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Full text of "Sexualität und Schuldgefühl"

Otto Rank 

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LzteinatioxLale Pfjiioftiialyiisdie BikKotkek XXI 



INTERNATIONALE PSYCHOANALYTISCHE BIBLIOTHEK 

Nr. XXI 



Sexualität und 
Schuldgefühl 

Psydioanalytisdie Studien 



von 



Dr. Otto Rank 



1926 

Internationaler Psydioanalytisdier Verlag 

Leipzig / Wien / Züridi 



Alle Reite, 
insbesondere die der Übersetzung, vorbehalten 

Copyright 1926 

by „Internationaler Psydioanalytisdier Verl^, 

Ges. m. b. H.", Wien, VH. 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Drude: Elbemühl, Wien, Hl., Büdengasse 11 



Inhaltsverzeichnis 



Seite 

Sexualität und Schuldgefühl , g 

Masturbation und Charakterbildung 8 

[Diskusnonsbeitrag in der „Wiener FsA. Vereinigung 1^12; 
zuerst veröffentlicht in „Die Onanie, 14 Beiträge zu einer Diskussion 
der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung", Wiesbaden J<>!2] 

Ein Beitrag zum Narzißmus (Das Ich im Traume) .... 41 

[Zuerst erschienen im „Jahrbuch für psychoanalytische und 
psychopathologische Forschungen", Bd. III, Ipll] 

Perversion und Neurose „« 

[Vortrag auf dem Vit. Internationalen Psychoanalytischen 
Kongreß, Berlin, 2j. Sept. 7922; zuerst veröffentlicht in .Inter- 
nationale Zeitschrift für PsA,", Bd. VIII, 1^22] 

Die psychische Potenz jog 

[Erweiterung einer kurzen Mitteilung in der „Wiener FsA. 
Vereinigung" am 16. Man Ip2ij 

Idealbilrtung und Liebeswahl ^^i 

[Diese Arbeil und die vorherstehmde wurden zuerst ira! 

dem gemeinsamen Obertitel „Zum Verständnis der Libidoentiuicklung 
im Heilungsuorgang" ~ veröffentlicht in „Internationale Zeit- 
schrift für PsA.'', Bd. IX, ip2}J 

^'^"''' 155 



Sexualität iind Schuldgefühl 

Die Verknüpfung von Sexualität und Schuldgefühl, die an- 
scheinend zum ältesten seelischen Besitzstand der Menschheit 
gehört, ja vielleicht sogar das eigentliche Menschtum psychisch 
charakterisiert, wird in den nachstehenden fünf Abhandlungen, 
die in dem langen Zeitraum von zwölf Jahren unabhängig von 
einander geschrieben wurden, nur als Problem aufgezeigt, um 
dessen Lösung sich die psychoanalytische Forschung erst neuerdings 
wieder besonders bemüht hat. Namentlich in seinen letzten 
Arbeiten zur Ichpsychologie hat sich Freud dem Problem des 
Schuldgefühls von verschiedenen Seiten her genähert, um Licht 
auf die verborgenen Quellen dieser für die Individual- und Sozial- 
psychologie gleich wichtigen Einstellung zu werfen. 

Wenn man jetzt auf die reichen Erfahrungen der Neurosen- 
psychologie zurückblickt, darf man vielleicht sagen, daß wir im 
Problem des sexuellen Schuldgefühls das psychologische Kern- 
problem überhaupt vor uns haben, in welches nicht nur das zum 
Verständnis der Psychoneurosen wohl wichtigste Problem der 
Angst einmündet, sondern auch die Wurzel des ethisch-religiösen 
Sündenbegriffs, des rechtlichen Schuld- und Strafbegriffs, mit 
einem Worte das Wesen des sozialen Geselligkeitslebens beschlossen 
liegt, das neuerdings auf einen biologisch gegebenen Herden- 



Dr. Otto Rank 



Instinkt zurückgeführt wird. Neben der Sozialanpassung als 
solcher hängen aber auch die individualpsychologischen Probleme 
der Charakterbildung, insbesondere einzelner typisch ausgeprägter 
Charakterzüge — ähnlich wie die verschiedenen Neurosenformen 
— aufs engste mit der Genese und weiteren psychischen Ver- 
arbeitung des Schuldgefühls zusammen. 

Dieses tritt, wenn die Beobachtimg darauf eingestellt ist, schon 
so ungemein früh im Kindesalter in Erscheinung und wird bald 
deutlich mit den ersten Äußerungen sexueller Regungen ver- 
knüpft, daß man sich versucht fühlte, fast im Sinne der christ- 
lichen Erbsünde, von einem überkommenen Schuldkomplex des 
Menschengeschlechts zu sprechen, für dessen mögliche Genese 
die psychoanaljrtischen Untersuchungen Freuds über die Ur- 
geschichte der menschlichen Gesellschaft eine erste, auch individual- 
psychologisch fundierte Aufklärung bieten. 

Ein viel bescheideneres Ziel hatten sich die folgenden Unter- 
suchungen gesetzt, die — von vereinzelten Beobachtungen aus- 
gehend — die Beziehungen von Sexualität und Schuldgefühl im 
Individuum zu verfolgen und soweit es auf Grund unserer 
jeweiligen Erfahrungen möglich war, aufzuzeigen suchten. Der 
Knotenpunkt, in den diese tastenden Versuche vorläufig mündeten, 
waren die (egoistischen und narzißtischen) Ichstrebungen 
des Individuums, das offenbar gerade an den Punkten der biologisch 
vorgebildeten Sexualentwicklung mit den überindividuellen Ten- 
denzen der Gattung in Konflikte gerät, bei deren notwendigen 
Lösung das Individuum in jedem Falle den Kürzeren zieht: sei 
es in der endlichen Anpassung an das normale Sexualziel, das 
nur mit teilweisem Verzicht auf die mannigfachsten individuellen 
Lustquellen erreichbar ist, sei es in Versuchen, die durch die 
Gattung und ihren sozialen Vertreter, die Gesellschaft, gesetzten 
Schranken zu durchbrechen, wie wir sie in den mißglückten 



Sexualität und Sdiuldgefühl 



Ausgängen, von Perversion, Neurose, Verbrechen kennen und 
analytisch verstehen gelernt haben. 

Die nachstehenden Abhandlungen zeigen in ihrer chrono- 
logischen Folge den Weg des Individuums von der Masturbation, 
als der Vorstufe der normalen Sexualbefriedigung, die allerdings 
ihre mehr minder bedeutungsvollen Niederschläge in der seelischen 
Entwicklung des Individuums zurückläßt, über die bei allen 
Menschen ausgeprägte Verliebtheit in das eigene Ich (Narzißmus) 
zu den weitverbreiteten asozialen und antigenerativen Per Ver- 
sionen, um schHeOlich den Weg zum sogenannten normalen Liebes- 
leben zu finden, dessen komplizierte Entwicklung wir seit Freuds 
„Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" kennen, und in dessen 
feinere Genese wir aus der Analyse der Verliebtheit sowie der 
monogamen Bindung an Ehegatten und Kind hier einen ersten 
Einblick gewinnen. In meinen nächsten in Vorbereitung befind- 
lichen Arbeiten hoffe ich, die hier aufgeworfenen Probleme, die 
mi t unseren bisherigen Erkenntnissen nur unzulänglich zu 
bewältigen waren, einer weiteren Lösung zuführen zu können. 



Masturbation und Charakterbildung 

Von wie großer praktischer Bedeutung bei der Masturbation 
die Frage nach der Schädlichkeit auch sein mag, die in fast allen 
wissenschaftlichen Diskussionen dieses Themas zum Ausgangs- und 
Kernpunkt genommen wird, so scheint sie doch einem derart 
komplizierten Problem gegenüber völlig unangemessen und allgemein 
nicht zu beantworten. Das anscheinend einheitliche Bild der 
Masturbation erweist sich bei näherem Zusehen als ein Mosaik- 
gebilde aus den verschiedensten sexuellen Regungen, Betätigungen, 
Vorstellungs- und Gefühls komplexen, so daß es, wenn man die 
Verschiedenheiten der einzelnen sexuellen Konstitutionen hinzu- 
nimmt, begreiflich wird, wieso die Onanie bei dem einen für 
gewisse Störungen seines Sexual- oder Gemutslebens verantwortlich 
gemacht werden kann, dem anderen gar zum Verhängnis wird, 
während sie in einer ebenfalls nicht geringen Anzahl von Fällen 
ohne besondere Schädigung vertragen wird, ja unter gewissen 
Voraussetzungen von einem späteren Nutzen dieses anscheinend vor- 
zeitigen sexuellen Lustmechanismus gesprochen werden kann. Dazu 
kommt die durch Freuds Untersuchungen über die Kinder- 
sexualität nahegelegte Erwägung, daß die masturbatorische 
Befriedigung als eine der Formen autoerotischer Betätigung bis zu 
einem gewissen Ausmaße im Kindesalter als normales Entwicklungs- 



Masturbation und Charakterbildung 



Stadium anzusehen ist, das allerdings durch übermäßige Ausdehnung 
und Fixierung ebenso schädlich wirksam werden kann, wie jede 
andere Entwicklungsstörung der Psychosexualität. Ist es unter diesen 
Verhältnissen unmöglich, die Masturbation in ihren Folgen allgemein 
zu werten, so wird auch bei individuellem Eingehen auf einzelne Fälle 
oder abgesonderte Teilproblem.e des weitverzvve igten Onanieproblems 
die Frage nach der Schädlichkeit zurückzutreten haben hinter der 
von utilitaristischen Voraussetzungen unbeeinflußten Erforschung 
der Tatsachen und der ihnen zugrunde liegenden psycho sexuellen 
Zusammenhänge. Es wird dann vielleicht in einem tieferen Sinne, 
als es der Gesichtspunkt der Scliädliclikeit und Unschädlichkeit 
gestattet, von der Bedeutung der Onanie nicht nur für das 
Sexualleben des Individuums, sondern für dessen gesamte psychische 
und Charakterentwicklung zu sprechen sein. 

Über die allgemeinen Ursachen, den weiteren Entwicklungs- 
und Ausgang sowie über gewisse Begleiterscheinungen und Folgen 
der masturbalorischen Sexualbetätigung haben uns die psycho- 
analytischen Untersuchungen wesentlich Neues gelehrt. VVir wissen, 
daß die „physiologische" Säuglingsonanie, die natürlich nicht dem 
bewußten masturbatorischen Akt des Erwachsenen gleichzusetzen 
ist, dazu dient, das künftige Primat der Genitalzone festzulegen,' 
daß dieser vorwiegend reflektorische Lustmechanismus nach einer 
gewissen Latenzzeit in der Masturbation sbetätigung der Kinderjahre 
als erste Form der Sexualbetätigung wieder auflebt, die dann in 
der Regel mit weiteren Unterbrechungen, nicht selten aber auch 
kontinuierlich bis in die Pubertätszeit fortgesetzt wird, womit nach 
Freud bereits die erste große Abweichung von der für den 
Kulturmenschen anzustrebenden Entwicklung gegeben sein karm. 
Aus der mehr oder minder langen und kontinuierlichen 

j) Freud: Drei Abhandlungen lur Sexunitheorie, 1905 [Ges. Schriften, 
Bd. V], 



JO Dr. Otto Rank 



Fortsetzung der Selbstbefriedigung, die natürlich wieder ihre 
besonderen Ursachen hat, erklärt sich zum Teil die widerspruchs- 
volle Talsache, daß sie mitunter ohne besondere Schwierigkeiten 
von der normalen Sexualbetätigung abgelöst wird, während in 
vielen Fällen heftige innere Kämpfe vorausgehen, in denen nicht 
immer das Individuum siegreich bleibt. Aus dem Studium der 
Triebregungen und ihrer Verdrängungsvorgänge glauben wir jedoch 
erkannt zu haben, daß der oft fürchterliche und in seinen 
psychischen Folgen gewiß lange noch nicht voll gewürdigte 
Abwehrkampf gegen die Masturbation zunächst nicht — wie 
man annimmt — durch äußere Einflüsse der Erziehung tmd Ab- 
schreckung eingeleitet zu werden braucht, sondern sich unter 
gewissen Bedingungen als spontane psychische Reaktion in der 
Form von Schuldbewußtsein einstellen Icarm. Es kann sich hier 
natürlich nicht um die Vertretung der kaum beweisbaren Behauptung 
handeln, daß das masturbierende Individuum in solchen Fällen 
zu keiner Zeit und in keiner Form eine direkte warnende Ein- 
wirkung erfahren hätte, obwohl es auch solche Fälle geben mag 
Das Problem bleibt im Grunde unverändert bestehen, wenn wir 
die große Zahl von Fällen hinzunehmen, wo eine zufällig auf- 
gefangene oder harmlos gemeinte Bemerkung die gleichen schweren 
psychischen Folgen nach sich zu ziehen vermag, wie wir sie sonst 
nur von den schwersten, bald intensiv verdrängten Drohungen 
(Kastration, Todsünde, gesundheitliche Schädigung) autoritativer 
Personen (Vater, Priester, Arzt) ausgehen sehen. Anderseits brauchen 
selbst so schwere Drohungen, wie uns Freud s Analyse des fünf- 
jährigen Hans' gezeigt hat, nicht unmittelbar zu wirken, weil sie 
es eben nur dann vermögen, wenn sich das Individuum selbst bereits 
in der entsprechenden psychischen Verfassung (Verdrängungs Stadium) 
befindet und also dem Trauma entgegenkommt, das somit nicht 



i) 1909 [Ges. Schriften, Ed. VIII]. 



Masturbation und Charakterbildung 11 

durch die im Erfolg so wechselvolle äußere Einwirkung, sondern 
durch die entsprechende psychische Konstellation — eventuell auch 
ohne Einwirkung von außen — geschaffen wird. 

Die ersten Anzeichen dieses rein innerlichen Konfliktes sind 
die oft schon recht frühzeitig auftretenden Schuldgefühle 
und Selbstvorwürfe, die zunächst unklar und ganz allgemein die 
masturbatorische Befriedigung verwerflich erscheinen lassen, recht 
bald aber diese Abwehrtendenz zu rationalisieren suchen durch die 
bekannten Befürchtungen zu verblöden, dauernd organisch zu 
erkranken, die Zeugungsfähigkeit zu verlieren, von jedem als 
Onanist erkannt und verachtet zu werden usw. Bei diesem Prozeß 
der bewußten Rechtfertigung unverstandener Ablehnungsgefühle 
spielen die äußeren, durch Erziehung, Verkehr und Lektüre 
gegebenen abschreckenden Einflüsse, die man für das Movens des 
ganzen Zustandes ausgegeben hat, die Rolle von willkommenen 
Anlässen zur Rationalisierung der instinktiven Abwehrtendenzen. 
Ihre mächtige, aber nur scheinbar autonome Wiikuug erklärt sich 
eben daraus, daß sie auf einen in jeder Hinsicht bereits vorbereiteten 
Boden fallen. Nach den wenigen mir in diesem Punkte zu Gebote 
stehenden Erfahrungen scheint es, daß selbst eine bis über die 
normale Altersgrenze lange fortgesetzte Onanie, so lange und so weit 
sie als vollwertige Sexualbefriedigung wirkt und nicht als unbefriedi- 
gender und unzureichender Akt empfunden oder erkannt wird, ohne 
besondere Schuldgefühle einhergehen kann, während das Schuld- 
bewußtsein in jenen Fällen am schwersten empfunden wird, wo die 
masturbatorische Befriedigung dem Individuum, meist unter der 
Tendenz nach dem normalen Sexualakt, zu einer inadäquaten geworden 
ist. Mitunter äußert sich das in krasser Weise darin, daß dem Individuum 
die ehemalige Sexualbefriedigung direkt zu einer Unbefriedigung wird, 
von der es aber doch nicht ablassen kann. Diese so paradoxe Er- 
scheinung würde aber gerade aus der unvollkommenen Befriedigung 



12 Dr. Otto Rank 



des einzelnen onanistischen Aktes verständlich, die das Individuum, 
nötigt, zur Erlangung einer vollständigeren Befriedigung den Akt 
immer wieder und in gehäufter Weise auszuführen, wodurch es 
— ein entsprechend verstärktes Sexualbedürfnis vorausgesetzt — 
zur exzessiven Onanie gelangt, die dann als Ursache des Schuld- 
gefühls erscheint, während sie doch eiienso wie dieses selbst nur 
als Folge der inadäquaten und unvollkommenen Befriedigung auf- 
tritt. Nehmen wir noch hinzu die häufigen und oft schweren 
Angstzustände, die sich fast immer im Gefolge exzessiver Mastui^ 
bation beim Kinde einstellen, so können wir uns das Schuldgefühl 
entstanden denken, ähnlich wie die von Freud' aufgeklärte Angst 
bei der Angstneurose, aus-psychisch nicht voll bewältigten Trieh- 
regungen, die im Kiadesalter trotz exzessiver Masturbation nicht 
restlos verarbeitet werden können, weil der psychische Apparat 
der vorzeitigen intensiven Sexualbetätigung entsprechend noch nicht 
hinlänglich entwickelt ist, während im späteren P üb ertäts alter 
wieder ein Teil der bereits voll entwickelten, dem Objekt geltenden 
Sexualerregungen im Masturbationsakt unbefriedigt bleibt und auf 
diese Weise zur Angstentbindung mittels des gleichen Mechanismus 
führt. Eine dritte Quelle der Angstentwicklung auf der Basis der 
Masturbation ergibt sich nach Freud (a. a. O.), wenn der Er- 
wachsene die bis dahin geübte Onanie aus Schuldbewußtsein auf- 
gibt, ohne den Geschlechtsverkehr aufnehmen zu können. Es kann 
in diesem Falle der im Kindosalter bereits vorgebildete und später- 
hin, in Funktion erhaltene Mechanismus der Angstentwicklung zur 
Angstneurose führen, weil infolge der Abstinenz nicht einmal 
mehr eine relative Befriedigung zustande kommt, während die 
Sexualerregung immer wieder entsteht. Das Auftreten der Angst 

i) Über die Berechtigung', von der Neurasthenie einen bestimmten 
Symptomenkomplex als „Angstneurose" abiit trennen (1S33), [Ges. Sehr., 
Bd. I.] 



Masturbation und Charakterbildung 13 

im Gefolge der Kinderonanie hängt mit der Entstellung der Angst 
im Kindesalter überhaupt zusammen, ebenso wie ja die Onanie 
sich mit der infantilen Sexualbetätigung im allgemeinen deckt 
und nur der deutlichste Ausdruck derselben ist. Während nun 
dem Kinde diese Angst meist als solche bewußt wird und sich, — 
wo sie nicht zur Phobie führt — von anderen Komplexen 
beeinflußt, als Todesangst manifestiert, bewirken die heim reifen 
Individuum bereits entivickelten moralischen Hein m.un gen die 
psychische Verkleidung der Angst in das Schuldgefühl. In diesem 
Sinne wäre also das Schuldgefühl selbst — und nicht bloi3 sein Inhalt 
— schon eine rationalisierte, psychisch verkleidete Angst, und die 
Tatsache, daß es die Schädlichkeit des onanistischen Aktes in 
irgend einer Form zum Inhalt hat, erscheint von diesem Gesichts- 
punkt als wohlberechtigter Ausdruck wirklich bestehender psychischer 
Zusammenhänge, die natürlich in den rationalisierten Motivierungen 
(Verblödung usw.) nur mehr entstellt zum Ausdruck kommen 
können. Wie die Angst bei der Onanie überhaupt mit der aus 
Triebhemmungen stammenden Angst im Kindesalter zusammenfällt, 
so deckt sich das Schuldgefühl als Folge der Onanie mit dem kind- 
lichen Schuldbewußtsein im allgemeinen, das aber gewiß nicht 
immer von der Masturbationsbetätigung erzeugt sein muß, doch fast 
regelmäßig mit ihr verknüpft und von ihr rationalisiert wird. 

In diesem Stadium des Konfliktes und als Folge desselben taucht 
auch erst die deutlich bewußte Verwerfung der Masturbation und 
der entschiedene Vorsatz ihrer Abgewöhnung auf, den man bisher 
konsequent im Sinne der Überschätzung der äußeren Momente für 
den Ausgangspunkt halten mußte. Dieser bewußte Abwehrkampf 
ist in der Regel von einem ersten Erfolg hegleitet: die Mastur- 
bation wird seltener geübt ■ — was aber andererseits der früheren 
Abstumpfung gegenüber eigentlich zunächst nur neuen Genuß 
bedeutet — bis die Hemmungen mächtig genug geworden 



14 Dr. Otto Rank 



sind, um das Schuldbewußtsein von der Häufigkeit des Aktes auf 
diesen selbst zu übertragen. Der so verschärfte Abwehrkampf läßt 
sich normalerweise nur durch den Übergang zum. Geschlechts- 
verkehr beenden, „denn das einmal geweckte und durch eine 
geraume Zeit befriedigte Sexualbedürfnis läßt sich nicht mehr 
zum Schweigen bringen, sondern bloß auf ein anderes Objekt 
verschieben" (Freud). Ist die Erreichung des normalen Sexual- 
zieles infolge innerer Hemmungen oder äußerer Schwierigkeiten 
nicht möglich, so muß der aussichtslose Kampf zu neuen Ver- 
schärfungen des Konfliktes führen, die dann in der Form nervöser 
Störungen, neurotischer Symptome und verschiedener bis zur 
Lebensunlust gesteigerten Verstimmungszustände manifest werden 
können. In diesem Abwehr- und Verdrängungs kämpf der Mastux- 
bationsneigung kommt, wie spätere psychoanalytische Forschungen 
gezeigt haben, den Phantasien, welche in der Regel den 
masturhatori scheu Akt begleiten, eine entscheidende Bedeutung zu. 
Nicht nur, wie Freud gezeigt hat,' als Vorstufe einer Reihe von 
hysterischen Symptomen, die sich bei Aufgeben der onanistischen 
Befriedigung als konvertierter Ersatz der ins Unbewußte verdrängten 
Befriedigungsphautasie einstellen können, sondern auch als Agens 
der normalerweise zu leistenden Verdrängungs arbeit, da von Inhalt, 
Ilitensität und Affektbesetzung der Phantasien die Tiefe des 
Schuldbewußtseins und der Erfolg des Abwehrkampfes zum guten 
Teile abhängt. Diese den Akt einleitenden und begleitenden 
Phantasien sind nämlich wegen ihres meist anstößigen Inhalts an 
sich schon zur Verdrängung disponiert und die nicht selten perverse 
Befriedigungssituation, welche sie anstreben, macht nicht nur die 
Höhe der Lustempfindung begreiflicher, sondern spezialisiert und 
verstärkt damit das Schuldgefühl. Ein großer Teil der pathogenen 

i) Hysterische Phantasien und ihre Beuiehung zur Biaexualität (1908). 
(Ges. Sehr., Bd. V.] 



Masturbation und Charakterbildung 15 



Bedeutung fallt so auf die den Akt begleitenden oder ihn 
vertretenden Phantasien, die übrigens nicht nur durch ihren 
unverträglichen Inhalt, sondern ebensosehr durch ihre häuftg 
unverkennbare Tendenz nach einem Sexualobjekt die Abneigung 
gegen die Selbstbefriedigung verstärken. Nehmen sie doch fast 
immer geliebte Personen der Umgebung, wenn auch mit Vorliebe 
verbotene oder unerreichbare (inzestuöse), zum Ziele der Befriedigung, 
wodurch das Individuum eben auf den masturbatorischen Akt 
angewiesen bleibt, der sich aber doch auf die Dauer zur vollen 
Befriedigung unzulänglich erweist, wie er sich auch in seiner 
Ausführung nicht selten den Formen des Geschlechtsverkehrs 
anzunähern pflegt. Es offenbart sich darin der spontane Einfluß 
der erwachenden Objektliebe auf die Verdrängung der auto- 
erotischen Betätigung sowie auf die Entstehung der Schuld- 
gefühle; einen Beweis für die Innigkeit dieser Beziehung bietet 
die Tatsache, daß zur Pubertätszeit, wo die biologische Forderung 
des Liebeslriebes nach dem Objekt in ihrer vollen Stärke hervor- 
tritt, auch der Abwehrkampf gewöhnlich akute Form anzunehmen 
beginnt. 

Die einzelnen Phasen dieses langen und vielfach komplizierten 
Entwicklungsganges der Masturbationsbetätigung und ihrer Ver- 
drängung sind in ihren Beziehungen zu späteren neurotischen 
Störungen und Leiden Gegenstand psychoanalytischen Studiums 
geworden und stehen ja zum Teil heute noch in Diskussion. 
Es scheint aber berechtigt, das Problem einmal von anderer 
Seite im psychoanalytischen Sinne anzugehen und zu fragen, 
ob eine so frühzeitig auftretende, intensiv betriebene und so 
stark gefühlsbetonte Betätigung, wie es die Masturbation so häufig 
wird, nicht auch bei jenen Personen, die von ausgesprochen 
nervösen oder neurotischen Erscheinungen verschont geblieben 
sind, irgendwelche nachweisbaren Spuren hinterlassen müsse, die 



16 Dr. Otto Rank 



sich als Folgen dieser Sexiialbetätigung darstellen.' Auf Grund 
unserer bisherigen Kenntnis der Verdrängungs Vorgänge müssen 
wir erwarten, daß dies in ausgiebigem, Maße der Fall sein viiri, 
und auch eine einfache Überlegung muß uns ja sagen, daß ein 
im Verlauf der Entwicklung ausgebildeterBefriedigungsmechanismus, 
der zur Quelle so ho chge werteter Lustempfindungen und so 
deprimierender Schuldgefühle geworden ist, nicht plötzlich in 
seinen Folgen aufgehoben und zum spurlosen Verschwinden ge- 
bracht werden kann. Die Forschungsergebnisse Freuds haben 
uns im Gegenteil darauf vorbereitet, daß die Unterdrückung 
einzelner asozialer Triebtegungen und -befriedigungen zur Ge- 
staltung einer Reihe sozial bedeutungsvoller Charakterzüge führen 
kann, die „entweder unveränderten Fortsetzungen der ursprünglichen 
Triebe, Sublimierungen derselben oder Reattionsbildungen gegen 
dieselben entsprechen.* 

Wollen wir nun die mit nachhaltigen psychischen Wirkungen 
geübte masturbatorische Befriedigung der Genitalzone in ihren 
nichtneurotischen Folgeerscheinungen für die Psyche, insbesondere 
mit Rücksicht auf die spätere Ausprägung einzelner auffälliger 
Charaktereigentümlichkeiten, würdigen, so genügt es nicht, in 
landläufiger Weise auf die offenkundigen Züge von Schüchtern- 
heit, Gesellschaftsscheu und Elrrötungsneigung der Masturbanten 
biazuweisen, die sich leicht aus ihrem Schuldbewußtsein und dem 
autoeroti sehen Sexualleben ergeben, das kaum Libido zur Her- 
stellung einer positiven Gefühlsbeziehung zur Außenwelt verfügbar 
läßt. Das sind Züge, die zwar ohne weiteres den Masturbanten 
verraten, aber bei normaler Gestaltung des Sexuallebens bis auf 

l) Die folgenden Ausführungen fußen auf einem im April igog in der 
„Wiener Psychoanalytischen Vereinigung" gehaltenen Vortrag : „Zur 
Psychologie des lügenhaften Charakters". 

al Freud: Charaiter und Analerotik. [Ges. Sehr., Bd. V.] 



Masturbation und Charakterbildung 17 



gewisse Rudimente zu schwinden pflegen. Dagegen scheint es 
dauernde vom Pathologischen ins Normale abklingende Gharakter- 
züge zu geben, die sich nicht so sehr als Begleit- wie als 
Folgeerscheinungen der überwundenen Mastur- 
bation erweisen imd die festzustellen, sowie genetisch aus dem 
Onaniekomplex abzuleiten im folgenden versucht werden soll. 

Ich darf dabei von einer Beobachtung ausgehen, die ich häufig 
genug machen konnte, um sie nicht für zufällig halten zu müssen. 
Jugendliche Personen beiderlei Geschlechtes, bei denen sich ein 
auffälliger Mangel an Wahrheitsliebe bemerkbar machte, den man 
vielleicht schon als pathologisch ansehen durfte, zeichneten sich 
bei näherem Eingehen auf ihr Sexualleben auch durch eine in 
früher Kindheit begonnene und bis in die Jahre der Reife fast 
kontinuierlich in exzessiver Weise fortgesetzte Masturbation aus, 
die, von intensiven Schuldgefühlen begleitet, zu einem heftigen 
Abwehrkampf geführt hatte. War auch das Zusammentreffen 
dieser beiden Faktoren gewiß nicht zufällig, so war andererseits 
ein Jcausaler Zusammenhang dieser beiden Erfahrungstatsachen 
zunächst nicht ersichtlich. Zwar konnte man sich sagen, daß die 
Ausübung einer verpönten und jahrelang in beständiger Heimlich- 
Iteit und Furcht vor Entdeckung fortgesetzten Sexualhandlung zur 
Verstellung und Unaufrichtigkeit führen müsse; allein das zwingende 
Moment, wie es sich in der pathologischen Lügenhaftigkeit aus- 
prägt, war damit nicht erklärt. Es konnte also nicht die abnorme 
Masturbation als solche, die sich übrigens auch weit häufiger findet 
als pathologische Lügenhaftigkeit, den zwanghaften Charatterzug 
bedingen, sondern seine Gestaltung mußte nach Analogie der uns 
bei der Bildung anderer Charakterzüge bekannten Vorgänge von 
der Art der Überwindung der Masturbation und dem Grad der 
Hemmung des Triebes abhängen. Es ist beachtenswert und 

Lfür das frühzeitige und spontane Auftreten der Schuldgefühle 
Hank, Sexualität und Schuldgeiülil a 



18 Dr. Otto Rank 



aus dem Rahmen der Sexualsphäre beweisend, mit welch raffi- 
nierter Heimlichkeit das Kind und das heranwachsende Indivi- 
duum die Masturbation sowie deren etwaige Anzeichen und 
Folgen zu verbergen sucht. Zumeist gelingt dies auch so gut, daß 
kaum der Kundige, geschweige die weniger scharfsichtige und 
durch Vorurteile mancher Art geblendete Umgebung etwas von 
den Konflikten merkt. Ob sich innerhalb dieser allgemeinen 
Sphäre von Heimlichkeit, mit welcher die Masturbation von Haus 
aus umgeben ist, für das Kind eine direkte Nötigung zur Lüge 
zum Zwecke der Verheimlichung der MasturlDation ergeben hat 
oder nicht, scheint weniger von Bedeutung als die Tatsache, daß 
diese ganze psychische Konstellation durch ihre Verankerung im 
Sexuellen einerseits zur späteren Verdrängung mit allen ihren 
Folgen disponiert jvird, andererseits sich der so fixierte Mechanis- 
mus der Verheimlichung infolge des „psycho sexuellen Paral- 
lelismus", sowie zur Verhüllung seines Ursprungs, allmählich auf 
die verschiedensten Beziehungen überträgt. So halten diese Menschen 
bald auch ihre Phantasien, selbst wenn sie in keiner direkten 
Beziehung zum Masturbationsakt mehr stehen, mit einer oft 
erstaunlichen Schamhaftigkeit und Hartnäckigkeit geheim, werden 
verschlossene Naturen und Heimlichkeitskrämer, die auch in ihre 
normalen Liebesbeziehungen immer ein Stück Heimlichkeit hinein- 
zutragen wissen,^ die alles sorgfältig verschließen, sich immer 
überrascht fühlen, in Gesellschaft allerlei Unzulänglichkeiten und 
Unfähigkeiten zeigen, die mitunter in Form neurotischer Störungen 
übermächtig werden (besonders Eß- und Sprechstörungen). Ergeben 

]) Diese Beziehung auf die Masturbation hat Kollege R, W a g n e r zur 
Aufklärung der für eine Sagengruppe typischen Fe enge stalten verwertet, 
die dem Helden unter der Bedingung strengster Geheimhaltung immer 
und überall und für andere unsichtbar auf seinen Wink lur Li eh es Umarmung 
erscheinen. {Versucli einer Deutung von Stuckens „Lauval". Zentralbl. 
f. PsA., I. Jg., S. 518.) 



Masturbation und Charakterbildung ig 

sich diese oft zu dauernden Eigenschaften fixierten Züge als 
direkte Folgen der Masturbations Verheimlichung und ihrer Aus- 
breitungstendenz, so müssen wir zum Verständnis des zwangs- 
lügenhaften Charakters die Verdrängungs Vorgänge innerhalb des 
Masturbationskomplexes heranziehen. Dabei kann die frühzeitig 
begonnene und lange fortgesetzte Masturbation mit ihrer innerlichen, 
das Schuldgefühl fixierenden Nötigung zur Verheimlichung sowie 
der Erfolg derselben, das Unentdecktbleiben, nur als Vorbedingung 
für das Zustandekommen der besonderen Charakterbildung gelten. 
Es muß hier nachdrücklich darauf hingewiesen werden, daß es 
sich bei der im folgenden aufgezeigten Charakterentwicklung, 
ganz im Sinne der spontanen Entstehung des Schuldgefühls, um 
den Fall handelt, wo die Onanie des Individuums geheim 
geblieben ist, also nicht entdeckt und demgemäß auch nicht ver- 
boten oder bestraft werden konnte. Wird die Onanie des Kindes 
entdeckt und mit einem Verbot belegt, so ergeben sich andere 
psychische Folgen für das Individuum, die hier nicht erörtert 
werden können ; es mag jedoch erwähnt sein, daß in vielen Fällen 
späterer neurotischer Erkrankung derartige Verbottraumen aus der 
Verdrängung pathogen wirksam werden. 

In diese Sphäre der Unaufrichtigkeit vor sich und vor anderen 
greifen der Abwehrkampf und die Veränderungs Vorgänge mächtig 
ein. Wie dies im Detail vor sich geht, ließe sich übei^eugend 
nur am ausfuhrlich mitgeteilten psychoanalj^i sehen Material 
zeigen; doch kann man sich auf Grund gewisser typischer Er- 
fahrungen etwa folgende schematische Vorstellung davon machen. 
In dem lange schwankenden und wechselvollen Kampf, dessen 
Erfolg die bewußte Verheimlichung des „Lasters" entbehrlich 
machen soll, kommt es gelegentlich der unvermeidlichen Häufung 
von Rückfällen zur Verdrängung der aufdringlichen und störenden 
Selbstvorwürfe sowie des bewußten Abstinenzvorsatzes. Es tritt dann 



20 Dr. Olto Rank 



an Stelle der bewußt gewesenen psychischen Abwehrein Stellung, 
die sich etwa in der Forderung ausdrücken ließe: du darfst nicht 
mehr masturbieren (weil es schädigend, entwürdigend, verwerflich 
ist), im Bewußtsein der Zwang zur Ableugnung, zur Ver- 
heimlichung der Wahrheit gleichsam als Antwort auf den ans der 
Verdrängung wirkenden Von^■urf des Schuldgefühls, daß die Mastur- 
bation doch nicht überwunden sei. Wir würden also sagen: der 
„pathologische" (= unbewußte) Zwang zum Lügen, oder präziser 
ausgedrückt, der Zwang zur Verheimlichung der Wahrheit, stellt sich 
ein als Reaktion auf den mißglückten Abwehrkampf gegen die uner- 
träglich gewordene Masturbationsgewohnheit, die das Individuum end- 
gültig doch nicht aufzugeben vermag. Die Verschiebung des Wahr- 
heitsbegriffes vom Sexuellen auf anderes Gebiet, welche der verhüllen- 
den Verallgemeinerung der Zwangsneurose gleichkommt,' wird 
gestützt durch die psychoanalytisch erwiesene Tatsache, daß auch 
der ursprüngliche Erkenntnis- und Wahrheits drang des Kindes sich 
aus der sexuellen Neugierde entwickelt, ein Zusammenhang, der 
seinen Niederschlag nicht nur in verschiedenen Redewendungen 
und Gleichnissen gefunden hat (die nackte Wahrheit,' den Schleier 
der Wahrheit lüften, die Wahrheit enthüllen, erkennen = bei- 
schlafen usw.), sondern auch in der Neurose deutlich zum Vorschein 
kommt.3 Das Zwangmäßige im lügenhaften Charakter wird 
auf Grund des psychischen Mechanismus der Reaktionsbildung * ver- 
ständlich, demzufolge einem unvollkommen verdrängten Gedankenzug 
eine überwertige Einstellung meist entgegengesetzten Inhalts im 

1) Siehe Freud: Ges. Sehr. Bd. VIII, S. 349. 

2) Vgl. die Mitteilung Dr. F urt m ii 11 e r s: Nuda veritas im ZbL f. 

PsA., I. Jahrg., 1911, S, 273. 

,1L Eins wangers Patientin Irma, mit der wir uns noch beschäftigen 
werden, identifiziert direkt Wahrheit mit sexuellem Wissen (Versuch einer 
Hysterieanalyse., Jahrb. f. psa. Forschg. I., S, a6a). 

4,) Freud: Ges. Sehr. Bd. VIII, S. 55- 




Masturbation und Charakterbildung 31 



Bewußtsein das Gleichgewicht zu halten hat,' Die Nötigung zur 
Verheimlichung oder Ahleugnung der Wahrheit erklärt sich 
so als beständige, aufs intellektuelle Gebiet verschobene Abwehr 
des beschämenden Selbstgeständnisses der Sexualwahrheit, als 
kontinuierlich aufrechterhaltene Beruhigung der aus der Verdrängung 
wirkenden Selbstvorwürfe und Schuldgefühle sowie als stete Selbst- 
versicherung der gelungenen Verheimlichung der nicht völlig 
überwundenen Masturbationsneigung. 

Es muß jedoch hervorgehoben werden, daß der supponierte Ver- 
drängungsvorgang zu einer ganz bestimmten Form der Lügen- 
haftigkeit führt, die sich in den mir bekannt gewordenen Fällen 
übereinstimmend fand und auch auf Grund unserer theoretischen 
Erwägungen verständlich wird. Es ist ohne weiteres klar, daß wir 
von den landläufigen Not- und Gelegenheitslügen hier vollkommen 
absehen, die wir als ein notwendiges soziales Übel zu betrachten 
gelernt haben. Ebenso von den gelegentlichen Lügen der Kinder, 
die sie — wie so vieles andere — von den Erwachsenen lernen. 
Auch die psychologisch interessantere, manchmal schon pathologisch 
zu nennende Lügensucht (Aufschneiderei), die in gewisse para- 
noische Wahnbildungen übergeht, müssen wir trotz naher Be- 
ziehungen zu unserem Thema zunächst ausschließen. Diese Lügen- 
gewebe, die sich als streng determiniert erweisen und als wunsch- 
erfüllende Korrekturen des realen Lebens meist Kompromisse 
zwischen der Wirklichkeit und der Unerreichbarkeit herzustellen 
suchen, sind nicht nur, wie Delbrück'' ausgeführt hat, mit der 
„Phantasie" eng verwandt, sondern erweisen sich bei psychoana- 

i) In der Diskussion hat Dr. Federn darauf hingewiesen, daß der 
/wanghafte Zug von einer frühzeitig und intensiv erwachten, bald ver- 
drängten Xinderonanie verstärkt wird, die — in der Pubertät aufgefrischt — 
hei dem neuerlichen Verdrängungsversuch im Sinne des Reaktionsmechan Is- 
mus aus dem Unhewuöten nachwirkt. 

a) Die pathologische Lüge usw. Stuttgart i8gl. 



32 Dr. Otto Rank 



lyrischer Betrachtung direkt als zum Bewußtsein zugelassene 
zensurierte Phantasien des Unbewußten. Die Sicherheit und Ge- 
schlossenheit, mit der das Lügengespinst (Roman) scheinbar spontan 
produziert wird, verraten uns schon rein forma], daß längst fertige 
Phantasien oder Bruchstücke von solchen nach Art der Traum- 
arbeit zusammengeschmolzen und nach entsprechender Bearbeitung 
nicht bloß zum Bewußtsein, sondern zur Mitteilung zugelassen 
werden. Was subjektiv den Charakter der Phantasie aufweist, 
erscheint, objektiv und kritiklos m.it dem Anspruch auf Glaub- 
würdigkeit vorgebracht, als leicht zu durchschauendes Ijügen- 
gewebe. Auch dieser Hang zur pathologischen Aufschneiderei, der 
das sexuelle Gebiet deutlich bevorzugt, scheint nait dem Mastur- 
bationstomplex zusammenzuhängen, da ja gerade die ehemals zui 
Herstellung der Befriedigungs Situation verwendeten Phantasien der 
intensivsten Verdrängung und Nachwirkung aus dem Unbewußten 
fsLhig sind. Bei dem in Rede stehenden Spezialfall des lügenhaften 
Charakters handelt es sich jedoch weniger um diese aufdringliche 
Form der Lügensuclit, als vielmehr um ein sozusagen passives 
Verheimlichen oder trotziges Ableugnen der geforderten 
Wahrheit. Das Wesentliche daran scheint die Verheimlichung zu 
sein und auch wo es zur aktiven Lüge kommt, scheint sie weniger 
dem Zweck der (wünsch gemäßen) Entstellung von Tatsachen als 
dem Bedürfnis nach Verleugnung eines psychi- 
schen Tatbestandes zu dienen. Unsere Auffassung, daß es 
sich bei dieser Form der pathologischen Lügenhaftigkeit um den 
aus dem Unbewußten wirkenden Zwang der fortgesetzten Ver- 
heimlichung eines abgelehnten Komplexes handle, wird gestützt 
durch die auffällige und eigentlich pathologische Widerstandskraft 
dieser Lügen. Sie sitzen fest wie ein Wahn, werden wiederholt 
als Wahrheit beteuert und sind logischen Einwendungen unzu- 
gänglich. Werden sie unter dem Zwang von Gegenbeweisen end- 



lieh eingestanden, so erfolgt das unter Äußerungen von Scham; 
die Entdeckung der Lüge wirkt wie die Aufdeckung eines 
sexuellen Geheimnisses. Die hier charakterisierte Eigenart dieser 
Form der Zwangslüge vermochte am besten ein Beispiel zu illu- 
strieren, das wir seines allgemeinen Interesses und der besonderen 
Beweiskraft wegen jedem anderen Material vorziehen müßten, 
wenn uns die notwendige ausführliche Mitteilung desselben nicht 
zu weit von unserem Thema abbrächte. Doch sei nicht versäumt, 
wenn auch nur in flüchtiger Weise, auf das jedem leicht zugäng- 
liche Grimm sehe Märchen (Nr. 5) vom „ Marien kind" hinzu- 
weisen, wo ein vierzehnjähriges Mädchen ihr Vergehen, das in der 
Öffnung einer verbotenen Türe besteht, schamhaft zu verheim- 
lichen und dann mit einer Hartnäckigkeit abzuleugnen sucht, die 
sich wie die „funktionale Darstellung"'' der Entwicklung des hier 
geschilderten lügenhaften Charakters ausnimmt. Die Treffsicherheit, 
mit der hier alle Charaktere dieser aus dem Zwang zur Ver- 
heimlichung hervorgegangenen Lügenhaftigkeit geschildert werden, 
vermag nur der voll zu würdigen, der ähnliches wirklich gesehen 
und sich davon überzeugt hat. Der beständig aufrechterhaltene 
und durch Jahre fortwirkende Zwang zur Ableugnung des längst 
entdeckten Vergehens, die Zwecklosigkeit und Hartnäckigkeit der 
Lüge also, ferner die Unempfindhchkeit gegen die schwersten 
Strafen und schließlich das aus dem Schuldbewußtsein mächtig 
hervorbrechende Gefühl der Reue ist als charaktero logische 
Schilderung so scharf beobachtet und so echt dargestellt, daß wir 
es kaum mehr wunderbar finden können, wenn dasselbe Märchen, 
zwar nicht in einer psychologischen Formel, aber in deutlicher 
symbolischer Einkleidung auch die ätiologische Bedingtmg für 

1) Diesen Begriff hat Herbert Silberer aufgestellt und an reichem 
Material erläutert. (Arbeiten iiu Jabrb. f. psa. Forschg. vmd im Zentralbl. 
f, PsA.) 



die Entstehung dieses lügenhaften Charakters verrät. Das von der j 

reinen Jungfrau ausgehende Verbot, die Heimlichkeit der Aus- 
führung, die unmittelbar folgenden Angstzustände und Schuld- 
gefühle, die Furcht, man konnte ihr die Sünde anmerken, sowie 
die Art ihrer weiteren hartnäckigen Ableugnung und endlichen 
reumütigen Eiiibekennung weisen unzweideutig auf die symbolische 
Darstellung eines sexuellen Vergehens hin, dessen Art bei dem 
Alter des Mädchens sowie auf Grund der verwendeten Symbole 
(Türe, Schloß; Schlüssel, Finger; Stummheit usw.) in diesem 
Zusammenhang nicht zweifelhaft sein kann.' 1 

Glauben wir so psychologisch verständlich gemacht zu haben, | 

wie eine besondere Art des lügenhaften Charakters aus dem Ab- 
wehrkampf gegen die Masturbation entstehen kann, so ist dies 
doch nicht der einzig mögliche Ausgang dieses Konfliktes. Muß 
der beständige Zwang zur Verheimlichung der Wahrheit, auch 
wenn er äußerlich als Charakterzug fixiert erscheint, als Erfolg 
des ungelösten Konfliktes angesehen werden, so kann derselbe 
Mechanismus unter den gleichen Vorbedingungen bei endlich 
gelungener Überwindung der Masturbation zu einer Charaktei- 
gestaltung führen, die der ersten direkt entgegengesetzt ist. Diese 
befremdende Tatsache verliert durch eine ganze Reihe ähnlich 
überraschender psychoanalytischer Befunde nicht nur ihre Paradoxie, 
sondern ordnet sich damit einer erkannten Gesetzmäßigkeit des 
psychischen Lebens unter, für welches der Satz les extrSmes se 
touchent wie für nichts anderes Geltung zu haben scheint.* Wir 

i) Zu dieser typischen Masturbationssjniholik vergl. man des Verfassers 
Arbeit : „Ein Traum, der sich selbst deutet" im Jahrb. f. psa. Forsch^., 
Bd. 11, 1910, S. 486 u. fg. 

2) Diesem Geseti oränet sich auch die Bemerkung von Ellis (Geschl. 
Trieb u. Schamgefühl, 5, Aufl., S. 554) unter, der als häufigstes und 
chaxaiteristischestes Zeichen übertriebener Masturbation ein krankhaft 
gesteigertes S elb s tb e w ufl t 3 e i n als Gegengewicht gegen die 
mangelnde Selbstachtung anführt. Als Gegenstück dasu braucht nur auf die 



Masturbation und Charakterbildung 25 



werden daher auch beim Eingehen auf diese konträre Charakter- 
entwicklung zunächst nur eine extreme Ausgestaltung zu berück- 
sichtigen haben und müssen das weit abgesteckte Gebiet des 
sogenannten Normalen ausschalten. So ist dieser vielleicht nicht 
pathologisch zu nennende, aber doch abnorme Zwang zur Wahr- 
heit wohl zu unterscheiden von jener rücksichtslosen Aufrichtigkeit 
gewisser Flegel- und Back fisch jähre (vgl. Sadgers Diskussions- 
ausführungen), die ihren Stolz darein setzt, sich mit revolutionärer 
Hinwegsetzung über alle diplomatischen Höflichkeitsphrasen und 
die konventionellen Formen des gesellschaftlichen Verkehrs un- 
liebsam zu machen. Während jedoch diese vorübergehende 

bekannte Schüchternheit und B e s c h e i d e nh e i t vieler Onanisten 
hingewiesen ^u werden. S p i 1 1 k a (nach E 1 1 i s) bemerkt direkt, daß die 
Masturbation beim Weibe luweilen Selbstvorwürfe und Sehüchtemheit her- 
vorrufen könne, daß sie aber häufig auch dreist zu machen scheine. Diese 
scheinbar so paradoxen und doch richtigen Beobachtungen werden verständ- 
lieh auf Gnuid der psychoanalytischen Erkenntnis, dafl übertriebene 
Bescheidenheit und SohücHtemiieit mühsam errungene Verdrängungs- 
produkte eines gesteigerten Selbstbewußtseins und Aggressions oranges sind. 
Der Vecdrängungserfolg der Masturbation dürfte mitentscheiden, ob sich die 
positive oder negative Seite dieses Cbarakteriuges fixiert. — Es wird hier 
klar, daß der relativ späte, aber'gerade lur Zeit der endgültigen Ghornkter- 
gestaltung (in der Pubertät) aktuell werdende Verdrängungsproieß des 
Masturbationskomplexes seinen chaiakterolugi sehen Einfluß nicht bloß in 
der Bildung neuer Züge offenbart, sondern auch auf die endgültige Ge- 
staltung bereits vorgebildeter Gharakteriüge entscheidend oder modifilierend 
wirken kann, wie beispielsweise im folgenden an ei meinen Zügen des 
„Analcharakters" gezeigt werden soll. 

ZutreiTend ist auch die Bemerkung von Ellis (S. 552), daß exzessive 
Masturbation bei Frauen im späteren Leben au einer Trennung der 
physischen, sinnlichen Triebe und der idealen Empfindungen, man möchte 
sagen, von Sexualität und Erotik führe. Nur gilt sie, und vielleicht sogar 
in weit größerem Ausmaße, auch für den Mann, bei dem es auf diesem 
Wege oft zu einer völligen erotischen Unfähigkeit kommt, die ein auf- 
fallendes Gegenstück zu der in den Phantasien wuchernden Hypererotik 
bildet. Diese Männer verlieren unmittelbar nach dem Sexualakt sofort 
jedes Zärtlichkeitsgefühl und -bedürfnis für das Objekt und zeigen dieses 
autoerotische Verhalten auch in gewissen Temperaments- und Charakter- 
eigen tümlichkeiten. 



26 Dl'. Otto Rank 



Erscheinung mit Ablauf der kritischen Jahre der sozialen Ein- 
ordnung weicht, handelt es sich bei dem vöUig anderen Typus, 
mit dem wir es hier zu tun haben, um den von der sozialen 
Wertung verschieden eingeschätzten Wahrheitsfanatiker, 
der es als seine Lehensaufgabe betrachtet, der W^ahrheit in jeder 
Form und mit allen Mitteln zu ihrem Rechte zu verhelfen gegen 
eine Gesellschaft, welche diesen Opfermut zwar oft genug 
bewundern, seinen Erfolg aber fast niemals wünschen kann. Auf 
Grund unserer bisherigen Einsichten wird uns die Entwicklung 
dieses Charakterbildes leicht verständlich. Konnten wir den Hang 
zur Heimlichkeit in seinen verschiedenen Formen im Sinne 
Freuds als direkte Folge der geheim gehaltenen Sexual- 
betätigung, die Fixierung des Zwanges zur Ableugnung der Wahrheit 
als Reaktionsbildung gegen den verdrängten Selbstvorwurf 
der Masturbation auffassen, so ist der Umwandlung zum Wahrheits- 
fanatismus der Charakter einer Sublimierung nicht abzusprechen. 
Wie jedoch die Fixierung des lügenhaften Charakters erst mit dem 
Unbewußt werden (der Verdrängung) der Abwehrgedanken möglich 
wird, so scheint mit dem endlichen Gelingen ihrer bewußten Fest- 
haltung und der dadurch erreichten Unterdrückung der Mastur- 
bation sgewohnheit die Bedingung für die Sublimierung zum Wahr- 
heitshang gegeben. Es bleibt hier gleichsam die Forderung: du 
darfst nicht mehr masturbieren, bewußt und führt schließlich zu 
einem gewissermaßen übertriebenen Erfolg, der sich auch auf die 
früheren Konsequenzen des Abwehrkampfes zu erstrecken sucht, 
Dieser übermäßigen Hewußthaltung der Abwehr- und Reue- 
impulse entspricht gleichsam ein unbewußtes Gebot: Du darfst 
auch nicht mehr lügen, das sich bewußterweise als Zwang ztir 
Wahrheit kundgibt.' Der Abgowöhnungskampf zeigt sich oft direkt 

i) Es sei hier erivälmt, daß diese knappe Formulierung der ganzen 
psychischen AbwehreinsteEung des Individuums nicht bloß eine logische 




Masturbation und Charakterbildung 27 



von der bereits aufgegebenen Masturbation auf die noch bestehende 
Lügenhaftigkeit übertragen. In diesem Sinne erscheint der Wahr- 
heitsfanatismus bereits als Reaktionsbildung gegen den lügenhaften 
Chai-akter, wie dieser selbst sich als Folge der mißglückten Abwehr 
der Masturbationsgewohnheit einstellte. Zu dieser Auffassung stimmt 
auch die Tatsache, daß der Entwicklung des Walirheitsfanatismus 
nach meiner Erfahrung fast immer eine Periode der Lügenhaftig- 
keit vorausgeht, die uns als Übergangsstadium des noch unerledigten 
Abwehrkampfes die für eine gewisse Entwicklungszeit typische 
Lügenhaftigkeit auch der Individuen verständlich macht, bei denen 
sie späterhin zu keinerlei abnormen Ausgestaltung und charaktero- 
logischen Fixierung führt. 

Wenn wir dem Zusammenhang der abnormen Masturbations- 
hetätigung und ihres Abgewöhmingskampfes mit dem Aufbau der 
später so genannten Charakterzüge weiter nachgehen, so können 
wir auf diesem Wege vielleiclit zu einer Psychologie und Cha- 
rakterologie des „Masturbanten", d. h. aber der Verdrängungs- 
schicksale der genitalen Libido gelangen. Im Gegensatz zu dem im 
allgemeinen sozial wertvollen „Analcharakter weisen jedoch die 
charakterologischen Spuren der Masturbation, entsprechend der 
Betätigung selbst, vorwiegend asoziale Züge auf. Denn neben der 
Lügenhaftigkeit, die nicht allzu häufig zum Wahrheitsfanatismus 
führt, erscheint als bedeutsamster Charakterzug übermäßiger onani- 
Btischer Betätigung und ihrer un vollkom menen Verdrängung der 

Fiktion lum Zwecke der vereinfachten Darstellung ist, sondern oft genug 
auch im speiiellen Falle selbst im Bewußtsein die Abwehrtondeni repräsen- 
tiert. So leigt die bereits erwähnte Patientin Eins wangers direkt den 
Vorsatz; „Du darfst nicht mehr lügen" a]s Ersatz der unbewußten Mastur- 
bationsabwehr im Bewußtsein fixiert. 

Auch liier tritt wieder die schon hervorgehobene Bedeutung der „Wahr- 
heit" im Sinne der Losung' des Sexualgeheimnisses hiniu, die der Mastur- 
bant ja eigentlich sucht, während erst die intellektuelle Verkleidung dieses 
Wahrheitsdtangcs seine Fixierung im Bewußtsein ermöglicht. 



28 



Dr. Otto Rank 



Aneignungs- oder Stehltrieb, nicht selten in der pathologischen 
Ausprägung der Kleptomanie, die schon äußerlich in ihren 
Charakteren der pathologischen Lüge durchaus entspricht und ins- 
besondere bei Frauen häufig neben dieser zu finden ist. Wie die 
pathologische Lüge so pflegt auch die kleptomanische Handlung 
sich nicht durch zwingende äußere Motive zu rechtfertigen, sondern 
erfolgt aus einem unwiderstehlichen Zwang um der Tat selbst 
willen, die nicht bloß aus Furcht vor Bestrafung geheimgehalten, 
hartnäckig abgeleugnet und schließlich unter Äußerungen von 
Scham zugegeben wird. Wie wir als das Wesentliche an der patho- 
logischen Lüge die Verheimlichung hervorhoben, so hat Otto 
Groß' die Kleptomanie allgemein so aufgefaßt, daß es sich darum 
handle, „etwas Verbotenes heimlich zu tun". Mit Rücksicht dar- 
auf, daß diese meist von Frauen begangenen Delikte nicht selten 
ziemlich wertlose oder unnütze Dinge betreffen," die jedoch auf- 
fällige sexualsymbolische Bedeutung zeigen, hat nach ihm S t e k e 1 
„die sexuelle Wurzel der Kleptomanie"^ nachdrücklich betont. Er 
fand in seinen Fällen, daß unbefriedigte und im Konflikt der Ehe- 
bruchs Versuchung kämpfende Frauen diese meist offensichtlichen 
Penissymbole* gleichsam als eine Art Ersatzbefriedigimg an sich 
nehmen. Die symbolische Bedeutung sowie der Ersatzcharakter der 
entwendeten Dinge sind kaum zweifelhaft imd die Motivierung 
der Tat aus dem aktuellen psychischen Konflikt der Untreue 
scheint wohl zutreffend, wenngleich nicht ausreichend, um das 



i) „Das Preudsche Ideogenitätsmoment und seine Bedeutung im 
manisch-depressiven Irresein K r a e p e 1 i n s." Leipiig, J907. 

2) So ist mir ein. exzessiv onanierender Knabe bekannt, der iwei große 
dicke Malerpinsel zu stehlen versuchte, ohne für sie Verwendung zu haben, 
obwohl er das Geschäft mit dieser impulsiven Absicht betreten hatte. 

5) Zeitschr. f. Sexualwissenschaft, 1908, Nr. 10. 

4) Dazu stimmt, daß gerade die Frauen, die in der Ehe unbefriedigt 
und darum lur Untreue geneigt sind, nicht selten eine Anästhesie als Folge 
früherer exzessiver Klitoris onanie aufweisen (Freu d). 



Masturbation und Charakterbildung 29 



Zustandekommen eines derartigen Zwangsimpulses zu erklären. Es 
ist dazu neten dem aktuellen Konflikt ein bereits aus der Ver- 
drängung wirksamer nötig, der den Impuls erst zwanghaft und 
damit pathologisch macht. In zwei Fällen, von denen der eine 
ein pathologischer Lügner geblieben, der andere später zu einem 
mit peinlichem Rechtsgefühl ausgestatteten Wahrheitsfanatiker 
geworden ist, konnte ich nun tatsächlich den Zusammenhang des 
pathologischen Stehltriebes mit dem Abwehrkampf gegen die Mastur- 
bation deutlich ersehen und getraue mich, ihn auf Grund der 
entwickelten psychologischen Zusammenhänge für gesetzmäßig zu 
halten. Mit der St ekclschen Auffassung ließe sich dieser Befund 
sehr gut in Einklang bringen, wenn man annimmt, daß der 
psychische Konflikt der Untreue nur den Anlaß zur Entfaltung 
einer tiefer wurzelnden Verknüpfung bietet. Der Zwang, etwas 
Verbotenes heimlich zu tun, ist in weiterer Folge ein Ersatz der im . 
Abwehrkarapf zurückgedrängten Masturbation und der Kampf 
gegen die Versuchung der Untreue kann nur darum zu einem 
„psychischen Konflikt" führen, weil er nichts anderes ist als der 
auf heterosexuellem Gebiet fortgesetzte Kampf gegen die seiner- 
zeitige Versuchung des Verbotenen. Es darf hier, ebensowenig wie 
bei den anderen entwickelten Charakterzügen, der Vorstellungs- 
inhalt, ' der die verschiedensten Dinge betreffen kann, verwechselt 
werden mit dem psychischen Mechanismus, von dem natürlich 
allein die Rede ist. Wie beispielsweise der Wahrheitsfanatiker irgend- 
eine Sache aus den verschiedensten und kompliziertesten Motiven 
vertreten kann, so wird sich bei der Analyse auch die Versuchung 
des Kieptoni anischen auf die verschiedensten verbotenen Sexualakte 
übertragen zeigen (S t e k e l envähnt untreue, Homosexualität, 
Minderjährige usw.); bei tieferem Eindringen ergibt sich aber, daß 
der Mechanismus, der natürlich verschiedenen Inhalten dienen 
kann, aus dem Abwehrkarapf der Masturbation stammt. Das 



30 



Dr. Otto Rank 



Siiciien oder Greifen nach dem verbotenen Penis (-Symbol) 
scheint mir sowohl beim männlichen als auch fceim weiblichen 
Geschlecht eher der Abwehr der Masturbation in Form einer 
Ersatzhandlung als beispielsweise dei Ehebruchs Versuchung zu ent- 
sprechen. Von unserem Standpunkt aus erscheint es auch einer 
tieferen Begründung fähig, daß sich pathologische Lügenhaftigkeit 
und kleptomanische Neigung, insbesondere bei Frauen, so häufig 
beisammen findet. Wie die pathologische Lügenhaftigkeit aus dem 
Zwang zur Verheimlichung der schlecht verdrängten Masturbations- 
neigung entspringt, also der Abwehr dient, so verrät die zwangs- 
mäßige Symptomhandlung der Kleptomanie, daß das Individuum 
doch das Verbotene heimlich tun, d, h. masturbieren will. Patho- 
logische Lugensucht und pathologischer Stehltrieb sind also kom- 
plementäre Äußerungen der mißglückten Verdrängung des gleichen 
Komplexes, die zu Abwehrhandlungen und Ersatzbildungen der 
verdrängten und verdrängenden Instanz führen: Die mißglückte 
A b w^ e h r der verpönten Sexualhandlung schafft den aus dem 
Unbewußten stammenden Zwang zur Lüge, die Sexual- 
Handlung selbst äußert sich bei mißglückter Verdrängung 
als Ereatzhandlung in Form des Stehlzwanges, wobei natürlich 
auch die eigensüchtigen Regungen und die Bomächtigungslust 
in einem hohen Grade auf ihre Rechnung kommen, Die 
Fixierung zum pathologischen Charakterzug setzt jedoch frühere 
Bahnungen voraus, die wir in der verstohlenen Ausführung des 
masturbatorischen Aktes und den entsprechenden Verdrängungs- 
vorgängen vorgebildet fanden.' 



i) Die allgemeine Andeutung Stekels (1, c. S. 536), daß solche Kinder, 
die stehlen, „mit ihren Begierden schon früh aiifa Unerlaubte gerichtet 
sind", behauptet den hier dargelegten kausalen Zusammenhang ebenso- 
wenig wie Rikliiis Bemerkung hinsichtlich einer Beziehung der Mastur- 
bation zur Kleptomanie in einem bestimmten Falle („Eine Lüge", Zentralbl. 
f. Psa., I, 197). Auf eine BeherrseKungsmoglichkeit des Stehltriebes hat 



Masturbation und Charakterbiidung 31 



Von den übrigen, bald mehr, bald minder deutlich ausgeprägten 
Charakterzügen oder psychischen Eigentümlichkeiten, die dem 
xmter Schwierigkeiten von der Masturbation frei gewordenen Indivi- 
duum verbleiben können, seien schließlich einige genannt, die 
auffallenderweise gänzhch ungesuchte Beziehungen zu den von 
Freud gefundenen Zügen des Analcharakters aufweisen. Aber 
nicht bloß in der Weise, daß sich die aus verschiedenen 
Quellen stammenden Charakterzüge gegenseitig unterstützten, wie 
etiva zum hartnäckigen Festhaken an der Lüge eine tüchtige 
Portion Trotz gehört, die aus dem Analcharakter stammt, sondern 
einzelne Charaktere des einen Komplexes überschneiden sich gleich- 
sam mit anderen Zügen des zweiten Charakterbildes, wobei der 
früher und konstanter ausgebildete Analcharaktei durch die spätere 
Gestaltung der Masturbationscharaktere weniger modifiziert als 
erweiterungsfähig und gleichsam schmiegsamer gemacht wird. Die 
zur ParallelJsierung von Anal- und Genital Charakter erforder- 
liche Gleichartigkeit der beiden erogenen Zonen ist keineswegs 
bloß in der Tatsache gegeben, daß auch die anale Zone der 
masturbatorischen Befriedigung im Sinne Freuds dient (After- 
bohren), sondern auch durch die bis zu einem gewissen Grade 
parallel verlaufende Sexual Verdrängung an diesen beiden erogenen 
Zonen. Diese ist bei aller zeitlichen und organischen Verschieden- 
heit zvvischen der Betätigung der kulturell un verwendbaren Anal- 
erotik und der für das biologische und soziale Leben so bedeut- 
samen Erogenität der Genitahone doch so weit identisch, als auch 
zur kulturellen Einfügung der Genitaler ogenitat jedenfalls die 
Verdrängung jedes Übermaßes von Autoerotik an dieser Zone 
erforderlich sein wird. Besonders deutlich zeigt sich dies beim 

Stekel dagegen mit der Bemerkung hingewiesen, daß solche Kinder im 
späteren Lehen oft Menschen werden, die sich durch ein peinliclies Rechts- 
gefühl ansieichnen. 



32 



Dr. Otto Rank 



Weibe in dem von Freud (Sexualttieorie) sogenannten Ver- 
drängungsschub der Pubertät. Charakteristischer weise fanden sich 
in der Mehrzahl der mir bekannt gewordenen Fälle neben einer 
Reihe charakterologischer Masturbations Symptome deutlich aus- 
geprägte Züge des Analcharakters, was jedenfalls eine Periode 
gesteigerter Autoerotik voraussetzt, die sich nacheinander der ver- 
schiedenen Zonen zur Befriedigung bedient hat. Dieser Paralleli- 
sierung scheinen nun einzelne auffällige Ähnlichkeiten der beiden 
Charakterbilder zu entsprechen. So ist nach Freud eine der 
pathologischen Abwehrformen der Masturbation der insbesondere 
den Händen geltende neurotische Waschzwang, der sich aber auch 
bei sonst gesimden ■ Personen in der milderen Form des Rein- 
lichkeil s f an ati s mus in bezug auf den eigenen Körper 
findet (Baden, besonders Waschen der Genitalien)' und sich der 
den Objekten geltenden Ordnungs- und Sauberkeitsliebe des Anal- 
charakters angliedert und einordnet. Dieser Parallelismus macht 
es -weiterhin verständlich, wie sich eine bestimmte Form der Spar- 
samkeit, die aus dem Masturbations komplex stammt, mit dem ent- 
sprechenden Analcharakter des Geizes und der Filzigkeit assoziieren 
kann. Der Abgewöhnungskampf gegen die Masturbation kann mit 
Unterstützung anderer Triebkomponenten über die Brücke der 
Samensparung" zu einer allgemeinen Sparsucht führen, welche die 
verschiedensten Dinge betreffen kann — der anale G eiz bezieht 

i) Ein dem Puhertätsalter nahestehender Jüngling, der im Abge- 
wöhnungskampf der Masturbation nach jedem „letiten" oiianisli sehen Akte 
das Bedürfnis nach einem „reinigenden" Bade halte, gestand, der mit der 
Waschung (Seife) der Genitalien verbundene Kitiebeii sei dabei oft so 
groß geworden, daß er'im Bade wieder onanieren mußte. Hier leigt sich 
deutlich, wie in der Abwehrhandlung (Waschen) der ursprünglich lurüek- 
gedrängte Impuls sich wieder durchiusetien weiß fvergl. die Ausführungen 
bei der KleptomanieJi liier vermutlich in Anlehnung an die bei der Säug- 
lingspflege erlebte frühinfantile Befriedigung. 

2) Diese Andeutungen scheinen mir inPerenciis „Araphimixia" („Genital- 
theorie", 1922) eine glänzende theoretische Begründung gefunden lu haben. 



MasturbatioD und CbarakterbUduDg 33 

sich bekanntlich auf Geld — und den Übergang bildet zu gemssen 
Formen der Sammelwut, die nicht selten Gegenstände mit 
unzweifelhaft sexualsjmbolischer Bedeutung betrifft, was als Gegen- 
stück zur Kleptomanie, die sich ja häufig bei leidenschaftlichen 
Sammlern findet, Hervorhebung verdient.' Zur charakteristischen 
Unterscheidung vom analen Geiz sei hier der merkwürdigen 
„Sparsamkeit" eines jungen Neurotikers aus wohlhabendem Hause 
gedacht, der niemals, wenn er ausging, sein Taschengeld zu sich 
steckte, um nicht, wie er sich ausdrückte, „der Versuchung der 
Ausgabe zu verfallen". Er selbst machte seine lange fortgesetzte 
Masturbation mit Recht für eine Reihe seiner neurotischen 
Erscheinungen verantwortlich, ohne natürlich die Verschiebung der 
Onanieversuchung auf die der Geldausgabe zu kennen, an der ihm 
zunächst nur die Beziehung auf die Prostitution bewußt wurde. 
Diese auf das Geld bezügliche, ursprünglich anale Sparsamkeit 
wird im Dienste der Masturbationsentwöhnung häufig in der Weise 
sekundär verwendet, daß die im Unbewußten der Samensparung 
gleichgesetzte Gelderspaxnis einerseits zur Enthaltung von Genüssen 
zwingt und in dieser Richtung sich bis zur Buße und Selbst- 
peinigung steigern kann (siehe später die Enthaltung vom Essen), 

i) In einem Falle war es weniger das wechselnde Objekt, als die Art 
der Sammellust, was mir einen überseugenden Eindruck verschaffte. Der 
Junge, von dem ich den PinseldiebstaM berichtete, war ein eifriger Sammler 
und hat im Verlauf seiner Kinder- und Knabenjahre die verschiedensten, 
meist unnützen Dinge gesammelt. Unter anderem hat er auch versucht, 
seine Briefmarkensammlung durch Dieb Stahls versuche zu bereichern. Vcn 
Interesse ist die Tatsache, daß er zur Zeit, wo der Verdrängungskampf 
gegen die Masturbation akut zu werden begann, seine recht stattliche und 
hebgewonnene Sammlung plötilich weggab, da er alle Lust daran verloren 
hatte. Nach völliger Überwindung der Masturbation hat sich diese Sammel- 
lust in ihrer Maßlosigkeit und Intensität bedeutend eingeschränkt, aber 
nicht gänzlich verloren, da sie aus der Sparsamkeits- imd Ordnungskom- 
ponente der verwandelten Analerotik beständig gespeist blieb; er hat aber 
späterhin mehr niitilicbe Dinge zum Gegenstand seines sozial eingeordneten 
Sammelinteresses gemacht (Bibliophiliel. 

Rank, SexiialitSt und Schuldgefühl • 



34 Dr. Otto Rank 



andererseits einen zu erwartenden Ersatz für die momentan auf- 
gegebene Befriedigung insofern bieten soll, als ja das gesparte Geld 
den Übergang zur Prostitution ermöglicht. Wenn aber der Neuro- 
tiker auch dieser Versuchung zu entgehen strebt, so verrät er damit 
nur, daß er den alten Kampf gegen die verpönte Selbstbefriedigung 
nunmehr auf das heterosexuelle Gebiet verschieben und sich 
dadurch wieder die Rückkehr zur Masturbation ermöglichen will. 
Im Zusammenhang mit dieser Sparsucht darf ich eine Äußerung 
Professor Freuds heranziehen, welche die Aufklärung für einen 
eigenartigen, bei Kindern häufig zu beobachtenden Zug gebracht 
hat; nämlich die Gewohnheit, Geschenke, und zwar meist 
Näschereien, die ja dem Verderben ausgesetzt sind, sich für einen 
späteren Zeitpunkt aufzuheben, aufzusparen, Professor Freud 
konnte dieses Verhalten als typischen Masturbation seh arakterzug 
agnoszieren und meint, daß darin einerseits der Zug zur Enthalt- 
samkeit zum Ausdruck komme, andererseits das Schuldbewußtsein, 
das sich des Geschenkes nicht würdig fühle. ^ VVir stoßen hier auf 
einen speziellen Zug der Sparsamkeit, der sich auf das Essen 
richtet und gleichfalls dem Abwehrkampf gegen die als Laster 
empfundene Masturbationsgewohnheit entspringt. So ist mir ein 
Student bekannt, der angeblich aus Gelderspamis, wie sich später 
herausstellt aber aus einem unbewußten Bußzwang wegen seiner 
Unfähigkeit, die Masturbation aufzugeben, an mehreren Tagen der 
Woche fastete. Die Enthaltung vom Essen sollte die vergeblich 

i) In dem Roman „Der Knabe Wlaß" von Ossip D J m o w (Berlin, 
Paul Cassirer, igio), den ich wegen seines psjclio analytischen Interesses 
an anderer Stelle („Imago", I. Jahrg., 1912) besprochen habe, findet sich 
(S. 160) eine in diesem Sinne aufiufassende Stelle. Ein junges Mädchen 
bricht angesichts der lu seinem Geburtstag eingelangten Glückwünsche 
luid Geschenke in Weinen aus und erklärt auf die Präge der Mutter: 
„Wofür lieben mich alle so sehr? Ich hab' es mit nichts verdient. Ver- 
schließe aCe meine Geschenke und wenn ich dann das ganze Jahr brav 
gewesen bin, gib sie mir wieder." 



Masturbaiion und Charakterbildung 35 



angestrebte Enthaltsamkeit von dem verpönten Laster ersetzen und 
zugleich die Unfähigkeit dazu bestrafen. Die Verlegung des Abge- 
wöhnungskampfes auf die Mundzone fanden wir bereits in der 
Stummheit des sündigen Marienkindes angedeutet (Lügenmaul), 
haben sie in der Kindergewohnheit des Aufhebens von Näschereien 
wieder erkannt und sehen sie in mannigfachen neurotischen Eß- 
und Sprachstörungen am Werke.' So ist bei Bin s wangers 
Patientin, die auch an Waschzwang litt (1. c. S. 253), „neben den 
Anfallen die interessanteste und wichtigste Symptomen gruppe 
Irmas Verhalten gegenüber der Nahrungsaufnahme, dem Essen. 
Wir hörten von vollständiger Nahrungsverweigerung (F a s tt a gel) 
infolge Ekels vor dem Essen, und dem Gegensatz, enormem Hei ß- 
hunger, ferner von einer starken G@ae, mit anderen Menschen 
zu essen; sie nimmt ihre Mahlzeiten allein ein" (Jahrb. f. psa. 
Forsch., L, S. 205). All das sind charakteristische Masturbations- 
symptome, was bereits der Bericht der Mutter wie die Auffassung 
der Patientin selbst verrät. Auf einer Erholungsreise mit der 
Mutter verlangt sie schon in den ersten Tagen die Erlaubnis, „ein 
paar Tage fasten zu dürfen, da sie sich dann wohler fühle, sie 
würde später ganz pünktlich essen . . . Sie stellte mehrfach das 
Ansinnen an mich (heißt es in dem Bericht der Mutter), ihr 
Essen wegzuschließen, da ihr Wille nicht stark 
genug sei, es zu verschmähen (1. c. p. 185). Deutlicher 
läßt sich der verdrängte Wunsch nach zwangsmäßiger Abgewöhnung 
der unerträglich gewordenen Masturbationsneigung der für das 
Sexuelle gänzlich verschlossenen Umgebung kaum mehr ins Gesicht 
sagen. Erscheint so das Fasten als Ersatz der Onanie ab stinenz, so 
ist der abwechselnd damit auftretende Heißhunger ein Äquivalent 

j) Die psjchogenetische Erklärung' dieser „Verschiebung' nach oben" habe 
ich erst kürzlich in meiner Arbeit „Zur Genese der Genitalitat" (Internat. 
Ztschr. f. Psa., £d. XI, 1925) gegeben. 




3Ö Dr. Otto Rank 



des neuerlich hervorbrechenden Befriedigungswunsches. In diesem 
Sinne ist Irmas Erklärung zu verstehen, der Heißhunger „sei ein 
tierischer Zug bei ihr, der unterdrückt werden müsse, und nun 
fing sie wieder zu fasten an" (S. 186).' Weiter berichtet die 
Mutter: „Am Tage vor ihrem Eintritt in die Anstalt sagte sie 
plötzlich, sie wolle mir noch mitteilen, weshalb sie oft trotz 
größten Htmgers nicht gegessen habe, es sei eine selbst- 
auferlegte Buße für die vielen Lügen, die sie im Leben 
gesagt habe" (S. 188). Und obwohl die Mutter pseudologische 
Anwandlungen erst seit dem 20. Lebensjahre bemerkt haben will 
(S. 181 u. 365), berichtet Irma doch in der Hypnose, „wie sehr 
sie darunter gelitten habe, daß sie oft nicht bei der Wahrheit 
blieb, Dinge anders wiedergab, als sie waren. An ihrem Kon- 
firmationstage, habe sie nur eine Bitte gehabt, nämlich, daß 
sie nicht mehr lügen mächte oder daß sie eher am selben Tage 
sterben sollte^ (Janets manie des pactes): Und ich habe es felsen- 
fest geglaubt, daß das eine oder andere eintreten würde. Als nun 
nichts eingetreten wai, glaubte ich mich erlöst" (S. 315). Sie habe 
schon früh angefangen, sich für das Lügen selbst zu strafen, zuerst 
durch Fasttage. Sie habe dann drei Tage überhaupt nichts gegessen 
(S. 515). In ihren Phantasien drängt sich vielfach der WahJ^ 
heitsbegriffin verschiedenen Bedeutungen und Auffassungen 

1) Hinter dem Heißhunger deckt die Analyse bei Irma den Hunger 
nach Liebe auf (S. 253). Vergl. daiu auch Binswangers Anmerkung 
Hilf S. 228 und seine Ausführungen auf den folgenden Seilen. 

j} Hier zweigt ein häufiges Motiv jugendlicher Selbstmorde ah, die oft 
diu-ch das unbewußte SeDistgeständiiis der Unfähigkeit lur Übenvindiing 
der Masturbation veranlaßt werden, Vergl. die Wiener Diskussion über den 
Selbstmord. Über Irmas Suizidge danken siehe 1. c. S. 2G2. Der für diese 
Fälle typische Wechsel von Todesselmsucht und Todesangst entspricht voll- 
auf dem Wechsel von Heißhunger und Fasten, von Sexiialbefricdigiuig und 
Sexualablehnung, also einem für die Maslurbatiun typischen Mechanismus, 
der in der ursprünglichen Angslentbindmig im Gefolge des masturhatorischen 
Aktes seine Parallele hat. 



I 



Masturbation und Charakterbildung 37 

hervor, die jedoch durch die Analyse zunächst auf einen einzigen 
Sinn, den der sexuellen Wahrheit, reduziert werden können. 

Daß der Abwehrkampf bei ihr sehr früh und intensiv ein- 
gesetzt haben muß, geht daraus hervor, daß sie „sich schon als 
Kind ekelte (oder entsetzte S. 227), wenn sie unschön essen sah 
(S. 205). Die Beziehung der Bedingung des Alleinessens zu 
dem Masturbatiouskoraplex verrät sich außer als Zug der 
charakteristischen Heimlichkeitskrämetei auch darin, daß selbst 
die Mutter der Fat. das Zimmer verlassen mußte, während diese 
ihre Mahlzeiten einnahrn (S. 182).' In einem Falle konnte ich 
die gleiche Scheu, die sich gerade auf die nächsten Angehörigen 
bezog, auf die Furcht zurückführen, sich bei dem nahen und 
längeren Beisammensein, wie es die gemeinsame Mahlzeit bedingt, 
sei es durch das Aussehen, sei es durch Erröten beim Gespräch 
zu verraten. Doch zeigt das voll ausgeprägte Symptom bei Irma, 
daß es sich dabei um eine direkte Identifizierung des Essens mit 
dem ebenfalls heimlich und allein ausgeführten Sexualakt handelt. 
Wie bei der Entwicklung des Wahrheitsfanatisnius der Ab- 
gewöhnungs kämpf vom eigentlichen Sexualakt auf die ebenfalls 
verbotene Lügensucht verschoben erschien, so ist er hier auf den 
Akt der Nahrungsaufnahme verschoben, was sich auch in der 
Bestrafung der Masturbation durch Fasten (verschobene Enthalt- 
samkeit) äußert. Bewußt ist der Pat. allerdings nur, daß sie sich 
für das Lügen straft, daß sie also ebenso für das sexuelle Ver- 
gehen die Masturbation einsetzt wie das Fasten für die sexuelle 
Abstinenz, Daß sie auf eine direkte Frage des Arztes die Aus- 
übung des autoerotischen Sexualaktes ableugnen und ohne ver- 

1) Hierin wohl auch ein deutlicher Hinweis auf das tiefer liegende 
„Entwöhnungslrauma", dessen Verleugnung in den unbewußten Mastur- 
bationsphantasien der Frauen die größte Rolle spielt. Die zutiefst verdrängte 
Masturbaliousphantasien beliehen sich — wie ich in meiner „Neurosenanaljse 
in Träumen" (1924.) bemerkte, auf die Saugesituation. [Zusaa 1^26.'] 



1 



38 Dr. Otto Rank 



räterischen Affektausbruch ruhig behaupten kann, „mit Mastur- 
bation niemals etwas zu tun gehabt zu haben" (S. 503), ist uns 
selbstverständlich als Folge der gelungenen Verschieliung auf den 
Eß- und Lügenkomplex, der sich eben in verdächtiger Weise 
vordrängt. Andererseits erfährt der bei diesem Thema naturgemäß 
vorauszusetzende psychische „Widerstand" der Kur eine besondere 
Verstärkung durch den lügenhaften Charakter, der ja gerade aus 
der Verheimlichung des Masturbation skomplexes genährt wird. 

Die Patientin Binswangers zeigt uns endlich noch eine 
weitere für den Masturbanten typische Eigentümlichkeit, die sich 
„in den letzten zwei Jahren bei ihr geltend gemacht hat" und die 
den Indizienbeweis für die überragende Bedeutung des Mastur- 
bationskomplexes in ihrem Krankheitszu stand schließt. Die Mutter 
berichtet: „Anfang 1905 fing sie an, einzelne Tage auf dem 
Kalender mit Strichen zu bezeichnen ; auf meine Frage, was das 
bedeute, schwieg sie. Nach und nach wurden mehr Tage be- 
zeichnet und auch mit Zahlen versehen. Sie legte sich kleine 
Taschenkalender zu, die auch gezeichnet wurden, und ihre ständige 
Bitte war, ihr einen solchen zu kaufen. Mir war das ganze lange 
Zeit rätselhaft, bis ich merkte, daß sie mit den Strichen 
ihre Fasttage bezeichnete, und zwar auf Wochen voraus. 
Hatte ich sie durch irgend eine Ursache veranlaßt, an einem 
solchen Tage zu essen, gab's danach eine heftige Szene (S. 188). 
Nun kennen wir diese Bestimmung von Zwangsterminen, 
die der Masturbation ein Ende setzen sollen, als häufige Er- 
scheinung des Abwehrkampfes.' Auch gewisse geheime Zeichen 
in Tage- oder Notizbüchern sind oft in diesem Sinne aufzufassen, 

1) In manchen Fällen mögen einem Terminal wang, wie Preud ge- 
legentlich bemerkte, auch die Mens truations zelten zugrunde liegen, was 
aher hier, trotz Irmas Ekel vor der Periode (S. 205) mit Rücksicht auf 
die Häufung der Termine und die dominierende Stellung der Masturbation 
nicht der Fall sein dürfte. 



Masturbation und Charakterbildung 



und ich möchte auf Grund meiner Erfahrungen die auch von 
anderer Seite zu stützende Behauptung aussprechen, daß eine der 
Wur7:eln für eine gewisse Form des Tagebuchführens überhaupt 
in dieser Richtung zu suchen ist (geheimgehahene Beichte, 
Termine). Auch diese zeitliche Form des Abwehrkampfes mittels 
der Zwangstermine kann bei günstigem Erfolg der Verdrängungs- 
arbeit zu einer charaiterologisch bemerkenswerten Eigenart führen, 
nämhch zu einer übertriebenen Pünktlichkeit, die sich einer 
seits der Pedanterie und Ordnungsliebe des Anal Charakters an- 
schließt, andererseits aber den Zug des Analcharakters, alles erst im 
letzten Moment zu machen,' insoferne widerspricht, als sie es 
vorsorglich niemals auf den äußersten Termin ankommen läßt, in 
dem kompensatorischen Bestreben, ja keinen Termin mehr zu 
versäumen.* Doch werden dies nicht selten auch Menschen, die 
bei besonderen Zeitabschnitten neue Epochen beginnen und gute 
Vorsätze fassen, — häufig eine unmotivierte oder schlecht rationali- 
sierte Alkohol-, Raucher- oder geschlechtliche Abstinenz betreffend, 
— die sie aber auf die Dauer selten durchführen, weil eine 
gewisse Lässigkeit und Unfähigkeit zu konsequentem Handeln 
ihnen als Niederschlag der ewigen Rückfälle verblieben ist. Diese 
Menschen gelangen in der Regel sehr spät zur sozialen Selb- 
ständigkeit, weil sie nach großen Anläufen die Erreichung des 
End/.iels immer hinauszuschieben versuchen. Auffallend war auch 
in fast allen Fällen psychisch folgenschwerer Masturbation, die ich 
gesehen habe, ein langes Schwanken in der Berufswahl und oft 
auch späterer Berufswechsel oder zumindest die Sehnsucht danach, 
als Ausdruck einer allgemeinen Unzufriedenheit mit sich selbst 
und der Welt, Andererseits befähigt diese Menschen gerade ihre 
i) I. S a d g e r, Analerotik und Analcharakter. (Die Heilkunde, Febr. igio.) 
2) Diese neurotische Einstellung- vieler Mensehen zu den. Zwangsterminen 
rechtfertigt, wie ich anderwärts ausführen werde, aucli die therapeutische 
Maßnahme der „Terminsetzung" in der Analyse. [Zusetz 1^26.'] 



40 Masturbation und Charakterbildung 

lange psychische Unselbständigkeit oft, in der rücksichtslosen und 
energischen Verfolgung eines Zieles, Großes zu leisten, sobald es 
ihnen gelingt, ihrem zwischen Hoffnung und Verzweiflung 
immerfort schwankenden Verhalten durch eine bis zum Fanatis- 
mus getriebene Einseitigkeit zu entrinnen. 

In einem leider nicht gründlich analysierten Falle hatte ich 
aus dem Umstand, daß der Tag des Selbstmordversuches auf 
einen solchen Zwangstermin verlegt erschien, den überzeugenden 
Eindruck, der Abwehrkampf gegen die Masturbation, die über- 
haupt von entscheidender Bedeutung für die weitere psychische 
Entwicklung des Individuums zu sein scheint, habe auch an den 
Selbstmordversuchen jugendlicher Personen einen noch bedeut- 
sameren Anteil, als wir heute schon anzunehmen geneigt sind. 

Es konnte nicht_ in meiner Absicht liegen, die psychischen 
Folgeerscheinungen der Masturbation erschöpfend zu behandeln. 
Ich wollte nur auf das auffällige Zusammentreffen gewisser Eigen- 
tümlichkeilen im späteren Charakterbild mit einer unter psychi- 
schen Schwierigkeiten überwundenen vorzeitigen Genitalbetätigung 
hinweisen, wenn es mir vielleicht auch nicht gelungen sein sollte, 
diese Zusammenhänge in völlig befriedigender Weise aufzuklären. 



Ein Beitrag zum Narzißmus 

Das lA im Traume 

Seitdem Havelock Ellis zuerst die Aufmerksamkeit auf den 
pathologischen Zustand der Verliehtheit in die eigene Person als 
einer besonderen Form des Autoerotismus gelenkt hat,' wurde 
diese Erscheinung, die Näcke, einem Winke von Ellis folgend, 
„Narzißmus nannte,* von einzelnen Forschern gelegentlich 
gestreift.' Doch ist außer ein paar recht interessanten kasuistischen 
und literarischen Hinweisen, insbesondere bei Ellis, nichts über 
den Ursprung und den tieferen Sinn dieses seltsamen Phänomens 
bekannt geworden. Der psychoanalytischen Forschung war es auch 
hier vorbehalten, ein erstes Licht auf die Genese und die ver- 
mutlichen psychosexuellen Zusammenhänge dieser eigenartigen 
Libido eins teil ung zu werfen, ohne daß es jedoch damit gelungen 
wäre, deren Bedeutung für das Seelen- und Liebesleben der 
Menschen ihrem vollen Umfang nach würdigen zu lernen. 

Weitere psychoanalytische Erfahrungen, insbesondere an Patienten 
mit gleichgeschlechtlichen Neigungen, haben es zunächst nahe- 

i) Auto-Erotism. A psych. Studj. The Alienistand Neurologist; April 1898. 

a) Siehe H. Ellis: Geschlechtalrieb und Schamgefühl {deutsch von 
K ö t s c h e r), drLtte vermehrte Auflage, Würihurg, 1907,5.280, ^Studios 
in the Psychology of Sex. Vol, I, 5, Ed. igio p. 20G ff, 

5) Vgl, J. Bloch: Beiträge im- Ätiologie der Paychopathia äeiualis, 
I (igos), S. 201. 



43 



Dr. Octo Rünk 



gelegt, den Narzißmus, die Verliebtheit in die eigene Person, 
als ein norm fd es Entwicklungs Stadium aufzufassen, welches die 
Pubertätszeit einleitet tind dazu bestimmt ist, den notwendigen 
Übergang vom xeinen Autoerotismus zur Objektliebe zu vermitteln. 
Wie das Verweilen auf dieser narzißtischen Übergangs stufe die 
Richtung der gleichgeschlechtlichen Neigung bestimmen kann, hat 
die Psychoanalyse männlicher Invertierter gelehrt:' diese haben 
„in den ersten Jahren ihrer Kindheit eine Phase von sehr intensiver, 
aber kurzlebiger Fixierung an das Weib (meist an die Mutter) 
durchgemacht, nach deren Übenvindung sie sich mit dem Weib 
identifizieren und sich selbst zum Sexualobjekt nehmen, d. h. vom 
Narzißmus ausgehend jugendliche und der eigenen Person ähn- 
liche Männer aufsuchen, die sie so lieben wollen, wie die 
Mutter sie gelieh;t hat" (Freud 1. c). Liegt nun dieser Ver- 
drängungsmechanismus einem hestimmten Typus der männlichen 
Homosexualität zugrunde, so stehen für die manifeste Inversions- 
neigung der Frau ähnliche Aufklänmgen noch atis." Dies ist 
um so bedauerlicher, als sich gerade im Seelen- und Liebes- 
leben auch der normalen Frau die latenten (unbewußten) gleich- 
geschlechtlichen Neigungen weit intensiver und ungehemmter 
zu äußern scheinen, als es in den meist hochsuhlimierten Freund- 
schaften des Mannes zu beobachten ist. Die nachstehende kleine 
Mitteilung prätendiert nun keineswegs, diese Lücke in unserem 
Verständnis ausfüllen zu können, sondern möchte nur einen 
bescheidenen Beitrag zum Thema des weiblichen Narzißmus 
liefern, der zu zeigen vermag, wie die Verliebtheit in den eigenen 



i) Freu d: Drei Abhandlungen lur Sexualtheorie (Ges. Schriften, Bd. V, 
S. 8, Anmerkung) und I. Sadger: Ein Fall von multipler Perversinn 
mit hysterischen Absenien (S. iiz). Jahrb. f. psychoanaljt. u. psyohopatholog, 
Forschungen, II, Bd. (igio). 

2) Seither haben Freud (Ein Fall von weiblicher Homosexualität, Gea. 
Schriften. Bd. V) und Andere hienu Beiträge geleistet. 



Ein Beifrag zum Narzißmus 43 



Körper ein gutes Stück der notmalen weiblichen Eitelkeit bedingt, 
wie sie anderseits mit einer, wenn auch unbewußten Inversions- 
neigung in innigem Zusammenhang steht und wie sie sich endlich 
auch im normalen heterosexuellen Liebesleben Geltung zu ver- 
schaffen weiß. 

Es handelt sich um ein weder neurotisches noch ihrem mani- 
festen Empfinden nach invertiertes Mädchen, dessen latente gleich- 
geschlechtliche Neigung jedoch durch die ausführliche Analyse 
eines ihrer Träume' als erwiesen angesehen werden darf. Sie 
berichtet nun folgenden exquisit narzißtischen Traum, dessen 
Deutung im wesentlichen auf den auch im Trauminhalt domi- 
nierenden narzißtischen Komplex beschränkt werden soll, während 
die entfernteren Beziehungen, die bloß zur Umrahmung dieses 
Kernkomplexes dienen, auch nur gestreift zu werden brauchen. 

Traum: 

„Es hat draußen geläutet ; das Mädchen klopft an meine Türe 
und sagt -. ,Ein Brief ist für Sie da, Fräulein, und bringt ihn mir 
ins Bett. Es war ein blaues Kuvert, schwarz bedruckt, wie von 
einem Geschäftshaus. Ich dachte .- von wem wird denn der Brief 
sein ; es fiel mir aber dann gleich ein, daß er von W, ist. Ich 
war darüber sehr erfreut, habe mich aufgesetzt und den Brief 
rasch geöffnet. Sein Inhalt bestand aus drei Briefen, die wie ein 
Buch zusammengefaltet waren. Der erste Teil war ein Liebes- 
brief, ungefähr des Inkaltes; 

er freue sich sehr, daß ich ihm geschrieben habe, und er 
nun meine Adresse wisse. Er sei überrascht gewesen, noch etwas 
von mir zu hören. Er denke immer an mich, schaue 
jeden Tag mein Bild [ein großes Ölgemälde] an und 

i) Vgl. Rank: Ein Traum, der sich, selbst deutet. Jahrb. f. psa. 
Forschungen, 11, Bd. (1910). 



^4 Dr. Otto Rank 



beneide den, der mich in fF irhlicliheit sehen 
könne. Er teilt mit, daß er verheiratet ist, und fragt, wie 
es mir gehe ; er glaube, daß ich auch glücklich verheiratet sei 
und daß es mir gut gehe. Trotzdem er eine Frau habe, denke 
er doch, mehr an mich [dabei dachte ich, er hätte mich doch 
gerne geheiratet, hat aber vielleicht eine Frau mit viel Geld 
nehmen müssen]. Übrigens schicke er das Bild seiner Frau mit, 
das sich in dem Brief befinde. 

Ich nahm nun den zweiten Brief zur Hand, auf dem oben 
schwarz gedruckt stand: Im Traume. Vom Inhalt, der sehr 
poetisch und schön war, habe ich mir nichts gemerkt. Ich dachte 
mir nur, daß er den Brief im Traume schreibt, d. h. im Tag- 
traume [Phantasie], wo er ausgestreckt daliegt und ,lebend' 
träumt- — Dann .habe ich mir gedacht, jetzt muß ich seine Frau 
suchen, und habe den dritten Brief zur Hand genommen, der Bilder 
entkielt, die wie zu einem Buch zusammengeheftet waren. Ich 
blätterte vom Anfang; erst kamen einige verschwommene Brust- 
bilder, die mich nicht interessierten: als ich dann weiter blätterte, 
kam ein schönes Bild, bei dem ich mir dachte, das kann doch nicht 
seine Frau sein, sollte er eine so schöne Frau haben! Ick blätterte 
dann ein Blatt weiter, schlage aber gleich wieder das schöne Bild 
auf, um nachzusehen, was darunter steht, ob es nicht doch vielleicht 
seine Frau ist. Da habe ich gesehen, daß sie es nicht ist, denn es 
stand ein anderer Name darunter {er war mir bekannt, aber ich 
weiß mich seiner nicht zu erinnern). Da blätterte ich also doch 
weiter und es kam wieder eine Frau, die weniger schön war und 
unter deren Bild ich den Namen seiner Frau (d. h. also seinen 
Namen) gelesen habe. Ich dachte mir dabei: Nun, bei der Frau 
glaube ick schon, daß er immer an mich denkt. Dann blättere ich 
wieder zurück ZM dem schönen Bilde und habe mich in den An- 
blick vertieft. 



Ein Beitrag zum Narzißmus 45 

Es war eine nackte (oder wie mit einem Trikot bekleidete) 
weibliche Gestalt in sitzender Stellung ; die Arme hatte sie über 
der Brust verschränkt und die Beine gerade ausgestreckt und 
unten gekreuzt.'' Ich habe hauptsächlich das Gesicht und die 
untere Körperhälfte gesehen. Vor allem ist mir aber ihr Ge- 
sicht aufgefallen : zuerst das Haar und die Frisur mit dem 
durchgezogenen Bande, wobei ich mir dachte, das trägt sie so 
wie ich. Die Augen erinnerten mich an die meinigen auf 
einem meiner Bilder und auch die Gesichtsfarm war die meine. 
Dann sind mir die schönen Beine aufgefallen und der Unter- 
leib, der mich auch an meinen Körper erinnerte. Das Bild hat 
mir sehr gut gefallen und ich versenkte mich wie mit einer 
Verliebtheit in seinen Anblick. Ich habe es sehr lange ange- 
schaut und Tnir gedacht, es dürfte wie von Rubens gemalt sein 
{das hat vielleicht Rubens gemalt). 

Dann kommt es mir vor, als hätte ich mit W. gesprochen, nur 
weiß ich nicht, ob es wirklich der Fall war und auf welche Weise: 
ob ich dort war oder er hier. Ich sah nur sein Gesicht, seinen 
Kopf vor mir. 

Die aktuelle Situation der Träumerin, welche die Oherfläcbe 
des Traurnea beherrscht und gleichsam den Rahmen für das be- 
deutsaaie Spiegelbild ihres unbewußten Seelenlebens abgibt, sei 
kurz skizziert. In einem psychologisch tiefbegründeten und äußer- 
lich verstärkten Widerstreit mit sich selbst, der in der Alternative 
gipfelt, sich entweder eine selbständige soziale Position oder einen 
Mann zu verschaffen, schwankt das Mädchen, ob sie ihren gegen- 
wärtigen Wohnort verlassen und sich auf gut Glück nach einer 
bestimmten Stadt Mitteldeutschlands begeben soll, für die sie be- 

i) Das zweite Bild, das seiner Frau, leig-te auch den nackten Korper 
in ähnlicher, nur mehr sitzender Stellung; die Beine herabhängend und 
nicht gekreuzt, das Haar wirr, das Gesicht nicht individuell, Durchschnitts- 
typus, etwas frech. 



^Q Dr. Otto Rank 



sonders schwärmt. Es erklärt sich dieser sonst ziemlich unmotivierte 
Impuls daraus, daß sie im geheimen hofft, in dieser Stadt einen 
bestimmten jungen Mann zu treffen, der sie früher einmal ver- 
ehrt hatte und der ihr in liebevoller Erinnerung geblieben war, 
von dem sie aber seit einigen Jahren nichts mehr gehört hatte. 
Dieser junge Mann ist die mit W. bezeichnete Person des Traumes, 
und eine Reihe von Detaüs in demselben erklären sich als ein- 
fache Reminiszenzen aus der Zeit der Beziehungen zu ihm. So 
das blaue Kuvert mit dem schwarzen Aufdruck, wie er es zu 
seinen Briefen zu verv/enden pflegte, die er in der ersten Zeit 
seiner Abwesenheit an sie gerichtet hatte. Ebenso entstammt der 
eingerückt gedruckte TeU des Briefes, den sie im Traume liest, 
einem seiner Schreiben, das sie so oft gelesen hatte, daß sie 
seinen Inhalt aufwendig wußte. Er hatte als Andenken von 
dem Mädchen ein großes, sie darstellendes Ölgemälde erhalten 
und schrieb in dem erwähnten Brief den auch im Traume 
zitierten Satz: er denke immer an sie, betrachte jeden Tag 
das Bild und beneide ihre Umgebung um ihren realen An- 
blick. Was diesem einfach erinnerten Satze im Traumbild 
vorausgeht und was ihm folgt, entstammt nicht mehr der Reminis- 
zenz aus wirklichen Briefen, sondern ist zum Teil oberflächliche, zum 
Teil verhüllte Wunscherfüllungsphantasie. Sie hatte nämlich daran 
gedacht, ehe sie aufs Geratewohl nach Deutschland reise, versuchs- 
weise an W. ein Lebenszeichen zu schicken, um so eventuell zu 
erfahren, ob er sich noch dort aufhalte und ob er nicht vielleicht 
schon verheiratet sei. Sie war aber infolge ihrer allgemeinen 
Unentschlossenheit wieder von diesem Gedanken abgekommen. 
Der Traum zeigt nun diesen Vorsatz, ihm zu schreiben, ver- 
wirklicht, da ja sein Brief als Antwort atif ihre Zuschrift und 
Adressenangabe in Empfang genommen wird. Die Wunsch- 
erfüllungstendenz hat es hier durchzusetzen gewußt, daß sie von 



Ein ISeitrag zum Narzißmus 47 

ihm einen Brief erhält, ohne den für sie genannten Anfang 
machen zu müssen. Der Schluß des Briefes, worin er seine Ver- 
heiratung meldet, drückt ihre geheime Befürchtung aus und steht 
so in Widerspruch nicht nur mit dem ersten Teil des Briefes, 
sondern auch mit der Wunsch erfüll ungstendenz, deutet aber 
andererseits die Verheiratung der Träumerin selbst (allerdings mit 
einem anderen Manne} als vollzogen an. Der scheinbare Wider- 
spruch gegen die Wunsch erfüll ung, der in der Mitteilung von 
W.s Verheiratung liegt, findet seine Lösung und Aufklärung aus 
der Wiederbelebung einer infantilen Konstellation, die für das 
Mädchen zur Lieb esbeding ung geworden ist und zu der uns die 
Deutung der narzißtischen Szene, der wir uns nun zuwenden 
wollen, führen wird. 

Mit den auf W. bezüglichen Heiratsgedanken beschäftigt, inter- 
essiert es sie begreiflicherweise, ob der in Aussicht genommene 
Bewerber nicht vielleicht schon verheiratet ist und wie in diesem 
Falle seine Frau aussieht, die ihren Platz einnehmen durfte, wie 
sie ja auch auf der Photographie ihre „Stellung" einnimmt (vgl, 
Anmerkung S. 45 und 66). Der Traum beruhigt sie darüber, 
daß er nur aus materiellen Rücksichten eine andere geheiratet 
hätte, die jedoch minder schön ist und „ihr Bild'' aus seiner 
Erinnerung nicht zu tilgen vermag. Dieser narzißtische Triumph 
über die Nebenbuhlerin, dem zuliebe sogar die Heiratsaussicht 
mit W, zunichte gemacht tmd die Konkurrentin eingeführt v^ird, 
ist eine ihrer Liebesbedingungen, denn diese ihre infantile Ein- 
stellung zu den Eltern wiederholt das Verlangen, die Mutter 
an Schönheit zu übertreffen ' und sie dadurch beim Vater auszu- 

i) Die Gegenwehr der (Stief-) Mutler gegen die Eiteljteit der Tochter 
findet sich im Märchen von „Schneewittchen", wo die Konigin als 
Btoli uijd übermütig geschildert wird und „nicht leiden konnte, daß sie an 
Schönheit von jemand sollte übertroffen werden". Ihre eitle Selbstbetrachtung 
befriedigt sie beim Anblick ihrer eigenen Person in einem wunderbaren 



48 



Dr. Otto Rank 



stechen. Und ahnlich wie im Märchen vom schönen Schneewittchen 
die Königin nach ihrem Triumph über die Konkurrentin sich 
wieder der eiteln Betrachtung ihres Ich im Spiegel zuwendet, so 
greift bei unserer Träumerin die in ihren Erwartungen enttäuschte 
Libido auf die eigene Person zurück,' deren liebevoUer Betrachtung 
und Ausmalung ihrer Vorzüge die ganze folgende Traumszene 

gewidmet ist. 

Daß in dem schönen Bilde die Träumerin sich selbst bewundert, 
dürfte nach der Schilderung im Traume kaum zweifelhaft sein; 
bewTißterweise erkennt sie sich auf einen Wink leicht in dem 
Bilde und fügt hinzu, daß schon die im l'raume herrorgehobene 
Kreuzung der Füße allein zur Agnoszierung ihrer Person ausreichen 
würde; das sei ihre Lieblingsstellung, besonders wenn sie so daliege 
„und lebend träume" (phantasiere), wie sie es im Traume W. 
zuschreibt.^ Daß sie im Traume ihre Person nicht erkennt, ist 
zunächst ein Werk der verhüllenden Zensur, welche die bewußte 



Spiegel, der ihr solange veTäichert, sie sei die Schönste im ganzen Lnnde, 
bis ihre Stieftochter Schneewittchen sie an Schönheit Überstrahlt. — Natürlich 
spricht der Spiegel nur ihr eigenes „ eingeh ildetes" Urteil aus. 

i) So sagt eine Patienün Sadgers: „Wenn mich schon niemand gern 
hat, muß ich mich selber gerne haben. Das sage ich aher wahrscheinlich 
nur wie lur Entschuldigung, daß ich es tue." (S a d g e r : Psychiatrisch -Neuro- 
logisches in psychoanalytischer Beleuchtung, ZentraJblatt für das Gesamt- 
gebiet der Mediiin und ihrer Hilfswissenschaften. Jahrgang 1908, Nr. 7 u. 8.) 
2) Diese Verschiebung auf die Person W.s demonstriert üb erflüssig er- 
weise, daß alle im Traume W. ungeschriebenen Gedanken ihrer eigenen 
Phantasie angehören, was sich später direkt bestätigen wird. In diesem 
Sinne entspricht die Aufschrift: „Im Traume" einerseits einem Trost- 
gedanken, der ihr sagt: Er ist ja nicht verheiratet usw., das ist ja alles em 
Traum (vgl. Stekel: Der Traum im Traume; Jahrbuch I, S. 4,59 ff.); 
andererseits scheint sich darin das au anderer Stelle abgelehnte bessere 
Wissen der bewußten Instanz durchin drängen, auf Grund dessen sie ja ihr 
eigenes Bild im Traum erkennen müßte. Anstatt sich aber im Traume in 
sagen: Das bin ja ich, womit natürlich die eigentliche Befriedigung ver- 
eitelt wäre, zeigt sicli die bewußte Urteilsleistung an anderer SteUe, indem 
sie sich sagt: Das ist ja nur ein Traum. 



Ein Beitrag zum Narzißmus 49 



I 



Verliebtheit in die eigene Person 7m anstößig findet, zugleich aber 
ein feiner Zug, welcher die narzißtische Grundlage der homo- 
sexuellen Verliebtheit allzu deutlich verrät; denn dem manifesten 
Inhalte nach verliebt sie sich ja in ein weibliches Bildnis, das 
ihr „zum Verwechseln' älmlich sieht, natürlich gerade deshalb, 
weil es ihr so ähnlich ist. 

Diese Verliebtheit in das eigene unerkannte Ebenbild, w^elche den 
narzißtischen Einschlag in der homosexuellen Liebeswahl deutlich 
verrät, liegt auch der euboiisch-boioti sehen Sage von Narkissos 
zugrunde, der sieb nach O vid (Metam. III, 402 — '510) in sein 
eigenes, im Wasser geschautes Spiegelbild, das er für einen schönen 
Knaben hält, dermaßen verliebt, daß er dahinsicht. Der römische 
Dichter stellt diese quälende Selbstliebe, wie es scheint, in freier 
Erfindung, als Strafe für die verschmähte Liebe der Echo dar, 
während Wieseler (Narkissos, Göttingen 1856) den Mythus auf 
die kalte Selbstliebe bezieht. Doch weist der Mythus auch homo- 
sexuelle Züge auf: Amainas entleibt sich vor der Tür des Narkissos, 
als dieser ihm ein Schwert als Antwort auf seine Werbung schickt.' — 
Nach Darstellungen auf pompejanischen Wandgemälden entblößt 
Narkissos (siehe Rose hers Lexikon der griechischen und römischen 
Mythologie) auch seinen Körper, um die schönen Formen im 
Wasser zu bewTindem.* 

1) Der ursprünglichen Narkissos-Sage fremd ist das aLnliclie, von O v i d 
(Metam, III, 3+2 ff.) emählte Schicksal der Echo, — einer Personifikation 
der gleichsam akustischen Selb stbe Spiegelung, — das ihr von äeia für jede 
Art von OBjektliebe sclieinbar unempfänglichen Narkissos bereitet wird. Sie 
verlieht sich in ihn, findet aber kein Gehör und vergeht vor Gram; endlich 
schwindet sie so dahin, daß: -box tanlum atque ossa luptrsunt. — Die 
Beiiehvmg lur Masturbation scheint in entfernterer Weise ein Gegenstück 
dieser Sage anzudeuten: Nach Dion Chrysostomos war Pan in die Echo 
verliebt; da er sie aber nicht bekommen konnte, sei er Tag und Nacht in 
Qual auf den Bergen umhergeirrt. Endlich hahe Hermes sich der Not 
seines Sohnes erbarmt und ihn die Masturbation gelehrt, als deren Erfinder 
Pan bei den Griechen galt (Röscher). 

a) Der spanische Dichter C a 1 d e r o n hat im zehnten Gesänge seiner 
epischen Dichtung: El laurel de Apolo die Fabel von dem in seine eigene 
Person verliebten Nariissus ein geflochten. (Vgl. Grillparzer: Studien 
zum spanischen Theater.) — Brachvogels erfolgreiches Trauerspiel: 
NariiB (Reclam, Nr. 5068), dessen Stoff Diderots Dialog: Rameaus 

Hank, Sexualitdl und Schuldgefühl 4 



1 



50 Dr. Otto Rank 



Deutlicher noch als in, diesen Versionen kommt die Personifi- 
kation des eigenen Spiegelbildes in einer Parallelsage zum Ausdruck, 
die Plutarch (Moraiia, quest. conv, V, 7, 3) von Eutelidas 
erzählt, dem sein eigenes Gesicht im Wasserspiegel so schön erschienen 
sein soll, daß er von einem bösen Blick desselben erkrankte und sein 
Wohlbefinden zugleich mit seiner Schönheit verlor: 
Crinibus Eutelidas olim vel Apalline dignis 
coaspicuus, visu se fascinat ipse malign.0 
ßuminis in speculo: turpis tunc excipit aegror . . . 
Auf direktes Befragen gibt die Träumerin unumwunden zu, 
seit der Putertätszeit eine gewisse Verliebtheit in die eigene Person 
empfunden zu haben, die sich im Laufe der Jahre durch die 
Verehrung und Bewunderung, die ihr gelegentlich von Männern 
wie Frauen entgegengebracht wurde, noch verstärkt hätte.' Zunächst 
gefällt ihr natürlich ihr Gesicht besonders gut, dann aber haupt- 
sächlich der Unterleib von den Hüften angefangen und überhaupt 
in erster Linie die BeLne.^ Dieselben Körperteile sieht sie auch 
bei schönen und wohlgebauten Frauen, insbesondere auf Bildern, 
gerne und hebt sie ja auch im Traume ausdrücklich hervor, 
ebenso wie das schöne volle Haar und die eigenartigen Augen, 
auf welche Vorzüge sie in Wirklichkeit sehr stolz und eitel ist. 

Diese hebevolle Ausmalung der eigenen Körperschönheit im Traume 
gemahnt nichtbloß äußerlich an die zahlreichenSelbstportrHte,die 
fast alle bedeutenden Maler hinterlassen haben. Es scheint unzweifel- 
haft, daß diesem eingehenden Studium und der liebevollen Wieder- 
gabe der eigenen Gesichtszüge eine narzißtische Verliebtheit in die 

Neffe {deutsch von Goethe, Reclam Nr. 1229) entnommen ist, bietet 
nur einielne Anspielungen auf unser Thema. Narziß: „Aber ich habe mich 
doch so lieb, mein Gott! — so lieb!« (S. 29). S. auch Jos. Mich. Eisler: 
Narüiß an der Quelle (Berlin igii). 

1) Auch Ellis (Lc.S.aSi) fand den Narzißmus „deutlicher ausgeprägt 
hei solchen Frauen, die eine Aniiehungskraft auf andere Personen besitien". 

2) Ähnlich fühlt bei Ellis (1. c. S. 182) eine i8 jährige hübsche, schön 
gebaute Dame, ohne besondere Neigung zum anderen Geschlecht, eine 
intensive Bewunderung für ihre eigene Person, insbesondere für 
ihre ünterextremität ejn. 



I 



V 



Jün Beitrag zum Narzißmus 51 

eigene Person zugrunde liegt und die Reihe von Selbslhildnissen 
(zirka 70), die der größte Porträtkiinstler Remiirandt mit unver- 
gleichlicher Meisterschaft auf der Leinwand festgehalten hat, lassen eine 
tiefe Beziehung der Porträtierungskunst zu einer gewissen Suhlimierungs- 
form der narzißtischen Verliebtheit ahnen. 

In seinem schönen Buch über Rembrandl hat der flämische Dichter 
Emile Verhaeren diese Eigenart des Künstlers stark betont: „Der 
letzte Wesensgr und von Rembrandts Charakter ist ein unbewußter, 
aber ungeheurer Egoismus. Alle ganz bedeutenden Menschen 
sind so veranlagt. Sie leben ausschließlich für ihre Kunst, und ihre 
Kunst ist nichts anderes als sie selbst. Rembrandt ist ein 
Schüchterner. Eines seiner ersten Bilder, das Knabenporträt aus der 
Sammlung Pierpont Morgan, zeigt ihn in einer aufmerksamen Haltung 
mit gleichsam verborgenen Gebärden, sanften Antlitzes und verinner- 
iichten Blicks. Hier tut sich eine Tür in seine eigene Natur auf und 
die große Innigkeit dieses Menschen wird klar. Und dieser Schüchterne 
ist gleichzeitig kindisch knabenhaft. Er bleibt es in allen Wechsel- 
fallen seines Lebens bis zum Tode. Er hat eine naive Liebe 
für sich selbst. Ob es ihm gut geht oder schlecht, in Freude 
oder Trauer, immer bildet er liebkosend seine eigenen 
Züge, seine Geste und seine Kleidung nach. Wie ein 
Kind vor dem Spiegel freut er sich, sein Lachen, seine 
Tränen, seine Grimasse zu betrachten. Er malt sie imnier so, wie er 
sie sieht, ohne je daran zu denken, daß er Angst haben sollte, damit 
lächerlich zu werden. Er findet alles, was er tut, für recht, und 
will, daß man's wisse und sehe. Er gestattet nicht, daß man Interesse 
dem verweigere, was ihn beschäftigt. Seine Freude schäumt über bis 
zur Herausforderung, sie kennt keine Zurückhaltung, keine Scham. 
Und diese maßlose Selbstliebe erstreckt sichbeiihm 
auch auf alle, die an seiner Seite leben. Die Seinen, das 
ist ja nochmals er selbst, und für sein Empfinden leben sie ja nur 
in seinem Leben. Sind sie schön, so empfindet er Stolz, als ob er's 
selber wäre. Sein Vater, seine Mutter, sein Bruder, seine Schwester, 
seine Frau, seine Kinder, seine Magd, seine Freunde, er malt sie 
alle mit derselben Freude wie sich selbst. Er beleuchtet sie mit 
seinem Glanz, sie leben gemeinsam mit ihm, sie dienen seinem 
Glück, durch ihn werden sie ihrer eigenen Existenz entrissen luid 
emporgetragen, ganz empor in seinen Traum. Immer hätte er 
sich selbst mit dieser bewundernden und knabenhaften Eigenliebe 
gemalt. Immer wieder mit vielfachen Formen die Züge der 



F 

P 



52 Dr. Otto Rank 



Seinen wiedergegeben." (Deutsch von Stefan Zweig, Insel-Verlag, 

Leipzig 1912). 

In Oskar Wildes Roman : Das Bildnis desDorian Gray 
(Zit. nach Reclams Universalbibliolhek), wo es sich auch zunächst 
um die Verliebtheit in das eigene Bild handelt, das dem Helden 
z,uerst seine eigene Schönheit offenbart (S. 58), sagt der Maler Basil 
Hallward direkt: „Jedes Bildnis, das mit Empfindnis gemalt ist, ist 
das BUdnia des Künstlers, nicht das der Person, die ihm gesessen hat. 
Diese hat nur den Anlaß, die Gelegenheit dazu gegeben. Nicht sie 
ist durch den Maler dargestellt worden, sondern der Maler hat sich 
selbst auf der farbigen Leinwand offenbart." (S. 16.) 

Eine ähnliche Einstellung scheint den poetischen Selb stdar Stellungen 
zugrunde zu liegen, aber auch mitzuwirken, wenn Schauspieler für sich 
seihst RoUen schreiben oder Dichter in ihren eigenen Stücken spielen. 

Überflüssig schiene es, noch ausdrücklich hervorzuheben, daß 
sich das eitle Mädchen oft und gerne im Spiegel beschaut, nicht 
selten auch ihreij nackten' Körper, den sie nach ihrem eigenen 
Zugeständnis häufig am Morgen, wenn sie ausgestreckt und mit 
gekreuzten Beinen im Bette liegt, betrachtet. Doch ist diese nar- 
zißtische Bewunderung des eigenen Spiegelbildes, die schon 
der griechischen Fabel von Narkissos zugrunde liegt, eine so häufig 
und in so typischer Weise sich wiederholende Erscheinung, daß sich 
eine kleine Abschweifung in das Gebiet dieses Detailproblems lohnt. 

i) Die Nacktheit des Traumbildes motiviert sie natürHch nicht mit ihren 
nariißtischen Interessen, sondern damit, daß W. sie wohl g-eme nackt 
gesehen hätte, verrät aber damit nur ihr eigenes Selbstbetrachtungs gelüste ; 
in vollem Einklänge damit steht ihr bis jetit noch unverwirkEchter Wmisch, 
eine Photographie ihres nackten Korpers lu besitzen. Das GesicKt des 
Traumes ist einer ihrer bestgelungenen Aufnahmen entnommen, an der das 
übereitle Mädchen das auf einer Seite etHras mehr vortretende Haar lu 
tadeln fand, das den Eindruck störe. Dieser Fehler ist nun nach ihrer aus- 
drückhchen Angabe auf dem Traumbilde retuschiert und nicht sichtbar. 
Diese Korrektur legt es nahe, als einen derreienten Traumerreger 
eine speiiehe Regung ihrer Eitelkeit aniusehen: ihr Gesicht war nämliob 
lur Zeit des Traumes durch eine Geschwulst entstellt, über die sich das 
Mädchen aufs tiefste kränkte \uid deren Verlauf sie nicht oft genug im 
Spiegel verfolgen konnte. Der Traum zeigt ihr das Gesicht auch von diesem 
entstellenden Zusati befreit. 



Ein Beitrag zum Narzißmus 53 



In einem anderen ihrer Träume sah sie in einem großen stehenden 
Spiegel (nach Art einer Staffelei) ihr bis zur Brust entblößtes Spiegel- 
bild, das ihr sehr gut gefiel; doch sah sie nur das Bild im Spiegel 
und nicht auch ihre eigene vor dem Spiegel stehende Person, was 
riarauf zurückgeht, daß sie ahends zuvor in einer Bilderhandlung ein 
ähnliches „Bild im Bilde" gesehen hatte: ein nacktes Mädchen, das 
sich im Spiegel beschaut, dessen Gesicht also der Beschauer nur im 
Spiegel erblickt. — Auch in ihrem früheren Traum (Jahrh. II) spielen 
Spiegelszenen im Zusammenhang mit Eitelkeitsjiügen eine große RoUe. 
Bei einer späteren Gelegenheit giht sie direkt an, öfter in sexuelle 
Erregung geraten zu sein, -wenn sie sich lange vor dem Spiegel 
frisiert habe. Mitunter seien dabei auch Verstimmungen aufgetreten. 
Für Bloch (1. c.) ist es „nicht zu bestreiten, daß mancher 
Knabe, manches Mädchen zuerst durch den Anblick ihres Spiegel- 
hildes sexuell erregt werden. Unter Umständen kann die DarsteUung 
des eigenen nackten Ich im Spiegelbilde die Phantasie auch in 
abnormer Richtung beeinflussen, besonders bei noch undifferenziertem 
geschlechtlichem Empfinden und bei Unkenntnis des anderen Ge- 
schlechtes". Moll (Libido sex. I, 834) erwähnt einen heterosexuellen 
Mann, der eine Leidenschaft hatte, sich nackt auszuziehen und sich 
seihst vor Spiegeln zu untersuchen, und nach dem gewonnenen Bilde seine 
Schönheit mit derjenigen anderer Manner zu vergleichen. Er zeichnete 
auch die Genitalia virorum und bekundete homosexuelle Neigungen. 
Nach Ellis (1. c. S. aSi) beschrieb der spanische Novellist 
Valera in Genio y figura diesen Trieb, sich im Spiegel zu be- 
wundern. Seine Heldin Rafaela läßt er nach dem Bade sagen: „Ich 
ahme Narziß nach, lege meine Lippen auf das kalte Glas und 
küsse mein Spiegelbild." — N ä c k e berichtet von einem jungen 
Mann mit Dementia praecox, der sein eigenes Spiegelbild küßte 
(Der Kuß bei Geisteskranken; Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie, 
Bd. 63, S. 1Z7). Im selben Sinne schreibt die wirkliche Heldin des 
Tagebuches einer Verlorenen (S. 114): Ich bin hübsch, es macht mir 
Freude, ein Kleidungsstück nach dem anderen abzuwerfen und mich 
im Spiegel zu betrachten. 

Auch Goethe hat in „Wilhelm Meisters Lehrjahre" (VI, Buch: 
Bekenntnisse einer schönen Seele) ähnliches angedeutet. Dort wird 
ein wegen selbstgefälligen Wesens im Scherze Narziß genannter 
junger Mann von einem eifersüchtigen Hauptmann verwundet und 
seine spätere Verlobte, die ihn verbindet, besudelt sich dabei mit 
Blut: „Nun führte mich die Hausfrau in ihr Schlafzimmer; sie mußte 



54 



Dr. Otto Rank 



mich gana auskleiden, und ich darf nicht verschweigen, daß ich, da 
man sein Blut von meinem Körper abwusch, zum ersten Male zufällig 
im Spiegel gewahr wurde, daß ich mich auch ohne Hülle für schön 
halten durfte. 

Sie sieht sehr gerne schöne Frauenhildnisse („Ruhens"), fast 
lieher als lebende Frauen,' aber weniger des nackten Körpers 
wegen, als aus Interesse für den Kopf und die Gesichtszüge, die 
s ie immer mit ihren eigenen vergleicht, wie im Traume die beiden 
B ilder. In diesem Zug äußert sich wieder die innige Abhängigkeit 
der gleichgeschlechtlichen Interessen von den narzißtischen. 
Immerhin scheint jedoch der erst zur Pubertätszeit deutlich hervor- 
tretende Narzißmus nur die nähere Objektwahl im Sinne der 
eigenen Person zu beeinflussen, während die ebenfalls zur Puber- 
tätszeit im entscheidenden Sinno hervortretende Homosexualität 
das Geschlecht des zu wählenden Lieb es Objektes bestimmt. Auch 
hi er zeigt sich aber wieder, wie diese beiden Determinanten der 
L iebeswahl auf dem Umweg über ein infantiles Ideal vereinigt 
werden. Es wurde schon angedeutet, daß die „weniger schöne" 
Kon kurrentin auf dem zweiten Bild eine Ersatzpeison der Mutter 
dar stellt, von der in letzter Linie die homosexuelle Gefühlsrichtung 
de s Mädchens geweckt und festgelegt wurde.^ Ihre primäre Ein- 
stellung müssen wir uns bisexuell, d. i. indifferent denken ^ dann 
ma chte sie — ähnlich wie wir es von einem Typus homosexueller 
M änner wissen — eine Periode intensiver, aber kurzlebiger 
Fixierung an die Mutter durch, die jedoch ausreichte, nach ener- 
gischer Verdrängung dieser homosexuellen Neigung und normaler 
Weiterentwicklung zu manifestem heterosexuellem Empfinden 

1) hl auffälliger Üiereinstimmung damit äuBert eine Patientin S a. d- 
gers (Psych o-Neur. in psychoanaljt. Beleuchtung): „Im allgemeinen 

interessiere ich mich für Weiber gar nicht, unterhalte mich nur gern mit 
M ämiem, aber ich sehe sehr gerne schöne Frauen, schone Gesichter und 

schöne nackte Figuren." 

2) VgL Ein Traum, der sich selbst deutet; Jahrbuch, II, 1910. 



(Inzesteinstellung) einen übermäßigen Anteil unbewußter homo- 
sexueller Gefühle in Permanenz zu erhalten. Dieses Urbild der 
erstgeliebten Mutter kann nun, einerseits infolge der Verdrängung 
der Neigung zu ihr, andererseits infolge des Altersunterschiedes 
(Schönheit), der dem geschlechtsreifen Individuum anstößig ist, in 
den Liebesobjekten nicht direkt wiederbelebt werden, und hier 
scheint der Narzißmus modifizierend einzuwirken, indem die 
Objektwahl nach dem Vorbild der eigenen Person 
vor allem in Alter und Schönheit entsprechendere Personen zu 
wählen gestattet, die jedoch infolge der Ähnlichkeit, die gewöhnlich 
zwischen Mutter und Kind in irgend einer Form besteht, eigentlich 
aufgefrischte, sozusagen verjüngte Atiflagen der erstgeliebten Per- 
sonen, kurz gesagt Resultanten zwischen dem Ich und 
dem betreffenden Elternteil (der Mutter) darstellen.' 

Die Verjüngungstendenz, zugleich aber ihre Herkunft 
aus der Verliebtheit in das eigene Subjekt, verrat sich deutlich in 
dem offen ausgesprochenen Wunsch unserer Träumerin, immer 
so jung und schön zu bleiben, wie sie es Jetzt ist. Den gleichen 
Wunsch weiß eine Gruppe von männlichen Homosexuellen in der 
Form zu realisieren, daß sie in der stets erneuerten Wahl von 
Jünglingen, die ihnen ähnlich sind, ihre eigene Person, wie sie 
sich in einem bestimmten Entwicklungsstadium präsentiert hatte, 
als Liebesobjekt festzuhalten suchen.^ 

1) Nach Sadgers Analysen würde auch die narzißtische Neigrmg 
seihst direkt auf die Mutter zurückgehen, da er in seinen ziemlich weit 
analysierten PäUen (Psych.-Neur. in psychoanalytischer Beleuchtung, 
1. c. S. 11/13) als Grundlage des Narzißmus die Bewun- 
derung desXindes durch seine Mutter und auf dem Wege 
der Identifikation mit dieser die Bewunderung der eigenen 
Person aufdecken konnte. Der Narzißt würde dann, die Mutter agierend, 
sich selbst als Kind bewimdern, also am eigenen Leibe Mutter und Kind 
vereinigt darstellen. 

2) „Er hauste mit ihr über Jahr und Tag, über viele Tage vieler Jahre, 
stumm, höflich und gemessen. Er aB mit ihr am selben Tisch und schlief 



56 Dr. Otto Rank 



Einen ähnlichen, nur noch deuthcher narzißtischen Sinn hat es, 
■wenn in Wildes interessantem Roman dem zweifellos homosexuellen 
Helden (vgl. bes. S. 178 f.) Dorian Gray sein übereilter Wunsch in 
Erfüllung geht, daß er stets so schön und unberührt bleiben möge, 
■wie sein Jugendbildnis ihn zeigt, w^ährend die Spuren des Alters, der 
Sünde und des Verfalles sich dem Bilde einprägen mögen (S. 59 f., 
S. 111). Zunächst liebt Dorian, der direkt als Narziß bezeichnet 
wird (S. 13), sein eigenes Bild und darin seinen eigenen Körper: 
„Morgen für Morgen hatte er vor dem Bilde gesessen und seine 
Schönheit beiATindert, oftmals war er darüber in Verzückung geraten. 
— „Einmal hatte er ■wie ein knabenhaft ausgelassener Narzissus die 
gemalten Lippen geküßt." Dann aber, als das Bild älter und häß- 
licher zu werden beginnt und ihm alle seine Sünden w^ie ein Spiegel 
seiner Seele zeigt, da beginnt er es zu hassen und entfernt es aus 
seinen Augen.' Aber nicht nur dieses Abwehrstadiura des Narzißmus 
und der narzißtischen Objektliebe (der Homosexualität) kennt der 
intuitive Dichter, sondern auch die auf der Griuidlage des äußerlich 
zwar überwundenen, aber doch nicht völlig verdrängten Narzißm.us 
entstehende Neurose. Wie das malertechnische Kunststück des Bildes 
im Bilde mutet es an, wenn der Dichter seinen Romanhelden selbst 
wieder einen Roman lesen läßt, dessen Held — in direkt hervor- 

itiit ihr im selben Zimmer und sah ihr kindliches Lächeln, wenn sie sich 
sclimückte und das Rothaar türmte, und war erstaunt über das beständige 
Entzücken, in dem sie mit einem Spiegelbild ihres gewesenen Ich 
lebte, so sehr damit lebte, daß sie nichts von den Runzeln in ihrem Gesicht 
imd von dem Verfall ihres Körpers zu wissen schien." (Jakob Wasser- 
mann: Das letzte Fest.) 

i) Daß diese Sünden sich vornehmlich auf die auch straf gesetzlich ver- 
pönte Homosexualität beliehen, wird jedem Leser des Romans und Kenner 
von des Dichters traurigem Schicksale klar sein. Zum Überfluß ist nach 
dem. kürzlich (Frühjahr igii) im Irrenhaus erfolgten Tode Lionel Forsters, 
der igjährig imd in der Blüte seiner Schönheit dem Dichter als leiden- 
schaftlicher Freund und Modell in seinem Dorian Gray nahestand, die 
Entstehungsgeschichte des Romans psychologisch vollauf verständlich ge- 
worden. An einer Stelle (S. 169) meint Dorian, er müsse das mysteriöse 
Bild verstecken und verschleiern, denn wenn es jemand sähe, „würde die 
Welt sicher sein Geheimnis erfahren". Daß die Phantasie 
des abstoßenden (Spiegel-) Bildes auch a"uf die Abwehr der Masturba- 
tion, zurückgeht, kann hier nur angedeutet werden, da der anscheinend sehr 
innige Zusammenhang des Narzißmus mit der Masturbation hier uner- 
örtert bleiben muß. 



Ein Beitrdg zum Nari^ißmus 57 

gehobenem Gegensatz zu Dorian Gray (S. 152 f.) — ■ eine „groteske 
Furcht vor Spiegeln, politierten Metallpiatten und stehendem Wasser 
liatte, die sich des jungen Parisers schon sehr früh ira Lehen 
bemächtigt hatte, und die verursacht worden war durch den plötz- 
lichen Verfall seiner außerordentlichen Schönheit". 

Übrigens erwähnt der Dichter, scheinbar völlig unabsichtlich, die 
„auifallende Ähnlichkeit" Dorians mit seiner Mutter 
(S. 147), von der er „seine Schönheit und seine Leidenschaft für 
fremdartige Schönheit geerbt hatte" (S. 172). Hier zeigt sich, daß 
der Narzißt nicht nur insofern seine Ohjektliebe betätigen kann, 
als er sich homosexuell in sein junges Ebenbild verliebt, sondern daß 
er a priori schon am eigenen Körper den Körper einer 
anderen ehemals geliebten Person mit- und wieder- 
liebt (hier der Mutter). — Ganz ähnlich nun bewundert und 
liebt nach der Version des Pausanias (9, 51, 6) der Narkissos 
der griechischen Fabel im eigenen Spiegelbild nicht so sehr sich 
selbst als seine geliebte, ihm. an Aussehen undKleidung 
völlig gleiche Zwillingsschwester,' die er durch den Tod 
verloren hatte. ^ 

Darf man nun von der unentwickelt gehliebenen latenten 

Homos es ual (tat unseres Falles sowie aus analogen kasuistischen 

und literarischen Belegen schließen, so käme eine Gruppe von 

Urninden zur Fixierung der Inversionsneigung und zur näheren 

Wahl ihrer Liehesobjekte durch intensive Verdrängung einer 

ursprünglich starken Fixierung an die Mutter auf dem Wege der 

Identifizierung mit dieser und Wahl des Sexualobjektes nach dem 

Vorbild der Mutter im Sinne der narzißtischen Neigung (Ver- 

i üngungstendenz) ,3 Dieser Mechanismus entspräche also ganz dem 

i) Ein in diasem Zusammenhange interessanter Beleg für die innige Ver- 
knüpfung des Narzißmus mit der Homosejtualität bietet die von Kraff t- 
Ebing (Psychopath, sex., neunte Auflage, S.411) mitgeteihe Tatsache, da!3 
„Sapphi steil paare" (weibliche Horaosexueüe) es heben, sich ganz gleich lu 
kleiden, lu schmücken usw. Man nennt sie dann „petita socurs". 

2) Diese Fabel behandelte der spanische Dichter Galderon in einem 
seiner lahlreichen mythologischen Stücke nach der gleichlautenden Erzäli- 
lung Periegets. 

3) Ahnliche Verjiingungsphantasien spielen in den mannigfachen Motiv- 
gestaltungen des Inzestkomplexos eine ungeheure Rolle; vgl. auch die 



k 



58 



Dr. Otto Rank 



von Freud und S a d g e r für eine Gruppe männlich Invertierter 
aufgedeckten,' Nun ist aber unsere Träumerin ihrem manifesten 
Empfinden nach heterosexuell und der Anteil der Mutter an ihrer 
Objektwahl darum gering, weil die intensive Verdrängung der 
Neigung zu ihr diesen Einfluß in ihrem Liebesleben abgeschwächt 
und auch das Manifest werden der Homosexualität gehindert hat. 
Dafür ist jedoch, wie auch der vorliegende Traum deutlich zeigt, 
die narzißtische Komponente starker betont und weiß sich in 
einer interessanten Form auch im normalen Liehesieben des 
Mädchens durchzusetzen. Sie behauptet nicht das geringste Ver- 
ständnis für Mädchen zu haben, die ohne oder bei relativ schwacher 
Gegenneigung einen Mann zu lieben imstande sind. Sie verlangt 
eine besonders schwärmerische (vgl. den poetischen, „im Traume" 
geschriebenen Bri§f) anbetende und verehrungs volle Liebe von 
dem Manne, den sie lieben solL^ Sie sagt; „Ich kann ihn 
nur lieben, wenn er mich liebt, sonst könnte ich es 
nicht und verrät uns damit, daß sie den nach gewissen anderen 
Bedingungen 3 gewählten Mann nur auf dem Umweg über ihre 
eigene Person zu lieben vermag:* sie liebt ihn, weil er sie liebt, 

„junge" (Stief-) Mutter im Schneewittchen. [Ausführliches darüher in meinem 
Bucli über „Das Iniestmotiv in Dichtung und Sage", iweite, wesentlich 
verraehrte Auflage, Wien und Leipiig, igaG.] 

i) Eine weitere, nicht formale, sondern soiusagen dynamische Bedin- 
gung des Objektes der Invertierten ist dann je nach der eigenen Einstellung 
die Fordenmg der Aktivität oder Passivität (oder heider) im. ganzen Ver- 
halten wie heim Sexualakt. 

2) W war ihr mit einer solchen Liebe entgegengekommen und sie 
empfand auch im Traume Freude darüber, daß er selbst in seiner Abwesen- 
heit sie (resp. ihr Bild) so verehre und schätze. 

g) Gani deutlich nach dem Tjpus des jugendlich verstorbenen Vaters 
mit der Bedingimg einer gewissen Weiblichkeit in Benehmen imd Habitus. 
W. war liemlich zurückhaltend, schüchtern, hartlos. 

4) Sieht sie i. E. auf der Straße einen jungen Mann, der sich für sie 
interessiert und der auch ihr gefällt, so denkt sie sich nicht etwa; den 
könnte ich liehen oder dem mochte ich mich hingehen, scndem sie sagt 



Ein Beitrag ziiin Narzißmus 59 

gleichsam zur Belohnung dafür, daß er ihre Schönheit und ihren 
Wert voll anerkennt, Oder mathematischer ausgedrückt : sie liebt 
ihre Person und e r liebt ihre Person, folglich liebt sie auch ihn, 
aber eigentlich nur sich selbst in ihm. 

Der eigentliche Sinn des Traumes, seine Stellung und Bedeutung 
im ganzen seelischen Geschehen wird nun besser verständlich. 
Aus der gegenwärtigen Unentschiedenheit der Heirats ab sieht und 
der Ablehnung des heterosexuellen Liebesleben sowie aus der 
daraus folgenden Unentschlossenheit in der Wahl des Mannes 
flüchtet sie auf dem Wege der Regression in das frühere Stadium 
des Narzißmus und gibt damit eigentlich einem Gedanken Ausdruck, 
den man kurz so formulieren könnte: Am besten, ich bleibe 
gleich bei meiner eigenen Person tmd liebe mich selbst.^ Von 

sich nur: ist der aber verliebt in mich! Sie empfindet also durchaus nicht 
weiblich hingebend, sondern rein nariiÖtiscJi. 

j) In einem andern aas derselben Zeit der schwankenden Empfindungen 
stammenden Traume greift die Libido der Träumerin in die frühe Kind- 
heit luciick und sucht ihren Konflikt durch die Heirat mit dem Vater lu 
lösen. Der Traum führt eine Ehebruchsphantasie der Mutter mit einem 
Bewerber des Mädchens vor imd der Vater, der das entdeckt, nimmt eine 
Heirat mit der Tochter in Aussicht, deren Legitimität und Blutsverwandt- 
schaft mit dem Vater durch die die Mutter betreffende Ehebruohsphantasie 
abgeleugnet werden soU. Hier weist die Liebesbedingung des Sieges 
über die Konkurrentin auf eine Beziehung lu der infantilen Ein- 
stellung lu den Eltern. Besonders interessant "wird der Traum durcli feinen 
rezenten Anlaß, der leigt, dai3 man Träume nicht nur durch somatische 
Reize experimentell erzeugen und erklären kann, sondern soiusagen auch 
durch „psychische Reiie". Der Traum ist nämlich in der Thomasnacht 
geträumt und das Mädchen hatte, einem alten Aberglauben folgend, yor 
dem Schlafengehen unter ilir Kopfpolster drei Zettel gelegt, auf denen 
die Namen der drei in Betracht kommenden Bewerber geschrieben standen. 
Der unmittelbar beim Aufwachen ivahllos ergriffene Zettel soll den künftigen 
Mann anzeigen. Nun ist der Traum, aus dem die Schläferin jäh geweckt 
wurde, spät morgens unmittelbar vor dem Erwachen geträumt, nach welchem 
das Mädchen sofort ejnen der Zettel lu ergreifen suchte, lu jlirem. Bedauern 
aber zwei zu fassen bekam, was das Ergebnis der dann doch irgendivie 
korrigierten Probe sehr in Frage stellte. Wir möchten diese Symptom- 




1 



6o Dr. Otto Rank 



dieser Verliebtheit in die eigene Person wird auch ein gutes Stück 
ihres gesteigerten Egoismus getragen. Das Bild, das sie W. als 
Andenken geschenkt hatte, hätte sie lieber für sich behahen und 
möchte es auch jetzt noch sehr gerne haben. Logisch begründet sie 
diesen narzißtisch-egoistischen Wunsch, der deutlich die Ablösung 
ihrer Person (ihres Bildes) vom Manne (W.) und die Rückwendung 
der Libido auf die eigene Person symbolisiert, damit, daß er bereits 
verheiratet sei und das Bild für ihn daher keinen Wert mehr 
habe (der Traum zeigt das Gegenteil: er ist zwar verheiratet, aber 
das Bild hat dadurch an Wert für ihn nur gewonnen) ; auch ver- 
diene er es nicht zu besitzen, wenn er es nicht mehr, wie 
er seinerzeit schrieb, ' jeden Tag anschaue; sie möchte gerne 
wissen, ob er es wirklich noch so verehrt, und auch darüber 
beruhigt sie der Traum. Sie vergönnt ihm also ihr Bild nicht, 
wie sie ihm den Besitz ihrer Person ja auch nicht vergönnt 
(es ist nicht möglich, daß er eine so schöne Fiau hat; dann 
blättert sie zurück,^ ob es nicht doch vielleicht seine Frau ist, 
ob sie ihn nicht doch heiraten soll, und kommt wieder zu 
einem Nein). Sie hat sich eben selbst viel zu lieb, als daß 
sie ihren Besitz einem andern vergönnen würde, und kann nur 
auf dem Umweg über ihre eigene Person einen anderen 

handhiQg im Hinblicke darauf, daß auct im Traume iwei Bewerber auf- 
treten (ein jmiger. den ihr die Mutter wegnimmt, und die in einem Hpf- 
wagen vorfahrende Personifikation des Vaters) als Ausdruck der auch 
durch die Tliomaanachtprohe nicht behobenen Unentschieden}! eil auffassen. 
Auch wenn der Traum nicht zwischen dem vielleicht wiederholten Klopfen, 
das sie weckte, und dem Momente des Envachens geträumt wäre, steht 
doch soviel fest, daß sie unmittelbar, bevor ihr die Wahl der Zettel bevor- 
stand, ihr infantiles Liebesideal wachruft und damit eigentlich keinem der 
drei Bewerber, sondern lediglich dem, der diese Liebesbedingungen -Lii 
erfüllen veTm.ag, den Vorzug einräumt. 

i) Dieses mehrmalige Hin- und ZuruckHättem ist ein hübscher Aus- 
druck für die Vergleichung ihrer Person mit der erwähnten Nebenbuhlerin, 
ein Thema, das sie ja intensiv beschäftigt. 



Ejn Beitrag zum Narzißmus 6l 

lieben.' Die Heiratsgedanken finden also einen Widerstand an 
dem doppelsinnigen Bedenken, daß sie sich dazu viel zu gern habe" 
und lieber einen übergroßen Anteil der Libido an die eigene 
Person fixiert lasse. Darum zeigt auch die Traum analyse den 
Hauptanteil des Affektes auf das eigene Bild und nicht, wie es 
den Anschein, hat, auf den Bewerber konzentriert ,3 der ihrer 
Selbstbewunderung und Eigenliebe nur als wirksame Folie dient. 
Endlich sei noch ein Hinweis auf die eigenartige Struktur und 
Technik dieses Traumes gestattet, der die Kette der aktuellen 
Tagesgedanken und damit die Umrahmung des Traumbilrles ab- 
zuschließen vermag. Am Anfang, der den Gedanken- und Milieu- 
konflikt darstellt zwischen heiraten oder nicht heiraten, W. oder 
einen anderen, wegfahren oder dableiben, steht W. und sein 
Schreiben im Vordergrunde. Dann geht der Traum atif dem Um- 
wege von W.s Verheiratung zur nai-zißtischen Kernsituation über, 
um ganz plötzlich wieder bei W., der inzwischen ganz ausgeschaltet 
war, zu enden. Sie sieht am Schluß des Traumes das Gesicht von 
W. und spricht mit ihm, was doch ein Beisammensein voraussetzt. 
Aber wie eine überlegene Einsicht in ihre Unentschiedenheit sieht 
es aus, wenn sie im Traume nicht weiß,- ob sie dort oder er hier 
"bei ihr ist, wie sein Brief. Es ist also vielleicht mehr als ein bloßes 

1) Prof. Freud macht mich, aufmerksam, daß diese nariißtisclie Ein- 
stellung des Weibes eine bedeutende Rolle im Liebeslehen der Menschen 
spiele und manches Rätsel desselben erkläre. [Vgl. daiu Freuds später 
veröffentlichte Arbeit „Beiträge z\iz Psychologie des Liebeslebens", Ges. 
Schriften Bd. V.] 

2) LFnsore Redensart, „jemand habe sich lu gerne", nm sich einen Wunsch 
zu versagen oder irgend etwas auf sicli lu nehmen, zielt scheinbar nur auf 
den Ichkomplex, auf die egoistischen Regungen. 

3) Sie gibt an, das Bild aus dem Traume sei ihr nicht aus dem Kopf 
gegangen, sie habe es überaus dentlich und plastisch den ganzen Tag über 
vor sich gesehen: sie vorsetzt sich damit wieder an die Stelle von W., 
der ja ihr Bild fortwährend anschaut und es besitit, wie sie selbst gerne 
mochte. 



P 



62 



Dr. Otto Rank 



Gleichnis, wenn wir in einem übertragenen Sinne des zentralen 
Traum Inhalts von einem Rahmen aktueller Tagesgedanken und 
Phantasien und von einem aus dem Unbewußten hineinprojizierten 
Bilde ihrer seelischen Verfassung sprechen, das in der narzißtischen 
Szene Ausdruck findet. Den Anschein der Gezwungenheit verliert 
diese Auffassung durch die Erkenntnis, daß gar nicht so selten 
Stücke des Trauminhalts in gewissen Seltsamkeiten der Traumform 
zutage treten (Fr eu d; Traumdeutung, Ges. Sehr,, Bd. III, S. 70) und 
durch die Tatsache, daß diese Rahmentechnik innerhalb des vor- 
liegenden Traumes noch ein zweites Mal Verwendung gefunden 
hat. Wie Anfang und Schluß des ganzen Traumes, die eng zu- 
einander gehören, durch Einschaltung der narzißtischen Bilder- 
szene (eingerückter Satz) gleichsam voneinander getrennt sind, so 
gehören auch im Traumbrief (ebenfalls eingerückt gesetzt) Anfang 
und Schluß als Tageswunsch und Befürchtung zusammen und auch 
hier ist dazwischen eine Anspielung auf das Bild {„schaue jeden 
Tag mein Bild an") eingeschoben, die sich schon als wörtliches 
Zitat vom übrigen Inhalt abhebt.' Es klingt fast komisch, diese 
Rahmen- und Bildtechnik des Traumes als Ausdruck seines 
wesentlich hildhaften Inhalts anzusehen,* und doch scheint dieser 
Zusammenhang dem psychologischen Tatbestand bei der Träumerin 
zu entsprechen, die ihre ganze Umgebung nur als Folie, als 
Rahmen für ihr geliebtes und bewundertes Ich zu betrachten 
gewöhnt ist. 

1) Wie also der ganie Traum und der erste Brief, so besteht auch der 
Inhalt des Kuverts aus drei Teilen und dreimal blättert sie auch lu ihrem 
Bilde zurück. Nach gewissen Andeutungen halte ich es nicht für unwahr- 
scheinlich, daß dieser Dreitakt des Traumes auch damit zusammenhangen 
dürfte, daß sie in der Wahl zwischen drei Bewerber» schwankt (drei Briefe), 
die sie auch in der Thoraasnacht einer Zettelprobe unterwarf. 

2) Diese Auffassung hat seit ihrer mir selbst gewagt erschienenen 
Niederschrift durch die interessanten Untersuchungen von Herbert 
S i 1 b e r e r (Jahrbuch, Bd. I und II) viel an Wahrscheinlichkeit gewonnen. 



Ein Beitrag zum Narzißmus 63 



Naditrag 

Als Reaktion auf die Kenntnisnahme der vorstehenden Traum- 
deutung, zu der die Träumerin selbst das Material geliefert hatte, 
träumt sie einige Tage nach der Lektüre derselben auf einen 
neuerlichen rezenten Anlaß hin nachstehenden Traum, der nicht 
nur darum interessant und wertvoll ist, weil er jedem Einsichtigen 
ohne weiteres die Richtigkeit der aufgedeckten Zusammenhänge 
bestätigt, sondern dessen Deutung auch ein wesentliches Stück 
Erinnerungsmaterial zutage fördert, welches zum Aufbau des ersten 
Traumes gedient hatte.' 

1) Derartige B estätigun^sträume, welche die durch eine vor- 
ausgegangene Deutung aufgerührten Komplexe lum Inhalte hahen und 
damit dem Kimdigen deren Intensität und Wirksamkeit verraten, hahen, 
wie mir Herr Prof. Freud mitteilt, in g-ewissen Erscheinungen der psycho- 
analjtiscken Kur ihr Vorbild und gehören m den beweiskräftigsten Betäti- 
gungen der Traumdeutungslehre. Man könnte sie als Pendant zu den „Gegen- 
wunschträiunen" (Traumdeutung, Ges. Schriften, Bd. III, S. 28 ) auffassen, 
welche der Traumtheorie stets unrecht geben wollen, ohne in beachten, 
daß in dieser negierenden Tendern oft auch eine Wunscherfiillung liegt. — 
Pur die Leser, welchen der im II. Baude des Jahrbuches, mit- 
geteihe „Traum, der sich selbst deutet" noch in Erinnerung ist, möchte 
ich etwas gekiirit \md ohne jede Deutung den Traum hersetzen, welchen 
die Träumerin eine Wacht nach der Lektüre der gedruckten Arbeit träumte. 
Vorausgeschickt sei nur, daß sie die Noüi dieses Reaktionstraumes mit 
der Bemerkung begleitete, sie sei mit der Deutung im großen und ganzen 
einverstanden, nur habe es sie geniert, daß sie gleichsam als ein abnormes 
Weib geschildert werde. Unter anderem versucht nun ihr Reaktionstraum 
auch diese Zumutung abzulehnen. Trauminhalt: Con einem großen Berg 
rodeln Herten und Damen über schönes reif es Getreide herunter, was sie für eine 
Sünde erklärt. Sie muß in ein nebenan liegendes Feld ausweichen, wo sie in einem 
Hohlweg fast versunken wäre. Da kommt ein junger Mann [der Traumdeuter] und 
sagt: Fräulein, da darf man nicht gehen, das ist nur für Mannw ei her. Sie wußte 
erst nicht, was das sei, erinnerte sich aber dann, daß es solche gebe und ging 
zurück. (Sie dachte sich auch im Traume direkt, jetzt bin ich wieder in Ähren, so wie 
mit dem Kuß in Ähren.) Dann geht sie nach Hause und zieht sich ein ganz weißes 
Kleid an (Unschuld; Abwehr der Sünde). Am Schlüsse des Traumes sieht sie in einem 
Garten Katzen; erst läuft das Männchen dem Weibchen nach, äaim aber legt sich 
das Männchen auf den Rücken und das Weibchen legt sich drauf. — Auch dieser 
Traum nähert sich ganz außerordentlich dem Pollutionscharakter und zeigt in 
der letiten Siene die in der ersten abgelehnte „Mann Weiblichkeit" deutlich. 



54 Dr. Otto Rank 



Sie träumt, daß ihr — entweder durch die Post oder in ihrer 
Abwesenheit vom Hause durch einen Herrn — ein sch%verer, 
dicker Brief zugestellt wurde. „Er entkielt drei Photographien von 
mir: eine sitzend, eine im Hut und ein koloriertes Brustbild. Dabei 
lag ein Brief, in dem M., der, glaube ick, auch das Paket ge- 
bracht hatte, schrieb: „Ick schicke Dir Deine Bilder zurück, weil 
Du ja nichts mehr von mir wissen willst und ich mich immer an 
Dick erinnere, solange ich die Bilder habe. Deswegen möchte ich 
sie weg haben: sei also nickt böse, daß ich sie Dir schicke." — 
Ick sah mir nun die Bilder an, erst das kolorierte, und dachte 
mir: Gott, wie schau' ich denn da aus, da bin ich ja ganz alt 
darauf. Ich habe gespkaut, ob auch das andere Bild so ist, und 
fand es gerade so. Es hat so alt ausgesckaut, und ick dachte mir, 
wie komtne ich denn da dazu! Es sollte doch im Gegenteil das 
Bild, das aus einer früheren Zeit stammt, jünger aussehen als ich 
jetzt, aber nicht so alt. Wenn Uh mich jetzt aufnehmen ließe, 
könnte es eher so aussehen; ick bin zwar jetzt auch noch nü:kt so 
alt, aber könnte dock immerhin älter aussehen als damals. Dann 
aber habe ich mir gedacht, sollten vielleicht die Bilder älter ge- 
worden sein? Das wäre gut, wenn sie älter würden und ich jünger. 
— Dann habe ich mir gedacht, wenn er meine Bilder zurückschickt, 
brauche Wh auch seine zwei Bilder nicht (seine Briefe habe ich 
ohnehin schon verbrannt). Aber dann dachte ick mir wieder, da 
er sie nickt zurückverlangt, so kann wh sie dock behalten und 
habe mir wieder meine Bilder angeschaut und fort angeschaut und 
konnte mich nickt trennen von dem kolorierten, obzwar es sckon 
ganz ausgeblaßt war (wie eben ein altes Bild). Über dem An- 
schauen bin ich dann aufgewacht." 

Es scheint überflüssig, die weitreichende und bis ins Detail 
gehende Übereinstimmung mit dem ersten Traum im einzelnen 
hervorzuheben. Wir greifen zunächst nur jenes Stück realer Er- 



Ein Beitrag 7um Narzißmus 65 



I 



innerung heraus, welches auch dem ersten Traum zugrunde liegt. 
M., der ihre Photographien zurückschickt, oder ihr sie eigentlich 
persönhch ins Haus bringt, ist tatsächlich ihr gewesener Bräutigam. 
Sie hatte seinerzeit die Verlobung gelöst und als sie hörte, 
er sei neuerdings Bräutigam, ihre beiden Bilder {das mit dem 
Hut und das kolorierte) schriftlich zurückverlangt mit der 
Motivierung, er brauche sie jetzt nicht, da er ja eine andere habe. 
M. hatte darauf nicht reagiert, und als sie bei einer späteren 
Gelegenheit ihre Forderung mündlich wiederholt hatte, bat M., 
die Bilder als Andenken behalten zu dürfen und zeigte ihr, daß 
er sie stets bei sich in der Brusttasche trage. Die Träumerin hebt 
hierbei ausdrücklich hervor, daß diese Worte das direkte Gegenteil 
von dem seien, was er ihr im Traume schreibe, und wir wollen 
nicht versäumen zu ergänzen, daß dieses freiwiUige Zurückschicken 
der Bilder nach der Verheiratung wieder im Gegensatz 7.11m 
Verhalten W.s im ersten Traume steht. Bei dieser Gelegenheit 
hatte er ihr auch sein Bild gezeigt, wo er als Bräutigam mit seiner 
neuen Braut aufgenommen war, und sie hatte gesagt: „Die ist 
doch so häßlich, wie kannst du dir nur so eine Frau nehmen! 
Dann hat sie aber doch wenigstens Geld gehabt und du hast sie 
deswegen genommen?" — Doch hatte er dies verneint. 

Wenn ihr nun in diesem Traume M. ihre Bilder zurück- 
schickt, 50 erfüllt sich damit nicht nur der alte Wunsch, dem 
erledigten Bräutigam diese Erinnerungen abzunehmen, sondern 
ebenso ihr gleichsUebendes Verlangen, möglichst viele Photo- 
graphien ihrer eigenen Person aus den verschiedensten Zeiten zu 
besitzen und betrachten zu können: eine offenkundig narzißtische 
Regung, die sich ganz speziell noch in dem Umstand verrät, daß 
ihr M. im Traume drei BUder zurückschickt, während er in 
Wirklichkeit nur zwei von ihr hatte (das im Hut und das kolo- 
rierte). Das dritte, „sitzende", wünscht sie nur möglichst bald zu 

Rank, Sejtualität und SehuldeefühJ 



1 



66 Dr. Otto Rank 



bekommen und hat noch vor dem Einschlafen im Bett daran 
gedacht, wie hübsch es sich machen würde. Daraus erklärt sich 
auch, warum das Bild im ersten Traume sie in sitzender Stellung 
zeigt." Die geringere halluzinatorische Deutlichkeit des bloß 
gewünschten „sitzenden" Bildes gegenüber der visuellen Realität 
der wirklich besessenen verrät sich im Traume darin, daß weiter- 
hin nur von den beiden wirklichen Bildern die Rede ist, was die 
Träumerin selbst in diesem Sinne betont. Andererseits scheint 
aber dem Wunsche, sich jetzt in sitzender Stellung aufnehmen zu 
lassen, eine Gegenströmung zu entsprechen, welche das Mädchen 
gleichsam schonend darauf vorbereitet, daß sie jetzt schon älter sei 
und die Bilder vielleicht nicht mehr so schön ausfallen würden 
wie in früheren Jahren („wenn ich mich jetzt aufnehmen ließe, 
könnte es eher so aussehen; ich bin zwar jetzt auch noch nicht 
so alt, aber könnte' doch immerhin älter aussehen als damals"). — 
Ebenso deutlich ist aber die Anspielung darauf, daß diese alt 
aussehende Photographie, die ihr M. schickt, seine jetzige Frau 
darstellt, die ihr ja schon damals „so häßlich" erschienen war 
(häßlich und alt wird hier im infantilen Sinne gleichgesetzt). 
Denn auch im ersten Traume schickt ihr W, das Bild seiner 
Frau, die ja älter und weniger hübsch ist. Nur wird hier dieser 
Gegensatz zwischen ihr und ihrer Nebenbuhlerin im Sinne der 
narzißtischen Einstellung und der bedeutungsvollen Beziehung 
auf die Mutter so dargestellt, daß der Dorian- Gray- Wunsch, 
immer so jung, schön und liebenswert zu bleiben und Alter sowie 
Häßlichkeit den Nebenbuhlerinnen (den Bildern) zuzuschieben," 

i) Daß auch W.s supponierte Frau des ersten Traumes in der gleichen 
Stellung, nur ohne die charakteristische Pußkreuzung, aufgenommen ist, 
symbolisiert sehr hübsch die Identifizierung, den Gedanken, daß diese andere 
jetzt ihre „Stellung" einnehmen durfte, sie aLer nicht ideal ausfülle, sie 
doch nicht ersetzen könne. 

i) Mit dieser alten Frau straft sie zugleich M. und rächt sich an ihm. 



Ein Beitrag zum Narzißmus 67 



dabei in den Vordergrund tritt. Daß aber diese Nebenbuhlerinnen 
ihr Vorbild in der älteren und weniger hübschen Mutter haben, 
verrät sich, abgesehen von der ganzen psychischen EinsteUung des 
Mädchens, in der direkten Angabe, daß die Photographien des 
Traumes so gegen 40 Jahre alt ausgesehen hätten, „etwa im 
Alter der Mutter", und daß sie dieselben nur an den 
Augen' und der oberen Stirnpartie als ihr Bild erkannt habe. 

Mit der Kenntnis dieser realen Grundlagen des Traumes wird 
auch klar, daß dasselbe Erlebnis der Einkleidung des ersten 
Traumes zugrunde liegt. Auch dort bekommt sie ja von einem 
ehemaligen Verehrer Bilder zugeschickt, von denen eines sie selbst, 
das andere die ältere und häßlichere Frau des Absenders dar- 
stellt, wo also noch die alte häßliche und die junge hübsche Frau 
als zwei verschiedene Personen erscheinen, während sie im zweiten 
Traume vermöge der Identifizierung mit der ähnlichen, aber 
älteren Mutter in der Person der alten und der jungen Träumerin 
selbst vereinigt sind. Es erhebt sich nur die Frage, warum sie 
dieses, wie der Nachtragstraum zeigt, auf M. bezügliche Erlebnis 
im ersten Traume W. andichtet? Wer nun die Sprache des 
Traumes versteht, wird sofort wissen, daß mit Hilfe dieses Dar- 
stellungsmittels eine Gleichsetzung, eine Identifizierung der beiden 
Personen erreicht werden soll. Was sie aber mit dieser Ver- 
gleichung der beiden Anbeter sagen will, errät man leicht, wenn 
man ihren Charakter und ihre gegenwärtige Situation nur ein 
wenig kennt. W.s einesteils zurückhaltende, andemteils schwär- 
merisch anbetende Neigung war ihr immer außerordentlich 
sympathisch gewesen und sie hatte oft bedauert, daß diese 
Beziehung nach kurzem Verkehr abgebrochen worden war. Es ist 
daher nicht zu verwundern, daß bei ihren verschiedenen Heirats- 

1) Die Augen sind das einzige, was sie zugeben will, von der Mutter 
zu haben. 



■ 



68 Dr. Otto Rank 



absiebten und Gedanten die Gestalt W.s wiederholt aufgetaucht 
war, und wir wissen ja aus der Vorgeschichte des ersten Traumes, 
daß sie sogar in seine Nähe reisen wolhe, wenn sie nicht hätte 
fürchten müssen, ihn schon als Ehemann anzutreffen. Der Traum 
sagt ihr nun in der Wunscherfüllungsform des Ewig-jung^Bleibens; 
Ich werde auch nicht immer so jung bleiben, ich bin ja schon 
so viel älter geworden, ich muß schauen, daß ich heirate. Am 
liebsten möchte ich W., wenn ich nur wüßte, ob er es nicht 
genau so gemacht hat wie M. (Identifizierung), der sich 
auch mein Bild behalten hat, sich aber dabei mit einer Anderen 
älteren, häßlicheren, die nicht einmal Geld hatte, verheiratete. 
Die Männer sind docl\ alle schlecht und gar nicht wert, mich 
oder mein Bild zu besitzen. Ich Jcann keinen von ihnen lieben, 
ich ziehe es vor, mich selbst zu lieben. Oder wie DorJan Gray 
(S. 240) es in Form eines Abwehr Wunsches ausdrückt: „Ich 
wünschte, ich könnte lieben. Aber es scheint, daß ich die Leiden- 
schaft verloren und den Wunsch vergessen habe. Ich habe 
mich zu stark auf mich selbst konzentriert. Die 
eigene Persönlichkeit ist mir eine Last geworden." 

Wir haben schon bei der Deutung des ersten Traumes darauf 
hinweisen können, daß die intensive Wiederbelebung der 
narzißtischen Wünsche eine Enttäuschung des Mädchens in 
ihren hochgespannten Liebesanforderungen zur Voraussetzung hat, 
und stoßen nun bei diesem Traum wieder auf den gleichen 
unbewußten Gedanken, die Männer seien so schlecht und tmfähig 
zur Liebe, so voll Unverständnis für die Schönheit und den Wert 
der Frau, daß sie besser täte, zu ihrer früheren narzißtischen 
Einstellung zurückzukehren und unabhängig vom Manne selbst 
ihre eigene Person zu lieben. Daß nun tatsächlich eine solche 
Liebesenttäuschung fähig ist, eine Regression der Libido in die 
Bahnen der narzißtischen Selbstliebe zu bewirken, lehrt in 



Ein Beitrag zum Narzißmus 69 



I 



überzeugender Weise ein späterer, gleichfalls narzißtischer Traum 
des Mädchens, dessen Text und Deutung hier nur so weit mit- 
geteilt werden soll, als zum Erweise dieses Zusammenhanges 
nötig scheint: 

Ich träumte, daß ich auf einer Wiese bin, in der Nahe eines 
Wassers, wo ich mich baden wollte. Kaum bin ich nackt ins Wasser 
geschlüpfi, so kommt eine Freundin und stört mich im Bade, so 
daß ick heraus mußte, was mir sehr unangenehm war. Wir gingen 
zusammen über die Straße auf eine andere Wiese" mit schönen 
Blumen und auf einmal sehe ich, daß wir drei Personen sind, 
zwei andere Mädchen und ich. Wir liegen auf der Wiese ganz 
nacht, ich in der Mitte; die Füße hatten wir enge beisammen und 
die Körper auseinander, so daß wir einen Fächer bildeten, was 
wunderschön aussah, und ich die Szene nicht genug anschauen 
kannte. Da sehen wir von der Ferne einen Wagen kommen, ick 
sagte schnell: Auf! und die beiden Mädchen sind verschwunden. 
Ich selbst befinde mich plötzlich in einem eleganten Zimmer 
und bemerke zu meinem Erstaunen in einer Ecke ein herrliches 
Bild in einem goldenen Rahmen an die Wand gelehnt. Es stellte 
ein schönes Mädchen in Lebensgröße dar. Es luar nackt und hatte 
nur um die Taille einen türkischen Gürtel mit einer Masche. Sie 
hatte langes, schwarzes, gewelltes Haar, das offen herabhing und 
mir sehr gut gefiel, tiefschwarze Augen, rote Backen, die Hände 
nach rückwärts verschränkt, schon geformte Brust, in der Gestalt 
so wie ich; auch ihre Beine waren nackt zu sehen; sie schaute zu 
Boden. Das Ölgemälde war so schön, wie ich noch keines gesehen 
hatte, ick konnte mich nicht genug satt sehen an diesem Bilde. Es 
kam mir so sehr bekannt vor und ich studier te immerfort, mit wem 

i) Nachtrag: Unterwegs merke ich, daß ich meine Haarnadel verloren, hatte 
und will zum Wasser zurückgehen, sie holen, damit ick mir eine schönere Frisur 
machen kann. Die Freundin aber sagt, daß ich so auch schon schSn bin, 
und wir gehen weiter. 



I 



70 Dr. Otto Rank 



es denn Ähnlichkeit habe. Ich sagte mir, wenn das P. sehen könnte, 
es würde ihm gewiß gefallen. 

Das Bild verschwindet und ich stehe in einem, großen Saale, wo 
das Publikum herumsitzt. Ich habe mich geniert und gehe nach 
vorn; wie ick dort stehe, kommt ein Mädchen in weißem Prinzeß- 
kleid mit offenem Haar, das dieselbe Farbe hatte wie vorhin auf 
dem Bilde. Sie schaut zu Boden und macht ein trauriges Gesicht. 
Dann kommt ein Ritter in braunroter Kleidung, einen Gurt mit 
einem Säbel und einen großen ,spanischen Hut mit einer rosa 
Straußfeder ; er war glatt rasiert. Sie spielten beide die Bösen. Er 
klopfte ihr rückwärts auf die Schulter, sie drehte sich ein wenig 
nach der Seite um, warf ihm einen halbbösen und doch lächelnden 
Bück zu. Dann ging er wieder weg. Da nahm ich eine unge- 
zwungene Haltung an und schaute mich im Saale um. Inzwischen 
sagte ich mir, daß ich das ja sei, die hier Vorstellung mache. Ich 
erkannte mich an den etwas schwärmerischen, mir angeborenen 
blauen Ringen unter den Augen und wurde immer sicherer darin, 
daß ich das bin. Dabei wundere ich mich aber, wie das möglich 
sei, daß ich dastehe und zuschaue während ich mich zugleich 
spielen sehe. Ich stand ja die ganze Zeit neben ihr und was ich 
machte, das machte sie auch nach Art einer Puppe (oder wie mein 
Schatten). Ich lächelte darüber, daß ich in der gespielten Szene 
ein so mürrisches Gesicht und einen gespitzten Mund {,einen Schnabel') 
machte, wie es sonst zwischen Weinen und Lachen meine Gewohn- 
heit ist. Dann sehe ich, daß der junge Ritter wieder kommt, und 
nehme meine vorige Stellung wieder ein; ich hatte das Gefühl, als 
sollte ich das Schauspiel geben. Er wollte das Mädchen^ wieder gut 
machen, sie drehte sich um, warf ihm einen freundlichen Blick zu 

1^ In ihrer Niederschrift des Texteg steht vor dieser Stelle als Schreib- 
fehler durchstrichen : „Er wollte mich wieder gutmachen", was ihre 
Identifiiierung mit dem spielenden Mädchen deutlich verrät. 



Ein Beitrag zum Narzißmus 7I 

und lief ihm davon. Damit war die Vorstellung zu Ende, die 
Leute gingen hinaus und ich wachte auf." 

Ohne im einzelnen auf die Deutung dieses reichen Traumes 
eingehen zu können, sei nur summarisch hervorgehoben, daß es 
sich wieder um die Selhstbewunderung ihrer eigenen Person 
in dem uns schon bekannten Sinne handelt. In der ersten Szene 
des Traumes vergleicht sie ihren schönen Körperbau mit dem von 
zwei anderen, gleichfalls nackten Mädchen, zwischen denen sie in 
der Mitte Hegt, In einer nachträglichen Erläuterung dieser Szene 
erwähnt sie ausdrücklich, daß sie abwechselnd ihren eigenen 
Körper mit dem der beiden Mädchen verglichen habe, um zu 
sehen, welcher schöner sei. Sie habe auch gefunden, daß sie 
größer und stattlicher ausgesehen habe; wie sie meint, vielleicht 
deswegen, weil sie gerade und in der Mitte gelegen sei. 

Diese seltsame bildliche Darstellung erweist sich als ein geist- 
reicher, auf den Doppelsinn des Wortlautes gestützter Ausdruck 
des am Vorabend in einer eifersüchtigen Anwandlung gehegten 
Gedankens : Ich kann mich getrost mit jedem Weibe messen. Das 
zu dieser Darstellung verwendete Material wird deutlich als infan- 
tiles kenntlich, wenn man sich an die von der typischen Größen- 
sucht der Kinder eingegebenen Messungen erinnert, die sie unter- 
einander zu veranstalten pflegen, wobei sie den auch von der 
Träumerin geschilderten Vorgang einhalten, um jeder Unredlich- 
keit vorzubeugen (Füße eng beisammen, die Körper nebenein- 
ander). Daß unsere Träumerin dabei doch nicht ganz korrekt ver- 
fahrt, deutet sie ja mit ihrer Bemerkung an, sie erscheine wohl 
nur darum größer, weil sie gerade und in der Mitte liege ; gewiß 
hat auch der alle (Kinder-) Wunsch, wirklich größer zu sein, 
an dieser Traum dar Stellung seinen Anteil, obwohl sich das 
„Messen" und „Überragen" hier auf andere körperliche Vorzüge 
bezieht. 



72 Dr. Otto Rank 



In der zweiten Szene bewundert sie wieder ihr eigenes uner- 
kanntes Bild wie in einem Spiegel und verliebt sich in dasselbe, 
und erst in der letzten Szene erkennt sie in der dem Bilde ähn- 
lichen Schauspielerin unter großer Verwunderung ihre eigene 
Person." Diese letzte Szene enthält aber zugleich die Tages- 
anfcnüpfung, welche die Regression der Libido auf die eigene 
Person und damit den Traum bewirkt hat. Die Träumerin selbst 
fügt dem Tranmtext an Deutungsmaterial hinzu, daß sie am 
Abend vor dem Traume dem jungen Manne P., ihrem Geliebten, 
eifersüchtige Vorwürfe gemacht und sich mit ihm zerzankt hatte. 
Vor dem Einschlafen hatte sie dann zum Tröste an den uns 
schon aus dem ersten' Traum bekannten W. gedacht, der ihr von 
allen Bekannten in liebevollster Erinnerung geblieben war. „Ich 
dachte daran, ob er wohl mein Bild noch besitze, und sagte mir 
dann : gewiß ! er hat mich doch so lieb gehabt, er wird es an 
der Wand hängen haben und wird oft an mich denken," — ■ 
Dieses Bösesein des Vorabends wird nun in der letzten Traumszene 
von dem mit der Träumerin identischen Mädchen und einem 
jungen Manne dargestellt, der eine Verdichtung aus der Person 
des P. (der Anzug) und des W. (glatt rasiert) ist. Daß dieses Er- 
lebnis aber nicht einfach erzählt, erinnert oder agiert, sondern in 
Form einer schauspielerischen Produktion dargestellt wird, hat 
seinen guten Grund. Die Träumerin hatte nämlich am Abend 
den bestimmten Eindruck gehabt und auch ausgesprochen, daß 
P., wie das so häufig bei Liebschaften der Fall ist, das Bösesein 
gar nicht so ernst meine, sondern nur „Komödie spiele , eine 
Redensart, die der Traum in sinnfälligster Weise darstellt. '^ Nur 

i) Wir sehen hier wieder die Verschiebung ihrer bewußten besseren 
Einsicht von der Bildszene auf ein anderes Element des Traumes (vgl. 
Anm. 2, S. 48). 

2) Nicht ohne Einfluß auf die besondere Art dieses Schauspieles im 
Traume dürfte es gewesen sein, daß die Träumerin einige Zeit vorher mit 



Ein Beitrag zum Narzißmus 73 



hatte in Wirklichkeit das Mädchen im Schuldbewußtsein ihrer 
grundlosen Eifersucht P. zu versöhnen gesucht, während im 
Traume sie selbst es ist, die um Verzeihung gebeten wird, 
welche Umkehrung einerseits der Wunscherfüllungsteudenz zu ge- 
nügen sucht, andererseits sich weniger auf P. als auf W. bezieht, 
von dem sie wünschte, daß er wieder mit ihr anknüpfen möge. 
Der Traum ist also eine direkte Reaktion auf die Liebesent- 
täuschung des Abends, die sie vor dem Einschlafen bewußterweise 
durch Auffrischung der zärtlichen Erinnerung an W. zu ver- 
wischen und sich darüber zu trösten versuchte, indem sie sich 
sagt : W, war doch zärtlicher und lieber, er hätte mich nie so 
behandelt. Der Traum geht aber vermöge der Verknüpfung W.s 
mit dem Bilde, das er von der Träumerin besitzt, noch weiter, 
indem er auch seine Liebe anzweifelt (der Gedanke vor dem 
Einschlafen, ob er das Bild noch habe) und die Träumerin zur 
narzißtischen Selbstliebe (Verliebtheit in ihr eigenes Bild, ihr 
Ebenbild) zurückzukehren zwingt. 

Wir gewinnen nun auch einen ersten Einblick in die Struktur 
dieses Traumes, der sich deutlich in drei Szenen sondert, und 
verstehen den Übergang von einer Szenerie in die andere. Sie 
hatte am Abend P. Vorwürfe gemacht, daß ihm andere Frauen 
besser gefielen als sie, und denselben Vorwurf hatte sie ja nach 
dem latenten Gehalt des ersten Traumes gegen W. erhoben (er 
habe eine andere geheiratet, wie es M. tatsächlich getan hatte). 
In der ersten Szene streicht sie nun die Vorzüge ihres Körpers 
vor denen eines anderen Mädchens (später sogar zweier)' recht 

P. ein Marionettentheater besucht hatte, wo ein Stück mit einer ähnlichen 
Liehesiene gespielt worden war. Im. Marionettentheater macht ja auch die 
Figur der Puppe die Bewegungen, wahrend der eigentliche Sprecher hinter 
der Szene steht. 

i) Offenbar Mutter und Schwester, deren Rolle hier lu wenig als 
Konkurrentin (beim Vater) gewürdigt ist. Ich kann es mir nicht versagen. 



74 Dr. Otto Rank 



heraus, was natürlich nur auf Grund ihrer narzißtischen Selbst- 
bewunderung möglich ist, die die zweite Traumszene beherrscht. 
Nachdem sie sich also ihrer Schönheit anderen Frauen gegenüber 
gewissermaßen vergewissert hat, geht sie in der nächsten Szene 
zur intensiven Selbstbewunderung über. Der vorbeifahrende Wagen, 
der die Verwandlung der Szene bewirkt, spielt vermutlich an den 
vor Jahren weggefahrenen W. an, der ihre Gedanken wieder auf 
ihr Bild lenkt. In ähnlicher Weise vollzieht sich der Übergang 
von der narzißtischen Bilderszene zur Schauspielszene. Sie be- 
wundert ihr Bild imd sagt sich im Traume : wenn P. das sähe, 
es würde ihm gewiß gefallen, er würde sich in mich verlieben. 

hier auf eine merkwürdige Parallele m verWHisen, In seinem Aufsati 
„Über das Marionetten theater" berichtet H. v. Kleist einen 
Vorfall, an dem er die Unfähigkeit des Menschen demonstriert, b e- 
wußterweise die natürliche Grazie nachiuahmen. Er habe einst mit 
einem jungen Mann von etwa iG Jahren gebadet, „über dessen Bildung 
damals eine wunderbare Anmut verbreitet war" und bei dem sich, „von 
der Gunst der Frauen herbeigerufen, die ersten Spuren von Eitel- 
keit erblicken ließen". Dieser Jungling glaubte einmal, in dem Augen- 
blick, da er den Fuß auf den Schemel setzte, um ihn abzutrocknen, in 
einem großen Spiegel zu erkennen, daß er unwillkürlich die Stellung des 
berühmten Domaus ziehers nachgeahmt habe, wa? ihm bewußter weise 
absolut nicht glücken wollte. „Von diesem Tage, gleichsam von diesem 
Augenblick an ging eine unbegreifliche Veränderung mit dem jungen 
Menschen vor. Er fing an, tagelang vor dem Spiegel lu stehen; 
und immer ein Reiz nach dem anderen verließ ihn. Eine unsichtbare und 
unbegreiniche Gewalt schien sich wie ein eisernes Netz um das freie 
Spiel seiner Gebärden zu legen, und als ein Jahr verflossen war, war 
keine Spur mehr von der Lieblichkeit in ihm lu ent- 
decken . . ." (Vgl. den VerfaU von Wildes Dorian). Es ist 
hier nicht der Ort, um auf die Bedeutung der homosexuell-narzißtischen 
Einstellung im Leben und Schaffen des Dichters einzugeben (vgl. dazu 
L Sadgers Studie über Kleist, Wiesbaden 1911), doch sei auf den Brief 
an den jungen Pfuel (vom 7. Januar 1805) verwiesen, dem der Dichter 
u. a. schreibt: „. . . ich hätte bei Dir schlafen können. Du lieber Junge; 
so umarmte mich Deine ganze Seele ! Ich habe Deinen schönen Leib oft, 
wenn Du in Thun vor meinen Augen in den See stiegest, 
mit wahrhaft mädchenhaften Gefühlen betrachtet ... Ich heirate niemals, 
sei Du die Frau mir, die Kinder und die Enkel!" 



Ein Beitrag zum Narzißmus 75 

Sie setzt damit den Gedanken des Vorabends sowie der ersten 
Traumszene fort, daß ihre Schönheit von der anderer Frauen 
nicht übertroffen werde und daß man sich in sie verlieben 
müsse, wenn man sie nur recht anschaue, sie recht zu würdigen 
wisse. Sehr schön zeigt sich aber, wie die scheinbar bloß äußer- 
liche Erinnerung an P. (am Schluß der zweiten Szene) sogleich 
die ganze Streitsiene des Vorabends wieder heraufbeschwört, und 
es scheint auch da nicht zufallig, daß, ähnlich wie in der ersten 
Szene, zwei Mädchen einander gegenüberstehen und in der zweiten 
Szene die Träumerin ihrem eigenen Ebenfailde gegenübersteht, 
auch in der Schlußszene eine solche Spaltung der Persönlichkeit 
sich zeigt, so daß der junge Mann zwar einer anderen den Hof 
zu machen scheint, daß aber diese Person doch die Träumerin 
selbst ist. 

Der Traum sagt also einfach : Ich Itann mich mit jeder Frau 
messen, ja ich überrage sogar meine Konkurrentinnen (Mutter 
und Schwester) an Schönheit. Die Männer (P., W., M.) sind nur 
unfähig, das zu würdigen, während die Frauen zu neidig sind, 
um es anzuerkennen. Ich habe P. gegenüber doch recht gehabt 
und er hätte mich um Verzeihung bitten müssen. Aber besser, 
man verläßt sich überhaupt nicht auf sie und läßt sich nicht 
mit ihnen ein; ich bin mir dazu viel zu schön und zu gut. Ich 
könnte mich wirklich selbst in mich verlieben, wenn ich das Bild 
meiner Schönheit vor mir sehe. 



Perversion und Neurose 
I 

Wie Freud uns in seiner Analyse der Phantasie „Ein Kind 
wird geschlagen"' gezeigt hat, entspricht diese typische Schlage- 
Torstellung einer infantilen Libidosituation, die in einer bestimmten 
Phase der ödipusein Stellung und ihrer Verdrängung manifestiert 
war. Das Kind sucht in seinem Libidohunger zunächst seine um 
die Liebe der Eltern mitkonkurrierenden Geschwister dureh die 
Phantasievorstellung ihres Geschlagen Werdens (d. h. wohl Erschlagen- 
werdens) von Seiten des geliebten Elternteils auszuschalten. Bald 
aber wendet es diese Kegung, deren libidinöse Wurzeln unbewußt 
bleiben und die darum als grausam -egoistisch im Sinne des Ich- 
ideals vom Bewußtsein verpönt wird, mit Hilfe des Schuld- 
bewußtseins als Strafe gegen die eigene Person, die nunmehr auf 
diese Weise zum Objekt der Schlagephantasie geworden ist. Dieses 
zweite Stadium wird dann schließlich tertiär — aus der sogenannten 
„sadistischen Auffassung des Geschlechtsaktes" — libidinisiert und 
auf diese Weise gegen die vom Ich ausgehende Unlust widerstands- 
fähig gemacht. Diese libidinöse Fixierung der zweiten Entwjcklungs- 
phase der Phantasie „Ein Kind wird geschlagen", als Lust am 
eigenen Geschlagen werden, kann zum Bild des typischen „Maso- 

i) Ges. Sehr., Bd. V. ~ 



Perversion und Neurose 77 



chisten führen, dessen komplizierte Genese Freuds Daistellung 
in gewohnter Klarheit und Anschaulichkeit vermittelt. 

Ich möchte nun versuchen, den allgemeinen Gesichtspunkt, 
der der Freud sehen Auffassung dieser Perversionsbildung zugrunde 
liegt, herauszuheben und zu sehen, wie weit er sich auf die 
Perversionen überhaupt und ihre Genese anwenden läßt. Das 
Verständnis der mas och istischen Perversion ergibt sich Freud 
scheinbar als bloßes Nebenprodukt seiner Arbeit, denn er analysiert 
eigentlich die Phantasie „Ein Kind wird geschlagen", die sich an- 
scheinend häufig in verschiedenen Formen auch des normalen 
Seelenlebens findet.' Aber von dort her wäre ein Verständnis ihrer 
eigentlichen Bedeutung ebensowenig zu erlangen gewresen wie von 
der voll ausgebildeten Perversion her, abgesehen davon, daß diese 
normalen, bzw, rein perversen Formen der Lihidobefriedigung 
eher geeignet erscheinen, das Ich von einer Analyse abzuhalten 
als ihr zuzuführen. 

Wie uns jedoch die psychoanalytischen Forschungen bereits 
am Beispiel der Homosexualität gelehrt haben, stammt das erste 
und wichtigste Verständnis dieser Perversion aus der Neurosen- 
psychologie, d. h. aus der Analyse solcher Menschen, welche es 
nicht zur voll ausgebildeten Perversion gebracht haben, sondern 
auf dem Wege dazu sozusagen in der Neurose stecken geblieben 
sind. Wenn sie dann die Hilfe des Psychoanalytikers aufsuchen, 
zeigt sich oft genug, daß er durch Lösung des neurotischen Kon- 
fliktes der gehemmten Perversionstendenz den Weg frei gemacht 
hat und manchmal auch nach Beseitigung der lebens stören den 
neurotischen Hemmungen keinen besseren Ausweg für das Sexual- 
leben des Patienten sieht, als die bereits vorgebildete Perversion 
sozusagen zu sanktionieren. Allerdings muß dies nicht immer, ja 

1) Vergl. dam Anna Preud: Scblagephantasie und Tafftraum. Imaco 

vni, 1922. 



I 



78 Dr. Otto Rank 



nicht einmal in der Mehrzahl der Fälle der analytische Ausgang 
sein; der ideale Fall besteht darin, daß zugleich mit den Ursachen 
der Neurose und ihrer Symptombildung auch die Ursachen zur 
Fixierung der Pervetsion aufgedeckt und unschädlich gemacht 
werden, wobei natürlich die analytische Neuregelung der Libido- 
ökonomie des Patienten von ausschlaggebender Bedeutung ist. Im 
eigentlich anal3rtischen Verständnis derselben ist aber zugleich auch 
die einzige Quelle für ein befriedigendes Verständnis der 
Verursachung, Bedeutung und Behebung der Perversionen zu 
finden. 

Wir sagen damit natürlich nichts Neues, wiederholen im Gegen- 
teil eine sehr frühe analytische Einsicht, die Freud in den „Drei 
Abhandlungen zur Sexualtheorie" (1905) dahin formulierte, daß 
die Neurose als Negativ der Perversion betrachtet werden könne. 
Wir betonen diesen bekannten Gesichtspunkt hier darum wieder, 
weil der Sinn dieser knappen Formulierung teils unverstanden 
geblieben ist, teils mißverstanden wurde und dadurch allmählich 
sogar zu einer Verwaschung gerade der Begriffe geführt hat, deren 
immer schärfere Abgrenzung um so wünschenswerter gewesen 
wäre, als sie nicht bloß ein Stück Fortschritt unseres Wissens, 
sondern auch unseres therapeutischen Könnens bedeutet hätte. 

So aber hören wir noch immer beispielsweise von „Homo- 
sexualität" bei Patienten sprechen, die niemals eine Spur von 
manifester In Version sn ei gung gezeigt haben, sondern etwa in der 
Analyse verdrängte Züge von feminin -passiver Libidoeinstellung 
zum Vater verraten; wir lesen von „Exhibitionismus" bei patho- 
logisch prüden Frauen, deren Entblößungslust die stärkste Ver- 
drängung bis zur neurotischen Symptombildung erfahren hat, und 
sollen Außenstehende etwa an „Sadismus" glauben lassen, wo sich 
auch dem analytischen Beurteiler zunächst nichts als masochistische 
Wünsche (etwa nach Geschlagen werden) aufdrängen. 



r 



Perversion und Neurose 79 

Es mag besonders Ihnen allen scheinen, als ob ich offene 
Türen einrennen und Ihnen den Unterschied zwischen bewußt 
und unbewußt, bzw. zwischen manifester und verdrängter Phan- 
tasiebildung nahebringen wollte. Aber abgesehen davon, daß es 
nie schadet, sich an das Abc unserer so kompliziert gewordenen 
„Grundsprache zu erinnern, habe ich es zu viele Male gerade in 
analytischen Diskussionen und Publikationen erfahren, daß diese 
unscharfe — oder wie wir in Wien sagen würden „schlampige" 
— r Begriffsbezeichnung mehr als das ist, nämlich ein Ausdruck 
der Unwissenheit gewissen Phänomenen gegenüber, deren Klärung 
mir durch ein paar einfache Überlegungen möglich scheint. 

Eine eiste Schwierigkeit kommt wohl daher, ^daß die Analyse 
die Bezeichnung für die Perversionen, mit denen sie sich aus 
therapeutischen Gründen beschäftigen mußte, aus der deskriptiven 
Psychiatrie (Krafft-Ebing) entlehnte, die zu ihrer Zeit mit 
der Sammlung, Sichtung und Benennung dieser früher der Gebeim- 
literatur vorbehaltenen Phänomene gewiß eine auch heute noch 
nicht zu unterschätzende Leistung vollbracht hat. Da aber diese 
Entlehnung nun einmal geschehen ist und auch die wenigen Ver- 
suche, diese teilweise populäre Terminologie (Sadismus, Maso- 
chismus usw.) durch eine wissenschaftliche zu ersetzen, fehl- 
geschlagen sind (Algolagnie usw.), so würde sich vor allem emp- 
fehlen, diese eingebürgerten Termini wenigstens nur zur Be- 
zeichnung dessen zu verwenden, was sie vorher auch schon 
bedeutet hatten: nämlich die manifesten Äußerungs formen der 
betreffenden Perversionen, Sie werden aber dann sogleich die Frage 
stellen, wie wir denn die durch Analyse im Unbewußten auf- 
gedeckten Spuren und Zeichen dieser Perversionen bei den Men- 
schen nennen sollen, die kein perverses Sexualleben im Sinne 
dieser strengen Terminologie aufweisen. Vielleicht werden manche 
bei dem bequemen Ausweg bleiben wollen, jeweilen von „unbe- 



k 



8o Dr. Otto Rank 



wußter , bzw. „verdrängter Homosexualität, Exhibitionismus, 
Masochismus usw. zu sprechen. Nun meine ich aber, daß wir 
doch nicht so ohne weiteres das Recht haben, diese aus der 
Deskription stammenden P ervers ionsbezeichnun gen auf das Unbe- 
v™ßte anzuwenden, in dessen Bereich bekanntlich andere Gesetze 
herrschen und wo wir gerade die Elemente auffinden können, aus 
denen die manifesten Phänomene hervorgehen. 

Ich halte daher vor allem eine Klärung der hinter unserer ein- 
gebürgerten Nomenklattur verborgenen Probleme für wünschens- 
wert, wobei sich nach ähnlichen Erfahrungen vermutlich zeigen 
dürfte, daß das, was wir gewohnheitsmäßig unter dem Namen 
„Perversionen" zusammenfassen, im Sinne unserer Metapsychologie 
höchst verschiedenartige Mechanismen und ganz ungleichwertige 
Libidobefriedigungen darstellt. In diesem Sinne ist der termino- 
logische Ausgangspunkt unserer Überlegungen viel allgemeiner zu 
fassen, da wir damit an der Subsumierung dieser verschieden- 
dimensionalen Äußerungsformen der Libido unter eine rein deskrip- 
tive Begriffsbestimmung rütteln. Was die Psychiatrie unter dem 
Begriff der „Perversionen" zusammenfaßt, erweist sich bei ent- 
sprechend tiefgehender Analyse als ganz verschiedenen Evolutions- 
schichten und den ihnen entsprechenden Systemen des Seelenlebens 
entspringend. Außerdem bekommen dann diese Quellen und 
Strömungen ganz verschiedenartige Zuflüsse und münden schließ- 
lich auch an verschiedenen Stellen der psychischen Oberfläche in 
die uns durch die Beschreibung bekannten Phänomene. 

II 

Aus Freuds Analyse der Schlagephantasie können wir nicht 
nur die unbewußten Vorstufen und Materialien der masochis tischen 
Perversionsbildung erkennen, sondern auch die wichtige, oft aus 
begreiflichen Widerständen vernachlässigte Einsicht, daß das, wa« 



I 



Perversion und Neurose gl 



I 



uns als angeborene Libidohefriedigung des Perversen imponieren 
mag, der Endprozeß einer überaus komplizierten Libidoentwicklung 
und Veidrängungsarbeit ist, die häufig in Neurose ausgeht, jeden- 
falls häufig genug, um uns die Wege der Perversionsbildung und 
-fixierung verfolgen und verstehen zu lehren. Dabei erfahren wir, 
daß es sich mit den Perversionen ähnlich verhält, wie mit dem 
schwimmenden Eisberg, dessen all erkleinster und ungefährlichster 
Teil sichtbar ist, während sein Schwergewicht — gleich dem des 
bedrohten Schiffes — unter der Oberfläche verborgen, durch seine 
ungeheure Wasserverdrängung überhaupt erst den Auftrieb der 
Spitze ermöglicht, um dann beim Zusammenstoß mit dem 
Hindernis die ganzen in ihm gebundenen Elementarkräfte zu 
entfalten. 

Da es sich in meinem Vortrag nur um die Betonung einiger 
prinzipiellen Gesichtspunkte handelt, muß ich es mix versagen, an 
der Hand von durch analysierten Beispielen für alle Perversionen 
zu zeigen, aus welcher vorzeitlichen Libidoevolution sie als erstarrte 
Niederschläge in das bewußte Sexualleben des Individuums hinein- 
ragen. Auch ist mir ja diese Aufgabe durch die psychoanalytischen 
Arbeiten, die seit und auf Grund Freuds „Sexualtheorie" 
geleistet wurden, zum größten Teil erspart. Wir brauchen uns 
beispielsweise nur an die fast erschöpfende Aufklärung der Homo- 
sexualität zu erinnern, die wir der Neurosenanalyse verdanken, 
um zu erkennen, daß es eher gerechtfertigt wäre, die manifeste 
Homosexualität nach den „Komplexen" oder richtiger nach den 
Mechanismen zu benennen, aus denen sie jeweils entstanden ist, 
als — wie es bis jetzt vielfach geschieht — umgekehrt diese Kom- 
plexe und Mechanismen in einer verhängnisvoll werdenden Nach- 
lässigkeit als „homosexuell" zu bezeichnen. Für die Fixierung der 
Inversion kennen wir unter anderem den simplen Mechanismus 
der sogenannten Inzestflucht, der natürlich auf Grund einer 

Rank, Senufllität und Schuldgefühl 5 



82 Dr. Otto Rank 



besonderen Einstellung — möglicherweise auch einer speziellen 
Veranlagung ~ zur Ahwendung vom anders geschlechtlichen und 
zur Verlötung an das gleichgeschlechtliche Objekt führt. Ich denke, 
ich brauche diese Mechanismen, die für beide Geschlechter in 
gleicher Weise Geltung haben, hier nicht mehr näher zu 
beschreiben,' möchte aber nochmals darauf hinweisen, daß wir 
ihre Kenntnis den manifest nicht homosexuellen Neurotikem ver- 
danken, bei denen die gleichen Mechanismen — besonders der 
für die Homosexualität so bedeutsame der Identifizierung ■ — ■ in 
der Symptombildung stecken geblieben und so der Analyse zugäng- 
lich geworden sind. Wenn ich die weibliche Homosexualität 
besonders erwähne, deren Genese aus der Ödipusein Stellung uns 
Freud an einem Falle gezeigt hat, so geschieht es darum, weil 
die Sicherheit der meisten Analytiker in bezug auf den Mecha- 
nismus der weiblichen Inversionsneigung mangels genügender 
Erfahrung rücht so groß zu sein scheint, wie bei der männlichen. 
Homosextialität. Ich selbst kann aus einer Reihe weiblicher Neu- 
rosenanalysen, unter denen sich auch einige mit deutlich mani- 
festen „homosexuellen" Zügen befinden, nur den einen fundamen- 
talen Mechanismus der sogenannten „ Inzestabwehr " bestätigen, der 
aus der ursprünglich normal-geschlechtlichen Ödipusein Stellung 
durch Affektverkehrung von Liebe und Haß in bezug auf die 
beiden Geschlechter (Vater und Mutter) den Anschein „homo- 
sexueller" Gefühlsbjndung entstehen läßt, die sich durch Bewußt- 
machen und Abreagieren des dahinter wirkenden Schuldgefühls 
lösen läßt. Oft verleitet die manifeste Starrheit einer solchen 
Libidoverschiebung, die eine Folge des Abwehrmechanismus ist, 
manche Beobachter, auch unter den AnaljTiikem, dazu, die an- 

i) Siehe die knappe Zusammenfassung Freuds in „Einige neurotische 
Mechanismen bei Eifersucht, Paranoia und Homosexualität" (Ges. Schriften, 
Bd. V). 



Perversioii und Neurose 83 

scheinende Uaantastbarkeit dieser Libidofixierung zu einem wissen- 
schaftlichen und therapeutischen Dogma zu erheben. 

Gilt dies heute noch vielfach für neurotische Fixierungen, 
welche auf das gleiche Geschlecht Bezug haben und kurzweg mit 
der Etikette „homosexuell" abgetan werden, ohne daß ihre tiefere 
Genese und Auflösung auch nur versucht würde, um wie viel 
mehr für andere, weniger gründlich studierte Arten der perversen 
Libidobefriedigung. Nach dem bisherigen Tempo der Aufnahme 
und Verarbeitung analytischer Erkenntnisse dürfte es noch einige 
Zeit dauern, bis beispielsweise die Freud sehe Aufklärung der 
„masochistisch genannten Einstellung sich in der Terminologie, 
Technik und Therapie durchgesetzt haben vrird. Man sollte nichts 
von vornherein „masochistisch" nennen und als solches behandeln, 
ehe man es nach der Freud sehen Anleitung in den allge- 
meinen Lihidokreislauf eingeschaltet hat, wobei sich meist die 
Notwendigkeit, es als „masochistisch" zu klassifizieren, erübrigen 
dürfte.' 

Noch deutlicher ist dies beim Exhibitionismus, der ana- 
lytisch am wenigsten durchforscht ist,^ obwohl — oder weil — 
er am besten geeignet scheint, die hier vertretene Auffassung zu 
illustrieren. Der klassische Exhibitionismus erweist sich bei Ana- 

1) Man darf dabei auch nicht daran vergessen, daß regelmäßig ein 
Stück Krankheitsgewinn aus den Leidens Symptomen „masochistisch er", das 
heißt speiifisch libidinoser Natur ist, und daJ3 dieser Krankheitsgewinn bei 
der Analyse irgendwo vom Patienten hereingebracht werden muÜ. Die 
Linie, längs deren das in ausgiebiger Weise erfolgt, ist der Widerstand, 
der ja der Aufdeckung des Symptoms vorgeschaltet ist und es ermöglicht, 
dessen „masochistische" Befriedigung durch das Leiden in der Analyse lu 
ersetien. 

2) Trotz der fleißigen und ehrlichen Arbeit S a d g e r s {Psjchopathia 
sexualis auf psychoanalytischer Grundlage, Wien und Leipzig, 1921), die 
bei allen Vonügen gegenüber früheren Darstellungen dieses Themas daran 
leidet, daö sie nun in der analytischen Deskription stecken bleibt 
und die dynamischen wie die ökonomischen Gesichtspunkte (Schichtung!) 
allzusehr vernachlässigt. 



k 



84 Dr. Otto Rank 



lyse seiner unbewußten und neurotischen Vorstufen als letzter, 
weit entfernter Ausläufer — oder, wenn man will, mit Rücksiclit 
auf das infantile Moment, als Wiederkehrer — einer überaus kom- 
plizierten Libidoent Wicklung, die sich zwischen die infantile Ent- 
biößungslust, welche in der Perversion wiederkehrt, und diese 
selbst eingeschaltet hat, Der ganze Prozeß, den wir in den ent- 
sprechenden Neurosen voll bewußt machen können und müssen, 
verbleibt bei der Perversion im Unbewußten ; die Perversion selbst 
stellt einen aus den verschiedensten Libido Strömungen verdichteten 
Befriedigungsmechanismus dar, hinter dessen Fassade sich alle 
möglichen, nicht nur exhibitionistische Regungen verbergen können. 
Bei der Analyse von „exhibitionistischen" Zügen wird es unzweifel- 
haft, daß die sogenannten „Perversionen", ganz ähnlich wie der 
Traum, nur Formen zur Unterbringung von LJbidobefriedigungen 
darstellen, deren Inhalt oft genug durch Verschiebung, Ver- 
dichtung, sekundäre Bearbeitung und insbesondere Darstellung 
durchs Gegenteil' erst zur Unterbringung in die betreffende Per- 
versionsform geeignet gemacht werden mußte, 

m 

Ehe wir darangehen, daraus einige Konsequenzen abzuleiten, 
möchte ich ganz kurz - — mehr zur Illustration als zur Instruktion — 
aus der Analyse einer Hysterika die Gesichtspunkte heraus- 
heben, die zum Verständnis der Wurzeln führen, aus denen der 
Exhibitionismus unter bestimmten Voraussetzungen erwachsen 
kann. 

Die Patientin, ein Mädchen, das seit Jahren an verschiedenen 



j) Es scheint mir auch van diesem Gesichtspunkt her bedeutungsvoll, 
daß im Traume so häufig die „Homosexualität" durch „Umgekehrtes" dar- 
gestellt wird, weil nämlich der Mechanismus der homosexuellen Einstellung 
eine Umkehnuig des Ödipusatfektes voraussetzt. 



Perversion und Neurose 85 

Konversionssymptomen litt, brachte in die Analyse wirklich 
exhibitionistisch zu nennende Träume mit, in denen sie sich 
immer wieder völlig unbekleidet — meist auf der Straße — liegen 
sieht, bemüftt, die Blicke der zahlreichen vorübergehenden Männer 
auf sich zu lenken, was ihr aber nicht gelingen will. In ihrem 
eigentlichen perennierenden Haupttraum, der seit vielen Jahien 
die einzige Sexualbefriedigung des unberührten jungen Mädchens 
darstellt, ist ihre unter größtena Widerstreben geschilderte Stellung 
nach Art des arc de cercle ein Hochwölben des Rückens mit 
Hervorkehren des Genitales, wobei sexueller Orgasmus und 
Befriedigung eintritt.' Also die volle manifeste Perversion 
als manifester Traumin halt, bei so weitgehender bewußter 
Verdrängung der exhibitionistischen Regungen, daß Patientin 
diese im Laufe der Analyse sich wandelnden Traumsituationen 
nur unter den denkbar größten Widerständen, von viertelstunden- 
langem Stillschweigen unterbrochen, schildern konnte und sich 
dabei — einer umgekehrten Salome ähnlich — mit siebenfachen 
Mänteln und Decken verhüllte. Dieser wirklich „exhibitionistische" 
Traum läßt im Gegensatz zum typischen Nacktheitstraum des 
Normalen, aber im Einklang mit dem Perversen, die Empfindung 
der Scham vermissen und verrät, daß sich die Zeigelust im 
Traumzustand voll auslebt, während die zugehörige Verdrängung 
sich im Sinne der Neurose als Widerstand manifestiert, der 
zugleich den Lustgevrinn in „mas och istischer" Form in die Ana- 
lyse zu retten sucht, welche als „seelische" Exhibition die gleiche 
Libidöbe Setzung erfahren hat. 

1) Gerade während der Niederschrift dieser Zeilen kommt mir ein 
Zeitungsbericht in die Hände, in welchem die Verhaftung eines Eihihitio- 
nisten gemeldet wird, der lahlreiche junge Mädchen in uniüchtigen Schnu- 
tänien engagierte, unter denen das oben geschilderte „Brückestellen" die 
Hauptrolle spielte. Es scheint sich dabei also tatsächlich um eine allgemein 
verhreitEte typische Exhihitionsstellung lu handeln. 



fc 



86 Dr. Otto Rank 



Dürfen wir also im Sinne unserer analytischen Einsichten die 
Perversion als den manifesten Ausdruck für verschiedene ver- 
drängte Libido Btrebun gen auffassen, so vermag uns der erwähnte 
Exhibitionstraum geradezu als klassisches Paradigma zum Studium 
der unbewußten Wurzeln des Exhibitionismus dienen, wenn 
es uns gelingt, seinen latenten Inhalt zu rekonstruieren. 
Der Schlüssel zum Verständnis dieses Traumes ergab sich bei 
etwas fortgeschrittener Analyse aus den Wurzeln der Neutose in 
der infantilen ödipus einstell ung. Die Assoziationen führten immer 
wieder zu einer Kinderszene aus dem zweiten Lebensjahr der 
Patientin zurück, wo der Vater die ältere Schwester mit einem 
Stock auf die Nates gfeschlagen hatte. Dieses frühe und harmlose 
Erlebnis hatte — offenbar im Zusammenhang mit der unglück- 
lichen Familienkonstellation der Patientin — später eine besondere 
Wirkung zu entfalten vermocht. Als sie ein Jahr alt gewesen 
w^ar, starb ihre Mutter und ihr Vater heiratete bald darauf wieder 
(Stiefmutter); ins zweite Lebensjahr fällt dann die oben erwähnte 
Szene, im jungen Leben der Patientin bereits das zweite Trauma 
einer Libido versagung (Bevorzugung der Schwester). Als sie 
zwischen drei und vier Jahren alt war, starb ihr Vater (neuer 
Libido Verlust) und im Alter von fünf Jahren heiratete ihre Stief- 
mutter wieder, aus welcher Ehe sie dann noch eine Stiefschwester 
bekam. Für ein fünfjähriges Kinderleben genug der schweren 
Erschütterungen. Auch ihre späteren Erlebnisse sind nicht gerade 
günstig, obwohl sie selbst - — gleich einer traumatischen Neurose 
— immer wieder die Situation der Zurücksetzung (durch den 
Vater) herzustellen oder zu übertreiben sucht, die in der Schlage- 
szene der Kindheit in lihidinöser Form realisiert war. Ihre eigent- 
liche Neurose bricht denn auch in der Pubertät aus, als der 
Pfarrer ihre Schwester ganz offenbar vor ihr bevorzugt, also in 
dem Moment, in dem sich sozusagen die Realität erlaubt, dem 



Perversion und Neurose 8? 

herangereiften Individuum eine infantile Situation entgegen 
zustellen, deren Wiederholung sich das Unbewußte in Form von 
Wunschphantasien vorbehalten hatte.' 

Ohne auf die Entwicklung der Neurose aus dieser Odipus- 
konstellation einzugehen, möchte ich nur die Bedeutung der das 
Sexualleben der Patientin repräsentierenden Exhibitionsträume und 
ihre entsprechende Wandlung im Verlauf der Analyse aufzeigen. 
Ein erstes Verständnis der unbewußten Wurzeln des manifesten 
Exhibitionstraumes ergab sich durch Umkehrung der aufdring- 
lichen genitalen Entblößung im Traume in eine anale Ent- 
blößung, eine Deutung, welche durch den direkten Zusammen- 
hang mit der reproduzierten Kinderszene und die daran geknüpften 
Assoziationen nahegelegt wurde. Die vielen Männer ersetzen wie 
gewöhnlich den einen libidinös betonten Mann (Geheimnis mit 
dem Vater), und ihr Wunsch, daß der Vater sie (statt der 
Schwester) beachten (anschauen) möge, ist zugleich mit der 
Position ins trotzige Gegenteil verkehrt worden (er schaut sie 
nicht an). Dabei entspricht die Verkehrung der frühen anal-libi- 
dinösen Entblößung in die genitale dem Entwicklungsschub der 
reifenden Libido, aber mit der für Neurose wie Perveision 
charakteristischen Rückkehr auf eine frühinfantUe autoerotische 
Befriedigungs stufe und ihrem Effekt, der I nf antil isie rung 
der Genital funktion. Dementsprechend kehren die Träume 
der Patientin im Laufe der Analyse von der passiven Entblößungs- 
lust zur aktiven Entblößung der frühesten Phase (Beinigung, 

]) Ich vermute, daß die pathogene Kraft der sogenannten trauma- 
tischen Erlebnisse der Spannungadiffereni entspricht iwiachen dem 
VersagTAngs- beiiehungs weise Schul dm oraent, das die reale Wiederholung 
mit sich bringt (zum Beispiel wirklicher Tod eines Elternteiles usw.) mid 
dem Wunsch moment, welches der phantasierten Wiederholung zugrunde 
liegt. Mit anderen Worten, daQ nur die — meist typischen — Erlebnisse 
traumatisch wirken, welche den — auch meist typischen — unbewußt 
gewordenen Phantasien entsprechen. 



88 Dr. Otto Kank 



Masturbation) zurück, die genital, und zwar maskulin betont ist 
(buhenhaftes urinieren). Diese Phase ihrer analytischen Entwick- 
lung kulminierte in nachstehendem Traum: 

Ein Bub (aus einer großen Schar von Knaben) hat gegen 
mich uriniert. Ich habe einen Regenschirm dagegen aufgespannt, 
aber es war noch Frau W. dabei, die sich auch schützen wollte. 
Ich sagte, es geht nicht, da, ein Sturm war, der den Schirm immer 
an der Seite umlegte, und ging weg. 

Frau W. hatte bei ihr später wirklich Mutterstelle vertreten 
und Patientin erinnert zu ihr eine Kinderszene, wo sie nicht im 
Klosett urinieren woihe, weil es „zu hoch" sei und ihre Stief- 
mutter sie rief, um ihr die Höschen herunterzulassen, wobei sie 
böse wurde, da sie naß waren. Sie will also urinieren wie ein 
Bub, es geht aber nicht. An diesem Punkt der Deutung fällt ihr 
ein zweiter vergessen gewesener Traum derselben Nacht ein. 

Bin Bub, dessen Anzug (rückwärts!) zu kurz war 
und der sich bemühte, die dadurch entstandene Blöße zu verdecken. 
Er sah die Mutter nicht (oder sie konnte ihn nicht sehen). 
Der Traum bringt deutlich den kindlichen Wunsch wieder, 
den Buben gleich zu sein, und die Scham, keinen Penis zu 
haben, diesen Mangel zu verbergen, der normalerweise das Mehr 
an Schamgefühl determiniert, das wir als weibliche Tugend 
schätzen und das im Exhibitionismus aufs äußerste verleugnet 
wird. Dieser Zusammenhang des Exhibitionismus mit der Kastra- 
tionsphantasie macht es verständlich, daß der klassische (Genital-) 
Exhibitionismus vorwiegend heim Manne zu finden ist, während 
sich die Frau normalerweise gestattet, alle anderen Reize zur 
Schau zu stellen, was aber im Sinne der Perversion eher 
den Namen eines Exhibitionsersatzes verdient. Der besprochene 
Analysentraum ist nun ein typischer Nacktheitstraum mit der 
zugehörigen Scham emp findung — und ihrer 



Perversion und Neurose 89 

Quelle, der K astrati on s ph an tas ie' — und zeigt, daß 
die zahlreichen Knaben, mit denen sie sich in der Kindheit 
identifiziert hatte, in ihren späteren Träumen zu den Zuschauern 
geworden sind, deren Aufmerksamkeit sie auf sich lenken will. 
Im Traum sieht sie diese Knaben nicht — nur den einen, der 
uriniert, ebenso wie im zweiten Traum, der andere exhibierende 
Knabe von der Mutter nicht gesehen wird. Hier kommt zugleich 
mit dem Schamgefühl das Verbots- und Schuldmoment zum Vor- 
schein, das in der infantilen Schlageszene und der daraus ent- 
wickelten „masochistischen" Einstellung kulminiert. Während 
aber diese libidinösen Phantasien in ihre neurotischen Symptome 
münden, die in Rückenschmerzen (Schlagen — anales Kind), 
Kopfschmerzen (Vateridentifizierung) und Üblichkeiten (Schwanger- 
schaft) bestanden, zweigt der Ansatz zu ihrem latenten Exhibitio- 
nismus deutlich an anderer Stelle ab, und zwar von der früh- 
infantilen (narzißtischen) Genitalbetonung, die in der Regel vor 
der (femininen) ObjektUbido in Penisneid und Kastration sangst 
dominiert. Das kleine Mädchen macht nach Freuds Beobach- 
tungen° regelmäßig eine Phase durch, wo es die Knaben um den 
Penis beneidet. Diese Phase wird normalerweise von der Identifi- 
zierung mit der Mutter bei gleichzeitiger Libidoüb ertragung auf 
den Vater abgelöst: das Zwischenstadium ist die Verlegung der 
Libido auf die bisexuelle Analzone (siehe die Gleichsetzung von 
Kind — Kot — Penis), die schließlich vom normalen Koitus- und 
Kinderwunsch (Bubi) abgelöst wird. 

Bei unserer Patientin zeigte sich die analytische Auffassung 
bestätigt, daß es weniger ein von Haus aus überstarker Penis- 

1) Daher kann die Nacktheit im Traujn. oft durch einen kleinen 
Defekt in der Kleidung-, etwa durch Fehlen eines Knopfes, vertreten 
sein. 

2) „Das Tabu der Virgiaität". Ges. Sehr. Ed. V, 



l_ 



90 Dr. Otto Rank 



wünsch als die zahlreichen und frühzeitigen intensiven Libido- 
versagungen waren, welche sie nötigten, auf frühere narzißtische 
Befriedigungen zurückzugreifen und sie so am Peniswunsch fixiert 
hatten. Auch in einer anfangs ganz normalen weiblichen Ent- 
wicklung kann der bereits überwundene Peniswunsch wieder 
aktiviert werden, sobald eine aktuelle Libidoenttäuschung (z, B. 
im Vaterverhältnis) eintritt. Der Männlichkeitswunsch bedeutet 
dann aber nicht nur einen — übidinSsen — Protest („ich 
brauche dich nicht"), sondern gleichzeitig in einer tieferen Schichte 
die Identifizierung mit dem geliebten Vater, dessen Verlust man 
auf diese Weise ersetzen will. Unsere Patientin hatte nun vor 
allem tatsächlich — nicht bloß libidinös — den Vater verloren, 
was sie zur vorzeitigen Identifizierung drängte, ehe noch der 
normale Penisneid yon der femininen Einstellung zum Vater 
aufgesogen worden war. Diese beiden Momente — sowohl inhalthcher 
wie zeitlicher Natur — veranlaßten, so weit ich sehen konnte, 
die Fixierung des Penisneides, damit aber auch seine Isolierung, 
die ihn vor der weiteren Verarbeitung, auch in der Neurose, 
schützte. Eine solche vorzeitige Isolierung einer 
infantil narzißtischen Lib ido situ a tion scheint 
aber der Perversionsbildung günstig zu sein, die jedoch 
bei unserer Patientin nur bis zu den latenten Ansätzen ge- 
diehen ist. 

Man könnte sagen, ihr keimender Exhibitionismus wurde vor- 
zeitig neurotischen, d. h. übersiarken objektlibidinösen Tendenzen 
dienstbar gemacht und zeigt daher pseudo- exhibitionistische, 
neurotische Verwendungen. Von dieser Seite betrachtet, verrät 
ihre Exhibitionslibido den Sinn, die Aufmerksamkeit des Vaters 
auf sich zu ziehen : er soll mich beachten, nicht meine Kon- 
kurrentin, und zwar anal, wie meine Konkurrentin (Schwester 
— Mutter), damit ich ein Kind bekomme wie sie (die Mutter); 



PeirersioB und Neurose 91 

und zwar auch durch Schlagen (wie die Schwester}.' Dies ist die 
eine (objekt-) libidinöse Strömung aus der ödipusein Stellung, Die 
andere entspricht der Verleugnung dieser Tendenzen aus der 
trotzig akzeptierten Versagung von selten des Ich (Männlich- 
Iteitskomplex) ; Der Vater hat mich nicht beachtet, also brauchen 
es auch die anderen Männer nicht (die Männer in ihrem 
Traum können die Augen nicht auf sie wenden), und zwar 
damit sie nicht sehen, daß ich weiblich bin ; denn ich will 
männlich sein, will gar kein Kind vom Vater, sondern einen 
Penis und schäme mich der Kastration. Es ist der Patientin 
also nicht gelungen, den frühinfantil-narzißtischen Peniswunsch 
durch den objektlibidinösen Kindeswunsch zu ersetzen, was wohl 
mit dem vorzeitigen Wegfall des Vaters und der Libidoenttäuschung 
am Objekt zusammenhängt. Als Ausdruck dieses Konfliktes spielte 
in der Analyse ein von der Patientin erinnertes Bild eine große 
Rolle, auf dem eine liegende (tote) Frau ein Kind auf ihrem 
Schoß so sitzen hat, daß es nach den Worten der Patientin den 
Eindruck eines Penis macht. 

Nach alledem kann man die latente Eshibitionsneigung unserer 
Patientin als überbetontes Detail einer stark verdrängten Schlage- 
phantasie auffassen, das als einzige libidinöse Dauerbefriedigung 
in der Verdrängung festgehalten wird. Mit der Schlagephantasie 
ist der (weibliche) Kindeswunsch verdrängt worden, zugunsten des 
(männlichen) Peniswunsch es, der aber auch — in unserem Falle 
— nicht so weit dominiert, um zur vollen Perversion der 

i) Die Schlagephaiitasie enthalt natürlich zugleich den Ausdruck von 
Schuldgefühl und Strafe. Patientin hatte sich in der Schule manchmal etwas 
indezent benommen (Röcke lu hoch gehoben usw.), um geschlagen zu 
werden. Wahrend der Analyse träumte sie, sie stehle in einem Laden 
Danienunterhosen, die eine Art fetischistischer Bedeutung aus der 
Kindersiene des Schiagens für sie behalten hatten. In anderen Träumen 
machte sie in infantiler Weise die Hose naß, um sich entblößen und die 
Strafe dafür empfangen lu können. 



92 Dr. Otto Rank 



narzißtischen Entblößung zu führen.' Es zeigt sich, daß die 
objektiibidinösen Tendenzen durch die vom narzißtischen Ich 
ausgehenden „perversen" Strebungen gestört und teilweise para- 
lysiert werden, daß aber bei unserer Patientin keiner von beiden 
ein voller Sieg beschieden war. Dies macht den Fall so kompliziert, 
verleiht ihm aber auch den instruktiven Charakter, der uns in 
den Konflikt zwischen narzißtischer und Objektlibido unmittelbar 
Einblick gewährt. 

IV 

Wir acheinen so auf dem Umweg über unsere Analysen zu 
der banalen Auffassung der Perversionen zurückzukommen, 
welche sie als Lihidobefriedigungen mit Ausschaltimg des normalen 
Sexualzieles charakterisiert. Freud hat diesen Charakter der 
Perversionen aus ihrem infantilen Ursprung verständlich gemacht. 
Sie entsprechen Fixierungen, bzw. Regressionen auf Entwicklungs- 
phasen, in denen nicht nur das normale Sexualziel, sondern auch 
dessen Voraussetzung, der Unterschied der Geschlechter, dem Kind 
noch unbekannt oder von ihm nicht akzeptiert sind. In dieser 
Zeit macht das Kind keinen Unterschied in der libidinösen Be- 
ziehung ztim gleichen und zum anderen Geschlecht („Homo- 
sexualität"), findet daher auch noch volle Lust in der Ent- 
blößung vor anderen, ebenso wie in der vorwurfsfreien Äußerung 
seiner egoistischen und grausamen Regungen (Schlagen), Merk- 
würdig und wie mir scheint nicht gleichgültig für den 
Mechanismus der Fixierung dieser ungehemmten Triebäuße- 
rungen zur Perversion ist aber der folgende aus der Neurosen- 
psychologie bekannte Tatbestand. Während das Kind autoerotische 
(und narzißtische) Refriedigung aus der ungehemmten Tri eh - 

i) Auch in zwei anderen analysierten Fällen erwies sich der „ver- 
drängte" oder nicht lur Entwicklung gekommene Exhibitionismus als ein 
Rest der Sehlagephantasie und stand in deren Dienst. 



t 



Perversion und Neurose 93 

betätigung jeder Art gevrinnt, kennt es schon unglaublich früh- 
zeitig ein Ziel der Libidobefriedigung, das der Erwachsene gerne 
bewußterweise als sein eigentliches Sexualziel hinstellt, nämlich 
das Kinderbekomnaea. Tatsächlich können wir bei der Entwicklung 
des Kindes beobachten, wie sehr bald die autoerotischen Trieb- 
äußerungen in den Dienst dieser „erwachsenen" Tendenz gestellt 
werden, und je nachdem, ob, bzw. inwieweit diese Verschmelzung 
gelingt, können wir in ihrem Ergebnis die Voraussetzung für die 
Entwicklung zu Perversion oder Neurose — oder Normalität 
erkennen. 

Das Kind wird, bald nachdem es sich durch die Geburt aus 
dem mikrokos mischen Kreislauf des Biologischen befreit und seine 
Triebe auf die Selbsterhaltung einstellen gelernt hat, sofort wieder 
in den großen biologischen Kreislauf hineingezwängt, indem es 
durch die — auch der Selbstentwicklung dienende — Identi- 
fizierung vorzeitig ein biologisches Sexualziel der Erwachsenen in 
sein unfertiges Sexualsystem aufnimmt. Ein Kind vom Vater au 
bekommen, — so wie die Mutter, — sich also, um der ersehnten 
ausschließlichen Liebe des Vaters teilhaftig zu werden, mit der 
Mutter zu identifizieren, ist tatsächlich das oft nur schüchtern 
eingestandene, regelmäßig aber sehr bald intensiv verdrängte 
Libidoziei des Kindes beiderlei Geschlechts. Von diesem analytisch 
aufgedeckten Konflikt her erhält die infantile Libidoentwicklung 
ihren pathogenen Einschlag („Ödipuskomplex"), der je nachdem 
zvi den verschiedenen Formen von Neurose oder Perversion führen 
kann. 

Das Kind scheint biologisch dazu verurteilt, — und unsere 
konventionelle Erziehung tut noch das ihrige dazu, — ■ das 
erwachsene Sexualziel, ein Kind, zu wünschen, lange, ehe es über- 
haupt begreifen kann, woher die Kinder kommen, und lange, ehe 
es das begreifen will, weil ihm selbst die Fähigkeit dazu abgeht. 



94 Dr. Otto Rank 



Die berühmte Frage, woher die Kinder kommen, die das Eind 
bekanntlich lange vor ihrer bewußten Formulierung in vielfachem 
Fragediang stellt, ist nichts anderes als ein Ausdruck dieses 
Konfliktes und heißt eigentlich: ich kann mir nicht vorstellen, 
woher die Kinder kommen, weil ich selbst keines bekomme oder 
nicht will, daß die Eltern eines (ein anderes) bekommen. Aus einer 
solchen Einstellung wird auch die negative Reaktion gegen bereits 
vorhandene oder neuankommende Geschwister verständlich, denen 
das Kind einfach die Existenzberechtigung abspricht, weil es ihre 
Herkunft nicht kennt,' ein Vorgang, den bekanntlich unsere 
Behörden wiederholen, für die nur der existiert, der dies durch 
einen Geburtsschein beweisen kann. 

Dieses „gefährliche Alter" des Kindes kann man vielleicht am 
einfachsten charakterisieren, wenn man es biologisch als den 
Zusammenstoß der 'individuellen und generativen Tendenzen, 
psychologisch als den ersten Zwang der Libido in den Dienst der 
Fortpflanzungsidee beschreibt. 

Die Fortpflanzung ist zweifellos ein biologisches Faktum, ja 
geradezu das Biologische selbst im engeren Sinne. Das darf uns 
aber nicht hindern, in ihrer übertriebenen Betonung, die ein Produkt 
imserer Kultur ist, die wissenschaftliche Formulierung einer infan- 
tilen Sexualtheorie zu erkennen.* Für den Erwachsenen ist in der 

i) Eine Patientin erklärte, sie habe nach einer schweren Gehurt, die 
eine lange Narkose erforderte, ihr Kind gar nicht als das ihrige empfanden, 
weil sie hewußtlos gewesen sei. Sie hat nicht einmal in dieser ganz 
erwachsenen Situation ihren alten Kinderwunsch erfüEen können, endlich 
wirklich m erfahren, woher die Kinder kommen. — Dieser Gesichtspunkt 
mag vielleicht ein Licht auf manche scheinbar nur physiologische Probleme 
des Gehortsvorganges werfen. Siehe jetzt „Das Trauma der Geburt" (In- 
ternat. PsA. Bibh Nr. 14., 1924). 

2) Es lieSe sich manches kulturgeschichtlich Interessante auch über die 
naturwissenschaftliche Erkenntnis der Fortpflanzungs Vorgänge und die dabei 
wirksam gewesenen unbewußten Verdrängungamotive sagen, die unsere 
Auffassung iUuBtrieren würden. Jedenfalls scheint es mir im Sinne der 



Perversion und Neurose 95 

Regel weder das Kind noch die Fortpflanzung das bewußte Sexual- 
ziel, sondern der in der Vereinigung der Geschlecliter bestehende 
Sexual afct, der selbst wieder nur tieferen n anißtischen Libido- 
befriedigimgen dient. Die Auffassung, daß der Sexualakt der Fort- 
pflanzung diene, ist ein Schluß post hoc, den das Kind auf Grund 
der libidinösen Identifizierung von den Erwachsenen übernimmt. 
Da dem Kind der Akt der Vereinigung von Vater und Mutter 
unbekannt bleibt, setzt es naiverweise das vermutete Produkt des- 
selben, das Kind, an die Stelle des Aktes und bleibt so am Kindes- 
wunsch libidinös fixiert, der im Gegensatz zum Sexual wünsch 
etwas Greifbares und Gestattetes repräsentiert und so die Phantasie- 
bildung der Kinderjahre beherrscht. Wie das Kind psychologisch 
den Eltern die Befriedigung sowohl narzißtischer (Ichorweiterung) 
wie auch objektlibidinöser Regungen gestattet, so ist es selbst 
biologisch der deutlichste Repräsentant des Konfhktes zwischen 
Ich und Gattung, und diese großartigen Eigentümlichkeiten 
machen dann den von den Eltern übernommenen Kindeswunsch 
zu einem so vollwertigen Lihidosymbol für das Unbewußte. Die 
Resistenz dieses frühinfantilen Kinderwunsches erklärt sich, abgesehen 
von diesem biologisch begründeten Urcharakter, aus der Tatsache 
der Unmöglichkeit seiner Realisierung für das Kind. Er ist so dazu 
verurteilt, der intensivste Wunsch zu bleiben, weil er das un- 
überwindlichste Hindernis der vollkommenen Identifizierung mit 
den Erwachsenen (Eltern) war. Am Kindeswunsch scheitert so in 

obigen Ausführungen bemerkenswert, daß die Naturforschung im Begriif 
ist, diese „infantilen Sexualtheorien" stückweise zu üienvinden. So haben 
neuere Forschungen über die Sexualität der Pilie (vom Würzburger 
Botaniker Hans Kniep und der ftaniösischen Forscherin Mathilde 
Beasaude) nicht nur bestätigt, daß die Koppelung des Sexualaites mit 
FortpflaniungB- und Vermehnmgseinrichtungen im wesentlichen auf die 
höher entwickelten Organismen beschränkt ist, sondern unzweideutig 
erwiesen, daß Fortpflanzung und Vermehrung mehr oder 
weniger unabhängig vom eigentlichen Sexualakt ver- 
laufen. 



96 Dr. Otto Rank 



der Regel ■ — ■ man möchte sagen: glücklicherweise - — die 
Identifizierungstendeiiz des Kindes und nötigt es bis zur Zeit der 
Reife zur Ichentwicklung, die, durch Festhalten am verdrängten 
Kindeswunsch bedroht, in die Neurose mündet.' 

Im Sinne dieser hier bloß angedeuteten Auffassung kann man 
den Kindes wünsch, der sich dann später als Fortpflanzungsidee 
breit im Bewußtsein etablieren darf, als ein Sublimierungsprodukt 
der ödipuslibido betrachten, und vielleicht behält die Libido von 
dieser ersten biologisch motivierten Verschiebung neben anderen, 
gleich zu erörternden Eigentümlichkeiten auch den Charakter der 
Unbefriedigbarkeit, der dem homo sapiens ein wesentliches Stück 
seiner Eigenart verleiht. Wie in allen infantilen Sexualtheorien, 
steckt natürlich auch in der erwähnten, wonach die Libido nur 
Mittel zum Kinderkriegen sei, ein Kern von Wahrheit, der aber 
von den Erwachsenen nur zu gerne als die ganze ausschließliche 
Wahrheit hingestellt wird, was sie weder biologisch, noch weniger 
aber psychologisch ist. 

Wenn wir uns nun erinnern, daß der erwachsene Perverse mit 

seiner Perversion zu einer Form der infantil- narzißtischen Libido- 

befriediguug zurückkehrt, wenn er nicht überhaupt daran fixiert 

geblieben ist, so müssen wir doch Vfohl fragen, was der Sinn 

dieser Regression sein mag. Bereits auf der Stufe der ungehemmten 

Triebbefriedigung, wo also das Kind nach dem Ausdruck von 

Freud sich sozusagen „polymorph-p ervers" benimmt, hat es, wie 

uns die Analysen überdeutlich zeigen, ein erwachsenes Sexualziel 

mehr oder weniger ausgebildet, das in dem Wunsch gipfelt, ein 

t) Andererseits liegt im Kindeswunsch selist auch ein wesentliches 
Stück der Ichentwicfclimg beschlossen, was besonders deutlich in der 
Psychologie einziger Kinder in negativer Form zu beobachten ist, während 
bei Geschwistern die von außen geforderten Einschränkungen und An- 
passungen dem Kinde sowohl die Ichbildimg erleichtern als auch die 
harmonischere Entwicklung der generativen Libido, die im Kindeswunach 
Ausdruck findet. 



fr 






Perversion und Neurose 97 

Kind zu bekommen und auf diesem Wege in das Geheimnis der 
Zeugung und Geburt einzudringen, das allein den tiefsten Sinn 
der berühmten Kinderfrage erschließt. Der Normale behält diesen 
infantilen Kindeswunsch ziemlich unverändert bei, nur schiebt er 
bis zur Zeit der Reife an die Stelle der libidinösen Ideale, die 
der Vater-, beziehungsweise Mutter-Identifizierung entsprechen, das 
betreffende Ichideal der „Männlichkeit" oder der „Weiblichkeit", 
das sich später leicht wieder mit dem inzwischen zurückgestellten 
Kindeswunsch vereinigen läßt. 

Den Perversen finden wir dagegen in einer Phase der Libido- 
entwicklung fixiert, die sich wieder die rein narzißtische Befrie- 
digung einzelner Partialtriebe hemmungslos gestattet, mit Aus- 
schaltung gerade des einen infantilen Libidozieles, welchem diese 
Triebkomponenten so frühzeitig dienstbar gemacht worden waren : 
nämlich des Kindeswunsches. — Der Perverse hat also die vor- 
zeitige Verlötung der auf autoerotischen Lustgewinn arbeitenden 
Partialtriebe mit dem. Fortpflanzungsgedanken wieder gelöst, 
während der Neurotiker ihn so stark an diese Partialtriebe selbst 
fixiert, daß für die spätere normale Einschaltung der Genitalfunktion 
in diesen Mechanismus kein Raum bleibt. Die Neurotiker beiderlei 
Geschlechtes — aiich wenn sie die Genital funktion scheinbar 
normal entwickelt haben — wünschen in ihren Symptomen immer 
noch das Kind auf dem extragenitalen Wege der Infantilität (Be- 
fruchtung durch den Mund, Geburt durch den Anus) zu gebären, 
während gleichzeitig ihr unbewußtes Schuldgefühl aus der Ver- 
drängung der OdipusUbido sowie ihr erwachsenes Ichideal diese 
verdrängten Phantasien verdammen. Die Perversen haben den 
infantilen Wunsch nach dem Kinde vollkommen ausgeschaltet ; 
was sie charakterisiert, ist die Vermeidung des Sexualaktes, ja oft 
genug ein Abscheu davor, der der neurotischen Sexualablehnung 
verwandt sein mag. Dagegen setzen sie aber die Befriedigung der 

Rank, Sciualität und Schuldgefühl j 



98 Dr. Otto Rank 



entsprechenden Partialtriebe hemmungslos im narzißtischen Sinne 
fort {Fellatio, Päderastie). Der Hemmungsmechanismus ist also 
beim Neuiotiker gegen die autoerotisch -narzißtische Befriedigung 
gerichtet, — daher vielleicht auch sein starkes Ühertragungs- 
bedürfnis, — beim Perversen gegen die generative Libido, auch in 
ihrer infantilen Form, wie sie im vorzeitigen Kindeswwnsch durch- 
gebrochen und dann radikal ausgeschaltet worden war. Als einzige 
Narbe dieser radikalen Verdrängung bleibt die feminine Libido- 
einstellung des Perversen bestehen, sozusagen als bloße Geste des 
Empfangenwollens mit Ausschaltung des seinerzeitigen Zieles. Die 
Feminität des Homosexuellen braucht nicht erst bewiesen zu 
werden, ob er nun wirklich in der femininen Einstellung zum 
Vater die passive Rolle der Mutter spielt oder sich in der schein- 
bar aktiven Liebe fvir den Jüngling mit der Mutter identifiziert, 
bei narzißtischem Festhalten einer eigenen Entwicklungsstufe. 
Ebenso genügt es, auf die analytisch aufgedeckte Wurzel des 
Masochismus in der passiv-femininen Schlagephantasie hinzuweisen ; 
bei den Mundperversionen ist die (weibliche) Befruchtungs Symbolik 
klar, beim Exhibitionismus der (feminine) Kastrationskomplex 
während Fetischismus und Kleptomanie sich mehr den neu- 
rotischen Abwehrmechanism.en der Kastration sangst annähern, also 
sozusagen im Vorstaditun der Perversionsbildung stecken geblieben 
sind : der Fetischist hält einen idealisierten Teil des Sexualobjektes, 
der ihm fehlt, an Stelle des ganzen fest, der Kleptomane be- 
mächtigt sich eines ihm vorenthaltenen Dinges, mit charakteristi- 
scher Verschiebung vom sexuellen auf das soziale Gebiet (Verbot, 
Strafe I). 

V 

Ehe wir schließlich auf den entscheidenden Faktor hinweisen, 
der die Entwicklung nach der einen oder anderen Richtung be- 
stimmt, müssen wir noch einen flüchtigen Blick auf eine Art 



] 



Perversion und Neurose 99 

der Libidobe friedigung werfen, die geeignet erscheint, in dorn 
Konflikt zwischen autoerotischer und generativer Libidobefriedigung 
einen Kompromiß anzubahnen, und der auch normalerweise die 
Aufgabe zufälh, die Phase der autoerotischen Parti alt rieh befriedigung 
in die unter dem Genital primat stehende generative Libido- 
befriedigung überzuleiten. Diese Zwischenstellung erklärt es, 
warum wir seit Freud die Masturbation als Repräsentanten 
der gesamten infantilen Libido auffassen dürfen. 

Schon die erste Phase der infantilen Frühmasturbation stellt 
sich uns als ein Zurückgreifen auf ursprünglich autoerotische 
Lustquollen infolge der natürlichen Versagung in der vorzeitigen 
Objektübido (Ödipusphantasie) dar, die als Wunschphantasie den 
ursprünglich autoerotischen Akt begleitet, ihn aber bereits zu 
einer narzißtischen Befriedigung macht, da das Kind dabei gleich- 
zeitig beide Objekte libidinös darstellt. Die Frühmasturbation ist 
so die sekundäre Wiederbesetzung der ursprünglich rein autoero- 
tischen Lustempfindungen, auf die den Eltern zuliebe, durch 
Übertragung libidinÖser Strebungen auf sie, teilweise verzichtet 
worden war. Die notwendige Versagung der vorzeitigen Objekt- 
libido in der Ödipussituation ist es, welche die Wie derb esetzimg 
veranlaßt, und je nach der Verdrängungsphase, in die das fällt, 
wird die Schuld an der Enttäuschung dem gleich- oder dent 
anders geschlechtlichen Elternteil zugeschrieben. Davon hängt 
wieder die Rolle ab, die das Ich in der Identifizierungssituation 
der Masturbation sphantasie spielt, und davon in weiterer Folge 
sowohl die charakteristische Form der Onanie als auch die 
besonders für die Symptombildung wichtigen Abwehrmechanismen 
dagegen. 

Man kann sagen, daß in den verschiedenen, schubweise auf- 
lebenden Masturbationsperioden, oft bis weit in die Pubertät hin- 
ein, der im frühesten Kind es alter entfachte Konflikt zwischen 

7* 



100 Dr. Otto Rank 



Autoerotismus und Objektlibido, zwischen Ich- und Sexuahrieben , 
zwischen Individuum und Gattung' immer neu und heftiger auf- 
flammt, um schließlich im Kom.promiQ des sogenannten normalen 
Sexuallebens eine Erledigung zu finden, während die vorzeitige 
Verdrängung der auto erotisch-körperlichen Komponente zur Neu- 
rose, ihre Überbetonung auf Kosten der generativen Objektlibido 
zur Perversion führen kann.° 

An der Onanie, die ihrer Natur und Tendenz nach eigentlich 
selbst zu den Perversionen zu zählen wäre, wenngleich sie das 
Objekt nur in der Phantasie ersetzt, läßt sich nun mit aller 
Sicherheit der Faktor erkennen, der ihr endgültiges Schicksal und 
damit das der gesamten infantilen Libido bestimmt. Es ist das 
Schuldgefühl, das, dunkler Herkunft, aus den letzten eng 
verschlungenen Wurzeln der Ich- und Sexualtriebe stammend, die 
Aufgabe zu haben scheint, die organischen und kulturellen Ver- 
dräugungsleistungen nach beiden Seiten hin zu sichern, indem es 
ein Übermaß narzißtischer Libid ob e friedigung durch Hinweis auf 
die Ansprüche der Gattung herabdrückt, andererseits überstarke 
Gattungsansprüche nicht zuläßt, wenn sie individuelle Lustquellen 
hemmen. Normalerweise wird dieses Schuldgefühl, das man je 
nachdem in ein biologisches und soziales scheiden könnte, zu den 
ethischen, gesellschaftlichen und vermuthch auch ästhetischen 
Hemmungen, beziehungsweise Wertungen verarbeitet, die über- 

i) Die trotiige Verleugnung der Gattungslibido, die uniweifelhaft in 
der Masturbation steckt, hat in der scheinbar irreführenden Bezeichniuig 
dieser Libiiiobefriedigung als „Onanie" unbewußten Ausdruck gefunden, 
da ja der biblische Onau gerade als ein Vernachlässig er der menschlichen 
Generations Verpflichtung dargestellt ist. 

2) In der Masturbation selbst liegt neben dar Regression auf den infan- 
tilen Autoerotismus ein bedeulsamer psjcho-biologischer Fortschritt in der 
Richtung der Gestaltung oder Bejahung der Sinnlichkeit, den wir im Hin- 
blick auf dio iMeigung der Neurotiker, gerade die sinnlioh-körperticlie 
Komponente zu verdrängen, als psychisch „gesund" bezeichnen dürfen. 



Perversion und Neurose 101 

haupt erst ein Zusammenleben so zahlreicher Iche und in weiterer 
Folge die Sublimierung ermöglichen. In den Neurosen aber haben 
wir die mißglückten Exemplare vor Augen, die vielleicht durch 
ein Zuviel an Trieblust, jedenfalls aber durch ein Vielzuviel an 
ungebundenem Schuldgefühl charakterisier! sind. Man kann ruhig 
sagen, daß Art und Grad des Schuldgefühles auch Art und Grad 
der psychischen Gesundheit oder Krankheit bestimmen und im Falle 
der letzteren auch Art und Grad der Beeinflussungs-, beziehungs- 
weise Heilungsmöglichkeit. Für die Neurosen hat ja jeder von 
Ihnen, wie ich nicht zweifeln kann, selbst Beispiele in Erinnerung, 
da jeder einzelne richtig analysierte Fall zu diesem Kernpunkt 
zurückführen muß, von dem die Symptombildung ihren Ausgang 
genommen hat. Denn zu den vielen Formeln für die Psycho- 
analyse, die ihre verschiedenartigen Aspekte gestatten, läßt sich 
vom therapeutischen Standpunkt als die vielleicht bedeutsamste 
hinzufügen : Befreiung vom Schuldgefühl, oder hesser gesagt, vom 
Zuviel des Schuldgefühles, unter dessen Normaldruck v?ir ja alle 
in unserem Kulturmilieu leben. 

VI 

Zur Erreichung dieses therapeutischen Zieles muß man aller- 
dings zumeist bis in die Analyse der Ichbildung vordringen, 
aus der letzten Endes das Schuldgefühl zu stammen scheint, das 
sich vorwiegend gegen die libidinösen Ansprüche richtet, indem 
es aus der Verdrängung der als „pervers" bezeichneten, sozial 
im verwendbaren Trieb komponenten, gewissermaßen als Sicherung 
des Ichs gegen deren Wiederkehr, hervorgeht. Beim Neurotiker 
ist dieser Schutz nur so stark ausgefallen, daß er sogar jede 
Weiterentwicklung der Libido hemmt, sozusagen mit Selbst- 
bestrafung belegt (Symptombildung). 

Bei den Perversen sehen wir dagegen das umgekehrte Er- 



102 Dr. Otto Rank 



gebnis in Erscheinung treten. Befriedigung von Parti altrieben auf 
Kosten des Generationstriebes, ohne Hemmung von Seite des 
Schuldgefühls. Die Perversionen vermögen so die analytische Er- 
fahrung zu bekräftigen, daß das beste Mittel zur Auflösung des 
neurotischen Schuldgefühls zunächst die narzißtische Libido- 
besetzung ist, die auch tatsächlich mit der analytischen Bindung 
des zur Symptombildung verwendeten Schuldgefühls Hand in Hand 
geht. Die Perversionen, welche nicht nur die erwachsene Genera- 
tionslibido ausschließen, sondern, wie wir eben zu zeigen ver- 
suchen, auch ihr infantiles Vorstadium direkt verleugnen wollen, 
entsprechen also einem, umgekehrten Ausgang des geschilderten 
Konfliktes wie die Neurosen : diese zeigen das übermächtige Schuld- 
gefühl und die unvollkommene Verdrängung der Parti altriebe, 
die im Symptom Befriedigung, beziehungsweise Bestrafung finden; 
jene zeigen die ungehemmte Befriedigung der Parti altriebe, ohne 
Störung durch Schuldgefühl, ja beruhen, wie sich zeigen läßt, 
geradezu auf der Verleugnung desselben, was offenbar die 
Bedingung für das Festhalten an der narzißtischen Libido- 
befriedigung ist. 

Ehe V7ir zu zeigen versuchen, wie diese Berücksichtigung des 
Ichanleils an dem Zustandekommen der Perversionen den Mecha- 
nismus der Perversionsbildung auch im einzelnen verständlich 
macht, scheint es nötig, einen scheinbaren Einwand und eine 
wirkliche Schwierigkeit hervorzuheben, beziehungsweise zu besei- 
tigen. Wenn wir finden, daß die Ausübimg der Perversion der 
Verleugnung des in der Neurose dominierenden Schuldgefühles 
ihre MogUchkeit verdanke, so scheint eine der verbreitetsten Per- 
versionen, der Masochismus, dieser Formulierung direkt zu wider- 
sprechen, da ja der Masochisnius gar nichts anderes als das 
Schuldgefüllt repräsentiert, das Bindung und Abfuhr (Befriedigung) 
auf libidinösem Wege sucht. Nun erscheint uns dies aber gei'flde 



Perversion und Neurose 103 

als Bekräftigung unserer Auffassung, jedenfalis aber als ein offen- 
kundiger Beweis für den engen Zusammenhang von „Perversion 
und Schuldgefühl. Die scheinbare Schwierigkeit verschwindet, 
wenn vrir unserer Untersuchung selbst, wie eingangs angedeutet, 
die Kompetenz einräumen wollen, erst die Kriterien für das fest- 
zustellen, was wir Perversion in unserem. Sinne nennen wollen. 
Dann würden wir im Masochismus mit Becht eine infolge Durch- 
bruches des neurotischen Schuldgefühls mißglückte „Perversions- 
bildung" erkennen, deren geglücktes Pendant uns als Sadismus 
wohlbekannt ist. Tatsächlich scheint es, als ob auch praktisch 
Masochismus ohne Neurose nicht vorkäme, während dies beim 
Sadismus häufig der Fall ist, wie ja dessen extreme Äußerungen 
direkt zu verbrecherischen Handlungen führen können. 

Wir haben also in den Perversionen den Versuch 
einer Verleugnung des Schuldgefühls zu erblicken 
und können bei entsprechend tiefgehender Analyse auch in den 
gelungenen Fällen von wirklicher P ervers ionsbildung das dazu- 
gehörige Schuldgefühl auffinden;die therapeutische Wirkung besteht 
dann darin, daß wir dieses abgetrennte Schuldgefühl wieder mit 
den zugehörigen Libido- und Ichtendenzen, denen es entstammt, 
verschmelzen und den Perversen sozusagen durch dieses neurotisch- 
frühinfantile Stadium hindurch zu einer besseren ökonomischen 
Libidovert eilung führen, indem wir das Schuldgefühl an eine 
andere Stelle verschieben: statt daß es durch die Ausübung der 
Perversion verleugnet wird, soll es sich ihr entgegenstellen und 
sie verhindern. 

Hätten wir soweit den scheinbaren Widerspruch des Maao- 
chismus mit unserem Perversionsmechanismus beseitigt, so erübrigt 
noch ein Wort über den Sadismus, den wir als gelungenes 
Gegenstück hingestellt haben, ja, der in bezug auf den typischen 
Mangel an Schuldgefühl als die Perversion katexochen anzusehen 



104 Dr. Otio Rank 



wäre. Es ist klar, daß der Sadismus mit diesem Hinweis auf 
seinen manifesten Gegensatz, den Masochismus, nicht erledigt ist, 
vielmehr eine Würdigung und Untersuchung für sich allein bean- 
sprucht. Es wäre aber voreilig, daraus auf einen Mangel der vor- 
getragenen Theorie schlieiSen zu wollen; eher daratif, daß der 
Sadismus, wie Freud längst angedeutet hat, eine von den Lihido- 
äußerungen zu sein scheint, deren Verständnis von einer ganz 
anderen Ebene unseres seelischen Geschehens aus zu suchen ist, 
als das der anderen sogenannten Perversionen. Wenn wir uns der 
Freud sehen Vermutung erinnern, daß es sich dabei um den 
nach außen gewendeten Destruktionstrieb handeln konnte,' so wäre 
damit vor allem die starke IchbeteiÜgung am Sadismus betont, 
während der mit ihm gewohnheitsmäßig gepaarte Masochismus 
mit seinem überwiegend neurotischen Libidoanteil und Schuld- 
gefühl gerade am anderen Ende der Perversionsreihe stünde. Es 
scheint darum auch kaum zufällig, wenn die Analyse schon sehr 
frühzeitig im Masochismus zunächst einen wieder nach innen, 
gegen die eigene Person gewendeten Sadismus erkannte, der die 
ursprüngliche Destruktionstendenz wieder ins Ich zu rückzu verlegen 
sucht, wohei allerdings das bei diesen Umformungsprozessen 
gebundene soziale Schuldgefühl aus seiner neurotischen Stauung 
eine Abfuhr am Objekt benötigt, die wir eben als „Perversioii" 
kennzeichnen. Der gleiche Zirkel von Projektion und Jntrojektion 
scheint übrigens auch im einzelnen perversen Akt fortzuwirken, 
da die Analysen uns z. B. zeigen, wie der Geschlagene („Maso- 
chist") das dem Schlagenden („Sadisten") fehlende Schuldgefühl 
gewissermaßen immer wieder auf sich nimmt, um es immer 
wieder durch die Fortsetzung der Strafe aufs neue binden (i. e, 
befriedigen) zu lassen, während der „Sadist" mitunter nach dem 
Akt Schuldgefühl verrät. 



i) „Jenseits des Lustpriniips." 



Perversion und Neurose 105 

Wenn wir nach diesem vorbereitenden Exkurs die Haupt- 
perversionen auf ihr Verhältnis zum Schuldgefühl und den Mecha- 
nismuE seiner Abwehr prüfen, so ergeben sich folgende Gesichts- 
punkte: 

Der Homosexuelle scheint einer inneren Anklage seines Schuld- 
gefühles gegenüber zu versichern: ich will ja gar nicht die Ödipus- 
libido und das Kind vom Vater! Im Gegenteil: gleichgeschlecht- 
liche (narzißtische) Libido und kein Kindl Der Masochist schreit 
gleichsam dieselbe Verleugnung hinaus, nur mit der modifizierten 
Entschuldigung, er wolle Strafe für den verbotenen Ödipus- und 
Kindeswunsch ! Der Exhibitionist entblößt in narzißtischer Weise 
sein Genitale, dessen supponierte Gleichheit die Möglichkeit des 
(inzestuösen) Sexualaktes und des Kindes gleichfalls verleugnen 
BollI Zugleich setzen sie aber alle dabei die infantile Zeugungs- 
und Geburtstheorie, an der der Neurotiker im Unbewußten fest- 
hält, in die Realität um, mit der entscheidenden Modifikation, daß 
sie das Kind nicht bekommen, sondern selbst sein 
wollen, oder besser gesagt sind: der Homosexuelle, indem er den 
Geschlechtsunterschied vernachlässigt, der Masochist, indem er sich 
in kindlicher Weise schlagen läßt, der Exhibitionist, indem er sich 
mit infantiler Schamlosigkeit lustvoll entblößt, was gleichfalls die 
unbewußte Negierung des Geschlechts Unterschiedes zur Voraus- 
setzung hat. 

Nur protestiert der Homosexuelle gegen das Objekt — 
indem er es ins Gegenteil verkehrt, — der Exhibitionist 
gegen das Organ — indem es es nivelliert, der Masochist 
gegen den Akt — indem er ihn zur Strafe degradiert, — der 
Sadist gegen die Libido selbst — indem er sie als Haß und 
Grausamkeit äußert. Dementsprechend enthält der Masochismus 
am meisten ungebundenes Schuldgefühl, weil er — wie Freuds 
Analyse gezeigt hat — auch am meisten infantil-unbewußte 



lOÖ Dr. Otto Rank 



WunBcherfüUungen. zuläßt ; der Sadismus fast gar kein Schuld- 
gefühl, weil er es in der Grausamkeit positiv auslebt. 

Alle aber scheinen sich dabei am anderen Geschlecht 
rächen zu wollen, indem sie ilim die eigentliche Genitallibido 
entziehen, während aber gerade die in t ens i v e Verl eu gn u ng 
des Objekt- und Kind es Wunsches, die wir im Pervers ionsm.echa- 
nismus zu erkennen glauben, darauf hinweiet, daß ihre Rache- 
tendenz einer aus Enttäuschung ins Gegenteil gewendeten Ödipus- 
phantasie entsprungen ist, der ursprünglich auch der intensivste 
Kindeswunsch zugrunde gelegen ist. 

Die Auffassung, daß der Perverse in narzißtischer Beharrung 
oder Regression das Kind selbst spielen will, mag durch die Er- 
fahrung aus der Neurosenpsychologie gestützt werden, wo eine 
Phase des H eil ungs Vorganges regelmäßig zeigt, wie der Patient 
das infantile Kind nicht mehr bekommen, sondern selbst sein will. 
Er zeigt damit, daß er auf dem Wege ist, ein Stück seines im 
Schuldbe\yußtsein untergegangenen normalen Narzißmus wieder- 
zufinden, mit anderen Worten, daß er sich gewisse verdrängte 
narzißtische Libidobefriedigungen wieder gestattet, deren konstantes 
Ausleben der Perverse zum dauernden und einzigen Sexualziel 
erhoben hat. 

Wollte man die besprochenen Gesichtspunkte einer allgemeinen 
Theorie der Perversionen zugrunde legen, so dürfte man nicht 
versäumen, auf die vielleicht größte Gruppe der Perversionen über- 
haupt hinzuweisen, deren Schilderung auch in der Literatur einen 
breiten Raum einnimmt: nämlich der sogenannten kopiophilen, 
die — häufig mit Voyeurtum (sexuelle Neugierde) verbunden — 
auch im analytischen Sinne als die Perversion katexochen gelten 
dürfen, da sie einen Hauptbeweis dafür bilden, daß es tatsächlich 
das Verdränguiigsschicksal des analen Kindes ist, 
das die Form der Perversion bestimmt, während ihr M e c h a- 



Perversion und Neurose 107 

n i s m u 5 aus dem im analen Kind sozusagen beleidigten bio- 
logischen Schuldgefühl verständlich wird. Die große Gruppe 
der koprophilen Perversionen zeigt das Moment des Analen, in 
dem die ganze Bisexualität psychobiologisch beschlossen liegt, in 
primitivster Form, erhalten (siehe die Gleichung: Stuhl — Penis — 
Kind), während Homosexualität, Masochismus und Exhibitionismus 
die Analerotik auf die genitale Stufe zu heben bemüht sind, also 
schon Konfliktsprodukte, d. h. Kompromisse darstellen:' die Homo- 
sexualität, welche direkt eine Kompromißbefriedigung von analer 
und genitaler Zone zu realisieren sucht, der Masochismus, der den 
Genitalakt durch das anale Schlagen ersetzen will, und der Exhi- 
bitionismus, der auf der Grundlage des Kastrationskomplexes anale 
und genitale Erotik (Zeigen) verschmilzt. 

Während also der Neurotiker mit seinem Übermaß an Objekt- 
libido und der Fixierung an den Kindeswunsch der Gattung zu 
viel Konzessionen auf Kosten seiner narzißtischen Ichbefriedigung 
macht, versucht der Perverse in kindlichem Trotz jede Gattungs- 
gemeinschaft zu verleugnen. Wenn die Gesellschaft die Perver- 
sionen ächtet und teilweise sogar noch unter Strafe stellt, so zeigt 
sie damit zwar eine richtige Einschätzung der sozialen Opposition, 
die in ihnen steckt, die aber durch Strafandrohungen nur noch 
heftiger werden muß. Die Art aber, wie die Perversen selbst dar- 
auf reagieren, zeigt deutlich, daß ihnen das durch eine kühne 
Regression verleugnete Schuldgefühl in Form der sozialen Ächtung 
aus der Realität wieder entgegentritt, 



i) Perencii hat geleg-entlich schon darauf hingewiesen, daß die 
Perversionen bereits genitalisierte (infantile) Erotismen sind und als 
solche nicht so sehr Gegenstücke lu den neurotischen Symptomen als 
selbst Symptome. („Zur Nosologie der männlichen Homosexualität." Internat. 
Zeitachr. f. Psa., II, 19I4-) 



Die psydiisdie Potenz 

Die psychoanalytische Behandlung jeder Neurose bringt ein 
Stück Befreiung verdrängter, bzw. infantil fixierter Libido mit 
sich, die teilweise dazu dient, das verkümmerte Sexualleben des 
Patienten auf die Stufe des realen erwachsenen Genitalprimats zu 
heben; andernteils soll die befreite Libido auf dem Wege der 
Sublimierung in unschädlicher, womöglich socialer Weise ver- 
arbeitet und so neuerdings besser gebunden werden. 

Der erste Vorgang wird sich gewiß bei der „psychischen" 
oder wie man besser sagen sollte neurotischen Impotenz 
am deutlichsten, so^.usagen handgreiflich verfolgen lassen, da ja 
hier mit der ersten Aufgabe, der Libidobefreiung, zugleich das 
therapeutische Ziel der Analyse erreicht ist. Aber es bedarf gerade 
nicht dieser gewissermaßen aktuellen Psych oneurose, deren 
Symptombildung sich auf das eigentliche Exekutiv- und Befrie- 
digungsorgan der Lihido, das Genitale, beschränkt, um den 
Prozeß der Libidobefreiung und -Verarbeitung, der ein Hauptstück 
jeder Analyse ausmacht, zu studieren. In jeder Psychoneurose 
handelt es sich ja in gewissem Sinne um eine „psychische" 
Impotenz, d, h. um ein Verweilen der Libido auf infantiler Ent- 
wicklungsstufe, ob sich dies nun im Regredieren zu einem Kon- 
versionssymptom, im Überbau von zwanghafien Hemmungen 



Die psydiisdie Potenz 109 



oder in det Verschiebimg auf perverse Handlungen und Phanta- 
sien — einschließlich der Masturbation — äußern mag. 

Wenn ich also von einer psychischen Potenz spreche, so meine 
ich damit weniger den Gegensatz zur sogenannten psychischen 
Impotenz, was ja die Potenz schlechthin bedeutete, sondern 
möchte versuchen, damit einen abgrenzharen Tatbestand der 
Libidoent Wicklung zu umschreiben, der uns nicht nur im Heilungs- 
vorgang der Psyclioanalyse entgegentritt, sondern auch im nor- 
malen Liebesleben eine entscheidende Rolle spielt. Unter diesem 
Gesichtspunkt betrachtet, scheint mir der Begriff der „psychischen 
Potenz" für das Verständnis gewisser Züge des normalen Liebes- 
lehens ebenso brauchbar wie zur teilweisen Erhellung der dyna- 
mischen Vorgänge während einer Psychoanalyse. 

Ich möchte diese Auffassung an einigen Beispielen verdeut- 
lichen, wobei ich mich zunächst auf Material von Männern 
beschränke und die entsprechenden Libido Vorgänge beim Weibe 
weiteren Untersuchungen vorbehalte (z. T. im nächsten Abschnitt 
über die Objektwahl). 

I 

Aus der Analyse einer in dreieinhalb Monaten geheilten 
Impotenz eines Mannes, bei dem. die organische Therapie ver- 
sagt hatte. Als junger Mann hatte er, gegen den Willen der 
Eltern, ein Mädchen von gutem Hause aus Liebe geheiratet; 
dieser Ehe entstammte ein Kind. Bei dem unter tragischen 
Umständen erfolgten Tod eines seiner besten Freunde erfährt er, 
daß seine Frau ein Liebesverhältnis mit diesem unterhalten hatte, 
und läßt sich sofort scheiden. Es zeigt sich, daß er an dem 
unglücklichen Ausgang dieser Ehe nicht so unschuldig war, wie 
er selbst glauben mochte. Er hatte selbst, wie dies so häufig vor- 
kommt, den Freund in sein Eheleben hineingezogen und das 



110 Dr. Otto Rank 



Verhältnis titibewußt begünstigt, um so ein Stück seiner in der 
Ehe tuibefriedigt gebliebenen Libido „homosexuell" zu befriedigen. 
In einer tieferen Schichte der Identifizierung mit dem Freund 
und Verführer befriedigte er aber eigentlich die seiner neurotischen 
Einstellung zugrunde liegende ödipusphantasie, indem er im 
Freund die infantile Wunschsituation des Eindringens in eine Ehe 
miterlebt, wobei der Umstand, daß dies seine eigene Ehe war, 
ihm endlich noch ermöglicht, in seiner Person auch die Vater- 
rolle des „geschädigten Dritten" (Freud) zu verkörpern. Patient 
repräsentiert so einen der typischen Fälle, wo sich die neurotische 
Konstellation (zwangsneurotischer T3^us) unter Vermeidung von 
Symptomen in einem ■ unglücklichen Eheleben (Objektwahl) 
durchsetzt. Er weiß das infantile Betrogensein vom Weibe (Mutter- 
enttäuschung) in der Ehe zu wiederholen, findet aber zunächst 
noch den normalen Ausweg, seine (feminine) Libido vom Manne 
abzuziehen und in Nachahmung der untreuen Frau (Mutter) nun 
seinerseits sein Liebesleben nach dem Don Juan-Typus einzu- 
stellen. In den Jahren nach Lösung seiner Ehe war sein Liebes- 
leben der Herabsetzung und Entwertung des Weibes gewidmet; 
er ließ die Frauen nur als Sexualobjekte gelten, mit der Ratio- 
nalisierung, daß sie doch ohnehin alle untreu seien. So wurde 
er zum sexuellen Zjmifcer. Dann lernt er ein Mädchen aus gut 
bürgerlicher Familie kennen, die sich in ihn verliebt und die er 
auf Anraten seines intimen Jugendfreundes, mit dem er seit 
frühester Kindheit untrennbar zusammenlebt, wie er sagt „aus 
Sympathie' heiratet.' Aber nicht, ohne sie vorher zu warnen, 
daß er „gefährlich" sei; sie werde es vielleicht bereuen. 

Schon daraus ist ersichtlich, daß seine zweite Heirat der 

i) Eigentlich heiratet er sie, wie sich heraus stelh, auch als Ersatz für 
den Freund, der ihn bis dahin „mütterlich" betreut hatte, ihn aber nun 
verlassen will. 



Die psydiisdie Potenz 111 



neurotischen Rache am Weibe dienen soll, die er an der 
ersten Frau nicht befriedigt hatte, und tatsächlich ist seine zweite 
Ehe von Anfang an eigentlich unglücklich, besonders für die 
Frau, die er auf jede Weise vernachlässigt, quält und entwertet. 
Er übt Coitus inteixuptus und versagt der Frau das gewünschte 
Kind. Während auf diese Weise seine Rachetendenzen zum Teil 
befriedigt werden, leidet die Frau offensichtlich darunter und 
macht auch bald kein Hehl daraas. Dadurch wird sein Schuld- 
gefühl geweckt und verstärkt, das er nun immer deutlicher auf 
die Frau zu projizieren versucht. Um sie so schuldig zu machen, 
wie es die erste und deren Urbild, die Mutter, war, ist er 
genötigt, unbewußterweise seine infantile Einstellung („Komplexe") 
zu mobilisieren, wobei die Kastration sangst tendenziös in den 
Vordergrund gerückt wird, die durch ein Kindheitserlebnis fixiert 
scheint," 

i) Diese Fixierung wird duicii ein Kastrationstrauma erleichterL 
Paitient war, obwohl jüdischer Abstammung, nicht beschnitlen worden, weil 
sein älterer Bruder bei der Zirkumiision m viel Blut verloren hatte. Als 
die Erinnerung daran in der Analyse auftaucht, will Patient seinen ganzen 
KastralionskompleK auf die ständige infantile Angst zurückführen, daQ er 
doch noch später so wie der Bruder besclinitten werden könnte. Es ergibt 
sich aber, daß der Zusammenhang nicht so einfach gewesen sein kann. 
Sein späteres Verhältnis lum Bruder sowie andere infantile Erinnerungeji 
weisen deutlich daraufhin, daß er die Beschneidung (des Vaters und 
Bruders) als Voriug der Älteren, Erwachsenen betrachtete, von dem er 
ausgeschlossen war, und daß er infolgedessen die Beschneidung gewünscht 
haben mußte. 

Aus seinem dritten Lebensjahre pflegte seine Mutter eine Siene zu 
enählen, wo der kleine Xnabe ausgelassen im Bett beruTngespmngen war 
und gelacht hatte. Auf die Frage des Vaters, warum er so lustig sei, habe 
er geantwortet: „Ich freue mich, weil ich ein lud bin?" Er erklärt das: 
„Ich hatte gehört, der Vater sei ein Jude und dachte, das muß was Beson- 
deres sein!" 

Bei Gelegenheit dieser Erzählungen aus seiner Kindheit fallt ihm 
plbtilich ungeheuer plastisch eine Szene aus etwa dem sechsten Lebens- 
jahr ein, wo ihm das Glied des Vaters beim Bade (im Wasser !} lu klein 
erschienen war. 



112 Dr. Otto Rank 



Das Weib ist böse, will ihn psychisch (Junggesellenwunsch) 
und physisch binden, das heißt, versucht seinen Penis festzuhalten, 
für sich zu behalten, ihn zu kastrieren (Vagina dentata). Daher 
seine Angst vor dem vollen Sexualakt, die Übung des Coitus 
interruptus, das rasche Zurückziehen und seine komplexbetonte 
Ablehnung des Kindes, das im Unbewußten mit dem in der Frau 
zurückgehaltenen Penis identifiziert wird. Diese Angst vor dem 
Weibe' kompensiert er nun durch seine feminine Einstellung zum 
Manne (Mutteridentifizierung), andererseits befriedigt er in der 
sexuellen Enttäuschung der Frau seine Rachegelüste, straft sich 
aber endlich in dem unvermeidlichen Ausgang dieses immer mehr 
gesteigerten Konfliktes, in der Impotenz, mit dem. Verlust der 
eigenen sexuellen Genußfähigkeit (dem Penis). 

Aus dem ganzen Ensemble dieses komplizierten unbewußten 
Konfliktes möchte ich zur weiteren Orientierung einen Zug heraus- 
heben, den man vielleicht am besten als die männliche Parallele 
zu dem von Freud beschriebenen „Tabu der Virginität ^ be- 
zeichnen könnte. Die Frau, die den Penis in sich aufnimmt, ihn 
also scheinbar desselben berauben vrill, muß bestraft werden. 
Dabei 7,eigt Patient die von Freud erwähnte „Erstlingsangst" 
deutlich in der Form ausgeprägt, daß er, der eigentlich dem 
Typus des Don Juan entsprach, schon lange vor seiner eigent- 
lichen Impotenz, meist den ersten Koitus mit einem neuen 
Liebesobjekt nicht ausführen konnte. Er kannte, wie er sich in 
der Analyse ausdrückte, die neue Vagina ■ — und wie zu ergänzen. 

Die Tatsache, daß er unte schnitten war, hinderte somit seine Identifi- 
lierimg mit dem Vater und verstärkte soiusagen psychisch seine feminine 
Eiiistcllujig, da dies körperlich unterblieben war. Andererseits fürchtet er 
durch den Koitus (Vateridentifizierung) auch in pimcto Kastration dem Vater 
gleich 111 werden (Strafe). 

i) Siehe jetit dazu des Verfassers; Das Trauma der Geburl {Inter- 
nationale Psa. Bihliotheli, Nr. XIV), 1924. 

s) Ges. Sehr, V, S. 212. 



Die psydiisdie Potenz 113 



ihre Gefahren — noch nicht. Aus dieser Angst erklärt sich 
auch die Ausübung perverser Akte, besonders des Cunnilingus, 
wobei er sich als den Beißenden (nicht Gebissenen) fühlen 
konnte, was letzten Endes auf die orale Befriedigung an der Mutter 
zurückgeht. 

Der Ausbruch seiner eigentlichen Impotenz erfolgte nach etwa 
zweijähriger Dauer der zweiten Ehe, in Nachwirkung von 
Konflikten niit der Frau, die ihm schließlich offen erklärte, sie 
fühle, daß er sie nicht möge und deshalb schlecht behandle. Er 
mußte das zugeben, aber dieses Stückchen analytische Aufklärung 
brachte sein Gebäude von Rationalisierungen ins Wanken und 
von da an entwickelte sich, wie er selbst sagte, allmählich die 
Impotenz; wie die Analyse bald zeigen konnte, als letztes, wirk- 
samstes Mittel der Rache, das einerseits die Frau vollständig 
entwertet (selbst als Sexualobjekt), andererseits seinem mächtigen 
Schuldgefühl in der Selbstbestrafung Ausdruck gibt. Jetzt ist er 
selbst kastriert, Weib, und straft in sich selbst zugleich die 
schuldige (erste) Frau (Mutter). Mit der Impotenz gibt er natürlich 
unbewußt zu, daß er schuldig ist an der schlechten Ehe, und 
beginnt infolgedessen in typischer Weise der Frau gegenüber 
rücksichtsvoll und zärtlich zu werden. Er quält sie jetzt nur noch 
(unbewußt) durch die Impotenz, durch die sie sich aber nicht 
gequält fühlt, offenbar, weil sie sie mit richtigem Instinkt als 
das auffaßt, was sie ist: als ein — wenn auch mißglückter — 
Versuch der inneren Lösung des Angst-Schuldproblems. Die 
Analyse setzte dann diesen neurotischen Heilungs versuch konsequent 
und mit besserem Erfolg fort. 

Aus der Endphase der Analyse ist der nachstehende Heilungs- 
Vorgang zu rekonstruieren. Wälirend Patient im Anfang der 
Analyse die typischen Versagungsträume auf Grund der störenden 
Männer (Vater-Angst) hatte („Störungsträume"), ist er jetzt im 

Kank, Sexualität und Schuldgefiiiil 3 



114 Dr. Otto Rank 



Traum mit der Darstellung und Abwehr seiner feminin -passiven 
Einstellung zum Analytiker (Vater) beschäftigt. 

Nachdem er mich eines Abends angerufen hatte, ob er nicht 
sein Notizbuch bei mir vergessen habe (Selbstkastration, Geheimnis, 
Libido, Geschenk, Kind), erzählt er am Morgen in der Stunde 
von einer schlechten Nacht, in der er wieder einen seiner Magen- 
Darmanfälle hatte, aber so intensiv wie noch nie. Die 
genaue Schilderung dieses Anfalles erkennt er selbst schon während 
seiner Erzählung als unzweideutige (anale) Entbindungsphantasie, 
mit der er die fem in in -passive Rolle im libidinösen Sinne zu 
akzeptieren sucht (Kindschenken). Nach dem Anfall, in dem er 
fortwährend auf den „erlösenden Flatus" gewartet hatte, schläft 
er ein und träumt, daß er mit jemand kämpf t ! sie halten einander 
mit der rechten Hand fest und suchen sich mit Dschiu-Dschidsu- 
Griffen unterzukriegen. Schließlich siegt er, zum erstenmal, seit er 
sich erinnern kann (wie er hinzufügt), mährend er früher immer 
unterlegen war ( „Lähmung im Traume" gehabt hatte). Unmittelbar 
nach dem Traume erwacht er mit einer mächtigen Erektion, „so 
stark wie noch nie und so plötzlich wie selten, die auch 
beim Gedanken an den Sexualakt mit seiner Frau blieb. Dieser 
Traum zeigt also den Weg zur Potenz, und zwar deutlich 
durch Einarbeitung verdrängt gewesener femininer (Übertragungs-) 
Libido in die aggressive Abfuhrsphäre. In der Entbindungsphantasie 
ist er das Weib (Mutter), das dem Vater ein Kind schenkt, 
bzw. sich selbst (wieder-) gebiert; im: Traum protestiert er gegen 
diese Einstellung und ist selbst der starke Mann (Vater), der 
Potente (der das Kind zeugt), ^ der siegt. 

Vorläufig allerdings nur im Traume. In Wirklichkeit versuch 

i) Das weitere analytische Verständnis des Traumes ergab sich erst 
aus einem zweiten ähnlichen Traum, dessen Deutung weitei: unten folgt 
(S. 116), 



Die psydiisdie Potenz II5 



er den Koitus gar nicht, wil! ihn nicht versuchen, bis er nicht 
S^^^ „gesund ist. Die Potenz, könnte man sagen, ist zu 
j,psychisch", ist noch zu unmittelbar in der Übertragungs- und 
Widerstandssituation verankert. Mit der fortschreitenden Lösung 
der Übertragung werden seine Erektionen (auch nachts) immer 
/ahlreicher und intensiver und hahen auch stets dem Gedanken 
an den ehelichen Sexualverkehr besser stand. Seine wirkliche Potenz 
erlangt er endlich unter den gleichen psychischen Bedingungen, 
die wir eben aJs den „Weg zur Potenz" beschrieben haben. Für 
einen bestimmten Abend, nach etwa dreimonatiger Analyse, nimmt 
er sich Koitus vor, ist aber natürlich impotent, da dies ja eine 
Probe für den Erfolg der Analyse darstellen sollte. Nachts hatte 
er wieder den „femininen" Anfall, einen „Wirbel von 60 Träumen", 
wie er sagt, und erwacht am Morgen mit einer Erektion. Ruft 
seine Frau, die er auf sich legen läßt, mit der Motivierung, „die 
Erektion durch den Transport nicht zu verlieren", und ist glück- 
lich, als es geht. Nachher sagt er: „NaI kann der Doktor etwas!" 
Hier zeigt sich vollkommen klar, was wir unter der „psychischen" 
Natur der Potenz verstehen. Denn körperlich war er abends bereits 
ebenso potent wie am Morgen,' er mußte sich aber sozusagen erat 
potentia aus dem femininen Libidoreservoir schöpfen und in der 
Identifizierung mit dem Analytiker vennännlichen. Die Erledigung 
der Übertragung und damit zugleich die Wandlung von der 
femininen in die maskuline Einstellung erfolgt also durch Iden- 
tifizierung mit dem Analytiker (als Vater), durch das 
psychische Vaterwerden, das ihn ein Kind zeugen anstatt gebären 
läßt, wobei er im Sinne der sublimierten Wiedergeburtsphantasie 



1) Den nahelieg-eiiden Gedanken an die morgendliche Wassersteife hat 
der Patient später als Widerstand gebracht, der dartun sollte, daß die 
Erektionen kein Erfolg der Analyse seien, da sie nicht kämen, wann er 
sie wollte. 



■8* 



Il6 Dr. Otto Rank 



selbst das (vom Analytiker) gezeugte (geistige) Kind ist. Den Koitus 
hat eigentlich der Analytiker vollzogen, was auch erklärt, daß 
Patient erst am Morgen, bevor er in die Analyse geht, und in der 
analytischen Stellung (feminine Rückenlage) potent ist. 

Nächsten Tag hatte er bereits in normaler Stellung, und zwar 
abends, verkehrt. In der Nacht darauf wieder „Anfall", aber 
bedeutend leichter. Wird dann allmählich, wie er sagt, „herrisch" 
(in der Sexualität) wie nie zuvor, rationalisiert seine Vorsichten 
nicht mehr damit, der Frau beim Sexualakt weh zu tun, sondern 
macht sich nichts daraus, was seine Rache befriedigt und auf die 
Freimachung „sadistischer" Regungen hinweist, die zur Erlangung 
einer Potenz immer notwendig sind, während ihr verdrängtes 
Gegenstück, das Schuldgefühl, die Rache am Weib nur in der 
neurotischen Form der Impotenz zum Vorschein bringt. 

Mit Erlangung seiner vollen Potenz beginnt er die Übertragung 
und im weiteren Verlauf die Analyse su entwerten und schließ- 
lich seine eigene Geschichte zu bagatellisieren, indem er sie ohne 
Scheu weiter erzählt. Etwa vierzehn Tage vor Abschluß der Ana- 
lyse hat er nach normalem Abendkoitus einen Traum, daß sein 
verstorbener Freund, der ihn betrogen hatte, im Duell oder durch 
einen Dritten oder im Felde verletzt worden sei. Nur der Schlußakt 
dieses Dramas sei ihm in Erinnerung: Ich komme in eine Hütte, 
er lag in den letzten Zügen, und ich stand kochaufgerichtet vor 
seinem Bett. „Der Kontrast zwischen ihm, dem Verwundeten und 
mir, dem. Gesunden, ist mir besonders aufgefallen. Dieser Traum 
stellt, wie der frühere (S. 114), wieder den Sieg über einen männ- 
lichen Partner dar und weist auf die Überwindung des trauma- 
tischen Anlasses hin, dessen mißglückte Verdrängung letztlich den 
Anstoß zur Impotenz gegeben hatte. Er befriedigt die Rache 
und den Triumph über den Gegner an entsprechenderer 
Stelle, nämlich am m.ännlichen Konkurrenten (Ödipus- 



Die psydiisdie Potenz 117 



Situation) anstatt an der Frau, indem or zugleich damit die Über- 
tragung erledigt (der Freund, der ihn wieder betrogen) und sich 
gesund erklärt. „Ich stand hoch aufgerichtet" heißt in lifaidinösem 
Sinne: Ich hin potent, bin sozusagen ganz Penis, ganz Libido, 
auf deren femininen Anteil der verwundete (kastrierte) Mann im 
Bett hinweist, mit dem sich Patient auch als Unterlegener in der 
Analyse im Sinne der infantilen WunscherfiiUung identifizieren 
kann. 

Die gleichen „Komplexe", die seine Impotenz verursacht hatten, 
werden jetzt also psychisch in den Dienst der Potenz gestellt. So 
macht der Patient erst eine Hyperpotenz durch, ehe er zur nor- 
malen Potenz gelangen kann.' Diese wohl noch „neurotisch" zu 
wertende Hyperpotenz (siehe Fall II) wird im analytischen Heilungs- 
mechanismus zunächst als Symptom sozusagen neu produziert. 

Der Heilungsmechanismus selbst beruht auf der Identifi- 
zierung mit dem Analytiker, die dem Patienten durch 
Befreiung vom (neurotischen) Schuldgefühl, das 
heißt durch Auflösung der auf die Mutter bezüglichen Angst, 
ermöglicht wird. Diese „Verwandlung" von Angst in Libido ■ — die 
auch die Symptome zum Verschwinden bringt — wird durch Abfuhr 
der fälschlich gegen das Weib gerichteten Rache am Manne (Über- 
tragung) herbeigeführt. Diese Affektbefciedigung am unrich- 
tigen Objekt (auf die sich Freud: Das Ich und das Es, Ges. Sehr. 
Bd. VI, S. sgo, beruft) ist für die Verdrängungs arbeit im Dienste der 
Ichtendenzen charakteristisch; sie ist aber ein Resultat der Ver- 
schiebung, darf als solches nur als Symptom genommen werden 
und nicht als Movons, wie dies Adler auf Grund seiner Leugnung 
der Libido als einer entscheidenden Triebkraft getan hat. Denn, 
vrie man sieht, handelt es sich im Heilungsmechanismus darum. 



i) Patient ist seit der Analyse in der Ehe potent geblieben und hat bereits 
Kinder von der zweiten Frau. 



118 Dr. Otto Rank 



die sekundäre Ichrache (am Weibe) auf die primäre Libidorache 
(am Manne) zurückzuführen, vor der Fat. früher offenbar Angst 
hatte. Die primäre Rache heißen wir eine Libidorache, weil sie 
aus dem Ödipuskomplex stammt, von dort her voll verständlich 
wird und beide Seiten desselben (auch die feminine Einstellung 
zum Vater, nicht nur die Abwehr dagegen) umfaßt. Es fällt hier 
von der Libidotheorie ein aufschlußreiches Licht auf den sogenannten 
„Kampf der Geschlechter", der sich als Erklärungsprinzip völlig unzu- 
reichend erweist, während er ein interessantes Symptom für tief- 
reichende, vielleicht sogar biologisch zu begründende Verdrängungs- 
vorgänge darstellt. Die primäre Rache am Mann, die der Neurotiker 
regelmäßig an sich selbst- statt am Vater vollzieht (Straftendenz der 
Symptome), wird ihm in der Übertragungs Situation eimüglicht, 
somit das Schuldgefühl .genommen, die davon belastete (verdrängte) 
Libido frei, die sich nunmehr in Identifizierung mit dem Vater 
als psychische Potenz, die an Stelle der Symptome getreten ist, 
manifestiert. Unter der aus der analytischen Übertragungslösung 
folgenden normalen Potenz verstehen wir dann die volle Libido- 
befreiungsmöglichkeit ohne Schuldgefühl und Angstentbindung auf 
Grund einer weder verdrängten noch zu weitgehenden Identifi- 
zierung mit dem Vater. 

u 

Eine solche Hyperpotenz ist aber auch als wirkliches, nicht 
bloß „passageres" Symptom möglich, wenn das Schuldgefühl des 
Patienten anderwärts neurotisch verankert ist, wie z. B. bei einem 
jungen Mann in den Zwanzigerjahren, der an schwerer Zwangs- 
neurose leidet und in Zusammenhang damit an einer neuro- 
tischen Potenzsteigerung, das heißt einer unbefriedigbaren Libido, 
die sich in ständigem Verkehr mit Prostituierten und außerdem 
in gehäufter Masturbation äußert. Das Zwangs mäßige seiner 



I 



Die psydiisdie Potenz 119 



Libjdoansprüche, unter denen er leidet, wird am besten durch 
einen Ausspruch in der Analyse charakterisiert: „Es sollte so sein: 
den ganzen Tag koitieren, bis zur Analyse, und dann nachher 
wieder den ganzen Tagl" Analytisch äußert sich in dem Aus- 
spruch seine ungeheure Übertrag ungslibido und die heterosexuelle 
Abwehr dagegen, dynamisch die „homosexuelle" Motivierung der 
Unbefriedigbarkeit, die in seinem Sexualleben darin zum Aus- 
druck kommt, daß er mehrmals in der Woche Prostituierte auf- 
suchen muß, den Sexualakt meist öfters wiederholt, und dann 
noch manchmal vor dem Einschlafen, oft am Morgen danach, 
masturbieren muß." 

Der Koitus am entwerteten heterosexuellen Objekt fordert bei 
ihm eine libidinöse Ergänzung in der Befriedigung am über- 
schätzten Objekt, dem narzißtisch betonten Ich, an dem er seine 
bisexuelle Ödipuse in Stellung gleichzeitig befriedigt.* 

In seiner Analyse handelt es sich, im Gegensatz zum vorigen 
Fall, darum, seine aus infantilen („perversen") Quellen übermäßig 
gespeiste und an das entwertete Mutterobjekt fixierte Libido auf 
das Normalmaß zu reduzieren und den Überschuß auf 
dem Wege der Sublimierung seinem gestörten Berufsleben zuzu- 
führen. Während Fall I den Weg zur Potenz aus der Erledigung 
der Rache am Mann (statt am Weib) findet, versucht dieser 
Patient das im aktuellen Sexualleben, indem er gegen seine unbe- 
wußte feminine Einstellung mit Hyperpotenz reagiert. Charakte- 

1) Die Masturbation als Symptom der „psychischen Poteni", das 
heißt einer unbe friedigbaren neurotischen Libido Steigerung, ist das typische 
Alifuhn eichen für die teilweise Befreiung der vorher gehemmten Libido 
in der Analyse. 

2) Er liebt es, bei der Masturbation, die Öfters auch auf dem Klosett 
stattfindet (feminin- anal), seine „weiche, polsterige Haut zu streicheln", 
was auf infantile Eindrücke an der Mutterbrust zurückgeht, die bei Patienten 
eine gani besondere Bedeutung hatte, da er übermäßig lange gestillt 
worden war. 



J20 Dr. Otto Rank 



ristisch für das neurotische Mißlingen dieser Absicht ist folgendes 
Eriebnis des Patienten : Einer Prostituierten, die den Wunsch, 
hatte, oben zu liegen, gibt er nach heftigem Strauben nach. 
Beim Beginn des Aites hatte er einen Moment lang den „unsin- 
nigen" Gedanken: Wie ist es möglich, daß ich sie per anum 
koitiere, da müßte sie ja unten liegen! Obwohl der Koitus dann 
doch befriedigend war, erwacht Patient nachts mit einer heftigen 
Erektion, die man als Auflehnung gegen die weibliche Rolle 
betrachten könnte. Dann mußte er masturbieren, und zwar voi 
einem weiblichen Bild, mit der Vorstellung, recht männlich zu 
sein. Hinter diesem manifesten „männlichen Protest im Sinne 
Adlers steckt aber, genau wie im, vorigen Fall, ein gutes Stück 
femininer Libidobefriedigung, da er ja in der Masturbation auch 
das Weib rep rasen sie:^ (das Anschauen des weiblichen Bildes 
unterstützt seine Identifiziernng mit dem Weih). Es zeigt sich 
übrigens auch hier, wie bei der Analyse der Homosexualität, daß 
auch im Masturbalionsakt nicht mir Mann und Weib, sondern 
unbewußterweise auch Mutter und Kind dargestellt wird. 

Beweisend für diese Natur seines Libidokonfliktes ist das 
folgende Traumstücfc: ... Ic/i bin mit meinem Freunde P. wie zu 
einem Bureau gegangen. Dort stand eine koke, große Frau (ein 
Weib) wie eine allegorische Figur, eine Gottin, die plötzlich einen 
Schnurrbart bekam und aussah wie ein General. Dann habe ich P. 
hoitiert — er katte eine Vagina — und zwar zwei- bis dreimal, 
hatte aber keine Pollution (ich weiß nicht. Ob deshalb, weil ich 
steril geworden bin),^ Aus der Deutung sei nur hervorgehoben, 
daß es sich um seinen bisexuellen Ödipuskomplex handelt (Göttin 

i) Dieser Gedanke hängt bewußt mit seinem sexuellen Leichtsion 
lusammen; da er sich so bedenkenlos den InfektionsmögHchkelten aus- 
setit, kann man an der lugrunde liegenden Selbstbestrafung'stendena kaum 
iweifeln ; unbewußt entspricht die Sterilitätsphantasie einer Ablehnung der 
Vateridenti{izierung' (aus Schuldgefühl). 



Die psydiisdie Potenz 121 



— mit Schnurrbart — und General). Patient ist zugleich in der 
Vateridentifizierung aktiv -männlich (koitiert), aber auch in der 
Identifizierung mit dem kastrierten Freund passiv- feminin, dem 
Vater gegenüber. P. ist eigentlich der Freund seines älteren 
Bruders, auf den Patient seine Vaterrivalität transponiert hat (was 
übrigens der Traum deutlich zeigt). Den Abend vor dem Traum 
hatte er mit F. verbracht und besuchte dann (wie er selbst 
bemerkt, als Reaktion auf die homosexuelle Libido) eine Prosti- 
tuierte, mit der er den Sexualakt zweimal ausführte; ein 
drittesmal weigerte sie sich. Bei der Traumerzählung bemerkt er; 
„Ich weiß nicht, ob ich noch ein drittesmal wollte/ Am Morgen 
nach dem Traume hat er jedenfalls masturbiert, weil er, wie er 
sagte, abends vorher nur zweimal koitieren konnte. Er mußte es 
tun, denn — wie er hinzufügt — „drei ist die Zahl meines 
älteren Bruders",' mit dem er sich also (an Vaters Stelle) identi- 
fiziert. Und zwar deswegen, weil der Bruder im Leben und in 
der Liebe erfolgreich ist, also für den Patienten die Überwindung 
seiner infantilen Fixierungen, das „Ideal" bedeutet. Die zwei- bis 
dreimalige Wiederholung des Sexualaktes im Traume entspricht 
also seiner Identifizieningstendenz mit dem Bruder=^Vater (jeder 
Koitus entspricht einem Kinde), Noch deutlicher wird die 
psychische Grundlage seiner Potenz in der Identifizierung durch 
die weitere Bemerkung: „Wenn ich mich zum erstenmal in ein 
Mädchen verlieben werde und sie in mich, dann werde ich sie 
sechsmal koitieren!" Diese Zahl stammt daher, daß sein 
Bruder ihm vor längerer Zeit mitgeteilt hatte, er habe sich in 

i) Seit früher Kindheit hatte Patient als mittlerer von drei Brüdern die 
Gewohnheit, seine Bruder mit Ziffern zu bezeichnen: als Nr. 2 und Nr. 5 
(Patient selbst war Nr. 4), was mit ab ergläoli; sehen BeseitigTings- und 
G eh urts wünschen lusammenhängt. (Man vergleiche daiu die Vorstellung 
bei den Australiern, wo man die Zahl seiner Kinder nicht nennen darf, 
weil sie sonst sterben. Nach R6heini: Das Selbst. Image, 19X1O 



122 Dr. Otto Bank 



ein Mädchen verliebt und habe in der ersten Nacht den Geschlechts- 
akt sechsmal ausgeführt. Die reale Schwierigkeit dieser Identifi- 
zierung umgeht Patient, indem er statt des Sexualaktes die Sexual- 
objekte (Prostituierte) vervielfacht, also die große Zahl der Sexual- 
akte in eine lange Reihe von Sexualobjekten auflöst. 

Die zwangsmäßige (neurotische) Potenz des Patienten stammt 
also aus dem zu krankhaften Festhalten an der unbewußten 
Identifizierung mit der Vaterfigur (Bruder), während Fall I an der 
Hemmung der Vateridentifizierung aus dem Schuldgefühl impo- 
tent geworden war. Ein einziges Mal im Verlaufe der Analyse 
erwies sich dieser — allerdings an falscher Stelle — überpotente 
junge Mann auch als iinpotent. Er war nach der analytischen 
Aufklärung des Widerstandes gegen die (feminine) Akzeptierung 
der Analyse zu einem Freunde und von dort ins Bordell gegangen. 
Vor dem Tore war er mit einem jungen Manne zusammen- 
getroffen, der gemeinsam mit ihm hinaufging, so daß die Mäd- 
chen den Eindruck hatten, sie seien Freunde. Patient hatte bald 
ein Mädchen gefunden, das ihm sagte, sein „Freund" könne sich 
mit ihrer Freundin unterhalten, was Patient dem anderen sogleich 
mitteilte, wobei er sich in der stolzen Rolle eines Kupplers fühlte. 
Jedoch der andere erwiderte, er sei eigentlich auch nicht wegen 
der Mädchen gekommen, sondern nur, um sich mal den „Betrieb" 
anzusehen. Patient entgegnete, er sei ehrlich genug zu sagen, er 
sei wegen der Mädchen gekommen, die er brauche. Zugleich 
dachte er aber, in Erinnerung an einen Witz: Wenn er nicht 
wegen der Mädchen gekommen ist, dann ist er wegen des 
Mannes gekommen. Der Sexualakt verläuft genußlos mit eja- 
culatio praecox, und bei allen weiteren Versuchen bleibt Patient 
vollständig impotent. Er erzählt am nächsten Tage, er habe es 
vergeblich mit allen (perversen) Reizungen versucht, nur an den 
Coitus per anum habe er nicht gedacht (er gebraucht dabei ein 



Die psydiisdie Potenz 123 



vulgäres Wort, das -auch Homosexualität bedeutet). Patient spielte 
also dem anderen Manne gegenüber die feminine Rolle, anderer- 
seits bestätigt er unbewuflterweise in seiner Impotenz, daß auch 
er nicht wegen der Mädchen, sondern zur Befriedigung der homo- 
sexuellen Libido gekommen sei, indem er sich mit dem jungen 
Manne identifiziert.' Die passiv- feminine Einstellung zur Vater- 
(beziehungs weise Bruder-) Imago bewirkt aber hier ebenso seine 
psychische Impotenz wie die aktive Identifizierung mit der Vatei- 
imago (Bruder) sonst seine enorm.e psychische Potenz bedingt. 

Die Darstellung und Erledigung seiner femininen Einstellung 
zeigt der vorletzte Traum seiner sich über viele Monate erstrecken- 
den Analyse; „Ich war nackt im ffasser und bin untergetaucht, 
weil ich meine Hose nicht finden konnte. Dann war ich als dicker 
Falstaff draußen und jemand klagte mich an, daß ich meiner 
Schwester etwas getan habe. Er drohte mit der Polizei und ick 
ßijchte in eine Art Zirkus oder Gefängnis, wo ich dann ah ich 
selbst bin und mir sage : FFas wollen die Leute von mir, ich habe 
ja gar nichts getan. Trotzdem werde ich verhaftet und vor den 
Polizeichef gebracht, den ich frage, was man denn von mir will! 
Er sagt, er wird es schon machen (und mir helfen). Dann sagt 
er, ich soll warten (und das war an einem Teich mit Goldfischen)." 

Ohne im einzelnen auf die Deutung einzugehen, sei nur 
bemerkt, daß es sich wieder um den typischen Geburtstraum in 
der analj^schen Endphase handelt, in dem Patient einerseits als 
Weib dem Vater ein Kind, andererseits sich selbst als neuen 
(gesunden) Menschen (wieder-) gebiert. Falstaff, der bramarbasierende 
Mann mit dem dicken Bauch, ist Symbol für beide Strömungen. 
Im zweiten Teil des Traumes hat Patient den Bauch schon ver- 

i) Vergleiche daiu die Ausführungen van B o e li m über die hoino- 
seKuelle Komponente des Bordellbesuches, Internat. ZeitBchr. f. PsA.. VII, 
1921, S. 79 ff. 



124 Dr. Olto Rank 

loren und ist wieder er selbst (Gehurt). Schwester hat er nie 
gehallt; doch ist er selbst (von drei Geschwistern) „die Schwester", 
der Feminine, der als Weib aus dem Wasser kommt (geboren 
wird) ; andererseits hat er mit der phantasierten Schwester (Mutter- 
ersatz, was ja alle seine Frauen letzten Endes sind) das Kind 
gezeug:t (ihr etwas getan), was sein Schuldbewußtsein bedingt 
(Polizei -Analyse), das er dem Vater (Analytiker) gegenüber hat und 
mit der Libido beschwichtigen will („er wird mir helfen"). 

m 

Während es sich im ersten Falle lediglich um eine psychische 
Impotenz, im zweiten dagegen um eine ausgesprochene Zwangs- 
neurose mit neurotischer Überpotenz handelte, wähle ich als drittes 
Beispiel wieder einen beruflich leistungsfähigen Mann von nor- 
maler, d. h. eher unterwertiger, aber doch subjektiv befriedigender 
Potenz, den hartnäckige Schlaflosigkeit und Depressionszustände 
in die Analyse geführt hatten. Aus dem interessanten Verlauf der 
kurzen und unvollständigen Analyse hebe ich nur die unser 
Thema betreffenden Einsichten hervor, Patient, der das gewöhn- 
liche heterosexuelle Liebesleben des unverheirateten jungen Mannes 
führte, kompliziert durch einige homosexuelle Attentate von Seiten 
Erwachsener, die er in der Jugend über sich hatte ergehen lassen, 
gibt während der Analyse von selbst den Sexualverkehr auf, obwohl 
er dazu reichlich Gelegenheit hätte: offenbar im Zusammenhang 
mit seiner in der Übertragung mobilisierten femininen Libido, 
die, seinem Ödipuskomplex vorgelagert, ihm teilweise als „homo- 
sexuelle" (bisexuelle) Gefühl srichtung bewußt ist. 

Nach mehr als zweimonatiger Analyse, in der hinter dem 
Symptom der Homosexualität die infantile Einstellung aus dem 
Ödipuskomplex bloßgelegt worden war, beginnt Patient von 
Morgenerektionen (mit Harndrang) zu erzählen, die ihn wecken. 



Die psychische Potenz 125 



Das erstemal im Zusarnmenliang mit einem Traum am Morgen, 
nachdem er uriniert hatte und nociimals eingesclilafen war. „Ich 
gehe aufs Klosett. Ein alter Mann kommt hinein und greift nach 
meinem Penis," Patient deutet den Traum selbst auf (liomosexuelle) 
Übertragung (Vaterimago.) Bei weiterer Analyse taucht Schuld- 
gefühl auf, das auf den Ödipuskomplex zurückgeht und sich in 
Kastration 5 angst äußert. Das Greifen nach dem Penis hat dann 
den Sinn der Versicherung seines Vorhandenseins: Der Vater 
(Analytiker) gestattet ihm die Sexualität.' Daß dieser Traum die 
Beruhigung seiner Kastration sangst enthält, zeigt sich nun darin, 
daß Patient nach dieser Aufklärung erzählt, sein Vater, der oft 
lange Reisen unternommen hatte, sei hei seiner Beschneidung 
nicht zugegen gewesen.'' In der Analyse des Patienten hat daher 
ein anderes K astrat ionstrauma -— man möchte im Hinblick auf 
die beiden ersten Fälle sagen, als kompensatorische Deckerinnerung 
— eine große Rolle gespielt. Im Alter von etwa drei bis vier 
Jahren war er Zeuge der Beschneidung eines Knaben aus der 
Verwandtschaft gewesen ; der Mann, das Messer, das Blut waren 
^m als unauslöschliche Eindrücke geblieben. Als er später einmal 
im Gymnasium das Glied eines unheschnittenen Knaben sah, 
dachte er, es sei so klein, weil es nicht beschnitten sei. Ein 
unlogischer Gedanke, wie er jetzt sagt, der aus dem. unbewußten 
Kastrations wtinsch der femininen Einstellung zum Vater verständ- 
lich wurde und zugleich die Kompensationsphantasie enthält 
(durch Beschneiden wird der Penis größer). 

i) Dies ist übrigens auch der unbewußte Sinn des Erduldens seiner 
homosexuellen Attentate von seilen älterer Männer: der Vater g'estattet, 
ja fordert die (von ihm sonst verbotene) Libidobe friedigung. 

2) Diese Zeit ohne den Vater ist auch die selige Urzeit seiner Ödipus- 
phantasie geblieben. Ihre Voneitigkeit (Rückprojektion) im Zusammenhang 
mit der Abwesenheit des Vaters hat wohl die Intensität seiner Piiienmg 
an die Mutter verstärkt, sicher aber deren spätere neurotische Verdrängung 
bewirkt. 



«26 Dr. Otto Rank 



Aus der TraumEinalyse ergab sich, daß er auf die Morgen- 
erektion mit Schuldgefühl reagiert hatte, das aus dem Kastrations- 
Xomplex stammt, das heißt, daß die Erektion hier der 
Verleugnung der Kastralion dient, während in Fall I 
die Kastrationsangst (dem Weibe gegenüber) die Erektion ver- 
hinderte. Beim Beginn der Übertrag« ngslösung träumt Patient von 
einer riesenhaften Brücke, die sich wie ein Messer in der Mitte 
öffnet {Kastration — Geburt) und erwacht auch aus diesem Traum 
mit Erektion. 

Gegen Ende der Analyse, die nach dreiundeinhalb Monaten 
abgebrochen werden mußte, stellen sich die Erektionen auch bei 
Tage ein. So habe er, als ihn nachmittags im Badezimmer das 
Dienstmädchen zufällig mit der Hand am Rücken berührte, sofort 
eine mächtige Erektion bekommen, was früher nie so leicht vor- 
gekommen soi. Im Anschluß daran sei der Wunsch zu mastur- 
bieren aufgetaucht, um die quälende Erektion wegzuschaffen. 
Dabei ist neben der Verknüpfung von Masturbation — Herunter- 
reißen — und Kastration wieder die Mutterlibido im Spiel. Als 
ihn am selben Abend in Gesellschaft eine bekannte Dame scherz- 
haft am Ohr zupft, erregt ihn dies wieder in ungewohnter Weise; 
er dachte dabei, die benimmt sich wie ein Dienstmädchen. Das 
Verständnis eröffnen uns früher erzählte Erinnerungen von den 
Liebkosungen der Mutter, die bis ins erwachsene Alter hinein in 
Streicheln am Rücken, am Ohr und über die Haare fortbestanden 
und der Schlaflosigkeit eine infantile Dauerfixierung verliehen 
hatten, indem Patient so jede Nacht die Mutter an sein Bett 
rufen und ihn liebkosen (einschläfern) lassen konnte. Wir erkennen 
also in den Erektionen die Äußerung der befreiten 
Mutterlibido am erniedrigten S ex u alobj ek t.' 

i) Dieser Zusammenhang ergibt, sich auch aus einem (Impotenz-) Traum, 
(-bru eil stück), wo er in Begleitung- der Schwe.fter durch ein berüchtigtee 



Die psydiisdie Potenz 127 



Parallel mit dieser „regressiven" Libidoenlwicklung produziert 
Patient von — seiner starken Idealbildung — aus Koitusphantasien 
mit ichgerechten Ersatz- (Mutter-) Objekten (verheirateten Frauen 
seines Bekanntenkreises usw.), die schließlich in einen bewußten 
Heiratswunsch auslaufen. 

In den Phantasien identifiziert or sich einerseits mit dem 
Analytiker (wie Fall I), andererseits phantasiert er das weibliche 
Sexualobjekt an seine Stelle, und zwar zuerst in meinem Be- 
handlungszimmer auf meinem Sofa in flacher Rückenlage (siehe 
Fall I) i' später verlegt er dann diese phantasierten Szenen in sein 
eigenes Zimmer. Im Zusammenhang damit verwandelten sich 
seine (homosexuellen) Störungsträume in heterosexuelle, das heißt 
er verweist jetzt den eintretenden Mannern, ihn beim Sexualaki 
zu stören, während er sie früher sozusagen herbeigerufen hatte 
(wie Fall I ; in beiden Fallen geschah dies auch in Wirklichkeit). 
Auch wird bald in den Phantasien der Sexualakt wiederholt aus- 
geführt, was früher nie der Fall war und deutlich auf die Potenz- 
steigerung hinweist, welche sowohl durch Befreiung der Mutterlibido 
als auch durch Überleitung der sie neurotisch ersetzenden femininen 
Libido („Homosexualität") bewirkt wird. Bald danach träumt Patient, 
der ajn Anfang der Analyse nur scheinbar homosexuelle Angstträume 
hatte, daß er das Dienstmädchen koitiere: ,.mit Lustgefühl, aber 
ohne Errektion", wie ihm scheint. Abends vorher hatte er ihr 

Stadtviertel geht, in dem iwei Männer daher kommen, in der Absicht, ihn 
zu necken. Er dachte, sie hätten es auf die Schwester abgesehen, aber der 
eine von ihnen macht des Pntienlen Hose auf, nimmt den Penis in die 
Hand und steckt ihn in den Mund. „Er sagte dabei lu mir, ich 
hätte keine Erektion. — Ich sagte; Oh ja, ich habe eine ! Ich hatte aber doch 
keine!" (Orale Befriedigung: iwei Männer-Testikel-Brüste). 

i) Früher hatte er, von seinem ersten Sexualakt her, den er in Identi- 
fizierung mit dem Bruder am gleichen Objekt ausübte, eine andere Stellung 
der Frau bevorzugt und diese aucli in seinen spateren Masturbations- 
phantasien festgehalten. 



128 Dr. Otto Rank 



wirklich eine sexuelle Andeutung gemacht. Der Traum bringt 
neben dieser libidinösen Bewertung des erniedrigten Objektes 
in einer vorhergehenden Szene die Entwertung der Mutter, 
die er alt und krank sieht. Nächsten Tag hat er wieder 
(feminine) Kastrationsträume, aus denen er wieder mit Erektion 
erwacht. Dem eben wirklich eintretenden Mädchen gegenüber 
macht er einen sexuellen Annäherungsversuch, sie wehrt ihn aber 
mit dem Hinweis auf ihre Menstruation ab. Er ist entsetzt, sofort 
fällt ihm „Kastration ein und — seine Erektion wird stärker. 
Hier wird deren Charakter als Verleugnung der Kastration (aus 
der Identifizierung mit dem Weib) wieder deutlich. 

Eine Woche endlich vor dem festgesetzten Ende der Analyse 
versucht er am Nachmittag das Mädchen in seinem Zimmer zu 
koitieren, ist aber nicht recht erfolgreich. Wie er sagt, einerseits 
weil sie zu eng sei, andererseits weil sie fürchten mußten, 
überrascht zu werden (Schuldgefühl- Situation), Abends im Bade- 
zimmer wurde der Versuch wiederholt, aber wieder nicht mit 
Erfolg, In der Nacht schließlich, als das Mädchen zu ihm ins 
Bett kam (siehe die analoge Muttersituation in Fall I), ging es 
ohneweiters. Nach dem Koitus konnte er lange nicht einschlafen 
— seine „nervöse Schlaflosigkeit war bereits geschwunden, er 
konnte jetzt nur gelegentlich nicht schlafen, und zwar aus 
nn verdrängter, unbefriedigter Libido, Er dachte an Homosexualität 
und Perversionen und vvunderte sich, daß es so etwas überhaupt 
gebe. Obwohl dieser Akt nicht voll befriedigend sein konnte, war 
er sozusagen doch eigentlich der erste vollwertige Soxualakt des 
bereits durch mehrere „Verhältnisse hindurchgegangenen Patienten. 
Die Unbefriedigung aus der Hyperpotenz äußerte sich noch darin, 
daß Patient nach dem Koitus noch Erektion hatte und auch am 
Morgen — nach einem unbefriedigenden symbolischen Deflorations- 
traum, der sich auf die Mutter bezog {Geburtstraum) — wieder 



Die psydiisdie Potenz 129 



mit Erektion erwachte. Aus dem manifesten Kastratio nstraum der 
nächsten Nacht — in dem er die infantile Beschneidungsszene 
reproduziert — ergibt sich, daß er die Defloration mit der 
Kastratton, sich also mit dem Mädchen identifiziert (was schon 
bei der Menstruation Mar war). Auch aus diesem Traum erwacht 
er wieder mit Erektion. Nach dem diesem Traum vorangegangenen 
Koitus, der ihm jetzt zum Bedürfnis geworden ist, war die Erek- 
tion bereits schwach und verschwand bald post coitum, während 
sie ante kräftig blieb. 

Nachstehend gebe ich den eben er\vähnten Traum aus einer 
der letzten Stunden wieder, weil er seine ganze Libidoentwicklung 
und -Situation deutlich zeigt: „Ick habe an einem Kinde eine 
Operation am Unterleib vorgenommen. Beim Vernähen der Wunde 
benahm sich mein Assistent ungeschickt, ich schickte ihn weg, um 
es allein zu machen. In einem unbemerkten Moment erhob sich 
aber das Kind vom Tisch und stand auf, so daß die ganze offene 
TPunde wieder klaffte. Ick legte es mit Mühe wieder nieder, um 
die Wunde zu vernähen. Dann fragte ich, ob es sich an etwas 
(aus der Narkose) erinnern könnte, und sagte etwas vom Wieder- 
bewußtmachenkönnen." 

Aus den Assoziationen ergibt sich zunächst die aktuelle 
Bedeutung der Defloration des Mädchens, mit dem er sich auf 
Grund der femininen Einstellung identifiziert, und seiner Gedanken 
an eventuelle Folgen (Vernähen, Kind). Der im Traum -wieder- 
holten infantilen Kastrationssituation entspricht seine alte feminine 
Wunschphantasie, dem Vater ein Kind zu schenken (Geburts- 
darstellung). Analytisch stellt er in infantiler Symbolik seine 
Identifizierung mit dem Vater (Analytiker, Operateur) dar: er 
bekommt nicht mehr das Kind, er wiJl es selbst machen; er ist 
auch nicht nur das neugeborene (operierte) Kind, sondern auch 
schon der Vater (Arzt, Operateur). 

Rank, Scxualitüt und SchuldgEiülil q 



130 Dr. Otto Rank 



Auch hier also die gleiche libidiiiöse Eiid Situation, wobei 
infolge der stärkeren narzißtischen Reaktion des Patienten allerdings 
deutlicher wird, in welcher Weise die Identifizierungs- 
tendenz in den Dienst der Ichidealbildung gestellt 
wird,' Die Übertragung wird ersetzt durch eine den Analytiker 
(Vater) introjizierende Phantasiebildung, wobei die Identifizierung 
nur so weit zugelassen wird, als zur Ablösung bei gleichzeitiger 
Neubildung des Ichideals notwendig ist. Eine weitergehende 
Identifizierung, die ja wieder neurotisch wäre, verhindert der Nar- 
zißmus als Grenzwächter des Individuellen, das nichts Fremdes 
annehmen will, und als Differenzierungsfaktor (im Sinne Freuds). 



Ehe wir zum Abschluß noch einen flüchtigen Blick auf die 
Äußerungen der „psychischen Potenz" im normalen Liebealeben 
werfen, wollen wir das Gemeinsame dieser Fälle zusammenfassen, 
von denen jeder eine besondere Seite des zu umschreibenden Tat- 
bestandes beleuchtet. Es handelt sich dabei um eine im Ödipus- 
komplex manifestierte Entwicklung der infantilen Libido, die statt 
des geforderten Endausganges im normalen heterosexuellen Ehe- 
leben zu individuell und sozial verschieden wertigen Störungen 
führt, welche von ausgesprochen neurotischer bis zu sozialer 
Symptombildung (Perversion, HomosexuaHtät, Dissozialität) 
Schwanken. In der Analyse erfolgt die Korrektur dieser Abwei- 
chungen durch die bekannte Wiederauf rollung des in erster 
Instanz verlorenen Entwicklungsprozesses, wobei die neuroüsche 
Identität von Kläger und Angeklagten durch ökonomischere 
Rollenverteilung auf die zwei ursprünglichen Partner bewußter- 
weise aufgelöst und damit an S telle der miBglückten Verdrän- 

i) Üter die Idealbildungsvorgänge im Heilungsproieß siehe die nächste 
Abhandhuig. 



Die psythisdie Potenz 131 



gung aus Schuldgefühl (Angst) die Verurteilung im Sinne J'reuds 
gesetzt werden kann. Zur weiteren Freisprechung vom Schuld- 
bewußtsein folgt dann die Entwertung des ganzen Verfahrens 
selbst, die mit einer entsprechenden Bewertung des eigenen Ich 
abschließt. 

Die seelischen Kosten dieser Revision trägt die Libido des 
Patienten in dem Sinne, daß er auf einen Teil ihrer Befriedi- 
gung in der alten Form verzichten lernen muß. Der Patient holt 
die in der Kindheit versäumte Einordnung seiner im sozialen 
Leben unbrauchbaren Trieb komponenten nach, indem er seine 
(feminine) Einstellung zum Vater (Homosexualität, Kastrations- 
komplex, Geburtsphantasie) im normalen Sinne erledigt und aus 
der analytischen Situation (Auflösung der Übertragung) die Fähig- 
keit zur vollen Vateridentifizierung gewinnt, die zur Ausfüllung 
seiner männlichen Rolle notwendig ist. Bei der ahnÜch entwicklungs- 
gehemmten Frau (Neurose, Perversion) handelt es sich in der 
gleichen Libidoschichte um einen ihrer PubertätsentwicHung 
analogen Verzicht auf ein Stück Männlichkeit, also psychologisch 
um die volle Identifizierung mit der Mutter (auch als Geschlechts- 
wesen), der die volle Akzeptierung der „Kastration" parallel gehen 
muS. Es ist dann, in der Analyse das Stück versäumte Ennvick- 
lung nachzuholen, das Freud als infantile Wendung des kleinen 
Mädchens vom Peniswunsch zum Kinderwunsch beschrieben hat." 



1) „Das Tabu der Virginilät." Ges. Sehr. Bd. V. Dortselbst findet sich 
auch der Hinweis auf die tiefere theoretische Fundderung- dieser Auffassung 
im Triebleben sowie ihrer Abgrenzung gegen den „männlichen Protest" 
Adlers, der hier — wie leicht ersichtlich — nicht als Erklärungspriniip, 
sondern als Symptom der verdrängten Infant iUibido betrachtet und dem- 
gemäß als „neurotische Rachetendeni" oder als „ Man nlichkeits komplex" 
des Mannes analysiert wird. Der Unterschied läßt sich am kürzesten so 
formulieren, daß fürs Unbewußte, mit dem sich die Analyse beschäftigt, 
Femininität— Mutter i den ti filier ung und Männlichkeit — 
Vateridentifiiierung bedeutet. 



132 Dr. Otto Rank 



Wünscht sich da das Mädchen statt des Penis das Kind, so 
besteht der entsprechende Entwicklungsschub beim Manne darin, 
daß er statt des Kindes den Penis wünscht (bejaht). Darin ist, wie 
unsere Fälle zeigen sollten, auch das enthalten, was mit dem 
Begriff der „psychischen Potenz umschrieben worden ist. 

Eine Frage von allgemeinerem Interesse wäre dann die Auf- 
arbeitung dieser in Netirose und Perversion mißglückten Entwick- 
lungsanfgaben im normalen Liebes- und Sexualleben. Nach den ana- 
lytischen Erfahrungen ist zu erwarten, daß dies auch dort auf dem 
Wege der Identifizierung erfolgen wird, und zwar der gegen- 
seitigen Identifizierung, als welche wir ja den Zustand der Ver- 
liebtheit nach Freud, auffassen müssen.' Die Frau befriedigt 
so ihren infantilen Wunsch nach dem Penis im Koitus, ebenso 
der Mann seinen Wunsch nach dem Kind, und in dieser gegen- 
seitigen Identifizierung allein ist die volle gegenseitige Libido- 
befriedigung gewährleistet, die über die bloß körperliche Sexual- 
befriedigung hinausgeht, in der übrigens auch das Zusammen- 
treffen des Orgasmus im Sinne der gegenseitigen Identifizierung 
bedeutsam ist. 

Zugleich erkennen wir aber auch, wie in den abstrus scheinen- 
den unbewußten Motiven der neurotischen Syniptombildung ein 
guter Sinn steckt, der nur aus einer sozusagen irregeleiteten oder 
besser gesagt zu weit getriebenen Identifizierung 
verkannt wird. Die die Impotenz begründende Angst (Fall I) vor 
dem Weib entspricht einem ähnlich intuitiven Erraten eines rich- 
tigen psychischen Sachverhalts, wie dies Freud für das Tabu der 
Virginität dargelegt hat. Auf Grund der zu weit getriebenen 
Identifizierung mit der Mutter nimmt Patient diesen normalen 
Wunsch der Frau, den Penis als Kind in sich einzuziehen, 

i) Siehe: Massenpsychologie und Icliaiialyse, 1921. (Ges. Sehr. VI.) 



Die psydiisdie Potenz 133 



gleichsam unbewußt wahr; was wir ihm in seinem Symptom, der 
Impotenz, analytiscli zeigen, ist die Tatsache, daß dies durch Pro- 
jektion seiner eigenen femininen Li bidoein Stellung erfolgt.' Die 
neurotische Frau gelangt auf dem.selben Weg der zu weit gehenden 
Identifizierung mit dem Mann' entweder schon im Verlaufe der 
infantilen Entwicklung zu hysterischen Symptomen, welche die 
libidinöse Funktion der Genitalien verleugnen und auf andere — 
— sozusagen bisexuelle ■ — Organe verschieben; oder sie produziert 
später auf der Stufe des erwachsenen Sexuallebens bei sozial 
geforderter Genitalfunktion (Heirat usw.) Anästhesie, Vaginismus 
und ähnliche als aktualneurotisch zu wertende Symptome, die der 
Rache am Manne zu entsprechen scheinen, wie die psychische 
Impotenz der Rache am Weibe. Diese Rache erweist sich aber 
auch bei der Frau oft als eine verschobene und gilt dann auch 
dem gleichgeschlechtlichen Konkurrenten aus der ödipussituation, 
der Mutter.ä Fall I beschließt seine Erledigung der Analyse mit 
der Rache am Manne, während sein Symptom der unzweckmäßigen 
Rache am Weibe dienen sollte, aber die neurotische Rache an 
sich selbst bewirkte; Fall II fühlt konstant im Leben einen 
neurotischen Kampf gegen Vater und Bruder, entwertet aber das 
Weib statt des gehaßten Mannes, an den er libidinös fixiert bleibt; 
Fall III endlich, dessen jahrelange Angstträume vom Tode der 

1) Im Falle I ist es besonders deutlich, zu beobachten gewesen, wie 
auch die Frau seine unbewußte Einstellung ihr gegenüber intuitiv erraten 
und ihm teilweise direkt bewußt gemacht hatte. Darauf hatte er ja mit 
der Impotenz reagiert. 

a) Über das biülogiscKe Motiv vergleiche jetzt des Verf.: Das Trauma 
der Geburt (Abschnitt: Sexualität). 

5) Ahnlich verhält es sich mit der Psychologie der am Vater finierten 
Prostituierten, dieser weiblichen „Don Juan-Typen", welche sich in Betrug 
und Schädigung- des Mannes nicht genug tun können, sich aber dabei 
eigentlich- au den Frauen rächen, denen diese Männer geliören. Letzten 
Endes entwerten sie, wie der Neurotiker, in ihrem Tun sich selbst mid ihr 
glücklicheres Vorbild, die Mutter. 



134 ür. Otto Uank 



Mutter sich im Laufe der Analyse in solche vom Tode des Vaters 
verwandelten, ist ein treffendes Beispiel für diesen umgewerteten 
Ödipuskomplex und die Triebfeder dafür r das verschobene Angst- 
und Schuldgefühl. 

IV 

Schließlich möchte ich hier ein viertes, allerdings nicht analy- 
siertes Beispiel von ausgesprochener Hjperpotenz ohne neurotische 
oder soziale Selbstschädigung einschalten, das die Ausführungen 
vom Standpunkt des sogenannten normalen Liebeslebens illustrieren 
soll. Es handelt sich um einen mir persönlich bekannt gewordenen 
typischen Don Juan, dessen abnorme Potenz sich schon bei näherem 
Zusehen als stark komplex-bedingt im Sinne unserer Ausführungen 
erwies. Von einer Analyse war bei dem im Leben und in der 
Liebe erfolgreichen Menschen keine Rede, Er war in der Wahl 
seiner Sexualobjekte zwar nicht sehr, aber immerhin so wählerisch, 
daß von einem rein organischen Bedürfnis nach täglicher — oft 
mehrmaliger — Sexualbefriedigung abgesehen werden konnte. Atich 
gehörte für ihn die Eroberung unbedingt dazu, nicht so der 
geschädigte Dritte, den er im Gegenteil nur als unvermeidlich 
hinnahm, wo er ihm nicht ausweichen konnte. Je schwerer eine 
Frau zugänglich schien, desto eher schien sie ihm auch das Fehlen 
dieses Dritten, des Konkurrenten, zu gewährleisten und ihn damit 
von dem Gefühl der „Schädigung" zu entlasten. Prostituierte ver- 
abscheute er daher, machte aber eigentlich jede Frau gewissermaßen 
selbst zur Dirne, indem er sie zum bloßen Sexualobjekt erniedrigte 
und menschlich entwertete. Dieser Entwortungsprozeß selbst machte, 
ganz im Stile des echten Don Juan, einen Teil seiner Libido- 
befriedigung aus. Dazu brauchte er immer, womöglich täglich, 
neue Sexualobjekte, die er nach der Verführung (in irgendeiner 
Form) bald fallen ließ und wechselte. Sein ganzes intellektuelles 



Die p^j'diisdie Potenz 135 



Leben spielte sich sozusagen daneben in intensiven Freundschaften 
mit etwa Gleichaltrigen (Kameraden) ab, von denen er stets Freund- 
schaftsbeweise forderte, und die er teilweise in seine zahlreichen, 
oft tragisch endenden Liebesgeschichten einweihte. So kam auch, 
ich zur näheren Kenntnis seines Sexuallebens, und als er mein 
analytisches Interesse daran bemerkte, stellte er mir drei für ihn 
typische, perennierende Träume zur Verfügung, die auch ohne 
eigentliche Analyse tief in sein unterwühltes Triebleben hinein- 
leuchten und zeigen, daß seine enorme Potenz und Libidobedürftig- 
keit auf dem uns bekannten Boden ruhen. 

Erster Traum: „Sehr häufig verrichte ich wn Traume Ekel- 
haftes, und zwar meistens im Halbdunkel auf einer Bank sitzend, 
neben mir viele Bekannte, unter meinem Sitz befindet sich ein 
Loch. Während der ganzen Zeit des Gespräches, sowohl mit den 
Nebensitzenden als auch, wie es sehr häufig vorkommt, mit Vorüber- 
gehenden, verrichte ich in einem fort (meine Notdurft) und habe 
folgendes Gefühl dabei: i. Ekel, daß man. es überhaupt tun muß 
(auch im Leben); 2. das Gefühl der Zufriedenheit, daß meine 
Nachbarsleute und die Vorübergehenden es nicht sehen, weil meine 
Kleider vorne so kunstvoll geordnet sind; J. nicht immer, aber sehr 
oft das Gefühl der Erhabenheit über alle: keiner konnte mir das 
nachtun. (Im Gegensatz zu dieser Empfindung machen es in einer 
Reihe von Träumen alle meine Nachbarn in unabsehbarer Reihen- 
folge.) Immer aber bin ich derjenige, der gezwungen wird, sich zu 
erheben. Gewöhnlich geschieht das in der Aufforderung eines der 
Vorübergehenden, mitzukommen oder ein interessantes Dokument zu 
zeigen. Ich erhebe mich vorwärtsgebeugt, um Papiere aus der Tasche 
zu nehmen, und beginne mit großer Feierlichkeit oder Umständlichkeit 
mich mit dem Papier abzuwischen. Ich spreche noch einige Worte, 
habe aber das Gefühl, daß in diesem Fall fast mein Hinterteil 
gesehen wird. In diesem Moment überkommt mich direkt eine Ver- 



136 Dr. Otto Rank 



zweiflung, daß meine ganze Freude, die Täuschung meiner Er- 
habenheit durchschaut ist. Ich sehe verdutzte Gesichter, schäme mich 
riesig und erwache. Diesen Traum habe ich seit Jahren, aber er 
ist jetzt quälend geworden, seit mich ein Weib dadurch vom Koitus 
abgestoßen hat (Impotenz?), daß sie vorher in meiner Gegenwart 
urinierte. 

In Anbetracht der Tatsache, daß der Träumer selbst in Gegen- 
wart anderer nie urinieren konnte, was er besonders hervorhebt, 
erhält sein exhibitionistischerDefäkationstraum besondere Bedeutung. 
Offenbar identifizierte er sich selbst mit der in Gegenwart anderer 
urinierenden Frau und versagte in dieser femininen Einstellung 
(Kastration). Das Nicht- urinieren- Können in Gegenwart anderer 
zeigte auch Fall III, und zwar ganz unzweideutig mit der Kastra- 
tionsangst verbunden.'- (Siehe seinen Traum, wo er in Gegenwart 
des Vaters urinierte.) Charakteristisch genug bemerkt unser Traumer, 
es habe ihn zur Mitteilung des Traumes die Tatsache veranlaßt, 
daß ihm zuletzt die Schwester im Traum zugeschaut 
habe und er von der Aufzeichnung die Befreiung der peinlichen 
Wiederholung des Traumes erhoffe.* 

Aber auch der stark verdrängte Exhibitionismus hängt, wie 
oben erwähnt, innig mit dem Kastrationskomplex zusammen, und 
der Träumer ist daher stolz darauf, daß seine Kleider vorne so 
kunstvoll geordnet sind, daß man nichts sehen kann, während 
zugleich hinten alles zu sehen ist, das heißt, daß nichts da ist 
(Femininität), Er selbst erklärt natürlich seine Exhibitionsscheu aus 

1) Ähnlich stehen die UrethralstÖrungen der Prau mit dem Penisneid in 
Verbindung. 

2) Das heißt, der mit der Aufdeckung dieser iniestuSsen Wiiriel ver- 
bundene Unlustoharakter ist offenbar stärker als der Luatgewinn des Traumes 
geworden. Nun kann er den Traum seihst auch „i e i g e n" und ihn viel- 
leicht so los werden; ob dies auch tatsächlich der Fall war, kann ich 
mangels späterer Nacbrichti-n von ihm nicht sagen. 



Die psydiisdie Potenz 137 



einem angeborenen Schanagefühl, dessen er sich schon aus der 
frühen Xinderzeit erinnert, wo er als kleiner Knabe mit dem 
Vater baden sollte.' Auf Grund dieser frühinfantilen Verdrängi-ing, 
die er zum Charakterzug entwickelt hat, entspricht seiner hetero- 
sexuell-schamlosen Reihenbildung im Leben die feminin-anale 
Exhibitionsscham im Traum, die zu einer überlegenen Konkurrena 
des eigenen Ich im Sinne der Heroenbildung (Ablehnung der 
Identifizierung) ausgewertet ist (das macht ihm keiner nach!).'^ 

Diese Einstellung verrät deutlich ein zweiter, gleichfalls per- 
rennierender, exhibitionistisch eingekleideter Flugtraum, in 
dem der Träumer deutlich mit seiner „psychischen Potenz protzt; 

f,Oft fliege ick im Traume vor zahlreichen. Zuschauern und bin 
sehr stolz darauf, daß mir das niemand nachmachen kann. Ich 
befinde mich dabei meist im Zimmer und gehe gleichsam, nur 
wenige Schritte über dem Boden, durch die Luft, Immer sind meine 
Freunde auch dabei. Einer von den Zuschauern macht dann ge- 
wöhnlich eine abfällige Bemerkung über meine Leistung, etwa: 
ja, ein-, zweimal im. Zimmer auf und ab zu fliegen ist keine 
Kunst, Ich mache darauf eine verächtliche Handbewegung und 
sage; Lächerlich.' Ich kann es auch sieben- bis achtmal machen und 
mache es ihnen vor. Darauf allgemeines Beifallklatschen und ick 
erwache mit Lustgefühl." 

Auch hier kommt der unterdrückte Exhibitionismus deutlich 
zum Durchbruch; in Wirklichkeit kann er nicht nur vor anderen 
nicht koitieren, sondern eigentlich nur im Dunkeln (siehe das 
Halbdunkel des ersten Traumes), so daß ihn nicht einmal die 
Frau sieht. Beweisend für den reaktiven Charakter seiner starken 
Potenz ist deren Steigerung auf Grund der Selbstkritik (Ichideal), 

i) Auch hier wieder die gleiche „traumatische" Deckerinnerung, 
a) Siehe dazu meine Abhandlung: Die Don Juan-Gestalt. 1922. (Internat. 
PsA. Verlag.) 



138 Dr. Otto Rank 



wie sie im manifesten Inhalt des Traunies direkt zum Ausdruck 
kommt. 

Einen dritten, sozusagen jüngeren typischen Traum hat er erst 
seit dem einige Jahre vor der Erzählung dieser beiden schon 
lange wiederkehrenden Träume erfolgten Tod seines besten 
Freundes. In diesem Traumtypus, dessen Text er nicht wörtlich 
fixiert hatte, erscheint ihm regelmäßig sein (verstorbener) Freund 
wieder, um ihn zu trösten. Hinter der manifesten „Homosexualität" 
dieser Träume steckt sein tiefes Schuldgefühl aus dem 
Ödipuskomplex (siehe den Traum von der Schwester). Erst nach 
dem Tode des Freundes nahm sein vorher schon wenig gehemmtes 
Sexualleben die geschilderten Züge des donjuanesken Zwangs- 
charakters an. Der Tod des Freundes hatte offenbar bei ihm die 
bisher ängstlich gemiedenen Schädigungsabsichten gegen den Dritten 
(Vater — Bruder) belebt, und er ließ sich im Traum regelmäßig 
durch die Wiederkehr des Freundes versichern, daß er ihn nicht 
beseitigt habe (Trosttraum). 

So zeigen diese drei typischen Träume des Normalen, ja in 
manchen Punkten Übernormalen, den Grundriß seiner libidinösen 
Struktur, aus der sein Charakter und sein Sexualleben sich nach 
den analytisch erforschten Gesetzmäßigkeiten entwickelt. 



In den weitgespannten Rahmen der „normalen" Erledigung 
der Libidoentwicklung gehört auch ein ganzer Teil der ars amandi, 
ja sogar die Übung antikonzeptioneller Praktiken erweist sich in 
solchen Fällen davon mitbestimmt, wo die rationellen Momente 
unzureichend sind, wie beispielsweise in unserem ersten Falle, der 
dies selbst einsieht. Das Präservativ wird in der unbewußten Phan- 
tasie zu dem zweiten geopferten (Ersatz-) Penis, der zwar in die 
Mutter eindringt, aber die Befruchtung und damit die Geburt 



J 



Die psydiisdic Potenz 139 



verhindert; der Coitus interruptus schützt vor der gefürchteten 
Rücltkehr ziir Mutter (Kind); die Versagung des gewünschten 
Kindes ist komplexbedingt im Sinne unserer Ausführungen über 
die feminine Einstellung, die Mmteridcntifiziermig und die Geburts- 
phantasie. Aber auch eine Anzahl mehr minder aktueller Störungen 
der Sexual funktion, wie der (psychische) Aspermatismus, der nach 
Beobachtungen von Blum (Wien) oft mit gehäuften nächtlichen 
Pollutionen einhergeht, vielleicht auch der Priapismus sowie 
sonstige, analytisch bereits besser verständliche Sexualstör imgen 
gehören hierher; ähnlich determiniert erweist sich aber, wie in 
Fall n, die konsequent leichtsinnige Ignorierung aller Schutz- 
mittel, wo sie rationell am. Platze wären. 

So entsprechen die neurotischen Störungen der Genital funktion 
bei beiden Geschlechtern Libidoentwicklungen, welche die infantile 
Neurosenbildung mehr oder weniger erfolgreich vermieden haben. 
Es sind Neurosen, deren Symptombildung sich nach der Auf- 
richtung des Genitalprimates an diesem erwachsenen Libidozentrum 
etabliert. Natürlich spielen in ihnen neben den aktuellen Ein- 
flüssen (Aktualneurosen) die infantilen Komplexe — wie überall 
■ — mit, und es ist nicht zu verwundern, wenn man als psychi- 
schen Kern der aktual neu rotischen Angst infantile Angst findet,' 
die zum mißbräuchlichen Sexualverkehr veranlaßt hatte. Aber bei 
diesen Menschen hat sich eben die infantile Angst in diesem 
Stück ihres aktuellen Sexuallehens erhalten und hätte ohne diesen 
aktuellen Mißbrauch nie zu Störungen geführt. Denn innerhalb 
der weiten Grenzen des Normalen können all die disparaten 
Strebungen, die wir in der Neurose isoliert auf Befriedigung aus- 
gehen sehen, unter leilweisem Verzicht auf ihre volle Durch- 
setzung befriedigt werden, 

1) Siehe gleichfalls: Das Trauma der Gebiu-t („Die infantile Angst", 



140 Dr. Otto Rank 



Nur kurz sei schließlich darauf hingewiesen, daß die zur nor- 
malen Erledigung der Libidokonflikte notwendige Einstellung zum 
Liefaesobjekt auch jeweils ganz bestimmte Eigenschaften desselben 
voraussetzt, die Freud in einzelnen Typen von „Liebes- 
bedingungen scharf umschrieben hat. Unsere Fälle haben 
gezeigt, daß diese Bedingungen ebenso potent wie impotent machen 
können, je nach dem Grade der Identifizierung oder der Stärke 
ihrer Ablehnung in der Idealbildung (siehe den folgenden Beitrag). 
Jedenfalls aber bilden sie einen integrierenden Bestandteil des Sexual 
lebens der Kulturmenschen, das ja auf eioem rein psychischen 
Faktor, der Liebe, aufgebaut ist, deren Sonderbarkeiten und Rätsel 
uns die Psychoanalyse als Niederschlag der vorzeitlichen Eltern- 
bindung („Ödipuskomplex") mit all ihren seelischen Verdrängungs- 
folgen verstehen lehrte. 



Idealbildung und Liebeswahl 

Vom Gesichtspunkte der Identifizierung mit dem Analytiker 
können wir den analytischen Prozeß beschreiben als Wiedeir 
holung der alten infantilen Objeklwah! (in der Übertragung), die 
infolge Versagung wieder in eine (neurotische) Identifizierung 
auszugehen droht, aber nunmehr durch Zuhilfenahme bewußter 
Ichstrebungen von einer neuen, zweckmäßigeren Ideal- 
bildung und einer daraus resultierenden Objektwahl abge- 
löst wird. Dazu muß der Neurotiker auf seine mitgebrachten 
Idealisierungen, die entweder zu hochgespannt oder unzureichend 
sind, verzichten und wieder auf die ursprüngliche Ur-Objektwahl 
regredieren, um zu einer neuen, nicht bloß ichgerechten, sondern 
auch libidinös realisierbaren Bofriedigungsmöglichkeit zu gelangen. 
Dabei kann man sowohl an der Auflösung der alten, wie in der 
Bildung der neuen Ichideale den Prozeß der Idealbildung, 
beziehungsweise Sublimierung, in seinem wesentlichen Verhältnis 
zur Objektwahl und zur Identifizierung studieren;' das heißt aber 

i) Inzwischen sind diese Verhältnisse in Freuds: Das Ich und das Es 
(1925) theoretisch geklärt worden. Die folgenden Ausführungen, deren 
Material vorwiegend aus dem Winter 1922 stammt, wollen die Mecha- 
nismen vom praktischen Standpunkt des Heilungs Vorganges betrachten und. 
verständlich machen. Wir sehen dabei natürlich auch, von der meta- 
psjchologi sehen Bedeutung des Ichideals (Über-Ich), das Freud zuletzt 
im Sinne eines psychischen Systems gebraucht, ab. 



142 Dl". Otto Kank 



den Mechanismus der Idealbildung aus dem aufgegebenen 
Objekt und der daraus folgenden Identifizierung verstehen. 

Das günstigste Material zum Studium dieser Verhältnisse, 
besonders der Objektwahl, scheint mir die gleichzeitige Analyse 
von Ehepaaren durch denselben Analytiker, weil man da Gelegen- 
heit hat, die Verliebtheit auch in ihrer gegenseitigen Auswirkung 
zu überblicken, während das Üb ertrag ungs Verhältnis doch nur 
einseitige Einblicke in die Mechanismen gestattet. Der glückliche 
Zufall hat mir in den letzten Jahren einige solcher Doppel- 
analysen ermöglicht, die ich übrigens in Fällen von Eheschwierig- 
teiten und -konflikten . für die einzig richtige, wenn auch nicht 
gerade bequemste Art der Behandlung halte. 

Bei spie!: Herr X. heiratet seine Frau in folgender Situation; 
Er hat eine starke Neigung aus der Kindheit für eine Freundin 
seiner Schwester mitgebracht, als offenkundigen libidinösen Ersatz 
derselben. Diese Jugendliebe, die später durch das Interesse für 
andere gleichnamige junge Mädchen teilweise abgelöst wurde, 
ist von X. im Sinne der inzestuösen Abwehr „idealisiert" worden, 
so daß er schließlich immer die Gelegenheit zur Eroberung dieser 
„unerreichbaren" Liebesobjekte versäumte und sie anderen über- 
lassen mußte. Dieser Verzicht ist deutlich auf einer starken Vater- 
angst aufgebaut, die X. durch unbewußte feminine Unterwerfung, 
also Identifizierung mit der Mutler, libidinös zu kompensieren 
suchte. Seine spätere Frau gehörte ursprünglich auch der Reihe 
idealisierter, das heißt unerreichbar gemachter Inzestobjekte an; 
nicht nur weil er sie seit vielen Jahren kannte, ohne einen deut- 
lichen Schritt der Annäherung gemacht zu haben, sondern auch 
weil die äußere Situation dies begünstigte, indem seine zukünftige 
Frau, seil einer Reihe von Jahren vaterlos,' der Pflege ihrer 

i) Charakterisliä eher weise hatte die erste intimere Annäherung von 
seineT Seite auch erst nach dem Tode ihres Vaters begonnen. 



Idealbildung und Licbeswahl 143 

kranken Mutter lebte, was für ihn das „ideale" Verhältnis im Eltem- 
hause — Zusammenleben mit der Mutter bei Ausschluß des Vaters — 
bedeutete. Da treten Umstände ein, welche die Situation so ver- 
ändern, daß sie die libidinöse Objekt wähl von beiden Seiten 
ermöglichen, während bis dahin sie für ihn nur eine „ideale" 
Tochter (Schwester), er für sie das Ideal des keuschen jungen 
Mannes gewesen war, der ihren um einige Jahre älteren 
Lieblingsbruder vertrat, den sie selbst als ihr „Ideal" bezeichnete, 
da er so „mütterlich" gewesen sei. Er verfällt in eine rätselhafte 
Krankheit, die sich nachträglich in der Analyse als Versuch 
darstellte, die Sympathien und das Interesse seines strengen, 
verschlossenen Vaters zu gewinnen, was aber nicht gelang. Um 
dieselbe Zeit stirbt ihre Mutter nach jahrelangem Leiden und 
kurze Zeit darauf schreibt sie dem nach Teilnahme hungernden 
Mann einen freundlich tröstenden Brief, der sie schließlich dauernd 
zu sam menf ührt. 

Der Mechanismus dieser Objektwahl ist analytisch leicht 
verständlich: Sie wendet sich ihm als direktem Ersatz des eben 
verlorenen Mutterobjektes zu' und pflegt ihn weiter, wie sie es 
bisher mit der Mutter getan hatte, bis er talsächlich genesen ist 
(womit sie allerdings gleichzeitig im Sinne ihres Ideals eine alte 

1) Auch in einem anderen Falle erinnerte eine Prau in der Analyse, 
daß sowohl ihr Mann, an den sie auch nach der Trennung noch stark 
fixiert geblieben war, wie auch sein Nachfolger, genau die Augen der 
Mutter und ihre Gesiehtsiüge hatten. Auch sie hatte also im geliebten 
Manne ein Mutlerobjekt gefunden, dem sie als Kamerad („männlich") lur 
Seite stand, während sie die Mutteridentifizierung mittels neurotischer 
Symptombildung heftigst ablehnte. — Übrigens zeigen alle Frauen, die 
pathologisch an den Mann fixiert sind und darum die Analyse aufsuchen, 
ausnahmslos die starke Mutterfixienmg, die in ihrer Verschiebung auf den 
Mann der im vorigen Abschnitt behandelten Verschiebung der Rache 
auf das andersgeschlechtliche Objekt entspricht. 

Die allgemeine Bedeutung dieser sonderbaren Züge des Sexuallebens 
versuchte ich im „Trauma der Geburt" versl'andiich lu machen. 



144 Dr. Otto Rank 



Schuld am Vater gutmacht, den sie viele Jahre früher nicht hatte 
pflegen und retten können). Er ist imstande, die ideale Schwester 
(Tochter) jetzt doch zum Liebesobjekt 7,u nehmen, weil sie frei 
geworden ist; die Analyse seiner ganzen LihidoeniwicWung zeigt 
aber, in welch merkwürdigem Sinne dies zu verstehen ist, denn 
sie läßt keinen Zweifel, daß die Frau für ihn unbewußt einen 
Vaterersatz darstellt, in ähnlich unbe\vußter Motivierung wie er 
für sie einen Mutterersatz. Er heiratet sie nämlich nach dem 
Tode ihrer Mutter, was im Sinne seines verdrängten Ödipus- 
komplexes dem Freiwerden des Vaters entspricht. 

Diese Auffassung ergab sich unzweifelhaft aus der Analyse 
dieser sonderbaren Objektwahl und den daraus folgenden Ehe- 
schwierigkeiten, die dabei durch einen teilweisen Ausgleich der 
Konflikte zwischen Objekt und Ichideal sowohl im einzelnen Ehe- 
partner als auch gegeneinander weitgehend beseitigt wurden. Das 
Kornproblem bildete wie gewöhnlich das Kind, nach dessen Geburt 
die Frau frigid wird, beim Manne die in der Pubertät hervor- 
getretenen homosexuellen Anwandlungen wieder stärker werden. 
Das Kind spielt deswegen psychisch diese bedeutsame Rolle, weil 
es die Frau, deren ganzes Leben seit dem Tod des Vaters in der 
Identifizierung mit diesem verlorenen Objekt aufgegangen war 
(sie vertrat auch äußerlich den Vater in der Führung des Hauses), 
zur realen Identifizierung mit der Mutter drängt, welche vom 
Schuldbewußtsein abgelehnt wird. Für den Mann bedeutet das 
Kind die volle Vateridentifizierung, der er sich durch die feminin- 
passive Identifizierung mit der Mutter gerade entzogen hatte, und 
zu der er ebenso aus der Situation des realen Vaterseins mächtig 
gedrängt wird. Bei einer solchen unbewußt gleichgeschlechtlichen 
Objektwahl des Ehepartners, die viel häufiger zu sein scheint als 
wir glauben, muß es natürlich früher oder später, sozusagen bei 
Entdeckung des wirklichen Geschlechts (im infantilen Sinne) zu 



Idealbildung und Liebeswahl 145 

Schwierigkeilen oder Konflikten im Eheleben kommen. Charakte- 
ristisch dafür ist das bekannte fortwährende Kritisieren oder 
Erziehen wollen im Sinne eines mitgebrachten oder angestrebten 
Ideals.' Die Frau schildert dies, indem sie in der Analyse erklärt: 
„Er nimmt mich nicht so wie ich hin; er will mich so haben 
wie er sich denkt, daß ich sein soll. Er hat eine Art Idealbild 
von seiner Frau. Sein Ideal ist aber keineswegs das seiner Mutter 
oder Schwester!" Der Mann seihst verrät durch seine Recht- 
fertigung das Vorbild seines Ideals, wenn er erklärend meint, 
er kritisiere sie so, weil er gewohnt war, den Vater 
immer zu kritisieren! Diese Einstellung, die zu fortwährenden 
Konflikten führt, ist aber ohne Analyse nicht korrigierbar, 
weil dieses Kritisieren und Idealisieren für den Mann ein Stück 
infantile Wiederholung des Vaten'erhältnisses und also ein Stück 
libidinöser Befriedigung bedeutet. So erwiderte er auf ihren 
gelegentlich gereizten Vorschlag, eine seinem Ideal entsprechende 
Frau zu nehmen, daß er keine andere als sie wolle. .Sie selbst 
beklagt an sich, daß sie ihrem Manne die Gefühle, die sie für 
ihn habe, nie recht zeigen könne ;^ offenbar weil es einem 
anderen Objekt — der hilflosen Mutter oder dem hilflosen 
Baby ~ gilt, die Vaterfigur aber mit von der Mutter her 
verschobenem Angst-, bzw. sexuellem Schuldgefühl besetzt ist 
(Frigidität). 

Ihre Objektlibido hat sich folgendermaßen entwickelt; Als 
Kind erinnert sie den Wunsch „Doktor" zu sein, wenn sie ein 

1) Der HauptwiderstEuid in der Analyse solcher Fälle ergibt sich aus 
der getäuschten Hoffnung, der Partner werde durch die Analyse im Sinne 
des geivünschten Ideals verändert (erlogen) werden. 

2) Brieflich sei es möglich; offenbar weil da die Pliantasie nicht von 
der Wahrnehmung des realen Objelites gestört wird. — So halle sie ihm 
den eingangs erwähnten Trostbrief offenbar auch aus ihrer eigenen 
verzweifelten und trostbedürftigen Stimmimg nach dem Tod der Mutter 
geschrieben. 

Bank, Sexualität and ScliuldeefObl ' jo 



146 Dr. Otto Rank 



Mann wäre, der sich in den Wunsch, wenigstens einen Arzt zu 
heiraten, verwandelte. Hier zeigt sich die Objektwah! vom Ich- 
ideal bestimmt, was uns noch beschäftigen vrird; andererseits 
zeigt sich dieses Ichideal aus libidinösen Tendenzen (Sexual- 
neugierde — •- Kind erprob lern) entwicJtelt. Sie erzählt, daß sie, wie 
jedes Mädchen, ihr männliches Ideal hatte, dem aber ihr Gatte 
gar nicht entsprochen, habe. Denn ihr Ideal sei ein sehr männ- 
licher Typus gewesen (der raucht, trinkt, viel außer Haus 
geht usw.},' während ihr Mann das Gegenteil davon war. Sie habe 
ihn aber geheiratet, weil sie fühlte, daß sie mit einem „häus- 
lichen" Manne glücklicher sein würde als mit ihrem Ideal, das 
sie jetzt haßt; trotzdem kann sie es auch nicht leiden, wenn ihr 
Mann seine häuslichen Tugenden allzu deutlich zeigt. Diese 
Divergenz zwischen Liebesiäeal und tatsäciilicher Wahl ist geradezu 
typisch; da sie so oft bedauert wird, wollen wir nicht versäumen, 
hervorzuheben, daß sie das Wesen der normalen, realisierbaren 
Objektwahl auszumachen scheint, die zwischen primitivem Objekt 
und Ideal die Mitte hält, das heißt ein Kompromiß schließt, nämlich 
die Liebeswahl, Im Falle der Neurose wird der Konflikt zwischen 
Libidoobjekt und Ichideal manifest. Der „häusliche" Mann, mit 
dem allein sie glücklich sein kann, repräsentiert ihr einerseits 
das geliebte Mutterobjekt, erinnert sie aber andererseits daran, daß 
sich ihre eigene ödipuslibido in der Identifizierung mit der „häus- 
lichen Mutter, die zum „Ideal der braven Tochter führte, 
begnügen muß. Im frühen. Ideal des robusten Mannes lebte die 
infantile Vaterimago fort, gleichzeitig aber auch ein Stück ihres 
alten Ichideals aus dem Wunsch, ein Bub zu sein. Gerade dieses 

i) Dieser habe aber nicht ihrem Vater entsprochen, der nie ihr „Ideal" 
war; im Gegenteil hätte sie sich immer gewimdert, wie die Mutter ihn 
hatte heiraten liünnen. Naliirlich konnte diese eifersüchtige Ödipusphantasie 
erst recht ihre Idealbildimg nach dem Vater beweisen, dur die Mutter 
nicht geheiratet hat (Bruder). 



Ideal bildung und Liebeswahl 147 



auf der Identifizierung mit dem Knaben (Bruder) bemliende 
männliche (väterliche) Ichideal des Mädchens beeinflußt späterhin 
die Objektwahl des Weibes im Sinne der ursprünglichen Mutter- 
bindung (Eindringenwollen ds Mann-Bufa : Valerbindung). 

Der Frigidität hegen in diesem wie in allen anderen Fällen, 
stark verdrängte Vergewaltigungsphantasieii zugrunde, deren Ana- 
lyse zeigt, daß dieselben den Niederschlag einer Identifizierung mit 
dem aktiv (in die Mutter) eindringenden Mann (Vater) darstellen, 
welche Identifiiierung den manifesten Charakter dieser meist 
irgendwie „männlichen" Frauen ausmacht. So erklärt sich die 
Divergenz zwischen dem Ideal und dem gewählten Objekt bei 
diesen Frauen aus der beinahe physiologischen Spaltung ihres Ich, 
dessen manifester, aktiver Othidinöser) Teil den schwachen „mütter- 
lichen" Mann als Objekt wählt, während ihre feminine Geschlechts- 
rolle in der Mutteridentifizierung den starken „Vater" ersehnt, 
mit dem sie sich teilweise libidinijs identifizieren kann.' 

Aus dem feineren Studium der Objektwahl können wir also 
versuchen, die Ausgänge in die IdealbÜdung zu verstehen. Die 
ursprüngliche Objeklliebe gilt bei Knaben wie Mädchen dem 
ersten Objekt, das die libidinösen und Ichinteressen in gleicher 
Weise befriedigt, der Mutter. Für den Mann bleibt bekanntlich 
auch späterhin die definitive Objektwahl normalerweise an einen 
Mutterersatz gebunden, während seine Idealbildung aus gleich- 
geschlechtlichen Quollen gespeist wird, die letzten Endes der Vater- 
identifizierung entstammen. WesentHch komplizierter liegen die 
Verhältnisse bei der Frau, die das erste Objekt, die Mutter, in der 



1) Die Härle und Grausaiiikeit des Über-Ieh, von der Freud spricht 
(Das Ich und das Es), wird letzten Endes aus dieser Libidoentwicklung 
verständlich, die hoi der Frau besonders durchsichtig- ist. In dieser engen 
Verknüpfung der höchsten Idealhildungstendenien mit den tiefsten bio- 
logiichen Vorgängen liegen alle Probleme der Neurosenlehle beschlossen. 



148 Dr. Otto Rank 



Regel nur aufzugeben und zugunsten des Mannes zu vertauschen 
imstande ist, um den Preis einer mehr oder weniger weitgehenden 
Identifizierung mit dem. Manne (Vater), die in pathologischen 
Fällen die Symptome des sogenannten „Männlichkeitskomplexcs" 
schafft. Normalerweise wird diese Identifizierung — ähnlich wie 
beim Manne — vom Ich in Form einer Idealbildung aufgearbeitet, 
die also bei der Frau meist das andere Geschlecht — ■ nicht wie 
beim Mann das gleiche — betrifft. Ein weiterer Unterschied von 
der Entwicklung des Mannes besteht dann darin, daß dieses auders- 
geschlechtliche Ichideal der Frau nicht als solches bestehen bleiben 
kann, sondern späterhin zum Zwecke der normalen Sexualbefrie- 
digung, und zwar mittels Identifizierung, in libidinöse Objekt- 
besetzung rückverwandelt werden muß. 

An dieser Entwicklung der weiblichen Libidoeinstellting vnrA 
klar, daß die spätere definitive Objektwahl schon nicht melir als 
direkter Ersatz des ursprünglichen Libidoobjektes erfolgt, sondern 
vermittels der inzwischen eingesetzten Idealbildung, die sich in die 
reine Objektwahl einmengt, und eigentlich wahrscheinlich über- 
haupt erst das ermöglicht, was wir normale Lieb es wähl beim 
Erwachsenen nennen. Es ist dies eine Objektwahl, welche imstande 
ist, sowohl attf die ursprünglichen Objekte selbst wie auf den 
direkten (eventuell entwerteten) Ersatz derselben zu verzichten und 
die Libido auf solche vom Ich nicht nur gutgeheißene, sondern 
dasselbe auch weitgehend (narzißtisch) befriedigende Objekte /u 
verschieben. Während also die definitive sexuelle Objektwahl beim 
Manne im Einklang mit seiner frühesten infantilen Libidobindung 
erfolgt, erfährt bei der Frau diese Entwicklungslinie eine mein- 
fache Knickung und Brechung, die wesentlich durch das Aufgeben 
des ersten Libidoobjektes, der Mutter, und der Hinwendung zum 
Manne als definitivem Sexualobjekt bedingt ist. Bei diesem 
Wechsel des Objektes, der, wie geschildert, mittels der Identifi- 



Idealbildiing und Liebeswahl 149 

zierung und Idealfaildung vor sich geht, bleibt dem Weih ein 
gutes Stück narzißtischer Libido am eigenen Ich haften; dies 
erklärt zum Teil auch ihre passive RoJle in der Objektwahl; denn 
sie sucht den Mann nicht so sehr (aktiv) als Objekt ihrer infan- 
tilen Libido, wie sie ihn als Erfüllung ihres infantilen (männ- 
lichen) Ichideals akzeptiert, mit dem sie sich nun wieder — wie 
in der Kindheit mit Vater \mi Bruder — - identifizieren kann. 
Durch diese nach dem infantilen Ichideal erfolgende Objektwahl 
wird die Frau aber gleichzeitig sexuell auf die Mutteridentifizierung 
zurückgeworfen, die sie in der Abwehr der ödipuslibido auf dem 
Wege der Vateridentifizierung verleugnet hatte. Diese Mutter- 
identifizierung wird bei der Frau in der Regel erst durch das 
physiologische Mutterwerden hergestellt, das dann über das Kind 
zu einer neuen Objektwahl, Identifizierung (Namengebung !) tmd 
(narzißtischen) Idealbildung führt, die alle vom neuen Objekt, 
dem Kinde, ausgehen. 

Es ist klar, daß dieser komplizierte Entwicklungs- und 
Angleichungsprozeß in den verschiedensten Stadien Störungen aus- 
gesetzt ist, die je nach ihrem Grad und ihrer Lokalisierung zu 
Schwierigkeiten im Sexualleben oder zu ausgesprochen neurotischen 
Symptomen führen können. Die Analyse zeigt uns dann, daß es 
auch in der relativ geradlinigen männlichen Objektwahl ähnliche 
Schwierigkeiten wie hei der Frau geben kann. Sei es, daß, wie 
bei den Sexual Störungen (Impotenz ^= Frigidität), die Objektwahl 
zu stark unter dem Einfluß des Ichideals erfolgt, sei es, wie 
bei der neurotischen Sexualablehnung, daß das Ich sich im Sinne 
der Idealbildung nicht genügend von der ursprünglichen 
Objektfixierung an die Mutter losgelöst hatte und so überhaupt 
keiner richtigen Liobeswah! im Leben fähig wird. Im ersten Falle 
muß das Ich in der Analyse die allzu hoch gespannte Idealisierung 
des Urobjekts soweit entwerten lernen, um es als Sexualobjekt 



150 Dr. Otto Rank 



nehmen zu können ; im zweiten Falle muß der in der infantilen 
Libidofixierung stecken gebliebene Prozeß der Idealbildung ana- 
lytisch im Sinne der Anpassung soweit fortgeführt werden, daß 
es dem Ich möglich wird, an Stelle der alten verdrängten nun- 
mehr ichgerechte Ersatzobjekte zu wählen. 

In der Analyse wird also mittels der Übertragung bei beiden 
Geschlechtem und jeder Art von Störung die alte auf die Mutter 
gerichtete Urlibido befreit, um teilweise der Aufrichtung eines 
neuen Ichideals (aus der Übertragung) zu dienen, mittels dessen 
dann die normale Liebeswahl (über das Symptom der „psychischen 
Potenz") des anderen Geschlechtes erfolgen kann. Die Befreiung 
der Urlibido erfolgt je nach Art der Störung entweder durch Auf- 
deckung des verdrängten Schuldgefühls hinter der manifesten 
Angst, wie bei der Hysterie und den Angstneurosen oder, wie bei 
den Neurosen vom narzißtischen Typus (Zwangsneurose, Melan- 
cholie), durch Rückverwandlung des aaanifesten Schuldbewußtseins 
in die verdrängte Angst und die Lösung der dadurch „geschützten" 
Libido. 

Haben wir so als Material der Idealbildung mit Freud die 
infantilen Elternobjekte erkannt, die mit dem Ich als dem 
anderen primären Objekt zum „Ideal" verschmolzen werden, so 
ergibt sich als Form der Idealbildung, wie wir sie in der Ana- 
lyse studieren können, die Phantasie oder der Tagtraum. Die 
Analyse der typischen Phantasiebildungen (Familienroman, 
Rettungsidee tisw.) zeigt deutlich, inwieferne sie als ein Nieder- 
schlag des Ideal bildungsprozess es aufgefaßt werden können. Die 
reine Wunschphantasie macht das ursprüngliche Libidoobjekt sogar 
noch in stark idealisierter Gestalt erreichbar (Kaiser, Kaiserin, 
Held), was in zahllosen Übergängen zur Heroenbildung und dich- 
terischen Schöpfung führt, während die reine Idealbildung gerade 
von der Unerreichbarkeit des Objektes und der daraus folgenden 



I 



Idealbildung und Liebeswahl 151 

Identifizierung ihren Ausgang nimmt. Die Wunschphantasie hat 
Aas Festhalten des Objektes um jeden Preis zum Zwecke, die 
Idealbildung setzt den Verzicht darauf und die Verdrängung 
voraus. Die Wunschphantasie ermöglicht so eigentlich die reine 
Idealbildung, indem sie deren asketischen Charakter korrigiert 
und kompensiert: das xmerreichhare Objekt wird doch erreichbar, 
sei es in der Erhöhung selbst oder indem das erhöhte Objekt in 
der Phantasie erniedrigt wird (Masturbationsphantasie). Die Phan- 
tasie stellt so die ursprüngliche Identität zwischen dem ver- 
drängten (verworfenen) und idealisierten Objekt im Ich 
wieder her. 

Der günstige Fall, daß sich diese libidinösen Anteile an der 
definitiven Objektwahl, statt in Phantasien auszuleben, realisieren 
können, tritt normalerweise in den von Freud geschilderten 
„Liebesbedingungen in Erscheinung. Diese betreffen je nachdem 
körperliche oder seelische Merkmale oder Eigenschaften des 
Objektes, ebenso häufig aber die Wiederherstellung alter 
Situationen (TDreieck usw.). Charakteristis eher weise sind sie 
zunächst für den Mann festgestellt worden und betreffen, wie zu 
erwarten, sein Verhältnis zur Mutter als Libidoobjekt, ob es sich 
nun um die Eroberung der Unfreien, die Rettung der Gefallenen, 
die Hochschätzung {bzw. Vermeidung) der Unberührten und ähn- 
liches handelt.' Die jeweilige „Bedingung", die — wahrscheinlich 
in allen Fällen — die Liebeswahl bestimmt und ermöglicht, ent- 
spricht dem alten libidinösen Zuschuß, ohne den die Wahl auf 
Grund dos Ichideals allein unschmackhaft würde. Wie also die 
Idealbildung aus der Libidoentziehung des Objektes folgt, so wird 
die Objektwahl wieder nur durch Zufuhr eines Teiles des 
ursprünglich entzogenen Lihidobeitrages ermöglicht. 

1) Siehe Freud: Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens. Ges. 
Sehr. Bd. V. 



Der eigentliche Mechanismus der Idealbildung, die vom 
Ich ausgeht, entspricht einer Partial Verdrängung mit kompensa- 
torischer Ersatzbildung, wie Freud ihn vor vielen Jahren für 
den Fetischismus bereits festgestellt hatte. Es kann im Sinne 
seiner späteren Ausführungen („Das Ich und das Es") hinzugefügt 
werden, daß an Stelle der verdrängten Objektbesetzung ein ent- 
sprechendes Stück IchbesetKung tritt, und zwar auf dem Wege der 
Identifizierung, wobei das narzißtische Ideal, das bei der Frau 
eine besondere Rolle spielt, sich teilweise an Stelle des auf- 
gegebenen Objektes setzt. Die Idealbildung macht so, im Sinne 
Freuds, den Verzicht auf das Objekt — ebenso aber auch die 
unbefriedigende Identifizierung damit — von Seite des Ich mög- 
lich; die an das alte Objekt erinnernde „Liebesbedingung" macht 
das Idealobjekt wieder libidinös akzeptabel. Die Idealbildung ist 
also eine Form der 'Lihidoabwehr (Verzicht), bzw. der ichgerechten 
ßefriedigungsanpassung, die in der normalen Objektwahl aus dem 
Ödipuskomplex eine entscheidende Rolle spielt und im Falle von 
neurotischen oder sexuellen Störungen nach der einen oder 
anderen Seite extrem entwickelt ist (hypertrophiert oder alrophiert). 
Die Analyse hat die in der Übertragung reproduzierte infantile 
Objektwahl und Identifizierung aus der Versagung mittels 
Bewußtmachung in eine neue zweckentsprechende Idealbildung 
überzuführen, welche imstande ist, die aus der Verdrängung be- 
ireite Libido an erreichbaren Ersatzobjekten Befriedigung finden 
zu lassen. 

Diese im Laufe der Analyse der Übertragung wiederholte nar- 
zißtische Idealbildung muß schüeßlich, neben dem Urphänomen 
der Mutterlibido, in der Endphase der Kur vom Analytiker gelöst 
und für die Realübertragung verfügbar gemacht werden. Seist 
die Objektwahl auf Grund der neuen Ideal bildung 
das zweite Stück Therapie, das sich an die Be- 



Idealbilduog und Liebeswald 153 

freiung der verdrängten Urlibido anschließen 
muß. In de«i der Objektwahl vorausgehenden Prozeß der Ideal- 
bildung, die oft als Widerstand gegen die psychische Potenz auf- 
tritt, erfolgt eine teilweise Sublimierung der Libido, die darin 
besteht, daß auf die infantilen Objekte zugunsten der ichgerechten 
und realisierbaren verzichtet wird. 

Die so häufig aufgeworfene Frage nach dem Unterschied zwi- 
schen „Übertragung" und „Liebe" läßt sich vielleicht so beantwor- 
ten, daß die Übertragung eigentlich eine reinere sozusagen 
konzentrierte Form der Libido darstellt, während das, was wir 
„Liebe" im gewöhnlichen Sinne des Wortes nennen, eine von 
Seiten des Ich durch die Idealbildung verdünnte Form der Libido 
ist, die wir rein nur in der Übertragung und im sogenannten 
Zustand der Verliebtheit zu sehen bekommen. Die lediglich auf 
der Mutterbindung beruhenden Äußerungsformen der Liebe sind 
streng monogam, während die A.nsprüche des Ichideals meist nur 
auf polygamem Wege befriedigt v^erden können (Don Juan). Nor- 
malerweise findet der Tchanteil in der Gegenliebe, d. h, dem 
Geliebt werden, Befriedigung. 

So findet im Geschlechts- und Liebcsleben, entsprechend diesen 
analytisch erkannten Mechanismen, eine wiederholte und standig 
fortgesetzte gegenseitige Anpassungsleistung statt. Dem physio- 
logischen „Kampf der Geschlechter" vor und im Sexualakt ent- 
spricht auf psychischem Gebiet — der Liebe — ein ständiger 
gegenseitiger Ausgleich der Interferenz von Libidoobjekt und Ich- 
ideal, welche letzten Endes darauf zurückgeht, daß nicht nur in 
allen Formen „perverser" Libidobefriedigung, sondern ebenso in 
der normalen Geschlechtsliebe die Partner oft nur bewußt Mann 
und Frau darstellen, wo sie unbewußt eigentlicli Mutter und 
Kind spielen. Die biologische Ergänzung der beiden Ge- 
schlechter muß ihr psychologisches Gegenstück in 



einem Zusammentreffen der beiden Libidoideale oder in der gegen- 
seitigen Anpassung an diese finden, welche der Aufgabe der An- 
passung des Ich an die Realität in nichts an Schwierigkeit und 
Bedeutung nachsteht. 



i 



Register 



Ableugnen; ttotzigea 22; Zwang lum 
20 f; des Objekt- u, Kindes wünsch es 
105, io6 

Abstinenz 5g 

Abwelirkampf; gegen Masturbation 10, 
i5f; in Pubertät ig 

Adler, Alfred 117, izo, 131 

Affektbefriedigung am unrichtigen Ob- 
jekt 11^ 

Afterbohren 51 

Algolagnie 79 

AjnphimiKis 52 

Anästhesioigg; u. Klitorismasturbation 28 

Analcliarakter 25, 51, gg 

Analerotik 107 

AnaJjse, Terminsel'iung i. d. gg 

Angst; 11. Cniinilingus 11g; infantile u. 
Aktualneurose igg; u. Kinderonanie 
i2f; u. Libido 117; u. Masturbation 
12; u. Schuldgefühl ig 

Angstneurose 12 

Anpassung u. Idealb ildung 150; u. 
LiebEsleben 155 

antikouieptionelle Praktiken 158 

arc de cercle 8g 

ars amandi igS 

Asoziale Züge d. Masturbation 27 

Aspermatismus igg 

Auflehnung gegen weibliche RoUe 120 

Aufschneiderei 21 f; u. Masturbation 32 

Aufsparen von Geschenken 54 



Befruchtungs Symbolik u, Mundperver- 
sionen g8 

Bensaude, Mathilde 95 

Beschneidung u. Kastrationsangst 125. 

Bestätigungslräume 65 

Bibliophilie gg 

Bild — im Bilde gg; im Traum 44 ff, 
64 ff, 70 

Binswanger, L, 20, 27, gg, g6, g7. g8 

biologisches Schuldgefühl J07 

bisexueller Ödipuskomplex lao 

Bloch, Iwan 41, 55 

Blum 15g 

Boehm, F. 1 sg 

Bordellbesuch u. Homosexualität 125 

Brückestellen 8g 

Calderon 4g, 57 

Charakterbildung; u. Masturbation 8 ff,, 

16 ff; u. Schuldgefühl G 
Coitus interruptus 15g 
Cunnilingus iig 

Ijeckerinnerung, traumatische 137 

Delakations träum, exhibitionis tischer 1 gS- 

Deflorations träum 128 

Delbrück 21 

Destruktionstrieb u. Sadismus 104 

Dichter u. Narzißmus g6 

Diderot 4g 

Dissozialilät igo 



1 




156 Register 




Don Juan-TjpuB iio, 155; u. Hyper- 


iS, 20, 26, 28, gi, 5=, 54, 58, 43, 58, 


poteni 154 


61, Sa, 63, 76, 77, 78, 80, 81, 8k, 83, 


Dorian Gray, Bildnis des 52, 5Sf, 74 


8g, 92. 9G, 99, 104, 110, 11a, 117, 


Dymow, Ossip 54. 


130. 131. '32. HO. H^. 147. ^5'' 151 




Frigidität 145, 147 


hjbenhild, unerkanntes 4,9 


Prühmasturbation, infantile gg 


Echo u. Pan 4.9 


funktionale Darstellung 25 


Egoismus d. Künstlers 51 


PurtmüEer, C, 20 


Ehe, Erziehen wollen i. d. 145 




Ehepaore, Analyse von 14 = 


Geburt, Trauma d. 94, 111 


Ehepartner, gleichgeschlechtliche Objekt- 


Gebiirtsphantasie 131 


wahl d. 144. 


Geburtstrauin 123, 128 


Eisler, J. M. 54, 


Gegen wunschträume 6g 


Ellis, Havelock 24, 25, 41. 50, 53 


Generationslibido u. Perversion 102 


Eltemobjekte 150 


Gen ita Ich ar akter 31 


EntblöQungslusL infantile 84 


Geni talfunk tion; Infantilisierung d. 87f; 


Entwohnimgstrauma 5^ 


u. Libidoent Wicklung 139 


Erektion u. Kastration 126 


g'eschädigter Dritter 110 


Erotik u. Sexualität 25 


Geschenke, Aufsparen von 34, 


Erotismen genitalisierte.u. Perversionen 


Gesundheit u, Schuldgefühl loi 


J07 


Goethe 5g 


Erstlingsangst 112 


Grausamkeit d. Über-Ich 147 


Essen u. Sparsamkeit ^t^{ 


Grillparicr 4g 


Eß- u. SprechstÖtimg 18 


Grimm 23 


Eutelidas 50 


Groß, Otto 28 


Exhibitionismus 83 f; u. Analerotik 107; 




u. Kastrationskomplex 88, g8; u. 


Heilungsproieß u. Idealbildung- 130 


Schlagephantasie 93; Schuldgefühl 


Heißhunger gg 


bei 105; yerdrängter gs 
-exhibitionis tisch er Defäkationsiranm 1 g6 


Hemmungsmechanismus 98 
Hermes 49 
Heroenbildung 137, igo 


Exhibitions träume 85 ff 




Homos exuulität 81, 130, 131; u. Anal- 


ralstaff izj 


erotik 107; u. Bordellbesuch 123; 


Familienroman 150 


Darstellung i. Traum 84; u. Identi- 


Fasten 11. Masturbationsabstineni 55, 37 


fizierung 82 ; u. Schuldgefühl 105, igS; 


Federn, Paul zi 


weibliche u. Iniestabwehr 82 


Fellati 98 


homosexuelle Femininität 98 


Femininität d. Homosexuellen 98 


Hyperpoteni; u. Don Juan-Typus 134,; 


Perencii 52, 107 


neiu^otisohe 117; u. Zwangsneurose 


Fetischismus 15a ; u. Kastration sangst g8 


ii8f 


Flugtraum 157 




Fortpflaniung 11. Sexualakt 95 


Ich; physiologische Spaltung d. 147 ; im 


Freud, Anna 77 


Traum 41 ff 


Freud, Sigm. 5, 6, 7, 8, 9, 10, 12, 14, 

1 . _ 


Ichbesetiung u. Objektbesetiung i^ii 

. _._ J 





llegister 



157 



Ichbildung', Analyse d. loi 

Ichent Wicklung u. Kindeswunscli g6 

Icherweiterung gg 

Ichideal; infantiles I4gi u. Objekt- 
wahl 14,6 

Ichidealbildung u. Identifiiiening J50 

Ichrache, sekundäre 117 

Ichstrebungen 6, 1^,1 

Ichtriebe u. Schuldgefühl 100 

Idealbildung; u. Anpassung igo; Form 
d. 150; u. HeilungsproieO 150; u. 
Identifiiierting 140, 148; u. Libido- 
ahwebr 152; u. Liebeswahl i^iff; 
Material d. 150; narzißtische 152; 
u. Suhlimiening 141 

Identi filierung: Ablelinting d. 157; mit 
Analytiker 115, 117, 127; gegen- 
seitige i;2 ; u. HoniosexuBlität 140, 
1^8; mit Mutter i;i; u. Narzißmus 
55; u. Orgasmus 152; im Traum 
6f f; «. iwangsmöBige Potenz izz; 
mit Vater u. analytische Situation 131 ; 
lu weit getriebene 132 

Identifiiierungstendeni ; u. lohideal- 
bildung 150; d. Kindes 96 

Impotenz; neurotische 108 ff ; u. Schuld- 
gefühl 1 1 5 

infantile Frühmasturbatiün 93 

Infantilisierung d. Genitalfunktion 87 f 

Introjektion und Projektion 104 

Inversion u. Inzestflucht 81 

Iniestabwehr u. weibliche Homo- 
sexualität 82 

Inzestflucht n. Inversion 81 

Iniestobjekte, idealisierte 142 

Janet P. 56 

Jungges eilen vnmsch 112 

iCampf d. Geschlechter 118, 153 
Kastrationu.IdentifizJHnmgm, Mutter J51 
Kastrationsangst; u. Beschneidung 135; 

u. Fetischismus 98; u. Kleptomanie 98; 

u. Nicht-urinieren-können 136; u. 

Schuldgefühl 125 



Kastcationsdrohung 10 

Kastrationskomples 151; u. Exhibi- 
tionismus 83 f, 98 

Kaslrationstrauma 111 

Kabtrationsträiime 128, 129 

Kinder, -er; Bedeutung f. d. Maani.j4; 
Frage nach Herkunft d. 94 ; ge- 
fährliches Alter d. 94.; Identifi- 
zierungstendenz d. 96 

Kinderonanie u. Angst 12 f 

Kindeswunsch 93 ; a. Ich entwickhing 96 ; 
d. NeuTDtikers 97 ; u. Peniswunsch 
151 ; d. Perversen 97 ; u. Sexual- 
wunsch gg ; als Suhlimierungsprodukt 
g6; Verleugnung d. 106 

Kleist, H. von 74 

Kleptomanie ; u, Kastrationsangst g8 ; 
u. Lügenhaftigkeit 50; u. Mastur- 
bation 29; u. Sexualität z8 ff; u. 
Verdrängung 30 

Klitorismasturbation u. Anästhesie 28 

Kniep, Hans 95 

Kots eher 41 

koprophile Perversion io6f 

KrafEt-Ebing 57, 79 

Krankheit u. Schuldgefühl 101 

Künstler, Egoismus d. 51 

Lanval 18 

Libido; u. Angst 117; narzilBtische d. 

Weibes 14,9 
Libidoabwehr u. Idealhildung 15z 
Libidoeinstellung ; feminine d. Per- 
versen 98; weibliche 148 
LibidoentwickluDgu.Genitalfunktioni59 
Libidorache, primäre 118 
Liebe, monogame u. polygame 155 
Liebesbedingungen 140; beim Mann 151 
Liebesenttniischung u. Regression 68 f 
Liebesleben u. Anpassung 153 
Liebeswalil; u. Idealbildung 141 ff ; 

normale 148 
Lügen, Zwang zum 20 f 
Lügenhaftigkeit; pathologische i7f; u. 
Wahrheitsfanatismus 27 




Lüg'ensucht; ii. Abwehr 30; u. Phanta- 
sie 21 f 

MännlJchEr Protest 130, 151 
Männlichkeitskomplex gif, 148 
MännliclJteilswuiisch 90 
manie des pactes 56 
Marienkind, Märchen vom 15 f, 55 
Masochismus 83; u. Analerotik 107; u. 
Schlagephantasie 98 ; 11. Schuld- 
gefühl 102, injf 
MaBturbation ; Abwehrkampf gegen 10, 
igf; u.Angstis; asoziale Ziige2^f; 
u. Aufschneiderei 22; u. Charakter- 
bildung 3 ff, 1 6 ff; lt. Kleptomanie 29 ; 
Tl. ödipus Situation ggf; u. Phantasie 
14 f; u. psychische Poteni 119; \i. 
Sparsucht 5g ; u. Schuldgefühl 17, 100; 
u. Sesualbefriedigung 11; Verheim- 
lichung d. 18 ff 
M BS turbations abstinent u, Fasten 35, 57 
Masturhationscharakter 31 
Mastuibationsphantasie 151 
Masturbations Symbolik 24 
Moll 33 
Mundperversionen 11. Befruchtungs- 

sjmbolik gS 
Mu.tterfisienmg' 14g 
Mutteridentifiiierung 112, 14g 

Nacktheit, Darstellung i. Traum 8g 

Nackth ei ts träum 85; u, Kastrations- 
phantasie 88 f 

Nacke 41, 53 

Narkissos, Sage von 49, 57 

Nariiflmus 41 ff, 54; u. Dichter 56; u, 
Identifikation 55; weiblicher 4s f 

nariiQtiacher Traum 4.3 ff, 6g ff 

Neurotiker; Hemmungsmechanismus d. 
g8; Kindeswunsch d. ^7 

Neurose; u. Perversion 76 ff; u. Schuld- 
gefühl 102 

neurotische Hjperpoteni 117 

Objektbesetiung u. Ichbesetiung 153 



Objektliebe, ursprüngliche 147 

Objektwahl; u. Ichideal 146; u. Thera- 
pie 152 ; nach Vorbild d. eigenen 
Person 55 

Objeklwiinsch, Verleugnung d. 106 

Ödipuskomplex gg ; bisexueller iigf 

Ödjpussiluation u. Masturbation ggf 

Onan 100 

Onanie s. Masturbation 

Organe, bisesuelle u. hysterische Sym- 
ptome 1 gg 

Orgasmus u. Identifizierung igi 

Ovid 49 

1 äderastie 98 
Pan u. Echo 4g 

Parallelismus, psychosexueller 18 
pathologische Lügenhaftigkeit 17 f 
PenisneidSg; u. Urethral Störungen 13G 
Poniswunsch u. Kindeswunsch 131 
perennierende Träume 155 f 
Perieget 57 

Perverse; feminine Libido ein Stellung 
d. 98; KindeswTuisch d. g7; Ver- 
meidung d. Sexualakts 97 
Perversion 130; h. Generationslihido 
102; u. genitalisierte Erotismen 107; 
koprophileio6f; manifeste u.Traum- 
inhalt 85; u. Neurose 76 ff; u, 
Psychiatrie 80; u, Regression 92; u. 
Schuldgefühl 102 f ; Terminologie 
d. 7g; u. Verleugnung d. Schuld- 
gef Ullis 10g 
Perversionsbildung u. infantile Libido- 

isolierung 90 
petitea soeurs ggf 
Phantasie 150; u. Lügensueht 21 f; u. 

Masturbation 14 f 
Plutarch 50 
polymorph-pervers g6 
Poteni; normale u. Übertragungslösung 
118; psychische 108 ff, 115, 119, 150; 
Traum vom Weg zur il4f; unter- 
wertige 124; iwangsmäßige u. Iden- 
tifizierung 122 



Register 



159 



Priapismus 139 

Projektion ii. Introjektion 104 

Protest mäimliclier e. männlicher Protest 

Psychiatrie u. Perversion 60 

psychische Poteiii, Impotenz, Reiie s. 

„Polens", „Impotenz", „Reize" 
Psychoanalyse, Grundsprache d. ^g 
psychosexu eller ParalleHsmus 18 
Pubertät; Aliwehrkainpf in 15; u. Homo- 
sexualität 5^), 
Pünktlichkeit, übertriebene 5g 

Itaclie 117 f; am Manne igg; am 

Weibe 111, 155 
Rahmentechnik i. Traum 63 
Rank, Otto 16, 24, 35, 37, 43, 54, 58, 94, 

112, 133, 137, 159, 143 
Regression; u. Liebes Enttäuschung 68 f; 

u. Perversion 92 
Reinlichkeitsfanatismus 32 
Reiie, psychische, als Traumerieuger 59 
Rettungsidee 150 
Reue u. Schuldbewußtsein 23 f 
Riklin 30 
Räheim isi 
Röscher 49 
Rubens 54 
Rückprojektion 1 25 

Sadger, I. 25, gg, 42, 48, 54, 55, 58, 85 
Sadismus; u. Destruktionstrieb 104; u. 

Schuldgefühl io3f 
Säuglings Onanie 9 
Sammelwut 33 

Schlagephantasie 76, 80, gi ; u. Ex- 
hibitionismus 92 ; u. Masochismus 98 
Schneewittchen 4.7, 58 
Schiichternlieit 16, 25 
Schuldbewußtsein u. Reue 23 f 
Schuldgefühl; u, Angst 13; biologisches 
107; u. Charakterbildung G; bei Ex- 
hibitionismus 105; u. Gesundlieit 101; 
gesteigertes 24; bei Homosexuellen 
io5;u. Ichtriebe 1 00 ;u. Impotenz 113; 



u. Kastrationsangst 125; im Kindes- 
alter 6; u, Krankheit 111; u. Maso- 
chismus 102, lojf; u. Masturbation 
11. 17, 100; 11. Neurose 102; u. Per- 
version loaf; u. Sadismus 103!; n. 
Sexualität 5 ff , 100 

Selbstmorde Jugendlicher gG, 40 

Selbstporträt go 

Sexual ablehnung, neurotische 1.43 

Sexualakt; u. Fortpflanzung 95 ; Ver- 
meidung d. hei Perversen 97 

Sexualbefriedigung u. Masturbation 1 1 

Sexualität; ti. Erotik 2g; u. Schuld- 
gefühl 5 ff 

Sexualtheorien, infantile 94 f 

Sexualwimsoh u. Kindes wünsch 95 

Silberer, Herbert 25, 62 

Spaltung, physiologische d. Ich 147 

Sparsucht 5a f ; u. Essen 34 f ; u, Mastur- 
bation 33 

Spiegelbild, nanißtische Bewunderung 
d. 52 

Spitika 25 

Sprech- u. ESstorungen 28 

Stekel, W, a8, 29, 50, 31, 4.8 

Storungs träume 113, 127 

Straftendeni d. Symptone 118 

Sublimierung; u. Idealbildung 141; u. 
Wahrheitsfanatismus 26 f 

Symbolik, infantile, u. Identifixierung 
m. Vater 129 

Symptombildung 101 

i abu d, Virginität iia, 132 
Terminologie d. Per Version 7 g 
Terminsetzung i. d. Analyse 59 
T ermini w an g g8 
Therapie u. Ohjektwahl 152 
Thomasnacht, Traum v. d. 59 f 
Todesangst 15 

Traum; Bild im 44»; 64ff, 70; Dar- 
stellung d. Nacktheit im 8g; der 
sich selbst deutet 24, 45, 54; ex- 
hihitionistischer 85 ff; Identifizierung 
im 67 f; narzißtischer 69 ff; peren- 



Register 



nierender 15g f; '■ d. Thomasnacht 

59 f; f. Traum 48; vom Weg lur 

Poteni ii^f 
Trauma d. Geburt 94, 135 
traumatisches Erlebnis 87 
Traum er Beuger, psychische Reiie als 5g 
Traum in halt, manifester u. manifeste 

Perversion 85 
Trosttraum 138 
trotziges Ableugnen 22 

Ueber-Ich 141; Grausamkeit d. 147 
Übertragungslösung u. normale Potenz 

118 
Unaufrichtigkeit 19 f 
Ur Charakter 95 

Urethralstörungen u. Penisneid 136 
Urninde 57 
Urlibido 150 

Urobjekt, Idealisierung, d. 149 
Urobiektwahl 141 

Vagina dentata 112 
Vaginismus 13g 
Valera 55 

Vateridentifiiietung 1 12 
Verbottraumen 19 
Verdrängung u, Kleptomanie 30 



Vergewaltigungsphantasie 147 
Verhaeren, Emile 51 
Verheimlichung d. Masturbation 18 ff 
Vetjüngungstendeni 55, 57 
Verleugnung s. „AbUugnen''' 
Verliebtheit 132; in eigene Person 50; 

in unerkanntes Ebenbild 4g 
Versagungsträume 113 
Verschiebung nach oben 35 
Verschlossenheit 18 
Virginität, Tabu der 112, 132 
Voyeurtum. 106 

Wagner, Dr. R. 18 
Wahrheit, Zvifang ivx 25 f 
Wahrheitsfanatismus; u. Lügenhaftig- 
keit 27; u. Sublimierung 26 f 
Waschzwang 32 
Wassermann, Jakob 56 
Wiedergeburtsphantasie.sublimierte 1 15 
Wieseler 49 
Wilde, Oscar 52, 36 f, 74 

Zwang ; zum Lügen, Ableugnen 20 f ; 

zur Wahrheit »5 f 
Zwangslüge 22 f 

Zwangsneurose u. Hyperpoteni ii3f 
Zwaiigstermine 38 
Zweig, Stefan 32 



J 



^ 



Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Wien VU 



Der Künstler 

u. a. Beiträge zur Psychoanalyse des 

dichterischen Schaffens 



Dr. Otto Rank 

Gekefta Mark 7, — , Garaltincn p. — , HalbUder II. jo 

Inhalt: Der KUnsÜPr, Die sexuelle Qruniilago. Die kOnsüerisphe Sublimiening. — Der Sinn 
der Griscliia-Fabel. Die Matrone von EplieeuB, Das „Schauspiel' in „Hamlet", Eelefie ■'■or 
Retfun gsphaniasie (Reflungepliantasie und Familienroman. Der „Familienroman'" in der Psycho- 
logie des AttcntBtefB, Die „Geburtsrettungsphanlasic" in Traum und Mylhus). ,Um Städte 
werben." Traum und Dichtung. Ein gediciileter Traum. 

Das Werk Runlis behandeil in komprimiertes Icr und doeli lichtvoller DarBtellung entscheidende 
Fragen. Der Weg zur Lösung dieser Fragen iat kUhn — aber er ist kein Marsch auf der 
SlraBe. ^jj,. Zeil) 

Viele sehr verdienstvolle, wenn auch harte und beinahe rUcksichtsloBe MElnungen. Es gehört 
eine große Freiheit dea Geistes und eine sehr sehätibaro Unbefangenheit dazu, das SesuellB 
offen als den Anfang und Ausgangspunkt dessen zu beielehncn, womit oI)gerechnet werden 
muß. Otto Rank hat den Vorwurf der ^lynisehen Brutalität, der bei Bolchen Dingrn niemandem 
erspart bleibt, nicht gescheut. Zu philosophischer Propädeutik auf Mädchen- Gymnasien ist die 
Sclirift nicht zu verwenden . . . Übrigens haf Otto Hank auf dem Wege iur Seelenschau des 
KUnstlerB eine ganie Menge psychologischer Faktoren auf ihren sennellen Gehalt hin geprüft 
und mit schtiner Prägnanz demonstriert. (Mindmir AUg. Zrilunn) 

Auch unser Zeitalter hct seine Sophisten. Der in seiner verblurfenden DialekUk an Otto 
Weininger gemahnende Wiener Psychologe Otio Rank — ein Reineeke Fuchs der Philosopliie 
an staunenden Bänken — leitet in der Schrift „Der Künstler" überhaupt alles mcnschliehe 
Leben mit seinen Kulturbestrebungen, Religion, WiBsonsehatl, Philoaoplüe, Poesie eaml den 
anderen Kiiueten, aus dem geschlechtüchen Ur/:UStanii und dessen alliuählieher Entwicklung 
ab . . . Ganz in Ordnung jedoch ist es, daß Otto Rank die Traumzustände neben den Sexual- 
problemen zur Erklärung des dichleriaehen und kansUerischcn Phantasieschaffens heranlieht. 

(J. V. V/idmann im BanJ) 

Höchst interessant, -wie die Vertiefung der Freudachen Lehre auf Teile uralter religionB- 
psychologiBcher Grundmauern stößt. Das Studium dieser geistreichen Schrift kann sehr 
empfohlen werden. {ZclisS.ifl [n, RtllgionspiyAologie) 

Einen Teil der neuen, Urhaftes belichtenden Seelenlebre, die wagniskrättig über die schwanken 
Mauern der Träume steigt, in die fahlen Gärten kUrperUcher WaJIungen zwischen Kindern 
und Ellern tritt, — einen Teil dieser neuen Lehre erhUrtet Otto Rank . . . Das Wesen seiner 
Arbeil gehl den Wissenschaftler an wie den gliedernden (und zergliederten) Diclifer, 

{AlfnJ Krrr im Panj 

As dimly glimpsed by Nletische, Hinton and other carlier thinkers, — the main explanation 
ot tlie dynamio prooess by wich the arts, in the widest sense, have come inlo being, is now 
chiefly being explored. One tbinks of Freud and especially of Dr. Hank, perhflps Ihe moBt 
brlUianl and clairvoyant of the younger invesligalora who slill stand by the masler's side. 

IHa^i-Jad, EJ/li in TAp daare 0/ lic lifc) 



Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Wien VII 

Psydioanalytisdie Beiträge zur 
Mythenforsdiung 

von 

Dr. Otto Rank 

Geheftet Mark 6, — , Halbleinen y.fo, Enlbleder lo, — 

Nüben und nach Froud, dessen TrBumdDuTung Quelle und Ausgangspunkt oller einachlU^gen 
Forschungen IgI^ ist es besonders Kank, dessen Arbeiten ein neue^ XJcht jn die bis dahin 
dunkle Entslehungsgeschichte nyfhologisclier Schöpfungen brachten . . . Dafl Rank es ver- 
standen hat, sein Thema klar,- ilbersichllioh und fesselnd lu geBlalten, ist fllr den Kenner 
seinar Arbeiten keine Übeirasohung. {j&alisäirlft fdt S^ualivlisBasAafi) 

Anerkennung gebührt der Gründlichkeit, mit der der Verfasser die Sagen und Diehtungen 
niler Zeilen durchforselit hat, und dem analytischen Scharfainn, der ihn iu den verschieden- 
artigsten Verkleidungen slelB die ewigen Measchheitskonflikte erkennen laßt. 

{DlQ Neue GeaemUon) 

Ubro ... de unft presenlaoi6n elegante es una de lafi magnjficoe eontribneiones G la inter- 
pretaoiän psicoanalitlea de mitoa y legetkdal^. {Revisia di Psigahttiu, Lima) 



Die Don Juan-Gestalt 

von 

Dr. Otto Rank 

Gthtftet Mark 2.8o, Pappband ^.40 

„Der unGterblich gewordene Name des spanischen Liebeshclden eülfesselt mit seinem zsuberi- 
aehen Klang unwillkürlich eine Reihe von Vorstellungen und Erwartungen erotischer Natur, 
die unlösbar mit ihm verbunden scheinen ... Ist man aber gerade in der Stimmung, der 
Mozarlaclien Oper mit der psychoanalytischen Einstellung gigenüberautreten, d. h. die bcwuBte 
Zielvorstellung des erotischen Helden teilweise auszuschalten, so bemerkt man unschwer und 
dooh nicht ohne Überraschung, daß die HumÜung eigentlich niehta wenigfr als einen crfolg- 
reiclien Sesualabenleurer, viehnchr einen von Miflgesehick verfoleten armen Sünder darstellt, 
den schließlich das seinem Miheu entsprechende Los der ehristliehen Höllenstrate erreicht . . , 
Wir folgen nur den vorgezeiehneten Spuren von Tradition und Dichtung, wenn wir dieser 
dem meneohliehen Denken offenbar peinlichen Seite des ,Don Juan' unsere analytisclie 
Aufmerksamkeit zuwenden." 



Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Wien VII 

Der Doppelgänger 

Eine psydioanalytisdie Studie 

von 

Dr. Otto Rank 

Geheftet Mark 4. — , Pappband j,6o 



DiG Phänomene dcB Unheimlichen sind für die TiefenjjEjehologie besanders aufsohluflruich. 
Wenn Rnnli bei der Analyse des Doppolgängermotivea, das phnnlasievolle und grllblerisohc 
Dichter wiedcrhoU zur DarBtellung reiilc, von einem bekannlen F i 1 m d r a m a ausgehl, ao 
darf das nicht Weiler slCren; hat doch die PsFohoanalyse, die auf Grund ihrer Methodik 
Kcwohnt isl, iKWcils von der akhiellen psychischen Oberfläche ausgehend, lieferliegendes und 
bedeulEames seeÜBohes Erleben aufzudecken, am "KonigElen Anlafl, einen zufälligen und 
ba:ialen AuEgangspunkf zur Aufrollung weileireiohender psychologischer ProblFme m scheuen. 
Nach der Analyse des .Studenten von Prag" verfolgt Rank das Doppel gHngermoHv in der 
Weltüleratur und beschäftigt sich besonders mit den in Eelrachl kommenden Dichlungcn von 
E. Tli. A. Hotfmann, Chamisso, Andersen, Stevenson, Jean Paul, Raimund, 
Lenau, Heine, PoS, Oscar Wilde, Maupassant, Dosloiewsky, Dehmel u, a, und 
nimmt dabei auch auf all die VfrHfitelungen des MoUvea (der verlorene Schallen, der doppelte 
Schalten, das lebende Spiegelbild usw.) RUeksichl. Ein besonderes Kapitel beschfltligt sich mit 
der Persönlichkeit jener Diolller, die sich vom Doppelgängermoliv besondera angelogen tOhlten. 
Die Diapo.'ition zu seelischen Störangen bedingt ein hohes Maß von Spaltung der Persönlich- 
keit, mit besonderer Betonung des Ichkomplexes, dem ein abnorm starkes Interesse an der 
eigenen Person entspricht. Diese Einstellung fahrt in einer charakteristischen Eeziehung zur 
AuUenwclf, insbesondere lum Liebesobjckt, in dem kein harmonisches Verhältnis gefunden 
■wird : direkte Unfaliigkeit zur Liebe oder eine — zum gleichen Effekt führende — übermiiriig 
hochgespannte Liebessehnsucht kennzeichnen die beiden Pole dieser krassen Einstellung lum 
eigenen Ich. Es schwingt aber beim Dichter wie beim Leser auch ein Ubeiindividuelles Momenj 
unbewußt mit und verleiht diesen Motiven eine geheimnisvolle seelische Resonanz. Diesen 
vBlkerpsychologischcn Anteil aus den ethnographischen, folkloristisohen und myUiologischcn 
Überlieferungen zeigt Rank in einem besonderen Kapitel auf. Zwei Hedeulgngen treffen Eiih 
im Doppelgangermotiv, die Todesbedeutung and die der Selbst Verliebtheit, Die erotische Ein- 
stellung zum eigenen Ich Ist z. B. bei Wildes .Dorian Gray" nur möglich, weil daneben die 
abwehrenden Gefühle sich an dem gehaßten und gefürchteten Doppelgänger, an das alt und 
hüBlich werdende Ebenbild, entladen kOnnen, Übrigens ist der primitive Seelenglaubc über- 
haupt ursprünglich nichts anderes als eine Art des Unslerblichkeltaglaubens, der die Macht des 
Todes energisch demontiert. Der primitive Narzißmus strüubt sich gegen die gJlnzlichc Ver- 
nichtung ebenso wie gegen das Aufgehen in der Geschlechtsliebe. So kommt es, dafl der die 
narzifltische Selbstliebe verkörpernde Doppelgänger gerade zum Rivalen in der Geschleehlsliebe 
werden muß, oder daß er, urBprQnglich als Wunscbabwehr des gefUrchleten Unterganges 
geschaffen, im Aberglauben als Todesbole wiederkehrl. — Zu Freuds Forschungen Ober das 
Unheimliche, die selbst innig mit den Grundgedanken der psychoanalytischen Dynamik 
verwachsen sind, bildet Ranks gedankenvolle nad an fesselnden Eitkursen reiche Studie 
aufschlußreiche lllusliahon und Ergänzung. 



Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Wien VII 



Das Trauma der Geburt 

und seine Bedeutung für die Psydioanalyse 

von 

Dr. Otto Rank 

Geheftet Mark 8.jo, Halbleinen lo. — , Halbleder 14. — 

Inhalt: Analytische Situation. Infantile Angst. Sexuelle BcFriedigung. Neurotische Repro- 
duktion. Symbolische Anpassung. Heroische KompenÄation. ReligiÜÄe Sublimierung. Künstlcrisclio 
Idealisierung. PhiLosophificho Spel^ulation. Psychoanalytische Erkenntnis. Therapeutische 
Wirkung. 

Aua dorn NirwanEi des Lebens im mütterlichen Schoß "wird dos Kind durch ein erstes 
gewaltsames und orschUltemdefi Eriebnis, durch die Geburt in eine "Welt hinaufgetrieben, die 
von ihm mit ^^unehmendE^m Aller immer größere Anpassungfifeialungen forrtcrtr Für den 
Neutütiker und seine Behandlung hat das „Trauma'* der Geburl fundamenlale Bedeutung, 
"Wir sehen aber ^eine Wiederkehr nicht nur in der neuroüschen Reproduklion, bei tieferer 
UnterEnchung finden wir &ie aach in der Entwicklung der Normalen, in der Kunst, Religion, 
Philosophie, überall in der g^inzen Kultur. Dies weist Rank in seinem prUchtigen Buch nuch . . . 
Das in jeder Hinsicht tief und reich angelegle Buch Ist Freud gewidmet. Wir legen es mit 
dem Eindruck aus der Hand, daß seine Bedeutung für den Fortscliritt der P^yciiologie und 
der Psychoanalyse im speiiellen heute noch gar nicht abgeschätzt werden kann . , . Wir 
Lehrer sind in unserer Arbeit an das Kleine und oft Kleinliche des mensehlichen Lebens 
gefesselt. Es bedeutet für uns eine Erquickunij, durch Ranks Buch in ungeheuer große 
Zusammenhänge der meTischlichen Natur hineinzublicken, welche Gegenwart, Vergangenheit 
und Zukunft in einer Einheit fafisen und das Seelische gleichsam dreidimensional erleben 
lassen. (Bernef StAu/h/atf) 

rmponiorend durch die Weite der Konzeption und die Geschlossenheit der Theorie, die keine 
Tatsache unberücksichtigt laßt, überrascht das Buch zugleich durch seine gröndiose Einseitigkeit 
und den Sprung, den es von der Biologie zur Psychologie macht. Die Aueführungon Ranks 
bedeuten einen ersten Versuch, die psyclioanaly tische Denkweise als solche für das Ver- 
sIHndnis der gesamten Menschbeitsent Wicklung, ja sogar Menschwerdung fruchtbar zu 

machen. (Neue Freie Presse) 

Man sieht eine kühn gesohwungen© Riesentreppe, die uns zu den Wolken emporzafQhrcn 
vorspricht, deren Fundament jedoch leider nichl auf festem Boden steht , . , Das Urleil über 
dio Grundfesten der These Ranks muß verschoben werden, bis die Nachprüfung möglich Ist . - , 
Die sprachliche Darstellung ist treffend und das riesige Gedankenmatcrial mit sicherem Griff 
zusammenfassend, durch glQckhch gewählte und geschickt vorgebrachte Formulierungen ebenso 
ausgezeichnet, wie durch die verbltlffende und doch nie in leere Soptüslerei ausartende 
Dialektik , . ^ Trotz der Einseiligkeiten und ÜbcrIreibungen bietet der Hinweis auf die bisher 
übersehene oder unterschätzte Bedeutung des Goburtserlebnisses der Psychoanalyse eine 
wertvoUe Bereicherung und Ranks psychologischer Schnpfblick mag sich auch hier wifdcr 
erprobt haben. (fir Sa^i in der inlcrnai. Zui/i. f. Psythan/ialyseJ 



Internationaler Psychoanalytisclier Verlag 
Wien VII 

Eine Neurosenanalyse in Träumen 

von 

Dr. Otto Rank 

Geheftet Mark j.—, Pappband 8.^, Haibieder ii.-~ 

Inhalt: Die Wlderslandapliasen (Kaälrationswlderefand. Zähliwang. Phanlaeicblldungen, 
Abendmahlaymbollk. Das leidende Heldcnideal. MullenegresEion. Libido Üb erlragung. Das 
eoiuelle KunslBfüok, Geld widerst and. Maslurbalion und MannUohkeilskoniplex. Selmidgefühl. 
Wandlung der Sexualsymbolik). Die Heiin ngsfakloren (Ungeduld und Reeignatian. Idenli- 
fiilernng mit dem Analytiker. Akzeptierung der Sohwostor, Entwillmungsphnse, LUsung »on 
dor Analyse, Die letzte Stunde). 

DiesB „Heilungsgesobiohle" einer ZwanRBuouroBe ist wohl die detaillierteste Psychoanalyse, 
dio publiziert worden ist, und als solche ein wichtiges Dokument. 

{Piof. BUuhr in der Münrfner MeJ, lVoAcmJ:rl!i) 

Emen EO ausgezetcbnelen Traumforseher und Eymbolik-Kenncr wie Rank sietit man hier In 
virtuoser Weise der Kranken in 150 Stunden ihre Träume nur hinsichtlich ihrer Symbolik und 
der .psyehoanalytlEoiien Situalion" deuten. {HlUdiinann in der !r,lcraal. Zid,r. f. Pi^rkoanalyse) 

Die Patientin — ein Junges Mädchen — suchte die Analyse wegen einer Arbeilshemmung auf, 
die im Anschluß an ein unglücklich ausgegangenes Liebesverhältnis und zur Zelt der Ve> 
beiratung ihrer jüngeren Schwester aufgetreten war und ilir Berufsleben schwer beeinträchtig le . . . 
Das Qppige Traumleben der Patientin gestattete, den Forlgang ihrer Analyse und die Lösung 
ihrer Neurose an Ihren fast titglichen Trüumen schrittweise zu verfolgen . . , Von prinzipieller 
Bedeutung in dieser Analyse ist die Bedeutung unbewuflter Leitmotive für das Schioksal des 
MeuEchen, ihre Leistnnga- und Lieb esfuhigk eil, für ilire Erkrankungen and die HellungB- 
mügllchkeiten. 



Entwicklungsziele der 
Psychoanalyse 

von 

Dr. S. Ferenczi und Dr. Otto Rank 

Geheftet Mark a.So 

Aus dem Bilde, das beide Autoren In gemeinsamer Arbeit entwarfen, wird sich nicht nur dem 
ausübenden Analytiker, sondern In hohem MaBe auch dem wissenschaftlich und allgemein an 
der Psychoanalyse Interessierten eine Fülle von Hinweisen ergeben . . . Die eingehende 
kritische Darstellung dessen, was unter einer Analyse verstanden wurde und wird, kann von 
großem Interesse Bein. (ZiiuAnh fs, Snu^lwisansdiafl) 



INTERNATTONALE 

PSYCHOANALYTISCHE BIBLIQTHE 

^ (Preise in Mark) 

I) Zur Psychoanalyse derKriegsneurosen. Mit Beitrag 
YoiiFREUD,tERENCZI,ABRAHAM,SIMMEL,JONES.G5t2. 

10 Dr.S. FERENCZI: Hysterie und Pathoneurosen.G.A.a 

IV) Dr. OTTO RANK: Psychoanalytische Beiträge zi 
Mythenforschung. 2. Aufl. Geh. 6.—, HülUtinm j.jo 

VI)Dr. GEZA R OHEIM: Spiegelzauber. GA. 2.S0 

Vn) Dr. E. HITSCHMANN: Gottfried Kell er. G.ft. j./a 

VIU) Dr. OSKAR PFISTER: Zum Kampf um die Psych, 
analyse. Halbleinen ij. — 

K) A. KOLNAI: Psychoanalyse und Soziologie. Gth.jt 

X)Dr. KARL ABRAHAM: Klinische Beitrage z t 
Psychoanalyse. Gek. S.~, Halbleinen io.~ 

XI) Dr. ERNEST JONES: Therapie der Neurosen. G* 

S. — , Halbleintn 6.fo 

XII) Dr. J. VARENDONCKi Üherdasvorbewußte phantf 
gierende Denken. Geh. j.—, Halbleinen ö.jo 

XIU) Dr. S. FERENCZI: Populäre Vorträge über Psych« 

analyse. Geh. f.—, Halbleinen C.Jo 

XIV) Dr. OTTO RANK: Das Trauma der Geburt und seir 
Bedeutung für die Psychoanalyse. Geh. S.so, Halbleinen 10.— 

XV) Dr. S. FERENCZI: Versuch einer Genitaltheorie, ff. 

4.J0, Halbleinen f.fo 

XVDDr. KARL ABRAHAM: Psychoanalytische Studie 

zur Charakterbildung. Gek. 2. fo, Pappband ). 30, Halbleinen 4.- 

XVU) Dr. PAUL SCHILDER: Entwurf zu e iner P sy chlatrl 
auf psychoanalytischer Grundlage, Geh, y , Ganzleinen 3.- 

XVni) Dr. TH. REIK: Geständniszwang und Strafbedürfnii 

Geh. o.— , Ganzleinen lo. — 

XIX)AUGUST AICHHORN: Verwahrloste Jugend. Gel 

p. — , Ganzleinen 17.— 
XX) ISRAEL LEVINE: Das Unbewußte. Geh. 8.-, Ganzleinen lo.- 
XXI) Dr. OTTO RANK: Sexualität und Schuldgefühl 

Geh. /./o, Ganzleinen 7./0 



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