libido, die im Kindeswunach
Ausdruck findet.
fr
Perversion und Neurose 97
Kind zu bekommen und auf diesem Wege in das Geheimnis der
Zeugung und Geburt einzudringen, das allein den tiefsten Sinn
der berühmten Kinderfrage erschließt. Der Normale behält diesen
infantilen Kindeswunsch ziemlich unverändert bei, nur schiebt er
bis zur Zeit der Reife an die Stelle der libidinösen Ideale, die
der Vater-, beziehungsweise Mutter-Identifizierung entsprechen, das
betreffende Ichideal der „Männlichkeit" oder der „Weiblichkeit",
das sich später leicht wieder mit dem inzwischen zurückgestellten
Kindeswunsch vereinigen läßt.
Den Perversen finden wir dagegen in einer Phase der Libido-
entwicklung fixiert, die sich wieder die rein narzißtische Befrie-
digung einzelner Partialtriebe hemmungslos gestattet, mit Aus-
schaltung gerade des einen infantilen Libidozieles, welchem diese
Triebkomponenten so frühzeitig dienstbar gemacht worden waren :
nämlich des Kindeswunsches. — Der Perverse hat also die vor-
zeitige Verlötung der auf autoerotischen Lustgewinn arbeitenden
Partialtriebe mit dem. Fortpflanzungsgedanken wieder gelöst,
während der Neurotiker ihn so stark an diese Partialtriebe selbst
fixiert, daß für die spätere normale Einschaltung der Genitalfunktion
in diesen Mechanismus kein Raum bleibt. Die Neurotiker beiderlei
Geschlechtes — aiich wenn sie die Genital funktion scheinbar
normal entwickelt haben — wünschen in ihren Symptomen immer
noch das Kind auf dem extragenitalen Wege der Infantilität (Be-
fruchtung durch den Mund, Geburt durch den Anus) zu gebären,
während gleichzeitig ihr unbewußtes Schuldgefühl aus der Ver-
drängung der OdipusUbido sowie ihr erwachsenes Ichideal diese
verdrängten Phantasien verdammen. Die Perversen haben den
infantilen Wunsch nach dem Kinde vollkommen ausgeschaltet ;
was sie charakterisiert, ist die Vermeidung des Sexualaktes, ja oft
genug ein Abscheu davor, der der neurotischen Sexualablehnung
verwandt sein mag. Dagegen setzen sie aber die Befriedigung der
Rank, Sciualität und Schuldgefühl j
98 Dr. Otto Rank
entsprechenden Partialtriebe hemmungslos im narzißtischen Sinne
fort {Fellatio, Päderastie). Der Hemmungsmechanismus ist also
beim Neuiotiker gegen die autoerotisch -narzißtische Befriedigung
gerichtet, — daher vielleicht auch sein starkes Ühertragungs-
bedürfnis, — beim Perversen gegen die generative Libido, auch in
ihrer infantilen Form, wie sie im vorzeitigen Kindeswwnsch durch-
gebrochen und dann radikal ausgeschaltet worden war. Als einzige
Narbe dieser radikalen Verdrängung bleibt die feminine Libido-
einstellung des Perversen bestehen, sozusagen als bloße Geste des
Empfangenwollens mit Ausschaltung des seinerzeitigen Zieles. Die
Feminität des Homosexuellen braucht nicht erst bewiesen zu
werden, ob er nun wirklich in der femininen Einstellung zum
Vater die passive Rolle der Mutter spielt oder sich in der schein-
bar aktiven Liebe fvir den Jüngling mit der Mutter identifiziert,
bei narzißtischem Festhalten einer eigenen Entwicklungsstufe.
Ebenso genügt es, auf die analytisch aufgedeckte Wurzel des
Masochismus in der passiv-femininen Schlagephantasie hinzuweisen ;
bei den Mundperversionen ist die (weibliche) Befruchtungs Symbolik
klar, beim Exhibitionismus der (feminine) Kastrationskomplex
während Fetischismus und Kleptomanie sich mehr den neu-
rotischen Abwehrmechanism.en der Kastration sangst annähern, also
sozusagen im Vorstaditun der Perversionsbildung stecken geblieben
sind : der Fetischist hält einen idealisierten Teil des Sexualobjektes,
der ihm fehlt, an Stelle des ganzen fest, der Kleptomane be-
mächtigt sich eines ihm vorenthaltenen Dinges, mit charakteristi-
scher Verschiebung vom sexuellen auf das soziale Gebiet (Verbot,
Strafe I).
V
Ehe wir schließlich auf den entscheidenden Faktor hinweisen,
der die Entwicklung nach der einen oder anderen Richtung be-
stimmt, müssen wir noch einen flüchtigen Blick auf eine Art
]
Perversion und Neurose 99
der Libidobe friedigung werfen, die geeignet erscheint, in dorn
Konflikt zwischen autoerotischer und generativer Libidobefriedigung
einen Kompromiß anzubahnen, und der auch normalerweise die
Aufgabe zufälh, die Phase der autoerotischen Parti alt rieh befriedigung
in die unter dem Genital primat stehende generative Libido-
befriedigung überzuleiten. Diese Zwischenstellung erklärt es,
warum wir seit Freud die Masturbation als Repräsentanten
der gesamten infantilen Libido auffassen dürfen.
Schon die erste Phase der infantilen Frühmasturbation stellt
sich uns als ein Zurückgreifen auf ursprünglich autoerotische
Lustquollen infolge der natürlichen Versagung in der vorzeitigen
Objektübido (Ödipusphantasie) dar, die als Wunschphantasie den
ursprünglich autoerotischen Akt begleitet, ihn aber bereits zu
einer narzißtischen Befriedigung macht, da das Kind dabei gleich-
zeitig beide Objekte libidinös darstellt. Die Frühmasturbation ist
so die sekundäre Wiederbesetzung der ursprünglich rein autoero-
tischen Lustempfindungen, auf die den Eltern zuliebe, durch
Übertragung libidinÖser Strebungen auf sie, teilweise verzichtet
worden war. Die notwendige Versagung der vorzeitigen Objekt-
libido in der Ödipussituation ist es, welche die Wie derb esetzimg
veranlaßt, und je nach der Verdrängungsphase, in die das fällt,
wird die Schuld an der Enttäuschung dem gleich- oder dent
anders geschlechtlichen Elternteil zugeschrieben. Davon hängt
wieder die Rolle ab, die das Ich in der Identifizierungssituation
der Masturbation sphantasie spielt, und davon in weiterer Folge
sowohl die charakteristische Form der Onanie als auch die
besonders für die Symptombildung wichtigen Abwehrmechanismen
dagegen.
Man kann sagen, daß in den verschiedenen, schubweise auf-
lebenden Masturbationsperioden, oft bis weit in die Pubertät hin-
ein, der im frühesten Kind es alter entfachte Konflikt zwischen
7*
100 Dr. Otto Rank
Autoerotismus und Objektlibido, zwischen Ich- und Sexuahrieben ,
zwischen Individuum und Gattung' immer neu und heftiger auf-
flammt, um schließlich im Kom.promiQ des sogenannten normalen
Sexuallebens eine Erledigung zu finden, während die vorzeitige
Verdrängung der auto erotisch-körperlichen Komponente zur Neu-
rose, ihre Überbetonung auf Kosten der generativen Objektlibido
zur Perversion führen kann.°
An der Onanie, die ihrer Natur und Tendenz nach eigentlich
selbst zu den Perversionen zu zählen wäre, wenngleich sie das
Objekt nur in der Phantasie ersetzt, läßt sich nun mit aller
Sicherheit der Faktor erkennen, der ihr endgültiges Schicksal und
damit das der gesamten infantilen Libido bestimmt. Es ist das
Schuldgefühl, das, dunkler Herkunft, aus den letzten eng
verschlungenen Wurzeln der Ich- und Sexualtriebe stammend, die
Aufgabe zu haben scheint, die organischen und kulturellen Ver-
dräugungsleistungen nach beiden Seiten hin zu sichern, indem es
ein Übermaß narzißtischer Libid ob e friedigung durch Hinweis auf
die Ansprüche der Gattung herabdrückt, andererseits überstarke
Gattungsansprüche nicht zuläßt, wenn sie individuelle Lustquellen
hemmen. Normalerweise wird dieses Schuldgefühl, das man je
nachdem in ein biologisches und soziales scheiden könnte, zu den
ethischen, gesellschaftlichen und vermuthch auch ästhetischen
Hemmungen, beziehungsweise Wertungen verarbeitet, die über-
i) Die trotiige Verleugnung der Gattungslibido, die uniweifelhaft in
der Masturbation steckt, hat in der scheinbar irreführenden Bezeichniuig
dieser Libiiiobefriedigung als „Onanie" unbewußten Ausdruck gefunden,
da ja der biblische Onau gerade als ein Vernachlässig er der menschlichen
Generations Verpflichtung dargestellt ist.
2) In der Masturbation selbst liegt neben dar Regression auf den infan-
tilen Autoerotismus ein bedeulsamer psjcho-biologischer Fortschritt in der
Richtung der Gestaltung oder Bejahung der Sinnlichkeit, den wir im Hin-
blick auf dio iMeigung der Neurotiker, gerade die sinnlioh-körperticlie
Komponente zu verdrängen, als psychisch „gesund" bezeichnen dürfen.
Perversion und Neurose 101
haupt erst ein Zusammenleben so zahlreicher Iche und in weiterer
Folge die Sublimierung ermöglichen. In den Neurosen aber haben
wir die mißglückten Exemplare vor Augen, die vielleicht durch
ein Zuviel an Trieblust, jedenfalls aber durch ein Vielzuviel an
ungebundenem Schuldgefühl charakterisier! sind. Man kann ruhig
sagen, daß Art und Grad des Schuldgefühles auch Art und Grad
der psychischen Gesundheit oder Krankheit bestimmen und im Falle
der letzteren auch Art und Grad der Beeinflussungs-, beziehungs-
weise Heilungsmöglichkeit. Für die Neurosen hat ja jeder von
Ihnen, wie ich nicht zweifeln kann, selbst Beispiele in Erinnerung,
da jeder einzelne richtig analysierte Fall zu diesem Kernpunkt
zurückführen muß, von dem die Symptombildung ihren Ausgang
genommen hat. Denn zu den vielen Formeln für die Psycho-
analyse, die ihre verschiedenartigen Aspekte gestatten, läßt sich
vom therapeutischen Standpunkt als die vielleicht bedeutsamste
hinzufügen : Befreiung vom Schuldgefühl, oder hesser gesagt, vom
Zuviel des Schuldgefühles, unter dessen Normaldruck v?ir ja alle
in unserem Kulturmilieu leben.
VI
Zur Erreichung dieses therapeutischen Zieles muß man aller-
dings zumeist bis in die Analyse der Ichbildung vordringen,
aus der letzten Endes das Schuldgefühl zu stammen scheint, das
sich vorwiegend gegen die libidinösen Ansprüche richtet, indem
es aus der Verdrängung der als „pervers" bezeichneten, sozial
im verwendbaren Trieb komponenten, gewissermaßen als Sicherung
des Ichs gegen deren Wiederkehr, hervorgeht. Beim Neurotiker
ist dieser Schutz nur so stark ausgefallen, daß er sogar jede
Weiterentwicklung der Libido hemmt, sozusagen mit Selbst-
bestrafung belegt (Symptombildung).
Bei den Perversen sehen wir dagegen das umgekehrte Er-
102 Dr. Otto Rank
gebnis in Erscheinung treten. Befriedigung von Parti altrieben auf
Kosten des Generationstriebes, ohne Hemmung von Seite des
Schuldgefühls. Die Perversionen vermögen so die analytische Er-
fahrung zu bekräftigen, daß das beste Mittel zur Auflösung des
neurotischen Schuldgefühls zunächst die narzißtische Libido-
besetzung ist, die auch tatsächlich mit der analytischen Bindung
des zur Symptombildung verwendeten Schuldgefühls Hand in Hand
geht. Die Perversionen, welche nicht nur die erwachsene Genera-
tionslibido ausschließen, sondern, wie wir eben zu zeigen ver-
suchen, auch ihr infantiles Vorstadium direkt verleugnen wollen,
entsprechen also einem, umgekehrten Ausgang des geschilderten
Konfliktes wie die Neurosen : diese zeigen das übermächtige Schuld-
gefühl und die unvollkommene Verdrängung der Parti altriebe,
die im Symptom Befriedigung, beziehungsweise Bestrafung finden;
jene zeigen die ungehemmte Befriedigung der Parti altriebe, ohne
Störung durch Schuldgefühl, ja beruhen, wie sich zeigen läßt,
geradezu auf der Verleugnung desselben, was offenbar die
Bedingung für das Festhalten an der narzißtischen Libido-
befriedigung ist.
Ehe V7ir zu zeigen versuchen, wie diese Berücksichtigung des
Ichanleils an dem Zustandekommen der Perversionen den Mecha-
nismus der Perversionsbildung auch im einzelnen verständlich
macht, scheint es nötig, einen scheinbaren Einwand und eine
wirkliche Schwierigkeit hervorzuheben, beziehungsweise zu besei-
tigen. Wenn wir finden, daß die Ausübimg der Perversion der
Verleugnung des in der Neurose dominierenden Schuldgefühles
ihre MogUchkeit verdanke, so scheint eine der verbreitetsten Per-
versionen, der Masochismus, dieser Formulierung direkt zu wider-
sprechen, da ja der Masochisnius gar nichts anderes als das
Schuldgefüllt repräsentiert, das Bindung und Abfuhr (Befriedigung)
auf libidinösem Wege sucht. Nun erscheint uns dies aber gei'flde
Perversion und Neurose 103
als Bekräftigung unserer Auffassung, jedenfalis aber als ein offen-
kundiger Beweis für den engen Zusammenhang von „Perversion
und Schuldgefühl. Die scheinbare Schwierigkeit verschwindet,
wenn vrir unserer Untersuchung selbst, wie eingangs angedeutet,
die Kompetenz einräumen wollen, erst die Kriterien für das fest-
zustellen, was wir Perversion in unserem. Sinne nennen wollen.
Dann würden wir im Masochismus mit Becht eine infolge Durch-
bruches des neurotischen Schuldgefühls mißglückte „Perversions-
bildung" erkennen, deren geglücktes Pendant uns als Sadismus
wohlbekannt ist. Tatsächlich scheint es, als ob auch praktisch
Masochismus ohne Neurose nicht vorkäme, während dies beim
Sadismus häufig der Fall ist, wie ja dessen extreme Äußerungen
direkt zu verbrecherischen Handlungen führen können.
Wir haben also in den Perversionen den Versuch
einer Verleugnung des Schuldgefühls zu erblicken
und können bei entsprechend tiefgehender Analyse auch in den
gelungenen Fällen von wirklicher P ervers ionsbildung das dazu-
gehörige Schuldgefühl auffinden;die therapeutische Wirkung besteht
dann darin, daß wir dieses abgetrennte Schuldgefühl wieder mit
den zugehörigen Libido- und Ichtendenzen, denen es entstammt,
verschmelzen und den Perversen sozusagen durch dieses neurotisch-
frühinfantile Stadium hindurch zu einer besseren ökonomischen
Libidovert eilung führen, indem wir das Schuldgefühl an eine
andere Stelle verschieben: statt daß es durch die Ausübung der
Perversion verleugnet wird, soll es sich ihr entgegenstellen und
sie verhindern.
Hätten wir soweit den scheinbaren Widerspruch des Maao-
chismus mit unserem Perversionsmechanismus beseitigt, so erübrigt
noch ein Wort über den Sadismus, den wir als gelungenes
Gegenstück hingestellt haben, ja, der in bezug auf den typischen
Mangel an Schuldgefühl als die Perversion katexochen anzusehen
104 Dr. Otio Rank
wäre. Es ist klar, daß der Sadismus mit diesem Hinweis auf
seinen manifesten Gegensatz, den Masochismus, nicht erledigt ist,
vielmehr eine Würdigung und Untersuchung für sich allein bean-
sprucht. Es wäre aber voreilig, daraus auf einen Mangel der vor-
getragenen Theorie schlieiSen zu wollen; eher daratif, daß der
Sadismus, wie Freud längst angedeutet hat, eine von den Lihido-
äußerungen zu sein scheint, deren Verständnis von einer ganz
anderen Ebene unseres seelischen Geschehens aus zu suchen ist,
als das der anderen sogenannten Perversionen. Wenn wir uns der
Freud sehen Vermutung erinnern, daß es sich dabei um den
nach außen gewendeten Destruktionstrieb handeln konnte,' so wäre
damit vor allem die starke IchbeteiÜgung am Sadismus betont,
während der mit ihm gewohnheitsmäßig gepaarte Masochismus
mit seinem überwiegend neurotischen Libidoanteil und Schuld-
gefühl gerade am anderen Ende der Perversionsreihe stünde. Es
scheint darum auch kaum zufällig, wenn die Analyse schon sehr
frühzeitig im Masochismus zunächst einen wieder nach innen,
gegen die eigene Person gewendeten Sadismus erkannte, der die
ursprüngliche Destruktionstendenz wieder ins Ich zu rückzu verlegen
sucht, wohei allerdings das bei diesen Umformungsprozessen
gebundene soziale Schuldgefühl aus seiner neurotischen Stauung
eine Abfuhr am Objekt benötigt, die wir eben als „Perversioii"
kennzeichnen. Der gleiche Zirkel von Projektion und Jntrojektion
scheint übrigens auch im einzelnen perversen Akt fortzuwirken,
da die Analysen uns z. B. zeigen, wie der Geschlagene („Maso-
chist") das dem Schlagenden („Sadisten") fehlende Schuldgefühl
gewissermaßen immer wieder auf sich nimmt, um es immer
wieder durch die Fortsetzung der Strafe aufs neue binden (i. e,
befriedigen) zu lassen, während der „Sadist" mitunter nach dem
Akt Schuldgefühl verrät.
i) „Jenseits des Lustpriniips."
Perversion und Neurose 105
Wenn wir nach diesem vorbereitenden Exkurs die Haupt-
perversionen auf ihr Verhältnis zum Schuldgefühl und den Mecha-
nismuE seiner Abwehr prüfen, so ergeben sich folgende Gesichts-
punkte:
Der Homosexuelle scheint einer inneren Anklage seines Schuld-
gefühles gegenüber zu versichern: ich will ja gar nicht die Ödipus-
libido und das Kind vom Vater! Im Gegenteil: gleichgeschlecht-
liche (narzißtische) Libido und kein Kindl Der Masochist schreit
gleichsam dieselbe Verleugnung hinaus, nur mit der modifizierten
Entschuldigung, er wolle Strafe für den verbotenen Ödipus- und
Kindeswunsch ! Der Exhibitionist entblößt in narzißtischer Weise
sein Genitale, dessen supponierte Gleichheit die Möglichkeit des
(inzestuösen) Sexualaktes und des Kindes gleichfalls verleugnen
BollI Zugleich setzen sie aber alle dabei die infantile Zeugungs-
und Geburtstheorie, an der der Neurotiker im Unbewußten fest-
hält, in die Realität um, mit der entscheidenden Modifikation, daß
sie das Kind nicht bekommen, sondern selbst sein
wollen, oder besser gesagt sind: der Homosexuelle, indem er den
Geschlechtsunterschied vernachlässigt, der Masochist, indem er sich
in kindlicher Weise schlagen läßt, der Exhibitionist, indem er sich
mit infantiler Schamlosigkeit lustvoll entblößt, was gleichfalls die
unbewußte Negierung des Geschlechts Unterschiedes zur Voraus-
setzung hat.
Nur protestiert der Homosexuelle gegen das Objekt —
indem er es ins Gegenteil verkehrt, — der Exhibitionist
gegen das Organ — indem es es nivelliert, der Masochist
gegen den Akt — indem er ihn zur Strafe degradiert, — der
Sadist gegen die Libido selbst — indem er sie als Haß und
Grausamkeit äußert. Dementsprechend enthält der Masochismus
am meisten ungebundenes Schuldgefühl, weil er — wie Freuds
Analyse gezeigt hat — auch am meisten infantil-unbewußte
lOÖ Dr. Otto Rank
WunBcherfüUungen. zuläßt ; der Sadismus fast gar kein Schuld-
gefühl, weil er es in der Grausamkeit positiv auslebt.
Alle aber scheinen sich dabei am anderen Geschlecht
rächen zu wollen, indem sie ilim die eigentliche Genitallibido
entziehen, während aber gerade die in t ens i v e Verl eu gn u ng
des Objekt- und Kind es Wunsches, die wir im Pervers ionsm.echa-
nismus zu erkennen glauben, darauf hinweiet, daß ihre Rache-
tendenz einer aus Enttäuschung ins Gegenteil gewendeten Ödipus-
phantasie entsprungen ist, der ursprünglich auch der intensivste
Kindeswunsch zugrunde gelegen ist.
Die Auffassung, daß der Perverse in narzißtischer Beharrung
oder Regression das Kind selbst spielen will, mag durch die Er-
fahrung aus der Neurosenpsychologie gestützt werden, wo eine
Phase des H eil ungs Vorganges regelmäßig zeigt, wie der Patient
das infantile Kind nicht mehr bekommen, sondern selbst sein will.
Er zeigt damit, daß er auf dem Wege ist, ein Stück seines im
Schuldbe\yußtsein untergegangenen normalen Narzißmus wieder-
zufinden, mit anderen Worten, daß er sich gewisse verdrängte
narzißtische Libidobefriedigungen wieder gestattet, deren konstantes
Ausleben der Perverse zum dauernden und einzigen Sexualziel
erhoben hat.
Wollte man die besprochenen Gesichtspunkte einer allgemeinen
Theorie der Perversionen zugrunde legen, so dürfte man nicht
versäumen, auf die vielleicht größte Gruppe der Perversionen über-
haupt hinzuweisen, deren Schilderung auch in der Literatur einen
breiten Raum einnimmt: nämlich der sogenannten kopiophilen,
die — häufig mit Voyeurtum (sexuelle Neugierde) verbunden —
auch im analytischen Sinne als die Perversion katexochen gelten
dürfen, da sie einen Hauptbeweis dafür bilden, daß es tatsächlich
das Verdränguiigsschicksal des analen Kindes ist,
das die Form der Perversion bestimmt, während ihr M e c h a-
Perversion und Neurose 107
n i s m u 5 aus dem im analen Kind sozusagen beleidigten bio-
logischen Schuldgefühl verständlich wird. Die große Gruppe
der koprophilen Perversionen zeigt das Moment des Analen, in
dem die ganze Bisexualität psychobiologisch beschlossen liegt, in
primitivster Form, erhalten (siehe die Gleichung: Stuhl — Penis —
Kind), während Homosexualität, Masochismus und Exhibitionismus
die Analerotik auf die genitale Stufe zu heben bemüht sind, also
schon Konfliktsprodukte, d. h. Kompromisse darstellen:' die Homo-
sexualität, welche direkt eine Kompromißbefriedigung von analer
und genitaler Zone zu realisieren sucht, der Masochismus, der den
Genitalakt durch das anale Schlagen ersetzen will, und der Exhi-
bitionismus, der auf der Grundlage des Kastrationskomplexes anale
und genitale Erotik (Zeigen) verschmilzt.
Während also der Neurotiker mit seinem Übermaß an Objekt-
libido und der Fixierung an den Kindeswunsch der Gattung zu
viel Konzessionen auf Kosten seiner narzißtischen Ichbefriedigung
macht, versucht der Perverse in kindlichem Trotz jede Gattungs-
gemeinschaft zu verleugnen. Wenn die Gesellschaft die Perver-
sionen ächtet und teilweise sogar noch unter Strafe stellt, so zeigt
sie damit zwar eine richtige Einschätzung der sozialen Opposition,
die in ihnen steckt, die aber durch Strafandrohungen nur noch
heftiger werden muß. Die Art aber, wie die Perversen selbst dar-
auf reagieren, zeigt deutlich, daß ihnen das durch eine kühne
Regression verleugnete Schuldgefühl in Form der sozialen Ächtung
aus der Realität wieder entgegentritt,
i) Perencii hat geleg-entlich schon darauf hingewiesen, daß die
Perversionen bereits genitalisierte (infantile) Erotismen sind und als
solche nicht so sehr Gegenstücke lu den neurotischen Symptomen als
selbst Symptome. („Zur Nosologie der männlichen Homosexualität." Internat.
Zeitachr. f. Psa., II, 19I4-)
Die psydiisdie Potenz
Die psychoanalytische Behandlung jeder Neurose bringt ein
Stück Befreiung verdrängter, bzw. infantil fixierter Libido mit
sich, die teilweise dazu dient, das verkümmerte Sexualleben des
Patienten auf die Stufe des realen erwachsenen Genitalprimats zu
heben; andernteils soll die befreite Libido auf dem Wege der
Sublimierung in unschädlicher, womöglich socialer Weise ver-
arbeitet und so neuerdings besser gebunden werden.
Der erste Vorgang wird sich gewiß bei der „psychischen"
oder wie man besser sagen sollte neurotischen Impotenz
am deutlichsten, so^.usagen handgreiflich verfolgen lassen, da ja
hier mit der ersten Aufgabe, der Libidobefreiung, zugleich das
therapeutische Ziel der Analyse erreicht ist. Aber es bedarf gerade
nicht dieser gewissermaßen aktuellen Psych oneurose, deren
Symptombildung sich auf das eigentliche Exekutiv- und Befrie-
digungsorgan der Lihido, das Genitale, beschränkt, um den
Prozeß der Libidobefreiung und -Verarbeitung, der ein Hauptstück
jeder Analyse ausmacht, zu studieren. In jeder Psychoneurose
handelt es sich ja in gewissem Sinne um eine „psychische"
Impotenz, d, h. um ein Verweilen der Libido auf infantiler Ent-
wicklungsstufe, ob sich dies nun im Regredieren zu einem Kon-
versionssymptom, im Überbau von zwanghafien Hemmungen
Die psydiisdie Potenz 109
oder in det Verschiebimg auf perverse Handlungen und Phanta-
sien — einschließlich der Masturbation — äußern mag.
Wenn ich also von einer psychischen Potenz spreche, so meine
ich damit weniger den Gegensatz zur sogenannten psychischen
Impotenz, was ja die Potenz schlechthin bedeutete, sondern
möchte versuchen, damit einen abgrenzharen Tatbestand der
Libidoent Wicklung zu umschreiben, der uns nicht nur im Heilungs-
vorgang der Psyclioanalyse entgegentritt, sondern auch im nor-
malen Liebesleben eine entscheidende Rolle spielt. Unter diesem
Gesichtspunkt betrachtet, scheint mir der Begriff der „psychischen
Potenz" für das Verständnis gewisser Züge des normalen Liebes-
lehens ebenso brauchbar wie zur teilweisen Erhellung der dyna-
mischen Vorgänge während einer Psychoanalyse.
Ich möchte diese Auffassung an einigen Beispielen verdeut-
lichen, wobei ich mich zunächst auf Material von Männern
beschränke und die entsprechenden Libido Vorgänge beim Weibe
weiteren Untersuchungen vorbehalte (z. T. im nächsten Abschnitt
über die Objektwahl).
I
Aus der Analyse einer in dreieinhalb Monaten geheilten
Impotenz eines Mannes, bei dem. die organische Therapie ver-
sagt hatte. Als junger Mann hatte er, gegen den Willen der
Eltern, ein Mädchen von gutem Hause aus Liebe geheiratet;
dieser Ehe entstammte ein Kind. Bei dem unter tragischen
Umständen erfolgten Tod eines seiner besten Freunde erfährt er,
daß seine Frau ein Liebesverhältnis mit diesem unterhalten hatte,
und läßt sich sofort scheiden. Es zeigt sich, daß er an dem
unglücklichen Ausgang dieser Ehe nicht so unschuldig war, wie
er selbst glauben mochte. Er hatte selbst, wie dies so häufig vor-
kommt, den Freund in sein Eheleben hineingezogen und das
110 Dr. Otto Rank
Verhältnis titibewußt begünstigt, um so ein Stück seiner in der
Ehe tuibefriedigt gebliebenen Libido „homosexuell" zu befriedigen.
In einer tieferen Schichte der Identifizierung mit dem Freund
und Verführer befriedigte er aber eigentlich die seiner neurotischen
Einstellung zugrunde liegende ödipusphantasie, indem er im
Freund die infantile Wunschsituation des Eindringens in eine Ehe
miterlebt, wobei der Umstand, daß dies seine eigene Ehe war,
ihm endlich noch ermöglicht, in seiner Person auch die Vater-
rolle des „geschädigten Dritten" (Freud) zu verkörpern. Patient
repräsentiert so einen der typischen Fälle, wo sich die neurotische
Konstellation (zwangsneurotischer T3^us) unter Vermeidung von
Symptomen in einem ■ unglücklichen Eheleben (Objektwahl)
durchsetzt. Er weiß das infantile Betrogensein vom Weibe (Mutter-
enttäuschung) in der Ehe zu wiederholen, findet aber zunächst
noch den normalen Ausweg, seine (feminine) Libido vom Manne
abzuziehen und in Nachahmung der untreuen Frau (Mutter) nun
seinerseits sein Liebesleben nach dem Don Juan-Typus einzu-
stellen. In den Jahren nach Lösung seiner Ehe war sein Liebes-
leben der Herabsetzung und Entwertung des Weibes gewidmet;
er ließ die Frauen nur als Sexualobjekte gelten, mit der Ratio-
nalisierung, daß sie doch ohnehin alle untreu seien. So wurde
er zum sexuellen Zjmifcer. Dann lernt er ein Mädchen aus gut
bürgerlicher Familie kennen, die sich in ihn verliebt und die er
auf Anraten seines intimen Jugendfreundes, mit dem er seit
frühester Kindheit untrennbar zusammenlebt, wie er sagt „aus
Sympathie' heiratet.' Aber nicht, ohne sie vorher zu warnen,
daß er „gefährlich" sei; sie werde es vielleicht bereuen.
Schon daraus ist ersichtlich, daß seine zweite Heirat der
i) Eigentlich heiratet er sie, wie sich heraus stelh, auch als Ersatz für
den Freund, der ihn bis dahin „mütterlich" betreut hatte, ihn aber nun
verlassen will.
Die psydiisdie Potenz 111
neurotischen Rache am Weibe dienen soll, die er an der
ersten Frau nicht befriedigt hatte, und tatsächlich ist seine zweite
Ehe von Anfang an eigentlich unglücklich, besonders für die
Frau, die er auf jede Weise vernachlässigt, quält und entwertet.
Er übt Coitus inteixuptus und versagt der Frau das gewünschte
Kind. Während auf diese Weise seine Rachetendenzen zum Teil
befriedigt werden, leidet die Frau offensichtlich darunter und
macht auch bald kein Hehl daraas. Dadurch wird sein Schuld-
gefühl geweckt und verstärkt, das er nun immer deutlicher auf
die Frau zu projizieren versucht. Um sie so schuldig zu machen,
wie es die erste und deren Urbild, die Mutter, war, ist er
genötigt, unbewußterweise seine infantile Einstellung („Komplexe")
zu mobilisieren, wobei die Kastration sangst tendenziös in den
Vordergrund gerückt wird, die durch ein Kindheitserlebnis fixiert
scheint,"
i) Diese Fixierung wird duicii ein Kastrationstrauma erleichterL
Paitient war, obwohl jüdischer Abstammung, nicht beschnitlen worden, weil
sein älterer Bruder bei der Zirkumiision m viel Blut verloren hatte. Als
die Erinnerung daran in der Analyse auftaucht, will Patient seinen ganzen
KastralionskompleK auf die ständige infantile Angst zurückführen, daQ er
doch noch später so wie der Bruder besclinitten werden könnte. Es ergibt
sich aber, daß der Zusammenhang nicht so einfach gewesen sein kann.
Sein späteres Verhältnis lum Bruder sowie andere infantile Erinnerungeji
weisen deutlich daraufhin, daß er die Beschneidung (des Vaters und
Bruders) als Voriug der Älteren, Erwachsenen betrachtete, von dem er
ausgeschlossen war, und daß er infolgedessen die Beschneidung gewünscht
haben mußte.
Aus seinem dritten Lebensjahre pflegte seine Mutter eine Siene zu
enählen, wo der kleine Xnabe ausgelassen im Bett beruTngespmngen war
und gelacht hatte. Auf die Frage des Vaters, warum er so lustig sei, habe
er geantwortet: „Ich freue mich, weil ich ein lud bin?" Er erklärt das:
„Ich hatte gehört, der Vater sei ein Jude und dachte, das muß was Beson-
deres sein!"
Bei Gelegenheit dieser Erzählungen aus seiner Kindheit fallt ihm
plbtilich ungeheuer plastisch eine Szene aus etwa dem sechsten Lebens-
jahr ein, wo ihm das Glied des Vaters beim Bade (im Wasser !} lu klein
erschienen war.
112 Dr. Otto Rank
Das Weib ist böse, will ihn psychisch (Junggesellenwunsch)
und physisch binden, das heißt, versucht seinen Penis festzuhalten,
für sich zu behalten, ihn zu kastrieren (Vagina dentata). Daher
seine Angst vor dem vollen Sexualakt, die Übung des Coitus
interruptus, das rasche Zurückziehen und seine komplexbetonte
Ablehnung des Kindes, das im Unbewußten mit dem in der Frau
zurückgehaltenen Penis identifiziert wird. Diese Angst vor dem
Weibe' kompensiert er nun durch seine feminine Einstellung zum
Manne (Mutteridentifizierung), andererseits befriedigt er in der
sexuellen Enttäuschung der Frau seine Rachegelüste, straft sich
aber endlich in dem unvermeidlichen Ausgang dieses immer mehr
gesteigerten Konfliktes, in der Impotenz, mit dem. Verlust der
eigenen sexuellen Genußfähigkeit (dem Penis).
Aus dem ganzen Ensemble dieses komplizierten unbewußten
Konfliktes möchte ich zur weiteren Orientierung einen Zug heraus-
heben, den man vielleicht am besten als die männliche Parallele
zu dem von Freud beschriebenen „Tabu der Virginität ^ be-
zeichnen könnte. Die Frau, die den Penis in sich aufnimmt, ihn
also scheinbar desselben berauben vrill, muß bestraft werden.
Dabei 7,eigt Patient die von Freud erwähnte „Erstlingsangst"
deutlich in der Form ausgeprägt, daß er, der eigentlich dem
Typus des Don Juan entsprach, schon lange vor seiner eigent-
lichen Impotenz, meist den ersten Koitus mit einem neuen
Liebesobjekt nicht ausführen konnte. Er kannte, wie er sich in
der Analyse ausdrückte, die neue Vagina ■ — und wie zu ergänzen.
Die Tatsache, daß er unte schnitten war, hinderte somit seine Identifi-
lierimg mit dem Vater und verstärkte soiusagen psychisch seine feminine
Eiiistcllujig, da dies körperlich unterblieben war. Andererseits fürchtet er
durch den Koitus (Vateridentifizierung) auch in pimcto Kastration dem Vater
gleich 111 werden (Strafe).
i) Siehe jetit dazu des Verfassers; Das Trauma der Geburl {Inter-
nationale Psa. Bihliotheli, Nr. XIV), 1924.
s) Ges. Sehr, V, S. 212.
Die psydiisdie Potenz 113
ihre Gefahren — noch nicht. Aus dieser Angst erklärt sich
auch die Ausübung perverser Akte, besonders des Cunnilingus,
wobei er sich als den Beißenden (nicht Gebissenen) fühlen
konnte, was letzten Endes auf die orale Befriedigung an der Mutter
zurückgeht.
Der Ausbruch seiner eigentlichen Impotenz erfolgte nach etwa
zweijähriger Dauer der zweiten Ehe, in Nachwirkung von
Konflikten niit der Frau, die ihm schließlich offen erklärte, sie
fühle, daß er sie nicht möge und deshalb schlecht behandle. Er
mußte das zugeben, aber dieses Stückchen analytische Aufklärung
brachte sein Gebäude von Rationalisierungen ins Wanken und
von da an entwickelte sich, wie er selbst sagte, allmählich die
Impotenz; wie die Analyse bald zeigen konnte, als letztes, wirk-
samstes Mittel der Rache, das einerseits die Frau vollständig
entwertet (selbst als Sexualobjekt), andererseits seinem mächtigen
Schuldgefühl in der Selbstbestrafung Ausdruck gibt. Jetzt ist er
selbst kastriert, Weib, und straft in sich selbst zugleich die
schuldige (erste) Frau (Mutter). Mit der Impotenz gibt er natürlich
unbewußt zu, daß er schuldig ist an der schlechten Ehe, und
beginnt infolgedessen in typischer Weise der Frau gegenüber
rücksichtsvoll und zärtlich zu werden. Er quält sie jetzt nur noch
(unbewußt) durch die Impotenz, durch die sie sich aber nicht
gequält fühlt, offenbar, weil sie sie mit richtigem Instinkt als
das auffaßt, was sie ist: als ein — wenn auch mißglückter —
Versuch der inneren Lösung des Angst-Schuldproblems. Die
Analyse setzte dann diesen neurotischen Heilungs versuch konsequent
und mit besserem Erfolg fort.
Aus der Endphase der Analyse ist der nachstehende Heilungs-
Vorgang zu rekonstruieren. Wälirend Patient im Anfang der
Analyse die typischen Versagungsträume auf Grund der störenden
Männer (Vater-Angst) hatte („Störungsträume"), ist er jetzt im
Kank, Sexualität und Schuldgefiiiil 3
114 Dr. Otto Rank
Traum mit der Darstellung und Abwehr seiner feminin -passiven
Einstellung zum Analytiker (Vater) beschäftigt.
Nachdem er mich eines Abends angerufen hatte, ob er nicht
sein Notizbuch bei mir vergessen habe (Selbstkastration, Geheimnis,
Libido, Geschenk, Kind), erzählt er am Morgen in der Stunde
von einer schlechten Nacht, in der er wieder einen seiner Magen-
Darmanfälle hatte, aber so intensiv wie noch nie. Die
genaue Schilderung dieses Anfalles erkennt er selbst schon während
seiner Erzählung als unzweideutige (anale) Entbindungsphantasie,
mit der er die fem in in -passive Rolle im libidinösen Sinne zu
akzeptieren sucht (Kindschenken). Nach dem Anfall, in dem er
fortwährend auf den „erlösenden Flatus" gewartet hatte, schläft
er ein und träumt, daß er mit jemand kämpf t ! sie halten einander
mit der rechten Hand fest und suchen sich mit Dschiu-Dschidsu-
Griffen unterzukriegen. Schließlich siegt er, zum erstenmal, seit er
sich erinnern kann (wie er hinzufügt), mährend er früher immer
unterlegen war ( „Lähmung im Traume" gehabt hatte). Unmittelbar
nach dem Traume erwacht er mit einer mächtigen Erektion, „so
stark wie noch nie und so plötzlich wie selten, die auch
beim Gedanken an den Sexualakt mit seiner Frau blieb. Dieser
Traum zeigt also den Weg zur Potenz, und zwar deutlich
durch Einarbeitung verdrängt gewesener femininer (Übertragungs-)
Libido in die aggressive Abfuhrsphäre. In der Entbindungsphantasie
ist er das Weib (Mutter), das dem Vater ein Kind schenkt,
bzw. sich selbst (wieder-) gebiert; im: Traum protestiert er gegen
diese Einstellung und ist selbst der starke Mann (Vater), der
Potente (der das Kind zeugt), ^ der siegt.
Vorläufig allerdings nur im Traume. In Wirklichkeit versuch
i) Das weitere analytische Verständnis des Traumes ergab sich erst
aus einem zweiten ähnlichen Traum, dessen Deutung weitei: unten folgt
(S. 116),
Die psydiisdie Potenz II5
er den Koitus gar nicht, wil! ihn nicht versuchen, bis er nicht
S^^^ „gesund ist. Die Potenz, könnte man sagen, ist zu
j,psychisch", ist noch zu unmittelbar in der Übertragungs- und
Widerstandssituation verankert. Mit der fortschreitenden Lösung
der Übertragung werden seine Erektionen (auch nachts) immer
/ahlreicher und intensiver und hahen auch stets dem Gedanken
an den ehelichen Sexualverkehr besser stand. Seine wirkliche Potenz
erlangt er endlich unter den gleichen psychischen Bedingungen,
die wir eben aJs den „Weg zur Potenz" beschrieben haben. Für
einen bestimmten Abend, nach etwa dreimonatiger Analyse, nimmt
er sich Koitus vor, ist aber natürlich impotent, da dies ja eine
Probe für den Erfolg der Analyse darstellen sollte. Nachts hatte
er wieder den „femininen" Anfall, einen „Wirbel von 60 Träumen",
wie er sagt, und erwacht am Morgen mit einer Erektion. Ruft
seine Frau, die er auf sich legen läßt, mit der Motivierung, „die
Erektion durch den Transport nicht zu verlieren", und ist glück-
lich, als es geht. Nachher sagt er: „NaI kann der Doktor etwas!"
Hier zeigt sich vollkommen klar, was wir unter der „psychischen"
Natur der Potenz verstehen. Denn körperlich war er abends bereits
ebenso potent wie am Morgen,' er mußte sich aber sozusagen erat
potentia aus dem femininen Libidoreservoir schöpfen und in der
Identifizierung mit dem Analytiker vennännlichen. Die Erledigung
der Übertragung und damit zugleich die Wandlung von der
femininen in die maskuline Einstellung erfolgt also durch Iden-
tifizierung mit dem Analytiker (als Vater), durch das
psychische Vaterwerden, das ihn ein Kind zeugen anstatt gebären
läßt, wobei er im Sinne der sublimierten Wiedergeburtsphantasie
1) Den nahelieg-eiiden Gedanken an die morgendliche Wassersteife hat
der Patient später als Widerstand gebracht, der dartun sollte, daß die
Erektionen kein Erfolg der Analyse seien, da sie nicht kämen, wann er
sie wollte.
■8*
Il6 Dr. Otto Rank
selbst das (vom Analytiker) gezeugte (geistige) Kind ist. Den Koitus
hat eigentlich der Analytiker vollzogen, was auch erklärt, daß
Patient erst am Morgen, bevor er in die Analyse geht, und in der
analytischen Stellung (feminine Rückenlage) potent ist.
Nächsten Tag hatte er bereits in normaler Stellung, und zwar
abends, verkehrt. In der Nacht darauf wieder „Anfall", aber
bedeutend leichter. Wird dann allmählich, wie er sagt, „herrisch"
(in der Sexualität) wie nie zuvor, rationalisiert seine Vorsichten
nicht mehr damit, der Frau beim Sexualakt weh zu tun, sondern
macht sich nichts daraus, was seine Rache befriedigt und auf die
Freimachung „sadistischer" Regungen hinweist, die zur Erlangung
einer Potenz immer notwendig sind, während ihr verdrängtes
Gegenstück, das Schuldgefühl, die Rache am Weib nur in der
neurotischen Form der Impotenz zum Vorschein bringt.
Mit Erlangung seiner vollen Potenz beginnt er die Übertragung
und im weiteren Verlauf die Analyse su entwerten und schließ-
lich seine eigene Geschichte zu bagatellisieren, indem er sie ohne
Scheu weiter erzählt. Etwa vierzehn Tage vor Abschluß der Ana-
lyse hat er nach normalem Abendkoitus einen Traum, daß sein
verstorbener Freund, der ihn betrogen hatte, im Duell oder durch
einen Dritten oder im Felde verletzt worden sei. Nur der Schlußakt
dieses Dramas sei ihm in Erinnerung: Ich komme in eine Hütte,
er lag in den letzten Zügen, und ich stand kochaufgerichtet vor
seinem Bett. „Der Kontrast zwischen ihm, dem Verwundeten und
mir, dem. Gesunden, ist mir besonders aufgefallen. Dieser Traum
stellt, wie der frühere (S. 114), wieder den Sieg über einen männ-
lichen Partner dar und weist auf die Überwindung des trauma-
tischen Anlasses hin, dessen mißglückte Verdrängung letztlich den
Anstoß zur Impotenz gegeben hatte. Er befriedigt die Rache
und den Triumph über den Gegner an entsprechenderer
Stelle, nämlich am m.ännlichen Konkurrenten (Ödipus-
Die psydiisdie Potenz 117
Situation) anstatt an der Frau, indem or zugleich damit die Über-
tragung erledigt (der Freund, der ihn wieder betrogen) und sich
gesund erklärt. „Ich stand hoch aufgerichtet" heißt in lifaidinösem
Sinne: Ich hin potent, bin sozusagen ganz Penis, ganz Libido,
auf deren femininen Anteil der verwundete (kastrierte) Mann im
Bett hinweist, mit dem sich Patient auch als Unterlegener in der
Analyse im Sinne der infantilen WunscherfiiUung identifizieren
kann.
Die gleichen „Komplexe", die seine Impotenz verursacht hatten,
werden jetzt also psychisch in den Dienst der Potenz gestellt. So
macht der Patient erst eine Hyperpotenz durch, ehe er zur nor-
malen Potenz gelangen kann.' Diese wohl noch „neurotisch" zu
wertende Hyperpotenz (siehe Fall II) wird im analytischen Heilungs-
mechanismus zunächst als Symptom sozusagen neu produziert.
Der Heilungsmechanismus selbst beruht auf der Identifi-
zierung mit dem Analytiker, die dem Patienten durch
Befreiung vom (neurotischen) Schuldgefühl, das
heißt durch Auflösung der auf die Mutter bezüglichen Angst,
ermöglicht wird. Diese „Verwandlung" von Angst in Libido ■ — die
auch die Symptome zum Verschwinden bringt — wird durch Abfuhr
der fälschlich gegen das Weib gerichteten Rache am Manne (Über-
tragung) herbeigeführt. Diese Affektbefciedigung am unrich-
tigen Objekt (auf die sich Freud: Das Ich und das Es, Ges. Sehr.
Bd. VI, S. sgo, beruft) ist für die Verdrängungs arbeit im Dienste der
Ichtendenzen charakteristisch; sie ist aber ein Resultat der Ver-
schiebung, darf als solches nur als Symptom genommen werden
und nicht als Movons, wie dies Adler auf Grund seiner Leugnung
der Libido als einer entscheidenden Triebkraft getan hat. Denn,
vrie man sieht, handelt es sich im Heilungsmechanismus darum.
i) Patient ist seit der Analyse in der Ehe potent geblieben und hat bereits
Kinder von der zweiten Frau.
118 Dr. Otto Rank
die sekundäre Ichrache (am Weibe) auf die primäre Libidorache
(am Manne) zurückzuführen, vor der Fat. früher offenbar Angst
hatte. Die primäre Rache heißen wir eine Libidorache, weil sie
aus dem Ödipuskomplex stammt, von dort her voll verständlich
wird und beide Seiten desselben (auch die feminine Einstellung
zum Vater, nicht nur die Abwehr dagegen) umfaßt. Es fällt hier
von der Libidotheorie ein aufschlußreiches Licht auf den sogenannten
„Kampf der Geschlechter", der sich als Erklärungsprinzip völlig unzu-
reichend erweist, während er ein interessantes Symptom für tief-
reichende, vielleicht sogar biologisch zu begründende Verdrängungs-
vorgänge darstellt. Die primäre Rache am Mann, die der Neurotiker
regelmäßig an sich selbst- statt am Vater vollzieht (Straftendenz der
Symptome), wird ihm in der Übertragungs Situation eimüglicht,
somit das Schuldgefühl .genommen, die davon belastete (verdrängte)
Libido frei, die sich nunmehr in Identifizierung mit dem Vater
als psychische Potenz, die an Stelle der Symptome getreten ist,
manifestiert. Unter der aus der analytischen Übertragungslösung
folgenden normalen Potenz verstehen wir dann die volle Libido-
befreiungsmöglichkeit ohne Schuldgefühl und Angstentbindung auf
Grund einer weder verdrängten noch zu weitgehenden Identifi-
zierung mit dem Vater.
u
Eine solche Hyperpotenz ist aber auch als wirkliches, nicht
bloß „passageres" Symptom möglich, wenn das Schuldgefühl des
Patienten anderwärts neurotisch verankert ist, wie z. B. bei einem
jungen Mann in den Zwanzigerjahren, der an schwerer Zwangs-
neurose leidet und in Zusammenhang damit an einer neuro-
tischen Potenzsteigerung, das heißt einer unbefriedigbaren Libido,
die sich in ständigem Verkehr mit Prostituierten und außerdem
in gehäufter Masturbation äußert. Das Zwangs mäßige seiner
I
Die psydiisdie Potenz 119
Libjdoansprüche, unter denen er leidet, wird am besten durch
einen Ausspruch in der Analyse charakterisiert: „Es sollte so sein:
den ganzen Tag koitieren, bis zur Analyse, und dann nachher
wieder den ganzen Tagl" Analytisch äußert sich in dem Aus-
spruch seine ungeheure Übertrag ungslibido und die heterosexuelle
Abwehr dagegen, dynamisch die „homosexuelle" Motivierung der
Unbefriedigbarkeit, die in seinem Sexualleben darin zum Aus-
druck kommt, daß er mehrmals in der Woche Prostituierte auf-
suchen muß, den Sexualakt meist öfters wiederholt, und dann
noch manchmal vor dem Einschlafen, oft am Morgen danach,
masturbieren muß."
Der Koitus am entwerteten heterosexuellen Objekt fordert bei
ihm eine libidinöse Ergänzung in der Befriedigung am über-
schätzten Objekt, dem narzißtisch betonten Ich, an dem er seine
bisexuelle Ödipuse in Stellung gleichzeitig befriedigt.*
In seiner Analyse handelt es sich, im Gegensatz zum vorigen
Fall, darum, seine aus infantilen („perversen") Quellen übermäßig
gespeiste und an das entwertete Mutterobjekt fixierte Libido auf
das Normalmaß zu reduzieren und den Überschuß auf
dem Wege der Sublimierung seinem gestörten Berufsleben zuzu-
führen. Während Fall I den Weg zur Potenz aus der Erledigung
der Rache am Mann (statt am Weib) findet, versucht dieser
Patient das im aktuellen Sexualleben, indem er gegen seine unbe-
wußte feminine Einstellung mit Hyperpotenz reagiert. Charakte-
1) Die Masturbation als Symptom der „psychischen Poteni", das
heißt einer unbe friedigbaren neurotischen Libido Steigerung, ist das typische
Alifuhn eichen für die teilweise Befreiung der vorher gehemmten Libido
in der Analyse.
2) Er liebt es, bei der Masturbation, die Öfters auch auf dem Klosett
stattfindet (feminin- anal), seine „weiche, polsterige Haut zu streicheln",
was auf infantile Eindrücke an der Mutterbrust zurückgeht, die bei Patienten
eine gani besondere Bedeutung hatte, da er übermäßig lange gestillt
worden war.
J20 Dr. Otto Rank
ristisch für das neurotische Mißlingen dieser Absicht ist folgendes
Eriebnis des Patienten : Einer Prostituierten, die den Wunsch,
hatte, oben zu liegen, gibt er nach heftigem Strauben nach.
Beim Beginn des Aites hatte er einen Moment lang den „unsin-
nigen" Gedanken: Wie ist es möglich, daß ich sie per anum
koitiere, da müßte sie ja unten liegen! Obwohl der Koitus dann
doch befriedigend war, erwacht Patient nachts mit einer heftigen
Erektion, die man als Auflehnung gegen die weibliche Rolle
betrachten könnte. Dann mußte er masturbieren, und zwar voi
einem weiblichen Bild, mit der Vorstellung, recht männlich zu
sein. Hinter diesem manifesten „männlichen Protest im Sinne
Adlers steckt aber, genau wie im, vorigen Fall, ein gutes Stück
femininer Libidobefriedigung, da er ja in der Masturbation auch
das Weib rep rasen sie:^ (das Anschauen des weiblichen Bildes
unterstützt seine Identifiziernng mit dem Weih). Es zeigt sich
übrigens auch hier, wie bei der Analyse der Homosexualität, daß
auch im Masturbalionsakt nicht mir Mann und Weib, sondern
unbewußterweise auch Mutter und Kind dargestellt wird.
Beweisend für diese Natur seines Libidokonfliktes ist das
folgende Traumstücfc: ... Ic/i bin mit meinem Freunde P. wie zu
einem Bureau gegangen. Dort stand eine koke, große Frau (ein
Weib) wie eine allegorische Figur, eine Gottin, die plötzlich einen
Schnurrbart bekam und aussah wie ein General. Dann habe ich P.
hoitiert — er katte eine Vagina — und zwar zwei- bis dreimal,
hatte aber keine Pollution (ich weiß nicht. Ob deshalb, weil ich
steril geworden bin),^ Aus der Deutung sei nur hervorgehoben,
daß es sich um seinen bisexuellen Ödipuskomplex handelt (Göttin
i) Dieser Gedanke hängt bewußt mit seinem sexuellen Leichtsion
lusammen; da er sich so bedenkenlos den InfektionsmögHchkelten aus-
setit, kann man an der lugrunde liegenden Selbstbestrafung'stendena kaum
iweifeln ; unbewußt entspricht die Sterilitätsphantasie einer Ablehnung der
Vateridenti{izierung' (aus Schuldgefühl).
Die psydiisdie Potenz 121
— mit Schnurrbart — und General). Patient ist zugleich in der
Vateridentifizierung aktiv -männlich (koitiert), aber auch in der
Identifizierung mit dem kastrierten Freund passiv- feminin, dem
Vater gegenüber. P. ist eigentlich der Freund seines älteren
Bruders, auf den Patient seine Vaterrivalität transponiert hat (was
übrigens der Traum deutlich zeigt). Den Abend vor dem Traum
hatte er mit F. verbracht und besuchte dann (wie er selbst
bemerkt, als Reaktion auf die homosexuelle Libido) eine Prosti-
tuierte, mit der er den Sexualakt zweimal ausführte; ein
drittesmal weigerte sie sich. Bei der Traumerzählung bemerkt er;
„Ich weiß nicht, ob ich noch ein drittesmal wollte/ Am Morgen
nach dem Traume hat er jedenfalls masturbiert, weil er, wie er
sagte, abends vorher nur zweimal koitieren konnte. Er mußte es
tun, denn — wie er hinzufügt — „drei ist die Zahl meines
älteren Bruders",' mit dem er sich also (an Vaters Stelle) identi-
fiziert. Und zwar deswegen, weil der Bruder im Leben und in
der Liebe erfolgreich ist, also für den Patienten die Überwindung
seiner infantilen Fixierungen, das „Ideal" bedeutet. Die zwei- bis
dreimalige Wiederholung des Sexualaktes im Traume entspricht
also seiner Identifizieningstendenz mit dem Bruder=^Vater (jeder
Koitus entspricht einem Kinde), Noch deutlicher wird die
psychische Grundlage seiner Potenz in der Identifizierung durch
die weitere Bemerkung: „Wenn ich mich zum erstenmal in ein
Mädchen verlieben werde und sie in mich, dann werde ich sie
sechsmal koitieren!" Diese Zahl stammt daher, daß sein
Bruder ihm vor längerer Zeit mitgeteilt hatte, er habe sich in
i) Seit früher Kindheit hatte Patient als mittlerer von drei Brüdern die
Gewohnheit, seine Bruder mit Ziffern zu bezeichnen: als Nr. 2 und Nr. 5
(Patient selbst war Nr. 4), was mit ab ergläoli; sehen BeseitigTings- und
G eh urts wünschen lusammenhängt. (Man vergleiche daiu die Vorstellung
bei den Australiern, wo man die Zahl seiner Kinder nicht nennen darf,
weil sie sonst sterben. Nach R6heini: Das Selbst. Image, 19X1O
122 Dr. Otto Bank
ein Mädchen verliebt und habe in der ersten Nacht den Geschlechts-
akt sechsmal ausgeführt. Die reale Schwierigkeit dieser Identifi-
zierung umgeht Patient, indem er statt des Sexualaktes die Sexual-
objekte (Prostituierte) vervielfacht, also die große Zahl der Sexual-
akte in eine lange Reihe von Sexualobjekten auflöst.
Die zwangsmäßige (neurotische) Potenz des Patienten stammt
also aus dem zu krankhaften Festhalten an der unbewußten
Identifizierung mit der Vaterfigur (Bruder), während Fall I an der
Hemmung der Vateridentifizierung aus dem Schuldgefühl impo-
tent geworden war. Ein einziges Mal im Verlaufe der Analyse
erwies sich dieser — allerdings an falscher Stelle — überpotente
junge Mann auch als iinpotent. Er war nach der analytischen
Aufklärung des Widerstandes gegen die (feminine) Akzeptierung
der Analyse zu einem Freunde und von dort ins Bordell gegangen.
Vor dem Tore war er mit einem jungen Manne zusammen-
getroffen, der gemeinsam mit ihm hinaufging, so daß die Mäd-
chen den Eindruck hatten, sie seien Freunde. Patient hatte bald
ein Mädchen gefunden, das ihm sagte, sein „Freund" könne sich
mit ihrer Freundin unterhalten, was Patient dem anderen sogleich
mitteilte, wobei er sich in der stolzen Rolle eines Kupplers fühlte.
Jedoch der andere erwiderte, er sei eigentlich auch nicht wegen
der Mädchen gekommen, sondern nur, um sich mal den „Betrieb"
anzusehen. Patient entgegnete, er sei ehrlich genug zu sagen, er
sei wegen der Mädchen gekommen, die er brauche. Zugleich
dachte er aber, in Erinnerung an einen Witz: Wenn er nicht
wegen der Mädchen gekommen ist, dann ist er wegen des
Mannes gekommen. Der Sexualakt verläuft genußlos mit eja-
culatio praecox, und bei allen weiteren Versuchen bleibt Patient
vollständig impotent. Er erzählt am nächsten Tage, er habe es
vergeblich mit allen (perversen) Reizungen versucht, nur an den
Coitus per anum habe er nicht gedacht (er gebraucht dabei ein
Die psydiisdie Potenz 123
vulgäres Wort, das -auch Homosexualität bedeutet). Patient spielte
also dem anderen Manne gegenüber die feminine Rolle, anderer-
seits bestätigt er unbewuflterweise in seiner Impotenz, daß auch
er nicht wegen der Mädchen, sondern zur Befriedigung der homo-
sexuellen Libido gekommen sei, indem er sich mit dem jungen
Manne identifiziert.' Die passiv- feminine Einstellung zur Vater-
(beziehungs weise Bruder-) Imago bewirkt aber hier ebenso seine
psychische Impotenz wie die aktive Identifizierung mit der Vatei-
imago (Bruder) sonst seine enorm.e psychische Potenz bedingt.
Die Darstellung und Erledigung seiner femininen Einstellung
zeigt der vorletzte Traum seiner sich über viele Monate erstrecken-
den Analyse; „Ich war nackt im ffasser und bin untergetaucht,
weil ich meine Hose nicht finden konnte. Dann war ich als dicker
Falstaff draußen und jemand klagte mich an, daß ich meiner
Schwester etwas getan habe. Er drohte mit der Polizei und ick
ßijchte in eine Art Zirkus oder Gefängnis, wo ich dann ah ich
selbst bin und mir sage : FFas wollen die Leute von mir, ich habe
ja gar nichts getan. Trotzdem werde ich verhaftet und vor den
Polizeichef gebracht, den ich frage, was man denn von mir will!
Er sagt, er wird es schon machen (und mir helfen). Dann sagt
er, ich soll warten (und das war an einem Teich mit Goldfischen)."
Ohne im einzelnen auf die Deutung einzugehen, sei nur
bemerkt, daß es sich wieder um den typischen Geburtstraum in
der analj^schen Endphase handelt, in dem Patient einerseits als
Weib dem Vater ein Kind, andererseits sich selbst als neuen
(gesunden) Menschen (wieder-) gebiert. Falstaff, der bramarbasierende
Mann mit dem dicken Bauch, ist Symbol für beide Strömungen.
Im zweiten Teil des Traumes hat Patient den Bauch schon ver-
i) Vergleiche daiu die Ausführungen van B o e li m über die hoino-
seKuelle Komponente des Bordellbesuches, Internat. ZeitBchr. f. PsA.. VII,
1921, S. 79 ff.
124 Dr. Olto Rank
loren und ist wieder er selbst (Gehurt). Schwester hat er nie
gehallt; doch ist er selbst (von drei Geschwistern) „die Schwester",
der Feminine, der als Weib aus dem Wasser kommt (geboren
wird) ; andererseits hat er mit der phantasierten Schwester (Mutter-
ersatz, was ja alle seine Frauen letzten Endes sind) das Kind
gezeug:t (ihr etwas getan), was sein Schuldbewußtsein bedingt
(Polizei -Analyse), das er dem Vater (Analytiker) gegenüber hat und
mit der Libido beschwichtigen will („er wird mir helfen").
m
Während es sich im ersten Falle lediglich um eine psychische
Impotenz, im zweiten dagegen um eine ausgesprochene Zwangs-
neurose mit neurotischer Überpotenz handelte, wähle ich als drittes
Beispiel wieder einen beruflich leistungsfähigen Mann von nor-
maler, d. h. eher unterwertiger, aber doch subjektiv befriedigender
Potenz, den hartnäckige Schlaflosigkeit und Depressionszustände
in die Analyse geführt hatten. Aus dem interessanten Verlauf der
kurzen und unvollständigen Analyse hebe ich nur die unser
Thema betreffenden Einsichten hervor, Patient, der das gewöhn-
liche heterosexuelle Liebesleben des unverheirateten jungen Mannes
führte, kompliziert durch einige homosexuelle Attentate von Seiten
Erwachsener, die er in der Jugend über sich hatte ergehen lassen,
gibt während der Analyse von selbst den Sexualverkehr auf, obwohl
er dazu reichlich Gelegenheit hätte: offenbar im Zusammenhang
mit seiner in der Übertragung mobilisierten femininen Libido,
die, seinem Ödipuskomplex vorgelagert, ihm teilweise als „homo-
sexuelle" (bisexuelle) Gefühl srichtung bewußt ist.
Nach mehr als zweimonatiger Analyse, in der hinter dem
Symptom der Homosexualität die infantile Einstellung aus dem
Ödipuskomplex bloßgelegt worden war, beginnt Patient von
Morgenerektionen (mit Harndrang) zu erzählen, die ihn wecken.
Die psychische Potenz 125
Das erstemal im Zusarnmenliang mit einem Traum am Morgen,
nachdem er uriniert hatte und nociimals eingesclilafen war. „Ich
gehe aufs Klosett. Ein alter Mann kommt hinein und greift nach
meinem Penis," Patient deutet den Traum selbst auf (liomosexuelle)
Übertragung (Vaterimago.) Bei weiterer Analyse taucht Schuld-
gefühl auf, das auf den Ödipuskomplex zurückgeht und sich in
Kastration 5 angst äußert. Das Greifen nach dem Penis hat dann
den Sinn der Versicherung seines Vorhandenseins: Der Vater
(Analytiker) gestattet ihm die Sexualität.' Daß dieser Traum die
Beruhigung seiner Kastration sangst enthält, zeigt sich nun darin,
daß Patient nach dieser Aufklärung erzählt, sein Vater, der oft
lange Reisen unternommen hatte, sei hei seiner Beschneidung
nicht zugegen gewesen.'' In der Analyse des Patienten hat daher
ein anderes K astrat ionstrauma -— man möchte im Hinblick auf
die beiden ersten Fälle sagen, als kompensatorische Deckerinnerung
— eine große Rolle gespielt. Im Alter von etwa drei bis vier
Jahren war er Zeuge der Beschneidung eines Knaben aus der
Verwandtschaft gewesen ; der Mann, das Messer, das Blut waren
^m als unauslöschliche Eindrücke geblieben. Als er später einmal
im Gymnasium das Glied eines unheschnittenen Knaben sah,
dachte er, es sei so klein, weil es nicht beschnitten sei. Ein
unlogischer Gedanke, wie er jetzt sagt, der aus dem. unbewußten
Kastrations wtinsch der femininen Einstellung zum Vater verständ-
lich wurde und zugleich die Kompensationsphantasie enthält
(durch Beschneiden wird der Penis größer).
i) Dies ist übrigens auch der unbewußte Sinn des Erduldens seiner
homosexuellen Attentate von seilen älterer Männer: der Vater g'estattet,
ja fordert die (von ihm sonst verbotene) Libidobe friedigung.
2) Diese Zeit ohne den Vater ist auch die selige Urzeit seiner Ödipus-
phantasie geblieben. Ihre Voneitigkeit (Rückprojektion) im Zusammenhang
mit der Abwesenheit des Vaters hat wohl die Intensität seiner Piiienmg
an die Mutter verstärkt, sicher aber deren spätere neurotische Verdrängung
bewirkt.
«26 Dr. Otto Rank
Aus der TraumEinalyse ergab sich, daß er auf die Morgen-
erektion mit Schuldgefühl reagiert hatte, das aus dem Kastrations-
Xomplex stammt, das heißt, daß die Erektion hier der
Verleugnung der Kastralion dient, während in Fall I
die Kastrationsangst (dem Weibe gegenüber) die Erektion ver-
hinderte. Beim Beginn der Übertrag« ngslösung träumt Patient von
einer riesenhaften Brücke, die sich wie ein Messer in der Mitte
öffnet {Kastration — Geburt) und erwacht auch aus diesem Traum
mit Erektion.
Gegen Ende der Analyse, die nach dreiundeinhalb Monaten
abgebrochen werden mußte, stellen sich die Erektionen auch bei
Tage ein. So habe er, als ihn nachmittags im Badezimmer das
Dienstmädchen zufällig mit der Hand am Rücken berührte, sofort
eine mächtige Erektion bekommen, was früher nie so leicht vor-
gekommen soi. Im Anschluß daran sei der Wunsch zu mastur-
bieren aufgetaucht, um die quälende Erektion wegzuschaffen.
Dabei ist neben der Verknüpfung von Masturbation — Herunter-
reißen — und Kastration wieder die Mutterlibido im Spiel. Als
ihn am selben Abend in Gesellschaft eine bekannte Dame scherz-
haft am Ohr zupft, erregt ihn dies wieder in ungewohnter Weise;
er dachte dabei, die benimmt sich wie ein Dienstmädchen. Das
Verständnis eröffnen uns früher erzählte Erinnerungen von den
Liebkosungen der Mutter, die bis ins erwachsene Alter hinein in
Streicheln am Rücken, am Ohr und über die Haare fortbestanden
und der Schlaflosigkeit eine infantile Dauerfixierung verliehen
hatten, indem Patient so jede Nacht die Mutter an sein Bett
rufen und ihn liebkosen (einschläfern) lassen konnte. Wir erkennen
also in den Erektionen die Äußerung der befreiten
Mutterlibido am erniedrigten S ex u alobj ek t.'
i) Dieser Zusammenhang ergibt, sich auch aus einem (Impotenz-) Traum,
(-bru eil stück), wo er in Begleitung- der Schwe.fter durch ein berüchtigtee
Die psydiisdie Potenz 127
Parallel mit dieser „regressiven" Libidoenlwicklung produziert
Patient von — seiner starken Idealbildung — aus Koitusphantasien
mit ichgerechten Ersatz- (Mutter-) Objekten (verheirateten Frauen
seines Bekanntenkreises usw.), die schließlich in einen bewußten
Heiratswunsch auslaufen.
In den Phantasien identifiziert or sich einerseits mit dem
Analytiker (wie Fall I), andererseits phantasiert er das weibliche
Sexualobjekt an seine Stelle, und zwar zuerst in meinem Be-
handlungszimmer auf meinem Sofa in flacher Rückenlage (siehe
Fall I) i' später verlegt er dann diese phantasierten Szenen in sein
eigenes Zimmer. Im Zusammenhang damit verwandelten sich
seine (homosexuellen) Störungsträume in heterosexuelle, das heißt
er verweist jetzt den eintretenden Mannern, ihn beim Sexualaki
zu stören, während er sie früher sozusagen herbeigerufen hatte
(wie Fall I ; in beiden Fallen geschah dies auch in Wirklichkeit).
Auch wird bald in den Phantasien der Sexualakt wiederholt aus-
geführt, was früher nie der Fall war und deutlich auf die Potenz-
steigerung hinweist, welche sowohl durch Befreiung der Mutterlibido
als auch durch Überleitung der sie neurotisch ersetzenden femininen
Libido („Homosexualität") bewirkt wird. Bald danach träumt Patient,
der ajn Anfang der Analyse nur scheinbar homosexuelle Angstträume
hatte, daß er das Dienstmädchen koitiere: ,.mit Lustgefühl, aber
ohne Errektion", wie ihm scheint. Abends vorher hatte er ihr
Stadtviertel geht, in dem iwei Männer daher kommen, in der Absicht, ihn
zu necken. Er dachte, sie hätten es auf die Schwester abgesehen, aber der
eine von ihnen macht des Pntienlen Hose auf, nimmt den Penis in die
Hand und steckt ihn in den Mund. „Er sagte dabei lu mir, ich
hätte keine Erektion. — Ich sagte; Oh ja, ich habe eine ! Ich hatte aber doch
keine!" (Orale Befriedigung: iwei Männer-Testikel-Brüste).
i) Früher hatte er, von seinem ersten Sexualakt her, den er in Identi-
fizierung mit dem Bruder am gleichen Objekt ausübte, eine andere Stellung
der Frau bevorzugt und diese aucli in seinen spateren Masturbations-
phantasien festgehalten.
128 Dr. Otto Rank
wirklich eine sexuelle Andeutung gemacht. Der Traum bringt
neben dieser libidinösen Bewertung des erniedrigten Objektes
in einer vorhergehenden Szene die Entwertung der Mutter,
die er alt und krank sieht. Nächsten Tag hat er wieder
(feminine) Kastrationsträume, aus denen er wieder mit Erektion
erwacht. Dem eben wirklich eintretenden Mädchen gegenüber
macht er einen sexuellen Annäherungsversuch, sie wehrt ihn aber
mit dem Hinweis auf ihre Menstruation ab. Er ist entsetzt, sofort
fällt ihm „Kastration ein und — seine Erektion wird stärker.
Hier wird deren Charakter als Verleugnung der Kastration (aus
der Identifizierung mit dem Weib) wieder deutlich.
Eine Woche endlich vor dem festgesetzten Ende der Analyse
versucht er am Nachmittag das Mädchen in seinem Zimmer zu
koitieren, ist aber nicht recht erfolgreich. Wie er sagt, einerseits
weil sie zu eng sei, andererseits weil sie fürchten mußten,
überrascht zu werden (Schuldgefühl- Situation), Abends im Bade-
zimmer wurde der Versuch wiederholt, aber wieder nicht mit
Erfolg, In der Nacht schließlich, als das Mädchen zu ihm ins
Bett kam (siehe die analoge Muttersituation in Fall I), ging es
ohneweiters. Nach dem Koitus konnte er lange nicht einschlafen
— seine „nervöse Schlaflosigkeit war bereits geschwunden, er
konnte jetzt nur gelegentlich nicht schlafen, und zwar aus
nn verdrängter, unbefriedigter Libido, Er dachte an Homosexualität
und Perversionen und vvunderte sich, daß es so etwas überhaupt
gebe. Obwohl dieser Akt nicht voll befriedigend sein konnte, war
er sozusagen doch eigentlich der erste vollwertige Soxualakt des
bereits durch mehrere „Verhältnisse hindurchgegangenen Patienten.
Die Unbefriedigung aus der Hyperpotenz äußerte sich noch darin,
daß Patient nach dem Koitus noch Erektion hatte und auch am
Morgen — nach einem unbefriedigenden symbolischen Deflorations-
traum, der sich auf die Mutter bezog {Geburtstraum) — wieder
Die psydiisdie Potenz 129
mit Erektion erwachte. Aus dem manifesten Kastratio nstraum der
nächsten Nacht — in dem er die infantile Beschneidungsszene
reproduziert — ergibt sich, daß er die Defloration mit der
Kastratton, sich also mit dem Mädchen identifiziert (was schon
bei der Menstruation Mar war). Auch aus diesem Traum erwacht
er wieder mit Erektion. Nach dem diesem Traum vorangegangenen
Koitus, der ihm jetzt zum Bedürfnis geworden ist, war die Erek-
tion bereits schwach und verschwand bald post coitum, während
sie ante kräftig blieb.
Nachstehend gebe ich den eben er\vähnten Traum aus einer
der letzten Stunden wieder, weil er seine ganze Libidoentwicklung
und -Situation deutlich zeigt: „Ick habe an einem Kinde eine
Operation am Unterleib vorgenommen. Beim Vernähen der Wunde
benahm sich mein Assistent ungeschickt, ich schickte ihn weg, um
es allein zu machen. In einem unbemerkten Moment erhob sich
aber das Kind vom Tisch und stand auf, so daß die ganze offene
TPunde wieder klaffte. Ick legte es mit Mühe wieder nieder, um
die Wunde zu vernähen. Dann fragte ich, ob es sich an etwas
(aus der Narkose) erinnern könnte, und sagte etwas vom Wieder-
bewußtmachenkönnen."
Aus den Assoziationen ergibt sich zunächst die aktuelle
Bedeutung der Defloration des Mädchens, mit dem er sich auf
Grund der femininen Einstellung identifiziert, und seiner Gedanken
an eventuelle Folgen (Vernähen, Kind). Der im Traum -wieder-
holten infantilen Kastrationssituation entspricht seine alte feminine
Wunschphantasie, dem Vater ein Kind zu schenken (Geburts-
darstellung). Analytisch stellt er in infantiler Symbolik seine
Identifizierung mit dem Vater (Analytiker, Operateur) dar: er
bekommt nicht mehr das Kind, er wiJl es selbst machen; er ist
auch nicht nur das neugeborene (operierte) Kind, sondern auch
schon der Vater (Arzt, Operateur).
Rank, Scxualitüt und SchuldgEiülil q
130 Dr. Otto Rank
Auch hier also die gleiche libidiiiöse Eiid Situation, wobei
infolge der stärkeren narzißtischen Reaktion des Patienten allerdings
deutlicher wird, in welcher Weise die Identifizierungs-
tendenz in den Dienst der Ichidealbildung gestellt
wird,' Die Übertragung wird ersetzt durch eine den Analytiker
(Vater) introjizierende Phantasiebildung, wobei die Identifizierung
nur so weit zugelassen wird, als zur Ablösung bei gleichzeitiger
Neubildung des Ichideals notwendig ist. Eine weitergehende
Identifizierung, die ja wieder neurotisch wäre, verhindert der Nar-
zißmus als Grenzwächter des Individuellen, das nichts Fremdes
annehmen will, und als Differenzierungsfaktor (im Sinne Freuds).
Ehe wir zum Abschluß noch einen flüchtigen Blick auf die
Äußerungen der „psychischen Potenz" im normalen Liebealeben
werfen, wollen wir das Gemeinsame dieser Fälle zusammenfassen,
von denen jeder eine besondere Seite des zu umschreibenden Tat-
bestandes beleuchtet. Es handelt sich dabei um eine im Ödipus-
komplex manifestierte Entwicklung der infantilen Libido, die statt
des geforderten Endausganges im normalen heterosexuellen Ehe-
leben zu individuell und sozial verschieden wertigen Störungen
führt, welche von ausgesprochen neurotischer bis zu sozialer
Symptombildung (Perversion, HomosexuaHtät, Dissozialität)
Schwanken. In der Analyse erfolgt die Korrektur dieser Abwei-
chungen durch die bekannte Wiederauf rollung des in erster
Instanz verlorenen Entwicklungsprozesses, wobei die neuroüsche
Identität von Kläger und Angeklagten durch ökonomischere
Rollenverteilung auf die zwei ursprünglichen Partner bewußter-
weise aufgelöst und damit an S telle der miBglückten Verdrän-
i) Üter die Idealbildungsvorgänge im Heilungsproieß siehe die nächste
Abhandhuig.
Die psythisdie Potenz 131
gung aus Schuldgefühl (Angst) die Verurteilung im Sinne J'reuds
gesetzt werden kann. Zur weiteren Freisprechung vom Schuld-
bewußtsein folgt dann die Entwertung des ganzen Verfahrens
selbst, die mit einer entsprechenden Bewertung des eigenen Ich
abschließt.
Die seelischen Kosten dieser Revision trägt die Libido des
Patienten in dem Sinne, daß er auf einen Teil ihrer Befriedi-
gung in der alten Form verzichten lernen muß. Der Patient holt
die in der Kindheit versäumte Einordnung seiner im sozialen
Leben unbrauchbaren Trieb komponenten nach, indem er seine
(feminine) Einstellung zum Vater (Homosexualität, Kastrations-
komplex, Geburtsphantasie) im normalen Sinne erledigt und aus
der analytischen Situation (Auflösung der Übertragung) die Fähig-
keit zur vollen Vateridentifizierung gewinnt, die zur Ausfüllung
seiner männlichen Rolle notwendig ist. Bei der ahnÜch entwicklungs-
gehemmten Frau (Neurose, Perversion) handelt es sich in der
gleichen Libidoschichte um einen ihrer PubertätsentwicHung
analogen Verzicht auf ein Stück Männlichkeit, also psychologisch
um die volle Identifizierung mit der Mutter (auch als Geschlechts-
wesen), der die volle Akzeptierung der „Kastration" parallel gehen
muS. Es ist dann, in der Analyse das Stück versäumte Ennvick-
lung nachzuholen, das Freud als infantile Wendung des kleinen
Mädchens vom Peniswunsch zum Kinderwunsch beschrieben hat."
1) „Das Tabu der Virginilät." Ges. Sehr. Bd. V. Dortselbst findet sich
auch der Hinweis auf die tiefere theoretische Fundderung- dieser Auffassung
im Triebleben sowie ihrer Abgrenzung gegen den „männlichen Protest"
Adlers, der hier — wie leicht ersichtlich — nicht als Erklärungspriniip,
sondern als Symptom der verdrängten Infant iUibido betrachtet und dem-
gemäß als „neurotische Rachetendeni" oder als „ Man nlichkeits komplex"
des Mannes analysiert wird. Der Unterschied läßt sich am kürzesten so
formulieren, daß fürs Unbewußte, mit dem sich die Analyse beschäftigt,
Femininität— Mutter i den ti filier ung und Männlichkeit —
Vateridentifiiierung bedeutet.
132 Dr. Otto Rank
Wünscht sich da das Mädchen statt des Penis das Kind, so
besteht der entsprechende Entwicklungsschub beim Manne darin,
daß er statt des Kindes den Penis wünscht (bejaht). Darin ist, wie
unsere Fälle zeigen sollten, auch das enthalten, was mit dem
Begriff der „psychischen Potenz umschrieben worden ist.
Eine Frage von allgemeinerem Interesse wäre dann die Auf-
arbeitung dieser in Netirose und Perversion mißglückten Entwick-
lungsanfgaben im normalen Liebes- und Sexualleben. Nach den ana-
lytischen Erfahrungen ist zu erwarten, daß dies auch dort auf dem
Wege der Identifizierung erfolgen wird, und zwar der gegen-
seitigen Identifizierung, als welche wir ja den Zustand der Ver-
liebtheit nach Freud, auffassen müssen.' Die Frau befriedigt
so ihren infantilen Wunsch nach dem Penis im Koitus, ebenso
der Mann seinen Wunsch nach dem Kind, und in dieser gegen-
seitigen Identifizierung allein ist die volle gegenseitige Libido-
befriedigung gewährleistet, die über die bloß körperliche Sexual-
befriedigung hinausgeht, in der übrigens auch das Zusammen-
treffen des Orgasmus im Sinne der gegenseitigen Identifizierung
bedeutsam ist.
Zugleich erkennen wir aber auch, wie in den abstrus scheinen-
den unbewußten Motiven der neurotischen Syniptombildung ein
guter Sinn steckt, der nur aus einer sozusagen irregeleiteten oder
besser gesagt zu weit getriebenen Identifizierung
verkannt wird. Die die Impotenz begründende Angst (Fall I) vor
dem Weib entspricht einem ähnlich intuitiven Erraten eines rich-
tigen psychischen Sachverhalts, wie dies Freud für das Tabu der
Virginität dargelegt hat. Auf Grund der zu weit getriebenen
Identifizierung mit der Mutter nimmt Patient diesen normalen
Wunsch der Frau, den Penis als Kind in sich einzuziehen,
i) Siehe: Massenpsychologie und Icliaiialyse, 1921. (Ges. Sehr. VI.)
Die psydiisdie Potenz 133
gleichsam unbewußt wahr; was wir ihm in seinem Symptom, der
Impotenz, analytiscli zeigen, ist die Tatsache, daß dies durch Pro-
jektion seiner eigenen femininen Li bidoein Stellung erfolgt.' Die
neurotische Frau gelangt auf dem.selben Weg der zu weit gehenden
Identifizierung mit dem Mann' entweder schon im Verlaufe der
infantilen Entwicklung zu hysterischen Symptomen, welche die
libidinöse Funktion der Genitalien verleugnen und auf andere —
— sozusagen bisexuelle ■ — Organe verschieben; oder sie produziert
später auf der Stufe des erwachsenen Sexuallebens bei sozial
geforderter Genitalfunktion (Heirat usw.) Anästhesie, Vaginismus
und ähnliche als aktualneurotisch zu wertende Symptome, die der
Rache am Manne zu entsprechen scheinen, wie die psychische
Impotenz der Rache am Weibe. Diese Rache erweist sich aber
auch bei der Frau oft als eine verschobene und gilt dann auch
dem gleichgeschlechtlichen Konkurrenten aus der ödipussituation,
der Mutter.ä Fall I beschließt seine Erledigung der Analyse mit
der Rache am Manne, während sein Symptom der unzweckmäßigen
Rache am Weibe dienen sollte, aber die neurotische Rache an
sich selbst bewirkte; Fall II fühlt konstant im Leben einen
neurotischen Kampf gegen Vater und Bruder, entwertet aber das
Weib statt des gehaßten Mannes, an den er libidinös fixiert bleibt;
Fall III endlich, dessen jahrelange Angstträume vom Tode der
1) Im Falle I ist es besonders deutlich, zu beobachten gewesen, wie
auch die Frau seine unbewußte Einstellung ihr gegenüber intuitiv erraten
und ihm teilweise direkt bewußt gemacht hatte. Darauf hatte er ja mit
der Impotenz reagiert.
a) Über das biülogiscKe Motiv vergleiche jetzt des Verf.: Das Trauma
der Geburt (Abschnitt: Sexualität).
5) Ahnlich verhält es sich mit der Psychologie der am Vater finierten
Prostituierten, dieser weiblichen „Don Juan-Typen", welche sich in Betrug
und Schädigung- des Mannes nicht genug tun können, sich aber dabei
eigentlich- au den Frauen rächen, denen diese Männer geliören. Letzten
Endes entwerten sie, wie der Neurotiker, in ihrem Tun sich selbst mid ihr
glücklicheres Vorbild, die Mutter.
134 ür. Otto Uank
Mutter sich im Laufe der Analyse in solche vom Tode des Vaters
verwandelten, ist ein treffendes Beispiel für diesen umgewerteten
Ödipuskomplex und die Triebfeder dafür r das verschobene Angst-
und Schuldgefühl.
IV
Schließlich möchte ich hier ein viertes, allerdings nicht analy-
siertes Beispiel von ausgesprochener Hjperpotenz ohne neurotische
oder soziale Selbstschädigung einschalten, das die Ausführungen
vom Standpunkt des sogenannten normalen Liebeslebens illustrieren
soll. Es handelt sich um einen mir persönlich bekannt gewordenen
typischen Don Juan, dessen abnorme Potenz sich schon bei näherem
Zusehen als stark komplex-bedingt im Sinne unserer Ausführungen
erwies. Von einer Analyse war bei dem im Leben und in der
Liebe erfolgreichen Menschen keine Rede, Er war in der Wahl
seiner Sexualobjekte zwar nicht sehr, aber immerhin so wählerisch,
daß von einem rein organischen Bedürfnis nach täglicher — oft
mehrmaliger — Sexualbefriedigung abgesehen werden konnte. Atich
gehörte für ihn die Eroberung unbedingt dazu, nicht so der
geschädigte Dritte, den er im Gegenteil nur als unvermeidlich
hinnahm, wo er ihm nicht ausweichen konnte. Je schwerer eine
Frau zugänglich schien, desto eher schien sie ihm auch das Fehlen
dieses Dritten, des Konkurrenten, zu gewährleisten und ihn damit
von dem Gefühl der „Schädigung" zu entlasten. Prostituierte ver-
abscheute er daher, machte aber eigentlich jede Frau gewissermaßen
selbst zur Dirne, indem er sie zum bloßen Sexualobjekt erniedrigte
und menschlich entwertete. Dieser Entwortungsprozeß selbst machte,
ganz im Stile des echten Don Juan, einen Teil seiner Libido-
befriedigung aus. Dazu brauchte er immer, womöglich täglich,
neue Sexualobjekte, die er nach der Verführung (in irgendeiner
Form) bald fallen ließ und wechselte. Sein ganzes intellektuelles
Die p^j'diisdie Potenz 135
Leben spielte sich sozusagen daneben in intensiven Freundschaften
mit etwa Gleichaltrigen (Kameraden) ab, von denen er stets Freund-
schaftsbeweise forderte, und die er teilweise in seine zahlreichen,
oft tragisch endenden Liebesgeschichten einweihte. So kam auch,
ich zur näheren Kenntnis seines Sexuallebens, und als er mein
analytisches Interesse daran bemerkte, stellte er mir drei für ihn
typische, perennierende Träume zur Verfügung, die auch ohne
eigentliche Analyse tief in sein unterwühltes Triebleben hinein-
leuchten und zeigen, daß seine enorme Potenz und Libidobedürftig-
keit auf dem uns bekannten Boden ruhen.
Erster Traum: „Sehr häufig verrichte ich wn Traume Ekel-
haftes, und zwar meistens im Halbdunkel auf einer Bank sitzend,
neben mir viele Bekannte, unter meinem Sitz befindet sich ein
Loch. Während der ganzen Zeit des Gespräches, sowohl mit den
Nebensitzenden als auch, wie es sehr häufig vorkommt, mit Vorüber-
gehenden, verrichte ich in einem fort (meine Notdurft) und habe
folgendes Gefühl dabei: i. Ekel, daß man. es überhaupt tun muß
(auch im Leben); 2. das Gefühl der Zufriedenheit, daß meine
Nachbarsleute und die Vorübergehenden es nicht sehen, weil meine
Kleider vorne so kunstvoll geordnet sind; J. nicht immer, aber sehr
oft das Gefühl der Erhabenheit über alle: keiner konnte mir das
nachtun. (Im Gegensatz zu dieser Empfindung machen es in einer
Reihe von Träumen alle meine Nachbarn in unabsehbarer Reihen-
folge.) Immer aber bin ich derjenige, der gezwungen wird, sich zu
erheben. Gewöhnlich geschieht das in der Aufforderung eines der
Vorübergehenden, mitzukommen oder ein interessantes Dokument zu
zeigen. Ich erhebe mich vorwärtsgebeugt, um Papiere aus der Tasche
zu nehmen, und beginne mit großer Feierlichkeit oder Umständlichkeit
mich mit dem Papier abzuwischen. Ich spreche noch einige Worte,
habe aber das Gefühl, daß in diesem Fall fast mein Hinterteil
gesehen wird. In diesem Moment überkommt mich direkt eine Ver-
136 Dr. Otto Rank
zweiflung, daß meine ganze Freude, die Täuschung meiner Er-
habenheit durchschaut ist. Ich sehe verdutzte Gesichter, schäme mich
riesig und erwache. Diesen Traum habe ich seit Jahren, aber er
ist jetzt quälend geworden, seit mich ein Weib dadurch vom Koitus
abgestoßen hat (Impotenz?), daß sie vorher in meiner Gegenwart
urinierte.
In Anbetracht der Tatsache, daß der Träumer selbst in Gegen-
wart anderer nie urinieren konnte, was er besonders hervorhebt,
erhält sein exhibitionistischerDefäkationstraum besondere Bedeutung.
Offenbar identifizierte er sich selbst mit der in Gegenwart anderer
urinierenden Frau und versagte in dieser femininen Einstellung
(Kastration). Das Nicht- urinieren- Können in Gegenwart anderer
zeigte auch Fall III, und zwar ganz unzweideutig mit der Kastra-
tionsangst verbunden.'- (Siehe seinen Traum, wo er in Gegenwart
des Vaters urinierte.) Charakteristisch genug bemerkt unser Traumer,
es habe ihn zur Mitteilung des Traumes die Tatsache veranlaßt,
daß ihm zuletzt die Schwester im Traum zugeschaut
habe und er von der Aufzeichnung die Befreiung der peinlichen
Wiederholung des Traumes erhoffe.*
Aber auch der stark verdrängte Exhibitionismus hängt, wie
oben erwähnt, innig mit dem Kastrationskomplex zusammen, und
der Träumer ist daher stolz darauf, daß seine Kleider vorne so
kunstvoll geordnet sind, daß man nichts sehen kann, während
zugleich hinten alles zu sehen ist, das heißt, daß nichts da ist
(Femininität), Er selbst erklärt natürlich seine Exhibitionsscheu aus
1) Ähnlich stehen die UrethralstÖrungen der Prau mit dem Penisneid in
Verbindung.
2) Das heißt, der mit der Aufdeckung dieser iniestuSsen Wiiriel ver-
bundene Unlustoharakter ist offenbar stärker als der Luatgewinn des Traumes
geworden. Nun kann er den Traum seihst auch „i e i g e n" und ihn viel-
leicht so los werden; ob dies auch tatsächlich der Fall war, kann ich
mangels späterer Nacbrichti-n von ihm nicht sagen.
Die psydiisdie Potenz 137
einem angeborenen Schanagefühl, dessen er sich schon aus der
frühen Xinderzeit erinnert, wo er als kleiner Knabe mit dem
Vater baden sollte.' Auf Grund dieser frühinfantilen Verdrängi-ing,
die er zum Charakterzug entwickelt hat, entspricht seiner hetero-
sexuell-schamlosen Reihenbildung im Leben die feminin-anale
Exhibitionsscham im Traum, die zu einer überlegenen Konkurrena
des eigenen Ich im Sinne der Heroenbildung (Ablehnung der
Identifizierung) ausgewertet ist (das macht ihm keiner nach!).'^
Diese Einstellung verrät deutlich ein zweiter, gleichfalls per-
rennierender, exhibitionistisch eingekleideter Flugtraum, in
dem der Träumer deutlich mit seiner „psychischen Potenz protzt;
f,Oft fliege ick im Traume vor zahlreichen. Zuschauern und bin
sehr stolz darauf, daß mir das niemand nachmachen kann. Ich
befinde mich dabei meist im Zimmer und gehe gleichsam, nur
wenige Schritte über dem Boden, durch die Luft, Immer sind meine
Freunde auch dabei. Einer von den Zuschauern macht dann ge-
wöhnlich eine abfällige Bemerkung über meine Leistung, etwa:
ja, ein-, zweimal im. Zimmer auf und ab zu fliegen ist keine
Kunst, Ich mache darauf eine verächtliche Handbewegung und
sage; Lächerlich.' Ich kann es auch sieben- bis achtmal machen und
mache es ihnen vor. Darauf allgemeines Beifallklatschen und ick
erwache mit Lustgefühl."
Auch hier kommt der unterdrückte Exhibitionismus deutlich
zum Durchbruch; in Wirklichkeit kann er nicht nur vor anderen
nicht koitieren, sondern eigentlich nur im Dunkeln (siehe das
Halbdunkel des ersten Traumes), so daß ihn nicht einmal die
Frau sieht. Beweisend für den reaktiven Charakter seiner starken
Potenz ist deren Steigerung auf Grund der Selbstkritik (Ichideal),
i) Auch hier wieder die gleiche „traumatische" Deckerinnerung,
a) Siehe dazu meine Abhandlung: Die Don Juan-Gestalt. 1922. (Internat.
PsA. Verlag.)
138 Dr. Otto Rank
wie sie im manifesten Inhalt des Traunies direkt zum Ausdruck
kommt.
Einen dritten, sozusagen jüngeren typischen Traum hat er erst
seit dem einige Jahre vor der Erzählung dieser beiden schon
lange wiederkehrenden Träume erfolgten Tod seines besten
Freundes. In diesem Traumtypus, dessen Text er nicht wörtlich
fixiert hatte, erscheint ihm regelmäßig sein (verstorbener) Freund
wieder, um ihn zu trösten. Hinter der manifesten „Homosexualität"
dieser Träume steckt sein tiefes Schuldgefühl aus dem
Ödipuskomplex (siehe den Traum von der Schwester). Erst nach
dem Tode des Freundes nahm sein vorher schon wenig gehemmtes
Sexualleben die geschilderten Züge des donjuanesken Zwangs-
charakters an. Der Tod des Freundes hatte offenbar bei ihm die
bisher ängstlich gemiedenen Schädigungsabsichten gegen den Dritten
(Vater — Bruder) belebt, und er ließ sich im Traum regelmäßig
durch die Wiederkehr des Freundes versichern, daß er ihn nicht
beseitigt habe (Trosttraum).
So zeigen diese drei typischen Träume des Normalen, ja in
manchen Punkten Übernormalen, den Grundriß seiner libidinösen
Struktur, aus der sein Charakter und sein Sexualleben sich nach
den analytisch erforschten Gesetzmäßigkeiten entwickelt.
In den weitgespannten Rahmen der „normalen" Erledigung
der Libidoentwicklung gehört auch ein ganzer Teil der ars amandi,
ja sogar die Übung antikonzeptioneller Praktiken erweist sich in
solchen Fällen davon mitbestimmt, wo die rationellen Momente
unzureichend sind, wie beispielsweise in unserem ersten Falle, der
dies selbst einsieht. Das Präservativ wird in der unbewußten Phan-
tasie zu dem zweiten geopferten (Ersatz-) Penis, der zwar in die
Mutter eindringt, aber die Befruchtung und damit die Geburt
J
Die psydiisdic Potenz 139
verhindert; der Coitus interruptus schützt vor der gefürchteten
Rücltkehr ziir Mutter (Kind); die Versagung des gewünschten
Kindes ist komplexbedingt im Sinne unserer Ausführungen über
die feminine Einstellung, die Mmteridcntifiziermig und die Geburts-
phantasie. Aber auch eine Anzahl mehr minder aktueller Störungen
der Sexual funktion, wie der (psychische) Aspermatismus, der nach
Beobachtungen von Blum (Wien) oft mit gehäuften nächtlichen
Pollutionen einhergeht, vielleicht auch der Priapismus sowie
sonstige, analytisch bereits besser verständliche Sexualstör imgen
gehören hierher; ähnlich determiniert erweist sich aber, wie in
Fall n, die konsequent leichtsinnige Ignorierung aller Schutz-
mittel, wo sie rationell am. Platze wären.
So entsprechen die neurotischen Störungen der Genital funktion
bei beiden Geschlechtern Libidoentwicklungen, welche die infantile
Neurosenbildung mehr oder weniger erfolgreich vermieden haben.
Es sind Neurosen, deren Symptombildung sich nach der Auf-
richtung des Genitalprimates an diesem erwachsenen Libidozentrum
etabliert. Natürlich spielen in ihnen neben den aktuellen Ein-
flüssen (Aktualneurosen) die infantilen Komplexe — wie überall
■ — mit, und es ist nicht zu verwundern, wenn man als psychi-
schen Kern der aktual neu rotischen Angst infantile Angst findet,'
die zum mißbräuchlichen Sexualverkehr veranlaßt hatte. Aber bei
diesen Menschen hat sich eben die infantile Angst in diesem
Stück ihres aktuellen Sexuallehens erhalten und hätte ohne diesen
aktuellen Mißbrauch nie zu Störungen geführt. Denn innerhalb
der weiten Grenzen des Normalen können all die disparaten
Strebungen, die wir in der Neurose isoliert auf Befriedigung aus-
gehen sehen, unter leilweisem Verzicht auf ihre volle Durch-
setzung befriedigt werden,
1) Siehe gleichfalls: Das Trauma der Gebiu-t („Die infantile Angst",
140 Dr. Otto Rank
Nur kurz sei schließlich darauf hingewiesen, daß die zur nor-
malen Erledigung der Libidokonflikte notwendige Einstellung zum
Liefaesobjekt auch jeweils ganz bestimmte Eigenschaften desselben
voraussetzt, die Freud in einzelnen Typen von „Liebes-
bedingungen scharf umschrieben hat. Unsere Fälle haben
gezeigt, daß diese Bedingungen ebenso potent wie impotent machen
können, je nach dem Grade der Identifizierung oder der Stärke
ihrer Ablehnung in der Idealbildung (siehe den folgenden Beitrag).
Jedenfalls aber bilden sie einen integrierenden Bestandteil des Sexual
lebens der Kulturmenschen, das ja auf eioem rein psychischen
Faktor, der Liebe, aufgebaut ist, deren Sonderbarkeiten und Rätsel
uns die Psychoanalyse als Niederschlag der vorzeitlichen Eltern-
bindung („Ödipuskomplex") mit all ihren seelischen Verdrängungs-
folgen verstehen lehrte.
Idealbildung und Liebeswahl
Vom Gesichtspunkte der Identifizierung mit dem Analytiker
können wir den analytischen Prozeß beschreiben als Wiedeir
holung der alten infantilen Objeklwah! (in der Übertragung), die
infolge Versagung wieder in eine (neurotische) Identifizierung
auszugehen droht, aber nunmehr durch Zuhilfenahme bewußter
Ichstrebungen von einer neuen, zweckmäßigeren Ideal-
bildung und einer daraus resultierenden Objektwahl abge-
löst wird. Dazu muß der Neurotiker auf seine mitgebrachten
Idealisierungen, die entweder zu hochgespannt oder unzureichend
sind, verzichten und wieder auf die ursprüngliche Ur-Objektwahl
regredieren, um zu einer neuen, nicht bloß ichgerechten, sondern
auch libidinös realisierbaren Bofriedigungsmöglichkeit zu gelangen.
Dabei kann man sowohl an der Auflösung der alten, wie in der
Bildung der neuen Ichideale den Prozeß der Idealbildung,
beziehungsweise Sublimierung, in seinem wesentlichen Verhältnis
zur Objektwahl und zur Identifizierung studieren;' das heißt aber
i) Inzwischen sind diese Verhältnisse in Freuds: Das Ich und das Es
(1925) theoretisch geklärt worden. Die folgenden Ausführungen, deren
Material vorwiegend aus dem Winter 1922 stammt, wollen die Mecha-
nismen vom praktischen Standpunkt des Heilungs Vorganges betrachten und.
verständlich machen. Wir sehen dabei natürlich auch, von der meta-
psjchologi sehen Bedeutung des Ichideals (Über-Ich), das Freud zuletzt
im Sinne eines psychischen Systems gebraucht, ab.
142 Dl". Otto Kank
den Mechanismus der Idealbildung aus dem aufgegebenen
Objekt und der daraus folgenden Identifizierung verstehen.
Das günstigste Material zum Studium dieser Verhältnisse,
besonders der Objektwahl, scheint mir die gleichzeitige Analyse
von Ehepaaren durch denselben Analytiker, weil man da Gelegen-
heit hat, die Verliebtheit auch in ihrer gegenseitigen Auswirkung
zu überblicken, während das Üb ertrag ungs Verhältnis doch nur
einseitige Einblicke in die Mechanismen gestattet. Der glückliche
Zufall hat mir in den letzten Jahren einige solcher Doppel-
analysen ermöglicht, die ich übrigens in Fällen von Eheschwierig-
teiten und -konflikten . für die einzig richtige, wenn auch nicht
gerade bequemste Art der Behandlung halte.
Bei spie!: Herr X. heiratet seine Frau in folgender Situation;
Er hat eine starke Neigung aus der Kindheit für eine Freundin
seiner Schwester mitgebracht, als offenkundigen libidinösen Ersatz
derselben. Diese Jugendliebe, die später durch das Interesse für
andere gleichnamige junge Mädchen teilweise abgelöst wurde,
ist von X. im Sinne der inzestuösen Abwehr „idealisiert" worden,
so daß er schließlich immer die Gelegenheit zur Eroberung dieser
„unerreichbaren" Liebesobjekte versäumte und sie anderen über-
lassen mußte. Dieser Verzicht ist deutlich auf einer starken Vater-
angst aufgebaut, die X. durch unbewußte feminine Unterwerfung,
also Identifizierung mit der Mutler, libidinös zu kompensieren
suchte. Seine spätere Frau gehörte ursprünglich auch der Reihe
idealisierter, das heißt unerreichbar gemachter Inzestobjekte an;
nicht nur weil er sie seit vielen Jahren kannte, ohne einen deut-
lichen Schritt der Annäherung gemacht zu haben, sondern auch
weil die äußere Situation dies begünstigte, indem seine zukünftige
Frau, seil einer Reihe von Jahren vaterlos,' der Pflege ihrer
i) Charakterisliä eher weise hatte die erste intimere Annäherung von
seineT Seite auch erst nach dem Tode ihres Vaters begonnen.
Idealbildung und Licbeswahl 143
kranken Mutter lebte, was für ihn das „ideale" Verhältnis im Eltem-
hause — Zusammenleben mit der Mutter bei Ausschluß des Vaters —
bedeutete. Da treten Umstände ein, welche die Situation so ver-
ändern, daß sie die libidinöse Objekt wähl von beiden Seiten
ermöglichen, während bis dahin sie für ihn nur eine „ideale"
Tochter (Schwester), er für sie das Ideal des keuschen jungen
Mannes gewesen war, der ihren um einige Jahre älteren
Lieblingsbruder vertrat, den sie selbst als ihr „Ideal" bezeichnete,
da er so „mütterlich" gewesen sei. Er verfällt in eine rätselhafte
Krankheit, die sich nachträglich in der Analyse als Versuch
darstellte, die Sympathien und das Interesse seines strengen,
verschlossenen Vaters zu gewinnen, was aber nicht gelang. Um
dieselbe Zeit stirbt ihre Mutter nach jahrelangem Leiden und
kurze Zeit darauf schreibt sie dem nach Teilnahme hungernden
Mann einen freundlich tröstenden Brief, der sie schließlich dauernd
zu sam menf ührt.
Der Mechanismus dieser Objektwahl ist analytisch leicht
verständlich: Sie wendet sich ihm als direktem Ersatz des eben
verlorenen Mutterobjektes zu' und pflegt ihn weiter, wie sie es
bisher mit der Mutter getan hatte, bis er talsächlich genesen ist
(womit sie allerdings gleichzeitig im Sinne ihres Ideals eine alte
1) Auch in einem anderen Falle erinnerte eine Prau in der Analyse,
daß sowohl ihr Mann, an den sie auch nach der Trennung noch stark
fixiert geblieben war, wie auch sein Nachfolger, genau die Augen der
Mutter und ihre Gesiehtsiüge hatten. Auch sie hatte also im geliebten
Manne ein Mutlerobjekt gefunden, dem sie als Kamerad („männlich") lur
Seite stand, während sie die Mutteridentifizierung mittels neurotischer
Symptombildung heftigst ablehnte. — Übrigens zeigen alle Frauen, die
pathologisch an den Mann fixiert sind und darum die Analyse aufsuchen,
ausnahmslos die starke Mutterfixienmg, die in ihrer Verschiebung auf den
Mann der im vorigen Abschnitt behandelten Verschiebung der Rache
auf das andersgeschlechtliche Objekt entspricht.
Die allgemeine Bedeutung dieser sonderbaren Züge des Sexuallebens
versuchte ich im „Trauma der Geburt" versl'andiich lu machen.
144 Dr. Otto Rank
Schuld am Vater gutmacht, den sie viele Jahre früher nicht hatte
pflegen und retten können). Er ist imstande, die ideale Schwester
(Tochter) jetzt doch zum Liebesobjekt 7,u nehmen, weil sie frei
geworden ist; die Analyse seiner ganzen LihidoeniwicWung zeigt
aber, in welch merkwürdigem Sinne dies zu verstehen ist, denn
sie läßt keinen Zweifel, daß die Frau für ihn unbewußt einen
Vaterersatz darstellt, in ähnlich unbe\vußter Motivierung wie er
für sie einen Mutterersatz. Er heiratet sie nämlich nen Objektes setzt. Die Idealbildung macht so, im Sinne
Freuds, den Verzicht auf das Objekt — ebenso aber auch die
unbefriedigende Identifizierung damit — von Seite des Ich mög-
lich; die an das alte Objekt erinnernde „Liebesbedingung" macht
das Idealobjekt wieder libidinös akzeptabel. Die Idealbildung ist
also eine Form der 'Lihidoabwehr (Verzicht), bzw. der ichgerechten
ßefriedigungsanpassung, die in der normalen Objektwahl aus dem
Ödipuskomplex eine entscheidende Rolle spielt und im Falle von
neurotischen oder sexuellen Störungen nach der einen oder
anderen Seite extrem entwickelt ist (hypertrophiert oder alrophiert).
Die Analyse hat die in der Übertragung reproduzierte infantile
Objektwahl und Identifizierung aus der Versagung mittels
Bewußtmachung in eine neue zweckentsprechende Idealbildung
überzuführen, welche imstande ist, die aus der Verdrängung be-
ireite Libido an erreichbaren Ersatzobjekten Befriedigung finden
zu lassen.
Diese im Laufe der Analyse der Übertragung wiederholte nar-
zißtische Idealbildung muß schüeßlich, neben dem Urphänomen
der Mutterlibido, in der Endphase der Kur vom Analytiker gelöst
und für die Realübertragung verfügbar gemacht werden. Seist
die Objektwahl auf Grund der neuen Ideal bildung
das zweite Stück Therapie, das sich an die Be-
Idealbilduog und Liebeswald 153
freiung der verdrängten Urlibido anschließen
muß. In de«i der Objektwahl vorausgehenden Prozeß der Ideal-
bildung, die oft als Widerstand gegen die psychische Potenz auf-
tritt, erfolgt eine teilweise Sublimierung der Libido, die darin
besteht, daß auf die infantilen Objekte zugunsten der ichgerechten
und realisierbaren verzichtet wird.
Die so häufig aufgeworfene Frage nach dem Unterschied zwi-
schen „Übertragung" und „Liebe" läßt sich vielleicht so beantwor-
ten, daß die Übertragung eigentlich eine reinere sozusagen
konzentrierte Form der Libido darstellt, während das, was wir
„Liebe" im gewöhnlichen Sinne des Wortes nennen, eine von
Seiten des Ich durch die Idealbildung verdünnte Form der Libido
ist, die wir rein nur in der Übertragung und im sogenannten
Zustand der Verliebtheit zu sehen bekommen. Die lediglich auf
der Mutterbindung beruhenden Äußerungsformen der Liebe sind
streng monogam, während die A.nsprüche des Ichideals meist nur
auf polygamem Wege befriedigt v^erden können (Don Juan). Nor-
malerweise findet der Tchanteil in der Gegenliebe, d. h, dem
Geliebt werden, Befriedigung.
So findet im Geschlechts- und Liebcsleben, entsprechend diesen
analytisch erkannten Mechanismen, eine wiederholte und standig
fortgesetzte gegenseitige Anpassungsleistung statt. Dem physio-
logischen „Kampf der Geschlechter" vor und im Sexualakt ent-
spricht auf psychischem Gebiet — der Liebe — ein ständiger
gegenseitiger Ausgleich der Interferenz von Libidoobjekt und Ich-
ideal, welche letzten Endes darauf zurückgeht, daß nicht nur in
allen Formen „perverser" Libidobefriedigung, sondern ebenso in
der normalen Geschlechtsliebe die Partner oft nur bewußt Mann
und Frau darstellen, wo sie unbewußt eigentlicli Mutter und
Kind spielen. Die biologische Ergänzung der beiden Ge-
schlechter muß ihr psychologisches Gegenstück in
einem Zusammentreffen der beiden Libidoideale oder in der gegen-
seitigen Anpassung an diese finden, welche der Aufgabe der An-
passung des Ich an die Realität in nichts an Schwierigkeit und
Bedeutung nachsteht.
i
Register
Ableugnen; ttotzigea 22; Zwang lum
20 f; des Objekt- u, Kindes wünsch es
105, io6
Abstinenz 5g
Abwelirkampf; gegen Masturbation 10,
i5f; in Pubertät ig
Adler, Alfred 117, izo, 131
Affektbefriedigung am unrichtigen Ob-
jekt 11^
Afterbohren 51
Algolagnie 79
AjnphimiKis 52
Anästhesioigg; u. Klitorismasturbation 28
Analcliarakter 25, 51, gg
Analerotik 107
AnaJjse, Terminsel'iung i. d. gg
Angst; 11. Cniinilingus 11g; infantile u.
Aktualneurose igg; u. Kinderonanie
i2f; u. Libido 117; u. Masturbation
12; u. Schuldgefühl ig
Angstneurose 12
Anpassung u. Idealb ildung 150; u.
LiebEsleben 155
antikouieptionelle Praktiken 158
arc de cercle 8g
ars amandi igS
Asoziale Züge d. Masturbation 27
Aspermatismus igg
Auflehnung gegen weibliche RoUe 120
Aufschneiderei 21 f; u. Masturbation 32
Aufsparen von Geschenken 54
Befruchtungs Symbolik u, Mundperver-
sionen g8
Bensaude, Mathilde 95
Beschneidung u. Kastrationsangst 125.
Bestätigungslräume 65
Bibliophilie gg
Bild — im Bilde gg; im Traum 44 ff,
64 ff, 70
Binswanger, L, 20, 27, gg, g6, g7. g8
biologisches Schuldgefühl J07
bisexueller Ödipuskomplex lao
Bloch, Iwan 41, 55
Blum 15g
Boehm, F. 1 sg
Bordellbesuch u. Homosexualität 125
Brückestellen 8g
Calderon 4g, 57
Charakterbildung; u. Masturbation 8 ff,,
16 ff; u. Schuldgefühl G
Coitus interruptus 15g
Cunnilingus iig
Ijeckerinnerung, traumatische 137
Delakations träum, exhibitionis tischer 1 gS-
Deflorations träum 128
Delbrück 21
Destruktionstrieb u. Sadismus 104
Dichter u. Narzißmus g6
Diderot 4g
Dissozialilät igo
1
156 Register
Don Juan-TjpuB iio, 155; u. Hyper-
iS, 20, 26, 28, gi, 5=, 54, 58, 43, 58,
poteni 154
61, Sa, 63, 76, 77, 78, 80, 81, 8k, 83,
Dorian Gray, Bildnis des 52, 5Sf, 74
8g, 92. 9G, 99, 104, 110, 11a, 117,
Dymow, Ossip 54.
130. 131. '32. HO. H^. 147. ^5'' 151
Frigidität 145, 147
hjbenhild, unerkanntes 4,9
Prühmasturbation, infantile gg
Echo u. Pan 4.9
funktionale Darstellung 25
Egoismus d. Künstlers 51
PurtmüEer, C, 20
Ehe, Erziehen wollen i. d. 145
Ehepaore, Analyse von 14 =
Geburt, Trauma d. 94, 111
Ehepartner, gleichgeschlechtliche Objekt-
Gebiirtsphantasie 131
wahl d. 144.
Geburtstrauin 123, 128
Eisler, J. M. 54,
Gegen wunschträume 6g
Ellis, Havelock 24, 25, 41. 50, 53
Generationslibido u. Perversion 102
Eltemobjekte 150
Gen ita Ich ar akter 31
EntblöQungslusL infantile 84
Geni talfunk tion; Infantilisierung d. 87f;
Entwohnimgstrauma 5^
u. Libidoent Wicklung 139
Erektion u. Kastration 126
g'eschädigter Dritter 110
Erotik u. Sexualität 25
Geschenke, Aufsparen von 34,
Erotismen genitalisierte.u. Perversionen
Gesundheit u, Schuldgefühl loi
J07
Goethe 5g
Erstlingsangst 112
Grausamkeit d. Über-Ich 147
Essen u. Sparsamkeit ^t^{
Grillparicr 4g
Eß- u. SprechstÖtimg 18
Grimm 23
Eutelidas 50
Groß, Otto 28
Exhibitionismus 83 f; u. Analerotik 107;
u. Kastrationskomplex 88, g8; u.
Heilungsproieß u. Idealbildung- 130
Schlagephantasie 93; Schuldgefühl
Heißhunger gg
bei 105; yerdrängter gs
-exhibitionis tisch er Defäkationsiranm 1 g6
Hemmungsmechanismus 98
Hermes 49
Heroenbildung 137, igo
Exhibitions träume 85 ff
Homos exuulität 81, 130, 131; u. Anal-
ralstaff izj
erotik 107; u. Bordellbesuch 123;
Familienroman 150
Darstellung i. Traum 84; u. Identi-
Fasten 11. Masturbationsabstineni 55, 37
fizierung 82 ; u. Schuldgefühl 105, igS;
Federn, Paul zi
weibliche u. Iniestabwehr 82
Fellati 98
homosexuelle Femininität 98
Femininität d. Homosexuellen 98
Hyperpoteni; u. Don Juan-Typus 134,;
Perencii 52, 107
neiu^otisohe 117; u. Zwangsneurose
Fetischismus 15a ; u. Kastration sangst g8
ii8f
Flugtraum 157
Fortpflaniung 11. Sexualakt 95
Ich; physiologische Spaltung d. 147 ; im
Freud, Anna 77
Traum 41 ff
Freud, Sigm. 5, 6, 7, 8, 9, 10, 12, 14,
1 . _
Ichbesetiung u. Objektbesetiung i^ii
. _._ J
llegister
157
Ichbildung', Analyse d. loi
Ichent Wicklung u. Kindeswunscli g6
Icherweiterung gg
Ichideal; infantiles I4gi u. Objekt-
wahl 14,6
Ichidealbildung u. Identifiiiening J50
Ichrache, sekundäre 117
Ichstrebungen 6, 1^,1
Ichtriebe u. Schuldgefühl 100
Idealbildung; u. Anpassung igo; Form
d. 150; u. HeilungsproieO 150; u.
Identifiiierting 140, 148; u. Libido-
ahwebr 152; u. Liebeswahl i^iff;
Material d. 150; narzißtische 152;
u. Suhlimiening 141
Identi filierung: Ablelinting d. 157; mit
Analytiker 115, 117, 127; gegen-
seitige i;2 ; u. HoniosexuBlität 140,
1^8; mit Mutter i;i; u. Narzißmus
55; u. Orgasmus 152; im Traum
6f f; «. iwangsmöBige Potenz izz;
mit Vater u. analytische Situation 131 ;
lu weit getriebene 132
Identifiiierungstendeni ; u. lohideal-
bildung 150; d. Kindes 96
Impotenz; neurotische 108 ff ; u. Schuld-
gefühl 1 1 5
infantile Frühmasturbatiün 93
Infantilisierung d. Genitalfunktion 87 f
Introjektion und Projektion 104
Inversion u. Inzestflucht 81
Iniestabwehr u. weibliche Homo-
sexualität 82
Inzestflucht n. Inversion 81
Iniestobjekte, idealisierte 142
Janet P. 56
Jungges eilen vnmsch 112
iCampf d. Geschlechter 118, 153
Kastrationu.IdentifizJHnmgm, Mutter J51
Kastrationsangst; u. Beschneidung 135;
u. Fetischismus 98; u. Kleptomanie 98;
u. Nicht-urinieren-können 136; u.
Schuldgefühl 125
Kastcationsdrohung 10
Kastrationskomples 151; u. Exhibi-
tionismus 83 f, 98
Kaslrationstrauma 111
Kabtrationsträiime 128, 129
Kinder, -er; Bedeutung f. d. Maani.j4;
Frage nach Herkunft d. 94 ; ge-
fährliches Alter d. 94.; Identifi-
zierungstendenz d. 96
Kinderonanie u. Angst 12 f
Kindeswunsch 93 ; a. Ich entwickhing 96 ;
d. NeuTDtikers 97 ; u. Peniswunsch
151 ; d. Perversen 97 ; u. Sexual-
wunsch gg ; als Suhlimierungsprodukt
g6; Verleugnung d. 106
Kleist, H. von 74
Kleptomanie ; u, Kastrationsangst g8 ;
u. Lügenhaftigkeit 50; u. Mastur-
bation 29; u. Sexualität z8 ff; u.
Verdrängung 30
Klitorismasturbation u. Anästhesie 28
Kniep, Hans 95
Kots eher 41
koprophile Perversion io6f
KrafEt-Ebing 57, 79
Krankheit u. Schuldgefühl 101
Künstler, Egoismus d. 51
Lanval 18
Libido; u. Angst 117; narzilBtische d.
Weibes 14,9
Libidoabwehr u. Idealhildung 15z
Libidoeinstellung ; feminine d. Per-
versen 98; weibliche 148
LibidoentwickluDgu.Genitalfunktioni59
Libidorache, primäre 118
Liebe, monogame u. polygame 155
Liebesbedingungen 140; beim Mann 151
Liebesenttniischung u. Regression 68 f
Liebesleben u. Anpassung 153
Liebeswalil; u. Idealbildung 141 ff ;
normale 148
Lügen, Zwang zum 20 f
Lügenhaftigkeit; pathologische i7f; u.
Wahrheitsfanatismus 27
Lüg'ensucht; ii. Abwehr 30; u. Phanta-
sie 21 f
MännlJchEr Protest 130, 151
Männlichkeitskomplex gif, 148
MännliclJteilswuiisch 90
manie des pactes 56
Marienkind, Märchen vom 15 f, 55
Masochismus 83; u. Analerotik 107; u.
Schlagephantasie 98 ; 11. Schuld-
gefühl 102, injf
MaBturbation ; Abwehrkampf gegen 10,
igf; u.Angstis; asoziale Ziige2^f;
u. Aufschneiderei 22; u. Charakter-
bildung 3 ff, 1 6 ff; lt. Kleptomanie 29 ;
Tl. ödipus Situation ggf; u. Phantasie
14 f; u. psychische Poteni 119; \i.
Sparsucht 5g ; u. Schuldgefühl 17, 100;
u. Sesualbefriedigung 11; Verheim-
lichung d. 18 ff
M BS turbations abstinent u, Fasten 35, 57
Masturhationscharakter 31
Mastuibationsphantasie 151
Masturbations Symbolik 24
Moll 33
Mundperversionen 11. Befruchtungs-
sjmbolik gS
Mu.tterfisienmg' 14g
Mutteridentifiiierung 112, 14g
Nacktheit, Darstellung i. Traum 8g
Nackth ei ts träum 85; u, Kastrations-
phantasie 88 f
Nacke 41, 53
Narkissos, Sage von 49, 57
Nariiflmus 41 ff, 54; u. Dichter 56; u,
Identifikation 55; weiblicher 4s f
nariiQtiacher Traum 4.3 ff, 6g ff
Neurotiker; Hemmungsmechanismus d.
g8; Kindeswunsch d. ^7
Neurose; u. Perversion 76 ff; u. Schuld-
gefühl 102
neurotische Hjperpoteni 117
Objektbesetiung u. Ichbesetiung 153
Objektliebe, ursprüngliche 147
Objektwahl; u. Ichideal 146; u. Thera-
pie 152 ; nach Vorbild d. eigenen
Person 55
Objeklwiinsch, Verleugnung d. 106
Ödipuskomplex gg ; bisexueller iigf
Ödjpussiluation u. Masturbation ggf
Onan 100
Onanie s. Masturbation
Organe, bisesuelle u. hysterische Sym-
ptome 1 gg
Orgasmus u. Identifizierung igi
Ovid 49
1 äderastie 98
Pan u. Echo 4g
Parallelismus, psychosexueller 18
pathologische Lügenhaftigkeit 17 f
PenisneidSg; u. Urethral Störungen 13G
Poniswunsch u. Kindeswunsch 131
perennierende Träume 155 f
Perieget 57
Perverse; feminine Libido ein Stellung
d. 98; KindeswTuisch d. g7; Ver-
meidung d. Sexualakts 97
Perversion 130; h. Generationslihido
102; u. genitalisierte Erotismen 107;
koprophileio6f; manifeste u.Traum-
inhalt 85; u. Neurose 76 ff; u,
Psychiatrie 80; u, Regression 92; u.
Schuldgefühl 102 f ; Terminologie
d. 7g; u. Verleugnung d. Schuld-
gef Ullis 10g
Perversionsbildung u. infantile Libido-
isolierung 90
petitea soeurs ggf
Phantasie 150; u. Lügensueht 21 f; u.
Masturbation 14 f
Plutarch 50
polymorph-pervers g6
Poteni; normale u. Übertragungslösung
118; psychische 108 ff, 115, 119, 150;
Traum vom Weg zur il4f; unter-
wertige 124; iwangsmäßige u. Iden-
tifizierung 122
Register
159
Priapismus 139
Projektion ii. Introjektion 104
Protest mäimliclier e. männlicher Protest
Psychiatrie u. Perversion 60
psychische Poteiii, Impotenz, Reiie s.
„Polens", „Impotenz", „Reize"
Psychoanalyse, Grundsprache d. ^g
psychosexu eller ParalleHsmus 18
Pubertät; Aliwehrkainpf in 15; u. Homo-
sexualität 5^),
Pünktlichkeit, übertriebene 5g
Itaclie 117 f; am Manne igg; am
Weibe 111, 155
Rahmentechnik i. Traum 63
Rank, Otto 16, 24, 35, 37, 43, 54, 58, 94,
112, 133, 137, 159, 143
Regression; u. Liebes Enttäuschung 68 f;
u. Perversion 92
Reinlichkeitsfanatismus 32
Reiie, psychische, als Traumerieuger 59
Rettungsidee 150
Reue u. Schuldbewußtsein 23 f
Riklin 30
Räheim isi
Röscher 49
Rubens 54
Rückprojektion 1 25
Sadger, I. 25, gg, 42, 48, 54, 55, 58, 85
Sadismus; u. Destruktionstrieb 104; u.
Schuldgefühl io3f
Säuglings Onanie 9
Sammelwut 33
Schlagephantasie 76, 80, gi ; u. Ex-
hibitionismus 92 ; u. Masochismus 98
Schneewittchen 4.7, 58
Schiichternlieit 16, 25
Schuldbewußtsein u. Reue 23 f
Schuldgefühl; u, Angst 13; biologisches
107; u. Charakterbildung G; bei Ex-
hibitionismus 105; u. Gesundlieit 101;
gesteigertes 24; bei Homosexuellen
io5;u. Ichtriebe 1 00 ;u. Impotenz 113;
u. Kastrationsangst 125; im Kindes-
alter 6; u, Krankheit 111; u. Maso-
chismus 102, lojf; u. Masturbation
11. 17, 100; 11. Neurose 102; u. Per-
version loaf; u. Sadismus 103!; n.
Sexualität 5 ff , 100
Selbstmorde Jugendlicher gG, 40
Selbstporträt go
Sexual ablehnung, neurotische 1.43
Sexualakt; u. Fortpflanzung 95 ; Ver-
meidung d. hei Perversen 97
Sexualbefriedigung u. Masturbation 1 1
Sexualität; ti. Erotik 2g; u. Schuld-
gefühl 5 ff
Sexualtheorien, infantile 94 f
Sexualwimsoh u. Kindes wünsch 95
Silberer, Herbert 25, 62
Spaltung, physiologische d. Ich 147
Sparsucht 5a f ; u. Essen 34 f ; u, Mastur-
bation 33
Spiegelbild, nanißtische Bewunderung
d. 52
Spitika 25
Sprech- u. ESstorungen 28
Stekel, W, a8, 29, 50, 31, 4.8
Storungs träume 113, 127
Straftendeni d. Symptone 118
Sublimierung; u. Idealbildung 141; u.
Wahrheitsfanatismus 26 f
Symbolik, infantile, u. Identifixierung
m. Vater 129
Symptombildung 101
i abu d, Virginität iia, 132
Terminologie d. Per Version 7 g
Terminsetzung i. d. Analyse 59
T ermini w an g g8
Therapie u. Ohjektwahl 152
Thomasnacht, Traum v. d. 59 f
Todesangst 15
Traum; Bild im 44»; 64ff, 70; Dar-
stellung d. Nacktheit im 8g; der
sich selbst deutet 24, 45, 54; ex-
hihitionistischer 85 ff; Identifizierung
im 67 f; narzißtischer 69 ff; peren-
Register
nierender 15g f; '■ d. Thomasnacht
59 f; f. Traum 48; vom Weg lur
Poteni ii^f
Trauma d. Geburt 94, 135
traumatisches Erlebnis 87
Traum er Beuger, psychische Reiie als 5g
Traum in halt, manifester u. manifeste
Perversion 85
Trosttraum 138
trotziges Ableugnen 22
Ueber-Ich 141; Grausamkeit d. 147
Übertragungslösung u. normale Potenz
118
Unaufrichtigkeit 19 f
Ur Charakter 95
Urethralstörungen u. Penisneid 136
Urninde 57
Urlibido 150
Urobjekt, Idealisierung, d. 149
Urobiektwahl 141
Vagina dentata 112
Vaginismus 13g
Valera 55
Vateridentifiiietung 1 12
Verbottraumen 19
Verdrängung u, Kleptomanie 30
Vergewaltigungsphantasie 147
Verhaeren, Emile 51
Verheimlichung d. Masturbation 18 ff
Vetjüngungstendeni 55, 57
Verleugnung s. „AbUugnen'''
Verliebtheit 132; in eigene Person 50;
in unerkanntes Ebenbild 4g
Versagungsträume 113
Verschiebung nach oben 35
Verschlossenheit 18
Virginität, Tabu der 112, 132
Voyeurtum. 106
Wagner, Dr. R. 18
Wahrheit, Zvifang ivx 25 f
Wahrheitsfanatismus; u. Lügenhaftig-
keit 27; u. Sublimierung 26 f
Waschzwang 32
Wassermann, Jakob 56
Wiedergeburtsphantasie.sublimierte 1 15
Wieseler 49
Wilde, Oscar 52, 36 f, 74
Zwang ; zum Lügen, Ableugnen 20 f ;
zur Wahrheit »5 f
Zwangslüge 22 f
Zwangsneurose u. Hyperpoteni ii3f
Zwaiigstermine 38
Zweig, Stefan 32
J
^
Internationaler Psychoanalytischer Verlag
Wien VU
Der Künstler
u. a. Beiträge zur Psychoanalyse des
dichterischen Schaffens
Dr. Otto Rank
Gekefta Mark 7, — , Garaltincn p. — , HalbUder II. jo
Inhalt: Der KUnsÜPr, Die sexuelle Qruniilago. Die kOnsüerisphe Sublimiening. — Der Sinn
der Griscliia-Fabel. Die Matrone von EplieeuB, Das „Schauspiel' in „Hamlet", Eelefie ■'■or
Retfun gsphaniasie (Reflungepliantasie und Familienroman. Der „Familienroman'" in der Psycho-
logie des AttcntBtefB, Die „Geburtsrettungsphanlasic" in Traum und Mylhus). ,Um Städte
werben." Traum und Dichtung. Ein gediciileter Traum.
Das Werk Runlis behandeil in komprimiertes Icr und doeli lichtvoller DarBtellung entscheidende
Fragen. Der Weg zur Lösung dieser Fragen iat kUhn — aber er ist kein Marsch auf der
SlraBe. ^jj,. Zeil)
Viele sehr verdienstvolle, wenn auch harte und beinahe rUcksichtsloBe MElnungen. Es gehört
eine große Freiheit dea Geistes und eine sehr sehätibaro Unbefangenheit dazu, das SesuellB
offen als den Anfang und Ausgangspunkt dessen zu beielehncn, womit oI)gerechnet werden
muß. Otto Rank hat den Vorwurf der ^lynisehen Brutalität, der bei Bolchen Dingrn niemandem
erspart bleibt, nicht gescheut. Zu philosophischer Propädeutik auf Mädchen- Gymnasien ist die
Sclirift nicht zu verwenden . . . Übrigens haf Otto Hank auf dem Wege iur Seelenschau des
KUnstlerB eine ganie Menge psychologischer Faktoren auf ihren sennellen Gehalt hin geprüft
und mit schtiner Prägnanz demonstriert. (Mindmir AUg. Zrilunn)
Auch unser Zeitalter hct seine Sophisten. Der in seiner verblurfenden DialekUk an Otto
Weininger gemahnende Wiener Psychologe Otio Rank — ein Reineeke Fuchs der Philosopliie
an staunenden Bänken — leitet in der Schrift „Der Künstler" überhaupt alles mcnschliehe
Leben mit seinen Kulturbestrebungen, Religion, WiBsonsehatl, Philoaoplüe, Poesie eaml den
anderen Kiiueten, aus dem geschlechtüchen Ur/:UStanii und dessen alliuählieher Entwicklung
ab . . . Ganz in Ordnung jedoch ist es, daß Otto Rank die Traumzustände neben den Sexual-
problemen zur Erklärung des dichleriaehen und kansUerischcn Phantasieschaffens heranlieht.
(J. V. V/idmann im BanJ)
Höchst interessant, -wie die Vertiefung der Freudachen Lehre auf Teile uralter religionB-
psychologiBcher Grundmauern stößt. Das Studium dieser geistreichen Schrift kann sehr
empfohlen werden. {ZclisS.ifl [n, RtllgionspiyAologie)
Einen Teil der neuen, Urhaftes belichtenden Seelenlebre, die wagniskrättig über die schwanken
Mauern der Träume steigt, in die fahlen Gärten kUrperUcher WaJIungen zwischen Kindern
und Ellern tritt, — einen Teil dieser neuen Lehre erhUrtet Otto Rank . . . Das Wesen seiner
Arbeil gehl den Wissenschaftler an wie den gliedernden (und zergliederten) Diclifer,
{AlfnJ Krrr im Panj
As dimly glimpsed by Nletische, Hinton and other carlier thinkers, — the main explanation
ot tlie dynamio prooess by wich the arts, in the widest sense, have come inlo being, is now
chiefly being explored. One tbinks of Freud and especially of Dr. Hank, perhflps Ihe moBt
brlUianl and clairvoyant of the younger invesligalora who slill stand by the masler's side.
IHa^i-Jad, EJ/li in TAp daare 0/ lic lifc)
Internationaler Psychoanalytischer Verlag
Wien VII
Psydioanalytisdie Beiträge zur
Mythenforsdiung
von
Dr. Otto Rank
Geheftet Mark 6, — , Halbleinen y.fo, Enlbleder lo, —
Nüben und nach Froud, dessen TrBumdDuTung Quelle und Ausgangspunkt oller einachlU^gen
Forschungen IgI^ ist es besonders Kank, dessen Arbeiten ein neue^ XJcht jn die bis dahin
dunkle Entslehungsgeschichte nyfhologisclier Schöpfungen brachten . . . Dafl Rank es ver-
standen hat, sein Thema klar,- ilbersichllioh und fesselnd lu geBlalten, ist fllr den Kenner
seinar Arbeiten keine Übeirasohung. {j&alisäirlft fdt S^ualivlisBasAafi)
Anerkennung gebührt der Gründlichkeit, mit der der Verfasser die Sagen und Diehtungen
niler Zeilen durchforselit hat, und dem analytischen Scharfainn, der ihn iu den verschieden-
artigsten Verkleidungen slelB die ewigen Measchheitskonflikte erkennen laßt.
{DlQ Neue GeaemUon)
Ubro ... de unft presenlaoi6n elegante es una de lafi magnjficoe eontribneiones G la inter-
pretaoiän psicoanalitlea de mitoa y legetkdal^. {Revisia di Psigahttiu, Lima)
Die Don Juan-Gestalt
von
Dr. Otto Rank
Gthtftet Mark 2.8o, Pappband ^.40
„Der unGterblich gewordene Name des spanischen Liebeshclden eülfesselt mit seinem zsuberi-
aehen Klang unwillkürlich eine Reihe von Vorstellungen und Erwartungen erotischer Natur,
die unlösbar mit ihm verbunden scheinen ... Ist man aber gerade in der Stimmung, der
Mozarlaclien Oper mit der psychoanalytischen Einstellung gigenüberautreten, d. h. die bcwuBte
Zielvorstellung des erotischen Helden teilweise auszuschalten, so bemerkt man unschwer und
dooh nicht ohne Überraschung, daß die HumÜung eigentlich niehta wenigfr als einen crfolg-
reiclien Sesualabenleurer, viehnchr einen von Miflgesehick verfoleten armen Sünder darstellt,
den schließlich das seinem Miheu entsprechende Los der ehristliehen Höllenstrate erreicht . . ,
Wir folgen nur den vorgezeiehneten Spuren von Tradition und Dichtung, wenn wir dieser
dem meneohliehen Denken offenbar peinlichen Seite des ,Don Juan' unsere analytisclie
Aufmerksamkeit zuwenden."
Internationaler Psychoanalytischer Verlag
Wien VII
Der Doppelgänger
Eine psydioanalytisdie Studie
von
Dr. Otto Rank
Geheftet Mark 4. — , Pappband j,6o
DiG Phänomene dcB Unheimlichen sind für die TiefenjjEjehologie besanders aufsohluflruich.
Wenn Rnnli bei der Analyse des Doppolgängermotivea, das phnnlasievolle und grllblerisohc
Dichter wiedcrhoU zur DarBtellung reiilc, von einem bekannlen F i 1 m d r a m a ausgehl, ao
darf das nicht Weiler slCren; hat doch die PsFohoanalyse, die auf Grund ihrer Methodik
Kcwohnt isl, iKWcils von der akhiellen psychischen Oberfläche ausgehend, lieferliegendes und
bedeulEames seeÜBohes Erleben aufzudecken, am "KonigElen Anlafl, einen zufälligen und
ba:ialen AuEgangspunkf zur Aufrollung weileireiohender psychologischer ProblFme m scheuen.
Nach der Analyse des .Studenten von Prag" verfolgt Rank das Doppel gHngermoHv in der
Weltüleratur und beschäftigt sich besonders mit den in Eelrachl kommenden Dichlungcn von
E. Tli. A. Hotfmann, Chamisso, Andersen, Stevenson, Jean Paul, Raimund,
Lenau, Heine, PoS, Oscar Wilde, Maupassant, Dosloiewsky, Dehmel u, a, und
nimmt dabei auch auf all die VfrHfitelungen des MoUvea (der verlorene Schallen, der doppelte
Schalten, das lebende Spiegelbild usw.) RUeksichl. Ein besonderes Kapitel beschfltligt sich mit
der Persönlichkeit jener Diolller, die sich vom Doppelgängermoliv besondera angelogen tOhlten.
Die Diapo.'ition zu seelischen Störangen bedingt ein hohes Maß von Spaltung der Persönlich-
keit, mit besonderer Betonung des Ichkomplexes, dem ein abnorm starkes Interesse an der
eigenen Person entspricht. Diese Einstellung fahrt in einer charakteristischen Eeziehung zur
AuUenwclf, insbesondere lum Liebesobjckt, in dem kein harmonisches Verhältnis gefunden
■wird : direkte Unfaliigkeit zur Liebe oder eine — zum gleichen Effekt führende — übermiiriig
hochgespannte Liebessehnsucht kennzeichnen die beiden Pole dieser krassen Einstellung lum
eigenen Ich. Es schwingt aber beim Dichter wie beim Leser auch ein Ubeiindividuelles Momenj
unbewußt mit und verleiht diesen Motiven eine geheimnisvolle seelische Resonanz. Diesen
vBlkerpsychologischcn Anteil aus den ethnographischen, folkloristisohen und myUiologischcn
Überlieferungen zeigt Rank in einem besonderen Kapitel auf. Zwei Hedeulgngen treffen Eiih
im Doppelgangermotiv, die Todesbedeutung and die der Selbst Verliebtheit, Die erotische Ein-
stellung zum eigenen Ich Ist z. B. bei Wildes .Dorian Gray" nur möglich, weil daneben die
abwehrenden Gefühle sich an dem gehaßten und gefürchteten Doppelgänger, an das alt und
hüBlich werdende Ebenbild, entladen kOnnen, Übrigens ist der primitive Seelenglaubc über-
haupt ursprünglich nichts anderes als eine Art des Unslerblichkeltaglaubens, der die Macht des
Todes energisch demontiert. Der primitive Narzißmus strüubt sich gegen die gJlnzlichc Ver-
nichtung ebenso wie gegen das Aufgehen in der Geschlechtsliebe. So kommt es, dafl der die
narzifltische Selbstliebe verkörpernde Doppelgänger gerade zum Rivalen in der Geschleehlsliebe
werden muß, oder daß er, urBprQnglich als Wunscbabwehr des gefUrchleten Unterganges
geschaffen, im Aberglauben als Todesbole wiederkehrl. — Zu Freuds Forschungen Ober das
Unheimliche, die selbst innig mit den Grundgedanken der psychoanalytischen Dynamik
verwachsen sind, bildet Ranks gedankenvolle nad an fesselnden Eitkursen reiche Studie
aufschlußreiche lllusliahon und Ergänzung.
Internationaler Psychoanalytischer Verlag
Wien VII
Das Trauma der Geburt
und seine Bedeutung für die Psydioanalyse
von
Dr. Otto Rank
Geheftet Mark 8.jo, Halbleinen lo. — , Halbleder 14. —
Inhalt: Analytische Situation. Infantile Angst. Sexuelle BcFriedigung. Neurotische Repro-
duktion. Symbolische Anpassung. Heroische KompenÄation. ReligiÜÄe Sublimierung. Künstlcrisclio
Idealisierung. PhiLosophificho Spel^ulation. Psychoanalytische Erkenntnis. Therapeutische
Wirkung.
Aua dorn NirwanEi des Lebens im mütterlichen Schoß "wird dos Kind durch ein erstes
gewaltsames und orschUltemdefi Eriebnis, durch die Geburt in eine "Welt hinaufgetrieben, die
von ihm mit ^^unehmendE^m Aller immer größere Anpassungfifeialungen forrtcrtr Für den
Neutütiker und seine Behandlung hat das „Trauma'* der Geburl fundamenlale Bedeutung,
"Wir sehen aber ^eine Wiederkehr nicht nur in der neuroüschen Reproduklion, bei tieferer
UnterEnchung finden wir &ie aach in der Entwicklung der Normalen, in der Kunst, Religion,
Philosophie, überall in der g^inzen Kultur. Dies weist Rank in seinem prUchtigen Buch nuch . . .
Das in jeder Hinsicht tief und reich angelegle Buch Ist Freud gewidmet. Wir legen es mit
dem Eindruck aus der Hand, daß seine Bedeutung für den Fortscliritt der P^yciiologie und
der Psychoanalyse im speiiellen heute noch gar nicht abgeschätzt werden kann . , . Wir
Lehrer sind in unserer Arbeit an das Kleine und oft Kleinliche des mensehlichen Lebens
gefesselt. Es bedeutet für uns eine Erquickunij, durch Ranks Buch in ungeheuer große
Zusammenhänge der meTischlichen Natur hineinzublicken, welche Gegenwart, Vergangenheit
und Zukunft in einer Einheit fafisen und das Seelische gleichsam dreidimensional erleben
lassen. (Bernef StAu/h/atf)
rmponiorend durch die Weite der Konzeption und die Geschlossenheit der Theorie, die keine
Tatsache unberücksichtigt laßt, überrascht das Buch zugleich durch seine gröndiose Einseitigkeit
und den Sprung, den es von der Biologie zur Psychologie macht. Die Aueführungon Ranks
bedeuten einen ersten Versuch, die psyclioanaly tische Denkweise als solche für das Ver-
sIHndnis der gesamten Menschbeitsent Wicklung, ja sogar Menschwerdung fruchtbar zu
machen. (Neue Freie Presse)
Man sieht eine kühn gesohwungen© Riesentreppe, die uns zu den Wolken emporzafQhrcn
vorspricht, deren Fundament jedoch leider nichl auf festem Boden steht , . , Das Urleil über
dio Grundfesten der These Ranks muß verschoben werden, bis die Nachprüfung möglich Ist . - ,
Die sprachliche Darstellung ist treffend und das riesige Gedankenmatcrial mit sicherem Griff
zusammenfassend, durch glQckhch gewählte und geschickt vorgebrachte Formulierungen ebenso
ausgezeichnet, wie durch die verbltlffende und doch nie in leere Soptüslerei ausartende
Dialektik , . ^ Trotz der Einseiligkeiten und ÜbcrIreibungen bietet der Hinweis auf die bisher
übersehene oder unterschätzte Bedeutung des Goburtserlebnisses der Psychoanalyse eine
wertvoUe Bereicherung und Ranks psychologischer Schnpfblick mag sich auch hier wifdcr
erprobt haben. (fir Sa^i in der inlcrnai. Zui/i. f. Psythan/ialyseJ
Internationaler Psychoanalytisclier Verlag
Wien VII
Eine Neurosenanalyse in Träumen
von
Dr. Otto Rank
Geheftet Mark j.—, Pappband 8.^, Haibieder ii.-~
Inhalt: Die Wlderslandapliasen (Kaälrationswlderefand. Zähliwang. Phanlaeicblldungen,
Abendmahlaymbollk. Das leidende Heldcnideal. MullenegresEion. Libido Üb erlragung. Das
eoiuelle KunslBfüok, Geld widerst and. Maslurbalion und MannUohkeilskoniplex. Selmidgefühl.
Wandlung der Sexualsymbolik). Die Heiin ngsfakloren (Ungeduld und Reeignatian. Idenli-
fiilernng mit dem Analytiker. Akzeptierung der Sohwostor, Entwillmungsphnse, LUsung »on
dor Analyse, Die letzte Stunde).
DiesB „Heilungsgesobiohle" einer ZwanRBuouroBe ist wohl die detaillierteste Psychoanalyse,
dio publiziert worden ist, und als solche ein wichtiges Dokument.
{Piof. BUuhr in der Münrfner MeJ, lVoAcmJ:rl!i)
Emen EO ausgezetcbnelen Traumforseher und Eymbolik-Kenncr wie Rank sietit man hier In
virtuoser Weise der Kranken in 150 Stunden ihre Träume nur hinsichtlich ihrer Symbolik und
der .psyehoanalytlEoiien Situalion" deuten. {HlUdiinann in der !r,lcraal. Zid,r. f. Pi^rkoanalyse)
Die Patientin — ein Junges Mädchen — suchte die Analyse wegen einer Arbeilshemmung auf,
die im Anschluß an ein unglücklich ausgegangenes Liebesverhältnis und zur Zelt der Ve>
beiratung ihrer jüngeren Schwester aufgetreten war und ilir Berufsleben schwer beeinträchtig le . . .
Das Qppige Traumleben der Patientin gestattete, den Forlgang ihrer Analyse und die Lösung
ihrer Neurose an Ihren fast titglichen Trüumen schrittweise zu verfolgen . . , Von prinzipieller
Bedeutung in dieser Analyse ist die Bedeutung unbewuflter Leitmotive für das Schioksal des
MeuEchen, ihre Leistnnga- und Lieb esfuhigk eil, für ilire Erkrankungen and die HellungB-
mügllchkeiten.
Entwicklungsziele der
Psychoanalyse
von
Dr. S. Ferenczi und Dr. Otto Rank
Geheftet Mark a.So
Aus dem Bilde, das beide Autoren In gemeinsamer Arbeit entwarfen, wird sich nicht nur dem
ausübenden Analytiker, sondern In hohem MaBe auch dem wissenschaftlich und allgemein an
der Psychoanalyse Interessierten eine Fülle von Hinweisen ergeben . . . Die eingehende
kritische Darstellung dessen, was unter einer Analyse verstanden wurde und wird, kann von
großem Interesse Bein. (ZiiuAnh fs, Snu^lwisansdiafl)
INTERNATTONALE
PSYCHOANALYTISCHE BIBLIQTHE
^ (Preise in Mark)
I) Zur Psychoanalyse derKriegsneurosen. Mit Beitrag
YoiiFREUD,tERENCZI,ABRAHAM,SIMMEL,JONES.G5t2.
10 Dr.S. FERENCZI: Hysterie und Pathoneurosen.G.A.a
IV) Dr. OTTO RANK: Psychoanalytische Beiträge zi
Mythenforschung. 2. Aufl. Geh. 6.—, HülUtinm j.jo
VI)Dr. GEZA R OHEIM: Spiegelzauber. GA. 2.S0
Vn) Dr. E. HITSCHMANN: Gottfried Kell er. G.ft. j./a
VIU) Dr. OSKAR PFISTER: Zum Kampf um die Psych,
analyse. Halbleinen ij. —
K) A. KOLNAI: Psychoanalyse und Soziologie. Gth.jt
X)Dr. KARL ABRAHAM: Klinische Beitrage z t
Psychoanalyse. Gek. S.~, Halbleinen io.~
XI) Dr. ERNEST JONES: Therapie der Neurosen. G*
S. — , Halbleintn 6.fo
XII) Dr. J. VARENDONCKi Üherdasvorbewußte phantf
gierende Denken. Geh. j.—, Halbleinen ö.jo
XIU) Dr. S. FERENCZI: Populäre Vorträge über Psych«
analyse. Geh. f.—, Halbleinen C.Jo
XIV) Dr. OTTO RANK: Das Trauma der Geburt und seir
Bedeutung für die Psychoanalyse. Geh. S.so, Halbleinen 10.—
XV) Dr. S. FERENCZI: Versuch einer Genitaltheorie, ff.
4.J0, Halbleinen f.fo
XVDDr. KARL ABRAHAM: Psychoanalytische Studie
zur Charakterbildung. Gek. 2. fo, Pappband ). 30, Halbleinen 4.-
XVU) Dr. PAUL SCHILDER: Entwurf zu e iner P sy chlatrl
auf psychoanalytischer Grundlage, Geh, y , Ganzleinen 3.-
XVni) Dr. TH. REIK: Geständniszwang und Strafbedürfnii
Geh. o.— , Ganzleinen lo. —
XIX)AUGUST AICHHORN: Verwahrloste Jugend. Gel
p. — , Ganzleinen 17.—
XX) ISRAEL LEVINE: Das Unbewußte. Geh. 8.-, Ganzleinen lo.-
XXI) Dr. OTTO RANK: Sexualität und Schuldgefühl
Geh. /./o, Ganzleinen 7./0
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